8 8—— B— S Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Eduard Ottmann in Gieſen. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und* beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„ 3 3„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————— 2 Die Beimath in der neuen Welt. Ein Tagebuch in Briefen, geſchrieben auf zweijährigen Reiſen in Nordamerika und auf Cuba. Von Friederike Bremer. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Dr. G. Fink. „Singet dem Herrn ein neu Lied.“ Pſalm 149. Dritter Banb —WU Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. — — — — * „ — — & — 8 —= ₰ ₰ 8 — — 0 8 e „ — „ — * 8 — — — — * — — — — — Inhalt des dritten Bandes. Seite Zweiunddreißigſter Brief. Buſchkitu; indianiſches Reinigungs⸗ und Verſöhnungsfeſt. Feier des Neujahrstags in den Vereinigten Staaten. Der Sklavenmarkt in Neu⸗ Orleans. Gumbo. Julia C. Eine Sklavenauc⸗ tion. Beſuch in den Gefängniſſen. Die Neger⸗ mädchen. Die Oper. Schauſpiel im Theaterſaal. Schönheiten von Neu⸗Orleans. Sonntagsmorgen auf dem franzöſiſchen Markt. Abendbeſuch auf den franzöſiſchen Begräbnißplätzen: Mobile. Sommerwetter. Mrs. Le Vert. Der Magnolien⸗ wald. Theater in Pobile. Eine junge Schau⸗ ſpielerin. Schöne Tage in Mobile. Beſuch in einem Lager der Chockaw⸗Indianer. Geſellſchaft in Mobile. Octapie und Betſy. Reiſepläne nach Cuba. Der Alabamaſtaat. Wieder in Neu⸗Or⸗ leans. Abenteuer auf der Reiſe dahin. Hotel f edlung in ein St. Charles. Gaſthofleben. Ueberſied Brand im Hotel St. Charles. Still⸗ W. Abendlection. Sheridans Pro⸗ Ein Examen. Privathaus. leben. Miß metheus. Schulen in Neu⸗Orleans. IV . Seite Getümmel in einer africaniſchen Kirche. Neger⸗ Tol gottesdienſt. Neu⸗Orleans einſt und jetzt. Die Gu Sklaverei. Madame Lallorue. Ein Sklavenhalter und Befreier. Weg zur Emancipation. Jenny Lind. Sehnſucht nach Cuba 11 lic 1 Dreiunddreißigſter Brief. An Cuba, Havanna. Die Palmen, die Luft. Mo Abreiſe von Neu⸗Orleans. Reiſe den Miſſiſippi Cu hinab; Plantagen, Sumpfland, ſchwankende Gras⸗ tigt halme. Das Meer, der mexicaniſche Meerbuſen. Ein Leben auf dem Meer. Paſſagiere an Bord. Va⸗ Art ter und Tochter. Erſter Anblick von Cuba. Stür⸗ ball miſche, aber ſchöne Nacht. Hafen von Havanna, Beſ Ruhe, Sonnenſchein, neues Schauſpiel. Der Räu⸗ rad berhauptmann an Bord. Tropiſches Frühſtück. Da Landung. Havannahaus. Begegnung mit ſc Jenny Lind. Zuſammenleben mit ihr. Abſchied in; und Andenken von ihr. Mein Tag im Hotel. Die Plaza de Armes; die Cortina de Valdez. Azu⸗ 3 teon, das Morrolicht, zwitſchernde Eidechſen. Aus⸗ Bl ſehen Havannas. Reinheit der Luft. Kein Rauch. Urnengeſchmücktes Dach. Cubaniſche Equipagen. roh Die Volante und der Calaſhero. Kleidung der A Frauenzimmer. Die Kreolinnen. Die Bevölke⸗ 5 rung auf den Straßen. Die Familie Tolme. Der Abend bei S. Die Domkirche, Prieſter, Ge⸗ mälde, Muſik. Das Grab des Columbus. Prie⸗ k ſterparade in der Kirche, Zuſtand auf der Inſel⸗ E Serro. Ländliche Wohnung. Die erſte Nacht. 3 Der Morgen im Biſchofspark. Der Sonntag. Africaniſcher Tanz. Cubaniſche Bäume. Blüthe des Bananasbaums, Haushaltung der Frauen im Hauſe. Hübſche Gärten. Erinnerung an die letz⸗ ten Orcane. Wieder in Havanna bei der Fa milie MN — M* Seite V Tolme. Fahrt nach Guanavacoa. Der Finartt. Gute Freunde. Starke Hitze.* Vierunddreißigſter Brief. Matanzas. Hinreiſe von Havanna. Herr⸗ licher Morgen; Land und Natur. Schmarotzer. Ankunft in Matanzas. Mr. Baleys Haus. Ein Morgen im Yumorithal. Muſik in Matanzas. Cubaniſche Contretänze. Eigenthümliche Lebhaf⸗ tigkeit und Lieblichkeit der Luft. Schöne Tage. Ein Tag im Yumorithal. Menge von Ungeziefer. Artigkeit der Spanier und der Kreolen. Neger⸗ ball. Sklavengeſetze auf Cuba. Sklavenhandel. Beſtechungen. Palmſonntag in Matanzus. Pa⸗ rade in der Kirche. Die Zuckerpflanzung Ariadne. Das Sklavenleben; die Arbeit; die Bohea. Ver⸗ ſchiedene Regerſtämme und ihr Character. Ge⸗ ſchichte des Negers Domingo. Morgenwanderung in Limonar. Des freien Negers Hütte und Leben auf Cuba. Ausſicht der Sklaven hier und in den Vereinigten Staaten. Leben auf den Pflanzungen, Bluthunde, Bäume, die Zuckermühle, das Zucker⸗ rohr, die Zuckerbereitung. Negertanz. Grotten auf Cuba. Einſame Wanderungen. Schmarotzer. St. Amelia Inhegno. Die Sklaven, hartes Ar⸗ beitsleben. Selbſtmord. Ein Sonntag auf der Plantage. Fortwährende Arbeit, Ausſehen der Skaven. Die Negerkinder. Leben in der Bohea. Die natürliche Ehe Die Zuckermühle. Mittel der Sklaven, um ſich Geld zu erwerben. Pflan⸗ zen, Colibri, Hitze, Heimathsgedanken 3 Fünfunddreißigſter Brief. Cardinas. Junge Mädchen. Eine Kaffee⸗ pflanzung in der Blüthe. Behandlung der Thiere. Freie Neger. St. Amelia. Tanz in der Bohea. Seith 62 Seite Der Congotanz. Carlo Congo. Die Höhen von Camerioca. Geflüchtete Reger im Gebirge. Leben der Frauenzimmer auf den Pflanzungen. König⸗ liche Guadarajahs. Mangel an Grasplätzen, an Hainen und an Behagen. Sklavenſchiff von Africa. Mondſchein Nächtliche Fahrten in der Volante. Caffetal la Induſtria. Mrs. Ph. Kleine Neger⸗ kinder. Mrs. Ph. über die Sklaven. Das ſüdliche Kreuz. Cucullos. Zeichnungsfieber. Die Palmen Morgen in den Bananashainen. Die ſpaniſche Sprache im Mund gebildeter Frauen und im Mund von ungebildeten. Plage mit den Cucullos Cuba eine Stätte der Schönheit. Eudoxie B. Furcht vor einem neuen Angriff gegen Cuba; Rüſtungen von Seiten der ſpaniſchen Regierung. Matanzas, Schönheit, Muſik. Combre. Herr⸗ liche Ausſicht. Familienleben auf Cuba. Tägli⸗ ches Leben; Promenaden; Handel in den Buden. Haus in Matanzas. Beſuche. Fächer. Fahrt auf dem Canimafluß. Tropiſches Stillleben, Pal⸗ men, Bambusbäume, Krabben, Colibri. Unſre Ruderer. Regenſchauer. Letzter Abend und letztes muſikaliſches Vergnügen in Matanzas. Sechsunddreißigſter Brief. Havanna. Pfingſtfeſt in Havanna, die Kir⸗ chen, Prozeſſionen. Der Poſtmorgen. Cabildos de Negroes Verſammlungsſäle, Tänze, Königin⸗ nen der Neger. Bootfahrt im Hafen. Mrs. T. über den Character der Reger. Siebenunddreißigſter Brief. San Antonio de los bannos. Einſamkeit in einer eubaniſchen Poſada. Einſame Wanderungen. Die Negerſtadt. Das glückliche Negerpaar. Pit⸗ toreskes Schanſpiel; tropiſches Stilltleben. La „— ec„ 8 e— S 8 S„ S e0 ————„ „—— — vII Seite Miranda. Reiſe nach Caffetal la Concordia. Fahrt nach der ſüdlichen Küſte. Madame Carrera und ihre Familie. Wohnung in Reiſerhütten. Geſpräch am Abend. Sturm, Ueberſchwemmung, Aufbruch. Rückreiſe nach la Concordia. Spa⸗ niſche Seguidillas. Madame Carrera und ihre Neger. Prachtzeit der Caffetaler jetzt vorüber. Schönheit von Bäumen und Blumen. Das Fla⸗ mingopaar. Sehnſucht nach Regen, Heimweh. Verſchiedene Behandlung der Negerſklaven; ihre Wirkung. Letzter Abend auf la Concordia. Fa⸗ milienleben auf Cuba. Zuſammenleben mit Ma⸗ dame Carrera. Fou Fou. Der Negertanz unter dem Mandelbaum. Die weiße Frau und die ſchwarzen Kinder. Der Regergeſang. Erinnerung aus Mungoparks Reiſe in Africa. Havanna. Das Krankenhaus des heiligen Lazarus. La Casa de Beneficencia. Campo Santo. Zuſtand in Ha⸗ vanna früher und jetzt. Das Negervolk in den Städten. Spaniſche Bevölkerung der Stadt. Die Neger auf Jamaica. Neigung der Neger zum Seite — Kleinhandel; Mangel an Aſſociationsgeiſt. Denk⸗ 169 mal des Columbus auf der Plaza de Armas. Letzte Ausſicht über Cuba. Kreoliſch⸗ſpaniſche Artigkeit 2 Achtunddreißigſter Brief. An die Königin Wittwe von Dänemark. Erinnerung an den Beſuch auf Sorgenfrei. Südamericaniſche Natur auf Cuba. Leben des 205 Oſtlandes und des Weſtlandes unter dem Wende⸗ kreis. Die Natur und der Menſch. Die nord⸗ americaniſchen Staaten, ihre Beſtrebungen. Die nördlichen, die ſüdlichen. Thätigkeit der Geſell⸗ ſchaft in den erſteren. Die Volksſchulen, die Lehrerinnen, Neuenglands junge Töchter. Das Weib in den nördlichen Staaten. Der Aſſocia⸗ 12— 1 VIII tionsgeiſt, die Communicationen, die Volkslitera⸗ tur. Bildungskraft und Beruf des Angloamerica⸗ ners. Der große Weſten. Erſte Schritte und Zunahme der Cultur. Der neue Menſch; der alte. Das Miſſiſippithal. Nordamericas Kornhandel. Die ſüdlichen Staaten. Mangelnde Geſellſchafts⸗ entwicklung, Naturſchönheit, pittoreskes Leben. Die Sklaverei. Zuſtand der Sklaven in ihrer beſten Lage; in ihrer ſchlimmſten. Kleine eigen⸗ thümliche Geſellſchaften. Negerfeſte Cuba Süd⸗ americas Natur und Volksleben. Nacht⸗ und Licht⸗ ſeite des Lebens auf Cuba. Zuſtand der Neger, der Sklaven, der Freien. Spaniens Geſetze für die Sklaven; Vorzug vor denen Americas. Was Cuba ſein könnte und ſollte. Fortſetzung des Brie⸗ fes in Charleston. Die Sklaven auf Cuba und in den Vereinigten Staaten. Werth des Chriſten⸗ thums. Americas Aufgabe in Bezug auf die Neger. Mögliche Freigebung. Das Mittel in den Händen der Frauen. Die Kinderſchule. Afri⸗ caniſcher Geſang. Einführung der Sklaverei in America? ein Fehler Englands. Proteſtation der Colonien. Urſache des Fortbeſtands der Sklave⸗ rei. Europas Hoffnung auf America. Die Mai⸗ plume. Americaniſches Familienleben. Herr⸗ ſchaft der Frau im Hauſe. Schönes weibliches Weſen. Abarten und Unarten, Mangel an höhe⸗ rem Bewußtſein. Erziehung der Kinder. Ameri⸗ caniſches Frauenideal. Was die Frau da mehr iſt als in Europa. Was Scandinavien mehr be⸗ ſitzt als America. Hoffnung die Königin wieder⸗ zuſehen Neununddreißigſter Brief. Letztes Bild von Cuba. Düſtere Ahnungen. Wunſch für Cuba. Ankunft in Charleston. Dun⸗ Seite — 0— „———— — — IX kelheit des Sonnenſcheins. Abreiſe nach Florida. Die Magnolie. Das Dampfboot auf grüner Wieſe. Geſellſchaft und Munterkeit an Bord, Un⸗ ruhe, guter Humor. Erlöſung. Der Munroeſee in Florida. Alligatoren; der ſtille See. Von der Reiſe. Eine Philanthropie. Eine herrſchſüch⸗ tige Dame. Drei Paar Menſchenturteltauben. Paar Nro. 3. Die Sandhügelpolly. Reiſe den Welakafluß hinauf, Urwälder an den Ufern, Feen⸗ ſchauſpiel. Pans Reich. Pulatki. Der ſterbende Jüngling. Morgenwanderung. Unruhe auf dem Dampfſchiff. Die Flußfahrt, Reichthum an Blu⸗ men und Thieren, Waſſervögel, Papageien, wilde kalekutiſche Hühner, Alligatoren, Fiſche Landung am Abend. Der Abend und die Nacht auf dem ſtillen See. Duett zwiſchen dem Alligator und dem Whip poor Will. Morgenſiſch. Ortegapflan⸗ zung. Ein wilder Orangenhain. Orangenerndte. Beſchwerlichkeiten der Fahrt. Der kluge Neger. Floridas Natur und Geſchichte. Die Familie auf Ortega. Die Klapperſchlange. Die alte ſchwarze Amme. Die St. Simonsinſel. Mr. Cooper und ſeine Pflanzung. Mr. Cvopers Gedanken über die Neger und die Sklaverei. Die ſchwarze Kin⸗ derſchaar Von Reformatoren im Süden. Neuer Beſuch in Savannah. Matroſenhaus. Charles⸗ ton. Convent und ſeine Erklärung. Spott dar⸗ über. Mr. Poinſetts Brief. Tagesgeſpräche. Feh⸗ ler der americaniſchen Zeitungspreſſe. Hitze. Pracht der Vegetation. Beſuch in ein Paar Negerſchulen. Magnolien⸗Kirchhof in Charleston. Zwei Gräber. Fahrt nach der Sullivansinſel. Der Yankeeknabe. Schöne Racht. Abreiſe 3 Seite 303 Vierzigſter Brief. Richmond(Virginien). Capitol. Nordame⸗ ricaniſche Flüſſe! Die Nacht auf dem See. Nord⸗ carolina. Eine Predigt. Eine Tabaksfabrik. Ge⸗ ſang der Sklaven. Grauſame Sklavenhalter. Mai⸗ monsverehrung. Der Convent in Richmond. Wa⸗ ſhingtons Bildſäule. Charlotteville. Monticello, Sommerhaus des Präſidenten Jefferſon. Jefferſon. Wohlgeruch der wilden Weinranken. Abendgeſellſchaft. Die Kirche und ihre Leitung auf der Akademie. Abreiſe nach Weihers Cave im Virginienthal. Wanderung im Gebirge bei Sonnenaufgang. Aus⸗ ſicht vom Virginienthal. Die Grotte. Unterirdiſche Traumwelt. Wiederkehrende Formationen Schöner Abend. Von der Secte der Dunkers. Berathende Verſammlung der Dunkers. Beſuch in einer kleinen Farm. Rückreiſe. Meine Wohnung in Charlotte⸗ ville. Eine Epiſode aus der älteſten bekannten Geſchichte Virginiens. Die Indianerin Pocahuntas und John Smith. Stille Tage. Abſchiedsreden zweier Studenten. Gewöhnlichkeit der erſteren; überraſchender Inhalt der letzteren. Ein edler Jüngling. Die Verſammlung beim Promotionsfeſt. Bedankenloſe Frage. Beſuche in Negergefäng⸗ niſſen. Der verſtümmelte Neger. Der unſchuldige eingeſperrte Sklave. Das weiße Sklavenkind. Freudenmädchen. Abſtrafung. Angenehme Be⸗ kannte. Zuchthaus in Richmond. Stimmung zwi⸗ ſchen den freien Staaten und den Sklavenſtaaten. Der Convent in Richmond. Ein neuer Nimrod. Tragiſche Ereigniſſe. Die Sklavenfrage noch ein⸗ mal und das letzte Mal. Waſhingtons Auftreten auf dem Schauplatz der Erde. Seine letzte große Handlung. Unſere Sklaven. Abſchied. Seite 357 XI Einundvierzigſter Brief. Reiſe den St. Jamesfluß hinab. Die freie Negerin. Wilde junge Mädchen. Reiſe nach Har⸗ pers Ferry. Shenandoah und Potomac Einſame Wanderung. Gleiche Lvoſe, verſchiedenes Glück. Der Irländer. Rückreiſe nach Philadelphia. Man⸗ gelnde Humanität. Mary Townſend. Die Zei⸗ chenakademie für Mädchen. Mediciniſches Colle⸗ gium für Frauenzimmer. Der ärztliche Beruf der Weiber. Ein Quäckerbegräbniß. Ein junges Mädchen. Wieder in Roſenhütte. Veränderungen allda. Zweiundvierzigſter Brief. Nahant. Reiſe nach Boſton; nach Concord. Letztes Zuſammentreffen mit Waldo Emerſon. Ein Glas Waſſer. Das Seminar für Lehrerinnen in Weſt⸗Newton. Zeichenſchule in Boſton. Eine Hellſeherin. Convente für Weiberrechte. Gedanken, die dabei ausgeſprochen worden. Das Landhaus der neuen Welt. Der Geſchichtſchreiber Prescott. Abreiſe nach Salem. Abendgeſellſchaft. Hiſtoriſche Proceſſion. Volksfeſte. Abreiſe nach den weißen Bergen. Beſuche im Schäkerſtaat in Canterbury. Die barmherzigen Schweſtern. Schönes Kinder⸗ ſpiel. Totaleindruck der Schäkerſecte. Abreiſe über den Binnenſee Winnepaſſiogee. Ausſicht von den weißen Bergen. Die Mammuthparthie. Mor⸗ gengruß. Tagreiſe in den Gebirgsgegenden. Die Macht der Rieſen. Morgenwanderung. Anſicht im Gebirge. Tragiſche Ereigniſſe. Verſchiedene Art die Natur zu genießen. Champlainſee Schöne Ausſicht. Luſtparthie. Eindruck von Perſonen. Eine Epiſode. Der ſchlafende Löwe. Ahornzucker. Abendgeſellſchaft. Guter Geſellſchaftsgeiſt. Sara⸗ toga. Der Abend im Brunnenſaal. Coſtüme. Seite 404 XII Seite Der große Ball. Die vornehmſte Schönheit auf demſelben. Schöne Toiletten. Die kleinen alten Mädchen. Verſchiedene Geſellſchafter und Frager. Aeußerung eines Engländers über die Americaner. New⸗York. Reiſe von Saratoga nach Lennox. Romantiſche Gegend. Geſellſchaftsleben. Miß Sedgewick. Frauenzimmer in den öſtlichen Staa⸗ ten. Alte Klagen in der neuen Welt. Nathanael Hawthornes Wohnung. Junge Mädchen. Beſuch bei dem Schäkerſtaat in Neulibanon. Letzte Eiſen⸗ bahnfahrt. Americaniſche Eiſenbahnen. Abſchied von Osgoods. Wanderungen in New⸗York. Fife Points. Die Gräber Gefangenwärter. Ge⸗ fangene. Unordnung im Gefängniß. Miß Foſter. Die fünftägigen Gefangenen. Der Knabe. Die ſchwarze Marie. Beſuch auf der Randallsinſel. Kinderhäuſer. Mangelnde mütterliche Pflege. Ab⸗ reiſe nach dem Phalanſtöre. Feſtlicher Empfang. Die große Freude. Das Mittagsmahl. Die Aufwärtergruppe. Früchte. Zuſammenkunft zur Berathung über die Stellung des Weibes. Erin⸗ nerung an E. G. Geijer. Channings Rede. Von den Conventen für Weiberrechte. Ihre gute Seite; ihre Gefahr. Gedanken über die Entwicklung des Weibes. Vergnügungen im Phalanſtore. Chan⸗ nings Vortrag. Ausſicht vom Zuckerhügel. Be⸗ trachtungen über den Phalanſtöreſtaat. Aſſocia⸗ tionsprincip in den Vereinigten Staaten Ein Medium. Das Phänomen der Hellſeherei. Wie⸗ der in New⸗York. Militärparaden. Die Offiziere von Weſtpoint. Ein Abend bei dem Quäcker Iſak Hopper. Tage am Hudſon. Traurige Gedanken. Zuſammentreffen mit Mr. Downing. Seine Ent⸗ wicklung. Artikel über den Park New⸗Yorks. Downing und Springs. Hitze, Niedergeſchlagen⸗ heit. Der Mond. Aeußerungen meines Freun⸗ XIII des D. Miß Coopers Buch. Roſenhütte. Letzte Worte und Geſchenke Downings. Abſchied. Sehn⸗ ſucht nach Briefen. Hoffnungen. Auf dem Meer. Der letzte Morgen in America. Letzter Abſchied an Bord des Atlantic. Letztes Bild von America Nachwort vom Jahr 33. Rückkehr in die Heimath. Ein Grab. Brief an Profeſſor Martenſen. Rückblick auf das Staats⸗ leben der Vereinigten Staaten. Dreiundvierzigſter Brief. An Profeſfor H. Martenſen. Erinnerungen an frühere glückliche Stunden. Abſicht mit der Reiſe nach der neuen Welt. Der neue Menſch. Die Maiblume und ihre Pilger⸗ colonie. Was ſie will. Der erſte Bund. Das Document. Das Bewußtſein des neuen Menſchen. Seine Entwicklung im Staatsleben. Die Reli⸗ gion und die Moral. Der Schwerpunkt der neuen Weltbildung. Der große Menſch. Das kirchliche Leben. Americas Secten. Die Mormonen. Sec⸗ tenſtifter. Ihr Beruf. Innere Nothwendigkeit. Höchſter menſchlicher Standpunct. Entwicklung des religiöſen Bewußtſeins. Freiheitsprinzip. Gefahr und Stärke des Menſchen. Wahrheit des Gewiſſens. Einzige gute QOuelle. Was die Secten wirken. Menge der Kirchen; kirchliche Disciplin. Stellung und Anſehen des Prieſters. Religiöſes Denken. Swedenborgs Ausſpruch. Vereinigung der Secten. Mangel an tieferer Einſicht und Kritik in der Kirche. Revivals. Amerikaniſche Tractät⸗ chengeſellſchaft. Arbeit, um die Nachtſeite des Ge⸗ ſellſchaftslebens aufzuheben. Schattenſeite in den Vereinigten Staaten. Die alte Schlange. Geſtei⸗ Seite 424 512 XIV Seite gertes Leben. Metamorphoſe. Vollendung aller Dinge. Das tauſendjährige Reich. Der Tag des Gerichts. Warnungsruf an die Bevölkerung Ame⸗ ricas. Steigendes Leben, Bedingung ſeiner Voll⸗ endung. Zukunftsbild. Mein Glaubensbekenntniß über das Leben der neuen Welt.. 5 Anhang. Abſicht, einige Erzählungen über Sklaverei⸗ ſcenen mitzutheilen. Ihre Wichtigkeit. Qnkel Toms Hütte. Gleiche Anſichten mit Mrs. Stowe über das Sklavereiinſtitut. Abweichende Anſicht ſiber die Mittel und den Gang der Emancipation. Weiſer Beginn der ſüdlichen Staaten. Mögliches Fortfahren. Die Beurtheilung der Sache ſteht der Bevölkerung des Südens zu. Hoffnungen auf dieſelbe. Der edlere Süden. Seine künftige Arbeit und Ehre 1 i 3531 liebe Mor hohe Nor Erd tag ſtehe glän es d —— dieſe des herr und zum Heu Wet Bäu aus. habe Stü 531 —„ Zweiunddreißigſter Brief. New⸗Orleans(Loniſiana), den 1. Jan. 1851. Guten Morgen! Glückſeliges neues Jahr, meine liebe Schweſter, meine theure Freundin! Möge der Morgen dieſes neuen Jahres fröhlicher zu Dir herein⸗ hohe blicken, als er es bei mir thut, und möge der Norden Dir eine klare Sonne über der ſchneeweißen Erde geben! Ach! ein ſtiller, ſonnenheller Winter⸗ tag bei uns, wenn alle Bäume weißgepudert da⸗ ſtehen und Alles freundlich und freudig leuchtet und glänzt in der reinen Luftz wie leicht und belebend iſt es da zu athmen und dann, wie ich ſo manchmal um dieſe Jahrszeit that, auf den Waſſern und Feldern des Thiergartens herumwandeln zu können— das iſt herrlich! Aber hier in dem herrlichen Süden regnet und platſcht es unaufhörlich. Der ſchöne Tag, wo ich zum letzten Male ſchrieb, hatte keinen Nachfolger. Heute ſchneit es auch noch zu dem Regen und das Wetter iſt im höchſten Grade unangenehm. Die jungen Bäume auf dem Lafayette⸗Markt ſehen ganz betrübt aus. Das Laub hängt herab wie Lumpen. Aber ich habe es gut in meinem warmen, hellen, gemüthlichen Stübchen, und über meinem Kamin prangt ein großer Zweig, voll der allerſüßeſten— durch und durch ſüßen — kleinen Orangen, und daneben ſtehen zwei große Flaſchen von ächtem Louiſianer⸗Traubenſaft, Neu⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. MI. 1 2 jahrsgeſchenke von guten neuen Freunden, welche mir Sommer im Zimmer und im Herzen gegeben haben. Ich habe Sonne genug in dieſem neuen Jahr, ja ſogar ein wenig übrig, wenn Jemand davon haben wollte. Aber ich muß Dir jetzt ein wenig vom Buſh⸗ kitu erzählen. Buſfhkitu iſt ein Feſt, das von den Indianern am Miſſiſippi in dieſen ſüdlichen Gegenden jährlich gefeiert wurde, als die Europäer zum erſten Mal da eindrangen. Es ſcheint mir das merkwür⸗ digſte unter den Feſten der nordamerikaniſchen Indianer zu ſein und dürfte auch auf die Neujahrsfeier der weißen Race, welche jetzt die Erde der rothen einge⸗ nommen hat, Etwas von ſeiner geiſtigen Bedeutung übertragen haben. Die Buſhkitufeier fiel auf den Schluß des Jahrs und währte acht Tage. Jeder Tag hatte ſeine be⸗ ſondere Ceremonie. Aber die Hauptzüge bei allen Ceremonien waren Faſten, Reinigungen und Selbſt⸗ betrachtungen. Es heißt nämlich mitunter in den Er⸗ zählungen davon: An dieſem Tag(am 3., 5. und 7., wenn ich mich recht erinnere) ſitzen die Männer ſtill auf dem Markte. Die Reinigungen waren Waſchungen, bei welchen die Aſche eine Hauptrolle ſpielt, und das kommt mir merkwürdig vor, daß dieſe Aſche den Krie⸗ gern von jungen Mädchen gebracht werden mußte, die noch halbe Kinder waren. Auch die Speiſe, die ſie zwiſchen das Faſten hinein genießen durften, mußte ihnen von dieſen Kinderhänden gereicht werden. Die Männer(denn die Weiber werden nicht genannt) hatten auch nächtliche Tänze beim Scheine des Feners, wobei ſie ſich mit dem warmen Waſſer wuſchen, in welchem ſie gewiſſe Kräuter und Wurzeln kochten, die wohl⸗ thuende Kräfte in ſich ſchloſſen. Der Tanz der ſechs⸗ ten Nacht ſcheint am meiſten ſymboliſch und der be⸗ deutungsvollſte zu ſein. Am ſiebenten Tag ſitzen die Männer wieder ſchweigend auf dem Markte. Der achte mir ben. ſogar te. nſh⸗ tden nden erſten wür⸗ ianer r der inge⸗ utung Jahrs be⸗ allen elbſt⸗ 1 Er⸗ d7 ſtill nen, d das Krie⸗ e, die ie ſie mußte Die hatten wobei elchem wohl⸗ ſechs⸗ be⸗ n die achte 3 Tag war der letzte große Reinigungstag. Da gingen die Männer auf eine Anhöhe am Fluß, ſtürzten ſich köpflings hinab und tauchten zu wiederholten Malen tief unter. Sodann kamen ſie herauf und zogen ihre Alltagskleider, ihre gewöhnlichen Sitten und Beſchäf⸗ tigungen wieder vor. Aber das Merkwürdigſte iſt, daß nach dieſer Zeit Alles, was vor derſelben vor⸗ gefallen war, angeſehen werden ſollte, als wäre es nicht geſchehen. Alle Beleidigungen, alle größere und kleinere Mißhelligkeiten zwiſchen den Mitgliedern der Nation ſollten vergeſſen, der Menſch und das Leben ſollte als neugeboren betrachtet werden. Wer nach dieſer Zeit an etwas Unangenehmes erinnerte, das vor ihr eingetreten war, oder wer heimlichen Haß oder Unverſöhnlichkeit zeigte, mußte Buße bezahlen. Der Buſhkitu kam jedes Jahr wie ein Verſöhnungs⸗ und Erneuerungsfeſt. Wie herrlich, wenn in dieſem india⸗ niſchen Lethe auch alle bitteren Erinnerungen ertränkt werden könnten! Aber wer wird läugnen, daß Bnſh⸗ kitu mit ſeinem innern Willen und ſeiner äußern Arbeit eine gute Hülfe dazu ſein könnte? Uns civiliſirten Menſchen thäte es Noth, von den Wilden ihr Buſhkitu zu erben. In den Vereinigten Staaten, beſonders in ihren großen Städten, herrſcht eine Sitte, die ihren Ur⸗ ſprung möglicher Weiſe von dem Verſöhnungsfeſt der Indianer hat und in New⸗York und New⸗Orleans in ihrer Blüthe ſtehen ſoll. In dieſen Städten betrachtet man nämlich den Neujahrstag als eine Art von Ver⸗ ſöhnungs⸗ und Wiedergeburtstag. Die Neujahrsbeſuche ſind die Mittel dazu. Wenn im Verlauf des Jahrs irgend ein kleiner Groll zwiſchen zwei Menſchen oder zwei Familien entſtanden iſt, wenn ſie aufgehört ha⸗ ben, einander zu ſehen oder mit einander zu ſprechen, ſo iſt ein Beſuch am Neujahrstag genügend, um ohne weitere Erklärung Alles wieder gut zu machen. Man kommt dann auf beiden Seiten ſchweigend überein, alles Alte zu vergeſſen und das Leben wieder neu anzufangen. Die Frauenzimmer der haute volée gehen an die⸗ ſem Tag nicht aus, ſondern ſitzen in großer Gala in ihren mitten am Tage zierlich beleuchteten Salons, um die Herren zu empfangen, die nichts als Beſuche und Complimente zu machen haben. Ich habe mir ſogar ſagen laſſen, daß ſchon mancher junge Herr, der mit einer großen Anzahl von Bekanntſchaften geſegnet war, ſich an dieſem Tag durch unaufhörliches Herumfahren von Haus zu Haus und dadurch, daß er vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht manches Hundert Treppen auf⸗ und abſteigen mußte, eine Krankheit an den Hals geſprungen habe. Eine freundliche Familie von meinen neuen Freun⸗ den in New⸗Orleaus lud mich ein, dieſen Tag bei ihr zuzubringen, um das fröhliche Schauſpiel zu ſehen. Aber das würde mich ermüden, ohne mir gleichwohl das zu geben, was ich am Neujahrstag bedürfte. Wenn es hier ein ächtes indianiſches Buſhkitu gäbe, ſo möchte ich gerne dabei ſein, um zu vergeſſen zu ſuchen. Ich möchte dafür gerne in den Miſſiſippi hinabtauchen, wenn ich nur gewiß wäre, wieder heraufzukommen!... Die Tieſe der Gnade Gottes wird mein Buſhkitu ſein. Und jetzt, während das Wetter zankt und weint, wäh⸗ rend die galante Welt Beſuche und Complimente macht, während artige Cavaliere ſich in dem ſchönen Lächeln und den gasbeglänzten Salons eleganter Damen ſonnen, will ich in meiner guten Ruhe Dir von den Auftritten der letzten Tage, vom Sklavenmarkt und einer Sklavenauktion, der ich in New⸗Orleans beige⸗ wohnt habe, erzählen. Ich ſah nichts beſonders An⸗ ſtößiges daran, außer— das Ganze; und ich kann mich einer Art von Verwunderung darüber nicht er⸗ wehren, daß ſolche Dinge und Vorfälle in einer Ge⸗ ſellſck komn lichke abge die Scho beſch Ich Dokt ihner freur Aus in e aufg aber laſſet ermü Reih athle merk Stir freut Läch glän beſot weck dieſe zeng Miſt den wort ſtark Mul ihne erein, neu n die⸗ la in 8, um e und ſogar ermit war, fahren frühen undert eit an Freun⸗ ei eiher ſehen. hwohl Wenn möchte b uchen, ſein. wäh⸗ macht, ächeln Damen on den kt und beige⸗ rs An⸗ nn cht er⸗ er Ge⸗ 5 ſellſchaft möglich find, die ſich chriſtlich nenunt Es kommt mir manchmal vor, als könnte es keine Wirk⸗ lichkeit ſein, als wäre es ein Traum. Der Sklavenmarkt wird hier in mehreren Häuſern abgehalten. Man erräth den Weg dahin leicht durch die Gruppen farbiger Männer und Weiber(in allen Schattirungen zwiſchen Schwarz und Hellgelb), die beſchäftigungslos an den Thüren ſitzen oder ſtehen. Ich beſuchte unter Anführung meines freundlichen Doktors einige von dieſen Häuſern. In einem von ihnen war der Sklavenwächter(oder Eigenthümer) ein freundlicher, gutmüthiger Mann, der ſich des guten Ausſehens ſeiner Leute rühmte. Die Sklaven wurden in einen großen Saal gerufen und in zwei Reihen aufgeſtellt. Sie waren gut genährt und gut gekleidet, aber ich habe mir von Leuten hier in der Stadt ſagen laſſen, daß ſie ganz anders ausſehen, wenn ſie nach ermüdenden Tagmärſchen, zwei und zwei in langen Reihen zuſammengekettet, hier ankommen. Ich bemerkte unter den Männern einige wahrhaft athletiſche Geſtalten mit guten Geſichtern und auch merkwürdig guten, breite und gerade aufſteigenden Stirnen. Das geringſte freundliche Wörtchen, ein freundlicher Scherz rief auf ihre Geſichter ein ſonniges Lächeln voll Gutmüthigkeit, und die breiten Munde glänzten von perlweißen, ſchönen Zähnen. Ein Neger beſonders— ſein Preis war 2000 Dollars— er⸗ weckte mein ganzes Vertrauen, und ich ſagte laut, dieſer Junge(that poy) gefalle mir, und ich ſei über⸗ zengt, daß wir gute Freunde würden.„Ach, ja, Miſſis!“ fagte er mit einem herzlichen Lachen. Unter den Weibern, die im Verhältniß zu den Männern wortkarg waren— die erſteren waren 70— 80 Köpfe ſtark— befanden ſich einige ſehr hübſche, helle Mulattinnen. Ein Herr nahm eine der ſchönſten von ihnen am Kinn und öffnete ihr den Mund, um ihren Gaumen und ihre Zähne zu beſehen, wobei er nicht mehr Umſtände machte, als wenn man einem Schaf oder Pferd ins Maul ſieht. Wäre ich an ihrer Stelle geweſen, ich hätte ihn gewiß in den Daumen gebiſſen, ſo heftig erbitterte mich dieſes Benehmen, woran er jedoch offenbar ebenſo wenig Anſtößiges ſah, als ſie ſelbſt. Dieß iſt nun einmal Sitte und Brauch hier zu Land. Meine Fragen an dieſe armen Menſchen beſchränkten ſich hauptſächlich auf ihre Herkunft. Die Meiſten kamen von Miſſouri und Kentucky. Da ich beſtändig von dem Sklavenwächter begleitet wurde, ſo konnte ich keine biographiſchen Notizen verlangen und jedenfalls durfte ich mich auf die Wahrheit derjenigen, die ich hier hätte erhalten können, nicht verlaſſen. In einem andern dieſer Sklavenhäuſer ſah ich einen Mann, deſſen Ausſehen und Ausdruck ich nicht vergeſſen würde, und wenn ich noch hundert Jahre lebte. Er ſchien der Herr der Sklaven zu ſein, und mein Begleiter bat ihn für mich und ſich um Erlaub⸗ niß, ſeine Sklaven zu ſehen. Er willigte ein, aber mit einer Miene und einem Blick auf mich, als hätte er mich zerreiben wollen. Er war ein Mann von un⸗ gewöhnlicher Körpergröße und Schönheit. Seine Ge⸗ ſtalt war herkuliſch und der Kopf war ſeinen Zügen nach ein Jupiterskopf; aber die Majeſtät und Milde waren hier in eine Härte verwandelt, die wahrhaft ſchrecklich war. Ebenſo gut könnte man zu einem Fels von Recht und Menſchlichkeit reden, als zu dieſem Mann. An dem ſtarren Ausdruck der dunkelblauen Augen, an den feſt zuſammengepreßten Lippen erſah man, daß er ſeinen Fuß auf ſein eigenes Gewiſſen geſetzt, mit allem Zweifel und Zögern abgeſchloſſen und Himmel und Hölle Trotz geboten hatte. Er mußte durchaus Geld haben. Hätte er in ſeiner ſtarken Hand das ganze Menſchengeſchlecht erdrücken können, um es in Geld zu verwandeln, ſo würde er es mit Vergnügen gethan ein konn als mäc Wol ſucht Der an der, obſe der gehe oder Orl Anſ Ein Tot emp ich mit ſon Gu cret frer ſiſch mit Au Fre ſon hat nicht Schaf Stelle iſſen, n er s ſie hier ſchen Die a ich e, ſo und igen, ich nicht Fahre und laub⸗ aber hätte un⸗ üen Milde rhaft Fels tann. „ an ß er allem und Geld ganze Geld ethan 7 haben. Die ganze Welt galt ihm NRichts, außer als ein Mittel, um Geld zu bekommen. Die ganze Welt konnte in Schutthaufen zuſammenfallen, wenn nur er als ein reicher Mann, als der einzige reiche und mächtige Mann in der Welt darauf ſitzen durfte. Wollte ich ein Bild der vollendeten, verhärteten Selbſt⸗ ſucht malen, ſo würde ich dieſen ſchönen Kopf malen. Der vollkommen dunkle Ausdruck darin, der Mangel an Licht, Leben und Frendigkeit war um ſo auffallen⸗ der, als die Geſichtsfarbe hell war, und die Wangen, obſchon etwas eingefallen, ſchöne Roſen hatten. Der Mann ſchien ungefähr fünfzig Jahre zu zählen. Nachdem ich drei Sklavenhäuſer und auch eines der Zimmer geſehen hatte, wo die Sklaven über Nacht gehalten werden, und wo es weder Betten, noch Stühle oder Tiſche gab, ging ich in das Spital von New⸗ Orleans. Es ſchien mir eine große, gut gehaltene Anſtalt zu ſein. Es waren einige Cholerakranke da. Ein junger Mann und ein junges Mädchen lagen am Tode. Ich legte meine Hand an ihre Stirnen. Sie empfanden es nicht. Sie waren bereits in den letzten Schlaf verſunken. Am Mittag dieſes Tags, am 30. Dezember, war ich bei meinem Landsmann, Herrn Schmidt, der mich mit einem ächten New⸗Orleaner Mittageſſen und be⸗ ſonders mit einer Lieblingsſuppe in Louiſiana, genannt Gumbo, einer ſagoartigen Grütze traktiren wollte. Herr Schmidt iſt ein lebhafter kleiner Mann, mit creoliſcher Grazie in ſeinem Weſen, ſehr redſelig und freundlich. Er iſt(in zweiter Ehe) mit einer franzö⸗ ſiſchen Creolin von New⸗Orleans verheirathet und hat mit ihr mehrere allerliebſte kleine Jungen, mit dunkeln Augen und dunkeln Locken, wie kleine Franzoſen. Die Frau war auch ſchön, eine gemüthliche, einfache Per⸗ ſon, die noch niemals eine Schriftſtellerin geſehen hatte und ſich einigermaßen darüber zu verwundern ſchien, daß dieſe wie ein anderes Menſchenkind war und wie ein ſolches ſprach. Sie ſchien zu glauben, eine Perſon, die Bücher ſchreibe, müſſe auch ſprechen wie ein Buch. Das New⸗Orleaner Mittageſſen war ausgeſucht gut und Gumbo iſt die Krone aller ſchmackhaften deli⸗ katen Suppen in der Welt, ein wahres Lebenselixir von der gehaltvolleren Sorte. Wer Gumbo gegeſſen hat, kann auf die ächteſte Schildkrötenſuppe vornehm herabſchauen. Nach dem Mittageſſen plauderten meine Wirthin, ihre Schweſter und ich ganz gemüthlich am Kaminfeuer. Es machte mir Freude, mich mit der ungekünſtelten, freundlichen Dame zu unterhalten, ſie franzöſiſch ſprechen zu hören und auch in dieſer Sprache mit ihr reden zu dürfen. Dieß iſt für Zunge und Ohr eine reine Erquickung nach der unmelodiſchen und mühſeligen engliſchen Sprache. Abends trank ich Thee bei einer Familie Callen⸗ dar, die in Louiſiana eine Plantage beſitzt. Tiefer Kummer über den Verluſt zweier hoffnungsvollen Kin⸗ der ſcheint den Vater niedergedrückt und das Herz der Mutter beinahe zermalmt zu haben. Eine Tochter iſt noch übrig, Julia. Holdes, junges Mädchen! Bei des Mondſcheines Tanz auf den Wellen, beim Duft der Veilchen und beim Anblick milder Vergißmeinnicht, bei Allem, was lieblich und lebensvoll, unſchuldig und lebenswarm iſt, aber dennoch ausſieht, als ſollte es nicht lange auf Erden verweilen, will ich an dich den⸗ ken, Julia C., und mich ſehnen, dich wieder an meinen Buſen zu drücken, du blaſſes, holdes, ſtrahlendes Kind des Südens, und will dich auf Erden zurück⸗ halten, damit nicht deiner Mutter Herz breche und damit dein Vater und dein Haus noch eine Freude habe. Am 31. Dezember ging ich(fortwährend in Regen und rauhem Wetter) Arm in Arm mit meinem ehr⸗ liche auct nun Auc The für dere geſö Har woh lich Erd war in ſchn Au ſchn lun ſchn der Reg zu pol von gut ſtie ein blü Er noc hin ma war ben, chen ſucht deli⸗ lixir eſſen lehm neine am der ſie rache und und len⸗ iefer Kin⸗ 9 lichen Freund, dem Doktor, aus, um einer Sklaven⸗ auction anzuwohnen, die nicht weit von meiner Woh⸗ nung vor ſich ging. Sie wurde an einem der kleineren Auctionsplätze vorgenommen, die ſich in verſchiedenen Theilen von New⸗Orleans vorfinden. Der Hauptplatz für die Sklavenauction iſt eine herrliche Rotunde, deren prächtiges Gewölbe würdig wäre, von Freiheits⸗ geſängen wiederzuhallen. Ich war da einmal mit Mr. Harriſon, um einer größeren Sklavenauction anzu⸗ wohnen, aber wir kamen zu ſpät. Doktor D. und ich gingen in einen großen, ziem⸗ lich unfreundlichen und ſchmutzigen Saal zu ebener Erde in einem Haus, wo eine Menge Volks verſammelt war. Etliche und zwanzig herrenartige Männer ſtanden in einem Halbkreis um einen hohen Schemel von ſchmutzigem Holz, der für den Augenblick leer war. Auf der Seite der Mauer entlang ſtanden einige ſchwarze Männer ſtill und ernſt. Die ganze Verſamm⸗ lung war ſchweigſam, und es ſchien mir, als ob eine ſchwere graue Wolke über ihr ruhte. Durch die nach der Straße zu geöffnete Thüre hörte man den fallenden Regen. Die Herren warfen mir ſchiefe, finſtere Blicke zu und hätten mich wahrſcheinlich gerne an den Nord⸗ pol geſchickt. Ein paar Herren kamen haſtig herein. Der eine von ihnen, ein großer, feiſter Mann von heiterem und gutmüthigem Ausſehen, offenbar ein Bonvivant, be⸗ ſtieg den Auctionsſchemel. Er war, ſagte man mir, ein Engländer, und dieß hätte ich von ſelbſt aus ſeiner blühenden, nicht amerikaniſchen Geſichtsfarbe geſchloſſen. Er kam offenbar von einem guten Frühſtück und ſchien noch munter daran zu arbeiten, den letzten Biſſen hinabzuſchlucken. Er nahm den Auctionsſtab in⸗ſeine Hand und redete die Verſammlung ungefähr folgender⸗ maßen an: „Die Sklaven, die jetzt um jeden Preis verkauft 10 werden ſollen, ſind einige wenige Hausſklaven, die Alle einem einzigen Herrn gehören. Er hat ſich für einen ſeiner Freunde verbürgt, und da dieſer ſeine Ceſſion machte, ſo iſt er jetzt, um ſeine Verbindlichkeit zu honoriren, genöthigt, ſeine treuen Diener wegzu⸗ geben. Dieſe Sklaven werden alſo nicht in Folge eines Fehlers, den ſie begangen hätten, oder aus irgend einer Mangelhaftigkeit von ihrer Seite verkauft. Sie ſind treue und vortreffliche Diener, und nur eine harte Nothwendigkeit hat ihren Herrn beſtimmen können, ſich von ihnen zu trennen. Sie ſind den höchſten Preis werth, und wer ſie kauft, kann über⸗ zeugt ſein, daß er damit die Wohlfahrt in ſeinem Hauſe vermehrt.“ Hierauf bedeutete er einem ſchwarzen Weib vor⸗ zutreten und reichte ihr die Hand, um auf den Schemel zu ſteigen, wo ſie dann neben ihm ſtand. Sie war eine große, gut gewachſene Mulattin, mit ſchönem, aber melancholiſchem Geſicht und ausgezeichnet beſchei⸗ dener, edler Haltung; ſie trug in ihren Armen ein zartes ſchlafendes Kind, auf welches ſie während des ganzen Auctionsverfahrens unverwandt mit geſenktem Haupte herabblickte. Sie war in ein graues, bis an den Hals hinaufreichendes Kleid gehüllt und hatte ein blaßgelbes, braungeſtreiftes Tüchlein um ihren Kopf gebunden. Der Auctionator begann jetzt vor der Ver⸗ ſammlung alle guten Eigenſchaften dieſes Weibs, ſowie ihre Künſte und Fertigkeiten hervorzuheben. Er pries ihren Charakter, ihren geſunden Sinn, ihre Ordnung, Treue, ihre ungewöhnliche Fähigkeit einer Haushaltung vorzuſtehen, ihre Frömmigkeit, ihre Talente, und be⸗ merkte, daß das Kind, das ſie an ihrer Bruſt trage und das zugleich mit ihr verkauft werden ſolle, eben⸗ falls ihren Werth noch erhöhe. Darauf rief er mit lauter Stimme: „Jetzt, Gentlemen, wie viel für dieſes wahrhaft aus vor fine Her kur une n, die ich für r ſeine lichkeit wegzu⸗ Folge er aus rkauft. ur eine timmen nd den tüber⸗ ſeinem ib vor⸗ Schemel ie war hönem, beſchei⸗ en ein nd des ſenktem bis an tte ein Kopf Ver⸗ ſowie r pries dnung, atn nd be⸗ t trage eben⸗ er mit ahrhaft ausgezeichnete Weib(this véry superior woman), dieſe vortreffliche u. ſ. w. u. ſ. w. und ihr Kind?“ Dabei dentete er mit ausgeſtrecktem Arm und Zeige⸗ finger auf einen um den andern von den umſtehenden Herrn, die ſeinen Aufruf zuweilen mit einem ſtummen, kurzen Kopfnicken beantworteten. Zugleich fuhr er unaufhörlich alſo fort: „Bieten Sie mir 500 Dollars, Gentlemen? Man hat mir 500 Dollars für dieſes vortreffliche Weib mit ihrem Kind geboten. Daran iſt nicht zu denken. Sie iſt mit dem Kind doppelt ſo viel werth.“„550! 600! 650! 660! 670!““„Mein beſter Herr, warum nicht ſogleich 700 Dollars ſagen für dieſes ungewöhnliche, ausgezeichnete Weib mit ihrem Kind! 700 Dollars ſind ein Spottpreis. Sie würde nie um dieſen Preis ver⸗ kauft werden, wenn nicht ihr Herr das Unglück gehabt hätte u. ſ. w. u. ſ. w.“ Der Auctionsſtab fiel ſchwer herab. Das Weib war nebſt ihrem Kind um 700 Dollars an eine der finſteren, ſtummen Geſtalten vor ihr verkauft. Was er war, ob er gut war oder böſe, ob er ſie in eine er⸗ trägliche oder in eine unerträgliche Selaverei führen würde, das wußte die verkaufte Frau und Mutter ſo wenig als ich, und ebenſowenig wußte ſie, in welchen Theik der Welt er ſie führen würde. Und der Vater ihres Kindes— wo war er? Die Augen unabläſſig auf das ſchlafende Kind geheftet, mit niedergeſchlagener, aber ergebungsvoller Miene ſtieg die ſchöne Mulattin vom Auctionsſchemel herab, um ſich an der entgegengeſetzten Seite der Wand aufzuſtellen. Nach ihr ſchritt ein junges, ſehr dunkles Negermädchen mit einem hübſchen gelben Tuch, das zierlich um ihren Kopf gebunden war, ſo daß die Zipfel wie zwei Flügel auf beiden Seiten hinausſtan⸗ den, den Schemel hinan. Sie war außerordentlich 12 nett und behend, und ihre Augen ſpielten muthig und neugierig über die Verſammlung umher. Der Auctionator pries auch ihre Verdienſte und rief dann:„Wie viel für dieſes ganz hübſche junge Mäd⸗ chen(this very likely young girl)?“ Sie war' bald verkauft, wenn ich mich recht er⸗ innere, für 350 Dollars. Nach ihr beſtieg ein junger Mann den Schemel. Er war Mulatte und hatte ein ausgezeichnet gutmü⸗ thiges Geſicht, das Milde und Zartgefühl ausdrückte. Er war im Hauſe ſeines früheren Herrn Bedienter ge⸗ weſen, war von ihm erzogen worden, hatte in großer Gunſt bei ihm geſtanden und verdiente es auch, ein ganz vortrefflicher junger Mann(a most excellent voung man). Er wurde für 500 oder 600 Dollars verkauft. Zunächſt kam ein älteres Weib, ebenfalls mit einem jener gutherzigen, gemüthlichen Geſichter, die man ſo oft bei der ſchwarzen Bevölkerung findet, und mit einem Weſen, das deutlich bewies, daß auch ſie im Dienſte eines guten Herrn geſtanden, daß ſie an milde Behandlung gewöhnt und unter derſelben mild und glücklich geweſen war. Alle dieſe Sklaven, mit Aus⸗ nahme des jungen Mädchens, das mehr muthwillig als gut ausſah, trugen das Gepräge der Thatſache, daß ſie in einem liebevollen Familienleben gelebt hatten. Und jetzt, was ſollte hernach ihr Schickſal werden? Wie bitter mußten ſie nicht, wenn ſie in böſe Hände geriethen, den Unterſchied zwiſchen einſt und jetzt em⸗ pfinden, wie ſchrecklich mußte ihnen nicht ihr Schickſal erſcheinen? Die Mutter insbeſondere, deren ganze Seele auf ihr Kind concentrirt iſt, und die vielleicht bald dieſes Kind von ihrer Bruſt hinweg in weite Ferne verkauft ſieht, wie mochte es ihr zu Muth ſein? Keine Predigt, keine Antiſtlavereirede könnte ſo krä Sk gel ſter tig und rief täd⸗ e⸗ mel. mü⸗ ckte. ge⸗ oßer ein lent mit die und im ide und lus⸗ als ſie en inde em⸗ kſal eele bald erne ſo 13 kräftig gegen das Sklavereiinſtitut ſprechen, wie dieſe Sklavenauction. Der Herr war gut, die Diener ebenfalls gut, er⸗ geben und treu; und dennoch wurden ſie an den näch⸗ ſten beſten Liebhaber verkauft, verkauft wie unvernünſ⸗ tige Thiere. Am Abend. Der Reujahrstag iſt zu Ende. Auch ich habe an demſelben Beſuche von artigen Herrn gehabt, die mir bis jetzt fremd waren. Unter ihnen erinnere ich mich mit beſonderem Vergnügen an zwei Brüder Namens Duncan, Bankiers in der Stadt, ernſte und herzliche Männer, die ſich durch ihre brüderliche Liebe und ihre patriotiſche Geſinnung gleich ſehr auszeichnen ſollen. Mein Landsmann, Herr Ch. Schmidt, hat heute Abend bei mir geſeſſen und mit mir geplaudert. Er hat lange in New⸗Orleans gelebt, und kennt eine ganze Menge von Verhältniſſen, er iſt offen und mittheilſam, ſo daß ich viel Gutes von ſeiner Geſellſchaft habe. Mein Leben hier im Hauſe iſt das angenehmſte, das ich nur wünſchen kann. Das garſtige Wetter hat mir wahren Genuß gebracht, weil es mir Zeit gab ein wenig zu leſen und zu zeichnen. Letzteres iſt eine nothwendige Ruhe und Erguickung für mich. Ich habe die Portraits einiger Freunde gezeichnet und meine kleine Aufwärterin hier gemalt, eine hübſche dunkle Mulattin mit ſchönen Augen und einem zierlichen gel⸗ ben Tüchlein um die Stirne ſo gebunden, wie es bei den Negerinnen Louiſianas der Brauch iſt. Sie iſt bisher vergleichungsweiſe eine glückliche Sklavin ge⸗ weſen. Waren Deine Eigenthümer gut gegen Dich?“ fragte ich ſie. 14 „Sie haben mir nie ein böſes Wort geſagt, Miſ⸗ ſis,“ antwortete das Mädchen. — Sonntag den 5. Januar. In Eile und Kürze einige Worte von gar man⸗ chen Dingen, die ich in dieſen letzten Tagen erlebt habe, beſonders zeſtern und heute. Geſtern Vormittag beſuchte ich die Gefängniſſe der Stadt in Begleitung der Vorſteher und einiger ausge⸗ zeichneten Richter, die ſehr angenehme Herrn waren. Die äußere Haltung der Gefängniſſe ſchien mir gut. Ordnung und Sauberkeit herrſchten vor, wie überall, wo die anglo⸗amerikaniſche Race Geſetze ſtiftet. Von der innern Ordnung habe ich mir folgende Züge gemerkt. Ich hatte einige Stuben beſucht, wo Frauenzim⸗ mer, die grober Verbrechen angeſchuldigt waren, bis auf Bekenntniß ſaßen. Ihre Kleidung zeugte von Um⸗ ſtänden, die weit über der Armuth waren, aber ihr Aus⸗ ſehen von der Herrſchaft gewaltſamer und unedler Lei⸗ denſchaften. Unter ihnen bemerkte ich beſonders eine Frau, die eines aus Eiferſucht begangenen Mordes an ihrem Mann verdächtig war, und ein ſehr freches übermüthi⸗ ges Weſen hatte. All dieſe Damen betheuerten ihre Unſchuld und klagten über Ungerechtigkeit. Sie hatten jede für ſich ein Stübchen, durften aber gemeinſchaft⸗ lich eine Piazza benützen, welche an der Mauer ent⸗ lang in den Hof führte. Auf dieſer Piazza ſaßen in einer Gruppe einige Negerweiber, die ſich an der her⸗ vorſtechenden Sonne wärmten. Sie ſahen ſo gut und friedfertig aus, beſonders hatten ein paar junge Mäd⸗ chen ein ſo deutliches Gepräge von Unſchuld und Gut⸗ herzigkeit, daß ich mit einiger Verwunderung fragte: „Warum ſind dieſe hier? Was haben ſie Böſes gethan?“ Sie haben nichts Böſes gethan,“ antwortete man 7 an⸗ lebt der sge⸗ ren. gut. rall, Von erkt. zim⸗ bis Um⸗ Aus⸗ Lei⸗ Frau, hrem üthi⸗ ihre atten chaft⸗ ent⸗ en in her⸗ tnd Mäd⸗ Gut⸗ gte: Böſes teman 15 mir.„Ihr Herr hat für einen Mann, der Bankrott machte, Bürgſchaft eingegangen, und damit die Bürgen nicht ſeine Dienſtboten wegnehmen und in die Auction ſchicken, hält man ſie ſo lange eingeſperrt, bis er Ge⸗ legenheit bekommt ſie wieder zu ſich zu nehmen.“ „Sie ſehen,“ fügte einer der Richter hinzu,„daß man die Leute zu ihrem Schutze, um ihres Beſten willen hier eingeſperrt hat.“ „Wie lange können ſie da ſitzen müſſen?“ fragte ich, indem ich an den abſonderlichen Vortheil dachte, den ſie von dem täglichen Umgang mit den„unſchul⸗ digen,“ der gröbſten Verbrechen angeklagten weißen Damen haben mußten. „O höchſtens zwei bis drei Wochen, eine ganz kurze Zeit,“ antwortete der Richter. Eines der jungen Negermädchen lächelte halb weh⸗ müthig, halb ironiſch.„Zwei Wochen 1“ ſagte ſie; „wir ſitzen bereits zwei Jahre da.“ Ich ſah den Richter an. Er ſchien etwas ver⸗ blüfft zu ſein.„O,“ ſagte er,„dieß iſt ein beſon⸗ derer, ein ſehr ungewöhnlicher Fall. Es iſt ein Aus⸗ nahmsverhältniß. etwas höchſt Seltenes.“ Und er eilte mich wegzuführen. Wieder und immer wieder dieſe Ungerechtigkeit gegen Menſchen, deren ganze Schuld in einer dunkel⸗ gefärbten Haut beſteht. Gleich nach dem Mittageſſen beſuchte ich das ka⸗ tholiſche Waiſenhaus für zweihundert kleine Mädchen, die von fünfzehn barmherzigen Schweſtern verpflegt werden— eine ſchöne und gut gehaltene Anſtalt. Kaum nach Hauſe gekommen, wurde ich in die fran⸗ zöſiſche Oper abgeholt. Man gab„Jeruſalem“ von Verdi und zwar recht gut. Die Primadonna, Ma⸗ dame D., ſteht bei dem Publikum in hoher Gunſt und verdient dieß durch ihre ſchöne Geſtalt, durch das Edle in ihrem Weſen und ihren ausgezeichnet muſikaliſchen 16 Geſang, obſchon ihre Stimme nicht ſtark iſt. Ihre Hände und Arme waren von ſeltener Schönheit, und die Bewegungen derſelben ſtanden in anmuthsvoller Harmonie mit dem Geſang. Die für mich intereſſanteſte Scene war inzwiſchen nicht auf der Bühne, ſondern im Theaterſaal, wo die Damen von New⸗Orleans in Logen und im Amphi⸗ theater ſaßen, wie ein Blumenbeet von weiſen Roſen. Sie trugen ſämmtlich weiße Florkleider mit bloßen Hälſen und Armen(zuweilen ſehr bloß)z auf dem Kopf hatten ſie nichts, ſondern nur theilweiſe Blumen in den Haaren. Alle waren ſehr blaß, aber ohne eine kränk⸗ liche Bläſſe; viele der jungen Damen waren ſehr hübſch, mit feinen Zügen und kindlich runden Geſich⸗ tern. An Schönheit mangelte es, wie überall in der Welt. Die weiße Schminke, deren ſich die Frauen⸗ zimmer hier allgemein bedienen, gibt ihrer Haut viel Weichheit, iſt aber oft gar zu ſichtbar. Ich habe nichts dagegen, wenn man ſich im Geſellſchaftsleben ſo ſchön als möglich zu machen ſucht; aber man muß dieß auf eine feine Art und recht thun, ſonſt ſieht es grob aus und macht einen unbehaglichen Eindruck. Ich ſaß in einer Loge auf dem Amphitheater, das in Logen eingetheilt iſt, und war von einem Freund des Mr. Harriſon, einem angenehmen und mufikaliſchen Manne, Mr. Day, eingeladen. Ich hatte von Mr. Harriſon eine ſchöne weiße Camelie erhalten, die ich in das ſchöne dunkelbraune Haar der Mrs. Geddes ſteckte, und jetzt hatte ich das Vergnügen, dieſe Blu⸗ me auf ihrem edelſchönen Kopf in einer Loge der er⸗ ſten Reihe glänzen zu ſehen. Ich hatte übrigens Kopf⸗ weh von der Hitze und den Strapatzen des Tages, aber es lag mir ſo viel daran am Morgen wieder wohl zu ſein, weil ich da mit Mr. Harriſon den fran⸗ zöſiſchen Markt beſuchen ſollte, daß es mir durch ſtar⸗ ken Willen und ſtarken Kaffee auch gelang und ich heute nach Flor den von ſtalti ſten Man verſe Völk ßere Auge Deut Nege ſchwe Lebh und mir und ich ſ mit werk Din Uebe mir unm wen Obſt ten trop bis käuf gute B ——— 17 heute früh um ſechs Uhr ſchon mit meinem Cavalier nach dem franzöſiſchen Theil der Stadt wandelte. Der franzöſiſche Markt ſteht in ſeinem höchſten Flor am Sonntagmorgen, und auch dieß bezeichnet den Unterſchied des franzöſiſchen Nationalcharakters von dem anglonormänniſchen, der eine ſolche Veran⸗ ſtaltung als eine Sabbathsentweihung anſehen würde. Der franzöſiſche Markt bietet eine der lebensvoll⸗ ſten und pittoreskeſten Scenen von New⸗-Orleans dar. Man findet ſich da auf einen großen Pariſer Markt verſetzt, nur mit dem Unterſchied, daß man hier mehr Völkerſtämme ſieht, mehr Sprachen hört und eine grö⸗ ßere Menge von Produkten verſchiedener Zonen vor Augen bekommt. Hier ſind Engländer, Irländer, Deutſche, Franzoſen, Spanier, Mexicaner, hier ſind Neger und Indianer. Die meiſten der Verkäufer ſind ſchwarze Creolen(oder Eingeborne), haben franzöſiſche Lebhaftigkeit und Munterkeit, ſprechen gut franzöſiſch und„bon jour, Madame! bon jour, Madame!“ klang mir aus manchem Mund mit dem heiterſten Lächeln und den ſchönſten weißen Zähnen entgegen, während ich ſo umherwandelte zwiſchen den überfüllten Ständen mit Vögeln, Früchten und Blumen, Brod und Back⸗ werken, Grütze und Gemüſen und unzähligen guten Dingen, Alles zierlich geordnet und von einem ſolchen Ueberfluß an Producten der Erde zeugend, daß ſich mir unwillkürlich das Gefühl aufdrang, es wäre rein unmöglich, daß irgend Jemand auf Erden Noth litte, wenn nur Alles vernünftig eingerichtet wäre. Die Obſtbuden waren ein wahrer Prachtanblick; ſie prang⸗ ten von hübſchen Früchten aller Zonen, worunter viele tropiſche mir gänzlich neu waren. Ungefähr zwei⸗ bis dreitanſend Perſonen, theils Käufer, theils Ver⸗ käufer, waren hier in Bewegung, und zwar in ſo guter Ordnung, in einem ſo ſonnigen und freundlichen Bremer, die Heimath in der neuen Welt. UI. 2 18 Leben, daß man nicht umhin konnte, ſich herzlich darau zu erfreuen. Man frühſtückte, ſchwatzte und lachte, ganz wie auf dem Markt in Paris, man lärmte und ſcherzte; beſonders die Schwarzen, die Kinder des Wendekreiſes, ſtrahlten von munterem Leben. Das Ganze war eine ächt ſonnige Scene des Südens, voll von Sonnenſchein, Heiterkeit und guter Laune. Auf den äußerſten Enden des Marktplatzes befanden ſich die Indianer. Kleine Indianermädchen ſaßen da in ihre Filze eingehüllt, mit ernſten, ſteifen Geſichtern, die niedergeſchlagenen Augen auf Tücher geheftet, die vor ihnen ausgebreitet lagen, und auf denen ſie einige wilde Wurzeln und Pflanzen hatten, die ſie zum Ver⸗ kauf hieher gebracht. Hinter ihnen und außen vor dem Marktplatz ſcho⸗ ßen indianiſche Knaben mit Bogen und Pfeilen in die Luft, um weiße junge Herrn zum Ankauf ihrer Spiel⸗ waffen zu verlocken. Die rothen Knaben waren mit glänzenden Bändern um die Stirne und mit Federn geſchmückt, und zeigten auch hier einen ſtarken Contraſt gegen die bleichen, ſcheuen, ungeſchmückten Mädchen. Dieſe Indianer gehörten den Stämmen Choctaw und Chickaſaw an, wovon ſich im weſtlichen Louiſiana und in Alabama noch mehrere Familien vorfinden. In der ſteigenden Sonne(denn die Sonne war auch dabei auf dem Marktfeſt) und den Saft lieblicher Orangen trinkend verließen Harriſon und ich die hei⸗ tere Scene und gingen nach Hauſe, dem Hafen ent⸗ lang, wo ungeheure Zuckerfäſſer aufgeſchichtet lagen. Später am Tag war ich in der Kirche. Der Geiſt⸗ liche, den man für ein Genie ausgab, predigte Men⸗ ſchenliebe auf heidniſche Weiſe, indem er den Aus⸗ ſpruch eines berühmten Römers anführte: „Wenn ein Menſch ſich nicht mehr um ſeinen Nebenmenſchen annimmt, als um ſein Vieh und ſeine — — 6 n ſt d d 19 Sklaven, ſo verdient er den Namen eines guten Men⸗ ſchen nicht.“ Dieß ſei Dir genug von der Predigt und dem Prediger, der übrigens nicht ohne Talent war, beſon⸗ ders in der Ausführung, nur daß er allzu ſtark agirte. Nachmittags führte mich Mr. Geddes auf die franzöſiſchen Kirchhöfe. Dieß war eine wahre Todten⸗ ſtadt, ganze Straßen und Märkte von ſteinernen Ka⸗ pellen und Grüften, die alle über der Erde ſtanden (um der Feuchtigkeit und des Waſſers willen, denn der Boden iſt hier überall ſehr ſumpfig), und dazwiſchen hinein kein Baum, kein Grasplan, nichts Grünes (außer an einigen einſamen Gräbern), keine Blumen, Nichts was von Leben, Erinnerung und Liebe zeugt. Alles war todt, Alles verſteinert, Alles öde. Es wa⸗ ren auch keine Spaziergänge da. Wo ich ging, ging ich zwiſchen gemauerten Gräbern und Kapellen; wohin mein Auge blickte, begegnete es Grabhäuſern und nack⸗ ten Mauern, die über ſich oder im Hintergrund nichts Anderes hatten als den klaren blauen Himmel, denn er war klar über der Stadt der Todten. So durch⸗ wandelte ich drei ungeheure Grabplätze. Es war der größte Contraſt gegen die Scene des Morgens, den man ſich nur denken kann. Morgeu gehe ich mit Mr. und Mrs. Geddes nach Mobile in Alabama, wohin ich von einer jungen Mrs. Walton Levert eingeladen bin, von der ich ſchon oft als einer ganz bezaubernden und ſowohl im Nor⸗ den als im Süden der Vereinigten Staaten ſehr ge⸗ feierten Belle gehört habe. Wir werden mit dem Dampfboot über den Pontchartrain⸗See fahren und ſo⸗ dann in die mexikaniſche Bucht, an welcher Movilla, jetzt Mobile, liegt. Mobile, den 8. Januar. Sommer, Sommer, vollkommenes Mittſommer⸗ wetter, meine A lgathe! Ach, daß ich Dich durch irgend eine Zauberkunſt in dieſe Luft oder dieſe Luft in Dich verſetzen könnte, denn ſie würde Dich geſund und glück⸗ lich machen, ſo wie ſie mich ſchon ſeit einigen Tagen ganz glücklich ſtimmt. Schon am 5. Januar, am Tage, wo das Wetter von garſtig in herrlich umſchlug (es hatte jedoch ſchon ein paar Tage vorher ſich auf⸗ zuhellen begonnen), bin ich in eine Art von Verzückung über eine ſolche Luft und eine ſolche Lieblichkeit ge⸗ rathen, und hätte ich nur Dich gehabt, um ſie mit mir zu genießen, ſo würde mir Richts gefehlt haben. Am Montag Nachmittag reiſte ich in Geſellſchaft des ehrlichen Swedenborgianers Mr. Geddes und ſei⸗ ner liebenswürdigen, höchſt angenehmen Frau von New Orleans ab. Es war der allerſchönſte Abend und der Sonnen⸗ untergang war herrlich auf dem Pontchartrain, einem großen, in den mexicaniſchen Meerbuſen auslaufenden Binnenſee, an deſſen niedrigen Ufern die Plantagen⸗ beſitzer Louiſianas ſchöne, luxuserfüllte Landhäuſer und Baumgärten haben. Das Dampfſchiff Florida, das uns über den ſtillen klaren See trug, war eine Blume nnter den Dampfſchiffen, ſo zierlich und nett und noch in ſeiner erſten Friſche; Mr. Geddes, ein Miteigen⸗ thümer des Schiffes, wollte mir nicht erlauben meine Ueberfahrt zu bezahlen. Wir erfreuten uns an der lieblichen Luft, betrach⸗ teten den prachtvollen Abendhimmel, aßen, tranken, ſchliefen gut und ſahen am nächſten Morgen die Sonne hell ſtrahlen über Mobile. Mrs. Levert kam und holte mich in ihrem Wagen ab. Ich ſah in ihr ein hübſches Weibchen, das im ——„———————— r⸗ nd ch en m ug if⸗ ng e⸗ ir aft ei⸗ on n⸗ m en n⸗ nd as me ch n⸗ ne ch⸗ , ne en im 21 Geſicht, Weſen und Rede merkwürdige Aehnlichkeit mit Frau L. hat, aber mit weniger Stahl in ihrer Natur als dieſe. Ich hatte viel von ihrer Lebhaftigkeit und Anmuth gehört, und nun wunderte ich mich in ihrem Geſicht deutliche Spuren eines tiefen Kummers zu ſehen. Sie iſt nämlich vor zwei Jahren Schlag auf Schlag vom Tode ihres Bruders und zweier ihrer Kinder be⸗ troffen worden, und ſeit dieſer Zeit hat ſie dem Ge⸗ ſellſchaftsleben, deſſen Zierde ſie geweſen, und aller Citelkeit der Welt abgeſagt. Sie ſperrte ſich in ihre Zimmer ein und lebte da mehrere Monate unter be⸗ ſtändigen Thränen eingeſchloſſen. Lady Worthly Mon⸗ tagues Beſuch in Mobile, ihre ſeelenvolle Geſellſchaft und Sympathie riß ſie zum erſten Mal wieder aus ihrer tiefen Schwermuth, und ſo wurde es allmälig beſſer mit ihr. Aber ſie trägt ſich noch immer ganz ſchwarz und iſt für die Vergnügungen der Welt wie abgeſtorben. Sie glaubt nicht, daß ſie jemals das Ge⸗ fühl des Kummers überwinden kann, der ſie gleichſam zermalmt hat. Gleichwohl iſt ſie lebhaft und kann mitunter herzlich lachen. Aber man ſieht es ihren Au⸗ gen an, daß ſie viel geweint haben. Geſtern Nachmittag führte ſie mich zu Wagen auf eine ſchöne Promenade durch einen Magnolienwald am ufer des mexicaniſchen Meerbuſens entlang. Die Magnvolie iſt ein Lorbeerbaum mit ewiggrünen Blät⸗ tern von dunkler, aber klarer Farbe. Er iſt unregel⸗ mäßig in ſeiner Geſtalt, aber lang, und ſeine Krone meiſtens rund und reich. Die langen Moosflechten (Tillandsia Usnoides) hängen wie Schleier an ſeinen ſtarken, knotigen Armen zwiſchen Grotten von dunklem Laub. Es iſt dieß ein höchſt romantiſcher Banm, und wenn er ſeine ſchneeweißen, duftigen Blumen aus⸗ ſchickt, erinnert er an ein Byronſches Gedicht. Die Luft war lieblich. Die Wogen des mexica⸗ niſchen Buſens brachen ſich weich und breit am Ufer, 2 unter einem großen, aber gedämpften Geräuſche. Der Wald ſtand ſtill, friſch und grün da. Ich ruhte, athmete, genoß in inniger Harmonie mit der Na⸗ turſcene und der liebenswürdigen jungen Fran an mei⸗ ner Seite. Abends war ich im Theater, auf beſondere Ein— ladung des Directors, welcher die Artigkeit hatte, mir für die Dauer meines Aufenthaltes in der Stadt eine Loge zur Verfügung zu ſtellen. Ich ſah ein kurzweiliges kleines Stück, betitelt: „Jenny Lind in Heidelberg.“ Es wurde mit humori⸗ ſtiſchem Leben geſpielt; auch fand ich großes Vergnü⸗ gen an einem andern Stück,„die Tochter der Sterne,“ worin eine ganz junge, ungewöhnlich begabte Schau⸗ ſpielerin, Miß Julia D., mich zu meiner eigeneu Ue⸗ berraſchung Thränen vergießen machte. So naturfriſch, ſo wahr und mit ſo vielem Pathos habe ich nie ſpie⸗ len ſehen, ſeit ich auf dem Theater in Stockholm Jenny Lind ſah. Vom 8— 12. Januar. Schöne ſtille Tage! Mir gefällt Mobile, die Ein— wohnerſchaft von Mobile und Alles in Mobile. Ich gedeihe vortrefflich in Mobile. Ich wohne bei Mrs. Walton, der Mutter von Mrs. Le Vert, einer guten alten Dame, Wittwe des früheren Gouverneurs von Florida. Das Haus iſt ſonnig und friedlich, und das Ausſehen und Weſen der Negerſklaven iſt gleichfalls ſonnig und friedlich. Jeden Morgen ſpaziere ich nach einem Lager der Choctaw⸗Indianer, unmittelbar vor der Stadt, denn es macht mir unendlich viel Vergnü⸗ gen, das Leben und Treiben dieſer wilden Vblker zu ſehen. Um dahin zu kommen, gehe ich die Govern⸗ ment⸗Street hinein, die vornehmſte Straße in der Stadt, eine breite gerade Allee von ſchönen Villen, —„——-—-— umgeben von Bäumen und Gärten; die allerſchönſten jungen Orangenbäume, mit Früchten bedeckt, prangen in der Sonne, und die Sonne, die warme geſegnete Sonne des Südens, ſtrahlt hier alle Tage und macht ſie zu ſchönen Sommertagen. Das Indianerlager beſteht aus dreizehn Hütten von Baumrinden, ungefähr ſo wie unſere Marktbuden gebaut, aber ganz offen auf einer Seite, wenigſtens am Tage. In den Hütten ſieht es höchſt dürftig aus. Die ganze Thätigkeit und Sorge der Bewohner ſcheint auf die Befriedigung des Magens auszugehen. Ich bin zu verſchiedenen Zeiten des Tages dageweſen und ſehe ſie immer mit Eſſen oder mit Zubereitung von Speiſen beſchäftigt. Heute frühſtückten ſie Orangen, die in großen Haufen kaum erſt ins Lager gebracht worden zu ſein ſchienen. Ich argwöhnte, daß ſie nicht von der friſcheſten Beſchaffenheit ſein möchten. Aber dieſes rothe Volk, wie es die hübſchen Früchte am Rand des grünen ſonnenbeglänzten Waldes aß, war ein recht heitrer Anblick. Feuer brennt beſtändig vor den Rindenhütten und am Feuer ſitzen alte Wei⸗ ber, grauhaarig und eingeſchrumpft, wahre Hexenge⸗ ſtalten, die entweder in einem Keſſel über dem Feuer herumrühren oder ihre magern Hände wärmen und ſich ſo viel als möglich in den Rauch einhüllen zu wollen ſcheinen. Die Kinder, die in Gruppen um die Feuer herumſitzen, oder im Gras herumſpringen und den Ball in die Höhe werfen, ſind hübſch und lebhaft und haben ſchöne dunkle Augen. Die jungen Weiber ſind zuweilen ſehr mit Arm⸗ und Halsbändern geſchmückt und haben auf den Wangen verſchiedene gemalte Zierrathen. Auf dem Weg nach der Stadt begegnet man beſtändig Indianerinnen, die auf dem Rücken große Körbe mit Scheinholzſtöcken tragen, welche ſie in der Stadt verkaufen. Der Korb wird durch einen Gürtel feſtgehalten, den ſie um die Stirne binden⸗ 24 wie die Indianerinnen in Minneſota. Die Männer ſind draußen auf der Jagd, höher oben in den Berg⸗ gegenden Alabamas. Einige von ihnen, die hier blei⸗ ben, haben ſich zwiſchen einigen Bäumen einen Schirm von Zweigen und Laub gemacht, hinter welchem ſie ſich kleiden, bemalen und ſchmücken. Sie tragen Ringe in der Naſe und kleiden ſich ſehr zierlich. Einer von dieſen Indianern iſt ein ungewöhnlich ſchöner junger Mann und trägt ſein Haar in langen über die Schul⸗ tern herabfallenden Locken. Ein paar junge Mädchen habe ich abgezeichnet. Sie ſehen recht geſund und munter aus und gleichen vermöge ihrer Geſichtszüge Jüdinnen, nemlich ſolchen Jüdinnen, die etwas breite und platte Naſen haben. Man rühmt die Zuverläßigkeit und das treue Worthalten dieſer Indianer. Weiter hinauf am Ala⸗ bamafluß ſoll man noch eine ganze Menge Indianer in wildem Zuſtande finden. Und ein großer Theil des Alabamaſtaats iſt noch in wildem Zuſtand, ſowohl in Bezug auf ſeine Natur als auf die Sitten ſeiner weißen Einwohner. Der Staat iſt jung, erhielt ſeine Conſtitution erſt im Jahre 1819 und hat das Skla⸗ ven⸗Inſtitut, diejenige von allen Einrichtungen, welche den geiſtigen und materiellen Stillſtand am meiſten fördert. Die Sklavenkette feſſelt die weißen Herren ebenſogut wie die ſchwarzen Diener. Auch Mobile hat ſeinen Sklavenmarkt, den ich beſucht habe; aber ich fand da nur einige übrig ge⸗ bliebene Mulattenmädchen, die träge und gleichgültig ausſahen. Im Theater bin ich mehrere Male geweſen und habe mit ſtets erneutem Vergnügen und Intereſſe die hoffnungsvolle junge Schauſpielerin Miß D. beobach⸗ tet. Eines Abends ſah ich Miß D. und mehrere von der Schanſpielergeſellſchaft bei Mrs. Le Vert. Es waren angenehme und gebildete Leute, und die junge 8* ⸗ m ie ge n 25 Miß D. war im Zimmer noch ſchöner als auf der Bühne, dabei ſo ſittſam in Kleidung und Weſen, wie nurirgend eine der jungen Puritanerinnen Neu-Englands es ſein kann. Sie lebt mit ihrem Vater zuſammen, der ebenfalls ein verdienſtvoller Schauſpieler iſt. Bei Mrs. Le Vert habe ich eine ganze Menge von Mobiles ſchöner Geſellſchaft geſehen, und hübſchere junge Frauenzimmer habe ich nirgends getroffen. Einige von ihnen waren aus den nördlichen Staaten und verriethen das intelligente Leben, das denſelben vorzugsweiſe angehört. Und wiederum mußte ich denken, daß etwas Anmuthsvolleres als die ſchöne und gebildete Amerikanerin auf Erden kaum zu fin⸗ den ſei. Auch an einige ältere Herren, Beamte ihres Staats, denke ich mit Vergnügen zurück; ſie waren klug und klar in allen Fragen, mit Ausnahme der Sklaverei⸗ frage. Und unter den jungen Herrn muß ich mir das Vergnügen machen, Dir als meinen ganz beſonders gu⸗ ten Freund den talentvollen Dichter und dramatiſchen Schriftſteller Reynolds vorzuſtellen, der mich auf man⸗ cher Wanderung begleitet und mir durch ſein gutes Herz und ſeine ungekünſtelte Unterhaltung manche an⸗ genehme Stunde bereitet hat. Er hat einige einheimi⸗ ſche geſchichtliche Ereigniſſe für die Scene bearbeitet, und eines ſeiner Dramen:„Alfred und Inez, oder die Belagerung von St. Auguſtin,“ nehme ich als Reiſelectüre mit mir. Endlich muß ich Dir auch etwas von meiner lieben Freundin, Mrs. Le Vert, ſagen. Ich komme an ſie zuletzt, weil ſie ſich ins Innere meines Herzens einge⸗ niſtet hat. Wie angenehm iſt es zu lieben, Wohlgefallen zu finden an den Menſchen! Das weißt Du, meine Agathe. Und es hat ſich ſo wunderlich gefügt, daß dieſe kleine Weltdame, die ich überall, wohin ſie kam, 26 als eine Belle und eine der ſchönſten Zierden des Ge⸗ ſellſchaftslebens ſchildern hörte, mir beinahe ſo lieb geworden iſt, wie eine junge Schweſter. Aber dieß kommt daher, weil ſie ſehr gut iſt, weil ſie viel gelit⸗ ten hat, weil ſich unter der weltlichen Oberfläche ein ungewöhnlich guter und reicher Verſtand vorfindet, und ein Herz, das lieben, das alle Eitelkeiten der Welt wegwerfen kann, um denjenigen gefällig zu ſein, welche ſie liebt. Und mit dieſer jungen Frau habe ich über Tranſcendentaliſten und praktiſche Chriſten, über Hei⸗ denthum und Chriſtenthum geſprochen, und habe in der Unterhaltung mit ihr ein Vergnügen gefunden, das ich kaum erwartet hatte. Unwillkürlich und ganz natürlich iſt es zwiſchen uns ſo gekommen, daß wir zuſammenleben, wie wenn wir einander immer gekannt hätten. Sie ſagt, daß ich ihr die geiſtige Nahrung gebe, deren ſie bedürfe, und ſie gewährt mir ein Ver⸗ gnügen, ein Wohlbehagen, das mein Herz nährt. Octavia Le Vert bleibt in meiner Seele ſtets verbun⸗ den mit der Erinnerung an die lieblichſten Winde und Wohlgerüche des Südens, an das Grün der Magnv⸗ lienwälder, an das friſche Gebrauſe des mexicaniſchen Meerbuſens, an die Sonne und den Vogelgeſang in Mobiles Orangenhainen. Octavia iſt in Florida geboren und hat da ihre Jugend zugebracht; ſie iſt von einem Kreis von Ange⸗ hörigen umgeben, die ſie als ihren Augapfel zu be⸗ trachten ſcheinen. Und willſt Du das Ideal des Ver⸗ hältniſſes zwiſchen einer Frau und ihrer Sklavin ſehen, ſo müßteſt Du Octavia Le Vert und ihre muntere, ſchöne mulattiſche Dienerin Betſy ſehen. Betſy ſcheint wirklich für nichts Anderes zu leben, als für ihre Pflegemutter Octavia; ihr Haar jeden Tag à 1a Ma⸗ ria Stuart zu friſiren, ſie ſchön, heiter und bewundert zu ſehen, das iſt Betſys Leben und Glück. Sie iſt mit Octavia in den Vereinigten Staaten gereist, und —„—— e⸗ eb it⸗ in nd elt che er ei⸗ in n, nz ir int ng er⸗ rt. in⸗ nd 10⸗ en in hre ge⸗ be⸗ er⸗ en, re, int hre ta⸗ ert iſt nd 27 wenn ſie auf dieſes Capitel kommt und erzählen darf, wie entzückend ihre Gebieterin war, wie ſie bewundert und verehrt wurde, dann iſt Betſy in ihrem Element. „Aber ach!“ ſagt Betſy,„ſie iſt ſich nicht mehr gleich. Früher hatte ſie ſo ſchöne Roſen— Sie hät⸗ ten ſie nur ſehen ſollen!... Nein, ſie iſt ſich nicht mehr gleich ſeit dem großen Kummer!“ Und Betſys Augen füllen ſich mit Thränen. Trotz der hingebenden Liebe Betſys, trotzdem daß Oetavia in ihrem und ihrer Mutter Haus nur glück⸗ liche Sklaven ſieht, gehört ſie doch zu denjenigen, de⸗ ren gutes Herz und geſunder Verſtand in Bezug anf Gut und Böſe nicht irre gemacht werden können. Und einfach und ernſt ſpricht ſie, wo es auch ſein mag, ihre Ueberzeugung aus, daß die Sklaverei ein Fluch ſei. Und wir ſind in Bezug auf dieſes Capitel in vollkommener Harmonie. Octavia Le Vert und ich haben einen Reiſeplan nach Cuba verabredet und reiſen daher morgen nach New⸗Or⸗ leans, um am 14. früh Morgens aufdem Dampfſchiff Pa⸗ eific, das an dieſem Tag dahin abfährt, an Bord gehen zu können. Die Palmen auf Cuba werden Octaviens ver⸗ weintes Geſicht umfächeln und neue Roſen auf ihre Wangen rufen; ihre ſchönen, guten Augen werden neuen Glanz erhalten, indem ſie ſich zu dem wolkenfreien Himmel dort erheben;— und ich werde da in Ruhe mit ihr von Dingen ſprechen, welche ſie glücklich und heiterer machen werden als vorher, wenn ich ihr nicht mehr nahe bin; ſo iſt mein Traum und meine Hoff⸗ nung. und jetzt, ehe ich Alabama und dieſe ſchöne Stadt, wo ich viel Gutes genoſſen habe, verlaſſe, will ich Dir bloß ſagen, daß Alabama ein baumwollepflanzender Staat iſt, daß er im Süden Plantagen, Sandfelder und bedeutende Tannenwälder, im Norden ſchönes Hochland(die Alleghanygebirge ſenken ſich da und hö⸗ ren auf) und Prairien hat. Man rühmt die Scenerie an ſeinen ſchiffbaren Flüſſen entlang, beſonders am Mo⸗ bilefluß, der nach Montgomery, der politiſchen Haupt⸗ ſtadt des Staates, hinaufführt. Und ich habe mich ſtark verſucht gefühlt ihn hinaufzureiſen. Aber die Zeit, die Zeit!.... Eiſenbahnen, Dampfboote, Schu⸗ len, Akademien haben in den letzten Jahren Licht und friſches Leben in dieſem Sklavenſtaat zu verbreiten be⸗ gonnen, deſſen meiſte Bürgerinnen da und dort noch im Brauch haben ſollen einen höhern Lebensgenuß da⸗ durch zu ſuchen, daß ſie ihr Zahnfleiſch mit ſtarkem Tabak reiben, wodurch eine Art von Rauſch entſteht, der aufgeräumte Gefühle und dito Unterhaltung ſehr fördert. Mobiles einnehmende Damen, die ich geſehen habe, müſſen ſich zu den Schnupftabakfreundinnen, die ich nicht geſehen habe, verhalten wie die Magnolien⸗ blumen zu den Blumen des Bilſenkrauts. 3 Lebe wohl, ſchönes, freundliches Mobile! Lebe wohl, meine Agathe, meine theure Schweſter und Freun⸗ din! Das nächſte Mal mehr aus Cuba. New⸗Orleans, den 15. Januar. Ach nein! Es wurde dieß Mal Nichts aus der Cubareiſe. Die Abreiſe von Mobile begann unter den beſten Zeichen. Octavia war heiter und voll Hoff⸗ nung. Zum erſten Mal ſeit ihrem großen Kummer ſollte ſie ihre Heimath verlaſſen und neue Gegenſtände ſehen. Und ſie war froh bei mir zu ſein, und ich war froh bei ihr zu ſein. Der gute Doctor Levert hatte — e ⸗ h e * * m t, n ie u⸗ 29 ſeinem lieben Weibchen eine anſehnliche Geldſumme ge⸗ ſchenkt, um ſich auf Cuba recht amüſiren zu können. Octaviens alte Mutter und ihre zwei artigen kleinen Mädchen nahmen Abſchied mit Liebe und Hoffnung, ſie glücklich wiederkehren zu ſehen. Betſy war mit, denn Betſy ſpricht beinahe eben ſo gut ſpaniſch wie Octavia, und Octavia kann Betſy nicht entbehren und Betſy kann nicht ohne Oetavia leben; und Betſy war voll von fröhlichem Eifer und ſorgte raſch und flink für alle Reiſeerforderniſſe. Wir gingen an Bord und die Morgenſonne ging herrlich auf über dem Pont— chartrainſee. Wir fuhren den ganzen Tag in Ruhe und Sonnenlicht. In Octaviens geräumiger Cajüte lich bitte um Entſchuldigung, ich ſollte Staatszimmer ſagen) ſaßen wir zwiſchen Blumenſtränßen an offenem Fenſter, die balſamiſche Luft trinkend, laut lachend oder ſtill plaudernd in inniger Gemüthlichkeit. Abends war herrlicher Mondſchein. Wir ſaßen auf dem Verdeck; einige Herren leiſteten uns Geſellſchaft, präſentirten ſich oder ließen ſich von andern präſentiren, und bildeten bald einen Kreis um Octavia, deren natürlich leichte und anmuthsvolle Converſation ſtets eine feſſelnde Macht ausübt. Wir gingen ſpät zu Bette. Mitten in der Nacht bemerkte ich, daß das Schiff auf einmal anhielt. Ich ſtand auf und ſah zum Fenſter hinaus. Der Mond leuchtete klar über dem ſpiegelhellen See und wir— ſaßen auf dem Grund. Es war ein Uhr Nachts. Am nächſten Morgen um ſechs Uhr ſollten wir in New⸗Orleans ſein, um Schlag neun Uhr an Bord des Pacific zu gehen. So war unſer Plan. Aber wir blieben auf dem Grund ſitzen bis ein Uhr Mittags, wo die Fluth kam und uns flott machte. Wir waren auf einer Sandbank aufgerannt. Der Tag wurde eben ſo ſchön wie der vorherge⸗ hende, und da gewiſſe düſtere Ahnungen, daß wir kein Mittageſſen bekommen ſollten, durch' die Bemühungen 30 einiger Herrn, die ſich ans Land rudern ließen, um Proviant zu holen, verſcheucht wurden, und das deli⸗ cateſte, reichlichſte Mittagsmahl folgte, ſo hatte unſer kleiner Unfall weiter keine unangenehmen Folgen, als daß die Reiſe nach Cuba auf unbeſtimmte Zeit vertagt wurde, und daß ich wahrſcheinlich ohne Octavia, die nicht ſo lang von ihrem Haus wegbleiben kann, hin⸗ reiſen muß. Erſt um zehn Uhr Abends kamen wir ans Land. Kein Eiſenbahnzug fand ſich bei der Hand, um uns nach New⸗Orleans zu führen. Es wurde ein Eppreſ⸗ ſer abgeſchickt; die entſchloſſene Betſy ſorgte für un⸗ ſere Effecten und brachte Alles in Ordnung, und zwei Herren machten ſich mit ächt anglv⸗amerikaniſcher Rit⸗ terlichkeit zu unſeren Capalieren und führten uns in ein Landhaus in der Nähe der Eiſenbahn, wo die Herrſchaft nicht daheim war, wo man aber in einem großen Saal Feuer für uns machte. Es war die allerſchönſte Nacht. Um das Haus her war ein großer Baumgarten voll von halb tropi⸗ ſchen palmartigen Pflanzen dergleichen ich früher nie geſehen hatte. Ich brachte den größten Theil der Vor⸗ mitternacht damit zu, daß ich zwiſchen den ſchönen ſelt⸗ ſamen Gewächſen, noch ſchöner und ſeltſamer durch den Mondſchein, der ſein myſtiſches Licht über ſie warf, herumirrte. Unſere artige Herren, die einen Wagen beſtellt hatten, führten uns zuletzt glücklich und wohl⸗ behalten nach New⸗Orleans. Wir kamen um halb ein Uhr vor dem Hotel Saint⸗Charles an. Es war über⸗ voll. Endlich bekamen wir Zimmer, vier Treppen hoch. Als ich in Octaviens Zimmer ging, fand ich ſie in Thränen gebadet über einen Stuhl vorgebeugt, und Betſy ſtand ganz beſtürzt mitten im Zimmer, die Au⸗ gen auf ihre Herrin geheftet.„Hier in dieſem Zim⸗ mer, flüſterte mir Betſy zu, war es, wo ſie(ſie warf einen Blick auf Octavia) vor zwei Jahren mit den . * er 18 gt ie n⸗ ſ⸗ n⸗ ei ie m us i⸗ ie ⸗ lt⸗ en rſ, en ein er⸗ nd lu⸗ mM⸗ arf en 31 zwei kleinen Mädchen wohnte und ſie zu einem Kin⸗ derball ankleidete.“ Ich richtete leiſe den Kopf der weinenden Octavia empor. Sie ſagte bloß: „Wollen Sie Ihr Zimmer mit mir tauſchen?“ „Sehr gern.“ Betſy und ich brachten Octavia in mein Zimmer und ich verließ ſie nicht, bevor ich ſie etwas ruhi⸗ ger ſah. Unſere Zimmer waren beinahe unter dem Dach⸗ firſt. Ich konnte nicht umhin mit den Augen die Ent⸗ fernung von meinem Fenſter in den Hof hmab zu meſ⸗ ſen und daran zu denken, was für einen Sprung ich machen müßte, falls während der Nacht Feuer im Ho⸗ tel ausbräche, denn auf Fenuersgefahren muß man ſich in Amerikas großen Städten immer gefaßt halten. Ich blieb bei der Ueberzengung, daß dieſer Sprung mein allerletzter ſein würde. Ich war froh und dankbar, als ich am nächſten Morgen ganz ruhig in meinem Bett erwachte. Meine arme Oetavia fand ich ganz verweint, aber ich tröſtete ſie ſo zärtlich in ihrem Kummer, daß es mir gelang, ſie von den Bildern des Todes und der Vergänglich⸗ keit abzulenken. Heute Nachmittag werde ich ſie verlaſſen, um in ein Privathaus zu ziehen, wohin eine junge Miß W. aus Maſſachuſſetts im Namen ihrer Couſine mich ein⸗ geladen hat. Ihre Perſönlichkeit und auch die Art der Einladung hatte etwas ſo Einnehmendes für mich, daß ich mich ſogleich geneigt fühlte ſie anzunehmen, und daß ich halb zuſagte. Dieß geſchah, bevor ich nach Mobile reiste. Heute Vormittag war Miß W. hier und ſagte mit ihrem feinen etwas ſchalkhaften Lächeln und ihrem ruhigen, beſtimmten Weſen zu mir: „Miß B., ich glaube ein Recht zu der Frage zu haben, warum Sie ſich an dieſem Ort befinden.“ Ich mußte verſprechen, mich heute Nachmittag nach der Innunciation Street und Mr. Cvoks Wohnung abholen zu laſſen. Miß W. hob alle meine Bedenken. Sie iſt in Bezug auf Beſtimmtheit ihres Willens eine ächte Abkömmlingin det Pilger und beſitzt dabei noch eine Anmuth, welche ſie unwiderſtehlich macht. Ich befinde mich hier wieder mitten unter Freun⸗ den, Mr. Harriſon und Mrs. Geddes, mit denen ich in einer Stunde ausfahren werde, auf einem Weg, der ganze ſchwe⸗ aus Muſchelſchalen gemacht iſt und eine diſche Meile weit bis an die Seeküſte hinabführt. Er gehört zu den Merkwürdigkeiten von New⸗Orleaus. Mr. Geddes iſt in Cincinnati zu Hauſe, macht aber Geſchäfte in New⸗Orleans, und ſeine Frau wohnt die Wintermonate über mit ihm im Hotel, ebenſo ihre zwei Jungen, zwei prächtige Burſche, der jüngſte noch ganz klein, und ihre Wärterin, eine dicke, gemüthliche Nege⸗ rin, frei, aber durch das Seideuband der Ergebenheit ſtärker gebundeu, als durch die eiſernen Ketten der Sklave⸗ rei. Manche Familien wohnen auf dieſe Art etliche Mo⸗ nate in den Hotels. Manches junge Paar wohnt ebenfalls da in den erſten Monaten nach der Hochzeit. Aber es geſchieht weniger aus Wohlgefallen an dem Hotelleben, als weil in Amerika eine eigene Wohnung zu viel ko⸗ ſtet, da eine Familie gewöhnlich ein ganzes Haus ha⸗ ben will. Und junge Liebende wollen gewöhnlich nicht mit dem Heirathen ſo lange warten, bis ſie Vermögen genug haben, um ein Haus zu halten. Inzwiſchen iſt dieß der Zweck, nach welchem ſie ſtreben. Ich habe viele Frauenzimmer über die Leerheit und Widerwär⸗ tigkeit eines Lebens im Hotel klagen und ſeinen Ein⸗ fluß auf junge Mädchen tadeln gehört, weil ſie da all⸗ zuviel Verſuchungen erhalten, bloß für das Vergnügen, die Hofmacherei und die Eitelkeit zu leben. no ſch vo ſte Fr wi laf rir M ch 8 n. ne ch n⸗ in der ve⸗ Er us. ber die wei anz ge⸗ heit ve⸗ No⸗ alls en, ko⸗ ha⸗ icht en iſt habe wär⸗ Ein⸗ all⸗ gen, 33 Später. Jetzt habe ich Octavia wieder als Belle(obſchon noch blaß und rothäugig) in großer Galla in einem ſchwarzen Seidenkleid, das ich wegen ſeiner vielen Spitzen und Zierrathen Juca gloriosa nenne, umgeben von einem kleinen Hof von Herren in einem der ſchön⸗ ſten Salons des Hotels die Unterhaltung führen ſehen. Freunde und Bewunderer werden Octavia hier bald wieder munter machen. Ich kann ſie alſo getroſt ver⸗ laſſen und mit meiner liebenswürdigen Nordamerikane⸗ rin in ein ſtilleres Haus fahren. Oetavia iſt eine Roſe, Anna W. iſt ein Diamant, Mrs. Geddes iſt eine ächte Perle. Annunciation Street, den 19. Januar. Wei Setzchen Den 20. Januar. Ich begann die vorſtehende Zeile am zweiten Tag nach meinem Einzug in dieſes gute, ruhige Haus, das zwei jungen Eheleuten gehört, ſanften und ſtillen Men⸗ ſchen, die gänzlich für einander und ihre zwei kleinen Kinder zu leben ſcheinen, wovon das jüngſte noch ein Säugling iſt, der erſt jetzt ſein Roſenmündchen zu öff⸗ nen und zu lächeln und zu ſchwatzen beginnt. Es war das allerherrlichſte Wetter am Nachmittag und Abend des Tages, wo ich hieher zog. Ich kann die Lieblich⸗ keit der Luft, die Reinheit des Himmels, die bezau⸗ bernde Schönheit der Sonne und der Wolken, des Mondes und der Sterne an dieſem Tag und Abend nicht beſchreiben, denn nur zu leben, zu ſehen und zu Bremer, die Heimath in der neuen Welt. IMI. 3 athmen, war ſchon genug, um das Leben in vollen Zügen zu genießen. Miß und ich ſaßen draußen auf der Piazza, mit Oleander⸗ und Magnolienbäumen um uns her, und erfreuten uns unſeres Daſeins. Hohe Aloen, Juca gloriosa, und mehrere ſeltene Bäume und Pflanzen glänzten grün von den kleinen Gärten um die ſchönen Häuſer her auf der ländlich ſtillen Straße. Ich erfreute mich überdieß an der Unterhaltung meiner jungen Freundin, an ihrer friſchen, eigenthümlichen, vollkommen ſelbſtſtändigen und innigen Art zu fühlen und zu urtheilen. Ich erkannte wieder das gebundene Feuer, das ich in ihren klaren, dunkelbraunen Augen warm und ſtill hatte funkeln ſehen. Es erwärmte mich. Wir ſprachen von Jane Eyre, und zum erſten Mal hörte ich Jemand offen meinen geheimen Wunſch in Bezug auf das Verhältniß Janes zu Rocheſter ausſprechen. Ich liebe eine Tugend, die über der conventionellen Moral ſteht und etwas Beſſeres kennt als bloß tadelfrei zu ſein. Aber ich ſollte Dir erzählen, was mein Schreiben vorgeſtern unterbrach: nun zuerſt die Kälte und dann — das Feuer. Der Tag nach dieſem ſchönen Sommer⸗ tag brachte nämlich garſtiges Wetter und eine Kälte, die ſowohl Seele als Leib erſchütterte und mich ſo reizbar machte und ſo um allen Humor brachte, daß ich mich glücklich ſchätzte, keine Sklaven zu beſitzen, an denen ich meine üble Laune hätte auslaſſen können. Ich habe erſt hier in Amerika die Gewalt der körper⸗ üchen Gefühle über die Seele verſtehen gelernt. Gott bewahre Sklavenbeſitzer und Sklaven in dieſem wechſel⸗ vollen Klima, deſſen durchdringende Luft Körper und Seele nach ihrer Temperatur vibriren macht. Nun wohl, ich fror; aber ich bekam Feuer in mein großes, ſchönes Zimmer. Octavia Le Vert kam, Mrs. Geddes kam, denn ich hatte angefangen, ihre Köpfe in mein Album zu zeichnen, und ſie ſollten mir ſitzen. en en len ohe nd um ner en, en ene gen ich. örte auf iebe ſteht iben ann mer⸗ älte, daß „an nen. rper⸗ Gott chſel⸗ und erin kam, ihre mir 35 Es war eine Freude für mich, die beiden liebens⸗ würdigen Damen zu betrachten und abzuzeichnen; Mrs. Geddes edles, ernſtes, regelmäßiges Profil, Octavia Le Verts kindlich rundes, pikantes Geſicht mit ſeinem Stulpnäschen, wie nach meinem Vermuthen Cleopatra eines hatte, und ihrer phantaſtiſchen, von Betſys Hän⸗ den künſtlich verfertigten Haarfriſur. Wir waren ganz angenehm beiſammen; Mrs. Geddes ſaß vor dem Kaminfeuer, Octavia vor mir, wir plauderten ernſt und heiter von— Liebe, als zu der erſtern ein Bote von ihrem Manne kam und ſie um ihre Schlüſſel bat. Das Hotel Saint⸗Charles ſtand in Brand. Mrs. Geddes hatte jetzt keine Ruhe mehr, um zu bleiben. Sie wußte ihren Mann und ihre Kinder in dem brennenden Hotel. Sie eilte dahin. Octavia Le Vert hatte, ehe ſie zu mir kam, Betſy erlaubt auszugehen und ihre Zimmerthür verſchloſſen. Es war Niemand im Hotel, der ſich ihrer Sachen an⸗ nehmen konnte. Ihre ſchöne Garderobe, ihr Juwelen⸗ käſtchen und mehrere Hundert Dollars darin, womit die Cubafahrt beſtritten werden ſollte, Alles ſollte vermuthlich ein Raub der Flammen werden.„O, das iſt ganz gewiß, es wird Alles zuſammen verbrennen!“ ſagte Octavia und ſaß ruhig, mit unvergleichlicher Ge⸗ laſſenheit vor mir. Das Herz, das von den tiefſten Kümmerniſſen geblutet hatte, konnte über den Verluſt irdiſchen Beſitzes nicht in Unruhe gerathen, das ſah ich deutlich, während Octavia ganz ruhig Alles berech⸗ nete, was in ihrem Zimmer eingeſchloſſen war und verbrennen ſollte. Sie erzählte, ſie habe heute früh eine Maſſe ſchwarzen Rauchs unter ihrem Bett hervor⸗ dringen ſehen. Sie machte Lärm und ſchickte zu dem Wirth. Er ließ antworten, es habe keine Gefahr, der Rauch ſei durch ein baufälliges Schornſteinrohr ge⸗ kommen; Alles werde bald wieder in Ordnung ſein. In einer Stunde nahm auch der Rauch im Zimmer aber es war noch nicht frei, als Octavia das Hotel verließ. Ich hatte ſo viel von Betſys Entſchloſſenheit und ihrer Liebe zu ihrer Pflegemutter geſehen, daß ich nicht umhin konnte, auf ihre Hülfe in dieſer Noth zu hoffen. „Sie wird,“ ſagte ich,„bald von der Feuersbrunſt hören; dann wird ſie ſogleich an Ort und Stelle eilen und Mittel finden, Ihre Sachen zu retten.“ „Sie wird es nicht können,“ ſagte Octavia,„ſie iſt zu einer Freundin weit weg in der Stadt gegangen. Das Hotel iſt ein hölzernes Gebäude und das Feuer wird es in wenigen Stunden verzehren; überdieß iſt das Feuer gewiß in meinem Zimmer ausgegangen. O, nein! all' die Sachen werden verbrennen.“ Aber der Verluſt war Nichts für Octavia. Un⸗ ruhiger war ſie über die Unruhe ihres Mannes und ihrer Mutter, wenn ſie von dem Ereigniß hören ſoll⸗ ten, bevor ſie ihnen hätte ſchreiben können. Inzwiſchen verging eine geraume Zeit, ohne daß wir Nachrichten von Betſy oder von Saint⸗Charles hörten, und Octavia beſchloß jetzt zu einer ihrer Freun⸗ dinnen zu gehen, die näher beim großen Hotel wohnte und wo ſie Etwas von dem Brand hören und erfahren fonnte, ob es ſich wohl noch ausführen ließ, an Ort und Stelle zu gehen. Sie war ungefähr eine Stunde fort, als es am Gitterthor vor dem Garten gegen die Straße zu heftig klingelte. Ich erkannte Betſy und ſprang hinab, um mit ihr zu ſprechen. „Wie ſtehts, Betſy?“ rief ich. „Ganz gut!“ rief ſie zur Antwort, ſo athemlos, daß ſie kaum ſprechen konnte, aber mit ſtrahlendem Geſicht.„Ich habe alles Geld bei mir.“ Sie legte die Hand auf ihre Bruſt.„Wo iſt meine Miſſis?“ „Ich glaube, daß ſie nach dem Hotel Saint⸗ Charies gefahren iſt,“ ſagte ich. nd ht n. nſt en ſie en. ler iſt en. ln⸗ nd ⸗ aß les un⸗ ne re Ort am ftig um los, dem ete int⸗ 37 „Es gibt kein Saint⸗Charles mehr,“ ſagte Betſy; „es iſt ganz abgebrannt.“ Es war wirklich ſo. In weniger als drei Stun⸗ den war das hübſche Gebäude in Aſche gelegt und ſeine Bevölkerung von etwa vierhundert Perſonen ob⸗ dachlos geworden. Ich ging mit Betſy aus, um Mrs. Le Vert auf⸗ zuſuchen. Unterwegs erzählte mir das treue Mädchen, wie das Gerücht von dem Brand zu ihren Ohren ge⸗ kommen, wie ſie ins Hotel geeilt ſei, wie einer der Herren dort, ein Freund von Mrs. Le Vert, ihre Zimmerthüre erbrochen, und wie er und Betſy alle Sachen Oetavias in Sicherheit gebracht haben. Nichts war verloren gegangen. Betſy ſprach weiter davon, wie innig ſie ihre Pflegemutter liebe. Sie hätte ſich mehr als einmal verheirathen können und es ſei noch jatzt ein freier Mann im Norden, der ſie gerne haben möchte; aber ſie könne nicht daran denken, Mrs. Le Vert zu verlaſſen. Sie liebe ſie ſo herzlich. Sie werde ſie nie verlaſſen. Als wir ans Haus kamen, wo Mrs. Le Verts Freundin wohnte, erfuhren wir, daß Octavia von da nach einem kleinen Hotel in der Nähe von Saint⸗ Charles abgeholt worden ſei, und Betſy eilte dahin, um ihre Pflegemutter aufzuſuchen. Mit dem Gedanken an Mrs. Geddes ging ich auf die Brandſtätte, in der Hoffnung, Etwas von ihr zu hören Und ich war glücklich genug, in der Nähe ihren älteſten Sohn zu treffen und von ihm zu vernehmen, daß ſie, ſo wie ihr Mann und der kleine unge alle wohlbehalten in einem befreundeten Hauſe nicht weit davon ſeien. Ich ging an Saint-Charles vorbei, wo jetzt nur noch eine kleine Anzahl Menſchen mit dem Feuer be⸗ ſchäftigt war. Es hatte ſein Werk vollbracht und die Flammen leckten jetzt an den untern Theilen der ſchönen Säulen und graſſirten an den uUeberreſten des Erd⸗ geſchoſſes. Die brennende Ruine bot einen gans pittoresken Anblick dar; keine Spur von Verwirrung oder Unordnnng zeigte ſich auf dem Platz davor. Alles war bereits geſichert und in Ordnung gebracht, Alles ſtill; es war ungefähr vier Stunden nach Ausbruch des Brandes. Und ich habe heute gehört, daß bereits eine Subſcription im Gang ſei, um ein neues Saint⸗ Charles zu bauen. Amerikaniſche Schnellfertigkeit! Ei⸗ nige Perſonen ſind bei dem Brand beſchädigt worden und mehrere haben ihre Sachen verloren. Das Feuer war in Octavias Zimmer ausgebrochen, das ganz nahe bei dem meinigen lag. Welch ein Glück, daß es nicht bei Nacht geſchah! Ich bedaure Saint Charles nicht. Es war ein theures, unfreundliches, prächtiges Hotel und verdiente ſeinen Tod. Für eine Nacht und einen halben Tag in einem düſtern Zimmer, vier Treppen hoch, mußte ich 5 ½ Dollars bezahlen. Aber Louiſiana iſt ein ſehr theures Land, das theuerſte in den Vereinigten Staaten. Vom 20— 27. Januar. Stille Tage, ſtilles Leben, unfreundliches Wetter. Von dem Tage an, wo ich das letzte Mal ſchrieb und wo das Wetter von Wärme in bittere Kälte umſchlug, hat es unaufhörlich geregnet und geſtürmt, mit einer Beharrlichkeit, wie ich kaum etwas Aehnliches erlebt habe. Kein blauer Fleck am Himmel, kein Sonnen⸗ ſtrahl, nichts als Nebel, Geplatſche und Kälte. Erſt heute hat es ſich aufgehellt und ſcheint wieder ſchön werden zu wollen. Manche Fahrten in und außerhalb der Stadt ſind durch dieſes Wetter für mich zu nichte geworden. Aber wie dankbar bin ich nicht für meine ruhige und behagliche Wohnung während dieſer Zeit NW 2 15 9 8 8 t8 t⸗ i⸗ nd ar bei bei ein ute ag ßte ehr ten tter. und lug, iner lebt nen⸗ Erſt chön halb ichte teine Zeit 39 geweſen! Mr. und Mrs. Cook ſind freundliche, ſanfte, ſehr ſtille Menſchen, und in ihrem Hauſe herrſcht die Annehmlichkeit und Ordnung. welche das amerikaniſche Heimweſen auszeichnet. Anna W. iſt voll von Leben und ſtillem Feuer(bei ihr gebunden, wie das Feuer im Diamant) ein denkendes und intereſſantes Geſchöpf; ſie hat mir durch ihren originellen Charakter und durch ihre Vorleſungen an den Abenden viel Ver⸗ gnügen gemacht. So hat ſie mich mit einigen eng⸗ liſchen Dichtern bekanut gemacht, die mir bisher bei⸗ nahe unbekannt waren. Es war für mich ein großer Genuß, ſie Shelleys großartiges Gedicht„der unge⸗ feſſelte Prometheus“ vorleſen zu hören, was die herr⸗ lichſte Dichtung des Jahrhunderts wäre, wenn der Schluß den vorhergehenden Scenen entſpräche. Aber dieſer ſtrandet an einer dürftigen Moral. So habe ich auch große Freude davon gehabt, als ſie mir J. Brownings Gedichte und dramatiſche Stücke, wie auch einige von Eliſabeth Barrets(jetzt Gattin Brow⸗ nings) vorlas. Browning iſt nicht groß als Künſtler. Man vermißt bei ihm Kraft und Zuſammenhang in der Compoſition. Aber etwas ſelten Großartiges und Reines im Gefühl und in der Denkungsart erfreut und erwärmt das Herz. Es geht ein Geiſt edeln und friſchen Heldenmuthes durch ſeinen Geſang. Man fühlt ſich durch einen Anhauch göttlichen Lebens erfriſcht. Eines Abends war ich bei Mrs. Harriſons Freun⸗ den, Mr. und Mrs. Day, und hörte gute Muſik, vor⸗ trefflich ausgeführt von einigen Muſikliebhabern und Liebhaberinnen aus den nördlichen Staaten. An einem andern Abend hörte ich in der Oper Meyer⸗ beers Prophet. Das Stück iſt unpoetiſch und dürftig in ſeiner Grundlage, bietet aber hübſches Spectakel, und die Meyerbeer'ſche Muſik hat bei all ihrem Ge⸗ lärme einige dramatiſche charakterſchöne Parthieen. Mrs. D., welche die Mutter des Propheten vorſtellt, 40 ſpielte und ſang edel und gut. Der Prophet war eine langweilige Figur und nicht viel beſſer war ſeine Ge⸗ liebte. Hätte ſich das Stück, ſtatt auf einer armſeli⸗ gen Liebesintrigue zu beruhen, an den religiöſen Fa⸗ natismus und den geiſtlichen Uebermuth gehalten, den wir bei dem geſchichtlichen Propheten Johann von Leyden finden, ſo hätte die Oper wahres Intereſſe bekommen. So aber gab ſie dem Gedanken keine Nahrung und griff mit ihren beſtändigen Knalleffekten meine Nerven dermaßen an, daß es mir ſchwer wurde, die Augen offen zu halten. Die letzte Scene war furchtbar prachtvoll und weckte mich ein wenig auf. Der Anblick der weißgekleideten, ſchönen Creolinnen auf dem Amphitheater und in den Logen erfrente meine Augen wie ſchon früher. Aber in den Geſichtern einiger älte⸗ ren Damen entdeckte ich ſtark aufgetragene weiße Schminke auf den Naſen. Schulen und öffentliche Anſtalten habe ich in Folge erhaltener Einladungen ebenfalls beſucht. New⸗ Orleans iſt in drei Gemeinden eingetheilt. Die Schu⸗ len darin ſollen ſeit einigen wenigen Jahren große Verbeſſerungen und neuen Aufſchwung erhalten haben. Lehrer und Lehrerinnen aus den nördlichen Staaten kommen hieher. Und wohin ſie kommen, da bringen ſie das energiſche Erziehungsleben mit, das dieſe Staaten auszeichnet. Eine Lehrerin in den Schulen von New⸗Orleans kann bis auf tauſend Dollars Gehalt haben. In den großen Knabenſchulen hörte ich die Jun⸗ gen tapfer ihr Vaterland beſfingen als das Land der Braven und das Land der Freien: „the land of the brave, and the land oft the free!“ ine he⸗ li⸗ a⸗ en on ſe ine ten de, ar er em en te⸗ ße in w⸗ hu⸗ oße en. ten zen eſe len at un⸗ der 41 Dieß wurde in dem Sklavenſtaat geſungen ohne Ahnung des Spottes, welchen das Lob gegen dieſe Inſtitution in ſich ſchloß. So wird von der Kindheit an der natürliche Rechtsſinn und reine Blick der Jugend durch die Skla— verei gefälſcht. Und ſchädlich wirkt ſie nicht blos auf den Wahr⸗ heitsſinn der Kinder, ſo daß ſie die Lüge nicht ſehen, ſondern auch auf ihr Herz und ihren Charakter. Eine edle Dame in New⸗Orleans, die ſeit mehreren Jahren dort anſäßig iſt, hat mir viel von dem unglücklichen Einfluß der Sklavereieinrichtung auf die Kinderer⸗ ziehung erzählt und genau auseinandergeſetzt, wie mächtig ſie dazu beitrage, die Gemüther der Kinder unbändig und wild zu machen. Das Kind, das von der Wiege an mit Sklaven umgeben iſt, gewöhnt ſich ihnen zu befehlen und ſich Gehorſam gegen alle ſeine Launen zu verſchaffen oder einen Ungehorſam beſtraft zu ſehen, und zwar manchmal mit großer Grauſamkeit. Daher die heftige Gemüthsart und die wilden blutigen Auftritte, die in den Sklavenſtaaten ſo gewöhnlich ſind. Und wie kann es anders ſein? Auch ich habe hier von den Verhältniſſen der Kinder zu den Skla⸗ ven einige Beiſpiele geſehen, welche beweiſen, wie ſehr dieſe Einrichtung dazu beiträgt, das von Na⸗ tur deſpotiſche Menſchengemüth ſchon im Kinde zu ent⸗ wickeln. In einer Schule für junge Mädchen mußte ich wirklich die Fertigkeit bewundern, womit ſie ihre gei⸗ ſtigen salti mortali machten. Bei dem Examen, das die Oberlehrerin vor— nahm und das ſie mit merkwürdiger Geſchicklichkeit überſtanden, wurden ihnen die Fragen ungefähr in folgender Ordnung vorgelegt: „Woher kommt der Schnee? Wie groß iſt das 42 Kriegsheer des Kaiſers von Rußland? Wo liegt Lapp⸗ land? Wer war Napoleon? Was iſt Salpeter? Wie weit iſt die Erde von der Sonne entfernt? Wann lebte Shakſpeare? Wann ſtarb Washington? Wie groß iſt die Bevölkerung Frankreichs? Was iſt der Mond?“ ſw. uſ w Die Mädchen antworteten im Chor ſehr raſch und meiſtens richtig. Das ganze Examen war für mich eine Reihenfolge von Ueberraſchungen, und ich kann nicht umhin mich über die Art von Ordnung zu verwundern, welche in dieſen jungen Seelen dadurch entſtehen muß, daß ſie den Schnee, die ruffiſche Armee, Lappland, Napoleon, Salpeter, Shakſpeare, Was⸗ hington, die Bevölkerung Frankreichs, den Mond u. ſ. w. unter einander rühren. Ich muß Dir jetzt von einem ächten afrikaniſchen Tornado erzählen, dem ich mit Anna W. am letzten Sonntag Nachmittag anwohnte. Es war in der afri⸗ kaniſchen Kirche. Denn auch hier in der fröhlichen, leichtſinnigen Stadt New⸗Orleans hat der Geiſt des Chriſtenthums ſein Werk der Lebenserneuerung be⸗ gonnen, und man hat Sonntagsſchulen für Negerkin⸗ der, die darin über den Erlöſer belehrt werden, und die Negerſklaven dürfen in einer eigenen Kirche Got⸗ tesdienſt halten. Wir kamen zu ſpät, um die Predigt in der afri⸗ kaniſchen Kirche zu hören, wohin wir uns begaben. Aber nach beendigtem Gottesdienſt war ein ſogenann⸗ tes Claſſenmeeting. Ich weiß nicht, ob ich Dir geſagt habe, daß die Methodiſten innerhalb ihrer Gemeinde gewiſſe Abtheilungen oder Claſſen bilden, von denen jede ihren Führer oder Ermahner(Eaborter) wählt. In der Claſſenverſammlung gehen dieſe Exhorters bei denjenigen Mitgliedern ihrer Claſſe, von denen ſie glauben, daß ſie Troſt oder Zuſpruch bedürfen, um⸗ her, reden laut oder leiſe zu ihnen, empfangen ihre 43 Bekenntniſſe, ertheilen ihnen Rath u. ſ. w. Ich hatte eine ſolche Claſſenverſammlung in einer Regerkirche in Washington geſehen und wußte daher ungefähr, was wir zu erwarten hatten. Meine Erwartung eines großen Spectakels wurde indeß hier übertroffen. Wir waren hier der tropiſchen Sonne näher als in Was⸗ hington. Die Ermahner gingen umher und begannen da und dort zu den Leuten auf den Bänken zu ſprechen. Aber kaum hatten ſie eine Weile geſprochen, als die angeredete Perſon in einen exaltirten Zuſtand gerieth und ebenfalls zu ſprechen und zu peroriren anfing, weit lauter und heftiger als der Ermahner ſelbſt, der gänzlich überſtimmt wurde. Beſonders ein Ermahner war da, deſſen wohlwollendes ſchwarzes Geſicht von ſo vielem innern Licht, ſo großer Gutmüthigkeit und Freude ſtrahlte, daß es eine Luſt war ihn anzuſehen und auch ihn zu hören, denn obſchon ſeine Phraſen ſo ziemlich dieſelben blieben, ſo waren ſie doch chriſt⸗ liche Kernworte und wurden mit ſolcher Herzlichkeit ausgeſprochen, daß ſie mit belebender Kraft auch zu Herzen gehen mußten. Zuweilen ging ihm das Trumm aus, und er ſtand dann gleichſam ſuchend eine kleine Weile da, bald aber begann er wieder mit dem, was er ſo eben geſagt hatte, und ſeine Worte ertönten im⸗ mer gleich warm und glaubensfeſt, er ſah aus wie ein lebenſpendender Sonnenſchein. Es war auch blos die Freudenbotſchaft des Chriſtenthums, die er pre⸗ digte: „Halte feſt an Chriſto! Er iſt der Herr! Er iſt der Mächtige. Er wird helfen. Er wir Alles wohl machen. Glaube an ihn, meine Schweſter, mein Bru⸗ der. Rufe ihn an! Ja... ja... halte feſt an Chriſto, er iſt der Herr u. ſ. w. Allmälig nahm das Getöſe in der Kirche zu und wurde zu einem wahren Sturm von ſchreienden Stim⸗ —— — 44 men. Man hörte:„Ja, komm Herr Jeſu! Komm, o komm! O Jubel!“ Und die Rufenden begannen hoch aufzuſpringen, ſchnell wie Körke aus Flaſchen, während ſie mit den Armen und Nastüchern in der Luft herumfochten, als ſuchten ſie Etwas herunterzu⸗ reißen, fortwährend unter dem Rufe:„Komm, o komm!“ Die Hüpfenden wanden ſich korkzieherartig und waren offenbar in convulſiviſchem Zuſtand. Einige fielen um und wälzten ſich unter lautem Rufen und Seufzen im Gange. Ich ſah unſern tropiſchen Ex⸗ horter(den Mann mit dem Sonnengeſicht) mit einem jungen Neger ſprechen, der eine krummgebogene Naſe hatte und Augen, die übers Kreuz ſahen. Bald be⸗ gann auch dieſer zu ſprechen und zu predigen und ge⸗ rieth in ſolchen Eifer, daß er hoch emporfuhr und mit unglaublicher Elaſticität auf⸗ und niederhüpfte. Wohin man blickte, ſah man irgend einen emporſpringen und in der Luft herumfechten; die ganze Kirche ſchien in ein wahres Bedlam verwandelt und das Getöſe und Ge⸗ heul war entſetzlich. Aber die Exhorters gingen ver⸗ gnügt und mit ſtrahlenden Geſichtern umher, als be⸗ fänden ſie ſich in ihrem rechten Element, und als wäre Alles ſo, wie es ſein ſollte. Unſer herzlicher Exhorter hatte eine Weile mit einer großen ſchönen Mulattin vor uns geſprochen, und nachdem er ihr gepredigt, begann ſie ihm zu predigen. Beide ſprachen zu gleicher Zeit mit ſichtbarem Ent⸗ zücken, bis auch ſie in Schwung kam und mit ſolcher Heftigkeit emporfuhr, daß drei andre Weiber ſie am Rock faßten, gleich als wollten ſie ſie auf der Erde zurückhalten. Zwei von ihnen lachten leiſe, während ſie fortfuhren die Begeiſterte zu halten, die unaufhör⸗ lich aufhüpfte und mit den Armen um ſich ſchlug. Endlich fiel ſie um und wälzte ſich unter convuſſivi⸗ ſchen Seufzern auf dem Boden. Dann ſtand ſie auf und begann mit ausgebreiteten Armen in der Kirche m, en en, er u⸗ D tig e nd em ſe e⸗ e⸗ nit in nd in ze⸗ r⸗ e⸗ ire nit nd en. nt⸗ er im de nd ör⸗ ig. vi⸗ uf herum und auf und ab zu gehen, indem ſie von Zeit zu Zeit ein Hallelnjah rief. Ihre Miene war jetzt ruhig, ernſt und wirklich ſchön. Während all des wilden Tumults von Rufenden und Hüpfenden rechts und links fuhr ſie fort in allen Richtungen mit ausgebrei⸗ teten Armen durch die Kirche zu gehen, den Blick auf⸗ wärts gerichtet und leiſe rufend:„Hallelujah.“ End⸗ lich warf ſie ſich am Altar auf ihre Kniee und wurde da ganz ſtill. Das Gehüpfe, Gekreiſche und Gelärme in der Kirche währte noch gewiß eine gute Viertelſtunde fort. Jetzt gingen einige Negerinnen hin und hoben die noch am Altar liegende Mulattin auf. Sie war ganz ſtarr. Sie trugen ſie auf eine Bank vor uns und legten ſie da nieder. „Was iſt's mit ihr?“ ſagte Anna W. zu einer jungen Negerin, welche ſie kannte. „Bekehrt!“ war die lakoniſche Antwort des Mäd⸗ chens, das ſich jetzt den Andern anſchloß, welche ſanft die Pulſe der Bekehrten rieben. Ich legte meine Hand an ihre Stirne. Sie war ganz kalt. Das waren auch ihre Hände. Als ſie allmälig zu ſich kam, war ihr Blick ruhig und feſt, aber es ſchien mir als ſehe er mehr einwärts als auswärts, ſie ſprach leiſe vor ſich hin und in ihrem Geſicht malte ſich ein ſo ſchöner glückſeliger Ausdruck, daß— ich gerne wiſſen möchte, was ſie da ſah oder vernahm. Es war keine gewöhnliche, keine irdiſche Erſcheinung. Ihr Geſicht war wie verklärt. Als ſie unter ſchweren Seufzern wieder in ihren gewöhnlichen Zuſtand kam, wurde auch ihre Miene wieder die ge⸗ wöhnliche. Aber ihr Weſen war verändert; ſie weinte viel, obſchon ruhig und ſtill. Allmälig legte ſich der Sturmwind in der Kirche, das Schreien, Springen, Ermahnen und Predigen, Alles hörte auf, und jetzt ſchüttelte man einander die — — 46 Hände, ſchwatzte, lachte, beglückwünſchte ſich gegenſeitig, ſo herzlich, ſo fröhlich, ſo innig, warm und wohlwol⸗ lend, daß es ein Vergnügen war, das Ding mit an⸗ zuſehen. Von dieſer ganzen brauſenden exaltirten Scene blieb bloß ein inniges Gefühl von Zufriedenheit und Vergnügen zurück, wie wenn man ein frohes Feſt zu⸗ ſammen gefeiert hätte. Ich geſtehe, daß der ganze Aufzug mir dennoch Spaß machte. Einen andern Eindruck hatte Anna W., die dieſen regelloſen wilden Gottesdienſt mit einem Ausdruck von Verwunderung und beinahe Entrüſtung betrachtete. Und als unſer warmherziger Exhorter jetzt zu uns kam und ſich ausdrücklich an ſie wandte mit der Entſchuldigung, er habe uns nicht bemerkt, ſonſt würde er uns nicht übergangen haben u. ſ. w., da ſah ich ihre ſchöne Unterlippe etwas verächtlich hervordrin⸗ gen, indem ſie antwortete:„Ich begreife nicht, in was Sie uns übergangen haben ſollten.“ Der Mann ſah aus, als hätte er uns herzlich gern gepredigt, und ich hätte ſeine mit afrikaniſcher Wärme vorgetragene chriſt⸗ liche Ermahnung gerne gehört. Wir ſchüttelten uns die Hände im Namen unſeres gemeinſchaftlichen Herrn und Vaters. Und ſo unveruͤünftig und abgeſchmackt auch dieſer Ausdruck erſcheinen mag, ſo iſt es mir doch klar, daß darin, obwohl in chaotiſchem Zuſtand, das Element für den rechten afrikaniſchen Gottesdienſt liegt. Gib dieſen Ausbrüchen des warmen Gefühllebens, der Sehn⸗ ſucht und Ahnung Verſtand, Ordnung und Syſtem, dann wird das, was jetzt häßlich iſt, ſchön, das Un⸗ harmoniſche wird zur Harmonie werden. Die Kinder Afrikas werden uns noch eine Form von Gottesdienſt geben, wo die Anrufung, Anbetung und der Lobgeſang dem innern Leben feuriger Seelen entſprechen. Wie Mancher hat nicht in ſeiner Jugend ſelbſt in unſerem kalten Norden ein Afrika von religiöſem Le⸗ —0 n 05—0 +—— 8„ p— U /5 /5 78 — „——————„— 47 ben in ſich empfunden, das herrliche Blumen und Früchte hätte bringen können, wenn es wirklich hätte leben dürfen, wenn es nicht unter dem Schnee und Froſt der Convenienz erſtickt, wenn es nicht in die Staatskirche des Lebens eingeſperrt worden wäre? Ich habe noch einige andere Kirchen in New⸗ Orleans beſucht, eine unitariſche, eine episcopale und eine katholiſche mit dem mir theuern Namen St. The⸗ reſe. Aber der himmliſche Geiſt der heiligen Thereſia war nicht darin. Ein Irländer blöckte ſein Rothwelſch hervor und in dieſem Gotteshaus konnte ich in Nichts das gewinnen oder bemerken, was ich ſuchte, nämlich Erbauung. In der Verſammlung der Negergemeinde war wenigſtens Leben und Feuer. Was ſoll ich Dir noch mehr ſagen von New⸗ Orleans? Daß es eine große Stadt mit 100,000 Ein⸗ wohnern und die ſüdliche commercielle Hauptſtadt des Miſſiſippithales iſt, das kannſt Du aus Büchern er⸗ fahren. Die halbmondartige Lage der Stadt am Miſ⸗ ſiſippi iſt ſchön, auch hat ſie einige ſchöne Straßen und Märkte mit hübſchen Häuſern, umpflanzt von Bäumen und Gebüſchen wie andere amerikaniſche Städte. Der franzöſiſche und früher gebaute Theil der Stadt hat einen kahleren und geſchäftsmäßigeren Cha⸗ racter. Aber ganz New⸗Orleans iſt vor allen Dingen eine Geſchäfts⸗ und Handelsſtadt und ſteht in Bezug auf Anſtalten für höhere intellectuelle und moraliſche Bildung andern großen Städten der Vereinigten Staaten weit nach. Kunſtgenüſſe hat man keine außer in den Thea⸗ tern, und dieſe, namentlich das Schauſpiel, ſtehen nicht ſonderlich hoch. In den weuigen ſchönen Tagen, die ich hier zu⸗ brachte, bin ich viel in der Stadt umhergewandelt, habe aber dabei wenig Sehenswerthes geſehen, außer den ſchönen farbigen Creolinnen, die mit ihren feinen Zügen, ſchönen Augen und hübſchen Köpfen, welche — 48 mit zierlichen, geſchmackvollen, nach new⸗orleaniſchem Brauch umwundenen Tüchlein geſchmückt ſind, alier⸗ liebſt ausſehen; und auf den Straßen habe ich junge Dienſtmädchen, Meſtizen und Quarterons geſehen, die vollendete Schönheiten waren. Gewöhnlich iſt auch ihr Wuchs ausgezeichnet ſchlank und wohlproportionirt. New⸗Orleans iſt lange als eine ſehr fröhliche Stadt bekannt geweſen, hatte aber einen minder guten Ruf in Betreff ſeiner Moralität, welche ſtark mit fran⸗ zöſiſchem Leichtſinn verſetzt war. Dieſer ſoll jedoch mit jedem Jahr abnehmen in demſelben Verhältniß, wie die angloamerikaniſche Bevölkerung die Herrſchaft in der Stadt bekommt. Und ſie nimmt hier auch mit Macht zu. Die franzöſiſche Bevölkerung dagegen wächſt nicht an und ihr Einfluß iſt im Abnehmen. Von der Moralität des Geſchäftslebens in New⸗Orleans habe ich nicht die beſten Zengniſſe vernommen, und ich hörte einmal einen mir befreundeten Handelsmann, während er unter den Zuckerfäſſern auf einer großen Niederlage in der Stadt ſtand, äußern:„Es geſchehen auf dieſem Platz mehr Schurkenſtreiche, als nothig wären, um die ganze Stadt verſinken zu laſſen.“ Der gute Bürgerſinn iſt inzwiſchen nicht unthätig und möchte gern die Stadt würdig machen auf der Erde ſtehen zu bleiben. Eine gute Einrichtung, die jetzt im Werke iſt, iſt ein großes Matroſenhaus, wo Seeleute, deren Schiffe im Hafen der Stadt liegen, um Waaren einzunehmen oder abzuladen, gut und billig beherbergt werden ſollen. Bisher konnten die fremden Matroſen in der Stadt bloß in Kneipen, die wahre Räuberhöhlen waren, Unterkunft finden. Das große ſtattliche Haus das jetzt von guten Bürgern in der Stadt erbaut wird, ſoll den Matroſen einen guten und ſichern Hafen geben. Einige meiner Freunde, die dafür arbeiten, wünſchen, daß Jenny Lind, die binnen Kurzem aus Cuba hier erwartet wird, ſich dafür in⸗ em er⸗ e die ch et. che ten n⸗ mit wie in mit chſt der abe rte end age ſem die ätig der die wo gen, und die die Das nin uten die nnen in⸗ 49 tereſſire. Und da das Haus auch zu Nutz und From⸗ men ſchwediſcher Matroſen erbaut wird, ſo iſt es wahr⸗ daß die patriotiſch geſinnte und freigebige Schwedin Etwas thut. Ich las neulich in einer new⸗orleaniſchen Zeitung: The daily Picayune(Picayune iſt der ſpaniſche Name einer gangbaren ſpaniſchen Silbermünze im Werth von ſünf Cents), eine ſchöne und ernſte Ermahnung an die Bewohner von New⸗Orleanus, daß ſie die berühmte ſchwediſche Sängerin in voller Freiheit in Betreff der Kundgebungen ihrer allbekannten Wohlthätigkeit laſſen und nicht durch Aufdringlichkeit oder Ermahnungen n. w. die Pflichten des Zartgefühls gegen den Gaſt verletzen ſollen. Und das muß ich ſagen, obſchon Jenny Lind oft genug die wohlgemeinte, aber ft jugendlich unüber⸗ legte und aufdringliche Art und Weiſe der Amerikaner läſtig finden mußte, ſo habe ich doch oft Gelegenheit gehabt, das ſchöne und edelſinnige Intereſſe, das man hier für ſie empfindet, kennen zu lernen undezu bewun⸗ dern. Wie manchen habe ich nicht gehört, der ſich da— mit begnügte ſie im Stillen zu ſegnen, lieber als daß er ihr einen Augenblick läſtig geworden wäre! wie Manche, für die es eine ſchwere Entſagung war, ſich ihr nicht zu nähern, bloß weil ſie nicht g laubten/ daß ſie ihr damit ein Vergnügen machen könnten, und weil ſie es nicht wagten ihr ihre Häuſer anzubieten. Ich erinnere mich, daß ich einen achtungswerthen alten Richter in Cincinnati(er war ein ſtattlicher alter Herr) ſagen hörte, er habe in den Zeitungen alle ihre Schritte mit der Theilnahme und Unruhe verfolgt, die nur ein Vater ſeiner Tochter widmen könne, und er habe eine wahre Angſt empfunden, daß ſie ſich auf irgend eine Art durch irgend einen unvorſichtigen Schritt compromittiren könnte. Und ich habe hier über Jenny Bremer, die Heimath in der neuen Welt. MI. 4 50 Lind genug gehört, um zu wiſſen, daß man in ihr zwar ſi die Sängerin und Geldſpenderin liebt, aber mehr noch er die junge Frau in ihrer ſchönen Rolle und Berühmt⸗ heit, die ideale Jenny Lind. ſr Aber ich ſollte jetzt von Loniſiana und von New⸗ fi Orleans ſprechen. Louiſiana wurde, wie Du weißt, w zuerſt von Spaniern und Franzoſen entdeckt. Fran⸗ h zoſen waren die erſten, die Louiſiana zu coloniſiren n verſuchten. Sie begannen und ſtanden davon ab; ſie J begannen von Neuem, es wollte nicht gehen. Aber ſie C 11 ſprachen in Frankreich und England laut von Louiſiana a 1 als einem gelobten Land, einem Eldorado mit uner⸗ b meßlichen innern Reichthümern, die leicht zu Tage ge⸗ u fördert werden können, und der Glaube daran brachte ſe 1 endlich John Laws bekannte rieſige Finanzſpeculation n * auf die vorgeſpiegelten Reichthümer des mährchenhaften ſe Louiſiana, ſowie ſpäter den großen Bankrott aller ſt 1 Theithaber an dieſer tollen Speculation hervor. Loui⸗ ſe ſiana, oder das große Land, das den ſüdlichen Theil h des Miſſiſippi umfaßt Arcanſas war damals noch nicht ſe 3 davon getrennt), gerieth ſpäter aus der franzöſiſchen 9. 1 Gewalt in die ſpaniſche, dann wieder in die franzö⸗ ſiſche bis es im Jahr 1803 von der Regierung der C Vereinigten Staaten gekauft und ihnen als ſelbſtſtän⸗ T diger Staat einverleibt wurde. Inzwiſchen war Loui⸗ h 3 ſiana von Franzoſen, Spaniern, Engländern, Deutſchen d 3 und andern Nationen angebaut und bevölkert worden, 1 und New⸗Orleans war langſam emporgewachſen unter 8 Ueberſchwemmungen und Orkanen, und mit geringen ei Ausſichten die Halbmondſtadt zu werden, die ſie jetzt iſt. ſe Louiſiana's Bevölkerung überſtieg(die Indianer h abgerechnet) nicht 50,000 Seelen, als es den Vereinig⸗ 3 ten Staaten einverleibt wurde. Sieben Jahre ſpäter 8 — hatte ſich die Bevölkerung beinahe verdreifacht. Aber ſe die neue Epoche und das neue Leben begann für Loui⸗. ar ch t⸗ w⸗ ßt, an⸗ ren ſie ſie ana er⸗ ge⸗ chte tion ften ller oui⸗ heil richt chen nzö⸗ der ſtän⸗ oi⸗ ſchen rden, unter ngen zt iſt. ianer inig⸗ päter Aber Loui⸗ 51 ſiana und New⸗Orleans erſt im Jahr 1812, wo das erſte Dampfbvot den großen Fluß zu befahren anfing. Louiſiana iſt durchgängig ein flaches Land, theils ſumpfig und feucht, theils mit fruchtbaren reichen Ge⸗ filden und Marken. Lyuiſiana erzeugt Zucker, Baum⸗ wolle, Mais, Reis, Indigo. Die nördlichen Theile haben Wälder mit vielen Arten von Eichen, Caſta⸗ nien, Wallnüſſen, Saſſafras, Magnolien und Pappeln. Im Süden ſind Palmettos, Maulbeeren, Lebenseichen, Cedern und Tannen und überall ein großer Reichthum an wilden Weinranken. Es ſind auch mehrere ſchiff⸗ bare Flüſſe da, die dem Miſſiſippi zinspflichtig ſind, und in dieſen, ſowie in Sümpfen und kleinen Land⸗ ſeen leben eine Menge Alligatoren. Dieſe wagen ſich nicht an herangewachſene Menſchen, haben aber nicht ſelten kleine Negerkinder weggeſchnappt. Louiſiana ſoll viele giftige Pflanzen, Schlangen und andere ſchädliche Thiere haben. Im Ganzen finde ich es un⸗ heimlich. Ich möchte für all ſeinen Zucker und all ſeine Baumwolle nicht da wohnen. Jetzt muß ich Dir von der innern Geſchichte von New⸗Orleans etwas ſagen, oder vielmehr von einer Geſchichte dort, die großen Eindruck auf mich machte. Der edelſinnige alte Exminiſter Poinſett in Südcarolina hatte mir geſagt, die Sklavereieinrichtung ſcheine auf die Frauen noch ſchädlicher zu wirken als auf die Männer, und nicht ſelten haben ſich Weiber als die grauſamſten Sklavenpeiniger erwieſen. Und war es ein Zufall oder ein Beweis von der Wahrheit die⸗ ſer Ausſage, aher die ſtärkſten Proben von Miß⸗ handlung der Sklaven, die mir in Südcarolina zu Ohren kamen, waren von Frauen ausgegan⸗ gen, und zwar von Frauen aus der höheren Ge⸗ ſellſchaft. Ich glaube, daß ich Dir bereits von zwei Damen in Charleston erzählt habe, die vor Gericht geſtellt wurden, weil ſie Sklaven theils durch Hunger, 52 theils durch Schläge ermordet hatten; obſchon feige Geſetze und Richter ſie freiſprachen, ſo wurden ſie doch von der öffentlichen Meinung gerichtet, verurtheilt und einer ehrloſen Einſamkeit, ſowie dem Gerichte Gottes überlaſſen. Meine Freundin am Miſſiſippi, Louiſiana's reines Gewiſſen, hatte dieſelbe Aeußerung gethan, wie Mr. P.⸗ und gleichſam zur Bekräftigung hat New⸗Orleans in ſeiner Sündenchronik keinen blntigeren und verhaßte⸗ ren Namen, als den eines Weibes, der Madame Lallo⸗ rou, gebornen Macharty. Es gereicht der Bevölkerung von New⸗Orleans zu Ehren, daß die reiche Dame vor ihrer Wuth entfliehen mußte. Aber wie lang hatte ſie nicht vorher ihre Opfer gequält? Es ſcheint, daß das Verhältniß ihrer Brüder zu Geliebten von der farbigen Race ihren Haß gegen dieſe gereizt hatte. Andere Sklavenbeſitzer mißhandeln ihre Sklaven in augenblicklicher Hitze und Uebellaunigkeit. Madame Lallorvu mißhandelte die ihrigen, wie es ſcheint, zum Vergnügen und aus Luſt an ihrem Leiden. Sie be⸗ ſaß eine große Plantage und genoß da ihre Herrſchaft auf eine Art, die zuletzt ihre Nachbarn in Harniſch brachte. Man bedeutete ihr, daß man keine ſolche Handlungen mehr hören wolle, ſonſt würde man ſie verklagen Madame Lalloron zog jetzt nach New⸗Orleans, wo ſie ſich unbemerkter ihrem Privatvergnügen hin⸗ geben konnte. Sie lebte davon, daß ſie Sklaven ver⸗ miethete, die ihr jede Woche den verdienten Lohn bringen mußten. Aber kamen ſie nicht zur Zeit oder war die Summe nicht groß genug⸗ dann wehe ihnen. Ihre eigenen Hausſtlaven hatten kein beſſeres Lvos; bei der geringſten Veranlaſſung, welche demjenigen, der ſie finden will, niemals fehlt, wurden ſie mit eiſer⸗ nen Ketten in die Keller des Hauſes geworfen, und hier behielt ſie die Leute und beſuchte ſie, um ihre Rache an ihnen zu üben. Ich will Dir nicht von den un Ze we au no Er ſte di er: ne me ame zum be⸗ haft niſch olche ſie ans, hin⸗ ver⸗ Lohn oder hnen. os; igen, eiſer⸗ und ihre n den Mitteln erzählen, welche ſie wählte, um ihre grauſame Luſt zu ſättigen— die Chroniken des Heidenthums und des Fanatismus kennen nichts Schlimmeres. Ge⸗ nug, das Klagegeſchrei der Opfer bahnte ſich unter der Erde, durch Mauern und verſchloſſene Thüren hindurch Weg und wurde gehört. Es verbreitete ſich in der Stadt. Das Herz des Volkes empörte ſich. Das Volk verſammelte ſich in Hanfen um das Haus, wo Madame Lallorou wohnte, es wollte die Opfer be⸗ freien, das Haus niederreißen und an dem Teufel in Weibergeſtalt Rache nehmen. Es griff die Sache raſch an. Schon begannen die Mauern des Hauſes einzu⸗ fallen, da kam der Maire mit bewaffneter Macht. Er beſchützte Madame Lallorou's Haus mit Gewalt und gab ihr Gelegenheit durch eine Hinterthüre zu ent⸗ fliehen. Halb gekleidet entkam ſie und entfloh aus Amerika. Später lebte ſie in Paris von den Zinſen eines ungeheuren Vermögens, das ſie ſich auf die bewußte Art in Louiſiana erworben hatte. Sie ſoll vor kurzer Zeit geſtorben ſein. Wer kann an eine Hölle nach dem Tod glauben, wenn man das Leben und die Luſt ſolcher Menſchen auf Erden ſieht! Madame Lallorou's Mann, ein Franzoſe, lebt noch in Nw⸗Orleans und ſoll ein braver Mann ſein. Er muß alſo von ſeiner Frau getrennt gelebt haben. Dieß ereignete ſich vor zehn bis zwölf Jahren. Wenn es wirklich wahr iſt, daß Weiber die ſchlimm⸗ ſten unter den ſchlimmen Sklavenbeſitzern ſind, ſo muß dieß daher kommen, daß ihr Character im Allgemeinen erregbarer, daß das Clima hier von ungewöhnlich nervenreizender und erhitzender Beſchaffenheit iſt, und daß ohnehin das Weib im Allgemeinen in den Extre⸗ men des Guten und Böſen über dem Manne ſteht, 54 daß ſie von Natur excentriſcher, geiſtiger, den Geiſtern, Engeln oder Teufeln, näher iſt. Auch in Schweden, in Stockholms höchſten Krei⸗ ſen haben wir Damen gekannt, die ihre Dienerinnen ſo behandelten, daß die Polizei ſich ihrer annehmen mußte. Die Gräfin L. war liebenswürdig, gut, ange⸗ nehm gegen alle Welt, außer gegen ihre Dienerſchaft und ſie konnte eine Dienerin nicht länger als ſechs Wochen im Hauſe behalten. Wir haben zwei aus⸗ ländiſche Miniſterfrauen(beide Engländerinnen) ge⸗ habt, welche durch die Behandlung ihrer Dienſtboten wohl verdienten, was die eine von ihnen von einem Bekannten des Hauſes als Weihnachtsgeſchenk erhielt— blutige Tapferkeitsmedaillen. Nur gut, daß die Dienerin⸗ nen dieſer Damen, Dank ſei es den Geſetzen unſerer freien Länder, fortgehen konnten. Aber hier in dieſem freien Land kann man im Angeſicht täglicher Erfah⸗ rungen ſolcher Art die Sklaverei noch vertheidigen als eine patriarchaliſche Einrichtung, die ſich mit den Ge⸗ ſetzen eines freien Volkes, ſowie mit Menſchenrecht und Menſchenglück wohl vereinbaren laſſe. Ich habe hier mehrere Male mit einer Frau zu ſtreiten gehabt, welche dieſe Sätze vertheidigt und, um die rechtliche Begründung der Sklaverei, ſowie das Glück der Neger unter dieſer vortrefflichen n zu beweiſen, nit einer ſo ſeltſamen Vera tung aller Logik und geſunden Vernunft ihre Gründe und Sophis⸗ men ins Feld ſtellt, daß ich zuweilen aus lauter Verwunderung ſtumm werde. Ich weiche übrigens, ſo gut ich kann, einem Ge⸗ ſpräch über dieſe Gegenſtände aus. Die Frage von der Sklaverei iſt ein krankes Auge, das bei der geringſten Bewegung wehe thut. Eine ſolche Erörterung ſchmerzt die Guten, reizt die Nichtguten und hilft zu Nichts. Ich ſchweige deßhalb, wenn ich es mit gutem Gewiſſen thun kann. Ohnehin iſt es klar, daß die Frage nicht , i⸗ en en e⸗ aft hs 18⸗ ge⸗ ten em in⸗ rer ſem ah⸗ als Ge⸗ echt zu um das tung aller his⸗ auter von gſten merzt ichts. viſſen nicht 55 ruhen wird, daß das Werk des Lichtes auch hier zur Erlöſung der Kinder Africas begonnen hat und daß ihre Lage ſich auch hier mit jedem Jahr verbeſſert. Gerne möchte ich Dir jetzt von einer Sklavenbe⸗ ſitzerin erzählen, die auf der guten Seite ein Gegenbild von Madame Lalloron iſt, aber ich weiß keine ſolche. Sie dürfte ſich indeß vorfinden. Das ſehr Schlechte macht vielen Lärm von ſich, das Gute wenig. Aber ich muß Dir von einem Sklavenbeſitzer erzählen, der mir in dem Sklavenſtaat zu ſtehen ſcheint, wie eine offene Thüre im Gefängniß. Er hieß Macdonough und ſtarb vor ein paar Jahren in New⸗Orleans mit Hinterlaſſung eines Ver⸗ mögens von mehreren Millionen Dollars, worüber er vollſtändig zum Vortheil allgemeiner wohlthätiger An⸗ ſtalten in Louiſiana verfügte. Dieſer ſonderbare Mann lebte wie der größte Knicker, ſparte an ſich ſelbſt im höchſten Grad, und verſchenkte nie Etwas, ſelbſt wenn nahe Verwandte ſich meldeten und im Elend beinahe um⸗ kamen. Sparen, mit jedem Tag Etwas zurücklegen, ſein Vermögen vermehren, verdoppeln, das war ſein beſtändiger Gedanke, und darauf ging alle ſeine Thätig⸗ keit aus, ſelbſt in den geringſten Dingen. Er war auch mit ſeinen Worten ſparſam und vergeudete nicht ein einziges unnöthig. Nichts deſtoweniger hatte er große Pläne und Gedanken. Er glaubte ſich von der Vorſehung be⸗ ſtimmt ein großes Vermögen zu erwerben, um damit bedeutende Dinge zum Vortheil des Staats, der ſein Vaterland war, ausführen zu können. Deßhalb be⸗ trachtete er ſich bloß als Verwalter ſeines Vermögens und behauptete, er habe kein Recht auch nur das Mindeſte für geringere Zwecke wegzugeben. Wenigſtens war dieß der Vorwand, womit er ſeinen Geiz und ſeine Härte vergoldete. Er ſagte:„Wenn ich Jahr um Jahr fortfahre. —.— 56 mein Capital in dieſem(einem gewiſſen angegebenen Verhältniß) zu vergrößern, ſo werde ich zuletzt der reichſte Mann in Louiſiana; ich kann, wenn ich es noch länger ſo treibe, ganz Louiſiana aufkaufen und dann“... und dann würde er große Dinge ausführen, welche Loui⸗ ſiana zum freieſten und glücklichſten Staate machen ſollten. Macdonough hatte darüber Anſichten und ein Syſtem, welches von einem wirklich tief denkenden Geiſt zeugt. Aber der arme Macdonongh vergaß, daß er ſterblich war, und obſchon er ein hohes Alter erreicht, hatte er dennoch den erſtrebten Reichthum noch nicht erworben, als er vom Tod überraſcht wurde. Seine großartigen Pläne werden mit ihm ſterben und wenig oder nichts in Lyuiſiana wirken, außer möglicher Weiſe in einer Beziehung, und das iſt diejenige, die ich mit der ge⸗ öffneten Gefängnißthüre meinte. Maedonough war Plantagerbeſitzer und Sklaven⸗ halter. Er beſchloß ſeine Sklaven zu emancipiren, ſo daß ſie dabei gewinnen ſollten und er ſelbſt Nichts verlöre. Er ſagte zu ihnen: „Ihr ſollt euch frei arbeiten und für die Kauf⸗ ſumme, die ihr mich gekoſtet habt, aus der Sklaverei loskaufen können. Ich werde euch Mittel geben, das Geld zu erwerben. Fünf Tage in der Woche müßt ihr für mich arbeiten wie bisher für Koſt, Kleider und Wohnung, am ſechsten Tag ſollt ihr auch für mich ar⸗ beiten, aber ich werde euch dafür bezahlen, werde das Geld zuſammenlegen und für eure Rechnung verwal⸗ ten. So für dieſes Jahr. Im nächſten Jahr ſollt ihr zwei Tage in der Woche bekommen, an denen euch eure Arbeit bezahlt wird, vorausgeſetzt, daß ihr brav und n. ſ. w., bis redlich arbeitet; im folgenden Jahr drei die zu meiner Entſchädigung erforderliche Summe bei⸗ ſammen iſt und ihr etwas für euch übrig habt, um en er ch ni⸗ en. m, gt. ich er en, gen hts ner ge⸗ en⸗ hts uf⸗ erei das ihr und ar⸗ das val⸗ ihr eure und bis bei⸗ um 57 euch damit in Liberien niederzulaſſen, wohin ich euch verhelfen werde, ſobald ihr frei ſeid.“ Die Sklaven wußten, daß Macdonough Wort hal⸗ ten würde. Sie begannen mit neuem Muth zu ar⸗ beiten, denn ſie arbeiteten für ihre Freiheit und Zu⸗ kunft. Es ging bei den einen raſcher und bei den an⸗ dern langſamer, aber binnen zehn Jahren hatten ſämmt⸗ liche Sklaven der Plantage ſich losgearbeitet und Mac⸗ donough rechnete mit ihnen ab, wie er verſprochen hatte. Die Sclaven konnten jetzt ohne Gefahr für ſich ſelbſt oder andere befreit werden. Sie hatten ſich an Arbeit, Beſonneuheit und Selbſtbeherrſchung gewöhnt, wenigſtens in Bezug auf ihr öconomiſches Leben. Macdonoughs Pflanzung war gut beſtellt worden und die Sklaven hatten ihm das Capital, für das er ſie aufgekauft, zurückgegeben. Ich weiß nicht, ob es Macdonoughs Plan war die Plantage ſpäter von weißen Arbeitern oder von freien Schwarzen anbauen zu laſſen, aber Eines ſcheint mir gewiß, nämlich daß ſeine Art die Sklaveneman⸗ cipation zu behandeln, wohl verdient überlegt und be⸗ folgt zu werden, als eine der klügſten Verfahrungswei⸗ ſen, um eine allmälig allgemeine Befreiung aus den Feſſeln der Sklaverei zu bewerkſtelligen und damit eine unendliche Wohlthat ſowohl für die Schwarzen als für die Weißen in Nordamerika zu erzielen. Und ich kenne mehrere geachtete und denkende Männer in New⸗Orleans, welche der Anſicht ſind, daß eine ſolche Emancipation, wodurch die Negerſklaven allmälig in freie Arbeiter verwandelt werden, ohne be⸗ ſondere Schwierigkeit vor ſich gehen könnte, und daß die gefährlichen Folgen, die man ſich davon vorſpie⸗ gelt, größtentheils nur Träume ſeien. Als die härteſten unter den Sklavenhaltern der Umgegend habe ich Franzoſen bezeichnen gehört und ich glaube das auch nach ihrem Volkscharakter. Dann 58 kommen Schotten und Holländer. Bei kleinen und armen Landwirthen leiden die Sklaven oft ſehr Hun⸗ ger, wie auch das Vieh. Ich hörte dieſer Tage von einem Gütchen erzählen, wo mehrere Stück Vieh ver⸗ hungert waren. Ich habe nach den Tänzen und Feſten der Negerſtlaven an Weihnachten und Neujahr gefragt, von denen ich ſo viel erzählen gehört, aber die Zuckerernte iſt im letzten Jahr ſpät geweſen, die Arbeit mit dem Zuckermalen reichte über Weihnachten und Neujahr hinaus, die Baumwolle wird jetzt noch auf den Plantagen gepflückt, die Tänze ſind unterblieben. Ich bin jetzt dieſen Negerfeſten von einem Ende der Sklavenſtaaten zum andern nachge⸗ reist, ohne daß ich ſo glücklich war, auch nur ein ein⸗ ziges virkliches zu Geſicht zu bekommen, oder davon zu hören. In New⸗Orleans habe ich übrigens ſo viel Güte genoſſen, ſo viele gute und warme Freunde gefunden, daß ich darüber ſowohl erſtaunt als gerührt wurde. Ich hatte New Orleans immer als eine ſehr muntere und nicht ſehr literariſche Stadt ſchildern gehört, und Mr. Garriſon hatte mich darauf vorbereitet, daß die Bevölkerung von New⸗Orleans Nichts als Schönes zu ſehen wünſche. Es war alſo klar, daß ſie keine beſon⸗ dere Freude daran haben konnte mich zu ſehen. Und gleichwohl ſind die Leute zu mir gekommen und wieder gekommen, haben mich, Männer ſowohl als Frauen, mit Geſchenken überhäuft und auf mannigfache Art mein Daſein erfreut. Ich für meinen Theil nehme aus New⸗Orleans keine anderen Erinnerungen mit, als Erinnerungen des Vergnügens und der Dankbarkeit. Von meinen näheren Freunden trenne ich mich mit einer Miſchung von Freude und Bedauern. Es macht mich reich und glücklich ſie kennen gelernt zu haben, an ſie zu denken, ſie zu lieben, und wenn ich bedenke, daß ich jetzt, vielleicht auf immer, von ihnen ſchi im an Ih bli jetz tre vor rec hnen 59 ſcheiden ſoll, ſo gilt die Thräne, die ich im Herzen und im Auge fühle, nicht bloß dem Schmerz. Es iſt ſo angenehm zu lieben! Octavia Le Vert fuhr vor einigen Tagen zu den Ihrigen zurück. Die Augen, die trocken und kalt ge⸗ blieben waren, als ſie in Gefahr ſtand alle ihre Schmuckſachen und ihr Geld zu verlieren, ſchwammen jetzt, da ſie ſich von einer neu erworbenen Freundin trennen ſollte, in Thränen. Ich küßte die Thränen von den bleichen Wangen weg. Ich fühlte, daß ich ſie recht herzlich liebe. Mrs. Geddes war unvergleichlich gegen mich in dieſer Zeit, wo ich verſchiedene Toilettengeſchäfte zu meiner paſſenden Ausrüſtung nach Cuba(ſie muß zu⸗ gleich etwas elegant und ſommerleicht ſein) und dabei allerlei Widerwärtigkeiten hatte, verurſacht theils durch Modehändlerinnen, theils und zwar meiſtentheils durch meine eigenen Fehler. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie gut, wie angenehm, wie unermüdlich dienſtfertig und hülfreich ſie mir dabei beſtändig war, wie nett und artig ſie mir in allem geholfen hatte. Du weißt, wie unangenehm es mir gewöhnlich iſt, mich mit ſol⸗ chen Dingen zu befaſſen, aber Du kannſt Dir kaum vorſtellen, wie ich es hier empfinde, wo geiſtige und körperliche Müdigkeit, ſowie Unbekanntſchaft mit den Preiſen und Perſonen in der Modenwelt alle Schwie⸗ rigkeiten verdoppeln. Aber Du kannſt Dir auch nicht vorſtellen, wie gut und liebenswürdig Mrs. Geddes bei all dieſen großen und kleinen Bekümmerniſſen gegen mich war, wie viel Geduld und gute Laune ſie zeigte; wahrhaftig ich ſchäme mich, wenn ich mich mit ihr ver⸗ gleiche. dießjährigen Jahre älter geworden. Sei jedoch unbeſorgt um mich, mein Herzchen, ſondert Gefahren geführt hat, der mich o Abentheuer über den gauzeu Miſſiſipi, juſt als fünf Dampfboote ne waſſern in die Lu kommen und aus gute Wohnung einziehen ließ am Abends. Ich habe jetzt mit Anna W. meine letzte Spa⸗ zu zierfahrt auf dem ſchönen Muſchelweg bis zum Pont⸗ chartrainſee angeſtellt. Die Luft war lieblich und der Himmel ſah wieder mit blauen Angen auf uns zwiſchen Wolken hindurch, die ſich immer mehr entfernten. Der D Muſchelweg geht meiſtens durch niedrige, noch wilde 6 Waldung. Man ſieht hier nicht unſere ſchönen, moos⸗ und waldbekleideten Berge und Hügel, aber aus n dem Dickicht des Waldes ſchauen überall die ſchönen Palmettopflanzen empor mit ihren großen, fächerartigen V Blättern, die im Winde wogen⸗ Das Regelmäßige und Graciöſe in den Formen mehrerer halb tropiſchen 6 Pflanzen, die eine neue Phaſe der Erdvegetation ver⸗ 3 fünden, lockt mich mit großer Zauberkraft an. c Morgen, morgen meine Agathe, gehe ich an Bord des großen Dampfſchiffes Philadelphia und in drei Ta⸗ of gen bin ich auf Cuba. Ich freue mich unausſprechlich z dahin zu kommen, um dieſe neue Schönheit zu ſehen, um eine mildere Luft zu trinken und um die Winter⸗ G n über dieſem amerikaniſchen Clima zu entfliehen, H Veränderlichkeit meine geiſtigen ſowohl als kör⸗ de perlichen Kräfte angreift. Ich bin während meiner Reiſe in Nordamerika körperlich um zehn vertraue gleich mir auf meinen Reiſekobold, lieben Freund, der mich wohlbehalten durch alle f hue die mindeſten bſt ihren Paſſagieren auf ſeinen Fahr⸗ Luft flogen, bis nach New⸗Orleans dem Hotel Saint⸗Charles in dieſe — Tag, bevor es ein a⸗ nt⸗ der hen Der ilde len, aus nen gen Bige chen ver⸗ ord Ta⸗ hlich hen, iter⸗ hen, kör⸗ iner zehn chen, bold, alle eſten fünf Fahr⸗ leans dieſe s ein 61 Raub der Flammen wurde. Er wird mich zu euch, zu Dir, meine theure Schweſter-Freundin, wohlbehalten zurückführen. Briefe von meinen Freunden im Norden, von Downings, Springs und Lowells haben mich hier er⸗ freut. Dieſe Freunde begleiten mich als gute Geiſter und ich muß Dir das ſagen. Denn meine Freunde mußt auch Du lieben. Jenny Lind iſt jetzt in Havannah und man ſpricht Verſchiedenes von dem Erfolg ihrer Concerte. Ich glaube jedoch, daß ſie ihre Gegner beſiegt hat, die ei⸗ gentlich zur franzöſiſchen Partei im Lande gehören, welche ihr den Rang einer großen Sängerin ſtreitig ma⸗ chen will. Hier in New⸗Orleans wird ſie mit Enthuſias⸗ mus empfangen; alle Herzen ſind warm, alle Ohren offen für ſie. Sie reist juſt ab, wenn ich hinkomme, und ich weiß noch nicht, ob ich ſie treffen werde. Ich bin geſund, meine Agathe, und guten Muths. Gott gebe, daß es mit Dir auch ſo ſtehe! Und mit Hülfe der Homöopathie mußt auch Du geſund wer⸗ den. Möge Aeskulap Dich und ſeine Jünger er⸗ leuchten! Bald mehr von Cuba. Dreiunddreißigſter Brief. Havannah(Cubo), den 5. Februar 1851. Mein Herzchen! Ich ſitze unter dem warmen, klaren Himmel und den ſchönen Palmen der Tropen⸗ länder, und das iſt ſchön und wunderbar!. Dieſe herrliche, liebliche Luft, dieſe hohen Palmbäume ſind vollendete Schönheiten. Das Uebrige gewährt, fürchte ich, mehr durch ſeine Ungewöhnlichkeit, ſeine Verſchie⸗ denheit von dem, was ich früher ſah, als durch wirk⸗ lich größere Schönheit Vergnügen. Aber das Unge⸗ wöhnliche und Neue iſt ſo angenehm und erfriſchend, und ſo empfinde ich es jetzt und bin entzückt, daß ich mich hier befinde. Ich reiste am 28. Januar früh Morgens von New Orleans ab. Es war ein ſchöner, ſonnenheller, ſommerwarmer Morgen. Meine Freunde führten mich an Bord des Philadelphia. Harriſon kam, um Ab⸗ ſchied von mir zu nehmen, und gab mir eine rothe Ca⸗ melia noch in der Knospe. Sein ehrliches, herzliches Geſicht und das Geſicht Anna W's mit ſeinen reinen Zügen, ſeinem ſtillen Feuer in den dunkeln Augen ſind die letzten, die ich im Salon unter dem Verdeck ſah. Später ging ich hinauf. Die Halbmondſtadt lag in der Morgenſonne gebadet da und das Waſſer im Hafen erglänzte wie ein klarer Spiegel in ihrem Lichte. Ich ſtand da und erlabte mich an der ſchönen Luft, an der großartigen Scene, aber da kamen Ladies mit ihrem how do Jon like America(wie gefällt Ihnen Amerika ²) und meine Morgenfreude war geſtört und ich mußte mich mit Geduld darein finden. Aber wir fuhren ab und ich ſetzte mich mit einem en, en⸗ ieſe ſind chte chie⸗ virk⸗ uge⸗ e, ß ich von eler, mich Ab⸗ e Ca⸗ liches reinen n ſind ck ſah. in der Hafen Ich ft, an es mit Ihnen rt und teinem 63 Buch in der Hand auf die Piazza im Hintertheil des Schiffes und betrachtete die Ufer und lebte ein Leben voll Hochgefühl. Denn ich durfte jetzt allein ſein und das Schauſpiel an den Ufern war wie ein ſchönes, ſüdliches Feenwerk. Wir fuhren den Miſſiſippi hinab auf demjenigen Arm, der in die Atchafalaya⸗ Bucht ausläuft und von da in den mexicaniſchen Meerbuſen. Plantage um Plantage erglänzte an den Ufern, mit weißen Häuſern, eingefaßt in Bouquete von Pome⸗ ranzen und Cedernhainen; von blühenden Oleandern, Alvön und Palmettos. Allmälig ſah man ſie in wei⸗ terer Entfernung von einander. Das Land ſenkte ſich immer mehr, bis es zu einem gras- und ſchilfbewach— ſenen Sumpfboden wurde, ohne Bäume, Gebüſche und Wohnſtätten. Es hielt ſich gerade noch über dem Waſſer: endlich verſank es in demſelben, bildete aber da die ſeltſame, regelmäßige Figur, welche das Miſſi⸗ ſippi⸗Delta genannt wird, wegen ihrer Aehnlichkeit mit dem griechiſchen Buchſtaben dieſes Namens. Einige Grashalme wehten noch über dem Waſſer, bewegt von den Wogen und dem Winde. Endlich hörten auch ſie auf. Die Wogen herrſchten allein. Und jetzt lag das Land, Nordamerikas großes Feſtland, hinter mir, und vor mir der große mexicaniſche Meerbuſen mit ſeiner ieee Tiefe, die Südſee mit allen ihren Inſeln. Die dunkle, beinahe ſchwarzblaue Farbe des Waſ⸗ ſers fiel mir auf. Man ſagt, ſie komme von der großen Tiefe. Der Himmelmitſeinen ſommerleichten, weißen Wol⸗ ken lag hellblau über dem dunkelblauen Meer, das ſich freudig hob und brauste vor dem friſchen, ſonnenwar⸗ men Wind. Ach wie ſchön war das! Ich trank den Wind und das Leben, ich ruhte aus von Gedanken und Reden und von Allem, was nicht zu dem ſchönen Leben des Augenblicks gehörte. Das Meer! Das 64 Meer hat eine unausſprechlich beruhigende, heilende und wiedergebärende Kraft in ſich. Willſt Du ein neues Leben in Dir und außer Dir beginnen, ſo fahre über das Meer. Laß des Meeres Luft und Leben Tage und Wochen lang Deine Seele baden. Alles wird neu und friſch auf dem Meer. So lebte ich den erſten Tag auf dem Meer; ſo lebte ich auch den zweiten. Aber jetzt erlabte ich mich auch an einem Buch, nemlich an J. Brownings Trauer⸗ ſpiel: die Rückkehr der Druſen, einer Dichtung, deren hochſinniger, lebenswarmer Geiſt in Harmonie ſtand mit dem ſchönen, großen Schauſpiel umherz in beiden athmete ich das Gränzenloſe, Große und Tiefe. Kam dann der eine oder andere Herr und fragte: „how do Jou like America?“ oder verlangte er ein Autograph, ſo war dieß, als ſurrte eine Fliege an Ohr und Gedanken vorüber Es war auch ein Herr an Vord, der mir angenehmer war, als die andern ſtörend. Derſelbe artige Herr, der ſich bei dem Unfall auf dem Pontchartrain zu meinem Cavalier gemacht, mich in den ſchönen Garten und dann nach New⸗Orleans be⸗ gleitet hatte, war ebenfalls jetzt auf der Reiſe nach Cuba begriffen, um ein milderes Clima zu ſuchen, als das der Vereinigten Staaten im Winter iſt. Mr. Vaſſar iſt ein Gentleman von mittlerem Alter, von edlem gutmüthigem Geſicht und feinen, milden Manieren; er hat auf langen Reiſen im Morgen⸗ und Abendland viele intereſſante Dinge geſehen und erfahren. Auf dem Philadelphia machte er ſich, wie wenn es ſich von ſelbſt verſtände, aufs Neue zu meinem Cavalier, reichte mir den Arm zu und von den Mahlzeiten, ſetzte ſich bei Tiſch neben mich und machte mir ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit angenehm durch ſein intereſſantes, anziehendes Weſen. Das Schiff hatte keine Aehnlichkeit mit den ſchö⸗ ide ßer des ine em ſo lich ler⸗ ng, nie in iefe. te: ein an err end. dem hein be⸗ nach als ſſar dlem er land Auf von ichte ſich nerk⸗ endes ſchö⸗ 65 nen, bequemen Dampfbooten, an die ich in Amerika gewöhnt worden war. Unter dem Verdeck war Alles eng und finſter; Cajüten, Gänge und Speiſeſaal. Um allein ſein zu können, hatte ich meine Cajüte weit hinten im Hintertheil gewählt, wo die Bewegung des Schiffes am ſtärkſten empfunden wurde; aber dort be⸗ fand ſich auch ein einſames, dreieckiges Zellchen mit einer runden Fenſteröffnung nach dem Meer hinaus. Die Seekrankheit fürchtete ich nicht und hier konnte ich allein ſein. Unter den intereſſanten Paſſagieren an Bord be⸗ fand ſich einer der reichſten Pflanzer Louiſianas, ein ilterer Mann, mit ſeinem einzigen Kind, einem jungen Mädchen. Ihre Mutter war an der Schwindſucht ge⸗ ſtorben, und der Vater hatte die Tochter ſchon ſeit ihrer Kindheit ſo zu erziehen geſucht, daß ſie vor der gefährlichen Erbſchaft bewahrt bleiben ſollte. Sie wuchs in großer Freiheit auf dem Lande auf, war viel draußen in der friſchen Luft und durfte keinen Schnür⸗ leib tragen. So gedieh ſie zu einem ſchönen blühenden Mädchen So kam ſie ins Geſellſchaftsleben hinaus. Nachdem ſie einen Winter lang ſich geſchnürt und in den Geſellſchaftskreiſen von New⸗Orleans getanzt hatte, war die ſchöne Blume gebrochen. Und die Kennzei⸗ chen der Krankheit, welche die Mutter dahin gerafft hatte, ſtellten ſich bei der Tochter ein. Der Glanz der Augen, die Röthe der abmagernden Wangen, die ganze Haltung der langen, ſchlanken Geſtalt zeugte von der Gefahr. Es war rührend den alten Vater zu ſehen, wie er daſtand und ſtille die Tochter betrachtete, mit Au⸗ gen, die von vordringenden Thränen benebelt ſchienen. Es lag ein ſo ſtummer Kummer, ein ſo ſtarkes Ge⸗ fühl der Hülfloſigkeit in ſeinem Ausdruck. Sie ſchaute dann mitunter auf und lächelte ihm freundlich zu wie Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 5 — ——— 66 ein Sonnenſchein, aber es war klar, daß die Wolke da war, daß ſie im Zunehmen begriffen war, und daß alles Gold des Millionärs das Leben ſeines einzigen Kindes, ſeiner einzigen Erbin nicht zu erkaufen ver⸗ mochte. Die Reiſe, welche ſie jetzt vorhatten, war jedoch ein Verſuch dazu; ſie gedachten zuerſt nach Cuba, ſo⸗ dann nach Europa zu gehen. Ein ſchönes, blühendes junges Mädchen, eine Verwandte der Kranken, war ihre Geſellſchaft. Auch einige Schweden waren an Bord, auf dem Weg nach Chagres begriffen, von wo ſie nach Cali⸗ fornien abgehen wollten. Der eine von ihnen hieß Hörlin und war ein Neffe des Biſchofs H. Er hatte ein gutmüthiges Geſicht und ein gebildetes Benehmen; er fuhr jetzt zum zweiten Mal nach dem Goldland, wo er ſich durch Handel bereit? ein nicht unanſehnli⸗ ches Vermögen erworben hatte. Am Nachmittag des zweiten Tags bewölkte ſich der Himmel und der Wind wurde ſtärker. Ich traute meinen Augen kaum⸗ als ich hoch oben in den Wolken vor uns hohe Berge und Felſenſpitzen, nicht unähn⸗ lich einer Nebelfeſtung mit Wällen und Thürmen ſah, und man mir ſagte, dieß ſei Cuba. i gleichwohl erſt am folgenden Morgen So hohe und kühne Berggegenden hatt noch nicht geſehen. Die Nacht wurde ſtürmiſch, aber es war ſehr warm, und um Luft zu bekommen, hatte ich meine Fenſterlucke geöffnet. Ich ſah von meinem Bett aus dicht unter demſelben den wolkenvollen Himmel und das ſtürmiſche Meer; wenn das Schiff in ſeinen hef⸗ tigen Bewegungen bis zur Waſſerfläche au meiner Seite herabgebracht wurde. Die Wogen ſchäumten und tosten dicht vor meinem Fenſter. Sie kamen zu⸗ letzt in mein Bett herein. Aber das Waſſer war ſo dahin kommen. e ich im Weſten ke aß en er⸗ och ſo⸗ des war dem ali⸗ hieß ate nen; and, hnli⸗ ſich raute olken tähn⸗ ſah, unten imen. Leſten ſehr meine tt aus el und n heſ⸗ meiner äumten ren zu⸗ war ſo 67 lau, daß ich es im Anfang nicht bemerkte, und dann, als ich nur die Alternative hatte, das Fenſter zu ſchließen und in der erſtickenden Luft in der Cajüte zu leben, oder die weiche Meeresluft einzuathmen und von Zeit zu Zeit von der ſalzigen Woge eine Um⸗ armung zu erhalten, da wählte ich das Letztere. Ich wurde tüchtig durchnäßt, fühlte mich aber ruhig und glücklich; ich ſtand auf Du und Du mit der Woge und dem großen Meer. Ich lag darin, wie ein Kind in ſeiner guten Wiege. Es konnte mir kein Leid an⸗ thun. Am nächſten Morgen lagen wir im Hafen von Havannah.. Die Brandungen hoben ſich hoch und brachen ſich gewaltſam an der vorſpringenden Klippenſpitze, wo die Feſtung Morro mit Wällen und Thürmen(worunter einer ſehr hoch) emporragt und den ſchmalen Eingang in den Hafen Cubas vertheidigt. Aber in dem ſchönen, beinahe zirkelrunden Hafen lagen wir ſtill wie in dem ruhigſten Waſſerbecken, und die Sonne beglänzte eine Welt von neuen Gegenſtänden rund um mich her. Da lag die große Stadt Havannah an der Küſte entlang, rechts vom Eingang, mit niedrigen Häuſern von allen Farben, blau, gelb, grün, orange, gleich einem ungeheuern Lager von hübſchen Gläſern und Porcellanſachen in einem Galanterieladen, und kein Rauch darüber, nicht die geringſte Rauchſäule gab die Atmoſphäre der Stadt, das Küchen⸗ und Fabrikleben zu erkennen, an das ich bei den amerikaniſchen Städten gewöhnt geweſen war. Gruppen von Palmen erhoben ſich zwiſchen den Häuſern. Eine Anhöhe links von uns war von einer Menge wunderlicher Pflanzen bedeckt, die hohen, grünen Can⸗ delabern mit vielen Doppelarmen glichen. Zwiſchen den grünen Höhen rund um den Hafen lagen Gruppen von Landhäuſern und Haine von Cocuspalmen und andern palmartigen Bäumen, und über all dem ruhte hſte und ein⸗ gen⸗ wo niß Pal⸗ gen. ani⸗ die giere iſſer dem des der eren ver⸗ nige nicht eine ſicht, We⸗ achte ihren bſich⸗ Cali⸗ iegen nblick r für wir an und t, füt e tro⸗ r ge⸗ 69 boten und von Liebhabern ausgeſogen. Es war ein ächtes tropiſches Frühſtück im Sonnenſchein auf dem Meere. Endlich kam ein Boot mit der ſpaniſchen Flagge und verſchiedenen Militärperſonen. Sie ſtiegen an Bord unſeres Schiffes. Oberſt White wurde auf die Seite geführt und ihm das Ehrenwort abgefordert, daß er nicht auf der Inſel landen, ſondern ſeine Reiſe nach Chagres fortſetzen wolle, ohne hier das Schiff zu verlaſſen. Ich ſah verſchiedene von den Ofſizieren (ſchöne Leute mit feinen Zügen) dem Räuberhauptmann Blicke zuwerſen und was für Blicke! Es funkelten ſpaniſche Dolche darin. Die ſpaniſchen Herrn fuhren wieder ab und jetzt durften wir unſchuldige Paſſagiere ans Land kommen. Einige freundliche Herrn ſorgten für meine Landung, und dieß war nöthig, denn größere Schwierigkeiten, um ans Land zu kommen, als hier, habe ich nirgends gefunden. Ich wurde von einem amerikaniſchen Wirth Mr. Woolcott übernommen, der mich und meine Sa⸗ chen ans Land, ſodann nach dem Zollhaus und von da in ſein Hotel führte, wo er mich comfortabel zu halten unſerem ehrlichen Capitän des Philadelphia verſprach. Und bald ſaß ich in einem freundlichen Saal mit Marmorboden an einer vortrefflich ſervirten Tafel in großer Geſellſchaft, während die ſchöne Luft und das Licht durch offene Thüren und Fenſter herein⸗ ſtrömten. Denn auf Cuba hat man keine Furcht vor dem Sonnenlicht. Ich erfuhr hier, daß Jenny Lind noch in Havan⸗ nah ſei und erſt in einigen Tagen abreiſen werde. Ich ſchrieb ihr daher einige Zeilen und ſchickte ſie mit mei⸗ nem jungen Landsmann Hörlin ab, der mit Vergnü⸗ gen das Briefträgeramt übernahm. Es war gegen Abend, und ich nahm darauf ein Licht und ein Glas Waſſer und ging die Treppe nach meinem Zimmer 70 hinan, um mich zur Ruhe zu begeben. Aber kaum war ich einige Stufen hinangeſtiegen, als ich unten Jemand meinen Namen nennen hörte. Verwundert ſchante ich mich um, und da ſtand am Fuß der Treppe am Geländer ſich haltend eine Dame, die mit freund⸗ lich ſtrahlendem Geſicht emporblickte. Es war Jeuny Lind. Jenny Lind hier und dieſer ſtrahlende, friſche, heitere Geſichtsausdruck, unvergeßlich für Jeden, wer ihn einmal bei ihr geſehen hat! Der ganze ſchwediſche Frühling erblüht darin. Ich war hoch erfreut. In einem Augenblick war Alles vergeſſen, was zwiſchen mir und ihr früher vorgefallen war. Ich mußte ſogleich hinabgehen, mich über das Geländer hinbeugen und ſie küſſen. Der angenehme junge Schwede, Max Hjorts⸗ berg, war bei ihr. Ich drückte ihm die Hand, aber Jenny Lind nahm ich mit mir auf mein Zimmer. Wir hatten uns nicht getroffen ſeit Stockholm, wo ich ihr einen europäiſchen Ruf prophezeite. Jetzt hatte ſie ihn gewonnen, und noch in höherem Grad als bis jetzt irgend eine Künſtlerin, denn das Lob und die Lor⸗ beeren, die ſie überall geerntet hat, gelten nicht blos ihrem Talent als Säugerin. Ich verbrachte mit ihr jetzt den größern Theil der zwei Tage, die ſie noch in Havannah blieb, theils da⸗ heim bei ihr, theils auf Ausfahrten in den ſchönen Promenaden rings umher, theils daheim bei mir, wo ich ihr Profil abzeichnete Und ich mußte ſie wieder ſo unendlich lieb gewinnen. Unter den Palmen auf Cuba ſprachen wir bloß von Schweden und gemein⸗ ſchaftlichen Freunden daſelbſt und weinten zuſammen über ſchmerzliche Verluſte. Wir ſprachen viel von alten Freunden und alten Verhältniſſen in Schweden, ja eigentlich von nichts Anderem, denn alles Andere, Ehre, Ruf, Reichthum, was ſie außerhalb Schweden gewonnen, ſcheinen nicht die mindeſte Wurzel in ihrer Seele geſchlagen zu ha⸗ um ten ert ppe nd⸗ ny che, wer ſche In mir eich d ſie rts⸗ ber Wir ihr ihn jetzt Lor⸗ blos lder da⸗ önen „wo ieder auf nein⸗ nmen alten ichts hum, nicht ha⸗ 71 ben. Ich hätte jetzt gerne Etwas darüber gehört, aber ſie hatte keinen Sinn dafür und keine Luſt davon zu ſprechen. Bloß Schweden, die alten Freunde und Religionsgegenſtände ſtanden hoch in ihrer Seele, und nur davon wollte ſie ſprechen. Ich werde in gewiſſen Beziehungen nicht ganz klug aus ihr. Aber eine ungewöhnliche und vielfach überlegene Natur bleibt ſie immer und dabei iſt ſie ſo friſch ſchwediſch. Jenny iſt mit dem Trollhätta, mit dem Niagara und allen friſchen, unmittelbaren Naturmächten verwandt, und die Wirkung, welche ſie hervorbringt, iſt ungefähr dieſelbe, wie die Wirkung dieſer Naturmächte. Die Americaner ſind entzückt über ihre Wohlthätig⸗ keit. Ich kann ſie hierin nicht bewundern, ſondern bloß glücklich ſchätzen, daß ſie dem Drang ihres Her⸗ zens folgen darf. Aber daß Jenny Lind bei all der Macht, deren ſie ſich bewußt iſt, bei all der Gewalt, die ſie ausgeübt hat, bei all dem Lob und der Ver⸗ ehrung, womit ſie überhäuft wird, bei der Menſchen⸗ menge, die ſie zu ihren Füßen geſehen hat, gleichwohl dabei geblieben iſt, zu etwas Höherem über all dem und über ſich ſelbſt emporzuſchauen, und daß ſie die⸗ ſem Höhern gegenüber ſich ſelbſt und alles das als gering betrachtet, dieſer Blick, dieſer Drang nach dem Heiligen und Höchſten, der unter manchen Veränderun⸗ gen immer wiedergekehrt iſt und ſich als ein vorherr⸗ ſchender Zug bei Jenuy Lind gezeigt hat, das iſt in meinen Augen das Größte, Ungewöhnlichſte und Beſte an ihr. Sehr, ſehr liebenswürdig und angenehm war ſie gegen mich, ſo daß es mich rührte. Ich hätte nie ge⸗ dacht, daß wir unter den Palmen des Wendekreiſes einander ſo nahe kommen würden. Bei ihr ſah ich über Mittag ihre ganze Reiſe⸗ geſellſchaft, Belletti, Mademoiſelle Ahrſtröm, Herrn — 72 Barnum und ſeine Tochter u. ſ. w. Das beſte Ver⸗ hältniß ſchien zwiſchen ihr und ihnen vorzuwalten. Sie lobte ſie Alle und rühmte Barnums Benehmen gegen ſie ſehr. Sie hatte jetzt aufgehört auf Cuba Concerte zu geben; ſie erlabte ſich jetzt an der Ruhe und an der ſchönen tropiſchen Natur und Luft. Mir ſang ſie unaufgefordert(denn ich wollte ſie nicht bitten zu ſingen) das Lindbladſche Lied: Spreche ich, ſo hörſt du mich n. ſ. w. und ihre Stimme ſchien mir ſo friſch und jugendlich wie früher. Eines Tags führte ſie mich zu Wagen nach dem Garten des Biſchofs, einer ſchönen parkartigen Anlage bei Havannah, wo ſie ſichs angelegen ſein ließ, mir den Brodbaum und andere tropiſche Gewächſe zu zei⸗ gen, was ihren friſchen Naturſinn bewies. Abends fuhren wir auf der prachtvollen Promenade el Pass6o de Isabella seconda, die gewiß eine halbe ſchwediſche Meile weit durch breite Alleen mit Palmen und an⸗ dern Tropenbäumen führt, durch viele Blumengruppen, an Marmorſtatuen und Springbrunnen hin und eine der ſchönſten Promenaden iſt, die man ſich nur denken kann, zumal unter Cubas klarem Himmel. Der Mond war im Zunehmen und ſchwamm gerade wie ein kleines Boot über dem weſtlichen Horizont. Jenny Lind machte mich auf ſeine verſchiedene Stellung hier und bei uns, wo der Neumond immer in geneigter Rich⸗ tung über der Erde ſteht, aufmerkſam. Der ganze Ring des Mondes kam ungewöhnlich klar zum Vor⸗ ſchein. Dieſer beginnende ſanfte Mondſchein über den grünen, wogenden Feldern mit ihren Palmengruppen war unbeſchreiblich ſchön. Ich meinte zu finden, daß Jenny Lind ihres Reiſe⸗ lebens und ihrer Reiſe als Sängerin müde ſei. Sie wünſchte offenbar ein Leben von ſtillerem und tieferem Inhalt. Wir ſprachen von Ehe und häuslichem Leben. r⸗ n. en ba he Nir ten rſt iſch em age mir zei⸗ nds 860 ſche an⸗ pen, eine nken ond ines Lind und tich⸗ anze Vor⸗ den ppen eiſe⸗ Sie ferem eben. 73 Ganz gewiß ſteht Jenuy Lind eine Veränderung dieſer Art bevor. Aber wird dieſelbe ihre Seele aus⸗ füllen, wird ſie ihr genügen? Ich zweifle daran. Geſtern reiſte ſie in melancholiſcher und nicht ſehr glücklicher Stimmung nach New⸗Orleans ab. Das Schiff, mit welchem ſie ging, war überfüllt mit Cali⸗ fornienfahrern(man ſagte 400 Perſonen), die nach New⸗Orleans zurückkehren wollten. Und Jenny Lind hatte kurz vorher gerüchtweiſe erfahren, daß Capitän Weſt, der ſie von England nach America herüberge⸗ führt hatte, auf einer unglücklichen Seefahrt umgekom⸗ men ſei. Alles das bedrückte ſie und meine Zuſprüche — ich ging an Bord des Schiffes, um Abſchied von ihr zu nehmen, um ihr Glück zu wünſchen und ein Roſenbouquet zu ſchenken,— ſowie die Zuvorkommen⸗ heit des Capitäns, der ihr ſeine Cajüte und den Sa⸗ lon anbot, wo ſie über dem Verdeck, ungeſtört von den Californienfahrern unten, leben könnte, vermochten ſie nicht aufzumuntern. Sie blieb blaß und einſylbig. Sie ſah meine armen Roſen kaum an, obwohl ſie ſchön waren, die ſchönſten, die ich in Havannah be⸗ kommen konnte. Aber als ich wieder in meiner klei⸗ nen Gondel ſaß und mich bereits vom Schiff ent⸗ fernte, da ſah ich auf einmal Jenny Lind ſich über das Geländer hin gegen mich vorbeugen. Und all die ſchönen regelmäßigen Geſichter des Weſtens erblaßten vor der ſtrahlenden, lebensvollen Schönheit im Aus⸗ druck des Geſichtes, das ich hier in Thränen gebadet, die Roſen küſſend und in ſeinem leuchtenden Blick einen ganzen Sommer von reichem, entzückendem, innig warmem Leben ausſtrahlen ſah. Und ſollte ich in Zukunft Jenny Lind nie wieder ſehen, ſo werde ich ſie künftig immer ſo ſehen, immer ſo lieben. 74 Ich bin jetzt im ſiebenten Tag in dieſem ganz guten, aber ſehr theuern Hotel. Ich bezahle fünf Dollars täglich für meine Koſt und ein Stübchen, das man ſich nicht dürftiger denken kann, und in ein paar Tagen muß ich ſechs Dollars bezahlen oder mein Stüb⸗ chen mit irgend einem unbekannten Gaſte theilen. Denn in ein paar Tagen wird ein Dampfſchiff mit neuen Gäſten aus New⸗Drleans erwartet. Ich habe mich deßhalb nach einer neuen Wohnung erkundigt. In⸗ zwiſchen haben freundliche Menſchen, theils Deutſche, theils Engländer und Americaner, auch hier ſich meiner angenommen, ſie denken darauf es mir angenehm zu machen, und ihrer Sorgſamkeit habe ichs zu verdanken, daß ich morgen auf ein paar Tage in eine ländliche Wohnung ziehen werde, ganz nahe bei dem ſchönen Garten des Biſchofs, wo ich dann frei und ungeſtört mit den Bäumen und Blumen Cubas Bekanntſchaft machen kanun. Iſt das nicht angenehm? Iſt mein kleiner Reiſekobold nicht recht artig? Meinen Tag habe ich bisher folgendermaßen zu⸗ gebracht: Morgens um halb Acht kommt Mrs. Mary zu mir mit einer Taſſe Caffee und einem Waizenbröd⸗ chen, das ganz appetitlich ausſieht. Und Mrs. Mary iſt eine Irländerin, eine der gemüthlichſten, artigſten, ſorgſamſten, gutmüthigſten und freundlichſten Frauen, die man ſich nur denken kann, und ſie iſt der größte Schatz dieſes Hotels, wenigſtens für mich. Mrs. Ma⸗ rys Gutmüthigkeit und freundliche Sorgſamkeit macht, daß ich hier das Gefühl einer Heimath habe und mir unendlich wohl gefallen würde, wenn es nicht ſo un⸗ menſchlich theuer wäre. Nachdem ich meinen Caffee getrunken und mein Brod gegeſſen habe, gehe ich aus, zuerſt nach der plaza de Arwas, wo der Gouverneur, der Intendant und der Großadmiral, die drei großen Würdeträger auf der Inſel, ihre Paläſte haben, welche drei Seiten nz ünf das aar üb⸗ enn uen lich In⸗ che, ner zu ken, iche nen tört haft tein zu⸗ tary röd⸗ dary ſten, uen, ößte Ma⸗ acht, mir un⸗ mein der dant äger eiten 75 des Marktes einnehmen, während die vierte aus einer baumbepflanzten Einzäunung beſteht, durch deren Eiſen⸗ gitter man eine Marmorbüſte auf ihrem Piedeſtal und hinter ihr eine Capelle ſieht. Dieß iſt der Platz, wo Columbus zum erſten Mal die katholiſche Meſſe auf der Inſel leſen ließ. Die Büſte iſt ſein Bild und ſteht nebſt der Capelle zur Erinnerung an dieſen erſten Gottesdienſt da. Mitten auf dem Markt ſteht eine große, weiße Marmorſtatue von— Carl V., glaube ich, und um ſie herum einige hohe, prächtige Königs⸗ palmen, wahre Könige unter den Bäumen, und rings herum liegen kleine Felder mit andern Bäumen und Ge⸗ büſchen. Unter dieſen habe ich Bäume bemerkt, deren Laub und Kronen große Aehnlichkeit mit unſern Linden beſitzen, obſchon ſie nicht groß ſind, und feuerfarbige Blumen, nicht unähnlich unſern indianiſchen Kreſſe⸗ blumen, aber dunkler, ſo wie Gebüſche, welche dieſelbe Art von Blumen haben und auf deren Stämme kleine, grüne, zierliche Eidechſen umherſpringen und mich ganz ruhig anſchanen, wenn ich ſie anſchaue. Hier ſtehen eine Menge weißer Marmorbänke, auf denen man im Schatten der Palmen ſitzt Aber ſie geben keinen großen Schatten und man muß die Zeit und den Ort abwarten, wo ihre ſtolzen Kronen auf eine kleine Weile Schutz gegen die Sonne gewähren. Aber es iſt ein Vergnügen ihre Zweige ſauſend im Winde wogen zu ſehen; ihre Bewegungen ſind ſo majeſtätiſch und zugleich ſo graziös. Später gehe ich auf eine Eſplanade oder hohe Terraſſe, la Cortina de Valdez(der Mittelwall des Valdez) genannt, am Hafen entlang, auf der entgegen⸗ geſetzten Seite vom Morro. Dieß iſt ein beſchränkter Spaziergang, der aber die ſchönſte Ausſicht darbietet. Und hier wandle ich den Seewind trinkend und ſehe die Wogen vom Meer her, ſelbſt wenn es ruhig iſt, in hohen weißſchäumenden Brandungen am Felſen 76 Morro ſich brechen, welcher die Unruhe des Meeres ausſchließt und den Hafen ruhig macht; ſehe durch die Oeffnung des Hafens die weißen Segel über das große blane Meer hinfliegen, ſehe kleine Eidechſen herumſpringen oder da ſitzen, und ſich auf der nied⸗ rigen Mauer an der Eſplanade entlang dem Meere zu ſonnen, und weiße Tauben herabfliegen und trinken aus einem weißen Marmorbecken unter einem ſchönen zu Ehren des Valdez errichteten Monument, welches die Promenade abſchließt. Ein heller Waſſerſtrahl ſpringt immer aus der Marmorwand des Monuments in das Baſſin. Um halb Zehn gehe ich wieder nach Haus und nehme das zweite Frühſtück in großer Geſellſchaft in dem hellen Marmorſaal an reich beſetzter Taſel ein: aber ich verzehre außer Caffee bloß meine liebe Caro⸗ lina⸗Reisgrütze und ein Ei. Sodann gehe ich auf mein Zimmer und ſchreibe Briefe, zeichne oder male bis zum Mittag. Nachmittags kommt der eine oder andere meiner neuen Freunde her und holt mich in ſeiner Volante(Cubawagen) zu einer Fahrt außerhalb der Stadt, auf einer ihrer ſchönen ſtattlichen Promenaden. Abends nach dem Thee gehe ich auf das Dach des Hauſes, das wie alle Hänſer hier platt iſt, Azoteon genannt wird und von einer niedrigen Mauer oder einem ſteinernen Stacket umgeben iſt, worauf Urnen von einer grauen Steinart mit grünen, hohen Verzie⸗ rungen und vergoldeten, ehernen Flämmchen ſtehen. Hier gehe ich allein bis ſpät in der Nacht, betrachte den Sternenhimmel über mir und die Stadt unter meinen Füßen. Das Morrolicht— ſo nennt man das Licht des hohen Leuchtthurms auf der Morrofeſtung— wird angezündet und leuchtet gleich einem großen ſtrahlenden Stern mit dem klarſten Schein über Meer und Stadt. Die Luft iſt lieblich und ſtill, ſie athmet bloß wie ein ſchlafendes Kind, und um mich her höre — ———— — — „5—— S—— S— — — S.— 5 res rch das ſen ed⸗ zu ken nen hes ahl nts nd in in; ro⸗ auf bis ere ner der en. des on der en ie⸗ en. hte ter s en eer net 77 ich mitunter das anmuthigſte, hellſte Gezwitſcher, dem unſerer Sperlinge ähnlich, aber klarer oder milder klingend. Man ſagt mir, es komme von den kleinen Eidechſen, die ſich in ſo großer Menge vorfinden und hier Stimme bekommen haben. Die Stadt hat ein höchſt eigenthümliches Ausſehen. Die Häuſer ſind niedrig, nie über zwei niedrige Stock⸗ werke hoch, die Straßen eng, ſo daß eine Menge Lein⸗ wandtücher, welche Budenſchilde vorſtellen, von der einen Häuſerreihe bis zur andern herüber hängen. Die Mauern der Häuſer, Paläſte und Thürme ſind blau, gelb, grün, orangefarbig angeſtrichen, und man ſieht oft Frescomalereien. Man fürchtet die weiße Farbe und den Sonnenſchein darauf für die Augen. Man ſieht keine Rauchſäule, keine Schornſteine. Ueberall platte Dächer mit ſteinernen oder eiſernen Stacketen und Urnen mit ehernen Flämmchen. Ich begreife nicht, wohin das Feuer und der Rauch ihren Weg nehmen. Die Atmoſphäre der Stadt iſt kryſtallhell. Die engen Straßen ſind nicht mit Steinen gepflaſtert, und wenn es geregnet hat, wie dieß ein paar Tage in Strömen geſchah, ſo entſtehen ungeheure Pfützen und Gruben; wenn es trocken iſt, wiederum viel Staub. Kleine Trottoirs, ſelten breit genug, daß zwei Perſonen an einander vorbei gehen können, ziehen ſich an den Häu⸗ ſerreihen entlang. Auf den Straßen ſpringen und drängen ſich nach allen Richtungen eine Art großer Inſekten, mit unge⸗ heuren Hinterbeinen und einer langen Naſe, auf wel⸗ cher ein hohes ſchwarzes Horn oder eine thurmartige Erhöhung ſitzt. So nämlich kamen mir die eubaniſchen Equipagen oder Volanten, welche das einzige Fuhr⸗ werk Havannahs ausmachen, zuerſt vor. Und willſt Du ſie näher beſchauen, ſo ſehen ſie aus wie eine Art von Cabriolets, aber die zwei ungeheuren Räder ſitzen hinter dem Wagenkorb ſelbſt. Dieſer ruht auf Federn 78 zwiſchen den Rädern und dem Pferd, das ihn zieht. Auf dem Pferd, das ein gutes Stück von dem Wagen⸗ korb entfernt iſt, reitet der Kutſcher, immer ein Neger, in großen hinausſtehenden Reitſtiefeln. Er wird Ca⸗ laſhero genannt und iſt zuweilen, gleich dem Pferd, reich mit Silber behangen, man ſagt, manchmal im Werth von mehreren tauſend Dollars. Die ganze Equipage iſt ungewöhnlich lang und erinnert an eine Schnacke. Wenn die Volante ſehr aufgeputzt iſt oder auch zu längeren Reiſen beſpannt wird, ſo hat ſie zwei, auch drei Pferde. Das zweite Pferd befindet ſich zur rechten Hand des Calaſhero und ſpringt ein wenig vor dem Sattelpferd. Du ſiehſt dann zuweilen zwei oder drei Signoren darin ſitzen, immer in bloßem Haar, zuweilen mit Blumen darin, mit bloßen Armen und Hälſen, in weißen Florkleidern, wie zum Ball angezogen⸗ Wenn ſie zu drei ſind, ſo ſitzt die jüngſte in der Mitte, etwas vor den zwei andern. Dieß iſ ein allerliebſtes Bou⸗ quet von lebendigen Blumen. Man ſieht es oft Nach⸗ mittags auf den Promenaden oder Abends, wenn Muſik da und viel Volks verſammelt iſt. Nur ſelten ſieht man einen Schleier über Kopf und Hals, beinahe niemals einen Hut. Zeigt ſich ein ſolcher, ſo gehört er einer Ausländerin. Als ich zum erſten Mal die ſchwankenden Be⸗ wegungen der Volante auf den Straßen ſah, da dachte ich; das muß ein ſchrecklich unbequemes Fuhrwerk ſein. Als ich darin ſaß, meinte ich auf Wolken zu ſchaukeln. Ich habe niemals eine weichere Bewegung empfunden. Die creoliſchen Damen(die eingebornen der Inſel) ſuchen keinen Schutz vor der Sonne oder dem Wind. Sie bedürfen deſſen auch nicht. Nach der Mittagszeit, wenn die Briſe vom Meer her kommt, iſt die Luft nicht heiß, auch brennt die Sonne hier nicht, wie auf dem Feſtland. Die Haut der Creolinnen iſt blaß, ht. en⸗ er, a⸗ rd, nze ine uch uch ten em rei len in enn vas ou⸗ ch⸗ uſik ieht ahe ört Be⸗ chte ein. eln. en. ſel) ind. zeit. Luft auf laß, 79 aber ohne Kränklichkeit; ſie hat eine weiche, helle Olivenfarbe die ihnen, nebſt ihren ſchönen, dunkeln, aber dennoch weichen Augen, etwas ſehr Einnehmendes verleiht.— Die Prieſter in langen Kutten, in großen, curioſen Hüten, ſieht man zu Fuß gehen. Der größere Theil der Bevölkerung auf den Straßen beſteht aus Negern und Mulatten; auch in den Buden ſieht man Mulatten als Verkäufer, beſonders in den Cigarren⸗ läden. Ueberall ſieht man Cigarren rauchen, beſonders eine Art kleiner Cigarren oder Cigarritos. Die farbige Bevölkerung ſcheint ſich im Tabaksrauch zu berauſchen. Oft ſehe ich Neger und Mulatten halbſchlafend mit der Cigarre im Mund vor der Bude ſitzen. Der Ca⸗ laſhero ſteigt, wenn er vor einem Hauſe warten muß, ab, ſetzt ſich in der Nähe des Fuhrwerks, raucht und ſchlummert ein wenig im Sonnenſchein. Aber wohin nimmt all der Rauch ſeinen Weg? Man ſieht ihn nicht. Er muß von der Seeluft abſorbirt werden. Aber ich muß meinen Tag ſchließen. Nachdem ich bis gegen Mitternacht auf dem Azoteon gewandelt oder geſeſſen und die Luft, die mir hier ein eigen⸗ thümliches, heilkräftiges, wohlthätiges Leben zu haben ſcheint, ſo wie eine Ananas, denen eine ähnliche Kraft innewohnt, genoſſen habe, begebe ich mich auf mein Zimmer und lege mich zur Ruhe in mein Zeltbett, das beinahe keine Tücher hat, wo ich aber vortrefflich ruhe und ſchlafe beim Säuſeln des Windes, der durch das eiſerne Gitter mit Thüren und Fenſtern, die weder durch Glas, noch durch Läden verſchloſſen ſind, hereinſpielt. Mein Zimmer hat, nebſt einer Reihe anderer Zimmer, einen Ausgang auf das Dach, was mir ſehr angenehm iſt, da ich jeden Augenblick da Luft ſchöpfen kann, und von meinem Dach aus habe ich nur noch eine kleine Treppe bis hinauf zu dem eigentlichen Azo⸗ teon. Das Azoteon iſt der vornehmſte Verſammlungs⸗ platz der eubaniſchen Familien, wenn ſie am Abend den Seewind genießen wollen. Ich muß Dir jetzt Einiges von den Familien erzählen, die ſich in Güte meiner annehmen. Es ſind dieß vor allem eine Familie Tolme, ein hochgeachtetes Handelshaus in der Stadt, und ein junges Paar, Herr und Frau Schaffenberg, Tochtermann und Toch⸗ ter von Herrn und Frau Tolme. Herr Tolme iſt ein Engländer und war auf Cuba Agent des Rothſchild⸗ ſchen Hauſes in London, hat aber jetzt das Geſchäft auf ſeinen Tochtermann, Herrn Schafſenberg, einen Deutſchen, übertragen. Er iſt ein alter, aber noch jugendlicher Mann, ſein Geſicht und ſein ganzes Weſen verkünden Wohlwollen und gute Laune; er iſt ein heiterer und munterer Geſellſchafter. Seine Frau ſtammt von däniſchen Eltern; ſie iſt auf der däniſchen Inſel St. Croix geboren, war früher eine große Schönheit, und iſt noch jetzt mit ungefähr 50 Jahren ein ganz hübſches Weib, mit feinen Zügen und einem Ausdruck von Güte, der mich bezaubert. Das Haus iſt voll von ſchönen Kindern, vier Söhnen und fünf Töchtern. Beſonders ſind die Töchter ſchön, und die zwei älteſten, die verheirathet ſind, haben etwas un⸗ endlich Anmuthiges. Sie können wegen der feinen Schönheit ihrer Züge und der Anmuth ihrer Geſtalten mit Fanny und Charlotte Franzen verglichen werden; die jüngſte von ihnen iſt hellfarbig und hübſch, wie eine nordiſche Jungfrau. Der älteſte Sohn des Hau⸗ ſes hat aus England eine junge Schönheit heimge⸗ führt, blühend, wie nur Europa's Töchter es ſind; und das ganze Haus iſt voll von Schönheit und Liebe und Freude; Nenvermählte und Neuverlobte, Liebesge⸗ zwitſcher und Liebesblicke in jeder Ecke. Die Familie hat überdieß einen heitern Geſellſchaftskreis, wo mun⸗ tere Herren aus Europa, Deutſche, Engländer, Schot⸗ end ien ind tes ar, och⸗ ein ild⸗ häft nen noch nzes iſt rau chen roße hren nem aus fünf die un⸗ inen alten den; wie Hau⸗ mge⸗ und und esge⸗ milie mun⸗ chot⸗ 81 ten und Franzoſen, muſiciren und ſich tüchtig luſtig machen. Vorgeſtern führte mich die gute Frau Tolme in ihrer Volante auf Schaffenbergs Villa in einem Dorf, ein paar Meilen von Havannah. Es war eine ſchöne Geſellſchaft verſammelt; ſie war nicht eingeladen, ſon— dern nur gekommen, weil dieß der Empfangsabend im Hauſe war. Man hatte lebende Bilder, Muſik und Tanz. Die ausgezeichnet ſchönen Damen, die in den Coſtümen der Gemälde wahrhaft entzückend waren, die artigen, muntern Herren die gute Muſik(die jun⸗ gen Schweſtern Tolme ſingen hübſch), der cubaniſche Contretanz und ſeine ſo eigenthümliche Muſik, ſo treu bezeichnend für den Charakter und das Leben der Creolen, ein weiches, ſpielendes, genußreiches und doch wehmüthiges Leben, worin mir die Hauche des Seewinds, die Zweige der Palmen zu ſäuſeln und zu ſchwan⸗ ken ſchienen, der heitere freie Umgangston, die vielen Sprachen, die geſprochen wurden, der ſchöne Abend. die ſanften Nachtwinde, die da wehten, und die Sterne, welche in der finſtern Nacht durch geöffnete Thüren und Fenſter hereinblickten, alles das machte dieſen Abend zu einem der ſchbnſten und vollkommenſten Feſte, denen ich angewohnt habe. Da war keine Mühe und kein Zwang; man ruhte, genoß und beluſtigte ſich auf einmol. Ich habe ein paarmal der Morgenmeſſe in der Domkirche dahier angewohnt und habe recht großes Prieſterſpectakel und die Prieſterherrlichkeit in vollem Flor geſehen. Man glaubt ſich hier um zwei oder drei Jahrhunderte zurückverſetzt. Betende ſah ich bei⸗ nahe gar keine in der Kirche. Die Prieſter ſchritten in Proceſſion einher, räucherten, zündeten Lichter an, und beſchäftigten ſich mit vielen kirchlichen Ceremonien, aber augenſcheinlich ohne Andacht. Aber die Muſik Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 6 82 betete; die Muſik war ſchön und voll von inniger An⸗ dacht. Ein frommer und inſpirirter Geiſt hatte ſeine Seele ihr eingehaucht, und ich betete mit ihr. Die Domkirche iſt ſchön und hell, obſchon nicht groß. Es ſind einige Gemälde da, die mir Vergnügen machen. Eines von ihnen ſtellt die Geiſter im Fegfeuer dar; über den Flammen ſchwebt die Madonna mit dem Kind, erbarmungsvoll herabblickend. Einige Seelen bemerken ſie, werden von ihrer Schönheit ergriffen, und während ſie zu ihr emporſchauen und unwillkürlich anbeten, erheben ſie ſich aus den Flammen, ohne es ſelbſt zu bemerken. Ein anderes Gemälde zeigt die heilige Jungfrau, die auf der Erdkugel ſteht. Ihr Blick iſt im Himmel, ihr Gebet, ihre ganze Seele lebt da, und ohne daran zu denken, tritt ſie auf die Schlange, die über die Erde hinſchleicht. Dieſe Gemälde ſind offenbar aus einer Zeit von tiefem geiſtlichem Leben. Die Gebeine des Columbus ruhen in der Dom⸗ kirche; eine weiße Marmortafel in der Wand neben dem Chor zeigt den Platz. Sie enthält auch ſeinen Kopf in Basrelief; unter demſelben ſind einige Sym⸗ bole von ſehr gewöhnlichem Schlag, und unter dieſem eine Inſchrift, matt, platt und ſchlecht zuſammenge⸗ ſetzt, des Inhalts, daß ſein Staub hier ruhe, daß aber ſein Ruf durch mehrere Jahrhunderte leben werde. Ich beſuchte eines Tags die Kirche mit Mr. Vaſſar und wurde dahin von einem Jüngling geleitet, der zu den jungen Prieſtern der Kirche zu gehören ſchien. Als er hörte, daß Mr. Vaſſar in Jeruſalem geweſen, wurde er ganz vergnügt, hörte ſo angele⸗ gentlich ſeine Erzählungen von dem heiligen Grab und den heiligen Orten in der Nähe der Stadt, und zeigte uns mit ſolchem Eiſer alles Merkwürdige in der Kirche, daß es eine wahre Freude war ihm zuzuſehen. n⸗ ne ie Es en. rz em en en, ich 1u, el, die tus m⸗ en ten m⸗ em ge⸗ aß ben Rr. tet, ren lem ele⸗ und igte der hen. 83 Dieſer Jüngling hatte offenbar noch ein nnverdorbe⸗ nes Gemüth und einen feſten Glauben. Geſtern, während einer großen Proceſſion in der Kirche und eines großen Handkuſſes bei dem Biſchof, der ein ſchöner Prälat mit fetten, weißen, von blitzen⸗ den Juwelen bedeckten Händen war, ſah ich einen der vornehmen Herrn(ich glaube, daß es der Admiral war) lachen, während er vor dem heiligen Vater nie⸗ derkniete und Miene machte ſeine Hand zu küſſen; aber es iſt wahr, daß der Biſchof ebenfalls lächelte. Beide wußten, daß es ein Spectakel war. Die Co⸗ ſtüme der prieſterlichen und der Beamtencorporation, die in Lehnſtühlen einander gegenüber in der Kirche ſaßen, waren pittoresk und ſo impoſant und kleid⸗ ſam, als ſie in gegenwärtiger Zeit nur ſein können. Und ich bin weit entfernt mich aller Einwirkung davon erwehren zu können, ſo lange ich wenigſtens nicht ge⸗ ſehen habe, daß es bloß betrügeriſche Masken ſind. Ich höre viel über die Regierung auf der Inſet, über Monopole, Ungerechtigkeiten und officielle Räu⸗ bereien nach allen Seiten, verübt von Beamten und Advocaten, klagen. Man ſagt, daß ſie buchſtäblich den Antheil der Erben und Waiſen verſchlucken. Ich habe beinahe unglaubliche Geſchichten davon gehört. Jetzt hofft man Gutes von dem neuen Gouverneur, General Concha, der vor zwei Monaten aus Spanien hieher geſandt wurde, und ein braver, ehrenhafter Mann ſein ſoll. Der in der letzten Zeit abgeſetzte Gouverneur zeichnete ſich durch Erpreſſungen aus, die ihn zu einem reichen Manne machten. Die Prieſter werden als ganz unprieſterlich geſchildert und ſollen größtentheils in offenem Streit mit ihren Gelübden leben; die Religion iſt ſo viel wie todt. Der Skla⸗ venhandel wird noch immer betrieben, obſchon im Geheimen. Die Regierung weiß davon, aber ſie be⸗ kommt 30 oder 40 Peſos(Dollars, für jeden Skla⸗ 84 ven, der aus Afrika eingeführt wird, und da drückt ſie die Augen zu, ju ſie ſoll den Handel ſogar be⸗ günſtigen. Ach daß dieſes irdiſche Paradies ſo von der al⸗ ten Schlange vergiftet ſein muß! Serro, den 10. Februar. Seit drei Tagen befinde ich mich in einer länd⸗ lichen Wohnung, in einem kleinen Dorfe oder Markt⸗ flecken Serro, ein paar Meilen von Havannah, bei einer deutſchamerikaniſchen Familie Schneidler, die mich freundlich auf einige Tage eingeladen hat, damit ich, wie ich ſo ſehr wünſchte, mit dem Land und mit dem ganz nahe an ihrem Haus gelegenen ſchönen Garten des Biſchofs Bekanntſchaft machen könnte. Ich habe ein neugebautes Häuschen, beſtehend aus zwei luftigen Zimmern, für mich allein. Unter dem Fenſter meines Schlafzimmers ſteht eine kleine Gruppe üppiger Bananasbäume mit ſchönen Früchten und ſammtweichen, hellgrünen, ellenbreiten Blättern, die im Winde wogen, und unmittelbar vor dieſer Gruppe braust ein kleiner Bergſtrom. Jenſeits unſeres Gärt⸗ chens und ihm gegenüber erblicke ich innerhalb einer blauangeſtrichenen Mauer auf einem Hügel Gruppen von herrlichen Cocospalmen, Pappeln und Bambus⸗ bäumen; unter ihnen ſpringt in prächtigem Marmor⸗ baſſin eine Waſſerkunſt. Das ganze Dorf beſteht aus Gärten und kleinen Häuſern, und außerhalb derſelben liegen weite Felder, überdeckt von Königs⸗ und Cocos⸗ — ——— ce,—„ — Hc n— ———„ nd⸗ kt⸗ bei die mit mit nen nte. aus dem ppe und die ppe ärt⸗ iner pen us⸗ nor⸗ aus lben cCoS* 85 palmen, wie auch von mehreren Baumarten, deren Namen ich noch nicht kenne. Die erſte Nacht, wo ich hier in meinem kühlen Zeltbette lag, den Strom brauſen und die Bananen⸗ blätter vor meinem Fenſter ſauſen hörte und mich von den lieblichen Nachtwinden wie von Engelsſchwingen umweht fühlte war für mich bezaubernd ſchön, ſo ſchön, daß ich kaum ſchlafen konnte. Ich mußte meh⸗ rere Male aufſtehen, um Himmel und Erde zu be⸗ trachten. Da ſah ich eine Conſtellation von unver⸗ gleichlicher Pracht und Herrlichkeit über der Anhöhe mit den Cocospalmen hinſchreiten. War es das Schiff Argo oder das Sternbild des Schützen? Ich weiß es nicht. Ich habe noch nicht ausgemittelt, welche Sternbilder der ſüdlichen Hemiſphäre hier geſehen werden können, und ich habe noch Niemand getroffen, der es mir zu ſagen vermöchte. Man denkt hier weit mehr an Handel und Vergnügen als an die Sterne. Gewiß iſt, daß ich noch niemals eine prachtvollere Conſtellation geſehen habe. Als die Morgenröthe mit ſchönem Gold und roſenfarbigen Federwolken an⸗ brach, mußte ich wieder aufſtehen und ſie begrüßen. Da ſah ich den Morgenſtern ſo wunderbar klar und groß über der Erde ſtehen. Ich weiß nicht warum, aber er machte einen wehmüthigen Eindruck auf mich. Er erſchien mir als ein Ange, das voll von klarem, aber melancholiſchem Wiſſen, mit tiefem, reinem Ernſt ſtill auf die Erde herabſchaute. Er wußte von der Erde Sünden und Sorgen. Der klare Stern ſtand über der ſchönen Inſel wie ihr klares, vorwurfs⸗ volles Gewiſſen. Es hatte ſeit ein paar Tagen ſehr heftig gereg⸗ net und gewittert, aber der Morgen war hell und ſchön, und ich wollte durchaus nach dem Frühſtück den biſchöflichen Garten beſuchen, der bloß einige Minuten von unſerem Serro abliegt. Mrs. S. ſagte: 86 „Sie werden nicht hinkommen können. Sie werden im Boden ſtecken bleiben, da er vom Regen jetzt ganz aufgeweicht iſt.“ Ich wollte ihr nicht glauben, ſon⸗ dern begab mich an Ort und Stelle. Aber ſie hatte Recht; ich konnte wirklich nicht fortkommen; bei jedem Schritt klebten meine Füße in einem dicken röthlichen Erdteig feſt, von deſſen Beſchaffenheit ich nie eine Idee gehabt habe. Ich mußte wieder umkehren und warten, bis die Sonne die Erde getrocknet hatte, was ſchnell genug vor ſich geht. Die Regenſchauer, die mich auf Cuba empfangen und beinahe etwas böſe ge⸗ macht hatten, ſind, ſagt man, Abſchiedsgrüße der naſſen Jahreszeit, die jetzt zu Ende geht und für die trockene(a seca) Platz macht, welche bis in den Mai hinein währt. Geſtern ſchien die Sonne den ganzen Tag, und heute, heute habe ich im biſchöflichen Gar⸗ ten, luſtwandelnd unter Palmen, Bambus und man⸗ nigfachen ſchönen Tropenbäumen, unter prächtigen, ungewöhnlichen Blumen und Schmetterlingen den herrlichſten Morgen gefeiert⸗ allein ein lobpreiſender Geiſt unter den ſtummen Naturgeiſtern. Ach, da der Schöpfer uns ſchon hier auf Erden eine ſolche Schön⸗ heit ſchauen, eine ſolche Freude empfinden läßt, was hat er nicht von den Schätzen ſeines Reichthums für ſeine vom Staub befreiten, auferſtandenen Kinder jenſeits des Grabes? Die Schönheit dieſer Bäume und Blumen, die Lieblichkeit dieſer Luft läßt mich eine Herrlichkeit der Schöpfung, eine Fülle des Daſeins ahnen und gibt mir ein Gefühl von Naturleben, das Alles überſteigt, was ich bis jetzt empfunden habe. Wenn die Natur in einer vollendeten Welt ein Lobgeſang von Schön⸗ heit, von harmoniſcher Größe und Lieblichkeit iſt, wie wird da nicht das Leben empfunden werden, wie wer⸗ den wir nicht lobpreiſen*1.. Wir ſind nicht kühn genug, wir ſind zu kleingläubig in unſern Blicken ins 5 te 1e id ie e⸗ er ie en r⸗ n⸗ n, en der der ön⸗ as für der die der ibt igt, tur ön⸗ wie ver⸗ ühn ins 87 Himmelreich, jenſeits des Todes; wir beſitzen zu we⸗ nig Phantaſie in unſern Ideen von der Macht und dem Reichthum des Schöpfers. Cubas Palmenalleen, ſeine Bambushaine, die gelben Jasmine, die ſich in duſtenden Ranken von Stamm zu Stamm warfen, die liebliche, vom reinſten Leben erfüllte Luft, Alles flüſterte mir dieſen Morgen Ahnungen und Gedanken darüber zu. Und ich ging allein durch die ſtattlichen Alleen in den ſtillen Hai⸗ nen, wo hundert prächtige, mir unbekannte Schmet⸗ terlinge aus dem feuchten Gras aufflatterten, und ich pries Gott im Namen aller Weſen. Wie glücklich war ich nicht dieſen Morgen! „Aber die Sklaven! die Sklaverei rings um die⸗ ſes Eden!“ wirſt Du ſagen. Ja, ich weiß. Allein die Sklaverei wird vergehen und die Kette der Sklaven wird abfallen, aber Gottes Güte und Herrlichkeit währt ewig. Ich lebte hier in ihrer Anſchauung. Der Sklave wird es dereinſt auch thun. Der Garten, oder richtiger der Park, iſt ſehr ver⸗ wahrlost ſeit dem Tode des alten Biſchofs und ſeit ein ſchrecklicher Orkan(tornado) im Jahr 1846 das biſchöfliche Haus, wovon nur noch eine Ruine übrig iſt, zerſtört und eine Menge von Bäumen und Statuen beſchädigt hat. Aber ich freue mich über den weniger gepflegten Zuſtand des Parkes, denn dadurch wird er einer ſchönen Natur ähnlicher. Ich bleibe wohl noch einige Tage hier, um dem ſchönen Park Geſellſchaft zu leiſten, ſodann reiſe ich nach Havannah zurück, wo die liebenswürdige Familie Tolme mich als Gaſt eingeladen und ein Zimmer für mich in Bereitſchaft geſetzt hat. Ich werde dann auch mit dem Botaniker Don Felipe Poe Bekanntſchaft machen und von ihm Einiges über die Bäume und Wurzeln der Inſel erfahren. Hierauf werden wir ſehen, wie ſich meine Angelegenheiten ferner geſtalten. 88 Geſtern war ich über Mittag bei Schaffenbergs auf ihrer Villa; es wurde ein ausgeſuchtes Mahl ſer⸗ virt auf der offenen Veranda gegen den Garten hin, die uns eine herrliche Ausſicht über die Inſel darbot. Der Garten war, wie andere ſchöne Gärten, die ich hier geſehen habe ſehr zierlich, aber ſteif. Palmen von mehreren Arten, prächtige Blumenreihen, wohl⸗ geſandete oder gepflaſterte Wege, Marmorbaſſins mit Goldfiſchen darin u. ſ. w. Ein ſchöner Junge von zwei Jahren iſt des Hauſes beſter Schatz Abends war ich bei der Familie Tolme, ſah junge Liebende und munteres junges Volk nach Herzensluſt tanzen und hörte wieder dieſe bezaubernde eubaniſche Tanzmuſik. Sie hat eine gebrochene, beſondere, aber höchſt lebens⸗ volle rythmiſche Bewegung. Mein freundlicher, ange⸗ nehmer Wirth, Herr Schneidler, ſpielt ſie mit deutſchem Muſiktalent auf dem Fortepiano. Serro, den 12. Februar. Geſtern war Sonntag, und obſchon unſer Dörf⸗ chen nicht in die Kirche ging, denn es hat keine, ſo ſah es doch ganz feſttäglich aus, und zur Mittagszeit hörte ich von verſchiedenen Seiten her den lebensvollen Rythmus der africaniſchen Trommel, nicht unähnlich dem Getöne der Dreſchflegel in unſern Dörfern, wenn gedroſchen wird, nur daß hier weit mehr ſprühendes Leben iſt. Es war ein Zeichen, daß die freien Neger jetzt ihre Tänze auf ihren Verſammlungsplätzen in der Gegend hatten. Mein Wirth hatte die Güte mich nach einem derſelben, ganz nahe bei unſerem Serro zu be⸗ * 89 gleiten. Hier in einem Saal, der einer großen Wirths⸗ ſtube bei uns glich, ſah ich drei Neger, nackt bis auf den Gürtel, mit wilden, energiſchen Figuren und Ge⸗ ſichtern, munter und kräftig die Trommel ſchlagen. Die Trommeln beſtanden aus ausgehöhlten Baumſtäm⸗ men, über welche man ein Fell geſpannt hatte. Auf das geſpannte Fell trommelten die Neger theils mit Schlägeln, theils mit den Händen, Daumen und Hand⸗ wurzeln mit merkwürdiger Fertigkeit und einer wilden, artiſtiſchen Vollendung, die ich eine vollendete Natur⸗ kunſt nennen möchte. Sie trommelten, wie die Biene ſurrt, wie der Vogel ſingt und der Biber baut. Tact und Rythmus, die man zuweilen wechſelte, waren mei⸗ ſterhaft; man kann ſich keine natürlich vollendetere, lebensfriſchere Beſtimmtheit in dem beſtändig gleichen Tacte denken. Die Trommeln hielten ſie zwiſchen ih⸗ ren Knieen. An den Handwurzeln trugen ſie große Kugeln, von innen mit Steinen und andern raſſelnden Dingen angefüllt, von außen mit einer Quaſte von Hahnenfedern geſchmückt. Die Hauptſache ſchien zu ſein, ſoviel Geräuſch als möglich zu Stande zu brin⸗ gen. Einige tanzende Paare fanden ſich ein, Damen von verſchiedenen Farbenſchattirungen, in nachläßigem Aufzuge, Männer(Neger) ohne ſonderlichen Aufputz und beinahe ohne Kleidung auf dem oberen Theile des Körpers. Ein Mann nahm ein Weib bei der Hand, und ſo begannen ſie zu tanzen: ſie, indem ſie ſich mit niedergeſchlagenen Augen auf einem Fleck herum drehte; er, indem er ſie mit einer Menge zärt⸗ licher Cabriolen umgab, worunter die hübſcheſten Pur⸗ zelbäume und Volten, die wegen ihrer Kühnheit und Geſchmeidigkeit Bewunderung verdienten. Andere Ne⸗ ger erhoben dabei von Zeit zu Zeit wilde Rufe und ſchlugen mit Stöcken auf Wände und Thüren. Die trommelnden Neger ſchwitzten und ſahen verzweifelt eiftig aus. Da der Saal ſich mit Leuten zu füllen 90 begann, ſo wollte ich meinen Wirth und ſein Töchter⸗ chen nicht lange aufhalten, aber ich werde alles Mög⸗ liche thun, um dieſe africaniſchen Tänze mit ihrem eigenthümlichen wilden Leben, das zu gleicher Zeit ſo und dennoch ſo rythmiſch iſt, noch öfter zu ehen. Während wir nach unſerem Serro zurückkehrten, hörten wir von mehreren Seiten her die dumpfen Töne der wilden Trommeln. Es ſind jedoch blos die freien Neger auf der Inſel, die um dieſe Zeit ihre Tänze haiten. Auf den Plantagen wird über die ganze Zeit der Seca das Zuckerrohr gemahlen, und die Negerſelaven dürfen nicht tanzen, ja kaum genug ſchla⸗ fen. Aber auf Cuba befindet ſich eine ganze Menge freier Neger. Als wir wieder ins Dorf kamen, begegneten uns zwei junge Männer, die unterwegs auf Guitarren eine fröhliche Melodie ſpielten. Sie wurden von andern jungen Männern begleitet⸗ Auf dieſe Art wurde ir⸗ gend ein Geburts⸗ oder Namenstag gefeiert. Ein ſchö⸗ ner, poetiſcher Brauch! Ich bin hier viel umhergewandelt und habe meh⸗ rere der ſchönen Bäume der Inſel kennen gelernt. Unter dieſen muß ich Dir den Ceibabaum vorſtellen, eine der höchſten und ſchönſten Baumarten auf der In⸗ ſel. Er ſchießt mit einem ſtarken, weichwogenden Stamm in die Höhe, iſt höher als die Palme und ohne alle Zweige, bis er auf einmal in horizontaler Richtung drei bis vier ſtarke Arme, mit Krümmungen gleich denen der Eiche, nur etwas weicher, ausbreitet; ſie theilen ſich in mehrere Zweige und tragen die ſchönſte Krone von buſchigem, fingerartig getheiltem, ſaftgrünem Laube. Dies iſt einer der ſchönſten Bäume, die ich je geſehen habe, und ich weiß nicht, mit was ich ihn vergleichen kann. Aber der ſchöne Baum hat ſeinen neidiſchen Feind, und anf den kleinen ſtachelar⸗ ter⸗ ög⸗ rem t ſo zu ten, pfen die ihre anze die chla⸗ ene uns eine dern e ir⸗ ſoö⸗ meh⸗ lernt. ellen, r In⸗ enden und ntaler ungen eitet; die iltem, äume, twas n hat helar⸗ 91 tigen Auswüchſen, womit ſein Stamm ſich bedeckt, ſetzt ſich gerne eine Schmarotzerpflanze an, welche den Baum allmälig umſchlingt und zuletzt tödtet. Ferner bemerke ich die ſchönen, dunkelgrünen Bäume Mammai colorado und Mammai San Domingo, jetzt mit apfel⸗ großen Früchten bedeckt, die von außen grau und braun ſind, von innen aber mit einem rothgelben, ſehr ſüßen, nach meinem Dafürhalten jedoch geſchmackloſen Fleiſche erfüllt; ſowie den Sapotabaum, ebenfalls mit dunkel⸗ grünen Blättern und braunen Früchten, ſo groß, wie kleine Apfelſinen und gleich dieſen voll von ſaftigen Stücken, die ſehr ſüß, aber von unendlich angenehmem Geſchmack ſind. Der Mangobaum hat eine dichte, laubreiche Krone, die in Bezug auf Form und Dicht⸗ heit an unſere Kaſtanienbäume erinnert. Seine Früchte ſind jetzt grün und hängen mehrere an einem Stiel, an Form gleich coloſſalen Mandeln, herab. Sie ſollen ſchön goldgelb werden, wenn ſie reifen; man nenntſie die Aepfel Cubas und ſie werden auf der Inſel ſehr geliebt. Der Mangobaum wirft einen dichten undurch⸗ dringlichen Schatten. Die Tamarinde hinwiederum breitet ſich wie ein feiner, zarter, brodirter grüner Schleier, durch welchen Du den blauen Himmel ſiehſt, über Deinem Haupte aus. Sie trägt Hülſen mit klei⸗ nen Bohnen darin, die einen ſäuerlichen, aber ſehr angenehmen und friſchen Geſchmack haben. Der Gourdbaum oder Calabasbaum(WB. ich ſage Dir die Namen des Baumes ſo, wie ich ſie hier nen⸗ nen höre, es iſt mir kein botaniſches Werk zugänglich) gleicht von Geſtalt einem Apfelbaum, hat ſeine Zweige mit Laub dicht an den Zweigen bewachſen und trägt auf dieſen große kugelrunde Früchte ohne Stiel. Dieſe Früchte, die groß wie ein Menſchenkopf werden können und eine ſehr harte Schale haben ſollen, verſehen die armen Leute mit ihrem wichtigſten Hausgeräthe und dienen ihnen entzweigeſchnitten als Schale, Schüſſel, 92 Teller, Trinkgefäß, Waſchſchüſſel, Schöpfkanne, Koch⸗ löffel, Alles mit einander. Die Calaboſſe oder der Flaſchenkürbis iſt beſonders das vornehmſte Hausge⸗ räthe der Neger, und die Calabaſſe iſt es auch, die ihre Handwurzeln ſchmückt und das Vergnügen und Ge⸗ räuſche bei ihren Tänzen vermehrt. Ich könnte Dir noch mehrere Bäume nennen; mehrere andere kenne ich auch noch nicht mit Namen; aber ich muß Dir erzäh⸗ len, wie mein geliebter Bananasbaum blüht und Früchte trägt; denn das iſt eine eigene Geſchichte, die mich lange gequält hat, als ich ſie aus der Ferne ſah⸗ und deshalb habe ich ſie aus der nächſten Nähe ſtndirt. Du ſiehſt den Bananasbaum— Du wirſt ihn in meinem Album ſehen— einen niedrigen Baum mit palmartiger Krone, der nicht weit über Deinen Kopf reicht. Der Stamm erhebt ſich gerade, umgeben von Hülſen, die in demſelben Verhältniß abfallen, wie der Stamm aufſchießt, ſo daß er beinahe ein etwas ſchofles und welkes Ausſehen erhält. Iſt der Baum vier oder fünf Ellen hoch geworden, ſo wächſt er nicht mehr, aber er entrollt und entwickelt dann eine Krone von langen Gwei bis drei Ellen), breiten, hellgrünen, ſammtweichen Blättern, die ſich bei jedem Lufthauch biegen und graciös flattern. Dieſe Lufthauche gehen jedoch nicht kange artig mit ihnen um, ſondern zerrei⸗ ßen das Blatt auf beiden Seiten der ſtarken Blatt⸗ nerve oder Sehne in viele Theile, ſo daß es oft lum⸗ pig ausſieht; aber auch unter den Lumpen behält es ſeine weiche Anmuth, ſeine ſchöne Bewegungen noch bei. In der Mitte der Blätterkrone ſchießt auf ihrem Stiel eine Knospe auf, ähnlich einer ſehr großen grü⸗ nen Blumenknospe. Sie ſchießt ſchnell auf und wird ebenſo ſchnell zu ſchwer für ihren Stiel, der ſich unter ihrer Laſt biegt Die Knospe hängt jetzt am Stamm hinab und wird ungefähr ſo groß wie eine Cocosnuß. An Form gleicht ſie einer Roſenknospe und ihre Farbe iſt au tru ger tra Bl ſeit ſtre ant her ſeh De Lu deu ſein es Die men miſt ken ſen. Dac Abe brü meh ſein ten ſchö hera auf und deru für „ Fart ſage och⸗ der sge⸗ ihre Ge⸗ Dir eich zäh⸗ und die ſah, dirt. nin mit Kopf von der ofles oder ehr, von nen, auch ehen rrei⸗ att⸗ lum⸗ lt es noch hrem grü⸗ wird unter amm nuß. arbe 93 iſt dunkelviolett. An beinahe allen Bananasbäumen, auch deujenigen, die üppige Büſcheln reifer Früchte trugen, ſah ich dieſe ungeheure violette Knospe hän⸗ gen und war nicht wenig neugierig ſie näher zu be⸗ trachten. Jetzt mußt Du ſehen. Eines der äußeren Blätter der Knospe oder das Deckblatt löſt ſich davon ab oder öffnet ſich ſachte im Wipfel, und Du ſiehſt ſeine inwendige Seite im prächtigſten Zinnoberroth ſtrahlen, und in ſeiner Tiefe ſiehſt Du, dicht an ein— ander geſchloſſen, ſechs oder ſieben hellgelbe Figürchen hervorgucken, nicht unähnlich kleinen Küchlein, und ſehr ähnlich den Küchlein in der Pfingſtroſe. Das Deckblatt öffnet ſich immer mehr dem Licht und der Luft, und die kleinen hellgelben Küchlein gucken immer deutlicher hervor. Allmälig trennt ſich das Blatt mit ſeiner kleinen Familie gänzlich von dem Knospenkopf; es entſteht ein Stück bloßen Stiels zwiſchen ihnen. Die kleinen Küchlein gaffen jetzt mit hellgelben Blu⸗ menſchnäbeln und recken ihre Zungen(ſie ſind Didyna⸗ miſten) hervor, um die Sonne und die Luft zu trin⸗ ken; aber noch erhebt ſich das Blatt über ihren Köp⸗ fen, wie eine ſchützende Schwinge, wie ein beſchattendes Dach. Noch iſt die Sonne zu heiß für die Kleinen. Aber ſie wachſen immer mehr. Sie beginnen ſich zu brüſten, ihre Bruſt zu biegen und ihre Köpfe immer mehr aufwärts zu wenden. Sie wollen ſelbſtändig ſein; ſie wollen die Sonne ſehen, ſie bedürfen des al⸗ ten Daches nicht mehr. Da löſt ſich das Blatt, das ſchöne, mütterliche Blatt, und fällt auf den Boden herab. Ich habe dieſe Deckblätter oft unter dem Baum auf dem Boden liegen geſehen, ich habe ſie aufgehoben und mit inniger Bewunderung betrachtet, mit Bewun⸗ derung ſowohl für die Rolle, die ſie geſpielt, als auch für die ſeltene Schönheit und Zartheit ihrer rothen „Farbe auf der innern Seite des Blattes. Man könnte ſagen, es habe ſich ein Blutstropfen aus einem war⸗ 94 men Mutterherzen hier ausgegoſſen. Die Jungen, die Küchlein,(die Hähne und Hennen zugleich ſind) brüſten ſich jetzt ganz ſtolz, und die Bruſt auswärts, den Rü⸗ cken einwärts gekehrt, die Köpfe und Schnäbel hoch in der Luft, richten ſie ſich empor, kranzartig den Stiel umgebend, wo ſie in ein paar Wochen zu der lieblichen Bananasfrucht heranreifen und büſchelweiſe abgeſchnit⸗ ten werden. Der ganze, ſchwere, dunkelpurpurfarbige Knospen⸗ kopf iſt eine dichte Zuſammenſetzuug von ſolchen Blät⸗ terhülſen, die ſolche Jungen umſchließen. So löst ſich Blatt um Blatt und fällt ab, ſo wächst Brut um Brut von Fruchtzweigen, bis der dicke Stiel vollbeſetzt iſt mit ihren Kränzen. Aber noch immer bleibt ein guter Theil des Knoſpenkopfes übrig, der niemals ſei⸗ nen ganzen innern Reichthum iu dem Jahr entwickeln kann, wo der Bananasbaum lebt. Denn er lebt und trägt nur ein einziges Jahr dann ſtirbt er. Doch ruft er vorher noch eine große Familie von kleinen Schößlingen ins Leben, die zu ſeinen Füßen aufwachſen, und wo⸗ von die älteſten bereit ſind zu blühen und Früchte zu tragen, wenn der Mutterbaum ſtirbt. Und dies iſt die Geſchichte von dem Bananas⸗ baum, der Musa paradisiaca, wie er in der Flora des Wendekreiſes genannt wird. Sicherlich war er auch in dem erſten Paradieſe zu Hauſe, wo Alles gut war. Etwas Zierlicheres und Vollkommeneres, als dieſe kleinen Schößlinge, die Bananaskinder, kann man ſich kaum denken. Sie ſind vollkommene Miniaturbilder des Mutterbaumes, aber bei ihren jungen Blättern be⸗ kommt der Wind keine Macht. Sie ſtehen unter den Flügeln des Mutterbaumes in paradieſiſcher Friedſam⸗ keit und Schönheit. Man hat den Bananasbaum in den Süden Nord⸗ amerikas zu verpflanzen geſucht, wo ſo mancher Baum aus fremden Zonen gedeiht. Aber der Bananasbaum die iſten Rü⸗ h in Stiel ichen huit⸗ zpen⸗ lät⸗ t ſich t um eſetzt ein ickeln und rut ingen we⸗ te e anas⸗ Flora auch war. dieſe n ſich bilder n be⸗ e den dſam⸗ Nord⸗ Baum baum 95 will da nicht gedeihen, ſeine Frucht will nicht reifen. Er erfordert eine gleichmäßigere, mildere Wärme. Er will nicht aus der paradieſiſchen Luft des Wendekrei⸗ ſes gehen Gebratene Bananas ſind auf den Frühſtückstiſchen der Creolen ein ſo gewöhnliches Gericht wie Brod und Kaffee. Aber ich eſſe ſie nicht anders als roh. Den Frauen hier zu Lande macht ihre Haushal⸗ tung nicht viel zu ſchaffen. Die Köchin, immer eine Negerin(wenn die Familie nicht einen Koch hat, der dann ein Neger iſt), erhält wöchentlich eine gewiſſe Geldſumme, wofür ſie die Mahlzeiten der Familie be⸗ ſtreitet. Sie geht auf den Markt und macht Ankäufe; ſie nimmt das Beſte, was ſie findet, oder überhaupt was ſie gut findet. Die Frau des Hauſes weiß oft nicht, was die Familie zum Mittageſſen bekommt, bis das Mahl aufgetragen wird. Und ich kann mich bloß darüber verwundern, daß die Hausmütter dieſe Sache mit ſo vollkommener Zuverläſſigkeit ihren Köchinnen überlaſſen können, und daß es ſo wohl gelingt. Aber das Talent zum Kochen und Freude an dieſem Ge⸗ ſchäft ſoll bei den Negern etwas Allgemeines ſein, und ſie ſetzen eine Ehre darein, gute Mahlzeiten her⸗ zuſtellen. Frau Schneidler ſitzt an den Vormittagen da und liest mit ihren zwei kleinen Mädchen in einem Saal, deſſen Thüren nach der Piazza und von da nach der Landſtraße geöffnet ſind, und wenn die Landleute Monteros werden ſie hier genannt und ſind immer Männer) mit ihren Pferdchen ankommen, die ſchwer mit Gemüſen, Früchten oder Federvieh belaſtet ſind, ſo bleibt der eine und andere vor der Thüre ſtehen, ruft die Sennora und fragt ſie, ob ſie Das oder Jenes haben wolle; ſie antwortet Einiges in der melodiſchen ſchönen ſpaniſchen Sprache, und die Sache wird mit wenigen Worten abgemacht, ohne daß die Dame ſich 96 von der Stelle zu bewegen braucht. Das Leben wird hier ſehr leicht gemacht. Abends nach dem Thee ſitzen wir in Schaukelſtühlen auf der Piazza, ſo dünn ge⸗ kleidet, als es ſich ſchicklicher Weiſe thun läßt, und er⸗ freuen uns an der Luft und einem ſüßen Far niente. Alles iſt dann ſtill in dem Dörfchen. Hier athmen heißt leben und genießen. Meine guten Wirthsleute haben mich in einige der prachtvollen Gärten der benachbarten Ariſtokratie ge⸗ führt. Sie ſind zierlich, aber ſteif. Alles ſteht in Reihen auf überſandeten Gängen. Und die von Na⸗ tur regelmäßigen Formen der Tropenbäume tragen zur Steifheit bei, wenn ſie nicht mit einigem poetiſcharti⸗ ſtiſchen Sinn gruppirt ſind. Der ſchöne Garten des Grafen Hernandinos hatte jedoch einen in ſolchem Sinn angepflanzten Ring von Königspalmen. Dies war die ſchönſte Pfeilerredoute, die man ſich nur den⸗ fen kann; die Kronen, die ſich zuſammenſchloſſen und ihre Zweige in einander verflochten, bildeten da einen rieſigen grünen Kranz, der im Winde flatterte und ſauste, während des Himmels blaues Gewölbe klar hindurchleuchtete. Jeden Morgen habe ich in des Biſchofs Park luſt⸗ gewandelt. Aber eines Morgens wurde ich da von ein paar halbnackten, ſchrecklich ausſehenden Negern verfolgt, die wahrſcheinlich Artigkeiten ſagten und bet⸗ telten, obſchon ich ſie nicht verſtand; denn ſie ſtörten mich in meinem Behagen. An einem andern Morgen wurde ich von Etwas, was ich verzehrt hatte, ich weiß nicht, was es war, ſo unwohl, daß die Freuden des Paradieſes mich nicht anregen fonnten; an einem dritten Morgen war ich frei, behaglich und genoß das Leben wieder, doch nicht ſo wie am erſten. Aber das war auch nicht nöthig. Ein einziger ſolcher Morgen genügt zur unſterblichen Erinnerung. Jede Nacht habe ich die große prachtvolle Con⸗ ird tzen ge⸗ er⸗ nte. men der ge⸗ Na⸗ zur arti⸗ des chem Dies den⸗ und inen und klar luſt⸗ von egern bet⸗ örten orgen weiß n des ritten Leben war enügt Con⸗ 97 ſtellation über dem Palmhügel von neuem begrüßt und des Morgenſterns ſtillen, wehmüthig klaren Blick über die Erde hin betrachtet. Dieſe Nächte beim Gebrauſe der Bergſtröme und dem Geſäuſel der Bananasbäume — ſie vergeſſe ich nicht. Heute früh war Mrs. S. mit mir im Park. In einem ſchönen Bambusbaum waren ſpaniſche Verſe eingeſchnitten. Ich bat Mrs. S. ſie mir zu überſetzen. Sie konnte es nicht thun, denn die Verſe enthielten — die gröbſten Unanſtändigkeiten.— Wiederum die alte Schlange! Auf dem Lande umher ſieht man kleine Höfe, alle mit Häuſern aus Palmenholz, die mit vergilbten Palm⸗ blättern bedeckt ſind; das ſpitzige Dach iſt oft höher als die Hütte. Aber alle Wohnungen auf der Inſel ſind niedrig um der Orcane willen, welche ſie ſonſt ſicher⸗ lich zerſtören würden. Mehrere kleine Negerhütten ha⸗ ben auch Wände von Birkenrinde oder zuſammenge— flochtenem Reisholz. Der Palmbaum iſt für das arme Volk der wichtigſte Baum. Er gibt ihm Häuſer, wie die Calebaſſe ihm Hausgeräthe gibt. Die kleinen Höfe ſehen eigenthümlich aus, obſchon nicht zierlich. Aber ſie ſchmücken die Landſchaft durch ihren eigenen Cha⸗ racter. Man hat mir hier manches Abenteuer aus der Zeit des letzten Orcans erzählt. Man hat mir ganz in der Nähe den Platz gezeigt, wo ein kleiner Bauernhof ſtand. Im Wohnhaus war die ganze Familie verſam⸗ melt, zwölf Perſonen ſtark. Der Orcan erſchütterte das Haus. Der Hausvater ermahnte die Seinigen zu beten. Alle warfen ſich rings um ihn her auf die Kniee: er ſtand allein aufrecht mitten im Zimmer und betete im Namen Aller. Der Sturm riß ein Loch ins Dach und in demſelben Augenblick ſtürzte das Haus zuſam⸗ men; der Mann blieb unbeweglich aufrecht ſtehen, aber Bremer, die Heimath in der neuen Welt. UI. 7 ſein Weib, ſeine Kinder und Diener wurden begraben. Nicht eine einzige Perſon entkam außer ihm ſelbſt. Morgen werde ich nach Havannah zurückkehren. Könnte ich doch einmal dieſen guten freundlichen Men⸗ ſchen, die mir durch ihre Gaſtlichkeit ſo viel geſchenkt haben, irgend ein Vergnügen machen! Ich verlaſſe ſie mit Bedauern, beſonders das jüngſte allerliebſte kleine Mädchen, das dunkeläugige Helenchen. Havannah, den 15. Februar. Wieder hier! Die Wärme iſt zwar eine gute Sache, aber zu viel iſt zu viel. Und dieſe Wärme iſt wirklich zu viel, ſowohl für die Seele als für den Leib. Sie können ſich unmöglich friſch erhalten, ſondern er⸗ lahmen ein wenig— es will nicht gehen. Man wird ganz ſchachmatt. Ein feiner Sandſtaub dringt von den Straßen her zwiſchen die Jalouſien herein, erfüllt die Luft im Zimmer und legt ſich auf Alles. Die Abende ſind die einzige Zeit des Tages, wo man ein wenig frei athmen kann, theils draußen in der Luft, theils auf den luftigen Gallerien im Hauſe gegen den Hof zu. Ich wohne jetzt im Haus der Familie Tolme, Calle de Obra pia(Straße der frommen Werke), wo die gute Frau Tolme ein Zimmer für mich einge⸗ richtet hat und mütterlich für mich ſorgt. Sie iſt eine der ſchönen mütterlichen Naturen auf Erden und Alle im Hauſe lieben ſie. Ich ſchätze ſie auch deßwegen ſehr, weil ſie die Neger liebt, eine mütterliche Be⸗ ſchützerin der Sklaven iſt, offen bei allen Gelegenheiten für den Negercharacter Partei ergreift und eine Menge ſchöner Züge von ihrem Edelſinn, ihrer Treue und Gutmüthigkeit zu erzählen weiß. Einen Theil des Vormittags ſitzt ſie ganz patriarchaliſch da und näht, umgeben von ihren Sklavinnen, ſowie von den jüngern en. ren. en⸗ enkt ſie eine r. gute e iſt eib. ee⸗ wird von t die eme eni heils f zu. me, erke), inge⸗ eine Alle egen Be⸗ eiten denge und des näht, ngern 99 Kindern, mit denen ſie lieſt, auf einer der langen, offenen Gallerien; dort nimmt ſie auch Beſuche ent⸗ gegen und ertheilt ihre Befehle in Betreff der Küche oder der Toilette. Abends verſammelt ſich der große Familien⸗ und der Freundeskreis auf den Gallerien und im Salen um ſie. Da kommen die zwei ſchönen verheiratheten jungen Frauen mit ihren Männern, die beide Deutſche ſind, und der eine von ihnen ſehr muſi⸗ kaliſch; da kommt der engliſche Conſul. Mr. Crawford, mit ſeiner ſchönen jungen Frau, ebenfalls einer Toch⸗ ker der Mrs. Tolme aus einer früheren Ehe; da iſt das verliebte Pärchen, der älteſte Sohn des Hauſes und ſeine blühende junge Frau; da iſt das neu ver⸗ lobte Pärchen, Louiſe Tolme, noch halb Kind, und ihr Bräutigam, ein verliebter und ſehr hübſcher junger Schotte; da ſind die jüngern Söhne und Töchter des Hauſes, und der jüngſte von ihnen, mein ernſthafter, kleiner Maeſtro in der ſpaniſchen Sprache, der drei⸗ zehnjährige Gulio, und die kleine Emmeli, zierlich und graziös, wie wir uns einen Licktelf denken; da kommen noch andere Freunde des Hauſes und man ſpielt und tanzt und ſingt; aber der verliebte Bräutigam ſitzt neben ſeiner jungen Braut und ſchaut ſie an und will nicht, daß ſie tanze oder ſeine Seite verlaſſe. Die Einrichtung der Häuſer iſt ganz eigenthüm⸗ lich, und man muß ſich daran gewöhnen, um ſich da⸗ bei wohl zu befinden. Alles in ihnen iſt darauf be⸗ rechnet, ſo viel als möglich Luft und Zug zu bekom⸗ men. Lange Gallerien mit halbrunden langen Ar⸗ caden öffnen ſich auf den Hof hinaus(hier im Hauſe auf vier Seiten). In dieſen Gallerien bewegt ſich die Haushaltung und führt eine Art von öffentlichem Le⸗ ben. Man ißt zu Mittag, man nimmt Beſuche ent⸗ gegen, die Frau des Hauſes näht, umgeben von ihren Sklavinnen, und erzieht die Kinder; das Geſinde waſcht oder verrichtet andere Hausarbeiten— Alles in dieſen offenen Gallerien, wo die Menſchen und die 100 Luft gleich ungehindert circuliren. Vor dieſen Galle⸗ H rien, die gewöhnlich einen marmorhen Boden haben, w liegen die Schlafzimmer, durch Jalonſien von ihnen ei getrennt; die Fenſter nach der Straße zu werden im ne obern Stock der Häuſer auf dieſelbe Art geſchloſſen. ſit In dem untern haben die Fenſter eiſerne Stangen al dder Gitter, und hinter dieſen Gittern iſt bloß ein di Vorhang, der bei Nacht herabgelaſſen wird. Bei Tag di ſieht man den Vorhang nicht, und die vergitterten H Fenſter mit ihren aufrechten Eiſenſtangen geben den th Wohnungen zunächſt bei der Straße ein unfreudiges, lie gefängnißartiges Ausſehen. In den vornehmen Häu⸗ ha ſern haben jedoch die Fenſtergitter mehrere Zierrathen, N und man ſieht hinter dieſen Gittern nicht ſelten hübſche Sennoras ſitzen, die ſich auf Schaukelſtühlen wiegen K und mit zierlichen Fächern Kühlung zufächeln. Glas⸗ ſcheiben ſteht man nicht. Dieſe Bauart der Häuſer und Zimmer macht zwar, daß die Luft überall frei ge hereinkommt, und Cubas Luft kann nicht anders als h willkommen ſein, aber mit ihr kommt auch hier in Havannah eine Menge Staub, der ſowohl der Sauber⸗ 8 keit als dem Behagen ſehr hinderlich iſt. Geht man in die Stadt— und ich bin an die⸗ de ſen Abenden viel allein herumgewandelt— ſo ſieht M man überall durch Arcaden und halb dunkle Gänge in lu die Häuſer hinein, deren Geſtalten in einem anziehen⸗ den Helldunkel erſcheinen. Sie kommen zum Vorſchein und verſchwinden. Ueberall, wohin Du ſiehſt, eröffnet St ſich eine neue vista, neue Bilder in den dunkeln Gän⸗ gen unter den mit Frescogemälden von Früchten oder die Blumen geſchmückten Säulenhallen. Aber Du ſiehſt Ei Alles im Halbdunkel. Die Heffentlichkeit hat in ihrer e Tiefe ein Myſterium, und vor dem offenen Fenſter De des Hauſes ſteht das Eiſengitter. In den Häuſern der Stadt iſt ein großes Gemiſch von Regelmäßigem ſch und Unregelmäßigem, von Altem und Neuem, von e⸗ n, en im n. en ein ag ten den es, äu⸗ en, ſche gen las⸗ uſer frei als rin ber⸗ die⸗ ſieht e in hen⸗ chein ffnet Hän⸗ oder ſiehſt ihrer nſter uſern igem von 101 Hübſchem und Verfallenem. Neben der elegant ge⸗ wölbten Arcade und der zierlich bemalten Mauer kommt eine halb verwitterte Mauer, deren Frescogemälde bei⸗ nahe verwiſcht oder gleich dem Mauerwerk abgefallen ſind. Und die alte Mauer wird nicht reparirt und das alte Gemälde wird nicht wieder aufgeſtutzt. Alles das, die Geſichter und Manieren der farbigen Bevölkerung, die Volantes, die ſich da und dort ſtill zwiſchen den Häuſern hindrängen, verleihen Havannah ein eigen⸗ thümlich intereſſantes und romantiſches Leben, unähn⸗ lich dem Leben in andern Städten, die ich geſehen habe, und beſonders in den Städten Englands und Nordamerikas. Wir haben jetzt Mondſchein, und ich muß ſeine Klarheit und Zartheit bewundern. Unſer Mondſchein in Schweden iſt zwar eben ſo klar, aber er hat eine kältere, bläulichere Farbe. Hier iſt der Schein hell⸗ gelb und kommt mir gleichſam roſenfarbig vor. Man hält hier das Mondlicht für gefährlich und geht nicht gern barhäuptig in ſeinem Schein. Ein paar Abende habe ich mit den guten Ehe⸗ gatten Tolme(den älteren) der Muſik auf der Plaza de Armas angewohnt. Elegante Sennoras mit leichten Mantillen über ihren blumengeſchmückten Häuptern luſtwandeln da mit artigen Caballeros unter den herrlichen Königspalmen umher, oder ſitzen ſie plaudernd auf den marmornen Bänken, während die Muſik eubaniſche Contretänze oder Märſche und Stücke aus Opern aufführt. Ein ſchönerer Feſtſaal als dieſer Platz mit ſeinen Palmen und Paläſten unter Cubas Mondſchein und ſtrahlendem Himmel läßt ſich nicht leicht denken. Schöne romantiſche Geſtalten und romantiſch ſchöne Coſtüme habe ich auch da geſehen Der dünne ſpaniſche Schleier iſt gleich dem Mond⸗ ſchein ein Talisman, der durch ſein myſtiſches Halb⸗ dunkel das Häßliche verbirgt und das Schöne hervor⸗ hebt. Eines Tags führten mich meine liebenswürdigen Wirthsleute zu Wagen nach einem Dorf oder Markt⸗ flecken mit Namen Guanavacva, welches das älteſte auf der Inſel ſein ſoll und noch jetzt Erinnerungen an die Ureingebornen deſſelben, die ſanften, friedfertigen Indianer bewahrt, die Cuba bewohnten, als die Spa⸗ nier hieher kamen. Und es gehört zu den Eigenthüm⸗ lichkeiten Cubas, daß ſeine Eingebornen ſanft waren wie ſein Klima; auch heute noch übt dieſes ſeinen mild ſtimmenden Einfluß auf die Einwohner aus. Die Creolen ſind ſanft und gutmüthig. Es findet ſich auf der Inſel keine giftige Pflanze, kein giftiges Thier. Auch Cubas eingeborne Biene hat kein Gift in ihrem Stachel. Die Barbareien der Spanier auf dieſer Inſel haben ihre Natur nicht zu vergiften vermocht. Das Blut dieſes niedergemetzelten älteſten harmloſen Volkes ſchreit noch jetzt von der Erde auf, aber ſein Schrei iſt wie eine ſchöne Melodie; es hat Cubas ſchönſtes Thal Yumori getauft. Unter den Erinnerungen, welche die Indianer in Guanavacva zurückließen, befindet ſich eine Art von irdenem Gefäß, das ſie aus einer Art poröſer Erde verfertigten, und das jetzt noch da verfertigt wird. Man bedient ſich deſſelben auf Cuba allgemein, um das Trinkwaſſer im Zimmer kühl zu erhalten. Das Waſſer dünſtet aus durch das poröſe Gefäß, um wel⸗ ches man ein Tuch ſchlingt, das ſich immer naß erhält, und das Waſſer, welches durch eine Röhre ausgegoſſen wird, bleibt dadurch friſch, wenn auch meines Frach⸗ tens nicht juſt kühl. Und der Mangel an gutem Trink⸗ waſſer iſt auf Cuba ein großer Mangel. Man braucht da noch kein Eis, um das Waſſer abzukühlen, außer in den großen Hotels zu Havannah. Es war ein ſchöner Tag, als wir nach Guana⸗ kor zw M Zu als au klei we mqd nac ſche hoe In deu gen Hö hin Sch ſtar weſ ſorg obet den Gle hart noch der oder nen allet T⸗ en ſte n en Q⸗ m⸗ en en Die uf er. iſel as kes rei ſtes in oon rde ird. um das vel⸗ ält, ſſen ach⸗ ink⸗ ucht ßer n⸗ 103 vacva fuhren, und die Fahrt war ſchön. Aber ich konnte ſie nicht recht genießen. Ich war matt von zweinächtigem Wachen, verurſacht durch Hitze und Mücken, und ich ſah Alles in einem halb ſchlafenden Zuſtand an. Ich erinnere mich des kleinen Fleckens als eines Miniaturbildes von Havannah, die Häuſer auf dieſelbe Art gebaut und bemalt, mit denſelben Dächern und urnengeſchmückten Azoteons, aber Alles kleiner und niedriger. Das Land zeigte ſich als ein weites, wogendes Feld, überſtreut mit Palmen und Höfen, und im Hintergrund einwärts der Inſel ſah man die Bergkette ſich erheben, welche Cuba von Oſten nach Weſten durchläuft und überall in ſeiner Land⸗ ſchaft ein ſtark hervortretender Zug iſt. Ihre höchſten Spitzen, Potullo und Cobre, ſollen über 8000 Fuß hoch ſein. Dieſe natürlichen Feſtungen und Burgen auf der Inſel haben ihre eigenthümliche düſter romantiſche Be⸗ deutung. Geflüchtete Regerſklaven leben in dieſen Ber⸗ gen und haben ſich in ihren unzähligeu Grotten und Höhlen verſchanzt, ſo daß man es nicht wagt, ſie da⸗ hin zu verfolgen. Sie haben ſich Wohnungen erbaut, Schießgewehre angeſchafft, und ſollen eine Zeit lang ſtark genng(man ſpricht von mehreren Tauſenden) ge⸗ weſen ſein, um der Regierung von Cuba ernſte Be⸗ ſorgniſſe einzuflößen. Aber die Schwierigkeit ſich da oben zu ernähren hat zur Folge gehabt, daß ſie in den letzten Zeiten bedeutend zuſammengeſchmolzen ſind. Gleichwohl ſterben ſie lieber dort, frei unter den freien harten Bergen, als daß ſie herabkämen, um unter den noch härteren Menſchen zu leben. Die Palmen ſind immer bedeutende Geſtalten in der Landſchaft dahier, beſonders wenn ſie vereinzelt oder in kleinen Gruppen zerſtreut ſtehen. Sie erſchei⸗ nen mir als die älteſten und menſchenähnlichſten von allen Bäumen. Bei unſerer Heimfahrt bemerkte ich in 104 dem klaren Mondſchein zwei vereinſamte Palmen auf einem Felde. Sie ſtanden ein Stück weit von einan⸗ der, aber die Stämme hatten ſich immer mehr zu ein⸗ ander hingeneigt, ſo daß ihre Kronen ſich zuſammen⸗ ſchloſſen. So ſtanden ſie einander mit ſäuſelnden Zweigen unflechtend unter dem ſchönen Himmelsge⸗ wölbe, ſelbſt eine hohe gothiſche Arcade bildend. So nähern ſich zuweilen zwei hochſinnige Feinde und wach⸗ ſen zuſammen, je näher ſie dem Himmel entgegen⸗ wachſen. Der Weg ging überall zwiſchen lebendigen Hecken hin, die meiſtens aus ungeheuern Aloepflanzen be⸗ ſtanden, deren ſpitzige, dornige Blätter auf allen Sei⸗ ten die Annäherung verboten. Mitten in dieſen Ge⸗ büſchen ſah ich große, weiß und hellrothe Blumenpi⸗ ſtille, die noch nicht ausgeſchlagen waren, ſich erheben, und Mr. Tolme hatte die Güte, einige von ihnen für mich abzubrechen. Sie glichen in der Entfernung un⸗ geheuren Hyacintenpiſtillen und waren armsdick. Es waren die ſchönen Blumenpiſtille des Alvebuſches und ſte tragen ſpäter angenehm ſaftige Früchte mit Ana⸗ nasgeſchmack. In den Hecken ſchoßen da und dort auch Orangenbäume auf nebſt den ſonderbaren kande⸗ laberförmigen hohen Pflanzen oder Bäumen, die ich auf der Höhe von Havannah geſehen hatte. Aber ich kann ihren Namen oder ihre Art nicht erfahren. Dieſe lebendigen Hecken ſind ſehr verſchieden von un⸗ ſern Zaunſträuchen. Aber ſie ſind doch mehr eigen⸗ thümlich, als wirklich ſchön. In dem hellen, gold⸗ und roſenfarbigen Mondſchein fuhren wir nach Hauſe. Man ſpricht von einer Menge ſchöner Blumen, die blos bei Nacht im Mondlicht ausſchlagen. So die nächtlich blühende Ceres. Unter den Wundern, welche die Sonne hier wirkt, iſt vielleicht dasjenige, das ſie in der Tiefe des Meeres hervorbringt, eines der merkwürdigſten. Denn auf an⸗ in⸗ ten⸗ den ge⸗ So ach⸗ gen⸗ cken be⸗ Sei⸗ Ge⸗ npi⸗ ben, für un⸗ Es und Ana⸗ dort nde⸗ e ich r ich hren. un⸗ igen⸗ gold⸗ aue. „ die o die hier fe des Denn 105 die Sonne wirft ihren prismatiſchen Bogen in die Tiefe und malt damit die Fiſche. Ich beſuchte geſtern den Fiſchmarkt in Havannah, und kein Fremder ſoll es verſänmen, dieſes merkwürdige Schauſpiel zu ſehen. Die Fiſche ſtrahlen in allen Farben des Regenbogens in der ſchönſten Klarheit und im hellſten Glanz, ſie ſind blau, gelb, roth, gelb und blau geſtreift, gold⸗ farbig und ſo weiter. Es iſt die prächtigſte Fiſchpa⸗ rade, die man ſich denken kann. Auf dem Meeres⸗ grund um Cuba her wachſen die ſchönſten Algen und Corallen. Die gute Mrs. Tolme hatte mich mehr als ein⸗ mal eingeladen mit ihr in die Oper zu fahren, aber ich bin ſo geizig mit der Luft und dem Mondſchein hier. Ich gehe an den Abenden lieber auf die Plaza de Armas. Die Natur iſt hier für mich Nro. 1; die Menſchen und ihre Spectakel Nro. 2. Morgen jedoch werde ich einer großen Soiree bei dem engliſchen Conſul, Mr. Crawford, anwohnen und werde da die ſpaniſchen Schönheiten zu Geſicht bekommen. Und dann lebe wohl Havannah auf einige Zeit! Ich habe zwei Einladungen erhalten, die mich ſehr erfreuen, nemlich eine nach Matanzas in ein amerikaniſches Handelshaus, und die zweite auf eine Plantage et⸗ liche Meilen von Matanzas, von einer Frau von Coninck, deren freundlicher Brief eine wahre Erquick⸗ ung für mich war. Denn ich kann da aufs Land kommen und da mit den Palmen und dem Caffeebuſch, dem Zuckerrohr und anderen tropiſchen Pflanzen Be⸗ kanntſchaft machen. Ach wie mich das freut! Und ich ſehne mich unbeſchreiblich von Havannah hinweg, wo die drückende Hitze und neue mir fremde Lebensge⸗ wohnheiten mir eine beſchwerliche Migräne zugezogen haben, die jetzt ſchon drei Tage anhält und mich nicht loslaſſen will, obſchon ich ausgehen und mich in der Stadt umſehen kann. Morgen werde ich auf 106 der Eiſenbahn nach Matanzas fahren, was keine volle Tagreiſe iſt. Ich ſchließe jetzt meinen Brief, muß Dir aber zuvor erzählen, was der ſchwediſche Conſul dahier, Herr Nenninger, und Herr Schaffenberg für mich veranſtalten wollen. Herr Nenninger beſitzt ein klei⸗ nes Landhaus, das er nicht bewohnt, in der ſchönen Gartengegend, ganz nahe bei der Villa Schaffenbergs. Dieß will er für mich möbliren, und da ſoll ich in ländlicher Ruhe und Freiheit, gepflegt von einer ehr⸗ ſamen Duena, wohnen dürfen und meine Mahlzeiten bei Schaffenbergs nehmen, die mich auch eingeladen haben bei ihnen zu wohnen, ſobald ihre jetzt für ei⸗ nige Zeit in Anſpruch genommenen Gaſtzimmer frei werden. Iſt das nicht artig? Ich werde wahrſchein⸗ lich von dem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen, aber wie innig danke ich nicht für ein ſo lie⸗ benswürdiges Wohlwollen! Auch Tolmes, dieſe guten Leute, überſchütten mich mit Beweiſen ihrer Güte. Gott ſegne ſie! Du haſt jetzt Schnee und Eis, und kalte, kalte Luft rings um Dich her. Aber ich habe es hier zu warm, und das iſt nicht beſſer als zu kalt, beſonders wenn man Kopfweh hat. Doch Seele und Herz ſind geſund und ſo umarme ich Dich von ganzem Herzen. ich ei⸗ en 3s. hr⸗ ten en ei⸗ rei in⸗ uch ie⸗ ten te. lte zu ers er em Vierunddreißigſter Brief. Matanzas, den 23. Februar 1851. Wie ſchön iſt es hier, meine Agathe, wie gut iſt es hier ſein! In dieſer herrlichen Luft, voll von balſamiſchen Hauchen, in dieſer freundlichen, guten, auf alle Arten gemüthlichen und comfortabeln Woh⸗ nung, im Hauſe von Mr. und Mrs. Baley, wo ich jetzt weile, da fühle ich mich ganz neu belebt. Ich habe nunmehr eine ganze Woche hier gelebt, und ſie iſt wie ein einziger, klarer, ſchöner Tag dahinge⸗ gangen. Es that mir wohl, als ich früh am Montag, den 16. das heiße ſtaubige Havannah verließ. Und ich ließ da auch mein Kopfweh zurück. Ich verlor es am vor⸗ hergehenden Abend, als ich zu Bette ging, und ich konnte gut ſchlafen. Die freundliche, herzlich gute Frau Tolme war am andern Morgen ſchon um fünf Uhr auf und verſchaffte mir und ſich Caffee aus einer Reſtauration, da ſie ihre Sklavinnen nicht ſo früh wecken wollte; donn ſetzte ich mich nach einem herz⸗ lichen Abſchied von ihr und ihrem Manne in ihre Volaute, begleitet von einem der jungen Söhne des Hauſes und meinem Liebling unter ihnen, Frank Tolme; der Calaſhero ließ ſeine Peitſche knallen und ſchnell ſchwankten wir dahin nach der Eiſenbahnſtation. Ich war froh, als ich mit Hülfe meines jungen Be⸗ gleiters endlich glͤcklich durch alle Schwierigkeiten und Umſtände an der Eiſenbahn hindurchgekommen war und ruhig in dem geräumigen Wagen ſaß. Er war nach amerikaniſcher Art gebaut, denn Amerikaner ha⸗ ben die Eiſenbahnen auf Cuba angelegt und ihre —— 108 Wägen gebaut. Alle Fenſter waren herabgelaſſen, da⸗ mit die herrliche Morgenluft hereinſtrömen konnte, und obſchon alle Herren, die im Wagen ſaßen, vier⸗ zig bis fünfzig an der Zahl, Cigarren oder Cigarri⸗ tos rauchten, ſo ſpürte man doch keine Rauchluft und ſah kaum einigen Rauch. Cubas Luft ſchien die Kraft zu haben den Rauch zu vernichten. Ich war das einzige reiſende Frauenzimmer im Wagen und ſaß allein auf meinem Sopha und beinahe allein in die⸗ ſem Theile des Wagens. Um ſo freier konnte ich mich umſchauen, und— ach dieſer Morgen, wo ich über die neue paradieſiſch ſchöne Erde in paradieſiſcher Luft dahinflog und Scenen und Gegenſtände ſah, die alle neu und bezaubernd waren! Nur durch innige Dankbarkeit kann ſo großer Genuß geheiligt werden. Es hatte bei Nacht geregnet und ſchöne Wolken wölbten ſich maſſenweiſe am Horizont entlang und klumpten ſich in bizarren Formen zuſammen. Jetzt erhoben ſie ſich in ſchweren Draperien über die blauen Berge, um die aufſteigende Sonne heranzuführen. Sie bildeten einen prächtigen Hafen mit goldenem Rahmen, und durch ihn hindurch leuchtete ein Meer von mil⸗ dem, roſenfarbigem Licht; es blitzte bis über die Wi⸗ pfel der Berge hin und die Sonne ſtieg auf. Die kleinen phantaſtiſchen blanen und gelben Villen mit ihren prächtigen Baumgärten, die von herrlichen Blu⸗ men und wunderlichen Pflanzen wuchern, die palmbe⸗ deckten Hütten auf den Feldern, die hohen grünen Palmen über ihrem graugelben Dach, die Haine von Mangopflanzen, Orangen und Cocosbäumen, die grünen Hecken und Felder, Alles glänzte ſo friſch und ſchön in dem feuchten, milden, von der Sonne be⸗ ſtrahlten Morgen. Ueberall am Weg begegneten mir neue ſchöne Gegenſtände an Blumen, Pflanzen, Gär⸗ ten und Wohnungen und wünſchten mir im Vorbei⸗ fliegen guten Morgen. Aber einen Kartoffelacker und te, r⸗ ri⸗ nd ie 3 ie⸗ ich er er ie e en nd tzt en ie en, il⸗ i⸗ ie nit ⸗ e⸗ en on die nd e⸗ ir ir⸗ ei⸗ nd 109 ein großes Kohlfeld begrüßte ich als Landsleute und gute Freunde. Das ganze Land ſah aus wie ein un⸗ geheurer Garten, ſchöne Palmen ſtanden auf allen Seiten, ihre Kronen wiegend im Morgenwind, und am Horizont entlang erhob ſich eine Kette von dun⸗ kelblauen Berghügeln. Es war mir wohl zu Muth, kein Menſch konnte ſich wohler fühlen, Seele und Körper hatten Schwin⸗ gen! Und ich flog dahin über das ſchöne prangende Land. Allmälig verſchwanden die Villen, und Pflanzun⸗ gen mit Zuckerrohr und anderen Gewächſen, die ich nicht kenne, nahmen überhand. Wir fuhren durch ganze Wälder von gepflanzten Bananasbäumen. Spä⸗ ter wurde der Boden wilder und Schmarotzerpflanzen zeigten fich an den Bäumen und auf der Erde. Bald nahmen ſie überhand und ſchienen die Vegetation zu erſticken. Mehrere Baumkronen trugen ganze Gärten von Luftpflanzen, Orchideen und Alven auf ihren Zweigen. Dies ſieht ſonderbar, aber nicht ſchön aus, obſchon verſchiedene von dieſen Schmarotzern recht hübſche Blumen haben. Das hat einen erzwungenen und unnatürlichen Charakter. Auf einem Feld, nicht weit vom Weg, ſah ich einen hohen, halb todten Ceibabaum, um deſſen gigantiſchen Stamm die Schma⸗ rotzerpflanze Yagnay Embra, ein weiblicher Feigen⸗ baum, ihre hundertfachen, ſchlangenartigen Arme in abſcheulicher Umarmung geſchlungen hat, ihn von der Wurzel bis zum Wipfel umwickelnd, bis ſie beinahe das Leben des Baumes erſtickt hat. Dieſen Todes⸗ kampf zwiſchen dem Ceibabaum und der Schmarotzerin, welche heranwächst und ſich von ſeinem Leben ernährt, bis ſie es zuletzt zerſtört, bekommt man auf Cuba oft zu ſehen, und es iſt ein höchſt merkwürdiges und wirklich ſchreckliches Schauſpiel. Es liegt eine ganze 110 Tragödie in einem Bild, das an Hercules und Deja⸗ nira, an König Agne und Aslög erinnert. Der erſte Theil des Tages und der Reiſe war voll von Genüſſen, unter welche ich ein paar vortreff⸗ liche Butterbrödchen mit einer Art von Sardellenſauce und Käſe, womit die gute Frau Tolme mich verſehen hatte, und einige Bananas rechnen muß. Dabei er⸗ freute mich der Gedanke an ſie, die ſo mütterlich, ſo gut, ſo ſorgſam für mich und Alle, die ihrer bedürfen, iſt. Dankbarkeit und Freude über Menſchen iſt die beſte Nahrung der Seele. Später wurde der Tag zu warm und der Boden gar zu ſehr verdeckt von Schling⸗ pflanzen. Dieß ſchläferte mich ein und bedrückte mich. Auf einer Eiſenbahnſtation kamen einige Frauenzim⸗ mer mit ſpaniſchen Phyſiognomien in den Wagen her⸗ ein. Sie ſchienen der ländlichen Bevölkerung anzuge⸗ hören, waren aber gut gekleidet und barhäuptig. Einige von ihnen waren ſehr ſchöne, üppige, ſtolze Geſtalten, und behandelten mit eitt Stolz und auffallender Ungnade einige Hofmacher, die ihnen gefolgt waren, und ſie im letzten Augenblick mit Blu⸗ menſträußen und Mienen umgaben, welche nicht ver⸗ zweifelt, ſondern eher ſchalkhaft ausſahen, als ſie ſich zurückzogen, ohne einen Blick von den ſtolzen Schönen zu erhaſchen. Dieß erweckte mich ein wenig. Und ganz hellwach wurde ich, als wir Nachmittags aus der buſch⸗ reichen Gegend hervorkamen, und die Ausſicht ſich groß und plötzlich öffnete über die Stadt Matanzas, ihren herrlichen Meerbuſen, jetzt vom allerhellſten Blau, und im Hintergrund den ſchönen Bergrücken„Pfanne von Matanzas“, ſo genannt von ſeiner Form, nebſt der Oeffnung des Yumori⸗Thales. Die friſcheſten, lieblichſten Windhauche umgaben mich hier. Und an der Eiſenbahnſtation kamen zwei Herren mit ſanften, angenehmen Geſichtern und hießen mich willkommen. Es war mein junger Landsmann —— S— 82 ſ ia⸗ ar ff⸗ uce en er⸗ ſo en, die zu 1g⸗ ch. m⸗ er⸗ ge⸗ tig. lze olz nen lu⸗ ſich nen anz ſch⸗ roß ren und von der ben wei ßen 111 Franke aus Gothenburg, in Matanzas anſäßig als erſter Komtoriſt in einem großen Handelshaus, und Mr. J. Baley, der mich in ſeiner Volante nach ſeinem Haus abholte. Dort wurde ich heiter und freundlich empfangen von ſeiner ſchönen jungen Frau, einer Creolin, aber von ſo nordiſch heller und friſcher Miene, daß ſie nur eines Helmes auf dem Kopf bedürfte, um als Modell für das Bild einer Walkyre zu dienen. Mit dieſen ſchönen jungen Eheleuten habe ich ein angenehmes Stillleben geführt und mich an Seele und Leib erfriſcht, theils in ihrer angenehmen Woh⸗ nung— meine junge Wirthin iſt die Tochter einer Angloamerikanerin, und Alles im Haus trägt das Gepräge der Reinlichkeit, Ordnung und Annehmlich⸗ keit, das die Hausmütter dieſes Stammes auszeichnet— theils durch einſame Spaziergänge in der Gegend um die Stadt, obſchon es ganz ungewöhnlich iſt, daß ein Frauenzimmer, zumal mit einem Hut auf dem Kopf, ihre eigenen Spazierhölzer ſtatt des Pferdes und der Volante zu einer Wanderung außer dem Hauſe benützt, ſo daß kleine Regerknaben und Mädchen mir mit Ge⸗ ſchrei und Lachen nachſpringen, große Leute ſtehen bleiben und gaffen, Pferde und Ochſen zuweilen ſcheu werden. Doch hat man ſich allmählig daran gewöhnt mich ſo ausgehen zu ſehen. Und man müßte mir viel bieten, um mich von meinen einſamen Entdeckungs⸗ reiſen abzubringen. Willſt Du mir auf einer von ihnen folgen, und zwar auf der erſten und entzückendſten, die ich gemacht habe, als ich früh am Morgen ganz allein das Yumori⸗ Thal beſuchte? Daß der Morgen ſchön war, begreifſt Du, aber wie ſchön, das kann Niemand begreifen, der nicht die frühe Morgenſtunde, die Liebkoſung des Meergeiſtes aus der Bucht von Matanzas genoſſen hat. Das Yumori⸗Thal liegt ungefähr 200 Schritte von Matanzas hinweg. Du ſiehſt eine Oeffnung zwi⸗ ——— 112 ſchen zwei hohen Klippen und durch die Oeffnung ein helles, klares Flüßchen, das zwiſchen den grünenden Ufern dahin geht, um ſich mit dem Meer zu vereinen. Ich ſage nicht, daß es ſich hineinwirft, denn dazu iſt es zu ſtill. Es iſt ſpiegelklar und ruhig. Laß uns dieſem Flüßchen durch Bergihore hindurch folgen. Außen vor demſelben iſt das freie Feld und der breite, blaue Meer⸗ buſen von Matanzas, angefüllt mit Schiffen aus allen Ländern der Welt, die aus weiter Ferne einhergeſegelt kommen oder vor Anker liegen. Wir gehen am Yumori⸗Fluß entlang durch die Bergthore, und darinnen öffnet ſich ein wunderſchönes Thal voll von Palmen und grünen Büſchen auf grü⸗ nenden Fluren, auf beiden Seiten von hohen Berg⸗ rücken eingeſchloſſen. Der Schatten vom Berge liegt kühl und düſter über demjenigen Theil des Thales, durch welchen unſer Weg führt. Wie ſchön iſt es hier in dem kühlen Schatten! Links iſt der ſpiegelklare Fluß, der ſich in einem niedern Wald von Mangrove⸗ büſchen unſern Blicken zu entziehen anfängt; dieß iſt eine Art Buſchwerk, das im Waſſer wächst und ſich dadurch vermehrt, daß es ſeine Zweige in die Tiefe hinabſendet, wo ſie Wurzel ſchlagen und zu neuen grünen Büſchen emporwachſen. Auf der andern Seite des Fluſſes erhebt ſich mit ſteilen Wänden, aber weich wogenden Höhen die Pfanne von Matauzas; auf unſerer Seite, am Weg entlang und etwas ab⸗ hängiger ſind die Höhen von Combre. Die Felſen zeigen in der Höhe kühne Colonnaden, andere öffnen Thore zu ihren Grotten, geheimnißvolle Säulenhallen und Gewölbe, welche bloß die Vögel unter dem Him⸗ mel beſuchen dürfen. Palmen krönen die wogenden Höhen, und buſchige Ranken von mir unbekannten Schlingpflanzen hängen über ſie herab. Weiter unten zu ihren Füßen wird die Vegetation üppig. Das iſt ein ſchwellendes Bett von ſchönen Bäumen, Buſch⸗ pflanzen und Blumen, unter denen ich mich in Eut⸗ en 113 zücken und Unwiſſenheitverliere. Aber einige davon kenne ich doch bei ihren Volksnamen. Da glüht die Fie⸗ berblume in Gold und Feuer, in unbeſchreiblicher Pracht; da iſt die wilde Heliotrope, üppig an Wachsthum, aber beſcheiden an Farbe und Formen, wie unſere nordiſche Treibhausſonnenwende; da iſt des Mangrov ſchöne, ſchneeweiße Blume mit ihrem lieblich duftenden Kelch, halb von Winde und halb von Lilie; und da, am Weg entlang zu unſern Füßen, ſiehſt du das kleine Gebüſch voll von zierlich rothen Blümchen mit Hunderten von kleinen Munden oder Schnäbeln, die auf ihren Stielen ſitzen und in die Welt hinausſchanen, aufwärts ſo lang ſie jung ſind, und ſpäter abwärts zur Erde, auf welche ſie zuletzt, noch ganz roth und friſch, herabfallen, wenn ſie älter geworden ſind; und ſieh, wie kleine, ſammtgrüne Coli⸗ bris um ſie herumflattern, als wären ſie darein ver⸗ liebt; wie ſie uns gar nicht fürchten, wie ſie auf ihren Schwingen ſchwebend ihre langen Schnäbel in die offenen Schnäbel der Blumen tauchen— das Thierleben und das Pflanzenleben küſſen ſich hier, das ſieht allerliebſt aus. Cupidos Thränen(aecrimas Cupido) wird die Pflanze mit den rothen, abfallenden Blumen genannt. Aber lacrimas Cupido iſt keine Thräne des bleichen Schmerzes. Es ſind glühende Thränen aus einem liebevollen glückſeligen Herzen. Das Herz der Natur weint ſie und beſchwingte Liebhaber ſaugen ihren Saft. Noch liegt das Thal in ſeiner Tiefe verborgen vor uns. Die Biegungen der Bergrücken verſperren uns die Ausſicht. Aber auf einmal zieht ſich der Weg plötzlich rechts und jetzt öffnet ſich das Thal.“ Vor uns zur Rechten im Schooße des Berges liegt im ſchönſten Palmenhain ein kleiner Hof— eine cuba⸗ niſche Farm mit palmlaubbedecktem Dach, und unſer Bremer, die Heimath in der neuen Welt. IMI. 8 — —— —— 114 Weg führt durch Gruppen von Cocospalmen, die auf beiden Seiten des Weges reich mit Früchten behangen ſind. Hier geht es ein wenig bergab, und auf der Seite der Anhöhe rechts, ein kleines Stück vom Weg, ſind die Trümmer einer Steinmauer an einem Brun⸗ nen. Rundum wachſen in pittoresker Unordnung Cocos⸗ palmen, Sapotas, Mammai und Maugobäume, ſowie die Cypreſſe von Ceylon nebſt mehreren mir fremden Baumarten. Aber wir wollen noch nicht ruhen. Wir müſſen noch etwas mehr von dem Thal ſehen. Wir wandern die kleine Höhe hinab und gegen den Hof oben im Gebirge; aber unter demſelben biegt der Weg links um und geht jetzt gerade ins Thal hinein. Die⸗ ſes öffnet ſich für uns als ein ſchönes großes Palmen⸗ land, umgeben von dem dichtgeſchloſſenen elliptiſchen Rahmen der Berghöhen. Wir gehen noch ein Stück weiter auf dem Wegz das Thal wird breiter mit ſanft wogendem Boden, und wohin wir blicken, ſehen wir nur Palmen, Palmen und Palmen;— unter ſolchen Bäumen, in ſolchen Hainen, ſollten ſchöne, unſterbliche Weſen wandeln. Da liegt ein kleiner Hof mit palmbedecktem Haus und Reiſerhütten nicht weit vom Wege; ein großer blühender Oleanderbuſch glänzt unter ihnen. Wir gehen hin, um uns umzuſchanen; wir wollen einen Schluck Waſſer begehren. Die Fermiera, ein mage⸗ res, dürres, braunäugiges Weib, ſieht aus, als wolle ſie uns Alles geben, was ſie beſitzt, aber ſie verſteht uns nicht, und wir verſtehen ſie nicht. Gleichwohl be⸗ kommen wir Waſſer und überdieß große Bouquets von blühendem Oleander, die ſie uns abbricht. Die Sonne beginnt heiß zu werden. Laß uns umkehren; wir wollen ein ander Mal hieher zurückkommen, denn das Yumori⸗Thal muß ich genau kennen lernen. Da kom⸗ men Monteros mit ſchwerbeladenen Pferden, alles Gepäck quer über den Rücken des Pferdes gelegt. Sie uf en er n⸗ 8⸗ ie en ir ir of ie⸗ n⸗ en ück nft ir en che us er zir en ge⸗ Ue eht be⸗ on ne vir s m⸗ les Sie 115 grüßen freundlich mit melodiſchen Stimmen, bleiben ſtehen und fragen gutmüthig, woher die Sennora komme und wohin ſie wolle. Die Sennora ſagt, daß ſie aus Schweden ſei. Die Monteros ſehen unklar die Sennora und einander an. Sie kennen den Ort Schweden nicht und verſtehen die Wanderin nicht. Sie ſagt ihnen alſo, daß ſie aus:„un pais soto la estrella del norte“(einem Land unter dem Nordſtern) ſei. Und jetzt glauben ſie, ſie ſage, daß ſie aus dem Nordſtern“ komme, und jetzt ſagen ſie Ah! und ſehen einander mit bedeutungsvollem Lächeln an und rühren an ihre Stirne; jetzt haben ſie eingeſehen, daß es bei der Sennora unter der Haube nicht richtig iſt, und mit mitleidigem Kopfſchütteln treiben ſie ihre Pferde weiter. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie ſanft und gut⸗ müthig ſie ausſehen. Wir gehen langſam hinter ihnen zurück auf dem Weg nach Matanzas. Noch wirft die hohe Bergwand ihren Schatten über den Cocoshain am Brunnen. Wir ſetzen uns anf die ſteinerne Mauer und frühſtücken Bananas, die wir mitgenommen haben. Ein tadelloſes Frühſtück in der lieblichen Morgenluft in dem wunderſchönen Thal. Milde und glückliche Menſchen müſſen auf dem Hof unter den Palmen dro⸗ ben auf dem Berge wohnen. Unter ſo ſchönen, lieb⸗ lichen Gegenſtänden, in dieſer bezaubernden Luft muß der Menſch mild und gut werden. Die Sonne ſteigt über dem Berge auf, und es wird zwar warm, bis wir nach Matanzas zurückkommen, aber wir haben dafür auch einen ſchönen Morgen im Yumori⸗Thal durchlebt. In der Stadt Matanzas habe ich einige Bekannt⸗ ſchaften gemacht, und nmittelſt einer derſelben konnte ich eine große Kaffee⸗ und Zuckerpflanzung in der Nähe der Stadt beſuchen. Ich ſah hier Alleen von einer Menge ſeltener tropiſcher Bäume und Pflan⸗ zen, eine Art Palmbäume, die wie Korkzieher ihre rie⸗ 1¹16 ſenſtarken Zweige herumſchlangen und rieſengroße Früchte trugen: eine Art Citronenbäume, die ungeheure citro⸗ nenartige Früchte trugen, welche jedoch nicht als Ci⸗ tronen betrachtet werden. Was mich am meiſten intereſſirte, war die Be⸗ kanntſchaft mit der Sagopalme, der Dattelpalme und dem Pfeilwurz, ſowie mit der wunderſchönen Hybis⸗ cusblume, und Nichts war für mich ſo entzückend, als im Baumgarten von den kleinen Colibris unflattert zu werden, welche hier auf der Inſel merkwürdig uner⸗ ſchrocken ſind und beſtändig die hübſchen rothen Blu⸗ men unſchweben, mit denen Cuba ſich mehr als mit Blumen von andern Farben zu ſchmücken ſcheint. Ihr pfeilſchneller Flug hin und her, ihre ſtille ſchwebende Bewegung mit den Flügeln, während ſie die Blumen ausſaugen, ſind für mich eine beſtändige Ueberraſchung und ein ſtets neues Vergnügen. Sie entſprechen nichts von dem, was ich vom Thier- oder Menſchenleben ge⸗ ſehen habe, und ſie ſcheinen mir nicht aus Staub von dieſer Erde geformt zu ſein. An einem ſchönen, etwas brauſenden Bächlein, beſchattet von dichten Laubmaſ⸗ ſen, ſchienen ſie beſonders ihre unter den Bäumen ver⸗ borgenen Neſter zu haben. Unter den Curioſis bemerkte ich mehrere Schmarotzerorchideen, die an den Bäumen hingen, ſowie einem großen Ceibabaum, umſchlun⸗ gen von ſeiner feindlichen Geliebten Yagnay Embra und getödtet in dieſer ſchrecklichen Umarmung. Die Pflanzung war übrigens ſehr verfallen nach den zwei letzten, dicht auf einander erfolgten Sturm⸗ winden, die eine ſchreckliche Verwüſtung angerichtet, ſowie nach der Cholera, die einen großen Theil der Negerſklaven weggerafft hat.„Der Herr ſtraft unſere Sünden, er ſtraft unſere Sünden,“ ſagte der Herr der Plantage mit einem Ausdruck, worin halb Leichtſinn, halb Reue und Erkenntniß der Gerechtigkeit der Strafe lag. Er war ein älterer Mann von franzöſiſchem We⸗ chte rO⸗ Be⸗ und is⸗ als tzu ler⸗ u⸗ mit Ihr nde men ung chts ge⸗ von was naſ⸗ ver⸗ rkte men un⸗ bra tach rm⸗ tet, der ſere der nn, rafe We⸗ 117 ſen und nervöſer Lebhaftigkeit, im Uebrigen ein ſehr artiger Herr und Wirth. Sein Gaſt möchte ich gerne ſein, aber nicht ſein Sklave. Die Sklavenbehälter in einer niedrigen Mauer oder einem dito Gebäude wa⸗ ren nicht beſſer als finſtere Schweinſtälle bei uns. Auch ein Krankenhaus war da. Es war ein großes, fin⸗ ſteres Zimmer, mit einigen Bänken darin, aber keine Decken, kein Polſter, kein Lichtſtrahl. Er war ſelbſt, ſagte er, der einzige Arzt der Kranken; er konnte ſelbſt Ader laſſen u. ſ. w. Ich konnte nicht umhin, davor zu ſchaudern. Die Plantage erſchien beinahe öde. Einen zuſammen⸗ geſchrumpften, gebrechlichen alten Neger ſah ich mit ſcheuem, demüthigem Weſen an uns vorbeiſchleichen. Bei Tiſch wartete ein kleiner Junge munter und uner⸗ ſchrocken auf, und ſchien ſich über die heftigen Gebär⸗ den und Zurufe ſeines Herrn nicht im Mindeſten zu bekümmern. Dieſer Herr war ein ſehr reicher Mann geweſen, hatte aber in den letzten Jahren große Ver⸗ luſte erlitten, die er mit vieler Standhaftigkeit ertra⸗ gen ſoll. Matanzas iſt auf dieſelbe Art erbaut wie Havan⸗ nah, aber freier, freundlicher, und hat bedeutend brei⸗ tere, obwohl nicht gepflaſterte Straßen. Das Haus meines Wirthes hat zwei Stockwerke, und um das er⸗ ſtere herum gegen die Straße geht eine Piazza, wo ich Abends luſtwandle und die Luft trinke, während meine junge Wirthin innen im Salon mit ausgezeich⸗ netem Tact und ſprühendem Leben cubaniſche Contre— tänze ſpielt. Und dieſe Tänze hört man von allen Seiten her aus Häuſern in der Stadt ertönen. Wo man in Matanzas ſteht oder geht, hört man dieſe Tanzmuſik. Tact und Rythmus ſtammen von den Kindern Africas; die eigentliche Muſik iſt von Cubas ſpaniſchen Creolen und man hört darin ſpaniſche Seguidillas und Märſche. Die Eheleute Baley ſind beide muſikaliſch und es iſt mir ein Genuß ihn 6———— 118 auf den Orgeltönen des Piano das katholiſche„Adeste ndeles“ ſpielen zu hören⸗ und dann von ihr die ſpani⸗ ſchen Tänze Hauta Arragonesa und El Sabatheo u. ſ. w. Des Lebens friſcheſter Champagner ſchäumt in dieſen Nationaltänzen. Es iſt angenehm unſere Polkas und andere Volkstänze mit ihnen zu vergleichen. An ſprühen⸗ dem, ſchäumendem, friſchem Leben fehlt es auch dieſen nicht, aber es fehlt an Feinheit und Grazie. Dieſe verſchiedenen Rationaltänze verhalten ſich zu einander wie Champagner zu Bier und Meth. Matauzas, den 1. März. Wenn es einen Ort auf Erden gibt, wo der Geiſt des Lebens ein beſonderes, individuelles Daſein hat, ſo rein, ſo lebensvoll und lieblich, wie zur Stunde, wo er zum erſten Mal von dem Herrn des Lebens und der Liebe ausgehaucht wurde, ſo iſt es hier. Die Luft hier hat eine Art von belebendem Leben, das für mich ein beſtändiges Wunder und ein be⸗ ſtändiges Entzücken iſt. Dieſes eigenthümlich wun⸗ derbare Leben entſteht beſonders Nachmittags nach zwei oder drei Uhr. Es iſt ein unaufhörliches, liebliches Wehen, nicht von einer gewiſſen Seite auf allen her, ſondern von allen Seiten und Puncten, eine Erregung, die alle beweglichen leichten Dinge um Dich her wehen und gleichſam athmen und leben macht. Dieſes unausſprechliche, zugleich liebliche und lebenſpendende Wehen koſt Deine Stirne, Deine Wangen, hebt Deine Kleider, Deine Bänder leicht, umgibt Dich, durchdringt Dich, badet Dich gleichſam ste ni⸗ ſen und en⸗ ſen ieſe der Heiſt hat, inde, bens ier. eben, be⸗ wun⸗ nach iches, Seite allen ichten n bliche Deine leicht, chſam 119 in einer Atmoſphäre von heilendem, wiedergebärendem Leben. Ich empfinde es an Seele und Leib; ich trinke dieſen Wind, dieſe Luft, wie man ein verjüngendes Lebenselixir trinken könnte, und ich bin drauf und dran mich umzuſchauen, ob nicht ein Engel in der Nähe iſt, ob nicht irgend himmliſche Weſen in den Kronen der Palmen ſitzen und dieſen Zauber bewirken. Ich nenne ihn Lebenshauch, wenn ich draußen auf der Piazza langſam umherſpazierend oder über das Eiſengitter hingelehnt mich von ihm koſen laſſe und bis in die ſpäte Nacht ſein heilendes Leben trinke. O meine Agathe, er flüſtert mir wunderſame Gedanken und Ahnungen zu von den Reichthümern des Schöpfers, von den verborgenen Herrlichkeiten, die kein Auge ge⸗ ſehen, kein Ohr gehört, kein menſchlicher Sinn ver⸗ nommen, die aber Gott für diejenigen bereitet hat, ſo ihn lieben. Dieſer Lebensodem iſt für mich das vornehmſte Wunder auf Cuba. Und ich kann nicht beſchreiben, wie wohlthätig ich ſeine Kraft empfinde. Seit meinem letzten Schreiben habe ich wiederum einige Tage hindurch ein angenehmes Stillleben in Matanzas geführt, deſſen ſchöne, friſche Lage keine ſtechende Hitze aufkommen läßt, und wo ich ſo unend⸗ lich wohl gedeihe. Morgens gehe ich auf meine ein⸗ ſamen Entdeckungsreiſen aus, Nachmittags fahre ich in der Volante mit meiner freundlichen Wirthin aus und trinke den weichen Seewind, indem ich am Meeres⸗ ſtrande hinfahre. Einen ganzen Tag habe ich im Yu⸗ mori⸗Thal zugebracht, theils um einige Bäume und Hüt⸗ ten abzuzeichnen, theils um zu ſehen, wie das Landvolk hier lebt. Ich hatte deßhalb beſchloſſen mich auf dem kleinen Bauernhof mit dem Oleanderbuſch niederzu⸗ laſſen. Die guten Baleys ließen mich in ihrer Volante dahin führen und gaben mir eine ihrer Regerinnen als Dienerin und Dolmetſcherin mit. Cäcilie, die Negerin, 120 hat die ſchönſten dunkeln Augen, die ich je in einem dunkeln Geſicht geſehen(obſchon dieſe gewöhnlich ſchöne Augen haben), Zähne gleich orientaliſchen Perlen und ein ſtilles, ſanftes, ungewöhnlich ernſtes Weſen. Aber die arme Cäcilie iſt ſchwer krank und wahrſcheinlich unrettbar, denn ſie hat Lungengeſchwüre, und Mrs. Ba⸗ ley wollte, daß ſie ein wenig das Landleben und die Landluft genießen ſollte. Cäcilie hat ſich vor Kurzem mit einem jungen Mann ihrer Farbe verheirathet; ſie iſt glücklich in ihrer Ehe und bei ihrer Herrſchaft, und ſie würde gerne noch länger leben. Im Bauernhof verdolmetſchte ſie der Fermiera meinen Wunſch, worauf dieſe mit großen, eifrigen Geberden erklärte, daß ihr ganzes Haus zu meiner Verfügung ſtehe. Ich richtete mich in dem luftigſten der kleinen Häuſer ein, in einem ſolchen, das auch eine ländliche Piazza hatte, beſchattet von dem palmblattbedeckten Dache. Die Zimmerböden waren bloße Erde, die Zimmer ſelbſt aber waren ordent⸗ lich und hatten ziemlich ſaubere Betten. Im eigent⸗ lichen Schlafzimmer war ein kleines Bild, die Jung⸗ frau Maria und das Jeſuskind vorſtellend, mit einer ſpaniſchen Inſchrift an die Wand geklebt. Ich fragte die gute Frau, was dieß bedeute, und ſie antwortete mit andächtiger Miene, da ſtehe geſchrieben, daß jeder, der ein ſolches Gemälde kaufe, Ablaß auf vierzig Tage erhalte. Es ſtand auch richtig unter das Ge⸗ mälde gedruckt, daß ſolcher Ablaß allen Gläubigen ge⸗ währt werde, welche unſerer lieben Frau vom Roſen⸗ kranz ein Salve widmen würden. Unter dem Bild ſtand ein ſpaniſcher Vers, worin die heilige Jungfrau Maria eine ſüß duftende Roſe im himmliſchen Garten genannt wird. Dieſen Ablaß für vierzig Tage Sünden konnte man für einen Viertelspeſo, ungefähr einen Reichs⸗ thaler nach unſerem Geld, kaufen. Daß Menſchen in einem Lande, wo ſolche Sündenvergebungen noch offen tem öne und ber lich Ba⸗ die zem ſie und chof rauf ihr ete nem attet öden ent⸗ ent⸗ ing⸗ iner agte rtete der, erzig Ge⸗ ge⸗ ſen⸗ tand aria annt nunte ichs⸗ nin offen 121 fabricirt, verkauft und gekauft werden, gleichwohl fromm und harmlos bleiben, iſt merkwürdig. Aber es iſt ſo. Das arme Landvolk auf Cuba ſoll ausgezeichnet gut⸗ müthig und friedfertig ſein. Dieß kommt gewiß von der milden Luft. Die Leute in meinem ländlichen Wohnſitz waren von den canariſchen Inſeln, wo es für arme Leute ſchwerer ſein ſoll ſich fortzubringen, als in Cuba. Es kommen deßhalb auch viele arme Bauern von dort hieher. Ungefähr um zehn ging meine Wirthin auf eine Anhöhe in der Nähe des Hauſes und blies in eine Muſchel, die einen durchdringenden, lang nachhallen⸗ den, aber nicht unmelodiſchen Ton von ſich gab. Dies war das Signal für die draußen im Thal arbeitenden Männer, daß ſie ſich zum Frühſtück verſammeln ſollten. Der Tiſch war für ſieben bis acht Perſonen gedeckt auf einer Piazza unter dem Strohdach des Häuschens, welches die Küche enthielt. Ein Papagei(una cotorra) ſaß ebenfalls darunter in ſeinem Käſich von Stahl— draht. Violettblaue Tauben ließen ſich da und dort um uns her auf dem Dache nieder, und neben uns ſpazierten Hennen und Hähne mit wunderban ſchiefen Hälſen, die ihnen ein krankhaftes Anſehen gaben. Die Männer, ältere und jüngere, mit dunkeln und frend⸗ loſen Geſichtern, verſammelten ſich zum Frühſtück, das aus geſalzenen Stockfiſchen und Jamswurzeln, Mais⸗ brod, gebratenen Platanos(eine gröbere Art von Ba⸗ nanas) und Speck beſtand, wie auch aus einem ge⸗ wiſſen hellgelben Mehl, das in einer großen Schüſſel aufgetragen wurde, deſſen Namen und Gebrauch ich jedoch nicht erfahren konnte, denn Cäcilie ſprach un⸗ vollkommen engliſch. Das Frühſtück war reichlich, aber ſchlecht zubereitet und ſchlecht aufgetragen. Zum Mit⸗ tageſſen kam auch gekochtes Fleiſch nebſt braunen Boh⸗ nen und Reisgrütze, aber Alles ſo ſchlecht gekocht, ſo hart und unſchmackhaft, daß ich Nichts von dem Tel⸗ 122 ler eſſen konnte, welchen die wohlmeinende Fermiera mir gehäuft voll vorſetzte. Und hätte nicht Cäcilie für mich etwas Reisgrütze nebſt Kartoffeln(etwas An⸗ deres wollte ich nicht mitnehmen) gehabt, welche ſie kochte und die wir dann mit friſcher Butter, ebenfalls aus Matanzas mitgebracht, verzehrten, ſo hätte ich den ganzen Tag hungern müſſen. Aber jetzt lebte ich wie eine Hirtin in der Mythe und krönte mein Mahl mit Bananas und delicatem Zuckerkuchen. NMit Cäcilie plauderte ich allerlei. Sie war als Kind aus Africa geraubt worden; ſie zählte erſt acht Jahre, als man ſie von ihrer Mutter nahm, und dieſe Mutter ſtand noch ſo lebendig vor ihren Augen. Sie erinnerte ſich, wie die Mutter ſie geliebt hatte, wie zärtlich ſie gegen ſie geweſen war. Um ihre Mutter wieder zu ſehen, wünſchte Cäcilie nach Africa zurück⸗ zukehren. Sie klagte nicht über ihre Herrſchaft. Dieſe war immer gut gegen ſie geweſen. Beſonders fühlte ſie ſich jetzt glücklich in ihrer Lage, aber ſie ſehnte ſich ihre Mutter wieder zu ſehen. Und Cäcilie darf ſie gewiß bald wieder ſehen, aber — im Himmel. Zwei braune, dunkeläugige kleine Kinder, Joan⸗ nito und Annita, waren meine Spielcameraden in der Stube; beſonders der kleine Junge zeigte große Luſt zum Spielen, aber auf eine ſtille angenehme Weiſe. Ich zeichnete ein wenig, als ich auf der Piazza uuter dem Strohdach ſaß, und nachdem die Hitze des Tags vorüber war, ging ich mit Cäcilie aus, um das Thal ſeiner ganzen Länge nach zu durchſtreifen. Das führten wir auch wirklich aus, obſchon die Wanderung lang war und Cäcilie ſo müde wurde, daß ich Angſt um ſie bekam. Aber dadurch, daß wir an mehreren Orten unterwegs ausruhten, gelang es uns, wohlbe⸗ halten in unſer Haus zurückzukommen, jedoch nicht be⸗ vor die Sonne untergegangen war und die Sterne ———9 n——„——„5——, „S — —— ra ie n⸗ ie 18 en ie it 18 ht ſe ie ie er ck⸗ eſe lte ich ber an⸗ der uſt zza des das Das ung ngſt ren lbe⸗ be⸗ erne 123 klar ins Thal herabſchauten. Wir begegneten unter⸗ wegs Niemand, ſondern nur in der Dämmerung eini⸗ gen Monteros, die uns mit freundlichen melodiſchen Stimmen ein buena tardi(guten Abend) oder adios (grüß Gott) zuriefen. Das Thal war ſich durchgängig ſehr gleich; es iſt eine Fortſetzung von ſchönen Palmenhainen; da und dort lag eine kleine Gruppe von etlichen palmenbedeck⸗ ten Häuſern, und gegen das Ende des Thals, das hier auch von Bergen unſchloſſen wurde, obſchon we⸗ niger hoch, als die Pfanne von Matanzas und Combre, befand ſich eine Zuckerpflanzung mit Zuckermühle, Ne⸗ gerſklaven, Sklavenhütten und dergleichen Zubehör. Auch dieſes ſchöne Thal hatte alſo ſeinen Theil an dem alten Fluche. Unbeſchreiblich ſchön war die Abendröthe über den grünen Höhen und des Himmels milder Glanz durch die Palmen hindurch; und als die Sterne hervortraten, ſchienen ſie mir größer und hel⸗ ler zu ſein, als ich ſie je zuvor geſehen hatte. Dieſes ſchöne Thal hat jedoch keine Erinnerungen, welche der reinen Blicke des Himmels würdig wären. Seinen Namen Yumori hat es, wie man ſagt, von dem Todesruf io mori erhalten, womit ſich die indiani⸗ ſchen Eingeborenen, um nicht von den Spaniern nie⸗ dergemetzelt zu werden, über den Berg hinab in den Fluß warfen, der einen Theil des Thales durchſchnei⸗ det. Und der kleine Hof in dem Palmenhain oben im Gebirge, deſſen Zierlichkeit mich am erſten Morgen entzückte, hat blos von blutigem Familienzwiſt zu er⸗ zählen. Ein Vater wohnte da mit mehreren Söhnen. Sie ſollten den Hof theilen; aber es entſtand Streit wegen der Gränzen der Beſitzungen, und jeden Morgen wurden gewiſſe Gränzzeichen verſetzt. Eines Morgens — an einem dieſer ſchönen tropiſchen Morgen!— kam es zu einer Schlägerei zwiſchen denjenigen, die ſich um das Gränzzeichen zankten, andere Mitglieder der Fa⸗ 124 milie kamen von beiden Seiten zu Hülfe, und der Ausgang des Kampfes waren— elf Leichen. So hat man mir erzählt. Dies geſchah vor nicht gar lan⸗ ger Zeit, und der Hof gehört jetzt einem der überle⸗ benden Söhne des Hauſes. Solcher Art ſind die Tra⸗ ditionen des Yumorithales, und Matanzas— Ma⸗ tanzas, wo die Hauche der Luft mit einem ſo eigen⸗ thümlich entzückenden, heilkräftigen Leben ſpielen, Ma⸗ tanzas iſt der Name eines Blut⸗ oder Schlacht⸗ feldes, und heißt ſo nach einer blutigen Schlacht, in welcher mehrere Hundert von den erſten indianiſchen Bewohnern der Inſel getödtet wurden. Es iſt traurig nur daran zu denken. Aber nicht ohne Freude fühle ich den Odem Gottes im Winde über die einſt blutigen Felder hingehen. Denn er ſagt mir: Wenn alle Mordſcenen und Streitigkeiten auf Erden aufgehört haben, ſo iſt doch Er derſelbe, und Sein Leben bleibt daſſelbe, ewig wirkend, ewig heilend, verjüngend, und ſchöne Palmen, Cupidos Thränen, Colibris, alle ſchöne Weſen und Geſtalten des Lebens kommen damit und bleiben. Mrs. Baleys Volante holte mich und Läcilie ſpät am Abend ab. Wir nahmen Zuckerrohr von der Plan⸗ tage mit, denn Cäcilie wollte das den kleinen Mäd⸗ chen daheim bringen, und meine artige Fermiera ſchenkte mir als Beweis ihres herzlichen Wohlwollens ihre in— dulgencia(Ablaß) für vierzigtägige Sünden, ein Do⸗ cument, das ich nach Schweden mitnehmen und dem Biſchof F. ſchenken werde. Halb gebraten von der Hitze in meinem ländlichen Wohnſitz, kam ich nach Haus und hatte drei Tage zu thun, um mich von den Schwärmen von Flöhen zu befreien, die ich von der idylliſchen Fahrt mitbrachte. Die Menge des kleinen Ungeziefers aller Art iſt wirklich eine der Plagen dieſer ſchönen Länder(ich fand dieſe Landplage auch in Südearolina und Geor⸗ er So n⸗ le⸗ d⸗ a⸗ en⸗ a⸗ ht⸗ in en rig de nſt nn ört ibt nd lle nit vät an⸗ äd⸗ kte in- Do⸗ em lich or⸗ 125 gien). Hatte man ein Stückchen Kuchen oder Brod im Zimmer liegen, ſo ſammelten ſich ſogleich Schaaren von kleinen Würmern und Inſecten um daſſelbe. Hier auf Cuba ſind beſonders die Ameiſen läſtig, und es gibt hier eine Art kleiner Ameiſen, von denen man ſagt, daß ſie große Häuſer untergraben. In den letz⸗ ten Tagen, als ich zu meinem Zeitvertreib meine Er⸗ innerungen aus dem Yumorithal malte und unter ihnen Cupidos Thränen, geküßt von kleinen Coli⸗ bris, hatte ich einige dieſer Blumen auf dem Tiſch neben mir liegen— nämlich nur die kleinen abgefalle⸗ nen Blumen— um ihre Adern und Bauart deutlicher zu ſehen. Aber zu meiner Verwunderung bemerkte ich, daß eine der Blumen um die andere vom Tiſche ver⸗ ſchwand: ich nahm neue, aber bald waren auch ſie fort. Ich konnte nicht begreifen, wie dieß zuging. Zu⸗ fällig warf ich meine Blicke an die Zimmerwand hin⸗ auf und ſah jetzt zu meiner Ueberraſchung meine Blu⸗ men in langen Reihen gegen das Dach hinaufſpazieren. Ganz kleine, hellfarbige Ameiſen zogen ſie empor und machten ordentlich Queue vor dem Dachgiebel, wo ſie meinen Blien entſchwanden. Sie waren ſo klein und hell, daß ich ſie im Anfang nicht bemerkt hatte. Eine einzige Ameiſe zog ſo eine Blume, die zwölfmal größer war als ihr kleiner Körper, an der Wand hinauf. Eines Abends war ich als Zuſchauerin bei einem großen Ball, welchen freie Neger in Matanzas für die Wohlthätigkeitsanſtalt in der Stadt gaben und wozu das weiße Publicum als bezahlender Gaſt eingeladen wurde. Der Ball wurde im Theater gegeben und das zuſchauende Publicum füllte die Logen. Mr. Baley und mein junger, freundlicher Landsmann, Herr Franke, führten mich hin, und ein mir unbekannter Wohlthäter am Eingang, ich glaube ein Spanier, eilte das Entree für die fremde Sennora zu bezahlen. Aus dieſer Ver⸗ anlaſſung muß ich erwähnen, daß das, was ich hier 126 von der Artigkeit der Spanier gegen Damen erzählen hörte, alle meine Erfahrungen bei andern Völkern überſteigt, und die Ritterlichkeit der Amerikaner kommt dagegen gar nicht in Betracht. Es iſt wahr, daß dieß oft wie eine Uebertreibung erſcheint, die ſehr wohl auch ganz leer und gehaltlos ſein könnte. Aber etwas Schönes und Nobles liegt doch in dieſem Brauch und in dieſen Formen. Dazu gehört auch, daß man für Damen(ſogar für Männer, wenn ſie fremd ſind) ihre Aufkäufe in Galanteriebuden, Reſtaurationen, Con⸗ ditoreien u. ſ. w. oder auch im Theater und auf Bällen u. ſ. w. bezahlt, ohne daß die Dame oder der Gaſt irgend eine Ahnung davon hat, von wem die Artigkeit kommt. Du gehſt z. B. in einen Galanterie⸗ laden und kaufſt eine Flaſche Pau de rose, oder in eine Zuckerbäckerei und kaufſt einige Zuckerſachen(Cu⸗ baer dulces oder Süßigkeiten ſind ſehr berühmt) und Du willſt ſie bezahlen. Du rückſt mit Deinem Peſo heraus, aber Du erhältſt ihn mit einer artigen Verbeugung und mit der Bemerkung:„Es koſtet nichts, Sennora,“ zurück. Alles Proteſtiren hilft da nichts und iſt nicht der Mühe werth. Irgend ein Dir viel⸗ leicht unbekannter, aber dem Herrn des Ladens wohl⸗ bekannter Herr iſt unter den Beſuchenden geweſen oder vielleicht noch da, und hat dem Herrn einen verſtohle⸗ nen Wink zugeworfen, welcher bedeutet:„Ich bezahle für ſie!“ Er verläßt dann den Laden oder lieſt ſeine Zeitung, und Du erfährſt niemals, wem Du für die Artigkeit zu danken haſt. Einige meiner weiblichen Bekannten in Havannah haben mir geſagt, ſie ſeien zuweilen durch eine fortwährende Artigkeit in dieſer Beziehung in Verlegenheit gebracht und beläſtigt wor⸗ den, weil dieſe ihnen ſtillſchweigende Verbindlichkeiten auferlege, deren ſie ſich nicht entledigen können, und ich begreife wohl, daß die Sache auch ihre kitzlichen 127 Seiten haben muß, aber ſehr artig iſt es dennoch, und gegen Fremde iſt es eine ſchöne und edle Artigkeit, die ſich ſogar die Möglichkeit entzieht Dank zu empfangen. Aber laß uns zu dem Negerbankett und dem Negerball zurückkehren. Eine lange Tafel, bedeckt mit Blumen, Zierra⸗ then und Lampen, nahm den Fond des Tanzſaales ein. Das Tanzperſonal mochte aus zwei⸗ bis drei⸗ hundert Perſonen beſtehen. Die ſchwarzen Damen waren größtentheils wohl gekleidet nach franzöſiſcher Mode, und mehrere waren ſehr hübſch. Einige Paare führten mit großer Würde und Genauigkeit einige äußerſt ſchwierige Menuette aus. Welch ein einfältiger Tanz, wenn er nicht ſchön, von hübſchen und liebreizenden Leuten ausgeführt wird! Die Haupt⸗ tänzerin hier war ſo häßlich, daß ſie trotz ihrer wahrhaft prächtigen Kleidung und guten Haltung an einen angekleideten Affen erinnerte, und den Bewe⸗ gungen ihres Cavaliers mangelte es an natürlicher Geſchmeidigkeit, die man überhaupt bei den Negern vermißt. Aber der Haupttanz des Balles, eine Art von Kreistanz, an welchem die ganze Geſellſchaft unter vielen künſtlichen Verwickelungen und Eutwickelungen theilnahm, indem ſie ſich auf mannigfache Art grup⸗ pirte und mit Ketten von künſtlichen Rofen drapirte, dieſer war wirklich ſchön und maleriſch; er wurde auch ganz vortrefflich ausgeführt, und hätte er etwas we⸗ niger Regelmäßigkeit und mehr natürliches, friſches Leben gehabt, ſo hätte ich in ihm das Symbol des civiliſirten Lebens der Negergeſellſchaft zu ſehen ge⸗ glaubt. Die ſchönen dunkeln Augen, die hübſchen weißen Zähne, beſonders bei einigen ſchönen jungen Mädchen, glänzten wahrhaft herzerfrenend, während ihre Köpfe ſich unter den Halbbogen und Geflechten 128 der Roſenguirlanden bald neigten, bald wieder empor⸗ richteten. Mehrere der Neger waren wohlhabend und man zeigte mir einen jungen Neger in der Geſellſchaft, der ein Vermögen von 20,000 Dollars beſaß. Die ſpaniſchen Geſetze für die weſtindiſchen Co⸗ lonien haben einige gute und gerechte Beſtimmungen zum Vortheil und zur Befreiung der Negerſklaven⸗ Beſtimmungen, von denen die amerikaniſchen Sklaven⸗ ſtaaten— zu ihrer Schande ſei es geſagt!— weit entfernt ſind. Die Geſetze der letzteren verbieten förm⸗ lich, daß die Sklaven ſich Freiheit und Unabhängig⸗ keit erwerben können. Die ſpaniſchen Geſetze dagegen begünſtigen ſie. Hier kann der Sklave ſich für einen geſetzlich feſtgeſtellten Preis von 500 Dollars loskau⸗ fen, und es ſind Richter aufgeſtellt, um die Rechte der Sklaven zu wahren. Hier darf eine Mutter die Freiheit ihres Kindes vor ſeiner Geburt mit 15 und nach der Geburt mit der doppelten Summe erkaufen. Sie darf doch ihr Kind aus der Sklaverei befreien. Mittel um Geld zu erwerben, haben die Negerſklaven hier, wenigſtens in den Städten, weit mehr als in den Sklavenſtaaten Amerikas, und ſind ſie einmal frei, ſo dürfen ſie Handel treiben, Güter pachten, dem Ackerbau und andern Geſchäften nach⸗ gehen; viele freie Reger erwerben ſich hier Vermögen, beſonders durch den Handel. e Dagegen iſt der Zuſtand der Sklaven auf den Pflanzungen hier im Allgemeinen weit ſchlimmer als in den Vereinigten Staaten. Sie wohnen ſchlechter, haben ſchlechtere Koſt, müſſen härter arbeiten und ent⸗ behren allen Religionsunterricht. Sie werden ganz wie das liebe Vieh betrachtet, und der Sklavenhandel mit Africa iſt hier noch in vollem Gang, obſchon nur heimlich. Dieſer Tage wurde in aller Stille eine La⸗ dung von 700 Negern aus Africa nach Havannah ge⸗ or⸗ tan der Lo⸗ gen en, en⸗ veit rm⸗ gig⸗ gen nen kau⸗ echte die und fen. erei die weit ſind Füter nach⸗ ögen, f den ras echter, dent⸗ ganz del nnur e La⸗ h ge⸗ 129 bracht.*) Die Regierung der Inſel bekommt für jeden Kopf 50 Dollars als Schwänzelgeld und da ſchweigt ſie. Wie hübſch und ehrenvoll! In den Städten ſehen die Neger munter und be⸗ haglich aus. Man ſieht viele ſchöne, wohlgewachſene und nicht ſelten hübſch gekleidete Mulattinnen auf Promenaden und in Kirchen. Die hellfarbigen Mu⸗ latten kommen an Farbe und Zügen den Spaniern oft ſo nahe, daß ſie ſchwer zu unterſcheiden ſind. Die Spanier ſollen im Allgemeinen gegen ihre Hausſklaven ſehr gut und nicht ſelten ſchwach gegen ihre Schwach⸗ heiten ſein. Den 2. März. Guten Morgen, mein Herzchen! Ich komme aus der Meſſe in der Kirche von Matanzas(denn Matan⸗ zus hat blos eine einzige Kirche, obgleich es eine Be⸗ völkerung von etlichen und dreißigtauſend Seelen zählt). Ich hörte da donnernde Muſik von dem ſpaniſchen Militär in der Stadt, eine Muſik, die große Aehnlich⸗ keit mit der Tanzmuſik hatte; ich ſah eine große Pa⸗ rade der im Mittelſchiff der Kirche ſchaarenweiſe auf zierlichen Teppichen knienden Damen, viele ſchön, alle in großer Toilette von Seide und Sammt, mit Ju⸗ welen oder Blumen, bloßen Hälſen und Armen, ſämmt⸗ lich mit einem durchſichtigen ſchwarzen over weißen Flor *) Dieſe armen Menſchen werden hier nicht öffentlich verkauft, ſondern unter der Hand. Sie ſollen äußerſt geſchwächt ſein und ganz elend ausſehen, wenn ſie nach der Reiſe von Afriea her, die für ſie ein dreiwöchiges Märtyrerthum iſt, ans Land gebracht werden, und man muß ſie einige Zeit gut nähren undpflegen, be⸗ vor ſie Käufer anlocken können. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. UI. 9 über die ballmäßige Geſtalt geworfen und offenbor mehr mit ihrem Ausſehen als mit ihren Gebetbüchern beſchäftigt; rings um ſie her Reihen von ſtehenden, wohlgekleideten Herren, angenſcheinlich mehr mit Be⸗ trachtung der Damen⸗ als mit irgend etwas Anderem beſchäftigt; Gottesdienſt und Andacht gar nicht vor⸗ handen, außer, wenn ich dem Geſicht nach urtheilen darf, bei zwei Perſonen, wovon die eine ein älterer Mann und Spanier, die andere eine Mulattin war. Im Uebrigen großes Spectakel mit Prieſtern und Cere⸗ monien. Der Chor der Kirche war bis ans Dach hin⸗ auf mit Palmzweigen, Fahnen und Heiligenbildern ge⸗ ſchmückt. Palmzweige wurden geſegnet und ausgetheilt. n Spaniſches Militär nahm an der Feier Theil, Sol⸗ daten waren in Reih' und Glied in der Kirche aufge⸗ 3 ſtellt,— die meiſten ſchienen mir ganz junge Burſche f zu ſein, von geſchmeidigen Geſtalten und feinen ſchönen i Zügen. Sklaven und Sklavinnen hatten ſich, nachdem 6 ſie die Teppiche für ihre Gebieterinnen und deren Töchter ausgebreitet, in den Hintergrund der Kirche zurückgezogen; dort knieten ſie auf ſteinernem Boden d nieder. Eine Fremde und Proteſtantin kniete unter ſ ihnen und betete— für ſie, wie für ſich und die Ih⸗ L rigen. Aber ihr Gebet iſt hier an und für ſich eine n Dankſagung. Auch ſie erhielt von den geſegneten Palmzweigen und wird dieſelben zum Andenken an dieſe Morgenſtunde in ihre Heimath weit oben im Rorden mitnehmen. Es war eine ſchöne, warme, ſon⸗ nige Morgenſtunde. Das Leben ſah ſchön und leicht ſi aus für Alle. Ach, wenn dieſes innere Leben hier dem äußeren entſpräche, ſo wäre es leicht hier zu leben und zu lobpreiſen. 6 Die ſchönen Trachten machen mir hier auch Ver⸗ gnügen, obſchon ich ſie in der Kirche mißbilligen muß, 1 und die ſpaniſche Mantille, die jedoch immer mehr in Abnahme kommen ſoll, iſt von unendlich pittoresker c—c c 8—=— 8 8 or rn n, e⸗ em oT⸗ en rer ar. e⸗ in⸗ ge⸗ ilt. ol⸗ ſche nen em ren rche den nter Ih⸗ eine eten an im ſon⸗ eicht dem und Ver⸗ muß, hr in resker 131 Wirkung. Auch Negerinnen und Mulattinnen tragen ſie meiſtens wie einen Shawl über den Kopf geworfen und von dickerem Zeug, um ſich gegen die Sonne zu ſchützen, wenn ſie mitten am Tag ausgehen müſſen. Einige Male und auch heute habe ich Frauenzimmer, die offenbar nicht arm waren, in Kleidern von grober, grauer Sackleinwand und mit Shawlen von demſelben Gewebe über dem Kopf geſehen. Man ſagt mir, dieß geſchehe in Folge eines Gelübdes, welches ſie im Ge⸗ bet für ſich oder die Ihrigen in Noth oder Krankheit gethan haben. Heute Mittag um zwei Uhr verlaſſe ich Matanzas, um mit meinen freundlichen Wirthslenten nach einer Zuckerpflanzung, welche den Eltern der Mrs Baley gehört, in einer Gegend mit Namen Limonar, unge⸗ fähr fünfzehn Meilen von hier, zu fahren. Dort will ich Bäume und Blumen ſtudiren und was der liebe Gott nur will. Nach mehrtägigem Aufenthalt in Li⸗ monar begebe ich mich zur Frau von Coninck, die auf einer großen Zuckerpflanzung zwiſchen Matanzas und der Stadt Cardinas lebt. Freundliche, gaſtfreie Men⸗ ſchen laſſen mirs auch hier nicht an Gelegenheit fehlen Land und Volk zu ſehen. Und ich kann nicht ſagen, wie dankbar ich dieſe Güte empfinde und erkenne Ariadnehaag, den 7. März. Hier habe ich jetzt beinahe eine Woche mitten im offenen Schooße der Sklaverei gelebt, und die erſten Tage meines Hierſeins waren davon ſo niedergedrückt, daß ich zu nicht viel tangte. Dicht vor meinem Fen⸗ ſter— das Herrenhaus auf der Plantage iſt einſtockig— muß ich den ganzen Tag einen Trupp Negerweiber unter der Peitſche arbeiten ſehen, deren Geklatſche(ob⸗ wohl in bloßer Luft) über ihren Köpfen nebſt des Treibers(eines Regers) wiederholtem, ungeduldigem Ruf: arrea! arrea!(tummelt euch! vorwärts1) ſie in beſtändiger Arbeit erhält. Und des Nachts— die ganze Nacht hindurch— höre ich ihre müden Tritte, wenn ſie auf den großen ſteinernen Böden vor meinem Fenſter die zerdrückten Zuckerrohre, die ſie aus der Zuckermühle tragen, zum Trocknen ausbreiten.(Bei Tag beſteht ihre Arbeit darin die getrockneten Rohre (a bagaza) zuſammenzurechen und in Körben nach der Zuckermühle zurückzutragen, wo ſie dazu dienen die Oefen zum Zuckerſieden zu heitzen.) Denn die Arbeit auf einer Zuckerpflanzung muß während der ganzen Zeit der Zuckerernte Tag und Nacht fortgehen, und dieſe währt auf Cuba über die ganze Zeit, welche la Seca genannt wird, d. h ungefähr das halbe Jahr. Es iſt wahr, daß ich die Weiber während ihrer an⸗ haltenden Arbeit oft unbekümmert um das Geklatſche der Peitſche ſchwatzen und lachen ſah, und daß ich bei Nacht oft africaniſche Lieder und muntere Rufe, die aber hier aller Melodie und Muſik ermangeln, von der Zuckermühle herüber ſchallen hörte; auch wußte ich, daß die Arbeiter auf dieſer Pflanzung je nach ſechs Stunden wechſeln, ſo daß ſie immer beinahe ſechs Stun⸗ den des Tags zur Ruhe und Erfriſchung haben, und ebenſo zwei Nächte in der Woche, an welchen die Zuckermühle ruht und ſie ausſchlafen dürfen;— aber ich konnte es dennoch nicht verſchlucken. Und ich kann es auch jetzt noch nicht; aber ich kann es beſſer ertra⸗ gen, ſeitdem ich die Munterkeit der Sklaven bei ihren Mahlzeiten und ihr gutes freundliches und freudiges Ausſehen im Allgemeinen auf dieſer Plantage geſehen habe. — —— 133 Mehrere habe ich die Bohea der Negerſkla⸗ ven beſucht, h. eine Art niedriger Feſtungsmauer, auf vier Seiten um einen großen Hof erbaut, mit einer großen Thüre auf der einen Seite, die bei Nacht geſchloſſen wird. Innerhalb des Hofes ſind die Thüren zu den Wohnungen der Sklaven in der Mauer— jede Familie hat ein Zimmer. An der Außenſeite der Mauer ſieht man bloß eine Reihe kleiner Luftlöcher mit Eiſengitter, eines für jedes Zimmer, ſo hoch oben an der Mauer, daß die Sklaven nicht herausſehen können. Mitten auf dem großen Hof iſt ein Gebäude, das als Küche, t u. ſ. w. dient. In der Bohea habe ich mehr als einmal den Mahlzeiten der Sklaven angewohnt und ſie ihre Kürbisſchalen voll von ſchneeweißem Reis, der in einem ungeheuern Keſſel für ſie gekocht wird, und den die ſchwarze Köchin mit ihrem Löffel, wie mir ſcheint, mit rückhaltloſer Frei⸗ gebigkeit austheilt, holen geſehen; ich habe die weißen Zähne der Sklaven leuchten geſehen und ihr Schwatzen und Lachen gehört, während ſie, gewöhnlich gehend oder ſtehend, die weiße Reisgrütze verzehren, welche ſie ſehr lieben und wobei ſie ſich meiſtens ihrer Figet bedienen; ſie haben überdieß geſalzene Fiſche und ge⸗ räuchertes Fleiſch, auch ſehe ich in einigen der Zimmer Büſcheln von Bananas und Tomatos. Geſetzlich iſt der Plantagenbeſitzer verpflichtet, jedem Sklaven ein gewiſſes Maß trockener Fiſche oder geſalzenen Speckes in der Woche, nebſt einer beſtimmten Anzahl Bananas, zu geben. Die Sklavenhalter treiben es darin natür⸗ lich nach Wohlgefallen, denn welches Geſetz kann hier⸗ über Ordnung führen? aber das Ausſehen dieſer Skla⸗ ven zeugt deutlich davon, daß ſie gute Koſt haben und vergnügt ſind. Ich fragte ſie oft, indem ich auf ihre Speiſe deu⸗ tete:„Iſts gut?“ und ich bekam immer ein vergnüg⸗ tes, offenes Lächeln und die Worte:„Ja es iſt gut,“ zur Antwort. Ich habe ſchon in America die Franzoſen als die am verſtändigſten berechnenden Sklavenbeſitzer ſchildern gehört, und mein Wirth hier, Herr Chartrain, der Franzoſe und auf St. Domingo geboren iſt, liefert mir einen Beweis für die Wahrheit dieſer Behauptung. Er hält ſeine Sklaven tüchtig zur Arbeit an, aber er ernährt und pflegt ſie gut, und darum arbeiten ſie auch munter und raſch. Im Uebrigen habe ich hier ganz angenehm gelebt mit der freundlichen Familie. Mein Wirth, Herr Chartrain, iſt ein artiger, lebhafter und geſprächiger Franzoſe von viel Scharfſiun und Witz⸗ und ich habe ihm mauche ſchätzenswerthe Aufſchlüſſe zu verdanken, darunter auch über die africaniſchen Regerſtämme, ihren Character, ihr Leben und ihre Staaten auf der Küſte, von wo die meiſten Sklaven hieher gebracht werden, und zwar werden ſie größtentheils von den africani⸗ ſchen Häuptlingen in Folge einer Uebereinkunft an die weißen Menſchenhändler verkauft. Herr Chartrain iſt ſelbſt dort geweſen und weiß guten Beſcheid. Von ihm habe ich auch die verſchiedenen Stämme nach ihren Characterzügen und ihrer verſchiedenen Tättowirungs⸗ art unterſcheiden gelernt. So habe ich die Congos als die Franzoſen Africas, ein lebhaftes, heiteres, aber leichtſinniges Volk kennen gelernt. Die Congoneger haben Geſichter mit eingedrückter Naſe, breitem Munde, prächtigen Zähnen, dicken Lippen und ſtarken Backen⸗ knochen; von Geſtalt ſind ſie kräftig und breit, aber nicht groß. Die Gangasneßer nähern ſich den Con⸗ gos. Die Luccomees und Mandingos dagegen ſind die edelſten dieſer Küſtenvölker, ſtattliche Geſtalten mit ſchö⸗ nen, oft merkwürdig regelmäßigen und auch edlen Zü⸗ gen; ihr Character iſt ernſthaft. Vom Mandingoſtamm gehen meiſten s die Prieſter und Propheten der Neger die iſt ihm en igs⸗ gos aber eger ude, cken⸗ aber on⸗ die ſchö⸗ Zů⸗ amm eger 135 aus. Die Luccomees ſind ein ſtolzes und ſtreitbares Volk; ſie ſind in der Sklaverei Anfangs ſchwer zu be⸗ handeln, ſie lieben die Freiheit und laſſen ſich leicht zur Wildheit reizen; aber wenn man ſie freundlich und gerecht behandelt, ſoweit man überhaupt Sklaven gegen⸗ über das Wort Gerechtigkeit in den Mund nehmen darf, ſo werden ſie in einigen Jahren die beſten und zuverläßigſten Arbeiter in den Pflanzungen. Die Cal⸗ lavalis oder Caraballis ſind ebenfalls gute Leute, ob⸗ ſchon fauler und gleichgültiger. Ich habe unter ihnen einige prächtige Geſtalten geſehen Sie haben plattere Naſen und breitere Geſichter als die Luccomees, und ſind weniger ernſt von Gemüthsart. Alle Neger hier ſind im Geſicht tättowirt, einige um die Augen, an⸗ dere auf den Backenknochen u. ſ. w., je nach den Na⸗ tionen, denen ſie angehören⸗ Die meiſten, auch die Männer, tragen Halsbänder von rothen oder blauen Perlen— die rothen von corallenartigen Samen einer Baumart auf der Inſel— und faſt alle Männer ſo⸗ wohl als Weiber, haben um den Kopf baumwollene Tüchlein geſchlungen. Hier iſt auch ein Neger von dem Fulahſtamm, ein kleiner Mann mit feinen Zügen und ſchwarzem, langem, glänzendem Haar, das dieſem Stamm eigen ſein ſoll. Dieß ſind die vornehmſten von den Negerſtämmen und Characteren, die ich hier ken⸗ nen gelernt habe. Aber von einem Neger muß ich Dir noch erzäh⸗ len, deſſen Geſchichte mit der Familie auf dieſer Plan⸗ tage eng verbunden iſt. Er iſt ein ſchönes Zeugniß für den dem Negercharacter eigenthümlichen Edelſinn, wenn er ſeine rechte Entwicklung erreicht. Der Mann hieß Samſtag und war auf St. Domingo Diener bei den Eltern meines Wirths, als die berüchtigte Mord⸗ geſchichte anfing. Er rettete mit eigener Lebensgefahr die beiden Jungen ſeiner Herrſchaft— mein Wirth war einer von ihnen— indem er ſie Nachts auf ſeinen ———————— —————— 136 Schultern aus der Stadt durch alle Fährlichkeiten hin⸗ durch bis in den Hafen trug, wo er ſich eines kleinen Fahrzeugs verſichert hatte, auf welchem er mit den beiden Kindern nach Charleston in Südearolina fuhr. Hier brachte er die beiden Inngen in einer Schule unter und vermiethete ſich ſelbſt für Taglohn. Er und auch die Jungen hatten während der ſchauerlichen Nacht auf St. Domingo Alles verloren. Er hatte bloß ihr Leben retten können. In Charleston ernährte und kleidete er ſie und ſich mit ſeiner Arbeit. Jede Woche gab er jedem der Jungen ſeine drei Dollars von ſei⸗ nem Arbeitslohn. Damit fuhr er fort, bis die Kna⸗ ben junge Männer wurden, und er ſelbſt ein alter Mann. Mein Wirth ging zur See und erwarb ſich durch ſeine Thatkraft, die vom Glück begünſtigt wurde, ein Vermögen. Als er ſpäter die Pflanzung auf Cuba gekauſt und ſich da verheirathet hatte, nahm er den alten Samſtag zu ſich, verpflegte ihn jetzt ſeinerſeits und gab ihm jede Woche drei Dollars Taſchengeld als Er⸗ ſatz deſſen, was er in ſeinen Knabenjahren von ihm bekommen hatte. Der alte Samſtag lebte hier lange glücklich und ſorgenfrei, von Jedermann geliebt und geachtet. Er ſtarb vor etlichen Jahren in ſehr hohem Alter. Er war ein aufrichtiger Chriſt und ſehr fromm, ein guter Chriſt in jeder Beziehung. Es war eine Ueberraſchung für ſeinen Herrn, als er nach dem Tode des Alten auf ſeiner Bruſt ein africaniſches Amulet fand, ein fein gedrucktes und zuſammengelegtes Papier⸗ blatt mit Buchſtaben und Worten einer africaniſchen Sprache, welchem der Neger eine übernatürliche Kraft zugeſchrieben zu haben ſchien. Aber gutes Chriſten⸗ thum bekümmert ſich nicht um ein bischen heidniſchen Aberglauben, der wie eine Dämmerung nach der alten Nacht zurückgeblieben iſt. Unſere guten chriſtlichen 1⸗ n n le id n id he i⸗ d. er ch in P 137 Bauern in Schweden können noch jetzt nicht umhin an Elfen und Zaubergeiſter, an kluge Männchen und Weibchen zu glauben, und ich ſelbſt glaube bis auf einen gewiſſen Grad daran. Zaubergeiſter finden ſich wohl und regieren auch, aber„wer recht ſein Vater⸗ unſer leſen kann, der fürchtet weder Teufel noch Zauber.“ Was ſagſt Du von dieſem Regerſklaven? Durfte wohl ein Volksſtamm, der ſolche menſchliche Helden aufzuweiſen vermag, jemals in Sclaverei gebracht wer⸗ den? Das Beiſpiel Samſtags ſteht überdieß beim Blutbad auf St. Domingo nicht vereinzelt da. Meh⸗ rere Sklaven retteten mit eigener Lebensgefahr ihre Herren oder deren Kinder, und mehrere büßten ihre Verſuche mit dem Leben. Noch tröſtlicher als die Beſuche in der Bohea der Sklaven waren für mich einige Beſuche in Hütten freier Neger im Dorf Limonar, das ein paar hundert Schritte von dieſer Pflanzung entfernt liegt. Es war früh an einem ſchönen Morgen, als ich meine Entdeckungsreiſe dahin antrat. Die kleinen Häuſer, zum großen Theil aus Birkenrinde, andere mit Wänden von geflochtenem Reiſig und kegelartig gebaut, alle mit Palmdächern und umgeben von Cocospalmen und andern tropiſchen Bäumen, ja das ganze Dorf hatte ein africaniſches Ausſehen, dem entſprechend, was ich von africaniſchen Hütten und Städten geleſen und gehört hatte. Es war in Allem eine gewiſſe maleriſche Unordnung, ſchön durch die ſchönen Bäume und erfriſchend nach der an⸗ gloamericaniſchen Regelmäßigkeit. Die Hütte war ſo leicht, mit ſo wenig Mühe als möglich hingebaut, und die Bänme waren von ſelbſt aus der warmen Erde heraufgekommen, um ſie zu beſchatten. Jeder kleine Feldantheil lag in der Morgenſonne wie ein kleines irdiſches Paradies da. Sie waren auch irdiſche Paradieſe, dieſe kleinen Höfe mit Birkenhütten und Palmen; ſie waren größten⸗ 138 theils Wohnungen freier Neger. Das wußte ich die⸗ ſen Morgen noch nicht; aber ich ahnte es, als ich durch das Dorf wandelte. Aus einem kleinen Gehege zur Rechten lockten mich einige ungewöhnliche Bäume und Früchte. Ich beſchloßz einen Morgenbeſuch zu ma⸗ chen. Das kleine Gitterthor öffnete ſich ſogleich. Ich trat hinein und kam auf einen kleinen Sandweg, der links abbog und mich zu einer palmenbedeckten Birken⸗ hütte unter einigen Cocospalmen führte. Etwas weiter unten lag ein buſchreicher Hain von Bananas und Mangobäumen, ſowie von Bäumen mit weißen run⸗ den Früchten, die an weichen Zweigen hingen; neben der Hütte ſtanden hohe Bäume, offenbar eine Art von Palmen, die meine Aufmerkſamkeit beſonders gefeſſelt hatten; auch Cactusbüſche und Blumen waren da. Ueber⸗ haupt gab Alles hier eine Ordnung und Sorgſamkeit zu erkennen, die in den Anlagen der Kinder Africas gewöhnlich nicht zu ſehen iſt. Die Hütte war gut ge⸗ baut und gut gehalten, und die vielerlei tropiſchen Bäume rings umher waren angenſcheinlich con amore gepflanzt. Die kleine Hütte hatte auch ihre Piazza unter dem Palmendach, und auf einem Tiſch lagen etliche Zuckerrohre. Die Thüre ins Zimmer ſtand offen; Feuer brannte auf dem Boden— ein ſicheres Zeichen, daß ein Afri⸗ caner da wohnte;— die Morgenſonne ſtrahlte durch die Thüre hinein. Ich guckte auch hinein. Die Stube war geräumig, ordentlich und ſauber. Links ſaß auf ſeinem niedrigen Bett ein alter Neger in blauer Blouſe und mit wollener Mütze auf dem Kopf; er hielt ſeine Ellbogen auf die Kniee geſtützt, ſein Geſicht ruhte, gegen das Feuer gekehrt, in den Händen, und er ſchien halb zu ſchlummern. Er ſah mich nicht und ich konnte mich alſo ruhig in der Stube umſehen. Ueber dem Feuer ſtand ein kleiner eiſerner Topf mit einem Teller darüber, am Feuer ſaß eine goldgeſprenkelte —— 8 8 8 — — ie⸗ ich ege ime na⸗ Ich der ken⸗ iter und un⸗ ben von ſſelt ber⸗ tkeit icas ge⸗ chen nOorT6 azza agen nnte Afri⸗ urch tube auf louſe ſeine uhte, d er d ich leber inem nkelte 139 Katze, und daneben ſtand auf Einem Bein ein weißes Küchlein. Feuer, Eiſentopf, Katze, Küchlein, Alles ſchien halb zu ſchlummern im Sonnenſchein, der dar⸗ über lag. Die Katze ſah mich ein wenig an, ſchloß aber ſogleich wieder ihre Augen und kehrte ſich von Neuem gegen das Feuer. Es war das Bild eines ächt tropiſchen Stilllebens. An den braunen Wän⸗ den der Stube herum hingen einige Maisähren, Früchte und trockene Eßwaaren, auch einige Garten⸗ geräthſchaften. Nach einer Weile erhob ſich der Alte, noch immer ohne mich zu bemerken, wandte ſich um und begann ſeine Betttücher zuſammenzulegen; denn das Bett hatte wirklich Etwas von der Art. Er legte alſo Leintuch und Decke zuſammen und rollte zuletzt einen kleinen Teppich von dickem, zierlichem Flecht⸗ werk, der auf dem Boden neben dem Bette lag, eben⸗ falls zuſammen. Nachdem er alles Das mit vieler Ordnung weggelegt, ſetzte er ſich wieder auf ſein klei⸗ nes Bett, das aus einigen wenigen Brettern beſtand, und ſtierte von Neuem ſchläfrig ins Feuer. Aber jetzt ſchaute er auf und wurde mich gewahr; er blinzelte mich gleichſam zum Gruß freundlich an und ſagte: „Caffee!“ Ich weiß nicht, ob er mich zum Caffee einlud, oder ob er ſolchen von mir begehrte. Die Katze und das Küchlein ſchienen ein Frühſtück zu wittern, ſie begannen ſich zu regen, und da ich ver⸗ muthete, daß die Frübſtückſtunde nahe ſei und das Frühſtück über dem Feuer fertig ſtehe, ſo ſagte ich zu dem Alten, zur Katze und zum Küchlein:„Buena mesal Retornero“.(Guten Appetit! ich werde zurückkommen.) Sie mochten es verſtehen, ſo gut ſie konnten; ich ging jetzt weiter auf der kleinen Pflanzung herum. Im Bananashain waren ein paar kleine Reiſer⸗ hütten, und in jeder von ihnen wohnte ein großes Schwein, das jetzt gerade große Bananasblätter frühſtückte. Schweine ſind der vornehmſte Reichthum 140 der ackerbauenden Neger wie auch der Plantagenſkla⸗ ven. Sie mäſten dieſe Thiere ohne Schwierigkeit mit Bananasblättern und Erdfrüchten und verkaufen ſie dann zu zwölf bis fünfzehn Peſos(Dollars) das Stück. Jenſeits des Haines mit den Obſtbäumen und den Schweinen war einiges Ackerland mit Wurzel⸗ früchten und Mais, ziemlich verwahrlost. Hier traf ich an der Arbeit, aber offenbar an einer Arbeit ad libitum einen Neger und eine Negerin. Wir grüßten einander und ſuchten zu converſiren, aber es kam blos zu einem Gelächter. Sie lachten über meine Worte und meine Unbegreiflichkeit, und ich lachte über ihr gutes, herzliches Lachen, ein wahrhaft tropiſches, ſeelenvergnügtes Lachen. Es wird Einem warm ums Herz, wenn man die Neger ſchwatzen und lachen ſieht. Das Gütchen das mir einige Morgen groß zu ſein ſchien, war mit einer Art von Einfriedigung um⸗ geben, die theils aus Zaunſtecken, theils aus einer ſteinernen Mauer und theils aus einer lebendigen Hecke beſtand. Nachdem ich Alles, was ich ſehen wollte, geſehen, gelacht und dem Regervolk die Hände ge⸗ ſchüttelt hatte, begab ich mich nach der Zuckerpflanzung zurück, um mein Frühſtück zu verzehren. Von Herrn Chartrain erfuhr ich, daß die hohen palmartigen Bäume, die an den Stämmen entlang mit Büſcheln von Früchten, ähnlich kleinen Cocosnüſſen, behangen waren, Papaya hießen und die weißen Früchte Caimetos; daß der alte Neger, den ich be⸗ ſucht hatte, Pedro hieß, von einer freien Mutter ge⸗ boren war und ſich ſtets als ein braver, rechtſchaffener Mann erwieſen hatte. Er hatte ſelbſt ſein Haus ge⸗ baut und ſelbſt die Bäume auf ſeinem Gütchen gepflanzt, das er für fünf Peſos jährlich von der Kirche in Pacht hatte. Das Dorf Limonar war, wie ich geahnt, zum großen Theil von Negerſklaven, die ſich losgekauft und Land gepachtet hatten, erbaut und bewohnt; aber viele, ſagte man mir, ſeien nicht ſo ehrenwerth, wie der alte Pedro, viele ſeien faul und ernähren ſich lieber damit, daß ſie Zuckerrohr, Früchte n. ſ. w. ſtehlen. als daß ſie dieſelben produciren. Auf meinen Wunſch begleitete mich Madame Char⸗ train eines Nachmittags auf einem Beſuch bei den Negern in Limonar, um bei meiner Unterhaltung mit ihnen als Dolmetſcherin zu fungiren. Dieſe Dame iſt in ihrem Weſen ebenſo ſtill und mild, wie ihr Mann lärmend und lebhaft; ſie iſt muſikaliſch und hat eine Stimme, die wahre Muſik iſt, beſonders wenn ſie die ſchöne ſpaniſche Sprache ſpricht. Wir beſuchten ver⸗ ſchiedene Negerwohnungen. Die meiſten waren weniger behaglich eingerichtet als die Pedros. Die Neger hatten ihre Erdantheile im Pacht gegen eine geringe jährliche Abgabe, oder bearbeiteten ſie dieſelbe gegen die Hälfte des Ertrags, die ſie an ſpaniſche Creolen abzuliefern hatten. Ich fragte ſie, ob ſie nach Africa zurückzukehren wünſchten, darauf antworteten ſie la⸗ chend: Nein! Sie hätten es gut hier! Die Meiſten waren gleichwohl noch in ihren erſten Jugendjahren aus Africa geraubt worden. Einem Weib fehlte der linke Arm. Madame Chartrain fragte ſie, wie das zugegangen ſei, und nun erzählte ſie auf Spaniſch mit lebhaften Geberden eine Geſchichte, welche meine Wir⸗ thin mir nicht verdolmetſchen wollte; aber aus dem wehmüthigen, bekümmerten Ausdruck in ihrem milden Geſicht erſah ich, daß ich die Erzählung nicht mißver⸗ ſtand, wenn ich annahm, daß es ſich um irgend eine Grauſamkeit handelte, die ſich ein Sklavenbeſitzer oder ſein Agent gegen die wehrloſe Sklavin erlaubt hatte. Zuletzt gingen wir zu dem alten Pedro. Ich brachte ihm Laffee mit und einige ſpaniſche Redensarten für die Lente, die ihn verpflegten, den Mann und die Frau, die ich am Morgen auf dem Feld getroffen 142 hatte. Sie waren jetzt in der Stube und der alte Pedro ſaß darinnen wie vorher. Dem Mann war ſein rechter Arm in der Zucker⸗ mühle zerquetſcht worden; man hatte ihn über dem Ellbogen abgenommen. Später hatte er ſich für zwei⸗ hundert Peſos loskaufen können; auch das Weib hatte ſich losgekauft, wenn ich mich recht erinnere, für die⸗ ſelbe Summe. Ich fragte ſie, ob ſie nach Africa zu⸗ rückkehren möchten? Sie antworteten mit lautem Lachen: „Nein! Was ſollten wir dort machen? Wir ſind glück⸗ lich hier.“ Sie waren ſeelenvergnügt und ungemein munter. Ich ermahnte ſie gut zu ſein gegen den alten Pedro. Gott würde es ihnen vergeiten. Sie antworteten laut lachend:„Ja, ja!“ Ich habe nie⸗ mals gefunden, daß ich ſo ergötzlich ſein konnte, wie da. Es war dunkel geworden, während wir an dem Häuschen unter Cocos- und Papayabäumen ſtanden, und die Sterne kamen ſanft flimmernd hervor aus dem tiefen Blau. Von dem ziemlich hohen Platz aus, wo wir ſtanden, ſahen wir die rothen Feuer aus den irdenen Oefen in Herrn Chartrains Zuckermühle leuch⸗ ten und hörten die wilden Geſänge und das Geſchrei aus den Zuckermühlen rund umher. Da war Sklaven⸗ arbeit, raſtloſes Leben, die Herrſchaft der Peitſche, der glühende Ofen der Sklaverei; hier Freiheit, Friede und Ruhe unter dem ſchönen Tropenhimmel, im Schvoß 32. reichen Fruchtgartens. Der Contraſt war augen⸗ ällig. Cuba iſt zu gleicher Zeit die Hölle und das Para⸗ dies der Neger. Der Sklave hat auf der Plantage eine härtere Arbeit, aber mehr Zukunft, mehr Ausſicht auf Freiheit und Glück, als der Sklave in den Ver⸗ einigten Staaten. Der Sklave an den heißen Oefen der Zuckermühle kann zu den Höhen, wo die Palmen winken, hinüber⸗ e —— —— lte er⸗ em ei⸗ tte ie⸗ u⸗ ein en ie ie⸗ te, em n, us en h⸗ rei h⸗ er de oß n⸗ — ſchauen und denken:„Ich werde eines Tags unter ihnen ausruhen.“ Und wenn er es ſo weit gebracht hat, wenn er da lebt, wie der alte Pedro in der Hütte, die er ſelbſt erbaut, unter den Bäumen, die er ſelbſt gepflanzt hat, oder wie der Mann mit dem zerquetſchten Arm und ſeine Frau— wer iſt dann glücklicher als dieſe Leute? Die Sonne gibt ihnen Kleider, die Erde gibt ihnen gegen geringe Mübe reichliche Nahrung; die Bäume laſſen ihre ſchönen Früchte für ſie fallen, geben ihre Blätter, um ihre Wohnung zu bedecken, um ihr Vieh zu nähren; jeder Tag iſt ſchön und ſorgenfrei, jeder Tag hat ſeinen Genuß.— Sonne, Ruhe, Früchte, Leben in einer Luft, deren Einathmung allein ſchon Seligkeit iſt; der Neger begehrt nicht mehr. Und wenn er am Abend und in der Nacht die rothen Feuer aus den Zuckermühlen leuchten ſieht und das Geklatſche der Peitſche und das Geſchrei von da hört, dann kann er zwiſchen den Palmen über ſeinem Haupte hindurch zu den milden Sternen emporſchauen und den Herrn des Himmels preiſen, welcher auch dem Sklaven einen Weg aus der Gefangenſchaft zum Paradies noch auf Erden bereitet hat. Denn auch er war dort beim heißen Ofen in der Zuckermühle, unter der Peitſche des Treibers. Jetzt iſt er hier in Freiheit und Frieden unter ſeinen Palmen. Auch ſein bedrückter Bruder kann kommen. Was macht es ihm, daß ſein Arm zerquetſcht worden iſt? Sein Herz iſt geſund. Er iſt frei und glücklich, und Niemand wird ihm ſeine Freiheit nehmen. Der Neger unter ſpaniſcher Herrſchaft kann eine Hoffnung beſitzen und ein Dankgebet ſprechen, wozu er unter der freien Flagge der amerikaniſchen Union nicht ermächtigt iſt. Heute iſt es Sonntag, und Herr Chartrain er⸗ weist mir die Artigkeit, mich die Neger auf der Plan⸗ tage ſehen zu laſſen, wie ſie Vormittags ein Stünd⸗ —————————————— 144 chen vertanzen. Sonſt pflegen ſie über die Zeit der Seca nicht zu tanzen. Aber ſie thun es, wenn ſie nur Erlaubniß dazu erhalten, gerne, ungeachtet ihrer angeſtrengten Arbeit bei Tag und Nacht. Schon höre ich die africaniſche Trommel mit ihrem eigenthümlichen, beſtimmten, muntern Takt, und nachdem ein kleiner Negerjunge getauft worden, wird der Tanz beginnen. Ich habe hier angenehm gelebt mit der freund⸗ lichen Familie, in welcher große gegenſeitige Ergeben⸗ heit und viel Munterkeit vorzuwalten ſcheint, ſo wie wir es mit einander daheim hatten, als wir noch zahl⸗ reich im Hauſe waren. Vier Söhne und drei Töchter lärmen mit einander und necken ſich freundlich beim Eſſen und in den Zuwiſchenſtunden, und der jüngſte Knabe iſt ſo kindlich ſchalkhaft, daß er auch mich ver⸗ führt Späſſe mit ihm zu machen. Morgens und Abends mache ich meine einſamen Ausflüge in die Gegend, meiſtens begleitet von drei großen Bluthun⸗ den, die ich nicht loswerden kann, die aber lammfromm ſind und ſich ganz ſtill um mich her niederlegen, wäh⸗ rend ich irgend einen merkwürdigen Baum oder andern Gegenſtand abzeichne; und es iſt vielleicht nützlich, daß ich ſie bei mir habe, denn es ſollen viele entwichene Negerſklaven auf der Inſel umherſtreifen, und die Hunde dienen mir zum Schutz vor einer Ueberrumpe⸗ lung; dieſe Thiere ſind ſo dreſſirt, daß ſie gegen die Weißen ganz fromm, den Schwarzen aber ſehr gefähr⸗ lich ſind, und die Schwarzen haben große Angſt vor ihnen. Ich habe ein paar merkwürdige Bäume abgezeich⸗ net, einen ſchönen Ceiba in ſeiner vollen Geſundheit und Pracht— es iſt ein wahrer Prachtbaum— und einen Ceiba in den Armen ſeiner ſchrecklichen Mörderin oder Geliebten, oder Beides in Einem. An dieſem Baum ſieht man den Schmarotzer mit rieſigen Händen nach dem Stamme greifen und ihn gleichſam in ſeiner —,————— — S 8 ſe der ſie rer öre en, ner en. nd⸗ en⸗ wie hl⸗ ter im ſte er⸗ ind die un⸗ nm ih⸗ ern aß ne die pe⸗ die or eit nd in em er 145 Umarmung erſticken. Ich habe auch hier mich ſehr er⸗ labt an der balſamiſchen Luft und an dem ungewöhn⸗ lichen Schauſpiel, welches die Vegetation darbietet. Es ſind einige ſchöne Alleen(auf ſpaniſch Guadarajahs genannt) auf der Plantage, eine von Königspalmen, eine von Mangobäumen u. ſ. w. Abends wenn es gedunkelt hat, machen wir, da die ganze Familie muſi⸗ kaliſch iſt, Muſik bei offenen Thüren, während die Hauche der Luft ins Zimmer hereinſpielen. Zucker kann ich von Anfang an bis zu Ende be⸗ reiten, wenn ich nämlich Zuckerrohr und eine Zucker⸗ mühle habe. Das Verfahren iſt ſo einfach und ſo kurzweilig anzuſehen, daß ich glaube, Du wirſt es nicht ungerne hier auf dem Pepier ſehen, wie ich es in Herin Chartrains zierlich gehaltener Zuckermühle ge⸗ ſehen und betrachtet habe. Aber zuerſt müſſen wir das Zuckerrohr abſchneiden ſehen. Es wogt auf dem Felde als ein dickes und hohes grünes Schilfrohr. Die Stämme, in der Dicke von tüchtigen Stöcken, ſind je⸗ doch gelb und haben theils feuerfarbene Striemen und Flecken, theils andere unterſcheidende Kennzeichen, z. B. von kürzerem oder längerem Abſtand zwiſchen den Glie⸗ dern, je nach ihrer Art, denn es ſind mehrere Arten Zuckerrohr da, wie z. B das Otahaitirohr, das Band⸗ rohr u. ſ. w. Das Rohr wird nahe an der Wurzel mit einer ſcharfen Scheere oder einer kurzen krummen Sichel abgeſchnitten, ein oder zwei Rohre auf einmal; die grüne Spitze wird abgeſchnitten und das Rohr auf die Seite geworfen. Die Neger bewerkſtelligen dieſe Operation mit vieler Raſchheit und Behendigkeit, wie es ſcheint auch con amore; man ſagt, ſie haben eine Freude am Zerſtören, und ich möchte dieß beinahe glauben; es knarrt und kniſtert munter unter den Roh⸗ ren; es iſt eine heitere Arbeit und die ſchwarzen Ge⸗ ſtalten mit ihrer breiten Bruſt und ihren ſehnigen Ar⸗ men nehmen ſich hübſch aus dabei. Die abgehauenen Bremer, die Heimath in der neuen Welt. Ml. 10 146 Rohre werden auf Wagen geladen und mit Ochſen nach der Zuckermühle geführt. Gleich bei der offenen Thüre derſelben werden ſie von Weibern in eine breite erhöhte Rinne abgeladen, welche ins Haus hinein zu einem erhöhten Platz führt, wo zwei breite Mühlſteine ſich in entgegengeſetzter Richtung von einander bewegen, der eine etwas höher als der andere. An der Rinne entlang ſtehen Weiber, welche die Rohre zu der Höhe hinaufführen, wo die Steine ſtehen(ich habe da ein paar junge Weiber arbeiten ſehen, die wahrhaft zierlich und ſchön ſind, mit ihren dunkeln, leuchtenden Augen, weißen Zähnen, corallrothen Perlbändern um den Hals und hellrothen Tüchlein um deu Kopf). Und hier auf einer Treppenſtufe ſteht ein Neger, der die Oberaufſicht führt und zuſieht, daß alle Rohre rich⸗ tig zwiſchen die Mühlſteine kommen. Da wird ihr Saft bei jeder halben Umwälzung der Steine aus⸗ gepreßt, und die Rohre die zwiſchen ihnen nach oben hinaufkommen, fallen ausgedrückt unter den Stei⸗ nen in eine andere Rinne, auf welcher ſie durch die entgegengeſetzte Thüre geführt werden und da von der Rinne in ein mit Ochſen beſpanntes Fuhrwerk hinab⸗ fallen, das, ſobald es voll iſt, einem andern Fuhrwerk Platz macht. Das gefüllte Fuhrwerk fährt mit der Bagaza fort nach den Steinplatten, und die Weiber entladen es in Körbe und tragen es auf die Stein⸗ platten zum Trocknen, wie wir bereits geſehen haben. Auf der einen Seite des Hauſes, wo das Zuckerrohr gemahlen wird, ſteht das Haus mit der Maſchinerie, welche die Steine in Bewegung ſetzt. Sie wird mit Ochſen getrieben, die man herumführt, wie die Ochſen bei uns, wenn man driſcht. Jedes Paar Ochſen hat einen Führer; daher das Geſchrei und Geſinge, das man bei Nacht hört. Ein Neger erhebt einen Ruf und ſpricht ein paar Worte, und die andern antworten im Chor und wiederholen mit einiger Veränderung die ach üre hte nem ſich en, nne öhe ein lich en, den Und die ich⸗ ihr tus⸗ ben tei⸗ die der tab⸗ verk der iber ein⸗ ben. ohr rie, mit hſen hat das Ruf rten 147 angegebenen Worte, die, wie man mir geſagt hat, größtentheils keine weitere Bedeutung haben. Das Rufen und die Stimmen ſind unmelodiſch, aber die Neger ermuntern ſich auf dieſe Art bei ihren nächt⸗ lichen Arbeiten. Der Saft, der aus den gepreßten Zuckerrohren ſtrömt, rinnt zwiſchen den Mühlſteinen in eine porzel⸗ lanene Rinne hinab, in ſchiefer Richtung gegen die große Rinne zwiſchen den beiden Thüren, und von da in ein porzellanenes Baſſin, wo er das Reinigungs⸗ werk überſteht, worauf er wiederum durch eine andere Rinne in die Zuckerſiederei geleitet und hier in großen in der Erde feſten Kupferkeſſeln in der Mauer gekocht und abgeſchäumt wird. Bei jedem ſolchen Keſſel ſteht ein bis um den Leib nackter Neger, der mit einem un⸗ geheuern Löffel, ſo lang wie der Mann ſelbſt, den kochenden Zuckerſaft umrührt und ſchäumt. Wenn die⸗ ſer aus dem Rohr rinnt, iſt er ein hellgrünes, ſüßes Waſſer; in den Keſſeln wird er zu einem dicken, grau⸗ lichten Syrup gekocht, der, wenn er fertig iſt, aus den Keſſeln in der Mauer in große flache Pfannen rinnt, wo man ihn erſtarren läßt. Wenn der Zucker erſtarrt iſt, wird er in Stücke zerſchlagen, in große Tonnen verpackt und in die Welt hinausgeſchickt.(Es gibt auf Cuba keine Zuckerraffinerie, deshalb hat man da kei⸗ nen ganz weißen Zucker.. Jeder ſolcher Siedkeſſel wird durch einen Ofen geheizt, deſſen Oeffnung außer⸗ halb der Mauer iſt, und in den man beſtändig Ba⸗ gaza einwirft, welche getrocknet einen vortrefflichen Brennſtoff gibt. Und dieß iſt die Geſchichte des Zuckerrohrs, be⸗ vor es in Deine Caffeetaſſe kommt*). *) Es wird dadurch gepflanzt, daß man es der Länge nach in die Erde legt, von wo die Schößlinge auf⸗ ſchießen. Die Blüthe iſt eine Rispe, nicht unähnlich 148 Ach daß dieſe Süßigkeit unter ſo vieler Bitterkeit ausgepreßt wird, und daß der Genuß der Menſchen ſo viel Menſchenleiden koſtet! Denn ich weiß es wohl, was ich hier ſehe, iſt noch nicht die düſterſte Seite der Zuckerpflanzung. Es gibt eine noch weit düſterere— eine, von der ich jetzt nicht ſprechen will. Jetzt will ich zum Tanze gehen. Nach dem Tanz. Auf dem Grasplatze an der vordern Seite des Hauſes ſteht ein großer Otahaitimandelbaum, deſſen laubige Krone ſich weit hinaus wie ein Dach über die Erde breitet, die ſie beſchattet. In dieſem Schatten waren vierzig bis fünfzig Neger und Negerinnen in ſaubern Kleidern verſammelt, die Männer meiſt in Hemden oder Blouſen, die Weiber in langen, ſchmuck⸗ loſen Kleidern. Hier ſah ich Vertreter der verſchiedenen Nationen, der Congos, der Mandingos, der Luccomees, der Caraballis u. ſ. w. auf afri⸗ caniſche Weiſe tanzen, jede Nation etwas verſchieden von den andern, aber Alle mit einer weſentlichen Gleichheit in den Hauptzügen des Tanzes. Dieſer wird immer zwiſchen einem Mann und einem Weib ausgeführt und ſtellt immer ein Verhältniß verliebter Koketterie dar, wobei der Liebhaber ſeine Gefühle aus⸗ drückt, theils dadurch, daß er an allen Gliedern zittert, während er ſich um ſeine Schöne dreht, ſo daß er nahe daran ſcheint aus einander zu fallen, theils in kühnen Sprüngen und Schwingungen, wobei er ſeine Dame derjenigen, welche das Schilf bei uns trägt, und ſoll aus einer Menge ſo kleiner Blumen beſtehen, daß man ſie mit dem bloßen Auge nicht zu erkennen vermag. Aber nur äußerſt ſelten ſieht man das Zuckerrohr blühen. Herr Chartrain hatte es noch nicht geſehen. P in U an g. hr — 149 oft mit beiden Armen umgibt, jedoch ohne ſie zu be⸗ rühren. Dieß war jedoch bei den Männern verſchie⸗ dener Nationen verſchieden. Ein Caraballis⸗Neger nahm während des Tanzes ſeine kleine Schöne zärtlich mit dem einen Arm um den Hals, während er mit der andern Hand eine kleine Silbermünze in ihren Mund legte. Und der ſchwarze Treiber(ein kleiner, garſtiger Burſche, derjenige, unter deſſen Peitſche ich die Weiber arbeiten ſehe) machte oft von ſeiner Amtsgewalt Ge⸗ brauch, indem er theils während des Tanzes die hüb⸗ ſcheſten unter den Damen, mit denen er tanzte, küßte, theils den Tanz anderer Männer mit den ſchönſten oder beſten Tänzerinnen unterbrach und ihren Platz einnahm. Denn jeder von den Umſtehenden konnte dadurch, daß er einen Stock oder einen Hut zwiſchen zwei Tanzende hielt, ſie von einander trennen und die Stelle des einen von ihnen einnehmen. So konnte ein Weib manchmal mit drei oder vier Männern tan⸗ zen, ohne den Platz zu verlaſſen. Aber auch Weiber konnten einander vom Tanz ausſchließen, wenn ſie ein Halstuch zwiſchen die Tanzenden warfen, worauf ſie die Stelle der Zurücktretenden einnahmen, und dieſe Tauſche ſchienen meiſtens mit großer Gutherzigkeit vor ſich zu gehen. Die Zurücktretende lächelte und ſchien gerne eine Weile auszuruhen, um hernach wieder zu kommen; die Dableibende lächelte noch herzlicher, wenn ſie ſich als den Gegenſtand der Wahl mehrerer Männer erblickte. Der Tanz des Weibes drückt immer eine Art von Verſchämtheit, vermiſcht mit Gefallſucht aus, während ſie ſich mit niedergeſchlagenen Augen auf einem Fleck umdreht, durch Grazie und Manieren an eine calecutiſche Henne erinnernd und indem ſie mit einem farbigen Halstuch oder Nastuch in der Hand, zuweilen mit einem in jeder Hand, theils den zudringlichen Lieb⸗ haber von ſich hält, theils ihn halb zu ſich lockt— ein Manöver, das vermöge ſeiner Symbolik unter allen 150 Völkern und allen Menſchenklaſſen wohl paſſen könnte, obſchon, dem Himmel ſeis gedankt, nicht für alle Lie⸗ bende. Um die Tanzenden(ein oder zwei Paare) ſtehen alle Zuſchauer im Kreis, den Tanz mit Geſang be⸗ gleitend, der aus einer lebhaften, aber eintönigen Wie⸗ derholung etlicher Worte beſteht, welche von dem im Kreiſe ſtehenden, durch die Geſellſchaft erwählten Chor⸗ führer, der eine Art von Improviſator zu ſein ſcheint, angegeben werden. So oft ein neues Paar zum Tan⸗ zen kam, wurde es mit gellem Geſchrei begrüßt, und dann wechſelte ſowohl der Ton als der Text des Ge⸗ ſangs. Aber der Ton war immer ohne Melodie und die Stimmen gleichfalls. Es läßt ſich nicht wohl den⸗ ken, daß dieſe Stimmen dieſelbe Schönheit, dieſelbe unvergleichliche melodiſche Reinheit entwickeln, und dieſe Völker dieſelbe muſikaliſche Fertigkeit erreichen werden, wie in den Sklavenſtaaten Americas. Der wilde afri⸗ caniſche Apfelbaum mit ſeinen ſauren Früchten hat, auf die Erde Americas verpflanzt, ſeine Natur und ſeine Früchte verändert. Der Text des Geſangs wurde mir als unbedeutend geſchildert, und ich konnte von keinem den Sinn herausbringen. Ich habe Worte ge⸗ hört, wie ſie unter den franzöſiſchen Neger⸗Creolen bei ihrem Tanze gebräuchlich ſind, die in ihrem Patois einen Sinn ausdrücken, der wohl auch für den Tanz hier paſſen könnte; er heißt: „Mal à téte, c'est pas maladie, Mal auz dents, c'est pas maladie, Mais l'amour, c'est maladie!“ „Kopfweh, das iſt keine Krankheit; Zahnweh, das iſt keine Krankheit; Aber Liebe, das iſt Krankheit!“ Der Tanz hat keine beſtimmte Abtheilung, keine Entwicklung, keinen beſtimmten Schluß, ſondern ſcheint a — — S c 8= 8 —— te, e⸗ e⸗ ie⸗ im ⸗ t, nd e⸗ nd n⸗ lbe eſe en, ri⸗ at, nd de on ge⸗ bei ois nz ine int 151 aus fortwährenden Variationen von einem und dem⸗ ſelben Thema zu beſtehen, die nach dem Gutdünken und der Eingebung der Tänzer improviſirt ſind, aber ſich in einem ſehr beſchränkten Kreis bewegen und nicht aus den zitternden Bewegungen, Biegungen und Krümmungen herausgehen, von denen ich geſprochen habe. Tanzt Jemand gut, ſo treten Männer und Weiber aus dem Kreis, hängen ihm ihre Halstücher um die Schultern, oder ſetzen ihm einen Hut oder irgend eine Zierath auf den Kopf; und ich ſah eine junge Negerin mit einem Mannshut auf dem Kopf und ganz mit Tüchlein behängt ſich herumſchwingen. Der tanzenden Dame eine kleine Silbermünze in den Mund zu ſtecken, ſcheint auch eine gebräuchliche, wenn auch nicht die feinſte Art zu ſein, um dem Tanz ein Ende zu machen. Die Muſik beſtand außer dem Ge⸗ ſang aus Trommeln. Drei Trommler ſtanden neben dem Baumſtamm, mit den Händen, Handgelenken, Daumen und hölzernen Schlägeln auf dem über aus⸗ gehöhlte Baumſtämme geſpannten Fell ſpielend. Sie machten ſo viel Lärm als nur möglich, aber immer mit ungemeinem Takt und Rhythmus. Es war ein ſehr warmer Tag, und ich ſah das Weißzeug der zitternden und courbettirenden Cavaliere in einem Zuſtand, als hätte man es ſo eben aus der See gezogen. Nichts deſto weniger tanzten ſie augen⸗ ſcheinlich aus Herzensluſt und ſchienen bis ins Unend⸗ liche fort tanzen und ſingen zu können. Aber nicht weit vom Tanzvlatz ließ ſich ein ſtarkes Klatſchen von einer langen Peitſche vernehmen; ſogleich hielt der Tanz inne und die Tänzer eilten gehorſam zur Arbeit. Das Zuckermahlen und Sieden ſollte wieder beginnen. Die Sklaven auf Cuba haben keinen Feiertag während der Seca, obſchon ſie auf Herrn Chartrains Pflan⸗ zungen Sonntag Vormittag einige Stunden ausruhen dürfen. 152 Dieſer Tanz unter dem Mandelbaum, um wie viel lebendiger und bedeutungsvoller iſt er nicht, als die meiſten unſerer Geſellſchaftstänze, den Walzer ausge⸗ nommen! Sie haben zu wenig Natürlichkeit. Dieſer Tanz hat vielleicht zu viel; aber er iſt lebendig und aufrichtig; auch hat er das Gute daß alle Mitglieder der Geſellſchaft ſich als Tänzer, Sänger oder Bravo⸗ rufer betheiligen können. Niemand iſt ausgeſchloſſen, Niemand braucht unthätig an den Wänden zu ſtehen, Niemand braucht leblos zu ſein oder Langeweile zu haben. Es lebe der africaniſche Tanz! Einen intereſſanten Ausflug habe ich mit der Fa⸗ milie hier nach einer der merkwürdigen Grotten ge⸗ macht, die ſich in großer Anzahl in Enbas Bergen vorfinden. Sie heißt la Loma(die Anhöhe) de Lorenzo de San Domingo und iſt einige Meilen von Limonar entfernt. Madame Chartrain und ich fuhren in der Volante hin, die ganze Jugend des Hauſes ritt auf kleinen cubaniſchen Pferden, den gutmüthigſten und hübſcheſten aller Pferdearten, welche die Reiter ſo leicht tragen, daß ſie durchaus keine Mühe haben; ſie ſind klein und bewegen ſich in einem kurzen, ſehr gleich⸗ mäßigen Trab. John Chartrain, ein lebhafter und recht angenehmer junger Mann, ließ durch ein paar Neger Stroh und Reiſig nach verſchiedenen Theilen der Grotte bringen und es dann anzünden. Dieß ge⸗ währte einen ſchönen Anblick. Unter den hohen, dun⸗ keln Gewölben ſchwärmten Millionen aufgeſcheuchter Fledermäuſe. Und welche wunderliche Geſtalten wur⸗ den nicht von den Flammen beleuchtet! Es war eine Welt der Träume, wo Alles, was die Natur bildet und was das Menſchenherz träumt und ahnt, in dunkeln, chaotiſchen Umriſſen hervorzukommen ſchien. Da waren Menſchengeſtalten, gleichſam noch in ihre Windeln eingehüllt, geduldig auf Licht und Leben wartend; da waren Catheder und Throne, Flügel, die iel die ge⸗ ſer ind der b0⸗ en, en, zu Fa⸗ ge⸗ zen 120 rar der auf nd cht ind ch⸗ ind ar der ge⸗ in⸗ ter ur⸗ ine det in en. hre en die 153 ſich von den Mauern losmachen zu wollen ſchienen, tauſend phantaſtiſche, theils hübſche, theils groteske und häßliche Figuren— ach! in dieſen Schlupfwinkeln der Natur ſcheint die ganze dunkle Welt enthalten zu ſein, welche die geheime Werkſtätte des Menſchenherzens in ſich ſchließt, aber deren Geſtalten wir nicht ſehen, außer wenn ein düſteres Feuer in finſtern Augenblicken aufflammt. Was ich hier ſah, hatte ich in meiner eigenen Bruſt ſchon lange vorher geſehen. Und ich weiß, daß es noch da vorhanden iſt, obſchon Gott die Sonne eindringen und die Palme in den nächtlichen Räumen aufwachſen ließ; ich weiß, daß es jenſeits der lichten auch noch dunkle, nächtliche, mir ſelbſt un⸗ bekannte, oder wenigſtens für das ganze irdiſche Leben unklare Räume gibt. Aber auch die Geheimniſſe des Lebens werden blos angenblicklich und unvollkommen auf Erden aufgeklärt. Die beſtimmteſte und ſchönſte Formation in dieſem Grottengewölbe war der Pfeiler. Der Tropfen ſickert von der Höhe des Gewölbes durch, fällt auf die Erde und erſtarrt. Aus erſtarrten Tropfen wächst eine kegelförmige Erhöhung; aus erſtarrten Tropfen bildet ſich eine ſolche auch oben, und während des Falls der Tropfen wachſen dieſe gegen einander. Nach Jahr⸗ hunderten begegnen ſie ſich und bilden eine Colonne, welche das Gewölbe zu tragen ſcheint und nicht ſelten einer verſteinerten Palme gleicht. Mehrere ſolche Palmenpfeiler ſtanden im Gewölbe der Grotten; meh⸗ rere waren noch in ihrer Bildung begriffen. Die Macht des Tropfens iſt groß. Montag Morgen. Ich bin auf dem Waideland umhergegangen, habe Schmarotzerpflanzen betrachtet und Bäume abgezeichnet. Ein Wald auf Cuba iſt eine Zuſammenrottung von dichten und dornigen Gewächſen, die man unmöglich durchdringen kann. Man ſieht auf dem Waideland einige ſchöne, ſtattliche Bäume, aber auch mehrere, die entſtellt ſind durch Schmarotzerpflanzen oder andere Urſachen; das Schöne und das Garſtige ſtehen da neben einander. Mitunter ſieht man auch Schmarotzer⸗ pflanzen auf Schmarotzerpflanzen wachſen. So ſah ich heute eine ſchöne Winde mit großen, weißen Blüthen auf dem Wipfel eines abgeſtorbenen Baumes mit meh⸗ reren ſchweren Luftpflanzen behangen. Die Winden ſind hier in großer Menge vorhanden und bilden mit ihren ſchönen Blumen die Hauptzierde der lebendigen Hecken, welche durch ſie dicht und glänzend werden. Von den Paſſionsblumen finden ſich viele Arten wild vor, theils ſehr große, welche Früchte bringen, theils winzig kleine. Einer der ſchönſten Bäume in dieſer Pflanzung iſt der Pommeroſabaum; er ſteht jetzt gerade in der Blüthe, und dieſe hat einen unausſprechlich lieblichen Duft. Bald verlaſſe ich St. Amelia, werde aber nach der Familie und meinem eigenen Wunſch hieher zurückkehren. Ich wünſche meinen freundlichen Wirthsleuten eine Erinnerung an mich in einem Por⸗ trait des jüngſten Knaben, meines kleinen Spielkame⸗ raden, zu hinterlaſſen. St. Amelia Inhegno(St. Amalienhaag), den 15. März. Eine große Zuckerpflanzung! Ich ſitze im Rauch, der von der Zuckermühle her durch die offenen Fenſter in mein Zimmer dringt, ein großes, angenehmes d ie re a h en h⸗ en tit en 18 er de ich ſch en r⸗ 1e⸗ 30 ch, ter tes 155 Zimmer mit wirklichen Glasfenſtern, von wo ich eine freie Ausſicht auf die Hügel der Camerivca⸗Kette, ſo wie auf die Palmenhaine und die Plantagen zu ihren Füßen habe. Ich habe Alles gut hier, nur zu viel von der Zuckerfabrik, die meinem einen Fenſter gegen⸗ über liegt und hier in weit größerem Maaßſtab ange⸗ legt iſt, als auf der Ariadne⸗Plantage. Iſt es nicht ſonderbar, daß das Wort inhegno, das hier einen umzäunten unangebauten Platz bedeutet und allgemein zur Bezeichnung von Plantagen gebraucht wird, an Laut und Bedeutung unſerem ſchwediſchen Wort inhägnad (Gehege) ſo gleich kommt? Meine Wirthin, Frau von Coninck, iſt eine leb⸗ hafte und angenehme Americanerin, Wittwe mit vier Kindern, wovon drei in den Vereinigten Staaten leben, und blos eines(ein hübſches ſechzehnjähriges Mäd⸗ chen) hier bei ihr. Sie lebt hier bei ihrem Vater, einem alten Militär von heiterem Charakter, aber ſchwach auf den Beinen und die meiſte Zeit an ſeinen Lehnſtuhl gefeſſelt. Ein junger Mr. W., ein ameri⸗ caniſcher Creole auf Cuba, deſſen Pflanzung neben dieſer liegt, kommt täglich ins Haus und iſt ein ange⸗ nehmer Geſellſchafter. Er beſitzt, wie mein Wirth, das Talent einer heitern und leichten Converſation, hinter welcher ein ernſter und prunkloſer Grund liegt. Zur täglichen Geſellſchaft beim Mittageſſen und an den Abenden gehört ein junger Mann, der unter dem alten Herrn Vorſteher der Plantage war. Er iſt für mich von großem Werth durch die Offenheit und Frei⸗ müthigkeit, womit er alle Aufſchlüſſe ertheilt, die ich nur wünſchen kann. Dieſe Pflanzung iſt weit größer als diejenige, die ich in Limonar beſuchte, und ein großer Theil der Sklaven— ein paar Hundert an Zahl— ſind neuer⸗ dings erſt aus Africa gekommen und ſehen weit wilder aus, als diejenigen, die ich auf Ariadne geſehen hatte. 156 Sie werden hier auch weit ſtrenger zur Arbeit getrie⸗ ben, denn hier haben ſie auf 24 Stunden nur 4 ½ zum Ausruhen, d. h. zum Eſſen und Schlafen, und zwar ſechs bis ſieben Monate lang im Jahr. Den übrigen Theil des Jahres, die todte Jahreszeit ge⸗ nannt, dürfen die Sklaven die ganze Nacht hindurch ſchlafen. Doch es iſt wahr, auch jetzt haben ſie auf dieſer Pflanzung eine Nacht in der Woche zum Aus⸗ ſchlafen, und jeden andern Sonntag ſollen ſie Vor⸗ mittags einige Stunden haben, um auszuruhen. Son⸗ derbar, daß das Volk ein ſolches Leben aushalten kann. Und gleichwohl ſehe ich hier kräftige Neger, die 20, ja 30 Jahre lang auf der Plantage waren. Wenn die Neger ſich einmal an die Arbeit und das Leben auf der Plantage gewöhnt haben, ſo ſcheinen ſie ſich darein zu finden. Aber in den erſten Jahren, wenn ſie frei und wild aus Africa herüberkommen, fällt es ihnen ſchwer, und viele ſuchen ſich dann durch Selbſt⸗ mord der Sklaverei zu entziehen. Dieß geſchieht oft unter den Luccomees, die einer der edelſten Stämme Africas zu ſein ſcheinen, und vor nicht langer Zeit fand man elf Luccomees an den Aeſten eines Guaſima, eines Baumes mit langen, horizontal ausgeſtreckten Zweigen, hängen. Sie hatten alle ihr Frühſtück in einem Gürtel um den Leib gebunden, denn die Neger glauben, daß derjenige Africaner, der hier ſterbe, in ſeinem Vaterland ſogleich zu neuem Leben auferſtehe. Manche Sklavin legt deshalb auf die Leiche des Selbſt⸗ mörders dasjenige Hals⸗ oder Kopftuch, das ihr am theuerſten iſt; denn ſie glaubt, daß es auf dieſe Art ihren Angehörigen im Mutterlande zukommen und einen Gruß von ihr überbringen werde. Man hat Leichname von Sklaven mit hundert ſolchen Tüchlein bedeckt geſehen. Man ſagt mir hier, daß nur Strenge bei der Behandlung der Sklaven Etwas tauge; daß ſie immer eeichee eit na, ten in ger in he. ſt⸗ am Art nd hat ein 157 die Peitſche über ſich ſehen müſſen; daß ſie ein un⸗ dankbares Volk ſeien; daß beim Aufruhr im Jahr 1846 die gütigſten Herren zuerſt ſammt ihren Familien nie⸗ dergemetzelt, die ſtrengeren dagegen von ihren Sklaven in die Wälder getragen worden ſeien, um vor den Aufrührern verborgen zu werden; man ſagt mir, daß man, um von den Sklaven geliebt zu werden, gefürch⸗ tet werden müſſe. Ich glaube es nicht. Dieß liegt nicht in der Menſchennatur. Aber es iſt ein Unter⸗ ſchied zwiſchen Furcht und Furcht. Es gibt eine Furcht, welche die Liebe nicht ausſchließt, und eine andere, welche Haß und Aufruhr erzeugt. Die Sklaven hier haben im Allgemeinen ein fin⸗ ſteres und düſteres Ausſehen und gehen ſchläfrig und verdroſſen an ihre Arbeit auf den Zuckerrohrfeldern. Wenn ſie mit den Ochſenwagen hinfahren, ſehe ich ſie oft am Zuckerrohr ſaugen, das ſie ſehr lieben und, wie es ſcheint, hier frei genießen dürfen. Das iſt doch wenigſtens eine Erquickung. Sie werden hier nicht mit Reis genährt, ſondern hauptſächlich mit einer Art von Wurzel, genannt Malanga, welche ſie liebgn ſollen, die aber mir nicht ſchmackhaft erſcheint. Sie iſt gelb und kartoffelähnlich, hat aber einen faden, etwas bittern Geſchmack. Jeder Sklave bekommt zum Mittageſſen eine Portion ſolcher gekochter Wurzeln und verzehrt ſie mit ſeinem geſalzenen Fleiſch. Zum Frühſtück be⸗ kommen ſie gekochten Mais, welchen ſie zerſtoßen und mit wilden Tomatos, Platanenfrüchten oder Gemüſen vermiſchen. Denn ſie haben auf einem Strich der Pflanzung einiges Ackerland, wo ſie ſäen und ernten dürfen. Jede Familie hat auch hier ein Schwein, das ſie jährlich ſchlachten oder verkaufen darf. 158 Sonntag, den 17. März. Es iſt Sonntag und Vormittag; aber die Zucker⸗ mühle geht und das Klatſchen der Peitſche tönt ar⸗ beitgebietend. Die Sklaven müſſen den ganzen Tag arbeiten, wie am Werktag. Der nächſte Sonntag, heißt es, ſei derjenige, an welchem die Sklaven einige Stun⸗ den ausruhen und, wenn ſie wollen, auch tanzen dür⸗ fen. Aber— ſie ſehen ſo müde aus. Es gibt auf Cuba Plantagen, wo die Sklaven 21 Stunden des Tags zur Arbeit getrieben werden; Plantagen, wo man nur Männer hat, die wie Ochſen getrieben werden, aber noch weit härter als Ochſen. Der Pflanzer rechnet aus, daß er Etwas gewinne, wenn er ſeine Sklaven ſo zur Arbeit treibt, daß ſie binnen ſieben Jahren ſterben, in welcher Zeit er die Plantage mit friſchen Sklaven beſetzt, die von Africa eingeführt werden und die er für 200— 300 Dollars das Stück kaufen kann. Der fortwährende Sklaven⸗ handel auf Cuba macht, daß die Sklaven zu gutem Preiſe verkauft werden. Ich habe von Zügen von 600 männlichen Sklaven gehört, die wie Sträflinge behandelt und bei Nacht eingeſperrt werden— dieß auf den Plantagen auf der Südſeite der Inſel. Unter ſolchen Verhältniſſen kann man ſich in den idealen Staat des Socialismus verlieben, und Men⸗ ſchen wie Alcott erſcheinen als Heilige und Oberprieſter der Erde. Wie ſchön erſcheinen nicht die Brüderver⸗ ſammlungen auf Erden, auch in ihren liebevollen Ueber⸗ treibungen, neben dieſen Staaten, wo die Menſchen⸗ kraft ſo ſchrecklich mißbraucht und das Menſchenrecht mit Füßen getreten wird! Hier werde ich wärmer als je für die Geſellſchaftslehren, die ſich in den freien Staaten Nordamerikas Bahn zu brechen beſtrebt ſind⸗ und wenn ich dahin zurückkehre, ſo werde ich mit ihnen —— ——— Z S— S„ —„— — 7 ——,„. ———,— er⸗ ar⸗ ißt un⸗ ür⸗ ven en; ſen ſen. ine, ſie die rica lars en⸗ tem von inge dieß den den⸗ eſter ver⸗ ber⸗ hen⸗ recht als eien ind, nen 159 und ihren Führern bekannter zu werden, beiden mehr Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen ſuchen. Aber auch hier habe ich Troſt für den Zuſtand der Sklaven, wenigſtens auf dieſer Plantage, dadurch geſchöpft, daß ich ihre Bohea beſuchte, hier ein ſehr großes, viereckiges, niedriges Gefängniß, wo die Sklaven wie auf der Ariadneplantage wohnen und über Nacht unter Schloß und Riegel eingeſperrt wer⸗ den. Ich habe ſie oft in den Eſſensſtunden beſucht, und es war mir immer eine Erquickung, ihr friſches Leben und ihre Munterkeit zu ſehen;— doch habe ich auch hier Geſichter geſehen mit einer Düſterheit, welche aller tropiſche Sonnenſchein nicht erheitern zu können ſcheint; ſo hoffnungslos, finſter, ſtumm— entſetz⸗ lich!.... Ich habe dieſen Ausdruck auf den Ge⸗ ſichtern von Weibern geſehen.... Unter den Männern muß ich oft herkuliſche Ge⸗ ſtalten und energiſche Geſichter bewundern, wo eine wilde Kraft mit mannhafter Gutmüthigkeit vermählt zu ſein ſcheint; dieſe letztere drückt ſich beſonders in ihrer Behandlung der Kinder aus und in der Art, wie ſie dieſelben anſehen. Dieſe Kleinen ſind nicht munter, wie auf den Pflanzungen in America. Sie ſtrecken ihre Händchen nicht zu freundlichem Gruße aus. Sie betrachten die Weißen mit argwöhniſchen Blicken; ſie ſind ſcheu. Aber die ganz kleinen, die Bambinos, die ganz nackt, fett und üppig ſind, dabei glänzen, wie ſchwarze oder ſchwarzbraune Seide, tanzen auf ihrer Mütter Schooße, gewöhnlich mit einem blauen oder rothen Perlband um die Lenden geſchlungen und einem ditto um den Hals, und ſind dann allerliebſt anzuſchauen; und auch die Mütter mit ihren Perlbändern um den Hals und ihren bunten, turbanartig um den Kopf geſchlungenen Tüchlein, ſehen ganz gut aus, wenn ſie, mit entzückten Blicken und perlweißen Zähnen, lachend mit ihren üppigen Jungen herumtanzen. Eine ſolche junge Mutter mit ihrem kleinen Kind unter einem Bananas⸗ oder Tamarindenbaum wäre ein würdiger Gegenſtand für den Pinſel eines guten Malers. In den dunkeln kleinen Stuben, die große Aehn⸗ lichkeit mit denen auf der Ariadnepflanzung hatten, ſah ich mehr als einen Sklaven während ſeiner kurzen Ruhezeit damit beſchäftigt kleine Körbe und Hüte aus Palmblättern zu flechten, und einer hatte ſich aus bunten Lappen und Hahnenfedern einen prunkenden Kopfputz zuſammengeſetzt. Die Sklaven leben übrigens in der Bohea beinahe wie das liebe Vieh. Männer und Weiber verbinden und trennen ſich nach Gutdünken und Laune. Wenn ein Paar eine Zeitlang zuſammengelebt hat und gegen⸗ ſeitiger Ueberdruß eingetreten iſt, ſo gibt ein Theil dem andern irgend eine Veranlaſſung zu Mißvergnü⸗ gen, und dann trennen ſie ſich. Entſteht irgend eine lärmende Uneinigkeit, ſo iſt der Aufſeher mit der Peitſche bei der Hand, um Frieden zu ſtiften. „Gibt es hier keine Paare, die beſtändig wie in der Ehe zuſammenleben, keinen Mann und kein Weib, die ſich innig genug lieben, um einander treu zu blei⸗ ben wie Gatten?“ fragte ich eines Tags meinen auf⸗ richtigen jungen Begleiter. „Doch,“ antwortete er,„es gibt hier wirklich einige ſolche Paare, die immer beiſammen geblieben ſind, ſo lange ſie auf dieſer Pflanzung waren.“ „Führen Sie mich zu einem dieſer Paare,“ ſagte ich. Es war juſt Mittagszeit. Mein Begleiter führte mich in eine der Stuben in der Mauer. Die Thüre ſtand wie gewöhnlich offen, um Luft und Licht herein⸗ zulaſſen. Der Mann war außen und in der Stube ſaß bloß ein Weib von ungefähr fünfzig Jahren, mit einer Arbeit beſchäftigt. Sie hatte ein rundes, ge⸗ unt ihr ein hal ver us en ahe den nn en⸗ heil nü⸗ ine der in eib, lei⸗ uf⸗ klich ben ich. hrte hüre ein⸗ tube mit ge⸗ 161 ſundes Geſicht ohne Schönheit, aber von ſehr gutem und friedfertigem Ausdruck. 4 Ich fragte ſie durch meinen Dolmetſcher, ob ſie ihren Mann liebe. Sie antwortete ſicher und freundlich:„Ja, er iſt ein guter Mann.“ Ich fragte, ob ſie ihn ſchon in Africa lieb ge⸗ habt habe. „Ja in Africa.“ Ich fragte, wie viele Jahre ſie mit ihrem Mann verbunden ſei. Dieſe Frage ſchien ſie zu verwirren, ſie lächelte und antwortete endlich, ſie habe ihn immer gehabt. Immer! Sie wußte nicht, wie groß und tief dieß Wort in ihrem Munde war. Mir ging es zu Her⸗ zen. Wochen, Monate, Jahreszeiten, Jahre, Jugend, Kraft, manche Schickſalswechſel waren unberechnet, un⸗ bemerkt dahingegangen; Welttheil war gegen Welttheil, die Freiheit gegen die Sklaverei, die Palmhütte gegen die Bohea, das Freiheitsleben gegen das Arbeitsleben vertauſcht worden— Alles hatte gewechſelt, aber eines hatte feſtgeſtanden, eines war ſich gleichgeblie⸗ ben— ihre Liebe, ihre Treue. Sie hatte ihn immer gehabt, den Mann, den ſie liebte; er hatte ſie immer gehabt. Von allem Wandelbaren und Vergänglichen wußte ſie Nichts, ſie konnte nicht rechnen— ſie wußte von der Zeit bloß, was in ihr ewig war. Sie hatte ihren Gatten immer gehabt, und ſie wollte ihn im⸗ mer haben. Das ſtand deutlich geſchrieben in ihrer ruhigen Miene und in ihrer Stimme. Es konnte nicht anders ſein. „Die Liebe bedarf der Rückenlehne der Pflicht,“ ſagte Geijer einmal, als er von der Ehe ſprach. Es iſt ſo. Aber ſchön iſts dieſe natürliche Ehe zwiſchen zwei verwandten Seelen, rein und ſtark bloß durch Bremer, die Heimath in der neuen Welt. MI. 11 162 das Geſetz der Liebe, inmitten der wilden Regelloſig⸗ keit der Bohea zu ſehen. Und dieß zwiſchen zwei ſchwarzen Menſchen, zwei wilden Kindern der Wüſte!... Dichter und Philoſophen haben von Seelen ge⸗ ſprochen, die zu Gatten prädeſtinirt ſeien. Hier fand ich zwei,ſolche. Sie hatten einander immer gehört. In der Tiefe von Gottes Weſen hatten ſie einander angehört und ſollten einander in aller Zeit angehören, d. h. in Ewigkeit. Der Mann kam herein, ſo lang ich noch in der Stube war. Er ſchien von demſelben Alter zu ſein wie das Weib; er hatte denſelben Ausdruck der Gutmüthig⸗ keit wie ſie, und in ſeinem Lächeln lag ein gebundener Sonnenſchein, ein heiterer Lichtſtrahl, der ſich gern hätte Bahn brechen und von Herzens Grund leuchten mögen. Man bemerkt dieſen gebundenen Sonnenſtrahl häufig in den Geſichtern dieſer Kinder des Gefängniſ⸗ ſes. Sie haben ihn an ſich als Mitgift aus ihrem Mutterland und ihrem erſten Freiheits⸗ leben. Von dieſem Ehepaar ging ich in die Gefängniß⸗ zelle, wohin die Sklaven, Männer ſowohl als Weiber, nachdem ſie eine Strafe erlitten haben, gebracht wer⸗ den, ſo lange ihr Gemüth noch gährt uach dem erlit⸗ tenen Schmerz. Sie werden da in Eiſen an einen hölzernen Tiſch feſtgemacht und ſitzen ſo an Händen und Füßen gefeſſelt, Männer ſowohl als Weiber, bis ſie wieder ruhig werden. Man ſagt, ſie werden fett, ſo lange ſie hier ſeien. Das Gelaß war jetzt leer und nur von Schaaren von Flöhen bewohnt. Wie muß ich mich wundern, daß der Selbſtmord unter dieſem Volke nicht häufiger vorkommt! Wie ſtark und zähe muß nicht der Lebensinſtinet ſein Die Zuckermühle hier bietet ein in ſeiner Art in⸗ tereſſantes und pittoreskes Schauſpiel dar. Die athle⸗ tiſchen Geſtalten der halbnackten Africaner, die an den fig⸗ wei ge⸗ and ört. der en, der wie i⸗ ner ern ten ahl tiſ⸗ ts⸗ iß⸗ er, er lit⸗ en den bis ett, ind ord ark in⸗ le⸗ den 163 Oefen oder an den ſiedenden Zuckerkeſſeln in den gro⸗ ßen dunkeln Sälen ſtehen oder verſchiedene Geſchäfte verrichtend hin und hergehen, gewähren einen ſeltſamen Anblick. Und ich kann nicht ohne Bewunderung und Vergnügen die wilde, aber ruhige Majeſtät in ihrer Haltung und ihren Bewegungen, wie auch die düſtere Energie in ihren Geſichtern ſehen. Bildhauer müßten die africaniſchen Büſten und Schultern ſehen und abbilden. Sie ſcheinen gemacht, um den Atlas zu tra⸗ gen. Und obſchon der Atlas der Sklaverei auf ihnen ruht, ſind ſie gleichwohl noch ſtark, entſetzlich ſtark, wenn die Stunde der Rache ſchlägt. Jetzt ſind ſie ſchweigſam und düſter. Spaniſche Aufſeher in weißen Blouſen und mit Peitſchen oder kurzen vierkantigen Stöcken in den Händen ſtehen oder ſitzen da und dort auf den hohen Plätzen in den Sälen, um die Arbeit zu überwachen, und Morgens trinken ſie dabei ihren Kaffee mit Weißbrod. Sie ſcheinen mir von Geſtalt und Ausſehen geringer und unbedeutender zu ſein als viele der ſchwarzen Sklaven. In den Sklavenſtaaten Americas bekommt man keinen Begriff von der eigen⸗ thümlichen Schönheit der africaniſchen Regergeſtalt, beſonders bei gewiſſen Volksſtämmen. Die eingebor⸗ nen Sklaven daſelbſt ſind ein ſchwächeres und ſanf⸗ teres Geſchlecht. Der wilde Körper iſt zahm gewor⸗ den. Mehrere der Sklaven, die nach Cuba kommen, ſind auch Fürſten und Häuptlinge in ihren Stämmen, und ihre Stammesgenoſſen, die ihnen in die Sklaverei auf den Plantagen folgen, widmen ihnen fortwährend tiefe Verehrung und unbedingten Gehorſam. Ein ganz junger Prinz des Luccomeerſtammes, den man nebſt zehn andern Luccomeern auf eine Plantage gebracht hatte, wurde verurtheilt geſtraft zu werden, und die andern ſollten dem Brauche gemäß bei der Strafe zu⸗ ſehen. Als der junge Prinz auf den Boden gelegt — 164 wurde, um gepeitſcht zu werden, legten ſich alle ſeine Begleiter gleichfalls auf die Erde und verlangten ſeine Strafe zu theilen. Dieſer rührende Beweis von Loya⸗ lität entlockte den groben Henkersknechten nur das rohe Verſprechen, daß ihnen ihr voller Antheil an der Peit⸗ ſche nicht entgehen ſolle, ſobald ſich Gelegen heit dazu ſinde. Dieß geſchah nicht auf dieſer Plantage. Die Maſchinerie macht bei dieſer Zuckermühle mehr Arbeit als auf Ariadne. Statt einer ſtehenden Rinne, in welcher das Zuckerrohr von Menſchenhänden zu und von den Mühlſteinen geführt wird, iſt hier eine bewegliche Rinne, die von einer Menge Räder in einer langen Reihe, eines ums andere, von einer Thüre der Zuckermühle zur andern gerollt wird, und ſie führt dann die Rohre mit ſich, die bloß an der Eingangs⸗ thüre von Menſchenhänden dahin abgeladen werden. Und jetzt kannſt Du genug haben von der Zuckermühle. Aber bevor ich die Bohea verlaſſe, will ich noch ein paar Worte über die Regierung dieſer Bevölkerung ſa⸗ gen. Sie beſteht außer dem Herrn in einem Oberauf⸗ ſeher, der Mayoral genannt wird, und einen Con⸗ tramayoral unter ſich hat, der zuweilen ein Neger iſt. Auf größeren Pflanzungen, wie auf dieſer, hat man mehrere weiße Untermayorale. Auf der Tüchtigkeit, Klugheit und Menſchlichkeit der Mayorale beruht gro⸗ ßentheils der Zuſtand der Sklaven und ihre Stimmung auf den Plantagen. Aber nicht ſelten iſt auf Cuba die grauſame Ermordung von Mayoralen Zeuge geweſen von ihrem deſpotiſchen Verfahren und von der Raſerei, zu welcher gewaltſamer Druck das von Natur gedul⸗ dige und leicht darniedergebeugte Negervolk treiben kann. So hart die Sklaverei für die Bevölkerung der Bohea iſt, und obſchon die Pflanzer ganz naiv die meiſten der für die Freiheit der Sklaven günſtigen Geſetze Spaniens ignoriren, obſchon auch hier das ſeine ſeine oya⸗ rohe ßeit⸗ dazu ühle nden nden eine iner eder ührt ngs⸗ den. ihle. ein ſa⸗ auf⸗ on⸗ eer hat eit, gro⸗ mung die eſen erei, dul⸗ iben der die igen das 165 Recht des Geſetzes erdrückt wird unter dem Recht der Willkür, ſo können doch die Windhauche des Freiheits⸗ lebens nicht ganz von der Bohea ausgeſchloſſen wer⸗ den. Der Sklave weiß, daß er ſich koskaufen kaun, und er weiß Mittel, um Geld zu erwerben. Die Lot⸗ terie iſt auf Cuba eines der hauptſächlichſten Mittel dazu für die Negerſtlaven, und viele verſtehen dieß mit Klugheit zu benützen. So zum Beiſpiel treten die Mitglieder einer gewiſſen Nation zuſammen, um eine ganze Menge von Nummern zu kaufen, die unmittel⸗ bar hinter einander kommen. Von zehn oder zwanzig Nummern in einer Reihe kommen bei jeder Ziehung gewöhnlich eine oder zwei heraus; der Gewinn fällt dann der Nation zu und wird unter die Mitglieder derſelben vertheilt. So wird erzählt, daß die Nation der Luccomeer in Havannah neulich 11000 Peſos in der Lotterie gewonnen habe, und ſie ſoll einen Theil davon zum Loskauf mehrerer Sklaven ihrer Nation anwenden. Wenn ich mich nicht täuſche, ſo iſt auch ein Luccomeeneger auf dieſer Pflanzung mit Zuſtim⸗ mung des Eigenthümers neulich für 200 bis 300 Dol⸗ lars losgekauft worden. Ja— einige werden frei, aber viele, viele werden es nie. Was mein eigenes Leben hier betrifft, ſo iſt es ſo frei und behaglich, wie ich es nurwünſchen kann. Frau von Coninckiſt eine äußerſt angenehme und aimable Ge⸗ ſellſchafterin, ſie läßt mir alle Freiheit, die ich wün⸗ ſche, und iſt unendlich liebenswürdig gegen mich. Mor⸗ gens gehe ich allein aus, beſuche die Bohea der Skla⸗ ven oder ſtreife auf der Pflanzung umher; ich genieße die Luft, zeichne Bäume und Blumen. Mit der arm⸗ leuchterartigen Pflanze, von der ich weiter oben geſpro⸗ chen, habe ich hier nähere Bekanntſchaft gemacht. Sie iſt ein Blumenſtengel auf einem Buſch der Aloöfamilie, der Peta genannt wird; ſie ſchießt alle drei Jahre aus ihrer Wurzelpflanze(einem Buſch mit ſteifen dornigen 166 Blättern) auf und trägt auf ihren Armen Büſchel von graugelben Blumen, welche Früchte bringen. Sie ſchießt fünf bis ſechs Ellen hoch auf, treibt binnen zwei Monaten Blüthen und Früchte, und dann vertrocknet ſie. Sie ſieht ſeltſam und recht zierlich aus. Ich habe ſie abgezeichnet. Hier ſind auch ein paar merkwürdige Ceibabäume, der eine merkwürdig durch ſeine Schön⸗ heit, der andere durch ſeine Abſcheulichkeit, ſeinen tra⸗ giſchen Kampf mit der Schmarotzerpflanze. An den Zuckerrohrfeldern entlang ſind hohe wilde Hecken mit ſauern Orangen und mehreren tropiſchen Baumarten. Während der heißeſten Vormittagszeit bleibe ich ſtill in meinem freundlichen, gemüthlichen Stübchen und ſchreibe oder male. Kurz vor dem Mittageſſen gehe ich zuweilen aus, ſehe mich in der Bohea um oder ſtelle mich unter einen Mangobaum an einem Kreuz⸗ weg, um da im Schatten einige Windhauche auf⸗ zufangen. Nachmittags fahre ich meiſteus mit Frau von Coninck in ihrer Volante aus; ihre junge Tochter und Mr. W. begleiten uns zu Pferde. In der offe⸗ nen Volante in dieſer himmliſch milden Luft über die Erde hinzuſchaukeln iſt der ruhigſte, lieblichſte Genuß, den man ſich denken kann. Abends iſt die Familie beiſammen. Ich ſpiele dann amerikaniſche Märſche, auch Tänze und andere muntere Stücke nebſt dem Vankee doodle für den al⸗ ten Herrn, der ſich dabei an die Thaten ſeiner Jugend erinnert und neues Leben in ſeinen erlahmten Beinen verſpürt. Noch ſpäter gehe ich auf die Piazza, ſehe die Sterne funkeln in der ſchwarzen Nacht und trinke Lufthauche, die hier nicht ſo lebensvoll wie in Matan⸗ zus, aber immerhin voll von Lieblichkeit ſind. Zu meinen Vergnügungen gehört auch die Beobach⸗ tung der Colibri in dem Gärtchen. Morgens und gleich nach Mittag kann man mit Gewißheit darauf rechnen, daß ſie kommen und die Blumen, vorzugs⸗ on Sie wei net abe ige ön⸗ tra⸗ den mit en. hen ſen der uz⸗ uf⸗ rau ter ffe⸗ die uß, iele ere al⸗ end nen ehe inke an⸗ und auf 167 weiſe die rothen, umſchweben. Im Garten hier ſind ein paar Büſche mit ſehr zierlich rothen Blumen— man nennt den Buſch la coquette— über welchen ſich immer kleine Colibri halten, deren Brüſte ſelbſt zierlich roth ſind wie Feuerblümchen. Sie ſind die zierlichſten Geſchöpfe, die man ſich denken kann, und fett wie Domherrn. Sie ſitzen gleichſam in der Luſt, indem ſie auf ihren Flügeln eine gute Weile über der rothen Blume ſchweben, in welche ſie dann ihre Schnäbel tauchen; wie graziös dieß iſt, läßt ſich nicht beſchrei⸗ ben. Die Coquette und ihr beflügelter Liebhaber ſind ein bezaubernder Anblick. Ich habe hier drei Arten von Colibri geſehen. Den mit den Farben der Mor⸗ genröthe, von dem ich jetzt geſprochen habe; einen kleinen ſmaragdgrünen Colibri von feinerem Körper⸗ bau, und einen grünen mit einer Haube und gelben Striemen auf dem Kopf. Mitunter ſetzen ſie ſich auf einen Zweig, und wenn ſie dann auffliegen, laſſen ſie ein leiſes, feines Gezwitſcher vernehmen. Sie ſind bösartig gegen einander und verfolgen ſich gegenſeitig wie kleine Pfeile in der Luft, wenn ſie ſich mitunter als Rivale einer und derſelben Blume nähern. Außer dieſen unausſprechlich niedlichen Geſchöpf⸗ chen ſehe ich hier eine Art ſchwarzer Vögel, ungefähr ſo groß wie Dohlen. Sie gleichen den amerikaniſchen Amſeln und heißen Mazitos oder Solibios(oder So⸗ livios, denn man läßt hier ſehr häufig v in b und b in vübergehen, ſo ſagt und ſchreibt man auch ebenſo oft Havannah als Habannah). Ich ſehe ſie oft auf den Zweigen der armleuchterartigen Peta ſitzen. Dieſe eigenthümlichen Vögel ſöllen eine Art von Communi⸗ ſten ſein, in Geſellſchaft leben, ihre Eier zuſammen⸗ legen, zuſammen ausbrüten und ebenſo auch die Jungen ätzen, ohne zwiſchen mein und dein zu unterſcheiden. Die Colibri haben augenſcheinlich ein ganz anderes Temperament und find heftige Anticommuniſten. 168 Jetzt naht der Frühling in Schweden heran, und ich hoffe, daß Du zu guter Zeit Anſtalten triffſt, um nach Marſtrand zu kommen, und daß Du wenigſtens ein paar Monate dort verweilſt. Geht Alles ſo, wie ich hoffe und es zu veranſtalten ſuche, ſo komme ich im Auguſt nach Hauſe. Ach, wenn ich dann wie vor zwei Jahren Dein liebes freundliches Geſichtchen, Deine blauen Augen am Ufer ſehen könnte, wie lieb wäre das! Und wie wollten wir dann zuſammen nach Hauſe gehen und unſere Mama umarmen, und wie ſchrecklich viel wollten wir zuſammen denken und plaudern! Die Hitze beginnt jetzt hier ſtark zu werden, und ich fühle ſie ſo ermüdend, daß ich glaube, ich werde ſchon am 8. April von Cuba abreiſen, ſtatt am 28., wie ich Anfangs im Sinne hatte. Ich reiſe von hier nach Charleston und Savannah, beſuche ein paar Pflanzungen auf der Küſte von Georgien, gehe dann nach Virginien— the old dominion—, das ich kennen lernen muß, und gedenke da den Monat Mai zuzu⸗ bringen. Hierauf reiſe ich nach Philadelphia und von da nach New⸗York in meine liebe Heimath Roſen⸗ hütte zurück; von da in die weißen Berge in New⸗ Hampſhire; ich beſuche Maine und Vermont; hierauf ziehe ich im Anfang Juli nach meiner erſten ſchönen Heimath am Ufer des Hudſon, ſodann nach England und dann— nach Hauſe. Jetzt fahre ich in einigen Tagen nach Cardinas, einem Städtchen am Meeresufer, komme aber dann hie⸗ her zurück. Die gefällige Frau von Coninck leiht mir ihre Volante. land nas, hie⸗ mir Fünfunddreißigſter Brief. Cardinas, den 19. März 1851. In Cardinas war es, wo im vorigen Jahr die erſte kopfloſe Räuberexpedition gegen Cuba unter An⸗ führung von Lopez ans Land ſtieg und durch die Tapferkeit der ſpaniſchen Krieger zurückgetrieben wurde. Man zeigt hier noch die Löcher von den Kugeln in den Mauern. Und man lebt jetzt hier in täglicher Er⸗ wartung und Befürchtung eines neuen Angriffes unter demſelben Führer; Gerüchte davon ſind beſtändig im Umlauf, und man iſt wohl auf ſeiner Hut in der Stadt. Cardinas iſt ein Städtchen von derſelben Bauart wie Havannah und treibt ſtarken Handel mit Zucker und Syrup. Es liegt am Meer, aber ſo niedrig, daß es wenig von dem Meer ſieht; ſein Hafen iſt ſehr ſeicht und ſomit für größere Schiffe unzugänglich. Ich wohne in einem kleinen Hotel, das einer Mrs W. gehört, welche die Wittwe eines Portugieſen iſt und fünf Töchter hat; d. h. beinahe vier zu viel. In den Vereinigten Staaten wäre mir nicht bange, wenn ich zehn Töchter hätte; ich wüßte, daß ſie alle, ſelbſt wenn ſie arm wären, ihre vollkommen menſchliche Entwicke⸗ lung gewinnen und ſich durch ihr eigenes Verdienſt Anſehen und ein gutes Auskommen verſchaffen könnten. Aber auf Cuba— was ſoll man da mit fünf Töchtern machen? Die Ehe iſt für ſie der einzige Weg zu An⸗ ſehen und guter Unterkunft, aber auf Cuba geht es mit dem Heirathen nicht ſo leicht, denn es iſt da nicht leicht, ſich auf eine ehrliche Art fortzubringen. Zwei von dieſen jungen Mädchen ſind ſehr ſchön; die älteſte, eine vollſtändige Blondine, hat das allerſchönſte Profil. ——————— 170 Sie iſt mit einem jungen Militär verlobt. Aber auf Liebe und Verlobung folgt hier häufig die Ehe nicht. Unter den Perſonen, die mich hier intereſſirt ha— ben, iſt ein junger ſpaniſcher Advokat, ein außerordent⸗ lich angenehmer und offener Geſellſchafter. Von ihm habe ich viele Aufſchlüſſe erhalten über die Geſetz⸗ gebung auf der Inſel und das Verhältniß der Skla⸗ ven, worüber ich ein ander Mal mehr ſagen werde. Cardinas ſcheint mir übrigens ein unintereſſantes Städt⸗ chen zu ſein. Aber freundliche Menſchen haben mich hier in der Nähe der Stadt Dinge ſehen laſſen, die von großem Intereſſe für mich ſind. Dazu gehörte eine Caffeepflanzung in voller Blüthe. Die Caffee⸗ pflanze blüht nämlich auf der Plantage einmal im Monat und dann auf der ganzen Plantage an einem und demſelben Tag. Die Blätter ſchlagen Morgens vollkommen aus und verwelken am Abend. Die erſte Blüthe iſt im Februar, die letzte des Jahrs im No⸗ vember. Die Blumen, die in dicken weißen Kränzen und Büſcheln auf den Zweigen ſitzen, ſetzen kleine Fruchtknospen ab, die zuerſt grün, hernach roth, end⸗ lich dunkelbraun ſind und dann erſt abgepflückt werden. Sie enthalten die Caffeebohne. Die Ernte währt drei bis vier Monate im Jahr beſtändig fort. Die Caffeepflanzung, die ich beſuchte, ſtand in vollſter Blüthe. Sie ſah aus wie Schnee auf grünen Büſchen. Der Caffeebuſch hat ſchöne, ſaftgrüne, glatte, lorbeerartige Blätter; die Blumen gleichen denen der einfachen weißen Hyacinthe und haben einen feinen, lieblichen, angenehmen Geruch. Dieſe Caffeepflanzung war auch im Uebrigen ausgezeichnet ſchön, ſie hatte ſchöne Alleen, die mit Orangenbäumen und Sagopalmen ab⸗ wechſelten, Land mit Ananas, Alleen und Haine mit Bananas. Die Bänme ſtanden voll von Blüthen und Früchten. Die Perſonen, die hier wohnten, hatten niemals auf die eigenthümliche Blüthe des Bananas⸗ — v v— — * X M v—* — — —* — v — —*— N———— 171 baumes Acht gegeben. Man lebt hier mitten unter den reichſten Schätzen der Natur, ohne ſie zu beachten. Unter den ſchönen Gegenſtänden auf der Pflanzung muß man ihre Beſitzerin und namentlich ihre ſchöne junge Tochter nennen. Sie beſchenkten mich mit Früch⸗ ten und Blumen, und ich habe einen blühenden Zweig des Caffeebuſches für Mama abgezeichnet. Ein anderes für mich intereſſantes Schauſpiel war ein kleines zoologiſches Muſeum, d. h. eine Sammlung von Vögeln und andern Thieren Cubas, die ein Deut⸗ ſcher in der Nähe von Cardinas angelegt hat. Unter den letzteren Thieren waren ein Crocodil und ein Alli⸗ gator, die in einem ſteinernen Baſſin zuſammen waren. Sie hatten ſo große Aehnlichkeit mit einander, daß ſie meinen unwiſſenſchaftlichen Augen ganz gleich ſchienen. Aber man machte mich auf gewiſſe unterſcheidende Merk⸗ male aufmerkſam. Ihr Eigenthümer hatte vergebliche Verſuche gemacht ſie zu zähmen. Sie ſchienen die ſee⸗ lenloſeſten aller Thiere zu ſein, wie ſie auch von Aus⸗ ſehen die garſtigſten ſind. Alligatoren und Crocodile finden ſich in den Flüſſen Cubas nicht vor. Dieſe hier waren als Curioſitäten aus America und Africa eingeführt worden. Den 21. März. In dem Hof, in welchem mein Zimmer liegt, ſteht ein großes Hühnerhaus, das verſchiedene Arten von Federvieh zum häuslichen Bedarf enthält. Der Koch hier im Hauſe, ein großer ſchöner ſpaniſcher Soldat, kam heute früh, um einige Stücke von der befiederten Geſellſchaft zum Mittagsmahl der Gäſte zu holen. Es war ein großer ſchwarzer calecuttiſcher Hahn, der zuerſt aus dem Käfig genommen wurde. Ich mußte die Art bewundern, wie der Mann zu Werke ging; ſie war ſo ſanft, ſo menſchlich und klug. Der calecuttiſche Hahn wurde eine Weile mit der Hand geſtreichelt, bevor man ihn am Beine nahm, und auch dieß geſchah ſo ſachte und ſanft, daß der Hahn, als er ganz bequem über den Hof getragen wurde, blos ein wenig verwundert ausſah und einen kurzen Ton von ſich gab, als wollte er ſagen:„Was ſolls jetzt werden?“ Bei uns habe ich, wenn eine Henne geſchlachtet werden ſollte, geſehen, daß der ganze Hühnerhof in Aufruhr gebracht und die Henne ſelbſt vor Schrecken athemlos gemacht wurde, ehe ſie ihren letzten Athem⸗ zug that. Die Spanier zeichnen ſich ſonſt keineswegs durch Menſchlichkeit gegen Thiere aus, und das Landvolk kommt oft mit calecuttiſchen Hähnen und Hennen, die mit zuſammengebundenen Füßen über dem Sattel des Pferdes liegen, ſo daß die Köpfe herabhängen, auf den Markt. Dieſer barbariſche Brauch iſt von einem Gou⸗ verneur Tacon auf Cuba, der als ein harter Mann geſchildert wird, aber viele Mißbräuche abgeſchafft hat, verboten worden, wird aber gleichwohl fortgeſetzt, und ich bin oft Monteros begegnet, die zwiſchen Büſcheln von ſo dahängendem, zuweilen halbtodtem Federvieh hinritten. Nicht weit von Cardinas liegt ein Bezirk, Havan⸗ navana genannt und beinahe gänzlich von freigewor⸗ denen Negern bewohnt, deren Zahl man auf 1000 bis 1300 angibt. Sie ſind beinahe ſämmtlich Ackerbauer, die den ſpaniſchen Creolen ihre kleinen Farmen gegen die Hälfte des Ertrags bearbeiten;— wie ſie das ma⸗ chen, möchte ich unendlich gern ſehen, nur um mich zu te te et in n n E ie es en U⸗ an t, nd ln eh überzeugen, wie die Neger ihre Sachen auf eigene Fauſt betreiben. Aber man räth mir von einer Reiſe dahin ab, weil ich die Landesſprache nicht kenne, und die Re⸗ gierung iſt ſehr mißtrauiſch gegen Fremde. Man hat den Stlavenaufruhr vom Jahre 1846, der auf dieſem Theil der Inſel begann, noch in friſcher Erinnerung. Dieſer Aufruhr, der ſo manche Grauſamkeiten von Seiten der ſpaniſchen Regierung veranlaßte, hat auch zur Anlegung ſchwerer Bande an das Leben der freien Neger und zu großen Verluſten auf ihrer Seite geführt. Früher, wird mir erzählt, konnte man jeden Abend und jede Nacht die fröhlichen Taktſchläge der africa⸗ niſchen Trommeln von den Negertänzen nah und fern hören. Aber da ſie dieſe Tanzelubs zur Organiſirung des Aufruhrs benützten, der ſpäter ausbrach, ſo hat man ſeitdem ihre Freiheit bedeutend eingeſchränkt. In Havannah ſollen die freien Neger eigene Ver⸗ ſammlungsſäle und Innungen, oder ſogenannte Ca⸗ bildos, jede Negernation für ſich, haben, wozu ſie Königinnen wählen, die hinwiederum Könige wählen, um ihnen beizuſtehen. Ich muß dieſe Cabildos de Negroes ſehen. St. Amalienhaag, den 23. März. Wiederum hier in meinem gemüthlichen Stübchen bei meiner anmuthsvollen Frau von Coninck auf ein paar Tage. Ich kam in einer Wirbelwolke von heißem rothem Staub hieher. Alle Erde auf Cuba iſt roth wie gebrannter Lehm und ſtäubt ſchrecklich im Winde, (beim Regenwetter dagegen wird ſie ein dicker Schlamm, 174 in dem man unmöglich gehen kann. Dieß gehört zur Kehrſeite der hieſigen Natur). Die Volante, die mit drei Pferden neben einander beſpannt war, flog wie ein Wirbelwind durch die rothen Staubwolken, und unſer Calaſhero Patricio ſchien ſich an der wilden Fahrt recht zu erfreuen. Es iſt wieder Sonntag, der Sonntag, an welchem die Sklaven ein paar Freiſtunden haben ſollten, und ich habe ſowohl dem alten als dem jungen Herrn zugeredet und ſie gebeten, daß ſie den Sklaven das Tanzen erlauben mögen. Aber ich will ſehen, wie es geht. Die Zuckermühle iſt ſtill, aber ich ſehe die Sklaven in der Arbeit gehen, die Bagaza tragen, und ich höre die Peitſche knallen und treiben. Es iſt ſchon ſpät am Vormittag. Ich ſchreibe in Erwartung und Ungeduld. Wird der Tanz zu Stande kommen oder nicht? Ich fürchte, daß man eine Entſchuldigung findet, um den Tanz in Arbeit zu verwandeln. Ich geſtehe, daß mir das ſehr leid thun würde; denn man hat mir den Tanz verſprochen und das arme Volk bedarf einer Ermunterung ſo ſehr. Da— die afri⸗ caniſche Trommel!— Das iſt Tanz. Ich eile zum Tanze. Später. Der Tanz fand dießmal nicht unter einem ſchatten⸗ reichen Mandelbaum Statt, ſondern auf dem ſonnen⸗ heißen Hof der Bohea. Die Muſikanten mit ihren Trommeln waren im Schatten der einen Mauer des Küchengebäudes aufgeſtellt. Die Zahl der Tanzenden war nur gering. Der Tanz war von derſelben Art wie auf Ariadne und bot kein Intereſſe der Neuheit dar, bis ein älterer Congoneger, Namens Carlo Congo, ein Mann von herculiſcher Bruſtbildung, ſich dabei betheiligte. Er ließ die Trommler einen neuen Tanz⸗ c tr it ie d n 175 takt ſchlagen und führte ſo einen Tanz aus, der ſich mit ſeinen Biegungen, Schwingungen und Tremuli⸗ rungen in einem Ballet auch im Pariſer Opernhaus gut ausgenommen haben würde, nämlich in der Perſon eines Satyrs oder Fauns, denn einen höhern Cha⸗ rakter hatte der Tanz nicht, aber er war bewunderns⸗ würdig durch die Kraft, Gewandtheit, Geſchmeidigkeit, durch die kühnen Uebergänge und die wildpittoreske Schönheit des Tänzers. Es war der Congotanz. Carlo Congo konnte ihn jedoch nicht in ſeiner ganzen Voll⸗ endung ausführen; müde von viermonatlicher Tag⸗ und Nachtarbeit, beſaß er augenſcheinlich nicht Kraft genug in ſeinen Gliedern; er mußte mehrere Male ab⸗ brechen und ausruhen, und obſchon er bald von Neuem begann, mußte er doch auch wieder bald aufhören, wobei er gutmüthig den Kopf ſchüttelte, als wollte er ſagen:„Nein, es will nicht gehen.“ Sein Geſicht hatte den Ausdruck von Kraft und dennoch gutmüthiger Weichheit, den ich ſo oft bei den Negern ſehe; er trug eine kleine Tuchmütze auf dem Kopf und um den Hals ein Band von blauen Glasperlen; der obere Theil des Körpers und die ſehnigen Arme waren bloß; ihre Bildung und ihre Stellungen während des Tanzes waren werth von plaſtiſchen Künſtlern betrachtet zu werden. Carlo Congos Dame war lebhafter in ihren Bewegungen als die Negerinnen, die ich bisher tanzen geſehen habe, und ſchwang ſich ganz raſch und behend herum. Carlo legte einen kleinen Myrthenzweig in ihren Mund, und ſie tanzte jetzt damit, indem ſie ihn zwiſchen den Lippen hielt, wie ein Vogel in ſeinem Schnabel. Allmälig wurde die Verſammlung der Tanzenden größer. Auch Weiber engagirten zum Tanz, indem ſie dem auserkorenen Cavalier mit dem Nastuch einen leichten Schlag verſetzten, worauf dieſer ſich ſogleich bereit zeigte. Einige Männer fielen während des 176 Tanzes auch auf die Kniee. So in der Natur ge⸗ gründet ſcheinen die Bewegungen zu ſein, die in alten Zeiten in der verfeinerten Welt der Galanterie und der Ritterſchaft das Bürgerrecht erhalten haben. Es kamen Sklaven und Sklavinnen, die ein Solo zum Tact der Trommeln tanzten, indem ſie ſich auf einem Fleck drehten und dabei mit dem Körper auf und ab bogen; auch Kinder kamen, nackt wie Gott ſie geſchaffen, und ahmten die Tänze der Eltern vor⸗ trefflich nach. Aber es gingen auch Männer und Wei⸗ ber vorbei, welche düſtere, muthloſe Blicke mit bitterem Ausdruck auf den Tanz warfen, nächtliche Geſichter, die von dem dunkelſten Nachtleben der Sklaverei zeug⸗ ten, Geſichter, die ich niemals vergeſſen werde, nament⸗ lich eines, das Geſicht eines älteren Weibes!. 2 Andere Neger kamen, beladen mit Büſcheln von Ba⸗ nanas und Tomatos(die hier wild wachſen), ſowie mit andern grünen Pflanzen, aus den Thoren der Bohea hervor. Der junge Herr fragte ſie, ob ſie aus ihrem Lande ſeien, und ſie antworteten kurz„Ja“. Sie gingen an den Tanzenden vorbei, einige mit einem gleichgültigen Blick auf ſie, andere mit einem halben Lächeln. Der Tanz wurde inzwiſchen immer lebendiger in der heißen Sonne, und es kamen noch mehr Tänzer und Tänzerinnen dazu. Aber jetzt hörte man einen ſtorken Peitſchenknall und der Tanz nahm plötzlich ein Ende. Die Tänzer zerſtreuten ſich, um die Arbeit in der Zuckermühle wieder zu beginnen. Und ich verließ die Bohea, nachdem ich den Trommlern, ſowie Carlo Congo auf die Art gedankt hatte, von der ich wußte, daß ſie ihnen die angenehmſte war. Ich befinde mich jetzt wieder in meinem ſtillen Stübchen. Die Zuckermühle lärmt und raucht; die Sklaven tragen die Bagaza. Ueber die Mauern der Bohea hinweg, aber weit jenſeits derſelben, ſehe ich die ſtattlichen Guadarajahs von Palmen unter den An⸗ alle aus ge⸗ lten und olo auf auf ott Or⸗ ei⸗ ter, nt⸗ er 177 höhen von Camerioca. Auch dieſe Höhen haben tiefe Grotten und verborgene Gegenden, welche geflüchteten Sklaven als Wohnort dienen. An den Oeffnungen der Grotten legen ſie Fallen zur Vertheidigung gegen ihre Verfolger. Aber man hat es aufgegeben, ſie da zu verfolgen; es hat ſich gezeigt, daß dieß vergebliche Mühe und mit großen Gefahren für die Verfolger verknüpft war. Manchmal kommen die Flüchtlinge bei Nacht vom Berge herab in die Plantagen und erhalten Lebensmittel von den Negern der Plantage, die an ihnen niemals zu Verräthern werden. Man ſagt, daß die Neger einander ſelbſt unter der Folterqual der Peitſche niemals verrathen. Den 26. März. Mit meiner freundlichen Wirthin habe ich einige Beſuche auf Plantagen in der Nachbarſchaft gemacht. Der angenehmſte unter ihnen war für mich bei einem ſchönen jungen Paar, Herrn und Frau Belle⸗Chaſſe, franzöſiſchen Creolen. In ihren Geſichtern ſprach ſich eine einnehmende menſchliche Güte aus. Sie ſollen gegen ihre Sklaven ſehr gut ſein, und man ſagte, Herr Belle⸗Chaſſe beabſichtige in Florida eine Zucker⸗ pflanzung mit freier Regerarbeit anzulegen. Möge es ihm gelingen! Ein einziges ſolches vollkommen ge⸗ lungenes Experiment würde in Amerika eine große Veränderung in der Sklavereieinrichtung hervorbringen. Der Mann, der dieß ausführte, könnte zu den größten Wohlthätern der Menſchheit gezählt werden. Ich ſah bei Herrn und Frau Belle⸗Chaſſe zwei allerliebſte Kinder und einen wohlgehaltenen Garten mit mehreren ſchönen Pflanzen. Ich ſah auch einige ausgezeichnet ſchöne Roſen, aber ohne allen Geruch. Man ſagt, die ſtarke Sonnenhitze nehme dieſen und Vremer, die Heimath in der neuen Welt. MI. 12 178 mehreren andern Blumen ihren Geruch. Das ſchöne junge Paar lud mich auf einige Zeit zu ſich ein. Aber ich mußte dieſe Einladung ablehnen, weil ich verſpro⸗ chen hatte, nach einer andern Plantage zu fahren, wohin ich ebenfalls freundlich eingeladen war, und an deren Beſitzer Mr. und Mrs. Phinney, der ſchwediſche Conſul Nenninger mir ein Empfehlungsſchreiben zu geben die Güte gehabt hatte. Die Pflanzer auf Cuba ſind unendlich gaſtfrei, und da das Leben der Damen auf den Plantagen ziemlich einförmig und in den letzten Zeiten noch einſamer geworden iſt, als es früher war— die Hand der ſpaniſchen Regierung ruht ſeit den letzten Unruhen ſchwer auf den Creolen Cubas und zwingt ihnen große Schätze ab— ſo ſehen ſie es nicht ungeru, wenn ein europäiſcher Gaſt das Einerlei ihres Alltagslebens unterbricht. Der Character der Zuckerplantagen und das Leben allda ſcheint mir überall ziemlich gleich zu ſein. Die Hauptſchönheit in dieſen Plantagen ſind die großen Alleen, beſonders von Palmen— ich kann dieſe Gua⸗ darajahs nie ohne ein Gefühl von Verehrung und demüthiger Freude durchwandern, ſo ſchön und groß⸗ artig ſind ſie. Die Gärten ſind gewöhnlich ganz klein und oft verwahrlost. Die Zuckerrohrfelder thun allem Andern Abbruch. Das Leben der Frauenzimmer iſt nicht heiter und nicht ſehr thätig. Sie ſcheinen mir unter dem Zuſtand der Plantage zu leiden, der nie⸗ mals frei von Furcht iſt und ihnen eine Entwickelung ihrer ſchöneren Wirkſamkeit nicht geſtattet, ja auch ihre Schritte hemmt. Sie wagen es nicht allein in der Gegend auszugehen. Sie fürchten ſich vor geflüchteten Sklaven. Ueberdieß fehlt den Plantagen auf Cuba bei all' ihrer Schönheit an Bäumen und Pflanzen dennoch das, was die größte Annehmlichkeit des Land⸗ lebens ausmacht, wenn man es blos vom Geſichtspunkt des Genuſſes aus betrachtet— es fehlt ihnen der höne Aber pro⸗ ren, an iſche zu uba men den üher ſeit bas e es rlei en Die ßen a⸗ und lein lem iſt mir nie⸗ ung hre der ten uba zen nd⸗ nkt der 179 Grasboden, der ſchöne, beſcheiden grünende Grasboden, wo Millionen kleine Gräſer, Mooſe und Blumen zu⸗ ſammenkommen, um dem Menſchen ein friſches und weiches Bett zu bereiten, damit er ausruhen, ruhend träumen, denken und genießen kann. Es fehlt an den Hainen von lanbigen Gebüſchen und Bäumen, in deren Schatten wir ſo getroſt ruhen. Und ich bemerke deut⸗ lich, daß dieſe paradieſiſche Luft, dieſe königlichen Guadarajahs den Bewohnerinnen der Inſel dieſe an⸗ ſpruchsloſere Anmuth des Landes nicht erſetzen. Ueberdieß ſehen wir um uns her auf dem Lande kein Unrecht, keine Noth, ohne daß wir theilweiſe ab⸗ helfen könnten. Sie hingegen ſehen täglich viel Noth und Unrecht und können Nichts zur Linderung bei⸗ tragen. Je älter eine Frau auf Cuba iſt, deſto un⸗ glücklicher muß ſie ſein. Hätte ſie auch den beſten Gatten, der alles Mögliche für ſie und für ſeine Skla⸗ ven thäte, ſo kann ſie doch Augen und Ohr nicht vor dem verſchließen, was um ſie her vorgeht. Die Plan⸗ tage umfaßt niemals viele Morgen Lands im Areal, und an ſie ſtoßen andere Plantagen, die je nach der Gemüthsart ihrer Herren verwaltet werden; und wie dieſe manchmal iſt, das wiſſen wir bereits. Kommt dazu noch der Zuſtand und die Regierung auf der Inſel, die Gewaltthätigkeiten der Beamten, der Skla⸗ venhandel, Sklavenaufruhre, die Unterſuchungen und Beſtrafungen der ſpaniſchen Regierung, die beſtändige Furcht;—— keine lieblichen Hauche von Cubas himmliſcher Luft vermögen dem Leben, das unter ſolchen Verhältniſſen geführt wird, Freude zu gewähren. In der vorigen Woche ſoll ein Sklavenſchiff aus Africa mit einer Ladung von nicht weniger als 750 Kindern, die älteſten nicht 18, die jüngſten 10 Jahre alt, in Havannah angekommen ſein. Man hat dieſe Abende einmal in unſerem Geſellſchaftskreis davon geſprochen.„Diejenigen, die dieß thun,“ ſagte mit 180 bitterem Gefühl eine Mutter in der Geſellſchaft,„wer⸗ den eines Tags den verdienten Lohn empfangen.“ Und gleichwohl iſt es, wenn einmal Menſchen aus ihrem Mutterland in fremde Sklaverei geführt werden ſollen, beſſer, ſie kommen als Kinder, als wenn ſie ſchon herangewachſen ſind. Sie empfinden es dann weniger bitter. Sie gewöhnen ſich an die Bohea und die Peitſche, und ſie haben keine Erinnerungen an ein Freiheitsleben, die ſie zur Verzweiflung und Selbſt⸗ mord führen. Zwiſchen dieſe düſteren Gedanken und Eindrücke kommt immer wieder dieſe unausſprechliche Schönheit der Luft und der Pflanzen, und entzückt mich und erregt meine Seele zu Lobgeſängen und Viſionen eines künf⸗ tigen Paradieſes. Es iſt wieder Vollmond, und die Rächte ſind unausſprechlich ſchön. Ich kam geſtern Abend ſpät nach Haus von einem Beſuch mit meiner Wirthin. Barhäuptig fuhren wir in der offenen Volante unter dem lichterfüllten Himmelsgewölbe durch die Palmen⸗ haine hin. Die Luft war lieblich und gut, wie die reinſte menſchliche Güte. Ach!... Auf der St. Amalienplantage ſind zwei ſtattliche Palmenalleen, wohl hundert Bäume in der Reihe, glaube ich. Viele von ihnen ſtehen in der beſten Blüthe. Die üppigen Blüthenzweige ſchießen wie Flügel um den Stamm herauf, ein kleines Stück unter der Pal⸗ menkrone, im ſchönſten Verhältniß zu ihr und zu dem Stamm. Hier iſt auch eine andere Allee von Tama⸗ rinden, die jetzt aus ihren Kronen von grünen Spitzen den bät an zu ſch che ſin un— ſchi en.“ aus rden ſie ann und ein bſt⸗ ücke heit et nf⸗ ind pät in. ter en⸗ die che he, he. um al⸗ em d⸗ en Bohnen herabfallen laſſen, welche die kleinen Neger⸗ kinder begehrlich auffangen, um ihre angenehm ſäuer⸗ liche Frucht zu ſaugen, wie auch eine andere von Mangobäumen und einer Art von Acazienbäumen mit rothen Beeren, ans denen die Neger ſich Halsbänder machen. Vor dem Hauſe ſtehen mehrere von den Bäu⸗ men mit lindenartigen Laubkronen und dunkelfener⸗ rothen Blumen, wie ich ſie auf der Plaza de Armas in Havannah geſehen habe. Ihr botaniſcher Name iſt hybiscus tilliacea. Cuba iſt ein Vorhof des Paradieſes, würdig von dem Naturforſcher, dem Künſtler und dem Dichter ſtu⸗ dirt zu werden. Die Vegetation, Formen und Farben deuten auf einen Uebergang vom irdiſchen Leben zu einer freieren und höheren Schönheitsſphäre. Cafetal la Induſtria. Gott ſei Dank, daß der Frühling jetzt in Schwe⸗ den beginnt, und daß Du anfangen kannſt an Satz⸗ bäder, Sommer und Wohlbefinden zu denken, daß Du anfangen kannſt zu leben, und daß Alles um Dich her zu leben anfängt, Sonnenſtrahlen, Reſſeln, Neſſel⸗ ſchmetterlinge, die gelben Blümlein, und daß die Ler⸗ chen, die fröhlichen Lerchen anfangen zu trillern und zu ſingen:„Jetzt iſt es Frühling! Jetzt iſt es Frühling!“ Ach, dieſe ſprühende Freude, welche der Frühling bei uns mit ſich bringt, dieſe kennt man doch auf der ſchönen Cubainſel nicht. Aber ſie hat Schönheit genug, um das Menſchen⸗ 182 leben glücklich zu machen, wenn nur ihre Schönheit und herrliche Luft ungehindert wirken können. Ich befinde mich jetzt ſeit einigen Tagen auf einer neuen Plantage ſowohl von Zucker als von Caffee) bei einer americaniſchen Familie Namens Phinney, beſtehend aus einem älteren Herrn, ſeiner um Vieles jüngeren Frau, zwei jungen Söhnen und zwei Töch⸗ tern. Mr. Phinney iſt ein warmer Republicaner und muthig genug, um bei jeder Gelegenheit offen vor der ſpaniſchen Gewaltherrſchaft auf der Inſel ſeine repu⸗ blicaniſchen Sympathien auszuſprechen. Er würde dieß, ſagt er, vor dem offenen Schlunde eines Vierund⸗ zwanzigpfünders thun, und ich glaube es ihm, dem muthigen alten Herrn, und liebe ihn darum. Mrs. Phinney iſt in England geboren; mit beinahe fünfzig Jahren hat ihr Geſicht noch die ganze Anmuth und Lieblichkeit der Jugend, gepaart mit dem Ausdruck der größten mütterlichen Güte. Sie gleicht jenen Quellen füßen Waſſers, welche Gott da und dort in den Sand⸗ wüſten der Tropenländer aufſprudeln läßt, um die mü⸗ den Wanderer zu erfriſchen; Palmen wachſen um ſie her und der Grasboden grünt; die Wanderer ruhen da und trinken von der Quelle und wünſchen nur ver⸗ weilen zu können. Wenn ich eine dieſer Naturen von vollkommen urſprünglicher Güte ſehe, ſo frage ich un⸗ willkürlich, warum wir nicht mehrere von ihnen ſehen, da ſie doch einmal auf der Erde hervorgebracht und ihr gegeben werden. Jetzt erſcheinen ſie wie der Hauch des Windes auf dieſer Inſel; ſie offenbaren ſich auf der Erde blos, um uns an ein Paradies zu erinnern, das— nicht hier zu finden iſt. Von der Facade des Herrenhauſes iſt die herr⸗ lichſte Ausſicht über das Land und auf das in der Ferne blauende Meer. Ich genieße ſie und die Lüfte vom Meere her, indem ich an den unvergleichlich ſchö⸗ nen Morgen und Abenden auf der breiten Piazza um⸗ heit iner ffee) ney, eles und der epu⸗ ieß, und⸗ dem Rrs. iſzig und der ellen and⸗ mü⸗ n ſie uhen ver⸗ von un⸗ ehen, und auch auf nern, herr⸗ nder Lüfte ſchö⸗ um⸗ 183 herwandle. Neben der Piazza iſt mein angenehmes Stübchen, wo ich eine weite Ausſicht genieße, aber auch ſehr oft von kleinen Negerjungen geſtört werde, die an dem Eiſengitter vor meinem Fenſter hinaufklet⸗ tern, zu mir hereingucken und rufen:„buen dies, Sennora! Good morning, Missis!“ was ungeachtet ihrer gutmüthigen fröhlichen Geſichter, ihrer glänzenden Au⸗ gen und Zähne nicht immer angenehm iſt, wenn man gerne Ruhe haben möchte. Aber es iſt wirklich eine Luſt zu ſehen, wie furchtlos die Negerkinder auf dieſer Pflanzung ſind; die gute mütterliche Dame und ihre Töchter bewirken das, und die Kinder werden augen⸗ ſcheinlich wohl verpflegt, die etwas älteren auch gut gekleidet. Sie ſpringen frei umher und folgen uns zuweilen ſchaarenweiſe auf den Promenaden. Man ſieht die ältern Kinder die jüngern tragen, die rücklings auf ihren linken Hüften ſitzen, während die älteren ſie mit dem linken Arm emporhalten, der um den perlen⸗ geſchmückten Leib des jüngeren geſchlungen iſt. So ſehe ich ſie ſich herumtummeln und auch ganz frei her⸗ umſpringen; beſonders zeigen ſich die Mädchen ſehr flink, und ich muß oft ihre ſchönen und feinen Körper⸗ bildungen bewundern. Die Sklaven auf dieſer Pflanzung ſcheinen mir wohlgenährt und wohl zufrieden zu ſein. Sie wohnen auch nicht in einer eingeſchloſſenen gefängnißartigen Bohea, ſondern die Bohea liegt frei, und ich habe da Wohnzimmer geſehen, die ſich mit denen der america⸗ niſchen Sklavenwohnungen vollkommen vergleichen laſ⸗ ſen. Die gute Dame liebt ihre Leute und verpflegt mütterlich die Schwachen und Kranken. Ihren ſanften Lippen ſchreibe ich folgende Worte nach: „Es iſt eine große Sünde die Neger böſe zu nen⸗ nen. Es gibt unter ihnen Gute und Böſe, wie unter 184 allen Menſchenarten. Aber die Böſen ſind ſelten und viele ſind ſehr gut. „Diejenigen, welche die Peitſche nothwendig glau⸗ ben, um die Neger zu dem zu treiben, was man bil⸗ liger Weiſe von ihnen fordern darf, kennen ſie nicht und machen ſie oft böſe.— Ich kann Ihnen nicht ſagen, was ich gelitten habe— ja ich habe Wo⸗ chen lang krank gelegen aus Kummer über das viele Peitſchen und die vielen Grauſamkeiten, wo zuweilen ein freundlich ernſtes Wort genügt hätte. Die Neger ſind unendlich empfänglich für Wohlwollen, wenn es mit Verſtand angewendet wird. Sie können die beſten und ergebenſten Diener und Freunde werden.“ Ein deutſcher Oberaufſeher auf der ebenfalls Mr. Phinney angehörigen Plantage La Sonora, Herr D.⸗ ſagte von den Negerſklaven: „Sie ſind nicht ſchwer zu regieren, wenn man zu gleicher Zeit genau und freundlich mit ihnen iſt. Sie lieben Ordnung und Beſtimmtheit bei ihren Herren und ſie gehorchen ohne Schwierigkeit, wenn man ſie gleichmäßig und billig behandelt. Man darf nicht nach⸗ ſichtig ſein, aber man braucht nicht hart oder grauſam zu ſein.“ Dieß halte ich ebenfalls für wahr, und es wäre gut, wenn manche Herren es auch glauben und dann dieſem Glauben gemäß handeln wollten. Aber deſpo⸗ tiſche Laune und Hitze ſind oft die Herren der Herren, und die Sklaven müſſen darunter leiden. Mein merkwürdigſtes Abenteuer ſeit meinem letz⸗ ten Brief beſteht darin, daß ich das ſüdliche Kreuz und die Cucullos geſehen habe, die cubaniſchen Feuerfliegen, die jetzt zu kommen anfangen, aber keine Fliegen, ſondern Käfer mit Flügeldecken ſind, an Ge⸗ ſtalt und Ausſehen unſern Thurmteufeln ähnlich, nur etwas länger und ſchmäler. Sie fliegen auf dieſelbe Art, aber weniger ſchnell, ſie fliegen auch weit höher ind au⸗ bil⸗ icht icht Vo⸗ iele len ger ſten Nr. D., zu Sie ren ſie ach⸗ am äre ann po⸗ ren, letz⸗ euz hen eine Ge⸗ nur elbe her 185 und laſſen während des Flugs einen noch ſtärkeren ſummenden Ton vernehmen. Sie geben auf zwei Ar⸗ ten Licht von ſich: wenn ſie kriechen oder ſtill ſind, durch zwei kleine, runde, leuchtende Puncte unmittelbar hinter den Augen(und ich las geſtern Abend ganz un⸗ gehindert bei dieſem Licht, indem ich einen Cucullo wie eine kleine Lampe über die Zeilen hinführte), und wenn ſie fliegen, wobei ſie aus einer Oeffnung am Bauch ein ſtarkes, helles Licht von ſich geben, das nicht plötzlich glimmt und wieder erliſcht, wie bei den americaniſchen Feuerfliegen, ſondern beſtändig leuchtet, ſo lange ſie fliegen. Du kannſt Dir kaum vorſtellen, wie ſchön das iſt. Denke Dir, die Planeteu Venus und Jupiter mit mehreren Ihresgleichen kämen über die Dächer zwiſchen Bäumen und Gebüſchen hergeflogen und Du ſiehſt— Cucullos(lies: Cucullios). Sie haben das ſchönſte hellblaue Feuer, das man ſich nur denken kann. Sie kommen zu Anfang der Regenzeit, und nachdem wir jetzt zur großen Freude unſerer Caffee⸗ pflanzer ein paar Regenſchauer gehabt haben, zeigen ſich die Cucullos, ſobald die Dämmerung eintritt. Noch ſind ſie nicht zahlreich, aber nach dem Eintritt der Regenzeit, im Mai, Inni und Juli ſollen ſie in ſolcher Menge erſcheinen, daß zuweilen große Baum⸗ wipfel ganz von ihnen bedeckt ſind und von Millionen Lichter funkeln. Man weiß hier nicht, wie und woher ſie kommen. Es wird behauptet, daß ſie ſich während der trockenen Jahreszeit in morſchen Bäumen verſtecken. Jetzt ernähren ſie ſich von Zuckerrohr und ich habe eine ganze Geſellſchaft(10— 12) in einem Glas in meinem Zimmer, wo ſie an Stückchen von Zuckerrohr ſaugen. Sie ſcheinen ſich da ſehr wohl zu befinden und mehr an ihre Nahrung als an die Freiheit zu denken. Sie ſitzen ganz ſtill da, ſaugen am Rohr, und ihr Licht ſcheint dabei zu verrauchen; aber wenn man ihnen ein Bad friſchen Waſſers gibt, ſo werden ſie wieder 186 klar und ganz lebhaft. Mitunter erwache ich bei Nacht, höre ein Gebrauſe in meinem Zimmer und ſehe dann ein paar Cucullos umherfliegen, wobei ſie jeden Theil des Zimmers beleuchten, dem ſie ſich nähern. Heute habe ich ein paar in mein Album abgemalt; überhaupt iſt eine wahre Wuth über mich gekommen, Menſchen, Vögel, Bäume, Blumen, Häuſer, kurz Alles, was mir in die Augen ſticht, zu zeichnen und zu ma⸗ len, und hier ſticht mir ſo Vieles durch Schönheit oder Ungewöhnlichkeit in die Angen, daß ich mich in einem unaufhörlichen Zeichnungsfieber befinde. Viel wird nicht daraus, denn es fehlt ſowohl an der Zeit als am künſtleriſchen Talent, aber einige kleine Erinnerungen werde ich Dir wohl nach Hauſe mitzubringen haben. An den Abenden ſehe ich das ſüdliche Kreuz langſam in geneigter Stellung am Horizont aufſteigen. Um Mitternacht ſteht es gerade über der Erde. In der letzten Nacht war ich draußen, um es zu ſehen. Das prächtige Sternbild ſtand klar und ſchön da in der ſtillen ſchönen Nacht. Die Sterne ſind von der zweiten Ordnung und einer von ihnen von der dritten; aber das Verhältniß zwiſchen ihnen iſt ſo vollkommen, daß das Bild in hohem Grad frappant iſt. Dabei ſtand das leuchtende Krenz ſo einſam am ſüdlichen Himmel, mit ſeinem Fuß beinahe die Erde berührend und die Arme über ſie ausſtreckend. Das Bild machte hier einen feierlichen, aber melancholiſchen Eindruck auf mich. Ueber dem Kreuz bilden die Sterne des Centaur eine Glorie, und wie zwei Wächter auf je⸗ der Seite von ihm ſtehen die großen Sterne Cerci⸗ nus und Robur. Nach Mitternacht neigt ſich das Kreuz auf die rechte Seite und ſinkt ſo allmälig wieder unter den Erdkreis herab. Später im Jahr ſteigt es höher und verweilt länger am Firmament. Die Nacht war ſehr dunkel, aber das Dunkel war gleichſam durchſichtig; —r„—, —— 187 die Luft wurde nicht geſpürt. Das Paradies konnte keine ſchönere Nacht haben. Die Schönheit unſerer Mittſommernächte in dem nördlichen Schweden könnte damit wetteifern, iſt aber von anderer Art. Als ich mich von dem ſüdlichen Kreuz und den Palmen, zwiſchen denen es leuchtete, hinwegwandte, ſah ich am nördlichen Himmel über einem ſchönen Ceiba auf dem Hof den Nordſtern und den großen Bä⸗ ren; in ihnen begrüßte ich die Heimath. Den 3. April. Dieſen ſchönen Morgen habe ich in den Bananas⸗ hainen zugebracht, die ſich auf Caffeeplantagen immer vorfinden, und den Baum mit meiner Lieblingsfrucht, mit ſeiner ganzen um den Stamm her aufwachſenden kleinen Familie abgezeichnet. Ich fand auch hier blü⸗ hende Baumwollenpflanzen in ziemlich verwildertem Zuſtand. Der Buſch hat ſchwankende, unregelmäßige Stämme und lappigte, grobe Blätter von dunkelgrüner, unklarer Farbe. Die Blume iſt eine vielblätterige Malve von hellgelber Farbe und der feinſten, graziö⸗ ſeſten Bildung. Die Art, wie das Samenhaus ſich öffnet und die Baumwollenbüſchel herausläßt, worin die Samen wie in einem Bette liegen, iſt unendlich zierlich. Ich muß jetzt auch dieſe Geſchichte malen wie das ſüdliche Kreuz über den Palmen. Die Palmen! Ich werde es nie müde das Schwan⸗ ken ihrer Kronen im Winde und die weichen, majeſtä⸗ tiſchen Biegungen der Zweige zu betrachten. Sie ſind voll von Poeſie und ſymboliſcher Schönheit; ſie ge⸗ mahnen ſo ſtark an die Vereinigung des Edeln in Ge⸗ danken und Handlung mit dem Schönen im Ausdruck. Wohin ich mich wende, begegnen ſie meinen Blicken mit neuen Bildern der Schönheit. Die Krone des Palmbaums hat gewöhnlich 14 bis 16 Zweige. Jeden 188 oder jeden andern Monat fällt einer der unterſten Zweige des Baumes ab— ich habe oft ſolche ſechs bis ſieben Ellen lang auf den Wegen liegen geſehen, wo ich fuhr— und jeden Monat ſchießt ein neuer auf. Dieſer ſchießt immer mitten im Baume auf und be⸗ herrſcht wie ein gerader Scepter die Krone; er rollt ſich erſt in der Spitze auf, und die feinen Blätter ſpielen dann im Wind wie eine grüne Flamme oder Flagge über dem Baum. Man hat es hier zu Land ſehr im Brauch Palm⸗ zweige in Wäldern oder auf Feldern abzuſchneiden, um ſie als Dachbedeckung oder zu andern Dingen zu ver⸗ wenden, und man läßt zuweilen nur zwei oder drei an dem Baum, ſo daß man glauben könnte, er müſſe all ſeiner Schönheit beraubt ſein. Aber nein, die be⸗ raubte Palme erhebt ihre zwei übrig gebliebenen Zweige in anmuthsvoller Biegung gegen die Zweige anderer ſo mißhandelter Bäume, und du ſiehſt gothiſche Säulen⸗ hallen und Halbbogen von den ſchönſten Verhältniſſen auf den Feldern unter dem klaren Himmel oder in der Tiefe des Waldes. Um der Palme ihre Majeſtät und Schönheit zu rauben, mußte man ihr Leben vernichten. Die Königspalmen haben immer gerade ſäulenartige Stämme. Die Cocospalmen dagegen haben gebogene und geneigte Stämme, viel ſchmaler als die Königs⸗ palme. Ich ſehe ſie beinahe immer reich mit Früchten behangen. Dieſe ſitzen in Bäſcheln neben und unter den Zweigeu. Man liebt hier die Milch der Frucht und ſchreibt ihr eine blutreinigende Wirkung zu. Sie ſieht aus wie milchartige Molken, und man muß ſich an den Geſchmack gewöhnen, um ihn zu lieben. Die Früchte der Königspalme ſind Beeren und werden nicht von den Menſchen gegeſſen, ſondern als Schweinefutter gebraucht. Der Kohl der Palme, wie er genannt wird, oder das Innerſte des Stammes zunächſt der Krone, ſoll e er n⸗ en er nd ge 8⸗ en er ht ie ie ht er d, U 189 ein großer Leckerbiſſen ſein, aber man kann ihn nicht nehmen, ohne dem Baum das Leben zu nehmen. Auch hier auf der Pflanzung ſind ſchöne Guada⸗ rajahs von Königsvalmen, in denen ich Morgens und Abends umherſpaziere. Mit meiner guten Wirthin habe ich an den Nach⸗ mittagen Ausflüge in der Volante gemacht und einige Nachbarn beſucht; geſtern eine ältere franzöſiſche Dame, die mich durch ihre ſtark ausgeſprochene Individualität intereſſirte; es war ein Vergnügen ſie erzählen zu hören und ihren Ausdrücken und Gebärden zu folgen. Ueber⸗ haupt will es mich bedünken, als ob die Europäer in ihrem ganzen Weſen mehr Accent und Articulation (ich weiß für dieſe Worte keinen dentlicheren Ausdruck) hätten, als die Amerikaner oder die ſeit längerer Zeit aus Europa nach America verpflanzten Familien. Die erſteren ſprechen lauter, betonen die Worte ſtärker, lachen lauter, geſticuliren mehr, ſcheinen kräftigere We⸗ ſen zu ſein, machen mehr Lärm. Die Letztern bewegen ſich und ſprechen mit unbedeutendem äußerem Accent; es iſt etwas Stilles und Lautloſes in ihrem Leben; die Energie iſt mehr eine innere; ſie iſt eine concen⸗ trirte Macht. Die großen Gebärden der Americaner kommen eigentlich nur in ihren allgemeinen Inſtitutio⸗ nen, in der Entwicklung des Staatslebens, im Handels⸗ betrieb, in der Größe ihrer allgemeinen Unternehmungen zu Tage. Die Individualität verſchwindet zwar nicht, aber ſie ſcheint mir oft auf eine höhere Art von Kund⸗ gebung hinzuzielen. Die Spanier bilden durch ihr Weſen und ihr ganzes Gebahren den größten denkbaren Contraſt gegen die Anglo⸗Americaner, und der Wohllaut und die Majeſtät der ſpaniſchen Sprache entzückt mich immer, außer jedoch wenn ich ſie von ungebildeten Weibern ſprechen oder ſchreien höre. Ich beſuchte eines Abends eine Farm, wo wir 10 bis 12 Weiber von der grobar⸗ 190 beitenden, obſchon nicht ärmſten Claſſe beiſammen fan⸗ den. Die meiſten waren mager und ſehr braun; ſie kreiſchten und verführten, obſchon in aller Freundlich⸗ keit und Munterkeit, einen Lärm, der beinahe betäu⸗ bend war;— man konnte ſich mitten in einer Heerde calecuttiſcher Hähne glauben. Dazu kamen große ener⸗ giſche Gebärden, abereckig und ohne Grazie. Im Munde gebildeter Frauen dagegen iſt die ſpaniſche Sprache die ſchönſte Muſik. Aber zurück zu meiner Abendfahrt. Wir beſchloßen ſie mit der Sonora, wo wir die Neger⸗ ſklaven, ein munteres und wohlgenährtes Völkchen, in Prozeſſion hinziehen ſahen, um ihr Abendbrod zu em⸗ pfangen; jeder erhielt ein großes Stück Stockfiſch. Auf der Heimfahrt über eine Wieſe, wo der Boden etwas ſumpfig war, ſahen wir Schwärme von leuchten⸗ den Cucullos. Es war der lieblichſte Elfentanz. Dieſe ſchönen Thierchen bilden jedoch jetzt ſowohl meine Plage als mein Vergnügen, denn ach ſie ſind dumm, und wenn ſie ihre Flügel zuſammenlegen, ſo ſind ſie die tölpiſchſten und unbeholfenſten aller Thiere. Auf ihrem Flug ſtoßen ſie an Alles, was ihnen in den Weg kommt, fallen dann auf die Erde hinab und kriechen da herum oder liegen ſo ungeſchickt wie unſere Käfer mit Flügeldecken auf dem Rücken. Die kleinen Negerkinder ſpringen ihnen, wenn ſie her⸗ umfliegen, mit dem Ruf„Cuccu! Cuccu!“ nach, fangen ſie leicht und quälen ſie dann auf mancherlei Art. Seit ich mit ein paar kleinen Kuchen(galietas) einige der armen dummen Thiere aus den Händen ihrer kleinen Peiniger losgekauft, ſchwärmen Negerkinder zu Duzen⸗ den Abends auf der Piazza neben dem großen Wohn⸗ zimmer herum, ſtrecken ihre Krausköpfe herein, re⸗ cken ihre Hände mit den leuchtenden Inſecten vor und rufen:„Cuccu! Cuccu!“ Einige muß man aus der Sklaverei loskaufen, aber alle, ein ganzes Magazin von galietas würde da nicht ausreichen. Macht man —— L. e——— 8 „———-— ickt er⸗ en ge en en⸗ hn⸗ re⸗ vor der zin lan 191 Miene die Kinder fortjagen zu wollen, ſo entfliehen ſie wie ein Haufen Sperlinge mit lautem Jubel, denn ſie ſind voll Schalkhaftigkeit, aber gleich ſind ſie alle wieder da und rufen„Cuccu! Cuccu!“ Thut man als bemerke man ſie nicht, ſo ſchleichen ſie(wenn nemlich keine Herrn da ſind) ins Zimmer herein und kommen bis ans Clavier vor, wo Miß Phinney cubaiſche Tänze ſpelt, oder ich ſchwediſche Polkas, und dann rei⸗ chen ſie lachend und verlockend ihre Cuccus dar. Nehme ich mit drohender Geberde mein Nastuch, ſo ſind ſie wie der Wind wieder fort, aber bloß auf einen Augen⸗ blick. Dieſe ſchönen, leuchtenden Cucullos ſind wirklich die gequälteſten aller Thiere. Die Neger ſetzen ſie in Flaſchen und gebrauchen ſie als Laternen und Lichter in ihren Zimmern. So können ſie eine Woche lang leben, bis ſie zuletzt verhungern. Mögen ſie ebenſo gefühllos ſein, wie ſie gedankenlos ſcheinen! Die jungen Leutchen im Hauſe und ich machen uns Abends oft das Vergnügen, die Cucullos, die wir aufgehoben oder befreit haben, wieder zum Fliegen zu bringen. Es hält zuweilen ſchwer, ſie zu perſuadi⸗ ren; aber wenn man ſie auf die Fingerſpitze ſetzt und in die Luft emporhält, ſo bringt man ſie oft dazu, daß ſie ihre Flügel ausbreiten und ſummend in die Höhe ſteigen, ihr unvergleichlich ſchönes Licht ent⸗ zündend. Morgen reiſe ich wieder nach Matanzas, von da nach Havannah, hierauf nach San Antonio de los pannog, einem Badort, wo die Natur großartig ſein ſoll, und dann nach einer weiter entfernten Pflanzung. Ein junger Plantagenbeſitzer dahier, ein franzöſiſcher Creole, Namens Sauval, wünſcht mich mit ſeiner Mutter, die in zweiter Ehe einen ſpaniſchen Marquis Carrera geheirathet hatte und jetzt eine Wittwe iſt, bekannt zu machen und hat von ihr auf eine Art ge⸗ 192 ſprochen, die mir große Luſt ertegt, ſie kennen zu lernen. Sie ſoll überdieß ihre Freude an Literatur und Kunſt haben und ebenſo an Leuten, die ihre Freude daran finden. Ich werde alſo länger auf Cuba bleiben, als ich gedacht hatte; aber ich komme nur ein einziges Mal in meinem Leben nach Cuba. Und Cuba iſt doch eine Heimath der Schönheit und ich wundere mich, daß es noch ſo wenig bekannt zu ſein ſcheint. Der Naturforſcher, der Architekt, der Maler und der Dichter müßten hieher fommen und neue Kenntniſſe, neue Eingebungen ſchöpfen. Luft und Licht, die Pflan⸗ zenwelt auf der Erde und die Grotten unter ihr, Alles iſt voll von Leben und Schönheit.— Nicht weit von dieſer Plantage befindet ſich auch eine merkwürdige Grotte, welche wir wo möglich morgen früh beſuchen werden.„ Wir haben jetzt als Geſellſchaft im Hauſe ein leb⸗ haftes junges Mädchen, eine franzöſiſche Creolin, Eudorie Bacot, die uns durch ihr heiteres Geplauder und ihr naturfriſches graziöſes Weſen ungemein viel Vergnügen macht. Junge Mädchen haben zuweilen auch hier wie in Schweden Mädchengedanken von einer Heimath, einer Art von Paradies für junge Mädchen⸗ wohin keine Männer Zutritt finden. Eudoxiens einer Bruder ſoll Gedanken von einem entſprechenden Para⸗ dies für junge Männer haben, wo alle Frauenzimmer ausgeſchloſſen ſein ſollen. Ich glaube faſt, daß die excluſiven jungen Leutchen eines ſchönen Tags ſich ſelbſt aus ihrem Parndies ausſchließen werden, indem ſie in das Paradies der Ehe eingehen. Ich möchte für den Nonnenberuf der ſchönen Eudoxia nicht gut ſtehen. Ich habe das Portrait des anmuthigen jungen Mädchens in mein Album gezeichnet. Eine kleine grüne Eidechſe ſaß dabei gewiß zwei Stunden lang auf einem Rebenzweig am Fenſter und guckte herein. Eine r re in re t. er ſe⸗ es on en b⸗ in, er iel len ner en, ner ra⸗ mer die ſich dem chte gut igen rüne auf Eine 193 andere, ihr Widerpart oder Gatte, ſaß etwas höher oben, gerade darüber, und ſchien ihre Bewegung zu beobachten. Dieſe Thierchen machen mir viel Spaß, ſie ſehen ſo klug und ſinnig aus. Wenn ſie artig gegen einander ſein wollen, öffnen ſie auf einer Seite eine Art Flügel von der ſchönſten rothen Farbe und fächeln damit wie mit einem Fächer. Heute früh fand ich zu meiner Verwunderung alle meine Cucullos fort aus dem Glaſe, das immer auf meinem Toilettentiſche ſteht. Ich konnte nicht be⸗ greifen, wie es zugegangen war, da ich wußte, daß ſie nicht Energie genug beſaßen, um das Zuckerrohr zu verlaſſen und zu fliegen. Später am Vormittag ſah ich eine große kohlſchwarze Spinne— ſo groß wie die Hand eines kleinen Kindes— mit einem Cucullo im Mund an der Wand in meinem Zimmer ſitzen. Dieſe häßlichen Thiere habe ich ſchon mehrere Male da geſehen. Sie ſehen garſtig aus, ſollen aber den Menſchen unſchäd⸗ lich ſein. Die Menge des Ungeziefers iſt doch eine große Unannehmlichkeit hier. Um Eßwaaren davor ſicher zu ſtellen, muß man ſie mit Waſſer umgeben. Ich habe hier immer einen großen Zuckerkuchen auf einem glä⸗ ſernen Topf in meiner Waſſerſchüſſel ſtehen. Man ſpricht allgemein von einem neuen Angriff auf Cuba, einem neuen Eroberungsverſuch, der von americaniſcher Seite her im Werke ſein ſoll. Man ſagt, die Expedition rüſte ſich in Yucatan, ſie beſtehe aus einer Menge vou Leuten, die den mexicaniſchen Krieg mitgemacht haben, und man erwartet ſie um Oſtern. Mehrere Familien auf den Plantagen halten ſich bereit von der Inſel zu entfliehen, wenn Unruhen ausbrechen. Die Creolen ſind mit der ſpaniſchen Regie⸗ rung bitter unzufrieden und haben alle Urſache dazu. Sie wünſchen allgemein Befreiung von dem ſpaniſchen Joch, ſind aber zu ſchwach, um ſelbſt einen Befreiungs⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 13 194 verſuch zu wagen. Und ſie fürchten die Neger, die ſich bei der erſten Gelegenheit gegen ſie wenden würden. Das ſpaniſche Militär rüſtet ſich ſcharf zur Verthei⸗ digung gegen die Americaner. Die americaniſche Regierung hat ſich öffentlich ge⸗ gen dieſe Raubzüge ausgeſprochen und ermahnt alle guten Bürger in den Vereinigten Staaten ſich ih⸗ nen zu widerſetzen. Aber die Spanier halten den⸗ noch die gmericaniſchen Sklavenſtaaten im Verdacht, daß ſie ihre Hand im Spiel haben und die Sache durchzuſetzen ſuchen, um durch Anhängung Cubas als Sklavenſtaat ein Gegengewicht gegen die Vermehrung der freien Staaten im Norden zu erhalten. Den Aus⸗ gang dieſer Sache erfahre ich wohl noch in den Ver⸗ einigten Staaten. Am 22. April ſage ich der ſchönen, aber ſchlan⸗ gengebiſſenen Cubainſel Lebewohl. Matanzas, den 6. April. Wieder in dem guten, behaglichen Hauſe von Mr. und Mrs. Baley, glücklich mit den ſchönen jungen Gatten, die Hauche der Luft trinkend. Kein Ort hat eine ſolche Luft wie Matanzas, ſo belebend und ſo lieblich: nirgends hört man ſo viel Muſik. Den gan⸗ zen Tag hindurch hört man eubaniſche Contretänze auf vier bis fünf Klavieren in der Nachbarſchaft ſpielen; Abends kommen ein paar junge Herren auf eine Piazza, ſchief gegenüber der unſrigen, ſingen ſpaniſche Lieder und accompagniren ſich auf der Guitarres ein geſchickter Harfenſpieler geht von Thüre zu Thüre, in die Saiten ſchlagend, während er die Harfe auf dem Rücken trägt, und vor den Thüren die Aragoneſa ſpielend, dieſen Tanz ſo voll von ſprühendem Leben, daß Alles in mir zuckt und tanzt, wenn ich ihn höre, oder die Cachuca, die ſo voll von Anmuth iſt; dazwiſchen hinein ſchallt die en. hei⸗ ge⸗ alle ih⸗ en⸗ cht, als ung lus⸗ ßer⸗ lan⸗ . Mr. igen hat d ſo Jan⸗ auf len; zza, eder ckter iten ägt, eſen mir uca, hallt 195 die Militärmufik von der Plaza de Armas her, wäh⸗ rend die ſchöne Welt von Matanzas im Mondſchein umherſpaziert, unter den Pappeln die Frauenzimmer alle mit bloßen Haaren und Blumen oder andern Zier⸗ rathen, mit dünnen Schleiern und weißen Kleidern;— und da ſpaziere auch ich mit meiner jungen Wirthin und den Herrn im Hauſe, oder mit meinem freundli⸗ chen jungen Landsmann Franke an den ſchönen Aben⸗ den;— du ſiehſt alſo, daß man Muſik genug hat in Matanzas; es iſt an den Abenden ein wahres Chari⸗ vari, aber es hat nichts Unangenehmes, denn die Muſik, die von allen Seiten herkommt, gleicht ſich ſehr an Takt und Geiſt. Es waltet ein fröhliches, ſpielen⸗ des, ſorgloſes Leben darin. Ich laſſe mich davon ein⸗ wiegen und bade mich in den Lufthauchen, die mich wie ſpielende, liebliche Zephire umtanzen, während ich außen auf der Piazza bis gegen Mitternacht das ſüd⸗ liche Kreuz flimmernd ſich emporſchwingen ſehe und immer höher und höher am Himmel ſtrahlend über einem Hain dunkelgrüner, buſchiger Sapotabäume. Ja, das iſt ein eigenthümliches, wunderſames Stillleben. Ich möchte wünſchen, daß alle Menſchen es koſten könnten. In Americas Prärien und oft in America wollte ich meine Arme ausſtrecken und fliegen, über die ganze Erde hinfliegen. Hier will ich blos ſtill ſein, in den Kronen der Palmen ſitzen, umſauſt von ihren Zweigen, oder wie hier daheim in einem Schaukelſtuhl, gewiegt von Muſik und paradieſiſchen Lüften; ſo könnte ich, ſcheint mirs, in Unendlichkeit daſitzen und würde Nichts vermiſſen. Heute Abend führte mich Mrs. Baley in ihrer Volante die Höhe von Combre hinauf. Zwei Pferde zogen die Volante raſch hinan, obſchon es eine Fahrt von wohl zwei Stunden iſt, bevor man auf die Höhe kommt. Der Weg führte zwiſchen hohen, armleuchter⸗ artigen Aloöpflanzen auf beiden Seiten hin. Und wenn man die Höhe des Bergrückens ereicht hat, dann zur Rechten das blaue große Meer mit Handelsſchiffen, Kriegsſchiffen, großen und kleinen, das ganze große Weltleben und das gränzenloſe Weltmeer zu ſehen, und zur Linken, zwiſchen Bergen eingeſchloſſen, das Yumorithal mit ſeinen grünen ſchönen Palmenhainen, einem ſtillen, friedlichen Paradieſe gleich— größere und ſchönere Contraſte laſſen ſich nicht denken. Schöne Wohnungen, Landhänſer reicher Bewohner von Matanzas, lagen hier von Bäumen und Blumen umgeben da. Wir ſahen die Sonne untergehen und den Mond in ruhiger Herrlichkeit aufſteigen. Ich konnte bloß ſagen: Guter Gott, wie ſchön ſind deine Werke! O ich möchte auf dieſe Höhe von Combre einen lebensmüden oder verbitterten Menſchen ſetzen, einen Menſchen, der in die finſterſten Abgründe des Lebens hinabgeſchaut; ich möchte ihn hier ſchauen, athmen und wieder Muth und Hoffnung ſchöpfen laſſen aus dieſen ſprechenden Symbolen des Reichthums und der Herr⸗ lichkeit des Allgütigen. Ich möchte ihn hieher ſetzen und zu ihm ſagen:„Sieh! Alles das iſt dein— wird dein eines Tags, wenn deine Wüſtenwanderung zu Ende iſt und du den Sieg gewonnen haſt.“ Wir fuhren im hellſten Mondſchein zurück und hat⸗ ten auf dem ganzen Weg offene Ausſicht auf den Meer⸗ buſen, der jetzt links von uns lag. Aber Mrs. Baley und ich waren in ein Geſpräch über ganz andere Ge⸗ genſtände als über Naturſchönheiten gekommen, deßhalb widmete ich ihnen bloß eine halbe Aufmerkſamkeit und empfinde jetzt einige Gewiſſensqual darüber. Den 10. April. Ach, wie angenehm es war einen Brief von Dir zu erhalten und zu ſehen, wie es zu Hanſe ſteht! Der nn en, oße nd as ere ner nen n loß en nen ens ind ſen rr⸗ zen ird nde a⸗ e⸗ ley He⸗ alb ind Dir Der 197 Brief war zwar etwas alt, denn er war im Januar geſchrieben, aber er mundete mir armen Weſtindien⸗ fahrerin ganz delicat friſch. Und Nichts freute mich darin mehr als die Mittheilung, daß Du ſchon am 1. Juli mit Quidings nach Marſtrand reiſeſt. Vor⸗ ſorgliche, verſtändige Leute, Schwager und Schwe⸗ ſter! Und Du kannſt hernach in Arſta das Bad fort⸗ etzen. ſet Im Juli komme ich wohl nicht nach Hauſe, viel⸗ leicht nicht einmal im Auguſt. Ich habe in den Ver⸗ einigten Staaten noch ſo Vieles zu ſehen und zu über⸗ legen. Aber wenn die kühlen Tage eintreten, dann, meine liebe Agathe, werde ich kommen und bei Dir und Mama bleiben. Und was ich von Licht und Wärme und Gutem in Großem und Kleinem auf meinen Wanderungen geſchöpft haben mag,— ich werde es nicht für mich allein behalten, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Viel habe ich auf Cuba genoſſen und genieße noch immer an Leib und Seele, und ich bin ordent⸗ lich fett und wieder jung geworden(NB. im BVer⸗ hältniß zu dem, was ich in den Vereinigten Staaten war, wo ich mager und alt wurde), ja ich würde noch mehr zugelegt haben, wenn ich etwas mehr Ruhe haben könnte. Aber mein bildender Sinn iſt ſo be⸗ lebt oder vielmehr ſo aufgereizt worden, daß er mir keine Ruhe läßt, ſondern mich beinahe in einem be⸗ ſtändigen Fieber hält. Unaufhörlich kommen neue Gegenſtände und Gebilde, ermahnen mich zur Nach⸗ bildung oder Compoſition, und treiben mich mehr zu unternehmen, als ich mit meiner Zeit und meinen Kräften leiſten kann. Dieß iſt beinahe lächerlich und mitunter ſogar jämmerlich, denn ich habe weder Raſt noch Ruhe. Aber die Arbeit macht mir doch mehr Freude als je, und ich zeichne meine Portraits beſſer als früher. Aber das Beſte, was ich mache, laſſe 198 ich in den Heimathen zurück, wo ich geweilt habe. Ja, die guten, ſchönen Heimathen! Sie find mir auf Cuba wie in den Vereinigten Staaten gut, offen, gaſtlich geweſen, ſie haben mir Ruhe und Freunde geſchenkt, ſie haben mich viel von dem innern Leben und den Zuſtänden der Geſellſchaft ſehen und erfahren laſſen, und ſie haben mich Menſchen ſehen laſſen, die in meinem Herzen mit der Erinnerung an Cubas lieb⸗ liche Winde und ſchöne Palmen verknüpft bleiben werden. Zu dieſen gehört Mrs. Phinney, eines der beſten Herzen auf Erden, eines der ſanften mütterli⸗ chen Weſen, die man innig lieben und verehren muß. Es wurde mir ſchwer ſie und ihre freundlichen Töch⸗ ter zu verlaſſen, die mich bis zum letzten Augenblick mit Güte und Geſchenken überhäuften. Mit den zwei jungen Gatten hier lebe ich wie mit jungen Geſchwiſtern und gedeihe nur allzugut bei ihnen in ihrer ſchönen Wohnung und in der lieblichen Luft von Matanzas. Ich habe mein geliebtes Yumo⸗ rithal wieder beſucht und zeichne ſo gut als möglich ſeine Oeffnung auf dem Azoteon des Hauſes, das eine ſchöne Ausſicht nach dieſer Seite gewährt. Ich habe mir auch vorgenommen ein cubaniſches Haus abzu⸗ zeichnen; ich wählte dazu ein kleines, ſehr hübſches Haus anf der Plaza de Armas, ſetzte mich früh am Morgen mit Feder und Buch auf eine Bank unter den Pappeln, und dachte ſo ganz unbemerkt Casa donna Fabiana Hernandez in mein Album einſchleichen zu laſſen. Am erſten Morgen ging Alles gut. Bloß ein Neger guckte aus der Hausthüre hervor und ſah mich mit argwöhniſchen Blicken an. Aber am nächſten Morgen guckten mehrere Köpfe aus dem Hauſe hervor, und ein Haufe von Jungen ſchaarte ſich um mich und guckte in mein Album hinein. Am dritten Mor⸗ gen war das Haus in augenſcheinlich innerer Unruhe, und erwachſene männliche Perſonen ſchaarten ſich um mich —,—.———————————„—,—— ————.— —„—— e— — c 8c. be. auf en, nde ben ren die eb⸗ ben der rli⸗ uß. ch⸗ lick wie bei hen mo⸗ lich ine abe zu⸗ hes den a zu ein nich ſten or, lich or⸗ he, ich 199 und redeten mich auf ſpaniſch an, zwar nicht unfreund⸗ lich, aber ſie ſtellten Fragen, die ich nicht anders be⸗ antworten konnte, als dadurch, daß ich ihnen meine Zeichnung zeigte und ſagte:„hermosa casa en Ma- tanzas(ſchönes Haus in Matanzas).“ Sie lächelten, wollten aber meine Arbeit ſehen, und ich bekam keine Ruhe mehr. Ich verließ alſo den Platz, nachdem ich genug von dem Hauſe aufgenommen hatte, um das Gemälde auf eigene Fauſt ausführen zu können. Ein ſchönes cubaniſches Haus mit ſeinen Frescogemälden, ſchönen Eiſengittern, Pfeilern und Zierrathen, iſt ein wahres Kleinod von Niedlichkeit und Rettigkeit. Die Hausthüre iſt verhältnißmäßig zu groß. Da ſteht immer die ſchmucke Volante, welche als die Füße der Familie im Hauſe betrachtet werden kann, denn dieſe bewegen ſich ſelten aus dem Hauſe, ohne von ihr ge⸗ führt zu werden. Das Thor iſt auch immer verſchloſ⸗ ſen, außer wenn es ſich für die Volante öffnet, und ein Thürchen im Thor hat die Beſtimmung die Fuß⸗ gänger aus⸗ und einzulaſſen An den Nachmittagen fahre ich mit Mrs Ba⸗ ley aus, theils um Einkäufe in den Läden zu ma⸗ chen, theils auf die ſchönen Promenaden Paseo de Tacon oder La Plaia. Letztere, die am Meeresſtrand liegt, wo wir den friſchen, lieblichen Seewind trinken, während die Wogen brauſend an das Ufer ſchlagen, gewährt mir einen unbeſchreiblichen Genuß. Wir kom⸗ men manchmal erſt ſpät nach Hauſe, und dann iſt es hübſch die Lichter von Matanzas in den Schatten der Berge am Waſſer entlang in der dunkeln, aber klaren Luft flimmern zu ſehen. Unſer Handel in den Läden geht folgendermaßen zu: die Volante bleibt vor einer Bude ſtehen, und dann eilen ſogleich ein paar junge Commis an den Wa⸗ gen vor und fragen nach unſerem Befehl. Wir ſagen was wir wünſchen, und dieß wird eiligſt herge⸗ 200 bracht; wir bekommen zur Auswahl ſo viel wir nur ver⸗ langen und machen unſere Einkäufe, ohne die Volante verlaſſen zu haben. Aber wir mögen Etwas kaufen oder Nichts, das Benehmen der jungen Kaufherrn bleibt immer gleich artig, gleich zuvorkommend und einnehmend. Ja man glaubt eher junge Pagen aus der Ritterzeit, als ſimple Ladendiener zu ſehen, ſo artig und gefällig erweist ſich der junge Creole gegen die kaufinſtigen Sennoras oder Sennoritas, wie er ſie in einſchmei⸗ chelndem, melodiſchem Tone nennt. Viele dieſer jun⸗ gen Handelsleute gehören auch den guten Familien auf der Inſel an; denn die Creolen haben wenig Ausſicht auf ein anderes Auskommen als durch Handel oder Ackerbau. Die Civil⸗ und Militärämter werden den Spaniern übertragen. Bei ſolchen Ausfahrten grüßt meine junge Wirthin die Vorbeifahrenden oder die Leute in den Häuſern durch einen graziöſen Wink mit der Hand und den Zu⸗ ruf„adios.“ So iſt es hier der Brauch und die Be⸗ grüßung mit einer anmuthsvollen freundlichen Hand⸗ bewegung, die verſchiedene Grade von Ausdruck und Innigkeit hat, iſt allgemein ſowohl bei den Damen als bei den Herrn, wogegen die in unſern Ländern übliche Begrüßungsweiſe der Herrn durch Hutabnehmen höchſt läſtig und unnöthig erſcheint. Der artige Spanier fügt ſeinem Gruß gegen eine Dame noch ein: Ich küſſe Ihre Hände,“ oder„Zu Ihren Füßen, Sennora!“ hinzu, was zwar Nichts bedeuten will, aber doch ſchön klingt und auch in ſeinem Ausdruck anmuthsvoll aus⸗ ſieht. Die Spanier ſind ganz gewiß die artigſten aller Männer, aber es wird behauptet, daß ſie ebenſo flüchtig eien. Geſtern Nachmittag ſah ich das ſpaniſche Militär exerzieren. Die Soldaten manövrirten vortrefflich, wa⸗ ren aber ſehr kleine Leute. Ihre Haltung und Disci⸗ plin auf der Inſel wird als ſehr gut gerühmt. er⸗ nte üſſe a!“ hön us⸗ ller ſig itär wa⸗ sci⸗ 201 Kommt der Abend, ſo kommt die Muſik theils in, theils außer dem Hauſe und das Wehen des Seewindes auf der Piazza. Mrs. Baley ſpielt die lebhaften ſpaniſchen und cubaniſchen Tänze ausgezeichnet gut; jetzt ſpielt ſie auch ſchwediſche Polkas, die ſie von mir gelernt hat, und ich ſpiele ihre Tänze. Zuweilen kommen auch ei⸗ nige Beſuche, theils Europäer, die auf der Inſel an⸗ ſäßig ſind, theils Spanierinnen, die immer mit ihren Fächern manövriren und viel Lärm machen, denn die Pracht und Schwere der Fächer iſt ein Schmuck der Spanierin. Ich habe welche geſehen, die 25 bis 100 Dollars koſten. Die theuren ſind aus Elfenbein, mit Gold eingefaßt, und haben viele Zierrathen, wozu ovale Spiegelchen auf den äußern Seiten gehören. Das Manöver mit dem Fächer iſt eine vollkommene kleine Wiſſenſchaft, in welche die Spanierin oder die ſpaniſche Creolin eine ganze Zeichenſprache legt, worin ſie ſich, wann und wie ſie will, mit ihrem Herzens⸗ freunde unterhält. In den Empfangszimmern auf Cuba ſtehen zwei Reihen von Schaukelſtühlen, theils von ſpaniſcher, theils von americaniſcher Facon— die ſpaniſchen weit grandioſer, aber auch ſchwerer— vor dem Fenſter und im Innern des Zimmers. Hier ſitzt man und ſpricht, ſich ſchaukelnd und fächelnd, während der Wind von den Fenſtern hereinſpielt. Man trinkt Thee und ißt Confituren. Die ſpaniſchen Creolinnen haben ſchöne, ſanfte, braune Augen; ſie ſollen einen ſehr guten natür⸗ lichen Verſtand, auch Witz beſitzen, aber ſehr unwiſſend ſein. Innerhalb der Häuſer beſchäftigen ſie ſich haupt⸗ ſächlich mit Nähen, Toilettemachen, mit dem Empfang und Abſtattung von Beſuchen. Noch einen Ausflug will ich mit meinen freundli⸗ chen Wirthsleuten machen, nemlich den Canima hinauf, einen von Cubas ſchönſten Flüſſen, der nicht weit von hier iſt; dann aber ſage ich Matanzas Lebewohl. 202 Den 13. April, Abends. Geſtern Morgen vor Sonnenaufgaug begaben wir uns auf den Weg, Mrs. Baley⸗ ihr Bruder Philipp und ich, und juſt als die Sonne in Pracht aus dem Meer emporſtieg, ſtießen wir vom Ufer bei Matanzas ab. Ein älterer, verwitterter Seemann, ein ſpaniſcher Greole, und ſeine zwei jungen Söhne waren unſere Ruderer. Das Meer war ganz ruhig, oder bewegte ſich bloß in langen, glatten, ſchaumloſen Wogen. Es mußte ſo ſein, wenn wir ohne Gefahr in den Canimafluß kom⸗ men wollten, denn bei rauherem Wetter brechen ſich die Wogen heftig am Grund bei ſeiner Mündung ins Meer. Cuba hat eine Menge Flüſſe, die aus den Ber⸗ gen kommen, aber keine große und auf längere Stre⸗ cken ſchiffbare. Nachdem wir etwa eine halbe Stunde auf dem Meer gerudert, kamen wir in den Canima, ein Flüß⸗ lein, das ſich zwiſchen hohen, ſteilen, mit tropiſchen Pflanzen bewachſenen Bergwänden hinſchlängelt. Auf den Höhen winkten die Fächerpalmen in maleriſchen Gruppen, und an den abſchüſſigen Wändeu entlang hingen an unzähligen Arten von Bäumen und Gebü⸗ ſchen zierliche Luftgewächſe mit rothen, gelben, weißen oder purpurfarbenen Blumen, und grüne Colibri ſchwirrten um ſie her. Zunächſt dem Fluß kamen Bambus⸗Bäume und Gebüſche, die ſich in Bewegun⸗ gen von ſo unvergleichlicher Anmuth gegen den Fluß herabneigten, daß es mich entzückte und beinahe wehmü⸗ thig ſtimmte. Die Schatten der Berge lagen über dem Fluß, der ganz ruhig wie ein ſchönes Myſterium in ſeiner tropiſchen Welt vor uns lag. So fuhren wir ihn ſtundenlang hinan, und jede neue Wendung brachte neue Schönheiten zu Tag, aber immer von derſelben Art, Palmen, Aloön, Bambus, Luftpflanzen, Colibri. — —„— e———— vir pp em zas her ere ſich eſo m⸗ ic ins er⸗ tre⸗ dem lüß⸗ chen Auf chen lang ebü⸗ ißen libri men gun⸗ Fluß mü⸗ dem m in wir achte elben libri. —— 203 Ein ſchöner, weißer Vogel mit langem Hals und einer Figur, wie ein kleiner Schwan, flog uns beſtändig ein Stück weit voran und ſetzte ſich am Ufer, um auszuru⸗ hen, flog aber, wenn wir näher kamen, wieder auf, um uns von Neuem den Weg zu zeigen. Man nannte ihn gazza. Aber die Sonne ſtieg höher; in dem tiefen Paß war kein Windhauch. Es murde erdrückend warm. Die Jungen, die uns ruderten, ſogen aus den Röhren von thönernen Kannen Waſſer ein, ſo daß ſie das Waſſer in ſich aufnahmen, ohne zu ſchlucken, während ſie den Kopf rückwärts gelehnt und den Mund offen hielten für den Waſſerſtrahl, der auf dieſe Art mehrere Secunden lang hinabrann; hierauf riefen oder ſtöhnten ſie Ave Maria, lachten und ruderten von Neuem. Wir ſtiegen an einer kleinen Biegung des Fluſſes aus Land und frühſtückten unter einigen ſchönen Bam⸗ busbäumen, während Colibri über rothen Blumen um uns herflatterten. Ich ging ein Stück weit am ufer entlang; der Fluß war hier ſehr ſchmal. Einige verfallene hölzerne Häuſer lagen am anderen ufer. Die allerhübſcheſten Gruppen von Palmen und Bananasbäumen ſtanden hier an den Krümmungen des Fluſſes. Alles ſah üppig und paradieſiſch wild aus. Krabben und diejenige Art von Krebſen, die man in America fddlers(Geiger) nennt, wegen ihrer einzigen großen Klaue, wimmelten am ufer, wie ſie es während unſerer ganzen Fahrt gethan hatten. Trotz aller Schönheit der Vegetation fühlte ich hier daß man, um in dieſer eingeſchloſſenen Welt glück⸗ lich zu leben, entweder ein Krebs oder ein Colibri ſein müßte. Ich würde hier aus Mangel an friſcher Luft vergehen. Auf dem Rückweg wurden wir von einem Gewitterregen der wildeſten Art überraſcht, und trotz unſeres gewölbten Wachstuchdaches über dem Boot wurden wir tüchtig durchnäßt, was mich um Mrs. Ba⸗ leys willen, die an dieſem Tag unwohl war und nicht 204 kräftig iſt, beunruhigte. Wir waren froh, als wir nach einer Fahrt von zehn Stunden nach Hauſe kamen. Unſere Ruderer hatten fortwährend Waſſer in ſich ein⸗ gegoſſen, Ave Maria geſeufzt und ſich die ganze Zeit über bei guten Kräften und gutem Humor erhalten. Ich mußte ihre Ausdauer bewundern. Wir waren ſehr müde, aber wir hatten auch den Canima geſehen, und ich habe den Eindruck von ſeiner tropiſchen Scenerie neben meinem Eindruck von den Fahrten auf dem Hudſon, dem Savannah, dem Miſſi⸗ ſippi, dem Ohio und andern Flüſſen des Weſtlands. Und jetzt iſt es Abend, mein letzter Abend in Ma⸗ tanzuas. Morgen werde ich nach Havannah reiſen. Ich habe den Abend allein mit den ſchönen jungen Gatten zugebracht, habe zum letzten Mal Mrs. Baley die hauta Arragonesa, zum letzten Mal Mr. Baley auf der Orgel adeste Rdeles ſpielen gehört. Ich bat ſie um dieſe Töne; ich wollte dieſelben als die letzte Erinnerung an die Tage in ihrer Heimath mitnehmen, und morgen früh ſcheide ich von den liebenswürdigen freundlichen Men⸗ ſchen, von Matanzas und ſeinen ſchönen Gegenden. Es kommt mich hart an, aber ich kann nicht helfen. Nie mehr bekomme ich eine ſolche Luft, ſolche Windhauche zu ſpüren, nie mehr einen ſolchen Strom von fröhlicher Muſik zu hören, nie mehr Yumori, Canima und Com⸗ bre zu ſehen. en. den ner den ſſi⸗ ds. Na⸗ Ich tten uta rgel ne; die rüh ten⸗ uche cher om⸗ Sechsunddreißigſter Brief. Havannah, den 15 April 1851. Guten Morgen, mein Herzchen! bin wieder in Havan⸗ nah, gemüthlich eingewohnt in Mr. Woolcotts gutem Ho⸗ tel Havannahhaus, wo es jetzt etwas billiger zu leben iſt, weil der Strom der Reiſenden ſich zurückgezogen hat, und Zimmer genug da ſind. Ich habe mein früheres Stübchen mit dem Ausgang auf das Dach, und die ar⸗ tige, gutmüthige Mrs. Marie, die nach mir ſieht, und eine ſchönäugige, ſchwarze Roſetta, die mich bedient. Die guten Tolmes haben mir wieder ein Zimmer ange⸗ boten, aber das Haus iſt voll von Kindern und Gä⸗ ſten, ich will ihre Gaſtfreundſchaft nicht mißbrauchen, und überdieß befinde ich mich hier unendlich wohl in meiner Einſamkeit und Freiheit. Es iſt grüner Donnerſtag, ein großer Feſttag für die Katholiken, und ich habe heute Morgen ein paar Kirchen in der Stadt beſucht. Es war große Parade darin. Ballmäßig gekleidete Damen, auf hübſchen Teppichen knieend, in Seidenkleidern und Seidenſchuhen, mit Juwelen, goldenem Geſchmeide und Blumen, mit bloßen Hälſen und Armen. Ueberall dieſe feinen, ſchwar⸗ zen Mantillen und rings umher glitzernde Fächer in ewiger Bewegung. Auch ganz junge Mädchen ſind ſo ausgeſtattet. Außerhalb ſtehen zuſchauende und lorgnet⸗ tirende Herrn. Der Anblick dieſer geſchmückten, bloß halb verſchleierten Weiber von allen Farben— es waren auch ſehr hübſche Mulattinnen, prächtige Geſtalten unter ihnen— die ſchaarenweiſe im mittleren Gang der Kirche bis zum Altar hin auf den Knieen liegen, iſt wahrhaft anziehend, zumal da die Augen und Züßen 206 bei den Spanierinnen gewöhnlich ausgezeichnet ſchön ſind. Aber der Mangel an Ernſt in Allem, außer in der Gefallſucht und eitlem Tand, iſt anſtößig, zumal an einem Tag wie dieſer Nachtmahlstag, dieſer Tag ſtiller, prunkloſer, feierlicher Einweihung zu dem höchſten und heiligſten Leben der Menſchheit. Ich erinnerte mich eines grünen Donnerstags in der St. Jakobskirche in Stockholm; es war da ein ſogenanntes Privatnachtmahl. Die Familien kamen, Väter, Mütter und Kinder, um zuſammen aus dem Kelch zu trinken. Ich erinnere mich noch der Schweigſamkeit, der ſtillen, tiefen Andacht in der vollgedrängten. Kirche. Auf Cuba iſt unter den Fremden verſchiedener Nationen, die hier anſäßig ſind, nur eine einzige Stimme über den gänzlichen Mangel an Religionsleben auf der Inſel. Die Prieſter leben in offenbarem Wi⸗ derſpruch mit ihren Gelübden, genießen keine Achtung und verdienen größtentheils auch keine. Das ſittliche Leben ſteht nicht höher als das Religionsleben. „Es gibt Liebe und Leidenſchaft genug auf Cuba,“ ſagte ein denkender junger Mann, der hier anſäßig iſt, u mir,„aber öfter auf dem Wege des Laſters, als auf dem Pfade der Tugende⸗ Der Gott des Geldes wird blind verehrt. Aeußerſt ſelten kommt eine Ehe zu Stande, wobei er nicht vor allen Dingen um Rath gefragt würde. Die Frauenzimmer, die ſich nicht ver⸗ heirathen, bleiben ſelten tadellos in ihrem Wandel. Eine meiner älteren Freundinuen in Havannah kannte da bloß eine einzige tugendhafte unverheirathete ältere Dame. Unter den Männern dürfte man nicht Einen finden. Der Menſch kommt zu der ſchönen Inſel wie ein Schmarotzer, der bloß das Leben ihrer Natur ausſau⸗ en und auf ihre Koſten praſſen will; die Natur rächt ſe ſchlingt ſich mit hundert Armen um den Menſchen, zie er en i⸗ ug che 7 ſt, als es he ath er⸗ del. nte tere nen ein ſau⸗ ächt hen, 207 zieht ihn hinab, erſtickt ſein höheres Leben und ver⸗ wandelt ihn in eine Leiche in ihrem Schooß. Abends. Ich habe wieder drei bis vier Kirchen in der Stadt beſucht Sie ſind heute Abend ſchön beleuchtet im Chor und um die Altargemälde her. Sie waren jetzt weniger voll als bei der Frühmeſſe und von min⸗ der elegantem Volke beſucht. Mehrere die auf den Knieen lagen, ſchienen andächtig zu beten. In der Domkirche ſaßen auf jeder Seite derſelben zwei ſtatt⸗ liche ſpaniſche Damen, ganz mit Inwelen bedeckt, mit einem Tiſch vor ſich, auf welchem Einſammlungen für die Armen gemacht wurden. Eine einzige ihrer koſt⸗ baren Schmuckſachen hätte alle Gaben, welche das ge⸗ ringe Volk in den Opferkaſten ſpendete, reichlich auf⸗ gewogen. Ungehindert ging ich aus und ein, miſchte mich unter die Volkshaufen in den Kirchen und auf den Straßen; Alles ging friedlich und ſtill von Stat⸗ ten. Es ſah aus, als ginge das Volk hin, um ſich zu beluſtigen Von dieſer Stunde an und bis zum Oſter⸗ morgen herrſcht tiefe Stille in Havannah. Keine Volante darf ſich auf den Straßen zeigen. Aber mor⸗ gen prangen ſie bei einer großen Prozeſſion. Oſtertag. Ich beſchaute die Prozeſſion vorgeſtern Nachmittags von der Piazza aus bei einigen americaniſchen Bekann⸗ ten, die auf der Plaza de Armas wohnen. Ballmäßig gekleidete Damen, weiße, braungelbe und ſchwarze, mit ihren Cavalieren, erfüllten den Platz, wo ſie ſchon früh am Nachmittag ſchwatzend und lachend luſt⸗ wandelten. Beſonders zeichneten ſich die Mulattinnen durch ihren Putz, ihre glänzenden Blumen und ihr —— 208 Geſchmeide in den Haaren und am Halſe aus, und paradirten darin in ſtolzer Pfauenweiſe. Man ſah, daß das Volk irgend ein großes Spectakel erwartete. Es kam auch in der Dämmerung bei Licht und Fackelſchein. Das todte Chriſtusbild wurde herumgetragen, auf dem Paradebett liegend, unter einer ungeheuern Licht⸗ krone, welche das bleiche, edelgeformte Wachsgeſicht beleuchtete. Hinter ihm wurde die weinende Maria in goldgeſticktem Sammtmantel und mit goldener Krone auf dem Kopf umhergetragen; auch die andere Maria und Maria Magdalena hatten prunkende Toi⸗ letten. Die Prozeſſion war groß und nicht ohne Pomp und Würde. Unter den Theilnehmern bemerkte ich eine Menge Neger mit großen weißen Binden, ſchief über Bruſt und Schulter. Man ſagte mir, ſie gehören einer Art von Freimaurerorden an, der ſich durch Ausübung von Werken der Barmherzigkeit, Krankenpflege in den Spitälern u. ſ. w. an die Kirche anſchließe. Tauſende von Menſchen drängten ſich fröhlich auf Markt und Straßen, die Schwarzen beſonders in alle Farben des Regenbogens gekleidet. Es war ein ſchö⸗ ner Auftritt, aber man kann ſich nichts Unpaſſenderes für die Gelegenheit denken. Kein Anflug von Ernſt ſchien dieſe Volksmenge zu erregen. Man ſah es an dieſer Prozeſſion deutlich: Die Religion iſt todt auf Cuba. Inzwiſchen war geſtern Feſttag und tiefe Stille in dem muntern Havannah. Heute früh wurde in großer Prozeſſion das Bild des auferſtandenen Chriſtus von der Domkirche nach der St. Catalinakirche ge⸗ bracht. Von St. Catalina hinwiederum zog eine andere Prozeſſion, welche Maria Magdalena trug. die weinend Chriſtum ſuchte. Als die Prozeſſionen ſich begegneten und Maria Magdalena alſo Chriſtum zu ſehen bekam, wurde ein Schuß abgefenert, und ſogleich — 209 begannen alle Glocken zu läuten, die Flaggen in dem Hafen und auf dem Kirchthurm zu flaggen, Trompeten⸗ zu erſchallen. Das Faſten war aufgehoben, die Vo⸗ lanten rauſchten durch die Straßen, die Neger rannten ebenfalls ſchreiend und lachend herum, es war ein allgemeiner gedankenloſer Jubel. Inzwiſchen ging ich aus und nahm meinen Weg nach meiner lieben Cortina de Valdez. Es war der allerſchönſte Morgen. Das hellblaue Meer, vom Winde aufgeregt, warf ſeinen Silberſchaum in hohen Bran⸗ dungen um den Fuß der Morroklippe und die Flaggen im Hafen flatterten luſtig in den Morgenwinden. Die Luft war voll von neugebornem Leben. Weiße Tau⸗ ben ließen ſich auf das weiße Marmorbaſſin nieder und tranken von ſeinem friſchen Springbrunnen; grüne Eidechschen ſprangen auf den Mauern umher. Ich ſah ſie, alle Weſen, die ganze Welt mit Liebe und Freude an. Und während ich dahin ging, regten ſich in mir folgende Worte: Sie geht allein, ſie iſt in fremdem Land, weit getrennt von Verwandten und Freunden; ſie geht allein, allein unter fremdem Volke; ſie kennen ſie nicht, ſie kennt ſie nicht; ſie ſehen ſie an mit kalten, gleichgültigen Blicken. Aber ihr Herz iſt voll von Freude, von überwallender Seligkeit, und das Auge iſt hell von ſtrahlenden Freudethränen. Sie hat einen Freund, und er war todt, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. U. 14 210 und er iſt erſtanden, und es iſt ſein Auferſtehungstag, des Oſtertags Morgen! Und der lebensvolle Wind, und die ſteigende Sonne, und die ſchallende Glocke, und die fliegende Fahne, und die ſich öffnende Blume, und Trompeten und Trommeln, und das große Meer, und die zwitſchernde Eidechs, und die Taube, die trinkt an der Quelle Rand, ſie ſprechen von ihm, ſie tragen ſeinen Namen, des Geliebten Namen, und er trägt alle Welt. Den 20. April. Dein Geburtstag! Heil und Segen dieſem Tag, der mir Dich, meine holde Freundin, ſchenkte. Keine Blumen kann ich Dir heute reichen; aber ich werde mich in Gedanken bei Dir niederſetzen und Dir die Geſchichte des Tages erzählen, die für mich bunt war, aber heiter und auch Dich erheitern wird. Zwei americaniſche Herrn— von dieſem ritterli⸗ chen Geſchlecht, von dem ich hoffe, daß der liebe Gott es mit der Männer beſtem Lohn, einer guten und ſchö⸗ nen Gattin, ſegnen werde— hatten ſich, als ich auf der Eiſenbahn von Matanzas nach Havannah kam, unaufgefordert meiner angenommen und mich nebſt nd, eſem nkte. ich Dir bunt terli⸗ Gott ſchö⸗ auf kam, nebſt 211 meinen Sachen wohlbehalten nach Havannahhaus ge⸗ bracht. Der eine von ihnen, der ſich lange Zeit auf Cuba, in Texas und Mexico aufgehalten und da⸗ bei einen Anſtrich von der Anmuth der Spanier in Sprache und Weſen bekommen hat, iſt mir ſeitdem ein angenehmer und intereſſanter Geſellſchafter gewe⸗ ſen, dem ich eine lebendige Schilderung der Natur, der Bevölkerung und Sitten dieſer ſüdlichen Länder zu verdanken habe. Der andere, ein Kaufmann aus New⸗York, Mr. Faile, ernſt und einfach in ſeinem Weſen, gehört zu denjenigen Männern, bei denen ich mich wohl befinde, und zu denen ich in einer Art von geſchwiſterlichem Verhältniß zu ſtehen meine. Mit ächt americaniſcher Einfachheit und ſo freund⸗ lich und ruhig, als wäre er mein Bruder, hat mich dieſer Herr auf mehreren kleinen Ausflügen begleitet und für mich geſorgt. So fuhren wir dieſer Tage zu⸗ ſammen im Hafen herum und hinüber zu der von wilden armleuchterartigen Alvöpflanzen bedeckten Höhe Caſa bianca, und ſahen von da einen herrli⸗ chen Sonnenuntergang, fuhren ſodann im Boot in dem düſtern klaren Schatten des Berges auf dem Waſ⸗ ſer umher und ſahen es in ſilbernen und goldenen Tropfen von den Rudern fallen. Es war eine ſchöne Fahrt, und der einzige Schatten daran war die Ge⸗ ſellſchaft eines deutſchen Herrn, der bedeutend an jener Breimäuligkeit litt, die man noch zuweilen bei europäiſchen, aber ſelten oder nie bei americaniſchen Herrn findet. Sein aufgeblaſenes Weſen bildete hier einen ſtarken Contraſt gegen den einfachen und in ſei⸗ ner Einfachheit weit überlegenen Americaner. Was ich Dir eigentlich erzählen wollte, war, daß ich mit den beiden ritterlichen Americanern ausmachte die cabildos de negroös oder die Verſammlungsſäle der freien Neger in der Stadt zu beſuchen. Allein hinzu⸗ gehen, daran durfte ich nicht denken, da ich nicht ſpa⸗ 212 niſch konnte. Die beiden Herrn boten ſich mir als Begleiter an, und Mr. C., der ſpaniſch ſpricht wie ein Spanier, ſollte uns Eintritt zu verſchaffen ſuchen, ob⸗ ſchon die freien Neger im Allgemeinen weißen Perſo⸗ nen keinen Zutritt in ihre Geſellſchaften geſtatten und hier keineswegs ſo duldſam und geduckt ſind, wie in den Vereinigten Staaten. Da dieſe Zuſammenkünfte eigentlich an den Sonn⸗ tag⸗Nachmittagen und Abenden ſtattfinden, ſo begaben wir uns heute Nachmittag nach der Straße, wo die Cabildos der Neger liegen. Sie nehmen eine ganze Straße an einem der Zollthore der Stadt ein. Die Straße war auf der einen Seite von einer Feſtungsmauer eingefaßt, auf der andern von einer Mauer, worin die Säle der Neger lagen. Die ganze Straße wimmelte von Negern, die theils mit Bändern und Glöckchen aufgeputzt waren, theils auf und ab tanzten und hüpften Es war eine wilde, aber nicht gewaltſame Regelloſigkeit, und durch ſie hindurch tönte von mehre⸗ ren Seiten der rythmiſche Tact der africaniſchen Trom⸗ mel. An den Thüren zu den verſchiedenen Seiten in der Mauer ſtanden Gruppen von Weißen, offenbar größtentheils Seeleuten, die hineinzugucken ſuchten, weil ſie nicht eintreten durften; aber ein paar Reger ſtanden mit Stöcken in den Händen vor der Thüre, verſperrten mit gutmüthigem Ernſt den Weg und ge⸗ ſtatteten nicht, daß die Thüre anders als halb offen ſtand. Beim Cabildo der Luccomeer gelang es Mr. C. mit einiger Mühe den Kopf hineinzuſtecken und für die Sennora Erlaubniß zum Eintritt zu erbitten. Ei⸗ nige Negerköpfe guckten heraus, und als ſie meinen weißen Hut und Schleier ſahen, ſowie die Blumen, mit denen ich mich hier mehr als in Schweden ſchmücke, da machten ſie freundliche Geſichter und geſtatteten Eintritt für„die gute Sennora;“ auch meine Begleiter — —„——„—„—————,——„„———„——„—.—— ed— N8 N* v— S W 32 1, 2. e, e⸗ n ür i⸗ en n, ke, en ter 213 durften herein kommen, aber mehreren Andern, die uns folgen wollten, wurde der Weg ſogleich verſperrt. Man gab uns nicht weit von der Thüre Stühle zum Sitzen; wir wurden der Königin und dem Kö⸗ nig der Verſammlung vorgeſtellt, ſie machten freundli⸗ che Geſichter und verließen uns dann, ſo daß wir uns ruhig umſchauen konnten. Der Saal war ziemlich groß und konnte ungefähr hundert Perſonen enthalten. An der Wand uns ge⸗ genüber hatte man einen Thron mit Krone und Thron⸗ himmel darüber gemalt. Da waren die Sitze für den König und die Königin der Gilde. Der eigentliche Tanz wurde vor dieſem Platz abgehalten. Ein Weib tanzte allein unter einem von vier Perſonen getragenen Himmel. Man muß an ihrem Tanz, der nichts An⸗ deres war als der Tanz der Negerdamen, den ich be⸗ reits beſchrieben, großes Wohlgefallen gefunden haben, denn ſie wurde mit mehreren Tüchlein behangen und bekam auch einen Mannshut auf den Kopf geſetzt. Die Weiber tanzten hier mit einander und ebenſo die Männer, einige ſchlugen mit Stöcken an Thüren und Bänke, andere raſſelten mit Calebaſſen, die mit Stei⸗ nen gefüllt waren, und die Trommeln donnerten mit betäubender Macht. Man ſuchte offenbar ſo viel Lärm als möglich zu Stande zu bringen. Mitten unter die⸗ ſem kam eine Figur mit ſcharlachrothem Hut auf dem Kopf und mit einer Menge von glitzernden Perlbän⸗ dern, welche Hals, Arme und Leib bedeckten, nackt bis um die Mitte des Leibes, von wo ein ſcharlachrother Kinderrock herabhing. Dieſe Figur, vor der man ſich auf zwei Seiten aufſtellte, näherte ſich mir unter bie⸗ genden Bewegungen, bei denen man ſehen konnte, daß der ganze obere Theil des Körpers ſich in ſchlangen⸗ artigen Falten bewegte. In dieſer ſchlangenartigen Bewegung blieb er vor mir ſtehen, ohne daß ich wußte, ob er mich zum Tanz einlud, oder was er mit ſeinen freundlichen Mienen und Biegungen und den ausge⸗ 214 ſtreckten, großen, ſchwarzen Händen wollte. Endlich ſagten er und einige Andere die Worte:„Für die gute Sennora!“ und dann begriff ich⸗ daß die Biegungen und Krümmungen der burlesk ausſtaffirten Perſon ein Compliment für mich bedeuteten. Ich beantwortete es dadurch, daß ich dem Mann die Hand ſchüttelte und eine Silbermünze hineinlegte, und dann machten wir ſehr freundliche Geſichter gegen einander, worauf mein Tänzer einen ſchlangenartigen Rückzug antrat und auf eigene Fauſt zu tanzen anfing, offenbar unter großem Beifall der umſtehenden. Auf den Bänken ſaßen eine Menge Neger mit ernſten und ausgezeichnet hübſchen Geſichtern. Die Luccomeer haben im Allgemeinen eine ſchöne ovale Ge⸗ ſichtsbildung, gute Stirnen und Naſen, einen wohl⸗ gebildeten Mund und die ſchönſten Zähne. Sie ſehen weniger gutmüthig und heiter aus als andere Neger⸗ ſtämme, haben aber offenbar mehr Charakter und In⸗ telligenz. Die Nation wird ſeit ihrem großen Gewinn in der Lotterie als reich betrachtet und ſoll ihren Reichthum auf eine edle Art anwenden, indem ſie Skla⸗ ven ihres Stammes loskauft. Dieſe Cabildos werden, wie ich bereits geſagt habe, von Königinnen, einer oder zweien, regiert, welche eigent⸗ lich über die Vergnügungen verfügen und über den Ton ſowie die Ausdehnung der Geſellſchaftentſcheiden; ſie beſitzen das Recht einen König zu erwählen, der die öconomiſchen Angelegenheiten der Geſellſchaft beſorgt, und einen Schreiber und Ceremonienmeiſterunter ſich hat. Dieſer hier gab mir ein gedrucktes Kärtchen, kraft deſſen ich Zutritt erhielt zu dem„Cabildo de Ntra Sen- nora Santa Barbara de la nacion Lucumi Alagua“.*) *) Die Luccomeenation theilt ſich, gleich den andern af⸗ ricaniſchen Stämmen, Gangas, Congos u. ſ. w., in mehrere kleinere Nationen oder Gemeinden, welche verſchiedene Zunamen und Verſammlungsſäle haben. S— S* 8 5— it ie e⸗ ⸗ en r⸗ U⸗ nn 215⁵ Nachdem ich dieſes empfangen und wir eine kleine Abgabe in die Geſellſchaftscaſſe entrichtet hatten, ent⸗ fernten wir uns, um andere Cabildos zu beſuchen. und überall war man artig genug„der guten Sennora“ und ihren Begleitern freien Eintritt zu geſtatten. Ich weiß nicht, ob dieſe Artigkeit dem Regercharakter oder dem ſpaniſchen Einfluß auf denſelben zugeſchrieben wer⸗ den muß, und ich bin geneigt das Letztere zu glauben. In einem Cabildo der Gangas wurde ich von den beiden Königinnen empfangen, zwei jungen, ſehr hüb⸗ ſchen ſchwarzen Mädchen, die in vollkommen gutem franzöſiſchem Geſchmack gekleidet waren und ſich in ihren hellrothen Florkleidern, mit ihren ſchönen Bou⸗ quets von künſtlichen Roſen im Haar und an der Bruſt, ganz friſch ausnahmen; beide rauchten Cigarri⸗ tos. Sie nahmen mich freundlich bei der Hand, ſetzten mich zwiſchen ſich und fuhren fort mit ſpaniſchem Ernſt zu rauchen. Eine von ihnen hatte die allerſchönſten Augen, was Form und Glanz betraf. An der Wand uns gegenüber war ein großer gut gemalter Leopard, vermuthlich das Symbol dieſer Nation. Es waren auch einige katholiſche Bilder und Symbole im Saal. Hier ſah ich ganze Schaaren von Weibern ſich in einer Art von Tanz bewegen wie galvaniſirte Fröſche, nur langſamer, wobei ſie den Körper und alle Glieder bogen und ſchlangenartig krümmten, ohne daß ich Sinn und Zweck zu entdecken vermochte. Dieß ſchien der Ausdruck eines gewiſſen thieriſchen Wohlbefindens zu ſein; es ſah auch aus, als ſuchten ſie Etwas in der Dunkelheit. Und von dieſen armen Nachtvölkern kann man wohl ſagen, ſie ſuchen noch— ihr eigentliches Leben, ihr Leben über der Natur. Dieſem ſind ſie jedoch in den Staaten Nordamerikas näher gekommen. Ich dachte an die nächtliche Feldver⸗ ſammlung in Südcarolina bei den Flammen der Feueral⸗ täre und den melodiſchen Hymnen aus dem Lager der Neger. 216 In einem andern Cabildo der Gangas ſah ich wiederum dieſen regelloſen geſchlängelten Tanz in Krei⸗ ſen und Reihen, welche Männer und Weiber um ein⸗ ander bildeten. In einem Cabildo der Congos ſah ich wieder einen ähnlichen Congotanz, wie in der Bohea auf St. Amalia, ſowie einen Tanz, der eine Miſchung des ſpaniſch⸗creoliſchen Tanzes Yuca und des Congotan⸗ zes zu ſein ſchien. In dieſen letzteren Tänzen iſt be⸗ deutend mehr Leben als in den andern, weit mehr Kunſt und poetiſcher Charakter. Das in dieſem Zim⸗ mer an die Wand gemalte Symbol war eine große Sonne mit menſchlichem Geſicht. Auch hier waren überdies einige chriſtliche Symbole und Gemälde. Aber auch der getaufte und wirklich chriſtliche Africaner be⸗ hält hier Etwas von dem Aberglauben und den Götzen⸗ bildern ſeines Heimathlandes. Die Nationen der Con⸗ gos und Gangas ſchienen mir einen ausſchweifenderen Charakter und ein thieriſcheres Ausſehen zu haben als die Luccomees. Ein paar andere Cabildos, wohin wir auch gingen, boten nichts Neues von Intereſſe dar, und zuletzt war ich des Getöſes und Geraſſels, des Ge⸗ ſchreies, des Lärmens, des Stanbes und der chaotiſchen Regelloſigkeit, welche die Tänze und Bewegungen in die⸗ ſen Verſammlungen bezeichnete, herzlich müde. Ich ſehnte mich nach reiner Luft und klarem Waſſer, und auf mei⸗ nen Wunſch führte mich Mr. Faile in ſeiner Volante nach dem Hafen von Havannah. Es war um Sonnenuntergang. Wir fragten nach unſerem Freund, dem Ruderer vom erſten Abend, Ra⸗ fael Hernandez. Er war bald zur Stelle und in ſei⸗ nem zierlichen Boot La Leonora rosita führte er uns in den Hafen hinaus. Ach wie ſchön an dem ſtillen ſpiegelklaren Abend den palmengeſchmückten Ufern ent⸗ lang zu rudern, ſchweigend die reine Luft zn trinken und die milden zarten Farben aller Gegenſtände zu betrachten! Der Glanz der Abendröthe leuchtete über S S — e— i⸗ * ch ed ng e⸗ hr m⸗ ße ber be⸗ n⸗ n⸗ ren en hin ar, hen ie⸗ nte nei⸗ nte ach Ra⸗ ſei⸗ uns llen ent⸗ ken zu iber 217 ihnen. Später wurden die Laternen auf dem Quai Alameda de Paula und andern Plätzen im Hafen an⸗ gezündet. Sie beleuchteten die Ufer und das klare Waſ⸗ ſer mit einem ſo wunderbar reinen und hellen Schein. Luft und Licht kommen mir hier vor, als hätten fie Klang und Ton; ich höre gleichſam ihre Reinheit, wie ich ſie ſehe. Jetzt hatte ich eine Empfindung, als wäre ich aus dem Chaos in die Welt des Lichtes und der Harmonie gekommen. Aber wahr iſt, daß jeder Ballſaal mir dunkel, ſtaubig und qualmig erſchienen wäre neben dieſer Naturrotonda unter Cubas Himmel. Ich fragte unſern Ruderer, der außer ſpaniſch auch engliſch ſpricht, ob er mit ſeiner Lebensſtellung zufrie⸗ den ſei. Er ſchüttelte den Kopf. Die Geſchäfte gingen ſchlecht; eines ſchönen Tags würde er ſich genöthigt ſehen ſowohl ſein Boot als die Stadt zu verlaſſen. „Sie rauchen zu viele Cigarritos, Hernandez,“ ſagte ich.—„Bloß zwanzig des Tags, Sennora,“ antwor⸗ tete er achſelzuckend. Den 22 April. Guten Morgen, Geliebte! Mögeſt Du dich ſo wohl befinden wie ich! Ich gedeihe unendlich gut bei meinem Leben hier im Hotel. Ich beſitze volle Freiheit, ich habe Alles ganz gut, und die artige Mrs. Marie läßt es mir an nichts fehlen. Schon früh am Morgen gehe ich aus auf meine liebe Cortina, ſehe die Brandung an Morros Klippen ſich brechen, trinke die Meerluft, halte Zwieſprach mit den Eidechſen, beſuche dann ein paar Kirchen, ſchaue mich auf der Parade um und lauſche der Muſik. Sodann gehe ich heim über die Plaza de Armas, wo ich ein wenig verweile, um das Columbus⸗ denkmal zu betrachten, das ich hierauf zu Hauſe in mein Buch abzeichne; aber ich muß meine Beobachtungen ſehr behutſam vornehmen, denn bereits beginnt das Militär — 218 auf dem Markt mich ſcharf ins Auge zu faſſen. Man argwöhnt wohl, daß ich auf eine Invaſion ſpeculire. Spät am Abend wandere ich auf dem Azoteon zwiſchen den Urnen herum und ſehe den Mond und das Morrolicht(ſo wird der große Leuchtthurm auf der Morroküſte genannt) wetteifernd über Stadt und Meer hinleuchten, und ſehe das ſüdliche Kreuz in ſtiller Majeſtät ſich emporheben, jetzt hoch über dem Horizont. Dem Nordſtern widme ich immer einen Liebesblick, wenn er ſich außerhalb des großen Meeres zeigt, deſſen Getöſe mich von der Seite des Morro her erreicht, während die Militärmuſik von der Plaza de Armas ſröhlich herſchallt. Später in der Nacht wird dieſes harmoniſche Luft⸗ und Tonleben durch serenos unter⸗ brochen, d. h. durch die Feuerwächter in Havannah, welche ſo ſingen, daß man es wahrhaft betrübend finden müßte, wenn es nicht in ſo hohem Grad lächerlich wäre. Ich habe niemals eine ſolche Folge von falſchen, zerhackten, tonloſen Tönen gehört. Ich kann mich darüber nicht ärgern, ſondern nur lachen. Zur Familie Tolme gehe ich gewöhnlich Vormittags auf ein Stündchen, um Mrs. Tolmes Portrait zu malen, das ich zur Erinnerung an eine der beſten mütterlichſten Frauen auf Erden zu beſitzen wünſche. Dabei erzählt ſie mir von den Erfahrungen, die ſie über den Charakter des Negervolkes gemacht hat. Ihre Beobachtungen ſtimmen in der Hauptſache mit denen von Mrs. Phinney überein. Mrs. Tolme ſagt gleich ihr: „Es herrſcht unter den Regern eine große Ungleichheit an Charakter und Gemüthsart, gerade wie unter den Völkern der weißen Race, aber ſie ſind im Allgemeinen für Gefühle der Ergebenheit, Zärtlichkeit und Dankbar⸗ keit zugänglicher als dieſe. Es iſt ein großer Mißgriff der Weißen, wenn ſie die Neger des Undanks beſchuldigen. Sie machen ſie zu Sklaven, fordern beſtändige Arbeit von ihnen und begehren dann auch noch Dank. Dank oon heit den nen ar⸗ riff en. beit amnk 219 für was?!... Wer wirklich der Freund des Negers ſein will, der wird ihn dankbar und edelſinnig finden.. Ich habe für meine Kinder ſowohl weiße als ſchwarze Mägde gehabt, aber nur mit den ſchwarzen bin ich immer vollkommen zufrieden geweſen.“ Als rührenden Beweis für die Liebe und Character⸗ ſtärke der Neger erzählte ſie mir die Geſchichte von einem jungen Negerpaar, das ſich liebte, aber nicht heirathen konnte, weil der Herr der jungen Regerin hartnäckig ſeine Beiſtimmung verweigerte. Die Liebe nahm jedoch ihren Gang und die jungen Liebenden bekamen ein Kind. Der Herr der Negerin ergrimmte darüber und verbot ihr den jungen Mann, ihm ſein Kind zu ſehen. Der junge Neger war im Dienſt bei Mrs. Tolme. Er war ein vortrefflicher junger Mann, hatte aber einen Fehlerz er liebte ſtarke Getränke und betrank fich nicht ſelten. Das that er jetzt öfter, weil der Kummer darüber, daß er ſeine Frau und ſeinen kleinen Jungen nicht ſollte ſehen dürfen, ihn zur Verzweiflung brachte. Mrs. Tolme ſagte zu ihm:„Gewöhne dir die ſtarken Getränke ab, ſo werde ich dir einen Peſo in der Woche geben, werde Geld für dich zuſammenlegen, und damit kannſt du nach einiger Zeit dein Kind loskaufen.“ Von dieſem Augenblick an wurde der Neger voll⸗ kommen nüchtern. Als Mrs. Tolme nach längerer Prü⸗ fung ihm das Verſprochene ausbezahlte und noch ein Geſchenk dazu legte, um ihm, wie ſie ſagte, ihre Achtung und Zufriedenheit zu beweiſen, ein Geſchenk groß genug, daß er im Stande war das Kind loszukaufen, da küßte er ihr unter Thränen der Freude und Dankbarkeit die Hände und war außer ſich vor Seligkeit, zumal da ſich ihm die Ausſicht eröffnete auch die Mutter des Jungen loskaufen und ſich mit ihr verbinden zu können. Dieß war jetzt ſtark im Werke. Inzwiſchen hatten die zwei Gatten und das Kind heimliche Zuſammenkünfte, und ihre Liebe war ſo innig, ſo romantiſch warm und tren, 220 wie nur irgend ein Roman das Verhältniß zwiſchen ſeinen Helden und Heldinnen beſchreiben kann. Mrs Tolme beſtätigte übrigens, was ich von der Güte der ſpaniſchen Herrn gegen ihre Hausſklaven und der Pflege, die ſie ihnen im Alter angedeihen laſſen, gehört hatte. Aber wenn die Hausſklaven gewöhnlich gut behandelt werden, ſo iſt dieß bei den Plantageſklaven in der Regel nicht der Fall; ſie werden nicht als Menſchen, ſondern als Laſtthiere betrachtet und härter als dieſe behandelt. Doch davon habe ich bereits geſprochen. Das Tolmeſche Haus iſt fortwährend voll von Liebe, Muſik und Munterkeit. Die junge Louiſe Tolme iſt jetzt verheirathet und wird, obſchon noch halb ein Kind, ihre eigene Haushaltung anfangen. Ich habe dieſe Zeit über große Verſuchungen zu einer Reiſe nach Jamaica und von da nach Mexico gehabt, was durchaus nicht ſchwer auszuführen wäre. Aber Ueberdieß würde ich auf Jamaica oder in Central⸗ america und Südamerica nichts weſentlich Anderes in Bezug auf Vegetativn, Bevölkerung, Sitten, Bauart u. ſ. w. finden, als was ich auf Cuba unter dem Him⸗ mel des Wendekreiſes und der Herrſchaft Spaniens ſehe. Und dieß war mir das Weſentliche für mein Bild von der neuen Welt. Ich habe einen klaren Eindruck von dieſer ſüdlichen Atmoſphäre erhalten. Bücher und Kupferſtiche können mir zur Kenntniß der detaillirten Verſchiedenheiten verhelfen*). ) Und das thun ſie jetzt auch. Bei Mr Tolme ſehe ich Kupferſtiche von Mexico und andern ſpaniſchame⸗ ricaniſchen Städten, die mir nur Havannah wieder zeigen. Und in der vortrefflichen Geſchichte des ame⸗ ricaniſchen Hiſtorikers Pres cott von der Eroberung Mericos und Perus lerne ich die Hochländer in dieſen Str den welc Gen Sei Nat nach aufg parc beſu Pal! in e Lieb in d Hier Her chen der und ſen, delt egel dern elt. von Ume ein zu abt, ral⸗ s in uart im⸗ iens Bild ruck und irten ſehe ame⸗ ieder ame⸗ rung ieſen 221 Ich habe das Angeſicht der Erde unter den wärmſten Strahlen der Sonne geſehen, da wo ſie die Palme und den Caffeebuſch hervorrufen; ich weiß die Verhältniſſe, welche dort das Alltagsleben des Menſchen, ſeinen Genuß und ſeine Plage ausmachen; ich habe dieſe neue Seite im Buche der Schöpfung und im Leben der Natur verſtanden; ich bin zufrieden und dankbar, und nachdem ich mich noch ein paar Wochen auf Cuba aufgehalten haben werde, um Madame Carrera und die paradieſiſche Gegend der Caffetale öſtlich von Havannah zu beſuchen, wende ich mich von dem Wendekreis und den Palmen zu den Vereinigten Staaten zurück und hoffe in einigen Monaten Schweden, Dich und alle meine Lieben wieder zu ſehen. Glaube mir, der Fichtenwald in der Heimath iſt mir lieber als die Palmenhaine hier. Hier könute ich doch nicht leben. Siebenunddreißigſter Brief. San Antonivo de los Bannos, den 23. April 1851. Draußen auf Abentenern im fremden Lande, mein Herzchen, und zwar für den Augenblick Abenteuern Gegenden, ſowie die edeln Volksſtämme keunen, die einſt da wohnten. Chriſtliche Azteken müſſen ein⸗ mal über dieſe herrlichen Länder herrſchen und auf dieſen edlen heidniſchen Grund einen neuen Tempel erbauen, eine neue Geſellſchaft, welche dieſe Länder im Geiſt und in der Wahrheit zu Hochländern der neuen Welt machen wird. 222 von minder behaglicher Art. Ich ſitze allein in einer kleinen ſpaniſchen Poſada oder Fonda(einem Wirths⸗ hauſe dritten Rangs), ſo unnfreundlich als möglich, umgeben von Leuten, die mich nicht verſtehen, wie ich ſie nicht verſtehe Ich ſitze hier in Erwartung einer Volante von Sennora Carrera, die mich nach ihrer ungefähr fünf engliſche Meilen von hier gelegenen Plantage abholen ſollte; aber möglicher Weiſe hat ſie den Brief der ſie von meiner Ankunft dahier unterrichten ſollte, noch nicht erhalten, und die Volante dürfte noch ein paar Tage warten und mittlerweile muß ich hier ſitzen; doch bin ich weder brod⸗ noch rathlos, denn mein kleiner Reiſekobold iſt bei mir, er erhält mich im beſten Humor und hat mich hier auf der Eiſenbahn einen kleinen ſpaniſchen Don finden laſſen, der ein wenig franzöſiſch radbricht und gar zu gern zu meinen Dienſten ſein möchte. Mit ſeiner Hülfe, meinen paar ſpaniſchen Redensarten und einem ſpaniſchen Wörterbuch bringe ich mich weiter fort. Und inzwiſchen habe ich ein Empfehlungsſchreiben abgeſandt, das ich an Don Ilde⸗ ſonfo Miranda hatte, welcher drei Stunden von hier in Caffetal en Alquizar wohnt, und ich erwarte im Verlauf des Tags Nachrichten von ihm zu erhalten und mit ſeiner Hülfe aus meiner Fonda loszukommen, denn er ſpricht franzöſiſch wie ein Franzoſe, ſagte mau mir, und iſt ein Cabalero perfetto(vollendeter Cavalier). Ich ſchreibe Dir jetzt in einem kahlen Stübchen mit übertünch⸗ ten Wänden und bloßem Erdboden, wo das ganze Ameu⸗ plement aus einem hölzernen Stuhl und einem alten hölzernen Tiſch beſteht und der Wind mit aller Macht zum Fenſter hereinbläst. Aber dieß iſt Cubas warmer Wind, man kann nicht mit ihm hadern. Die heutige Morgenfahrt auf der Eiſenbahn war herrlich, wie eine andre Morgenfahrt, die ich vor etlichen Wochen machte, und die Palmen und zierlichen Blumen der Caffetaler glänzten am Wege entlang. Dieſe ganze Seite der G e c—)— e —.—— iner ths⸗ lich, ich iner hrer enen t ſie chten noch hier mein eſten einen wenig enſten iſchen rine ein Ilde⸗ hier erlauf d mit enn er r, und tünch⸗ Ameu⸗ alten Macht varmer heutige ie eie machte, ffetaler ite der 223 Inſel iſt berühmt durch die Schönheit ihrer Caffeepflan⸗ zungen, deren beſte Tage jedoch jetzt vorbei ſind, da ſie den Caffee nicht in der Menge und Güte produciren können wie die ſüdlichen Plantagen auf der Inſel, daher ſie ſeit einigen Jahren in Verfall gerathen ſind. San Antonio de los bannos iſt ein Städtchen oder Flecken (pueblo,) berühmt durch ſeine Bäder und durch die ſchöne Gebirgsnatur in ſeiner Nachbarſchaft. In dieſen Gebirgen befinden ſich Plantagen, wo die Hitze niemals groß wird, wo friſche Seewinde beſtändig ſpielen, der Grasboden das ganze Jahr hindurch grünt, luftige Wohnſitze mit großartigen Ausſichten auf das große Meer. San Antonio iſt ferner durch einen unterirdiſchen Fluß bekannt, auf deſſen Entdeckung ich ausgehen will, nach⸗ dem ich einen Wegweiſer verabſchiedet habe, den mein Freund Don Mauuel mir anſchaffte, wobei er mir im Vertrauen ſagte, daß er ein großer Hallunke ſei, wofür ich ihn auch in dem Grad hielt, daß ich ihn fähig glaubte mich plötzlich einmal in den unterirdiſchen Strom hinabzuſtoßen, den ich betrachten wollte. Ich entſchul⸗ digte mich alſo und ſchützte den Wind vor. Dieſer bläst auch dermaßen in mein Zimmer herein, daß ich nicht mehr ſchreiben kann. Das Papier flattert unauf⸗ hörlich.. Caffetal la Concordia, den 27. April. Seit ich das letzte Mal ſchrieb, habe ich alle möglichen kleinen Unruhen und Abenteuer gehabt, die ſich aber alle zum Beſten kehrten, und jetzt lebe ich und ſchreibe Dir in der allerſchönſten Ruhe und Annehmlich⸗ ———————————— ——— 224 keit auf Madame Carreras ſchöner Caffeeplantage und in ihrer Familie. In San Antonio mußte ich den Tag ganz allein in meiner kleinen Poſada zubringen. Aber mein Zimmer war, wenn auch kahl, doch ſauber, und der Diener im Hauſe, Raymundo, war ſehr ehrerbietig und freundlich und begann allmälig aus lauter gutem Wil⸗ len, wie ich glaubte, mich zu verſtehen, und wäre ich nicht in dieſer Poſada auf einige Zeit allein gelaſſen worden, hätte ich nicht dieſe kleinen Widerwärtigkeiten gehabt, ſo hätte ich auch nicht die Bekanntſchaft mit San Antonio de los bannos machen können, wie ich jetzt that, und das wäre ſehr Schade geweſen. Nachdem ich mein Mittageſſen, beſtehend aus gut gekochtem Ochſenfleiſch und Yamswurzeln, verzehrt hatte, und als der Tag kühler zu werden anfing, begab ich mich auf einen einſamen Streifzug, ſchon längſt abge⸗ härtet gegen die verwunderten Blicke der ſchreienden und ſpringenden Negerjungen, die mir im Anfang fol⸗ gen, wenn ich allein ausgehe Einige palmenbedeckte Hütten in den Platanenhai⸗ nen verlockten mich ein Stück weit von der Poſada hinweg, denn ich vermuthete da Wohnungen freier Ne⸗ ger. Und ich täuſchte mich nicht. Ich befand mich bald in einem unregelmäßigen Städtchen und wandelte durch Straßen mit Baumrinden⸗ und Reiſighütten in kleinen Gärten voll von den ſchönen Bäumen und Pflanzen des Landes. Cocospalmen und Bananas ſtanden überall. Unter ihnen ſah man auch überall ſplit⸗ ternackte Negerjungen, die umherſprangen und ſpielten. Negerweiber arbeiteten oder ſtanden an den Thüren der Hütten. Ich befand mich offenbar auf africaniſchem Gebiet. „Bonjour Madame!“ ſcholl es mir aus einer der Hütten entgegen, und in der Thüre ſtand eine dicke, wohlgekleidete Negerin, die wie eine perſonificirte Ein⸗ ladung ausſah. Ich nahm ſie an und trat ein, froh, d ig ht n, t, d ut de, ich e⸗ en ol⸗ ai⸗ da ke⸗ ich lte nd tas lit⸗ en. der em der cke, in⸗ 225 daß ich mit Jemand von dem Volk reden konnte. Ich fand hier in der geräumigen Hütte das allerfreundlichſte und heiterſte alte Negerpaar, das man ſich denken kann. Sauber und wohlgeordnet war Alles um ſie her, im Wohnzimmer, in der Schlafſtube, in der Küche und im Garten, und die Alte führte mich überall herum und lachte aus vollem Hals bei jeder Frage oder Bemer⸗ kung, die ich machte. Sie war auf St. Domingo ge⸗ boren und hatte vor der Revolution auf der Inſel in einem franzöſiſchen Hauſe gedient. Sie drückte ſich ſehr unvollkommen franzöſiſch aus, gab mir aber doch man⸗ chen Aufſchluß über den Zuſtand der freien Neger in dem Städtchen. Sie ſchienen zufrieden und glücklich zu ſein, nährten ſich von ihren kleinen Erdantheilen, von ihrem Bischen Vieh ſowie von verſchiedenen Arbei⸗ ten für die weiße Bevölkerung in der Stadt. Sie ſelbſt beſorgt feine Wäſche und war mit ihrer Welt zufrieden. Für den Augenblick genoß ſie ein dolce karniente, und dieß that auch ihr Mann, der bloß ſpa⸗ niſch konnte, deßhalb ſich bei unſerem Geſpräch nicht betheiligte, ſondern nur mit einem Ausdruck der herz⸗ lichſten Zufriedenheit da ſaß und ſeine Cigarre rauchte. Als ich einige Bananasbäume in ihrem Garten ſah, der nicht außerordentlich gut beſorgt war, fragte ich ſie, ob ſie Bananas zum Frühſtück eſſe. Dieß fand ſie unbegreiflich luſtig, und beinahe athemlos vor Lachen ſagte ſie, ſie müſſe gebratenen Speck und Caffee zum Frühſtück haben, aber ihr Mann eſſe gebratene Ba⸗ nanas. Ich wünſchte dem glücklichen alten Paar langes Leben in ihrer Hütte und wanderte auf gut Glück wei⸗ ter, und bei jedem Schritt ſteigerte ſich mein Vergnü⸗ gen über das regelmäßige, aber poetiſche und pittoreske Gemälde, welches San Antonio de los Bannos vor meinen Blicken darſtellte. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. mr. 15 —— ————— 226 Denke Dir einmal Folgendes: Ruinen von alten hohen Mauern und Säulenhallen mit Frescogemälden zwiſchen zwei weißen oder hübſch bemalten cubaniſchen Häuſern und palmenbedeckten Rindenhütten, Alles un⸗ ter einander; einen tiefen, aber ſchmalen kriſtallhellen Strom mit buſchigen baumbewachſenen Ufern; an die⸗ ſem Strom Rindenhütten mit Palmdächern; über ihnen von den abſchüſſigen Ufern herabgeneigt, wogende Ba⸗ nanas und Bambusbäume; zwiſchen dieſen Gebüſche mit rothen und gelben Blumen; im Strom badend und ſich tummelnd Jünglinge und Knaben; über dem Strom alte Stein⸗ und Holzbrücken mit angeſtrichenen Säulen und Stacketen; über den Brücken reitende Mayorale in weißen Blouſen auf weißen Pferden mit Piſto lenhalftern am Sattel und Schwertern mit ſilber⸗ nem Gefäß an der Seite; uud da und dort auf den grünen Ufern des Stroms oder unter Cocos⸗ und Bam⸗ vusbäumen, in den Gärten mit den alten Säulenhallen und verfallenen Mauern Gruppen von olivenfarbigen oder weißen Weibern, meiſtens jung und ſchön, einige von ihnen Cigarritos rauchend, andere mit weißen Blumen im Haar, freundlich den Gruß des Vorüber⸗ gehenden mit einem anmuthsvollen Kopfnicken und ei⸗ nem melodiſchen buena tardi sennora beantwortend; dazwiſchen hinein Gruppen von halbnackten, aber geſund ausſehenden Negern und Negerinnen und ganz nackten Negerkindern, die ſich wie ächte kleine Wilde gebahren; weiße Männer auf Steinmauern ſitzend oder gemächlich mit Cigarren im Mund herumflanirend— über all dem den milden Tropenhimmel, dieſen lieblichen Wind, ein halb ſchlummerndes, genießendes Farniente⸗Leben —— und Du ſiehſt das Panorama, das ich betrachtete, in dem ich hin und her wanderte, bis die Schatten kamen und die Sterne auf der Bühne erſchienen. In meine Fonda zurückgekehrt richtete ich mich für die Nacht ein. Ich hatte ein kleines, ſauberes Zelt⸗ en en n⸗ ie⸗ en a⸗ che end em nen nde mit ber⸗ den am⸗ Uen igen nige ißen ber⸗ ei⸗ end; ſund ckten ren; hlich all zind, keben htete, atten h für Zelt⸗ 227 bett, ein reines Leintuch und eine ſaubere leichte Decke er⸗ halten. Ich bekam eine Taſſe Thee mit Brod und eine Nachtlampe. Mein Freund Raymundo ſorgte mit gravitäti⸗ ſcher Artigkeit für mich. Und ſo blieb ich allein recht ver⸗ gnügt mitmeinem Schickſal, und zu mir herüber ſchollen die Töne einer Guitarre nebſt einem tremulirenden, einförmi⸗ gen, aber anmuthigen melancholiſchen Geſang mit dem Cha⸗ racter der ſpaniſchen Seguidillas. Beim Klaug dieſer Töne entſchlummerte ich in einem kühlen Bett und hatte eine vortreffliche Nacht, ungeſtört von den einzigen blutdürſtigen Räubern, die ich fürchtete, den Mücken und Flöhen. Als ich erwachte, erblickte ich meines Freundes Raymundo ehrfurchtsvolles Geſicht vor meinem Fen⸗ ſter gegen den Hof zu, mit der Anfrage, ob ich Etwas befehle. Ich befahl Caffee und huevos(Eier). Während ich frühſtückte, wurde La Miranda auf eine Art angemeldet, welche bewies, daß er hier am Ort als eine Macht erſten Ranges galt. Und bald ließ Don Ildefonſo Miranda ſeinen Beſuch anmelden, den ich in einem an das meinige ſtoßenden Zimmer von derſelben anſpruchsloſen Beſchaf⸗ fenheit entgegennahm. Don Ildefonſo Miranda pfiff*) den Leuten in der Poſada, und ſie flogen herbei, um ſeine Befehle zu empfangen; er winkte mit der Hand und ſie flogen nach allen Seiten, um ſie auszuführen. La Miranda, wirklich ein vollendeter Caballero, war gegen mich unendlich artig in Ton und Manieren; er ſtellte mir ſeine Volante und ſeinen Calaſhero zur ——— »Den Dienſtboten zu pfeifen, wenn man ſie ruft, iſt allgemeiner Brauch auf Cuba, und ſie haben dieß auch unter ſich im Brauch. Der Ton iſt mehr ein ziſchen⸗ der als ein pfeifender Laut, er gleicht einem ſcharfen St! und wird ziemlich weit gehört. 228 Verfügung, um mich zu Madame Carrera zu führen, er frühſtückte mit mir, ſorgte für Alles, was ich wünſchte, und als ich abreiſen wollte und meine Rechnung in der Poſada verlangte, da hatte La Miranda bereits Alles bezahlt. Dagegen zu proteſtiren war nicht der Mühe werth und hätte hier auch nicht gepaßt; ich nahm alſo die Sache als etwas Unbedeutendes hin und dankte mit einem Compliment über die Artigkeit der Spanier. Dieſe iſt wirklich groß gegen Frauen⸗ zimmer und Fremde, und ſie dürfte ihre ürſache in ei⸗ nem gewiſſen Nationalſtolz haben, welcher im Grunde edel und ſchön iſt. In Don Jidefonſos Volante und einem tropiſch heißen Wind, der allen rothen Staub auf dem Weg in Wirbeln aufrührte, fuhr ich nach Madame Carre⸗ ras Wohnſitz„Caffetal la Concordia.“ Nur in fliegen⸗ der Eile und durch Wolken von feuerrothem Staub ſah ich die ſchönen Caffetaler Palmen und glänzende Blumen über die Steinmauern winken, welche ſie auf beiden Seiten des Weges umgaben. Madame Carrera war nicht zu Hauſe in ihrem Caffetal. Sie befand ſich am Meeresufer auf der Südſeite der Inſek, um nebſt ihren Söhnen und En⸗ keln zu baden, und ſie konnte meinen und ihres Soh⸗ nes Brief erſt dieſen Morgen erhalten haben. Aber der Verwalter der Plantage, Don Felix, ein artiger, älterer Herr, empfängt mit ſpaniſcher Courtoiſie und ſagt:„Toute la maison est à votre disposition. Vous stes chez vous. Disposez de tout. La maison est à vous. Ce n'est pas un compliment!(Das ganze Haus ſteht zu Ihrer Verfügung. Sie ſind daheim. Verfü⸗ gen Sie über Alles. Das Haus gehört Ihnen. Dieß iſt kein bloßes Compliment!)“ Wir eſſen mit einander zu Mittag, der artige alte Herr und ich. Don Felix ſpricht von Madame Car⸗ — rera mit einem Ausdruck von Verehrung.„Ah c'est n, . in ts er ich in eit ei⸗ de ſch eg re⸗ en⸗ ub nde auf tem der En⸗ oh⸗ lber ger, und ous 8t 3 aus rfü⸗ ieß alte Car⸗ c'est 229 une dame, une dame comme il y en a peu!(H, ſie iſt eine Dame, wie es nicht viele gibt.)“ Trinidad, eine freundliche Negerin mit ſchönen Angen, die ein wenig franzöſiſch ſpricht, iſt meine femme de chambre, und ich bleibe über Nacht da. Am nächſten Morgen ein Brief von Madame Carrera mit der Einladung zu ihr an die playa(Meeresküſte) zu kommen, Anſtalten um mich dahin zu bringen, und ein Begleiter in der Perſon eines allerliebſten, ſchönen und anmuthsvollen Jungen, Adolfo Sauval, zwölf Jahre alt, älteſter Enkel der Madame Carrera. Wir begeben uns hinweg. Beſchwerliche Fahrt, zuerſt in der Volante durch die Wildniß über Stock und Stein, ſodann in einem von Männern gezogenen Boot in einer ſchmalen mit Schilf und verſchiedenen Waſſerpflanzen beinahe überwachſenen Rinne. Es geht ſchrecklich langſam und es iſt ſchrecklich heiß. Mein dunkeläugiger kleiner Caballero, der holde Junge, er⸗ muntert und tröſtet:„Jetzt wird es bald beſſer; jetzt haben wir nicht mehr ſo weit.... in einer kleinen Weile kommen wir in freieres Waſſer.“ Der liebens⸗ würdige Junge war für mich eine wahre Erquickung bei der Fahrt, die drei unendliche Stunden währte, ehe die Rinne ſich zu einem kleinen Fluß erweiterte und wir von einem ſanften Meereswind Etwas verſpür⸗ ten. Hier an der Mündung des kleinen Fluſſes ins Meer liegen auf kahlem Grasboden einige kleine Rin⸗ denhütten, wahre Fiſcherbataken. Hier wohnt die ari⸗ ſtokratiſche Familie und führt auf einige Wochen ein wahres Feldleben um der guten Bäder willen. Madame Carrera kam juſt aus dem Bade. Wie anmuthsvoll ſie mir erſchien, als ſie mir in ihrem lan⸗ gen weißen Kleid entgegen trat, mit ihrem milden bleichen Geſichte, ihrer edlen Haltung, ihrem einneh⸗ menden Weſen. Sie mochte zwiſchen fünfzig und ſech⸗ 230 zig Jahren ſtehen, und die edelſte Weiblichkeit drückte ſich in Phyſiognomie und Geſtalt aus. Um die ſchöne Frau her erblickte ich zwei hochge⸗ wachſene ſchöne junge Männer, ihre beiden jüngſten Söhne, Alfred und Sidney Sauval, eine ſchöne Spa⸗ nierin, die Frau des älteſten, und ihre ſechs Kinder, vier Knaben und zwei Mädchen, ſämmtlich ſchön, ſo⸗ dann Neger, Negerinnen und Hunde. Eine Hütte auf der andern Seite des Flüßchens ſchief gegenüber der Hütte Madame Carreras iſt für mich in Bereitſchaft geſetzt. Ich kann da ganz allein ſchalten und walten. Die gute Frau bringt, ſo gut es ſich ma⸗ chen läßt, ein Bett, einen Stuhl und einen Tiſch für mich in Ordnung. Der Wind bläſt durch die gefloch⸗ tene Reiſigwand, welche der Meerſeite zugekehrt iſt; aber es iſt Cubas Wind. Rings umher keine Bäume, bloß ſumpfiger, niedriger Boden, und da draußen das große Meer ohne Grenzen und Klippen. Wir befinden uns hier auf der Südſeite der Inſel; es iſt eine öde Gegend, bloß von armen Fiſchern bewohnt, für welche Madame Carreras Aufenthalt die fröhlichſten Tage der ſüßen Brode im ganzen Jahre ſind Das Ganze hat den Reiz der Neuheit und kann ein paar Tage wohl angehen. Es thut mir leid, daß ich hieher gekommen bin, weil ich ſehe, daß ich unwillkürlich der badenden Familie eine ganze Menge von Beſchwerlichkeiten ge⸗ macht habe. Aber ſie ſind zu artig, um mich Etwas merken zu laſſen, und ich beſchließe in den Tag hinein zu leben und mit Allem zufrieden zu ſein. Und in dieſer Luft iſt das nicht ſchwer. Wir ſoupiren reichlich und zut an kleinen Tiſchchen auf der Piazza, die zu Madame Carreras Palmenhütte gehört, und ſpäter am Abend plaudern wir beim Licht der Sterne draußen in dem milden Seewind, wie ich ſchon lange nicht mehr ge⸗ plandert habe, von intereſſanten Perioden in der Ge⸗ ſchichte, auch in Schwedens Geſchichte, die der ſeelen⸗ n8 ür en a⸗ ür ch⸗ ſt; ne, s den öde che der hat ohl nen den ge⸗ vas nzu eſer und ame en dem ge⸗ Ge⸗ len⸗ 231 vollen denkenden Dame und ihren gut erzogenen Söh⸗ nen in ihren größeren Zügen wohl bekannt iſt. Es iſt beinahe Mitternacht, wenn ich mit Hülfe eines alten treuen Dieners über den ſchwachen ſchwankenden Steg, der über das Brücklein führt, voltigire. Es bläſt ſtark vom Meer her und die Wogen brauſen gewaltig. Das ſüdliche Kreuz mit ſeiner Glorie von den Sternen des Centaurs und der prächtige Stern Canopus in dem Schiff Argo ſtehen klar über dem Meer am ſüdlichen Himmel. Ich grüße ſie und krieche in meine Hütte hinein. Das Licht wird vom Wind ausgeblaſen. Aber die Sterne gucken durch die Fenſteröffnung gegen das Meer zu herein Die Bettvorhänge wehen und flattern im Winde. Aber es iſt Cubas Wind. Ich lege mich von ihm umſauſt ins Bett, kann nicht viel ſchlafen, genieße aber ein unnennbares Wohlbehagen, fühle mich gleichſam auf den Fittigen des Windes getragen von dem friſchen weichen Geiſte des Meeres. Es iſt mir, als ob ich keinen Leib hätte. Am nächſten Morgen ſieht es bedenklich aus. Der Himmel iſt klar. Aber der Nachtwind hat das Meer am Ufer aufgejagt und dauert fortwährend mit derſel⸗ ben Stärke an, der Strom ſchwillt und überſchwemmt den Boden rund um unſere Hütten. Pfütze an Pfütze entſteht und die Pfützen laufen zu kleinen Seen zuſam⸗ men Man kann nicht mehr von der einen Hütte zu der andern gehen. Wir platſchen wie Enten im Waſſer. Die Familie geräth in Angſt.„Wenn dieſer Wind anhält, ſo ſind wir morgen rings umfluthet.“ Der Wind währt fort. Man kann ſich jetzt nur noch im Boot zwiſchen den Hütten hin bewegen. Das Waſſer kommt bis zu Madame Carreras Piazza herauf. Man kann nicht mehr ausgehen.„Das wird unaus⸗ ſtehlich.“ Und man faßt einen ſchnellen Beſchluß am nächſten Morgen die Playa dem Meer zu überlaſſen 232 un ſammt und ſonders nach der„Concordia“ zurückzu⸗ reiſen. Der älteſte der Söhne und alle Kinder ſind un⸗ wohl; die andern von der Familie und ich bleiben bei⸗ ſammen und plaudern lebhaft und kurzweilig genug bis Abends halb elf Uhr, wo ich im Wind und in der Dunkelheit, theils platſchend, theils voltigirend nach meiner Hütte mich zurückbegebe, und allda umſauſt vom Sturm und unter Regenſchauern dennoch eine aus⸗ nehmend gute Nacht zubringe. Am nächſten Morgen Aufbruch des Lagers und Rückreiſe nach Caffetal auf demſelben Bach, der uns nach der Playa geführt hat. Gedränge, Sonnenhitze, Unbequemlichkeiten aller Art— ſtille Verzweiflung meinerſeits darüber, daß ich durch meine Perſon die Unbequemlichkeit noch vermehre. und fortwährende Be⸗ wunderung für die liebenswürdige alte Dame, die, ob⸗ ſchon ſelbſt ſehr unwohl, dennoch ſo viele ihrer Enkel als ſie nur kann, unter ihrem Schirm vor der Sonnen⸗ hitze zu ſchützen und zu gleicher Zeit meine Beine vor denen der Kleinen zu bewahren bemüht iſt. Der jüngſte Bambino ſchreit die halbe Fahrt hindurch aus vollem Hals. Endlich Ankunft in Caffetal in abgemattetem und ziemlich betrübtem Zuſtand. Aber wir erholen uns. Und am Abend ſitzen wir auf der ſchönen Piazza, ſehen Cucullos leuchtend ſich in der Luft ſchwingen und lauſchen ſpaniſchen Segui⸗ dillas, welche der romantiſch ſchöne Alfredo Sauval mit einnehmender Stimme und höchſt muſikaliſchem Vortrag, ſo daß es in der Seele wohlthut ihn zu hö⸗ ren, zur Guitarre ſingt. Welch ein Unterſchied iſt nicht zwiſchen Geſang und Geſang, zwiſchen dem ſeelenvollen Geſang und dem Geſang ohne Seele? Dieſe ſpani⸗ ſchen Seguidillas, Spaniens eigentliche Volkslieder, haben auch die eigenthümliche Volksſeele, die eine un⸗ veſchreibliche Friſche und Natürlichkeit athmet. Man „—— U⸗ ⸗ i⸗ is er ch m 8⸗ id n8 e, ng die e⸗ b⸗ kel en⸗ or ſte 1s. nd wir ſich ui⸗ val em icht llen mi⸗ der, un⸗ tan 233 hört in ihren Tönen die Eingebungen eines jugend⸗ lichen, urſprünglichen Lebens. Dieß haben ſie mit unſern Volksliedern gemein, ſo ſehr ſie auch an Character von ihnen verſchieden ſind. Unſere Melodien ſind tiefer und reicher, aber in den ihrigen iſt mehr Sonne, ein frendigeres, wärmeres Leben La Concordia, den 1. Mai. Wiederum danke ich Gott, daß er mich in der Beſitzerin dieſer Plantage, Madame Carrera, eine jener ſchönen, mütterlichen Frauen kennen lernen und lieben ließ, die in allen Ländern der Erde ein Segen ſind, und die wenigſtens auf Augenblicke ſelbſt der Sklaverei ihre drückende Kette abzunehmen und die Sklaven dahin zu bringen vermögen, daß ſie dieſelbe vergeſſen. Dieß wurde mir ganz klar und deutlich ſchon durch die ſichtbare Freude der Neger bei ihrer Rückkehr nach der Plantage. Ich ſah es an den ſtrahlenden Geſich⸗ tern, womit ſie ihr begegneten und ihre heitere, herz⸗ liche Anrede erwiederten, und ich ſehe es jetzt mit jedem Tag deutlicher, indem ich den mütterlichen Sinn beob⸗ achte, welcher ſie treibt die Kranken unter den Sklaven ſelbſt zu beſuchen, ihnen diejenigen Gerichte oder Er⸗ quickungen zu ſchicken, die ſie ſelbſt am liebſten wün⸗ ſchen. Ich ſehe, wie täglich auf der Piazza ihr Stuhl von Duzenden kleiner Negerkinder umſchwärmt wird, die zu ihren Füßen ſitzen oder herumkriechen, um ſie herumſpringen und ſpielen, ſie an ihrem weißen Kleide zupfen und ihr ſo vertraulich klagen, als ob ſie ihre 234 eigenen Kinder wären; ich ſehe es an den gegenſeitigen freudigen Begrüßungen zwiſchen ihr und den Regern oder Regerinnen, denen wir auf unſern Spaziergängen begegnen; ich höre es auch beſtändig an ihren abſichts⸗ loſen Aeußerungen; ich fühle es in ihrem Herzen, in der Behaglichkeit der Atmoſphäre, die ihr liebliches Weſen umgibt. Eines Abends, als ſie und ich von einem Spazier⸗ gang in einen der Haine der Plantage zurückkamen, begegneten wir in der Dämmerung einer jungen Re⸗ gerin.„Francisca! Francisca!“ rief Madame Carrera herzlich, und richtete auf ſpaniſch einige Fragen über ihr Befinden u. ſ. w. an ſie. Francisca antwortete mit ſtrahlendem Ausdruck, daß ſie ſich wohl befinde, daß ſie glücklich ſei und Ihro Gnaden bald mit einem ſchönen, kleinen Negrito“ beſchenken zu können hoffe. Sie ſollte bald Mutter werden. Herzlicher könnten in unſerem freien Land Hausfrau und Dienerin nicht mit einander ſprechen. Die zukünftige junge Mutter war offenbar feſt überzeugt, daß ihr Kind bei der ſchönen weißen Dame mütterliche Pflege finden würde. Ein kleiner Negerjunge, der mit ihrem jüngſten Enkel ſpielte, ſprang eines Tages ſehr aufgeregt zu ihr und klagte:„Er nennt mich einen unverſchämten Neger“—„Spiele nicht weiter mit ihm.“ ſagte Ma⸗ dame Carrera ernſthaft;„ſpielet jetzt nicht mehr mit ihm,“ fuhr ſie gegen die andern Regerjungen um ſie her fort, und der ſchöne kleine Eduardo erhielt eine Zurechtweiſung, ſchlich allein ſeines Weges fort und ließ eine gute Weile den Kopf hängen. Ich bewundere oft ihre Geduld, womit ſie ſich von dem tobenden ſchwarzen Völkchen umgeben und beglei⸗ ten läßt, zumal auf Wegen, wo die wilden Kleinen allen möglichen Staub um ihre weiße Geſtalt her auf⸗ rühren. Ich geſtehe, daß ich es ſo wie ſie nicht aushielte. — 235 Aber oft werde ich noch im Geiſte ihre ſanfte Stimme ſo wie jetzt, wenn ich dieſen Gegenſtand zur Sprache bringe, äußern hören:„Dieſe armen Geſchöpfe deren Loos ſo hart iſt, die für uns arbeiten und ſo wenig Ausſicht auf Freiheit und Glück haben— müſſen wir nicht Alles thun, um ihr Schickſal zu mildern, müſſen wir ihnen nicht auf jede mögliche Art das Le⸗ ben zu verſüßen ſuchen? Ich kann Niemand leiden ſehen— nicht einmal ein Thier. Es iſt mir ein Troſt zu wiſſen, daß meine Neger mich lieben. Ich liebe ſie, ich habe ſie immer ergeben gefunden und voll Eifer mir zu Willen zu ſein. Sie ſind ganz und gar nicht ſchwer zu lenken, wenn ſie nur ſehen, daß man es wirklich wohl mit ihnen meint, daß man gerecht und billig ſein will. „Ich dulde niemals, daß auf dieſer Plantage ein Peitſchenſchlag verſetzt wird, ohne meine ausdrückliche Erlaubniß. Die Mayorale ſind rohe Menſchen ohne alle Erziehung; ſie ſchlagen oft in der Hitze und aus Bosheit. Das darf nicht geſchehen. Wenn ein Neger ein ſtrafwürdiges Verſehen begangen hat, ſo wird es mir berichtet, und ich beſtimme die Strafe. Wenn die Peitſche angewandt werden muß, ſo muß dieß ohne Hitze geſchehen, und nur daun, wenn Ermahnungen und Tadel ſich als fruchtlos erwieſen haben. Meine Neger lieben mich, denn ſie wiſſen, daß ich niemals eine Mißhandlung gegen ſie dulden werde.“ „Es iſt alſo nicht wahr, ſagte ich, was man mir von der Undankbarkeit der Neger erzählt hat, und daß beim Sklavenaufruhr im Jahr 1846 gerade die ſanf⸗ teſten Herrn zuerſt von ihren Sklaven maſſacrirt wor⸗ den ſeien.“ „Ach nein, verſetzte Madame Carrera, ſo Etwas liegt nicht in der menſchlichen Natur. Gerade damals befand ich mich ganz allein unter meinen Negern, und ſie waren es, die über meine Sicherheit wachten. 236 Mein Sohn war genöthigt nach ſeiner Plantage auf der Südſeite der Inſel zu reiſen, wo der Aufruhr juſt in voller Flamme war. Der Mayoral war auf einige Zeit weggereist. Ich rief meine Contremayorale, die ſämmtlich Neger waren, und ſagte zu ihnen: Ihr wißt, was in dieſem Augenblick nicht weit von hier vorgeht, daß die Neger Aufruhr gemacht haben und morden und plündern.“ „Ja,“ antworteten ſie. „Nun wohl; ich ſtelle mich und mein Haus unter euern Schutz Mein Sohn muß wegreiſen und wird zwei bis drei Wochen ausbleiben. Es wird nicht ein einziger weißer Mann auf der Plantage ſein. Ich werde auch keinen hieher rufen. Ich verlaſſe mich auf euch und will mich euch anvertrauen. Ihr werdet mir für das Verhalten der Neger verantwortlich ſein. So⸗ bald ihr eine Unordnung unter ihnen bemerket, ſo un⸗ terrichtet mich davon. „Sie verſprachen, was ich verlangte. „Ich litt damals, wie jetzt, an Schlafloſigkeit und lag in den Nächten oft lange wachend da. Eines Nachts zwiſchen zwei und drei Uhr ſtand ich auf und ſah zum Fenſter hinaus. Da ſah ich zu meiner Ueber⸗ raſchung einen meiner Mayorale bewaffnet als Schild⸗ wache vor meinem Hauſe auf und abgehen. Ich rief ihn und fragte: „Iſt eine Gefahr im Anzug?“ „Nein, es iſt Alles ruhig. Aber wir, ich und meine Cameraden haben gedacht, daß einige Neger von ——— herüberkommen und Ew. Gnaden beunruhi⸗ gen könnten; deßhalb haben wir beſchloſſen, abwechſelnd Nachts vor Ihrem Hauſe Wache zu ſtehen, ſo daß Sie ruhig ſchlafen können.“ „Ich dankte ihm für dieſen Beweis von Ergeben⸗ heit und fragte, wie die Neger ſich aufführen, ob ſie wie gewöhnlich arbeiten.“ n —„——— —, ————— uf ſt ge ie * W er rd in uf ir 0⸗ n⸗ id es id T d n i⸗ 1d n⸗ ie 237 „Beſſer als gewöhnlich, lautete die Antwort. Sie wiſſen, daß die Sennora ihnen ihr Vertrauen geſchenkt hat, und ſie wollen beweiſen, daß ſie es verdienen. Ew. Gnaden können ganz getroſt ſein.“ Bei dieſen Erfahrungen und dem Werth des Ne⸗ gercharacters kann die edle Frau nur aufs Schmerz⸗ lichſte berührt werden von den vielen Gewaltthätig⸗ keiten und Ungerechtigkeiten, welche ſie ſo manche Sklavenbeſitzer an ihren Sklaven ausüben ſieht und geſehen hat. „Oft,“ ſagte ſie einmal,„habe ich in der Bitterkeit darüber gewünſcht, ſie möchten Alle frei ſein können.“ Ich ſehe auch oft bei ihr ein gewiſſermaßen ſchmerz⸗ liches Zucken und höre einen Seufzer, wenn man die Peitſche klatſchen hört, welche die Sclaven zur Arbeit kommandirt. Denn ſie hat es nie dahin bringen können, daß dieſes garſtige Signal geändert wurde. Ein anderes mehr muſicaliſches Signal hört man täg⸗ lich um elf Uhr Morgens, wo in eine Muſchel ein lang aushallender, melodiſcher Ton geblaſen wird, welcher die Regerinnen, die Säuglinge haben, von der Arbeit ruft, damit die Kinder zu trinken bekommen und die Mütter vorher noch einige Zeit haben um auszuruhen. Madame Carreras liebevoller Character gegen die Negerſklaven iſt ſo allgemein bekannt, daß ſie oft von fremden Negern, die ſich gegen ihren Herrn vergangen haben, um ihr Fürwort angefleht wird, damit man ihnen die Strafe erlaſſe. Es iſt nemlich ein angenom⸗ mener Brauch auf Cuba, daß der ſich verfehlende Sklave unter weißen Perſonen einen padrino oder eine madrina als Fürſprecher bei dem erzürnten Herrn wäh⸗ len darf, welcher dann auf ihre Bitten ſelten oder nie⸗ mals die Verzethung verweigert. Madame Carrera iſt oft als Madrina angeſprochen worden und niemals vergeblich. Wer könnte auch dieſer edlen, anmuths⸗ vollen Dame eine Bitte abſchlagen? Ueberall, wo ihre 238 ſchöne weiße Geſtalt(ſie geht ſtets in weißen Kleidern) ſich zeigt, erſcheint ſie als ein Bote des Friedens. Madame Carrera iſt auf St. Domingo von fran⸗ zöſiſchen Eltern geboren, die ſich zur Schreckenszeit aus Frankreich hieher retteten. Während des Blutbads auf St. Domingo wurden ſie und ihre Familie durch den aufopfernden Eifer treuer Sklaven gerettet. An den ſchönen Abenden, die wir auf der Piazza, oder luſt⸗ wandelnd in den Palmenhainen der Plantage zubringen, erzählt ſie mir manche Epiſode aus der romantiſchen Geſchichte ihrer Familie oder ihrer eigenen Perſon, und ſie ahnt kaum, wie innig mich die Züge einer unge⸗ wöhnlich begabten und tief fühlenden Seele anſprechen, die zuweilen hervortreten, ohne daß ſie ſelbſt ihre Schönheit und Seltenheit begreift. Oft ſprechen wir auch, und Sidney Sauval mit uns, von allgemeineren, beſonders hiſtoriſchen Gegenſtänden und ſtellen Ver⸗ gleichungen zwiſchen merkwürdigen Characteren und Ereigniſſen aus verſchiedenen Ländern an, wobei ich mit meinen ſchwediſchen Männern und Frauen gar nicht ſchlecht beſtehe. Wir ſprechen, wir denken, wir malen zuſammen; wir verkürzen uns angenehm die Zeit und ich gräme mich zum Voraus darüber, daß ich ſo bald von hier ſcheiden muß. Hier könnte ich leben, ohne unter dem zu leiden, was ich zunächſt um mich her ſehe, und hier könnte ich lieben und hier könnte ich ſo viel zeichnen und malen. Madame Carrera iſt eine ausgezeichnete Malerin für Blumen, Schmetterlinge und andere Naturgegenſtände, welche ſie ebenſo naturgetren als ſeelenvoll abbildet. Seit ihrem mehrfachen Un⸗ glück(ſie hat ihren Mann, den Marquis Carrera, ſowie ihren jüngſten Sohn an der Cholera verloren und durch die letzten Orcane große Verluſte erlitten) hat ſie den Sinn für dieſe heitern Beſchäftigungen ver⸗ loren, aber mein Entzücken über die Naturgegenſtände und mein Zeichnungsfieber regt auch ſie an, und könnte — v—— — —— N —— w— r —— — S—— — * 8 S V S S 235 ich einige Monate hier bleiben, ſo würden wir zuſam⸗ men ein ſchönes Album von Cubas Blumen und Früchten machen und— das wäre ſehr angenehm, wenn nicht größere und theurere Pflichten mich ver⸗ hinderten. Die Regenzeit bleibt aus, mehrere Bäume ſchlagen aus und treiben ihre Blüthen; Cucullos kommen immer mehr und bilden auch hier wie auf La Induſtria mein Vergnügen und meine Plage. Madame Carrera kann nicht genug von der Pracht und Ueppigkeit der Vege⸗ tation während der naſſen Jahrszeit ſowie von der Herrlichkeit des Farbenſpieles in den Wolken erzählen. Dieß könnte mir Luſt machen da zu bleiben, um alles das zu ſehen,— d. h. mit ihr! Wir ſind jetzt allein hier, ſie, der jüngſte Sohn, der rieſige Sidney Sauval, und drei von den Kindern des zweiten Sohnes, nämlich mein kleiner Caballero Adolfo, ein allerliebſtes, zierliches und graziöſes Mäd⸗ chen, Michaelita(ein Abbild der Großmutter), und ein kleiner Junge, Eduardo, ein lebendiges Seitenſtück von Coreggios Amor. Madame Carrera liest Vormittags mit den Kindern, während ich auf meinem Zimmer male oder ſchreibe. Die Nachmittage und Abende ver⸗ bringen wir zuſammen. Man kann nicht behaglicher leben als ich hier, aber meine Zeichnungswuth währt fort und gönnt mir keine Ruhe. Ich male Madame Carreras Portrait, um ihr mildes Geſicht, ihre ſchönen ſeelenvollen Augen, die ſo getreu ihre Seele abſpiegeln, mit in die Heimath zu nehmen. Ich male Sidney Sauvals ſchönen Römerkopf, um ihn ſeiner Mutter zu laſſen; ich male eine Gruppe von den ſchönen Kindern, und während ich male, fühle ich mich entzückt von der Anmuth dieſer Geſichter und von der Schönheit dieſer Augen. Ich male Bäume und Blumen und Früchte und Vögel um mich her, und ich bin beſtändig in halber Verzweiflung darüber, daß ich in der kurzen Zeit, die ——— — —————— 240 ich noch hier zu bleiben habe, nur ſo wenig zu Stande bringen kann. Dieſes Caffetal iſt die zierlichſte und beſterhaltene Plantage, die ich bisher geſehen habe. Die ganze Gegend hier iſt voll von Caffeeplantagen, und zur Zeit ihres größten Wohlſtandes ſoll jede von ihnen ein kleines Paradies von Schönheit geweſen ſein, jede mit eigenthümlicher Auswahl und verſchiedener Anordnung an Bäumen und Blumen. Sie wetteiferten mit einander an Schönheit und Luxus, wie ihre Eigen⸗ thümer in prachtvollem Leben und verſchwenderiſcher Freigebigkeit wetteifern. Sennor Carrera war einer der ausgezeichnetſten Pflanzer in Bezug auf Reichthum, grandioſe Freigebigkeit und Wohlthätigkeit. Eines Tags dinirte er bei einem ſeiner Nachbarn. Als er abreiſen wollte und ſeine Volante mit drei prächtigen Pferden beſpannt im Hofe auffuhr, eilten die Gäſte an die Fenſter, um Sennor Carreras Pferde zu ſehen, die durch ihre Schönheit bekannt waren. Als die prächtigen Thiere in vollem Trab herankamen, rief ein Frauen⸗ zimmer:„Ach wie glücklich wäre ich, wenn ich ſolche Pferde beſäße!“ „Madame, ſie gehören Ihnen,“ ſagte der galante Spanier. Erſchrocken über dieſe Folge ihres unbeſonnenen Ausrufs wollte die Dame ablehnen. Es half Nichts. Sennor Carrera ließ ſogleich die Pferde ausſpannen und entlehnte ein Paar Pferde von ſeinem Wirth, um nach Hauſe zurück zu fahren. Die fremde Dame mußte das koſtbare Geſchenk behalten. Solcher Art war der Luxus und der Ton in dieſer Blüthezeit der Caffeepflanzungen. Das Sinken des Caffees im Handel und zwei gewaltige Orcane haben den Zuſtand auf der Inſel verändert. Beim letzten derſelben im Jahr 1848 wurde Madame Carreras Haus dem Erdboden gleich gemacht und ihre Bibliothek ſowie mehrere koſtbare Sammlungen von Grund aus zerſtört. P d n , er n ⸗ er er n, 8 P P ie n ie n ie er es n n 18 ie 241 Bücher und Gemälde, die man ſpäter wieder hervor⸗ grub, waren ertränkt und verderbt durch das Salzwaſſer, das der Orcan auf die Inſel hinaufgetrieben hatte. Noch, ſagt man, ſei der Boden krank von dieſem ſchreck⸗ lichen Sturm, und Bäume und Pflanzen haben ihre frühere Kraft noch nicht wieder erhalten, Mehrere große Bäume, unter ihnen ein prächtiger Ceiba, liegen noch jetzt dem Erdboden gleich gemacht da. Aber in dem Garten blühen wieder die ſchönſten Pflanzen und das Vogelhaus beſitzt eine Menge ſeltener Vögel. Das Haus, das Sidney Sauval einzig und allein mit Hülfe ſeiner Neger für ſeine Mutter erbaut hat, gehört zu den ſchönſten, die ich auf Cuba geſehen habe. So ge⸗ ſchickt können die Neger als Handwerker werden. Die meiſten Handwerker auf Cuba ſind Neger und ſie ver⸗ dienen ſo viel, daß ſie ſich leicht freikaufen. Wenn ich im Sonnenuntergang mit Madame Car⸗ rera unter Geſprächen, die mit ihr ſtets lebhaft werden, in den vielen Gängen Caffetals umherwandle, muß ich immer von Neuem ſtilleſtehen in Bewunderung für die Schönheit und Anmuth der Formen und Bewe⸗ gungen der jungen Palmbäume, die hier wachſen. Die Zweige der Cocospalme ſind in ihrer Jugend von un⸗ vergleichlicher Grazie. Regelmäßigkeit und Ungezwun⸗ genheit, Geſetz und Freiheit, Majeſtät und Milde vffen⸗ baren ſich hier in lebendigen Symbolen. Hier iſt auch eine gigantiſche Laube oder ein hoher gewölbter Gang von Bambusbäumen oder, wie ſie auf ſpaniſch genannt werden, canna brava, und bildet den Schluß einer prächtigen Guardarajah von Königspalmen. Wenn ich in der Tiefe dieſes hellgrünen Tempelgewölbes die Sonne aufgehen und die feinen Bambuszweige luftige gothiſche Arcaden, deren Grazie ſich nicht beſchreiben läßt, gegen die hellrothen und goldenen Wolken am Abendhimmel bilden ſehe, da fühle ich mit einer Miſchung von Weh⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. Il. 16 242 muth und Freude, daß der bildende Künſtler hier Feder und Pinſel fallen laſſen und muthlos wie Carlo Congo beim Tanze ſagen muß:„Nein, es lohnt ſich doch der Mühe nicht!“ Rein, es lohnt ſich der Mühe nicht die Hände zu erheben, um nachzubilden, ſondern bloß um anzubeten. Aber es lohnt ſich der Mühe dieſe Bildungen des höchſten Künſtlers zu betrachten, um von ihnen Sinn und Kunſt veredeln und vergeiſtigen zu laſſen. Ich ſtehe Morgens früh auf um zu malen und ſehe da von meinem Fenſter aus zwei große Hybiscusbüſche mit blutrothen Blumen, umſaust von einem Schwarm ſmaragdgrüner Colibri. Rund um ſie her auf den großen Plänen iſt eine Menge Federvieh, das meine Beluſtigung ausmacht. Zuvörderſt kommen zwei hoch— beinige, langhalſige, hellrothe Flamingos, die ganz jung am Meeresufer gefaugen wurden und jetzt vollkommen zahm ſind. Sie haben von Geſtalt einige Aehnlichkeit mit Schwänen, aber bedeutend längere und ſchmalere Beine wie auch längere und ſchmalere Hälſe. Sie ha⸗ ben kleinere Köpfe und große krumme Schnäbel und geben ein ſchnarchendes Getöne, ähnlich wie die Enten, nur weit ſtärker von ſich, beſonders wenn ſie nicht zu rechter Zeit gefüttert worden ſind, und bei dieſer Gele⸗ genheit ſpazieren ſie, wenn ſie Madame Carrera her⸗ auskommen ſehen, brummend ihr nach und ſcheinen gleich⸗ ſam zu zanken und mit großem Eifer darüber zu kla⸗ gen, daß man ſie vernachläßigt hat. Ihre Verachtung gegen die Hühner und Gänſe iſt unbeſchreiblich, und die hochvornehmen Mienen, womit ſie heranſteigen und auf die Hühner herabſehen, gleich als fühlten ſie ſich beleidigt, daß dieſe es wagen ſich auf ihrem Weg ein⸗ zufinden, ſind köſtlich anzuſchauen. Die Hühner ſprin⸗ gen gleichſam gedemüthigt durch ihre vornehme Hal⸗ tung und das Bewußtſein ihrer eigenen Geringfügig⸗ keit ihnen aus dem Weg, aber die fetten und breiten Gänſe, welche Bürgerfrauen neben öſtreichiſchen Herzo⸗ 243 ginnen mit fünfzehn Ahnen gleichen, rächen ſich zuwei⸗ len dadurch, daß ſie ihre Hälſe nach ihnen ausſtrecken und ein gellendes Geſchnatter von ſich geben, welches die vornehmen Flamingos nicht zu beachten belieben. Solcher Art iſt die Demokratie der Natur. Die armen, vornehmen Flamingos ſind übrigens jetzt ſämmtlich anf dem Trockenen. Es iſt zwar für ſie ein ſtei⸗ nernes Baſſin vorhanden, das Waſſer halten ſollte, aber die beharrliche Dürre hat es beinahe ganz aus⸗ getrocknet. Gleichwohl hält das Flamingopaar da ſein Morgenbad mit großem Weſen, und wenn ihre Flügel etwas naß geworden ſind, ſtellen ſie ſich auf dem Gras⸗ walle auf und breiten ſie mit viel Pomp und Feier⸗ lichkeit aus, um im Wind und in der aufſteigenden Sonne zu trocknen. Sodann machen ſie auf einem Beine ſtehend unter einem Caſuarinabaum mit langen ausgeſtreckten Zweigen— dem Baum, welchen der Ne⸗ ger wählt, um ſich zu hängen— ein Schläfchen und legen den langen Hals in ſchlangenartigen Biegungen über den Rücken zurück. Sie ſind dann höchſt köſtlich anzuſehen. Hier wie überall auf Erden iſt man mit dem Wet⸗ ter, wie der liebe Gott es ſchickt, ſelten zufrieden. Wie man ſich daheim bei uns oft nach Regen ſehnt, ſo ſehnt man ſich jetzt auch auf Cuba darnach. Und die heiße Luſt und der rothe Stanb machen, daß die Sehnſucht nach Regen hier etwas brennend und qual⸗ voll iſt. Ich habe ſo manchmal von der Schönheit der Luft und der Vegetation auf Cuba geſprochen und mich ſo herzlich daran erlabt, und gleichwohl habe ich hier mitten in all dieſer Herrlichkeit manchmal eine Ahnung von dem, was das Heimweh beſagen will. Es gibt Mo⸗ mente, wo ich es nicht wage an unſere kühlen Sommer⸗ abende und die weißen Nebel zu denken, die Abends aufſteigen und ſich wie Schleier über die Wieſen bei Arſta unter unſrem Hauſe legen, an die Nebel, in wel⸗ chen die Ochſen ſo gemüthlich liegen, wiederkäuen und ausruhen. Es iſt mir als ſollte ich hier krank werden, als ſollte ich gleich dem armen kleinen Lappländer Tantus Potas in Italien, als er in den letzten Zü⸗ gen lag, von aller Herrlichkeit der Tropen nur das begehren, was ich nicht erhalten könnte,„ein wenig Schnee um mein Haupt darauf zu legen.“ Den 3 Mai. Ein Regenſchauer, ein Regenſchauer! Und die Flamingos haben Badwaſſer bekommen und halten ein großes Bad, und die Gänſe ſchnattern, alle Pflanzen glänzen und treiben ihre Blüthen hervor und Menſchen und Pflanzen und Thiere richten ihre Häupter auf. Jetzt ſetzt der Kaffeebuſch Bohnen an und die Palma Chriſti“) reckt ihre grünen Hände ganz geſtärkt im Winde empor. Der Papayabaum ſchüttelt die Regentropfen aus ſeinem Wipfel und Cucullos kommen in Menge herangeflogen. Morgen am Sonntag dürfen die Reger unter dem großen Mandelbaum vor der Bohea tanzen. Dieß wird mein letzter Tag auf Concordia ſein. Uebermorgen reiſe ich in Begleitung von Sidney Sauval nach Ha⸗ vannah. Da ich es in friſcher Erinnerung habe, muß ich Dir von einem Ereigniß erzählen, das ſich vor Kurzem nicht weit von hier zugetragen hat und ein Beweis iſt, wie viel die Behandlung der Negerſklaven bei ihnen in Gutem oder Böſem wirken kann. *) So wird nach der Beſchaffenheit der Blätter dieſe Pflanze genannt, aus welcherman das Ricinusöl preßt. Man hat ſie in letzterer Zeit mit großem Vortheil auf Cuba und in den füdlichen Staaten Americas zu bauen angefangen. ind en, der zü⸗ as nig die ein izen chen uf. lma nde fen nge dem vird gen Ha⸗ ich zem veis nen dieſe reßt. auf auen 245 Ein franzöſiſcher Plantagenbeſitzer auf Cuba, Herr Chapeaud, reiste vor einigen Monaten nach Europa und hatte die Aufſicht über ſeine Plantage und ſeine Negerſklaven einem Mayoral überlaſſen, der ſein Ver⸗ trauen beſaß. Dieſer war ein harter und heftiger Mann, er behandelte die Sklaven ſtreng und gewalt⸗ thätig, und es verging kein Monat, ſo war das ganze Arbeitsperſonal auf der Pflanzung in vollem Aufruhr und das Leben des Mayorals ſtand in Gefahr. Ma⸗ dame Chapeaud— eine Dame, die ich kennen lernen möchte, nahm es auf ſich dieſen Mayoral zu verabſchie⸗ den und ſelbſt ſein Amt zu verſehen. Durch einen großen Schirm vor der Hitze der Sonnenſtrahlen ge⸗ ſchützt, gieng ſie mit den Negern auf die Felder und blieb da die Arbeit überwachend; ſie begleitete ſie ſo⸗ dann wieder nach Haus und ſah darauf, daß ihnen Speiſe und Ruhe nach Recht und Billigkeit zugemeſſen wurde. Von dieſem Augenblick an trat vollkommene Ordnung und Ruhe auf der Plantage ein. Die Skla⸗ ven arbeiteten willig und ließen ſichs angelegen ſein der achtungswürdigen Dame ihre Ergebenheit zu be⸗ weiſen. Sie fuhr fort das Mayoralgeſchäft auf der Plantage zu verſehen, bis ein Mann angeſchafft werden konnte, der die Plantage nach ihrem Sinn verwaltete. Mein letzter Abend in Concordia. Cucullos leuchten im Glaſe neben mir und ich könnte bei ihrem Scheine ſchreiben; aber ich ſchreibe doch bei einem von Menſchenhänden gemachten Licht, weil deſſen Schein, wenn auch nicht ſo ſchön, doch ſtär⸗ ker iſt. Es beleuchtet meinen letzten Abend auf Con⸗ cordia. Viel Schönes an Natur und Menſchen habe ich hier kennen gelernt und ich werde ewig dafür dank⸗ bar ſein. Ein Gedanke macht mich beſonders glücklich. Ich bin unbekannt, ſelbſt in Beziehung auf literariſchen 246 Ruf,— denn es kommen höchſt ſelten europäiſche Bücher nach Cuba— hieher gekommen, ohne irgend eine an⸗ dere Empfehlung außer der Eigenſchaft als Fremdling aus einem fernen Lande,„dem Lande Guſtav Adolfs und der Königin Chriſtine,“ und nach einem Aufent⸗ halt von nicht mehr als einer Woche bin ich als Schweſter und Freundin im Hauſe. Dieſes Verhält⸗ niß, das ſich in mehreren Häuſern Cubas für mich erneuerte, hat mir das hohe Gefühl einer Seelenver⸗ wandtſchaft gewährt, die, ſobald ſie ſich geltend machen kanu, ein ſtärkeres Band der Vereinigung wird, als alle äußeren Bande. Selten habe ich mich in einem fremden Haus heimiſcher gefühlt als in dieſem. Madame Carrera iſt eine von denjenigen Perſonen, die ich herzlich liebhaben und mit denen ich bei täglichem Um⸗ gang glücklich leben könnte. Mit ihrem Sohne könnte ich mitunter in gewiſſen Beziehungen recht ernſtlich hadern, aber ich könnte nicht umhin ihm als einer reichbegabten jungen Rieſennatur und einem Geiſte, der ſich von großen und edeln Gedanken befenern läßt, Freundſchaft und Intereſſe zu widmen. Die holden Kinder, ja, in dieſe bin ich geradezu verliebt, beſonders in den jüngſten kleinen Amorino Eduardo. Man kann ſich kein ſchöneres und graziöſeres Kind denken. Der Abſchied von ihnen allen geht mir ſehr nahe. Und dann die Blumen und die Früchte, die jetzt in immer reicherer Menge zu kommen anfangen. Ich habe hier mehrere kennen gelernt, die mir vorher un⸗ bekannt waren. Dieſe Inſeln der Südſee, dieſe Lieb⸗ linge der Sonne, überfließen von reichen Früchten und Spezereien. Madame Carreras Tiſch gehört auch zu den leckerſten. Aber keines der leckern Gerichte dahier hat mir mehr behagt, als das Lieblingsgericht der Neger⸗ ſtlaven, Foufon genannt, eine Artvon zähem, aber höchſt ſchmackhaftem Pudding, den ſie aus zerſtampften Ba⸗ nanas oder Platanen machen und mit einer Sauce — „—„„— her n⸗ ing lfs ut⸗ als ält⸗ lich er⸗ hen als tem ame lm⸗ inte lich iner der äßt, lden ders ann Der jetzt Ich un⸗ ieb⸗ und e hier ger⸗ öchſt Ba⸗ 247 von Tomatos, ſowie mit andern grünen Dingen eſſen. Es iſt ein ausgezeichnet gutes und geſundes Gericht, das wir mehrere Male zum Frühſtück erhielten, nach⸗ dem ich mein großes Wohlbehagen erklärt hatte. Und nächſt unſerer Kartoffel, die auf Cuba eine Rarität iſt, weiß ich keine zugleich ſo gute, ſo ſchmackhafte und leckere Wurzelfrucht als die edle Wurzel Yuca, die gleich der Kartoffel mit friſcher Butter gegeſſen wird und ſowohl auf dem magern Lande der Neger als in den fetten Caffetälern der reichen Pflanzer wächst. Eine ſo gute Mutter iſt die Natur, ein ſo guter Vater iſt der Schöpfer der Natur, daß die ſchmackhafteſte und geſun⸗ deſte Nahrung auf Erden in allen Ländern auch die zu⸗ gänglichſte für Alle iſt. Was haben wir in unſern Län⸗ dern, was auf die Länge beſſer mundete und geſunderwäre, als Kartoffeln und Häringe, Milch und Brod und Rog⸗ genmehlgrütze— ſelbſt die Excellenzen, ſagteſt du ein⸗ mal, eſſen ja zuletzt eine Waſſergrütze— und das Waſſer, klares reines Quellenwaſſer, das erſte, das beſte von allen Getränken der Natur, iſt dasjenige, das allen umſonſt gegeben wird. Ich muß jetzt einige Worte von dem letzten Neger⸗ tanz ſagen, den ich auf Cuba zu ſehen bekam. Er fand heute Nachmittag unter einem großen laubigen Mandelbaume ein Stück weit von der Bohea ab Statt, welche auch hier keine Feſtungsmauer mit Thüren und Riegeln iſt, ſondern eine freiliegende Woh⸗ nung, die an einen Meierhof bei uns erinnert. Der Tanz hatte ganz denſelben Character, wie die Tänze, die ich vorher beſchrieben habe. Ein Ring von Singenden wiederholte eintönig und unharmoniſch, aber mit rhythmiſchem Leben die Worte und den Ton, die ein junger Neger angab; mitten im Ring waren ein oder zwei tanzende Paare, welche umherhüpften und courbettirten, der Mann lebhaft, ſie gemeſſener; der Tanz war eine fortgeſetzte einförmige Improviſation. ———— 248 Eine Menge kleiner Kinder befand ſich hier im Ring, und unter ihnen ſtand die gute weiße Dame la dame plauche, wie ich ſie zu nennen liebe, mild und mütterlich. Ich fragte hier wieder und ſuchte die Bedeutung der Worte zu erfahren, die zum Tanz geſungen wurden, und wiederum antwortete man mir, es ſei ſo unbedeu⸗ tend, ſo NRichts, daß es ſich nicht der Mühe lohne es zu ſagen. Es mag ſein, daß dieß oft ſo der Fall iſt. Aber daß es nicht immer ſo iſt, das weiß ich aus vielen Erzählungen und vielen Negergeſängen in den Sklavenſtaaten Americas. Die Neigung der Africaner zur Improviſation iſt ein auszeichnender Zug in ihrem Leben und Character und kann, wie wir wiſſen, der Ausdruck eines hohen Grades von einfacher Schönheit im Leben der Seele und der Handlungen ſein. Als der berühmte engliſche Reiſende Mungo Park — ſo erzählt er ſelbſt in ſeiner Reiſebeſchreibung— verirrt in den Wildniſſen Africas, mit Abſchen fortge⸗ wieſen aus dem Dorf, wo er eine Nachtherberge zu be⸗ kommen gehofft hatte, einſam, hungrig, erſchöpft, von aller Welt verlaſſen ſich unter einen Baum ſetzte, mit keiner andern Ausſicht als auf einen kläglichen Tod— denn es drohte ein Gewitter und die wilden Thiere brüllten um ihn her— da kam gegen die Dämmerung ein Weib vom Acker zurück, ſah ihn und erbarmte ſich ſeiner, nahm ihm den Zaum und den Sattel des Pfer⸗ des ab— das Pferd ſelbſt war ihm geraubt worden — und bat den unglücklichen Reiſenden ihr zu folgen. Sie führte ihn in ihre Hütte, zündete ihre Lampe an, breitete einen Teppich über den Boden und bat ihn da über Nacht zu ruhen. Sie brachte auch einen ſchö⸗ nen Fiſch, den ſie auf Kohlen briet und ihm als Abend⸗ eſſen darreichte. Einen großen Theil der Racht hindurch ſpann ſie mit den Weibern in der Hütte Baumwolle, und wäh⸗ rend ſie ſpannen, ſangen ſie, um ſich aufzumuntern, ——„— ——-—— —— c— — 9 n, 8 l 18 en er m er it e⸗ on it ⸗ en pe hn D d⸗ ſie h⸗ n, 1 249 Lieder. Eines von ihnen war offenbar für die vorlie⸗ gende Gelegenheit gemacht. Ein Weib ſang zuerſt allein; dann ſtimmten die andern im Chor ein. Der Ton der Melodie war lieblich und melancholiſch. Die Worte waren folgende: Der Sturm heulte und der Regen fiel, der arme weiße Mann, müde und ſchwach, ſetzte ſich unter unſern Baum; er hat keine Mutter, die ſeine Milch bringen kann, kein Weib, das ſein Korn mahlt. Chor. Habt Mittleid mit dem weißen Mann! Er hat keine Mutter u. ſ. w. Wenn die Weiber Africas in America und Weſt⸗ indien weniger ſchöne Lieder ſingen, ſo iſt es nicht ihre Schuld; wenn ihre Improviſation gefeſſelt iſt wie ihre Körper und ihre Seelen, ſo iſt es die Schuld des weißen Mannes. Seine Pflicht iſt es ihn frei zu machen, ihn durch das Licht der chriſtlichen Liebe und Bildung emporſchießen zu laſſen wie eine Palme, wie eine Bambusarcade aus der ſonnenwarmen Erde, und die Völker der Tropen mit ihren Geſängen und Tänzen werden dereinſt der reichen und ſchönen Naturwelt der Tropen entſprechen. — Auch ſie gleicht einer fortwährenden Improviſation eines wechſelnden, üppigen Sommerlebens, das in ſeiner ewigen Blüthe die Menſchen vergeſſen laſſen könnte, daß„der Tod in die Welt gekommen iſt.“ Später an dieſem ſchönen Abend, einem der ſchön⸗ ſten, die ich auf Concordia zugebracht habe, denn die Luft war aufgefriſcht nach dem Regenſchauer und der Mond ſtieg ſchön auf über dem weißen Hauptgebäude 250 — ſaßen wir draußen und ſahen Cucullos in der Luft umherſchwärmen und die Feuer glänzen aus der Bohea der Reger. Ohne Feuer kann dieſes Volk nicht leben, ſelbſt mitten in der größten Hitze nicht; und ſie lieben es auf dem Boden mitten in ihren Zimmern anzuzün⸗ den. Ihre Betten— Bretterſtücke mit oder ohne Stroh,— verwandeln ſie mittelſt belanbter Zweige und Lumpen ſo ſehr als möglich in Neſter, worin ſie gerne zuſammengekauert liegen. Noch ſpäter ſpielte ich mit den holden Kindern auf der Piazza Feuerleihen, was hier tu me da la candela hieß. Es war für die Kinder etwas Neues und machte ſie ausgelaſſen luſtig. Morgen früh reiſe ich nach Havannah zurück, um von da am 8. Mai mit der Iſabel nach Charleston zu fahren. Der Tanz unter dem Mandelbaum und die ſchöne weiße Dame da, die wie eine Mutter unter den ſchwar⸗ zen Kindern ſtand, iſt ein Bild, das ich mit Vergnü⸗ gen von hier fortnehme. Aber ich nehme von hier auch die Erinnerung an die Worte mit, welche der ehrliche Don Felix eines Abends zu mir ſagte und die aus ſeinem Munde nicht verworfen werden können: „Ach, es iſt ein Unglück Sklave zu ſein!“ Die gute weiße Dame kann doch den armen ſchwar⸗ zen Sklaven nicht ſchützen. Havannah, den 5. Mai. Die Religion iſt nicht ganz todt auf Cuba; ſie lebt da noch in einigen ſchönen barmherzigen Stiftun⸗ gen zum Vortheil vater⸗ und mutterloſer Kinder und unglücklicher Kranken. Sie lebt da lebendiger als in den Vereinigten Staaten Nordamericas, wenigſtens in einer Beziehung, derjenigen nemlich, daß ſie ſo⸗ wohl den ſchwarzen als den weißen Menſchen und zwar auf vollkommen gleichem Fuß in das Spital und die Wohlthätigkeitsanſtalt aufnimmt. Ich habe dieß heute geſehen und davon gehört, während ich mit dem liebenswürdigen Creolen Alfredo Sauval das große Krankenhaus zum heiligen Lazarus beſuchte, worüber er die Oberaufſicht führt. Die große Anſtalt iſt für Unglückliche beſtimmt, die mit unheilbaren Krankheiten behaftet ſind, welche den tropiſchen Ländern und be⸗ ſonders der africaniſchen Bevölkerung angehören, z. B. Ausſatz, Elephantiaſis, bei welcher Beine und Füße zu unnatürlichen Dimenſionen anſchwellen, und die St. Antonskrankheit, bei welcher Hände und Füße ſich zu⸗ ſammenziehen und ohne Schmerz oder Wunde zu Nichts verſchwinden. Für dieſe Unglücklichen hat man hier auf die ſchönſte Art geſorgt. Das unmfaſſende Gebände— wie eine große Bo⸗ hea viereckig und mit einem Gatterthore verſehen— lag am Meer, das mit brauſenden Wogen die Felſen⸗ wände an ſeinem Fuß badete und die Wohnungen der Kranken mit ſeinem Leben und Geſundheit athmenden Wind umgab. Auf dem großen Hof waren ſchöne Pflan⸗ zungen von Oleanderbäumen, die jetzt in voller Blüthe ſtanden, und deren hellrothe Blumen die Luft mit Wohlgerüchen erfüllten. Dieſe ſchönen Pflanzungen waren das Werk des jungen Intendanten. Jeder 252 unglückliche ſchwarze oder weiße Menſch, der mit einer der unheilbaren Krankheiten behaftet iſt, welche ich ge⸗ nannt, hatte hier ſeine eigene, abgeſonderte, bequeme Wohnung. Unter den Perſonen, die ich beſuchte, war ein alter Neger, der ſeit ſeiner Ingend an der St. Antonskrankheit litt. Seine Hände waren nur noch Fingerſtumpen und die Füße nur noch Knöchel, auf welchen er jedoch ſtehen und mit Hülfe von Stöcken noch gehen konnte. Auch konnte er mit den Finger⸗ ſtumpen ſich und ſeinen kleinen Haushalt beſorgen. Seine Wohnung beſtand aus einer kleinen Stube und ditto Schlafkammer, einer kleinen Küche, bei welcher er noch ein Gärtchen hatte, wo er einige Ananas und Wurzelfrüchte pflanzen konnte— Alles klein, aber gut und ſauber. Er ſah gutmüthig und zufrieden aus. Die andern Kranken hatten ähnliche Wohnungen. Es fehlte Nichts, was ihr langſam dahinſterbendes Leben verſüßen konnte. Und Chriſti Liebe kam hier noch zu den am meiſten leidenden Menſchenkindern. Sie konnten die Herrlichkeit der Natur im Meer und in den ſchönen Blumen ſehen und genießen; ſie konnten nnter Gebeten und Leſung frommer Bücher ohne Un⸗ ruhe und Kummer den Tag abwarten, welcher ſie von ihren Körpern erlöſen und ſie mit einer verklärten Naturwelt vereinigen ſollte. Die Hoffnungsloſen kön⸗ nen hier für die ſchönſte Hoffnung leben. Eine andere ſchöne Barmherzigkeitsanſtalt in Ha⸗ vannah iſt la Casa de beneflconcia(das Wohlthätig⸗ keitshaus). Sie nimmt mehrere Hundert mutterloſe Kinder auf. Sie erhalten da ihre Erziehung, und wenn ſie das Haus verlaſſen, bekommt jedes als eine Art von Mitgift 500 Peſos, womit ſie ihr Leben auf eigene Fauſt beginnen können. Aus der St. Lazarusanſtalt führte mich Herr Sauval nach Havannahs großem Begräbnißplatz Campo santo. Dieß iſt ein großes Gebäude von ſchwar⸗ — 3 253 zem Marmor, in deſſen hohen Mauern innerhalb ei⸗ nem ungehenern Burghof jede Familie ihre kleine Niſche oder Lade hat, wenn ſie nemlich die Mittel beſitzt ſie zu bezahlen. Jede ſolche kleine Niſche war mit einer Inſchriſt in goldenen Buchſtaben verſehen. Die Weite und Höhe der Mauer machte, daß dieſe Grabniſchen ſehr klein ausſahen; aber jede kann doch mehrere Särge in ſich faſſen. Im Spital hatte ich den Geiſt des Chriſtenthums geſehen; im Campo ſanto fand ich den Geiſt des Hei⸗ denthums wieder. Die Leichen der Reichen ruhten in den hohen Mauern mit goldenen Inſchriften; die der Armen wurden ohne Gedächtnißzeichen, ohne einen grünen Raſen über ihnen, ohne eine Blume oder ein Gebüſch, um das Lichtleben über dem Grab anzudeuten, hinab⸗ geſcharrt. Und es war eine große Abtheilung im Campo ſanto, wo man ganze Anhöhen von Beinen und Todtenſchädeln auf einander warf; es war der Begräbnißplatz der Negerſklaven. Es iſt hier nemlich verboten einen Neger im Sarge zu begraben; die Leiche wird halb oder ganz nackt in die Erde gewor⸗ fen, und auf ſie werden Kalk und ſolche Erdarten ge⸗ worfen, die den Körper raſch verzehren. Nach acht oder vierzehn Tagen wird er wieder ausgegraben, um andern Körpern Platz zu machen, und die Beine wer⸗ den haufenweiſe aufgeworfen, um in der Sonne zu trocknen. Während wir da ſtanden, wurde ein unbedeutender Menſch in der Nähe des Negerplatzes begraben. Ich be⸗ merkte, daß man dem Todten Kiſſen, eine Decke und etliche Kleidungsſtücke ins Grab legte. Während dieſer meiner letzten Tage in Havannah habe ich auch mit meiner guten Mrs. Tolme einige ſchöne Privatgärten beſucht, um verſchiedene Blumen und Früchte beſſer kennen zu lernen. Ich habe mit 254 dem Profeſſor der Botanik, Don Felipe Pos, Bekannt⸗ chaft gemacht, und er war ſo artig mir einige cubani⸗ ſche Schmetterlinge zu ſchenken, worunter auch denje⸗ nigen, der für den ſchönſten gehalten wird und hier den Namen Urania führt. Er hat eine ſchöne dunkel⸗ grüne Farbe und einen Glanz wie von Sammt. Es thut mir leid, daß ich die Bekanntſchaft des intereſſanten und freundlichen Alfredo Sanval nicht früher gemacht habe, denn durch ihn hätte ich in Havannah Vieles lernen können, was mir jetzt durch die knappe Zeit unerreichbar geworden iſt. Es ſcheint ſich in Cuba während der letzten Jahre viel gebeſſert zu haben, beſonders was die Polizei und die Sicherheit der Perſon, ſowohl in der Stadt als auf der ganzen Inſel betrifft. Vor einigen Jahren hörte man(ſo haben mir mehrere Leute erzählt) am päten Abend oft den Nothruf: Assassino!(Mörder ¹) auf den Straßen. Aber Niemand wagte es nach der Seite zu gehen, von wo der Ruf vernommen wurde; denn nicht ſelten war der Ruf eine Schlinge, und die⸗ jenigen, die ſich hineinlocken ließen, waren ſelbſt dem Mord ausgeſetzt. Wenn Jemand einen Andern ermor⸗ det oder ſterbend draußen auf dem Boden liegen ſah, ſo konnte er es nicht wagen ihm zu Hülfe zu kommen, ohne daß er ſich der Gefahr ausſetzte, daß er, wenn nemlich der Verwundete ſtarb, ohne daß mehrere Per⸗ ſonen die Unſchuld des Helfers bezengen konnten, ſelbſt des Mords angeklagt wurde und einen endloſen Prozeß an den Hals bekam. Der ſicherere und beſſere Zuſtaud, der jetzt eingetreten iſt, wird den ſtrengen ünterſuchungen und den Reformen des Gouverneurs Tacon zugeſchrieben. Er war ein ſtrenger Mann und that viel zum allgemeinen Beſten, machte ſich aber durch ſein deſpotiſches Weſen bei vielen Privatleuten ver⸗ haßt. Prozeſſe und Advocaten ſtehen auf Cnba in gro⸗ v n, en re en vs nd ch er⸗ 255 ßem Flor, und die Gewaltthätigkeiten und Plackereien der Gerichte gegen einzelne, die niemals zu ihrem Rechte kommen, wenn ſie es nicht mit ſchwerem Geld erkaufen, ſind unerhört. Aber um dieſem Uebel abzu⸗ helfen, iſt eine gänzliche Umbildung ſowohl der Ge⸗ richte als der Regierung auf der Inſel erforderlich. Auf meinen Wanderungen in Havanuah habe ich. immer mit Vergnügen die Negerbevölkerung daſelbſt betrachtet, die mir freier und glücklicher zu ſein ſcheint als in den Städten der Vereinigten Staaten. Gewiß iſt, daß man hier öfter als dort Neger und Mulatten Handel treiben ſieht, und daß ihre Weiber in der Re⸗ gel ſehr gut, ja ſogar hübſch gekleidet ſind. Anf den prächtigen Paſeos ſieht man nicht ſelten Mulattinnen mit Blumen im Haare ſpazieren und ihre Familie mit ihnen. In den Tabaksläden findet man gewöhn⸗ lich Mulatten als Verkäufer, oft auch als Eigenthümer der Bude. Die ſchwarzen Einwohner rauchen mit den weißen um die Wette Cigarren; viele Frauenzimmer von der zweiten und dritten Claſſe rauchen auch gerne ihre Cigarritos, und es wird behauptet, daß von der Bevölkerung auf Cuba ein Drittel mit der Verferti⸗ gung von Cigarren beſchäftigt ſei, während die zwei andern ſich damit beſchäftigen ſie zu rauchen. Unter der weißen Bevölkerung in den Städten bemerkt man deutlich zwei verſchiedene Phyſiognomien. Der eine Theil hat feine Züge, ein ovales Geſicht, einen ſtolzen und oft düſtern Ausdruck; er gehört dem caſtilianiſchen Stamm an. Der andere hat ein rundes Geſicht, platte breite Züge, einen jovialen aber plebeji⸗ ſchen Ausdruck; er gehört den Cataloniern an. Der erſtere iſt mager, der letztere dick. Die Caſtilianer findet man am häufigſten unter den Beamten, die Catalonier unter den Handelsleuten. Dieſe letzteren hängen zunftmäßig zuſammen und ſtehen in minder gutem Verhältniß ſowohl zu den Caſtilianern als zu —— 256 den Creolen. Die Creolen ſind gute Leute und ſchei⸗ nen von dem milden Clima auf der Inſel einen ſauf⸗ ten und harmloſen Character einzuſaugen. Zu meinen Verſuchungen auf Cuba gehörte eine Reiſe nach Jamaica, die ſehr leicht hätte zu Stande kommen können, und die ich gewiß ausgeführt haben würde, wenn ich nur mehr Zeit gehabt hätte. Ich hätte gewünſcht auf Jamaica die Neger zu ſehen, wie ſie im chriſtlichen Staat ſich ſelbſt regieren. Durch den älteren Mr. Tolme und einige ſeiner Bekannten aus Jamaica habe ich jedoch ein ziemlich klares Bild vom Zuſtande daſelbſt erhalten. Es ſcheint. daß die freien getauften Neger ſo ziemlich dem Character treu bleiben, den ſie in Africa zeigen. Man hat ihnen große Häu⸗ ſer mit bequemen Zimmern, mit Küchen und Gärten gebaut, ſo daß ſie in Bezug auf Wohnung und Ar⸗ beitsleben alle Vortheile des Privatlebens und der Aſſociation vereinigt haben. Vergebens! Die großen, bequemen, ſteinernen Hänſer blieben leer ſtehen. Der Neger liebt das ſteinerne Haus und die Aſſociation nicht. Das höchſte Streben jedes Negers geht dahin, ſich ein eigenes kleines Erdeſtück,(a mountain wird es genannt, was vermuthlich Hügel bedeuten ſoll) kaufen zu können, wo er ſich dann eine mit Palmblättern be⸗ deckte Rindenhütte bauen, die Bäume ſeines Heimath⸗ landes pflanzen, und einiges Land für das Zuckerrohr oder Mais und Erdfrüchte umgraben kann. Er ar⸗ beitet, um dieſes irdiſche Paradies zu gewinnen. Dort angekommen findet er ſeine Luſt darin, ſoviel als mög⸗ lich zu ruhen und zu genießen und ſo wenig als mög⸗ lich zu arbeiten. Und warum ſollte er arbeiten? Der Ehrgeiz, der Wiſſensdrang, das Verlangen die Welt geiſtig oder körperlich zu erobern, ſolche Wünſche, die der Schöpfer der kaukaſiſchen Raſſe eingab, ſind ihm nicht zu Theil geworden⸗ Dagegen hat er das Talent zum ſorgenloſen Genuſſe, die frohe Laune, den rhyth⸗ —— g⸗ er elt ie m nt † . F 257 miſchen Geſang und Tanz. Der Himmelsſtrich, unter welchem er geboren iſt, begünſtigt die erſteren Gaben und ſteht den letzteren entgegen. Auch im Handel zeigt der Neger ſeine Neigung ſich in ſeiner kleinen Welt zu vereinzeln und ſeinen Widerwillen gegen Aſſociativn oder ſeinen Mangel an Talent dafür. Statt eines großen Handelshauſes für Zucker oder Caffee werden hundert kleine Handelsbuden errichtet, wo jeder für ſich Zucker oder Caffee verkauft ohne Gemeinſchaft mit den andern. In Folge dieſer Neigungen lieben die Neger es nicht für größere Plantagenbeſitzer zu arbeiten und verlangen dafür einen übertriebenen Taglohn. Be⸗ kommen ſie nicht ſo viel als ſie wünſchen, ſo ziehen ſie es vor nicht zu arbeiten. Sie ziehen es vor; denn jſie haben ſo wenig Bedürfniſſe und die ſchöne Erde er⸗ nährt ſie für geringe Mühe. Deßhalb ſind auch beinahe alle größere Pflanzun⸗ gen auf Jamaica in Verfall gerathen und ihre Beſitzer untergegangen. Die meiſten großen Plantagen ſtehen für geringe Preiſe zum Verkauf ausgeſetzt. Gleichwohl habe ich von zwei größern Plantage⸗ beſitzern auf Jamaica, einem Engländer und einem Spanier, gehört, daß ſie keinen Grund gehabt haben ſich zu beklagen, und daß es ihnen immer gelungen ſei von den Negern die Arbeit zu erhalten, deren ſie be⸗ durften. Aber ich vermuthe da, daß ſie nicht viel forderten und daß ſie die Neger freundlich behandelten. Und warum ſollte die Arbeit für muntere Leute nicht munter gemacht werden? Die Neger ſelbſt ſchei⸗ nen durch ihre nächtlichen Geſänge in der Zuckermühle die Art und Weiſe anzudeuten, wie man ſie zu tüchti⸗ ger Arbeit bringen kann. Man laſſe ſie unter Muſik und Geſang arbeiten, und vielleicht wird ihre Arbeit von Statten gehen wie ein Tanz; aber die Europäer Bremer, die Heimath in der neuen Welt m. 17 258 glauben, es könne keine Arbeit ausgeführt werden außer mit Hülfe von Taglohn oder der Peitſche. Am Morgen des B⸗ Mai. Ich habe meine letzte große Ausſicht über Cuba vom Azoteon auf Alfredo Sauvals Hanſe genoſſen. Es war geſtern Abend bei Sonnenuntergang. Zum letzten Mal habe ich ſeine ſchönen Palmenhaine, ſeine zierlichen, glitzernden Häuſer, ſeinen milden Himmel, ſein heliblaues Meer in dieſer Beleuchtung, in dieſer entzückenden, bezaubernden Abendluft geſehen. Heute Nachmittag gehe ich an Bord der Iſabel und ſage dann Cubas Palmen und Ceibas, Cucullos und Contretänzern, Guadarajahs und Sternbildern, afri⸗ caniſchen Trommeln, Geſängen und Tänzen, ſeiner glücklichen und unglücklichen Bevölkerung, ſeinen Höllen und ſeinen Paradieſen auf immer Lebewohl. Ich habe Abſchied genommen von guten Freunden, habe das Columbusdenkmal auf der Plaza de armas abgezeichnet, habe heute früh zum letzten Male meine liebe Cortina de Valdez beſucht und die Brandung um Morros Klippe ſich brechen geſehen. Auf dem Rückweg nach Hauſe ging ich in eine Reſtauration und verlangte dos libras de dulces(zwei Pfund Zucker⸗ werk), um es ein paar kleinen Mädchen zu ſchenken. Als ich das Confect bezahlen wollte, gab mir der junge Herr, der hinter dem Ladentiſche ſtand, das Geld mit einem verbindlichen„Koſtet Nichts, Seunora,“ zurück. Ich glaubte, daß er mich oder ich ihn nicht verſtanden habe, reichte daher mein Geld von Neuem hin, erhielt es aber mit denſelben Worten wiederum zurück. Jetzt erinnerte ich mich an das, was ich von der ſpaniſchen und cubaniſchen Galanterie gehört hatte, ich ſah mich um, und als ich am andern Ende des Zimmers neben der Thüre Herrn Sanval entdeckte, da ne el, ſer ute ge d fri⸗ ner llen en, mas eine ung dem und cker⸗ iken. der Geld ra,“ nicht euem erum ven hatte, e des e, da 259 war mir die Sache klar.„Ei, das ſind wieder Ihre ſpaniſchen Schwänke,“ ſagte ich zu ihm; er lächelte, wollte aber offenbar keinen Dank annehmen. Eines Tags lobte ich zufällig ein Körbchen, das ſeine Frau in der Hand hielt. Sogleich mußte ich es als Ge⸗ ſchenk annehmen. All mein Proteſtiren half Richts. Ich könnte hier eine wahre Angſt davor bekommen Etwas zu loben. Jetzt werde ich den guten Tolmes und Schaffen⸗ bergs Lebewohl ſagen und einige Briefe vollenden. Wenn ich Dir das nächſte Mal ſchreibe, geſchieht es von den Vereinigten Staaten aus. Ich habe neues Leben auf Cuba getrunken, aber ich könnte da nicht leben; das kann ich bloß, wo das Freiheitsleben vor⸗ waltet und überhandnimmt. Achtunddreißigſter Brief. Prief an Ihre Majteſtät die verwittwete Königin Caroline Amalie von Dänemark. Cuba, Weſtindien im April 1851. Ew. Majeſtät! „Schreiben Sie mir von America aus,“ war Ew. Majeſtät freundliches Abſchiedswort an mich, als ich zum letzten Mal auf Sorgenfrei die Freude hatte Ew. Majeſtät zu ſehen. Und dieſe Worte haben mich auf meiner langen Fahrt begleitet als eine der ſchönen und theuren Erinnerungen, welche ich dem guten Dänemark zu verdanken habe, denn ſie erinnerten mich an die große Güte, die Dänemarks Königin mir bewieſen. Sie ſind bei mir geblieben nebſt dem Wunſch, Ihnen dadurch entſprechen zu können, daß ich von der Erde der neuen Welt aus Cw. Maojeſtät einige recht ſchöne geiſtige Blumen zu bringen vermöchte, nicht unwürdig der Roſen, die Ew. Majeſtät eigene ſchöne Hand aus Ew. Majeſtät Roſengarten in der Abſchiedsſtunde mir chenkten. Aber es hat lange gewährt, bevor ich Gei⸗ ſtesfreiheit und Ruhe genug gefunden habe, um aus der reichen Flora, die America erzeugt, etwas Bouquet⸗ ſammenzubinden, Etwas, wovon oder Kranzartiges zulamn ich dachte, daß es Ew. Majeſtät Vergnügen machen könnte. Und mit Geringerem konnte ich ſelbſt nicht zufrieden ſein. Von der Königin der Antillen, von der ſchönen tropiſchen isla de Cuba aus, ſchreibe ich jetzt an Dänemarks ſchöne und gute Königin. Und während eine glühende Sonne über den Caffee⸗ und Bananas⸗ ainen auf Caffetal la Concordia(meiner gegenwärti⸗ gen Heimath) aufſteigt, während roſenfarbige Flamin⸗ gos ihre Flügel ausſtrecken, um ſie im Morgenwinde ühlen, und kleine Negerkinder— nackt, wie Gott ſie geſchaffen hat— auf grünen Plänen umherhüpfen und ſich tummeln, wo ſmaragdgrüne Colibri prunkende Hybiscusblüthen umflattern, verſetze ich mich im Geiſt nach den grünen Inſeln, nach der kühlen, ſchatten⸗ reichen Wohnung⸗ wo ich die Nachtigallen in den Buchenhainen um Ew. Majeſtät her ſingen hörte, und bringe da in dieſen Zeilen meinen Tribut der Ver⸗ ehrung und Ergebenheit dar Auf Cuba kann ich beſſer als von irgend einem andern Punct auf dieſer Seite der Erdkugel aus von der neuen Welt ſprechen, denn Cuba liegt zwiſchen Nord⸗ und Südamerica; der anglonormänniſche und der ſpaniſche Volksſtamm begegnen ſich hier in Gutem und Böſem, heimlich und offenbar um die Herrſchaft v S—— v N tt n P n⸗ n id T⸗ m on en nd em aft 261 ſtreitend; und mitten in dieſer wunderbar ſchönen Na⸗ tur, welche dem Wendekreiſe angehört, unter der tropi⸗ ſchen Sonne, unter den Palmen und Caffeepflanzungen, ſieht man bereits nordamericaniſche Wohnungen, Eiſen⸗ bahnen und Handelsbuden und das angloamericaniſche go a head(Ueberſtürzungsſyſtem) ſtößt hier zuſammen mit dem Wahlſpruch der ſpaniſchen Creolen poco a poco(nur langſam) und überflügelt es früher oder ſpäter; das iſt nicht ſchwer vorherzuſehen. Mit dem friſchen Bild von Nordamericas Natur, Bevölkerung und Staaten in der Seele iſt es eine große Erquickung auf dieſer ſchönen Inſel ein ſo ſtark contraſtirendes Gemälde aufzunehmen, wie dasjenige iſt, das Südamericas Natur, Bevölkerung und Staa⸗ ten darbieten. Denn beide gehören weſentlich dem Ge⸗ mälde der neuen Welt an, und Nordamerica ſtellt in Natur, Cultur und Sitten bloß die eine Hälfte davon dar. Die ſüdliche Hälfte mit ihren noch unorganiſir⸗ ten Staaten, ihrem chaotiſchen Volksleben, aber ihrer reichen, großen Natur, ihrem Amazonenſtrom und ihren Andes, ihren Palmen und ihrem ewigen Sommer wird noch in der Berührung mit der Bevölkerung der nörd⸗ lichen Hälfte ein herrliches Leben entwickeln, vielleicht nicht ſo ſtark wie das Leben der letzteren, aber liebli⸗ cher und ſchöner. Und beide werden eins werden in dem großen menſchlichen Reiche, das zwiſchen dem at⸗ lantiſchen und dem ſtillen Meer, zwiſchen dem nördli⸗ chen und dem ſüdlichen Ocean emporwächst. Denn wenn auch Südamerica jetzt keine Bevölkerung und keine Charaktere aufweist, welche Achtung und Bewun⸗ derung hervorrufen; wenn ſie noch der Natur zu unter⸗ liegen ſcheinen, ſtatt ſich über ſie zu erheben; wenn die Sonne ſie ermüdet, ſtatt daß ſie von ihrem glühenden und reinen Lichte inſpirirt werden; ſo wiſſen wir doch, daß unter dieſem Himmelsſtrich, unter dieſer Sonne, dieſen Palmen die ſonnenanbetenden Peruaner und die — 262 edlen Atzeken lebten; daß unter dieſem Himmelsſitrich, dieſer Sonne, dieſen Palmen im Oſten die älteſte Weis⸗ heit, die älteſte Poeſie auf Erden hervorgebracht wur⸗ den, die Vedas der Hindus, ihre Tempel, deren Rui⸗ nen noch jetzt unſere Bewunderung ausmachen, ihre Geſänge und Dichtungen, Sakontala, Urvaſi und Vikrama und dergleichen liebliche und edle Poeſien, die bloß unter Palmen und in einer Luft wie dieſe gedichtet werden konnten, die ſinnreichen Märchen, das Schachſpiel, der Bajaderen luſtiger Tanz und manche Kunſt und Wiſſenſchaft für Verſchönerung des Lebens, welche bloß da emporkommen kann, wo das Naturle⸗ ben wie ein Feſttag iſt. Und was einmal geblüht hat, das kann unter ähnlichen Verhältniſſen in neuen oder ähnlichen Bildungen wiederkehren. Des Morgenlands tropiſcher Kreis hat ſeine Blume hervorgebracht; des Weſtlands Kreis wird die ſeinige noch im Lichte des Chriſtenthums hervorbringen. Jetzt kann man bloß ahnen, was er dereinſt werden wird; man kann es ah⸗ nen aus dem herrlichen Naturleben, das noch immer ſein ſchönſtes Erzeugniß iſt. Aber von Nordamericas Bevölkerung und Staaten wünſchen Ew. Majeſtät Etwas zu hören, und von ihnen will ich vor allen Dingen ſprechen, denn ſo ſehr Ew. Majeſtät das Schöne in der Natur lieben, ſo weiß ich, daß Ew. Majeſtät gleichwohl noch inniger das lieben, was zum Menſchenwohl und Menſchen⸗ glück in der eigentlicheren und höheren Bedeutung ge⸗ hört. Sind nicht Ew. Majeſtät eine der Mütter der Menſchheit, eine von jenen hohen und holden, die das junge Geſchlecht umfaſſen, um es höher emporzuheben, näher dem Vater des Lichtes und der Vollkommen⸗ heit?!... Waren Ew. Majeſtät nicht von vater⸗ und mutterloſen Kindern, die zu Ihnen als zu einer Mutter aufſchauten, umgeben, als ich Ew. Majeſtät zum erſten Mal ſah an jenem Weihnachtsabend, wo S— N**— 263 die Weihnachtslichter an der nordiſchen Fichte brann⸗ ten, den Kindern zur Freude und dem himmliſchen Kinderfreunde zu Ehren? Und habe ich nicht mehr als einmal Ew. Majeſtät den Wunſch und die Hoffnung ausſprechen gehört, daß einſt eine Geſellſchaft auf Erden ſich bilden möge, in welcher alle Mitglieder gleiche Gelegenheit zur Erlangung von Tugend, Kennt⸗ niſſen, Thätigkeit und Wohlſtand haben werden, eine Geſellſchaft, in welcher Güte und Tüchtigkeit die höchſte Ariſtokratie ausmachen würden und der höchſte Rang dem höchſten menſchlichen Werthe zukäme? Und ſo entfernt auch Americas Vereinigte Staaten noch von dieſem Geſellſchaftsideal ſein mögen, ſo läßt es ſich nicht längnen, daß ſie darnach ſtreben, daß ſie ihm täglich immer näher kommen, mehr vielleicht als irgend andere Staaten auf Erden. Dieß gilt inſonderheit von den nördlichen und freien Staaten der Union, die hauptſächlich von den Abkömmlingen der älteſten Pilger bevölkert ſind, und wo der Quäkerſtaat überall hin ſeine Boten vom innern Licht, von Freiheit, Frieden und allgemeiner Brüderſchaft ausgeſandt hat. Enthu⸗ ſiasmus für Religion und Menſchenwohl hat dieſe nördlichen Staaten gegründet. Auf dieſem Grund ſind ſie groß und ſtark geworden und wachſen noch heute, ihre Herrſchaft immer mehr ausbreitend. Die ſüdlichen Staaten erkennen zwar dieſelben Principien von Freiheit, Menſchenrecht und Menſchen⸗ wohl als ihr Ziel an, aber ſie tragen eine Kette, die ihre Fortſchritte auf dem Weg der menſchlichen und ſtaatlichen Entwicklung hemmt, eine Kette, die ſie theils nicht abſchütteln wollen, theils nicht abſchütteln können, nemlich das Stlavereiinſtitut. Sie haben den Neger als Sklaven gebunden und der Negerſklave bindet ſie, hindert ſie das Schulweſen, die Induſtrie und alle guten geſellſchaftlichen Einrichtungen zu ent⸗ —— 264 wickeln, welche den Staat ſtark und groß machen, wie dieß in den nördlichen Staaten der ünion geſchieht. In dieſen iſt es eine große und reine Freude, die Entwicklung des Freiheitslebens zu betrachten. Und trotz der Unarten und Abarten deſſelben, die ſich da noch frei machen und Unordnungen ſtiften, gewährt doch das Ganze ein herrliches Schauſpiel. Denn die Bewegung der ganzen Geſellſchaft iſt da eine aufwärts gehende; ſie iſt ein Strom von Cultur und Zunahme, der alle Claſſen, alle Zweige der Thä⸗ tigkeit umfaßt, der auch das entfernteſte Individuum erreicht und ſelbſt das vereinſamſte mit ſich nimmt. Dazu iſt es in der Geſellſchaft gekommen, daß ſie klar bei ſich empfindet und klar und ſtark in Worten und Handlungen ausgeſprochen hat, daß es Pflicht des Staates iſt, dafür zu ſorgen, daß jeder Bürger des⸗ ſelben ein Menſch werden kann. Daher das große und vortreffliche Volksſchulſyſtem, das zuerſt in dem Pilgerſtaat Maſſachuſſets begonnen, hernach aber mit Modificationen und Verbeſſerungen in allen freien Staaten der Union befolgt worden iſt. Ueberall ſind da freie allgemeine Schulen entſtanden, wo die Kinder, Knaben und Mädchen(in abgeſonder⸗ ten Schulen) freien Unterricht bis in ihr fünfzehntes oder ſechzehntes Jahr erhalten, wo ſie dann von dieſen Schulen aus in Hochſchulen und Akademien eintreten können, falls ſie es nicht vorziehen, ins praktiſche Le⸗ ben zu treten mit dem Maaß von Kenntniſſen, welches die allgemeine Schule ihnen gegeben hat, und das nicht ſo unbedeutend zu ſein ſcheint, da viele von Nordamerikas beſten Lenten und trefflichſten Staats⸗ männern in keiner andern Schule als in dieſer und in der Schule des Lebens ſtudirt haben. Ew. Majeſtät weiblichem und mütterlichem Sinn möchte ich vor allen Dingen dieſe großen und immer mehr ſich entwickelnden Anſtalten für die Erziehung 265 des jungen Geſchlechtes, die allen jungen Mitgliedern der Staatsgeſellſchaft geöffnet ſind und die Kinder der Armen noch mehr begünſtigen als die Kinder der Reichen, ſodann neben dieſem Gemälde die wachſende Bedeutung vorſtellen können, welche das junge Weib als Lehrerin auch außer der Familie und der Heimath im Staate gewinnt. Ich möchte den Blicken Ew. Ma⸗ jeſtät dieſe großen heitern Lehrſäle vorführen können, die man jetzt in den allgemeinen Schulen ſieht von Maſſachuſſets bis Wisconſin und Illinvis, von New⸗ Hampſhire bis nach Ohio, Lehrſäle, wo Licht und Luft frei hereinſtrömen dürfen, Lehrſäle voll von ſchönen Kindern mit hellen, lebensvollen Blicken, und wo die jungen Lehrerinnen, Neuenglands Töchter und Neuenglands Ehre, fein und anmuthsvoll an Weſen und Anſehen, gleichwohl feſter auf ihrem Boden ſtehend als die Alpen und Anden, einen Schwarm junger Republikaner in der Schule beherrſchen, leichter und beſſer, als irgend ein ſtrenger Magiſter mit Baßſtimme und Karbatſche. Americas junge Töchter in den freien Staaten der Union werden nicht in Unwiſſenheit und Unthätigkeit erhalten, wie noch immer der größere Theil der jungen Mädchen in Europa. Frühzeitig lernen ſie, daß ſie ſich auf Gott und auf ſich ſelbſt verlaſſen müſſen, wenn ſie Achtung und ſelbſtſtändigen Werth gewinnen wollen; frühzeitig treten ſie aus der väterlichen Hei⸗ math und in die Schulen, wo ihnen Gelegenheit be⸗ reitet iſt in Studien und Wiſſenſchaften eben ſo weit zu kommen wie die Jünglinge, und wo ſie beweiſen, daß die Wiſſenſchaften, die man bisher für ſie zu ſchwer geglaubt, ihnen eben ſo leicht erreichbar ſind, wie die oberflächlichen Kenntniſſe und Talente, auf die man bisher ihre Erziehung beſchränkt hatte. Sie zeich⸗ nen ſich aus durch ihre Kenntniſſe in der Mathematik, in der Rechenkunſt, Phyſik, den alten Sprachen, wenuig⸗ ſtens dem Latein, und mehreren andern ihnen bis jetzt 266 verwehrten Zweigen der Gelehrſamkeit; ihre ſchriftlichen Compofitionen in Verſen und Proſa bekunden eine bei ſo jungen Jahren ungewöhnliche Reinheit des Styls, Klarheit des Gedankens und Weite des Ge⸗ ſichtskreiſes. Man ſieht, daß der Geiſt der uenen Welt die Schwingen ihrer Geiſter gelöſt hat und ihnen einen freien Flug über das Feld der Erde hin ge⸗ ſtattet. Das amerikaniſche Weib wird zur Weltbürgerin gebildet; ſie ſoll die ganze Menſchheit umfaſſen lernen. Dieß iſt offenbar der Sinn ihrer Schulerziehung, wenn es ihr auch noch an einem Syſtem fehlt, das dazu führen kann. Aus den allgemeinen Schulen kön⸗ nen die Mädchen in Hochſchulen und Frauenzimmer⸗ akademien übertreten, wo ſie den Grad und das Diplom erhalten, und damit verſehen können ſie als Lehrerinnen über die ganze Union ausgehen. Und dieß thun insbeſondere die Töchter der Staa⸗ ten Neuenglands, die einen eigenthümlichen Beruf für den Lehrſtand zu haben ſcheinen, welchen ſie ſehr häufig, nicht aus Nothwendigkeit, ſondern aus Neigung ergreifen. Ueberall in den Vereinigten Staaten, im Weſten wie im Norden und Süden der Union, wo immer die Schule in Wirkſamkeit tritt, findet man junge Lehrerin⸗ nen aus den Staaten Neuenglands, d. h. aus denjenigen Staaten, die von den Abkömmlingen der Pilgerväter bevölkert worden ſind. Und das Anſehen des Weibes als Lehrerin der Jugend ſteigt in Amerika immer mehr. Aber nicht bloß in ihrer Eigenſchaft als Lehrerin ſucht der Geiſt der neuen Welt der Frau eine freiere Entwicklung ihres Weſens uud Wirkungskreiſes zu be⸗ reiten; auch in der Kunſt und Induſtrie ſucht er ihr freie Bahnen zu eröffnen. „Wenn ich die Wahl hätte, ob ich die Erziehung in einem Lande den Männern oder den Weibern 267 übergeben ſollte, ſo würde ich die Männer bei Seite laſſen und mit den Weibern anfangen,“ ſagte eines Tags einer der Geſetzgeber hier zu Lande zu mir. Und ich glaube nicht zu viel zu ſagen, wenn ich behaupte, daß dieſe Anſicht vom größten Theil der Männer in den Vereinigten Staaten getheilt werde. So ſtark iſt die Ueberzeugung von der Macht des weiblichen Einfluſſes auf das aufwachſende Geſchlecht. Und es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß die Arbeit für die höhere Entwicklung und Bedeutung des Weibes im Staate zu den ausgezeichnetſten Zügen, den größten Verdienſten und der wichtigſten Zukunftsarbeit der neuen Weltbildung gehört. Es iſt jetzt nur nöthig, daß man ſie nicht auf halbem Weg ſtehen laſſe. Ich glaube nicht, daß es den Männern an Rechtsſinn und Nitterlichkeit fehlen wird, wenn die Weibex mit Verſtand und edlem Ernſt die Stelle einnehmen Follen, welche die Staatsgeſellſchaft ihnen hier zu geſtatten beabſich⸗ tigt. Mit Recht pflegt man den Bildungsgrad eines Volkes nach ſeiner Achtung für die Frau und nach der Stelle, welche ſie in der Geſellſchaft einnimmt, zu be⸗ meſſen; denn um ein Weſen zu würdigen, deſſen höchſte Kraft eine geiſtige iſt, iſt ein nicht geringer Grad von geiſtiger Cultur erforderlich. Americas Volk hat be⸗ wieſen, daß es dieſe Cultur beſitzt, und ſie wird in dem Maße zunehmen, wie die Frauen des Landes ſich da⸗ rum verdient machen werden. Ich ſprach von einem Strom von Cultur und Wachsthum, der in den freien Staaten alle Mitglieder der Geſellſchaft beſchäftige, und ich bezeichnete die Volks⸗ ſchule als die weſentlichſte Macht deſſelben. Dieſe und mehrere die menſchliche Entwicklung begünſtigende An⸗ ſtalten gehören dem Staate, aber ihnen zur Seite geht eine Bewegung freier Entwicklung im Volkslebeu, die ich mit der Cirkulation des Saftes in einem freiwach⸗ 268 ſenden Baume vergleichen möchte. Die freie Aſſocia⸗ tion tritt an die Stelle der alten Zunftordnung als Ordnerin und Fördererin all der verſchiedenen Inter⸗ eſſen und Verrichtungen des Geſellſchaftskörpers. So entſtehen religiöſe, moraliſche und induſtrielle Corpo⸗ rationen innerhalb der großen Geſellſchaft und in ge⸗ treuem Verhältniß zu ihr, während der gute Wille und die beſondere Kraft und Begabung jeden Individuums darin bis zum höchſten Grad geltend gemacht wird. Die Vereinigten Staaten ſtellen die höchſte Entwicklung und Vereinigung der Individualität und der Allgemein⸗ heit dar. Dieſe Bewegung von innen, aus dem eige⸗ nen geſellſchaftlichen Weſen der Menſchheit heraus, wird von außen begünſtigt durch die freie Circulation und Communication, welche Nordamerikas viele ſchiffbare Flüſſe darbieten, auf denen Tauſende von Dampfboo⸗ ten gehen, und in der letzten Zeit durch die Eiſenbah⸗ nen und Telegraphenlinien, die ſich über alle Theile der Union von Staat zu Staat, von Stadt zu Stadt hinſpinnen. Die ſtarke Verbreitung von Zeitungen im Lande ſowie aller Bücher, welche die Liebe des Volksherzens gewonnen haben, namentlich der religiöſen Volkslitera⸗ tur, die ſich in Millionen kleiner Schriften, Traktätchen oder Erzählungen gleich einem Morgenthau oder einem Mannaregen über die Bevölkerung ausgießt, gehört we⸗ ſentlich mit zu dieſer lebenſpendenden Circulation. Und überall wo der Anglvamericaner auftritt, ent⸗ ſtehen dieſelben Bildungen und daſſelbe Leben. Mit erſtannlicher Kraft und Sicherheit führt er ſeine Miſſion als Cultivator der Welt und Bildner freier ſich ſelbſt regierender Staaten aus, und ſelbſt das Sklavereiinſti⸗ tut vermag der Kraft der Cultur und Freiheit, die mit ihm über die Erde hingeht, nicht zu widerſtehen. Ueberall wohin die Söhne und Töchter der Pil⸗ ger dringen, gründen ſie das Familienleben, die Schule 269 und Kirche, die Handelsbude, die geſetzgebende Ver⸗ ſammlung, das Hotel für Fremde, das Aſyl für die Unglücklichen oder die Elternloſen, und ſelbſt das Ge⸗ fängiß wird in eine Beſſerungsanſtalt, in eine Schule für den unwiſſenden oder entarteten Sohn verwandelt. Ueberall wohin ſie kommen, bekennen ſie laut den Namen und die Lehren des Meiſters, welcher der Weg iſt und die Wahrheit und das Leben, und auf dieſen Fels gründen ſie das Leben des Staates und der Geſell⸗ ſchaft. Des angloamericaniſchen Volkes Recht ein großes Volk zu werden, liegt in ſeiner Chriſtologie. Der Geiſt des Weltverſöhners iſts, der es zum Welt⸗ eroberer macht. Wenn man die nordöſtlichen Staaten, wo die Fahne der Religion und Freiheit zuerſt aufgepflanzt wurde, verläßt und ſich weſtwärts begibt bis an die Grenzen der Wüſte jenſeits des Miſſiſippi, wo noch der Indianer Wildpret jagt, ſeine Zelte errichtet und ſeine nächtlichen Feuer anzündet, kann man den Gang und die Art und Weiſe der neuen Cultur am beſten beobachten. Ew. Majeſtät haben gewiß ſchon oft Beſchreibun⸗ gen des wunderbaren Niagarafalles und der beinahe noch wunderbareren Prairien des Weſtens, wo die Sonne ihr Bild in einem Ocean von Sonnenblumen abſpiegelt, die im Winde wogen, gewiß auch ſchon oft von dem plötzlichen Wachsthum der Staaten und Städte in dem großen Weſten, von dem großen Miſſiſippifluß und den Goldgruben Californiens, dieſes Löwen des großen Weſtlandes, geleſen. Aber weniger bekannt, weniger beſchrieben ſind die erſten Schritte der Bildung, ihr erſtes Keimen in der Wildniß, und das war es, was neben dem großen Naturſchauſpiel meine Aufmerk⸗ ſamkeit am meiſten anzog. Denn es iſt angenehm an den erſten Schritten des Kindes zu bemerken, wie es 270 ſpäter gehen und bis zu den Mannesjahren heranwach⸗ ſen wird. Wollen Ew. Majeſtät ſehen, wie das Kind— die Cultur der neuen Welt— ſeine erſten Schritte thut? Die Bäume fallen vor der Axt des Coloniſten an den Ufern der Flüſſe eutlang— und Flüſſe finden ſich überall in Nordamerika;— ein kleines Blockhaus erhebt ſich am Saume des Waldes und am Ufer des Fluſſes; ein Weib ſteht an der Thüre mit einem kleinen, derben Kind auf dem Arm. Vor dem Haus reißt der Mann die Erde auf und pflanzt Mais; in einiger Entfernung weiden ein paar fette Kühe und einige Schafe auf dem freien, unverſchloſſenen Felde. Der Mann bepflanzt den Acker und milkt die Kühe; er verrichtet alle Arbeit außer dem Hauſe. Das Weib bleibt im Innern des Hauſes und verſorgt die Kinder und das Hausweſen; beſſer ſorgt kein Weib. Die Reinlichkeit und Ordnung in ihrem eigenen Weſen ſpiegelt ſich in allen Dingen inner⸗ halb des Hauſes ab. Auf der ganzen Welt findet ſich kein ſaubereres und angenehmeres Haus, als das americaniſche— ſelbſt das arme.— Kein Wunder alſo, wenn der Mann drinnen ſein Behagen findet, wenn der Americaner faſt von keinem andern Vergnügen weiß, als von demjenigen, das er in ſeinem Heimweſen findet, wenn er kein andres Ziel der Glückſeligkeit auf Erden kennt, als den Beſitz einer guten Gattin, eines guten Hausweſens. Das Blockhaus iſt im Walde entſtanden und nicht weit davon entſtehen auf dieſelbe Art zwei oder drei andere Blockhäuſer; darin findet man zierlich aufgeſchlagene Betten und auf dem Schrank immer eine Bibel, ein Geſangbuch und einige Lehrbücher. Etwas weiter davon erhebt ſich ein etwas größeres Blockhaus, wo ein paar Duzend Kinder, halbwilde Jungen der Wild⸗ niß, ſich verſammeln. Dieß iſt die Schule. Das Zim⸗ mer iſt arm und ohne Möbel; aber an den Wänden hängen Carten von allen Theilen der Welt, und in den ach⸗ die hut? man ſich hebt ſſes; rben kann nung dem tden ußer uſes eſſer gin nner⸗ t ſich das inder wenn weiß, ndet, rden uten nden zwei rlich eine twas aus, Lild⸗ Zim⸗ nden den 271 Händen des Kindes befinden ſich Bücher, welche die Ausſicht über die ganze Welt gewähren, und Lehrbücher, welche die edelſten Perlen der Literatur in Denkſprüchen, kurzen Abhandlungen, Erzählungen, Poeſien u. ſ. w. enthalten. Nach der Hand erheben ſich mehrere Häuſer, einige von Brettern, andere von Stein; ſie werden immer zier⸗ licher, umgeben ſich mit Obſtbäumen und Blumen; man ſieht eine hölzerne Kapelle gleichzeitig mit den hölzernen Häuſern entſtehen; wenn die ſteinernen Häuſer kommen, ſo kommt auch die ſteinerne Kirche und das Staatshaus. Das Erdreich ringsum iſt von Ernten bedeckt; die Heer⸗ den wachſen, und bald ſieht man ein paar Dampfboote den Fluß heraufkommen, an der neuen Colonie anle⸗ gen, Waaren austauſchen und Zeitungen zurücklaſſen. Binnen zwei Jahren iſt hier ein Städichen von 2000 Perſonen; mütterliche Weiber ſtiften die Sonntagsſchule in der Kirche, verſammeln kleine Kinder zur Unterwei⸗ ſung im Chriſtenthum und richten das Aſyl für die el⸗ ternloſen Kleinen ein. Die Handelsbude hat ſich gleich⸗ zeitig mit der Schule und der Kirche erhoben und bil⸗ det nebſt dieſen das Handzeichen des Angloamericaners. Und überall, wo er ſie aufpflanzt, da zieht ſich der rothe Mann, jetzt beinahe ohne Widerſtand, mit ſeinen Zelten und ſeinen erniedrigten Weibern zurück und geht, um weiter hinweg in der Wüſte ſeine Feuer anzuzün⸗ den und ſeine Zelte zu errichten. Er weiß aus Erfah⸗ rung, daß die Colonie, die er aufwachſen ſieht, inner⸗ halb eines Vierteljahrhunderts eine große Stadt mit 50,000 oder noch mehr Einwohnern ſein wird. Ich habe von dem Fortſchreiten des neuen Men⸗ ſchen im Weſtlande geſprochen, aber ich muß zur Steuer der Gerechtigkeit auch einige Worte von dem Fortſchrei⸗ ten des alten ſagen; denn auch der alte geht gleichzei⸗ tig mit dem neuen voran, und er iſt auch hier auf der neuen Erde der alte Sünder, er ſauft, rauft, ſpielt, er 272 ſtiehlt, macht Poſſen und brüſtet ſich, tout comme chez nous, und in dem großen Weſten am Miſſiſippi und an dem ſtillen Ocean treibt er es vielleicht noch etwas ſchlimmer, weil die Menge gewiſſenloſer Glücksritter ſich hauptſächlich da verſammelt und die zurückhaltenden Kräfte ſich noch nicht vollkommen geltend machen konn⸗ ten. Die Freiheit iſt hier noch in ihren Flegeljahren. Eine große Schwierigkeit in der Cultur des We⸗ ſtens iſt die ſtarke Auswanderung dahin, unternommen von einem großen Theil der roheſten und ärmſten Be⸗ völkerung Europas ſowie von den ungerathenen Kin⸗ dern der öſtlichen Staaten Americas. Allmälig jedoch ordnet ſich dieſe Bevölkerung unter dem Einfluß der neuen Welteultur, und mit jedem Jahr erhält der neue Adam eine größere Herrſchaft über den alten, je mehr die beſſere Auswanderung aus den Pilgerſtaaten zu⸗ nimmt und feſten Fuß faßt, je mehr mit ihr die Schule, die Kirche und die beſſere periodiſche Preſſe Spielraum gewinnen. Das Miſſiſippithal hat Platz für ungefähr 200 Millionen Anbauer, und die Union Americas hat Herz und Macht genug alle Fremdlinge, alle verwahrloste oder mißrathene Kinder der Erde in ſich aufzunehmen und ihnen einen Theil ihrer Erde und ihres geiſtigen Lebens zu geben. Dieſes Miſſiſippithal, Nordamerikas Centralre⸗ gion, ſtellt in ſeiner Ausdehnung alle Hauptzüge dar, welche das große Reich der Vereinigten Staaten aus⸗ zeichnen, wozu ich, was Volk und Natur betrifft, auch die engliſchen Colonien im Norden rechne. Es um⸗ faßt von den Quellen des Miſſiſippi im nördlichen Minneſota an bis zur Mündung des großen Fluſſes im mexicaniſchen Meerbuſen im Süden alle Arten von Clima mit Ausnahme des nördlichſten, alle Producte, welche dieſer Welttheil hervorbringt, alle Bevölkerun⸗ gen, die er in ſeinem Schooße birgt. In Minneſota ſehe wal bei und ung bis der von nois Idy vie kön: fleiſ ſen Abe ter mei acket Die trete als eige die, ten alle nem iſt. gold blof und Bev aus und wäl Br hez an was ſich den nn⸗ ren. We⸗ men Be⸗ din⸗ och der teue ehr zu⸗ ule, um 200 erz te nen gen lre⸗ ar, us⸗ m⸗ en ſes te, n⸗ ta 273 ſehen wir die Indianer noch mächtig. Der Tannen⸗ wald iſt hier zu Hauſe und der Winter iſt friſch wie bei uns. Da ſind herrliche Quellen, fiſchreiche Flüſſe und Seen, reiche Jagden und gute Kornfelder, aber ungebaut. Norweger und Dänen haben angefangen bis hieher zu dringen. Aber die eigentlichen Colonien der letzteren und der Schweden finden ſich jetzt ſüdlich von Minneſota, in den Staaten Wisconſin und Illi⸗ nois, wo die Natur wie eine großartige, freundliche Idylle iſt. Hier wächst allmälig ein neues Scandina⸗ vien empor. Und es macht mir Freude bezengen zu können, daß unſere Landsleute allgemein als ehrliche, fleißige und brave Leute betrachtet werden. Sie müſ⸗ ſen ſtreng arbeiten und im Anfang Vieles entbehren. Aber je mehr die Zahl der Arbeiter zunimmt, je leich⸗ ter die Arbeit wird, um ſo mehr gibt der im Allge⸗ meinen reiche Erdboden. Die Norweger bilden den ackerbauenden Kern der ſcandinaviſchen Bevölkerung. Die Dänen ſind im Vergleich mit dieſer ſchwach ver⸗ treten, und ich fand ſie hier öfter als Handelsleute, denn als Ackerbauer. In Wisconſin und Illinois beginnt Nordamericas eigentliche Kornregion und die ungeheure Kornkammer, die, auf beiden Seiten des Miſſiſippi bis in die Staa⸗ ten Kentucky und Miſſouri fortgeſetzt, wie man ſagt, alle Staaten der Union mit Brod verſehen könnte, nemlich wenn einmal ihr Boden vollkommen angebaut iſt. Jetzt ſieht man da zwar große Felder von dem goldnen ſänſelnden Mais, aber noch größere, auf denen bloß hohes Gras und wilde Blumen wachſen. Deutſche und Irländer ſtrömen nach dieſer Region. Die halbe Bevölkerung der großen, ſtarkbewohnten Städte beſteht aus Deutſchen. Sie muſiciren, halten Scheibenſchießen und Tänze, und trinken Bier wie in der alten Welt während ſie an der Geſetzgebung⸗ und dem Geſchäfts⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. m. 18 274 leben der neuen Theil nehmen. Unterhalb Kentucky und Miſſouri beginnt die Baumwollenregion. Man ſieht Baumwollenplantagen und Sklavendörfer. Hier⸗ auf kommt die Region des Zuckerrohrs mit ſommer⸗ warmen Winden und Sonnemitten im Winter, ſchönen Plantagen, Magnolien⸗ und Orangenhainen. Hier iſt Louiſiana, die mildeſte Sommerluft und die härteſte Sklaverei und der ſüdlichſte von Miſſiſippis Staaten. Hier trifft man Franzoſen und Spanier ſowie Leute aus allen Ländern der Welt, Alles unter anglo⸗ americaniſcher Regierung. Ein eigenthümliches Schauſpiel im Leben der Ver⸗ einigten Staaten gewähren die ſüdlichen Staaten durch ihre Natur und ihre Einrichtungen. Der Reiſende in dieſen ſüdlichen Staaten wird nicht erbaut. Keine Geſellſchaftsideale lenken hier ſein Gemüth und ſeine Blicke in die Höhe; kein großes allgemeines Streben hebt hier, wie in den freien Staaten, das Leben des Individuums und des Staates. Aber er ergötzt ſich an den vielen neuen und ungewöhnlichen Gegenſtänden, er trifft viele außerordentliche und angenehme Perſo⸗ nen, glänzend wie Diamanten im Sande; er ſieht eine neue Naturwelt voll von Schätzen vor ſich aufge⸗ than—— der Zauber der eigenthümlichen Natur des Südens, die Lieblichkeit der Luft während des größern Theils vom Jahre, die Urwälder an den rothen Flüſ⸗ ſen entlang, mit ihren tauſenderlei Baumarten, Blu⸗ men und Schlingpflanzen, der Geſang des hundert⸗ züngigen Vogels, der Nachtigal Amerikas(turdus poly- glottus) und des lieblichen, aber eintönig flötenden Whip poor Will, die vielen herrlichen Bäume, die Lebenseichen mit ihren langen, flatternden Mooſen, die Magnolie mit ihren großen ſchneeweißen Blumen, die Cypreſſen, die Tulpe und der Ambrabaum, die Fächer⸗ palmen, der Reichthum an Sonne, Blumenduft und Vogelſang, die lieblichen Früchte und mitten in die⸗ ucky Ran ier⸗ mer⸗ nen Hier teſte ten. owie glo⸗ Ver⸗ urch e in eine ſeine eben des ſich den, erſo⸗ ſieht ufge⸗ des ßern Flüſ⸗ Blu⸗ dert⸗ oly nden die „die cher⸗ und die⸗ ſer ſchönen Naturwelt das Negervolk mit ſeinem eigen⸗ thümlichen von der Sklaverei nicht verwiſchten Leben, mit ſeinen religiöſen Feſten, ſeinen Hymnen und fröhlichen Melodien—— der Reiſende im Süden wird nicht wie im Norden der Union von edlen, groß⸗ artigen Beſtrebungen und Inſtitutionen erbaut, aber er wird angenehm belebt; er ruht und genießt, wenn er nicht durch irgend eine neue bittere Erfahrung des Unrechts, das die Geſetze hier aufrecht halten, geſtört wird, oder ſich über die Perſonen ärgert, die aller Wahrheit und geſunden Vernunft zum Trotz daſſelbe als etwas Gutes und Erlaubtes vertheidigen. Die Sklavereifrage iſt die große Streitfrage des Tags in America und wird es wohl auch bleiben, bis die Sklaverei aufgehört hat, denn dieſe Inſtitution iſt ein allzu ſchneidender und lügenhafter Contraſt gegen das americaniſche Staatsprincip, eine allzu himmeſſchreiende Sünde gegen Recht und Menſchlichkeit. Das muß man jedoch ſagen, daß der nordamerica⸗ niſche Geſellſchaftsgeiſt in den letzten Jahren einen ſtarken Einfluß auf die Milderung des Zuſtandes der Sklaven ausgeübt hat, und man kann mit Recht behaupten, daß dieſer von Jahr zu Jahr beſſer werde. Der edlere Volksſinn in den ſüdlichen Staaten thut gegenwärtig viel, um die ſchwarze Bevölkerung ſowohl leiblich als geiſtig zu heben. Das Evangelium wird immer allgemei⸗ ner den Sklaven gepredigt, beſonders in den Staaten, wo das religiöſe Leben von jeher ſtark war, in Georgien und Carolina, und wo es gepredigt wird, da heben ſich die Sklaven, bilden religiöſe Geſellſchaften, predigen ſelbſt mit Kraft und Frende den Erlöſer, den Verſöhner, und erheben zu ſeiner Ehre Hymnen, von deren Schön⸗ heit und Harmonie man keine Ahnung hat, wenn man die muſikaliſchen Talente der Africaner bloß nach ihren Geſängen und ihrem Geheul in ihrem wilden Zuſtand beurtheilt. Ja, würden die Geſetze in den ſüdlichen S 276 Staaten dem Evangelium auf der Spur folgen, ſo würde ich ihnen eine große Zukunft zu prophezeien wagen, und ſie würden da ein großes Werk ausführen. Betrachtet man den Zuſtand der Sklaven nach ſeiner beſten Seite in den Staaten Americas, ſo iſt er unter einem guten Herrn ein Stillleben ohne Zukunft, aber nicht ohne Genüſſe. Der Sklave auf der Plantage hat ſein eigenes ſauberes Häuschen, ſeinen eigenen Garten, dabei ein Schwein und Federvieh. Seine Arbeit wird ihm mit Billigkeit zugemeſſen und er kann ſich einige frohe Tage machen; ſeine Kinder werden gut genährt und er denkt nicht an den morgenden Tag. Die Hausſklaven ſind in guten Häuſern beſſer gehal⸗ ten und verſorgt— z. B. in Bezug auf Wohnungen und das Alter— als zuweilen die freien Diener bei uns. Aber es iſt nicht gut dem Menſchen ein aus⸗ ſchließliches Recht über ſeinen Mitmenſchen zu geben. Keine Lage iſt ſchauerlicher und hoffnungsloſer als die Lage eines Sklaven unter einem böſen Herrn, und es finden ſich Beweiſe dafür genug in der Alltagsgeſchichte der Sklaverei in den Vereinigten Staaten Americas. Ueberdieß führt die Inſtitution unſelige und erniedrigende Folgen ſowohl für die weiße als für die ſchwarze Bevölkerung mit ſich, Folgen, welche ſelbſt die beſten Herrn nicht abwehren können. Und auch der beſte Herr muß ſterben oder kann er in Geldverlegenheiten kommen, und dann werden ſeine Diener verkauft wie das liebe Vieh. Für die wirklich edlen und guten unter den Sklaven⸗ beſitzern in dieſen Staaten iſt die Sklaverei eine Quelle mannigfacher Bekümmerniſſe, und ſie betrachten dieſe Einrichtung als ein Unglück, dem ſie gern ein Ende machen möchten. Mehrere arbeiten auch wirklich in ihren nächſten Umgebungen im Stillen dafür. Vei dieſer flüchtigen Zeichnung einiger der vor⸗ nehmſten Erſcheinungen in dem großen Staatsleben der rde nd ach er ft, age nen ine unn gut ag. a⸗ und us⸗ ben. die ichte cas. ende arze eſten Herr men, liebe en⸗ nelle dieſe Ende h in vor⸗ n der 277 Vereinigten Staaten habe ich mehrere geringere bei Seite laſſen müſſen, die jedoch gleich Genrebildern in einer Gemäldegalerie geeignet ſind dem Ganzen Wechſel und ein lebhafteres Intereſſe zu verleihen. Ich muß jedoch unter dieſen einige kleine Geſellſchaften nennen, die in der großen Geſellſchaft in Freiheit leben, obſchon ſie ſich durch ihre eigenen Manieren und Sitten von ihr unterſcheiden, wie z B. die Quäker mit ihrem einfachen Aufzug, ihrem Du mit der ganzen Welt, ihrem ſtillen Gottesdienſte, und der Theilnahme ihrer Weiber an der Predigt und an der Rathsverſammlung; die Schäker mit ihrem tanzenden Gottesdienſt; die kleinen ſocialiſtiſchen Vereine, welche liebevoll allen guten Arbeitern ein glei⸗ ches Maß von den Gütern des Erdenlebens znzuwenden ſuchen; die Brüdergeſellſchaft der Herrnhuter, die von Deutſchland ausgegangen ſind und noch jetzt in America, wie z. B. in den Städtchen Nazarethund Bethlehem, ihre Liebesmahle und ihre ſchönen Chöre fortpflanzen. Zu den pittoresken, eigenthümlichen Schauſpielen auf Americas Erde müſſen die Taufſcenen an Flüſſen und Seeen gerechnet werden, wo man weiße und ſchwarze Neuchriſten zum Leben der Heiligkeit einweiht; die religiöſen Feſte, Lagerverſammlungen genannt, beiwelchen in der Tiefe der Nacht und der Wälder, an den Flammen des Feueraltars Tauſende von Stimmen harmoniſche Stimmen erheben, und die Seele ſchauert in einem religiöſen Gefühlsleben, das mit körperlichem Wohl⸗ behagen durch Speiſe und Trank abwechſelt. Dieſe Feſte ſind insbeſondere die Saturnalien der Neger⸗ ſklaven, uñd Gebete, und Geſänge ſind warm und bele⸗ bend wie die Sonne des Südens. Wenn man die Vereinigten Staaten verläßt und ſich nach der ſüdlichen Hemiſphäre Americas begibt, ſo findet man ſich binnen drei Tagen in eine neue Welt verſetzt. Auf Cuba tritt ſie uns zuerſt entgegen. Himmel und Erde, Volk, Sprache, Geſetze, Sitten —— 278 Bauart, Alles iſt neu, und dieſer plötzliche Scenenwech⸗ ſel hat etwas unbeſchreiblich Erfriſchendes, wenn auch nicht Alles daran gut iſt. Südamericas Natur, vorherrſchende Bevölkerung und Sprache iſt es, was uns auf Cuba entgegentritt; es iſt die Region der Palmen, die Sonne des Wende⸗ kreiſes, Spaniens Sprache und Herrſchaft. Die eine Hälfte Americas gehört der anglogermaniſchen und normänniſchen Völkerrace, die andere der romaniſchen. In der erſteren waltet der Proteſtantismus vor, in der letzteren der Katholicismus. Aber auf Cuba, dieſer herrlichen Haſe zwiſchen den beiden Welthälften, mitten in dem ſalzigen Weltmeer, ſcheinen die beiden Racen ſich ein Rendezvous gegeben zu haben— ob zum Krieg oder zur friedlichen Vereinigung, läßt ſich jetzt unmöglich ſchon ſagen. Cuba iſt in dieſem Augenblick ein Zankapfel zwi⸗ ſchen zwei ſtolzen Regentinnen, und noch iſt kein Paris aufgetreten, um den Streit zu ſchlichten. Cuba iſt auch ein Kampfplatz für die Mächte des Lich⸗ tes und der Finſterniß und ſelten auf Erden ſieht man ſie ſo nahe beiſammen uud in ſchärferem Contraſte ſtehen. Auf der Rachtſeite ſind der Staat und die Kirche; der Staat mit ſeiner gewaltſamen und deſpotiſchen Re⸗ gierung, die von Spanien aus blind die ferne Colo⸗ nie durch Abgeſandte verwaltet, welche das Mutterland nicht zu bewachen vermag, und den Eingebornen alles Recht auf Selbſtregierung verweigert; die Kirche, die bloß in prunkenden Ceremonien lebt und alles geiſtigen Religionslebens ermangelt; auf der Nacht⸗ ſeite iſt vor Allem die Sklaverei, die auf Cuba in ihrer roheſten Form auftritt, und der Sklavenhandel mit Africa, welcher täglich vor ſich geht, wenn er auch nicht offen betrieben wird. Die Regierung auf der Inſel läßt ſich von dem Sklavenhändler beſtechen und thut, als ob ſie die Tauſende von Sklaven nicht ſehe, die ch⸗ uch ung itt; de⸗ eine und en. der eſer tten cen zum jetzt zwi⸗ aris ich⸗ ſie hen. che; Re⸗ olo⸗ land rnen che, alles acht⸗ in ndel auch nſel hut, die 279 jährlich ans Land geſetzt werden. Ja es wird be⸗ hauptet, daß ſie es heimlich nicht ungerne ſehe, wenn die Inſel ſich mit wilden Africanern fülle, weil die Furcht vor ihren ungezügelten Kräften(wenn ſie ein⸗ mal losgelaſſen werden) die Creolen vom Aufruhr gegen eine Regierung abhält, welche ſie nicht anders als haſſen können. Die Regierung bedrückt den Skla⸗ venhalter, der Sklavenhalter bedrückt den Sklaven, und weiß, um ihn zu bezwingen, kein anderes Mittel, als Peitſche und Ketten. Der Zuckerpflanzer treibt nicht ſelten ſeine Sklaven härter als Laſtthiere und verlangt von ihnen mehr Arbeit, als die Menſchennatur auszu⸗ halten vermag. In den Feſtungsmauern der Bohea leben die Sklaven wie das Vieh. Es wird ihnen kein Erlöſer gepredigt, und die einzigen Genüſſe, die ihnen erlaubt ſind— wie wohl auch dieß im allerknappſten Maße— ſind thieriſche Genüſſe. Wilder Aufruhr hat zuweilen von der Gräßlichkeit des Druckes, ſowie von dem wilden Muth und der Kraft der Neger ge⸗ zeugt; aber öfters ſterben ſie, ohne daß ſie es wagen ihre Stimme zu erheben oder eine Hand zur Verthei⸗ digung oder Anklage zu rühren; oft machen ſie in den erſten Tagen der Gefangenſchaft ihren Qualen ſelbſt ein Ende, da unter ihnen der Glaube gäng und gäbe iſt, daß ſie gleich nach dem Tode in ihrem Heimath⸗ land wieder auferſtehen werden. Die Regierung und der Zuſtand auf Cuba ſind in ihren Hauptzügen vom Palaſt des Gouverneurs an bis zur Bohea des Skla⸗ ven eine Regierung der Gewalt und des Deſpotismus. Gerechtigkeitsgefühl und Edelſinn findet ſich zwar bei Einzelnen, aber nicht im Allgemeinen. Es gibt Geſetze, die von einem hochſinnigen Geiſt zeugen, aber ſie wer⸗ den ſo viel als möglich umgangen. Mit dieſer Nachtſeite vom Leben auf Cuba ſteht die Lichtſeite im ſtärkſten Contraſt. Da iſt der Tropen⸗ himmel, ſo mild wie eines Engels Blicke, ſeine Sonne 280 ſo rein und zart wie die reinſten Töne der Muſik; da iſt der Wind, ein Hauch, ſo lieblich, ſo rein, ſo voll von lebendigem Leben, als entſpringe er ganz friſch aus der Quelle des Lebens und der Liebe, wie an jenem Morgen, wo Alles jugendfriſch und gut war; da iſt die eigene Naturwelt der Tropen, voll von wunderbaren Pflanzen und Scenen; dieſe Palm⸗ haine, wo Unſterbliche luſtwandeln ſollten; dieſe para⸗ dieſiſch ſchönen Gärten, wo Caffeebuſch und Bananas⸗ baum in zierlichen Pflanzungen wachſen und eine ewige Blüthe, eine ewige Fruchtbildung worherrſcht, dieſe ſtattlichen Gnadarajahs von Königspalmen, welche zu Triumphzügen von Königen und Königinnen gepflanzt zu ſein ſcheinen, eine Schönheit in Luſt und Leben, Formen und Farben, welche unwillkürlich die Sinne bezaubert, aber ſich nicht mit Worten oder Farben, ſondern nur mit Tönen beſchreiben läßt. Und Cuba, die Antillen⸗ königin, iſt eine Kalypſo, ſchön in ihren Sünden, die den Reiſenden dermaßen feſſelt, daß er wie weiland Telemach, um ſie zu verlaſſen, eines weißen Mentors bedürfte, der ihn köpflings ins Meer hinabſtürzte. Dieſe Empfindung habe auch ich, während ich von Woche zu Woche meinen Abſchied von der Zauberin aufſchob, überdieß zuruckgehalten von der liebenswürdi⸗ gen Gaſtfreundſchaft der Creolen und von der Be⸗ kanntſchaft mit einigen der edeln Menſchen, welche die Zierde der Erde ſind und auch von der Sklaverei, wenigſtens für den Augenblick, ihren Fluch zu nehmen vermögen. Unter dieſen muß ich beſonders zwei Da⸗ men nennen— die eine davon hat däniſche Eltern— die ich Dänemarks mütterlicher Königin vorſtellen möchte, denn ſie ſind Mütter in des Worts höchſter und heiligſter Bedeutung, Mütter für die Mutterloſen, für den Fremdling, für den Sklaven, für alle Bedürftige. Ich habe vom Nachtleben des Negers auf Cuba geſprochen. Laſſen Sie mich jetzt auch Etwas von iſik; b anz wie gut voll m⸗ ard⸗ nas⸗ wige dieſe e zu zt zu men bert, nur llen⸗ die land tors rzte. von erin ürdi⸗ Be⸗ e die erei, men Da⸗ 1— chte, und „für tige. Luba von 281 ſeinem Lichtleben erzählen, denn dieſes gehört weſent⸗ lich zur Tagſeite von Cubas Leben. Cuba iſt zu gleicher Zeit die Hölle und das Para⸗ dies des Negers. Die Sklavengeſetze Spaniens, zu Stande gekommen unter dem Einfluß von ſanften und edeln Individuen, wie der ſpaniſche Prieſter Lascaſes war, ſind mild und günſtig für ihre Loskaufung. Und würden ſie befolgt werden, ſo würde ſich unter Spa⸗ niens Herrſchaft kein ganz Unglücklicher vorfinden, weil dann kein hoffnungsloſer Sklave da wäre. Aber wo das Sklaveninſtitut vorherrſcht, da iſt das Geſetz im⸗ mer außer Stands ſich geltend zu machen. Inzwiſchen gibt es doch einige Punkte, in welchem die Freiheits⸗ geſetze Spaniens für die Sklaven ſich wirklich geltend machen, und zwar weil Spanien Gerichte und Richter eingeſetzt hat, die darüber wachen, und an welche die Sklaven appelliren können. Dieſen Geſetzen zufolge kann der Sklave ſich mit der geſetzlich beſtimmten Summe von 500 Peſos oder Dollars aus der Sklaverei loskaufen. Kein Sklaven⸗ halter hat das Recht dem Sklaven die Freiheit zu ver⸗ weigern, wenn er dieſes Löſegeld für ſich bezahlt. Und das muß man ſagen, daß mancher Sklavenhalter mild und gerecht genug iſt, um dem Sklaven für eine weit geringere Summe ſeine Freiheit zu geben. Sollte der Sklavenhalter dem Sklaven die verlangte Freiheit verweigern, ſo kann ſich dieſer an den Syndicus der Stadt oder des Bezirks wenden. Dieſer ernennt dann unter Zuſtimmung des Sklaven und ſeines Herrn ein Schiedsgericht von drei Perſonen, das einen Vergleich zwiſchen den Parteien herbeizuführen hat. Nach dem ſpaniſchen Freiheitsgeſetz hat eine Mut⸗ ter das Recht ihr Kind vor ſeiner Geburt für 15 Peſos und nach der Geburt für die doppelte Summe loszu⸗ kaufen. Doch ſoll dieſes Geſetz nicht befolgt werden, 3 282 nenn nicht gutmüthige Herren ihre Einwilligung er⸗ theilen. Das ſpaniſche Freiheitsgeſetz gibt den Sklaven mehrere Gelegenheiten Geld zu erwerben, ſo daß der Augenblick der Freiheit ihnen immer wie ein Bethlehems⸗ ſtern auf ihrem Weg durch die Wüſte vorleuchten kann. Dieß gilt insbeſondere von den Sklaven in den Städ⸗ ten. Auf den Plantagen und innerhalb der Mauern der Bohea wird es ihnen nicht leicht vom Stern der Befreiung zu hören und noch weniger ihn zu finden. Doch geſchieht auch das zuweilen. Dieſe Freiheitsgeſetze haben inzwiſchen die Folge gehabt, daß von der Negerbevölkerung Cubas, die beinahe aus 500,000 Seelen beſteht— ungefähr die Hälfte der Bevölkerung der ganzen Inſel— beinahe ein Drittheil freie Neger ſind. Und der freie Neger auf Cuba iſt das glücklichſte aller Geſchöpfe. Die Ge⸗ ſetze des Landes gewähren ihm Schutz gegen alle Uebermacht und die Anfälle, die ihn in ſeinem eigenen Vaterland von Seiten feindlicher Stämme beſtändig bedrohen. Für eine geringe Abgabe wird er Eigen⸗ thümer einiger Morgen Lands, dort baut er ſeine Hütte aus der Rinde der Palme und dem Laub der Palme. Um dieſelbe pflanzt er ſeines Heimathlands Bäume und Wurzeln, ſowie das goldene Korn. Die Erde trägt bei geringem Anbau Alles, was er bedarf. Er braucht nur wenig zu arbeiten und er kann viel ge⸗ nießen und ruhen. Die Sonne gibt ihm Feuer und hält ihn— wenigſtens für den größeren Theil des Körpers— in den Kleidern frei; die Cocospalme gibt ihm Milch, der Platanenbaum Brod, die Königspalme füt⸗ tert ſein Schwein und ſeine Hühner, das Feld gibt ihm Zuckerrohr, und die wilden Bäume des Waldes laſſen ihre mannigfaltigen Früchte für ihn fallen. Die afri⸗ caniſche Trommel mit ihrem muntern Leben, Africas wilde Tänze und Geſänge ſind ihm hier geſtattet. Er ——„——)— 8S 8— ——— er ie ie he er lle en i n⸗ tte ne. me rde ge⸗ und des hm füt⸗ ihm ſſen fri⸗ icas Er 283 führt hier ein wahres Canaansleben und will um kei⸗ nen Preis nach Africa zurückkehren. Er iſt glücklich. Ich geſtehe Ew. Majeſtät, daß es mich überraſcht und ſchwer betrübt hat, finden zu müſſen, daß die Vereinigten Staaten Americas an Gerechtigkeitsgefühl und Freiheitsſinn in der Geſetzgebung für die Sklaven⸗ bevölkerung ſo weit hinter Spanien zurückſtehen. Und es wird mir ſchwer zu erklären, wie der Edelſinn und der Nationalſtolz dieſes Volkes es dulden kann, in Freiheitsgeſetzen von einer Nation übertroffen zu wer⸗ den, der es ſich gleichwohl an humaniſtiſcher Bildung weit überlegen glaubt, wie es in vielen Beziehungen auch wirklich der Fall iſt. Die Spanier auf Cuba haben alſo nicht ganz Unrecht, wenn ſie in dieſer Sache auf die Americaner herabſchauen und ſie, wie ich dieß ſelbſt gehört habe, Barbaren nennen. Auf Cuba ſind in dieſem Augenblick vielleicht mehr glückliche ſchwarze als weiße Menſchen. Der Sklavenbeſitzer iſt nicht glücklich; für ihn fächeln die Palmen nicht, ihn koſt der liebliche Wind nicht, für ihn ſtrahlt der klare, milde Himmel nicht; zwiſchen ihm und aller Herrlichkeit der Natur ſteht die Bohea und die Zuckermühle mit Negerſklaven, die ihn fürchten, wie er ſie fürchtet. Cubas milder Himmel gibt ihm keine Ruhe; er fieht das Damoklesſchwert über ſeinem Haupte hängen und die Zukunft düſter. Deßhalb geht ſein Dichten und Trachten dahin ſo viel Geld als möglich und ſo ſchnell er kann auf Cnbas Erde zu⸗ ſammen zu raffen und ſodann Cuba für immer zu verlaſſen. Wenn ich an dieſe ſchöne Inſel, an ihre herrliche Natur, ihre reichen Mittel denke, ſo kann ich nicht um⸗ hin, ſie in meinen Gedanken in das zu verwandeln, was ſie ſein ſollte, zu was ſie in dem Gedanken des Schö⸗ pfers beſtimmt zu ſein ſcheint, ja nicht bloß ſie, ſon⸗ dern all die ſchönen Inſeln, welche Gott mit reicher 284 Hand in das Südmeer ausgeſtreut hat, wie Juwelen auf ſeinem wogenden Mautel. Unter dieſen ſtehen als Vertreterinnen aller andern drei am höchſten in Bezug auf Schönheit, Größe und Reichthum: Cuba, St. Domingo und Ceylon. Aber ich will jetzt von Cuba, der ſchönen Königin der An⸗ tillen, ſprechen. Ich ſehe ſie da von ihren Feſſeln erlöſt und frei von Sklaven, ſehe ſie gekrönt von ihren Palmen und hohen Bergſpitzen, gleichſam wiedergeboren aus den Wogen des Meeres, umkoſt von ihnen und von un⸗ ſterblichen Zephyrn, ein neues Eden, eine Heimath des ewigen Frühlingslebens, eine goldene Geſundheitsquelle, wohin die Kinder aller Welttheile wallfahrten können, um neues Leben zu trinken und neue Offenbarung zu ſchöpfen aus dem Reichthum des Schöpfers und aus den Wohnungen der Seligen in dem großen Vater⸗ hauſe. Dort würden ſie in Bananas⸗ und Orangen⸗ hainen luſtwandeln, paradieſiſch liebliche Früchte ge⸗ nießen oder in Schankelſtühlen ſich wiegend auf den Höhen ſitzen, wo die Palmen wehen, umtanzt von den Windhauchen, welche der Ocean, voll von erneuerndem Leben, ſendet. Sie würden ſo ſitzen und athmen und ſchauen und fühlen und denken, wie ſchön das Daſein iſt. Die Sonne geht in milder Herrlichkeit unter; leuchtende Cucullos durchſchneiden die Lüfte und be⸗ decken die Wipfel der Bäume mit glitzernden Juwelen; die Luft wird erfüllt von der Muſik eubaniſcher Contre⸗ tänze und ſpaniſcher Seguidillas; der muntere Tact der africaniſchen Trommel läßt ſich im Hintergrund vernehmen, und das ſüdliche Krenz erhebt ſich während der dunkelnden Nacht langſam am Horizont. Es iſt Nacht. Aber Niemand braucht hier die Nacht zu fürch⸗ ten. Sie hat keine Kühle und keinen Thau. Die Nacht des Paradieſes konnte nicht unſchuldiger ſein als die Nacht Cubas. Die Schwachen und Kränklichen ———„—„—— —— —— ——— —— rn id R⸗ rei nd en n⸗ es le, n, zu us en⸗ ge⸗ den den em und ein er; be⸗ en; tre⸗ act und end iſt rch⸗ Die ſein chen 285 ſollten hieher kommen, um heilendes Leben einzuathmen. Die Alten ſollten kommen, um an eine ewige Jugend zu denken, die Niedergeſchlagenen und Bedrückten, um neue Hoffnung zu ſchöpfen. Junge Eheleute ſollten kommen, um zu lernen, daß das Leben eine ewige Blüthe und Fruchtbildung ſein kann, ohne Herbſt und ohne Winter. Der Philoſoph ſollte kommen, um hier ſeinen Blick über das unendliche Reich des Menſchen und der Schöpf⸗ ung ſich erweitern zu laſſen; der Dichter und Künſtler ſollten kommen, um neue Schönheitsformen, neue Grup⸗ pirungen des Edeln und Lieblichen in Farbe und Form zu ſtudiren. Der Staatsmann ſollte kommen, um ſeinen Glauben an die Ideale des Lebens und die Möglich⸗ keit ihrer Verwirklichung zu ſtärken. Und dieſes neue Reich der Schönheit und Güte auf Erden müßte von einer Königin regiert werden, einer Beherrſcherin des Herzens ſowohl als des Staats, welcher alle Herzen und alle Völker, ſchwarze und weiße, rothe und oliven⸗ farbige und gelbe, einen freiwilligen Tribut bezahlen ſollten— von einer Königin gut und ſchön wie Ew. Majeſtät. Charleston, Südcarolina im Mai 1851. In den Vereinigten Staaten Nordamericas ſchließe ich den Brief an Ew. Majeſtät, den ich unter dem Himmel des Südens begonnen habe. Ich ſehe nicht mehr ſein unausſprechlich mildes Licht, ſeine wogenden Palmen, aber ich ſehe vor mir ein großes und wach⸗ ſendes Volksleben, eine Guadarajah von Staaten, die wie Palmen in die Höhe emportreiben. In der ſüd⸗ 286 lichen Hälfte Americas iſt die Natur der größte Dich⸗ ter, in der nördlichen der Menſch. Gleichwohl ſchreibe ich noch im Süden, und zwar in einem der Sklavenſtaaten Nordamericas. Es iſt im Monat Mai, und Südamericas üppige, aber weiche und beinahe krankhafte Schönheit ſteht in der vollſten Blüthe. Sie ſind doch herrlich dieſe unge⸗ heuren Lebenseichen mit langen herabhängenden Moos⸗ ranken, welche den Wald in eine gothiſche Naturkirche verwandeln; die Magnolienbäume mit ihren großen, ſchneeweißen Blumen und den Wohlgerüchen, welche die warme, weiche Luft erfüllen. Die Geſänge der Negerſklaven vom Fluſſe her, auf dem ſie nach ihren Wohnungen zurückfahren, nachdem ſie ihre Waaren in der Stadt verkauft haben, erklin⸗ gen in dieſem Augenblick in die mutterwarme ſchöne Heimath herein, wo ich die Freude habe an Ew. Ma⸗ jeſtät zu ſchreiben, und wo ich mich dem guten Däne⸗ mark gleichſam näher fühle, denn die Hausmutter iſt eine Dänin, der däniſchen Familie Monefeldt ange⸗ hörig, und wohl würdig der Königin Dänemarks vor⸗ geſtellt zu werden wegen ihrer Liebe zum Mutterland und wegen der ſchönen, mütterlichen Geſinnung ſowohl gegen Schwarze als gegen Weiße, welche dieſe edle Dänin auszeichnet. Ich habe weiter oben die Sklaverei das Unglück der ſüdlichen Staaten genannt. In dieſem Augenblick wäre ich geneigt ſie ihr Glück zu nennen, wenn ſie nämlich jetzt das Unglück, den Fluch feſt anfaſſen und in Segen verwandeln würden. Und es unterliegt kei⸗ nem Zweifel, das ſie das können. Man ſagt, die Kohle ſei die Mutter des Diamants. In der Sklave⸗ rei beſitzen die Staaten des Südens die Kohle zu einem Diamant, was ſage ich? zu einem Diadem aus Juwelen, würdig einer neuen Königin der Südlande, ſtattlicher als diejenige, die zu Salomo kam. ——— c— — — 8S—— G e 287 Seit ich auf Cuba die Neger in ihrem wilden ur⸗ ſprünglichen Zuſtand geſehen, ſeit ich ihre Tänze ge⸗ ſehen und ihre Geſänge gehört habe und ſie mit dem⸗ jenigen vergleichen kann, was ſie in den Vereinigten Staaten und zwar in den beſten Plätzen dafür ſind, iſt es mir nicht mehr möglich an dem wohlthätigen Einfluſſe der anglvamericaniſchen Cultur auf die Ne⸗ gerrace und an der Miſſion zu zweifeln, welche Ame⸗ rica berufen iſt bei den Völkern Africas auszuführen, und zwar juſt durch das Volk, das die Americaner zuerſt in Sklaverei geführt haben, das ſie aber ein⸗ mal in doppelter Beziehung frei machen dürften. Der ſaure wilde Apfel iſt unſerem edlen klaren Aſtrachan nicht unähnlicher, als der Geſang der wilden Africa⸗ ner dem Geſang des chriſtlichen Negers in den Ver⸗ einigten Staaten unähnlich iſt, er mag nun Hymnen ſingen oder frohe Negerlieder, die er ſelbſt gedichtet hat. Und dieſe Vergleichung gilt für ſein ganzes Leben und ſeine ganze Welt. Es iſt ein großer, großer Unter⸗ ſchied zwiſchen der prunkenden Improviſation der Ne⸗ ger auf Cuba und der begeiſterten und begeiſternden Predigt von dem Erlöſer und ſeinem Reich, von Licht und Freude, welche ich die Neger in Südcarolina, in Georgien, Maryland und Louiſiana extemporiren hörte. Und niedrig und thieriſch iſt das regelloſe Leben und der Sinnenrauſch in den Tänzen, dem Getrommel und den polternden Feſten der wilden Neger, wenn man es mit dem Leben und dem geiſtigen Rauſch in Geſang und Gebeten und religiöſer Frende vergleicht, wel⸗ chen man bei den religiöſen Feſten der Neger hier ſieht und hört. Wie wild und leer iſt nicht der Aus⸗ druck in den Blicken der erſtern, mit denjenigen ver⸗ glichen, den ich in den Augen der letzteren ſtrahlen ſah, wenn ihnen das Lichtleben des Chriſtenthums klar und lebendig gepredigt wurde! Dieß geſchieht auch in den Sklavenſtaaten Nord⸗ 288 americas in immer ausgedehnteren Kreiſen, zumal in den öſtlichen Staaten von Virginien an bis nach Südcarolina und Georgia; beſonders der letztgenannte junge Staat ſcheint mir von einem edlen, jugendfriſchen Freiheitsſinn belebt zu ſein. Und immer allgemeiner wird es, daß Neger ſelbſt unter ihrem Volke als Re⸗ ligionslehrer ſich erheben und daß Kirchen errichtet werden. In den ſüdweſtlichen Sklavenſtaaten dagegen iſt das chriſtliche Leben nicht ſehr geweckt, und der Zu⸗ ſtand der Neger auf den Plantagen ſehr häufig eben ſo düſter in Bezug auf das Seelenleben, wie in Be⸗ ug auf das körperliche Leben. Aber— darüber be⸗ ſteht dennoch kein Zweifel— das nimmt ſeinen Fort⸗ gang; edelſinnige Chriſten brechen ſeinen Strahlen Bahn, und den Sklaven wird bald das Evangelium gepredigt werden, ſelbſt in den ſumpfigen Ebenen des Miſſiſippi und an den entlegenen Ufern der rothen Flüſſe. Das Evangelium ſchreitet voran, die Kirche Chriſti breitet ihre Arme aus, und die Thüren des Sklavengefängniſſes werden in allen Sklavenſtaaten Americas vor ihr aufſpringen; Alles was man jetzt von ihnen als chriſtlichen Staaten mit Recht fordern kann, iſt, daß das Evangelium ungehindert voranſchrei⸗ ten dürfe, daß das Geſetz dem Evangelium auf der Spur ſolgen möge, und daß die Sklavengeſetze der Vereinigten Staaten das Freiheitsgeſetz in ſich auf⸗ nehmen, welches die Geſetze Spaniens jetzt ihnen vor⸗ aus haben. Würden die Geſetze der ſüdlichen Staaten gleich denen Spaniens dem Sklaven und der Sklavin ge⸗ ſtatten ihre Freiheit durch Arbeit zu erwerben; würde ihnen die Ausſicht eröffnet ſich und ihre Kinder für einen gewiſſen, geſetzlich feſtbeſtimmten billigen Preis loszukaufen, und würden Richter eingeſetzt, um das Recht der ſchwarzen Bevölkerung zu überwachen;— S S S Se—— te n er e⸗ et en . en e⸗ e rt⸗ en en 289 würden ſie dabei großſinnig ihr Volksſchulſyſtem auf die Kinder der Schwarzen ausdehnen— wäre es auch in beſondern Schulen— und muthig entwickeln, was aus dieſem Benehmen erfolgen ſollte, dann könnte man den ſüdlichen Staaten Americas getroſt eine große Zukunft prophezeien, weil ſie ein Werk ausführen wür⸗ den, das ihnen ein Recht auf die Dankbarkeit zweier Welttheile verliehe und die Bewunderung der anzen Welt in Anſpruch nähme— ein Werk, das S in Gottes Plan zu liegen ſcheint und das die beſten und edelſten Bürger in den Sklavenſtaaten— obſchon meines Wiſſens nicht öffentlich— als die Aufgabe Americas bezeichnen. Africas Coloniſation und Chriſtianiſi⸗ rung durch Americas befreite Negerſklaven iſt dieſes Werk, das bereits durch die auf der afri⸗ caniſchen Küſte angelegte Negercolonie Liberia begon⸗ nen hat und jährlich zunimmt durch die Beihülfe ſo⸗ wohl der ſüdlichen als der nördlichen freien Staaten und durch die Opfer einzelner Perſonen⸗ In der Anlegung und Erweiterung dieſer Colonie*) haben die nördlichen und ſüdlichen Staaten ſich als eine edle Union mit einem Herzen und einer Seele *) Einige der Sklavenſtaaten, zuvörderſt unter ihnen die älteſten, Virginien und Maryland, haben nicht unbe⸗ deutende Staatsbeiträge für die Coloniſation freier Neger in Africa bewilligt, und jährlich gehen von Bal⸗ timore in Maryland und von Savannah in Georgien ein paar Dampfſchiffe mit ſchwarzen Emigranten, die ſowohl aus allgemeinen als aus Privatmitteln mit allen Erforderniſſen zu ihrer Coloniſation ausgerüſtet ſind, nach Liberien ab. Jede kirchliche Geſellſchaft bedenkt die dieſer Geſellſchaft angehörenden Mitglieder be⸗ ſonders. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. m. 19 290 gezeigt. Hier reichen ſie einander die Hand zur Ver⸗ ſöhnung in dem großen Streit, der zwiſchen ihnen beſteht. Ich muß jedoch geſtehen, daß dieſes Werk mir bloß ein Theil desjenigen zu ſein ſcheint, was die Staaten des Südens ausrichten können. Dieſe Staa⸗ ten würden ohne die Negerbevölkerung viel von ihrem pittoreskeſten und eigenthümlichſten Leben verlieren. Auch dürften ſie die Arbeit der Neger niemals entbeh⸗ ren können. Reis, Baumwolle und Zucker können, be⸗ hauptet man, nur von den Negern angepflanzt werden, für welche die Gluth der Sonne eine Gewohnheit und eine Wolluſt iſt. Wo die Weißen vor Hitze und den Miasmen, welche ſie auf der Erde hervorruft, ſterben, da befinden ſich die Schwarzen wohl, gedeihen und mehren ſich oder leiden bloß unbedeutend an climati⸗ ſchen Fiebern. Wenn das Verhältniß zwiſchen den Weißen und Schwarzen gut iſt, ſo ſieht man, daß dieſe Racen, ſtatt ſich feindſelig gegenüberzuſtehen, einander lieben und ſich gegenſeitig anziehen, verſchie⸗ dene Naturen, die ihre gegenſeitigen Mängel erſetzen. Der gutmüthige heitere Neger liebt den ernſten betn digen weißen Mann und läßt ſich von ihm leiten. Dieſer liebt den gutherzigen Schwarzen und läßt ſich gerne von ihm pflegen. Ich ſage nichts Anderes als was edle und den⸗ kende Männer in den Sklavenſtaaten geäußert haben, wenn ich vor Ew. Majeſtät die Ueberzeugung ausſpreche, daß die edelſte, weil ſchwerſte Zukunftsarbeit der Skla⸗ venſtaaten darin beſtehen dürfte, einen Theil ihrer Sklavenbevölkerung in freie Arbeiter zu verwandeln. Ich ſage einen Theil, denn es iſt klar, daß nur ein Theil ſich dazu eignen würde als frei unter der ameri⸗ caniſchen Herrſchaft zu bleiben. Derjenige Theil, der nach Africa gehen will, mag nach Africa gehen; derje⸗ nige Theil dagegen, der ſich mit Americas Erde und Be⸗ heit einr Jal heu kom fehlt Stu ten und wert der er en nir die aa⸗ em en. eh⸗ be⸗ en, nd den en, ind ti⸗ den aß en, ie⸗ en. än⸗ en. ſich en⸗ en, la⸗ rer ln. ein ri⸗ der je⸗ e⸗ 291 völkerung feſt verknüpft hat und im Stande geweſen iſt, ſich ſeine Cultur und Arbeitſamkeit anzueignen, wird in den ſüdlichen Staaten bleiben, wo er aufge⸗ wachſen iſt, wohin er durch Natur, Gewohnheit und Herz gehört, und wird dort in höherem Maaß als jetzt durch ſein Leben und ſeine Arbeit auf den Plantagen und in den Städten, durch ſeine religiöſen Feſte, ſeine fröhlichen Geſänge und Tänze das farbenreiche roman⸗ tiſche Leben in dieſen von der Sonne geliebten Ländern erhöhen. Nach dem, was ich von dem guten Verhältniß zwiſchen Weißen und Negern geſehen habe, glaube ich, daß viele der beſten Köpfe und Hände unter dem Ne⸗ gervolk als frei lieber in America bleiben, als von da auswandern würden. Der Reiſende wird dann dieſe Staaten mit einer Bewunderung beſuchen, die nicht mit niederſchlagenden Rückhalten verſetzt iſt, denn ſie werden ſelbſt in ſittlicher Schönheit und politiſcher Macht voranſchreiten, und die americaniſche Union wird dann ohne eine einzige Aus⸗ nahme das werden, was ſie ſein zu wollen erklärt hat, ein großer Freiſtaat, welcher die Segnungen der Frei⸗ heit allen Völkern der Erde ſpendet. Es iſt klar, daß eine ſolche Befreiung nicht auf einmal kommen kann, ja nicht einmal in mehreren Jahrzehnten. Mag ſie auch noch hundert Jahre auf ſich warten laſſen, wenn wir nur ihren Anfang ſchon heute in Morgendämmerungen erblicken, welche auf den kommenden Tag hindeuten. Und Gott ſei gelobt, an dieſen Dämmerungen fehlt es nicht ganz, ſie durchbrechen ſchon zu dieſer Stunde die nächtlichen Schatten, welche durch die letz⸗ ten politiſchen Streitigkeiten zwiſchen den Freiſtaaten und den Sklavenſtaaten über die Union heraufgerufen werden. Ich habe Ew. Majeſtät bereits die Arbeir der Coloniſationsgeſellſchaften ſowohl in den nördlichen 292 als in den ſüdlichen Staaten als eine ſolche bezeichnet, die das Befreiungswerk in Africa befördert. Zu den Bewegungen, die auf eine Emancipation der ſchwarzen Sklavenbevölkerung in America ausgehen, zähle ich den Geſetzesvorſchlag des edeln und patriotiſchen Staats⸗ manes Henry Clay, welcher beantragte, daß alle nach einein gewiſſen Jahr(ich meine, es war das Jahr 1850) gebornen Kinder von Negerſklaven frei ſein ſollen, ein Vorſchlag, der jedoch unter den minder gro⸗ ßen Staatsmännern keine Unterſtützung fand; ferner die Verſuche, die einige edle Privatperſonen zur Er⸗ ziehung und Befreiung ihrer Sklaven machten. Unter dieſen Beſtrebungen iſt vor allen Dingen eine, auf welche ich den Blick Ew. Majeſtät lenken zu dürfen wünſche, theils weil ſie von dem weiblichen und mütterlichen Elemente in der Geſellſchaft ausgeht, theils weil ſie dem Senfkorn gleicht, das, obſchon ein kleiner Same, dennoch zu einem großen Baum heran⸗ wachſen und ſeinen Schutz weit umher über das Land verbreiten kann. Es finden ſich in den Sklavenſtaaten einige junge Mädchen, Töchter und Schweſtern von Plantagenbe⸗ ſitzern, die es für keinen Raub erachten ſelbſt für Kin⸗ der der Sklaven auf den Pflanzungen Schule zn hal⸗ ten und ſie beten, denken und arbeiten zu lehren. Sie legen lautes Zeugniß ab von der Faſſungsgabe und Gelehrigkeit der Negerkinder, beſonders wenn der Un⸗ terricht ihnen auf eine belebende und ſpielende Art durch Erzählungen und Bilder zukommt. Wenn die jungen Töchter der ſüdlichen Staaten dieſes gute Beiſpiel allgemeiner befolgen wollten, ſo könnten ſie noch kräftiger als die Geſetze ein glückli⸗ ches Befreiungswerk vorbereiten. Denn die Befreiung würde ohne Gefahr für weiße oder ſchwarze Bevöl⸗ kerung einem Volke zu Theil werden, deſſen Kindheit einmal in Liebe erzogen und an Gottesfurcht, Ordnung net, den rzen ats⸗ nach ahr ſein ro⸗ rner Er⸗ gen ken hen eht, ein an⸗ and nge be⸗ in⸗ a⸗ Sie und Un⸗ Art ten ckli⸗ ung öl⸗ heit 293 und Arbeit gewöhnt wäre. Und ich theile vollkommen die Anſicht eines klugen alten Mannes, daß die Mög⸗ lichkeit künftiger Befreiung aus der Sklaverei hier zu Lande mehr in der Gewalt der Frauen, als der Män⸗ ner liege. Junge Mütter der Menſchheit habe ich die jungen Lehrerinnen aus den Staaten Neuenglands, die Töchter der Pilgerväter, genannt. Den jungen Weibern der ſüdlichen Staaten iſt ein ähnliches Amt angewieſen, und zwar ein ſo nahe liegendes und ſo natürliches, daß es mir ſcheint, als ſei es ihnen von Gott Vater ſelbſt angewieſen. Esiſt aufden ſüdlichen Plantagen allgemeiner Brauch, daß, ſo lange die Sklaven, Männer und Weiber, drau⸗ ßen bei der Arbeit ſind, alle Kinder unter der Aufficht etlicher Weiber an einem Ort verſammelt gehalten werden. Ich habe ſie ſo zuweilen in einer Anzahl von 60, 70 und noch darüber beiſammen geſehen, und ihre Aufſeherinnen waren alte Negerhexen, die mit Binſenruthen in den Händen die Herrſchaft über die ſchwarzen Lämmer führten, welche mit unverkennbarem Ausdrucke von Angſt und Schrecken ſich in Haufen zu⸗ rückbrängten, wenn die gefürchteten Hexen ihre Ruthen ſchwingend auf ſie zukamen. In kleineren Plantagen, wo weniger Kinder und die Aufſeherinnen ſanftere Perſonen ſind, iſt die Scene nicht ſo anſtößig, erinnert aber doch immer an eine Heerde Schafe oder Schweine, die man bloß füttert, damit ſie eßbar gemacht werden. Und gleichwohl ſind dieſe Geſchöpfe Menſchen mit der Fähigkeit zur edelſten menſchlichen Entwickelung, was Gefühl und Tugend betrifft, Menſchen mit unſterb⸗ lichen Seelen. Hier liegt der Stoff zur Sonntagsſchule bereits fertig vor. Aber wo iſt der Lehrer? Wo iſt die Lehre⸗ rin? Die Kinder werden am Morgen hieher getrieben, werden am Morgen, Mittag und Abend wohl gefüttert, 294 bekommen dazwiſchenhinein Drohungen und Strafen, und werden dann Abends wieder in ihre Hütten heim⸗ So behandelt man ſie, bis ſie arbeits⸗ ähig geworden ſind und unter das Geſetz der Peitſche gebracht werden können. Wäre es zu viel für die Gattin, die Tochter oder Schweſter des Sklavenbeſitzers, wäre es von chriſtlichen Frauen zu viel verlangt, wenn ſie ein⸗oder zweimal in der Woche zu dieſem ſchutzloſen, verwahrlosten Kinder⸗ haufen herabſteigen, mit ihnen von ihrem Vater im bimmel ſprechen und ſie beten lehren ſollten: Vater unſer! Vater unſer! Wie würdig und ſchön ein junges weißes Mädchen— ſie würde als ein Engel des Lichtes erſcheinen und hier wirklich einer ſein— unter den kleinen Schwarzen ſtehen zu ſehen, ſie lehrend dieſes heilige, allgemeine Gebet der Erde mit Verſtand aus⸗ zuſprechen! Vater unſer! Zuerſt dieſes für Weiße und Schwarze emeinſchaftliche Gebet. Dann wird alles Andre zu Zeit kommen, wie der gute und große Vater es will. Schön und würdig wäre es auch, wenn junge weiße Frauenzimmer die ſchwarzen Kinder in Geſang und Tanz üben wollten, denjenigen ähnlich, wie ſie dieſelben in ihrem Vaterland haben; in dieſen Geſängen mit Chören, welche das Herz alles Geſangs bei den Kindern Africas zu ſein ſcheinen, und denen leicht ein ſinnreicher Inhalt gegeben werden könnte. Ich weiß einen Geſang, der als Muſter zu ſolchen Liedern dienen könnte. Er wurde von africaniſchen Weibern für einen weißen Reiſenden geſungen, dem ſie in einer ſturmvollen Nacht Herberge in ihrer Hütte gegeben hatten, und er lautete alſo: Der Sturm heulte und der Regen fiel, Der arme weiße Mann, ———.— 8— 5„————„ fen, im⸗ its⸗ ſche der hen in er⸗ im ater ges tes den ſes us⸗ rze zu es iße ind ben mit ern her en hen ſie tte 295 Müde und matt, In der finſtern Nacht, Setzte ſich unter unſern Baum. Er hat keine Mutter, die ihm Milch gibt⸗ Kein Weib, das ſein Korn mahlt. Chor. Habt Mitleiden mit dem weißen Mann, Er hat keine Mutter u. ſ. w. Dieſer Geſang aus dem Mutterherzen Africas könnte America den beſten Weg zur Bildung des Negervolkes zeigen. Ein Volksgeiſt, der einen ſolchen Geſang hervorbringen kann, muß mit Achtung behandelt werden⸗ Schöner und würdiger wäre eine ſolche Beſchäfti⸗ gung für die jungen Töchter des Südens, als wenn ſie ihre Tage in Faulheit oder auf Beſuchen und in nichtigen Zeitvertreiben vertrödeln, wie jetzt ſo viele thun. Doch ich kenne einige, die den beſſern Theil erwählt haben, und es dürften ſich noch mehrere finden. Segen über ſie! Mögen ihrer viele werden! Und das große Werk der Befreiung wird ſtill und ſchön, wie von ſelbſt voranſchreiten. Es iſt in Europa etwas ſehr Gewöhnliches, den Vereinigten Staaten Nordamericas das Sklavereiinſtitut als eine Sünde gegen den heiligen Geiſt, die ihrem Freiſtaat alle Wahrheit und allen Werth raube, zur Laſt zu legen. Aber man vergißt dabei gewöhnlich, daß nur ein Theil dieſer Staaten Sklaven hat, und daß Eng⸗ land es war, das ihnen zuerſt die Sklaven aufzwang. Mehrere von den jungen Colonien, unter ihnen beſonders Virginien und Georgien, proteſtirten in ihrem Beginn aufs Kräftigſte und Ernſtlichſte gegen die Einführung der Sklaverei. Vergebens. England war damals das Mutterland und es trieb Sklavenhandel; es bedurfte 296 eines Marktes für ſeine Sklaven, und da befahl es den jungen americaniſchen Colonien dieſer Markt zu werden. Dazu kamen noch der Eigennutz der Pflanzer, ſowie das Clima und die Produkte im ſüdlichen Nordamerica. So kam das Sklavereiinſtitut in die Vereinigten Staaten. Gewohnheit, Clima, Produkte und mancherlei Urſachen, ſowohl gute als böſe, erhalten es noch immer dort, — bis auf Weiteres. England ſchüttelte in der Periode eines neuge⸗ weckten, großen Nationalbewußtſeins und unter dem Einfluß von Männern wie Wilberforce die Skla⸗ verei von ſich ab und befreite die Sklaven in ſeinen Colonien mit dem ungeheuren Opfer von zwanzig Mil⸗ lionen Pfund Sterling. Man ſagt, die Sache hätte mit mehr Weisheit behandelt werden können; ſchwerlich jedoch mit größerem Edelſinn. Americas Wilberforce erwarten wir noch immer. Die Bevölkerungen der ſüdlichen Staaten ärgern ſich heftig über die nördlichen und über Europa, wenn dieſe ſich in ihre Privatangelegenheiten, wie ſie es nen⸗ nen, miſchen wollen und in Sachen des Sklaverei⸗ inſtituts und ihrer Berechtigung dazu ſprechen und han⸗ deln, gleich als ob es ſie irgend etwas anginge. Sie miüſſen verzeihen, daß die americaniſche Union und die großen Zwecke, welche ſie ausgeſprochen und zu deren Ausführung ſie ſich berufen erklärt hat, von ſo großer Wichtigkeit, von ſo unendlicher Bedeu⸗ tung in den Augen aller freien Staaten, für das ganze Menſchengeſchlecht, für alle Völker auf Erden ſo werth⸗ voll ſind, daß ſie nicht umhin können ſich für ihre Ausführung zu intereſſiren, als für Sachen, die ſie ſelbſt angehen. Sollen ſie in Wirklichkeit ſie nichts angehen? Die Vereinigten Staaten Americas haben die Freiheit und die Rechte des Menſchen ausgeſprochen. /5— — —0— — c— c c——— — —„—.— en ie n. n, t, e⸗ * n l⸗ te ce n n⸗ i⸗ n⸗ on nd t, U⸗ ze re ſie 8 ie 1 297 Bei dieſem großen Freibrief fühlen ſich alle Menſchen betheiligt. Maiblume hieß das Schiff, das die erſte Colonie freier Männer und Weiber, welche auf der Erde Nord⸗ americas den neuen Staat begründete, von der alten Welt in die neue überführte. Die Maiblume war das Symbol der jüngſten Hoffnungen der alten Welt. Die Geſellſchaft der Vereinigten Staaten wurde die Maiblume des Menſchengeſchlechts. Es will nicht dulden, daß irgend ein Wurm in ſeinem thauvollen Kelch erzeugt werde, daß irgend ein Nidhögg an ſeiner Wurzel nage. Das iſt verzeihlich. Aber gar zu lang habe ich Ew. Majeſtät Aufmerk⸗ ſamkeit mit dieſer Seite der Geſchichte der Vereinigten Staaten beſchäftigt, und ich fürchte, daß mein Brief dadurch zu einer ungebührlichen Länge angewachſen iſt. Ich kann jedoch dieſen Rechenſchaftsbericht, den ich Ew. Majeſtät über das Leben in der neuen Welt erſtatte, nicht beſchließen, ohne ein Wort über das Familienleben daſelbſt zu ſagen. Denn in Americas Familien habe ich über die ganze Zeit meines Aufenthalts in dieſem Welttheil ge⸗ lebt und als Gaſt gewohnt; in dieſen Familien und unter vertraulichem Zuſammenleben mit ihren Mitglie⸗ dern habe ich das Geſellſchaftsleben der neuen Welt betrachtet und überdacht; da habe ich geliebt und ge⸗ dacht, geruht und genoſſen; Americas häuslichem Le⸗ ben habe ich das Vornehmſte von Allem, was ich hier gelernt und erlebt, zu verdanken; Americas häusliches Leben hat mir mehr als alle Schätze Californiens, hat mir ein neues Leben für Seele und Herz geſchenkt. Das Haus iſt in der neuen Welt, was es für un⸗ ſern alten Norden war und noch immer iſt— eine heilige Stätte. Das americaniſche Haus will auch eine ſchöne Stätte ſein. Es umgiebt ſich gerne mit grünen Plätzen, mit ſchönen Bäumen und Blumen. 298 Auch in den Städten findet man es ſo. Zierlichere Wohnungen gibt es nicht auf Erden. Innerhalb des Hauſes findet man Gottesfurcht, Sittlichkeit und Fa⸗ milienliebe. Das americaniſche Heimweſen iſt es, das den americaniſchen Staat befeſtigt und ihn ſtark macht in Gottesfurcht und ſittlichem Leben. Americas beſte und edelſte Männer von Washington an ſind von frommen Müttern in edlem und ſittlichem Familienleben erzogen worden. Was das Familienleben der neuen Welt von dem der alten Welt am meiſten auszeichnet, das iſt vielleicht die Herrſchaft des Weibes in demſelben. Für den Americaner iſt es Geſetz daß er innerhalb des Hauſes das Weib Geſetze geben laſſe. Er beugt ſich willig unter ihren Scepter, theils aus Liebe, theils aus Ue⸗ berzeugung, daß es ſo am beſten und richtigſten iſt, und aus ritterlicher Galanterie gegen das Geſchlecht. Denn der Americaner glaubt, daß dem Weibe etwas Göttliches von höherer und feinerer Art inne wohne. Er liebt es darauf zu lauſchen und in allen Fragen des innern Lebens daran zu appelliren. Er liebt es ſeine Lebenshälfte höher zu ſtellen als ſich ſelbſt. Sie, der es geſtattet iſt, ihre Welt und ihr Weſen frei im Hauſe zu entwickeln, die ſelten auf Widerſpruch, niemals auf Zwang ſtößt, iſt gewöhulich ihrer ſchöne⸗ ren Natur getreu und zeigt ſich mild, häuslich, liebe⸗ voll. Und vom öſtlichen Ocean bis zum Miſſiſippi⸗ vom nördlichen Minneſota bis zum Wendekreis habe ich im Weſtland nichts Lieblicheres und der Vollkom⸗ menheit näheres geſehen, als das mütterliche Weib. Auch habe ich nirgends auf Erden Weſen von thau⸗ artigerer Friſche, von ſchönerer und urſprünglicherer Lebendigkeit geſehen, als Americas junge Mädchen. Ringsumher um dieſe herrliche Gruppe von ſchö⸗ nen Weibern muß ich jedoch geſtehen, daß es im Weſten Weiber gibt, welche dem Ideal, zu deren Erreichung en ig e⸗ ſ, t. as e. en en ch, te⸗ be⸗ pi. be m⸗ au⸗ rer hö⸗ ſten 299 die neue Weltbildung ſie beruft, keineswegs entſpre⸗ chen, Weiber, deren Gedankenloſigkeit, Leerheit, Eitel⸗ keit und anſpruchsvolles Weſen den Betrachter zuweilen ſtutzig machen und bei ihm die Frage anregen können, in wiefern die große Freiheit, welche hier dem jungen Weib frühzeitig gegeben wird, für die höhere Entwicke⸗ lung ihres Weſens vortheilhaft ſei. Die beſten ſehen dieſe falſche Richtung bei einem Theil ihres Geſchlechts und beklagen ſie aufrichtig. Nur ihrem Beiſpiele zu liebe möchte ich dieſe Freiheit keineswegs beſchränken, aber ihr ein höheres Ziel und Bewußtſein geben. Was das Weib bedarf, iſt nicht eine geringere, wohl aber eine höhere Achtung vor ſich ſelbſt und ihrem Beruf, ein höherer Begriff von dem menſchlichen Werk und Werth, wozu ſie berufen iſt. Nur ein höheres Bewußtſein kann ſie aus ihrer egviſti⸗ ſchen Unbedeutſamkeit retten. Im Allgemeinen kann man ſagen, daß die Bürge⸗ rin in der Geſellſchaft der neuen Welt noch nicht voll⸗ kommen erwacht ſei. Wie in der Geſellſchaft der alten Welt, ſchlummert ſie noch eingelullt von dem alten Wiegenlied und von der kleinen Stimme, welche ſie hindert auf die große zu lauſchen, ſowie von der Schwachheit der Männer für das bloß Angenehme und Reizende bei dieſem Geſchlecht. In Folge dieſes Mangels am Bewußtſein eines höhern Berufs iſt der Einfluß der Frauen im Fami⸗ lienleben und auf die Erziehung der Kinder im Allge⸗ meinen bei Weitem noch nicht das, was er ſein ſollte und müßte in dieſem Lande, wo die Macht des Ge⸗ wiſſens und der inneren Geſetze einer zehnſachen Ver⸗ ſtärkung bedürften, zumal da die äußeren Geſetze dem Willen und den Launen der Einzelnen ſo wenige Hemmniſſe entgegenſtellen. Die Americanerin verhei⸗ rathet ſich jung, oft ſehr jung, und wenn ſie kaum aus den Kinderjahren getreten iſt; ſie bekommt bald Kinder 300 und beweist ihre Mutterliebe oft hauptſächlich dadurch⸗ daß ſie ihre Kinder verzieht, daß ſie alle ihre Launen und Wünſche begünſtigt, wie ſie ſelbſt im elterlichen Hauſe verzogen und begünſtigt worden iſt. Disciplin und Strenge überläßt ſie der Schule, in welche das Kind frühzeitig kommt. Und die Schule thut, was ſie kann. Sie gibt dem äußern Menſchen einige Kennt⸗ niſſe, einige Dreſſur, läßt aber den innern ungefähr ſo, wie er aus dem Mutterhauſe gekommen iſt. Daher— beſonders in den Sklavenſtaaten, die Maßloſigkeit in Launen und Handlungen, der Mangel an ſtrengerer Moral und Gewiſſenhaftigkeit, den man dem americaniſchen Jüngling nicht ohne Grund vor⸗ wirft, und die Unordnungen, die hieraus in den Fa⸗ milien und in der Geſellſchaft entſtehen*). Die ſtar⸗ ken Frauen, die in Strenge und Liebe Bürger erziehen, dieſe Frauen, wie Lykurg ſie bilden wollte, um ſeine Republik ſtark und groß zu machen, ſie findet man hier nicht. Auch iſt dieſer antike Typus von Stärke nicht das Einzige, was Noth thut. Die neue Welt kennt einen andern. Und würde dieſer allgemein werden, würde das Weib in den Vereinigten Staaten Americas das werden, was es werden kann, und den in ihrer Macht liegenden Einfluß auf die Seelen der Kinder und Männer, auf das Geſellſchaftsleben und die großen Intereſſen des Staates ausüben, ſo würden die Ver⸗ einigten Staaten auch das Staaten⸗Ideal werden. Mehrere ausgezeichnete und liebenswürdige Frauen *) Ich muß jedoch ſagen, daß ſie, obſchon ſie hier grö⸗ ßern Lärm von ſich machen, mir nicht ſchlimmer er⸗ ſcheinen, als die Unfuge, die in europäiſchen Staaten mehr in der Stille und in größerer Menge getrieben werden. x —, — X G——* rö⸗ er⸗ ten ben 301 in Nordamerica— Quäkerinnen unter ihnen— haben edle Vorbilder ihres Geſchlechtes dargeſtellt, und meh⸗ rere Bewegungen in den freien Staaten haben in den letzten Zeiten einen keimenden Bürgergeiſt bei den Frauen gezeigt Möge er wachſen und ſich tief ein⸗ ſenken, dann wage ich zu ſagen, daß die Americanerin als das ſchönſte und vollendetſte Weib der Erde daſte⸗ hen werde. Könnte ich Ew. Majeſtät die americaniſchen Frauen vorſtellen, welche mir den Typus der Eva der neuen Welt am reinſten zu repräſentiren ſcheinen, ſo würde Ew. Majeſtät Blick auf ihnen mit einem Ausdruck ru⸗ hen, der ſowohl die Befriedigung des Schönheitsſin⸗ nes als des moraliſchen Gefühles verriethe. Ich ſehe, daß Ew. Majeſtät eigenes holdes Weſen ein Vergnügen darin findet, verwandte Weſen zu erkennen, und ich meine von Ew. Majeſtät Lippen das Urtheil zu hören: „Sie gleichen den lieblichſten Frauen in unſerem Welttheil, die Anmuth ihres Weſens iſt ebenſo groß, als ihre Grundſatzfeſtigkeit. Aber ſie haben etwas mehr als die Frauen Europas. Ihr Blick ſcheint mir eine größere Welt, ihre Intelligenz eine größere Wirkſam⸗ keit zu umfaſſen, und ihr Herz ſcheint mir groß genug, um die menſchliche Geſellſchaft in allen ihren Kreiſen zu umfaſſen und emporzuheben.“ Vielleicht iſt es nicht mehr als recht und billig, wenn man ſagt, daß der Menſch in der neuen Welt nicht beſſer ſei als in der alten; aber er ſteht auf einem vortheilhafteren Platze, er befindet ſich in Um⸗ ſtänden, die eine freie und gute Entwicklung mehr be⸗ günſtigen. Er kann als einzelner und als Geſellſchafts⸗ mitglied vollkommener werden. Denn jede einzelne Vollkommenheit kann hier ein Gemeingut werden. Aber es iſt Zeit, daß ich ſchließe, und ich muß bereits fürchten, Ew. Majeſtät durch die Länge meines Briefes ermüdet zu haben. Die intereſſanten Gegen⸗ ſtände und das Intereſſe, das Ew. Majeſtät dafür Waeſrei haben, mögen mir als Entſchnldigung ienen. Binnen Kurzem verlaſſe ich den Süden. Groß iſt ſeine Zauberkraft; aber mein Sinn ſteht jetzt nach dem Norden. Auf ſeinen Granitfelſen wächſt der Baum der Freiheit kräftiger und die Geſellſchaft daſelbſt gleicht unſerem alten, ewig jungen und grünenden Ygdraſil. der jeden Morgen von der Nornen Hand aus dem Urdabrunnen begoſſen, beſtändig näher zur Heimath der Sonne emporwächſt. So in Americas nördlichen Staaten, ſo auch in unſerem ſcandinaviſchen Norden. Aber was dieſer Norden beſitzt und was America nicht hat, das iſt dieſe Vorzeit voll von Sängen und Sa⸗ gen, von herrlicher Prophezeiung und Symbolik, von Göttern und Helden, dieſe Vorzeit, die Scandinavien ein ſo großes, ſo eigenthümliches und ſo romantiſches Leben verleiht. Dieſe Vorzeit, ihre Bedeutung für die gegenwärtige Zeit, ihr Leben in unſerer Natur und unſerem Alltagsleben iſt es, was mich ſo mächtig wie meiner Mutter Stimme nach meinem Heimathland zurückzieht. Ein Beſuch in dem mir ſo theuern Copen⸗ hagen ſteht mir bei meiner Rückkehr nach Schweden als ein Lichtpunkt vor den Augen, und noch in dieſem Herbſt hoffe ich Dänemarks fröhliche Hauptſtadt zu begrüßen. Ich werde mich glücklich ſchätzen, dort noch einmal Dänemarks ſchöne und gute Königin begrüßen zu dür⸗ fen und ihr freundliches Bild im Heiligthum meines Herzens mit mir zu nehmen, um als einer ſeiner theuerſten S5it bewahrt zu werden. Ew. Majeſtät Güte macht mich dreiſt genug dieß zu hoffen, und im Vertrauen darauf wage ich auch um ein Plätzchen in der Erinnerung Ew. Majeſtät mitten unter den Vielen, die Ew. Majeſtät lieben, zu bitten. —˙— Neununddreißigſter Brief. Savannah(Georgien), den 12. Mai 1851. Ich habe die Inſel der Sonne und der Palmen verlaſſen und befinde mich wieder auf dem feſten Land. Am dritten Mai ging ich an Bord des ſchönen, aber thenern Dampfſchiffes Iſabel. Der letzte Anblick, den ich von der Königin der Antillen hatte, zeigte ſie mir von düſtern Wolken um⸗ ſchwebt bei einem aufſteigenden Gewitter. Das Meer ging hoch, das Schiff ſchwankte ſtark und das Morro⸗ licht glänzte wie eine Brandfackel von dem hohen Leuchtthurm herab ſo oft eine Welle ſtieg, und verbarg ſich dann wieder, wenn das Schiff in den Schooß der Wogen hinabſank. Das ſchöne, klare Licht, das mich in Cubas Abenden und Nächten ſo oft erfreut hatte, erſchien mir jetzt bei dem zunehmenden Wind und in der immer dunkler werdenden Nacht wie ein Unglücks⸗ ſignal, das aus dem ſtürmiſchen Horizont hervorblitzte. Den Tag zuvor war Sonnenfinſterniß geweſen und um die Sonne her ein großer ſchwarzer Ring. Dieſe Zeichen ſcheinen mir prophetiſch. Denn der innere Zu⸗ ſtand auf Cuba, der Deſpotismus der Regierung, ihre Geldgier und Feilheit, das bittere Mißvergnügen der Creolen, die Lage der Negerſklaven, der fortgeſetzte Sklavenhandel, welcher die Inſel jährlich mit Tauſen⸗ den von wilden Africanern bevölkert, die lüſternen Blicke, welche die americaniſche Regierung auf dieſe neue Helena wirft, alles das verkündet eine ſturmvolle Zukunft und vielleicht eine entſetzliche blutige Kriſis. Möge meine Prophezeiung ſich nicht erwahren! Ach dieſe ſchöne Inſel, mit ihren lieblichen Win⸗ 304 den, ihren herrlichen Bäumen, ihren prächtigen Aben⸗ den, ihrem ewigen Sommer— ich werde ſie ſtets als eine der ſchönſten Schöpfungen Gottes lieben und werde ſtets dankbar dafür bleiben, daß ich ſie geſehen und von ihr einen neuen Himmel und eine neue Erde beſſer verſtehen gelernt habe. Was mich betrifft, ſo wünſche und hoffe ich, daß Cuba eines Tags auf friedlichem Wege unter die Herrſchaft der Vereinigten Staaten kommen möge. Wenn America einmal auch die Welt des Wendekreiſes in ſich aufgenommen und ſein Staatenreich bis dahin ausgedehnt hat, dann und erſt daun wird es das Univerſalreich, wozu es beſtimmt iſt. Und Cuba wird in angloamericaniſchen Händen bald den Sklavenhandel aufheben; das Evangelium wird den Sklaven gepre⸗ digt werden; die Gefängnißmauern der Bohea werden ſich in hübſche americaniſche Sklavendörfer verwandeln, und vielleicht werden Spaniens edelſinnige Geſetze zum Vortheil der Sklaveu der Geſetzgebung der Union ein⸗ verleibt werden, wenn Cuba ein Theil der Union wird. Ich kam nach Charleston am Morgen des 11. Mai beim hellſten Sonnenſchein. Aber dennoch kam er mir wie Mondſchein oder wie verſchleierter Sonnenſchein vor. So düſter und glanzlos erſchien mir das Licht an Charlestons Mauern und Dächern oder unter ſei⸗ nen buſchigen Bäumen, nach all der Sonnenpracht und dem Glanz, woranich auf Cuba gewöhnt worden war. Aber welch eine herzliche Freude war es für mich Mrs. Howland und ihre Familie wieder zu ſehen, mit ihnen von Cuba zu ſprechen und einen ganzen ſchönen Tag in Heiterkeit und Ruhe mit ihnen zu verleben! Dennoch war mein Gemüth jetzt nicht der Ruhe und Stille zugekehrt; ich war auf neue Fahrten und neue Abenteuer erpicht. Ich wollte Florida ſehen und ich überredete meine gute Mrs. Howland leicht mitzu⸗ reiſ gni gni näc und mer Jal Flu ſtin mot eini dem 5— — S X——*8 it n he d d u⸗ 305 reiſen, da ich überzeugt war, daß dieſe Reiſe ihr Ver⸗ gnügen machen würde, wie ihre Geſellſchaft mir Ver⸗ gnügen machen mußte. Der Beſchluß mußte bald gefaßt werden. Am nächſten Tag ging ein Dampfſchiff nach Savannah ab, und dort ſollte ich mit der Familie Mac-Intoſh zuſam⸗ mentreffen und mit ihr der Verabredung vom vorigen Jahr zufolge die Reiſe nach Florida auf dem ſchönen Fluſſe St. John unternehmen. Geſagt gethan. Der nächſte Morgen ſah Mrs. Howland und mich an Bord des nach Savannah be⸗ ſtimmten Dampfſchiffes. Es war der ſchönſte Mai⸗ morgen, und am Ufer, juſt als ich abreiſen ſollte, ſtand Mrs. Holbrookmit einem Blumenſtrauß und bei ihr noch einige andere Freunde. Wie freundlich undwie angenehm! Und jetzt bin ich nach eintägiger Luſtfahrt auf dem Fluſſe wiederum in der Stadt, wieder unter alten Freunden, die gut, herzlich und gaſtfrei ſind wie vor⸗ her, Mr. und Mrs. Tefft, Mrs. Burrows u. ſ. w., und alle ſagen, ich habe mich verjüngt, ich ſehe unend⸗ lich beſſer aus(wonderfully improved), und ſchreiben es America zu. Aber ich weiß es beſſer und ich ſage, daß ſie alle zuſammen nach Cuba fahren müſſen, wenn ſie ſich verjüngen wollen. Die Familie Mac⸗Intoſh fand ich in tiefem Kum⸗ mer um eine geliebte Tochter und Schweſter, die im vorigen Herbſt geſtorben war. Aber der alte ehrliche Vater, Oberſt Mac⸗Intoſh, und ſeine jüngſte Tochter, ein ſeelenvolles und höchſt gebildetes junges Mädchen, begleiten uns nach Florida, wo ſie den älteſten der Söhne der Familie beſuchen wollen, der daſelbſt an⸗ ſäßig und verheirathet iſt. Auf dem Rückweg werde ich eine Plantage von Mr. Cooper am Altamahafluß beſuchen, wo ich, wie man mir ſagt, das Ideal des Sklavenlebens in den Plantagenſtaaten zu Geſicht be⸗ kommen werde. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. UI. 20 306 Uebermorgen fahren wir auf einem kleinen, ſchö⸗ nen, nagelneuen Dampfſchiff, genannt die Magnolie, ab, und gedenken den St. Johnfluß hinaufzufahren, ſoweit die Dampfſchiffe gehen, das heißt bis an den Monrveſee. Miß Dix, die zufällig jetzt nach Savannah ge⸗ kommen iſt, hat ſich an unſere kleine Geſellſchaft an⸗ geſchloſſen, da ſie Florida zu beſuchen wünſcht. Das Wetter iſt herrlich, der Mond iſt voll, und ich bin voll von Reiſeluſt, von Verlangen Florida zu ſehen, die Blume der Staaten des Südens, das Land, deſſen liebliche balſamiſche Luft die Spanier glauben ließ, daß die Quelle ewiger Jugend da verborgen ſei. Die Magnolie, den 17. Mai. Selten bekommt wohl Jemand einen Brief von einem Dampfboot, das auf einer grünen Wieſe ſitzt. Aber juſt von einem Dampfboot in dieſer Lage aus ſchreibe ich jetzt an Dich. Und wie lange es und ſeine Paſſagiere ſo daſitzen müſſen, das hängt vom Mond und von der Menſchenliebe ab; aber wir haben Ur⸗ ſache in dieſem Augenblick den guten Willen beider zu bezweifeln. Die erſte Tagreiſe war ausnehmend munter und die Frauenzimmer in unſerer kleinen Geſellſchaft unter⸗ hielten ſich recht luſtig mit einander. Miß Mac⸗Intoſh, die jetzt ihrer kummervollen Umgebung entrückt war, ent⸗ wickelte eine Blüthe von Friſche und Munterkeit, die ich hinter ihrem claſſiſchen, ernſten Geſichte nicht geſucht hätte. Mrs. H. hat immer einen ruhigen und gutmüthigen ö⸗ e, n, en e⸗ n⸗ as ie en aß 307 Humor zur Hand. Beide forderten Miß D. in freund⸗ ſchaftlichem Wortwechſel heraus. Und dann hatten wir eine gewiſſe menſchenfreundliche und regierende Dame an Bord, die dominiren und über uns Alle herr⸗ ſchen wollte und aus jedem Strohhalm ein großes Weſen machte. Aber wir nahmen Alles leicht und munter. Unſere kleine hübſche Magnolie keilte ſich luſtig in die Biegungen und Winkel durch das Sumpf⸗ land hindurch ein, wo ſie unter einer Menge von Strombetten das ihrige herauszufinden hatte, und ich mußte ihren Scharfſinn und ihren friſchen Muth be⸗ wundern; nur ſchien es mir, als hätte ſie einen allzu ſtarken Zug nach dem Lande hin, denn wir ſtießen oft an den Ufern an, während wir uns zwiſchen ihnen hinſchwenkten. Aber da waren der Sund und der Raum zur Schwenkung oft äußerſt knapp und zuge⸗ meſſen. „Ein ſchöner Abend, Miſſis,“ ſagte der ſchwarze Steuermann, indem er mit gutmüthigem Geſicht aus ſeinem Häuschen auf dem Verdeck hervorguckte und eine der Damen in unſerer Geſellſchaft anredete. „Ja, aber kommen wir denn nicht bald an einen Ruheplatz für die Nacht?“ „O ja, o ja, bald; wir werden bald an Ort und Stelle ſein. Seien Sie ruhig, Miſſis, Maam.“ Eine Weile nachher, als wir Alle am Theetiſch ſaßen, wurde das Schiff plötzlich wie von einer ſtar⸗ ken Welle emporgehoben, und nun ſtanden wir ſtill, obſchon die Maſchinerie noch einige Zeit arbeitete. Der Kapitän, der mit am Tiſche ſaß, und ein paar andere Herrn ſprangen auf und hinaus. Bald zeigte es ſich, daß der unwiſſende außeror⸗ dentliche Steuermann(der eigentliche Steuermann lag krank in Savannah) ſich im Flußbett geirrt und uns gerade auf eine hervorſpringende Landſpitze zu geführt hatte. Sie war jetzt vom Fluß überſchwemmt, denn 308 der Mond war voll an dieſem Abend und es war hohe Fluth. Am folgenden Morgen, als die Ebbe eintrat, ſahen wir, daß wir ganz auf dem Trockenen ſaßen, mit grünem Gras rund um uns her und ganz nahe bei einem Hain von Lebenseichen und blühenden Magno⸗ lien, welche letztere irgend eine geheime Anziehungs⸗ kraft auf unſere arme kleine Magnolie ausgeübt haben mußten. Sie lag da, mit dem Vordertheil dem Hain zugekehrt, juſt als wollte ſie ſich in denſelben einkeilen. Wir ſaßen auf eine bedenkliche Art feſt. Und feſt ſitzen wir noch jetzt, heute am 17. in grünem Gras und Lehmboden, am Abend begrüßt von des Whip poor Will flötenden Tönen aus dem Magnolienhain und am Morgen von ſtrahlenden Schmetterlingen, die uns umtanzen. Ein ganzes Regiment Negerſklaven iſt be⸗ ſchäftigt, den Kiel des Schiffes zu umgraben, um es aus dem Sand loszumachen, und nun zeigt es ſich bloß, wie tief es ſich hinabgebohrt hat. Am erſten Tag ſagten wir:„Heute Abend, wenn die Fluth kommt, dann...“ Aber als die Fluth kam, da kam ſie nicht ſo hoch wie am vorhergehenden Abend, und der Mond, weniger voll, ſab kalt auf uns herab und ließ uns ſitzen, wo wir ſaßen. „Morgen, wenn das Dampfbvot Gaſton hier vorbeikommt,“ hieß es jetzt,„muß es uns einen Stoß geben und uns loshelfen.“ Und Miß Mac⸗Intoſh machte den Vorſchlag, daß alle Damen bei Gaſtons Ankunft auf das Verdeck ſteigen und ſich mit ihren Nastüchern vor den Angen zeigen ſollten, um dadurch das vorausſichtlich harte Herz des Kapitäns vom Ga⸗ ſton zu erweichen. Der morgende Tag kam und der Rauch des Gaſton zeigte ſich und machte den Rauch der Hoffnung in un⸗ ſern Herzen aufſteigen. Der Gaſton kam näher, blieb ſtehen, ſah uns an. Die Fluth war eingetreten. Wir on n⸗ eb ir 309 waren voll von Hoffnungen auf einen Stoß vom Gaſton. Aber der verhärtete Gaſton ſah uns bloß an, ſetzte dann ſeine Fahrt fort und überließ uns unſerem Schick⸗ ſal auf dem Trockenen.(NB. die Rührungsſcene mit den Nastüchern wurde verſäumt!) Große Indignation auf der Magnolie. Unſere herrſchende Dame will eine Indignationserklärung gegen Gaſton aufſetzen, die in den Zeitungen kommen ſoll. Sie veranlaßt auch die Damen an Bord zu einer Hochachtungserklärung für den Kapitän der Magnolie und ſein gentlemänniſches Benehmen, eine Erklärung, die wir gut finden und unterzeichnen. Jetzt ruht unſere Hoffnung auf dem Dampfer St. Matthäus, der morgen Abend erwartet wird; wir hof⸗ fen, daß er ſich als ein guter Apoſtel erweiſen und uns an Bord nehmen werde. denn ſo viel iſt klar, daß die Magnolie in dieſem Stadium des Mondes nicht loskommt, da der Mond mit jedem Tage mehr ab⸗ nimmt und die Fluth ebenfalls, die Magnolie aber, vermöge ihrer Schwere, mit jedem Tag tiefer in den Sand ſinkt. Inzwiſchen tröſten wir uns mit gutem Humor und gutem Tiſch, wie auch mit allerlei Ausflügen am Ufer hin(wir können nemlich trockenen Fußes aus dem Schiff und um daſſelbe herumgehen) und nach den ſchönen Plantagen daſelbſt. Die Frauenzimmer find voll Munterkeit. Die gute Mrs H., die ohne ihre hausmütterliche Thätigkeit nicht leben kann, ſtellt eine ſeine Wäſche an und rekomman⸗ dirt ſich dem verehrten Publikum, erhält aber allerlei Verweiſe wegen Faulheit und Ungeſchicklichkeit. Miß Dir hinwiederum wird des Diebſtahls beſchuldigt und mit Correctionshaus bedroht; und dann lachen wir ſo herzlich und vergnügt, beſonders Miß Mac⸗Intoſh, in deren Bruſt die Jugendquelle friſch aufſpringt, und die ſelbſt nicht begreift, wie ſie ſo munter ſein kann. 310 Heute Abend feierten wir den Geburtstag des ſchönen Töchterleins unſeres Kapitäns. Ich flocht ihr einen Kranz von wilden Blumen; die andern Frauenzimmer machten ihr kleine Geſchenke und das gute Kind ſprang überglücklich fort, um ſich in ſeinem Blumenſchmuck dem Vater zu präſentiren. In der Geſellſchaft befindet ſich eine Dame, noch nicht vierzig Jahre alt, ſchön, geſchnürt, gut gekleidet, mit hellfarbigen Locken, und ihre Gedanken ſichtlich auf die Welt und ihre Vergnügungen gerichtet. Dieſe Dame iſt jedoch Wittwe von drei Männern, Mutter von zwölf Kindern, wovon neun todt und zwei ver⸗ heirathet ſind, und Großmutter von drei Enkeln. „Und Sie haben alle dieſe Verluſte ſehr gut durch⸗ gemacht?“ ſagte ich mit einiger Verwunderung. „Ves indeed(ja allerdings),“ erwiederte ſie, angenſcheinlich zufrieden mit ſich ſelbſt und ihrer See⸗ lenſtärke. „Und Sie wären vielleicht nicht abgeneigt, zum vierten Mal zu heirathen?“ fragte Mrs He, etwas neu⸗ gierig auf die Antwort. „O nein,“ antwortete ſie ruhig,„außer wenn ich meine Umſtände dadurch verbeſſern könnte“(better my selt, mich verbeſſern, iſt der eigentliche Ausdruck hiefür). Miß Mac⸗Intoſh wurde dadurch ſo empört, daß ſie nohe daran war, ihrer Entrüſtung Luft zu ver⸗ affen. Unter den Herrn befindet ſich ein junger Califor⸗ nienfahrer, der neuerdings aus dem Goldland zurück⸗ gekommen und auf der Heimreiſe zu ſeiner Frau be⸗ riffen iſt, mit verſchiedenen geſchmolzenen und unge⸗ chmolzenen Goldklumpen, Laliforniſchen Ducaten und einem weißen chineſiſchen Seidenſhawl für ſeine Frau. Er iſt ein ſchöner junger Mann, aber mehr Dandy und kindlicher, als man es bei einem Americaner fin⸗ det und es ſich wohl für einen Californienfahrer paßt. ——„ c 311 Ich hätte gern ein wenig von Land, Leuten und Le⸗ densart in Californien, von den Chineſen und ihrer geſellſchaftlichen Ordnung, ihrem Gottesdienſt u. ſ. w. erfahren. Aber der junge Mann wußte bloß, daß er mehrere Goldklumpen und einen chineſiſchen Shawl für ſeine Frau bei ſich hatte. Heute früh ſind wir am Land geweſen und haben eine ſchöne Baumwollenplantage geſehen, die ſchön auf einer hohen Terraſſe am Fluſſe liegt. Sie gehörte, ſagte man uns, einem Mr. Valburg. Beſonders ge⸗ fielen mir da einige der Sklavenwohnungen, die ich beſuchte; ſie zeugten, wie auch das Ausſehen einiger Sklaven, die von der Arbeit zu Hauſe waren, von einem gewiſſen Wohlſtande. An einem Brunnen ſah ich eine ſehr alte Negerin, die im Begriff ſtand Waſſer zu holen. Ich fragte ſie unter Anderem, wie alt ſie ſei. „Etwas über hundert, Mäam,“ war ihre Antwort. Die Neger ſetzen einen Werth darauf ſehr alt zu werden, und ſie werden es auch, wenn ſie gute Tage haben. Von dieſer Plantage hätte ich bloß freundliche Eindrücke mitgenommen, wenn ich nicht auf dem Rück⸗ weg nach dem Ufer bei einem Gatterthor den Aufſeher (der Herr und ſeine Familie waren fort) getroffen und in ihm einen ſtarkgliederigen jungen Mann mit jenem wilden und friedlos irren Blick geſehen hätte, den ich bei mehreren Plantagenaufſehern bemerkt habe, und der ſogleich allen Glauben an Gerechtigkeit in der Be⸗ handlung der Sklaven raubt. Die Sklaven, die unſer Schiff umgraben, find kräftige Burſche und arbeiten tüchtig, aber ſo ſtill, als grüben ſie ein Grab. Dieß iſt bei den Negern nicht natürlich und ein ſchlimmes Zeichen. Es iſt der allerſchönſte Mondſchein an den Aben⸗ 312 den, und aus dem Magnolienhain flötet der Whip poor Will ſeine melodiſchen, aber einförmigen Töne. Bei Tag iſt die Sonnenhitze ſtark und— möge St. Matthäus ſich unſer erbarmen! Monrveſee(Florida), den 20. Mai. Ich ſchreibe Dir jetzt aus dem Innern des blü⸗ henden Florida, ruhend auf einem ſeiner ſpiegelklaren Binnenſeen, mit grunzenden Alligatoren, die um un⸗ ſere kleine ſchwimmende Wohnung(ein ſehr ſchwaches Dampfboot mit Namen Sarah Spalding) herum⸗ ſchwimmen. Ein Kranz von dunkelgrüner Waldung, ähnlich einem Myrthenkranz, umgibt den ſtillen See, denn die Orangen⸗ und Palmettohaine, ſowie die Cy⸗ preſſenwälder, laſſen ſich in dieſer Entfernung nicht unterſcheiden. Das ganze Ufer iſt niedrig, der See ſpiegelruhig und Alles rund umher ſehr ſtill. Keine Städte und Thürme, keine Dampfboote und Flotten, keine Menſchen außer uns Floridafahrern. Hier iſt junges Land, ja beinahe noch wildes Land. Aber wie froh bin ich nicht, daß ich mich jetzt mitten in Flori⸗ das pvetiſchen Wildniſſen befinde, daß ich von ſeiner reichen wunderbaren Naturpoeſie Etwas geſehen habe. St. Matthäus erwies ſich uns als ein guter Apo⸗ ſtel, und am 18. Nachmittags nahm er uns geſtrandete arme Sünder, die jedoch von keiner Noth wußten und weiter nichts zu klagen hatten, als daß es verdrießlich war, in einem Dampfbvot auf einer Landzunge mitten im heißen Sonnenſchein ſtille zu liegen, ſammt und ſonders in ſeinem Schvoß auf. Unſer Kapitän da⸗ —,— —, ——„——.—————— —„—„—— en n„ es n g⸗ 22 y⸗ ee ne n, iſt ie ri⸗ er e te nd en id Q⸗ 313 gegen war wirklich zu beklagen und ebenſo die Mann⸗ ſchaft, von welcher mehrere ſich bereits unwohl befan⸗ den. Unſer Erlöſer St. Matthäus kam uns nicht ſehr nahe, ſondern ließ uns im Boote abholen. Vier Neger ruderten uns. Mir ſchien es, als gehe die Fahrt ſicher und gut. Unſere herrſchſüchtige Dame aber, die durch ihre Philanthropie gegen weiße Sünder bekannt iſt, ſah den Schwarzen ſcharf auf die Finger und ſagte jeden Augenblick mit ſtrenger Stimme:„Warum rudert ihr nicht ſtärker?“ Und ſie fügte, gegen mich gewandt, hinzu:„Man kann es an ihrer Bruſt und ihrem Athem ſehen, ob ſie ſich nach Kräften anſtrengen.“ Die philanthropiſche weiße Dame ſaß alſo da und beobachtete die Athemzüge der Negerſklaven, den Blick auf ihre nackte Bruſt gerichtet, um zu erforſchen, ob ſie ſich bis zum Aeußerſten anſtrengen, um ihr und uns zu dienen. Ich muß hinzufügen, daß dieſe Dame aus einem der Staaten Neuenglands war. Solcher Art iſt die Philanthropie mancher Americaner. Unſere herrſchſüchtige Dame gewann indeß Nichts mit ihren Bemerkungen und Ermahnungen. Die Ne⸗ ger ruderten ruhig, aber gleichmäßig und gut das ſchwerbelaſtete Boot, und wir kamen glücklich an Bord des St. Matthäus. Und bald rollten wir zu unſerer großen Befriedigung auf dem Altamahafluß dahin, deſſen Waſſer hier in der Nähe des Meeres ſalzig war und in der Abenddämmerung wie ein Strom von hell⸗ rinnendem Silber voll von funkelnden Diamanten erſchien. Der St. Matthäus hatte bereits eine Maſſe von Leuten an Bord. Unter dieſen befanden ſich drei Paar Turteltauben von der menſchlichen Race. Ein Pärchen, das phyſiſch ſchön war, aber in Bezug auf Bildung und Manieren der zweiten Sorte von Men⸗ ſchen angehörte, war ſo verliebt und zeigte es ſo 314 ungezwungen, daß es abgeſchmackt war. Der junge Mann, der eine große Radel von falſchen Diamanten an ſeiner Halskrauſe trug, vertrante einem Bekannten in der Geſellſchaft, daß er die Ueberzeugung hege das vollkommenſte Weib auf Erden geheirathet zu haben. Aber ihre vollkommene ſchöne Geſtalt ſah nicht aus, als ob ſie viel Seele in ſich beherbergte. Die Turteltauben Nro. 2. waren von feinerem Schrot und Korn, anmuthsvolle Leutchen, und liebende Seelen leuchteten aus den dunkeln, ſchönen Angen; die junge Frau war von ſehr ſchwacher Geſundheit, nachdem ſe ſich erſt ein Jahrverheirathet hatte; er zeigte ſich ſehr beſorgt um ſie. Die Turteltauben Nro. 3. waren weder jung noch ſchön mehr, aber von den drei Paaren das intereſſan⸗ teſte und vielleicht das glücklichſte. Es war eine Luſt, ſie anzuſehen und ihre Geſchichte zu hören. Sie gehörten der ärmeren, weißen Volksclaſſe in Carolina oder Georgia an, die gewöhnlich dort Sand⸗ hügelvolk genannt wird, weil ſie in den ſandigſten und magerſten Theilen des Landes lebt und ihre Fel⸗ der beſtellt, ohne Schulen oder irgend andere Mittel zur Bildung zu haben. Die Frau hatte ihren Mann gegen den Willen ihrer Angehörigen genommen. Und als ſie einige Zeit nach ihrer Verheirathung durch die Schuld des Mannes in große Noth gerieth, da gaben ſie ihr zwar eine Freiſtätte, verſtießen aber den Mann und verboten ihr ihn zu ſehen. Der erbitterte Mann ſchwur, daß ſie ihn nicht wieder ſehen ſollten, bis er komme, um ſeine Frau in ein eigenes Haus abzuholen. Er blieb ſieben Jahre aus und ließ Nichts von ſich hören. Sie hielt ſich mit ihren Kindern, zwei Jungen und einem Mädchen(der jüngſte Knabe war kaum erſt geboren, als der Vater ſie verließ) bei den Eltern auf und verlor allmälig beinahe alle Hoffnung ihren Gat⸗ ten wieder zu ſehen, den ſie jedoch innig liebte. Aber ——,————„ c S 8c e 8 ge en en as n. 8, em de die at⸗ ber 315 eines Tags rief der älteſte Knabe:„Da kommt Papa!“ Sie wollte ihm nicht glauben. Sie hatte ſo manches Jahr vergebens auf Nachrichten von ihm gewartet. Sie ging jedoch jetzt aus dem Hauſe, um den Ankom⸗ menden zu ſehen, und als ſie noch in der Entfernung ihren Mann erkannte, da ſiel ſie ohnmächtig nieder. Es war ihm nach beharrlichen Anſtrengungen gelungen ſich ein ſicheres Brod zu verſchaffen; er hatte ſich in dem ſchönen Florida eine Hütte erbaut, und nach die⸗ ſer Heimath in dieſem Lande ewigen Sommers wollte er jetzt ſeine Frau und ſeine Kinder führen. Sie wa⸗ ren auf der Reiſe dahin begriffen. Am Ufer des Mon⸗ roeſees lag die neue Wohnung; dort ſollten die beiden Gatten ein neues Leben beginnen. In dem mond⸗ hellen Abend küßten ſie ſich und ruhten an einander mit der innigſten Liebe und Freude. Er ſah gut und mannhaft aus. Sie hatte feine Züge und war offen⸗ bar ſchön geweſen, ſchien aber durch Kummer und harte Arbeit gelitten zu haben. Sie konnte nicht viel über dreißig Jahre ſein; er ſchien einige Jahre jünger. Sie ſaßen beſtändig neben einander. Sie lehnte mit einem Ausdruck inniger Zuverſicht und Ruhe ihren Kopf an ſeine Schulter. Sie ſollte nicht mehr allein, getrennt von dem Manne, umgeben von Verwandten, die ihn mißachteten und haßten, für Haus und Kinder arbeiten. Er war bei ihr; ſie hatte ihn wieder bekom⸗ men, und was noch mehr war, ſie hatte wieder Achtung gewonnen vor ihm als Mann und Gatten. Er konnte, er mußte fortan ſie und die Kinder verſorgen, er führte ſie weit, weit hinweg von den Sandhügeln, wo ſie ſo viel Böſes ausgeſtanden hatte, nach dem blühenden Florida, wo Orangenbäume ihre Wohnung am Ufer des Sees unſchatten und Floridas Sommerwinde neue Blumen auf ihre Wangen rufen ſollten. All dieſe lieblichen Gefühle und Gedanken waren ganz deutlich im Ausdruck und im Weſen der beiden Gatten 316 zu leſen. Sie ſchienen mir die glücklichſten Menſchen zu ſein, mich ſelbſt ausgenommen, die ich ſie ſah und von Gott die Gabe empfangen habe mich am Glücke anderer Menſchen ſehr zu erfreuen. Der jüngſte Knabe war ein außerordentlich hüb⸗ ſcher freimüthiger Junge und von der Zärtlichkeit der Mutter mit einem zierlichen Käppchen ausgeſtattet, das ihm allerliebſt ließ; der älteſte Knabe, der fünfzehn Jahre zählte, war weniger hübſch, und die einzige Tochter des Hauſes, die vierzehenjährige Polly war ein ſchwarzer Strich im Roman der Eltern, denn ob⸗ ſchon nicht häßlich, obſchon ſie die Gutmüthigkeit des Vaters in ihrem runden Geſichte hatte, war ſie doch eine ächte Tochter des Sandhügels, bei einer alten Großmutter aufgewachſen, wie der Tannenbuſch im Sande, ohne mehr Cultur oder Bildung zu erhalten als dieſe. Unſere herrſchſüchtige Dame nahm den ver⸗ wilderten Menſchenſtoff unter ihren Schutz, und ihre Verſuche die junge Novize mit ihren Sandhügelmanie⸗ ren zu cultiviren, gaben uns Stoff zu manchem herz⸗ lichen Lachen. Die erſte Nacht auf dem St. Matthäus war heiß und ſchwül in dem vollgedrängten engen Salon. Der Boden war mit da liegenden Frauenzimmern überſät. Einige von ihnen waren ſchön, zwei ganz jung und wahrhaft claſſiſch ſchön in ihrem Schlaf und ihrer ru⸗ henden Haltung. Und da ich nicht ſchlafen konnte, machte ich mir die Unterhaltung ſie mit Künſtleraugen von meinem hohen Bette herab zu betrachten. Am Abend waren wir aus dem Altamahafluß her⸗ aus und nach mehrſtündiger Fahrt in den St. John hineingekommen, nachdem wir glücklich über eine ge⸗ fährliche Sandbank an ſeiner Mündung hinweggefahren, ohne etwas Anderes als einen ſtarken Stoß zu erlei⸗ den, welchen der Schwall der Meereswogen uns gegen die Bank zu verſetzte, und der den alten St. Matthäus en nd cke ib⸗ der as hn ige ar ob⸗ des ten im ten er⸗ hre ie⸗ rz⸗ eiß er ät. nd ru⸗ te, en er⸗ hn en, ei⸗ en us 317 in allen Fugen krachen machte. Aber er zerfuhr nicht in Stücke, wie dieß leicht hätte geſchehen können(und wobei wir Alle unfehlbar zu Grunde gegangen wären), ſondern er hielt feſt zuſammen, und ſo hatten wir Nichts dagegen zu ſagen. Mehrere Paſſagiere ver⸗ ließen das Schiff bei den Colonien oder Pflanzungen unterwegs; Alles wurde freier und angenehmer, und ich fand einen unbeſchreiblichen Genuß an dem herr⸗ lichen Morgen und der Flußfahrt. Der St. John(auf indianiſch Welaka oder der Binnenſeenfluß) iſt eine Kette von größeren oder kleineren Binnenſeen, die durch enge, aber tiefe Sunde verbunden ſind, welche ſich in unzähligen Buchten und Windungen zwiſchen den Ufern hinſchlingen, deren wunderbares Ausſehen man ſich kaum denken kann, wenn man noch nichts Aehnliches geſehen hat. Hier iſt wieder der Urwald, ſo wie ich ihn auf dem Sa⸗ vannah ſah, aber noch reicher in ſeinen Erzeugniſſen, denn der Welaka fließt zum größten Theil unter tro⸗ piſchen lauen Winden dahin, unterhalb der Region, welcher die Kälte naht. Hier ſind dichte Haine und Grnppen von Palmettos, hier ſind wilde Orangenhaine mit glänzenden Früchten belaſtet, die keine Hand ab⸗ pflückt; Maſſen von Schlingpflanzen, Vanille, wilde Weinrebe, Convolvulus u. ſ. w. bedecken die Ufer in unbeſchreiblicher Ueppigkeit und bilden, indem ſie über die Bäume, Stämme, Gebüſche und das ſogenannte Knie der Cypreſſen hinwachſen, Pyramiden, Altäre, ganze Tempel mit Pfeilern, Gewölben, Säulenhallen, dunkeln, tiefen Gängen, ſowie die ſchönſten, zierlichſten Blumengewinde an dem klaren Fluß entlang und über demſelben. Aus den Maſſen des Laubwerks ſtrecken die Fächerpalmen ihre ſchönen Kronen frei und phantaſtiſch hervor; die Magnolie ſteht voll von ſchneeweißen Blu⸗ men, und hoch über dieſer Republik von Pflanzen, Blumen und mannigfaltigen Bäumen ſtehen die hohen 318 Cypreſſen, gleich ſchützenden, bärtigen Patriarchen, horizontal ihre hellgrünen Kronen mit langen flattern⸗ den Mooſen, die von ihren ſtarken Zweigen herabhängen, hinausſtreckend. Hier iſt das Naturleben in all ſeiner Ueppigkeit. Aber es iſt dieß des alten heidniſchen Naturgottes, des alten Pans Reich und Herrſchaft, welche das Gute und das Böſe, das Leben und den Tod mit gleicher Liebe umfaßt und kein Geſetz, keine Ordnung kennt, außer denen der Erzeugung und der Zerſtörung. Unter dieſen grünen Laubgewölben, die das Waſſer beſchatten, liegt die friedliche Schildkröte, aber auch der grimmige Alligator, der auf Raub lauert. Das Elennthier wohnt in dieſen Naturtempeln, aber auch der Panther, der Tiger und der ſchwarze Bär. Rings um dieſe Säu⸗ len von Laub und Blumen windet ſich die Klapper⸗ ſchlange und die giftige Moctaſine, und der ſchöne, ro⸗ mantiſche Wald iſt voll von kleinen, giftigen, ſchädlichen Thieren. Gefährlicher als ſie alle iſt hier jedoch die liebliche Luft, welche im Sommer, beladen mit den Miasmen des Urwaldes und der Flüſſe, den Coloniſten Fieber und andere langſam zehrende Krankheiten bringt, woher es kommt, daß dieſen wunderſchönen Ufern noch die Menſchen fehlen. Kleine, da und dort am Fluß angefangene Colonien ſind nach einigen Jahren ver⸗ laſſen und dem Verfall preisgegeben worden. Aber juſt dieſes Urleben in der Wildniß, dieſe regelloſe üppige Schönheit, welche der Menſchenkraft Trotz bietet und durch ihren Reichthum ſtark iſt, iſt mir hier von unausſprechlichem Intereſſe und bereitet mir ein unaufhörliches Feſt, das ich genieße, ohne die mindeſte Beſchwerde dabei zu haben. Und die Luft iſt ſo lieblich und die Magnolie ſo voll von Blumen, der Fluß ſo voll von Leben, Alligatoren, platſchenden Fi⸗ ſchen, großen, ſchönen Waſſervögeln, Alles ſo üppig, ſo wunderbar reich⸗ mild und ſchön— ein unaufhör⸗ — S—— SS—— S 8 c,— — der 319 liches Feenſchauſpiel, beſonders an den Abenden, wenn der Mond aufgeht und ſeine myſtiſchen Halblichter und Schatten in die Gewölbe und Pfeilerreihen der wun⸗ derbaren Naturkirche hereinwirft. Ich ſitze ſchweigend außen auf der Piazza und ſehe mit Andacht und Ent⸗ zücken zu, während bei jeder Wendung des Fluſſes neue frappante Scenen hervortreten; ich bin glücklich, wenn ich allein daſitzen kann, oder an der Seite mei⸗ ner guten Mrs. Howland, wo ich mich immer wohl befinde. Aber es fehlt uns nicht an allerlei kleinen Störungen. Am erſten Morgen unſerer Fahrt auf dem Welaka verlor St. Matthäus aus Unachtſamkeit ſein Steuerruder in einem Gebüſch, und das gab unſerer herrſchenden Dame viel zu herrſchen und zu beſtellen, und wir mußten eine ganze Stunde ſtillliegen, um unſern Schaden wieder zu erſetzen. Die Sandhügel⸗ Polly war uns beſtändig im Weg, und wenn wir zufällig ihr im Wege ſtanden, ſo konnte man ſich auf einen tüchtigen Puff gefaßt halten. Das Erziehungsſyſtem unſerer herrſchenden Dame wurde immer ſtrenger, aber wir begannen alle Hoffnung auf die Macht der Bil⸗ dung über dieſe Tochter der Wildniß zu verlieren. Wir hatten auch allerlei komiſche Auftritte, und die heitere Miß Mac⸗Intoſh belnſtigte ſowohl ſich ſelbſt als uns mit ihren Bemerkungen über Polly und ihre Bildung. Die Turteltauben Nr. 1 und 2 wurden bei der kleinen Colonie Pulatky ans Land geſetzt, die mitten im heißen Sande liegt und vielleicht deßhalb geſunder iſt, als andere von üppiger Vegetation umgebene Orte. Die Turteltauben Nr. 3 ſollten uns bis an den Mon⸗ roeſee begleiten. In Pulatky erfriſchen wir uns mit großer Waſchung und guter Milch. In Pulatky be⸗ finden wir uns unterhalb der Region, wo die Kälte Macht hat; ſie kann ſich hier zwar von Zeit zu Zeit fühlbar machen, aber ſie kann Nichts zerſtören. Etwas 320 mehr im Norden hat ſie vor einigen Jahren die herr⸗ lichen Haine von ſüßen Orangen, die in der Gegend von St. Auguſtin der einzige Reichthum von mehreren tauſend Perſonen waren, von Grund aus zerſtört. Aber in Pulatky ſpüre ich wieder die balſamiſche Luft und die ſanften Winde, die auf Cuba wehten. Die⸗ ſer Wind kann bloß dahin kommen, wohin der Froſt nicht kommen kann. In dieſer bezaubernden Luft lag, in Pulatky, weit getrennt von Familie und Freunden, ein Jüngling ſterbend an der Lungenſchwindſucht darnieder. Er war eiſe nach Florida von Philadelphia und hatte die R unternommen, um Geſundheit zu trinken; aber die Krankheit war übermächtig geworden. Floridas bal⸗ ſamiſche Winde ſpielten durch die Fenſter herein, ein trener Neger ſaß da und fächelte den Kranken mit einem Sonnenfächer— aber vergebens. Das Fieber verzehrte ihn und er konnte nicht mehr viele Tage zu leben haben. Er war ſchön, hatte große blaue Augen und helle Haare. Seine Großmutter war eine Schwe⸗ din und er führte ihren Namen, nemlich Rudolph. Schwach wie er war, ſchien es ihm gleichwohl Ver⸗ gnügen zu machen, die aus weiter Ferne gekommene Landsmännin zu ſehen. Er war jetzt auf dem Rück⸗ weg nach Philadelphia begriffen und glaubte dieſe Miß D., die Stadt erreichen zu können, aber ſich immer der Kranken annimmt, ſchrieb ſich die Adreſſe des kranken Jünglings in Philadelphia auf, um ſeine Verwandten von ſeiner Gefahr zu unterrichten. In Pulatky wurden wir von St Matthäus dem kleinen, elenden Dampfbvot Sarah Spalding überlaſ⸗ ſen, das mich an dieſem Abend beinahe dazu brachte, daß ich mein Unternehmen bereute, beſonders um mei⸗ ner Freunde willen. Denn Alles ſah höchſt unfreund⸗ ſich und dürftig aus, und unſere Cajüten wimmelten von Schnaken. Aber ſelten habe ich mehr und herz⸗ lic ger Fr un zu wu der dre pac den das piſe nig ken unſ in ſect thu ans um Die ein von mac delt über auch den ihre Lau zen thau den v nd en 2 uft ie⸗ oſt ky, ing war ida die bal⸗ ein mit eber e zu ugen hwe⸗ ph. Ver⸗ mene Rück⸗ dieſe die dreſſe ſeine dem eraſ⸗ tachte, tmei⸗ reund⸗ melten herz⸗ 321 licher gelacht als an dieſem Abend. Miß Mac⸗Intoſh gerieth in eine Art von luſtiger Raſerei gegen unſere Friedensſtörer und verfolgte ſie mit ſo komiſcher Wuth, und Mrs. H. war, wie das prächtige junge Mädchen, ſo geneigt alle unſere Beſchwerden auf die luſtige Seite zu nehmen, daß Alles für uns Stoff zu Vergnügen wurde. Die Mondſcheinnacht war herrlich während der Flußfahrt, und wir ſaßen bis ſpät auf der kleinen dreieckigen Piazza im Hintertheil des Schiffes; ein paar junge Schweſtern mit lieblichen Stimmen ſangen den holden Mai und andere anziehende Negerlieder, das Schauſpiel an den Ufern nahm einen immer tro⸗ piſcheren Character an. Sodann ſchliefen wir ein we⸗ nig, und ich für meinen Theil gut, trotz der Schna⸗ ken. Aber unſere herrſchſüchtige Dame glaubte über unſer Wohl wachen zu müſſen; ſie war ſehr unruhig in dieſer Nacht und machte wegen einiger kleinen In⸗ ſectten Lärm, als ob ſie es mit grimmigen Tigern zu thun hätte. Am nächſten Morgen in der Frühe fuhren wir ans Land, um Holz zu holen. Ich ging ans Ufer, um mich nach der unfreundlichen Nacht zu erfriſchen. Die Gegend ſchien ganz unangebaut und wild. Aber ein Fußſteig bog ſich in den Wald hinein, und ich ging von da auf gut Glück aus, um eine Entdeckungsreiſe zu machen. Und als ich allein durch die Wildniß wan⸗ delte, kamen meine Flügel und meine Freude wieder über mich. Aber der Morgen und die Wildniß waren auch ſo unausſprechlich ſchön. Die Lebenseichen ſtan⸗ den prächtig da mit ihren hängenden Mooſen; durch ihre Arcaden drang die aufgehende Sonne. Auf dem Laub der Ambrabäume, auf unzähligen kleinen Pflan⸗ zen uud Büſchen am Fußſteig entlang lag der Morgen⸗ thau friſch und glänzend. Die Erde duftete. Ich küßte den Thau von den Blättern; ich legte ſie auf meine Bremer, die Heimath in der neuen Welt. MI. 21 er n h te ch 15 n8 nd die ei⸗ in⸗ ner en, i ele at, en lde her der ffe⸗ gten mich mir ilen, traf Sie halb chen, Blu⸗ nnte ren Ufer 323 im Waſſer wuchſen, ſo unterſuchte ich ſie und fand, daß die ganze kleine Pflanze bloß mit einer einzigen fadenſchmalen Wurzel an der Erde feſthing. Dieſe Wurzel wird leicht von Wogen und Wind abgeriſſen, und die Pflanze mit ihrer weißen Blume mitten im Blätterkreis begibt ſich jetzt, dem Spiel der Wogen und Winde folgend, auf auswärtige Reiſen. Der Zuſtand an Bord der Sarah Spalding war dieſen Morgen etwas unruhig. Ein paar ganz junge und recht ſchöne Mädchen, die ohne Mutter oder ältere Freunde an Bord waren, hatten durch Unachtſamkeit und Gedankenloſigkeit einigen Herrn Veranlaſſung zu einer minder feinen Art von Hofmacherei gegeben und dadurch einen unpaſſenden Auftritt verurſacht, den un⸗ ſere herrſchſüchtige Dame vielleicht zum Beſten der feh⸗ lenden Mädchen, wenn auch nicht gerade zu ihrem Be⸗ hagen vergrößerte. Die jungen Mädchen erhielten von einigen der älteren Damen, die ihnen jedoch fremd waren, paſſende Ermahnungen. Und einer der fehlen⸗ den Herrn wurde öffentlich vom Capitän des Dampf⸗ ſchiffes zurecht gewieſen. Er war ein älterer Mann und hatte einen ſo gutmüthigen Ausdruck im Geſicht, daß ich kaum glaube, daß er einen ſo ſtrengen Ver⸗ weis verdiente, der ihn auch ſo angriff, daß er krank wurde. Mit aufrichtigem Vergnügen hörte ich die würdige und wahrhaft mütterliche Zurechtweiſung an, welche Mrs. Howland dem ſchönſten und, wie es ſchien, leicht⸗ ſinnigſten Mädchen ertheilte, und mit eben ſo großem Vergnügen ſah ich die Art und Weiſe, wie das junge Mädchen ſie annahm. Sie ſtand ſtill vor der älteren Dame, welche ſie zu ſich gerufen hatte, und lauſchte ihr ehrerbietig und achtungsvoll; nicht ein Wort, nicht eine Miene verrieth Verdruß oder Ungeduld, ſie ſah aus, als wollte ſie recht in der Tiefe ihres Herzens die guten und klugen Worte bewahren, die gleich einem 324 guten Samen für die Zukunft in ihre junge Seele ausgeſtreut wurden. Ich war die einzige von den äl⸗ teren Frauenzimmern, die den jungen Mädchen keine Predigt hielt. Aufrichtig geſtanden, ich hatte mehr Luſt mich ſchweſterlich an das junge Mädchen anzu⸗ ſchließen, welches die mütterliche Zurechtweiſung ſo gut aufnahm. Vielleicht ahnte ſie mein Wohlwollen; ſo viel iſt gewiß, daß ſie mir den Tag über das ihrige durch verſchiedene angenehme kleine Dienſte beweiſen zu wollen ſchien, und als wir uns Abends trennten, nahm ſie auf eine ſolche Art von mir Abſchied, daß ich mich gedrungen ſah ihr ein herzliches God bless vou(Gott ſegne Sie) mit auf den Weg zu geben. Warum ſchickt man ſolche junge Lämmer auf eigene Fauſt mitten unter Wölfen und Eulen ohne einen be⸗ rathenden oder leitenden Freund in die Wildniß hin⸗ aus? Das iſt nicht recht und gut. Mein Glaube an das Gute und Reine bei jungen Mädchen iſt groß und wird auch durch dieſes kleine Ereigniß beſtärkt. Aber man ſollte doch junge Kinder nicht behandeln, als ob ſie bereits die Weisheitszähne hätten. Die Flußfahrt war bezaubernd ſchön den ganzen Tag über; aus den ſchmalen geſchlängelten Päſſen kamen wir in große helle Binnenſeen hinaus, die von üppig grünenden Ufern umgeben waren. Der Reich⸗ thum des Pflanzen⸗ und Thierlebens ſchien mit jeder Stunde zuzunehmen, die Flora und die Luft des Wendekreiſes ſchienen ſich zu nähern; und wir fuhren ein in die Heimath des ewigen Sommers. Das wilde Zuckerrohr wuchs jungfräulich an den Ufern entlang und bewies, daß der Boden ſich zum Zuckerbau wohl eignete. Die Naturtempel wurden immer reicher. Schöne, ſtrahlende Blumen, roth und blau auf hohen Stengein, weiße Lilien und rieſige Waſſerpflanzen, unter welchen die hohe Alisma plantaso, glänzten wie Leuchter unter den dunkelgrünen Gewölben; Schwärme — n er 8 n de ig hl w. en R. ie e 325 von kleinen grünen Papageien flogen zwitſchernd über die wilden Zuckerrohre und in die Palmettohaine hinein; wilde Truthähne, größer als unſere zahmen, zeigten ſich an den Ufern. Schöne, ſchlanke Waſſervögel flatterten furchtlos rings umher, und ebenſo furchtlos, aber nicht ſchön, ſchwammen Dutzende von Alligatoren vor und neben dem Schiff, und die Fiſche hüpften und plätſcherten, als wären ſie außer ſich, ich weiß nicht, ob aus Schrecken oder aus Vergnügen; es war ein großes Spectakel auf dem ganzen Weg. Wir hatten es auch ganz angenehm an Bord, denn unſere kleine Coterie war jetzt beinahe allein auf Sarah Spalding, und zu ihr hatte ſich ein feingebildeter, an⸗ genehmer franzöſiſcher Creole aus Cuba geſellt, Herr Bellechaſſe, der nebſt einem Freund auf einer Ent⸗ deckungsreiſe nach Florida begriffen war, um die Brauchbarkeit der Erde für den Zuckerbau zu unter⸗ ſuchen. Seine Geſellſchaft war ein Vergnügen und eine Zierde für die unſrige. Der Capitän war ein artiger und gutmüthiger Mann, und die Neger, welche die ganze Mannſchaft bildeten, ſchienen die Sache un⸗ gefähr treiben zu dürfen, wie ſie wollten. Aber ſie wollten das Rechte, ſie waren gefällig und heiter. Der Koch, ein junger Mann, der ſein Geſchäft ſehr gut verſtand, war ein Witzkopf, der allerlei Späſſe ſagte und machte. Aber die Perle der ſchwarzen Mann⸗ ſchaft war unſer kleiner Aufwärter, der Negerjunge Sam, flink, verſtändig und willig; er richtete alle unſere Geſchäfte aus, er bediente uns bei Tiſch, er wurde mit Allem fertig und war ſtets munter. Wir hatten keine Aufwärterin an Bord und fanden hier, daß dieß ein Gewinn war, denn dieſe Damen ſind auf americaniſchen Dampfbooten ſelten Vorbilder für ihr Geſchlecht, mögen ſie nun weiß, ſchwarz, braun oder gelb ausſehen. Auf St. Matthäus hatten wir jedoch eine Wirthin, eine ausgezeichnet gefällige und ſchöne 326 junge Negerin, die ein freies Weib und mit einem freien Neger verheirathet war. Die einzige Plage für mich unterwegs war die Mordluſt, wovon beſonders einer der Paſſagiere be⸗ ſeſſen war, der nicht bloß Alligatoren rechts und links von uns zuſammenſchoß, ſondern auch die ſchönen Waſſervögel, von denen er doch keinen Vortheil haben konnte, und denen ich mit Schmerz zuſah, wie ſie ver⸗ wundet da und dort ins Schilf herabfielen. Ich nahm mir die Freiheit ihm meine Vorſtellungen über dieſes unnöthige Schießen zu machen. Er lächelte, gab mir Recht und— fuhr fort zu ſchießen. Ich wünſchte ihm im Stillen ſchlechte Verdauung. Was die Alligatoren betrifft, ſo kann ich kein Mitleid mit ihnen hegen. Sie ſind ſo garſtig anzu⸗ ſehen und dabei grauſame Thiere, denn obſchon fie ſich, wenn ſie nicht angegriffen werden, nicht an große Leute wagen, ſo verſchlingen ſie doch kleine Neger⸗ kinder ohne viele Umſtände. Sie ſchwimmen mit dem obern Theil des Körpers über der Waſſerfläche, ſo daß es nicht ſchwer iſt ſie mit einer Kugel zwiſchen den Bauch und die Vorderbeine zu treffen. Hierauf tauchen ſie unter oder wenden ſie ſich, wenn ſie ſchwer ver⸗ wundet ſind, auf die Seite; oft ſieht man ſie wie eine Maſſe von lebendigem Schlamm ſich ans Ufer hinwäl⸗ zen, um ſich in den Waſſerpflanzen daſelbſt zu verber⸗ gen. Ihre Menge und Dreiſtigkeit iſt hier zum Er⸗ ſtaunen. Vor einigen Jahren ſollen ſie ſo zahlreich da geweſen ſein, daß die Boote Mühe hatten ans Land zu kommen. Sie geben ein grunzendes oder brüllen⸗ des Getöne von ſich und ſollen im Frühling, wenn ſie ihre Paarungszeit haben, einen abſcheulichen Lärm machen. Ich verbrachte den ganzen Tag auf der Piazza, indem ich meine Zeit bald den Naturſcenen, bald dem Tagbuch des Columbus widmete, welches er während — r——„—————— l⸗ ch nd n⸗ in a, id 327 ſeiner erſten Entdeckungsreiſe unter den bezaubernden Inſeln der neuen Welt geführt hatte. Die Sandhügel⸗ Polly war den ganzen Tag läſtig, obſchon ſie von unſerer herrſchſüchtigen Dame ſo viel als möglich in Zucht erhalten wurde. Nachmittags fuhren wir an mehreren wilden Orangehainen vorbei. Geſtern Abend kamen wir an den Monroeſee, das Ziel unſerer Reiſe. Denn über dieſen Punkt hinaus ehen weder Dawpfſchiffe noch fahrbare Wege. Herr ellechaſſe verließ uns hier, um zu Pferd ſeine Ent⸗ deckungsreiſe in der Wildniß fortzuſetzen. Wir landeten bei Enterprize, einer Colonie mit einem Krankenhaus, in der Nähe des Fort Melün, das ebenfalls nahe beim See liegt und zum Schutz gegen die Indianer erbaut iſt. Die Häuſer in Enter⸗ prize lagen in tiefem Sand; die Zimmer ſchienen ſo wenig Angenehmes zu bieten, und die Bevölkerung ſah ſo kränklich aus, daß wir beſchloſſen die Nacht draußen auf dem See in unſerer kleinen ſchwimmenden Woh⸗ nung zuzubringen, mit welcher wir jetzt beinahe gut Freund geworden waren. Wir fuhren daher von der äußerſt gefährlichen und gebrechlichen Brücke an dem mißlungenen Enterprize ab, ſteuerten näher gegen das Fort Melün hin, und warfen ein Stück davon Anker. Nicht weit davon am Ufer hatte das Turteltauben⸗ paar Nr. 3 ſeinen neuen Wohnſitz und es ſollte jetzt das Dampfbvot verlaſſen. Es ſah hübſch aus, wie eine Weile vorher Mann und Frau ſich auf ihr Ge⸗ päck ſetzten, in ſtiller aber froher Erwartung des Boo⸗ tes, welches ſie ans Land führen ſollte. Es ſah auch hübſch aus, wie ſie in dem kleinen Boot mit ihren Kindern und Effecten nach dem grünen Ufer abfuhren und uns ein freundliches Lebewohl zuwinkten. Wäre uur die Tochter Polly etwas bezaubernder geweſen! Die letzte Plage und die letzte Erinnerung an ſie war, daß ſie mich an der Schultek nahm, ungefähr wie man einen Zaunſtock nimmt, um an mir vorbei auf eine Bank zu klettern, als ihr Vater ſie ins Boot hinab⸗ rief. Nun, nun, in Floridas Sommer dürfte ſie noch zu einer Roſe aufblühen und vielleicht den Comman⸗ danten des Forts Melün oder irgend einen Gutsbe⸗ ſitzer von Enterprize heirathen. Als die Coloniſtenfamilie ſich dem Ufer näherte, verloren wir ſie aus dem Auge, aber bald darauf ſchimmerte ein helles Licht in einer Wohnung unweit des Platzes, wo ſie ans Land geſtiegen war. Es war jetzt Dämmerung und die Dunkelheit nahm ſchnell zu, obſchon der Himmel ganz klar war. Lange ſaß ich oben auf dem Verdeck und erfreute mich an der ſtillen Scene. Das dunkle, niedrige Ufer lag wie ein großer Myrtenkranz um den ſpiegelklaren See. Feuerfliegen funkelten da und dort darüber hin, und Fiſche, große und kleine, ſchlugen unaufhörlich ihre Ringe. Der Abendvogel Whip poor Will flötete ſeine lieblichen Töne vom Ufer her und der Alligator grunzte den Baß dazu. Die Neger auf unſerem kleinen Schiff begannen auf Geigen und Flageoletten recht artig und lebhaft Duette zu ſpielen und gaben mit vortrefflichem Takt und Rythmus lauter heitere, ſcherzhafte Melodien zum Beſten. So trieben ſie es bis gegen Nitternacht. Nur von drei Orten an den Ufern glänzten Lichter. Das eine kam aus einer Orangepflanzung, die einer Wittwe gehörte, das andere von Enterprize, das dritte brannte in dem Coloniſtenhaus bei dem Turteltauben⸗ paar Nr. 3, und es glänzte ſo ausnehmend hell an dem dunkeln Abend. Die ganze Gegend warflach, kein Ge⸗ genſtand ragte bedeutend hervor. Einige Wolken ſchwam⸗ men oder lagen vielmehr wie kleine Inſeln am weſt⸗ lichen Horizont und verfloſſen allmälig in der hin⸗ ſterbenden Abendröthe. Ich verſuchte vergebens unter ihnen einige ſymboliſch poetiſche Figuren zu entdecken; das Höchſte, auf was ich kam, war eine auf einem „)—— c———————„„„ 8 ine ab⸗ an⸗ be⸗ rte, auf eit var zu, ich len ßer en oße Der öne zu. auf tte nd um ter. ner tte en⸗ e⸗ m⸗ ſt⸗ in⸗ ter 5 em 329 Haus ſitzende Frau mit einem Quäkerhut. Sie und alle Wolken verwandelten ſich endlich in einen Haufen kleiner Spanferkel und ſo verſchwanden ſie. Das Licht bei der Wittwe in dem Drangenhain und das Licht in Enterprize waren erloſchen. Jeder Windhauch hatte ſich ſchlafen gelegt. Alles im Raume war ſtill, Alles am Ufer war dunkel. Nur das Licht in dem Coloni⸗ ſtenhaus brannte noch, aber dunkler; endlich erloſch auch es. Aber ich ſah es doch im Hauſe brennen. Gegen Mitternacht verſtummte auch die Muſik der Neger; aber der Alligator und der Whip poor Wil ſetzten ihr Duett die ganze Nacht fort. Ich konnte nur wenig ſchlafen, obſchon ich mich vollkommen wohl befand. Aber die Geiſter der Luft riefen mich, und wieder und immer wieder mußte ich auf unſere kleine Piazza im Hintertheil des Schiffes hinausgehen, wozu die Thüren vom Salon aus offen ſtanden, und mußte da bloß in meinen weißen Kleidern immer und immer wieder das ſtille Schauſpiel betrach⸗ ten. Noch in der Morgendämmerung, als die Sterne erloſchen und nur der Morgenſtern klar ſtand über dem ſpiegelklaren See, währte das Duett zwiſchen dem Vogel und dem Alligator fort. Als die Sonne aufging, ſchwieg der erſtere, und andere Vögel begannen zu ſingen und die Fiſche zu tanzen. Und die Unthiere des Fluſſes ſchwammen und ſchwimmen noch rings um uns her, ſie ſcheinen es offenbar auf unſer Schiff und ſeine Eßwaaren abgeſehen zu haben. Der grauſame Jäger iſt nicht mehr hier. Und wir auf Sarah Spal⸗ ding leben mit aller Welt im Frieden und denken gleich den Krokodilen nur auf ein Frühſtück. Später. Wir ſollten friſche Fiſche zum Frühſtück zu be⸗ kommen ſuchen; unſer Capitän ließ alſo ein paar Ne⸗ ———————— 330 ger mit einem Boot näher ans Ufer rudern und einige hamenartige Netze auswerfen, die beinahe im ſelben Augenblicke wieder herausgezogen wurden. Binnen zehn Minuten hatten wir einen reichlichen Vorrath von leckern Fiſchen, deren Geſchmack an die Flundern erinnerte. An dieſem Ufer ſind noch keine Fiſcher an⸗ ſäßig und der Fluß wimmelt von Leben. Heute Nachmittag treten wir die Rückreiſe an. Ich komme alſo nicht weiter ſüdlich in Florida; aber ich ſehe hier den Charakter der Natur des Landes in ſeinem ſüdlichen Theile. Das Land iſt überall niedrig und reich an Sumpfböden und Moräſten, zwiſchen de⸗ nen hinein Fichtenwälder emporragen; ein Theil da⸗ von, Everglades genannt, ſoll einen ganz erſtaunlichen Reichthum an animaliſchem Leben verrathen. Der Naturforſcher Agaſſiz ſah dieſe Everglades zum erſten Mal im heurigen Frühjahr, und beim Anblick dieſer bis jetzt unbekannten Naturreichthümer faltete er ſeine Hände in Bewunderung und Anbetung. Hier und tiefer hinab gegen den mepicaniſchen Meerbuſen hin wird das Land immer niedriger, und die Vegetation theilt ſich zwiſchen der halbtropiſchen, die ich bereits geſehen habe, und großen Wäldern von pinus australis (in der Alltagsſprache Scheinholz genannt). Die In⸗ dianer des Seminolen⸗ und des Creeksſtammes leben noch in dieſen wilden Gegenden; ſie ſind den Einwan⸗ derern gefährlich, und es iſt ihnen ſchwer beizukommen. Im ſüdlichſten Theile von Florida können, ſo wird behauptet, die Cocosbäume und der Bananasbaum cultivirt werden. Welch ein Reich, welch eine Welt iſt nicht Nordamerica, das alle Arten von Clima, von Naturſchönheiten und Produkten umfaßt! Es iſt wahr⸗ lich ein Reich für alle Völker der Erde. ige ben nen ath ern an⸗ an. ber in rig de⸗ da⸗ en Der ten ſer ine ind hin on it alis In⸗ ben an⸗ en. ird um elt von hr⸗ 331 Ortegaplantage(Florida), den 13. Mai. Wiederum auf dem Lande, meine Agathe, aber jetzt nicht mehr in einem Dampfboot(unſere arme kleine Magnolie ſoll noch immer da liegen ohne Hoff⸗ nung vor dem nächſten Vollmond loszukommen, was ſehr betrübſam iſt), ſondern auf einer Maisplantage, welche Verwandten der Familie Mac⸗Intoſh gehört, und wo ich bei einer liebenswürdigen Familie in einem guten und gaſtfreien Hauſe Ruhe und Erfriſchung ge⸗ nieße. Und gut ſchmeckt es nach den Mühſeligkeiten und Beſchwerden der Reiſe, die dießmal nicht ge⸗ ring waren, ausruhen zu dürfen. Es gab Augenblicke, wo ich meinte, die erſten Entdecker dieſer ſchönen Wild⸗ niß könnten nicht viel Schlimmeres ausgeſtanden ha⸗ ben als wir, die wir auf unſerm Schiff von der bren⸗ nenden Sonne wie in einem Ofen gebacken wurden und kein Trinkwaſſer beſaßen. Mit Herrn Bellechaſſe verſchwand all unſer gutes im Eis abgekühltes Waſ⸗ ſer, und jetzt erſt entdeckten wir, daß der galante Creole uns Frauenzimmern das Eis überlaſſen hatte, das er aus Cuba mitgenommen. Nun aber war es damit aus; Sarah Spalding hatte nicht eine einzige Flaſche Trinkwaſſer mehr in ihrer Vorrathskammer, und wir waren auf das Flußwaſſer reducirt, das von der Son⸗ nenhitze ganz lau war und ausſah, als wäre es über Alligatoren deſtillirt worden. Ich konnte es nicht trin⸗ ken. Aber ſpäter ſetzte auf meine Bitte der Schiffs⸗ capitän— ein ehrlicher braver Manu dieſer Capitän! — mich und Compagnie an einem wilden Hrangen⸗ haine aus, wo wir alle unſere Säcke mit Drangen voll⸗ ſtopften, und nun braute ich Limonade, an welcher die ganze Geſellſchaft ſich erquickt. Ein wunderlicher Anblick dieſer Orangenhain! Der Capitän und einige von der Mannſchaft gingen mit Aexten voraus, um vom —— ———— 332 Ufer her eine Art von Weg zu bahnen. Der Wald war ein Dickicht von ſtachlichten Pflanzen, umgefalle⸗ nen Bäumen, Büſchen und Gewächſen aller Art⸗ Im Hrangenhain ſelbſt regneten bei der geringſten Schüt⸗ telung der Bäume die Orangen auf uns herab, und Tauſende lagen ſchon vorher auf dem Boden. Viele waren ſo groß wie kleine Kindsköpfe. Dieſe Drangen find ſauer, aber ſehr ſaftig und von angenehmer Säure. Die goldenen Quellen der Wildniß gewährten uns eine reichliche Erfriſchung. Des Capitäns Zuckervorrath ing bei dieſer Gelegenheit nahe zuſammen; aber der hrenmann ſagte nie ein Wort darüber, und dafür be⸗ kam er auch von der Limonade, ſoviel er nur wollte. Von den großen hervorſtechenden Zacken des Orangen⸗ baums, die manchmal zwei Ellen lang ſind, ließ ich mir vier bis fünf Stöcke abſchneiden für einige Freunde in der Heimath(Schwager R. und Fabian W. gehö⸗ ren unter die Auserkornen). Dieſe Stöcke werden recht ſchön, wenn man ſie gebeizt hat; ſie ſind tüchtig ſtark und ſtehen bei den amerikaniſchen Herrn in großem Anſehen. Unter den Erinnerungen aus dem Orangen⸗ haine nehmen wir außer Orangen und Stöcken auch eine Menge kleiner Inſecten mit von der Art, die man hier ties nennt, und die auch wir daheim als garſti⸗ ges, plattes, kleines Thier kennen, das ſich in die Haut einfrißt. Ich war mit dieſen Bewohnern des Oran⸗ genhains ganz beſonders begabt und hatte den ganzen Tag zu arbeiten, um ſie wieder loszuwerden. Zu unſern Abenteuern auf der Heimreiſe gehörte es, daß unſer von der Sonne ausgetrocknetes Schiff auf einem der Binnenſeen Feuer fing, was unſerer herrſchſüchtigen Dame viel Gelegenheit gab, ihre Zunge herrſchen zu laſſen. Sie machte die kleine Flamme zwei Ellen hoch und„wäre ſie nicht geweſen, dann— dann wäre es mit uns aus geweſen.“ Der Capitän und die Mannſchaft löſchten inzwiſchen das Feuer ſo ßald alle⸗ Im hüt⸗ und iele igen ure. eine rath der be⸗ lite. gen⸗ ich inde ehö⸗ recht ſtark ßem gen⸗ auch man rſti⸗ at ran⸗ zen örte chiff erer ne ume tän ſo 833 ſchnell und ſo ſtill, daß ich die Gefahr erſt erfuhr, als ſie vorüber war. Bei Racht litten wir von Schnaken und Mücken, bei Tag von der heißen Sonne und von dem Dunſt aus der Maſchinerie des Schiffes. Dazwiſchen hinein kamen beſſere Angenblicke, wo kühlende Lufthauche uns geſtatteten das immer ſchöne phantaſtiſche Schauſpiel, ſowie den Umgang und die Unterhaltung mit Freunden wieder zu genießen. Eines Nachmittags ſahen wir eine große ſoge⸗ nanute Craneroost, d. h. eine Republik von weißen Kranichen. Dieß war auf einem Inſelchen mit hohen buſchigen Bäumen. Bei der Annäherung des Dampf⸗ bootes flog die Republik wie eine große Wolke in die Höhe; bald darauf ließ ſie ſich wieder herab und das Inſelchen ſah aus, als ob es ganz überſchneit wäre. Auf der Rückfahrt legten wir an zwei Städten, Jackſonville und St. Mary, an. Jackſonville iſt eine in raſcher Zunahme begriffene Stadt, da ſeine Lage für den Handel günſtig iſt; aber es liegt im Sand und war für uns ein ſchrecklich heißer, unangenehmer Ort. Wir übernachteten da in einem Hotel, das einer baufälligen hölzernen Baracke glich. Die Stadt St. Mary, die einige Jahre älter iſt, hat eine minder günſtige Lage für den Handel und iſt im Abnehmen, war aber doch vermöge ihrer ſchönen ſchattenreichen Alleen in den Straßen weit angenehmer als Jackſon⸗ ville. Auf einem Spaziergang allda ſah ich einen wohlgekleideten Neger von ungefähr 40 Jahren, welcher tättowirt war wie die Luccvmeer, die ich auf Cuba ge⸗ ſehen habe. Ich redete ihn an:„Sie ſind aus Africa hiehergekommen?“ Er antwortete?„Ja;“ er ſei ſchon vor mehreren Jahren von Cuba her eingeſchmuggelt worden. Er war jetzt Aufſeher in einer Plantage und ſah aus, als ob er ſich ſehr gut ſtellte. Er war Chriſt und ſchien ſich darüber zu freuen. Er ſprach außer⸗ ———— 334 ordentlich klug und freimüthig, und hatte ein gutes, offenes Geſicht. „Sie möchten wohl nicht nach Africa zurückkehren?“ fragte ich. „O ja, Miſſis, ach ja, das möchte ich,“ antwortete er.„Es war dort doch beſſer.“ „Aber die Leute dort ſchlagen ja einander häufig zu Tod.“ „Ja, aber man bekümmert ſich nicht viel darum. ußt es gibt auch viele gute Menſchen, die im Frieden eben.“ „Aber ſehen Sie, mein Freund, ſagte Oberſt Mac⸗ Intoſh, der ein ſtrenger Calviniſt iſt wenn Sie in Africa geblieben wären, ſo wären Sie kein Chriſt ge⸗ worden, wie Sie jetzt ſind, und dann hätte der Teufel Sie zuletzt in ſeine Gewalt bekommen.“ Der Neger lachte, blickte zur Erde, ſchüttelte den Kopf und zerrte an ſeiner Mütze, die er in der Hand hielt; endlich rief er, indem er mit einem Ausdruck voll von Humor und Schlauheit aufſchaute: „Nun, Maſſa, ſehen Sie einmal da her. Das Evangelium wird jetzt über ganz Africa gepredigt. Hätte ich dort bleiben dürfen, warum hätte ich nicht einer von denjenigen ſein ſollen, die es hören durften, ſo gut wie hier?“ Darauf hatten wir Nichts zu antworten, und der kluge, gutmüthige Neger durfte alſo das letzte Wort behalten. Zu den angenehmen Abenteuern gehörte auch, daß unſere herrſchſüchtige Dame uns unterwegs verließ, um, glaube ich, in einem Koſthaus in einer der Städte von Florida zu herrſchen, und die Luft in unſerer kleinen Geſellſchaft wurde ganz leicht von ihrem Ab⸗ ſcheiden. Auch Miß Dir verließ uns, um nach St. Au⸗ guſtin, der ſüdlichſten Stadt in den Vereinigten Staaten, zu fahren, deren Gefängniſſe und Armenanſtalten ſie be⸗ 2“ tete fig um. den tac⸗ in ge⸗ ufel den n ruck Das igt. nicht ften, der Wort daß um, ädte ſerer Ab⸗ Au⸗ ten, —— 335 ſuchen wollte. Ueberall wohin ſie kommt, ſucht ſie Gutes zu wirken für die Kranken, Wahnſinnigen oder Verbrecher, und iſt nach Kräften bemüht den Samen der geiſtigen Bildung auszuſtreuen. Miniaturbücher, ge⸗ nannt Thautropfen, die religiöſe Denkſprüche enthalten, und eine Menge kleiner Tractätchen mit ſchönen Holz⸗ ſchnitten und ditto Erzählungen und Verſen für Kin⸗ der ſtreut ſie wie einen Morgenthau um ſich aus. Und die Sandhügel⸗Polly dürfte aus dieſem Manna noch Nahrung ſchöpfen, um ein denkendes und liebenswür⸗ diges Weib zu werden. St. Auguſtin iſt von den Spaniern gegründet und die älteſte Stadt in Nordamerica. Der Character der Stadt und ihre Bauart zeugt noch immer von ihrem Urſprung, aber in den letzteren Jahren iſt ſie ſehr in Verfall gerathen, und nachdem ſtarke Fröſte die Orange⸗ pflanzungen zerſtört haben, welche den wichtigſten Han⸗ delszweig der Stadt ausmachten, iſt ſie immer mehr verlaſſen worden. Sie wird jetzt hauptſächlich von Kranken beſucht, die in den Wintermonaten kommen, um ihre liebliche Luft und die ſtärkenden Seewinde einzuathmen. St. Auguſtin liegt etwas ſüdlicher als New⸗Orleans, hat aber ein geſunderes Clima. Erſt im Jahr 1819 kam Florida von der ſpaniſchen Herr⸗ ſchaft in den Beſitz der Vereinigten Staaten und wurde ihnen im Jahr 1845 als ſelbſtändiger Staat einverleibt, ſoll aber bis jetzt nicht mehr als ungefähr 80,000 weiße Einwohner zählen. Die Indianer und die Gefahren des waſſerreichen Erdbodens haben die Cultur des Landes bis jetzt zurückgehalten und thun es noch immer. Aber in dem nordweſtlichen Theile des Staates iſt das Land höher und beſſer angebaut, es hat einige in Zu⸗ nahme begriffene Städte— die politiſche Hauptſtadt heißt Tallihaſſee— ſchöne Pflanzungen, Landhäuſer, Gärten und, wie man mir geſagt hat, ein heiteres Familien⸗ und Geſellſchaftsleben in der ſchönen, ſon⸗ —— 336 nenwarmen Natur. Ueberall wohin die Angloameri⸗ caner kommen, ſtellen ſich immer auch das glückliche Familienleben, das freundliche Geſellſchaftsleben und alle Comforts des Lebens ein. Alles das genießen wir auch in dieſer freundlichen Wohnung hier, obſchon die Freude nicht da heimiſch iſt. Die älteſte Tochter des Hauſes, eine ſchöne, junge, noch nicht lange verheirathete Frau, iſt kürzlich in der Blüthe des Lebens und ihrer Mutterfreude geſtorben, während ſie ihrem zweiten Kinde das Leben gab, und der Kummer darüber laſtet ſchwer auf dem Gemüth ihrer Mutter. Ein prächtiger kleiner Enkel, welcher der Großmutter gleicht und voll Leben iſt, kann ſie nicht tröſten; ihr Mann und ihre andern Kinder thei⸗ len ihren Gram. Die ganze Familie hat einen Aus⸗ druck von ſolcher Gutmüthigkeit und Milde, daß man genau ſieht, daß die Sklaven auf dieſer Plantage keine Noth leiden können. Aber die Trockenheit iſt entſetz⸗ lich, die Maispflanzen verwelken in dem Sand, womit dieſe Plantage über Gebühr bedacht iſt, und mit der Jahresernte ſieht es trübe aus. Es ſind jetzt beinahe vier Monate, an denen ich nicht einen bewölkten Tag geſehen habe. Auch in dem ſchönen Florida machen ſich der Druck und die Trockenheit des Lebens geltend bei den armen Kindern der Erde. Aber Morgens in der Frühe, wenn ich erwache und Floridas balſamiſche Winde durch die weißen Vor⸗ hänge in mein Bett hereinſpielen fühle, wenn ich Ame⸗ riras Nachtigall mit ihren tauſend Sprachen auf den Bäumen vor den Fenſtern ihre melodiſchen Eingebun⸗ gen ausgießen höre, da preiſe ich die Heimath des Sommers und wundere mich nicht, daß Ferdinand de Soto und ſeine jungen Krieger davon entzückt waren, und es ſcheint mir beinahe unnatürlich, daß ſich das Leben hier ſchwer oder trübe könne empfinden laſſen. Wir bleiben ein paar Tage hier in Erwartung ————— ———— 337 eines guten Dampfbootes, das uns nach Mr. Coopers Plantage in Darien führen ſoll. Von da fahren wir nach Savannah zurück. Dieſe Plantage liegt in einer ſandigen Gegend und der Sand thut der Annehmlichkeit der Natur und des Landlebens bedeutend Abbruch. Aber hier iſt ein Fußweg am Fluſſe entlang an einem wilden waldigen Ufer, das man ſich nicht pittoresker denken kann, be⸗ ſonders wegen der Maſſe von Bäumen und wilden Gebüſchen, die gleich einer hohen Mauer zwiſchen dem Ufer und dem höher liegenden Ackerlande aufſteigen. Prächtige Magnolienbäume, mit weißen Blumen bedeckt heben unter ihnen ihre buſchigen Wipfel empor. Die Magnolie iſt der Prachtbaum der ſüdlichen Staaten. Ich wandere hier in den Nachmittagen allein herum und lauſche zuweilen neugierig, ob ich nicht aus dem dichten Gebüſche das warnende Signal der Klapper⸗ ſchlange zu hören bekomme, denn dieſe Schlange iſt von Natur ſo edelſinnig, daß ſie eine Warnung er⸗ theilt, bevor ſie angreift oder ehe man ihr nahe kommt. Aber obſchon es in Florida viele Klapperſchlangen gibt, ſo habe ich doch noch keine lebendige zu ſehen oder zu hören bekommen. Dagegen bekam ich heute Nachmittag eine ſolche zu ſehen, welche die Neger auf der Plantage neulich getödtet hatten und ins Herr⸗ ſchafthaus ſchleppten. Sie mochte ungefähr drei Ellen lang ſein und ſo dick wie mein Arm. Der Kopf war übel zugerichtet von den Schlägen, die er erhalten hatte, und die gefährlichen Hauzähne waren bloßgelegt. Die Klapper mit ihren vierzehn Ringen erhielt ich, um ſie nach Schweden mitzunehmen. Vor einem Jahr wurde ein Neger auf der Plantage von einer Klapperſchlange ins Bein gebiſſen. Man bemühte ſich lange das Bein vor der Amputation zu bewahren, aber endlich mußte man ſie doch geſchehen laſſen, um den großen und zu⸗ nehmenden Schmerzen ein Ende zu machen. Bremer, die Heimath in der neuen Welt, M. 22 338 Ein ſchöner kleiner Fleck hier auf der Plantage iſt das Häuschen, wo die alte ſchwarze Amme des Hausherrn von ihren Mühſeligkeiten ausruht in Um⸗ gebungen, die von der zärtlichſten Pflege zeugen. Die Alte hat ihr eigenes ſauberes Häuschen auf einer Ter⸗ raſſe am Ufer des Fluſſes und dabei alle Bequemlich⸗ keiten, die ſie nur wünſchen kann, darunter auch einen angenehmen Schaukelſtuhl; und die Kinder und Kin⸗ deskinder der Familie, welcher ſie treu gedient hat, beſuchen ſie mit Liebe und Geſchenken. Sie hatte mehrere eigene Kinder gehabt, aber ſie geſtand, daß die weißen Kinder ihr lieber waren. Und dieſe Liebe der ſchwarzen Ammen oder Wärterinnen für die weißen Kinder iſt eine wohl conſtatirte Thatſache. Eine an⸗ dere Thatſache, die man in den Sklavenſtaaten auch oft ſieht, iſt die zärtliche Pflege, welche dieſen treuen ſchwarzen Wärterinnen in ihrem Alter im Schooße der Familien zu Theil wird, wenn nemlich dieſe Familien es vermögen. St. Simonsinſel, den 27. Mai. Draußen vor meinem Fenſter ſtrömt breit und klar der weſtliche Arm des Altamahafluſſes, und daneben fitzt die Unterzeichnete auf einer Inſel an der Küſte Georgiens zwiſchen dem Fluß und dem atlantiſchen Ocean. Ich befinde mich jetzt in der Famlie des Plan⸗ tagenbeſitzers J. Cooper, unter den Gärten⸗ und Oliven⸗ hainen, wo ſie ihr Sommervergnügen und die ſchützende Seeluft ſucht, wenn die Fieber auf der großen Plan⸗ tage des Um⸗ Die Ter⸗ lich⸗ inen Kin⸗ hat, ate daß iebe ißen an⸗ auch euen der nes klar teben Küſte ſchen Blan⸗ iven⸗ zende Blan⸗ 339 tage bei Darien, dem Hauptſitz der Familie, zu graſ⸗ ſiren anfangen. Mr. Cooper iſt einer der größten Plantagenbeſitzer im Süden der Vereinigten Staaten und gebietet über 2000 Negerſklaven, die er auf Reis⸗ und Baumwollen⸗ pflanzungen beſchäftigt. Man hatte ihn mir als einen Reformator geſchildert, der unter ſeinen Sklaven eine Art von Geſchwornengericht und ähnliche Bildungsan⸗ ſtalten eingeführt habe, um ſie zu einem künftigen Freiheitsleben vorzubereiten. Und dieß erregte in mir den Wunſch, ihn und ſeine Plantagen kennen zu lernen. Aber einen Reformator fand ich nicht in ihm, ſondern bloß einen ordnenden Geiſt mit großem practiſchem Tact und auch einigem Wohlwollen in der Behandlung der Neger. Im Uebrigen erſchien er mir als ein ächter Repräſentant der Gentlemen der ſüdlichen Staaten, als ein ſehr artiger Mann, kenntnißvoll wie ein Lexicon und für mich in hohem Grad intereſſant durch die Reichhaltigkeit und Anmuth ſeiner Converſation. Er iſt ein ausgezeichneter Naturforſcher, hat ſchöne Samm⸗ lungen von Naturerzeugniſſen Americas, und die Vor⸗ leſung, die er mir heute mitten unter ihnen über die Geologie und die Gebirgsformationen Americas hielt, hat meinen Einblick in die Erdbildung dieſes Welttheils um ein Gutes klarer gemacht. Mr. Cooper hat ein ungewöhnliches Talent zu ſyſtematiſiren und die charakteriſtiſchen Puncte der Ge⸗ genſtände zu treffen. Ein Geſpräch mit ihm über irgend einen beliebigen Gegenſtand gewinnt Intereſſe, ſelbſt man in der Sache eine andere Meinung hat als er. Aber da Mr. Cooper in der Sklavenfrage in America ſich zu der guten Partei im Süden hält, welche die Coloniſirung Africas durch befreite Neger⸗ ſklaven Americas als das Endreſultat und Endziel des Sklaveninſtituts betrachtet, ſo wurde es mir nicht ſchwer, 340 mit ihm über dieſen Gegenſtand und was dazu gehört, in ein Geſpräch zu kommen. Auch mußte ich ihm in ſeinen Anſichten über die Talente und die Zukunft der Negerrace vollkommen Recht geben, denn ſie kamen meinen eigenen Beobachtungen ganz nahe. Unter ſei⸗ nen Aenßerungen, die ich adoptiren muß, erinnere ich mich an folgende. „Tropiſche Völkerſtämme können die intellectuelle Entwicklung der in gemäßigten Zonen gebornen weißen Bevölkerung nicht erreichen. Es fehlt ihnen an der Fähigkeit abſtract zu denken, zu ſyſtematiſiren, ſtrenge Vernunftgeſetze zu befolgen und ſich auf den Grund von ſolchen zu vereinigen. Die tropiſchen Völkerſtämme ſtellen die höchſte Blüthe des Gefühlslebens dar. Das Naturleben feſſelt ſie. Von dieſem erlöst durch die Religion, können ſie das Thier⸗ und Pflanzenleben in ihrer Verklärung darſtellen(IB dieſen Gedanken glaube ich Mr. Cooper aus meinem eigenen Magazin zu ſchen⸗ ken). Sie ſind für Bildung empfänglich und können unter dem Druck einer mehr entwickelten Race ein ge⸗ wiſſes ganz achtungswerthes Talent im Denken und in Kunſtfertigkeit entwickeln. Sie können einen achtungs⸗ werthen Grad von Halbbildung erreichen, intereſ⸗ ſant wegen der eigenthümlichen Formen, welche ſie durch die Eigenthümlichkeit des Volkes annehmen.“ Mr. Cooper betrachtete die Sklaverei in America als eine Schule für die Kinder Africas, worin ſie zur Selbſtregierung in Africa erzogen werden ſollen. Er war geneigt dieſe Einrichtung als eine Wohlthat für ſie zu betrachten. Und daß ſie dazu gemacht werden kann, iſt gewiß. Aber daß dieß das einzige Mittel geweſen ſei, um Africa die Segnungen des Chriſten⸗ thums und der Civiliſativn zu bringen, das kann mit Beſtimmtheit geläugnet werden. Und ich hätte Luſt den klugen Neger aus Florida hier dem klugen weißen Manne vorpredigen zu laſſen. Durch die Urbanität hat rt, in der nen ſei⸗ elle en der ige nd me as die tbe n⸗ ten e⸗ 8⸗ ſie ica r Er en tel n⸗ rit uſt en 341 ſeines Weſens und die Anmuth ſeines Geſprächs er⸗ innerte mich Mr. Cvoper oft an Waldo Emerſon. Aber im Allgemeinen haben die Herrn der ſüdlichen Staaten zu wenig vom Organ der Idealität, wie die Herrn in den nördlichen etwas zu viel davon haben. Mr. Cooper beſtätigte die Leichtigkeit, womit die Neger Gewerbe erlernen, und ihre Geſchicklichkeit als Handwerker. Man hat in Georgien mit Erfolg an⸗ gefangen, ſie in Fabriken zu verwenden. Ich erinnere mich jetzt, daß ich im vorigen Jahr in der Nähe von Auguſta eine Baumwollenſpinnerei beſuchte, die mit ſchwarzen Arbeitern betrieben wurde. Ich ſah das nicht mit Vergnügen, denn ich konnte nicht glauben, daß die Schwarzen, die ſtets an das freie Feld gewöhnt waren, dieſe Beſchäftigung mit ihrem Getöſe, ihrem Lärm und ihrer ſtaubigen ungeſunden Luft aus freien Stücken wählen würden. Ich fragte einige Weiber an den Spinnmaſchinen, wie es ihnen bei dieſer Arbeit gefalle. Einige von ihnen antworteten, ſie ſei ihnen ſo lieb wie jede an⸗ dere, aber ein älteres Weib von gutmüthigem Geſicht ſagte mit einem Ausdruck tiefer Niedergeſchlagenheit und Ermüdung, nein, ſie liebe dieſe Arbeit nicht, ſie wolle weit lieber draußen auf dem Felde arbeiten. Ich wundere mich nicht darüber. Der Ort war auch keine Lowell'ſche Fabrik. Das Haus hier iſt voll von fröhlichen jungen Ge⸗ ſichtern, ſechs Knaben und zwei Mädchen, wovon das jüngſte das Abbild und die Freude des Vaters iſt. Mrs Covper iſt eine jugendliche, hübſche, fröhliche Mutter der ſchönen Kinderſchaft. Nicht weit davon iſt ein Haufen kleiner ſchwarzer Kinder, ſiebenzig bis achtzig an der Zahl, die ich neu⸗ lich einmal Morgens beſuchte, und die keine Mütter hatten. Ein paar hexenartige Negerinnen mit Ruthen 342 in den Händen beherrſchten den Haufen mit Furcht und Schrecken. Man hatte mir geſagt, daß ſie die Kinder auch im Beten unterweiſen. Ich ſammelte eine kleine Schaar um mich und ſagte ihnen das Vaterunſer vor, indem ich ſie erſuchte, mir die Worte nachzuſpre⸗ chen. Die Kinder grinsten, lachten, zeigten ihre weißen Zähne und bewieſen deutlich, daß keines von ihnen wußte, was das wunderliche Gebet bedenten ſollte, oder daß ſie einen Vater im Himmel hatten. Die Kinder waren wohl genährt. Sie werden hier von ihren Eltern getrennt gehalten, weil auf den Pflanzungen, wo dieſe arbeiten, gegenwärtig die Fieber graſſiren. Wenn ich auch hier keine Reformatoren gefunden habe, wie ich erwartete, ſo habe ich doch von einigen ſolchen erzählen gehört, nemlich von zwei Plantagen⸗ beſitzern, dem einen in Florida und dem andern in Georgien, welche auch für Kinder der Regerſklaven Schulen halten, um ſie zu guten und freien Menſchen heranzubilden. Von einem dieſer Herrn wird geſagt, daß er auf die Bildſamkeit der Regerkinder die größten Hoffnungen ſetze und ihnen ſogar den Vorzug vor den weißen Kindern gebe. Warum habe ich nicht früher von dieſen chriſt⸗ lichen Pflanzſchulen gehört? Ich würde alles Mögliche gethan haben, um ſie beſuchen und mit meinen eigenen Augen ſehen zu können. Solche Pflanzungen in den Sklavenſtaaten find als heilige Orte zu betrachten, wohin die Pilger wallfahrten müſſen, welche Erhebung der Seele und neue Kraft zu Glauben und Hoffnung ſuchen. Nach was habe ich denn in den ſüdlichen Staaten ſo eifrig geſucht und gefragt als nach ſolchen Orten? Es liegt nicht in meiner Natur Stoffe zum Tadel zu ſuchen. Ich nehme ſolche nicht auf, außer wenn ſie ſich aufzwingen. Ich ſcheue mich nicht die Nacht zu ver der au un ſo die ine ſer re en ten te, den den ber den gen en⸗ in en en gt, ten en iſt⸗ che ten en en, ug g en en del nn 343 zu ſehen; aber ich ſuche das Licht, welches die Nacht verklären kann, in Allem und bei Allen. In der Nacht der Sklaverei habe ich das Moment der Freiheit mit Glauben an den Genins Americas und mit Hoffnung auf denſelben geſucht. Daß ich die Nacht ſo gewaltig und die Arbeit des Lichtes in den Sklavenſtaaten noch ſo ſchwach gefunden habe, iſt nicht meine Schuld. Charleston, den 3. Juni. Wiederum hier in der guten Wohnung meiner guten Mrs. Howland, in einem der friedvollſten und ſchönſten Häuſer, die ich in den Vereinigten Staaten gefunden habe. Es thut wohl hier eine Weile aus⸗ ruhen zu dürfen nach den Strapazen der letzten Woche, die mitunter nicht ganz gering waren. Aber ich habe dafür auch Florida geſehen und verſtehe jetzt beſſer die Beſchaffenheit und den Umfang des Reiches, der großen Heimath, die in Nordamerica für alle Völker geſchaf⸗ fen wird. Aus der Heimath des ewigen Sommers reiſe ich jetzt nach der Heimath des Winters, nach den weißen Bergen in Neuenglands nördlichſten Staaten, und dann nach Hauſe, denn ich habe dann geſehen, was ich auf dieſer Seite des Oceans zu ſeben wünſchte. Unter den Denkwürdigkeiten bei unſerer letzten Fahrt darf ich die Morgenfahrt nicht vergeſſen, die wir in großen Booten von ausgehöhlten Cypreſſen⸗ ſtämmen von der Ortegaplantage nach Jackſonville mach⸗ ten, wo wir das Dampfſchiff nahmen. Der Morgen war herrlich und die Neger ruderten tüchtig und mit friſchem Muth. Die Herren von der liebenswürdigen —— ———— 344 Familie auf Ortega begleiteten uns an Bord. Dieſe Familie gehörte zu den guten und ſtillen im Lande. Von Mr. Cvoper ſchied ich mit wahrer Dank⸗ barkeit für ſeinen intereſſanten Umgang und mit einer beſtimmten Vorliebe für einen der jungen Söhne im Hauſe, deſſen breite Stirne einen vorurtheilsfrei den⸗ kenden und humoriſtiſchen Geiſt verwahrte. Der Ort, wo wir das Dampfboot nach Savannah nehmen ſollten, war derſelbe, wo einſt der erſte An⸗ bauer Georgiens Oglethorpe die Stadt Fridericia angelegt hatte. Die Lage ſcheint vortrefflich geweſen zu ſein; aber von der Stadt ſelbſt blieben nur noch einige mit grü⸗ nen Bäumen und Gebüſchen bekränzte Ruinen übrig. Wir kamen zu guter Zeit hieher, aber das Dampf⸗ ſchiff ließ mehrere Stunden auf ſich warten. Inzwiſchen erging es uns wie in den Feenmährchen. Ein aller⸗ liebſtes Weibchen, vollkommen ähnlich einer guten, kleinen Fee nahm uns in ihr Haus auf, ein wahres Feenſchlößchen in Bezug auf Zierlichkeit, Comfort und Behaglichkeit. Alles glänzte und ſchimmerte. Die kleine Frau, die alt an Jahren war, aber noch ein vollkom⸗ men jugendliches Gemüth und ein paar klare, lebhafte blaue Augen beſaß, verſetzte mir, indem ſie eine humo⸗ riſtiſche Anſpielung auf meinen Kopf machte, einen Schlag auf die Stirne, der ihre Schaale hätte ſpren⸗ gen können, wenn ſie weniger dick geweſen wäre. Und dann deckte ſie uns einen Tiſch, welcher glänzte von weißem Tiſchzeug und Porcellan und Silber, und regalirte uns mit Thee und Butterbrod, Kartoffeln (meinem Wunſch), Eiern u. ſ. w. Nein, kein von Feen⸗ hand bereitetes Mahl konnte ausgeſuchter und ſchmack⸗ hafter ſein. Das fröhliche und lebhafte Weibchen und ich tranken mit einander auf Freundſchaft und Kartoffeln, als nothwendige Elemente zur irdiſchen Glückſeligkeit. Und ſo reisten wir nach Savannah. 345 In Savannah ſah ich außer alten guten Freun⸗ den, die immer gleich gut und freundlich bleiben, ein Matroſenhaus, das unter der Aufſicht der Frauenzim⸗ mer der Stadt ſteht. Es war eine einfache, aber wohl gehaltene und mit gutem Erfolg geſegnete Einrichtung, wo die Matroſen, wenn ſie nach Savannah kommen, für den geringſt möglichen Preis die beſtmöglichen Com⸗ forts erhalten können und in einem großen gemein⸗ ſchaftlichen Saal ſowohl körperliche Nahrung als Gei⸗ ſtesſpeiſe erhalten. Letztere beſtand aus guten Büchern und Tractätchen mit Abhandlungen und Erzählungen in religiöſer Richtung. Die lebhafte hübſche Frau, die mich hieher führte, Mrs. Burrows, Tochter des Senators Richters Ber⸗ rian, iſt eine der Vorſteherinnen, und obſchon glückliche Gattin und Mutter von ſechs Knaben und einem Mädchen, findet ſie dennoch Zeit und Herz, um ſich dieſer Häuſer für die Söhne Neptuns anzunehmen, welche ſonſt Winden und Wogen preisgegeben ſind, die ihnen in den Städten noch gefährlicher werden, als draußen auf dem Meer Gattin, Mutter, Bürgerin, ſo lauten die Titel des Weibes in der neuen Welt. Abends im Hotel Pulaskyhaus, wo ich über die kurze Zeit blieb, um mich von Mrs. Howland nicht zu trennen, machte ich Bekanntſchaft mit einer jungen Dame aus einer Plantage, die jetzt mit einer Familie von ſieben Knaben, welche immer nur durch ein oder zwei Jahre von einander getrennt ſind, in die Stadt gekommen war. Mutter und Kinder waren voll von friſchen Lebens⸗ geiſtern, und die heitere junge Mutter fürchtete bloß, ſie möchte die jungen Knaben, die in der Stadt umherlaufen wollten, wie ſie es auf dem Lande gewohnt waren, nicht zuſammenhalten können. Sie ſollen hier in die Schulen gegeben werden. Die Familien in Nordamerica ſind oft ſehr zahlreich, doch nicht ſo wie in England. Die höchſte Zahl, von der ich gehört habe, ſind zwölf 6 33 4 346 Kinder von einem Paar, und dieß war eine Selten⸗ heit. Die Siebenzahl ſcheint die allgemein höchſte Zahl der Kinder in einer Familie zu ſein. Richt ſelten findet man auch kinderloſe Ehepaare. Aber jetzt muß ich Dir ein wenig von Südearo⸗ lina ſagen, denn Südtarolina will in dieſem Augen⸗ blick ein Staat für ſich ſein, abgeſondert von allen andern Staaten. Es iſt nämlich höchlich erzürnt über die Ungerechtigkeiten, welche nach ſeiner Meinung die ſüdlichen Staaten beim letzten Congreß durch das Compromiß zwiſchen den freien und den Sklavenſtaaten in der Californienfrage erlitten haben, und ganz neuer⸗ dings iſt von den weißen Männern des Staats ein Convent in Charleston gehalten worden, auf dem ſie, nachdem ſie zuſammen gegeſſen und getrunken, den heldenmüthigen Entſchluß faßten, von der Union aus⸗ zuſcheiden und eine feindſelige Haltung gegen die nörd⸗ lichen Staaten derſelben anzunehmen. Der Palmetto⸗ ſtaat ſcheint hiebei auf großen Beifall von andern Staaten des Südens gerechnet zu haben, aber der Erfolg zeigte, daß er ſich verrechnet hatte. Georgien⸗ Alabama, Lyuiſiana und mehrere andere haben ſich offen für die Union erklärt, und in den Zeitungen Floridas habe ich ſcharfen Tadel über das Benehmen des Palmettoſtaates geleſen. Miſſiſippi iſt jetzt der einzige Staat, der noch nicht mit ſich einig zu ſein ſcheint, ob er ſich für die Union oder gegen ſie und für Südcarolina erklären ſoll. Inzwiſchen ſcheint es, als ob Südearolina ſelbſt gleich dem großen König Philipp antiken Angedenkens nach dem Rauſch anders geſinnt ſei als während des Rauſches, und daß die guten Brüder, die in Charles⸗ ton zuſammen gegeſſen, getrunken und kriegeriſche Er⸗ klärungen abgefaßt, gleichwohl ſpäter vorgezogen haben in Ruhe daheim ſitzen zu bleiben. Auch fehlt es nicht an klugen und guten Bürgern, welche ſich offen gegen 347 die heroiſchen Erklärungen des Convents ausſprechen, und man macht ſich oft luſtig über ſie. In einer der Zeitungen der Stadt las man dieſer Tage folgendes Citat aus einer Rede, die von einem der Mitglieder des großen Congreſſes gehalten worden ſein ſoll: „Ja, meine Herrn, ich betheure, daß ich, wenn der Krieg zum Ausbruch kommt, der erſte ſein werde, der über meine Baumwollenfelder hinſpringt und wie General Washington auf dem Schlachtfeld bei Water⸗ loo rufen wird: Ein Pferd, ein Pferd, mein König⸗ reich für ein Pferd!“ Aus den Bemerkungen, die ich gehört, und aus den Zeitungen, die ich hier über dieſen Convent ge⸗ leſen habe, ſehe ich, wie geſund und klug die öffent⸗ liche Meinung iſt, wenn man ihr nur die nöthige Zeit läßt. Gewiß wird die Seceſſionserklärung Süd⸗ carolinas bloß ein Beweis dafür ſein, daß die Union innere Kraft genug beſitzt, um ſich trotz der Unzufrie⸗ denheit der Einzelnen zuſammenzuhalten. Mr. Poinſetts Briefe an den Convent, zu welchem er eingeladen war, aber nicht kommen konnte, werden als höchſt ausgezeichnet durch den Adel ihrer Grund⸗ ſätze und durch ihre ſtaatsmänniſche Klugheit gerühmt. Sie rathen ſtark zur Union und beweiſen Südcarolina, daß es mit ſeinen Behauptungen Unrecht hat. Der edle alte Staatsmann hat mich in dieſen Tagen ſehr erfreut durch einen Brief, worin er mich aufs Neue zu einem Beſuch in ſeiner Heimath einladet,„um mich mit ihm über den Zuſtand und die Zukunft der Ver⸗ einigten Staaten zu beſprechen.“ Ich würde eine ſolche Beſprechung mit ihm ſehr wünſchen, aber die Zeit ver⸗ bietet mir eine neue Fahrt nach ſeiner Einſiedelei. Unter den Gegenſtänden des Tagesgeſprächs iſt ein ſcandalöſer Streit, der in den Zeitungen Neu⸗Yorks zwiſchen Privatperſonen geführt wird. Einer der be⸗ deutendſten Schriftſteller der Stadt iſt in den Streit —— 348 verwickelt, welcher auch den guten Namen und Ruf einiger angeſehener Damen betrifft. Der Kampf wird mit großer Bitterkeit und Rückſichtsloſigkeit geführt, die Guten und Denkenden ſehen ihn mit Verdruß und Widerwillen, wie ſie auch die Neigung zu perſönlichen Angriffen und Grobheiten tadeln, welche noch eine der größten Sünden der americaniſchen Tagespreſſe ſein dürfte. Gewöhnlich werden jedoch die Frauenzimmer dabei geſchont und finden immer kräftige Vertheidiger. Ein Mann, der ſich in Wort oder Schrift grobe Aus⸗ drücke oder Ausfälle gegen ein Frauenzimmer erlauben ſollte, würde von dem weitaus größeren Theil der Bevölkerung als ein Kerl von ſchlechter Erziehung und ſchlechtem Geſchmack verurtheilt werden. Ein ſtilles Verwerfungsurtheil ſchließt ihn von der beſſern Ge⸗ ſellſchaft aus. So edel ritterlich iſt der Geiſt hier zu Lande. Ich werde jetzt ungefähr eine Woche ruhig hier bleiben, theils weil ich mich hier ſo wohl befinde und der Ruhe bedarf, theils um meine Toilette unter der Leitung und Mitwirkung der guten Mrs. Howland ein Bischen in Ordnung zu bringen Ich denke an dieſe hier mehr als zu Haus, denn ich muß hier als Schwe⸗ din repräſentiren und will es mit Ehren thun, ob⸗ ſchon in aller Beſcheidenheit. Ich trage deßhalb im⸗ mer ein ſchwarzes Seidenkleid nebſt einer Mantille oder einem leichten Kofta, gleichfalls von Seide und mit Spi⸗ tzen garnirt. Auf der Straße kannſt Du mich mit weißem Seidenhut und mit weißem Schleier, und in einem Mantel oder Kleid von weißer Seidenſarſche ſehen. Ich ſuche Ernſt mit einiger Eleganz zu verbinden. Von hier gedenke ich mich durch die Hochlande Nordcarv⸗ linas und ebenſo Georgiens, deren Raturmerkwürdig⸗ keit ich ſehen will, nach dem Teneſſeeſtaat, auf dem Teneſſeefluß zu begeben und von da nach Virginien, dem alten Gebiet(the old dominion), wo ich einige Ruf ird hrt, ind hen der ein ner er. us⸗ ben der und lles Ge⸗ zu ier und der ein ieſe we⸗ ob⸗ im⸗ der Spi⸗ em nem en Bon wo⸗ dig⸗ dem ien, rige 349 Zeit zu verweilen und ſowohl Natur als Menſchen kennen zu lernen wünſche. Hier iſt es jetzt abſcheulich warm und man befindet ſich in einer Art von Dampf⸗ bad. Ich würde eine Menge Briefe ſchreiben und Verſchiedenes leſen, aber ich kann Stunden lang Nichts thun, als in einem Schaukelſtuhl ſitzen und mich hin⸗ und herwiegen. Das geht jetzt im Anfang des Som⸗ mers noch an, ſagt Mrs. Howland, aber wenn dieſe Hitze vier bis fünf Monate anhält und gar kein Ende nehmen zu wollen ſcheint, dann..... Kein Wunder, wenn ſo manche junge Frauenzim⸗ mer hier bleich und ſchwindſüchtig ausſehen. Die Vegetation iſt im höchſten Flor und die Wälder ſtehen in herrlicher Blüthe; der India pride(Indiens Stolz) der Franzenbaum, der Tulpenbaum, die Magnolie u. ſ. w. ſchicken ihre hübſchen duftenden Blumen aus. In den Gärten duften Roſen und Orangenblüthen, die Necta⸗ rinen ſetzen Früchte an und der Feigenbaum hat be⸗ reits reife Früchte. Man genießt, aber mit mattem Leben. Am ſchönſten ſind die Abende, und an dieſen draußen auf der obern Piazza, beſchattet von dem Roſenſpalier umherzuwandeln, und mich von den Lüf⸗ ten, die von der Flußſeite herkommen, liebkoſen zu laſſen, das iſt mein größter Genuß. Den 11. Juni. Morgen verlaſſe ich dieſes gute Haus, dieſe lie⸗ benswürdige Familie für immer. Es fällt mir ſchwer es zu ſagen, aber es iſt ſo. Liebliche Stunden und Tage habe ich auch dießmal hier und bei einigen andern Freunden in Charleston zugebracht. Wiederum habe ich unausſprechlichen Genuß gehabt von Mr. Hol⸗ brooks Geſellſchaft, habe wiederum einen ganzen ſchö⸗ nen Tag lang in den Myrtenhainen von Belmont ge⸗ luſtwandelt unter Geſprächen, welche das Leben zugleich 350 tiefer und weiter machen. Mrs. H. beſitzt mehr Phan⸗ taſie als ich, und ihr poetiſcher Sinn, in Verbindung mit einem Geſichtskreis von unbeſchränkter Weite, der aber die univerſellen Verhältniſſe der Erde auffaßt und dabei ſeine Nahrung aus einem chriſtlich religiöſen Centrum ſchöpft, macht ihren Umgang für mich in hohem Grade belebend und wohlthätig. Von mehreren guten Freunden habe ich erneute Beweiſe ihrer beſtändig warmen Herzlichkeit erhalten und von dem edlen unitariſchen Prieſter Gilman einen Segen, den ich in meinem Herzen bewahre. Als ich eines Tags ſein ascetiſch reines Profil aböeichnete, fragte ich ihn:„In welchem Alter haben Sie ſich am glücklichſten gefühlt?“ Er antwortete:„Zwiſchen dem 50. und 60. Jahre.“ Ich höre das mit Freude, denn ich nähere mich ſelbſt dieſer Zahl und hoffe auf ihre beruhigende Macht. Der junge Miſſionär Miles, an deſſen Namen und Buch du dich aus meinem Briefe vom vorigen Jahre erinnern dürfteſt, hat ſich einiger Zeilen von dem edlen Neander in Berlin zu erfreuen gehabt, der ihm ſchreibt:„Dem jungen Miſſionär in Südcarolina reicht der alte Neander über den Ocean ſeine Hand zu brüderlichem Verein und als Zeichen herzlicher Aner⸗ kennung u. ſ. w.“ Solche Zeichen ſind erfreuliche Zei⸗ chen der Zeit. Unter den Denkwürdigkeiten der letzten Zeit muß ich den Markt der Sklaven am letzten Samſtag Abend erwähnen, wo nämlich die auf den Plantagen woh⸗ nenden Sklaven mit ihren Waaren und kleinen Indu⸗ ſtrieprodukten von geflochtenen Körben⸗ Teppichen u. ſ.w. nach Chaleston kommen und ſie öffentlich ausſtellen, aus⸗ rufen und verkaufen. Die Stene iſt heiter, währt aber bloß einen Abend. Ferner einen Beſuch in etlichen Neger⸗ ſchulen, ſowie auf dem neuangelegten großen Begräb⸗ — ————— ——— an⸗ ung der faßt öſen in eute lten inen ich nete, am dem denn ihre imen rigen von der olina d zu Uner⸗ Zei⸗ muß bend woh⸗ ndu⸗ ſ. w. aus⸗ aber eger⸗ gräb⸗ 351 nißplatz für Charleston, der„Magnolie“, endlich eine Nacht auf der Sullivansinſel. Von den Negerſchulen war eine für Kinder freier Neger beſtimmt. Sie wurde von einem weißen Lehrer und bei offenen Thüren gehalten. Ich ſah hier eine Verſammlung farbiger Kinder in allen Schattirungen zwiſchen rabenſchwarz und beinahe vollkommen weiß. Die Schulbücher, die ich zu ſehen verlangte, waren die⸗ ſelben, die in den americaniſchen Schulen für die Kin⸗ der der Weißen gebraucht werden. Dieſe Schule iſt eine gute Anſtalt, aber offenbar ein gefährliches Element in dem Sklavenſtaat, wenn ſie nicht mit dem Unterricht der Negerſklaven und ihren Ausſichten in Harmonie gebracht wird. Ich hatte auch von geheimen Schulen für Skla⸗ venkinder gehört, aber es wurde mir unendlich ſchwer eine ſolche zu entdecken und, nachdem ich ſie gefunden hatte, hineinzukommen, ſo ſehr fürchtete man die Strenge des Geſetzes, das bei ſchwerer Strafe die Unterwei⸗ ſung der Sklaven im Leſen und Schreiben verbietet. Als ich endlich in das heimliche Zimmer kam, fand ich in der unfreundlichen düſtern Höhle ein halb Dutzend armer Kinder, deren Geſichter von der größten Dumm⸗ heit und Verthiertheit zeugten. Man hatte ſie offen⸗ bar hieher gebracht, um einen Verſuch zu machen, ſie zu vermenſchlichen. Der Magnolienkirchhof iſt eine edle und großar⸗ tige neue Anlage, die Charleston Ehre bringt. Er liegt am Meere, deſſen reine erfriſchende Winde mit erweckendem Leben darüber hinfahren. Auf drei Sei⸗ ten ſieht man im Hintergrund Magnolien- und Ce⸗ dernwald; vorn iſt das blaue Meer. Der Platz iſt niedrig, aber nicht ſumpfig, und Canäle ſind für das Fluß⸗ und Meerwaſſer gegraben, ſo daß es heraufkommt und innerhalb des großen Begräbnißplatzes kleine In⸗ ſeln und Halbinſeln bildet. Schöne Gruppen von —— —————— 352 Bäumen des Südens ſtanden da und dort. Die Art, wie die Bevölkerung Americas für die Ruheſtätte ihrer Todten ſorgt, prophezeit ihr ein langes Leben auf Erden. Auf dem neuangelegten Begräbnißplatz ſah ich bloß zwei Denkmäler; aber ſie hatten jedes eine ſo eigenthümliche und ſo verſchiedene Geſchichte, daß ich ſie Dir mit wenigen Worten erzählen muß. Das eine gehört einem jungen Mädchen. Sie war ihrer Mutter einziges Kind. Eines Tags berührte ſie ihr eines Auge mit der Hand, welche kurz zuvor eine giftige Blume, hier NRachtſchatten genannt, be⸗ rührt hatte(solanum nigrum, das eine ſchöne hell⸗ gelbe Blüthe, ähnlich unſerer Kartoffelblüthe, hat), und ſo geſchah es, daß ihr Auge vergiftet wurde. Es wuchs aus und wurde unförmlich. Das Gewächs und die damit verbundenen Schmerzen zehrten am Leben des jungen Mädchens. Sie welkte hin, aber ſchön und fromm. Ihr Leiden und ihre Geduld machten ſie zum Gegenſtand der allgemeinen Liebe. Sie und ihre Mut⸗ ter verwandelten durch die Kraft der Religion die Wanderung zum Grabe in einen freundlichen Weg, und der Nachtſchatten bekam keine Macht über ſie. Nach zweijährigen Leiden ſtarb ſie, wie ein guter Engel ſterben könnte, und ihr Grab wird von freundlichen Erinnerungen umgeben. Die zweite Gruft gehört einem jungen Manne. Er war Offizier der americaniſchen Armee während des Krieges in Texas oder in Mexicv, ich erinnere mich nicht recht in welchem von beiden Ländern. Eines Tags ſaß er mit einem Kameraden bei Tiſch, als er die Aufforderung erhielt zum commandirenden Offizier zu kommen. In jugendlichem Leichtſinn oder Uebermuth ſagte er:„Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich gehe,“ oder irgend einen ähnlichen Ausdruck. Aber er ging gleichwohl. Die unbeſonnene Aeußerung wurde dem Chef hinter⸗ Al na he Ye ſuc beſ Art, rer auf ich ſo ich Sie hrte vor be⸗ ell⸗ und uchs die des und zum tut⸗ die und tach gel chen ne. des icht ß er ung In Der end ohl. 353 bracht. Dieſer befahl, daß der junge Mann des Bei⸗ ſpiels halber, ich weiß nicht ob auf einen oder meh⸗ rere Tage, den Knebel in den Mund bekommen ſolle. Der Jüngling ſagte, als die Strafe an ihm vollzogen wurde:„Ich eſſe von jetzt an Nichts mehr. Niemand ſoll Gelegenheit haben mir vorzuwerfen, daß ich den Knebel im Munde gehabt habe.“ Und er verweigerte jede Nahrung. Als der Chef von dieſer Aeußerung und dem Benehmen des jungen Mannes im Arreſt er⸗ fuhr, da bereute er ſeinen barbariſchen und übereilten Befehl und ging, ſagt man, ſelbſt zu ihm, um ihn von ſeinem Entſchluß abzubringen. Vergebens. Der wackere junge Krieger ſtarb im Verlauf einer Woche an ver⸗ bittertem Herzen und Hunger, zum unendlich bitte⸗ ren Kummer für ſeine Familie, die ſich von einer Anklage gegen den unverſtändigen Befehlshaber nur durch die Mutter des Todten abhalten ließ, welche zu der Familie des Chefs in nahen Freundſchaftsverhält⸗ niſſen geſtanden hatte und mit Recht ſagte:„Die Rache kann mir meinen Sohn nicht zurückgeben.“ Große Leiden haben den Magnolienkirchhof be⸗ reits zu einer Ruheſtätte eingeweiht. Die Fahrt nach der Sullivansinſel machte ich mit Mrs. Howland allein. Es war mir lieb allein dieſen letzten Ausflug in Südcarolina zu unternehmen und mit ihr zum letzten Mal von dem Seewind in den Palmetto⸗ und Myrthenhainen auf der Inſel mich umkoſen zu laſſen. Als wir mit dem Dampfſchiff dort angekommen waren, nahmen wir einen Wagen, um auf dem Sandriff um⸗ herzufahren. Unſer Kutſcher war ein fünfzehnjähriger Yankee, gutmüthig und munter, der von Boſton nach Charleston gekommen war, um ſein Glück zu ver⸗ ſuchen. Er hatte als Junge eine allgemeine Schule beſucht und zeigte viel Verſtand in Rede und Ant⸗ wort. Wir vertrauten uns ſeiner Führung an und Bremer, die Heimath in der neuen Welt. UMI. 23 354 vertieften uns dermaßen in ein Geſpräch, daß wir erſt nach einer halben Stunde bemerkten, daß wir ſtatt auf dem feſten Sandriff beſtändig im Waſſer fuhren und immer tiefer hinabzukommen ſchienen. Wir mach⸗ ten den Burſchen darauf aufmerkſam; er zeigte ein nachdenkliches Geſicht, meinte aber, wir würden ſchon an Ort und Stelle kommen, und ſo fuhren wir noch eine Weile. Aber jetzt ging das Waſſer bis über das halbe Rad herauf, wir kamen in tiefe Gruben, es war klar, daß wir uns nicht auf dem rechten Weg befan⸗ den, und nach einigem weiteren Gerede mit dem jungen Kutſcher ſtellte es ſich heraus, daß er, ſtatt mit uns auf der gewöhnlichen ſüdlichen Seite der Inſel zu fahren, die nördliche Seite gewählt hatte, weil er er⸗ forſchen wollte, ob man nicht ebenſogut auf dieſer Seite herumkommen könnte. Er hatte einen Verſuch anſtellen wollen. Mrs. Howland lachte ſo herzlich über das Unter⸗ nehmen des Jungen mit uns ein Experiment anzu⸗ ſtellen, das uns das Leben koſten konnte, daß ihre Scheltworte alle Kraft verloren. Der Junge war zwar etwas verlegen, lächelte aber dennoch und wollte gar zu gern ſein Experiment zu Ende führen. Dieſem Plan widerſetzten wir uns jedoch mit Beſtimmtheit, da wir den Boden gar nicht kannten und jeder neue Schritt für uns der letzte ſein konnte. Wir ſtiegen unter dem Buſchwerk am Ufer ab und überließen es dem Jungen ſeinen Weg über die Inſel mit Pferd und Wagen ſo gut zu finden, als er vermochte. Wir ſuchten uns durch Gebüſche und Dickicht durchzufinden, und Mrs. Howland lachte auf dem gan⸗ zen Weg mit unvergleichlicher Gutmüthigkeit über die charakteriſtiſche Tollheit des Yankeejungen. Nachdem wir eine Stunde gegangen, oder vielmehr durch Dickicht gekrochen und im Sande herumgewatet waren, fanden wir einen Fußſteig und Spuren von einem Zaun. wir ſtatt uhren mach⸗ e ein ſchon noch r das s war befan⸗ ungen uns ſel zu er er⸗ dieſer erſuch Unter⸗ anzu⸗ ihre war wollte ieſem ntheit, rneue ſtiegen en es d und ickicht gan⸗ er die achdem ickicht fanden Zaun. 355 Als wir uns von da unſchauten, erblickten wir oben auf den höchſten Sandhügeln in dieſer Gegend der Inſel zu unſerer Verwunderung einen angeſpannten Wagen. War es wirklich ſo? Ja, es war richtig unſere eigene Equipage, die aus dem Waſſer auf dieſe Höhe hinaufgeklettert war, und auf dem Kutſchenbock ſaß ganz ruhig der Yankeejunge und ſchaute ſich rings um, die Geographie der Inſel ausſpähend. Als wir uns nach Verlauf einiger Stunden end⸗ lich bis zu dem ſüdlichen Theil der Inſel und zu der Feſtung fortgelotst hatten, trafen wir dort unſere Equipage und den YPankeejungen, der ſo ruhig und munter, als wäre Alles aufs Beſte abgelaufen, auf uns wartete. Wir waren juſt nicht dieſer Anſicht und bekannten uns noch weniger dazu, als wir das letzte Dampfſchiff von der Inſel nach der Stadt abgehen ſahen, ehe wir das Ufer erreicht hatten. Wir mußten auf der Inſel übernacht bleiben, aber wir hatten ein gutes Hotel, und das Meer und der ſchönſte Mondſchein und die Nacht auf der Sullivansinſel, die ich zum großen Theil durchwachte, wurde für mich eine der erinnerungs⸗ die ich unter Südcarolinas Himmel verbracht abe Heute während einer Spazierfahrt außerhalb der Stadt ſah ich einen Mann, der einen jungen Neger⸗ knaben führte, deſſen Hände mit einem Strick zuſam⸗ mengebunden waren. Der Mann ſaß zu Pferd, der gebundene Junge(er mochte 14 bis 15 Jahre haben) ging hinter dem Pferd. Der Junge hatte wahrſchein⸗ lich zu entfliehen geſucht und wurde jetzt auf dieſe Art in die Stadt geführt, um gepeitſcht zu werden. Das Volk ſah es gleichgültig an als etwas höchſt Gewöhn⸗ liches. Schöne Sitten! Als ich mit meiner guten Mrs. Howland zu Fuß in der Stadt umherſpazierte, ſahen wir einen wohlge⸗ 356 kleideten alten Neger auf einem Stein ſitzen und aus der Naſe bluten. Sie blieb ſtehen: „Bluten Sie Daddy(Vater)?“ fragte ſie. „Ja, Miſſis, ja,“ antwortete er freundlich;„es will nicht aufhören.“ „Ich will Ihnen meine Schlüſſel geben, Daddy, um ſie auf Ihren Nacken zu legen, dann wird es bald aufhören,“ ſagte Mrs. H., nahm ihren Schlüſſelbund, legte ihn ſelbſt dem ſchwarzen Daddy auf den Nacken und blieb eine Weile ſtehen, bis er die beabſichtigte Wirkung hervorbrachte. Daddy dankte herzlich, aber nicht wie für einen außerordentlichen Gunſtbeweis. Und ein ſolches Verhältniß zwiſchen den Weißen und Schwar⸗ zen iſt in den Sklavenſtaaten nichts Ungewöhnliches. Aber das Sklavereiinſtitut macht, daß man den guten und den böſen Herrn in eine Claſſe zuſammenwirft, und gleichwohl ſind ſie von einander verſchieden wie Tag und Nacht. Aus meiner beabſichtigten Reiſe durch die nördli⸗ chen Theile von Georgien ſowie durch Tenneſſee wird es wie im vorigen Jahre Nichts. Die Hitze iſt drückend, der Tenneſſeefluß ſo ausgetrocknet, daß die Dampfſchiffe nicht darauf gehen können; Bequemlichkeiten gibt es ganz und gar keine auf dieſem Weg, die Mühſeligkeiten aber, die man in den Diligencen auf den ſchlechten Wegen auszuſtehen hat, ſind vielfach und lang. Ich vertraue mich alſo auch dießmal dem Meere an, aber bloß auf einen Tag; ich gehe in Nordcarolina ans Land und ſetze die Reiſe durch dieſen Staat nach Vir⸗ ginien fort Wahrſcheinlich reiſe ich nordwärts mit demſelben Dampfbvot wie Mrs. und Mr. Holbrook. Ich bin geſund, mein Herzchen, und Freunde in Savannah und Charleston ſchmeicheln mir, daß ich mich verjüngt, verſchönt habe(wonderfully improvedh), was ſie dem Clima Americas zuſchreiben, das aber gewiß für einen Verjüngungsproceß das ſchlimmſte un⸗ ter Cu vor bin gut deu kön abe aus „es d a nd, cken igte ber Und var⸗ hes. uten irft, wie vird end, hiffe ganz iten hten Ich aber ans Vir⸗ mit ook. e in ich ved), aber 357 ter der Sonne iſt. Ich weiß es jedoch beſſer und preiſe Cuba. Doch die guten Heimathen ſowohl da als dort vor allen Dingen. Gottes Segen über ſie! Aber alt bin ich äußerlich dennoch geworden, das ſehe und fühle ich und muß Dich darauf vorbereiten. Die Anſtren⸗ gungen der Reiſe und das Clima des Weſtens haben deutliche Spuren hinterlaſſen. Ich möchte Dir ſagen können, daß etwas Anderes bei mir ſich verjüngt habe, aber ich wage es noch nicht. Vierzigſter Brief. Richmond, den 16. Juni 1851. Guten Morgen, mein Schweſterchen, in dieſer ſchönen Morgenſtunde in Virginiens Hanptſtadt! Ich komme ſoeben von einem Spaziergang im Park um das Capitol her zurück, von wo ich den ſchönen St. Jamesfluß(auf indianiſch Powhatan) mit ſchäumen⸗ dem Fall und ruhigen ſilberklaren Wellen in zahlrei⸗ chen Biegungen durch grüne Ebenen und an ſchönen Hügeln entlang durch das Land ziehen ſah. Eine herrliche Ausſicht von dieſem ſtattlichen Capitol aus! Ich wünſchte, die geiſtige Ausſicht vom Hauptſitze des Staates aus entſpräche ihr. Aber Virginien iſt Skla⸗ venſtaat, und ſeine Ausſichten öffnen ſich, ſein Lebens⸗ ſtrom fließt, wie dieß in allen Sklavenſtaaten der Fall iſt, bloß für die Hälfte ſeiner Bevölkerung. Man wird gleich an den Thoren des capitoliniſchen Parkes daran erinnert. Denn an den Pfeilern der Thore iſt eine Bekanntmachung angeſchlagen, die in großen Buch⸗ — 358 ſtaben verkündet, daß jeder Sklave, der ſich in dieſe Thore wage, 39 Peitſchenhiebe empfange. In den Sklavenſtaaten kann man nie Etwas genießen oder be⸗ wundern, ohne durch dieſe Peitſchenhiebe geſtört zu werden. Aber in materieller Beziehung wie ſchön durch⸗ wäſſert iſt nicht Nordamerica! Ueberall in allen ſeinen Staaten dieſe ſchönen ſchiffbaren Flüſſe, die gleich großen Pulsadern unzählige kleinere Ströme und Bäche in ſich aufnehmen und allerwärts das Leben und die Früchte der Cultur verbreiten. Ich kann dieſe ſchönen Flüſſe nicht betrachten, ohne mich der Hoffnung hin⸗ zugeben, daß ſie für die edelſten der Früchte der Cul⸗ tur den Weg bereiten werden. Von meiner guten Mrs. Howland, die mir wie eine Schweſter lieb geworden, und ihrer Familie trennte ich mich mit einem Schmerz, dem ich kein Gehör zu ſchenken bemüht war. Denn es mußte geſchehen. Es war am Nachmittag des zwölften Juni, als ich Charleston und Südcarvlina, wo ich ſo manches Gute genoſſen hatte, verließ. Die See war rauh und das Schiff ſo überfüllt mit Menſchen, daß ich es im Stillen bereute, daß ich mich von meinem Wunſch, bei Mrs. Holbrook zu ſein, hatte verleiten laſſen die⸗ ſes Schiff zu wählen, ſtatt meine Abreiſe noch einige Tage hinauszuſchieben. Denn ich fürchtete jetzt Andere zu beläſtigen und ſelbſt beläſtigt zu werden. Aber Mrs. H. wurde mein Troſt und meine Hülfe. Sie tannte die Negerin, die im Damenſalon aufwartete, und beſtimmte die gute Alte uns auf weichen Sitzen an den Fenſtern zu betten, denn alle Cajüten im Schiff waren bereits in Anſpruch genommen. Dadurch ent⸗ gingen wir den heißen Cajüten und genoſſen die Nacht hindurch friſche Luft von den Salonfenſtern her. Als es ſich zur Nacht neigte, wurde die See im⸗ mer unruhiger, die Wolken wurden ſturmſchwanger, eſe den be⸗ zu nen eich iche die nen hin⸗ ul⸗ wie nnte rzu als ches und zim nſch, die⸗ nige idere Aber Sie rtete, itzen chiff ent⸗ Kacht im⸗ 359 die Luft war drückend heiß; die Fahrt gehörte zu den gefährlichſten und das Dampfſchiff ſtand nicht im beſten Ruf. Aber ich tröſtete mich und dachte: Wenn der Mond aufgeht! denn ich habe den einbildiſchen Glau⸗ ben, daß der Mond mein Freund ſei. Schon in mei⸗ nen Kinderjahren zog er meinen Blick an ſich, und ehe ich irgend ein anderes Wort ſagte, ehe ich Vater und Mutter ſagen konnte, ſagte ich: Mond. Meine erſten Verſe waren dem Mond gewidmet. Sie waren ſchlecht genug, aber der himmliſche Körper, den ich als glück⸗ ſelig und als Tröſter der Unglücklichen begrüßte, iſt mir gleichwohl ſtets hold geweſen, und noch nie auf meinen Seereiſen hat er ermangelt durch ſeinen Auf⸗ gang die Wolken zu zerſtreuen und unruhige Wogen und Winde zu beſchwichtigen. Ich habe deßhalb meine Seereiſen immer ſo einzurichten geſucht, daß ſie von dem Mond beſchienen werden konnten. So hatte ichs auch bei dieſer ausgerechnet, für deren Annehmlichkei⸗ ten ich mich auf Mrs. Holbrook und den Mond ver⸗ ließ. Weder die eine noch der andere täuſchte mich. Mrs. H. war als ſeekrank und im Gedränge auf dem Dampfſchiff dieſelbe liebenswürdige, vollkommene Lady, wie im Salon und in den Myrthenhainen von Belmont; und der Mond war, ſobald er über dem Meeraufſtieg, derſelbe liebenswürdige ſchützende Planet, als welcher er ſich mir ſchon früher erwieſen hatte. Die Wolken verſchwanden zwar nicht, aber ſie ſtanden gleichſam ſtill da, oder zogen ſich in pittoresken Grup⸗ pen zurück. Die Wogen wallten zwar, aber ſie waren nicht ſtürmiſch; es blitzte unaufhörlich gar hübſch in den Wolken, aber ohne Donner. Es war, als hätte das klare Angeſicht des Mondes die Wildheit der Elemente zurückgehalten. Sie wagten es vor ihm nicht loszubrechen. Ich betrachtete den Mond und erfreute mich an dem hübſchen, aufgeregten, aber nicht beun⸗ 360 ruhigenden Leben am Himmel und im Meer während der Racht. Denn ich befand mich wohl, obſchon alle anderen Paſſagiere mehr oder weniger an der See⸗ krankheit litten, und ich ging oft hinauf, um mich an dem ſchönen Schauſpiel zu weiden. Dazwiſchen hinein ſchlummerte ich, lieblich gefächelt von den Seewinden durch die offenen Fenſter her. Am folgenden Tage gingen wir ans Land und fuhren auf der Eiſenbahn durch Nordcarolina, das ſich als eine fortlaufende Strecke von Tannenwäldern mit einigen offenen Plätzen zur Anpflanzung von Baumwolle und Mais erwies— ein plattes, einför⸗ miges und armes Land, mit Ausnahme des Saftes der Tannenwälder, woher es auch ſeinen Volksnamen „alter Theer und Terpentin“(Old tar and turpen- tine) erhalten hat. Die nordweſtlichen Theile des Staates ſind bergig und haben viele Naturſchönheiten. Mrs. H. ſagte, der alte Theer und Terpentin ſei durch nichts Anderes berühmt, als durch ſeine Ehrlichkeit und ſeine einfachen Sitten. Als andere Staaten in der Union ſich weigerten, ihren Antheil an der Schuld gegen England zu bezahlen, welche ſie gemeinſchaftlich ein⸗ gegangen hatten(ein verunglücktes Anlehen), gab der „alte Theer und Terpentin“ ein Beiſpiel von Treue und Pünktlichkeit im Worthalten und bezahlte ſeinen Theil an der Schuld ohne alle Umſtände. Nordearo⸗ lina iſt, obſchon Sklavenſtaat, einer der Hauptſitze der Quäcker in America geweſen und war ſtets durch ſein patriarchaliſches Leben und ſeine patriarchaliſchen Sitten bekannt. An einigen Orten, wo wir unterwegs anhielten, war Laubwald, und dieſer war wie gewöhnlich in den ſüdlichen Staaten reich an mancherlei Baumarten. Ich zählte ihrer mehr als vierzehn in einem Walde. Mrs. H. war für mich unterwegs wie immer eine Quelle der Erquickung und des Vergnügens. Ich habe end lle ee⸗ ein den ind das ern on ör⸗ ftes nen en- des ten. chts eine ion gen ein⸗ der ee nen O⸗ ſitze uch chen ten, den ten. lde. eine abe —— 361 nie Jemand, weder Mann noch Frau, getroffen, der im Geſpräch eine ſo anregende, ich möchte faſt ſagen, ſo entwickelnde Wirkung ausübte. Wir folgen uns wie zwei Vögel, die zwiſchen Himmel und Erde, von Stern zu Stern, von Land zu Land, von Baum zu Baum, von Blume zu Blume auf⸗ und abfliegen. Ich lerne viel bei ihr. Mit ihrem Mann, dem hoch⸗ geachteten Naturforſcher Holbrook, ihrer Schweſter Miß Lucas und ihrer alten ſchönen Mutter, führt ſie ein ſchönes und reiches Familienleben. Gegen Abend dieſes Tages kamen wir an das Dörfchen Weldon auf der Gränze zwiſchen Nordearo⸗ lina und Virginien, wo der wilde ſchäumende Fluß Roanoke ſeine Wellen rollt und die beiden Staaten trennt. In der Abenddämmerung ging ich an den Fall hinab und ſah ihn ſchäumen und toſen. Die Feuer⸗ fliegen tanzten funkelnd unter den düſtern Gewölben der Bäume. Die Natur war hier romantiſch wild und ſchön, die Gegend aber ſo öde und ſtill, als wäre ſie ohne Menſchen. Wir hatten eine gute Nachtherberge, und obſchon ich von einer Migraine heimgeſucht wurde, ſo konnte ich doch zu meiner Frende am folgenden Tag die Reiſe auf einem langſamen Eiſenbahnzug fortſetzen, der uns ganz gemächlich und gemüthlich durch Virginiens Wäl⸗ der nach Virginiens Hauptſtadt Richmond führte, welche 30,000 Einwohner(die Hälfte davon farbig) zählt und eine romantiſche Lage auf den Höhen und in den Thälern am St. Jamesfluſſe hat. Und da bin ich jetzt. Von meinen Reiſegeſellſchaftern mußte ich ſchon geſtern Abend Abſchied nehmen. Sie ſetzten heute früh ihre Reiſe nach Saratoga fort, wo ſie den Brunnen trinken und baden wollen. Später im Som⸗ mer gedenke ich ebenfalls dahin zu gehen, aber nicht um den Brunnen zu trinken, ſondern um dieſe Scene des americaniſchen Geſellſchaftslebens zu ſehen, welche, wie man mir geſagt hat, die ſchlimmſte Seite deſſel⸗ ben darſtellt, die faſhionable, kalte Unſittlichkeit und Gewiſſenloſigkeit im Gallakleide. Später. Pfui über eine ſolche Predigt! Juſt eine Pre⸗ digt um, wenn ſie die einzige Quelle zur Erkenntniß Gottes wäre, die Leute zu Atheiſten oder Kohlköpfen zu machen. Mich machte ſie ungeduldig und ärger⸗ lich. Der junge Geiſtliche goß mit großer Selbſtge⸗ fälligkeit den Kelch des Zornes voll von Drohungen und Strafgerichten in ſeiner calviniſtiſchen Strafpre⸗ digt über Sünder aus, die ſich in der Kirche nicht vorfanden, wenigſtens wenn ich nach ihrem äußeren Anſehen urtheilen darf. Die Kirche war ſehr ſchwach beſucht; ein Theil des Publicums ſchlief⸗ Einige ſehr wohlgenährte und wohlgekleidete ältere Herrn, die auf einer Bauk vor mir ſaßen, zogen von Zeit zu Zeit ihre Uhr heraus, vermuthlich nur um zu ſehen, wie ſich die Stunde zur Mittagszeit verhielt, denn an das jüngſte Gericht dachten ſie offenbar nicht, obſchon der junge Geiſtliche gewaltig von ihm und von der bevor⸗ ſtehenden Strafe für die Gottloſen donnerte. Freilich hielt ſich der Strafprediger auch ſo am Abſtracten und Leeren, daß keine ſeiner Sündenbeſchreibungen die Häupter der Leute zu berühren ſchien, die auf den Bänken ſaßen. Aber ich habe auch ſchon manchen an⸗ dern Prieſter für eine Zuhörerſchaft predigen gehört, die ſich offenbar in der Kirche nicht vorfand. Ich bleibe ein paar Tage hier und will dann un⸗ ſerem Landsmann Profeſſor Scheele de Vere in Char⸗ lotteville, der Univerſität Virginiens, einen Beſu abſtatten, kehre aber hernach auf einige Zeit hieher zurück. che, ſel⸗ und Bre⸗ niß ofen ger⸗ ſtge⸗ igen pre⸗ nicht eren wach ſehr auf Zeit wie das der evor⸗ eilich und die den tan⸗ hört, n un⸗ Char⸗ eſuch hieher 363 Den 18. Juni. Ich habe geſtern und heute eine ganze Menge freundlicher Beſuche und ditto Einladungen erhalten. Unter den letzteren war auch eine Einladung auf ein Landhaus in der Nähe der Stadt, die ich für die Zeit meiner Rückkehr von Charlotteville ſogleich annahm, ſo wohl gefielen mir die Perſonen, von denen ſie aus⸗ ging, eine Mrs. van Lee(Wittwe) und ihre Tochter; ſo viel ſeelenvolle Güte und Zartheit des Gefühls ſtrahlte aus ihren ſanften Geſichtern. Die Tochter, eine anmuthsvolle, bleiche Blondine, äußerte ſich über den Zuſtand der Sklaven mit einer Theilnahme, die mich ſogleich zu ihr hinzog. Sie führte mich geſtern zu Wagen in Richmonds ſchönen Umgebungen ſpazieren. Zu ihnen gehörte der große parkartige Kirchhof mit Anhöhen und Thälern. Die ganze Gegend von Richmond bietet einen reichen Wechſel von Hügeln und Thälern, und überall iſt der St. Jamesfluß ein bedeutender und erfriſchender Zug in der Landſchaft, die er in mannigfachen Biegungen und Krümmungen durchſchneidet. Obſchon wir dem⸗ nächſt in der Mitte des Sommers ſind, war es doch ſo kalt, daß ich in dem offenen Wagen ordentlich fror, und die Luft war hart und ſcharf. Hernach fuhren wir nach einer großen Tabaks⸗ fabrik, denn ich wünſchte die Einrichtung zu ſehen, wo Virginiens Hauptproduct verarbeitet wird. Hier hörte ich die Sklaven(ungefähr hundert an der Zahl) wäh⸗ rend ihrer Arbeit in großen Sälen vierſtimmige Cho⸗ räle ſingen. Sie ſangen ſo rein und ſo vollkommen harmoniſch, daß ich kaum glauben konnte, daß ſie Au⸗ todidacten waren. Und dennoch war es ſo Gott hat dieſen armen Geſchöpfen die Gabe des Geſanges zum Troſt in ihrer Prüfungszeit verliehen. Und ihr Leben 364 in der Tabaksfabrik iſt wahrhaftig kein Leben im Lande Canaan. Ein Theil der Arbeit, z. B. das Rollen der Tabaksblätter, womit ſie gerade beſchäftigt waren, ſcheint leicht genug zu ſein; aber das Zuſammenpreſſen derſelben zu feſten Kuchen mittelſt Schraubmaſchinen, welche durch die Kraft der Hände und der Bruſt ge⸗ wendet werden, iſt ſo ſchwer, daß es nicht ſelten Bruſt⸗ krankheiten verurſacht, und die Arbeiter Geſundheit und Leben koſtet. An den Geſtank und Schmutz, der in den Tabaksfabriken immer vorherrſcht und mir mör⸗ deriſch vorkommt, kann man ſich vermuthlich gewöhnen, wenn man von Kindheit an da beſchäftigt iſt. Da die Arbeit hier in der Fabrik Abends um ſechs Uhr auf⸗ hört und die Arbeiter daun für den Reſt des Tags frei werden, ſo klang, da dieſe Stunde jetzt herannahte, der ſchöne Geſang der Sklaven:„Hallelujah! Amen!“ nicht wie eine Parodie. Aber heiter tönte er eben ſo wenig, und die Singenden ſahen nicht heiter aus. Die gute Miß van Lee vermochte ihre Thränen nicht zu⸗ rückzuhalten. Die Sklaven waren ſämmtlich Baptiſten und ſangen keine andere als geiſtliche Lieder. Die heitern, ſonnigen NRegerlieder bekommt man hier bloß in den Sklavenverkaufhäuſern oder den ſogenannten Negrojails zu hören. Hätten dieſe Sklaven nur irgend eine Zukunft, irgend Etwas, worauf ſie hoffen, wor⸗ nach ſie ſtreben, wofür ſie leben könnten, irgend eine Ausſicht.... dann würde ich ihr Lvos nicht be⸗ klagen; aber Nichts, Nichts!!! Die unendlich wenigen⸗ welche durch die Coloniſationsarbeit ihre Freiheit er⸗ langen, können im Verhältniß zu der Menge derjeni⸗ gen, die gar keine Hoffnung haben, nicht gezählt werden. Bei meinem Abſchied aus der Fabrik erhielt ich von dem Eigenthümer, einem dicken und freundlichen Herrn, rath einmal was, zum Geſchenk— einen großen Kuchen Kautabak. Das Geſchenk war ſo characteriſtiſch ſow mit aus Hei ich licht eing von nde der ren, ſſen ren, uſt⸗ heit der nör⸗ nen, die auf⸗ ags hte, n n ſo Die zu⸗ iſten bloß nten gend wor⸗ eine t be⸗ igen, er⸗ jeni⸗ zählt lt ich lichen roßen iſtiſch 365 ſowohl für die Fabrik als für Virginien, daß ich es mit beſonderem Vergnügen annahm, zumal da es von ausgeſuchter Güte ſein ſoll. Ich hielt es auf der Heimfahrt ſo lang als möglich vor meine Naſe, aber ich weiß in Schweden Munde genug, die ſeine Annehm⸗ lichkeit ſehr preiſen werden. Auf den Abend war ich zu einer großen Parthie eingeladen, bei welcher tauſend Perſonen, der Rahm von Richmonds Geſellſchaft, ſich einfinden ſollten. Er iſt der härteſte Sklavenbeſitzer in der ganzen Gegend. Man erkennt ſeine Sklaven auf der Straße ſogleich an ihrem ausgehungerten Ausſehen.“ Ja, er iſt ein böſer Mann, aber er iſt ſehr reich.“ So hörte ich einige meiner Bekannten und ſelbſt Sklavenbeſitzer geſtern Abend mit einander reden. Ich fragte:„Wer iſt ſo böſe und zugleich ſo reich?“ „Juſt dieſer Herr, zu welchem Sie auf morgen Abend zu dem großen Feſt eingeladen ſind,“ lautete die Antwort. Ich erkundigte mich bei einigen andern Perſonen noch näher nach dem Verhältniß und fand, daß die Sache allgemein bekannt war. „Und gleichwohl wird ſein Haus von der beſten Geſellſchaft der Stadt beſucht?“ ſagte ich verwundert; „und dennoch behaupten Sie, daß die öffentliche Mei⸗ nung den Sklaven ſchütze und den böſen Herrn be⸗ ſtrafe?“ „Mr. N.'s Frau und Tochter ſind ſo gut und ſo liebenswürdig! Nur ihnen zu liebe geht man mit Mr. N. um.“ Ich aber vermuthe, daß Mr. N.'s Reichthum eben ſo großen Antheil an dieſer Nachſicht hat, als die Seelengüte ſeiner Frau und Tochter. Ich dankte für die Einladung, ſagte aber ab. Wenn dieſe vielgeprieſene Gerechtigkeit der öffent⸗ lichen Meinung ſich gegen den reichen Sklavenbeſitzer ——— S 366 kehren ſoll, ſo muß irgend etwas recht Schreckliches und Augenfälliges ans Tageslicht gekommen ſein. Dieß iſt auch neulich in Virginien geſchehen. Ein reicher Plantagenbeſitzer nicht weit von hier hat vor einiger Zeit einen ſeiner Hausſklaven, einen Mann, der ſein vertranter Diener war, durch die grauſamſte Mißhand⸗ lung getödtet und zwar bloß um eines Verdachtes wil⸗ len. Die Sache war ſo abſcheulich, daß ſie allgemei⸗ nen Unwillen erregte und der Mörder vor Gericht ge⸗ zogen wurde.„Hätte Gerechtigkeit gewaltet, ſo hätte der Mann hängen müſſen,“ hörte ich gute Sklavenbe⸗ ſitzer ſagen; aber er war reich, er opferte einen beden⸗ tenden Theil ſeines Vermögens den Advocaten, und dieſe wandten und drehten die Sache und das Geſetz ſo, daß das Gericht, das erſt kürzlich ſeinen Spruch gethan hat, den Mörder bloß zu fünf Jahren Zucht⸗ haus verurtheilte. Viele aufrichtig geſinnte Menſchen hier neunen dieß eine Schande. Aber das Gewiſſen der Sklavenſtaaten iſt zum Sklaven gemacht. Zu einer gleich großen Strafe wurde neuerdings eine alte freie Negerin verurtheilt, weil ſie einer jungen Negerin zur Flucht in die freien Staaten zu verhelfen ſuchte. Der Gouverneur ſchlug ihr Guadengeſuch ab „aus Rückſicht auf die gegenwärtig obwaltende Stim⸗ mung zwiſchen den freien und den Sklavenſtaaten.“ Mammon und Menſchenfurcht! Heute habe ich auf dem Kapitol einer Sitzung des großen Convents angewohnt, der hier verſammelt iſt, um die Verfaſſung des Staats umzubilden oder vielmehr weiter auszubilden. Ich hatte da das Ver⸗ gnügen, viele wohlgebildete Köpfe und Stirnen, und männliche, kräftige Geſtalten unter den 130 hier ver⸗ ſammelten Geſetzgebern zu ſehen, und ich ſchüttelte meh⸗ reren von ihnen freundlich die Hand. Aber eine Frage wegen eines Beitrags zur Förderung des Erziehungs⸗ weſens wurde bis auf Weiteres ad acta gelegt, ohne grr beſ Ei ver ſes Oh kes ſeit rer geb tun ſeh auf Nu ſchi bür tols den nich voll täg Da Kin ſtür der wol höc ſelb ſchl fra in den ches ieß cher iger ſein nd⸗ wil⸗ mei⸗ ge⸗ ätte nbe⸗ deu⸗ und eſetz ruch cht⸗ chen iſſen ings ngen elfen ab tim⸗ 7 1. zung melt oder Ver⸗ und ver⸗ meh⸗ rage ugs⸗ ohne 367 große Aufmerkſamkeit zu erwecken. Die Verſammlung beſchäftigte ſich hauptſächlich mit Fragen, welche die Einſetzung mehrerer Richter auf dem Land wegen der vermehrten Volksmenge berührten. Die Richtung die⸗ ſes Convents war dieſelbe wie bei dem Convent in Ohio und ging darauf hinaus, in die Hände des Vol⸗ kes eine größere Macht zu legen, als vorher, durch ſeine Theilnahme an der Wahl der Richter und ande⸗ rer Beamten, die früher unmittelbar von der geſetz⸗ gebenden Gewalt des Staates eingeſetzt worden waren. Es freut mich, America in ſeiner demokratiſchen Rich⸗ tung ſeinem Grundprincip getren voranſchreiten zu ſehen. Denn wenn auch die neuen Schritte, die jetzt auf dieſem Weg gethan werden, keinen augenblicklichen Nutzen mit ſich bringen, ſo haben ſie doch einen ent⸗ ſchiedenen Nutzen für die große Volkserziehung zum bürgerlichen Bewußtſein, die hier vor ſich geht. In dem großen rotundaartigen Vorſaal des Capi⸗ tols ſteht eine Bildſäule Washingtons, ausgeführt von dem franzöſiſchen Bildhauer Houdon. Ich bin mir nicht bewußt ein älteres Kunſtwerk und eines, das auf vollkommenere Weiſe das Menſchenideal in dem All⸗ täglichen und Wirklichen darſtellt, geſehen zu haben. Das iſt der Präſident Washington mit dem ſtarken Kinn und der etwas ſteifen Geſtalt in dem alten Co⸗ ſtüm, und das iſt zugleich der Typus für den Mann der neuen Welt, mit dieſem edeln, ſelbſtbewußten und wohl gewiegten Geiſt, den die Americaner für die höchſte Vortrefflichkeit erklären, in Harmonie mit ſich ſelbſt, ſeines Wegs und ſeines Zieles ſich bewußt, ent⸗ ſchloſſen bis ans Ende auszuharren, ohne Jemand zu fragen außer dem göttlichen Rathgeber. Er hat das Schwerdt an den Pfeiler gebunden und ſteht am Pfluge, in nachdenklicher Ruhe, ohne Stolz. aber ohne Zögern, den großen, ſeelenvollen Blick auf die Zukunft gerichtet —— in Wahrheit ein herrliches Bild, eine herrliche 368 Säule, und ich freue mich ſe noch einmal zu beſuchen, wenn ich hieher zurückkomme. Aber jetzt räume ich die Stadt und reiſe nach Charlotteville. Charlotteville, den 20. Juni. In Profeſſor Scheele de Veres ſchönem Haus! Profeſſor de Vere hat ſich, ſeit er in Schweden war, ein allerliebſtes Weibchen, hübſch und gut, angeſchafft, und beide Gatten empfingen mich aufs Freundlichſte. Ich befinde mich hier in einer ſchönen Berggegend mit der Ausſicht auf die Bergkette the blue ridge(die blaue Erhöhung), welche das große Virginienthal begränzt, das zwiſchen dieſem Bergrücken und einem andern ge⸗ nannt north mountain ridge liegt, welche beide Theile der Alleghanikette ſind. Rund um die Uuiverſitätsge⸗ bäude, welche der frühere Präſident Jefferſon mit Pracht und Regelmäßigkeit aufgeführt, liegt die Gegend mit wogenden Höhen und Thalabhängen gleich einer grünen Matte, mit zierlichen Landhäuſern und kleinen Farms geſchmückt— eine ſchöne, fruchtbare Landſchaft, wo Nichts fehlt als das Waſſer. Zuvörderſt unter den hübſchen Villen liegt auf eirem hohen Hügel Jeffer⸗ ſons Sommerluſt Montitello, mit ſchönen Bäumen und einer freien Ausſicht über die Gegend und über die Univerſität, deren Stifter er war. Ich beſuchte den Platz geſtern Nachmittag mit meinen neuen Freun⸗ den. Das Haus ſtand jetzt verödet, es war ſehr ver⸗ fallen und ging offenbar ſeiner Zerſtörung entgegen. Die Einrichtung deutete auf einen Eigenthümmer, der kein fach pra Beh und eine trai giſck Nat Ext ſam. tons Jeffi beſtr Una des Fede unte befre bens Par liebl den mir, Sie amer zeiun Scha ruhig Univ einig ſon, Br hen, ach 7 aus! var, afft, hſte. mit laue inzt, ge⸗ heile sge⸗ racht mit inen ums wo den ffer⸗ imen über uchte eun⸗ ver⸗ egen. der 369 kein übermäßiger Anhänger der republicaniſchen Ein⸗ fachheit war. Ein Salon mit Moſaikboden war ſehr prachtvoll. Aber überall vermißte ich das Anſehen der Behaglichkeit, einer angenehmen, freundlichen Heimath. Jefferſon war ein Freund von Thomas Payne und gleich ihm Atheiſt, und ſeine Sitten verriethen einen Mann von minder ſtrenger Moral. Seine Por⸗ traits und Büſten, zeigen eine Phyſiognomie von ener⸗ giſchem aber unruhigem Leben; man ſieht eine kämpfende Natur, hartnäckig und durch Widerſpruch leicht zu Ertremen geneigt, im Uebrigen thätig, heiter, mittheil⸗ ſam. Die Stirne iſt mehr breit als hoch. Washing⸗ tons edles Weſen und ſeine Ruhe wird vermißt. Jefferſon liebte ſein Volk und brachte deſſen Freiheits⸗ beſtrebungen zum Ausbruch in dem großen Act der Unabhängigkeitserklärung, die noch mehr ein Product— des Zeit⸗ und Volksgeiſtes als ſeiner Stirne und ſeiner Feder war. Von Monticello aus ſah ich die Sonne ſchön untergehen, nachdem ſie ſich aus verdüſternden Wolken befreit hatte; ein Sonnenuntergang, der mehr dem Le⸗ bensathem Washingtons als Jefferſons glich. Im Park umherwandelnd labte ich mich an dem unendlich lieblichen Wohlgeruch, welcher die Luft erfüllte, und den ich in America oft gefunden habe. Man ſagte mir, er komme von den Blüthen der wilden Weinranke. Sie wächst hier üppig wie in allen Staaten Nord⸗ americas. Nirgends ſo wie hier ſcheint die Prophe⸗ zeiung in Erfüllung zu gehen, daß Jedermann im Schatten ſeines eigenen Weinſtocks und Feigenbaums ruhig ſitzen und Niemand ihn verhindern werde. Später am Abend ſah ich einen großen Theil der Univerſitätslehrer und ihrer Frauen, unter welchen einige recht hübſche waren. Der Präſident M. Harri⸗ ſon, ein Mann mit ſchönen, tiefen Augen und einem Bremer, die Heimath in der neuen Welt. MI. 24 370 ſtillen gemüthlichen Weſen, gewann meine Neigung ganz beſonders. Die Univerſität wird wegen der gründ⸗ lichen Gelehrſamkeit, die hier zu Hauſe iſt, ſowie wegen der ſtrengen Forderungen, die man an die Studirenden macht, gerühmt. Der Jüngling, der auf dieſer Uni⸗ verſität das Diplom erhalten hat, kann mit Sicherheit auf eine gute Anſtellung und ein Amt rechnen, ſobald er abgeht. Es iſt auch eine beſondere Einrichtung da, welche armen Jünglingen mit guten Anlagen und Luſt zum Studiren Gelegenheit gewährt ſich koſtenfrei auf der Univerſität aufzuhalten. Als Jefferſon die Akademie gründete, verwies er Kirche und Prieſter daraus. Sie bekamen keinen Raum an ſeinem Gelehrſamkeitsſitz. Aber ſo klar iſt bei die⸗ ſem Volk die Einſicht, daß das Staatsleben des kirch⸗ lichen Lebens und des Prieſters in der Gemeinde be⸗ darf, daß bald nach Jefferſons Tod in einem der Univerſitätsgebäude ein Saal zur Kirche eingerichtet wurde, und die Vorſteher der Univerſität übereinkamen Prieſter verſchiedener kirchlichen Confeſſionen zu berufen, um abwechſelnd den Dienſt zu verſehen, ſo daß die vornehmſten kirchlichen Secten in den Vereinigten Staaten, Episcopalen, Calviniſten, Methodiſten u. ſ. w. hier vertreten waren, daß Niemand über illiberale Ausſchließung klagen konnte, und die ſtudirende Jugend Gelegenheit erhielt Lehren aller Art zu vernehmen. Die akademiſche Dienſtzeit für jeden auf ſolche Art be⸗ rufenen Prieſter iſt auf zwei Jahre feſtgeſetzt. Der gegenwärtig hier angeſtellte Prediger gehört der epis⸗ copalen Kirche an. Dieſe gute Anordnung iſt von den ſtudirenden Jünglingen ſo aufgenommen worden, daß ſie, obſchon ihre Theilnahme am Gottesdienſt ſowie ihre Beiträge für den geiſtlichen Lehrer lediglich ihrem eigenen Gutdünken anheimgeſtellt ſind, den erſteren ſeiten, ſelbſt bei den Morgen⸗ und Abendgebeten nicht, verſäumen und ſich den letzteren nicht entziehen. und die Mo ſpen vert Ein Blü hier Aus thal wün Viel wär die die Umſ Pro Rat! ab, alten Ber⸗ es ſt gleic Verr Wag miet! allei Zwe ſamk über ung ünd⸗ egen nden Uni⸗ rheit bald da, Luſt auf er aum die⸗ kirch⸗ e be⸗ der ichtet amen ufen, die igten ſ. w. erale gend men. rt ebe⸗ Der epis⸗ nden „daß ſowie ihrem ſteren nicht, 371 Der an die Kirche überlaſſene Saal iſt höchſt einfach und liegt niedrig, gleich als trüge er Scheu ſich über die Erde zu erheben, um nicht von dem Geiſt von Monticello bemerkt zu werden. Er ſcheint noch ge⸗ ſpenſterſcheu zu ſein. Ich gedenke über den großen Examens⸗ und Preis⸗ vertheilungstag in Charlotteville zu bleiben, um noch Einiges mehr von Virginiens jungen Söhnen und die Blüthe ſeiner Schönheiten zu ſehen, die auf dieſes Feſt hier erwartet werden. Inzwiſchen beabſichtige ich einen Ausflug über die blauen Berge und in das Virginia⸗ thal hinein, wo ich eine berühmte Grotte zu ſehen wünſche, die nach ihrem Entdecker Weihers Cave heißt. Vielleicht dehne ich meinen Ausflug noch weiter weſt⸗ wärts nach den Berggegenden Virginiens aus, um da die natürliche Brücke und andere Naturwunder zu ſehen, die ſehr gerühmt werden. Es kommt da auf Zeit und Umſtände an. Mein gefälliger Wirth und Landsmann, Profeſſor de Vere, iſt mir ein guter Freund und Rathgeber. Heute Nachmittag reiſe ich in der Diligence ab, begleitet von einem prächtigen gelehrten und guten alten Herrn. Charlotteville, den 26. Juni. Ich komme juſt von meinem Ausflug auf die blauen Berge zurück, aber nicht in der Diligence. Dort war es ſo eng und heiß, daß ich kaum hineingekommen ſo⸗ gleich wieder herauseilte, ſie fahren ließ, und durch Vermittlung meines freundlichen Wirthes einen eigenen Wagen mit zwei Pferden und einem Neger als Kutſcher miethete. Und jetzt, mein Herzchen, ſiehſt du mich ganz allein da ſitzen, frei und leicht wie ein Vogel auf dem Zweig, und ganz glücklich darüber, daß ich ſo in Ein⸗ ſamkeit und Freiheit die großartige romantiſche Gegend überſchauen darf. Und mein Neger Davis iſt der 372 gutmüthigſte Neger von der Welt, er fährt ſicher, kennt alle Plätze, iſt um die Pferde und um mich be⸗ ſorgt. An dieſem Tage kamen wir nicht weiter als bis an den Fuß der„blauen Höhe,“ wo wir eine Nachther⸗ berge nahmen. Am folgenden Morgen, am 24. wanderte ich im Sonnenaufgang über die blauen Berge hin und zwar meiſtens zu Fuß, um das herrliche Schauſpiel des Sonnenaufgangs über die Thäler von Oſt⸗ und Weſt⸗ virginien auf beiden Seiten des Blue Mountain ridse (blauen Bergrückens) zu genießen. Es war ein ſchöner, flarer, aber kalter Morgen in der friſchen Bergluft. Der Weg war gut und reiche Maſſen von ſchönem Laubwald begleiteten ihn den Berg hinan. Mein be⸗ ſcheidener Neger folgte mir zu Fuß, bezeichnete mir Albemarle und Nelſon County, und erlabte ſich mit unverkennbarem Vergnügen an den großen ſchönen Aus⸗ ſichten, woran bloß Waſſergänge mangelten. Auf der Höhe des blauen Bergrückens angelangt, fah ich gerade gegenüber einen andern gleich hohen blanen Bergrücken ganz von derſelben Lage. Es war der nördliche Berg⸗ rücken. Zwiſchen dieſen beiden Bergrücken ſtreckte ſic das Virginienthal in Oſten und Weſten hin, eine große fruchtbare Landſchaft, mit wohlbeſtellten kleinen Höfen, Aeckern und Waideplätzen— ein ſtille blühendes, au⸗ gebautes Land, deſſen freundliche Häuſer den Eindruc machen, als müſſe aus ihnen ganz natürlich ein Vater⸗ unſer emporſteigen; denn Alles iſt idylliſch, hübſch und friedlich, kein ſtolzer Herrenhof, keine arme Hütte, alle Looſe ſcheinen gleich gut, und nur die Kirchen, die Gotteshäuſer ragen ein wenig hervor in den Gemeinden. Wir fuhren ins Thal hinab und um die Mittags⸗ zeit kam ich zu der berühmten Grotte, die in einem Berg am Ufer des muntern Flüßchens Shenandvah liegt. Daneben iſt ein Gaſthof für Reiſende, und ein dicker freundlicher Wirth begleitet ſie beim Beſuch in der( Grot Davi dort Berg ſchwe da fü Berg nahn bedei Die ich it wiſſe ter il pfeife ſchäu Schi in de wenn einen Gew ſen gleic wänd von den l dem Thür hier ganze ein 7 Lichtn große tiefen in de cher, be⸗ bis ther⸗ h im zwar des Weſt⸗ ridge öner, gluft. önem n be⸗ mir h mit Aus⸗ f der erade rücken Berg⸗ te ſich große Höfen, z„ au⸗ ndruck bu un 3 alle die inden. ittags⸗ einem ndvah nd ein 373 der Grotte. Ich war jetzt allein da und konnte die Grotte ganz Slein für mich haben; der Wirth und Davis folgten mir mit Fackeln und zündeten da und dort in der Grotte Lichter an. Man kommt durch eine ganz kleine Thüre oben im Berge hinein, und einige Gänge ſind ſchmal und be⸗ ſchwerlich genug, daß man hindurchkriechen muß, aber dafür wird man auch durch den Anblick prächtiger Bergſäle und überraſchender Figuren belohnt. Es nahm uns ungefähr zwei Stunden weg, um in den bedentendſten Theilen der Grotte herumzukommen. Die Stalactitbildungen waren denjenigen ähnlich, die ich in den Grotten auf Cuba geſehen hatte, aber ge⸗ wiſſe beſtimmte Formen kehrten hier öfter zurück. Un⸗ ter ihnen waren beſonders die geriefelte Säule, Orgel⸗ pfeifen, Thürme, Waſſerfälle wie von gefrornen ſchäumenden Waſſern, aus den Mauern hervorſtehende Schilde nebſt Spießen, ungeheure Draperien, die oft in den weichſten plaſtiſchſten Falten herabhingen;— wenn man mit dem Stock darauf ſchlug, ſo gaben ſie einen ſtarken klangvollen Ton, der in den unterirdiſchen Gewölben wiederhallte;— ferner Alcoven und in die⸗ ſen vereinzelt ſtehende Bilder, die Menſchenlarven gleichen. Zwiſchen dieſen Geſtalten iſt an den Berg⸗ wänden entlang ein Gewimmel phantaſtiſcher Formen, von Thieren, Blumen, Flügeln, die ſich von den Wän⸗ den losmachen zu wollen ſcheinen, Städten, die aus dem Boden heraufdringen, mit Straßen, Märkten und Thürmen, kurz Alles, was eine gute Einbildungskraft hier ſehen will. Es iſt eine geheime Kirche, wo die ganze Naturwelt in ſteinernen Larven Ubrzebilde iſt, ein dunkler Traum des Bergkönigs vom Leben der Lichtwelt; denn auch Sonne und Mond ſind hier in großen, runden, weißen Scheiben vorgeſtellt, die aus tiefen Gewölben hervorſcheinen. Da ſind große Säle, in deren Mitte zwei bis drei einſame Steinbilder im⸗ 374 mer mit dem Schatten von Menſchen ſtehen. Man ſieht den Helden bereit ſein Schwerdt zu ziehen; da iſt der Philoſoph in ſeine Betrachtungen verſunkenz da iſt ein Weib mit einem Kind in ſeinen Windeln; im Gan⸗ zen iſt es eine unheimliche Welt, in welcher das Leben mitten unter ſeinen Ahnungen erſtarrt iſt. Eine kleine klare Quelle, deren muſicaliſch tropfender Fall weithin gehört wurde, bot einen kalten Labetrank an und war das Einzige, was hier Leben verkündete. Es war ſo kalt in der unterirdiſchen Welt, und ich befand mich ſo wohl körperlich als geiſtig ſo unwohl, daß ich froh war hinauszukommen und wieder Gottes warme Luft und Sonnenlicht zu trinken. Es war ein unendlich ſchöner Abend und die Ge⸗ gend glich der ſchönſten Idylle. Ich erfreute mich daran unter einſamen Wanderungen an dem munter brauſen⸗ den und tanzenden Flüßchen Shenandoah hin und oben unter den duftenden Feldern, wo das Heu umgemäht lag und wo man vor Kurzem die Weizenernte begon⸗ nen hatte. Die goldenen Aehren fielen vor großen Senſen, die mit einer hölzernen Vorrichtung verſehen waren, welche das Korn büſchelweiſe auf die Seite warf. Es ſah ſchwerfällig aus, ging aber ganz gut von Statten. Nur Männer, keine Weiber waren auf den Feldern ſichtbar. Die Männer verrichten hier zu Lande alle Geſchäfte außer dem Hauſe und melken auch die Kühe. Die Weiber bleiben im Hanſe, die weißen nemlich; die ſchwarzen werden nicht als Angehörige des ſchwächeren Geſchlechts betrachtet. Als ich in meine Rachtherberge zurückkam, ſaß ein ſchöner alter Mann auf dem Gras unter den Bäumen am Hauſe und las in einem dicken Buch. Später ließ ich mich in ein Geſpräch mit dem Manne ein, und bat ihn mir das Buch zu zeigen. Es war von der Sekte der Vereinigten Brüder herausgegeben und ſtellte ihre Lehre in Worten und Kupferſtichen dar. Dieſe ſchien mir gun in d der das Geb die fer ſem aus ligit Bezi Bru keit eine 200 die Ein Sü ſetze zwei die erm der, mah lein ſtelle Dur und wen Flü ſenke habe die Nan iſt iſt an⸗ ben eine thin war r ſo h ſo froh Luft Ge⸗ ran ſen⸗ oben näht gon⸗ oßen ehen Seite gut auf rzu auch ißen örige ß ein umen ließ d bat Sekte ihre 375 mir eigentlich in einer mehr buchſtäblichen Befol⸗ gung der Gebräuche der erſten Chriſten zu beſtehen, als in der Regel üblich iſt. So ſind unter den Mitgliedern der Sekte die Fußwaſchung als religiöſe Ceremonie, das Küſſen, wenn ſie einander begegnen, und ähnliche Gebräuche aus früheren Zeiten üblich. Dieſe Sekte, die auch Dunkers genannt wird, ein Wort, das Täu⸗ fer oder Taucher bedeuten ſoll, iſt zahlreich in die⸗ ſem Theil des Virginienthales; ſie ſoll urſprünglich aus Holland ſtammen und zeichnet ſich durch ihre re⸗ ligiöſe Beſchränktheit und ihren Stillſtand in dieſer Beziehung, im Uebrigen aber durch große Eintracht, Bruderliebe unter einander und bedeutende Betriebſam⸗ keit aus. Vor zwei Wochen ſah man an der Weihersgrotte eine berathende Verſammlung von Dunkers, in welcher 200 Männer mit langen Bärten und langen Haaren die wichtigſten Angelegenheiten der Sekte verhandelten. Eine der Hauptfragen, welche vorkamen, war, ob es Sünde ſei oder nicht Blitzableiter auf ſeine Hänſer zu ſetzen. Der Beſchluß, zu welchem die Verſammlung nach zweitägiger Erörterung kam, ging dahin, daß die Brüder, die bereits Blitzableiter auf ihren Häuſern hätten, nicht ermahnt werden ſollten ſie wegzunehmen, aber die Brü⸗ der, die noch keine angebracht hätten, ſollten ſtark er⸗ mahnt werden dieß zu unterlaſſen und dem Herrn al⸗ lein mit Zuverſicht den Schutz ihrer Häuſer anheimzu⸗ ſtellen. In Folge dieſes Stillſtandsprincips laſſen die Dunkers Haar und Bart in ſchönſter Ruhe wachſen, und würden, wenn ſie recht conſequent wären, auch ihre Nägel nicht ſchneiden; ſie machen aber Ausnahmen, wenn ſie es ſür gut finden. Sie taufen einander in Flüſſen, indem ſie den ganzen Körper ins Waſſer hinab⸗ ſenken— daher wahrſcheinlich auch ihr Name—; ſie haben Verſammlungshäuſer und Verſammluugen wie die Quäcker, in denen bald geſprochen wird, bald allge⸗ —— — —— 2 — 376 meine Stille ſtattſindet und überdieß noch die Fußwa⸗ ſchung. Sie treiben den Ackerbau, haben dabei ihr gauz gutes Auskommen, ſind mittheilſam gegen einan⸗ der, aber etwas hochmüthig und herb gegen diejenigen, die ſie Weltkinder nennen. Während die Dunkers auf dieſe Art feſtgewachſen am Buchſtaben und an der Erde im Virginienthal ſtill⸗ ſtehen, bildet ſich im weſtlichſten Theil Virginiens eine große Colonie unter dem Namen Egalitarier, die unter der Leitung franzöſiſcher Coloniſten bedeutende Ländereien gekauft haben, um allda einen Staat zu gründen⸗ deſ⸗ ſen Richtung von der Dunker'ſchen weſentlich verſchie⸗ den iſt. Glückliches Land, wo Alles verſucht werden kann, wo jede Richtung des menſchlichen Gemüths ih⸗ ren Wirkungskreis und ihren Platz erhält zum Nutzen der vielſeitigen Entwicklung des Menſchengeiſtes und ohne Schaden für irgend Jemand. Als ich am nächſten Morgen von der Weihers⸗ grotte wegreißte, beſuchte ich eine Farm, die einer Dun⸗ kerfamilie gehörte. Sie lag nicht weit von der Land⸗ ſtraße und ſchien mir das Ideal eines kleinen Bauern⸗ hofes zu ſein, ſo nett und anſprechend, ſo hübſch ge— baut und ſo gut gehalten mit ihrem Garten und ihren Obſtbäumen. Der langbärtige Mann war außen auf dem Felde, aber die Frau, eine derbe Alte in quäcker⸗ ähnlichem Aufzug, war daheim und betrachtete mich mit ſchiefen argwöhniſchen Blicken. Sie hatte einen ſtark holländiſchen Accent, war nicht leicht ins Geſpräch zu bringen, und nachdem ich das erbetene Glas Waſſer be⸗ kommen und mich ein wenig ſowohl in als außer dem Hauſe umgeſehen hatte, ſetzte ich meine Reiſe an dem ſchönen Morgen zwiſchen den beiden Bergrücken zu mei⸗ ner Rechten und Linken nach dem Städtchen Staunton fort. Hier dinirte ich en famille bei einem Advocaten, Mr. Baldwin, deſſen Unterhaltung mich intereſſirte. In Staunton ſind einige ſchöne allgemeine Anſtalten, wor⸗ wa⸗ ihr lan⸗ gen, hſen till⸗ eine der eien deſ⸗ hie⸗ rden ih⸗ tzen und ers⸗ un⸗ and⸗ ern⸗ ge⸗ hren auf cker⸗ mit ſtark h zu be⸗ dem dem mei⸗ nton ten, c. In 377 unter ein großes Irrenhaus, das nach denſelben Grund⸗ ſätzen wie Blumenthal und das Irrenhaus von Phila⸗ delphia eingerichtet iſt und dieſelben erfreulichen Reſul⸗ tate liefert. Die Heilung iſt Regel, wenn die Geiſtes⸗ kranken im Anfang ihrer Krankheit hingebracht werden; Unheilbarkeit iſt Ausnahme. Man bat mich wohlwollend in Staunton zu blei⸗ ben; aber ich wünſche meine Rückreiſe fortzuſetzen und bei Sonnenuntergang beſinde ich mich wieder auf der Höhe der blauen Berge mit den ſtillen Thälern im Oſten und Weſten unter meinen Füßen, mit weißen kleinen Gehöften zwiſchen den goldenen Ackerfeldern— dem Anſehen nach Wohnſtätten des Friedens, allein der Kampf um Mein nnd Dein wird auch dort mit⸗ unter ſehr heftig behandelt und verurſacht viele Spal⸗ tungen. In der Dämmerung kehrte ich am Fuße des Berges in einem ſchönen und freundlichen Hauſe ein, wo Alles ſo gut und die Luft ſo friſch war, daß ich in Verſuchung gerieth dazubleiben. Aber Davis und ſeine Pferde waren mir eine theure Zugabe; deßhalb fuhr ich weiter nach Charlotteville und hatte eine ſchöne Reiſe dahin durch die fruchtbare Gegend. Ich verweile jetzt ruhig über die Examenstage hier, reiſe dann nach Richmond zurück und will nach mehr⸗ tägigem Aufenthalt daſelbſt Harpers ferry beſuchen, wie man ſagt, eine der ſchönſten und romantiſchſten Gegen⸗ den Virginiens bei der Vereinigung des Potvmak und des Shenandoah, des muntern Flüßchens, das an der Weihersgrotte vorbeitanzt, gelegen.— Ich will mich fertig halten zu Ende Auguſts America zu verlaſſen, und deßhalb muß ich meinen Wunſch noch mehr von den Gebirgsgegenden Virginiens zu ſehen aufgeben. Ohnehin hat Virginien keine Gebirgsgegenden, die ſich an Größe mit den weißen Bergen vergleichen ließen, und dieſe will ich noch beſuchen. Während ich in dieſem ſchönen und friedlichen 378 Hauſe verweile, wo zwei gute junge Eheleute einander glücklich machen und ihren Genuß darin finden die Freuden des Lebens mit einem Kreis von Freunden zu theilen, leſe ich Virginiens älteſte Geſchichte und male Bilder aus derſelben. Virginiens erſte bekannte Geſchichte zeichnet ſich durch eine romantiſche Cpiſode aus, die ſo hübſch und ſo rührend iſt, daß ich ſie hier für Dich niederſchreiben muß, wie ich das Portrait ih⸗ rer Heldin, der jungen Indianerin Matvaka oder Po⸗ cahuntas für Dich gezeichnet habe. Als Nordamericas öſtliche Küſtenländer zum erſten Mal von engliſchen Seefahrern unter der Regierung der Königin Eliſabeth unterſucht wurden, machten dieſe ſo bezaubernde Schilderungen von ihrer Schönheit und Fruchtbarkeit, daß Eliſabeth das neue Land dadurch näher mit ſich verbinden wollte, daß ſie ihm den Na⸗ men gab, den ſie ſelbſt zu führen liebte, nemlich Vir⸗ ginia. Virginien wurde der ſymboliſche Name für die neue jungfräuliche Erde und England kannte ſie Anfangs bloß unter dieſem Namen. Auch die Pilger von Ley⸗ den glaubten, als ſie von Wind und Wellen an den Strand von Maſſachuſſets getragen wurden, nach den nördlichen Theilen Virginiens zu fahren, wo ſie ihre Colonie gründen wollten. Vor ihnen waren engliſche Abenteurer aus den ſüdlichen Theilen Virginiens im Land eingedruugen, um Gold zu ſuchen. Die meiſten von ihnen waren in Folge von Ausſchweifungen und climatiſchen Krankhei⸗ ten elend zu Grunde gegangen. Der ehrgeizige und kühne Abenteurer John Smith, der ebenſo viel Klug⸗ heit als Muth beſaß, brachte es durch ſeinen perſönli⸗ chen Einfluß dahin, daß er einer kleinen Colonie, die ſich am St. Jamesfluß niedergelaſſen und daſelbſt eine Stadt mit Namen Jamestown gegründet hatte, einigen Beſtand geben konnte. Da wo jetzt Richmond ſteht und etwas über dem Fall des Fluſſes hatte um dieſe e 8c He — — — er ie n id te de er h⸗ en ie en en en, in ei⸗ nd li⸗ ie ne en ht eſe 379 Zeit der mächtige Indianerhäuptling Powhatan, der auch Kaiſer genannt wurde, ſeine Reſidenz, und ihm gehorchte eine Menge kleinerer Indianerſtämme, die ringsum in der Gegend gelagert waren, wo ſie Acker⸗ bau trieben. Als John Smith weiter über den St⸗ Jamesfluß hinauf zu dringen verſuchte, kamen er und ſeine Leute mit den Indianern ins Handgemenge. Seine Begleiter wurden maſſacrirt, er ſelbſt gerieth in Gefangenſchaft. Er war ſchon früher Gefangener ge⸗ weſen und als Sklave in die Türkei verkauft worden, und unter manigfaltigen Abenteuern, die ihn ſein raſt⸗ loſer Geiſt in Europa. Aſien und Africa zu ſuchen ge⸗ drängt hatte, war er mit der Gefahr wohl bekannt ge⸗ worden und zeigte ſich unverzagt in jeder Lage, in die er kommen mochte. Mitten unter den Indianern, deren Haß und Grauſamkeit er wohl kannte, ſtand er ruhig da und feſſelte ihr Intereſſe dadurch, daß er ihnen einen Compaß zeigte und verſchiedene Proben ſeiner Gelehrſamkeit und Kunſt zum Beſten gab. Dieß er⸗ weckte Staunen und Bewunderung. Er wurde als ein Wunderthier und Zauberer von einem Stamm zum an⸗ dern umhergeführt und endlich vor den Kaiſer Pow⸗ hatan gebracht, der über ſein Schickſal beſtimmen ſollte. Während Powhatan mit ſeinen Häuptlingen über den Fremdling und die Behandlung, die ihm zu Theil wer⸗ den ſollte, berathſchlagte, brachte er ſeine Zeit damit zu, daß er Streitäxte für den Kaiſer und ein Perlen⸗ halshand für ſeine kleine Tochter, die Prinzeſſin Po⸗ cahuntas machte, ein Mädchen von 10 oder 12 Jahren, das durch die Schönheit und den Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtes alle jungen Indianerinnen weit überragte und wegen ihres Geiſtes und Verſtandes unter dem Volke nonpareille(ohne Gleichen) genannt wurde. Der Kai⸗ ſer und ſeine Häuptlinge verurtheilten Smith zum Tode. Er ſollte öffentlich den Göttern des Volkes geopfert und ſein Kopf mit Keulenſchlägen zerſchmettert werden. —— ——— 380 Man bereitete ſich dazu als zu einem hohen Feſte vor. Feuer waren vor den Götzenbildern angezündet. Pow⸗ hatan ſaß auf ſeinem Ehrenſitz, rund um ihn her ſtan⸗ den ſeine Krieger. Smith wurde vorgeführt und auf die Erde gelegt. Sein Kopf wurde an einen Stein gelegt und die Streitkeulen über demſelben geſchwun⸗ gen. Auf einmal ſprang des Kaiſers Töchterlein Po⸗ cahuntas vor, warf ihre Arme um Smibe Hals und legte ihren Kopf auf den ſeinigen. Die Keulen, die ſeinen Kopf zerſchmettern ſollten, mußten zuerſt den ihrigen zerſchmettern. Vergebens waren Drohungen, Bitten und Vorſtellungen. Das Kind blieb hartnäckig dabei das Opfer mit ſeinen ſchützenden Armen zu um⸗ geben und hielt feſt ſeinen Hals umſchlungen. Dieß rührte endlich die Herzen Powhatans und ſeiner wil⸗ den Krieger. Smith wurde der kleinen Prinzeſſin zu liebe begnadigt, und ſtatt ihn als Feind zu behandeln, ſchloßen die Häuptlinge einen Bund mit ihm und lie⸗ ßen ihn zu ſeinem Volke gehen. Das Verhältniß zwiſchen dieſem und den India⸗ nern blieb indeſſen fortwährend ein mißtrauiſches und feindſeliges, und die Indianer ſpähten fortwährend nach Gelegenheiten die Engländer zu überfallen. Aber Pocahuntas blieb beharrlich ihr guter Engel. Ein⸗ mal als ſie in großer Noth waren, kam das Mädchen mit Korn und Speiſewaaren zu ihnen; ein andermal kam ſie allein durch den Wald mitten in der Nacht, blaß und die Haare im Winde flatternd, in ihr Lager, um ſie vor einem nahen Ueberfall zu warnen. Ihre Schönheit und Lieblichkeit führte einige Jahre ſpäter einen gemeinen alten Abenteurer in Verſuchung mit Hülfe einer Schaar gleich gewiſſenloſer Geſellen ſie ihrem Vater zu rauben. Aber ein edler und enthu⸗ fiaſtiſcher junger Mann im engliſchen Lager, Namens Rolfe, wurde ihr Beſchützer. Er meinte beſtändig, ja ſogar im Schlaf eine Stimme zu hören, die ihm ————————— r——————. ——- 1—————————„— — — NN—* v X6 v— — — 381 gebot, daß er das indianiſche Mädchen zu Chriſto be⸗ kehren und dann zur Frau nehmen ſolle. Und wenn der h. Geiſt ihn im Tone des Vorwurfs fragte, wo⸗ für er lebe, ſo lautete ſeine Antwort:„Um die Blin⸗ den auf den rechten Weg zu leiten.“ Er bekämpfte lange ſein Gefühl für die junge heidniſche Prinzeſſin als eine gefährliche Verſuchung, gab aber doch endlich der mahnenden Stimme nach. Er gewann ihr Ver⸗ trauen und wurde ihr Lehrer. Sie lauſchte willig dem Geliebten und Lehrer und wurde einige Zeit nachher öffentlich getauft in dem Kirchlein von Jamestown, deſſen Gewölbe getragen wurde von den ungehobelten Fichtenſtämmen aus ihres Vaters Wäldern, und wo auch der Taufſtein aus einem ausgehöhlten Fichten⸗ ſtamme beſtand. Bald darauf ließ ſich Rolfe ebenfalls dort mit Pocahuntas trauen und ſprach ihr am Altar den engliſchen Trauungseid vor. Dieß geſchah, ſagt man, mit Einwilligung ihres Vaters und ihrer Angehörigen, und ihr Oheim, der Indiauerhäuptling Opachisco führte ſie ſelbſt zum Al⸗ tar. Die Verbindung fand auch engliſcher Seits all⸗ gemeinen Beifall, und Rolfe ſegelte im Jahr 1616 nach England mit ſeiner indianiſchen Gemahlin, die unter dem Namen Lady Rebecca bei Hof vorgeſtellt wurde und durch ihre Schönheit, ſowie ihre kindliche Naive⸗ tät allgemeines Entzücken hervorrief. Als Gattin und Mutter eines Sohnes war ſie vortrefflich, ſagt die Chronik von ihr; aber die jungen Gatten ſollten ihr Glück nicht lange genießen. Das Clima Europa's wurde für die Americanerin gefährlich und ſie ſtarb mit 22 Jahren in England. Ihr Sohn wurde in Virginien Stammvater mehrerer Geſchlechter, die noch jetzt ſtolz darauf ſind ihre Ahnen von der Indianerin Pocahuntas herzuzählen. Und ich wundere mich nicht darüber. Ihr Gedächtniß ſteht in ſeltener Schönheit und reinem Glanze da. Das Volk, das eine ſolche 382 Tochter hervorgebracht, hätte von dem Volk, dem ſie ihren Schutz verlieh, eine beſſere Behandlung verdient, als ihm ſpäter zu Theil wurde. Das Portrait der Pocahuntas, das ich copirt habe, zeigt ſie in der Tracht vornehmer Engländerin⸗ nen zu den Zeiten Eliſabeths; aber die indianiſchen ſtarren Haarflechten hängen unter dem Hut an den Wangen hinab und verrathen ihren Stamm. Das Geſicht hat einen rührenden Ausdruck von kindlicher Güte und Unſchuld; des Auges melancholiſche Anmuth und die Bildung des Geſichtes erinnern mich an das Federwolkenweib in Minneſota. Das Portrait iſt im Jahr 1616 genommen, als ſie 21 Jahre alt war, und trägt die Inſchrift: Matoaka Rebecca, Filia Potentiss. Princ. Powbhatan Imp. Virginiae. Smiths Portrait, das ich auch abgezeichnet habe, zeigt einen entſchloſſenen, aber unſchönen und ſehr bärti⸗ gen Krieger. Seine Geſchichte, auch in Virginien, iſt eine Reihenfolge von Kämpfen, kühnen Handlungen und unglücklichen Ereigniſſen, bei denen er zuletzt unter⸗ ging, ohne daß ſein raſtloſes Kämpferleben eine ſchö⸗ nere Erinnerung hinterließ als diejenige, die ihm durch die kindliche Zärtlichkeit des Indianermädchens zu Theil wurde. Was ſein ſtarker Arm nicht zu gewinnen ver⸗ mochte, das gewannen für den ehrgeizigen Mann zwei zarte Kindesarme, die ſich um ſeinen Hals ſchlangen. Meine Vormittage habe ich wie gewöhnlich für mich ſelbſt; die Nachmittage ſind der Geſellſchaft, Pro⸗ menaden u. ſ. w. gewidmet. Ich habe einige der klei⸗ nen Farms in der Nähe, die von freien Negern ver⸗ ie , rt * en en 18 er th 8 d 8. e, ti⸗ ne nd eil r⸗ ei o⸗ ei⸗ er⸗ 383 waltet werden, beſucht und ſie ebenſo ſauber und freundlich gefunden, wie diejenigen, die den weißen Ackerbauern gehören. Ich bin auch bei den Eltern meiner lieben Wir⸗ thin geweſen, einer Pflanzerfamilie nicht weit von hier, der Claſſe der guten Sklavenbeſitzer angehörig, nicht reich genug, um ihre Sklaven zu emancipiren, aber zu gut, um ſie nicht wohl zu verſorgen und glücklich zu machen. Sie gehören zu den Vielen in dieſen mitt⸗ leren Sklavenſtaaten, welche die Sklaverei ſo gerne auf⸗ gehoben ſehen und weiße Arbeiter ſtatt der ſchwarzen haben möchten, um ihren Mais und ihre Tabacksfelder zu bebauen. In der Dämmerung ſitze ich gern auf der Piazza unter den ſchönen Bäumen mit meiner lieben Wirthin und verlocke ſie mir von ihrem reichen Leben im elterlichen Hauſe, von ihrer erſten Bekanntſchaft mit ihrem jetzi⸗ gen Mann, von der Freiwerbung und was dazu ge⸗ hört, von ihrer Glückſeligkeit als Gattin und Tochter zu erzählen— einen kleinen Roman, ſo rein und lieb⸗ lich wie die Luft und die Blumendüfte, die uns in der ſtillen Abendſtunde umgeben, während die Feuer⸗ fliegen in den dunkeln Schatten des Baumes umhertan⸗ zen. Die Liebe zu ihrem Vater war ihre erſte Liebe; die Liebe zu ihrem guten Manne iſt ihre zweite; und die dritte, zu dem Kind, das ſie erwartet, erwacht jetzt, jedoch mit Angſt und Zittern in ihrer jungen Bruſt. An den Abenden ſehe ich Geſellſchaft zu Hauſe oder bin fort bei den Profeſſoren. Die guten Herrn haben jetzt viel mit dem Examen und der Ausfertigung von Zeugniſſen und Diplomen zu thun. Ein paar junge Studenten werden Abſchiedsreden an den akade⸗ miſchen Senat halten, bevor ſie dieſe Univerſität ver⸗ laſſen, wo ſie jetzt ihre Studien mit Ehren vollendet haben, und ich bin eingeladen ſie zu hören. ——— 384 Den 28. Juni. Eine von ihnen hörte ich geſtern Abend, und iſt die andere, die ich heute Abend hören ſoll, von demſelben Schrot und Korn, wie ich vermuthe, ſo verſpreche ich mir wenig Freude davon. Es iſt merkwürdig, wie lähmend das Sklavereiinſtitut auf die Jngend und auf gewöhnliche Intelligenzen wirkt, und der junge Redner von geſtern Abend gehörte zu dieſen letztern. Er war ein Jüngling mit feinen Zügen, von einem gewiſſen ariſtokratiſchen Ausdruck, aber ohne eigentlichen Adel darin. Man rühmte ihn wegen ſehr guten Stndien uud ungewöhnlichen Rednertalents. Seine Rede ſtrömte wirklich mit brauſender Raſchheit dahin; aber ein ſol⸗ ches Geprahle über die Vereinigten Staaten Americas, ein ſolch pompöſes Groß ſprechen vom Süden und des Südens Söhnen,„der Blüthe und Hoffnung der Union,“ nein, das war unerträglich!.... Das ein⸗ zige Hinderniß für die Größe, das Wachsthum und die wunderbar mächtige Zukunft der Vereinigten Staa⸗ ten war— der Abolitionismus. Er war dieſer Scorpion, dieſe Hyder im ſocialen Leben der Vereinig⸗ ten Staaten, die man zertreten(der Redner ſtampfte heftig auf den Boden) und vernichten mußte; dann erſt konnten der Süden und der Norden wie zwei mächtige Ströme ſich vereinigen und gemeinſam ihrem großen ehrenreichen Ziele zueileu. Was dieſes ehrenreiche Ziel ſein ſollte, hörte ich nicht ſagen, aber die Studenten, die in großer Menge verſammelt waren, müſſen es verſtanden haben, denn ſie applaudirten ſtürmiſch und jede heroiſche Apoſtrophe auf den Heroismus und den Edelſinn des Südens rief eine Klatſchſalve hervor. Nach der Rede erneuerten ſich dieſe zu verſchiedenen Malen und ſchienen kein Ende nehmen zu wollen. So zufrieden waren die Söhne des ſich i bis Jut ſo jun an kein dieſ ich! ich! bei ſaß ſamr eine Lage Blic und einer war gem men gut, ſeinet Züge Jün da. die ben wie auf ner war ſſen Adel dien mte ſol⸗ cas, des der in⸗ und ta⸗ ieſer nig⸗ npfte erſt htige oßen ich enge denn ophe rief ſich Ende 385 des Südens mit dem Redner, mit einauder und mit ſich ſelbſt. Ich verließ den Saal mit betrübtem Herzen. Soll ich denn in den Sklavenſtaaten nicht treffen, was ich bis jetzt geglaubt hatte, nämlich eine edle, freiſinnige Jugend, welche die Verheißung künftiger Befreiung in ſich trägt? Werde ich immer und immer wieder unter jungen Männern dieſen Mangel an richtigem Blick, an Muth und Redlichkeit finden müſſen?! Ich habe keine Luſt den Redner heute Abend zu hören. Ich bin dieſes alten Liedes müde. Den 29. Inni. Ich habe eine große unerwartete Freude gehabt; ich habe ein neues Lied ſingen gehört und doch ich will Dir das in Ordnung erzählen. Ich ſaß da wieder in dem vollgedrängten Saal bei Kerzenſchein, und der Jüngling, der ſprechen wollte, ſaß allein auf der erhöhten Eſtrade gegenüber der Ver⸗ ſammlung, während dieſe zuſammenkam. Es währte eine gute halbe Stunde, und mir ſchien, als müſſe die Lage des Jünglings, der ſo allein daſaß und allen Blicken ausgeſetzt war, nicht ohne Verlegenheit ſein, und ich fragte mich, ob dieſes Gefühl es ſei, was einen gewiſſen Schleier über ſeine Augen werfe. Er war ein hochgewachſener Jüngling, von ſchönem kräfti⸗ gem Gliederbau, ſchien mir jedoch noch nicht vollkom⸗ men ausgewachſen zu ſein; ſein Geſicht war rein und gut, nicht regelmäßig ſchön, aber dennoch ſchön mit ſeiner jugendfriſchen Farbe und ſeinen beſtimmten Zügen. Neugierig ſuchte ich aus ihnen die Seele des Jünglings zu erforſchen. Aber dieſe lag wie verſchleiert da. Die Stirne war offen, das Haar dunkelbraun und üppig. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. U, 25 386 Endlich kam der Augenblick, wo er ſich erhob, um zu ſprechen. Er that dieß mit großer Einfachheit, ohne Grazie aber ohne Verlegenheit, und begann ſeine Rede ohne die Leichtigkeit des früheren Redners, aber mit Ruhe und Klarheit. Im erſten Theile gab er eine kurze Ueberſicht über die Völker der Vorzeit in Bezug auf das was ſie groß gemacht oder geſtürzt habe. Er wies nach, daß die Sklaverei überall, wo ſie ſich vor⸗ gefunden, die Völker, welche ſie hatten, hinabgezogen und zuletzt ihren Verfall verurſacht habe. Als ich dieſe Ausführung hörte, da geſtehe ich⸗ daß mein Herz hoch zu klopfen begann. Iſts möglich, dachte ich, werde ich wirklich einmal, und zwar hier im Sklavenſtaat, vor dieſer Verſammlung von eigenliebi⸗ gen und eigenſüchtigen Sklavereibegünſtigern, einen Jüngling hören, der öffentlich und mannhaft gegen die ſchwache Seite des Südens und den Nachtſchatten der neuen Welt ſeine Stimme erhebt? Ja, dieſe Freude ſollte mir zu Theil werden. Der Jüngling fuhr muthig fort auf America die Grund⸗ ſätze anzuwenden, deren Folgen er in der Geſchichte Aſiens und Europas nachgewieſen hatte. Mit klarer Logik und mit ungemeiner Reinheit und Beſtimmtheit im Ausdruck ſagte er zu ſeinen Landsleuten:„Ich klage euch nicht an, daß es euch an Muth, Adel und Sinn für das Gute und Schöne, an Unternehmungsgeiſt, Gottesfurcht u. ſ. w. fehle, aber ich klage euch an, daß ihr den Armen unter eurem Volk keine Erziehung gebt, daß ihr nicht auf die Emporhebung der niedrigen Claſſen im Lande hinarbeitet“).“ Der Redner erklärte, *) Dieſe Anklage hat hier einen guten Grund, da in Virginien in Folge der hemmeuden Kette der Sklaverei, welche die Zunahme der Schulen verhindert, über 80,000 weiße Menſchen ſind, die weder leſen noch ſchreiben können. Die Bevölkerung Virginiens wird, Weiße und Schwarze zuſammengenommen, auf unge⸗ fähr 1 ½ Million Seelen berechnet. An hei An glü un Gr hab von Rel ſo Skl hör Thr ob herg hatt und wur oder zeug flam dunt wolk ſprec gefäl abre und ein Aust ſeine verbl klage Sinn geiſt, daß gebt, rigen lärte, da in werei, über noch wird, unge⸗ 387 America habe die Miſſion die Segnungen der Frei⸗ heit und Bildung allen Völkern zu bringen. Wenn America dieſe Pflicht erfülle, ſo werde es groß und glücklich werden; wo nicht und die Größe ſeines Wra „ſo werde es untergehen, cks werde ſich bloß mit der Größe ſeiner Aufgabe, der Zukunft, die es verfehlt habe, vergleichen laſſen. Ich kann Dir nicht ſagen, mit welchem Gefühle von Seligkeit ich dieſe wahrhaft großſinnige und muthige Rede aus reiner Jünglingsſeele gehört habe. Sie war ſo verſchieden von Allem, Sklavenſtaaten vernommen. hören mich geſehnt hatte. was ich bis jetzt in den Das war es, was ich zu Ich fühlte, daß meine Thränen floſſen, aber ich kümmerte mich nicht darum, ob man es ſah. Ich war ſo glücklich. Aber wo war jetzt der Enthuſiasmus, der am vor⸗ hergehenden Abend die Söhne des Südens belebt hatte? Sie lauſchten ſtill, gleichſam etwas verblüfft, und die Applauſe, die am Ende der Rede geſpendet wurden, waren ſpärlich, gleichſam verlegen. Der herrliche Jüngling oder Tadel ihn nichts angin ſah aus, als ob Beifall ge. Er hatte ſeine Ueber⸗ zeugung ausgeſprochen. Seine jugendfriſche Wange ammte wie von der Farbe der Morgenröthe, und das dunkle Auge und die Stirne leuchteten klar wie ein wolkenfreier Himmel. ſprechen, Ich konnte nicht, wie ich gewünſcht hatte, mit ihm denn ein Bote rief ihn zu ſeinem Vater, der gefährlich erkrankt war, und er mußte noch an dieſem Abend abreiſen. Aber ſeine Hand durfte ich doch drücken und ihm in Gegenwart ſeiner Lehrer und Kameraden ein herzliches Dank ſagen. Ausdruck dabei zeigte mir ſeinem jugendfriſchen Geſicht. Sein offener, heiterer eine neue Schönheit in Die guten Profeſſoren waren gleichſam ein wenig verblüfft über die unerwartete Haltung, die der junge 388 Mann einnahm, aber an Beifall durften ſie es natür⸗ lich nicht fehlen laſſen.„Sie hatten eine ſolche Rede nicht erwartet;“ wahrhaft ungewöhnlich,„über dem ge⸗ wöhnlichen Niveau“ u. ſ. w. Und der junge Alexander Brown wurde als a fine fellow, a smart Foung mau (ein tüchtiger geſcheidter, junger Mann) erklärt; auch der Präfident äußerte ſich mit vielem Beifall u. ſ. w. Aber die geſetzeskundigen und ſchriftgelehrten Herrn hatten doch ein wenig Angſt davor dem Kaiſer zu as des Kaiſers war, und ſuchten ſich durch geben, w gewiſſe herablaſſende, halb entſchuldigende Zugeſtänd⸗ niſſe zu befreien. Dieß war einer meiner glücklichſten Abende in den ſüdlichen Staaten, und mit fröhlicheren, liebevolleren Blicken betrachte ich jetzt dieſes ſchöne Land, ſeit ich weiß, daß es einen ſolchen Jüngling birgt. Wie edel und wie glücklich muß nicht ſeine Mutter ſein! Richmond, den 1. Juli. Wiederum guten Morgen in Virginiens Haupt⸗ ſtadt; aber jetzt nicht in der Stadt ſelbſt, ſondern in einer ihrer ländlichen Vorſtädte, wo ich eine hübſche, ſchön gelegene Villa auf einer hohen Terraſſe am Jamesfluß, umgeben von einem Park mit hohen, ſchattigen Bäumen, bewohne. Es iſt die ſchöne Woh⸗ nung der Mrs. van Leu, und ich befinde mich da wohl im Kreiſe guter Freunde. Von Profeſſor de Vere und ſeinem artigen Weib⸗ chen verabſchiedete ich mich geſtern früh unter den beſten gegenſeitigen Glückwünſchen und hoffe, daß ich bald —————„ ———,——„8— ———— ——————-„—— f n b L — — —— ir⸗ ede ge⸗ der 1al uch rrn zu rch nd⸗ den ren edel upt⸗ n in ſche, am hen, Voh⸗ wohl 389 frohe Nachrichten von ihnen erhalten werde. Die Pro⸗ motion, die am Samſtag in Charlotteville ſtattfand, beſtand hauptſächlich in Reden und Austheilung von Diplomen. Ich konnte von den erſten nicht viel hören und hatte mein größtes Vergnügen an der Betrachtung der anweſenden Frauenzimmer, unter denen ich eine große Menge ſehr ſchöner und glücklicher Geſichter bemerkte. Man ſieht in America keine junoniſcheu Schönen wie in Europa, aber eine weit größere Anzahl heiter ſchö⸗ ner Geſichter und beinahe gar keine häßlichen. Die Männer ſind nicht ſchön, ſehen aber mannhaft aus und ſind meiſtens wohlgebildete, kräftige Geſtalten. Ich habe dieß zwar ſchon ein paar Mal geſagt; aber was ich nicht geſagt habe und was doch geſagt werden ſollte, iſt die Thatſache, daß man bei den Americanern nicht den beſtimmten Typus eines gewiſſen Volksſtammes findet, wie wir ihn bei den Engländern, Irländern, Franzoſen, Spaniern, Deutſchen u. ſ. w. finden. Ein Americaner und eine Americanerin könnten jedem be⸗ liebigen Volke in ſeinem ſchön menſchlichen, aber am wenigſten nationalen Character angehören, ja ſogar dem ſchwediſchen, wenn es nemlich ſein regelmäßigſtes Geſicht zeigt; denn wohlgebildete, feine Naſen und ovale Geſichter, beſonders bei den Frauenzimmern, ſind allgemein. Unſere Vollmondsgeſichter und Naſen, die ſo zu ſagen ſteil aus ihnen hervorkommen, wie eine hervorſchießende Klippenſpitze, dieſe ſieht man hier nicht, und Kartoffelnaſen, wie meine eigene, kommen gar nicht zum Vorſchein. Aber ich habe in Americas nörd⸗ lichen Staaten manches blühende Mädchen, manchen ſchönen jungen Mann geſehen, die weit mehr Aehn⸗ lichkeit mit Schwedinnen und Schweden hatten, als mit Engländern und Franzoſen. Helle Haare und blane Angen ſind inzwiſchen ſelten. 390 Richmond, den 2. Juli. Wie ermüdend iſt es dieſes Gefrage, dieſes leere und gedankenloſe Geſchwatze von Kommenden und Gehenden, beſonders von Frauenzimmern! Mangel an Aufmerkſamkeit, Mangel an Ohr für das wahre Leben iſt doch eines der größten Gebrechen hier, und die Schule, deren die neue Welt vor allen andern be⸗ dürfte, iſt die uralte pythagoräiſche. Das Leben mit ſeinen großen heiligen Intereſſen, ſeinen ernſten Auftritten, geht an dieſen kindlichen, unentwickelten Weſen vorüber, ohne daß ſie es ſehen oder daran denken. Zerſtrent durch dieſe äußeren und alltäglichen Dinge lauſchen ſie nicht auf die große, aber ſtille Stimme, die ihnen täglich mitten aus dem Leben zuruft, das ſie wie Tagesfliegen führen. Den 3. Juli. Mit einem ehrlichen deutſchen Herrn, der in Rich⸗ mond anſäßig iſt, habe ich heute einige negrojails, oder die Gefängniſſe beſucht, wo man die Neger theils ab⸗ ſtraft, theils bis zum Verkauf eingeſchloſſen hält. In einem dieſer Jails ſah ich einen großen ſtarkgliedrigen Neger ſtill und düſter daſitzen, die rechte Hand mit einem Tuch umwunden. Ich fragte ihn, ob er krank ſei.„Nein, antwortete der geſprächige Aufſeher; aber er iſt ein ganz böſer Hallunke. Sein Herr, der wei⸗ ter oben am Fluſſe wohnt, hat ihn zur Strafe von Weib und Kind getrennt, um ihn nach dem Süden zu verkaufen, und nun hat ſich der Schurke aus Rachſucht und damit ſein Herr keinen hohen Preis für ihn be⸗ komme, die Finger an der rechten Hand abgehauen. Der Gauner bat mich um eine Axt, damit er Nägel in ſeine Schuhe ſchlagen könne; ich gab ſie ihm ohne al⸗ ——————— eere und lan ben die be⸗ ſen, hen, hen und ber en tich⸗ oder ab⸗ In igen mit rank aber wei⸗ von zu ucht be⸗ uen. l in 391 len Argwohn und nun hat er ſich auf immer ver⸗ ſtümmelt.“ Ich ging zu dem Reger, der allerdings kein gutmü⸗ thiges Geſicht hatte, und fragte ihn, ob er ein Chriſt ſei. Er antwortete kurz:„Nein.“ Ob er von Chriſto gehört habe? Er antwortete wieder:„Nein.“ Ich ſagte zu dem Sklaven, daß er, wenn er ihn gekannt hätte, dieſe That nicht verübt haben würde u. ſ. w., aber daß er ſich auch jetzt noch nicht verlaſſen glauben dürfe, denn derjenige, der geſagt habe:„Kommet her zu mir, alle die ihr mühſelig und beladen ſeid,“ habe auch zu ihm geſprochen und könne auch ihn tröſten und erquicken. Er hörte mich anfangs mit düſterer Miene an, allmälig aber erheiterte ſich ſein Geſicht, und endlich ſah er ganz weich aus. Dieſe verbitterte Seele war offen⸗ bar noch zugänglich und offen. Die Sonne glänzte auf den Hof des Gefängniſſes herein, wo er mit ſeiner verſtümmelten Hand und mit ſchweren Ketten an den Füßen ſaß, aber kein Chriſt kam hieher, um ihm das Evangelium der Gnade zu predigen. Die Thüre des Gefängniſſes wurde von einem Ne⸗ ger geöffnet, der gleichfalls ſchwere Ketten am Fuß hatte. Dieſer Mann ſah ſo gutmüthig und ſo gefällig aus, daß ich mit einiger Verwunderung fragte: „Aber dieſer da, was hat er denn gethan, um ſo gefeſſelt zu werden?“ „O, antwortete der Aufſeher lächelnd, juſt nichts; aber ſein Herr hatte ihn ausgeliehen, um in den Koh⸗ lengruben zu arbeiten, und dort geſchah etwas Unange⸗ nehmes. Seitdem wollte der Burſche nicht mehr dort arbeiten und weigerte ſich hinzugehen. Zur Strafe will ihn ſein Herr jetzt verkaufen und hat ihn zu feſſeln befohlen, bloß um ihn zu demüthigen.“ Dieß war vollkommen gelungen. Der arme Neger war ſo verlegen und ſo beſchämt, daß er nicht zu wiſ⸗ ſen ſchien, wohin er ſeine Augen wenden ſollte, wäh⸗ 392 rend der Aufſeher ſeine Geſchichte erzählte; dabei ſah der ſtarke Mann ſo gutmüthig und ſo weich aus, daß man wohl bemerkte, daß er leichter eine Ungerechtigkeit erlittt, als ſich zu Trotz und Rache reizen ließ wie der andere Neger. Er war offenbar ein guter Menſch und hätte einen beſſern Herrn verdient. In einem andern Gefängniß ſaß ein ſchöner klei⸗ ner weißer Junge von ſieben Jahren zwiſchen großen Negermädchen. Der Junge hatte helle Haare, die ſchön⸗ ſten hellbraunen Augen und Roſen auf ſeinen Wangen; er war jedoch von einer farbigen Mutter, einer Skla⸗ vin da, und ſollte verkauft werden. Sein Preis war 350 Dollars. Die Negermädchen ſchienen den weißen Jungen ſehr zu lieben, und er war ihrer Pflege überge⸗ ben; ob zu ſeinem Beſten, möchte ich kaum glauben. Kein mütterliches, chriſtliches Weib beſuchte den un⸗ ſchuldigen gefangenen Knaben oder die jungen Mädchen. Sie waren dem heidniſchen Leben und den Finſterniſſen des Gefängniſſes preisgegeben. In einem andern Jail wurden ſogenannte Fancy girls(Luſtdirnen) für geneigte Käufer gehalten. Sie waren ſchöne, helle Mulattinnen oder beinahe weiße Mädchen. In einem Jail ſahen wir das Zimmer, wo die Sklaven(Weiber ſowohl als Männer) gepeitſcht werden. Sie werden dort mit eiſernen Ringen, die im Boden befeſtigt ſind, feſtgehalten und an Händen und Füßen gefeſſelt, nachdem man ſie niedergelegt hat. Ich ſah an dem Kuhhautriemen das Stück Holz, womit ſie gepeitſcht werden, und ich bemerkte:„Schläge dieſen Ding da könnnen doch nicht ſehr wehe thun?“ „O doch, antwortete der Aufſeher grinſend und mit bedeutungsvoller Miene. Das Ding kann ſo große Schmerzen machen wie irgend ein anderes Inſtrument, denn man kann mit dieſem Riemen viel ſchlagen, ohne ha die ken un un: her der wä zen Vö ſelt zim mar ihre ſah daß gkeit der und klei⸗ oßen hön⸗ gen; kla⸗ war ißen rge⸗ ben. un⸗ hen. iſſen ncy aren hen. die den. den ißen olz, läge ehe und oße ent, hne 393 daß es äußere Spuren hinterläßt; es ſchneidet nicht ins Fleiſch ein.“ Die Sklaven können mehrere Monate in dieſen Gefängniſſen ſitzen, bevor ſie verkauft werden. Die ſüdlichen Staaten ſollen ſich, ſagt man, durch Religioſität auszeichnen; die Leute gehen in die Kirche, ſchicken Miſſionäre nach China und nach Afrika. Aber die unſchuldig gebundenen Sklaven in ihren eigenen Ge⸗ fängniſſen laſſen ſie ohne Unterricht und Troſt. Noch einmal— was könnten, was ſollten nicht die Frauen hier thun! Ich habe ſchöne junge Mädchen erklären gehört, ſie ſeien ſtolz darauf Amerikanerinnen und ganz haupt⸗ ſächlich Virginierinnen zu ſein. Ich hätte ſie in dieſe Jails führen und ſehen mögen, ob ſie Angeſichts der⸗ ſelben auf ihre Eigenſchaft als Virginierinnen und auf die Inſtitutionen Virginiens ſtolz ſein könnten. Den 5. Juli. Auch hier, wie überall auf meiner Pilgerfahrt, habe ich gute und denkende Menſchen kennen gelernt, die ein vollſtändiges Gegengewicht gegen die nichtden⸗ kenden oder nicht guten bilden und mich an den Ort und die Geſellſchaft feſſeln, worin ich lebe. Zuvörderſt unter den guten ſteht die Familie, in der ich jetzt als Gaſt verweile; ja die Frauenzimmer da ſind ſo zart⸗ herzig, beſonders gegen das Negervolk, daß ich hier auf der rückhaltenden und weniger liberalen Seite ſtehe, während ich mich doch innig daran erfreue warme Her⸗ zen bloß durch übertriebene Güte für einen bedrückten Völkerſtamm fehlen zu ſehen. Ein ſolcher Anblick iſt ſelten im Sklavenſtaat. Angenehme und kluge Frauen⸗ zimmer, gefällige und denkende Männer haben mir manchen frohen Angenblick bereitet und mein Herz durch ihre Freundlichkeit und Gaſtfreundſchaft erwärmt. 394 Unter meinen männlichen Bekannten habe ich be⸗ ſonderes Vergnügen an einem älteren Prieſter, ich glaube von der episcopalen Kirche, gehabt, der mir ver⸗ ſchiedene intereſſante Mittheilungen über das religiöfe Leben und die Geſänge der Neger machte, wie auch an einem Quäcker mit einem ſchönen, regelmäßigen Geſicht und ſtillem denkendem Weſen. Er erzählte mir viel Intereſſantes von den Quäckern und ihren Regirungs⸗ formen. Neulich wurden in New⸗York Quäckerinnen vor das Gericht citirt, um in einem verwickelten Rechts⸗ ſtreit Zengniß abzulegen, und die Beſtimmtheit und Klarheit, womit ſie das thaten, iſt allgemein in den Zeitungen beſprochen und geprieſen worden. Mr. B. ſchrieb das ruhige und klare Weſen, das die Quäckerin⸗ nen auszeichnet, ihrer frühen Gewöhnung an seligo- vernment(Selbſtregierung) und allgemeine Discuſſionen während ihrer Theilnahme an der Verwaltung der Ge⸗ ſellſchaft zu. Geſtern am 4. Juli wurde wie gewöhnlich Ame⸗ ricas großer Tag mit Reden, Paraden, Toaſten und Verleſung der Unabhängigkeitserklärung gefeiert. Sie wurde hier in der afriraniſchen Kirche der Stadt verleſen; warum man zur Verleſung dieſer Erklärung, welche dem Sklavereiinſtitut ſo entſchieden widerſpricht, die Negerkirche wählte, das begreife ich nicht; denn dieß muß als ein handgreiflicher Spott erſcheinen. Heute habe ich mit einer angenehmen, freundlichen Dame, mit Mrs. G., das Correctionshaus dahier be⸗ ſucht. Das Syſtem, das hier befolgt wird, iſt das alte, und der alte galante Oberſt, welcher der Anſtalt vor⸗ ſtand, ſah aus wie ein verſteinertes Ueberbleibſel von Washingtons Staat. Es überraſchte mich, daß ich hier nicht eine einzige weiße Gefangene traf. Weiße Män⸗ ner dagegen waren an 200 da. Einige ſchwarze Wei⸗ ber ſaßen hier, unter ihnen die freie Negerin, welche der jungen Sklavin zur Flucht hatte verhelfen wollen. ver⸗ giöfe hn eſicht viel ugs⸗ nnen chts⸗ und den . B. erin⸗ lfgo- ionen Ge⸗ Ame⸗ aten feiert. Stadt rung, richt, denn n. lichen er be⸗ s alte, vor⸗ l von h hier Män⸗ Wei⸗ welche olen. 395 Sie hatte ein ſehr gutmüthiges und ehrliches Ausſehen, war aber jetzt zu fünfjähriger Gefangenſchaft dahier verurtheilt. Die Zimmer, wo dieſe Weiber ſaßen, waren hell, groß und ſauber, und Mrs. G. wurde von den ſchwarzen Weibern mit ſichtlicher Liebe und Freude em⸗ pfangen. Sie gehört zu dem Frauenverein, der ſich hier wie überall in den Vereinigten Staaten zum Beſuch der Gefängniſſe organiſirt hat, der aber in den Sklaven⸗ ſtaaten gewöhnlich diejenigen Gefängniſſe vergißt, wo Unſchuldige ſitzen, und man ſah, daß zwiſchen ihr und den ſchwarzen Gefangenen das herzlichſte Verhältniß obwaltet. Der reiche Plantagenbeſitzer, der ſeinen Sklaven mißhandelt und umgebracht hatte, und deßhalb zu fünf⸗ jährigem Zuchthaus verurtheilt war, ſollte ſeine Strafe ebenfalls hier abſitzen, war aber noch nicht eingebracht. Vielleicht kauft er ſich immer noch frei. Der Mammon iſt mächtig. In Virginien herrſcht ein zunehmendes Gefühl für die Läſtigkeit und Schädlichkeit der Sklaverei, wie in ſämmtlichen mittleren Sklavenſtaaten Americas, die weit größere Portheile von der Arbeit der Weißen als der Schwarzen hätten und jetzt ihre Entwicklung ſowohl in gei⸗ ſtiger als in materieller Beziehung durch das Sklavereiin⸗ ſtitut gehemmt ſehen; und ich halte es für wahrſcheinlich, daß die genannten Staaten, wie Virginien vor einigen Jahren ſchon im Begriffe ſtand, dieſe Kette bereits abgeſchüttelt hätten, wenn ſie nicht durch den unklugen und ungerechten Abolitionismus im Norden zurückge⸗ halten und zum Widerſtand gereizt worden wären. Ich ſage nicht, daß dieß ein hoher Standpunkt ſei, denn keine Ungerechtigkeit darf uns hindern das Rechte und Vernünftige zu thun; aber er iſt natürlich, und ich kann bis auf einen gewiſſen Grad damit fym⸗ pathiſiren. Jetzt nachdem die nördlichen Staaten, um Frie⸗ 396 den mit den ſüdlichen zu halten, das für ſie ehrenvolle und heilige Aſylrecht aufgegeben, nachdem ſie aus Achtung für die conſtitutionellen Rechte der ſüdlichen Staaten das koſtbare Recht geopfert den flüchtigen Sklaven zu beſchützen, und nachdem der gewaltſame Abolitionismus immer mehr einem edleren und ruhi⸗ geren Platz gemacht, dürften, ſcheint mir, die mittleren Sklavenſtaaten durch Nichts mehr verhindert werden Etwas auszuführen, was ihr eigenes höchſtes Intereſſe ſein würde. In Virginien iſt in Folge des Sklavereiinſtituts nicht bloß eine große Menge weißer Bevölkerung(man hat mir von mehr als 80,000 geſagt) herangewachſen, ohne leſen und ſchreiben zu können, und dabei ebenſo roh an Sitten als unwiſſend geblieben. Dieſes Inſtitut hat hier auch wie anderswo die Entwicklung der In⸗ duſtrie ſowie die Zunahme der Einwanderung verhindert; es hat Mangel an Unternehmungsgeiſt in Bezug auf allgemeine Arbeiten und dadurch auch Mangel an Arbeit für eine zunehmende arme Bevölkerung verur⸗ ſacht. Die Folgen davon haben ſich mit jedem Jahr drohender erwieſen. Hier findet ſich nicht wie in freien Staaten ein Hintergrund von ſtarkem und edlem Volks⸗ leben, aus welchem die Staatsämter und die Lehrſäle wie ans einem friſchen Kern heraus beſetzt werden könnten. Roheit und Armuth greifen immer mehr um ſich. Und das kann anch nicht anders ſein in einem Land, wo die eine Hälfte der Bevölkerung die andere in der Sklaverei hält. Die Pflanzer Virginiens, ſtolz auf ihre Erinnerungen, auf ihre Sklaven, unter denen ſie gleich Feudalfürſten des Nittelalters zu ſitzen be⸗ haupten, was jedoch ein großer Irrthum iſt, verſchanz⸗ ten ſich in ihren Traditionen oder Sklaveninſtitutionen, nannten ſich„highblooded, highminded“(Leute von edlem Blut und edlem Sinn) u. ſ. w., und blieben ſtill ſitzen, während der Wagen des Zeitalters an ihnen vor! der neh der Cul zu ſich geze dig Cor Leb tes blei ſam rigk und Bed virg ang daß gere iſt, Oſt ſein eine der ſtun ſpri bei geßt kein Ich volle aus ichen tigen ſame ruhi⸗ leren erden ereſſe ituts (man hſen, benſo ſtitut In⸗ dert; Bezug an erur⸗ Jahr freien zolks⸗ hrſäle erden m einem ndere ſtolz denen n be⸗ chanz⸗ ionen, e von lieben ihnen 397 vorbeirollte. Das raſche Aufblühen der freien Staaten der Union während eines Lebens voll von großen Unter⸗ nehmungen, zur Entwicklung ſowohl der Intelligenz als der Induſtrie, und die Thatſache, daß Virginien im Verhältniß zu ihnen in Wohlhabenheit und geiſtiger Cultur bedeutend zurückblieb, hat dem Volk die Augen zu öffnen angefangen, und in den letzten Jahren hat ſich ein neues Leben in induſtriellen Unternehmungen gezeigt, die man früher als gemein und nicht nothwen⸗ dig verſchmäht hatte. Eiſenbahnen werden angelegt, Communicationsmittel werden gefördert, ein friſcheres Leben beginnt im ganzen materiellen Gebiet des Staa⸗ tes zu circuliren. Und dabei wird es nicht ſtehen bleiben. Der Convent, der gegenwärtig in Richmond ver⸗ ſammelt iſt, entdeckt in dieſem Augenblick neue Schwie⸗ rigkeiten, welche das Sklavereiinſtitut verſchuldet. Oſt⸗ und Weſtvirginien liegen in offener Fehde wegen der Bedeutung ihrer Stimme bei öffentlichen Voten. Oſt⸗ virginien hat Plantagen und Sklaven und will nach angenommenem Brauch für ſeine Sklaven ſtimmen, ſo daß drei Sklaven für die Stimme eines freien Mannes gerechnet werden. Weſtvirginien, das ein Gebirgsland iſt, keine Plantagen und ſehr wenig Sklaven hat, will Oſtvirginien das Recht beſtreiten ſich mit den Stimmen ſeiner Sklaven zu verſtärken und hat auf dem Convent einen gewaltigen Kämpen erhalten in einem Mr. Weiſe, der gleich einem modernen Nimrod in voller Jägerrü⸗ ſtung aus den Wäldern kommt und mit unbändigem Jägrmuth um ſich ſchlägt, indem er in folgendem Styl ſpricht: „Was? Ihr wollt die Stimmen Eurer Sklaven bei Abſtimmungen gegen die unſrigen wägen? Ihr ver⸗ geßt, daß Ihr ſelbſt erklärt habt, daß Negerſklaven keine Seelen haben. Kommt her und widerleget mich. Ich ſage Euch, daß Ihr dieß hundert Mal durch Ge⸗ 398 ſetze, Gebräuche und Verordnungen erklärt habt. Ant⸗ wortet mir, kommt hervor und widerſprechet mir, wenn Ihr könnet. Habt Ihr dieſe Sklaven nicht wie unver⸗ nünftige Thiere gekauft und verkauft? Habt Ihr nicht verboten ihnen Unterricht zu geben? Habt Ihr ihnen nicht verboten wie vernünftige Menſchen zu fühlen, zu denken und zu ſprechen? Ich will demjenigen hundert Dollars geben, der mich widerlegen kann. Aber das Beſte iſt, Ihr ſchlaget Euch auf den Mund und ſchwei⸗ get. Das iſt das Vernünftigſte, was ihr thun könnt, gute Freunde. Will einer muckſen, ſo werde ich ihn mit meinen Worten todt ſchlagen. Ich bin ein Pro⸗ ſklavereimann; ich haſſe den Abolitionismus. Ich will von ihm und von der Emancipation der Sklaven Nichts hören. Aber wenn Ihr herkommt und behauptet, daß Eure Sklaven Seelen haben, und daß ihnen wie Men⸗ ſchen ein Stimmrecht gegen freie Männer zuſtehe— ſeht, meine Herrn, das iſt doch gar zu verrückt, gar zu albern, nachdem Ihr ſelbſt in Worten und Thaten bewieſen habt, daß die Neger keine Seelen haben, ſon⸗ dern als unvernünftige Thiere betrachtet werden müſſen. Schwatzet hin und ſchwatzet her, ſchwatzet ſo viel Ihr wollt, mich ſchwatzet Ihr nicht zu Boden.“ So eifert und perorirt Hr. Weiſe ein Langes und Breites auf dem Capitolium in Richmond, mit ſolcher Kühnheit und ſo grobkörniger Lebhaftigkeit und Streit⸗ luſt, daß er Alle aus dem Concept bringt, und während er die Sklaverei zu billigen ſcheint, deckt er die Wider⸗ ſprüche und Abnormitäten auf, zu denen ſie führt. Seine Reden machen gegenwärtig großes Aufſehen und fül⸗ len die Spalten aller Zeitungen. In dieſen werden jetzt auch Ereigniſſe in Virginien veröffentlicht, welche abſchreckender als alles Andere gegen ein Inſtitut zu ſprechen ſcheinen, das offenbar die Sitten und den Verſtand der weißen Bevölkerung untergräbt, weil es alle eigenwilligen und deſpotiſchen Lei ein jun St ſich ein fäll abr De lieg lan Ein in in nun Flü Sie ſam jun mit 309 dieſ der alte ſich iſt lich möe wie tere lebe lnt⸗ enn ver⸗ icht nen zu dert das vei⸗ unt, ihn ro⸗ will chts daß en⸗ gar ten on⸗ ſen. Ihr und cher eit⸗ end der⸗ ine fül⸗ tien ere bar ung 399 Leidenſchaften der Jugend begünſtigt. In Lynchburg einer größern Stadt Virginiens, haben neulich zwei junge Männer, beide Zeitungsredacteure, auf offener Straße mit Piſtolen einander erſchoſſen, nachdem ſie ſich eine Zeit lang in den Journalen herumgebalgt und einander bedroht hatten. Jetzt begegneten ſie ſich zu⸗ fällig eines Morgens, und ohne Vorbereitung oder Ver⸗ abredung ſchoßen ſie auf einander nach Mörderart. Der eine von ihnen ſtarb am gleichen Tage, der andere liegt in den letzten Zügen. Beide hatten ſich noch nicht lange verheirathet, der eine erſt ſeit einigen Wochen. Die andere Tragödie iſt eine Entführungsgeſchichte. Ein junger Doctor Williams liebte eine Miß Morris in*. Ihr Vater und ihre Familie, Plantagenbeſitzer in Virginien, widerſetzten ſich ihrer Verbindung, und nun entführte er ſie. Vater und Bruder reisten den Flüchtigen nach und erreichten ſie in einem Städtchen. Sie trafen in einem Gaſthof an der Wirthstafel zu⸗ ſammen. Der junge Morris, Mr. Williams und ein junger Mann, ſein Freund, der bei der Entführung mitgeholfen hatte, kamen im Speiſeſaal in Wortwechſel, zogen ihre Piſtolen, wechſelten Kugeln, und die Folge dieſes Auftrittes waren drei Leichen, unter welchen der Geliebte und der Bruder von Miß Morris. Der alte Morris kehrte nach Hauſe zurück, die Leiche ſeines Sohnes und ſeine wahnſinnig gewordene Tochter mit ſich führend. Das Ereigniß wird viel beſprochen und beklagt, iſt aber gerade nichts Beſonderes oder Ungewöhn⸗ liches. Die Familien in den Sklavenſtaaten können un⸗ möglich das Gemüth des Kindes hegen und pflegen, wie in den freien Staaten; ſie erzeugen ſelbſt Charac⸗ tere und Launen, die ſpäter ihren Frieden morden. In der guten, liebevollen Familie, wo ich jetzt lebe, ſehe ich bloß das ſchöne Verhältniß zwiſchen 400 Weißen und Schwarzen und habe Gelegenheit von Neuem die muſikaliſchen Talente der Neger zu bewundern. Ein junger Neger, der bei Tiſch aufwartet, ſingt Lieder, wie er athmet, er ſingt auch mit dem Bauch(als Bauch⸗ redner), und wenn er während der Mahlzeit die Fliegen wie gewöhnlich mit einem großen Federwedel verſcheucht, ſo thut er dieß unbewußt im Takt nach irgend einer Melodie, die ſtill in ſeiner Erinnerung erklingt. Ich ſtehe jetzt im Begriff die Sklavenſtaaten zu verlaſſen, um nicht mehr dahin zurückzukehren. Ich will auch auf das Thema der Sklaverei nicht mehr zu⸗ rückkommen, ſondern hier mein Abſchiedswort ſagen. Ich thue dieß mit dem Wunſch: Daß die edlen klar denkenden Männer und Frauen, die ſich, wie ich weiß, in allen Sklavenſtaaten Nordamerikas vorfinden, beſtimmter auftreten und ſich offener von der Maſſe trennen mögen, indem ſie durch Wort und That beweiſen, daß ſie wohl überlegt haben, was die Wohl⸗ fahrt ihrer Völker und ihrer Staaten fordert.(Ja könnte ein Convent, eine Art von höchſtem Gerichtshof aus den beſten Männern des Südens und des Nordens zur Berathung der Sklavenfrage gebildet werden, ſo glaube ich, daß die Union und die Freunde der Freiheit ſich gleich ſehr an den Folgen einer ſolchen zu erfreuen hätten). Daß die älteſten der Sklavenſtaaten den übrigen vorangehen mögen durch Annahme der Freiheitsgeſetze für die Sklaveu, welche gegenwärtig die ſpaniſche Monarchie vor der americaniſchen Republik voraus hat.*) *) Man hat als Grund für die Unmöglichkeit der Eman⸗ eipation der Negerſklaven in den Vereinigten Staaten oft angeführt, daß man ſie unmöglich des americani⸗ ſchen Bürgerrechts theilhaftig machen könne, und die bon ern. er, gen cht, ner zu Ich zu⸗ en. en, kas der hat hl⸗ Ja hof ens heit uen gen ſetze aus an⸗ aten ani⸗ die 401 Keine Staaten ſcheinen mir näher daran ſich bei einer ſolchen freiſinnigen Bewegung an die Spitze zu ſtellen, als unter den ſüdlichen das junge freimüthige Georgien und unter den mittleren Virginien, einer der älteſten unter den Staaten Americas, einer der er⸗ ſten in bürgerlicher Freiheit und im Krieg für die Freiheit; Virginien, dieſes Mutterland Washingtons, Jefferſons und anderer großen Männer, vor allen Washingtons, dieſes ächten Typus für den Mann und Bürger der neuen Welt, einer jener ſeltenen Größen, die wachſen, je näher man zu ihnen kommt, und die ſich gleich Vorſchläge, die in einigen der freien Staaten ge⸗ macht wurden, die Neger an den Abſtimmungen im Staate theilnehmen zu laſſen, haben immer eine ſtarke öffentliche Meinung gegen ſich gehabt. Ich glanbe, dieſe hat Recht. Aber was hindert wohl, daß die Ne⸗ ger in den Vereinigten Staaten kleine freie, chriſtliche Geſellſchaften für ſich ſelbſt bilden könnten, gleich den Shäkern, den Dunkern u. ſ. w., ſo daß ſie innerhalb der großen Staatsgeſellſchaft ein ſelbſtſtändiges Leben führen würden, ohne an den Angelegenheiten derſelben theilzunehmen oder ſie zu ſtören? Aus dem Charac⸗ ter der Neger iſt leicht abzuſehen, daß ſie ſich um die Regierung der Vereinigten Staaten wenig bekümmern werden, wenn ſie nur ihre Kirchen, ihre Feſte. Ge⸗ ſänge und Tänze, ihre eigenen Prieſter und Häupt⸗ linge haben. Der Negerpräſident wird immer ein Unding bleiben. Laßt ſie ihre Häuptlinge oder Fürſten haben und laßt die Negergeſellſchaft das pit⸗ toreske, heitere Bild bleiben, wozu Gott bei der Schö⸗ pfung ſie beſtimmt hat, und das er deutlich in den Natmranlagen anzeigte, die er ihnen verliehen. Das große Reich der Vereinigten Staaten wird dann eine natürliche Familie und ein pittoreskes Schauſpiel mehr vorweiſen, und zwar nicht das mind eſt intereſſante unter denjenigen, die man auf ſeinem Boden erblickt. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. m. 26 ———— 402 jedem wahrhaft freien Mann nicht von der Zeit und den Menſchen beherrſchen laſſen, ſondern ſie ſelbſt beherrſchen. Ich habe mich an Washingtons herrlichem Bild auf dem Capitol Virginiens erfreut; ich erfreue mich an demjenigen, das ich jetzt auf der letzten Seite des dritten Bandes von Bancrofts Geſchichte der Vereinigten Staaten vor mir ſehe: „Zur ſelben Zeit, wo der Aachener Congreß Verträge feſtgeſtellt hatte, welche darauf ausgingen den Frieden der Welt zu ſtiften, und wo die Mächte, die ſich hier als die Beherrſcher des Menſchengeſchlechts betrachteten, dieſelben mit allen Formen monarchiſcher Magnificenz feſtſtellten, juſt zu dieſer Zeit wuchs, in Virginiens Wäldern verborgen, der junge Washington, einer Wittwe Sohn, heran. Geboren am Ufer des Potomac, unter dem Dache eines Weſtmoreländerfarmers, hatte er das Schickſal beinahe von ſeinen Kinderjahren an vaterlos zu ſein. Keine Akademie hatte ihn in ihrem Schvoße empfangen, kein College hatte ihn mit Aus⸗ zeichnungen gekrönt: Leſen, Schreiben und Rechnen, das war ſeine ganze Wiſſenſchaft. Und jetzt, im Alter von ſechzehn Jahren, wo er ein ehrliches Auskommen ſuchte unter unglaublichen Mühen, aufgemuntert da⸗ durch, daß er ſich im Stande fühlte einem Freund aus den Schuljahren zu ſchreiben:„„Lieber Richard, eine Dublone iſt mein Verdienſt täglich und mitunter ſechs Piſtolen,““ ſein eigener Koch, ſelten im Bette ſchla⸗ fend, ein Bäreufell für ein ſtattliches Bett haltend, froh, wenn er bei Nacht ein wenig Heu oder Stroh als Ruheplatz bekam, oft in den Wäldern gelagert, wo der Platz zunächſt dem Feuer ein großer Luxus war; über die Höhen der Alleghanyberge, oder an den Ufern des Shenandvah eutlang ſtreifend, mit offenem Sinn für die Schönheit der Natur begabt und zuweilen den beſten Theil des Tages in Bewunderung der Bäume und ſelbſt Bild mich des igten träge ieden hier teten, ficenz niens einer omac, hatte n an ihrem Aus⸗ hnen, Alter mmen t da⸗ as eine 403 und Reichthümer des Landes zubringend; mitten unter thierfellbedeckten, wilden oder rohen Emigranten,„die niemals engliſch reden wollten“— ſo bildete dieſer Jüngling, der Durchforſcher der Wälder ohne andre Geſellſchaft als ſeine ungelehrten Kameraden, ohne wiſſenſchaftliche Hülfsmittel außer ſeinem Compaß und ſeiner Feldmeſſerkette, einen ſeltſamen Contraſt gegen die kaiſerliche Pracht des Congreſſes in Aachen. Und gleich⸗ wohl hatte Gott nicht Kaunitz oder Neweaſtle, nicht einen Monarchen aus dem Hauſe Habsburg oder Hannover, ſondern den virginiſchen Jüngling auserſehen, um den menſchlichen Angelegenheiten einen neuen Impuls zu geben. Er hatte die Rechte und Schickſale von unzäh⸗ ligen Millionen Weſen unter die Obhut des Sohnes einer Wittwe geſtellt.“ Als dieſer ſeine große Aufgabe vollbracht und ſei⸗ nem Vaterland Selbſtändigkeit erworben hatte, krönte er ſein ehrenreiches Leben dadurch, daß er ſeinen Skla⸗ ven die Freiheit ſchenkte, nachdem er getreulich für ihre Zukunft geſorgt hatte. Wie lange noch wird Virginien hinter ſeinem edel⸗ ſten Sohne zurückſtehen! Aber während wir für die Abſchaffung der Sklaverei und für Americas Ehre eifern, wollen wir nicht ver⸗ geſſen, wie es noch jetzt in Europa und auch in unſe⸗ rem Lande mit den geringeren unter unſern Arbeitern ſteht. Gleicht nicht ihr Arbeitsleben vft genug einer harten Sklaverei, beſonders was die Weiber betrifft? Iſt nicht der Taglohn einer Arbeiterin auf dem Lande ſo erbärmlich, daß ſie, ſelbſt wenn ſie Jahr aus Jahr ein täglich arbeitet, kaum ſich ſelbſt und ein paar Kin⸗ der ernähren und kleiden kann? Kommt das dritte Kind, ſo kommt auch die Noth. Iſt es nicht etwas Gewöhnliches, daß man Bauernweiber auf dem Lande wie über eine Strafe Gottes klagen hört, wenn ſie von Neuem ein armes Kind zur Welt bringen ſollen, daß ————— 404 man Mütter Gott als für eine Gnade danken hört, wenn er ihnen von einem Kinde geholfen hat, d. h wenn es geſtorben iſt? Es iſt wahr, daß unſere Ar⸗ beiter ſich ihr geiſtiges und leibliches Gedeihen ſchaffen können, daß Jedermann bei uns der Schmid ſeines Glückes werden kann; und dieß iſt ſchon ein großer Vorzug. Aber oft ſind die Umſtände ſo bindend, daß dieſe Freiheit nicht viel hilft. Ich verlaſſe Virginien, dankbar für das Gute, was es mir an ſchönen Naturſcenen und liebenswürdi⸗ gen Freunden gegeben, dankbar für dieſes Leben in einer Familie voll von Herzensgüte und für die Erinne⸗ rung an einen Jüngling, aus deſſen reiner Seele ich neue Hoffnung für Americas Zukunft geſchöpft habe, mit frohem Glauben an die Jugend, deren Repräſen⸗ tanten ich in ihm erblicken will. Einundvierzigſter Brief. Philadelphia, den 14. Juni 1851. Seit meinem letzten Schreiben habe ich folgende kleine Ausflüge und Abenteuer gehabt. Von meinen ſeelenguten Gaſtfreunden in Richmond verabſchiedete ich mich letzten Montag und fuhr den St. Jamesfluß hinab zwiſchen Virginiens Hügeln und Wäldern hin nach Baltimore in Maryland. luftlos und drückend heiß und wurde mir noch drückender Der Tag war gleichſam durch einen gewiſſen pedantiſchen Rector, der ſich zu meinem geiſtigen Cicerone machte, und jede ſeiner Unterweiſun⸗ gen mit Ausſtreckungen und Bewegungen der Arme bel reit vor bra inn her Erf in und Pla Wie wen ron kein entz radi nock gelr cken mick war daſe ſie, Slkl wor der Skle zufr paar halb niſſe ört, Ar⸗ ffen ines oßer daß zute, irdi⸗ tin nne⸗ e ich abe, iſen⸗ gende einen iedete sfluß thin chſam kender einem eiſun⸗ Arme 405 begleitete, gleich als wollte er ſich zum Boxen in Be⸗ reitſchaſt ſetzen oder irgend eine wichtige Operation vornehmen, wobei mir jedesmal ein Angſtſchweiß aus⸗ brach, welcher den Eindruck ſeiner Lehren und die Er⸗ innerung daran gänzlich vernichtete. Ein artiger warm⸗ herziger junger Student aus Charlotteville war meine Erfriſchung. Er hatte Vorurtheile des Sklavenſtaates in ſeinem Kopf; aber ſein Herz war gut und geſund und ich zweifle nicht, daß ich mich auf ſeines Vaters Plantage an dem ſchönen Fluß wohl befinden würde. Wie liebenswürdig und erfriſchend iſt nicht die Jugend, wenn ſie es nur ſein will! Die Ufer des Fluſſes waren romantiſch ſchön und prangten in üppigem Grün— kein Wunder, wenn ſie die erſten weißen Entdecker entzückten, ſo daß ſie das Land als ein irdiſches Pa⸗ radies beſchrieben. Die Ruine der erſten Kirche in Jamestown ſtand noch, wenigſtens eine Mauer davon, und glänzte zie⸗ gelroth aus einem hellgrünen Walde an dem Fluß. Bei Nacht auf dem Meer war es wiederum erſti⸗ ckend heiß. Eine gute freundliche Negerin bediente mich und wir hatten verſchiedene Beſprechungen. Sie war Sklavin in Baltimore geweſen und ihre Herrſchaft daſelbſt hatte ihr zur Freiheit verholfen. Ich fragte ſie, ob ſie ſich als frei eben ſo gut befinde, wie als Sklavin bei ihrer guten Herrſchaft. „Beſſer, Maam, beſſer,“ war ihre energiſche Ant⸗ wort. Und ſie fügte hinzu:„Ich glaube nicht, daß der Herr irgend einen Menſchen dazu beſtimmt hat der Sklave eines andern zu ſein.“ Das gute Weib war ausnehmend vergnügt und zufrieden mit ihrem gegenwärtigen Leben. Im Damenſalon waren nicht viele Paſſagiere. Ein paar ſchöne matronenartige ältere Frauen ſaßen da in halblautem Geſpräch über das Leben und ſeine Ereig⸗ niſſe; ſie ſprachen von den Schickſalen von Freunden 406 und Bekannten; ſie ſprachen von einem Todtenbett, wo ein gottloſer Mann neulich ſein Leben beſchloſſen, ohne einen Rückblick der Reue auf die Vergangenheit, ohne einen Blick der Hoffnung auf die Zukunft. Sie ſtell⸗ ten Betrachtungen darüber an; ihre Geſichter waren ſanft und ernſt. Drei junge Mädchen von zwölf bis fünfzehn Jahren ſprangen dabei im Zimmer aus und ein, wie wilde Füllen oder Kälber, die man zum erſten Mal auf die Weide gelaſſen hat; ich hütete mich wohl ihnen in den Weg zu kommen. Die Frauen ſahen ihnen zu. „Wilde junge Mädchen!“ ſagte die eine mit ſanf⸗ ter Mißbilligung. „Laß ſie ihre Freiheit genießen,“ verſetzte die an⸗ dere noch milder und mit einem halben Seufzer;„es iſt ihre Zeit; das Leben wird ſie bald genug zähmen.“ Aber dennoch wäre es beſſer, wenn das junge Mäd⸗ chen ſo erzogen würde, daß fie ſich der Hand des Zäh⸗ mers in einem andern Sinn unterwärfe, als das Fül⸗ len dem Gebiß. Der Kampf würde dann milder und würdiger als nach dieſer Füllenfreiheit. Am Morgen befand ich mich in Baltimore, und reiſte von da noch an demſelben Vormittag mit der Eiſenbahn nach Harpers ferry. Man hatte mir ſo viel von der Schönheit der Landſchaft in dieſer Gegend Vir⸗ giniens erzählt, daß ich dahin zu fahren beſchloß, um recht in Ruhe den Eindruck von Virginiens erhabenſter Scenerie zu betrachten. Der Bahnzug flog in Krümmungen und unzähligen Verſchlingungen an den waldbewachſenen Ufern eines kleinen Fluſſes hin, mit einer Heftigkeit und Unregel⸗ mäßigkeit, die an eine ſcheugewordene Kuh erinnerte und mich jeden Augenblick fürchten ließ, ich möchte in den Strom geworfen werden. Dennoch kamen wir glücklich in den kleinen Flecken bei Harpers ferry. Ich blieb hier drei Tage lang allein und unbekannt und erft hin an an Fu for: ver! mur die gro heit und nen Her träg kom men los hört tanz Hu gew Pot ſich aber Lau Arn Syr Höh Bieg kam, Berg den ter 1 ſchm Scha wo ne ne ⸗ cen bis nd ten ohl en uf⸗ au⸗ es n. äd⸗ i ind ind der viel ir⸗ um ſter gen nes gel⸗ erte in wir Ich und 407 erfreute mich an einſamen Wanderungen über die Berge hin und in der romantiſchen Gegend. Sie erinnert an gewiſſe Berggegenden in Dalekarlien und noch mehr an das Mindener Thal in Deutſchland, wo die Flüſſe Fulda und Werra zuſammenſtoßen, denn die Gebirgs⸗ formation und die Vegetation da und dort haben verwandtſchaftliche Aehnlichkeit. Hier ſind es der muntere ſpielende Shenandvah und der ernſte Potomac, die zuſammentreffen, ſich vereinigen und zuſammen den großen Potomacfluß bilden. Der Shenandoah iſt ein heiteres, gutes junges Mädchen, das ſorglos, lachend und hüpfend in unſchuldiger Lebensluſt zwiſchen grü⸗ nenden Ufern hintanzt. Der Potomac iſt ein älterer Herr, der ernſt und ſtill aus den Wäldern herab mit trägem Schritt und geringem Leben einhergegangen kommt. Er trifft mit der heitern Shenandoah zuſam⸗ men und zieht ſie ſtill an ſich. Sie fällt beſinnungs⸗ los in ſeine Arme und wird darin verſchlungen. Man hört und ſieht nichts mehr von der brauſenden und tanzenden Shenandvah, es iſt vorbei mit ihrem heitern Humor, vorbei mit ihr ſelbſt, ſie iſt Frau Potomat geworden und hat keine Exiſtenz mehr, die von Herrn Potomac getrennt wäre. Aber Herr Potomac breitet ſich mit ſteigenden ſchwellenden Waſſern, eben ſo ruhig, aber majeſtätiſcher als vorher aus und ſetzt ſeinen Lauf fort nach Washington und von da ins Meer. Arme kleine Shenandvah! Ich liebte ſie und hege Sympathie mit ihr, und obſchon ich gerne von den Höhen herab ſah, wie der Potomac in ruhigen, tiefen Biegungen durch die weſtlichen Hochlande hergegangen kam, ſo ging ich doch noch lieber im Thale ſüdlich vom Berge, wo Shenandvah, noch ein junges Mägdelein, an den Klippen hin tanzte, die ihre bacchantiſchen Häup⸗ ter mit den ſchönſten Kränzen und Kronen von Laub ſchmückten, oder unter hohen Bäumen, auf welchen Schaaren von gelben Vögelein, Kanarienvögeln ähn⸗ 408 lich, umherhüpften und fröhlich zwitſcherten. Die Ge⸗ gend war hier unendlich hübſch und romantiſch. Und Shenandvahs Wogen ſind trotz ihrer Seichtigkeit kry⸗ ſtallhell. Weiter unten im Thal auf dieſer Seite iſt eine große Gewehrfabrik, wo eine gewaltige Thätigkeit herrſcht. Auf dem Hochland lagen die Wohnungen der Arbeiter, kleine ſteinerne Häuſer, gut gebaut, alle einander gleich und ſchöne Ansſichten darbietend. „Wir ſind hier alle gleich,“ ſagte ein junges Weib in einer dieſer Wohnungen, wo ich ausruhte, zu mir. Wir haben alle dieſelben Bedingungen.“ Dieſe waren ganz gut. Wir ſaßen iu einem Wohnzimmer, wo Alles Lomfortabel und ſogar zierlich ausſah. Die junge Frau hatte ein Knäbchen auf dem Arm. Gleich⸗ wohl war ſie nicht glücklich; das war mir ſogleich klar. Etwas in ihrem ſanften, melancholiſchen Aus⸗ druck ſagte mir, daß ſie nicht glücklich verheirathet war. In einem andern Hauſe machte ich die Bekannt⸗ ſchaft einer ältern Frau, welche das Gepräge des tief⸗ ſten Kummers trug. Sie hatte ihren Gatten verloren und er war die Freude ihres Lebens geweſen. Sie ſprach davon auf eine Art. welche mich veranlaßte meine Thränen mit den ihrigen zu vermiſchen. Während der ſchönen Abende waren die Haus⸗ thüren gewöhnlich offen, und die Weiber ſtanden da⸗ vor mit ihren kleinen Kindern, oder ſaßen ſie außen und nähten. Ich machte zuerſt mit den Kindern, dann mit den Müttern Bekanntſchaft. Alle gleich in Glückslvoſen und dennoch dieſe Un⸗ gleichheit des innern Glückes! So iſt es immer. Aber dieſe innere Ungleichheit erträgt ſich leichter, als die⸗ jenige, die durch Kaſtenvorurtheile verſchuldet wird. Sie erregt weniger Murren und weniger Bitterkeit. Eines Abends war eine Hochzeit unten im Flecken, und von den Gebirgswohnungen her wandelten feſtlich ha zei wa um aue La — bal ble beſt frei Fir geh He⸗ und ch⸗ ine keit gen alle ges hte, ieſe ner, Die ich⸗ eich us⸗ thet unt⸗ tief⸗ oren Sie aßte aus⸗ da⸗ ußen nmn Un⸗ Aber die⸗ vird. it. cken, ſtlich 409 gekleidete Hochzeitgäſte auf Fußwegen ans Ufer hinab. Sie waren einfach, aber geſchmackvoll gekleidet, unge⸗ fähr ſo wie man ſich in den Städten zur Geſellſchaft anzieht, obſchon ſie ſchlichtere Zenge trugen. Eines Abends als ich etwas ſpät über die Berge nach Hauſe ging, ſah ich auf dem Fußweg, in dem ich dahinwandelte, einen Mann in blauer Arbeiterblouſe ſitzen, die Stirne an die Hand gelehnt, in welcher er ein Nastuch hielt. Als ich näher kam, nahm er die Hand weg und ſah mich an, und ich ſah eine irländi⸗ ſche Naſe in einem gutmüthigen, freundlichen Geſicht, das mir ein Mann von etwa dreißig Jahren zeigte. Er ſagte auf engliſch: „Es iſt ſehr warm.“ „Ja,“ ſagte ich, indem ich ſtehen blieb;„und Sie haben ſchwer gearbeitet?“ „Ja, meine Hände ſind ganz verderbt!“ zeigte blaue und geſchwollene Hände. Ich fragte ein wenig nach ſeinen Umſtänden. Er war ein Irländer, hieß Jim und war hieher gekommen, um Arbeitsverdienſt zu ſuchen. Dieſen hatte er hier auch gefunden und er konnte in der Fabrik 20 Dollars monatlich verdienen. Aber dennoch liebte er das alte Land mehr und beabſichtigte dahin zurückzukehren, ſo⸗ bald er 1000 Dollars beiſammen hätte. Ich fragte ihn, ob er verheirathet ſei. „Nein;“ er hielte es fürs Beſte unverheirathet zu bleiben. Er fragte hierauf, ob ich verheirathet ſei. Ich antwortete„nein,“ ich denke wie er, daß es am beſten ſei ledig zu bleiben, und dann ſagte ich ihm ein freundliches Lebewohl. Aber er ſtand auf und folgte mir mit den Worten: „Und Sie wandern hier ſo allein herum, Miß! Finden Sie es nicht langweilig, ſo allein herumzu⸗ gehen?“ „Nein, Jim, ich liebe es allein zu gehen.“ Und er 410 „Ei, Sie würden ſich doch weit beſſer fühlen, Sie würden ſich viel, viel glücklicher befinden, wenn Sie einen jungen Mann hätten, der mit Ihnen herum ginge und für Sie ſorgte.“ „Ei, ich befinde mich ganz wohl, Jim.“ „Sie würden ſich aber noch weit, weit beſſer be⸗ finden, wenn Sie einen jungen Mann hätten, das ver⸗ ſichere ich Sie, einen jungen Mann, der Sie lieben würde und überall mit Ihnen hinginge. Für ein Frauenzimmer iſt dieſes Leben das größte Unglück in der Welt, das verſichere ich Sie.“ „Aber, Iim, ich bin jetzt ein altes Frauenzimmer, und ein junger Mann würde ſich nicht viel um mich be⸗ kümmern.“ „Sie ſind nicht zu alt, um zu heirathen, Miß, und dann ſehen Sie gut aus, Miß(von are good looking); Sie ſehen ſehr gut aus, Maam, und ein hübſcher jun⸗ ger Mann würde Sie gerne haben wollen und überall mit Ihnen hingehen.“ „Aber, Jim, vielleicht möchte er nicht dahin gehen, wohin ich gehen will, und wie ſollte es dann mit uns werden?“ „O, er würde ſchon wollen, Maam, ich verſichere Sie, daß er wollen würde und. vielleicht haben Sie tauſend Dollars, womit Sie ihn unterhalten könn⸗ ten, Maam.“ „Aber, Jim, ich würde einen Mann nicht lieben der bloß um meiner Dollars willen mit mir gehen wollte.“ „Darin haben Sie Recht, Miß, vollkommen Recht; aber Sie würden weit glücklicher ſein mit einem hüb⸗ ſchen jungen Mann, der für Sie ſorgte u. ſ. w. u. w.“ „Da ſehen Sie her, Jim,“ ſagte ich endlich,„da dro⸗ ben über den Wolken iſt ein großer Gentleman, der für mich ſorgt, und wenn ich ihn habe, ſo bedarf ich keines andern.“ vor Un ſich Et! unt ich ant unt De beſ bor mei Her wol leid abe den Unt ihre zim übe gep ich nen gew heut 411 Dieſer Gedanke fand Anklang bei meinem warm⸗ herzigen Irländer und er rief: „Darin haben Sie Recht, Miß, ja er iſt der Mann, das iſt wahr. Und wenn Sie ihn haben, ſo brauchen Sie um nichts bange zu ſein.“ „Ich bin auch nicht bange, Jim; aber jetzt gehen Sie voraus, denn der Fußweg iſt zu ſchmal für uns beide.“ Und ſo trennten wir uns. Wie gefiele Dir der beab⸗ ſichtigte Schwager? Am dritten Tag meines Aufenthalts verlautete Etwas über die einſame Wandererin in der Gegend und es kamen freundliche Einladungen und Beſuche, die ich zu meinem großen Leidweſen wegen Zahnwehs nicht annehmen konnte. Die Hitze war jetzt wieder drückend und preßte auf Seele und Leib. Von Harpers ferry reiste ich nach Philadelphia. Der Tag war einer der ſchönſten; aber die Reiſe war beſchwerlich wegen mehrfachen Wechſels zwiſchen Dampf⸗ booten und Eiſenbahnen, und weil ich ganz allein für mein Gepäck zu ſorgen hatte, weil kein befreundeter Herr bei mir war und ich keinen Fremden beläſtigen wollte. Ich war jedoch geſund und ſtark; aber ſehr leid that es mir um eine Dame, die wie ich ganz allein, aber ſchwach und kränklich war und mit dem Nachtſack, den ſie zu tragen hatte, gar nicht fertig werden konnte. Und als ich große kräftige Männer ohne Etwas in ihren Händen an dem offenbar hülfsbedürftigen Frauen⸗ zimmer, das ganz das Ausſehen einer Lady hatte, vor⸗ übergehen ſah, ohne ſich ihrer anzunehmen, da dachte ich mit einiger Verwunderung: Wo iſt jetzt die geprieſene americaniſche Artigkeit? Gar zu gern hätte ich ſelbſt ihr geholfen, wenn ich nicht von meinen eige⸗ nen Sachen beinahe niedergedrückt und ſehr preſſirt geweſen wäre, denn dieſe Wechſel hier gehen mit unge⸗ heurer Eilfertigkeit vor ſich. Ich verabſcheue es, wenn die Frauenzimmer auf ———— 412 die Artigkeit und Dienſtfertigkeit der Männer pochen, und glaube, daß Frauen, die Achtung vor ſich ſelbſt haben, juſt diejenigen find, die am wenigſten Anſprüche darauf machen wollen. Aber es ſollte doch nicht ver⸗ geſſen werden, daß die Frauen innerhalb des Hauſes den Männern dienen, daß ſie es gewöhnlich gerne und liebevoll thun, und es gibt wohl wenige Männer, die nicht manchmal die Annehmlichkeit ſolcher Dienſte er⸗ fahren dürften, noch wenigere, die nicht die Pflege ihrer Kindheit und Jugend der ſorgſamen Dienſtfertigkeit von Frauen zu verdanken hatten*). Es iſt alſo nicht zu viel, wenn ſie auf den Landſtraßen des Lebens im Vor⸗ beigehen ihnen eine hülfreiche Hand reichen, zumal wenn dieß wenig Zeit und gar keine Selbſtaufopferung koſtet. Und gewöhnlich ſind es nicht die americaniſchen Män⸗ ner, denen man Artigkeit predigen muß. Wenn ich hier und ſonſt noch einige Male in den Vereinigten Staaten Etwas geſehen habe, was den Geſetzen der gewöhnlichen Artigkeit und ſogar der Menſchlichkeit widerſtritt, ſo beweist dieß bloß die Wahrheit des alten Spruches: Keine Regel ohne Ausnahme. Es iſt übrigens in America, wo doch ſo Vieles *) So dachte und ſo handelte auch ein älterer Farmer im Weſten vor einiger Zeit bei einem Eiſenbahnzug. Die Wagen waren gedrängt voll und der alte Herr ſtand auf, um einigen Frauenzimmern ſeinen Platz zu überlaſſen. Er wollte ſich ſpäter nicht ſetzen, bevor er alle Frauenzimmer im Wagen mit Plätzen ver⸗ ſehen ſah. Da er ein großer ſtattlicher Mann war, ſo fiel ſein Benehmen ſehr in die Augen.„Sie ſind ungemein artig gegen die Ladies, Sir,“ bemerkte ein Herr, indem er ſich bequem ſtreckte.„Sir,“ antwor⸗ tete er, meine Mutter war eine Lady!“ Und er blieb ſtehen, ſo lange noch ein Frauenzimmer Platz im Wagen ſuchte. er⸗ ſes nd die er⸗ rer on zu or⸗ enn tet. än⸗ ich ten der keit ten eles mer zug. err tz zu vor ver⸗ var, ſind ein vor⸗ 5 et im 413 für die Bequemlichkeit der Reiſenden wohl beſtellt iſt, noch ein großer Fehler, daß da nicht wie in England und in andern Ländern Europas an den Eiſenbahn⸗ ſtativnen dienſtthuende Leute aufgeſtellt ſind, welche dafür bezahlt werden, daß ſie den Paſſagieren bei allen ihren Bedürfniſſen an die Hand gehen. Und in Ame⸗ rica, wo die Frauenzimmer oft allein reiſen, wäre dieß noch nöthiger als anderwärts und würde ihnen zur größten Beruhigung gereichen. Denn welches Frauen⸗ zimmer von einigem Zartgefühl will einen Dienſt in Anſpruch nehmen, der für beſchwerlich gehalten wer⸗ den kann? Ich genoß den ſchönen Tag ſpäter ſehr gut in ſtiller Geſellſchaft mit meiner neuen und einzigen Be⸗ kannten auf der Reiſe, der bereits erwähnten freund⸗ lichen Dame; ich ſah die Sonne herrlich untergehen und den Mond herrlich aufſteigen. Abends war ich in Philadelphia aufs Angenehmſte eingewohnt in dem ſchönen und bequemen Haus des freundlichen Quäcker⸗ paares Townsend. Das engelgleiche Mädchen, Mary Townsend, die Schweſter meines Wirths, die ich im vorigen Jahr in weißen Kleidern auf ihrem Bette liegen ſah, war jetzt ſeit einigen Tagen in die Erde unter grünen Bäumen gebettet. Ihr Tod war heiter wie ihre Lebensflamme, und im Grab wurde ihr Geſicht der aufgehenden Sonne zugekehrt. Sie, die über die Metamorphoſen der In⸗ ſecten ſchrieb und ſo gerne den Angenblick ſchilderte, wo ſie ihre Flügel aus der Puppe lösten, ſie iſt jetzt erlöst und frei wie dieſe. Mit ihrem guten Bruder beſuchte ich geſtern Abend ihre letzte Ruheſtätte auf Erden, ein ſchönes, friedliches Plätzchen unter laubi⸗ gen Bäumen. —— —— — ——— ——— 414 Den 15. Juni. Ach, mein Kind, wie freue ich mich über die Zeichnungsakademie für junge Mädchen, die ich geſtern beſuchte! Das iſt eine vortreffliche Anſtalt, die unend⸗ lich viel Gutes wirken wird. Hier können Talent und Bildungstrieb bei jungen Mädchen Nahrung und Ent⸗ wicklung erhalten, und geduldiger Fleiß und Arbeits⸗ kraft koͤnnen auf die angenehmſte Art Beſchäftigung und Verdienſt finden. Junge Mädchen können in die⸗ ſer Akademie(die armen unentgeltlich, die vermögliche⸗ ren gegen eine unbedeutende Bezahlung) zeichnen, malen, Muſter für Zeuge, Tapeten und Teppiche componiren, Holzſchnitte machen, lithographiren und dergleichen ler⸗ nen; und die Anſtalt hat bereits einen ſolchen Erfolg und ſo groß ſind die Fortſchritte der Schülerinnen, ſo zahlreich die Beſtellung von Muſtern, Holzſchnitten und dergleichen, auch die Bezahlungen ſo gut, daß die jungen Mädchen bereits etwas Anſehnliches verdienen können und man mit Gewißheit vorausſehen darf, daß die Anſtalt binnen wenigen Jahren vollkommen ſich ſelbſt erhalten kann. Es iſt dieſelbe Schule, die ich im vorigen Jahr bei der warmherzigen Mrs. Peter(Gemahlin des brit⸗ tiſchen Conſuls dahier) in ihrer Kindheit ſah, wo ſie noch gänzlich vom Schutze dieſer Dame abhing. Seit⸗ her hat ſie ſich ſehr raſch entwickelt, iſt ins Leben hinausgezogen, mit dem vortrefflichen Franklinſchen Inſtitut dahier einverleibt worden, hat einen jährlichen Beitrag von deſſen Capitalien erhalten und wächst jetzt aus eigener Kraft. Mehrere der jüngern Schülerinnen verdienen bereits 10 bis 15 Dollars in der Woche. Der Herausgeber von Sartaines Magazin ſagte mir, das Bedürfniß und die Nachfrage nach ſolcher Arbeit in den Vereinigten Staaten für Zeitungen, li⸗ bere dav die n nd nt⸗ ts⸗ ng ie⸗ he⸗ en, en, er⸗ olg ten die nen daß ſich ahr rit⸗ ſie eit⸗ ben hen hen etzt nen che. gte cher li⸗ auf bekommen könnten. 41⁵ terariſche Magazine, Manufakturen u. ſ. w. ſei ſo groß, daß alle Frauenzimmer im Land, welche die Zeit hätten ſich der Sache zu widmen, Arbeit im voll⸗ Und niemals habe ich in ir⸗ gend einer Schule ſo viele fröhliche lebensvolle Geſich⸗ ter geſehen. Eines der heiterſten war das von einem jungen Mädchen, das ſich bisher mit Kleidernähen durchgebracht hatte; fie entwickelte jetzt ein ſo entſchie⸗ denes Talent zum Zeichnen, daß ſie darauf rechnen konnte durch dieſe Kunſt ihr ganzes Leben lang ein anſtändiges Auskommen zu gewinnen. Die heitere, gefällige Vorſteherin, Mrs. Hill, ſagte mir, die jungen Mädchen hätten eine ſolche Freude an ihrer Arbeit, daß ſie zuweilen den ganzen Tag in der Schule bleiben ſtatt der fünf Stunden, welche die eigentliche Schulzeit ausmachen. Ich bin entzückt über dieſe Anſtalt, die ſo manchem mittelloſen Kinde eine helle Zukunft eröffnet und den Schönheits⸗ ſinn bei armen jungen Mädchen weckt, während ſie ihnen die Möglichkeit bereitet, in verſchiedene Indu⸗ ſtrien einzutreten. Ich bin beſonders darum ſo erfreut darüber, weil ſie ſich auch in Schweden einführen läßt und dort manchem Mädchen Ausſicht auf geiſtiges und körperliches Gedeihen eröffnen kann. Ich habe von dieſer Anſtalt eine Menge Proben und Muſter, die mir wohlwollend geſchenkt wurden, ſowie alle Aufſchlüſſe, die ich bekommen konnte, mitgenommen. Ach laßt uns wo möglich Penſionen und Aſyle für die Armen, Schwachen oder Kranken ſchaffen; aber den Jungen laßt uns Arbeit, freie Concurrenz, offene Vahnen zur Entwicklung und edle Lebenszwecke geben. Das iſt die einzige wahrhaft gute Hülfe für mittelloſe Mädchen, denn ſie ſchließt Emporhebung in ſich, ſie bereitet Glück durch ſelbſterworbenen Werth. Mehr davon, wenn wir uns wieder treffen. Die Zeit dazu 416 ſcheint mir ſo nahe zu ſein, daß ich es kaum der Mühe werth finde, noch lange Briefe zu ſchreiben. Den 17. Juni. Derſelbe freundliche, gefällige Herr Dr. Elder), der mich in die Zeichnungsakademie begleitete, führte mich heute in das medieiniſche Collegium für Frauen⸗ zimmer, das vor einem Jahr hier geſtiftet worden iſt und den Mädchen Gelegenheit geben ſoll ſich wiſſen⸗ ſchaftlich zum ärztlichen Beruf vorzubereiten. Dieſe Anſtalt iſt nicht ohne ſtarken Widerſpruch in Gang ge⸗ kommen, aber ſie iſt doch in Gang gekommen, dem Geiſt und der Billigkeit der neuen Welt zu Ehren! Uebri⸗ gens dürfte auch die Feſtigkeit und das Talent einer jungen Americanerin, ſowie der Ruf, den ſie außer Lands gewonnen, dazu beigetragen haben. Eliſabeth Blackwell widmete ſich, nachdem ſie durch mehrjährige angeſtrengte Arbeit mehrere jüngere Geſchwiſter erziehen und unterhalten geholfen, dem ärztlichen Beruf, mit dem feſten Entſchluß auf dieſem Weg für ſich und an⸗ dere Weiber eine Bahn zu brechen. Sie ſtieß auf zahlloſe Widerwärtigkeiten; Vorurtheile und Widerwille beläſtigten alle ihre Tritte. Aber ſie überwand alle Schwierigkeiten und durfte endlich in der Stadt Genf im weſtlichen New⸗York ſtudiren und als Arzt promo⸗ viren. Darauf reiſte ſie ins Ausland und erlangte in Paris Zutritt in die mediciniſche Schule daſelbſt. Der Porſteher der Schule erſchrack.„Sie müſſen ſich als Mann verkleiden, ſagte er, es geht ſonſt unmöglich an.“ —„Ich werde kein Band an meinem Hut verändern, antwortete ſie. Thun Sie, was Sie wollen, aber Ihr Benehmen wird bekannt gemacht werden. Sie haben meine Zeugniſſe geſehen, Sie haben kein Recht mir den Eintritt zu verweigern.“ Hr. L. mußte ſich fügen. Eliſabeths weibliche Würde und Haltung, verbunden mit Leh ließ Ert Lol Lo: chir gen als wüt mac lich ten den men gen. etlic ſollt Ana Auf wün Auft jeni ſie v ſelbſ gibt ten, ühe hrte len⸗ iſt ſen⸗ ieſe ge⸗ eiſt bri⸗ iner ußer beth rige ehen mit an⸗ auf wille alle Henf omo⸗ te in Der als an.“ dern, Ihr aen mir igen. nden 417 mit ihren ausgezeichneten Kenntuiſſen, imponirten dem Lehrer und den Studirenden an der Anſtalt. Man ließ das junge Weib in Ruhe, unter dem Schutze ihres Ernſtes und ihrer Wiſſenſchaft. Mit ausgezeichnetem Lob verließ ſie die Lehrſäle in Paris und reiſte nach London, wo ſie ſowohl in der medieiniſchen als in der chirurgiſchen Wiſſenſchaft nene Lorbeeren erntete. Ge⸗ genwärtig wird ſie in America zurückerwartet, wo ſie als Aerztin zu practiciren beabſichtigt. Pr. Elder wünſcht, daß ich die Bekanntſchaſt dieſer jungen Dame machen ſoll, die er innig bewundert, an der er ſich väter⸗ lich erfreut und die eine ſo kräftige Seele in einem zar⸗ ten und feinen Leibe erhalten hat. Er ſagte von ihr: „Sie iſt nicht größer als Sie; aber ſie wird Sie unter den einen, meine Tochter unter den andern Arm neh⸗ men und ſo mit Ihnen beiden die Treppe hinaufſprin⸗ gen.“ Das möchte ich doch ſehen. Es waren jetzt Ferien im Inſtitut, das bereits etliche und ſiebenzig Studentinnen zählt; aber der Curs ſollte bald wieder beginnen, und der Profeſſor der Anatomie, ein ſchöner, freundlicher Mann, war mit der Aufſtellung eines menſchlichen Skeletts beſchäftigt. Sehr wünſchenswerth ſcheint es mir, daß dieſe Anſtalt die Aufmerkſamkeit der Studentinnen vorzugsweiſe auf den⸗ jenigen Theil der mediciniſchen Wiſſenſchaft, welchem ſie vorzugsweiſe angehören ſollten, richtet oder daß ſie ſelbſt dieſen Theil beſonders ins Auge faſſen. Deun gibt es hier nicht wie in allen Sphären, Wiſſenſchaf⸗ ten, Künſten und Gewerben des Lebens ein Ge⸗ biet, das vorzugsweiſe dem Weibe angehört auf den Grund ihrer Naturanlagen? In der Medicin iſt dieß offenbar theils das Präventive oder das was durch Geſundheitspflege und Diät der Krankheit zuvorkommen ſoll, beſonders bei Weibern und Kindern; theils das vorzugsweiſe heilende und eurirende Element. Die Bremer, die Heimath in der neuen Welt. III. 27 —————— 418 Weiber haben zu allen Zeiten ausgezeichnete Gaben für dieſe Heilkunſt gezeigt; ſie haben das Talent bewieſen durch Wurzeln und ſogenaunte Hauskuren Schmerzen zu heilen oder zu lindern. Ihre mediciniſche Kunſt wird vor allen Dingen die ſchmerzlindernde, tröſtende Partie ſein. In dieſer können ſie es weit bringen. Der In⸗ ſtinet des Herzens wird ſich bei ihnen mit dem Wiſſen des Kopfes vereinigen. Die botaniſche Medicin wird ihnen alſo näher ſtehen als die Chirurgie. Und die ſchönen, wohlthätigen Pflanzen, die auf Hügeln und Feldern gleich heilenden Engeln im Sommerwinde winken, werden von den Händen des weiblichen Arztes in die Wohnungen der Leidenden gebracht werden und durch milde wunderthätige Kräfte, hervorgerufen durch Liebe und Kunſt, das Evangelium der Geſundheit immer mehr auf Erden ſich ausbreiten und ſelbſt die oft fürchterliche Arbeit des Todes ſo ſehr als möglich in einen friedlichen Uebergang ſich verwandeln laſſen. O, wer noch jung wäre und ſein Leben dieſer herrlichen Wiſſenſchaft widmen könnte! In allen Ländern und zu allen Zeiten haben die Frauen den ärztlichen Beruf in dieſer Richtung, die ihre Natur ihnen anweist, ausgeübt. Die wiſſenſchaft⸗ liche Anſtalt muß das bereits begonnene Werk vervoll⸗ kommnen. Die Arbeit, die ein beharrliches Studium, eine raſchere Entſchloſſenheit, eine ſtärkere kühnere Hand fordert, wird hier, wie bei allen Berufsthätigkeiten, Männern zufallen, weil ſie von ihnen am beſten voll⸗ bracht wird. Den 2. Juli. Ich bin noch hier zurückgehalten durch die Ereig⸗ N niſſe in der Familie, deren Gaſt ich jetzt bin. Denn eine Woche nach dem Tod Mary Townſends folgte ihre geliebteſte Schweſter ihr nach, und Mr. E. Town⸗ ſend, der mich nach New⸗York begleiten ſollte, muß für eſen rzen wird artie In⸗ iſſen wird die und inde tztes und urch heit die glich ſſen. ichen die „die haft⸗ voll⸗ ium, Hand iten, voll⸗ rei⸗ Denn folgte own⸗ muß 419 über die Beerdigung ſeiner zweiten Schweſter hier bleiben. Dieſe zwei jungen Schweſtern, die beide kränklich waren, beſaßen friſche wohlbegabte Seelen und hatten immer in innigem Freundſchaftsverhältniß ge⸗ lebt, während ſie zuſammen literariſche Gegenſtände zum Beſten der Ingend bearbeiteten. Im Leben zärt⸗ lich verbunden, war es gut, daß ſie einander auch im Tode folgen durften. Aber ſie laſſen eine große Leere in dem Hauſe zurück, wo jetzt nur noch eine Tochter da iſt. Die zuletzt geſtorbene lebte den ganzen letzten Tag ihres Lebens in den ſchönſten Viſionen von der dahingegangenen Schweſter und von ihrem gemeinſchaft⸗ lichen Emporſchweben in eine verklärte Welt. Die Beerdigung, der ich geſtern beiwohnte, ging nach Quäkerſitte ohne allen unnöthigen Pomp, ohne alle Ceremonien vor ſich. Sie ging vor ſich unter ab⸗ wechſelnden kurzen Reden von Männern und Frauen⸗ zimmern, ſowie Pauſen, je nach den Eingebungen des Geiſtes. Wahrhaft rührend und ergreifend war es, als im Todtenhauſe, nachdem alle Verwandte und Freunde ſtill in einem Zimmer verſammelt dageſeſſen, die tiefbetrübte alte Mutter ihre zitternde Stimme mit folgenden Worten erhob: „Mein Herz iſt hart geprüft worden; aber Gott hat in Gnaden auf mich geſehen.“ Alles was ſie ſagte, kam ſo rein aus der Tiefe eines chriſtlichen Mutterherzens und war zu gleicher Zeit ſo zart von Gefühl und ſo ſtark in Glauben und Er⸗ gebung, daß es gar nicht beſſer ſein konnte. Das Schönſte war ihr Troſt in dem Bewußtſein von der Reinheit der dahingeſchiedenen Töchter in Bezug auf Abſicht und Lebenszweck, und die Erinnerung an die letzten Worte der jüngſten kurz vor ihrer Todesſtunde. Nachdem die Mutter unter den Thränen der Anweſen⸗ den verſtummt war, ergriff eine andere ältere Dame das Wort auf eine Art, weiche dazu beitrug ſie zu trocknen; denn ihre Rede war bloß ein kalter, dünner Abſud der erſten. Sodann kam ein älterer Herr, welcher die dritte aber nicht verbeſſerte Auflage gab. Eine ver⸗ beſſerte Auflage wäre aber auch nicht möglich geweſen. Wir fuhren unter Gewitter und Sturzregen nach dem Begräbnißplatze hinaus. Aber juſt als wir aus dem Wagen ſtiegen und der Sarg auf die Erde unter den buſchigen Bäumen geſtellt war, brach die Sonne im Weſten mächtig hervor aus den Wolken und beleuchtete aufs Herrlichſte die ſtille Scene, die noch fallenden Tropfen(es ſah aus wie ein Goldregen), die hohen blätterreichen Bäume, und ſo ſtrahlte ſie die ganze Zeit fort, ſo lange die Rede eines der Aelteſten währte, die eben ſo trocken und proſaiſch war, als der Sonnen— ſchein warm und poetiſch, und bis der Sarg in die Erde verſenkt war. Seltſam genug ſoll bei Marys Begräbniß genau derſelbe Auftritt ſtattgefunden haben, dieſelbe Hinausfahrt beim Regen, dieſelbe hübſche Sonnenbeleuchtung am Grabe. Iſt ſo Etwas bloß Zufall?.... Die beiden jungen Schweſtern theilen daſſelbe Grab unter demſelben beſchattenden Baum, wie ſie daſſelbe Leben, dieſelben Freuden und Küm⸗ merniſſe getheilt hatten; ihre Geſichter ſind dem Son⸗ nenaufgang zugekehrt, und die poetiſche Schwägerin kann über ſie ſingen: Laß ſie Seit' an Seite liegen Und ganz heiter ſchlummern u. ſ. w. Mrs. E. Townſend beſitzt ein ausgezeichnetes poe⸗ tiſches Talent, beſonders für die Ballade und Romanze. Einige ihrer kleinen Balladen gehören zum Allerhüb⸗ ſcheſten, was ich in dieſem Genre gehört habe. Ihr Gatte iſt ein angenehmer und gebildeter Maun und hat den ſtarken Sinn für das allgemeine Beſte, der den Americaner auszeichnet. Selbſt ein vortrefflicher Zahnarzt und Mitglied eines zahnärztlichen Vereins, ſu re im Ir fen Kr hö ſen im Wa der ide ben phit verl das jun, gab ſtatt lebe und ſeit ſing wah und tion Mät zum ſie h ben, ſie i der die er⸗ en. em em den im tete den hen eit die en⸗ die rys en, ſche loß ilen um, üm⸗ on⸗ erin poe⸗ nze. üb⸗ Ihr und der icher ins, ſuchte er da nach beſten Kräften auf liberale Maß⸗ regeln hinzuwirken, die allen Anfängern und Pfuſchern im Geſchäft freien Zutritt zu den Vorleſungen, den Inſtrumenten und Experimenten des Vereins verſchaf⸗ fen ſollen, damit eine ſchlechtere und oberflächlichere Kunſt durch den Einfluß und die freie Aneignung einer höheren berichtigt und gehoben werde. Mr. Town⸗ ſend ſelbſt gibt jede Woche einigen jungen Anfängern im Geſchäft unentgeltliche Lectionen.„LeveMling up- vards,“(Gleichmachung nach Oben) iſt auch für ihn der leitende Grundſatz, und er hat über dieſe Grund⸗ idee des Vereins einen vortrefflichen Aufſatz geſchrieben. Der Verein iſt die natürlich aufwärts ſteigende Lebens⸗ bewegung der freien Staaten. Den 21. Juli. Es iſt mir in dieſen letzten Tagen in Philadel⸗ phia begegnet, daß ich mich— verliebt, ja wahrhaft verliebt und vernarrt habe in ein junges Mädchen, das juſt nicht außerordentlich ſchön, aber eine herrliche junge Weibernatur iſt, an Körper und Seele reichbe⸗ gabt, mit jenem Funken von inſpirirtem Leben ausge⸗ ſtattet, der ſo bezaubernd und ſo unausſprechlich be⸗ lebend iſt; ein Mädchen, friſch wie der Morgenthau, und ſie ſingt, wie ich nie Jemand ſingen gehört habe ſeit ihr, die ſchon lange aufgehört auf der Erde zu ſingen, jedoch nicht in meiner Seele. Aber es iſt wahr, daß ſie der Liebling Fanny Kembles geweſen iſt und in ihr eine unvergleichliche Lehrerin der Declama⸗ tion gehabt hat. Und dieſes Mädchen, dieſes herrliche Mädchen, dieſes Mädchen der neuen Velt, das ich hier zum erſten Mal ſo geſehen habe, wie ich es geahnt, ſie heißt... nein, ich will ihren Namen nicht ſchrei⸗ ben, es iſt mir, als ob ich ihn dadurch entweihte, und ſie iſt mir heilig. Ich kann weinen, wenn ich daran 422 denke, daß ein ſolches Mädchen kein anderes Schickſal haben ſoll, als ganz gewöhnliche Mädchen. Ein ſol⸗ ches junges Weib ſollte Prieſterin in einem heiligen Tempel werden und Orakel für die Welt verkünden. Mündlich mehr von ihr. Sie hat in meiner Phantaſie eine Geſtalt ins Leben gerufen, die mehr als fünfzehn Jahre lang darin gebunden gelegen. Hente werde ich nach New⸗York abreiſen. Es war dieſe Zeit über in Philadelphia ſo erdrückenv heiß, daß ich nicht viel auszurichten vermochte. Heute, nach dem geſtrigen Regen, iſt es ſchön und friſch. NB es war der erſte ordentliche Regenguß, den ich ſeit fünf Mo⸗ naten geſehen habe, und in dieſer ganzen Zeit habe ich nicht einen einzigen ganz trüben Tag geſehen. Jetzt freue ich mich herzlich, bald die guten, vortrefflichen Freunde in Roſenhütte wiederſehen zu dürfen. B 3 Roſenhütte, den 24. Juli. Und da bin ich jetzt, ſo glücklich als möglich in ſo weiter Ferne von meinen Lieben, mit der geliebten roſenfarbigen Familie, die immer gleich gut, gleich couleur de rose iſt, und alle Freunde aus New⸗York kommen und küſſen mich, ſchütteln mir die Hand und ſagen:„how do you do?“ Es ſind lebhafte, herzliche, mit friſchem Impuls begabte Menſchen, dieſe Menſchen der neuen Welt, das kann man nicht läugnen. Und Deine Briefe(unter Dutzend andern), die mich hier willkommen heißen! Aber ach, daß Du es ſo kalt und kühl haben mußt! Es iſt doch garſtig von der Frau Svpea im Juli ſolches Wetter zu bringen. Aber jetz aue vor Ge Ich vor Ha vor fert rei fäll Sc für We ſint gen rin ord den Nu um erh h in 423 jetzt, jetzt mußt Du doch Sonnenbad genug haben, auch in Schweden. Ich bereite mich zur Heimreiſe vor, aber der Athem vergeht mir, wenn ich an all die Geſchäfte denke, die ich vorher noch zu beſorgen habe. Ich mache mich jetzt auf den Weg nach Boſton und von da nach den weißen Bergen, nach Maine, New⸗ Hampſhire und Vermont u. ſ. w. Ich reiſe morgen von Freunden und zu Freunden auf dem ganzen Weg. Vor den erſten Tagen des Septembers kann ich nicht fertig ſein, America zu verlaſſen. Aber dann will ich reiſen. Ach, ich darf kaum daran denken, ſo ſchwer füllt es mir. Aber wenn der Brigittenſommer in Schweden kommt, dann werde auch ich zu meinen Theuren kommen. Mama bittet gewiß die h. Brigitta für mich, daß ſie meine Heimfahrt über das große Weltmeer begünſtigt. Um Roſenhütte und ihren friedlichen Umkreis her ſind ſeit meinem letzten Aufenthalt große Veränderun⸗ gen vorgegangen. Gewiß über hundert Häuſer ſind rings herum in allen Richtungen entſtanden und eine ordentliche Straße geht vor dem kleinen Park. Als ich zum erſten Mal nach Roſenhütte kam, lag ſie auf dem Lande; jetzt liegt ſie bald mitten in der Stadt. Nur gut, daß ſie noch leeren Raum und Bäume genug um das Haus her hat, um ſich den freien Athem zu erhalten. ——— —— —— ——— 424 Zweiundvierzigſter Brief. Nahant(Maſſachuſets), den 1. Aug. 1851, Gruß Dir und Kuß, mein Agathchen, an dieſem kühlen, ſchönen Sonntagsmorgen, den ich auf einer Klippe mitten im Meer, umgeben von glitzenden, tan⸗ zenden Wogen feire. Ich bin bei Mrs. Bryant in ihrem Landhäuschen bei Nahant, einem kleinen Bad⸗ ort, etliche Meilen von Boſton. Boſtons Ariſtokratie hat da ihre Villen und Hütten, wo ſie ein paar Mo⸗ nate im Jahr die Seeluft genießt oder badet, und hier in dieſen niedlichen, von grünen, duftenden Pflanzen umſchlungenen Wohnungen auf den kahlen Klippen iſt ein ausgeſuchter kleiner Geſellſchaftskreis verſammelt. Da iſt die alte prächtige Mrs. Lee(Mutter der Mrs. Bryant) in ihrer Hütte; da iſt Mr. Prescott, der treffliche Geſchichtſchreiber, mit ſeiner Familie, ferner der Prediger Bellows von New⸗York, Longfellows, Mrs. Skeyler, und mehrere andere intereſſante Per⸗ ſonen, und man vergnügt ſich heiter und gemüthlich bei kleinen Mittageſſen oder bei Theeſoupers an den Aben⸗ den. Die Americaner ſind ein in hohem Grad geſell⸗ ſchaftliches Volk und lieben es nicht, ſich ein- oder ihre Freunde auszuſchließen. Ich kam hieher, um Mrs. Bryant noch einmal zu ſehen, die ſo freundlich gegen mich geweſen war; ich kam von Boſton her, wo ich eine Woche bei meinem vortrefflichen Doctor Osgood zugebracht hatte, der, nachdem er mich als ſeine Patientin geſund gemacht, mich jetzt als Gaſt in ſeinem Haus glücklich machte, wo ich bloß einen ſtehenden Hader mit ihm hatte, nemlich daß er mich nicht ſchon früher ſeine Frau kennen gel für un rei flü den ſeh nic ein ſon Eli Sie We wo Kei Zin der Hei verl bloſ Gen behe Mic Sch ſie t Sch in i hält, frag dieſe verſi ſehen ſterb em ner an⸗ in ad⸗ tie No⸗ ier zen iſt elt. rs. der ner ws, er⸗ bei en⸗ ell⸗ hre zu ich em er, ht, te, te, len 425 gelehrt, eine jener glücklichen lieblichen Naturen, die für Alles, was ſie umgibt, eine Quelle der Freude und des Friedens ſind. Wiederum ein glückliches, liebe⸗ reiches Ehepaar, wie es ihrer wenige gibt. Von Boſton aus machte ich einige kleine Aus⸗ flüge; einer von ihnen war nach Concord gerichtet, denn ich wollte Emerſon und Eliſabeth H. noch einmal ſehen, ehe ich America auf immer verließ. Ich kann nicht recht ſagen, warum ich es wollte; aber es war eine innere Nothwendigkeit für mich. Ich mußte Emer⸗ ſon noch einmal ſehen. Ich kam Nachmittags nach Concord und ſtieg bei Eliſabeth H. ab. Wir gingen zuſammen zu Emerſons. Sie waren beide ausgegangen. Ich begab mich eine Weile in Emerſons Arbeitszimmer, ein großes Zimmer, wo Alles einfach, geordnet, ungeſucht, comfortabel iſt. Kein feiner Schönheitsſinn hat wie bei Downing das Zimmer in einen Tempel verwandelt, wo die Herven der Wiſſenſchaft und Literatur ihre Bilder haben. Im Heiligthum des ſtoiſchen Philoſophen ſind Zierrathen verbannt; comfortabel, aber ernſthaft ſtehen die Möbel bloß als dienende Werkzeuge da; ein einziges großes Gemälde iſt im Zimmer ſichtbar; aber dieſes ſteht mit beherrſchender Macht da; es iſt ein großes Oelgemälde, Michel Angelos herrliche Parzen darſtellend. Die drei Schickſalsgöttinnen ſind nicht abſchreckend; dafür ſind ſie trotz ihrer Unerweichbarkeit zu edel und zu ſchön. Schön iſt beſonders diejenige, welche den Lebensfaden in ihrer Hand hält. Diejenige, welche die Scheere hält, um ihn abzuſchneiden, ſieht die erſtere mit einem fragenden mitleidigen Ausdruck an, und die Antwort dieſer iſt ein Lächeln der ſchönſten Gewißheit und Zu⸗ verſicht. Der Blick des Sterblichen kann nicht darauf ſehen, ohne ſich mit Vertrauen in die Hände der un⸗ ſterblichen mütterlichen Mächte hinzugeben. Auf dem großen Tiſch mitten in dem Zimmer, wo — —— —— 426 Emerſon ſitzt und ſchreibt, dieſem Gemälde gegenüber, lagen einige ſehr wohl geordnete Papiere. Still und ſchweigſam ſtand ich eine Weile im Zimmer. Emer⸗ ſons Geiſt ſchien mir in ſeiner ruhigen, reinen Luft zu walten. Am Abend ſah ich Emerſon bei Eliſabeth H. Er war freundlich und heiter, ſich ſelbſt gleich, wenn er in ſeiner liebenswürdigſten Laune iſt. Ich wollte am folgenden Morgen abreiſen. Dieſem Plan widerſetzte er ſich mit aller Beſtimmtheit.„O, nein, nein, daran dürfen Sie nicht denken,“ ſagte er;„ich habe mir vor⸗ genommen, Sie an einen unſerer ſchönen, kleinen Waldſeeen in der Nachbarſchaft zu führen, und dann müſſen Sie meine Mutter ſehen und ihren Segen empfangen.“ Ich weiß nicht, ob ich Dir geſagt habe, daß Emer⸗ ſon ſeine Mutter bei ſich hat, eine edle alte Dame, in deren Geſicht man manchen Zug entdeckt, der an den Sohn erinnert. Die alte Mutter war jetzt bettlägerig in Folge eines Falles, bei dem ſie ihr Bein gebro⸗ chen hatte. Emerſons Freundlichkeit und dieſen Worten konnte ich nicht widerſtehen. Ich blieb. Tags darauf holte er mich im Cabriolet ab, das er ſelbſt kutſchirte, und führte mich auf den hübſcheſten Waldwegen zu einem kleinen See, der wie ein klarer Spiegel in dunkel⸗ grünem, Rahmen mitten im Walde lag. Der Platz ſah aus wie ein Heiligthum zur Zuſammenkunft freundli⸗ cher Naturgottheiten. Ich betrachtete die ſtille Scene, aber ich betrachtete auch Emerſon, der mir, als er mit ſeinem gedankenvollen Lächeln am ufer des Sees ſtand, als der menſchgewordene Genius deſſelben er⸗ ſchien. Unauslöſchlich bleibt dieſes Gemälde meiner Seele eingeprägt. Wir ſprachen viel unterwegs, denn bei Emerſon fühle ich mich immer auf eine ruhige und angenehme Ar die bli du tra fe kön er⸗ un die unt ſtin Id ant die lich ven gur ſich ſpr Qu mer ein er mit nen Ga wur hab ihn frag da er, und ter⸗ uft Er in am tzte ran or⸗ nen ann gen ner⸗ in den erig bro⸗ unte ote und nem nkel⸗ ſah idli⸗ tene, mit Sees mer⸗ einer rſon ehme Art zum Geſpräch angeregt. Aus der Unterhaltung dießmal iſt mir hauptſächlich das im Gedächtniß ge⸗ blieben, daß ich Emerſon fragte, ob er nicht die Bil⸗ dung der Staaten Neuenglands als abgeſchloſſen be⸗ trachte, und ob man in ihnen nicht einen Typus der fertigen americaniſchen Staatsgeſellſchaft erblicken könne. „Ganz und gar nicht(py no means)“, antwortete er.„Hier ſind derzeit eine Menge von Germanismen und andern Ideen aus Europa und auch aus Aſien, die jetzt erſt ins Gedankenleben einzudringen anfangen und neue Entwicklungen hervorbringen werden.“ Emerſon glaubt offenbar, daß America die Be⸗ ſtimmung habe, in einer höhern Metamorphoſe die Ideen darzuſtellen, die im Verlauf der Geſchichte in andern Welttheilen vorgebildet worden ſind. Ueber die neueſten politiſchen Zugeſtändniſſe, welche die nörd⸗ lichen Staaten in Betkeff des Aſylrechts an die Skla⸗ venſtaaten machten, ſprach er ſich mit ſtarker Mißbilli⸗ gung, aber in ſeiner ruhigen Weiſe aus. Er hat ſich auch öffentlich mit edlem Unmuth darüber ausge⸗ ſprochen. „Hier iſt eine durch ihr gutes Waſſer berühmte Quelle,“ ſagte E., indem er bei einigen hohen Bäu⸗ men an der Landſtraße ſtehen blieb.„Darf ich Ihnen ein Glas geben?“ Ich ſagte dankend ja und nun ſtieg er ab, band die Zügel um einen Banm und kam bald mit einem Glas kryſtallhellen Waſſers aus dem Brun⸗ nen zurück. Ein Glas Waſſer! Wie viel kann nicht in dieſer Gabe liegen! Warum dieſes hier für mich bedeutend wurde, kann ich nicht ſagen. Aber es war ſo. Ich habe ſtill in mir ſelbſt mit Emerſon gekämpft, ſeit ich ihn zum erſten Mal kennen lernte; ich habe mich ge⸗ fragt, worin die Macht dieſes Geiſtes über mich liege, da ich doch in ſo manchen Dingen ſeine Denkungsart — ——— — 428 mißbilligen mußte, da er mir in ſo vielen Stücken nicht genügte; worin ſeine geheime Zauberkraft liege, dieſe erfriſchende, ſtärkende Wirkung, die ich in ſeinem Umgang und bei der Lectüre ſeiner Schriften ſtets empfinde. Nach dieſem Labetrank von hellem Quell⸗ waſſer aus ſeiner Hand verſtand ich es. Juſt dieſes reine kryſtallhelle Quellwaſſer in ſeiner Perſönlichkeit und in ſeinen Schriften iſt es, was mich erfriſcht und immer aufs Neue erfriſchen wird. Ich habe in mir und außer mir, im Geſpräch mit Andern, ſeinen blinden Bewunderern, gegen Emerſon gekämpft. Ich werde ihm auch öffentlich entgegenſte⸗ hen, in der Ueberzengung meines Geiſtes von dem höchſten Recht und von dem Einen, was Noth thut. Aber noch in ſpäter Zeit, fern von da, in meinem eigenen Lande und wenn ich einmal alt und grau bin, ja immer, immer werden Angenblicke kommen, wo ich mich nach Waldo Emerſon ſehnén werde, um von ſei⸗ ner Hand dieſen Trank friſchen Waſſers zu empfangen. Um Wein, erwärmenden, lebenerneuenden Wein zu empfangen, gehe ich zu einem Andern. Emerſon tauft mit Waſſer; es gibt einen Andern, der mit Geiſt und Feuer tauft. Emerſon verlaſſe ich mit einem ungetheilten Ge⸗ fühl der Dankbarkeit für das, was er mir geweſen. Ich kann andere vielleicht ſchönere, vollkommnere Ge⸗ ſtalten zu ſehen bekommen, aber nie werde ich Seines— gleichen wieder ſehen. Während meines Beſuchs in Concord erfreute ich mich wieder an dem Umgang mit der ſeelenvollen tief fühlenden und denkenden Eliſabeth H. Ich ſah auch Margareth Fullers junge Schweſter, Mrs. Channing, wieder, aber um zehn Jahre älter geworden; ſo ſehr hatte der Kummer über das tragiſche Ende der reich⸗ begabten Schweſter auf die junge Gattin und Mutter eingewirkt. Geſ Ma Nen Chi woh 50 1 reite rend lufti Reg nirte ſchöt Ben den ſager Es von ſteige das ſen. feuri liches phiſe die und heral werd gewö merkf Schu tung hier bei d Groß icken ee, nem ſtets nell⸗ eſes hkeit und mit rſon uſte⸗ dem ut. nem bin, ich ſei⸗ gen. nzu ern, Ge⸗ ſen. Ge⸗ nes⸗ ich tief auch ing, ſehr ich⸗ tter 429 Einen andern Ausflug aus Boſton machte ich in Geſellſchaft der guten Miß P., um das von Horace Mann geſtiftete Seminar für Lehrerinnen in Weſt⸗ Newton zu beſuchen, ihn ſelbſtzu begrüßen und Maria Child zu ſehen, die jetzt in ſeiner Nachbarſchaft wohnt. Ich blieb bei einer Lection in der Anſtalt, wo 50 bis 60 junge Mädchen ſich zu Lehrerinnen vorbe⸗ reiteten. Eine von ihnen beſtieg den Catheder, wäh⸗ rend die andern auf den Bänken in dem großen, hellen, luftigen Saale ſaßen. Sie gab eine Lection über die Regierungsform der Vereinigten Staaten und exami⸗ nirte die Andern darin. Das junge Mädchen war ſchön, ladygleich und höchſt einnehmend in Weſen und Benehmen. Als ſie von der Tribüne herabſtieg, wur⸗ den die andern aufgefordert, ſie zü kritiſiren vder zu ſagen, worin ſie nach ihrem Dafürhalten gefehlt habe. Es erhoben ſich einige Stimmen zu Bemerkungen. Eine von ihnen bemerkte, daß ſie den Gruß beim Herab⸗ ſteigen vom Catheder vergeſſen habe. Das Mädchen, das nach ihr auftrat, hatte ein ganz verſchiedenes We⸗ ſen. Weniger ſchön und weniger ladygleich, war ſie feuriger, beſtimmter und hatte offenbar ein ungewöhn⸗ liches Talent. Sie lehrte und examinirte in geogra⸗ phiſcher Statiſtik und that dieß mit einer Lebendigkeit, die ihre Zuhörerſchaft zu vollkommener Wachſamkeit und Aufmerkſamkeit anregte. Auch ſie wurde, als ſie herabgeſtiegen war, wie ihre Vorgängerin kritiſirt. So werden die jungen Frauenzimmer frühzeitig an die gewöhnlichen Folgen der Oeffentlichkeit und an Auf⸗ merkſamnkeit auf ſich ſelbſt gewöhnt, die beſonders für Schullehrerinnen ſo wichtig iſt. Auch ihre äußere Hal⸗ tung, ihre Bewegungen, ihr Gang u. ſ. w. werden hier Gegenſtand der Aufmerkſamkeit und Sorgſamkeit. Bei einer Lehrerin darf ſich Richts vorfinden, was bei den Schülern Widerwillen oder Spott erregen kann. Große Schaaren junger Lehrerinnen werden von hier 430 aus nach dem Weſten oder Süden des großen Landes ausgeſandt, wo ſie bald von Schulen oder— Freiern in Anſpruch genommen werden. Horace Mann, dieſen hoffnungsreichen, verdienſt⸗ vollen Erzieher des jungen Geſchlechtes, ſah ich nebſt ſeiner anmuthsvollen jungen Frau ſpäter in ihrer Wohnung. Ich wünſchte ein gründliches Geſpräch mit ihm über die Unzulänglichkeit der Schule als Erzie⸗ hungsanſtalt führen zu können, aber in Maria Childs Geſellſchaft und Wohnung vergaß ich mich, bis die Eiſenbahn abfuhr und ich nach Boſton zurückkehren mußte. Dieſe edle feinfühlende Frau, dieſe begabte Schriftſtellerin lebte hier auf einer kleinen Farm, bei⸗ nahe wie eine ſchwediſche Bäurin, und nicht in ihrem rechten Element. Eine kleine ſchöne Spanierin, eine von den Vielen, welche Mrs. Child aus der Noth gerettet hat, lebte hier bei ihr und war ihr in inniger Liebe zugethan. Freunde umgeben ſie mit ihrer Sorg⸗ ſamkeit. In America findet man es weniger als über⸗ all anderswo, daß eine Perſon einſam und verlaſſen daſteht, wenn ſie es nicht verdient. Und wer viele Freunde verdient, der bekommt ſie auch. Während meines Aufenthalts in Boſton intereſſirte ich mich lebhaft für die neue Zeichnungsſchule für Frauenzimmer, die nach dem Vorbild der Schule in Philadelphia von Mr. Whiteacker aus London, aus deſſen Angen die ganze Philanthropie Englands ſtrahlt, daſelbſt angelegt wurde. Mehrere ehrenwerthe und vermögliche Herren ſind bereit, mit Rath und That dazu beizutragen, weil ſie ſich für die Zukunft der jungen Mädchen intereſſiren. Ich wohnte einer Lection in der Schule bei und freute mich herzlich über die Ausſichten, welche dieſe Schulen füt Tauſende von jun⸗ gen Frauenzimmern und überhaupt für die Verſchöne⸗ rung des Lebens eröffnen. Ich denke an Schweden und an die ſchwediſchen Mädchen, ſchwediſchen Zeichen⸗ ner gef es ber ein Wi das um dur von Th nen zwa mich Pol die mac Unt Wir Fra körp wec ſchle Cha nur gen Hell ben die Brie von Cho lebt ndes iern enſt⸗ rebſt hrer mit rzie⸗ is die hren abte bei⸗ hrem eine Roth iger org⸗ iber⸗ aſſen viele ſſirte für le in aus ahlt und That t der ction r die jun⸗ höne⸗ eden chen⸗ 431 ſchulen, ſchwediſche Kunſt und Induſtrie, und ich werde warm von vieken Zukunftsgedanken. In Boſton war es übrigens jetzt ſo kalt und reg⸗ neriſch, daß ich den ganzen Sommer nichts Aehnliches geſehen hatte. Seit der Sonnenfinſterniß im Juni iſt es hier trübe und kalt geweſen, wie bei uns im Octo⸗ ber. Dieſes americaniſche Klima ſpringt beſtändig von einem Extrem zum andern über. Ich fror wie im Winter. Im Uebrigen bin ich geſunder als je, ſeit ich das Heimathland verließ, und das war auch ſehr nöthig, um all die Mühſeligkeiten auszuhalten, die ich jetzt durchmachen mußte. So z. B. war ich dieſer Tage von ſieben Uhr Morgens bis Abends halb zwölf in Thätigkeit und Geſpräch, und zwar an fünf verſchiede⸗ nen Orten, theils in, theils außerhalb Boſton, und zwar immer mit verſchiedenen Perſonen, mit denen ich mich auf intereſſante Geſpräche, über Thevlogie, Kunſt, Politit u. ſ. w. einlaſſen mußte, mit lauter Herren, die in dieſen Gegenſtänden daheim waren; aber dieß macht mir eher Vergnügen, als daß es mich ermüdet. Unter meinen nähern Bekannten, die ich im vorigen Winter in Boſton hatte, ſah ich jetzt ein intereſſantes Frauenzimmer wieder, eine Miß Parſens, die zwar körperlich ſchwach iſt, aber eine ungewöhnlich aufge⸗ weckte Seele beſitzt; ſie iſt nämlich Hellſeherin ohne zu ſchlafen, und ſie ſagt den Inhalt der Briefe oder den Character und die Verhältniſſe der Verfaſſer, wenn ſie nur die Briefe verſchloſſen in ihrer Hand hat oder ge⸗ gen ihre Stirne hält. Ich wollte an dieſe Art von Hellſeherei nicht glauben; aber ich mußte daran glau⸗ ben, als ich ihr einen ſchwediſchen Brief von Dir in die Hand gab, ohne daß ſie vorher erfuhr, wer den Brief geſchrieben hatte, und ohne daß ſie ſonſt Etwas von Dir wußte. Ueberdieß iſt ihr Character über alle Charlatanerie erhaben. Aber dieſe klar ſehende Seele lebt auf Koſten des Körpers, der nun gleichſam durch⸗ 432 ſichtiger und geiſtartiger wird. Im Hauſe meines gu⸗ ten Boctors ſah ich mehrere theure Freunde aus Boſton wieder und machte einige neue Bekanntſchaften, z. B. mit dem unitariſchen Prediger Doctor Gannet. Montag. In der Kirche von Nahant hörte ich geſtern eine vortreffliche Predigt von Mr. Bellows— eine jener ſchönen Reden aus dem Mittelpunkt des Chriſtenthums, wie ſie am Meer gepredigt werden ſollten, an dem großen Weltmeer, in welchem alle vereinzelten Wogen ſich erheben und wie in einem gemeinſchaftlichen Mut⸗ terſchvoß verfinken, wie alle verſchiedenen chriſtlichen Secten und Confeſſionen im Ocean des chriſtlichen Liebelebens. Am Abend hatte ich das große Vergnügen, mit einigen gebildeten und denkenden Freundinnen über die Frauenzimmer Americas zu ſprechen, über ihren Man⸗ gel an allſeitiger Entwicklung; über ihre Theilnahms⸗ loſigkeit bei den höheren menſchlichen Intereſſen und über den Mangel an Unterhaltungstalent, den man bei einer großen Menge vorfindet. Dieſe liebenswürdigen Frauenzimmer, die ſelbſt in jeder Beziehung ausge⸗ zeichnet ſind, kamen mir in meinen Bemerkungen ent⸗ gegen und ſahen wie ich keine andre Hilfe außer in einer tiefer gehenden Bildung und bürgerlichen Ent⸗ wicklung. Es kommen allzuviele Zeichen zuſammen, die dazu zwingen, wenn die Weiber ſich die Achtung ihres eigenen Geſchlechtes wie auch der Männer erhalten wollen. Die Männer haben im Allgemeinen jetzt mehr Galanterie gegen Frauenzimmer, als wahre Achtung für ſie. Sie ſind artig und nachgiebig gegen ſie, aber ſie betrachten ſie offenbar mehr als hübſche Kinder, denn als vernünftige ihnen gleichgeſtellte Perſonen und ſie machen ſie nicht zu ihren Geſellſchafterinnen, einei ben Beſe müt! nicht übt pocht Held beide im gekot Br ine ner ms, dem gen ut⸗ hen hen mit die an⸗ ms⸗ und gen ge⸗ ent⸗ in Fnt⸗ die res lten nehr ung aber der, nen nen, wenn ſie Nahrung für Seele und Gedanken ſuchen. Die wenigen ſchönen Beiſpiele, die wan von einem entgegengeſetzten, einem vollkommenen Verhältniß zwi⸗ ſchen beiden Geſchlechtern findet, können nicht als Re⸗ gel betrachtet werden. Das Weib iſt zwar die Be⸗ herrſcherin im Hauſe und im Geſellſchaftsleben, aber oft herrſcht ſie ebenſo ſtark durch ihre Schwachheiten wie durch ihre Tugenden. Wir ſprachen von den Zeichen, welche das Heran⸗ nahen beſſerer Verhältniſſe andeuten. Wir ſahen ſie allmälig ſich vorbereiten in dem öffentlichen Bewußt⸗ ſein, und als einen Vorläufer betrachteten wir auch die Conventions of rights of women(Vereine für Frauen⸗ rechte), die ſeit einigen Jahren in den nördlichen Staa⸗ ten gehalten zu werden anfangen. Das Trotzbieten darin iſt ein vorübergehendes Moment, das von ſelbſt zerfallen wird, wenn die Vollendung kommt. Piele tiefgehende und wahre Gedanken wurden in dem letzten großen Verein ausgeſprochen, der im vorigen Jahr in Maſſachuſets gehalten und von Tauſenden von Frauen⸗ zimmern und Männern beſucht wurde. Mehrere aus⸗ gezeichnete Sprecherinnen hielten da würdevoll und ſchön vortreffliche Reden. 3 Unter dieſen Gedanken erinnere ich mich beſonders einer Ausführung des Verhältniſſes zwiſchen dem Le⸗ ben und der Bildung der Vorzeit und der Neuzeit. Beſchäftigungen und Lebenszwecke trennen die Ge⸗ müther jetzt nicht mehr wie früher. Der Mann lebt nicht vorzugsweiſe für den kriegeriſchen Beruf. Er übt nicht vor allen Dingen ſeine Körperkräfte und pocht nicht auf Waffenthaten. Sein Leben und ſeine Heldenthaten ſind Thaten der Intelligenz geworden; beide Geſchlechter ſind in einer geiſtigen Lebensſphäre im Hauſe und im Geſellſchaftskeben einander näher gekommen. Immer mehr wird die Fran die Geſell⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 28 —— ————— * 434 ſchaft und Hälfte des Mannes; ſeine Intelligenz, ſeine Seelenkräfte werden erlahmen oder zunehmen, je nach⸗ dem er bei ihr das trifft, was ſie abſtumpft oder belebt. Und wenn die Entwicklung der Frau gehemmt wird, ſö wird dieß auch auf ihn zurückwirken. Dieß wurde weit beſſer, als ich es ſage, von Mrs. Paulina Davis, der ſchönen Präſidentin des Vereins geſagt; ich ſah die blaſſe Frau mit den edlen Geſichts⸗ zügen und dem reichen goldnen Haar in Boſton bei meiner lieben Doctorin Miß Hunt. Hier habe ich während eines ſtillen Geſellſchafts⸗ lebens mit guten und gebildeten Menſchen, in Verhält⸗ niſſen, welche den Genuß aller Annehmlichkeiten und Comforts des Lebens geſtatten, die reine friſche See⸗ luft genoſſen. Das Landhaus der neuen Welt iſt ein Typus des Schönen und Bequemen. Natur und Kunſt vereinigen ſich da, um den Menſchen zu unfaſſen. Die Veranda, welche das Haus mit Blumen und Laub⸗ werk reich an Schatten und Düften umgibt, bietet den ſchönſten Platz für ſtillen Genuß ſowohl des Natur⸗ lebens als der Geſellſchaft während der ſchönen Tage. Den Geſchichtſchreiber Prescott hatte ich mir als einen alten Mann, niedergedrückt von Gedanken und Arbeiten, unter denen er beinahe ſein Augenlicht ver⸗ loren hatte, gedacht. Ich wollte meinen Augen kaum glauben, als ich in ihm einen großen lebhaften Gentle⸗ man erblickte, deſſen Ausſehen und Weſen weit mehr von einem Jüngling als von einem alternden Denker hatte. Sein Weſen und ſein Geſpräch regt den Geiſt ſehr an, er iſt voll von Leben. Wir haben jetzt Mondſchein, und die abendlichen Spazierfahrten an der Rhede entlang, während die Wogen ſchäumen und toſen, ſind ein großes Vergnü⸗ gen. Mrs. Bryant iſt die angenehmſte Wirthin von der Welt und die kleine Julia—— ach wer ein ſol⸗ ches kleines Mädchen hätte! ——————. — ———————„ — ——,— r———. e—— ine ch⸗ ebt. ird, rs. ins ts⸗ bei fts⸗ ält⸗ und ee⸗ ein unſt ſen. ub⸗ den tur⸗ age. als und ver⸗ aum tle⸗ nehr nker eiſt chen die nü⸗ von ſol⸗ 435 Weiße Berge(New Hampſhire) den 10. Auguſt. Wiederum ein Stück wahren Lebens durchlebt, ſeit ich Dir zum letzten Mal in Nahant geſchrieben. Zuerſt die Reiſe von Salem am 3. Anguſt und daſelbſt im Hauſe des ehemaligen Maires Silsbee Geſellſchaft und Händeſchütteln mit 50 bis 60 Salemiten, unter welchen einige recht ſchöne junge Hexlein und einige ganz gute Freunde. Hierauf am nächſten Morgen rutſch fort nach Boſton, mit meiner lebhaften und an⸗ muthsvollen Wirthin Mrs. Silsbee, um daſelbſt meh⸗ rere Perſonen zu treffen und einer Lection in Mr. Whiteackers Zeichenſchule anzuwohnen; ebenſo einer andern in Mr. Bernards phonographiſcher Schule für kleine Mädchen, die ſich dabei wie kleine Wunder be⸗ nehmen, und dann ein Beſuch bei Mrs. Holbrook, um ſie noch einmal, ach das letzte Mal zu ſehen.— Dann heim zu Osgoods, um Billete zu ſchreiben, Beſuche zu empfangen, Zuſammenkünfte auszumachen, Abſchied zu nehmen u. ſ. w. Sodann rutſch auf der Eiſenbahn nach Salem zurück zum Mittageſſen und zur Abend⸗ geſellſchaft. Dann einen Tag, um zu ſchreiben und (vergleichungsweiſe) auszuruhen unter ſtillen Prome⸗ naden, Spaziergängen und Geſprächen über Salems Hexenprozeſſe im Jahre 1692, bei welchen Prozeſſen dieſelben Arten von Erſcheinungen zu Tage kamen, wie bei uns in Dalekarlien einige Jahre früher. Und die Puritaner von Maſſachuſſets zeigten ſich hier nicht weiſer oder verträglicher als die weiſen Männer bei uns. Auch im Freiſtaate der Pilger wurden eine Menge unſchuldiger Perſonen, beſonders Weiber, die man im Verdacht hatte, als beſitzen ſie die Kräfte und Künſte von Hexen, eingeſperrt, gefoltert und mehrere von ihnen hingerichtet. Wir ſtehen jetzt, Gott ſei Dank, ſolchen garſtigen — — — ——— 436 Scenen mehr noch durch den Geiſt als durch die Zeit ſo fern, daß wir davon ſprechen, wie wir von Toll⸗ hausſcenen ſprechen, und uns darüber luſtig machen, wenn wir bei gutem Humor ſind. Das war im vorigen Jahre in der Stadt Salem am großen Tag des 4. Juli; man feierte ihn daher mit einer großen hiſtoriſch⸗humoriſtiſchen Prozeſſion, worin auch die Hexenprozeſſe und ihre Perſonen, die Hexen ſowohl als die Richter, in grotesken altmodi⸗ ſchen Trachten karikirt fignrirten. Unter den hiſtoriſchen Bildern in der Prozeſſion waren auch einige, welche die Entwicklung der Com⸗ munikationen ſeit 50 Jahren in ihren weſentlichen Momenten darſtellten. Zuerſt erſchien ein Reiter, der langſam einherritt, mit folgender Inſchrift:„Von Sa⸗ lem nach Boſton in 48 Stunden Zeit.“ Dann kam eine alte ſchwerfällige Diligence mit der Inſchrift: „Von Salem nach Boſton in 12 Stunden Zeit“; hierauf ein Eiſenbahnzug mit der Inſchrift:„Von Salem nach Boſton in einer halben Stunde Zeit“; endlich ein electrotelegraphiſcher Eiſendraht mit der Inſchrift:„Von Salem nach Boſton in gar keiner Zeit“(in no time at all). Die ganze hiſtoriſche Pro— zeſſion ſchien mir eines der ſinnreichſten heiterſten Volksfeſte zu ſein, wovon ich je gehört, und ſoll das größte Vergnügen verurſacht haben. Die neue Welt, der es gänzlich an traditionellen Volksfeſten mangelt (mit Ausnahme des großen Dankfeſtes), ſcheint eine neue Reihe von ſolchen mit vernünftigerem Inhalte, mit mehr Stoff für geſunde Gedanken und Gefühle, als die oft gedankenleeren Volksfeſte Europas bieten, beginnen zu können. Unter den americaniſchen Feſten habe ich von einigen ſchönen, ſogenannten Blumenfeſten in den Monaten Mai und Juni erzählen gehört, und dieſe Feſte ſcheinen mir ſchöne Kinder des Geiſtes der neuen Welt zu ſein. Aber noch iſt der Arbeitstag hier — — — — c„„„ ——— 437 im Lande ſo übermächtig, daß man ſich mit Feſten, wenigſtens als Erzeugniſſen eines bewußten, eigen⸗ thümlichen Volkslebens, nur wenig beſchäftigen kann. Am 7. Auguſt reiſte ich von Salem nach den wei⸗ ßen Bergen und zwar in Begleitung von Mrs. Sils⸗ bee und ihrem jungen Sohne. Ihr freiwilliges Aner⸗ bieten, mir bei dieſem Ausflug Geſellſchaft zu leiſten, war mir äußerſt angenehm, weil ich ihr ganzes Weſen und ihren Umgang ſehr liebe, und weil ich, indem ich die Reiſe mit ihr mache, großen Parthien und großen Geſellſchaften ausweiche, freien Umgang mit den Ber⸗ gen. den Waſſerfällen und den Wäldern pflegen und Alles, was ich ſehen will, auf die ruhigſte und ange⸗ nehmſte Art von der Welt ſehen kann. Die erſte Tagreiſe war dem Schäkerſtaat in Can⸗ terbury am Merrimacfluß in New Hampſhire gewidmet, denn ich wünſchte die botaniſchen Gärten dieſer ſon⸗ derbaren Secte zu ſehen und von ihr ſelbſt etwas mehr kennen zu lernen. Ich hatte von meiner kleinen Aerz⸗ tin in Boſton, Miß Hunt, die ſich zuweilen in Berufs⸗ geſchäften dort aufhält, einen Brief an die geiſtliche Familie dieſer Schäkergeſellſchaft. Wir fuhren auf der Eiſenbahn nach New Hampſhire und hielten in einem Walde an, von wo wir einen beſondern Wagen neh⸗ men wollten, um nach dem einige Meilen entfernten Schäkerdorf zu fahren. Nach verſchiedenen kleinen Schwierigkeiten bekamen wir einen Karren mit einem Sitz darauf, wo Mrs. Silsbee und ich neben einander Platz hatten; unſer Kutſcher ſaß vor uns halb auf einem kleinen Brett, halb uns auf den Knieen. So zogen wir ſanftmüthig mit einem ſanftmüthigen Pferd auf ſchmalen ſandigen Wegen durch den Wald dahin. Es begann zu regnen, zuerſt ganz fein, dann immer dichter und ſtärker. Wir ſpannten unſere Schirme auf und ſaßen geduldig zwei bis drei Stunden lang da. Aber recht froh wurden wir, als wir endlich quer durch 2———— 438 den Regenſchleier hindurch in der Entfernung auf grü⸗ nen Höhen die heitern, gelben, zweiſtockigen Häuſer des Schäkerdorfes erblickten. Ungefähr wie naſſe Hühner kamen wir aus unſerm Karren hervor, aber bald öffnete ſich uns gaſtlich eine Thüre, und zwei junge Schweſtern mit ſanften, blaſſen Geſichtern führten uns ins Gaſtzimmer. Hier war Alles ſo fein, ſo ſauber und geputzt wie in einer Docken⸗ ſtube. Ich übergab meinen Brief und ſah ſeine gute Wirkung ſogleich in einer größern Freundlichkeit und in den herzlichen Ausdrücken, womit man nach Harriet Hunt fragte. Es war ſpät, als wir kamen. Die guten Schwe⸗ ſtern regalirten uns mit Thee, mit gutem Butterbrod, Sülzen u. ſ. w., und auf meine Bitten ſangen ſie da⸗ bei einige geiſtliche Lieder. Ihr Weſen war ſtill und nicht heiter, aber innig mild und friedlich. Nach dem Abendeſſen führten ſie uns auf unſre Schlafzimmer, zwei große helle Zimmer, ohne alle unnöthige Zier⸗ rathen, aber durchaus ſauber und bequem. Schweſter Lavinia ſorgte ganz beſonders für uns. Einige Lichtſcheine im Weſten hatten mich beim Son⸗ nenuntergang aufeinen hellen morgigen Tag hoffen laſſen, und ich tänſchte mich nicht. Die klarſte Sonne leuch— tete am Morgen über den Schäkerwohnungen und der idylliſch freundlichen Gegend, welche ſie umgab und zum großen Theil ihrer Geſellſchaft gehörte. Keine Wohnungen außer den ihrigen waren in der einſamen Gegend zu ſehen. Zunächſt um dieſe her war Alles ſo ſtill, ſo geordnet, als ob es gar kein Arbeitsleben an Ort und Stelle gäbe. Dieſes fand ſich jedoch vor, aber ſo ſtill und ſ weigſam, daß es uns beinahe gei⸗ ſterhaft erſchien. Nach dem Frühſtück, welches die Schweſtern reich— lich und gut ſervirten, fragte man uns, ob wir die Schule ſehen wollten, und als wir es bejahten, wurden ſie H 439 wir in einen geräumigen Saal geführt, wo ungefähr 20 gut gekleidete junge Mädchen von einer Lehrerin unterrichtet wurden. Dieſe Lehrerin, die ich Dora nen⸗ nen will, war noch ganz jung und von ſeltener Schön— heit. Auch hatte ihre Geſichtsfarbe nicht die Bläſſe, die bei den Frauen in dieſen Geſellſchaften gewöhnlich iſt; ihre Wange war friſch wie die Morgenröthe, und ein ſchöneres Augenpaar als das ihrige habe ich nicht geſehen; ſie ließ die kleinen Mädchen eines von ihren ſymboliſchen Spielen aufführen. Man ſtellte ſie in einen weiten Kreis, jede drei bis vier Schritte von der andern entfernt. So be⸗ gannen ſie melodiſch Verſe zu ſingen, die ich nicht wortgetreu wiedergeben kann, deren Inhalt aber fol⸗ gender war: Soll ich hier alleine ſtehen, Niemand haben, der mich liebet, Niemand haben, der mein Freund iſt, den ich wieder lieben könnte? Hierauf näherte ſich ein Mädchen einem andern, ſie nahmen ſich bei den Händen, legten ſie an ihre Herzen und ſangen: Nein, o komm, Du liebe Schweſter, komm, ich will Dir nahe ſein, will Dir treue Freundin ſein, Deine Sorgen ſind die meinen, meine Freuden ſind die Deinen, hier wird Niemand ausgeſchloſſen, aus dem trauten Schweſternkreiſe. Alle Kinder reichten einander die Hände und be⸗ wegten ſich in langſamem Kreistanz, indem ſie die letzten oder ähnliche Worte wiederholten. Hierauf rückten ſie immer näher zuſammen und umflochten ein— ander mit ihren Armen, bis ſie wie ein Blumenkranz —— ——— —— 440 daſtanden. Sodann ſanken ſie auf die Kniee und ſtimmten eine Hymne an, die alſo begann: Himmliſcher Vater, blick in Gnaden auf die kleine Schaar herab, die Dein Name hat verſammelt. Gib uns Deinen Geiſt u. ſ. w. Nach dem Geſang und noch knieend küßten die Kinder alle einander. Der ſchöne ſymboliſche Sinn, welchen das ganze Spiel enthielt, die Einfachheit und innige Lieblichkeit, womit es ausgeführt wurde, der Gedanke an den Unterſchied zwiſchen dem Sinn dieſes Spiels und der bittern Wirklichkeit für manche ein— ſame Geſchöpfe in der großen Geſellſchaft auf Erden rührte mich tief. Ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten. Auch Mrs. Silsbee war innig gerührt. Von dieſem Augenblick an waren die Schäkerſchweſtern unſere Freundinnen und Schweſtern und umfaßten uns mit der größten Herzlichkeit. Noch ein ſchönes, denk⸗ würdiges Lied:„Sprich freundlich“ wurde von den Kin⸗ dern ſehr gut geſungen und entwickelte in mehreren Verſen die wohlthätige Wirkung des„ſanften Wortes;“ es iſt dieß ein Lied, das alle Kinder lernen und alle Er⸗ wachſenen ſich wohl ins Gedächtniß einprägen ſollten. Es war mir unerwartet, die Kinder hier anch in der Grammatik, im Schreiben, Rechnen, Geographie und mehreren andern weltlichen Zweigen des Wiſſens wohl geübt zu ſehen. Zur Anfmunterung und Belohnung für Fleiß und Wohlverhalten erhielten ſie farbige Kärtchen mit gedruckten Denkſprüchen oder Ermah⸗ nungen, worin es auch an dem einen und andern Sporn zu erlaubtem Ehrgeiz nicht fehlte. Aus der Schule gingen wir in die Zimmer, wo die feinen Wollegewebe verfertigt wurden, wofür dieſe Schäkergeſellſchaft berühmt iſt. In einem Zimmer ſahen wir eine Nähmaſchine, die von ſelbſt wollene und 441 Jacken nähte und in weit kürzerer Zeit drei Stücke verfertigte, als zwei Menſchenhände brauchen, um ein einziges zu Stande zu bringen. Dieſe Maſchine, die beinahe ganz ſelbſt für ſich zu ſorgen ſchien, ſah äußerſt curios und etwas zauberhaft aus. Von da machten wir einen Beſuch in der Milchkammer und in den Zimmern, wo der Käſe bereitet wird, und wo eine Menge friſcher coloſſaler Käſe von dem guten Zuſtand des Viehhofs zeugte. Die ſchöne, tüchtige Schweſter, die dieſem Departement vorſtand, liebte es ſo ſehr, daß ſie, obſchon es ihr freiſtand, es gegen ein anderes zu vertanſchen, ſeit mehreren Jahren dabei geblieben war. Hierauf gingen wir in die Küche, wo ich ſechs blühende, ſchöne junge Mädchen als Küchenmägde fungiren ſah. Man war gerade beſchäftigt, große Torten zu backen. Die jungen Schweſtern blühten wie Roſen und waren geneigt, ins heiterſte Lachen auszu⸗ brechen, ſobald man ihnen Gelegenheit dazu gab. „Sehen Sie ihnen wohl auf die Finger, Schweſter,“ ſagte ich ſcherzend zu der Präſidentin. Und die ſechs ſchönen Schweſtern lächelten ſo hübſch und gutmüthig, daß es eine wahre Luſt war, es anzuſehen. Aus den mediciniſchen Gärten, wo Saſſaparille und mehrere wohlthätige Kränter gepflanzt wurden, gingen wir in das Haus, wo man ſie reinigte und einlegte, und wo man auch Roſenwaſſer deſtillirte. Endlich wurden wir in den Nähſaal geführt, wel⸗ cher zugleich der Saal iſt, wo die Alten beiſammen ſitzen. Hier in dem großen, hellen, reinlichen Saal ſaßen ſie in hellen, meiſt weißen Kleidern und auch mit hellem, freundlichem Geſichte. Man konnte kein freundlicheres Bild des Alters und ſeiner Pflege ſehen. Hier verſammelten ſich jetzt viele von den Schweſtern um uns, und wir hatten Geſpräche und Geſänge, und ich ſagte den Schweſtern auf ihren Wunſch einen ſchwediſchen Pſalm vor. Ich wählte den:„Ich hebe ———— ————— —— 442 meine Hände zu Gottes Berg und Haus empor.“ Sie fanden, daß es hübſch klinge und ich ſang mit ihnen verſchiedene von ihren Liedern, die recht ſchön waren, während der Tact auf gewöhnliche Art durch Bewe⸗ gungen der Hände angezeigt wurde. Eine Schäkerin von mittlerem Alter kam auf mich zu und ſagte in einem gewiſſen heftigen und heraus⸗ fordernden Ton zu mir:„Die Schäker ſind die beſten und gottesfürchtigſten von allen Menſchen in der Welt.“—„O, Schweſter, ſagen Sie das nicht,“ er⸗ wiederte ich,„denn das iſt eine hochmüthige Rede, und Hochmuth iſt nicht gut oder gottesfürchtig.“ Die Schweſter ſah etwas verblüfft aus, und da mehrere andere ſich um uns ſammelten und mir durch Nicken und Lächeln ihren Beifall zu erkennen gaben, ſo zog ſich die erſte zurück. Die andern lauſchten bereitwillig und gaben ſogar zu, was ich noch weiter von der Ver⸗ ſuchung zu geiſtlichem Hochmuth ſagte, der ich ihre Secte ausgeſetzt glanbe. Eine der Frauen erkor mich hierauf ganz beſonders als Freundin; eine andere umfaßte Mrs. Silsbee mit derſelben Zuneigung, und ſie begleiteten uns dann überall hin. Später zeichnete ich Schweſter Dora ab, die ihre Einwilligung unter der Bedingung gab, daß ich ihren Namen nicht ver⸗ öffentlichen dürfe,„denn,“ ſagten die Schweſtern mild, „wir ſind an ſolche Dinge nicht gewöhnt.“ Dora ge⸗ hörte der geiſtlichen Familie in der Geſellſchaft an, und hatte, ſagte man, Eingebungen. Gewiß iſt, daß ich einen gedankenvolleren, inſpirirteren Blick als den ihrigen nie geſehen habe, und ihre reine Schönheit zog mich immer mehr an, während ich das edle, feine Profil abzeichnete. Ich zeichnete auch Lavinia. Sie hatte nicht Dora's ſtrenge Schönheit, dagegen aber die mildeſte Anmuth. Ich kann Dir gar nicht ſagen, wie ſehr mir Alles gefiel, was ich den ganzen Tag über von dieſer kleinen Geſ Ord ſtert den ſcha ihr mir druc geiſt die ten Wer Und unſe Antr Beze ring für Kut Sch moch klein Eiſe ſchör Und bee wov noch den luſti anſti wie Sie nen ren, we⸗ nich tus⸗ ſten der er⸗ ede, Die rere ten z0g llig er⸗ hre nich ere und nete iter ber⸗ ild, ge⸗ an, daß den heit eine Sie die Ues nen 443 Geſellſchaft ſah, und wie bewundernswürdig ich die Ordnung und Rettigkeit in Allem fand, von den Schwe⸗ ſtern ſelbſt an bis zu Allem, was ſie unter ihren Hän⸗ den hatten. Die männliche Bevölkerung der Geſell⸗ ſchaft war mit der Ernte beſchäftigt und ich ſah von ihr nur einige wenige Repräſentanten. Dieſe ſchienen mir entweder einen düſtern, beinahe fanatiſchen Aus⸗ druck, oder auch ſehr wohl genährte Körper ohne allen geiſtigen Ausdruck zu haben. Die guten Schweſtern, die uns jetzt als ihre Freundinnen betrachteten, ſchenk⸗ ten uns eine Menge Sachen aus ihrer Verkaufsbude, Werkzeuge, Riechwaſſer, Kuchen von Ahornzucker u. ſ. w. Und als wir am folgenden Tag abreisten und für unſern Aufenthalt bezahlen wollten, gab man uns zur Antwort:„Wir nehmen von unſern Freunden keine Bezahlung an,“ und ſie nahmen auch nicht das Ge⸗ ringſte. Ein geräumiger, mehrſitziger Reiſewagen wurde für uns mit zwei muntern Pferden beſpannt, und unſer Kutſcher war ein unterſetzter Schäkerbruder, den kein Schäkertanz weniger fett und blühend zu machen ver⸗ mocht hatte. Einige der Schweſtern bedurften, ſagte man, einer kleinen Bewegung in freier Luft und ſollten bis an die Eiſenbahnſtation mit uns fahren. Zartfühlender und ſchöner konnte unmöglich eine Artigkeit erwieſen werden. Und da ſaßen wir jetzt auf Büffelhäuten, Mrs. Sils⸗ bee zwiſchen zwei Schäkerinnen und ich zwiſchen zweien, wovon die eine die ſanfte Lavinia war, zwei andere noch auf dem Sitz hinter uns, und ſo zogen wir durch den Wald, während der Schäkerbruder, ein heiterer, luſtiger Geſell, nebſt den Schweſtern geiſtliche Lieder anſtimmte, worunter einige recht charakteriſtiſche waren, wie z. B. Ihr Bäume und Büſche tanzet, ihr Ströme ſteiget hoch, der Friedensfürſt kommt u. ſ. w. ————————— ——— —— ——————— 444 So fuhren wir ſieben engliſche Meilen, bis wir endlich an die Eiſenbahnſtation kamen. Und hier blie⸗ ben die Schweſtern bei uns, bis der Zug kam, und erfrenten ſich an den Portraits und Zeichnungen in meinen Skizzenbüchern. Etwas für die Fahrt zu be⸗ zahlen, davon war gar keine Rede. Die Schweſtern bedurften einer Motion und hatten ſich ein Vergnügen daraus gemacht, bei uns zu ſein u. ſ. w. Es iſt nicht möglich, ſich mit einer natürlicheren und vollkommeneren Feinheit zu benehmen, als die Schäkerinnen gegen uns. Mit herzlichen Händedrücken verabſchiedeten wir uns. Viele von dieſen Schweſtern genoſſen offenbar keiner guten Geſundheit. Ich ſchreibe dieß weniger ihrer ſitzenden Lebensweiſe zu, als ihrer Diät, die ich nicht für geſund halte. Viel Buttergebäck zu eſſen, das müßte den Geſundeſten in dieſem Lande krank machen. Die Schäkergeſellſchaft von Canterbury beſteht aus ungefähr 4— 500 Perſonen. Unter den jungen Frauen waren da unendlich mehr ſchöne Geſichter als unter der Geſellſchaft von Neulibanon. Die Trachten waren die gleichen und die Gebräuche ebenfalls. Und zu dieſen gehört, daß man wie die Quäker zu Jedermann„Du“ ſagt und yea und nay ſtatt yes und no. Sie legen großes Gewicht auf wohlwollende und freundliche Be⸗ handlung von einander in Worten und Handlungen. In ihren großen Familien ſuchen ſie das Liebesleben zu ſchaffen, welches die ſchönſte Blume der kleinen Familie iſt. Arbeit und Gebet und gegenſeitige Lie⸗ besdienſte ſind ihr tägliches Leben. Von der Regierung dieſer kleinen Geſellſchaften habe ich Dir ſchon frühet geſchrieben. Die in Canterbury bezieht ihre Haupt— einkünfte aus Erzeugniſſen des Viehſtandes, aus der Zubereitung medieiniſcher Kräuter für pharmaceutiſche Bedürfniſſe und aus Wollegeweben. Dieſe Schäkerſtaaten ſind die vernünftigſten und wahrſcheinlich beglückendſten von allen Kloſtereinrich⸗ — himn tung ähnl und will Schi Einſ ſtätt beits lich oder könn woll tigke ment könn einig kleine innei ſtand Hauß ben, ſymb Es einig Libat zu iht in de abzur oder auszu Mitg fahrt Läche wir r blie⸗ „ und en in zu be⸗ eſtern nügen nicht eneren nuns uns. keiner ihrer nicht „ das achen. as rauen er der en die dieſen „Du“ legen e Be⸗ ngen. leinen Lie⸗ erung rüher aupt⸗ 8 der tiſche und nrich⸗ 445 tungen. Ich wäre froh, wenn ſich in allen Ländern ähnliche vorfänden. Man mag ſagen was man will und es im großen Staat ſo gut einrichten, als man will, man wird doch immer Orte bedürfen, wohin die Schiffbrüchigen im Leben, die Lebensmüden oder die Einſamen und Schwachen fliehen können, um eine Frei⸗ ſtätte zu erhalten, und wo ihr guter Wille und ihre Ar⸗ beitskräfte bei einer klugen, liebevollen Verwaltung nütz⸗ lich gemacht werden können, wo die Kinder des Unglücks oder des Elends in Reinheit und Liebe erzogen werden können, wo Mann und Weib in geſchwiſterlichem Wohl⸗ wollen und Freundſchaft unter gemeinſchaftlicher Thä⸗ tigkeit zu gegenſeitigem Nutzen und Frommen zuſam⸗ mentreffen und mit einander umgehen können. Das können ſie hier. Der Schäkerſtaat iſt, abgeſehen von einigen kleinen, bornirten Eigenheiten, einer der beſten kleinen Staaten in der Welt, und einer der nützlichſten innerhalb des großen Staates. Dieſe Secte wird im Allgemeinen gar nicht ver— ſtanden. Man meint, ihr tanzender Gottesdienſt ſei die Hauptſache, und dieſer könnte ebenſogut auch wegblei⸗ ben, obſchon ich für meinen Theil ihn gerne in ſeiner ſymboliſchen Bedeutung beibehalten will, wie auch die himmliſcheu Kinderſpiele, die ich dieſen Morgen ſah. Es gibt 17 oder 18 Schäkergeſellſchaften in den Ver⸗ einigten Staaten(in den freien); aber die in Nen⸗ Libanon iſt die Muttergeſellſchaft und die andern ſtehen zu ihr im Verhältniß des Gehorſams. Die Secte ſcheint in den letzten Jahren nicht zuzunehmen, aber auch nicht abzunehmen. Jedes Jahr kommen vereinzelte Männer oder Weiber und auch ganze Familien, um die Lücken auszufüllen, die durch Todesfälle oder den Austritt von Yitgliedern aus der Geſellſchaft entſtanden ſind. Gegen Abend hatten wir eine ſchöne Dampfſchiff⸗ fahrt über den großen Binnenſee Winnepaſeogee(das Lächeln des großen Geiſtes), der mit kleinen Inſeln ——— ———— 446 überſtreut, von ſteilen Berghöhen umſchloſſen iſt und großartige Ausſichten nach den weißen Bergen zu hat. Mount Waſhington, Mount Jefferſon, Adams, La⸗ fayette und andre republikaniſche Herven winkten uns in olympiſcher Majeſtät im Glanze der hellſten Auguſt⸗ ſonne. Es war der ſchönſte Sonnenuntergang über dem ſtillen lächelnden See. Als die Sonne hinter den Bergen hinabgeſunken war, kamen wir am Ufer an und erhielten im Wirthshaus allda ziemlich gute Zimmer. Der Abend war kühl und klar, es war mir ein Hoch⸗ genuß, mich in der Bergregion zu befinden, und ich freute mich ſehr den Rieſen näher zu kommen. Alles war ruhig und ſtill um uns her. Aber ſpät am Abend kam eine Mammuthparthie von 40 oder 50 Perſonen, Herrn und Frauenzimmer, die gleich uns nach den weißen Bergen gehen wollten und das Hotel im Sturm einnahmen. Mrs. S. und ich waren etwas böſe auf die Geſellſchaft, theils wegen des Lärms, den ſie mach⸗ ten, theils weil ſie uns überall, wo wir ihnen in den Weg kamen, ſo ſtarr anſahen. Aber am Morgen ver⸗ ſöhnten wir uns gründlich mit ihnen, als ſie mir einen Gruß ſchickten und ſagen ließen, daß ſie mir bei mei⸗ ner Abreiſe Etwas ſingen wollen. Mrs. S. und ich ſaßen auf Büffelhäuten in dem offenen Reiſewagen, als die Geſellſchaft ſich vor dem Hauſe verſammelte und im Quartett das rührende ſchöne Lied:„Holde Hei⸗ math!“ anſtimmte. Die Sänger ſtanden auf der Piazza; um ſie herum und um unſern Wogen her waren gewih hundert Perſonen verſammelt, alle mit freundlichen, — aber ernſten Geſichtern. Es war Sonntag Morgen der Himmel war klar und dunkelblau nach dem geſtri⸗ gen Gewitterregen, die Luft war friſch und rein wie in Schweden. Ich ſah den klaren Himmel an und dachte an meine Heimath und die Meinigen; ich lanſchte dem melodi⸗ ſchen Geſang:„Holde Heimath! holde Heimath!“ Das Her hal kom kent unſt geg uns Wa ruht ſaß den: Sta ſchö laul wir Sch als dort um den ſind ren, hier Kaſt ſüdl gen, im o gege im auf Stu Aber Mor vor den und hat. La⸗ uns guſt⸗ über den und mer. och⸗ d ich Alles bend nen, den turm auf nach⸗ den ver⸗ inen mei⸗ d ich als und Hei⸗ az3 ewiß chen, gen; eſtri⸗ wie neine lodi⸗ Das 447 Herz ſchwoll und die Angen wollten ſich nicht trocken halten. Einen ſchöneren Morgengruß habe ich nie be⸗ kommen. Mit ihm in der Tiefe des Herzens und win⸗ kend, grüßend, Kußhändchen werfend, fuhren wir in unſerem offenen Wagen fort und in die grüne Gebirgs⸗ gegend ein. Ein rieſenſtarker New Hampſhirer Farmer kutſchirte uns mit ſeinen raſchen und doch frommen Pferden; der Wagen glich einem unſerer gewöhnlichen Reiſewagen, ruhte aber dieſen ungleich auf weichen Federn, und man ſaß ſehr bequem. Wir fuhren und waren vergnügt, denn die Luft war kryſtallrein, die Hitze nicht ſtark, Staub fand ſich nicht vor, der ganze Weg war mit ſchönem, jetzt nach dem Regen friſchgrünem Walde be⸗ laubt, und vor uns hatten wir die großen Berge, denen wir immer näher kamen. Dieſe hatten jetzt keinen Schnee auf ihren Scheiteln, ſie zeigten ſich mehr grün als weiß, und Mount Waſhington umgab ſich da und dort mit einem Kranz von leichten Wolken. Die Natur um uns her erinnerte an die nördlichen Gebirgsgegen⸗ den im mittleren Schweden. Die Fichte und die Tanne find hier zu Hanſe, und unter ihnen wachſen Heidelbee⸗ ren, Himbeeren, Schlangengras u. ſ. w. Doch wächst hier auch Mais, Zuckerahorn, der Wallnußbaum, die Kaſtanie nebſt andern Pflanzen und Bäumen, die einer ſüdlicheren Natur angehören. Ich kann Dir nicht ſa⸗ gen, wie ſehr ich mich an dieſer ruhigen, friſchen Fahrt im offenen Wagen in der ſtillen, ſommerheitern Gebirgs⸗ gegend erfreute; wie friſch und angenehm ich ſie fand im Vergleich mit Fahrten in verdecktem Wagen oder auf der Eiſenbahn, welche letztere ſchon nach ein paar Stunden für Seele und Leib qualvoll ermüdend wird. Aber hier ſaßen wir den ganzen Tag wach und munter. Mount Wafhington ſtand die ganze Zeit als unſer Ziel vor uns. Dieſer Berg, der größte und höchſte unter den weißen Bergen, iſt bloß 3000 Fuß hoch über der 448 Erdoberfläche, hat aber einen höchſt markirten Charak⸗ ter. Er iſt maſſiv pyramidaliſch, ohne Spitze. Der Gipfel iſt ein Plateau, in der Ferne denjenigen nicht unähnlich, welche die Vulcane darbieten. Aber darin unterſcheidet ſich der Gipfel des Waſhingtonbergs von den Vulcanen, daß er keinen Krater hat, ſondern eine Quelle ſüßen Waſſers. Tiefe Furchen, wilde Berg⸗ ſtröme durchziehen die Seiten des Berges. Die andern Berge, welche ſich in langen Ketten an dieſen an⸗ ſchließen, gleichen ihm, ſind aber minder bedeutend. Alle ſteigen in langen abhängigen Pyramiden hinan und haben abgerundete Gipfel oder Rücken. Als wir den Bergen näher kamen und der Tag ſich zu Ende neigte, wurde es kühl. Die Rieſen hüll⸗ ten ſich in graue Nebelmäntel und hüllten uns mit ihnen ein; ſie empfingen uns nicht freundlich. Dennoch fühlte ich mich freundlich gegen ſie geſtimmt und ließ mich mit einem gewiſſen Vergnügen von ihrem kalten Athem umwehen. Mein Freund, der Mond, ſtieg auf, kämpfte eine Weile mit den Nebelgeiſtern und ſah aus ihnen mit klaren freundlichen Blicken auf uns herab. Mein Freund wollte mir wohl, das fühlte ich ganz deutlich. Aber er vermochte die grauen Mäutel nicht vollſtändig zu durchdringen. Tiefer und tiefer kamen wir in den Schooß des Berges auf den einſamen We⸗ gen, wo wir den ganzen Tag nicht einem einzigen Menſchen begegneten. Schon iſt die Nacht da. Iſt es der Einfluß der Rieſen, aber ich empfinde keine Mü⸗ digkeit im Verhältniß zur langen Tagreiſe und ich könnte gerne die ganze Nacht durch fahren. Erſt gegen Mitternacht kommen wir an den Gaſthof, wo wir alle Mühe haben, durch Poltern an die Thüre den Wirth wach zu bekommen. Endlich gelingt es, und der Wirth, ſchläfrig aber freundlich und gefällig, ſchafft uns Feuer und Alles, was wir zur Erfriſchung und Rachtruhe bedürfen. det ſat ſch Hi ein me Pl der der kre lob wie dra den dra ins leg Het nen rin on ine erg⸗ ern an⸗ nd. nan Lag üll⸗ mit och ließ lten uf, aus rab. anz icht nen We⸗ gen Nü⸗ ich gen alle irth rth, uer uhe Den 11. Auguſt. Ein ſchöner, klarer Morgen, ein bezaubernder Morgenſpaziergang! Morgenthau auf dem Gras, in der Seele, im Leibe. Frinnerungen an den Walage⸗ ſang, an ſeine Prophezeiung von Erneuung, von Men⸗ ſchen, die aus Morgenthau geboren werden. Dem Himmel ſei's gedankt, ich habe in der neuen Welt einige von dieſer Art kennen gelernt. Sie leben in meiner Seele, ſie verweben ſich mit den Bildern der Phantaſie, und ſie waren lange geahnt und gehegt in der ſtillen Werkſtatt der Seele. Sonderbar! Unter dem milden Himmel Südcarolinas und des Wende⸗ kreiſes wollte ich bloß ruhen, genießen und genießend lobpreiſen. Hier genieße ich auch, aber anders. Die Seele iſt kräftiger, lebhafter. Sie empfängt bloß um wiederzugeben. Sie will produciren und wirken. Das dramatiſche Leben in den Bergen und Bergſtrömen, in den Wäldern, Wolken und Sonnenſtrahlen weckt das dramatiſche Leben in mir und ruft Bilder und Scenen ins Leben, die ſeit 15 bis 20 Jahren in mir brach ge⸗ legen hatten. Sie und ich feiern dieſen Morgen ein Auferſtehungsfeſt. Die Haine ſind voll von Vogelſang. Heute Nachmittag fahren wir weiter. Franconia Notch(Frankenkarte) Lafayette Haus, den 15. Anguſt. Im Schooße der weißen Berge habe ich ſeit mei⸗ nem letzten Schreiben gelebt, herzlich erfreut von der Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 29 — —.= 450 Geſellſchaft der Rieſen und dem phantaſtiſchen Spiel der Wolken mit ihnen, von den Geſängen und Tänzen der Bäche in den tiefen Thälern, von dieſer ganzen kühnen und ſtarken Natur, worin ich mich heimiſch fühlte, wie in Schweden, in den herrlichen Flußthä⸗ lern Dalekarliens oder Nordlands. Doch iſt die Natur hier pittoresker, ſpielender und phantaſtiſcher, ſie hat mehr heitere Aufzüge, und der Reichthum an Baum⸗ arten und ſchönem Laubwald in den Thälern iſt außer⸗ ordentlich; man geht oder fährt unaufhörlich zwiſchen den zierlichſten Hecken von Haſel⸗ und Erlenſtauden, von Sumach(einer ſehr ſchönen, in America allgemei⸗ nen Buſchpflanze), Zuckerahorn, gelben Birken, Fich⸗ ten, Tannen und einer Menge anderer Bäume und Büſche, und überall ſingen und branſen ſilberhelle Berg⸗ ſtröme durch die Thäler. In gewiſſen Theilen dieſer Gebirgsregion war es ſo kalt, daß ich manchmal ganz ſteife Finger bekam und nur mit Mühe die Feder führen konnte. Aber meine Seele und mein Leib befanden ſich wohl, und Mrs. Silsbee iſt eine ebenſo friſche und erfriſchende Natur, wie die Natur hier mit ihren Höhen, ihren ſingenden Strömen, ihren wogenden Blumen und Gebüſchen. Eine Eigenheit in dieſen ſogenannten weißen Ber⸗ gen ſind die vielen rieſigen Menſchengeſichterprofile, die an manchen Orten aus den Bergen hervorſchauen, und zwar mit einer Beſtimmtheit und Regelmäßigkeit, die wirklich in Erſtannen ſetzt. Sie haben mir viel Freude gemacht und ich habe mehrere von ihnen auf meinen Wanderungen abgezeichnet. Wir wohnen hier ganz nahe bei einem dieſer Geſichter, das längſt unter dem Namen„der Alte vom Berge“ bekannt iſt. Es hat nichts Edles in ſeinen Zügen, ſondern gleicht einem alten Geſellen, der in ſchlechtem Humor nnd mit der Nachtmütze auf dem Kopf halb neugierig aus dem Berge auf die Welt herunterſchaut. Tief unter dem iel zen zen ſch hä⸗ tur hat m⸗ er⸗ hen en, ei⸗ ich⸗ ind rg⸗ es und ine rs. tur, den er⸗ die und die ude nen anz em hat tem der em 451 Geſicht des Rieſen iſt ein allerliebſter kleiner See, der einem klaren, ovalen Toilettenſpiegel in grünem Laub⸗ rahmen gleicht. Der Alte vom Berge ſieht düſter aus über dem ſtillen See, und die Wolken gehen tief unter ſeinem Kinn. Ein anderes Geſicht zeigt einen Krieger mit Helm und ſtarkem Backenbart von prächtigem Moos, offenbar einen von Thors Burſchen. Einige Geſichter ſchmeichle ich mir ſelbſt entdeckt zu haben. Das eine, das man fern gegen den blauen Himmel hin ſieht, iſt ein ſchönes Frauengeſicht, das mit un⸗ ausſprechlicher Wehmuth emporſchaut. Eine alte Fichte ſteht wie ein Kreuzeszeichen über ihrem Kopf; die Stirne iſt von einem Diadem umgeben, das wallendem Haare gleicht. Es iſt ein höchſt merkwürdiges Profil, merkwürdig beſonders durch die weiche Schönheit von Lippen und Kinn. Unter dieſem edlen Geſichte ſieht man, wenn man ſich ein paar Schritte zurückzieht, ein anderes häßliches und grimmiges, mit einer großen Warze auf der Stirne. Offenbar ein garſtiger Rieſe, der hier eine ſchöne Prinzeſſin gefangen hält! Ich ſehe noch eine Menge anderer Geſichter hervorſchimmern und würde ſie ſicherlich klar ausmitteln, wenn ich Zeit hätte, noch länger in der Geſellſchaft der Rieſen zu verweilen. Man ſagt, daß die Indianer dieſe Geſichter verehrt, ihnen als Gottheiten gevpfert und mancherlei Legenden von ihnen gehabt haben. Dieß iſt wahr⸗ ſcheinlich. Die Beſieger und Nachfolger der Indianer haben hier keine andere Spuren, als von einigen tra⸗ giſchen Ereigniſſen hinterlaſſen. Eine Stelle heißt Nanceybrücke, nach einem jungen Mädchen, das hier im Schnee erfroren gefunden wurde. Sie war die Tochter eines Farmers in der Gegend und hatte eines Abends einen Streit mit ihrem Geliebten gehabt, der ſie in Folge deſſelben im Zorn verließ. Sie folgte ihm verzweiflungsvoll, aber die Nacht und der Schnee 452 überraſchten ſie. Sie erfror und ihr Liebhaber wurde wähnſinnig. Nicht weit ſteht im Thale das ſogenannte Wiley⸗ haus, das jetzt verlaſſen iſt. Vor einigen Jahren wohnte eine große Familie da. Eines Nachts wurde ſie durch ein entſetzliches Gekrache und Getöſe aus dem Schlafe geweckt,— es war offenbar eine große La⸗ wine, die vom Berge herab gegen das Haus ſtürzte und es begraben mußte. In der finſtern Nacht ſtürzte die Familie aus dem Haus, um einen Platz zu errei⸗ chen, wo ſie ſich außer aller Gefahr glaubte. Aber die Lawine nahm ihre Richtung jetzt nach dieſem Platze und begrub die ganze geflüchtete Familie von neun Perſonen. Das Haus, aus welchem ſie geflohen waren, blieb vollkommen unbeſchädigt. Hawthorne hat dieſes tragiſche Ereigniß zum Gegenſtand einer ſeiner hübſche⸗ ſten Erzählungen gemacht, welche den Titel führt: „Der ehrgeizige Gaſt.“ Man pflegt jetzt den Berg hinaufzufahren, von welchem die Lawine kam, um von da aus das Thal zu betrachten. Und juſt ſo eben iſt ein ſechs ſpänniger Reiſewagen mit 20 bis 30 Perſonen raſch und munter vom Hotel weg und den Berg hinan gefahren. Mrs. Silsbee und ich haben den Vorſchlag hinaufzufahren abgelehnt, ebenſo habe ich dem Plan entſagt, Mount Waſhington und andere Berge zu erſteigen, die man zu Pferd und mit unglaublichen Mühſeligkeiten erklet⸗ tert, um meiſtens gar Nichts zu ſehen und im beſten Fall, nämlich wenn keine Wolken hervorkommen, eine unermeßliche, aber unklare Ausſicht auf Erde und Waſſer zu haben. Dieſe ganze Gebirgsgegend iſt ſehr wild, und man ſieht beinahe keine Wohnung außer den Hotels für Reiſende. Aber dieſe ſind auch übervoll von lärmender und tobender Geſellſchaft, die es nicht zu verſtehen ſcheint, die Natur anders als unter Schwatzen, Lachen, rde ley⸗ ren rde dem La⸗ rzte rzte rei⸗ die atze eun ren, eſes t von hal iger nter trs. ren unt nan klet⸗ ſten eine ſſer man für nder ehen hen, 453 Eſſen, Trinken und geräuſchvollen Vergnügungen aller Art zu genießen. Man fährt lachend und in größter Geſchwindigkeit den Berg hinauf, man kommt in der größten Schnelligkeit wieder herabgefahren. Im Hotel ſpringen die Champagnerpfröpfe; die Herren ſitzen und ſpielen Karten mitten am Tag; die Frauenzimmer ſpre⸗ chen von Nähterinnen und Moden. Wie verſchieden iſt nicht dieſes gedankenloſe wilde Leben von dem Leben in der Natur, wo die Wolken herabkommen, gleichſam um ſtille Zwieſprache mit den Bergen zu halten, zuweilen wie luftige Drachen auf ihnen zu reiten, zuweilen ſie umſchwebend und mit leuch⸗ tend ſylphidiſchen Geſtalten umkoſend, die ihre Wälder mit weichen Thauſchleiern befeuchten, während unten im Thale die Ströme wachſen und ſingen, und Bäume und Blumen ihnen Segnungen auf den Weg zufächeln, und überall dieſes Spiel von Schatten und Licht, das Spiel von Sonnenſtrahlen in den Waſſerfällen, wenn ſie von den Klippen herabhüpfen; die großen Geſichter in den Bergen, die zwitſchernden Vögelein— das iſt Leben. Der Menſchen gedankenloſes Geplauder da oben in dieſer Naturherrlichkeit könnte mich mit Wehmuth um mein Geſchlecht erfüllen. Doch, als ich noch jung war, verſtand ich es auch nicht, das Leben und die Natur auf andere Art zu genießen. An der Anlage fehlte es nicht, aber es fehlte an der Erziehung, und unter der ausgelaſſenen Munterkeit barg ſich die Em⸗ pfindung der Leere. Der Menſch ſucht den geiſtigen Champagner, aber er täuſcht ſich darin. Der ächte verhält ſich zu dem gemeinen, wie Bacchus Dithyrambus zu Silen. Doch waren auch hier einige wahre Verehrer der großen Göttin. Eines Tages trafen wir einen Vater mit ſeinem Töchterlein. Sie hatten in den Wäldern botaniſirt und zeigten uns einige ſchöne Vaccinien nebſt einer Monotrope, die bloß eine einzige Blume hat und 454 hier die indianiſche Pfeife genannt wird. Der Vater und die Tochter ſahen ſanft und glücklich aus. Es war ein ſchönes und vollkommenes kleines Bild. Auch Mrs. Silsbee und ich gehörten zu denjeni⸗ gen, welche die großen Naturſchauſpiele ſtill in dank⸗ baren Gemüthern aufnahmen, indem wir bald ganze Stunden lang bei der Silbercascade ſaßen, bald auf einſamen Entdeckungsreiſen zwiſchen den romantiſchen Bergpäſſen hinwanderten. Heute Nachmittag ſind wir am„Flume“ hinaufge⸗ gangen. Dieß iſt ein ſchmaler Spalt zwiſchen zwei hohen Granitfelſen, durch welchen ein Strom in bei⸗ nahe gerader Linie mehr als 800 Fuß lang herab⸗ ſtürzt, bis er in einer Cascade von 660 Fuß Länge hinabkommt. An der einen Bergwand entlang hatte der Wirth unſeres Hotels nach Yankee⸗Manier einen Weg von Brettern, Steinen und Zweigen ausgeführt, der— gar Nichts glich, auf dem man aber zu ſeiner eigenen Ueberraſchung ganz ſicher und ohne die min⸗ deſte Schwierigkeit gehen konnte, wenn man ſich zu⸗ gleich mit der einen Hand an die Bergwand ſtützte. Juſt vor einigen Tagen hatte er den Weg über den Strom etwa 50 Fuß weiter hinaufgeführt. Da wo er jetzt aufhörte, waren wir nahe bei einem ungehenern runden Steinblock, der in den Riß herabgefallen war und ſich ſo feſtgeſetzt hatte, daß er eine Art von Um⸗ hang über demſelben bildete; jenſeits dieſes dunkeln Paſſes, der beinahe ſchwarz war, ſah man weiter oben den Strom ſich von der linken Seite her in einem ſtarken kryſtallhellen Strahl in den Bergriß ſtürzen. Woher, das konnte man nicht ſehen, aber die Sonne leuchtete klar in dem Waſſerſtrahl, und über ihm wiegte eine kleine Birke ihre hellen, grünen, weichen Zweige. Der Urſprung der dunkeln Fluth lag im Licht. Das freute mich und auf dem ganzen Weg über den ſingen⸗ den Waſſerfall hin ſang und ſpielte ich in meinem In⸗ Ufe ſich wie ſehe Sc weſ nich und heit ſon: ſchr fend Leb Ber des Vat 455 nern Scenen und Geſpräche, welche ich Dir daheim zum Beſten geben will. Dieſe ganze Scene und die Gegend umher war er⸗ friſchend wild und pittoresk. Es finden ſich mehrere Merkwürdigkeiten in dieſen Bergen, und eine gedruckte Karte, die ich von meinem Wirth in Lafayettehaus be⸗ kommen hatte, verſpricht jeden Abend ein Kanonen⸗ echo auf dem See. Aber— Du kannſt an dem bereits Geſchriebenen genug haben. Wir werden uns jetzt von den weißen Bergen in New⸗Hampſhire nach den grünen Bergen in Vermont begeben. Burlington am Champlainſee (Vermont), den 19. Auguſt. Ich ſchreibe Dir jetzt aus einem ſchönen Hauſe am Ufer des Champlainſees mit einer der herrlichſten Aus⸗ ſichten über das Waſſer und die Gebirgsgegenden, ſo wie ich ſie ſeit dem Genferſee in der Schweiz nicht ge⸗ ſehen habe. Die Natur iſt da grandioſer, und zu den Scheiteln der Alpen können die Aderondacksberge im weſtlichen New⸗York oder die grünen Berge in Vermont nicht hinanreichen, aber ſie haben pittoreske Formen und etwas Großes und Muthiges darin, und über der heitern großen Gegend leuchtet jetzt eine ſchöne Anguſt⸗ ſonne im Untergang und färbt die Wolken in unbe⸗ ſchreiblich goldner Pracht. Der Berg, welcher der ſchla⸗ fende Löwe heißt, ſcheint in der herrlichen Beleuchtung Leben zu bekommen und, eine prächtige Rieſengeſtalt, ſich emporzurichten. Man ſieht von da aus manche Berge mit markirten ſymboliſchen Geſtalten. Wir(Mrs. Silsbee und ich) ſind hier im Hauſe des Exakademiepräſidenten Wheeler, wohin ich von Vater und Töchtern freundlich eingeladen worden bin. — E — 456 Es iſt eine edle und ſchöne Familie, in welcher häus⸗ liche Andacht gehalten wird und nur eine Mutter fehlt. Dieſe iſt vor einigen Jahren geſtorben und wird noch immer zärtlich betrauert von den Kindern, drei Söh⸗ nen und drei Töchtern, angenehmen und auch begab⸗ ten Leutchen. Der Familienvater, ein ſtattlicher, älterer Herr und ſtrenger Puritaner, vier Ellen hoch, glaube ich, an deſſen Arm ich bei den Spaziergängen wie eine Schau⸗ kel an einem Baum hänge, hat ein characterſtarkes Geſicht, ſcharfe, aber warme Augen, iſt ein entſchiede⸗ dener Whig und nicht gut auf die Democraten zu ſpre⸗ chen, im Uebrigen ein ſehr gefälliger und angenehmer Gentleman, deſſen Unterhaltung mich ſehr anzieht we⸗ gen ſeiner vollkommenen Kenntniß der kirchlichen Zu⸗ ſtände des Landes, wegen des Syſtematiſchen in ſeinen Anſichten, die ich jedoch nicht in allen Stücken theilen kann, und wegen ſeiner angenehmen Art ſich mitzu⸗ theilen. Das Haus iſt eine Villa in der Rähe der Stadt und hat alle Annehmlichkeiten und Comforts der angloamericaniſchen Wohnungen. Geſtern machten wir eine Vergnügungspartie auf dem ſchönen Binnenſee nach dem Aderondacksberg am Ufer New⸗Yorks. Der Tag war ſchön, die Fahrt gleichfalls, die Naturſchauſpiele an dem reißenden, aber ſeichten Flüßchen„An Sable“ entlang, wo die Natur aus Bergen regelmäßige, unüberſteigliche Fe⸗ ſtungswälle ecbaut hat, höchſt merkwürdig, und ich würde mich noch mehr daran erfreut haben, wenn ich nicht ſo viele gedankenloſe Fragen zu beantworten ge⸗ habt hätte. Da war beſonders ein Frauenzimmer mit ſcharfer, ziſchender Stimme, das mich beſtändig mit einem Examen von folgender Art quälte:„Wohin ge⸗ denken Sie von hier aus zu reiſen?— Von wo kom⸗ men Sie hieher?— Von wo kamen Sie dorthin?— Bei wem wohnten Sie da?— Wen ſahen Sie im wöl dieſ eine füh ihm entz als wag füh in meh ſelte und us⸗ hlt. roch ab⸗ err an au⸗ kes de⸗ re⸗ ner ve⸗ zu⸗ nen len zu⸗ der rts auf am hrt en, die ich ge⸗ nit nit ge⸗ m⸗ 457 Hauſe dieſer Leute?“ u. ſ. w. Ach daß die Menſchen doch etwas mehr den Naturgegenſtänden glichen, daß ſie ſich mit einem poſitiven Inhalt einander näherten und ihre Freude daran fänden, durch ſtille Mittheilung deſſelben auf einander zu wirken, wie unendlich mehr würden ſie uns entlocken, wie unendlich mehr würden ſie von uns zu wiſſen bekommen, als durch ſolche ge⸗ dankenloſe, oberflächliche Fragen, welche übrigens auch die Denkenden hier im Lande mißbilligen und wor⸗ über ſie ſich eben ſo luſtig machen, wie nur je Aus⸗ länder. Uebrigens fehlte es bei dieſem Picknick auch nicht an ſolchen Perſonen, wie ich ſie ſo eben wünſchte. Da war beſonders eine liebenswürdige junge Frau, ſeelenvoll und friſch, wie der ſingende Strom, wie der wehende Baum. Bei ihr zu ſitzen, ſie anzuſehen, ihren ſeelenvollen Mittheilungen zu lauſchen, war mir eine liebliche Erquickung. Aber kaum waren wir recht in unſerem téte- à.téte, als die fragende Dame mit der ſcharfen Stimme wieder kam, ſich vor uns ſetzte und ihr Examen neu begann. Wenn ein Frauenzimmer mir gefällt und wir uns zu einander hingezogen fühlen, ſo ergibt es ſich ge⸗ wöhnlich von ſelbſt, daß ich bald irgend ein Stück von ihrer Biographie bekomme. In der Lebensgeſchichte dieſer jungen Frau frappirte mich folgender Zug: von einem großen und zermalmenden Kummer getroffen, fühlte ſie, daß ſie unter demſelben erliegen, oder aber ihm, ihren Gedanken, ſich ſelbſt durch eine Reiſe ſich entziehen müßte. Ohne einen andern Plan oder Zweck, als nur zu reiſen, ſetzte ſie ſich auf einen Eiſenbahn⸗ wagen und ließ ſich vom Zug in die weite Welt hinaus⸗ führen. Die Bäume wehten und winkten ihr zu draußen in der Welt, die Wolken ſegelten vor ihr her, und je mehr ſie ihnen folgte, je mehr die Gegenſtände wech— ſelten und immer neuen Platz machten, um ſo leichter und beſſer wurde es ihr zu Muth. Sie konnte freier — ——— —— 458 denken, das Leben und alle Dinge erſchienen ihr in einem helleren Licht. Nach einem Ausflug von bloß etlichen Tagen konnte ſie mit wieder gewonnener Faſſung und Seelenruhe nach Hauſe zu ihren Eltern zurückkehren. Und jetzt, ein paar Jahre ſpäter, war ſie erſtaunt über die Fülle des Glückes, das ſie genießen konnte. „Die Zeit der ſtillen Seufzer iſt vorbei,“ ſagte Geijer einmal. Ach, dazu fehlt noch viel Aber gewiß iſt, daß die Leichtigkeit, womit man ſich von einem Ort an den andern verſetzen und neue Eindrücke be⸗ kommen kann, ſo wie die raſchen Communications⸗ mittel aller Art, welche es geſtatten, dieſe Zeit näher rücken. In einem Land, das nach allen Richtungen von Eiſenbahnen und Danpfſchiffen durchkreuzt wird, die dem Menſchen geſtatten, durch die Welt zu fliegen, braucht er nicht durch Stilleſitzen zu verſchimmeln oder zu verſauern. Den 20. Auguſt. Schade, daß dieſe Ruhetage in dieſem ſchönen Hauſe, unter ſeinen freundlichen Einwohnern, ſich ihrem Ende nähern. Ich habe mich herzlich erlabt an den herrlichen Ausſichten und der Pracht beim Sonnen⸗ untergang, den ich von meinen Fenſtern aus ſehe. Dieſe Binnenſeegegenden ſind bekannt durch ihre präch⸗ tigen Sonnenuntergänge. Und ich habe nirgends ſo maleriſche Wolken und ſo hübſche Farbenbrechungen geſehen; es iſt eine Gluth und ein Farbenſpiel, wo⸗ gegen das Weiche und Milde am ſüdlichen Himmel ſehr abſticht. Auch die beſonderen Formationen der Berge feſſeln mich und der ſchlafende Löwe wird mit jedem Tag lebendiger für mich. Der Champlainſee hat ſeinen Namen von dem tapfern und klugen Franzoſen Champlain, der dieſe Gegend zuerſt entdeckte und an⸗ bau im erſt zu nich von Kir und bau Nah cati Fuß ab, kenſ Kuc tons den Geſi eine ſchor Fam dem aufer Mut Nach dreiß an d jetzt einen und chen einer gerin in loß ner tern ſie ßen gte wiß em be⸗ ns⸗ her gen ird, en, der nen rem den en⸗ he. ich⸗ gen wo⸗ mel der mit hat ſen 459 baute. Maine, New⸗Hampſhire und Vermont wurden im Anfang von Frankreich bevölkert und haben ihren erſten Anbau franzöſiſchen Miſſionären und Coloniſten zu verdanken. Von dieſem geſchichtlichen Verlauf ſind nicht mehr viele Spuren vorhanden außer den Namen von Orten und Flüſſen, ſo wie einigen katholiſchen Kirchen und Seminaren. Große Wälder, Binnenſeen und Berge ſind die Hauptzüge dieſer Staaten; Land⸗ bau, Viehzucht und Zimmerwerk ſind ihre vornehmſte Nahrung. Ein ſchönes Nebengewerbe iſt die Fabri⸗ cation von Ahornzucker, die hier auf ziemlich großem Fuß betrieben wird. Man zapft den Saft der Bäume ab, wie wir es mit der Birke machen, wenn wir Bir⸗ kenſaft bekommen wollen. Der Zucker wird in kleinen Kuchen formirt; er iſt braun von Farbe und ganz ſüß. Geſtern Abend ſah ich einen Theil von Burling⸗ tons Geſellſchaftskreis hier im Hauſe verſammelt. Unter den jungen Leuten waren viele heitere und hübſche Geſichter zu ſchauen. In der Geſellſchaft befand ſich eine allgemein geachtete und beliebte Schullehrerin, die ſchon von ihrer Jugend an allein für ſich und ihre Familie hatte arbeiten müſſen. Sie hatte dieß mit dem Erfolg gethan, daß ſie mehrere junge Geſchwiſter auferzog, die Schulden der Familie bezahlte, ihre alte Mutter verſorgte und ihr zuletzt noch ein Haus baute. Nachdem ſie alles Das ausgeführt, ſtand ſie jetzt mit dreißig Jahren im Begriff, einen Mann zu heirathen, an den ſie ſich ſchon lange gebunden hatte. Sie konnte jetzt an ein eigenes Glück, an eine eigene Heimath, an einen eigenen Herd denken. Die allgemeine Theilnahme und die Frende, womit ich mehrere Leute darüber ſpre⸗ chen hörte, iſt ein gutes Zeugniß für den Geiſt in einer Geſellſchaft, wo das ſchöne Leben eines einzelnen geringen Geſchöpfes ſo hoch geſchätzt wird. — 460 Saratoga, den 22. Auguſt. Aus dem Schooße der weißen und der grünen Berge, aus der weltverachtenden Geſellſchaft der Schäker bin ich jetzt an den fashionabelſten und am meiſten (und ſchlimmſten) weltlichen Ort in den Vereinigten Staaten gekommen, um einen Blick darauf zu werfen und einen Eindruck ſeines Lebens in mein Panorama von der neuen Welt aufzunehmen. Wir verließen Burlington geſtern. Mehrere unſerer neuen Freunde begleiteten uns auf das Dampfbvot über den See, und unſer galanter Wirth, der Expräſident und ſeine eine Tochter(ein liebenswürdiges, aber ſchwaches junges Mädchen) bis hieher, um einige Tage bei uns zu verweilen. Das Bild dieſes romantiſchen Sees und des coloſſalen, ruhenden Granitlöwen, der in der ſinkenden Sonne zu wachſen ſchien, während er ſich immer mehr in die dunkle Ferne zurückzog; dieſes Bild habe ich unter denen von Americas ſchönſten Naturſcenen bei mir. Wir kamen Abends in Saratoga(im weſtlichen Theile von New⸗York) an und veranſtalteten noch an le Tag unſern Eintritt in den Geſellſchafts⸗ alon. Es waren fünfzig bis ſechzig Perſonen da ver⸗ ſammelt. Einige Paare, Herren und Damen, ſpazirten mitten im Saale unter ſtarkglänzenden Kronleuchtern umher. Ein Paar beſonders zog unſere Aufmerkſam⸗ keit an. Es war ein ganz ſchönes junges Mädchen, mit ganz ſchönen(und ganz bloßen) Schultern, und ein junger Mann, ebenfalls ſchön und elegant. Sie waren, ſagte man, das liebende Paar dieſer Saiſon. Unter den Aelteren in der Verſammlung war eine ſchöne alte Frau, von der man ſagte, daß ſie große Aehnlichkeit mit Mrs. Martha Waſhington habe und ſich auf die⸗ ſelb Abſ Sie gut ſtan ihre woh Heu eing beko weſe regn groß ware Aus halb kann denke Uebe ebenf Coſti Tänz Win ſprün auf konnt war blaſſe Zeite aus! ihre inen äer iſten gten erfen ama ſerer über dent aber Tage ſchen der d er ieſes nſten ichen an afts⸗ ver⸗ irten tern ſam⸗ chen, ein aren, inter alte hkeit die⸗ Zeiten große und alte Leute. konnte. war ganz ungraziös. 461 ſelbe altmodiſche Art kleide, wie ſie, nemlich mit hohen Abſätzen und einer Friſur, die ihr ſehr wohl anſtand. Sie ſah in dieſer Tracht ſowohl originell als auch gut aus, und dieſes kleine Coſtüm, wie auch der Um⸗ ſtand, daß jede Perſon ſich nach der Individualität ihrer eigenen Figur und Laune kleidet, gefällt mir ſo wohl, daß ich große Frende an der Verſammlung hatte. Heute Abend iſt großer Ball der Saiſon; ich bin dazu eingeladen und werde da den ganzen Putz zu Geſicht bekommen. Dieſe Saiſon ſoll nicht ſehr brillant ge⸗ weſen ſein; das Wetter war kühl und regneriſch. Es regnet gegenwärtig ſtark.. Den 23. Auguſt. Jetzt habe ich den Putz geſehen, nemlich den großen Ball, und es iſt nicht viel davon zu ſagen. Es waren nicht viele Leute da und unter ihnen nichts Ausgezeichnetes, außer bei den tanzenden Damen ein halb Dutzend geſchmackvolle und ſchöne Toiletten. Man kann ſich dieſe unmöglich harmoniſcher und eleganter denken, und zwar ohne alles Großthun und ohne alle Uebertreibung. Die Damen, welche ſie trugen, waren ebenfalls ſchön und anmuthsvoll und hatten in ihren Coſtümen den Character getroffen, der für ſie paßte. Am wenigſten gefiel mir die vornehmſte Belle und Tänzerin des Balles, denn ſie hatte ſo viele Ecken und Winkel in Geſtalt und Fagon; ſie machte ſolche Quer⸗ ſprünge und der rothe Roſenkranz ſaß ſo anmuthslos auf ihrem Kopf, daß ich mich nur über ſie wundern Die Herren tanzten nicht gut und die Polka Es that mir leid, einige kleine blaſſe Mädchen ſo ausſtaffirt zu ſehen, wie in frühern Wenn man die Kinder aus der Kindheit herausreißt, ſo verderbt man ihnen ihre ganze Zukunft. Einer der Herren, die mir vor⸗ —,——— ———— 462 geſtellt wurden, hatte ſichs in den Kopf geſetzt, daß ich das Girardcollege in Philadelphia nicht richtig würdigen könnte, und hatte ſich daher vorgenommen, mich hier förmlich über dieſe Anſtalt zu belehren, die in der ganzen Welt einzig in ihrer Art ſei. Ich be⸗ merkte, daß es in der Schweiz und in Deutſchland mehrere ähnliche Anſtalten gebe. Ganz und gar nicht! Unter allen europäiſchen Gewerbeſchulen gab es ihm zufolge durchaus keine, welche dieſer ganz glich. Und worin die Originalität des philadelphiſchen Inſtituts beſtand, das wollte mir mein Lehrmeiſter mit aller Gewalt einprägen. Ich fühlte mich unbeſchreiblich un⸗ gelehrig und dachte an Salomos Ausſpruch:„Alles hat ſeine Zeit.“ Hier in dieſem Ballſaal ſchien es mir weder Ort noch Zeit zu einer ſolchen Lection zu ſein. Glücklicher Weiſe wurde ſie von einigen Herren unterbrochen, die verſtändigere und angenehmere Ge⸗ ſellſchafter waren, und ich muß ſagen, daß ich, wenn ich einmal eine Perſon traf, die ſich jener Art von eigenliebigem Geprahle ſchuldig machte, das man den Americanern vorgeworfen hat, meiſtens unmittelbar darauf oder ſchon im gleichen Angenblick auf einen Mann geſtoßen bin, welcher das Gegengewicht und die Kritik dieſer unlieblichen Erſcheinung bildete. Ein älterer Mann von Saratoga, von kränklichem, aber angenehmem Ausſehen, fragte mich mit einem zweifelnden Ausdruck, ob ich wirklich glaube, daß die Einwohner America's glücklicher ſeien als die von Europa. Ich bekomme ſo oft und ſo viele eigenliebige Fra⸗ gen über America zu hören, daß dieſe Frage für mich eine wahre Erfriſchung war, und ich freute mich ant⸗ worten zu können: nach meinem Dafürhalten gebe es hier mehr Hoffnung als dort und darin liege bereits ein größeres Glück. Ungeachtet der vielen Beiſpiele, die ich von ame⸗ rice kan Aer nic Dit nen um den länt eine ten oft in 6 ſtalt ſam mon Abe nah auch Syr im: nicht bilde ſtänt Geſe wech iſt ni Beſin Fedei fliege daß chtig men, die be⸗ land icht! ihm Und ituts aller un⸗ Alles n es n zu erren Ge⸗ wenn von den elbar einen d die chem inem 6 die von Fra⸗ mich ant⸗ e es reits ame⸗ 463 ricaniſcher Kritik über Americanismen gehabt habe, kann ich nicht läugnen, daß ich zuweilen an folgende Aeußerung eines Engländers denken muß:„Ich will nicht ſagen, daß die Americaner nicht mehr große Dinge ausführen, aber ſie führen ſie nicht herviſch(in a heroic way) aus,“ und es hat mir zuweilen geſchie⸗ nen, als ob das, was dieſem Volk am meiſten fehle, um recht groß zu werden, eine großſinnige Unzufrie⸗ denheit mit ſich ſelbſt wäre. Aber haben die Eng⸗ länder, haben die Franzoſen eine ſolche? Hat irgend eine Nation ſie, außer in ihren edelſten Repräſentan⸗ ten? Und an ſolchen fehlt es hier nicht, wie ich ſchon oft bewieſen habe. Abends war die Illumination der Brunnengebäude in Saratoga prachtvoll; das Souper und die Veran⸗ ſtaltung des Balls zengten ebenfalls von großer Sorg⸗ ſamkeit und großem Geſchmack. Unſere kleine Ver⸗ monter Blume, Miß W., konnte aber ſeider an dieſem Abend nicht bei uns ſein. Mit innigem Bedauern nahm ich Abſchied von ihr und ihrem Vater, wie ich auch bedaure, ſeine Einladung, mit ihm einer großen Synode der presbyterianiſchen Kirche anzuwohnen, die im nächſten Monat in Maine gehalten werden ſoll, nicht annehmen zu können. Er iſt ein vielſeitig ge⸗ bildeter Mann und beſonders in theologiſchen Gegen⸗ ſtänden wohl zu Hauſe, dabei ein ſehr angenehmer Geſellſchafter und vollkommener Gentleman. New⸗York, den 4. September. Ach, mein liebes Kind, welche Windmühle von wechſelnden Scenen, Beſchäftigungen und Verhältniſſen iſt nicht dieſe letzte Zeit geweſen! Ich habe kaum zur Beſinnung und Sammlung, noch weit weniger zur Feder kommen können, und auch jetzt ſchreibe ich auf fliegendem Fuß, wie Merecurins, wenn ich ſo ſagen 464 darf, bereit jeden Augenblick von den Anforderungen des neuen Augenblicks oder von guten Freunden ent⸗ führt zu werden. Aber einen kleinen Bericht mußt Du in Haſt und Kürze über meine Unternehmungen erhalten. Von Saratoga reiſten wir nach Lennox in Maſſa⸗ chuſſets, wo ich verabredetermaßen mit meinen vor⸗ trefflichen Freunden Osgoods von Boſton zuſammen⸗ traf. Hier verabſchiedete ich mich von meiner ange⸗ nehmen Geſellſchafterin Mrs. Silsbee und ihrem Manue, welcher die Freundlichkeit gehabt hatte, uns entgegen⸗ zukommen. Die Gegend um Lennox iſt romantiſch ſchön; ſie bietet einen anmuthigen Wechſel von waldbewachſenen Höhen und den zierlichſten kleinen Binnenſeen. In dieſer Gegend haben Miß C. Sedgewick und N. Haw⸗ thorne ihre ländlichen Wohnungen. Ich war zu bei⸗ den eingeladen und wollte beide gerne ſehen. Bei der vortrefflichen, liebenswürdigen Miß Sedgewick und ihrer Familie verbrachte ich einen Tag, und erfreute mich an ihrer Geſellſchaft, ſowie an dem Umgang mit mehreren andern angenehmen Frauenzimmern. Herren waren nicht zu ſehen, und ſie ſollen im Allgemeinen in den Geſellſchaftskreiſen dieſer Gegend ſelten ſein. Aber ſie werden hier im Umgangsleben weniger ver⸗ mißt als gewöhnlich, denn die Frauenzimmer in die⸗ ſem Kreis beſitzen eine ungewöhnliche intellectuelle Bil⸗ dung, einige ſind mit Genie und Talenten begabt. Fanny Kemble hat hier ihre Wohnung, wenn ſie ſich in America aufhält, aber ſie iſt jetzt in England. Die Natur iſt ſchön, die Frauenzimmer erfreuen ſich an ihr und an einander, und die meiſten genießen das Leben in vollen Zügen. Im Allgemeinen fällt mir die Menge von Frauen⸗ zimmern und der Mangel an Herrn in den kleinen Städten der öſtlichen Staaten auf. Die Herren ziehen nac ſten Gel ſich Liel unv den gen chen Wir Eur hier lich unte Abe nich wur Mu woll Glei bede zu ſ Him Wal tiefei herv aus Naſe des hain Der der u ihm Bre gen nt⸗ ind ſſa⸗ or⸗ en⸗ ge⸗ Ue, en⸗ ſie nen In w%⸗ ei⸗ der ind ute mit ren ten in. er⸗ ie⸗ il⸗ ich Die an as en⸗ en en 465 nach den großen Städten oder nach dem großen We⸗ ſten, um Handel zu treiben, Eiſenbahnen zu bauen, Geld zu verdienen. In den öſtlichen Staaten finden ſich viele einſame Frauenzimmer, denen es weder an Liebreiz, noch an Seelengaben fehlt, und die dennoch unverheirathet altern. Mehrere von ihnen habe ich den Wunſch nach einer freieren Thätigkeit, nach Gele⸗ genheiten zu einem lebhafteren und allgemeiner nützli⸗ chen Leben ausſprechen gehört. Alte Klagen über die Windſtille und Schwere des Lebens, wie ich ſie in Eurvpa gehört habe, kehren hier wieder. Sie ſollten hier in der jungen Welt nicht zum Vorſchein kommen. Mit Miß Sedgewick verbrachte ich einen unend⸗ lich angenehmen Tag und mit Hawthorne einen Abend unter allerlei Verſuchen in ein Geſpräch zu kommen. Aber war es nun ſeine oder meine Schuld, es wollte nicht gehen; ich mußte immer allein ſprechen und es wurde mir zuletzt ganz unheimlich und wunderlich zu Muthe. Hawthorne war doch offenbar freundlich und wollte mir wohl, aber aus dem Geſpräch wurde Richts. Gleichwohl machte es mir Vergnügen, dieſen ſchönen, bedeutenden, aber nicht vollkommen harmoniſchen Kopf zu ſehen. Die Stirne iſt groß und klar wie das Himmelsgewölbe, und ſchön kränſelt ſich um ſie her ein Wald von leichten, dunkelbraunen Locken; die ſchönen tiefen Augen blicken unter den feingewölbten Brauen hervor, wie die düſtern, aber klaren Seen der Gegend aus dem dunkeln Schvoße der Berge und Wälder. Die Raſe iſt fein und regelmäßig; das Lächeln des Mun⸗ des gleicht dem Lächeln der Sonne über den Sommer⸗ hain hinab; es kann auch einen bittern Zug haben. Der ganze obere Theil des Geſichtes iſt claſſiſch ſchön; der untere entſpricht dagegen nicht recht und es fehlt ihm an einem beſtimmten Character. Unmittelbar vor Hawthorne's Haus liegt einer der Bremer, die Heimath in der neuen Welt. UI. 30 —— 466 kleinen, klaren Binnenſeeen in düſterem Waldrahmen, welche dieſe Gegend characterifiren, und Hawthorne ſchien an der Ausſicht über ihn und das wilde Wald⸗ land Freude zu finden. Seine liebenswürdige Frau iſt unausſprechlich glücklich darüber, daß ſie ihn hier glücklich ſieht. Sein Lächeln, ein Wort von ihm ſagt ihr mehr als lange Reden von andern. Sie lieſt in ſeiner Seele und—„er iſt der beſte Gatte.“ Roſe Hawthorne, ihr jüngſtes Kind, lag noch an der Mut⸗ ter Bruſt. Hawthornes Wohnung iſt eine glückliche, ſtille, kleine Stätte, die ein ſchönes Familienleben umſchließt. In dem ländlichen Wirthshauſe, wo ich mit Osgoods wohnte, hielten ſich mehrere junge Mäd⸗ chen als Gäſte auf, um die Landluft und das Land⸗ leben zu genießen. Es war auch eine ſchöne, noch jugendliche Mutter mit fünf ſchönen Töchtern da. Ich fragte eines Morgens jede von ihnen nach dem Lebens⸗ zweck, den ſie ſich wünſche. Jede nannte mir als Ant⸗ wort ziemlich gleichgiltige Beſchäftigungen und Lebens⸗ verhältniſſe. Ich warf ihnen vor, daß ſie nicht auf⸗ richtig ſeien, und fragte, ob ſie mir auf ihr Gewiſſen nicht ſo antworten wollen, wie ein liebenswürdiges junges Mädchen, an das ich einmal die gleiche Frage geſtellt habe:„Ich wünſche mir zu heirathen und alle meine Freunde glücklich um mich zu ſehen.“ Die Mädchen lachten und einige von ihnen antworteten: „Wenn der Rechte kommt.“ Und dieſe Antwort charac⸗ terifirt die Lebensſtellung und Gemüthsart der jungen Americanerin. Das junge Mädchen, das ſich in gün⸗ ſtigen Verhältniſſen befindet, ſein Leben und ſeine Freiheit genießen kann, in Nichts gezwungen oder ge⸗ bunden iſt, fühlt kein großes Verlangen, ſeine Lebens⸗ ſtellung zu verändern. Doch ſagt ſie nicht nein, wenn der Rechte kommt. Und für manches junge Mädchen kommt er viel zu früh, ſo ſcheint es mir wenigſtens hei vielen, die ſich verheirathen, wenn ſie kaum erſt nen, ne ald⸗ rau hier ſagt t in koſe tut⸗ che, ben ich äd⸗ nd⸗ noch Ich ens⸗ Ant⸗ ens⸗ auf⸗ iſſen iges rage alle Die ten: rac⸗ ngen gün⸗ ſeine ge⸗ ens⸗ venn chen ſtens erſt 467 die Kinderſchuhe vertreten haben. Ich habe von einer gehört, die ſich mit 14 Jahren verheirathete und dann von ihrem Mann in die Schule geſchickt wurde. Mit meinen Freunden Osgoods beſuchte ich eines Sonntags den Schäkerſtaat in Neu⸗Libanon, das bloß einige Meilen von Lennox liegt. Wir waren da wie⸗ der in großer Verſammlung, ſahen genau dieſelben Tanzfiguren und hörten dieſelbe Art von Reden und Geſängen, die ich im vorigen Jahr da gehört hatte. Dieſelben freundlichen Schäkerſchweſtern ſtellten den Zuſchauern Bänke hin, derſelbe Elder Evans ſtand da und hielt dieſelbe Art von Strafpredigt an die Ver⸗ ſammlung. Alles hatte ſtillgeſtanden, Alles ſtand auf demſelben Punkt oder bewegte ſich in demſelben Zug. Während meines Aufenthalts in dieſer Gegend war es ganz kalt; auf den Kartoffelfeldern war das Kraut erfroren. Der Wind war rauh und froſtig. Niemals habe ich ihn in Schweden im Monat Auguſt ſo kalt empfunden. Von Lennor reiſte ich mit Osgoods nach New⸗ York durch das ſchöne Houſatoniathal, deſſen unend⸗ lich pittoreske und zuweilen grandios düſtere Scenerie das Eiſenbahngeraſſel, der Staub und Rauch mir zwar zu ſehen, aber nicht zu genießen geſtattete, ſo betäubend wirkt das auf die Sinne. Bei New⸗York begaben wir uns in einen andern Bahnzug, der lang wie eine Straße war, und wo wir durch ganze Reihen von Leuten aus einem Wagen in den andern wanderten, um Plätze zu ſuchen. Dieſe bewegliche Straße war ein Zug von gewiß tauſend Perſonen. Mit ihm kamen wir nach New⸗York, und es that mir nicht leid, daß ich damit den americaniſchen Eiſenbahnen Lebewohl geſagt hatte. Vortrefflich in mehreren Beziehungen, namentlich durch die Bequemlichkeit, die ſie Allen bie⸗ ten, und durch ihre billigen, für Jedermann gleichen Preiſe, ſind ſie gleichwohl in hohem Grad ermüdend. — — —— 468 Nach den paar erſten Stunden iſt es mit allem Ver⸗ gnügen der Reiſe vorbei und man verſinkt in einen leidenden, ſo zu ſagen duſeligen Zuſtand; man fühlt ſich nicht wie ein Menſch, ſondern wie ein Nachtſack, und ich kann mir im Ganzen eine weniger nützliche und vergnügliche Art zu reiſen gar nicht denken. Man kann da nicht einmal eine Naſe voll friſcher und reiner Luft bekommen. Könnte die Menge von Rauch und Staub vermindert werden, ſo wäre dieß eine große Wohlthat für die Paſſagiere. Die europäiſchen Eiſen⸗ bahnen, mit denen ich gereiſt bin, ſind in dieſer Be⸗ ziehung den americaniſchen weit überlegen. In New⸗York mußte ich mich von Osgvods tren⸗ nen. Ach es wurde mir ſchwer, von dieſen Freunden zu ſcheiden mit dem Gedanken, daß ich ſie wahrſchein⸗ lich nie wieder ſehen werde— von meinem guten Doctor und meiner liebenswürdigen Marianne, ſeiner Frau! Noch im letzten Augenblick überhäuften ſie mich mit Liebesbeweiſen— ich kann es nicht anders nennen. Zu oberſt unter ihnen zähle ich die mediciniſche Ver⸗ ordnung, die mein guter Doctor auf meine Beſchrei⸗ bung Deines Zuſtandes oder Deiner Zuſtände hier für Dich abgefaßt, wie er mich denn auch reichlich mit homöopathiſchen Medicamenten ſowohl für Dich als für mich verſehen hat. So erz und ſie— ach Agathe! es gibt kleine liebevolle mütterliche oder ſchweſterliche Vorſorgen, die für einen Reiſenden in fremden Landen unſchätzbar ſind, und die mich mehr rühren als große Geſchenke, und ſolche Dienſte habe ich ihr wie noch mehreren mütterlichen, Frauen ſowohl in America als auf Cuba zu danken. Wenn ich bedenke, wie ihre Hände für mich gearbeitet, wie ſie ſich bis in die kleinſten Details meiner angenommen haben, dann empfinde ich das Bedürfniß, dieſe Hände an mein Herz und an meine Lippen zu drücken. Ihr freundliches ſchönes Geſicht, ihre ernſten Augen mit Eri erſt Der hat ſtig war mel Wo lieb letz leid daß Leb Pat geh ich des nich ſchö Au Bal hell Toc Vor freu auf vor wir und Th daß anſt Sei er⸗ en hlt ck, che an ner ind oße en⸗ Be⸗ en⸗ den in⸗ ten ner lich en. er⸗ rei⸗ für mit als he! iche den toße noch als ihre die an Herz ugen 469 mit ihrem ſo gefühlvollen Blick werde ich ſtets in der Erinnerung und dereinſt ganz gewiß auch in der Auf⸗ erſtehung wieder ſehen. Es kann nicht anders ſein. Der Ausdruck ſolcher Geiſter kann nicht ſterben. Man hat einen natürlichen Leib; man hat auch einen gei⸗ ſtigen Leib, ſagt Panlus. Unter Freunden, die mir in New⸗York begegneten, war Profeſſor de Vere von Charlotteville, aber nicht mehr in Freude. Sein ſchönes Haus war jetzt eine Wohnung der Trauer. Seine junge Frau, meine liebenswürdige Wirthin, war geſtorben, indem ſie ihrem letzten Kinde das Leben gab. Es that mir herzlich leid um ihn und um das mutterloſe Kind. In New⸗York verbrachte ich meine Tage damit, daß ich nähere Bekanntſchaft mit demjenigen Theil des Lebens der großen Stadt ſchloß, der zur nächtlichen Partie, zu dem düſtern Reich der Schatten und Hels gehört, ſowie es auf der Erde noch zu finden iſt. Aber ich durchwanderte es in Begleitung von einem Engel des Lichtes. Ich kann die Quäckerin, die mich führte, nicht anders nennen, denn ihr Geſicht war hell und ſchön, wie die reinſte Güte, und über den milden, blauen Augen wölbten ſich Brauen, licht, wie die von Gett Balder geweſen ſein mögen. Sie waren bloß von einem hellen goldenen Rand bezeichnet. Mrs. Gibbons iſt eine Tochter des berühmten alten Quäckers Iſaak Hopper. Vom Vater hat die Tochter den werkthätigen menſchen⸗ freundlichen Sinn und den feſten Character geerbt, der auf dem Wege, welchen ſie zu wandern beſchloſſen, vor nichts zurückweicht. Ein großer Theil ihrer Zeit wird durch die Pflege der Unglücklichen, der Verbrecher und der Geſangenen in Anſpruch genommen, und ihre Thätigkeit darin iſt ſo allgemein bekannt und geſchätzt, daß alle Gefängniſſe, alle öffentlichen Wohlthätigkeits⸗ anſtalten ihr offen ſtehen, und daß man ſich an ihrer Seite ſelbſt in den verdorbenſten Winkeln New⸗Yorks 470 ſicher fühlen kann. Ihr freundliches, mildes Geſicht iſt auch in den düſterſten Gegenden als das Geſicht eines Boten des Lichtes bekannt. Mit ihr durchwanderte ich eines Tags die Gegend⸗ welche the five points genannt wird, denn ich wollte dieſes Neſt ſehen, wo der wildeſte und verſunkenſte Theil von New⸗Yorks Bevblkerung ſich zuſammen gedrängt hat, vermuthlich in Folge der Anziehungskraft, welche gleich auf gleich ausübt. Noch vor kurzer Zeit waren fremde Beſucher da ihres Lebens nicht ſicher. Aber die Methodiſten in New⸗York faßten den göttlich kühnen Gedanken, mitten in dieſem Mittelpunct des Laſters und Elends Gott eine Kirche zu erbauen. Sie mietheten da ein Haus, ſchickten einen Prieſter hin, der es bewohnte, ſtifteten eine Schule, Arbeitsſäle u. ſ. w., wodurch der zweite Herr veranlaßt werden ſollte das Feld zu räumen. Der Kampf zwiſchen dem guten und böſen Herrn hatte neuerdings in den fve Points begonnen, und bereits ließen mehrere Zeichen auf den künftigen Sieg des guten ſchließen. Die üve points ſind einer der älteſten Theile der Stadt und haben ihren Namen von den fünf Straßen, die hier zu einem großen Markt auslaufen. Dieſe Straßen und beſonders dieſer Markt ſind der Aufenthalt von allem äußerſten Elend, was die große Stadt in ſich ſchließt. Weiter als bis zu den fünf Puncten können gefallene Menſchen nicht herabſinken. Hier ſind öffentliche Proſtitutionshäuſer, wo elende Weiber ſoge⸗ nannte Luſtknaben und Luſtdirnen halten. Händel und Schlägereien, Plünderung und auch Mord gehören zur Tages⸗ und zur Nachtordnung. Hier iſt gerade au dem Markt ein großes, gelbes, verfallenes altes Haus, das alte Bräuhaus genannt, weil früher eine Brauerei da geweſen war. Dieſes Haus iſt die eigentliche Mutter⸗ heimath des Elends. Und der alte Brauer alles Elends in der Welt, der Satan, iſt noch heute da mächtig. —— dieſ und beſſ mit⸗ keit Kna liche hinſ bosl eini in dem erlie entg find hier und keit, in k nich in in anh Ele Abſ wei Geſ Ma Kir gro Chr begi ſich Anſ iſt nes nd, te heil ingt lche wen die nen uud eten ynte, der men. hatte reits des der ßen, Dieſe thalt ii neten ſind ſoge⸗ i n zur au Haus, auerei utter⸗ lends tig. 471 Wir, Mrs. Gibbons und ich gingen allein durch dieſes Haus, wo wir manche verborgene Höhle beſuchten und mit ihren Bewohnern ſprachen. Wir hielten es für beſſer und ſicherer allein hinzugehen, als einen Herrn mitzunehmen. Wir ſtießen auch nirgends auf Unhöflich⸗ keit oder auch nur Unfreundlichkeit. Wir ſahen junge Knaben mit alten Schelmen am Spieltiſch ſitzen, unglück⸗ liche Weibsperſonen, die ſich mit garſtigen Krankheiten hinſchleppten, bleiche Kinder, leichtſinnige Mädchen, boshafte Weiber, die mit aller Welt haderten, und auch einige Familien, deren Elend mir mehr in Armuth als in moraliſcher Verſunkenheit zu liegen ſchien. Von dem frechen trotzigen Laſter bis zu demjenigen, das erliegend unter den Folgen des Laſters ſich dem Tod entgegenſchleppt, ohne ein Ohr für ſeinen Jammer zu finden, ohne Theilnahme und ohne Hoffnung, waren hier alle Grade von moraliſcher Verfaultheit zu ſehen und gährten und kochten in der alten Brauerei; Unſauber⸗ keit, Lumpen, verpeſtete Luft— Alles war da, wie es in dieſer alten Brauerei ſein mußte, wo ich übrigens nichts Schlimmeres ſah, als was ich bereits in Paris, in London und auch in Stockholm geſehen hatte. Ach in allen großen Städten, wo Menſchenmaſſen ſich anhäufen, findet ſich dieſe alte Brauerei für Laſter und Elend, und der alte Brauer deſtillirt da ſein Gift. Der Abſchaum der Geſellſchaft fällt dahin, wird da noch weiter verderbt und verderbt von da aus die Luft der Geſellſchaſt, bis endlich das friſche Leben derſelben Macht bekommt über den alten Sauerteig, die neue Kirche über die alte Brauerei. Man macht gegenwärtig große Anſtrengungen in dieſer Richtung. Die Kirche Chriſti erſtreckt ſich nicht bloß auf die Seelen, ſondern beginnt den ganzen Menſchen zu umfaſſen, ſie entwickelt ſich in Lehrſälen, in Geſundheitspflege, in mancherlei Anſtalten, welche Chriſti heilendes Liebeswerk auf Erden — — fortſetzen und das Wort des Herrn an den Ausſätzigen: „Ich will; ſei rein!“ wiederholen. Von der alten Brauerei und ihren ſcheußlichen Geſtalten gingen wir ins Miſſionshaus ſchief gegen⸗ über vom Markt und hatten da eine lange Beſprechung mit dem Miſſionär N., einem Mann von dunkeln, muthigen Augen und demjenigen Glauben an Gott, der Berge verſetzen kann, aber auch mit einer Doſis von dem Glauben an ſich ſelbſt, der zur Selbſttäuſchung führen kann und zu der Einbildung, daß man mehr wirke, als wirklich der Fall iſt. Gewiß iſt, daß plötz⸗ liche Bekehrungen von Sündern, die lange an gewiſſe Schvoßſünden gewöhnt waren, ſelten ſind und nicht ſogleich Glauben verdienen. Die Heuchelei iſt auch ein Kuiff der alten Schlange. Mitten auf dem Markt der üve points iſt, wie auf vielen Märkten in New⸗York, ein kleines grünes Ge⸗ hege von Bäumen und Gebüſchen. Aber es ſah dürr und verwelkt aus. Keine pflegende Hand wäſſerte die Bänme, die zu grünen verſuchten. An dem Holzwerk rings umher hingen Lumpen. Es iſt mir oft aufgefallen, wie der Zufall oder ein geheimer Verſtand, der ſich ohne Wiſſen des Men⸗ ſchen in den menſchlichen Dingen regt, ſymboliſche und gleichſam prophetiſche Namen für Sachen, Orte oder Perſonen erfindet, welche ſpäter das erfüllen, wozu ihr Name ſie berufen zu haben ſcheint. Dieß fand ich auch hier wieder im Verhältniß zu den fünf Puucten, dem alten Brauhaus und dem Gefängniß, das ſich nahe an dieſe Gegenden anſchließt, dem großen Ge⸗ fängniß der Stadt New⸗York, die Gräber(the tomba) genannt, von der maſſiven, monumentalen Bauart der Häuſer und der Mauern. Dieſes Gebäude iſt im ägyptiſchen Styl, von Granit, ſchwerfällig, aber prächtig gebaut. Eine maſſive hohe Grauitmauer umgibt wie eine Feſtungsmaner den Hof, innerhalb deſſen die dre der ſte en: hen en⸗ ung eln, ott, oſis ung nehr lötz⸗ viſſe nicht auch auf Ge⸗ dürr e die zwerk oder Men⸗ und oder u ihr d ich neten, ſich Ge⸗ ombs) rt der ſt im ächtig t wie n die 473 Gefängniſſe gleich großen regelmäßig behauenen Grau⸗ ſteinblöcken liegen. Wenn man zu den ſtattlichen Tho⸗ ren dieſer Mauer hineinkommt, glaubt man in einem gigantiſchen Grabmal zu ſtehen. Und ſo iſt es auch. Der Abſchaum und die Verbrecher der großen Stadt werden hieher gebracht. Ein Theil wird hier verur⸗ theilt und hingerichtet; ein anderer Theil wird von hier nach der Blackwells-Inſel gebracht, wo die eigent⸗ lichen Strafanſtalten der Stadt New⸗York liegen. Unter Denen, die frei von hier ausgehen, gibt es nur We⸗ nige, die nicht zurückkommen, um eine noch härtere Strafe oder den Tod zu erleiden. Die alte Brauerei bringt unaufhörlich Futter für die Gräber hervor. Vor der Gefängnißthüre auf dem innern Burghof ſaß in einem bequemen Lehnſtuhl als Wächter der Ordnungsmann, ein feiner Herr, mit Juwelenringen an den Händen und einer Jnwelennadel auf der Bruſt. Ob dieſe Dinge ächt waren, weiß ich nicht, doch ſchloß ich es nach dem Glanze, aber daß der Mann nicht den ächten Menſchenwerth hatte, das war nicht ſchwer zu ſehen, und offenbar war dieß nicht der rechte Platz für ihn. Er war ſehr hochnäſig und ſuffiſant. Er lüpfte nicht einmal ſeinen Hut vor der edeln, ſchönen Frau, die ihn anredete, noch weniger erhob er ſich ſelbſt. Sie zeigte ihre Eintrittskarte und auf dieſe hin durften wir hineingehen— zuerſt in ein Zimmer, wo ein Theil des Gefängnißbeamtenperſonals ver⸗ ſammelt war. Der ſichtbare Chef deſſelben, ein dicker Herr mit blondem Geſicht, ſaß mit dem Hut auf dem Kopf und den einen Fuß hoch an die Wand geſtemmt, da; über ſeinem Bein hing ein Zeitungsblatt; ein anderes hielt er in der Hand und war mit ſeiner Leſung beſchäftigt. Auf Mrs. G. milde und höfliche Anrede drehte er den Kopf ein wenig, ſah uns ſchief an, lüpfte den Hut nicht, nahm auch ſeinen an die Mauer ge⸗ ſtemmten Fuß nicht herunter, ſondern ſtellte mit groß⸗ 474 mäuliger Miene, wie er etwa mit Arreſtanten hätte ſprechen können, einige Fragen und ließ uns eine Weile warten; dann erſt durften wir ins Gefängniß hineingehen, und vermuthlich hätte er uns den Eintritt am Liebſten ganz verweigert, wenn er es gewagt hätte. Mrs. G. und ich konnten nicht umhin, gegen einander zu bemerken, daß mehrere dieſer Gefängnißaufſeher ſo ausſahen, als ob ſie ſelbſt unter den Gefangenen ſein ſollten, ja ſogar noch ſchlimmer ausſahen, als viele von ihnen. Im großen Männergefängniß, das in einem ellip⸗ tiſchen Rondell erbaut iſt, mit einer Gallerie, die an den Zellen entlang geht, konnte ich mich bloß über die Unordnung verwundern, die da vorherrſchte. Gefangene ſpazirten herum, ſchwatzten, rauchten Cigarren; Ver⸗ käufer von Cigarren und anderem Kram gingen frei unter ihnen umher. In mehreren Zellen wohnten zwei Gefangene zuſammen. Hier waren mehrere Ausländer, unter ihnen einige zum Tod Verurtheilte. Ich fragte einen von ihnen, der bis auf einen gewiſſen Grad ein beleſener und gebildeter Mann war, nach ſeinem Be⸗ finden im Gefängniß. Er antwortete mit bitterer Ironie: „Nun ja, es iſt ſo gut als es bei einem Menſchen ſein kann, der alle Stunden des Tags ſein Todesurtheil vor Augen hat.“ Dabei zeigte er mir einen an die Wand geklebten Papierſtreif, auf welchem ſchlecht ge⸗ ſchrieben Tag und Stunde, wo er gehenkt werden ſollte, zu leſen war. Die Gefangenen waren weit höflicher und artiger gegen uns, als die Herren Aufſeher es geweſen. Eihige ſchienen ſich über unſern Beſuch zu freuen, dankten uns und ſprachen herzliche Worte. Während wir da waren, wurde ein bettunkener alter Mann in die untere Abtheilung des Gefängniſſes ge⸗ bracht. Die Art, wie man ihn hereinbrachte und in eine Zelle ſtieß, verrieth einen hohen Grad von Roh⸗ heit. Ich war hier in einer unaufhörlichen Verwun⸗ *— —— Z.* 7* S* 475 derung darüber, daß ein Gefängniß in den Vereinigten Staaten, deren Gefängniſſe man in Europa ſo hoch preiſen hört, ſolche Zuſtände und Scenen darbieten ſollte. Aber die Stadt New⸗York und die Gefängniſſe New⸗Yorks ſind keine Muſterplätze, nach welchen man americaniſche Städte und Gefängniſſe beurtheilen darf. Das Gefängniß von Philadelphia war von dieſem ſehr verſchieden. In der weiblichen Abtheilung der Gräber war der Zuſtand auch ganz anders. Hier war ein Weib Auf⸗ ſeherin, und ſie gehörte zu den warmen, kräftigen Na⸗ turen, die überall um ſich her eine neue Natur von Ordnung und friſchen Einflüſſen ſchaffen. Ihre Geſtalt, die auf viel Herzlichkeit und große Körperkraft deutete, ſchien gleichſam beſtimmt, die Kinder des Gefängniſſes zu tragen, ſie emporzuheben, ohne von ihnen nieder⸗ gedrückt zu werden. Sie war heiter und offen, gut⸗ müthig und dennoch ſo beſtimmt gegen die Gefange⸗ nen, daß keine es wagte, ſich ihr zu widerſetzen. Viele ſchienen ſie als eine Mutter zu betrachten und ſie ſelbſt ſchien Viele eher als arme Kranke, denn als Ver⸗ brecherinnen anzuſehen; dieß war beſonders bei den⸗ jenigen der Fall, die wegen Völlerei da waren.„O Miß Foſter, Miß Foſter!“ jammerte eine bloß halb bewußte Weibsperſon, die in der Zelle aus ihrem Rauſch erwachte;„ich bin jetzt wieder da!“—„Ja, das biſt Du, armes Kind!“ ſagte Miß Foſter und ging mitleidig hin, um ihren Kopf aus der äußerſt unbe⸗ quemen Stellung aufzurichten, welche er während des Rauſches und Schlafes angenommen hatte. Ueberall wo ſie in die Zellen trat, ſprachen die Gefangenen zu ihr als zu einer Beſchützerin und Freundin. Ein Weib, das mehrere Male wegen Trunkenheit verhaftet und hieher gebracht worden war, im Gefängniß aber ſich immer exemplariſch benommen hatte, hatte eine ſolche Anhänglichkeit an Miß Foſter gefaßt, daß ſie — — ————— — ———— 476 um Erlaubniß bat, im Gefängniß bleiben zu dürfen, wo ſie Miß Foſter an die Hand gehen wolle. Dieß war ihr auch bewilligt worden; ſie war jetzt im Ge⸗ fängniß für Miß Foſter eine gute Hülſe. Hier war auch eine Stube, welche die Fünftagſtube, oder auch die Stube der Unverbeſſerlichen genannt wurde, und wohin bekannte Trunkenboldinnen gebracht werden, wenn man ſie immer von Neuem wieder berauſcht aufgreift. Nach fünftägigem Arreſt werden ſie wieder hinausgelaſſen. Aus den Gefängnißſtuben gehen wir auf den Hof hinaus, wo die Fünftagsgefangenen den Tag über ſitzen, wenn ſie ihren Rauſch ausgeſchlafen haben. Hier waren vierzig bis fünfzig Weibsperſonen bei⸗ ſammen, mehrere von ihnen noch ganz jung und einige mit ſchönen Geſichtern. Unter ihnen befanden ſich auch Landſtreicherinnen oder ſolche, die wegen nächtlichen Lärms und Schlägereien auf den Straßen verhaftet worden waren. Eine von ihnen, ein ganz junges und ſehr ſchönes Mädchen, weinte ſehr. Mrs. G. redete ſie freundlich an und fragte ſie, ob ſie nicht ins Haus(ſie meinte damit das Beſſerungshaus für ge⸗ fallene Weiber in New⸗York) gehen wolle, wo ſie gute Pflege und Unterricht erhalten werde und von da aus einen Dienſt in einem anſtändigen Haus erhalten könne. Sie ging dankbar auf den Vorſchlag ein und die Sache wurde abgemacht. Sobald ihre fünſftägige Arreſtzeit abgelaufen war, ſollte ſie ins Haus kommen. So wird hier unter den Gräbern das verlorene Schaf aufgeſucht und von ſeinen wahren Dienerinnen wieder unter die Obhut des guten Hirten gebracht. Dieſelbe Frage ſtellte Mrs. G. an ein anderes junges Mädchen, eine ſchöne, aber wilde Irländerin. Sie antwortete höhniſch; nein, ſie wolle nicht an einen ſolchen Ort kommen.„Warum nicht?“ ſagte Mrs. G. mit gutmüthigem Lächeln;„iſt das nicht ein guter Ort gut Get ob fra Ma geh nick hab wer haſ ich Ch nich kon ſam eine wur dru zeig Die ſich kam gab ihn hat er dor Hei ma geb hat che 477 Ort?“—„Ach ja, Maam, ein ſehr guter Ort, ſehr gut, aber— ich will doch nicht dahin.“ Das wilde Gemüth bedurf te offenbar noch einer langen Prüfung, ob es ſich dazu entſchließen ſolle. Auch ein paar junge Negerinnen ſaßen da. Ich fragte eine von ihnen, ob ſie Chriſtin ſei.„Nein, Maam,“ antwortete ſie.—„Haſt Du nicht von Chriſtp gehört?“— Doch, Maam.“—„Liebſt Du ihn nicht?“—„O ja, ihn liebe ich ſchon, aber— ich habe manche Dinge geſehen, ich kann keine Chriſtin werden.“—„Warum nicht, wenn Du Chriſtum lieb haſt?“—„Ich habe bei mehreren Chriſten gedient, ich habe manche Dinge geſehen. ich kann nicht Chriſtin werden.“ Einen andern Beſcheid wollte ſie nicht geben. Während unſerer Unterredung mit dieſen Weibern konnte ich nicht umhin zu bemerken, daß ſie aufmerk⸗ ſam und von jedem vernünftigen Wort, das man auf eine herzliche Art zu ihnen ſagte, gleichſam betroffen wurden. Die Widerſetzlichkeit und Keckheit im Aus⸗ druck ihrer Geſichter legte ſich dabei immer und es zeigte ſich dafür ein beſſerer nachdenklicher Ausdruck. Dieſe Seelen waren offenbar nicht verhärtet und konnten ſich vor Lichtſtrahlen, die immer und immer wieder kamen, noch öffnen. Im großen Hof, der das Gefängnißgebäude um⸗ gab, war eine Menge von Gefangenen außen. Unter ihnen befand ſich ein Junge von zehn Jahren.„Was hat der gethan?“—„Nichts,“ war die Antwort,„aber er war bei Nacht auf den Straßen, bald da, bald dort liegend aufgefunden worden; er konnte keinen Heimathsort angeben, und da man nicht wußte, was man aus ihm machen ſollte, ſo hat man ihn hieher gebracht, wo er ſich jetzt ſchon längere Zeit aufgehalten hat.“ Während wir mit dem kleinen Jungen ſpra⸗ chen, ſammelten ſich mehrere der Gefangenen um uns — 478 und ſprachen ſich mit freundlichem Lob über ihn aus. Ich ſah die Thränen der mütterlichen Frau fließen über den mutterloſen verwahrlosten Knaben, und ich hörte ihr leiſe gegebenes Verſprechen, ſich ſeiner anzu⸗ nehmen, zu kommen und ihn abzuholen. Während wir daſtanden, entſtand eine Bewegung im Hof. Man hörte Thüren ſich öffnen und die Worte „Die ſchwarze Marie! Die ſchwarze Marie!“ wurden in der Verſammlung geflüſtert. Und herein kam durch die Thore des Gefängnißhofes eine große, lange, roth angeſtrichene, hölzerne Kiſte, gezogen von zwei Pferden. Dieß war der Wagen, der täglich an verſchiedenen Stationen in der Stadt die Perſonen abholte, welche die Polizei außen in der Nacht über Unfug oder in berauſchtem Zuſtand angetroffen hat, und die dann vorläufig auf den Stationen aufgehoben wurden. Sie werden ins Gefängniß gebracht, um verbört und ab⸗ geurtheilt zu werden. Der rothe Wagen hat ſeinen Namen„ſchwarze Marie“ nach einer Schwarzen, welche die Erſte war, die darin nach den Gräbern fuhr. Der rothe Omnibus blieb vor einem Gefängnißthore ſtehen; eine Thüre öffnete ſich, wie an andern Omnibus, und heraus kamen Knaben, Weiber und Männer, die zum Theil dem Perſonal der alten Brauerei glichen. Sie verſchwanden im Gefängniß und der Wagen wurde gleich darauf mit einem neuen Perſonal gefüllt, das aus den Gräbern nach dem Zuchthauſe auf der Black⸗ wellsinſel gebracht werden ſollte. Man zeigte uns im Hofe den Platz, wo die zum Tod Verurtheilten gehenkt werden. Ehe ich die tombs verlaſſe, muß ich einen Ab⸗ ſchiedsblick auf Miß Foſter werfen, dieſe lebenswarme, lichte Geſtalt unter den Gräbern; denn ihr ganzes Weſen, die Herzlichkeit, die Geduld und Gutmüthigkeit, die friſche Kraft und Beharrlichkeit, welche dieſes Weib ſeit mehreren Jahren in ihrem Leben unter der Be⸗ 18. en ich u⸗ ng rte den rch oth en. nen ſche in aun Sie ab⸗ nen che Der en; und zum Sie urde das lack⸗ im ent Ab⸗ rme, nzes eit, Weib 479 völkerung der Gräber entwickelt, iſt eine herzſtärkende Erſcheinung. Auf dem Hof im Weibergefängniß hatte ſie ein kleines Gartenbeet angelegt und es mit Blumen be⸗ pflanzt. Geranien und Reſeden dufteten hier, und Roſen ſtanden in der ſchönſten Blüthe. Gefangene, die ſich gut aufführten oder in großer Betrübniß waren, erhielten von dieſen Blumen. Ich empfing aus ihrer Hand eine Roſenknoſpe, die ich zur Erinnerung an ſie und an die Hoffnung der Gräber behalte. Denn in dieſen Gräbern habe ich ja das Werk der Auferſtehung geſehen. Aber einen trüben Eindruck habe ich doch von ihnen bekommen. Und ich habe gehört, daß in dem großen Gefängniß, in Singſing, in der letzten Zeit betrübende Scenen und Mißbräuche der Gefängniß⸗ verwaltung gegen die Gefangenen vorgefallen ſeien. Die ſelbſtconſtituirte Geſellſchaft zum Beſuche der Ge⸗ fängniſſe, deren Mitglied der Quäker Iſaak Hopper iſt, hat neuerdings mehrere ſolche aufgedeckt. Dieſe Ge⸗ ſellſchaft übt eine nützliche Controle über die Gefäng⸗ nißpflege und Verwaltung. Aber ſie führt ihr Werk nicht ohne Kampf und vielfachen Widerſtand aus. Den folgenden Tag brachte ich damit zu, daß ich in Mrs. Gibbons Geſellſchaft die Anſtalten für arme oder elternloſe Kinder auf der Rondellsinſel, einem geſunden und trefflichen Local dazu, beſuchte. Hier waren große Kinderhäuſer und große Krankenhäuſer für Kinder. Auch war Alles vollkommen ordentlich, ſauber und in gutem Stand, ſo weit es die äußere Pflege betraf. Aber nicht ſo verhielt es ſich mit der inneren. Unter den 12— 1300 hier verſammelten Kin⸗ dern fehlte es an Müttern oder mütterlichen Frauen. Die Kinder waren wohl gehalten, aber wie Maſchinen in einer Fabrik. Sie machten mir einen betrübenden Eindruck, obſchon ihre Lebensgeiſter nicht eigentlich — 480 erſtickt wurden, und ſie mitunter ausgelaſſen genug ſein konnten. Die Vorſteherin, die ich von blank geſcheuer⸗ ten Kupferkeſſeln umgeben daſitzen ſah, machte den Eindruck eines Kupfergeſchirrs auf mich, ſo hart und finſter ſah ſie aus; ſie hatte nicht die geringſte Aehn⸗ lichkeit mit Miß Foſter. Und eine Miß Foſter, und mehrere von ihrer Art wären ſo nöthig als mütterliche Pflegerinnen unter dieſen Kindern. Hier befand ſich zwar auch ein warmherziges, heiteres und wohlwollen⸗ des Weib; aber Jahre und zunehmende Kränklichkeit hatten ſie außer Thätigkeit geſetzt. Die Kupfermadame war auch alt und ausgetrocknet genug, um ihren Ab⸗ ſchied zu nehmen, aber ſie wurde, ſagte man,„aus Rückſicht“ von der Direction beibehalten. Einen noch betrübteren Eindruck machte das Kin⸗ derkrankenhaus auf mich, das übrigens wohl einge⸗ richtet und in Bezug auf Reinlichkeit und Bequemlich⸗ keit gut beſtellt war. Eine Menge Kinder, die wegen Augenkrankheiten da waren⸗ ſaßen in unbeweglichen Kreiſen auf dem Boden, ohne daß ſie etwas zu thun oder zu ſpielen hatten. Sie ſaßen ſtill und leblos da. „Haben ſie keine Spielſachen?“ fragte ich.—„Sie haben ſolche von den Ladies bekommen, aber ſie zer⸗ brechen ſie bloß.“—„Aber läßt man ſie denn nicht mit irgend Etwas ſich beſchäftigen?“—„Sie dürfen wegen ihrer Augen Nichts thun.“ Wer weiß, wie leicht ſich ein Kind aus Steinchen, Hölzchen, Tannenzapfen und dergleichen eine ganze kieine Welt von lebendigen Gegenſtänden ſchaffen und darin ſein Glück finden kann, der muß ſich wundern, wenn er dieſe Kleinen aller Mittel zu Vergnügen und Zeitvertreib gänzlich beraubt ſieht, bloß weil ſie ihre Spielſachen zerbrechen. Und wenn ſie es auch thäten, was macht denn das im Vergleich mit dem ſeelentödten⸗ den Leben, das ſie jetzt führen müſſen und das ſie blödfinnig machen muß, wenn es noch lange anhält? in en nd u⸗ ud che ich n⸗ eit me b⸗ us in⸗ ge⸗ ich⸗ gen hen hun Sie zer⸗ icht rfen hen, anze und ern, und ihre iten, ten⸗ s ſie 481 In der Diaconiſſinnen⸗Anſtalt in Kaiſerswerth waren auch Kinder mit ſchweren Augenkrankheiten, aber wie fröhlich und lebhaft waren ſie nicht; jedes konnte ſich mit Spielen oder Kleinigkeiten beſchäftigen, die den Augen Nichts thaten; alle konnten fröhliche, ſchöne Lieder ſingen, und barmherzige Schweſtern widmeten ihnen mütterliche Pflege. Dieſe Anſtalten auf der Rondellsinſel entſprachen ebenſo wenig als das New⸗Yorker Gefängniß dem⸗ jenigen, was man von dem chriſtlichen Sinn und der chriſtlichen Kraft der neuen Welt zu erwarten berechtigt iſt. Verwahrloſung der Gefangenen muß den Männern zur Laſt gelegt werden, Verwahrloſung der Kinder den Frauen. Die Strafanſtalten auf der Blackwellsinſel werden als gut gehalten und zweckmäßig gerühmt, und ich hatte einen Beſuch daſelbſt beabſichtigt, aber Marcus Spring hatte mich und Hrn. W. Channing zu einer Verſamm⸗ lung im nordamericaniſchen Phalanſtore eingeladen, und dieſe wollte ich unter keinen Umſtänden verſäumen. Am 29. reiste ich in Geſellſchaft Channings dahin ab. Es war ein unendlich ſchöner Tag. Die mildeſten Winde umwehten uns von New⸗York an bis an die Küſte von New⸗Jerſey. Hier traf uns der Wagen des Phalanſtère und hier ſchloſſen ſich noch einige Per⸗ ſonen an uns an, die von andern Orten her gleichfalls einen Beſuch daſelbſt vorhatten. Andere Scenen und Bilder als diejenigen, die ich in der letzten Zeit in New⸗York geſehen, traten uns hier entgegen. Als wir an den kleinen dunkeln Waldpaß kamen, der gleichſam die Pforte zum Gebiet der„harmoniſchen Geſellſchaft“ vildet, wurden wir von Marcus Spring überraſcht, der in ſeinem mit Dolly beſpannten Buggy einhergefahren kam; Buggy, Dolly und Mareus ſelbſt mit blühendem, wildem Immergrün bekränzt. Ich mußte Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 31 482 aus dem Wagen ſteigen und mich neben Martus ſetzen, und ſo fuhren wir, wie in einer duftigen Laube ſitzend, langſam dem Phalanſtère zu. Im Park begegneten uns die Kinder und die Jugend, wie auch einige von den Alten, ſämmtlich mit grünen Kränzen und Blumen. Es war der ſchönſte, heiterſte Zug. Unterwegs ſahen wir Gruppen von Feldarbeitern im Schatten der Bäume ſtehen und eine ungeheure Waſſermelone verzehren. Es war juſt Mittagsſtunde. Marcus Spring hatte ſich im vorigen Jahr ein ſchönes Häuschen beim Phalanſtère gebaut, um da mit ſeiner Familie die gute Luft und das Seebad im Sommer zu genießen. Die Familie lebte da für ſich, aß aber am Tiſch des Phalanſtere. Ich hatte, wie früher in Roſenhütte, mein Zimmer im Hauſe meiner Freunde. Mit ihnen ging ich von da zum Mittags⸗ mahl des Phalanſtöre. In einem ſehr großen, länglichten Saal mit Fen⸗ ſtern auf beiden Seiten, waren viele länglichte Tiſche, zwölf bis vierzehn an der Zahl, gedeckt. Durch die hohen Fenſter ſtrömte die friſcheſte Luft herein. Im Fond des Saales hing ein großes Gemälde, eine wohlgelungene, etwas phantaſtiſche Schilderung der Phalanſtore⸗Geſellſchaft auf Erden in ihrem vollendeten Zuſtande. Darüber las man in großen Buchſtaben, die aus ewig grünem Laub gebildet waren, die In⸗ ſchrift: Die große Freude(the great joy). Die Tiſche, an deren jedem zehn bis zwölf Gäſte bequem Platz hatten, glänzten von weißem Tafelzeug und Porcellan. Die Aufwärtertruppe beſtand aus ſchönen jungen Kna⸗ ben und Mädchen, ſämmtlich mit künſtlich geflochtenen Kränzen von grünem Laub um ihre Köpfe. Zu ihnen geſellte ſich jetzt auch der gute Marcus. Eine ſchönere Gruppe, eine fröhlichere Mahlzeitſcene läßt ſich nicht denken. Die Gerichte waren einfach, aber ausgezeichnet gut und aufs Beſte zubereitet. Man hatte weder Wein, nd, ten on en. hen me ein mit im wie ner g8⸗ en⸗ che. die Im ine der ten en, In⸗ latz an. na⸗ nen nen ere icht net ein, 483 noch Toaſte, noch Geſänge; aber ein heiteres leiſes Gemurmel von freundlich ſprechenden Stimmen wurde unaufhörlich während der ganzen Mahlzeit gehört und vermiſchte ſich mit den friſchen Hauchen der Luft, mit dem Anblick all' der fröhlichen und friſchen Geſichter der ſchönen Ingend, die gleich wohlthätigen dienſt⸗ thuenden Geiſtern die Tiſche umſchwebten; Alles ver⸗ einigte ſich, dieſe Mahlzeit feſtlicher zu machen, als irgend eine andere mit berauſchendem Champagner und Muſik. Im Phalanſtöre waren ſeit meinem letzten Beſuch vor beinahe zwei Jahren große Verbeſſerungen vorge⸗ nommen worden. Ein neues Haus war noch gebaut worden, und außer dem großen Saal war noch ein anderer Verſammlungsſaal, die„kleine Freude“ ge⸗ nannt, dazu gekommen. Die Küche war mit einer Dampfmaſchinerie verſehen worden, welche viel Zeit, Arbeitskraft und Koſten ſowohl beim Kochen als beim Waſchen erſparte. Mr. Arnold, der frühere Prieſter und Farmer, war jetzt Präſident des Phalanſtöre, und ſein ſinniger Kopf machte ſich in mehreren öconomiſch vortrefflichen Einrichtungen geltend. Das Perſonal der Geſellſchaft hatte ſich jetzt bis auf hundert Per⸗ ſonen vermehrt, und rund um die größern Gebäude hatten mehrere Familien ſich kleine Häuſer gebaut, wo ſie ungefähr in demſelben Verhältniß zum Phalanſtöre lebten, wie die Familie Spring, und mit Intereſſe die Entwicklung der Anſtalt verfolgten. Nach Tiſch verſammelte ſich ein Theil der Geſell⸗ ſchaft im Park unter einigen großen ſchattigen Bäumen; man brachte große Körbe mit Melonen und jeder⸗ männiglich ließ ſich dieſelben wohl munden. Ich habe nie einen ſolchen Ueberfluß von Melonen geſehen; es waren ihrer gewiß hundert; auch habe ich ſie niemals ſo gut und ſo ſchmackhaft gefunden. Die Canteloupe⸗ Melonen waren beſonders ausgezeichnet. Der Boden * —— — 484 in dieſer Gegend und überhaupt in New⸗Jerſey iſt berühmt durch ſeine Ergiebigkeit an guten Früchten. Im Phalanſtore verbrachte ich drei Tage unter wechſelnden Scenen und Auftritten, wovon mehrere ein großes Intereſſe für mich hatten. In erſter Linie ſtand eine von Channing veranlaßte Verſammlung zur Berathung über die ſociale Stellung des Weibes, über die Mängel derſelben, über die Uebelſtände, die dadurch veranlaßt werden, und über die Mittel, ihnen abzu⸗ helfen. Die Verſammlung beſtand aus ungefähr zwanzig Frauenzimmern und aus den Männern, welche ſie ein⸗ luden. Das war eine Verſammlung von denkenden, milden Geſichtern. Das Präſidium wurde einſtimmig Channing übertragen. Er eröffnete die Berathung mit einer Schilderung der Leiden, welche bei der gegen⸗ wärtigen Staatseinrichtung das Weib im Beſten und Edelſten, was ſie beſitzt, treffen können. Ich lauſchte ihm mit Gefühlen, die ich kaum zu beſchreiben vermag. Iſts möglich, dachte ich, iſt es wirklich wahr, daß ich einen Mann die Seufzer, die Qualen, die Sehn⸗ ſucht, die ich einen großen Theil meines Lebens hin⸗ durch bis zur Verzweiflung empfunden habe, die ſo Viele gleich mir empfinden, und unter denen ſo Manche erliegen, ſo verſtehen, ſo auffaſſen höre? Iſt es ein Mann, den ich die Sprache der gefangenen Weiblich⸗ keit führen und ihre Befreiung betreiben höre? Und höre ich, daß durch ihn wirklich eine beſſere, gerechtere, aufgeklärtere und heiligere Zeit herannaht? Iſt das nicht ein Traum? Soll wirklich„die Zeit der ſtillen Seufzer“ auf Erden aufhören? Soll Licht, Bahn und Freiheit werden? Soll der Himmel Allen offen ſtehen? Ich ſah mich im Kreis der Verſammelten um. Es waren einige ſchöne Frauen mit denkenden Stirnen da, deren merkwürdige Lebensſchickſale mächtig für die Reform ſprachen, welche der Redner forderte; es waren milde, mütterliche Frauen da, Frauen, wie Springs Se Fr der ihr lor vo Ar we hei au ſch der dac kon die we die no un! Er der mit lur ha den den fan ver der den ger Am mu iſt 1. nter rere inie zur iber urch bzu⸗ nzig ein⸗ den, mig mit gen⸗ und ſchte nag. daß ehn⸗ hin⸗ nche ein lich⸗ Und tere, das illen 485 Schweſter, Mrs. Arnold, und wie Rebecca Spring, Frauen, die über ihrer eigenen häuslichen Glückſeligkeit den Sinn für bürgerliches Leben, ſo wie für die Rechte ihrer minder glücklich bedachten Schweſtern nicht ver⸗ loren hatten. Da war Channing mit ſeinem edeln, von Begeiſterung blühenden Geſichte, da war der ernſte Arnold, der gute Marecus und mehrere Perſonen, in welchen ich Vertreter des höchſten Gewiſſens der Menſch⸗ heit erblickte. Meine Blicke fielen im Umherſchweifen auf ein Gemälde, das einzige im Zimmer; es war ein ſchöner Kupferſtich, welcher den Tanz der Horen um den blumenüberſtreuten Wagen der Zeit vorſtellte. Ich dachte an Geijer, an die prophetiſchen Geſichte und Träume, worin dieſer wahre Seher die neue Zeit kommen ſah und ſie iu Jubel begrüßte, kurz bevor er die irdiſche Schaubühne verließ. O, daß er hier ge⸗ weſen wäre, daß er hier gehört und geſehen hätte, wie die Zeiten gekommen ſind, von denen er träumte und noch in ſeinen letzten Stunden mit Entzücken ſprach, unverſtanden von Vielen, aber nicht von mir. Die Erinnerung an ihn und an die Vergangenheit, ſo wie der Eindruck der Gegenwart und der Zukunft ſtürmten mit beinahe überwältigender Macht auf mich ein. Außer der Rede Channings brachte die Verſamm⸗ lung Nichts zu Tage, was in meiner Erinnerung ge⸗ haftet hätte. Die Gegenſtände, die hier berührt wur⸗ den, ſollen weiter erörtert und entwickelt werden bei dem großen Convent der Weiberrechte, der ſich zu An⸗ fang Octobers in der Stadt Worceſter in Maſſachuſſets verſammeln ſoll, und zu welchem mehrere der anweſen⸗ den Mitglieder, Springs mit ihnen ſich begeben wer⸗ den. Sie wünſchen, daß ich mitkommen ſolle, und wie gerne möchte ich es thun! Aber am 13. dieß werde ich Amerika verlaſſen und nach Europa zurückreiſen. Ich muß auf meiner Heimreiſe England ſehen, und meine —— 486 Ankunft in der Heimath würde dadurch allzulange hinausgeſchoben. Da ich gerade am Capitel von der Stellung des Weibes in der Geſellſchaft und an Conventen für Wei⸗ berrechte bin, ſo will ich auch ein paar Worte über dieſes ſagen. Ich freue mich ſehr darüber, weil ſie manche wichtige Facta und gute Gedanken an das Licht der Oeffentlichkeit bringen werden. Ich freue mich über die Edelſinnigkeit und Klugheit, womit mehrere Red⸗ nerinnen daſelbſt aufgemeten ſind, über die tiefen denk⸗ würdigen Wahrheiten, die mehrere von ihnen ausge⸗ ſprochen haben, über die Tiefe der Lebenserfahrungen der Frau, über ihr Leiden und Sehnen, das dadurch ans Tageslicht kommt; ich bin freudig überraſcht, ſo viele ausgezeichnete Männer an dieſer Bewegung theil⸗ nehmen, und die Frauen in ihrem Auftreten unter⸗ ſtützen, ja mit noch ſtärkeren Worten als ſie ſelbſt ihre Sache führen zu ſehen. Ich freue mich auch, daß die Geſellſchaft mit anglvamericaniſcher Organiſationskraft ſo ſchnell vom Wort zur That geſchritten iſt und ſich in verſchiedene Comités für die Entwicklung der ver⸗ ſchiedenen Departements eingetheilt hat, um die nene Geſellſchaftsordnung vorzubereiten. Aber ich freue mich nicht über einige minder wohlbedachte Maßregeln, die vorgeſchlagen wurden; ich freue mich nicht über den Ton der Anklage und des Trotzes, der ſich da und dort im Convent Bahn gebrochen hat, ſowie über mehrere Ausdrücke, die minder edel und ſchön waren. Das muß man jedoch ſagen, daß dieſe Schatten am Himmel des neuen Morgens ſelten und flüchtig ſind im Vergleich mit den großen, reinen Lichtparthien. Die Convente ſind gut, weil ſie dem großen neuen Lebensmoment in der Geſellſchaft Nachdruck verleihen; ſie ſind gut wie ein friſcher Wind, welcher die Spreu von dem Waizen trennt. Sie werden, wenn man ſie recht leitet, den kommenden Tag beſchleunigen(im an⸗ ige des ei⸗ 487 dern Fall werden ſie ihn zurückhalten). Sowohl in Europa als offenbar auch hier zu Lande finden ſich Zeichen genug, welche die Annäherung der Zeit ver⸗ kündigen, von der ſchon Moſes prophezeit hat in den Worten:„Die Töchter treten in das Regiment ein.“ Und würdeſt Du, wie früher einmal, als wir dar⸗ über ſprachen, ſagen:„Dann werden alle Narren re⸗ gieren wollen, und dieß wird für das ganze Corps eine Schande ſein,“ ſo würde ich antworten: „Ich fürchte das nicht, und zwar jetzt weniger als je. Betrachte die Quäckergeſellſchaft, betrachte die klei⸗ nen ſocialiſtiſchen Geſellſchaften hier. Alle Weiber darin haben das Recht in der Verſammlung zu ſpre⸗ chen. Aber keine macht von dieſem Rechte Gebrauch, wenn ſie nicht ein entſchiedenes Talent beſitzt oder et⸗ was ganz Gutes zu ſagen hat. Alle haben Theil an der Verwaltung. Aber dieß geſchieht in aller Stille und offenbar zum Beſten der Geſellſchaft. Auch hört man in dieſen Geſellſchaften nie von Streitigkeiten zwiſchen Männern und Weibern, von Uneinigkeit und Scheidung zwiſchen Eheleuten ſprechen. Bei liebevoll zugeſtandenen Rechten verſchwindet gewöhnlich der Op⸗ poſitionsgeiſt und die Unruhe. Die Vernunft und die Ergebenheit bekommen größere Gewalt. Beſonnenheit und Sanftmuth ſind auszeichnende Züge bei dieſen freien Weibern. Ganz neulich hat im Phalanſtöre das Reſultat einer allgemeinen Abſtimmung auf ſchlagende Art bewieſen, welch wohlthätigen Einfluß der mora⸗ liſche häusliche Verſtand auf die Angelegenheiten der ganzen Geſellſchaft ausübt durch den direkten Einfluß aus dem Herzen und Mittelpunkt der Familie.“ Die Gallier, erzählt uns Tacitus, beriefen bei wichtigen Fällen eine ausgewählte Verſammlung von Weibern zur Berathung und ließen ihre Stimme den Ausſchlag geben. Wenn das weibliche Bewußtſein vom Leben das —————— ——— 488 wird, was es in unſern Zeiten werden kann, wie wohl⸗ thätig muß dann nicht ſein Einfluß in den Berathun⸗ gen der Geſellſchaft werden? Jetzt iſt dieſe des be⸗ fruchtenden Lebens, das der mütterlichen Sphäre an⸗ gehört, beraubt, und das Haus erzieht nicht den Bürger und die Bürgerin. Nicht als ob ich mir einbildete, eine neue und beſſere Ordnung werde Vollkommenheiten bringen. Ach man kann es nicht bis auf fünfzig Jahre treiben und durch eigene und fremde Gebrechen über die Unvoll⸗ kommenheiten des Menſchen einigermaßen belehrt wor— den ſein und dennoch glauben, daß Alles auf Erden einmal ganz gut werden müſſe; aber etwas Beſſeres kommt doch gewiß zu Stande, wenn diejenigen, welche die Mütter und Pflegerinnen des Menſchengeſchlechts ſind, ſo gut und ſo weiſe werden, wie das Licht einer erweiterten Lebensſphäre ſie machen wird, wenn die Lichtquelle, welche der Schöpfer ihrer Natur geſchenkt hat, ungehindert hervorſprudeln und ihre lebendigen Fluthen über die Heimath, das Geſellſchaftsleben und den Staat ausbreiten wird. Die Finſterniß der Mütter wirft ihren Schatten über die Kinder; die Klarheit der Mütter wirft ihr Licht über die Kinder von Geſchlecht zu Geſchlecht. In dieſer Ueberzeugung möchte ich mich dem Con⸗ vent anſchließen und mit ihm ſagen: „Singet dem Herrn ein nen Lied, ſinget es aller Welt!“ Und jetzt zum Phalanſtoͤre zurück. Am Abend des zweiten Tages nach unſerer An⸗ kunft war Geſellſchaftstheater und Ball. Ein kleines munteres Stück, aber ohne tieferen Gehalt, wurde leb— haft und gut von einigen der jungen Leute aufgeführt. Auf dem Ball erſchien ein großer Theil der jungen Frauenzimmer in der ſogenannten Bloomertracht, kur⸗ hl⸗ u⸗ be⸗ in⸗ ger nd lch nd U⸗ or⸗ en che hts ner die nkt en nd en on u⸗ ln⸗ res eb⸗ rt. en ur⸗ 489 zen Röcken bis an den Hals reichend, und Hoſen. Dieſe Tracht, die im Grund weit ſittſamer iſt, als das gewöhnliche Saloncoſtüm, und die ſich bei jungen Frauenzimmern in ihren Alltagsbeſchäftigungen recht gut ausnimmt, iſt im Ballſaal nicht vortheithaft und nimmt ſich beſonders beim Walzen nicht gut aus, zu⸗ mal wenn die Röcke ſehr kurz ſind, wie dieß bei eini⸗ gen im Uebrigen recht gut gekleideten und recht hüb⸗ ſchen Tänzerinnen der Fall war. Einige hatten in ihrer Bloomertracht wirklich eine gewiſſe phantaſtiſche Grazie; aber wenn ich ſie mit der ächt weiblichen Gra⸗ zie verglich, die ſich bei einigen jungen Mädchen mit langen Röcken und im Uebrigen ebenſo ſittſam geklei⸗ det wie die Bloomerdamen ausdrückte, ſo mußte ich den langen Kleidern die Palme geben. Zu den anmuths⸗ vollſten Tänzerinnen in dieſen gehörte die ſchöne Abbie Arnold, die Tochter des Phalanſtörepräſidenten. Der Ball war übrigens, wenn auch die Toiletten der Damen nicht vollkommen ſo elegant waren, weit ſchöner und der Tanz weit geſchmackvoller, als ich ihn in Saratoga geſehen hatte. Wenn ich an den Vormittagen auf meinem Zim⸗ mer Mitglieder der ſchönen Aufwärtergruppe bei der Mittagsmahlzeit des erſten Tages abzeichnete, fragte ich ſie, eines ums andere ob ſie ſich in ihrem Leben dahier glücklich fühlen? Sie antworteten einſtimmig, daß ſie ſich gar kein Glück unter andern Verhältniſſen denken könnten. Das Leben erſchien ihnen ſo voll und ſo ſchön. Wie viele junge Leute in der Geſellſchaft der alten Welt würden wohl dieſe Antwort geben? Unter den Frauenzimmern, die jetzt Mitglieder der Geſellſchaft ſind, befand ſich ein noch junges Mädchen ohne alie Schönheit, aber mit einer hohen, denkenden Stirne. In dieſer Stirne hatten Gedanken über die ungerechte Vertheilung der menſchlichen Lvoſe, über das 490 Mißverhältniß zwiſchen dem Leben und dem Verlangen, das ſie in ſich verſpürte, ſowie über den Antheil, der ihr als einem armen und kränklichen Weibe zugefallen, gearbeitet, bis dieſe Gedanken und dieſe Lebensſtellung ſie beinahe zum Wahnſinn trieben. Ihre ſtreng kirch⸗ lichen Verwandten hatten keinen andern Troſt für ſie, als die Ermahnung:„Trage dein Kreuz!“ Sie kam hieher, Liebe und Freiheit empfingen ſie hier, die fri⸗ ſcheſte Luft für Leib und Seele. Wie eine Blumen⸗ knospe öffnete und entwickelte ſich ihr Weſen. Das Leben in geſellſchaftlicher Liebe und bürgerlicher Ver⸗ einigung, das bei ihr gebunden gelegen hatte, machte ſie frei, und bald wurde ſie eines der thätigſten Mitglie⸗ der der kleinen Geſellſchaft im Anbau des Gartens, in der Pflege und Mittheilung ſeiner Blumen und Früchte. Sie war jetzt der allgemeine Liebling in der kleinen Geſellſchaft und wurde bloß mit einem Schmeichel⸗ namen angeredet, welcher die allgemeine Liebe zu ihr ausdrückte. Eines Abends lauſchte ich auf ihrem Stübchen der einfachen rührenden Geſchichte von ihrem inneren Kampf und ihrem gegenwärtigen Glück. Das Stüb⸗ chen war nicht viel größer als eine gewöhnliche Ge⸗ fangenenzelle, es hatte bloß kahle weißgetünchte Wände, aber ein großes Fenſter gab ihm Licht und Luft; wir ſaßen auf einem ſehr bequemen Sopha, und das Tafel⸗ werk ſowie die Ecken des Zimmers waren vom Dach bis auf den Boden mit reichen Ranken von ſchönen Grasarten geſchmückt, die mit ausgeſuchtem Geſchmack gruppirt waren. Die Bewohnerin des Zimmers kannte ihre Namen nicht, ſie hatte nie Etwas von der Natur und ihren Erzengniſſen kennen gelernt; aber jedes von dieſen Gräſern hatte ſie mit Liebe gepflückt, mit Be⸗ wunderung betrachtet und mit andern zuſammengebun⸗ den, ſo daß ihre eigene Schönheit zur Geltung kam. ich 1 ſellſe kend went faſſe Land auf bring niſc ſirte 491 Der phantaſtiſche Rahmen der goldenen Graspflanzen war reicher als irgend einer von Gold. Früher als ich wünſchte, wurde ich von meinem Geſpräch in dem Stübchen abberufen, um im Geſell⸗ ſchaftsſaal ein allerliebſtes junges Mädchen die ſchottiſche Hornpfeife tanzen zu ſehen. Am Sonntag hielt Channing einen öffentlichen Vortrag über das Verhältniß der Religion zum Staat und über das Verhältniß des inneren Geſetzes zu dem äußeren,— eine Rede, reich an chriſtlichem Bewußt⸗ ſein, worin ich bloß eine klare Darſtellung des Schwer⸗ punctes dieſes Bewußtſeins vermißte: das Bedürfniß der Gnade, der Mittheilung des göttlichen Geiſtes und des Gebets, dieſes wundervollen Sprachrohrs zwi⸗ ſchen Erde und Himmel. Am Abend, welcher ſchön war, beſtieg ich bei Sonnenuntergang mit Marcus und Eddy eine grüne Höhe in einiger Entfernung vom Phalanſtère, die wegen ihrer Bildung der Zuckerhut genannt wird Von da ſieht man weit umher, und wir ſahen in dem ſinkenden goldenen Sonnenlicht die frucht⸗ bare, angebaute Gegend voll von kleinen, ländlichen Höfen, die in Pärke von laubreichen Bäumen gebettet ſind. Unter ihnen nahmen ſich die hellgelben Häuſer des Phalanſtère wie ein größerer Herrenhof aus. Ich betrachtete ſie mit heitern Gefühlen, obſchon ich mich von einem Zweifel an den Beſten dieſer Ge⸗ ſellſchaft nicht freimachen kann. Und einige ihrer den⸗ kenden Mitglieder ſind auch nicht ohne Bedenklichkeiten, wenn ſie die öconomiſchen Schwierigkeiten ins Auge faſſen. Dieſe Geſellſchaft und diejenigen die ihr hier zu Lande gleichen, gehen darauf ans, die Muſtergeſellſchaft auf Erden, die vollkommene Geſellſchaft zu Stande zu bringen. Sie nennen dieſe Geſellſchaft die harmo⸗ niſche und ſtellen ſie über die alte, velche die civili⸗ ſirte genannt wird. Die Civilianer vertreten den künſt⸗ 4 1 5 492 15 ½ lichen Bildungsgrad, die Harmonianer den geiſtig na⸗ zu türlichen, der in ſeiner vollen Ausbildung zu einer voll⸗ V kommenen und nach allen Richtungen reich entwickelten er Geſellſchaft führen ſoll. Es will mich jedoch bedünken, Un als ob all die verſchiedenen Talente und Naturgaben, ein 3 auf deren höchſter Entwicklung die volle Entwicklung die 1 der Geſellſchaft zumeiſt beruht, hier niemals die Ver⸗ au tiefung finden könnten, deren ſie hiezu bedürfen. Eine eig kleine Geſellſchaft kann den vielen verſchiedenen Kräften Ge kaum Spielraum genug geben und dieſe.... aber ich vor will Nichts mehr davon ſagen. Ich fühle, daß ich den ihr 1 Gegenſtand nicht klar beſitze, und daß die Einwürfe, ma die ich zu machen wüßte, auf Antworten aus erweiterten Ab 3 Kreiſen der Pflanzſchule, die ich hier ſehe, ſtoßen könnten. zeit Ich will lieber bei dem ſtehen bleiben, was ich genau ſeir 1 verſtanden habe, was mir die Anſtalt theuer macht und und 11 von dem ich überzeugt bin, daß es ein unvergängliches bel Moment ihres Lebens und ihrer Thätigkeit am neuen feſt Lebenstage der Menſchheit iſt. ſie 3 Sie iſt ein Werk der chriſtlichen Menſchenliebe. 1 Sie geht darauf aus, jedem Mann und jedem Weib Ele 3 Gelegenheit zu harmoniſcher Entwicklung ihres innerſten ſtel Weſen gemäß zu geben, unter einem harmoniſchen Zu⸗ mae ſammenleben, wobei Alle die Früchte der Wirkſamkeit und Aller und Alle die Früchte von Gottes reicher und gelt 4 ſchöner Erde genießen werden. Sie legt in ihrer be⸗ daß 1 ſondern Wirkſamkeit Gewicht auf das Ziel, nach welchem mac 1 die große Geſellſchaft in America in ihrer allgemeinen im 16 Thätigkeit ſtrebt. Sie iſt ein Vorläufer und ein Pro⸗ wer phet. Die Provheten der alten Zeit wurden geſteinigt nati 1311 und getödtet. Dennoch bekamen ſie zuletzt Recht. Und imn ihre Stimmen ertönen noch heute auf der Erde. verb 7 Die Phanlanſtoregeſellſchaft, ſo wie ich ſie hier ſehe, beru 1 mit ihrem Kern von frommen und ernſt arbeitenden Die Mitgliedern, mit ihrem Kranz von denkenden und hin⸗ gebenden Zuſchauern, iſt ein Product der Liebeslehre 493 Jeſu und geht darauf aus ſie in der Geſellſchaft lebendig 6 ta⸗ zu machen. Sie iſt ein redlicher und edler ⸗ Verſuch. Und durch ſolche wird das Reich Gottes ten erweitert. Möge jeder in ſeinem Theil treu bleiben. õ en, Und ſollte das Phanlanſtöre in ſeiner beſchränkten Form en, eines der enfans perdus der Erde bleiben, ſo wird es ug dieß doch in der Beſchichte der neuen Geſellſchaft und er⸗ auch im Gotteshauſe nicht bleiben. Ich für meinen ine eigenen Theil fürchte, daß dieſe kleinen ſocialiſtiſchen ten Geſellſchaften ſich nicht länger halten werden, als ſie ich von den edlen Geiſtern getragen werden, die ihnen jetzt en ihr energiſches Liebesleben eingießen. Sind dieſe ein⸗ fe, mal fort, ſo wird ihr Werk wahrſcheinlich zerfallen. ten Aber wenn dieſe Geſellſchaften in einer kurzen Blüthe⸗ en. zeit geoffenbart haben, was die menſchliche Geſellſchaft au ſein kann, wenn alle ihre Mitglieder von einem edlen 6 nd und wohlwollenden, einem wahrhaft chriſtlichen Geiſt 6 hes belebt werden, und wenn man die materiellen Vortheile nen feſthält, welche das Aſſociationsleben bietet, dann haben ſie nicht umſonſt geblüht, nicht vergebens gelebt. be. Und das läßt ſich nicht läugnen, daß das moraliſche eib Element, welches ſie als Princip der Aſſociation auf⸗ ten ſtellen und das ihr characteriſtiſches Kennzeichen aus⸗ zu⸗ macht, auch in den großen commerziellen, induſtriellen keit und wiſſenſchaftlichen Vereinen in Nordamerica ſich und geltend zu machen anfängt. Man erkennt immer mehr, be⸗ daß der Menſch etwas Höheres iſt und das Gleich⸗ e machen nach Oben iſt die Loſung, die immer allgemeiner nen im Aſſociationsleben erſchallt. Vereine in allen Ge⸗ ro⸗ werben und bei allen Unternehmungen wachſen als igt natürliche Erzeugniſſe der Erde empor, und man ſieht lnd immer mehr ein, daß die Macht, die ſie hauptſächlich verbindet, eine übernatürliche iſt und zumeiſt auf dem ehe, beruht, was das Höchſte und Beſte im Menſchen iſt. den Die Vereine werden Verbrüderungen. in Am letzten Abend meines Aufenthaltes im Phalan⸗ 494 ſtere führte ich das ganze Perſonal deſſelben bei einer großen ſchwediſchen Polka an, die wirklich Furore machte, und ſelten wird wohl die„große Freude“ von einem allgemeineren und herzlicheren Jubel ertönen. Am folgenden Morgen ſollte Channing abreiſen. Nach dem Frühſtück giengen wir mit einander ſprechend in den Park, und obſchon wir mehreren Perſonen be⸗ gegneten, die gerne einige Worte mit dem geliebten Lehrer gewechſelt hätten, ſo ſtörte doch Niemand unſere Unterredung, Niemand unterbrach unſer Beiſammenſein. Ich ſah ein Frauenzimmer, das allein unter den buſchigen Bäumen ſaß und las. Sie ſaß ſo ruhig da, wie in ihrem eigenen Zimmer. So werden im Phalanſtore die Einzelnen reſpectirt. Zu den wechſelnden Scenen an dieſem Tage ge⸗ hörte auch das Auftreten einer Somnambüle von der Art, die man ein Medium nennt, d. h. eine Perſon, die im magnetiſchen Zuſtande mit einem verſtorbenen Frennd oder Angehörigen, im Rapport ſteht oder zu ſtehen meint und Mittheilungen von dieſem ausſpricht. Dieſes Medium war hier ein hübſches junges Mädchen, nicht den Mitgliedern des Phalanſtére angehörig, und der Geiſt, von welchem man ſagte, daß er durch ſie ſpreche, war der Geiſt ihres Vaters. Wir ſetzten uns ungeſähr zu zwanzig um einen Tiſch und bildeten Alle durch Berührung der Hände eine Kette mit einander, dann wurdrn geiſtliche Lieder nach lebhaften Melodien angeſtimmt. Rach einer Weile erblaßte das junge Mäd⸗ chen plötzlich, ihr Kopf ſank herab, ihre Züge wurden bleich und ſtarr, beinahe wie im Tode. Dieß währte ein paar Minuten und inzwiſchen dauerte der Geſang fort. Das junge Mädchen erwachte unter einigen krampf⸗ artigen Streckungen und begann darauf mit convulſi⸗ viſcher Heftigkeit mit dem Finger über ein großes Alpha⸗ bet zu fahren, das vor ihr lag und worin ſie gewiſſe Buchſtaben bezeichnete. Andere Perſonen ſchrieben dieſe einer chte, inem iſen. chend be⸗ bten nſere ſein. ien in ſtöre ge⸗ der ſon, enen r zu icht. chen, und h ſie uns Alle ider, dien Näd⸗ rden ihrte ſang mpf⸗ ulſi⸗ pha⸗ wiſſe dieſe 495⁵ auf und ſo kamen Worte und Sätze zuſammen. Auf ſolche Art wurden die Fragen, die man an die Somnam⸗ büle richtete, beantwortet, und ich bin überzeugt, daß ſie keinen Betrug ausüben wollte oder konnte; aber die Antworten, die ſie abgab, bewieſen deutlich, daß der Geiſt, mit welchem ſie in Rapport ſtand, nicht viel klüger war, als wir armen fragenden und forſchenden Sterblichen. Sie hatte den entſchlafenen Vater innig geliebt und war erſt nach ſeinem Tod in dieſen ſonder⸗ baren Zuſtand gerathen. Die Antworten zeugten zwar von einem reinen geiſtigen Leben, aber von keinem über⸗ natürlichen Verſtand. Die Scene intereſſirte mich, machte aber einen peinlichen Eindruck auf Channing, deſſen reine geiſtige Natur ſich an dieſen künſtlichen oder abnormen geiſtigen Verhältniſſen ſtieß. In den Vereinigten Staaten, beſonders in den nördlichen gibt es ſeit einiger Zeit eine Menge von Hellſeherinnen aller Grade, und Media, Geiſterklopfen, und andere dunkle geiſtige Phänomene dieſer Art gehö⸗ ren zur Tagesordnung. Sie werden von Vielen lächer⸗ lich gemacht, aber von Vielen auch ernſtlich genommeu. Ich ſelbſt habe von dem Treiben der Hellſeherei genug geſehen, um mich zu überzengen, daß es dieſen Leuten keineswegs an einem Licht fehlt, welches das gewöhnliche und natürliche übertrifft, daß aber die hell⸗ ſehende Perſon keineswegs unfehlbar iſt. Sie ſieht gewiſſe Sachen mit wunderbarer Klarheit, tänſcht ſich aber in andern. Der Hellſeher oder die Hellſeherin iſt kein ſicherer Führer. Unendlich koſtbar iſt jedoch der ſichere Gewinn der Hellſehererſcheinung, nämlich die Gewißheit, daß die Seele in den körperlichen Organen und Sinnen noch andere beſitzt, die von ihnen unab⸗ hängig ſind, daß der geiſtige Leib über dem natürlichen ſteht, und daß dieſer letztere bloß das natürliche Me⸗ dium des erſteren iſt. Unter den Perſonen, die im Phalanſtöre auf Beſuch ——— 496 waren, intereſſirte mich hauptſächlich eine ältere Dame von engliſcher Geburt, die ein ungewöhnliches practi⸗ ſches Talent und ein warmes, liebreiches Herz zeigte. Nachdem ihr Mann bankrott gemacht hatte und geſtorben war, hat ſie als Wittwe durch Ehrlichkeit und Talent im Handel ſeine Schulden bezahlt, ihre Kinder erzogen und ausgeſteuert und ein bedeutendes Vermögen erwor⸗ ben, wovon ſie den edelſten Gebrauch macht. Bei den Conventen der Frauenrächte iſt ſie Mitglied des Comités für die induſtrielle Entwicklung und ſpricht für das Recht der Frauen auf Unterweiſung in den Gegenſtänden, welche dazu gehören. Nach dieſen lebhaften feſtlichen Tagen im Phalan⸗ ſtere reiste ich nach New⸗York zurück, wo ich mich für wiederum in meinem guten Quäckerhauſe befinde, beſchäftigt allgemeine Anſtalten zu ſehen und Alles meine Reiſe in Ordnung zu bringen. Mein Begleiter und Gehülfe dabei iſt der älteſte Sohn des Hauſes, ein liebenswürdiger Jüngling von 19 Jahren, ſchön von Seele und Leib, einer von denjenigen, die mich an den neuen, aus Morgenthau geborenen Menſchen denken laſſen, von welchem der Walageſang ſpricht. Auf meinen Ausflügen, die ich in den letzten Zei⸗ ten in New⸗York da und dorthin machte, bin ich oft bedeutenden Abtheilungen von Militär begegnet und geſtern einem großen Cavaleriecorps, das durch die Straßen paradirte; Reiter und Pferde ſahen ganz martialiſch und prächtig aus. Ich habe in keiner Hauptſtadt Europas ſo piel Militär in Bewegung ge⸗ ſehen, wie in New⸗York. Aber dieſes hier beſteht aus ſelbſtconſtituirten Regimentern und exercirt ſich zu ſei⸗ nem eigenen Vergnügen. Mehrere Male des Tages hört man in Broadway heitere Regimentsmuſik und ſieht kleinere Truppenabtheilungen in ſchönen Unifor⸗ men und guter Haltung oft mit Blumen in den Flin⸗ tenläufen, marſchiren. Dieſe Freicorps, junge Bürger⸗ war verh dieß ren Dan Yor Dan Claſ Heut und komn ſon f ſein; ſuche Aber York Mrs. ten O iſt 8«. feurig Bre ame acti⸗ igte. rben lent ogen wor⸗ den lités das den, lan⸗ mich inde, Alles eiter ein von den nken Zei⸗ oft und die ganz einer ge⸗ aus ſei⸗ ages und tifor⸗ Flin⸗ irger⸗ 497 miliz, haben ſich dann außerhalb der Stadt im Schie⸗ ßen und Exerzieren geübt und kehren von da mit einer Muſik zurück, die immer gut iſt und muntere heitere Märſche oder ſonſt fröhliche Melodien ſpielt. Dieſes friedenpredigende Volk iſt ſeiner Natur nach kriegeriſch und ſein Eroberungsgeiſt hat zwei Geſichter wie der Gott Janus. Die Kriegsakademie in Weſtpoint, die einzige Anſtalt dieſer Art in den Vereinigten Staaten, habe ich von europäiſchen Kennern als ausgezeichnet rühmen gehört, und die Offiziere, die aus ihr hervorgehen, ſollen ſich ſowohl durch Kenntniſſe als durch Tapfer⸗ keit hervorthun. Während des mexicaniſchen Krieges war die Anzahl der verwundeten und todten Offiziere verhältnißmäßig weit größer als die der Soldaten, und dieß zeugt von dem Heldenmuth, womit ſie ihre Schaa⸗ ren anführten. Heute habe ich auf dem großen americaniſchen Dampfſchiffe Atlantis, das am 13. d. von New⸗ York nach Liverpool abfährt, meinen Platz genommen. Dampfſchiff und Capitän(Mr. Weſt) gehören der erſten Claſſe an und man kann ſich ihnen getroſt anvertrauen. Heute Mittag reiſe ich wieder zu Springs in Brooklyn, und morgen treffe ich Downing, der von Waſhington kommt und mich wieder in ſein ſchönes Haus am Hud⸗ ſon führt. Dort wird mein letzter Beſuch in America ſein; dort war auch mein erſter. Einige andere Be⸗ ſuche kann ich, ſo gern ich wollte, nicht mehr machen. Aber dieſen gebieten mir ſowohl Pflicht als Liebe. Den geſtrigen Abend, meinen letzten in New⸗ York, brachte ich mit meiner liebenswürdigen Freundin Mrs. G. im Hauſe ihres Vaters, des alten berühm⸗ ten Quäckers Iſak Hopper, zu. Der prächtige Greis iſt 84 Jahre alt, und noch beinahe ſo munter und feurig wie ein Jüngling. In dem charakterſtarken, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. Ul. 32 ——————— 498 ſchönen Geſicht ſieht man das Feuer des Kriegsgeiſtes vereint mit der Feſtigkeit und Klugheit des Friedens⸗ princips, unterſtützt von viel Humor und Schlau⸗ heit. Die Geſtalt in ihrem Quäckercoſtüm iſt nicht ohne eine gewiſſe chevalereske Ziererei. Man ſieht es Vater Hopper, wie er gewöhnlich genannt wird, wohl an, daß er der ſtreitenden Kirche angehört, und ſein ganzes Leben war Zeuge davon. Er hat während ſeiner raſtloſen Thätigkeit im Dienſte der Unterdrückten mehr als tauſend flüchtigen Sklaven aus den Händen ihrer Verfolger geholfen und dabei mehrere Male ſein Leben gewagt, er iſt mißhandelt, auf die Straße geſchleppt, einmal vom dritten Stock eines Hauſes zum Fenſter hinausgeworfen worden; aber er iſt immer wiederge⸗ kehrt, beharrlich, feſt, munter, muthvoll und ſtets be⸗ ſonnen, wie er ſein angefangenes Werk auszuführen hatte, mit einer gutmüthigen Hartnäckigkeit, die zuletzt ſelbſt den Unwillen ſeiner Gegner beſiegte. Auf ſeiner Tochter und meine Bitte erzählte er einige der Ereig⸗ niſſe aus ſeinem Leben, die mit ſeinen Bemühungen zur Rettung flüchtiger Sklaven zuſammenhingen. In⸗ tereſſantere Auftritte erinnere ich mich ſelten gehört zu haben, und ſelten habe ich einen ſo genußvollen und anregungsreichen Abend zugebracht. Der alte Hopper hat zwölf Kinder und an ſeinem Tiſche ſaß in ihrer ſeinen weißen Quäckertracht ſeine ſchöne zweite Frau. Eine junge Tochter verſchönte noch das Haus des alten Vaters. Es lebe Vater Hopper und ſeine Familie*). *) Ueber dieſen Menſchenfreund in der edelſten und umfaſſendſten Bedeutung des Worts, der im Jahr 1852 ſtarb, hat Maria Chiſd ein höchſt leſenswür⸗ diges Werk herausgegeben, wovon in der Metzler'ſchen Puchhanblung zu Stuttgart eine Ueberſetzung erſchie⸗ nen iſt. Anm. d. Ueberſ. — ſch de mi ich bli un ſol mi ha FFl ha Ni Gl mit nir den ich reir Fre ſche Fre gut beg Dor kam ren zum män wac ns⸗ au⸗ icht — ohl ſein iner tehr hrer ben ppt, ſter rge⸗ be⸗ hren letzt iner eig⸗ agen In⸗ t zu und pper hrer rau. lten e) und Jahr wur⸗ ſchen ſchie⸗ Den 5. und 10. Septbr. Tage am Hudſon! Letzte Tage in meiner erſten ſchönen Heimath an ſeinem Ufer, ſchöne Tage, aber dennoch— bitter. Es überkommen mich ſehr häufig mit einem Gefühl von herzzerreißendem Schmerz, das ich nicht beſchreiben kann, Gedanken, daß der Augen⸗ blick der Trennung jetzt herannaht, daß ich wirkkich und für immer dieſes große herrliche Land verlaſſen ſoll, wo ich ein ſo genußreiches Leben gehabt, das mich mit einer Gaſtfreundſchaft ohne Gleichen empfangen hat; dieſe edlen liebenswürdigen Menſchen, die meine Freunde ſind, an die ich mich ſo innig angeſchloſſen habe, mit denen ich immer leben und umgehen möchte. Nirgends habe ich ſolche Freunde gefunden!—— Glaube nicht, meine theure Agathe, daß ich darum minder gern nach Hauſe komme; glaube mir, ich könnte nirgends leben und wirken, als in Schweden, aber dennoch iſt es mir bitter, von hier zu ſcheiden, und ich begreife manchmal gar nicht, daß es möglich, daß es wirklich ſein kann!— Es kommt mir ſo unge⸗ reimt vor. Mr. Downing, Andrew Downing, mein erſter Freund auf Americas Erde, mein junger americani— ſcher Bruder, wie ich ihn zu nennen liebe, welch eine Freude war es für mich, ihn wieder zu ſehen! Der gute Marcus Spring hatte mich bis ans Dampfboot begleitet und wartete dort im Salon bei mir, bis Downing der Verabredung gemäß von Wafhington kam, worauf er mich ſeiner Obhut übergab. Es wa⸗ ren mehr als anderthalb Jahre verfloſſen, ſeit ich ihn zum letzten Mal geſehen hatte. Er ſchien mir ſchöner, männlicher geworden zu ſein; ich meinte, er ſei ge⸗ wachſen, er habe ſich entwickelt; und ſo war es auch, —— ———————————— — 500 er hatte ſich geiſtig entwickelt; er ſelbſt und ſeine Welt. Seine ſchönen Augen ſtrahlten von ſelbſtbewußter Kraft. Wir fuhren, wie ſchon früher vor etwa zwei Jah⸗ ren, den Hudſon hinan; er ſaß ſtill, wie gewöhnlich, neben mir, nachdem wir die erſten natürlichen Mit⸗ theilungen zwiſchen Freunden gewechſelt hatten; auch ich fühlte kein Bedürfniß zu ſprechen, denn—— wir verſtanden ja einander. Es war der ſchönſte Nachmittag und Abend. Der Wind war lebhaft und friſch, obſchon warm; die mehr als gewöhnlich aufgeregten Wogen tanzten und ſangen um uns her, die NRatur war voll von einem unruhi⸗ gen, aber lieblichen Leben. Kein Nachtfroſt hatte noch die grünen Höhen angehaucht. Des Herbſtſom⸗ mers zauberhafter Schleier begann ſich auf ſie zu legen. Der Mond ſtieg auf und vermiſchte ſeine Lichtwellen mit denen des Windes und des Waſſers. Ich ſaß ſtill⸗ lanſchend und wehmüthig da. Ich fühlte, daß die Ab⸗ ſchiedsſtunde nahe war. Caroline Downing empfing uns wie das erſte Mal. Auch ſie fand ich verjüngt, verſchönt. Ich ſelbſt fühlte, daß ich an Seele und Leib gealtert hatte; aber ich hatte auch in dieſen zwei Jahren mehr erlebt, als ſonſt in zehn, und Vieles davon, und Dinge, die mich am innigſten berühren, kann ich Dir erſt mündlich mit⸗ theilen. Ich freue mich ſehr, die Entwicklung von Leben und Wirkſamkeit zu ſehen, die bei Downing vorgegan⸗ gen iſt. Sein äußerer Wirkungskreis ſteht jetzt in der höchſten Blüthe. Präſident Fillmore nimmt ihn für große Parkanlagen um das Capitol in Waſhington her in Anſpruch, und es ſind jetzt zwei junge Archi⸗ tekten aus England da, die unter Downings Leitung Pläne zu den Häuſern machen ſollen, mit deren Auf⸗ führnug ihn Privatperſonen beauftragt haben, die in wert Wel ſluß 501 ihren Land⸗ und Luſthäuſern das Schöne mit dem Bequemen zu vereinigen wünſchen. Downings Wir⸗ kungskreis und Correſpondenz iſt gegenwärtig unglaub⸗ lich groß und erſtreckt ſich über die ganze Union. Gleichwohl beſorgt er Alles ſo leicht, ſo con amore, wie Jenuy Lind zu ſingen ſcheint. Aber was mich beſonders erfreut, das iſt die Richtung, die ſeine lite⸗ rariſche Thätigkeit genommen hat. Ich habe ihm zu⸗ weilen halb im Scherz, halb im Ernſt vorgeworfen,“ daß er in ſeiner verſchönernden Thätigkeit excluſiver und ariſtokratiſcher ſei, als es einem rechtſchaffenen Republicaner anſtehe. Und wir haben darüber ver⸗ ſchiedenes freundſchaftliches Gezänke mit einander ge⸗ habt. Man kann auch an Downings von Natur fei⸗ nem Weſen wohl ſehen, daß es ihm ſchwer ſein muß, ſich mit gewiſſen Grobheiten und Unmanierlichkeiten auszuſöhnen, die ſich bei einem Volk vorfinden müſſen, wo Alle gleiche Rechte beſitzen und ſich als gleich gut betrachten, ehe ſie noch den innern und äußern Bil⸗ dungsgrad gewonnen haben, welcher allein die Gleich⸗ heit natürlich und das Gleichheitsleben angenehm macht. Er ſchien mir auch in ſeiner Stimmung gegenüber dieſer Volksclaſſe allzu rückhaltend und indifferent da⸗ zuſtehen. Aber ſo dürfte er als chriſtlicher Republi⸗ caner nicht bleiben. Deshalb habe ich auch mit herzli⸗ cher Freude jetzt einen Leitartikel von ihm über den New⸗ Yorker Park in der letzten Nummer ſeiner Monatſchrift, the hortieulturist, gelefen, einen Artikel, worin er einen höhern Standpunct einnimmt, als er bisher innege⸗ habt. Du, meine Agathe, mußt mit mir auch einige Worte von ihm leſen, denn ſie verdienen geleſen zu werden und die letzten zu ſein, die ich von der neuen Welt aus citire. Ich laſſe Downing reden: „Wir haben noch Nichts über den ſocialen Ein⸗ fluß eines ſolchen großen Parkes für New⸗York ge⸗ 502 ſagt*). Aber dieß iſt in der Thai ſelbſt die intereſ⸗ ſanteſte Seite der ganzen Sache. Es iſt ein merkwür⸗ diges Factum in America, daß, obſchon ſeine politiſchen Tendenzen ultrademokratiſch ſind, ſeine intelligenten ſocialen Tendenzen beinahe in einer ganz entgegenge⸗ ſetzten Richtung liegen. Und unter den Gegenſtänden, welche die Redner für und gegen den Park in New⸗ York verhandeln, ſcheint keiner ſo wenig verſtanden zu werden, als das ſociale Verhältniß der Sache. Es iſt in Wahrheit ſowohl ſonderbar als luſtig, den Stand⸗ punct zu ſehen, der auf der einen Seite von Millionen eingenommen wird, nemlich, daß der Park für die we⸗ nigen Vornehmen beſtimmt ſei, die in glänzenden Equi⸗ pagen fahren, und auf der andern Seite von den Vor⸗ nehmen und Gebildeten, daß ein Park hier zu Lande ſicher von der Canaille und dem Geſindel ruinirt werde. Schande über unſere republicaniſchen Landsleute, welche den erhebenden Einfluß des Schönen in der Natur und Kunſt, wenn es von Tauſenden und Hunderttau⸗ ſenden von Menſchen aller Claſſen, ohne Unterſchied, gemeinſchaftlich genoſſen wird, ſo wenig verſtehen. Sie können nicht geſehen haben, wie in ganz Deutſchland und Frankreich die Bevölkerung ganzer Städte ihre Nachmittage und Abende in den ſchönen öffentlichen Pärken und Gärten zuſammen zubringen, wie ſie zu⸗ ſammen ſich an derſelben Muſik erfreuen, dieſelbe At⸗ moſphäre von Schönheit und Kunſt einathmen, dieſelbe Scenerie genießen, und ſchon allein durch den Einfluß des freien, leichten Zuſammenlebens in dem Raume und der Schönheit, wovon ſie umgeben iſt, an ſocialer Freiheit und Verfeinerung gewinnen. Sie können nicht *) Er eifert nemlich in ſeinem Artikel dafür, daß der Park in einem weit größern Maßſtab angelegt werden müſſe, als man gegenwärtig beabſichtigt. eſ⸗ ir⸗ en ten ge⸗ en, w⸗ zu iſt nd⸗ nen we⸗ ſui⸗ or⸗ nde rde. lche tur tau⸗ ied, Sie and ihre chen zu⸗ At⸗ ſelbe fluß ume ialer nicht der erden 503 geſehen haben, wie in Deutſchland beſonders die Höchſten und die Niedrigſten dieſelben Genüſſe thei⸗ len u. ſ. w. „Dieſe ſocialen Zweifler, die ſich auf ſolche Art in der Burg der Excluſivität im republicaniſchen Ame⸗ rica verſchanzen, täuſchen ſich in Betreff unſeres Volkes und ſeiner Beſtimmung. Wenn wir auf ſie gehört hätten, ſo würden unſere prachtvollen Fluß⸗ und Bin⸗ nenſeedampfbvote, dieſe wahren Paläſte für Millionen, keine Sammtſophas, keine großen Spiegel, keine reichen Teppiche bekommen haben. Solche koſtbare Erzeugniſſe der Civiliſation— würden ſie uns geſagt haben— könnten rechtmäßiger Weiße uur von den privilegirten Familien der Wohlhabenheit benützt und würden von der Demokratie des Landes, die hundert Meilen für einen halben Dollar reist, zertreten und gänzlich rui⸗ nirt werden. Und gleichwohl werden dieſe unſere ſchwimmenden Paläſte und unſere großen Hotels mit ihrem Purpur und ihren feinen Leinen, von der Mehr⸗ heit derjenigen, welche ſie benützen, ebenſo wenig be⸗ ſchädigt, als andere Paläſte von ihren rechtmäßigen Beherrſchern. „Ach über die Treuloſigkeit der Wenigen, welche in Bezug auf die Mittel zur Bildung Vorrechte vor den Vielen beſitzen, denen ſie abgehen. Auf der nied⸗ rigern Plattform der Freiheit und Erziehung, auf wel⸗ cher die Maſſen in Europa ſtehen, können wir die er⸗ hebenden Einflüſſe ſehen, welche durch den Zutritt des Volks zu Kunſtgalerien, öffentlichen Bibliotheken, Pär⸗ ken und Gärten ausgeübt werden, die das Volk in ſocialer Civiliſation und ſocialer Cultur auf eine weit höhere Terraſſe emporgehoben, als wir im repub⸗ licaniſchen America bis jetzt erreicht haben. Und gleich⸗ wohl muß dieſer breite Boden volklicher Verfeinerung im republicaniſchen America eingenommen werden, denn ſie gehört hieher weſentlicher als irgend anders wohin. 504 Sie iſt in ihrer innerſten Idee und Tendenz republica⸗ niſch. Sie nimmt die Volkserziehung da auf, wo die öffentliche Schule und die Stimmurne ſie verlaſſen; ſie erhebt den Arbeiter auf gleiche Höhe mit dem Mann der Muſe und der Talente. Die höheren ſocialen und artiſtiſchen Elemente jedes Menſchen liegen ſchlummernd in ihm, und jeder Arbeiter iſt ein möglicher Gentleman, nicht durch den Beſitz von Geld oder feinen Kleidern, ſondern durch den verfeinernden Einfluß intellectueller und moraliſcher Cultur. Oeffnet daher die Thüren zu euern Bibliotheken und Gemäldegalerien weit, alle die ihr wahre Republicaner ſeid. Erbauet Säle, wo die Wiſſenſchaft ſich frei unter den Menſchen verbreiten kann. Leget großartige Pärke in euern Städten an und er⸗ ſchließet ihre Thore weit wie die Thore des Morgens für das ganze Volk. Wie es im Sonnenlicht des Mittags keine dunkle Stellen gibt, ſo ſoll Erziehung und Cultur— das wahre Sonnenlicht der Seele— die Strafruthe der Demokratie verjagen; und der un⸗ wiſſende Excluſive, der keinen Glauben an die Verfei⸗ nerung einer Republik hat, wird im nächſten Jahrhun⸗ dert vor einem ganzen Volke daſtehen, deſſen Syſtem freiwilliger Erziehung im Verein mit vollkommener in⸗ dividueller Freiheit nicht bloß öffentliche Schulen für vorbereitende Kenntniſſe, ſondern auch gemeinſchaftliche Genüſſe für alle Claſſen in den höchſten Sphären der Kunſt, Literatur, Wiſſenſchaft und der ſocialen Ver⸗ gnügungen umfaßt. Wären unſere Geſetzgeber weiſe genug, um heute die künftigen Schickſale der neuen Welt zu verſtehen, ſo würde man ſich nach fünfzig Jahren nicht halb ſo ſehr darüber verwundern, wenn jeder Menſch in America die Feinheit eines Sir Phi⸗ lip Sidney beſäße, als man ſich zu ſeiner Zeit in England über den Gedanken verwunderte, daß eine — GG um ſic im „A na jen ein au nin mu ma erſt der ſeie Gli es Bri blic Gel Fre ca⸗ die ſie nun nd end an, rn, ler zu die die an. er⸗ s des ng im⸗ ei⸗ in⸗ em in⸗ für der er⸗ iſe ten zig nn hi⸗ in ine 505 ganze Nation von Arbeitern dereinſt werde leſen und ſchreiben können.“ So mein Freund Downing, der hierin von ſeiner Sphäre als chriſtlicher Künſtler und Denker aus die Aufgabe der neuen Welt ausgeſprochen und ſelbſt die Stellung eingenommen hat, die eines Sohnes der neuen Schöpfung würdig iſt. Er iſt vom Volke ausgegangen, um es von ſeinem Standpunct emporzuheben; er hat ſich mit der großen, wahrhaft republicaniſchen Partei im Lande vereinigt, deren Beſtreben dahin geht, nach Oben gleich zu machen, und deren Wahlſpruch lautet: „Alles für Alle!“ Es iſt mir eine beſondere Freude zu ſehen, wie nahe Downing von ſeinem Standpunkt aus jetzt dem⸗ jenigen gekommen iſt, den meine Freunde Springs eingenommen haben. Vermuthlich werden ſie ſpäter auch in nähere perſönliche Berührung kommen. Dow⸗ ning will das Phalanſtöre beſuchen und wird ſich ver⸗ muthlich mit ſeinen Kenntniſſen und ſeinem artiſtiſchen Genie bei den Bauunternehmungen betheiligen, welche man dort vorhat. So knüpft ſich die geſchwiſterliche Kette, deren erſtes Glied in der Hand deſſen ruht, der zuerſt auf der Erde ausgeſprochen hat, daß alle Menſchen Brüder ſeien. Seine Kraft möge ſie bis zu ihrem letzten Gliede durchſtrömen! Ihm ſei Ehre und Preis! Am Abend. Jetzt ſchreibe ich Dir wenig mehr von hier aus, es fehlt mir die Zeit, es fehlt mir das Herz dazu. Viele Briefe, die ich zu ſchreiben habe, Geſchäfte des Augen⸗ blicks nehmen meine Stunden in Anſpruch, und der Gedanke an den Abſchied von dieſem Land, dieſen Freunden, dieſem Volke iſt mir wie ein Dorn im Her⸗ zen. Auch das Wetter drückt mich nieder; die Wärme 506 iſt erſtickend; kein Windhauch, keine Luft, ſondern eine Hitze wie in einem Ofen. Nur Abends, wenn der Mond aufgegangen iſt und ſeine Silberfluthen unter die Schatten der Ufer und des Fluſſes ausgießt, dann iſt es ſchön. Geſtern Abend ſchlich ich mich allein und mit unſäglicher Wehmuth durch den Park.„Dieß Alles iſt jetzt vorbei, dieſe Zeit, dieſe Bande der Freundſchaft, dieſe großen Erſcheinungen einer neuen Welt, dieſe ſchönen lebenswarmen Verhältniſſe, vorbei, vorbei!“ Ich benetzte das Gras mit meinen Thränen. Aber als ich emporſchaute, da ſah der Vollmond klar und groß auf mich herab und leuchtete mir in die Seele und ſagte:„Nein es iſt nicht vorbei. Stärke dein Herz mit dem Licht, das ewig währt. Was der Menſch ſo gefunden, ſo vernommen hat, das bleibt ihm für im⸗ mer und kann nicht ſterben. Das iſt eine unvergäng⸗ liche Saat, die ſich in neuen reichen Ernten im Reiche des Lichtes erneuen wird.“ Siehſt Du, das ſagte der Mond, mein Freund, zu mir, und getröſtet ging ich wieder hinein und war ſtill und dankbar. Morgen reiſe ich nach New⸗York, wohin meine Freunde mich begleiten. Manches inhaltreiche Wort habe ich in dieſen Ta⸗ gen von einem ſtillen Freunde gehört, der jetzt wie früher nur wenig ſagt, aber in dieſem Wenigen ſo viel. Er wünſcht, daß ich das Gute und Böſe in dieſem Lande mit Klarheit auffaſſen und ohne Vorbehalt aus⸗ ſprechen ſolle, aber er überläßt es meinem eigenen Geiſt die Wahrheit und die Art und Weiſe zu finden.„Das Alles, ſagt er, werden Sie wiſſen, wenn Sie einmal nach Haus und in Ruhe kommen.“ Sein ganzes Be⸗ nehmen und ſeine vollkommene Zuverſichtlichkeit ent⸗ zücken mich. Downings Intereſſe für die intellectuelle Entwicklung der Frauenzimmer in Enropa iſt ein Ka⸗ pitel, das mich beſonders mit ihm verbindet. Dieſer hellängige Beobachter ſieht beſſer als irgend Jemand, wu ber iſt gel ſch be mi ic eine ond die iſt und lles aft, ieſe i lber und und derz im⸗ ing⸗ iche der ich gen mich Ta⸗ wie viel. eſem us⸗ eiſt Das mal Be⸗ ent⸗ nelle Ka⸗ eſer nd, 507 was darin fehlt. Mit großem Vergnügen hat er mir von Miß Coopers(einer Tochter des Romanſchreibers) neuerdings erſchienener Arbeit Rural hours(ländliche Stunden) erzählt, einem Tagebuch, worin ſie einfach und wahrheitsgemäß alle Ereigniſſe ſchildert, die wäh⸗ rend eines Stilllebens auf dem Lande in der Natur um ſie her eintreffen; man ſieht die Jahreszeiten, das Gras, die Blumen, die Vögel kommen und gehen, und ſchöne Bilder der letzteren zieren die Arbeit. In ſei⸗ nem Journal Phe horticulturist ſpricht ſich Downing mit großem Beifall über Miß Coopers Arbeit aus, ſowohl wegen ihres wiſſenſchaftlichen Werthes, als auch wegen des Vorbildes, das ſie der weiblichen Auf⸗ merkſamkeit gibt, indem ſie dieſelbe auf die täglichen Wunder in der Natur und auf das Große auch im ſtillen Alltagsleben lenkt, wo die Biographien der Blumen, der Inſecten, der Vögel von den Naturfreun⸗ dinnen vorzugsweiſe aufgefaßt und gezeichnet werden ſollten. Downing iſt übrigens ein großer„Ladiesman (Weibermann),“ wie man es hier nennt, und ein Be⸗ wunderer des Eigenthümlichen am Weibe.„Die Wei⸗ ber müſſen uns ſocial neugebären(ocially regenerate),“ iſt ein Ausdruck, den ich mehr als einmal von ihm gehört habe. O!—— daß ich von dieſem Freunde ſcheiden ſoll, einem der trefflichſten, meiner Natur am beſten zuſagenden, welche jemals das Glück oder viel⸗ mehr Gottes Güte mir geſchenkt hat! Ro ſenhütte, den 12. September. Noch ein paar Worte, aber bloß ein paar, denn ich bin überſchwemmt von Briefen und Geſchäften und 508 noch niedergedrückt von einer Migräne, welche die gei⸗ ſtige und leibliche Ueberanſtrengung mir zugezogen hat. Ehe ich von Downing ſchied, verbrachten wir einen Tag zuſammen in Weſtpoint. Eine herrliche Ausſicht, aber der Tag drückend heiß und ohne Luft. Die Se— gel glitten auf Hudſons ſpiegelglatter Fläche, ich weiß nicht von welcher Kraſt getrieben, denn Wind war es nicht. An der Table d'hote Mittags ſaßen vor uns ein paar kleine, magere, ſchmächtige, blaßgelbe Mädchen allein und tranken Wein und aßen von allen Le⸗ ckerbiſſen, wie wenn ſie große Lente geweſen wären. Dieß entging Downings ernſtem mißbilligendem Blicke nicht. Er ſagte zu mir:„Dieß iſt eines der Verhält⸗ niſſe, von denen ich wünſche, daß Sie darauf aufmerk⸗ ſam machen.“ Manthut in dieſem Lande ſo viel für die Kinder, man betrachtet ſie beinahe als heilige Weſen, und gleichwohl verderbt man die Kindheit durch weich⸗ liche Vernachläßigung. „Dieß müſſen Sie Ihrer Schweſter Agathe von mir bringen,“ ſagte D., indem er mir einen großen, ſchönen Kupferſtich von der Ausſicht in Weſtpoint gab. Sein letz⸗ tes Geſchenkfür mich waren Bartletts koſtbares Werk Ame- rican scenery(Americaniſche Landſchaft) und Miß Coo⸗ pers„ländliche Stunden.“ Dieß war in New⸗York. Im Aſtorhauſe, wo wir einander zum erſten Male getroffen hatten, trennten wir uns.—— Ich fühle, daß es für immer iſt auf Erden. Marcus Spring, ſehr blaß von der Hitze, aber ſtets freundlich und ſorgſam, kam im Wagen, um mich nach ſeiner Wohnung abzuholen. Jetzt iſt es ſpät am Abend, mein letzter Abend in der neuen Welt. Die Hitze iſt entſetzlich; die Nächte bringen keine Kühlung. Die Leute ſehen aus, als wären ſie mehlig im Geſicht. Alle leiden an Huſten. Ich begreife nicht, wie ich bis morgen reiſefertig wer⸗ den ſoll. Gute Nacht! Bald werde ich Schweden wie⸗ derſehen. Ach, wenn ich dann, wie bei meiner Rück⸗ kehr lieb mei zu wa ſchr und Unt das einr mick daß gen liche die muß Abe Geſt Ma ſobe träg hige kam die wur ſol der Alle küß Mo gei⸗ hat. nen icht, veiß es uns chen Le⸗ ren. licke ält⸗ erk⸗ die ſen, ich⸗ mir nen etz⸗ me- oo⸗ Im ffen für von im in chte als en. er⸗ ie⸗ ick⸗ 509 kehr aus Dänemark, Dein artiges Geſichtchen, Deine lieben blauen Augen am Ufer ſehen dürfte! Mein Herzchen, ich habe mich ſehr geſehnt, vor meiner Abreiſe aus America noch einen Brief von Dir zu erhalten, welcher mir ſagte, daß Du wieder ſommer— warm geworden ſeieſt; die beiden letzten waren ſo ſchrecklich kühl. Aber kein Sommerbrief iſt gekommen und ich muß im Glauben und in der Hoffnung leben. Und in Liebe umfaſſe ich herzlich Mama und Dich. N. S. Auf dem Meer, September 1851. Es iſt vorbei. Ich habe es auf immer verlaſſen, das große Land, die lieben theuren Freunde! Es mußte einmal geſchehen und es iſt geſchehen; aber ich fühle mich noch wie betäubt davon. Gott ſei Dank jedoch, daß der ſchwerſte Augenblick vorüber iſt. Und der Mor⸗ gen, wo ich abreiſen ſollte— das war ein wunder— licher Morgen. Ich war beinahe in Verzweiflung über die Menge kleiner Geſchäfte, die ich noch beſorgen mußte, und über das Kopfweh. das ich daneben hatte. Aber auf einmal wich es und Alles nahm eine heiterere Geſtalt an; oben auf meinem Zimmer ſaß der gute Marcus und verſiegelte meine Billete eins ums andre, ſobald ich ſie geſchrieben hatte, und nahm meine Auf⸗ träge an und ſagte dazwiſchen hinein ruhig und beru⸗ bigend:„Zeit genug, wir haben keine Eile!“ Und es kam mir beinahe wunderbar vor, wie die Stunden und die Zeit ſich ſtreckten. Alles kam in Ordnung, Alles wurde licht und leicht, ſo wunderbar ruhig und auch ſo lieblich;— es war der Einfluß des milden Geiſtes, der mir nahe war. Ich war zur rechten Zeit fertig; Alles war fertig. Ich umarmte meine theure Rebecca, küßte Jenny und Baby und fuhr ab, begleitet von Marcus und Eddy. S— 510 Am Bord des Atlantic befand ich mich auf ein⸗ mal in einem wahren Wirbel von alten und neuen Be⸗ kannten, Herren, die mir die Hand ſchüttelten und Ab⸗ handlungen ſchenkten, die ſie geſchrieben hatten; Frauen, die mir ſchöne Gaben überreichten; Bekannten, die mir Bekannte vorſtellten; lieben Freunden aus dem Norden und Süden, die mich hier überraſchen und mir Lebe⸗ wohl ſagen wollten, und wohin ich den Kopf drehte, wurde ich von Jemand geküßt. Ach, ich mußte froh ſein, als die Glocke die Freunde vom Schiffe wegwies und ich mich in meiner Cajüte verbergen durfte. Die letzten Geſichter, die ich ſah, waren die engelgleiche Eddy und der brüderliche, gute Marcus Spring. Her⸗ nach ſaß ich Stundenlang ſtill und unbeweglich da, aber in meinem Zimmer hatte Marcus ein Bouquet von ewig grünen Pflanzen und rothen und gelben Immortellen aus dem Garten bei Roſenhütte aufgehängt und daran eine Karte mit einigen mit Bleiſtift geſchrie⸗ benen Worten befeſtigt, und auf dieſes Bouquet ſah ich beinahe unverwandt, bis es gleichſam ſein ſaftgrünes Laub um mein Herz ſchlang, und dann wurde Alles ruhiger in mir. Es war um die Mittagszeit, als wir abreisten. Gegen Abend ging ich auf das Verdeck, um der großen neuen Welt noch einen Blick zuzuwerfen. Da lag ſie am weſtlichen Horizont, dunkelgrün auf den blauen Waſſern, in einem großen Halbkreis, wie ein offener Schooß, ein ruhiger einladender Hafen. Wolken mit pfirſichweichen Farbenſchattirungen, vom dunkelſten Vio⸗ lett bis zum klarſten Gold und mildeſten Roſenroth, lagen in pittoresken Maſſen über ihr; Regenſchauer und Sonnenſtrahlen ergoſſen ſich befruchtend über ſie; die Sonne befreite ſich aus den Wolken und ſtrahlte immer heller, je tiefer ſie ſich gegen den Rand des Him⸗ mels ſenkte, wo das große Land lag. Dieß war das letzt der ſon wie Wel vore nock ſehe ene erhi wer Sch Fre übe ich Ben geſp gew geh hoch das mor Eri rere wie lb⸗ en, nir en be⸗ te, oh ies ie che er⸗ da, uet ben ngt ie⸗ ich nes les en. en ſie ten ner mit io⸗ th, letzte Bild, das ich von ihm hatte; ſo werde ich es in der Tiefe meiner Seele immer ſehen. Jetzt ſehe ich mit meinen Augen es nicht mehr, ſondern nur noch Himmel und Meer. Ich durchlebe wieder eine Panſe zwiſchen zwei Lebenszeiten und zwei Welten. Aber mein Herz iſt voll. Und fragt man mich, was das Volk der neuen Welt vor dem Volk der alten voraus habe, ſo antworte ich mit dem in meiner Seele noch friſchen Eindruck deſſen, was ich in America ge⸗ ſehen und erlebt:„Einen wärmeren Herzſchlag, ein energiſcheres, jugendlich kräftigeres Leben.“ Unter den Briefen, die ich kurz vor meiner Abreiſe erhielt, befindet ſich einer, den ich ſtets aufbewahren werde. Er iſt nicht unterzeichnet, aber wüßte doch ſein Schreiber(die Hand iſt die eines Mannes), wie viel Freude er mir bereitet hat! Ich habe mitunter reizbar über Beweiſe von mangelndem Zartgefühl geklagt; aber ich habe nicht von den vielen mir zu Theil gewordenen Beweiſen der einnehmendſten und zartfühlendſten Güte geſprochen, welche ſich bloß näherte, um Vergnügen zu gewähren, und ſich dem Danke entzog. Dieſer Brief gehört dazu. Das Wetter iſt jetzt ſtürmiſch und die See geht hoch. Ich lebe ſtill in meinem Stübchen und betrachte das kleine Bouquet von grünem Laub und hellen Im⸗ mortellen. Sie reden zu mir von America und von den Frinnerungen, die ich mitnehme. Ich werde keine theu⸗ reren Gegenſtände ſehen, bis ich die ſchwediſche Küſte wiederſehe und Dich. — 512 Nachwort im Mai 1853. Sie, an welche dieſe Briefe geſchrieben waren, durfte ich nicht wieder ſehen. An der Schwelle meines Hauſes kamen mir die Worte entgegen:„Sie iſt nicht hier, ſie iſt auferſtanden.“ In meinem verödeten Hauſe empfing mich meine alte Mutter mit Thränen. Sie, welche die Sonne und das Leben des Hauſes geweſen, war dahin gegangen. Draußen fiel Schnee auf ihr Grab. Wäre ſie am Leben geblieben, ſo wären dieſe Briefe wahrſcheinlich niemals gedruckt worden. Oder ſie wä⸗ ren vorher einer Umſchmelzung unterworfen worden und vermuthlich zu ihrem Vortheil. Denn ich hätte da eine Freundin zur Seite gehabt, in deren reinem Sinn ich, wie in einem klaren Spiegel, meine Fehler hätte ſehen können. Jetzt bin ich allein geweſen. Der Brief an Profeſſor H. Martenſen wurde in Amerita ausgedacht, aber erſt in Europa niedergeſchrie⸗ ben. Auf meiner Reiſe im großen Weſtlande fehlte es mir an Zeit und Ruhe zu einem klaren Ueberblick über die Gegenſtände, von denen ich ſchreiben wollte. Ich konnte manchmal den Wald vor den Bäumen nicht ſehen, und die Kirchen hinderten mich die Kirche recht aufzufaſſen. Jetzt da die Wälder der neuen Welt fern von mir ſauſen und das große Bild ihres Geſellſchaftslebens in ſtiller Klarheit dieſſeits des ſtürmiſchen Meeres vor mir ſteht, jetzt kann ich die hauptſächlichen, beſtimmen⸗ den Züge beſſer unterſcheiden als vorher. Einige von ihnen habe ich bereits gezeichnet. Einen der bedeut⸗ ſamſten habe ich hier dem edlen und ſcharffinnigen Denker zu ſchildern geſucht, den ich meinen Lehrer und Freund nennen zu dürfen das Glück habe. —)—— c c„ ₰ — S— 8G 2(9 icht uſe ie, en, ihr efe vä⸗ ind ine ich, hen in rie⸗ es ber cht cht mir s vor en⸗ on ut⸗ zen nd Dreiundvierzigſter Brief. Prief an den Theol. Dr und profeſſor H. Wartenſen in Kopenhagen. Stockholm, im Mai 1853. Von der glücklichen Zeit, wo ich mich jede Woche Ihres Umgangs und Ihres Geſprächs erfreute, ſind es zwei Augenblicke, die hauptſächlich in meiner Seele zurückbleiben als Brennpunkte für das Licht, das durch Gottes Gnade von Ihnen in meinen Geiſt übergefloſ⸗ ſen. Der eine war die ſpäte Abendſtunde, wo ich in Ihrem Studierzimmer kühn durch den Kampf meines Geiſtes wie durch Ihre Güte die Lehren des Heiden⸗ thums denen des Chriſtenthums entgegenſtellte und nach dem neuen Leben fragte, bis ich Sie ungeduldig machte, aber Ihren Lippen ein Wort entlockte, vor welchem meine Seele ſtill wurde, denn ſie gewahrte darin die rechte Löſung der Frage und den Aufgang des neuen Lebens. Der zweite Augenblick war die Vollendung des erſten. Manche Fragen waren in einen einzigen Knoten zuſammengedrängt worden. Sie löſten ihn mit einem einzigen Hieb des geiſtigen Schwertes, welches das Schwert des Wortes(und damit der un⸗ terſcheidenden Vernunft) iſt, und welches das ewige Wort Ihnen in die Hand gegeben hat, wie ſelten einem Sterblichen. Die Macht dieſer paar Worte von Ihnen, die noch in meiner innern Welt wiedertönen, war, daß Sie den Mittelpunkt in der Sache trafen und das Weſentliche, das Lebenskräftige hervorhoben. Könnte ich doch jetzt daſſelbe thun, jetzt, da ich Bremer, die beimath in der neuen Welt. U, 33 514 Ihnen über das neue Leben berichten möchte, das ich in zwei Jahren ſeit unſerer Trennung in dem gro⸗ ßen Weſtlande betrachtet habe, wohin ich, wie frü⸗ her zu Ihnen, als eine Fragende, eine Suchende reiste. Dieß iſt mein Wunſch. Aber ich kann nur Eines verſprechen, nemlich, daß ich Sie nicht mit vielen Wor⸗ ten aufhalten will. „Was werden, was wollen Sie dort in America ſehen?“ fragten Sie und manche Freunde in Dänemark mich vor meiner Abreiſe. Ich wollte das Kommende ſehen Denn Eines iſt, das leiſe durch die Zeit gegangen kommt, vom An⸗ fang der Weltgeſchichte an. Blutige Zeitalter, glänzende, ſchöne Perioden ſind bloß verſchiedene Gemächer, durch welche ſie ſchweigſamund ſtill hinſchreitet und immer heller aus der dämmernden Hülle hervortritt, bis zur Zeit, an deren Schwelle ſie jetzt ſteht, von Vielen mit Ent⸗ zücken, von Vielen auch mit Beben betrachtet. Und fragt man: Welches iſt dieſe Geſtalt, vor der die Throne wanken, die Kronen fallen, und aller irdiſche Purpur erhlaßt?“ ſo lautet die Antwort: „Der Menſch! Der Menſch in urſprünglicher Wahrheit, geſchaffen nach dem Bildniſſe Gottes!“ In allen Reichen des Chriſtenthums gewahrt man ihn, ſpricht für ihn, kämpft gegen ihn und bereitet ihm den Weg. Denn ſein Tag iſt gekommen und er muß mit ihm kommen*). *) Ein ſchöner Beweis dafür ſcheint mir die freie und warme Huldigung zu ſein, welche freie Völker in unſern Tagen edlen und freiſinnigen Regenten, wie Leopold, Victoria und Oscar widmen. Welche Triumvphzüge der Vorzrit können wohl mit den edelmenſchlichen Dankfeſten verglichen werden, die man heuer überall in Schweden und Norwegen für König Oscars Gene⸗ ſung gefeiert hat, Huldigungen, die ebenſowohl dem Menſchen als dem Regenten gelten? S S ich D⸗ rü⸗ 11 tes or⸗ ica ark les n⸗ de, ler it, nt⸗ ud die che her an hm uß nd ern ld, ige en all te⸗ em Ich wollte den Menſchen ſehen, ſo wie er in der neuen Welt auftritt, nachdem er alle herkömmlichen Ge⸗ walten, Formen und Uniformen, die in der alten Welt zu drückenden Laſten geworden ſind, abgeworfen, nach⸗ dem er auf der neuen Erde ſich ein Reich und allen Völkern ein Weltaſyl errichtet hat, nach keinem an⸗ dern Geſetz als demjenigen, das in der chriſtlichen Offenbarung gegeben iſt, und demjenigen, das in ſeiner eigenen Bruſt liegt. Den Menſchen wollte ich ſehen, verſtehen lernen, und mit ihm die neue Geſellſchaft und das Leben darin. Betrachten Sie einen Augenblick dieſen Menſchen mit mir, ſo wie er aus dem Schooße der Maiblume aufſteigt und die erſte geſetzgebende Colonie auf die neue Erde verpflanzt; ſehen Sie ihn in der kleinen Schaar der Pilger. Sie ſind als Apoſtel von der alten Welt ausge⸗ zogen, denn mitten unter den Verfolgungen wegen ihres Glaubens und den Kämpfen um das tägliche Brod, „fühlten ſie ſich berufen, das Reich Chriſti in der neuen Welt auszubreiten, ſelbſt wenn ſie auch bloß als Treppe für Andere dienen ſollten.“ Sie nennen ſich Unab⸗ hängige Undependents, nonconformists) und Purita⸗ ner, denn ſie haben ſich von der äußern Kirche und aller weltlichen Macht getrennt und verlangen das Recht, ſich ſelbſt einzig und allein nach Gottes Wort und dem Licht des Gewiſſens zu regieren. Das Vornehmſte, was ſie in die neue Welt mitbringen, ſind die Bibel und Arbeitsgeräthſchaften. Sie wollen auf der neuen jungfräulichen Erde eine Kirche und einen Staat im reinſten Styl errich⸗ ten, aus dem innern Menſchen heraus, der vom Worte Gottes erleuchtet iſt. Jedermann in der kleinen Schaar iſt ein Befreiter Gottes und ein freier Bürger. Und nicht bloß Bür⸗ ger. Der Regent, der Prieſter, der Richter, der Be⸗ 516 amte für alle Aemter iſt in ihm; denn er kann und wird auch alles das ſein, wenn er von der Gemeinde dazu ernannt wird. Der Menſch trägt die Fäbigkeit dazu in ſich. Jedermann fühlt ſich als einen Mann für ſich und dabei als innig in ſolidariſchem Bund mit allen Uebrigen vereinigt. Die Gemeinde verwaltet ſich ſelbſt durch Einſetzung ihrer Beamten. Dieſe wer⸗ den durch Abſtimmung gewählt. Die Stimmen der Meiſten ſind entſcheidend Alle verpflichten ſich, die Geſetze oder Beamten, welche durch die Stimmen der Mehrzahl verordnet ſind, zu reſpectiren und ihnen Ge⸗ horſam zu leiſten. Das Document über dieſe Uebereinkunft wird von den Auswanderern unterzeichnet, noch ehe ſie die Mai⸗ blume verlaſſen und die neue Erde betreten haben. Als die kleine Geſellſchaft ans Land ſteigt, iſt ſie in ihrem weſentlichen, ihrem ſchaffenden Prinzip bereits fertig. Es werden ſich in ihr Beamte, Prieſter und Richter vorfinden, wie jede menſchliche Geſellſchaft dieß fordert, aber ſie ſollen von dem Volk gewählt werden. Weder Rang noch Reichthum ſoll dabei gelten; Nichts ſoll in der neuen Geſellſchaft höher ſtehen, als die Eigenſchaften, welche den Fiſcher Petrus und den Tep⸗ pichmacher Paulus zu Apoſteln in Chriſti Reich mach⸗ ten. Der in Chriſto freigewordene Menſch ſteht als der höchſte auf Erden da; es gibt keinen höheren über ihm. Sein Rang und ſeine Würde ſind abſolut. Seine Arbeit bekommt dadurch auch einen höchſten Werth. Die Heiligung des Lebens und die Ehre der Arbeit ſind Geſetze im Staate der Pilger, und der Inbegriff ihres Lebens in der neuen Welt während der erſten Decennien ſind Gottesdienſt und Arbeit. So die kleine Colonie der Maiblume. Sie wat der Same. Er fiel auf gutes Land und trug hun⸗ dertfältige Frucht. Es war eine ſchaffende Kraft in dieſem Saatkorn, und wir erkennen dieſelbe noch heute be le ind nde keit nn und ltet er⸗ der die der Se⸗ on ai⸗ en. in its ind ieß en. hts die ep⸗ ach⸗ als ber eine rth. beit riff ſten wat un⸗ t in eute in allen Staatsverfaſſungen und in dem geiſtigen Le⸗ ben der Vereinigten Staaten ſelbſt da, wo es noch durch zufällige Feſſeln gehemmt oder durch die alte Nacht verdüſtert wird. Der Menſch, der Geſetzgeber dieſes Welttheils, trat da mit vollem Selbſtbewußtſein als Diener Got⸗ tes und als Geſellſchaftsmitglied auf. Die zwei ſind bei ihm wie eins. Das iſt ſeine Eigenheit, ſeine eigene Vollkommenheit. Seine Lebensregel iſt:„Laß dein ganzes Leben Zeugniß bringen von deinem Glauben.“ Viele von unſern Landsleuten erblicken in den Vereinigten Staaten nur ein Aggregat von unharmo⸗ niſchen Theilen, die zufällig zuſammengekommen ſeien und zufällig, ohne innere Nothwendigkeit, ohne orga⸗ niſchen Mittelpunkt zuſammenhängen. Aber demjenigen, der etwas länger in den Ver⸗ einigten Staaten gelebt und Muße gehabt hat, über das Innere ihres Lebens nachzudenken, kann es nicht verborgen bleiben, daß ſie ein gemeinſam ſchaffen des und im höchſten Grad lebenskräftiges Princip in ſich haben, und dieſes iſt: das religiös⸗bürgerliche Be⸗ wußtſein. Dieſes iſt es, was überall die Kirche erbaut, die Staatsinſtitutionen und die noch mächtigeren freien Vereine organiſirt, dieſes iſt es, was der Erziehung ihre Richtung gibt, den Charakter des Familienlebens beſtimmt, in der Literatur und in allen großen ſocia⸗ len Bewegungen ſich Bahn bricht, Alles mit dem Lo⸗ ſungswort der älteſten göttlichen Botſchaft: „Liebe Gott über Alles und deinen Rächſten gleich dir ſelbſt.“ Nirgends auf Erden iſt wohl das chriſtliche Be⸗ wußtſein von wahrer Menſchenfreiheit ſo vollſtändig zum Durchbruch gekommen, wie in den Vereinigten Staaten; nirgends iſt die Lehre, daß die reine Reli⸗ —— 518 gion der Grund und die Feſte der reinen Moral, daß der wahre Gottesdienſt die wahre Menſchenliebe, daß das beſte Opfer, welches man dem Vater der Völker darbringen könne, der Anblick eines freien, frommen und glücklichen Volkes ſei, wo Alle gleiche Rechte und gleiche Gelegenheit haben, ſich die höchſte Menſchen⸗ würde, das höchſte Menſchenglück zu erwerben, ſo all⸗ gemein in Wort und Handlungen ausgeſprochen wor⸗ den und wird noch jetzt ſo ausgeſprochen. Dieſes Bewußtſein iſt der Schwerpunct der neuen Weltbildung in den nordamericaniſchen Staaten. Alles Andere, ſei es Staatskunſt, materielle Entwicklung, Wiſſenſchaft oder ſchöne Kunſt, iſt ihm untergeordnet und muß ihm freiwillig oder unfreiwillig Gehorſam leiſten. Es ſind da verſchiedene Corps mit verſchiede⸗ nen Anführern und vielen Namen, aber Einer iſt der commandirende Chef, dem Alle gehorchen und fol⸗ gen müſſen, und dieſer iſt der große Menſch, der Menſch in ſeiner höchſten perſönlichen und geſellſchaft⸗ lichen Entwicklung. Seine Idee iſt der leitende Ge⸗ danke, dem Alles und Alle dienen müſſen. Dieſer iſt es, der in jedem einzelnen Menſchen und in der gan⸗ zen Geſellſchaft verwirklicht werden ſoll. Die Bibel und die Werkzeuge der Arbeit hatten die Pilger aus Europa nach der neuen Welt mitge⸗ bracht. Man könnte ſagen, daß beide noch heutzutage die Großmächte in der neuen Weltbildung ſeien. Das religiös⸗geiſtige Leben entwickelt ſich in gleichem Ver⸗ hältniß mit dem materiellen Gedeihen. Der Menſch und die Menſchheit werden vor allen Dingen in ihrem himmliſchen und ihrem einfach irdiſchen Verhältniß be⸗ trachtet und gefördert. Alles Andere iſt Nebenſache. Das geiſtige Leben muß hier ganz beſonders im Kirchlichen betrachtet werden und in Demjenigen, was davon ausgeht. In Europa wirft man Nordamerika gewöhnlich — ——)—,— —— ſeine vielen verſchiedenen Religionsſecten, ſeine vielen daß abgeſonderten Kirchen vor. Dabei überſieht man je⸗ lker doch, daß ſie eine weſentliche Einheit in Lehre und nen Leben haben, obſchon jede beſondere Secte ſich als d ſolche um eine beſondere Wahrheit verſammelt hat, en⸗ welche ſie als ihre Fahne aufgepflanzt*). Dieß war all⸗ or⸗ n *) Auch die Mormonen? dürften wir mißtrauiſch fragen. nen Ohne mit Beſtimmtheit das Auszeichnende in der les Lehre der Mormonen erklären zu können, muß ich ng, doch auf den Grund der Notizen, die ich in America 1 ei über dieſe Secte, ihre Führer und Lehrer einholte, erklären, daß ich die Beſchuldigungen, die man egen am ſie erboben hat, zum großen Theil für falſch hehte de⸗ Die Mormonen erkennen die Offenbarung und die iſt Bibel der Chriſten als die ihrige an Ihre letzten ol⸗ Propheten enthalten lich habe ſelbſt Gelegenheit ge⸗ der habt mich davon zu überzeugen) nur nähere ſpeziellere aft⸗ Prophezeiungen von Chriſtus, aber keine neuen Leh⸗ ren. Die Sitten unter dem Volke ſind— ſo verſicherte mich ein denfender Mann, der kein Mormone iſt, ſich iſt aber zwei Jahre lang unter den Mormonen in utah an⸗ aufgebalten hat— ausgezeichnet rein, und die Weiber der Verlänumdung erhaben. Der tten Stifter der Secte, Joe Smith, war ein Mann von tge⸗ einfacher Bildung, der aber einige ungewöhnliche age Gaben gleichfalls von der ſecundären prophetiſchen „3 Art, die man in Schottland un er dem Namen zweites das Geſicht kennt, beſaß. Er glaubte ſelbſt an ſeine e Offenbarungen— wenigſtens an einen Theil von ſch ihnen. Seit ſeinem Tod wird der Mormonenſtaat von rem Männern regiert, welche Joe Smith zu ſeinen Nach⸗ be⸗ folgern verordnet hatte. Sie regieren wie Smith e. nach dem Bibelwort und den Eingebungen des Geiſtes. im Der hierarchiſche Chararter der Regierung bildet gegen⸗ vas wärtig unter klugen Führern ihre Kraft und Macht den Staat zu ſchnellem Emporblühen zu bringen unter anglvamerieaniſcher Sitte und Ordnung, die auch in lich) den großen Salzſeethälern ihre ſchaffende Kraft bewei⸗ 520 ihre Aufgabe, ihr Beruf, ihre Nothwendigkeit. Gott wollte es ſo, habe ich mir ſagen müſſen, als ich das Leben und die Geſchichte der Menſchen betrachtete, die in Nordamerica bedentende Secten geſtiftet haben. Roger Williams, Anna Hutchinſon, der Quäcker Forx, Anna Lee und Andere wurden ſämmtlich von einem Geiſt getrieben, der ſtärker war als ihr eigener Wille. Im Anfang widerſtanden ſie(wie Luther) der inneren Stimme, endlich aber mußten ſie ihrem Gebot folgen. Dieſe göttlich Beſeſſenen wurden von ihrem innern Dämon aus angenehmen und heitern Wohnſitzen in die Wildniß hinausgetrieben, in Gefängniſſe, Verfolgungen und Martern aller Art, um die Wahrheit, welche ſie umfaßt hatten, zu verkündigen, um für die Lehren, welche ſie verkündeten, zu leiden, zuweilen ſogar zu ſterben. Sie konnten nicht anders, ſie durften nicht anders, wenn ſie würdig waren Gottes Diener zu ſein. ſeutitr nicht ſtille ſtehen bei Luther und Calvin,“ rief der geiſtliche Hirte, der Pilger Robinſon, dieſen vom Strande der alten Welt zu;„ſie waren große und glänzende Lichter zu ihrer Zeit, aber ſie durch⸗ drangen nicht alle Rathſchläge Gottes. Ich beſchwöre ſen— eriſt aber auch ihre Gefahr und wird vermuthlich eines Tags ihren Fall bereiten. Dieſer Tag wird dann kommen, wenn die Regierung in das Heilig⸗ thum des Privatlebens eingreift. Sollten die Ein⸗ gebungen der Regierung Polhgamie geſtatten, ſo wird die angloamericaniſche Heimath dieß niemals erlauben. Anmerkung aus dem Jahr 1854. Von einem vortrefflichen Mann und Freund in Ameriea erfahre ich, daß dieſer Fall in der Mormo⸗ nenſeete wirklich eingetreten iſt. Die Einführung der Polygramie und die Erniedrigung des Weibes ſind eingetreten und prophezeien die Auflöſung der Seete. euch, bedenket wohl— das iſt ein Artikel der Kirche eurer Gemeinde,— daß ihr euch bereit halten müßt. jede Wahrheit zu empfangen, die vom geſchriebenen Wort Gottes zu euch kommen wird; auf den Grund dieſer fortwährenden Mittheilungen Gottes an den Menſchen appellirte Luther von den Bullen des Pap⸗ ſtes an die Bibel; auf den Grund derſelben Lehre be⸗ riefen ſich die Puritaner von der Staatskirche Eng⸗ lands auf das Recht des menſchlichen Gewiſſens nach dem Worte der Schrift über ihren Glauben und Got⸗ tesdienſt zu beſtimmen. Auf den Grund derſelben Lehre appellirten ſpäter Anna Hutchinſon und Henry Vane, von denen man ſagte, daß der Calvinismus bei ihnen Keime treibe, vom Bibelwort und von der deſpoti⸗ ſchen Orthodoxie des Calvinismus an den Richterſtuhl des eigenen Gewiſſens und Gottes Stimme in demſelben. Gottes Licht in der Schrift in Verbindung mit Gottes Offenbarung im Gewiſſen des Schriftforſchers konnte, mußte allein beſtimmen. Verfolgung und Landes⸗ verjagung beſtärkten bloß den Ruf aus dem Innern. Aus ſeiner Wohnung und ſeinem Heimathland vertrieben, von Jedermann verlaſſen, von ſeinen Freun⸗ den und ſelbſt ſeiner Frau wegen verbrecheriſcher Eigen⸗ mächtigkeit angeklagt, mußte der milde aber feſte Ro⸗ ger Williams um der Lehre von der Gewiſſensfreiheit willen in die Wüſte fliehen. Aber Gott war mit ihm, und um ihn her erwuchs eine große Stadt, Provi⸗ dence, und ſpäter ein Staat, Rhode Island, zur Heimath der religiöſen Toleranz und der Men⸗ ſchenliebe. Das Freiheitsprinzip, welches die Pilger zuerſt auf die neue Erde verpflanzten, wurde immer inniger und forderte, daß der Menſch mit Gott allein gelaſſen werden ſolle. Sie wiſſen wohl, mein edler Freund, welchen Ge⸗ fahren der Selbſttänſchung und des Hochmuths der 522 Menſch auf dieſem Standpunkt ausgeſetzt iſt. Aber jeder Standpunkt hat ſeine Gefahren, wenn das Zeit⸗ alter finſter und der Menſch ſchwach oder eingebildet iſt. Einen höheren und innigeren Standpunct gibt es jedoch nicht als dieſen: der Menſch allein mit Gott. Gott ſprach in früheren Tagen mit den großen Geſetz⸗ ebern, mit Moſes und den Propheten. Das iſt un⸗ . chriſtlicher, unſer beſeligender Glaube, daß Gott noch heute zu jedem einzelnen ſeiner Kinder ſpreche, wie er in Chriſto zu Johannes und zu Maria ſprach; daß Jeder von uns in unſern heiligſten Augenblicken ſeine Stimme vernehmen und Ohr und Zunge für ſeine Wahrheit werden könne. Alles hängt dabei von der Reinheit und Folgſamkeit des einzelnen Menſchen ab. Es kann unverzeihliche Dummdreiſtigkeit ſein mit An⸗ ſprüchen auf ein höheres Wiſſen hervorzutreten. Es kann verbrecheriſche Feigheit ſein ſtille zu ſchweigen. Gott allein kann darüber urtheilen. Der Menſch ſteht zuletzt allein mit Gott und Niemand iſt da zwiſchen ihm und Gott. Viel kann die Kirche lehren, viel kann ſich der Staat bilden;— zuletzt genügen ſie dennoch nicht. Der Menſch muß mit Gott allein ſprechen. Darin liegt eine große Gefahr, aber auch eine große Stärke und ein großer Troſt. Die Sectenſtifter Ame⸗ ricas haben beide Theile gekannt. Und wenn ſie nicht vollkommen der erſteren ent⸗ ingen, wenn ſie zum Theil geblendet wurden von dem icht, zu deſſen Verkündigung ſie ſich berufen fühlten, ſo haben ſie dennoch jeder für ſeinen Theil die Arbeit ausgeführt, wozu ſich die neue Welt in der Weltge⸗ geſchichte berufen fühlt, nemlich die Freiheit in den in⸗ nerſten Grund des Gewiſſens zu ſetzen und das Gewiſ⸗ ſen frei in Gott zu machen, jeden Menſchen frei in ein directes Verhältniß zu Gottes Stimme in ſeinem In⸗ nern zu bringen und folglich ſeine höchſte perſönliche Entwicklung vorzubereiten. Die Lehre von der Höhe it⸗ et t. n⸗ tt ie e ne er ⸗ s n. ht n n dieſes Standpunetes iſt alt auf Erden. Socrates und Seneca kannten ihn. Der Erlöſer der Welt machte ihn zum Leben in der Menſchheit. Die Secten wie⸗ derholen ſein Freiheitsmoment. Ihre ſchönſte Lehre an das Menſchengeſchlecht iſt die:„Bekenne laut, was du glaubſt Sei wahr vor Gott, vor dir ſelbſt und vor deinem Nächſten. Mag ſich auch die ganze Welt wider dich ſetzen, bleibe feſt bei deiner Ueberzeugung und deinem Bekenntniß.“ Das Gewiſſen des Einzel⸗ nen iſt für ſie der höchſte Geſetzgeber. Möge es auch geſagt und frei zugeſtanden werden, daß dieſe Quelle nicht unfehlbar iſt, ſo muß auch zu⸗ geſtanden werden, daß nur in dieſer gereinigten Quelle das Urſprungswort des Lebens, Gottes Wort rein em⸗ pfangen werden und wieder aus ihr hervorquellen kann*). *) Anmerkung vom Mai 1854. Zu einer religiös wiſſenſchaftlichen organiſchen An⸗ ſicht von Gottes Offenbarungen in der Geſchichte und in der Bibel, derjenigen ähnlich, die in der Schweiz unter dem Einfluß deutſcher Speculation und franzö⸗ ſiſcher Präriſion entſtanden und in dem edelſten Geiſt A. Vinet und ſeinen Nachfolgern inearnirt iſt, hat es die Kirche in America nicht gebracht. Blinde Bibelanbetung tritt da in Oppoſition gegen eine Bi⸗ belkritik, die ſelbſtändig und moraliſch edel iſt, wie bei den Unitariern, aber eines tiefern Sinnes ermangelt. Die Entwicklung des Begriffs und der geiſtliche Le⸗ bensproceß, werden bei der Bibel und der Offenbarung überſehen Man hält ſich mehr an Worte und Ein⸗ zelheiten, als an das Leben. Die Kirche im Geiſt und in der Wahrheit iſt auf der neuen Erde noch nicht aufgetreten. Wenn ſie kommt, ſo werden die vielen Seecten gleichſam Vorſäle des innerſten Tempels wer⸗ den, und aus ihnen allen werden Bekenner hervorgehen, die dann im gleichen Glauben und in der gleichen —— Würden Sie fragen, wozu die Zerſplitterung der Kirche in viele Secten in der neuen Welt augenſchein⸗ lich geführt habe, ſo antworte ich: fürs Erſte zu einer großen allgemeinen Kirchlichkeit und einer mächtigen kirchlichen Disciplin. Die Zahl der Kirchen, welche ſtets gut und zierlich gebaut ſind, in den größeren und kleineren Städten, muß jedem Reiſenden in America auffallen. Gewöhnlich findet ſich eine Kirche für tau⸗ ſend Perſonen, manchmal auch für fünfhundert, zuwei⸗ len für noch weniger. Jede kirchliche Geſellſchaft ver⸗ waltet ſich ſelbſt, ſorgt für alle ihre Mitglieder, für ihre Armen und führt eine nützliche Aufſicht über Sitten und Ordnung. Der Prieſter iſt der ausſchließliche Seelenhirte und befaßt ſich mit nichts Anderem als der Seelſorge, die er in öffentlichen Predigten und in theilnehmenden Ermahnungen an Einzelne beſtehen läßt. Die Ge⸗ meinde, die ihren Prieſter gewählt hat, iſt ihm ge⸗ wöhnlich ſehr ergeben und hält ihn aufrecht, wenn er es verdient. Man hat in Europa viel von der Glücks⸗ ritterei in America geſprochen. Aber ich muß ſagen, daß nach meinen Wahrnehmungen die Prieſter, die großen chriſtlichen Werth und große Selbſtändigkeit beſaßen, von ihren Gemeinden ſtets mit großer Liebe umfaßt und beibehalten, geſchätzt und bis in ihre letz⸗ ten Tage verpflegt worden ſind. Die Prieſter bilden einen Theil der Ariſtokratie Americas, und ich habe unter ihnen die intereſſanteſten und intelligenteſten Per⸗ ſönlichkeiten gefunden. Liebe anbeten. Die Entwicklung des kirchlichen Lebens in den Vereinigten Staaten geſchieht noch mehr in der Breite, als in der Tiefe und Höhe. Das Frei⸗ heitsmoment herrſcht; aber es ermangelt des poſitiven Juhalts, den er im Lande der Alpen gewonnen hat. N — —„+ vNv— — — N M M — 525 Eine weitere Folge der Sectenfreiheit thut ſich in einer großen Entwicklung religiöſen Denkens kund. Jede bedeutende Secte hat ihre eigene religiöſe Zei⸗ tung, in welcher ihre Lehren in der Erörterung mit Andern entwickelt und die Verhältniſſe der Kirche viel⸗ ſeitig betrachtet werden. Daher kommt ein ſehr allge⸗ meines Denken und Verſtändniß in ſolchen Dingen. Und daher kommt es auch, daß man von dem ameri⸗ caniſchen Volk ſagen kann, wie einſt Swedenborg in ſeiner Viſion über das jüngſte Gericht von den Eng⸗ ländern ſagte: „Die Beſten dieſer Nation ſind im Mittelpunct aller Chriſten, und die Urſache, warum ſie im Mittel⸗ punct ſind, liegt darin, weil ſie das Licht der innern Vernunft entwickelt haben. Dieſes Licht kommt von der Freiheit, welche ſie im Denken und daher auch im Sprechen und Schreiben genießen. Unter andern Na⸗ tionen iſt dieſes Vernunftlicht verborgen, weil es keinen Ausweg hat.“ Sie kennen ſicherlich den Character und die Anzahl der bedeutenderen Religionsſecten in den Vereinigten Staaten. Ich will hier bloß von dem ſprechen, was ſie gemeinſchaftlich auszeichnet und ihr inneres Zuſammen⸗ leben characteriſirt. Einige von ihnen ſprechen mehr zu dem unmittelbaren Gefühl, andere zu der Vernunft, alle jedoch legen das größte Gewicht auf das Werk der Liebe. Katholiken und Quäcker reichen einander hierin die Hand. Zu einem univerſellen kirchlichen Bewußt⸗ ſein, das mit dem politiſchen Bewußtſein der Vereinigten Staaten auf gleicher Höhe ſtände, ſcheint mir keine Kirche gekommen zu ſein, außer in ihren edelſten Reprä⸗ ſentanten. Ich habe geiſtreiche Prieſter, Baptiſten, Calviniſten, Unitarier n. ſ. w. gehört, welche die Kirche Chriſti für die ganze Welt öffneten. So beſonders die älteſte presbyterianiſche, congregationelle, welche ich auch die Kirche der Pilger nennen möchte, denn in ihr 1 1 . 1 1 5 1 . 1 3 1 1 3 1 F * — 526 nehmen alle Laien Antheil an den Angelegenheiten der Kirche. Die Predigt, die von ihr ausgeht, ſteht feſt auf dem alten Fels, breitet ſich aber von da aus, um das ganze Weltleben zu umfaſſen. Auch die Natur, und das materielle Leben tauft ſie zu Gottes⸗ ienſt. Zgu den Erſcheinungen, die mehreren proteſtantiſchen Kirchen in den Vereinigten Staaten gemeinſchaftlich ſind und auf das Lebensprincip derſelben hindeuten, gehören die ſogenannten revivals, Perioden, wo Leute, die mit ungewöhnlichen Gaben ausgerüſtet und von brennendem Eifer getrieben ſind, als Miſſionäre in den Städten und auf dem Land umherziehen und von Neuem den Ruf des Täufers Johannes an die Menſchen: „Bekehret euch!“ erſchallen laſſen. Solche Perioden gehen durch das Leben der Kirche wie tiefe, friſche Athemzüge aus der religiöſen Lebensſphäre, und Tauſende datiren von ihnen an ihr neues beſſeres Leben. Eine der ſchönſten Unternehmungen der gemein⸗ ſchaftlichen Kirche in den Vereinigten Staaten ſcheint mir die große Anſtalt zur Verbreitung von Volks⸗ ſchriften in religiös-moraliſchem Sinn, aber ohne Secten⸗ geiſt zu ſein, die vor ungefähr zwanzig Jahren in New⸗York errichtet wurde, und wozu die Anhänger mehrerer verſchiedener Secten einander die Hand reichten und noch heutigen Tags einträchtig und kräftig zuſammen⸗ wirken. Zwanzig Preſſen, ſämmtlich mit Dampf getrie⸗ ben, ſenden von da täglich 25,00 Druckſchriften und 3000 Bücher aus, die darauf berechnet ſind die Kennt⸗ niß von unſerem Herrn Jeſu Chriſto als Erlöſer der Sünder zu verbreiten und lebendige Gottſeligkeit und geſunde Moral durch die Circulation von Schriften zu befördern, welche geeignet ſind die Billigung aller evangeliſchen Chriſten zu gewinnen. Die„americaniſche Tractätchengeſellſchaft“ hat auf ſolche Art die Kräfte der Preſſe in ihren Dienſt genom⸗ —,——, — m e5 W— Nu— 527 men, um„America zu evangeliſiren.“ Die Perlen der religiöſen und moraliſchen Literatur Englands und Americas in Verſen und Proſa werden in dieſen Volks⸗ ſchriften geſammelt, welche man hübſch druckt und mit ſchönen Holzſchnitten verſieht. Mehrere hundert Colpor⸗ teurs werden jährlich ausgeſandt, um ſie über die ganze Union bis in ihre entlegenſten Theile unter den Fremden und in den Wildniſſen zu verbreiten; und ſo fährt die evangeliſche Kirche noch heute fort, einen ſanften Manna⸗ regen wie eine Saat aus der Hand des großen Sämanns über das Land fallen zu laſſen, und das Gute, das dadurch geweckt wird, und namentlich in den Herzen der Kinder und Jugend aufſprießt, iſt unberechenbar. Und blickt man von dieſer großen Pflanzanſtalt, die in mehreren der nördlichen Staaten Nachahmung gefunden hat, weg auf die Volksſchulen, auf die Anſtalten für Verwahrloste, für Verbrecher, auf die Aſyle für die Wahnſinnigen, die Unglücklichen in der Geſellſchaft und vor Allem auf die ſtets zunehmende Aufmerkſam⸗ keit, die man ihnen widmet, überhaupt auf die Bemü⸗ hungenaller Art, wodurch man in den Vereinigten Staaten die Nachtſeite des Geſellſchaftslebens aufzuheben ſucht, ſo läßt ſich nicht längnen, daß ſie vor allen Staaten den Namen chriſtlicher Staaten verdienen. Aber Sie werden ſagen, dieß ſei bloß eine Seite des Gemäldes und man wiſſe recht gut, daß auch ein andres Leben in dieſen Staaten wachſe, eine Verehrung und eine Kirche, die nicht Gottes iſt. Ich weiß das wohl. Die alte Schlange lebt auch auf der neuen Erde. Und nenne man es Mammonsverehrung, Sklaverei, Deſpotie, Pöbelberrſchaft, oder welchen Namen man für das Princip der Selbſtſucht oder Lüge am bezeichnendſten finden mag, es lebt, es wächst, wie das Unkraut neben dem Waizen. Ja es ſcheint mir, daß die weſentlichſten Richtungen im Menſchengeiſt im Guten und im Böſen, welche im Verlauf der Geſchichte in Aſien und Europa — — ——— 528 aufgekommen ſind und geblüht haben, in America Keime treiben und zur Ernte heranreifen werden. Oft während meines Aufenthaltes in America mußte ich an die Worte Ihrer Dogmatik in dem Artikel über die Zukunft des Herrn und die Vollendung aller Dinge denken, worin Sie ſagen: „Je mehr die Geſchichte ſich ihrem Schluſſe näh⸗ ert, mit um ſo größerer Eilfertigkeit bewegen ſich die Räder der Zeit, mit um ſo größerer Plötzlichkeit und Raſchheit, um ſo haſtigerem Wechſel verſchiedener Zu⸗ ſtände eilt die Entwicklung voran, und derjenige dürfte ſich ſehr täuſchen, der da glaubt, daß, weil in unſerem gegenwärtigen Weltzuſtand noch ſo Vieles zu thun übrig bleibt, was der Arbeit von Jahrhunderten be⸗ darf, darum das Ende noch ſehr fern ſein müſſe. Denn wenn der Herr will, kann dieß an einem inhaltreichen Tage gethan werden, und ohne einen ſolchen würde es nie gethan werden. Darum widerſtreitet es auch nicht der Schriftlehre, wenn wir uns das tauſendjährige Reich als einen ganz kurzen Zeitraum denken, als ei⸗ nen Tag, welcher in ſich eine Fülle und Herrlichkeit concentrirte, die ſonſt über die Dauer von Jahrhun⸗ derten verbreitet iſt*).“ *) Man findet auch in Nordamerica, beſonders in den freien Staaten, allgemein die Ahnung und den Glau⸗ ben verbreitet, daß die Bevölkerung ein tauſendjähri⸗ ges Reich auf Erden erleben werde, und Andeutungen darauf trifft man oft in Reden, Schriften und Bildern, die von der Zeit ſprechen,„wo das Lamm ruhig liegen wird neben dem Löwen, wo Jedermann friedlich im Schatten ſeines eigenen Weinbergs und Feigenbaums ſitzen wird u. ſ. w.“ Denn daß dieſes tauſendjährige Reich einen Zuſtand des höchſten materiellen Wohlſtands wie auch des höchſten innern Friedens und Vergnügens darſtellen werde, ſcheint allgemein angenommen zu ſein. Der Glaube daran iſt die Feuer⸗ oder Wolken⸗ en u⸗ ri⸗ zen rn, en im 6 ige ids ns zu 529 Das Leben Nordamericas deutet auf eine ſolche Beſchleunigung, eine ſolche Concentration der Fülle der Entwicklung im Guten und im Böſen. Die Größe und der Umfang dieſes Welttheils, der alle Zonen und Producte der Erde umfaßt, die Mannigfaltigkeit und Raſchheit der Communicationsmittel, welche dieſelben in Jedermanns Beſitz bringen, die Unbeſchränktheit der perſönlichen Freiheit, gränzenloſe Bahnen des Wett⸗ eifers, ja ſelbſt der nervöſe Character des Klimas und ſeine anſpornende Wirkung auf eine Volksrace, die ſich durch ihre angeborne Energie vorwärts treiben läßt und alle andern Völker auf ihrem Wege mitreißt, alles das beſchleunigt ihr lavinenartiges Fortſchreiten bis zum Tage des Gerichts. Denn ich habe es bereits ge⸗ ſagt, muß es aber hier noch einmal ſagen, wir haben von America kein Utopien, ſondern vielmehr einen Tag des Gerichts zu erwarten, eine Näherrückung der ſäule, welche das Volk während ſeiner Wanverung und Arbeit leitet. Die Mormonen legen unter allen Secten Americas das größte Gewicht auf die Erwerbung des„irdiſchen Paradieſes,“ und der Glanbe an dieſe ihre Zukunft dürfte ihre wahre Eingebung ausmachen, wie auchden Shlüſe zu ihrem Einfluß ſelbſt in fremden Ländern ilden. Mir will es ſcheinen, als ob das tanſendjährige Reich nicht da oder dort auf Erden, ſondern über die ganze Erde kommen müſſe, wenn einmal alle Länder der Erde Oceaniens zauberhafte Inſeln wie Sibiriens wilde Steppen und Wüſten durch Geiſt und Dampf ſo verbunden werden, daß kein Platz mehr fremd und un⸗ zugänglich bleibt, daß der große Menſch über alle herrſchen und auf jedem Punet das höchſte Menſch⸗ liche in der Menſchheit hervorrufen kann. Inzwiſchen mag Americas Volk ſeinen Glauben behalten. Bremer, die Heimath in der neuen Wett. m. 34 — 530 Erntezeit für das Menſchengeſchlecht. Und zu keinen Volk wie zu dieſem ſcheint mir des Herrn Mahnruf: Wachet! zu ertönen. Sehe ich gleichwohl auf das Leben, das zu dieſer Zeit in den Vereinigten Staaten am kräftigſten wächst, emporkommt und überhand⸗ nimmt, ſo muß ich ſagen, daß mein Herz von Hoff⸗ nung erfüllt iſt. Denn würden die Vereinigten Staa⸗ ten— und ich glaube, daß ſie es thun werden— aus ihrer gegenwärtigen Geſetzgebung ihren größten Widerſpruch ſtreichen; würden ſie in der Sklaverei das Recht der Befreiungsarbeit einräumen, eine ſtufenweiſe Emancipation geſetzlich feſtſtellen und in Bezug auf die Kinder der Sklaven dem Worte des Göttlichen ge⸗ horchen:„Laſſet die Kindlein zu mir kommen,“ ſo.. Sehen Sie ich denke mir, daß irgend eine große Naturrevolution auf einmal dieſen ganzen Welttheil vernichten würde, ich denke mir, daß er mit ſeinen ſternbeſäten Flotten und Eiſenbahnen, ſeinen großen Städten und ſtimmberechtigten Volksmengen, ſeinen ſtolzen Capitolen und ſeinen ſchönen, ſchonen Woh⸗ nungen plötzlich in die Tiefe des Meeres verſänke; ich denke mir, daß alles das verſchwände, in der Tiefe, wie in einem ungeheuern Grab verſtummte, daß die Wellen darüber hinbrausten, daß der Raum öde und leer wäre, daß aber der Engel des Gerichts allein über die vergangene Welt hinflöge, mit der Schrift über ihre Thaten in ſeiner Hand, um ſie im Buch des Lebens vor dem Thron des allmächtigen Richters vor⸗ zulegen— dann würden wir auf dem Blatt leſen: „Dieſes Volk machte Ernſt damit, das Reich Got⸗ tes auf Erden zu begründen.“ — —— S——e en uf: as ten nd⸗ ff⸗ aa⸗ ten as iſe uf ge⸗ ße eil en en en ich ſe, die nd in ift es r⸗ 531 Sehen Sie hier, mein theurer Freund und Lehrer, mein Glaubensbekenntniß über das Leben der neuen Welt; laſſen Sie mich hoffen, daß ich es dereinſt mündlich vor Ihnen in Ihrer Wohnung oder in mei⸗ ner eigenen vertheidigen dürfe. Es war einer meiner leb⸗ hafteſten Wünſche in den Vereinigten Staaten ſie mit Ihnen und Ihrer theologiſchen Denkweiſe bekannt zu machen; es liegt mir jetzt am Herzen, Sie näher mit den Ver⸗ einigten Staaten bekannt zu machen, denn ich bin überzeugt, daß Scandinaviens chriſtliche Denker und das Volk Americas innig verbunden ſind durch ihre Arbeit im Dienſte deſſelben Herrn, und daß ſie einander viel zu ſagen haben. Laſſen Sie mich in Ihre gütige, freundliche Er⸗ innerung eingeſchloſſen ſein. Ende des dritteu und letzten Bandes. Anhang. Es war meine Abſicht beim Beginn dieſer Arbeit in einem beſondern Anhang am Schluſſe derſelben eini⸗ ger Ereigniſſe zu gedenken, die mir in den Sklaven⸗ ſtaaten Americas und auf Cuba vor die Augen gekom⸗ men ſind, und deren Bekanntmachungich für zweckmäßig hielt, von denen ich aber doch in meinen Briefen nicht ſprechen wollte, weil ich Orte und Perſonen nicht be⸗ zeichnen mochte. Mrs. Harriet Beecher Stowes be⸗ kanntes Buch:„Onkel Toms Hütte“ und noch mehr ihre kürzlich erſchienene Arbeit:„ein Schlüſ⸗ —— —he 532 ſel“ u. ſ. w. haben mich dieſer unangenehmen Ver⸗ öffentlichung überhoben. Denn meine Erzählungen würden nichts weſentlich Neues, nichts von dem In⸗ halte ihrer Arbeit Abweichendes geben, und ich will daher nicht durch ſolche mein bereits allzulanges Buch noch mehr verlängern, ſondern nur noch bemerken, daß die betreffenden Erzählungen ganz beſonders meine oft ausgeſprochene Bemerkung über den demoraliſirenden Einfluß des Sklavereiinſtituts auf die weiße Bevölke⸗ rung bekräftigen mußten. Als ich einen jungen Mann von beinahe ſeraphiſcher Schönheit, einen Edelmann von Geburt und Ausſehen, ſeine Seele mit vollem Be⸗ wußtſein dafür verkaufen ſah, daß er ls Sklaven⸗ treiber bezahlt wurde; als ich ihn geſtehen hörte, daß er es nicht wage die Bibel zu leſen; als ich ihn ſagen hörte, daß er im Anfang ſeines Geſchäftes um keinen Preis hätte einen Neger mit der Peitſche berühren wollen, jetzt aber im Stande wäre, ohne alles Beden⸗ ken einen Neger des Beiſpiels wegen peitſchen zu laſſen, ihn mit Bluthunden zu hetzen u. ſ. wz; als ich einen der reichſten Plantagenbeſitzer und galanteſten Gent⸗ lemen Louiſianas naiv ſich ſelbſt und ſein Syſtem auf ſeinen Sklavenpflanzungen preiſen hörte, ohne die er⸗ bärmliche Prahlerei und Tyrannei, welche dieſes ganze Syſtem verrieth, auch nur zu ahnen; als ich eine chriſtliche Fran und Mutter ihrer Tochter verbieten ſah am Sonntag zu tanzen, während ſie nichts Anſtößiges darin fand, daß ihre Sklaven am ganzen Sonntag unter der Muſik von Peitſchengeknall*) für ſie arbeite⸗ ten; als ich angenehme und liebenswürdige junge Leute, die gegen einander ſehr zärtlich waren, mit vornehmer Kälte die grobe Mißhandlung eines jungen Reger⸗ weibes durch ihren Herrn betrachten ſah— da habe *) Dieß war nicht in den Vereinigten Staaten. 533 ich mit meinem Freund, dem Pflanzer am Miſſiſippi, ſagen müſſen:„Das Syſtem, das Syſtem iſt es, was ſolche Folgen herbeiführt.“ Ehre der edlen, warmherzigen Americanerin, die in unſern Tagen gegen das Sklavereiſyſtem aufgetreten iſt und, wie in der Literatur noch kein Weib, für die Sache der Menſchheit und die Ehre ihres Vaterlandes mit einer Kraft geſprochen hat, welche ihr das Ohr der ganzen Menſchheit gewann. Ehre und Segen über ſie! Was muß nicht das Volk werden, das ſolche Töch⸗ ter hervorbringen kann! Von der edlen Verfaſſerin des Onkels Tom welche ich bloß in meiner Ueberzengung über die Art und Weiſe der Emancipation aus der Sklaverei ab. Es iſt meine Ueberzeugung, daß die Sklavenſtaaten Americas das Werk weiſe begonnen haben, indem ſie damit anfingen die Negerſklaven ſich zu chriſtlichen Ge⸗ meinden bilden zu laſſen, wie auch darin, daß ſie die Emancipation mit der Coloniſation der Neger in Africa verbanden. Nur von wohlgeordneten chriſtlichen Negerſtaaten kann eine gute Befreiung ausgehen. Der Zuſtand der Neger in Africa und auf Jamaica deutet darauf hin, was dieſes Volk ohne ein gründliches chriſtliches Leben und eine chriſtliche Geſellſchaftslehre werden muß. Da iſt nichts, was man loben oder wo⸗ zu man einladen könnte. Ich wiederhole es, in meh⸗ reren Sklavenſtaaten iſt bis jetzt ein Anfang gemacht, um die Negerſklaven aus ihrem Zuſtand emporzurichten, und mein herzlicher Wunſch wie auch meine Hoffnung geht dahin, daß bald noch mehr geſchehen möge, ſo⸗ wohl durch befreiende Geſetze, als auch durch die Un⸗ terweiſung der Nenerkinder. Die eigenen Predigten der Sklaven, die ich in mehreren Sklavenſtaaten Ame⸗ ricas gebört habe, beweiſen am beſten, wie lebendig ſie das Chriſtenthum auffaſſen. Sie haben eine eigen⸗ thümliche Fähigkeit ſich das innerſte Leben und die 534 Vernunft deſſelben anzueignen. Gott gebe, daß ſie das Evangelium überall in den Sklavenſtaaten zu hören bekämen! Aber dazu fehlt noch viel, unverzeih⸗ lich viel. Meine gewiſſe Hoffnung ſteht jetzt wie früher auf dem edleren Süden; mein warmer Wunſch iſt, daß er die Emancipationsfrage in ſeine Hand nehmen möge. Er allein, nicht aber England und auch nicht die nörd⸗ lichen Staaten Americas, kann die ganze Frage in ihrer vollen Bedentung einſehen. Der Süden allein kennt die Laſt, die Gefahr, die Verantwortung, all die großen Schwierigkeiten; er allein hat die Arbeit und die Mühe. Wenn es ihm gelingt die Ketten der Sklaven zu brechen und ſein herrliches großes Land von der Sklaverei zu erlöſen, dann gebührt ihm un⸗ verwelkliche Ehre. Stockholm im Mai 1853. —.— — —