. 7 Uhr b wird. Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. . cLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ fangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens is Abends 8 Uhr offen 2. Lesepreis. Bei 2 ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 3 Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und ber. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. Mk.— Pf. 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛe.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Plumenhagen's ſämmtliche Schriften⸗ 1S43. — „„ 600 28 W. Blumenhagen's ſi immtliche Schriften. Zweite verbeſſerte Auflage in 16 Bänden mit 17 Stahlſtichen. Schter Zand. — 0— 0—. Stuttgart: Scheible, Bieger« Sattler. 1813. Inhalt: i Der Unthat Ernte„... Der Bruder. Der Mutter Gras Uebermuth und Menſchlichkeit. * F * 79 179 265 359 Weiß-BHütchen. Eine Volksſage. Blumenhagen, VIII. 1 Auf dem Altane des gräflichen Schloſſes Winzenburg ſtand der neue Schloßherr Graf Thielo und ſchauete in den herrlichen Sommermorgen hinaus, der die Pracht⸗ gegend voll alter majeſtätiſcher Waldung mit den ſchön⸗ ſten Lichtern zierte, und dem kühnſten Maler gleich, ein Wechſelſpiel der brennendſten Farben und der tiefſten Schattirung durcheinander wob, daß die Landſchaft einem blendenden Wunderbilde ähnlich wurde. Schau' hinaus, Lisberta! ſprach der ſtattliche Mann, der im beſten Lebensalter war, zu ſeiner Hausfrau, die an ſeine Schulter gelehnt ſchon lange neben ihm, wie in ihre Morgenandacht verſunken, geſtanden hatte. Schau' hinaus und rundum, und erquicke Deine Seele und freue Dich laut mit mir, daß der gütige Herr der Heerſchaaren unſer Leben ſo wunderbar umgeſtaltet hat, und uns mit allem dem überſchüttet, wovon das Einzelne, ja das Kleinſte uns eine Weihnachtsgabe geweſen. Sieh' hinab in die ungeheure Burg, die wie ein Städtchen auf dem Tafelberge ſich ausdehnt, ein kleines Heer könnte darin Wohnung haben, das größte Heer muß ſie unüberwind⸗ lich finden, und wir ſind Herr darin, und ſie iſt uns Schutz gegen jede irdiſche Befehdung. Schau' weiter hinaus auf die grünen Höhen, die reichen Felder; ſie ſind von heute an unſere unerſchöpfliche Schatzkammer, und wie der Edelhirſch dort am Unterbuſch hintrabt, 4 hoch das Geweih tragend und ſtolz den Kopf zurück⸗ werfend im Gefühl der Freiheit und Kraft, ſo dürfen auch wir von jetzt an frei und ſtark auftreten, und mö⸗ gen uns nur beugen, wie es ſich geziemt, vor des Kai⸗ ſers Majeſtät und vor unſerm und gerechten Lehnsherrn.— Ja ſchöner iſt es hier als im frieſiſchen Vaterlande und in der dicken, feuchten Luft am Moorbak, antwor⸗ tete Frau Lisberta. Aber das und die Armſeligkeit un⸗ ſeres Hausſtandes ließ ſich ertragen mit Demuth, Geduld und Liebe. Nur zweierlei quälte mich dort; zuerſt, daß Du aus Liebe zu mir, des herabgekommenen Häuptlings Tochter, Dienſtmann wurdeſt bei dem Oldenburger, dem Du doch gleichbürtig wareſt, und eine fremde Feldbinde trugeſt, und nächſtdem die Sorge um die Zukunft der Kinder. Beide Quälgeiſter ſind an einem Tage gebannt worden, und darum muß mein Leben ein fortdauernd Dankgebet werden und mein Auge ſich immerfort nach oben wenden, von wo die wunderbare Gnade kam.— Wunderbar genug, ſprach Graf Thielo gedankenvoll vor ſich hin, wenn ich des Boten und des erſten Briefes gedenke, und wie mir der Empfans am Biſchofshofe ſo freundlich bereitet.— Denken wir nicht daran, ſiel die Edelfrau ein, in⸗ dem ſie zugleich ihre Blicke furchtſam durch das weite Gemach hinter ſich ſtreifen ließ; ſchon geſtern bei unſerer Ankunft im Dämmerlichte überfiel mich ein Grauen, erinnerte ich mich deſſen, und gedachte ich des traurigen Schickſals unſerer Verwandten; die grauen Schloßmauern ſchienen mir zu wanken und den Einſturz zu drohen, der große Wartthurm dort auf dem Kegelberge geſtaltete ſich mir zu einem dräuenden Rieſen, und die Leuchte des —— 5 Wächters wurde zum rothglühenden Auge deſſelben, das er mitten an der Stirn trug und zornig damit auf un⸗ ſern Einzug blickte; und als an der Zugbrücke der alte Kaſtellan uns entgegentrat, meinte ich, das Schloßge⸗ ſpenſt verträte uns den Weg, und ich konnte den Schrei nicht unterdrücken.— Der Graf lächelte und ſchlug ſeine ſtarken Arme um den ſchlanken Wuchs der Gattin. Keine Schuld drückt unſere Herzen; wir ſind eingezogen in ein Erbe, das uns von Rechts wegen gehörte; laß uns bleiben, wie wir geweſen, als die Armuth unſere Geſellin war; laß uns des Wohlthuns und des Gebets und der Demuth nicht vergeſſen, und das Uebrige in die allmächtige Hand legen, die uns plötzlich und ungehofft zu Herren machte in einem nie geſehenen Eigenthume. Fröhlich das Em⸗ pfangene genießen iſt der beſte Dank für den Wohlthä⸗ ter. Sauge in Deine frohen Augen ein das üppige Bild von Flur und Wald, die Dein ſind; weide Dein Frauen⸗ gemüth bei dem Aufſchließen der Truhen und Schreine, welche das Glück Deiner Vorfahren für Dich mit rei⸗ chem Silbergeräthe und goldenen Kleinodien füllte; be⸗ wirthe die Nachbarn und jeden fahrenden Gaſt mit Verſchwendung, darin gebären ſich ja die Seligkeiten der Hausfrau; und vor Allen blicke hier unter uns in den Schloßgarten, und labe Dich an der Freude Deines Aldo und Deiner Apollonia, wie ſie ſpringen und ſich wälzen auf dem Blumenrain und in dem duftigen Ge⸗ büſch, gleich jungen Rehkälbern. Auch ſie fühlen in⸗ ſtinktartig, daß es hier anders iſt wie in dem flachen Lande, welches ſie gebar; die Ahnung der Freiheit iſt über ſie gekommen, und gleich ihnen wollen wir das Glück nehmen ohne Skrupel.— 6 Die Kinder ſind ohne Aufſicht, rief die Mutter be⸗ ſorgt; ſie könnten ſich verlaufen. Wolf und Eber hauſen in den Gebirgen. Laß mich hinabſenden.— Nicht doch! entgegnete der Graf. Kinder müſſen aufwachſen wie Wild und Blume. So nur werden ſie eigene Geſchöpfe und keine Copei oder affenartige Nach⸗ bildung. Späterhin kommt früh genug für ſie die Zeit der Schranke und Kette. Ueber ſie wachen muß das Elternauge, daß ſie nicht ſtraucheln, nicht verkrüppeln an Geiſt und Leibe; das Uebrige bleibe der Natur und der weiſen Vorſehung. Und ſiehſt Du nicht unſere Katharine dort ſitzen auf der Steinbank im Hollunderbuſch, von welchem Träume auf ſie herab zu ſäuſeln ſcheinen, wie der Buſch ſie dem Schlafenden zu ſchicken pflegt? Auch ſie iſt nur von der Natur erzogen, und hat der Erzieherin keine Unehre gemacht. Sie wird ſchon ihr Auge auf die wilden Kleinen richten, wenn ſie mit der neuen Kameradſchaft, mit des Kaſtellans Enkeln und des Thurmwarts Kindern, den luſtigen Bund zu derb beſiegeln ſollten. Uebrigens habe ich ſchon früh den Schloßgarten durchgangen, er iſt von Mauern umfaßt, der Burggraben hat kein Waſſer⸗ und Deine Sorge iſt darum ohne Grund.— Die Mutter faltete ihre Hände, und beruhigt ſetzte ſie ſich auf die Bank des Altans, und ſchauete mit den ſeligſten Gefühlen hinab auf ihre köſtlichſten Schätze, deren Glanz nicht matter geworden, ſeit das irdiſche Gut die zweite Wagſchale gefüllt. Der Graf aber, von einem Geräuſch im Burgzimmer angelockt, trat vom Altane hinunter, und fand den alten Kaſtellan eingetre⸗ ten, der mit ehrerbietiger Stellung an der geſchnitzten Flügelpforte ſeiner zu harren ſchien. ——————————— 8 Der eifrige Wächter paßte ganz zu dem Steinneſte der alten Heldenzeit, welches ihm zur Bewahrung ſchon ein Menſchenalter hindurch anvertrauet worden. Seine Geſtalt war dünn und ſteif, wie die gothiſchen Pfeiler der Spitzpforten, und kaum hatte die Zeit die Kuppel etwas zu beugen vermocht; ſein Geſicht trug die Farbe der grauen Mauern und hatte Riſſe und Furchen, wie die morſchgewordenen Wände; und die Augen ſchimmer⸗ ten matt grünlich aus tiefen Höhlen, den verwitterten Scheiben der Fenſter ähnlich, die von den dunkeln, gothi⸗ ſchen Vorſprüngen beſchattet wurden. Mit Herzlichkeit trat der neue Gebieter auf ihn zu; in der Blüte des Mannesalters, mit einem Aeußern, das durch ritterliche Waffenübung die Würde ſicherer Mannlichkeit gewonnen hatte, erſchien in ihm der ſchnei⸗ denſte Contraſt mit dem verwitterten und abgewelkten Greiſe.— Müdigkeit und das Gedränge des Einzugs hielten uns ab, ſprach er, die ſtarke Hand traulich auf des Kaſtellans knochige Schulter legend, geſtern mehr als einen gutgemeinten Gruß an Euch zu Fenden⸗ Wir wer⸗ den die Säumniß nachholen, und vor allem jetzt ſofort den Dank ausſprechen, den wir Dir ſchuldig ſind, Du getreuer Nothwächter, Du wackerer Rüdiger.— Welchen Dank? Und für was? ſtotterte der alte Mann mit angeſpannten Geſichtsmuskeln und blinzelnden Augen, welchen man die Bemühung des ſchwerfälligen Gedächtniſſes anſah.— Sandteſt Du nicht den kleinen Boten mit dem Pferd⸗ chen, das den Wind überlauft? Schriebſt Du nicht den Brief? fragte Graf Thielo.— So wahr meine Jahre baldigſt abgezählt ſind, ich weiß nichts von beiden! antwortete der Greis kopfſchüttelnd.— * Sonderbar! entgegnete der Graf. Sonderbar, wenn ich Dir glauben ſoll. Setze Dich zu mir, hieher in den Seſſel. Von Dir hoffte ich Aufklärung, als ich erfuhr, Du würdeſt der alte Rabe des Geſchlechts der Winzen⸗ burger genannt, und habeſt ihren Stammbaum in Dei⸗ nem Gehirn ſtehen, unverlöſchlich, wie die ehernen Buch⸗ ſtaben der Geſetztafel. Höre denn, vielleicht bringt Dich die Erzählung des Geſchehenen auf die Kundſchaft des unbekannten Freundes, der mir und den Meinen ſich ſo getreu bewährte. Fern von hier im Oldenburger Lande lebte ich, wenn auch nicht arm, doch nicht ohne Sorge und Bedarf. Du mußt ja wiſſen, daß die Seitenlinie nur den Namen, nicht aber die ererbten und im Kriege gewonnenen Reichthümer mit den ehemaligen Beſitzern dieſes Schloſſes theilte. Ohne Ahnung des nahen Wan⸗ dels meiner Schickſale war ich eines Abends heimgekehrt aus einem Feldzuge, den der tapfere Oldenburger gegen die ſtolzen Bremer gefochten, ſaß in meinem kleinen Hauſe, umringt von meiner Familie, mich erholend von den Beſchwerden des Marſches, an der Bruſt meiner ge⸗ treuen Ehefrau, die mir ſo eben die Wunden friſch ver⸗ bunden, welche ich heimgebracht. Da wieherte und ſcharrte ein Roß vor der Pforte, und meine Lisberta ſah vom Fenſter aus ein gar kleines, zartes Pferdchen, von dem ein Männlein herabſprang, welches auch ſofort dreiſt in Haus und Zimmer drang, ſich als einen Boten ankündigte, und einen Brief in meine Hand legte. Selt⸗ ſam war der Bote geſtaltet, eine Kinderfigur, freund⸗ lichen, einnehmenden Geſichts, doch mit gealterten Zügen, einem der Zwerge zu vergleichen, die ich auf meinen frühern Kriegsfahrten an den Höfen des Königs von Polen und des Kurfürſten von Sachſen geſehen. Seine Tracht glich der eines Bauern, doch auf dem Kopfe trug er ein feines Hütchen von weißem Filz verfertigt.— Des Kaſtellans Geſicht verlängerte ſich bei der Be⸗ ſchreibung, und mit kaum merklichem Kopfſchütteln mur⸗ melte er: Weißhütchen! Ja, ja, Weißhütchen! in den grauen Bart. Der Graf ſtutzte; da ihn jedoch der Zu⸗ hörer erwartend anblickte, ſo fuhr er in ſeiner Erzählung fort: Ich las den Brief laut vor. Er enthielt den Be⸗ richt, daß mein reicher Lehnsvetter plötzlich zuſammt ſei⸗ ner jungen Gattin des Todes verblichen, daß mit ihm ſeine Linie erloſchen ſei, und ich, nach dem Rechte der Abſtammung ſein reiches Erbe als nächſter Agnat in Anſpruch zu nehmen habe; daß ich aber nicht ſäumen dürfe, daß nicht Dippold von Aßel, ein Sproß der weib⸗ lichen Linie und Günſtling des heſſiſchen Landgrafen, mir den Rang abgewinne, und es ihm gelingen möchte, vor meiner Anmeldung und meinem Einſchreiten die Beleh⸗ nung von dem Hildesheimer Lehnsherrn ſich zu erſchlei⸗ chen.— Das Schreiben machte mir Freude, aber Unruhe zugleich. Ich befragte das Männlein nach den Umſtän⸗ den des Abſterbens der Erblaſſer, nach dem Briefſteller, der ſich gar undeutlich unterzeichnet. Aber es wußte nichts; es wohne, war ſeine Antwort, im Winzenburger Forſt, ſei vom Schloſſe aus zum Botenritt gedungen, und habe vordem keinen Verkehr daſelbſt gehabt. Wir überlegten. Und wenn ich zum Augenblicke meinen An⸗ ſpruch dem hochwürdigen Biſchofe vorlegte, welcher Edel⸗ falk oder welche Brieftaube trüge das Pergament ſchnell genug hinüber, ehe denn der nahe wohnende Vetter ſeine Anſprüche geltend gemacht? Wir ſind vergeſſen und ver⸗ ſchollen; Niemand weiß von uns, kein fürſtlicher Gönner ſpricht für uns, und dieſe Botſchaft wird uns nur ein 10 trügeriſches Morgenroth werden, dem die alten Regen⸗ tage folgen. So ſprach ich zu meiner Ehefrau, und ſie meinte daſſelbe. Da ſprang der kleine Bote rührig von ſeinem Seſſel, ließ den Milchnapf, der ihm vorgeſetzt, und von dem er mit Luſt gegeſſen, und trat dicht vor mich hin. Schreibt nur, Graf Thielo, ſprach er mit ſeiner feinen Stimme, mein Rößlein trägt mich ſchnell zurück, denn es heißt die Schwalbe und ſchießt ſo leicht durch das Feld, wie ſeine Namensverwandte durch die blaue Luft. An mir ſoll's nicht liegen, wenn Euer Vetter den Vorlauf gewinnt, und wer Gott vertraut, hat allewege gut gebaut.— Die Keckheit des Boten er⸗ muthigte auch mich, ich ſchrieb zur Nacht noch an den Biſchof, und vor Tage flog mein zarter Bote auf ſeinem Rößlein davon. Wochen vergingen, meine Wunden heil⸗ ten, Monden ſchlichen hinab, und jedes nahm meine Hoffnung mit und riß die alten Wunden der Sorge wie⸗ der auf; da kam ein Schreiben an den Grafen von Oldenburg, darin lag ein Aufruf des gerechten Hildes⸗ heimer Biſchofs an mich, zu erſcheinen in ſeiner geweihe⸗ ten Stadt, meine Belehnung zu empfangen und meine Beſitzthümer zu übernehmen. Die Ueberraſchung, die Freude überwog die, welche der erſte Bote gebracht; der edle Oldenburger theilte ſie, gab mir ſelbſt den Bedarf zur Reiſe, entließ mich meines Dienſtes, und nach weni⸗ gen Wochen zog ich ein in die Biſchofsſtadt. Aber das Erſtaunliche kam nach. Mein zwergiger Bote hatte rich⸗ tig und treu ſein Wort gelöſet, aber ſeltſamliche Dinge brachten meine Erkundigungen an das Licht. Der mir feſt im Gedächtniß gebliebene Tag, als das Männlein ſein Pferdchen an meine Pforte band, war der Begräb⸗ nißtag des Grafen Hermannn und ſeiner Ehegattin, die — 11 man drei Tage nach ihrem plötzlichen Verſcheiden begrub, und ſchon am Tage nachher legte der kleine Hexenmeiſter meinen Brief zu den Füßen des hochwürdigſten Biſchofs nieder. Mein Gedächtniß iſt nicht alt genug, um bei ſolch ernſter Sache zu trügen, und die Kalender haben dort wie hier dieſelbe Tagesordnung. Wie wir ſeitdem beunruhigt worden, wie der Gedanke an Teufelsſpuk und „ Werk der Hölle unſere Freuden vergällte, bedarf keiner Verſicherung; auf Euch, den Vorſtand der Schloßbewoh⸗ ner, hofften wir. Euer Wort verkündet Eure Unwiſſen⸗ heit; ſo kann ich nichts thun in der Sache, als Euch befehlen, mir den kleinen Boten aufſuchen zu laſſen mit Eile und Umſicht; im Winzenburger Forſt will er hau⸗ ſen, und ſeine Geſtalt wird leicht zu kennen ſein, und kann ſich nicht im Volke verſtecken.— Der Graf ſchwieg, erhitzt von der Länge und dem Inhalt ſeiner Rede, aber vergebens erwartete er eine Antwort von ſeinem greiſen Geſellſchafter. Der Kaſtel⸗ lan ſaß da, ſteif und ſtarr, und ſeine kleinen Augen ſtarrten das lange Gemach hinab, als ſähe er dort fremde Erſcheinungen und wäre verſunken in die längſt verſchollene Vergangenheit. Als aber der Graf mit einem gebieteriſchen: Nun? ihn erweckte, da ſchrack er zuſammen und ſagte leiſe und mit geſenktem Haupte: Ja, ja, da hätte ich dem Herrn Mancherlei zu antwor⸗ ten und zu vertrauen, aber die Gnädige tritt vom Altane herein, und man darf die Frauen nicht beunruhigen vor der Zeit, denn Frauenherzen ſind wie reines Glas und zerſpringen gar leicht in harter Hand.— Verwundert hörte der Graf des Dieners räthſelhafte Rede, ging aber der Gräfin Lisberta beſorgt entgegen, da er ſah, wie ſie ſo raſch von ihrem Sitze aufgeſprungen. 12 — Mein Mutterherz ahnete recht, rief die Gräfin ſorgenvoll; o Du wollteſt nicht hören. Weinend führt der Aldo unſere Apollonia aus dem Garten. Gewiß hat ſie einen Fall gethan, oder iſt von einer böſen Schlange gebiſſen worden, wie ſie in ſolchen Waldgegenden heimiſch ſind.— Der Graf ging ſchnell zum Fenſter. Selbſtquälerin, überzärtliche Mutter! ſagte er, indem er lächelnd zurück⸗ kam. Katharina iſt ja dabei, und ihr Geſicht blickt ruhig herauf. Die kleine verzogene Puppe wird eigen⸗ ſinnig geweſen ſein und nach der willfährigen Mutter verlanget haben. Schon ſind ſie ins Schloß getreten, und Du wirſt ſogleich ſelbſt nachſehen dürfen, ob das Händchen ein Dorn ſtach, oder das Kleidchen einen Grasfleck bekam. Aber thue auch hierbei, was die veränderte Lage gebeut, ſieh in Deinen Kindern nicht mehr Weſen, welche für eine lange Beſchränkung und dauernde Entbehrungen erzogen werden müſſen; ein freierer Thatenraum iſt auch für ſie geöffnet worden; ſollen ſie glücklich und nützlich darauf leben, ſo müſſen auch ſie ſelbſtſtändiger und kecker werden, als ſie vordem gedurft hätten.— Zwiſchen der ſechzehnjährigen hochaufgeſchoſſenen Ka⸗ tharina und dem ſechsjährigen derben Aldo, und von Bei⸗ den geführt, trippelte die dreijährige Apollonia, ein kleiner rothwangiger Krauskopf, mit naſſen Augen und ſchluchzend in das Zimmer. Was that man meinem Polchen? Was iſt geſche⸗ hen? Wer hat ſie weinen gemacht? rief die Mutter und beugte ſich nieder zu dem Kinde, und ſchloß es an ihre Bruſt.— Ich habe ihr nichts gethan und Niemand hat ſie —— 2— 3 —4½— 13 geſchlagen oder ihr etwas genommen, nicht der Hans oder die kleine Elſe; aber ſie iſt nicht geſcheit und ſie weinet um nichts! verſicherte treuherzig der Junker Aldo.— Aus dem Gebüſch kam ſie zu mir gelaufen, und bat mich mitzugehen, und den kleinen ſchönen Buben wieder zu ſuchen, der ihr davon geſprungen; ſfiel Katharina lächelnd ein. Ich ging mit dem Kinde in das wilde Roſengeſträuch; aber was ſie ſchreiend ſuchte, fand ſich nicht.— Still Apollonia! ſprach der Graf dräuend zu dem wieder laut weinenden Töchterchen. Was ſoll der Lärm um nichts? Was iſt es mit dem Buben? Rede Du, mein geſcheiter Aldo.— Es iſt, wie Du ſagſt, um nichts! antwortete der Knabe mit offenen Blicken. Und er hat ja auch ver⸗ ſprochen, er wolle wieder kommen, und uns noch mehr der ſchönen Spiele lehren.— Und wer? und wer? fragte der Vater ungeduldig.— Als wir im Garten waren, fuhr der Knabe fort, wie es ſchien mit Aengſtlichkeit vor des Vaters Ungeduld, tief im Gebüſch, da kam ein Knabe zu uns, und bot uns die Hand und ſprach, er wolle mit uns ſpielen, aber wir ſollten Niemand ſagen davon. Und da lehrte er uns bunte Beeren pflücken und Kettlein davon binden, und machte uns Kronen von Blumenſchlingen, und zeigte uns, wie man mit bunten Steinchen nach einem Stöckchen würfe, und tanzte mit uns und erzählte vielerlei vom Himmel und Mährchen von böſen Leuten, und war ſo freundlich, daß wir ihm Alle gut wurden und gern mit ihm ſpielten, die kleine Apollonia aber am meiſten.— Und wie ſah der Bube aus und woher? ſiel der Graf neugierig ein.— 14 Er ſei im Schloſſe zu Hauſe, ſagte er, und heiße Engelein; verſetzte Aldo. Ach! er war ſo ſchön und weiß von Geſicht und hatte kleine helle Locken; Du wirſt ihn auch lieb haben, Vater, wenn er wieder kommt; und ſein Kleid war ein ſchöner Scharlachrock und ein Hütchen hatte er auf, weiß wie Schnee und ſo fein wie das krauſe Haar meines Lämmchens, das wir zu Vechta laſſen mußten.— Weißhütchen! ſprach da die hohle Stimme des alten Kaſtellans aus dem Hintergrunde herüber.— Kennt Ihr den fremden Buben im Scharlachrocke? fragte der Graf, ſich raſch zu dem Greiſe wendend.— Ja, ja, antwortete der Alte ſcheu, er iſt ein Spiel⸗ kamerad meiner Enkel und Urenkel, und gehört zum Schloßgeſinde. Ihr werdet ſchon mehr von ihm hören, wenn er auch ſcheu iſt und vor Erwachſenen davon läuft.— Sagte er nicht, er müßte fort, weil der Gärtner mit den Knechten den Gang herab kam, unterbrach der Knabe mit Heftigkeit den Alten, und da ſchrie die Pollo⸗ nie und wollte, er ſollte da bleiben; er aber machte ſich los und lief in die Büſche und wir konnten ihn nicht wieder finden.— Der Graf ſah mit Seuting auf den Greis, der den Kopf unmerklich ſchüttelte, wie die leichtbewegte Pappel ihren Gipfel regt im Morgenwinde. Er verwies ernſthaft der Kleinen ihre Thorheit, gebot der Mutter ſie zu beruhigen, und ſchien den Kaſtellan in ſein Ge⸗ heimzimmer befehligen zu wollen; da unterbrach ein Getöſe außerhalb des Schloſſes die Familienſcene. Es waren die Vögte mit den nahewohnenden Unterthanen, welche ihren neuen Herrn ſehen und begrüßen wollten. 6 15 Das nie erlebte Schauſpiel ließ Jedermann vergeſſen, was ſo eben die Seelen beſchäftigt hatte. Die Kinder jubelten über die Geſchenke der Bäuerinnen, unter denen einige ſchneeweiße Lämmer und bunte Tauben ſie beſon⸗ ders anlockten, und Graf Thielo und ſeine Lisberta drückten ſich heimlich die Hände bei dem Anblicke der rüſtigen Vaſallen und Eigener, und gelobten ſich flüſternd, möglichſt für das Glück dieſer Menſchen zu wirken, welche Gottes Gnade in ihre Hände und mehr noch auf ihr Herz gelegt. Schon hatte die Sonne den höchſten Punkt ihres Taglaufs überſchritten, und ſchwere Gewitterwolken, die ſich aus Weſten heraufwälzten, öffneten die tiefen Falten ihrer Trauerſchleier, die Spenderin des Lichts und der Freude zu umſchleiern. Kühlender Wirbelwind flog den ſteigenden Wolken voran, und rauſchte in den alten Lin⸗ denbäumen des Schloßhofes. Die Höfner und Dienſt⸗ leute waren gaſtlich bewirthet worden in den untern Schloßſälen; trunken von den heißen ungewohnten Schätzen des wohlverſehenen Schloßkellers, trunkener von der ungewohnten Herablaſſung, mit welcher die Herrſchaft ſich unter ſie gemiſcht, und von ihrem Hausſtande und ſeiner Verbeſſerung, von den höchſten Intereſſen des Landmannes mit ihnen geredet, jubelten ſie laut über das Glück, das ihnen Gott beſcheret, ſo daß die Wände wiederhallten und die Trinkgläſer brachen in den rohen Händen. Der weibliche Theil der gräflichen Familie. hatte ſich darum längſt dem ausgelaſſenen Kreiſe ſittig entzogen, und Graf Thielo winkte jetzt ebenfalls dem alten Kaſtellan, der durch ſein ſtarres Weſen bislang 16 noch ſo ziemlich Ordnung in dem ungethümen Völkchen erhalten hatte, und erinnerte ihn an das für den Abend beſtimmte Geſchäft, das Innere der Burg durchzugehen, und dem Beſitzer über Gelaß und Einrichtung Kenntniß zu geben. Einſilbig ſchritt der graue Wächter dem Herrn voran, und öffnete mit dem mächtigen Schlüſſelbunde jede der zahlloſen Pforten, und von der Thurmwarte bis zum feſten, unterirdiſchen Verließe, vom Trinkſaale bis zur Waffenkammer hatten die Beiden jeden Raum durchſchritten, und Lobſprüche floſſen überall von des Grafen Lippen, da nicht allein die Sicherheit, die Aus⸗ ſchmückung und Zweckmäßigkeit des Baues, ſondern vor⸗ züglich die Erhaltung und Sauberkeit an allen Orten ſeine Erwartung übertreffen mußte. Vor einer Seitenpforte, welche zu einem der Flügel zu führen ſchien, blieb jetzt der Graf ſtehen, und ſah erwartend auf den langſam nachſchreitenden Diener. Zu zweien Malen ſchon kamen wir an dieſer Thür vorüber, ſprach er verwundert. Warum öffneteſt Du nicht, und ſcheinſt auch jetzt zu zögern, Rüdiger?— Mit traurigen Mienen blickte der Kaſtellan den Herrn an und entgegnete: Ihr thätet beſſer, Herr, Ihr ließet den Gang verſchloſſen, wie er blieb ſeit der Herrſchaft Tode. Er führt zu den ehemaligen Schlafzimmern, und wolltet Ihr ſie gegen meine Warnung betreten, ſo müßte ich bitten, ſelbſt aufzuſchließen, denn der Schlüſſel iſt zentnerſchwer in meiner Hand, und die zitternden Finger würden das Schlüſſelloch verfehlen.— So gib! verſetzte der Graf unwillig. Dieſer Ort iſt abgelegen und heimlich, Niemand vom Geſinde wird uns hier begegnen, und ich ſuchte ſolch einen Platz, um Dinge mit Dir abzumachen, die mein Herz bedrücken.— 17 Mit Kraft ſchloß er auf, da das roſtige Schloß Wi⸗ derſtand leiſtete; die ungeölten Angeln kreiſchten bei dem Aufſtoßen der Flügel, doch war der Gang weit und hell, und einige Fenſter in der Höhe ließen die ſchrägen Strahlen der Abendſonne freundlich ein. Der Graf ſchritt dreiſt hinein, bis eine zweite Thür ihn anlockte, die unverſchloſſen ſogleich der Hand nachgab, und in ein geräumiges Zimmer leitete, welches durch Geräth und umherliegende Kleidungsſtücke als ein Familienzimmer ſich anzeigte, wo nach damaliger Weiſe nur die Ver⸗ trauteſten Eingang fanden, und wo Herr und Dame ihre Hauskleider mit dem Prunkgewande vertauſchten, wenn fremde Gäſte ſie im Ritterſaale erwarteten. Es war dem Eingetretenen, als hätten die Beſitzer erſt ſo eben die Schwelle verlaſſen, ſo erſchien das Innere deſ⸗ ſelben; nur der Staub auf den buntausgelegten Tiſch⸗ platten und auf dem Gewirk der Seſſel und an dem großen Schreine von Ebenholz gefertigt und mit Elfen⸗ bein ausgelegt, verrieth, daß es lange unbewohnt ge⸗ weſen. Warum verſchloß man dieſes Gemach? Iſt es doch der freundlichſten eines im ganzen Schloſſe, ſprach Graf Thielo.— Drei Tage, nachdem die Herrſchaft begraben, ent⸗ gegnete der Kaſtellan, erſchien Herr Dippold von Kaſſel im Schloſſe. Er nahm ſich wie der künftige Herr und Erbe; aber dieſe Zimmer, wo hinein ſich ſeit dem trau⸗ rigen Tage Niemand gewagt, betrat er nicht, befahl aber herriſch, ſie bis zu ſeiner Rückkehr zu verſchließen; auch gebot er ſtrenges Stillſchweigen über die Umſtände der entſetzlichen Geſchichte. Das da war Herrn Hermanns eheliches Schlafgemach, wo der Mord geſchah.— Blumenhagen. VIII. 2 18 Mord? Alſo doch wahr, was das Gerücht flüſterte, rief der Graf aus, und worüber mir keiner der neuen Bekannten zu Hildesheim Aufſchluß geben wollte!— Der biſchöfliche Gauvogt war im Schloſſe und forſchte, aber es fand ſich nichts, was zur Entdeckung des ſcheuß⸗ lichen Frevels führen konnte, und da dachte man am Beſten zu thun, man verhülle die Schauerthat und über⸗ ließe dem allwiſſenden Richter die Blutrache, antwortete der Greis bebend.— Herr Thielo trat indeß furchtlos in die Kammer, aber Schauder bewegten ihn ſichtlich, als ſein Auge um⸗ herfuhr. Da ſtand noch das geräumige rieſenhafte Ehe⸗ bett mit ſeinen vergoldeten Pfeilern und der hohen Kuppel durch feuergelbe Federbüſche verziert. Schwere Seidenvorhänge von dunkelrother Farbe umgaben den Torus des Winzenburger Geſchlechts, aber ein Theil derſelben flatterte gewaltthätig zerriſſen an den Pilaren. Die Kiſſen lagen unordentlich, und dunkele große Blut⸗ flecken ſchmutzten die weiße Leinewand, und ſelbſt auf dem getäfelten Fußboden ſchauderte das Auge zurück vor un⸗ heimlichen, dunkeln Stellen, die Gewalt und Mord zu ſchreien ſchienen. Zwei volle Rüſtzeuge hingen an der Wand zur Seite des Betts; ein Schwert, halb aus der Scheide gezogen, lag am Boden, ein roſtiger, langer und ſpitziger Dolch auf dem Seitentiſchchen; Weiberzeug und männliche Hauskleider füllten die nächſten Seſſel. War dieſes das Mordgewehr? ſprach erſchüttert der Graf und hob das Schwert vom Boden auf. Und er⸗ kannte man den verruchten Thäter nicht an der zurückge⸗ laſſenenen Waffe?— Nein, verſetzte der Kaſtellan, das da iſt Graf Her⸗ manns gutes Schwert geweſen. Ach! es hat ihn nur 19 jenes eine Mal verlaſſen; wahrſcheinlich zog er es zur Wehr, aber der Mörder war flinker, als der arme Herr.— Der Graf ſetzte ſich auf einen Seſſel, und betrach⸗ tete das Eiſen mit tiefſinnigen trüben Blicken. Berichte mir, was Du weißt von der Geſchichte, befahl er, ich muß klar ſchauen darin, vielleicht bin ich gar beſtimmt, dieſen Stahl als Rächer zu führen.— Der Kaſtellan ſah ſich wie beſorgt ringsum, dann begann er: Graf Hermann, Euer Lehnsvetter, war ein wackerer Mann, aber wilden Blutes und heftigen Sin⸗ nes. Seine Gemahlin, Frau Emma, mußte oftmals mit Frauenklugheit wieder herſtellen, was ſeine augen⸗ blickliche Heftigkeit umgeriſſen. Ja, ja, das muß ich ſagen, hier, wie bald vor Gottes Throne.— Er wandte ſich dabei mit ſeltſamer Geberde gegen die weſtlichen Fenſter hin, welche gerade von dem Stoße des Gewitter⸗ windes erklirrten.— Schon mehre Jahre hatte die Ehe des gräflichen Paares gedauert, und keine Hoffnung auf einen Stammhalter war gekommen, und Herr Hermann verſank darob in einen Mißmuth, der ihn oft wochen⸗ lang aus dem Hauſe trieb, bei Jagd und in der Fremde ſeine Grillen zu verſcheuchen. Da ſegnete der Herr die⸗ ſes Ehebett, Frau Emma fühlte den Gruß der Hoffnung, und die erſten Flitterwochen ſchienen zurückgekehrt. Dieſe Burg wurde von da an ein weiter Saal der Luſt und ein Feld des Vergnügens, und wie die Zeit fortſchritt und die Gewißheit wuchs in ihr, häuften ſich auch die Feſttage und mit ihnen die Gäſte, und die Straßen von Alfeld und Hildesheim und Eimbeck wurden nicht leer von ritterlichen Hengſten und den ſanften Zeltern der Edelfrauen. So wurde auch der zweiundzwanzigſte 20 Geburtstag der Gräfin hoch begangen, trotz der Nähe ihrer Niederkunft, und ſeit dieſe Thürme ſtehen, iſt viel⸗ leicht nicht ſolch Menſchenvolk zur Kriegszeit in dieſen Mauern geweſen, als damals ſich eingefunden zur Be⸗ luſtigung, und obgleich eine Menge der Edeln, die in der Nachbarſchaft wohnten, vor der Nacht zu Hauſe ge⸗ ritten, ſo reichten doch kaum Zimmer und Betten hin, den zurückgebliebenen Gäſten Ruheſtätten darzubieten. Spät nach Mitternacht wurde endlich Alles ſtill, und auch ich trug meine alten Gebeine auf das Lager; doch floh mich der Schlaf, und es ſchien mir mehre Male, als hörte ich Kriegslärm vor dem Schloſſe, ſo daß ich aufſtand, das Fenſter aufſtieß und den Thürmer auf dem Thorthurm anrief, befragte und ihm Wachſamkeit anbe⸗ fahl. Welch ein Morgen folgte dieſer Nacht! Ich hatte viel Grauenvolles erlebt in meiner Jugendzeit, als ich dem alten Gaugrafen, genannt die rothe Fauſt, folgte auf ſeinen Kriegszügen in Europia und den Landen der Heiden, aber ſolchem Gräuel war ich nirgend begegnet, und mein altes Herz muß eine Steinkruſte haben, daß es nicht brach vor dieſem Jammerbilde. Wie eine gel⸗ lende Glocke rief die Stimme der Zofe mich wach aus ſpätem Morgenſchlummer. Mord! tönte es durch die Gänge, und Mord! rief es in den Hallen. Ich taumelte auf und faßte nach dem roſtigen Flamberg. Hinaus ſtolperte ich, wo ſchon die fremden Ritter und heimiſchen Knechte, alle in verwirrten Morgenkleidern, manche kaum halb bedeckt zuſammen liefen. Der Zofe Zeter⸗ wort leitete uns nach dieſem Schlafgemach. Da dampfte Blutgeruch uns entgegen; dort auf jenem ſchwarzen Flecke lag neben dem Tiſche, auf dem das Lämpchen noch matt und ſterbend aufflammte, Graf Hermann, die Hand am 21 halbentblößten Schwerte; ſein Geſicht erſchien fürchter⸗ lich entſtellt vom Zorne und Verzweiflungsgrimm, die gebrochenen Augen, weit aufgeriſſen, ſtarrten uns an, als ſuchten ſie zwiſchen uns den Mörder, welcher ihm die breite Wunde geſtoßen hatte, die auf ſeiner linken Bruſt ſich gähnend geöffnet. Augenſcheinlich war er bei dem Ueberfalle im Nachtgewande aufgeſprungen ſich zur Wehr zu ſetzen, aber ſchneller hatte ihn der Feind durch und durch geſtoßen, und die Wunde verrieth, daß kein meuchleriſches Meſſer, ſondern ein gutes Ritterſchwert gegen ihn geführt worden. Jedoch der ſchreckenvollſte Anblick wartete noch auf uns, als wir uns von dem Verſuch, ihn aufzurichten und ſein Leben zu wecken zu der gräflichen Schlafſtelle wandten. Auch die gute Gräfin lag dort in ihrem Blute, todt in ihrer Jugend und ſchönſten Hoffnung, ohne Athem und Herzſchlag. Auch ſie ſchien zur Hülfe aufgeſprungen zu ſein, doch der ge⸗ wandte Mörder hatte auch ſie überraſcht, ein ſpitziger und langer Dolch ſtack in ihrem hohen, geſegneten Leibe, da liegt er noch auf dem Tiſche, wo ich ihn hingelegt, als ich ihn mit bebender Hand aus dem Leichnam ge⸗ zogen. Niemand vom Burggeſinde hat gewagt, die Hand an die blutigen Sachen zu legen.— Aber der zurückgelaſſene Dolch? Verrieth er den Verbrecher nicht? fragte Graf Thielo heftig bewegt, in⸗ dem er aufſtand.— Es war des Herrn eigene Hauswaffe, die auf dem Seſſel am Bette geruhet, antwortete Rüdiger.— Und was thaten die verſammelten Ritter? fragte heftiger der Herr.— Sie hielten ſtrenge Unterſuchung im ganzen Schloſſe nach Blutſpur an Kleid und Waffe; antwortete der Kaſtellan; als ſich aber nirgend. ein Mordmal fand, kamen ſie in der Kapelle zuſammen, wohin man die Leichen getragen, und reinigten ſich durch einen Eid an der Bahre von jeglichem Verdacht.— War Vetter Dippold zugegen? fragte der Graf wie⸗ der.— Nein, ſagte der Greis, ſchon ein Jahr lang beſuchte er Schloß Winzenburg nicht mehr, lebte am Hofe des Landgrafen, und iſt überhaupt nie mit Herrn Hermann in rechter Freundſchaft geweſen.— Der Graf riß das Schwert aus der Scheide, und ſtreckte es von ſich gegen das Bett hin. Sprich, du ehrlicher, deutſcher Stahl, der manchen Winzenburger in die Schlacht be⸗ gleitete, rief er im Grimm, ſprich wer deinen Geſellen im Kampfe, wer den blanken Schild Hermanns mit Blut begoß, daß ſein Eigner dahin fuhr in Jugendblüte und all ſeinen Sünden? Du bleibſt ſtumm, aber ich darf dich frei erheben und ſprechen, alles Gut möchte ich hingeben, die Gemordeten zu erwecken, und Gut und Blut will ich daran ſetzen, den Meuchler zu finden, der den Glanz dieſes braven Stahls fürchtete; das gelobe ich, ſo wahr ich ein Mann bin und edel geboren. Ein gelber Blitz fuhr an den klirrenden Fenſterſchei⸗ ben hin, und erhellte die Dämmerung auf eine Sekunde zur Flammenglut, und gleich hinterdrein erſchütterte ein raſſelnder Donnerſchlag die Zinnen der Burg. Der Graf bebte zuſammen, der Kaſtellan aber faltete die Hände und ſprach leiſe: der Ewige hat es gehört und ange⸗ zeichnet. Der Herr mag geben, daß ich die Rache er⸗ lebe, ehe das Grab mich ruft; aber was der kluge Gauvogt nicht ermittelte, muß ſich tief vergraben haben, und ich fürchte, dieſes Blut wird klagen bis zum jüngſten 23 Gericht, wo alle Unthaten gefordert werden vor das Licht und den Stuhl des allwiſſenden Richters.— Da klang es durch das Zimmer wie ein hohler, ſchmerzlicher Seufzer aus bekümmerter Menſchenbruſt, und die beiden Anweſenden erbebten, und traten unwill⸗ kürlich näher zur Kammerthür. Was war das? fragt Graf Thielo mit ſchneller Er⸗ mannung, indem er mit dem Degen nach dem Bette ſchritt. Iſt hier Jemand verborgen und treibt ſeinen Spott mit uns?— Der Kaſtellan faßte ihn ſchnell am Arme. Laßt ruhen, ſagte er bedeutend. Alles war mondenlang wohl verwahrt und verſchloſſen; jedes menſchliche Weſen hätte hier längſt der Hungerstod gerichtet. Aber kommt herab; Ihr wolltet noch die Kapelle beſchauen; auf ge⸗ weiheter Erde läßt ſich beſſer antworten auf ſolche Seufzer, und dort möget Ihr weiter fragen, vielleicht antworten die Todten dorten ſelbſt.— Der Graf folgte dem Greiſe, doch nahm er das Schwert mit, und als Rüdiger ſorglich jede Thür wieder verwahrt, ſtiegen ſie hinunter, und mit einer Ampel verſehen leitete der Graukopf den bleichen Schloßherrn zur öſtlichen Seite der Burg, wo die Schloßkapelle in Form einer geräumigen Rotunde an das feſte Steinhaus ge⸗ bauet war. Der Graf beſah die Wappenſchilde, Fähn⸗ lein und vergoldeten Helme, welche die Pfeiler und Wände zierten, und wenn auch beſtaubt und dem Moder verfallen, Zeugniß gaben von der Herrlichkeit ſeines Geſchlechts. Dann winkte er dem Kaſtellan zum Chore, und dieſer verſtand den Wink, und ſchlich den Mittel⸗ gang hinauf, bis er zu einer Fallthür kam, welche die Gruft des edeln Stammes deckte. Der Schloßherr half ihm, die ſchwere Eichenthür zu heben, und Beide 24 ſtiegen behutſam die Stufen hinab, die in das Gewölbe führten. Da ſtand der ſtämmige, lebensreiche Thielo unter den Verweſeten ſeines Bluts; zwei lange Reihen ſtatt⸗ licher Särge umgaben ihn; das blanke Zinn, wovon manches dieſer ſtillen Häuſer gefertigt worden, ſpottete in ſeinem Silberglanze der Eitelkeit, die auch hier noch vorgewaltet; die Wappen und Siegestrophäen und langen Inſchriften, womit mancher Deckel bemalt worden, ſpra⸗ chen ſarkaſtiſch den Stolz aus, der ſeine Grenzen bis in das Reich der Verweſung ausgedehnt hatte nutz⸗ los, da kein Auge ſich an ſeinem Prunk zu weiden be⸗ gierig war, und eine Fledermaus, die ſcheu und für ihr Neſt in der Mauerſpalte beſorgt, an der Dicke hin und her ſchoß, bezeugte die Ohnmacht dieſer männlichen Schlä⸗ fer, von denen Mancher die Welt zittern gemacht. Dieſes ſind die Schlafſtätten des letzten Grafen und der Gräfin Emma, ſagt jetzt halblaut der Kaſtellan, indem er auf zwei Särge zeigte, über welche eine große rothe Sammetdecke gebreitet lag, und zu deren Kopfende man den Wappenſchild verkehrt, mit der Helmzierde zu unterſt, und mit einem Trauerflor bedeckt, aufgeh angen, zum Zeichen der ausgeſtorbenen Hauptlinie, welche Her⸗ mann beſchloſſen. Welch ein zinnernes Käſtchen iſt das, dort zu den Füßen der Särge? fragte der Graf.— Ja, ja, antwortete der Kaſtellan, das iſt der lauteſte Kläger gegen den Meuchelmörder, der drei Blutſchulden in einer Stunde auf ſich wälzte, und die heiligſte Un⸗ ſchuld des Ungeborenen nicht ſchonte. Als die Frauen den Leichnam der Gräfin aufhoben, um ihn zur Beſtat⸗ tung zu bereiten, fand man den ſehnlichſt erwarteten 25 Erben geboren außer ihrem Bett; die Natur wollte Rache ſchreien auch durch das Knäblein, welches um Alles beſtohlen worden, ehe denn es das Licht der Sonne geſehen; die geheime Kraft der ermordeten Mutter hatte es ausgeſtoßen, es war vollkommen und reif wie der rothbäckige Apfel am Baume, jedoch ohne Leben, wie ſeine Eltern; des Mörders ſpitziges Stilett hatte durch der Mutter Leib hindurch auch das Kind getroffen.— Entſetzlich rief der Graf. Aber leuchte näher, der Deckel des Käſtchens iſt locker und ungeſchloſſen und ver⸗ ſchoben.— Er faßte danach und hob das kleine Dach, und mit Schrecken ſahen Beide das enge Särglein leer, und ohne Spur von Windeln oder Gebein, ſo als wäre nie etwas darin geweſen.— Leer, gänzlich leer! ſprach Thielo fort. Was iſt das wieder? Und wie ſtimmt das zu Deiner Erzählung?— Der Alte guckte mit ſeinen hohlen Augen ſtarr in den leeren Behälter. Ich ſelbſt trug den letzten Reſt meiner alten Herren hinunter, ſo ſauer es mir ward, flüſterte er wie vor ſich hin. Ich eelbſt hielt Gruft und Kapelle verſchloſſen ſeitdem. Aber das mag wohl zu alle dem Wunderbaren gehören, was ſeit der blutigen Nacht im Schloſſe ſich zugetragen, und von dem ich meine, es wird nicht aufhören, bis die ganze Geſchichte zu Ende.— Komm herauf, Alter; verſetzte der Graf haſtig, in⸗ dem er noch einmal ſein Auge über die traurigen Gegen⸗ ſtände hinſtreifen ließ, und den kleinen Sargdeckel auf den Boden legte; komm herauf, die Luft iſt hier unten dumpfig und der Dunſt des Moders beengt Dir wie mir die Bruſt. Du haſt mir noch mehr zu vertrauen, ich merkte das ſchon heut morgens bei dem erſten Wort⸗ wechſel mit Dir und dem Begegniſſe der Kinder im 26 Garten. Verſchweige mir nichts; was ich bis jetzt vernahm, reizt meine Neugier hoch auf, und käme noch Entſetz⸗ licheres, als ich ſchon erfuhr.— Sie ſtiegen wieder in die Kapelle zurück, und der Kaſtellan ſtellte die Laterne auf eine Stufe, die zum Chore führte, und ſetzte ſich auf des Grafen Befehl da⸗ neben. Unruhig ſtand Herr Thielo vor ihm, emſig hor⸗ chend auf ſein leiſes Wort und zuweilen einen Schauer⸗ plick zu dem offen gebliebenen Gewölbe richtend. Was Ihr mir von dem Männlein erzähltet, welches Euch Botſchaft gebracht, begann der Alte, und was dem klei⸗ nen Junker mit dem Weißhütchen begegnete, mahnte mich an die Pflicht, Euch zu entdecken, was ich ſonſt ver⸗ ſchwiegen haben würde, da ich meinte, bei der Ankunft des neuen Herrn und der friſchen Lebendigkeit, würde jeder unheimliche Spuk das Haus verlaſſen haben, das er ſeit dem Tode der vorigen Beſitzer beunruhigte. Ja, ſehet nur nicht ſo ungläubig auf mich. Es iſt unheim⸗ lich und unrichtig im Schloſſe, und ich redete nicht ſo⸗ gleich davon, um die Frau Gräfin und die junge Familie nicht bang zu machen und Euch am erſten frohen Tage den Aufenthalt zu verleiden, habe auch meinem Enkel, dem Stallmeyer, und meiner Tochter, der Altfrau, und allem Geſinde ſtreng verboten, irgend davon zu reden. Es iſt ein guter, chriſtlicher Spuk, der im Hauſe waltet ſeitdem, und der Niemanden Leides thut, aber wenn die Dämmerung kommt, doch die Herzen klopfen macht und die Haare ſträubt. Es iſt eine Kinderſtimme, welche ſich vald hier, bald dort hören läßt, zuweilen ſeufzend, zu⸗ weilen weinend, zuweilen in feinen Reden, auch ſang es einige Mal ein kurzes, frommes Klagelied in dem Gange, der hier zur Kapelle geht. Meine Tochter hörte — 27 zuerſt davon, und weil ſie es für einen hämiſchen Ko⸗ bold hielt, wie ſie in den Bergen hier herum wohnen ſollen, ſo ſetzte ſie ihm in einem abgelegenen Winkel neben der Rüſtkammer ein Stühlchen hin und eine Mulde voll feiner Gänſedaunen, und trug jeden Abend ein Schälchen voll Milch auf den Stuhl. Am Morgen war die Milch getrunken, und in der Mulde ſah man die Federn rund zuſammengedrückt, als wenn ein Kindlein darin gekauert hätte.— Der Schloßkater wird ſich die Milch unb die weiche Ruheſtatt habe wohl bekommen laſſen! fiel der Graf ein und ſchüttelte den Kopf.— Glaubt was Ihr wollet, gnädiger Herr! erwiderte der Greis; ging mir's doch auch ſo; doch die Zeit wird auch Eure Meinung wandeln. Seitdem war der Spuk meiner Tochter beſonders zugethan. Hatte ſie nicht Zeit gehabt, Abends die Küche zu beſtellen und Alles zu reinigen, ſo fand ſie morgens Alles blank und geordnet. Beſtahl ein Stallbube die Speiſekammer, ſo nannte das Stimmchen ihr um Mitternacht den Dieb, ja als zwei der Knechte den Anſchlag gemacht hatten, uns die beſten Roſſe räuberiſch zu entführen, da rief es fein, doch gel⸗ lend wie die Nothglocke, vor meiner Kammerthür und machte mich wach.— Und ſahet Ihr das Geſpenſt? fragte Thielo nach⸗ denkend.— Kein Erwachſener hat es geſehen, fuhr der Kaſtellan fort; meine dreiſt gewordene Agneſe rief es einmal an in heller Mondnacht und bat es, wenn ſie glauben ſolle, daß es ein frommer Geiſt ſei, ſich zu zeigen, da huſchte ein kleiner Schatten zu ihr an das Bett, und ſie fühlte eine Kinderhand zart und weich an ihrem Arme ſie 28 drückend, die aber ſo eiskalt war, daß ſie nie wieder geforſcht hat. Doch mit den Kindern im Schloſſe ſpielte es oft, wenn ſie allein waren im Stalle und Garten, und ſie ſahen es im Scharlachrocke und dem Filzhute, wonach wir es Weißhütchen nannten, gerade ſo, wie es heute mit dem Junker und dem Fräulein ſich ergötzte. Wir gewöhnten uns daran, wenn wir auch immer ſchauerten davor, denn es wurde täglich ſanfter und ſei⸗ ner Stimme Ton trauriger, und der Lärm, den es an⸗ fangs ganze Nächte in dem öſtlichen Flügel getrieben, nahm ab. Alſo tobte es doch wie ein echter Poltergeiſt? ver⸗ ſetzte der Graf im leichten Spotte. Und erließ es nicht auch Drohworte und Schimpfreden, gleich einem ſol⸗ chen?— Nur einmal, antwortete der Alte; Ihr mahnt mein Gedächtniß da an eine Hauptſache, die mit dem Männ⸗ lein, das auch Euch Botſchaft trug, vielleicht zu ſammen⸗ trifft. An dem Tage, als Graf Dippold einritt, da lärmte es die ganze Nacht durch die Hallen, und das ganze Geſinde hörte es rufen: Hinaus, hinaus! Du biſt der rechte nicht!— Steh' auf, Alter, und folge mir! ſagte da der Graf kräftig und mit leichtem Tone. Sorge mir ſtreng, daß Dein Mährlein den Frieden der Meinigen nicht ſtören möge. Dein Kopf iſt zu grau, als daß Du mich be⸗ trügen möchteſt; aber Deinen Wahn zu zerſtäuben und meine Burg zu reinigen von Aberwitz und Betrug, ſei mein ernſtes Geſchäft!— Da erklang plötzlich eine Rüſtung am nächſten Pfeiler, und der Metallton hallte am Gewölbe hin, langſam ver⸗ laufend, und wie aus der offenen Gruft kam eine feine, S ———* 29 liebliche Stimme und ſprach ſo mild wie ein Weſt im Blumengarten ſäuſelt: Glaube und bete, damit Dir die Reue nicht nöthig, wenn Deine Augen ſehen!— Der Graf drehete ſich raſch zu der Stimme hin, die Hand mit dem Schwerte hob ſich, allein plötzlich er⸗ griffen und geſchüttelt von geheimen Bebungen ſeiner menſchlichen Natur, faßte er des Greiſen Hand, riß ihn auf vom Steinſitze und zog ihn mit ſich fort aus der Kapelle. Die Schmauſerei der Bauern und Dienſtmannen hatte längſt ihr Ende genommen, und diejenigen, wel⸗ chen der Kellermeiſter zu viel Güte erwieſen, und welche deßhalb den weiten Heimmarſch ſich nicht zu vollführen getraueten, ruheten längſt ſüß und weich auf dem Heu des Stalles oder in einem Bett, das ihnen ein gutwil⸗ liger Knecht eingeräumt. Die herrſchaftliche Familie hatte gleichfalls ihr ſtilles Mahl vollendet, welches ernſter und trauriger geworden, als die glückliche Lage derſelben hätte denken laſſen, da Graf Thielo, nachdem die Klei⸗ nen abſeit gebracht, der Gattin und der Tochter alle Umſtände des Todes ſeiner Vorgänger im Regiment entdeckte, wie er ſie aus dem Munde des Kaſtellans ge⸗ hört, mit Ausſchluß des Schloßſpuks, über welchen noch ſelbſt ſeine Sinne und ſein Unglaube nicht einig gewor⸗ den. Man begab ſich zur Ruhe, und Katharina betrat das freundliche, ihr beſtimmte Schlafgemach, welches dicht an das der Eltern grenzte, und in welchem der muntere Aldo und die kleine Apollonia längſt in den Armen des glückſpendenden Traumgottes ſchlummerten. Katharina war für ihre Jahre auffallend ausgewachſen; 30 ſie konnte ſich dreiſt gegen jede achtzehnjährige Geſpielin ſtellen, und durfte nicht fürchten, an jungfräulichem Reiz an aufgeknospeter Fülle und dem Anſtande des vollen⸗ deten Jugendalters beſiegt zu werden. In der beſchränk⸗ ten Lage ihrer Eltern hatte ſie von früh auf ſchon dem Kinderſpiel entſagen müſſen, hatte der Mutter in Küche und Hauſe zur Hand gehen müſſen, war die Wärterin der nachgeborenen Geſchwiſter geweſen, und hatte des Vaters Spruch: Wer eſſen will muß auch arbeiten! im⸗ mer vor Augen gehabt. So hatte ſich mit dem Körper auch der Geiſt frühzeitiger entwickelt; ein ſtiller Ernſt gab ihrem angenehmen Geſicht einen eigenen Reiz, und die Formen voll Geſundheit und Jugendkraft täuſchten nicht, denn eine muthige Seele herrſchte in ihnen, und eine echte Frömmigkeit, die des Gottesſchutzes gewiß war, erhob dieſen Muth bis zur Unerſchrockenheit, ſo daß Herr Thielo oftmals den Wunſch ausgeſprochen, ſie möchte ihm als ein Knabe geboren ſein. Katharina verrichtete ihr Gebet, flocht dann die rei⸗ chen braunen Haarringel ein, doch ſchien ihr Gemüth noch zu erregt, um den Schlaf rufen zu können, darum löſchte ſie ihr Lämpchen und trat an das Bogenfenſter, durch welches der Mond in ſeinem ſchönſten Silberlichte hereinleuchtete, und das ganze Gemach in jene Halbhelle verſetzte, welche der Schwärmerei ſo lieb iſt, da in ihr die Kinder der Erinnerung und die Luftgeſtalten der Wünſche ſich gern zum Elfentanze herauf beſchwören laſſen. Lange, lange ſtand das holde Mädchen am Fen⸗ ſter und hielt das Haupt in der Hand geſtützt. Ihre Seele weilte nicht hier; ſie war hinübergeflogen in jene liebe Gegend, wo ſie geboren worden, wo ſo manches theure Merkmal ihrer Vergangenheit ſtand, und ihr 31 heimlicher Seufzer ſprach: daß dort trotz aller Entbeh⸗ rung und Sorge Manches beſſer und lieber geweſen, als hier im Hauſe des Ueberfluſſes. Des Thürmers Horn, welches die Mitternacht abblies, erweckte ſie aus ihren Träumereien; ſie flüſterte halblaut: Standhaft und treu, ſo wird es mit Gott auch wieder werden wie dort;— und getroſt ging ſie zur Wand, wo ihr weißes, jung⸗ fräuliches Lager vereitet, und begann ſich zu entkleiden. Doch noch hatte ſie nicht die erſte Silberſpange des Mieders losgehäkelt, ſo rief es leiſe und mit wohlklin⸗ gendem Ton ihren Namen. Sie glaubte die Stimme des Schweſterchens zu hören, und drehete das Geſicht beſorgt nach dem zierlichen Bett derſelben; aber der wie⸗ derholte Ruf kam nicht daher, ſondern vom Fenſter, wo ſie geſtanden, und mit geheimem Schauder ſah ſie dort mitten im Mondenſchein einen niedern Schatten, einem grauen Wölkchen gleich, und eine feine Kinderhand ſtreckte ſich aus dem formloſen Nebelbilde, und darüber wurde ein bleiches, zartes Kinderköpfchen in kaum deutlichen Umriſſen ſichtbar. Wer iſt da? Und wer konnte herein? fragte ſie, kräftig ſich ermannend.— Still, ſtill, wecke die Schläfer nicht! ſprach es aus dem Schatten hervor. Dich fliehet der Schlaf wie mich, Du haſt Gram wie ich, darum kam ich, mit Dir zu koſen, da es ſo traurig iſt, allein zu ſein in der Gottes⸗ welt.— Aber wer biſt Du und wie konnteſt Du durch die verſchloſſenen Thüren? fragte die Jungfrau leiſer.— Ich bin und bin nicht, antwortete es; ich lebe und habe nie Licht und Luft genoſſen; mein Weg hat keine Grenze und keine Schranke. Wohl ſollte ich ſchlafen bei ——— 2— — 32 denen, die mich lieben, ohne Störung, aber eine unſicht⸗ bare Macht rief mich auf, zu wachen bis der Mord ge⸗ büßt und die Gerechtigkeit verſöhnet worden und meiner Mutter letztes Wort verdammte mich zu einer Arbeit die Meinesgleichen gar fremd iſt.— Und was willſt Du be! mir? fragte wieder und ängſt⸗ licher Katharina.— Du hiſt rein und ohne Sünde wie ein Ungeborenes, verſetzte es, darum zieht es mich zu Dir und ich liebe Dich. Die Reinen ſind überall im Bunde mit einander gegen das Heer der Sünder und Frevler, darum nahe ich Dir, denn es iſt mir, als wäreſt Du erſehen, mir beizuſtehen be dem Werke, das ich zu Ende bringen muß, ehe ich ſchlafen darf im Mutterarme.— Wie könnte die Jungfrau helfen gegen verbrecheriſche Unmenſchen? entgegnete das Mädchen. Oder meineſt Du den Mord unſeres Vetters, und willſt Du mir den Mörder daß ich klagen ſoll gegen ihn vor dem weltlichen Richter? Nenne ihn nur; ich habe keine Furcht, wenn Gott mich berief, und Deine Stimme und was ich erkenne von Dir, laſſen mich meinen, Du könn⸗ teſt kein böſes Weſen ſein.— Nennen darf ich den Mörder nicht, gab die zarte Geſtalt zur Antwort, auch würde Dir kein weltlicher Richter glauben, denn der Entſetzliche hat ſeine grauen⸗ volle That glücklich verborgen in tiefſte Nacht, und ſein Gewiſſen iſt ſo verſteinert, daß keine Falte der Furcht oder Reue auf ſeinem Geſichte zum Verräther wird. Darum will ich Dich zu meinem Bündner werben, Du ſollſt mir ihn locken in die Falle der Rache, denn nur in dieſem Schloſſe, auf der Blutſtatt habe ich über⸗ menſchliche Kräfte zum Gebrauch gegen ihn; draußen — 33 ſind mir nur die flüchtigen Eigenſchaften der Geiſterwelt vergönnt.— Ich ſoll verlocken und betrügen? zürnte Katharina. Weiche von mir, wenn Du verführen willſt, oder mir ein Leid thun, denn des Himmels Hand iſt über mir.— Ich bin eine Waiſe und ein Kind, jünger als je ein Kind auf Erden ging, klagte es ans dem Wölkchen; was könnte Dir Arges geſchehen von mir. Aber ich will Dein Vertrauen gewinnen gar leichter Weiſe. Höre und zweifle nicht mehr an mir. Dein Herz iſt krank, trotz der Roſen Deiner Wangen; Deine Seele liegt im Jammer, trotz der Macht, mit welcher Du es vor Jedermann verbirgſt. Deine Liebe iſt fern, ſo wähnſt Du; und weiter Raum trennt ſie vielleicht auf ewig von Dir, meineſt Du in Deinem Schmerz. Dein Jüngling iſt rein wie Du, und darum will ich Deine Liebe ſchützen, und habe ihm zugeflüſtert, was für euch das Beſte iſt, und nicht lange mehr, ſo wird er nicht fern mehr ſein, und nicht lange mehr, ſo wird er Dich heimlich ſeine fromme Katharina nennen, wie er Dich nannte verſtohlen am Rande der großen Maſch, wo üyr dem Frühlingskampfe der Stiere zuſchauetet, und Du Dich mitleidig abwandteſt von dem blutigen Schauſpiele, wel⸗ ches das Volk ergötzte, und zur Seite trateſt hinter den alten, tiefgebogenen Weidenbaum.— Ja, Du weißt mehr als alle Menſchen! rief die Jungfrau bebend. Aber wahre mein Geheimniß, daß nicht mein Gram auch die Mutter trifft! Und er wäre nicht fern? Du brächteſt ihn her zu mir?— Wohlan ich will Dir helfen, wenn Du mich forderſt, aber unter einer Bedingung, ſetzte ſie kühner und ent⸗ ſchloſſen hinzu. Tritt aus Deinem Nebel, zeige mir Blumenhagen. VIII. 3 Deine volle Geſtalt, daß ich ſehen mag, ob Du einem Himmelsbürger ähnelſt, oder ob die zwergige Form eines häßlichen Kobolds oder der Schlangenleib des Böſen mich von Dir verſcheuchen muß auf ewig.— Wünſche das nicht; klagte es traurig. Ich bin der Knabe im Scharlachrocke, den der Aldo beſchrieb, den man Weißhütchen nennt im Schloſſe; Du ſaheſt mich ſchon als Eilbote, wie ich auf dem Rößlein zu Deinem Vater kam, und als ihr herzoget gen Hildesheim, flog ich in der Geſtalt einer weißen Feder neben Deinem Wagen her, und Du haſchteſt oft nach mir. Aber das waren Geſtalten, die ich mir wob aus Abendthau und Nachtnebel und den Blättern des Nachtſchattens und den Blumenkelchen des Bilſenkrautes; Dich dürfte ich nicht belügen mit ſolchem Trugbilde, und meine wahre Ge⸗ ſtalt möchte Dein Herz verwunden und erſchrecken. Laß mich jetzt gehen, Du wirſt mehr von mir hören. Und vor allen hüte meine kleinen Spielkameraden dort, denn mir iſt, als ſtände ihnen ein Unheil bevor.— Nein, nein! ſprach Katharina heftig. Du entkömmſt mir nicht. Biſt Du ein guter Geiſt, ſo darfſt Du das Auge des Frommen nicht fürchten; und zeigſt Du Dich mir nicht, wie Du biſt, noch in dieſer Stunde, ſo halte ich Dich für einen neckenden Kobold, der mich betrog und betrügen will, und nimmer werde ich dann Gemeinſchaft pflegen mit Dir, werde mein Ohr verſtopfen vor Deiner glatten Rede, und durch Gebet mich ſichern vor Deiner Gewalt.— Ich liebe Dich, darum füge ich mich Deinem Willen, antwortete da das Köpfchen aus dem Nebel; aber halte Dich denn auch ſtark wie ein Mann und folge mir zur Stunde.— Wohin? und warum nicht hier?— ſtieß das Mäd⸗ chen ſtutzend heraus.— Es iſt nur ein Platz im Schloſſe, wo ich ſein kann, was ich bin, ſeitdem ich mein rechtes Bett verließ. Der Platz iſt nicht gefährlich, noch grauenvoll. Es ſteht mein Tiſchchen dort, wo ich eſſe, und meine Wiege, worin ich ſchlafe, und nur in der Wiege kannſt Du mich ſehen, wie ich wirklich bin, denn mein irdiſches Daſein ging nicht über ſie hinaus.— Katharina ſchwankte, doch Neugier wie Liebe hatten ſie bis zum Aeußerſten aufgeregt. Sie wollte Glauben gewinnen für das Glücklichſte, was ihr verkündet wer⸗ den konnte, was ihr verkündet war. So nahm ſie nach kurzem Beſinnen ein Regentuch vom Seſſel, wickelte ſich hinein und ſagte muthig: Führe mich, ich will Dir folgen!— Ein Seufzer tönte im Mondenſcheine, dann wurde das Wölkchen dunkler und dichter, und nur die kleine Hand blieb ſichtbar und winkte zuweilen. So ſchwebte die Nebelſäule zur Thüre des Gemachs, die ohne Ge⸗ räuſch ſich vor ihr öffnete, und langſam ſchritt die Jung⸗ frau dem hinſchwebenden Schatten nach. Katharina's Herz pochte, eine nie gefühlte Beklem⸗ mung hemmte ihren Athem, als der Weg durch die öden Gänge der Burg immer weiter ging, als ſie hier eine Treppe hinauf, dort eine andere hinunter ſteigen mußte, und der Mond, in welchen ſie vor Mitternacht ſo gern hineingeſchauet, jetzt ſolch wahrhaft geſpenſtiſches Licht auf ihren Pfad warf. Bildet ſich doch die äußere Ge⸗ ſtaltung des Lebens immer nach dem Innern des Menſchen um, und bekommt doch überall die Anſchauung erſt von dem Gefühle ihre Bedeutung. Mehre Male ſtand das 36 Mädchen ſtill in den ihr unbekannten Hallen, und es war ihr zuweilen, als müßte ſie Hülfe rufen. Dann aber ermuthigte ſie ſich durch das Bewußtſein ihrer Un⸗ veflecktheit, ſchämte ſich der Furcht, gedachte ihrer Liebe, und gelobte ſich, zu vollenden, was ſie einmal, wenn auch vielleicht unbedacht, begonnen. Der Spuk ſchwebte jetzt ihr vorauf in einen weiten, viereckigten Raum, der wüſte ſchien, obgleich er nicht leer war. Große Kriegsmaſchinen von ſeltſamer Form ſtanden durcheinander an den Wänden ringsum; Wurf⸗ werkzeuge auf ſchweren Rädern, Sichelwagen, Sturm⸗ leitern drängten ſich in alten Staub und moderndes Gezeug verhüllt, eine offene Flügelpforte ließ in die Rüſtkammern blicken, wo der Mond von einer Unzahl Pickelhauben und Flammberge und Küraſſe wiederſtrahlte. Hier iſt der Pplatz! Sei ſtark und bebe nicht! flüſterte ſanft die bekannte Stimme! das Händchen deutete nach einem Winkel hin, und das Wölkchen löſete ſich auf und verſchwand im Mondlichte wie ein Schneehäufchen zerfließt im Frühlingshauche. Die Beklemmung der Jungfrau mehrte ſich, ſeltſamer Weiſe fühlte ſie ſich jetzt auf ein⸗ mal verlaſſen und allein, und von tiefer Furcht ergriffen. In dem bezeichneten Winkel ſtand ein bunt geflochtenes Strohſtühlchen und eine blanke Zinnſchüſſel darauf; als ſie aber zur Mulde trat, auf der das volle Mondlicht ruhete! ſah ſie drin mit Entſetzen ein zartes Kind ohne Hülle, welches blutbefleckt und zuſammengekrümmt auf dem Geſichte lag, und deſſen Rücken von einem blanken Meſſer durchbohrt war. Ein Flor umgab ihre Augen bei dem Anblicke, kalter Angſtſchweiß bedeckte ihre Stirn⸗ ſie faßte nach dem ſtockenden Herzen, ſtieß einen lauten Zeterſchrei aus und ſank bewußtlos auf den Boden nieder.— 37 Der alte Kaſtellan Rüdiger hatte in dieſer Nacht wiederum, wie oft, vergebens auf die ihm ſo nöthige Erquickung des Schlafes geharret. Als der erſehnte Freund gar nicht erſcheinen wollte, wurde er ungeduldig, wie das Alter es leicht wird, ſtand vom Lager auf, machte Licht an und ſetzte ſich im Hausmantel zu einer alten Chronik, die lange Nacht alſo zu vertreiben. Da däuchte ihm, als ſpräche man vor der Thür ſeinen Namen, und von den Scenen des Tages und in der Kapelle aufgeregt, ſtieg die Ahnung in ihm auf, es könne eine Feuersnoth oder ein anderes Unheil, durch die Unvorſichtigkeit der Trunkenbolde von geſtern angeſtiftet, ſtatthaben im Schloſſe und ihn fordern. Er zündete die Laterne an, trotz des Mondlichtes, aus gewohnter Vorſicht, und wandelte be⸗ dächtig durch die Gänge im Schloſſe umher. Da hörte er das Geſchrei des Fräuleins, ſtolperte mit möglicher Eile zur Rüſtkammer und fand die Ohn⸗ mächtige. Nur einen Augenblick machte ihn der Schrecken ſtarr, dann lief er zurück in das Haus, weckte ſchnell beſonken ſeine Tochter und ſeine Enkelin, und trug mit ihnen die Lebloſe auf ihre Kammer zurück. Das Geräuſch der Sorge um ſie mußte die Eltern wecken, beide eilten herbei, jedoch wurde für die Mutter die Fabel erdacht, ihre Tochter habe, wahrſcheinlich von der ſchönen Mond⸗ nacht verlockt, einen Spaziergang auf der offenen Gallerie gemacht, der Windzug und die giftige Nachtluft möge ihr geſchadet haben, ihr Ruf habe die nahe ſchlafenden Weiber geweckt, die zur Hülfe der Erkrankten herbeige⸗ eilt. Doch mit dem Grafen wechſelte der Kaſtellan Blicke, die dieſer nur zu wohl verſtand, und darum zu der Gräfin, als Katharina wieder zu ſich gekommen, mit 38 einem bedeutenden Handdrucke ſagte: Lisberta, wenn der Reichthum uns in ſolcher Begleitung kommt, möchten wir uns zurück wünſchen müſſen in das Häuschen am Bache und auf die freien geſunden Maſchwieſen, wo wir auch nicht unglücklich waren, und wenigſtens derlei Sor⸗ gen uns fremd blieben.—— Am folgenden Tage trat ein Stillleben ein, das den Bewohnern der Winzenburg noch fühlbarer wurde, weil die letztern Wochen ihnen nur Neues und Erfreuliches gebracht hatten, und beſonders der letzere Tag voll frohen Getümmels und merkwürdiger Ereigniſſe geweſen war. Fräulein Katharina hütete das Bett; ſo ungewöhnliche Erſchütterungen mußten auch die kräftigſte Natur be⸗ zwingen. Sie ließ die Mutter bei dem Glauben an das, was der Kaſtellan ausgeſagt, ertrug ſelbſt ihre Vorwürfe über das Ungeziemende und die Sittſamkeit Beleidigende eines nächtlichen Spazierganges in der kaum gekannten Burg, nahm ſich aber vor, in der erſten einſamen Stunde der mütterlichen Freundin Alles zu entdecken, wozu ihr jetzt noch Muth und Stärke fehlten. Am Tage darauf meldete des Thürmers Horn fremde Gäſte an, und bald darauf raſſelte die Zugbrücke nieder, und zwei Ritters⸗ leute, von einem Knechte begleitet, zogen zu Roß in den Burghof ein. Der eine derſelben, der anſehnlichſte und ſtattlichſte, nannte ſich Thomas von Falkenberg, ein reicher heſſiſcher Vaſall und Oberſt der landgräflichen Leibgarde. Wie ein jugendlicher Herkules gebaut, einnehmender Geſtalt und mit männlich ſchönen Geſichtszügen, prunkte er wie ein ſicherer Eroberer jedes Weiberherzens und jedes Tur⸗ 39 nierpreiſes auf ſeinem rabenſchwarzen Türkenroſſe. Sein Auge blitzte ſtolzer als die Agraffe ſeines Federhutes. Von grünem Sammetſtoffe war Kleid und Mantel, Prunkketten glänzten am nackten, bärtigen Halſe, und ein wohlgekleideter Knecht trug den Schild nach, auf dem der Edelfalk auf güldenem Zweige ſitzend verrieth, welchem Herrn er zugehörte. Neben ihm ritt der zweite Gaſt, der unſcheinbar wurde in ſolcher Geſellſchaft, ein junger ſchlanker Kriegsmann, ungeſchmückt im Jagdhelm und Lederkoller, über welchem ein feines Stahlnetz des Panzers Stelle vertrat, auf einem niedern hellgrauen, frieſiſchen Pferde, und mit einem wohlgeformten, doch nicht beſonders blühenden Antlitze, auf dem ein Trüb⸗ ſinn lag, der ihn noch mehr zur Seite des lebensfrohen Kumpans in Schatten ſtellen mußte. Während des Monates, welchen Graf Thilo zu Hil⸗ desheim zugebracht, da er nicht eher ſein Erbthum betre⸗ ten wollte, bevor nicht ſein Anrecht völlig im Klaren, und er die Belehnung empfangen, hatte der Falkenberger dort, wohin ihn Verwandtſchaft geladen, die Familie der Winzenburger kennen gelernt, ſich bald dichter an ſie geſchloſſen, und deutlich und frei ſeine Abſichten auf die Hand der ſchönen Katharina ausgeſprochen. Vater und Mutter fanden an dem ſtattlichen, begüterten, am Hofe geehrten Freiersmanne nichts auszuſetzen, ſchützten zwar der Jungfrau zartes Alter vor als Hinderniß des ver⸗ zögerten Jawortes, äußerten aber eben ſo offen und un⸗ verholen, daß die unerwartete Werbung ihnen ſo ehren⸗ voll wie erfreulich däuchte. Der Winzenburger Graf hatte kaum den Namen des erſten Gaſtes vernommen, ſo erſchien er mit möglicher Eile in der Pforte des Schloſſes, zum erſten Male die 40 wohlthuende Tugend ritterlicher Gaßtlichkeit im eigenen Burgbann zu üben. Kaum wer der Falkenberger aus dem Sattel, ſo führte er ihn in das Schloß hinauf, und indem er ihn nicht wie einen Fremden, ſondern wie einen alten, lieben Freund behandelte, öffnete er vor dem hohen Manne das Wohngemach, wo die Mutter und die Kinder weilten. Es iſt der Oberſt, ſprach er zu der ſtutzenden Frau Lisberta, welcher verſuchen will, ob die Hausfrau auf der Winzenburg die Bewirthung geehrter Gäſte verſteht, und den alten Ruhm dieſes Schloſſes nicht in böſen Leumund bringen wird, und wie glühenden Herzens unſer Falkenberger iſt, wie ſchwer es auch werden wird, auf lange den Wünſchen ſolch eines Stürmers Schranken zu ſtellen, bezeugt die raſche Erfüllung ſeines gegebenen Verſprechens.— Was ein ächter Mann will, will er ganz, antwortete der Herr von Falkenberg, und das Heſſenvolk iſt ohne⸗ dem in allen deutſchen Gauen bekannt wegen des feuri⸗ gen Sinnes ſo in der Feldſchlacht wie in der Liebes⸗ werbung. Vergönnt mir darum, zuerſt zu fragen, wo verweilt die angebetete Katharina, und warum muß meine Huldigung, welche die Bruſt mir ſeit drei Tagen beengt, auch jetzt noch gefeſſelt harren?— Katharina iſt breßhaft und hütet das Lager, antwor⸗ tete mit ſichtlicher Trauer die Edelfrau. Doch wird ſie ſchon morgen vielleicht, durch ſolchen Beſuch gelockt, un⸗ ter uns geſundet erſcheinen können.— Krank? fragte da haſtig der zweite Gaſt, deſſen Ein⸗ tritt man kaum bemerkt, und zu dem ſich jetzt Aller Augen wandten.— Helmod! Unſer Helmod! rief der kleine Aldo ſogleich, 41 und ſprang voll Luſt an dem ſchlanken Kriegsmanne hin⸗ auf. O das iſt ſchön! Nun wollen wir wieder Spatzen ſchießen und Rothkelchen fangen im Dornbuſch. O komm nur mit in den Garten, Helmod, da zwitſchern ſie in allen Büſchen und Bäumen.— Mit einem Geſicht, dem man die freudigſte Ueber⸗ raſchung anſah, trat jetzt der Graf heran, und, Mutter⸗ liebe im Auge, auch die Gräfin. Herr Thielo umarmte den Jüngling und ſprach: Bei dem Himmel, er iſt es, unſer Helmod! Seit ich hier bin, lerne ich an Wun⸗ der glauben. Willkommen im Sachſenlande, braver Junge!— Schade, daß die Katharina unpaß iſt; mit dem Klei⸗ nen da würde ſie in der Freude wetteifern! ſetzte Frau Lisberta hinzu.— Ihr ſeid hier wohlbekannt, wie ich ſchaue! fiel der Falkenberger ein, und zog die ſchwarzbraunen Augen⸗ bögen faſt unmuthig zuſammen. Ich meinte, Ihr hättet nur fremde Grüße zu beſtellen, mein verſchwiegener Herr von Dangaſt, und nun verwandelt Ihr Euch ſchier ſelbſt in einen Liebeskuß. Aber warum verſchwieget Ihr mir?— Weil ich mir die Ueberraſchung nicht ſtehlen laſſen wollte durch ein voreilig Wort, antwortete der junge Mann mit röthern Wangen als zuvor; weil mir ſonſt die ſüße Probe verdorben wäre, ob ich bei den reichge⸗ wordenen Freunden noch daſſelbe gälte und nicht ganz vergeſſen worden in ihrem Glanze.— Kennſt Du den Thielo denn nicht? fragte da 3 Graf faſt zürnend. Was Dich an uns band und bindet, hat nichts mit irdiſchen Zuthaten zu ſchaffen. Junker Dangaſt war unſer Nachbarskind und der Geſpiele meiner 42 Kinder; wandte er ſich zu dem Oberſt, der finſtere Blicke auf die zärtliche Gruppe zu werfen ſchien; ſpäter wurde er Bannerträger des Oldenburgers, mein Hausfreund 3 und Kriegsgeſell, und wahrlich der ältere Fechter und 1 Rittersmann hatte Mühe, dem bartloſen Junker es gleich zu thun in der Fehde, die wir zuſammen durchfochten. Aber welches Zauberſtück führte Dich aus dem Olden⸗ burger Lande zu uns herauf?— Der Jüngling ſchlug in ſichtbarer Verlegenheit die Augen nieder. Es gefiel mir der Dienſt nicht mehr, wo jetzt keine Ausſicht zum Kriegsſpiele vorhanden, ſagte er. Da verkaufte ich mein Gütchen dem Landesherrn, um an einem andern Hofe mit anſtändigem Ritterzeug auftreten zu können, und vorgeſtern angelangt, hat mich der Bi⸗ ſchof ſchon unter ſeine Hauptleute aufgenommen, da er Mannen gebraucht gegen ſeine rebelliſchen Vaſallen, und — frei geſagt!— war mir es doch, als könnte ich nur in Eurer Nähe froh ſein; ſeid Ihr es doch auch, deſſen Zucht mich zum Manne machte, und war Euer Haus doch mein Freudenſaal.— Herr Thielo und Frau Lisberta drückten zärtlich des wackern Jünglings Hände, der Oberſt aber ſtörte ſchnell die ihm nicht angenehm ſcheinende Wendung des Geſprächs, fragte nach dem Wohlgefallen des neuen Herrn an dem ererbten Eigenthume und erkältete ſolchergeſtalt bald die Wärme, welche die Herzen der Anweſenden ſeiner Anſicht nach ſchon zu weit geöffnet.— Thomas von Falkenberg war ein Weltmann; Hof⸗ leben und Feldlager waren ihm Schule geweſen, die er nicht unnütz gehabt. Der kurze Zwieſprach hatte ihn tiefer in des Junkers von Dangaſt Seele blicken laſſen, als dieſer wähnte, und der Keim des Haſſes gegen den 43 jungen Mann ſchoß ſofort auf in ſeiner Bruſt, wenn auch ſein Stolz ſich gegen die Anerkennung der Wichtig⸗ keit ſolch eines Nebenbuhlers ſträubte. Aber wie ward ihm, als unerwartet die krankgemeldete, auf morgen erſt angekündete Katharina bei der Mittagstafel erſchien, mit mehr als ſchweſterlicher Traulichkeit den aufjauchzenden Helmod begrüßte! Waren ihre lichtblauen Augen auch noch von Mattigkeit umfloret, die Roſen darunter ver⸗ riethen ein anderes Fieber, als die Krankheit zu erzeugen pfleget. Wie in der Biſchofsſtadt nahm zwar auch jetzt das Fräulein die feurigen Huldigungsworte des Falken⸗ bergers an mit der Schüchternheit, die den Jungfrauen ſo wohl ſteht; aber nur ihr Ohr, nicht ihre Seele ſchien zu hören, und ihre Blicke ſprachen indeß zu deutlich mit dem prunkloſen Geſpielen, wenn derſelbe auch fern am Ende der Tafel ſeinen Sitz bekommen. Der Oberſt biß die Zähne zuſammen, aber er tröſtete ſich trotz ſeines Ingrimms. Wußte er doch, wie die Eltern über ſeine Werbung dachten, konnte er doch auf ſeines Leibes Schön⸗ heit wie auf die Vorzüge ſeines Geiſtes vertrauen, denen der arme biſchöfliche Hauptmann und frieſiſche Kraut⸗ junker nichts Genügendes in die Wagſchale legen mochte; ſo ſpöttelte er ſelbſt zuletzt innerlich über ſeine lächerliche Eiferſucht, meinte bei ſich, er könne Jenem gar wohl die kindiſche Spielerei vergönnen, die ſich ſelbſt hart be⸗ ſtrafen würde am Hochzeitstage des Falkenbergers, ſobald ſie mehr als Kinderei geweſen, und ſo verſetzte er ſich ſelbſt in eine Laune, deren Scherze faſt übermüthig wur⸗ den, ſo daß er vom guten Weinblute erhitzt, zuletzt den Burgherrn bat, um dem Mahle die höchſte Würze zu geben, nun auch den Hofnarren herauf laden zu laſ⸗ ſen, um mit ihm ein ſchalkhaftes Witzgefecht halten zu 44 dürfen, wie er es an manchem Fürſtenhofe ſiegreich be⸗ ſtanden.— Mein wackerer Gaſt, entgegnete Herr Thielo, mit Allem, was ein ritterlicher Hausſtand vermag, kann ich aufwarten. Jedoch den Hausnarren kann ich Euch nicht ſchaffen, und ſtürzte ich meine Geldtruhe rein aus da⸗ für! auch iſt, offen geſprochen, die beißende Schalkheit dieſer armſeligen Kreaturen nie meine Erluſtigung ge⸗ weſen und ich gönne ſie den Hoheiten von Herzen, welche Gefallen an ſolchen um Brod und Wein erzwungenen Witzfunken finden. Ich könnte Euch im ganzen Schloſſe keinen ſolchen Gegner ſtellen, alles iſt ehrlicher Schlag ohne Schärfe, es müßte denn der neunzigjährige Kaſtel⸗ lan die Rolle übernehmen.— Werdet Ihr mich blind machen, Freund? verſetzte der Falkenberger. Was könnte denn jener Zwerg anders ſein, der uns ſo grob und wunderlich aus dem niedrig⸗ ſten Schießloche des Wartthurmes begrüßte, als die Zug⸗ brücke vor uns geſunken! Es war der Hausnarr; der Polenkönig hat ihn nicht kleiner und verkrüppelter. Ich ſehe ihn noch ſtehen im Scharlachröckchen und mit einer höhniſchen Fratze rufen: Nur herein, herein, ihr Herren, mit dem Pfauenſchweife und dem ſtolzen Storchfuße! Glück⸗ lich herein wird nicht immer glücklich hinaus! Wohl be⸗ komme das trockene Bad!— Mit der Reitgerte ſchlug ich nach ihm, da duckte er ſich, rief grelltönig lachend: Weißhütchen iſt ſtichfeſt, und wer nach ihm ſchlägt wird ein Narr genannt! und verſchwand im Thurme. Hätte ſo etwas gegen uns ſich ein anderes Weſen, als der privilegirte Poſſenreißer erlaubt, müßten wir die Sache anders nehmen, und um Züchtigung des frechen Bürſch⸗ leins erſuchen.— — X 45 Der Graf war bei den ſcherzend geſprochenen Wor⸗ ten des fremden Rittersmannes immer ernſter geworden, und der Falkenberger ſpannte die Augenbraunen neugie⸗ rig immer höher, da ihm keine Antwort ward; da zog ein Wehlaut, welcher vom Munde des Fräuleins klang, ſeine Aufmerkſamkeit auf einen Gegenſtand, der ſeine Theilnahme mehr in Anſpruch nahm. Katharine kämpfte augenſcheinlich mit einem Rück⸗ falle ihrer Krankheit, ihre ſchönen Augen ſchienen vom Todeskrampfe umgeben und ſanken zu, ihr Lockenköpfchen bog ſich ſeitwärts zur Seſſellehne, und Alles vergeſſend außer ihr, ſprang die ganze Tiſchgeſellſchaft auf und mühete ſich, der lieben Kranken Beiſtand zu leiſten. Krankheit lieber Verwandten gleicht einer großen Re⸗ genwolke, die den ganzen Familienhimmel ſchwärzt, und wie alles Lebendige in Hütte, Buſch und Feld unter einem ſolchen aufgezogenen Wetter ſtill wird, und in ängſtlicher Erwartung aufblickt, ob der zerſtörende Ha⸗ gelſchlag, der ſengende Blitz aus der dräuenden Nacht fahren wird, oder ob die Hand der Vorſehung ſie gnädig und unſchädlich vorüberführen werde, ſo wagt auch im Krankenhauſe Keiner den harten Tritt oder die unge⸗ ſtüme, lauthallende Rede; eine natürliche Gewohnheit der Menſchlichkeit, die aber das Beklemmende eines ſolchen Aufenthaltes vermehrt, weil ſie an die Stille des Kirchhofs erinnert, deſſen erſte Station das Kranken⸗ lager iſt.— Graf Thielo gerieth in Verlegenheit, wie er ſeine Gäſte unterhalten wollte, da Katharina's verſchlimmerter Zuſtand alle laute Freude verbannte und ſelbſt die Tafel⸗ 46 zeit ovhne Sang und Klang vorüberging. Der junge Herr von Dangaſt ſchien ein Karthäuſer geworden; er ſprach nicht, ließ ſich wenig blicken und verlebte beinahe den ganzen Tag in dem Garten, wo er den Kindern Schlingen und Fallen aufſtellte, um bunte Sangvögel einzufangen, und dann in der Hollunderlaube ſaß, von welcher er vernommen, wie das Schloßfräulein die ſchat⸗ tige Stelle ſchon am erſten Tage für ihren Lieblingsplatz erklärt, und von wo er zu den dichtverhangenen Fenſtern des Krankenzimmers hinaufblicken konnte. Abends ſchlich er in die Zelle des Burgmönchs, der zugleich der Arzt auf Winzenburg war, und erkundigte ſich nach dem Zu⸗ ſtande der Freundin, und ob von dort aus nicht auch manche freundlichſtille Botſchaft hin⸗ und zurückflog, die veiden Theilen Arzenei wurde, hat der verſchwiegene Mönch Niemanden verrathen. Der Oberſt von Falken⸗ berg hingegen ließ ohne Hehl ſeinen wachſenden Unmuth blicken, da die ſtrenge Sitte der Zeit ihm jeden Zutritt zu ſeiner Auserkornen verſagte, und ſeiner Werbung um das liebe Herz eine unzerbrechliche Kette angelegt wor⸗ den. Indeß nützte er dennoch klüglich die Zeit, wurde bei dem Becher mit dem Vater, in einer traulichen Dämmerſtunde mit der Mutter völlig einig, und nach dem Ausſpruche Beider fehlte nur Katharina's Einwilli⸗ gung zu der Krönung ſeiner Wünſche, und in dieſer Ge⸗ wißheit mundete ihm der Wein wiederum beſſer und beſſer; er machte ſich ein Geſchäft daraus, mit dem Stallmeyer die verſäumten Winzenburger Streitroſſe auf der abgelegenen Stechbahn zu tummeln und abzurichten, und einige Male that er mit ſeinem Knechte Ritte in vie Nachbarſchaft oder zu einer der nächſten Städte, wie er ſagte, auf das Geneſungsfeſt der Braut und auf den 147 baldigſt darauf folgenden Hochzeitstag die erſten Vorbe⸗ reitungen zu treffen. Graf Thielo ſann jedoch darauf, ſeine Gäſte pflichtgemäß doch nicht ſo ganz auf ſich ſelbſt zu beſchränken, und ſo ordnete er bald darauf eine Jagd⸗ partie an, ließ das Jagdzeug herrichten, die Treiber berufen, und eines Morgens ritten alle rüſtigen Männer aus den Burgthoren, ſich an der Weidluſt zu ergötzen, zu der die wildreichen, weitgedehnten Forſten verlocken mußten, und Helmod von Dangaſt durfte die Theilnahme nicht verſagen, wollte er nicht den Grund ſeines Trübſinns zugleich aufdecken und ſein liebſtes Geheimniß preis ge⸗ ben. Oede lag das Schloß, als die Hörner der Aus⸗ ziehenden in der nächſten Holzung verklungen waren, langſam ſchlichen die Stunden den Zurückbleibenden, denn den ganzen Tag hatte man für die längſt erwünſchte Ergötzlichkeit beſtimmt. Frau Lisberta ſaß Nachmittags in mütterlicher Sorge neben dem Bett der Tochter, der alte Mönch hatte mit den Frauen gebetet und dann ihnen aus frommen Legendenbüchern vorgeleſen; da mahnte, wie die Sonnenſtrahlen ſchräger fielen und Abendwolken um die ſinkende aufzogen, der Wind, welcher ſtärker gegen die Fenſter ſtieß, Frau Lisberta, daß es Zeit ſei, die beiden Kleinen, welche im Garten waren, zum Veſperbrode rufen zu laſſen, damit nicht auch ſie er⸗ kranken könnten und damit ſie zu rechter Zeit zur Ruhe kämen; und ſie ſandte deßhalb die Zofe hinab, den Aldo und die Apollonia heraufzubringen. Welcher Schreck, welche Felſenlaſt, ja welche Höllen⸗ pein überfiel da die Mutter und alle Hausgenoſſen, als die bleiche Zofe nach einer langen Weile zurückſtürzte und berichtete, daß ſie den Junker und das Fräulein ſo⸗ wohl in jedem Winkel des Schloßgartens, als auf der 48 Stechbahn, in jedem Stalle, ja in der ganzen Burg vergebens geſucht und nirgends gefunden, und das Ent⸗ ſetzen wuchs, als der Kaſtellan ſeine kleinen Urenkel heraufbrachte, welche ſich mit den Kindern im Garten erluſtigt, und die Ausſage der kleinen Elſe, die die Aelteſte war, entdeckte, wie Junker Aldo im fernſten Winkel des Gartens ihnen voran durch den dichtern Buſch gekrochen, und die vom Herrn Helmod dort ge⸗ ſtellten Vogelſchlingen zu durchſuchen, wie da ein freund⸗ licher Mann jenſeits der Mauer geſtanden, der ihnen zugeſprochen und ihnen einen bunten Diſtelfink gezeigt, den er gefangen, auch ein Neſt junger Golddroſſeln ver⸗ ſprochen, das ganz nahe im Buſch ſitze, wie er dann erſt den jungen Aldo über die Mauer gehoben, darnach die neugierige Apollonia, und wie er darauf, das Fräu⸗ lein auf dem Arme, in den Buſch hinuntergeſtiegen. Wir dachten an des Großvaters Verbot und ſtiegen nicht nach, ſetzte das Kind hinzu, auch bekümmerte ſich der Mann eben nicht um uns, und ſchenkte und verſprach uns nichts, und als er nicht wieder kam, ſind wir zurückge⸗ gangen und haben uns von der Baſe das Nachteſſen ge⸗ fordert.— Sie ſind geſtohlen, geraubt, gemordet! ſchrie Frau Lisberta in Verzweiflung, und alle unglücksbegebenheiten der Winzenburg ſtanden ihr vor Augen. Fort, fort! Alles aufgeboten! dem Räuber nach! O rettet mir die armen Küchlein, ehe ſie der Habicht zerreißt, ich ſchenke euch meine ganze Habe, durch die ich ſo noch wenig Freude gehabt.— Der Kaſtellan eilte zuerſt in den Garten; der Platz fand ſich, wie das Kind ihn bezeichnet. Die Bruſtwehr lehnte ſich hier an dichten Wald, welcher den Berg 49 heraufſtieg; die alte Mauer lag halb eingeſtürzt und zertrümmert, ein Uebelſtand, welchen der innere Dickicht bisher den Schloßbewohnern leider verborgen hatte. Kein Zweifel blieb, daß wirklich ein Kinderraub voll⸗ führt worden, und ſo wurde die Nothglocke geläutet, der Thürmer ließ ununterbrochen ſeine Trompete, der Wäch⸗ ter, gegenüber auf dem großen Wartthurm des Kegelber⸗ ges antwortend, ſein ungeheures, furchtbar und weithal⸗ lendes Sturmhorn ertönen, und die wenigen Knechte in der Burg machten ſich ſogleich auf und durchſuchten die nächſten Gehölze.— Die Nothzeichen blieben nicht ohne Wirkung. Zuerſt liefen aus den nächſten Dörfern Landleute herauf an das Schloß; ſpäter trabten mehre Junker von den nach⸗ barlichen Schlöſſern herbei; zuletzt hörte man den hellen Jägerruf der Hörner näher und näher, und Graf Thielo benebſt dem heſſiſchen Oberſt ſprengten auf ſchweißbedeck⸗ ten Roſſen über die Zugbrücke. Feuersnoth oder räube⸗ riſche Beſtürmung der Wegelagerer hatten Alle vermu⸗ thet, doch die Wahrheit, welche ſie fanden, blieb nicht weniger entſetzlich. Des Grafen Empfindungen laſſen keine Beſchreibung zu; anfangs einer Steinſäule gleich, dann einem ausbrechenden Vulkane ähnlich, behielt er doch Beſonnenheit genug, die dienlichſten Anſtalten zu treffen, und der Falkenberger theilte mit ihm jede Sorge, und gewann ſich dadurch Elternliebe voraus. Da der Abend gänzlich eingebrochen, wurden Fackeln und Wind⸗ lichter angezündet, alle Verſammelten mußten ſich wohl bewaffnen, und in zehn Haufen getheilt, jeder einen wackeren Mann an der Spitze, zog man aus, jeder nach beſtimmter Gegend oder auf eine ausgewählte Heerſtraße; mit Laternen und Kienſpänen verſehen, benutzte man Blumenhagen. VIII. 4 50 auch die noch anweſenden Treibleute, um die Holzungen einzuſchließen und nach einem edlern Wilde zu ſpüren, als heute vor ihrem Halloh ſich aufgemacht und zum Schuſſe geſtellet. Die Burg blieb unter des Kaſtellans Schutze mit einem auserleſenen Haufen beſetzt, und ihr verſchloſſenes Eiſenthor ſollte nur auf eine anbefohlene Loſung geöffnet werden.— Hoffend ſahen die trockenen, brennenden Augen der unglücklichen Mutter die Schwärme hinausſtrömen; auf den Boden hingeworfen, ſuchte ſie im Gebete der De⸗ muth Vertrauen zu gewinnen und Glauben an Rettung und Rückgabe ihrer köſtlichen Edelſteine, ohne welche ihr Leben den Werth verloren. Wie horchte ſie durch die Nacht, wenn es rauſchte im Eichwalde, oder die Wind⸗ fahne knarrte am Giebel des Schloſſes! Wie oft wähnte ſie der Kinder Geſchrei zu hören, wenn die Nachtſchwalbe ziſchelnd über den Garten hinſchoß oder die junge Eulen⸗ brut im Wartthurme die ätzende Mutter mit frohem Gekreiſch empfing! Arme Mutter, wer konnte Dich trö⸗ ſten! Auch bei Katharinen ſuchte ſie umſonſt den Muth⸗ der ihr Manches hatte tragen helfen; des Mädchens Kraft war wie erloſchen; heimlich rief ſie das geſpen⸗ ſtige Kind zu Hülfe, welches aber ausblieb; heimlich erinnerte ſie ſich, wie der Spuk ihr das Unheil der Ge⸗ ſchwiſter vorausgeſagt, und machte ſich bittere Vorwürfe, daß ſie die Warnung vergeſſen und die lieben Pfänder nicht ſchärfer hatte bewahren laſſen.— So ging die Mitternacht hin; der Tag brach an, mit ſeinem Lichte den Menſchenmuth neu erfriſchend, den Glauben durch einen Blick in das glühende Morgenroth erſtärkend, und die Hälfte der nächtlichen Angſt von dem gepreßten Herzen wälzend. Aber was half der Tag mit ſeinen Goldſtrahlen? Er beleuchtete nur die leeren Bett⸗ lein der Geraubten, und als nun mit der Frühe ein Schwarm nach dem andern wieder in die Burg zurück⸗ zog, jeder in der Meinung, ein anderer habe den glück⸗ lichen Fund gethan und ihm den Preis vorweg gewon⸗ nen; als auch der Oberſt hereintrabte, zuletzt der Graf ſelbſt, der bis weit über die Stadt Alfeld hinaus ge⸗ weſen und ſelbſt die Städter aufgeboten, allein und als ein verwaiſeter Vater heim kam, als auch ſein troſtloſer Blick bei dem Aufritt zum Thore die Verlorenen ſuchte, und als auch ſeine letzte Hoffnung dahin, und das gren⸗ zenloſe Weh den ſtarken Nacken beugte, und er vom er⸗ ſchöpften, keuchenden Gaule in des Falkenbergers Arme ſank und ſich an der fremden Schulter ſtützen mußte, da ſtieg ein lautes Jammergeſchrei zum Himmel, als wollte es die ewige Gerechtigkeit aufrufen, wo menſchliche Kraft nicht ausgereicht, und ſelbſt die härteren Männer ſtan⸗ den alle blaß und mit geſenkten Häuptern, flüſterten nur leiſe mit einander, und ſelbſt der Thurmwart vergaß ſein Amt, und lehnte ſich nach Innen herein über die Zinnen, da ſein Platz doch den Blick nach Außen forderte, und ſah wehmüthig herunter auf die Trauergruppen im Burghofe. Dem Herrn von Falkenberg legte jetzt das Schickſal die Laſt auf, der Tröſter und Berather da zu ſein, wo aller Troſt und jeder Rath zu Ende gegangen, denn keiner der Zurückgekehrten hatte auch nur die ge⸗ ringſte Spur aufgefunden, und die Schreckensnacht ſchien die Kinder wie ihren Entführer verſchlungen zu haben. Wir dürfen nicht läſſig ſein oder erſchlaffen im Schmerz, ſprach Ritter Thomas in der Halle; umgekommen ſind die Kleinen nicht, ſonſt hätten wir wohl einen Joſephs⸗ rock finden müſſen, alſo geraubt, und darum nicht außer 52 der Welt. Nicht durch Zögerung wollen wir den Vor⸗ ſprung vergrößern, welchen der unmenſchliche Dieb ſo ſchon uns abgewann. Laßt Pferde und Mannen gerüſtet bleiben, aber erſtärkt Beide mit Atzung und einem Stünd⸗ chen Ruhe. Dann brecht wiederum auf und laſſet uns die Nachbarlande durchſuchen, jede Stadt, jeden Fürſten⸗ ſitz auffordern, und ſollten wir bis über die Grenzen des deutſchen Reichs hinausreiten. Gebt Acht, die Fährte des Raubthiers wird ſich bald entdecken. Ich für mein Theil nehme die braunſchweigiſchen Wälder und das Heſſenland auf mich; Ihr durchſucht das Stift bis über Wolfenbüttel und Hannover hinaus, und—— Der Helmod mag die Harzgebirge durchkriechen, fiel der Graf mit möglichſter Ermannung ein; er iſt gewandt, unermüdlich und treu, und dort gibt es viele Schlupf⸗ winkel für ſolch Geſindel. Aber wo iſt er? Ich ſah ihn ſeit geſtern nicht.— Der Herr von Dangaſt iſt nicht in der Burg, auch ſeit geſtern Morgen nicht heimgekehrt, antwortete der Kaſtellan mit eintöniger Stimme.— Auch die ganze Nacht nicht da geweſen? fragte Graf Thielo haſtig.— Wie geſagt, Gnädiger, er hat ſich nicht ſehen laſſen! entgegnete der Greis.— Sonderbar! Er wird doch nicht im Einverſtändniß mit den Räubern? ſtieß der Oberſt hervor.— Wie kommt Ihr darauf? fuhr ſtutzig der Graf auf. Helmod iſt ein redlicher Mann und wie der Sohn in meinem Hauſe geweſen. Und welcher Grund könnte ſolch un⸗ verzeihlichen Argwohn rechtfertigen?— Verzeiht, ſagte Ritter Falkenberg mit ſchlauer Miene, daß ich behaupte, mehr geſehen zu haben in Eurem eigenen Hauſe, als der Beſitzer. Aber ich meine, die 53 Stummheit und das mürriſche Weſen des Junkers habe eine Urſache gehabt, die mit Händen zu greifen.— Wie meinet Ihr das ſo eigentlich, denn ich finde kein Licht in Eurer Rede? fragte, ihn ſcharf anſtarrend, Herr Thielo zurück.— Wenn der Herr von Dangaſt nun Eure Katharina liebte, wenn meine Anweſenheit, meine offene Werbung, Eure deutliche Gunſt den Nebenbuhler zu hoffnungsloſer Verzweiflung gebracht, wenn der Unſinnige den Kinder⸗ raub begangen, um ein Pfand in Händen zu haben, mit dem er Euch zwingen könnte, ihm das Fräulein zu geben, Euch zwingen wollte, mit Katharina's Hand die Geſchwiſter auszulöſen. Er iſt ein fahrender Ritter, denn er hat ſeine Güter veräußert, und wer weiß, welche Geſellen er aus dem wüſten Frieſenlande mitgebracht.— Der Graf griff ſich an die Stirn und ſchüttelte lang⸗ ſam und wiederholt das Haupt. Mährchen! Mährchen! ſprach er wie in ſich hinein. Wie kommt ſolch ein Ge⸗ danke in Euch, ich ſchaudere vor der Erfindung, ſchaudere faſt vor dem Erfinder auch.— Der Oberſt zuckte die Achſeln wie im Mitleid; da wurde es plötzlich gewaltig laut im Hof, der Thürmer ſtieß mehre Male mit Haſt in das Horn, und: Sie kommen! Sie ſind ſchon da! erklang es von zahlloſen Stimmen fein und grob, einzeln und im fröhlichen Cho⸗ rus. Alle in der Halle horchten, Keiner wagte einen Schritt, Jeder fürchtete neue Täuſchung, aber Aller Augen ſtarrten auf die tief herabgehenden Wölbfenſter der Halle, durch welche man den ganzen Vorhof über⸗ ſchauen konnte. Und herein trabte auf ſeinem aſchgrauen Frieſenroſſe der Junker Helmod von Dangaſt, und vor ſich auf einem Sitz von grünen Zweigen hielt er im linken Arme die krauslockigte Apollonia, und hinter ihm ſaß der kleine Aldo, und hatte keck den Leib des ſchlanken Kriegsmannes umſchlungen. Sehr pleich war der Junker Helmod und ſeine rechte Hand hing in der weißen Feld⸗ binde und Blutflecken färbten die Binde wie ſeinen Gems⸗ koller; als aber jetzt das Jauchzen des Volks ihn umtönte, als man die Kinder vom Pferde hob, und ſie von Hand zu Hand gingen, hochgehalten, geherzt und geküßt von Manchem des Geſindes, und dabei der Ruf: Sie ſind gefunden! Sie ſind da! Sind gerettet! immer neu erklang, da färbte auch des Junkers Geſicht ſich mit leichter Freudenglut, ſein mattes Auge wurde heller, er ſah ſuchend auf nach den obern Schloßfenſtern, und ſtieg dann langſam und mit Hülfe der Nächſten von ſeinem Grauſchimmel und ſtreichelte das heiße Thier, und em⸗ pfahl ſeine Sorge einem Reiſigen, ehe er durch das Ge⸗ dränge zur Schloßpforte ſchritt. Lange vor ihm waren, ohne den B oden zu berühren über das Menſchengedräng gehoben und von Hand zu Hand weiter gegeben, die Kinder in den Armen der CSiltern angelangt. Wortlos empfing ſie der Vater, hob jedes auf zu ſich, vrückte es an ſein Herz und flüſterte, mit dem milden Auge den Himmel ſuchend: Dank dem großen Vater! Sie ſind mir ja heute neugeboren!— Die Mutter aber entriß ihm wie im Freudenkrampfe die Lieblinge, und kauerte ſich zur Erde nieder und ſchlug beide Arme feſt um ſie, und preßte ſie und küßte ſie, als hätte ſie beide jetzt erſt vom Himmel zum Geſchenk er⸗ halten, und wollte fie nimmer wieder laſſen aus dem ſichern Reif der mütterlichen Liebe. O wo waret ihr? Wohin verliefet ihr euch, ihr pöſen, böſen Kinder? jammerte ſie. Wie konntet ihr ſo ie 8 1 r= m hr 55 lange von eurer Mutter ſein? Und wo ſchliefet ihr die Nacht, wer hat euch warm gedeckt, und wer hat euch zu eſſen gegeben?— Die kleine Apollonia weinte heftig. Keine Milch war da und kein Bett! ſtammelte ſie. Gib mir, Mütterchen, mich hungert ſo ſehr.— Frau Lisberta that einen Jammerſchrei, und rief nach warmer Koſt; der Graf aber nahm mit einem Schmerzensſeufzer Aldo's Hand und ſprach ernſt: Burſch, ſprich ſogleich, wo ſeid ihr geweſen? Wo habt ihr Nachtquartier gehabt? Rede wahr, ſo ſollſt Du ohne Strafe bleiben.— Vater, wir wollen's nicht mehr thun, nie wieder aus dem Garten ſteigen! entgegnete der kleine Aldo zitternd und ſcheu. Der fremde Mann ſprach ſo freundlich, er ſei der Vogelſteller im Wald und wollte uns ſeine Netze zeigen und das Droſſelneſt; und nachher gab er mir nicht einmal den bunten Vogel, den er ſchon gefangen, ſondern ließ ihn fliegen. Zuerſt war er ganz gut mit uns, bis wir zurück wollten, und Polchen zu weinen anfing, o da ſchalt er und wurde bös und drohete mit Schlägen und wollte uns im tiefen Holze allein ſitzen laſſen. Ach! Vater, ſo bös hatte ich noch keinen Mann geſehen, und wir wurden recht angſt und Polchen hielt ſich ganz ſtill auf ſeinem Arme. Und als wir durch lauter dicken Buſch an den Fluß gekommen, da ſaß ein Schiffer da und in ſeinem Kahne fuhr er uns hinüber, und dann ließ er das Schiff leer und los den Fluß hinabſchwimmen, und jetzt wurde der Wald immer ſchwärzer und die Bäume immer höher und dunkeler, und der Schiffersmann, welcher mitgegangen, meinte, ſie könnten nun dreiſt die Leuchte anzünden, bis der Mond aufgegangen, denn bis hieher reichte die Jagd nicht, und er wollte ſeinen Kopf ſich nicht einſtoßen um die Lumpengeſchichte. Und mit der Leuchte brachte er uns bis an einen großen Baum, o der war dick wie ein Thurm und hohl inwendig, daß wohl ein Reiter drin⸗ nen Platz gehabt ſammt ſeinem Pferde, und da hinein trugen die böſen Männer Laub und Moos, und lagerten ſich mit uns.— Und hungern ließen ſie euch? klagte die Mutter.— Rein, Mutter, antwortete Aldo, ſie boten uns Brod und reichten uns ihre Flaſche; aber das Brod war ſchwarz und ſauer und der Wein ſcharf, und wir mochten auch aus Furcht nicht eſſen, bis der Mond aufging, und der gute Helmod kam und uns abholte; Polchen ſchlief, ich aber ſah es wohl, wie er ſich mit den Männern ſchlug, bis ſie ſtill waren.— Alſo Dein Leben haſt Du eingeſetzt für unſer Glück, herzlicher Burſch! ſprach da der Graf, indem er dem jetzt eintretenden Junker von Dangaſt entgegen eilte und peide Arme um ihn ſchlug. Fordere, fordere viel, recht viel dafür, das Herz in der Bruſt gehört ja Dein von heut, haſt Du es doch von dem Steine frei gemacht, der es erdrückt hätte.— Frau Lisberta aber flog heran, und fiel auf die Knie vor dem ſtaunenden Jünglinge. Himmelsbote, Du Engel mit dem Schwerte, der mein Paradies geſchützt! rief ſie wie außer ſich. Sohn darf ich Dich nicht nennen, denn Du haſt mehr gethan als Sohnespflicht. Lehre mich einen Namen, der die höchſte Dankbarkeit aus ſpricht⸗ lehre mich eine Gabe kennen, die Dir das liebſte Opfer iſt; kann ich ſie nicht bringen ſogleich, will ich ſie er⸗ betteln durch das ganze Reich, bis ich Dir wett ge⸗ macht.— Helmod zog die in Freude verwirrte Frau zu ſich und —— — 57 an ſeine Bruſt. War ich denn nicht längſt wie Euer Sohn? fragte er mit einer innern Seligkeit im matten Ange. Habt Ihr nicht längſt voraus bezahlt, was ich Euch heute geſchenkt? Und kommt doch auch nicht einmal alles dabei auf meine Rechnung.— Der Herr von Falkenberg hatte bis dahin, augen⸗ ſcheinlich mit Neid in den Mienen, den ſtummen Zu⸗ ſchauer abgegehen. Sehet Ihr jetzt, daß ich Recht hatte, lieber Graf, ſagte er, um die Rührſcene nicht zu ihm nachtheiligen Verſprechungen kommen zu laſſen. Der Raub iſt ein gewöhnliches Wegelagererſtückchen unſerer kriegeriſchen Zeit geweſen. Ein paar Schnapphähne, denen der Säckel leer geworden, fiiſchten die Kinder auf. Mor⸗ gen hättet Ihr ein Pergament erhalten, das Euch be⸗ fohlen, einen Löſeſchilling irgendwo hinzulegen, und über⸗ morgen wären die Kinder wieder heim gebracht ohne Schwertſchlag und Blutvergießen.— Ihr irret doch vielleicht, mein kluger Herr Oberſt der heſſiſchen Leibgardiſten! antwortete Helmod mit einem ſcharfen Blicke auf den Unterbrecher.— So erzähle, bat der Graf haſtig, wie ging es zu? Wer waren die Räuber? Wo fandeſt Du ſie? Aber ſetze Dich, Du ſiehſt bleich aus und ermattet.— Ihr wißt, begann der Junker, wie, nachdem wir geſtern Mittags Jagdtafel gehalten, Ihr uns aufriefet, zum Schluſſe des Feſtes jetzt noch den herrlichen Wild⸗ ſtand des Süderwaldes in Augenſchein zu nehmen. Ihr wieſet Jedem ſeinen Jagdplatz an, und beſtimmtet den Ort, wo wir wieder zuſammen treffen ſollten. Mecha⸗ niſch folgte ich auf meinem kleinen Roſſe den drei Jagd⸗ buben, die mir zugetheilt; aber, offen geſtanden, die Weidmannsluſt ſtimmte nicht zu meiner Laune, ſie hatte 58 mich längſt geſättigt; ſo horchte ich anfangs nur zuwei⸗ len auf die anmuthigen Hornlieder, welche die Buben mir voraus ſpielten, doch die wunderſamen Töne wiegten mich nur noch mehr in die Gedanken ein, welche längſt ſchon meine Sinne umgarnet. Nicht lange, ſo fand ich aufblickend mich allein, die Hörner waren verſtummt, kein Gebell der Meute erreichte mehr mein horchend Ohr, und mein Frieſenroß ſchlich bequem auf einem ein⸗ ſamen Fußwege fort und pflückte ſich hie und da einen friſchen Buſch zur Erquickung. Vergebens rief ich, nur das Echo der ſchönen Berge antwortete ſiebenfach; ich fand mich wirklich verirrt und noch dazu in mir völlig unbekannter Gegend. Stundenlang durchkreuzte ich die Holzungen; aus einem Fußpfade, deren ſich viele Dutzende vorfanden, wandte ich mein Pferd auf den audern, der mir dem matten Sonnenſtande nach der beſſere zu ſein däuchte, aber nirgend erſchien eine lichtere Holzöffnung, und wie in einem Labyrinthe mag ich wohl lange im Zauberzirkel umhergeſtreift ſein, Berg auf, Berg nieder, immer verwirrter geworden durch die gewaltigen braunen Felſenſtücke, die oft wie von Rieſenhand hergeſchleudert, mitten zwiſchen den alten Bäumen ſich aufthürmten. Endlich hörte ich das Rauſchen eines Fluſſes, gelangte an ſeine Ufer, und da ich nun einen Abendtrunk hatte für mich und mein Roß, ſo beſchloß ich eine Feldwacht zu halten, die Nacht zu ruhen und morgens am Waſſer hinab zu reiten, da der Fluß mich gewiß zu Menſchen bringen mußte. Mühſam ſchöpfte ich Waſſer in meiner Pickelhaube, weil die Ufer des Fluſſes hoch waren und dicht bebuſcht, hatte mich dann niedergelegt im wachſen⸗ den Dunkel, konnte jedoch den Schlaf nicht herauf be⸗ ſchwören, und der Mond„der zwiſchen zwei Bergkuppen heraufſchritt und ſeine Strahlen über das rauſchende Waſſer hin warf, fand mich wach und munter. Da raſſelte es im Uferbuſch und ein Kind ſtand unerwartet vor mir, ein kleiner Bude im rothen Rocke und hellen Hute.— Weißhütchen! flüſterte Graf Thilo erſchreckend.— Der Knabe trat mich ängſtlich an, fuhr Helmod fort, den Ausruf überhörend, und bat um Hülfe.— Die Kinder von der Winzenburg ſind entführt, ſprach er mit Haſt, jenſeits des Leinefluſſes iſt der Verſteck ihrer Räu⸗ ber. Haſt Du Muth, ſo ſäume nicht, und bringe dem Fräulein die geliebten Geſchwiſter zurück.— Ich ſprang auf, und wollte verwundert mehr wiſſen, das Bübchen aber drängte mich und brachte mich zu einem niedern uferplatz, bezeichnete mir die ſichere Stelle zum Durch⸗ ſchwimmen für mein Roß, ſchwang ſich auf einen Felſen⸗ plock und meinte, es wolle mit hinüber hinter dem Sattel, und der ſchmale Buſchweg, der drüben deutlich ſich zeige, würde uns alsdann gerade zu dem Räuberneſte führen. Ich ſaß auf, federleicht war der Knabe ſogleich hinter mir auf dem Roſſe, und das kräftige Thier brachte uns glücklich hinüber. Aber jenſeits angekommen, ſah ich mich vergebens nach meinem kleinen Begleiter um, er war fort, und in dem Gedanken, das Kind ſei vom glatten Roſſe in den Strom geglitten, ſprang ich er⸗ ſchreckt ab und forſchte im Waſſer und überall. Nirgend war eine Spur von ihm, das Waſſer floß ſtill; der Mond ſah ſtill herab; kein Angſiſchrei, kein Geräuſch in den Fluten zu hören; nirgend ein auftauchendes Klei⸗ dungsſtück oder Menſchenglied ſichtbar. Ich kehrte zu dem Fußpfade zurück, befangenen Sinnes durch das Er⸗ fahrene, doch nicht lange unentſchloſſen. Das Holz ſchien 60 niedrig, der Fußpfad führte gerade hinein, jedoch war er verwachſen und der Boden ſteinicht; ſo knüpfte ich den Zügel meines Aſche an den erſten krummen Buch⸗ baum, und Jagdſpieß und das leichte Schwertchen in den Händen ſchritt ich umſichtig und überall die Merk⸗ male am Wege beachtend, dem rauhen Pfade nach. Ein feines Licht ſchimmerte jetzt im Gebüſch, das ſich dann bald in einen lichtern und begraſeten Platz öffnete, wo nur einzelne Urbäume ſich ausbreiteten. Dem Fünkchen vor mir nachgehend, welches vor dem Mondlichte, das hier lebhafter glänzte, oft unſichtbar wurde, erſchreckte mich auf einmal der Anruf einer groben Stimme, und zugleich fühlte ich die Schneide eines ſcharfen Eiſens in meinem rechten Arme, und empfand am Schmerze und der Gewalt des Stobes, hätte ſie die Bruſt getroffen, würde mein Geſchäft geendet geweſen ſein. Zwei dun⸗ kele Geſtalten fielen mich an, geübte Kämpen, wahrlich eines beſſern Gewerbes würdig; der Kampf war ſo ge⸗ fährlich wie verzweifelt, doch die gerechte Allmacht ſtand neben mir, ein glücklicher Stoß des Speers warf den erſten der Feinde zu Boden, mit dem kurzen Jagdſchwerte gelang es mir ſpäter den zweiten in den Schenkel zu treffen, daß er einbrach, meine Linke ihn faſſen konnte, und der Gnadenſtoß ſeine Gurgel zerſchnitt.— Gelobt ſei Gott! rief der Graf aus mit freiem Athem? Aber wo fandeſt Du die Kleinen?— Schon während des Kampfes hatte ich ein Rufen und ein Gewimmer vernommen, entgegnete der Junker; jetzt da ich mich verſichert, daß die Gegner zunichte, und als auch der Speergetroffene ſein letztes Sterbewort von ſich geſtoßen, horchte ich und ging den Tönen nach. 61 Das Lichtchen wurde größer, am Rande eines hohlen Baumſtammes fand ich eine Laterne, und die vor Angſt halbtodten Kinder daneben. Das Uebrige ſagt Ihr Euch leicht ſelbſt. In meinen Armen wurden die Kleinen bald dreiſter und beruhigt. Wache ſtand ich vor der Baum⸗ höhle, horchend auf jedes Geräuſch im Walde, immer Speer und Stahl zur Hand, obgleich der feſtumwundene Arm ſtark geblutet hatte und arg ſchmerzte, und ich nicht hoffen durfte, einen neuen Feind ſo glücklich be⸗ zwingen zu können. Der Morgen kam endlich ſehnſüchtig herauf gebetet! Aldo trat rüſtig voran, Apollonia trug mein linker Arm; ſo gelangten wir zu meinem Pferde, und einem Fiſcherpfade am ufer folgend, erreichten wir zuletzt die freiere Gegend und eine Brücke, und ſahen nicht lange darauf den dicken Wartthurm des Kegelber⸗ ges vor uns, welcher mir die Sicherheit der Schätze, die ich wiedergefunden, verſprach.— Sie gehören Dir wie mir von heut, ſprach Thielo, ihn nochmals umarmend; das Vaterrecht wie die Vater⸗ freuden ſollſt Du theilen. Du biſt ein Glied meiner Familie geworden; gehörteſt Du doch eigentlich ſchon längſt dazu. Und nun, Kaſtellan, öffne Keller und Küche; die Winzenburg ſoll heute ein Feſtplan werden, wie er noch nicht im Stifte geſehen. Nachbarn und Jägersleute müſ⸗ ſen die laute Freude theilen, und dabei die Strapazen dieſer grauenvollon Nacht vergeſſen. Laſſet die Wächter auf beiden Thürmen Jubelgeſang blaſen, daß ein Jeder herangelockt werde, der im Gau Sinn hat für einen Ju⸗ beltag! Du, mein Helmod, ruhe aus hier noch eine Weile, ich ſende für Deine Wunde den Schloßmönch. Katharina ſchickte ſchon zum zweiten Male die Zofe; Mutter hinauf zu ihr mit den Geſchwiſtern; auch die Kranke hat unſere Angſt getheilt; der Anblick der Geretteten wird ihr ein Heiltrank werden. —— In tiefes Sinnen verſunken, die Augen auf den Stein⸗ boden der Halle ſtarr geheftet, hatte der Junker Helmod eine kleine Weile dageſeſſen, indeß ſich die Hörer um ihn nach und nach verliefen. Da rief ihn die Stimme des Oberſten von Falkenberg aus ſeinen Gedanken auf. Ihr habt dieſe Nacht ein großes Loos gezogen, Herr von Dangaſt, begann der Ritter, wenn mir auch Man⸗ ches Eurer Mähr nicht ganz deutlich geworden, und Vieles darin klingt wie Teufelsſpuk, vom Ammenmunde erzählt. Ich wünſche Euch Glück zu dem Gewinn, mö⸗ get Ihr auch dazu gekommen ſein auf ſonderbare Weiſe⸗ Der brave Schloßherr kennt die Welt nicht wie wir Hofleute, und ahnet nicht, daß ſo etwas auch natürlich zugehen kann, ſpielt man nur dreiſt und liſtig derlei Ko⸗ mödia. Was ich für mein Theil denke, will ich bei mir behalten, wenn Ihr anders veſcheiden ſeid, und wenn das Glück, was Ihr ſo klug gewonnen, Euch nicht ſchwindlich macht, Eure Wünſche hochfahren zu laſſen und die Dankbarkeit der Familie nicht auf falſche Art zu benutzen. Denn das ſage ich Euch hiemit, mein Herr von Dangaſt, ſollte ich mehr ſolcher Blicke ertappen, die nach dem Preiſe zielen, den ich mir erkor, ſo werdet Ihr des Evelfalken Klaue fühlen, der keinen geringern Stoß⸗ vogel in ſeinem Revier duldet und neben dem Horſt, den er ſich zum Neſte erwählt.— Langſam erhob ſich der Junker von Dangaſt von ſei⸗ nem Seſſel, ſtellte ſich gerade vor den Falkenberger, und ſchauete ihn einige Augenblicke mit ſeltſamem Ausdrucke 63 und durchdringend an, daß der Angeblickte einen Schritt betroffen zurücktrat. Mein Herr Ritter Thomas, antwortete alsdann der Junker mit ſcharfer Stimme, Ihr ruft mich jetzt gleich zu einer Pflicht auf, die mir obliegt. Ja, es iſt noch Manches für Euch in meiner Geſchichte, das mich drängt, es in Eure Kunde zu bringen. Es iſt noch Manches dabei, was Euch deutlich werden muß; doch befiehlt mir mein Herz, es Euch geheim anzuvertrauen, wobei ich vergeſſen will, daß Eure Rede ſo eben nicht ganz wie ſich's geziemet vom Ritter zum Ritter erklang, und in ihrer räthſelhaften Verwebung faſt eine Beleidigung oder Ausforderung durchblinkte. Wir ſind jetzt unbeachteter als wir ſpäterhin ſein möchten, auch muß das abgethan ſein vor dem Feſte. Darum folgt mir zum Garten; wenige Minuten werden uns verſtändigen, und Eure feindſeligen Worte werden ſich in ſtummen Dank verwandeln.— Der Junker ging ohne Antwort zu erwarten voran aus der Halle, und die Zähne zuſammenbeißend folgte ihm der Oberſt von einer Erwartung gereizt und beun⸗ ruhigt, welche ihm die Lippen verſchloß.— Den weiten Burghof füllten noch die durcheinander laufenden Menſchen, welche die Ereigniſſe der Nacht im Schloſſe verſammelt. Der Kaſtellan ſchritt in dem Ge⸗ tümmel herum, und ſuchte die Edelleute aus der Nach⸗ barſchaft heraus, welche hie und da zuſammen ſtanden, und ſich über den Vorfall beſprachen, und jetzt von dem Greiſe herzlich im Namen des Herrn in den Trinkſaal und zum Mahle geladen wurden. Das Geſinde flog über den Hof, die Befehle der Hausfrau zu erfüllen. Die Jagdbuben und Bauern räumten das hingeworfene Jagdzeug fort und fingen die ungekoppelten Rüden ein; 64 und die Knechte machten ſich an die vielen noch unor⸗ dentlich an Pfeiler und Mauer gebundenen Roſſe, be⸗ gannen ſie abzuſchirren und in die Stallungen zu vertheilen. Mehre dieſer Leute hatten den Gang der beiden Ritter zum Eiſengatter des Schloßgartens wohl bemerkt, und von ihnen waren dem Junker von Dangaſt freundliche Grüße zugerufen worden. Aber die Aufmerkſamkeit aller noch im Burghofe Anweſenden wurde nach einer kurzen Friſt aufgerufen und aufs Höchſte geſpannt, als man unerwartet auf einmal von der Gartenſeite her ein Angſtgekreiſch vernahm, dann plötzlich der gellende Ruf: Mörder, Mörder! Fanget den Mörder! wie von einer feinen Kinderſtimme erſchallte, und ſich wie durch den Wiederhall zu vervielfachen ſchien, ſo daß er überall und rundum aus jedem Thurmloche und jedem Fenſter er⸗ klang, und ein Dutzend gleichklingende feine Stimmen ſich zu demſelben Nothrufe vereinigten, ohne daß ein Auge der Erſchrockenen und überall umher Suchenden irgend einen der Mordſchreienden zu entdecken vermochte. Aber das Erſtaunen der Burgleute und verſammelten Fremden ſollte den höchſtmöglichen Gipfel erreichen; denn mitten unter dem gellenden Geſchrei wurde das Eiſen⸗ gatter der Pforte, welche zum Garten führte, heftig auf⸗ geriſſen, und heraus ſtürzte der Ritter Thomas von Fal⸗ kenberg. Sein Haupt war entblößt, die wilden Locken flatterten im Zugwinde; das lange Schwert blinkte in ſeiner Rechten, wüſte Leidenſchaft entſtellte ſein ſchönes Geſicht und die Augen blitzten und rollten furchterregend. Alles wich vor ihm zurück. So eilte er zu ſeinem noch geſattelten Türken, ſchwang ſich in den Sattel, drückte dem Thiere die Sporen ein, und galoppirte dem Burg⸗ thore zu. 65 Da ſah man aber ein wunderbares Ereigniß. Die Zugbrücke nämlich ſchwankte und es war, als wenn eine unſichtbare Hand ſich mühete an den Ketten, um die Brücke aufzuziehen und dem flüchtigen Reiter den Ausweg zu verſperren. Jedoch ſchien das dicke Bohlenwerk der unſichtbaren Hand zu ſchwer, die Ketten raſſelten nur, die Brücke ſchwankte nur, aber plötzlich erſchien mitten auf derſelben eine Kindergeſtalt im Scharlachrocke, mit einem zarten aber leichenblaſſen Köpfchen, und breitete beide Arme aus, als wollte ſie das ſchwarze Feuerroß aufhalten, und der Klageruf: Mörder! klang ſchrillend aus dem Munde der Erſcheinung. Und der arabiſche Rabenhengſt, ſchon unruhig geworden durch das Ketten⸗ geraſſel und die Bewegung der Brücke, rollte die Augen, ſtämmte trotz des Ritters ſtachelndem Sporn die Vorder⸗ hufe feſt in die Bohlen, bäumte ſich dann ſcheu vor der ſchimmernden Geſtalt hoch auf, drängte ſeitwärts hin vom Zügel geriſſen, und ſchlug vom Rande der Brücke ſammt ſeinem Reiter hinab in den tiefen, in die Felſen gehauenen Graben, daß das Gekrach des Sturzes alle Herzen zerſchnitt, und Alle zur Hülfe heran eilten, ſo⸗ bald die geſpenſtiſche Kindergeſtalt auf der Brücke wie in Nebel aufgelöſet verſchwunden war. Man ſtieg ſchleunigſt hinab in den Schloßgraben und hob den Verunglückten auf. Der türkiſche Hengſt hatte das Genick gebrochen; unter dem Thiere zog man den Oberſt hervor, gräßlich zerſchellt und aus vielen Wunden blutend; am ſcharfen Geſteine war ſein Kopf zerſchla⸗ gen, und ſein eigenes nacktes Schwert, das im Sturz ihm entfallen, hatte die unſichtbare Nemeſis ihm durch den Leib geſtoßen. Wie der Beſinnungsloſe herauf ge⸗ bracht worden, ſtürmte auch Graf Thielo aus dem Hauſe, Blumenhagen VIII. 5 66 die Urſache des neuen Nothrufes und der neuen Ver⸗ wirrung zu erkunden. Aber kaum hatte er ſich mit Ent⸗ ſetzen dem blutbegoſſenen Gaſte genähert, ſo hörte man wiederum ein Geſchrei um Hülfe von dem Garten her; die Stimme traf zu deutlich das Vaterherz, mit einigen Dienern eilte er ihr nach und fand im Garten ſeine Katharina ohnmächtig hingeſtreckt über den Körper des edlen Junkers von Dangaſt, der athemlos und einem Todten gleich in dem nächſten Laubengange, den des Grafen Fuß betrat, hingeſtreckt da lag. Wie ſchon erzählt worden, folgte der ſtolze Thomas von Falkenberg dem Junker Helmod nach deſſen Auffor⸗ derung in die Gebüſche des Schloßgartens. Wird's nun? fragte der Oberſt ungeduldig, nachdem ſie dort ange⸗ kommen, und der Junker zauderte und nachzuſinnen ſchien, wie er die nöthige Rede am beſten einkleiden möchte. Ihr ſehet, Herr von Dangaſt, ich bin ein nach⸗ giebiger Mann, und thue mehr als ſich geziemet, da ich mich hieher locken laſſe, um Euch anzuhören. Habt Ihr eine Bitke an mich, ſucht Ihr etwa eine Anſtellung bei dem Landgrafen, um ſchnell und ehrenvoll aus dem Be⸗ reiche dieſer Burg zu kommen, wo Ihr nach dem Un⸗ möglichen Euch ſehnet und abquält wie das Kind, wel⸗ ches den Mond herabfordert, ſo will ich unter den vorhin ausgeſprochenen Bedingungen mich freundlichſt gegen Euch beweiſen.— Des Junkers geſenktes Auge erhob ſich jetzt raſch und haftete wie verwundert in des Falkenbergers Feuerblicken feſt. Nicht von mir iſt die Rede, verſetzte Helmod mit ſtarker und ſtrenger Stimme, ſondern von Euch, Herr Oberſt, von Er allein.— 67 Von nir? Wie könnte das? Wie käme etwas mich betreffend auf Euren Mund? erwiderte der Falkenberger verächtlich, doch ſichtlich ſtutzend.— Ich habe einen guten Rath für Euch, fuhr Helmod fort, nicht ohne Schärfe im Tone, der darin beſteht, ſo raſch und ſo unbemerkt als möglich dieſes Schloß zu verlaſſen, beſonders ehe denn das Rettungsfeſtmahl be⸗ ginnt, und mir zuvor zu geloben, in Zukunft nie wie⸗ derum dieſes Gaues Marken zu betreten.— Des Ritters Antlitz glühete auf wie ein Feuerofen, ſeine Augen wurden Mordfackeln und ſeine Hände ballten ſich. Jünkerchen, rief er, hat Euch die ſchlafloſe Nacht das Hirn verdorben, daß Ihr Tollheiten faſelt? Bei meinem Schild, ſähet Ihr nicht ſo jämmerlich, das Spaß⸗ wort möchte Euch auf der Stelle theuer werden.— Ihr wollt mich nicht verſtehen, antwortete Helmod, nennt mein Zartgefühl Tollſinn, meine Schonung Nar⸗ rethei. Gut denn, ſo ſpreche ich es aus vor Euch: Ihr, der mit Ehre und Ritterſinn prahlende Thomas von Fal⸗ kenberg, Ihr waret der Räuber der gräflichen Kinder.— Der Oberſt ſchrack zuſammen, er war erſchüttert bis in der Gebeine Mark, das ſah man für einen Augen⸗ blick ihm an. Aber ſchnell geſammelt, loderte die alte Höllenflamme wieder auf in ihm. Verleumder! ſtam⸗ melte er mit zuckenden Lippen. Herein in das Schloß, Rede ſtehen ſollſt Du mir vor der ganzen Familie. Willſt Du, liſtiger Fuchs, die Laſt auf mich werfen, welche Dein Gewiſſen drückt? Habe ich Dir's nicht abgemerkt, daß Du die Komödie dieſes Raubes ſpielteſt, um Dir einen goldenen Stein im Brett dieſer Familie zu ge⸗ winnen? Aber Deine Liſt geht an meiner Klugheit zu Grunde; Du haſt Dich ſelbſt in das Vederben geworfen. 68 Erſt ſtehe mir Rede' vor den verſammelten Edelleuten des Gaues, dann ſoll mein Schwert Dich ſchlachten in der Stechbahn.— Ruhig ſtand der Junker vor dem Tobenden da. Wie auch die bunte Schlange ſich ringelt, ſie entkommt mei⸗ ner Hand nicht, ſagte er. Wollet Ihr Beweiſe vor dem Gerichte dieſes Gaues; wohl, ich habe ſie. Wollet Ihr Gottesgerichtskampf; wohl, ich bin bereit dazu, ſobald mein Arm wieder geheilet ſein wird. Es ehret mich, ein Streiter der Unſchuld zu werden und Gottes Rache⸗ engel zu heißen, wie jeder ächte Rittersmann wünſchen müßte. Aber noch einmal und zuletzt warne ich Euch, rufe ich Euch zu: Fliehet, und ich werde ſchweigen!— Als der Knecht, den mein Jagdſpieß traf, ſich wimmernd an dem Eiſen wand wie der Falk am Todespfeile, da trat ich zu ihm, ſetzte mein Schwert an ſeine Gurgel und forderte Geſtändniß. Er bekannte auf Euch, Herr von Falkenberg; Ihr hattet ihn gedungen, Ihr und der ſaubere Vetter Dippold; Ihr wolltet die Kinder in die Harzberge bringen laſſen, ich ſchaudere, wenn ich ge⸗ denke, in welche Mörderhöhle oder Zigeunerkluft und wozu vielleicht. Mitleidig wollte ich dem reuigen Böſe⸗ wichte das Leben friſten, wollte ihn hegen als Zeugen gegen Euch. Als ich aber den Speer aus ſeinem Leibe zog, ſtrömte das Blut ſo arg nach, daß er ſein Leben ſchnell und ſchmerzlos verhauchte.— Alſo todt iſt der Zeuge? fiel der Ritter haſtig ein.— odt der Zeuge, jedoch das Zeugniß ſteht feſt, ant⸗ wortete kräftig der Junker. Mit mir erkannte der kleine 3 Aldo im Todten den Knecht, der hinter Euch einritt in dieſe Burg; hier dieſen Fetzen von Eurer Feldbinde nahm ich mit von ihm und barg ihn unter meinem 69 Koller, ebenfalls dieſes Schveiben an den Grafen Dippold von Aßel, dem Vetter Thielo's, welches ich bei dem Räuber fand; es iſt unerbrochen bis jetzt, aber Euer Wappen pranget deutlich auf dem Siegelwachſe. Soll ich es erbrechen laſſen von dem Schloßherrn und den verſamelten Edelleuten?— Teufel, Teufel und dreifacher Teufel, haſt Du denn die ganze Hölle mitgebracht gegen mich und Dir zur Kumpanſchaft? raſete der Falkenberger, indem er ſein Schwert aus der Scheide riß. Aber es ſoll Dir nicht gelingen, über meinen Sturz zu triumphiren, Du bart⸗ loſer, armſeliger Gegner. Zieh' und wehre Dich; denn bei den Gewalten der Finſterniß ſei es geſchworen, nur Einer von uns gehet von hier lebend und aus dieſen dunkeln Büſchen in das Schloß zurück.— Ihr ſeid blind vor Schrecken und Furcht, Herr Ritter, entgegnete der Junker, faſt mitleidig lächelnd; Ihr ſehet nicht, daß ich mein Schwert in der Halle gelaſſen; ver⸗ geſſet, daß mein Arm wund iſt und ohne Macht zum ritterlichen Kampf. Darum wählet das Beſſere und Nothwendigere, und helfet mir von der böſen Anklage gegen Euch, die ich, bei dem ewigen Gott! nur ungern unternehme.— Ja ich wähle das Beſſere und Nothwendigere! knirſchte der Oberſt. Fahre denn hin, Du alberner Fant, der geckiſch träumend durch die Welt ging! Fahre hin, und klage mich an bei den Todten, die ſtumm ſind und nicht weiter erzählen.— Und indem er dieſe Worte hafiig hervorſtieß, ſchmetterte ſein ſchwerer Stahl hernieder auf das Haupt des Jünglings, daß der Jagdhelm in Stücken ſprang und der getroffene mit einem Wehlaut leblos nie⸗ dertaumelte auf den Raſenboden. 70 Mit einem ſichern Griffe nahm der Falkenberger dann gewaltſam die Feldbinde des Knechts und den Brief aus der krampſicht geſchloſſenen Hand des Geſchlagenen, und barg beide Verräther in ſeiner Schärpe. Als er jetzt aber ſogleich umherſah, und ſchon auf eine ſchlaue Lüge ſann, die urſache des Streites vor den Schloß⸗ leuten zu verkappen, da gewahrte er Fräulein Katharina, im Lindengange herabeilend und hörte ihr Angſtgeſchrei, da tönte mit einem Male neben ihm, über ihm, vor ihm, hinter ihm, den Strafruf:„Mörder!“ wie von tauſend Stimmen in die Lüfte geſtoßen, da verließ ihn Beſonnenheit und ſeine ſtolze Weltklügelei. Iſt die Hölle los? Stehen die Erſchlagenen auf? ſchrie er, und von den Krallen einer jetzt zum erſten Male empfundenen Todesangſt gepackt, ſtürzte er hinaus, warf im Hofe Jeden, der ihm in den Weg lief, zur Seite, beſtieg ungeſtüm das rettende Roß, und fand ſo ſein Ziel, ehe er noch den Burgbann, in dem er gefrevelt, verlaſſen konnte.— — War es doch, als wenn alle Feſte ſich in Jammer verwandeln ſollten, ſeit der neue Gutsherr die herrliche Winzenburg in Beſitz genommen hatte. Grauenvoller noch als das erſte Freudenmahl wurde die beabſichtigte Rettungsfeier zerriſſen, ehe denn ſie begonnen. Ein pa⸗ niſcher Schrecken kam bei dem Anblicke des gräßlich zu⸗ gerichteten Falkenbergers über die Fremden, und als man die beiden lebloſen jetzt ebenfalls aus dem Garten in das Schluß trug, da erinnerte ſich Mancher an das blutige Ende der Familie Hermanns, da gedachte man des Gerüchts vom umgehenden Burggeiſt, da trieb der 71 eben ſelbſt geſehene und gehörte Spuk auf dem Hofe und auf der Brücke die Haare zu Berge, und die Gäſte verließen einer nach dem andern das Schloß, die Land⸗ leute zogen wie flüchtig den Berg hinab, und bald wur⸗ den die Höfe und Hallen leer, als wäre Acht und Aber⸗ acht über ſie geſprochen worden. ⸗ Auch wir müſſen fort, morgen fort! ſprach der Graf Thielo zu Frau Lisberta am Schragen, auf den man die peiden Lieben aus dem Garten gelegt. Was iſt Reichthum ohne Frieden? Fluch und Blutſchuld haftet auf dieſen Gütern, und darum wollen wir uns eine Hütte bauen im Thale, im Dorfe Freden oder wo es anders ſei, und wollen dieſe Steinmaſſen den finſtern Gewalten, die in ihnen herrſchen, überlaſſen.— Frau Lisberta faltete ſtumm die Hände und beugte ſich über ihr blaſſes Mädchen. Katharina erholte ſich zuerſt, und als ſie ihren Liebling neben ſich in ſolch traurigen Zuſtande ſah, machte der Schmerz ſie ſtark und weckte alle geſunkenen Lebensgeiſter; ſie richtete ſich kräftig auf, bedeckte mit Küſſen Helmods Mund, und rief ohne Scheu den Geliebten mit allen Namen, welche Liebe erfindet und Zärtlichkeit diktirt. Und die Beſchwö⸗ rung drang in die Tiefe des Todesſchlummers; von dem Engel ſeines Lebens erweckt, ſchlug auch der Junker die Augen auf, und der Wechſel ſeiner gramvollen Lage mit der Gegenwart, in welcher er ſich fand, und die er faſt nicht zu hoffen gewagt in ſeinen kühnſten Träumen, wirkte auf ihn wie ein Zaubertrank, und der Geiſt be⸗ zwang die eigene Schwäche wie die des Körpers, und er umfing die Jungfrau feſt und ſah ſcheu auf den Va⸗ ter, und ſtammelte dabei: Nur einen Augenblick laß ſie mir ſo, Vater, dann will ich freiwillig entſagen und in 72 ewiger Treue auf das beſſere Jenſeits hoffen, deſſen Thore mir ſchon offen ſtanden.— Die Mutter umfing Beide mit lautem Schluchzen, der Graf ſtreckte wie ſeg⸗ nend die Hände aus, aber bevor er aus der gepreßten Bruſt Worte herauf holen konnte, fühlte er ſich hinter⸗ rücks angeßt, und als er umſah, ſtand der lange, eis⸗ graue Kaſtellan hinter ihm mit dem fahlen Grabgeſicht, und bat ihn, ſchleunigſt zu dem ſterbenden Ritter herab zu kommen, der mit Todesangſt ſeiner warte.— Der Graf warf noch einen ſorgenden Blick auf ſeine Kinder, als er aber keine Gefahr mehr ſah, auch der Leibknapp, welcher um Helmod beſchäftigt geweſen, erklärte, der Schlag, welcher den Helm geſprengt, habe keine Wunde gegeben, ſondern der Junker ſei nur durch die gewaltige Wucht des Hiebes in Betäubung geſunken, da folgte er dem Greiſe hinunter, wenn auch nicht ohne widerwär⸗ tige Empfindung. In dem prunkloſen Gemach, welches zunächſt an der Pforte der Kaſtellan bewohnte, fand er den ſterbenden Ritter auf dem Bette des Greiſes, unter der Aufſicht des Burgmönchs, der mit ernſtem und fin⸗ ſterm Antlitze ihm zur Seite ſtand. Wie verändert war der ſtolze Rittersmann. Alle Blüte war aus dem ſchö⸗ nen Antlitze entwichen, der Glanz der ſiegenden Augen war erloſchen, und wenn auch der Schmerz den Mund zuweilen verzerrte, ſo lag doch ſo viel Reue mit Ver⸗ zweiflung gepaart in den Zügen des Verunglückten, daß bei dem erſten Hinblick das Mitleid der Eintretenden ſich verdoppelte.— Ihr habt mir einen wackern Arzt geſandt, ſprach er mit matter Stimme, und hob die rechte Hand, das ein⸗ zige Glied, das ungebrochen geblieben an ihm, dem Grafen entgegen; er hat den Leib aufgegeben und der 73 Verweſung verfallen erklärt; aber die Seele gibt er nicht auf, will ſie retten vor Verdammniß, wenn ich die Buße erfülle, die Buße des offenen Bekenntniſſes mei⸗ ner Sünden, die einzige Buße, die mir übrig bleibt. So höret denn und erſtarret, und verwünſcht mich und ſendet den Fluch mir nach: Ich war der Mörder Her⸗ manns und der Gräfin Emma von Winzenburg.— Mit Entſetzen erbebte Graf Thielo und ſein Fuß wandte ſich und wollte zum Eingange zurück; aber der Burgmönch ſprach feierlich: Bleibet, Herr, und hört das Bekenntniß, und beugt Euch vor dem unſichtbgren Rächer verborgener Miſſethat, deſſen Sonne in jede Falte der Seele dringt und der den trotzigſten Sünder ſchlägt wenn ſeine Zeit kam.— Der Graf ſetzte ſich erſchöpft und hörte die Erzäh⸗ lung des Falkenbergers an, welche zwar oſt unterbrochen wurde, oft unzuſammenhängend klang, ſo wie die Folter unſäglicher Schmerzen neuerdings ſtieg, oder die Fieber⸗ glut das Hirn des Leidenden verwirrte, wo dann der Mönch durch Labetränke oder belebende Tropfen dem Büßenden beiſtand, damit er vollenden konnte. Der Inhalt des Geſtändniſſes ergab folgende Schauer⸗ mähr. Als Graf Hermann, unmuthig über die verlorne Hoffnung auf Leibeserben und außerdem nicht gar glück⸗ lich im Eheſtande mit einer dünkelvollen, herzloſen Gat⸗ tin, außerhalb ſeines Schloſſes Zerſtreuung und Freuden ſuchte, lernte am Hofe des Landgrafen der Oberſt von Falkenberg ihn kennen, und ward bald ihm ein lieber Geſellſchafter und Luſtgenoß, da Beide faſt gleiche An⸗ ſichten von Lebenszweck und Lebensgenuß in ſich hegten. Schmaus und Jagd und Tanzgelag wurde von ihnen ge⸗ theilt, von einem Schloſſe zogen ſie zum andern, und 74— die Veränderung ward der Götze, dem ſie opferten. So lebten ſie auch eine geraume Weile auf dem Schloſſe einer begüterten Edelfrau am Haubenberge, welche Wittwe war, für die ſchönſte Dame des Landes galt, gern den Zauber ihrer Reize benutzte, ſo zur Pflege ihrer Eitel⸗ keit wie ihres Vergnügens. Der Falkenberger warb heimlich um ſie und nicht hoffnungslos, wie ſein Dünkel wähnte. Da fand er einſtens den Grafen von Winzen⸗ burg in ihren Armen, kein Zweifel blieb ihm übrig, er wußte ſich verſpottet, betrogen, geäfft, wußte den Neben⸗ vuhler aufs Höchſte beglückt, und mußte die Erkorene noch dazu als eine Sünderin arger Art, als eine Selbſt⸗ mörderin ihrer Ehre erkennen. Der Weltmann verſchloß das kochende Gift in das enge Gefäß ſeines Herzens; ungeſehen zog er ſich von dem Schauplatze der Entdeckung zurück, keine finſtere Miene, kein ſcharfes Wort verriech den Haß und die kochende Rachſucht; aber heimlich ſchwur er Tod dem Räuber ſeines Glückes und ſeiner Liebe, und lechzte lange nach Gelegenheit zur Ausführung ſeines Vorſatzes, da mit jeder hinſchleichenden Woche die Rachſucht wuchs und ihren Kerker, immer höher gährend, zu zerſpren⸗ gen drohete. Endlich kam die ſchwarze Stunde, unver⸗ hofft, ohne daß er ſie bereitet. Die Hoffnung auf einen Erben, die den Grafen Hermann zu Hauſe überraſchte, machte ihm jetzt auch ſeine Burg wiederum lieb; was er in der Fremde genoſſen, bezahlte er mit hohen Zinſen wieder im eigenen Schloſſe; Feſttage jeder Art folgten ſich, und zu dem glänzendſten wurde auch der Oberſt von Falkenberg geladen. Das ſchien ihm Schickſalsruf, und nach einem Abende, wo die Gaſterei bis in die Nacht gedauert und Wirth und Gaſt die Schätze des Schloß⸗ 75 kellers im Uebermaße genoſſen hatten, verbarg er ſein Geſicht mit der Binde, hüllte ſich in den Reiſemantel und ſuchte mit nacktem Schwerte das Schlafgemach des Schloßherrn, das er vorher erkundet, und was nach dem Tage voll Schwelgerei und Getümmel unverſchloſſen ge⸗ blieben. Mit Worten des Grimmes und der Rache weckte er den Schlafenden, erinnerte ihn mit Hohn an ſeinen Raub und gebot ihm ein Stoßgebet zu thun, ehe er Ge⸗ richt hielte über ihn. Der Graf taumelte auf, ſprang aber entrüſtet und muthvoll vom Bett und griff nach dem Schwerte; da fuhr der Mörder raſch auf ihn ein, und ehe noch eine Gegenwehr möglich, durchſtach er ihn ſo ſicher, daß er augenblicks verſchied. Aber wie ward dem Sohne der Finſterniß, als er jetzt die Stimme der Gräfin Emma vernahm, die er nicht in demſelben Ge⸗ mache vermuthet, als ihr Zornwort ihm verrieth, daß ſie ihn erkannt an Stimme und Geſtalt, als ſie einen grauſenvollen Fluch über ihn ausſprach und hinzuſetzte: Entfliehe nur, feiger Meuchler! Ich werde Dich verfolgen bis an die Grenze der Welt, und der, welchen ich unter dem Gürtel trage, ſoll Deinen Mord ſo furchtbar rächen, daß die Nachwelt mit Entſetzen daran gedenken ſoll, ſo lange ein Stein der Winzenburg übrig.— Der Ritter, ſchon den Blutdegen in der Scheide, hielt ſeinen flüch⸗ tigen Fuß an, hörte, taumelte halb ſinnlos zurück, faßte den eigenen daliegenden Dolch des Grafen, und ſtieß ihn blindlings in den Leib der Hülfe kreiſchenden Gräfin. Unentdeckt kam er durch das öde Schloß hinab, wo Alles wie im Zauberſchlafe lag; ſchlaflos durchwachte er die Stunden, die noch von der Nacht übrig, und mit der erſten Frühe verließ er das Schloß, und wurde nicht vermißt, da viele der unzähligen Gäſte ſchon Abends 76 nach dem Feſte zu Hauſe geritten, und ſeiner wurde gar nicht gedacht, da am Morgen Thürmer und Geſinde ſo vom heutigen Schreck wie vom geſtrigen Rauſche ihre Sinne nicht beiſammen hatten. Kriegsleben und Welt⸗ freuden hatten ſein Gewiſſen bald alſo beſchwichtigt und eingeſungen, daß er jener verdeckten Mordnacht nur noch gedachte wie einer gewonnenen Kriegsſchlacht, daß er ohne Herzſchlag in denſelben Mauern ſein Glück ſuchen konnte, wo er die Menſchlichkeit auf das Unmenſchlichſte verhöhnet hatte; aber mitten in ſeinem Hochmuthe und in voller Sicherheit ſeines eitlen Gemüths traf ihn der Blitzſtrahl des unſichtbaren Richters, und an der belei⸗ digten, blutbefleckten Schwelle mußte wiederum ſein Blut als Sühne fließen.—— Das lange Bekenntniß hatte die letzten Kräfte des Elenden aufgerieben; ſeine Augen lagen gebrochen, und der Arzt mußte die trockene Zunge mit einem Kühltrank laben, da heiß und röchelnd die Athemzüge ausgeſtoßen wurden, und der Tod nahe ſchien. Noch einmal erholte ſich dennoch der Sterbende. Graf, lallte er kaum hörbar, reichet mir die Hand! Habt genug an der Strafe, die ich leide, an der Höllenmarter in meinen Gebeinen, an den Feuerbränden in meinem Leibe! Seid verföhnlich! Vergebt dem Reuigen! Dehnet die Rache nicht über das Grab hinaus! Wiſſet Ihr doch nicht, weiß ich doch nicht, was dort meiner wartet. Höret, nicht über das Grab hinaus! Beſchimpft nicht meinen Namen! Gebt mir ein ehrlich Begräbniß!— Fordert die Hand nicht! erwiderte Herr Thielo mit Abſcheu. Gott iſt barmherzig! Eure fürchterliche Marter thut der irdiſchen Gerechtigkeit Genüge. Ich werde nicht mehr thun gegen Euch, als meine Pflicht erheiſcht.— 77 Aber der Falkenberger hörte ſchon nicht mehr, was ihm zur Antwort wurde. Bewußtlos ſank ſein Kopf zur Seite, ſchreckliche Träume ſpielten in der freigewordenen Phantaſie und verkündeten ſich in abgebrochenen Angſt⸗ reden, und einige Stunden nachher meldete der Kaſtellan dem Grafen, daß der Frevler verſchieden ſei. Herr Thielo, ſeines Wortes eingedenk, ſandte den Vertrauteſten ſeiner Diener zu der Biſchofsſtadt, und berichtete dem Landes⸗ herrn die Entſetzen erregende Aufklärung. Der fromme und milde Barnward aber ermahnte den Winzenburger, die grauſe Hiſtoria nicht preis zu geben dem Gerichte der Welt, damit die Frommen kein Aergerniß daran nähmen, und die Frevler keinen Muth daraus ſchöpften; ermahnte ebenfalls, das Geheimniß des Briefes, den man bei dem Todten gefunden, und der den frevelhaften Plan des Lehnvetters Dippold enthielt, dem Grafen Thielo die Erben zu rauben, damit dereinſt der von Aßel und Katharina's Gemahl ſich in die reiche Be⸗ ſitzung theilen dürften, in Dunkel zu hüllen, nicht an Rache zu denken, ſondern dem Herrn der Gnade zu danken, der die Unſchuld beſchützt und über dem Haupte des Gerechten wachet.— Katharina und der Junker von Dangaſt genaſen bald; ſie waren ſich auch gegenſeitig die beſten Aerzte, und glücklich in der Liebe, die nun im Sonnenlichte des El⸗ ternſegens erblühen durfte, vergaßen ſie zuerſt von Allen alle die Schreckniſſe, die ihrer Vereinigung vorherge⸗ gangen, da dieſe Stunden der Erſchütterung eigentlich der Grund ihres Glücks geworden, wie die köſtlichſte und feurigſte Thränentraube aus der abgedampften Lava des flammenwerfenden Berges erwächſet. Ohne Geleit und heimlich um Mitternacht wurde der 78 Körper des Thomas von Falkenberg in der Schloßkapelle beigeſetzt, aber mit Verwunderung fand der Kaßtellan Rüdiger das zinnerne Käſtchen, worin das gemordete Kind geruhet, jetzt feſt verſchloſſen und ſchwer bei dem Aufheben, und Weißhütchen mit allem Spuk blieb im Schloſſe verſchwunden und ſtörte Niemand mehr. Noch findet man in jener romantiſch⸗ſchönen Gegend auf dem tafelförmig⸗ abgeglätteten Berge die Spuren der geräumigen Burg, jetzt die große Schanze genannt, und gegen ihr über ſteht noch der gewaltige Wartthurm auf dem Kegelberge, und trotzet dem Zahne der Zeit unter dem Namen der alten Winzenburg. Ein neueres Schloß deſſelben Namens liegt tiefer im Thal, und war oft die Sommerreſidenz des unvergeßlichen, edeln und hochwürdigen letzten Biſchofs von Hildesheim, der die ſchöne Natur liebte als den ſchönſten Tempel der Gott⸗ heit, dem ſein wohlthätiges Daſein ganz gewidmet war.. Vielfach entſtellt läuft die Sage vom Winzenburger Spuk und dem geſpenſtiſchen Hütchen noch in den Hütten der Landleute jener Gegend umher, und ein ſchmaler Pfad durch's Gebirge, auf dem er Botſchaft nach Hil⸗ desheim getragen haben ſoll, heißt bis auf dieſe Stunde Hütchens Rennpfad. Aber das reiche und edle Grafen⸗ geſchlecht iſt ausgeſtorben, und ſteht der Naturfreund auf dem Platze der Burg, die einer Stadt glich, ſo rufen die armſeligen Trümmer ihm zu: Vergänglichkeit iſt das Loos des Irdiſchen; nichts bleibt, was Menſchen⸗ werk; nur die Natur gebiert ſich ewig neu, denn ihr Meiſter iſt von Ewigkeit zu Ewigkeit. 6 3 H. Der Unthat Ernte. — Eine Novelle. Der Nordwind ſtrich durch das lange Thal, in wel⸗ chem die Stadt Leyria liegt, aber er trug nicht den eifigen Hauch durch das Land, wie in jenen Erdgegen⸗ den, die von ihm genannt wurden, ſondern kühlte nur mit ſanfterem Hauche die Luft in dieſen Regionen, die der Winter kaum berührt, und wo, obgleich es tief im Herbſte war, nach den erſten willkommenen Regengüſſen, die Erde ſich in ein neues, friſcheres Sammetgrün ge⸗ kleidet hatte, ein zweiter Frühling zu herrſchen ſchien, welcher Baum und Buſch zum zweiten Male mit bunt⸗ farbigen Blütendolden zierte. Abendſtille waltete zwiſchen den beiden mit dunkeln Kaſtanien bewaldeten Berghöhen, welche das Längthal bildeten, nur die einzelnen Feier⸗ töne der Kloſterglocke von Aljubarota tr g der Wind weithin nach Slden, und mit ihnen nißhee ſich dort, wo das Thal ſich weitert, gegen den Tejoſtrom zu, der ſchmelzende Klageton einer weiblichen Stimme, die eine jener portugieſiſchen Romanzen ſang, welche durch ihre Blumenſprache, durch ihre Zartheit und Innigkeit für den Ausländer ſo hinreißend klingen, wie ſie ihm unnach⸗ ahmlich bleiben, und deren Inhalt ſich meiſtens mit einer dem Schickſal entgegenkämpfenden Leidenſchaft oder mit dem Schmerz einer verlaſſenen Liebe beſchäftigt. Der Geſang, welcher von dem Saume des weſtlichen Berges Blumenhagen. VIII. 6 82 erklang, gehörte zu der letztern Gattung, und der Aus⸗ druck darin ließ vermuthen, daß der Sängerin die weh⸗ müthige Klage, welche ſie ſang, nicht fremd war, und ſie nur im fremden Wort das ihrem Herzen heimiſche Leid ſich zum Troſte den Höhen und dem mitklagenden Echo entgegen hauchte. Das Weib— denn ein zwei⸗ jähriges Kind ſpielte nicht fern von ihr zwiſchen den feinbewolleten Schafen, fing ſich ein Lamm und verſuchte ſeine Kraft an dem ſich ſträubenden Thierchen, oder ſtrauchelte einem wilden Kaninchen nach, welches aus ſeinem Sandhügel ſich auf die fette Weide zwiſchen die duldſame Heerde gewagt, und dieſes Kind und der Mut⸗ terblick, mit dem ſie es bewachte, ließen trotz ihres jugendlichen Aeußern zweifeln, daß ſie ſich noch zu den Mädchen zählte;— das Weib alſo ſaß auf einem wei⸗ ßen Steine unter einem großen Mandelbaume, der voll reifer, vergeſſener Früchte hing, und ein Halbzirkel der koloſſalen Aloe ſchützte ihren Sitz mit ſtachlichten Schwert⸗ blättern, und ſtreckte an rieſigen Stielen die roth und grün bemalten Blumenglocken über ihr Haupt hinaus. Das Weib war von ſchlanker Geſtalt, ſittig nach Lan⸗ desweiſe drängte das buntbeſchnürte Mieder ſich um Leib und Buſen bis zum Halſe hinauf; dagegen reichte der hellfarbige, roth⸗ und gelbgeſtreifte Rock nur bis zum Knie, und ließ das geſtreckte Bein im grauen, blutroth gezwickelten Strumpf und in ſeiner ganzen Fülle ſicht⸗ bar werden; die nackten Arme waren weder mager noch voll und die Hände lagen läſſig im Schooße in ein fei⸗ nes Fiſchernetz gewickelt, an dem ſie gearbeitet; übri⸗ gens konnte ſie für eine Schönheit ihres Vaterlandes gelten, denn ihre Geſichtszüge waren geregelt, nicht ſtumpf und gedrückt, ihre Stirn war hochgewölbt, wenn „ „ „. 83 auch gebräunt, Augen voll heiliger Mitternacht wurden von breiten, dunkeln Bögen überdeckt, aus den Banden des blau⸗ und weißgewürfelten Kopftuches hatte ſich das rabenſchwarze, glänzende Haar in reichen Schweifen her⸗ vorgedrängt und hing an der Schulter bis zum Gürtel hinab, und ein unverkennbarer Gram, der in der Hal⸗ tung der kräftigen Geſtalt, in der bleichen Wange und in jedem Geſichtszuge ſich ausſprach, verlieh der ganzen Erſcheinung etwas Ungewöhnliches und Anziehendes. Ein Gegenſtück zu der weiblichen Figur in dieſer wilden Waldgegend bildete ein Mann, welcher in ihrem Rücken, einige zwanzig Schritt von ihr entfernt, ſich zeigte. Er hatte den langgeſtreckten, hagern Wuchs der Südländer, aber die nackten Arme, das unbekleidete kurzbehaarte Bein, welches unten nur die gekreuzten Riemen der Sandale zierten, trugen in den kugelichten Muskeln die Zeichen männlicher Kraft; ſeine Augen blitzten aus dem braungelben Antlitz zu dem Weibe her⸗ über, und die wilden Züge wurden dräuender durch das feuerrothe Tuch, das ſeinem Haupte zur Bedeckung diente; von gleicher Farbe war ſein Gurt, und obgleich eine bunte, aufgerollte Wolldecke, ſtatt des Mantels⸗ von der linken Schulter zur rechten Hüfte ſich bauſchte, ſah man doch den blankpolirten Stahlgriff eines Dolches im Gurt, die gefährlichſte Waffe des Südens, welche ganz zu dem Charakter der Mannesgeſtalt zu paſſen ſchien; er ſtand halb verdeckt von einem Geheck niedriger Feigenbäume, eine uralte, zerriſſene Stacheleiche be⸗ ſchattete ihn von oben ſein linker Arm ruhte auf einem Aſtſtumpf derſelben, ſeine Rechte hielt den langen Stecken der portugieſiſchen Landleute, oben mit der ſcharfen Ei⸗ ſenſpitze bewehrt; er hatte den Stab auf den rechten 84 Fuß geſetzt und ſein Körper lehnte ſich mehr auf die gewohnte Stütze als auf den Eichenaſt. Schon lange hatte er alſo dageſtanden und das Lied der Sängerin behorcht, deſſen Inhalt ſeinen verwilder⸗. ten Geſichtszügen mit jeder Minute eine größere Feind⸗ ſeligkeit aufdrückte; jetzt bewegte ſich plötzlich die ganze Geſtalt, wie von einem innern Froſt geſchüttelt und fortgeſtoßen, und mit wenigen, mächtigen Schritten war er herausgetreten aus ſeinem Verſteck und befand ſich dicht neben dem Weibe. Spare Deinen Athem, Iſabella, ſagte er mitstiefer Stimme und düſteren Blicken, die über die Geſtalt der Sängerin hinſtreiften, Deine Worte haben keinen Sinn 3 mehr, denn was ſie fern ſuchen, iſt Dir nahe.— 5 Sebaſtiano? rief das Weib erſchreckt und ſprang wie in freudiger Bewegung empor, wobei die ausgezeichnete Höhe ihrer Geſtalt ſichtbar wurde, die faſt die des Man⸗ nes erreichte, und wobei die ſchmalen Lippen des ſchönen Mundes ſich wie zum Gruße öffneten, und zwei Reihen blendender Zähne enthüllten, die nach der nationellen Formation ihres Volkes in ſcharfen Winkeln vorſprangen. Aber ihr dunkles Auge hatte zugleich in das Geſicht des Mannes geſchaut, und der Blick darauf drückte ihr Wort zurück, und ſie ſenkte das Auge, und ſetzte ſich unwill⸗ kürlich wieder auf ihren kalten Sitz.— Alſo immer noch der alte Wahnſinn? Immer noch * der ſchimpfliche Gram und die Sehnſucht nach dem Ver⸗ räther? fragte der Mann mit der Miene des Grimmes. 5 Lämmermilch fließt in Deinen Adern, nicht das ſiedende Blut der Tamayos, und wäre nicht Sebaſtian Dein Bruder, würde die Schande ihren Flecken laſſen an unſerer Thür, bis ein Erdbeben uns und ihr das Grab. — 85 geöffnet. Sprich, Iſabelle, haſt Du ihm noch nicht geflucht, noch nicht herabgerufen auf ſein Haupt alle Strafen des Himmels und alle Foltern, welche die Hölle für Seinesgleichen bereit hält?— Das Kind, ein braunlockigter Knabe, hatte bei dem Herannahen des Mannes und ſeiner weithallenden Stimme ſich aus der Heerde zwiſchen die Knie der Mutter ge⸗ flüchtet. Iſabelle umfaßte den Knaben und drehete ihn dem Manne zu. Bruder, ſagte ſie ſcheu aber mit In⸗ nigkeit, ruht nicht dieſer, ſein Fürſprecher, jede Stunde an meinem Herzen? Kann dieſs Band der Himmel löſen, oder die Hölle vernichten Blickt nicht aus des kleinen Jao's Augen die Hoffnung mich an, und läßt die Liebe nicht welken, wenn es auch ſonſt dürr iſt rund um mich, und überall welk und todt geworden, weil Alles, Alles, auch Du, der Bruder, mich mit den ſen⸗ genden Strahlen des Haſſes bedräut.— Bei der Flamme der Hölle, rief Sebaſtiano auflo⸗ dernden Zornes voll und hob den bewaffneten Stab hoch über das Haupt; iſt es nur ſein Ebenbild, das Tamayos Sochter zu einer klagenden Taube machte, die ihre Schande mit Thränen wäſcht, ſtatt mit Feindes⸗ blute, ſo ſoll meine Fauſt das Götzenbild zertrümmern, welches den Hohn der Welt unvergeßlich macht und mir die natürlichſte Bündnerin entzieht im Rachewerk, das ich bei der grauen Locke der Mutter geſchworen.— Mit einem Kreiſch ſprang Iſabella empor, faßte mit hoch⸗ ausgeſtreckter furchtloſer Hand in die eiſerne Spitze, die auf das Kind gerichtet war, und riß mit der Linken den weinenden Knaben hinter ihren Körper. Wüthender Menſch, ſchrie ſie mit den Verzweiflungstönen einer Niobe, willſt Du durch den Mord der Unſchuld Deine 86 Seele verderben und die meinige zugleich? Denn bei der Mutter des Herrn ſchwöre ich Dir, verletzeſt Du des Kleinen Haupt, ſo wälzen die Wogen des Stromes morgen die Leiche Deiner Schweſter dem Meere zu, und die ewig verdammte Selbſtmörderin wird Dich dann oben verklagen bei dem Vater und der Mutter und allen Heiligen und der göttlichen Jungfrau, daß Du ſie grau⸗ ſamer beſtahleſt um die himmliſche Seligkeit, als die Menſchen, welche nur ihr irdiſches Glück unter die mit⸗ leidsloſe Sohle traten!— Sebaſtian ſchien von einem innern Schauder ergrif⸗ fen, denn ſeine langen Augenwimpern zuckten mehrmals auf und nieder; er brachte langſam den Speerſtab in Ruhe, ſein Geſicht nahm eine ſcheinbare Kälte an, und er lehnte ſich auf ſeinen Stab in der Stellung, die er vorher unter der Stacheleiche gehabt. Iſabelle reichte ihm nach einer Pauſe die Hand entgegen. Sebaſtiano, ſagte ſie recht mild und traulich, ich weiß, daß Dich die Liebe zu mir ſo verwandelt hat, daß um mich Dein ſanftrollendes Blut dieſe raſende Glut annahm, wie ſie rollet in den Adern des Stiers von Andaluſien. O warum ſoll die Zwillingsſchweſter, welche mit Dir in derſelben Stunde das Tageslicht ſah, ſich nicht freuen dürfen an Deiner Wiederkehr nach ſo langer Abweſen⸗ heit? Ich habe gezittert, gebetet für Dich das ganze Jahr hindurch. Muß der erſte Anblick Deines lieben Angeſichts mich wiederum in die furchtbare Angſt zu⸗ rückwerfen, die Dein Abſchiedswort auf mein Herz ge⸗ wälzt? Menſch, ſetzte ſie heftiger hinzu und ihre großen Augen funkelten, kommſt Du zurück mit blutbefleckten Fingern?— Sebaſtians Mund lächelte wie der Hohn lacht und 87 der Ingrimm zugleich, und er warf die Blicke zum Abendhimmel hinauf. Rein iſt die Hand, ſprach er bit⸗ ter, des Knaben Lilienfinger ſind nicht reiner. Dein Buhle iſt des Teufels Genoß, und wer kann gegen ſolch mäch⸗ tige Freundſchaft.— Glaube das, fiel ſie raſch und lebhaft ein, und wage nicht ferner den Kampf mit holliſchen Feinden. Laß dem Schickſale ſeinen Lauf, laß dem Himmel die Rache. Sieh, ich bin ja die tief Beleidigte und trage in Geduld. Die Zeit hat den Spott der Welt verſtum⸗ men laſſen; die frommen Schweſtern des Kloſters haben milder gerichtet, wie die Menſchen in Stadt und Dorf; Du ſiehſt, ich weide noch wie ehedem ihre Heerde, und die Sorge iſt nicht hereingebrochen über mich und mein armes Kind. O geh' ohne Säumniß zu der hochwürdi⸗ gen Frau, zu der heiligen Anaſtaſia! Sie wird mit den Segensworten, die von jenſeits zu tönen ſcheinen, Dir den Frieden in die Seele ſprechen, wie die Hochgeweihete es mir gethan.— Kann ſie Schwüre löſen? fragte dumpf Sebaſtian, Schwüre, die man am Sarge der in Gram gemordeten Mutter geſprochen?— Harter Bruder! weinte die Schweſter, und lehnte ſich an ſeine ſtarre Geſtalt. Mahne nicht ſo grauſam; betet doch der Prieſter, vergib uns die Schuld, wie wir ver⸗ geben. O erzähle liebet, wo Du geweſen die lange, lange Jahresfriſt hindurch.— Der Mann löſete den Wollmantel von ſeiner Schul⸗ ter und warf ihn zur Erde, dann ſetzte er ſich auf den weißen Feldſtein und zog die Schweſter auf ſeine Knie, und warf zugleich einen verächtlichen Blick auf den Kna⸗ ben, der ſich ſcheu mehre Schritte entfernt hatte, und 88 ſich hinter zwei großen Schafen verbarg, welche neu⸗ gierig⸗dumm ſich an den Fremden herangezogen und ſein Knie mit den Schnauzen berührten. Wo ich geweſen? ſprach er dann. Gelebt habe ich in Herrlichkeit und Freude. Habe mir die weite Fremde beſehen, wo man mit dem Luſitaner gar gaſtlich umſprang. Sieh, mein trautes Kind, ich wollte ja Dienſte nehmen bei dem hohen Herrn, der den Tamayos ſo viel der Gnade er⸗ zeigt. Hatte er die Schweſter zu ſeiner Magd gemacht, warum konnte der Bruder denn nicht der Sklav ſeiner Ferſe werden. Aber der edle Ritter verſchmähete den ungehobelten Knecht; furchtſam, wie der Knabe dort, dem daſſelbe Blut das Herzchen beängſtigt, floh er aus Portugals Grenzen, und ſeine wohlgefütterten Maul⸗ thiere trugen ihn ſchneller davon, als mich der nackte Fuß. Aber wie der wackere Hund hing ich an des Wol⸗ fes Ferſen, und obgleich der Flüchtige mir entſchwun⸗ den, ſuchte ich ſeine Spur im Sande durch Wald und Heide.— Sebaſtiano, wo trafſt Du ihn? fragte die Bebende mit hochathmender Bruſt.— Zittere nicht, Du arme Turteltaube, lachte der Mann mit wildverzogenem Geſicht, der Tugendmörder ſollte nicht gerichtet werden auf fremder Erde. Durch das endloſe Hiſpanien pilgerte ich arm und einſam, die ſüße Eichel, die harte Kaſtanie war meine Nahrung und der Orangenwald mein Nachtquartier; aber die Fährte des Feindes lockte mich weiter. In den Pyre⸗ näen⸗Klüften erfror meine Fußſohle im nie geſehenen Schnee, das Wollzeug da am Boden wurde mein Deck⸗ bett in dem eiſigen Felsloch und mit den räuberiſchen Zwerghirten mußte ich kämpfen um mein Leben, da ſie 5 89 mir das Wamms nicht gönnten, welches ich trug. Durch das Franzoſenland wanderte ich dann viele Wochen lang; das muntere Volk ſtaunte mich an, als wäre ich ein Unthier aus Afrikas Sandwüſten, aber es verſtand meine Zeichen und gab mir Herberg und Koſt. So folgte ich dem Verhaßten weiter und weiter in ein graulich Land, von dem uns niemals die Väter erzählt, ein Land voll himmelhoher Gebirge von blendendem Eis, als hätten Rieſen ſie erbaut und auf einander geſetzt, wo die Au⸗ gen blind wurden, wenn froſtiges Sonnenlicht von den weißen Spiegelſchilden zurückſtrahlte, und wo die Zähne klapperten im Mittage und wo das Blut fror, wenn die Nacht kam. Er mußte mir nahe ſein, als ich von den Eisbergen herab ſtieg in das flachere, grüne Land, denn ich vergaß alles Ungemach und mein Herz klopfte wie in heftiger Freude, ſo, als wenn ich ehemals den Preis gewann im Ringelſtechen oder der Stierhatz. Aber ſeine Teufel wußten Rath für ihn auch hier. Das fremde Land lag in der Gährung des Krieges. Jede Straße war bedeckt von endloſen Zügen geharniſchter Männer, jeder Flecken glich einem beſetzten Schloſſe, und waren die Geſichter der Kriegsleute auch weiß wie Milch, und ihr Haar hell und gelb, wie die Winter⸗ wolle des Mutterſchafs, ihre Sprache erklang rauh und widerlich, gleich dem Gebell eines heiſeren Hundes oder wie das Geſchnarr der bunten Droſſel, und ihre Manie⸗ ren waren ſchlimmer, als ihre Sprache. Man mußte mich für einen Feind halten, denn man ſtieß und ſchlug mich wie ein Laſtthier,— Iſabella, man ſchlug einen Tamayo mit Fäuſten und Kolben! Und um ihn ward ich geſchlagen, und er ſaß wohlbehalten in einem ſichern Schlupfwinkel!— Man hörte den knirſchenden Ton 90 ſeiner zuſammengepreßten weißen Zahnreihen.— Bru⸗ der, jammerte das Mädchen, o warum war die Schweſter nicht bei Dir?— Sebaſtian ſtrich ſich mit der braunen Hand über die zuckenden Augen, dann fuhr er gefaßter fort: Ein ſpa⸗ niſcher Herr kam darauf zu, und ritt heran, gelockt von dem Klange meiner Sprache. Er machte mich los von den Unholden und fragte. Ich geſtand, wem meine Reiſe galt, und er kannte unſern Feind, berichtete mir freundlich, wie der Herr Marquis wohl auf ſei in einer großen Kaiſerſtadt, vor welcher jedoch anjetzo ein unge⸗ heures Türkenheer lagere, und wie kein Weg hineingehe, bis die Kriegsvölker, unter die ich gerathen, das Heer der Ungläubigen vernichtet, und das Schloß ihres Kai⸗ ſers befreiet. Er ſchalt die, welche mich mißhandelt und ſchenkte mir ein Goldſtück. Man ließ mich nun, aber ich hatte nicht Raſt, und dachte des heiligen Pedro, un⸗ ſeres Padrons, der ſo gut das Schwert geführt für den göttlichen Sohn, und meinte, er müſſe mich hineinführen 3 in die Mauern, hinter denen unſer Erzfeind ſeine Glieder gebettet.— Sebaſtiano, hatte Dich die heilige Madelena noch nicht genugſam gewarnt? ſeufzte das Mädchen.— Da gerieth ich zwiſchen ein anderes Volk, verwe⸗ gener noch als die vorigen, erzählte er weiter, ohne auf ſie zu hören; herrliche Pferde ritten ſie, waren hochgewachſen und ſchwarzbärtig, wie die Maurenprinzen, welche über die Meeresſtraße zu uns kommen, und die rauhen Pelze wilder Gebirgsthiere dienten ihnen zur Kleidung. Sie fingen mich ein wie Wild, und wollten mich zwingen, mit ihnen zu ziehen und ihre langen Waffen zu tragen, und als ich nicht ſein wollte ihr 91 Knecht, da banden ſie mich und warfen mich in den Keller eines Hauſes und verſagten mir Waſſer und jede Nahrung. Zwei Tage lag ich ohne Hülfe, ohne Labſal da ſah ich Nachts den alten Tamayo eintreten in mein Grabgewölbe, und der Vater winkte mir ernſt mit der ſtarken Hand und ſprach leiſe in den Tönen, mit denen der Wind um Mitternacht durch die Kaſtanien rauſcht: Mache Dich auf, Sohn, denn den Du ſuchſt, den wirſt Du nicht finden auf dieſer fremden Erde, aber er wird ſelbſt laufen in Dein Netz und mein Schatten ſoll ihn hetzen in deine Wolfsgrube!— Traurig ſah dann der alte Tamayo noch eine Weile auf mich herab, der ich im Winkel lag auf faulem Stroh, als wäre auch ſeine Kraft gebrochen durch die Schande ſeiner Kinder; dann zerfloß das Gebild langſam im Dunkel.— Iſabella war aufgeſprungen, ſchaute furchtſam umher auf Wald und Buſch und eilte zu den kleinen Jao, umfing ängſtlich den Knaben und kauerte ſich neben ihm nieder. Der Mann aber ſprach eintönig fort, als wenn er von jetzt an in ſeinen Worten mehr mit ſich ſelbſt koſete. Ja, ja, ſagte er, der Vater war neben mir ſeitdem; ich hatte meine Bande längſt mit den Zähnen zerkauet, jetzt fielen ſie ab von mir wie ein verfaultes Schiffstau. Die Thür des Gewölbes gab der elenden Stärke des Verhungerten nach, und gleich dem Funkenſpiel, welches die Delphine erregen, wenn ſie ſich Nachts unfern der Meeresküſte tummeln, flackerte des Vaters Geiſt vor mir auf, leitete mich durch die Lager des Kriegsvolks, ließ mich den Quell finden und den Obſtgarten, wo ich mich labte, und führte mich den Weg zurück, den ich gekommen. Doch in dem Eislande, wo die weißen — ₰ 92 Kryſtallberge leuchten, vrach meine Kraft, und ich lag lange krank in einer Hütte, und eine Jungfrau pflegte mich mit Milch und Kräutertränken, und ich dachte der Schweſter, die ich verlaſſen, und das naſſe Auge der Fremden mahnte mich an Bellas ungetrocknete Augen.— Bruder! ſchluchzte das Mädchen und ſtreckte beide Arme nach ihm aus. Schlagen denn der Herzen zwei in einer Menſchenbruſt? O wie kaun man ſo gut ſein, und doch ſo wild und rachedürſtig zugleich?— Sebaſtiano ſprang auf und faßte ihre beiden Hände Haſt Du nicht gelogen? fragte er heftig. Hatte er Dir nicht geſchworen bei dem Krucifir, welches Du auf der reinen Bruſt trugeſt, daß Du ſein Weib ſein ſollteſt für ewig, daß er heiligen wollte ſeine unreine Liebe durch das Sakrament?— Iſabella's Kopf ſank wie troſtlos auf den Buſen herab; ſie drückte ſchmerzlich beide Hände gegen das heilige Bild, und nickte mit dem Haupte in gramvoller Erinnerung. Der Eidbrüchige verdient den Tod, ſetzte der Mann ſeine heſtige Rede fort, und welche Hand kann der Him⸗ mel anders zu ſeinem Richteramte erleſen haben, als die meinige?— Der Vater Tamayo hat ſein Verſprechen gehalten. Als ich an der Grenze unſeres Heimathlandes ruhete im Schatten eines Citronenwäldchens, raſſelte eine ſchwere Karoſſe auf der Landſtraße vorüber. Ein Mann bog ſich vor, er hatte mich erkannt, ich ihn; mein Dolch flog nach ſeiner Stirn; aber das Doppelpaar ſei⸗ ner Maulthiere riß ihn mit Schwalbeneile vorüber und das Eiſen klirrte nieder auf die rauhen Steine des We⸗ ges. Er iſt da und ich bin da, und der Vater wird ihn mir ſchon hetzen in meinen Pfad. 93 Das Mächen erhob ſich in raſcher Bewegung, ſtand aber ſtarr wie ein Steinbild und ihre Geſichtszüge waren wie eine Eismaske verwandelt. Er iſt da? Don Pro⸗ copio da? lallte ſie tonlos. Eine fremde, gellende Stimme unterbrach die er⸗ ſchütternde Scene. Drei Menſchen hatten ſich unbeachtet genähert auf wohlgeſattelten und ſchwerbepackten Eſeln. Zwei derſelben ritten auf einem Thiere, ihre langen Kinnbärte und ihre weite talarartige Hleidung charak⸗ teriſirte ſie als Fremdlinge im Lande; an einem ver⸗ längerten Zaum zog der hinten Sitzende ein beladenes Packthier mit ſich. Der dritte Eſelritter war dagegen ein kleiner zwergartiger Kerl mit einem dicken Melonen⸗ kopfe und häßlich verzerrtem Geſicht, deſſen kurze Beine in hochgeſchnallten Steigbügeln ſtacken, und der in ſeiner grellen, buntſcheckigten Tracht einem ausgeputzten Affen ähnlicher ſah als einem Menſchen. Glück zu, mein langer Sebaſtiano! rief das poſſir⸗ liche Menſchenbild mit dem Gequäk eines Rieſenfroſches, indem er ſein langöhrig Thierchen anhielt. Biſt Du wieder heimgekehrt von Deiner Ritterfahrt gegen den Mohrenprinzen, und haſt Du den großen König Seba⸗ ſtian, Deinen Namensvetter, drüben geſprochen? Bin heimgekehrt, Nachbar Blaſio, antwortete kalt der Angerufene, und hoffe mein Häuschen wohl erhalten zu finden durch Eure wackere Aufficht. Kannſt zum Vesperbrod bei mir einſprechen, denn es brennt ja ſeit lange nicht auf Deinem Heerde, entgeg⸗ nete der Kleine, höhniſch lächelnd. Dein Schlüſſel hängt wohlbehalten über meinem Schneidertiſche. Aber Du armer Menſch mußt Dich ſputen, willſt Du noch Ein⸗ ſage thun und den Nebenbuhler mit einem gerechten 94 Fauſtſtoß aus dem Sattel werfen, denn die beſte Tän⸗ zerin in Eſtremadura, die ſchöne Cerdoſal, wird noch vor dem Feſte des Herrn ihren Ehrentag feiern und von dem krummnaſigen Kloſtergärtner von Aljubarota ſich zur Frau machen laſſen. Das Zwillingsunthier, das da vor mir am Berge hinzieht, und das mir der Himmel als Strafe meiner Sünden zur unreinen Geſellſchaft gegeben, bringt dem Brautvater die Mitgift ins Haus. Solch heidniſch Volk wittert eine Hochzeit vom Guadiana bis zum Minhofluß. Und ich war in der Hauptſtadt, um Scharlachtuch und engländiſche Nadeln zu kaufen, denn an dem ſchweren Brautſtaate haben ſchon alle meine Waffen die Spitzen eingebüßt.— Glück zu, Segen über Deinen Fleiß, antwortete mit noch größerer Kälte Sebaſtianv. Mein Geſchäft auf Erden bedarf keines Brautputzes, und auf meiner Le⸗ bensſtraße gibt's keinen Hochzeitsreigen mehr.— Freilich, ſagte der kleine Schneider, und zuckte die breiten Achſeln hoch über den kurzen Fleiſchhals hinauf. Der alte Cerdoſal iſt ein hochmüthiger, eigenſinniger Narr, und Du biſt ein kluger Burſch, der ſich nach der Decke ſtreckt. Wären gewiſſe Geſchichten nicht paſſirt, und lägen alle Deine Verwandten, wo der alte Tamayo liegt, wer hätte ſich's unterſtanden, Dich, den beſten Burſchen, an der Serra da Eſtrella bei der Cerdoſal vor die Thür ſetzen zu wollen? Hochmuth iſt nicht fern vom Fall; wem Gott zwei Ellen und eine halbe zumaß, muß ſich nicht zu drei ausſtrecken wollen, ſonſt reißen di⸗ Nähte und Niemand flicket den Riß. Der Don Carolo Procopio, Marquis von Aronches, Fürſt von Ligne ſind wiederum angekommen zu Lisboa; ich ſah ihn in das königliche Schloß nach Quelus hinaufſteigen, unten zu 95 vergleichen dem Kranich, oben und hinten dem goldaugigen Pfau. Nachbar Sebaſtiano, der kleine Blaſio wäre Dir ein beſſerer Schwager geworden z aber über den Leucht⸗ wurm im Graſe ſchaut der Stolz hinweg, und fällt mit dem Angeſicht in den Stachelzaun.— Blaſio! rief Sebaſtiano auflodernd, und griff nach. dem Stabe, der ihm vorhin entfallen.— Sachte, guter Burſch, fiel der Kleine ein, Dir galt's nicht. Wer den Fingerreif verlor, den ſticht die Näh⸗ nadel. Mit Gott! Komm bald nach; ich muß das Schachervieh, jene ſogenannten neuen Chriſten, welche die heilige Inquiſitivn uns zum Schaden ungebraten läßt, wieder einholen, denn mein Bündelchen hängt an ihrem Eſel.— Er ſchlug ſeine Ferſen wiederholt gegen den Bauch ſeines mauſefalben Thieres, und brachte es zum kleinen Galopp, der ihn bald hinter die Kaſtanien trug. Seba⸗ ſtian ſah mit düſtern Augen auf die Schweſter, die mit den Händen ihr Geſicht verhüllt und abwärts gewendet geſtanden hatte. Er trat dicht zu ihr und ſagte mit dumpfer Stimme: Hat die Welt ihren Spott vergeſſen, und hat die Zeit ihre Schlangenzunge abgeſtumpft?— In raſcher Bewegung umfing ſie den Bruder. Ueber⸗ laß mich meinem Schickſale, rief ſie aus, folge dem Rathe des Nachbars, tritt in Cerdoſals Haus, wenn Du Dich losgeſagt von mir, wirſt Du dort den alten Liebesplatz finden. Konnteſt Du denn die Jungfrau vergeſſen, die Dir ihr ganzes Herz geſchenkt, die Dich vielleicht todt oder treulos geglaubt, vielleicht nur dem Zwange des Vaters nachgab?— Keine Miene veränderte ſich an dem Manne, ſeine Arme hingen ſchlaff am Leibe hernieder. Ein Mann, 96 deſſen Name befleckt worden, ſagte er ſo eiskalt, daß es ſie wie Grabeshauch anwehete, darf um keines ehrlichen Mannes Tochter werben, oder er ſelbſt macht ſich der Schuld theilhaftig deſſen, der ihn ſchändete. Wenn ich den Ehrenräuber geſchlachtet hätte an dieſem Steine da, dann erſt dürfte ich frei hintreten vor den alten Cerdo⸗ ſal, und je röther der weiße Stein ſich malte von dem verruchten Blute, je reiner würde der Sohn Tamaho's leuchten.— Hoch auf ſchrie das entſetzte Mädchen und warf ſich an dem Steine nieder und bedeckte ihn mit Armen und Bruſt, als hätte ſie Jemanden zu ſchützen auf dem Steine. Sebaſtiano legte ſeinen Speerſtab auf die Schulter. Ich gehe in des Vaters Haus, morgen wirſt auch Du dort ſein mit dem Knaben, deſſen verhaßtes Geſicht mich täglich ſtärken ſoll in meiner Pflicht. Du ſollſt den Dienſt aufſagen bei den frommen Schweſtern; ſein Schloß im Berge liegt dem Kloſter nahe, und ſeine Begier ſoll das elende Weib nicht in neue Netze ver⸗ locken. So ſprach er ernſt und beſtimmt, und wärmer ſetzte er hinzu: O all ihr Heiligen, warum ließet ihr die ſchönſte Jungfrau dieſer Berge alſo verderben? O Iſabella, haſſe ihn, wetze mir das Meſſer gegen die teufliſche Bruſt, und ich will vergeſſen, was geſchah, tein Laut ſoll Dich erinnern, ich will nichts lieben als Dich, bis der Tod mich abruft, will nur leben für Dich, will ſelbſt des Knaben zärtlichſter Vater werden. O haſſe ihn! Und wie iſt es möglich zu lieben, was mich verrieth, verdarb, höhniſch verließ in der Schande, mitleidlos mich verlachte?— Du biſt morgen im Hauſe des Vaters, ſchloß er wiederum kalt, als ſie ſich nicht rührte aus ihrer Lage, und vergiß nicht, daß Sebaſtiano geſchworen, und gewohnt iſt, ſeine Schwüre feſter zu halten, als die edelgebornen, tugendreichen Hofherren zu Lisboa.— Langſam ging er in das Gebirge hinauf; Iſabella aber riß ihren Knaben mit Heftigkeit an ihr Herz und ſagte mit fieberhafter Haſt: Jao, wir müſſen fort; Du mußt Deinen Vater ſuchen, und wir müſſen ſprechen: verſchließe Dich hinter Deine Thore, Don Procopio, denn der Feind ſchleicht an Deiner Mauer und lechzet nach Deinem Herzblute und Deine Liebe kann ihn nicht anfallen und ſeinen Tod ſuchen, denn der Feind iſt ihr Bruder.— Im Schloſſe zu Liſſabon ſaß der König Pedro, der Zweite ſeines Namens, im Prunkſaale und die Großen ſeines Reiches umgaben den Thron ihres Herrn ehr⸗ furchtsvoll und ſtolz zugleich. Aller Augen hafteten auf dem Marquis von Aronches, der zum Throne geſchritten, ſeinen Federhut vom lockichten Haupte nahm, ſein rechtes Knie einen Augenblick bog, und dann ſich wiederum er⸗ hob, ſein Haupt wieder bedeckte und erwartend an der unterſten Stufe des Königsſitzes verweilte. Wir ſehen Euch da, wo wir Euch nicht zu ſehen begehrten, begann der König nach einer Pauſe, in wel⸗ cher ſein tiefliegendes Auge den Marquis ſcharf betrach⸗ tete. Ihr waret erſehen, unſere Intereſſen wahrzunehmen am Hofe zu Wien. Wie kommt's, daß Ihr das unver⸗ zeihliche Vergehen wagtet, Euren Poſten zu verlaſſen, ehe denn unſer königliches Wort Euch abgerufen?— Verzeihet, Sire! antwortete mit feſter Stimme der Blumenhchen. vIII. 7 98 Marquis. Darf der treue Diener weilen im fremden Hauſe, wenn das Geſinde deſſelben die Farben und Wappen ſeines Herrn beleidigt?— Welche Hand that das? fuhr der jähzornige Mo⸗ narch empor.— Das Volk von Wien ſtürmte meine Wohnung, ent⸗ gegnete Aronches; man zerbrach meine Pforten, Steine flogen, Waffen klirrten in der wüthigen Meute. Man drohete dem heiligen Haupte Eures Geſandten mit Mord, und kaum vermochten die Leibwachen des deutſchen Kai⸗ ſers mich zu ſchützen und meine Flucht zu ſichern.— und die Urſachen, Don? Die urſachen ſolches Frie⸗ denbruches? fragte der König mit Haſt.— Ich fordere nicht allein Genugthuung des verletzten Völkerrechts, fuhr Don Procopio fort, ich fordere auch Sühnung für die verletzte Ehre meines Namens. Ein junger Edelmann, der Zutritt hatte in meinem Hauſe, verirrte ſich auf einer Jagd von uns. Man fand ihn ſpäter ermordet, eingeſcharrt, und der unſinnige Volks⸗ wahn beſchuldigte mich, den Fremdling, ſolcher Gräuel⸗ that. Der Nordländer haßt den Sohn des Südens, denn er beneidet ihn, weil ihm des Himmels Gunſt die herrlichere Heimath geſchenkt, und ſelbſt die Fürſten des Nordlandes ſehen mit Scheelſucht auf unſere Könige, denen die Natur ſelbſt den prangenden Thron erbaut, und welche allein ſich nennen dürfen wahrhafte Könige der Erde und des Weltmeers. Deutſchlands Kaiſer hätte Don Pe⸗ dro's Abgeſandten zu ſchützen, zu rächen vermocht, aber er that es nicht, weil er Freude hatte, Portugals Stell⸗ vertreter beſchimpft zu ſehen. Ich lege darum meine Klage nieder auf dieſen Teppich, und fordere meines Königs Arm auf für die Ehre meines Schildes. 99 Und könnet Ihr Euch rechtfertigen? denn wir kennen ſchon die Geſchichte, und das Gerücht flog Euch voran bis hieher, fragte der König mißtrauiſch.— Aronches' Handſchuh liegt am Boden für Jeden, der es wagen möchte, dem Verdachte Worte zu geben, der das edle Blut meiner Ahnherren beflecken müßte, ant⸗ wortete der ſtolze Fürſt. Bereits iſt der berühmteſte Schriftgelehrte Luſitaniens, die Krone unſerer Zeit, Ja⸗ einto Freira de Andrade von uns geworben, zu fechten mit ſeiner unbeſiegbaren Feder gegen das unſinnige Ge⸗ ſchrei derer, die unſerm Schwert nicht Rede zu ſtehen vermögen, weil ſie im Staube geboren wurden und bis dahin—— Bis dahin ſollet Ihr— fiel der König ein mit ſtren⸗ gem Tone; aber auch ihn unterbrach ſein kecker Günſt⸗ ling, der Graf Kaverio von Ericeyra, und die Blicke des ganzen Hofes wendeten ſich augenblicks theils er⸗ ſchrocken, theils feindſelig auf den kühnen Graukopf.— Mein königlicher Herr möge mir vergeben, ſagte er in unterthäniger Stellung, aber mit freiem Tone. Ehe denn mein Monarch vielleicht ein ſtrenges Wort aus⸗ ſpricht, ſei Er geneigt zu vernehmen, daß ſein treueſter Diener, Don Faverio, ſich bewogen gefunden, dem Mar⸗ quis Carolo Joſepho Procopio de Aronches ſeine Tochter Hyazintha zu verloben, und daß er kam, von ſeinem gnädigen Könige die Erlaubniß zu ſolcher Vermählung zu erbitten.— Der König fuhr ſichtlich betroffen zurück, ſein dunk⸗ les Geſicht überflog eine hohe Röthe bis unter die Augen und er vermochte Unentſchloſſenheit ſeiner Seele und Verwirrung ſeiner Gedanken nicht zu verbergen. Durch den Kreis lief ein Rauſchen, als wenn ein Sturmſtoß 100 die hohen Kaſtaniengipfel ſchüttelt. Nach einer ängſt⸗ lichen Pauſe winkte der König den Herzog von Cada⸗ val zu ſich, und nahm ein Papier aus ſeiner Hand. Wir erkennen den vollen Werth der Bürgſchaft, ſprach er langſam und im ſcharfen Accente, die der Graf Eri⸗ ceyra dadurch für unſern Botſchafter leiſtet, daß er ihm Sohnesrecht zu ertheilen gewillet iſt. Aber unſer Ge⸗ treuer wußte nicht, welch ein Schreiben vor wenigen Stunden durch einen Eilboten nach Lisboa gelangte, kannte nicht dieſes ſchwere Blatt, welches wir ſo eben aus der Hand des Oberhofmeiſters empfingen, und wel⸗ ches Graf Kinsky im Auftrage der erlauchten Fürſtin, welche die Kaiſerkrone Deutſchlands trägt, geſchrieben. Dieſer Brief beſchuldigt dieſen Mann, welchem Don Raverio die Ehre ſeines Stammes anvertrauen will, ei⸗ nen jungen deutſchen Edelmann, Ferdinand von Halwill genannt, Sohn eines kaiſerlichen Kammerherrn, einem der beſten Geſchlechter Wiens angehörig, mit meuchleri⸗ ſcher Hand ermordet zu haben. In der eigenen Kaleſche des Marquis fuhr der Deutſche mit ihm zur Jagd, al⸗ lein kehrte der Marquis zurück, begab ſich am ſelbigen Abende zu einem Feſte der Gräfin Rabutin, und ſagte dort der Gräfin Werdenberg, der Schweſter, auf die Frage nach dem Bruder, daß die Jäger ihn vermißt, daß er ſich verirrt haben müſſe, daß jedoch die ausgeſandten Spürer erfahren, wie er im regnichten Wetter von einer fremden Equipage aufgenommen und in ihr den Weg gegen Baden eingeſchlagen. Die Schweſter ſchickte beſorgt auch ihre Boten aus, jedoch vergebens. Da ſcharrten die Hunde einen Leichnam an's Licht, nackend und geplün⸗ dert, zwei Stiche in der Bruſt, die Stirn durchſchoſſen von einer meuchelmörderiſchen Kugel, ein ſchreckenvoller 101 Anblick, entſetzlicher, da man den jungen, hoffnungs⸗ vollen Edelmann, die Zierde ſeines Geſchlechts, darin erkannte.— Ihr ſchaudert, Marquis? ſetzte der König lebhaft hinzu. Ihr ändert die Farbe?— Wie ſollte ich nicht, Hoheit? antwortete raſch Don Procopio. Der Erſchlagene war mein Freund, mein täglicher Genoß. Glaubt Ihr, mein Herz ſei kalter, gefühlloſer Marmor, Sire, und ertrüge die traurige Mähr, welche Ihr aus dem Schreckensbriefe leſet, wie der Kieſel den Huf des Roſſes, ohne Bewegung?— Schärfer fuhr der König fort: Die Beſchuldigung wächſet rieſenhoch durch die Urſache, die man angege⸗ ben. Dieſer Mord ſoll nicht ein Kind der Leidenſchaft oder des Jähzorns geweſen ſein. Nein, der Marquis ſchuldete dem Grafen fünfzigtauſend Dukaten, im Glücks⸗ ſpiele verloren. Die Unbequemlichkeit der Zahlung zu meiden, ſchaffte er den Gläubiger unter die ſtumme Erde. So ſpricht der Brief, und beim San Joſe, wer unſern Orden von San Michael del Ala trägt, wer unſerer Gegenwart gewürdigt werden will, muß ſich gereinigt haben zuvor von ſolch ſchimpflicher Anklage vor uns und vor der Welt, und auch die edelſte Blüte von Oliſippa, die Tochter unſeres getreueſten Freundes, kann ſein nicht werden, bis er glänzend daſteht im Gewande der fleckenloſen Ehre.— Die Erſchütterung, in welcher der Marquis die grauſe Anklage angehört, ſchien jetzt von innerm, kaum gebän⸗ digtem Zorn vertrieben. Nimmer iſt vielleicht eine ſolche Anklage gehört worden in dem Königſaale zu Lisbva, ſprach er mit feſter, mächtiger Stimme, aber die Ma⸗ leſtät von Portugal ſelbſt lieh der Anklage ihre heilige Stimme, und darum muß der Unterthan antworten. 2 5 102 Wer iſt der Angeſchuldete? Das Blut zweier ritterlicher Völker fließt in ſeinen Adern, eine Fürſtin Ligne war ſeine Mutter, er iſt Wittwer der reichſten Erbin dieſes Landes, und der alte Marquis von Aronches ſetzte ihn ſterbend in alle ſeine Rechte ein; ſein Wandel im Son⸗ nenlicht der Ehre gab ihm bislang das Vertrauen ſeines angebeteten Monarchen, gab ihm die Freundſchaft des weiſen Don Kaverio, und deſſen herrliche Tochter will die zweite Mutter ſeiner unmündigen Töchter werden. Ha, wenn ein ſolcher Mann ſich zu vertheidigen hat ge⸗ gen das Schlangengeziſch der Verleumdung, gegen Volks⸗ geſchwätz und die Lüge des unſinnigen Haufens, wo iſt dann die Ehre ſicher im Kreiſe dieſer hohen Verſamm⸗ lung?— Eine Spielſchuld ſollte eines Ligne Hand zum WMorde verlocken? Erbärmliche Erfindung, und wäre ſie eine Million geweſen; hat doch mein Sekretär da Coſta Piguairo Größeres bezahlt zu Wien nach unſerer Ab⸗ reiſe, Summen, die wir zur Ehre unſers Königs ver⸗ geudeten. Ja, zur Schande einer fremden Nation muß ich bekennen, daß ich flüchtig den Hof verlaſſen, an den mein Monarch mich geſendet, daß ich in dem Paterhabit des Kloſters Trinitatis mich gerettet vor der tollen Meute des Volks. Aber es geſchah, um meines Königs Wap⸗ pen, um das Leben ſeines Geſandten zu ſchirmen. Würde des gerechten Kaiſers Majeſtät mich haben ziehen laſſen, hätte der fremde Hof die Unthat geglaubt, welche hier die Neider meiner Gunſt meinem Könige wahrſcheinlich gemacht? Würde der Kaiſer meine Flucht begünſtigt haben, denn die Rumorwächter der Kaiſerſtadt hatten mich zu Schottwien bereits umſtellt. Beraubt iſt der Erſchlagene gefunden; ſieht Procopio von Aronches einem Strauchdiebe gleich, der die Todten bis zum Hemde 103 plündert, welche ſein gutes Schwert erlegte? Der Ver⸗ leumder hebe meinen Handſchuh, und hier meinem Kö⸗ nige zu genügen,— er trat raſch zu dem Cardinal de Souſa, dem Großinquiſitor, und faßte an den diaman⸗ tenen Roſenkranz, den der Prälat im Gürtel trug— bei dem heiligen Zeichen der Verſöhnung ſchwöre ich als ein chriſtlicher Ritter, daß dieſe Hand rein iſt vom Blut des jungen Halwills, daß nimmer elende Habſucht mei⸗ nen Haß hätte entflammen können, und daß meine Flucht geſchah, die Würde meines Königs zu ſalviren! Mit erſchöpftem Athem trat er zurück, und unter den Großen wurden mehre Stimmen laut, die ſeine Flucht belobten und riefen: Wir hätten gethan, wie er! Vor einem Heere der Mauren blutet willig der portu⸗ gieſiſche Ritter, aber die Fauſt des wüthenden Pöbels darf nicht taſten an ſeine Ehrenkette.— Don Pedro ſah unentſchloſſen auf ſeine Herzöge und zuletzt auf den Grafen von Ertcehra, deſſen finſteres Auge feſt und er⸗ wartend auf ihn gerichtet war. Er winkte dem Mar⸗ quis zum Throne, und reichte ihm die Hand zum Kuſſe. Reinigt Euch vor der Welt, und wir bleiben Euer gnä⸗ diger König, ſagte er. Bis dahin wollen wir den In⸗ halt dieſes Blattes aus unſerer Erinnerung werfen; unſer Rittergericht mag über Eure Conduite als unſer Botſchafter zu Wien und über die Verlaſſung Eures Poſtens zu Gericht ſitzen. Dunkle Nacht lag auf dem Gebirge; ſchwere, lang⸗ ſam vor dem Winde hinziehende Wolken kündeten die Nähe der langen Regenzeit an, welche in den ſüdlichen Gegenden die Stelle des Winters vertritt. Aber in dem 104 Schloſſe am Berge vergaß man Nacht und Spätjahr; tauſend Kerzen verſtrahlten ihren Schimmer durch Säle und Prunkzimmer; alle Edelleute der Umgegend und die ausgezeichneten Schönheiten der Hauptſtadt hatten ſich eingefunden bei dem Marquis von Aronches, der dieſes Feſt zu Ehren ſeiner Braut, der lieblichen Hyazintha veranſtaltet, und ſelbſt der König würde die Einladung nicht verſchmäht haben, wäre er nicht erſt ſeit Kurzem Wittwer geworden, und hätte das Trauergewand, um Donna Maria von Savoyen angelegt, ihn nicht ausge⸗ ſchloſſen von den Vergnügungen, die er beſonders liebte. Im großen Ritterſaale erſchallte die betäubende Tanz⸗ muſik, und trotz ihres Nationalſtolzes bewegte ſich die edle Jugend Portugals in franzöſiſchen und engländiſchen Tänzen; im Familienſaale tönte ununterbrochen faſt der Tuſch ſchmetternder Trompeten und murmelnder Pauken zu den zahlloſen Trinkſprüchen der hochgebornen Zecher, denen der feurige Oporto und ſüße Champagner des Wirths beſonders mundete, und die ſie als Symbol ſei⸗ ner Zwillingsheimath mit gleicher Ehre lobend erhoben; im Prunkzimmer ſaß die Braut auf einem Blumen⸗ throne, zu dem Portugal und Afrika die duftenden Stauden geliefert, und empfing, im weißen Sammet⸗ kleide mit Gold durchſtickt einer reinen Feenkönigin gleich, die Huldigung der Gäſte, hörte mit ſchmeichelndem Blick einer Cancione zu, welche ein Herzogsſohn auf ſie ge⸗ dichtet und zur Mandora ſang, oder ſchenkte ihre Auf⸗ merkſamkeit einem ſinnig erfundenen Tanze, in welchem zwei einzelne Paare das Glück und das Leid der jungen Liebe finnbildlich darzuſtellen verſuchten, und zü dem die klappernden Caftagnetten den Rhythmus angaben. Am Fenſter eines kleinen Seitengemachs hatten ſich S 105 abgeſondert der Wirth und ſein künftiger Schwiegervater niedergelaſſen, und ihr ſtiller Zwieſprach ſchien Dinge zu betreffen, die der Fröhlichkeit des Feſtes fremd wa⸗ ren. Graf Faverio überlegte ernſt mit dem Bräutigam die nöthigen Schritte für die Sicherheit der Zukunft deſ⸗ ſelben, und hatte klüglich den ſeltenen Augenblick ge⸗ wählt, wo die Späher des Hofes ihr wohlbeſoldetes Amt vergaßen im Taumel der Sinnenluſt. Der alte Königsfreund war nicht ohne Sorgen um den Sohn. Dem ſcharfen Auge des Hofmanns waren die feindſeli⸗ gen Mienen des Herzogs von Cadaval, des Inquiſitor⸗ Cardinals, des Biſchofs von Laon und des Grafen von Caſtel⸗Melchor nicht entgangen, mächtige Bündner, die ihn ſelbſt längſt um ſeine Hoſſtellung beneidet, und de⸗ nen jene merkwürdige Audienz einen ſcharfen, willkom⸗ menen Dolch in die Hand gedrückt, um ihn in ſeinem künftigen Tochtermann tödtlich zu verwunden; ja ſelbſt des Königs Benehmen ließ ihn eine verſteckte Einwir⸗ kung ahnen, wenn auch der Schluß jenes Hoftages, die Zeichen der Gnade, die Aronches empfangen, einen Schleier über jene Räthſel geworfen. Der Marquis ſaß ernſt und tiefſinnend bei den Rathſchlägen da, die ihm der erfahrene Freund zuflüſterte; da zeigte ſich an der Thür des Gemachs ſein Diener Louis, ein geborener Franzoſe und des Marquis Liebling, und ein Blick auf ihn reichte hin, um den Marquis zu verſichern, daß ein beſonderes Ereigniß ſeine Gegenwart erforderte. Er führte den Grafen zur Geſellſchaft zurück, und trat alsdann raſch a den Corridor, wo Louis ſeiner wartete. Herr, zürnet nicht, ſagte der Franzos geſchmeidig und faſt gegen ſeine Gewohnheit verlegen, aber ich muß Euer Blumenfeſt ſtören durch eine Nachricht, die 106 wie ein ſcharfer Froſtwind durch Eure Blüten ſchneiden wird.— Eilig Deine Poſt, ich ſchenke Dir die Vorklage, fuhr ihn der Marquis an.— Unten am Gartenthore ſteht die ſchöne Hirtin von Leyria, flüſterte der Diener; wie eine ſchlanke Lilie ſchwankt ſie in der kühlen Nacht, und war nicht zu ver⸗ tröſten bis morgen und nicht abzuweiſen. Euer Leben, Derr, hinge an dem Worte, das ihre Lippen Euch zur Stunde vertrauen müßten, und ſie ſchwor, Euch zu ſuchen mitten unter Euren Gäſten, wenn ich ſäumte, ſie zu melden.— Der Marquis zuckte unwillkürlich zuſammen, als der Diener begann; bleichern Geſichts ſtieß er mit Unruhe den Namen Iſabella hervor, befahl aber ſogleich beſon⸗ nen, die Botin in den Pavillon des Gartens zu füh⸗ ren, und wenn der Marquis ſich dorthin begeben, die Umgegend wohl zu bewachen, damit kein Lauſcher dem Verſtecke zu nahe treten könnte. Der Pavillon ſtand am Ende des weitläufigen Parks, der ſich an den linken Flü⸗ gel des prachtvollen Schloſſes lehnte. Auf einem Hügel ſtand das kleine, heimliche, im phantaſtiſchen Styl der Mauren erbauete Thurmhaus, es gab eine Ausſicht auf die Ebene nach dem Tajoſtrome, im Halbzirkel wurde es von einem dichten Orangenwäldchen umkreiſet, den wie⸗ derum ein undurchdringliches Verhack von indianiſchen, langſtachelichten Feigengruppen einſchloß; hinter dieſen begann der Kaſtanienwald des Gebirges. Der Marquis hatte ſeinen dunkeln Mantel umgethan und ſchlüpfte eil⸗ fertigen Fußes auf Umwegen durch die Seitengebüſche des Parks, denn der Vollmond hob im Süden über den 107 Tajo ſeine rothglimmende Feuerkugel und machte die Gegend faſt tageshell. Er riß die geſchnitzte Thür des Pavillons auf, und das Mondlicht hinter ihm ſtrahlte weit in die zierliche Halle, und in ihr ſah er das hochgewachſene Mädchen von Leyria an den purpurrothen Divan gelehnt, der ſtillen Göttin Cyntha gleichend, wenn ſie herabſteigt ihren Endy⸗ mion zu belauſchen. Verzagt ſah ſie zu ihm her, als er ſeinen Mantel fallen ließ, und im höchſten Prunk des Rit⸗ ters auf ſie zutrat, und der Glanz der Diamanten und Rubinen auf ſeinem Sammetkleide ſchien ihr das Wort auf dem geöffneten Munde zu tödten. Kind meiner Seele, ſprach er mit Wärme, haſt Du mein nicht vergeſſen, haſt des Flüchtlings gedacht, den der Befehl des höchſten Herrn ohne Abſchied von Dir riß? O ſei mir willkommen, Du Licht meiner Augen, Du milde Frühlingsluft meiner beklommenen Bruſt.— Er wollte ſie umfangen, doch ſie ſtreckte wehrend beide Hände ihm entgegen. Nichts von mir! ſtieß ſie mit engem Athem hervor. Ich kam nur, Dir zu zeigen, daß die Ver⸗ laſſene, Verſtoßene Dir die Treue bewahrt; ich kam um Dich—— Zu begrüßen mit dem Gruße der Engel! fiel er ein, von ihrem Anblick neu erglüht und ſie gewaltſam an ſein Herz reißend. Dank Dir dafür, Du Herrliche! Ich hätte Dich geſucht in dieſen Tagen, denn mein biſt Du ja, wie kein Weib es war, kein Weib mein ſein kann auf dieſer ärmlichen Erde. O ſträube Dich nicht, Du Königin der Schöpfung; gib mir meinen Kuß zurück; ſchlinge die ſeidenen Feſſeln Deiner Blütenarme um mich, denn nur in ihnen kann Dein Procopio die ehernen Ketten vergeſſen, F S 108 mit denen ihn die Welt, ſein Stand, ſeine Verhältniſſe zu Tode drücken.— Der unerwartete Empfang, die feurigen Liebkoſungen des Mannes ließen das Mädchen ihre trübe Vergangenheit ſammt der drängenden Gegenwart vergeſſen. Das Ent⸗ zücken der Liebe röthete ihre bleichen Wangen und ſie gab ſich eine Weile ſeinen Umarmungen hin. Dann aber, ſich beſinnend, bog ſie den Kopf zurück und ſagte ſchmerz⸗ lich: O Procopio, wäreſt Du doch ſo gut, wie ich Dich glaube! Aber die böſen Leute nennen Dich falſch und leichtfertig und ſprechen, dem franzöſiſchen Blute in Dir ſei nicht zu trauen, und Dein Wort ſei wie der Wind, der durch das Thal ſtreicht, und den Niemand aufzuhal⸗ ten und zu binden vermag. Sie ſagten gar im Gebirge, Du wollteſt Deine zweite Heirath feiern, Du gäbeſt dort im hellen Schloſſe der Braut ein Liebesfeſt, und hier auf meiner Bruſt ſchimmert doch das heilige Bild, auf dem Du Iſabellen geſchworen.— Lügner, die Schwätzer in Stadt und Gebirg, ant⸗ wortete der Marquis, indem er ſein dunkeles Auge zwang, den ſcharfen, forſchenden Blick des Mädchens zu ertragen. Und zum Zeugniß dafür, ſollſt Du bei mir bleiben von nun an. Ich laſſe Dich nicht wieder von mir; mein Schloß mag Dich bergen, bis die Zeit kommt, wo Dein Geliebter Dich ſein nennen darf vor der Welt.— Du biſt ſo groß, ſo reich, ſo mächtig. Wenn Du mich liebſt, wie Dein Wort es ſpricht, warum könnteſt Du Dir die Zeit nicht machen ohne Zögerung?— ſo fragte ſie langſam und gemeſſen, und ihre Augen ſan⸗ ken herab auf den Knaben, der an ihrem Knie ſtand, ſich an dem Kleide der Mutter feſthielt und verwundernd 109 den Mann mit den Ordensſternen und den Demantketten betrachtete. Weſſen iſt das Kind? fragte der Marquis ſtutzig. Thränen brachen aus dem Auge des hohen Mädchens, und bezwungen vom tiefſten Gefühl warf ſie ſich heftig an des Mannes Bruſt.— Iſt Dein Auge trüb im Mond⸗ licht, ſtammelte ſie, daß Du Deine Züge nicht erkenneſt, am kleinen Jao?— Don Procopio machte ſich los aus ihrer Umarmung, und ſetzte ſie mit ſanfter Gewalt auf die Polſter des Divans; dann ergriff er den Knaben in ſeine Arme und trug ihn haſtig an die Thür, ihn mit funkelnden Augen betrachtend. Mein, rief er, mein Sohn, ein Erbe meines Namens? Ja, mein, denn Iſabella's Mund hat nie gelogen. Und das blieb mir verſchwiegen, das wußte der Vater nicht? Heiße Küſſe drückte er auf des Knäbchens Mund, das ſtill und ohne Furchtſamkeit ſich Alles gefallen ließ, und mit den Händ⸗ chen nach dem Golde griff, was an des Marquis Halſe ſchimmerte. Das Mädchen war indeß zur vollen Be⸗ ſinnung gekommen und ſprang von ihrem weichen Sitze auf und umfaßte rücklings den Mann ihres Herzens.— Du erkennſt die Waiſe an, Du willſt ihm Vater ſein? ſprach ſie in einem Tone, durch den die höchſte Freude klang, der jedoch ſichtlich von innerer Angſt gedämpft wurde. O ſo hat die heilige Madeleina meinen Fuß beflügelt, daß ich Deine Güte, Deine Liebe zu belohnen vermag.— Nenne nicht Güte, was Gerechtigkeit heißt, entgeg⸗ nete Don Procopio; aber ſprich, welch ein fremdes Bangen Deine Schönheit entſtellt in ſolcher Paradieſes⸗ ſtunde 2— Aber ehe das Mädchen antwortete, trat Louis, der — 110 Diener, aus dem Schatten der Orangen herauf, und näherte ſich mit Eile dem zürnend zu ihm gewandten Gebieter. Herr! ſprach er, macht Euch auf zum Schloſſe. Es iſt nicht richtig im Walde. Aus meinem Verſteck hörte ich murmelnde, tiefe Stimmen, ſah dann einen Haufen dunkler Mannsgeſtalten am Rande des Parkes, und täuſchte mich mein Ohr nicht, ſo iſt man mit ſchar⸗ fen Beilen beſchäftigt, einen Weg durch das ſtachlichte Verſteck zu brechen.— Haſenohr und Haſenherz, ſprach der Marquis unwil⸗ lig. Warum trateſt Du nicht heraus ins Licht, und ſcheuchteſt mit einem Wort die muthwilligen Geſellen? Unſchuldige Näſcher werden es ſein, die den Obſtkeller des Gärtners ſuchen, denn alles Raubgeſindel der Berge zuſammengeballt, würde es nicht wagen, einen Anſchlag auf das Schloß zu üben, in dem heute die Blüte der jungen Helden Lisboa's ſich verſammelte.— Und doch, ſtieß Iſabella krampfhaft hervor, folge ihm und flieh! Ach darum ſuchte ich Dich ja. Du haſt einen Feind, der Dir den Tod geſchworen, deſſen Meſſer Deine Bruſt ſucht. O rette Dein Leben mir und dem Kinde.— Meine Bruſt ſchützt ein Hemde von Stahl, lächelte der Marquis; aber wer iſt der Feind meines Lebens? Und woher kennſt Du ihn, mein Abgott?— Ich war eingeſperrt, feſt und eng, ſtotterte verwirrt das Mädchen, aber die Wand war dünn; neben mir be⸗ ſprach man den mörderiſchen Plan. Heute im Getümmel Deines Feſtes will man Deine unbeſorgte Bruſt treffen. Als ſie fortgezogen, gab mir die Herzensangſt Mannes⸗ kraft, und ich zerbrach Schloß und Thür. O fliehe ſchnell, und verbirg Dich in Dein feſteſtes Gemach!— 111 Und wer iſt der gewaltige Feind, der ſich an mich zu legen wagen möchte? fragte ſpöttiſch der ſtolze Mann.— Ich darf ihn nicht nennen, hier nicht! Nimmer! lallte das Mädchen, ihren Kopf wie todesmatt an ſeine Schul⸗ ter legend.— Hinein ins Haus, Louis! befahl da ernſt Don Pro⸗ copio. Hole Dir eine Büchſe aus der Waffenkammer, nimm den Jäger mit und ſäubert das Gebüſch. Du aber, meine ſchlanke Hindin, komm, daß ich Dir ein Lager bereiten kann, wo Du ausruhen magſt bis das fremde Getümmel mich verlaſſen, und ich frei athmen darf in einer endloſen Stunde unſerer alten Seligkeit.— Er nahm das Kind auf den Arm, das Weib an die Hand, und führte ſie fort durch die Schattenalleen in den Flügel des Schloſſes, wo er Beide ſelbſt in ſein Geheimzimmer leitete, ihnen den Becher mit ſüßem Traubenſaft vorſetzte, ihr ſein eigen Bett anwies, und ſie vorſichtig einſchloß. Ein breiter, offener Säulengang, der mit großen Kryſtallglocken hell erleuchtet war, führte von dem Flügel an dem Hauptgebäude hin, und durch dieſen Porticus ſchritt bald darauf der Marquis, beſorgt, daß Braut und Schwiegervater ihn bereits vermißt haben möchten. Seltſame Träume beſchäftigten ſeine Phantaſie, Träume von einem Doppelglück, denn Iſabellens Erſcheinung hatte die ſüßeſten Erinnerungen in ihm aufgeregt, und ſein kecker, leichter Sinn entwarf ſchon die ſicherſten Pläne, die ſchönſte Dirne des Gebirges eigen zu behalten, ohne den Glanz der Glücksgüter, die ſich ihm neuerdings ge⸗ boten, darum aufzugeben, und auch der kleine, liebliche 1¹2 Jao, das Vatergefühl, das ihn warm und wahr bewegte, miſchte den edelſten Theil zu ſeinen Phantaſiebildern. Da trat unerwartet eine derbe Männerfigur hinter einer Säule hervor in ſeinen Weg, und der Mann nahm den breiten Hut vom Haupte, und zeigte einen dunkeln, ſchwarzbärtigen Männerkopf mit einem grünen Haarnetz umflochten, und ein Geſicht aus wilden, ſcharf markirten Zügen geformt. Guten Abend, Signor! ſprach der Fremde im tief⸗ ſten Baſſe. Verzeiht, daß ich den guten Zufall benutze, und Euch hier außen begrüße. Wußte ich doch nicht, ob drinnen mein Beſuch willkommen geweſen.— Ein furchtbares Erſchrecken zuckte durch die Geſtalt des Schloßherrn. Er wich an die Wand zurück, und fragte mit Erbeben: Lukas, iſt es möglich? Du in Portugal?— Warum nicht, Herr? antwortete Jener. Milano iſt eine berühmte Handelsſtadt, und ſchickt ſeine Söhne in jeden Winkel der Welt, wo man preiswürdige Waare liebt und wo es gute Zahler gibt. Ihr ſeid mir ein gar freundlicher Käufer geweſen, aber ich habe noch ein Wechſelchen zu ziehen auf Euch, und per mia fe! es thut mir Noth, daß Ihr zahlet, denn ich bin ein Poveretto, der in dieſer Stunde keinen Seudo, ja kaum einen Soldo im Säckel führt.— Unverſchämter Teufel! verſetzte der Marquis. In Uebermaß wurdeſt Du bezahlt für die ſchlecht vollführte That.— Per vita mia! fuhr der Milaneſer auf. Wer hat eine Signoria jemals treuer bedient als ich? Tauſend Cruſaden verſprachet Ihr für einen tüchtigen Stich. Der Graf zu Wien hat zwei von mir empfangen und 113 zwei Schüſſe in das Hirn obendrein, weil das junge Blut ein ſo zähes Leben hatte wie der Aal, der halb gebraten ſich noch in der Pfanne umwälzt.— Haſt Du ihn vergraben, wo ihn kein Menſchenauge finden konnte, wie Du verheißen? fiel Don Procopio gefaßter und mit Vorſatz ſich erhitzend ein.— Nicht meine Schuld, antwortete kalt der Italiener. Warum gabt Ihr mir den Franzoſen mit, der wie Pap⸗ pelnlaub erbebte, als der Blutende ſich krümmte im Sande, und der mich zur Eile trieb ohne Noth.— Was kümmerte Dich des Burſchen Angſt, Du Blut⸗ menſch? Du bekamſt fünfhundert Cruſaden für das ſchlechte Stück Arbeit, das meinen Namen, meine Ehre der Welt preis gab, ja ſelbſt mein Leben obendrein. Uebergenug für Dich! Und überdies plünderteſt Du den Leichnam bis auf die nackte Bruſt, nahmſt ihm an tau⸗ ſend Gulden Werth; rechne das, und ſei zufrieden.— Mein Leben, Euer Leben! ſprach ſpöttiſch der Mila⸗ neſer. Sieht man den Menſchen in ſeiner Haut, iſt Ei⸗ ner ſo koſtbar wie der Andere. Ihr zahltet die Hälfte des Lohnes voraus, nahmet mich in Eurer Kaleſche mit zurück in die Stadt, und verſprachet mir die andere Hälfte dort. Habet Ihr Wort gehalten wie ein Cava⸗ lier? Mich habt Ihr dagegen ins Verderben gebracht, denn da ich Euer Begleiter geweſen war, kamen mir die deutſchen Spürhunde, die Hölle brenne ſie! zu früh auf die Fährte, und ich mußte meinen reichen Reiſeſack in der Hoſtoria zurücklaſſen; der knickerige Wirth wird ſich herrlich daran erbauet haben. Per Dio! Die ganze Geſchichte hatte einen ſchlechten Grund. uUm die elende Bürgermagd, um die Tochter eines jämmerlichen Bar⸗ biers, die Ihr, reicher Signor, hättet kaufen können für Blumenhagen VIII. 8 114 den Preis einer jungen Katze, ſendet ein Edelmann den andern ohne Abſolution gerade ins Fegefeuer? Hätte Lukas das voraus gewußt, ſein Meſſer wäre ſtumpf ge⸗ weſen für Euch. Obendrein iſt das arme Ding wahn⸗ witzig geworden, wie man ſprach in den drei Tagen, die ich nach der leckern Jagd mich noch in der Stadt herumtrieb, weil ich glaubte, ein ſo mächtiger Herr würde nicht über die Grenze laufen gleich einem ge⸗ ſcheuchten Rehbock. Freilich der eine Liebhaber todt, der andere auf der Reiſe, über einem ſolchen doppelten Feuer brennet die Grütze an in ſolch dünnen Töpfchen. Was kümmert's uns, aber Ihr werdet honnet ſein darum, Signor! Nehmet mich in Eure Dienſte, ein treuerer und ſchärferer Sporn ſoll noch nie am Stiefel eines Cavaliers geklirrt haben; oder zahlet mir wenigſtens den Rückſtand, damit ich nicht wie ein Bettler zu Hauſe reiſen müßte.— Der Marquis hatte das Geplapper des wilden Men⸗ ſchen mit einer tiefen, innern Bewegung angehört, bei der ſein Blut wie Eiswaſſer durch jede Ader rollte; jetzt ermannte er ſich und trat entſchloſſen dicht an den un⸗ geſtümen Mahner. Da, ſagte er ſtolz und feſt, nimm dieſen Ring, jeder Iſraelit zahlt mehr dafür, als ich Dir ſchulde. Aber fort, augenblicklich fort, fort von hier, fort aus dem Lande! Höre ich von Dir, höre ich auch nur Deines Namens Klang noch einmal in Portugal, bei meinem Wappen, ſo hängſt Du an dem höchſten Galgen, der je für einen Schurken gebauet wurde.— Der Milaneſer drückte mit Erbitterung ſeinen Filz⸗ hut auf den Kopf und ſah dem Marquis, der ihn ſchnell verlaſſen, durch den Säulengang nach, bis dieſer im 115 Hauptportale verſchwand; dann ließ er den Ring am Laternenlicht funkeln und ſteckte ihn bequem in die Taſche ſeines Ledergurts. Das Meſſer iſt bezahlt, murmelte er, aber der Schurke und der Galgen bleibt auf der Rechnung. Piano, Signor! Es iſt kein Pferd ſo gut, es ſtolpert. Aſpetta! Aſpetta! Ich war ein ehrlicher Schelm, und wollte Dich warnen, denn die Compagnie dieſer Mameluken, zu denen mich der Zufall warf, war mir nicht anſtändig genug. Bei meinem Leibe, die Mufik, welche man Dir aufſpielen will, wird Dir nicht gefallen.— Er ſah lauſchend umher, dann ſchlich er auf der Schattenbahn, welche eine der breiten Säulen warf, durch den Hof hinaus, und ſprang über das Gatter in den Garten hinein. Der Marquis von Aronches hatte ſich unterdeſſen in den Salon zurückbegeben, und die Uebung, welche der gewandte Höfling in der Verſtellungskunſt erreicht, tilgte jeden Anflug von Gemüthsbewegung, welche zwei ſo erſchütternde, dazu ſo ſchroff contraſtirende Scenen in jedem menſchlichen Herzen hätten hervorbringen müſſen. Er regte die Zecher durch ſeinen Aufruf zu neuer Fröh⸗ lichkeit; ſeine Stimme ſetzte die verſtummten Muſikchöre in friſche Thätigkeit, und er führte die reizende Braut, die leicht mit ihm zu ſchmollen begann, in die Reihen der Tanzenden, und erſtickte durch ſein feuriges Schmei⸗ chelwort ihren keimenden Groll. Aber der beſonnene, umſichtige Mann fand doch mitten in dieſen Beſchäfti⸗ gungen einen Augenblick, wo er ſeinen Haushofmeiſter zu ſich winken konnte, und ihm befahl, alle Dienſtleute — 116 die nicht bei dem Feſte nöthig, ſchleunigſt zu bewaffnen, und auf die Höfe zu vertheilen, auch einen Reitenden in das nahe Dorf zu ſenden, und alles Mannsvolk, das dem Aronches eigen war, bewehrt zum Schloſſe zu beſcheiden. So verlief ein Stündchen faſt, Mitternacht war vor⸗ über, und der Marquis ärgerte ſich bereits über die Furcht, die er in ſeiner Seele aufgenommen, über die unnützen Vorkehrungen, die er getroffen, und die mit dem Deckmantel eines andern Zwecks verhüllt werden mußten, ſollten ſie ihn nicht bei der Mehrzahl ſeiner Gäſte lächerlich machen. Da horchten mehre der Geſell⸗ ſchaft, die den Fenſtern nahe ſtanden, plötzlich auf; eine Pauſe in der Muſik ließ einen heftigen Lärm vom Hofe her vernehmen, dumpfe Stimmen wie im Zank und wildem Wortwechſel wurden laut, und als einige Junker neugierig auf den Balkon hinausſtürmten, wurden ſie durch zwei Schüſſe zurückgeſcheucht, und das Geklirr der zerſchmetterten Fenſterſcheiben kündete, daß die da unten nicht zur Luſt und Ergötzlichkeit der Gäſte ihre Flinten Losgebrannt. Die Damen ſchrien und ſtürzten zuſammen und wickelten ſich zu einem dicken Knäuel; die Edelleute ſuchten ihre Degen, und die Beſtürzung ward allgemein, als der franzöſiſche Kammerdiener mit einem verzerrten, leichenblaſſen Angeſicht durch die Flügelpforte hereintau⸗ melte und ſeinen Herrn anſchrie: Das jüngſte Gericht iſt da, Herr! Rettet mich und Euch! Die Todten gehen um! Die ganze Bande ſchwarzer Teufel hat das Haus umzingelt und ruft nach uns, und das Feuer der Hölle brennt ſchon in lichter Lohe im Flügel, und die Flam⸗ menzunge wird kein Menſchenkind verſchonen, dem's im Gewiſſen nicht klar iſt.— 117 3 Wahnwitziger Narr! rief der Marquis und ſchleu⸗ derte den Diener, der ihn am Arm ergriffen, weit fort, daß er zwiſchen den Seſſeln niederſank; dann trat er raſch auf den Balkon, und als er den Hof mit ſchwar⸗ zen Geſtalten bedeckt erblickte, die mit dem Hausgeſinde ſich herum ſchlugen und grimmige Flüche ausſtießen, als er wirklich die hellen Flammen ſchlagen ſah aus den Fenſtern des untern Stocks im Flügel am Park, da ſtürzte er zurück in den Saal, ſtieß zum Erſtaunen der Gäſte nur die Worte hervor: Der Knabe! Der Knabe und die arme Mutter! und machte ſich gewaltſam Platz durch das Gedräng und verlor ſich auf dem Korridor. Den Degen zur Hand, meine Ritter! rief der alte Don Faverio, ſelbſt zuerſt den Stahl entblößend. Es iſt das Geſindel aus der Serra, es ſind die Bettler aus dem Heideland, welche der Schmuck unſerer Damen herbeilockt. Folgt mir, und laßt uns die zerlumpten Störer züchtigen, die uns waffenlos glauben mochten.— Der junge Adel ſammelte ſich um den alten Kriegs⸗ mann; waren auch einige Wangen farblos geworden, ſo hob doch die Gegenwart der Damen den ſchwäch⸗ ſten Arm. Don Procopio eilte unterdeſſen in nnrn Angſt, die ſeinem zweideutig geſcholtenen Charakter ſicher Nie⸗ mand zugetrauet, durch die hintern Räume des Hauſes, nahm den Major Domus, der ihm glücklicherweiſe auf⸗ ſtieß, mit ſich, und kam durch einen Seitenhof zu einer Hintertreppe, die in den höhern Stock des Flügels führte. Die untern Hallen dienten zu Magazinen der Winter⸗ vorräthe, darum griff dort der Mordbrand mit grauſer Schnelle um ſich, das ganze Gebäude war ſchon von ſtinkendem Qualm des Oels und Getreides gefüllt, 118 man hörte ſchon außen das Angſtgewimmer der Einge⸗ ſperrten, und als die Thür eingeſtoßen, taumelte Iſa⸗ bella mit dem weinenden Kinde ihm entgegen, ihn krampficht umklammernd, wie der Verlorene den Engel der Erlöſung. Nimm das Kind! Voran, Alter! Kümmere Dich nicht um mich! herrſchte der Athemloſe dem Kaſtellane zu, und als dieſer von ihm mit dem Knaben im Arm durch die grauen Wolken flüchtete, trug und führte er ſelbſt das erſchöpfte Mädchen, der er ſchnell ſeine Man⸗ tilla über den Kopf geworfen, hinab in's Freie. Es war gelungen, ſchon war der Hofraum durch⸗ ſchritten, über welchen der Mond ſein Licht ergoß, ſchon betraten ſie die Stufen, die zum Hauptpalaſt hinauf gingen, da kreiſchte wüſtes Wuthgeſchrei aus dem Gange, der ſich vor ihnen öffnete, zu ihnen heraus, es drängte ſich unter Schlag und Waoffenlärm ihnen entgegen; das waren nicht die Freunde, das war der heimliche Feind ſelbſt, dem ſie gerade in den offenen Tigerrachen ge⸗ rannt.— Rette das Kind! rief der Marquis, umſonſt nach einer Waffe taſtend, und der Kaſtellan flüchtete gehor⸗ ſam ſeitwärts zu den Stallungen. In demſelben Augen⸗ blicke ſah ſich Procopio von einem Dutzend ſchwarzer Männer umringt, und ballte ſeine beiden Fäuſte, ſein Leben wenigſtens ſo theuer, als ſeine Lage zuließ, zu verkaufen.— Viktoria! ſchrie eine jauchzende Stimme. Der Teu⸗ fel ſelbſt ſendet uns den rechten Mann— und Iſabella kreiſchte auf, als die Stimme erklang. Per mia fe! rief ein Anderer. Es iſt die Braut! Fanget ſie und fort mit ihr in den Wald. Solche Beute wiegt ein 119 ſchweres Löſegeld!— und er ſelbſt mit einigen Genoſ⸗ ſen fing die Schreiende und ſchleppte ſie fort ohne Er⸗ barmen.— Der Marquis gerieth indeß in ſchwerere Gefahr. Der, welcher Sieg gerufen, war Sebaſtiano Tomayo, und er fühlte an dem Gewicht des Eichenknittels, der glücklich nicht ſeinen Scheitel, ſondern nur ſeine Schulter traf, daß der Rächer nach ſeinem Leben trachte. Der Marquis konnte ſeiner Kraft und ſeiner Gewandtheit trauen, beide verdoppelten die Verzweiflung. Das lange Meſſer des Gegners blinkte im Mondenſcheine, dreiſt warf er ſich unter den Arm des Feindes, ſeine rechte Hand faßte die Gurgel, ſeine linke den drohenden Arm, und ſo entſtand ein Ringkampf ohne gleichen, dem furchtbaren Kampfe gleich von zwei engländiſchen Bull⸗ doggen, von denen jeder ſich verbiſſen in des Wider⸗ ſachers Fleiſch, und die durch ſich ſelbſt verkettet, unver⸗ mögend zum Todesbiſſe, ihre Kräfte erſchöpfen. Da glitt der ſeidene Schuh des Edelmanns auf dem glatten Pflaſterſteine, er ſtürzte und riß den ſtöhnenden Seba⸗ ſtian mit ſich und auf ſich zu Boden. Aber die Hand des Racheſchnaubenden war frei geworden, er führte triumphirend den Mordſtoß, da klirrte das Meſſer zer⸗ ſplitternd zwiſchen den Kettenringen des Stahlhemdes, welches der Marquis trug, und dieſer ſchlug jetzt beide Arme um den Gegner, und gleich der Rieſenſchlange, welche der Tiger mit ſeinen Klauen faßte, quetſchte er den Feind an ſich, daß er und jener unbeweglich wie ein feſtverſchnürter Ballen lagen, Beiden im wechſelſei⸗ tigen Druck der Athem zu erlöſchen drohete, Beider her⸗ vorgequollene Augen kaum Zoll weit von einander fun⸗ kelten, und Sebaſtiano mit den weißen Zähnen nach 120 dem Geſicht ſeines Feindes fletſchte. Don Procopio würde dennoch erlegen ſein, denn ſeine Stärke erloſch zuerſt, aber mehre der Edelleute ſtürmten zu rechter Zeit in den Hof, die Räuber und Mordbrenner vor ſich aus dem Schloſſe treibend; des Schloßherrn helle Kleidung zog ſogleich ihre Augen auf ſich, und in wenigen Minuten lag der knirſchende Sebaſtiano hart geknebelt auf dem Pflaſter des Hofes, und der Marquis hing erſchöpft und halb vernichtet am Geiſte wie am Leibe in den Armen ſeiner rettenden Freunde. ——— — Wie verändert fand ſich Alles, als endlich nach die⸗ ſer grauenvollen Nacht die Sonne über den Ufern des Tajos heraufſtieg. Mit düſtern Blicken betrachtete der Schloßherr die Zerſtörung. Die Hälfte des prachtvollen Schloſſes, des Hauptſitzes des Geſchlechts der Aronches, lag in rauchenden Ruinen, das koſtbare Geräth war zer⸗ ſchlagen, die Prunkzimmer verwüſtet, denn das Raub⸗ geſindel, mehre Hundert ſtark, hatte ſich bis in das In⸗ nere des Gebäudes gedrängt, ehe es dem alten Grafen Ericeyra gelungen, die Damen in Sicherheit zu bringen, und die Ritter dem Feinde entgegen zu hetzen. In den Höfen lagerten mehre Commandos der braununiformir⸗ ten Miliz und zechten aus dem Keller des Marquis; Patrouillen der grünen Jäger zu Pferde ritten ab und zu, dann und wann einen verwundeten Bauer, den ſie in der Gegend gefunden, am Schweif eines Roſſes her⸗. anſchleifend. Einige Todte lagen am Gatter des Parks; Bediente mit verbundenen Köpfen oder umwickelten Ar⸗ men ſchlichen durch den Portikus. Von den Gäſten fand ſich Niemand, Alle hatten ſich, ſo wie der Morgen —— 5 121 dämmerte, davon gemacht, ſelbſt der künftige Schwie⸗ gervater hatte es für ſeine erſte Pflicht gehalten, die zagende Braut zurück nach der Hauptſtadt zu bringen, da er den Herrn des Schloſſes durch die vom Brande herbeigelockte Soldateska der nächſten Orte geſichert wußte. So fand ſich der Marquis ganz allein in ſeinem zer⸗ ſtörten Hauſe, und zum erſten Male vielleicht in ſeinem Leben ergriff ihn ein unheimliches, nagendes Gefühl, geweckt durch den nie zuvor gedachten Gedanken an eine hereinbrechende Vergeltung, an ein beginnendes Gericht über ſeinem Haupte. Er hatte Sebaſtiano gebunden abführen ſehen, Iſabellens beleidigten Bruder, der kalt die Mißhandlungen der Reiter ertrug und trotzig mit ſtolzgehobenem Haupte zwiſchen den Pferden dahinſchritt, obgleich die Ausſagen der übrigen Gefangenen ihn als den Hauptmann des Ueberfalls, als den Erfinder und Aufhetzer bezeichneten, und er dem ſichern Tode auf dem Schaffot entgegen ging. Iſabella ſelbſt war verſchwun⸗ den, und Procopio fühlte mit ſeltſamem Schmerz, daß ihm beſſer ſein würde, wäre nur die Verführte, Ver⸗ laſſene bei ihm, und dürfe er ihren Klagen, ſelbſt ihren Verwünſchungen zuhören. Es riß ihn auf von dem weichen Divan, auf den ihn die Ermattung geworfen, und er ſuchte den Haushofmeiſter auf, bei dem er den weinenden Knaben fand, der unaufhörlich nach der Mut⸗ ter rief, und von dem Alten durch nichts beſänftigt zu werden vermochte. Als Aronches eintrat, machte ſich das Kind vom Schvoße des Wächters los und ſtreckte ſeine Aermchen nach dem Vater, und ſtolperte heran an ſeine Knie. Der Marquis hob den Kleinen auf in ſeine Arme, und als er ihn geherzt, ihn zur Mutter zu bringen ver⸗ heißen, wurde der kleine Jao ruhig, und tändelte bald 122 ſorglos mit den Goldſchnüren des vom Brande beſchmutz⸗ ten, vom Fauſtkampfe zerriſſenen Seidenkleides, welches der Ritter noch nicht gewechſelt hatte. Don Procopio befahl, den Louis auszuſenden mit tüchtiger Bedeckung der Soldaten, um die ſchöne Iſabella aufzuſuchen; mit Verwunderung vernahm er jedoch, daß der Kammer⸗ diener im Bett ſei, bedenklich krank, von Fieber und den wildeſten Träumen gefoltert, und ſchon oft nach dem Herrn, wie in Todesangſt, gerufen habe. Des Marquis Stirn wurde kraus und recht finſter, er trug dem Haus⸗ hofmeiſter die Ausführung des gegebenen Befehls auf, und begab ſich dann, mit dem Kleinen auf dem Arme, zu der Kammer, wo der Diener ſein Lager hatte. Louis lag mit ſchneebleichen Wangen auf der Decke des Betts und ſein Geſicht war bis zur hippokratiſchen Todtenlarve entſtellt und verzogen. Er lag mit geſchloſſenen Augen und murmelte im Halbſchlafe und als ihn die Stimme des Herrn erweckte, fuhr er wie in Zuckungen empor und wollte der Lagerſtätte entſpringen. Raſch ſetzte der Marquis das Kind nieder, und faßte ihn derb am Arm, und forſchte mit heftigen, zürnenden Worten nach der Urſache ſeines Zuſtandes, ihn zugleich verſpottend, daß eine Geſchichte, wie ſie im Lande ſo oft ſich zutrage, eine fränkiſche Memme, wie er ſei, ſo zu Boden ge⸗ worfen.— Der Franzoſe ſtarrte ihn eine Weile wie mit glä⸗ ſernen Augen an, dann ſchien ſein Geiſt zu erwachen, und eine Art Gewalt über den zernichteten Körper zu gewinnen.— Gut, gut! ſagte er mit Haſt. Ihr ſeid bei mir, Herr! Nun wird der Teufel mich laſſen, und nach Euch 123 greifen, denn ich war ja nur der Knecht und das Meſſer, Ihr aber waret der Herr und die Hand.— Unſinniger Narr! rief Don Procopio mit ausbrechen⸗ dem Grimm. Was ſoll die finnloſe Rede? Sprich, was Dich quält, oder ich laſſe Dich in einen dunkeln Keller werfen und gebe Dir Niemanden zur Geſellſchaft als die taube Melkerin, die Dich mit Reiß und Waſſer füt⸗ tern mag, bis Deine Vernunft gekehrt iſt.— Die alte Meluſina, die den ganzen Tag Gebete ſpricht und Pſalmen fingt? entgegnete ſchnell der Diener, indem er ſich im Bett aufſetzte. Nein, Herr, ſeid barmherzig; ich würde nicht mitbeten können, und wenn ſie vom Herr⸗ gott und von Buße und Hölle predigte, würde mich's brennen, als läge ich ſchon auf dem Scheiterhaufen, und in jedem Winkel würde das Geſpenſt ſtehen, das uns von der Kaiſerſtadt bis an den Tajo verfolgt.— Welches Geſpenſt? fragte der Marquis aufhorchend. — Sei vernünftig, Louis, ſetzte er beſänftigend hinzu, und Du wirſt wie ſonſt den guten Herrn in mir erkennen. Was für ein Geſpenſt ſoll Dich verfolgt haben?— Und Ihr ſahet es nicht, und Euch hat es nicht mit dem grimmigen Glutenblick gepackt, der bis in die Bruſt ſtach? fragte der Kranke. Das iſt nicht recht von dem todten Junker, denn ich hatte ihn doch nicht in den Wald gelockt, und habe ihm nichts gethan, als etwas Erde über ihn geworfen, weil der tolle Milaneſer ihn nackt wie Adam am Wege liegen ließ.— Louis! donnerte der Schloßherr ihn an.— Ja, ja, fuhr der Diener erſchrocken fort, indem er vor ſich hin⸗ ſtarrte und ſeine Sinne zu ſammeln ſuchte, er konnte doch nicht viel Blut mehr in ſeinem Leibe haben, und war ſo recht, was man todt nennt. Aber ſie haben ihn 124 4 ausgegraben, und die ſchöne Demvoiſelle Flaſchner wird ihren Vater, den wunderlichen Barbier, ſo lange gebeten haben, bis er ihn wieder lebendig gemacht; der rothe, alte Kerl galt in ganz Wien für einen Hexenmeiſter. Und glaubt mir nur, Herr,— er hob ſein Geſicht zum WMarquis auf— ich habe ihn wahrhaftig geſehen, wie ich Euch ſehe. Im Garten wurde es mir zu einſam, als Ihr mit der Donna ins Gebüſch gegangen, und ich rief den Alfonſo, und ſtrich mit ihm am Schloßthor herum. Da ſtand plötzlich, wie aus der Erde gewach⸗ ſen, eine lange Figur neben mir in einem weißen Man⸗ tel, es war ſicherlich das Todtenkleid. Und als ich die Figur angeſprochen, da ſprach ſie mit einem Grabestone: Louis, kennſt Du mich nicht? Und als ich ſtutzig fragte: Wer iſt denn der Herr?— da ſchlug die Geſtalt den Mantel von einander, und zugleich rückte ſie den großen deutſchen Federhut aus dem Geſicht und ſprach mit In⸗ grimm: Halwill heiße ich, Du Sündenknecht, und folge Euch bis ans Ende der Welt, und biſt Du beſſer, wie Dein Herr, ſo trage das da ſogleich zu ihm. Einen weißen Brief hielt das Geſpenſt mir entgegen, aber ich ſah die Höllenflamme blaulich und roth aus ſeinen Fin⸗ gern fahren, und ſprang mit einem Schrei zurück und ſchlug ihm das eiſerne Thor dicht vor den ausgeſtreck⸗ ten Krallen ins Schloß. O warum hatte man mich gelehrt, daß man ſeinem Herrn gehorchen müſſe über⸗ all und in jeder Art? Nun faßt mich am Ende das Geſpenſt, und Ihr geht frei aus, weil Ihr ein vorneh⸗ mer Mann ſeid, und meine gemeine Seele muß büßen für Euch.— Er ſank erſchöpft zurück, mit bezwungener Erſchütte⸗ rung redete ihm der Marquis freundlich zu und legte die „ 125 7 Hand auf ſeine heißbrennende Stirne. Die Todten ſind todt und gehen nicht um auf Erden, ſagte er; ein ver⸗ kappter Feind ſchlich uns nach, und will unſer Geheim⸗ niß durch uns ſelbſt an den Tag bringen. Sei ruhig, guter Burſch, und überlaß mir die Sorge, dieſen Geiſt zu bannen. Was Du thateſt in meinem Dienſt, kann Dir nicht zugerechnet werden. Aber den Brief hätteſt Du nehmen ſollen, das Räthſel würde dann längſt ge⸗ löſet und Du Deiner Furcht bereits entbunden ſein.— Nehmen aus ſolcher Hand? Herr, nicht um all Euer Gold! murmelte der Kranke, wieder mit den Händen zuckend und die Augen rollend. Es war ja das Geſicht und die Stimme; ja ich kannte ihn wohl und hatte ihn gar oft geſehen. Und er ſagte es ja ſelbſt, und die Todten lügen nicht mehr, wie die Sünder, welche auf Erden gehen.— Der Marquis preßte den Knaben gewaltſam an ſeine Bruſt, und flüſterte in tiefem Seelenſturme: Sie hat Dich mir gebracht, Sie, die mich allein geliebt in die⸗ ſer vollen, trügeriſchen Welt. Sie wußte, ich bedurfte eines Engels, deſſen Unſchuldsſtimme für mich bitten könnte, wenn das Gericht hereinbrach. Gericht? Welche mönchiſche Gedanken zucken in meinem Gehirn? Wäre dieſe weibiſche Ahnung mehr als ein körperliches Fieber⸗ zucken, ſo möchte die Rechenſchaft vielleicht ſchwer wer⸗ den. Tollhäusleriſcher Procopio, wie konnteſt Du um einer flüchtigen Sinnesluſt willen Dich in ſolch blutige Netze verwickeln? Mit all meinem Gute möchte ich den eitlen Gecken wieder ins Leben kaufen, und ihm ein Dutzend ſchöner Sklavinnen vom Markt zu Marokko zu ſeiner buhleriſchen Wienerin ſchenken, könnte ich unge⸗ ſchehen machen, wozu ſeine Prahlerei mein heißkochendes — 126 Blut verleitete. Aber hindurch, Procopio! Hat je ein Ligne den Feind gezählt und im Gedräng gezittert? Du, mein Jao, ſollſt an meinem Herzen bleiben; ich will Dir Wärterin ſein und Amme und getreueſter Vater zugleich. So lange ich den Engel im Arm halte, müſſen die Flammenwürfe der finſtern Erdmächte neben uns hinfahren, und iſt ein Gott, ein Richter, ein Rächer, und iſt der Alltagsglaube mehr als Wahn, ſo iſt auch die Unſchuld ein Schild, und was man thut an ihr, wird die ſicherſte Abbitte und die beſte Sühnung.— In Liſſabon finden wir den Marquis wieder. Er hatte ſeinen Palaſt bezogen, und da Iſabella nirgend aufgefunden, den Knaben mit ſich genommen, und der Inſtinkt der Natur ſchien das Kind magnetiſch an den Vater zu binden, denn in der Nähe des Don Procopio blieb es ſtill und zufrieden, ſobald jedoch derſelbe ſich entfernte, wurde es traurig und rief nach der Mutter. Den königlichen Hof traf Aronches in beſonderer, gehei⸗ mer Bewegung. Der öſterreichiſche Graf Harrach war angekommen, und man flüſterte von einer zweiten Hei⸗ rath des Königs, auf welche die Ankunft des deutſchen Cavaliers Bezug haben möchte; aber ſcheu und verſtoh⸗ len nur trugen die Hofherren das wichtige Gerücht von Ohr zu Ohr, denn Don Pedro war bekannt als ein ſtrenger, jähzorniger Fürſt, und Don Pedro ſchwieg gegen ſeine Großen. Der Marquis ſah ſich und ſelbſt die abenteuerliche Geſchichte ſeines Feſtes unbeachtet, ver⸗ geſſen, um des größeren nahenden Ereigniſſes willen, und das war ihm nicht unlieb; aber er bemerkte zugleich überall, wo er erſchien, eine Kälte und Zurückhaltung 2 127 gegen ſich, die ſeine Sorge wachſen ließ, da nicht allein der hohe Adel, ſondern ſelbſt der erbärmlichſte Fidalgo, welcher daheim auf ſeinem ſchmutzigen Bauerhofe, den er Schloß nannte, ſich von ſeinen Leibeigenen knieend bedienen ließ, in der Reſidenz ſich jedoch jedem Hofherrn nur kriechend zu nähern wagte, ihm den gewohnten Re⸗ ſpekt verſagte. Selbſt die ſärkſte Stütze ſeines Einfluſ⸗ ſes und Anſehens ſchien ihn zu verlaſſen, denn die ſchöne Donna Hyazintha, ſeine Verlobte, empfing ſeinen Beſuch kühl und abſtoßend, und der Graf Laverio, der Vater, bei dem er Klage führte, nahm der Tochter Partei, und erklärte mit ernſter Grandezza, der Marquis müſſe zu⸗ vor ſein unbegreifliches Benehmen bei dem räuberiſchen Ueberfalle, wo er die Braut unvertheidigt ließ in ſchwer⸗ ſter Gefahr und eine fremde Dame gerettet, rechtfertigen, auch über ſein Verhältniß zu jener Fremden ſich genügend erklären, ehe fernerhin an eine Verbindung mit der reichſten Erbin Portugals für ihn zu denken ſei. Don Procopio's Entgegnung geſchah mit dem ihm eigenen Stolze und der Heftigkeit des leicht aufwallenden fran⸗ zöſiſchen Blutes, das er von der Mutter her empfangen, und in feindſeliger Stimmung ſchied er von dem alten Gönner und kam in heißer Bewegung zu Hauſe an. Auch hier empfing ihn eine unangenehme Botſchaft, mit welcher ihn ſogleich der alte Haushofmeiſter begrüßte. Iſabella hatte ſich ſelbſt in der Dämmerung eingeſtellt, und ihr Kind gefordert. Von den Bergbewohnern war ſie auf der Flucht weithin in ihre unzugänglichen Ver⸗ ſtecke geſchleppt, jedoch, als man den Irrthum in ihrer Perſon erkannt, frei gelaſſen worden. Der Alte bat ſie, den Herrn zu erwarten, heftig hatte ſie jedoch geant⸗ wortet: Sage Deinem Gebieter, meine Seligkeit hat er 128 6.. geſtohlen, mein Bruder liegt im Thurme um ſeinetwil⸗ len. Wenn er den braven Sebaſtiano nicht frei macht, wenn man ihn führt zum Schaffot, ſo wird Iſabella ſich und ihr Kind erwürgen, und mit einem Fluche für ihn zur Verdammniß fahren!— Ehe der Alte ſich deſ⸗ ſen verſehen, hatte ſie den Knaben gefaßt und war mit ihm hinaus in die RNacht geflohen.— Ein innerer Schauder ſchüttelte den Marquis bei dem Wort, das der alte Diener kalt und eintönig wie ein krächzender Unglücksrabe wiedergab, und ohne Gegen⸗ rede verſchloß er ſich in ſein Kabinet; doch die Gewitter ſchienen rund um ihn aufzuziehen, und von allen Seiten wetterleuchtete es und dräuete mit verderblichen Blitzen. Eine Weile war er im Zimmer hin und hergeſchrit⸗ ten, die Arme verſchränkt und das ſtolze Haupt gebo⸗ gen nach der Bruſt. Feſt ſtellte er ſich mit Einemmale jetzt, Hohn kam um ſeinen wohlgeformten Mund, ſein Nacken ſtreckte ſich gerade auf und ein lautes, ſtoßendes Gelächter zeigte ſeine weißen, auf einander gepreßten Zähne. Graues Fatum, ſprach er mit halber, dumpfer Stimme, du dürres Geſpenſt, das die Alten zum Welt⸗ regenten machten, dem Erde und Himmel, Götter und Menſchen gehorchten, biſt du es vielleicht, das mich her⸗ ausfordert? Heran, du morſcher Popanz, Procopio iſt der Mann, einen Gang mit dir zu wagen! Richts habe ich gefürchtet, ſeit ich trat aus dem Knabenſchuh. Mein Geſchick machte ich mir ſelbſt durch den Witz meines Hirns, durch die Unerſchrockenheit meiner Seele und durch die ungebeugte Kraft meiner Glieder. Was zagſt du denn, Mann ohne Furcht, weil eine Uebereilung deinen Stand auf einige Augenblicke ſchwanken machte, weil Menſchen, die du überſaheſt und gängelteſt, einmal 129 ſo keck ſind, ⸗ Gegner ſpielen zu wollen, weil die Metze Fortuna dir auch einmal ihre unſchönere Seite zeigt? Ligne, nicht beugen muß dich die Herausforde⸗ rung des Geſchicks, nein, ſtraffer ſpannen muß ſie den Bogen deines Scharfſinns, doppelt ſtark machen die Rieſenkeule deines ſiegenden Verſtandes. Königsgunſt iſt leicht zurückgewonnen, ſucht der Kluge die Gelegen⸗ heit. Die Laune der ſchönen Braut'iſt ein Wölkchen, das in dem Sturm des glühenden Schmeichelwortes zerſchmilzt, und wenn der Knabe geraubt und verſteckt iſt, Iſabellen das Kloſter birgt, wo die Schweſter gebie⸗ tet, ſo wird die Urſache des Zornes der reichen Gräfin ebenfalls in einen Schleier verſchwinden, und das Ge⸗ ſtändniß meines Opfers die kleine Schwärmerin zu en⸗ gern Gelübden befeuern. Auf, Procopio! Spotte der Scheingefahr, tritt die Irrlichter zuſammen, ſchlage durch das Schattengeſpenſt, daß es zerſtäube vor Deiner un⸗ beſiegten Hand! Auch mir ſtehen mächtige Freunde zur Seite. Half ich mit ihnen dem Don Pedro zu ſeiner Krone, half ich ihm, dem ſchwachen Alphons die Krone entwinden, den Bruder in Cintras Kerker bringen, half ich dieſem neuen Herodes mit ſeiner ſchönen Schwäherin in das blutſchänderiſche Bette ſteigen, ſo wird es Kinder⸗ ſpiel ſein, die eigenen Feinde von den Stufen ſeines Thrones zu verjagen, und gelänge der Wurf nicht, wohlan, Don Procopio, dann mag auch Er zittern, den du groß gemacht, denn auch Don Pedro iſt vom Weibe geboren, und der goldene Reif iſt nicht mit ſeiner Stirn verwachſen für ewig!— Durch die eigene, verwegene Peroration in Geiſt und Gemüth erkräftigt, ſetzte er ſich an ſeinen Arbeits⸗ tiſch, die Liſte ſeiner Freunde durchzulaufen, da ſtörte Blumenhagen. VIII, 9 130 ihn der alte Major Domus, der einen Diener in fremd⸗ rändiſcher Tracht anmeldete. Herein trat ein Heiduck, wie ſie jeder Edelmann in der deutſchen Kaiſerſtadt zu halten pflegt, und der Mar⸗ quis ſtutzte über die Farben der Livrée, die ihm nur zu bekannt erſchienen, aber ſein Stutzen ging in Staunen über, als der Heiduck, nachdem er ſich tief verneiget, ihm einen Brief übergab, der mit dem Siegel der Gra⸗ fen von Halwill geſchloſſen war, und als er an der be⸗ gleitenden Anrede, an den: Signor! und dem ſchlechten Dialekt den italiſchen Gauner im Heiduckenkleide erkannte. Was ſoll die Maske, Du Fuchs von Milano? fragte er mit blitzenden Augen den Banditen.— Der Milaneſer zuckte leichthin die Achſeln. Ich bot Euch meine ehrlichen Dienſte an, Signor, Ihr bedurf⸗ tet mein nicht. Der deutſche Herr war in Noth, denn ſein Heiduck, ſeine einzige Begleitung, hatte zu viel Me⸗ lonen verſpeiſet und ſtarb jämmerlicher Weiſe. Der Junker kannte hier Niemanden, verſtand ſich nicht auf die Landesſprache, da kam ich als ein goldener Vogel über ſeinen Weg geflogen; er kaufte mich ehrlich, und Ihr ſeht, das Kleid des deutſchen Goliaths paßt mir ſo ziemlich.— Und Du meineſt, ich ſollte Dich theuerer bezahlen, damit Du auch dieſen Feind ſeinen Verwandten nachſen⸗ den dürfteſt mit der blutgewohnten Hand? fragte Aron⸗ ches lauernd.— per mia fe, Signor! fiel der Milaneſer raſch ein. Aus dieſem Handel kann nichts werden; auch wir haben Grundſätze, und der uns zuerſt gemiethet und gekleidet gar, hat uns, bis er den Contrakt gebrochen.— Und ſo gibt es wirklich einen Halwill in unſerer —„ 131 Nähe? fragte Procopio zerſtreut und mit unſicherer Stimme.— Und dazu einen gar handfeſten und feſtwilligen, er⸗ widerte der Milaneſer. Leſet nur den Fehdebrief in Eurer Hand. Der Junker iſt verliebt wie ein Franzos und rachſüchtig wie ein Neapolitaner, Er hat der Schwe⸗ ſter des ſtillen Herrn, dem wir im Walde bei Wien nicht tief genug ſein Bett bereitet, einer zärtlichen Witt⸗ frau, geſchworen, ſeinen deutſchen Degen, mit Eurem edlen Blute von der Spitze bis zum Handkorbe gefärbt, als Hochzeitsgabe zurückzubringen, und ſie hat gelobt, über ſolche ſcharfe Schwelle ohne Schauder ungeſäumt ihre Wittwenunſchuld in ein neugemachtes Ehebett zu tragen. Es iſt eine ächt deutſche, tragiſche Geſchichte, aber bei dem grimmigen Löwen der Republik Venedig! mein neuer Herr ſieht aus, als würde er Wort halten. Der Marquis hatte unterdeß mit finſterm Blick das Siegel gelöſet, und las halblaut die an ihn gerichteten Worte.„Ich bin Dein Schatten, bin der Staub Deiner Ferſe, Du meuchleriſcher Bube!“ ſo lautete der Brief. „Flüchte über das Meer, ich bin der Delphin, der Dei⸗ nem Steuer nachſchwimmt. Flieh auf die Gipfel des unzugänglichen Gebirges, ich bin der Adler, der dort auf ſeine Beute ſtößt. In dem tiefſten Gewölbe Deines Schloſſeſt wäreſt Du nicht ſicher vor meiner Hand, denn ich bin der geſchworene Rächer des blutigen Schattens, der in jedem Deiner Träume wandern muß, und bin gefeſſelt an Dein Leben, bis es im Gottesgericht erlo⸗ ſchen. Aber der deutſche Ritter ſucht den Funken der Ehre auf ſelbſt in dem laſterhaften Herzen des edel ge⸗ borenen Feindes. Ich lade Dich darum zum rechtlichen Zweikampfe. An der öſtlichen Gartenmauer des Kloſters 8. 132 Alcobaca wirſt Du mich treffen, nur von einem einzelnen Diener vegleitet, in der Stunde, wo die nächſte Nacht ihre Wache mit dem Tage vertauſcht. Ich führe deutſche Waffen gegen Dich; kommſt Du nicht, dann werde ich die Waffen gegen Dich gebrauchen, welche Du zu führen gewohnt. Beichte zuvor und verſieh Dich mit dem Sakrament, denn Deines Pferdes Sattel wird ſich leer zum Stalle zurücktragen laſſen.— Felix, Graf von Halwill.“— Ich werde kommen, fuhr der Marquis erhitzt empor, als er geleſen. Sage dem deutſchen Prahljunker, auch er möchte nicht verſäumen, in dieſer Nacht bei den Bern⸗ hardinern zu beichten.— Lukas! rief er nach kurzem Sinnen, den Jtaliener zurückrufend, der ſich nach einem Abſchiedscomplimente der Thür genähert. Hat ſich Deine glatte Schlangenhaut auch in die deutſche Bärenhaut ver⸗ kauft, ſo wird Dein kaufmänniſcher Sinn doch einen guten Handel nicht ausſchlagen, der Deinem neuen Herrn keinen Schaden bringt. Du wareſt in der Nacht mit den Mord⸗ prennern in meinem Schloſſe, ſo kennſt Du auch einen gewiſſen Sebaſtiano Tamayo, den man einfing, und der im Thurme liegt auf den Tod?— O ich ihn kenne? entgegnete der Milianeſer lebhaft. Faſt ſo genau wie Ihr ſeine Schweſter, Signor. O es iſt ein herrlicher Burſch, nur zu gerade aus und zu hitzig; in den Bergen jenſeits Rom hätte ein ganzer Kerl aus ihm werden können. Er traf mich verirrt in dem Gebirg, wo ich nach Eurem Schloſſe ſuchte. Ge⸗ führt hat er mich in ſein eigen Haus, mich gelabt und getränkt, und muß er an das ſchändliche Holz, diavolo! ich werde einen ganzen Tag naſſe Augen haben für ihn, und ſelbſt dieſen neuen Gallarock verſetzen, um ein 133 Dutzend Seelenmeſſen für das arme Opferthier leſen zu laſſen.— Hier ſind hundert Cruſados, ſagte der Marquis leb⸗ . haft, Du biſt ſchlau wie der Hühnerdieb und glatt wie der Aal, ſuche ſeinen Kerker, beſtich, morde ſeine Wächter, ſpare kein Gold. Doppelt ſo viel iſt Dein, wenn ich die Nachricht ſeiner Befreiung erhalte.— Der Milianeſer ſah den Marquis einige Minuten ſichtlich verwundert an, indem er das Geld in ſeiner breiten Hand wog. Signor ſagte er dann, er wollte Euch ans Leben, und Ihr zahlet für ſeine Flucht? Das iſt gethan, wie der beſte Bravo in Italien thun würde, und ſöhnet mich mit Euch aus; denn ich geſteh's, ſeit Ihr davon ginget zu Wien, weil das Volk an Eurer Thür bellte, und ſeit ich Euretwillen dort in dem Sum⸗ pfe ſtecken blieb, hatte ich einen böſen Groll auf Euch, und hätte der deutſche Junker gewinkt, ſo hätte viel⸗ leicht mein Meſſer eine ſchnelle Freundſchaft mit Eurem Fleiſche geſchloſſen. Nun, wir wollen ſehen, ich lernte ein bucklichtes Schneiderlein kennen in dem Städtchen, wo mich Sebaſtiano beherbergte. Die kleine Kreuz⸗ ſpinne hat einen Verſtand, fein wie die Nähnadel, und eine Zunge ſubtil und beredt gleich der beſten Lazaro⸗ nenbraut, die Abends ausgeht, ihre Mitgift von rei⸗ chen Nachtſchmetterlingen zu haſchen. Die kleine, beu⸗ lenvolle Auſter rühmet ſich, alle Winkel der Hauptſtadt zu kennen und bis unter den Betſchemel ſelbſt des züch⸗ tigſten Nönnleins wie zu Hauſe zu ſein. Gibt mein Herr mir Urlaub, werde ich das Wageſtück mit dem kleinen Hexenmeiſter überlegen, der ebenfalls den bra⸗ ven Tamayo lieber in ſeiner Schneiderhölle verſteckte, als ihn auf ſolch jämmerliche Weiſe zu der heißen 134 Hölle ſpediren ſähe. Adio, Signor! Und Gott ſtärke morgen Eure Klinge. — Es gibt Warnungszeichen im Menſchenleben, die auch auf den Leichtfertigſten, den Verſtockteſten ihre Wirkung nicht verfehlen, weil ſie in ihrem Aeußern die Anzeichen von etwas Verborgenem, Grauenvollem und Gefähr⸗ lichem tragen, das zwiefach furchtbar läßt, weil es ſich in Räthſelkraft verhüllt. So beugt unwillkürlich auch der tapferſte Soldat ſein Haupt, wenn aus dem offe⸗ nen Rachen des Geſchützes die ſchwere Bombe empor⸗ ſteigt und ſauſend ihren Bogenflug beginnt; lagert er auch außerhalb ihres Laufes, er weiß von ihrem heim⸗ lichen Inhalt und kann das verhehlte Grauen nicht ganz bezwingen. Wir kennen den Marquis von Aronches bereits, er ſelbſt deckte uns ſein Inneres auf⸗ Stolz bis zum Uebermuth, ſinnlich ohne Grenzen, ſelbſtſüchtig bis zum Verbrechen, ungläubig bis zur Läſterung des Heiligſten, doch nicht ohne momentane Silberblicke des Gefühls und der Scheinflamme des Edelmuths, nicht ohne den Anſtrich von Ritterlichkeit und männlicher Seelenſtärke, war ein Menſch der Gegenwart, ein verzärtelter Sohn des Schimmerglücks, lebte nur für das Jetzt, nahm darum jeden Genuß, den der Tag bot, mit Begier, und dachte kaum der zeitlichen Zukunft, nimmer darum einer ewigen und gewichtigern. Aber zu viele der Un⸗ glückszeichen waren aufgezogen an ſeinem Horizonte, als daß ſein leichter Sinn nicht hätte ſtutzig werden ſollen, und die Erſcheinung des deutſchen Bluträchers hatte einen tieferen Eindruck auf ſein Gemüth gemacht, als — 135 er ſich ſelbſt geſtehen mochte. Was er bislang gefrevelt am weiblichen Geſchlechte oder im Höflingsleben, galt einem Manne ſeiner Erziehung für etwas Gewöhnliches; die Opfer ſeiner Lüſte, die Opfer ſeines Ehrgeizes ſchie⸗ nen Seinesgleichen eher Triumphe als Sünde; aber die Unthat an dem ſorgloſen deutſchen Junker vermochte er nicht ſo leicht abzuſchütteln, und er fühlte ſeit jenem Tage eine wunde Stelle in ſeinem Herzen, die er ver⸗ gebens durch die gewohnte Sophiſterei zu tilgen ver⸗ ſuchte; er hatte gelacht, wenn man von einer inneren Richterſtimme im Menſchen ſprach, die man Gewiſſen nannte, und konnte doch dieſe Stimme, die er zum erſten Male hörte, nicht herauswerfen aus ſeiner eher⸗ nen Bruſt. Den Zweikampf ſcheuete er nicht; daß er Sieger ſein würde, ſchien ihm gewiß, aber gerade dieſe Sicher⸗ heit machte ihm Bedenken und Sorge und weckte ſeine Vorſicht. Er befahl ſeinem Haushofmeiſter, ſeine beſte Habe, ſeine Juwelen, ſein Silbergeſchirr, die koſtbarſten Stücke ſeiner Bildergallerie, ſeine werthvolle Samm⸗ lung alter Goldmünzen ohne Aufſchub einzupacken, ein leichtes Schiff in dem Hafen Junqueira noch in dieſer Nacht zu miethen, beladen zu laſſen, und beſtimmte die Berlengas⸗Inſeln, die nicht weit von ſeinem Schloſſe am Gebirg, nicht fern von der dortigen Meeresküſte lagen, als den Ort, wohin das Schiff ſogleich abzu⸗ fahren hätte. Mit der Morgenfrühe ſollte der Haushof⸗ meiſter nach dem Schloſſe reiſen, auch dort eine ähnliche Auswahl der werthvollſten und leicht zu verſendenden Güter treffen, und auch dieſe zum Schiffe nach den Inſeln hinüberbringen. Dann legte er ſich mit freierm Geiſte zur Ruh, und ſchlief feſt und ohne Träume mehre 136 Stunden, bis ihn ſein Jäger befohlenermaßen weckte, und die Roſſe den gewaffneten Herrn zum ernſten Ritte erwarteten. Scharf trabten ſie hin unter dem hellen Sternenhim⸗ mel, an dem nur einzelne geſpaltene Wolkenzüge vor dem Winde hinflogen, der kalt und ſcharf die Reiter zwang, ſich dicht in ihre Mäntel zu hüllen, und der ihre Lippen verſiegelte. Der Marquis hatte Zeit, ſei⸗ nen inneren Gedanken eine lange Audienz zu geben, und das Reſultat mußte gedient haben, ihm ſeine ge⸗ wohnte Entſchloſſenheit zurückzuſchenken, denn als es im Oſten licht ward und jetzt die hohen Kuppeldächer des Kloſters Alcobaca vor ihm ſichtbar wurden, die hohe weiße Mauer ihm entgegenſchimmerte, von einer Allee uralter Lindenbäume umgeben, da hielt er ſeinen heißſchnaubenden Hengſt an, und befahl dem Jäger, rings um die Mauern zu reiten und Kundſchaft ein⸗ zuholen. Der Jäger kam bald zurück, und meldete, tiefe Stille läge ringsum, nur zwei männliche Geſtal⸗ ten hätte er am Ende des Baumganges erblickt, die ſich an die braunen Stämme gelehnt. Der Marquis ſchwang ſich ſogleich aus dem Sattel, drückte ſeinen De⸗ gen feſt unter den linken Arm und ſchritt die Allee hinab. Ein Weißmäntler trat ihm hinter einem Baume hervor bald entgegen und der Mantelträger warf raſch ſeine Hülle zur Erde und entblößte ſeine Waffe. Der Marquis erkannte in ihm ſogleich den Herrn von Hal⸗ will, und der Anblick deſſelben machte einen ſo gewal⸗ ttigen Eindruck auf ihn, daß er ſeinen ſtarken Schritt plötzlich anhielt. Ihr kommt wirklich? fragte der Junker hart und kräftig. So iſt doch noch Scham bei dem Laſter, und 137 das Verbrechen hat noch einen Fetzen Ehre in Euch übrig gelaſſen.— Der Marquis rührte kein Glied. Ihr habt eine weite Reiſe um mich gemacht, ſagte er langſam, das thut mir leid, denn ſie war unnütz; ein Irrthum nur zuckt Euern Stahl gegen einen Mann, der mit Euch ſo manche Stunde traulicher Geſelligkeit theilte. Folgt mir an einen wohnlichern Ort als dieſer, und ein kurzes Geſpräch wird hinreichen, Alles zu verſcheuchen, was zwiſchen uns trat, und wird den getäuſchten Feind be⸗ wegen, dem verkannten Freunde reuig die Hand zu rei⸗ chen, die ſich ohne Grund zu meinem Verderben be⸗ waffnet hatte.— Ein wohnlicher Ort? fragte der Junker und lachte laut und gehäſſig. Vielleicht ein ähnliches Plätzchen, wie das, wohin Euer Sirenenlied meinen armen Vetter verlockte, um ihn dort in eine Geſellſchaft zu bringen, die ihn um das Höchſte beſtahl?— Nun, ſicher fänden wir beſſere Compagnie, entgeg⸗ nete der Marquis angeregt, und indem er auf den Milaneſer blickte, der wenige Schritte von ihnen ſtand, als die, worin ich Euch treffe.— Kein Zungengefecht, ſprach herriſch der Junker, mein Werk muß gethan ſein, ehe die Sonne völlig herauf, denn ich bin ein Fremder im Lande, und mein Reiſe⸗ roß ſteht geſattelt, um nach erfülltem Gelübde, und wenn Ihr liegt, mich augenblicks über die Grenzen dieſes Königreichs zu tragen. Alſo heran, Ihr ſtiller Held der Wälder! Macht Euern Degen nackt, oder ich ſtoße dem Feiglinge meine ehrliche Klinge durch dyn S— Ihr wollt's? antwortete der Marquis höhniſch. 138 Machet's denn gnädig und kurz mit dem Feiglinge, und ſetzt ihm den Gnadenſtoß auf den ſichern Fleck. Die Degen blitzten ihm Frühlicht, fanden ſich und kreuzten ſich mit ſcharftönendem Geklirr; aber nicht lange dauerte die Entſcheidung. Der deutſche Junker focht roh und hitzig mit Stich und Hieb zugleich, nach der Sitte ſeines Vaterlandes, der Marquis, eingeweiht in die feinere Fechtkunſt Frankreichs, ſtand beſonnen eine Weile den grimmigen Ausfällen des Gegners, dann war er mit Blitzesſchnelle unter dem gehobenen Schwert, der ſichere Stoß traf voll und feſt, warf durch ſeine Kraft den Feind rücklings über und ein Blutſtrom fleckte das gelbe Koller, beſpritzte den weißen Mantel am Boden und zeigte an, daß der Stahl die Quellen des Lebens geöffnet. Verruchter Mörder! ſtöhnte der Gefallene, indem er mit der Fauſt nach der Wunde faßte und das Blut gegen den Marquis ſchnellte. Du biſt ein Bündner der Hölle, aber die Rache wird Dich dennoch ereilen, und ich habe dem Schatten meines Ferdinands mein Opfer gebracht.— Ihr liegt, nicht ich, antwortete kalt der Graf. Und wenn Ihr davon kommt, was ich wünſche, ſo wird die Wundnarbe Euch erinnern, daß Ihr Euer und mein Leben um ein Fantom auf das Spiel geſetzt, denn glaubte Euer Herz ſo feſt an ein Gottesgericht, ſo mußte ich liegen an dem Platze, wo Ihr liegt.— Signor, ſiel der Milaneſer ein, der zu dem Bluten⸗ den gekniet war, Ihr habt einen verteufelten Stoß mit Euerm langen Eiſen gethan; der beſte Bravo hätte mit dem kürzeſten Meſſer keinen beſſern Fleck treffen können. Aber das Aufkommen des armen Deutſchmannes macht . * 139 mir Zweifel, denn ſehet, er iſt verſtummt, ſeine blaſſen Lippen zucken und ſeine Augenlieder ſchließen ſich. Ver⸗ dammt! Die Juſtiz in dieſem Lande iſt nicht ſpaßhaft, und wenn wir ihn einſcharren könnten, jedoch einige Fuß tiefer als den Andern, möchte uns Allen am beſten geholfen ſein.— Der Marquis ſtand unentſchloſſen, da ſchlug ein großer Hauhund an und lief näher heran und bellte laut. Man wird wach, ſagte er haſtig. Dort nähert ſich ein Mönch vom Kloſterthore her. Empfiehl den Verwundeten ſeiner Obhut, und verrathe meinen Namen nicht, bei meiner ſtrengen Rache.— Ihr habt mir meinen guten Dienſt genommen, und bietet mir kein neues Brod? rief der Milaneſer dem Forteilenden nach; doch Don Procopio ſaß ſchon hoch im Sattel und entſchwand ſchnell aus den Augen des Italieners und des entſetzten Bernhardiners, der die blutige Scene ſo dicht neben ſeinem Heiligthume mit erblichenem Angeſicht und in der ſtarren Geſtalt des Unglaubens betrachtete. * Der Abend dieſes böſen Tages ſank auf die Fluren. Aronches war auf ſeinem Schloſſe eingetroffen, und in dem Erſten, der ihm entgegentrat, erkannte er die elende Figur ſeines franzöſiſchen Dieners; der Armſelige war in den wenigen Tagen zum Skelett geworden, ſeine ſonſt blühenden Wangen waren fahl und aſchfarben und ſein Aueg lag hohl und trübe, und die unverwüßtliche Lebhaftigkeit ſeiner Nation konnte nirgend mehr an ihm gefunden werden.— Tröſte Dich, armer Burſch, ſprach der eintttent 140 Schloßherr gütig zum Diener. Ich habe den Geiſt ge⸗ bannet, und er wird an Dir keine Tücke mehr üben.— So iſt er auch Euch begegnet, und Ihr ſeid dennoch ganz von Gebein? fragte Louis zurück, und beſchauete den Herrn von oben bis unten mit den rollenden Blicken eines Geiſteskranken. Es war der Vetter Felix, dem Du, Blinder, man⸗ ches Glas Oporto eingegoſſen, lachte der Marquis. Aber auch er wird gegen uns nicht mehr den deutſchen Arlequino ſpielen, und er leiſtet vielleicht jetzt ſchon ſeinem Vetter Geſellſchaft.— Der Diener ſtarrte den Degen an, welchen Don Procipio bei dieſen Worten mit deutlicher Bewegung erhoben, und angſtvoll falteten ſich des Kranken Hände dabei. So mögen Euch die Heiligen gnädig ſein, ſtam⸗ melte er, denn ſtatt eines Schattens werden Euch von nun an zwei verfolgen. O Herr, laßt uns fort nach Rom oder Jeruſalem! O Herr, erhört mein Flehen! Die Luft ſticht wie Neſſeln, die Dächer quetſchen das Gehirn. Die Heiligen wollen nicht mehr Fürſprache thun. Wo der Herrgott ſelbſt wohnt und umgeht, nur da iſt Hülfe für uns.— Narr! rief der Marquis erzürnt. Suche Deinen Reſt Verſtand zuſammen, oder ich ſende Dich in Ketten nach Terceira. Er ſtieß den Knienden von ſich und ging zu ſeinen Zimmern hinauf.— Der Tag verlief ſchnell, denn die Anſtalten zur Ab⸗ reiſe, welche Don Procopio nach dem Ausgange des Zweikampfs um ſo nöthiger fand, nahmen die Zeit in Anſpruch. Die Dienerſchaft reiſete hin und her vom Schloſſe zur Küſte mit den Ladungen, die der Major Domus ihnen anvertraute, der Schloßherr ſchrieb an 141 ſeine Freunde in Liſſabon, ſandte wichtige Papiere an ſeine Vertrauteſten, ſeine Töchter betreffend, zernichtete andere, und beorderte ſeinen Bankier betreff ſeiner Ein⸗ künfte, denn er hatte eine Fahrt nach England beſchloſſen, wo er zu erwarten gedachte, wie ſich die Sachen am Hofe geſtalten möchten. So kam der Abend und brachte einen unerwarteten Gaſt, denn der Don Manuel Telles de Sylva Graf von Villar⸗Major ward gemeldet, ein Mann, der nie zu den Freunden des Marquis gezählt zu werden Anlaß gegeben.— Der Marquis empfing den Gaſt geſpannt, denn gute Botſchaft konnte dieſer Neben⸗ buhler in der Königsgunſt ihm nimmer bringen.— Mit der ſteifen Ceremonie des Hofes ſetzte ſich der Graf, und vergebens forſchte der Marquis in den ſtarren unbeweglichen Zügen des ſcharfgeſchnittenen Geſichts nach einer Ahnung der Abſicht dieſes Beſuchs. Don Procopio iſt verwundert über meine Einkehr, begann mit kaltem Ernſt Don Manuel; und ohne Zwei⸗ fel hat der edle Herr Urſache dazu, der meinen Weg zu oft mit Dornen bewarf, und in der Herabdrückung der Familie der Sylvas ſeine Erhebung zu begründen ſuchte. Aber Don Manuel kennt keinen Haß, und hat kein Ge⸗ dächtniß für Beleidigungen, und wenn alle Freunde und Klienten des Marquis von Aronches zagten vor Don Pedro's Grimm, und nicht einmal wagten, einen Ritter zu warnen, der ſie oft beſchützt, da fand der Sylva eine Pflicht darin, dieſes Ehrenamt ungefordert zu er⸗ wählen. Ja, Don Procopio, ſtarret mich nicht ſo un⸗ gläubig an. Ihr ſeid verloren, ſage ich, wenn der nächſte Tag Euch in dieſem Fönigreiche findet. Ihr dientet dem Don Pedro in Dingen, welche die Nacht be⸗ dürfen, und bauet auf dieſe Dienſte. Die Könige lieben 142 ſolche Gläubiger nicht, und willkommen iſt ihnen die Gelegenheit, ſich ihrer zu entledigen. Don Pedro wirbt um eine zweite Gemahlin, und Donna Maria Sophia, die Tochter des Kurfürſten von der Pfalz, die Schweſter der Kaiſerin zu Wien, wurde von ihm erkoren; der deutſche Graf Harrach erſchien darum zu Lisbva, und Don Manuel de Sylva wurde erwählt, nach Deutſchland zu ziehen, als Werber für ſeinen Monarchen. Eure ver⸗ geſſene Geſchichte, die Flucht von Eurem Poſten, der Mord des Grafen Halwill iſt neuerdings dadurch in Erinnerung gekommen, und das Rittergericht hat Euch zu zehntauſend Cruſaden Bußgeld und zu zehnjähriger Deportation nach Indien verdammt. Aber nicht ge⸗ nug daran, auch Euer heutiger Zweikampf mußte die Gefahr für Euch vergrößern. Der Graf von Harrach kam kurz nachher im Kloſter zu Alcobaca an, als man den ſchwer verwundeten deutſchen Junker dort aufgenom⸗ men. Er wollte die Merkwürdigkeiten des reichen Stifts in Augenſchein nehmen, und der Herzog von Cadaval war mit ihm. Ich traf die Herren dort, hörte die Zornrede des deutſchen Botſchafters, hörte die Befehle des Herzogs, die einen Boten nach der nächſten Stadt ſprengten, um die Reiter von dort zu Eurer Verhaftung aufzubieten. Ich beeilte meine Reiſe zu Euch, und habe meiner Pflicht genügt. Nehmet jetzt raſch Eure Maß⸗ regeln und gedenkt für die Zukunft der Weiſe, wie ein Sylva Kränkungen zu vergelten gewohnt.— Kalt und ceremoniös, wie er gekommen, nahm der Graf ſeinen Abſchied, überhörte die freundlichen Worte, die der verlegene Marquis ſtammelte, indem er ihm Nachtherberge und Nachtmahl anbot, und ließ ſich nicht aufhalten. Doch ehe Wirth und ſonderbarer Gaſt noch 143 die Hausflur erreicht, änderte ſich die Scene.— Der Kaſtellan ſtolperte heran, und die Botſchaft des Bleichen machte die Prophezeihung des Fremden zu ſchneller Wahr⸗ heit. Karabiniers füllten den Hof, der Offizier fragte nach dem Marquis. dinaus! Hinaus, mein Freund! Es gilt Ehre und Freiheit! Beides rettet vielleicht die Zeit! rief Don Manuel, auf einmal in warme Bewegung gerathend.— Das bewußte Schiff nach Bueros, dort mich zu erwar⸗ ten! flüſterte Don Procopio ſchnell dem Haushofmeiſter zu, und fort flüchtete er in die Tiefe des Schloſſes, ge⸗ wann einen hintern Hof, ſchlüpfte durch ein Pförtchen, ſtürzte ins Freie, und eilte dem Walde zu, der ſeine entblätterten Zweige über den Verſtoßenen ausbreitete, und ihm ſeine rauhen Irrwege zur Rettung öffnete.— Der ſtürmiſchen, regnichten Nacht war ein heller freundlicher Morgen nachgeſchritten. Die Straße herab im langen Gebirgsthal von Leyria her wandelte ein Weib, das einen Knaben auf ihren Armen trug. Ein dunkelfarbiges Regentuch umhüllte ihren Kopf, lag dicht geknüpft um dem Halſe, und ließ nur das Oval des Geſichts ſichtbar werden und das dunkle Augenpaar unter den von Gram zuſammengezogenen ſchwarzen Bö⸗ gen; die braune Mantilla ſchützte den Körper der frühen Pilgerin gegen die rauhe Morgenluft, deckte jedoch mehr den Knaben, deſſen Köpfchen an ihrer rauhen Schulter lag, als ſie ſelbſt. Es war Iſabella Tamayo. Als die Bewohner von Leyria, ihre unfreundlichen harten Mitz bürger, noch den Schlaf genoſſen, brach ſie auf aus ihrem Häuschen, denn ſie hatte einen Tag in Faſten 144 und Gebet zu feiern, den Tag ihrer Demüthigung, ihrer Schwäche in Liebe, und ſie erwählte dazu das Kloſter, deſſen Schweſtern ihr Troſt und Hülfe geſpendet, als ſie am Himmel wie an den Menſchen verzweifelte, und ſie machte einen Umweg zu dem Kloſter, den bekannten Platz vorher zu beſuchen, wo ſie die Heerde des Kloſters vordem zu weiden gewohnt geweſen, wo der große, weiße Stein lag, an welchem ſie Schwüre empfangen, und leichtgläubig zurückgegeben, der große, weiße Stein, der ihr von Glück und Leid erzählte, von Paradieſesrauſch und Erdenhölle, wo Erinnerungen zu ihr ſprachen, die ihr Gemüth zu Buße und reuiger Demüthigung vorzu⸗ bereiten vermochten. Schon ſchimmerte der Stein ihr entgegen, und ihr Herz klopfte in Beklemmung, denn ſie hatte den Ort lange nicht beſucht; jetzt aber hemmte ſich ihr Schritt, ſchärfer leuchtete ihr Blick, und flog dann ängſtlich an dem Gebirgsſaume umher, und mit beiden Armen drückte ſie das Kind wie in raſch geweckter Sorge an ſich. Ein Menſch lag neben dem weißen Steine am Boden; es war keiner der Waldbewohner, kein Bettler der Straße. Seine Kleidung kündete einen Mann von Stande an, ſein Haupt lag an dem Steine, das lange braune Haar hing ſchlicht und feucht über der ſcharfen Kante des Steins hernieder. Ein Erſchlagener, ein an der Straße Ermordeter?— Noch einmal ſah ſie ſcheu umher, die Räuber ſuchend. Aber die ganze Gegend blieb ſtill, und die Sonne warf ihre ſchrägen Strahlen licht und freund⸗ lich zu ihr herüber. Sie erkräftigte ſich durch einen Blick in das helle Tagesgeſtirn, das die Verbrecher in ihre Schlupfwinkel ſcheucht, und trat vorſichtig näher heran, Kein Leichnam war's, ein Schlafender lag am 3 145 Boden, ſie hörte ſeine lauten, fliegenden Athemzüge, ſie örie das Gemurmel ſeiner Traumworte. Seine Klei⸗ dung war von feinem Gezeug, jedoch beſchmutzt, auch zerriſſen; die feine Hand, die ſie auf der Erde ruhend eerblickte, ſchien blutig, auch an ſeiner blaſſen Wange haftete Blut. Mitleidig trat ſie jetzt um den Stein, und ein Schrei kam nur leiſe über ihren Mund, denn das höchſte Erſchrecken drückte den Athem in ihre Bruſt zu⸗ rück, vor ihr lag—— Don Procopio. Sie ſetzte ſchnell das Kind auf den Raſen, ſie warf ſich in die Knie neben dem Mann ihrer Liebe, deſſen Zu⸗ ſtand ihr unerklärlich war, ſie rührte ſanft ſeine Locken an, ſie rief ſeinen Namen leiſe, lauter und lauter. Endlich regte ſich der Schlafende, ſeine Arme zuckten, er riß die Augen auf, hob raſch den Kopf, ſchüttelte die naſſen Haare vom Geſicht, und ſprang dann gewaltſam auf von der Erde, ſank jedoch ermattet auf den Stein zurück. Wer rief? ſtieß er hervor. Sind ſie da? Alphonſo, den Degen! Richt lebendig läßt ſich Aronches fangen! Er griff nach der Hüfte, und ſeine Blicke rollten wild umher wie die eines wahnwitzigen Träumers.— Iſabella faßte ſeine Hand. Sanft und mitleidig ſagte ſie: Kommt zu Euch, edler Don! Welchen Feind könntet Ihr fürchten an dieſem Platze? Wer kann dem gewal⸗ tigen Fürſten Schaden bringen? Erwacht ganz aus Eurem böſen Traume, und erklärt Eurer getreuen Sklavin, wie Ihr hieher gekommen, und was Euch zugeſtoßen in der letzten Nacht.— Noch einen Blick warf der Marquis verwirrt auß⸗ Wald und Straße, dann haftete ſein Auge auf des Weibes angſtvollem Antlitz, und er faßte ihren Kopf Blumenhagen. VIII. 10 146 mit beiden Händen, und zog ſie näher zu ſich, und preßte ſeinen kalten Mund heftig auf ihre Stirn. Du, Iſabella? fragte er dann mit Haſt. Wer rief Dich her⸗ bei? Wer ſandte Dich?— Gott ſchickte mich; ich wollte zu heiliger Stätte, zu beten, zu büßen. Erinnert Ihr Euch nicht mehr, welch einen Tag wir zählen?— Aber der Himmel hat meine Buße in Glück gewandelt, denn ſpricht Euer Zu⸗ ſtand wahr, ſo bedurftet Ihr des Engels, und Iſabella durfte Euer Engel werden.— Der Marquis beſah ſich von Kopf bis zu den Füßen. Das war die furchtbarſte Nacht meines Lebens, ſagte er ſchaudernd. Der Regen goß herab, die Wege ver⸗ ſchwanden vor meinen Füßen, die Zweige umklammerten mich mit Polhypenarmen, die alten Bäume traten mir trotzig entgegen. Lange, lange lief ich in der Irre ohne Ende; Dornbuſch und Stachelſtaude wollten mich fan⸗ gen, und zerfetzten mein Fleiſch. Nieder ſank ich endlich, und es däuchte mir, als käme der kalte, zermalmende Tod über mich, und gern ergab ich mich ihm, denn mir wurde beſſer in ſeinen eiſigen Armen.— Und warum das Alles? fragte ſie.— Man verfolgt mich; der König trachtet nach meiner Freiheit, nach meinem Blute, nach meinem Leben. O der dankbare, gnädige König!— Er knirſchte mit den Zähnen, und ballte die Fauſt zugleich.— Iſabella, Mädchen, kennſt Du die Bucht bei Bueros, kennſt Du heimliche Pfade dorthin nach der Meeresküſte, wo mein Schiff, wo Sicherheit mich erwartet?— ch kenne den Weg, antwortete ſie ſchnell ſich erhebend vom Boden. O Herr des Himmels, Euer Leben be⸗ droht, der ſo hoch ſtand, ſo reich und herrlich ſelbſt 147 wie ein König? Kommt ſchnell, im Gebirg ganz nahe wohnet die Wittfrau eines Holzſchlägers, ein armes Weib, der ich oft Almoſen zutrug von den Kloſterſchwe⸗ ſtern. Dort dürft Ihr Euch erholen, ſie ſoll Euch Klei⸗ der ſchaffen von ihren Söhnen, hat vielleicht Labung für Euch. Fort von dieſem Orte, denn hier kann jeder Augenblick Gefahr ſchaffen für Euch.— Wo ſind wir denn? fragte der Marquis ſich ſchärfer umſchauend; doch als er den Stein, den Mandelbaum erkannte, ſchoß er zuſammen, ſprang wie mit Grauen empor, und ſein Blick wandte ſich von dem Weibe.— Procopio, kennſt Du den Platz nicht mehr? flüſterte ſie halblaut, und ihre Hände falteten ſich über dem klei⸗ nen, ſilbernen Krucifix, das auf ihrem Buſen hing, und ihre Augen ſanken betrübt zum Boden.— Gibt es einen Gott? Und ſchleppte mich ſein Rache⸗ geiſt hieher, daß dieſer Stein mein Schaffot werde? ſprach der Marquis düſter in ſich hinein, und warf einen finſtern, tückiſchen Blick zum Himmel auf. Heftige Bewegung ergriff ihn alsdann, und er umfaßte das Mädchen mit wilder Aufwallung, und riß ſie gewaltſam zu ſeiner Bruſt. Ich habe Dich, ich halte mich feſt an Dir; ich laſſe Dich nie mehr von mir! rief er wie außer ſich. Du biſt mein, hat ein Teufel oder ein Gott Dich an mich gefeſſelt, ich faſſe Dich als meine letzte Stütze. — Alles wandte das Geſicht von mir, als die Sonne der Königsgunſt mir unterging, Alle, die ich reich ge⸗ macht, denen mein Kopf, mein Degen genutzt. Wirſt Du Dich auch von dem Flüchtigen wenden, weil er Dich betrogen, weil er Dich unredlich verlaſſen?— Nein, nein, bei allen Heiligen! ſagte Iſabella mit Inbrunſt. O welche Wüſte haben ſie in Dein warmis 148 Herz gebracht; daß Du zweifelſt an mir! Sieh, wie der Knabe horchend zu uns aufblickt, iſt er nicht Dein wie mein, und mein wie Dein? Sind unſere Weſen nicht in ihm zuſammengeſchmolzen? O wäre es wahr, daß Jaos Vater ganz arm geworden, ganz arm, wie gern wollte ich für ihn betteln durch die ganze Welt.— Ich bin arm, ſehr arm geworden, erwiderte er tiefſinnig. Das Schiff kann ausbleiben, man kann es mit Gewalt zurückgehalten haben; Königsgewalt greift frei und weit. Dann hätte ich nichts als dieſe Arme, dieſe Fauſt, und würde noch einmal Dein Geſchick auf's Spiel ſetzen.— Sei es! Biſt nur Du erſt gerettet! Kann mein Geſchick elender werden, als da ich umherging ohne Liebe und ohne Hoffnung?— Heilige Dulderin! Aber ich will gut machen, wenn ich's annoch vermag. Nichts ſoll uns trennen; Du ſollſt mich glauben lehren, Du fromme Taube, ſollſt mir zeigen, wie man Gott findet. Meine Gelübde will ich erfüllen, alle, Dir erfüllen und dem Kinde. Führe mich hinweg, unter Deinem Mantel wird der Sünder viel⸗ leicht ſeinem Verhängniß entrinnen.— Iſabella hob das Kind auf ihren Arm, doch ſtand ſie noch und wandte ihre Blicke getrübt in dem Thale entlang. Procopio, ſagte ſie dann mit ſchwankender Stimme, das Weib gehört zu dem Gatten, der Knabe zu dem Vater, doch iſt mir's, als dürfte ich nicht von hinnen. O der arme Bruder, der für Dich, für mich leidet und ſtirbt!— Er wird nicht ſterben, entgegnete der Marquis S 4 ſeine Rettung liegt in ſichern Händen, mein C ausgeſtreuet, ihn zu löſen.— 149 O dann komm, meiner Seele Licht, komm, daß ich Dich ſchirme für mich, rief die Jungfrau entſchloſſen. Laß uns flüchten in den ſichern Wald, und beten auf der Flucht, daß San Paulo, der ſtarke Patron der Ge⸗ fangenen, Sebaſtiano's Kerker öffne und ſeine Ketten breche.— Sie ergriff des Marquis Hand, und bald verſchwan⸗ den ſie in den ſchmalen Schlangenpfaden des Gebirges. Ihre Flucht war glücklich. Don Procopio fand in ſeinen Kleidern eine gefüllte Börſe, an die er nicht ge⸗ dacht, ſo ward es ihnen leicht, die nöthigen Kleider, die nöthigen Lebensmittel ſich zu verſchaffen bei den Waldbewohnern, die einzeln wohnten und wenig Verkehr mit den Städtern trieben. Sie hatten einen beſchwer⸗ lichen Marſch von zwei Tagereiſen zu machen, leichter als der verwöhnte Hofherr trug Iſabella die Mühſal, ja ein anderer, fremder Geiſt ſchien in das hochgewach⸗ ſene Weib gekommen, ſie ſpottete der harten Straße und rauhen Witterung, rieth ab, wenn Procopio ſich in einen Flecken wagen wollte, um einen Maulthierführer zu miethen, es ſchien ihr ein Triumph ihrer Liebe, ſo mit dem Geliebten zu wandern nach der Weiſe ihres Standes, alles was fern und unüberſteiglich geweſen zwiſchen ihm und ihr, ſchien geſunken, verſchwunden, und Procopio's verfinſtertes Gemüth erſtärkte ſich an der Seelenkraft des Weibes, und bewunderte die Tiefe ihres Geiſtes, die Klarheit ihres Verſtandes, die er alſo da nicht vermuthet, wo er einſt nur Sinnenrauſch geſucht hatte. Der Tag ging zur Neige, da näherten ſie ſich der Küſte, dem Ziele ihrer Wanderung, ſahen das Fort Sankt Katharina am Figuera ſich erheben, und traten 150 zwiſchen die kleinen Fiſcherhütten, deren Bewohner in einzelnen Haufen und beladen mit dem Geräth ihres Gewerbes eben vom Muſchelnfange heimkehrten. Der Marquis fragte nach einem Schiffe, das von Liſſabon heraufgeſegelt, und vernahm erfreut die Nachricht, daß eine leichte Felucke um Mittag hinter dem Vorſprung der Bucht Anker geworfen; doch ſeine Freude ward Entzücken, als aus der nächſte Hütte ein Mann hervortrat, der ihn an der Stimme erkannt, als der Mann ſeinen Namen rief, ſeine Hand ergriff und an den Mund führte, als der Mann ſein getreuer Major Domus war. Iſt unſere Habe an Bord? legte Euch Niemand Hin⸗ derniſſe in den Weg? fragte der Marquis beſorgt.— Alles eingeſchifft, antwortete der Kaſtellan. Der edle Don Manuel ſelbſt bezeugte, daß Ihr nicht im Hauſe, und auf ſein Wort zogen die Karabiniers davon.— Ohne Vorzug eilte man nun zur Barke, und da die leichtgekräuſelten Wellen wichen unter dem klatſchenden Ruderſchlag, da der Raum zwiſchen dem Boote und dem ufer mit jeder Minute größer ward, da umfing Don Procopio inbrünſtig Kind und Geliebte und ſprach im alten Tone ſeiner Entſchloſſenheit: Bella, Jao, wir ſind gerettet! Mit euch ſucht Aronches die neue Heimath und beginne ein neues Leben, und wird vergelten!— Bald zeigte ſich das Schiff, ein ſchönes Fahrzeug, neu und leicht mit ſchlanken Maſten und blanken Wän⸗ den; bald legten ſie an und ſtiegen die flatternde Leiter hinauf, Procopio voran, ſeinen lachenden Knaben im Arm. Aber auf dem Deck ſtand er ſtutzig und verfin⸗ ſterten Angeſichts. Die erſte Geſtalt, auf die ſein Auge traf, war Louis, der franzöſiſche Diener. Der bleiche hagere, geiſteskranke Menſch ſaß oben auf einer großen — 151 Kiſte, die Beine unterzogen nach türkiſcher Sitte und die Hände auf den Knien gefaltet. Was thuſt Du hier, feiger Unglücksrabe? zürnte Aronches. Wer gab Dir den Befehl, die Reiſe mitzu⸗ machen?— Der Geiſt that es, entgegnete furchtlos und ohne ſich zu regen der Wahnwitzige. Ich ſah ihn nicht, aber ich hörte ihn in den Wänden nagen und am Fenſter klappern. Wenn der Herr reiſet, muß ja der Knecht dabei ſein. Und dazu ſeid Ihr ein gewaltiger Geiſter⸗ banner, bei Euch darf ſich Niemand fürchten; und wollet Ihr mich zurücklaſſen, ſo ſtoßet mich lieber ſogleich in das Waſſergrab hinein. Ihr leitet ja den Blitz ab von meinem jungen Kopfe, denn Ihr waret der Herr und befahlet.— Schweig, unſinniger Knabe! zürnte der Marquis. Halblaut ſetzte er aber hinzu: Der Zorn des Fatums iſt noch nicht vorüber, ich ſoll den trüben Spiegel mit⸗ nehmen ins neue Daſein, daß er mich mahne an die vöſe Vergangenheit. Wohl denn, dieſe linde Buße wollen wir mit Geduld ertragen, vielleicht bringt ſie eine Süh⸗ nung. Auf, braver Meermann, rief er gefaßter dann dem Schiffsherrn zu, der ſich reſpektvoll näherte, lichte die Anker, ſpanne alle Deine weißen Fittiche aus! Die Stunde iſt günſtig, und hier— er umfaßte Iſabella's Wuchs— habe ich uns eine Schutzgöttin mitgebracht, die eine glückliche Fahrt verſprochen.— Wohl, edler Don, antwortete der Schiffer, der heilige Antonio iſt auch dabei, und der Gevattersmann unſers Fahrzeuges.— Sein Ruf und ſeine Pfeife brachte Lebendigkeit auf das Verdeck und in Raen und Spiren der Maſtbäume; 152 der Anker hob ſich zum Bord, die Segel entfalteten ſich in der Dämmerung gleich den Rieſenflügeln des Waſſer⸗ geiſtes, bald drehete ſich das Schiff im Halbzirkel um den vorſpringenden Küſtenrand, bald ſchwamm es auf der funkenſpritzenden Meeresebene und vom geſchickten Steuer gewendet, ſegelte es dem Süden zu, wie der Marquis dem Schiffsherrn anbefohlen.— Es war ein milder Wintertag, der Himmel blau und rein, das Meer lag blank und durchſichtig darunter. Rechts hoben ſich die grünbewachſenen Flächen der großen Inſel und legten ſich an das dunkle Cap Corſo, links ſtiegen in der Ferne die Schneekuppen Piemonts auf. Zwei Schiffe von faſt gleicher Größe, wenn auch von verſchiedener Bauart und mit verſchiedenfarbigen Wim⸗ peln geziert, ſchwammen langſam und ruhig in den Golfo von Genua hinein, einem Paare vertrauter Schwäne ähnlich, die nebeneinander die Flut durchfahren, um zu dem bekannten Neſte an der wohnlichen Küſte zu kehren. Es war faſt kein Wind zu ſpüren und die Ma⸗ troſen hatten darum alle Segel aufgeſetzt, um geſchickt das leiſeſte Wehen der Luft einzufangen und zu benutzen. Auf dem Steuerbord des einen der Schiffe ſaßen dicht an der Galerie auf einer Bank ein Mann und eine Frau, nach dem Anzuge ſich als Paſſagiere von Stande kund gebend; auf dem niedrigen Verdeck ſpielte ein Knabe mit einem jungen Diener, der ſich lang niederlegt, um es dem Kinde bequemer zu machen, und neben ſich auf einer Matte bunte Seemuſcheln und aſtige Korallenzweige zum Ergötzen des Kleinen ausgekramt hatte, der bald dieſes, bald jenes der ſeltenen Meerthiere durch die 153 Händchen gleiten ließ, die Farbigſten aus ſuchte und ſie dem geduldigen Diener zuwarf. Iſabella, Licht meiner Seele, ſprach der Mann, den Arm um den Nacken ſeiner Nachbarin drückend, ſiehſt Du jenen fernen grauen Streif, der ſich mit jeder Mi⸗ nute erhöhet? Jauchze hinüber, dort ſteigt die neue Hei⸗ math uns aus dem unſichern Meeresgrün empor, und winkt uns mit den ausgeſtreckten Fingern ihrer ſtattlichen Thurmſpitzen. Kein Unfall hat unſere Reiſe getrübt, ſeit wir zu Minorca uns von dem böſen Eindruck der erſten Seefahrt erholt, und in meiner Bruſt wohnt die alte Sicherheit; mein Glück hat nur das Kleid gewech⸗ ſelt, aber hat mir die einſtige Treue nicht gebrochen, und war mir eigentlich getreuer als je, denn es ſammelte jene Wetter über meinem Haupte, um mich fortzuſchrecken von einem Platze, wo ich meine Saat abgeerntet, wo ein ruheloſer Kampf mein wartete, wo ich nie mich zu Dir gefunden hätte, nie dieſe zufriedene Glückſeligkeit an Deiner Seite gekoſtet haben würde.— So biſt Du jetzt ganz glücklich, Procopio? fragte Iſabella und ſenkte ihren Augenſtrahl forſchend in ſein Auge. Und wirſt befriedigt bleiben, auch wenn neuer Weltglanz Dich umgibt, und Dein gerettet Gut alle Herr⸗ lichkeiten Deines Standes wieder um Dich verbreitet?— Wer ſagte Dir, daß ich ſie wieder um mich herauf⸗ zaubern würde, dieſe ſybaritiſchen Prunkhallen? fragte er lächelnd zurück. Nein, mein geliebtes Weib, wir wollen die Verführung meiden, und wie ein verbranntes Kind das Feuer ſcheuen, viel weniger es ſelbſt entzün⸗ den. Titel und Stand ſoll der Marquis von Aronches Dir opfern als Brautgeſchenk; unter einem bürgerlichen Namen werden wir auftreten in der Stadt Genua, und 1 154 was nicht zu dieſem Namen paßt von unſerm Eigenthum, als fremde Kaufleute auslegen vor den Augen des Her⸗ zogs und ſeines Adels. Dann pilgert Mann und Braut nach Rom; die heiligſte Hand in der Chriſtenheit ſoll dort von uns ſtreifen und wegbeten, was von ſündhaften Flecken an uns haften möchte; dort werde Iſabella Pro⸗ copio's Gattin, daß der Vorwurf des gebrochenen Ritter⸗ wortes mich nicht mehr ſtachele ans Deinen Kummerblicken. Ein einſames Haus in den ſchönſten Bergen ſoll dann un⸗ ſere neue Welt umſchließen, ſorgenfrei fliege uns der Tag; Du, ich und der liebliche Jav find eine heilige Drei, die in ihrem Zirkel alles beſitzt, was Menſchenwunſch for⸗ dern mag, und verſieht mein Weib das Haus, grabe ich indeß nach den Schätzen des Alterthums, welche die klaſ⸗ ſiſche Erde verſchlang, bringe dir den ſeltenen Kochtopf, in welchem die Römerin vor tauſend Jahren ihre Suppe bereitet, bringe dem Knaben die goldene Kaiſermünze, womit ein Titus einſt Thränen des Elendes getrocknet, und die Liebhabereien meiner Knabenzeit werden mich wieder zum Kinde machen, das keinen König, keinen un⸗ dankbaren Don Pedro beneidet.— So redete der Mann des Frevels in der Sorgloſigkeit ſeiner Selbſtſucht, im Traumſpiele ſeiner Phantaſie, die nur in dem eigenen Lebensgenuß ſich regte, doch in an⸗ gewöhnter, leichtfertiger Vergeßlichkeit nie dahin ihren Flug erhob, wo das Höchſte und Heiligſte waltet und— richtet.— Auf Iſabellens Angeſicht lag die Verklärung der Se⸗ ligkeit; ſie umfing den Gatten, legte ihr lockigtes Haupt an ſeine Schulter, deutete mit der Hand auf das unten ſpielende Kind und rief den Knaben zu ſich heran. Aber der Knabe ſchüttelte das grauſe Köpſchen, hielt ſein Spiel⸗ — — „ 155 werk der Mutter hin, und kauerte ſich dann wieder zu dem Louis nieder. Was bedeutet das? fragte da der Marquis mit geho⸗ bener Stimme. Warum raffet die genueſiſche Brigg alle ihre Segel ein?— Zeiget ſich vielleicht ein Korſar oder eine franzöſiſche Fregatte, die uns von den Schluchten Corſica's her bedräuen könnte?— Nichts zu ſchauen ringsum, tönte die Stimme des Kapitäns, der am Steuer ſaß. Der Genueſer will ſeinen Kurs ändern und nach Monaco wenden.— Das wäre verteufelt, entgegnete Procopio ärgerlich. Ich ließ zu Minorca dem jungen Senator, der ein ſo artiger Geſell und ein wackerer Kunſtkenner war, eine Kiſte mit werthvollen Goldmedaillen, damit er ſich die Langweile im Schiff vertreiben möge durch ihr Studium; es wäre wahrlich nicht eben ſchön von dem edeln Herrn, wenn er zur Seite auswiche, ohne das fremde Eigen⸗ thum zuvor auszuliefern. Aber ſchaut hin, Patron, die genueſiſchen Seeleute ſammeln ſich am Backbord und ſchei⸗ nen uns Zeichen zu machen. Es drohet doch keine Un⸗ tiefe, kein Felſenriff, oder gar eine Anzeige eines raſchen Unwetters?— Der Schiffsherr ſtellte ſich hoch und lachte behaglich. Wollen vielleicht nach einem Hay angeln, der ſich am Kiel ſehen ließ, oder nach einem muntern Tummler, antwortete ſeine Baßſtimme. Das Waſſer iſt glatt und klar bis unter des Schiffes Bauch. Sehet Ihr Gekräuſel und Wellenbruch, ſo weit das Auge reicht? Seht Ihr am Himmel oben etwas Verdächtiges? Alles rein, bis auf das ſchmale, langgezogene graue Wölkchen, das hoch von Weſt zum Nord herüber ſtreift, und das viel⸗ leicht ein günſtiges Lüftchen bringt, welches uns ſchneller 156 in den Hafen treibt und dem langweiligen Windmangel ein Ende macht. Der ſichere Portugieſe hatte kaum ausgeredet, ſo zeigte ſich die Urſache der Manövers des umſichtigen und kundigen Genueſers, leider jedoch zu ſpät. Ein Rauſchen tönte plötzlich im ganzen Segelwerke, die Tücher raſchel⸗ ten und zitterten, wie von Furcht bewegt, die Takellage knatterte, und auch der Körper des Schiffs ſchoß raſcher durch die Fluten; doch kaum einige Sekunden ſpäter war die lange Wolkenzunge dicht hinier dem Schiff, und ein einziger Sturmſtoß fuhr vor ihr auf, jedoch ſo gewaltig, daß er dem Fahrzeug, welches ſeiner Kraft alle Segel bot, Verderben und Untergang bereiten mußte. Ein wil⸗ der Schreckensſchrei tönte von vielen Stimmen, und die portugieſiſche Felucke lag umgeſtürzt platt auf der Mee⸗ resfläche, und ihre Maſtenſpitzen, ihre Wimpel wuſchen ſich im ſalzigen Waſſer. Wie Don Procopig über die Galerie hinweg ſich ſammt der Geliebten auf die oben liegende Bauchwand des Schiffes glücklich gerettet, blieb ihm ſelbſt ein Räth⸗ ſel. Knieend fand er ſich dort, als ihm die Beſinnung gekehrt, ſeine rechte Hand hielt ſich an einem Eiſenhaken, der zur Befeſtigung der Schiffsleiter eingeſchlagen, ſeine Linke hatte Iſabellens Arm gepackt, und ſie neben ſich erhalten auf der glatten Wand. Aber als die Unglück⸗ liche die Augen öffnete, die der Schrecken geſchloſſen, ſtieß ſie einen gräßlichen herzzerſchneidenden Kreiſch aus, und der Schrei ging in Geheul über, wie die Löwen⸗ mutter heulet, wenn ihr das Junge geraubt, und ihr Antlitz ward zum Angeſicht einer Niobe, höchſtes Ent⸗ ſetzen, tödtende Verzweiflung ausſprechend, ohne Wort und Ton der bleichen Lippe.— Und grauſig war die —— —— ——— 157 Scene, welche die Mutter anzuſchauen verdammt wor⸗ den, und vor der ſelbſt die Feder des Erzählers erſtarrt, und ſchnell über ſie hinweg zu eilen ſtrebt. Fern am Maſt erſchien der obere Körpertheil des wahnwitzigen Louis; mit der einen Hand hielt er ſich im Tauwerk, mit vä Andern hob er den Knaben Jav empor, der auf ſeiner Schulter ſaß und die zarten weißen Händchen in die ſchwarzen Locken des Dieners gekrallt hatte, und zugleich deutlich nach der Mutter rief. Beide verſchwan⸗ den, beide tauchten mehre Male wiederum hervor, ſo wie der Wellenſchlag den Maſt auf- und niederbewegte. Jetzt erſchien die Spitze des Baumes wiederum über dem Waſſer, aber Kind und Diener kamen nicht mit, der tückiſche Meergeiſt hatte die Beute hinab in ſeines Reiches nie ergründete Tiefe geriſſen, und gab ſie nicht wieder. Vorwärts hatte die Mutter geſtrebt; zur Rettung ihres größten Schatzes oder zum Tode mit ihm hatte der Inſtinkt ſie hingeriſſen; doch Procopio's kräftige Hand hielt ſie; als der braunumlockte Engelskopf nicht wieder erſchien über dem grünen Spiegel, da ſtieß ſie einen Seufzer aus, laut und ſchaurig, als wäre das Herz un⸗ ter ihm gebrochen, und ihr Haupt neigte ſich auf die Schulter, und der Marquis gebrauchte faſt übermenſch⸗ liche Anſtrengung, die ſinnloſe neben ſich zu erhalten. Eines der Boote, welche der Genueſer ſchnell be⸗ mannt und zu Hülfe geſchickt, ſtieß in dieſem Augenblicke an das verunglückte Schiff, und nahm das jammervolle Paar auf, aber vergebens ſtrengten ſich die braven Seeleute an, dem Waſſer noch andere Menſchenleben abzugewin⸗ nen, und als Procopio auf dem genueſiſchen Bord ange⸗ zommen, und ſinnverwirrt zum erſten Male zurückſchauete, 158 da hoben ſich die Maſten des Wracks noch einmal, faſt zur Hälfte richtete ſich das portugieſiſche Fahrzeug auf, dann verſchwand es jedoch ſchnell in die Tiefe und ein rauſchender Strudel zeigte noch einige Minuten lang die Stelle an, wo es ſein naſſes Grab gefunden. Procopio's Hände ballten ſich wie zum Kampfe, ſein ſchwarzes Auge ſchlug ſich rollend auf zum Himmel, Herausforderung, Läſterung ſprach aus ſeinen Blicken, dann ſanken ſie nieder auf das Deck, wo man die un⸗ glückliche Iſabella einer Todten gleich niedergelegt.— Gott oder Teufel, murmelte er zwiſchen den knirſchen⸗ den Zähnen, der da oben und da unten herrſcht, du biſt mächtig, aber grauſam und rachſüchtig wie kein Raubthier auf Erden. Mich konnteſt du nehmen, mich, der ich verfallen war mit mir ſelbſt und der Welt. Aber was that dieſe Elende da, deren einzige Sünde meine Sünde geweſen? Laß ihre Augen geſchloſſen ſein für ewig, du grauſenvolle, unſichtbare Macht; wenn ſie dieſe Augen wiederum öffnete, wo iſt der Menſch von Erz, der die Kraft hätte, zuzuſchauen?— Er ſchwankte taumelte, ſein Mund zuckte krampficht, und der junge genueſiſche Edelmann, der mitleidig und tröſtend herzu⸗ getteten, gewann gerade noch Zeit, den Niederſchlagen⸗ den aufzufangen.—— Neun Jahre waren bereits verfloſſen, ſeitdem die traurige Geſchichte von dem ſeltenen Unglücke des frem⸗ den Schiffes, welches auf offenem, glattem Meere, bei hellem Himmel geſunken, in allen Häfen und in allen Fiſcherhütten Italiens, bis zur Sohle und zum Sporn des großen Stiefels, ja weiter, bis zu den Küſten des — — 159 adriatiſchen Meeres das Tagesgeſpräch der Seeleute geweſen. In der weltberühmten Inſelſtadt Venedig, damals noch die Königin der Meere, in dem Logierhauſe, wel⸗ ches dem Hafen von Mallamokko am nächſten lag, ſaßen zwei Fremde in einem Hinterſtübchen, die beide längſt Bekannte des geehrten Leſers geworden. In dem Einen erkennen wir den Milaneſer Lukas, der noch die deutſche Heiducken⸗Livree trug, in welcher wir ihn am Kloſter Alcobaca zuletzt geſehen, der Zweite war der Portu⸗ gieſe Tamayo, er hatte ſeine Nationaltracht auch in der Fremde beibehalten, und nur die untere Kleidung nach deutſcher Sitte gemodelt, wozu ihn das Klima, in dem er bislang gelebt, gezwungen. Beide ſaßen beim Frühſtück; der Milaneſer, der alle Untugenden des Aus⸗ landes zu ſeinen heimathlichen Laſtern ſich gelehrig an⸗ geeignet, ſprach dem großen Weinbecher begierlich zu, der neben einem Tellerchen von wohlgeöltem Hummer⸗ ſalat vor ihm ſtand; ſein bärtiges Geſicht glühete be⸗ reits wie Mittagsglut, und ſeine Zunge war geſprächig und in lebhafteſter Beweglichkeit. Der Portugieſe da⸗ gegen ſaß ſteif und wortarm ihm gegenüber, finſtern Angeſichts wie immer, aß langſam und bedächtig von ſeinem Weißbrod mit dünnen Zwiebelſcheiben belegt, und trank dazu dann und wann aus der Kryſtallſchale mit Eiswaſſer gefüllt. Ich ſchaue Dir's an, Sebaſtiano, ſprach der Mila⸗ neſer, Du biſt, wie ich, die Wanderungen um die Welt und durch die Welt ſatt und überſatt, zu denen uns die deutſchen Eiſenſporen treiben, ſeit wir uns ihnen ver⸗ kauft. Ich liebe gerade nicht die träge Ruhe, die Deine Landsleute als den Himmel auf Erden anbeten, und das 160 far niente meines Vaterlandes hat mir von Jugend auf nicht zugeſagt, aber neun Jahre lang einem Schatten nachzupilgern, der, wenn man ihn erreicht hat, höhniſch in Luft zerfließt, das iſt kein Tagewerk für einen Mann, dem Fauſt und Herz nicht vertrocknete.— Gab Dir wie mir der Graf von Halwill nicht Wamms und Speiſe? Haſt Du nicht trocken geſchlafen unter dem Dach, was er bezahlte? Haſt Du nicht bequem geſeſſen auf dem Sattel, den er Dir zurecht gelegt? fragte der Portugieſe eintönig und düſtern Blickes.— Recht gut, mein geduldiges Söhnlein! Aber wohin ſoll das führen? Wir ſind zwei Luſtra älter geworden, und iſt auch für die Gegenwart ziemlich geſorgt, wer ſteht uns für die Zukunft, wenn etwa unſer grämlicher Herr, den die Ungeduld und Rachgier ſchon jetzt zum ſchmalen Don Quixote herab getrocknet, in der Fremde ſich legte und ſich ſein Bett in ausländiſcher Erde gra⸗ ben ließe? In ſeinem Teſtamente hat er unſer nicht gedacht, denn er denkt nicht an's eigene Sterben, nur an's Umbringen und das tüchtige Lehrgeld, welches er in eurer Kloſterallee zahlte, hat ſeinen Witz auf keinen beſſern Pfad geleitet. Wenn man altert, denkt man zu⸗ weilen an den eigenen Hausſtand; auf unſere Weiſe ge⸗ winnen wir keinen Heerd, nicht einmal den Topf dar⸗ auf, und ich meine, wir vereinten uns, ihm den Kauf aufzuſagen und Baſta zu machen.— Ich habe kein Vaterland, entgegnete Sebaſtiano, und mein Hausſtand iſt von dem Alkaden verkauft worden. Als ich mit Deiner und des kleinen Blaſio Hülfe aus dem Thurme entſprang, nahm mich der deutſche Herr in Schutz und Verſteck, und ich gelobte ihm dafür —————— 1. —— ————— — 161 lebenslang Dienſte. Ich halte Wort wie er; willſt Du ein Schurke werden„ſo ſei's allein.— Baſtiano! fuhr der Milaneſer drohend auf und faßte an das Stilett im Gürtel. Doch ſich beſinnend, ließ er die Hand ab von der Waffe, griff zum Becher, und nach einem langen Zuge fuhr er ſcheinbar kälter fort: Warum that er ſo freundlich mit Dir, Du ehrlicher Tropf? Weil er in erſter Stunde erfahren, daß ſein Todfeind auch der Deinige geworden, wenn auch wegen gar verſchiedener Urſachen, ihm aus zuviel Haß, Dir aus zuviel Liebe. Zu Eins war ihm der Kampf miß⸗ glückt, zu Zwei hoffte er auf beſſern Sieg, und nur darum ſchloß er die Allianz mit Dir. Wo ſind wir nicht geweſen ſeitdem? Madrid und Paris, London und Am⸗ ſterdam, Kopenhagen und Berlin ſind wir durchkrochen; wo ſich nur ein Menſch mit einem luſitaniſchen Namen fand, haben wir ihn begafft von hinten und vorn, und ſeit wir nun in Wien einige Monden ausgeruhet, fängt der Tanz von Neuem an. Vielleicht geht's jetzt in's Türkenland bis nach Jeruſalem hinüber, wo wir denn doch den Vortheil haben können, unſere Sünden ohne Ablaßgeld loszuwerden. Nein, mein Freund, ſeit ich wieder vaterländiſchen Boden unter meinen Sohlen ge⸗ fühlt, drückt mich das Sklavenkleid; hier iſt Freiheit, Herrlichkeit, Lebensluſt, und jenſeits am Tiberſtrome oder unten in den Bergen Calabriens verhungern zwei ſolche Kerle von Erz, wie wir beide ſind, nimmermehr, ſondern müßten in zwei kurzen Jahren als Signoria ſich grüßen laſſen können, und in höherer Ehre, weil die eigene Fauſt ihnen den Adelsbrief geſchrieben. Beſinne Dich, Sebaſtiano; euren Marquis hat längſt der Schwarze geholt, oder er ſitzet zur rechten Hand des Großtürken, Blumenhagen. VIII. 11 i .—. 162 iſt Muſelmann geworden, wozu er natürliche Anlagen zu haben ſchien, und verlacht unſere Wallfahrten nach ihm in ſeinem ſichern Serail.— Der Portugieſe ſchoß auf den Italier einen Blick, in welchem eine Art von Verachtung zu leuchten ſchien. Der Herr hat Dir nichts vertrauet; ich hör's an Deiner Rede, ſagte er mit unverhehltem Stolze. Mir aber vertrauete er, daß wir nie ſo dicht auf des Wolfes Fährte geweſen, die er ſelbſt unvorſichtig in den Sand ſeiner Flucht gedrückt. Damit Du Vertrauen bekommſt und um Deinen Wankelmuth zu heilen, will ich Dir mittheilen, was ich erfuhr, denn mir wurde kein Still⸗ ſchweigen geboten.— Ei, biſt Du mir ſoweit voraus geflattert, Du Ha⸗ bicht aus den Bergen? fragte Lukas, den Aerger kaum bezwingend. Alſo geheimer Sekretarius geworden? Nun, laß doch hören, welcher Wind uns an das adriatiſche Meer gewehet!— Als wir die Fahrt durch den Norden geendet, ſprach Sebaſtiano kalt und ernſt, und in Wien einige Wochen ausruheten, machteſt Du Dich krank und kameſt nicht von Deiner Kammer. Der Graf argwöhnte wohl, daß Du vielleicht vordem mit den Rumorwächtern der Stadt eine zu genaue Bekanntſchaft gemacht, aber er beküm⸗ merte ſich nicht weiter um Dich, weil er Deine Kühn⸗ heit, Deine gute Fauſt erkannt und ſchätzen gelernt, doch ſein Vertrauen zu Dir ſchien mir dadurch gemindert. Die Wittib— hieß ſie nicht Gräfin Werdenberg?— die Schweſter des Ermordeten, der er in heißer Liebe zugethan, und um deretwillen er ſich zum Bluträcher des Bruders geſchworen, empfing ihn nicht, wie er gehofft, verſpottete hartherzig ſeine Fahrt ohne Ziel, und brachte ihn dahin, —— 163 daß er jeden Lebensmuth verlor, und ich in Furcht war, er möchte die zur Rache gehobene Hand an ſich ſelber legen. Da erfuhr er von dem Ohm Kinsky, daß ein Brief aus Lisbva vom Grafen Harrach angelangt, der Mehres von dem verſchollenen Aronches enthalten ſollte. Durch die Gnade der Kaiſerin ſah er den Brief, und all ſein Eifer ſchlug in neuen Flammen auf. Der Har⸗ rach meldete nämlich, wie ein Schreiben angekommen an die älteſte Tochter des Marquis, Kaſimira genannt, welche die Braut geworden von Don Miguel, dem na⸗ türlichen Sohne des Königs Pedro. Aronches ſchrieb, wie er vernommen, daß die Meza de Conciencia den gegen ihn erkannten Urtheilsſpruch aufgehoben, und daß der König ihm und ſeiner Familie die alie Gnade wie⸗ derum zugewendet. Er bat um Nachricht darüber an ein Handelshaus in Venedig, bat um Geldſendung an daſſelbe, da es ihm jahrelang ſehr elend gegangen, und er der nöthigſten Bequemlichkeiten entbehrte. Der Brief war nach genauer Erforſchung von Italien gekommen, ja es war faſt gewiß, daß er zu Venedig ſelbſt auf's Schiff gegeben.— Und das trieb uns mit Windesſchnelle hieher? fragte Lukas mürriſch. Er ſitzet im Elende, Gott hat ihn ge⸗ ſtraft— er bekreuzigte ſeine Bruſt— und ihr ſeid ſo verwegen, euch in Gottes Gericht miſchen zu wollen? ſo rachſüchtig, nicht genug an der Strafe des Himmels zu haben, die den verwöhnten, den ſchwelgeriſchen Edel⸗ mann ſicher hart genug zu züchtigen vermochte?— Er muß kalt ſein, wie dieſer Trank, entgegnete ein⸗ tönig der Portugieſe, eh' winkt dem Herrn keine Hochzeit und mir keine Ruhe auf Erden.— Sebaſtiano, der Hund iſt dankbar; der Löwe hat 164 keine Krallen für den Wächter, der ihn füttert, fiel der Milaneſer heftig ein. Du ſollteſt wenigſtens Deine Hand davon laſſen. Wer legte denn das ſchwere Gold in meine Hand für Dich, mit dem ich dem kleinen Schnei⸗ der Muth eintrichterte, daß er der Bote wurde zwiſchen dem Kloſter und Deinem Thurme? Weſſen Gold be⸗ wegte den Mönch, daß er den Kerkerknecht beſprach, die Beförderung Deiner Flucht ſei ein verdienſtliches, gott⸗ gefälliges Werk? Weſſen Gold bezahlte den Tereswein, der die ſteifen Grenadiere zu Schlafratten machte? Aus des Marquis Hand kam das Gold in meine Finger, und ohne ihn hätten die Liſſaboner Raben längſt all Dein Fleiſch zur Fütterung ihrer Brut vergeudet. Pfui, an mir mögen nicht viele Tugenden zu finden ſein, aber der Undank iſt in Milano keine Landesmünze, und ein Banditenhäuptling würde Dich aus ſeinem Trupp ſtoßen, fände er das falſche Geld in Deiner Taſche.— Ich ſchwor bvei dem greiſen Haare meiner ſterbenden Mutter, ſagte der Portugieſe kalt; begegnet er mir, muß meine Hand nach ſeinem Leben greifen.— Und ich ſchwöre Dir bei dem weißen Barte der Ziegen⸗ mutter aus Noahs Arche, erwiderte giftig der Milaneſer, daß kein Satanas mich bewegen ſoll, euch meine Fauſt und mein Eiſen zu dieſem Kunſtſtück zu borgen. Nehmet euch in Acht, der Marquis trägt ein geweihtes Bruſt⸗ koller, und ihr zwei könntet vielleicht durch ſeinen guten Degen einen Purzelbaum in die ſtinkenden Lagunen ma⸗ chen, der nicht ſo gutes Ende nehmen dürfte, wie der Fall unſeres Herrn in den portugieſiſchen Sand.— Der Eintritt des Grafen Halwill unterbrach die Rede des Erbitterten. Der deutſche Ritter im ſchwarzen Gewande mit dem Trauerflor ſtatt der Schärpe umgürtet, 165 ſchien erhitzt, denn ſein hageres Antlitz zeigte leichtge⸗ röthete Wangen und ſein eingefallenes Augenpaar blitzte auf die Sitzenden. Sebaſtiano, ſprach er ſchnell und mit Heftigkeit, mein Herzſchlag kündet mir, wir haben das flüchtige Wild im Jagdnetz. Es lebt ein Portugieſe hier, die Nobili ken⸗ nen ihn, ſechs Jahre wohnt er in der Inſelſtadt; er hat einſt Schiffbruch gelitten, und ein Weib von fremdlän⸗ diſchem Anſehen iſt mit ihm.— Tamayo ballte die Fauſt. Iſabella! knirſchte er. Seine entehrte Buhldirne auch jetzt noch? Der Mutter Geiſt verderbe auch ſie mit ihm!— Alles trifft zu, fuhr der Graf fort; ſtolze Ma⸗ tador iſt ein Krämer geworden, handelt mit ſeltenen Münzen und Antiquitäten; Beides liebte er ſchon zu Wien. Die kunſtliebenden Edelleute kaufen von ihm, und er gilt bei ihnen als ein erfahrener, gelehrter Krämer. Aber Niemand wußte ſeine Wohnung, denn er zeigt ſich nur dann und wann auf dem Rialto oder in den Aka⸗ demien, und trägt ſeine ſeltenen Schätze, ſobald er Neues gewonnen, ſelbſt zu den bekannten Käufern. Auf, Lu⸗ kas, ſetzte er hinzu, jetzt iſt die Reihe an Dir. Du rühmteſt Dich oft, die ganze Italia wie Dein Vaterhaus zu kennen. Hinaus, miethe Dir eines der ſchwarzen Fahrzeuge, durchfahre die Kanäle, ſuche einen Bekannten und forſche mit ſeiner Hülfe nach unſerm Manne. Laß ihm melden, ein fremder, reicher Kaufmann, ein Eng⸗ länder oder Pariſer, ſehne ſich, einen großen Handel mit ihm zu machen; locke ihn Abends aus ſeiner Spelunke zu unſerm Quartier; ich kann die Stunde nicht erwar⸗ ten, die mir die verlorenen Jahre vergütet, und mein Eiſen iſt lebendig in der Scheide.— 166 Herr, entgegnete der Milaneſer, nehmet einen guten Rath an von mir. Dieſe Stadt iſt ein gefährliches Theater für ſolche Trauerſpiele, wie Ihr im Sinne habt. Die Herren des goldenen Buchs halten ſtrenge auf ihre Rechte, das Gericht der Zehn macht ſich aus dem Leben eines Fremden, und wäre er ein Königsſohn, nicht mehr wie aus der Auſter, die man mit der Hand aus den Lagunen herauflangt, und die Bleidächer ſind ein verteu⸗ felter Schwitzkaſten, und hat Euch gar der Rath der Drei in ſeinem ſchwarzen Buche, ſo möget Ihr Abſchied nehmen von Licht und Luft auf immerdar. Madre de Dio! Selbſt ein Bravo fürchtet das Urtheil des heiligen Markus und ſcheut ſich, auf dieſen Sandbänken ſeinen Stahl zu ver⸗ golden, denn ein Mord iſt nur den höchſten Herrſchaften vergönnt, und muß doch ſehr im Dunkel paſſiren. Ich meine, es ſei ſicherer, den Herrn Marquis von hier fortzulocken, etwa durch einen falſchen Brief aus Portu⸗ gal. Auf dem feſten Lande oder im Schiffe ließe ſich das Ding beſſer angreifen und würde weniger koſten.— Hinaus! herrſchte zornig der deutſche Junker. Meiſtere nicht Deinen Herrn, und zeige, daß man Dich nicht umſonſt gefüttert. Hinaus! Ehe der Abend da, mußt Du mit ſicherer Nachricht vor mir ſtehen.— Schmiegſam und reſpektvoll beugte ſich der Italiener wie ſich der Kettenhund, der tobende, in ſein Haus zu⸗ rückzieht, ſobald der Hausherr die Peitſche zeigt, ſuchte ſeinen Hut und ſchlich aus der Pforte. Der Mond war noch nicht herauf, und warf ſeine Silberſtrahlen noch nicht über den Lido, aber ein mattes Licht verkündete am Horizont ſeine nahe Auffahrt. Am „— „— 167 Rande einer Piazetta, einer der kleinern Marktplätze der Stadt, dicht an einer Brücke, welche zwei der In⸗ ſeln, worauf Venedig thronet, verband, befanden ſich einige Männer, faſt allein, denn die gewohnte Nacht⸗ promenade rief die Eingebornen nach dem großen Mar⸗ kusplatze, wo Muſik, Volksſpiele und Menſchengewühl zu finden waren. Nur zuweilen ſtreiften einige eilige Luſtwandler über den Platz, und dann und wann rauſchte eine Gondel mit ihrem ſchwarzen Häuschen den Kanal entlang unter der Brücke hin, und ein melancholiſcher Nationalgeſang hielt die Ruderſchläge der Gondoliere im Takte. Die Laternen auf der Brücke und die Kugel⸗ leuchten in der Säulenhalle des nächſten Palaſtes war⸗ fen über den Platz ein mattes, grünliches Licht, zwar hell genug, um die Gegenſtände vor ſich zu erkennen, aber die lautloſe Gegend mit einer triſten Unheimlichkeit bedeckend. Auf der erſten Stufe der Steintreppe, welche neben der Brücke zum Kanal hinabführte, ſaß der Milaneſer, die Ellenbogen auf die Knie, den Kopf in die Hände geſtützt, mürriſch und düſtern Geſichts in das Waſſer ſtarrend, welches ſchwarz und todt unter ihm lag, und den Schein der Brückenlaterne zurückwarf. Wenige Schritte von ihm lehnte der Portugieſe Tamayo am Eckpfeiler eines Porticus, regungslos wie dieſer; er hatte die Arme verſchränkt, doch hielten ſie zwei Degen mit ſchimmernden Gefäßen. Zwiſchen Beiden ſchritt der deutſche Graf auf und nieder, unſtet und von innerer Unruhe raſtlos bewegt wie das Pendul der Uhr vom verborgenen Federwerke. Der Milaneſer, des Gehorſams gewöhnt worden, hatte getreu ſeinen Auftrag, wenn auch mit Widerwillen, 168 der ihm ſelbſt räthſelhaft dünkte, erfüllt. Der Zufall ließ ihn in erſter Stunde einen Mann treffen, der einſt mit ihm im Kirchenſtaate daſſelbe Geſchäft getrieben, doch klüglich das, was die Fauſt erobert, in das Gebiet der Republik geſchafft, und ſich in ihr zu ehrlicherem Gewerbe feſtgeſetzt hatte. Einige Zechinen machten den Kameraden des Lukas willig; er kannte den portugieſi⸗ ſchen Antiquar, der ſich Signor Procopio nennen ließ, recht gut und übernahm es, die Beſtellung auszurichten. Noch einmal drängte ein inneres, unbeſiegbares Gefühl den Milaneſer zu dem Verſuch, das Rachgericht des deutſchen Edelmanns aufzuhalten. Verborgen hatte er den Marquis geſehen. Der einſt ſo ſtolze, aufgeblaſene Hofmann wohnte in der Spezieria, einer engen Gaſſe, in einem kleinen unanſehnlichen Häuschen; lauter Cita⸗ dinis der ärmern Sorte waren ihm Nachbarn: Lein⸗ wandhändler, Krämer, Handwerker und Herbergswirthe für Fiſcher und Gondoliere. ber mia fe! ſchloß er ſeinen Bericht. Ihr könntet den Maledetto immer ſeiner Buße, zu der ihn der Himmel verdammte, überlaſſen, denn ſie muß einem ſolchen Herrn, der in Königsſälen promenirte, härter dünken wie einem jungen Mönch die Geißel und der Waſſerkrug, die man ihm zur Pönitenz für zu warmes Blut diktirt. Nehmet Ihr ihm das Leben, ſo erzeigt Ihr ihm eine Wohlthat gegen Euren Willen, und ſein blutender Leichnam tritt in Euren Platz, wird zum Blut⸗ rächer, macht ſich die Sbirren zu Alliirten, die nur zu flink ſind, an der Säule des geflügelten Löwen Block, Beil und Korb zum erwünſchten Spektakel des Volks in Ordnung zu bringen. Wer ſich zwiſchen die Hunde bettet, darf nicht über Flohſtiche klagen.— — 169 Heftiger noch als zuvor gebot ihm Graf Halwill Ge⸗ horſam und Schweigen, und⸗ überſah die Tücke, welche aus den ſchwarzen Augſternen des Milaneſers funkelte. Der deutſche Graf hielt jetzt ſeinen Schritt an vor dem Sitzenden. Warum kommt er nicht? fragte er un⸗ geduldig und unmüthig. Faſt eine Stunde harren wir hier nutzlos, und wenn Deine Furcht vor den Häſchern dieſer Stadt Grund hatte, ſo könnte eben unſer langes Weilen ihre Aufmerkſamkeit heranlocken. Oder haſt Du mich getäuſcht und nicht gethan, wie ich befahl? Bei allen Strafen der Hölle, dann wirſt Du nicht heim ge⸗ hen, und mein Fußſtoß wird Dich in das feuchte Grab werfen, an deſſen Pforte Du ſitzeſt, wie ein träger, ab⸗ geiagter Hund, indeſſen mich des Blutes friſch erregter Sturm erſtickt.— Der Milaneſer griff unter den Mantel nach ſeinem Dolche, ſtand jedoch langſam auf und trat einige Schritte weg vom Rande des Kanals. Diavolo! Ihr ſeid ein hitziger Junker, entgegnete er; gehet in das nächſte Ca⸗ ſino und ſpeiſet einen Becher Gefrornes, denn glühet auch heute das Blut in Euch, wie damals am Kloſter in Portugal, möchte Euer Degenſpiel nicht ſicherer aus⸗ fallen. Ich that meine Schuldigkeit, denn ich bin ja in Euerm Solde, und wer den Bauch füttert, dem gehört die Hand und die Zunge dazn. Aber mein alter Freund Jeronimo weiß ſo wenig von Eurer Ungeduld wie von dem eigentlichen Handel, zu welchem Ihr den Marquis herbeſchieden. Wie kann er glauben, daß einem Signor aus London der Kauf von einigen alten Goldmünzen ſolches Herzklopfen macht? Uebrigens iſt dieſes der Fleck, welcher verabredet worden; an dieſer Brücke ſoll die Gondel auf den Makler und den Kaufmann warten, 170 und beide zu dem Palaſte des Senators führen, wo der ihm verwandte Fremde ſich einlogirt. Jeronimo und der Münzenhändler haben beide Euer blanken Zechinen nöthig und werden uns nicht warten laſſen, und— Diavolo!— trüget mich nicht das Laternenlicht, ſo tre⸗ ten ſie dort aus dem Gäßlein, und marſchiren gerade auf die Brücke heran.— Sein Auge hatte ihn nicht betrogen. Die Erwarteten kamen langſam über den Platz daher im ruhigen Ge⸗ ſpräche vertieft. Don Procopio war hager und bleich geworden, wie ſein Todfeind; ihn hatte die Entbehrung, die Kälte des Lebens ohne Glück und Hoffnung, dieſen die Glut der Rachbegier, die Sehnſucht nach Erfüllung ſeines Gelübdes und die daran geknüpfte Leidenſchaft verzehrt.— In der ſchlichten, faſt armſeligen Tracht eines nie⸗ dern Bürgers kam Procopio daher, ſein Nacken war ſichtlich gebogen von Zeit und Gram; ein kurzer Mantel von grobem Gezeug hing über ſeiner linken Schulter, im rechten Arme trug er ein weißes Käſtchen, ſeine ſel⸗ tenen Waaren verſchließend. Jetzt waren die Beiden dicht an der Brücke, und der Makler ſchien den ver⸗ ſprochenen Gondolier zu ſuchen, da trat der deutſche Graf raſch auf den Marquis zu, und ein wild gerufe⸗ nes: Halt! Hier endet Euer Weg! hemmte die Schritte der Kommenden.— Wer ſeid Ihr, daß Ihr freie Citadinis alſo erſchreckt auf ihrem Geſchäfswege? fragte der Venetianer. Euer Ausſprache verräth den Ausländer, Euer Ausſehen iſt nicht das eines gedungenen Bravo's. Seid Ihr vielleicht ein trunkener Raufbold, der ſich in ſeinen Leuten irrt, —,——————— ſo warne ich Euch, denn die Sbirrenwache iſt nahe.— —,——— 171 Nichts mit Dir, ſprach der Graf, geh ruhig Deine Straße. Aber dieſer Sünder ſoll hier das Ziel ſeiner Miſſethaten gefunden haben, ehe dort der Mond die La⸗ gunen beſcheint.— Der Venetianer ſah erſtaunt auf den Redenden, wie auf Sebaſtiano und Lukas, die jetzt auch näher getre⸗ ten; als er jedoch den Letzteren erkannt, murmelte er ſcheu: Treibſt Du, Fuchs, noch das alte Handwerk, und haſt Du mich dazu verlocken wollen? Beim San Marco, darin haſt Du Dich verrechnet. Meine Hände find gewaſchen, und ſollen nicht wieder ſchmutzig werden durch Dich.— Gewandt war er aus dem Halbkreiſe der Gegner geſprungen, und ehe dieſe ihn aufhalten konnten, verſchwand der Flüchtige in dem Schatten eines Säulenganges. Aronches hatte bei dem erſten Anfall ſein Käſichen auf den Boden geſetzt und eine feſte Stellung zur Ver⸗ theidigung angenommen, und ſtarr und lautlos wie zum Stein verzaubert, nachdem er die Feinde nach und nach erkannt, dageſtanden. Bei der Flucht des Gefähr⸗ ten kam eine Bewegung in ihn, als wollte er ihm nach, doch die Unmöglichkeit des Entkommens einſehend, erhob er ſein Haupt ſtolz und trotzig, wickelte ſchnell den her⸗ abhängenden Mantel um ſeinen linken Arm, hob die geballte Rechte und trat dem Junker einen feſten Schritt entgegen. Was wollt Ihr von mir? fragte er mit ſicherem Tone. Seid Ihr von Eurer Raſerei noch nicht geheilt worden, daß Ihr auf dieſem fremden Boden einen Bürger dieſer freien Stadt neuerdings mit Eurer Fieber⸗ wuth bedräuet? Ihr ſucht den Marquis von Aronches, den Fürſten von Ligne. Der Marquis iſt längſt geſtorben; 172 der ſchlichte Bürger Procopio hat mit dem ganzen Adel der Welt und mit allen Königen und Fürſten der Erde nichts mehr zu ſchaffen, und es wird dem deutſchen Ritter einen herrlichen Lorbeer flechten, wenn er wie ein gemeiner Bravo den Waffenloſen niederſtößt, den Argloſen, den ſeine lügenhafte Büberei an dieſen Ort gelockt.— Mörder im Kleide des Marquis, Mörder im Kleide des Bürgers, rief der Graf. Meinem Racheſchwur biſt Du derſelbe, ſo lange Du lebendig wandelſt. Sebaſtian, die Degen! Wähle Dir die beſte Waffe! Du biſt edel geboren, und der deutſche Ritter achtet Deiner Eltern Namen, wenn Du die Edeln auch ſchändeteſt in ihren Särgen durch Deine Unthat.— Iſt Eure Wunde ſchon verharſcht bis auf die kleinſte Narbe? fragte Procopio mit hämiſchem Blicke. Hütet Euch; das ſchmutzige Waſſer der Lagunen hat nicht die wunderſame Heilkraft der Wogen des Tajo.— Die Degen, Sebaſtian! tobte Halwill. Tamayo aber trat dicht an den Marquis hinan, faßte die Waffen mit der linken Hand und packte mit der Rechten den Don an dem Arme. Wo iſt meine Schweſter? fragte er zugleich mit dumpfer, furchtbarer Stimme.— Die arme Iſabella? entgegnete der Marquis erſchüt⸗ tert. Ja, nur um ſie findet ihr Verderber keine Ruhe⸗ ſtatt; darum ſtößt ihn die Erde aus und darum guetſcht ihn der drückende Himmel überall. Du wirſt ſie ſehen, Tamayo, und Dein Anblick wird ihr vielleicht Troſt brin⸗ gen, denn ſie hat ſchon lange, lange ihren Jao ver⸗ loren, und der Gram zehrte ſeitdem an der lieblichſten Lilie Eſtremaduras langſam, aber ſicher. Daß ich nicht Alles erſetzen konnte, was die Herrliche mir geopfert, —————— 173 iſt meines Lebens ſchärfſter Stachel; aber, was ich vermocht, habe ich als ehrlicher Gatte gethan, in Schweiß und Kümmerniß habe ich gearbeitet für ſie, hingeworfen für ſie Stand und Anſprüche, denn ſie iſt mein liebes Weib geworden zu Rom durch Sakrament und Prieſterſegen.— Euer Weib! ſtaunte Sebaſtiano, und ließ des Mar⸗ quis Arm, und trat, wie von einer unſichtbaren Macht geſtoßen, zurück, und die Degen entfielen ihm, und klirr⸗ ten auf den Boden nieder. Graf Halwill raffte die Waffen auf und bot ſie dem Gegner drängender dar. Wählet und ſchnell! rief er mit wuth⸗bebender Stimme. Oder hoffet die Memme im grauen Haare auf Hülfe und Gewinn durch die Zeit? Nichtiges Hoffen; ſobald ein Schritt daherklingt über den Markt, fährt auch mein Stahl erbarmungslos durch Euren Leib.— Don Procopio hatte wirklich dergleichen Hoffnungen, und durch die Entwaffnung ſeines bitterſten, von ihm am meiſten gefürchteten Feindes, deſſen Bündner ſein Gewiſſen immerdar geweſen, waren ſeine Hoffnungen auf Rettung aus der Gegner Händen gewachſen, und mit ihnen ſein Muth. Stoßet zu, Herr Graf! ſprach er feſt. Hier iſt die unbewehrte Bruſt, die auf Erlöſung von langen Qualen wartet. Schenket ſie ihr, mein deutſcher Rittersmann, und begehet den Meuchelmord, den Euer thörichter Arg⸗ wohn ſeit Jahren auf meinen Namen gewälzt.— Nimm den Degen, Schurke! tobte der durch die Zö⸗ gerung immer erhitzter werdende Graf. Ich ſehe Schat⸗ tengeſtalten dort an jener Pforte. Nimm, oder beim St. Stephan, ich durchſtoße Dich!— 174 Die heftige Bewegung der blinkenden Waffe in Hal⸗ wills Hand machte des Marquis Entſchloſſenheit wan⸗ ken; er warf einen ſchnellen Seitenblick nach der ge⸗ nannten Pforte, wich einen Schritt nach der Brücke hin, und verſuchte das letzte Mittel, das ſich ihm auf⸗ drang, als Abwehr. Du ſuchſt Deines Blutfreundes Todtſchläger? ſagte er ſchnell und mit kurzem Athem. Bei meiner Seele, bei meinem Wappen, ich bin es nicht. Dieſe Hand, die ich zum Sternenhimmel erhebe, iſt nicht befleckt von Ferdinando's Herzblute. Aber ich ſehe einen Menſchen in Deiner Begleitung, der nicht ſo unbefleckt iſt. Ein Räthſel iſt es, daß er Dir ſo nahe war, täglich die Sturmworte Deiner Rachſucht an ſei⸗ nem Ohre hinrollten, und er mit eben dem Meſſer, mit dem er Deinen Vetter ſchlachtete, nicht auch Deine Zunge ſtumm machte, deren Muſik ihm wie Todten⸗ marſch tönen mußte. So wiſſe denn, was mich der Zu⸗ fall erfahren ließ: der da hinter Dir ſteht, dieſer Blut⸗ menſch von Milano, dieſer feile Bravo war Ferdinando's Mörder, und ihm, nicht mir, gebührt der Richterſtoß Deines Eiſens.— Mit einem ſichtbaren Schauer wich der Graf zurück und wandte ſein Geſicht gegen den Milaneſer, aber auf dieſen, der bislang verhüllt und bewegungslos ge⸗ ſtanden, hatte die Anklage eine raſche und furchtbare Wirkung. Teufel! fuhr er empor und die ausfahrenden Arme warfen den Mantel auseinander und weit hinweg. Teu⸗ fel, ſuchſt Du ſo Dir den Genoſſen? Tanto basti, sceleràto!— Lügner, elender Lügner, der Italiener iſt nicht ſo träge, wie dieſe kalten Fiſchmenſchen. So habe, was Du gefordert!— Wie ein abgeſchoſſener 175 Pfeil flog er gegen den Feind, und der Marquis fühlte den ſcharfen ſichern Dolch in ſeinem Fleiſch; da riß ihn Schmerz und Reſignation zur Verzweiflung, beide Arme ſchlug er um den Banditen, alle ſeine Kraft ſam⸗ melte ſich in der engen Umſchlingung. Der Tod hat mich! rief er kreiſchend mit einer Stimme, vor der die Hörer im Entſetzen zuſammenſchauderten; aber Du mußt mit, mit in den Tod, Du Sohn der Hölle!— Und zu der niedern Befriedigung des Kanals riß er den Mörder, und beide ſtürzten hinab, und in der ſchwar⸗ zen Tiefe des Waſſers klatſchte es laut, und nochmals rauſchte es drunten, wie Kampf um das Leben, und ſchwächer zum dritten Male; dann ward es ſtill, ſtill wie das Grab und die richtende Ewigkeit über Gräbern.—— Die Sonne hatte ſich eben über den Gebirgen Dal⸗ matiens erhoben und ihre ſchrägen Feuerſtreifen er⸗ hellten die Inſelſtadt und denſelben Platz. Menſchen⸗ gewühl füllte den Raum am Kanal und die Brücke, und die ſcharlachrothen Mützen der Fiſcher glänzten in dem Gedränge beſonders häufig. Ein Leichnam lag am Boden. Mord! ſchrie die Menge. Mord an einem bekannten Citadini der Republik— und die Sbirren ſtrichen mit ihren eiſen⸗beſchlagenen Stangen durch den Haufen, und forſchten bei denen, die den Körper her⸗ ausgefiſcht. Da flog ein großes bleiches Weib über den Markt, von Frauen und Nachbarn ihres Quartiers begleitet, die jedoch der Flüchtigen nicht nachkommen konnten; man machte ihr murmelnd Platz, und als ſie den Leichnam ——————— ———— 176 erblickte, warf ſie ſich mit einem gräßlichen Wehgeſchrei bei ihm nieder, und ihr langes, ſchwarzes Haar fiel über das lebloſe Haupt des Ermordeten, und ver⸗ ſchleierte die heißen Küſſe, die ſie auf ſeine kalte Stirn und in ſeine weitoffenen, fürchterlich ſtarren Augen preßte, und überall hörte man die Mitleidsſtimmen: Poveretta! Gott tröſte ſie! Verdammt ſei der Mörder!— Aber ein ſtämmiger Mann, der bisher ſtumm und die glühen⸗ den Augen feſt auf den Todten gerichtet, im Gedränge geſtanden, trat jetzt näher und der Name Iſabella tönte von ſeinem Munde. Die Gerufene richtete ſich ſchnell empor, ihr ſuchen⸗ der Blick fand den Bruder, und eine flüchtige Röthe be⸗ deckte ihre farbeloſen Wangen. Schrecken und Abſcheu zeichneten ſich feſt auf ihren Geſichtszügen, und doch ſtreckte ſie die nackten Arme aus nach dem Manne. Se⸗ baſtiano! ſtieß ſie aus ſchmerzbeengter Bruſt hervor. Du hier? Procopio ermordert! Mein Gatte erſchla⸗ gen! Endlos Dein Haß bis hier?— Aber die Mutter hatte ihm verziehen, doch Dich— Dich verklage ich — bei ihr droben!— Mit immer mehr geſunkener Stimme ſank auch ihr Leib allmälig zuſammen, ihre Hand war noch gehoben gegen die ſtrahlende Sonne, ihr Auge noch ſtarr geheftet auf Sebaſtiano's Geſicht, als ſie ſchon in den Knien lag; da zuckte ſie ſchnell zu⸗ ſammen, wie eine ſchlanke Lilie, welche ein Sturm⸗ ſtoß knickt, und entſeelt lag ſie über dem Leichnam des Marquis.— Wild wogte die Menge auf. Der iſt der Mörder! Die ſterbenbe Frau hat ihn bezeichnet! Bindet ihn, reißet ihn nieder, ſchleift ihn zum Wachthauſe! brüllten hundert Stimmen, und ein Dutzend nervichte Fäuſte 177 faßten den Portugieſen. Kalt und unverändert ſtand Tamayo, mit ſtarken Armen die angreifende Meute von ſich drückend.— Ihr ſeid im Irrthum, Venetianer, ſagte er mit un⸗ erſchütterlicher Ruhe. Denn bei der heiligen Mutter des Herrn, meine Seele iſt unſchuldig an dieſer Un⸗ that. Die Bleiche iſt meine Schweſter, und der ſie trägt auf ſeinem kalten Leibe, hatte ſie früher nicht ſo weich gebettet, und wurde ihr Verderber. Zühret mich fort zum Senat; den Herren des Raths will ich er⸗ zählen, was ſich hier begab, und wollet ihr den rech⸗ ten Mörder haben, um eure Luſt zu kühlen an ihm, ſo werft eure Netze und Angeln nur aus neben der Brücke, und er wird ſich nicht lange ſuchen laſſen.— Die Sbirren nahmen ihn in ihre Mitte, er warf noch einen finſtern, vielſagenden Abſchiedsblick auf die Tod⸗ ten und folgte dann ruhig ſeiner Wacht über den Platz hinweg.— Blumenhagen. VIII. 12 IMH. — — — — S — — An einem heitern Junimorgen ſaß die Familie des Herrn von Hagen zuſammen auf einem Hügel des Gar⸗ tens, der die äußerſte Spitze ihres kleinen Beſitzthums im Herzogtbum Lauenburg bildete. Dieſe freundliche Höhe, von einer Roſenhecke eingefaßt, deren Blüten in voller Pracht ſtanden, von ſchlankgewachſenen Tannen beſchattet und mit einem kleinen Monument geziert, wel⸗ ches in einer weißen Marmorpyramide beſtand, über welche zwei Thränenweiden den leichtbeweglichen Schleier ihrer hellgrünen Zweige herabſenkten, war der Lieblings⸗ platz des Gutsherrn, und die Ausſicht von da bot das ſchönſte Panorama der Gegend, und hatte durch die Zeit⸗ ereigniſſe des Jahres 1803 noch ein beſonderes Intereſſe gewonnen. Mächtig rauſchte der breite Elbſtrom in ſei⸗ nem tiefen Bette vorüber, belebt durch die einmaſtigen Waarenſchiffe der nahen Hanſeſtadt und durch die be⸗ ſcheidenen Kähne der fleißigen Fiſcherleute; jenſeits ſah man überall die Thürme der Städte und Dörfer aus den Fruchtfeldern und Holzungen der Nachbarprovinz hervorſchimmern, und dieſſeits, am rechten Ufer des Stromes, hatte das vor einigen Tagen aufgeſchlagene Feldlager der hannoverſchen Armee der ſonſt ſo ſtillen, friedlichen Flur unerwartet einen kriegeriſchen Charakter aufgedrückt. Da dehnten ſich weithin die Linien der 182 weißen Leinenzelte; da ſchimmerten im Morgenſonnenlicht die ſcharlachrothen Uniformen der ausgeſtellten Poſten, da blinkten Goldfunken und Silberblitze in das ſuchende Auge von den pyramidiſch zuſammengeſtellten Geweh⸗ ren und den gegen den Strom gerichteten Geſchützen; da ſprengten einzelne Reitercommando's am Ufer hinun⸗ ter und die Schanzgräber müheten ſich, in früher Arbeit ſichernde Erdwälle aufzuwerfen, und auf den einzelnen Erhebungen der Fläche entdeckte man Gruppen wachſamer Offiziere, kenntlich durch den weißen Federbuſch des Hu⸗ tes und die breite gelbe Schärpe, welche von der Schul⸗ ter zur Hüfte hing, die mit dem Fernrohr am Auge das jenſeitige Ufer beachteten. Der Herr von Hagen, ein kräftiger Mann im be⸗ ſten Mannesalter, ſaß mit geſtütztem Haupte auf der Bank ſeines Hügels; ſein linker Arm hielt ſeine Gattin umfangen, welche neben ihm ſtand, und an ſeinem Knie lehnte ſein Söhnchen, ein vierjähriger lieblicher Knabe und ſchaute mit den hellen Augen des rothwan⸗ gigen runden Köpfchens, das die dunkeln Haarringeln umſpielten, ſtarr in des Vaters Angeſicht, in welchem das Kind einen Ernſt und einen Trübſinn gefunden, die ſo tief ausgedrückt waren und ſo ungewöhnlich gegen vordem ſich zeigten, daß ſie ſelbſt dem kleinen, klugen Weſen nicht hatten entgehen können. Mit einem lauten Seufzer erhob jetzt der Mann ſein dunkeles Geſicht und indem er die rechte Hand ſanft auf den Scheitel des Kindes drückte, zog er mit der Linken den Kopf der ſchlanken Frau zu ſich hernieder, ſah einen Augenblick lang mit ſeinen ſchwarzen, glänzenden Augen in ihr Ge⸗ ſicht und drückte dann einen heftigen Kuß auf ihren fri⸗ ſchen, kräftigen Mund. 183 Ja, mein Madelon, ſagte er ſchmerzlich, wir müſſen uns ergeben in den zürnenden Willen des kalten, uner⸗ bittlichen Schickſals, das den Frieden haßt und ſich die genügſam glücklichen Herzen am liebſten zur Zielſcheibe ſeiner tückiſchen Laune erwählt. Seit meiner Jugend bin ich gewöhnt, ſeine Giftpfeile in meiner Bruſt zu fühlen und ſtände ich allein, würde ich ſie abſchütteln wie ſonſt von der im Kampfe mit den finſtern Mächten gehärteten Haut. Aber zum erſten Male ſieht mich das Leben erſchlafft, zuſammengedrückt, zernichtet, denn ich halte Dich im Arm, die gleich einer beſeligenden Zaube⸗ rin meine wüſte verbrannte Vergangenheit in ein blü⸗ hendes Fruchtfeld der Gegenwart verwandelte, alle Wun⸗ den meiner Seele zu heilen verſtand, und mich verſöhnte mit meinem Gott und mir ſelbſt; ich ſchaue auf dieſes Kind, deſſen Glück auf mein Daſein geimpft iſt, das ich als ein Gnadenpfand des Himmels, als einen Zeu⸗ gen ſeines verronnenen Zornes empfing und— ich ver⸗ zweifle.— Die junge Frau umſchlang ſeinen Nacken mit Angſt und ſchien mit ihren hellen Taubenaugen tief in ſeiner Seele zu forſchen. Verzweifeln? fragte ſie vorwurfsvoll. Und warum, mein guter Romain? Laſtet denn eine Schuld auf Deinem Herzen oder dem meinen, welche Buße fordert? Hat Dein Mund gelogen, als er ſprach, das Leben mit mir dünke Dir ein Paradieſesglück und hat dieſes Glück nicht fünf Jahre einen wolkenloſen Him⸗ mel über uns gebreitet?— Eben deßhalb, fiel der Mann heftig in ihr weiches Wort. Glaube mir, es gibt zum Unglück Geborene, welche dem ſchwarzen Dämon des Erdengeſchlechts ver⸗ fallen ſind für immer. Wie der Löwe mit ſeiner Beute, 184 mit der ſchlanken Gazelle ſpielt, ehe er ſie tödtet, wie ſeine grauſame Luſt das halbgelähmte Thier auf Minuten frei läßt, aber wenn die Hoffnung der Flucht ſich in ihr regt, ſchnell wieder ſeine Krallen in ihren Nacken ſchlägt, ſo läßt der ſchwarze Geiſt auch die ihm Verfallenen bos⸗ haft los auf eine Weile, aber ſeine Höllenhand bleibt über ihnen und mitten in ihrer ſeligſten Stunde fällt ſie nieder und zermalmt die ſichern Träumer.— Läſtre nicht ſo entſetzlich, ſagte die Frau halblaut und bebend, der Unſichtbare, der nur im Glücklichmachen, im Schauen ſeiner Glücklichen die eigene, göttliche Seligkeit ſich bereitet, hört Dich und könnte Dich ſtrafen.— Verlor ich nicht die beſten Güter des Lebens ohne Schuld, Vaterland, Vater und Bruder? ſprach der Mann, düſter die Augen von ihrem Geſichte zum Boden ſenkend; rettete ich nicht mein Leben ſelbſt wie durch ein Wun⸗ der? Wo war da die Hand des Unſichtbaren, als die Beſten untergingen? Wo wachte da ſein Auge?— Stürmiſch warf ſich Madelon an ſeine Bruſt, ſich leicht ſetzend auf ſein Knie. Und gab er Dir nicht die Freundin, die Tröſterin gerade da, als Du ſo viel ver⸗ loren? fragte ſie mit ſiegender Innigkeit, denn der Mann fuhr bewegt empor und preßte ſie mächtig an ſich. Und was ſorgſt Du vielleicht ohne Noth? fuhr ſie ruhiger fort. Sieh hinaus auf jene weiße, leichte Stadt. Ihre Nähe macht Dich fürchten und ihre Nähe ſollte Dich ſicher ſtellen. Sind nicht alle dieſe Tauſende da wie von Gott zu Deinem Schutz geſandt? Werden dieſe kräftigen Männer des Krieges, welche Dir ſelbſt Bewunderung und Lobſpruch ablockten, auch nur einen Feind, der Dich befährden könnte, herüber laſſen über den tieren Strom, den ſie zum Schutzwall gewählt?— 3 185 Daß ſie ihn zum Schutzwall erwählt, das macht mich zittern, antwortete der Mann. Sie ſind ungeſchla⸗ gen und doch hier in der fernſten Provinz. Warum zo⸗ 3 gen die Braven fort von den Grenzen ihres Landes und ließen die Feinde ihres Königs herein? Warum gaben ſie ſeine Hauptſtadt preis den fremden Legionen, gegen welche ihr Haß ſo laut ſich ausſpricht? Denke daran, daß die Hälfte dieſer Tauſende auch Weib hatten und Kind und Eigenthum; warum ließen ſie dieſe dort, wo der Feind einzog, warum warfen ſie die Eiſenbruſt nicht vor den Herd und ihre Lieben, und vertheidigten mit blutendem Arm was ihnen das Theuerſte iſt, wie der rohe Wilde ſelbſt es thut, wenn auch mehr aus Inſtinkt als Zartgefühl? Du haſt gelebt in meinem Hauſe, Du frommes Weib, wie die einſame Inſulanerin, die nicht über die Welle hinausſieht, die ihres Eilandes Ufer netzt; aber ich folgte der Weltgeſchichte mit in Furcht geſchärften Blicken. Die Söhne Frankreichs haben ihre Heimath mit dem Entſetzlichſten befleckt, haben wüſt ge⸗ 5 macht den eigenen Boden, und haben darum keinen Frieden mehr auf der durch Gräuel und Verbrechen ge⸗ ſchändeten Muttererde; der Kainsfluch, Vatermord, Bru⸗ dermord treibt ſie in die fremde Ferne raſtlos und ohne Ziel, bis ſie der ſtrafende Engel erreicht mit dem Feuer⸗ ſchwert. Wehe, wehe den friedlichen Völkern, wohin ſie ihr blutiges Panier tragen! Ich ſtand am Krater des Veſuvs und ſah in ſein wallendes Feuermeer mit Ent⸗ ſetzen; jetzt iſt die Flammengarbe hoch aufgeſtiegen aus dem gährenden Schlunde, ihre glühenden, verſengenden Lavaſtröme ziſchen hinaus nach Oſt und Weſt und Süd und Nord und verheeren die Erde. Habe ich Dir nicht von dem Korſen geleſen und haſt Du vergeſſen, was „ 186 meine ahnende Seele in dieſem neuen Meteor ſah, das über Frankreich wie ein rieſiger Komet aufſtieg? Nicht der Beglücker Frankreichs wird er ſein, nein, er wird der Rächer werden, der furchtbare des ermordeten Lud⸗ wigs; quetſchen wird er die Frevler mit ſeiner mächti⸗ gen Hand, daß ſie ſtöhnen wie das athemloſe Roß unter dem Sattel des wilden Reiters; aber dieſer kriegeriſch erzeugte Cäſar wird nicht Raum haben in den Marken des Volkes, was ſich ihm leichtſinnig hingab und ihn zu ſeinem Götzen machte; ihre Molochsfeſte, wobei ſie ihm ihre Kinder ſchlachten in Hekatomben, ihre Räuche⸗ rungen und Kniefälle, mit denen ſie ſelbſt ihre weit ge⸗ prieſenen Großthaten, ihre Freiheitshymnen und ihre kanibaliſchen Opfer verſpotten und auslöſchen, werden ihm das ſo leicht Gewonnene zuwider machen, hinaus wird er ſeine Prätorianer hetzen bis zum Südpol und Nordpol zu höheren Siegen und ſchimmernden Trium⸗ phen, und Weltverderben in Weltbezwingung wird das Ziel werden, wenn nicht Gottes Hand ein ſichtlich Halt gebeut.— Du verwirrſt mich mit Deinen Schreckensträumen, mein ſeltſamer Geiſterſeher, fiel Madelon ihm mit beben⸗ der Stimme ins Wort, obgleich ich nur halb verſtehe, was Du ſprichſt. Aber es iſt alſo, warum denn nicht fort von hier? Laß uns zurückfliehen in mein Vaterland. Zwiſchen den unzerſtörbaren Wellen unſerer Gletſcher, in den Thälern, die das Rieſenhorn der eiſigen Jungfrau ſchirmt, ſind wir geborgen; dort wird der Mann, den Du ſo ſchauerlich maleſt, nichts ſuchen, da ſeine Begier nichts zu finden hat, und wo Du den Frieden gewinnſt, wo unſers Eugens geliebtes Haupt ſicher ſchläft, wird Madelon ſich immerdar glücklich fühlen.— —— —— 187 Ich dachte daran, entgegnete tiefſinnig der Mann, aber die Unmöglichkeit wurde mir klar, ehe ich ausge⸗ dacht. Erinnere Dich jener trüben Stunde zu Chur am Sterbebett Deines wackern Vaters. Seine kalte Hand zog Dich und Deine Schweſter an ſein Lager, und Euer beiden Hände legte er dann in die meinige. Romain, ſprach er mit leiſer, erlöſchender Sitmme, ich lege alle meine Sorgen auf Dein Herz! Sei der Vater dieſer beiden guten Weſen, ihr Freund, ihr Schntzgeiſt. Nimm, was Du Dir gerettet, nimm meine kleine Habe, und ziehe nach Norden, dort, wo der Himmelt kalt, ſind die Menſchen ruhig und treu, ſich wie Andern. Wirf von Dir Ruhmſucht und Eitelkeit und baue das Land, die Erde iſt die ſicherſte, dankbarſte Geſellin des Menſchen; wer ſein Kapital in ihrem Schooße anlegt, iſt der Zinſen gewiß.— Ich that nach ſeinem Willen. In dieſem Landſitze ſteckt unſere ganze Habe; ſeine Früchte, ſein Viehſtand ernährte uns; böten wir ihn jetzt zum Kauf, gingen zwei Drittheile verloren, denn alle unſere Nach⸗ barn zagen wie wir, und ſehen in der unerwarteten Nähe eines gerüſteten Heeres ihr Verderben.— Nun, ſprach da die liebliche Frau mit feſter Stimme und muthiger Erhebung, Du haſt vollauf Deine Pflicht und was der Vater Dir auferlegte gethan, ſo erwarte ſtandhaft, was da kommt. Sei es das Schlimmſte, wir bleiben beiſammen, und drohet die Gefahr, ſo pilgern wir zuſammen hinaus und ſuchen die Heimath und den Frieden in meinen Thälern, und müßten wir den Eugen wechſelnd tragen auf den Schultern in ſeiner Väter Land. Was da kommt, es ſchickt's der Himmel, und wo fände das Menſchenherz eine tröſtendere Bürgſchaft, wenn es in Erdenſorgen banget, die ſeine Kraft zu überbieten drohen? 188 Blicke in das Auge Deines Kindes, Romain, wie es in unerſchütterlichem Vertrauen aufblickt zu Dir, dem Va⸗ ter, in welchem ſein natürliches Gefühl den Schützer ſucht, ſo blicke Du auf zum Himmel, wo noch ein Stär⸗ kerer wohnt und waltet, als Du biſt.— Der Gutsherr ſchüttelte wehmüthig das Haupt, als wollte er ſprechen: Warum ließ der Himmel denn ge⸗ ſchehen, was mir Todesſchmerzen gab und worin die Beſten untergingen?— Aber er ſprach den düſtern Ge⸗ danken nicht aus und richtete ſeine Aufmerkſamkeit, Ver⸗ geſſenheit erzwingend, auf äußere Gegenſtände, die Neues in ſein Leben zu bringen ſchienen. Drei Reiter näherten ſich im Trabe vom Lager her dem Landhauſe. Die bei⸗ den vorderſten waren Offizieren des kampirenden Corps, der eine trug die rothe Uniform, der zweite das blaue, kurze Reithabit der leichten Dragoner und das beſonders geformte, zierlich und ſtark begoldete Kaskett mit dem rothen flatternden Roßſchweif dieſer ausgezeichneten Fes menter; hinten nach ritt ein Reitknecht.— Geh hinein, Madelon, ſagte Herr von 46 und ließ die treue Freundin aus ſeinen Armen; was unſere Herzen bewegt, iſt nicht für die Welt; ſie würde es be⸗ lächeln und jedes Lächeln trüge für uns Pfeilſpitzen. Wir bekommen neue Gäſte, darum an Deinen Poſten, meine treue Gefährtin. Ich will mich auf Deine Für⸗ bitte verlaſſen bei den Engeln, denen Du verwandt biſt, und den böſen Erdgeiſt, welcher den Adams ſohn martert, von mir ſtoßen. Aber eile, wackere Hausfrau, denn unſer alter Oberſt marſchirt ſchon im Schlachtſchritte durch die Allee herauf und bläſet aus ſeiner Morgenpfeife dichte Wolken vor ſich her. Sei in Deiner Batterie, ehe er commandirt.— — 189 Die ſchlanke Frau⸗ nahm ihr Bübchen, drückte des Gatten Hand und eilte durch den Garten zum Hauſe. Herr von Hagen blickte nochmals zu den flatternden, ſchneeweißen Fahnen hinüber, auf denen die Wappen des mächtigen, leider zu fernen Englands prangten; er ſchaute auf die fröhlichen, jungen Soldaten, die mit Fourage beladen zum Lager kehrten und in kriegeriſcher Sorglo⸗ ſigkeit ſcherzten und ſich balgten auf der Wieſe; doch die tröſtenden Gedanken, die ſich dadurch in ihm entwickelten, ließ der Oberſt nicht zur Reife kommen, der in ſeinem dunkelblauen Oberrock, ohne Hut, das faltige Heldenge⸗ ſicht von ſchlichtem weißen Haar umhangen, raſch an ſeiner Seite ſtand.— Sitzen geblieben, mein wackerer Wirth! commandirte der alte Krieger, indem er ſich neben dem Gutsherrn nie⸗ derließ. Complimente gehören nicht zum Feldfuß und die neue Moleſtie, die Sie leider bedrohet, bedarf keiner Ordre mehr aus Ihrem Munde. Die ſchöne Gnädige weiß ſchon, daß ſie das Frühſtück um eine tüchtige Portion höher an⸗ ſetzen muß, und ich habe Namens Ihrer einige Flaſchen mehr Ihres herrlichen Burgunders commandirt, denn es iſt mein Feſttag, und Sie werden mir den dreiſten Vor⸗ griff nicht übel deuten. Herr von Hagen dankte lächelnd für die ihm abge⸗ nommene Sorge, und erkundigte ſich dann nach der Ur⸗ ſache des Feſtes.— Der Blaue dort, der ſo eben mit meinem Adjutanten hinter Ihrem Magazin verſchwindet, entgegnete in freudi⸗ ger Erhitzung der Oberſt, iſt mein Schweſterſohn, der einzige Stammhalter meiner Familie, mein Erbe, Ritt⸗ meiſter bei den Dragonern, der bravſte Reiter in der Armee und ſeit ſeinem fünfzehnten Jahre Soldat. Ja, er 190 hatte noch kaum ein Bärichen über dem Munde, als er in Flandern bei Rouſſelaer und Menin ſchon manchem der republikaniſchen Großprahler den Mund für immer ver⸗ nagelt, und jetzt mußte ich alter Kriegsknecht meinen Benjamin in der Hauptſtadt bleſſirt zurücklaſſen, und träumte ſchon, die verdammten Neufranken hätten ihn als Kriegsgefangenen in ihr hölliſches Raubneſt transportirt. Der Gutsherr runzelte die Stirne, doch unterdrückte er die Entgegnung, welche ihm auf den Lippen ſchwebte, und fragte nach der Verwundung des Hauptmanns, und wo er ſie empfangen.— Wo anders, antwortete der Oberſt heftig, als da, wo wir Alle dergleichen Andenken empfangen oder aus⸗ theilen müſſen, wenn es nach den Rechten und nach un⸗ ſerm Willen ging und die vertrackte Convention nicht da⸗ zwiſchen trat. An der Brücke bei Suhlingen geſchah's. Der treuloſe Feind hatte uns einen Offizier mit ſammt dem Trompeter gegen rechtlichen Kriegsgebrauch zurück⸗ behalten, und die braven Dragoner flogen hinan und warfen dreimal die ſtärkere Kavalleriediviſion. Wäre aus dem tüchtigen Vorkampf eine Schlacht geworden, unſere Trompeter hätten den ganzen Wulſt weit von der Grenze fortgeblaſen und kein unſauberer Franzoſe wälzte ſich jetzt in den Daunenbetten der Hauptſtadt. Mein Adolf bekam dabei einen tiefen Schmiß über die Bruſt und eine Contuſion am Kopf und der Regimentsdoktor ließ ihn nicht mit marſchiren. Nun, meine Herzensangſt iſt curirt, denn er iſt da, meine alten Augen erkannten ihn ſogleich vom Fenſter auf ſeinem engliſchen Goldfuchſe, und er wird die Schweißtropfen, welche ihm vielleicht die Gefahr erpreßt, in den nächſten Lsen wett matheg⸗ ſo gewiß er mein Neffe iſt.— 191 Man wird ſich alſo ſchlagen? fragte geſpannt— Gutsherr. Hier ſchlagen?— Beim tapfern Mars, mein Herr, entgegnete launig der Oberſt, trägt man denn den Särras nur zur Pa⸗ rade? Hier oder drüben. Ein ſo ſchönes Land, wie das unſrige, gibt man nicht hin ohne blutiges Kaufgeld, und 9000 geſunde Kriegsleute laſſen ſich nicht freiwillig als Kriegsgefangene in ein fremdes Land ſchleppen, deſſen Schönheiten gar Vielen von uns in böſer Erinnerung ſind. Der General der Feinde und die Federhelden unſe⸗ rer Reſidenz mögen dergleichen wünſchen, ihren Leib und ihr Gut mit uns auszulöſen, doch ein ehrlicher Soldaten⸗ tod iſt beſſer, wie eine ewige Narbe in der Ehre. Ich meine, der Feldmarſchall wartet nur auf Succurs von England oder Preußen, jum die feindliche Guckuksbrut wiederum aus unſern ehrlichen Neſtern zu verjagen. Kommt ſie nicht, ſo muß er ſchlagen, und er wird ſchla⸗ gen, den Schimpf dieſer Retirade von der weißen Fahne zu waſchen.— Und warum dieſe Retirade? fragte Herr Romain mit bitterm, faſt ſpöttiſchem Tone.— Herr, Ihr ſeid ein dreiſter Frager, antwortete der Oberſt mit ſcharfem Seitenblick. Nur der Feldmarſchall mag Euch das beantworten. Wäre unſer edler Prinz am Commando geblieben, hätte ſich der Hammerſtein an die Spitze ſetzen dürfen, beim Mars, wir ſtänden nicht in dieſem Winkel, gleich dem hannoverſchen auf Morea vergeſſenen Piquet von 1668, das noch abge⸗ löſet werden ſoll. Freilich waren die Regimenter noch nicht zuſammen, die Rekruten noch nicht eingeſtellt. Es fehlte an Proviant und Muniton.— Man hatte es nicht möglich geachtet, daß der kleine Bürgerconſul den„ Reichsfrieden zu brechen wagen würde, daß das korſi⸗ kaniſche Männlein ſich unterſtehen dürfte, einen Reichs⸗ kreis anzugreifen, und dem Könige von England dadurch einen Schabernack anzuthun. Das liebe deutſche Reich iſt eine greiſe Mama geworden, wenn der Habicht ihr ein Küchlein nimmt, hat ſie das Chiragra und kann nicht helfen. Gott beſſer's; er ſoll ja das Unmögliche möglich machen können.— Aber Herr Oberſt, fiel der Edelherr wärmer ein, 3 rühret ſich dort nicht kräftige Mannſchaft, blitzen dort nicht Waffen und Geſchütze? Die beraubten, verlaſſenen, aufgegebenen Emigranten fochten für einen Schattenkö⸗ 6 nig, fochten für einen Herd, von dem man ſie vertrie⸗ ben. Ihr hattet Euer Land als ein unerſchöpfliches Magazin hinter Euch; täglich konnte die hannöver'ſche Jugend Euch zuſtrömen und die Lücken erſetzen. In Flandern ſchlugen bartloſe Pariſer Knaben ſich wie No⸗ belgarden. Wußtet Ihr denn nicht aus den Zeitungen, was wir Landbauern hier wußten, daß dreißigtauſend Republikaner an der Iſſel ſich ſammelten? O ihr ehr⸗ lichen Deutſchmänner! Ich wette, der Bonaparte hatte ſeine Spione mitten unter euch und zählte eure Patronen und Kamaſchen nach.— Mag's ſein! ſprach der Oberſt mit gerunzelter Stirn. Die Herren von der Feder mögen's verantworten. Sie erwarten des Königs Befehle, ſie wollen das Land, den Bürger nicht preisgeben. An Soldatenehre denken die Herren meiſt zuletzt oder gar nicht.— Den Bürger nicht preisgeben? fragte Romain un⸗ 1 willig und faſt erhitzt. Iſt er geſchützt, wenn der Feind ſich in ſein Haus bettet? Pfui über den Bürger, der 3 nicht lieber auf ſeiner Schwelle verblutet, als daß er. 193 den Feind in ſein Heiligthum aufnimmt, und ſich und ſeinem Weibe, ſeinem Kinde, den trotzigen Tyrannen ſelber in den bequemſten Seſſel ſetzt.— Ihr ſprecht die Schweizerſprache, Freundchen! lächelte der Oberſt. Hütet Euch, daß die Herren, welche ihre Reſidenz in Ratzeburg aufgeſchlagen, Euch nicht hören.— Die Ankunft der Offiziere unterbrach den warmen Zwieſprach. Mit Eilſchritten näherten ſich der Höhe die Angekommenen, und mit leuchtenden Vateraugen empfing der Oberſt den Hauptmann, breitete weit ihm die Arme entgegen und preßte ihn an ſeine Bruſt. Ohm und Neffe ſprachen nur einzelne liebkoſende Worte, aber Beide hatten feuchte Augen, aus denen die Seele redete. Unſer Wirth, Herr von Hagen! ſprach dann der Oberſt, den Hauptmann vorſtellend.— Doch dieſer ſtutzte, maß den Gutsherrn mit ſcharfen Augen und ſtammelte: Wie? Hier? Chevalier de la—— Der Angeredete legte ſchnell den Finger auf den Mund und ſagte mit Haſt: Freilich kein Landsmann, ein Schweizer, doch der Geſinnung nach längſt einge⸗ 5 bürgert, und darum ein Freund jedes tapfern Hanno⸗ raners. Der Hauptmann ſchwieg, und ließ ſich von dem willig zu der Bank am Monumente führen, wo ihn ohne Zögern mit tauſend Fragen über ſein Schickſal und die neueſten Begebenheiten jenſeits der Elbe beſtürmte. Meine Lage ſchien ſchlimmer, als ſie wirklich war, erzählte der anſehnliche, kräftige Dragoner, denn Ver⸗ räther gab's in unſerem Hannover nicht, und der Feind ſelbſt ſchien ernſtere Sorge zu haben, als ſich um einen zurückgebliebenen Militär zu bekümmern. Bald nach Blumenhagen VIII. 13 194 dem Abmarſch der Kameraden beſſerte ſich mein Zuſtand ſo ſchnell, daß ich bald das Gartenhaus, wo ich quar⸗ tirt, verlaſſen und die Stadt beſuchen konnte. Meine Pferde ſtanden geſattelt, und ſo entſchloß ich mich, keck bis zum letztmöglichen Augenblicke zu verweilen. Aber was mein Auge ſah, wenn ich in Civilkleidern meine Wanderung antrat, machte meine Seele krank, und ich habe oft die Zähne in die Lippen gebiſſen, um den in⸗ nern Groll ſchweigen zu machen. Der Herzog reiſete ab nach England, die Mehrzahl der Evelleute flüchtete auf die Güter oder in das Ausland; die Bürger ſchlichen mit hängenden Köpfen umher, fluchten auch mitunter recht tüchtig auf uns, die wir ſie verlaſſen in der Noth, und leider hatte ich nichts darauf zu erwidern. Zu meiner Selbſtpeinigung hielt mich die Neugier und der Gedanke, vielleicht unſerm Feldmarſchall etwas Wichtiges rapportiren zu können, wie gebannt an die Stadt. Ich ſah überall an Gebäuden und Schildern das liebe George Rex vernichten, freilich nicht in vatermörderiſcher Ge⸗ ſinnung, ſondern aus Furcht vor dem grauenvollen Namen Franzos, der ſelbſt den Beſonnenſten das Hirn verrückte, und der vierte Junius, ſonſt das höchſte Feſt, der Geburtstag des ehrwürdigen Königs, ging in den Häuſern der beſſeren Bürger ſtill und traurig vorüber, indeß der rohere Haufe, die Zeit der Herrenloſigkeit nutzend, in wüthendem Tumulte das Zeughaus und die Magazine plünderte und das Kriegsgeräth verſchleppte und zertrümmerte, das wir hier gar gut hätten gebrau⸗ chen können.— Am Tage darauf, ein Sonntag war es, betrat der Feind die Hauptſtadt. Als ich Morgens durch die Gaſſen ſchlenderte und mit Verwunderung keine der ſchönen, frommen Kirchengängerinnen fand, * 195 denen zu gefallen ſonſt ſich die junge, elegante Welt an den Thüren der Kirche ſammelte, traf ich unerwartet am Markte der Neuſtadt auf die Avantgarde und ſtol⸗ perte faſt über die hageren, langgeſtreckten Beine der furchtbaren Widerſacher. Acht Mann mit einem Tam⸗ bour lagen am Eck der Schenke hingeſtreckt; dürre aus⸗ gemergelte Geſtalten in zerlumpten Uniformen, nackte, vergelbte Beine im zerriſſenen Schuh. Schamröthe be⸗ deckte mein Geſicht bei dem Anblick. Später zog der General ein, vier ausgeſuchte Eliten⸗Compagnien gelei⸗ teten ihn, bärtige, koloſſale Geſtalten, doch auf Pup⸗ 1 penpferden, welche eine Schwadron von dem Regimente 1 der Königin in den Sand geritten hätte ohne Säbel⸗ ſchlag, und hinterdrein zog die Infanterie⸗Brigade, von Hauptleuten geführt, die in ihren ſchwarzwollenen Unter⸗ kleidern und dem gelbbeſchnallten Fußwerk verkleideten 3 Schulmeiſtern ähnlicher ſahen, als ruhmgekrönten Kriegs⸗ leuten. Mein Ingrimm wuchs mit jeder Stunde, egyp⸗ tiſche Finſterniß befiel meinen Geiſt, wenn ich dieſe Horden ſich lagern ſah in die Häuſer der verlaſſenen Landleute, dieſe ſteifen, geſpreizten Bürgerhelden ſtol⸗ K ziren ſah im Schloſſe und Palaſt unſerer Herrſcher, und es duldete mich nicht länger in ihrer Nähe, es war mir, als müßte ich auf Adlersflügeln fliegen zu euch und mit Poſaunenſtimme euch zurufen: Brecht auf, Hannovers ſtarke Legionen! Rächet den Schimpf, den ihr euch ſelbſt angethan! Reinigt Hauptſtadt und Land im Fluge des Nordſturms! Reinigt eure Ehre, ehe den Makel das Auge der Welt erblickt!— Der Oberſt drückte dem erhitzten Manne heftig die Hand, dann fragte er ruhiger: Und erfuhrſt Du nichts von den Plänen des feindlichen Generals?— V zeugte von dem feinen Geſchmack der Geber. Aber von 196 Er verwunderte ſich ſelbſt über das leere Feld, ant⸗ wortete der Rittmeiſter mit finſterem Blick, er meinte ſelbſt, er möchte nach ſeiner Kundſchafter Bericht die erſte Schlacht gegen ſolche Kerntruppen verloren haben; doch die zweite ſei ſein geweſen, denn auch der Löwe fiele zuletzt vor der zahlloſen Meute. Jetzt iſt er auf⸗ gebrochen und zieht durch die Heide heran, uns aufzu⸗ ſuchen und mehre Male waren mir ſeine magern, feder⸗ leichten Chaſſeurs auf der Ferſe. Ich ſchloß mich dem Göttinger⸗Regimente an, das Mühe hatte, durchzu⸗ kommen und mit ihm ſetzte ich in letzter Nacht über den rauſchenden Strom, in deſſen vaterländiſchem Waſſer, mit Gott! jene dreifarbige Fahne ein unwillkommenes Bad finden ſoll!— Mit Gott! ſprach der Oberſt ernſt. So wird's bald heiße Tage geben, denn die Narbe hier am Munde, die ich unter dem Luckner als Ehrenſold bekam, juckt gewal⸗ tig. Glück auf, Kameraden! Deine Nachrichten ſind erwünſcht, denn das Kriegsvolk im Lager wurde ſchon übermüthig durch die bequemen, faulen Tage, die den beſten Soldaten verderben. Ich ſelbſt bringe Dich zum Feldmarſchall; doch zuvor wollen wir dem Weine und den ſchönen Frauen huldigen, vielleicht gibt's auch nach Luthers Wahlſpruch Geſang dabei; unſer Wirth iſt Herr in einem Eldorado, dem nichts mangelt, was Menſchen⸗ wünſche fordern können.— Herr von Hagen ſeufzte heimlich, denn tief bewegt hatte die Erzählung ſein Gemüth, doch gefaßt und höf⸗ lich führte er ſeine Gäſte zu ſeinem Schlößchen. Schon fand man durch weibliche Wirthlichkeit das leckere Frühſtück bereitet, und die Geſtaltung der Tafel * 197 dem mit Blumenvaſen geſchmückten Tiſche und den auf Silber ſervirten Gerichten wurden die glänzenden Augen des Rittmeiſters abgezogen durch die beiden Wirthinnen, welche ihn mit Freundlichkeit empfingen, und die gleich einem Feyenpaar aus dem verſchwendeten Sommerblu⸗ menwäldchen ihm entgegen zu ſchweben ſchienen. Neben der Edelfrau ſaß ihre Schweſter Adrienne; es bedurfte keines Geburtsſcheins, um ſie als ſolche zu erkennen, denn ſelten ſpielt die Natur mit dergleichen Aehnlichkeit. Beide waren von gleichem Wuchſe, ſchlank und edel ge⸗ formt, von jener Größe, die der weiblichen Lieblichkeit am meiſten zuſagt, indem ſie die Mitte hält. Keine hatte einen Vorzug in der Feinheit der weißen, feinen Hand oder des zierlichen Fußes; Madelons Augen leuch⸗ teten nicht heller als das Auge Adriennens unter den ſchmalen, ſcharfgezogenen Augbrauen, und Beider Augen⸗ ſtern trug dieſelbe reine Azurfarbe; Beider Geſichtszüge waren wie aus einer Form gegoſſen, zart, lieblich und jugendlich friſch; ja ſelbſt in den bedeutungsloſeren Zugaben hatte die Natur einer eigenen Laune gehuldigt, denn die eine Schweſter trug wie die andere reiches, vollgelocktes, kurz geringeltes Haar zur Schau, doch, vielleicht der zu ſtrengen Wiederholung ſich ſchämend, hatte die Schöpferin hier in den Farben die Unterſchei⸗ dung gemacht, denn Madelons Haar ähnelte in dunke⸗ ler Färbung der Kaſtanie, indeß Adriennens Lockenköpf⸗ chen von hellem Blond umkreiſet wurde, wodurch ihr Geſichtchen den Ausdruck der Sanftheit und Demuth empfing, indeß die Schweſter in denſelben Zügen den Charakter der Entſchloſſenheit und der geprüften Kraft errathen ließ. Der Rittmeiſter, ein unbeweibter Dreißiger, der 198 wunderbar ſchnell ſein Glück gemacht, indeß in der Armee grauköpfige Lieutenants keine Seltenheit waren, der ſich Freimuth und Sorgloſigkeit als die beſten Eigen⸗ ſchaften des Militärs bewahrt, fand ſich dieſem Schwe⸗ ſterpaare gegenüber zum erſten Male im Leben geſpannt und befangen. Die unerwartete Begegnung mit dem Gutsherrn, welchen er früher in ganz anderer Lebens⸗ lage gekannt, mußte auch ihr Theil dazu beitragen, und da Herr von Hagen ſeine triſte Laune nicht ganz zu bezwingen vermochte, der Adjutant als ein junger Offi⸗ zier vor Reſpekt nicht die Worte finden konnte, ſo führte der alte Oberſt allein das Tiſchgeſpräch, und ſpöttelte über die ſchlaffe Generation der Zeit, im Gegenſatz zu ſeiner Jugend, wo ein wackerer Ritter auch nach einem Kurierritte von einem Hauptquartier zum andern, ja ſelbſt nach einem heißen Schlachttage durch die Nähe der Schönheit ſich neu reſtaurirt und zwiefach entflammt gefühlt haben würde. Der Rittmeiſter nahm den Spott duldſam auf; er hatte die Hausfrau an der, wenn auch kaum bemerkbar größeren Fülle, wie an der Sicherheit des Redetons erkannt, und ſein Auge machte ſich mit der lieblichen Adrienne zu ſchaffen, eine ſtumme Unter⸗ haltung, die ihn aber hinreichend beſchäftigte, ſeitdem ſeine Eitelkeit gefunden zu haben glaubte, daß auch der Jungfrau heller Blick ihn zuweilen geſucht, und durch die Scheu deſſelben dennoch eine Art von Theilnahme geleuchtet hatte. Nach dem nicht beſonders velebten Frühmahle ver⸗ gönnte des Oberſten Commando den jüngern Kriegern nur ein Stündchen Ruhe, dann ſollten ſeine Pferde ge⸗ ſattelt ſtehen, um ihn und den Neffen in das Haupt⸗ quartier nach Möln zum Feldmarſchall zu tragen. Das — —.— * —— * 22 199 finſtere Geſicht des Dragoners, der nach ſolch ſcharfem Marſche ſich einen Raſttag verſprochen und ſeit einem Stündchen kecke Pläne daran gehängt, worin die ſchöne Adrienne bereits die Hauptrolle ſpielte, wurde vom alten Kriegsmanne überſehen, und dem Rittmeiſter Adolphus blieb kaum die Zeit, noch einen Blick auf das blonde Krausköpfchen abzuſchießen, in welchem er alle Bered⸗ ſamkeit ſeines Herzens zu concentriren ſich bemühete, be⸗ vor er dem Ohm zu ſeinem Zimmer folgte. Der warme Sommertag lag ſchon im Entſchlafen; die Felder zeigten ſich menſchenleer; das Geräuſch des Lagers ſchwieg, und der Elbſtrom brauſete hörbarer an ſeinen Ufern bin. Nur auf der höchſten Schanze beſchien die tief in Weſten ſtehende Sonne einen Artillerieoffizier, einen hochgewachſenen, breitſchulterigen Mann, welcher an die Kanone gelehnt, den Hut in der Hand, ſo daß der Abendwind in ſeinem ſchon ergrauten Haare ſpielte, den Strom, der tief unter ihm floß, zu beachten ſchien. Derſelbe Abendſtrahl des ſinkenden Taggeſtirns beleuchtete hell und ſcharf den Hügel des Hagen'ſchen Landſitzes, und wie am Morgen ſaß auch jetzt der bekümmerte Edel⸗ mann auf ſeiner Lieblingsbank. Der Dragoneroffizier hatte ſich, ohne von ihm be⸗ merkt zu werden, genähert, beſah ſich mit Zeichen der Verwunderung im Geſicht das koſtbare Monument, das in dieſen nordiſchen Gegenden für ein ſeltenes Kunſt⸗ werk gelten konnte. Seine Stimme ſchreckte den Sitzen⸗ den aus tiefen Träumen empor. Chevalier Romain, ſagte der Rittmeiſter, erlaubt mir, daß ich in dieſer einſamen Stunde meiner Neugier . Worte gebe. Ihr dürft mir's ſchon ein wenig hoch an⸗ rechnen, daß ich Euren harpokratiſchen Geſtikulationen von heute Morgen bis hieher Folge geleiſtet.— Herr von Hagen ſtand bewegt auf und bot ihm die Hand. Dank dafür, mein deutſcher, braver Freund! entgegnete er mit Haſt. Es war eine ſchwere Urſache, die befahl, mir ſelbſt die unverhoffte Freude des Wieder⸗ ſehens in Feſſeln zu ſchlagen.— Der Dragoner drückte die gebotene Hand mit Herz⸗ lichkeit. Seit dem trüben Morgenroth, das der furcht⸗ baren Blutnacht bei Menin folgte, ſahen wir uns nicht,„ ſagte er, und, bei meinem Säbel, es iſt mir wie ein— Traum, daß ich Euch hier ſehe im Beſitz der höchſten Güter, die das Leben nur dem Auserwählten zu ſpen⸗ den pflegt. Aber Ihr ſcheint dieſes ſeltene Glück nicht beſonders zu empfinden. Statt zwiſchen den beiden ſchö⸗ nen Heſperiden dieſer goldenen Gärten Euern beneidens⸗ werthen Platz zu ſuchen, ſitzet Ihr hier an einem Trauer⸗ monumente, und gleicht dem mürriſchen Drachen, welcher jene Wunderäpfel bewachte. Löſet mir dieſe Räthſel, oder ich werde zum Herkules, der die reizehpen Nym⸗ phen und ihre Schätze vom finſtern Wächter frei macht. Zuerſt ſprecht, was ſoll dieſer Marmor, der auf einem Friedhofe beſſer ſtände, als in dieſem Eden? Was ſollen dieſe Inſchriften? Hier der Name: Eugen, und darunter: Keiner ſtarb einen ſchöneren Tod! und auf dieſer Seite: Dem beſten der Menſchen!— Wißt Ihr, daß dieſe Worte eine Läſterung ausſprechen? Der beſte der Men⸗ ſchen wurde zu Nazareth geboren, und Golgatha ſah den ſchönſten Tod, den je ein Geborner geſtorben, ſo meine ich mit Allen, die im bunten Lebensgewühl nicht vergeſſen haben, was ihren Uebergang vom Knaben zum K — — 6 201 Jüngling geheiligt, und die an die Zeit gedenken, wo den Invaliden die letzte Trompete vom ſauern Lebens⸗ dienſte erlöſen wird.— Der Gutsherr warf einen ſchmerzlichen Blick hin zu der ſinkenden Sonne, und drückte ſeine Rechte wie im Krampf gegen ſein Herz. Mein Glaube nennt den Er⸗ löſer Gott, entgegnete er ernſt, und zählt ihn nicht zu dem jämmerlichen Geſchlecht, dem wir angehören. Aber wenn es einem Menſchen möglich iſt, ſich der Höhe zu nähern, auf der die Himmelsbürger ſtehen, wenn Rein⸗ heit, Seelenſtärke, Edelmuth, Opferung für fremdes Glück, Menſchen zu Heiligen machen, ſo war Eugen ein Heiliger ſchon im Leben, trug die Glorie ohne Canoni⸗ ſation, und oft wenn ich ſein gedenke, iſt mir's, als wäre er nie mir als ein irdiſches Weſen erſchienen, als hätte in ihm mein Schutzgeiſt neben mir gewandelt in der Geſtalt eines Bruders, und dieſer Schutzgeiſt wäre mir aufgeſchwebt zu ſeiner Heimath, als ich ſein nicht mehr bedurfte.— Euer Bruder? fragte der Rittmeiſter lebhaft, indem er den Gutsherrn umfaßte und neben ſich auf die Bank niederzog. O erzählt, Chevalier! denn Eure Vorrede läßt auf etwas Außerordentliches ſchließen, und ſelbſt dieſe Inſchrift, in der ein Bruder den anderen den beſten aller Menſchen nennt, iſt ſchon eine ungewöhn⸗ liche, in einer Zeit, wo die Selbſtſucht der Genius der Erdenbürger wurde, wo man nach Kainsſöhnen nicht weit zu ſuchen hat, und wo ſelbſt die Dichter einen Ruhm darin finden, blutigen Bruderhaß in den Zwil⸗ lingen, den Brüdern von Tarent und der Braut von Meſſina, auf die Bretter zu zeichnen, welche die morſche Welt bedeuten.— ¹ i 1 — 202 Blutig ward auch dieſe Bruderliebe, aber reines Opferblut netzt ihren Altar, ſeufzte Romain. Unaufge⸗ fordert hätte ich Euch ebenfalls zum Vertrauten gemacht, denn mein Herz bedarf Leichterung, bedarf einen Freund, einen Rathgeber, und Eure Ankunft dünkte mir ein Mondſtrahl in düſterer Mitternacht, der mir plötzlich den verlorenen Pfad beleuchten möchte.— Herr von Hagen begann ſeine Erzählung, welche oft unterbrochen wurde durch Ausrufungen, Fragen und Bemerkungen des unruhigen, lebhaften Dragoners, und welche wir daher dem Leſer gedrängter und zuſammen⸗ hängender, als ſie der Erzähler gab, vorzutragen uns verpflichtet fühlen.— Der Marquis de la Haie wohnte mit ſeiner Familie zu Paris, wo er in der Nähe des Palais Royal ein Haus beſaß, in welchem er mehr das Leben eines vor⸗ nehmen Bürgers als das eines Edelmanns der ſchwel⸗ geriſchen Hauptſtadt führte, die damals die Sybaris Europa's genannt zu werden verdiente. Er hatte früher in der königlichen Garde gedient, ſpäter ein Hofamt bekleidet, doch die Verſchuldung ſeiner Güter und ſeine Verheirathung mit einem Fräulein aus einer güterloſen Familie vom niedrigen Adel des Elſaß, hatte ihn be⸗ wogen, dem theuern Schimmer des Hoflebens zu ent⸗ ſagen, in den Büchern, die er ſtets geliebt, Erſatz zu finden, und den Verſuch zu machen, durch einfache Haus⸗ haltung und Zurückgezogenheit den Zuſtand ſeiner Finan⸗ zen zum Beſten ſeiner Kinder wiederum zu heben. Drei Erben waren ihm vom Himmel geſchenkt, eine Tochter, Jeanne genannt, und zwei Söhne, Eugen und Romain, geſunde, hoffnungsvolle Kinder, deren Erziehung des Marquis ſchönſtes und einziges Geſchäft geworden, und 203 deren Anlagen beſonders ſchnell durch die Theilnahme der Mutter an Ausbildung gewannen, da dieſe früher als Geſellſchaftsfräulein bei einer deutſchen Fürſtin ge⸗ lebt hatte. Beide Brüder, kaum ein Jahr an Alter verſchieden, gaben von Kindheit an ein Bild der herz⸗ lichſten Bruderliebe, welche deſto auffallender erſchien, da Temperament und Charakter in Beiden ſich ſehr ver⸗ ſchiedenartig zeigte. Eugen wurde der Mutter Liebling durch ſein ſinniges, ſtilles Weſen, durch einen Ernſt und eine Beſonnenheit, die ſeinem Alter vorangeeilt; Romain galt dem Vater mehr, weil er lebhaft, feurig, leichtſinnig und keck den Marquis an ſeine Jugendzeit und ſeine Schwächen erinnerte; iſt es doch gewöhnlich, daß der Menſch in ſeiner Eitelkeit auch dieſe am Frem⸗ den nicht nur entſchuldigt, ſondern mit einem ſeltſamen Vergnügen wiederholt findet. Beide Knaben verſprachen viel, und als ſie Jünglinge geworden, drohete der erſte Zwieſpalt durch die Wahl ihrer künftigen Beſtimmung das muſterhafte Leben des Vertrauens und Friedens, welches ſie bis dahin beglückt, zu zerſtören. Einer von ihnen ſollte die frühere Laufbahn des Vaters betreten, ſollte in die königlichen Garden aufgenommen werden, eine Stellung, welche bei der Prunkliebe des franzöſi⸗ ſchen Hofes, bei dem Aufwande, den ein junger Offi⸗ zier in Paris damals nicht meiden konnte, große Opfer von Seiten der Familie koſtete. Der andere mußte daher ſich für die Wiſſenſchaft und den Prieſterſtand beſtimmen, da hiebei die gezwungene Beſchränkung erſparen durfte, was dem Bruder zu viel ward, und außerdem das angenehme Verhältniß des Marquis zu dem Bruder des Königs, dem Grafen von Provence, durch gleiche Neigung für Wiſſenſchaft und Künſte erzeugt, 204 dem Sohne auch in dieſem ſtillen, ſchimmerloſen Stande die Ausſicht auf ein ſorgenloſes Daſein und auf höhere Prieſterwürden verſprach. Doch die Entſcheidung der Eltern wurde ſchwierig. Beide Söhne hatten gleiche Studien gemacht, gleiche Vorkenntniſſe eingeſammelt, aber beide hatten auch von früh an die Vorliebe für den Soldatenſtand gleich leb⸗ haft an den Tag gelegt. Der ſtille, ernſtere Eugen ver⸗ wandelte ſein ganzes Weſen, wenn er von dem König Franz, von dem vierten Heinrich, von Türenne's Waffen⸗ thaten erzählen durfte, und dem übermüthigen Romain war der Degen und Federhut des Vaters immerdar das liebſte Spielwerk geweſen. Dem ältern Eugen ſchien der Vorzug zu gebühren, und die Mutter unterſtützte ihn, da der höhere Wuchs des ſchönen Jünglings, der kräf⸗ tigere Muskelbau, und eine größere Geſchicklichkeit in allen ritterlichen Uebungen ihre Unterſtützung noch be⸗ ſonders zu vertheidigen ſchien. Der Vater dagegen konnte ſich von ſeinem Lieblingstraum nicht losmachen, der ihn ſeinen Romain in derſelben Uniform ſehen ließ, die er einſt getragen. So kam der erſte böſe Zwieſpalt in die bis dahin ſo glückliche Ehe; Monate hindurch dauerte ſchon der innere kleine Krieg zwiſchen Vater und Mutter, und ſelbſt die Brüder wurden ſich unmerklich fremder, wenn ſie auch täglich ſich abmüheten, in kleinen Gefällig⸗ keiten einander die Fortdauer ihrer Liebe zu verſichern. Da trat die Schweſter Jeanne eines Tages wie ein Süh⸗ nungsengel zwiſchen den Streit, umfaßte den Bruder Eugen, den ſie tiefſinnig ſitzend auf ſeinem Zimmer fand, und erzählte ihm, wie ſie erſchüttert komme von einem neuen heftigen Zwieſprach der Eltern, entſtanden durch die Nothwendigkeit der Wahl, da gerade jetzt ein Platz —,—— 205 in den königlichen Dragonern frei geworden, erzählte ihm, wie der Bruder Romain mit ſeiner angeborenen Heftigkeit erklärt, er würde verzweifeln, würde lieber als Musketier in die Linie treten, lieber ſich ſelbſt das Leben nehmen, als den faltigen Prieſterrock auf ſeinen Schultern fühlen. Eugen ward leichenblaß, doch ſtand er ſogleich entſchloſſen auf, küßte die Schweſter, und erklärte zur Stunde den Eltern, daß er dem Bruder Romain jeden Anſpruch auf den glänzenden Ehrenpoſten abzutreten für Pflicht hielte. Romain wurde Kornett, Eugen beſuchte das Gymnaſium; er war ſeitdem noch ernſter geworden, und ſeine Wangen hatten ihre Friſche, ſeine Augen ihr Feuer eingebüßt, aber er fand Erſatz dafür in der Achtung des Vaters, der ihn ſeitdem nicht wie einen Sohn, ſondern wie einen Freund behandelte, in der Vergötterung der Mutter und Schweſter, denen ſein kleinſter Wunſch jetzt Befehl ward, und in der Schamröthe, welche Romain's Geſicht jedesmal beflog, wenn er in der prunkenden Uniform von der Parade heimkam, und den Bruder im Speiſeſaal an ſein Herz drückte.— Das innere Glück der Familie war wieder herge⸗ ſtellt, aber bald darauf ſchien ihm von außen her eine Befährdung zu dräuen. Gegen dem Hauſe über ſtand der Palaſt des reichen Herrn von Favras und der Neffe und Erbe deſſelben entbrannte in Liebe für die blühende Jeanne, deren friſchen, unentweihten Frühlingsreiz er zu oft von ſeinem Fenſter zu bewundern Gelegenheit ge⸗ habt. Nicola de Licou war gleichen Alters mit den Brüdern de la Haie, dennoch hatte die Nachbarſchaft keine Freundſchaft unter den Jünglingen erzeugt, denn einerſeits hielt ſich der reiche Erbe zu hochgeſtellt gegen 206 die Söhne eines verarmten Landedelmanns, theils ſchuf ſein Charakter eine Scheidewand zwiſchen ihm und den Söhnen des Marquis. Licou lebte trotz ſeiner Jugend in den Zirkeln der verrufenſten Wüſtlinge der Stadt; er fehlte bei keinem Feſte, welches die jungen Ritter von Paris in den kleinen Häuſern der Vorſtadt wechſelſeitig ſich und der Pandemos zu geben pflegten, und wo irgend die hämiſche Göttin Fortuna ihren grünen Opfertiſch auf⸗ ſtellte, da ſah man den jungen Nicola in dem ſtummen Kreiſe der Eingeweiheten, bis das nahende Morgenlicht die Freunde der Karte und der Würfel aus der dunkeln Spelunke vertrieb. Sein Onkel entſchuldigte in unver⸗ zeihlicher Affenliebe die wüſte Lebensweiſe des Neffen, und ließ ihn, durch die Verhältniſſe des Hofes in dama⸗ liger drohender Zeitepoche ſchwer beſchäftigt, ohne Auf⸗ ſicht, Warnung und Rath. Aber die Natur rächte die Beleidigungen, die ihr geſchehen, ohne Nachſicht; das entnervte Aeußere, die bleichen Wangen wurden Verräther der nächtlichen Sünden des ſonſt wohlgebildeten Jüng⸗ lings, und die Leidenſchaften, die ſeine Seele beherrſchten, prägten ſeinem Geſichte Züge auf, die der regelmäßigen und ſelbſt edlen Form deſſelben etwas Widerwärtiges und Abſtoßendes gaben, da ſie den Pſychologen als Mar⸗ ken des Jähzorns, der bösartigſten Schadenfreude und verſteckten Heuchelei entgegen leuchten mußten. Bei der Heftigkeit des Charakters des jungen Licou, bei ſeinen Glücksgütern und dem Stolze auf ſie, ward es natürlich, daß er ſeine Leidenſchaft nicht lange ver⸗ hehlte, ſondern keck und einem Glücksboten gleich in das Haus des Marquis trat und die ſchöne Jeanne begehrte. Deſto mehr mußte er ſtutzen, da die Familie Aufſchub forderte, deſto mehr mußte er ſich beleidigt finden, als ———— 207 bald darauf der Vater ihm freimüthig ankündigte, wie die einfach erzogene ſtille Tochter das dargebotene Glück verſchmähe, da ſie keine Spur von Harmonie in ſeiner Lebensweiſe und der ihrigen, in ſeiner Geſinnung und der ihrigen zu finden hoffen dürfe, und dieſe Harmonie ihr als das Fundament eines ſegenvollen Ehebundes un⸗ erläßlich ſcheine. Der verzogene junge Mann wüthete, ſchwur Haß und Rache und begann die letztere durch verleumderiſche und verächtliche Schmähreden auf die Familie und das unbeſcholtene Mädchen, deren Verbrei⸗ tung er auf ſolche freche Weiſe trieb, daß die Brüder de la Haie gezwungen wurden, ihn nach der Sitte ihres Standes zur Rechenſchaft zu ziehen. Ein zweifaches Duell hatte im Bois de Boulogne ſtatt; Eugen entwaffnete den Gegner und ſchenkte ihm das Leben; der hitzigere Romain verwundete den Feind ſchwer im Geſicht und am Arm; eingeſchüchtert und gewarnt ſetzte Nicola jetzt freilich ſeinen öffentlichen Feindſeligkeiten ein Ziel, aber ſein verwildertes Herz nährte den Haß gegen des Mar⸗ quis Familie von da an mit boshafter Luſt und der verborgene Vulkan harrte nur auf eine günſtige Gelegen⸗ heit, ſeine zerſtörende Glut über die Verhaßten auszu⸗ gießen und die dreifache Beſchimpfung wett zu machen. Die raſche Abweiſung der ſchönen Jeanne hatte jedoch noch einen andern Grund, den Keiner der Ihrigen ahnte und zu ahnen vermochte. Dicht an das Haus des Mar⸗ quis ſtieß die Wohnung eines iſraelitiſchen Wechslers, und im erſten Stock deſſelben lag ein Offizier der Schweizer⸗ garde im Quartier, Arnold von Stretlingen genannt, mit welchem der Bruder Romain vor allen gute Kameradſchaft hielt, da der wackere Helvetier ſich durch Bravheit und feine Sitte in ſeinem geachteten Corps auszeichnete. Auch 208 dem Fräulein waren die Vorzüge des ſchlanken ſittigen Fremdlings nicht entgangen, und obgleich zwiſchen ihm und ihr nie ein Wort gewechſelt worden, das einen in⸗ nigeren Bund vorbereitet und geknüpft, ſo wußten doch Beide von einander, daß ſie wechſelſeitig ſich werth waren; der Gruß der Augen beim täglichen Kommen und Schei⸗ den enthielt Verſicherungen, die Rede und Schwur über⸗ wogen und beide waren genügſam glücklich in dieſem zarten ſchuldloſen Verhältniß.— So ſtand es mit des Marquis Familie, als die Re⸗ volution ausbrach, welche vom Schickſale beſtimmt war, ganz Europa in ſeinen feſteſten Fugen zu erſchüttern und in ſeinen fernſten Winkeln Umwälzung hervorzubringen, von denen auch der weiſeſte Prophet nichts voraus ge⸗ träumt. Der Schrecken aller Schrecken iſt der Menſch in ſeinem Wahn! ſprach der größeſte unſerer vaterländi⸗ ſchen Dichter. Das Volk, das ſich ſelbſt von dem Ge⸗ ſetz, der Ordnung und Zucht losſagte, gibt ſich in die rohen Hände der Schlechteſten, der Entehrteſten ſeines Stammes, und wird überall lang nachbluten an den ſelbſtmörderiſchen Wunden, die es in der Trunkenheit ſich beibrachte. Wir wollen nicht die Tafeln der Welt⸗ geſchichte beſtehlen, die Aeltern ſind Zeitgenoſſen jener Gräuel geweſen, mit denen ein Volk, das ſo eitel war, ſich das civiliſirteſte Volk der Erde, das Muſtervolk Europa's zu nennen, ſeinen Namen für Jahrtauſende befleckte, Flecken, welche kein Schlachtenruhm und keine irdiſche Hochſtellung verwiſcht, weil ſie in Geiſt und Herz ſich eingruben; die Jüngern können bei dem Studium des Völkerlebens jene Zeit nicht überſehen, denn die Lettern dräuen ewig roth, gleich den unvertilgbaren Blutflecken an der weißen Wand, neben der ein Mord 209 geſchah; nur dasjenige, was unmittelbar die Perſonen, die Staffage dieſer Erzählung, betraf, werden wir her⸗ ausheben. Der Krieg zwiſchen Krone und Nation war ausge⸗ brochen, alles in Frankreich nahm Partei für und wider, und der blutdürſtigſte Haß, die wildeſte Vernichtungs⸗ wuth begleitete dieſen Parteienkrieg. Der Marquis de la Haie geſellte ſich zu den Gemäßigten, eine verſöh⸗ nende Mittelklaſſe, die jedoch den gefährlichſten Poſten gewählt, weil ſie von beiden Extremen mit Mißtrauen betrachtet, von beiden mit Argusaugen beachtet, von beiden aus Furcht, daß ſie bei möglichem Uebertritt zu den Gegnern ein bedeutendes Gewicht in die unentſchie⸗ den ſchwankende Wagſchale werfen könnte, heimlich be⸗ feindet wurde. Des Marquis Weltklugheit wußte jedoch lange Zeit jeden Argwohn von ſeinem Hauſe abzulenken, und hätte Romain nicht die königliche Gardeuniform ge⸗ tragen, würde vielleicht das furchtbare Wetter unſchäd⸗ lich über den Scheiteln der Seinigen hingerauſcht ſein. Der treue Königsfreund hatte ſo viel Charakterſtärke und Gottvertrauen, daß er ſelbſt da, als die wildeſten Mordſcenen täglich ſich häuften, als kein Haupt in Paris ſich mehr zum ſichern Schlaf niederlegen durfte, als ſchon der Name eines Edelmanns ihm als Verbrechen angerechnet wurde, den geheimen Vorſchlag des Grafen von Provence, ihn auf ſeiner Flucht nach Brüſſel zu begleiten, zurückwies, weil es ihm frevelhaft ſchien, das Schickſal der Seinigen dem Zufalle in die unſichere Hand zu legen. Unerwartet wie aus blauem Himmel fiel darum der Wetterſtrahl doppelt furchtbar auf die— unglück geweihete Familie. Der Auguſttag kam, welcher ganz Paris und ſelbſt Blumenhagen. VIII. 14 210 manche beſſern Freunde der Revolution mit Entſetzen füllte, der eine Folgereihe von Gräuelthaten nach ſich zog, wie man ſie vergebens in der Geſchichte der ver⸗ wildertſten Barbaren ſucht, jener Tag des heiligen Lau⸗ rentius kam, und auf dem glühenden Roſt des Märtyrers ward für manche Unſchuld das ſchreckliche Todesbett be⸗ reitet. Der Angriff des in Blut berauſchten Volks auf das Königsſchloß geſchah, jenes Gemetzel, in welchem die getreuen Schweizer ſich ihrer Altvordern werth zeig⸗ ten, und einer geſunkenen Nation das große Beiſpiel gaben, wie ein edler, reiner Sinn auch den Fremden Wort hält und einen Eid mit Blut beſiegelt. Schon waren die Tuilerien erſtürmt, ſchon waren der wackere Reding, der tapfere Briſſac ſchwer verwundet in die Hände des Pöbels gefallen und fortgeſchleppt worden, um zu einem ſchimpflichen Qualentode bewahrt zu wer⸗ den. Nur ein Häuflein Helvetier und einige der Garde⸗ Royale hielten ſich noch in einem Corridor, der zu den Zimmern des Königs führte, unter ihnen Arnold von Stretlingen und ſein Freund Romain de la Haie. Wü⸗ thender drängten die Pikenträger den engen Gang herauf über die Haufen ihrer Kameraden, welche die Bajonette der Schweizer und ihre beſonnen und ſicher geſendeten Kugeln aufgethürmt. Doch jetzt erſchienen auch abtrün⸗ nige Nationalgardiſten zwiſchen der zerlumpten Meute. Von einer Flintenkugel durch die Bruſt getroffen, ſank der brave Arnold. Ein Adieu für Jeanette! ſtammelte er, Romain die Hand reichend, indem er niederſank. Rechts und links ſtürzten die Gefährten; die heulende wüthende Bande raſete unwiderſtehlich heran, eine lange Pike traf Romain am Arme: Todeskälte rieſelte durch ſein Gebein, als er dieſe furchtbaren Teufelsfratzen nahe — 211 vor ſeinen Augen ſah; die Lebensluſt erwachte in ihm, aus einem Fenſter ſprang er auf die Terraſſe, Kugeln ziſchten ihm nach, doch ungetroffen entkam er in die Gebüſche und auf Umwegen durch menſchenleere Gaſſen, da alle Pariſer dem Hauptſchauplatze zugeſtrömt, in das Haus ſeiner Eltern. Seine Ankunft, ſein Anblick trug den Schrecken hinein, ſein Bericht verbreitete Jammer über Alle. Die ſchöne Jeanne fragte nichts, ihre ſtarren Augen bewachten des Bruders Antlitz; als aber Eugen nach dem Stretlingen fragte, als Romain ausweichend antwortete: Er wird mit dem Reding gefangen ſein!— da drückte ſie die Augenlieder zu, und bleicher und blei⸗ cher wurde das friſche Angeſicht und wie todesmatt lehnte ſie das Lockenhaupt an den Hals der Mutter. Sie wußte, der Geliebte war gefallen in der Pflicht, ſie weinte nicht, kein Wort kam über ihre Lippen, und ſie antwortete ſeitdem nur, wenn kindlicher Gehorſam ſie bei den Fragen der Eltern dazu antrieb. Den Uebrigen blieb nicht Zeit, ſie und ihr Leid zu beachten. Schon hielt damals das Bluttribunal ſeine Sitzungen, und jeder Mittag ſah Hunderte von ſeiner grauſen Gerichts⸗ bühne zu der Guillotine ſchleifen. Schon waren oft des Abends vor des Marquis Hauſe Aufläufe entſtanden, man hatte Steine gegen die Fenſter geſchleudert und Schimpfreden ausgeſtoßen, und Eugen hatte mit Schrecken den Erzfeind der Familie unter dieſen Tobenden erblickt. Nicola de Licou war ein Volksmann geworden, ſeine Charakterloſigkeit hatte ihm den Tauſch leicht gemacht, ſeine Selbſtſucht hatte ihn dazu angeſpornt. Sein Ohm, der Herr von Favras, war durch den ſchimpflichen Strang gerichtet; man ſagte nicht nur, Nicola habe ſelbſt der Execution beigewohnt, nein, das Gerücht beſchuldigte 212 ihn, er ſei ſelbſt der Angeber und Auslieferer des Wohl⸗ thäters geweſen, welcher die Flucht der Königsfamilie habe befördern wollen. Was war nicht von ſolch einem Frevler zu fürchten? Doch in all dieſem Gedräng blieb der alte ehrwürdige Herr de la Haie gefaßt und uner⸗ ſchüttert, und alle hörten auf ſeine Befehle und Anord⸗ nungen wie auf eines Gottes Stimme. Er hatte ſchon längſt ſich einen Paß der Municipalität zu einer Reiſe auf ſeine Güter im Süden zu verſchaffen gewußt. Jetzt ließ er die Kaleſche mit guten Sachen bepacken, Romain in der Livree mußte ſich neben den Kutſcher ſetzen, ein Ort zum Rendezvous an den nördlichen Grenzen wurde beſtimmt, und mit der Dämmerung fuhr der Wagen aus dem Thorweg nach der ſüdlichen Barriere. Eugen, in niederer Verkleidung ließ ſich die Begleitung des Bru⸗ ders nicht nehmen, und war den Reiſenden vorangeeilt. Die Wache erlaubte die Durchfahrt, jedoch einige hin⸗ zutretende Pikenmänner warfen den Nationalgardiſten ihre Thorheit vor, man holte die Kaleſche ein; aber während der Balgerei der Raubvögel mit dem ſtämmi⸗ gen, herzhaften Kutſcher, während des Erbrechens und Plünderns des Wagens, und indem es dem muthigen Eugen gelang durch einen raſch angeſponnenen Streit die Trunkenbolde von dem Sitze des Bruders wegzu⸗ locken, glückte es dem unbeachteten Romain zu entkom⸗ men, und das Dunkel begünſtigte ſeine Flucht, die er freilich mit wundem Herzen und nur, weil der Vater ſie befohlen und weil ſeine Anweſenheit die Familie befähr⸗ den konnte, angetreten.— Durch die Zurückkunft Eugens mit dem blutenden⸗ derb zerſchlagenen Kutſcher wurde die Unruhe aufs Höchſte geſteigert. Der mit dem Wappen des Marquis verzierte 213 Wagen war in den Händen des Pöbels geblieben, mit nächſtem Morgen mußte man eine Hausſuchung erwarten. Der Marquis ließ das Haus verſchließen, die Zugänge verrammeln; man zog ſich aus den vordern Zimmern in ein Hinterſtübchen zurück, damit kein Licht die ſpäten Straßenwanderer anlocke, und enge zuſammenſitzend un⸗ terhielt ſich die Familie von dem verlaſſenen Romain, ſprach ihre Wünſche für ihn aus und ſandte ihm inbrün⸗ ſtige Gebete nach. Oft erſchreckte ſie tobendes Geſchrei von der Straße her, mehre Male ſchlug man heftig gegen die Pforte und die Fenſterläden, dann ſaßen Alle ver⸗ ſtummt, mit hörbar klopfendem Herzen und horchten; aber es ward immer wieder ſtill, und je tiefer es in die Nacht ging, je mehr verlor ſich ihr Bangen. Da rauſchten plötzlich Schritte auf dem Vorplatz, die Thüre wurde raſch geöffnet, und ein fremder Mann zeigte ſich in ihr, durch das ſchwarzbärtige Geſicht, den gemeinen Kittel und die rothe Mütze bezeichnet als zu der furchtbarſten Feindesrotte gehörig. Jeanne ſchmiegte ſich an die Mutter und flüſterte mit einem ſeltſamen Tone, welcher faſt wie Freude klang: Nun iſt es aus für uns Alle und wir kommen hin zu dem Freunde Arnold!— Eugen hatte, nicht ſo reſignirt, nach den geladenen Piſtolen gegriffen, welche der Marquis auf den Tiſch gelegt, und hielt beide Mündungen dem Nacht⸗ menſchen entgegen, der wie ſchüchtern auf der Schwelle verweilte. Thut nur die Dinger weg, lieber Monſieur, erklang da eine heiſchere, doch nicht unbekannte Stimme. Macht kein Allarm, denn es könnte ſein für Euch ſehr ſchädlich. Bin ja der Benjamin, der Sohn von Euern Nachbars⸗ leuten, und der Vater Abraham ſchickt mich daher aus 214 Sorgſamkeit für Euch, weil er geehrt immerdar den Herrn Marquis als einen braven Herrn, der nicht ſtolz geweſen auf ſeine Geburt und ſeinen Rang, und hat Manches zu verdienen gegeben ſeinem Nachbarsmann.— Eugen legte das Schießgewehr fort und zog den jun⸗ gen Iſraeliten näher zum Licht. Beim Himmel, es iſt Bem, rief er. Aber Burſch, wie kommſt Du in dieſe verhaßten Kleider?— Ja häſſig ſind ſie auch mir, ſprach der Ifraelit, in⸗ dem er ſich ſelbſt mit innerem, ſichtlichem Schauer be⸗ trachtete; aber es war die neueſte Modetracht von Paris, und das Käppchen iſt eine ſichere Sauvegarde für das Leben und das Gut. Fährt doch das Schwert des Würg⸗ engels herab über Gerechte und Ungerechte, und hat ſich der fromme David doch verſteckt in die Höhle zur Zeit der Noth, und der Erzvater Jakob ſich genäht in rauhen Schafspelz, damit man ihn hielte für den Bruder Eſau. Vater Abraham meint, ſolches ſei erlaubt in der Noth, und jammert, daß ſich der Herr Marquis und die Junker nicht angethan haben mit ſolchen Lumpen und dem Ret⸗ tungskäppel zur rechten Zeit. Jetzt iſt's zu ſpät, denn die Blutſäufer haben ſchon an die Pforte geklopft und gar furchtbare Reden und Flüche ausgeſtoßen, und der Monſieur Nicola von gegenüber, der ſich jetzt Citoyen Hachette— ein gräulicher Name!— nennen läßt, und mit dem gemeinſten Waſſerſchieber und der ſchmutzigſten Hallen⸗ dame Brüderſchaft trinkt, war dabei, und ſchwur gräß⸗ lich, dieſes Haus müßte herunter bis zum Kellerſtock mit dem nächſten Morgen. Da ſchickt mich der Vater nun in ſeiner Herzensangſt, und ich ſoll warnen und retten, ſo der Gott Zebaoth ſeine Hülfe nicht verſagt, dieweil er zürnt über die Sünden der Weltkinder.— 215 Alle umdrängten jetzt den ehrlichen Burſchen, Jeanne ausgenommen, und fragten, welchen Rath der jüdiſche Nachbar ihnen ſende, und Alle ſtimmten in den Plan, der ihnen angegeben ward. Man verrammelte die Pforten noch ſtärker, um den Stürmern Aufenthalt zu machen. Vorzüglich füllte man das Kellergewölbe mit Möbeln und Uutenſilien bis zur überſten Stiege hinauf und ver⸗ ſchloß dann die Fallthür feſt, damit die Nachſucher hier den Schlupfwinkel der Verfolgten vermuthen möchten. Alles, was an Geld und werthvollen Kleinodien im Hauſe befindlich, wurde dann in kleinen Päckchen verwahrt und unter die Flüchtenden vertheilt. Durch den Garten des Marquis führte Benjamin alsdann ſeine Schützlinge bis zu einer Oeffnung in der hohen Plankenwand, die eben erſt gebrochen, und die der kräftige Burſch mit Epugens Hülfe bei dem Schein einer Blendlaterne, die im Gebüſch verſteckt gehabt, durch die losgebrochenen Boh⸗ len wiederum feſt verwahrte und durch vorgeſchobene Kiſten ungangbar machte. Mit Beben ſahen ſich die Frauen um in dem neuen Wohngemach, wohin ſie Benjamins Erzählung, wie durch des Engels Flammenſchwert, aus ihrem Paradieſe verſetzt. Sie befanden ſich in dem Schlachtſtall des Wechslers, der zugleich Schlächter ſeiner Gemeinde war; eine Kuh ſchnoberte in dem Heu der Krippe, und ein Hammelpaar blöckte kläglich im Stroh, aus Furcht vor dem ungewohnten Blendlichte. Der bleiche Marquis faßte die Hände der zagenden Gattin, der ſtillleidenden Tochter. Muth, Kinder, ſagte er mit erzwungener Kraft, der Herr der Welten prüft diejenigen am ſchwerſten, die er lieb hat. Füget euch, ſchaudert nicht, denkt an die Geburtsnacht des göttlichen Erlöſers; das Heil der Welt 216 ging aus von einem ſolchen Orte, und auch unſer Leid wird vorübergehen, denn der Gottesſohn bittet droben für die Guten.— Benjamin führte jetzt den Vater Abram herbei, der ſich ſeltſam ausnahm im ſchwarzen Schubbey und der rothen Jakobinerkappe, mit Bücklingen eintrat und Ent⸗ ſchuldigungen über den Ort machte, wo er ſeine hohen Gäſte zu empfangen gezwungen ſei; der Marquis reichte ihm die Hand, dankte für die Warnungspoſt und fragte nach ſeinem Rath.— Mag mich der Gott Iſrael erleuchten, antwortete der weißbärtige Alte, daß ich finde den rechten Weg für ſolch gute, vornehme Nachbarsleut. Die Herrſchaften wiſſen ſelbſt, wie iſt kein Mäuſeloch zu eng, das nicht durchſucht würde in ganz Paris, wenn, die da jetzt oben ſitzen, die Haus ſuchung dekretiren. Nun könnten wir ber⸗ gen Sie Alle vielleicht einen Tag, zwei Tage da hinten im Ställchen, wo die Ziegen gelegen; aber was wird's helfen, wer kann vertrauen dem Geſinde, das will all werden jetzt zu Herrſchaften? Der Abram iſt gut ange⸗ ſchrieben bei den Herrn im Tribunal, die alleweile haben die Klingel zur Hand, weil er ſie hat ſtehen in ſeinen Büchern, weil er Geld gibt wenn's Noth, weil er den Benjamin da zum Pikenſoldaten gemacht, das Gott er⸗ barm! Aber ſein Kopf wackelt gewaltig, wenn ſie finden den Herrn Marquis bei ihm, denn der Herr Marquis iſt angeklagt und ſo gut wie proſcribirt, das weiß der Abram von ſeinem guten Freund, der da führt die ſchwere Feder im Tribunal. Darum muß der Herr Marquis fort mit dem Herrn Sohn noch ehe der Tag anbricht; die Damen bergen ſich dann wohl in dem Schlafzimmer — — 217 von unſerer Eva, wohin kein Geſind kommt und kein Verräther huſcht. Die Marquiſin ſchrie laut auf und warf ſich an des Gatten Bruſt, der Marquis jedoch fragte gefaßt nach der Möglichkeit zur Flucht. Der alte Iſraelit hatte be⸗ abſichtigt, mit dem Morgen durch ſeine beiden Knechte eine Hammelheerde herein holen zu laſſen von einem Gehöft hinter dem Montmartre und dazu die Einlaß⸗ karten gelöſet. Jetzt hatte er die Knechte fortgeſendet zu einem Verwandten in der Stadt, ihm bei einem Geſchäft behülflich zu ſein, und in gemeiner Tracht, die er in allen Sortiments beſaß, weil er auch auf Pfandſtücke lieh, ſollte der Marquis und Eugen mit der Karte aus Paris zu kommen verſuchen, und überdies wollte ihnen der wackere Jude Briefſchaften mitgeben an einige ver⸗ traute Glaubensgenoſſen in den Ortſchaften, die ſie bis zur Grenze berühren mußten. Der Marquis wählte nicht lange. Er nannte das unerwartete Anerbieten des Nachbars Gottes ſichtliche Schickung, ermahnte Frau und Tochter, darin eine Hoffnung auf die Gnade des Himmels für ſie Alle zu finden. Und als der alte Abram bei dem lauten Jammer der Marquiſe zürnend ſprach: Will denn die Madame lieber ſchauen den ehrwürdigen Kopf des Herrn auf dem FPlatz bleich und blutig unter dem Eiſen der ſchrecklichen Maſchine, die der Doktor erfand, der doch nur ſollte erfinden eine gute Arznei für das Leben und die Geſundheit, oder dünkt ihr's nicht beſſer, ſich zu ſcheiden von dem Gemahl ein Monat oder zwei, bis ſie kann nachreiſen mit Sicherheit?— da ſchwieg die Mar⸗ quiſe wie gelähmt und trieb ſelber zur Flucht. Die Klei⸗ dungsſtücke, weibliche und männliche, wurden herbeige⸗ ſchafft, Alle geſtalteten ſich um, und Benjamin warf die ———— —— Garderobe der Flüchtlinge in eine Grube im Stall. Es war eine bejammernswerthe Stunde, eine Maskerade gleich einer Metapher der Zeit; keiner ſprach, nur Seuf⸗ zer und Thränen begleiteten dieſes Geſchäft, und als man nun auch die geretteten Schätze unter ſich vertheilt hatte, umſchlangen ſich Alle im ſtummen Abſchiede, über welchem der Todesengel zu ſchweben ſchien. Eugen kehrte noch einmal zurück zu den in die Knie Geſunkenen, die ſich im Gebet umklammert hielten. Er faßte die Hand der Mutter, die Hand der Schweſter. Mutter, ſprach er leiſe, und Du, meine geliebte Jeanne, betet, hofft und vertraut Euch ganz dem Wechsler. Ich bringe den Vater glücklich nach Flandern zum Bruder Romain, aber dann komme ich zurück und hole Euch nach, ſo wahr ich der Mutter guter Sohn bin!— Er küßte ſie heiß und heftig auf die Stirnen und folgte dann raſch dem Vater zu einer Nebenthür des Hauſes, welche in ein Seiten⸗ gäßchen leitete. Benjamin ſchritt ihnen voran, und wußte die ſtreifenden Haufen von tobendem Pöbel, die nach Raub und Mord und Schwelgerei lechzend ihnen begegneten, ſchlau zu meiden; er ſprach an der Barriere Ramens ſeines Vaters, zeigte die Karten vor, und die vermeinten Knechte, in ihre Nachtmäntel gewickelt und mit Stricken und Peitſchen verſehen, verließen glücklich Paris. Ihr Marſch zur Grenze fand wunderbarer Weiſe keine Hinderniſſe. Sie ſchliefen am Tage in den Korn⸗ feldern, und wanderten Nachts weiter, wobei Eugen die Kraft des Vaters bewunderte, der mit der Rüſtigkeit eines Jünglings jede Beſchwerde ertrug, jedoch je näher ſie der rettenden Grenze kamen, je düſterer und beklom⸗ mener ward, und oft ſtillſtehend nach dem Süden rück⸗ lickte und die Namen ſeiner Gattin und Tochter dem 219 Nachtwinde ſeufzend mitgab. Eine ſchwere Ahnung ſchien im Geiſte des Marquis plötzlich Herr geworden zu ſein, und ſie wurde die Urſache, daß er, als ſie zu Namur den Bruder Romain gefunden, Eugen kein Widerwort ſprach, da dieſer jetzt zum erſten Male gegen den Vater ſein Gelübde, ſeinen unwiderruflichen Entſchluß aus⸗ ſprach zum Schutze und zur Hülfe der Mutter und Schweſter aus der Sicherheit in die Gefahr zurückzu⸗ eilen.— Herr de la Haie und Romain fanden in Koblenz die freundſchaftlichſte Aufnahme. Sie trafen dort die Mehr⸗ zahl der emigrirten Edelleute Frankreichs, welche der tühne Conde bereits ſammelte und in den Waffen übte, um mit ihnen den Krieg der Rache in das Vaterland zu tragen; ſie fanden dort die Prinzen, die Grafen von Provence und Artois, und die ehrenvollſte Auszeichnung wurde dem jungen Gardeoffizier, welcher für den König geblutet hatte, und darum als ein Glücklicher und Aus⸗ erwählter betrachtet ward; aber am Ufer der rebenum⸗ tränzten Moſel ſollte ſich für ihn noch ein freundlicher Verhältniß geſtalten, durch welches ſeinem Herzen bei⸗ nahe alles, was er verloren und was er betrauerte, in die Ferne gerückt erſchien. Der Marquis hatte ſein Quartier bei einer wohlhabenden Wittwe genommen, die, unterſtützt von einer Bruderstochter, einen ſtillen Haus⸗ halt führte, der trotz des üppigen, ſchwelgeriſchen Pariſer Lebens der emigrirten Grafen und Barons, das die graue erzbiſchöfliche Reſidenz förmlich umgeſtaltete, ſich nicht änderte. Der alte, mit jedem Tage trüber ge⸗ ſtimmte Marquis ſuchte zuerſt die nähere Bekanntſchaft ſeiner Wirthin; Romain, in den Strudel der Zerſtreu⸗ ungen ſeiner Landsleute mit fortgeriſſrn, hatte zwar längſt . 220 die ſchöne Schweizerin— die Richte ſtammte aus Grau⸗ bünden, und ihr Vater lebte zu Chur als Schullehrer, obgleich er einem alten, edeln Geſchlecht angehörte— mit Wohlgefallen beſchaut, aber es bedurfte eines hellen Blitzſchlages, ehe ſein Leichtſinn ſich der lieblichen Ma⸗ delon ergab. Eine kleine Unpäßlichkeit des Vaters hielt ihn eines Abends zu Hauſe und der Marquis erbat ſich von ſeiner Hauswirthin die Erlaubniß, bei ihr ſeinen Thee zu nehmen, um im Frauenzirkel ſeine Grillen zu vergeſſen; da führte der Zufall das Geſpräch auf das Vaterland der Wittwe und der ſcheuen Nichte, die be⸗ ſcheiden am Theetiſche ſtand und die Taſſen füllte. Von Stretlingen war ihr Geſchlechtsname und der unvorſich⸗ tige Romain gedachte des Buſenfreundes, ſeines Arnolds, und des ſchönen Soldatentodes, in welchem er an ſeiner Seite gefallen. Das Mädchen ward bleicher als das feine Tuch des Tiſches, ſchrie laut auf und ſank ſinnlos in des Grauſamen Arme, der kaum früh genug hinzu ſprang, ſie vor einem ſchweren Fall zu bewahren. Ma⸗ delon war Arnold's Schweſter, Arnold war der Neffe der Hausfrau, dieſe ſchmerzliche Entdeckung mußte die Hausgenoſſen näher verknüpfen; ſie wurden von jenem Abende an immer mehr zu einer Familie, und die ſchlanke Madelon verlor ihre Scheu gegen den jungen Offizier, der den verlorenen Bruder ſo hochſtellte, ihn nie genug zu rühmen wußte, ſeinen Heldentod ſo lebendig und groß zu malen verſtand, daß man faſt den Schmerz darüber vergaß, und— der des Bruders Herzensfreund geweſen war. Feine Fäden ſind es, mit denen die Liebe junge Herzen anfangs zu umgarnen weiß, unſichtbare Fäden, welche aber mit jeder Stunde ſtärker ſchwellen durch Gewohnheit und Zuſammenleben und die kleinen, —— —— 221 wechſelſeitigen Opfer, bis man ſie plötzlich unzerreißbar fühlt, und ſich wundert, wie das zugegangen. Romain ahnete nicht, daß er Madelon liebe, obgleich er ſchon wochenlang gar gern die Gelegenheit geſucht, mit ihr zu plaudern, obgleich er mit ſeltſamer Wolluſt ſich an den Augenblick erinnerte, wie die blühende, vollbuſige Jungfrau an ſeiner Bruſt gelegen, obgleich er jetzt die meiſten Abende daheim blieb, und mit dem Vater die Vesper im Zimmer der Wirthin feierte. Auch von dem Bruder Eugen hatte er der Freundin erzählt, und mit der Lebhaftigkeit, die ſich allmälig aus dem Schleier der Schüchternheit bei ihr gewickelt, mit dem kräftigen Ge⸗ fühl für Hochſinn und Großthat, die ſie ſeitdem leuchten laſſen, hatte ſie ihre Theilnahme an dem kühnen Jüng⸗ ling gezeigt und ihre Neugierde ausgeſprochen, den Hoch⸗ herzigen von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen. Ihr Wunſch wurde nur gar zu bald erfüllt.— An einem der letzten Septembertage ſaß das Doppel⸗ vaar wie gewöhnlich Abends zuſammen; der Marquis las mit düſtern Blicken die neueſten Tagesblätter vor, die Hausherrin horchte aufmerkſam und Romain unter⸗ richtete die ſchöne Schweizerin an einem Nebentiſche in der Kunſt, feine, ſinnige, mit zarten Deviſen verſehene Haarringe zu flechten, eine Kunſt, welche die Langweile und die Galanterie damals zur Lieblingsbeſchäftignng der Emigrirten gemacht, und die, wo ſie hin kamen in den vornehmſten Zirkeln, gleich dem Joujou de la Norman- die eine Zeitlang Mode blieb. Da wurde die Zimmer⸗ thür mit Haſt aufgeſtoßen, und herein trat zwiſchen die Aufgeſchreckten ein hochgewachſener Mann, bleichen, ha⸗ gern Geſichts und mit eingefallenen Augen, in beſchmutzter, grober Reiſetracht und ſtand wortlos, wie ohne Athem, 222 einige Augenblicke mitten im Zimmer. Eugen, ſchrie Romain auf und ſprang in ſeine Arme, biſt Du es oder iſt es Dein Geiſt? Menſch, Bruder, wie biſt Du kaum zu erkennen!— Der Marquis hob ſich mühſam vom Stuhle, ſo fühlte er ſich vom Schreck geſchlagen, aber das matte Auge feſt auf den Sohn gerichtet, fragte er mit herausgezwunge⸗ ner, lauter Stimme: Eugen, mein Sohn, wo haſt Du die Mutter und mein liebes Kind?— Da kam eine zuckende, krampſfichte Bewegung in des Angekommenen Glieder, er faßte mit der bebenden Hand unter ſein Bruſtwamms, holte ein blaues Seidentüchlein heraus und legte es ausgebreitet auf den Tiſch, ſo daß zwei dichte Flechten von dunkelem Frauenhaar darin gewickelt, ſichtbar wurden. Da, Vater! ſagte er mit einer Stimme, die dumpf und heiſcher, wie aus einem Grabe klang. Der undankbare, gottloſe Sohn, der ſie verlaſſen, kam zu ſpät. Das iſt Alles, was ich bringe von ihnen.— Der Alte taumelte zurück in den Seſſel, aber auch Eu⸗ gen ſchwankte und mußte von dem Bruder zum Sopha geführt werden, und die Freundinnen wußten in der erſten Angſt nicht, welchem von Beiden ſie die nöthige Hülfe vorzugsweiſe zu leiſten hätten. Der alte Herr erholte ſich jedoch wider Erwarten ſchnell; mit der ihm eigenen Geiſtesſtärke, welche die hervorſpringendſte Eigen⸗ ſchaft ſeines Charakters geweſen, erhob er ſein Haupt, ſtarrte auf die Pfänder, welche der Sohn ihm von den Geliebten gebracht, nahm ſie, führte ſie an ſeinen Mund, und barg ſie dann auf ſeinem Herzen. Mit gefalteten Händen ſaß er darauf eine Weile ſtill betend und das glänzende Auge zum Himmel gerichtet. Sie ſind frei, ſind glücklich! Freier und glücklicher als jene Kanibalen, 223 die ſie geſchlachtet! ſprach er mit kräftiger Stimme, und fragte mit väterlicher Sorge nach ſeinem geliebten Erſt⸗ geborenen. Aber um Eugen ſtand es ſchlimmer.— Als er aus tiefer Ohnmacht zum Leben erwachte, ſprach er irre; auf die Todeskälte folgte eine furchtbare Fieber⸗ hitze, und der gerufene Arzt erklärte ihn gefährlich krank. Er ſchwebte wochenlang in Todesgefahr, und erſt ſpät, in lichteren Augenblicken erfuhren von ihm der Marquis und Romain die Schickſale der Ihrigen, die wir dem Leſer jetzt im Zuſammenhange erzählen wollen.— Auf ſeinem Rückmarſche nach Paris hatte ſich Eugen für einen jungen Landmann aus den Norddepartements ausgegeben, den Freiheitsſinn und Thatenglut nach der Hauptſtadt trieben. Er hatte ſein Geſicht gebräunt, ſein Haar verſchnitten, ſeinem Anzuge eine wilde Form gege⸗ ben, die rothe Kappe nicht vergeſſen, und mit einer mächtigen Dornenkeule bewaffnet zog er ungehindert in die Vaterſtadt ein. Es war an einem der gräuelvollen Septembertage, Leichenſtille herrſchte in den meiſten Stra⸗ ßen, alle Läden waren geſchloſſen, dagegen ſah man in einzelnen Quartieren und auf den Hauptplätzen ein grau⸗ ſenerregendes Gedräng des bewaffneten Pöbels, von weitem nur beachtet durch einzelne Cohorten der Natio⸗ nalgarde, welche das Volk in ſeiner Rachſucht nicht zu ſtören wagte; hier klangen von tauſend Stimmen die wilden Nationalgeſänge, dort ſtieg ein unmelodiſches Gebrüll in die Lüfte und verſchlang die Muſik in ſeinem entſetzlichen Chaos. Flüchtigen Fußes mied Eugen jene Plätze, und ge⸗ langte in die Straße, wo er ſeiner Eltern Haus zu fin⸗ den hoffte, aber einem Steinbilde gleich ſtand er, als er nur einen wüſten Platz, von Trümmerhaufen bedeckt, 224 vorfand. Eine Feuersbrunſt hatte hier gewüthet, das zeigte ſich durch das halbverkohlte Gebälk, und auch des jüdiſchen Wechslers Haus lag in Aſche. Eiskalt, bleich und keines Gedankens mächtig, ſtieg der tieferſchütterte Jüngling über die Trümmer, durchſuchte jeden vom Feuer verſchonten Raum, den zerſtörten Garten, die offen lie⸗ genden Keller, nirgend fand er ein lebendes Weſen, nir⸗ gend einen Leichnam, obgleich ſeine wirre Phantaſie gerade darnach zu trachten bemüht war. Hinaus in das Ge⸗ wühl warf er ſich jetzt, und hörte von einem blutigen Freiheitsmann, daß man ein Jubelfeſt begehe, daß man die Gefangenen, die Prieſter, Edelleute und alle Königs⸗ freunde in den verborgenſten Gefängniſſen ſchlachte. Wie ein Wahnſinniger taumelte er weiter, ſich mit wilder Wuth Flatz machend durch das Menſchenmeer, und von dem Volke reſpektirt, welches ihn für einen der raſend⸗ ſten Vorſchlächter und Hauptmörder zu halten ſchien. Da ſah er einen bekannten Menſchen an dem Pilar einer Palaſtpforte müßig lehnen auf ſeiner Pike, und mit Blicken, in denen eher Furcht wie Mordſucht lauerte, umherſchauen. Die Haufen der brüllenden Fiſchweiber zerſtoben vor Eugens Armen und raſch ſtand er dem Pikenmanne zur Seite. Benjamin, fragte er mit halb⸗ lauter, ſtammelnder Stimme, wo ſind ſie?— Der brave Burſch ſchoß zuſammen, als hätte ihn ein elektri⸗ ſcher Schlag getroffen. Sie hier? flüſterte er. Bös das, ſehr bös! Citoyen Nicola das Haus geſtürmt, Feuer eingeworfen; auch unſere Hütte in Brand gerathen, Alles verloren, Vater Abram vor Schreck geſtorben, Madame und Mademoiſelle erkannt, fortgeſchleppt, eingekerkert! — und wo? wo? lallte Eugen.— Weiß nicht, habe ſie gelucht, habe ſpionirt überall! antwortete der junge 225 Iſraelit.— Ein blutbegoſſener Marſeiller, von furcht⸗ barem Anſehen, ſtand jetzt plötzlich zwiſchen ihnen, in der Rechten ſchwang er ein blankes Beil, in der Linken hielt er einen Becher, deſſen rothen ſchäumenden Inhalt der Trunkene halb über ſie ausſpritzte. Was ſteht ihr hier und ſchwatzt, brüllte der Unhold, ſollen die Weiber euch beſchämen, die ihre runden Waden im Blute der Verräther baden? Auf, an die Arbeit, noch athmen genug der Beſtien! Trinkt euch Courage, Eitoyens! Beim hei⸗ ligen Satanas, es iſt warmes Pfaffenblut und eben ge⸗ zapft vom friſchen Faß! Der höchſte Ingrimm glühete auf in Eugens Bruſt, als der Unmenſch ihm den Blut⸗ becher gewaltthätig gegen den Mund ſtieß, alle ſeine Glieder zuckten, er hob ſeine Dornenkeule zum Todes⸗ ſchlag, da raſete ein neuer Schwarm blutiger Henker heran, die zerſtückelte Leichname an Stricken hinter ſich ſchleppten. Der Keil trennte die Stehenden, der Mar⸗ ſeiller taumelte zur Seite, und der treue Benjamin riß den ſchon verloren Gegebenen fort von dem Platze. Beide durchſtreiften nun ruhelos die Stadt und eilten von Ge⸗ fängniſſe zu Gefängniſſe. Allenthalben fanden ſie Thore und Thüren erbrochen, überall die Kerker geleert, aber die Unglücklichen, welche darin gewohnt, ſahen ſie in den Höfen und nächſten Straßen zu Leichenhaufen geſchichtet, jämmerlich gemordet, ſchimpflich zerſtückelt und zerriſſen. Und vom düſtern, grauen Wolkentuche bedeckt, hing der Himmel ſtill darüber, kein Wetterſtrahl fuhr herunter, kein Orkan riß die Mörderſtadt nieder, die Himmliſchen ſelbſt hatten ihr Auge verhüllt vor Entſetzen. Unermüdet ſchritt Eugen über die Jammerflur und durch den bluti⸗ gen Koth; jeden Leichnam, der verſteckt unter ſeinen Todesgeſellen lag, riß er hervor, jeden weiblichen Körper, Blumenhagen. VIII. 15 226 der mit dem Antlitz gegen den Boden lag, wälzte er um, und Benjamin folgte treulich, wenn auch athemlos, ſei⸗ nen Schritten. Das herbeiſtrömende Volk jauchzte ihnen zu, denn man hielt ſie für nimmerſatte Wüthriche, die auch an den Todten noch ihren Rachedurſt zu kühlen ver⸗ ſuchten. Nirgends fand Eugen, was er zu finden fürch⸗ tete, und ſchon dämmerte die Hoffnung in ſeinem ver⸗ finſterten Gemüthe auf, die Lieben könnten der großen Metzelei entkommen oder durch eine mitleidige Seele gerettet ſein. Da kamen ſie Abends zum zweiten Male in die Gegend von Saint Lazare. Der Pöbel hatte ſich ermüdet verlaufen, aber im Vorhofe ſahen ſie Menſchen mit einer traurigen Arbeit beſchäftigt. Hier hatte das Volk am Morgen ſein Blutfeſt begonnen und die Kerker zerſprengt, um ſelbſt den Henker zu ſpielen. Doch ein menſchlicher Gefangenwärter verſchloß das Eiſenthor, welches zu den Kellern führte, und entfloh. Der Witz der Mordgier ging über des Pförtners Menſchlichkeit. Die unterirdiſchen Gewölbe wußte man voll von Gefan⸗ genen, man hörte das Winſeln der Kinder. Feuerſpritzen wurden herbeigeſchafft; Ströme von Waſſer wurden durch die Gitter geſpritzt, bis die Gewölbe zu Seen ge⸗ worden, und es immer ſtiller und ſtiller ward in der Tiefe, und zuletzt kein menſchlicher Laut mehr herauf tönte. Jetzt waren Nationalgardiſten beſchäftigt, das Waſſer wieder herauszupumpen und aus der geöffneten Thür die unentſtellten, unblutigen Opfer zu fiſchen, welche dann von den ſittigen und ernſten Männern neben einan⸗ der in eine lange ſtille Reihe geordnet wurden. Eugen trat hinan; eben trug man ein Leichenpaar herzu, zwei weibliche Körper, die ſich mit Armen und Händen alſo umklammert gehalten, daß man ſie nicht zu löſen vermocht. 227 Als man ſie niedergelegt, ſtürzte Eugen wie ein Wahn⸗ witziger zu ihnen hin und warf ſich mit einem gellenden Geſchrei neben ſie nieder; er hatte die Mutter, er hatte die Schweſter gefunden.— Die Gardiſten ſtutzten und verſammelten ſich um die Schmerzensgruppe; der geſcheite Benjamin berichtete ihnen, der brave Vaterlandsfreund da am Boden habe über ſeinen Enthuſiasmus für das heilige Feſt die Braut vergeſſen, welche auf falſche Angabe eingekerkert, und nachdem er für des Volkes Wohlfahrt gearbeitet, finde er nun ſolch traurigen Lohn. Die Gardiſten zuckten mitleidig die Achſeln; denn wer im großen Paris hatte nicht Trauer um einen Verwandten oder Freund?— Armer Junge! ſagte ein Veteran. Man ſieht's ihm an, wie ehrlich er's gemeint. Nimm die Todten hin, wir ſchenken ſie Dir! So haſt Du doch etwas für Deinen republikaniſchen Schweiß.— Eine Schilderung von dem Seelenzuſtand des un⸗ glücklichen Eugens gehört zu den irdiſchen Unmöglich⸗ keiten. Des getreuen Benjamins Eifer erweckte ihn aus ſeiner Starrſucht, ſeine Kraft, ſeine Beſonnenheit kehrte zurück, und mit des Iſraeliten uneigennützigem Beiſtande gelang es ihm, die Körper der Geliebten fortzuſchaffen, den Augen der Wüthriche zu entziehen, und ihnen auf dem Magdalenen⸗Kirchhofe eine geweihte Ruheſtätte zu geben. Wie von Furien verfolgt, entrann er dann der großen Blutſtätte; er fluchte der Vaterſtadt nicht, als er außen auf dem Montmartre ſich nochmals wandte, aber ſein Blick und die ausgeſtreckte Hand ſprach eine laute, zum Himmel hinauf gellende Anklage aus. Ob der Himmel nicht genug der Engel beſaß, alle die Klagen hinaufzutragen zum Stuhle des allmächtigen 228 Richters 2 Oder ob der Himmel ſich verſchloſſen hielt, im gerechten Zorn über die Unthaten der Erdenſöhne, und ſie verſtieß aus dem Raum ſeiner Vaterſorgfalt und Aufſicht 2 Wie Eugen ſeine Reiſe bis zur Grenze gemacht? Was ihm begegnet? davon blieb ihm keine Erinnerung, und die Krankheit, welche ihn jetzt ſo ſchwer darnieder warf, mußte deßhalb ſchon damals Leib und Seele er⸗ griffen haben.—— Die Jugendkraft des Kranken trug nach ſchweren Kämpfen den Sieg davon. Eugen genas; aber nur langſam erſtarkte der von ſo vielen ſcharfen Pfeilen Getroffene, und hätte nicht Liebe und Freundſchaft an ſeinem Bette gewacht, wäre ihm nicht die ſorgſamſte Pflege von ſanfter Liebeshand geworden, hätte ſich auch das gebrochene Herz, der zerrüttete Geiſt ſicherlich nicht wieder dem Leben zugewendet und es gewagt, auf's Neue das Auge zum faſt verhaßten Erdenlichte aufzu⸗ ſchlagen. Auch die ſchöne Madelon, von Theilnahme für den muthigen Märtyrer, den braven Sohn und Bruder, erfüllt, that ihr Theil bei dem Liebeswerke, wurde die emſigſte Wärterin des Kranken, und als er der Gene⸗ ſung zuſchritt, ſchien ihre Nähe beſonders wohlthätig auf Eugen zu wirken. Gefährlich iſt das fromme Amt der barmherzigen Schweſtern, denn die Dankbarkeit wird gar leicht die Säugamme der Liebe, und ein junges Herz, welches ſo eben von der düſtern ihm ſchon geöff⸗ neten Todespforte zurück kehrt, hat ſeine Vergangenheit vergeſſen, und ſieht in dem Gegenſtande, den es jetzt zuerſt erblickt, gar leicht den Engel, der ihn vom Grabe zurück trug. Eugen barg ſein Empfinden nicht. Er hatte nie geliebt, und darum brach dies Gefühl heiß und ——— 229 deutlich hervor mit all der Reizbarkeit und Phantaſieglut, welche die Geneſung eines ſchwer Erkrankten zu begleiten. pflegen. Welche bange Verlegenheit dadurch entſtand unter allen ſeinen Pflegern, bemerkte der Jüngling nicht bis er gänzlich hergeſtellt, nun ſeine geſunden Blicke, die bislang nur Madelon geſehen, auch mit der alten Schärfe auf ſeine Umgebungen zu richten vermochte. Die ſchlanke Schweizerin ſchien ihm zugethan, doch war in ihr eine unverkennbare Scheu, ſobald er mit warmen Liebesworten zu ihr ſprach, und ſie vermied es, mit ihm allein zu ſein. Das Mütterchen, die Tante wurde un⸗ ruhig, wenn er in den Ausbruch ſeiner Dankbarkeit mit Feuerworten das Lob der Nichte miſchte. Der Vater ſchauete ihn oft mit ernſten Warnungsblicken an, wenn bei der Tafel ſein Auge wie magnetiſch gefeſſelt auf Madelons Geſichte haftete, und der Bruder Romain wurde ihm beſonders räthſelhaft, indem er oft düſtere, ja faſt feindſelige Blicke auf ihn ſchoß und im nächſten Augenblicke ihn ſtürmiſch, wie bereuend in ſeine Arme preßte; dazu mußte ihm auffallen, daß Romain jetzt viel aus dem Hauſe blieb, und die ſchönen Abendſtun⸗ den, wo die Doppelfamilie bislang ein ſo freundliches Zuſammenleben geübt, abſichtlich zu meiden wußte. Die kopfſchüttelnde, ängſtlich herumtrippelnde Hauswirthin löſete ihm das Räthſel; auf ſeine ſtrenge Frage geſtand ſie das Verhältniß, was ſie längſt zwiſchen Romain und ihrer Madelon bemerkt und als ihr nicht unwill⸗ kommen gepflegt hatte, und der tiefe Schmerzenszug auf Eugens bleichem Angeſicht verrieth ihr, wie tief ihn dieſe Entdeckung aus ſeinen Hoffnungswolken herabgeſtürzt. Condé's kleines Heer war damals eben fertig equi⸗ pirt und zum Abmarſch bereit. Auch Eugen hätte ſich 230 längſt bei dem Prinzen gemeldet, aber überraſcht wurde Vater und Bruder, als er eines Morgens völlig ge⸗ waffnet zu ihnen eintrat, und ihnen verkündete, daß er in nächſter Stunde mit der Avantgarde abmarſchiren werde. Romain ſtand verſtummt und beſchämt; er wußte, was den Bruder forttrieb, er kannte das Opfer und ſeine Größe, und fühlte ſich tief unter dem Bruder. Der alte Marquis drückte des Sohnes Hand, legte ihm die Hand auf's Haupt und nannte ihn den Stolz ſeines tiefgebeugten Alters. Eugen marſchirte, ohne von Ma⸗ delon Abſchied zu nehmen.— Bald folgte das Condö'ſche Corps und ſchloß ſich an des ſiegreichen Koburgs kaiſerliches Heer. Monate voll wildbewegten Lebens, voll erhebender Waffenthaten und niederdrückenden Strapazen folgten, die Tage von Alden⸗ hoven, Lüttich, Neerwinden ſahen den ſchwarzen Adler vorwärts flattern und die Bataillons der Loyal⸗Emi⸗ grees hatten Gelegenheit, das heilige Blut ihres gemor⸗ deten Königs zu rächen. Auch die drei Herren de la Haie gewannen manch düſteres Lorbeerreis, und vor allen ſeinen Landsleuten war Eugen beſtändig voran, immer der Erſte, wenn man Freiwillige aufrief, mit Leiden⸗ ſchaft immer auf dem Poſten der höchſten Gefahr. Wenn ihm Romain mit Scheu darüber Vorwürfe machte, ſo antwortete er ernſt: Schütze Du den Vater, und er⸗ halte Dich ſelbſt für die gute Madelon! Ich gehöre der Mutter an und bin Jeannettens Racheengel.— In der Nähe von Löwen lagerte das Conde'ſche Corps und man erwartete mit Enthuſiasmus einen neuen Siegestag. Da überraſchten die Neufranken einen Flügel der Aliirten nächtlicher Weiſe und mehre Compagnien der Emigran⸗ ten wurden zugleich gefangen, unter ihnen der Marquis — — —* ——— — ——— 231 mit ſeinen Söhnen. Die Kriegsgeſetze der Republikaner kennend, erwarteten alle drei den Tod, ſahen alle drei muthvoll dem Morgenlichte entgegen, nahmen zuſammen Abſchied vom Erdenleben und freueten ſich der Wieder⸗ vereinigung mit den vorangegangenen Geliebten. Dumou⸗ riez hatte damals das Obercommando; aber der ſchlaue Franke wußte ſchon, daß man in Paris ſeine Abſetzung bereite, und der Plan, zu den Deutſchen überzutreten, war von ihm bereits vorbereitet. Die gefangenen Fran⸗ zoſen ſetzten ihn in Verlegenheit. Er durfte ſich nicht bloßgeben vor ſeinen Soldaten und wünſchte doch eine Aufſehen erregende Maſſaere zu meiden. Wie der Mor⸗ gen erſchien, wurden die Gefangenen in eine lange Linie geſtellt, und eine Generalordre befahl, den dritten Mann von ihnen niederzuſchießen, die nebrigen jedoch nach Paris zu ſchicken, ſie als lebendige Boten des wieder⸗ gekehrten Siegesglücks dem Volke zu zeigen, und ſie dem Urtheile des Nationalconvents zu überlaſſen. Ob Dumouriez geheime Anſtalten zu ihrer Freilaſſung ge⸗ troffen, blieb in der Folge unentſchieden. Es war ein ſchaudervoller Moment, als jetzt die Trommel die tiefe Morgenſtille unterbrach, ein General mit ſeiner Suite an der Fronte der Unglücklichen hinab⸗ ſprengte, überall ſich die blauen Kolonnen auf den zer⸗ tretenen Weizenfeldern bewegten, giftige Verachtungs⸗ blicke zu den Todesopfern herüberſchickend, und mit einem wiederholten: Vive la liberté! ſie höhnend in der Sterbeſtunde. Der Marquis ſtand zwiſchen ſeinen Söhnen, rechts Eugen, links Romain; ihre Hände lagen in einander; da wurde die Generalordre verleſen und Alle hörten ſie mit Schweigen der Reſignation, nur Eugen zuckte zuſammen, machte ſeine Hand los von der des Vaters, und richtete ſeinen ſcharfen Blick zum rechten Flügel. Die Stille eines Leichenhauſes herrſchte jetzt, man hörte 3 nichts, als das Un! Deux! Trois! des zählenden Offi⸗ ziers, der vom rechten Flügel immer näher herunter⸗ kam. Wo ſein Degenknopf das Trois andeutete, wurde jedes Mal der Getroffene von den Begleitern des Zäh⸗ lenden aus der Linie geriſſen, und zu einem naheſtehen⸗ den Commando geſtoßen. Jetzt war der Todesbote bis auf zwanzig Schritte herangekommen, als plötzlich Eugen nach hinten aus der Linie trat, den Vater verließ und ſich mit gewaltſamer Schnelle zwiſchen Romain und ſeinen Nebenmann eindrängte. Ehe noch der überraſchte Bruder Zeit zur Frage hatte, ſtand ſchon der Offizier vor ihnen, ſein Eins! traf den Vater, ſein Zwei! den betäubten Romain, ſein Drei! Eugen, der einen freu⸗ digen Blick auf Beide warf, und freiwillig und raſch austrat und mit feſtem Schritt ſich zu den Todesbrü⸗ dern begab. Romain umfaßte krampfhaft des Vaters 6 Schultern, des Vaters Geſicht aber leuchtete wie in einem Heiligenſcheine: Einer von uns war verfallen! ſagte er halblaut. Der Unerſchrockene hatte voraus ge⸗ zählt und opfert ſich freiwillig für uns!— Romain wollte fort zu ihm, ſein Loos gewinnen oder theilen, des Marquis Hand hielt ihn mit Löwenſtärke. Laß ihn, befahl er ernſt, gönne ihm den ſchönen Tod! Er iſt der reinſte von uns, der beſſere. Wer weiß, was unſer wartet?— Die Linie war überzählt, die Gewehre klirr⸗ ten, die Schüſſe donnerten, Rauch überdeckte die Gräuel⸗ ſcene, Wehgeheul ſtieg aus den Rauchwolken zum Him⸗ mel vom Trommenwirbel nur halb übertönt, Romain fank an des Vaters Knie zu Boden;— er hatte den —— 233 Bruder fallen ſehen, und— der Bruder hatte voraus⸗ gezählt und war für ihn geſtorben!—— Wie ein neapolitaniſcher Volkserzähler hatte der Herr von Hagen bis hiehin ſeine Schauergeſchichte eintönig, und als wäre ſie eine fremde, erzählt, bei dem letzten Gemälde ſank ſeine Stimme, die Erinnerung übermannte ihn, und er ſtand auf, that einige Schritte hin und zurück, und lehnte ſeine Stirn dann an das weiße Mo⸗ nument, das der eben aufgehende, große, rothgelbe Voll⸗ mond geſpenſtig beleuchtete. Der lebhafte, wackere Dra⸗ goner war in Verlegenheit verſtummt, denn welches Troſtwort hätte auch der herzigſte und verſtändigſte Menſch finden können als einen paſſenden Nachhall zu dieſer Familienchronik, die Alles enthielt, was jene famöſe Revolution dem Invidiuum wie dem Ganzen gebracht? Nach einer Weile ſich ermannend, erhob auch er ſich, ging zu dem Schmerzbedrückten, und legte ſeinen Arm um den Nacken deſſelben. Chevalier, ſagte er mit Gefühl, als ich Euch mit den Loyal⸗Emigrèes in Menin fand, zog mich ein be⸗ ſonderes Intereſſe zu Euch, denn Ihr wartet ein ganz Anderer als Eure leichtfertigen, üppigen Landsleute, die meiſtens ſchärfere Worte als Säbel bereit hielten. Warum vertrautet Ihr mir nicht damals Eure Marterhiſtorien? Ich würde Euch den Bruder zu erſetzen verſucht haben, ſo ſchwer es ſein muß, ſolchen ausgezeichneten Men⸗ ſchen nach zu handeln. Ja, ich nehme meinen vorigen Tadel zurück. Euer großherziger Eugen verdiente dieſe Inſchrift, und von nun an werde ich dieſen Stein nicht mehr wie eine Geburt weichlicher Schwärmerei, ſon⸗ dern wie einen Altar betrachten, bei dem man ſich Muth holet, einem ſeltenen Muſter nachzuahmen. Aber Euer 234 Geſchichte iſt noch nicht zu Ende. Vollendet, wenn Ihr könnt.— Mit einem Seufzer richtete ſich der Chevalier empor. Was noch kam, iſt bald erzählt, ſprach er düſter. Schmet⸗ ternde Trompeten riſſen uns auf aus unſern Verzweif⸗ lungsgefühlen. Koburgs tapfere Huſaren wurden in dem Morgennebel ſichtbar, der ſich in großen, weißen Ballen noch auf den Thälern wälzte. Unſere Mörder kamen in Unordnung. Sie ſchoſſen noch auf uns in ihrer Wuth und tödteten mehre. Da umringte uns und ſie das Gedräng des ganzen öſterreichiſchen Heeres; wir wurden mit ihm forigeriſſen, rächten mit erwachendem Ingrimm die gefallenen Waffengenoſſen, und ſchlugen die Siegesſchlacht bei Löwen mit. Aber alle Freude am Kriegesleben war fort von dem Vater und mir ſeitdem. Maſchinen gleich erfüllten wir die übernommene Pflicht, bis unſer Bataillon der Garniſon von Menin zugetheilt wurde. Was in jener furchtbaren Schreckens⸗ nacht mit mir geſchah, wiſſet Ihr, mein treuer Kamerad, ſo gut als ich.— Ja, ja, rief der Rittmeiſter lebhaft. Wer dabei ge⸗ weſen und dieſes Nachtgemälde nicht ewig im Gedächt⸗ niß trägt, deſſen Gehirn iſt vertrocknet wie der Kern einer tauben Nuß. Wenn die erſte Mainacht kommt und Andere Scherz treiben mit Hexenſabbath und Bro⸗ ckenreiſe, ſteht mir immer unſer Teufelstanz lebendig vor Augen, als hätten wir ihn erſt geſtern durchgemacht. Aber der Ausfall wird in der vaterländiſchen Kriegs⸗ hiſtorie auch unvergeßlich bleiben, wenn mit unſern Knochen kein hannoverſcher muthwilliger Bub mehr die Aepfel von den Bäumen herabzuwerfen vermag, und wir nennen ihn nur unſers alten Hammerſteins Hochzeitstag. — 235 Wißt Ihr auch, Romain, fuhr er wie begeiſtert fort, und zog den Freund wieder zum Sitze, wie wir durch das Courtrayer Thor aus der verbrannten, ausgehun⸗ gerten Stadt rückten, Euer Bataillon und unſerer zwanzig Kavalleriſten? Wir waren ſo eigentlich ein aufgegebener Todespoſten, denn wir ſollten die Belagerer auf uns locken, um dem Hauptcorps den Ausfall auf der andern Seite zu erleichtern. Es war die ſchwärzeſte Mitternacht meines Lebens, denn die verdammten Ohnehoſen fielen auf uns wie ein wüthender Bienenſchwarm, und manches brave Soldatenherz verblutete, um den Kameraden Luft zu machen. Meine Reiter wurden durch die Trau⸗ benſchüſſe bald verſprengt, und ich trieb meinen Rappen in der Irre umher, und hieb mich in der Finſterniß wieder herum zwiſchen den ſchwarzen unbekannten Geg⸗ nern, wie ein irrender Ritter mit feindlichem Teufelsſpuk. Da erkannte ich bei einem Kanonenblitz Euch an einer freien Stelle. Der wackere Marquis lag erſchoſſen am Boden, Ihr ſchwer bleſſirt über ihm. Mit Gewalt mußte ich Euch aufreißen von dem theuern Todten, faſt mit Gewalt Euch zwingen, mit mir auf meinem Pferde Platz zu nehmen, und, bei meinem Säbel! wie wir glücklich nach Rouſſelaer zu den Unſrigen kamen, iſt mir bis jetzt ein Räthſel geblieben. Herr von Hagen faßte die Hand des braven Drago⸗ ners und drückte ſie mit Heftigkeit. Nennt mich nicht undankbar, ſagte er heftig, wenn ich geſtehe, daß ich dem Lebensretter nicht Dank gewußt, wenn ich oft dieſen Rettungsritt verwünſchte.— Der Wächter ſeiner ehrwürdigen Leiche mußte ich bleiben, mit ihm theilen den Heldentod; o, Bruder Eugen begrub die Mutter, er hätte des Vaters letzte, 236 heilige Reſte nicht preisgegeben, hätte ſie nimmer ver⸗ laſſen!— Schwärmer! antwortete der Rittmeiſter, unmerklich die Achſeln zuckend. Können Todte die Todten bewah⸗ ren? Und der gute alte Herr ſchläft in Compagnie mit vielen tapfern Kriegsgeſellen. Aber wo bliebt Ihr, ſeit ich Euch zu Gent ins Hoſpital geliefert?— Meine Wunden machten mich untüchtig, entgegnete Romain, mein ſteifer Arm konnte den Degen nicht mehr führen. Ich pilgerte ſtumpfſinnig, abgeſpannt, menſchenfeindlich nach Koblenz, wo ich noch eine Lebens⸗ blüte für mich zu finden hoffte. Die alte Wittfrau war geſtorben, meine Madelon zurück gereiſet in ihr Heimathland. Da ſammelte ich mein dort verwahrtes Vermögen und reiſete weiter nach Chur. Vatersſegen vereinte mich dort mit der Treugebliebenen, die Liebe fachte meine Lebensluſt aufs Neue an, und Furcht, das letzte, ſchwer gewonnene Gut zu verlieren, trieb mich in dieſes nordiſche Land, wo ich mich ſicher glaubte und durch Berg und Strom getrennt von den Feindſeligen, die den ganzen reichen Acker meines Lebens wüſt gemacht. Aber das graue hämiſche Schickſal iſt noch nicht ver⸗ föhnt und befriedigt. Die dreifarbige Schreckensfahne iſt meinen Ferſen nachgefolgt und ich zittere bei jeder neuen Morgenröthe, die andern Erdenkindern Muth und Freude bringt.— Chevalier, Ihr beleidigt uns, fiel der Dragoner ein. Hätte Euer achtzehnter Ludwig eine ſolche Sauvegarde wie Ihr, bei meinem Säbel, er hätte nicht nöthig, den irrenden Ritter des neunzehnten Jahrhunderts zu ſpielen. Aber ohne Scherz, was habt Ihr zu fürchten? Wer kennet Euch hier? Und ereignete ſich das Unwahrſcheinlichſte, 237 ſo redet Ihr ja eine deutſche Zunge, wie ſie Eure Mut⸗ ter nicht beſſer geſprochen haben kann. Getroſt, mein wackerer Freund, ich bin derſelbe, der bei Menin Euch die Hand bot, und käme das Aeußerſte, ſo wird Eure Adrienne einen Lancelot an mir finden, welcher der alten Tafelrunde keine Schande gemacht hätte.— Herr von Hagen ſchüttelte bedenklich das Haupt, und der Scherz ſchien ihm nicht angenehm, da donnerte plötzlich ein Allarmſchuß am Elbufer, und wieder einer, und ein dritter, und mit hoher Aufregung wurden die Augen beider Freunde von ſich ab der in Dämmerung liegenden Feldflur zu gezogen. Lärm erhob ſich in der ganzen Lagerfronte dieſſeits, und als die Dampfwolken ſich erhoben, ſah man das Blachfeld des jenſeitigen Stromufers mit dunkeln, getrennten Kolonnen bedeckt, die ſich mit jeder Minute verdeutlichten; bunte Fahnen weheten im Mondlicht, und kleine Reiterhaufen ſprengten dicht am Ufer hinunter. Sie ſind da, rief Romain mit Entſetzen, und das Verderben bricht herein!— Träumer! Daß ſie kommen würden, wußte auch der kleinſte Steckenknecht im Lager! lachte der Rittmeiſter auf. Aber der Mondſchein baut ihnen keine Brücken, und über die grüne Flut ſpaziert ſich's nicht wie über holländiſches Eis. Auf Wiederſehen! ſetzte er ernſter hinzu. Mich ruft der Dienſt. Beruhigt die Frauen, und ſagt ihnen, was ich Euch gelobt und nimmer vergeſſe.— Der Gutsherr ſtand noch eine Weile wie gebannt auf dem Fleck und ermüdete ſeine Augen durch das Hin⸗ ſtarren auf die undeutlichen fernen Bilder, durch welche — 238 die grauſenvollſten Erinnerungen, die bereits ſeine Er⸗ zählung geweckt, in vollſter Lebendigkeit für ihn aus dem Grabe der Zeit herauf beſchworen wurden. In ſeiner Bruſt ſprach ein tiefes Gefühl, er ſei verdammt, ſeine ganze Vergangenheit nochmals zu durchleben, und dieſe Idee wurde zu einem Furientanze um ihn, deſſen Wir⸗ bel ihn wahnwitzig zu machen dräuete, ſo daß er zuletzt ſeine Augen mit den Händen verdeckte und dem Hauſe zufloh, um nur der Einſamkeit zu entkommen. Die bei⸗ den Schweizerinnen ſchienen beruhigt durch den Oberſt, wie überhaupt das weibliche Geſchlecht leichter das Un⸗ abwendbare erträgt, und da der weißlockigte Kriegsmann einen Gang zu ſeinem Regimentsſtande machen wollte, ſo ſchloß ſich Romain ihm an; ſeine Unruhe hätte ihn zwiſchen den Wänden ſeines Hauſes getödtet. Ueberall fand er im Lager die Truppen unter den Waffen; kriegsluſtiger Wortwechſel mit derbem, deut⸗ ſchem Scherz gemiſcht, ergötzte die auf dem Bajonett lehnenden Garden; Reiterpatrouillen zogen am Elbufer auf und nieder, mit brennender Lunte ſtanden die Feuer⸗ werker in den Batterien, und die Schildwachen am Strome ſchrien Schimpfreden hinüber gegen den jenſeits ſich ordnenden Feind. Herr von Hagen fühlte ſich ge⸗ ſtärkt durch dieſes Schauſpiel, und da die Nachtzeit be⸗ reits bedeutend vorgeſchritten, und die Regimenter zum Theil wieder in das Lager einzurücken begannen, ſo wollte auch er ſeinen Rückmarſch eben antreten, als ſeine Aufmerkſamkeit durch ein Zuſammenlaufen mehrer Offi⸗ ziere an einem Punkte, wo er den gewöhnlichen dieſſei⸗ tigen Landungsort wußte, erregt wurde, und er ſich von Neugier und wieder erwachender Beſorgniß dorthin ge⸗ zogen fühlte. Sein alter Oberſt war zugegen. Sie wollen parlamentiren, flüſterte er ihm zu; ei Gaſt, der, ſowie er ins Wirthshaus tritt, nach der Zeche fragt, hat meiſtens keinen gefüllten Beutel. Seht dorthin, da haben ſie die weiße Fahne aufgepflanzt, und das breite Boot, welches ſo eben abſtößt, wird uns einen der blauen Helden herüberbringen. Schon iſt der Kahn mit einigen Offi⸗ zieren ihm entgegen, damit er blind den Schnirkelweg heraufſpaziert, und ſich das ufer nicht im Gedächtniß abzeichnet.— Romain ſtand erwartungsvoll. Jetzt landeten die Boote, vor denen die im Mondlichte blitzende Flut widerſtrebend ſich in leuchtenden Halbzirkeln zu theilen ſchien. Die gelandeten Kriegsleute verſchwanden eine Weile zwiſchen den ſteilen, überhängenden Felſen. Dann erſchien der einzelne Franzoſe, geführt von zwei hanno⸗ ver'ſchen Offizieren, oben auf dem Bord; es war ein dürrer, doch ſtattlicher Mann in glänzender Uniform, nach ſeinem Abzeichen ein Colonel der Fußvölker; die gebogene Naſe und der wildgewachſene Schwarzbart ga⸗ ben ihm auch unter der weißen Augenbinde ein martia⸗ liſches Anſehen. Man nahm die Binde ab, und als ſeine Augen ihre Sehkraft wieder gewannen, vollten ſeine Blicke zuerſt überall umher auf der uferfläche, den Batterien und den Reihen der Schanzkörbe. Teufel von einer Poſition! ſprach er laut und ſtutzig Dann ſan⸗ ten ſeine dunkeln, tiefliegenden Augen, und die Rechte zum Salut an die bunte Kokarde ſeines Hutes legend, neigte er ſich höflich gegen den Kreis, der ihn umſtand, jeden der Anweſenden beſonders betrachtend, wobei ſein Blick ſchärfer und länger auf Romain zu verweilen ſchien, wenigſtens glaubte der Argwöhniſche, dieſe beun⸗ ruhigende Bemerkung gemacht zu haben. Zwei deutſche Der Conſul hatte die Suhlinger Convention nicht ratifizirt, 240 Herren, die den Parlamentair herüber geleitet, redeten jetzt emſig mit dem Oberſt, und den Colonel in der Mitte begab ſich alsdann der ganze Haufe in das Lager. Der verlaſſene Chevalier ſchritt langſam und tiefſinnig ſeiner Villa zu; es war ihm etwas Bekanntes in der Geſtalt und dem Geſichte des feindlichen Landsmannes entgegen⸗ getreten, dem jedoch ſein Gedächtniß, ſo ſehr er es an⸗ ſtrengte, keinen Platz in der Vergangenheit zu geben wußte. Doch der Anblick dieſer Uniform hatte ſeinen Haß ſo heftig geweckt, daß er zu Hauſe im Kabinet das glänzende Kleid des Loyal⸗Emigrees auspackte, den ele⸗ ganten Säbel zurecht legte, und entſchloſſen war, noch⸗ mals einen Gang mit den Verderbern ſeiner Familie zu ihun.— Es kamen nun jene denkwürdigen Tage voll unerwar⸗ teter Ereigniſſe, deren Ausgang das Vaterland in ein unbeſchreibbares, langdauerndes Unglück ſtürzte, deren Folgen noch von Enkel und Urenkel vielleicht empfunden werden dürften. Einen ſchweren Richterſpruch ſprach die verdammende Stimme des dem Elende und harter Be⸗ drückung preisgegebenen Volkes über diejenigen aus, welche man als die Urheber deſſelben nannte; doch wird es immer unentſchieden bleiben, ob die entgegengeſetzte Maßregel Rettung gebracht oder das Unglück geſteigert haben möchte. Ein großes, ſchmerzliches Gefühl ver⸗ wundete alle Söhne Hannovers, denn die Wunde traf die Ehre des Volkes, das nicht ſein Alles ihr geopfert hatte, und jeder Wackere las Schillers kräftigen Urtheilsſpruch damals mit in Scham gerötheten Wangen.— Jeder Tag, ja jede Stunde brachte etwas Neues, doch leider trübte ſich der Horizont immer mehr mit jeder neuen Botſchaft. — 244 wie man ſagte, weil König Georg ihr nicht ſeine Zu⸗ ſtimmung gegeben. Die feindliche Armee ſchien täglich ſtärker anzuſchwellen, und der Obergeneral muſterte ſie mehre Male, ſichtlich in der Abſicht zu ſchrecken. General Frere hatte Beſitz von Harburg und Stade genommen. Der däniſche General Ewald rückte an Dänemarks Gren⸗ zen und verſperrte im Fall eines unglücklichen Schlacht⸗ tages dieſen einzigen Weg zur rettenden Retirade. Mehre hundert Fahrzeuge aller Art und Größe, die räthſelhafter Weiſe von den Hannoveranern weder ver⸗ nichtet noch genommen worden, wurden von den höhern Stromgegenden herabgeführt und zur Ueberfahrt bereitet. General Berthier kam herüber mit Kapitulationsanträ⸗ gen, die auf unbedingte Ergebung und Abführung der hannoverſchen Truppen nach Frankreich lauteten, und der hitzige Franzoſe forderte nach Tagesfriſt Antwort. Dazu drängten ſich täglich Deputirte der hannoverſchen Land⸗ ſchaft zu dem Feldmarſchall, die ihn beſchworen, das Land nicht durch eine nnnütze Gegenwehr zu verderben und ſeine Einwohner der roheſten Gewaltthat und Plün⸗ derung auszuſetzen. Alle dieſe Hiobspoſten blieben, was unverantwortlich ſchien, nicht im Geheimniß der Obern und Vorgeſetzten, ſondern liefen, als geſchähe ihre Ver⸗ breitung abſichtlich, im Lager umher, und da jetzt als neueſte Verhandlung die Nachricht durch die Regimenter ſtrich, daß nur der gemeine Soldat kriegsgefangen in das fremde, verhaßte Land geſchleppt werden ſollte, der Offizier auf Ehrenwort im Vaterlande zurückbleiben dürfte, da murrien die alten, braven Rothröcke, und bald brach die böſeſte Peſt eines Heers, Meuterei und Inſubordination, an das Licht. Ein Reiterregiment gab zuerſt die Loſung, mehre folgten, und ſelbſt die Garden Blumenhagen. VIII. 16 242 vergaßen ihre Pflicht, als ein Muſter den Kriegsgefährten vorzuleuchten. Was half es, daß ein braver Kornet vom Leibregimente einige Dragoner des Zweiten zuſam⸗ menhieb, die ſich unter ſeine Leute gemiſcht, um mit rebelliſchen Worten ſie zu gewinnen? Mit Noth rettete er ſein Leben und die Glut loderte dadurch nur verderb⸗ licher auf.— Was half es, daß man ein Fußregiment entwaffnen ließ? Was half die cäſariſche Rede des Feld⸗ marſchalls vor der Fronte? Er mußte die derbe Gegen⸗ rede eines grauen Wachtmeiſters vernehmen, der ihn mit⸗ ten im Gottes⸗Sonnenlichte fragte: Warum man die treuen Soldaten nicht an der Grenze gegen den Feind geführt? Warum man ihnen den Sold vorenthalten? Warum man ſie in einen Winkel eingeſperrt ohne Pro⸗ viant und Munition, wo jedem Gemeinen die Hoffnung auf glücklichen Ausgang erlöſchen müſſe, und wo man ſie opfern wolle, um nur die Commandirenden zu ſalviren? — Iſt es gerecht vor Gott, ſchloß er ſeine Kraftſprüche, dem alten Soldaten zuzurufen: Laß Dich ſchleppen in die fremde Wüſte zum Frohndienſt, oder wirf Dein rothes Ehrenkleid hin, und geh und bettele Brod für Weib und Kind?— Ein lautes Murren und Waffengeklirr, welches durch die Reihen lief, ſprach den Beifall wie den tiefen Unmuth der Regimenter aus, und beſtimmten des bedrängten Füh⸗ rers Entſchluß. Zu ſpät gelang es den Offizieren, die das Vertrauen ihrer Kolonnen beſaßen, die Verführten zur Pflicht zurück zu leiten; der Feldmarſchall erklärte ſeinen Widerwillen, ſeine Scheu, nach dieſen Vorfällen einen Kampf zu wagen, erklärte die Kapitulation ge⸗ ſchloſſen, welche Auflöſung der ganzen Armee, jedoch mit Entlaſſung der Truppen in ihre Heimath, ausſprach. 243 Die Familie von Hagen hatte an allen dieſen Er⸗ eigniſſen, von welchen ſie durch ihre Freunde, den Oberſt und den Rittmeiſter, täglich die ſicherſte Nachricht erhalten, den innigſten Antheil genommen, und Cheva⸗ lier Romain, der mit einem Leichenantlitz ſtumm und reſignirt zwiſchen den Seinigen umherging, und keinen Rettungsplan in ſeinem gedrückten, wie ausgedörrten Gehirn finden konnte, ſah die Hauptſcenen derſelben mit einer Selbſtqual, zu der ihn ſein böſer Geiſt unwider⸗ ſtehlich trieb, vom höchſten Fenſter ſeines Erkers durch ſein nur zu getreues Fernrohr an. Er ſah den franzöſi⸗ ſchen Obergeneral mit ſeinem Stabe auf einem breiten Fahrzeuge von Ortlenburg abſtoßen, und die Mitte des Stromes gewinnen. Da leuchtete ihm noch ein letzter Hoffnungsſtrahl. Der graulockige Artilleriehauptmann auf der Hauptbatterie commandirte: Feuer!— Ein Blitz fuhr von dem wohlgerichteten Geſchütz empor, die Kugel ſauſete über das Waſſer, und zerſchlug den Maſt über den Häuptern des feindlichen Kriegsoberſten. Verhäng⸗ nißreiche Kugel! Was würde geſchehen ſein, hätte das Auge des alten Kapitäns um eine Spanne tiefer ge⸗ richtet?— Adjutanten flogen heran, tobend und ver⸗ weiſend; die Lunte wurde gelöſcht, und von Schnacken⸗ beck her ſchiffte der Feldmarſchall heran und— mitten auf dem deutſchen Strome, als ſollte kein Fleck vater⸗ ländiſcher Erde das ſchändende Wort aufnehmen und den Nachkommen verrathen, wurde mit zwei Federzügen das Schickſals eines Volks entſchieden.— Mit innerm Fieberfroſt ſah Romain die ſchnellen Folgen dieſes⸗ ſchwar⸗ zen Augenblicks. Das ganze Lager löſete alſobald ſeine ſchöne Ordnung in ein wildes Chaos auf. Hier ſaßen die Reiter ab, koppelten ihre Pferde zuſammen, oder 244 ließen ſie unmuthig in's Freie laufen; die Fußvölker warfen ihre Gewehre zuſammen, oder vernichteten ſie in unnützer Wuth, die blanken Geſchütze ſtanden verlaſſen, und die drohenden Maſchinen hielten wie in ſtummer Verwunderung den dunklen Rachen gegen den jubelnden Feind geöffnet; dort riß ein verzweifelnder Fahnenjunker die Standarte von ihrer Stange und barg die geliebte Seide auf ſeiner Bruſt; dort vergruben einige alte Gar⸗ diſten ihre Fahnen in die Erde, um wenigſtens den Ver⸗ ſuch zu machen, dieſe Heiligthümer der verhaßten Hand des Ehrenräubers zu entziehen. Schwindel umfing den unglücklichen Hausvater, Ne⸗ vel deckte ſeine Blicke, er ſah ſich als den unglücklichſten, den verlorenſten von allen dieſen Tauſenden, und wan⸗ kend, taumelnd ſtieg er hinab von ſeiner Warte, trat ein zu ſeinen Lieben, befahl ſtammelnd und wie außer ſich, die Pferde zu ſatteln, den Wagen anzuſpannen, und ſank entkräftet und betäubt in ſeinen Seſſel. Der Oberſt war bereits abgereiſet, aber der Freund, der Dragoner, hatte ſein Wort gehalten und war zu⸗ gegen. Schmeichelt ihm nicht, ſondern ſcheltet ihn tüch⸗ tig aus! rief er den Frauen zu, die mitleidig ſich an den Hausherrn drängten. Wer in böſen Stunden den Kopf verliert, macht ihnen die Thür weit auf; thut es ein Mann, und dazu in Gegenwart ſchöner Augen, ver⸗ liert er mit dem Kopfe den Hut und Reſpekt, und das iſt oft mehr verloren, als den Kopf. Faſſet Euch, Ro⸗ main, Ihr waret ja ehedem ein ſo braver Soldat, und bebtet nicht, als die Mitternacht vor Menin grauenvoll heraufzog. Iſt denn hier mehr als dort?— Romain deutete ſchmerzlich auf ſeine Madelon und den kleinen Eugen. Nun, Menſchenfreſſer ſind es nicht, — 245 lächelte der Dragoner, wenn ſie auch die ſchönen Frauen gern unter der Siegesbeute ſehen; das ſteckt ihnen ein⸗ mal im Blute. Ihr denkt noch beſtändig an Eure Sansculotten und Septembermänner, Chevalier, aber das liegt weit hinter uns, und der Conſul als ein gu⸗ ter Kanonier hält auf ordentliche Montur, ordentliche Waffen und ordentliche Kriegszucht. Der Obergeneral ſoll die ſtrengſte Dienſtordre haben und jede Ausſchwei⸗ fung ſtrafen ohne Anſehen der Perſon. Und warum fürchtet Ihr faſt kindiſch für Euch? Wer wird hier in den nordiſchen Heiden den Kapitän der Garde⸗Royale ſuchen? Die Euch kannten, ſchlafen vielleicht längſt Alle in Italiens Erde oder am Fuße der Pyramiden. Ver⸗ bergt Euch in Eurem Kabinet nur wenige Tage, und laſſet mich indeſſen den Hausherren ſpielen. Das feind⸗ liche Corps iſt zu klein für unſer ausgedehntes Land; die Mehrzahl wird raſch zur Reſidenz kehren, und von den Wenigen, welche bleiben, werdet Ihr vielleicht einen Huſaren zu füttern bekommen, und dann ſelbſt Eure Thorheit, Eure Knabenſucht verlachen, die Euren Lieben die zwerghafte Sorge zum Rieſen umſchuf, ſtatt daß es umgekehrt ſein müßte.— Adrienne ſah recht freundlich zu dem Tröſter auf und ſtellte ſich näher zu ihm. Madelon flüſterte: Vertraue, Geliebter! Du fühlſt ja Gottes Hand, denn er ſandte Dir den Freund!— Kann er retten, entgegnete Romain, ſo waltet des Bru⸗ ders Geiſt unſichtbar in ihm und über ihm.— Der Dragoner traf jetzt ſeine Anordnungen ſo frei⸗ müthig und gewandt, als wären ſie einem großen Fami⸗ lienfeſte beſtimmt. Die Zimmer der Beletage wurden beguem und elegant für die Gäſte eingerichtet, welchen * 246 Ranges ſie ſein mochten. Das Speiſezimmer unten füllte eine große Tafel aus, wohl beſetzt mit Flaſchen, Obſt und kalten Schüſſeln. Der Anblick eines einla⸗ denden Mahles lockt das Blut vom Gehirn zum Magen, ſprach er ſcherzend, und kein Kriegsmann grollt, wenn volle Becher winken.— In dem daran ſtoßenden Fa⸗ milienzimmer ſollten die Damen mit dem kleinen Eugen verweilen und zwar bei offener Thür. Der gemeinſte, roheſte Franzos iſt galant; Galanterie iſt ſeine Natio⸗ naltugend, lachte er dem widerſprechenden Hausherrn zu. Zutrauen weckt Zutrauen, auch im eiſernen Gemüth, und ſo ein lieblicher Kindeskopf wird dem Grauſamſten zu einer Engelserſcheinung, in deren Nähe er ſich der Sünde ſchämt.— Romain mußte ſich in das Kabinet daneben ver⸗ ſchließen, da er den ſichern Platz am Erker aus Liebe zu den Seinigen verſchmähete, und er ſollte als krank gemeldet werden. So gingen die Morgenſtunden des 5. Julius 1803 vorüber und es ward Mittag, ehe die bange Erwartung in der Wirklichkeit ihre Erlöſung fand. Jetzt hörte man fernen Trompetenmarſch, jetzt näher den raſchen Trom⸗ melſchlag Frankreichs, und der Rittmeiſter trat auf den Vorplatz und in die weitgeöffnete Pforte des Hauſes. Schon war ein großer Rüſtwagen auf den Hof gefah⸗ ren, und ein dünner, kerzenlanger Mann in hellblauer Uniform, der, trotz des ſchwarzen Bartes und des De⸗ gens an der Hüfte, eben kein kriegeriſches Anſehen hatte, gab den Trainſoldaten Befehle. Ehe er jedoch nach Vol⸗ lendung ſeiner Anordnungen das Haus erreichte, ſprengte ein Colonel mit mehren Offizieren durch das Thor und warf ſich vom Pferde. — — 247 Ihr ſchon da, Payeur? rief er mit rauher Stimme wie höhnend dem Hellblauen zu. Ihr habt eine gute Naſe für die Töpfe Egyptens von den Vätern her, und der Rauch vom Schornſteine des ſtattlichen Hauſes hat Euch Flügel angeſetzt.— Die Kaſſe der Siebenundzwanzigſten muß unter Dach, ſo lautet mein Ordre, antwortete der Angerufene, doch ſichtlich ſcheu und reſpektvoll.— Eure Beutel haben weder Zunge noch Kehle und werden ſich ſchon mäſten ohne Koch und Kellner im oc⸗ cupirten Lande, lachte laut der Colonel. Die Halbbri⸗ gade aber iſt vom Oberſt bis zum Tambour dürr ge⸗ worden in der verdammten Heidgegend und ſehnt ſich nach einem Kanaan. Wir halten Vorhand darum. Den Wagen in die Scheuer dort, Ihr aber möget mit uns eintreten, ein Schweinsrippchen wird ſich finden für Euch, und dieſes Haus ſcheint mir weit, wie der Schooß Abrahams, und mag allen Gläubigen weichen Platz geben.— Unter dem Beifallsgelächter ſeines Geleites trat er durch die Pforte, maß jedoch mit verdüſterten, ſtolzen Blicken den Dragoner, der ihm entgegen kam und im Namen des ihm verwandten, kranken Hausherrn die Gäſte bewillkommte. Ohne eine Antwort zu geben, ging der Franzos an dem Rittmeiſter vorüber, doch im Sa⸗ lon ſchien er überraſcht durch den Anblick der Tafel und der beiden ſchönen Damen, und ſein barſches We⸗ ſen löſete ſich in eine wunderbare Freundlichkeit auf. Sein finſteres, feindſeliges Geſicht wandelte augenblick⸗ lich den Charakter, und mit einer Ritterlichkeit, die ihm wohl ließ, trat er, den Hut ein der Hand und den De⸗ gen unter dem Arm, pofort in das zweite Zimmer, und 248 vegrüßte höflich die Schweſtern, und Groll und Härte ſchwand gänzlich aus ſeinem Benehmen, als die Haus⸗ frau ſeine ſeine Entſchuldigung in ſeiner Mutterſprache erwiderte. Triumphirend winkte der Dragoner der ſchönen Adrienne; die Fremden legten die Waffen ab, und man ordnete ſich zur Tafel, bei der auf Bitte des Colonels die Damen die oberſten Plätze einnehmen mußten. Bin ich nicht ein guter Prophet? flüſterte Adolph ſeiner Nachbarin zu, da das freundliche Geſpräch immer traulicher ward, der Colonel den Burgunder pries, den er kaum daheim ſo gut getrunken, mit Feuer im Cham⸗ pagner die Geſundheit der liebenswürdigen Hausfrau trank, den kleinen Eugen auf ſeinen Knien mit Erdbee⸗ ren fütterte, und den Payeur, welcher unten am Tiſch beſcheiden Platz genommen, mit ſeiner lahmen, einge⸗ frorenen Zunge aufzog.— Madame und Demoiſelle müſſen Nachſicht haben mit unſerm jungen Kameraden dort, ſpöttelte er lachend. Unſer Freund iſt brav und ein rechtſchaffener Schatzmei⸗ ſter, der die Seele der Brigade, das blankgeprägte Gold bewacht wie ſein Auge. Aber ſeine Ahnherren ſchreiben ſich vom Stamme Levi, und die allmächtige Revolution hat vergebens an ihm Waſſer und Blut vergeudet, der Treue iſt in keinem Quartier in ſeinem Wohlbehagen, wo nicht das Gebotsſtreifſchen an dem Thürpfoſten gena⸗ gelt prangt und die Moſistafel die Wand ſchmückt.— So redend hob er die Augen zu der Wand ihm gegen⸗ über, wo ſie aber ſtarr gefeſſelt haften blieben, und da zugleich ſein Mund wie durch einen Wetterſchlag getrof⸗ fen verſtummte, die Röthe ſeines Geſichts in eine gelb⸗ liche Bläſſe überging, welche zwiſchen dem ſchwarzen 249 Barte den Zügen etwas Grauenhaftes und Geſpenſtiſches gab, in ſeinen Augen jedoch zugleich ein feindſeliges Feuer aus den Tiefen nach Außen zu quellen ſchien, ſo folgten die Augen aller Anweſenden der Richtung ſeiner Blicke, und trafen auf das Oelgemälde des Herrn von Hagen, welches neben ſeiner Madelon an der Zimmer⸗ wand hing, und das man nicht beachtet und deßhalb herabzunehmen vergeſſen hatte. Eine kurze, jedoch höchſt ängſtliche Pauſe folgte; Madelon griff nach der Hand der Schweſter, der Dra⸗ goner beobachtete den Colonel erwartungsvoll und lauernd. Doch dieſer löſete ſchnell ſelbſt alle Zweifel und Muthmaßungen über ſein verwandeltes Benehmen. Sein Blick wurde wild, blinkend, ſcharf wie das Auge des blutgierigen Adlers, wenn er von der Ureiche ſich herabſtürzt auf den Schwan des Miſſiſippi; eine bos⸗ hafte Freude belebte zugleich ſeine Züge. Monſieur le Marquis, Ihr hier? rief er. Hier am Ende der Welt hätte mir der Teufel die ſchönſte Freude meines Lebens aufgehoben? Und bei der Hölle, ich will ſie genießen! — Raſch mit der Ferſe den Stuhl zurückſchleudernd, ergriff er den Knaben und ſtellte ihn hoch auf die Ta⸗ fel. Nicht wahr, mein lieber Junge, fragte er das Kind mit höhniſcher Freundlichkeit, das da iſt der Papa, der gute Papa?— Das Kind ſah das Bild an und klatſchte in die Händchen. Papa! rief der Knabe, ja der Papa! Aber Papa iſt krank, und hat lange nicht mit dem kleinen Eugen Krieg geſpielt.— Jetzt brach die Wuth des Franzoſen in volle Brunſt aus. Betrü⸗ ger, elender Heuchler! rief er, darum der ſchmeichelnde Empfang, darum die Schmiegſamkeit der Damen! Der Hausherr iſt ein Emigree, einer der boshafteſten Feinde 250 unſeres Vaterlandes. Er hat jahrelang die vatermörde⸗ riſchen Waffen gegen die Republik getragen, hat Hun⸗ derte der Söhne Frankreichs morden helfen. Ich ſah ihn ſchon, als ich der Erſte über dieſen Fluß ſchiffte, ſein Geſicht fiel mir auf, doch das flimmernde Mond⸗ licht machte mich ungewiß. Er war damals mitten unter den Feinden, ihr Spion ſicherlich, ihr Rathgeber gegen uns. Heraus muß er, muß in meine Hand ge⸗ geben ſein.— Er griff ein Meſſer vom Tiſch und zuckte es gegen des Kindes Gurgel.— Gebt ihn her⸗ aus aus ſeinem Verſteck, ruft ihn augenblicks vor das Gericht ſeines Erzfeindes, oder dieſer Stahl färbt ſich in nächſter Minute mit dem Blute ſeiner Brut, ſo wahr ich Nicola Favras mich nenne!— Es war jener Nicola de Licou, der ſich als Jakobi⸗ ner Hachette, Hackbeil, umgetauft, ſpäterhin aber den Namen ſeines hingerichteten Ohms wiederum angenom⸗ men hatte, um ſich den Beſitz der Güter deſſelben deſto feſter zu ſichern. Die Schweſtern ſchrien laut auf, der Rittmeiſter fuhr vom Seſſel empor und ſprang nach ſeinem Säbel, der Knabe aber weinte: Hilf, Mama, der böſe Mann will mich ſtechen! und Madelon ſchrie laut um Hülfe und tau⸗ melte um die Tafel und ſank in die Knie vor dem jetzt wieder dunkelroth glühenden Wütherich. Da flog die Kabinetsthür auf und Herr Romain ſtürzte heraus, den bloßen Degen in der Rechten.— Halte ein, Unmenſch! kreiſchte er mit gebrochener Stimme. Nimm mich, nimm mein Leben, nur laß die Unſchuld unverletzt. Dein Haß hat die ganze Familie de la Haie zertrümmert, vernichte auch den letzten Stamm, nur den ſchuldloſen, zarten Keim verſchone, an welchem Frankreich kein Anrecht hat.— .* 251 Der Colonel lachte wild auf. Biſt Du ſo zahm ge⸗ worden, ſtolzer Königsfreund? fragte er mit Spott. O, warum iſt die ſchöne Zeit vorüber, wo ich Dir dieſes Knaben Kopf hätte entgegenſchleudern dürfen, und einen Leichenacker machen dürfen aus dieſem Deinem Hauſe! Aber Du ſollſt mir wenigſtens nicht entgehen! Nieder mit den Waffen, Du längſt dem Tode verfallener Hoch⸗ verräther! Nieder zum Boden, ich will Dich nicht länger ſo mir gegenüber ſehen.—„ Er ließ den Knaben aus der Hand, und das Kind taumelte auf die Tafel hin zwiſchen Schüſſeln und Be⸗ cher, kaum von der gegenüberſitzenden Adrienne aufge⸗ fangen; zugleich ſtieß er mit roher Hand die knieende Madelon zur Seite, daß ſie zu Boden ſchlug, und ſo ſetzte er an, ſich auf den mit dem vorgehaltenen Degen Schutz ſuchenden Hausherrn zu werfen; aber der Dra⸗ goner, im Herzen empört, vor Ingrimm entglüht und Alles vergeſſend war bereits in ſeiner Nähe, und mit der ſtarken Fauſt packte er jetzt den Tobenden an der Bruſt, und mit ſeiner deutſchen Rieſenkraft warf er ihn zurück, daß der Wuthſchäumende kaum ſich zwiſchen den Seſſeln aufrecht zu halten vermochte. Stutzend, doch mit verdoppeltem Zorn richtete ſich jetzt ſein Wüthen gegen den Rittmeiſter. Elender Kriegs⸗ gefangener, ſtieß er mit gebrochenen Tönen hervor, was miſcht Ihr Euch in ein fremdes, verlorenes Spiel? Wollet Ihr ſchlagen, warum ſchluget ihr Feiglinge nicht an der Elbe? Adjutant, nehmt dem Verrückten den Säbel ab, und führt ihn zum nächſten Wachtpiket. Er hat die Kapitulation verletzt und iſt dem Kriegsrecht verfallen.— Der Adjutant rührte ſich nicht; des Dragoners 252 Kühnheit hatte die Fremden in Reſpekt geſetzt. Der Ritt⸗ meiſter hob ſeinen Säbel in der Scheide gegen den Co⸗ lonel in die Höhe und trat ihm noch um einen Schritt näher. Ich kenne Euch, ſagte er mit verächtlicher Kälte, Herr de Licou oder Citoyen Hachette oder wie Ihr Euch ſonſt noch getauft haben möget. Ich kenne Euch, denn ich bin der Freund des Mannes dort, den Ihr verderben wollt. Aber ich ſtehe feſt in Euerm Wege, und Ihr müßt mich zuvor kalt machen, ehe Ihr Jemanden aus dieſer trefflichen Familie nur ein Haar krümmet. Der General en Chef, der Conſul ſelbſt mag Recht ſprechen, aber nicht Ihr ſollt die Wolluſt haben, Eure Rachwuth perſönlich zu ſättigen. Ihr habt mich und meine Kame⸗ raden elend und feig genannt, dafür nenne ich Euch einen Schurken, der das Ehrenkleid ſchändet, das er trägt, und den der Conſul mit umgewendeter Montur hinter das Regiment ſchicken würde, kennte er Euch, wie ich Euch kenne.— Wie ein neuer Sturmſtoß raſete die Wuth des Co⸗ lonels auf; ſeine Augen traten faſt aus den Höhlen, ſeine Lippen wurden blau, ſeine Arme zuckten. Hinaus ins Feld! ſchrie er. Hinaus im Augenblick! Nur einer von uns kann leben: Züchtigen— züchtigen will ich die Zunge, die ſich ſo erfrechte, züchtigen, daß ſie die Erde lecken ſoll im Todeskampf. Hinaus, Herr Rothrock, zittert vor der Pariſer Klinge!— Mein Pferd ſteht noch geſattelt und ich bin bereit! rief geſetzt und männlich kalt der Dragoner, innerlich jedoch frohlockend, daß er den Feind auf ſich gelockt, daß er ihn hinwegzubringen und den Bedrängten Zeit zu verſchaffen vermocht. Er rief zum Fenſter hinaus ſeinem Reitknecht zu, der Colonel aber kehrte nochmals —9 —9 253 von der Hauspforte zum Salon zurück, und kreiſchte den im Staunen über die Vorgänge verſtummten Offi⸗ zieren ſeine Befehle zu. Paillard und Rondisre, ſtot⸗ terte er mit rollenden Augen und wie ſinnberaubt, laßt den Verräther nicht aus den Augen, entwaffnet ihn, knebelt ihn gleich dem gemeinſten Marodeur und Mord⸗ brenner, denn er iſt nichts Beſſeres. Kapitän Bühot, Ihr meldet dem Generallieutenant, was hier geſchehen, bis ich ſelbſt ihm den ſaubern Fang präſentire. Mit mir! Lieutenant Raffour, in zehn Minuten ſind wir wieder zur Stelle.— Wie mit Zauberſchnelle ſah man bald darauf den hannoverſchen Rittmeiſter, den Colonel und den Adju⸗ tanten hoch zu Roß vom Hofe ſprengen, und alle drei trabten an dem Ufer des Stromes hinauf und verſchwan⸗ den dort, wo ſich das Ufer nach Norden bog, hinter den Zäunen des Ackerlandes. Eine kurze Zeit lang wurde jetzt das Gehöft von einer ſtillen Pauſe beherrſcht, die ſonderbar gegen das frühere Gelärm innen und außen abſtach. Die Train⸗ ſoldaten ſah man verwundert aus den Stallthüren her⸗ vorblicken und der wilden Jagd am Ufer neugierig nach⸗ gaffen; die Knechte und Arbeitsleute des Gutsherrn, welche ſich auf der Hausflur vorher ſchon verſammelt, ſobald ſie vernommen, ihr verehrter Herr ſei in Noth gerathen, und von denen Mehre durch ihre Geberde und ihre Bewaffnung die getreue Abſicht ohne Scheu andeu⸗ teten, ſtanden verdutzt, da ſie ſo unerwartet den Haupt⸗ feind und den bekannten Freund ſich entfernen ſahen, und nur aus der geſchloſſenen Thür des Salons tönte ein dumpfer Wortwechſel fort, der jedoch unverſtändlich blieb, und in die Stille wie fernes Murmeln der Brandung 254 des Meeres erklang. Jetzt öffnete ſich die Saalthür und der ſchwarzbärtige Payeur trat hinaus und vor ihm wichen die Hausleute, theilten ſich an die Wände und machten ihm Platz zur Hauspforte. Der Franzoſe trug den kleinen Eugen auf dem Arm und führte die bleiche, ſchwankende Adrienne an der Hand.— Courage, Mademoiſelle! ſprach er treuherzig. Mun⸗ ter vorwärts, denn die Zeit iſt koſtbar. Kapitän Bühot hat nicht ein ſo bös Gemüth wie Monſieur der Colonel. Er wird nichts Böſes thun mit dem guten Herrn Mar⸗ quis, und finden wir den General en Chef bevor der Colonel zurückkommt, werdet Ihr Alle werden geſichert. Der Generallieutenant iſt Freund von Kindern und guten Damen, und bitten wir nur recht ſehr, wird er gütig ſprechen, denn er war heute ſehr froh über die Bezwin⸗ gung der Armee ohne Verluſt eines Scharfſchützen, und träumt von nichts als den Lobſprüchen des erſten Con⸗ ſüls.—„ Adrienne ſchien ſich zu ermannen und ihrer Furcht mächtig zu werden, da trafen die Supplikanten auf einen Huſarenoffizier, der eben im Gallopp vor der Pforte ankam. Es war ein Kapitän der Braunen, ein hochgewachſener, kräftiger Mann mit einem edeln ein⸗ nehmenden Geſicht trotz der ſich darauf kreuzenden Nar⸗ ben, welche als lebendige Hieroglyphen von ſeiner Bra⸗ vour erzählten. Einen Becher Wein, ſchnell, für den General! herrſchte er in deutſcher Sprache den Hausleuten zu, indem er zurück auf einen Reiterzug zeigte, der langſam auf der Straße, die an dem Landhauſe vorüberging, daher zog, und durch das reiche Gold, welches von den Uniformen blitzte, und durch die rothen wallenden 255 Federbüſche, die darüber wogten, fernhin die Vornehm⸗ ſten des Heeres ankündigte. Der Payer ſchrie freudig auf, als er die Vorderſten des Reiterzuges erkannte. Wir haben nicht weit, Mademoiſelle! rief er. Der Ge⸗ neral haben die Güte, uns ſelbſt entgegen zu kommen. — Als er jetzt aber ſeine Augen zu dem braunen Huſa⸗ ren aufſchlug, der ihm zurief: Ben, biſt Du trunken? Spielſt den Paris, und entführſt die Helena zuſammt dem kleinen Aſtyanax?— da ſchrie er noch lauter auf, ſetzte den Knaben nieder, und war in einem Satze von den Steinſtufen herab neben dem Steigbügel des Schnurrbarts.— Nein, nicht trunken, kreiſchte er, ſehe ich doch Euch wie einen Engel mit dem Schwert angekommen zu beſter Stunde! O auf welchen Flügeln kommet Ihr denn da⸗ her? Waret Ihr doch noch nicht bei uns, als wir paſ⸗ ſirten die Iſſel; waret noch nicht beim Regiment als wir betraten dieſes Land. Aber Ihr ſeid da, Gott ſei's ge⸗ dankt; ſteigt nur ab von dem Pferd und geht hinein, ſpornſtreichs hinein, wo Ihr werdet erwartet, wie ein Bote vom Himmel.— Der Huſar antwortete nicht, hörte nicht, ſeine Augen hafteten auf der Geſtalt der ſchönen Adrienne und ſeine Züge trugen den Ausdruck eines Menſchen, dem im blei⸗ chen Mondlicht um Mitternacht plötzlich eine geiſtige Er⸗ ſcheinung aus dem Wege herauf ſteigt. Ben, ſagte er halblaut und preßte des Payeurs Hand auf das Heftigſte, ſprich, iſt ſie es, iſt ſie es nicht? So war ſie ja, und doch war ſie anders. Zwei Schüſſe elen jetzt faſt gleichzeitig nicht gar fern hinter dem Garten, Adrienne that einen Angſtſchrei, be⸗ deckte mit den Hünden ihr Geſicht und floh in das Haus 256 zurück; zugleich aber trabte der Obergeneral mit ſeinem ganzen Gefolge in den Hof herein. Es war ein langer Mann, in ſteifer, gezwungener Haltung auf ſeinem Schim⸗ mel ſitzend, dem man es anſah, daß er ſich Mühe gab, impoſant zu erſcheinen, da ihm die Natur dieſen gewünſch⸗ ten Vorzug, trotz ſeiner Körperlänge, verſagt hatte. Sein charakterloſes, gewöhnliches Geſicht trug jedoch in dieſem Augenblicke einige ungewöhnliche Marken in ſich, die auf Sturm zu deuten ſchienen. Wer ließ ſchießen? Was ſoll der Tumult hier im Hauſe? ſprach er mit Haſt. Wer⸗ den ſo meine Ordres befolgt? Sind die entwaffneten Truppen nicht noch beiſammen? Will man mir meinen ſchönen Tag verderben? Und habt ihr vergeſſen, was ein Aufſtand der Bauern und Bürger bedeutet? Kapitän Bühot, ſchnellen Beſcheid, wer iſt der ſchuldige Militär? Was ſollten die Schüſſe?— Der Kapitän, der eben vom Salon herantrat, be⸗ richtete kurz den Vorfall, meldete die Gefangennehmung eines Emigrées, eines Condeeres und Ritters des ſoge⸗ nannten achtzehnten Ludwigs, den Herrn de Favras er⸗ kannt und feſtgehalten.— Und wo iſt der Colonel? fragte der General.— Zum Duell mit einem Offizier der Hannoveraner, antwortete der Kapitän. Dort kehrt der Adjutant und er wird melden können, was geſchah.— Der General wandte ſogleich ſeinen Schimmel dem Lieutenant zu, der in geſtreckter Karriere und mit bleichem Geſicht daher ſprengte. Wo iſt Favras? warum fiellt er ſich nicht ſelbſt, uns Auskunft zu geben über ſtreng verbotene Mißhandlung eines Hausbeſitzers dieſer Provinzen? fragte der Com⸗ mandeur.— — —————— — S— 257 Mein General, antwortete der Lieutenant mit Achſel⸗ zucken, der Colonel iſt entſchuldigt. Er kann ſich nicht ſtellen, denn er iſt als Freiwilliger auf dem Wege, uns in England Quartier zu beſtellen.— Monſieur Raffoux, keine Badinage! zürnte der Ge⸗ neral.— ⁰ Der Lieutenant legte reſpektvoll die Hand an den Hut und berichtete im Style eines militäriſchen Rapports. Im Reiten zu der entfernten Uferſtelle hatte man die Ordnung des Duells beſtimmt, und da die Waffen, Sä⸗ bel und Degen, ungleich geweſen, ein Duell auf Piſtolen gewählt, trotz des Erzählers Gegenrede, indem Favras, obgleich immer heftigen Charakters, noch nie ſo im Grimm erhitzt geſehen worden. Beide nahmen ohne ab⸗ zuſteigen Poſto, der Colonel mit dem Rücken dem Elb⸗ ſtrome zugekehrt. Man zielte, der Adjutant zählte und die Schüſſe fielen. Von Beiden war Niemand getrof⸗ fen, aber des Dragoners Kugel fuhr in den Kopf des Pferdes von ſeinem Gegner. Das Thier machte einen gewaltigen Satz; der Colonel, um ſich im Sattel des Pferdes zu erhalten, riß die Zügel ſtraff zu ſich ein, das Roß ſtieg, warf ſich hin und herüber, kam ſo auf den Rand des hohen Ufers, ſtieg nochmals und ſtürzte mit dem Reiter in das tiefe, rauſchende Waſſergrab hinunter.— Und ihr verſuchtet keine Rettung? ſtieß der General beängſtet hervor.— Der Verunglückte ward vom Strome dem andern Ufer zugetrieben und alle Schiffe lagen jen⸗ ſeits, antwortete der Lieutenant.— Und Ihr hieltet den Hannoveraner nicht feſt, ver⸗ ſuchtet nicht ſeine Gefangennehmung? zürnte der Gene⸗ ral weiter. Der Lieutenant zuckte wiederum lächelnd Blumenhage n. VIII. 17 258 die Achſeln. Mein General, ſagte er, ſetzet alle Pferde⸗ füße hier auf dem Hofe unter einen Bauch, und ich wette, auch der leichteſte Reiter unſer Kavallerie findet damit den Schweif vom Pferde des fremden Dragoners nicht wieder. Er ritt ein engliſches Blutroß beſter Art, und ſchoß wie ein Windſtoß über das Feld, daß er klein ward wie eine Schwalbe vor meinen Augen, ehe ich mich noch beſinnen konnte, was zu thun ſei.— Der General zog die Augenbrauen finſter zuſammen, indem er ohne Zögerung aus dem Sattel ſtieg. Folget mir, meine Herren, ſprach er gebieteriſchz wir haben einen braven Offizier verloren, und wer daran Schuld iſt, mag ſeinen Kopf hüten vor unſerm Rapporteur.— Der braune Huſar hatte aufmerkſam, doch ohne Be⸗ wegung und Einrede, dem Allem zugehorcht; nur als der Adjutant des Colonels Waſſerſprung berichtete, murrte er in ſich: Gericht des Himmels!— Jetzt aber wurde auch er raſch beweglich, ſaß ab und drängte ſich an die Seite des in das Haus ſchreitenden Generals, ſo daß er mit dieſem zugleich den Salon betrat. Der Chevalier Romain ſaß am Ende des Zimmers, Madelon ſtand neben ihm, wie ſein Schutzengel halb zu ihm niedergebeugt, die Offiziere hielten Wacht vor ihm, ſein Degen war in der Hand des Einen derſelben.— Seid Ihr der Feind Frankreichs? fragte der General zu dem Edelherrn hintretend mit heftigem Tone; aber jetzt ergriff der Huſar ſeinen Arm dreiſt und heftig und ſtörte ihn in ſeiner Zornrede.— Erlaubt, mein General! ſprach der hochgewachſene Reiter, indem er den Commandeur zum nächſten Fenſter führte, und dort in ſichtlich hoher Gemüthsbewegung ein kurzes Geſpräch mit ihm begann, an deſſen Schluſſe W — W — — „ 259 er die Bärenmütze vom Kopfe nahm und aus der himmel⸗ blauen Taſche derſelben ein Portefeuille hervorzog, wel⸗ ches er geöffnet dem General zur Anſicht reichte. Dieſer blätterte in mehren daraus genommenen Papieren. Selt⸗ ſam! Wunderbar! ſprach er bei dieſem Durchſehen. Ja, ja, meine Herren, ſagte er dann zu den Anweſenden ge⸗ wendet, es iſt ein Irrthum! Colonel Favras war zu vor⸗ eilig. Der Marquis de la Haie nebſt ſeinem jüngeren Sohne ſind geblieben in der Nacht bei Menin. Der ältere Sohn iſt durch ſeine Waffenthaten ein Liebling des erſten Conſuls geworden, man hat ihn und alle ſeine Verwandten von der Emigrantenliſte geſtrichen und er iſt in ſeine Fa⸗ miliengüter wiederum eingeſetzt. Unſer tapferer Freund hier hat uns die Papiere darüber vorgelegt. Der Beſitzer dieſes Eigenthums iſt frei, und wär's möglich, müßte der Colonel dieſer Familie die Angſt abbitten, welche ſein Irrthum ihr bereitet. Man braver Huſar, ſetzte er freund⸗ lich hinzu, übernehmt Ihr des Colonels Pflicht, und macht den Allarm wieder gut, den der Kriegsſtand bei den Da⸗ men vom Hauſe entſchuldigen mag.— Der braune Huſar trat vor und legte die Hand be⸗ wegt auf ſeine Bruſt und neigte ſich dankbar vor dem General. Romain war aufgeſtanden und ſtarrte den Hu⸗ ſaren an. Madelon aber ſchrie auf: Es iſt der Bruder! Es iſt Eugen, ſo wahr ein Gott lebt!— Romain! rief der Huſar. Haben denn die öſterreichi⸗ ſchen Reiter mein Antlitz ſo zerfetzt, daß der Bruder keinen Zug mehr erkennt?— Der Chevalier taumelte in des Huſaren Arme. Nicht todt? ſtammelte er. Und nochmals mein Schutzgeiſt? QO Gnade, mein Gott, dem Zweifler! Hat doch Niemand auf Erden einen ſolchen Bruder wie dieſer iſt.— 260 Eugen preßte den Schwankenden an ſein Herz, und ſtreckte ſeine linke Hand nach der ſchönen Madelon aus, aber nicht dieſe allein, ſondern auch die blondlockichte Adrienne faßte die dargebotene Hand und drückte ſie mit ſcheuer Herzlichkeit. Wir haben ihn gekannt, den wackern Kapitän der braunen Huſaren, Kapuziner genannt, wir haben ihn unter uns geſehen, den kraftvollen, faſt herkuliſchen Kriegsmann mit dem gebräunten, von drei Narben zer⸗ fetzten Antlitz, denn er lag faſt zwei Jahre hindurch in unſerem großväterlichen Hauſe im Quartier. Er war ein ganz Anderer wie die Mehrzahl ſeiner Kameraden; ernſt und ſittig, mäßig und beſcheiden, erleichterte er dem Bürger die Laſten, welche das unvermeidliche Schick⸗ ſal ihm zugewälzt; er lebte, wenn der Dienſt ihn frei ließ, gern im Hauſe, beſchäftigte ſich mit der neueſten, auch der deutſchen Literatur, und nahm gern an den Freuden der Familie Theil, ſo daß man ihn zuletzt ihr angehörig betrachtete, und das kleinſte Mädchen im Hauſe ihn nur den Onkel mit dem Ziegenbarte nannte. Die Frauen ſchienen ihm ſämmtlich zugethan, und ſie hatten nicht Unrecht, denn hatte der Krieg ſeinen Zügen auch übel mitgeſpielt, ſein großes Auge trug etwas Eigenes, Ueberirdiſches möchte man es nennen, in ſich, das die Herzen magnetiſch ihm zuzog. Oft erzählte er von ſei⸗ nen merkwürdigen Schickſalen, die wir Alle mit Theil⸗ nahme anhörten. Als er bei Löwen mit den Unglücks⸗ gefährten verurtheilt worden, ward er er von drei Kugeln getroffen, doch keine gab ihm eine Todeswunde. Unter dem Haufen der todten Kameraden fand ihn Abends darauf ein Landmann, und trug ihn mitleidig in ſeine — —— 5— 261 nahe Hütte. Der Mann hatte einen Sohn in den letz⸗ ten Gefechten verloren, und ſchien ſeinen väterlichen Schmerz durch die Pflege des fremden Jünglings betäu⸗ ben zu wollen. Eugens Bruſtwunde heilte nur langſam, und mehre Jahre gingen vorüber, ehe er ſeine volle Ge⸗ ſundheit, ſeine friſche Jugendkraft wieder gewann. Sein Pflegevater handelte väterlich an ihm, und in der gan⸗ zen Gegend galt er für des Erretters wirklichen Sohn. Aber Eugen konnte ſich nicht an die Einförmigkeit des Landlebens gewöhnen, obgleich ihn die Dankbarkeit lange Zeit an die kleine Hütte, die ihm eine neue Heimath ge⸗ worden, feſſelte. Nach dem Vater, dem Bruder hatte er geforſcht, und ihr Tod bei dem Ausfalle von Menin unterlag für ihn keinem Zweifel. Frankreichs Revolution nahm jetzt allmälig einen edlern und würdigern Cha⸗ rakter an. Jene Blutmenſchen waren ſelbſt als ver⸗ diente Opfer der eigenen Grundſätze gefallen, das in Gräueln und Unthaten überſättigte Volk hatte einer neuen Ordnung gehuldigt. Die Vernunft herrſchte wieder, die Geſetzloſigkeit hatte aufgehört. Eugen war Franzoſe und in der Abgeſchiedenheit ſeines Aſyls, in den Tagen ſeiner Körperſchwäche erwachte die Liebe zum Vaterlande neuer⸗ dings, die nicht leicht ein Franzoſe ſelbſt in dem fernſten Winkel der Erde zu tilgen vermag. Auch ſein National⸗ ſtolz erwachte durch die merkwürdigen Waffenthaten der franzöſiſchen Legionen, und die Heereszüge des Generals Bonaparte regten die ganze Theilnahme des jungen In⸗ validen auf. Mit der wiederkehrenden Kraft wuchs auch die Begierde nach Thaten und lohnender Beſchäftigung, ſo machte er ſich los von ſeinem Pflegevater, der ihn ungern ſcheiden ſah, und trat in das Heer ſeiner Nation unter fremdem Namen. Der letzte ſeiner Familie, ein 262 einſam ſtehender, namenloſer Flüchtling, gepreßt durch die grauſenvollſten Erinnerungen, ſuchte er nur Vergeſ⸗ ſenheit im Kriegsgedräng, nur einen Ehrentod im Schlach⸗ tendonner. Er trat in die Armee und focht gegen die— zahlloſen Feinde des neugeborenen Galliens. Seine Waf⸗ fenkunde, ſeine Bildung, ſein edles Aeußere zogen, ob⸗ gleich er jeden Prunk damit abſichtlich vermied, die Augen ſeiner Vorgeſetzten auf ſich, und er ſtieg bald bis zum Sergeant⸗Major in ſeinem Regimente; doch erſt in der Schlacht bei Marengo ſollte er die Augen des erſten Feldherrn des Zeitalters auf ſich ziehen. Die Schlacht ſchien verloren, da kam Deſaix mit der Reſerve auf der Ebene von Tortona an, und mit ihm Eugens Regiment. Der Angriff dieſer neuen Truppen war furchtbar und entſcheidend. Der General fiel tödtlich verwundet; doch grimmig rächten den Tod ihres Abgottes die erhitzten Krieger an den ſchon ſiegtrunkenen Legionen des Gene⸗ rals Melas; die braunen Kapuziner ſchlugen wie ein Hagelſchauer alles nieder, was in ihrer Bahn lag, ſtürmten die Hauptbatterie im Centrum, und Bona⸗ parte's Adlerauge zeichnete beſonders einen Unteroffizier aus, der immer voran war, mehre Fahnen nahm, mit einem kleinen Corps einige gefangene Generale frei hieb, und als ein wüthendes Kartätſchenfeuer ſeine Eskadron auseinander warf, ſich an die Spitze einer Grenadier⸗ kolonne ſtellte, und die verderbenſprühenden Geſchütze mit dieſen Tollkühnen eroberte und unſchädlich machte. Als am Morgen darauf Bonaparte das Commando an Maſ⸗ ſena übertrug, ernannte er zuvor Eugen zum Offizier und gab ihm das rothe Ordensband vor der Fronte der Kapuziner. Später vergaß er ihn nicht, und bald durch⸗ ſchaut von dem Scharfblicke des ſeltenen Mannes, geſtand V 263 ihm Eugen ſeine Herkunft, ſeine Schickſale, und durch des erſten Conſuls Gunſt bekam er ſeinen Familien⸗ namen und ſeine Erbgüter zurück.— Jetzt ſchien hier in der Fremde das Sickſal Alles, was es ſchwer auf des einen Mannes Haupt gehäuft, wieder vergüten zu wollen. Oft reiſete Eugen an die ufer des Elbſtroms, mehre Male beſuchte ihn die Familie in der Reſidenz, und es war wunderbar anzuſehen, mit welcher eigenen Achtung, man möchte Vergötterung ſpre⸗ chen, die ganze Familie, ſelbſt bis zum kleinen Eugen inſtinktartig hinab, den Onkel behandelte. Wenn ſie ankamen, der elegante Korbwagen am Hauſe hielt, der Huſar ſie in der Thür empfing, Romain einen herzigen Kuß auf ſeinen bärtigen Mund preßte, der kleine Eugen ſich an ſeine Hüfte ſchmiegte, Madelon ſeine linke Hand nahm und drückte mit Blicken, in denen die ganze Dank⸗ barkeit ihrer Seele ſich ergoß, er dann mit der Rechten die feine Hand der ſchönen Adrienne faßte, und auch dieſe zu ſich zog, die ihn von fern wie einen Schutz⸗ patron, den heiligen Georg oder Michael in Waffen zu betrachten ſchien, dann leuchteten ſeine Augen wie im Verklärungsſcheine und er ſah aus, als ſtände er hoch über der armſeligen Welt.—— Bonaparte hatte ſich indeß Frankreichs Kaiſerkrone aufgeſetzt, und der narkotiſche Zauber dieſes neuen Schmuckes füllte das Gehirn des ſtolzen Glücksſohnes mit Welteroberungsträumen. Auch das Heer, welches Hannover beſetzt gehalten, wurde durch die Kriegstrom⸗ mete zu neuem Schlachtruhm gerufen und Eugen ſchied auf viele Monate.—— Wir ſahen ihn noch einmal wieder. Bei Jena hatte eine Stückkugel ihm den rechten Arm genommen, der ———— —— 264 riefige Schwertmann hatte ausgefochten. Der Herr der Heerſchaaren hat Halt geboten, ſagte er ruhig und in gleichmüthiger Reſignation; und glaubt mir, wer nicht auf ſolche unſerer Zeit ſich in die Winterquar⸗ tiere einkäuft, wird ſie kalt und dunkel unter dem Boden finden, auf dem wir ſtehen; denn dieſer neue Kriegsgott hat ſeinen Kriegsplan ſo großartig angelegt, daß zwei Generationen ihre Knochen zum Fundament hergeben müſſen.— Er reiſete von uns, aber freundliche Briefe verkün⸗ deten uns von der Loire her die glückliche Auflöſung ſeiner Lebensräthſel. Romain, dem des Bruders Wünſche heilige Befehle waren, verkaufte ſeine Beſitzung an der Elbe, und die ganze Familie kehrte nach dem Heimath⸗ lande zurück. Stolz auf Eugens Werbung reichte ihm dort in dem Schloſſe ſeiner Väter die ſchöne Adrienne Hand und Ring, und wurde der Lohn ſeiner Hochherzig⸗ keit und ſeiner edeln Opferungen. Doch auch das Mo⸗ nument der Bruderliebe hatte die Wanderung von der Elbe zur Loire mitgebracht, und dort auf einem andern Hügel, mitten in einem Gewölb hochſtämmiger, vollblü⸗ hender Roſen aufgeſtellt, wurde es wiederum die heilige Familienſäule, an welcher ſich Morgens und Abends die Hausgenoſſenſchaft ſammelte, und ſpäter verſäumte Ro⸗ main keinen Tag, ſeine Söhne an den weißen Stein zu führen, und von dem Bruder zu erzählen, deſſen Name in der ganzen Provinz zum ſchönen Sprüchwort geworden. IV. Der Mutter Grab. Eine Novelle. . ** Ein bärtiger Korporal öffnete langſam und träge das ſüdliche Außenthor der Stadt Brüſſel. Nachdem er den einen ſchweren Flügel aufgeſtoßen, ſtrich er ſich mit der rauhen Hand noch einmal den Reſt des Schlaſes aus den trüben Augen, und ließ das ſchwere Schlüſſel⸗ bund dabei zu Boden fallen. Schwerfällig bückte ſich der alte Kriegsmann darnach, beim Aufrichten jedoch wurde ſein Blick belebter und ſtarrte neugierig auf die Heerſtraße hinaus. Mußte es doch auch den Wachtmann verwundern, ſchon ein lebendiges Weſen zum Thore her⸗ an ſchreiten zu ſehen, für welches er gerade zu rechter Zeit ſeine Schlüſſel gerührt zu haben ſchien; lag doch die Stadt noch im ſanften Morgenſchlummer, rührte ſich doch kein Fabrikmann oder Laſtträger auf den Gaſſen, hörte man vor den Herbergen doch nicht einmal einen fluchenden Fuhrmann, der ſein Viergeſpann zur frühen Weiterreiſe anſchirrte, denn eben hatte es erſt Drei ge⸗ ſchlagen auf dem Thurme und ſeit einem halben Stünd⸗ chen erſt hatte der Morgenſchimmer im Oſten der kurzen Sommernacht ein Ende gemacht, und die Frühluft ſtrich noch kühl über die Felder und ſelbſt die Schildwacht hinter dem Thor im bedeckten Gang, lehnte noch im Nachtmantel an ihrem Häuschen. — — 268 Der Heranwandelnde war ein junger, netter Mann, wohlgekleidet, ein Ränzelchen auf den Schultern, einen derben Dornenſtock in der Rechten tragend. Unter dem Sammetbaret blickte ein lebensmuthiges Auge hervor, und ein friſches Geſicht, das die Morgenluft noch höher geſchminkt hatte, und um welches das hellbraune Haar, durch den Thau ſchlichter geworden, weich bis zu Nacken und Bruſt herab hing; nur ein Hirſchfänger mit ſilber⸗ nem Griff und ſilberbeſchlagener Scheide, der am ſchwar⸗ zen Ledergurt hing, ließ vermuthen, daß der Reiſende etwas Beſſeres ſei, als ein vagabondirender Handwerks⸗ geſell, und ein kraushaariger ſchwarzer Pudelhund, der ihm voraus lief, als kenne er den Weg und ſei der Füh⸗ rer des Herrn, machte die Erſcheinung des frühen Rei⸗ ſenden zu einem noch freundlichern Bilde. Der Fremde war jetzt an das Thor gekommen, und indem er mit der Linken leicht ſeine Mütze berührte, wollte er mit einem vertraulich geſprochenen guten Mor⸗ gen hindurch ſchreiten, als der Korporal, der indeß den zweiten Flügel bei Seite geſchoben, mit einem barſchen: Halt da! Woher? Wohin? Und was für ein Lands⸗ mann 2— ſeine Schritte anhielt. Die Stimme trug etwas ſo Hartes und Feindſeliges in ihren Tönen, daß ſelbſt der Pudel, der bereits eine gute Strecke in das Ravelin der Feſtung hinein geſprungen, ſtutzend ſeine Sprünge hemmte und ſchnell an die Seite ſeines Herrn zurückkehrte, und ſein Gebell als muthige Antwort er⸗ tönen ließ. Der junge Mann lachte laut auf. Papa Mauritius Schwitken, rief er dazwiſchen, ſind Deine Augen in drei Jahren ſo blöde geworden, daß Du einem ehrlichen Brüſſeler Kinde die Thür des Vaterhauſes zuſchlagen —— ———————— ——————— 269 möchteſt? Oder muß Jac Wael, der ſo manchen Tag mit Deinen beiden groben Jungen Ball und Spanier geſpielt, Dir Paß und Kundſchaft bräſehen wie ein fechtender Schreinergeſell?— Der Korporal zog die grauen, dicken Augbraunen hoch auch. Wahrhaftig, unſer kuſtiges Jungherrlein! ſchnarrte er mit ſeiner verdorbenen Baßſtimme. Aber wie anſehnlich aufgeſchoſſen! Noch ein Jährchen in guter Fütterung, etwas mehr Fleiſch angeſetzt und das Knochen⸗ mark ein Weniges feſter gefroren, und Ihr könntet auf der Muſtercharte der Leibcompagnie paradiren. Loth und Kraut, wie werden die Brüſſeler Dirnen gaffen, und die Mühmchen vor allen, wie wird denen das Herz klopfen!— Wir haben Paris geſehen, Papa Schwitken; aber leider nur als ein armſeliger Scholaſt, antwortete der junge Menſch mit einem Seufzer. Wäre es nach unſerm Sinn gegangen, hätten wir längſt ein derbes flamändiſch Roß zwiſchen den Knien und eine Blechhaube auf dem verſchnittenen Haar. Aber der Herr Ohm und Vormund wollten es nicht anders, und wir mußten uns gratuliren, daß der geſtrenge Herr uns wenigſtens die Wahl ließ zwiſchen der dumpfigen Schreibſtube und den freiern Stu⸗ dien. Nun, gelernt haben wir Etwas aus Langerweile, denn der Ohm zählte uns die Gulden ſehr knickerig zu, und ließ uns kurz anbeißen. Jetzt geht's nach Leyden, und iſt uns der rothe Hut vom Dekan auf das Haupt geknetet worden, dann kuriren wir Dir Dein Zipperlein gratis, und geht's zum letzten Ausmarſch, bringen wir Dich methodice ins Quartier.— Immer noch das ſpaßige Herrlein, ſchmunzelte der Kriegsmann; aber ſo lange der Genever ſchmeckt, hat es * 270 nicht Noth mit dem Schicken nach dem Medikus. Reget ſich auch im Frühjahre ſo eine alte Campagne in der Ferſe oder dem Schulterknochen, wir haben nicht ſo locker gewirthſchaftet, wie der Herr Fagel und Compagnie, und halten drum ſo einen kleinen Puff ab, wie eine Citadelle die erſten Bombenſchmiſſe. Aber woher ſo früh, mein Jungherrlein? Warum mit den Fledermäuſen gereiſet in ſolch unſicherer Gegend?—— Der erwartete Wechſel blieb aus; Pferd oder Ka⸗ roſſe, ja nicht einmal ein abgeſetztes Maulthier konnte die Kaſſe des Studioſi bezahlen. So reiſeten wir mit eigener, geſunder Equipage, und würden geſtern ſpät die lieben Blutsfreunde erfreut haben, hätte uns nicht drei Meilen von hier ein furchtbares Gewitter feſtge⸗ halten, unſer Schlaf war kurz und unruhig; es war als riefe man uns zu Haus; darum brachen wir in der Geiſterſtunde auf, und ſind da, ſchneller, als wir gedacht. Doch wie lebt die Familie?— Speiſet der Ohm noch mit ſo trefflichem Appetit? Schmeckt ihm der Sillery noch? Charmirt er noch gern an der grünen Tafel mit dem Herzen⸗Aß und der famöſen Zwei? Kneipt er noch gern den hübſchen Spitzenklöpplermädchen die rothen Wangen blau? Und was machen die lieben Mühmchen 2— Alles beim Alten, antwortete der Korporal. Der Herr Erasmus ritt geſtern Abend ſeinen ſteifen Rappen ehrbar durch's Thor. Der Herr Barnabas quälte ſeine Panzer⸗ reiter auf jener Wieſe dort wie gewöhnlich. Nur die ſchönen Jungfern kommen nicht viel auf die Gaſſe, denn ſie gehen ſchwarz, weil die ehrſame Frau Juliana vor vierzehn Tagen in dem Herrn entſchlafen. Gott gebe der guten Dams eine fröhliche Anferſtehung!— ——— — 271 Der junge Wael erſchrack recht ſehr. Schwitken, redeſt Du wahr? ſtieß er hervor aus beklommener Bruſt. Du nickeſt? O die brave Tante, und ſo raſch, und in den beſten Jahren! O, Du alter Unglücksrabe, haſt mit der Trauerpoſt mir alle Kränze meines Einzugs in die Heimath zerriſſen. Ich war eine Waiſe, dem Ohm faſt eine Laſt; ſie erſetzte mir Mutter und Vater, die im fernen Welttheil ſchlafen gingen. O, ich möchte umkeh⸗ ren zur Fremde, da ihr freundlich Auge mir keinen Willkommen bringt. Und die armen Mühmchen!— Frau Juliana war das Gegengewicht, das ſichere für den Ohm und ſeine Lebensweiſe; das helle Licht in je⸗ nem Hauſe wird erloſchen ſein, denn eine brave Haus⸗ mutter iſt ja die Sonne des Familienlebens, ſie iſt die Prieſterin am heiligen Herde, und mit ihr erliſcht das himmliſche Feuer, den Segen ins Haus ge⸗ bracht.— Er ſtarrte in die Nachtwolken, welche ſich in Weſten zuſammengedrängt, und zwei große Thränenperlen quol⸗ len aus ſeinen Augen und rollten langſam über die ro⸗ ſigen Backen hinunter. Der Korporal drückte ihm derb die Hand. Sie galt für ein Muſter, ſagte er weich, und iſt der Trauer werth. Aber die Kinder ſind erwachſen, die Beſte wird an der Mutter Platz treten, und daß Ihr gerade jetzt heimkommt, muß den frommen, ſittigen Jungfrauen ein gewünſchter Troſt werden, denn die bei⸗ den Brüder möchten ihnen nicht viel dieſes Artikels über⸗ reichen, was der eine zu viel, hat der andere zu wenig. Herr Erasmus geht ſtumm einher wie ein mäh⸗ riſcher Bruder und ſpricht nur durch den Gänſekiel, mit dem er drei Viertheile des Tages im Comptoir exerzirt, und der Herr Kapitän hat Herz und Seele an ſeinen 272 Hengſt und ſeinen ſpaniſchen Sarras verkuppelt, und ſelbſt die junge Frau bekommt nur dann ein Theilchen davon zu koſten, wenn ſeine Jalouſie einmal überladen ward. Mein Häuschen liegt dicht hinter dem Magazin des Herrn van Fagel, und ſo hört man denn über die Hofmauer her ſo dergleichen zuweilen.— Wael riß ſich bei dieſen Erinnerungen, die ſeine ganze Verwandtſchaft ſo hell in ſeiner Phantaſie lebendig mach⸗ ten, gewaltſam aus ſeiner ſtarren Trauer heraus, drückte dem alten Soldaten die Hand, und wanderte, freilich langſamen Schrittes, in die Stadt hinein. Je weiter er ging, je mehr wurde die Wirkung des böſen Schlages, den die Botſchaft des Alten ſeinem Gemüthe verſetzt, gemildert und verwiſcht. Drei Jahre ſind in dieſem Alter eine wichtige Periode. Faſt noch Knabe, war er fortgezogen; ſcheu bei aller jugendlichen Wildheit, ſchmiegſam fremdem Gebot bei allem ange⸗ borenen Ungeſtüm, furchtſam in die Welt ſchauend war er gegangen. Durch das Leben in der Fremde, durch ſeine Beſchränktheit auf ſich ſelbſt hatte er Selbſtſtändig⸗ keit und Selbſtvertrauen gewonnen; über den Jüngling wegſchlüpfend war er Mann geworden. Welchen fremd⸗ artigen, nie zuvor empfundenen Eindruck machte deß⸗ halb jeder Theil der bekannten Umgebungen auf ihn, dieſer Umgebungen, welche er ſpielend verlaſſen, und die ihm jetzt zu einem männlichen, ernſten, gewichtrei⸗ chen Wirkungskreiſe angewieſen waren. Er begrüßte die hohen Giebelhäuſer, den Springbrunnen, die Wirths⸗ hausſchilder gleich alten Freunden; als er am Schelde⸗ kanal hinging, ſteckte gerade ein Schiffer ſein bleiches Fiſchgeſicht mit ſchläfrigen Glasaugen aus dem Gezelt auf ſeinem Deck hervor, und Wael ärgerte ſich, daß der — — 273 Mann ſeinen Morgengruß ſo kühl erwiderte. Vor einer Schmiede ſtand er ſtill, und es drängte ihn, hineinzu⸗ treten, und den ſchwarzen Burſchen, welcher von ihm abgewandt das Feuer mühſam anſchürte, zu umarmen; und einem Bäckermädchen, welches beſchäftigt war, das feine Weißbrod auf der Ladenklappe zu ordnen, klopfte er bei ſeinem Gruße ſo derb auf den entblößten, blan⸗ ken Nacken, daß es erſchreckt ein Halbdutzend Semmeln an den Boden warf, und dem naſenweiſen Straßen⸗ läufer mit ſeinem Pudel, welcher ohne Erlaubniß eines der leckern Brödchen entführte, manche unzarte Ehren⸗ titel nachſendete.— So war er endlich in das Quartier gelangt, welches ihm das Ziel ſeines Marſches darbot. Dort vor ihm erhob ſich das mächtige Giebelhaus, das die Fagel'ſche berühmte Spitzenfabrik einſchloß; hinter jenen grünen, geſchloſſenen Läden ſchlummerten die lieben Menſchen, denen er angehörte; aber als er ſich die Verwandten dachte, wie ſie der Schlaf umfing, jeden nach ſeiner Weiſe ſich dachte, da erwachte in ihm wiederum die Er⸗ innerung an die mütterliche Pflegerin ſeiner Jugend, und mit ihr trat das Bild der guten Renata vor ſeine Phan⸗ taſie, deren Morgenſchlaf ſicherlich nicht in angenehmen Traumbildern ſchwelgte.— Was ſollte er thun? Sollte er an der großen Pforte klopfen, und ſo wie ein Störenfried ſich mür⸗ riſche Geſichter bereiten? Sollte er verſuchen, dort, wo die niedrigen Seitengebäude lagen, eine ſchlechtverwahrte Hinterthür zu ſprengen, oder wie ein Dieb oder Spion in die ſtille Feſtung zu gelangen?— Sein Auge fiel zur Seite, wo die große, gothiſche Kirche des Stadt⸗ viertels majeſtätiſch ihr Gewölbe erhob; ihr Haupt, Blumenhagen. VIII. 18 274 Kuppel und Thurm des Gotteshauſes glänzten verklärt von den Strahlen der ſteigenden Sonne, indeß die nie⸗ drigeren Menſchenwohnungen kaum im Halblichte lagen, und der Friedhof hinter dem koloſſalen Bau noch von dem⸗ ſelben mit einer Schattendämmerung verſchleiert wurde, welche den jungen Wael verlockte, dieſen ſeinen bekannten Spielplatz zuerſt zu beſuchen, nach dem Grabe der Frau Juliana ſich umzuſehen, und jedenfalls an dem ſtillen Platze die Eröffnung des Fagel'ſchen Hauſes zu erwarten, die nicht gar lange mehr verzögert werden konnte. Langſam wandelte er um die Kirche hin, und ſein Pudel, der ſchon an der Hausthüre geſcharrt und ge⸗ bellt, folgte ihm wie verwundert und im Zwange des gewohnten Gehorſams, was ſein öfteres Stillſtehen, ſein Hintendreinſchleichen und der hängende Schweif ge⸗ nugſam zu erkennen gab. Der Friedhof dehnte ſich weit bis zum Rande der Stadt; eine niedere Mauer um⸗ ſchränkte ihn, und mehrmals ſtand unſer Wandersmann ſtill, und ſchauete hinüber auf die grünen Hügelreihen, zwiſchen denen hie und da ſich ein Fliederbuſch oder eine Hangweide erhob, durch die der Morgenwind ſtrich, und dadurch ein Geräuſch in den Zweigen weckte, welches dem aufgeregten Gemüth wie geiſtige Seufzer der Schlum⸗ mernden erklang. Die kleinen, ſchwarzen Kreuze, mit dem Winkeldach darüber, hatten ſich bedeutend an Zahl gemehrt, ſeitdem er von der Stadt geſchieden; hie und da lag noch ein welker Kranz mit halberloſchenen Blu⸗ menfarben auf einem friſchen Sandhaufen, und in der jenſeitigen Mauer bemerkte er mehre neue, hohe, weißſchimmernde, eingemauerte Denkſteine voll Ziffern und Zahlen, die Ruheſtätten vornehmerer Bürger be⸗ zeichnend. ——— ,——— ——— ,— 275 Dort vielleicht grub man die treue Mutter ein! flüſterte er leiſe, und trat durch das Spitzthor von buntglaſirten Backſteinen, das Heiligenbild in der Niſche deſſelben mit entblößtem Haupte und dem Gnadezeichen chriſtlicher Religioſität begrüßend, und weiter und weiter ging er durch die verſchloſſenen Erdhütten der ſtillen Ge⸗ meinde auf ſchlängelndem Fußwege, mit ſeinen Blicken die Inſchriften der neueren Denkſteine muſternd. Da ſchnob auf einmal der Pudel hinter ihm, und drängte ſich an ſeiner Wade hin, und fuhr durch ein kleines Blumenbeet, das voll feuerfarbener Aſtern ſtand, und hinter einem Hollunderbuſch, der voll Beerendolden hing, verſchwand das Thier, und Wael hörte ſtaunend ſein ängſtliches Gewinſel. Raſch trat er dem Pudel nach, und ſtand erſchreckt vor einem Anblick, der ihm hier am unerwartetſten kommen mußte. Ein friſcher Grabhügel, ſichtlich erſt ſeit kurzem mit Raſen bedeckt, lag dicht vor ihm. An ſeinem Kopfende war ein flaches Spitzhäuschen aufgeſtellt, von ſchwarzen, friſch lackirten Brettern erbaut, und in demſelben ſtand ein Kruzifix von weißem, blankpolirtem Metall, und an die Trag'äule des Spitzhäuschen ſah er ein Metalltäfel⸗ chen befeſtigt, von welchem ſeinen Augen deutlich der Name Fagel entgegenſprang. Aber was unter dem Ra⸗ ſenhügel zu ruhen pflegt, ſchien hier auf der grünen Hülle ſich auszuruhen. Eine weibliche Geſtalt lag hin⸗ geſtreckt am Grabe, regungslos wie eine Trauerfigur an einem Sarkophage. Mit dem Geſichte zur Erde ge⸗ wandt ruhete der Kopf und unter ihm der linke Arm auf dem Hügel, und ein reicher Seidenſchweif langen Blondhaares fiel von dem Scheitel bis zu dem Boden herab, und war ſichtlich durchnäßt durch den Thau der 276 Sommernacht. Hingeſtreckt zur Seite des Grabes zeigte der übrige Körper jugendliche Formen in Fülle und Run⸗ dung, die nur ein weißes, dünnes Nachtkleid umhüllte; nackt ſtreckte ſich der rechte Arm und die feine Hand ſchlaff den Sand berührend, und entblößt ohne ſchirmende Decke glänzte das ſchneeigte Unterbein und der zierliche Fuß.— Eine beängſtigende Ahnung durchflog Wael's Seele und weckte ihn aus ſeinem Erſtaunen. War es eine liebe Todte, die ſich zu der Begrabenen geſellt? Er trat ſchnell hinzu; er umfaßte die Liegende; kein Zeichen des Lebens kam ihm entgegen. Er wandte ihr Geſicht zu ſich her; Floriana! ſchrie er auf, und in die Knie ſank er, und hob des Mädchens Kopf, des Mädchens Bruſt zu ſeiner Schulter empor. Aber vergebens forſchte er nach einem Athemzuge; kalt waren Antlitz und Glieder, doch ein leiſer Herzſchlag zuckte durch das Gewand gegen ſeine ſcheu erkundende ärztliche Hand, und es war ihm, als würde ihm das eigene Leben wieder erweckt in dieſem leiſen Herzſchlage. Sanft legte er das Mädchen nieder, und von ſich riß er Rock und Weſte und Hals⸗ tuch, und wickelte die kalte Huldin hinein, daß ſie jetzt einer Mumie ähnlich ward, da ſie vorhin das Bild einer ſchlummernden Najade gegeben. Wer den Jüng⸗ ling ſo geſehen hätte, emſig bebend— denn jede Minute Zögerung konnte ja Ohnmacht in Tod wandeln— ſcheu dabei nach allen Seiten umherblickend, ob nicht irgend⸗ wo ein menſchliches Weſen ſich zeigte ihm zur Hülfe, wer ihn ſo geſehen hätte, würde ihn für einen Leichen⸗ dieb, einen jener berüchtigten Auferſtehungsmänner vor der letzten Poſaune gehalten haben, den der Tag bei ſeinem grauſen Werke überraſcht. Horch, da tönte ein — ———„——— 277 greller Geſang, ein ſchlüpfriges, munteres Volkslied, wie man es in Spinnſtuben hört, von ſcharfen, feinen Stimmen in die Luft geſchrien. Es gingen vier Klöppel⸗ weiber an der Kirchhofsmauer vorüber; ihr Lied ver⸗ ſtummte in ſeinem ſchaurigen Hülfsruf, ſie ſchienen eher zur Flucht als zur Räherung geneigt, und nur der Namen der Jungfrau Fagel, nur ſein Geldverſprechen, Drohung und Befehl zuletzt bewogen die Erſchrockenen einzutreten und die Kranke fortzutragen, indeß Wael voran ſprang und mit Thorglocke und Klopfer das Haus ſeines Ohms erweckte. Die Ohnmächtige war auf ein Zimmer gebracht, lag in warmen Kiſſen, und der junge Aeskulap wandte nicht vergebens ſeine friſch erlernte Kunſt an, das ſchwache Leben anzufachen. Floriana, was haſt Du gemacht? fragte er, als ſie jetzt die dunkelen Augenſterne ſehen ließ, und verwundert die Umgebungen anſtarrte, und dann den Blick, wie in ihrer Erinnerung nachſuchend, auf ihm haften ließ. Sprich, erkennſt Du mich?—— Ja, ja! ſagte die Erweckte haſtig und in plötzlicher Aufwallung: Du biſt der gute Jac;— die Mutter rief Dich herbei, damit ihre Tochter nicht ohne Schutz bliebe. —— O Jac, fuhr ſie dann mit ſinkender Stimme fort und hob die Hände gefaltet über die Bettdecke, welch einen ſchönen Traum hat Floriana gehabt! Die Mutter rief mich; ſie ſprach zärtlich: Glaube nicht, daß ich fort bin, daß ich nicht mehr weile bei euch! Mutterliebe dauert über das Grab hinaus; und Mutterſeligkeit iſt es, zu wachen über dem guten Kinde, und ihm Rath zuzuflüſtern, wenn es Noth hat. Sie haben die Mutter 278 in ein weißes Sterbekleid gewickelt und ſie fortgetragen, mitleidslos tief, ach! wie ſo tief hineingeſcharrt. Aber ſie war doch wiederum da bei uns, und rief mich zu ſich, und nahm mich in ihre lieben, lieben Arme, und ſagte mir, ein Engel würde kommen und helfen, und mir war ſo wohl und ich hatte des Vaters Zorn und Herrn Peter Bauch und Alles vergeſſen, aber da wurde es ſo kalt, und mein Blut geſror in den kalten Mutter⸗ armen, und ich ſchlief— ſchlief—— Jetzt aber riß ſie ſich heftig empor und funkelnden Auges ſprach ſie von einem Reiter hoch auf dem Schim⸗ mel, und von des Bruders blankem Schwert, ſchrie auf wie im Entſetzen, und Wael hatte Mühe, ſie im Bett zu erhalten, bis das Delirium ſich wieder in Schwäche auflöſete, und ein Schwindelſchlaf den Geiſt drückte und ſie nur ſanft die blaſſen Lippen bewegte, einzelne Worte kaum verſtändlich ausſtoßend. Die Hausgenoſſen ſammelten ſich nun nach und nach. Schweſter Renata, die ältere Tochter des Hauſes, ſtürzte zuerſt vor Angſt und Schreck entſtellt zu dem ſchweſter⸗ lichen Krankenbett. Wael umfaßte das Mühmchen und ſie wandte ſich erſtaunt zu ihm, und reichte ihm herz⸗ lich die Hand, als er aber ſich zu ihr bog, ihr den Wiederſehenskuß auf den runden, kleinen Mund zu drücken, da ſchob ſie ihn mit ſchmerzlichen Geſichtszügen zurück und ſagte halblaut: O Vetter, das iſt hin; denke nimmer daran. Aber frage nicht, jetzt nicht. Bald kommt vielleicht die Stunde, wo Du viel erfahren wirſt, wovon Du nicht träumteſt in der Stadt der Herrlich⸗ keit.— Als er nun weiter fortfuhr, erfuhr er nur, daß Floriane ſeit der Mutter Tode viel geweint und täglich das Grab beſucht, daß ſie jedoch geſtern weit beruhigter 279 als ſonſt ſich zum Schlafen gelegt, und Renata in der Nacht nichts von ihrer Wanderung aus der gemeinſamen Kammer bemerkt habe. Der Bruder Erasmus zeigte ſich jetzt auch, blieb jedoch fern in der Thür. Schon trug er die ſchwarzen Schreibärmel über dem Hauskleide und die Schreibfeder hinter dem Ohr, murrte, daß der Lärm ihn glauben gemacht, es ſei Feuer im Magazin oder es hätten Spitz⸗ buben die Kaſſe im Comptoir beraubt, und ging mit einem flüchtigen Blick auf die Kranke wieder davon. Nach ihm jedoch erſchien der Faktor des Kaufhauſes, Herr Wulf Menzelin, ein vierzigjähriges, kurzes Männ⸗ chen mit einer Vogelphyſiognomie und ſchwarzem, ſtrup⸗ pigen Haupthaar, und brachte dem Ankömmling, indem er ihn von Kopf bis zu Füßen mit dem verächtlichen und tückiſchen Blicke, der ihm natürlich geworden, maß, den Befehl, ſich ſogleich in das Kabinet des Prinzipals zu verfügen. Wael traf noch einige Anordnungen in Betreff der Kranken und folgte dann dem Manne, in welchem er die rechte Hand des Ohms, ja ſo eigentlich den erſten Rathsherrn oder noch mehr den heimlichen Gebieter deſſelben zu kennen und zu fürchten gewöhnt worden. Zu Fuß angekommen wie ein Barfüßermönch mit dem Bettelſacke oder wie ein fechtender Lump? ſprach der Faktor auf dem Hausgange. Pfui! Pfui! Eure Mutter war ſo eine ſtattliche Perſon und würde noch⸗ mals vor Gram ins Gras beißen über die Windflagge von Sohn, könnte man hier auf Erden aus der Null ein zweites Mal zum Zähler werden.— Eure Schuld, Herr Wulf, antwortete Wael mürriſch; warum ſpedirtet Ihr mir den Wechſel nicht zu, den ich 280 ſchon zum Auferſtehungsfeſte erwarten durfte? Ihr ſitzt ja als Drache über des Ohms Geldkaſten! hieltet Ihr ſo viel auf meine Mutter, die Gott friedlich ruhen laſſe auf der fremden Weltküſte, ſo hättet Ihr auch den Sohn nicht ſollen darben laſſen in der Stadt der Fröhlichkeit und des Wohllebens.— Die blaurothen Apfelflecken auf den vorſpringenden Backenknochen des Faktors vergrößerten ſich bis zum Kinn hinab, und ein zuckendes Irrlichtsfeuer fuhr aus ſeinen Augen auf den Tadler hin. Habt Ihr ſchon ge⸗ hört, mein liebes Männlein, ſagte er höhniſch, daß man eine ſchimpfirende Warze, die der Teufel einem ins Ge⸗ ſicht warf, pflegt und ſalbet, damit ſie wachſe und der Spiegel ſie täglich größer und anſehnlicher zurückwerfe zum Aergerniß des Trägers?— Ich verſtehe Euren Schreibſtubenwitz nicht! entgeg⸗ nete der junge Mann ohne Aufmerkſamkeit auf die dräuende Fauſt, die der Faktor dabei machte und in die breite Taſche ſeines braunen Rockes ſchob, und von ihm ſich wendend, betrat er die breite, blankgebohnte Steige, die in den obern Stock führte, wo der Hausherr ſein Quartier hatte, und wo man durch die eleganteſten Putzzimmer zu ſeinem Kabinet gelangte.— „ Herr Servatius van Fagel, der weltberühmte Fabrik⸗ herr, ſaß in ſeinem bequemen Lehnſeſſel, gähnend und unzufrieden. Aber ſchon deckte die ſchwarze Lockenperüke aus Paris ſeinen dünnbehaarten Scheitel; ſchon umgab der dunkelrothe Schlafrock von Dammaſt ſeine hagere Geſtalt, und vor einem Tiſchchen, das einen Spiegel trug, ordnete der junge Greis die Halskrauſe und färbte 281 die abgebleichten Wangen des Geſichts, welches noch Reſte von früherer Annehmlichkeit trug, mit falſchem Morgenroth, als der Neffe zu ihm eintrat. Er iſt da? fragte er mit einem finſtern Seitenblicke. Nun, man konnte es wiſſen, ehe Er ſich präſentirte, denn Er war immer ein Ruheſtörer, und hat ſich nach ſeiner Gewohnheit mit Spektakel angemeldet.— Ihr ſolltet Euch Glück wünſchen, verehrter Ohm, verſetzte Wael ohne Scheu, wenn auch in devoter Stel⸗ lung, denn ohne meine Ankunft war die arme Flo⸗ riana—— Iſt mir ſchon rapportirt, fiel ihm der Ohm ein; war auch ganz gut, denn es wäre mir zur Zeit ſehr ungelegen gekommen, hätte die alberne Jungfrau Tochter ſich ein Unglück zugezogen, und der Verdruß würde ſeine möglichſte Höhe erreicht haben, hätten fremde Zierburſchen das tolle Mädchen in ſolch unanſtändiger Situation ge⸗ troffen. Aber wo kommt Er her, wie kommt Er daher ohne Ordre und Anſage?— Der Herr Ohm ſollte mich beloben darum, verſetzte Jac mit Humor, denn der Herr Ohm iſt als ein wackerer„ Haushalter berühmt. Ich habe Reiſekoſten und Abſchieds⸗ ſchmauß erſpart, und das mir zugedachte Sümmchen ſteht gut im Buch für mich, und kann zu den Koſten des rothen Huts benutzt werden. Ich meine, das müßte als ein Zeichen meiner Beſſerung von meinem verehrten Wohlthäter belobt und nicht getadelt werden.— Schon gut, ſagte Herr Fagel ungeduldig. Dagegen ärgert mich Seine Erſcheinung, Sein Anzug. Paſſet ein ſolch Laufröckchen, das Pagenmützchen, der bequaſtete Schnürſtiefel zu einem baldigen Doktor der ernſteſten Wiſſenſchaft? Sieht Er nicht aus wie ein Kellner aus 282 einem Pariſer Gaſthauſe oder wie der Groupier eines Glücksritters.— Die lange, räuhe Straße forderte leichte Ladung. Uebrigens folgt im Köfferlein das ſchwarze Gezeug, und leider wird der flinke Scholar ſich damit bekleiden müſſen, um der trefflichen Frau Juliana die letzte Ehre zu er⸗ zeigen, zu deren ſchnellem Hintritt ich den Herrn Ohm aufs Betrübteſte condolire.— Laß Er das! Der Himmel fügt Alles, wie es zum Beſten taugt. Erhole Er ſich von der Reiſe, füttere Er ſich aus, und dann marſch nach ſeinem Beſtimmungsorte! Wir haben unruhige Köpfe genug unter unſerm Dache.— Seltſam, entgegnete Wael mit ſchlauem Blicke, daß der Herr Ohm an einer Idioſynkraſie leidet, die bis⸗ lang in keinem Compendio eines Profeſſors beſchrieben worden.— Was iſt das für eine unbekannte Krankheit? fragte Herr Fagel unruhig aufhorchend.— Keine Krankheit, nur ein ſeltſamer, angeborener und natürlicher Geſchmack oder Widerwille, antwortete Wael näher tretend. Man hat Menſchen gefunden, welche Spinnen auf Weißbrod verſpeiſeten, als wären es ſüße Nußkerne. Ebenſo gab es Leute, die ohnmächtig wurden, wenn ſie die Schwelle eines Hauſes betraten, in deſſen höchſtem Giebel ein Kätzchen ſein Wochenbett etablirt. Eine allgemein bekannte und natürliche Schwäche der meiſten Erdenkinder iſt es jedoch, daß Jeder aus zu entſchuldi⸗ gender Eitelkeit das Bild, welches ihm ſein Spiegel zu⸗ rückwirft, nicht häßlich findet. Selbſt Bucklichte ſuchen nicht leicht ihre Aehnlichkeit mit dem Polichinello, und ein Paviansantlitz, das ſich im Glaſe begafft, ſtudirt aus ſeiner Larve verborgene Reize hervor.— „ 283 Was will der windige Haſenfuß daraus folgern?— Daß der Herr Servatius unter die vom Weibe geboren, die Idioſynkraſie in ſich t, keinen Gran Eitelkeit zu beherbergen, ſein Spiegelbild zu haſſen und von ſich zu ſtoßen. Bin ich Jac Wael denn nicht der Herr Ohm, wie er war, wie er iſt? Der alte Korporal Schwitken, der den Herrn Ohm als Knaben gekannt, hat mir's oft verſichert. Herr Ohm iſt noch ein ſtatt⸗ licher Mann und Jac Wael hieß in Paris nur der ſchöne Flamländer, und wäre der verehrte Ohm etwas ſplen⸗ dider gegen den Neffen geweſen, würde der Neffe einen Ruhm darin geſucht haben, alle Junker von Verſailles auszuſtechen. Herr Servatius liebt die Freuden des Le⸗ bens, wie jeder geſcheite Mann, pflückt die Blümchen am Wege des Lebens, weil Blümchen ſchnell welken und nur kurze Zeit duften, Alles das thut der Neffe ſeinem lieben Vorbilde nach. Der Herr van Fagel iſt noch im kräftigen Mannesalter überall gern geſehen, warum ſollte Jac Wael ſo thöricht ſein, vor der Zeit ſich gräm⸗ lich zu zeigen, und bei Frau und Mädchen den Stviker zu ſpielen?— Kluger Spitzbube! lächelte der Fabrikherr und reichte dem ſchelmiſchen Lobredner die Hand zum Kuſſe. Du haſt mir als Knabe nichts als Verdruß gemacht, doch will ich's verſuchen, ob der Jüngling ſich nach der Hand formen wird, und es ſoll Dein Schaden nicht ſein, wirſt Du den Einfluß, den Du auf die Mädchen im Hauſe hatteſt, jetzt einmal meinem Wunſche gemäß verwenden. Setze Dich daher und höre, denn ich will es einmal verſuchen mit Dir, trotz der Warnungen des getreuen Faktors.— Stellte der beißige Wulf die Wolfsfallen, fragte Warl ſtutzig.— 284 Schweig und höre! befahl ernſt Herr van Fagel.— Wir heißen ein reiches Haus, fuhr er nach einer Pauſe fort, und unſere Firma ſteht auf ziemlich ſicheren Füßen, jedoch hat auch der tiefſte Quell ſeinen Grund. Der Kapitän, dem wir den ſchönen Platz gekauft, hat viel gekoſtet und koſtet noch. Im Erasmus iſt keine Speku⸗ lation, trotz alles löblichen Sitzfleiſches. Die Mädchen ſind erwachſen und die Freier unſerer Zeit nehmen kein Wachslärvchen ohne Vergoldung. Unſere Jugend iſt vorüber; die Genüſſe des Alters werden koſtſpieliger mit jedem Jahre; man wird launiger, eigener, und je ſtil⸗ ler und einfacher es im Hauſe zugeht, je mehr bedarf man die Freuden draußen. Nun hatten wir den ſchönen Plan entworfen, die beiden Mädchen auf einen Schlag zu verſorgen, und ſo die gebrechlichſten Fregattchen im Hafen zu wiſſen. Ein befreundeter Handelskumpan, Herr Peter Bauch zu Amſterdam, goldene Firma, Ge⸗ wicht, von einer Tonne Goldes, wollte die lange Be⸗ kanntſchaft durch ein heiliges Siegel bekräftigen und warb um unſere Floriana. Abgemacht war der ganze Handel, aber— unſelige Weibernarrheit!— das Mäd⸗ „ chen ſperrte ſich und fand Schutz bei der Mutter. Nun, Frau Juliana ging ſchlafen, aber mich verdrießt jedes Bittwort an die eigenſinnige Schwärmerin, mein Befehl reichte ſchon hin, doch will ich der Welt keine Thränen und kein Gejammer zur Schau ſtellen, und Du ſcheinſt mir der Menſch darnach, das Zierdirnchen zur Vernunft zu bringen.— Wie verdreht! murrte Jac. Eine Tonne Goldes zu verſchmähen, als wäre ſie der leere Oelkrug der thö⸗ richten Jungfrauen; eine Amſterdammer Frauenhaube auszuſchlagen, als wüchſen dergleichen Raritäten jedes 285 Frühjahr auf den Kirſchbäumen, und gar der Name des Bräutigams, Peter Bauch, ein ſo reſpektables Nomen proprim, das jedem Weibe Appetit machen müßte! Aber Euer Plan, verehrter Ohm, ſollte auch das gute Renatchen treffen. Laßt hören, ob Ihr auch für ſie gleich väterlich bedacht geweſen.— Die Sache iſt nicht ſo angenehm, erwiderte Herr Ser⸗ vatius, den düſtern Blick auf den bunten Fußteppich ſenkend. Wir ſind unſerm Faktor viel Dienſtleiſtung ſchuldig; er hat ein Kapitälchen in unſerm Hauptbuche gut, und hat ſich jetzt den Sparren im Gehirn wachſen laſſen, zu Antwerpen ſelbſt ein Etabliſſement zu wagen.— Und doch nicht die arme Renata zum Aſſocit zu ge⸗ winnen? fragte Wael mit Erſchrecken. Nicket nicht ſo zuverſichtlich, Herr van Fagel, ich beſchwöre Euch. Eine Handelsſpekulation mit Amſterdam iſt dem Ehrgeiz des Kaufmanns verzeihlich, aber ein Molochsopfer würde dem hochherzigen Brüſſeler Kaufherrn ein Schimpfmahl brennen für ewig. Paaret man eine ſchlanke Forelle mit dem Seerochen, oder Lamm und Büffel? Nichts von des Herrn Wulfs Ungeſtalt, Ihr wißt, die Fiſcher⸗ kinder flüchten in die Fiſchkäſten, läßt er ſich am Kanal blicken, und der Rath unſerer Stadt ſollte ihn mit Strafe an Leib und Säckel bedräuen, ſobald er ver⸗ ſäumte, jeder Bürgerin, die Gottes Segen an ſich ver⸗ ſpürt, auf zehn Schritte aus dem Wege zu beugen; oder kennt Ihr irgend eine Eigenſchaft an ihm, die einer Hausfrau die Gräuel ſeines Anblicks erſetzen möchte? Habt Ihr eine Seele oder ein Herz an ihm ausgekund⸗ ſchaftet? Liebt er etwas auf dieſem Erdenrunde? Wäre es möglich, daß ein Menſch zu leben vermöchte ohne Herz und Lunge, ſo möchte ich wetten, aller Raum zwiſchen ſeinem Bruftkaſten und zwiſchen ſeinen Bauch⸗ wänden ſei von einer koloſſalen Leber ausgefüllt und ein Dutzend Gallenblaſen hingen daran, jede Minute bereit, ihr ätzend Gift über jeden Rächſten hinzuſpritzen. Nein, Herr Ohm, Ihr ſcherzet, könnet nicht, was Euch ange⸗ hört, an ſolchen Pranger ketten, und der edle Patrizier würde ſchamroth werden über den Schwiegerſohn, der in einer ſchmutzigen Strohhütte am Sienneufer ſeine Wiege zu ſuchen hat.— 4 Herr Servatius war wirklich hochroth im Geſicht geworden, ob aus Scham, blieb unerörtert; aber einen ſcharfen Blick warf er auf den kühnen Sprecher und fragte lauernd: Wie kömmt's, daß Monſieur Jac den Mann ſo widerwärtig findet, dem er zum großen Dank verpflichtet ſein ſollte? Hat er vergeſſen, daß der Faktor es war, der ihn über das Meer zu uns brachte, als ſeine Eltern in Batavia am peſtilenzialiſchen Fieber ver⸗ ſtorben?— Mag er, antwortete Wael ruhiger, denn der Blick des Ohms war ihm nicht entgangen; ich fühle keinen Funken der Dankbarkeit in mir, denn nicht aus Menſch⸗ lichkeit ſchützte der herzloſe Menſch den Knaben. Eigen⸗ nutz trieb ihn mit der willkommenen Beute zu Euch, es war ein ſicherer Wechſel, den Ihr nicht proteſtiren konntet, und daß der Fuchs ſich nicht verrechnet, wird durch die ungeheure Valuta bezeugt, die ihr ihm zuzuwenden ge⸗ ſonnen ſeid.— Du könnteſt Recht haben, ſprach der Kaufherr tief⸗ ſinnig und mit hangendem Kopfe. Aber es gibt Schi⸗ ckungen, die den ſtärkſten feſthalten wie das Spinnennetz die Fliege; es gibt Untiefen im Lebensmeere, denen der beſte Schiffspatron nicht entkommt. Gehe jetzt, bedenke — —— ——— 287 ernſt, was wir verhandelt, ſchweige gegen Renata von des Faktors Spekulationen, und thue, was Dir unſere Liebe zu erwerben vermag.— Er winkte mit der Hand, und Jac, obgleich ver⸗ wundert über die plötzliche Verſtimmung des lebhaften Mannes, verließ gern das Kabinet, denn ſeine Bruſt hatte freie Luft nöthig, ſein gepreßtes Gemüth freien Erguß des Gefühls und der löſenden Worte. Der junge, erhitzte Mann trat aus dem Hauſe in die weit ſich dehnenden Hofräume, ſpazierte lange Zeit in der Morgenluft umher, ſtreifte durch die offenen Woagenremiſen, ehe er den Blutſtrom ruhiger wallen fühlte in den geſpannten Adern, und ehe er mit ſich ſelbſt ins Reine gekommen über die Rolle, welche er in dieſem Familienſchauſpiele, deſſen Gardine eben vor ihm aufgerollt, zu übernehmen am vortheilhafteſten und ge⸗ rechteſten hielt. Als er zum Hauſe langſam zurück wan⸗ delte und den ſinnend geſenkten Blick zufällig erhob, ſah er in einer Seitenthüre eine der jungen ihm bekannten Mägde im Geſpräch mit einem ſtattlichen jungen Ca⸗ valier, welcher die Uniform der Grenadiere trug. Das Geſicht des Offiziers hatte einen ſpaniſchen Schnitt, der ſchwarze Zwickelbart beſtätigte die Abkunft; doch die emſig und lebhaft Koſenden hatten auch ihn bemerkt und verſchwanden ſofort mit Blitzesflug nach Außen hin. In Frankreichs Hauptſtadt ſolcher Aventüren gewohnt worden, dachte er nichts weiter dabei, und begab ſich zu dem Krankenzimmer, wohin ihn jetzt zwiefache Sorge zog. Die Kranke lag im ſanften Schlummer, ihr Geſicht hatte Röthe und dem Arzte willkommener Schweiß perlte 288 um das zierliche Kinn und auf der ſchwanenweißen Stirn. Schweſter Renata ſaß allein als Wächterin ihres Schlum⸗ mers am Bett und ſtreckte ihm mit wehmüthigen Geberden die kleine Hand entgegen. Grolleſt Du, lieber Freund, über den kalten Empfang Deiner Schweſter Renata? flüſterte das Mädchen milde. — Wie konnteſt Du ungeduldiger, heftiger Menſch die fremden Augen und Ohren vergeſſen, die dieſe Stube füllten? O es iſt Vieles hier anders geworden, ſeit die liebe Mutter ſchied, und was man vor Jahren als Kin⸗ derſpiel und Scherz vetrachtet hätte, könnte jetzt den Unfrieden und die Zerſtörung mehren, wenn es entſtellt und vergrößert hinterbracht würde.— Wael trat zu ihr, ſetzte einen Fußſchemel vor ſie hin und ſtreckte ſich darauf nieder. Dann nahm er des Mäd⸗ chens Hand zwiſchen ſeine beiden Hände, und ſah lange in ihr jugendlich blühendes, freilich von den Blattern, die feine Spuren überall nachgelaſſen und die ſchöne Seidenglätte vertilgt hatten, entſtelltes Geſicht. Sein Auge haftete aber nicht auf dieſem Makel, ſondern ſuchte die großen, lichtblauen Seelenſpiegel, deren milder Glanz einen Reiz über das ganze Geſicht verſtrahlte, der ſelbſt neben der reinſten Schönheit ſie anziehend gemacht haben würde. Verwundert gab ſie jeinen Blick zurück, als ſie aber jetzt bemerkte, wie ſeine Züge nach und nach einen ſeltſam ſchmerzlichen Ausdruck annahmen, da bog ſie plötzlich ihren Kopf nieder zu dem ſeinigen, und ihr friſcher, roſiger Mund fiel auf ſeine Lippen und ruhete lange da im warmen Willkommenskuſſe. Biſt Du nun zufrieden, Wildfang? fragte ſie dann, ſich zurückſetzend und mit der Linken ihm das Haar aus dem Geſicht ſtreichend und geſcheitelt zu beiden Seiten — ————— 289 hinter die Ohren legend. Zufrieden? fragte er zurück. Das Wort iſt der kleine Mittelpunkt eines weiten Kreiſes, und ſelbſt im Munde des Glücklichſten klingt es wie eine Lüge, denn nur die Todten wünſchen nicht mehr. Ja, ſtünden wir beide in nächſter Minute am Rande des Ozeans, vor uns das ſchmale Breitt, das zu dem ſchnellſten Segler der niederländiſchen Marine führte, und ſpannte der Segler in der zweiten Minute ſeine weißen Flügel aus, uns in das ferne Land zu tragen, wo die Grabhügel meiner Eltern unter uralten Palmen ſich erheben, dann möchteſt Du beſſer fragen, ob Jac Wael zufrieden ſei.— Seltſamer Menſch, was iſt aus Dir geworden? ent⸗ gegnete die Jungfrau verwundert. Renata fürchtete, daß der unſtete Brauſekopf in dem wüſten Leben der fremd⸗ ländiſchen Weltſtadt bis zum unerträglichen Flatterer verdorben werden möchte; Renata zagte für das gute Herz, das ihr lieb geworden; und jetzt ſitzt ein triſter Philoſoph ihr zu Füßen, der ſich freilich am beſten zu unſerm Hausleben paſſen möchte. Aber ſprich, warum willſt Du die Heimath fliehen, auf die Du ſonſt ſo viel gabſt, warum den Ort, wo kindliche Scherze uns ver⸗ knüpften, und die kleine Renate ſich ſchon mit prophetiſcher Ahnung Deine Braut genannt?— Die alten Propheten ſind todt, die neuen gelten nicht viel! antwortete der junge Mann. Arme Renata, es iſt eine gar zu häßliche Welt, in der wir geboren wurden! Alles iſt wie ein großer Jahrmarkt, wo der am mei⸗ ſten gewinnt, der am beſten den Juden ſpielt, und zu fünfzig Prozent in altteſtamentariſcher Frechheit ſein Ka⸗ pital ausbietet. Herz und Geiſt ſind Nürnberger Spiel⸗ waaren, die Matadore auf der Börſe gehen verächtlich an der Spielbude vorüber.— Blumenhagen. VIII. 19 290 Du meineſt die arme Floriana? Alſo weißt Du ſchon, was ihr bevorſteht?— Der Herr Ohm iſt ein herrlicher Schacherer; er ſelbſt machte mich zu ſeinem geheimen Rath, ja zu ſeinem ge⸗ heimen Polizeimeiſter im Hauſe, eine Ehre, für die ich ihm keinen Dank ſchulde. Aber er vergriff ſich, der große Schacherer; er hätte mich nicht nach Paris ſchicken müſſen, wollte er mich zu ſeinem Makler oder Spion gebrauchen. Ich werde Florianens Sekundant ſein und ſollte ich auf des Herrn van Fagels Goldſack für immer verzichten müſſen. Eure herrliche Mutter machte mich zu Eurem Bruder und ich will dieſe große Gabe ehren auch nach ihrem Tode. Sprich, was iſt mit dem armen Kinde? Warum wirkte die Furcht vor einer Heirath ſo gewaltſam auf ſie? Etwas Ungewöhnliches muß hier walten, denn die Riederländerinnen ſind ſonſt gewöhnt, den Bräutigam nach ſeinem Kaufladen, ſeinen Magazi⸗ nen, ſeinen Plantagen und ſeinen goldnen Harniſchmän⸗ nern zu taxiren, und ſtatt nach des Herzens Innern zu fragen, meſſen ſie, wie groß die Buchſtaben ſind, mit denen das Wörtlein: Kredit! auf der Bruſt des Verlob⸗ ten ſchimmert.— Renata hatte die Hände andächtig und traurig wäh⸗ rend ſeiner Rede über ihrer Bruſt verfaltet. Du biſt bitter, Jac, ſagte ſie jetzt, aber ganz Unrecht magſt Du wohl nicht haben. Die arme Floriane paßt jedoch nicht in Dein Zerrbild von uns Töchtern Brabants. Floriana war von je das Lieblingskind der Mutter und ich nei⸗ dete ſie nicht, denn auch mir blieb noch genug der Liebe im Herzen der lieben, guten Frau, und ich ſtrebte im⸗ mer eifrig darnach, der Mutter werth zu ſein, und was ſie mir von ihrer Liebe gab, zu verdienen. Das —— 291 verzogene, verwöhnte Liehlingskind, das darum aber doch gut und unverdorben blieb, das mir nur größere An⸗ hänglichkeit zuwandte, ſeit es verſtändig geworden und eingeſehen, wie ich im Herzen der Mutter nur den zweiten Platz bekommen, mußte dreiſter in die Welt ſchauen, kecker in die Zukunft blicken als wir übrigen Geſchwi⸗ ſter. Florianens Wünſche waren ſelten unerfüllt geblie⸗ ben, und ſo gewöhnte ſie ſich daran, keinen Wunſch unerfüllbar zu halten. An einen jungen Spanier, an einen ſittigen Ehrenmann, den ſie auf einem Feſte des Commandanten ſah, wohin wir oft geladen wurden, verlor ſie ihr Herz, und die Mutter konnte dem Schooß⸗ kinde wenigſtens die Hoffnung nicht verſagen, da der Capitano de Gaſtanaga, der Neffe des gewaltigen Com⸗ mandanten, es redlich meinte und ſein Ruf ohne Tadel war.— Aha! unterbrach ſie Wael. Eine Novelle von Florian, der Ritter und die Schäferin! Und das arme Ding wußte nicht, daß Herr van Fagel, ſo tief er ſich bückt vor dem Marquis, doch unlöſchlichen Haß im Herzen trägt gegen Alles, was nach Madrid ſchmeckt, weil man ihm mehr⸗ mals bei ſeinen verwegenen Spekulationen auf die Finger geklopft, und die ſpaniſchen Zöllner ſeine nächtlichen Scheldefahrten zu theuren Promenaden gemacht haben. Herr Menzelein hat mir vordem oſt von dieſen fliegen⸗ den Fiſchen des Ohms, wie er ſolche Mitternachtsgeſchäfte nannte, ſpöttiſch und ärgerlich erzählt.— Der Faktor iſt ein elender Patron, wenn er von dem Manne ſchlecht ſpricht, der ihm erlaubte, die Füße unter ſeinen Tiſch zu ſtecken und ſich unter ſeinem Dache ſchlafen zu legen, entgegnete das Mädchen nicht ohne Frhitzung. Aber der widerliche Menſch ſteckt ſeine Naſe 292 in Alles und läßt ſeine Zunge los über Alles, läg's noch ſo fern von ſeinem unſaubern Dintenfaß. Nein, Jac, die unglückliche Geſchichte fand einen ganz andern Widerhaken. Die gute Mutter hatte das Plänchen ent⸗ worfen, den Kapitän nach und nach vor des Vaters Augen zu ſtellen und ihn langſam durch die Beſcheiden⸗ heit und feine Weife des jungen Mannes an die Ge⸗ ſellſchaft deſſelben zu gewöhnen und ſeiner großen Bitte dadurch das Thor zu öffnen. Aber Bruder Barnabas verdarb den wohlbedachten Plan. Er hält ſeine junge Frau für das Urbild aller weiblichen Schönheit; wer ſie ſieht, muß ſie lieben, anbeten, wahnwitzig wie er es thut. Der Don Carlos, da ihm des Vaters Abneigung gegen ſeine Landsleute bekannt geworden durch uns, zu ſchüchtern, zu vorſichtig in den Geſellſchaften der Ge⸗ liebten ſeine Huldigung darzubringen, richtete ſeine Apo⸗ ſtrophen an die vermeinten Fürſprecherinnen, an mich und die Schwägerin ſeiner Holden, und warf ſo Feuer in ein Pulverfaß. Bruder Barnabas raſete in wüthiger Eiferſucht, die arme Vita ſah zum neunzigſten Mal die Hölle um ſich flackern, mit dem ſpaniſchen Ritter kam es faſt bis zum Duell, und als der alte Commandant, als ein Blutsfreund Gaſtanaga's, davon Kunde bekom⸗ men, und ſtrenge Befehlsworte den Barnabas zur Ruhe Zebracht, ward alles Hoffnungslicht des armen Kindes zu finſterer Nacht, denn Barnabas hetzte den Vater; jedes Wort, jeder Blick für den edeln Grenadier ward uns verboten bei ſtrenger Ahnung, wir mußten den ſchmacken Tänzer, den galanten Sprecher meiden überall, und als nun gar die Mutter kränkelte, als das uner⸗ bittliche Schickſal ſie uns entriß, ergriff wahrhafte Ver⸗ zweiflung Florianens Sinne, ſie ſchrie Tag und Nacht — 293 nach der mütterlichen Helferin, und als ihr Schmerz ruhiger geworden in Erſchöpfung, vertrauete ſie mir zu mehren Malen, die Mutter ſei nicht fort, ſie koſe gar oft mit ihr, wenn wir Alle ſchliefen oder ſie ſonſt zu⸗ fällig allein ſeit, und pätte ihr Hülfe verſprochen, und ich freute mich der Schwärmerei, da ſie der lieben Schweſter Troſt gab. Da erſchien geſtern jedoch ein Brief des alten Bräutigams aus Amſterdam, der hä⸗ miſche Faktor verrieth uns den Inhalt, die baldige An⸗ kunft des Kapers, und Floriana ſaß ſtumm und bleich den ganzen Abend, legte ſich früh auf ihr Bettchen, und mag ſich ſpäter in fieberhafter Wallung zum Fried⸗ hofe fortgeſtohlen haben, dort bei der Mutter Hülfe zu ſuchen.— Wael hielt das brennende Auge ſtarr auf den Boden gerichtet. Sie that nicht Unrecht, ſagte er halblaut und mit an ihm ungewohnten Ernſte. Konnte die Mutter nicht helfen, ſo war der Platz doch ein ſicher Aſyl für ſolche Noth. Und warum ſollte 4s nicht ſein können? ſetzte er lebhafter hinzu. Hängt die Seele eingr Mutter hier unten feſt und unauflöslich an denen, die ein Theil von ihr geweſen, die nur losgeriſſene lein ſind von ihr ſelbſt, die ſie wie der Pelikan tränkte mit dem eigenen Blutſafte; o warum ſoll ſie, wenn ſie abge⸗ rufen von der Erde, ganz getrennt ſßin von den Lieb⸗ lingen? Dann wäre ſie ja ſtatt in einem Himmel, in eine Hölle verſetzt. O Renata, könnte ich nur auch einer Mutter Grab ſuchenz auch mir iſt vielleicht bald ein ſolches Aſyl noth und eine Heiligenſtimme, die mir Rath ſpricht! Aber das liegt weit, und meiner Mutter Geiſt iſt gebannt durch des Meeres Brandung und die Wüſte des Waſſers.— 294 Renata drückte ſich feſt an ihn und preßte ihre Hände auf ſeine Schultern. Geiſterbeſchwörer, lallte ſie, halte ein, mir wird Angſt bei Dir.— Mädchen, fuhr er wie von einem innern, tiefen Schauder ergriffen fort, wenn auch Dich einmal der wackere Kaufherr van Fagel et Compagnie wie eine Waare losſchlüge, würdeſt Du auch lieber das Grab ſuchen, wie die da im Bett, als Dein Herz ohne Liebe veräußern, und ſtatt der grünen Myrte den goldenen kalten Zweig des Plutus in Dein ſchönes Seidenhaar flechten laſſen?— Renata ſtutzte, indeß antwortete ſie ruhig: Floriana iſt eine ſchöne Blume, nach der Alt und Jung gern die Hand ausſtreckt. Nach mir ſchauet Niemand, denn der Regen hat die Blume früh gefleckt und ihre Blätter welk gemacht, und der Wildfang von Vetter war der Einzige bis jetzt, der ſich um Renaten bekümmert, und ihr aus Muthwill und Langweile ein bischen den Hof gemacht.— Wael ſprang auf und faßte mit ſcharfem Blick ihre Augen. Mädchen, ſagte er ſchnell und erhitzt, Scherz und Schelmerei ſind die Würzen des magern Lebens, aber es gibt Augenblicke, wo ſie zu Gift werden. Nein, Du willſt dem Jae keinen Schierling miſchen in ſeinen beſten Wein, in den einzigen Labetrunk, den ihm viel⸗ leicht ſein Genius für das arme Daſein gehegt. Glaube mir, der leichtfertige Jac hätte nicht ſo ernſt auf den Schulbänken geſeſſen und mit Bienenfleiß geſammelt, was oft als bitterer Honig von den trockenen Lippen der alten Weiſen floß, er hätte nicht in der großen Freudenſtadt den Timon und den Harpax geſpielt um des Ohms Gunſt ſich zu ſichern, wenn nicht ein lieber Geiſt in der Ferne 295 bei ihm geweilt hätte immerdar, wenn er nicht mit die⸗ ſem Geiſte gemeinſchaftlich an einem Bilde ſeiner Zukunft gemalt hätte, einem Bilde, welches ihm das ganze bunt⸗ farbige Paris zuwider machte.— Jac, was treibſt Du? Hat auch Dich die Nachtluft krank gemacht gleich Florianen? fragte ſie erſtaunt, als der junge Mann ihre Hände faßte und wie im Krampf preßte und an ſeine Bruſt legte.—— Renata, ſprach er heftiger, das liebe Spiel muß Ernſt werden; ich muß eine Sicherheit haben, die mir Kraft gibt, die Kämpfe zu beſtehen, die hier im Hauſe auf mich warten; ich muß eine Bündnerin haben, die ich feſt weiß, die ich mein weiß, ſoll ich Euer Schirm⸗ vogt werden an der Stelle der trefflichen Frau Juliana. Willſt Du die Hand drücken in meine Hand zu Bund und Schwur auf immer? Willſt Du——2 Ein Geräuſch an der Thür machte ſein Wort ver⸗ ſtummen, denn herein trat die ſchöne Frau des Haupt⸗ manns Barnabas, ängſtlich forſchend nach der armen Schwägerin. Es wurde Renaten und Jac nicht leicht der Störerin ihre Aufwallung zu verbergen, doch Wael's Gewandtheit, der in der reizenden Vita eine Jugendbe⸗ kannte begrüßte, und Vita's Verwunderung über das hübſchen Freundes unerwartete Wiederkehr verwiſchten, was Verräther einer Scene werden konnte, die nach der Lage der Verhältniſſe keine Vertrauten erlaubte. Wir überſpringen faſt eine Woche, wo die Lage der Familie, in welche wir mit des Teufelchens Asmodi Hülfe einen Blick durch das Dach gethan, ſich wenig veränderte. Der junge Wael hatte die Fremde wiederum — 296 abgeſtreift, hatte ſeinen einſtigen Platz mit Dreiſtigkeit wieder eingenommen, und ſchien ihn mit kräftigerer Sicherheit, als vorhin, behaupten zu wollen, obgleich Herr Erasmus, der Zahlenmenſch, ihn gleich einer un⸗ willkommenen Null ohne Zähler verächtlich zu betrachten ſchien, und der Hauptmann Barnabas gar oft Blicke auf ihn warf, die wie Zünder einer Mine funkelten, wenn der ungenirte Studios zu lebhaft ſeine poetiſchen Tiraden gleich Maiblümchen, mit denen ſich die Jugend ſcherzend wirft, an die ſchöne Vita adreſſirte. Doch mühſam nur verſteckte unſer Held die Bewegung ſeines Gemüths, die Unruhe ſeines Herzens und der Seele Bangen unter jene Leichtfertigkeit, die man an ihm ge⸗ wohnt war, denn vergebens hatte er eine zweite Stunde geſucht, wo er mit der Jugendfreundin allein zu ſein hoffte, und er fühlte, ſeit er die nie gefürchtete, nie be⸗ dachte Möglichkeit, Renata könnte eines andern Mannes Eigenthum werden, wie ein Geſpenſt vor ſich geſehen, daß er dem guten, anſpruchsloſen Mädchen mehr zuge⸗ than, als mit der Neigung des Bruders. Aber Renata mied ihn abſichtlich, und Floriana hatte ſich erholt, war bereits außer Bett, wenn auch noch an das Zimmer und den Lehnſeſſel gebannt, und ein unerklärliches Geſühl hielt ihn ab, die Kranke zur Vertrauten zu machen; er wagte es nicht, ohne vorherige Erlaubniß Renatens, er wagte es nicht, weil es ihm als eine Entheiligung ſeiner beſten Empfindung vorkam. Trägt doch die erſte Liebe des jungen Herzens immer den Charakter der Scheu und Verſchämtheit; ſie iſt dem Liebenden wie ein Heiligthum aus fremder Welt, durch unſichtbare Hände ihm geſpen⸗ det, ihm anvertraut; das Licht, das ſie beleuchten könnte, iſt ihm zu materiell für die Himmelsgabe, das Wort — — 297 zu irdiſch, zu unzart, um von dieſer Aetherblume zu erzählen. — Mit dem Gürtel, mit dem Schleier Reißt der ſchöne Wahn entzwei.— Ein unerwartetes Ereigniß ſtörte jedoch die Wind⸗ ſtille, in welcher bislang das Fagel'ſche Familienſchiff lavirt hatte, plötzlich zu einem tüchtigen Seewinde auf, der die Mehrzahl der Leute in demſelben aus ihrer Un⸗ thätigkeit empor riß. Ein Herr van Kuik betrat das Fagel'ſche Comptoir und meldete die Ankunft ſeines Prin⸗ zipals, des achtbaren, hochanſehnlichen Herrn Peter Bauch, der Nachts zu Brüſſel eingetroffen und im Gaſthofe zum Herzog Alba abgeſtiegen, da ihm auf der Reiſe das Ab⸗ leben der Frau Juliana kund geworden, und er darum das Trauerhaus, das ihm vom künftigen Schwiegerpapa zum Quartier geöffnet worden, nicht ohne Anmeldung mit ſeiner plötzlichen Ankunft hatte beläſtigen wollen. Herr Servatius war entzückt über den ungewöhnlichen Zartſinn des Holländers, brach in hohe Lobreden aus und quetſchte dabei dem ſteifen, ehrbaren Amſterdamer Commis die Hände, ſandte auch ſogleich als Ambaſſador ſeinen Erasmus ab, den alten Handelsfreund wie im Triumph einzuholen, und befahl dem Faktor Wulf Men⸗ zelein aus dem Werkeltag einen Sonntag zu machen für ſich und alle Arbeiter, dagegen Diener und Mägde in doppelte Thätigkeit zu preſſen, um Haus und Tafel zu einem Feſte in den Stand zu ſetzen, wie es nur irgend die Trauerzeit erlauben möchte. Mit Schrecken dachte er dabei an die kränkelnde Braut, die unmöglich dem ſoliden Geſchmacke des Holländers in ihrem jetzigen Zuſtande gerecht ſein durfte, verwünſchte das nervenſchwache Ding, verwünſchte noch mehr den windigen Neffen Jac, 298 nach welchem er ſchickte, um durch ihn die Mädchen in⸗ ſtruiren zu laſſen, der aber die triſten Hausräume früh Morgens verlaſſen, um ſeine Jugendbekanntſchaften auf⸗ zufriſchen, und mit einigen ſeiner frühern Genoſſen die Umgegend der Stadt, die er als ſeine Stiefmutter zu betrachten hatte, zu durchwandern und in ſeinen Jugend⸗ erinnerungen zu ſchwelgen und zu vergeſſen, was ihn ſeit ſeiner Wiederkehr bedrückte. Durch den Faktor wurde den erſchreckten Schweſtern die Ankunft des Holländers kurz und trocken gemeldet, und wenige Stunden hernach führte der Vater mit ſtren⸗ gem Geſicht, in deſſen Augen die eingeſchüchterten Töch⸗ ter ſo deutlich laſen, als wäre ein Commandobuch vor ihnen aufgeſchlagen, den fürchterlichen Fremden ein. Herr Peter Bauch war ein kleines Männlein, in der Form einem Kugelſiſch nicht unähnlich. In ſeinem Le⸗ vensbuche mochte die 365 ſchon ſechzig Male und darüber addirt worden ſein, doch hatte ſein apfelrundes Geſicht, wenn auch mit der Theebläſſe ſeiner Landsleute gemalt, wenige Falten und eine wohlthuende Gutmüthigkeit lag auf den ſtumpfen, wenig von dem Innern ſagenden Geſichtszügen verbreitet, und kam noch mehr in den kleinen Augen zu Tage, deren Farbe in einem matten Blaugrün ſpielte. Sein Anzug mußte dagegen jedes weibliche Weſen für den Träger gewinnen, denn wenn auch Form und Schnitt bequem und dem Alter anpaſ⸗ ſend erſchien, ſo leuchtete doch aus jedem Theile deſſel⸗ ben die höchſte Sauberkeit in's Auge, und das feine Tuch, Knöpfe und Schnallen vom edelſten Metall, die zart gebauete Stutzperüke, der lange Rohrſtock mit ſchwerem Goldknopfe, Alles deutete den reichen, wie den ordnungsliebenden und auf ſich ſelbſt viel haltenden 299 Millionär an, der gewürdigt worden, unter den hoch⸗ mögenden Staatenherren ſeinen Ehrenplatz nehmen zu dürfen. Nach der erſten förmlichen Begrüßung legte der Hol⸗ länder ohne weitere Complimente ſein dreieckichtes Treſ⸗ ſenhütlein auf den Spiegeltiſch, ſtellte den Rohrſtab vor⸗ ſichtig daneben und nahm wie etwas Gebührendes den Seſſel in Beſitz, den ihm der Hausherr unterſchob. Seine kleinen blinzelnden Aeuglein liefen alsdann über die bei⸗ den Mädchen auf und nieder, und an den über dem runden Corpus gefalteten weißen ſpeckichten Händen ſah man die beiden Daumen gleich zwei kleinen Mühlen⸗ wellen ſich beſtändig um einander wälzen, wodurch zu⸗ gleich zwei koſtbare Brillantringe an den Zeigfingern des alten Brautwerbers ſichtbarer wurden, und die Augen des Herrn Servatius van Fagel magnetiſch feſ⸗ ſelten.— Renata hielt ihre Blicke dagegen feſt auf die Schwe⸗ ſter gerichtet, und Mitleid wie Beſorgniß ſprachen ſich in ihren ſchönen Augen aus, und nicht ohne Grund. Floriana hatte ſich ehrfurchtsvvll verneigt, und dann einen Augenblick nur den gefürchteten Werber angeſchaut; langſam glitt ſie dann auf den Stuhl zurück, von dem ſie ſich erhoben; das blaſſe Antlitz färbte ſich mit hohen Roſen, dagegen neigte ſich das Köpfchen, die Blicke wurzelten feſt am Boden, doch aus dem ſtarren Blick ſchoß zuweilen ein heimlicher Strahl, der jetzt ausſah wie der zuckende Blitz der Verzweiflung, und im näch⸗ ſten Augenblick dem aufſchießenden Irrlicht des Wahn⸗ witzes glich. Aengſtlich trat Renata dem alten Herrn einen Schritt näher und mit bebenden Lippen beantwor⸗ tete ſie haſtig und faſt vorlaut die Reden, die von dem 300 WMunde des Herrn Peter Bauch ſchnell und feſt, aber ſtets von kleinen Pauſen unterbrochen, an die Mädchen gerichtet wurden.— Ein paar liebe Fräulein, ſagte der alte Herr mit faſt zärtlichen Tönen. Wohlgeſtaltet, ächte Farbe, ſittige Tracht, nichts Welſches oder Frankreich'ſches daran! Gratulire, mein Herr und wackerer Freund in Merkurio!— Amſterdam iſt eine Prachtreſidenz, das Eldorado der Kaufleute, fing er dann wiederum an, Alle wie Könige darin; ein Rathhaus auf lauter Maſtsäumen, im Haus und Stall blanker Eſtrich, man getraut ſich kaum in Pantoffeln aufzutreten, das Serviettchen hier iſt kaum ſo weiß wie der Boden, auf dem eine edle Frau von Amſterdam ſpaziert. Sie können doch Thee brauen, ſelbſt mit den eigenen Händchen? fragte er wiederum nach einer Pauſe. Mehr zu thun hat unſere Künftige nicht, und mag übrigens ſie am Kamin ſitzen und com⸗ mandiren wie eine Prinzeß in Oſtindien.— Er erzählte dann, gleichfalls in Abſätzen, von ſeinem Hauſe an der Amſtel, von ſeinen Gärten, ſeinen Tulipa⸗ nenbeeten, von ſeinen Zuckerbäckereien, ſeinen Segeltuch⸗ fabriken, ſeinen Gewürzmagazinen, ſeinen Leinwandblei⸗ chen mit der Wohlbehaglichkeit eines gemachten Mannes. — Viel Aufſicht nöthig, viel Plackerei, viel Aergerniß, ſetzte er hinzu, aber nichts fällt auf die junge Frau, wenn ſie nicht will ihren Spaß haben am Zuſchauen und Re⸗ gieren unſerer kleinen Welt, und ſich einem Halbtauſend Dienſtbaren präſentiren als die vermögende Frau, die zu commandiren hat den Herrn ſelber. Mag den Gar⸗ ten laſſen verſchneiden in chineſiſchen Figuren oder zu allen Beſtien, die in der Arche Noäh verpackt lagen, mag für einige tauſend Gulden Zwiebeln verſchreiben 301 aus Harlem, mag beim Goldſchmied ſorgen für neue Spangen und koſtbar Geſtein, mag entgegenfahren den Häringsbuiſen oder der Zimmt⸗ und Ingwerflottille Kuf unſerer vergoldeten Jacht durch das Yz; Niemand wird ihr legen eine Sandbank vor den Willen, denn wir Amſterdammer Herren ſind Löwen und Bären auf dem Börſeſaal, aber im Hauſe Lämmer, lämmerweich wie Lyoner Sammet und zart wie Spitzenkram aus dieſer Stadt.— So plapperte Herr Peter Bauch gutmüthig ein Halb⸗ ſtündchen, dann ſtand plötzlich das Mühlenrädlein ſeiner beiden Daumen ſtill, er erhob ſich ſchwerfällig, und als ihm mit ſchneller Höflichkeit der Hausherr Hütlein und Stock gereicht, warf er noch einen langen, freundlichen Blick auf beide Schweſtern, nickte mehre Male mit dem ehrwürdigen Haupte und ſchritt durch die von Herrn Servatius aufgeſtoßene Thür langſam und gravi⸗ tätiſch hinaus. Gratulire nochmals zur guten Waare, ſprach er draußen. Aechter Mocka ohne Seewaſſer! Wahrhafte Gewürznäglein mit krauſen, friſchen, duftigen Kelchen! Nehme keine Ausſteuer, braucht ſich nicht zu geniren, der Herr Patron! Nur ein Teſtament auf Le⸗ ben und Sterben, ein bündig Papierchen, daß das Kind weiß, was ſie hat vom Vater, daß ihr die Advokaten keine Moleſtie machen. Herr Peter Bauch thut desglei⸗ chen auf Leben und Sterben, oder hat's vielmehr ſchon gethan; unſer van Kuik führt's in der Reiſetaſche, bün⸗ dig gemacht vor dem Rathhauſe zu Amſterdam, Frauen⸗ pfennig, Nadelgeld, Witthumsſchatz; ſollet zufrieden ſein, Herr Poatron; der hochmögende Herr Witten von Ham⸗ ſteede, der Baas von Holland, hat nicht mehr ver⸗“ ſchrieben.— 302 Herr Servatius wurde die Fröhlichkeit ſelbſt, müh⸗ ſam rettete der Holländer ſeine weichen Flaumenhände vor den guetſchenden Handdrücken des künftigen Schwie⸗ gervaters, verbat ſich dringend die ſtürmiſchen Umhal⸗ ſungen wegen ſeines Aſthma's, das feindſelig durch jeden Druck des Bäuchleins erregt werde, und trieb den Fa⸗ brikherrn, ihm ſeine Manufakturen zu zeigen, deren Ruf bis an den Rand des W gedrungen.— Indeß dieſes auf dem Vorplatze des Fagel'ſchen Hau⸗ ſes vorging, lagen innen im Weiberzimmer die beiden Schweſtern, von den ſchmerzlichſten Gefühlen bewegt, ſich in den Armen.— Eh' in die Sienne, als in dieſes Menſchen Haus! rief Floriana. Eh' die Speiſe der Fiſche, als das Opfer dieſes Molochs.— Muth, Muth! meine Floriana! Die Hochzeit iſt ja nicht morgen. Die gute Mutter ſchützt Dich auch jetzt noch wie ſie es im Leben that, durch das Trauerkleid, das Du trägſt um ſie.— Auch nicht einen Tag ſeine Verlobte! rief Floriana heftiger. Lieber zerſchlüge ich dieſe Stirn am Steinkreuz auf der Mutter Grabe und rettete mich zu ihr.— Freilich wär's da freundlicher als im Arme dieſes Pagodeon, ſeufzte Renata mit; ſeine Finger ſchienen auch hier wie im ſüßen Traume Dukaten zu zählen, ſein Leib kam mir vor, wie ein überfüllter Geldſack, ſein breites Unterkinn wie die ſtramme Geldkatze eines Frachtfahrers und die Freundlichkeit ſeiner kleinen Augen ſchien uns nur wie ſchöne Tulipanen zu begrüßen, die er für die Zier ſeiner Gärten zu kaufen geſonnen.— O, hilf mir zur Rettung von dem ſchrecklichen Men⸗ ſchen, bat da Floriana ihr faſt zu Füßen fallend; rufe den Vater Jac auf, mir zu helfen! Sende nach — — ———5 303 Carlos! O, bei dieſem Geiſte unſerer Mutter beſchwöre ich Dich.— Verzweifle nicht, Mädchen! tröſtete Renata, birg Deinen Abſcheu vor dem Vater, er würde dadurch nur zu dem Aeußerſten getrieben werden, Dir ſelbſt zum Schaden. Erzwinge Ruhe und Gleichmuth. Zwiſchen jetzt und dem Kirchgange liegen lange Monate, und ſelbſt die Verlöbniß wird durch Deine kaum bezwungene Krankheit Aufſchub finden.— Milder ſchluchzte die Braut, als aber der Faktor Menzlein jetzt liſtig ſchmunzelnd hereintrat, und die Jungfer Renata zur Küche beorderte, wo das Recept zum Dauphinskuchen der Köchin ermangele, als er dabei die Gratulation, von wegen des großen Glücks, das dem Hauſe widerfahren ſolle, abſtattete, und hämiſch vertrauete, wie er die beiden weltberühmten Handelsleute behorcht, wie der gewichtige Herr Peter Bauch erklärt, daß er nur wenige Tage in Brüſſel zu bleiben vermöchte, daß ſeine Affairen keinen Aufſchub vergönnten, daß man die Trauerzeit zu ignoriren beſchloſſen, daß der Bräuti⸗ gam die ſchöne Braut mit nach Amſterdam in Beglei⸗ tung des Vaters oder des Bruders oder des jungen Wael's nehmen würde, um dort das beglückende Bündniß ohne Hinderung und Verzug zu vollziehen, da ſtürzte Floriana an der Schweſter Seite wie ſinnlos in die Knie und preßte das Geſicht, wimmernd wie eine Ster⸗ bende, in die Polſterkiſſen des Seſſels.— Der Donner rollte in kurzen Zwiſchenräumen wie des Weltgeiſtes zürnendes Murren; in Süden leuchteten kurze Blitze, wie wenn ein Warnungsengel auf Augenblicke 304 den Vorhang höbe vom Reiche der Ewigkeit, doch ih ſchnell wieder fallen ließe, um das Menſchenauge nicht erblinden zu machen; die Nacht war früher hereinge⸗ brochen durch das ſchwarze Wolkentuch, das den ganzen Himmel überzogen, und dann und wann fuhr ein ſchar⸗ fer Sturmſtoß durch die Luft, ſchüttelte die Baumwipfel, ſauſete in den Winkeln der Kirche wie ein gefangener Geiſt, und alle Wetterfahnen in Brüſſel kreiſchten wie Höllenſpuk, der ſeiner Bande frei geworden, bis zum Morgenroth. Auf dem Grabe der Frau Juliana tniete eine weib⸗ liche Geſtalt, ſchwarz ihr Gewand wie die ſie umgebende Nacht, nur bemerkbar durch das weiße Tuch, welches nach Nonnenweiſe Haar und Stirn umhüllte, und Ge⸗ ſicht und Stirn umſchloß. Es war Renata. Sie ſchien die Finſterniß vergeſſen zu haben, welche dräuend wal⸗ tete, ſie ſchien das Wetter nicht zu bemerken, welches hinter ihr aufzog. Sie betete mit Inbrunſt, das that ſich kund an den feſt verfalteten, zuſammengepreßten Fingern, an der hochfliegenden Bruſt, an den zuckenden Lippen; doch waren ihre Augen nicht nach oben, wo der Glaube de.n Erhörenden ſeinen Thron ſtellt, ſondern nach unten gerichtet, und zuweilen bildeten ſich laute Worte auf dem Munde der Beterin, wenn das Herz in Beklommenheit und Qual das Geheimniß des Gebets vergaß.— Mutter, betete ſie, ſteige auf zu mir, und leihe mir Deine Kraft und Deine Entſchloſſenheit! Ich bin ja auch Dein Kind und will ja thun in Deinem Sinn. O, Du haſt meine Liebe nicht ganz erkannt, wie Du gingeſt auf Erden, aber nun ſiehſt Du heller, und mußt wiſſen, daß Renata Dich angebetet wie Gottesbild, daß ihre Liebe — 305 zu Dir unbefleckt war durch Neid und Mißgunſt, daß ſie Alles, was Du liebteſt, mehr liebte um Deinetwillen, daß ſie Dich ehrt in Deinem Lieblingskinde, und gehor⸗ ſam thut, was Deine Stimme ihr zuflüſterte, als heute in der Dämmerung ihr däuchte, Du ſtändeſt ihr nahe. Gib ihr denn Kraft, daß ihr Herz nicht bricht, ihre Zunge nicht erlahmt vor dem Opfer, gib ihr kalte Ent⸗ ſchloſſenheit, zu ertragen, was ſie muß, ein ganzes Leben hindurch. Der letzte Gedanke ergriff das Weſen der Beterin bis in ſeine tiefſten Tiefen, und die Erſchütterung beugte ſie und drückte ſie alſo, daß ihre Stirn faſt die Grasſpitzen der Raſendecke des mütterlichen Grabes berührte. Ein beſonderes Geräuſch ſtörte ſie aus ihrer Andacht. Hei⸗ ſchere, dumpfe Töne trafen über den Friedhof her ihr Ohr. Bei einem leuchtenden Blitz ſah ſie eine ſchwarze, faſt rieſige Geſtalt zwiſchen den Grabſteinen, ſie ſchien von einem Hügel zum andern zu ſpringen, oder zu taumeln zwiſchen den grauen Gedächtnißſteinen; deutlicher und näher klangen die Töne, die ihr zuweilen wie bekannt, dann wiederum grauenvoll fremd waren. Laßt los, ſtöhnte die rauhe Stimme, die tief aus dem Grabe einer zerriſ⸗ ſenen Bruſt herauf quoll, los, ſage ich, ihr Memmen. Kennt ihr mich nicht? Mörder ruft ihr hinterdrein? Wer ſagt's euch? Still! wollt ihr anders ein ganz Gehirn mit zu Bett nehmen, ſtill! ſage ich. Ha, ha! Nun mag er ſie nehmen, der gelbe Quittenapfel. Wohl bekomm's, Herr Kamerad!— Der nächtliche Stürmer war jetzt bis nahe an das Grab gekommen, und ein neuer Blitzſtrahl beleuchtete ihn, wie er in dem ſchmalen Zwiſchenraume der Hügel gerade auf die Betende daher ſchoß, und der Blitz zeigte Blumenhagen, VIII. 20 306 planke Waffen in ſeinen fechtenden Händen. Mit einem Angſtkreiſch fuhr Renata in die Höhe und floh zur Seite fort, aber auch der Feind that einen dumpfen Schrei, ſtand feſtgewurzelt und ſchwankte wie die nächſte Linde im Sturmſtoß, und als das flüchtende Mädchen nochmals zurückſah, lag die dunkele Rieſengeſtalt niedergeſtreckt auf dem Hügel der Mutter und ein Röcheln ſchlug an ihr Ohr, wie das eines Sterbenden.—— Das väterliche Haus war glücklich erreicht, und die Flüchtende ſchöpfte den erſten freien Athemzug wieder, doch bebte ſie noch im innern Froſt, wenn ſie ſich den grauenvollen Störer ihrer Andacht vormalte in der er⸗ hitzten Phantaſie, der ein trunkener Soldat oder ein bleſſirter Raufbold geweſen ſein mußte. Doch eine neue Aengſtlichkeit befiel das bange Herz, da trotz der ſpäten Stunde, wo der Sitte nach Alles ſich ſchon zur Nacht⸗ ruhe anzuſchicken pflegte, laute, lärmende Stimmen von innen erklangen, und die obern Fenſter alle hell waren und ſchwankende Lichter und flüchtige Menſchenſchatten ſich hinter den Scheiben bewegten. Sie eilte in die Sei⸗ tenthür, durch die ſie vorhin das Haus verlaſſen, wand das Tuch von ihrem Haupte, und ſchlüpfte mit ſchnellen Schritten, welche ängſtende Neugier beflügelte, zu dem untern, weiten Vorplatz des Hauſes, von welchem man durch die gewundene Haupttreppe hindurch, bis in den höchſten Stock hinauf zu ſchauen vermochte. Alle Haus⸗ genoſſen waren auf den Beinen. Die erſte Perſon, die ihr hellbeleuchtet ins Auge ſprang, war der holländiſche Bräutigam, der durch des Vaters Gaſtlichkeit ins Haus quartirt, jetzt auf der Vortreppe des erſten Stocks da⸗ ſtand, einer chineſiſchen Speckſteinfigur gar ähnlich, im ſchneeweißen Schlafrock mit roſenfarbenem Gurt, mit 307 der weißen zuckerhutförmigen Nachthaube über dem blaſ⸗ ſen Apfelgeſicht und mit blutfarbenen Pantoffeln ange⸗ than. Vergebens fragte Herr Peter Bauch mit kalten, phlegmatiſchen Tönen, ob Feuer in der Fabrik, oder ob die Franzoſen die Brüſſeler Wälle beſtürmten, daß man müde Leute alſo aus den Betten getrommelt; aber Nie⸗ mand antwortete ihm von all den Dienſtleuten, welche die Treppen auf und ab an ihm vorüber flogen, und Renata drückte die Augen zu vor dem Götzenbilde, das ihr wie ein kinderſpeiſender Moloch erſcheinen mußte; doch die tobende Stimme ihres Vaters im obern Stock, Wael's hellklingende Antworten, und Bruders Erasmus Fiſteltöne, die unten laut wurden, und in langſamer Peroration den Dienern ſteuerten, daß ſie die Stadt nicht herbeiſchreien möchten um eine ſo miſerable Kleinigkeit, machte ſie wiederum wach, und zog ihren angehaltenen Fuß vorwärts. Herr van Kuik, der Begleiter des Am⸗ ſterdamers, trat jetzt zu ihr, und indem er reſpektvoll den Hut von dem ſchlichten, blonden Haare nahm, ſprach er in faſt ſcheuen Worten ſeine Theilnahme aus über ein Unheil, das die reſpektable Familie betroffen; ſuchte ſie jedoch zugleich milde zu beruhigen, da von Gefahr nicht die Rede ſein könne.— Jac Wael war erſt beim Einbruch der Nacht von ſeiner Luſtpartie heimgekommen. Als er ſich dem Hauſe näherte, bemerkte er in einem Winkel verſchiedene Ge⸗ ſtalten, hörte ein Stimmchen: Das iſt er ſelbſt! flüſtern, und bemerkte einen Mann, der gleich darauf mit ra⸗ ſchem Schritt ihm entgegen kam. Er ſetzte ſich in eine wehrende Fechterſtellung, da er über dem Mantel des Angreifers einen Federhut erkannte, doch das Wort deſ⸗ ſelben klang nicht wie Feindſeligkeit, ſondern wie Bitte, 308 und ſein ſcharfes Auge fand, als der Mantel ſich öffnete, ſchnell die Geſtalt und das Geſicht des jungen Spaniers heraus, den er ſchon einmal im Flagel'ſchen Gehöft ge⸗ ſehen. Verzeiht, Herr, redete der Offizier ihn mit einer Stimme an, der man die heftigſte Gemüthsbewegung abhorchte; eine Donna, der mein Herz, mein Leben ge⸗ hört, hat mich an Euch verwieſen.— Floriana? fragte Wael lächelnd.— Sie ſelbſt, antwortete Gaſtanaga. Aber der Ton, mit dem Ihr fragt, macht mich zweifeln an Euch, macht mich glauben, die lieblichſte, herrlichſte Blume Brabants habe ſich geirrt, da ſie Euch ihre Stütze genannt.— Bedarf die Blume der Stütze ſo ſehr? fragte Jac aufmerkſamer. Als ich ſie verließ, war Windſtille über ihr und neben ibr.— Ein Orkan iſt aufgezogen, fiel heftig der Spanier ein, und ſie bricht, wird ihr nicht ſchneller Schutz, und er muß ihr werden durch mich, mit Euch, ohne Euch und ſollte Brüſſel darum in Aſche verſinken.— Mit Haſt erzählte er nun dem wiederum Lächelnden, daß er einen Brief von Florianen empfangen, den die höchſte Verzweiflung diktirt haben müſſe, der den Liebhaber zittern mache um das Leben der Lieblingin. Der alte Bräutigam ſei eingetroffen, und auf den nächſten Morgen ſei Alles zu dem verhaßten Verlobungsakte vorbereitet worden. Floriana ſchwur in dem Briefe, eher ſich das Leben ſelbſt zu kürzen, als den Ring des Holländers an ihren Finger zu ſtecken. Sie beſchwor den Geliebten, ſie zu retten noch in dieſer Nacht, ſei es, auf welche Weiſe er's thunlich fände. Sie klagte, wie die Schweſter ſie verlaſſen in höchſter Noth, wie der Freund nicht daheim; — 309 ſie trug ihm auf, dieſen aufzuſuchen ohne Aufſchub, ihm zu vertrauen, mit ihm zu verabreden. Und welche Pläne haben ſich in Euch geſtaltet? fragte Jac neugierig, als Gaſtanaga geendet.— Zwei Wege liegen offen, antwortete der Spanier entſchloſſen. Auf dem einen fährt mein Degen durch die Bruſt des Nebenbuhlers, ehe ſeine Hand mein Heiligthum entweiht; auf dem zweiten trage ich meine Angebetete noch in dieſer Nacht aus dem väterlichen Hauſe, und rette ſie mir weit fort in mein herrliches Vaterland. Meine Pferde ſind geſattelt, ein Urlaubſchein des Ohms ruhet in meiner Bruſttaſche, am weſtlichen Thore hat meine Compagnie die Wacht, nur Florianens Einwilli⸗ gung, Euer Beiſtand, die Flucht zu bewerkſtelligen, und zwei Glückliche ſind gemacht, dem armen ſinnverwirrten Mädchen iſt die grauſe Sünde des Selbſtmordes, mir ein Mord erſpart. Werdet Ihr zögern, der Gott unſerer Liebe zu ſein?— Und wie wird es werden nach der Entführung? fragte Wael, erregt und gewonnen durch die ſtürmiſche Entſchloſſenheit des Edelmanns. Wird Don Carlos de Gaſtanaga die ſittſame Jungfrau, deren unbefleckten Ruf ſeine kecke That arg beleidigen möchte, auch am nächſten Morgen in dem erſten Gotteshauſe, das ihm das Mor⸗ genlicht zeigt, in die ihr gebührenden Rechte ſetzen, und ihre Opfer belohnen? Denn lieber ſähe ich die ſchöne Baſe im Leichentuch, als wie eine fahrende Frau hinter dem Sattel eines Abenteurers.— Der Spanier fuhr einen Schritt zurück und ſeine ſchwarzen Augenſterne funkelten durch das Dunkel. Herr! rief er, die Hand am Degen. Doch Eure Sorge zeugt von der Liebe, die Ihr der Verwandten ſchenkt, ſetzte er 31⁰ ſogleich ſanft hinzu. Floriana meine Gattin zu nennen iſt das höchſte Ziel aller meiner Wünſche. Bei meinem Wappen, bei meinem Degen, bei dem Gotte, der dort leuchtet, die erſte Stunde der Sicherheit macht Fräulein van Fagel zur Marquiſe Gaſtanaga. Aber nun eilet auch, ehe das Haus ſich uns verſchließt, ſchafft mir ein kurz Geſpräch mit Florianen; zu mir in die Nacht her⸗ aus zu kommen, verſagte ſie durch die Botin, nur von Euch erwartet ſie ſo Rath als That.— Wael überlegte nur eine kurze Weile, dann führte er den jungen Fremdling durch die ihm bekannten Ver⸗ ſtecke der Magazingebäude glücklich in das Haus, ſchlüpfte vorſichtig mit ihm die Stiegen hinauf, hoch ins Erker⸗ geſchoß, wo Jae ſein altes Quartier wieder bezogen hatte. Das Mädchen zu ſich hinauf zu locken, dem widerſprach ſein Zartgefühl, da trafen ſeine ſuchenden Gedanken auf die freundliche Vita; er wußte ja, daß Hauptmann Barnabas für heute zu dem Geburtstagsfeſte eines Kameraden geladen worden, kannte des Vetters Liebe für Becher und Würfelſpiel, und war ſicher, daß derſelbe nicht vor Tage zu der einſamen Frau kehren werde. Raſch ſtieg er hinab in den Stock, welchen Dame Vita bewohnte, und wider Erwarten fand er die günſtigſte Aufnahme für ſein Geſuch. Vita kannte ja ſelbſt die ſcharfen Dornen, mit denen der rohe Mann ſo oft die Bahn des Weibes bewirft, da er ſie doch zu ebnen be⸗ ſchworen. Sie kannte die tägliche Folter eines Lebens, welches zwei disharmoniſche Weſen zu theilen verdammt wurden, eine Galeerenkette, die ein Paar feindſelige Naturen zuſammenſchmiedet ohne Hoffnung auf Erlöſung. Auch ſie hatte den Bräutigam mit weiblichen Augen ge⸗ ſehen, und Angſtfieber für die arme, verurtheilte Floriana 311 bekommen. Wael wurde mit ihr einig, durch Vita's Jungfer die ſchöne Baſe herauf citiren zu laſſen, und preßte entzückt über die mitleidige ran ihre kleine, weiße Hand an ſeine Lippen. Der Verrath hatte nicht geſchlummert. Hauptmann Barnabas ſtammte ja von einem vorſichtigen und ſpeku⸗ lirenden Brabanter Geſchlechte, und Frau Vita ward durch eine geheime Polizei bewacht, von der ihr kind⸗ liches, unbefangenes Gemüth keine Ahnung haben konnte. Kaum waren die beiden jungen Waghälſe die Stufen, welche Einem von ihnen zur Himmelsleiter werden ſoll⸗ ten, hinaufgeſprungen, ſo machte ſich ſchon der Reit⸗ knecht des Herrn Barnabas auf die Beine, ſuchte den Herrn, überbrachte ihm den Rapport, und überreichte als Zeuge ſeines Berichts eine ſchwanke Feder, welche der Spanier, da er die Kapuze des Mantels über ſeinen Hut geſchlagen, losgeriſſen und verloren hatte. Der Hauptmann befand ſich in der böſeſten Stimmung für ſolche Hiobspoſt; Frau Fortuna hatte ihm das ſauerſte Geſicht gemacht, er hatte im hohen Spiel arg ver⸗ loren, hatte mit glühendem Burgunder die Grillen hin⸗ unter geſpület und Feuer in ſeine Adern gegoſſen, das der Diener zu einer Flammenbrunſt aufblies. Des Kameraden Quartier lag in der nächſten Straße, ſo war der Eiferſüchtige in wenigen Sprüngen zu Hauſe, ſtand an der Gattin Zimmerthür, horchte mit fliegendem Athem, hörte trauliches Geflüſter, galante Schmeichel⸗ worte, jetzt den unverkennbaren Laut eines Kuſſes. Ein Sprung führte ihn in ſein nahes Zimmer; mit zucken⸗ der Hand riß er die geladenen Piſtolen von der Wand; zurück taumeln, mit einem Fußtritt die Thür von Vita's Zimmer eintreten, mit feuerſprühenden Tigeraugen die 312 Gruppe der beiden Vertrauten anſtarrend, und dann mit dem Hyänengeheul: Buhlerin! Ehebrecherin! Habe Dei⸗ nen Lohn! beide Schießgewehre abfeuern, war der In⸗ halt weniger Minuten.— Wael war aufgeſprungen und dem Tollen, leider zu ſpät, in den Arm gefallen. Die Schüſſe donnerten, die getroffene Kryſtalllampe klirrte zerſchmettert, Vita's gel⸗ lendes Geſchrei tönte herzzerreißend, und durch den Pul⸗ verdampf ſah man ihre Hände nach dem Antlitz greifen, ſah helles Blut an ihren Fingern, ſah ſie niederſinken, indem die Lampe verloſch. Eine Minute noch hatte der Hauptmann wie in Stein verwandelt geſtanden, dann ſchleuderte er den Hülfe ru⸗ fenden Wael von ſich und ſtürmte die Treppe hinab. Als Wael ihm folgte und nach Licht und Leuten rief, flog Gaſtanaga vom Erker herab, und fragte ängſtlich nach Florianen. Sie iſt geſund, nicht hier, ſicher in ihrem Kämmer⸗ lein, ſtieß Jac hervor. Aber fort, Herr Ritter, fort ohne Zögern. Unſere Verwegenbeit iſt geſtraft an einer Un⸗ ſchuldigen vor der That. An Euch iſt jetzt nicht zu denken. Fort, wollet Ihr das Unglück nicht zum Ungeheuern ſteigern.— Er warf den betroffenen Mann faſt die Treppe hinab hinter dem Hauptmann drein, und gerade kam der Fremde noch unaufgehalten durch die offene Hausthür davon, denn die Schüſſe, das Geſchrei hatten bereits alle Hausgenoſſen aufgeſchreckt, und aus allen Gängen, aus jeder Thür ſtürmten die verſchiedenartigſten Geſtalten zu dem Vorplatze im Nachthabit, halbbekleidet, jede ein Licht oder Lämpchen in der bebenden Hand, und alle bildeten das verworrenſte Getümmel. den Seſſel. Und keine Hülfe denn in dieſer letzten, letzten 313 Vita war nicht gefährlich verwundet, keine der Ku⸗ geln hatte ſie getroffen, nur ein Splitter des Kryſtalls der Lampe ſprang gegen ihre Wangen und zerriß die zarte Roſe. Aber Entſetzen und Schmerz hatte ſie nieder⸗ geworfen, und Wael's junge Kunſt wurde bedeutend in Anſpruch genommen mit zwiefacher Anſtrengung, denn der Arzt mußte ſich ſelbſt als die Urſache der Krankheit nennen. Der Spanier blieb aus dem Spiele, die furcht⸗ bare Folge ſeines Verraths lähmte die Zunge des Reit⸗ knechts, aber Herr van Fagels Zorn ergoß ſich nicht weniger ſtrömend über den tollhäusleriſchen Sohn wie über den leichtfertigen Neffen, deſſen ſpäter Beſuch bei der Hauptmännin ihm die Veranlaſſung des außerordent⸗ lichen, ſeine Familie beſchimpfenden Vorfalls däuchte. Die bebende, bis in die tiefſte Seele bewegte Renata ſtattete, vom Herrn van Kuik geleitet, der Schwägerin einen Beſuch ab, als ihr jedoch Wael in kurzen Worten den eigentlichen Zuſammmenhang zugeflüſtert, eilte ſie ſogleich zu Florianen, welche ſie zwiſchen den Haus⸗ genoſſen, die Vita's Zimmer füllten, vermißte. Eher dem Geſpenſte einer Todten als einer Lebenden ähnlich, ſtand das Mädchen mitten im Zimmer wie vom Starr⸗ krampf gefeſſelt, die Kerze in der Hand, den Fuß zum Fortſchreiten ausgeſtreckt, doch unbeweglich feſtgehalten von der Angſt des Augenblicks, wo ſie den Schuß gehört. Iſt er todt? Carlos ermordet? fragte ſie kaum hör⸗ bar. Renata nahm ihr den Leuchter und umfaßte ſie mit Heftigkeit. Ruhig, Kind! ſagte ſie tröſtend. Er iſt fort, Niemand ſah ihn, Barnabas war auf ſeiner Spur und wüthete im Mißverſtande gegen die arme Vita.— Fort? ſtöhnte Floriana und ſank wie aufgelöſet in 314 Nacht. O Mutter, Mutter, ſo iſt es aus, ſo vermochteſt Du nicht der Schutzgeiſt Deines Kindes zu werden, ſo ſind die Todten todt, und kümmern ſich nicht mehr um die, welche ſie geliebt, und Eines nur iſt übrig, todt zu ſein wie Du, bei Dir zu ſein kalt und ſtarr, ehe der ſchreckliche Morgen heraufkommt.— Erſchüttert beugte ſich Renata über die jammernde Schweſter und preßte ihren heißen Mund auf Florianens kalte Stirn. Dieſen Kuß ſendet Dir die Mutter, ſagte ſie feierlich und ernſt, er ſoll Dir Vertrauen geben und Zuverſicht. Dir ſoll der Morgen keine Schrecken bringen, das hat die Mutter mir verheißen für Dich, und ſie hat uns niemals belogen.— Floriana's Auge ſtarrte auf zu der ſeltſamen Trö⸗ ſterin, ungläubig, aber betroffen zugleich bis in ihr Innerſtes. Trotz der nächtlichen Unruhe hatte Herr Servatius van Fagel den auf nächſten Morgen feſtgeſetzten Fami⸗ lienakt nicht abbeſtellt. Freilich ward der älteſte Sohn, Hauptmann Barnabas, vermißt, und war nicht aufzu⸗ finden in der Stadt, freilich lag die Schwiegertochter erkrankt durch Schreck und Sorge um den Gatten; aber das kümmerte den leichten Sinn des Hausvaters wenig, der große wichtige Plan, auf die engſte Verbindung mit dem Amſterdamer Millionär füllte des Herrn Servatius ganzen Kopf; was das Herz des Genannten betraf, ſo war Jac Wael, der Studioſus der Anatomie, ſchon einigemal in Verſuchung gerathen, bei dem Ohm eine Monstrositas per defectum zu vermuthen. Heute jedoch ſchienen dem Herrn Servatius außer dem Herzen noch —— 315 andere Organe in Unordnung gerathen, und wer mit ihm zu thun, ſchied mit Kopfſchütteln. Erasmus prã⸗ ſentirte die Monatsrechnung, ohne Durchſicht empfing er ſie benebſt dem Kaſſaſchlüſſel zurück; der Faktor wollte über die Ankunft eines Antwerpener Schiffs berichten, ward nicht angehört, und eine Deputation der Fabrik⸗ leute, die ihre Noth klagten und um Erhöhung des Arbeitslohnes jammernd und faſt fußfällig baten, da die Theuerung ſie zu ſolchen Schritten gedrängt, jagte der ſonſt ganz gute und nicht mitleidsloſe Fabrikherr im hef⸗ tigſten, brauſendſten Zorn über die Schwelle.— Ein duftendes Frühſtück ſtand in Kryſtall und Silber auf der Tafel im Geſellſchaftsſaale. Herr Peter Bauch ließ ſichs ſchmecken im Polſterſeſſel, und ſein Faktotum, van Kuik, hatte den kleineren Tiſch voll Skripturen bis an ſeine rechte Seite heran ſchieben müſſen, damit der alte Goldmann es bequem habe und zweierlei an⸗ genehme Geſchäfte zugleich abzuthun vermöchte. Einige Gerichtsherren, einige Verwandte der Familie waren zu⸗ gegen. Mehre Dokumente, zu beiderſeitiger Zufrieden⸗ heit gefaßt, hatte man bereits vollzogen, jedoch dabei die gehörigen Zwiſchenakte beachtet und mit Kryſtall⸗ bechern und Gabel muſizirt, wobei der Faktor Wulf Menzelein mit Verdruß bemerkte, wie der holländiſche Matador ſeinen Commis van Kuik, indeſſen er ſelbſt ſeinen Appetit nicht unterbrach, die Scripturen durch⸗ ſtudiren hieß, und wenn dieſer ſein: Alles contant! ge⸗ ſprochen, ihn zuerſt die Unterſchrift hinzuſetzen ließ, und dann ſelbſt ſein„Peter Bauch manu propria“ hinkritzelte. Das Vertrauen, welches ſolch ein Nabob dem jungen, ſchmächtigen, ſchlichthaarigen Diener ſchenkte, ärgerte ihn bis zum Ingrimm, und er konnte ſich nicht bezwingen 316 und machte mit hämiſchen Gloſſen ſeinen Prinzipal dar⸗ auf aufmerkſam, der ihm jedoch keine Antwort gab, da er die Braut ſchon zu zweien Malen beſchickt hatte, und mit Ungeduld zur Thüre ſchauete, durch die ſie ein⸗ treten ſollte. In gleicher Unruhe ſtand Jac Wael in einer Fenſterniſche, vom langen, grünen Vorhange faſt verhüllt. Sein Entſchluß ſtand feſt, da die Kriegsliſt von des Fatums Tücke zu nichte gemacht, für ſeinen neuen Freund und Florianen den offenen, redlicheren Kampf zu wagen, und ſollte er darüber mit der ganzen Familie zerfallen; er hoffte, die Braut würde ein ſtand⸗ haftes Nein ſprechen, und dann wollte er Sturm lau⸗ fen auf das Gemüth des alten Holländers, wollte ihm die ganze Herzenshiſtoria ſeiner Verlobten enthüllen, ihm ſelbſt ohne Rückhalt die Thorheit ſeiner Werbung, die ſchwarze Zukunft, die er auf zwei junge Weſen und auf ſein altes Weſen herablockte, vorführen, und ſo aus dem Feinde, der ſo gutmüthige Augen beſaß, ſei⸗ nen Klienten einen Bundesgenoſſen werben gegen den herzloſen Vater und die Maſchine von Bruder.— Er hätte ſich die Qual der ſtudirten Rede, der ängſtlichen Spannung, der Furcht vor dem Ausgange ſparen kön⸗ nen, denn wie die Thür ſich endlich bewegte, ſiel ſein Gebäude ſofort in Staub zuſammen.— Statt der zwei Jungfrauen, die erwartet wurden, trat nur eine durch die von dem Diener weitgeöffnete Pforte, und dieſe eine war— Renate. Sie hatte die Trauer abgelegt; weißer Atlas rauſchte um die ſchönen Formen, Perlen⸗ ſchnüre umwanden den blendend weißen Hals und die vollen, fein und zierlich in die zarte Hand verlaufenden Arme, ein Demantkreuz wiegte ſich auf der ſichtlich durch ein ſtürmiſches Gefühl bewegten Bruſt, und durch das 317 reiche Haar ſchlang ſich ein feines Orangenreiß mit duf⸗ tenden Silberblüten. Alle ſtaunten die Jungfrau an, die mit hochgehobenem Haupte, leuchtenden Augen, glü⸗ henden Wangen und feſtem Tritt in die geſpannte Ver⸗ ſammlung trat, wie eine Begeiſterte, ſelbſt den Ver⸗ wandten fremd durch etwas Ueberirdiſches, nie zuvor an ihr Geſehenes, das ihre ganze Erſcheinung wie mit einem heiligen, Achtung gebietenden Nimbus umwallte, und das ſelbſt auf den alten bequemlichen Holländer dermaßen einwirkte, daß er ſich mit ungewohnter Eile von ſeinem Seſſel erhob, dem Mädchen ſogar drei Schritte entgegen trat, ſich freundlich verneigte und die runde Hand ihr galant entgegenſtreckte.— Floriana? fragte Herr van Fagel, im wortloſen Stau⸗ nen das ſtarre Auge auf die Tochter richtend.— Iſt ſehr unwohl, fiel Renate ſogleich ihm in die Rede, und wird leider nicht erſcheinen können, um die wichtigſte Stunde im Leben ihrer Schweſter mit zu feiern.— Was ſoll das ſinnloſe Wort? Was dieſer Anzug? entgegnete Herr Servatius heftig. Floriana ſoll— 2— Wollet Ihr vor den Fremden die Tochter beſchimpfen und die Fremden zugleich? Glaubet mir, ſie ſtürzet ſich aus dem Fenſter auf's Pflaſter, wenn Ihr die Hand ausſtreckt, ſie hierher zu ſchleifen. Nehmet mein Opfer, Vater! Der Geiſt der Mutter hat mir befohlen. O wenn ſie doch auch zu Euch treten möchte in der nächſten Nacht, Ihr würdet gut durch ſie berathen ſein.— Flü⸗ ſternd hatte ſie zur Seite gewandt geſprochen, laut ſetzte ſie hinzu: Störet die Schweſter nicht, mein Vater. Ihr wird beſſer werden bis zur Hochzeitsfeier. Hier ſteht die Braut; reicht mir die Feder zur Unterſchrift. Oder 12 318 war es Euer Wille nicht, daß nach alter Sitte die ältere Tochter zuerſt das väterliche Haus in der Frauenhaube verlaſſe?— Herr van Fagel ſtand verſtummt, ein Theil der Worte Renatens hatte ſein Gemüth mit Schauder erfüllt, und der Faktor, der ihn von hinten heftig am Rockſchooße zupfte, wurde unſanft zurückgeſtoßen. Doch Jac Wael hatte ſich jetzt von der andern Seite genähert, ſein Antlitz trug die Bläſſe einer Leiche, aber ſeine Augen blitzten. Renata, ſtieß er hervor in halblauten Tönen, was willſt Du thun? Bedenke, daß Dein Leichtſinn nicht allein Dein eigen Glück auf immer zerſtört, nein, daß Du ein anderes Herz, das treu und innig an Dir gehangen von früh an, das alle ſeine Hoffnungen, ſeine ganze Zukunft auf Dich geſetzt, der Verzweiflung und einem ewigen Grame preisgibſt durch dieſe unbedachte Opferung.— Renata zuckte unwillkürlich zuſammen und ein Beben lief durch ihre Glieder. Ihre Wangenröthe erloſch, doch antwortete ſie feſt, obgleich ein tiefer Schmerz verſicht⸗ bart wurde durch den langen Blick, der ſich in des Jünglings Augen ſenkte: Du haſt einſam geſtanden, Jac, und keine Schweſter geliebt, Du haſt keine Mutter gekannt, der Befehl von mütterlichen Lippen iſt nie Dir erklungen, Du haſt nie die Wolluſt empfunden des kind⸗ lichen Gehorſams gegen eine Mutter. Wie kann ich fordern, daß Du mich verſtändeſt?— Thörichte Schwärmerin, entgegnete Wael erbittert, Du wirſt Dich und mich verderben. Eine falſche Groß⸗ muth reißt Dich hin und Du gefällſt Dir in dem eiteln Triumphe. Aber die Reue wird kommen und mich rächen, und Dich vernichten.— 319 Renata hob das ſchöne Auge zum Himmel und legte die rechte Hand auf ihre Bruſt. Daß nichts Irdiſches mich bewegt, daß all mein Wünſchen und Hoffen nicht mehr hier unten iſt, ſchwöre ich dem Ungläubigen. Aber der Himmel gab mir Muth und Kraft zu tragen, was die Schwächere nicht zu tragen, nicht einmal auszuden⸗ ken vermochte. Gott richte mich!— Auch Wael verſtummte erſchüttert vor ihrem Anblicke; der runde, kleine Holländer aber trat jetzt heran, nahm traulich des Mädchens Hand und betrachtete zugleich mit ſeinen kleinen, liſtigen Augen die ganze Geſellſchaft nach einander. Kurioſe Menſchenkinder! ſagte er dazu mit launigem Tone. Wollet Ihr einander Räthſel aufgeben, oder ſpielet Ihr Komödia, wie ſie die Bande aus Italien vor ſeiner Hoheit dem Erbſtatthalter auf dem Rathhauſe zu Amſterdam in den letzten Faſten ererzirt? Wir ver⸗ ſtanden nicht ein Wort von dem pathetiſchen Schnack.— Dieſe tugendſame Jungfrau iſt die Braut, nicht wahr, verehrter Handelsfreund? Oder ſoll ſie es nicht ſein? Doch nicht etwa die andere, die bleichſüchtig wie der Mond, und traurig anzuſchauen, wie eine Trauerweide geſtern vor uns ſaß? Nein, nein, wir bedürfen kräf⸗ tige Waare, rührigen Sinn, lautes, klingendes Wort, und anweſendes, ehrſames Fräulein wurde uns als die Braut präſentirt, und im guten Vertrauen acceptirt.— Als Niemand antwortete, Herr van Fagel das Auge an den Boden geheftet hielt, zog er Renatens Arm unter den ſeinigen, und ſie recht ſanft zu dem Tiſche führend, plauderte er freundlich weiter: Was ſollt der Schnack von Opfer und von Reue? Weiß wohl, wie jeder ſittigen Braut wehmüthig ums Herz iſt, hat ſie doch 320 einen gar wichtigen Schritt zu thun, das Kind wird mündig, was gehorchte, ſoll nun befehlen, das ſchwanke Pflänzchen bekommt Stütze und Stab, daß es ſich daran emporranke und hochwachſe zur Vollkommenheit, und Blüte trage in ſchönſter Pracht. Aber freilich iſt der Stab nicht immer ein tüchtiger, ohne Bruch und mor⸗ ſchen Faulfleck, und darum iſt dem Bräutchen beklom⸗ men, wie es der Großmama und Urgroßmama auch geweſen ſein mag. Aber unſer Püppchen hat nichts zu beſorgen, ſie geht ſo zu ſagen nur aus einer Vaterhand in die andere, aus einem Vaterhauſe in das andere. Iſt ſie nur erſt hinüber mit uns in das Land Goſen, wo Milch und Honig fleußt, ſollen alle Leute am Zuyder See ihr bezeugen, daß Herr Peter Bauch ſich mit dem beſten Manne meſſen darf in Nordholland und oben und unten drüber hinaus. Und Ehren ſoll die junge Frau auf ſich regnen ſehen, als wäre ſie eine Fürſtentochter, reiſet auch Hoheit der Erbſtatthalter baldigſt nach dem Inſelreiche Britannia, von wo man ihm die Königs⸗ krone hergebracht, ſo ſoll die kleine Frau doch zuvor erfahren, wie ihr Gemahl geſchätzt worden von dem erſten Matine in der Republik, und wäre Hoheit ſchon an Bord gegangen zu Hellvoetsluys, ſo wird eine Bacht ſie tragen durch alle die Brander, Gallioten, Lootsböte, Pinken und Orlogſchiffe bis zu Seiner Hoheit, und küßt ſie der Statthalter nicht auf die weiße Stirn und hänget Hoheit ihr nicht ein Kleinod an den ſchönen Hals, ſo will Peter Bauch ſeinen beſten Finger, dieſen da, der die Schreibfeder führt, verlieren.— Unter dieſem Geſchwätz hatte er ſie zu den Scrip⸗ turen geführt, ihr die Poſe zwiſchen die Finger geſteckt und— Renata hatte unterzeichnet; aber der langhallende 321 Seufzer, welcher dabei unwillkürlich aus ihrer Bruſt emporſtieg, traf verwundend alle Herzen, die dem wacke⸗ ren Mädchen zugethan. Selbſt der kaltſcheinende Mar myn Heer aus Amſterdam ſchien auffallend bewegt, ſchien ein Salztröpflein des Gefühls zwiſchen den engen Augenliedern zu zerquetſchen, und vergaß ſich ſo weit, daß er ſich zu der Sitzenden niederbeugte, ſeinen Mund auf ihre Stirn drückte und indem er kindiſch faſt ihre Wangen zu wiederholten Malen tätſchelte, flüſternd ſprach: Soll's Hicht bereuen, ſo wahr Peter Bauch ein ehrlicher Menſch iſt! Gehorſam und Zucht wird wohl angeſehen von Gott und Menſchen!— Doch die Scene ſollte nicht ganz ſo ſtill und milde zu Ende kommen. Der Faktor Menzelein, von innerer Wuth gefoltert, da ihm ſein Prinzipal kein Gehör gab, hatte ſich eiligſt fortgeſtoßen und Florianens Zimmer geſucht. Mit beflügelter Rede, denn ſein Eigennutz zitterte vor der Verſpätung, rief er das in Reſignation niedergedrückte Mädchen auf, augenblicks gegen die Schweſter zu treten, deren Selbſtſucht ſie um das größte Lotterieloos des Lebens, um die eheliche Herrſchaft über einen Millionär, der noch dazu die Tugenden des Alters und der Gebrechlichkeit beſäße, zu betrügen beabſichtige. Er erzählte gedrängt, was bereits im Familienſaale vorgegangen, und hämiſche Freude leuchtete aus ſeinem Habichtsgeſicht, als Floriana mit einem Angſtlaut auffuhr, und ſchnell ihr Kämmerlein verließ. Aber auch hier betrog ſich der bösartige Schwarzkopf. Im Saale ange⸗ kommen flog Floriana auf die Schweſter zu, ſank vor ihr in die Knie und umfaßte ſie mit beiden Armen. Schweſter, rief ſie zugleich mit tieſſter Angſt, Schwe⸗ ſter, was willſt Du thun? Oder haſt Du ſchon gethan? Blumenhagen. VIII. 21 322 Du haſt's, ich ſeh's an Deinen ſchmerzlichen Blicken. Aber nein, ich nehme Dein Opfer nicht an. Ich errieth ja Dein geheimes Leben, ich kenne Deine Wünſche, Dein „Sehnen. O, Du wirſt nicht leben können, wenn Du den Kranz Deiner Liebe ſelbſt zerriſſen. Nimm Dein Opfer zurück, ich muß es verſchmähen; aber ſterben laß uns zugleich und zuſammen, laß uns ſchlafen gehen an der Mutter Bruſt wie ſonſt, ſie wird uns nicht grauſam verſtoßen wie all die Andern.— Renate wollte mit einem Kuſſe den klagenden, zu viel verrathenden Mund der Schweſter verſchließen, aber ſie ſank erſchöpft und ohnmächtig zu der Schweſter nieder, uns alle ſprangen erſchrocken heran, ſie zu unterſtützen und ihr Hülfe zu geben. Der Brauttag der Tochter, auf welchen Herr van Fagel ſich Monate voraus gefreuet, hatte ihm nicht die üppigen Blütenkränze gebracht, die er von dieſem Non plus ultra ſeiner Spekulationen, dieſem höchſte Trium⸗ phe ſeiner kaufmänniſchen Siege geträumt. Alle Haus⸗ genoſſen wichen ihm ſchüchtern aus und ſahen ihn mit tadelnden Blicken an, oder traten gar mit unange⸗ nehmen Aeußerungen zu ihm ein. Der alte Holländer vernachläſſigte ihn, blieb wortkarg an der kleinen Tafel, vie nur Erasmus und van Kuik mit ihnen theilten, dann kramte er auf ſeinem Zimmer die Koffer aus, und ſendete von da einen wahren Königsſchatz von Stoffen, Frauenputz, reichen Schmuck, Juwelen und Kleinodien aller Art zu Renaten hinüber, und jeder Sendung war ein ſinniges Verslein oder ein wohler⸗ dachtes Witzwort auf Seidenpapier gemalt beigelegt; 323 doch hattte der alte Herr ſo viel Zartſinn, daß er es ver⸗ ſchmähete, den Dank ſelbſt einzukaſſiren, da er das Thrã⸗ nenauge der dankenden Braut zu fürchten ſchien, ſein van Kuik mußte jede Sendung hinüber tragen, ja ſogar der Verlobungsring, deſſen Ueberreichung bei dem ſtürmiſchen Ende des Feieraktes vergeſſen worden, wurde von des jungen Ambaſſadeurs Hand an Renata's Finger geſteckt, die wie ein duldſames Opferlamm ſich dem Unvermeid⸗ lichen hingab.— Jac Wacel trat ernſt und kalt in des Ohms Kabinet, und ſprach ſeinen Entſchluß aus, morgen ſchon Brüſſel zu verlaſſen, und forſchte nach den Mitteln, die ihm der Stellvertreter ſeiner Eltern für ſeine künftige Subſiſtenz beſtimmt. Zu viel geſchah ſchon für den Undankbaren, antwor⸗ tete der erbitterte Kaufherr, mit dem Tumult und Wirr⸗ war neuerdings ins Haus gekehrt, der ſich feindlich gegen ſeinen Wohlthäter auflehnt, von deſſen thörichten Witz ſicher ſo die Mordſcene auf Vita's Zimmer, wie dieſe überraſchende Verwechslung der Bräute und dieſes pei⸗ nigende Rührſpiel eingeleitet worden. Von Tiſch und Bett den jungen Herrn zu weiſen, wie er verdienet, wird des Aufſehens wegen nicht angehen, aber will der junge Herr marſchiren, ſo reiſe er mit Gott, ſuche jedoch ſelbſt die alberne Hand anderswo, die den Säckel des Stören⸗ frieds zu füllen dumm genug. Wael ging ohne Gegenrede, aber ein böſerer Mah⸗ ner erſchien nach ihm in der Perſon des Faktors Wulf. Allen Reſpekt gegen den Prinzipal vergeſſend, das Ge⸗ ſicht blauroth vor Ingrimm, die Rabenhaare geſträubt wie der Mähnenkamm einer hungrigen Hyäne, trat Men⸗ zelein zu dem Herrn und überſchüttete den Ueberraſchten mit einer Sturmflut niedriger Vorwürfe. Wortbrüchig „ 324 und undankbar mußte ſich der ſtolze Brabanter von ſei⸗ nem Diener geſcholten hören, wilde Drohungen klangen an ſein Ohr, und als er verwirrt ihm Florianen anſtatt Renaten bot, lachte der Faktor höhniſch, und ſpottete über die falſche Münze, mit der man gute Dienſte zah⸗ len wollte, meinte, Buhlſchaften mit hiſpaniſchen Ca⸗ valieren taugten nicht zur Ausſteuer ſeiner jungen Wirthſchaft zu Antwerpen, und als darauf der hochbe⸗ leidigte Hausherr ihn aus Zimmer und Hauſe mit wil⸗ dem Fluche verwies, knirſchte der kleine Faktor mit den Zähnen und hob in der Thür ohne Worte die Fauſt drohend gegen Herrn Servatius mit einer Geberde, die von dieſem wohlverſtanden, ihn bis ins Mark erzittern machte.— Von allen Gliedern ſeiner Familie blieb der Haupt⸗ mann Barnabas der einzige, von dem der gefolterte Vater Schutz und Rath zugleich erwarten durfte; aber dieſer war verſchwunden, und nochmaliges Ausſenden nach allen Bekannten des Hauptmanns, nach allen Orten in und um Brüſſel, die er zu beſuchen pflegte, blieb ohne Erfolg. Wie in der Irre ging Herr Servatius; ſein Dünkel auf Verſtand und Mittel, ſeine Beſonnenheit wurde von einer Verzagtheit vernichtet, die ihn zuletzt ſogar dahin trieb, den Faktor aufzuſuchen, um eine Ver⸗ ſöhnung mit dieſem, koſte ſie auch das Ungeheuerſte, zu Stande zu bringen; doch auf Menzeleins Stübchen fan⸗ den ſich Koffer und Kiſichen bereits fortgeſchafft, und man wollte den Faktor zuletzt in den Fabrikgebäuden geſehen haben, die zum Staunen des Herrn ſich ebenfalls men⸗ ſchenleer befanden, obgleich die Vesperſtunde kaum ge⸗ ſchlagen und die Glocke, welche die Arbeiter zu entlaſſen pflegte, noch nicht geläutet worden. So kam die Däm⸗ 325 merung, ſo das Dunkel heran, und mit ihm verbreitete ſich ein Schreckniß durch die reiche Stadt, welches für jeden, der einmal in dieſes Gorgonenhaupt geſchauet, zu den ſchaurigſten gezählt werden muß. Ein Rennen und ungewöhnliches Gelärm auf den Gaſſen machte zuerſt die ruhigen Hausbeſitzer, welche der Abend am Familientiſch geſammelt hatte, aufmerkſam. Prahlende Stimmen, hart ausgeſchriene Drohworte ein⸗ zelner die Straßen durchſtreifender Nachtmänner ſchreck⸗ ten die Bürger, und zogen ſie an Fenſter und Thüren. Da flackerte ein ferner Feuerſchein über der Stadt auf, erſt einer gelben Kriegsfahne ähnlich, die in den dunkeln Himmel hinaufgeſteckt worden und ſich immer breiter entfaltete, dann plötzlich ſich in einen Vulkan verwan⸗ delnd, aus welchem ein Regen von Feuerfunken, von Flammenblitzen und ſchwarzgeballten Rauchmaſſen him⸗ melan praſſelte. Jetzt ward die grauenvolle Stimme der Sturmglocke wach; Geſchrei, Gekreiſch tönte von den Plätzen, aus den Fenſtern der Häuſer herüber, und ſchwarze Menſchenmaſſen kugelten ſich heran, wie ein Lawinenball wachſend mit dräuender Schnelle im 3 ſamen Weiterrollen. Der ſteife Herr Erasmus, welcher fortgegangen, um nach dem Unglücke ſich umzuſehen, ſtolperte ins Fagelſche Haus, leichenbleich, mit ſchlotternden Gebeinen und ſtar⸗ ren Fiſchaugen. In unaufhaltbarer Beweglichkeit, als hätten ſeine Glieder plötzlich Polypengelenke bekommen, lief er auf und ab vor der Kolonne der um ihn verſam⸗ melten neugierigen Hausgenoſſen, bis ihn der alte Hol⸗ länder gewaltſam packte und durch ſein Leibesgewicht den Windballon feſtankerte. Rette ſich wer kann; van der Leeders Fabrik iſt Aſche 326 und Rauch; die Wagegaſſe und der Anderlechiſche Stein⸗ weg bis Sankt Gerix ſind ein langer Feuerofen, ſtotterte da der mit hundert Fragen Beſtürmte; die ganze Hölle iſt auf den Beinen, ganz Brüſſel iſt verloren, Habe und Gut iſt hin, man wird uns zerreißen, zerſchlagen, köpfen, hängen, viertheilen, denn ſolche Beſtien geben keinem ho⸗ netten Manne Pardon. Laßt los, Herr Peter Bauch, oder ich gebrauche die Fauſt, und ſeid Ihr klug, ſo ſetzt Euch mit uns in Galopp zum Kanal, wo glücklich noch des Faktors Antwerpener Bock an der Kette liegt; Alle hinein und davon, das Leben iſt doch das erſte Gut; auf dem Kanal verbrennt man nicht mit, und es hat wahrhaftig Eile, denn in dem nächſten Mordbrennertrupp rief es ſchon: Van Fagel! Nach van Fagels Hauſe, der Großthuer darf nicht der Letzte ſein!— Herr Servatius trat jetzt haſtig hinzu und faßte den Sohn bei der Bruſt, ſchüttelte ihn zur Beſinnung, und erzwang von ihm einen vernünftigern Bericht.—— Die Furcht vor dem nahen Ausbruche eines Krieges mit Frankreich, welches ſeine Rüſtungen nicht verſteckt hielt, auf der anderen Seite die Verhältniſſe mit Eng⸗ land, wo die Nation ſich gegen Jakob den Zweiten empört, ihn abgeſetzt und den Prinzen Wilhelm von Oranien zum Throne Großbritanniens berufen hatte, die unruhige Spannung über den Ausgang dieſes merk⸗ würdigen Ereigniſſes, das alle Höfe Europa's zur Theil⸗ nahme für oder gegen eine der betheiligten Parteien aufregen mußte, hatte dem Handel der Niederländer be⸗ deutende Wunden verſetzt, und beſonders die Brüſſeler Fabrikherren ängſtlich gemacht und ſie bewogen, ihre wirklich damals bis an das Unglaubliche ausgedehnten Werkſtten zu beſchränken, eine Menge der zahlloſen 327 Arbeiter zu entlaſſen und mit möglichſter Sparſamkeit ihre Fabrikgeſchäfte betreiben zu laſſen. Tauſende ver⸗ loren dadurch ihr Brod, ganze Familien geriethen in Armuth und tiefſte Noth, und nachdem ſie vergebens in den Nachbarländern Erwerb geſucht, kehrten ſie, der Verzweiflung nahe, in ihre Heimath zurück, Haß im Herzen gegen die, welche vordem ihre Wohlthäter und Brodherren geweſen waren, Aufwiegler ihrer zurückge⸗ bliebenen Kameraden, welche in dem Schickſale der Ge⸗ noſſen ihre eigene Zukunft mit Angſt zu ſehen glaubten. Vertrauend auf ihre Anzahl meinten ſie mit Gewalt er⸗ zwingen zu können, was die Vorſicht der reicheren Mit⸗ bürger ihnen entzogen und was ſie Ungerechtigkeit tauf⸗ ten; da ſie nichts zu verlieren hatten, als das drückende Leben, ſo hofften ſie jedenfalls zu gewinnen, und die Bösartigern unter dieſer in Religion und Sitte ver⸗ wahrloſeten Volksklaſſe wurden außerdem von Raubſucht und Rachgier geſpornt, und ſpornten wiederum durch Bilder des Gewinnes und der Verbeſſerung die mildern und zaghaftern unter ihren Kameraden. Heute gegen Abend war's losgebrochen, ungeahnet, unvorhergeſehen und darum deſto ſchrecklicher und verwüſtender. Schon ſtanden mehre Häuſer und Fabriken der erſten Kaufleute in Flammen, Schiffer und Laſtträger hatten ſich den Mordbrennern zugeſellt; denn was iſt verlockender für den Pöbel im Volke, der überall ſich tyranniſch gepreßt und ſtiefväterlich gegen andere Stände behandelt glaubt; was iſt verlockender für dieſe Volkshefe, als die Aus⸗ ſicht auf tumultuariſche Feſtnächte, wo das Geſetz auf⸗ hört und die Ordnung untergeht in roher Gewalt, und wo der, von dem Schickſale nun einmal zum Fröhner und Söldner Beſtimmte furchtbarer Weiſe den zertretenden 328 Herrn, den Mann der zügelloſeſten Willkür zu ſpielen vermag!— Bleiche Geſichter umkreiſeten Herrn Erasmus, als ſeine unzuſammenhängende Ausſage den Grund des Tu⸗ mults in der Stadt klar gemacht, und nur zu deutlich enträthſelt, was eigentlich zu fürchten. Der alte Hollän⸗ der allein hatte kalt und ruhig zugehört und ſein ge⸗ wohntes Daumenſpiel fortgeſetzt. Schläft denn eure Soldateska, oder ſtecken lauter Weiberköpfe unter euren Blechkappen? fragte er jetzt, die Hände auf ſeine breiten Hüften ſtützend. Beim hei⸗ ligen Merkurius, ihr Brabanter ſcheltet uns phlegmatiſche Seehunde, aber ihr Alle, wie ihr da ſteht, ſehet ge⸗ ſtrandeten Pottfiſchen ähnlicher wie feurigen Löwen. Da haben wirs anders gemacht, van Kuik, nicht wahr? als zu Rotterdam die Matroſen, da der Spanier alle Häfen blockirte, Rebellen ſpielen wollten, und das waren echte Eisbären gegen eure bleichſüchtigen und dürren Spinnen⸗ menſchen. Auf, mein Jung, Du verſtehſt ja noch von dort her, was Noth in ſolcher Stunde! Sei der Schout by Nacht dieſes ſteuerloſen Orlogſchiffes und commandire dieſe Verzagten; ich wette, wir werden nicht übel unter Deinem Admiralswimpel. Der junge van Kuik ließ ſih d. den Auftrag nicht zwei⸗ mal geben, und das von fern heranſchallende Getobe, das ſich zu mehren ſchien in jeder Minute, brachte in die ganze Hausmannſchaft Leben und Gehorſam gegen die raſch geſprochenen Befehle des Fremdlings. Zuerſt wurden Thüren und Läden feſt geſchloſſen und die Haupt⸗ eingänge durch Kiſten und Fäſſer verbollwerkt. Dem jungen Jac Wael ward der Auftrag, Alles, was an Schießgewehr und Munition ſich vorfände, in die Zimmer 329 des oberen Siocks zuſammen tragen zu laſſen und mit den bravſten Dienern die Fenſter nach der Straße hin zu beſetzen. Die älteren Dienſtleute und die Mägde mußten, von Herrn Servatius befehligt, auf die inneren Höfe hinaus, alle Zuber und Tonnen aus dem Brunnen füllen, Handſpritzen und Wolldecken parat légen. Ihr, mein verehrter Prinzipal, ſchloß der Commandeur ſeine Kriegsdispoſitionen, ſchlagt mit den Damen Euer Haupt⸗ quartier im Kellergewölbe auf, wohin Herr Erasmus Kaſſa und Hauptbücher transportiren wird. Dauert je⸗ doch das Bombardement der Citadelle zu lange, ſo hoffen wir auf den Wällen von euch die gehörige Erquickung aus dem Mutterfaß und dem Vorrathsſchranke.— Bravo! rief Herr Peter Bauch und klatſchte in die runden Hände, der Jung will ſich das Orangenband in Brüſſel verdienen!— und Jedermann flog, ermuthigt und willig der rettenden Beſonnenheit unterwürfig, an den ihm angewieſenen Poſten. Aber ſo muthig van Kuik von Außen erſchien, ſo beklommen war ihm ums Herz. Der Sinn der Bra⸗ banter, dem Franzöſiſchen verwandt, leicht aufgeregt, aber auch leicht eingeſchüchtert, konnte dem ehrenfeſten Sohne der Zeeländer kein Vertrauen einflößen. Draußen tobte das Volk immer lauter, ſchon klirrten die einge⸗ worfenen Fenſterſcheiben, ſchon hatte Wael vom oberen Stock einige Male blind zwiſchen die gährende Maſſe geſchoſſen, aber die Aufregung nur durch die Schreck⸗ ſchüſſe vermehrt, und die ſchimpflichen Namen, die blutdürſtigen, mordſüchtigen Ausrufungen, welche die Bandenführer auf der Gaſſe hören ließen, vermehrten die Bangigkeit der jetzt völlig Eingeſchloſſenen und förm⸗ lich Belagerten bis zur Sterbeangſt. Van Kuik ſtand 330 in der Seitenthür, welche in den Hof hinaus führte; einen blanken Säbel im Arm lehnte er dort, nachſin⸗ nend, horchend, aber ohne Entſchluß.— O goldene⸗ beglückende Ordnung, biſt du denn nur bei uns daheim zu Hauſe? ſprach er mit ſich ſelbſt. Man ſchilt uns kalt und herzlos, unbeweglich; aber wer möchte tauſchen mit ſolcher Beweglichkeit, ſolcher Flackerglut? Horch, wie die Brandung an das hochgeſpülte Ufer des Weltmeers, ſo tönet der ſchaurige Lärm herüber. Mir wäre beſſer, ſtände ich vor der Sturmflut drüben in der Heimath, denn ich könnte den vaterländiſchen Deichen vertrauen.— Eine weiche Hand legte ſich auf die ſeinige, und als er den Kopf wandte, ſah er die bleiche Renata neben ſich. Iſt es ſo ſchlimm, ſo rettungslos? fragte das be⸗ bende Mädchen.— Ihr hier, Fräulein? Warum nicht im ſichern Ge⸗ wölb, wo Riegel und Eiſenſtange den Trunkenbolden und Mördern den Eingang verſperren kann, bis der träge Commandant oder die zuſammengetretene Bürger⸗ ſchaft Hülfe ſendet? Hier iſt keine Sicherheit für ehrbare Jungfrauen; und Entſetzen faßt mich, denke ich, was Euch begegnen könnte, bräche eine der vielen unbewachten Pforten.— Bei Euch iſt mir wohler als dort unten, antwortete Renata, die Schweſter wimmert, der alte Herr erzählt ſpaßige Hiſtorien, die mir klingen wie das Lachen der Zechbrüder beim Leichenmahle. Laßt mich bei Euch, komme was wolle, Gott iſt ja auch dabei. Und iſt Bnn unſere Lage ſo verzweifelnd?— Höret Ihr das Geknatter außen an 8ö Mauern? Man legt Leitern an, oder bauet Gerüſte zum ueberſteigen. 331 Sehet hin! Dort fliegt ſchon ein Pechkranz auf das Schindeldach des Magazins. Und war das nicht ein ſchwarzhaariger Menſchenkopf, der eben über der Wand ſich erhob?— Er ergriff einen Eimer und ſchleuderte ihn nach der Gegend.— Glücklich getroffen! rief er mit wildem Triumph, der gar nicht zu ſeinem gewöhnlichen Weſen paßte. Der Burſch wird nach Hauſe gehen, ſein Kopfweh auszuſchlafen. Nun denn, fürchtet Ihr die Kellerluft, ſo haltet Euch nur immer dicht an mich; denn das ſchwört Euch Pilgrim van Kuik, ehe ihm nicht dieſer Arm ſammt dem Säbel in der Fauſt vom Leibe gehauen, ſoll Euch keine freche Hand antaſten dürfen.— Renata drückte ſich ſchaudernd an ihn, da kam Herr van Fagel über den Hof geſprungen. Wir ſind ver⸗ loren, rief der verſtörte Mann, das hier im Hauſe be⸗ kannte Volk hatte die oberen Läden zerſchlagen; zwei Male gelang es uns, das Feuermaterial, das von dem Geſindel eingeſchleudert worden, zu dämpfen.„Jetzt aber drängt der ganze Troß auf dieſen Punkt: jeden Augenblick müſſen wir gewärtig ſein, die Räuber herein⸗ brechen oder die Flammenbrunſt aufſchlagen zu ſehen. O ſchändlich, daß ein Bürger Brüſſels ſo preisgege⸗ ben iſt.— Ein Entſchluß flog auf in van Kuik's Phantaſie. Dort hinter dem Brunnen weiß ich ein enges Pförtchen, ſprach er haſtig, und dort ſcheint wenig Volk zu lärmen. Ruft die ganze Hausgenoſſenſchaft hieher, bewaffne ſich jeder, wie er kann. Die verlorene Garniſon muß durch einen tapfern Ausfall wenigſtens das Leben retten.— Mein Eigenthum verlaſſen, ſolchen Händen die Beute geben! jammerte Herr Servatius. Heute der erſte Mann 332 in Brabant, morgen ein Bettler! Gebt mir Euer Eiſen, Herr, denn ſo etwas läßt ſich nicht überleben.— Er griff zugleich nach van Kuiks Degen, hatte aber noch nicht ausgeſprochen, da donnerte draußen plötzlich eine volle Gewehrſalve, Geheul und Angſtgeſchrei folgte, noch einmal krachte die zweite Salve, und einzelner ward das nahe Geſchrei, und fernhin ſchien der Tumult wie auf Windesfittichen zu verſtieben, und lebhaft wir⸗ belte jetzt dicht an Mauer und Hauſe der dumpfe Trom⸗ melſchlag, Gewehre klirrten, Commandowort ſchallte frei und feſt in die Nacht, und niedergeſetzte Kolben hörte man das Pflaſter ſtampfen. Wael ſprang mit leuchtenden Blicken heran zu den verſtummt Horchenden. Triumph! Freiheit! Rettung! rief er ſchon von weitem. Die Grenadiere ſind da, das Geſindel flüchtet nach allen Seiten, und von fern ſah ich ſchon die blinken Klingen der Dragoner einblitzen zwiſchen die Nachtwölfe. Laßt uns öffnen, denn irrt mein Auge nicht, ſo führte ein gar guter Freund das Lootſenboot, das dicht vor dem Schiffbruch ſich uns an's Bord gelegt.— Als die Hauptpforte geöffnet, ſah man vom Fackel⸗ licht beleuchtet eine Doppelreihe baumlanger Grenadiere das Haus umzingelt halten, und ein ſchlanker Offizier unter der hohen Blechmütze trat ein in das Haus, be⸗ dauerte den Unfall, bat um Entſchuldigung ſeines ver⸗ ſpäteten Anmarſches, da man auf einer andern Stadt⸗ ſeite den Haupttumult vermuthet, und verſicherte Alle ſeines ernſten Schutzes. Aber mitten aus dem Haufen der Geretteten ſtürzte ſich ein Mädchen hervor, und flog an des ſchönen Wehrmanns Bruſt und umſchlang ihn mit beiden Armen dreiſt und furchtlos. Carlos! rief 8——————— ——— 333 Floriana, denn ſie war es; v wie habe ich gebetet nach Dir! Wie konnteſt Du in ſolcher Noth das Herz faſt brechen laſſen, was Dir gehört?— Der junge Spanier ſtand verlegen, er wußte nicht, ſollte er abweiſen, ſollte er feſt faſſen, was ihm ſich bot. Jac Wael aber trat zu dem betroffenen Hausherrn, dem die neue Entdeckung die Zunge lähmte, und ſagte mit einem Tone, der beinahe boshaft klang: Nun, Herr Ohm, ſegnet immer zu; Ihr ſeid ja von heut Morgen noch im Zuge. Und wahrlich, iſt dieſer zweite Tochter⸗ mann auch nicht ſolch ein ſpeckichter Narvall und ein ſolch zentnerſchweres Goldfaß, ſo hat er doch dem Braut⸗ vater ein achtbar Geſchenk mitgebracht, beſtehend Numero Eins in allem Habe und Gut der Firma Fagel et Com⸗ pagnie, Numero Zwei in Euren ganzen Gliedmaßen und unverletztem Leichnam, und Numero Drei in dem will⸗ kommenen Strafakt Eurer feindſeligen Kannibalen, denn ſehe ich recht, ſo krümmt ſich ein Dutzend derſelben dort auf dem Platze, und wird keinen rothen Hahn wieder krähen hören.— Herr Servatius löſete zwar das unverſchämte Töch⸗ terchen vom Halſe des Grenadiers, doch vermied er die Härte, und ſprach dann recht warm ſeine Dankworte gegen den ſchlanken Kriegsmann aus, und ließ ſogleich aus ſeinem Keller zur Stärkung der Mannſchaft heran⸗ tragen, ſo viel der vorſichtige Anführer zu erlauben für gut befand.— Die Nacht, doch immer noch von ängſtlicher S ſamkeit begleitet, war ohne fernere Unruhe vorüber gegän⸗ gen, aber das Schickſal, welches einmal ſeine Schlangen⸗ 334 geißel über dem Haupte des Herrn van Fagel geſchwungen, und ihn mit ſeinen ſchaurigen Polypenarmen eingenetzt, ſchien ihn noch nicht gänzlich loslaſſen zu wollen. Früh trat ſchüchtern der alte Korporal Schwitken in das Kabinet des Fabrikherrn und alle Falten des bär⸗ tigen, vergelbten Geſichts erſchienen durch die Säure einer tiefen Bangigkeit in zwei große Furchen zuſammen⸗ gezogen, und die grauen Augen blickten beſorgt im Zim⸗ merchen umher, obgleich der greiſe Soldat die Thüre vorſichtig hinter ſich angezogen. Was gibt's? fuhr der Hausherr auf und drehete ſich mit ſeinem Schreibſtuhle herum. Der Korporal ſtellte ſich möglichſt ſteif und legte die rechte Hand an die Stirn. Halten zu Gnaden! ſagte er, doch mit möglichſt gedämpfter Stimme. Kennt der hochedle Herr vielleicht nicht mehr den alten Mauritius, der vordem im kleinen Kuſtoshauſe wohnte neben der Kirche und oft Holz ge⸗ ſpalten im Hofe beian? Ja, ja, die Zeit reitet immer Galopp, weil ſie immer Schlechteres zu ſehen bekommt, je weiter ſie trabt.— Ohne Sermon! polterte Herr Servatius. Was bit⸗ tet Ihr? Wir haben keine Zeit für Lumpereien.— Glaub's wohl! ſeufzte der Korporal. Gram und Sorgen ſchlagen die Reichen am ſchwerſten, weil ſie un⸗ gewohnt kommen. Und jedem chriſtlichen Hausvater muß im Mitleide das Herz ſich rühren, wenn in ſolche Fa⸗ milie das entſetzlichſte Unglück herein brach.— Welch Unglück? Krächze aus, Du graue Nebelkrähe! rief Fagel ungeduldig und erſchrocken zugleich, indem er des Sohnes gedachte.—. Nur ohne Furcht, verehrter Herr! Der alte Mau⸗ ritius iſt eine getreue Seele und mit dem Kahlkopf iſt —— 335 die Zunge nicht weibiſch geworden. Auch hat der Herr Hauptmann mir Alles vertrauet, denn er kennt die Ehr⸗ lichkeit ſeines alten Exerziermeiſters. Ja, Ihr möget die Leiche der armen Frau wohl ſorglich verſteckt gehalten haben, und ich will gerne dazu helfen, es unter die Leute zu bringen, daß ſie auf eine natürliche Weiſe zu Tode gekommen.— Wo iſt der Hauptmann? Warum iſt der Haſenfuß nicht hier? Schon war ja der Adjutant da, weil er die Nacht, als man Allarm ſchlug, gefehlt.— Ach, Herr! antwortete der Korporal. Sähet Ihr den langen gewaltigen Mann, Ihr würdet nicht ſo hart gegen ihn ſein. Er hat um fünf Zoll vom Maaß ver⸗ loren, und iſt eingefallen, wie eine trockene Birne. Dieſe Nacht klopft es an meinem Häuschen, und wie vor einem Geſpenſt erſchrack ich, als der Herr Barna⸗ bas eintrat. Ja, ſo ein Kainsfluch zehret ärger wie das zeeländiſche Fieber. Die Furcht vor dem General⸗ Auditeur, dem geſtrengen Herrn Alphonſo Carrero hat ihn hinaus getrieben, und er iſt wie der erſte Todt⸗ ſchläger herum gelaufen in Feld und Holz, aber das Gewiſſen hat ihn immer zurück gegen die Stadt gezogen, und als er den Brand von dieſer Nacht geſehen, hat er gemeinet, das Volk habe erfahren, daß er ſeine Frau erſchoſſen, und habe aus Grimm darüber in Euer Haus das Mordfeuer geworfen. Ach es iſt jämmerlich anzuſehen, wie er irre redet, und von Geiſtern ſpricht und der Hölle, und ſich die Lippen blutig beißt und ſich am Boden wälzt wie ein lahmgeſchoſſener Schlacht⸗ gaul. Wir haben unſere arge Noth mit ihm gehabt ich und meine alte Veronika. Nun will er noch ein WMal ſein todtes Gemahl herzen, und ſich dann dem — „ 336 Gericht überliefern; und darum bin ich voranmarſchirt, ſo ſchnell die alten Knochen es gelitten, um Euch vor⸗ zubereiten, daß Ihr Anſtalten trefft, ihn hier im Hauſe feſtzuhalten, und auf dem nächſten Schiff nach den In⸗ ſeln zu transportiren, damit er ſolchen Schimpf nicht auf die gute Familie bringe.— Herr van Fagel ſprang jetzt erzürnt von ſeinem Seſſel. Er iſt ein Faſelhans und Du biſt ein alter Heulnarr! ſprach er, jedoch dabei ein blankes Silberſtück aus dem nächſten Holznapf greifend und es dem Korporal in die Hand drückend. Frau Vita iſt weder todt noch gefähr⸗ lich verwundet. Aber der tolle Herr Sohn wird ſich um ſeine theuer erkaufte Stelle bringen, wenn er nicht ei⸗ ligſt ins Haus kehrt, und dann liegt uns, geplagtem Vater, eine neue Laſt auf dem Nacken.— Der Korporal that einen Kreiſelſprung auf ſeinen geſunden Beinen; da darf ich mit dem weißen Tuche wehen und Pardon ſchreien! rief er. Beim St. Paulus, der auch ein böſer Saul war, bis ihn ein Schreck⸗ und Segensblitz zugleich traf, die Botſchaft, die ich zurück⸗ bringen darf, iſt meinem alten Gemüth mehr werth, als Euer blanker Botenlohn.— Und hinaus trabte der Alte und keuchte über die Gaſſe hin.— Nicht lange durfte Herr van Fagel harren, ſo hörte er des Hauptmanns bekannten Tritt, und trat ihm ent⸗ gegen. Aber das Zornwort erſtarb ihm auf der Lippe, als er das blaſſe Geſicht, die verfallene, gebeugte Ge⸗ ſtalt des Sohnes erblickte, und nur gebrochen kam die Vorwurfsrede über des erſchütterten Vaters Lippen. Vater, ſagte der ſtarke Mann halblaut und mit be⸗ benden Tönen, ſparet Eure Worte, ſie gleiten ab von 337 meinem Herzen, denn ſie ſind. Schaum gegen das, was mir die ſelige Mutter in die Seele gebrannt.— Die Mutter? ſtammelte Herr Servatius. Ja, die Mutter, antwortete der Hauptmann mit Schauder in den Gliedern. Ich ſah ſie, und ſie ſoll nie mehr Urſache haben, mich wiederum ſo entſetzlich zu mahnen und zu züchtigen. O, hätte ſie Grund gehabt, Euch ſo zu lieben, wie ſie ihre Kinder geliebt, ſie würde Euch auch längſt beſucht haben, um Euch vom böſen Wege abzutreiben. Verflucht ſei meine Hand, wenn ich wieder den Becher faſſe oder die Würfel, oder mit Eifer⸗ ſucht quäle, was mir zugethan in Liebe, oder den Schwe⸗ ſtern nicht ein guter Bruder bin! Glaubt mir, die Tod⸗ ten find nicht Alle todt, ſie ſcheiden nicht von der Erde, wenn man ſie auch tief einſcharrt, und ſie ſorgen noch um das, was ſie lieb gehabt. Vater, thut wie ich, denn Ihr möchtet nicht die Kraft haben anzuſchauen, was ich mit Entſetzen angeſehen.— Er ließ den Verſtummten ſtehen, und ſtieg wankend im Hauſe hinauf. Am Bett der Gattin ſank er in die Knie, weinend, bereuend, gelobend, bittend wie ein ge⸗ ſtrafter Knabe. Aber aus dem Bette ſtreckten ſich lilien⸗ weiße Liebesarme nach ihm aus, und umfingen den rieſigen Mann und zogen ihn in das Reich der Barm⸗ herzigkeit und Verſöhnung, und er feierte mit zerriſſenem Herzen ſeinen neuen Brauttag, zerknirſcht durch weibliche Milde, die, obgleich ein ſchwaches Kind, immer den männlichen Löwen gebändigt, welchen weiblicher Trotz nur zu oft in thörichter Härte zum Raubthier au hetzt.— Unten war indeß der Herr Servatius auf keine ge⸗ wünſchte Weiſe aus ſeiner Erſtarrung geweckt worden, denn der Commandant von Brüſſel, Don Domenico de Blumenhagen. VI, 22 338 Gaſtanago, der dürre, lange ſpaniſche Marquis, mit dem ſcharfen Adlergeſicht und den brennenden, ſtrengen Falkenaugen, trat ein zu ihm im Geleit mehrer Offi⸗ ziere, beſichtigte den vom Pöbel angerichteten Schaden, forſchte mit Schärfe nach der Lage der Fabrikleute, forſchte mit böſerer Finſterniß in den Mienen nach dem Capitano van Fagel, und verlangte dann ein geheimes Geſpräch mit dem Vater, zu welchem reſpektvoll, doch mit ſehr beklemmter Bruſt der Kaufherr den gefürchteten Spanier in ſein Kabinet complimentirte.— Jac Wael befand ſich in ſeinem Erkerſtübchen, packte ſeinen kleinen Tragſack zuſammen und ſuchte ſeine Pil⸗ gerkleider hervor, indeß ſein getreuer Pudel ihn um⸗ ſprang und mit freudigem Gebell und Kratzen an der Thür den Scharfſinn zu erkennen gab, der des Herrn ihm willkommene Abſicht voraus errieth. Jac fühlte, daß ſeines Bleibens hier nicht länger ſein könne. Die Unruhe der Nacht hatte ihn abgeſpannt, erſchöpft, da⸗ durch war ſein hitziges Blut kühler geworden, ſein Geiſt dachte ruhiger, überdem hatte er mit Gram bemerkt, wie die geliebte Renata in der Gefahrſtunde ſich mit größerm Vertrauen an den jungen Holländer als an ihn angeſchloſſen; Alles das entwickelte eine vollkommene Reſignation in ſeiner Seele, und ſein Entſchluß wurde feſt, ſich ohne Aufſchub allen dieſen marternden Ver⸗ hältniſſen zu entreißen, die ihn mit einem Seelentode bedräueten.— Da blickte der Kopf einer jungen Spitzenklöpplerin in ſeine Thür, und als ſie bemerkt, daß er allein, reichte ſie furchtſam ein Brieflein durch die Thürſpalte 339 und machte ſich wieder davon. Der Brief war von dem Faktor Wulf Menzelein. Er forderte den jungen Mann zu einem Zwieſprach in dem nahen Kirchhofsthore, zu einem Zwieſprach, in welchem ihm der Einladende die Entdeckung der wichtigſten Geheimniſſe und eine Erb⸗ ſchaft ſeiner Eltern verſprach. Mit finſterer Stirn und verächtlicher Miene warf der Jüngling den Brief zu Boden. Was habe ich zu theilen mit dem giftigen Molch? fragte er. Warum will der Störenfried mir des ſtillen Abſchieds Todtenfeier verderben durch ſein menſchenfeind⸗ lich Streitlied? Er war die Schlange zwiſchen mir und dem Ohm, Gutes kann von ihm nicht kommen für mich, und des Belaſtenden trag ich genug für jetzt.— Als jedoch die beſtimmte Stunde ſchlug, drängte ſich der Gedanke an die nie gekannten Eltern ſo lebhaft in des Jünglings Phantaſie, daß er nicht zu widerſtehen ver⸗ mochte und bald unter dem hoch aufgemauerten Schwib⸗ bogen des Portäles ſtand, wo ihn der ſchwarzhaarige, kleine Menſch erwartete und mit ungewöhnlicher wider⸗ licher Freundlichkeit ihm die Hand entgegenhielt, die Jac jedoch nicht annahm, ſondern in kurzgeſtoßenem Wort Aus⸗ kunft forderte über den Grund der ſeltſamen Einladung.— So erhitzt und finſter wie ein beſiegter Duellant? fragte hämiſch der Faktor, indem er mit ſcharfem Spio⸗ nenblick die ganze Phyſiognomie des jungen Mannes durchſpähete, und, als wenn er Schatten ſuchte unter den alten Linden, aus dem Portale in den Fußpfad ein⸗ bog, der innerhalb der Mauer um den Friedhof führte. Nun, ſo ſeid Ihr mir gerade recht, und ich werde Eurer Erhitzung das rechte Ziel vorſtecken, und Eure Verfin⸗ ſterung durch ein Rachefeſt an Euren ärgſten und geheimſten Feinden in ein flackerndes Johannisfeuer verwandeln.— 1 340 Nur keine Klatſcherei, kein lügneriſch Gedicht! ant⸗ wortete mit eiſiger Kälte der Jüngling. Ihr ſeid ein bekannter Meiſter in dieſer Geſangsweiſe. Und doch zog ihn eine unbeſiegbare Neugierde neben dem Verhaßten weit in die Lindengänge.— Der Faktor nahm ein wohl zuſammen gebundenes Päckchen Papiere aus dem Bruſttheil ſeines Kleides und hielt es Wael entgegen. Sehet den Schatz hier! lächelte er widrig, Alles gute Unterſchrift und beſiegelt mit Euch wohl bekanntem Wappen. Was wettet der junge Herr, wenn ich dieſe Blätter ihm ausgebreitet, ſo wird er mir dankbar Hand und Mund küſſen, und reſpektvoll ſich neigen vor mir. Doch zuerſt von andern Dingen.— Wael antwortete durch nichts als einen Blick, der unverholen tiefe Verachtung ausdrückte; der Faktor barg ſeine Papiere und fuhr geſchwätzig fort: Ihr kommt ge⸗ rade vom Hauſe des ſaubern Herrn Servatius, aber wie ich vernahm, ſaßet Ihr oben in Eurer Klauſe und habt vielleicht gar nichts zu hören bekommen von den neueſten Herrlichkeiten, mit denen das Schickſal den ſchlauen Spekulanten unverdient begnadigt?— Welche Herrlichkeiten? fragte Jac ſtutzig, doch ſetzte er ſogleich ſtreng hinzu: Ich kam, weil Ihr mich durch den Namen meiner Eltern locktet, doch bitte ich, daß Ihr von meinem Ohm mit Achtung ſprechet, oder Ihr werdet den geduldigen Zuhörer augenblicks verlieren.— Ja, mancher Korſar ſteckt die Flagge eines großen Konigreichs auf ſeinen Maſt, fuhr der Faktor fort, und fährt damit ſtolz und ungehindert durch alle Meere, und beſtiehlt dennoch nächtlich die friedlichen Küſten und holet ſich die ankernden Kauffahrer aus ſtiller Bucht. Aber wer mit ihm wohnte in der Kajüte, kennt ſein rechtes — 341 Geſicht und ſeinen blutfarbenen Wimpel, und weiß von dem Raubgut, das im Raume verſteckt liegt.— Zuerſt iſt heute früh der ſpaniſche Herr, der Commandant mit dem ſchwarzen Zwickel am Kinne, im Hauſe geweſen, und hat den armen Sünder ins Gebet genommen. Da iſt inquirirt worden über die Urſache des geſtrigen Volks⸗ tumultes, über die Schinderei der armen hungrigen Ar⸗ beiter, gegen welche die Neger in den Zuckerplantagen wahre Könige bleiben. Dann hat der ſpaniſche Don mit Strenge nach dem Hauptmann gefragt und über ſeine halbe Deſertion und ſeinen Dienſtfehler und das Mordattentat gegen die arme Frau, und die Worte Kriegsrecht und Kaſſation ſind dem Herrn Papa um die Ohren geſauſet wie die Aequinoctialwinde um eine maſtloſe Brigg. Zugleich wurden von dem alten Kriegs⸗ helden gar Daumſchrauben und ſpaniſche Stiefel präſen⸗ tirt, denn es kam die Rede auf die heimliche Rüſtung der Franzoſen, und wie hier in Brüſſel mehre Feinde der Regierung mit dem kriegsluſtigen Nachbar Unter⸗ handlung trieben, Ankäufe beſorgten, ſich zu Lieferungen erboten hätten, und ſolch hochverrätheriſche Praktiken nicht vorſichtig und klug genug zu verbergen gewußt.— Und der arme Ohm iſt doch nicht dabei, hat ſich doch nicht zu ſolch halsbrechendem Geſchäft durch böſe Rathgeber verführen laſſen? rief Jac aus. That er's, ſo iſt er verloren, denn dieſem Spanier gelten hundert Brabanter Hälſe nicht mehr als ein Mohnkopf vor ſei⸗ nem Stecken.— Hat keine Gefahr, verſetzte der Faktor ingrimmig, dem Unkraut thut Blitz und Platzregen keinen Schaden. Der grimmige Don hat ſeine ſchwache Seite; der Neffe, der junge Jungfrauenjäger iſt ſein Augapfel; der Bär wird 342 zum Lamm, wenn das magere Zitronenapfelgeſicht weinet und wimmert, und ſo iſt Fräulein Floriana der Löſungs⸗ preis geworden, Alles iſt vergeben und vergeſſen, eine vornehme Schwägerſchaft geſtiftet und der Alte hat geſeg⸗ net, andächtig und mit Salbung wie ein Patriarch.— O ſo iſt doch eine der Schweſtern glücklich und mein Wunſch erfüllt worden, ſtieß Wael freudig heraus. Aber, arme Renata, wie viel ſchwerer wirſt Du jetzt Dein Loos empfinden! Und warum wareſt Du ſo vorſchnell mit Deinem Opfer? Heute hätte es ja deſſen dann nicht mehr bedurft.— Fräulein Renata wird auch ſchon zufrieden ſein, ant⸗ wortete Wulf giftig, und unſer Mitleid nicht mehr be⸗ dürfen. Höret nur zu, damit wir zur Hauptſache kom⸗ men. Als nun Fräulein Floriana her citirt und auch der lange gelbe Grenadier heran commandirt worden, da hat es lauter Jubel gegeben und Luftſprünge und ein Fricaſſee von Händequetſchen, von Freud enthränen und Gratulationsküſſen, aber Jungfrau Renata hat das FPförtchen ihres Herzens nicht mehr verſchloſſen halten können und iſt mit argem Gejammer in der Schweſter Arm gefallen, das hat denn Alle ſehr gerührt, und ſieh da! auch der alte Goldfiſch, der plumpe Holländer, hat Waſſer gepumpt, und die Daumen ſo ſchnell um ein⸗ ander gedreht, wie das Tau läuft über die Spille eines Wallfiſchbvotes. Zu dem Mädchen iſt er getreten, und hat ein Papier entfaltet, und laut den Ehekontrakt ab⸗ geleſen, und der Name hat gelautet Pilgrim van Kuik, und Herrn Peter Bauchs Firma hat nur da figurirt, wo die Zeugen zu ſtehen pflegen. Alle haben wie Salz⸗ ſäulen geſtanden, und beſonders der noble Herr van Fagel, dem der Irrthum einen Strich durch alle guten ——— 343 Pläne auf des Hochmögenden Geldkiſte gezogen. Aber wie ein Börſenausrufer hat ſich der alte Amſterdamer mit weitgeſpreizten Beinen mitten in den Saal geſtellt und mit ſeiner quäkenden Froſchſtimme ſcheltend pero⸗ rirt: Wie man ihn habe halten können für ſolch einen Faſtnachtsnarren, der Kirſchen pfropfen wolle auf einen alten Weidenbaum, und ſich den alten Magen verderben mit jungem, ungegohrnem Moſt, und hat erklärt, daß er ſeinen Vetter, nämlich den jungen van Kuik, längſt zu ſeinem Univerſalerben geſetzt, daß er ihn hiemit als ſeinen Compagnon und als Bräutigam des ſittigen und tugendbelobten Fräuleins van Fagel proklamire, die er hiemit als ſeine wackere und willkommene Tochter er⸗ kennen und gehalten wiſſen wolle für immerdar. Was dann gefolgt, iſt leicht zu errathen, auch wenn man kein Prophet, noch weiſer Salomo war. Herr Servatius herzte den großmüthigen Pottfiſch, der Jubel ging von vorn an, in eine Doppelpoſaune wurde geſtoßen, daß Fenſter und Spiegel klirrten, und die züchtige Jungfrau Renata machte auch kein ſcheel Geſicht zu dem Tauſche, und ließ ſich von dem flachshaarigen Quäker gar gern die Hände lecken.— Du lügſt! fuhr Jac hitzig empor. Wenn auch der aufgedrungene Sponſe ein weniger widerwärtiger war, o ihre Seele dachte doch im Schmerz an ein anderes zerriſſenes Herz! Und woher weißt Du das Alles, Du Spinnſtubenerzähler? Wurdeſt Du doch ſchon geſtern aus dem Comptoir gejagt.— Ihr dutzet mich, das iſt recht ſchön von Euch, denn es könnte zur Ordnung unſerer Zukunftszeit gehören, ſagte der Faktor mit höhniſchem Grinſen. Aber vom Jagen müßt Ihr nicht ſprechen. Wulf Menzelein iſt 344 nicht ſo leicht aus einem Quartier movirt, wo es ihm gefällt; und wollte ich, würde der Hausherr lockerer in dem Hauſe drüben ſitzen als ich. Aber was ich erzählt, iſt kein Trug. Herr Erasmus, der das wahre Verdienſt beſſer zu ſchätzen weiß als ſein lockerer Papa, hat mir ſo eben auf dem Markte Alles vertrauet. Er iſt vergnügt, daß die Zierpuppen ſo rechtlich unter die Haube und von ſeiner Taſche kommen, aber dicke Thränen hat die ehr⸗ liche Haut geweint über meinen Ausmarſch, und mir nach des Vaters Abſterben Compagnie angeboten auf Tod und Leben, mit Leib und Gut.— Sauberer Sohn, entgegnete Wael, ſich abwendend, da fiel ſein Blick auf das Grabeskreuz der Frau Juliana, in deſſen Nähe ſie gekommen. Er faltete die Hände und blickte recht wehmüthig darauf hin. O wüßteſt Du, wackere Frau, flüſterte er, wie Dein Pflegeſohn, den Du ſo mütterlich behandelteſt, jetzt ſo verlaſſen ſteht in dem Hauſe, wo Du ihn den eigenen Söhnen vorzogeſt! Deine Mädchen ſind verſorgt, aus der Verwirrung geriſſen, welche Leichtſinn und Unfriede unter das Dach gelockt, wo Du, edles Weſen, in Ord⸗ nung und Liebe regierteſt. Wenn Selige ſich kümmern um die irdiſchen Zufallsſpiele, ſo wirſt Du Lohn darin finden für Deine Muttertreue, ſo wirſt Du den Dank vernehmen, den der Pflegeſohn Dir zollt an Deinem Hügel.— Wer weiß, warum die Frau Juliana den Pflegeſohn alſo verhätſchelt? fiel Menzelin mit ſcharfem Tone ein und machte ein gar liſtiges Geſicht dazu. Die arme Frau ſtarb an der Zehrung, und ſolche Kranke ſollen einen Prophetengeiſt haben, der ſtark wird, je mehr der Leib verfällt. Auch war ſie eine kluge Frau, und hat vielleicht — 345 hell geſehen durch die Schelmerei des edeln Eheherrn, und hat vorſätzlich gut gemacht, und 6in Debet mit ihrem Kredit verlöſchen wollen.— Wie meinet Ihr das, Herr Wulf?— Wael auf⸗ horchend.— Kommt nur weiter, antwortete kalt der Faktor. Es iſt zwiſchen dieſen Mauern ein Plätzchen, das ſich be⸗ ſonders paßt für das, was wir noch mit einander zu verhandeln haben, ehe denn wir ſcheiden.— Wael folgte dem Weiterſchreitenden; aber verwun⸗ dert ſah er ſich in den fernſten Winkel des Kirchhofs ge⸗ führt, wo ein von ſchlechten Brettern zuſammen gebautes Beinhaus ſtand und die Gräberreihen ein Ende nahmen. Durch Neſſeln und Bilſenkraut, das hier üppig wucherte, trabte das Männlein ohne Scheu hindurch, und mit Stau⸗ nen ſah der Jüngling den Faktor Halt machen bei einem halbverſunkenen, flachen Hügel, der hier dicht an der Mauer ſich hob, überzogen mit gelben Ginſterblumen, und dadurch den Blicken faſt verſteckt geworden. Der Faktor ſchoß einen wilden, ſeltſamen Blick über den ſchma⸗ len Rücken des Grabes hin, dann ſetzte er ſich auf einen rauhen Stein, der aus der alten Mauer herabgefallen, hob das tiefliegende Auge nochmals, den Begleiter damit ſtarr einige Sekunden faſſend, und erzählte dann mit der eintönigen Weiſe eines Markterzählers, indem er mit einem Rohrſtocke vor ſich in der Erde des Grabes ſtocherte, und Namen und Figuren zu malen ſchien. Es hat einmal ein Schiffer gewohnt am Ufer der Sienne, die bei der reichen Stadt Brüſſel fließt, ſo be⸗ gann er, und der Schiffer ſtarb im beſten Alter ſeines ehrlichen, ſchweren Lebens, und ließ ein Töchterchen nach, die in ganz Brabant Schöntrudel genünnt wurde, weil 346 ſie anzuſehen wie Mondlicht auf ßiller Meeresflut, und wenn ſie in den gelben Hängelocken mit den weißen run⸗ den Armen des Vaters Boot in die Bucht ruderte, einer zauberiſchen Seejungfer glich, die zuweilen ſich ſehen laſſen, um den Fiſchern die Schätze zu zeigen, welche unter dem Waſſer verborgen liegen ſeit Jahrtauſenden. Schöntrudel war arm, der Vater hatte ihr nichts nach⸗ gelaſſen, als roſige Wangen, Augen ſo dunkelblau, wie der Nachthimmel, und geſunde Gliedmaßen; der Bruder diente fern auf einem Schiff, und zu einer alten Baſe mußte ſie ziehen, und dienen bei der nichtsnutzigen Bluts⸗ freundin. Ein junger Schiffersburſch hatte Gnade ge⸗ funden vor Schöntrudels Augen und all ihr Hoffen ging auf den ſchmucken Jungen, der ſich ſchon ein Sümmchen zurückgelegt und rüſtig darauf losarbeitete, ſeit er wußte, die Arbeit geſchah um das ſchönſte Kind, das je Bra⸗ banter Weizenbrod gegeſſen, und ſeine Sparpfennige würden dereinſt zu einem Brautkrönchen werden, um das ihn alle ſeine Kameraden beneiden müßten. Da ſah ein vornehmer, reicher Mann Schöntrudel, und ſeine Sinne berauſchten ſich En des Mädchens Wohlgeſtalt, und es brannte ihn auf ſeinen Seidenpolſtern, und der Wein im Silberbecher mundete ihm nicht mehr, und in ſeine ſchlafloſen Nächte drängte ſich die marternde Be⸗ gier nach Schöntrudels Beſitz. Schöntrudel war ehrlich und wies den frechen Sünder ab nach Gebühr eine lange Zeit hindurch, aber die Baſe trat auf die Seite des Verſuchers, und hatte gar großen Gefallen an ſeinem feinen Wort, ſeinen blanken Goldſtücken, der ſchönen Foſt und den theuren Kleidern, die er in das armſelige Häuschen ſpedirte, wo dergleichen Waare nie gelagert geweſen.— Ihr ſtarret mich ſo neugierig an, Junker 3 3 347 Jac? unterbrach der Erzähler ſich ſelbſt nach einem flüch⸗ tigen Aufblick. Es iſt nur eine gewöhnliche, gar alltäg⸗ liche Geſchichte, wie ſie Euch jungen Bürſchlein daheim und auf Euren Reiſen zu hundert Malen vorgekommen ſein mag, aber doch darf ich ſie Euch nicht unterſchla⸗ gen, und Ihr müßt ſchon Geduld haben bei der lang⸗ weiligen Hiſtorie.— Mit dem vorigen Tone fuhr er fort: Der reiche Mann, völlig ſo einer wie der im Evangelio, der nur an ſich denkt, nicht an Gott und den Nächſten, hätte Hab und Gut, Weib und Kind daran geſetzt, wenn dafür Schöntrudels Liebe zu erkaufen ge⸗ weſen. Das lag nun zwar außer ſeiner Macht, aber Schöntrudels Beſitz bedurſte ſo großes Kaufſchillings nicht, denn das Gold, das auf des Satans unterirdi⸗ ſchem Garten wächſet, iſt ja ein Hauptſchlüſſel und ein⸗ ſchläfernder Zauberſtab, und was darf nicht ein Reicher wagen und wozu nicht ſich erdreiſten, wenn ſein Opfer zu dem ſklaviſchen Vieh gehört, das in die Welt geſetzt, um zu ſchwitzen für ihn und dienſtbar zu ſein, bis es wieder zu Erde wird, auf der es zu kriechen verdammt worden.— Der ſchmucke Burſch, der Bräutigam näm⸗ lich, verſchwand auf einmal; Schöntrudel glaubte, er ſei treulos, wie das Männervolk gewöhnlich, in die Welt gegangen, um einen beſſern Platz und eine reichere Braut zu ſuchen, aber das Gerücht ging, man habe ihn auf⸗ gegriffen und den Seelenverkäufern zugeſpielt, die ihren Raub in den Goldminen der neuen Welt unſichtbar zu machen wiſſen. Schöntrudel grämte ſich; doch durch welche Mittel die liſtige Baſe ihr den Verluſt vergeſ⸗ ſen gemacht, und wie ſie ihren reichen Günſtling dem Mädchen näher gebracht, weiß nur der Sünder, und ſie hat's mit in ihre ſechs Bretter genommen. Genug, als — 348 der Bruder heimkehrte von einer langen Seereiſe in die Colonien, fand er ein neugeborenes Knäblein in dem Hauſe der Baſe; ſeine unerwartete Ankunft deckte ihm alle Schande auf, und da er als ein hitziger Burſch im kräftigen Alter nicht eben ſäuberlich verfuhr im Zorn, und ein bischen wild in die Wirthſchaft hinein tobte, ſo war dem kranken Trudelchen dabei gar ſchlimm ge⸗ worden, das Gewiſſen hatte an der Brunſt nachgeſcheuert, die ihr im Hirn aufgefackelt, und am andern Morgen zog man den Leichnam der armen Sünderin aus dem Waſſer.— Er ſtand auf und die kleinen Augen wiederum feſt haltend auf des Jünglings Geſicht, ſtieß er den Rohr⸗ ſtock in den Grabhügel und ſagte froſtig, daß es durch Waels Seele hinrieſelte wie Eiswaſſer: Hier ſchläft ſie bis zum letzten Gericht, eingeſcharrt an der Mauer, wie man Mörder und Diebe verſteckt, damit ſie die Ruhe der Gerechten nicht ſtören durch ſchimpfliche Nach⸗ barſchaft.— Menſch, fuhr Jac auf und faßte des Faktors Schul⸗ ter, verſtumme jetzt nicht, erzähle aus; was geſchah mit dem Bruder?— Der Faktor lächelte recht widerlich. — Der Bruder? Nun der war auch ſo ein Sauſewind wie alles junge Volk. Erſt fuhr er mit vollem Winde und alle Kanonen geladen und gerichtet gegen den Kor⸗ ſaren. Das Matroſenmeſſer in der Fauſt, wollte er Rechenſchaft nehmen; aber der Teufel blendete auch ihn; hin war hin, die Schande lag unter dem Waſſer; er var arm und brodlos; der kleine Schreihals, den er hätte erwürgen mögen, erſchien ihm bald als ein gut anzulegendes Erbtheil; er ließ ſich mürbe quetſchen durch Verſprechung und Schmeichelwort und ſchmuggelte ſelbſt ————— —,—z———— 349 das lebendige Gedächtnißzeichen ſeiner Familienſchande in das Haus des reichen Sünders, und wenn er auch den Buben haſſen mußte, und mit Widerwillen betrach⸗ tete, da ihm bei ſeinem Anblick jedesmal der beſchimpfte Leichnam der Schweſter vor das Auge trat, ſo freuete er ſich doch zugleich an der gelungenen, langen Rache, an der Gewiſſensangſt des ſtolzen Menſchen, deſſen Ehre und Familienglück er in ſeiner Hand hatte, den er gän⸗ geln durfte an feinen, aber feſten Fäden, von dem er Geſtändniſſe und ſchriftliche Verſprechungen in ſeiner Taſche trug, denn— ſeine Stimme erhob ſich und wurde hohl und ſchauerlich— Schöntrudens Söhnlein lebte als ein Schweſterſohn im Hauſe des Reichen; nachdem das Bü⸗ belein verborgen geſäugt und aufgepflegt, hatte ihn der Bruder Schöntrudels ſelber eingeſchwärzt, als habe er ihn mitgebracht über die See von den Inſeln, wo die Eltern beide an der gelben Peſt geſtorben.— Jeſus! rief der Jüngling und taumelte gegen die Bretterwand des Beinhauſes, und hielt ſich mühſam auf⸗ recht am Gebälk, den eiſigen Erzähler mit verloſchenen Blicken anſchauend, wie man ein weißzähniges Raub⸗ thür anſchauet, das plötzlich aus dem mitternächtlichen Wege herauf fährt, und den Weg des ſtillen Wanderers unerrettbar verſperrt.— Der Faktor trat ihm näher, und ſein Geſicht über⸗ zog jetzt allmälig eine bläuliche Purpurfarbe, indem er das Päckchen Schriften aus dem Kleide hervorzog und dem jungen Manne entgegen hielt. Ja, ja, Du biſt Wulfs Schweſterſohn, mein bleiches Jüngelchen, ſagte er dabei hämiſch und ingrimmig zu⸗ gleich, indem die Zähne knirſchten und die Augen lach⸗ ten, magſt Du, hochmüthiges Doktorchen, Dich auch 350 dagegen fträuben mit allen zehn Fingern; aber ich gebe Dir dafür einen ſtattlichen Vater, den Du wie eine beißige Schiffsratte in der Falle haſt durch dieſes hier, und Du wirſt dankbar ſein und gehorſam. Mancherlei Dokumente machen unter dieſem Faden luſtige Geſell⸗ ſchaft; da iſt ein Papier, was Dich für Herrn Serva⸗ tius van Fagels Söhnlein erklärt; ein zweites, das Dir in beſter Form vom Vermögen des anſehnlichen Kauf⸗ herrn Kindestheil verſpricht; ein drittes, welches auf viertauſend holländiſche Gulden, als in die Fagelſche Caſſa gelegtes Vermögen Deiner Mutter lautet, und mit vier vom Hundert für Dich zahlbar ſteht, ſobald Du majoren geworden; da liegen neben Deinem Taufſcheine koſtbare Briefleins an die kuppleriſche Baſe, und noch koſtbarere Scripturen, Sendſchreiben von Paris und Antworten darauf von eigener Hand in Kladde, genug, es ſind der Raketen ſo viele, daß Du das ganze Fagel⸗ ſche verhaßte Haus damit in die Luft zu ſprengen ver⸗ magſt. Und das ſollſt Du meinem Willen gemäß. Du biſt ein wackeres Kerlchen geworden, dem im Kopfe licht iſt, der Fauſt und Degen zu gebrauchen verſteht; darum an die Arbeit ohne Raſt und Aufſchub. Räche Deine Ehre, die Ehre Deiner unglücklichen Mutter, Deines Ohms Ehre an dem Jämmerlichen, der leider Dein Va⸗ ter geworden. Willſt Du, ſo ſchwöre, und ich ſcheide in Freude von Dir.— Wael's Knie waren gebrochen unter ihm und am Rande des Hügels lag er, die Linke in die Wucherblu⸗ men gedrückt. Mit der Rechten nahm er jetzt haſtig die unglückſeligen Papiere aus des Faktors Hand und preßte ſie gegen ſeine Bruſt. Dann hob er ſie gegen den Him⸗ mel und rief mit ſtammelnder, halb in der engen Bruſt ————————— ————————— 351 verhaltener Stimme: Ja ich will! Ich will eine Rache nehmen, die den Verderber einer Unglücklichen, die hier einſam ſchläft, erſchüttern ſoll bis ins tiefſte Mark, eine Rache, wie ſie die Unglückliche, die ihm Tugend, Ehre und Leben opferte, ſelbſt genommen haben würde, wenn ſie noch wanderte unter den Lebenden.— So recht, mein Junge! nickte der Faktor und rieb die knochigten Hände, als ſollte die Haut herunter. Hätte der Satansſchüler nicht mich zuletzt noch betrügen wol⸗ len, in ſeinem Uebermuth mich nicht abgefertigt wie einen Schulbuben, ich wäre vielleicht in ſeinen Schlingen ver⸗ ſtrickt geblieben, und hätte Dich laufen laſſen und ſeiner kargen Großmuth preisgegeben. Aber das Schickſal hat es beſſer gewollt. Ich reiſe zur Stunde nach Antwer⸗ pen, weil ich nicht mit den ſpaniſchen Zwickelbärten zu thun haben möchte; bedarfſt Du Hülfe, ſo ſende den ge⸗ heimen Boten. Aber ſäume nicht, Jüngelchen! Friſche Fiſche, gute Fiſche! Schmiede mit wildfliegendem Ham⸗ mer, ehe das Eiſen kalt wird. Und dem Ohm, der Dich glücklich macht und reich, gib jetzt den Willkommens⸗ und Abſchiedskuß zugleich.— Mit ſichtlichem Widerwillen gab ihm Wael die Hand und winkte ihm dann mit abgewendetem Antlitz fort, und der Faktor drückte die Hand maſſiv, dräute dann wüthig nach der Gegend hin, wo das Fagelſche Haus lag, und trippelte hinweg durch die Gräberreihen, drehete jedoch im Kirchhofsthor ſich nochmals um, warf dem zurück⸗ gebliebenen Jünglinge nochmals einen Kuß zurück, zeigte ihm mit fröhlichem Antlitz beide geballte Fäuſte, als eine Aufforderung zum Kampf der Rache, und verſchwand hinter der Mauer. Lange lag Wael noch in den Knien, beide Hände auf 352 dem Grabhügel geſtützt und die Augen ſtarr auf die Erde gerichtet, als hielte er ſtummen Zwieſprach mit der, die darunter lag; alsdann ſtand er langſam auf.— Was that ich denn, ehe ich geboren, daß ich daſtehen muß beſchimpft und ausgeſtoßen, Niemanden gehörig, von keiner Liebe geſtützt und getröſtet, ein Einzelweſen im Reiche der Natur, ein dürrer Strauch mit tauben, zer⸗ ſtörten Blüten? Wirſt du mir dereinſt das grauenvolle Räthſel löſen, du ewige Macht, deren Finger Sterne⸗ bahnen zeichnet wie Menſchenſchickſale?— O ſchlafe nur ruhig fort, du unglückſeliges Weſen, dem ich das Leben verdanke, ohne dafür danken zu können, wie ein guter Sohn. Nicht aufreizen werde ich dich aus dieſem Frie⸗ den, nicht deine Schuld ſchwerer machen durch eine un⸗ edle Rache. Schlafe nur ruhig, du armes Weib; züch⸗ tigen wird dein Kind den Verderber der Unſchuld, aber züchtigen mit Sohneshand. Mutter, arme Mutter, unſer erſtes Erkennen iſt ein Adſchied für immer, aber wenn wir uns wieder finden, wenn wir uns ſehen zum erſten Male, ſollſt du das Kind nicht verklagen, daß es deine Qualen und deine Strafen vermehrt.— So ſprach er dumpf in ſich hinein. Er brach von einem Diſtel⸗ ſtrauch die dunkelrothe Knopfblume, und ſchob ſie unter das Bruſtwamms zum Herzen, die Stacheln nicht empfin⸗ dend, denn ſchärfer ſtach es und brannte in ſeinem Inner⸗ ſten; dann ging er langſam hinaus aus dem Winkel voll Schlingkraut und Neſſeln, langſam den Weg zurück, den ihn der giftige Oheim geführt. Nur am Kreuze über dem Fagelſchen Erbbegräbniſſe weilte er einige Augenblicke. Auch von dir ſcheidet der Sohn, edle Wohlthäterin, flüſterte er weicher und mit Wehmuth. Iſt mir doch, als ſähe ich dich ſitzen neben dem Bilde des Verſöhners, ————————— ——————— 353 des göttlichen, und mit den wilden Seelenaugen mir zu⸗ winken, tröſtend und vertrauend und zufrieden mit mir. Du goſſeſt mütterlich von deiner Duldſamkeit in meine Seele, pflanzteſt zarte Keime deines Lebensmuthes, dei⸗ ner Menſchenliebe in mein Herz. Du ſollſt dich nicht zu ſchämen haben deines Zöglings. Schon um deinetwillen würde er ſchonen, was dir zugehörte, und hätte man ihn tauſendmal mehr mit Schlangen und Scorpionen gegeißelt. Ja, ja, würdig ſollſt du den Sohn finden, Mutter Juliana, aber ſei auch neben ihm, daß er ſtark bleibe, bis Alles gut zu Ende gegangen. Renata ſaß allein im Zimmer, den Kopf in die weiße Hand geſtützt, trüben Auges in die Abendſonne ſchauend, die jenſeits des Platzes die Dächer vergoldete, und auf den bemalten gothiſchen Fenſtern der Kirche zahlloſe Re⸗ genbögen erſchuf. Die Thür regte ſich und Waels Pu⸗ del ſchlüpfte herein und umkreiſete der Jungfrau Knie, und wedelte wie in beſonderer Bedeutung mit der Fahne ſeines Schweifes. Als Renata die langen Augenwim⸗ pern aufhob, ſah ſie den Herrn des getreuen Hundes ſtehen in der Thür, angethan mit ſeinen Reiſekleidern, den Stab in der Hand, die Reiſetaſche über den Schul⸗ tern. Das Mädchen hatte geſchmollt über den Vetter, der ſeit dem Tage der böſen Verlobung ſich ſo gar nicht um ſie bekümmert, wie es ihr liebe Gewohnheit gewe⸗ ſen, ja ſelbſt abſichtlich, wie ſie meinte, ſie vermieden hatte. Sie wollte jetzt zur Strafe das Auge wiederum zum Fenſter wenden, aber der eine Blick hatte ſie eine ſolche Veränderung in des Freundes Aeußern entdecken laſſen, daß ihr das Auge ungehorſam wurde und auf Blumenhagen, VIII. 23 354 ihm, der ihr vordem ſo theuer geweſen, haften blieb. Und Waels Antlitz erſchien wirklich entſtellt; eine kranke Bläſſe hatte die Jugendroſen ſeiner Wangen verdrängt, der fröh⸗ liche Mund zog ſich recht ſchmerzlich herab, die hochgezoge⸗ nen ſchmalen Augbrauen bildeten tiefgeſenkte, faltige Bögen, unter denen die ſonſt ſo lebhaft blitzenden Augſterne nur matt und trübe leuchteten wie ein vergeſſenes Lämpchen am Sterbebett. Sie ſtand auf, ihm entgegenzueilen, ſetzte ſich jedoch wieder in jungfräulicher Unentſchloſſenheit. Langſam trat er näher zu der Einſamen.— Eeine Gunſt des Schickſals alſo doch, begann er mit faſt tonloſer Stimme; ich finde Dich allein, wie ich Dich wünſchte, und der Abſchied hat alſo noch eine Blume für mich, die letzte.— Was iſt Dir? fragte ſie erregt. Was murmelſt Du von Abſchied?— Sollte der Fremdling bleiben in einem Hauſe, wo kein Auge ihn gaſtlich anſieht, keine Hand mit ihm den Freundſchaftsknoten webt, keine Seele zu ihm ſpricht? fragte er mit einem Seufzer zurück. Dich nehme ich aus, Renata, ſetzte er jedoch ſchnell hinzu, aber Du reiſeſt bald, und wirſt glücklich ſein, und das iſt mein Troſt, der mich begleiten wird über das Meer hinaus, vielleicht weiter, viel weiter in ferne Welttheile.— Sie ſtreckte ihm bewegt die Hand entgegen, und er nahm ſie und drückte ſie herzlich. Du verkenneſt mich, Jac, ſagte ſie ſcheu und mit ungewiſſer Stimme, denn ich ver⸗ ſtehe Dich wohl. Du meinſt, weil ſich der alte Bräutigam in einen jüngern verwandelt, ſo ſei ich zufrieden und freue mich nach eitler leichtfertiger Mädchen Weiſe. Und doch darf ich ſagen, der Freund hat die Freundin nicht erkannt, wenn das ſeine Meinung war von ihr.— 355 Wael holte tief Athem, dann ſprc er recht milde: ₰ Renata, nein, wahrlich, Jae hat nicht ſo gemeint. Dein ſeltſames, übereiltes Opfer hat zum Beſten geführt, nicht einem Moloch wurde das vorſchnelle, unbeſonnene Kind geopfert; van Kuik iſt ein Mann, der eine wackere Jung⸗ frau verdient, der ſie ſchützen, achten wird, wie ſie es werth iſt. Ich gehe ruhig, ſeit ich Dich als die Seinige weiß, und meine Seele wird ſich auch in der Ferne freuen an Deinem Glück und nicht einmal den beneiden, dem es erlaubt iſt, Dir das Leben zum Paradieſe zu machen.— Als Renata ihn verwundert, überraſcht und verſtummt deßhalb anſah, fuhr er lebhaſt fort: Es haben ſich ſelt⸗ ſame Dinge mit Deinem Freunde ereignet, Schweſter, ſeit wir uns nicht geſprochen. Die Geiſter abgeſchiedener Freunde ſind getreten zwiſchen mich und dieſes Haus, und treiben mich eiligſt hinweg. Nur zwei Geſchäfte habe ich noch abzuthun, Dir die Hand zum Abſchiede zu drücken, die Hand, von der ich den Himmel erwartete in einer wilden, ſündhaften Träumerei, und mein Vermächtniß in dieſe Hand zu legen, die mir die treueſte war unter die⸗ ſen eiſigen Blutsfreunden. Dich allein begrüße ich auf der Schwelle noch zuletzt. Niemand ſoll außer Dir wiſſen, daß Jac Wael geht auf nimmer Wiederkommen, Nie⸗ mand es wiſſen, ehe der Wanderer nicht meilenweit von hier ſchreitet auf einſamer Pilgerfahrt. Das gelobe mir, und zugleich verſprich dem Freunde zu vollziehen ſeinen letzten gewichtvollen Auftrag.— Er zog ein Paket und einen Brief hervor und legte Beides auf den kleinen Nähe⸗ tiſch vor dem Mädchen.— Dieſes gehört Deinem Vater, dem Herrn Servatius, und geheim und treulich mußt Du es überliefern. Es iſt ein gewichtiges Geſchenk, das der arme Jac dem Wohlthäter ſchuldet für genoſſene ℳ Spenden. Er wird es erkennen nach ſeinem Werth, und mit Gott wird es ihm eine fromme, ihm wobhlthätige Stunde heraufrufen. Sage ihm dabei, er möchte einen vergeſſenen beſchimpften Hügel reinigen laſſen vom Un⸗ kraut, da er es jetzt könnte ohne Gefahr, möchte gerecht ſein gegen die, welche ſich unter dem Waſſer gebettet.— Seine Stimme brach im ſtillen Weinen, und Renata erhob ſich ſchnell und umfaßte ſeine Schulter. Du ent⸗ kommſt mir nicht! rief ſie haſtig, ich laſſe Dich nicht, ehe Du der Freundin, der Schweſter gebeichtet, was mit Dir vorgegangen, was dieſe Räthſelworte bedeuten, ehe Du ihr nicht vertrauet, was Du vor haſt, und wo Deiner Reiſe Ziel ſein wird.— Habe ich ſchon zuviel geſagt? fragte er, ſich erkräfti⸗ gend. Sei ſorglos um mich, Du theures Kind, meine Kunſt nährt ihren Schüler; ich gehe zum König Wil⸗ helm, die Kriegsflotte zu Helvoetsluys bedarf Meines⸗ gleichen. Aber was mich forttrieb ſo raſch und ohne Bereitung?— Haſt Du nie Deiner Mutter gedacht, die man begrub, iſt Dir nimmer ihre Geſtalt im Leichen⸗ tuche vor die Seele getreten?— Jac, flüſterte erbebend die Jungfrau, die Mutter war es ja, die mich erſtarkte zu der Opferung an der Schwe⸗ ſter Statt, am Grabe der Mutter ward es ja klar in meinem Geiſte und dort fiel der Entſchluß in meine Seele, wie ein Licht, das Abends ſich von dem Sterne losreißt und zur Erde herabſchießt.— Siehſt Du, ſagte Wael ſchnell und mit leuchtenden Blicken, ſo iſt's auch mir geſchehen. Frau Juliana ſchläft nicht allein in der friedlichen Kammer. Sie ſprach zu rechter Zeit aus ihrem ſtillen Hauſe, denn was hätte nicht Böſes geſchehen können ohne ihren Zutritt. O, Mutterliebe —— iſt der reinſte Strahl des im Erdennebel gebrochenen Him⸗ melslichtes, iſt das Spiegelbild der Gottesliebe im See des Erdenlebens und ſie erlöſcht nicht, wenn auch die Mutteraugen ſich zuſchließen für dieſen traurigen, trüben Erdentag! O, Renata, wenn Du das Grab der Frau Juliana beſuchſt, ſo hänge immer der Kränze zwei an das kleine Kreuz. Es wird ſich ſchon Jemand finden zu dem zweiten. Und nun ein kurzes Lebewohl, das letzte Abendroth an meinem Himmel;— doch wird die lange Nacht, welche kommt, nicht ohne Stern ſein; Dein Ge⸗ dächtniß iſt unverlöſchlich in des einſamen Jac's Seele, und die Erinnerung bleibt ſein Reiſegefährte.— Ehe ſie ſich gefaßt, ehe ſie, ergriffen von ſeinem Schauerwort, das die Mädchenbruſt wie der Spruch eines Geiſterbeſchwörers umenget, eine Antwort gefun⸗ den, hatte er ſie heftig und heiß auf die weiße Stirn geküßt, ſich losgemacht, und ſie ſtarrte wie eine Träu⸗ mende die Thür an, hinter welcher er verſchwunden. Als am Abende Herr Servatius van Fagel die Brief⸗ ſchaften erbrochen und durchgeſehen und betäubt daſtand wie ein vom Blitz Getroffener, war Jae ſchon fern von der Stadt Brüſſel, und ſchritt unter der Nacht hin, und trieb einen ſtillen, gehaltſchweren Verkehr mit den Luft⸗ erſcheinungen und tanzenden Lichtbildern am Kanal und auf dem Moor, das an ſeiner öden Straße ſich hinzog, aber immer freier ward ſeine Bruſt unter den glänzen⸗ den Sternbildern und immer muthiger ſchritt er ſeiner Zukunft entgegen.— * Mebermuth und Menſchlichkeit. Scenen aus den Zeiten der Kreuzzüge. Die Sonne des Orients brannte mit Schmelzglut auf die rückſpielenden Stahlharniſche der Krieger des Occidents, und dem zerſtampften, ſtaubigen Erdboden war die naſſe Wetternacht kaum mehr auzuſehen. Er⸗ mattet vom Morgenkampfe lagerte der ſiegreiche Heer⸗ haufen des Grafen Joscelin auf blutbegoſſener Ebene, ſuchend den Schatten der Palmen und Oelbäume, und aus den vom mächtigen Regenſturze hochgeſchwollenen Bächen ſich und die lechzenden, beſchäumten Streitroſſe tränkend. In der Mitte des Heeres ſang der griechiſche Biſchof Baſilius, umringt von ſeinem Klerus, hochhaltend die heilige Lanze, mit welcher einſt eine Frevlerhand die weiße Seite des Gekreuzigten durchſtach, den Ambro⸗ ſianiſchen Lobgeſang, und alle gerüſteten Pilgerhaufen und Söldner ſangen leiſe das Lied des Preiſes und des Dankes mit, indeß drüben auf Edeſſa's Mauern das Wehgeheul der Muſelmänner herabkreiſchte zu den tau⸗ ſend zerfetzten und nacktgeplünderten Leichnamen ihrer Väter und Söhne. Am linken Flügel der Waffenlinie hielten abgeſchloſ⸗ ſen und noch in Kriegsordnung die wackern Templer und Hoſpitaliter; jene ausgezeichnet durch die volle Eiſen⸗ rüſtung unter dem weißen Mantel, dieſe durch den weit⸗ ſcheinenden rothen Wappenrock, geziert mit dem weißen Johanniskreuze. Das große Panner des Tempels, 362 genannt Beauſeant, wogte mit ſeinen ſchwarzen und weißen Wellen über dem ſtattlichen Haufen in der tapfern Fauſt des Marſchalls Eberhard von Barris. Nicht abgeſeſſen! Nicht die Hand vom Eiſen! ſprach er zu ſeinen Waffenbrüdern. Laſſet den leichtſinnigen Grafen und ſeine Schützen ſich des zerſchlagenen Ausfalls freuen und Siegeshymnen anſtimmen! Der Templer betet mit der Hand am Schwerteskreuze. Wir wollen wachen, wenn jene trunken ſind vom Jubel.— Nur ein geringes Häuflein wackerer Wallbrüder hatte ſich den Reiſigen des Ordens angeſchloſſen, und theilte nicht die Beutegier und Ausſchweifung des übrigen Heeres, ſondern jeder lehnte, die Lanze in der Hand, am gezäumten Roſſe. Es waren deutſche Kreuzfahrer; das blonde Haar und die lichten, blauen Augen kündeten ſchon die ferne Heimath an. Vor ihnen wuſch ihr Pilgerfürſt ſein edles Roß, arabiſcher Zucht, deſſen Goldhals von einem Speerſtich verwundet war, aus einer Kürbisflaſche mit Wein. Ein ſtattlicher Jüngling war's, hoch überragend die Menge, gewappnet in ſchlichten Stahl, der Helm überwallet vom ſchwarzen Buſch, und unter ihm herabhangend, faſt bis zur Hüfte, das helle, flatternde Seidenhaar. Sein Schild lehnte an der Palme Stamm, und zeigte den ſilbernen Löwen im rothen Felde. Es war Graf Hermann von Leuenrode, genannt das Nordlicht von dem Kreuzheere wegen zwei berühmter nächtlicher Siege und anderer glänzender Waffenthaten. Der Goldfuchs bog den ſtarken, mähnenreichen Hals, und küßte mit ſchäumendem Maule die ſorgſame Hand ſeines Herrn. Dankſt du mir, mein wackerer Sieges⸗ gefährte? fragte der deutſche Ritter mit freundlicher, ————— 6 363 doch ſchwermüthig gedämpfter Stimme. Und doch bin ich dir ein Fremder, ein Tyrann, deſſen Schwert dich gewann und dich zum Sklaven machte, indeß jener ſchlanke, arabiſche Jüngling, der unter markdurchſchnei⸗ denden Verwünſchungen meines Volks dort vor uns ſo eben verendete wie ein verblutender Hochhirſch, welcher der zehnte Bruder Menſch war, den mein böſes, un⸗ menſchliches Eiſen heute tödtlich traf, dein Landsmann iſt. Dennoch hängſt du nur an mir, und meiner Stimme Ton ſpitzt allein dein Ohr, und du beachteſt nicht des Landsmannes Sterberöcheln. O warum iſt mein Arme⸗ nier nicht bei mir, der in Sarona's Roſenfeldern mir den Gott der Menſchen zeigte, den einzigen, wahren Gott Zoroaſters und Mahoms, Johannis und Chriſti, der die Natur mir zeigte, als den gemeinſamen Garten des Vaters, und die Staubgeborenen alle als eine Familie!— Das edeltreue Thier legte ſeinen Kopf auf des Vorgeſchrittenen Schulter; er ſtreichelte liebkoſend ſeine breite Bruſt.— Bindet Naturgefühl, Dankbarkeit, Bedürfniß, geſellige Gewohnheit ſelbſt das Seelenloſe an das Unſterbliche, warum wüthen denn gar Brüder im Brüderbuſen, warum ſchleift Fanatismus Dolche, ſeinen Irrthum Andersirrenden blutig einzuätzen?— Heiliges Land, ich bete andächtiger, als daheim, auf deiner heißen Erde, die des Gottmenſchen Fußſtapfen trägt; aber der Blutdinger, welcher deine köſtlichen Früchte ſättigt, die Todesſünden, im hölliſchen Wett⸗ eifer auf dir begangen von Heid und Chriſt, werden nie aufhören, mein Gemüth in Empörung zu ſetzen, wenn auch dieſe rebelliſchen, kampfluſtigen Sinnen, wenn auch die Begierden des trunkenen Ehrgeizes bei jeder Schlacht⸗ trompete die alte Reue vergeſſen, um neuer Frevelthaten 364 Folter auf dieſes deutſche Herz zu wälzen. Die Zeit nimmt dem Menſchen Jegliches, die Zeit verdirbt Alles an ihm, und läßt ihm nichts, als die dürre, bleichſüchtige Erinne⸗ rung, daß er einſt beſſer war, und den nagenden Un⸗ möglichkeitswunſch der Rückkehr zur Vergangenheit.— O könnte auch ich kehren zu den hohen Ufern des Leineſtroms, wieder mich balgen mit den fröhlichen Knappen im Buch⸗ walde, wieder angeln mit dem kleinen Fiſchermädchen im ſchattenden Weidengehänge, oder Abends ſchlummern im hohen Schloßſaale auf des herzigen Vaters Knie! O könnte ich noch weiter zurückziehen in die frühe Unſchulds⸗ zeit, wo ich zum Harfenſpiele der zärtlichen Kloſterfrau fromme Lieder ſang, und von ihr unterwieſen Heiligen⸗ bilder ſchnitzelte! Armenier, du hätteſt mich thöricht laſ⸗ ſen ſollen und abergläubig wie mein Volk! Deine Lehren haben Feuerbrände in allen meinen Frieden geworfen!— — So dachte, träumte und ſprach zu ſich ſelbſt das deutſche Grafenkind in dieſen Augenblicken.— Der prieſterliche Hymnus hatte aufgehört, und heller hörte man jetzt das Gelärm der Trunkenbolde und der Plünderer Gefluch. Da zog eine fremdartige Scene die Blicke der Ordensſtreiter auf ſich. Nicht weit von ihrer Linie begannen die Gärten Edeſſa's, prangend in aller Ueppigkeit des Herbſtmonats. Die hohe Dattel⸗ palme, die dunkle Olive und der breitblättrige Feigen⸗ baum hingen ſchwer von Früchten; dazwiſchen glänzten einladend der duftige, hellbemalte Apfel von Damaskus und die goldene Orange und die ſüße Limone; an den niedern Mauern lachten ſaftige Aprikoſen und durchſich⸗ tige Rieſentrauben, und in den Tiefen brüſtete ſich die geſtreifte Saftmelone neben dem feuergelben, wunderbar geſtalteten Bundkürbis.— 365 Die leichten Turkopulen des Tempelordens hatten ſich in den Beſitz dieſer bunten Gehäge geſetzt, und ſchnitten und ſammelten mit den kurzen Säbeln und auf den ſchüſſelförmigen Schilden die ſaftreichſten Gaben des Som⸗ mers für ihre Ritter und Wappner. Jetzt ward auf einmal blitzes ſchnell das friedliche Gärtnergeſchäft unter⸗ brochen; der Wachruf: Ein Spion! Fanget den Spion! ſchallte von vielen Stimmen; aus den Dattelbäumen ſprangen die Kletterer herab, die Sammelnden warfen ihren Vorrath hin, und eine Jagd, wie auf ein fremdes, wildes Thier, begann in den Fruchtfeldern. Das aufge⸗ jagte Wild war ein Iſraelit, der durch die Hecken und Mauern ſich dem Kreuzheere zugeſchlichen. Seltſam lächerlich ſah es aus, wie der Sohn Moſis, eine lange, hagere Geſtalt, mit grauem, verworrenem Barthaar, im ſchwarzwollenen Kaftan flüchtig die Melonengeländer durchbrach und über die Befriedigungen ſetzte. Die krei⸗ ſchenden, mordſüchtigen Turkopulen folgten ſpringend ihm auf der Ferſe; oft ſchlug ein naher Säbel nach ihm, oft ſchon haſchte eine gelbe Hand nach dem fliegenden Barte, oder dem Zipfel des Kleides, doch glücklich ent⸗ rann der geſchmeidige Flüchtling den Verfolgern auf's Freie hinaus, bis er zuletzt athemlos und ganz erſchöpft zu den Füßen des Grafen von Leuenrode hinſtürzte. Helft mir, mein junger, mein ſchöner, mein ſtatt⸗ licher Herrt ſtöhnte der Verfolgte. Ich bin nur ein armer Jüd, aber ein gar wichtiger Jüd anjetzo. Sie haben mir zerriſſen meinen Schubbeth; ſie wollen zer⸗ reißen mein unſchuldig Herz. Leidet's nicht, v Herr! Es bringt Schaden für Euch! Bin geweſen Leibarzt des Emirs Sankar⸗Derar drinnen. Hab' ein ſchön Papierchen zu beſtellen an den Grafen von Edeſſa, ein 366 Brieflein von unbezahlbarem Werth. Die armeniſchen Kriegsleut' drinnen ſind's, die mich ſenden zu Euch.— Graf Hermann horchte auf. Der Iſraelit hielt ihm einen Brief mit Chifferſchrift entgegen. Ein blankes Säbeldach hatten hinten die Turkopulen über den Ge⸗ ſtürzten gebildet; vorn hatten ihn die Wallfahrer um⸗ zingelt, und ihre Lanzen alle richteten ſich zum Stoße auf ſeine jammervolle Leichengeſtalt. Graf Hermann bedeckte und verdeckte ihn faſt mit ſeinem manneshohen Schilde. Es iſt ein Glaubensfeind! rief Einer des Haufens. Ein verfluchter Nachkömmling derer, die den Heiland kreuzigten! rief ein Anderer. Unſere Brüder im Vater⸗ lande ſchlachten treuſinnig gerade jetzt ſeine Nation, aus⸗ zurotten die Teufelsbrut! ſchrie ein Dritter. Laßt uns nicht weniger eifrig ſein, auch unſer Theil Rache zu nehmen für Golgatha und des Erlöſers Schmach! ſchrie ein Vierter. Nieder mit dem Unthiere! brüllte der einige Chor zuletzt. Unbeweglich lag des Grafen Schild. Seine Lanze regte ſich wie vertheidigend, und Alle wichen vor der ernſten Zornglut, die auf dem jungen Geſicht, ſonſt freundlich Milch und Blut tragend, wie Nordlichtsſchein aubrach. Wer will am gotſchafter unritterlich ſich vergreifen? fragte ſeine dumpfſchallende Stimme. Der Brief iſt ſein Freipaß. Nur der Feldherr kann richten ob ihm.— Erſtarkt richtete ſich der Jude in die Höhe und ſtand wie ein hageres Nachtgeſpenſt zwiſchen den Kerngeſtalten und lebevollen Kraftgeſichtern. Hermann erwählte zwei Reiſige des Tempelbundes, ihm ſicher Geleit zu geben bis zum Hügel, wo der Graf Joscelin und ſeine Ritter in Mitte des Heeres vom Schwerterkampfe ruheten. — 367 Abrahams Segen auf Euer Haupt, junger Krieges⸗ held; und wenn Eljakims Wünſche droben gelten über uns, alle Gaben des Himmelreichs für Euch! ſprach der Briefträger, tief ſich beugend noch, ehe denn er ſeinen furchtbaren, ihn mürriſch anſchnaubenden Gelei⸗ tern folgte.— Murrend zogen ſich die Kreuzesbrüder in ihre Rotten zurück. Mitleidig ſah der Pilgerfürſt ihnen nach. O glaube, ſprach er, du Erſtgeborener der Gottheit, du reinſter Ausfluß der ewigen Liebe, welche Mißgeburt macht die umnachtete Phantaſie der Erdenbürger aus dir! Und welcher geiſtige Rieſe wird mitten in das ſchöne Europa zu treten wagen, zuerſt zu zerreißen die Schleier, mit denen Prieſterwahn dich umhüllte, zu zeigen die große Muttter Iſis dem Volke in unverhüllter Schöne, und in ſeiner feſten Gottesburg die Menſchen alle zu ſammeln zu einem Dienſte?— Armenier, du lächelſt deinem treuen Schüler zu! Nicht wahr? Er hat es dir recht gemacht; er hat ein Opfer gerettet, einen Bürger deines neuen Jeruſalems!— Doch, was iſt der Tropfen im Meere? Was gilt ein Leben gegen die Tauſende, die hier dem Wahne gefallen ſind, ge⸗ mordet und ſelbſtmörderiſch in frevelhafter Andacht!— Eine Eiſenhand drückte ſeine wackere Rechte; es war der graubärtige Marſchall Eberhard. Wackerer Deutſcher, ſagte der Alte, gutmüthig nickend dazu, wir ſind Zeltge⸗ noſſen von heut' an, wie wir vor einer Stunde Schwert⸗ genoſſen geworden ſind. Tauſche das Du mit mir. Ein redlich⸗ſtilles Herz triffſt Du in mir, wie das Deine iſt. Solche ſind Noth in der Verwegenheit der ſündigen Zeit, und ſollten überall feſt ſich an einander hangen wie Eppichgeſchling. Gilt es? Hermann drückte die Hand — 368 zum feſten Jawort. Mit den Eiſenfingern ihm die Fauſt wunderlich und beſonders umfaſſend ſetzte der Marſchall leiſer hinzu:„Bald ſind wir wohl noch näher verbündet, und ſehen uns am Grabe des Herrn, wenn ich den Meiſter Robert recht verſtand.— Großes Getümmel von der rechten Seite her zerriß die Herzensergießung und den fernern Aufſchluß der Beiden. Es war der Feldherr Joscelin von Edeſſa; ihm zur Seite ritt der junge, bildſchöne Graf Raimund von Tripolis; ſilberne Trompeten umklangen ſie, und ein Prachtgefolg von lateiniſchen Baronen und Leibreitern der Königin Meliſende von Jeruſalem wühlte im Galopp heranſprengend Staubwolken hinter ihnen auf. Hermann hatte ſich auf ſein arabiſches Roß geworfen und hielt vor ſeinem Haufen. Gerade auf ihn zu ritt der ſchwarz⸗ praune Joscelin, kennbar von ferne ſchon durch den Aufwand ſeines Gezeuges, durch den goldbelegten Panzer, die Purpurbinden und den geſchmacklos⸗buntfarbigen Fe⸗ derwald ſeines Helmes, von Edelſteinen durchflochten, womit er die Häßlichkeit ſeiner Züge und ſeine unan⸗ ſehnliche Geſtalt zugleich zu heben und zu bergen ſuchte. Euch meinen Dank, nordiſcher Rittersmann! rief er laut vor dem Zuge, ſein deckenreiches Pferd parirend. Dank für den beſchirmten Boten und die geſicherte Bot⸗ ſchaft, die uns Allen Heil und Freude bringt! Die ar⸗ meniſche Beſatzung der Stadt ſendet mir die Zuſage darin, ſofort den Meinigen das ſüdliche Thor zuöffnenz ſo wollen ſie Rache üben an dem Sohne Nurebdin für die Grauſamkeit des todten, doch unvergeſſenen Vaters Zenki, des Eroberers, der auch ſie und ihren Biſchof nicht ſchonte. Mein wird wieder ſein die Stadt meiner Ahnen, die Vormauer der chriſtlichen Herrſchaft, der 369 Predigerſtuhl des heiligen Taddäus und die Gravſtätte des Apoſtels Thomas. Zugleich meldet mir des armeni⸗ ſchen Hauptmanns Brief, daß in nächſter Minute der Emir Sankar mit ſeiner Familie und ſeinen Schätzen durch das nicht beſtürmte weſtliche Thor nach Haleb ent⸗ fliehen will. Das Heer iſt zerſtreuet und ermattet; ihr ſeid munter und wacker noch in Rüſtung. Wie könnte ich beſſer lohnen, als durch ſolch reichen Fang, als durch ſolche Ritterthat von Bedeutung! Auf darum, ehe der Emir den Fluß erreicht, der ihm Rettungsgrenze böte! Und ihr, tapfere Templer, folget meinem jungen Freunde zum goldenen Siege über den böſen Chriſtusfeind! Sporn ſei für euch die Freudenpoſt, daß euer trefflicher Meiſter, Robert von Credon, ſo eben in das Lager einritt, und ein Creditiv vom heiligen Vater Eugenius mitbringt, wel⸗ ches den Templern erlaubt, zu tragen als Ehrenſchmuck das rothe achteckige Kreuz auf weißem Ordenskleide. Treibet die Roſſe dem Winde gleich zum Ziele! Wer mir des Emirs Banner bringt, dem zahle ich hundert Beutel; wer mir bringt ſein verfluchtes Haupt, mit dem theile ich die Hälfte meines Beuteantheils von heute.— Ein wildes Hurrah tönte aus den weiten Kehlen der Geharniſchten. Hermann ſenkte ſtattlich ſeine Lanze vor dem Befehlshaber, ſchnell ordneten ſich die Züge, ein Theil des Ordensvolkes ſtieß dazu, und brauſend, wie der zerſtörende Samum, todesſchwanger, wie der, flogen die Rotten über die Ebene hin um die Stadt.—— Zwei Bogenſchüſſe von den Mauern des belagerten Edeſſa's tobte der hochgeſchwollene Fluß durch gröne Ufer hin. Sonſt nur Skirtos, das heißt der Hüpfende, ge⸗ nannt, war er in einer Nacht ein böſer Verwüſter Blumenhagen. VIII. 24 370 geworden, und drohte in Strudeln und Wirbeln, wo ſonſt ſein kräuſelndes Silber zum ſpielenden Bade einlud. Die ganze Fläche des ſchmalen Thales hatten die Wolken⸗ brüche ausgefüllt; entwurzelte Zypreſſenſtämme und Hüt⸗ tengebälk tanzten auf dem mächtigen Wellengeröll der dunkeln Flut, Raubgut des Fluſſes, von ihm in vergan⸗ gener Regennacht entriſſen ſeinen friedlichen Nachbarflu⸗ ren. Mehre Kreuzfahrer tränkten am Waſſerrande ihre Roſſe und ſich ſelbſt, mühſam und gefahrvoll mit ihren Pickelhauben die Labung ſchöpfend. Ein Vornehmer glänzte unter ihnen in der Silberrüſtung, ein braun⸗ ſchweigiſcher Rittersmann, Heinrich von Wenden benam⸗ ſet. Indeß ſein Waffenknecht den dunkelbraunen Mecklen⸗ burger befriedigte, welcher ſchweißbedeckt ſeinen Unwillen über die fremde, ſengende Zone durch Stampfen und Schütteln zu erkennen gab, ſäuberte der eitle Ritters⸗ mann Bruſteiſen und Stahlſchienen vom Schmutze des Schlachtgetümmels, bog den blauen, geknickten Helm⸗ buſch in die alte Form, und ſtrich die Blutestropfen von der azurnen Schärpe, welche die lieblichſte Dirne der Welfenſtadt ihm bei dem Abſchiede weinend angeknüpft. Wohl dachte er ihrer und der genußreichen Bankette im nordiſchen Vaterlande, doch ein Blick ſeines Falkenauges in die Ferne hin ſtörte die ſehnſüchtig⸗ſchmerzliche Em⸗ pfindung. Eine leichte Sandwolke erhob ſich von der Stadt her. Bald unterſchied der ſcharf hin Schauende einzelne zur Seite ſchwärmende tatariſche Bogenſchützen; bald in der Mitte eine hochrothe Fahne; bald er⸗ kannte er einen mondförmig anſprengenden Haufen Bos⸗ niaken an den Tigerdecken ihrer flüchtigen Pferde und an den gelben und rothen Seidenwimpeln ihrer Lanzen. Das Feldgeſchrei; Allah! Allah! tönte in ſein Ohr. ℳ —— 5 Selbſt riß er dem Roſſe den Zaum zurecht, und warf ſich in den Sattel; doch kaum war er bügelfeſt, als ihn der mächtige Anflug des Feindes ſchon erreichte. Es war der Emir Sankar⸗Derar, der Befehlshaber Edeſſa's an Nureddins Statt. Er ſuchte die bekannte Furt des Stromes zur Flucht nach Haleb. Seine beſten Männer hatte er um ſich geſammelt. Ehrwürdig glänzte der ſchneebärtige Greis unter den braungebrannten Bra⸗ ven, in deren Kreiſe ſeine beſten Schätze auf mehren Saumroſſen verwahrt waren, deren Lanzendome ſein höchſter Schatz, ſein einziges Kind, die hochbuſige Zittah, reitend auf einem ſchneeweißen Zelter, deſſen Silberzeug von Edelſteinen funkelte, vertraut war.— Die meiſten der Reiſigen am Strome ſtürzten vom Anſprunge der muſelmänniſchen Reiter in die Wellen hinab, die entzäumten Roſſe entſprangen, ſcheu gemacht, der Hand; nur wenige Lanzknechte hielten, aufs Knie geworfen, die Speere ſchirmend vor, und deckten den einzelnen Reitersmann. Heinrich war verloren, wie er auch hoch und muskelvoll, gleich einem Islandshelden der Edda, ſeine Lanze gebrauchte und ſein langes Schwert; doch dicht hinter dem Sarazenentrupp brauste, wilder noch und tönender den Schlachtenruf donnernd, ein ſtär⸗ kerer Haufen chriſtlicher Reiter daher, Hermann von Leuenrode an ihrer Spitze, in wenigen Sekunden hatte der Braunſchweiger Luft, und bediente ſich ihrer auch wacker. Die ganze Kämpfermaſſe wurde ſchnell zu einem verworrenen Knäuel von Mann und Roß. Turbane und Templerhelme, deutſche Lanzen und bosniſche Wimpelſpeere waren in einander gemiſcht, und Stoß und Hieb traf eben ſo oft den Freund wie den geſuchten Feind im unge⸗ wöhnlichen, zu nahen, und darum zwiefach tückiſchen 372 Kampfe. Neben dem tapfern Emir jammerte laut die dichtverſchleierte Jungfrau, welche, des ſtillen Frauenge⸗ machs gewohnt, ſo unerwartet plötzlich in alle Schreck⸗ niſſe des Lebens und der Männerwuth geriſſen worden. Die weichen Hände um des Zelters Sammetſattel ge⸗ preßt, drückte ſie die Augenlieder zu; doch das Ohr brachte ihr nur ärgere Schrecken, obgleich ſie nur nach der Befehlsſtimme des Vaters horchte, deren Verſtum⸗ men auch ihr das Zeichen zum Tode ſein mußte. Dicht kreiſeten die treuen Bosnier die gewandten Roſſe um das fürſtliche Paar, hindrängend zum Rande der Furt, die leider der Regen ungangbar gemacht; aber vergeblich war hier Tapferkeit und Opfer, wenn auch der Unſterb⸗ lichkeit beide ſo würdig. Der gelbrothen Wimpel ver⸗ ſchwanden immer mehre; immer weniger wurden der rothen und grünen Mützen, und an ihrer Statt drängten Helme und Pickelhauben näher heran. Wie die raſſelnde Weizenſaat vor Senſe und Sichel, fiel das Sarazenen⸗ volk unter den ungeheuern Schwertern der Kreuzritter. Da riß der alte Emir ſchnell entſchloſſen das goldene Mondpanner aus den Händen des Trägers, faßte dann, ſchon ſelbſt blutend aus tiefer Stirnwunde, den Silber⸗ zaum des Zelters, drückte dem eigenen Roſſe die Sporen ein, und worf ſich mit der Tochter zugleich in den rau⸗ ſchenden Strom. Hoch auf ziſchte und ſchäumte die Flut wie in Liebesluſt der reizenden Beute entgegen. Drei treue tatariſche Reiter ſtürzten ſich nach. Die Chriſtenkämpfer ſtutzten. Keiner wagte ſogleich den Nachſprung in die tückiſch⸗zürnende Flut. Nur hie und dort, zugleich entflammt, dieſer vom Heldendank der flatternden Fahne, jener vom Reiz der Sinne⸗ und Minne⸗ luſt, trieben Hermann von Leuenrode und Heinrich von —— —.—.— —— —. 373 Wenden ihre hiere vom Ufer herab den Flüchtlingen nach. Die Wogen ſchlugen über die Sättel der gehar⸗ niſchten Schwimmer hin, doch Mann und Pferd ſchienen entbrannt von gleicher Begier; die donnernden, ſchlin⸗ genden, wirbelnden Wellen unterlagen dem Menſchen⸗ willen, und faſt mit den Osmanlis zugleich waren die Deutſchen am jenſeitigen Sandufer. Drei ſichere Schwert⸗ ſtöße trafen die Vertheidiger des Fürſten mit Todeswunden, und Graf Hermann drängte jetzt, den waffenloſen Feind ohne Schneide berennend, mit dem großen Eiſenſchilde den Greis vom Rücken ſeines Hengſtes hinab, glitt ihm nach auf den Boden, und entriß machtvoll ſeinem mark⸗ loſen Arme die ſtolze Fahne als eine herrliche Beute. Sankar⸗Derar zückte den Diamanten beſetzten Dolch. Tödte mich und die Tochter, junger Held! rief er ver⸗ zweifelnd. Dann mag Allah Dich ſegnen, und ich will Dir, dem Ungläubigen, noch danken im letzten Gebete.— Hermann ſah zur Seite, wohin der Damascenerdolch zuckte, und erblickte den Braunſchweiger, wie er die halb ohnmächtige Zittah umſchlungen hielt, und mit funkelnden Blicken an den engelſchönen Zügen hing, die der treuloſe Schleier, im Lanzengedränge und vom Wind⸗ ſtoße zerriſſen, nicht mehr ſittlich verhüllte. Biſt Du ein Menſch, Chriſt, ſo tödte mich und die Tochter zugleich! heulte nochmals der Greis, und wand ſich im Staube vor dem Eiſernen. Du glaubſt einen Gott wie ich, denke an den Erbarmer, und gib ihr, wie mir, den Gnadenſtoß der einzigen Rettung!— Mein iſt ſie! jauchzte Heinrich. Eine heilige Maria ſoll ſie werden und ich ihr Ritter!— Wollt Ihr Löſegeld? drängte der Greis hervor mit zitternder Stimme, durch die Unthätigkeit beider Feinde 374 wieder voll Lebenshoffnung. Unermeßlich ſoll es euch werden, denn Zittah iſt die Verlobte, iſt die Braut des tapfern Athabek von Moſul, Nureddins Braut.— Was meinet Ihr, Ritter Heinrich? fragte der Graf, beſonnen das Schwert ſenkend. Das könnte Frieden geben und unſägliche Vortheile dem Heere wie Jeruſalems Königen bringen.— Toll iſt der Alte! entgegnete der glühende Braun⸗ ſchweiger. Ein Blick auf dieſe Magd macht mich alles Leid vergeſſen, was der verwegene Zug mir zu Hauf gebracht, und den ich darum ſo oſt ſchon verwünſchte. Und was mir Zufriedenheit, Erſatz, Glück und Luſt ver⸗ ſpricht, ſollte ich hingeben? Nimm Du das Panier und Joscelins goldſchwere Beutel; nimm Sultansſchätze und Reliquien! Ich behalte dieſen Diamant für mich!— Und Du, verwegener Alter, ſage Deinem wilden Schwie⸗ gerſohne, dem böſen Erben des blutbedeckten Zenki, ſage ihm, die getaufte Braut würde im Schloſſe des Chriſten⸗ ritters bald ihn und ſeines Harems traurige Feſtlichkeiten verlachen lernen.— Uebermüthiger! fiel der Graf ihm ein. Thue Deinen Willen, nimm Dein Recht, aber verſpotte nicht das tapfere Unglück noch in der Gewaltthätigkeit!— Wahre Du ſelbſt Recht und Pflicht! antwortete hitzig der Ritter, ließ die ſich ermunternde Dirne aus dem Arme, und holte mit dem Schwerte ſchlagfertig aus. Nimm Dir nach Pflicht des Wallbruders das Haupt des Muſelmannes, und erwirb Dir mit ihm den herrlichſten Doppelpreis.— Keine Schneide hat mein Schwert für die Wehr⸗ loſen! ſprach der Graf tief in ſich hinein. Seine weiß⸗ umlockte Stirn utet ſchon, und gemahnt mich an meinen —.— *5 375 Vater, ſein Herz blutet noch ſtärker. Wo ſollte ich den Platz ſuchen, ihm noch eine tiefere Wunde zu ſchlagen?— So ſei mein der Preis! und die Klinge fuhr ziſchend . nach des Emirs Haupte. Leuenrode fing den Streich des Uebermüthigen mit der vollen Stärke des Schwertes, und Heinrichs tödtliches Eiſen zerſplitterte in der Fauſt des Grauſamen wie Rohr vor dem Nachtwinde. Fluchend riß der Braunſchweiger ſein Roß herum, zog die Jung⸗ frau vom Zelter hinüber auf ſeines Sattels Knauf, und ſchwamm durch den Strom zurück zu den jauchzenden Gefährten.— Graf Hermann ſah finſter auf den Greis, der dem Kinde ſeiner Liebe die kraftloſen Arme nachſtreckte, und nur ſein tonloſes Angſtgebet: Allah! hervor zu hauchen vermochte. Entfliehe! ſprach er mit dumpfer Mitleids⸗ ſtimme zu ihm. Ich mag nicht Deinen Schmuck, nicht Dein edles Roß, nicht Deine goldenen Waffen. Genug haſt Du verloren. Lebe wohl! Vielleicht kann ich drüben noch der Schutzengel Deines Kindes ſein!— Sprachlos ſtarrte der Greis dem edlen Schwimmer nach; von drüben flogen Pfeile und leichte Spieße der Turkopulen nach ihm; plötzlich ergriffen von einem Rache⸗ gedanken, erhob er ſich jugendlich, beſtieg ſeinen Araber, und verſchwand ohne Rückblick auf der buſchreichen Ebene. Mit ihm erhob ſich vom Boden ein verwundeter Tatar, pfiff ſein verjagtes Roß zurück, und trabte, von keinem Pfeile erreicht, hinter dem ehrwürdigen Gebieter drein. Wäre der heilige Zweck die einzige Oriflamme aller Kreuzfahrer geweſen; nie wäre die heilige Stätte wieder verloren worden, nie wäre das ſchönſte Land der Erde in den harten Händen der Osmanlis geblieben, welche ein Paradies zur Wüſte verwig icz⸗ in der keine —.,— 35 376 Palme des Ehrgeizes und des Männerruhmes, keine Lilie des Tugendopfers, keine Roſe der Frauenliebe zu wachſen vermag, ſondern wo nur der Giftbaum Tyran⸗ nei und des Bilſenkraut Mordſucht die dunkeln Blätter der ſchönſten Sonne entfaltet. Was alle Kreuzzüge zu Schanden machte, und ſo viel Unerſetzliches umſonſt der Vernichtung hingab, Leben und Gut ohne Zahl fruchtlos opferte, der ſchlechte Geiſt der Theilnehmer, Egoismus, Raubluſt, Geiz, freche Begier in den meiſten Herzen, die der heilige Zweck nur noch wie ein luftig, flatternd Band zuſammenhielt; alles dieſes tönte vom Ufer herab aus den gemiſchten Reitergeſchwadern dem Heldenjünglinge entgegen, noch bevor er im Sichern war.— Er iſt ein Ketzer, ein Mahomsknecht, ein Abtrünni⸗ ger! ſchrie man durcheinander. Einen Muſelmann frei zu laſſen, einen Emir ſogar, ſich und uns um den Preis, wenigſtens um ein kößtliches Löſegeld zu bringen, iſt das je erhört worden?— Es iſt das zweite Sühnopfer, das dieſer heute dem Heilande entzieht! rief ein alter Hoſpi⸗ taliter dazwiſchen. Trennt Euch von ihm! Laßt ihn nicht wieder herauf zu Euch! Das Waſſer ſei ſein Grab, er bedarf der Wiedertaufe! Hatte er doch ſogleich Ver⸗ kehr mit dem Heidenvolke, als er, kaum erſchienen im Lande, ſeekrank zu Sarona lag.— Alle reiheten ſich dem Ufer entlang, und ihre Speere und Lanzen blinkten geſenkt, wie ein eiſernes Schutz⸗ gatter, zu dem Landenden herunter. Mitten im wilden Waſſer erhob ſich der Ritter hoch im Sattel: Unglück kündende Nordlichtsglut deckte ſein Geſicht; die Augen funkelten, wie Kometenlichter; er hob anſchwimmend die drohende Eiſenfauſt, einem gereizten und hoch ergrimm⸗ ten Meergotte ähnelnd, und das Geſindel wich unwill⸗ — — 377 kürlich zurück, wie er näher ſchwamm, und gab ihm Platz. Sein Pferd hatte Erde gewonnen, doch ein ſchreiender Kreis von Waffenmännern ſchloß ihn befeh⸗ dend ein. So krächzet ein Rabenſchwarm um den ſtolz ſchwebenden Adler. Heinrich von Wenden war mit ſeiner lieblichen Beule dem Lager zugeritten und Hermanns Pilgertrupp kümmerte ſich gar nicht um den Herrn, der es ihnen nicht zu Sinne gemacht, ſondern theilte die Beute der Saumroſſe, oder entriß den gefallenen Bosniaken die letzten Reſte ihres werthvollen Pferdeſchmucks. So hielt Hermann allein unter den Tobenden, aus welchen ein trunkener Turkopul ſchon das krumme Meſſer nach ihm geſchleudert. Wer iſt mein Richter hier? fragte ſeine Feldherrnſtimme, wie eine Tuba tönend. Ich bin ein freier Mann, wie ihr. Meine Schulter ſchmückt das rothe Kreuz wie die eurige, und welches Herz am chriſtlichſten daneben ſchlägt, richte Gott! Will ein adelig Schwert ſich meſſen mit dem meinigen, ich ſtehe ihm ſofort! Oder wollet ihr alle⸗ ſammt eure Unluſt kühlen an mir, wohlan! Nur alle heran, ihr ſollt mir ſchon den bittern Ernſt fühlen für cure Knabentollheit!— Immer aufgeſchlagen pflegte der verwogene junge Held ſein Viſir zu tragen in jeder Schlacht gegen die verachteten Sarazenen: als er darum jetzt das Viſir raſſelnd zuwarf, und die baumlange, ſchlanke Stahlge⸗ ſtalt unter dem furchtbaren, ſchwarz ihn umwogenden Helmbuſche kampfbereit dahielt, bereueten die Angreifer das vorſchnelle Wort, und Keiner regte irgend eine Waffe mehr. Feiglinge! ſchalt laut auflachend der deutſche Eiſen⸗ mann. Ich will euch guten Rath geben für böſen 378. Willen. Harret nur hier geduldig am Ufer; der Emir ſendet euch vielleicht bald ein bedeutender Löſegeld her⸗ über, als euer Geiz je berechnet. Ich ſchenke euch meinen Antheil voraus, denn meine Pflicht ruft mich die Bahn chriſtlicher Ehre hinan, die ihr insgeſammt wohl nimmer gekannt habt.— So lachend, ſprengte er durch die Platzmachenden hin zu der eroberten Stadt, von dem rothen Wolkenzuge der weiten Seidenfahne umwallt und wie mit einem Imperatormantel bedeckt.— Die Morgenſonne hob ſich ſanft und ſtill aus den öſtlichen Bergen. Am geöffneten Fenſter eines Prunk⸗ gemachs im JPalaſte der chriſtlichen Herrſcher Edeſſa's ſtand der hochwürdige Tempelmeiſter Robertus, ſein Morgengebet verrichtend. Gütige Weisheit, ſo ſchloß er die Worte der In⸗ brunſt, der Du der Quell biſt und der Vater der Gei⸗ ſter, wecke einen zweiten Heiland, und gieß in ihn Deinen kräftigſten Ausfluß, denn es thut Noth jetzt! Wecke ihn, ehe denn der Name Menſch ein Schimpfſpruch wird und ein Schandfleck! O, ſammle ſie alle, die Dich rein anbeten, mögen ſie Dich Jehova nennen oder Tien, Allah oder Fo, ſammle ſie alle unter dem Mantel Deiner großen Tochter Natur, damit ſie ein Volk werden, Dein Volk, Menſchenliebe ihr Geſetz, und das Recht ihres Königes Scepter!— Wehmüthig verſank der Alte in tiefes Nachſinnen, noch immer die Hände fromm gefaltet, da trat ein Diener herein und meldete, es ſeien junge Rittersleute draußen.—. Laß ſie ein! befahl ernſt der Meiſter und wandte ————————— 379 ſich der Thüre entgegen. Heinrich von Wenden und Hermann von Leuenrode ſchritten ehrfurchtsvoll über die Schwelle. Sie waren Beide ohne Waffen und Kriegs⸗ kleid. Ein ſchlichter Koller von Hirſchleder deckte den Letztern, die reichen, blonden Locken wallten unter dem ſchwarzbefiederten Sammetbarette hervor; von goldenen Ketten und Knäufen blitzte das blauſeidene Prunkkleid des Erſtern, und aus Diamanten hob ſich des Ritter⸗ hutes Straußenbuſch. Der Meiſter maaß Beide mit ſtrengen Blicken.— Ihr Akolythen des Tempelbundes, begann er dann mit feierlich, langſamer Stimme, ich habe euch rufen laſſen, um ein gewichtig Wort mit Jedem zu ſprechen, ehe ich euch ſenden darf zur heiligen Stadt, wo die Weihe den Geprüften erwartet.— Auch dieſer ein Akolyth? fragte Ritter Heinrich mit bitterer Verwunderung. Ohne ſich unterbrechen zu laſſen, fuhr der Meiſter fort: Zuerſt ein Wort an Dich, von Wenden!— Du willſt ein Knecht werden und ein Kum⸗ pan des Tempels? Haſt Du bedacht, was Du wollteſt? Du haſt nicht bedacht, was Du wollteſt. Keuſchheit und Armuth ſind des Ordens Gelübde, und doch prunkeſt Du ſelbſt vor mir in dem Seidenwammſe der Zierlichen und Schwindler, doch hegſt Du ſeit geſtern eine Türken⸗ virne bei Dir in Deinem Quartier, und girreſt um ſie her wie ein verliebter Turteltäuber. Wo ſchauet der Templer da heraus? Was ſollen die alten Herren des Bundes an Dir finden und von Dir hoffen?— Ich, als der Großmeiſter, fordere darum ſtrenge von Dir, thue den Prunk fort und die weltliche Narrethei, und liefere die Dirne dem Orden aus, damit ihr Löſegeld 380 den Armenkaſten und Pilgrimsſäckel fülle, als erſtes Opfer Deines Gehorſams.— Eine hohe Röthe übergoß Heinrichs Geſicht. Er ſagte mit ſcheuem Tone: Muß denn der Templer der Menſch⸗ heit entſagen und ihren mächtigen Gefühlen? Ich bin ehelos, und werde es bleiben; aber die Sarazenin iſt mir lieb geworden— wie eine Schweſter! ſetzte er ſtam⸗ melnd hinzu.— Liefere die Ungläubige aus! fiel der Meiſter ein mit erhobenerem Tone, oder wir ſind geſchieden für immer. Nur der Sieg über die Leidenſchaft iſt des Templers Arbeit und ſein Triumph!— Vater, bat Heinrich mit dem Ausdrucke der heftigſten Neigung, ich weiß, auch unter Deinen Tempelherren ſind ſchwache Menſchenkinder; laß mir die holde Sarazenin! Ich will opfern dafür mehr, als ihr Löſegeld ſein kann. Mein Vater Riddag bauete das reiche Kloſter Riddags⸗ hauſen bei Brunsvik; ein ſchöneres Kloſter will ich hier im Lande erbauen, dem heiligen Sebaſtian geweiht. Laß mir die liebliche Zittah; nur bis wir nach Jeruſalem ziehen, laß ſie mir!— Zornig trat der Meiſter einen ſchweren Schritt näher und erhob die Rechte wie zurückſtoßend. Menſch, geh' in die Welt zurück, der Du angehörſt, ſprach er unwillig, Du kannſt nie Templer ſein! Trage das Flammenkreuz der Leidenſchaft, denn was Du ſprachſt, war nicht das Sehnſuchtswort verzeihlicher Herzenstriebe, es war die ſündige Stimme thieriſcher Begier, und ſolche darf nie an der Schwelle unſerer Hallen ertönen, denn das Waſſer unſerer Weisheitstaufe würde ſchmutzig werden durch ſie.— Gut dann! ſagte Ritter Wenden erbost und mit —— 381 tückiſchem Blicke auf den Grafen Hermann. Ich will nichts mehr von Euch, doch dieſer da kann auch nicht Templer ſein.— Warum? fragte Robertus und Hermann zugleich, mit gleichem Erſtaunen.— Stolz und übermüthig ſtellte Wenden ſich feſt vor ſie hin. Nur ebenbürtige Rittersleute dürfen Euren Mantel tragen; der Vater muß ſein ritterlicher Abkunft, die Mutter muß ſein eine Edeldame. Dieſes kühnen Wer⸗ bers Vaters iſt nun freilich Graf Kurt von Roden, hau⸗ ſend auf Leuenrode am Leineſtrom. Wer iſt aber ſeine Mutter? Iſt er ebenbürtig und ehelicher Geburt? Und warum trägt er ſeines Stammes eigentlichen Namen nicht hier im fremden Lande? Fraget ihn ſelbſt darum, Hochwürdiger.— Hermanns Auge haftete wie verlegen am Boden und wich dem fragenden Blicke des Alten aus. Höhniſch triumphirend ſprach Heinrich fort: Jüngſt war ich noch bei ſeinem jüngern Bruder auf Burg Limmer, als ich durchzog nach Rom. Der gaſtliche Jungherr ſprach nichts Gutes von ihm, und zürnte ob der Vorliebe des alten Herrn zu dem eigendünkeligen Bankert! denn man wußte nie und nirgend von einer erſten ſelig entſchlafenen Ge⸗ mahlin des Grafen Kurt von Roden; aber die Fama erzählte gar Manches von einem früheren Liebesvertrieb deſſelben mit einer jungen Kloſterfrau zu Ganderſen, Roswida genannt, welche ſchöne bibliſche Komödien und Schauſtücke von der Keuſchheit geſchrieben, doch ſelbſt wenig Stück auf dieſe Tugend gehalten, noch nach ihren Worten gethan!— Bube, und meines Bruders, des Buben, Sihahe⸗ noß, wenn dieſer ſelbſt ſolch verleumderiſch Geträtſch 382 vom Vater ſprach, fuhr Hermann athemlos auf, und warf den Handſchuh auf den Boden, das fordert Dein Blut!— Wie's beliebt! entgegnete Heinrich kalt und hob den Handſchuh. Ihr ſeid gewarnet, Meiſter Robert, und kennt Eure Pflicht. So verließ er ſtolz das Gemach.— Der Meiſter näherte ſich mitleidig dem jungen zer⸗ knirſchten Manne. Iſt es ſo, mein lieber Kriegesheld? fragte er ſanft und freundlich.— Ich weiß es nicht, Herr! So Gott mir huldreich ſein mag, ich weiß es nicht. Ein Geheimniß liegt auf der Stunde meiner Geburt, doch alſo habe ich's nie vermu⸗ thet, auch nie alſo vom ehrwürdigen Vater geglaubt!— Tröſte Dich, und forſche darob! entgegnete milde Robertus. Horch! Die Felddrommeten rufen in den Straßen, die Schritte der Panzermänner raſſeln auf dem Pflaſter. Graf Joscelin will die Burg erſtürmen, ehe noch der Mittag kommt. Geh' an Deinen Poſten! Ich habe Dein Herz ſchon früher erkannt. Du biſt ein Geweihter, wenn auch das rothe Kreuz Dir nicht am Mantel glänzen wird, und es winkt Dir eine höhere Beſtimmung vielleicht, durch mich vielleicht. Wir ſehen uns wieder!— Er küßte den tiefgebeugten Jüngling auf die gramgefurchte Stirn.— Ja, ich gehe zum Todesplatze! rief Hermann mit der Stimme des Verzweifelnden. Iſt meine Ehre mit unlöſchbarem Makel beſchmutzt, ſo mag der erſte Speer⸗ wurf mich treffen am Thore der Burg, und mit Blut den Flecken auswaſchen. Ohne Ehre iſt das Leben ein Narrenhaus voll Kinder und Thoren.— Ohne die rechte Ehre! antwortete der Alte mit einer Thräne. Doch dieſe wohnet in des Mannes Bruſt, nicht ₰ * 4 383 auf dem Kleide oder gar auf der Zunge des Nächſten. — Trübſinnig ſah er ſo dem Fortſtürzenden nach, und ließ dann auch ſich wappnen.— Eine ſehr heiße Stunde kam für das Chriſtenheer. Tapfere Männer hielten die Burg beſetzt. Joscelin hatte nicht Sturmgeräth, noch Holzvorrath zum Bau der Thürme und Balliſten. Inwendig war alles Wurfge⸗ räth im guten Stande. Ein Anlauf auf das Thor ſollte entſcheiden; ſo meinte der ſtolze Wahn. Die abgeſeſſe⸗ nen Ritter berannten unter Sturmdächern das Thor, und des Widders Gewalt griff die eichenen Flügel an. Doch der dreimal wiederholte Anfall gab kein Gelingen, ſon⸗ dern nur Verderben. Sandberge waren innen aufge⸗ häuft vor dem eiſenbeſchlagenen Thore; Hunderte der Stürmer wurden zermalmet von geworfenen Steinen und vom herabgeſchleuderten Balkenwerk; Hunderte ent⸗ ſetzlich verbrannt von herabgegoſſenem, ſiedendem Oele; die Giftpfeile der Osmanlis tilgten manch fränkiſch Le⸗ ben. Graf Leuenrode war gleich anfangs vorn im heiße⸗ ſten Gedränge. Mit unmächtigem Knirſchen mußte Jos⸗ celin abziehen von der Burg in die Stadt zurück, und er wurde ſeines geſtrigen Sieges nicht froh, der ohne Kranz blieb, ſo lange von den Thürmen der feſten Burg die Fahne der Feinde, ihn verſpottend, flatterte. Wie aus einem langen Todesſchlafe erwachte Graf Hermann. Ein brennender, unſäglicher Schmerz nagte an ſeiner linken Hand, das war ſein erſtes Empfinden. Er wollte klagen, aber ſeine Zunge lag regungslos und trocken wie Holz an dem Gaumen; in ſeinen Adern ſchien das Blut zu kaltem Blei geronnen, denn kein 384 Glied vermochte ſich zu heben, noch zu regen; ſelbſt die Augenlieder widerſtanden ſchwer und träge dem Willen der erwachenden Seele. Mehre Stimmen hörte er jetzt dicht neben dem Lager, auf das man ihn hingeſtreckt. Alle trugen bekannte Töne. Iſt er ohne Hoffnung? Sprich uns die bittere Wahr⸗ heit, Eljakim! fragte die Eine voll Theilnahme. Er erkannte Robertus, den Meiſter des Tempels.— Das gebe der Gott Abrahams nicht! antwortete eine Zweite im jüdiſchen Dialekte. Iſt auch ſein Zuſtand bedenklich, und viel böſer, als ein warmes Herz dem braven Herrn wünſchen kann, ſo wird und darf mich meine Kunſt hier nicht im Stiche laſſen, damit ich abzahle die große Wechſelſchuld, die der wackere Kriegsmann geſtern für mich in ſeinem Hauptbuche notirt hat.— Wie fandeſt Du ihn, getreuer Iſraelit? fragte der Tempelherr weiter.— Mein Engel führte mich an ſein Golgatha; antwor⸗ tete Eljakim. Als der letzte Sturm abgeſchlagen, und beide Theile ausruheten von der erſchrecklichen Blutarbeit, wagte ich mich an die Mauern des Kaſtells, meinem hippokratiſchen Eide getreu, Verwundete zu ſuchen und Strebenden Labung zu reichen. Ach! Gar wenig fand mein guter Wille; alles waren zerſtückelte Menſchen⸗ trümmer unter zerſplittertem Gebälk und zerſprungenem Felsgeſtein. Zwiſchen den grauſigſten Bildern des Todes hörte da mein Ohr ein Aechzen, und mit Entſetzen fand der ihm folgende Blick meinen Retter, meinen Lebens⸗ dämon, dieſen.— Die Stirn war blutig und geſchunden; die linke Hand war morſch gequetſchet. Abrahams Gott ſtärkte mich. Dieſe ſchwachen Arme zogen ihn unter der Balkenlaſt hervor; dieſe gebrechlichen Schultern trugen 385 ihn bis hieher auf mein Bett. Ein Todtenkrampf hat ihn gefaßt mit rieſigem Polypenarme, und umkrallet ihm Sinne und Muskeln. Doch iſt das bei ſolcher Wundung nichts Beſonderes, und der Herr wird mir ſchon beiſtehen, daß ich zwinge den Feind.— Thue Dein Möglichſtes! erwiderte der Tempelmeiſter. Ich werde Dein Schuldner für das Kunſtſtück, und ich werde kein Geiziger ſein.— Dieſer Kranke hat ſchon voraus gezahlt, und Der da droben zahlt nach für ſolch guten Sohn! ſprach der Iſraelit voll Andacht.— Recht ſo, alter Freund! Er war ein guter Sohn des großen Vaters; und alle Menſchenleben, die geſtern und heute verbluteten, wogen vielleicht nicht ſo ſchwer in der Wage der Ewigkeit, wie dieſes.— Die erſte Lebensglut zuckte wieder durch Hermann's Glieder bei den Lauten, die dieſe Worte trugen. Es war ſein Armenier, welcher ſprach, welcher ihm den Leichenſermon hielt. Dieſe ſanft⸗ klingende, herzige Stimme war nur Einmal unter Millionen Menſchenzungen. Die Seele wollte auf, hin zu ihm, dem Angebeteten, aber die kalten Ketten des Krampfes drückten ſchwer auf alle Muskeln wie Zentnergewicht. Du wirſt thun, was Du kannſt; thun, was Du thäteſt am Sohne, ſprach die Apoſtelſtimme fort. Wir müſſen zum Joscelin, ihn warnen, berathen mit ihm, denn Nureddin wird nicht lange ſäumen, und dann wöchte die Stadt verloren ſein, und jedes Haupt in ihr.— Er legte die Hand auf des Kranken verbundene Stirn.— Lebe wohl, theurer Jüngling! Geneſeſt Du, ſo iſt vielleicht die zerſchmetterte Heldenhand Dir ein Scheidebrief von falſcher Ruhmſucht und verführeriſcher Ritterlichkeit; Du gehörſt dann ganz für uns, ganz für die Menſchheit.— Blumenhagen. VIII. 25 386 Die beiden Alten gingen. Es wurde ſtill um den Starrſüchtigen, doch wie Tropfenfall im Steingemach ward jetzt ein leiſes Schluchzen vernehmlich, und eine zarte Hand, warm und weich wie Sammet, fühlte der iunge Mann ſich legen auf ſeine Rechte, und einige heiße Thränentropfen brannten auf dem Fleiſche ſeines nackten Armes. Leiſe klang es dann dicht über ihm, wie Klage ſeiner heimathlichen Nachtigall im Buchenwipfel. Wo iſt Dein Leben? Wo Deine große Seele jetzt? fragte es. Biſt Du ſchon weit von hier, und ließeſt Dein Bild nur da zu Pein und Gram für die arme Luzie? O, warum biſt Du im Tode noch ſo ſchön, blon⸗ der Frankenſohn, daß alle Engel, zu denen Luzie betete, häßlich geworden neben Dir, und ihre Fittiche ſchmutzig neben Deinem weichen Lockengehänge!— Warum biſt Du nicht von unſerm Volke, nicht mein Bruder, mein Freund? O, wenn friſches Blut Dich heilen könnte, oder wenn ein Leben Preis ſein kann für ein anderes, wie unſere Weiſen ſagen, nehmt das meinige! In dieſem Anblicke zeigte ſich mir ein Leben und ein Wunſch zuerſt, wie könnte Luzie leben, wenn ſie dieſen in der kalten Erde wüßte!— Der Iſraelit kam von der Begleitung des Beſuchs zurück. Hole Meckabalſam aus dem Medizinſchrein! ge⸗ bot er ernſt. Ein neuer Verband thut Noth, denn es ſteckt noch ein Splitter drinnen. Löſe auch Pflanzenſalz auf im friſchen Münzwaſſer, und bringe thebaiſche Eſſenz, vielleicht ſchluckt der Kranke anjetzo.— Weinend ging das Mädchen. Eljakim löſete indeß die Binden von der Hand, ſtill dabei in ſich hinein murmelnd. Bald kam der Frauentritt zurück; doch wenige Minuten nachher zuckte ein endloſer Schmerz durch die zerriſſenen 387 Finger, und als zugleich ein lauer, ütientziner Athem⸗ zug, mit einem Seufzer gemiſcht, betäubend dicht an des Jünglings Lippe hinwehte, ſo fiel er in ſeine tiefe Sinnloſigkeit zurück, und hörte nichts und fühlte nichts mehr.— Es war tiefe Nacht; ein Lämpchen flackerte; der Holzwurm allein war wach und arbeitſam. Hermann von Leuenrode! ſo glaubte der Kranke ſich gerufen zu hören, zugleich war es, als ſchwanke der Boden unter ihm, und als tobe ein wilder Donner draußen durch die Lüfte hin. Er konnte die Augenlieder öffnen, doch ohne Regung lag ſein Körper noch. Ein enges Gemach mit einer gewölbten Decke umgab ihn; von ſeinem Ruhebett führte eine kleine, gewundene Treppe zu einer ſchmalen, gothiſchen Spitzthür. Er lag horchend. Da knarrte die Thür, öffnete ſich, und mit Erſchrecken ſah er einen ſeltſamen Gaſt eintreten durch ſie, und zuſchreiten auf ſich. Es war ein rieſenlanges, weißes Menſchenſkelett; auf dem nackten Schädel prangte ein blanker Stahlhelm, ſtatt des Schmuckes auf ſeiner Höhe ein kleines Metall⸗ kreuz tragend; an der Hüfte hing ein langes, nacktes Ritterſchwert; ſonſt bedeckungslos bewegten ſich die Kno⸗ chenglieder ohne Fleiſch und Sehnen; die Schritte klap⸗ perten auf dem Fußboden, und dicht vor dem ſtarren Kranken machte der weiße Rieſenmann Halt. Dunkle Augen ſtarrten zu ihm her aus nackten Höhlen, und der weißzahnige, weite Mund öffnete ſich langſam. Junges, nordiſches Heldenkind! ſprach das Nachtgeſpenſt hohl, wie aus tiefem Gewölbe heraus, höre mich an mit Deiner ganzen Seele!— Mein und Dein Verhängniß ſtehen auf einer Tafel; ich war der trübe Anfang, 388 Du biſt das glückliche Ende eines Schickſals.— Heil und Unheil werden Dich treffen an demſelben Tage, aber die Schale des Heils wird finken, und was mir verſaget ward mitten im Laufe des Muthes, das wirſt Du finden. Du darfſt wandeln an der Stätte, wo der Herr ging; das Thal ſeiner Leiden wird Dein Paradies werden, wenn Du im Gedächtniß behälſt, was ich anjetzo fordere von Dir! wenn Du durch ſeine Erfüllung meinem irren Geiſte zu ewiger Ruhe verhilfſt. Höre, Du junges Hel⸗ denblut!— Keine Tagereiſe von hier iſt der Ort meines mitternächtigen Wandelns. Eine Felſenhöhle birgt da den Schakal und die Otter. Drei hohe Zedern ſtrecken am Eingange ihre ſtolzen Wipfel hoch über der Erdenflur dem Himmel zu. Unter ihnen mordete eine Beduinenhorde mein gottgeweihetes Leben; doch ihren drohenden Anfall vorausſehend, barg ich zuvor mein Gut und mir anver⸗ trauete heilige Schätze, von der Kaiſerſtadt nach Jeru⸗ ſalem beſtimmt, tief in der Schlucht unter einem Haufen zuſammengerollten Geſteines. Ziehe hin, ſobald Dein Schickſal es zuläßt, und hebe das Unſchätzbare! Es wird Dein Lebensloos dadurch ein herrlich Loos werden, und die ewigen Mächte werden Dir für meines Geiſtes Er⸗ löſung die Jahre zulegen, welche mir beſtimmt der Araber Pfeile ſtahlen. Höre mich, junges Heldenblut! Du wirſt Dein Schwert zerbrechen, und die Schaufel des Land⸗ mannes eintauſchen dafür! Du wirſt Dein Wappenſchild geben für einen weißen Gärtnerſchurz! Aber glücklich wirſt Du werden, wie irgend ein Abendländer, den Ruhmgier oder Habſucht über die Meere trieb.— Der weite Mund verſchloß ſich; düſter flackerten die Augen, wie betrübt, noch einmal zu dem Kranken hin⸗ über, dann drehte ſich die Knochengeſtalt, und ſchritt 3 389 ſchwerfällig und klappernd, wie ſie gekommen, die Wen⸗ delſteige wieder hinauf, wo die enge Thüre von ſelbſt ſich öffnete und hinter ihr zufiel. Wieder, wie vorhin, ſchwankte der Boden und das Bett, die Fenſter klirrten, und fern rollte es wie Wetterſturm. Ein heißer Schweiß bedeckte des Grafen Haut. Zu⸗ ckende Schauder durchliefen ſeine Gebeine; er wußte nicht, ob er träumte, ob er wachend dalag; doch ſeine Starrſucht ſchien plötzlich gelöſet worden, er konnte den Kopf zur Seite wenden, und die lange Rede des Ge⸗ ſpenſtes ſich wieder vorſagend, ſank er nach und nach, nicht wieder in vorige Sinnloſigkeit, ſondern in einen ſanften Schlummer, der wohlthätig ſeine Augen zudrückte. Das Morgenlicht fiel durch die gemalten Scheiben der kleinen Fenſter ſchon an ſeinem Lager vorüber, als Hermann erwachte. Was war ſein erſtes Erblicken, als das ſeitwärts geſunkene Haupt die Augendecken erhob? — Erinnerung an die Nacht weckte in ihm den Glauben an Wunder, und an ſeinen Tod, und an ſeinen Eingang in das Räthſelland der Ewigkeit.— Auf einer Ottomane, ihm gegenüber, ſchlummerte ein weibliches Weſen. O, all ſeine jugendlichen Phan⸗ taſien, gefüllt mit den herrlich hohen Frauengeſtalten des vaterländiſchen Abendlandes, wie auch mit den üppigſten weiblichen Blumengebilden des Orients, hätten im reich⸗ ſten Traumbilde einſamer Nächte aus den Reizen Aller kein ſolches Feenweib zuſammengeſchmolzen! Es war eine Geſtalt, von welcher der trunkene Blick, der ſie einmal gefunden, nicht zu fliehen vermochte, ohne daß die Seele, der Hut einer betäubten Vernunft entflohen, auf immer zurückgeblieben wäre bei ihr!— 390 Friſch wie der junge Morgen, blühend wie ſein Ro⸗ ſenſaum, trug ihr Antlitz die Züge der jungfräulichen Mutter; glänzend wie Adlerfittich floß das gelöſete Haar reich und dicht und lang in dunkeler Wolke um die Schwanenweiße des vollen Halſes und der leichtbedeckten Bruſt; der halbgeöffnete, zarte Mund glich der Roſen⸗ knospe von Saron, welche weiße Thauperlen in ſich ſchleußt, und über die milchweißen Zähne liſpelte ein ſüßes Traumwort hervor, dem das lächelnde Grübchen der runden Wange die unfehlbarſte Bedeutung gab. Stier ſchauete der junge Mann hinüber; wohl fühlte er die Gefahr des Blicks, fühlte die Kraft des ernſten Schick⸗ ſalſpruchs: Die, oder Keine für Dich! in der zweiten Sekunde des Anſchauens; aber wie Geneſungstrank ſog er dennoch das Gift der ſchnellſten, heftigſten Liebe ein, und der Gedauke: Es iſt Luzia! es iſt dieſelbe, welche heute dir ihr Herz aufſchloß, als ſie dich ſinnlos glaubte! machte das Gift der Sehnſucht und des Begehrens zu Nektar und Götterwein. Jetzt ſchlug ſie die Augen auf, erſchreckt über den Tag, der ihr vorgeeilt. Sie ſah um ſich, auch zu ihm her, den ein ſchattender Pfeiler verdeckte. Langſam er⸗ hob ſie ſich; die weißen Hände flochten das ungehorſame Haar mit Mühe in dicke Flechten, und befeſtigten es auf dem Scheitel; gebeugt nach vorn, die Fülle der ſchön⸗ ſten Bruſt dem Auge des Beſchauers darbietend, ſchloß ſie dann die ſeidenen Sandalen an den zierlichſten Fuß, und nun ſtand ſie aufrecht vor der Ottomane, eine alt⸗ griechiſche Göttin, ſchlug die ſchwarzen Augenſterne groß und rund ihm her, in denen junoniſche Hoheit mit dem kindlichen Liebreiz einer Hebe verſchmolzen war. Er ſenkte ſeine Augen zu, wie geblendet von der Mittags⸗ 391 ſonne, und gleichſam das ganze Bild für ewig einſchlie⸗ ßend in die dunkle Tiefe ſeines Gemüthes, wie einen durch Blut und Opfer gewonnenen, unendlich lieben, unveräußerlichen Zauberſchatz.—— O ihr allein, Söhne des Glücks, die der Himmels⸗ funke unerwartet in einem Momente traf, wie ihn; de⸗ nen, wie ihm, eine allmächtige Minute alle Räthſel des Lebens löſete, und allen Wahn und Zweifel zertrüm⸗ merte; denen der zarte, durchſichtige Ephemerenfittich des Augenblicks auch die ewige Königin brachte, die unſterb⸗ liche Titania, und in ihr Daſeinszweck und Thatenſporn und Thatenlohn; denen er brachte den Frieden der Se⸗ ligkeit, das trunkene Triumphglück des Beſitzes, und den Stolz höchſter Auserwählung zugleich, wie ihm; o nur Ihr könnt mitfühlen, was der Jüngling empfand in dieſer Morgenlichtsweihe!— Welttheile und ihre Kro⸗ nen, Indiens Schätze und der erſte Platz an Arthur's Tafelrunde ſanken ihm in die Schlla der Vergeſſen⸗ heit.—— Er hörte der Geliebten leichte Schritte ſich nähern; ſie ſtand dicht an ihm ſtill, ihr Kleid berührte ſeinen Arm; da ſchrie ſie laut auf, wie freudiger Schreck ausbricht, flog zu einer Thür hinter ihm, und ihre melodiſche Stimme rief abgeſtoßen und wie athemlos: Vater! Vater! O kommt heraus! Euer Kranker hat den Kopf gedrehet, und ſchläft gar ſüß und ſanft!— Und Dein Geſchrei ſoll ihn erwecken aus der labenden Kriſis? antwortete des Alten Stimme vorwurfsvoll, und bald ſtanden Beide an ſeinem Bett, und lauſchten und weinten laut. Da konnte er nicht mehr halten die Larve der Verſtellung, und ſchlug die Augen auf, ſeinem Paradieſe entgegen. Hochauf jauchzte das Mädchen, aber der Vater legte ſeine 392 Arme um die Schultern des Liegenden und betete: Der Herr iſt groß zu Zion und hoch über alle Völker! Lobet den Herrn mit Harfen und Pſalmen, denn er thut Wun⸗ der; er ſieget mit ſeiner Rechten und mit ſeinem heili⸗ gen Arm! Gott Iſraels und der Väter Gott! Nimm nun Leben und Gut dahin; deine Gnade hat erfüllt den beſten Wunſch; ſie hat abbezahlt die größte Schuld dei⸗ nes Knechts!— Hermann wollte reden, aber Eljakim preßte, ihm die Hand auf den Mund. Ruhe vorjetzt, mein braver Herr und Gaſt! gebot er ſtrenge. Vorerſt wollen wir die Hand beſehen, und darum den Verband löſen. Vormund und Vater muß ich Euch bleiben auf eine Zeitlang, ſo vornehmes Blutes Ihr auch ſein möget, und darum for⸗ dere ich Geborſam.— Bei dem Worte: Vater! funkelte ein Blitz aus des Grafen Auge zu dem Mädchen hin⸗ über, welches, da der Vater betete, auch die flachen Hände weit ausgebreitet erhoben hatte gegen das Gold⸗ licht der Sonne, und deren Blick jetzt, ſeiner Augenbot⸗ ſchaft begegnend, ſchämig zu Boden ſank. Auf des Vaters Gebot beſtieg die Jungfrau nun die Wendelſtiege, aus dem Nebengemach neuen Balſam zu holen, doch ſchnell kam ſie wieder zurück, und taumelte bleich die kurzen Stiegen herab. Gehet ſelbſt hinauf in das Laboratorium! Vater! ſtammelte ſie. Denn darinnen ſieht's gar wunderbar aus, und gar zu fürchterlich. Zerbrochene Flaſchen bedecken den Fußteppich, und Schädel und Knochen ſind herabge⸗ rollt von den Schränken und Bücherbrettern, und liegen hingeſtreut, wie auf einer Schlachtſtätte; und des lan⸗ gen Griechenritters Skelet hat die Eiſenſtange des Fuß⸗ geſtelles zerbrochen, lehnet über Eurem hohen Armſeſſel 393 hin, und hat den großen Knochenfuß vom ſchwarzen Ge⸗ ſtelle yerabgeſtreckt, als wolle es eben jetzt herabſteigen von ſeinem Platze. Gehet ſelbſt hinauf! Ich kann nicht wieder da hinein, ſo traf's mich!— Sie ſetzte ſich er⸗ ſchöpft zu Hermanns Füßen hin, in deſſen Phantaſie alle Schauder von dieſer Nacht erwachten, und der mit ern⸗ ſtem Staunen die Gemälde und Worte eines finſtern Traumes in die Wirklichkeit treten ſah mit wunderſamem Geſpenſterſchritt. Bald kam der Vater zurück mit Bin⸗ den und Büchſen.— Du biſt ein Närrchen, Luzia! ſprach er lächelnd. Es ſieht zwar recht verſtört im Stüb⸗ chen aus, und das Erdbeben von dieſer Nacht muß hier recht ſtark geſtoßen und gerüttelt haben; doch Schädel und Skelett ſind ja bald wieder an Ort und Stelle ge⸗ ſetzt, und ſollten mein geſcheites Mädchen ſo nicht ſchrecken. Nur um meine ſchönen Eſſenzen und die Kryſtallphiolen iſt es Schade!— Erdbeben von dieſer Nacht? fragte das Mädchen. O, wie muß ich geſchlafen haben; und meine Seele war voch bis Mitternacht ſo wach und kräftig.— Ein Blick auf den Ritter gab auch dieſen Worten die lieblichſte Deutung. Doch in der finſteren Tiefe ſeines Gemüths drängten ſich Geſtaltungen des Geiſterreichs, und er murmelte leiſe vor ſich hin: Zauberſchlaf mag Dich wohl gebunden haben, Du reine und freundliche Un⸗ ſchuld!— Der Verband war gelegt, Alles beſſer befunden, als zu erwarten geweſen, und der treue Arzt ging jetzt, an⸗ dern Verwundeten in der Stadt gleichfalls durch ſeinen herrlichen Kunſtſchatz und ſeine hippokratiſche Wiſſenſchaft Hülfe und Hoffnung zu bringen; das Mädchen blieb allein mit dem jungen Reitersmann. Beide waren = — 394 befangen, Er, durch die Spannung eines nie geträumten Glücks, Sie, durch die überraſchende Verwandlung troſt⸗ los geglaubter Neigung zu einem Sterbenden in faſt eben ſo hoffnungsloſe Glut für den Geretteten.— Hermann konnte ſeine Augen nicht abziehen von dem lieblichſten Weibe der Erde; alle ſeine Schmerzen waren fort, der gelähmte Arm allein, den er ausſtrecken wollte nach ihr, erinnerte ihn an das Irdiſche ſeines Daſeins und ſeine ſo armſelige Vergangenheit. Er forderte zu trinken, und als ſie ihm den Silberbecher reichte, da faßte er über das Gefäß hin nach ihrer Lilienhand, und zog ſie zu ſich. Luzia erröthete bis tief in den weißen Buſen hinein. Nein, Mädchen, ſagte er mit Innigkeit und tiefem Gefühl, nein, ich kann nicht ſterben, denn jetzt wäre mir der oft gewünſchte Ehrentod eine Strafe; jetzt mein Sterbemoment ein Folterbett, was ich wohl nicht ver⸗ dienet.— Seid ruhig, Herr Ritter! ſprach die Jungfrau ver⸗ wundert. Euer Fieber fordert das.— Du glaubſt, ich ſpräche in Phantaſien des glühenden Fieberblutes, Luzia? fragte lächelnd der Jüngling. So gewiß meine Sinne gut und geſund waren, obgleich die Muskeln alle da lagen ſtarr und todt; ſo gewiß ich da eines Engels Stimme vernahm, die mir ausſprach, was das höchſte Erdenheil gibt, und was ein Himmelsſpruch bleibt, in mein irres, wüſtes Leben gerufen, ſo gewiß rede ich jetzt nicht irre, wenn ich mit allen Tönen, in denen Liebe zu bitten vermag, jetzt und immerfort zu Dir ſprechen werde: Luzia, Du Schooßkind des Schöpfers⸗ Du einziges vollendetes Ebenbild ſeiner Götternatur, 395 mein Lebensſeraph und Meſſias, Luzia, widerrufe nicht ſchämig dem Lebenden, was Du dem Todten geſtandeſt ohne Hehl und in glühender Freiheit!— Dunkler noch geröthet, wie die Päonienblume oder die reife Granate, wandte die Jungfrau das ſchöne Haupt ab, und flüſterte faſt unverſtändlich: So hörtet Ihr wirklich?— So behorchtet Ihr—— 2— Nicht horchte ich ſchändlich in Dein verſchloſſenes Herz! Offen ſprachſt Du ja mich ſelber an, und nur mein gutes Schickſal war es, das mir ohne Prüfungs⸗ zeit und Fegefeuer den Himmel öffnete. Wird die, welche ihr Herzblut geben wollte für mein Leben, der Liebe Opfer im ſchämigen Geſtändniß mir verweigern?—— Da ſenkte ſie plötzlich entſchloſſen, und wie ſich beſinnend und ſchämend der Verſtellung, die Arme auf ihn nieder, und ihr Geſicht frei zu ihm gewendet, trafen ihre Blicke in die ſeinen, gebend, ſelig und beſeligend; mit dem Antlitze einer Verklärten ſagte ſie leiſe: Das theure Geheimniß gehört ja Dir, wie mir! und ihre üppig geſchwollenen Lippen preßten einen Sekundenkuß auf ſei⸗ nen Mund, der ein ſprechend Siegel war auf den ewi⸗ gen Bundesbrief; dann aber machte ſie raſch ſich los von dem glücklichen Betäubten, ſetzte ſich mit der Mandoline an das fernſte Fenſter, und nachdem ſie nochmals den ſeelenvollſten Blick auf den Mann des Herzens geſendet, ſang ſie in die Morgenluft hinaus mit ſchwellender feu⸗ riger Melodie: In den bunten Blütenhainen Fand im ſchönen Orient Jungfrau Keinen, Dem ihr Herz entbrennt. S=— 396 Männer nicht, nur viel' Tkannen Zeugte ſtets die reiche Flur. Thränen rannen In des Weibes Spur. Ohne Liebe Sklavin werden, Sklavin lüſterner Begier; Gibts auf Erden Schimpflichers als hier? Gattin, Mutter, ohne Treue, Ohne zarten Liebesdank! Gram und Reue Einz'ger Lebenstrank! Baum auf den Oaſenmatten Mehr, als ſolch ein Weib, beglückt; 3 Gab er Schatten, Ihn der Pilgrim ſchmückt.— Da von ſernem Abendlande Naht' der mächt'ge Segelkahn; Nach dem Strande Mädchenaugen ſah'n. And're Männer, echte Ritter, Minniglich den Frauen hold, Sieht durch's Gitter Sie im Abendgold. Wird er lieben ſie und ehren, Der der Schönſte ſchien? Oder mehren Ihren Schmerz, und fliehn?— Deutſches Heldenkind, das ſo gelegen hat in der Fremde todtwund auf Sachſens Gauen, oder in den 397 Olivenwäldern Hiſpania's in jüngſter Zeit, dem auch die fremde, verbindende Hand ſo plötzlich eine eigenthümliche wurde für immer, und mehrmals ſchuf ja der Krieg ſolch Friedensbündniß!— Du kannſt am beſten Dir ſagen, wie dem jungen Eiſenmanne zu Muthe war auf ſeinem Lotterbett, und wie ihm das iſraelitiſche niedere Pfeilerhaus eine Königsburg, eine Triumphpforte wurde, ſo wie ſie keinem Cäſar und Trajan je zu Theil ge⸗ worden!—— Welch ein Leben trugen ſeine nächſten Tage! Jede Stunde wog Monden, ja Jahre der Vergangenheit auf in ihrem nie vorher geahneten Reichthume. Wie die Liebe ihn umflog, wie ſie ihn pflegte, wie ſie ſorgte und wachte! Wie nun, als ſeine unverderbte Natur ſchnell ſiegte über fremden, zerſtörenden Eingriff, er bald auf⸗ ſtand vom Siechbett, und am Fenſter ſich ſonnte und die entbehrte Luft eintrank; wie ſie da ihn jubelnd leitete, und ihre wortloſe Freude in jedem Zuge des himmliſchen Geſichts, in den Leuchtflammen der Blicke ſich ausſprach, und ſeiner Geneſung Flügel anlegte! Wie aus dem flüchtigen Handdrucke, aus dem ſeelenvollen Sekunden⸗ blicke in der Ueberraſchung einer einſamen Stunde hin⸗ gebende Umarmung wurde! Wie das Vertrauen dann raſch, gleich der Hyazinthe im nordiſchen Wintertreib⸗ hauſe, vom grünen Keime in wenigen Tagen zur roth⸗ glühenden Blumendolde emporwuchs! Wie der Wechſel⸗ beſitz, wie das Weihewort der Seligkeit, das geheime Freimaurerwort beglückter Seelen, das Du der Liebe, alle Klippen und Grenzberge des Fremdeſeins ausglich und ebnete, und wie da mit ihm der wahre und ewige Friede einzog in Beider Bruſt, wie da das feſte Be⸗ wußtſein doppelter Glut, von doppelter, gleicher Treue 398 beſchirmt, ohne Schwüre in beiden Gemüthern wurzelte wie Eichentrieb!—— Wären Graf Hermanns Tage⸗ blätter auf uns gekommen, wir würden leicht allen Singſang deutſcher Minneſänger, engliſcher Minſtrels und franzöſiſcher Troubadours matt gefunden haben gegen die Ausbrüche ſeiner Empfindung aus dieſer Zeit. Er liebte zuerſt und liebte recht, und liebte glücklich. Nur der, dem ſolche Jubeltage, unverhofft, ſei es früher oder ſpäter, wenn nur vor dem Herbſtalter, in ſein alltäglich Leben ſchritten, kann in wollüſtigſter Erinnerung ſolche Seligkeit in ihre Atome und Momente zerlegen; und bedauernswerth iſt der Arme, der aus der Schickſalsurne nimmer ſolch goldenes Loos gezogen; er hat die ſtarre, große Lebenspyramide nur von außen beſchauet wie ein Frohnarbeiter, nie ihren innern Gehalt, ihre Prieſter⸗ weihen, ihre heiligen Freudenfeſte geahnet. Der Vater Eljakim ſah anfangs verwundert auf das beſonders ſchnell geſchloſſene Bündniß, doch als Ver⸗ trauter der Natur frei von jedem Vorurtheile, überließ er dem Meiſter der Seelen, dem Edelmuthe des Ritters, wie der Großherzigkeit ſeiner Tochter den Ausgang. Ein unendlicher Schatz des Genuſſes öffnete ſich dem deutſchen Heldenkinde. Was ſorgſame, feine Bildung, vrientaliſche Literatur, ſchwärmeriſche Religion, ſittiger Mädchenſinn und der hellſte Verſtand zugleich in den Umgang zarter Liebe Herrliches und Glänzendes weben kann, verwob Luzia in ſeine Geneſungsſtunden, und bald hatte er Vaterland, Ritterſchild, ſein Höchſtes ſogar, den Schlach⸗ tenruhm vergeſſen, und von einem Lancelot und Mara⸗ viglia war nichts mehr an ihm zu erkennen, als die treue Kindlichkeit, mit welcher er auf dem Tabouret zu den Füßen ſeiner Dame ſaß, und an den Zauberworten 399 ihrer Lippen in ſeliger Vergeſſenheit der Welt und ihrer Umtriebe zu hangen pflegte.— So ſaß er auch einſt, ſeine Arme um den wellen⸗ förmigen Grazienleib gelegt, da trat der Armenier Pi⸗ ractos herein. Er war es ſelbſt; Hermann erſchauete freudig den alten Lehrer. Gleich dem Pythagoras deckte ein ſchneeweißes Gewand mit Purpurſäumen den hohen Leib, überwallt vom reinlichen Apoſtelbarte, und um den ſparſam weißbelockten Scheitel kreiſete ſich der goldene Reif. Nur an den rothen Fußbedeckungen erkannte man den Armenier. Hermann ſtreckte ihm freundlich die Rechte entgegen. Der Greis ſtand ſtutzig, als trauete er den eigenen Augen nicht. Am Tode glaubte der Verreiſete Dich, ſprach er, und nun findet er Dich—— Schlürfend vom reinſten Borne des Lebens mit Lebens⸗ muth und Lebensluſt! fiel der Jüngling ein mit feurigem Ausruf, und neigte ſein Geſicht zu Luzia's Lockenkopfe.— Trinke Dich ſatt! lächelte Piractos. Für die Jugend iſt die Liebe, wie der Wein für das Alter; aber dann putze eilig den Roſt vom Schwerte und Panzer. Deine Ritterpflicht ruft, und ſchon zieht Nureddin heran wie eine vernichtende Heuſchreckenwolke, Todesgericht und alle Gräuel des Rachedurſtes werfend auf dieſe Stadt. Rüſte Dich, Frankenheld, zu ſchirmen nach Pflicht gegen die Ungläubigen dieſe Vormauer Paläſtina's, dieſes erſte Thor zum Grabe des Erlöſers.— Hermann ſchüttelte ſanft das blonde Haupt. Vater, ſagte er ruhig, Du kennſt ja keine Ungläubigen und keinen Unglauben. An doppelter Wundung bin ich wundkrank, und kann nicht mehr fechten nach chriſtlicher Ritterſitte. Der Balken, der die Hand zerquetſcht, hat wie eine ſtarke Gottesfauft mir den Wappenſchild und das Kreuz herab⸗ 400 geſtreift. Hier iſt mein Paläſtina, hier das heilige Grab meiner frömmſten Sehnſucht, und ich ſuche kein anders mehr.— 5 Junger Menſch, fuhr der Armenier mit verſtellte Zorne auf, glaubſt Du, weil Dein Koller mit dem rothen Kreuze, das der heilige Pabſt Dir ſelbſt aufgeheftet, dort im Winkel hängt, und Du daſitzeſt im luftig⸗weichlichen Seidenwammſe neben der blühenden Dirne, Du habeſt auch Deine Pflichten ſo leicht abgezogen und hingeworfen wie Ritterkoller und rothes Glaubenskreuz?— Weil das Kreuz roth iſt wie Blut, antwortete Her⸗ mann, tiefſinnig zu Boden blickend, ſo war es kein gutes Zeichen zu ſolchem Gelübde. Von weißem Holze glänzte das Marterkreuz duldender Unſchuld, roſenfarben iſt das Kreuz leidender Liebe; doch mit dem blutfarbenen Zeichen des Fanatismus will ich nichts mehr zu thun haben, und nimmer wieder. Der Herr der Heerſchaaren hat mich ſelbſt ſeines Dienſtes entlaſſen. Waffenbrüder, denen meine Bruſt ſtets ein Schild war, fielen von mir ab in übermüthiger Raubgier; ſtolzer Uebermuth eines in Neid befangenen Landsmannes zertrümmerte alle Ehrenſäulen meines Ritterthums und meiner Jugendthaten; meine WMenſchlichkeit mag nicht mehr theilen den Fluch und die Verwünſchungen der Räuber und Mordbrenner.— Dieſe hat mir einen andern Weg zum Paradieſe gezeigt und ein beſſeres Erdenglück, und ich habe geſchworen, ferner⸗ hin nur dieſem Pabſte zu gehorchen, dieſer untrüglichen Führerin zu gehorchen, bis es mit mir zu Ende geht.— Chriſt! Sie iſt aus dem verworſenen Samen Abra⸗ hams, rief Piractos laut. Ihre Väter haben den Er⸗ löſer gekreuzigt.— Sie iſt ein Lamm der Unſchuld, wie er! Biſt Du 3 —— —— — —,— 401 ſchuldig, bin ich ſchuldig an dem gräßlichen Verbrechen des Judenmordes, in meinem Deutſchlande kürzlich von Chriſten begangen, von Jüngern des Bundes der Liebe? Und doch ſind wir beide, Du, wie ich, ebenfalls Chriſten! Der Herr war ein Jude geboren, und darum vleibt auch uns ſein Volk ein Volk Gottes.— Und was war dieſe mir?— Den Leib hat ſie gerettet, aber die Seele auch, welche Gefahr lief, von der Laſterpeſt des Kreuzheeres ergriffen zu werden über kurz oder lang. Alles muß ich Dir geſtehen, mein Lehrer, mein Vater, mein Hoch⸗ meiſter! Hier erſt, von dieſer jungfräulichen Hand, habe ich die Taufe der Weisheit bekommen; hier erſt alle die Räthſel plötzlich vor dem lichtern Auge enthüllt geſehen, die in Deinem Lehrſaale das aufmerkſame Ohr empfangen hatte; hier erſt verſtand ich Deine Mähr von dem ge⸗ fallenen Meiſter Baffometus. Sage mir nichts mehr dar⸗ über, Du theurer Greis, denn mein Leben iſt abgeſchloſſen in der einen Richtſchnur: Alles mit ihr bis der Tod kommt; will's Gott, darnach auch jenſeits!— Mit genäßten Augen drückte das Mädchen ihr ſchönes, verklärtes Antlitz an die breite Bruſt des hochglühenden WMannes, der, wie wahre Liebe immer thut, das Höchſte wie das Kleinſte des Lebens innig zuſammenſchmolz in ſeiner Liebe, und ſo die ſeltene Einheit der Vernunft une des Gemüths gewonnen hatte. Und Piractos ſchritt feier⸗ lich auf beide zu und legte, ohne Worte ſtill betend, ſeine weichen Hände auf die Scheitel der Vermählten. Oſt und Weſt, Süd und Nord einet ſich in euch! ſagte er dann mit dunkelglimmendem Prophetenblicke. Möge eure Liebe ein Symbol des Bundes werden, der wie ein goldener Gürtel ſich um die ganze Erde legen Blumenhagen. VIII. 26 402 muß, ſoll ein ewiger Friede die Kinder Adams beglücken. — Amen! ſetzte Hermann leiſe hinzu.— Robertus, der Tempelmeiſter, und Eljakim kamen eilig durch die Vorhalle des Hauſes. Böſe Botſchaft brachten ſie. Der Athabek Nureddin war ſchon nahe der Stadt. Seine leichten Reiter ſchwärmten ſchon im Ange⸗ ſicht der Chriſtenpoſten, und die ſarazeniſche Beſatzung der Burg jauchzte ihren Glaubensgenoſſen entgegen, und ließ hundert Fähnlein flattern, und Pauken und Zimbeln tönten von der wolkenhohen Mauer. Graf Joscelin hatte alle Krieger in die Stadt gezogen, doch konnte ſelbſt der keckeſte Muth wenig hoffen. Nureddins Geſchwader waren zahllos, ſein Kriegsgezeug vortrefflich, ſeine wilde Tapfer⸗ keit, ſein grenzenloſer Starrſinn bekannt, und überdem jetzt ſein Zorn durch die verrätheriſche Uebergabe dieſer Stadt, der ſchönſten Eroberung und Triumphſtätte ſeines angebetenen Vaters Zenki, auf das Höchſte geſtiegen. Schonung war nimmer zu erwarten. Eljakim zagte nur um ſein Kind; er ſelbſt wollte treu im Dienſte des Grafen Joscelin, deſſen Vater ihm Wohlthäter geweſen, wollte im Dienſte der Kranken des Bundesheeres verbleiben. Der Armenier gab Rath. Er rieth, den deutſchen Rittersmann mit der Jungfrau fort⸗ zuſchicken aus der Stadt, ehe ſie umzingelt ſei; ein ſicheres Aſyl und eine neue Heimath verſprach er beiden zu geben. Der gute Rath ward angenommen, und in⸗ deſſen Vater und Tochter einige Kleinodien und etwas Geld einpackten, Reiſekleider hervorſuchten und die Kür⸗ bisflaſchen füllten, ſtand Piractos mit dem Grafen von Leuenrode im Fenſterbogen, und ſprach zu ihm ſolch Abſchiedswort; Vaterſegen iſt es, was jetzt mein Mund über Dich ausſpricht; folge ihm, Du theuerſter Sohn 403 meiner Seele!— Ein wildes Unwetter ſammelt ſich über dieſer Stadt; ſie wird in Trümmer zerfallen über den Leichen ihrer Bewohner, und Edeſſa's Name wird nur bleiben in der Weltgeſchichte. Doch was Tauſenden Unheil gebiert und Tod, wird Dich zum Leben führen und zum Frieden.— Nahe bei Jeruſalem liegt ein Thal zwiſchen Felſen, Joſaphat nennt es das Volk, wir nennen es Friedensthal; durch blühende Narziſſenufer ſchlängelt ſich dort der Fluß Cedron. Silon und Gehenna und Golgatha liegen nahe, alle die ewig heiligen Stätten, wo der Hoch⸗ meiſter des Liebesbundes ging und litt; jener Boden trank ſeinen Leidensſchweiß und ſein edles Blut; jene Felſenwände ſogen des Gottmenſchen milde Klage ein, und flüſtern ewig ſie nun den kommenden Zeiten. In dieſen ſtillen Gründen wohnt eine Brüdergemeinde, Nach⸗ kommen der Eſſener, unter denen auch Johannes ging und Jeſus, jetzt Johannischriſten genannt, welche die Lehre der Liebe rein bewahren, rein, wie die Apoſtel ſie lehrten, rein, wie das Wort ausging vom Lichte. Friedliche Arbeit iſt ihr Tagewerk; Geſpräch der Weisheit im Brüderkreiſe iſt ihre Erholung; Hülfe der Leidenden durch Rath und That iſt ihre Feſtluſt. Ihre Miſſionarien durchziehen die ganze Erde ſtill und fromm, den Geiſtern Licht zu bringen, Aberglauben und Irrthum zu löſchen mit ſanfter, aber kühner Hand, und unbemerkt zu ſammeln den Reichthum fremder Kenntniſſe für die Verbündeten daheim. Die Führer dieſer Familie ſind alt geworden; die kräftige Jugend iſt ausgeſendet, es fehlt an einer Zeder, die ſtattlich ſchattend und ſchirmend ſtände mitten im Bundes⸗ thale. Hermann, Du biſt ein Auserwählter an Geiſt und Herz und Leib! Ziehe hin gen Joſaphat! Die Menſch⸗ heit, ſagteſt Du, ſtieß Dich aus; ſo räche Dich auf das 404 Menſchlichſte an ihr, indem Du Dich ganz dem Dienſte der Menſchheit widmeſt. Dieſe Pergamentrolle öffnet Dir den Schooß des Friedensbundes; und Luzia darf Dich geleiten, einſt, gereinigt im Waſſer des Cedrons, Mutter zu werden von thätig frommen Söhnen der Weisheit und Liebe.— Mit leuchtenden Blicken drückte Leuenrode des alten Weiſen Hand an ſeine Lippen. Vollende, was ich be⸗ gann, das Reich der Wahrheit zu bereiten auch den Verſtoßenen, den ungläubig Geſcholtenen, ſetzte der Phi⸗ loſoph von Saron noch hinzu.— Ein heftiges Geräuſch unterbrach die Weihe des Mo⸗ mentes. Vom Kopfe bis zum Fuße gepanzert, trat herein ein Ritter, Heinrich von Wenden, führend an der Hand ein verſchleiertes Weib, die in Luzien's Arme flog, und ſich als Zittah, als das Kind des Emirs Sankar⸗Derar, zu erkennen gab. Nimm mich auf, meine Freundin! rief ſie. Stehe mir bei in höchſter Noth!— Helft, edle Luzia! fiel der Ritter ein, ebenfalls mit einer Verzweiflungſtimme, wenn auch mit verbiſſenerm, trotzigerm Schmerze. Ich kenne Euch und Euren Hochſinn aus den Erzählungen der Geliebten. Nureddin iſt an den Thoren; die Be⸗ ſatzung der Burg drohet im Rücken; bald iſt kein Ent⸗ rinnen mehr auch für die Wehrloſen. Joscelin, die lateiniſchen Ritter und alle waffentragenden Einwohner wollen darum, ſobald der Abend kommt, ſich eine Straße bahnen mit nacktem Schwerte durch das Türkenheer, denn ſolches iſt letzte Rettungsausſicht. Meine Pflicht, meine Ehre rufen mich dorthin; ich laſſe Alles zurück, was mir lieb iſt, Alles in dieſem Mädchen; doch kann ich ſie nicht mitreißen in das blutige Spiel, in welchem „ d* d* 405⁵ ich mir den Tod ſuchen werde, lieber gebe ich ſie dem Schickſale und dem Herrn des Schickſals. Euer Vater war Diener des Emirs; ſein Stand ſchützt ihn vor Andern; nehmet denn Zittah zur Schweſter, bis die Looſe geworfen ſind, ſchwarz oder weiß.— Und Du? fragte Luzia das ängſtlich athmende Tür⸗ kenmädchen. Liebſt Du dieſen, den Fremden? Und haſt Du Vater und Hoheit vergeſſen?— Zittah antwortete nicht, ſie legte ſich feſter an Luzia's hohe Bruſt, und reichte rücklings dem Braunſchweiger das feine, ſchnee⸗ weiße Händchen. Die Beiden im Bogenfenſter ſahen dem verwundert zu, und der Armenier ſprach halblaut, halb lächelnd, halb ernſt: Und ſie wird Vater und Mutter verlaſſen, und an dem Manne hangen. O, der alte Geſetzgeber verſtand ſich auf die Menſchennatur!— Du haſt mir wohlgethan, Zittah! ſagte jetzt Luzia ſogleich entſchloſſen; Deines Vaters Palaſt nahm ſo oft freundlich die Jüdin auf, Dein Herz freundlicher das arme Mädchen. Ich will theilen mit Dir jetzt, was ich habe. Schon mit der Dämmerung verlaſſen wir die Stadt, mein Verlobter und ich; der Vater befiehlt es. Ein geheimer Ausgang durch die römiſche Waſſerleitung, den Wenige kennen, Keiner in ſo ſtürmiſcher Stunde be⸗ denken wird, führt uns verſteckt, weit aus der Stadt in das Feld, faſt bis zum Ufer des Skirtos; als Pilgrimme eilen wir dann nach Weſten zur Königsſtadt der Väter. Willſt Du theilen die Flucht? Für des männlichen Schützers Muth und Kraft bin ich Bürge.— O, welch ein Himmel thut ſich mir auf, wolkenlos und blau! jubelte Heinrich. Mein gutes Schwert ſchlägt mich heraus, mein braves Roß trägt mich euch nach, und gerettet iſt Ehre und Liebe. Wo iſt der Mann, Wehrgehänge ſteckt, aber auslöſen, wie es dem Bürger 406 der mir ſchützen wird mein höchſtes Gut? Bringt ihn, Luzia, daß ich ihn bitte, beſchwöre, daß ich ihm danken kann voraus!— Graf Leuenrode trat aus dem Fenſterbogen zwiſchen die Redenden. Betäubt und wirklich tief erſchüttert war Ritter Heinrich, als der hohe Mann freundlich vor ihn hintrat in der ſchweren Minute, den Arm in weißer Binde, die große Stirn mit einem leichten Tuche um⸗ wunden, unter dem das reiche, helle Haar ſich hervor⸗ drängte, und wie ein Heiligenſchein die Züge voll Huld und Mitleid umgab. Ihr ſeid mein Henker geweſen, Ritter Wenden, und der Trauermann hinter meinem Sarge, welcher auf der Gruft mir meinen jungen, blanken Ritterſchild morſch entzweibrach. Ich bin ein Todter durch Euch; doch will. ich meinen Handſchuh auslöſen, der noch in Eurem einer beſſern Welt, einer Welt der Verſöhnung gebührt. Iſt der linke Arm auch gebunden, der Arm des Angriffs iſt rüſtig wie ſonſt, und wollet Ihr mir ſonſt Euer Lieb⸗ chen vertrauen, ſo denke ich's mit Gott ſicher zu geleiten nach Jeruſalem, wo Ihr am Hofe der Königin Meliſende die Emirstochter wieder finden könnt, ſobald Ihr Heim⸗ kehr findet aus dem nächſten Mordkampfe.— Ihr ſeid ein böſer Feind, Leuenrode! entgegnete Heinrich düſter. In der vergebenden Umarmung ſtoßt Ihr mit griechiſchem Giftdolche durch jede klaffende Fuge des Bruſtpanzers. Die feurigen Kohlen Eurer Vergel⸗ tung brennen auf meinem Haupte. Doch, welche Ab⸗ bitte und Auflöſung könnte größer ſein, als die ich Euch gebe, wenn ich den Abgott meiner Sinne, den Diamant aus meiner Lebenskrone, dieſes Götterweib Eurer Obhut anvertraue? Nimm ſie denn, Du, wenn ich verbluten ſollte, ihr Bruder! Deine Ritterhandſchuhe hefte ich als Pfand für ſie an mein Fähnlein. Graf, wenn Kaiſer Konrad Euch ehren wollte, höher vermöchte er's nimmer. Sie iſt eine geborene Königin des Menſchengeſchlechts, und ich habe ihr Alles genommen. Wenn ich falle, ſteht ſie allein. Bedenke darum, welch eine Pflicht Du auf Dich geladen!— Zittah ſchluzte; Hermann und Luzia drückten ſich die Hände in ſtiller Zärtlichkeit. Ob ich nicht ſchon höhere Pflicht, als der Uebermüthige da hernennt, trage auf der Bruſt und am Schwertknopfe? flüſterte er zu ihr. Aber der Menſch iſt ſo überall; Egoismus iſt ſein Götze, und nur was er hat und iſt und fühlt, gilt ihm etwas.— Der verhängnißvo llſte Abend ſank herab, mit ihm die vöſe Abſchiedsſtunde, welche ſechs Herzen in Wermuth tauchte. Wehmüthig herzlich, doch ſtark ſchieden der Ar⸗ menier und ſein Schüler; im ſchärferen Schmerz und in rinnenden Thränen Eljakim und Luzia, die mit bangen⸗ der Vorahnung den Vater noch immer überreden wollte, mit ihnen zu ziehen; in Herz und Seele zerfleiſchender Verzweiflung trennten ſich Zittah und ihr Ritter, und nur die treibende Mahnung des Armeniers, nur die dumpfverhaltenen Hörner⸗ und Trompetenſtimmen in der Stadt vermochten die unendliche Umhalſung zu löſen. S Die drei Pilger zogen ab. Sicher nahm das innere Gewölbe der römiſchen Waſſerleitung ſie auf, welches ſpätere Nachkommen wahrſcheinlich zu ſolchem Schlupf⸗ wege ausgebildet hatten, und führte ſie aus dem Be⸗ zirke der Stadt; nur wie Gebrauſe ziehender Bienen⸗ 408 ſchwärme umgab ihren dunkeln Weg das Getümmel der mordgierigen Schaaren Nureddins draußen am Gemäuer. Der junge Fluß, zu dem ſie gelangten, vom fremden Waſſer wieder leer, war ohne Breite und Tiefe; das Mondlicht ſchwankte auf ſeinem zitternden Spiegel, und die ſeichte Furt war bald gefunden. Die kühnen Mäd⸗ chen löſeten ſich die Sandalen, ſchürzten die Gewänder, und trotz dem Drohen der Stunde ſchlug eine glühende Trunkenheit über des unentnervten Jünglings Wange, als er vor ſich hinplätſchernd die kleinen Wellen wie in Lüſternheit hinauf greifen ſah um die runden, nackten Füßchen und weißen, vollen Glieder der Jungfrauen. Ruhiger ſetzten nun Alle ihre Reiſe fort, doch noch ohne Geſpräch, mit ſich ſelbſt zuerſt beſchäftigt; nur ein tiefer Seufzer der Emirstochter, oder ein Vertrauen aus⸗ ſprechender Händedruck der beiden Glücklichern unterbrach dann und wann die innern Selbſtgeſpräche. Wunderbar war für den Grafen Leuenrode der Vergleich ſeines Vor⸗ hin und ſeines Jetzt. Zwei der ſchönſten Menſchenblu⸗ men des Orients zogen da vor ihm hin, ihm überlaſſen, ihm gehörig, abhängig von ihm. Die weißen Pilger⸗ kleider mit weitem, ſchwarzem Kragen, und der große Muſchelhut machten die lieblichen Geſtalten nur' noch anziehender. Er ſelbſt, ſonſt mit Erz umgeben und mit dem dräuenden Schmucke ſeines Standes, trug jetzt die leichte, braune Kutte des Wallfahrers; auf ſeinem Rücken hing der Reiſeſack; in der Schärpe ruhte der wunde Arm des edeln Schildes; nur neben der Kürbisflaſche prangte an der Hüfte hoch gehangen das blankbeſcheidete Ritterſchwert, das letzte Ueberbleibſel ſeiner thatenvollen Vergangenheit. Doch nicht gar lange blieb ihre Reiſe ſo friedlich. 1—————————— ——————— 409 Fern hinter ihnen erhob ſich der Tumult der Schlacht. Sie hörten die kreiſchenden Töne der Kriegsmuſik; ſie vernahmen deutlich über die ſchlafende Flur her das Geheul der Menſchenwuth wie fernrollende Donner; und als der frühe Mond vor ihnen ſank, flammte hinter ihnen eine rothe Feuerſäule hinauf in die Nacht, höher wachſend von Minute zu Minute, und breiter um ſich freſſend; Edeſſa's Fall, Edeſſa's Zerſtörung wurde ihnen gewiß, und die Gräuel ſolcher Begebenheit, die ſie Alle kann⸗ ten, ſpiegelte ſich in der Phantaſie der Entfernten um ſo gräßlicher. Dem deutſchen Ritter zuckte die Hand zum Schwerte, und ſein Mund fluchte drohende Worte hinüber; Zittahs Knie brachen in Angſt; doch Luzia's kräftige Seele ermuthigte beide, und trieb ſie zu raſt⸗ loſem Weiterziehen auf der ihr wohlbekannten Straße, die ſie früherhin mehrmals pilgernd mit dem Vater ge⸗ zogen war.— Die Schreckensſtimmen hinter verhellien all⸗ mälig; das Feuerzeichen verloſch am Horizonte; durch die Mitternacht waren ſie hingeſchritten mit eiligem Fuße ſicher und ohne Unfall, wenn auch von des Schakals Gebelle und dem Gebrülle der Raubthiere oft beunruhigt. Bald kam das milde Morgenlicht, und weckte das Wild und Geflügel in den Gebüſchen; bald ging die ſtrahlende Herrſcherin des Tages ihnen im Rücken auf, aber er⸗ ſchöpft waren nun auch die Jungfrauen, die wunden Sohlen brannten im Sande, und des Körpers Ohnmacht bezwang die ſtarken Gemüther. Uebernommen von der eiligen Nachtflucht, konnten ſie nicht weiter, und Her⸗ mann ſah ſich nach einem ſchützenden Obdach um. Was mußte ſein Auge ſofort erblicken?— Nicht gar weit von da ſtarrte eine Felſengruppe, der . — —— ———— 410 Gebirge letzte Abſenkung; kahl war ihre Umgebung, nur drei einzelne Rieſenzedern hoben die Wipfel hoch über die Flur dem Himmel zu, und hinter ihnen öffnete ſich eine Felſenhöhle, an deren Seite ein Silberquell von den Höhen herabrieſelte. Die Freude des Fundes theilte ihm zugleich ein Grauen mit, denn die Erſcheinung ſei⸗ ner erſten Wundnacht, das redende Skelett des erſchla⸗ genen Griechenritters kam lebendig vor ſeine Seele zurück. Er verrieth ſich nicht, ſondern leitete ſorgſam die Müden in den kühlen ſchattigen Ort, trug ihnen von Zweigen und dürrem Laube ein Lager zuſammen, zün⸗ dete unter einer offenen Schlucht im Innern ein Feuer an, die Schlangen und das Ungeziefer zu ſcheuchen, labte mit Wein und Frucht die Erſchöpften aus ſeiner Reiſetaſche, und erſt, als beide entſchlummert waren, die zarteſten Frauenbilder da lagen auf dem armſeligen Bett, wie Lilien und Roſen auf Grabesmoos gelegt von from⸗ mer Hand, da erſt brannte er eine der mitgenommenen Kerzen an, und durchſuchte die finſterſte Tiefe des Fel⸗ ſengewölbes. Die Worte des Geſpenſtes führten ihn nicht irre; er fand den Steinhaufen; er rollte die Kieſel und Granitbro⸗ cken auseinander, und die Mühe belohnte ſich raſch, denn ein gefüllter Säckel und ein Käſtchen von Zedernholz und Elfenbein zeigte ſich, deſſen verroſtetes Schlößlein leicht ge⸗ ſprengt wurde. Ein Schreiben auf Pergament lag oben darin, von den Obern des Berges an die Johannisbrüder im Thale überſchrieben. Darunter lag, jedes beſonders verpackt in Baumwolle und Seidenzeug, ein mit Edelſtei⸗ nen beſetztes Coſchen oder Bruſtbild des Hohenprieſters, ein Siegelring mit Salomo's Chiffer, und ein Graal von Smaragd, auf deſſen ſilbernem Fuße die Taufe am 3 411 Jordan und das Abendmahl prangte in erhabener Arbeit. Ein hohler Seufzer ſchien aus der Tiefe zu tönen, als Hermann das Käſtchen hob, und ſo lange er auspackte, ₰ fuhr ein pfeifender Zugwind durch die Felsſpalten. Mit heimlichem Grauen, und doch zugleich mit andächtigem Gefühl beſchauete der Rittersmann den beſondern Fund, deſſen Zuſammenſtellung ſchon bedeutungsvoll erſchien, „ wickelte jede der Kleinodien dann behutſam wieder ein — in ihre Hüllen, und packte das Käſtchen in die Tiefe ſei⸗ nes Reiſeſacks; doch kaum war die kurze Arbeit voll⸗ endet, ſo rief ihn ein ſonderbares Gelärm in den Vor⸗ 6 dertheil der Höhle zurück. Die Mädchen waren aus dem Schlafe geſchreckt worden durch Roſſesſchnauben und eine laute Stimme, die Klage und Unwillen ausſtieß. Zittah war aufgefahren ₰ vom Lager, und die Sprache des jammernden Reiters draußen erkennend, an die Oeffnung der Schlucht ge⸗ ſprungen. Ritter Heinrich von Wenden lag am Quell hingeſunken, blutbedeckt neben ihm ſein abgejagtes, treues Roß, das die letzten Athemzüge im Sande verhauchte. Welch' ein Wiederſehen! Die Stadt war aufgegangen in Flammen und Rauch; alle Einwohner hatte Nureddins Rache geſchlachtet, nur wenige der lateiniſchen Ritter hatte Schwert und Roß dem allgemeinen Verderben ent⸗ riſſen. Heinrichs Rüſtung war ein zerbrochen Flickwerk durch Kolbenſchlag und Säbelſtreich; Helmbuſch und Schärpe hingen zerfetzt, das Schwert war nicht weit über dem 3 Griffe zerſplittert, und an allen Fugen leckte der Fleiſch⸗ wunden Blut. Die drei Pilgrimme löſeten ihm die Waf⸗ fen, wuſchen die leichten Wunden und labten ſeine dürre Zunge. Luzia und der Graf dachten dabei oft in ängſt⸗ 412 licher Traurigkeit des Vaters wie des Armeniers, doch verdrängte die Sorge des nächſten Augenblicks alles Sinnen und Grämen, denn wie die Mädchen und der preßhafte Ritter weiter kommen wollten am Abende, darüber blieb der Rath theuer und wenig vom Zufalle zu hoffen. Mit ihnen war das Schickſal; als der Tag gerade zum Sinken ging, zog eine kleine arabiſche Familie heran, zu lagern am wohlbekannten Quell; ſie führte Thiere mit ſich, und die Flüchtlinge erhandelten aus des Grie⸗ chenritters Säckel von ihnen einen rüſtigen Dromedar, auch neue Lebensmittel, und ſo konnte, indem ſie wech⸗ ſelnd das Thier beſtiegen, im langſamen Zuge ihre nächt⸗ liche Wallfahrt fortgeſetzt werden.— Will man der Zeit voreilen in vertraulicher Verbin⸗ bindung und freundlichem Anſchluß der Gemüther, ſo muß man eine Fußreiſe beſchwerlicher Art zuſammeu vollenden. Die Laſten und mancherlei Verdrießlichkeiten knüpfen eben ſo viele Herzensknoten; der Menſch in der Fremde enthüllt alle ſeine Talente und Kräfte ſchneller dem Genoſſen ſeiner Fahrt; das enge Nachtquartier macht Scheu und Ziererei verſchwinden, und bald iſt der zu⸗ ſammengeflogene Trupp Zugvögel eine engverbundene Familie. Dreierlei Vaterland, drei Religionen verknüpften ſich durch unſere Pilgrimme; doch aller Groll, alle Ver⸗ ſchiedenheit früherer Verhältniſſe vermiſchte ſich ſchon in den erſten Tagreiſen, und wie zwei Geſchwiſterzwillings⸗ paare zogen ſie in wechſelſeitiger Theilnahme und zarter Aufmerkſamkeit durch abwechſelnde Sandfelder, Gebirgs⸗ theile und Fruchtfelder Syriens. Gefällige Schifferleute fanden ſie am Euphrat, und überfuhren den Strom auf einer Fähre unten bei Thapſakus. . 413 Alle glaubten ſich nun gerettet, und doch zog der Todesengel noch dicht hinter ihnen, ſein Opfer ſich mit düſterm Blicke erkieſend. Mehre flüchtige Chriſtenritter ereilten die kleine Karavane noch, die auf guten Roſſen dem Blutbade zu Edeſſa, wie ſie, entronnen waren. Je⸗ der derſelben ermahnte ſie zur Vorſicht und Eile, denn nach allen Gegenden, ſogar über den Euphrat hin, ver⸗ folgten raubluſtige leichte Geſchwader der Osmanlis die verſprengten Edeſſaner, und plünderten alle offenen Plätze aus, da unglücklicher Weiſe in dieſer Zeit und Gegend keine Chriſtenmacht ihnen irgendwo Halt gebieten konnte. Vorſichtig ſuchte darum auch unſer Doppelpaar ſichernde Nachtquartiere ⸗in ſtarkbewohnten Orten.— So ſahen ſie an einem Abende auch ſchon eine gaſt⸗ liche Stadt vor ſich liegen. Umzäunte Gärten ſtreckten ſich weit hinaus an der einen Seite; an der andern führte eine hohle Straße durch enge Felſengruppen zum Thore. Ohne Furcht noch Ahnung zogen die Pilgrimme durch einen luftigen Hain von Linſenbäumen, Palmen und Johannisbrod, der ſich faſt bis zu dem erſten Gra⸗ nitblocke der hohen Straße erſtreckte. Nur durch eine ſchmale Raſenfläche war Hain und Klippeneingang der Thorſtraße getrennt. Doch gerade dieſen grünen Altar hatte ſich der Todesengel auserkoren. Kaum hatte der Dromedar, auf welchem die ſchöne Zittah ſaß, und den Heinrich von Wenden leitete, den Platz betreten, ſo hörte Graf Hermann, welcher den Zug ſchloß, ein ſeltſames Rauſchen durch den Hain her, und auf dem Pfade, den ſie verlaſſen, blitzten über die Johannisbrodbüſche hinaus Lanzenſpitzen und weiße Turbane. Bei Jeſus Wunden, Sarazenen hinter uns! Ohne 414 Säumen hinein in den Felſenweg alle Ihr! rief der entſchloſſene Kämpe. Erhebt ein Nothgeſchrei zur Stadt hinauf; ich feſſele ſo lange nach Möglichkeit die Verfolger. Wahl war hier nicht. Der Inſtinkt trieb die drei Wehrloſen flüchtig dem Felſenborde zu; Leuenrode, der brave Kriegsheld, zog ſein ſchimmerndes Schwert, den alten Freund in Noth, und ſtellte, einem unbezwingbaren Cherub gleich, ſich mitten auf den Weg. Zwei heranfliegende Tataren ſtutzten vor der uner⸗ warteten Erſcheinung, und hielten die Pferde an; dicht hinter ihnen ſprengten zwei anſehnlichere Feinde daher; es war der wilde Nureddin ſelbſt, mit ihm der Emir Sankar⸗Derar, der beleidigte Bräutigam, der beraubte Vater. Der Emir erkannte den Grafen ſogleich, trotz des Pilgerkleides. Er faßte in Nureddins Arm, welcher mit Blicken, aus denen Tod ſprühte, ſchon den Wurfſpieß ſchwang. Halt ein! rief er ſtark. Du verfehlſt ſonſt Dein Opfer! Dieſer da war mein Schutzgeiſt am Ufer des Skirtos! meinen Kopf danke ich ſeiner Hochherzigkeit.— Weiche uns, und laß frei den Paß! ſprach er dann ſanfter zu dem Grafen, der unbeweglich, wie ein rho⸗ diſcher Koloß, mit hochgehaltenem Schwerte ſtand. Hin⸗ dere nicht Gerechtigkeit und Rache! ich will nur die Tochter und des vermaledeieten Räubers Herzblut; ſicher biſt Du mit den Deinen!— Leuenrode regte kein Glied; der Dromedar trabte ſchon dicht am ſchutzverſprechenden Eingange. Werft die Wurfſpieße auf den Räuber, ſonſt rettet er die Beute; denn dort durch die Gärten nahen Pan⸗ zerreiter! ſo kreiſchte der Emir, und drei Speere flogen. — — 415 Armer Vater! Dein Befehlswort war ein ſelbſtmörderi⸗ ſcher Dolchſtoß, der alle Deine Hoffnungen durchſchnitt!— Die Spitzen der Tataren fehlten; aber des raſenden Bräutigams Speer fuhr durch den ſchlanken Rücken der edlen Reiterin, und warf ſie todtwund vom Kameele herab. Das Eiſen ſchnitt zugleich durch das Vaterherz, der bei dem Anblicke ſeine Waffen fortwarf, und laut aufſchreiend, mit dem Wehgeſchrei des hoch in der Luft getroffenen Falken, mit beiden Händen ſein leichenfahles Antlitz bedeckte. Nureddin fiel jetzt in grimmigſter Ver⸗ zweiflung den Grafen an, der jedoch, wenn auch den Schild entbehrend, beſonnen ſeine Zirkelſtreiche auffing, und den Wendungen ſeines gewandten Roſſes auszuwei⸗ chen wußte. Ein Häuflein Templer trabte aus den Gär⸗ ten heran; die Muſelmänner mußten zerknirſcht den 6 ſicher geglaubten Sieg fahren laſſen, und den Greis in ihre Mitte nehmend, ſuchten ſie, verfolgt von den chriſt⸗ lichen Streitern, des Haines Dunkel. Gerettet war zwar die Mehrzahl der kleinen Kara⸗ vane, doch bezahlt hatte ſich das ernſte Schickſal gemacht. Da lag ſie auf den Blumen der Wieſe, die Prachtblüte des Fürſtengartens. Mit einem leichten Seufzer hatte ſie ſchnell geendet in dem Schmerzeskuſſe des über ſie hingeworfenen Geliebten, und in einem Blutguſſe das reiche, warme Mädchenleben verſtrömt. Hermann und Luzia ſtürzten ſich wortlos in die Arme; im Unglück des Nächſten und an den Gräbern ſeiner Seligkeit fühlt der Menſch ſein gerettetes Glück doppelt, und das weinende Mitleid miſcht ſich innig mit einem Dankgebete zu der ewigen Unerforſchlichkeit, welche über den Sternen nach ewigem Normalmaß Weh und Freude vertheilt.— Aus der fröhlichen Flucht war nun plötzlich eine . — —— — 416 traurige Sicherheit geworden, und in einer tiefen Hoff⸗ nungsloſigkeit war alle Furcht untergegangen. Gewaltſam hatte der zermalmende Wetterſchlag auf den Ritter Hein⸗ rich von Wenden gewirkt. Sein Weſen war verwandelt, oder gleichſam im bittern Salzwaſſer des unnennbaren Schmerzes zur ſtarren inkruſtirten Säule geworden. Er ſprach nicht; er raſete nicht; er weinte nicht. Still und weich wie ein Kind, ging er ſtumm umher mit glanz⸗ loſen Augen. Niemand hätte den übermüthigen, kein uUnglück fürchtenden, herriſchen, lebeluſtigen Rittersmann von vorhin in ihm wieder erkannt. Als er das erſchreckliche Wurfeiſen des rachelechzenden Bräutigams aus dem weißen Fleiſche der verbluteten Taube gezogen, innig das Blut aufgeküßt, und die Waffe mit bedeutſamem Blicke dem Grafen zur Verwahrung übergeben hatte, lud er ſelbſt die liebe, blutige Laſt auf den Dromedar, und leitete das Thier, wie ſonſt, zur Stadt hinein. Die Freunde mußten ihm nachgeben: und wer hätte auch wohl dieſer Trauermiene etwas abzuſchla⸗ gen vermocht?— Sie mußten verweilen in der Stadt, bis die ſchöne Leiche von einem Egypter einbalſamirt, ihr jugendliches Herz in einer Silberkapſel verwahrt, und Alles in einem feinen Sarge vom Holze des Syko⸗ morus, mit Kaſſia und Akazienblüten ausgeſtreut, ver⸗ borgen war. Mit dieſer traurigen Liebesbeute, die Hein⸗ rich mit ſchlafentfremdetem Auge, wie der Gnome den Bergſchatz, bewachte, zogen ſie dann weiter, zum düſtern Trauerzuge geworden, Heinrich als bleicher Leichenführer, Hermann und Luzia als Gefolge; einige ernſte Templer gaben ihnen das Geleit. Die Liebe iſt ein Palladium, das ſeinen Aeneas durch alle Wetter und alle Gefahr zum neuen Vaterlande 417 geleitet, und dort dreifach zu erſetzen weiß, was er jemals verlor; ſie iſt ein Ariadne⸗Faden, welcher durch jeden Irrweg führt, und den Getreuen immer wieder zu dem einen lieben Platz der Sicherheit und Luſt zurücklenktz ſie iſt eine Panacee für jedes Leid, ſei es geiſtig oder dem Staube entſprungen; der Huldin Kuß ſchafft ſelbſt dem Unglücksſohne einen Somnambulism, in dem ſein inneres Auge nur Himmel ſieht; an der Schneebruſt des treuen, hochherzigen Weibes allein quillt der einzige Lethe der Erde; in den Wortzwillingen Mein! und Dein! miſcht ſich alles Höchſte und Innigſte der Menſchheit; Hangen an Heimath, an Eltern, Sucht nach Ruhm und Ehre und Glanz, Frömmigkeit und Anbetung, Alles das geht unter in dem Zwillingshauche, denn er umfaßt das Alles, und macht viel davon entbehrlich zugleich!—— Graf Leuenrode und ſeine Luzia empfanden das täg⸗ lich mehr. Die wüſten Felder, durch die ihr ſaurer Marſch ging, und wo nur eine ſeltene Haſe den Schat⸗ tenbaum und den friſchen Trunk bot, waren ihnen glatte Prüfungswege zum Tempel des Glücks. Als ſie endlich des Jordanus heiliges Gewäſſer berührten, taufte ein Prieſter die Jungfrau nach apoſtoliſcher Sitte aus dem Fluſſe, und der Geliebte nannte ſie Sophia, weil ſie der Genius geweſen, der ihn zu ächter Weisheit geführt. Mit jener Andacht, welche in dem Herzen Altar und Thron hat, und die von verſchloſſenen Lippen bewacht wird, ſahen ſie die Leidensſtadt des Erlöſers amphithea⸗ traliſch aus Wieſengründen und ſchwarzen Felszacken zu⸗ gleich empor ſteigen mit ihren Thürmen und koloſſalen Gebäuden. Trotz ihrer weiten, ermattenden Reiſe be⸗ folgten ſie den alten Gebrauch, dreimal rund um Jeru⸗ ſalem zu wandern, von Weſt durch Süd nach Oſt, ehe Blumenhagen. VIII. 27 42———————— ——— 418 Fie ſeine Thore zu vetreten wagten. Sie zogen durch das Thal Himnon, am Zion vorüber, hin über den ſchmalen Bach Cedron, hin am Oelberge und durch die Frucht⸗ felder Bezetha's; den Fuß des Garebs berührend, bogen ſie dann die Knie am Hügel Kalvaria, am blutbegoſſe⸗ nen Altare der Wahrheit, von dem das Licht ausging und die Liebe. Gaſtfrei nahm das Thal Joſaphat und die Johannis⸗ prüderſchaft die Geprüften auf. Der Brief des Piractos machte den Grafen Hermann ſogleich einheimiſch bei ihnen, und wenige Tage hernach ging er ſchon in ihrem weißen Bundeskleide, und bald erhob ſich neben einer alten Fächerpalme ſein kleines Wohnhaus. Als er aber nun ihnen die gefundenen Schätze des Griechenritters vorlegte und auslieferte, zugleich die wunderbare Weiſe des Fundes erzählte, da betrachteten ſie ihn ehrfurchts⸗ voll als einen Auserkorenen, und die Weiſen und Aelte⸗ ſten der Schule, die durch ihn die heiligſten, ſo lange unbegreiflicher Weiſe verloren geweſenen Kleinodien ihres Bundes wieder erhielten, ſetzten ihn in ihren Kreis, und pald wurde er ein Vorſteher der Gemeinde, eingeweiht in alle ihre Wiſſenſchaft, von deren Zweigen er jedoch die Heilkunde allen andern vorzog, theils weil ſie ihm am nützlichſten ſelbſt in das Leben einzugreifen ſchien, theils weil ſie die erſten Bundesmeiſter, und auch Elja⸗ kim, ſein lieber, in Edeſſa erſchlagener Schwiegervater, vorzüglich hoch gehalten hatten. Der ſtumme, traurige Ritter von Wenden hatte die Aufnahme unter die Johannisbrüder verſchmähet. Oben auf die Spitze des wüſten Oelberges zog er, da bauete er ſelbſt den Ueberreſten ſeiner geliebten Zittah ein Grab⸗ gewölbe unter Zypreſſen, und für ſich eine enge Klauſe 419 dabei, in welcher er fortan ein elendes Klageleben, ab⸗ geſondert von allen Menſchen, lebte, und über deren Thür das blutige Wurfſpeer Nureddin's, als abſchreckendes Gaſtſchild, befeſtigt war. Wenn der Tempelmeiſter Robertus, der oft ſeine alten Bekannten beſuchte, herabſtieg von jenem traurigen Eremiten, dem er vergebens Tröſtung und Lebensmuth in das gebrochene Herz zu predigen trachtete; wenn er von ihm herabſtieg in das ſchöne Gartenthal voll Frucht und Blumen, und die herrliche Luzia, die nur ſchöner geworden war als Frau, unter ihren braunen und blon⸗ den Kleinen zwiſchen Roſenhecken und Akazienzweigen fleißig webend und ſtrickend fand; wenn Bruder Hermann dann mit der Gärtnerſchaufel aus dem Gemüſegarten kam, das Vesperbrod von Milch und Frucht und Honig einzunehmen, dann ſprach der alte, greiſe Ordensritter: Wahrlich, das Erdenleben und ſeine Schickſalsknoten ſind keine ſolche Räthſel, wie manche Blinde glauben. Selbſt znüpft ſich der Menſch ſeinen Geißelſtrick wie ſeine feſt⸗ liche Freudenbinde. That und Gericht ſind überall für den Forſcher zu finden, ſei es erſt auch in einer Sterbeſtunde, und wie der Uebermutb ſich ſelber Dornen erzieht an und auf der Lebensſtraße, ſo iſt Menſchlichkeit wie Seiden⸗ blumenſamen, der alle Pfade des Sämanns mit ſeiner ſammetweichen, grünen Decke überwebt!— ———— 2—— S——— * — — KRn 8 1 3— 5 4 B6. —. — 5