deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oktmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens . 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: z———˙—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mi. Pf. 3 4 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene“, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe i auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — — — —— Die Beimath in der neuen 1 Lelt. Ein Tagebuch in Briefen, geſchrieben auf zweijährigen Reiſen in Nordamerika und auf Cuba. Von Friederike Bremer. Aus dem Sch wediſchen überſetzt von Dr. G. Fink. „Singet dem Herrn ein neu Lied.“ Pſalm 149. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. 4 1— „ * X 4 Schnellpreſſendruck der J. -4 ₰ 7 ) 7 „ ₰ — ——— G. Sprandel'ſchen Buchbruckerei. Inhalt des zweiten Bandes. Achtzehnter Brief. Abreiſe von Charleston. Die Seereiſe. Spa⸗ nier an Bord. Ankunft in Philadelphia. Geſell⸗ ſchaftsleben. Wohlthätige Stiftungen: Irrenhaus; Girardſche Schule; Strafanſtalt u. ſ. w. Das Armenhaus von Philadelphia. Die Quäcker. Die Quäckerinnen. Lucretia Mott. Die ſchwediſche Kirche in Philadelphia. Die alte ſchwediſche Ko⸗ lonie am Delaware; ihre Schickſale; jetzt lebende Abkömmlinge. Benjamin Franklin. Entſtehung der Quäckerſekte. Georg Fox; ſein Leben und ſeine Lehre. Das Quäckerprinziv. William Penn. Koloniſirung Pennſylvaniens. Zwecke des Quäcker⸗ ſtaats. Die Quäcker und die Puritaner. Kritik der Quäckerlehre. Einfluß der Quäckerlehre. Weltliche Quäcker Spaltungen in der Quäckergemeinde. Ein Gottesdienſt bei den orthodoxen Quäckern; ein anderer bei den uni⸗ tariſchen. Lucretia Mott als Predigerin. Die Un⸗ abhängigkeitserktärung der Vereinigten Staaten. Witzige Bemerkung Franklins. Meine Wohnung inPhiladelphia. Profeſſor Hart. Angenehme Be⸗ kannte. Eine Quäckerfamilie. Mary Townsend. Ueber die Stellung der Frauenzimmer im Lehr⸗ Seite IV ſtand. Mediziniſches Collegium für Frauenzimmer. Philadelphia und ſeine Umgebungen. Abreiſe nach Waſhington. Waſhington. Das Kapitol. Der Senat. Das Repräſentantenhaus. Ein Abend im weißen Haus. Präſident Taylor. Vicepräſi⸗ dent Fillmore. Geſpräch mit Henry Clay. Doro⸗ thea Dix. Henry Clay und Daniel Webſter als Redner. Morgenbeſuch bei dem Präſidenten. Ge⸗ ſellſchaftsleben im Hotel. Miß Lynch... Reunzehnter Brief. Meine neue Wohnung in Waſhington. Wich⸗ tige Ereigniſſe. Präſident Taylors Tod. Fill⸗ mores Eintritt in ſeine Stelle als Präſident der Vereinigten Staaten. Aeußerliche Windſtille, in⸗ nerer Kampf in dem politiſchen Leben. Der 4. Juli. Reiſe nach Mount Vernon. Der Senator Forvin. Waſhington und Guſtav Waſa. Waſ⸗ hingtons Teſtament. Waſhington und ſeine Mut⸗ ter. Der Kampf auf dem Kapitol während des gegenwärtigen Kongreſſes. Charakter des Senats; des Repräfentantenhauſes. Der große Zankapfel. Stellung der Parteien zu demſelben. H. Clays, Kompromißbill. Die Senatoren Clay, Hall, General Houston, Corvin und Chaſe, See⸗ ward, Richter Berrian, Daniel Webſter, General Shield, Richter Douglas, Oberſt Benton, der Kreole Soulé, Dickenſon, Foote, Abgeſandte der Mormonen. Von die⸗ ſer Sekte und ihrem Stifter. Mein Familienleben in Waſhington. Präſident Taylors Begräbniß. Erneuerung des Kampfes auf dem Kapitol. Der neue Präſident. Intereſſante Bekanntſchaften: Profeſſor Hart, Mr. Carey, Horace Mann. Pro⸗ ſklavereiſtimmen auf dem Kapitol. Gottes Geſetz Seite und die Konſtitution. Rede von Daniel Webſter. Schickſal der Kompromißbill. Henry Clay in ſei⸗ nem Kampf für dieſelbe. Kämpfe auf dem Ka⸗ pitol. Mr. Schvolkraft; indianiſche Kurioſa. Kreis⸗ lauf des Lebens in den Vereinigten Staaten. Bildung der Männer und der Weiber. Gottes⸗ dienſt von freien Negern. Der Sklavenzwinger in Waſhington. Taufſcene in einer Baptiſtenkirche. Ueberdruß der Kongreßherren. H. Clays letzte große Rede; bewundernswürdige Kraft und Red⸗ nergaben. Rückblick auf den Kongreß und ſeine Männer. General Stewarts Villa bei Baltimore. Abendgeſpräch mit Miß D. Dix. Koloniſirung Marylands. Lord Calvert Baltimore. Das Klo⸗ ſter der Heimſuchung. Der Katholicismus in den Vereinigten Staaten. Baltimore. Hanna Hawkins. Nüchternheitsbewegung. Letzte Worte eines frei⸗ gegebenen Sklaven. Beſuch bei freien Negern. Eindruck von ihnen. Sara Douglas. Mary Townend.. Zwanzigſter Brief. Am Meer. Landſitz bei Philadelphia. Die Blüthe des Maiſes. Was high life ſein ſollte. Reiſe nach Cav May. Erinnerungen an die ſchwe⸗ diſchen Koloniſten längs dem Delaware. Leben in Cap May. Die Republik in den Wellen. Feſtlich friſche Tage und Gefühle. Oerſteds letzte Schrift. Tageschronik; der Morgen; das Bad; der Mittag; der Abend; himmliſche Feuerwerkerei. Auftritte in den Wogen; Badtänze und Tänzer; Unglücksfälle. Margaret Fullers Schiffbruch. Be⸗ kanntſchaften; Vergnügungen und Fährlichkeiten. Eine Poetin. Abreiſe... ⸗..—.— Seite VI Einundzwanzigſter Brief. Prief an den Bonferenzrath Gerſted in Bopenhagen. Veranlaſſung zu dem Brief: Oerſteds letzte Schrift. Der Sternenhimmel. Die Weltkugel. Gleichheit in Geſetzen, Licht und Schatten, Ver⸗ nunftprodukte, Frende und Schmerz, Lebensent⸗ wicklung des Geiſtes und der Materie im ganzen Weltall. Der Menſch. Centralbegriff im Uni⸗ verſum. Klangfiguren; Lichtfreude. Einſluß ſkan⸗ dinaviſcher Gelehrten in der neuen Welt. Geſchick⸗ lichkeit in der Anwendung naturwiſſenſchaftlicher Entdeckungen. Der elektriſche Telegraph. Maſchi⸗ nen zur Beſchleunigung der Bewegung. Patent⸗ amt. Inſtitute zur Förderung der Naturwiſſen⸗ ſchaften. Charakter der nördlichen Staaten; Charakter der ſüdlichen Staaten. Nordamerika das Land der Experimente. Amerikaniſche Experi⸗ mente. Ihre Zukunft. John Bull und Bruder Jonathan. Nordamerika ein gaſtfreies Land ſowohl für Ideen als für Menſchen Zweiundzwanzigſter Brief. Brief von Haus. Roſenhütte. Kummer mei⸗ ner Freunde über das neue Geſetz gegen geflüch⸗ tete Sklaven. Gährung in Boſton. Endſchickſal der Kompromißbill in Waſhington. Proteſtation Südcarolinas gegen das Kompromiß. Des Mör⸗ ders Webſter letztes Bekenntniß und Tod. Cony Island. Leben mit meinen Freunden an der Mee⸗ resküſte. H. Beechers Predigt und Proteſtation gegen Gedanken⸗ und Redezwang für Prieſter. Des Prieſters Stellung in der Gemeinde. Vor⸗ bereitung zur Reiſe nach dem Weſten Seite 176 F Dreiundzwanzigſter Brief. Albany. Reiſe mit Springs den Hudſon hinauf nach New⸗Libanon. Ausſehen des Schä⸗ kerdorfes am Abend. Gottesdienſt, Kirche, Auf⸗ zug, Tanz, Geſang, Predigt der Schäker. Elder Evans. Geſpräch mit den Schäkern am Nachmit⸗ tag. Vergnügen von Elder Evans. Abſicht und Bedeutung des Schäkerſtaates; Verſchiedenheit von allen andern aſcetiſchen Staaten. Ankunft von Lowells während der Konferenz mit den Schäkern. Abendmahlzeit bei den Schäkern. Die Weiber. Unerwartete Freundlichkeit und Heiter⸗ keit. Entſtehung und Geſchichte der Schäkerſekte. Mutter Anna Lee. Gegenwärtiger Zuſtand der Schäkerſekte in den Vereinigten Staaten. Abſchied von meinen Freunden. Erſte Koloniſation des Staates New⸗York. Reiſe mit Lowells weſtlich nach Albany. Von Albany zum Niagara. Schö⸗ ner Tag. Das Mohawksthal; herrliche Fahrt. Die Sonne und die Sonnenblumen. Ankunft in Utika. Catos Seitenſtück in der modernen Re⸗ publik. Begnügſames Leben in Utika. Reiſe an den Trentonfall. Charakter des Waſſerfalls; eine Berſerkernatur Abreiſe Der Apfeldiebſtahl. Ro⸗ cheſter: Mühlen; Waſſerfall; ſchöne Anlagen; wachſendes Leben; freundliche Menſchen. Roche⸗ ſterer Klopfgeiſter. Frederik Douglas. Seine Selbſtbiographie, Perſönlichkeit, Familie. Reiſe über den Ontarioſee; Ankunft am Niagara. Ein⸗ druck des Falls; ſeine Größe, ſeine Eigenthüm⸗ lichkeit; Vergleich mit dem Trollhätta. Farbe des Waſſers. Spiel der Regenbogen. Urſprünglicher Name des Niagara. Leben um den Niagara her. Jenny Linds Ankunft in Neu⸗York.. Seite VIII Vierundzwanzigſter Brief. Chicago(Fllinois). Abſchied von Lowells in Buffalo. Reiſe über den Erieſee. Ein alter Pionier. Charakter, Lage, commercielle Bedeutung des Erieſees. Reiſe über die Halbinſel Michigan. Ausſehen des Landes, Cultur, Blumen. Detroit. Langweilige und angenehme Menſchen. Anne Ar⸗ bour. Michigans Zunahme, Geſetzgebung; Aus⸗ ſichten. Farmers im Weſten. Sonnenpracht. An⸗ kunft in Chicago. Gefühl der Einſamkeit; der Fülle. Liebenswürdige neue Freunde. Die Prä⸗ rien: ein Lichtfeſt. Eindruck der unermeßlichen ſonnenbeglänzten Felder. Meine Wohnung in Chicago. Erzählungen von den Indianern. Der Indianerhänptling und die weiße Lilie. Miß Fyrabents Freiwerbung. Chicagos unfreundliches Ausſehen, angenehme Menſchen. Hitze; Sonnen⸗ pracht. Schweden in Chicago und Illinvis. Lei⸗ den der erſten Auswanderer. Geſellſchaftszuſtand in de jue Stät Fünfundzwanzigſter Brief. Watertown(Wisconſin). Morgenſpaziergang. Leben in dem großen Weſten. Reiſe von Chicago über den Michiganſee nach Millwaukie. Ausſehen und Leben der Stadt. Die Deutſchen in der Stadt. Gefahr des Häuſerbauens in Millwau⸗ kie. Ein Tag unter den Schweden am Pine Lake. Ausſichten ſchwediſcher Auswanderer in Nord⸗ amerika. Das neue Schweden. Poſtwagenfahrt nach Watertown. Unglaubliche Wege. Madiſon, die Hauptſtadt von Wisconſin. Schöne Lage. Gutes Heimweſen. Reiſe nach einer norwegiſchen Seite 230 — IX Niederlaſſung in Koskonong. Ankunft gegen Nacht. Die junge norwegiſche Frau und ihr Bruder. Morgenſpaziergang. Antwort der Norweger auf Fragen über ihr Befinden. Die Norweger befin⸗ den ſich im Weſten beſſer als die Schweden; wa⸗ rum. Kanzler Lathrop. Seine Rede bei ſeiner In⸗ veſtitur als Kanzler der neuen Univerſität. Cha⸗ rakter der Reden im großen Weſten. Wisconſins Zukunft. Ein Sonnentempel. Blue Mound. Ein⸗ ſamkeit und Prärienleben. Frühe Mahlzeiten im Weſten. Reiſe nach Galena. Genuß der unermeß⸗ lichen Felder und Ausſichten, je näher man dem Miſſiſippi kommt. Kleine Widerwärtigkeit in Wa⸗ terville. Nächtliche Fahrt und Ankunft in Gale⸗ na. Von den Suatters. Sechsundzwanzigſter Brief. Auf dem Miſſiſippi. Sonnenuntergang. Miſ⸗ ſiſippi. Franzöſiſche Jeſuiten die erſten Bebauer des Weſtlandes Pater Marquette. Seine Ent⸗ deckungen, ſchönes Leben und Tod. Reiſe den Miſſiſippi hinauf. Rebengekrönte Inſeln. Wild⸗ niß, Spuren von Koloniſten. Kolonie am Jowa⸗ ſtrand. Schöner Morgen. Großartige Naturſcenen. Merkwürdige Felſenbildungen. Erſte Spuren der Indianer. Indianiſche Tepees, Feuer, Männer, Weiber, Kinder, an den Ufern. Das Minneſota⸗ Gebiet. Indianer in Kähnen. Indianer an Bord. Ihre Geſichtszüge, Blicke, Weſen. Die Sionx⸗In⸗ dianer. Unſer Dampfboot: Menomonie. Rieſen⸗ ädchen i Siebenundzwanzigſter Brief. St. Paul(Minneſota). Rauchende Indianer. Gouverneur Ramſay und ſeine Frau. Lage und Seite X Mittel des Territoriums Minneſota. Indianiſche Weiber. Der St. Antonsfall. Quellen des Miſſi⸗ ſippi; ſeine Jugendgeſchichte. Die Geiſterinſel. Die Geſchichte der Ampato Sapa. Selbſtmord unter indianiſchen Weibern eine gewöhnliche Sache. Eine Miſſiſippiinſel. Elende Wege. Spaziergänge um St. Paul. Canadiſche Farmers. Der Boden von Minneſota, indianiſche Bevölkerung. Fahrt zum Fort Snelling. Beſuch in indianiſchen Te⸗ pees. Unerwarteter Luxus. Leben der indianiſchen Weiber. Das Federwolkenweib. Der alte Häuptling. Der junge Krieger. Portraits. Ton⸗ fall bei den Indianern. Indianiſche Namen. Wann und wie ſie angenommen werden. Sagen der In⸗ dianer vom Leben nach dem Tod. Götterlehre, Naturlehre, Charakter, Sitten, Feſte Rerzte der nordamerikaniſchen Indianer. Schickſal und Cha⸗ rakter der Weiber. Indianerſtämme, welche das Chriſtenthum und Civiliſativn angenommen ha⸗ ben. Eine Cherokee⸗Zeitung. Feſte der Minneſota⸗ Indianer. Indianiſche Sagen von den drei Völ⸗ kerracen. Minneſota ein Land für ein neues Scandinavien. Ein gutes Land für junge Dienſt⸗ boten Ausſichten für die Cultur der Indianer Nordamerikas. Betrieb und wachſender Erfolg des Miſſionswerkes. Feuerſchein von brennenden Prärien Achtundzwanzigſter Brief. Reiſe den Miſſiſippi hinab. Wiederankunft in Galena. Freiſinnige Predigt. Ausſicht von ei⸗ ner Höhe am Fluß. Stehende Artikel in Zeitun⸗ gen des Weſtens. Bei Rock Island. Die Erik Janſonſche Kolonie. Erik Janſons Charakter und Tod. Geſchichte ſeines Mörders. Der ſchwediſchen — Seite 319 „———————— r— e———„—— e— XI Kolonie Glaube, Sitten, ökonomiſche Stellung. Fortgeſetzte Reiſe den Miſſiſippi hinab. Zuſtand an Bord. Die Staaten längs dem Miſſiſippi. Ausſicht von der Ruine der früheren Mormonen⸗ kirche, Von den Völkern, die an den Ufern des großen Fluſſes wohnen. Die friedſame Kolonie; Erzäbt ung von Mrs. Child. Perſonen an Bord. Das anmuthige junge Mädchen und die Rieſin. St. Louis(Miſſouiy Hochzeit. Miſ⸗ ſiſippi⸗Miſſouri. Abend in Keokuk. Morgenbeſuch bei der Braut. Beſuch in Klöſtern und katholi⸗ ſchen Aſylen. Wachsthum, große Verhältniſſe, Ausſichten, Lage, Zukunft der Stadt St. Lonis. Einſame Wanderungen, unerfreuliche Erſcheinun⸗ gen und Gedanken. Criſtall⸗Quellen. Sena⸗ tor Allen. Eiſenbahn ans ſtille Meer. Stegreif⸗ redner. Ausfahrten in der Gegend. Aufwachſen⸗ des Leben. Das chriſtlich indianiſche Territorium. Geſpräch mit einer Sclavin. Senator Benton in St. Lonis i n Reunundzwanzigſter Brief. Cincinnati(Ohio) Reiſe von St. Louis nach Cincinnati. Junge Kinder an Bord. Klip⸗ pen am Miſſouriufer. Der Fluß Ohiv. Ufer⸗ landſchaften von der Mündung des Dhio in den Miſſiſippi und bis nach Cincinnati. Meine Hei— math in Cincinnati. Charakter von Cinecinnati zu dieſer Zeit. Große Schweinheerden. Intereſ⸗ ſante Perſonen und Gedankenſtoffe. Centrales Leben. Staatsconvention. Hochzeit, ſchöne Bräute und Schönheit, die vermißt wird. Fehler an den Frauenzimmern; Fehler an den Männern. Geldheirathen. Scheidungen. Vorzüge des Lebens im Weſten. Das Clima in Cincinnati. Seite XII Dr. Buchanan. C. M. Clay, ſein Kampf, To⸗ desgefahr, Vorleſung als Antiſclavereimann und als Theolog. Ohio und Kentucky. Erzählungen von geflüchteten Sclaven. Der Weg des Nord⸗ ſterns. Novelle, die hier geſchrieben werden ſollte. Natur, Erdreich von Ohiv. Häusliche Geſellſchaf⸗ ten und Geſpräche. Der große Weſten; das neue Utgard, die Heimath der Rieſen. Mr. Silsbee. Miß Harriet. Miß V. Schweden in Cincinnati. Amerikaniſche Wohnungen in Cincinnati. Das junge Mädchen und ihre Mutter. Todesvorberei⸗ tung. Belebende Gedanken. Geſellſchaftskreiſe und Umgang in Amerika. Einige junge Mädchen. Weihnachtskuchen in Neu⸗Orleans. N. S. Klat⸗ ſchereien im großen Weſten Dreißigſter Brief. An den Pfarrer p. J. Böklin. Cincinnati. Abſicht des Briefes. Was ich in Amerika ſuchte. Der neue Menſch und ſeine Welt. Die nördlichen Staaten und ihr Leben. Schulweſen. Lehrer und Lehrerinnen. Geiſtige Vervollkommnung und Zukunft. Horace Manns Einladung an die Freunde der Erziehung. Sein Standpunkt. Volksbewußtſein in den Staaten Neuenglands. Die ſüdlichen Staaten Carolina und Georgia. Eigenheit und Schönheit des Na⸗ turlebens. Sittliches Phänomen“ in Bezug auf die Behandlung der Sclaven. Philadelphia und die Quäcker. Waſhington. Der Congreß. Streit wegen der Sclaverei. Staatsmänner und Reden in Waſhington. Art und Weiſe der Repräſenta⸗ tion. Eigenthümliches, nationales Leben. Mög⸗ liche Anwendung auf Schweden. Schwedens äl⸗ teſte Verfaſſung dieſer nicht unähnlich. Präſident FII Taylors Tod und Fillmores Eintritt in ſein Amt. Verſchiedenheit in den Ceremonien zwiſchen dieſem Auftritt und unſern Krönungen. Schön⸗ heit der letzteren. Reiſe nach Weſten. Des We⸗ ſtens Looſung: Wachsthum, Fortſchritt. Worin ſie beſtehen mögen. Reiſe den Miſſiſippi hinauf. Die Prärien. Das Miſſiſippithal. Des Senators Allen Schrift darüber. Oberſt Benton über die Zukunft des Miſſiſippithales. Ueber den Charak⸗ ter im Wachsthum des großen Weſtens. Das ma⸗ terielle Wachsthum. Das moraliſche nicht gleich. Was vor Allem Noth thut. Antwort der Lehrer und Staatsmänner. Die Schule und die Conſti⸗ tution. Ihre Unzulänglichkeit. Das Hausweſen in der neuen Welt. Die Weiber. Ihre Stellung, Erziehung, Aufgabe. Von dem amerikaniſchen Volk; äußere Gleichheit; innere weſentliche Ver⸗ ſchiedenheit. Contraſte und Schattirungen. Eigen⸗ thümlicher Charakter des Volkes der Vereinigten Staaten. Bürgerſinn. Urſache der Eigenthümlich⸗ keit im Volkscharakter. Der Charakter bei den erſten Kolonien. Von den beſten Männern und Frauen der neuen Welt. Schöne Menſchlichkeit. Zukunft des Miſſiſippithales. Schauplatz für das neue Weltdrama. Sein Naturcharakter, Bevöl⸗ kerung, Staatengruppen. Bedeutung der amerika⸗ niſchen Republik in der Geſchichte der Menſchheit. Große Beweglichkeit in der Regierung. Gefahren derſelben. Mittel ihnen entgegenzuwirken. Poli⸗ tiſche Spiele. Agitation bei der Wahl; mehr Rauch als Feuer. Schaffendes Leben in den Vereinigten Staaten: Aſſociationsbewegung. Ge⸗ fahren im Lande. Dramatiſche Schöpfungen und Scenen. Behandlung der Indianer. Emancipation der Negerſclaven. Erziehung der Reger in den freien Staaten. Mißgriff in der Art und Weiſe. Seite Mangel an Nationalgeiſt bei dem Negervolke. Wirkung der neuen Sclavenbill auf die Reger. Ein Negergottesdienſt. Hymnen, Predigt, Ver⸗ zückung. Koloniſation chriſtlicher Neger auf der Küſte Afrikas. Von Liberien. Commodore Per⸗ ry's Erzählung. Dankfeſt. Die ſchwediſche Meſſe. Centrales Leben in Ohio. Erſcheinungen deſſel⸗ ben. Eelectiſches Medicinalcollegium. Oberlinſche Schule. Höhere Zwecke bei der Schulerziehung. Die Deutſchen in Cincinnati. Schulen in Cin⸗ cinnati. Obſervatorium. Die Künſte, Maler, Bildhauer. Hiram Powers. Die Büſte Galathea, Typus der Amerikanerin. Weinbau. Reiſe⸗ pläne nach Cuba und ſodann in die Heimath.. Einunddreißigſter Brief. Die Arche Noä. Abreiſe von Cincinnati. Jagd auf dem Waſſer. Das Dampfboot Belle⸗ Key und ſeine Bevölkerung. Improviſirter Neger⸗ geſang. Baumwollenregion. Schilfrohr. Ferdi⸗ nand von Sotos Entdeckung des Miſſiſippi, ſein Leben und Tod in dieſen Gegenden. Aus⸗ ſehen des Miſſiſippi und ſeiner Ufer. Mr. L. Har⸗ riſon. Die Thiere an Bord. Die jungen Schwe⸗ ſtern. Der milde Sklavenbeſitzer. Wicksburg. Die Zuckerregion und Louiſiana. Siebenter Reiſetag auf dem Miſſiſippi. Sommerluft und Leben. Hei⸗ teres Schauſpiel. Sceneveränderung und düſtere Gemälde. Bekenntniſſe des Selavenbeſitzers über die Sclaverei. Die Mulattin und die Bibel. Neu⸗Orleans. Hotel St. Charles. Auszug auf den Lafayettemarkt. Bekannte im Hotel. Die Damen. Mr. und Mrs. Geddes. Weihnachten in Neu⸗Orleans; keine Weihnachten. Mrs. D. Gar⸗ ſtiges Wetter in Neu⸗Orleans; innerer Frühling. Seite 427 Helles Wetter und viel zu beſorgen. 437 blie mir der wie end Ste Arb letzt in e Gil in Ste lati (An ſüd Hin Sch kop jeni befi ſum Achtzehnter Brief. Philadelphia(Pennſylvauien), den 23. Juni 1850. Endlich, meine liebe Agathe, habe ich einen Angen⸗ blick Ruhe und kann mit Dir plaudern; aber es iſt mir ſchwer geworden, in der freundſchaftlichen Stadt der„Freunde“ dieſe Ruhe zu finden. Charleston verließ ich am 15. dieſes, auch hier, wie an andern Orten, mit Geſchenken, ſowie mit un⸗ endlich vieler Güte und Freundlichkeit überhäuft. Aber ach, wie wurde ich nicht in den letzten Tagen in der Stadt herumgejagt, wie müde machte mich nicht die Arbeit eines unaufhörlichen Geſellſchaftslebens! Den letzten Abend in Carolina brachte ich damit zu, daß ich in Geſellſchaft eines lebhaften kleinen Aſtronomen, Mr. Gibbs(er iſt der Bruder des zefälligen Naturforſchers in Columbia), von der heimiſchen Piazza aus den Sternenhimmel betrachtete. Die drei großen Conſtel⸗ lationen, der Scorpion mit ſeinem feuerrothen Herzen (Antares), der Schütze und der Steinbock ſammt der ſüdlichen Krone(unbedeutend) ſtanden klar am ſüdlichen Himmel, und das Zodiakallicht warf ſeinen weißen Schein zur Milchſtraße hinauf. Wir richteten das Teles⸗ kop auf ein Nebelbild in derſelben und dann auf den⸗ jenigen Theil der Milchſtraße, wo unſere Erde ſich befindet, verloren in der Unermeßlichkeit des Univer⸗ ſums wie ein Infuſionsthierchen im Meer. Aber ich Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 1 2 kann jetzt dieſes Verhältniß ſehen, ohne daß es mich niederdrückt und unruhige Gedanken in mir hervorruft, Oerſteds Schrift„über die Vernunfteinheit im gan⸗ zen Univerſum,“ und die Gründe, auf welche er baut, haben mir das Gefühl der Heimathlichkeit in dieſem Univerſum gegeben und mich zur Weltbürgerin gemacht. Das ganze Univerſum iſt mir jetzt nur des Menſchen eigene Welt und Heimath. Die Nacht war ſehr finſter, aber die Sterne um ſo klarer, obſchon ſie nicht wie bei uns leuchten und auch nicht ſo groß ſcheinen. Die Luft war voll von Wohlgerüchen und ſo ruhig, daß man die Ruderſchläge und Geſänge auf den Booten der Neger vom Fluß her hörte. Erſt um halb ein Uhr begab ich mich zur Ruhe. Tags darauf nahm ich Abſchied von meiuer guten und geliebten Heimath im ſüdlichen Carolina. Meine gute Mrs. Howland verpflegte mich ſchweſterlich⸗mütterlich bis zum letzten Augenblick. Mein Armkörbchen wurde mit ſchönen Früchten, Apfelſinen und Bananas gefüllt, welche ſie von ihrer Obſthänd⸗ lerin zum Geſchenk erhalten hatte, einer hübſchen Mu⸗ lattin, die ihr Kopftüchlein immer auf eine ausnehmend pittoreske Art knüpfte, und deren Porträt ich in mein Album gezeichnet habe; und der alte Romeo be⸗ ſchenkte mich mit Blumen. Nachmittag halb 4 Uhr be⸗ gab ich mich an Bord des Dampfſchiffes„Meeradler.“ Die Compagnie in Philadelphia und Carleston, wel⸗ cher das Schiff gehört, ſchenkte mir ein Freibillet bis nach Philadelphia, ein Geſchenk von 20 Dollars, das man nicht auf eine artigere Weiſe hätte anbringen können. Am erſten Tag, den ich an Bord zubrachte, war die Hitze kochend. Luft und Meer waren ſtill, gleich als wäre der Wind geſtorben. Und nun begriff ich, daß man vor Hitze ſterben kann. Eine Menge Spanier aus Kuba, die ſich an Bord befanden, gewährten mir einen kurzweiligen Anblick durch ihre eigenthümliche Phy ner berd Eig bede hinz wen nier auf den Spe wele gege nach trop vor: trau ſetz Hin ihre die Der niſc ihre run waſ ten gan und aus lich flie Pel Ra gle mich rruft, gan⸗ baut, dieſem macht. nſchen inſter, i bei ft war n die Neger begab ſchied lichen mich Mein lſinen händ⸗ Mu⸗ mend mein be⸗ hr be⸗ er. wel⸗ t bis „das ingen war gleich f ich anier nmir nliche 3 Phyſiognomie und ihr Weſen, das dem der Amerika⸗ ner ſo gänzlich ungleich iſt. Die Lebhaftigkeit der Ge⸗ berden, die ſtark accentuirte, melodiſche Sprache, die Eigenthümlichkeit der Geſichtszüge ſcheinen auf einen bedeutenderen Volksſtamm, als der angelſächſiſche iſt, hinzudeuten, und gleichwohl verhält es ſich nicht ſo, wenigſtens nicht in der gegenwärtigen Zeit. Die Spa⸗ nier, beſonders in dieſer Hemiſphäre ſollen in Bezug auf menſchliche und wiſſenſchaftliche Bildung weit unter den Amerikanern ſtehen. Man ſagte, ein Theil dieſer Spanier entfliehe aus Furcht vor der Unterſuchung, welche der mißlungene Raubzug des Generals Lopez gegen Kuba jetzt auf der Inſel veranlaſſe; andere reiſten nach New⸗York, um Aerzte zu befragen, oder dem tropiſchen Sommer zu entfliehen; ein junges Paar aus vornehmer Familie, nahe Verwandte, fuhr hin, um ſich trauen zu laſſen, da, wie man ſagt, das ſpaniſche Ge⸗ ſetz einer Verbindung zwiſchen nahen Anverwandten Hinderniſſe in den Weg legt, und das mit Recht, weil ihre Kinder oder Kindeskinder oft blödſinnig oder auf die eine oder andere Art verunglückte Weſen ſein ſollen. Der junge Bräutigam war recht hübſch, ſah aber ſpa⸗ niſch hochmüthig und launiſch aus. Die Braut und ihre Schweſter waren jung und ſchön, aber etwas zu rund. Ein alter„Conte“ puſtete in ſichtbarer Bruſt⸗ waſſerſucht und wurde von einem Neger mit der größ⸗ ten Zärtlichkeit verpflegt. Kleine Kinder ſielen mir ganz beſonders auf durch ihr lebhaftes Geberden ſpiel und Geplauder. Die Meerfahrt war ruhig und im Ganzen angenehm. Ein gefälliger junger Mr. Linton, aus der Stadt der Freunde, ſorgte für mich mit ritter⸗ licher Artigkeit. Das Meer ſandte uns Schaaren von fliegenden Fiſchen als Schauſpiel auf der Fahrt, und Pelikane mit ungehenern Schnäbeln ſchwangen ſich, auf Raub lauernd, über die Wogen; ein großer Wallfiſch⸗ gleich uns auf der Reiſe durchs Meer begriffen, ließ 4 uns verſchiedene ſchöne Waſſerkünſte ſehen. Die Fahn den Delaware hinauf, am Dienſtag Morgen, war tro des nebligen Wetters unendlich angenehm. Aber de Nebel hob von Zeit zu Zeit wieder ſeine ſchweren Dra— perien, und ließ dann hellgrüne Ufer von idealiſcher Schönheit ſehen, mit Hügeln, ſchönen Bäumen, Land⸗ häuſern, waidenden Thieren, und einen ganz ander Charakter der Natur, als ich bis jetzt im Süden ge⸗ funden hatte. Bei Philadelphia kam der artige Pro⸗ feſſor Hart mir entgegen und holte mich in ſeine Woh⸗ nung ab. Und da bin ich die ganze Zeit über gewe⸗ ſen, und da bin ich auch jetzt an Seele und Leib in Anſpruch genommen von dem Staats⸗ und Geſellſchafts⸗ leben, ſowie von vielem Intereſſanten, mitunter aber auch recht Mühſamen. Die Quäcker— die„Freunde,“ wie ſie hier ge⸗ wöhnlich genannt werden, ſind ausnehmend freundlich gegen mich, nehmen mich bei der Hand, nennen mich Friederike und Du, und führen mich in ſchönen Wagen umher, um alles Merkwürdige und Hübſche, ſowohl in als außer der Stadt zu ſehen. Und welch große und gute Anſtalten ſind nicht hier für das allgemeine Beſte vorhanden! Das Herz erweitert ſich, wenn man ſie betrachtet und den Geiſt ſieht, in welchem ſie gehal⸗ ten werden. Man muß hier nothwendig ſehr ſtaunen über den Contraſt zwiſchen dem Sklavenſtaate und dem freien Staat, zwiſchen dem Staat, deſſen Priucip die Selbſtſucht, und dem Staat, deſſen Princip die Men⸗ ſchenliebe iſt, zwiſchen dem Staat, wo die Arbeit Skla⸗ verei, und dem Staat, wo die Arbeit frei und eine Ehre der Freien iſt. Und hier, wo man weiße Wei⸗ ber vor ihren Hausthüren fegen ſieht, wie iſt nicht Alles ſo wohlgehalten, ſo zierlich und blühend, ſowohl in der Stadt, als auf dem Land! Und dieſe öffent⸗ lichen Anſtalten, dieſe Blumen der Menſchenliebe—— ach! die Prachtgärten der Natur und das Paradies ſind dieſer alte dem ( weine das mir! ſich i mit Park den nicht komn ſchön Thie die( könn ſächl des den Saa leſur verſe gun ten dere ich ders net zimn her und das die( Fahr r troz er der Dra⸗ liſcher Land⸗ ndern Lagen hl ein und Beſte man ehal⸗ unen ddem p die Men⸗ Skla⸗ eine Wei⸗ nicht wohl ffent⸗ adies 5 ſind duftlos gegen ſie, ſtehen hinter dieſen Wohnungen, dieſen Aſylen für die Kindheit, für unglückliche und alte Leute eben ſo weit zurück, wie der Vorhof hinter dem Allerheiligſten. Ich konnte nicht umhin, ich mußte Frendenthränen weinen, als ich dieſer Tage in dem großen Philadelphia das Narren⸗Aſyl beſuchte, ſo groß und ſo edel erſchien mir hier das Menſchenherz, deſſen Wirken und Sorgen ſich in Allem verräth. Die Anſtalt liegt in einem großen ſchönen Park, mit ſchattigen Gängen, Lauben und Gärten. Der ganze Parkiſt von einer Mauer umgeben, die jedoch ſo tief unter den Hügeln liegt, daß ſie vom Park oder vom Hauſe aus nicht geſehen wird, und die armen Gefangenen ſich voll⸗ kommen frei glauben können. Es iſt hier auch ein ſchönes Muſeum mit ausgeſtopften Vögeln und andern Thieren, Schnecken⸗ und Mineralien⸗Sammlungen, wo die Geiſteskranken ſich zerſtreuen und Belehrung holen können. Denn Arbeit und Zerſtreuung ſind die haupt⸗ ſächlichſten Mittel, wodurch man hier auf die Beſſerung des Zuſtandes dieſer Unglücklichen wirkt. Deßhalb wer⸗ den zwei bis dreimal in der Woche in einem großen Saal, wo die Geiſteskranken auf Bänken ſitzen, Vor⸗ leſungen über verſchiedene Gegenſtände gehalten. Sie verſammeln ſich oft auch zu gemeinſchaftlichen Vergnü⸗ gungen, als Concerten, Bällen u. ſ. w. Mehrere Ar⸗ ten von Spielen, wie z. B. Billard, Fortuna und an⸗ dere finden ſich ebenfalls im Hauſe vor. Ueberall hörte ich Muſik. Die Muſik iſt für die Narren ein beſon⸗ ders wirkſames Heilmittel. Manche ſpielten ausgezeich⸗ net gut Klavier. Man zeigte mir ein älteres Frauen⸗ zimmer, das im Zuſtand vollkommenen Wahnſinns hie⸗ her gebracht worden war. Man gab ihr ein Klavier und veranlaßte ſie, ein einfaches Stückchen zu ſpielen, das ſie in ihrer Kindheit geſpielt hatte. Allmälig war die Erinnernng an mehrere Stücke in ihr erwacht, bis 6 ihre ganze Kindheitsmuſik für ſie neues Leben gewann, und mit ihr, wie es ſchien, auch die Welt ihrer Kind⸗ heit. Sie ſpielte mir vor und ging mit ſichtbaren Verguügen von einem kleinen Stück auf das andere über, und dabei wurde ihr Geſicht ſo lieblich und un— ſchuldig heiter, wie das eines glücklichen Kindes. Sie wird vermuthlich nie wieder vollkommen geſund und ſtark an Seelenkräften werden; aber ſie lebt jetzt ein glückliches, harmloſes Leben in der Muſik aus ihren Kinderjahren. Mehrere Frauenzimmer, beſonders die jüngeren be⸗ ſchäftigten ſich damit, künſtliche Blumen zu machen, und ſchenkten mir ihrer verſchiedene, die ſehr gut gearbeitet waren. Die Männer beſchäftigen ſich viel mit Land⸗ arbeit und Gartenbau. Eine Bruderstochter des großen Waſhington war hier, eine ſchöne alte Dame, deren Geſichtszüge merkwürdig dem Präſidenten gleichen, und die eine würdevolle, vornehme Art zu ſein hat. Sie war ſehr blaß, und man ſagte, ſie ſei mehr ſchwach als eigentlich gemüthskrank. Die Menge ſchöner, leben⸗ diger Blumen, zumal Roſen, war außerordentlich, und auch die unheilbareu Kranken finden ſich, wenn ſie einen Augenblick zum Verſtand kommen, von Roſen umgeben. Während mein Begleiter, ein gefälliger und humoriſtiſcher Quäcker, einer der Direktoren der An⸗ ſtalt, mit großer Aufmerkſamkeit und ſichtbarer Theil⸗ nahme den Mittheilungen einer alten Frau über ihre wichtigen Geſchäfte in Jeruſalem lauſchte, flüſterte eine andere mir ironiſch zu:—„Ein prächtiger Ort das hier, nicht wahr? juſt ein Paradies, finden Sie nicht auch?“— Dann fügte ſie ſchen und leiſe hinzu:„Es iſt eine Hölle! ich verſichere Sie! Hier geſchehen entſetzliche Dinge!“ Ach, die armen Unglücklichen kön⸗ nen wohl nicht immer blos mit Muſik und Blumen⸗ düften behandelt werden, und man muß manchmal zu Zwangsmitteln greifen. Genug, daß die erſtgenannten Mit die letzt det ſagt mich men zu: ten, ſie kön: wor lang Ged ſagt Kor bin ſich der mit als im: wa vann, Kind⸗ arem ndere un⸗ Sie und t ein ihren n be⸗ „und beitet Land⸗ roßen deren „und Sie hwach leben⸗ ntlich, nn ſie Roſen r und An⸗ Theil⸗ ihre e eine t das nicht chehen kön⸗ umen⸗ tal zu nnten 7 Mittel überwiegend ſind— die vielen Geiſteskranken, die hier geheilt werden, zeugen davon— und daß die letzteren ſo wenig und ſo gelind als möglich angewen⸗ det werden. Ein junger Militär von gutem Ausſehen ſagte zu mir:„Ach, ich ſehe, daß Sie gekommen ſind, mich zu befreien, und wir werden Arm in Arm zuſam⸗ men aus dieſem Gefängniß gehen.“— Er fügte hin⸗ zu:„Sagen Sie mir, wenn Sie eine Schweſter hät⸗ ten, die Sie über Alles in der Welt liebten, und man ſie eingeſperrt hielte, damit Sie nicht zu ihr kommen fönnten, wie würde Ihnen das gefallen?“— Ich ant⸗ wortete, wenn ich unwohl wäre und müßte eine Zeit⸗ lang meine Geſundheit pflegen, ſo würde ich mich in Geduld darein ergeben.—„Ja, aber ich bin geſund,“ ſagte er,„ich bin ein Bischen unwohl geweſen, der Kopf ein wenig angegriffen, wie ſie ſagen, aber ich bin jetzt wieder ganz gut, und dieſe Menſchen da ſind ſicherlich verrückt, weil ſie das nicht ſehen können, ſon⸗ dern eigenſinnig darauf beharren mich hier zu behalten.“ Dieſe Aehnlichkeit haben die Narren gewöhnlich mit klugen Leuten, daß ſie ſich immer für klüger halten als alle andere. Mein junger Oberſt war offenbar noch immer ein angegriffener Kopf und begleitete uns unter warmen Ausdrücken zu Gunſten der Damen. Das Collegium Girard iſt eine große Schule, um mittelloſe Knaben zu geſchickten Handwerkern aller Art heranzubilden. Ein in Amerika naturaliſirter Fran⸗ zoſe, Namens Girard, beſtimmte ſein ganzes großes Vermögen zur Einrichtung dieſer Schule. Das noch nicht ganz ausgebaute Haus von weißem Marmor, 8 eine Nachbildung des griechiſchen Minervatempels, hat ungeheure Summen gekoſtet, und Mancher mißbilligt die Verſchwendung derſelben an das äußere Prachtwert, wodurch das weſentliche gute Werk in den Hintergrund gedrängt wird. Nur ungefähr hundert Knaben befan⸗ den ſich noch in der Anſtalt. Die Vorliebe der Ameri⸗ kaner für die Tempelgeſtalt in ihren Bauten iſt auffal⸗ lend. Ich für meinen Theil habe nichts dagegen, wenn auch die Anwendung von Kolonnaden und andern Zier⸗ rathen hier zuweilen im Verhältniß zur Idee des Ge⸗ bäudes, beſonders bei einzelnen Häuſern, übertrieben wird; denn das beweist doch, daß das Volksbewußtſein weit über dem Stadium ſteht, wo die Wohnung blos eine Unterkunft für den Körper ohne weiteren Sinn iſt. Es will, daß die Wohnung des Menſchen auch ſymboliſch von ſeiner Seele und ſeinem Emporſtreben zeugen ſoll. Und ſieht man ein recht großes und präch⸗ tiges Gebäude, gleich einem griechiſchen Tempel oder einem Pantheon, oder einem gothiſchen Schloß, ſo kann man gewiß ſein, daß das keine Privatwohnung, ſon⸗ dern ein öffentliches Inſtitut iſt, entweder eine Akade⸗ mie, oder eine Schule, oder ein Kapitol, oder— ein Hotel. Herr Girard hat in ſeinem Teſtament ausdrücklich verordnet, daß in ſeinem Inſtitut der Jugend kein Religionsunterricht ertheilt werden dürfe, und unter den Lehrern oder Direktoren der Anſtalt befindet ſich kein Religionslehrer. Aber ſo klar iſt dieſes Volkes Blick über das Verhältniß der Religionstehre zum Menſchen und zur Geſellſchaft, und ſo ſtark ſeine An⸗ hänglichkeit daran, daß es immer einen Ausweg findet, um dergleichen Verbote zu umgehen. Und, obſchon man hier die Anordnung des Erblaſſers in Betreff der Aus⸗ ſchließung des Religionslehrers und des Religions⸗ unterrichts befolgt, ſo wird doch jeden Morgen im Girard College, wie in andern amerikaniſchen Schulen ein Schu Tage mor temp Bild liche Ideo dure nahe Tem phic zu 1 füh telp lich brei Sp Fli nich lich hun ter tete ben gefe Bil Bü ſcht gen Sa niſſ ſitz ode hat werk, rund fan⸗ neri⸗ ffal⸗ venn Zier⸗ Ge⸗ eben tſein blos Sinn auch eben oder kann ſo u⸗ ka de⸗ ein cklich kein inter ſich olkes zum An⸗ idet, man Aus⸗ ons⸗ im ulen 9 ein Kapitel aus dem neuen Teſtament der verſammelten Schuljugend vorgeleſen, bevor ſie an die Arbeit des Tages geht. Herr Girards Bildſäule in weißem Mar⸗ mor ſteht in einer der prächtigen Gallerien des Schul⸗ tempels. Sie iſt eine vortreffliche Arbeit als treues Bild eines einfachen bürgerlichen Mannes in bürger⸗ licher Kleidung. Eine höchſt proſaiſche Figur ohne alle Idealiſirung dargeſtellt, und angenehm anzuſchauen durch ihre kraftvolle Wirkſamkeit, obſchon ſie ſonſt bei⸗ nahe als etwas nicht hieher gehöriges in dem ſchönen Tempel ſteht. Denn Adel und Schwung werden in die⸗ ſer Geſtalt gänzlich vermißt. Ich muß Dir auch vom Zuchthaus in Philadel⸗ phia erzählen. In der Mitte der großen Rotunde, zu welcher die großen Gänge mit den Gefängnißzellen führen, wie Radien zu einem gemeinſchaftlichen Mit⸗; telpunkt, ſaß in ſeinem Lehnſtuhl bequem und behag⸗ lich in hellgelbem Rock, mit großen Knöpfen und breitkrämpigem Hut, Mr. Scattergood, einer großen Spinne gleich, welche die in ihrem Gewebe gefangenen Fliegen beobachtet. Aber nein, dieſes Gleichniß paßt nicht gut auf die Sache und den Mann, einen freund⸗ lichen alten Herrn von ganz klugem und humanem, humoriſtiſchem Ausſehen. Einen angenehmeren Wäch⸗ ter könnte man ſich wirklich nicht denken. Er beglei⸗ tete uns in die Gefängnißzellen. Die Gefangenen le⸗ ben hier ganz allein ohne Gemeinſchaft mit ihren Mit⸗ gefangenen; aber ſie dürfen arbeiten und leſen. Die Bibliothek war bedeutend und enthielt außer religiöſen Büchern naturwiſſenſchaftliche Schriften und Reiſebe⸗ ſchreibungen, wie auch ſchönwiſſenſchaftliche, gut aus⸗ gewählte Werke. Nicht mit filziger Hand werden die Samen edlerer Bildung für die Kinder des Gefäng⸗ niſſes ausgeſtreut, für diejenigen,„die im Finſtern ſitzen.“ Der Geiſt der neuen Welt iſt nicht ängſtlich oder knigerig und er fürchtet nicht zu viel zu thun, wenn 10 er Gutes thun will. Er ſieht blos darauf, daß et die rechte Art wählt, und er geht dann mit reichen Herzen und reicher Hand zu Werk. Ich habe oft ge⸗ dacht, daß ſchöne Erzählungen, Züge aus dem menſch⸗ lichen Leben, gute Biographieen, insbeſondere von Verirrten, die ſich gebeſſert haben, von Gefangenen, die freie und tugendhafte Mitglieder der Geſellfchaft geworden, nützlicher auf die Gemüthsſtimmung und Herzen der Gefangenen wirken würden, als Predigten und Religionsbücher, natürlich immer die Bücher des neuen Teſtaments ausgenommen; und ich habe deßhalb ſehr gewünſcht, ſelbſt etwas in dieſer Richtung zu thun. Hier wurde mein Glaube beſtärkt durch das, was Freund Scattergood mir ſagte. Neulich hatte er einen Gefangenen beſucht, der wegen ſeiner harten, halsſtarrigen Gemüthsart bekannt war und dieſelbe in einer ſchon mehr als ein Jahr dauernden Gefangen⸗ ſchaft immer bewieſen hatte; aber dieſen Morgen hatte er ganz verändert, ganz mild und beinahe weich ge⸗ ſchienen.„Wie iſt es heute?“ fragte der Quäcker, „Sie ſind ſich ſelbſt gar nicht gleich. Was iſt los 2“ „Hm,— ich weiß nicht, wie es kommt,“ antwortete der Gefangene, aber dieſes Buch da..“ und er zeigte halb ärgerlich auf ein Büchlein mit dem Titel „Die kleine Johanna“.„hat mich ganz wunder⸗ lich geſtimmt. Schon manche Jahre habe ich keine Thränen vergoſſen, aber dieſe Geſchichte da!“ und er wandte ſich ab, verdrießlich darüber, daß die dummen Thränen wieder ſeine Augen verfinſtern wollten bei dem Gedanken an dieſe Geſchichte da. So hatte die Erzählung von dem ſchönen Leben eines Kindes das harte Sünderherz mürbe gemacht. Der Mann hatte nämlich einen Mord begangen. Ein junger Gefangener, der jetzt bereits zwei Jahre im Kerker geſeſſen, hatte bei ſeiner Ankunft weder leſen noch ſchreiben können und nicht die min⸗ aß et ichen enſch⸗ von enen, fchaft und igten r des halb 8 zu das, tte er rten, e in igen⸗ hatte ge⸗ äcker, os 2 ortete d er Titel nder⸗ keine d er nmen bei die das hatte zwei kunft min⸗ 11 deſte Religionskenntniß gehabt. Jetzt ſchrieb er eine vortreffliche Hand und das Leſeu war ſein größtes Vergnügen. Er ſollte jetzt bald das Gefängniß ver⸗ laſſen, und zwar verließ er es als ein kenntnißreicher und beſſerer Menſch, als er bei ſeiner Ankunft geweſen war. Seine Geſichtsbildung deutete eine rohe Natur an, aber er hatte jetzt einen ſehr guten Ausdruck und ſeine Stimme und Worte verkündeten die Verwand⸗ lung der Natur. Ein anderer Gefangener hatte mit artiſtiſchem Sinn ſeine gelle ausgemalt und eine Laube in den Gang gepflanzt, wo er einmal des Tages friſche Luft ſchöpfen durfte. Alle Gefangene erhalten einmal des Tags dieſe Erquickung in einem Gang, der ſtrahlenartig von dem Gefäugniß ausgeht und von den andern Gängen durch eine hohe Mauer abgeſondert iſt. Der da ſich erge⸗ hende Gefangene ſieht blos die Erde und den Himmel. Freund Scattergoods Anblick waroffenbar eine frohe Er⸗ ſcheinung für alle Gefangene. Sie ſahen in dem Freund ganz deutlich ihren Freund und ſein gut gelauntes kluges Ausſehen verſetzte ſie auch in gute Laune. Ein junges Frauenzimmer, welches das Gefängniß bald verlaſſen ſollte, erklärte, ſie gehe ungern, weil ſie Mr. Stattergvod nicht mehr zu ſehen bekommen werde. In den Zellen der weiblichen Gefangenen(unter ihnen waren ein Paar Negerinnen) ſah ich friſche Blumen in Gläſern. Ihre Schließerin hatte ſie ihnen gegeben. Alle lobten das Weib. Ich verließ dieſes Gefängniß weit erbauter, als ich manchmal aus der Kirche ging. Freund Scattergood ſagte mir, die Zahl der Ge⸗ fangenen habe ſich ſeit Anlegung des Gefängniſſes nicht vermehrt, ſondern erhalte ſich ungefähr gleich, was ſehr erfreulich iſt, da die Bevölkerung der Stadt in dieſer Zeit bedeutend zugenommen hat und mit 12 jedem Jahr zunimmt. Minder erfreulich und verhei⸗ ßungsreich für die Macht des Syſtems iſt die That⸗ ſache, daß nicht ſelten dieſelben Gefangenen wegen derſelben Art von Verbrechen wiederkehren. Aber dieß iſt natürlich, Fehler, die ſo viele Jahre zur Gewohu⸗ heit geworden ſind, laſſen ſich nicht leicht ablegen; alte Verbrecher laſſen ſich nicht leicht beſſern. Auch iſt die Hoffnung der neuen Welt nicht in den Gefängniſ⸗ ſen zu ſuchen, ſondern in den Schulen und mehr noch in den Häuſern, wenn alle Häuſer das ſind, was ſie ſein ſollen und was bereits mehrere ſind. Zwei „houses of refuge,“ Aſyle für verwahrloſte Knaben ſcheinen mir glücklich angelegte und gut verwaltete An⸗ ſtalten zu ſein. Die Knaben hier, ſowie die in der großen Anſtalt in Weſtboro(Maſſachuſetts) für dieſel⸗ ben Zwecke(ich beſuchte ſie verwichenen Herbſt auf meiner Reiſe mit Springs) werden nach demſelben Syſtem behandelt. Sie werden nur wenige Monate in dieſen Anſtalten behalten, bekommen einen gewiſſen Unterricht und etwas Disciplin, dann werden ſie in guten Häuſern auf dem Lande untergebracht, mehr weſtlich, was für alle arbeitsfähige Weſen ein guter Platz iſt. Das Matroſenhaus, eine von Privatperſonen er⸗ richtete Anſtalt, um den Seeleuten von allen Nationen während ihres Aufenthalts in der Stadt für billigen Preis eine gute Wohnung zu beſorgen, beſuchte ich mit Mrs. Hale,— der Verfaſſerin Mirjams— einer Dame, die eine prächtige Denkerſtirn und ein offenes gemüthliches Weſen hat.(Sie beſchäftigt ſich jetzt mit der Herausgabe eines Buchs über die Stellung der Frauen in der Geſellſchaft; ſie iſt jedoch nach meinem Dafür⸗ halten in der Tendenz etwas zu freiſinnig.) Unter den öffentlichen Anſtalten, die ich beſucht habe, erbaute mich am wenigſten das große Armen⸗ haus von Philadelphia, ein ungeheures Inſtitut von ung ſch gut trie Ma tur unt der ſter nic An Hir mer mer ſc aus ver ant unk ner eiſe mir Be die ſeit Bü un hie beſ ma erſ lia hei⸗ a⸗ gen dieß hu⸗ en; iſt niſ⸗ loch ſie wei ben An⸗ der ſel⸗ auf ben nate ſſen in tehr uter er⸗ nen igen ich iner nes der uen für⸗ cht en⸗ von 13 ungefähr dreitauſend Perſonen, das der Stadt uner⸗ ſchwengliche Summen koſtet und ſeinem Zweck unmöglich gut entſprechen kann. Alles muß hier zu fabrikmäßig ge⸗ trieben werden, das Individunm verliert ſich in der Maſſe und kommt nicht zu ſeiner gebührenden Schä⸗ tzung. Der Faule bekommt ebenſoviel wie der Lahme und Blinde, und der letztere kann die beſondere Pflege, deren er bedarf, nicht erhalten. So kam es wenig⸗ ſtens mir vor. Auch ſchien der pflegende Geiſt hier nicht ſo edelmüthig und ſorgſam, wie bei den andern Anſtalten, und ich vermißte Ruheplätze unter dem freien Himmel mit Bäumen und grünen Feldern und Blu⸗ men für die Alten. Der kleine Hof mit einigen Bäu⸗ men war gar zu unbedeutend. Im Uebrigen zeichnet ſich dieſe Anſtalt durch die Ordnung und Reinlichkeit aus, die ſich in allen öffentlichen Anſtalten der neuen Welt verräth. Große, helle Säle und rundum in ihren Mauern kleine finſtre Zimmer, als Niſchen der Zellen angebracht, worin die Alten ihre Schlafſtätten haben, und ſomit jeder ſein eigenes Stübchen beſitzt, mit offe⸗ ner Thüre zu dem gemeinſchaftlichen Saal, wo ein eiſerner Ofen Wärme für Alle verbreitet— ſo ſchien mir die herrſchende Anordnung der Zimmer für die Bewohner zu ſein. Und dieß iſt wahrhaftig gut, da die Alten auf ſolche Art, ſo oft ſie wollen, allein ſein und ebenſo, wenn ſie wünſchen, Geſellſchaft und Bücher in einem hellen, warmen Saale mit Tiſchen und Stühlen oder Bänken genießen können. Ich habe noch von mehreren guten Einrichtungen hier in der Stadt ſprechen gehört und hoffe ſie noch beſuchen zu können. Ueberall ſind die Quäcker als Gründer oder Direktoren dabei, und in Allem bemerkt man den Geiſt der Menſchenliebe, der Pennſylvaniens erſten Geſetzgeber, den Gründer Philadelphias, Wil⸗ liam Penn, belebte; und je mehr ich von den Quäckern ſehe, um ſo beſſer gefallen ſie mir. Die 14 Männer haben etwas Kluges und Humoriſtiſches, et⸗ was Sicheres und trocken⸗Spaßhaftes, was im höch⸗ ſten Grad anſpricht, und ſie erzählen gerne gute Ge⸗ ſchichten, gewöhnlich zur nähern Beleuchtung des Frie⸗ densprincips, und um zu zeigen, wie gut daſſelbe und ſchwe menſchliche Klugheit zuſammengehn, und wie ſiegreich erſter ſie aus dem Kampf mit der Welt hervorſchreiten. bis Chriſtliche Liebe zeigt ſich bei ihnen mit einiger un⸗ den ſchuldigen weltlichen Schlauheit vermiſcht, und das Guſt ſtille Weſen hat viel feines Salz auf ſeinem Grunde. Plar Die Weiber gefallen mir beſonders wegen des entw Stillen, Fertigen in ihrem innern und äußern Weſen, Sum wie ich bereits bemerkt habe; ihr Ausdruck iſt verſtän⸗ Sche dig, man hört keine unverſtändige Fragen und be⸗ aus kommt unter ihnen manche bedeutende Geſichter mit Unte ſchönen Augen, reinen Zügen und klarer Farbe zu Arbe ſehen. arbe Das Intereſſe der Quäckerinnen für vaterländiſche arbe Angelegenheiten, beſonders wenn ſie die menſchlichen durc Fragen betreffen, iſt ebenfalls ein Zug, der ſie vor wint der Maſſe der Frauenzimmer auszeichnet. Die Quäcker ein! ſind zu allen Zeiten die beſten Freunde der Negerſcla⸗ loni ven geweſen, und die aus den Sclavenſtaaten entflohe⸗ Deri nen Sclaven haben gegenwärtig ihre mächtigſten Be⸗ oder ſchützer und Fürſprecher unter den Freunden. Meh⸗ zeln rere Quäckerinnen zeichneten ſich durch Rednertalent dürf aus und ſind in öffentlichen Verſammlungen voft auf werl getreten, irgend eine Sache der Humanität kräftig ver Plä fechtend. Im gegenwärtigen Zeitpunkt führen ſie die Me Sache der Antiſckaverei, und eine berühmte Reduerin derſelben, Lucretie Mott, war dieſer Tage unter nack meinen Gäſten. Sie iſt ein ſchönes Weibchen von Ufer etlichen und fünfzig Jahren, mit feinen Zügen, präch mit tigen Augen und einem ſehr klaren, ſtillen, aber be⸗ nan ſtimmten Weſen— kriſtallartig möchte ich ſagen. 14 * ——— S et⸗ Ge⸗ Frie⸗ und reich iten. Uun⸗ das unde. des eſen, ſtän⸗ be⸗ mit e zu diſche lichen e vor näcker rſcla⸗ flohe⸗ 1 Be⸗ Meh⸗ talent auf⸗ g ver⸗ ſie die duerin unter n von präch⸗ er be⸗ Den 25. Juni. Geſtern am Johannistag beſuchte ich die alte ſchwediſche Kirche dahier. Denn Schweden waren die erſten Anſiedler am Delaware⸗Strom, vom Trentonfall bis zum Meer, und von ihnen kaufte William Penn den Boden, wo Philadelphia jetzt ſteht. Unſer großer Guſtav Adolph war es, der nebſt Oxenſtierna den Plan zu einer ſchwediſchen Kolonie in der neuen Welt entwarf, und der König verbürgte ſich ſelbſt mit einer Summe von 400,000 Reichsthalern aus der königl. Schatzkammer für die Förderung derſelben. Perſonen aus allen Ständen wurden zur Theilnahme an dem Unternehmen eingeladen. Die Kolonie ſollte von freier Arbeit leben.„Sclaven, ſagte man, koſten viel und arbeiten mit Widerwillen. Das ſchwediſche Volk iſt arbeitſam und verſtändig, und wir werden ſicherlich durch ein freies Volk mit Weib und Kindern mehr ge⸗ winnen.“ Die Schweden erblickten in der neuen Welt ein neues Paradies, und glaubten, die zukünftige Ko⸗ lonie könnte ein ſicheres Aſyl für Weiber und Töchter Derjenigen werden, welche durch Religionsverfolgung oder Krieg landflüchtig geworden, ein Segen für Ein⸗ zelne und für die ganze proteſtantiſche Welt.„Sie dürfte der ganzen unterdrückten Chriſtenheit nützlich werden können,“ ſagte der große König, der in ſeinen Plänen für Schwedens Ehre immer das Wohl der Menſchheit mit im Auge hatte. Unter Oxenſtierna's Leitung wurde dieſer Plan nach dem Tod des Königs ausgeführt. Dem ſüdlichen Ufer des Delaware entlang wurde Land aufgekauft und mit ſchwediſchen Auswanderern bevölkert. Die Kolonie nannte ſich Neuſchweden, und genoß einige Zeit ein blühendes Leben und ſteigendes Anſehen, trieb Acker⸗ ban und andere friedliche Gewerbe und bante zur Ver⸗ 16 theidigung gegen die Holländer, welche die nördlichen Ufer des Delaware inne hatten, die Feſtung Chriſtiana. Die Seelenzahl der Schweden belief ſich indeß nicht höher als auf 700 Köpfe, und als Streitigkeiten mit der mächtigeren Kolonie Neu⸗Niederland entſtanden und der ſchwediſche Gouverneur Riſing die holländiſcht Feſtung Caſimir angriff, da rächten ſich die Holländer, überrumpelten die ſchwediſche Kolonie mit Uebermacht, und ſo mußte ſie untertauchen. Der Name der ſchwe⸗ diſchen Waffen hatte auf der andern Seite des Oceant aufgehört Achtung einzuflößen; die Schweden blieber trotz ihrer Proteſtation unter fremder Gewalt. Dal Verhältniß zum Mutterland hörte völlig auf. Un nachdem der zuletzt ausgewanderte ſchwediſche Geiſtlicht Collin vor einigen Jahren in hohem Alter geſtorben wird die ſogenannte ſchwediſche Gemeinde und Kirch von einem amerikaniſchen Prieſter verſehen. Mr. Clay, der gegenwärtige Geiſtliche, hatte mir zu lieb in ſeinen Haus alle Abkömmlinge der erſten ſchwediſchen Anſied⸗ ler, von denen er wußte, verſammelt. Es war eim Verſammlung von 50 bis 60 Perſonen und ich ſchüt telte vielen recht angenehmen Leuten, die aber auße den Familiennamen, von denen ich manche wieder er kannte, durchaus nichts Schwediſches hatten, die Hände Aber Erinnerungen an ihre Hieherkunft hatten ſie nicht und Sprache, Ausſehen, Alles war vollkommen mit dem jetzt herrſchenden angelſächſiſchen Volksſtamm ver⸗ ſchmolzen. Nur der Glöckner der Kirche hatte etwas recht ſchwediſch Glöcknerartiges in ſeinem Ausſehen und hieß Jochum. Die Kirche, ein ſchönes und ſolides kleines Ge⸗ bäude aus Ziegelſteinen, war blos in ihrem Aeußern alt. Inwendig war ſie neu und recht zierlich. Ein großes Buch lag aufgeſchlagen auf einer Art höheren Rotenpult mitten in der Kirche, und man las darin it großen, aber durch die Reparatur etwas verdorbenet Buch Lan lien: hofs Wel Alle noch eine Pil keit diſch ſo g die ein dah Vol tige ſind ten Ack ſpit ihre die fol De ein abe mer zu trei unt me den F lichen ana. nicht n mit anden diſche änder, macht, ſchwe⸗ ceani lieben Dat Und iſtlich orben Kircht Clay ſeinen Anſied⸗ r eint ſchüt auße der er Hände e nicht en mi m ver etwas enn es Ge⸗ leußern Eit öheren arin it vbenen 17 Buchſtaben folgende Worte: Leute, die im dunkeln Lande wohnen, haben ein großes Licht geſehen!“ Dieſe Inſchrift nebſt der alten Kirche und Fami⸗ liennamen, die ich auch auf den Grabſteinen des Kirch⸗ hofs las, war Alles, was auf der Oſtküſte der neuen Welt von Reuſchweden übrig blieb. Doch nein, nicht Alles. Eine friedliche, edle Erinnerung davon beſteht noch und lebt in den Blättern der Geſchichte fort als eine Epiſode von idealiſcher Reinheit und Friſche. Die Pilger Neuenglands hatten ihre Erde durch Grauſam⸗ keit gegen die Indianer mit Blut befleckt. Die ſchwe⸗ diſchen Pilger waren in der Behandlung dieſer Leute ſo gerecht und klug, daß in der ganzen Zeit, ſo lang die ſchwediſche Herrſchaft auf dieſer Küſte währte, nicht ein Tropfen Indianerblut von ihnen vergoſſen wurde, daher die Indianer ſie auch liebten und„unſer eigenes Volk“ nannten.„Die Schweden ſind ein gottesfürch⸗ tiges Volk,“ ſagt der Chronikſchreiber jener Zeit;„ſie ſind arbeitſam, begnügſam und den Bräuchen und Sit⸗ ten des Mutterlandes ſehr ergeben. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht; die Weiber ſind ſittſam, ſie ſpinnen und weben, verwalten das Haus und erziehen ihre Kinder gut.“ William Penn, in einem Brief an die Londoner Handelsleute, vom 6. Aug. 1683, ſchreibt folgendermaßen von ihnen: „Schweden und Finnen bebauen die Gegenden am Delaware⸗Fluß, wo das Waſſer hoch ſteigt. Sie ſind ein einfaches, kräftiges und arbeitſames Volk, ſcheinen aber in Kultur und Pflanzung nicht weit voranzukom⸗ men. Es ſcheint ihnen mehr daran zu liegen genug zu haben, als Ueberfluß zu bekommen oder Handel zu treiben. Ich muß ihren Gehorſam gegen die Obrigkeit und ihr herzliches Verhalten zu den Engländern rüh⸗ men. Sie arten von der alten Freundſchaft zwiſchen den beiden Königreichen nicht ab. Da ſie ein körper⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 2 18 lich kräftiges und geſundes Volk ſind, ſo haben fü ſchöne Kinder. Es iſt ſelten eine Haushaltung ohn 3 bis 4 Jungen und ebenſoviele Mädchen zu ſehen; einige haben 6, 7 und 8 Söhne. Und ich muß ihnen die Gerechtigkeit widerfahren laſſen zu ſagen, daß ich wenige junge Männer nüchterner und fleißiger ſehe.“ So ſprechen die älteſten Zeugniſſe von der alten ſchwediſchen Kolonie. Sie ſind in den Geſchichtsbi⸗ chern zu leſen und die alte ſchwediſche Kirche ſteh noch. Eine neue ſchwediſche Kirche erhebt ſich jetz weſtlich im Miſſiſippithal. Ich hätte große Luſt ſi zu ſehen! Geſtern beſuchte ich auch Franklins Grab unk flocht Klee und andere Wieſenblumen zu einem Kran auf daſſelbe. Franklin gehört zur Gruppe glückliche Männer, welche die Helden des Friedenslebens und dit ſtillen Wohlthäter des Menſchengeſchlechts ſind. G war der dritte Mann in dem großen Triumvirat(For Penn, Franklin), das in der neuen Welt die Herrſchaf des Friedensprincips gründete, und der erſte Mann in Kampf der Preſſe für die Gedankenfreiheit des Volk⸗ und für die Selbſtſtändigkeit Amerika's. Franklin mit ſeinem ſtillen Weſen, ſeinen einfacher Sitten, ſeinem freien Forſcherblick, den er ſtets auf di einfachſten und allgemeinſten Geſetze aller Dinge unb Weſen gerichtet hielt, Franklin,„der mit dem Donn wie mit einem Bruder ſpielte, und ohne Geräuſch und Getöſe den Blitz aus der Wolke herabnahm,“ Franklin mit ſeiner praktiſchen Lebensphiloſophie(die indeß mehr in die Breite, als in die Tiefe ging), mit ſeiner großen Arbeitſamkeit und ſeinem gemüthlichen Humor, erſcheint mir als ein vortrefflicher Vertreter des eigen⸗ thümlichen Charakters der Neuengländer in ſeiner An⸗ näherung an den Charakter der Quäcker. Aber ich muß Dir noch etwas mehr von dieſer Sekte ſagen, welche nicht blos Pennſylvanien und Phi⸗ n ſie ohn ehen; ihnen ß ich ehe.“ alten htsbi⸗ ſteht jet ſt ſie b unt Kran klicher nd dit . E (For rſchaf nn in Volki fachen auf dit e un donnet ch und ranklin indeß ſeiner mor, eigen⸗ er An⸗ dieſer Phi 19 ladelphia geſchaffen und dem Staat, ſowie der Stadt ihren eigenthümlichen Charakter gegeben, ſondern auch auf das geiſtige Leben und das Volk Englands und Neu⸗ englands einen durchgreifenden Einfluß ausgeübt hat. In Schweden kennen wir die Quäcker blos als ein wunderliches Völkchen, das zu allen Menſchen Du ſagt, vor allen Menſchen mit dem Hut auf dem Kopfe erſcheint, und breite Hutkrempen hat. Wir kennen ſie blos durch ihre äußern kleinen Eigenthümlichkeiten. Hier habe ich ihre innere Bedeutung für die ganze Menſchheit verſtehen gelernt. Es ſind ungefähr 200 Jahre, ſeit Georg Fox in England geboren wurde. Sein Vater, genannt„Chri⸗ ſtoph der Rechtſchaffene“ war ein Weber in Leieeſter⸗ ſhire, die Mutter ſtammte aus dem Häuflein der Mär⸗ tyrer. Der Knabe zeichnete ſich früh durch tiefes reli⸗ giöſes Gefühl und eine unbeugſame, aber aufrichtige Sinnesart aus. Er wurde einem Schuhmacher in Nottingham, der auch Landbebauer war, in Dienſt ge⸗ geben. Dieſer gebrauchte den Knaben, um ſeine Schafe zu hüten. Dabei beſchäftigte er ſich mit Bibelleſen, Beten und Faſten. Seine junge Seele dürſtete nach Vollkommenheit und wurde von einer dunkeln Sehnſucht nach dem höchſten Gut, nach Licht in dem unveränder⸗ lichen wahren Licht aufgeregt. Seine Jugend fiel in eine ſtürmiſche Periode Englands, wo Kirche und Staat gleich ſehr von feindlichen Parteien erſchüttert wurden, die Religionsſecten aber ſich untereinander zerſplitterten und befehdeten. Der Jüngling, der nach der unumſtößlichen Gewißheit, nach einem tragfähigen Grunde, nach einer Klarheit, welche ihn und Alle zur Wahrheit führen könnte, nach dem höchſten Gut ver⸗ langte, hörte um ſich her nur Meinungsſtreitigkeiten und Kämpfe. Sie verdüſterten ſeine Seele noch mehr. Von unausſprechlicher Angſt getrieben, verließ er ſein Handwerk und ſeine Heerde, und vertiefte ſich, nach einer 20 Offenbarung Gottes verlangend, in die Einſamkeit der Wälder. Er ging zu vielen Prieſtern, um Troſt zu erhalten, aber er erhielt keinen Troſt von ihnen. Er ging nach London, um Licht zu ſuchen; aber bei den ſtreitenden Secten, bei den großen Profeſſoren fand er blos Finſterniß. Er kehrte aufs Land zurück, wo Einige ihm riethen ſich zu verheirathen, Andere in Cromwell's Armee zu treten. Aber ſein friedloſer Geiſt trieb ihn zur Einſamkeit und auf die Felder hinaus, wo er manche Nacht in einer Seelenangſt,„die zu groß war, um beſchrieben werden zu können,“ umher⸗ irrte. Gleichwohl drang von Zeit zu Zeit ein Strahl himmliſcher Freude in ſeine Seele, und„da war ihm, als ruhe er friedlich in Abraham's Schvoß.“ Er war in der engliſchen Staatskirche erzogen wor⸗ den. Aber er hatte jetzt geſehen, daß man in Ouford oder Cambridge herangebildet und gleichwohl unfähig ſein konnte, die Räthſel des Daſeins zu löſen. Er dachte auch daran, daß Gott nicht in Tempeln wohne, die aus Stein gebaut ſind, ſondern in dem Herzen der Lebendigen. Von der Staatskirche ging er zu den Diſſenters über. Aber bei ihnen fand er die„unver⸗ änderliche Wahrheit“, den unerſchütterlichen Grund für die ſittliche Ueberzeugung, die er ſuchte, auch nicht. Er gab die Kirchenſecten auf und ſuchte die Wahr⸗ heit über ihnen, und„obſchon von Stürmen erſchüt⸗ tert, glaubte ſein Herz an eine Macht über den Stür⸗ men,“ einen feſten Ankergrund des Geiſtes. Eines Morgens ſaß For in ſtillem Nachdenken beim Feuer, in ſeine eigene Seele blickend. Eine Wolke ging dat⸗ über und er meinte eine Stimme zu hören, die da ſagte:„Alle Dinge kommen von der Ratur.“ Und eine pantheiſtiſche Viſion verdüſterte und bedrückte ſeine Seele. Aber als er fortfuhr nachzudenken, da erhob ſich in der Tiefe ſeines Geiſtes eine andere Stimme, welche ſagte:„Es gibt einen lebendigen Gott!“ Anf eint alle geh una Se Erf Lic ein und Um auf dieſ bot ſche die den die iſt. der zut den alt Me die nic zu To no her nel Lie ſich it der ſt zu G i den nd er „ wo ere in Geiſt naus, ie zu mher⸗ Strahl ihm, wor⸗ Oxford nfähig 1. Er vohne, e de u den unver⸗ nd für ht. Wahr⸗ rſchüt⸗ Eines Feuer, g dar⸗ die da nd eine e ſeine erhob timme, „ Auf 21 einmal ward es hell in ſeinem Innern; alle Wolken, alle Zweifel flohen, er fühlte ſich durchſtrahlt, empor⸗ gehoben von einer unendlichen Gewißheit und einer unausſprechlichen Freude. it Und das Licht und die Gewißheit, welche ſeine Seele beleuchtet hatten, welche durch ſeine eigene innere Erfahrung darin aufgegangen waren, ſprachen alſo: „Es findet ſich bei allen Menſchen ein inneres Licht, das die Offenbarung Gottes im Menſchen iſt, eine innere Stimme, welche von der Wahrheit zeugt und Gottes Stimme iſt und ſie in alle Wahrheit leitet. um Wahrheit zu finden, braucht ſich der Menſch blos aufmerkſam zu dieſem innern Lichte zu wenden, auf dieſe innere Stimme zu hören.“ „Das innere Licht!“ Die innere Stimme ge⸗ bot ihm hinauszugehen und dieſe Botſchaft dem Men⸗ ſchengeſchlecht zu verkünden. Sie gebot ihm auch in die Kirche zu gehen und mitten unter dem Gottesdienſt den Prieſtern entgegenzurufen:„Die Schrift iſt nicht die Richtſchnur, ſondern der Geiſt, welcher in der Schrift iſt.“ Sie gebot ihm gegen die„heuchleriſchen Diener der Religion“ als gegen Wölfe in Schafskleidern auf⸗ zutreten. Ich will Dir nicht von den Verfolgungen gegen den Mann erzählen, der ſich wider alten Glauben und alte Sitten auflehnte, von den Steinen, die nach dem Mann geſchleudert wurden, der mit des Geiſtes Kraft die Steinmauer der Kirche erbeben machte, obſchon nichts intereſſanter wäre, als dieſem göttlich Beſeſſenen zu folgen, ihn aus Mißhandlungen, Gefangenſchaft, Todesgefahr immer mit dem gleichen Muth, immer noch ſtärker, beſtimmter und mit brennenderem Eiſer hervorgehen zu ſehen, die Schaar ſeiner Anhänger zu⸗ nehmen zu ſehen, trunken von den Fluthen des innern Lichtes, während ein Theil der Diener der Staatskirche ſich fürchtet und bebt, wenn es heißt:„Der Mann in 22 den Lederhoſen iſt gekommen!“ Und nichts iſt von höherem Intereſſe als dieſe ungelehrten Anhänger der Offenbarnng des inneren Lichtes, der innern Stimme in Kraft dieſer göttlichen Saat, die in jeder menſch⸗ lichen Seele lebt“ auftreten und die Orakel des innern Lebens ausſprechen zu ſehen. Taglöhner und Dienſt⸗ mädchen werden Prediger und ſenden Stimmen aus in alle Welt, den Pabſt und den Sultan, Puritaner und Kavaliere, Neger und Hindus auffordernd, dem höchſten Urtheil der innern Stimme zu lauſchen. Das Licht, welches die Höchſten unter den Heiden, ein Sokrates und Seneka, als der äußerſte Grund der moraliſchen Selbſtbeſtimmung, als der klarſte Lebens⸗ brunnen des Heidenthums beleuchtet hatte, war durch den Schäfer George For zum Durchbruch bei dem Volk gekommen und deſſen Eigenthum geworden. Auch der Geringſte wurde ſeiner theilhaftig, denn die Lehre ſagte: ſetze dich nieder, wer du ſein magſt, ſetze dich nieder an deinem eigenen Herd und lies die göttliche Inſchrift in deinem Herzen.„Einige ſuchen die Wahr⸗ heit in Büchern, andere bei gelehrten Männern. Aber was ſie ſuchen iſt in ihnen ſelbſt. Denn der Menſch iſt ein Abriß der ganzen Welt, und um ihn zu verſte⸗ hen, brauchen wir blos uns ſelbſt recht zu leſen.“ Das Hervorbrechen dieſer Lehre zu einer Zeit, wo die alte Gewalt wankte und alte Orakel blos unklare Antworten gaben, erklärt den bis an hochmüthige Trun⸗ kenheit grenzenden Enthuſiasmus, womit mehrere An⸗ hänger von Georg For ſeine Lehre auszubreiten ſuch⸗ ten. Sie betrachteten ſich als Stifter einer Weltreli⸗ gion und gingen aus, die„Unfehlbarkeit des innern Lichtes zu predigen“, in Rom und Jeruſalem, in Ame⸗ rika und Egypten, in China und Japan. Von ſeinem innern Licht geleitet, ging Fox zu immer weitern Beſtimmungen. Die innere Stimme, die ihm geboten hatte den Geiſt über die Schrift zu ſetzen, —— gebot ihm zu allen Kenſchen Du zu ſagen, ge⸗ bot ihm vor keinem Menſchen den Hut abzunehmen, gebot ihm jeden Eid zu verweigern, und gebot ihm keine äußere Regierungsform gut zu heißen, die nicht von der innern Stimme geboten wurde. Dagegen ge⸗ bot ſie ihm alle Menſchen mit den Armen der Bruder⸗ liebe zu empfangen und ſelbſt die Thiere gütig zu be⸗ handeln. Er reiſte in die neue Welt und ſagte zu dem Indianer: Du biſt mein Bruder. Ueberall goß er mit ſeiner Lehre die innere Schönheit ſeiner eigenen Seele und ihre Liebe für das ewig Gute und Wahre aus, und überall fand er zahlreiche Begleiter auf einem Weg, welcher ſo klar und ſo leicht ſchien. Denn Georg For lehrte, daß die Menſchenſeele von Natur gut und ein reines Kind Gottes ſei. William Penn, ein junger Mann von ausgezeich⸗ neten Gaben, ſchönem Aeußern und reicher Familie, wurde einer der eifrigſten Schüler Foxens. Auch er mußte für ſeine Lehre Verfolgung und Gefangenſchaft leiden und wurde dadurch geſtärkt ihr kräftigſter Apo⸗ ſtel zu werden. Die Waffen der Verfolgung und des Spottes waren lange Zeit gegen die zunehmende Quäckerſchaar gerichtet worden, und auch beſſere Beweismittel wurden ihnen entgegengeſetzt. Man warf ihden die Selbſttäu⸗ ſchung der Eigenliebe vor, und ſagte:„Wie kann ich wiſſen, ob ich nicht die Eingebungen meines ſelbſtſüchti⸗ gen Geiſtes für Eingebungen vom Geiſt Gottes nehme?“ Penn antwortete:„Durch denſelben Geiſt. Der Geiſt zengt mit unſerem Geiſt.“ „Die Bibel war die Regel und Richtſchnur der Proteſtanten. Hatten die Quäcker einen beſſeren Führer?“ Der Quäcker antwortete, daß die Wahrheit eine einige ſei. Gottes Wort in der Offenbarung kann nicht im Widerſpruch ſtehen mit Gottes Stimme im 24 Gewiſſen. Aber der Geiſt iſt der Richter. Und der Geiſt wohnt in des Menſchen Geiſt. Der Buchſtabe iſt nicht der Geiſt. Die Bibel iſt nicht die Religion, ſondern die Geſchichte der Religion. Die Schrift iſt eine„Darſtellung der Quellen, aber nicht die Quelle ſelbſt.“ Gottes Licht in unſerem Geiſt zengt von Got⸗ tes Wahrheit in der Schrift und im Chriſtenthum. Der chriſtliche Qnuäcker berief ſich auf ſeine Ge⸗ meinſchaft mit allen Kindern des Lichtes in allen Zeit⸗ altern und nahm die Offenbarung des chriſtlichen Lichtes blos an, weil ſie durch das innere Licht in ſeiner Seele bekräftigt wurde. Sein Glaube gründete ſich auf das Zeugniß des univerſalen Gewiſſens. Dieſes half ihm in allen Streitfragen. Wenn man ihm die Lehre von der Prädeſtination, die Frage über Freiheit und Nothwendigkeit vorhielt, ſo legte der Quäcker die Hand auf ſeine Bruſt. Die innere Stimme darin zeugte von der Freiheit und Verantwortlichkeit des Willens. Er ſagte ferner: „Alle Menſchen ſind gleich, weil das innere Licht in Allen leuchtet, und alle Regierung iſt verwerflich, wenn ſie ſich nicht auf die Geſetze der univerſalen Ver⸗ nunft gründet. Es gibt keinen Unterſchied zwiſchen Prieſtern und Laien, zwiſchen Mann und Weib. Das innere Licht beleuchtet Alle und kennt keinen Unterſchied von Klaſſen oder Geſchlechtern.“ Aber ich darf mit meinen Auszügen aus der Lehre der Quäcker nicht zu weit gehen; ich muß zur Entſte⸗ hung des Quäckerſtaats übergehen. Je mehr die Secte in ihrer Proteſtation gegen Kirche und Staat zunahm, um ſo ſtärker wurde die Verfolgung und der Haß gegen ſie, und Tauſende von ihren Bekennern ſtarben in den Gefängniſſen vor Kälte und Mißhandlung. Unter dieſen Umſtänden warf das bedrückte Volk ſeine Blicke auf die neue Welt, um allda eine Frei⸗ ſtätte zu ſuchen. For war zurückgekehrt von ſeiner 25 Miſſionsreiſe durch die öſtlichen Staaten Nordamerika's von Rhode⸗Island bis nach Carolina, wo er den Samen ſeiner Lehre in Tauſende von offenen Seelen ausgeſtreut hatte. Mehrere Quäckerfamilien in Eng⸗ land vereinigten ſich, um ſich und ihren Freunden ein Aſyl auf der andern Seite des Oceans zu bereiten, in dem Land, das Georg Fox eine Heimath gegeben hatte; ſie kauften Land an den Ufern des Delaware und reiſten mit einer großen Schaar von Glaubens⸗ verwandten fort, um allda einen Staat zu gründen, deſſen einziges Geſetz und einzige Regel das innerſte Geſetz des Herzens, beleuchtet von dem innern Licht, ſein ſollte. An ſie ſchloß ſich bald William Penn, und übernahm die Leitung der Colonie als ihr natürliches Oberhaupt und ihr Regent. In ihrer bürgerlich politiſchen Organiſation ſchloß ſich die Geſellſchaft der Freunde an die der puritaniſchen Colonie, mit dem Bemerken, die Conceſſionen derſel⸗ ben ſeien von der Art, daß die Freunde ſie billigen können;„denn,“ ſagten ſie,„auch wir wollen die Macht in das Volk legen.“ Aber die Quäcker gingen in ihrer Auffaſſung und Anwendung dieſes Princips weiter als die Pilger. Die Puritaner hatten in religiöſer Beziehung die Schrift zu ihrer Richtſchnur genommen. Die Freunde machten den Geiſt zum Richter über das, was man an der Schrift glauben und befolgen müſſe. Die Puri⸗ taner hatten der Gemeinde das Recht verliehen, ſelbſt aus ihrem eigenen Schvos die Prieſter zu wählen; die Freunde wollten überhaupt keine Prieſter haben. Jeder Menſch(Mann oder Weib) war Prieſter und hatte das Recht Andern zu predigen, wenn der Geiſt ihn anregte und die innere Stimme ihn ermahnte eine Wahrheit auszuſprechen. Denn das innere Licht war beſtändig bei Allen. Die Puritaner hatten jedem Manne in der Ge⸗ ſellſchaft Stimmrecht verliehen und ließen Geſetze und Urtheile von der Stimmenmehrheit abhängen. Die Freunde, welche an die Macht des inneren Lichtes und an ſein ſchließlich harmonirendes Zeugniß bei allen Menſchen glaubten, ließen in ihren Rathsverſammlun⸗ gen die Fragen immer wieder von Neuem zur Ver⸗ handlung kommen, bis eine freiwillige Uebereinkunft ſich ergab. Die Puritaner hatten ihre Kirchen ohne alle Zier⸗ rathen und Bilder gebaut. Die Freunde bauten keine Kirchen. Sie trafen ſich in Sälen oder Häuſern, welche Verſammlungs⸗ lokale genannt wurden. Sie ſaßen da ſtill den Offen⸗ barungen der innern Stimme lanſchend, beiſammen und ſprachen blos, wenn dieſe ſie ermahnte etwas zu ſagen. Die Puritaner betrachteten das Weib als die Hälfte des Mannes und als ſeine Gefährtin im Hauſe, ſowie auf dem Weg des Privatlebens. Die Freunde betrachteten das Weib als die Ge⸗ hülfin des Mannes im Allgemeinen, wie auch in den Angelegenheiten des Privatlebens, und ſie erkannten ihr das Recht zu, ſowohl in Staats⸗ als in Kirchenſachen zu ſprechen. Die Rathsverſammlungen der Weiber galten bei der Entſcheidung der Fragen ſoviel wie die der Männer, und den Eingebungen des Weibes lauſchte man mit Ehrfurcht, wenn ſie auf den Ruf des Geiſtes in den Verfammlungsſälen der Freunde auftrat. Die Puritaner hatten den Trauungsact vereinfacht. Die Freunde verwarfen alle Trauung, bei welcher eine äußere Macht mitwirkte. Wenn Mann und Weib vor der Gemeinde erklärten, daß ſie als Ehegatten zuſam⸗ menleben wollten, ſo genügte dieß, um eine Ehe zu ſtiften. Die innere Stimme genügte, um den Bund i —— N n⸗ zu nd 27 zu heiligen und ihn ſtark zu machen, das innere Licht allein konnte den Weg dazu zeigen und das Herz rein machen. So rein, ſo hoch waren die Grundſätze bei dieſem Völkchen, das nach der neuen Welt hinüberfuhr, um allda, wie William Penn ſich ausdrückte,„das heilige Experiment“ zu unternehmen, eine Staatsgeſellſchaft zu ſtiften, die gänzlich auf das Innigſte und Geiſtigſte im Menſchenleben gegründet wäre. So begann die Kolonie, die ſich unter William Penn's Leitung zum blühendſten Wohlſtand emporſchwaug und den Namen Pennſylvanien annahm. Penn wollte in ihr eine„freie Kolonie für das ganze Menſchengeſchlecht“ gründen. Der Ruf von dem„heiligen Experiment“ erſcholl weit und breit. Söhne des Waldes, Häuptlinge der Indianerſtämme kamen, um mit dem„Quäcker⸗König“ zu unterhandeln. Penn trat unter freiem Himmel in der Tiefe des durch Novemberfröſte entlaubten Waldes mit ihnen zuſammen und brachte ihnen dieſelbe Bot⸗ ſchaft vom Adel des Menſchen, ſowie von der Wahr⸗ heit und Einheit des inneren Lichtes bei allen Men⸗ ſchen, welche Fox bereits Cromwell und Marie Fiſher dem Beherrſcher der Muſelmänner überbracht hatte. Engländer und Indianuer ſollten daſſelbe moraliſche Geſetz verehren, und jeden Streit untereinander durch ein Friedensgericht ausmachen, zu welchem die beiden Nationen die gleiche Anzahl Mitglieder ſtellten. „Wir begegnen uns,“ ſagte Penn,„auf der brei⸗ ten Heerſtraße des guten Glaubens und guten Willens; Keiner ſoll den Andern zu übervortheilen ſuchen, ſon⸗ dern Alles ſoll in Ehrlichkeit und Liebe abgemacht wer⸗ den. Wir ſind Alle Ein Fleiſch und Blut.“ Die Indianer wurden durch dieſe edeln Worte gerührt.„Wir wollen“ ſagten ſie,„mit William Penn und ſeinen Kindern in Liebe leben, ſo lange Sonne und Mond ſein werden.“ 28 Und die Sonne, der Wald und der Strom bi zengten den Bund des Friedens und der Freundſchaf theils der auf ſolche Art am Strand des Delaware geſchlo obach ſen wurde;„den erſten Bund,“ fügt ein Geſchichtſchre Denn ber hinzu,„der durch keinen Eidſchwur bekräftigt un ſprich niemals gebrochen wurde.“ ren i Die Quäcker ſagten:„Wir thun ein beſſeres Wer als wenn wir mit den ſtolzen ſpaniſchen Helden diſo iſt Gruben von Potoſi gewonnen hätten. Wir lehren di Soer armen verfinſterten Seelen um uns her ihre„Men Adolt ſchenrechte.“ das Auf einem zwiſchen den Flüſſen Schuykill untes! Delaware gelegenen, den Schweden abgekauften, midieſes „kryſtallklaren Quellen und geſunder Luft geſegneten ſelbſt Stück Land legte Penn die Stadt Philadelphia anKirch „ein Aſyl für die Verfolgten, eine Wohnung der Frelliche heit, eine Heimath für die ganze Menſchheit“.„Hier,Prin ſagten die Freunde,„wollen wir Gott nach ſeinernicht reinen Geſetz und Licht verehren; hier wollen wir ei Qnä unſchuldvolles Leben auf einer jungfräulichen elyſäiſche Erde führen.“ Die Quäcker ſchloſſen einen feſten Bumin de mit der ſchwediſchen Kolonie und Schweden hatteauft Sitz und Stimme in W. Penn's Rathsverſammlung im K Philadelphia ſollte ſpäter der Geburtsort de daß Selbſtſtändigkeit Amerika's und desjenigen Actes werzen 2 den, welcher dieſelbe vor der ganzen Welt erklärte un Und all die verſchiedenen Staaten der Union im Namen daoder höheren Menſchlichkeit vereinigte; daran dachten di ande Freunde damals nicht. heit. ckerle Trop tes ——— brent von „Fre licher ₰ om be Dieß, mein Herzchen, habe ich theils aus Büchern, dſchaß theils aus mir ſelbſt, oder aus meinen eigenen Be⸗ eſchle obachtungen und Gedanken für Dich aufgezeichnet. tſchre Denn dieſe Epiſode in der Geſchichte der Menſchheit igt un ſpricht mich in hohem Grade an und ich ſehe die Spu⸗ ren ihres Lebens noch ganz friſch um mich her. Wer Betrachte ich das Quäckerweſen an und für ſich, den ſo iſt es mir klar, daß es dieſelbe Lehre iſt, für welche ren di Socrates ſtarb, Luther lebte und der große Guſtav „Men Adolph kämpfte, ſiegte und den Heldentod ſtarb,— das Recht der Gedankenfreiheit im Glauben an Got⸗ ill untes Licht und Stimme in der Menſchenſeele. Daß n, midieſes Princip in Georg Fox aus dem Volksherzen gneten ſelbſt auftaucht und ſich zum Princip für das Volk, die i a Kirche und den Staat macht, das iſt das Eigenthüm⸗ erFretliche an der Quäckerei und der volle Durchbruch des „Hier, Princips im Staatsleben. Neu iſt es nicht und auch ſeinenicht ausreichend in der Einſeitigkeit, womit die wir ei Qnäcker es auffaßten. ſäiſche Wie? wenn das innere Licht einen finſtern Willen n Bumin der Menſchenſeele beleuchtet? wenn die innere Stimme hatte auf den Widerſtand eines gemeinen oder böſen Triebes mlung im Herzen ſtößt? Die Quäcker haben die alte Sage, ort edaß ſich in jedem Menſchenherzen ein Tropfen ſchwar⸗ es werzen Blutes vorfinde, vergeſſen oder nicht beherzigt. rte un Und um das Herz rein zu machen, dazu hilft das Licht nen daoder die mahnende Stimme nicht, ſondern nur ein te diandere Trofen Bluts von göttlicher Kraft und Rein⸗ heit. Die Quäcker können in den Myſterien des Quä⸗ ckerlebens Beweiſe genug für das Daſein des ſchwarzen Tropfens ſelbſt bei den Kindern des inneren Lich⸗ tes finden, vielleicht keine blutigen Beweiſe, keine brennenden Scheiterhaufen; aber düſtere Geſchichten von zähen, trüben, lichtſcheuen, bittern Fehden unter „Freunden“, von heimlicher Bedrückung, von heim⸗ lichen langen Quälereien, unverſöhnlichem Groll und ————————————— — 30 all dieſen grauen Teufeln, die mich überall, wo ich ſie das Geſellſchaftsleben verbittern ſehe, an die alte nor⸗ diſche Hölle mit ihren zähen giftigen Strömen, ih⸗ ren beinloſen Kobolden, ihren regenvollen Wolken, ihren giftträufelnden Schlangen u. ſ. w. erin⸗ nern. Aber die Quäckerei ſah bei ihrer Entſtehung dieſes nicht und vielleicht hatte ſie es nicht. Der Enthuſiasmus für eine ſchöne Idee verwandelt die Seele in einen Frühlingsmorgen mit klarem Himmel und reinſter Luft voll von Vogelgeſang und Blumen⸗ düften. Die Wolken kommen ſpäter an den Tag. Die Quäckerei in ihrer erſten Morgenfriſche war ſelbſt eine reine ungetrübte Fluth aus reinen Quellen und taufte die Welt neu mit den reinigenden Waſſern der Wahr⸗ heit zum Glauben an die Stimme und Macht der Wahrheit. Dieß war, dieß iſt ihr gutes Werk in der Menſchheit. Und ihr Weckerruf hat Millionen Seelen mit reinigender Kraft durchdrungen. Waldo Emerſon iſt im Glauben an die Macht des inneren Lichtes und der Wahrheit ein Quäcker. Daß die Quäcker glaubten, der Menſch habe in ſeinem eigenen inneren Lichte an ſeiner eigenen Kraft genug, um die Vollkommenheit zu erreichen, das war ihr Irrthum und iſt es noch heute. Darum machen ſie zu wenig aus dem Gebet, zu wenig aus dem Nacht⸗ mahl, zu wenig aus den Mitteln, welche der allgütige Vater ſeinen Kindern gegeben hat, um ſie mit ſich und ſich mit ihnen in Verbindung ſetzen, um ihnen ſein Leben mittheilen zu können, Mittel, die man deßhalb mit großem Recht Gnadenmittel genannt hat. Darum fehlt es ihnen auch an der Zuverſicht und Freiheit, womit ein Kind Gottes ſich im ganzen Kreis ſeiner Schöpfungen bewegt und Nichts als unrein und ſchäd⸗ lich betrachtet, wenn es nur mit reinem und dankbarem Gemüthe genoſſen wird. Sie ſehen mit mißtrauiſchen Blicken auf alle freie Schönheit und Kunſt, und ſie ie T⸗ h⸗ n, U⸗ ug er die nel n Die ine fte hr⸗ der der len ſon und in raft war n ſie acht⸗ ütige ſich ſein zhalb arum iheit, ſein er ſchäd⸗ arem iſchen nd ſie 31 haben eine gewiſſe Scheu vor offener Freude; ja, ſie beargwöhnen ſelbſt die Schönheit der Natur, und es fehlt ihnen an dem univerſellen Sinn, der den Scan⸗ dinaviern angehört(obſchon er ſich zuweilen ein Bis⸗ chen mit ihnen verläuft), und der Deinen etwas excen⸗ triſchen Bekannten L—g. zu dem Ausſpruch veranlaßte: „Man ſolle in Gott eſſen, man ſolle in Gott ſpielen und ſingen, ja man ſolle in Gott tanzen! Aber Friede mit dem Quäckerthum! Es hat ſeine Sendung vollendet und die Fackel des Lichts eine Zeit⸗ lang den Menſchen vorgetragen auf ihrem Weg„aus dem Dunkel durch die Schatten zum Licht.“ Es hat ſeine Zeit gehabt. Dieſe iſt in Bezug auf die frühere Macht der Secte vorüber. Aber ihr Einfluß lebt in der neuen Welt noch fort und macht ſich geltend, be⸗ ſonders als Princip ſtrenger Rechtlichkeit und allgemei⸗ ner Menſchenliebe, und auch mit dieſem dürfte er ſich bei den Völkern der ueuen Welt noch eine ueue Bahn brechen. Die Lehre des inneren Lichtes ſtirbt nicht, ſondern üüt zur Vereinigung mit einem anderen höheren Lichte. Sie hat beſonders in ihrer bürgerlichen Gleich⸗ ſtellung der Männer und Weiber einen reichen Samen, der in einem größern Kreiſe Keime treiben muß. Wie ungefährlich dieſe Gleichheit iſt und wie wenig äußere Veränderungen ſie im Staat hervorruft, hat der Quäckerſtaat factiſch bewieſen. Mann und Weib haben da gleiche Rechte und üben ſie auf die gleiche Art aus. Aber ſie ſind da ihren Naturen gleich geblieben. Das Weib hat ſich mehr dem Hausweſen zugethan, der Mann hat ſich mehr mit den Angelegenheiten der Ge⸗ ſellſchaft beſchäftigt. Die Weiber ſind gleich weib⸗ lich geblieben, aber dabei in Bezug auf Charakter be⸗ deutender geworden. Das Verhältniß zwiſchen den Geſchlechtern zeigt ſich in dem Beſten was es hatte 32 unverändert, aber in Bezug auf ſeine ſchlimmeren Par⸗ tieen beſſer und höher. Das heilige Experiment zeigt ſich hierin als vollkommen geglückt und mußte ein noch großartigeres Experiment veranlaſſen. Die gegenwärtige jüngere Quäckergeneration ſchließt ſich in Dichtkunſt und Muſik immer mehr an die Welt an, und beginnt ihrer alten blauen und blaßgelben Tracht durch die eine und andere hellere Farbe einige Heiterkeit zu geben. Die Veränderung in den Gemü⸗ thern iſt vorbereitet. Die Welt iſt durch die Reinheit der Quäcker geläutert worden. Die unſchuldige Freude und Schönheit der Welt beginnt ſich zu ihnen Bahn zu brechen. Ein junges Mädchen von einer Quäcker⸗ familie unter meinen hieſigen Bekannten trug hellrothe Bänder und eine ſchönere Hutform als die bei der Secte gebräuchliche, und ihre Mutter machte ihr Vor⸗ würfe, daß ſie mehr daran denke den Menſchen zu ge⸗ fallen als Gott.„Ach Mutter,“ antwortete ſie,„Er hat die Blumen und den Regenbogen gemacht!“ Die Beſchränktheit der Quäckerſecte iſt gebrochen. Und gleichwohl iſt ſie ſo eigenthümlich und ſo ſchön in ihren einfachen milden äußern Formen, daß ich bange um ſie bin und ſie um Vieles nicht vermiſſen möchte. Mir gefällt ihr Du, ihre Verſammlungen, ihre Tracht, beſonders die Tracht der Weiber in ihrer thau⸗ artig keuſchen Reinheit und Feinheit. Und unter dieſer Tracht wandelt noch manche edle Seele im Schein des inneren Lichtes, verklärt von der chriſtlichen Offenba⸗ rung, für ſich und Andere daraus Orakel ſchöpfend, wel⸗ che das zerſtreute Auge und Ohr der Welt nicht wahr⸗ nimmt. Und Dichter wie Whittier, Rednerinnen wie Lukretia Mott beweiſen, daß der Geiſt mit ſeinen rei⸗ chen Gaben noch immer über der Gemeinde der Freunde ruht. In neuerer Zeit haben ſich die Quäcker in den Ver⸗ einigten Staaten in zwei Secten zerſplittert und ſich zeigt noch hließt Welt een einige emü⸗ inheit reude Bahn äcker⸗ lrothe i der Vor⸗ ge⸗ „Er ochen. ſchön ß ich miſſen „ ihre thau⸗ dieſer in des fenba⸗ ,wel⸗ wahr⸗ n wie n rei⸗ reunde n Ver⸗ id ſich 33 juſt nicht mit den freundlichſten Gefühlen in verſchiedene Geſellſchaften abgeſondert. Die ſogenannten Hickſiten haben ſich von den Orthodoren getrennt. Die Letzteren ſchließen ſich wie früher ſo ziemlich an das Glaubens⸗ bekenntniß der Trinitarier an, die erſteren nähern ſich mehr dem unitariſchen. Den 27. Juli. Geſtern wohnte ich einem Meeting der ortho⸗ doxen Quäcker an. In einem großen hellen Saal ohne Verzierungen waren etwa 200 Perſonen verſammelt, die Männer auf der einen, die Frauenzimmer auf der andern Seite, und unter dieſen eine Menge Kinder; da ſaß jetzt Alles auf Bänken und ſah ſchweigend ge⸗ rade vor ſich hin; ich dagegen ſah mich in aller Stille genau ringsum. Es war ein ſehr heißer Tag und die Schweigſamkeit und Unbeweglichkeit in der Ver⸗ ſammlung war mir drückend, und ich dachte beſtändig: „Wird nicht der Geiſt irgend Jemand in der Verſamm⸗ lung rühren?“ Aber nein, der Geiſt rührte Niemand. Ein alter Herr huſtete und ich nießte, und das Laub auf den Bäumen bewegte ſich matt vor den Fenſtern. Dieß war die einzige Bewegung, die ich vernahm. Die Weiber, als ſie ſo daſaßen mit ihren grauen Hüten, ſämmtlich von Einer Farbe und Form, umgekehrten Nachen mit flachen Böden gleich, gefielen mir weniger als gewöhnlich. Aber in manchem Geſicht bemerkte ich dennoch Augen und einen Ausdruck, der ſichtlich vom tiefen Eindringen des Geiſtes zeugte, obſchon ich in dieſer Tiefe Licht vermißte. Und die Kinder, die armen kleinen Kinder, die gezwungen waren, ſtill und wach dazuſitzen, ohne Beſchäftigung und ohne Gegenſtand für ihre kindliche Aufmerkſamkeit, was konnten ſie anders denken als:„Ach, wie iſt das ſo langweilig! möchte es Bremerß die Heimath in der neuen Welt. I. 3 . 34 doch bald aufhören!“ So dachte auch ich, die ich mich nicht gut in einen Gegenſtand hineindenken oder vertiefen kann, außer wenn ich gehe. So ſaßen wir gewiß eine Stunde lang ſtill in der Hitze da, bis endlich auf der Emporkirche zwei der Aelteſten ſich erhoben und einan⸗ der die Hand reichten, was das Signal zum allgemei⸗ nen Aufbruch war. Und ich war glücklich, ins Freie hinaus zu kommen. Am Sonntag werde ich die Ver⸗ ſammlung der trinitariſchen Quäcker beſuchen. Will ſehen, ob der Geiſt da lebendiger iſt. Hier war er vielleicht tief, aber er blieb in der Tiefe und kam nicht ans Tageslicht hervor. Als Disciplin können dieſe ſtillen Verſammlungen jedenfalls vortrefflich ſein. Der undisciplinirten Verſammlungen, wo ohne beſtimmtes Ziel und Reſultat hin und her geſchwatzt wird, gibt es genug in der Welt. Sonntag, den 30. Juli. Ja, richtig, der Geiſt war lebendig in der Ver⸗ ſammlung der trinitariſchen Quäcker. Er rührte zuerſt einen Mann, dann ein Weib, und ich hörte den Geiſt aus dem eigentlichen Mittelpunkt des Quäckerbekennt⸗ niſſes ſprechen. Der Mann, deſſen Namen mir jetzt entfallen iſt, ein älterer Herr von lebensvollem und ernſtem Ausſehen, ermahnte feſtzuhalten an der Ehr⸗ lichkeit und Reinheit des Willens und der Ueberzeu⸗ gung. Von ihrem reinen Licht gehe Licht aus über das ganze Leben und ſeine Handlungen. Die Rede war gut, lebhaft, klar und wahr. Aber ich dachte an die Worte:„Der Menſch wird wiedergeboren durch Waſſer und Geiſt.“ Hier war das Waſſer aber weiter Nichts. Es war die menſchliche Reinigung. Vom Geiſt des Himmels, von dem inſpirirenden Leben der Liebe war nicht die Nede. Nachdem der Redner ſich geſetzt und Alle ſchweigend eine Weile dageſeſſen hatten, erhob ſich au ſet un wi i nich fen eine der an⸗ nei⸗ reie Ber⸗ Lill rer icht ieſe Der ntes tes Ber⸗ terſt eiſt unt⸗ jetzt und Fhr⸗ zeu⸗ über Rede an urch eiter Heiſt war und ſich . 35 in ihrer Bank eine kleine hübſche Frau mit reinen Zü⸗ gen und klaren ſchönen Augen. Es war Lucretia Mott. Mit nicht ſtarker, aber ſehr klarer Stimme, mit einer Deutlichkeit der Ausſprache, die kein Wort verloren gehen ließ, ſprach ſie gewiß eine Stunde lang ohne Unter⸗ chun⸗ ohne eh„ohne daß ich einen an⸗ dern Wunſch hegte, als daß ſie fortfahren möchte. So klar und kräftig war ihre Darſtellung des quäckeriſchen Nichtconformitätsprincips, ſo logiſch und vortrefflich Anwendung deſſelben auf die Fragen des practiſchen Lebens in gegenwärtiger Zeit: Streitfragen, welche nach der Rednerin den Frieden, die Sklaverei und die bürgerlichen Rechte des Weibes betrafen. Mit dem größten Vergnügen hörte ich dieſen trefflichen Vortrag, der von dem inneren Leben der Rednerin, von ei⸗ nem friſchen, obſchon gebundenen Feuer durchgeiſtet war. Da war Sit Kraft, Klarheit, Licht. Gleich⸗ wohl fehlte die Wärme der Inſpiration und die Kraft des ewigen Lebens. Das Licht war ein Winterlicht. Ich bin inzwiſchen froh, daß ich eine in ihrer Art vollköm⸗ mene Rednerin gehört habe. Der Saal war ganz voll u n hörte ſie mit ſichtlicher Bewunderung an. Ich abe von ein paar jungen Frauenzimmern erzählen ge⸗ ore, die in dieſen Verſammlungen zueilen ſprechen ſollen. Aber ich bekam ſie nicht zu hören. Dieſe Ver⸗ ſammlung ſchloß wie die erſte damit, daß zwei Aelteſte aufſtanden und einander die Hände reichten. Montag. Heute habe ich zum erſtenmal vollſtändig die ameri⸗ kaniſche Unabhängigkeitserklärung gele⸗ ſen, von welcher die Welt ſo viel gehört hat, und ich und Du ebenfalls Und ich las ſietin demſelben Saale, wo ſie unterzeichnet wurde, und Du mußt ſie hören, d.h. ihren erſten Grundſatz, denn auf dieſem beruhen die Freiheiten und Menſchenrechte in der neuen Welt. 36 Er ſagt:„Wenn es im Verlauf menſchlicher Er⸗ eigniſſe für ein Volk nothwendig wird, die politiſchen Bande aufzulöſen, die es mit einem andern vereinigt hatten, und unter den Mächten der Erde den beſonderen unabhängigen Standpunkt einzunehmen, zu welchem die Natur und die Geſetze des Herrn der Natur es be⸗ rechtigen, ſo erfordert eine geziemende Achtung vor dem Urtheil des Menſchengeſchlechtes, daß es die Ur⸗ ſachen erklärt, die es zu dieſer Handlung veranlaſſen.“ „Wir betrachten folgende Wahrheiten als ſelbſtver⸗ ſtändlich: daß alle Menſchen gleich geſchaffen ſind; daß ſie von ihrem Schöpfer mit gewiſſen unver⸗ äußerlichen Rechten begabt ſind, daß unter dieſe Leben, Freiheit und Streben nach G lück gehören; daß, um dieſe Rechte ſicher zu ſtellen, unter den Menſchen Regierungen feſtgeſtellt ſind, die ihre rechtmäßige Gewalt aus der Einwilligung der Re⸗ gierten ſchöpfen, und wenn irgend eine Regierungsform für dieſe Zwecke ſtörend wird, ſo iſt das Volk berech⸗ tigt, ſie abzuſchütteln und eine neue Regierung einzu⸗ ſetzen, deren Gewalt es in derjenigen Form begründet und organiſirt, die ihm die dienlichſte ſcheint, um ſeine Sicherheit und Wohlfarth zu fördern.“ Hierauf werden in verſchiedeneu Punkten alle Be⸗ ſchwerden aufgezählt, welche die amerikaniſchen Colo⸗ nien gegen die engliſche Regierung haben und wo⸗ durch ſie ſich veranlaßt ſehen, ihre Regierung in die eigenen Hände zu nehmen. Die Colonien, die ſich auf ſolche Art zu einem Staatenbund vereinigten, waren dreizehn an der Zahl. Jefferſon war(wie ich gehört habe, mit Hülfe von Thomas Payne) der Verfaſſer der Schrift, und man merkt ihr auch den Naturverehrer an, aber in dem Werk des Naturverehrers merkt man auch die Leitung einer höheren Vorſehung. Am 4. Juli 1776 wurde die Erklärung im amerikaniſchen Congreß 1.——) en igt en em be⸗ vor Ur⸗ er⸗ nd; e T⸗ ieſe ach len, die Re⸗ orm ech⸗ tzu⸗ ndet eine Be⸗ olo⸗ wo⸗ die auf aren hört der hrer man Juli greß 37 zur Abſtimmung gebracht und angenommen. Sie ent⸗ ſtand in der Morgenſtunde einer neuen Zeit; in einer Zeit großer Gedanken und großer Kämpfe wurde ſie der Welt verkündet. Mitten im brennenden Krieg mit England und als man über den Ausgang deſſelben noch nicht gewiß ſein konnte, wurde ſie verfaßt und unterzeichnet. Am Tag vor einer entſcheidenden Schlacht wurde ſie der republikaniſchen Armee vorgeleſen. So wollte es ihr großer Anführer, General Waſhington. In dem Saal, wo ſie von den Häuptern der Re⸗ volution unterzeichnet wurde, hat man Alles ſo gelaſſen, wie es an jenem Tage war, und der grüne Tiſch ſteht noch da, um welchen die Mitglieder der Regierung ſaßen und auf welchem die Erklärung der Freiheit unterzeichnet wurde. Man hat mir von einem luſtigen Ausdruck erzählt, den Franklin bei dieſer Gelegenheit gebrauchte. Als das Document unterzeichnet werden ſollte, ſchienen einige der Anweſenden unſchlüſſig zu ſein und ſich zurückziehen zu wollen. Da ſfagte eine Stimme:„Meine Herrn, laßt uns jetzt alle zuſammenhängen.“„Ja,“ verſetzte Franklin in ſeiner ſtillen Weiſe,„ſonſt werden wir alle vereinzelt hängen!“ Man lachte und unterzeichnete ſchnell. Dieſe prächtige Erklärung der unveräußerlichen menſchlichen Freiheit und Rechte widerſtreitet noch vie⸗ len Dingen hier zu Lande— wie lange? etzt muß ich Dir etwas von meinen hieſigen Be⸗ kannten und Freunden erzählen. Zuerſt von meinen Wirthsleuten, in deren guter Wohnung ich wie ein Mitglied der Familie lebe. Profeſſor Hart und ſeine Frau ſind ſtille, blaſſe und gottesfürchtige Menſchen, ſehr freundlich und für mich im Umgang höchſt anſpre⸗ chend. Sie beide und ihr zehnjähriger artiger Junge Morgan machen die ganze Haushaltung aus. Hart iſt ein intereſſanter und liebenswürdiger Mann. Ein mil⸗ 38 deres und ſanfteres Weſen, verbunden mit großer Ar⸗ beitskraft und energiſchem Willen, wäre ſchwer zu finden. Dazu kommt ein feiner Humor und ein milder, aber eigenthümlich durchdringender Blick. Er beſitzt ein un⸗ gewöhnliches Organiſationstalent in Allem, was er unternimmt, und iſt ausgezeichnet als Lehrer und Vor⸗ ſtand einer höheren Schule in Philadelphia, die 500 Jungen zählt. Er iſt auch Redacteur eines ſehr gele⸗ ſenen literariſchen Magazins(Sartaines Magazine), und findet noch zu manchen andern Dingen Zeit, weil er jede Stunde genau in Acht nimmt und Alles zu der Stunde thut, wo es gethan werden ſoll. Darum bringt er vieles zu Stande und ſcheint niemals in Eile oder ſehr geſchäftig zu ſein. Morgens geht er ge⸗ wöhnlich auf den Markt und kauft das Nöthige für die Haushaltung; eine hübſche Magd begleitet ihn um ſeine Aufkäufe heimzutragen. Neulich ging ich einmal mit ihm um den durch ſeinen Reichthum berühmten Markt von Philadelphia zu ſehen. Und während wir durch das Volksgewimmel in dem bedeckten Gange wan⸗ delten, wo die Buden mit allen Bedürfniſſen und Lecker⸗ viſſen des Tiſches ſich befinden(die Fleiſchbuden, die Fiſchbuden, die Gemüſebuden, die Obſtbuden neh⸗ men jede ihre beſondere Abtheilung in dem langen Brettergange ein, der in einer breiten Straße ſteht), ſah ich meinen Begleiter von Zeit zu Zeit etwas auf ein Papierchen zeichnen, das er in der Hand hielt. Ich dachte, er ſchreibe die Preiſe der Waaren auf, die er eingekauft habe, und ſo war es auch. Aber dabei war auch eine Note für mich, die meine Pläne und Unter⸗ nehmungen für den Tag enthielt, was ich ſehen und beſuchen ſollte, ſowie noch viele andere Dinge, worüber er mir gewöhnlich jeden Morgen eine Ueberſicht gibt. Heute ſagte er zu einer Fleiſchhändlerin:„Heute, meine gute Frau, erbitte ich mir von Ihnen ein Paar recht fette Hühner, denn ich will dieſes kleine Frauenzimmer da 1 * 39 (a little woman here) tractiren.“ Und die freundliche Frau nickte, ſuchte ein Paar prächtige Hühner aus und verehrte mir einen großen Blumenſtrauß. Ich mußte den Markt wegen ſeines Reichthums bewundern. Trotz der Menge der Eßwaaren und der Hitze verſpürte man durchaus Nichts von einer böſen Luft. Um halb 9 Uhr frühſtücken wir in aller Ruhe und Gemüthlichkeit mit einander, und um 9 geht Hart zu ſeinen 500 Jungen, denen er mit großer Liebe zugethan ſcheint. Abends nach 10 beſchäftigt er ſich mit der Redaction und Cor⸗ rectur von Artikeln für das Magazin und arbeitet bis um Mitternacht. Zeit für ſeine Familie und jetzt für mich und das Geſellſchaftsleben ſindet er gleichwohl. Ich bewundere wirklich die ſtille Arbeitskraft und die RKunſt für Alles Zeit zu finden, die dieſer Mann beſitzt. Zu meinen angenehmſten Bekanntſchaften hier ge⸗ hört die Familie des däniſchen Geſchäftsträgers Bille. Die Töchter des Hauſes ſind anßerordentlich anmuthige, ſeelenvolle, lebhafte junge Mädchen. Es macht mir ſo viel Vergnügen mit ihnen die Sprache meiner Heimath reden und von Dänemark und guten Freunden allda plau⸗ dern zu können. Oehlenſchlägers Tod war für mich eine überraſchende Nachricht. Er ſah ſo geſund und lebens⸗ kräftig aus, als ich vor einem Jahr auf ſeinem Land⸗ ſitz bei ihm war, und er war damals liebenswürdiger als je gegen mich, brachte auch einen Toaſt auf das Glück meiner Reiſe in die neue Welt, wozu ich mich kaum erſt entſchloſſen hatte, aus. Eines der Fräulein Bille las das Stück vor, das er ſich als Todesvorbe⸗ reitung hatte vorleſen laſſen, nämlich einen von Oehlen⸗ ſchläger ſelbſt geſchriebenen Monolog von Socrates in der Todesſtunde Er war in reinem ſtoiſchem Geiſt abgefaßt. Aber wie wunderlich ſich in ſolcher Stunde ſeine eigenen Verſe vorleſen zu laſſen! Beſſer dachte unſer Erzbiſchof Wallin, der, als man an ſeinem Todtenbett einen ſeiner eigenen ſchönen Pſalmen vorzu⸗ 40 leſen anfing, den Leſer unterbrach mit den Worten: „Ach nein, nein, das jetzt nicht!“ Und er fand erſt dann Ruhe, als man ihm aus dem Evangelium Jo⸗ hannis vorlas. Aber ich wollte von meinen Bekannten hier ſprechen. Zu meinen guten Freunden zähle ich auch ein Quäckerpaar, aber von der etwas verweltlichten Quäcker⸗ ſorte, Mr. und Mrs. Eliſa Townſend, angenehme und vermögliche Leute, die mir viel Güte erzehgen und mich in ihrem Wagen oft außer und innerhalb der Stadt ſpazieren führen. Mr. Townſends elterliches Haus, eine ſtrenge Quäckerfamilie, intereſſirt mich be⸗ ſonders durch ein junges Mädchen, das mir vorher ein recht liebenswürdiges Briefchen geſchrieben. Ich wußte, daß ſie in Folge einer Rückenmarkskrankheit ſehr ſchwach und ſeit mehreren Jahren bettlägerig war. Als ich in ihr Zimmer geführt wurde, ſah ich auf einem Bett in weißem Kieid mit breiten plaſtiſchen Falten ein Weſen liegen— ich ſage Dir, ich habe nie etwas ſo engelähnliches geſehen. Aus dem ſchönen engelreinen Geſicht ſtrahlte ein großes Augenpaar mit wahrhaft überirdiſcher Klarheit. Sie machte keine Be⸗ wegung, um den Kopf zu erheben, als ich mich über ſie hinbengte, aber ſie ſchlang ſtill ihre Arme um mei⸗ nen Hals. Das Geſicht des einnehmenden Mädchens — ſie heißt Marie— trug keine Spur der Kränklich⸗ keit und Rervenſchwäche, deren Raub ſie iſt, und die ſie mit wahrer Lammsgeduld erträgt. Auch wird ihr geiſtiges Leben dadurch nicht gehemmt. Gott hat ihrem Geiſt Schwingen gegeben, und das körperlich gebun⸗ dene Mädchen hat von ihrem Krankenbett aus ſinn⸗ reiche Lehren in die Welt hinausgeſandt, wozu ſie durch ihre Beobachtungen des Sinnreichen im Leben der Na⸗ turwelt befähigt wurde. Ihr Büchlein für die Kinder und Jugend„Leben in der Inſektenwelt“ iſt mir ein willkommenes Geſchenk, —— * en in r⸗ me nd er es be⸗ er eit ar. uf en be en mit Be⸗ ber tei⸗ ens ich⸗ die ihr rem un⸗ nn⸗ uch Na⸗ ben enk, 41 auch darum, weil es mir ein junges Mädchen zeigt, welches ſich demjenigen Zweig der Naturwiſſenſchaften widmet, wozu ich oft, aber meines Wiſſens ohne Erfolg, junge Frauenzimmer aufgefordert habe, nämlich dem Biogra⸗ phiſchen in Bezug auf Thiere und Pflanzen. Der De⸗ tailſinn, der Blick für die kleine Welt, welcher den Frauen⸗ zimmern eigen iſt, nebſt dem pvetiſchen Sinn, der an das Geiſtige, das Univerſelle anknüpft und in Allem ein Symbol, eine gedankenreiche Bedeutung entdecken kann, ſind Naturgaben, die eigentlich dieſem Theil der Wiſſenſchaft gewidmet zu ſein ſcheinen und ihn berei⸗ chern müſſen, während ihre Anwendung die forſchende Seele in ihrem täglichen Leben reicher macht. Marie Townſend hat ihren Gegenſtand in dieſer poetiſchen und biographiſchen Richtung behandelt und in ihrer Arbeit die Geſchichte der Metamorphoſen der Inſekten gegeben. Das Büchlein iſt mit Kupferſtichen geſchmückt, worin man verſchiedene Inſektenarten in verſchiedeuen Stadien ihres Lebens ſieht, beſonders in demjenigen, wo ſie ihre Puppen ſprengen und ihre Schwingen in dem freien Raum entwickeln. Kein Wunder, wenn dieſer ſchöne Menſchengeiſt, der hart in ſeine irdiſche Puppe gefeſſelt iſt, für dieſen Augenblick der Verwandlung eine ausnehmende Vor⸗ liebe empfunden hat. Marie Townſend und eine jüngere Schweſter, die ebenfalls wohlbegabt, aber auch kränklich(doch nicht wie Marie) und durch die innigſte Liebe mit ihr vereinigt iſt, beſchäftigen ſich jetzt mit Abfaſſung einer Reimchronik von Englands Geſchichte als Gedächtnißaufgabe für Kinder. Und ſo umſchließt dieſes gemüthliche Quäckerhaus ein reiches poetiſches Leben und in dieſem ein Weſen, das beinahe bereits ein Engel iſt und nur noch auf ſeine Verwandlung wartet, um es vollſtändig zu werden. Die Eltern ſind ein klaſſiſches altes Quäckerpaar. Der Greis läßt ſein vornehmſtes Geſchäft und ſeine 42 gitt Freude darin beſtehen, daß er ſeine Töchter pflegt. Bei Lucretia Mott bin ich zu einem Mittagsmahle geweſen, wobei ſie alle ihre Kinder und Kindeskinder, eine ſchöne blühende Schaar, um ſich verſammelt hatte. Sie intereſſirt mich ohne mich anzuziehen. Ihr Mann Mr. Mott iſt ein kräftiger alter Herr, der ſeinen Platz wohl zu vertheidigen ſcheint, aber vor dem Publikum durch die Glorie ſeiner Frau verdunkelt wird. Man behauptet, er ſei damit wohl zufrieden. Und dieß ge⸗ reicht ihm zur Ehre. Neulich wurde bei einer öffentlichen Vorleſung, die ein ausgezeichneter Literat Mr. Dana über Shakes ſpeare hielt, Desdemona als Ideal der Weiblichkeit für alle Zeiten, das kein höheres über ſich habe, dargeſtellt. Rach der Vorleſung erhob ſich Lucretia Mott und ſagte: Freund Dana! ich halte dafür, daß Du in Deiner Darſtellung deſſen, was das Weib ſein ſoll, Unrecht haſt, und ich will es zu beweiſen ſuchen.“ Sie erſuchte alſo die Verſammlung an einem gewiſſen Tag in dieſem Zimmer zuſammenzukommen. Die Verſammlung er⸗ mangelte nicht, ſich einzuſtellen, und Lucretia hielt einen trefftichen Vortrag, durchdrungen von der Liebe zur Wahrheit und Ehrlichkeit, welche der Liebesgrund der Quäckerſecte iſt. Lucretia iſt eine prächtige Frau und Rednerin, und würde noch prächtiger ſein, wenn ſie auch ein wenig auf die Reden und Gedanken Anderer hörte, beſonders in der Sklavenfrage; aber das thut ſie nicht. Unter den Perſonen, die mir hier ihre Wohnung angeboten haben, befindet ſich die Frau des brittiſchen Conſuls, Mrs. S. Peter. Ich beſuchte ſie um ihr zu danken, und fand eine warmherzige lebhafte Dame, die ſich mit ganz beſonderem Eifer die Entwicklung ihres Geſchlechts zu einem unabhängigeren ſowohl leiblichen als geiſtigen Leben angelegen ſein läßt. Sie hatte in * 8 n u 43 ihrem Hauſe eine Zeichnungsſchule für arme junge Mädchen eingerichtet, wo ſie zeichnen, Muſter anferti⸗ gen, Holzſchnitte machen und dergl. Dinge lernen, und ſie zeigte mir verſchiedene ſchöne Arbeiten dieſer Kinder. Andere gute Anſtalten für Frauenzimmer hatte ſie ebenfalls zu Stande zu bringen geſucht. Aber ſie war verdrießlich über die Theilnahmsloſigkeit, wo⸗ rauf ſie beſonders von Seiten der Frauenzimmer ſtieß. Sie ſagte:„Dieſe Damen wollen ihrem Geſchlecht nicht zur Seite ſtehen.“ Sie meinte, ſo wie die Welt jetzt ſtehe, könnte man allen neugebornen Mädchen keinen größeren Dienſt erweiſen, als wenn man ſie ins Waſſer werfe. Ich lächelte über dieſen ſonderbaren Liebesbe⸗ weis, konnte aber der warmherzigen Frau nicht ſo ganz Unrecht geben; nämlich wenn die Welt in dieſem Punkte nicht gerechter und aufgeklärter werden ſollte als ſie es jetzt iſt. Aber in Amerika ſcheint man mir wenig Urſache zu haben, daran zu zweifeln, und folglich ganz und gar keinen Grund, kleine Mädchen zu er⸗ tränken. Ich habe hier blos Abends Beſuche angenommen, aber eine ganze Menge Leute geſehen, von denen mich Mehrere intereſſirten. Geſtern ſchenkten mir einige anmuthsvolle junge Mädchen einen friſch ausgeſchlagenen Rieſencactus von der Art, wie er blos alle 30 Jahre blüht. Man kann ſich keine herrlichere Schöpfung des Sonnenlichtes denken. Die Sonne hat in dieſer Blume ſich ſelbſt abſpiegeln wollen. Hier erhielt ich Deinen Maibrief, meine Agatha. Schön, daß Ihr endlich ein bischen Frühlingswetter in Stockholm habt und daß ihr beide, Mama und Du, ge⸗ ſund ſeid. Als Du davon ſagteſt, ob wir wohl in Marſtrand zuſammentreffen würden, wandelte mich juſt eine kleine Verſuchung an einzupacken und auf und da⸗ von zu gehen. Aber es wäre eine Thorheit von mir, mein liebes Herzchen, jetzt nach halbverrichteter Arbeit, 44 nachdem ich ſo viel gewagt, aber auch ſo viel gelitten, um ſie ausführen zu können, nach Haus reiſen zu wollen. Ich fühle, daß mein Leben und meine Er⸗ fahrnngen von ſo großer Wichtigkeit für mich ſind, und ich meine ſo deutlich die Hand einer leitenden Vor⸗ ſehung in dieſer meiner Reiſe zu erblicken, daß ich es zu beklagen und zu bereuen hätte, wenn ich ſie ohne unbedingte Nothwendigkeit unterbrechen oder abkürzen ſollte. Ich muß ſehr wünſchen, daß ich noch einen Winter auf dieſer Seite des Oceans bleiben kann. Im nächſten Juli könnte ich dann nach Hauſe kommen, und dann wollen wir zuſammen fortfahren und die Mai⸗ ſtange in Marſtrand aufrichten. Trotz der ſtarken Hitze, die jetzt herrſcht, fühle ich mich immer mehr acelimatiſirt und kann mich weit beſſer als bisher über das beſinnen und klar machen, was ich hier zu Lande ſehe und erfahre. Du fragſt über die Stellung der Frauenzimmer im Schulweſen. Ja, darüber hätte ich Dir viel zu ſagen und habe Dir auch ſchon Einiges geſagt. Denn ihre Stellung hier iſt unzweifelhaft eine der ſchönſten Seiten der neuen Welt. Man ſieht immer allgemeiner ein, daß die Frauenzimmer die beſten Lehrerinnen der Kindheit und Jugend ſind, und ſie werden in großen und kleinen Schulen, auch für Knaben bis ins drei⸗ zehnte oder vierzehnte Jahr, zuweilen auch noch länger als ſolche verwendet. Ich habe mit jungen Frauen⸗ zimmern geſprochen, welche Lehrerinnen von ſiebzehn⸗ bis achtzehnjährigen Jünglingen waren, und ſie ſagten, ſie haben von ihnen nie etwas Anderes als Aufmerk⸗ ſamkeit und Achtung erfahren. Es iſt wahr, daß dieſe jungen Mädchen in ihrem ganzen Weſen ausgezeichnet edel und ladygleich ſind. Die Lehrerinnen ſind bei Weitem nicht ſo gut belohnt, wie die Lehrer. Aber man ſieht die Ungerechtigkeit dieſes Verhältniſſes ein, da die Geſundheit der Weiber durch dieſe beharrliche 45 Arbeit mehr leidet, als die der Männer, ſo daß ſie nicht ſo lang dabei auszuharren vermögen. Man hofft auch dieſer unbilligen Theilung abhelfen zu können, ſobald die Frauenzimmer mehr Mittel finden, ſich etwas zu verdienen. Und ſolche Mittel und Wege beginnen ſich immer mehr zu eröffnen. Cine ausgezeichnete junge Dame hier in der Stadt hat in dieſer Beziehung als Aerztin Bahn für ihr Geſchlecht gebrochen, ſie hat ſich im Kampf mit unendlichen Schwierigkeiten und Vor⸗ urtheilen(auch hier in dieſem freien Lande!) ſo ent⸗ ſchloſſen gezeigt und durch ihr Talent einen ſo glänzen⸗ den Sieg davon getragen, daß man jetzt im Begriff ſteht, ein mediciniſches Collegium für Frauenzimmer zu bilden, wo ſie ſtudiren und doctoriren können. Das freut mich unendlich. Wie nützlich werden nicht dieſe Aerztinnen für ihr eigenes Geſchlecht und für die Pflege der Kinder werden, namentlich bei ihren vielen beſondern Krankheiten, für deren Behandlung die Frauenzimmer ein beſonderes Talent zu haben ſcheinen! Was induſtrielle Geſchäfte betrifft, ſo glaube ich, daß die Erziehung der Frauenzimmer auch hier be⸗ deutend vernachläſſigt wird. Sie ſollten weit allge⸗ meiner, als es bis jetzt der Fall iſt, in der Buchfüh⸗ rung unterrichtet werden. In Frankteich ſind die Frauenzimmer in dieſer Beziehung viel weiter gekom⸗ men als hier. Und hier, wo zwei Drittel der Bevöl⸗ kerung Handel treiben, wäre es von großer Wichtigkeit, wenn die Frauenzimmer das Rechnungsweſen beſorgen könnten. Gegenwärtig beſteht ihr vornehmſtes Amt außer dem Hauſe im Unterricht der Jugend. Ich ſah dieſer Tage ein Mädchen von etwa zwanzig Jahren einer Klaſſe von Jünglingen, unter denen ſich Einige von mehr als zwanzig befanden, Declamationsunterricht ertheilen. Sie beſaß ein ausgezeichnetes Talent für dieſe Kunſt, und die Jünglinge nahmen ihre Berichtigungen 46 wie gute Kinder hin. Sie hatten aus freiem Antrieb dieſe Klaſſe gebildet, um von ihr zu lernen. Jetzt werde ich bald die freundliche Stadt der Freunde verlaſſen, um nach Waſhington zu fahren, wo der Congreß gegenwärtig beiſammen iſt und der bren⸗ nende Kampf wegen Californiens und der Sklaverei bereits begonnen hat. Philadelphia kennſt Du aus Reiſebeſchreibungen für ſeine Regeimäßigkeit und Ordnung. Es hat darin den Quäckercharakter, und iſt eine ſtille Stadt im Ver⸗ gleich mit New⸗York; es beſitzt keine Paläſte und aus⸗ gezeichnete Gebäude, iſt aber im Allgemeinen gut ge⸗ baut und hat ſchöne breite Straßen, die mit Bäumen bepflauzt ſind, und hinter dieſen breite Seitengänge und eine Menge prächtige Privathäuſer mit marmornen Treppen und Thoren, beſonders in den faſhionablen Straßen. In jedem der Stadtviertel iſt ein großer grüner Markt, mit Bäumen bepflanzt wie ein Park⸗, und es iſt recht gemüthlich, da herum zu ſpazieren und zu ſitzen. Unter dieſer Oberfläche von Ordnung, Rein⸗ lichkeit und Regelmäßigkeit ſoll ſich indeß eine bedeutende Doſis Unregelmäßigkeit befinden, und unter den min⸗ der civiliſirten Theilen der Bevölkerung, wie auch unter den gröbern Arbeitern und den freien Negern, meiſt geflüchteten Sclaven, die zum Theil ſehr unordentlich leben, kommen nicht ſelten Streitigkeiten und Schläge⸗ reien vor. Ein Theil der männlichen Jugend in der Quäckerſtadt ſcheint gewiſſe gährende Getränke in Flaſchen, welche den Kork in die Höhe treiben oder die Buteille zerſpringen, wenn es ihnen darin zu enge wird, ſehr zu lieben. Ich ſage davon blos das, was man mir erzählt hat, und ich finde es natürlich. Hätte man meinen Geiſt in eine ſtrenge Quäkerform eingeſperrt, ſo wäre ich entweder eine heilige Thereſe oder verrückt geworden, oder— ich wage gar nicht zu ſagen, was. n in r⸗ 5 0* en ge en en zer rk, nd in⸗ ide in⸗ ter eiſt lich ge⸗ der in der nge was ich. orm reſe t zu 47 Mit der liebenswürdigen Familie Bille habe ich den ſchönen Kirchhof Philadelphias, genannt Lorbeer⸗ hügel, am Ufer des Schuykill beſucht,(letzteren Namen will man hier aus der ſcandinaviſchen Zeit und dem däniſchen„ſtjulte Kilder“, verborgene Quellen, ab⸗ leiten), und mit Townſends habe ich einige der ſchö⸗ neren Umgebungen der Stadt geſehen, worunter auch die pittoresken Felſenufer des Schuykill. Das Land iſt überall ſehr fruchtbar. Man ſieht indianiſches Korn (Mais) und Waizenäcker nebſt ſchönen Wieſen. Alles zeugt von Eultur und Fleiß. Kaſtanien, Wallnußbäume, Eſchen, mehrere Eichenarten, Ulmen, Ahorne und Lin⸗ den ſind die gewöhnlichen Baumgattungen. Man ſieht auch häufig die kleine ſchöne Virginiafichte, ein pyra⸗ midenförmiges, dunkles, dichtnadliges Bäumchen, nebſt vielen ſchönen Buſcharten. Ganze Parke von Obſt⸗ bäumen, meiſt Pfirſichbäumen, ſchmücken die Felder. Das Land um Philadelphia iſt hübſch. Eine ſchöne Abwechslung von Höhen und Thälern, eine idylliſche Natur. Die Bäume ſind groß und laubreich. Aber es kommen hier keine Bäume auf, die ſich mit der Magnolia und der Lebenseiche des Südens vergleichen ließen. Die Tulpenblume habe ich auch hier geſehen. Pennſylvanien wird der Sta atenſchlüſſel genannt wie ich glaube, ſchon von alten Zeiten her, wegen ſei⸗ ner centralen Lage unter den erſten Unionsſtaaten. In Bezug auf Bevölkerung und Wohlſtand gilt Pennſyl⸗ vanien für den zweiten Staat in der Union. Es hat in der Erde ungeheure Kohlenlager und in den inneren Theilen des Landes große Naturſchönheiten. Der Susquehannafluß und das Wyomingthal ſind durch ihre romantiſche Schönheit berühmt. In Bezug auf Größe und Bevölkerung kommt Philadelphia zunächſt nach New⸗York. New⸗York hat 700,000 Einwohner, Philadelphia ungefähr 300,000, und die Unordnnngen in der Stadt dürften wohl großentheils von der ſtark 48 zunehmenden Volksmenge herrühren, mit welcher das Erziehungsweſen bisher nicht gleichen Schritt halten fonnte. Aber nach dem Beiſpiel des Pilgerſtaates in neuerer Zeit hat auch der Quäckerſtaat ſich bedeutend angeſtrengt, ſein Schulſyſtem gleich dem von Maſſa⸗ chuſetts organiſirt, und ſchmeichelt ſich ſogar, wie ich höre, es zu übertreffen. Ob mit Recht, weiß ich nicht. Und jetzt lebe wohl, Philadelphia! Berzfalt iſt nach Schweden zurückgereiſt; am 26. Juni ſollte er von Boſton aus an Bord gehen. Er iſt in Philadelpbia tödtlich an einer Lungenent⸗ zündung erkrankt, aber durch homöopathiſche Behand⸗ lung gerettet worden. Während ſeiner Krankheit und Reconvaleſcenz hat er Einiges von dem überfließenden Herzen dieſes Volkes erfahren, welches für den Leiden⸗ den Alles thut und keine Grenze ſeines Wohlwollens kennt. Und das freut mich ſehr. Bergfalk hat in Amerika wie ein guter Schwede gelebt; unaufhörlich arbeitend und forſchend im Geſetzesweſen und in Ge⸗ ſetzesfragen, ſtets ſich beſinnend:„Was kann für Schwe⸗ den gut und anwendbar ſein?“ Nach Anderem hat er wenig gefragt. Er ſehnte ſich ungemein nach Hauſe zurück. Es thut mir leid, daß ich vor ſeiner Abreiſe nichts mehr für ihn thun konnte, und daß Fremde an ſeinem Krankenlager ſaßen, und nicht ſeine Lands⸗ männin. Sein Brief ſagt mir, daß er in dieſen Fremden liebevolle Brüder und Schweſtern gefunden habe. ——— N——— en n⸗ 15 in e⸗ e⸗ iſe iſe an s⸗ ſen en 49 Waſhington, Columbia, 1. Juli. Ich empfand einen kleinen Freudeſchauer, als ich vorgeſtern Abend vom Capitol der Vereinigten Staaten herab das herrliche Panorama des vom Potomak durch⸗ ſchnittenen und von goldenen Abendwolken beglänzten Landes überſchaute. Es war ein prächtiger Anblick. Dieſe Lage des Capitols, ſeine Umgebung und die Aus⸗ ſicht, die es darbietet, gehören wahrlich zum Schönſten, was man ſehen kann. Und der Volksvertreter, welcher hier für Land und Volk ſprechen ſoll, muß nothwendig begeiſtert werden von dem Anblick, den er von hier aus über das Land hat; er muß Freude und Stolz em⸗ pfinden, daß dieß ſein Land iſt und daß er für das Wohl deſſelben wirken kann. Ich war dieſen Abend in Geſellſchaft mit Miß Lynch, der anmuthsvollen jungen Dichterin, die jetzt in Waſhington iſt, um für ihre Mutter, die Wittwe eines Marineoffiziers iſt, eine Penſion vom Congreſſe auszuwirken, ſowie mit dem amerikaniſchen Conſul in Canada, einem angenehmen jungen Mann Namens Andrews. Tags darauf beſuchte ich mit ihr und Pr. Hebbe, einem ſeit mehreren Jahren in Amerika anſäßigen Schweden, den Senat und das Repräſentantenhaus. Der Tag war ſchön, die Fahne der Vereinigten Staa⸗ ten mit ihren 33 Sternen(ein Stern für jeden Staat in der Union) wehte vom Capitol herab, wie dieß während der Sitzung des Congreſſes gebräuchlich iſt. Es ſah recht feſtlich aus. Der Senat, der in einer großen, durch hohe Fenſter, ſämmtlich auf dem einen Halbtheil des Saales beleuchteten Rotunde ſitzt, macht ei⸗ nen guten und klaren Eindruck. Die Senatoren find mei⸗ ſtens ſchöne Geſtalten mit theilweiſe eigenthümlichen Phy⸗ ſiognomien, und die Haltung des ganzen Collegiums iſt ruhig und würdig, was inzwiſchen nicht verhindert, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. II. 50 daß manchmal ziemlich ſtörende und des Senats un⸗ würdige Stenen hier vorkommen. Auch während dieſer Seſſion kam es einmal zu einem wilden und komiſchen Auftritt zwiſchen Mr. Benton, Senator von Miſſouri, und Mr. Foote, Senator von Miſſiſſipi; der Erſtere, ein kräftiger Mann mit etwas raubvogelartigem Aus⸗ druck und Schnabel in ſeinem Geſicht, ging dem Letzteren mit einer Haltung und einem Geberdenſpiel entgegen, wodurch ſich dieſer, ein kleiner Mann von ner⸗ vöſer Lebhaftigkeit, veranlaßt ſah, eine Piſtole heraus⸗ zuziehen und Benton auf die Bruſt zu ſetzen. Als aber der Senator von Alabama ganz ruhig ſagte: „Geben Sie dieſes Inſtrument her!“ und kaltblütig Foote entwaffnete, da zeigte es ſich, daß die Piſtole nicht geladen war. Habicht und Taube waren jetzt beide auf ihren Plätzen im Senat, und der Streit ſchien beigelegt zu ſein, aber ich würde dem Habicht nicht trauen. Die beiden großen Staatsmänner Clay und Webſter waren im Senat, ſprachen aber nicht. Clays Aeußeres habe ich Dir bereits beſchrieben. Daniel Webſter hat eine merkwürdige Aehnlichkeit mit unſerem verſtorbenen Erzbiſchof Wallin, beſonders durch ſeine großen tiefen Augen und die mächtige prächtig gewölbte Stirn; aber Webſter iſt ein ſchönerer Mann und ſieht maſſiver aus. Sein Kopf iſt wahrhaft magnifik. Webſter iſt Se⸗ nator für Maſſachuſetts, Clay für Kentucky. Im Ver⸗ hältniß zu den großen Streitfragen zwiſchen dem Nor⸗ den und Süden hier zu Lande ſcheint Webſter den gemäßigten Norden und Clay den gemäßigten Süden zu repräſentiren. Der Senat iſt im Saale in zwei Abtheilungen getheilt. Jeder Senator hat einen kleinen Schreibpult vor ſich, worauf er Papiere oder Bücher hat. Der Vicepräſident, welcher der Sprecher iſt und auf einer von dem amerikaniſchen Adler überſchwebten Erhöhung vor beiden Parteien ſitzt, iſt eine ſchöne, 1—„— — — — 51 kraftvolle Geſtalt von mannhaftem und offenem Aus⸗ ſehen. Auf der Zuhörergallerie, die über den Köpfen der Senatoren rund um den Saal geht, iſt die vor⸗ derſte Reihe für Damen beſtimmt.(Amerikaniſche Ga⸗ lanterie!) Man hört alſo von da aus ganz gut, was im Senat geſprochen wird. Das Repräſentantenhaus macht einen weniger vor⸗ theilhaften Eindruck. Der Saal iſt weit größer und minder gut beleuchtet, als der des Senats. Auch iſt die Mitgliederzahl weit größer, und ſie ſpricht, bewegt und benimmt ſich mit ungleich weniger Würde. Das Ganze machte einen chaotiſchen Eindruck auf mich. Und von der Zuhörergallerie herab konnte ich nicht ein einziges klares Wort hören. Der Ton kommt nicht rein dahin und die Mitglieder ſprachen mit überſtürzen⸗ der Haſt. Mit vielen Senatoren ſowohl als Repräſen⸗ tanten wechſelte ich einen Händedruck. Sie waren ausnehmend höflich und munter. Nachmittags führte Mr. Hale, Senator von New⸗ Hampſhire, Miß Lynch und mich nach dem Weißen Haus, der Wohnung des Präſidenten, nahe bei der Stadt, wo im Park jeden Samſtag Abend Militär⸗ muſik iſt und das Volk in aller Freiheit luſtwandelt. Der Präſident(General Taylor) befand ſich unter der Menge; ich wurde ihm vorgeſtellt, und wir drückten einander die Hände. Er hat ein gutes, angeneh⸗ mes Ausſehen und Weſen und war einfach, beinahe nachläſſig gekleidet. Er ſoll ſich durch keine großen Talente als Staatsmann auszeichnen, wird aber allge⸗ mein verehrt wegen ſeines reinen fleckenloſen Charakters, ſowie wegen ſeiner Fähigkeiten und ſeiner Menſchlich⸗ keit als Feldherr. Der mexikaniſche Krieg hat ihn zum Präſidenten gemacht. Seine ganze Erſcheinung kam mir mehr bürgerlich als militäriſch vor. Vicepräſident Fillmore, mit dem ich an dieſem Abend auch bekannt wurde, ſieht mehr wie ein Präſident aus, als Taylor. 2 — Die Wohnung des Präſidenten iſt ein ſchönes pallaſt⸗ artiges Haus(aber von zu einfachem Styl, um Pallaſt genannt werden zu können) in der Nähe des Potomak⸗ fünſſes. Lage und Ausſichten ſind ſchön. Die Muſik ſpielte„das ſternbeſäte Banner“ und andere vaterlän⸗ diſche Stücke. Drei⸗ bis vierhundert Perſonen, Herren, Frauenzimmer und Kinder, luſtwandelten im Grünen; der Abend war ſchön, die ganze Stene heiter und munter, ſie zeugte von ächt republikaniſchem Geiſt. Ich labte mich daran, indem ich bald mit dem einen, dald mit dem andern Congreßmitglied Arm in Arm umherſpazierte und nach rechts und links Händedrücke wechſelte. Da man weiß, daß ich kleine Kinder liebe, führten mehrere Mütter und Väter ihre Kinder vor, um mir die Händchen zu reichen. Dieß freute mich. Der Präſident ſah ebenfalls ſeine Luſt an den Kindern, die ſorglos umherſprangen oder im Graſe ſaßen. Er ſchien mir ein Mann zwiſchen 50 und 60 Jahren zu ſein; man ſagt aber, er ſei ſeiner Stellung und der gegenwär⸗ tigen Streitigkeiten in der Union herzlich müde und ſehr darüber bekümmert. Hier ſchien er eine Ruheſtunde u genießen und ſtand in patriarchaliſcher Einfachheit und Freundlichkeit unter der Menge da. Später. Ich komme ſoeben vom Capitol heim, wo ich den Morgen zugebracht habe, wo man aber mehr mit den Senatoren Arm in Arm umherſpaziert und plaudert, als man den Rednern im Senat zuhört. Das Letztere iſt es jedoch, was ich wollte. Der Eintritt Califor⸗ niens in die Union mit oder ohne Sklaverei iſt die roße Streitfrage des Tages, welche den Norden und Süden in feindliche Parteien ſpaltet. Niemand weiß, wie der Kampf endigen wird, und der Präſident ſoll neulich geſagt haben:„Es ſieht allerwärts trübe aus.“ ſt⸗ aſt ak⸗ ſik in⸗ en, n nd iſt. en, rm be, or, ich. ern, Er ein; oär⸗ ſehr nde heit den den dert, tztere ifor⸗ t die und veiß, ſoll us.“ Der Staatsmann Henry Clay, der einen Vergleich zu Stande zu bringen ſucht und lange dafür gearbeitet, hat in den letzteren Zeiten(man ſagt, in Folge ſeines deſpotiſchen und übermüthigen Benehmens) den Senat gegen ſich bekommen, und der Widerſtand, den er bei ſeinen Herrn Collegen trifft, macht ihm manche ver⸗ drießliche Stunde. Er beklagte ſich heute bitter dar⸗ über, als ich vor der Sitzung nebſt Anna Lynch ihn auf ſeinem Zimmer beſuchte.(Er war geſtern bei mir geweſen, ſo lange ich im Weißen Haus war.) So⸗ daun fragte er mich über König Oskar, ſeinen Cha⸗ rakter, ſeine Stellung zum Volke u. ſ. w. Ich bekomme ſo viele bedeutungsloſe und triviale Fragen zu hören, daß es mich wahrhaft erfriſcht, wenn ich manchmal auch andere, in denen ein Ernſt und ein Gedanke iſt, und die mit ernſter Abſicht an mich geſtellt werden, zu be⸗ antworten habe. Und ich frente mich, Clay ſagen zu können, daß wir in König Oskar einen guten, klugen und gerechten Monarchen beſitzen, den wir lieben. In Allem, was Clay von Schweden und der ſchwediſchen Staatsverfaſſung wußte, erkannte ich den Blick des Genies, das weniger Kenntniſſe bedarf, um Vieles ein⸗ zuſehen und zu verſtehen. Juſt als wir an dieſem Capitel waren, führte der Bediente einen wunderlichen kleinen Mann mit einem Stocke in der Hand ein, der wie ein Knittel und zugleich wie ein Zauberſtab aus⸗ ſah— irgend ein Ungeheuer aus dem großen Weſten, dachte ich. Notabene, wir ſaßen bei offenen Thüren da.„Iſt dieß Henry Clay?“ ſagte der kleine Mann, indem er ſich und ſeinen Knittel gerade vor dem großen Staatsmann aufpflanzte.„Ja, mein Herr! dieß iſt mein Name,“ antwortete Clay ungeduldig.„Setzen Sie ſich. Was wollen Sie von mir?“— Der kleine Mann ſetzte ſich ganz ungenirt in einen Lehnſtuhl, und ich erhob mich, indem ich etwas von meiner Befürch⸗ tung äußerte, Clay's Zeit zu ſehr in Anſpruch zu nehmen.„O nein, nein!“ verſetzte er galant.„Damen⸗ geſellſchaft iſt immer ſo erfriſchend für mich. Aber dieſe Burſche da, ich haſſe ſie!“ Und er machte gegen den kleinen Mann eine Geberde, die ihn hätte aus dem Zimmer treiben müſſen, wenn er ihre Bedeutung recht verſtanden hätte. Aher er ſaß wie eingewurzelt mit ſeinem Knittel da und ſchien feſt entſchloſſen, ſich nicht ſtören zu laſſen. Ich mußte alſo den müden Staats⸗ mann dem Kobold überlaſſen. Clay, der in hohem Grad populär iſt, läßt Jedermann vor und ſoll ſehr überlaufen werden von Perſonen, die ſeine Zeit und ſeine Dienſtfertigkeit in Anſpruch nehmen. Gegenwärtig ſoll er reizbarer und ungeduldiger ſein, als man ihn je zuvor geſehen hat. Der Widerſtand, auf den er ſtößt, iſt wohl die Urſache davon. Welch ein Leben! Und doch iſt es das, wornach die Männer ſtreben. Mit dem Senator von Georgia⸗ Richter Berriau, einem geiſtreichen und ſcharfſinnigen Mann, dem ſchlimmſten Sklaverei-Vertheidiger, aber, wie ich glaube, von der Patriarchenart, beſah ich heute die Bibliothek auf dem Capitol, einem großen ſchönen Saal mit herrlicher Ausſicht und einem Verſammlungs⸗ zimmer während der Seſſion, wenn man von den Staatsgeſchäften ausruhen, mit Bekannten ſprechen will u. ſ. w. Hier kann man alle Tage in einer Fenſterniſche vor einem mit Papier und Büchern be⸗ deckten Tiſche eine Dame vom Anfang des mittleren Alters, von eleganter Geſtalt, feinem Geſicht und ein⸗ nehmendem Ausdruck ſehen. Sie ſcheint immer be⸗ ſchäftigt zu ſein und mit mehreren bedeutenden Män⸗ nern des Congreſſes in Rapport zu ſtehen. Sie wünſcht auch etwas von dem Congreß und ſitzt da, um ihr Anliegen zu überwachen. Was begehrt ſie, was will ſie? Sie will zehn Millionen Dollars(von Land im Weſten) als Grundſtock zu einer jährlichen Austheilung für Irrenanſtalten und Armenhäuſer in allen Staaten der bis un beſ tra ger me un de eit ei ⸗ er en m ht lit cht em hr nd tig ihn er en! au, dem ich die nen 198⸗ den chen iner be⸗ leren ein⸗ be⸗ Nän⸗ nſcht will d im ilung aaten 55 der Union. Es iſt Miß Dorothea Dix, die ſeit zehn bis zwölf Jahren die meiſten Staaten durchreiſt, Narrenhäuſer und andere Aſyle für Unglückliche beſucht und bedeutend zu ihrer Verbeſſerung, namentlich zur beſſern Pflege und Behandlung der Wahnſinnigen beige⸗ tragen hat. Durch ihren Einfluß und die vortrefflichen Denkſchriften, welche ſie verfaßt und an die Regierun⸗ gen der verſchiedenen Staaten eingeſchickt hat, ſind mehrere Irrenanſtalten an Orten, wo ſolche mangelten und die Unglücklichen der Privatwillkür oder der elen⸗ deſten Vernachläſſigung ausgeſetzt waren, eingerichtet worden. Die einflußreiche Thätigkeit dieſer Dame iſt einer der ſchönſten Züge im bürgerlichen Leben des Weibes in der neuen Welt. Ich werde Dir ſpäter einmal, aber mündlich, mehr von ihr erzählen. Den 2. Juli. Ich komme eben heim vom Capitol, wo ich das Vergnügen hatte, Clay und Webſter nebſt mehreren der angeſehenſten Senatoren ſprechen zu hören. Clay ſpricht lebhaft und mit ſtarkem Nachdruck. Seine Stimme, deren Schönheit ich oft preiſen hörte, frappirte mich gleichwohl nicht, und ich meine, er ſtoße ſie oft zu heftig aus, ſo daß die Worte durch den beinahe bellen⸗ den Klang der Stimme übertönt werden. Webſter ſpricht mit großer Ruhe in Ton und Weſen, aber in ſeiner ganzen Art und Weiſe liegt viel intenſive Kraft. Er hat mit dem Erzbiſchof Wallin als Redner auch das gemein, daß er ſeine Stimme ſenkt und lei⸗ ſer ſpricht, je größeren Eindruck er machen will. Dieß iſt das Gegentheil von dem ſonſtigen Brauch amerikaniſcher Redner, aber es iſt von großer Wirkung. Andere Redner intereſſirten mich gleichfalls, aber ich fonnte kaum Etwas mit Ruhe anhören, weil mir fort⸗ während Congreßmitglieder vorgeſtellt wurden, mit 56 denen ich ſprechen mußte. Sie ſind außerordentlich höflich. Später jedoch werde ich mein Ohr den Ge⸗ ſchäften leihen und die leichte Converſation Anna Lynch überlaſſen, welche eine Meiſterin darin iſt, während ich nur eine Pfuſcherin bin. Vom Capitol fuhren wir zum Präſidenten, der ſeinen Empfangtag hatte. Wir kamen ſpät, ſo daß wir allein bei dem alten Herrn waren, der heiter und freundlich war und uns von den ſüdlichen Indianern allerlei Dinge erzählte, welche Miß Lynchs und meine etwas allzu romantiſche Vorſtellungen von ihnen bedeutend abkühlten. Hinter ſeiner galanten Freundlichkeit glaubte ich eine Wolke geheimen Kum⸗ mers zu erblicken, die er verbergen wollte. Seine Tochter, die Oberſtin Blix, war in ihrem weißen Kleid unendlich anmuthig und ſchön. Sie iſt ein ſtilles und äußerſt gebildetes Weſen. Geſtern war ich über Mittag bei Profeſſor Henry, einem der berühmteſten Chemiker hier zu Lande. Ich fand in ihm einen großen Bewunderer von Berzelius und Oerſted, wie auch einen außerordentlich liebens⸗ würdigen Mann. Vicepräſident Fillmore kam gegen Abend. Er iſt ein vollkommener Gentleman und äußerſt angenehm in der Converſation. Den 3. Juli. Geſtern Abend war ich mit Daniel Webſter und verſchiedenen andern Perſonen bei Mr. und Mrs. Sexton, den Eltern der Mrs. Schröder, einem ſchönen älteren Pärchen. Webſter hat eine ungeſunde, blaß⸗ gelbe Geſichtsfarbe, er geht viel allein, iſt ſchweigſam, und ſieht bedrückt und zerſtreut aus. Seine ſchöne, freundliche Frau placirte ihn neben mich, da ſie mir das Vergnügen gewähren wollte, mit ihm zu ſprechen. Er hat merkwürdige Augen; wenn ſie ſich gegen Einen kehren, meint man in Katakomben voll alter Weisheit — v— Gr— c — i e⸗ 18 8. en nd eu m, e, lir n. en eit 57 zu ſehen. Es kommt jedoch im Alltagsgeſpräch und Geſellſchaftsleben nicht viel davon zum Vorſchein, und das Tiefe liegt tief genug darinnen in dieſem prächtig geformten Kopfe. Der Mann ſcheint vollkommen ein⸗ fach und sans facon zu ſein— eine ſehr beſtimmte Natur, die ſich gibt, wie ſie iſt. Aber nach meinem Dafürhalten gehört er zu denjenigen, deren Kräfte erſt im großen Augenblick recht eigentlich erwachen. An der Table d'hote heute erzählte Anna Lyuch, Jemand habe von Daniel Webſter geſagt, kein Menſch fei ſo weiſe, als Webſter ausſehe. Richter Berrian fiel ſogleich ein:„Nicht einmal Webſter ſelbſt!“ worauf wir Alle beifällig lachten. Anna Lynch und ich ſitzen an einer Ecke der Wirthstafel, wo Clay zwiſchen uns ſitzt, und auf beiden Seiten verſchiedene Südländer, ſo daß ich durch meine liebe Freundin mitten in die Sklavereipartei gekommen bin. Doch kann Henry Clay nicht zu ihr gerechnet werden. Ich wohne im National⸗ hotel, ziehe aber bald in ein Privathaus, wohin ich ſchon lange eingeladen bin. Hier im Hotel iſt es ein unaufhörliches Geſellſchaftsleben und eine ſchreckliche Hitze. Aber man bekommt da allerlei intereſſante Leute zu ſehen und zu hören. Von dem californiſchen Se⸗ nator, einer prächtigen Rieſengeſtalt, die großartig für die Bewohner des großen Weſtens zengt, habe ich eine Bruſtnadel von californiſchem Golde erhalten, deren Knopf ein californiſches Goldklümpchen in ſeinem na⸗ türlichen Zuſtande iſt, worin man— mit einiger Bei⸗ hilfe der Phantaſie— einen Adler erblickt, der im Begriff ſteht, ſich zu erheben und aus ſeinem Reſte zu fliegen. Und jetzt, mein Herzchen, muß ich dieſen langen Brief ſchließen. Ich werde wohl etwa vierzehn Tage in Waſhington bleiben; hierauf begebe ich mich an den Meeresſtrand, um ein paar Wochen zu baden und Stärkung zu ſuchen, bevor ich weiter reiſe. Statt mich 58 jetzt weſtwärts zu wenden, was bei der ſtarken Sonnen⸗ hitze gefährlich und mühſam wäre, gedenke ich mich nordwärts nach Maine und New⸗Hampſhire zu ziehen (vielleicht beſuche ich auch Canada, wozu der junge Mr. Andrews mir ſehr räth); von da fahre ich weſt⸗ lich über die großen Binnenſeen nach Cbicago, und hierauf in die ſtandinaviſchen Niederlaſſungen noch weiter im Weſten. Denn dieſe will ich endlich einmal beſuchen. In der ſchwediſchen Bauernkolonie am Miſ⸗ ſiſſivpi ſind neulich unruhige Auftritte vorgefallen, und Frich Janſon(der Prophet) iſt von einem Schweden Namens Rooth erſchoſſen worden. Er ſoll ſein An⸗ ſehen unter den Seinigen fortwährend behauptet, rings die Kolonie aber in ſchlechtem Ruf geſtanden haben. Morgen, den 4. Juli, gedenken Miß Lynch und ich nach Mount Vernon, dem ehemaligen Landſitze und ſpäteren Begräbnißplatz Waſhingtons, zu fahren, um da in aller Stille den großen Tag der Vereinigten Staaten zu feiern, den Tag der Unabhängigkeitserklä⸗ rung, der im ganzen Land, in allen Staaten und Städten mit Reden, Kanonendonner und Toaſten be⸗ gangen wird. Meine kleine Freundin Miß Lynch lebt hier wie in ihrer eigentlichen Lebensluft, und ohne die geringſte Koketterie zieht ſie durch ihr friſches Leben und ihren heitern Witz immer einen Kreis von Per⸗ ſonen, meiſtens Herren, um ſich. Dieſen ſagt ſie manche etwas gepfefferte Wahrheit, aber in einer ſo luſtigen Art, daß ſie ihnen beſſer gefällt als Schmeicheleien. Sie beſitzt eine ausnehmende Leichtigkeit für Wortſpiele und witzige Einfälle, die immer eine ermunternde Wirkung hervorbringen und in der zuweilen ſchweren oder gewitterſchwangeren politiſchen Atmoſphäre friſche Luft ſchaffen. Eines Tags, als Clay gegen diejenigen loszog. die ihm bei ſeinem Vergleichsvorſchlag egviſtiſche Abſichten, Pläne auf den Präſidentenſtuhl u. ſ. w. ⸗ ich en ige eſt⸗ nd och nal iſ⸗ nd den ln⸗ igs den ich ind um ten lä⸗ ind be⸗ ebt die ben er⸗ iche gen en. iele nde ren ſche gen ſche w. 59 unterſchieben, und als er betheuernd hinzufügte:„Es liegt in keines Mannes Gewalt(in the power of Man- kind), mir eine Belohnung zu bieten, die mir ver⸗ lockend erſcheinen könnte,“ da fragte Anna Lynch, ob er behaupten wolle, es liege auch in keiner Frau Ge⸗ walt(in che power ok Womankind)?*) Clay lächelte und ſagte, darüber müßte er ſich noch beſinnen. Und mit ſeiner übeln Laune war es vorüber. Lebe wohl, mein Kindchen! Ich küſſe Dich und Mama. Das nächſte Mal will ich Dir mehr von dem Kongreß und den Kongreßherren erzählen. Neunter Brief. Waſhington, den 10. Juli 1850. Das letzte Mal, meine Agathe, ſchrieb ich Dir im Nationalhotel, einer Art heißen Ofens, voll von Se⸗ natoren und Repräſentanten, von reiſenden Herrn und Damen, wo man von„heißem Hochdruckleben“ Got high pressure life) an Seele und Leib gebraten wurde, und wo ich blos darum ſo lange blieb, weil ich mit Miß Lynch zuſammen ſein wollte; wo wir aber durch die Kräfte unſerer verſchiedenen Naturen nach verſchie⸗ denen Seiten gezogen wurden, ſie in dem Wirbel des Geſellſchaftslebens, deren Zierde ſie iſt, ich, die Ein⸗ *) Leider läßt ſich dieſes hübſche Wortſpiel in der Ueber⸗ ſetzung nur ſehr abgeſchwächt, dem Sinne nach, wie⸗ geben. A. d. Ueb. 60 ſamkeit zu ſuchen, das Allerſchwerſte in der Welt, was in einer ſolchen Hotelwelt zu finden iſt, wo man in Geſellſchaft von 3— 400 Perſonen lebt; gleichwohl ge⸗ lang es mir, dieſes Glück hie und da zu genießen, theils auf meinem Zimmer, theils Nachmittags, wenn ich auf der Gallerie nach dem Hof des Hauſes umher⸗ ſpazierte, wo ich dem Geplätſcher der Waſſerſtrahlen in dem mitten im Hof ſtehenden Baſſin lauſchte, und meine Seele ausruhte in einigen Gedanken oder Ge⸗ fühlen, die in meinen einſamen Stunden ſtets wieder⸗ kehren, ſtets ſich gleich bleiben, ſtets genügen, um Seele und Gemüth auszufüllen, ſo daß ſie gleich dem Waſſer der Quelle klare Strahlen emporſenden, die den Himmel begrüßen, die Erde befruchten. Heute ſchreibe ich Dir von einer ſtillen Heimath aus, wo Ailantus und Sykomore vor meinem Fenſter ſau⸗ ſen, und wo die Frau vom Hauſe und ich um einan⸗ der her ſpringen, um uns drei bis vier Mal des Tags in ein kaltes Bad zu tauchen. Aber ſtill jetzt von mir ſelbſt, denn große, reichswichtige Ereigniſſe haben ſich ſeit meinem letzten Schreiben zugetragen, ſie ſtehen im Begriff, alle Bürger und alle Staaten der Union in ſtarke Vibration zu verſetzen, in vielen Dingen eine Umwälzung hervorzubringen, und von dieſen Ereig⸗ niſſen muß ich Dir jetzt erzählen. Vor einigen Tagen(am 5. und 6. Juli) hörte man hier und in Waſhington ſagen, der Präſident (General Taylor) ſei unwohl. Am 4. befand er ſich noch vollkommen gut(es war der 3, als ich ihn das letzte Mal ſah), aber er hatte von einer Auſtern⸗ paſtete, glaube ich, zu viel gegeſſen und einen Cholerina⸗ anfall bekommen; am 6. ſagte man, er ſei beſſer und werde bald wieder hergeſtellt ſein. Geſtern am9. ſaß ich im Senatsſaale und hörte geduldig oder vielmehr unge⸗ duldig eine lange und breite Sklavenrede des ſüd⸗ caroliniſchen Senators Richter Butler Er iſt ſonſt ein — in e⸗ n, un r⸗ en nd e⸗ er⸗ im em die 18, u⸗ n⸗ 98 nir ſich im in ine rte ent ſich das rn⸗ na⸗ erde im 1ge⸗ üd⸗ ein 61 Ehrenmann und abgeſehen von dieſer Frage mein guter Freund), als eine haſtige Bewegung wie von einem laut⸗ loſen electriſchen Stoß in der Verſammlung entſtand. Eine Menge neuer Perſonen kamen durch die Haupt⸗ thüren herein, und auf einmal ſah man Daniel Webſter neben dem ſprechenden Senator ſtehen und mit entſchuldi⸗ gender Geberde erklären, daß er ihn wegen einer wichtigen Angelegenheit unterbrechen müſſe. Der Redner ver⸗ beugte ſich und verſtummte. Es wurde todesſtill im Haus und alle Blicke hefteten ſich auf Webſter, der ſelbſt einige Secunden lang ganz ſtill daſtand, als wollte er die Verſammlung auf eine hochwichtige Nach⸗ richt vorbereiten. Hierauf ſprach er langſam mit dem ihm eigenen tiefen und ausdrucksvollen Tone: „Ich habe dem Senat eine traurige Nachricht zu verkünden. Ein großes Unglück bedroht das Land. Das Oberhaupt der Vereinigten Staaten, Präſident Taylor, liegt am Sterben und wird vermuthlich den heutigen Tag nicht mehr überleben.“ Wieder bemerkte man dieſen ſtillen elektriſchen Stoß; ich ſah manche Perſonen erblaſſen, und ich fühlte, daß ich ſelbſt erblaßte bei dieſer unerwarteten Nachricht und dem Anblick des Eindrucks, den ſie her⸗ vorrief. Ein Senator beugte den Kopf in ſeine Hand hinab, als hörte er den Donner des letzten Gerichts. Dieſe Regung der Beſtürzung ging jedoch haſtig vor⸗ über. Bald gewannen die Gemüther ihre Spannkraft wieder. Der Senat vertagte ſich, und Alles ſtrömte in die Stadt, um Neues zu hören und zu erzählen. Im gegenwärtigen Angenblick des Parteihaders und während des Kampfes, der jetzt im Congreß ausge⸗ fochten wird, und auf deſſen Entſcheidung Präſident Tay⸗ lor vermöge ſeines perſönlichen Charakters bedentenden Einfluß ausüben ſoll, machte die Nachricht von ſeinem Zuſtand einen ungehenren Eindruck. Abends halb eilf ſhr ſtarb der Präſident wirklich nach einem ſchönen und ——— —— 62 rührenden Abſchied von den Seinigen.„Weine nicht, meine Theure,“ ſagte er zu ſeiner Frau, die ihn mit unendlicher Zärtlichkeit liebte,„ich habe mich beſtrebt meine Pflicht zu thun( have endeavored to do my duty) und ich hoffe auf Gottes Gnade.“ Am folgenden Tag(10. Juli) wurde der neue Präſident, der bisherige Vicepräſident Fillmore, in ſein Amt eingeſetzt, denn nach den Landesgeſetzen hat er die Stelle des Verſtorbenen für die Dauer der noch übrigen Regierungszeit Taylors einzunehmen, und erſt nach Abfluß derſelben findet eine neue Präſidentenwahl ſtatt. Der Präſident wird auf vier Jahre erwählt. Taylor hatte den Präſidentenſtuhl ungefähr zwei Jahre, glaube ich, innegehabt, folglich bleiben für Fillmore ebenfalls zwei Jahre. Seine plötzliche Erhebung ſoll ihm nicht willkommen geweſen ſein. Man ſagt, er habe bei der Nachricht von Taylors Tod den Kopf in ſeine Hände gebeugt und geſagt:„Dieß iſt mein erſtes Unglück!“ Und ſein Ausſehen, als er, begleitet von zwei Congreßmitgliedern, einem von Maſſachuſetts und dem andern von Louiſiana, in das Repräſentantenhaus trat, um den Eid abzulegen, widerſprach dieſer Aeuße⸗ rung nicht; er war in der That ſehr bleich und ſah ungiücklich aus. Die männlich ſchöne Geſtalt, die ſich ſelbſt ſo wohl trägt, ſah jetzt, geſtützt oder vielmehr hereingeſchleppt von zwei andern Geſtalten, die ihn jede unter einem Arm hielten, ganz und gar nicht gut aus. Nach dieſer Dreimännergruppe folgten die Senatsmit⸗ glieder zwei und zwei, oder auch vereinzelt, ins Re⸗ präſentantenhaus. Nichts kann einfacher ſein, als die Art, wodurch der neue Präſident in ſeine Würde ein⸗ geſetzt wurde. Die Hand auf der Bibel, gelobte er, die Verfaſſung der Vereinigten Staaten zu beſchützen, rief Gott als Zeugen ſeines Verſprechens an, küßte das Buch und— das war Alles. Der Präſident und die Senatoren gingen hinaus, wie ſie hereingekommen — N— —,———„ . it bt ue in er ch rſt hl lt. re, ore oll er in tes on und aus ße⸗ ſah ſich ehr jede us. nit⸗ Re⸗ die ein⸗ er, tzen, das die men 63 waren. Die meiſten Senatoren gingen paarweiſe, einige Arm in Arm. Clay gieng allein, gleichgültig, müde, ſehr vereinſamt, wie ich aus ſeinem Ausdruck und ſeiner Haltung ſchloß. Corvin, Seuator von Ohio, von welchem ich Dir bald noch mehr erzählen werde, ging ebenfalls allein; er iſt ein unterſetzter kleiner Mann, behaglich und gemüthlich, und doch da⸗ bei ein gutmüthiger Polterer. Der Congreß wird jetzt drei Tage ausruhen, bis der Präſident Taylor begraben iſt. Aber die ſtreiten⸗ den Parteien, die ſich nunmehr auf eine neue Wen⸗ dung vorbereiten, ſie ruhen nicht. Sie arbeiten raſt⸗ los und haben kein anderes Gefühl, keinen andern Gedanken, als ihr Intereſſe. Als ich geſtern vom Capitol herabging, hörte ich einen jungen Mann zu einem Andern ſagen: „Wenn er ſtirbt, ſo gelangt unſere Partei zum Sieg, und er wird ſterben, ſo Gott will.“ Und jetzt, während die großen Angelegenheiten ruhen und gleichwohl der Kampf fortdauert, will ich Dir ein wenig von mir ſelbſt und meinen Unterneh⸗ mungen erzählen. Am 4. Juli, dem großen Tag der Vereinigten Staaten, fuhr ich mit Miß Lynch, Mr. Andrews und dem Senator von Ohio, Mr. Corvin, nach Waſhing⸗ tons Landſitz Mount Vernon. Mr. Corvin iſt einer der ſelbſtgemachten Männer(self-made men) des Lan⸗ des; ſein Vater war ein armer Farmer, und der Sohn genoß blos die Erziehung einer Gemeindeſchule, hat ich aber auf eigene Fauſt zu einem der berühmteſten 64 stump orators, d. h. Improviſatoren kurzer, aber körniger und geiſtreicher Reden, und was noch mehr iſt, zu einem allgemein geachteten Beamten herangebildet, an dem man nichts auszuſetzen hat, als daß er manch⸗ mal zu gut ſei. Für uns war er ein höchſt angeneh⸗ mer unſchätzbarer Geſellſchafter, und ſein Geſpräch, beſonders ſeine lebensvollen, luſtigen, zuweilen etwas carrikirten Schilderungen ſeiner Collegen im Senat, deren Art und Ton er trefflich nachzuahmen wußte, ſein glücklicher Humor, der gleich einem Springquell beſtändig aus friſchen Adern emporſprudelte, Alles das machte die lange Reiſe auf ſchlechtem Wege, in einem holpernden Wagen und bei drückender Hitze zu einer wahren Luſtfahrt. In Monnt Vernon wurden wir von einem jungen ſchönen Paar, dem Sohn des Neffen des großen Präſidenten und ſeiner Frau, empfangen. Sie boten uns Kühlung und Ruhe und bewirtheten uns mit Milch und Beeren, was Alles vortrefflich ſchmeckte. Henry Clay hatte uns ein Empfehlungsſchreiben an das junge Paar mitgegeben. Die Lage des Wohnhanſes am ufer des Potomak iſt unendlich ſchön; der im engliſchen Styl angelegte Park ſchien mir groß zu ſein, zeugt aber, wie auch die Gebände auf dem Hof, von Verfall. Im Park iſt das Grab Waſhingtons und ſeiner Gattin, eine ſchöne Grabcapelle mit einem eiſernen Gatter, hinter welchem man die Särge ſtehen ſieht. Ich legte zwiſchen S Eiſenſtangen hindurch einen grünen Zweig auf das rab. Waſhington ſcheint mir im Leben und Charakter eine große Aehnlichkeit mit Guſtav Waſa zu haben, obſchon ſein Leben weniger romantiſch und ſein Cha⸗ rakter phlegmatiſcher, weniger anregungskräftig war, als der des ſchwediſchen Befreiers. Waſa iſt eine mehr dramatiſche, Waſhington eine mehr epiſche Geſtalt. Waſa iſt mehr Held, Waſhington mehr Staatsmann. ber iſt, et, ch⸗ eh⸗ ich, vas tat, ßte, nell das nem iner von des Sie uns ckte. an mak legte auch k iſt eine inter ſchen das akter ben, Cha⸗ war, mehr ſtalt. ann. 65 Waſa iſt König, Waſhington Präſident. Beide waren große, ſtarke, königliche Seelen, Beide würdig die Führer großer Völker zu ſein. Waſhington ſtand in ſeiner reinen Uneigennützigkeit als höchſter Beamter des Volks vielleicht höher als Waſa. Au Selbſtbeherr⸗ ſchung war er beinahe ohne Seinesgleichen, und nur ein einziges Mal ließ er⸗ ſagt man, in einem augen⸗ blicklichen Ausbruch die vulkaniſche Bewegung ſeines Innern aus Licht treten. Das amerikaniſche Perſön⸗ lichkeitsideal, a well balanced mind⸗ ein wohlgewiegter Charakter, mußte in dem großen Präſidenten ſein Vor⸗ bild haben. Er war edel, und wenn er ein Unrecht beging, ſo konnte er es auch offen abbitten. Was ich an ſeinem Charakter und Leben am meiſten bewundere, das iſt die Beharrlichkeit. Ju ſeinem Benehmen und Umgang mit Andern war er nicht ohne Stolz. Er hatte einen Blick, der den Dummdreiſteſten verſtummen machte, und ich habe mir ſagen laſſen, daß ſeine An⸗ weſenheit, ſelbſt wenn er ſchwieg, ſich immer als eine imponirende Macht fühlb ar machte. Aber dieß iſt bei allen bedeutenden Charakteren der Fall. Waſhingtons Mutter war eine ſtille, edle Frau, deren wohlgewiegter Charakter auf ihren Sohn über⸗ gegangen zu ſein ſcheint, und die, ſo zärtlich ſie ihn auch liebte, gleichwohl zu hoch von Pflicht und Vater⸗ land dachte, um auf ihn und ſeine Thaten ſtolz zu ſein. „Ich hoffe, Georg wird ſeine Pflicht gegen ſein Vater⸗ land erfüllen,“ ſagte ſie beſcheiden, als man einmal in ihrer Gegenwart ſeine Verdienſte pries. Das Verhält⸗ niß zwiſchen Waſhington und ſeiner Mutter ſcheint ein ausgezeichnetes geweſen zu ſein. Von ſeinem Verhält⸗ niß zu ſeiner Gattin habe ich blos folgende Anekdote gehört. Ein Gaſt auf Mount Vernon hatte ſein Schlaf⸗ zimmer neben dem des Präſidenten erhalten, und eines Abends, als man ſich trennte, um zu Bette zu gehen, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 5 66 hörte er, wie die Frau Präſidentin ihrem Herrn Ge⸗ mahl recht tüchtig den Text über Etwas verlas, worin er nach ihrer Anſicht nicht recht gehandelt hatte und anders hätte handeln ſollen; eine Lektion, die er mit dem tiefſten Schweigen anhörte, bis ſie zu Ende war. Dann that er ſeinen Mund auf, redete und ſprach: „Jetzt ſchlaf wohl, meine Liebe!“(Now, good sleep, my dear 1) Portraits und Beſchreibungen von ihr ſchil⸗ dern ſie als ein hübſches, gemüthliches, freundliches Weibchen, von welchem auch eine Gardinenpredigt juſt nicht ſo unangenehm ſein konnte. Waſhington war im Sklavenſtaat Virginien geboren und war ſelbſt beinahe bis zu ſeinem Tod Sklaven⸗ beſitzer. Kurz vorher ſchenkte er ſeinen Sklaven die Freiheit, und es iſt wirklich merkwürdig in ſeinem Te⸗ ſtament, das ich vor Kurzem geleſen habe, zu ſehen, wie ihm Nichts mehr am Herzen gelegen zu haben ſcheint als die Sorge für ſeine Sklaven⸗ Die Vor⸗ ſchriften über die Behandlung derjenigen, die freigege⸗ ben werden, ſowie der alten oder kränklichen, die bis zu ihrem Tod wohl verpflegt werden ſollten, füllen mehrere Seiten. Dieſe noch über ſeinen Tod hinaus reichende Beſorgtheit um alte Sklaven ſtellt den repu⸗ blikaniſchen Helden der neuen Welt hoch über die Helden des alten Rom. Waſhingtons reine Menſchlichkeit leuchtet in ihrem ſchönſten Glanz daraus hervor. Dieſe reine Menſchlichkeit iſt es mehr als ſein ſtaatsmänniſches Talent, mehr als ſein warmer Patriotismus, was Waſ⸗ hington zu dem großen Manne der neuen Welt macht — ich will nicht ſagen zum größten, denn auf dieſen warte ich noch.— Sie iſt es auch, was die einhellige, warme Huldigung hervorruft, welche das Volk der neuen Welt ihm widmet, und was ihm auch die Huldigung Europas erobert hat, ſo daß Rußlands großer Czar mit gleicher Verehrung von ſeinem Andenken ſpricht, wie die Staaten Amerikas. Waſhington ſuchte in Allem un er mi in bli ha hie jed en br füt — Ge⸗ orin und mit war. ch: eep, chil⸗ ches juſt oren ven⸗ die Te⸗ hen, aben Vor⸗ gege⸗ bis üllen naus epu⸗ elden chkeit Dieſe ſches Waſ⸗ nacht ieſen llige, euen gung Czar richt, Allem 67 und vor Allem das Rechte und Wahre; darum ſtand er ſo feſt und darum ſtand er ſo rein, inmitten ſtür⸗ miſcher, unklarer Zeiten— eine Memnonsſäule mitten in den Sandwirbeln der Wüſte, unerſchüttert von ihnen, bloß von dem Lichte bewegt und ſtets denſelben reinen, harmoniſchen Ton von ſich gebend. Mount Vernon war Waſhingtons Jugendheimath; hieher führte er ſeine Braut; hier verlebte er glücklich jede Stunde ſeines Lebens, wo ihm die Staatsgeſchäfte Ruhe gönnten. Mount Vernon war ſein Lieblingsauf⸗ enthalt. Hier durfte er in hohem Alter, nach wohlvoll⸗ brachter ehrenvoller Arbeit, im Frieden ſterben.„Ich fürchte den Tod nicht,“ waren ſeine letzten Worte. Wir waren an dieſem Tag allein an Waſhingtons Grab, und wir verbrachten unſere Zeit in ſtillen Ge⸗ ſprächen im Park, bald umher ſpazierend, bald im Gras unter den ſchattenreichen Bäumen ſitzend, wobei Mr. Corvin, der während der Fahrt die Waffe der Satire und des Scherzes als Meiſter geſchwungen hatte, im ernſten Geſpräch jenen religiöſen Tiefſinn, jenes Ver⸗ langen nach Ruhe in geiſtigen und ewigen Wahrheiten zeigte, was die Männer der neuen Welt immer auszeich⸗ net, ſie mögen nun von Cavalieren oder Puritanern ſtammen, und in ihrem äußern Leben noch ſo ſehr von dem Treiben und Kampf des Tages in Anſpruch ge⸗ nommen ſcheinen. Corvin iſt ein entſchiedener Anti⸗ ſtlavereimann, er will von keinem Kompromiß mit der Sklaverei wiſſen, er iſt daher gegen Clay und ſeinen Vergleichsvorſchlag. Nach dem was er mir von Clay und ſeiner Art Perſonen von verſchiedenen Talenten und Parteien zu behandeln erzählte, bekam ich, obſchon ſeine Beſchreibungen karikirt waren, einen hohen Begriff von Clays Fähigkeiten als politiſcher Führer. Gegen Abend fuhren wir wieder nach Haus, und derjenige Theil der Reiſe, den wir auf dem Potomak zurücklegten, war ſehr ſchön. Die ufer des Fluſſes E ———— —— —— 68 haben hier keinen eigentlich großen Charakter; ſie ſind jedoch romantiſch und gewähren umfaſſende Ausſichten über ein reiches Waldland mit Höhen und Thälern. In Alexandria, einem auf unſerem Weg gelegenen Städtchen, nahmen wir einen kleinen Abendimbiß bei einer freundlichen Frau, die ihr Alexandria beinahe für ebenſo merkwürdig zu halten ſchien, wie wir etwa die altklaſſiſche Stadt deſſelben Namens. Ich habe täglich den Senat und das Repräſen⸗ tantenhaus beſucht, meiſtens jedoch den erſteren, weil ich da gut höre und weil er mir als parlamentariſche Verſammlung dem letzteren in jeder Beziehung vorau⸗ zuſtehen ſcheint. Im Repräſentantenhaus darf ein Red⸗ ner nicht länger als eine Stunde anhaltend ſprechen. Sobald eine Stunde um iſt und ein Glöckchen läutet, hat ein anderer Redner das Recht ihn zu unterbrechen, und wäre es auch mitten in ſeiner gründlichſten Beweis⸗ führung oder im hoͤchſten Flug ſeines Geiſtes, und die⸗ ſer andere Redner kann dann die Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen, worauf er ebenfalls ſeinem Nachfol⸗ ger Platz machen muß. Da nun die Redner im All⸗ gemeinen mit großer Leichtigkeit ſprechen und viel zu ſagen haben, ſo laſſen ſie ſichs angelegen ſein, ihre Stunde wohl zu benützen, und ich vermuthe, daß dieß die Urſache der ſtürmiſchen Haſt iſt, womit die Reden lawinenartig über das Haus hereinbrechen; wenigſtens war dieß jedesmal der Fall, ſo oft ich da war. Im Repräſentantenhaus herrſcht ein gewiſſer Untereinander, der gegen die Anſtändigkeit des Senats ſehr abſticht. Da kann jeder Senator ſprechen ſo lang er will, ja er kann ſich die ganze Sitzung hindurch auf der Redner⸗ bühne behaupten, ohne daß Jemand das Recht hat ihn zu unterbrechen, außer zu einer gelegentlichen Be⸗ merkung oder mit ſeiner eigenen Einwilligung. Aber während dieſer Reden ſowohl im Senat als im Reprä⸗ ſentantenhaus mußte ich oft genug an Mr. Poinſett ind ten rn. nen bei ahe twa ſen⸗ veil ſche an⸗ ted⸗ hen. tet, hen, eis⸗ die⸗ t in fol⸗ All⸗ l zu ihre dieß eden ſtens Im nder, ticht. er ner⸗ tihn Be⸗ Aber eprä⸗ inſett 69 denken, der mir, als ich die amerikaniſche Leichtigkeit im Sprechen rühmte, zur Antwort gab:„dieß iſt ein großes Unglück,“(it is a great missfortune)! Aber iſt dieſes Unglück in andern Ländern, wo das Volk Reden halten darf, etwa weniger groß? Und ſeußzte ich auch hier bei der einen und andern Rede, ſo intereſſiren mich doch viele davon um ihrer Beſtimmtheit und der Sache willen, die ſie behandeln, und wegen der Perſönlichkeit der Redner. Es iſt mir ein Vergnügen, parlamentariſche Verſammlungen zu ſehen und zu hören. Der Menſch erſcheint mir groß, wenn er aufſteht, wenn er für eine Sache und Ueberzeugung kämpft, wenn er mittelſt ſeiner Kraft oder ſeines Talents große Siege zu gewinnen verſteht. Aber ſelbſt ohne Talent bildet der Menſch hier als eine moraliſche Macht durch ſein bloſes Ja und Nein eine intereſſante Erſcheinung. Eine ſolche Ver⸗ ſammlung iſt in Wirklichkeit ein großes dramatiſches Schauſpiel, und es kommen in ihr zuweilen Scenen und Epiſoden vor, die wirkſamer ſind, als manche Theatereffecte. Ich muß Dir von einigen ſolchen, denen ich als Augenzeugin angewohnt habe, erzählen. Zuerſt aber ein Wort von dem Schauplatz und den Schau⸗ ſpielern hier, denn ſie haben ein beſonderes Intereſſe für mich, weil die Senatoren die Staaten repräſentiren und weil die charakteriſtiſchen und poetiſchen Züge der⸗ ſelben durch die Männer, welche ſie repräſentiren, vor meiner Phantaſie ſtehen. Jeder Staat in der Union ſchickt 2 Senatoren zum Congreß. Dieſe erheben ſich im Senat und wer⸗ den angeredet, nicht als Mr. ſo und ſo, ſondern als der Senator von Kentuky, oder Maſſachuſetts, oder Louiſiana oder Miſſiſippi u. ſ. w., und ich ſehe dann ſogleich ein Luftgebilde von Kentucky, Maſſachuſetts, Louiſiana oder Miſſiſippi u. ſ. w., je nach dem was ich von dem Leben und Charakter dieſer Staaten in Bezug auf Geiſt oder Natur weiß, wenn auch die 70 menſchlichen Repräſentanten dieſem Bild nicht immer entſprechen; und auf dieſe Art ſteht die Bildung dieſes ganzen Welttheils wie ein großes Drama vor mir, in welchem Maſſachuſetts und Louiſiana, Carolina und Pennſylvanien, Ohio und Alabama u. ſ. w. handelnde Mächte mit beſtimmter Perſönlichkeit ſind. Die Per⸗ ſönlichkeit hinwiederum iſt theilweiſe in den Bei⸗ namen bezeichnet, welche der Zufall oder Volkscharat⸗ ter einigen Staaten gegeben hat, und womit man ſie leicht alle taufen könnte. So ſehe ich hier den Kaiſerſtaat(New⸗York), den Granitſtaat(New Ham⸗ pſhire), den Schlüſſelſtaat(Pennſylvanien), den Luchs⸗ ſtaat(Michigan) u. ſ. w. mit dem Rieſenſtaat(Ken⸗ tucky), dem Palmettoſtaat(Carolina), dem franzöſiſchen Staat(Louiſiana) kämpfen und ſich turnierartig be⸗ fehden. Und der Kampf, der jetzt wegen des Gold⸗ ſtaats, auch derfriedliche Staat genannt(Californien) los⸗ gebrochen iſt, ruft all die Grundzüge und Verhältniſſe hervor, welche die Staaten des Nordens und des Sü⸗ von einander trennen, und die ſie jetzt gegen einander ins Feld ſtellen. Habe ich Dir geſagt, wie der große Zankapfel ausſieht, um den man ſich jetzt ſchon ſeit ſieben Monaten ſchlägt? Er heißt: Die Compromißbill, Californiens Eintritt als Staat in die Union, Ein- fetung von Territorial-Begierungen für Utah(den Wormonenſtaut) und Meu-Meriko, nebſt Antrag we- gen Texas, betreffend die Beſtimmung ſeiner weſtli- chen und nordweſtlichen Grenzen. Und jetzt ein Wort zur Erklärung. Damit ein Staat das Recht hat, als ſolcher in die Union zu tre⸗ ten See der wäl mit Go zur dia Ein Uni unt der Sta gege dari run das See ren Sto Fol iſt, ſich da d mür Miſ Gre ven von ſein und ſtaa des die er es in d de T i⸗ ⸗ n en n⸗ n⸗ en e⸗ * ⸗ ſſe er eit n- en — i- in re⸗ 71 ten, muß er eine Bevölkerung von mindeſtens 55000 Seelen beſitzen. Bis dahin wird jede einzelne Provinz der Vereinigten Staaten ein Territorium genannt und während ihrer Entwicklungs⸗ und Unmündigkeitszeit un⸗ mittelbar von der Bundesregierung verwaltet, welche Gouverneure und andere Beamten einſetzt und Truppen zur Vertheidigung der Einwohnerſchaft gegen die In⸗ dianer oder andere Feinde ſchickt, wenn nämlich die Einwohnerſchaft darum nachſucht. Jeder Staat in der Union hat das Recht ſeine eigenen Geſetze zu geben, unter der Bedingung, daß dieſe nicht in die Verfaſſung der andern Bundesſtaaten eingreifen und daß die Staatsform republikaniſch iſt. Das Territorium da⸗ gegen hat keine Staatsrechte, und man iſt noch nicht darüber einig, wie weit ſeine Rechte auf Selbſtregie⸗ rung ſich erſtrecken ſollen. Nun wohl: Californien, das ſehr ſchnell eine Bevölkerung von mehr als 150000 Seelen erreicht hat, meiſt Auswanderer aus den freie⸗ ren nordöſtlichen Staaten, verlangt jetzt als freier Staat in die Union zu kommen. Neu⸗Mexiko, das in Folge der mexikaniſchen Geſetze von der Sklaverei frei iſt, und Utah, das ſeine junge Bevölkerung die Heiligen des jüngſten Tags nennt, verlangen als Territorien das Recht, ſich gegen die Einführung der Sklaverei auszuſprechenz aber da dieſe drei Staaten, der mündige ſowohl als die noch un⸗ mündigen, unter Einer geographiſchen Linie, genannt die Miſſouri⸗Linie, liegen, die nach alter Uebereinkunft als Grenzlinie zwiſchen den freien Staaten und den Skla⸗ ven⸗Staaten gelten ſoll, ſo daß alle Staaten nördlich von ihr das Recht haben ſollen, von Sklaven frei zu ſein, alle Staaten ſüdlich von ihr das Recht, Sklaven und Sklaven⸗Arbeit zu haben, und da drei neue Frei⸗ ſtaaten das Gleichgewicht zwiſchen der politiſchen Macht des Südens und des Nordens ſtören würden, ſo daß die Uebermacht auf die Seite des Nordens und der freien Staaten käme, ſo rufen die Südländer(jedoch 72 nicht alle)„Nein, nein!“ und die Ultras unter ihnen fügen hinzu:„Lieber brechen wir mit dem Norden und ſchließen eine beſondere Union— die Union der ſüd⸗ lichen Staaten! Lieber wollen wir dem Norden den Krieg erklären.“ Die Südländer wollen ſowohl Californien als Neu⸗Mexiko zur Einführung ihrer Sklaven⸗Inſtitution für ſich offen haben, und zu dieſem Behuf wollen ſie, daß der Congreß ein Geſetz erlaſſe, welches den freien Staaten verbiete, den aus den Sklavenſtaaten geflüch⸗ teten Sklaven Schutz zu verleihen, und den Südländern das Recht gebe, in den freien Staaten geſetzlichen Beiſtand zu verlangen, um ihr menſchliches Eigenthum zurückzubekommen. Dazu rufen die Nordländer aus vollem Halſe:„Nein, nein!“ und die Ultras ihrer Partei fügen hinzu:„Lieber blutigen Krieg! Wir wol⸗ len der Sklaverei keine Conceſſionen machen. Fort mit der Sklaverei! Mögen wir ein freies Volk werden! Der Congreß fertige ein Geſetz aus, das die Sklaverei in jedem neuen Staat verbiete.“ Mehrere Südländer geſtehen inzwiſchen Califor⸗ nien das Recht zu als freier Staat in die Union zu treten, beſtreiten aber dem Territorium das Recht in der Sklavereifrage für ſich Geſetze zu geben. Die Süd⸗ länder behaupten im Allgemeinen, ſie ſtreiten nicht für die Sache der Stlaverei, ſondern für die Sache des Staatsrechts und der Conſtitution. Einige haben mit dieſer Sache Recht, bei den Meiſten aber bemerkt man ſehr leicht, daß das Sklaverei⸗Intereſſe ihrer Oppoſition die Färbung gibt. Hiezu kommen noch andere Streitfragen in demſel⸗ ben Kapitel, wie z. B., ob der Bezirk Columbia, wo⸗ rin die Stadt Waſhington liegt, in Zukunft noch Skla⸗ ven haben ſoll oder nicht.(Waſhington im Bezirk Co⸗ lumbia liegt nämlich im Sklavenſtaat Maryland.) Ein Theil der Südländer verlangt ſehr angelegentlich auch „— 73 en hier ſeine geliebten häuslichen Einrichtungen, wie die nd Phraſe lautet, behalten zu dürfen. Ein weiterer Streit⸗ d⸗ punkt iſt die Frage über die Grenze von Texas gegen en Mexiko und über ein Stück Land zwiſchen dem Sklavenſtaat und dem noch freien Territorium, oder wer dieſes s Stück haben, wer es abtreten ſoll, und Freiheit und on Sklaverei ſchlagen ſich auch hier von Neuem um dieſe ſie, Scholle Erde. en So ungefähr ſieht der große Zankapfel aus. Er iſt ch⸗ ein wahrer gordiſcher Knoten, zu deſſen Löſung ein n Alexanderſchwert nöthig zu ſein ſcheint. en Henry Clays Compromißvorſchlag ſagt: Califor⸗ im nien ſoll ſeinem Verlangen gemäß als freier Staat in us die Union einverleibt werden. Denn ſeine Bevölkerung rer von nahezu 200,000 Seelen hat das Recht, über ihre ol⸗ Verfaſſung zu beſtimmen. Neu⸗Mexiko ſoll mit der ort Beſtimmung über die ſeinige warten, bis ſeine Bevöl⸗ n kerung zahlreich genug iſt, um der Verfaſſung gemäß rei einen Staat bilden zu können. Es ſoll inzwiſchen ein Territorium ohne Sklaverei ſein. Eben ſo ſoll es mit or⸗ Utah ſein. zu Dagegen ſollen die Sklavenſtaaten das Recht be⸗ in ſitzen, von den freien Staaten ihre geflüchteten Skla⸗ id⸗ ven zurückzuverlangen und dieſelben, wenn ſie auf dieſe für Art gefordert werden, durch geſetzlichen Beiſtand zurück⸗ des zuerhalten, wie die Verfaſſung es feſtſitzt. mit Columbia ſoll ein freier Bezirk ſein, aus welchem tan die Sklaverei verbannt ſein ſoll. ion Dieß, glaube ich, waren die Hauptpunkte in Clays Vorſchlag, um Frieden zwiſchen dem Norden und Sü⸗ ſel⸗ den zu ſtiften. Aber ſowohl der Norden als der Sü⸗ vo⸗ den verlangen jeder ſeinerſeits größere Zugeſtändniſſe la⸗ und verwerfen beide die Compromißbill. Dieſe Bill, Fo⸗ welche viele Theile, die Clay auf einmal zu erhalten Fin wünſcht, unter derſelben Rubrik zuſammenfaßt, iſt deß⸗ uch halb die Omnibus⸗Bill genannt worden und wird un⸗ 74 ter dieſem Namen bekämpft. Mehrere Senatoren, die in gewiſſen Punkten mit Clay gingen, haben ſich in andern von ihm getrennt, und es ſcheint, als habe die Omnibus⸗Bill als ſolche beinahe den ganzen Senat gegen ſich bekommen, obſchon einige beſondere Fragen ſich nach Clays Anſichten zu entſcheiden ſcheinen: unter ihnen juſt die Hauptfrage von Californiens Einverlei⸗ bung in die Union als Freiſtaat. Aber auch diejeni⸗ gen, die in der Hauptſache daſſelbe wollen, hadern mit einander wegen Nebenſachen, und vor einigen Ta⸗ gen hörte ich, wie Miſſiſippi von Miſſiſſippi eine ſcharfe Lection wegen ſeiner„disunion“- Tendenz er⸗ hielt; die andere Hälfte von Miſſiſippi ſchrie:„Pfui über die Disunioniſten!“ Jetzt ein wenig von den dramatiſchen Perſonen oder von einigen unter ihnen, die mir am bemerkens⸗ wertheſten erſcheinen. H. Clay hat ſeinen Sitz ganz hinten an der Wand, rechts vom Eingang, iſt immer gegenwärtig, aufmerk⸗ ſam, lebhaft, folgt der Diseuſſivn, wirft das eine oder andere Wort hinein und ergreift nicht ſelten das leitende Wort. Seine Wangen und Blicke haben eine fieberiſche Gluth, ſeine Stimme und Worte, die immer energiſch und vom Impuls der Seele getrieben ſind, erzwingen ſich die Aufmerkſamkeit, ſeine Beweisführun⸗ gen ſind direct ſchlagend, ſcheinen mir den Stempel ſtarker Ueberzeugung zu tragen und müſſen überzeugend wirken. Und wenn ſeine ſtarke klangvolle Stimme das Feldgeſchrei„Californiae,“ deſſen letzten Buchſtaben er auf eigenthümliche Weiſe betont, während des Kampfes um Californiens Freiheit durch den Senat ſchleudert, ſo fühlt man, daß der alte Feldherr die Seinigen zum Siege führt. H. Clay hat, obſchon er in einem Sklaven⸗ ſtaat(Kentucky) geboren und Vertreter deſſelben, auch ſelbſt Sklavenbeſitzer iſt, offenbar ſeine Sympathien gänz⸗ lich auf der Seite des Freiheitsſyſtems, und er hat bei — ie in ie n er i⸗ i⸗ n = ne ui en s⸗ d, rk⸗ ne as ter id, m⸗ pel nd as uf um hlt ege en⸗ uch nz⸗ bei 75 Eröffnung dieſer Sitzung unumwunden ausgeſprochen, daß er niemals die Einführung der Sklaverei in irgend einem neuen Staat dulden werde. Und daran erkenne ich den großen Staatsmann und den freien Sohn der neuen Welt. Auch ſoll er bei einer früheren Gelegenheit einen Antrag auf Befreiung ſeines Geburtslandes von der Sklaverei geſtellt haben, und ſein Antrag ſcheint ganz und gar nicht unpraktiſch geweſen zu ſein. Er geht dahin, daß alle Kinder von Sklaven, die nach einem gewiſſen Jahr lich meine, es iſt das Jahr 1850) ge⸗ boren worden, frei erklärt, auf eine humane Art in Schulen erzogen und zu Handwerkern und Gewerbs⸗ leuten ausgebildet werden ſollen. Dieſer in ſeiner Ten⸗ denz ſo edie, ſo ausführbare Antrag, der eine doppelte Emancipation auf vernünftige Weiſe vorbereitete, iſt gleichwohl bei Seite gelaſſen. Die Ultras beider Par⸗ theien im Anti⸗Sklaverei⸗ und Pro⸗Sklaverei⸗Lager wollen nichts davon hören. Daß Clay gegenwärtig, während er für Califor⸗ niens Freiheit und Neumexikos Neutralität kämpft, auf Conceſſionen gegen die ſüdlichen Staaten in Betreff ihrer Zurückforderung geflüchteter Sklaven dringt, halte ich für eine durch die Nothwendigkeit der Dinge gebotene Maßregel. Nachdem ich mich in den Sklavenſtaaten aufgehalten, und die Bitterkeit gehört und geſehen habe, welche da(beſonders in Südearolina) über das Ver⸗ fahren und die Eingriffe der Nordländer in der Skla⸗ vereifrage herrſcht, nachdem ich oft den Wunſch nach Trennnng vom Norden gehört habe, der hier gährt und ſich auch im Senat Luft ſchafft, glaube ich, daß*) *) Seine Worte bei dieſer Gelegenheit waren:„Und will Jemand wiſſen, ob ich die Ausdehnung der Skla⸗ verei in unſrem Land zugeben werde, ſo iſt das meine Antwort: Nein, meine Herrn, nein, nein, nein, nie!“ 76 dieſe Conceſſion zur Vermeidung eines Bürgerkriegs nothwendig iſt, zumal jetzt, da die Gemüther des Sü⸗ dens von Neuem aufgereizt ſind, weil die Nordländer wahrſcheinlich Californien, wie auch Neumeriko und Utah in ihre Staatengruppe gewinnen werden. Die Conceſſion hat ihre geſetzliche Begründung darin, daß nach der Verfaſſung der Vereinigten Staa⸗ ten die einzelnen Staaten verpflichtet ſind, die Geſetze von einander zu reſpectiren, und daß nach den Geſetzen der Sklavenſtaaten die Sklaven einen Theil des geſetz⸗ lichen Vermögens der Sklavenbeſitzer ausmachen. Ich begreife vollkommen die Erbitterung der Antiſklaverei⸗ partei bei dem Gedanken, daß ihre freie Erde kein Aſyl für unglückliche Sklaven ſein dürfe, und daß die Skla⸗ venfänger daſelbſt freies Spiel bekommen und von Be⸗ amten der freien Staaten unterſtützt werden ſollen; ich weiß, daß ich ſelbſt lieber den Tod erleiden als einen unglücklichen Sklaven preisgeben würde, der ſich zu mir geflüchtet hätte; aber gibt es wohl in dieſem Au⸗ genblick eine Alternative zwiſchen dieſer Conceſſion und dem Bürgerkrieg? Clay ſcheint der Anſicht zu ſein, daß es keine gebe, und mit ihm ſcheint Daniel Web⸗ ſter zu gehen, obſchon er ſich über die Compromißbill noch nicht öffentlich ausgeſprochen hat. Ich glaube, daß Clay ungern das Zugeſtändniß macht, und daß er es nicht vorgeſchlagen haben würde, wenn er dächte, daß es länger als eine gewiſſe Zeit beſtehen könnte; wenn nicht ſein eigenes großes Herz und ſein ſtaats⸗ männiſcher Blick ihm ſagte, daß die Zeit nicht mehr fern ſei, wo der höhere Herzſchlag des Südens aus freiem Antrieb eine höhere menſchliche Geſetzgebung in der Sklavenfrage herbeiführen, und daß der Einfluß der freimenſchlichen Bewegung in Europa wie in Amerika die neue Welt zur Abſchüttlung ihrer größten Lüge veranlaſſen werde. Und daran glaube auch ich, Dank ſei es den edlen Gemüthern, die ich im Süden kennen 18 i⸗ er id 8 Be en 3⸗ ch y a⸗ ⸗ ch en zu ⸗ id n, b⸗ ill e, er e, e; 8. hr 8 in uß ka ge nk en 77 gelernt, Dank ſei es dem freien Süden, der im Schvoße des Sklavenſtaates heranwächſt und immermehr Raum gewinnt. Und wer kann die Bewegung des Geiſtes über dieſe ganze große Weltbildung verſpüren, ohne zu fühlen, daß Gottes Geiſt über der Tiefe ſchwebt, und mit ſeinem allmächtigen Wort das Licht von der Finſterniß trennen wird? Die Morgenröthe iſt bereits an den Bergen und färbt die Gipfel des Waldes. Wer dieß ſehen will, der kann es ſehen. Ich fürchte hier den Sieg der Finſterniß nicht. Neben Clah und vor ihm in der Reihe erblickſt Du den Repräſentanten des Granitſtaats, Mr. Hale von Neuhampſhire, mit einem Kopf, welcher an Na⸗ poleon erinnert, aber einem Körper und einer Haltung, wie man ſie bei großen dicken Knaben zu finden pflegt; eine friſche, ſtarke Hochlandsnatur, feſt auf ihrem Grund wie der Granuitberg, und eine Gemüthsart ſo friſch wie der Wind, der um dieſelben weht. Ein entſchie⸗ dener Antiſklavereimann und unerbittlich für jede Con⸗ ceſſion in dieſer Frage, verſetzt er mit ſeinem Humor und ſeinen witzigen ſarkaſtiſchen Einfällen oft den gan⸗ zen Senat in muntere Laune. Neben ihm erblicke ich den Senator von Texas(den erſten Präſidenten des republikaniſchen Texas) General Houſton, der einen gan⸗ zen Monat Zeit brauchte, um aus ſeinem Staat nach Waſhington zu reiſen. Man hört den ſtattlichen alten General gern an wegen der pittoresken und friſchen Schilderung in ſeinem Vortrag. Sein Ausdruck iſt gutmüthig und mannhaft, verbunden mit einem Anſtrich militäriſcher Ritterlichkeit. Er hat die Eigenheit, daß er während der Discuſſion im Senat immer mit dem Federmeſſer kleine Stückchen Holz zerſchneidet. Der Senator von Pennſylvanien, einen Mann von quäckerhafter Einfachheit und einem reinen, ſchönen Ge⸗ ſicht, erblicke ich hier in den Reihen der Antiſklaverei. Die Senatoren von Ohio, Corvin und Chaſe gehören ebenfalls 78 hieher. Den erſteren kennſt Du bereits; im Senat ſah ich ihn ſtill und ruhig daſitzen—(er ſoll ſeine Rede in der Hauptſache bereits gehalten haben), und nur von Zeit zu Zeit wirft er bei den Redeu der Südländer, die jetzt an der Tagesordnung find, eine kurze Bemerkung dazwiſchen. Chaſe hat ein ansgezeichnet edles und ſchönes Außere; ich habe ſelten eine würdevollere und ſtolzere Geſtalt geſehen. Im Privatleben muß ein ſolcher Mann imponiren und Liebe oder auch Haß erwecken. Im öffentlichen Leben ſpricht er ſich entſchie⸗ den, aber wortkarg für das Freiheitsprincip aus. Der Senator von New⸗York, Mr. Seward, iſt ein kleiner Mann ohne perſönliche Schönheit, und ſein Or⸗ gan hat jenen Naſenlaut, der bei den Söhnen Boſtons (Seward iſt aus dieſer Stadt) nicht ſelten unangenehm auffällt. Gleichwohl hat dieſe Stimme hier einen der größten und edelſten Gedanken ausgeſprochen, die wäh⸗ rend des Congreſſes an den Tag gekommen ſind. Er iſt ein entſchiedener Antiſtlavereimann und erklärt ſich gegen das Compromiß.„Ich will,“ ſagte er neulich am Schluſſe einer Rede,„für die Aufrechterhaltung der Union nicht durch Conceſſionen gegen die Sklaverei, ſondern durch Förderung ſolcher Geſetze und Einrich⸗ tungen wirken, welche die Union zu einer Wohlthat für das ganze Menſchengeſchlecht machen.“ Wie gut und 7 Gehe ich von dem Punkt, wo ich angefangen habe, weiter nach der Seite des Haupteinganges, ſo treffe ich nicht weit von Clay einen Südländer und Kämpen der Sklaverei, den Georgi'ſchen Senator Richter Berrian, einen Mann von Talent und Geiſt; er iſt dabei auch ein braver und gottesfürchtiger Mann, ein Mann von feiner Bildung und der beſten Lebensart, und es thut mir wirklich wehe, ihn als Advokaten der Schattenſeite des Südens zu ſehen, während er für die Rechte deſ⸗ ſelben kämpfen muß. Er ſteht jetzt mit Clay in Fehde ich der eit die ng nd ere ein aß ie⸗ ein Or⸗ ons hm der äh⸗ Er ſich lich der rei, ich⸗ für und abe, eich der ian, auch von thut ſeite deſ⸗ ehde 79 über Californiens Recht und Freiheit, und die perſön⸗ liche Abneigung zwiſchen beiden Männern iſt ſo weit gediehen, daß Clay ſeinen Platz an unſerer Table d'hote, wo Berrian neben ihm ſaß, aufgegeben hat. Clay ſpeiſt jetzt auf ſeinem Zimmer und Berrian bleibt nach wie vor an der Tafel. Mitten in dieſem Lager ſitzt der Coloß Daniel Webſter gemächlich in ſeinem Lehnſtuhl mit blaßgelber Wange und Stirne, und ſcheint beſchwert von Gedan⸗ ken oder von der Wärme, vielleicht von beiden; ich nenne ihn Coloß, nicht weil ich eine übermäßige gei⸗ ſtige Größe in ihm erblicke, ſondern um ſeines prächti⸗ gen Kopfes und maſſiven Ausſehenswillen(obſchon er von Geſtalt nicht groß iſt), wie auch darum, weil ſein Ein⸗ fluß ſich als etwas Coloſſales zu empfinden gibt. Er iſt einer der ſchönſten Männer geweſen, ein Mann von na⸗ türlicher königlicher Würde, und er ſoll durch ſein bloßes Auftreten eine beinahe magiſche Gewalt auf Menſchen⸗ maſſen ausüben. Er zählt jetzt über 60 Jahre und iſt noch immer ein ſchöner kräftiger Mann, obſchon die Jahre und die Maſſe der Gedanken ihn zu beſchwereu ſcheinen. H. Clay iſt mit mehr als 70 Jahren im Vergleich zu Webſter immer noch ein Jüngling in Ausſehen und Weſen. Clay iſt ſtets bereit Feuer zu geben. Webſter ſcheint hauptſächlich darauf bedacht, ſeine Kanone wohl zu laden, bevor er die Lunte anſetzt. Die Senatoren von Illinois, General Shield und Richter Douglas, ſind klein von Perſon, aber beide Männer von Talent und Geiſt. Die tiefen ſchönen Augen des Letzteren flammen von einem dunklen Feuer, von welchem man ſagt, es brenne für ehrgeizige Pläne und ſtrebe nach dem Präſidentenſtuhl.(Aber daſſelbe Streben wird auch Clay, Webſter, Seward und meh⸗ reren Andern untergeſchoben.) Er ſpricht nicht viel, wenigſtens in Geſellſchaft, aber man ſpürt ſeine Gegen⸗ wart. Seinem Ausſehen nach ſcheint er ein warmherzi⸗ 80 ges, tüchtiges und ſchlaues Männchen zu ſein. General Shield iſt blond, blauaugig, hat einen ſchönen redlichen Blick und iſt eine offenere Natur. Er hat ſich im Krieg mit Mexiko ausgezeichnet und iſt da ſchwer ver⸗ wundet worden. Ich ſpreche gerne mit ihm und höre ihn gerne ſprechen. Er iſt ein aufgeweckter warmer Amerikaner und ſcheint die eigenthümlichen Vorzüge ſo wie den Beruf ſeines Landes wohl zu verſtehen. Laß uns jetzt einen Blick ins andere Lager hinüber⸗ werfen. Der Habicht von Miſſouri, Senator Benton, ſitzt da tief in der Mitte der Seinigen, wie der Löwe von Kentucky im andern Lager, und ihm ſchief gegen⸗ über. Er iſt einer der älteſten Senatoren im Congreß und hochgeachtet wegen ſeiner Gelehrſamkeit, ſeiner Feſtigkeit und ſeines Muthes. Er hat zwei oder drei Duelle beſtanden, kaltblütig und langſam gezielt, und kaltblütig ſeinen Gegner über den Haufen geſchoſſen. Er ſieht aus, als könne er noch immer ſeinen Mann kaltblütig zuſammenſchießen.*) Er gehört zu der ſogenannten Grenzerbevölkerung in Amerika, d. h. zu denjenigen Leuten, die, auf den Grenzen der Wildniß und unter einem halb wilden Volk aufgewachſen, ſich frühzeitig an die Geſetze und Spiele des Fauſtrechtes gewöhnt haben und mit Piſtole und Bowiemeſſer(einem krummen Meſſer, das in den Sklavenſtaaten allgemein als Waffe gebräuchlich und nach ſeinem Erfinder ſo benannt iſt) ausgehen, wie unſere Herren mit Federmeſſer und Bleiſtift in der Taſche. Und in dem Sklavenſtaat, welchen der wilde, in ſeinem Lauf trübe und gefährliche Miſſouri durch⸗ ſtrömt, in dieſem Staat, der weſtlich an das wilde *) Und dieſe Duelle oder vielmehr ſein Benehmen bei denſelben haben in den Angen Vieler einen Schatten auf ſeinen Charakter geworfen. —————-„——„— c„ ——.— „————„—— e—— 81 . Steppenland der Indianer⸗Stämme und öſtlich an den im Rieſenfluß Miſſiſippi grenzt, wo heidniſches Leben noch er⸗ mit dem chriſtlichen Geſetz um die Herrſchaft kämpft, öre in dem noch jetzt nur halb civiliſirten Miſſouri kann ner ein kaltblütiger Duellant, wie Oberſt Benton als ſo würdiger Repräſentant aufgeſtellt werden, wenn er durch Feſtigkeit des Willens und Conſequenz ſeines Beneh⸗ er⸗ mens als politiſche Perſönlichkeit Achtung und Furcht on, einflößt. Aeußerlich iſt er ein ſtark unterſetzter Mann we von breiten Schultern und hoher Bruſt. Die Stirne en⸗ iſt hoch, das bereits ergraute Haar erhebt ſich dünn und leicht gelockt darüber. Darunter glänzen ein Paar lebhafte, aber kalte graue Augen, zwiſchen ihnen ſteht mei eine Habichtsnaſe hervor; der untere Theil des Ge⸗ d ſichtes iſt ſtark und dentet auf kräftigen Willen und en. ſtarke animaliſche Leidenſchaften. Geſtalt und Ausdruck ün ſind kräftig, bekommen aber leicht einen Anſtrich von Derbheit, und es fehlt ihnen das Edle. Im Senat ung tritt er für die Freiheit Californiens auf, kämpft aber din gegen Clays Omnibus⸗Bill. pen In Geſellſchaft habe ich ihn als einen offenen zu⸗ nd vorkommenden, ſehr artigen und freundlichen Mann ote kennen gelernt, aber Etwas in mir bebt zurück vor — dieſer kalten blutigen Hand. Sonſt könnte ich mich inb entſchließen„ den Mann öfter zu ſehen. Sein offenes Bekenntniß im Senat, daß er, obſchon Vertreter eines vir Sklavenſtaates und in einem Sklavenſtaat geboren, de, dennoch die Sklaverei als ein Uebel betrachte c. und es für ein Verbrechen anſehen würde, dieſen . Fluch auf bisher frei geweſene Territorien auszu⸗ lde dehnen, dieſes männlich offene Bekenntniß in ſeiner Stellung verdient alle Achtung, und ſeine Schilderun⸗ gen von der Natur und den Verhältniſſen in den weſt⸗ bei lichen Ländern ſind lebendig, kräftig und zeugen von tten Kenntniſſen und Talent. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. H. 6 82 Am kühnſten im Lager der Südländer ragt neben dem Senator von Miſſouri, der Senator von Loniſiana Soulé hervor, bildet aber einen ſcharfen Contraſt gegen die Erſtgenannten. Der Habicht von Miſſouri iſt ein tüchtiger Repräſentant des Staats mit dem wilden Fluß, mit dem an rohen Metallen reichen Bergen, des Nachbarſtaats der Indianer. Das Land, wo die Orange blüht, wo der Zucker wächſt und wo franzöſiſche Civili⸗ ſation und franzöſiſche Sitten längſt heimiſch ſind, da ſie von Frankreich aus während der verfeinertſten Periode Frankreichs dahin gezogen, das blühende ſchöne Louiſiana hätte keinen würdigeren Repräſentan⸗ ten zum Congreß ſchicken können, als den franzöſiſchen Creolen Soulé. Südländiſch ſchön, mit den feinen Zü⸗ gen, den dunkeln Haaren und Augen, die Spaniens und auch Frankreichs ſchönſte Bevölkerung auszeichnen, beſitzt Souls die Grazie und Feinheit des Ausdrucks, die man bei den Männern dieſer Völker findet und die man bei den Angelſachſen und Normannen nicht findet, ſo viel Gutes und Schönes man auch ſonſt bei ihnen finden mag. Soulé iſt im Senat und in der Cali⸗ fornienfrage für die„Rechte des Südens“ aufgeſtanden, hat ſich aber zugleich als ein Mann von Genie und Tact gezeigt, und als es ſich um einen Beſchluß han⸗ delte, welcher dem Intereſſe Louiſianas als Sklavenſtaat widerſtritt, hat er ſich gleichwohl für das Verbleiben bei der Union ausgeſprochen. Seine große Rede hat bedentendes Aufſehen gemacht, und ich habe ſie vielfach preiſen gehört. Ich habe ſie geleſen, finde aber darin Nichts von einer höheren Natur zu bewundern. Die Staatsrechte des Südens ſind das höchſte Ziel, wofür er kämpft, und ſeine höchſte Appellation iſt an das rit⸗ terliche Ehrgefühl für— eigene Chre.„Der Süden darf nicht nachgeben, weil der Süden der ſchwächere Kämpfer iſt. Wenn der Süden beſiegt werden ſoll, ſo darf doch keine Röthe der Scham ſeine Wange be⸗ P — 83 flecken.“ Souls iſt ein franzöſiſcher Ritter, aber nicht vom höchſten Schlag; kein Bayard oder Turenne. Der kaltblütige Senator von Alabama, ein Mann von ſcharfem und ſtrengem Ausſehen, hochgeachtet we⸗ gen der Rechtſchaffenheit ſeines Charakters, ſitzt im La⸗ ger der Südländer neben dem feurigen Miſſiſippier, nämlich dem jüngeren der Senatoren dieſes Staats; einem feurigen jungen Mann von ſchönem Geſicht, der heftig für die Rechte des Südens ſpricht. Der zweite und ältere Senator von Miſſiſippi, Mr. Foote, iſt ein kleiner, magerer, ebenfalls feuriger Mann, den ich für einen wahrhaft warmen Patrioten halte. Er iſt für die Union, und ſeine glänzendſten Augenblicke ſind diejenigen, wo er ſich auf polemiſche Dithyramben ge⸗ gen Jeden wirft, der ſie bedroht. Die Epploſionen ſeiner Ausfälle reißen ihn beinahe vom Boden auf, während ſeine ganz elaſtiſche, aber doch ſehnige Geſtalt in heftigen Zuckungen aufwärts den Apoſtrophen des Geiſtes folgt. Dieſe ſind zuweilen ſo ſcharf und ſtra⸗ fend, daß ich mich über die Geduld gewundert habe, womit der Senat und beſonders gewiſſe Senatoren ſie anhören. Aber es kommt mir vor, als hören ſie die⸗ ſelben mit einem gewiſſen Kennergefühl für die Arbeit eines talentvollen Künſtlers. Mr. Foote iſt übrigens beſtändig auf den Beinen, hat immer etwas zu bemer⸗ ken, zurechtzuweiſen, und er ruft durch ſeine queckſil⸗ berne Lebhaftigkeit zuweilen ein allgemeines Lachen her⸗ vor, aber von gutmüthiger Art, wie Mr. Foote im Grunde ſelbſt iſt. In der Nähe des„feuereſſenden Miſſiſſippi“ er⸗ blickte ich einen jungen Mann, gleichfalls von ſchönem Ausſehen und mit Geſichtszügen, die denen eines In⸗ dianers merkwürdig gleichen. Es iſt der Senator von Virginien(auf ſeinen Namen beſinne ich mich nicht, und er ſoll ein Abkömmling der indianiſchen Heldin 84 Viriginens Pocahuntas ſein; für mich iſt dieß ſeine vornehmſte Merkwürdigkeit. Und jetzt, mein liebes Agathchen, kannſt Du wohl für heute genug an Politik und an politiſchen Herrn haben. Mehr werde ich Dir ſchreiben, wenn ich ſelbſt mehr geſehen habe. Zwei Abgeſandte der Mormonen zei⸗ gen ſich auch im Senat(doch nicht im Senat ſelbſt, ſon⸗ dern nur im Vorhof) und überbringen dem Congreß einen Antrag des ſehr ſchnell auf 12000 Seelen ange⸗ wachſenen Mormonenvolkes, das um Einverleibung in die Union und um militäriſchen Schutz gegen die In⸗ dianer bittet. Dieſe ſonderbare Secte iſt, nachdem ſie von dem Volk in Illinvis aus ihrer erſten Heimath am Miſſiſippi vertrieben worden, weit nach Weſten jenſeits der indianiſchen Wildniß Nebraska gewandert und hat in einem fruchtbaren Thale rund um einen großen Binnenſee, genannt der große Salzſee, im obern Californien einen blühenden Staat gegründet. Ueber die Regierung und über die Sitten des Völk⸗ chens habe ich bis jetzt noch nichts recht Klares und Beſtimmtes gehört, aber ihre Bibel, die Mormonen⸗ bibel habe ich hier entlehnen können. Sie enthält erſt⸗ lich die ganze chriſtliche Bibel, ſodann verſchiedene Zuſätze zu derſelben von der Hand einiger ſpäteren an⸗ geblichen Propheten, von welchen Meroni und Mor⸗ mon die letzten ſind. In ihren Weiſſagungen kommen nähere und beſtimmtere Prophezeiungen von Chriſtus vor, ja beinahe ſeine ganze Geſchichte und viele von ſeinen Worten, aber, ſoweit ich entdecken kann, durch⸗ aus nichts Nenes in der Religionslehre. Die Eigen⸗ thümlichkeit der Secte ſcheint ſich darauf zu gründen, daß ihr Prophet Jve Smitt in gerader Linie von die⸗ ſen letzteren chriſtlichen Propheten abgeſtammt ſein und durch wunderbare Mittheilung einen Theil ihrer Bü⸗ cher, wie auch ihrer geiſtigen Gaben empfangen haben ſoll, nebſt der Macht, dieſe Gaben Andern mitzuthei⸗ 85 len, wodurch ſie in einen näheren Verband mit Chri⸗ ne ſtus kommen, als alle andern Chriſten. Wie ein Mann, der offenbar in vielen Stücken ein Betrüger hl war, über Tauſende von Menſchen in einem gegenwärtigen ru chriſtlichen Staat eine ſo große Macht erhalten und ſie bſt dazu bringen konnte, eine große und ordentliche, ſei⸗ ei⸗ nen Geſetzen gehorſame Gemeinde zu bilden, das n⸗ ſcheint ſich kaum anders erklären zu laſſen, als dadurch, eß daß dieſer Mann zugleich einige wirklich ungewöhnliche ge⸗ Gaben, theils von prophetiſcher Art(und wir höͤren in ja noch täglich von vielen ſolcher Abarten des älteſten n⸗ prophetiſchen Vermögens, wie z. B. von dem zweiten ſie Geſicht der Schotten) theils Gaben weltlicher Klugheit ath beſaß. Er wurde im Kampf mit der Bevölkerung von ten Illinvis erſchoſſen und er ſoll die Zeit und die Art ert ſeines Todes mit Beſtimmtheit vorhergeſagt haben. nen Aber das Mormonenvolk läßt ſich fortwährend von im Männern leiten, die ſeine Geſetze befolgen und angeb⸗ et. lich von ſeinem Geiſte geleitet werden. lk⸗ Ich muß Dir jetzt ein wenig von meiner neuen und Heimath erzählen. Es iſt dieß das Haus eines en⸗ Profeſſors der Geologie Namens Johnſon. Er ſelbſt rſt⸗ beſindet ſich gegenwärtig auf einer Geſchäftsreiſe, wird ene aber bald zu Haus erwartet. Seine Frau, ihre an⸗ Schweſter und zwei Adoptivkinder, ein ſchönes Mäd⸗ or⸗ chen von fünfzehn und ein Junge von dreizehn Jahren, men bilden die ganze Familie. Mrs. Johnſon iſt eine eif⸗ ſtus rige Predigerin gegen die Sklaverei und für die von Waſſerkur. In der erſteren Anſtalt ſieht ſie die Wur⸗ rch⸗ zel alles Uebels, in der letzteren die Arzuei für alles gen⸗ Uebel; ſie iſt ein grundguter, redlicher, offener, herz⸗ den, licher, vortrefflicher Charakter mit vieler friſchen Ori⸗ die⸗ ginalität. Die um mehrere Jahre jüngere Schweſter iſt und Quäckerin und hat eines jener milden ſchönen Geſichter, Bü⸗ welche bei den Weibern dieſer Secte ſo gewöhnlich ſind, ben wie auch ihre verſtändige ſtille Art zu ſein. Sie trägt hei⸗ 86 ſich immer weiß und jeden Morgen iſt der Frühſtück⸗ tiſch mit friſchen Roſen geſchmückt, die ſie von ihrem Spaziergang vom Park am Capitol mitbringt; eine oder zwei Roſen liegen bei jedem Convert, juſt wie wir es bei unſerem Frühſtückstiſch zu Arſta zu haben pfle⸗ gen. Miß Donaldſon iſt das Ideal der politiſchen Quäckerin, und die eine und andere Zeile ſchöner Poeſie wird von Zeit zu Zeit in ihr Geſpräch eingeflochten, immer an ihrem Ort, immer voll Anmuth. Miß Donaldſon erfriſcht mich ſchon durch ihre bloße Ge⸗ genwart, die eine gewiſſe Ruhe um mich her ergießt. Mrs. Johnſon erfriſcht mich mit ihren kalten Bädern, mit ihrer muntern Natürlichkeit, ſowie mit den Diſputativ⸗ nen, die ich ſie zuweilen zu meinem großen Vergnügen mit dem ſchwediſchen Doctor Hebbe halten höre; ich bin ihr unendlich dankbar für den ſchönen Frieden und die Freiheit, die ich in ihrem guten Hauſe ge⸗ nieße. Waſhington, den 14. Juli. Es iſt Sonntag, und ich bin nicht in die Kirche gegangen, um bei Dir auszuruhen und mit Dir zu plau⸗ dern. Es iſt ſehr heiß, aber die Sykomore vor meinem Fenſter ſpendet mir Schatten und ſo viel als möglich Kühlung durch die grünen Jalouſien. Jetzt biſt Du wohl wit Mama auf Arſta, mein liebes Agathchen, lebſt wieder auf und ſchweifſt in der Sommerluft und unter Blumen umher. Mögen alle andern Dinge zu Hauſe ſich eben ſo ſommerlich gut anſtellen und Dir Dein Landleben recht genußreich machen! Hier iſt Alles wieder in vollem Kampf. Präſi⸗ dent Taylor ruht in ſeinem ſtillen Grab, innig be⸗ trauert von ſeinen nächſten Angehörigen, ſowie von ſeinen Kriegsgefährten. Seine Beerdigung fand neu⸗ lich mit Pomp ſtatt, war jedoch weniger prunkvoll als die Leichenfeier Calhouns in Charleston und zog weit ine vir fle⸗ hen eſie en, Niß mit tiv⸗ gen ich den ge⸗ . rche au⸗ nem lich Du hen, und ezu Dir be⸗ von neu⸗ als weit 87 weniger Zuſchauer herbei. Ueber ſeinem Grab ſtürzen die politiſchen Parteien mit erneuter Bitterkeit auf ein⸗ ander los, und die Ermahnungen, die ſein Tod im Congreß hervorgerufen, daß man auf höhere Dinge bedacht ſein ſoll, als auf egoiſtiſche und irdiſche Inter⸗ eſſen, ſcheinen mit ihm begraben zu ſein. Der Sena⸗ tor von Alabama, Mr. King, iſt jetzt Senatspräſident an Fillmores Statt und füllt dieſen Platz mit etwas mehr Schärfe und bedeutend weniger Anmuth aus als dieſer. Ueber Fillmore, der jetzt auf einmal die erſte Perſon in den Vereinigten Staaten geworden, regnet es Zeitungsartikel, die ſeine Perſon, ſeine Lebensver⸗ hältniſſe, ſein Talent, ſeinen Charakter u. ſ. w. nach allen Seiten beleuchten. Ein Staatsmann hier zu Lande iſt wie ein Steuermann auf ſeinem Schiff immer allen Wettern und Windſtößen ausgeſetzt, ſo daß er bald verwittert genug werden muß, um ſich nur wenig darum zu be⸗ kümmern, wie der Wind bläſt. Dieſer Steuermanns⸗ Charakter iſt auch der einzige, der für jede öffentliche Perſon, für Staatsmänner, Beamte oder Schriftſteller taugt. Mag der Wind blaſen wie er will, ein ſolcher Mann hat blos für Eines zu ſorgen, blos nach Einem zu fragen, nämlich daß er dem Compaß angemeſſen ſteure, welcher hier das Gewiſſen oder die gewiſſenhafte Ueberzeugung iſt. Aus Fillmores Biographie geht hervor, daß er auch einer der ſelbſtgemachten Männer der neuen Welt iſt, daß ſein Vater ein geringer Far⸗ mer war, und daß der Junge blos die Erziehung einer allgemeinen Schule genoß, daß er als Jüngling das Schneiderhandwerk erlernte, ſpäter Schullehrer und ſo⸗ dann Schreiber bei einem Advokaten war, der auf ſeine glücklichen Anlagen aufmerkſam wurde und ſich ſeiner annahm. Man rechnet ihn nicht unter die Talente höchſter Claſſe, aber man rühmt ſeinen Charakter und ſeinen geſunden Verſtand(good sense). Man ſpricht viel davon, daß in dem Augenblick, wo er zum Prä⸗ 88 ſidenten gewählt wurde, ſeine einzige Tochter Lehrerin in einer Mädchenſchule war und noch iſt.(Gleichwohl keine ordentliche Lehrerin, wie ich im Anfang meinte, ſondern blos auf ein Jahr, indem ſie das Lehramt in einer Schule beſorgt, wo alle Zöglinge, um ihren Curs zu vollenden, ein Jahr lang dieſer Beſchäftigung obliegen müſſen.) Von mir habe ich Nichts als lauter gute Dinge zu ſagen, meine liebe Agatha. Ich lebe in einer Welt voll von Intereſſe und erfrene mich jeden Tag neuer Bekanntſchaften, ſowie ſolcher Geſpräche, die mehr Ge⸗ danken wecken, als ich in langer Zeit verarbeiten kann, was alles anſtrengend iſt, zumal während der ſtarken Hitze. Aber ich mag jetzt ſo erſchöpft und müde ſein, als ich will, bei jedem Wort von wirklichem Intereſſe ſpannen ſich die Nerven, das Herz ſchlägt geſund und ich fühle mich ſo ſtark und lebensfriſch wie nur je. Nirgends habe ich ſo vielſeitig intereſſante Unterre⸗ dungen gehabt wie hier. Aber hier im Congreß und um ihn her iſt auch ein großer Theil der Weisheit der Vereinigten Staaten jetzt concentrirt, denn diejenigen, die allgemeine nützliche Reformen oder Pläne durchge⸗ ſetzt zu ſehen wünſchen, kommen hieher, um beim Con⸗ greß Geſuche einzureichen, mit den Mitgliedern deſ⸗ ſelben zu ſprechen oder den Gang der Dinge zu über⸗ wachen. Unter dieſen Herren befindet ſich ein Mr. T., der für die Reform des Poſtweſens arbeitet, Herab⸗ ſetzung des Briefportos für die ganze Union, ähnlich der in England eingeführten Reform in dieſer Sache verlangt, und man hat alle Urſache zu glauben, daß das Ding bald durchgehen werde. Mr. T. hat mich überdieß durch ſeine rege Theil⸗ nahme für die höhere Entwicklung der Weiber und ſei⸗ nen klaren Einblick in deren Einwirkung auf das ganze Geſchlecht ſehr intereſſirt.„Wenn man mir,“ ſagt er, „die Wahl ließe, den Männern oder den Weibern in N— BP W — v 89 einem Volk die Erziehung zu geben, ſo würde ich mit den Weibern beginnen.“ Aber dieſe Anſicht herrſcht ziemlich allgemein unter den denkenden Männern der neuen Welt. T. iſt gleich mir erſtaunt über den be⸗ deutenden Charakter der Quäckerweiber, und er findet den Grund davon in ihrer frühzeitigen Gewohnheit an Selbſtregierung, eine Gewohnheit, die ſie ſich durch ihre baldige Theilnahme an dem bürgerlichen Leben aneignen. Profeſſor Henry iſt einer der liebenswürdigſten Gelehrten, die ich je getroffen habe, und ſeine Unter⸗ redungen mit mir gewähren mir großes Vergnügen. Vor einigen Tagen ſprachen wir von den letzten Ge⸗ ſetzen der Dinge. Henry bemerkte, daß dieſe um ſo einfacher erſcheinen, je näher wir zu ihnen dringen, und fügte hinzu:„Um ſie in ihrer höchſten Wahrheit aufzufaſſen, iſt eines Engels Gemüth und eines En⸗ gels Blick erforderlich.“ Ach! Wie Oerſted iſt Henry übrigeus ein Verehrer der Naturgeſetze, ohne darein jedoch die Naturphänomene aufnehmen zu wollen, die auf eine geiſtige Naturwelt deuten, welche weit reicher iſt als derjenige Theil, den ſie allein als reell gelten laſſen wollen. Und in dieſem Punkt lebe ich mit Henry, wie ich mit Oerſted that, in Fehde. Aber immerhin! Was die Menſchen ſind, was ſie geben, iſt das Wichtige, nicht was ſie nicht ſind oder nicht geben können. Jeder hat ſein Pfund zu verwalten bekommen. Das wiſſen wir Alle, aber wir vergeſſen es ſo oft, während wir tadeln und kritiſiren. Mr. Carey, der Nationalöconom, ſprach geſtern in meiner Gegenwart gewiß länger als eine Stunde von der rechten Staatsbildung.„Das eigentliche dauernde Gebände war nicht der Säule gleich, ſondern der Pyramide. Die Säule entſprach dem europäiſchen mo⸗ narchiſchen Staatsgebände, ſie kann kein großes Gebäude tragen, ſondern ſtürzt darunter zuſammen.“ Vor meh⸗ 90 reren Jahren, als Carey Ludwig Philipp in Frank⸗ reich Macht und Reichthum bei ſich und ſeiner Dynaſtie concentriren ſah, hat er geſagt:„Das kann nicht lange gehen, das muß über den Haufen fallen,“ und ſo ging es auch bald darauf.„Die rechte Staatsformation, diejenige, welche der Zeit und den Stürmen trotzen kann, muß eine gewiſſe Baſis haben und von dieſer aufwärts bauen; dieſe Form iſt die der Pyramide, und ſie iſt die Staatsbildung der Vereinigten Staaten, wo von der Baſis allgemeiner Volkserziehung und bürger⸗ licher Gleichheit das Staatsgebände feſt und unerſchüt⸗ terlich gleich den Anden und Alpen auf ſeiner Grund⸗ lage emporſteigt.“ Dieſe Vergleichung ſcheint mir gut und die Sache wahr zu ſein. Weniger klar ſcheint mir ſeine nationalökonomiſche Theorie, welche die Production der Erde auf die gleiche Höhe mit der Bevölkerung ſetzen, und den Tod we⸗ nigſtens in ſeinen großen Werkzeugen, dem Krieg und der Peſtilenz unnöthig machen will, ja überhaupt un⸗ nöthig, um den Ueberlebenden Luft und Platz zum Athmen zu ſchaffen. Ich freue mich über alle Theorie und Arbeit in dieſer Richtung, denn ſie helfen immer zu etwas mehr Licht, zu freierem Athmen und zu Hoff⸗ nungen auf Erden. Aber klar will es mir gleichwohl ſcheinen, daß eine Inſel, die gerade zehn Perſonen ernährt, niemals ebenſogut zehnhundert ernähren wird. Ja, ſagt man eine Inſel, ein kleiner beſchränkter Platz nit beſchränkten Mitteln und Quellen, aber die ganze Erde! Aber was iſt denn die ganze Erde anderes, als eine kleine, ſehr kleine Inſel im Weltmeer? Hat ſie etwas anderes als beſchränkte Mittel? Kann ſie, ſelbſt wenn all ihr Boden angebaut iſt, etwas anderes werden als eine Pflanzſchule, wo die Bäume bald ins Gedränge tommen, wenn ſie nicht verſetzt werden, als eine Pil⸗ gerkolonie, die in neue Welten auswandern muß? 91 nk⸗ Ach! Nächſt dem Glück auf dieſer unſerer ſchö⸗ ſtie nen guten Erde geboren zu ſein, weiß ich kein ſchöneres uge fröhlicheres Privilegium, als die Hoffnung ſie verlaſſen, von ihr auswandern zu dürfen in eine größere freiere , beſſere Welt. Aber könnten die Nationalökonomie ben und die andere Wiſſenſchaft die Noth auf Erden zu eſer nichte machen, und den Tod zu einem friedlichen Bürger und im Staat, der blos zu den Alten kommt, und wie ihr wo beſter Freund, der Schlaf, kommt— das wäre herrlich. ger⸗ Horace Maun(der große Erzieher) iſt ein Mann ⸗ von ſtarker, unermeßlicher Hoffnung. Ich war nieder⸗ nd⸗ geſchlagen, als ich mit ihm ſprach. Aber er flößte gut mir ein Gefühl neuen Muthes ein. An ſeiner Stirne (einer jener zweiſtockigen Stirnen, die emporſtrebende iſche Ideen beherbergen) erkennt man den Mann, der ledig⸗ eiche lich durch den Einfluß ſeines Kopfes in allen nördlichen we⸗ Staaten neue hohe luftige Lehrſäle errichtet und das und Geſellſchaftsgebäude allda eine Treppe höher hinauf⸗ un⸗ gebracht hat. Sein Raiſonnement iſt in Kürze wie folgt: zum„Wir erben Vermögen, gute und böſe Eigenſchaf⸗ eorie ten von unſern Vätern. Die eine Generation beerbt imer die andere. Die Miſſethaten und Tugenden der Väter Hoff⸗ werden, das Menſchengeſchlecht im Ganzen genommen, wohl fortgepflanzt.(Nach den Worten der Bibel werden ſie in onen den Kindern und Kindeskindern beſtraft und belohnt.) wird. Dadurch daß man dem ganzen Volke eine große Erziehung Platz angedeihen läßt, wird das ganze Volk höher ſteigen, und ganze die nächſte Generation wird bei gleicher Behandlung und mit einem höheren Erbe noch höher ſteigen, und ſo s eine in Unendlichkeit.“ Horace Mann ſpricht davon mit twas dem Glauben, der Berge verſetzen kann. Er iſt wie wenn Carey eine Kämpfernatur, nicht ſchonend gegen die⸗ n als jenigen, die ihm im Wege ſtehen, auch nicht ſehr ge⸗ ränge liebt von ſeinen Gegnern und von Lenten, die in der Pil⸗ Gemächlichkeit des Geiſtes leben wollen. Ich, die ich nuß? dieſen beiden Männern blos widerſpreche, um mehr 92 von ihnen zu hören, habe nun von ihnen erfahren, was ich zu wiſſen froh bin. Beide ſtehen in ihren beſten Jahren, ſind ſchlanke elaſtiſche Geſtalten von jugendlich lebensvollem Weſen, und der Strahl des Genies, der ihr Geſicht beleuchtet, iſt ihre vornehmſte Schönheit. Ihre hellen blitzenden Angen ſind das Klarſte, an was ich mich erinnern kann. Ich treffe hier mehrere Männer, deren eigentliche Talente oder geſunder Verſtand von dieſem Strahl von Oben beleuchtet werden, welcher überall, wo wir ihn erkennen, ſo belebend wirkt. Und hier im Lande, wo jede Staatsfrage heimlich oder offenbar in nahem Verhältniß zum höchſten Wohl und Ziel des Menſchen ſteht und danach behandelt werden kann, und hier in dieſer Stadt, wo der gegen⸗ wärtige Geſellſchaftskreis blos ein Vorſaal des Con⸗ greſſes iſt, hier wird leicht jedes Geſpräch zum Herz⸗ punkt des Lebens gebracht und erhält dadurch Leben. Den 16. Juli. Aber wenn ein Fremder in dieſer Zeit nach Waſhing⸗ ton käme und vom Capitol herab über das herrliche Land hinausſchaute, wenn er ſeine Gedanken noch wei⸗ ter über das Gebiet der Vereinigten Staaten vom at⸗ lantiſchen bis zum ſtillen Meer hinfliegen ließe, wenn er während der Sitzung des Congreſſes hier ſtände und das ſternbeſäete Banner der Vereinigten Staaten über dem Capitol flattern ſähe und er dann dächte: „Wie groß, wie herrlich muß es ſich nicht für die Männer da innen empfinden, hinabzublicken mit dem Bewußtſein, daß ſie über dieſes große reiche Land, über dieſen Welttheil das Leben der Freiheit ausbreiten!“ Gewiß würde er daun verwundert zurückſtutzen, wenn er vom Capitol heraus antworten hörte: Rein, das Leben der Sklaverei! 93 Gewiß würde er zurückſtutzen und falſch gehört zu haben glauben, würde alles Andere lieber glauben wollen, als eine ſolche Ungeheuerlichkeit, als eine ſolche entſetzliche Lüge in einem Land, deſſen Grundgeſetz agt: ſo„Wir betrachten folgende Wahrheiten als ſelbſt⸗ verſtändlich: daß alle Menſchen gleichgeſchaffen ſind, daß ſie von ihrem Schöpfer mit gewiſſen un⸗ veräußerlichen Rechten begabt ſind, daß zu dieſen das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück gehört u. ſ. w.“ Und gleichwohl wenn ein Fremder jetzt nach Wa⸗ ſhington käme und der Stimme im Capitol lauſchte, ſo würde er da nichts Anderes hören, als die Ver⸗ leugnung der Freiheit. Ich geſtehe, es hat mich tief verſtimmt, Tag für Tag im Senat nichts als Proſklavereireden der Süd⸗ länder zu hören, ohne ein einziges Wort der Erwiederung von Seiten der Antiſklavereimänner zu vernehmen. Ich habe auch verwundert gefragt, woher dieß kommen möge, und man hat mir geantwortet, die Gegner der Sklaverei haben ihre Salven bereits abgefeuert und jetzt müſſe die andere Partei Zeit haben, ſich auszu⸗ ſprechen, worauf man zur Abſtimmung ſchreiten werde, wobei die Proteſtation gegen die Sklaverei ſich ohne Worte geltend mache. Aus einigen Reden, die ich am Anfang hörte, und aus den gedruckten Reden Sewards und mehrerer Congreßmitglieder habe ich auch geſehen, daß die Erklärung nahe iſt, und ich kann blos beklagen, daß ich während dieſer Periode, wo die Diseuſſion ſich ſchon zu Ende neigte, hieher gekommen bin. Es iſt jedoch ein bedeutender Schritt vorwärts im politiſchen Leben, daß die Disecuſſion der Sklavenfrage vollkommen frei iſt. Vor wenigen Jahren war ſie bei Lebensſtrafe im Congreß verboten. Tapfere Männer, Freunde der Menſchheit und das allgemeine Gefühl 94 haben dieſe Mauer niedergeriſſen. Und der Kampf um Freiheit oder Sklaverei hat ſich in dieſer Zeit immer ſtärker auf das innerſte Gebiet der Frage in der Menſchheit zuſammengezogen, und es ſind dabei große Gedanken zu Tage gekommen, die auf mich den Ein⸗ druck machen, wie in einer Landſchaft Alpen, auf deren hohe Scheitel die aufgehende Sonne ihre erſten Strah⸗ len wirft. Zu dieſen Gedanken gehört derjenige, ob ein Geſetz Gottes höher ſei, als die Geſetze des Staates, und in Kraft welcher Geſetze die Geſellſchaft das Recht habe ſich den letzteren zu widerſetzen, wenn ſie gegen die erſteren ſtreiten. Dieß iſt im Grund blos eine Anwendung des erſten Grundſatzes in der Freiheitserklärung der ameri— kaniſchen Staaten auf die Streitfrage des Tags. Aber die Idealiſten im Norden ſprechen ihn in dieſer Zeit mit Kraft und Schönheit aus, und es iſt mir klar, daß er früher oder ſpäter das Freiheitsbanner im Kampfe ſein wird! Die Gegenpartei hinwiedernm ſagt, ſie ver⸗ ſtehe nichts von dieſem Gerede über ein Geſetz, das höher ſein ſolle, als die Conſtitution und die Treue gegen dieſelbe. Und das ſagt auch Daniel Webſter, der Repräſentant des Pilgerſtaates. Sein Feldge⸗ ſchrei iſt Verfaſſung und Union. Sie ſind ſeine Götter und für ihn gibt es keinen Gott über ihnen. Den 18. Juli. Geſtern hörte ich im Senat eine ſehr bemerkens⸗ werthe Rede von Webſter, die einen entſcheidenden Eindruck zu ſeinen Gunſten auf mich machte. Ich bin bis jetzt viel mit Feinden und politiſchen Gegnern Webſters umgegangen und habe ihn vielfach angreifen und herunterreißen gehört. Jetzt bin ich überzeugt, daß er in ſeiner Ueberzeugung vollkommen ehrlich ſein kann, und ich will glauben, daß er es iſt. Er ſprach heute —— —„8„— —— 6—„ 95 für Clays Compromißbill und hielt ſie in allen Punk⸗ ten feſt, indem er erklärte, daß ſie nach ſeinem Dafür⸗ halten im gegenwärtigen Augenblick die nothwendigen Bedingungen eines Vergleichs zwiſchen den ſtreitenden Staaten erfülle, und daß er dieſen Vergleich als die Bedingung des Fortbeſtandes und zukünftigen Wohls der Union betrachte. Er ſagte:„Ich glanbe an eine Vis medicalis, an eine geſunde Lebenskraft bei den Nationen ſowohl, als bei den einzelnen Menſchen, und mit was für Fehlern und Gebrechen wir auch belaſtet ſein mögen, ſo werden wir uns derſelben weit leichter entledigen, wenn wir zuſammenhalten und in großſin⸗ niger Verträglichkeit unſere Bande mit einander tragen, als wenn wir ſie in blinder Uebereilung zerriſſen.*) Sodann rief er in kurzen kräftigen Sätzen, deren jeder ein lebhaftes Gemälde enthielt, die Erinnerung deſſen hervor, was die verſchiedenen Staaten, der Pilgerſtaat wie der Palmettoſtaat während ihres Selbſtſtändigkeits⸗ kampfes für einander geweſen, wie ſie mit einander für das gemeinſame Wohl gelitten und geſtritten, und er ſchloß mit der Mahnung, ſich von den vereinzelten Intereſſen dem allgemeinen Wohl zuzuwenden, die Con⸗ ſtitution, ſo wie die Väter ſie gegründet, aufrecht zu erhalten,„mehr als gewöhnliche Tugend zu üben!“ „Was mich betrifft, ſo werde ich bei der Union ſtehen und bei Allen, die zu ihr ſtehen. Ich mache den Vor⸗ ſchlag, bei der Conſtitution feſtzuſtehen, und ich bedarf keiner andern Plattform. Ich werde es dem ganzen Lande recht machen. Ich werde einzig und allein unſer Land anerkennen. Mögen die Folgen für mich ſein, welcher Art ſie wollen, ich bekümmere mich nicht darum. * Ueber Utah ſagte Webſter:„Laſſen wir ſie nöthigen⸗ falls noch einige Jahre auf ihren ſalzigen Gefilden an an ihrem ſalzigen See ſitzen,“ was allgemeine Heiter⸗ keit erregte. 1 96 Niemand kann zu viel leiden und Niemand kann zu früh fallen, wenn er in der Vertheidigung der Freiheit und Verfaſſung ſeines Landes leidet und fällt.“ Webſter hatte ſeine Rede leiſe, bedrückt und in ſcheinbarer Lebloſigkeit begonnen. Gegen Ende der⸗ ſelben hatten ſeine Wangen Ingendgluth bekommen, ſeine Geſtalt richtete ſich auf, zeigte ſich ſchlank und lebensvoll, und bei den letzten Worten ſtand er in voller, beinahe apolliſcher Mannesſchönheit inmitten der bezauberten, lauſchenden Verſammlung; er blieb ruhig, ohne ſichtbaren Affekt, noch ſtehen, aber er ſchien ſich glücklich und frei zu fühlen in der Erhabenheit des Geſanges, den er erhoben. Ach! hätte er einen noch ſchöneren, noch höheren Geſang erhoben, ſo wäre Alles vollkommen geweſen— der Sieg des Lichtes und der ſeinige. Aber indem er für Californiens Freiheit ſprach, ſprach er zugleich für die Einfangung geflüchteter Sklaven ſelbſt in den bisher freien Län⸗ dern— und kein Fleck auf Amerikas Erde ſollte hin⸗ fort mehr eine Heim ath der Freiheit genannt werden können. Die unglückſeligen Zeitverhältniſſe, die politiſche Nothwendigkeit trieb ihn dazu. Er konnte nicht anders handeln. Das glaube ich. Und ich ſtimme auch in ſein Glaubensbekenntniß ein:„Ich glaube an eine geſunde Lebenskraft bei den Nationen u. ſ. w.“ Dieſes Glaubensbekenntniß wird ſich, glaube ich, als prophetiſch wahr erweiſen. Aber ich will jetzt von dem Eindruck ſeiner Rede ſprechen. Nie habe ich einen Vortrag gehört, der ergrei uder und elektriſcher gewirkt hätte. Aus der tiefen Stille, worin die Ver⸗ ſammlung, gleichſam mit zurückgehaltenem Athem, ihm lauſchte, ſchaffte ſich einmal ums andere das Beifalls⸗ getöſe wie ein hervorbrechender Donner Luft. Einmal ums andere mußte der präſidirende Senator(von Alabama), und zwar zuletzt recht ſcharf, die Zuhörer auf den Gallerieen erinnern, daß ſolche Beifallsbezen⸗ 97 gungen verboten ſeien; bei jedem neuen Blitz in Web⸗ zu ſters Rede erhob ſich der Beifallsdonner von Neuem eit und wurde erſt durch das Bedürfniß, den Redner weiter zu hören, gewaltſam zum Schweigen gebracht. Von der entzückten Verſammlung wandte ich meine er⸗ Blicke auf ein Geſicht, das von einer ſo warmen und en, reinen Freude ſtrahlte, daß ich nicht umhin konnte, ud aufs Innigſte mit ihm zu ſympathiſiren, denn dieſes in Geſicht gehörte der Gattin Webſters. Ich habe mir ten ſagen laſſen, ſie ſei das erſte Mal, als ſie ihren Mann ieb öffentlich ſprechen hörte, in Ohnmacht gefallen. Sie ien ſieht indeſſen kräftig und keineswegs nervenſchwach aus. eit Man kann ſich in der That von Webſters Gewalt ten als Redner, von der klaſſiſchen Schönheit und Kraft Kre ſeiner Sprache(ſelbſt wenn es den Ideen, die er aus⸗ tes ſpricht, oft an Neuheit, zuweilen an Größe fehlt), ſo⸗ ens wie von der tiefen Eindringlichkeit ſeiner Stimme, wenn ung er auf Etwas Nachdruck legen will, keinen Begriff än⸗ machen. Wenn dies nicht ein ungewöhnlich großes in⸗ Naturtalent iſt— er ſieht nämlich ganz einfach und nnt natürlich aus— ſo iſt es eine ſehr große Kunſt. Im iſſe⸗ Allgemeinen ſchreien die Redner hier zu Lande zu viel, nte ſie ſind in ihrem Weſen zu heftig, ſie brüllen und ich bellen die Worte heraus, wenn ſie recht kräftig ſein Ich wollen. Henry Clay iſt von dieſem Fehler nicht frei, nen aber bei ihm iſt es weit mehr der innere Drang, und ube er läßt ſich mehr vom Gefühl hinreißen als Webſter. jetzt Ungeachtet die Compromißbill jetzt dieſe beiden ich Staatsmänner für ſich hat, glaubt man doch allgemein, cher daß ſie wenigſtens in ihrem gegenwärtigen Omnibus⸗ Ver⸗ Charakter durchfallen werde, ja man behauptet ſogar, ihm ſie ſei bereits über den Haufen geworfen. Henry Clay, lls⸗ der jetzt ſchon ſieben Monate für ſie gekämpft hat, mal kämpft noch immer beinahe wie ein ſterbender Gladia⸗ won tor für ſie und es thut eigentlich weh, wenn man ihn örer Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. ze⸗ 98 leidenſchaftlich und heftig, beinahe wie einen Jüngling mit zitternden und todesblaſſen Händen(die Finger ſind ſo mager und bleich) ſeine weißen Locken aus der hohen Stirue zurückwerfen ſieht, auf welche ſie durch ſeine heftigen Kopfbewegungen, wenn er im Senat ſpricht oder auf Angriffe antwortet, beſtändig herab⸗ fallen. Webſter iſt in ſeinem ganzen Weſen ſchöner und ruhiger. Gleichwohl erblicke ich in Clay den pa⸗ triotiſchen Helden, der ſein Vaterland und ſein Volk auf der Bahn der Freiheit vorwärts führen will, wäh⸗ rend Webſter mit all ſeiner Schönheit und Redegewalt ſür mich blos eine große Staatsfeuerwache iſt, die da⸗ rüber wacht, daß die Conſtitution nicht an irgend einem ihrer alten Knoten Feuer fange. Webſter iſt ein Mann der Vermittlung, ein Mann der Union. Er iſt ein Pa⸗ cificator, aber kein Regenerator. Den 20. Juli. Ich komme nie dazu, Dir ſo zu ſchreiben, wie ich gern möchte. Meine Stunden ſind ſo ſehr in Anſpruch genommen. Noch iſt die große Frage im Congreß unentſchieden noch kämpfen die Staatsmänner auf Leben und Tod. Seit ich die perſönlichen Kämpfe hier geſehen habe, finde ich Nichts natürlicher, als den En⸗ thuſiasmus der Amerikaner für ihre Staatsmänner, denn Heldentugenden und Heldenmuth ſind in dieſem Geiſteskampfe erforderlich, und zwar von weit höherem Charakter als im blutigen Felde. Und blutlos iſt dieſer Kampf nicht, obſchon man das Blut nicht fließen ſieht; des Menſchen beſtes Herzblut wallt und erglüht hier unter den ſcharfen Streichen mit dem Schwerte des Worts. Geſtern war ich Zeugin eines Einzel⸗ kampfes zwiſchen dem Löwen von Kentucky und dem Habicht von Miſſouri, und dieſer Kampf machte mein Blut wallen vor—— Entrüſtung. ing ger der rch nat b⸗ ner a⸗ olk alt ⸗ em nn za⸗ ich uch eß uf ier n⸗ er, em em iſt en iht rte el⸗ em in 99 Oberſt Benton(der Habicht) hatte vorgeſtern Clays Compromißbill heftig angegriffen und dabei geänßert: „Die Billiſt inlagrantidelieto ergriffen, ſieiſt auf der That ertappt, ich habe ſie im Nacken gepackt und zeige ſie hier zu ihrer Schande und Schmach den Blicken des Publikums,(und Benton hielt dabei die Bill zu⸗ ſammengerollt hoch in die Luft) juſt wie ſie im Be⸗ griff ſteht ihr Verbrechen zu verüben, im Begriff u. ſ. w.“ Gewiß drei Stunden lang arbeitete Benton mit wahrer Mordluſt, um dieſes Ungehener, wie er Clays Bill nannte, zu tödten und zu vernichten und mit allen Arten von Waffen Clay ſelbſt anzugreifen, indem er auch ihn dem allgemeinen Tadel und Spott preiszuge⸗ ben ſuchte, auf eine Art, die nach Haß und niedriger Bosheit ſchmeckte. Dieſer Angriff füllte beinahe die ganze Sitzung aus. Geſtern erhob ſich Clay zu ſeiner Vertheidigung und verlangte von dem Senat, er ſolle ſeine Mißbilligung über Ausdrücke von der Art, wie Benton ſie gebraucht hatte, ausſprechen. Aber er reizte dadurch das Unthier von Miſſouri nur zu noch feind⸗ ſeligeren Perſönlichkeiten. Und ich faßte einen wahren Abſchen vor dem ſichtlichen kaltblütigen Vergnügen, womit er, nachdem er eine ſchwache Stelle in Clays Poſition entdeckt hatte, ihn in ſeinen Klauen zu hal⸗ ten und ſich recht eigentlich in ſein Fleiſch und Blut einzu graben ſchien. Verzeih, daß ich ſo rohe Aus⸗ drücke gebrauche, aber ich male(und zwar nur in Waſſer⸗ farben) den Charakter der Handlung. Beſonders deut⸗ lich erinnere ich mich an Folgendes: Benton erwähnte einen Ausdruck in der Bill, deſſen Berührung, wie er merke, Clay ſehr angelegentlich auszuweichen ſuche.„Ich ſehe,“ ſagte er,„daß der Senator von Kentucky an dieſer Stelle beſonders em⸗ pfindlich iſt, ich will ſie daher noch einmal ſondiren, ich will noch einmal das Meſſer an den ſchmerzenden Nerv ſetzen!“.. und er ſtreifte dabei(vielleicht 100 unbewußt) ſeine Rockärmel auf, gleich als bereite er ſich zu einer Operation vor, an die er mit großem Ver⸗ gnügen gehe. Ich ſah den kaltblütigen Duellanten vor mirz vielleicht ſtreifte er ſeine Aermel deswegen zurück, um die Handgelenke ganz frei zu haben, während er langſam auf ſeinen unglücklichen Gegner zielte und ihn zuletzt niederſchoß. Wie verabſcheute ich dieſen Mann und ſeine unedle Kampfesart! Ein ſtarker edler Zorn, das iſt ein erfriſchender Anblick. Aber dieſe raubthier⸗ artige Luſt am Quälen, Pfni! Der Löwe von Kentucky ſpürte des Habichts Klauen und Schnabel, das ſah ich an der Gluth auf ſeinen Wangen, an ſeinen haſtigen fieberiſchen Bewegungen⸗ als er ſich ein paarmal zu ſeiner Selbſtvertheidigung erhob. Um ſo mehr bewunderte ich, daß er ſich zu kei⸗ ner Perſönlichkeit hinreißen ließ, daß er während eines großen Theils der langfamen Operationen ſeines Geg⸗ ners ganz ſtill verblieb, daß er fich ſtets als Gentle⸗ man zeigte gegenüber einem Raubthier, das ſich den Inſtinkten ſeiner rohen Natur hingab. Aber ich wun⸗ derte mich, daß während des langen Streites im Senat ſelbſt kein hochſinniges Gefühl ſich gegen dieſe Art zu kämpfen erhob. Ich ſehnte mich darnach. Die ſcan⸗ dinaviſchen Heiden ſchlugen ſich auf ritterlichere Art und Weiſe. Auch wunderte es mich Abends in einer Ge⸗ ſellſchaſt, daß ich mit meinen Eindrücken vom Verfah⸗ ren des Senators Benton durchaus kein Echo fand. „Ich müßte mich ſehr täuſchen, Miß,“ ſagte Senator H. zu einer jungen Dame(einer literariſchen Löwin, die gegenwärtig in Waſhington iſt), wenn Sie nicht an der Art, wie Benton mit Clay umſprang, Ihre wahre Herzensluſt gehabt hätten?“ Ja,“ antwortete ſie,„es war ein wahres Feſt für mich!“ Welch ein Geſchmack! X Clay hat übrigens bei ſeinen politiſchen Kämpfen im Senat nicht immer dieſelbe Maßhaltung und Ueber⸗ ich or ck, er hn nn rn, er⸗ nen en en, ung kei⸗ nes eg⸗ tle⸗ den un⸗ nat zu an⸗ und Ge⸗ fah⸗ nd. ator vin, richt Ihre rtete ein pfen ber⸗ 101 legenheit gezeigt, und erſt vor Kurzem ließ er ſich in einem Streit mit Benton zu einer ähnlichen Rohheit wie dieſer ſelbſt hinreißen. Aber nur für einen Au⸗ genblick. Die Heftigkeit, die bei Clay ein Paroxismus iſt, iſt bei Benton Natur. Der erſtere wird dazu ge⸗ reizt, der letztere greift ihn mit beinahe unglaublichem Uebermuth damit an. Clay wird davon überraſcht, Benton hat ſie ſtets bei der Hand. Heute, als ich ungewöhnlich ſpät in den Senat kam, ſprach Clay. Man hatte nicht erwartet, daß er ſprechen würde. Aber ein Vorfall während der Dis⸗ cuſſivn hatte ihn hingeriſſen, und ich ſah ihn jetzt in einem der Augenblicke, wo ſein leidenſchaftlicher Ernſt unwillkürlich die ihn umgebende Verſammlung mit ſich riß oder ihr imponirte. Er ſtand mit geſchloſſenen und emporgehobenen Händen, mit aufwärts gerichtetem Ge⸗ ſichte da, und mit einer Stimme, deren Pathos und Wohllaut ich erſt recht ſchätzen lernte, betheuerte er die Reinheit ſeiner Abſichten und verſicherte, daß er nichts Anderes als das Wohl des Vaterlandes bezwecke.„Was ſollte auch mich verlocken können?“ fügte er hinzu.„In meinem Alter ſteht man dem Himmel näher als der Erde; denn man iſt zu nahe daran die letztere zu ver⸗ laſſen, als daß man auf ihr einen Lohn ſuchen möchte. Das Zeugniß meines Gewiſſens iſt das einzige, was mich im Kampfe ſtärken kann. Alle ſchwiegen. Ich em⸗ pfand tiefes Mitgefühl mit dem verlaſſenen Kämpen, der ſo allein hier unter vielen Feinden, vielen ſchaden⸗ frohen Zuhörern ſtand und nicht einen einzigen Freund um ſich hatte. Aber dieſe Vereinſamung iſt die höchſte Größe auf Erden, wenn man den höchſten Richter zum Freund oder wenigſtens zu ſeinem einzigen Vertrau⸗ ten hat. Am Montag ſoll Clay ſeine letzte große, vielleicht ſeine Sterberede in der Californiſchen Frage halten, worauf ſie vermuthlich bald auf die eine oder andere 102 Art zur Entſcheidung kommen und Clay jedenfalls den Congreß verlaſſen wird, um ſich in ein Seebad zu be⸗ geben. Blos dieſer Rede zu lieb bleibe ich noch einige Tage hier. Jetzt will ich dir auch noch ein wenig von andern Perſonen und Verhältniſſen dahier erzählen, die mir intereſſant waren. Unter den erſteren befindet ſich ein Gelehrter. Mr. Scoolcraft, der die Miſſiſippiquellen weit oben in der nördlichen Provinz Minneſota entdeckt hat. Er hat ſich lange Zeit unter den nördlichen In⸗ dianerſtämmen aufgehalten, weiß vieles Intereſſante von ihnen zu erzählen und beſchäftigt ſich dermalen mit der Herausgabe eines Werkes über ſie und das Land am obern Miſſiſippi. Er geht, da er an den Beinen gelähmt iſt, an Krücken, aber ſeine Seele bewegt ſich frei. Er iſt ein intereſſanter und ſehr wohlwollender Mann, und durch ihn, wie auch durch noch einige an⸗ dere Perſonen hier, habe ich die allergrößte Luſt be⸗ kommen, den obern Miſſiſippi zu ſehen, deſſen Charak⸗ ter man als ſo großartig beſchreibt, zu den Indianern zu gehen, ihr wildes Leben zu betrachten und das Miſſiſippithal ſeiner ganzen Länge nach vom Norden bis nach Neu⸗Orleans im Süden zu durchreiſen. Ich möchte dieſe große künftige Heimath einer Bevölkerung ſehen, von der man ſagt, daß ſie größer ſein könne, als die gegenwärtige ganze Bevölkerung von ganz Eu⸗ ropa. Nachdem ich den Süden von Nordamerika ge⸗ ſehen habe und das Leben des Weſtens ahne, erkenne ich die Wahrheit von W. Emerſons Aeußerung: „Amerikas Dichter iſt noch nicht gekommen.“ Aber wenn ich auch den Poeten nicht ſehen darf, ſo möchte ich doch gern ſeine Muſe ſehen, die ihm ſeinen Geſang eingeben wird; möchte gern wenigſtens einen Blick in die Größe ihres Reiches und die Kräfte, über welche ſie in der Natur gebietet, werfen, möchte mir eine —— 8 5 — u—— ——— — A u v K— — c S„ v M 103 Muthmaßung über das Leben und die Entwicklung künftiger Geſchlechter in ihrem Schoos bilden kön nen. In Mr. Scoolcrafts Sammlungindianiſcher Curioſa befinden ſich auch kleine Flöten, welche die Judianer gebrauchen, wenn ſie verliebt ſind und ihre Liebe dem Gegenſtand ihrer Sehnſucht zu erkennen geben wollen. Sie malen und ſchmücken ſich dann aufs Beſte, gehen am ſtillen Abend oder in der Racht hinaus, und bla⸗ ſen vder pfeifen in der Näbe des Zeltes oder Wigwams der Geliebten auf der Flöte. Iſt die Schöne dem Liebhaber hold, ſo läßt ſie ſich außerhalb des Zeltes ſehen, mitunter kommt ſie ihm auch entgegen und läßt ſich von ihm entführen. Dieſe Flöte iſt ein ſehr un⸗ vollkommenes Inſtrument, und die Indianer, die nicht ſehr muſikaliſch ſind, bringen nur einige wenige bei⸗ nahe ganz unmelodiſche Töne aus ihr hervor, welche dem Gepfeife oder Gezwitſcher eines Vogels gleichen. Mr. S. hat die Güte gehabt mir einige Gemälde von dem Le⸗ ben und den Sitten der Indianer zu ſchenken; eines von ihnen ſchildert eine ſolche nächtliche Freiwerbung. Es ſteht dem Thierleben ſehr nahe; man meint einen hübſchen Vogel ſeiner kleinen Donna vorflöten zu ſehen. Auf dem Obſervatorium dahier habe ich durch ein ſehr gutes Teleſcop zu dem Mond hinaufgeguckt und ſein träumeriſches mare vaporum(Dunſtmeer), ſeine Höhen und Thäler, ſowie die Spalte in einem ſeiner Berge ſo deutlich geſehen wie noch nie. Schade, daß dieſe ſchöne Sternwarte eine ſo ungeſunde Lage(am Poto⸗ — — 104 mak) hat, daß die Jünger der Wiſſenſchaft ſie nicht bewohnen können, ohne ihre Geſundheit einzubüßen. Mit einem ſchönen, neuvermählten jungen Paar und Miß Dix fuhr ich eines Tags an den Potvmakfall, einen kleinen Waſſerfall in einer wilden pittoresken Gegend. Wie der Geiſt des Ortes wandelte hier in größter Einſamkeit eine Art wilder Mann mit ſieben Fingern an jeder Hand und ſieben Zehen an jedem Fuß. Er war ein Rieſe von Körpergröße und lebte hier von Fiſchen. Man ſagte mir, er ſei ganz harm⸗ los, wenn man ihn im Frieden laſſe, aber ein gefähr⸗ licher Raufer, wenn man ihn beunruhige. Ich will es gerne glauben. Er ſah aus wie eine jener Starkotter⸗ naturen, halb Menſch, halb Kobold, welche die ſcan⸗ dinaviſche Urzeit an Trollhättas wildem Fall hervor⸗ brachte, und welche die amerikaniſchen Wildniſſe noch neuerdings hervorzubringen ſcheinen. Ein anderes Curioſum, aber von kleinerem Schlag, ſah ich dieſer Tage, aber nicht in der Wildniß, ſondern auf dem Capitol. Ich war im Repräſentantenhaus. Auf der Gallerie befanden ſich ſehr wenig Zuhörer und ich ging bis an die Schranke hinab, um wo möglich etwas von dem zu vernehmen, was unten im Saale geſprochen wurde. Hier ſtand neben mir ein kleines Frauenzimmer, von mittlerem Alter und ſo klein, daß ſie mir kaum bis an die Schulter reichte. Einige Perſouen kamen auf die Gallerie, um mich zu begrüßen, wobei ſie meinen Namen nannten. Als ſie gegangen waren, wandte ſich meine kleine Dame gegen mich und äußerte den Wunſch, mir ebenfalls die Hand zu drücken und mich willkommen zu heißen, was ſie ſehr freundlich that, dann aber in mißvergnügtem Ton hinzufügte:„Ich habe mich ſehr in Ihnen ge⸗ täuſcht!“(1am very much disappointed in you.)— So,“ ſagte ich,„und warum?“—„Ei,“ erwiederte ſie mit einem ernſten, unzufriedenen Blick auf mich,„ich er⸗ — 5— 3 —, r„—.——— ⸗ 105 wartete, Sie würden ein großes Frauenzimmer ſein.“ — O,“ ſagte ich lächelnd,„wünſchten Sie denn mich groß zu finden?“—„Nein, nicht gerade, aber ich habe mich ſehr getäuſcht,“ und indem ſie die Hand auf ihre Bruſt legte, machte ſie volle Front gegen mich und fuhr mit großem Nachdruck fort:„In mir erblicken Sie eine Abkömmlingin der alten Pilger; eine direkte Abkömmlingin des großen berühmten Miles Standiſh.“ Die kleine Abkömmlingin erwartete offenbar, ich würde aus Bewunderung niederfallen, aber ich ſagte blos: „Ah!“ Hätte ich irgend einen böſen Blutstropfen in mir gehabt, ſo würde ich hinzugefügt haben:„Ich finde mich in Ihnen ſehr getäuſcht, denn eine Enkelin des großen Miles Standiſh ſollte wenigſtens drei Ellen lang ſein.“ Aber als kleine Abkömmlingin der großen Vikinger glanbte ich, es ſtehe mir nicht zu mit einer Enkelin der Pilger über unſre reſpektive Länge zu rech⸗ ten, und darnm machte ich blos ein heiteres Ausrufungs⸗ zeichen mit Blick und Mund, das ſie ganz nach Belie⸗ ben erklären konnte. Sie legte es vermuthlich zu ihrem Vortheil aus, denn ſie fuhr fort, ganz wichtig die An⸗ gelegenheiten mitzutheilen, wegen welcher ſie jetzt dem Congreß anwohnte. Die kleine Dame war durchaus ernſthaft und that ſehr wichtig. Aber ich glaube nicht, daß ſie große Aehnlichkeit mit dem alten Puritaner, ihrem Stammvater, hatte. Jetzt muß ich dir einige häusliche Neuigkeiten be⸗ richten. Profeſſor Johnſon iſt heimgekommen. Als der Brief eintraf, der uns von ſeiner baldigen Ankunft benachrichtigte, ſprang ſeine Frau hoch auf vor Freude und ich hüpfte mit ihr vor Sympathie und Freude darüber, daß ich wieder eines jener glücklichen Ehever⸗ hältniſſe ſehen ſollte, deren Betrachtung meine größte Freude iſt und deren ich in der neuen Welt ſchon viele zu Geſicht bekommen habe. Der erwartete Gatte kam am folgenden Tag; er iſt eine feſte wohlwollende ge⸗ 106 müthliche und gutmüthige Natur, die durch ihre An⸗ weſenheit bedeutend zum Reichthum und der Annehm⸗ lichkeit des häuslichen Lebens beiträgt, auch für mich, weil er mir Nachmittags oder Abends, wenn ich zu⸗ weilen freie Stunden habe oder wenn das Wetter, das jetzt einige Tage lang regneriſch war an Bewegungen im Freien hindert, vorlieſt. So hat er mir Gouverneur Sewards vortreffliche Biographie von dem früheren Präſidenten Adams vorgeleſen. Und dieſe frappirte mich beſonders wegen des Heldencharakters, den der edle Staatsmann in ſeinem Kampf gegen die Sklaverei entwickelt. Ein großer Staatsmann hier zu Lande muß zu gleicher Zeit ein Weiſer und ein Held ſein, um recht nützlich wirken zu können. Ich bringe faſt alle Vormittage auf dem Capitol und dann gewöhnlich im Senat zu. Nachmittags fahren dann gewöhnlich meine Freunde unter den Se⸗ natoren mit mir nach verſchiedenen Plätzen in der Umgegend aus. Abends empfange ich Beſuche zu Haus. Bei einer ſolchen Fahrt, die ich dieſer Tage mit Gou⸗ verneur Seward machte, erzählte er mir das Ereigniß in ſeinem Leben, das ſeinen unauslöſchlichen Abſcheu vor der Sklaverei und ſeine unerſchütterliche Oppoſition gegen dieſelbe hervorrief. Geſtern Nachmittag fuhr ich mit den Senatoren von Illinvis und Miß Lynch auf ein altes Schlachtfeld, das jetzt in einen Kirchhof um⸗ gewandelt iſt, am Ufer des Potomak. Als ich mit General Shield von da aus die weite Ausſicht und die mit Dörfern und Kirchen, Villen und Landhäuschen nebſt ihren Pärken überſäeten Geſtade des Fluſſes be⸗ trachtete, rief er, indem er darauf deutete:„Sehen Sie! das iſt Amerika!“ Und ſo iſt es auch. Das wahre Leben der neuen Welt iſt nicht in großen Städten mit großen Palläſten und ſchmutzigen Gaſſen zu ſehen, ſondern in dem Reichthum kleiner Gemeinden, ſchöner Privatwohnungen von Land und Hainen um⸗ ——.—— c„— ——„—+— — ——————— c—-—— c— — —r c— 107 geben, im Schooß einer großen Natur mit friſchen Strömen, mit Bergen und Wäldern und allen Mitteln zu einem friſchen und vollen Leben. Zu dieſer Fülle und Friſche des Lebens gehören weſentlich die großen Flüſſe, die vielen Waſſergänge, an welchen Nordamerika ſo reich iſt, welche ren raſchen Wechſel des geiſtigen und leiblichen Lebens fördern und die Annehmlichkeit verſchaffen, daß jeder Punkt in der Union leicht mit allen Punkten in Berührung kommt. Die Circulation des Lebens und der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten iſt bereits groß und ſteigt mit jedem Tag durch neue Dampfboote oder neue Eiſenbahnen. Gleich den Weberſchiffchen in einem Gewebe fährt der Norden zum Süden und der Süden zum Norden hin und her, theils der Geſchäfte, theils des Klimas wegen. Die Nordländer lieben es, ſich während der Wintermonate in den Sommerwinden zu wärmen, Blumen zu pflücken in Carolina und Florida(wie auch auf Cuba, das zwar noch außerhalb der politiſchen, aber nicht außer der natürlichen Union liegt), und die Südländer fliehen über die Monate Mai, Juni, Juli, Auguſt und Septem⸗ ber vor ihrem ewigen und ermüdenden Sommer und ſuchen Erfriſchung an den kühlen Binnenſeen in Maſſa⸗ chuſetts oder New⸗York, oder nnter den Weißen Ber⸗ gen des Granitſtaates. Der Norden und der Süden der Union können einander nicht entbehren, können ſich nicht von einander losreißen, ohne daß das Lebensblut des Staatskörpers ins Stocken geräth und das Leben in Gefahr bringt, und das fühlen die großen Staats⸗ männer und ſuchen deßhalb in gegenwärtigem Streit auf dem Weg des Compromiſſes die Cirenlation offen zu erhalten. Die Ultras der Antiſklaverei behaupten, dieſe werde dennoch fortbeſtehen, ſie haben ſchon ſeit zwanzig Jahren ſolches Geſchrei von Gefahr für die Union gehört, und doch ſei im Grund ganz und gar keine Gefahr vorhanden. Aber.„ 108 Unter den Männern in Waſhington habe ich meh⸗ rere Bekaunte von ungewöhnlichem Intereſſe, und von ihnen will ich Dir weiter erzählen, wenn wir wieder bei⸗ ſammen ſind. Intereſſante Frauenzimmerbekanntſchaften habe ich außer dem Hauſe hier nicht gemacht mit Aus⸗ nahme von Miß Dix. Eine wirklich begabte junge Dich⸗ terin Miß C. iſt für meinen Geſchmack zu ſehr Amazone und als ſolche nichtedel genng. Sie beſitzt Herz und Geiſt, aber ſie hat einen verwilderten Geſchmack. Würde ich ſie mehr ſehen, ſo könnten wir vielleicht uns einander nähern. Für jetzt gleicht unſere Annäherung ſo ziemlich dem Ca⸗ ramboliren von Billardbällen. Die Schilderungen, die ſie während der Congreßſitzungen in einem der Journale der Stadt von den Mitgliedern des Congreſſes und von den Verhendlungen auf dem Capitol entwirft, ſind glänzend, kühn, oft ſchlagend, aber ermangeln zuweilen der obengenannten Eigenſchaft, die ich an ihr vermiſſe. Sie erregen hier ein wohlverdientes Aufſehen. Eine andere, ebenfalls wohlbegabte Schriftſtellerin, die durch ihre Romane Aufmerkſamkeit zu erregen begonnen hat, bleibt zu ſehr in ſich ſelbſt eingehüllt. Mrs. P. und Mrs. W. gefallen mir wohl, aber ich habe ſo wenig Zeit, um ſelbſt nur ſolche Perſonen zu ſehen, welche mir ge⸗ fallen. Ich erblicke täglich im Senat auf der Zuhörer⸗ gallerie eine Menge eleganter Toiletten und mehrere ſchöne Geſichter, die blos da zu ſein ſcheinen, um ſich zu zeigen. Immer und immer mußte ich bei Betrach⸗ tung dieſer ſchönen Geſichter über den Ausdruck der⸗ ſelben ſtill vor mich hin ſagen:„Wie unbedeutend!“ Und unwillkürlich, aber unabweislich drängt ſich mir immer ſtärker die Ueberzeugung auf, daß die amerikani⸗ ſchen Frauen im Allgemeinen den guten Ruf nicht ver⸗ dienen, den einige europäiſche reiſende Herren ihnen verſchafft haben. Ich wollte, es wäre anders. Aber die ſchönen Exemplare, die ich hier von weiblicher Würde und Anmuth geſehen habe, machen mich in S en ne 109 dieſer meiner Behauptung nicht irre. Inzwiſchen liegt der Fehler nicht an den Frauen. Er liegt an ihrer Erziehung, die ihnen im beſten Fall Schulbildung, aber keine höhere Welt⸗ und Geſellſchaftsbildung gibt. Die Männer in Amerika ſcheinen mir im Allgemeinen die Weiber an wirklicher Bildung und feiner Lebens⸗ art zu übertreffen. Und dieß iſt kein Wunder. Der Amerikaner tritt, wenn er ſich auch nur geringe Schul⸗ kenntniſſe erwirbt, frühzeitig in die Schule des großen bürgerlichen Lebens, die auf vielfache Art Alles her⸗ vorruft, was die Natur ihm an Verſtand, Talent und Wirkungskraft verliehen hat. So wird er frühzeitig in verſchiedenen Kreiſen des Lebens heimiſch, und wenn er ſich auch in keinen von ihnen vertiefen kann, ſo bleiben ihm doch keine Hauptpunkte darin fremd, ſo⸗ fern ſie das Wohl des Menſchen und das Wohl des Geſellſchaftslebens betreffen. Ueberdieß gewinnt er durch ſein praktiſches Leben Lokal- und Spezialkennt⸗ niſſe, ſo daß man in einem Geſpräch mit einem Manne hier zu Land immer etwas lernen kann. Und wenn er von der Mutter Natur einen Keim höherer Humanität empfangen hat, ſo erſtehen gleichſam von ſelbſt jene ſchönen Exemplare von Menſchen und Män⸗ nern, welche die Erde mit einer beinahe vollkommenen Humanität ſchmücken, und von denen ich einige unter der Rubrik:„Selbſtgemachte Männer“ kennen gelernt habe. Den 21. Juli. Heute bin ich in der Methodiſtenkirche für freie Neger geweſen. Der Prediger, ebenfalls ein Reger, den ich hier in der Stadt in einer Bude ſtehen ſah, hatte ein auffallendes Affengeſicht, beſaß jedoch jenes Improviſirtalent und jene Kunſt, theoretiſche Wahr⸗ heiten treffend auf die täglichen Vorkommniſſe anzu⸗ 11⁰ wenden, die ich ſchon oft bei den Negern bewundert habe. Er verſtand es auch, ſeine Zuhörerſchaft in hohem Grad zu elektriſiren, und da in den Methodiſten⸗ kirchen die Gemeinden immer ihren Gedanken unge⸗ zwungen Luft ſchaffen, ſo kam es hier durch die lauten Ausrufungen und Gefühlsäußerungen zu einem großen Spektakel. Der Prediger hatte das gewöhnliche Thema ewählt:„Bekehrung und Beſſerung oder Tod und Verdammniß.“ Aber da er von verſchiedenen Fehlern und Sünden ſprach, ſo waren ſeine Schilderungen ebenſo ausdrucksvoll wie ſeine Geberden. Als er auf die Sünden der Zunge zu reden kam, ſtreckte er die ſeinige heraus und ſchüttelte ſie ſehr nachdrücklich zwiſchen den Fingern. Bei der Anfforderung, dem Teufel Lebe⸗ wohl zu ſagen und ſich von ihm abzuwenden(nachdem er vorher in ſtarken Worten die Verdammniß darge⸗ ſtellt hatte, in welche der Böſe die Menſchen zieht) wurden ſeine Ausdrücke ſo ergreifend und kräftig, daß die ganze Verſammlung gleich einem See in Auf⸗ ruhr gerieth. Man hörte nur noch die Rufe: Ja, ja! Leb wohl für immer! Jeſus! Amen! Hebe Dich weg! O Gott! Leb wohl! Amen, Amen! u. ſ. w. Und da⸗ zwiſchen convulſiviſche Seufzer, Ausrufungen, Geheule — die Verſammlung wäre zu jeder ertremen Handlung bereit geweſen, zu welcher der Prediger ſie aufgefordert hätte. Der Schwall aufgeregter Gefühle legte ſich inzwi⸗ ſchen, ſo bald die Predigt aufhörte. Nach derſelben kam eine Handlung edlen Gemeinſinns. Der Prediger ver⸗ kündete, daß ein Sklave, der Mitglied der Verſammlung ſei, nach dem Süden verkauft und ſomit auf lange Zeit von Weib und Kind getrennt werden ſolle, wo⸗ fern man nicht in Waſhington die nöthige Summe auftreibe, die ſein Herr verkange. Und die Negerver⸗ ſammlung erbot ſich zu einer freiwilligen Beiſteuer, um den gebundenen Bruder frei zu kaufen. Eine zinnerne Schale wurde auf einem Stuhle in der Kirche ausge⸗ —,— —————„—— ——r—,c— ————————— c— 7 S— e⸗ ) aß uf⸗ a! g! da⸗ ule ing ert wi⸗ am er⸗ ung uge wo⸗ nme ver⸗ um erne sge⸗ 1¹1 ſtellt, und bald hörte man luſtig ein Silberſtück um das andere darin erklingen. Die ganze Verſammlung zeichnete ſich durch ihr ehrenwerthes und auch wohlhabendes Aeußere aus. Alle waren wohl gekleidet und hatten den Ausdruck denkender ernſter Menſchen. Bei den Weibern vermißte ich die pittoresken Kopfbedeckungen des Südens, die hier durch die unkleidſamen gewöhnlichen Frauenhüte ſchlecht erſetzt waren. Aber dieſe ſchwarzen Augen und Geſichter, wie voll ſind ſie nicht von einem warmen Gefühlsleben, und Leben waltet in den Verſammlun⸗ gen dieſes Volks, und wenn auch die Aeußerungen deſſelben manchmal ans Koniſche ſtreifen, ſo wird man doch nie ſchläfrig dabei, wie dieß in den ungemein ge⸗ ſetzten Verſammlungen und Kirchen der Weißen ſehr oft der Fall iſt. Von dieſer Negerverſammlung hinweg, welche ein ehrenvolles Zeugniß für das Verhältniß Amerikas zu Afrika gibt, muß ich Dich zu einer Wohnung führen, die ebenfalls zeugt, aber auf entgegengeſetzte Weiſe. Ich ging eines Morgens mit Pr. Hebbe und meiner guten Wirthin dahin, bevor wir uns ins Capitol be⸗ gaben, denn Waſhingtons Sklavenhaus liegt nahe bei Waſhingtons Capitol und kann von da aus geſehen werden, obſchon das graue, trübe Gebäude, das Ge⸗ fängniß unſchuldiger Menſchen, ſich hinter dem Laube grüner Bäume verbirgt, als ſchämte es ſich ſeines Da⸗ ſeins. Wir gingen nicht in die Umzäunung hinein, wo auf dem grünen Grasplatz Negerkinder ſaßen oder umherſprangen. Aber an dem kleinen Gatterthore be⸗ gegnete uns der Sklavenwächter, ein heiterer, gefälliger, im Uebrigen offenbar roher Mann, den es zu freuen ſchien, uns ſeine Macht und Gewalt zeigen zu können. Mrs. J. wünſchte einen Negerjungen als Bedienten zu haben und fragte, ob ſie einen ſolchen hier bekom⸗ men könne.„Nein! Kinder werden hier nicht abge⸗ 1¹² geben. Sie werden hier kurze Zeit gehalten, um fett gemacht und dann nach den Stlavenmärkten im Süden zum Verkauf geſchickt zu werden. Gegenwärtig werden keine Sklaven hier verkauft. Es ſind jetzt einige ganz prächtige Verkaufsgegenſtände da, die nach dem Sü⸗ den geſchickt werden ſollen. Unter ihnen befindet ſich ein junges Mädchen, das in allen Stücken wie eine Lady erzogen worden iſt. Sie kann ſticken und Clavier ſpielen, ſich wie eine Lady kleiden, auch leſen, ſchreiben und tanzen; und dieß Alles hat ſie in der Familie gelernt, der ſie gehörte, und von der ſie ſeit ihrer Kindheit wie das eigene Kind behandelt wurde. Aber jetzt iſt ihr der Kamm zu ſehr geſchwollen, ſie iſt „und um ſie zu demüthigen, hat übermüthig geworden 1 e man ſie hier eingeſetzt⸗ damit ſie verkauft werden ſoll.“ Alles das erzählte der geſprächige Sklavenwächter. Ich fragte Einiges über die Gemüthsart und Stimmung der Gefangenen.„H,“ ſagte der Mann lächelnd, „man könnte gar nicht mit i hnen fertig werden, wenn ſie nicht die Streiche fürchteten.“ chte ihre Meine edle offenherzige Wirthin vermo Entrüſtung über dieſe Behandlung von Menſchen, die nichts Böſes gethan haben, nicht zurückzuhalten. Der Mann lächelte und blieb dabei, daß das Negervolk, ſo⸗ wohl Männer als Weiber, mit der Peitſche beherrſcht ſe: ſodann verabſchiedete er ſich von uns, werden müſſe; ſo ebenſowohl zufrieden mit ſich ſelbſt und ſeiner Welt, als wir unzufrieden waren. In Waſhington nahe beim Capitol der Vereinig⸗ ten Staaten dieſer Sklavenzwinger! Konnte man nicht in Verſuchung gerathen hinaufzugehen und die ameri⸗ kaniſche Unabhängigkeitserklärung zu verleſen? Doch ſie wird wohl einmal da oben verleſen werden. Amerikas Freiheit und Ehre werden in den Häu⸗ den der Amerikaner nicht erſtarren oder ſterben. —————— —„————— —— 1 1—— 2——— 1—+r—— —„6 tt en en uz U⸗ det vie nd en, der ſeit de. iſt hat ter. ung lnd, venn ihre die Der ſo⸗ rſcht uns, inig⸗ nicht meri⸗ Hän⸗ 113 Habe ich Dir ſchon von einer Taufe durch Ein⸗ tauchung erzählt, wie ich hier in einer Kirche mit an⸗ geſehen habe? Ich glaube nicht. Im Süden an den Ufern der rothen Flüſſe in Macon und Savannah hatte ich Proceſſionen von Leuten geſehen, die von dem Taufact im Fluß zurückkamen, aber die Handlung ſelbſt hatte ich nicht ſehen können. Ich ſah ſie hier in einer Baptiſtenkirche. Nach der Kirche wurde die Kanzel weggeſchafft, und nun bekam man in dem Chor, vor welchem ſie ſtand, ſechs junge Mädchen in grauweißen wollenen Kleidern mit Schärpen umgürtet zu ſehen, die neben einander im Chor ſtanden. Ein ſchwarzge⸗ kleideter junger Prieſter ſtieg in eine Vertiefung in der Mitte des Chors hinab. Dort war ein Waſſerbecken. Von da aus ſprach er zu der Verſammlung und zu den Mädchen, die getauft werden ſollten, von der Be⸗ deutung der Taufe, ſowie von ſeinen eigenen Gefühlen, als er zum erſten Mal mit vollem Bewußtſein von dem Sinn und der Kraft der Handlung in das reinigende Element geſenkt worden. Er lud hierauf die jungen Schweſtern ein, zum Bade der Wiedergeburt zu kommen. Sie traten eine um die andere an der Hand eines älteren männlichen Verwandten bis zum Rande des Beckens vor, wo der Prieſter die Herabſteigende bei der Hand nahm und ſie die Treppe hinabführte. Im Becken blieb er einen Augenblick gerade vor ihr ſtehen und hielt ihre Hände. Wahrſcheinlich gab ſie da ein Verſprechen ab. Aber ich konnte es nicht hören. Hierauf wurde ſie, ihren Nacken auf der Hand des Prie⸗ ſters ruhend, rücklings ſchnell unter das Waſſer getaucht. Es war das Werk eines Angenblicks, und ſo bald ſie aufſtand, erhob ſich ein Lobgeſang, deſſen erſte Worte in meinen Ohren klangen, wie:„Frohlockt, frohlockt!“ Als die Getaufte die Treppe wieder hinangeſtiegen war, wurde ſie hier von Verwandten empfangen, die ſie Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 8 114 in ein großes Tuch oder einen Mantel hüllten und ſodann ſchnell aus dem Chor wegführten. So hatten fünf junge Mädchen und ein junger Mann den Taufact durchgemacht, aber noch blieb eines der jungen Kinder übrig, die jüngſte und ſchönſte, die in der Ecke, wo ſie während der ganzen langen Cere⸗ monie mit der Taufe der Andern unbeweglich ſtand, einem Kirchenengel gleich, und die man für ein Bild hätte nehmen können, wenn nicht die zierlichen Roſen auf ihren Wangen bewieſen hätten, daß die Geſtalt lebte. Aber ich wunderte mich über die Kraft des zarten Mädchens, ſo lange und ſo unbeweglich in der Erwartung dazuſtehn. Und jetzt ſtieg der junge Prie⸗ ſter aus dem Waſſerbecken herauf, und Alles ſchien zu Ende zu ſein. Hatte man das ſchöne junge Mädchen vergeſſen, oder war ſie doch kein lebendiges Weſen, ein Bild, ein Kirchenengel? Ein alter Mann trat vor und redete die Verſammlung an. Es war der Vater des jungen Mädchens; er war ihr Lehrer geweſen, hatte ſie in die Lehren und das Leben der Religion einge⸗ weiht und ſie zur Taufe vorbereitet. Er hatte ſich die Erlaubniß erbeten und ſie auch erhalten, das Sacra⸗ ment der Taufe ſeinem geliebten Kinde mit eigenen Händen zu geben. Er ſtieg in das Becken hinab. Jetzt bewegte ſich das Bild an der Kirchenwand. Allein ſchritt das junge Mädchen vor, ſo leicht, ſo vertrauensvoll, wie das Kind zu einem geliebten Vater, und überließ ſich ſeinen Händen. Es war ſchön und wahrhaft rührend, den alten Maun und das junge Mädchen ſo vor den Augen des Himmels daſtehen zu ſehen— den Vater, der die Tochter einweihte, die Tochter, die ſich der Leitung des Vaters und durch dieſelbe einem heiligen Leben hingab— noch ſchöner wäre es geweſen, wenn ſie ſtatt der weißen Gewölbe und Kirchenwände mit dem blauen Himmel über ſich und grünen Bäumen um ſie her dageſtanden hätten. ——„——— — be 115 „Frohlockt! Frohlockt!“ ſang wieder der Chor in frohem Lobgeſang über den letzten der jungen Täuflinge, und Vater und Tochter ſtiegen wieder aus dem Waſſer auf. Der größere Theil der Verſammlung, in welcher ſich ſehr viele Kinder befanden, betrachtete die ganze Sache als einen Spectakel und erhob, ſo dringend auch die Prieſter zur Stille ermahnten, beim Hinausſtürzen aus der Kirche ein ſchreckliches Geſchrei. Auch an den Flüſſen in der Stille der Wälder ſollen die Taufacte von Neugierigen und ausgelaſſenen Zuſchauern geſtört werden. Jetzt will ich hinausgehen und mich durch eine einſame Wanderung im Grünen, die ich mit meiner lieben Quäckerin, der anmuthreichen Miß Donaldſon, außerhalb der Stadt vornehme, erfriſchen. In der nächſten Woche reiſe ich nach Philadelphia zurück, um mit Profeſſor Harts ins Bad am Cap May zu fahren. Nachdem ich mich ein paar Wochen im Meer eingeſalzen und geſtärkt haben werde, fahre ich nach New⸗York zurück, um mit meinen Freunden Springs über meine weitere Reiſe Berathung zu pflegen ob ich mich zuerſt dem Norden oder dem Weſten zuwenden ſoll. Die jungen Lowells wollen mit mir an den Niagara reiſen, und könnte ich Springs dazu bewe⸗ gen, mit zu kommen, ſo wäre mir das im höchſten Grade lieb. Es iſt ſo angenehm mit ihnen zu ſein, und ſie genießen ſo ſchön alles Gute und Schöne. Vom Niagara aus fahre ich dann allein weſtlich nach dem Miſſiſſippi— wie weit weiß ich noch nicht. Die Rieſen ziehen, aber Gott wird Rath ſchaffen. Geſtern Abend hatte ich hier eine große Verſamm⸗ lung von meinen Freunden und Bekannten und erhielt Blumen und theilte Blumen aus. Viel friſche Herz⸗ lichkeit und Jugendwärme haben die Amerikaner, das kann man ihnen nicht abſtreiten. Eine erfrenliche und eine traurige Nachricht habe ich 116 geſtern gehört; nämlich daß Dänemark Frieden erhal⸗ ten unter den Bedingungen, die es wünſchte, und daß Sir Robert Peel durch einen Sturz vom Pferde den Hals gebrochen. Der Tod des großen Staatsmannes wird hier allgemein betrauert, aber nur ſo en passant; man hat in dieſem Augenblick hier nicht Zeit ſich mit den Unglücksfällen anderer Völker aufzuhalten. Die eigenen Angelegenheiten nehmen jede Stunde und alle Köpfe in Anſpruch, und überdieß iſt die Hitze überwäl⸗ tigend. Die Congreßmitglieder ſind des Congreſſes müde, die Redner ſind es müde einander reden zu hören.„Die Beredſamkeit eines Demoſthenes, eines Cicero wäre nicht mehr im Stande, uns Freude zu machen,“ ſagte dieſer Tage ein congreßmüder Senator zu mir. Noch hört man jedoch gerne den Repräſen⸗ tanten des Granitſtaates Mr. Hale mit ſeinen lebhaf⸗ ten und geiſtreichen Ausfällen. Dieſer Tage ließ er alle Staaten in den Charakteren ihrer Repräſentanten bei ihren vereinigten Angriffen auf die Compromißbill, auf eine Art, die allgemeine Heiterkeit erregte, ſiguriren und miteinander ſprechen. Alles zuſammen ſehnt ſich inzwiſchen nach dem Ende des Congreſſes, und der Eine wünſcht nach Hauſe, der Andere in ein Bad zu fahren, Alles aber fort, fort, nur fort von Rede und Kampf und Kapitol und dem ganzen heißen„Hoch⸗ druckleben in Waſhington. Die letzte große Rede für dieſe Seſſion wird morgen erwartet. Den 22. Juli. H. Clay hat ſeine große Rede gehalten, und die Frage ſteht wie ſie vorher ſtand, und die Welt geht wie ſie vorher ging; aber es verlautet, daß der Con⸗ greß bald zu Ende ſein werde. Clay ſprach drei bis vier Stunden; aber ſeine Rede, die eigentlich eine Summirung des Inhalts der Streitfrage, ihrer Stel⸗ ch zu nd ch⸗ ür die eht on⸗ bis ine tel⸗ 117 lung und Entwicklung im Congreſſe, ſowie eine Dar⸗ ſtellung von Clays eigener Behandlung derſelben war, ſchien keinen guten Eindruck auf denſelben zu machen. Ein ſentimentaler Anruf an die Mitglieder des Con⸗ greſſes, wohlzu bedenken, was ſie bei der Rückkehr in ihre Heimath ihren Gattinnen und Kindern über die Stel⸗ lung des Landes ſagen könnten, mißglückte gänzlich und rief ein Lachen hervor; ebenſo mißglückte die Auf⸗ forderung, allen Kleinlichkeitsſinn abzulegen, allen ſelbſtſüchtigen Triebfedern zu entſagen und zum Wohl des ganzen Landes für die Compromißbill zu ſtimmen; und ſie verdiente auch, daß ſie mißglückte, weil ſie vorausſetzte, daß alle Oppoſition gegen ſie nur von niedrigen Motiven herrühre, was nicht der Fall war. Aber ich mußte Clays athletiſche Seelen⸗ und Redner⸗ kräfte bewundern. Nachdem er über drei Stunden mit Fener und Kraft, zuweilen mit Leidenſchaft, in klarer logiſcher Entwicklung der Stellung der Fragen ge⸗ ſprochen, die ſieben Monate hindurch den Congreß in Anſpruch genommen, war er noch friſch und ſogiech bereit zu einem leichten Gefecht— vobſchon mit ſehr ſcharfen Waffen von Sarcasmen und Piken— mit dem Senator Hale von New⸗Hampſhire, der wie ge⸗ wöhnlich das ganze Haus zum Lachen brachte. Clay zeigte ſich als Meiſter der Fechtkunſt wie Hale, war aber bitterer. Einige ſeiner Bemerkungen wurden von den Gallerien ſo ſtürmiſch applaudirt, daß der Vice⸗ präſident nach wiederholten Ermahnungen zum Schwei⸗ gen zornig erklärte, er werde ſich genöthigt ſehen, die Gallerien räumen zu laſſen, wenn die Zuhörer nicht gehorchen wollen. Clay wird jetzt Waſhington verlaſſen und wahr⸗ ſcheinlich wird nach ſeinem Abgang die Compromiß⸗ frage bald entſchieden werden. Die Oppoſition gegen ſeine Bill iſt in dieſem Augenblick ſtark, und er ſteht 118 mit ſeiner Bill der Oppoſition eben ſo hartnäckig ge⸗ genüber. Ich reiſe morgen mit Miß Dir nach Baltimore, wo ich auf meinem Weg nach Philadelphia ein paar Tage bleiben werde. Ich verlaſſe Waſhington, und dieſer Schauplatz des Lebens der neuen Weit ſchließt ſich auf immer für mich. Was habe ich geſehen? Etwas Höheres, Schö⸗ neres als die Rathsverſammlungen der alten Welt? Nein, etwas Neues? Nein. Wenigſtens nicht bei den Rathsherrn. Das Neue hat der liebe Gott an die Hand ge⸗ geben durch die Welt, die er geſchaffen und auf deren neuer Erde der Kampf ausgefochten wird, ſo wie durch die Ausſichten, welche die Fragen über Freiheit und Sklaverei, über bis jetzt unbekannte und auch jetzt oſt nur durch ungewiſſe Luftgebilde hindurch geſehene Ge⸗ genden und RNaturſcenen eröffnen. Das Erfriſchende und Neue kommt von den verſchiedenen Charakteren der repräſentirten Staaten, kommt beſonders von dem großen halbunbekannten Land des Weſtens und der Ausſicht auf ſeine Wildniſſe und Paradieſe, wo viel⸗ fältige Menſchenmaſſen umherirren, eine Heimath zu ſuchen oder zu errichten; von dem Ueberblick über das ungeheure Texas, aus welchem noch fünf Staaten gebildet werden können, aus welchem der Rio Grande, der Rio Colorado und unzählige Ströme durch frucht⸗ bare Markungen ſich drängen; über Neu⸗Mexiko mit ſeinen ſteinigen Wüſten und dem Llano Eſtaccado, wo ſich zwan⸗ zig, dreißig bis vierzig Meilen weit kein Waſſer vorfin⸗ det, in deſſen Valle de los Angelos aber tropiſche Wärme tropiſche Früchte reifen macht; über Californien end⸗ lich mit ſeinen goldführenden Strömen, ſeinen gold⸗ vollen Felſenbergen, ſeinen vielen merkwürdigen Na⸗ turerzeugniſſen, ſeiner mit ewigem Schnee bedeckten Sierra Revada, ſeinem großen Salzſee, an deſſen Ge⸗ e, r E ir ch nd ſt e⸗ de en m er el⸗ zu ber ten de, ht⸗ len an⸗ in⸗ me nd⸗ d⸗ Ka⸗ ten He⸗ 1¹9 ſtaden„die Heiligen des jüngſten Tags(die Mormonen) ſich in einem Thal anbauen, das an Reichthum und cli⸗ matiſcher Schönheit mit Kaukaſien und Peru wetteifern ſoll, während dieſe Gegenden zugleich alle natürlichen Bedingungen für die Entwicklung einer vollkommenen Menſchlichkeit bieten; Californien, den umfangreichſten der Staaten der andern Welt, noch eine neue Welt für den Forſcher, voll von ſchönen Erſcheinungen und Schreckbildern, wo die Völker vom Oſten und Weſten herbeiſtrömen, das Gold Ophirs zu ſuchen; Californien, das zu ſeiner öſtlichen Grenze das wilde Steppenland Nebraska, das Jagdrevier der wilden Indianerſtämme, und auf der andern Seite das ſtille Meer, das große ſtille Meer hat, deſſen Wogen mit ſo gleichen ſtätigen Pulsſchlägen an das Ufer ſchlagen ſollen, aber ſo ge⸗ waltig, daß weit hinten im Land das Getöſe hörbar iſt und das Laub der Bäume zittert. Siehſt du, alles das und noch mehr ſolches, wie zum Beiſpiel die Aus⸗ ſichten von Panama und die Gegenden Centralameri⸗ kas, wo das Volk der Vereinigten Staaten jetzt Kanäle gräbt und Eiſenbahnen anlegt, um die Meere zu ver⸗ einigen— Alles das iſt ein neues, erfriſchendes Schau⸗ ſpiel und kommt im Congreß der Vereinigten Staaten zur Erörterung. In der EFrörterung dagegen erblicke ich nichts Großes. Ich finde hier dieſelbe Bitterkeit und Ungerechtigkeit zwiſchen den politiſchen Parteien, wie in den europäiſchen Staaten, daſſelbe gegenſeitige Mißtrauen in die redlichen Abſichten von einander, bei den Staatsmännern dieſelben großen und kleinen Lei⸗ denſchaften und in der Debatte dieſelbe rückſichtsloſe Rechthaberei um jeden Preis, dieſelben Mißverſtändniſſe, dieſelben Perſönlichkeiten und dieſelben Abſchweifungen von der Sache auf die Perſon, dieſelbe Reizbarkeit und Empfindlichkeit ihres thenren Ich, wodurch beſtändige Interpellationen, Erhitzungen, Erklärungen und Aber⸗ erklärungen, ſowie endloſe kleine Schlachten hervorge⸗ 120 rufen werden, die den Ausgang der großen Schlacht unendlich verlängern und die Folge haben, daß die großen Männer, Repräſentanten großer Staaten, oft kleinen kindiſch hadernden Kindern gleichen. Kommt jetzt noch dazu, daß der Repräſentant jedes Staates in Bezug auf die Ehre und Würde deſſelben äußerſt empfindlich iſt, ſo daß er bei der geringſten Anſpie⸗ lung, die ihm ehrenrührig ſcheint, aufbraust, und daß die Staaten in dieſer Union nicht aufs Zärtlichſte mit⸗ einander verbunden ſind, ſo kann es, wie du ſiehſt, an Gelegenheit zu Kämpfen niemals fehlen. So viel von der Schattenſeite der Verſammlung. An der Lichtſeite fehlt es auch nicht. Und ſie iſt, glaube ich, eben ſo ſtark als diejenige, welche die alte Welt aufzuweiſen vermag. Großſiunige Proteſtationen ge⸗ gen die Finſterniß und Selbſtſucht bleiben nicht aus; ebenſowenig großſinnige Appellationen an das höchſte Ziel der Union und das höchſte Wohl der Menſchheit. Der Adler ſitzt auf der Meeresklippe, ſchlägt mit ſeinen Flügeln, blickt da und dort zur Sonne empor, hat aber ſeinen Flug nach ihr noch nicht genommen. Henry Clay gleicht dieſem Adler. Daniel Web⸗ ſter iſt der Adler, der auf ſeinen Schwingen ruhend in den Wolken kreiſt, aber bloß um eine imaginäre Sonue, die Conſtitution, fliegt. Keiner von Beiden ſoll ein großer moraliſcher Charakter ſein, keiner von Beiden beſitzt diejenige Art von Größe, die ich an dem größten Staatsmann der alten Welt, an Moſes, be⸗ wundere. Der größte Staatsmann der neuen Welt iſt noch nicht gekommen. Aber was könnte dieſe Repräſentation nicht ſein, wenn ſie ihren Bedingungen und Zwecken entſpräche, wenn der Repräſentant des einzelnen Staates, durch⸗ drungen von der Eigenthümlichkeit ſeines Staates in Natur und Volksleben, ſowie von ſeinem Verhältniß zum höchſten Zweck der Union, aufſtände, um die Sprache cht die oft mt tes erſt ie⸗ aß it⸗ an ng. ube elt ge⸗ us; hſte eit. nen hat en. eb⸗ en täre iden von dem be⸗ t iſt ſein, äche, urch⸗ s in tniß rache 121 deſſelben auf dem Congreſſe zu führen! Wahrlich, der Congreß der Vereinigten Staaten würde dann ein großartiges Drama, ein Schauſpiel für Menſchen und Götter werden. Den 25. Juli 1850.(Auf dem Land bei Baltimore in Maryland.) Einen herzlichen guten Morgen, mein Agathchen, aus einem unendlich ſchönen Landſitz mit der Ausſicht auf die Mündung des Potascofluſſes in die Cheſapeak⸗ bucht bei Baltimore. Ich bin hier nebſt Miß Dix auf meinem Weg nach Philadelphia als Gaſt in der Fa⸗ milie des Generals Stuart. Mein Wirth iſt ein leb⸗ hafter, herzlicher, galanter und geſprächiger Militär; ſeine Frau iſt ein ſchönes ſtilles Weib, die glückliche Mutter von zehn jungen Kindern. Angenſcheinlich ein glückliches Chepaar, ein gutes und glückliches Heim⸗ weſen. Ich erkenne ein ſolches gleich beim Eintritte in ein Haus. Nach dem allerfreundlichſten Abſchied von meinen ſeelenguten Wirthsleuten in Waſhington, von meiner liebenswürdigen Qnäckerin, verließ ich dieſe Stadt nebſt Miß Dix in Geſellſchaft von Downings Freund, dem gefälligen Mr. William Ruſſel. Aber es war ein be⸗ ſchwerlicher ermüdender Reiſetag in der ſtarken Hitze, mit den vielen Wechſeln in der Art zu reiſen, welche die Unterbrechung durch Flüſſe veranlaßt. Ich bekam jedoch einige ſchöne Ausſichten auf den Susquehannah⸗ fluß zu ſehen. Spät Abends ſaß ich im allerſchönſten Mondſchein mit Miß Dix auf dem Balkon in General Stuarts Villa, auf den glänzenden Fluß, auf die Cheſapeakbucht hinausſchauend und der Erzählung ihrer einfachen und doch ſo merkwürdigen Lebensſchickſale lanſchend. Unter den wechſelreichen Scenen meines 122 Lebens hier zu Lande war dieſe nicht die wenigſt in⸗ tereſſante. Ich hatte Miß Dirx gebeten, mir zu ſagen, was ſie auf den Weg geführt habe, den ſie jetzt als öffentliche Beſchützerin und Fürſprecherin der Unglücklichen wandelt. Mündlich will ich Dir mehr von ihren Erzählungen mittheilen, jetzt nur die Worte, womit ſie meine Frage über die Veranlaſſung zu ihrem Entſchluß beantwortete: „Es war kein merkwürdiges Ereigniß, keine Revolution in meinem innern oder änßern Leben, ſondern eine Handlung einfachen Gehorſams gegen Gottes ru⸗ fende Stimme(an act of simple obedience). Ich war von England, wohin ich meiner Geſundheit wegen ge⸗ reiſt war, zurückgekehrt, nachdem ich ebenfalls aus dieſem Grund die Schule, die ich mehrere Jahre lang gehalten, hatte aufgeben müſſen; und ich lebte jetzt in einer Pen⸗ ſion ohne beſtimmte Beſchäftigung, widmete mich Na⸗ turſtudien, die mir immer theuer waren, fühlte mich aber dennoch bedrückt von der Unthätigkeit und Nutz⸗ loſigkeit me nes Lebens. Ich ſehnte mich nach einem edeln Ziel, für das ich arbeiten könnte, nach einer Sache, welche die Leere ausfüllen ſollte, die ich in meiner Seele fühlte. Eines Tags, als ich in der Kirche ge⸗ weſen, ſah ich beim Heraustreten zwei Herrn beiſammen ſtehen, die mit einander ſprachen, und hörte einen von ihnen ſagen: Ich wollte nnr, es ſehe Jemand das*** Gefängniß an, denn der Zuſtand deſſelben iſt ſchrecklich. Im Augenblick fiel es mir ein, das könnte etwas für mich ſein, und ich gieng hin. Ich fand im Gefängniß eine Menge unglücklicher Wahnſinniger, die gleich Ver⸗ brechern eingeſperrt und auf dieſelbe Art behandelt waren. Ueberdieß entdeckte ich zahtreiche Mißbräuche und Fehler in der Anſtalt, die ich jetzt nicht auseinan⸗ derſetzen kaun. Ich ſchrieb einen Bericht darüber, ent⸗ warf einen Plan zur Abſtellung dieſer Mißbräuche, und reichte ihn der Staatsregierung ein. Dieſe würdigte 123 ihn ihrer Aufmerkſamkeit und es wurde ein Staatsbei⸗ trag zur Verbeſſerung des Gefängniſſes, ſowie zur Er⸗ richtung eines Aſyls für die Wahnſinnigen, wo ſie ge⸗ bührlich behandelt werden konnten, bewilligt. Dieß war der Anfang. Später ſah ich meine Bahn feſt vorgezeich⸗ net, und dieſe ſowie Alles, was ich auf ihr ausgeführt habe, iſt gleichſam von ſich ſelbſt gegangen.“ Waſhington lag hinter mir mit ſeinen politiſchen Schlachten, ſeinen bittern Streitigkeiten von Staaten gegen Staaten, von Männern gegen Männer, mit ſeinen verwirrten Verhältniſſen und nicht befriedigen⸗ den Ausſichten, mit ſeinem aufgeregten chaotiſchen Leben. Und hier war ein kleines Menſchenleben, das durch einen Act einfachen Gehorſams aus ſeiner Abgeſchiedenheit, aus ſeinem Dunkel hervorgetreten war, und ſich zu einer großen ſegensreichen Wirkſamkeit für verwahrloſte Weſen in allen Staaten der Union, zu der großen neuen Welt ausbreitete, wie das aus unſicht⸗ baren Quellen geborene Flüßchen vor uns ſich zu der herrlichen Bucht erweitert hatte und durch dieſe ſich mit dem Weltmeer vereinigte. Der Contraſt war augen⸗ fällig; die Aehnlichkeit zwiſchen dem Menſchenleben und der Natnrſcene vor mir war es auch, und der Friede und die Schönheit der Nacht, das reine Mondlicht war wie der Segeu des Himmels über beiden. Miß Dix hat während ihrer zwölfjährigen Wirk⸗ ſamkeit als guter Engel der Gefangenen und Wahn⸗ ſinnigen die meiſten Unionsſtaaten durchreiſt, iſt in Gegenden und an Orte gedrungen, die früher vor den Blicken des Lichtes verborgen waren, und hat denen, die im Dunkel ſaßen, die Botſchaft des Lichtes und der Hoffnung überbracht; ſie hat durch ihre trefflichen Denk⸗ ſchriften an die Regierungen der Staaten, ſowie durch ihren Einfluß auf einzelne Perſonen die Errichtung von dreizehn Irrenanſtalten, die verbeſſerte Behandlung der unglücklichen Wahnſinnigen und ebenſo auch der Ge— 124 fangenen, beſonders in den Gefängniſſen der ſüdlichen Staaten veranlaßt. Sie iſt einer der ſchönſten Belege dafür, was ein Weib ohne andere Stütze als ihren per⸗ ſönlichen Willen und Charakter, ohne andere Macht als ihre Sprache und ihr Recht, ſowie das Talent ſie geltend zu machen, in der Staatsgeſellſchaft auszurich⸗ ten vermag. Ich bewundere ſie, bewundere beſonders ihren Muth und ihre Beharrlichkeit. In andern Be⸗ ziehungen würden wir kaum ſympathiſiren. Und weniger merkwürdige Menſchen könnte ich mehr lieben. Aber ich liebe ihr Amt in der Menſchheit, liebe ihre Geſtalt auf dem Forum der Vereinigten Staaten, in der Fenſter⸗ niſche des Capitols, wo ſie mitten unter brennenden Fehden ſtill an dem Gewebe für das Aſyl der Unglück⸗ lichen ſpinnt, ein ſtiller Mittelpunkt für die Fäden chriſt⸗ licher Liebe, welche ſie durch die täglichen Kämpfe hin⸗ durch, ungeſtört von ihnen, leitet— eine göttliche Spinnerin für Gottes Haus. Sollte ich ihre Hand nicht küſſen?— Ich that es und thue es auch jetzt in Ge⸗ danken mit innigem Dank für das, was ſie iſt und was ſie thut. Einige merkwürdige Anecdoten aus ihrem thaten⸗ reichen Leben auf ihren einſamen Fahrten, während ihrer zwölfjährigen Wirkſamkeit erſpare ich, bis wir wieder zuſammenkommen. Sie gehören zum Romantiſchſten in der Geſchichte des wirklichen Lebens. Ich will Dir jetzt ein wenig von Baltimore er⸗ zählen. Baltimore iſt die Hauptſtadt des Sklavenſtaates Maryland. Maryland iſt der älteſte Wohnſitz des Ka⸗ tholicismus in den Vereinigten Staaten. Lord Cal⸗ vert Baltimore, der in England von der proteſtanti⸗ ſchen Lehre zur katholiſchen überging und deßhalb ſein Amt in England niederlegte, war der erſte Begründer der Colonien Marylands, deren Hauptzweck darin be⸗ ſtand, verfolgten oder leidenden Katholiken, aber auch allen Völkern und Secten, ſofern ſie ſich nur als Chri⸗ —— ———-— — — ———„S——————„————„ — ———————— hen ege e⸗ cht ſie ich⸗ ers Be⸗ ger ber talt ter⸗ den ück⸗ iſt⸗ in⸗ iche icht Ge⸗ vas ten⸗ hrer der in er⸗ tes Ka⸗ al⸗ uti⸗ ſein der be⸗ uch hri⸗ 125 ſten bekannten, ein Aſyl zu gewähren, und man nennt unter den älteſten Pflanzern hier auch Schweden und Finnen. Der edle großſinnige Lord Baltimore wollte in der neuen Welt die katholiſche Kirche auf einer breiteren Grundlage erbauen, als diejenige war, worauf ſie in der alten Welt ſtand. Die Stadt Baltimore wurde der Sitz des erzbiſchöfflichen Stuhls, und hier entſtand das Kloſter der Heimſuchung als„Mutterſtif⸗ tung für diejenigen der gleichen Art, die ſich auf der Erde der neuen Welt ausbreiten würden.“ Maryland hatte Tabakspflanzungen und Sklaven, es lebte, ſagt man, patriarchaliſch. Es lebt noch jetzt von Tabak und Sklaven, aber weniger patriarchaliſch, wie verſchiedene Ereigniſſe und Geſchichten aus der Chronik des Skla⸗ venſtaates beweiſen, und Baltimore iſt noch immer die Heimath des Katholicismus, der Wohnſitz des katholi⸗ ſchen Erzbiſchoffs, ſowie des Ordens der Heimſuchung. Etwas von Lord Baltimores liberalem Geiſt ſcheint auch hier fortzuleben. Ich beſuchte das Kloſter während meines Aufenthalts in Baltimore, und Alles was ich da ſah, ge⸗ fiel mir ſehr, beſonders das ganze Weſen und Auftreten der Aebtiſſin und der jungen Schweſtern. Die Nonnen legen ihre Gelübde für ihre ganze Lebenszeit ab, haben aber viel von dem altkatholiſchen Ceremonienweſen abge⸗ than und nehmen keine unvernünftigen Kaſteiungen vor. Sie beſchäftigen ſich hauptſächlich mit der Erziehung, ſo⸗ wie mit der Pflege armer Waiſenkinder. Viele der beſten proteſtantiſchen Familien in den Vereinigten Staaten ſchicken ihre Kinder hieher zur Erziehung, weil ſie da beſſer und wohlfeiler unterrichtet werden, als in den meiſten Erziehungsanſtalten des Landes. Der Katho⸗ licismus in den Vereinigten Staaten ſcheint Alles, was ihn gefürchtet und gehaßt macht, auf der andern Seite des Meeres gelaſſen und blos ſeine beſten Eigenſchaf⸗ ten mitgenommen zu haben, und zu dieſen zählt man mit Recht ſeinen Eifer für gute Thaten. Auch ſollen 126 ſich die katholiſchen Gemeinden hier durch ihre guten Anſtalten für Kinder und für Kranke auszeichnen. Die große Mädchenpenſion iſt die vornehmſte Einkommens⸗ quelle des Kloſters. Man ſollte jetzt bald ein öffent⸗ liches Examen da halten, und in einem großen ſchönen Concertſaal hörte ich einige der Mädchen ſowohl Harfe als Clapier ſpielen, wie auch ſehr gut und muſikaliſch im Chor ſingen. In Baltimore habe ich die Gefängniſſe und das Irrenhaus eingeſehen, fand aber da nichts zu bewun⸗ dern. Maryland iſt ein kleiner Staat und Maryland iſt Sklavenſtaat. Baltimore iſt eine große Stadt, aber weniger ſchön und mit weniger Bäumen und Gärten geſchmückt, als die meiſten amerikaniſchen Städte, die ich bis jetzt geſeben habe. Baltimore iſt durch ſein heiteres Geſellſchaftsleben und ſeine ſchönen Frauenzimmer be⸗ rühmt, und the belle of Baltimore iſt ein fröhliches Ne⸗ gerlied, das von Schwarzen und Weißen, von Dienern und Herren con amore geſungen wird. Aber für mich liegt Baltimores Merkwürdigkeit an einem andern Platze. Sie liegt in der Geſchichte einer— Kneipſtene und eines kleinen Mädchens. Willſt Du nicht die erſtere um des letzteren willen hören? denn ſie können nicht von einander getrennt werden. Vor einigen Jahren wohnte in Baltimore eine Fa⸗ milie mit Namen Hawkins. Sie war in beſſern Umſtän⸗ den geweſen, aber durch die Neigung des Familienvaters zu ſtarken Getränken zurückgekommen. In einer Straße in Baltimore befand ſich eine Kneipe, wo ſich fünf oder ſechs Zechbrüder zu verſammeln und den Tag hindurch zu ſchnapſen pflegten. Mr. Hawkins gehörte dieſer Gilde an, und obſchon er ſie verdammte und auch ſich ſelbſt wegen ſeiner Schwachheit dahin zu gehen verdammte, ſo war es doch eine wahre Verdammniß, daß er ſich jeden Tag dahin gezogen fühlte, und dort angekommen, — M ——— M 127 konnte er nicht mehr weiter gehen. Spät Abends oder in der Nacht taumelte er nach Hauſe, ſiel oft auf der Treppe um, und würde da liegen geblieben und vor Kälte und Elend umgekommen ſein, wenn ſeine Tochter, die kleine Hanuah, nicht geweſen wäre. Sie wachte, bis ſie ihn nach Hauſe kommen hörte, und dann gieng ſie ihm entgegen und half ihm die Treppe hinauf, wenn er dann umfiel und ſie ihn nicht mehr aufzurich⸗ ten vermochte, ſo trng ſie Kiſſen und Decken auf die Treppe heraus, bettete die erſteren unter ſeinen Kopf, breitete die letzteren ſo gut ſie konnte über ihn, und legte ſich dann an ſeiner Seite nieder. Die Frau war in der Verzweiflung ſeiner ganz überdrüſſig geworden und ſuchte ſich und die andern kleinen Kinder mit ihrer Arbeit zu erhalten. Die kleine Hannah(ſie war blos zehn Jahre alt) wurde es nicht müde, ihren Vater zu pflegen, und ihm mit ihrer kindlichen Liebe zu folgen⸗ Wenn er Morgens aus ſeinem Rauſch erwachte, pflegte er ſogleich das Mädchen fortzuſchicken, um Brauntwein herbeizuſchaffen, und ſie that wie er wünſchte, da'ihre Bitten ihn nicht davon abzubringen vermochten. Sie erweckten in ihm nur ein ſtärkeres Gefühl ſeines Elends und das Bedürfniß es zu vergeſſen; er verfluchte ſich, daß er einem ſolchen Kind ein ſo unwürdiger Vater ſei, und er zwang das Kind, ihm das verderbliche Ge— tränke zu reichen. Und wenn er durch den neuen bren⸗ nenden Labetrank wieder munter genug geworden war, um aufſtehen und gehen zu können, ſo gieng er aus und in die Kneipe. So war ſein Leben lange Zeit eine Reihenfolge von Elend und Selbſtverfluchungen, die nur durch neue Räuſche unterbrochen wurden. Das Haus war in tiefe Armuth gerathen und ſank mit jedem Tag tiefer. Eines Morgens als Hawkins krank an Seele und Leib nach dem geſtrigen Rauſch in ſeinem Bett erwachte, befahl er wie gewöhnlich Hannah fortzugehen und ihm Branntwein zu holen. Aber das 128 Mädchen wollte nicht gehen. Sie bat innig:„Lieber Vater, heute nicht!“ und ſie weinte. Der Vater befahl ihr zornig, das Haus zu verlaſſen. Er ſtand allein auf und gieng ſchwankenden Tritts nach dem gewöhulichen Platze. Hier war inzwiſchen eine ſonderbare Scene vorgegangen, die ſich ohne eine geheime höhere Ein⸗ wirkung ſchwer erklären läßt. Die Zechbrüder ſaßen bereits bei den gefüllten Flaſchen beiſammen, als einer von ihnen ſagte:„Es iſt doch ſehr närriſch von uns, daß wir hier ſitzen und uns ruiniren, blos um dieſes Schwein da zu mäſten.“(Er meinte den Wirth.) Die Andern ſtimmten ein. Einer ſagte:„Bedenkt einmal, wenn wir von heute an keinen Tropfen mehr tränken!“ Ein Wort gab das andere. Die Männer ſchloſſen ſchnell einen Bund und ſetzten eine Schrift auf, worin ſie ſich eidlich verpflichteten, ſtarken Getränken gänzlich zu entſagen. Und als Hawkins in die Kneipe herein⸗ kam, traten ihm die Zechbrüder mit dem Nüchternheits⸗ placat entgegen und riefen:„Unterſchreib! Unterſchreib!“ Ueberraſcht, überwältigt, beinahe außer ſich, ſetzte er ſeinen Namen zu den andern. Ohne einen Tropfen Branntwein genommen zu haben, eilte er jetzt wie in einer neuen Art von Rauſch nach Hauſe. Er fand ſeine Frau und ſeine Tochter beiſammen. Er warf ſich auf einen Stuhl und konnte blos rufen:„Es iſt geſchehen! es iſt geſchehen!“ Seine Bläſſe und ſeine verwirrte Miene erſchreckte ſie; ſie fragten, was er gethan habe. „Ich habe das Rüchternheitsgelübde unterzeichnet,“ rief er endlich. Hannah und die Frau warfen ſich an ſei⸗ nen Hals. Alle drei weinten Freudenthränen. Von dieſem Punkt, von dieſer Kneipſcene aus gieng die Bewegung, die ſich ſofort mit Blitzesſchnelligkeit — durch die Vereinigten Staaten verbreitete, hunderttau⸗ ſende von Menſchen mit ſich zog, und zu einem gewal⸗ tigen Bollwerk gegen die Völlerei anwuchs, die gleich einem überſchwellenden See ſeit einiger Zeit unter Per⸗ er hl en ene in⸗ zen ner ns, ſes Die al, n ſſen rin lich ein⸗ its⸗ e ofen e in eine auf en! irrte abe. rief ſei⸗ ieng gkeit tau⸗ wal⸗ leich Per⸗ 129 ſonen aller Claſſen um ſich zu greifen angefangen hatte. Die früheren Zechbrüder aus der Kneipe in Baltimore machten ſich zu Predigern der NRüchternheit, und unter dem Namen Waſhingtorianer zogen ſie und mehrere mit ihnen aus, um in den Städten und auf dem Land Reden in Volksverſammlungen zu halten, wobei fie aus ihren eigenen Lebenserfahrungen die Farben nah⸗ men, hm den Fluch der Völlerei, ſowie die Seligkeit des reinen Lebens zu malen. Sie kamen nach Boſton. Hawkins war dabei. Man hatte ihn aufgefordert zu ſprechen, aber er war von Natur kein Reduer und konnte kaum vermocht werden, daß er auftrat. Gleichwoh that er es auf vielfaches Zureden. Markus Spring war bei dieſer Gelegenheit zugegen und erzählte mir die Sache einmal. Hawkins begann, als er auftrat mit den Worten:„Ich bin ein Trunkenbold geweſen!“ dann verſtummte er aber plötzlich wieder, als wäre er überwältigt von ſeiner Erinnerung und von der Feier⸗ lichkeit des Augenblicks. Die zahlreiche Verſammlung rief ihm Worte der Aufmunterung und des Willkomms zu, ſo daß er wieder Muth bekam. Er ergriff von Neuem das Wort, aber blos um die Geſchichte ſeines früheren Elends und das Benehmen der kleinen Hannah gegen ihn zu erzählen. Die Einfachheit der Erzählung, ihre innere Schönheit, die tiefe Bewegung, womit der Mann ſie vorbrachte, Alles machte eine tief ergreifende Wirkuug. Ein Redner um den andern erhob ſich in der Verſammlung und ſprach Worte aus der innerſten Wahrheit des Lebens oder Herzens. Eine Stimme unter der Menge rief:„Giebt es auch für mich Hoff⸗ nung?“ Ja, ja,“ riefen Andere,„komm Bruder, komm und unterſchreib! Wir wollen Dir beiſtehen!“ Wohl tauſend Perſonen unterzeichneten an dieſem Abend den Nüchternheitsvertrag, den Hawkins vorlegte. Der gute Markus ſagte; er ſei ſelbſt von dieſer Scene Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 9 130 ſo ergriffen und angeregt worden, daß auch er aufge⸗ ſtanden ſei, um in der Verſammlung ſeine Freude da⸗ rüber auszuſprechen; aber kaum habe er zwei Worte geſagt, ſo ſei er gänzlich aus dem Concept gekommen, 8 habe vergeſſen was er ſagen wollte, und habe ſich ge⸗ ſetzt, mit dem feſten Vorſatz, nie wieder als Redner auf⸗ zutreten. Dieſe Bekehrungsgeſchichte iſt im Grunde ſehr eigenthümlich, denn die wirkende Urſache geht nicht von der kleinen Heldin darin aus. Aber ich glaube, daß ſie in geheimem Bund mit einem guten Engel ſtand, und daß dieſer an jenem Morgen ſeinen Weg in die Schenke gefunden, und den Männern ins Ohr geflüſtert hat, dem Wirth nichts mehr zu verdienen zu geben. Ganz gewiß ein liſtiges kleines Mädchenengelein!.. Hawkins reiſt noch immer als Nüchternheitsapoſtel im Lande umher. Er hat ſich als ſolcher Vermögen und Anſehen erworben, und die kleine Hannah ſoll gegenwärtig bei ihm im Weſten ſein, nicht mehr das kleine blaſſe Hannchen, ſondern ein blühendes Mädchen von ſechzehn Jahren. Hannah Hawkins iſt meine Schöne von Baltimore. Geſtern Abend waren einige Gäſte bei General Stuarts und unter ihnen eine Miß, deren Namen ich vergeſſen habe, ein angenehmes älteres Frauenzimmer, ein prächtiges Menſchenkind von warmem Herzen und geſundem Gemüth. Sie war die Tochter einer vermög⸗ lichen Sklavenhalterfamilie, und als ſie mündig wurde, hatte ſie ihre Sklaven nicht nur emancipirt, ſondern auch jedem von ihnen(es waren etliche zwanzig) eine Art von Ausſteuer gegeben, womit ſie eine ſelbſtſtän⸗ dige Bahn beginnen konnten. Sie erzählte mir, einer dieſer Sklaven, ein Neger, der ſich immer durch gute Aufführung ausgezeichnet, habe ſich nach ſeiner Freilaſſung durch Handel ein anſehnliches Vermögen erworben, ſo daß er ganz behaglich leben konnte, aber ſein Sohn —— — e —— — —„)— ——— —„ ge⸗ da⸗ orte ten, ge⸗ uf⸗ ſehr von daß and, die ſtert ben. oſtel ögen ſoll das chen öne teral ich mer, und mög⸗ urde, dern eine ſtän⸗ einer gute ſſung n, ſo 131 habe das Vermögen des Vaters verſchlendert und ihn ſo weit zurückgebracht, daß er ſich in ſeinen alten Ta— gen durch harte Arbeit habe ernähren müſſen; ich glaube, er war Karrenbauer, mußte alſo Schutt und Steine zu Straßen⸗ und anderen Bauten führen. Endlich wurde der Alte krank und fühlte, daß ſein Ende nahe war. Da ſchickte er ſeiner früheren Eigenthümerin Miß*** einen Boten und ließ ſie bitten zu ihm zu kommen, er könne ſonſt nicht ruhig ſterben. Sie begab ſich in ſeine Wohnung und fand den Alten in einem dürftigen Stüb⸗ chen bettlägerig und ſehr ſchwach. „Miſſis!“ ſagte er,„Sie ſind immer gut gegen mich geweſen, und ich habe gedacht, ich müſſe Ihnen etwas ſagen, was mir ſchwer auf der Seele liegt, und Sie bitten mir zu helfen, wenn Sie können!“ Miß*** forderte den Alten auf, offen zu reden. Er fuhr fort:„Sie wiſſen, Miſſis, wie ich mein Vermögen verloren habe. Ich habe gleichwohl jetzt viele Jahre von meiner Arbeit gelebt und bin Niemand zur Laſt gelegen. Aber in der letzten Zeit habe ich nicht vermeiden können, eine Schuld zu machen, und ich fühle, daß ich nicht ruhig ſterben kann, wenn ich nicht die Gewißheit habe, daß ſie bezahlt wird. Miſſis, ich möchte Sie bitten, meine Schuld zu bezahlen.“ „Und wie groß iſt Ihre Schuld?“ fragte die Miß. „Fünfzehn Dollars.“ „Dann ſeien Sie ruhig, lieber Jakob, ich kann und will ſie bezahlen.“ „Gott lohne es Ihnen, Miſſis!“ „Beantworten Sie mir jetzt eine Frage, die ich an Sie richten will, und ſagen Sie mir auf Gewiſſen, ob Sie ſich als freier Mann glücklicher gefühlt haben, als zur Zeit, wo Sie Sklave in meinem elterlichen Haus waren?“ „Miſſis,“ ſagte der Alte feierlich, indem er ſich in ſeinem Bett aufrichtete,„Ihre Eltern, meine Gebieter, 132 waren immer gut gegen mich, und in Ihrem Haus wußte ich niemals, was Noth war. Als freier Mann und beſonders in meinen alten Tagen habe ich viel Böſes ausgeſtanden. Ich habe von Hunger und Kälte gelitten. Ich war in Regen, Sturm und Schnee draußen bei der Arbeit; aber dennoch, Miſſis, litt ich dieß muthig, weil ich frei war, und ich würde es gerne noch einmal leiden, blos um die Freiheit und mein Recht über mich ſelbſt zu behalten. Denn dieß iſt mein höchſter Schatz geweſen.“ Im Kampf der Freiheit gegen die Sklaverei iſt dieſes Zeugniß von nicht geringer Bedeutung. Aber man könnte leicht Gegenzeugniſſe anfübren von geflüchteten Sclaven, die in den nördlichen Staaten von alten Freunden aus dem Süden gefragt wurden, wie die Freiheit ihnen munde, und die dann antwor⸗ teten„Ich bin ihrer überdrüſſig, ich wollte, Maſſa nähme mich wieder zurück.“ So habe ich ſagen hören und ich bin überzeugt, daß auch dieß wahr iſt. Daß faule, unſelbſtſtändige Naturen die Fleiſchtöpfe Aegypti und ägyptiſche Skla⸗ verei der Freiheit mit harter Arbeit und ſchmaler Koſt vorziehen, iſt leicht erklärlich. Daß Diener von guten Herrn im Süden, wenn ſie ſich als Freie unter gleich⸗ gültigen und oft unfreundlichen Menſchen in einem kalten Clima befinden, ſich nach den warmen Wohnungen, den warmen Herzen und der warmen Sonne der erſte⸗ ren zurückſehnen, iſt eben ſo natürlich. Und es kommt mir merkwürdig vor, daß es ſo wenige Beiſpiele von geflüchteten Sklaven gibt, die in ihr früheres Verhält⸗ niß zurückkehren wollen und Maſſa oder Miſſis bit⸗ ten, ſie wieder zu nehmen. Jedenfalls taugt es nichts, in der Frage zwiſchen der Freiheit und Sklaverei nach vereinzelten Thatſachen und Auecdoten zu urtheilen. Sie muß auf der Grundlage des Princips, auf der aus ann viel älte ßen hig, mal mich hatz i iſt hren aten den, vor⸗ aſſa ugt, dige kla⸗ Koſt ten eich⸗ inem gen, rſte⸗ mmt von hält⸗ bit⸗ chts, nach ilen. der 133 Grundlage der Wahrheit beurtheilt werden, die nicht wechſelt oder ſchwankt. Als Dänemarks großer Staatsmann Bernsd orff die leibeigenen Bauern auf ſeinem Gut freigab, ver⸗ ſammelten ſie ſich, gingen zu ihm und baten ihn mit Thränen, er möchte ſie nicht aufgeben, ſondern fort⸗ fahren ihr väterlicher Herr und Gebieter zu ſein; er möchte die Erklärung, welche ſie zu Freien mache, zurücknehmen. Berunsdorff antwortete:„Ihr verſteht jetzt nicht, was ich für Euch thne, aber Ihr werdet es in Zu⸗ kunft verſtehen, und Eure Kinder werden es auch ver⸗ ſtehen und mir danken.“ Und er blieb bei dem, was er gethan hatte. Und er that noch mehr, indem er Schulen und andere Bil⸗ dungsanſtalten für ſeine Untergebenen einrichtete und ſie dadurch vorbereitete, die Freiheit recht zu ge⸗ brauchen. Philadelphia, Samſtag Morgen. Wieder in der Stadt der Freunde, meine Agatha, nach einer ſchönen Tagreiſe in der Cheſapeakbucht und auf dem Delawareſtrom, wo ich bloß durch einige un⸗ bekannte Frauenzimmer geſtört wurde, die immer und immer wieder die gewöhnlichen und unerträglichen Fragen an mich richteten. Ach wenn ſie wüßten, wie ſehr ſie mich quälen, wie groß mein Bedürfniß nach Schweigen und Ruhe iſt, ſo würden ſie mich mit Frie⸗ den laſſen. Ich bin auch nach dem Leben und der Hitze in Waſhington geſchwächt. Ich muß im Meer Kräfte 134 ſuchen. Die Herren waren angenehmer; ich fand zu⸗ vorkommende gefällige Leute unter ihnen. Profeſſor Hart kam, als ich in Philadelphia eintraf, an Bord und führte mich in ſeine Wohnung, wo ich jetzt wie ein Mitglied in der Familie bin. Mit Lucretia Mott habe ich verſchiedene Häuſer von freien Negern in der Stadt beſucht. Ebenſo auch einen Negerprieſter für die epiſcopale Gemeinde dahier, einen hochgewachſenen, gutmüthigen Ehrenmann, der ſich nebenbei auch auf die Daguerreotypirkunſt verſtand, und gut franzöſiſch ſprach. Aber die freien Neger frap⸗ piren mich auf dieſelbe Weiſe, wie die Sklaven; ſie ſind gutmüthige gefühlvolle Naturen und beſitzen ein ſchönes Nachahmungstalent, wie auch viel Originali— tät; aber ihre Vortrefflichkeit iſt anderer Art als die der Weißen, und keine Schulen oder Lehranſtalten kön⸗ nen ſie auf den Standpunkt der Letzteren führen. Ich weiß auch nicht, warum dieß ein großer Schaden ſein ſoll. Die Verdienſte der Weißen werden vollſtändig aufgewogen von ihren Fehlern. Von dem freien far⸗ bigen Volk(the colored people), wie ſie ſich zu nennen lieben, intereſſirte mich am meiſten eine junge Mulat⸗ tin Sarah Douglas, ein anmuthsvolles Mädchen mit außerordentlich intelligentem Geſicht. Sie iſt Lehrerin an einer Schule von etlichen und ſechzig Neger⸗ und Mulattenkindern, und ſie rühmte ihre Leichtigkeit im Lernen, ſagte aber, daß ſie leicht vergeſſen und ſchwer über einen gewiſſen Punct hinanszubringen ſeien. Sie ſelbſt war eines der ſchönſten Exemplare wahrer Bildung unter den Farbigen. Auch die kleine Marie Townſend, dieſes ſchöne Kind des innern Lichtes mit den übernatürlich ſtrah⸗ lenden Augen, habe ich noch einmal geſehen. Erſt jetzt erfuhr ich, daß dieſe ſtrahlenden Augen kaum das Licht des Tages ertragen können, daß ſie ſich nicht ohne nnerträgliche Schmerzen auf ein Buch oder ein geſchrie⸗ zu⸗ ſor rd vie ſer uch er, der nd, p⸗ ſie ein li⸗ die ön⸗ Ich ein dig ar⸗ len at⸗ mit rin ind im wer Sie ing öne ah⸗ etzt icht hne rie⸗ 135 benes Blatt heften können, daß das Buch vom Leben der Inſecten mit verbundenen Augen dictirt worden iſt. So lag ſie gebunden und blind, als ſie das Leben der beſchwingten Naturkinder an das Licht trug,„dankbar“ ſchreibt ſie in der Vorrede,„wenn mein Büchlein da⸗ zu beitragen ſollte, die Kinder von Grauſamkeiten ge⸗ gen Inſecten abzuhalten, wozu ſie ſo geneigt ſind. Es hat mich, ſagt ſie weiter, manchmal vergeſſen laſſen, daß ich innerhalb der vier Wände meines Zimmers eingeſchloſſen bin. Es hat mich auf die Felder und in die Wälder geführt, und meine Bewunderung für das wunderbare Werk des Schöpfers nen angefacht.“ So liegt ſie gebunden und blind bis zu dem Tag, wo der Erlöſer die Schwingen des Engels löſt, gebun⸗ den und blind und gleichwohl wie ſehend, wie beſchwingt vor vielen. Das Werk des innern Lichtes! Im Hauſe nennt man ſie die Innerſte und ich wollte Dir, meine Innerſte, ihr Bild über das Meer zu⸗ tragen. Das innere Licht! das Leben des inneren Lichtes .. Ich danke der Stadt der Freunde für eine neue Erweckung deſſelben. Das Nächſtemal ſchreibe ich Dir vom Meeresufer in New⸗Jerſey. Am Dienſtag fahren wir nach Cap May. Aber vorher mache ich wohl noch einen Ausflug aufs Land zu einer Freundin von Mr. Downing, der mir dieſelbe als eine amerikaniſche Frau von Sevigné be⸗ ſchrieben hat. 136 Zwanzigſter Brief. Cap May(New⸗Jerſey) den 2. Auguſt 1850. Letzten Sonnabend und Sonntag befand ich mich auf einem ſchönen Landſitz in der Nähe von Phila⸗ delphia, mitten unter ſchönen ſeltenen Blumen, wovon ſich beſonders die mexikaniſchen durch glühende Farben⸗ pracht auszeichneten, und Schaaren von Kolibris, die ſich um ſie her ſchwangen, ihre feinen langen Schnäbel in die Kelche derſelben tauchend; ein wahres Feſt von zierlichen Naturgegenſtänden außer dem Haus und innerhalb deſſelben, Alles niedlich, koſtbar, ſchön, ariſtokratiſch, aber in verſchiedenen Dingen zu exkluſiv für meinen Geſchmack und zu wenig vom wahren „high lite“ enthaltend. Heute ſchreibe ich Dir von der Meeresküſte, wo der große, freie Ocean gegen die Sand⸗ riffe vor meinem Fenſter emporbrauſt und mir in den Wellen ein Schauſpiel von höchſt demokratiſch republi⸗ kaniſchem Gehalt vorführt. Aber ich muß Dir noch ein Wort von meinem Beſuch auf der ſchönen Villa ſagen, denn ich war da beim Hochzeitfeſt des Mais(amerikaniſchen Kornes), ich ſah ſeine Hochzeitkleider, und ich muß Dir etwas davon erzählen. Der Mais iſt ein Diclin. Die Staub⸗ fäden entwickeln ſich in einem Büſchel von Aehren, welche zuhöchſt auf dem Wipfel des breitblättrigen, ſtarken, grünen Gewächſes ſitzen. Die Staubfädenähren ſchwin⸗ gen ſich munter im Wind und blaſen ihr Samenmehl aus wie Rauch. Weiter unten am Schluß des Stam⸗ mes ſitzt die Maisähre(gewöhnlich zwei bis drei Aehren auf einem Stengeh in hellgrüne Hülſen eingewickelt, die ſich zur Blüthezeit im Wipfel ein wenig öffnen, um einem Büſchel glänzender Silberfäden Platz zu machen, die in allen Regenbogenfarben, doch zumeiſt in Violett 137 und Gold ſpielen. Sie kommt jedoch nicht weit hinaus, ſondern wenn die Aehre durch ſie das Licht und das Leben begrüßt hat, zieht ſie ſich wieder hinein wie die kleinen weißen Flöckchen an den Roggen⸗ und Waizen⸗ Piſtillen bei uns. Jetzt waren juſt die zierlichen Seidenbüſchchen heraus, und ich brach einen der ſo hervorblickenden Maisſtengel und nahm ſachte die eine grüne Hülle nach der andern ab. Sieben grüne Hüllen hatte ich ſo hinweggenommen; ſie wurden immer heller, immer feiner, je näher ſie der Aehre kamen. Behutſam rollte ich die letzte hellgrüne Hülle ab, und ein ſpi⸗ ralförmiger Schleier von glänzenden, weißen Silber⸗ fäden wogte tief hinab von der reichen, perlreihigen Aehre, ſo ſchön, ſo unendlich reich und rein, daß es entzückend war. Jede Kornperle hatte ihren Silber⸗ faden, und alle waren auf derſelben Seite um die Aehre gewunden und vereinigten ſich in der Spitze, um zum Licht zu dringen und von ſeinen Strahlen gefärbt zu werden. Ich betete beinahe an beim An⸗ blick dieſer urſprünglich verwirrten, jetzt geoffenbarten Herrlichkeit, und ich mußte an die Worte denken: „Salomo in all ſeiner Herrlichkeit war nicht gekleidet wie eine von dieſen. Es war unendlich ſchön, und ich wünſchte nur, Du hätteſt es mit mir geſehen. Unter den Blumen muß ich die Tiegerlilie wegen ihrer nnge⸗ wöhnlichen Pracht ausdrücklich nennen. Am Abend ſah ich über die Blumen hin eine Sphinx flattern, die, einem Kolibri in ſeiner ganzen Art zu fliegen und Blumen zu ſaugen vollkommen gleichend, auf Schwingen mit einem ſchnabelartigen Schwanz emporflog, ſo daß ich einen Augenblick im Zweifel war, ob ſie dem Geſchlecht der Vögel oder Schmetterlinge angehört. Ich mußte näher kommen und die vier Füße ſehen. Ihren Namen konnte ich nicht erfahren. Jemand behauptete, man nenne ſie „ladys-pird,“ zu deutſch Herrgottskäfer. Im Allgemeinen 138 verſtehen ſich die Männer wie die Frauen hier zu Land ſehr wenig auf Gegenſtände der Natur, wenn es ſich nicht ganz einfach um Nutzen und Vergnügen handelt. Beſonders im Süden und mitten in dieſer reichen Thier⸗ und Pflanzenwelt erſchien mir die Unwiſſenheit darüber recht beklagenswerth. Der Menſch ſollte doch die Natur anders genießen als der Ochs; er ſollte als Herr der Schöpfung ſich und ſeinen Schöpfer dadurch ehren, daß er ſeine Werke verſtändig betrachtet, ihre Bedeutung einſehen lernt, und als Prieſter der Natur ſollte er ihre Lehren erklären und ihre Lobgeſänge dollmetſchen. Dieß wäre ein würdiges Geſchäft für Leute von„bigh life“; und das„high life“ in der neuen Welt wird ein leerer Begriff, wenn man nicht das„hohe Lied“ eines neuen Lebens ſingen lernt, ein hohes Lied, höher als das Salomonis, höher als das von Odin und Wala, aber im Geiſt. Von Philadelphia reiſte ich mit Profeſſor Hart und ſeiner Frau an einem ſchönen Julitag nach Cap May, und ſchön war die Fahrt auf dem ſpiegelruhigen Delawarefluß, mit ſeinen grünen, idylliſchen, lieblichen Ufern. Den Tag über las ich Mr. Clays Annalen von der ſchwediſchen Kolonie auf dieſen Ufern und hatte mein inniges Vergnügen daran, von der hiſtori⸗ ſchen Idylle hinweg auf die Ufer zu blicken, wo ſie in Frieden und Frömmigkeit lebte. Der Uebermuth und die kriegeriſche Laune einiger der Häupter der Colonie, der Herren Prinz und Riſing, war Schuld an den Unruhen, die endlich ihren Untergang bereiteten. Aber das Volk war friedlich und begnügſam. Von ihrer Liebe zum Mutterlande zeugen die Namen, die ſie den verſchiedenen Orten gegeben:„Neu Götheborg, Elfs⸗ borg“ u. ſ. w.; von ihrem Entzücken über die neue Weit zeugt der Name„Paradies⸗Spitze“, den ſie dem erſten Landungsplatz am Delaware üfer gaben, wie auch noch manche, von ihrem ſchwediſchen Annaliſten Campanius aufbewahrte Anekdoten. Hier im Wein⸗ — c 18 rt ap en en en nd ri⸗ in nd ie, en er rer en fs⸗ eue em wie ten in⸗ 139 land der alten Sagen fanden die Schweden die wilde Weinrebe und manche herrlichen Früchte, von denen ſie ſprechen. Hier auf dieſen ſchönen, ſonnbeglänzten Höhen und Feldern lebten ſie glücklich, ſelbſt nachdem ſie unter fremde Gewalt gekommen.„Denn die neue Regierung war mild und gerecht gegen ſie,“ ſagt die Kronik. Aber ſie machte ihr Mutterland vergeſſen. Die Erinnerung an die erſte Kolonie auf dieſen Ufern gleicht jedoch dem friſchen Grün, das ſie bedeckt. Ich betrachtete ſie mit Liebe. Frieden und Freiheit ſind hier von Schwedens Volk gepflanzt worden. Am Abend kamen wir aufs Meer und zum Cap May. Und jetzt zur Republik in den Wellen, nicht Alles high life“, außer mit Bezug auf gewiſſe Gefühle. Es iſt ungefähr 9 Uhr Morgens. Nach einer kleinen Weile beginnt längs am Meeresufer ein recht buntes Schau⸗ ſpiel. Mehrere hundert, ja wohl mehr als tauſend Perſonen, Männer, Frauenzimmer und Kinder in rothen, blauen und gelben Kleidern Trachten von allen Farben und Schnitten(die Grund-Fagon in allen Ko⸗ ſtümen iſt die Blouſe, Hoſen und gelber Strohhut mit breitem, rundem Rand und hübſchen, rothen Bändern) ziehen ſchaarenweiſe ins Meer hinaus und hüpfen hin⸗ auf und hinab in den ſchwellenden Wogen, oder laſſen ſie dieſelben unter großem Jubel über ihre Köpfe hin⸗ ſchlagen. Wagen und Pferde fahren hinaus in die Wogen, Herren reiten hinaus, Hunde ſchwimmen hin⸗ aus, weiße und ſchwarze Menſchen, Pferde, Wagen und Hunde, Alles tummelt ſich um einander her; dicht davor ſtrecken große Fiſche, Meerſchweine genannt, ihre Köpfe empor und thun zuweilen hohe Sprünge, vermuthlich aus eitel Luſt und Vergnügen an den Sprüngen der Meuſchen. Es iſt wie geſagt eine Republik in den Wellen, mit mehr Gleichheit und Brüderlichkeit, als irgend eine auf dem trockenen Land. Denn das Meer, 140 das große, mächtige Meer behandelt Alle gleich; es brauſt um und über Alle mit ſolcher Uebermacht, daß es ſich für Niemand der Mühe lohnt, ſich als eine Gegenmacht oder als etwas für ſich Beſtehendes da⸗ gegen aufzulehnen; das Meer ſchlägt über Alle hin, um Alle her, belebt Alle, umkoſt Alle, vereinigt Alle. Unter den Bürgern in den Wellen dürfteſt Du be⸗ ſonders ein Paar bemerken, nämlich einen Bürger in zierlichen, feuerfarbigen Kleidern, und eine Bürgerin in einer braunen, kohlraupenartig geſtreiften Wollbluſe. Die Bürgerin zeichnet ſich dadurch aus, daß ſie ſich von dem Haufen nach einem einſamen Ort zurückzieht, ebenſo durch ihr Verlangen nach Selbſtherrſchaft und ihr Unvermögen, im Schlag der Wellen auf den Füßen zu ſtehen. Auch werfen dieſe ſie unbarmherzig genng an ein Sandriff, wenn ſie allein ihren eigenen Kräften und einer dreiſpitzigen Gabel überlaſſen wird, womit ſie ſich, aber vergebens, auf dem Boden feſtzuhalten ſucht, während der Bürger auf den Strand geht, um ſeine Frau hinauszuführen. Dieſes Paar iſt Pro⸗ feſſor Hart und die Unterzeichnete. Dann und wann könnteſt Du mich aus dem Waſſer tauchen ſehen, müde mit den Wogen zu ſtreiten und mich gegen das Ufer hinſchleudern zu laſſen, einer Fiſchmöve gleich an die⸗ ſem ſitzend, umrauſcht von weißſchäumenden, toſenden Wogen, bald den Oecean, bald den grenzenloſen Raum betrachtend, bald die bunte Geſellſchaft in den Bran⸗ dungen am Strande. Ganz anders iſt es im Capitol zu Waſhington! Der Menſch ſcheint hier nicht groß, nicht merk⸗ würdig in irgend einer Weiſe, und mehr einem un⸗ graziöſen, ungelenken Thiere gleich(denn die Kleider, welche die Sittſamkeit beſchützen, ſind gänzlich unvor⸗ theilhaft für die Schönheit), als einem Herrn oder einer Herrin der Schöpfung. Im Anfang erſchrack ich beinahe über dieß Unter⸗ —— 141 nehmen und die Geſellſchaft, ſowie über das Unſchöne, ſcheinbar Grobe in dieſer Republik. Aber ich ſehnte mich nach den Kräften des Meeres und dachte:„Wir ſind Alle gleich vor unſerem Herrn und Alle Sünder, Alle arme Sünder!“ Und ich ging hinaus unter die Andern. Und obſchon ich noch nicht daran gewöhnt bin, mit den Wogen zu kämpfen, wie ich Andere es thun ſehe, ſo bin ich doch bereits ganz entzückt über dieſe wilden Bäder und hoffe ſehr viel Gutes von ihnen. Sie geben mir einen eigenthümlichen Eindruck von etwas zugleich Großem und Lieblichem. Die Woge kommt wie ein Rieſe, ſtark, aber zugleich ſo mild und mächtig wie eine Gotteskraft, voll von geſundheitſpendendem Leben, ſo daß ich, wenn ich mich von ihr überſchäumt fühle, unwillkürlich denken muß, es ſei doch nicht ſchwer, in ihr zu ſterben. Aber habe keine Angſt, meine liebe Agathe, Du darfſt glauben, daß ich mich wohl in Acht nehme, und daß auch noch Andere da ſind, die mir ihre Obhut angedeihen laſſen; denn auch hier habe ich gute Freunde, obſchon ich, um im Frie⸗ den leben zu können, einem Theil von ihnen etwas weniger freundlich begegne; und mich in einiger Ent⸗ fernung von ihnen halte. Dieſe Art liegt gar nicht in meiner Natur, und es kommt mich mitunter recht ſchwer an, Leuten, die mir freundlich entgegenkommen, ſo zu⸗ rückſtoßend zu begegnen; aber ich muß ſchweigen und ruhen und meiner ſelbſt ein wenig Meiſter ſein. Mit Profeſſor Hart und ſeiner Frau befinde ich mich vollkommen wohl; ſie ſind ſtille, freundliche, ernſte Menſchen. Sie laſſen mich gewähren ganz wie ich will. Ich habe ein angenehmes Stübchen nahe bei ihrem Wohnzimmer, mit der freien Ausſicht auf den Oeean, der ſich hier ohne Inſeln und Scheren an dem niedrigen, ſandigen Strand bricht; ich höre ſein Brau⸗ ſen Tag und Nacht durch meine geöffneten Fenſter. (Seit mehreren Monaten ſchlafe ich bei offenem Fenſter, 142 aber verſchloſſenen Jalouſien, und man macht es in Amerika allgemein ſo). Ich ruhe und genieße, wie ich das hier zu Land noch nie gethan habe, denn hier erſt habe ich das Recht bekommen, über mich ſelbſt zu ver⸗ fügen. Der raſtloſe Gedanke arbeitet jedoch, ſchreibt Romane und Dramen, die ſämmtlich in Schweden ſpielen, obſchon hieſige Scenen ſie ins Leben rufen. Aber für Schweden lebe ich mit all meinem Dichten und Trachten. Jetzt biſt auch Du am Meer, meine Agathe, und tauchſt Dich in die ſalzigen Wogen. Mögen die ſtillen Bäder von Marſtrand Dir ebenſo gut und ſtärkend ſein, wie ich dieſe wilden vceaniſchen für mich fühle! Für Dich würden ſie nichts taugen⸗ Sie ſind zu heftig. Den 10. Anguſt. Wie ſchön iſts hier zu ſein, wie wohlthätig vor Ausfahrten in die Umgegend, vor dem angeſtrengten Hören und Lernen, vor dem Geſellſchaftsleben und Unterhaltungen Ruhe zu haben und allein ſein zu dürfen, ſchweigend und ſtill! Und das Meer, das Neer, das große, herrliche Meer, wie belebend iſts es zu betrachten, ihm zu lauſchen, ſich darin zu baden! Alle Morgen nach meinem Frühſtück, welches aus Kaffee, karoliniſchen Reisgraupen und einem Ei be⸗ ſteht, ſitze ich am Meeresſtrand in einer Lanbe, die über das Dach einer Holzbude gebaut iſt, ſitze da mit einem Buch in der Hand und ſehe ins Meer und auf die weiten Himmelsräume hinaus, ſehe die Meer⸗ ſchweine ſchaarenweiſe an der Küſte hinziehen und höre die großen Wogen zu meinen Füßen ſich brechen und brauſen. Die Meerſchweine beluſtigen mich ganz be⸗ ſonders, ſie gehen meiſtens paarweiſe, und wenn ſie aus dem Meer hervorgucken Hleich als wollten ſie„guten ——— n u 18 18 1 18 ie da nd re nd e⸗ ſie ten 143 Tag“ ſagen, machen ſie eine biegende Bewegung mit dem ganzen Körper, ſo daß ihr ganzer oberer Theil über der Waſſerfläche ſichtbar wird; nach dieſer lang⸗ ſamen und mit einer gewiſſen Methode gemachten Ver⸗ neigung ſtecken ſie den Kopf wieder hinab und ver⸗ ſchwinden in den Wogen, erſcheinen jedoch bald wieder auf dieſelbe Art wie vorher. Sie ſind große Fiſche (ich glaube ungefähr drei Ellen lang) ſcheinen von Geſtalt unſern größten Lachſen nicht ungleich, und haben etwas Gravitätiſches in ihren Bewegungen, während ſie uns ihre Grüße aus der Tiefe bringen. Aber zuweilen machen ſie hohe Sprünge. Weißt Dn, warum ich ein Buch in der Hand habe, während ich Alles das anſehe? Damit die Leute glauben ſollen, ich leſe, und damit man mein Leſen reſpectire. Anders kann ich nicht im Frieden ſein. Und ich bin durch dieß beſtändige Anreden fremder Perſonen, ſowie durch ihre ewig gleichen Fragen ſo reizbar geworden, daß ich Herzklopfen bekomme, ſo bald ſich Jemand nur auf dieſelbe Bank ſetzt wie ich, denn ich fürchte dann ſchon, man wolle mich anreden. Deßhalb wende ich bei ſol⸗ chen Ausſichten ſogleich die Augen dem Buche zu. Morgens iſt jedoch mein luftiger Salon ziemlich frei von Leuten. Und die intereſſanten Meerſchweine ſind zuweilen die einzigen lebendigen Weſen, die ich ſehe. Einige genußreiche Stunden habe ich durch ein Buch, nämlich Oerſteds neulich herausgegebenes viertes Heft ſeiner Schrift:„Der Geiſt in der Natur“ gehabt, worin er, wie ich ihn in Kopenhagen darum bat, die Gedankenſummen weiter entwickelte, die in ſeinem herr⸗ lichen kleinen Aufſatz über„die Einheit der Vernunft⸗ geſetze im ganzen Univerſum“ verborgen lagen. Nie werde ich die Freude vergeſſen, welche mich an dem Morgen durchſtrömte, als ich zum erſten Mal die⸗ ſes Schriftchen las, das Oerſted mir gegeben hatte, und als die Ahnung der Anwendung, deren ſie 144 auf das ganze höhere menſchliche Bewußtſein fähig war, wie ein Blitz durch meine Seele flog. Es war früh am Morgen, aber ich konnte mich nicht ent⸗ halten, ich mußte hinaus und zu Oerſted und ihm meine Freude und meine Ahnungen ſagen. Dieſer Morgen und die Geſpräche, die er zwiſchen dem liebenswürdi⸗ gen alten Mann und mir herbeiführte während des Winters, den ich in Kopenhagen zubrachte, und die genußreichen Stunden, welche ſie mir ſchenkten, waren ganz beſonders angenehm für mich, während ich Oer⸗ ſteds neues Buch las, und bei den herrlichen Ausſichten, die es für mich eröffnet, ſelbſt über den Horizont hin⸗ aus, welchen der edle Mann der Wiſſenſchaft angegeben. Aber Oerſted hat ſeine Sache auf eine große Weiſe ausgeführt, und während er feſtſtellte, was man mit Beſtimmtheit wiſſen kann und auf was man mit der größten Wahrſcheinlichkeit in dieſen Fragen ſchließen darf, hat er das Feld für weitere Forſchungen und Gedankengänge offen gelaſſen, wobei die Geſetze und Analogieen, auf die er hindeutet, als Wegweiſer dienen können. Wie freue ich mich, auf meinem Rückweg in Dänemark den verehrungswürdigen, noch jugendlichen, alten Gelehrten wieder zu ſehen! Aber ich muß Dir jetzt von meinem Leben auf Cap May erzählen. Ich verweilte in der Morgenſtunde in Geſellſchaft der Meerſchweine und des Meeres. Um halb 11 Uhr beginnt die Fluth zu ſteigen und das Meer höher und höher an den Strand zu ſchlagen; dann lege ich mein Badkoſtüm an und gehe ſo ins Meer hinaus, ehe noch die größte Menge ſich verſammelt hat, und laſſe mich von den Wogen überſchwemmen, ſehr oft an der Hand des Profeſſors Hart, zuweilen auch mit einer artigen Quäckerin(einer Schwiegertochter der Lueretia Mott); manchmal bin ich auch ganz allein, denn ich bin jetzt ſehr geſchickt geworden in der Kunſt, mit den Wogen zu ringen und in ihrer Mitte die Balance zu erhalten. — e———„„ hig ar nt⸗ ine en di⸗ es die ren er⸗ en, in⸗ en. iſe nit der en nd nd en in en, ir aft hr nd ein och ich nd en t); etzt en en. Das Bad währt ungefähr eine Viertelſtunde und em⸗ pfindet ſich ſo angenehm, daß es beinahe Mühe koſtet wieder herauszuſteigen. Nach dem Bad gehe ich auf mein Zimmer, ſchreibe ein wenig, während ich meine Haare trocknen laſſe, trinke ein Glas eiskalte, gute Milch, eſſe ein Stück gutes Waizenbrod dazu und lege mich dann ein Stündchen auf mein Bett, wo ich bei dem großen Wiegengeſang des Meeres ſo leicht und lieblich einſchlummere, wie ich vermuthe, daß kleine Kinder beim Wiegengeſang der Mutter einſchlummern. Wenn ich erwache, kleide ich mich ſchnell zum Mittag⸗ eſſen an. Um 2 Uhr wird dinirt. Dieß iſt ein mühſames Geſchäft. In einem großen hellen Saal ſitzen an zwei langen Tiſchen ungefähr dreihundert Perſonen mit donnernder Tafelmuſik und bedient von einem Regi⸗ ment von etlichen und vierzig Negern, welche nach dem Glockenſchlag hereinmarſchiren und manövriren und ſo viel Lärm machen, als ſie möglicherweiſe mit Tellern und Schüſſeln u. ſ. w. zu Stand bringen können, und das iſt nicht wenig. Sie kommen zu zwei und zwei hereinmarſchirt, jeder eine Schüſſel oder Schale in der Hand haltend. Ping! ſagt eine kleine Uhr, die vom Haushofmeiſter noch in die Höhe gehalten wird, und die Schüſſelträger bleiben ſtehen und werden in zwei Reihen zwiſchen den Tiſchen aufgeſtellt. Ping! ſagt die Uhr wieder, und ſie wenden ſich nach den Tiſchen, bleiben jedoch unbeweglich auf ihrem Platze ſtehen. Ping! und ſie ſtellen die Schüſſeln auf die Tiſche mit einem Getöſe, ſo daß man dabei in die Höhe ſpringen möchte, wenn nicht die ganze Bedienung eine Kette von lärmendem und ſchwirrendem Getöſe wäre, ſo daß man aus dieſer geränſchvollen Sphäre gar nicht herauskommt. Das Mittageſſen iſt meiſtens ſehr gut, und die Speiſen ſind weniger gewürzi, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. n. 10 146 als ich ſie am amerikaniſchen Tiſche, beſonders in Hotels zu finden gewohnt bin. Obſchon ich hier über⸗ all grüne Gemüſe vermiſſe, eſſe ich doch gern etwas, was man Sqwash nennt, und was das Fleiſch einer Art von ſehr allgemeinem Kürbis iſt, die man unge⸗ fähr ſo kocht und ſervirt, wie wir den Kohl, und die man auch zum Fleiſch ißt. Es iſt weiß, ziemlich ge⸗ ſchmacklos, aber weich und angenehm, ungefähr wie Spinat, und wird allgemein im Lande gegeſſen. So iſt auch der Tomato eine ſehr ſchmackhafte und be⸗ liebte Südfrucht und wird als Salat gegeſſen. Zum Deſſert wage ich nichts anderes zu eſſen, als Sago⸗ pudding oder Cuſtard, eine Art Eierkreme in Schalen. Aber ich bin froh, daß dieſe immer vorhanden ſind. Ein ſtehendes Gericht auf amerikaniſchen Tiſchen iſt um dieſe Zeit das ſogenannte„ſüße Korn“; es iſt der ganze Kornſtock von einer Art frühreifem und ſehr ſüßem Mais, den man in Waſſer kocht und ganz ſervirt; man ißt es mit Butter, und es ſchmeckt wie die franzöſiſchen„petit-pois“, während man mit dem Meſſer das Korn von dem Stock wegſcharrt oder ſchnei⸗ det. Einige nehmen den ganzen Stock und nagen ihn mit den Zähnen ab. So machen es drei Herren, die vor mir und Profeſſor Hart am Tiſch ſitzen, und welche wir Haifiſche nennen wegen ihres merkwürdigen Talentes große, oft doppelte Portionen von Allem, was auf den Tiſch kommt, zu verſchlucken. Es wird mir wahrhaft angſt und bang, wenn ich ſehe, wie ihre breiten, mit tüchtigen Zähnen verſehenen Mäuler gierig die ſchönen weißen, perlartig gereihten Maisähren um⸗ nagen, die ich kaum zuvor in ihren Hochzeitkleidern ſah, und die jetzt maſſakrirt in dem gefräßigen Schlunde der Haie verſchwinden. Wenn ich das ſehe, fühle ich, daß, wenn das Eſſen nicht ein von der Religion ge⸗ heiligter Akt iſt(und dieß iſt der Sinn des Tiſchge⸗ — S—— c——„ 5 in r⸗ 8, ler e⸗ ie e⸗ ie So be⸗ im 0⸗ en. id. iſt der hr inz vie em ei⸗ die nd en em, ird hre rig m⸗ ern nde ich, ge⸗ 147 bets), es dann eine niedrige, thieriſche Handlung, unwürdig des Menſchen und der Natur iſt. Nachmittags ſitze ich wieder mit meinem Buche in der Hand da, betrachte das Meer und trinke die weiche, lebenſpendende Meerluft. Einige Badgäſte finden ſich ſchon um halb ſechs in der von Neuem ſteigenden Fluth ein, und zuweilen nehme auch ich dann ein Bad, aber gewöhnlich ſpüre ich, daß eins genug iſt, denn der Kampf mit den Wellen macht das Bad er⸗ müdend. Dann mache ich gewöhnlich einen Spazier⸗ gang und beſuche mitunter Perſonen, die mich beſucht haben, entweder in den großen Hotels hier, oder in den kleinen Landhäuſern in der Une Wenn es dunkelt(und es dunkelt hier bald) gehe ich auf der großen Piazza, die um unſer Hotel(Columbia Houſe) geht, auf und ab, und betrachte du herrliche Schau⸗ ſpiel von Blitzen und ungewöhnlichen Lichtexploſionen, welches das Firmament uns alle Abende gewährt, ſeit ich hiehergekommen bin, ohne daß ſich ein Donner hören läßt. Die eine Hälfte des Himmelsgewölbes iſt dabei ganz klar und ſternhell; über der andern ruht eine Wolke, und am Rand und in den verſchiedenen Theilen der Wolke geſchehen Lichtexploſionen, wie ich ſie noch nie geſehen habe. Feuerkugeln erſcheinen und ſpringen in keilartigen Strahlen nach mehreren Seiten aus, andere flammen und kniſtern, wie brennbare Stoffe, die ſchnell verbrennen; esöffnen ſich Schlünde von hübſchen, farvigen Flammen, die da und dorthin flie⸗ gen, und der Rand der Wolke, der grau und leicht er⸗ ſcheint, ſchickt unaufhörlich flammende Spieße und Raketen aus; weiter unten am Horizont, wo der Him⸗ mel mit dem Ocean zerſchmilzt, wird er von langen, ſanften Blitzen erhellt;— mit einem Wort, es iſt eine himmliſche Feuerwerkerei, die immer neu, überraſchend und für mich ganz entzückend iſt. Ein paar Mal haben wir auch prächtige Donnerwetter gehabt, wo die 148 Blitze über den Ocean hinfliegen und ſich krenzen, ſo daß es ein wahrhaft großes Schauſpiel iſt. Dabei iſt die Luft rein und die Tage und Nächte ſind ununter— brochen lieblich und ſchön. Oft haben wir auch Muſik und irdiſche Feuerwerke am Meeresſtrand vor unſerem Hotel, ſo daß es uns an ermunternder Unterhaltung nicht fehlt. Zu dieſem Capitel gehören auch Cavalkaden am Ufer hin von Herren und Damen, Spazierfahrten in leichten, lufti⸗ gen Wagen, Fußpartieen längs der Rhede, wo man Cap⸗May⸗Diamanten ſucht und findet, kleine, helle, weißliche Steine, die geſchliffen mit einem ganz klaren und ſchönen Waſſer glänzen. Unter den Fußgängern ſpät am Abend, wenn der Mond aufgegangen iſt, bin auch ich zuweilen mit Profeſſor Hart, dem ich ſo gerne zuhöre, wenn er ſeine Gedanken über die Erziehung der Jugend entwickelt, ſeine Methode, in der Schule Jahr für Jahr die Aufmerkſamkeit der Knaben immer neu zu wecken und zu unterhalten, wie auch die Selbſt⸗ thätigkeit ihres eigenen Weſens zum vollen Bewußtſein zu rufen. Seine Anſichten und Methode erſcheinen mir dabei vortrefflich, und der Erfolg ſeiner Schule, die Brauchbarkeit der Jünglinge, ihre Tüchtigkeit zu verſchiedenen Gewerben, wenn ſie aus derſelben kom⸗ men, zeugt für die Richtigkeit des Prinzips und die Güte der Methode. Das Meeresbrauſen iſt gewöhn⸗ lich am Abend leiſer als bei Tag, des Mondes träu— meriſches Licht ſcheint die unruhige Welle einzuſchläfern, und ihr Geſang iſt eine Ruhe. Mitunter gehe ich ein wenig ans Land hinauf und lanſche dem Geſäuſel des Maiſes im Abendwind, lauterſtille, ruhende Töne!... So kommt die Nacht und der Schlaf mit des Meeres großem Wiegengeſang! So vergehen die Tage mit ge⸗ ringen Abwechslungen, und ich wünſchte blos Alles verdoppeln zu können. Die Zahl der Badgeſellſchaft ſo iſt er⸗ rke ins ſem on fti⸗ lan le, ren ern bin rne ing ule ner bſt⸗ ein ren le, zu m⸗ die hn⸗ äu⸗ rn, ein des res ge⸗ lles aft 149 ſoll ſich zwiſchen zwei- und dreitauſend Perſonen be⸗ laufen. „Miß B*** kann ich das Vergnügen haben, ein Bad mit Ihnen zu nehmen?“(oder„mit Ihnen zu baden“) iſt eine Einladung, die man oft von einem Herrn an ein Frauenzimmer hört, juſt wie man auf einem Ball zu einer Frangaiſe odereinem Walzer engagirt, und ich habe niemals gehört, daß die Aufforderung abgeſchlagen wurde. Auch ich habe an dieſen Bad⸗ tänzen nie etwas eigentlich Unſchickliches geſehen, aber hübſch und anmuthig ſehen ſie nicht aus, beſonders nicht diejenige Tour des Tanzes, wo der Cavalier die Dame ſchwimmen lehrt, welche Kunſt indeß in See⸗ gefahren nicht übel iſt. Allerlei verſchiedene Scenen bekommt man übrigens in der badenden Republik zu ſehen. Hier ein ſchönes junges Paar in eleganten Badekleidern in die wilden Wogen hinaustanzend, lebensluſtig, lebensmuthig einander an der Hand hal⸗ tend, als könnten ſie es mit dem ganzen Weltmeer auf⸗ nehmen und allen ſeinen Wogen die Bruſt entgegen⸗ bieten; dort wieder ein altes Paar in grauen Kleidern, das ſich beſtändig an den Händen hält und in den Wellen auf und ab taucht(gerade wie wenn man Lich⸗ ter zieht), ernſthaft und blos darauf bedacht, feſt ſtehen zu bleiben und für die Geſundheit etwas zu profitiren; da eine lächelnde junge Mutter, die ihr junges Knäb⸗ lein vor ſich her trägt, einen noch nicht ein Jahr alten nackten Amorino, welcher lacht und die Händchen aus Freude zuſammenſchlägt, wenn die wilden Wogen über ihn hinfahren; daneben eine dicke Großmutter mit einem „Lebenserhalter“ um den Leib und ſelbſt halb im Sande ſitzend, aber offenbar voll Angſt trotz alle dem zu ertrinken, und wenn die Woge kommt, an irgend einem ihrer hüpfenden und lachenden großen Kinder und Kindeskinder ſich haltend, welche jubelnd im Kreiſe um ſie her tanzen. Hier ein graziöſes junges 150 Mädchen, das ſich zum erſten Mal im Seebad befin⸗ det und aus Furcht vor der Woge in die Arme von Vater und Mutter eilt, um ſich da von ihr überſchäumen zu laſſen; da eine Gruppe wilder junger Frauenzim⸗ mer, die einander Hand an Hand halten, herumtanzen und laut aufſchreien, ſo oft die Woge über ihren Köpfen zuſammenſchlägt; und nicht weit von ihnen ein Schwarm noch wilderer junger Männer, die wie Fiſche tauchen und ſich um einander herumtummeln zur großen Verwunderung der Meerſchweine(wie ich vermuthe), die da und dort ihre großen Köpfe aus den Wellen hervorſtrecken, was wiederum ein paar großen Hunden die Köpfe verrückt, ſo daß ſie in der Hoffnung auf einen guten Fang ins Meer hinaus ihnen entgegen ſtürzen. Mitunter, wenn man gerade von der Woge überſpült zu werden hofft, bekommt man zu gleicher Zeit eine Maſſe von Frauenzimmern und Herrn, die ſitzend mit ihr herankommen und von ihr herbeigetra⸗ gen werden, ſo daß man nur ſein junges Leben zu vertheidigen hat. Zwei Rettungsboote rudern während der Badezeit beſtändig vor dieſer Scene auf und ab, um bei der Hand zu ſein, wenn je eine Gefahr vor⸗ kommen ſollte. Deſſen ungeachtet ereignen ſich beinahe jedes Jahr Badunglücksfälle durch die Unvorſichtigkeit von Leuten, die ſich zu weit hinaus wagen, ohne ſtarke Schwimmer zu ſein. Der Trieb der Woge ins Meer hinaus, wenn ſie, nachdem ſie ſich am Ufer gebrochen, davon zurücktritt, iſt noch ſtärker als ihr Andrang; ſie ſcheint da ordentlich in die Tiefe hinabzichen zu wollen, und ich mußte dabei an unſere mythologiſche Sage von„dem falſchen Strom denken, der nach dem Leben der Menſchen hungert und ſie in ſeinen kalten Schooß hinabzieht. Andere Gefahren finden ſich auf dieſer Küſte nicht vor. Die Meerſchweine ſind nicht gefährlich und die Haifiſche finden ſich nirgends, als bei der Mittagstafel. n⸗ on en m⸗ en en che en e), en en uf en ge er ie * zu nd b, or⸗ he eit rke eer en, 6 5 en che em ten uf cht als 151 Ein See⸗Unglück hat ſich neulich nicht fern vom Cap May zugetragen, die Hoffnung manches Herzens zermalmt und auf Tauſende von Gemüthern in den nord⸗ öſtlichen Staaten einen tiefen Eindruck gemacht. In einer ſtürmiſchen Nacht im verfloſſenen Juli ſtrandete an der Küſte von New⸗-Jerſey eine Brigg, welche die Markiſe Oſſoli(Margret Fuller), den Gegenſtand ſo vielen Geredes und ſo vieler Verläumdung, ſo vieler Bewunderung und ſo großer Aufmerkſamkeit in den Staaten Neuenglands, nach ihrer Heimath zurückbrachte, und nebſt ihr, ihren Mann, den Marcheſe Oſſoli und ihren kleinen Jungen. Sie gingen ſämmtlich unter, während ſie vier Stunden lang den Tod herannahen geſehen hatten und die Wogen das Schiff in Stücke zerſchlugen. Ich glaube, daß ich Dir von Margret Fullers Brief, den ſie von Genua aus an Springs ſchickte, von ihren traurigen Ahnungen, von dem Tod des Kapitäns u. ſ. w. erzählt habe. Das Schiff war hernach vom erſten Steuermann geführt worden, der ein geſchickter junger Seemann zu ſein ſchien, und ſei⸗ ner Sache ſo ſicher war, daß er am Abend vor der Unglücksnacht den Paſſagieren verſprochen hatte, ſie ſollen am Morgen in New⸗York ſein. Sie begaben ſich darauf alle zur Ruhe und erwachten erſt, als das Schiff bei der Morgendämmerung auf den Grund ſtieß. Der Steuermann hatte ſich durch einen Leucht⸗ thurm, den er fälſchlich für einen andern in dieſen Fahrwaſſern hielt, irre führen laſſen. Sie befanden ſich nicht weit vom Lande und die Wogen drängten gegen die Küſten zu; mehrere Paſſagiere ließen ſich auf Bretter binden und kamen auf dieſe Art, obwohl halbtodt, ans Land. Man bot Margret Fuller dieſes Rettungsmittel an. Sie verweigerte es; ſie wollte nicht gerettet werden, außer mit ihrem Mann und mit ihrem Kind. Bei der Einſchiffung von Italien her hatte ſie einer Freundin in Amerika geſchrieben:„Ich habe eine 152 Ahnung, daß eine große Veränderung in meinem Schickſal bevorſteht. Ich fühle das Herannahen einer Kriſis.. DOſſoli iſt in jüngeren Tagen von Weis⸗ ſagern vor der See gewarnt worden, und dieß iſt ſeine erſte größere Seereiſe... aber ſollte ein Unglück ein⸗ treffen, ſo will ich mit meinem Mann und meinem Kind zu Grund gehen.“ Jetzt war die geahnte Stunde gekommen und ſie wollte mit den Ihren ſterben. Ein Matroſe hatte den kleinen Jungen genom⸗ men, ihn und ein kleines italieniſches Mädchen auf ein Brett gebunden und ſich mit ihnen ins Meer hin⸗ ausgeworfen, in der Hoffnung, ſie zu retten. Man ſagte Margret Fuller, ſie haben glücklich das Ufer er⸗ reicht. Man ſagte ihr, daß auch Oſſoli gerettet ſei; dann erſt willigte ſie ein, daß man auch ſie an ein Brett band. Sie erreichte den Strand nicht. Die Tiefe verſchlang ſie. Eine Woge hatte Oſſoli von dem Ver⸗ deck ins Meer geſpült. Man fand weder ſeine noch ihre Leiche. Aber der kleine Junge wurde nebſt dem italieniſchen Mädchen auf dem Sandriff gefunden, beide todt.„Ein ſchneller Tod und eine kurze Todesangſt!“ war immer Margret Fullers Gebet geweſen. Es iſt erfüllt worden, und ſie war und ſie iſt bei den Ihrigen. Aber ihre Mutter und ihre Schweſter, die nach New⸗ York gekommen waren, um ſie zu empfangen,— ihr Kummer ſoll an Verzweiflung grenzen. Sie hatten ſich ſo lang, mit ſo großer Sorge und ſo inniger Freude auf dieſen Empfang vorbereitet. Sie wollten ſie ſo glücklich machen! Und der kleine Junge— Alles war fertig für ihn, ſein Bettchen, ſein Stühl⸗ chen, ſein Tiſchchen!... Rebekka Spring, die M. Fullers Mutter geſehen hat, ſchreibt, ſie ſehe aus, als ob ſie nie wieder würde lächeln könne. Sie ſcheint zermalmt zu ſein. Unter denjenigen, die beim Schiff⸗ bruch untergingen, befand ſich auch Ch. Sumners Bru⸗ —.—,———.—,—— em ner is⸗ ine in⸗ em ide m⸗ uf n⸗ an er⸗ 3. in efe r⸗ ch m de 1. iſt n. hr n er n 158 der, der junge Mann, der nach Petersburg fuhr und dem Kaiſer Nikolaus eine Eichel ſchenkte. In dem, was ich von M. Fuller geleſen habe, findet ſich nichts, was die hinreißende Macht verriethe, die ſie im Geſpräch ausgeübt haben ſoll; ihr ſchrift⸗ ſtelleriſches Talent ſcheint mir ziemlich ſchwach, aber ein großartiger, edler Geiſt verräth ſich in ihren Schriften, und ſie grämt ſich und zürnt oft über das, was ſie an ihrem Volk als unedel erkennt. Sie zeigt ſich dabei mehr kritiſch als enthuſiaſtiſch. Aus ihrem Buch„Ein Sommer an den Seen“ habe ich mir zur Erinnerung an ſie folgende Worte abgeſchrieben: „Wer muthig und feſt dabei bleibt, einen edeln Vorſatz auszuführen, auf welchen Widerſtand er auch ſtoßen möge, der muß juſt durch denſelben geſegnet werden.“ Nach M. Fullers Brief ſollte ich glanben, ſie habe ihr höchſtes Lebensziel in ihrer mütterlichen Glückſelig⸗ keit gewonnen. Ihre ganze Seele ſchien darin aufge⸗ gangen zu ſein. Man hatte ſie mir als nicht weiblich genug geſchildert. Ich finde ſie beinah allzu ſehr ſo, allzu concentrirt in dieſer Privatwonne. Wohl ihr in⸗ deß, daß ſie mit dem Herzen voll von Liebe dahin gehen durfte und zugleich mit denen, die ſie am höch⸗ ſten liebte! Den 12. Auguſt. Immer lieblich und ſchön! Das Meer, der Him⸗ mel und dieſe Walhallakampfſpiele, die jeden Abend aufgeführt werden, wenn Helden und Amazonen ihre 154 flammenden Spieße werfen, die Umarmung des Meeres am Tage, der Geſang des Meeres in der Nacht, die Freiheit, der Friede in der freien Luft, das Alles ſchmeckt herrlich! Profeſſor Hart erfreut ſich des Ba⸗ des und des Lebens dahier wie ich, und der kleine Morgan flattert wie eine Fiſchmöve am Strand und am Waſſer umher, blosbeinig und braun und ſo glück⸗ lich, wie nur ein freier Junge am Meeresufer es ſein kann. Aber der armen Mrs. Hart bekommt das Bad und die Luft dahier nicht gut, ſie wird mit jedem Tag bleicher und kann beinahe nichts mehr eſſen, als etwas Reis mit Waſſer gekocht. Ich glaube, daß ſie haupt⸗ ſächlich von dem Lebensgenuß, den ihr Mann und ihr Sohn hier finden, lebt und ſich erhält, und ſie will um ihretwillen den Ort noch nicht verlaſſen. Ich habe hier das Vergnügen gehabt, die Be⸗ kanntſchaft einer liebenswürdigen Familie von Phila⸗ delphia oder vielmehr zweier Brüderfamilien zu machen, die hier in der Nähe einen Landſitz bewohnen, um das Bad zu gebrauchen. Mr. Furneß der Aeltere iſt Pre⸗ diger einer unitariſchen Gemeinde in Philadelphia und eine der edelſten reinſten Menſchennaturen, die Gott geſchaffen hat, wahr, warm und liebevoll, aber von ſei⸗ nen Antiſklavereigefühlen ſo ſehr eingenommen, daß ſein Leben und ſeine Geſundheit darunter leiden, und ich glaube, daß er ſich mit dem größten Vergnügen dem Tod unterziehen würde, um die Sklaverei aufzu⸗ heben. Und mit ihm würde mit Freuden ſeine ſchöne Tochter gehen, eine Walkyre an Seele und Haltung, ein herrliches Mädchen, die Wonne des Vaters, wie er die ihrige iſt. Der Kummer über die Sklaverei würde dem Leben des edlen Geiſtlichen ein Ziel machen, wenn nicht die Tochter ihn täglich mit neuer Freude und neuem Entzücken belebte. Das Mädchen iſt blond und blauaugig wie eine nordiſche Jungfrau und ſie ſieht einer Schwedin nicht ungleich. Die Frau des andern — res die les Ja⸗ ine ind ick⸗ ein ad ag vas pt⸗ ihr um Be⸗ la⸗ en, das re⸗ und ott ſei⸗ daß und gen zu⸗ öne ng, er rde enn und und eht ern 155 Bruders iſt eine feine ſchöne Brunette, geiſtreich und anmuthsvoll wie eine Franzöſin, ein ſtarker Contraſt gegen die blonde Amazone, aber einer der allerliebſten Contraſte. Sie iſt die glückliche Mutter von drei tüch⸗ tigen Jungen. Die Walkyre hat drei Brüder. Beide Familien führen ein ſchönes Familienleben mit ein⸗ ander. Das Schönſte und Beſte, was ich in der neuen Welt geſehen habe und noch ſehe, iſt das Familien⸗ leben und die Natur, nebſt den bürgerlichen Einrich⸗ tungen, welche das Werk der chriſtlichen Liebe ſind. Zu den Merkwürdigkeiten dahier gehören einige Indianer, die S Zelte in der Nähe des Hotels am Strand aufgeſchlagen haben und allda Körbe, Fächer in indianiſchem Geſchmack nebſt andern kleinen D Pihn verfertigen, die ſie an den Liebhaber verkaufen. Die Männer ſind Halbblut⸗Indianer, aber die Weiber ſind ächte Skwaws(ſo nennt man die Indianerinnen, mit ſchwarzem, ſtruppigem, wild herabhängendem Haar und ſin Geſichtszügen. Sie ſind garſtig, aber die Kin⸗ der ſind ſchön, haben prächtige Augen und ſind wild wie kleine wilde Thiere. Jede Woche hat man in den Hotels ein Hüpfen, d. h. eine Art Ball, der ſich, wie ich vermuthe, von andern Bällen blos dadurch unterſcheidet, daß man un⸗ genirter herumhüpft. Ich habe es nicht übers Herz brin⸗ gen können, die Geſellſchaft des Meers und des Mond⸗ ſcheins zu verlaſſen, um in den Ballſaal hineinzugehen und die Leute hüpfen zu ſehen. Auch an Scenen von weniger heiterer Art hat es nicht gefehlt. In unſerem Hotel gab es geſtern eine große Schlägerei zwiſchen den ſchwarzen Bedienten und den weißen Herrn, wobei es blutige Köpfe abſetzte. Die größte Schuld fiel dabei auf einen Sklavenbeſitzer. Er mußte abreiſen. In einem audern Hotel wurden zwei Mordbrennereiver⸗ ſuche gemacht, aber noch rechtzeitig entdeckt. Man ſchiebt die Schuld auf einen Neger, zumeiſt aber auf 156 die Art, wie die Wirthin dieſes Hotels ihre Leute be⸗ Kel NB. Alle Bediente hier ſind Neger oder Mu⸗ atten. Dieſer Tage lud ein angenehmer junger Mann Mr. Barlow mich und einige Andere von der Bad⸗ geſellſchaft zu einer Spazierfahrt auf einer ihm ange⸗ hörigen Luſtjacht ein, und da bekam ich die größte Luſt, mit einem Segelſchiff über den Ocean nach Hauſe zu fahren, wenn ich nur Zeit dazu finden würde. Das Segelſchiff iſt unendlich ſchöner und poetiſcher als das Dampfſchiff. Auf dem letzteren hört man den Geſang der Winde und Wellen nicht vor dem Getöſe der Dampfmaſchinen, und man bekommt kaum einige See⸗ luft, die nicht mit dem Dunſt des Schornſteins oder der Küche vermengt wäre. Das Dampfſchiff iſt gut auf den Flüſſen, aber auf dem Meer da lebe das Segel! Neulich hatte ich Beſuch von einigen allerliebſten jungen Quäckerinnen. Man kann ſich nichts Anmuthi⸗ geres denken, als dieſe jungen Mädchen in ihrer hellen feinen, ſittſamen Tracht. Ein Gegenſtück zu ihnen muß ich Dir jetzt vor⸗ ſtellen. Eines Morgens ſaß ich unter der Lanbe am Meeresſtrand, mit einem Buch in der Hand, aber die Augen auf das Meer und die Meerſchweine gerichtet, als eine dicke Frau mit einem Geſicht, das der fetteſten Trödlerin von Stockholm Ehre gemacht hätte, herkam und ſich auf meine Bank ſetzte. Ich ahnte Unrath und heftete meine Angen ſtark auf Wordsworths„Exeurſion“. Meine Rachbarin ſchielte mich an und endlich ſagte ſie: „Wiſſen Sie, wo Miß Bremer zu finden iſt?“—„Ich glaube, ſie wohnt im Columbiahaus,“ antwortete ich. —„Hum! ich würde mich freuen, ſie zu ſehen.“ Pauſe. Ich ſchwieg und ſah in mein Buch. Meine Nachbarin begann von Neuem:„Ich ſchickte ihr dieſer Tage ein Paket— es waren Verſe und ein Buch darin— und ich habe ſeitdem gar nichts von ihr ine ſer ich hr 157 gehört.“—„Ach,“ ſagte ich, da ich jetzt auf ſo üble Weiſe gezwungen wurde,„Sie ſind vielleicht die ameri⸗ kaniſche Harfe, undich habe die Sendung Ihnen zu verdanken?“ Ich hätte nämlich am liebſten die Ver⸗ faſſerin des Buchs, das in demſelben Styl geſchrieben iſt, wie die„trügeriſche Unzweifelhaftigkeit“ nicht ge⸗ troffen, denn die Verfaſſerin ſagte in ihrer Epiſtel, es ſei in den Zeitungen von Cap May ſehr gelobt worden, und ich konnte es nicht anders als gänzlich verrückt nennen. Aber die gute Meinung in den Ver⸗ ſen verdiente eine Dankſagung, und ich dankte jetzt ganz ordentlich.„Nun,“ ſagte die Harfe,„haben Sie das Buch geleſen?“—„Nein, noch nicht,„ich habe blos ein wenig hineingeſchaut.“—„Ei, ſo leſen Sie es doch, leſen Sie es ganz durch, denn das iſt ein Buch, das immer beſſer gefällt, je mehr man darin lieſt. Und ich habe das Alles geſchrieben, ſowohl Proſa als Verſe. Alles das iſt mein Eigenthum. Ich habe eine Menge Verſe geſchrieben und gedenke bald eine Sammlung meiner poetiſchen Arbeiten im Druck herauszugeben. Aber es iſt gar zu theuer, ſolche Sa⸗ chen herauszugeben.“ Ich ſahie. nach meiner Vermu⸗ thung müſſe es ſo ſein.„Ja,“ verſetzte ſie,„aber ich ſchreibe ſo leicht Verſe, beſonders da, wo es Waſſer gibt, und ich ſchreibe ſo gern vom Waſſer. Ich liebe das Waſſer ſo ſehr. Gibt es viel Waſſer in Schweden?“ —„Ja, viel Waſſer, Meer, Flüſſe und Binnenſeen.“— „Ich möchte gerne dort ſchreiben, es würde mir viel Freude machen, in Schweden zu ſchreiben.“— Ich bemerkte ihr, die Ueberfahrt ſei eſich mühſelig und lang; beinahe unausführbar.—„Ach das würde mich nicht viel bekümmern; ich liebe das Waſſer ſo ſehr. Ich würde in Schweden viel ſchreiben können... Sieh da, jetzt iſt mein Sonnenſchirmchen hinabge⸗ fallen!... Und der Knopf iſt abgebrochen. Ja, ich habe es mir wohl gedacht. Geſtern zerbrach ich meine 158 Brille mit goldenem Geſtell und muß jetzt mit dieſer ſilbernen herumgehen. Ich zerbreche immer etwas, doch habe ich den Hals noch nicht gebrochen“ „Dann iſt noch nicht Alles verloren,“ ſagte ich lachend, und da ich jetzt Proſeſſor Hart die Treppe zu unſerem luftigen Salon heraufkommen ſah, eilte ich ihn mit der amerikaniſchen Harfe bekannt zu machen, überließ ſie ihm und räumte das Feld. Solche Harfen finden ſich in allen Ländern vor, aber ſelten erklingen ſie ſo naiv wie hier. Ein junger Dichter aus der Stadt der Freunde mit einem ſchönen dramatiſchen Talent und einem By⸗ ronskopf, ſowie eine feingebildete und in jeder Be⸗ ziehung liebenswürdige Familie gehören zu meinen an⸗ genehmen Bekannten hier, die ich gerne mehr ſehen möchte, die aber vor mich kommen und wieder gehen wie die Meereswellen. Den 16. Auguſt. Jetzt iſt es aus mit dieſer guten Zeit, heute werde ich nach New⸗York reiſen. Am Morgen reiſten meine Freunde Harts nach Philadelphia. Mein Begleiter nach New⸗York iſt ein Juriſt, ein älterer Gentleman, ſehr ehrenwerth und gutmüthig, wie ich glaube. Nur hat er den Fehler ein allzu gutes Gedächtniß für Verſe zu beſitzen, ſowie die Manie, lange oft ganz proſaiſche Fantaſien auf Deutſch, Franzöſiſch und Engliſch herzu⸗ ſagen, was für proſaiſche Zuhörer nicht ſehr erbaulich iſt. An der Mittagstafel habe ich meinen Platz ver⸗ ändert, und die Haifiſche, die jetzt vor dem leeren Platz 190 — er nc rde ine ach ehr hat zu che zu⸗ ich er⸗ atz 159 ſaßen, ſahen ſich, däuchte michs, mit hungrigen Mienen um, als bedauerten ſie, keinen Vordergrund von leben⸗ digen Weſen bei ihrem Gaſtmahl zu haben. Mit Bedauern ſcheide ich von dieſem Ort, der mir ſo viel Ruhe und Geſundheit ſpendete. Aber ich darf nicht länger verweilen. Ich habe hier zu Lande noch ſo viel zu ſehen und zu lernen. Jetzt will ich hin⸗ gehen und mein letztes Bad nehmen, und daran den⸗ ken, daß auch Du in den ſtärkenden Wogen des Meeres badeſt. Die Wellen des atlantiſchen Meeres und der Nordſee gehen doch in dieſelbe große Badwanne, und in dieſer badeſt Du mit mir und ich mit Dir.„Miß⸗ ***, kann ich das Vergnügen haben, ein Bad mit Ih⸗ nen zu nehmen?“. Und ſo umarme ich Dich herz⸗ lich übers Meer hinüber. Einundzwanzigſter Brief. An den Conferenzrath J. C. Oerſted in Bopenhagen. Meeresküſte in Neu⸗Jerſey, den 10. Auguſt 1850. Wie oft, mein verehrter Freund, habe ich in dieſem von Ihrem Land und Ihrer Heimath ſo weit entlegenen Welttheil nicht an Sie gedacht! Wie oft habe ich nicht gewünſcht, mit Ihnen ſprechen und Ih⸗ nen etwas von dieſem großen in der Entwicklung be⸗ griffenen Theil der Welt ſagen zu können, auf welchem auch Ihr Blick mit dem Intereſſe des Forſchers ruht! Von allen meinen Freunden in Kopenhagen waren Sie der einzige, welcher die Sehnſucht begriff, die mich nach der neuen Welt zog, und als ich Sie fragte:„Finden Sie auch etwas Sonderbares und Unvernünftiges dar⸗ 160 in, daß ich Amerika zu ſehen wünſche?“ da antwor⸗ teten Sie:„Nein! Es iſt ein großes und merkwürdiges Gebilde des ſchaffenden Geiſtes und ſeine nähere Be— trachtung muß vom höchſten Intereſſe ſein!““ O ja, ſo iſt es, und weit mehr als ich je geahnt habe, und weit reicher als ich bis jetzt zu erfaſſen vermag. Und ich habe mit meinem Brief an Sie warten wollen, bis dieſe Weltbildung in ihren verſchiedenen Erſcheinungen und in ihrer lebendigen Einheit mir ſelbſt klarer gewor⸗ den wäre. Und darum müßte ich eigentlich noch weit länger warten, denn es gibt noch gar Vieles, was ich nicht geſehen, nicht überdacht und ſo zu ſagen nicht verdaut habe. Aber ich kann mein Schreiben an Sie nicht länger anſtehen laſſen. Das Bedürfniß, Ihnen zu dan⸗ ken, drängt mich dazu. Ich muß, ich will Ihnen dan⸗ ken für den großen unerwarteten Genuß, den Ihr Geiſt mir hier auf dem fremden Geſtade viele tauſend Meilen von Ihnen geſchenkt hat. Denn hier an der Küſte des atlantiſchen Oceans, hier, wo Sternbilder aufgehen, die wir an unſerem nördlichen Horizont nicht ſehen, hier habe ich das letzte Heft Ihres Werkes„der Geiſt in der Natur“ geleſen; und die Abhandlung über die Weſenseinheit der Vernunft im ganzen Welt⸗ all, die Sie mir in Kopenhagen ſchenkten, dieſe kleine Schrift, die mich ſo unausſprechlich glücklich machte durch die neuen heitern Bilder, welche Sie vor mir aufgehen ließ, die den ganzen Sternenhimmel mei⸗ nem Herzen nahe brachte und jeden Stern mit dem Licht von meines Geiſtes Licht vor mir brennen ließ, dieſe herrliche kleine große Schrift, die mich über den großen Ocean von der alten Welt nach der neuen be⸗ gleitet hat und einer meiner theuerſten Schätze iſt, ſie habe ich in dieſem Ihrem Buch wieder gefunden, aber weiter ausgeführt und vervollkommt, wie ich ahnte, daß ſie es werden könnte und werden ſollte. Und es war mir ein unausſprechlicher Genuß, hier in reifer Frucht or⸗ ges Be⸗ ja, ind ich ieſe ind or⸗ ger icht aut icht an⸗ an⸗ eiſt len des die ier in die lt⸗ ine hte mir ei⸗ em eß, den be⸗ ſie ber aß var cht 161 die Blüthe unſerer Geſpräche in Kopenhagen wieder zu finden, hier meine warmen Ahnungen von Ihrem klaren logiſchen Geiſt beleuchtet und bekräftigt zu ſehen. Denn was iſt klarer, was vernünftiger und ge⸗ wiſſer, als daß, da alle Sternkugeln demſelben Be⸗ wegungsgeſetze folgen, da dieſelben Lichter und dieſelben Schatten auf ihnen allen zu Hauſe ſind und wir auf Grund davon ſie ſtudiren, ihren Lauf u. ſ. w. aus⸗ findig machen, den Platz des Sternes berechnen und ſodann den Stern finden können, daß, ſage ich, die Gleichheit zwiſchen der Vernunft des Menſchen und der Vernunft des Weltalls weiter gehen, gleiche Sphären und auf ähnliche Weiſe umfaſſen muß* Iſt der Begriff von der Linie, dem Cirkel, der Parabel u. ſ. w. noth⸗ wendigerweiſe für alle Welten, die wir im Raume ſehen, gleich, iſt ihre Mathematik und Phyſik dieſelbe, wie die unſere auf Erden, ſo iſt es klar, daß der Schön⸗ heitsbegriff nicht weſentlich ungleich ſein kann, und daß die moraliſche Vernunft im Grund dieſelbe ſein, die⸗ ſelben Principien, dieſelben Grundbegriffe anerkennen muß. Sie haben dieß klar bewieſen, Sie haben ge⸗ zeigt, daß, wenn dieſe fernen Weltkugeln Geſetzen fol⸗ gen, die denen unſerer Erdkugel gleich ſind, es dann wahrſcheinlich, ja beinahe gewiß ſei, daß auch denkende Weſen mit Vernunft und Sinnen gleich den unſern auf dieſen Welten leben, als ihre höchſten Pro⸗ ducte, gleichſam als die Blüthe ihres Lebens und ihrer Geſetze, ja daß es unwahrſcheinlich wäre, daß der große Schöpfer an ihnen ſein Werk unvollendeter ließe, als an dieſer Erde. Dieſelben Lichter, dieſelben Schatten! Ich füge hinzu: dieſelbe Freude, dieſelben Thränen, dieſelbe Sehnſucht, dieſelbe Hoffnung, daſſelbe Bedürfniß, der⸗ ſelbe Glaube, derſelbe Gott, Schöpfer, Mittler, Voll⸗ ender, ja, wenn auch unter verſchiedenen Bedingungen Bremer, die Heimath in der neuen Welt. U. 11 162 für verſchiedene Entwicklungsſtadien, dennoch im Grund derſelbe für alle, denn für alle Welten muß derſelbe normale Lebensproceß gelten. Ich weiß nicht, ob Sie ſo weit mit mir gehen, aber in Einem glaube ich, daß Sie zu mir halten werden, denn dieſer Gedanke geht von Ihrer Schrift aus, nämlich daß in dem ganzen Weltall auf jedem einzelnen, auch dem entlegenſten Stern nichts gefunden werden kann, was der Welt, worin wir leben, und der Vernunft, die in uns lebt, ganz fremd wäre. Von der winterlichen Stille des Uranus bis zu dem glühenden leidenſchaftlich rotirenden Leben des Merkur; von der Nebuloſa, die ſich langſam nach Ge⸗ ſetzen und Kräften, welche denen unſerer Erde gleichen, unter dem Auge des Schöpfers ausbildet, bis zu dem Stern, der in der höchſten Vollendung der Ma⸗ terie harmoniſche Geſellſchaften von ſchönen Menſchen und Thieren trägt, alle Zuſtände, alle Wechſel und Scenen, alle Stadien, Entwicklungen und verſchiedene Zuſammenſetzungen des Seins in der Natur und im Geiſte, welche das Leben der Erde und die Fantaſie des Menſchen uns ahnen läßt und noch weit weit mehr dazu;— denn welche menſchliche Fantaſie reicht aus um den Sternenhimmel zu bevölkern, um alle ſeine Ge⸗ ſtalten zu ahnen?— alles das iſt doch im Grunde menſch⸗ lich, iſt die Welt des Menſchen, iſt unſer. Ueberall dieſelben Geſetze, dieſelbe Vernunft;— alſo überall im Grund dieſelbe Seele, daſſelbe Herz! O mein Freund! dieſes menſchliche Herz, das ſo viel liebt und ſo viel leidet, dieſer Geiſt, der ſo vieles ahnt und erſtrebt, aber ſo wenig erreicht und voll⸗ bringt, dieſes arme, kämpfende, kleine, große, räthſelhafte Weſen, der Menſch, iſt alſo im Grunde nicht ſo gering, nicht ſo iſolirt in ſeinem Weſen, in ſeiner Exiſtenz. Die Wahrheit, die er erkannt hat, iſt Wahrheit in allen Welten, im ganzen Univerſum; das Streben, die For⸗ ſchung, das Leben, das er hier beginnt, kann ins Un⸗ —— 8———c S 8= S ſð ſc) S= und elbe Sie Sie von tall tern wir emd zu des Ge⸗ hen, Ma⸗ chen und ene im aſie nehr um Ge⸗ ſch⸗ erall erall s ſo ieles voll⸗ afte ing, tenz. llen For⸗ Un⸗ 163 endliche entwickelt werden und das Ziel erreichen; und gelöſt von der Erde kann er dem neuen Licht, ja dem ewigen Licht zwar mit Anbetung begegnen, aber ohne Verwunderung, ohne ſich verblüffen zu laſſen, denn er war ſchon hier in ſeinem Reiche heimiſch und kannte ſeine Natur ſchon lange.„Daſſelbe Licht, dieſelben Schatten!“ Geliebte Sterne, Schweſterwelten in dem⸗ ſelben Licht, in demſelben Vaterhaus— wie nahe, wie theuer ſeid ihr mir geworden!... Denn herrſcht auch in dieſen Welten wie auf der Erde noch immer Dunkel und Mißlaut, ſo weiß ich doch, daß der Meiſter lebt, der das Dunkel vom Lichte trennt und den Miß⸗ laut in vollkommenen Accorden löſen wird. Sah ich nicht eines Tags in Ihrem Hauſe, mein theurer Freund, eine Menge in Unordunng auf einer Glasſcheibe zer⸗ ſtreuter Sandkörner durch einen muſikaliſchen Ton zur ſchönſten, ſternartig ſymmetriſchen Klangfigur geordnet? Eine Menſchenhand führte den Strich welche den Ton hervorbrachte; aber wenn der Strich von der Hand des Allmächtigen iſt, wird nicht der Ton deſſelben die Sandkörner, als da ſind Menſchen, Geſellſchaften, Staaten, zu einer harmoniſchen Klangfigur bringen? Er wird die Welt zur Schönheit und Harmonie ordnen und„kein Mißlaut und keine Klage wird mehr ſein“, das ſagen uns die vernünftigſten Ahnungen aller Völker, das haben Sie uns geſagt in der wiſſenſchaftlichen Gewißheit von der„Weſenseinheit der Vernunft im ganzen Weltall“, das hat Er ſelbſt uns geſagt in ſeiner Offenbarung als ewige Liebe. Und darum ſehe ich unter den wechſelnden Erſcheinungen des Le⸗ bens durch alles Dunkle und Chaotiſche, durch alle Sterne und in allen Sternen, durch alle Thränen— auch durch meine eigenen— überall die Klangfigur, den ewigen Stern, das Kind der Harmonie, die blei⸗ bende Welt Gottes und das Reich des Menſchen. Und darum weine ich, bin aber dennoch froh. 164 Sie ſehen, mein theurer Freund, welche reine „Lichtfreude“ Ihr Buch bei mir hervorgerufen hat. Dieſelbe mitzutheilen war immer Ihr Wunſch, Ihre Freude. Und ich kann Ihnen nicht beſchreiben, wie reich ich an dem Morgen lebte, wo ich an dem Meeres⸗ ufer ſaß, mit Ihrem Buch in der Hand und vor mir den grenzenloſen Raum, unendlich wie die Ansſichten, wel⸗ che Sie vor meinen Blick riefen; oder an den Abenden, wo ich in Gedanken mit Ihnen die glänzenden Welten über mir und um mich her beſuchte und den von Ih⸗ nen empfangenen Ideen über die Metarmorphoſen der Dinge gemäß meine Phantaſie frei ſpielen ließ mit den Kräften der Materie und des Geiſtes, während lieb⸗ liche Luftbilder von phosphoriſchen Feuern und Ex⸗ ploſionen das Firmament beleuchteten... Feſtliche Stun⸗ den und Angenblicke! Ihr Buch, das ich von dem däniſchen Geſchäfts⸗ träger in Philadelphia, Bille, entlehnen konnte, war mir um ſo willkommener, als ich neuerdings die kleine Schrift über die„Einheit der Vernunft“, die Sie mir in Kopenhagen ſchenkten, dem Profeſſor Henry in Waſhington überließ, einem liebenswürdigen und aus⸗ gezeichneten Gelehrten, der ſie, als er ihren Inhalt von mir vernommen, überſetzen zu laſſen wünſchte. Ihren Namen habe ich in der neuen Welt oft neben Linné und Berzelius mit Auszeichnung nennen gehört. Pro⸗ feſſor Henry war der Erſte, der Ihre wiſſenſchaftlichen Arbeiten hier zum Gemeingut machte. Und es würde Sie gewiß freuen, die Schnelligkeit und Geſchicklichkeit zu ſehen, womit jede naturwiſſenſchaftliche Erfindung hier zum allgemeinen Nutzen angewandt und ausgebreitet wird. Ihre Entdeckung der electromagnetiſchen Kraft, welche zur Erfindung deselectromagnetiſchen Telegraphen geführt hat, iſt wohl nirgends eifriger benützt worden, als hier. Ueberall neben den Eiſenbahnen von Stadt zu Stadt und Staat zu Staat gehen electriſche Tele⸗ eine hat. hre wie es⸗ den vel⸗ en, ten h⸗ der den eb⸗ un⸗ ts⸗ ar ine nir in 18⸗ on en n6 0⸗ en eit tet 165 graphen; weit entlegene Städte, Perſonen in New⸗ York und New⸗Orleans beſprechen ſich mit einander durch die electriſchen Typen, ſchließen Handelsgeſchäfte (auch Heirathsgeſchäfte, habe ich mir ſagen laſſen) ab, und täglich werden neue Entwicklungen und Anwen⸗ dungen der Kräfte verſucht, deren Verhältniß Sie an⸗ gegeben haben. Ueberhaupt ſcheinen alle Kräfte und Methoden, welche den Verkehr fördern und Verbindungen zu Stande bringen können, dieſem Volk ganz beſonders am Herzen zu liegen. Was dem Handel und Verkehr am meiſten Vorſchub leiſtet, das iſt ihm am wichtigſten. Im Pa⸗ tentamt zu Waſhington, wo Exemplare von allen in den Vereinigten Staaten verfertigten Maſchinen, die ein Patent erhalten haben(ſie belaufen ſich, wenn ich mich recht erinnere, auf zwölf⸗ bis fünfzehntauſend) aufbewahrt werden, bemerkte ich, daß das Verlangen der Menge hauptſächlich darauf ging, den Umtrieb zu beſchleunigen, Zeit und Arbeitskraft zu ſparen.(Es waren auch einige perpetuum mobile da, die— ſtille ſtanden.) Auch die Kinder ſcheinen von dem Jutereſſe für die Bewegungsmaſchinen ergriffen zu ſein. Ich be⸗ ſuchte einmal eine Knabenſchule zu einer Stunde, wo die Jungen der Abwechslung halber Erlaubniß hatten, auf ihre Schreibtafeln zu zeichnen, was ſie wollten. Ich ging zwiſchen den Bänken hin, um die Arbeiten der helläugigen Kinder und die Eingebungen des Au⸗ genbücks zu betrachten. Auf den meiſten Tafeln ſah ich rauchende Dampfmaſchinen oder Dampfſchiffe zum Vorſchein kommen. Aber dieſes Intereſſe für die För⸗ derungsmaſchinen hängt mit dem eigentlichen Lebens⸗ verkehr in dieſem Lande feſt zuſammen. Unzählige Flüſſe und Ströme ziehen in allen Richtungen durch das Land und geben dem Kreislauf des Lebens eine Leichtigkeit, wie in keinem andern Lande. Die Dampf⸗ maſchinen ſind hier gleich Pulſen, die durch die Puls⸗ 166 adern und Arterien des Körpers das Blut in alle Theile des Syſtems treiben. Nichts iſt für das Leben hier bezeichnender, als ſein unaufhörlicher Umſatz. Men⸗ ſchen, Waaren, Gedanken und Dinge ſtehen in ſteter Wechſelbewegung zwiſchen Staat und Staat, zwiſchen Nord und Süd, zwiſchen Oſt und Weſt; nichts ſteht ſtill, nichts ſtagnirt außer ausnahmsweiſe. Der Drang, dieſen ganzen Weltall und die natür⸗ lichen Mittel, die er bietet, zu erobern, ſteht überdieß in voller Wirkſamkeit, und deßhalb wird ſowohl von Regierungen als Privatlenten viel gethan, um die Ent⸗ wicklung der praktiſchen Wiſſenſchaften zu fördern. Geologie, Chemie und Phyſik blühen; die Staaten ſchicken Männer der Wiſſenſchaft aus, um neue Gegen⸗ den in den Staaten zu unterſuchen, und es erſtehen Inſtitute zur Förderung nützlicher Kenntniſſe, haupt⸗ ſächlich in dem naturwiſſenſchaftlichen und mechani⸗ ſchen Gebiete. Ein ſolches Inſtitut iſt das Franklinſche in Philadelphia, ein ſolches iſt auch das Smithſonſche Inſtitut in Waſhington, deſſen zierliche gothiſche Ge⸗ bäude jetzt am Ufer des Potomak emporragen. Dieſes von einem reichen Engländer, Namens Smith, aus⸗ geſtattete Inſtitut hat die Beſtimmung, ein nationales Centralinſtitut zu bilden, wo alle naturwiſſenſchaftliche Arbeiten der Vereinigten Staaten einen Vereinigungs⸗ punkt haben ſollen. Profeſſor Henry, welcher der Se⸗ cretär des Inſtituts iſt, freut ſich, Ihnen die erſten gedruckten Abhandlungen dieſer ſehr bedeutenden Anſtalt ſchicken zu dürfen, und ich freue mich zur Ueberbringerin derſelben auserſehen zu ſein. Ja, wie lieb wird es mir nicht ſein auf der Rück⸗ reiſe in die Heimath Sie, die gute Frau Oerſted, Mathilde wiederſehen und mit Ihnen mündlich be⸗ ſprechen zu dürfen, was ich hier geſehen und erlebt habe! Jetzt kann ich das große Thema, das Leben der Vereinigten Staaten, nur flüchtig berühren. 1 ———„—————— alle ben en⸗ eter hen eht ür⸗ ieß on nt⸗ rn. ten en⸗ hen pt⸗ ni⸗ ſche ſche He⸗ ſes us⸗ les che g⸗ Se⸗ ten talt rin ick⸗ ed, be⸗ ebt en 167 Der Anfang meiner Wanderung in dieſem neuen Welttheil führte mich in die nordöſtlichen Staaten der Union. Hier fand ich Ernſt und Arbeit, raſtlos emporſtrebende Kraft des Geiſtes und der Hand. Große Erziehungsanſtalten, Manufacturen, vortreffliche Aſyle für die leidende und Inſtitute zur Wiederaufrichtung der gefallenen Menſchheit ſind da zu bewundern, wie überhaupt die emporſtrebende Rührigkeit der ganzen Geſellſchaft. Eh noch der Winter eintrat, ſah ich den herrlichen Hudſon mit ſeinen großartigen Naturſcenen, ſeinen von Waldmaſſen bedeckten, in zierlichſter Farben⸗ pracht wechſelnden Ufern, ſah die Ströme, Thäler und Berge von Connecticut und Maſſachuſetts und mußte dabei oft an Schweden denken. Denn die Landſchaften Schwedeus und dieſer Staaten gleichen einander viel⸗ fach, namentlich auch darin, daß ſie Winterſcenen und deren dramatiſche Auftritte in Luſt und Leid haben. Später ſah ich im Süden die Palmettoſtaaten Carolina und Georgia, und hier wurde ich bezanbert von der Ueppigkeit des Naturlebens in Formen, die mir bisher frend geweſen. Ich wünſchte Ihnen dieſe rothen Flüſſe beſchreiben zu können, deren Ufer von Wäldern gebildet werden, die keine Menſchenhaud be⸗ rührt hat, wo keine Menſchenwohnung zu ſehen iſt, Wälder, die auf dem Waſſer zu ſchwimmen ſcheinen, und wo hunderterlei Baumarten von tauſenderlei ſchö⸗ nen blühenden Rankengewächſen umſchloſſen werden— ein Chaos des Pflanzenlebens, aber voll von Schönheit, von überraſchenden Gruppirungen, an denen man all die architectoniſchen Formen vorſchimmern ſieht, die wir in Tempeln und Kirchen bewundern, welche von Menſchenband erbaut ſind. Der Urwald bringt ſie hier in fantaſtiſchem Spiel hervor, inſpirirt vom Morgen⸗ traum der Natur. Iſt nicht die Ratur menſchlich oder voll vom Menſchlichen im Böſen und Guten, im Schö⸗ nen und Schrecklichen? ſie muß menſchlich träumen. 168 Der Urwald ſtellt in coloſſalen Geſtalten Säulenhallen und Tempelgewölbe, Pyramiden, Grotten, Sphinxe und Drachen, blumengekrönte Pfeiler, Altäre der Freude, Triumphbögen und tiefe ſtille Grabgewölbe dar. Der Urwald ſtellt den Traum von des Menſchen Welt dar, und mit welchem Reichthum, welcher Poeſie! Ich ſah hier den dritten Schöpfungstag, wo bei des Allvaters Werde die Erde ibren Mutterſchvos öfſnete, und die Pflanzenwelt hervorbrachte in ihrer Morgenpracht, pro⸗ phetiſch, noch erwärmt von der nächtlichen Erſcheinung. Sie, mein verehrter Freund, der Sie ſo viel vom Poeten in Ihrer Natur haben, werden ſich nicht daran ſtoßen, daß ich dabei mehr mit dem Auge der bibliſchen Geneſis als des Naturforſchers ſah. Das erſtere ſieht in einem Nu, was das letztere in einer Zeitfolge von Monaten ſieht. Das, was ſie ſehen, iſt jedoch eine und dieſelbe Wirklichkeit. Veſonderes Vergnügen macht es mir unter den Pflanzen des Urwaldes mehrere wie— der zu erkennen, die ich als ſeltene Exemplare ſah, als ich mit Ihnen durch den botaniſchen Garten in Koven⸗ hagen wandelte; ich erinnerte mich darunter des Tul⸗ penbaumes, ſowie der Fächerpalme oder des almettos, die zu den einheimiſchen Gewächſen der ſüdlichen Staa⸗ ten Amerikas gehören. Wenn das Leben in den nördlichen Staaten ein großes Epos, ein Lehrgedicht iſt, ſo iſt das Leben in den ſüdlichen Staaten eine Romanze von unendlich pittoresker Schönheit, ja trotz der Sklaverei und der Sandwüſten, die ſich da vorfinden. Zu dem romanti⸗ ſchen Leben in dieſen Staaten gehören die Neger mit ihrer räthſelhaften Natur, ihren Geſängen und ihren religiöſen Feſten; die Städte voll von Pomeranzen⸗ hainen und vielfachen ſchönen blühenden Baumarten, mit Piazzas, die von Gaisblatt und Roſen überwachſen ſind, welche kein Winter verwelken macht, wo die Ko⸗ libri umherflattern und vor der heißen Sonne Schutz llen und ide, Der ar, ſah ers die ro⸗ ng. om ran hen eht on ine cht ie⸗ 1 R⸗ il⸗ l⸗ in in ch er i⸗ n 1⸗ , n N 169 ſuchen; die ſchönen, aber blaſſen Weiber, die Feuer⸗ fliegen, die in der Nacht leuchten; die Föhrenwälder, wo Azelien wie Engel des Lichts zwiſchen den dunkeln Bäumen ſtehen, wo Droſſeln und hundertzüngige Vögel ſingen, und ſonſt noch viel Eigenthümliches, was die eigenen Naturprodukte dieſer Staaten, Baumwolle, Reis u. ſ. w. und ihr Anbau mit ſich bringen; end⸗ lich die gemiſchte Bevölkerung. Aber ich finde es beinahe vermeſſen, das gemein⸗ ſchafrliche Leben und den gemeinſchaftlichen Charakter des Staates ſchildern zu wollen, während ich weiß, daß jeder einzelne Staat in der Union gleichſam ein vollſtändiges Reich iſt, mit beinahe allen Bedingungen und Mitteln eines europäiſchen Reiches an fruchtbaren Marken, metallreichen Bergen, Waſſergängen, Wäldern, ſowie überdieß manchen Naturgaben und Schönheiten, die noch unbekannt und unbenützt ſind. Ja, es bildet zugleich meine Verzweiflung und mein Entzücken, daß hier überall ſo unendlich viel Neues und ſo viel noch Unbekanntes iſt, ſo viel, was ich niemals werde kennen lernen. Aber glücklich dieſes Land, das ſchon in ſeiner Eintheilung und Regierungsform ſo große Hilfsmittel beſitzt, um ſich ſelbſt kennen zu lernen. Jeder Staat iſt wie eine ſelbſtändige Perſönlich⸗ keit und fühlt ſich im Wettkampf mit ſeinen Schweſter⸗ ſtaaten, mit denen er ſich jedoch zuweilen tüchtig herum⸗ zaukt und pufft, wie Geſchwiſter in den Kinderjahren zu thun pflegen, berufen ein ſelbſtändiger Mann zu werden. Und dazu bietet er alle ſeine Kräfte auf und unterſucht alle ſeine Mittel. Hiezu kommt, daß es in dieſem Lande der Freiheit durchaus keine Schranken für Verſuche und Experimente gibt. Alles, ſelbſt das Ungewöhnlichſte, kann verſucht und geprüft werden, ob es etwas taugt. Jeder, ſelbſt der närriſchſte Verſuch kann mit Gewißheit darauf rechnen, einige Anhänger zu finden und die nöthige Zeit zu bekommen, um ſich 170 zu erproben, und ich habe Amerikaner im Scherz ſagen hö⸗ ren: wenn Jemand mit der Behauptung hervorträte, es ſei beſſer auf dem Kopf zu gehen, als auf den Füßen, ſo würde er ganz gewiß eine Anzahl Schüler finden, die in allem Ernſt verſuchen würden, ob es vortheilhafter wäre, auf dem Kopf zu gehen. Andere Leute würden viel⸗ leicht über ſie lachen, aber man würde ſie gewähren laſſen, weil man die feſte Ueberzeugung hätte, daß, wenn das Ex⸗ periment, auf dem Kopf zu gehen, ſich als untauglich erwieſe, die experimentirende Geſellſchaft dann bald wieder auf die Füße kommen würde. Sie würde da⸗ bei immerhin einige Belehrung gewonnen haben. Und gewiß iſt, daß manche Verſuche, die im Anfang für ebenſo abgeſchmackt gehalten und belächelt wurden, wie der Verſuch, den Kopf ſtatt der Füße zu gebrau⸗ chen, nach einiger Zeit wirklich Füße bekamen und zu höchſt glücklichen Reſultaten führten. Zu ſolchen Ver⸗ ſuchen zählte man einige Zeit die Exportation von Eis nach den tropiſchen Ländern. Der erſte Verſucher die⸗ ſes Experiments, der gegenwärtig in Cambridge in Maſſachuſetts lebt, wurde mehrere Jahre lang von vielen klugen Leuten als ein Narr angeſehen. Jetzt iſt die Eisexportation nach den heißen Ländern eine der vor⸗ nehmſten Einkommensquellen des nördlichen Amerikas. Zahlreiche Schiffe führen Maſſen von Eis aus den Bergſeen von New⸗York, Maſſachuſetts und New⸗ Hampſhire nach den Städten der ſüdlichen Staaten, nach Weſtindien, Mexiko u. ſ. w. Und der Mann, der trotz Wirerſpruch, Hohngelächter und Widerwärtigkeiten (in Havannah warf man die erſten Eisfrachten in die See, weil man die Schädlichkeit des Eiſes fürchtete) hartnäckig darauf beſtand, die Eisausfuhr zu verſuchen, iſt jetzt ein reicher Mann und gilt für einen ſehr klu⸗ gen Mann. Nordamerika iſt durch den Unternehmungsgeiſt ſeiner Bewohner, durch ſeine politiſche Eintheilung, ſeine politiſchen Inſtitutionen, welche den Eigenthüm⸗ lichkeiten und Kräften der Einzelnen einen beinahe grenzenloſen Spielraum geſtatten, ein Land der Ex⸗ perimente, und ſeine erſten Verſuche auf dem großen Experimentalfeld der Menſchheit eröffnen unendliche Ausſichten auf das, was es noch ausführen dürfte. Einer ſeiner Söhne zog ohne Lärm und Getöſe den Blitz aus dem Himmel, um ihn für die Wohnungen der Menſchen unſchädlich zu machen; ein Anderer ſchuf aus dem Dampf Schwingen für alle Völker der Erde, ein Dritter— o der Glückliche! hat Mittel gefunden, den phyſiiſchen Schmerz zu betäuben, die Engelſchwin⸗ gen des Schlafes über den Leidenden in ſeiner Stunde der Qual auszubreiten. Und dieß iſt im Anfang vom Leben des Landes geſchehen, denn für eine Weltbil⸗ dung, die Jahrtauſende zur Zukunft hat, iſt das Le⸗ ben von zwei Jahrhunderten nur eine Morgenſtunde. Der Tag liegt noch als Zukunft da. Was würde die⸗ ſes Volk nicht ausführen können während des langen Tages? Gewiß npch größere Dinge als dieſe. Das wage ich aus ſeinem Auge zu prophezeien, denn es iſt wach und klar. Es gewöhnt ſich frühzeitig ſcharf zu beobachten, mit aller Macht den Gegenſtand, welcher iſt, aufzufaſſen, ohne ſich viel nach dem umzuſehen, was geweſen iſt, oder ſich durch die Warnungsrufe der Vorzeit abſchrecken zu laſſen. Es hat ein waches Auge, einen feſten Muth, eine unermüdliche Beharr⸗ lichkeit. Und wenn die Arbeitswoche zurückgelegt iſt und der Sonntag einbricht, dann wird dieſes wache, aufmerkſame Auge ſtärker als jetzt auf überirdiſche Dinge gerichtet werden, wird auch da Entdeckungen machen und Wiſſenſchaft und Gewißheit in Regionen führen, wo die Menſchheit jetzt nur durch die Hoff⸗ nung oder Ahnung heimiſch iſt. Ich glaube das, weil es in der Gemüthsart und Verfaſſung dieſes Volkes liegt, hauptſächlich Gegenſtände zu umfaſſen, die 172 für die ganze Menſchheit von Wichtigkeit ſind, die dem Menſchen in ſeiner ganzen Welt gelten. Ich glaube es, weil der germaniſche Volksſtamm, deſſen Natur tiefſinnig und tranſcendental iſt, auf dieſer Erde mit dem anglonormänniſchen in Verbindung tritt, und weil ich von der geiſtigen Krenzung dieſer Geſchlechter ein ſolches erwarte, bei welchem die höchſte Speen⸗ lation ſich mit dem klarſten practiſchen Blick vereinigen wird. Was gegenwärtig den Amerikaner(Yankee oder Bruder Jonathan, wie er in der Volksſprache hu⸗ moriſtiſch genannt wird, im Gegenſatz zu ſeinem älte⸗ ren Bruder John Bult,) am meiſten auszeichnet, iſt großentheils daſſelbe, was den Engländer charakteri⸗ ſirt, der practiſche Bürgerſinn im Verein mit dem reli⸗ giöſen Sinn und ihr Product: die practiſche Menſchen⸗ liebe. Bruder Jonathan hat auch in andern Beziehungen viele Aehnlichkeit mit John Bull; ſie haben offenbar denſelben Vater, aber nicht dieſelbe Mutter. John Bull iſt corpulent und lärmend, rothwangig und ein Wichtigthuer. Der weit jüngere Bruder Jonathan iſt mager, länglich, etwas ſchmächtig von Geſtalt, blaß, nicht derb oder plump, ſondern raſch und beſtimmt. John Bull iſt wenigſtens vierzig Jahre alt. Jonathan hat ſein einundzwanzigſtes noch nicht zurückgelegt. John Bull iſt pompös und etwas ungelenk. Jonathan iſt flinker, ſowohl mit der Zunge, als mit den Beinen. John Bull lacht laut und lang Jonathan lacht nicht, er lächelt blos im Vorbeigehen, er hat ſo Vieles zu beſorgen. John Bull ſetzt ſich zu einer guten Mahl⸗ zeit wie zu einem hochwichtigen Geſchäfte. Jonathan ißt haſtig und eilt bald vom Tiſche weg, um eine Stadt zu gründen, einen Canal zu graben oder eine Eiſenbahn anzulegen. John Bull will Gentleman ſein, ſich als Gentleman kleiden und dafür angeſehen wer⸗ die Ich ſen rde nd ter tu⸗ en der u⸗ te⸗ iſt ri⸗ li⸗ en⸗ gen bar hn ein iſt aß, mt. an ohn iſt en. cht, zu hl⸗ an ine ine in, er⸗ 173 den. Jonathan kümmert ſich nichts darum, ob er wie ein Gentleman ansſieht(aber er kann Alles das den⸗ noch ſein), er hat ſo viel auszurichten und es iſt ihm ganz gleichgiltig, ob er auch zuweilen mit einem Loch im Ellenbogen und einem zerriſſenen Rockſchoß herum⸗ ſpringen muß, wenn er nur an Ort und Stelle kommt. John Bull geht, Jonathan ſpringt. John Bull iſt ſehr artig gegen die„Ladies“, ja das verſteht ſich, aber wenn er ſich bei Tiſch recht behaglich fühlen will, ſo weist er den Ladies die Thüre, d. h. er erſucht ſie, ſich gefälligſt in ein anderes Zimmer zu bemühen und ihm den Thee zu bereiten.„Er wird ſogleich nach kommen.“ Jonathan thut das nie. Erwill ſich immer an der Geſellſchaft erfreuen. Er will nie ohne die Ladies ſein, er iſt der größte Ladiesman(Weibermann) auf der Erde, und vergißt er ſich manchmal in der Aufmerkſamkeit gegen ſie, ſo kommt dieß daher, daß er ſich vergißt. Aber dieß geſchieht nicht oft. Wenn John Bull ſchlechte Verdanung hat oder ſchlechte Ge⸗ ſchäfte macht, ſo bekommt er den Spleen und denkt aus Hängen. Wenn Jonathan an der Verdauung lei⸗ det oder ſchlechte Geſchäfte macht, ſo richtet er ſich em⸗ por. Er wird manchmal eine Zeitlang etwas närriſch, aber er kommt bald wieder ins Geleiſe und denkt nie darau ſeinem Leben ein Ende zu machen, ſondern ſagt: „thut nichts, vorwärts!“ Beide Brüder haben ſich in die Köpfe geſetzt, daß ſie die Welt humaniſiren und civiliſiren müſſen; aber Jonathan geht darin eifriger zu Werke und will darum weiter gehen, als John Bull; auch fürchtet er nicht dadurch ſeiner Würde zn ſchaden, daß erſelbſt, wie ein rechter Arbeiter, mit bei⸗ den Händen zugreift. Beide Brüder wollen reiche Männer werden. Aber John Bull behält das Beſte für ſich und ſeine Freunde; er iſt exeluſiver, mehr In⸗ ſelbewohner. Jonathan will ſich allen Nationen mit⸗ theilen und alle mit ſeinem Reichthum bereichern. 174 Jonathan iſt Cosmopolit; er hat aber auch einen gan⸗ zen Welttheil zum Wohnhaus bekommen und alle Schätze der Erde, um damit hauszuhalteu. John Bull iſt Ariſtokrat, Jonathan Demokrat, d. h. er will es ſein, er glanbt es zu ſein, kommt aber mitunter da⸗ von ab, wenn er es mit Leuten zu thun bekommt, die ein anderes Haar und eine andere Hautfarbe haben, als er ſelbſt. John Bull hat ein gutes Herz, aber er verbirgt es zuweilen in ſeinem fetten, etwas phlegma⸗ tiſchen, mit Roſtbeef und Plumpudding wohlgenähr⸗ ten Körper und unter ſeinem wohlgefütterten, wohlzu⸗ geknöpften Ueberrock. Jonathan hat ein gutes Herz und verbirgt es nicht. Er hat wärmeres Blut, keine Fettſchichte, und geht mit aufgeknöpftem Rock oder auch ohne Rock. Ja es gibt Leute, welche behaupten, Bruder Jonathan ſei der umgekehrte John Bull, nur ohne Ueberrock, und mit dieſem amrikaniſchen Dictum will ich für dießmal Abſchied nehmen von John Bull und Jonathan, zwiſchen welchen jedoch die Verglei⸗ chung noch weit länger fortgeſetzt werden könnte. Aber ich darf Ihre Zeit und Ihre Geduld nicht allzuſehr in Anſpruch nehmen mit meinen unvollkom⸗ menen Schilderungen. Betrachten Sie dieſelben als einige Kornähren, gepflückt auf einem unermeßlichen Ackerfeld. Wenn ich meine Wanderung vollbracht habe, wenn ich zu Ihnen nach Hauſe komme, werde ich Ihnen etwas mehr mitbringen. Inzwiſchen werde ich die nördlichſten Staaten der Union beſucht haben, die weißen Berge in New⸗Hampſhire und die Indianer in Minneſota und den großen Weſten, den großen wundervollen Weſten, wie die Weſtländer ihn nennen, wo in dem großen Miſſiſippithal zwiſchen dem Alleg⸗ hany und dem Felſengebirge Raum für mehr als 250 Millionen Menſchen zu bequemem Leben vorhanden ſein ſoll, wo das ſchöne amerikaniſche Korn in ſolcher Ueppigkeit wächſt, daß es heißt, man könne die ganze n⸗ lle a⸗ 175 Union damit verſehen, und wo man das Phänomen der amerikaniſchen Staatsbildung erſt recht begreifen lernt in ihrer größten Merkwürdigkeit, die man ge⸗ wöhnlich growth progress nennt. Worin dieſes Wachs⸗ thum, dieſer Fortſchritt eigentlich beſteht, das gelü⸗ ſtet mich jetzt zu ſehen, und darüber hoffe ich ſpäter mit Ihnen ſprechen zu können. Wenn Mutter und Schweſter es erlauben, bleibe ich noch einen Winter lang auf dieſer Seite des Oceans. Die große Gaſtlichkeit und Freundlichkeit, wo⸗ mit ich hier zu Lande behandelt werde, macht es mir leicht, auch weit entlegenere Staaten und Plätze zu be⸗ ſuchen. Das Volk hat ein jugendwarmes Herz, was man mit Freuden anerkennen muß, ſelbſt wenn man zu alt oder zu phlegmatiſch iſt, um Alles recht annehmen zu können, was es geben will. Zu dieſem Jugendleben gehört die geiſtige Em⸗ pfänglichkeit des Volkes. Amerika iſt ein gaſtfreies Land, nicht blos für Menſchen, ſondern auch für Ideen. Und man ſieht dieß auch an der Art, wie man viele der wiſſenſchaftlichen und literariſchen Namen Europas zu ſchätzen weiß. Und manchen Samen zukünftiger Entwicklung erwarte ich hier zu Lande durch eine be⸗ vorſtehende Bekanntſchaft mit mehreren der Denker und Dichter Scandinaviens geweckt zu ſehen. Von H. Martenſens theologiſchen Schriften hoffe ich bald eine Ueberſetzung hier erſcheinen zu ſehen. Eine Götter⸗ lehre, die zu gleicher Zeit das ganze Weltleben umfaßt und heiligt und jede Naturgabe in eine Gnadengabe verwandelt, eine ſolche Theologie lebt zwar in der Ahnung und im Glauben bei einem Theil des Volkes, aber ſie lebt noch nicht in der Kirche hier. Ich ſchließe Ihrem Brief einige Zeilen an H. An⸗ derſen bei. Seine„Abenteuer“ werden auch hier, wie bei uns, von Groß und Klein mit dem größten Vergnügen geleſen. 176 „Kommt er nicht hieher?“ fragt man mich oft; ich antworte:„Es liegt zuviel Waſſer dazwiſchen. Und zuviel Feuer im Lande,“ füge ich ſtill hinzu Ander⸗ ſen würde Gefahr laufen gleich einer modernen Se⸗ mele davon verzehrt zu werden; aber könnte er die Waſſer⸗ und Feuerprobe gut überſtehen, dann dürfte er Gott dafür danken, das große Weſtland und ſein Volk zu Geſicht zu bekommen. Laſſen Sie mich in Ihre Gedanken und Ihre Freundſchaft eingeſchloſſen ſein als Ihre innig ergebene und dankbare Freundin! Zweiundzwanzigſter Brief. Roſenhütte(Brooklyn) d. 20. Aug. 1850. So lieb es mir war, meine Agatha, den Brief vom 12. Juli zu erhalten, der ſo warm iſt von guten, liebreichen Gefühlen, ſo ſehr ſchmerzt es mich, Dich ſo ſchwach und leidend zu ſehen, und ich empfinde beinahe eine Gewiſſensqual darüber, daß ich nicht bei Dir bin und Dir in Allem, was ich kann, helfe, wenigſtens bei den Kranken auf dem Land, denn dieſe Mühe war zu viel für Dich. Und eigne Kränk⸗ lichkeit verhindert die Krankheit Anderer mit einiger Ruhe hinzunehmen. Ich ſuche mich damit zu tröſten, daß Du jetzt in Marſtrand biſt, fern von den Küm⸗ merniſſen und Sorgen des Tages, und daß Du in den für Dich immer ſo wohlthätigen Bädern neue Kräfte ſchöpfſt. Ach möchten ſie für Dich das werden, was t; d T⸗ e⸗ ie fte in re ne 177 meine ſiebzehn bis achtzehn Bäder in Cap May für mich waren! Von meiner früheren Krankheit iſt mir jetzt immer noch eine Neigung zum Herzklopfen geblieben, aber meine kleinen homöopathiſchen Pillen haben noch nie ermangelt dieſen Anwandlungen abzuhelfen. Was mein Hierbleiben auf einige Monate betrifft, ſo iſt es beinahe eine Nothwendigkeit geworden. Ich habe nicht fortkommen können, habe nicht Alles ſehen und be⸗ trachten können, was ich ſehen und betrachten muß, bevor der Winter kommt. Meine Reiſe in den Weſten liegt als große Aufgabe vor mir. Sie kann mit Nutzen nicht unter 10— 12 Wochen gemacht werden, und zieht mich weit in den November hinein; aber von Nordamerika nach Hauſe zu kommen, ohne den großen Weſten und ſein wachſendes Leben geſehen zu haben, das wäre für mich, als hätte ich die Oper Guſtav Waſa geſehen, ohne die Rolle des Helden darin. Im December könnte ich nach Hauſe kommen, aber ich ge⸗ ſtehe, daß ich die lange Seefahrt während dieſer Jah⸗ reszeit ein wenig fürchte, obſchon ſie allerdings wohl gemacht werden könnte, und ich müßte dann Manches ungeſehen laſſen, was zu ſehen und kennen zu lernen für mich unendlichen Werth hat, Dinge, denen ich nie wieder nahe zu kommen Gelegenheit haben werde. In vier bis fünf Monaten, nach dem December hoffe ich mit Allem fertig zu werden, was ich hier ſehen muß, und dann, meine liebe Agatha, komme ich und bleibe bei Dir in Marſtrand, in Stockholm, in Arſta, wo Du nur willſt, und dann wollen wir ſprechen und denken und leſen und ſchreiben und, will's Gott, das Leben zuſammen und mit unſerer guten Mama genießen, und wollen das Böſe mildern, im Fall wir es nicht gut machen können. Meinetwegen brauchſt Du nicht unruhig zu ſein, ich habe meinen kleinen Reiſekobold bei mir auf dem Wege, und dieſer hilft mir bei allen Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 12 178 Vorkommniſſen. Auch ſpüre ich nach den guten Set⸗ bädern neuen Muth in mir, es mit den Rieſen im ſiſ Oſten ſowohl als im Weſten aufzunehmen. Und wenn Kei ich ſie ſehe, ſo glaube ich, daß meine Kraft rieſengleich We wachſen wird. Könnte ich nur Deinetwegen ruhig im ſein!... iſt vor Den 23. Auguſt. 3 Dein Brief aus Marſtrand! Ach, Gott ſei um Dank dafür! Er machte mich glücklich. Denn der wi frühere Brief hatte mir Herzensangſt erregt. Wie froh üb bin ich, daß Du wieder zu Kräften kommſt und das kör Leben wieder genießen kannſt! Ich ſegne die ſalzigen ₰8 Bäder, ich danke Gott und hoffe alles Gute für Bich Y in der Zukunft. Denn im nächſten Jahr werden wir d zu vier bemüht ſein, Deiner Geſundheit wieder abzu⸗ S helfen, ich, Du, das Meer und die Homoöpathie. W Und wie angenehm, Dich ein wenig über das eine und S andere ſo gemüthlich und lebhaft plaudern zu hören! zu Ueber den Einzug der Prinzeſſin in Stockholm;— S wie freut es mich, daß ſie ſo ſchön empfangen wurde ſeh und daß ſie ſo gut ſein ſoll und ſo anmuthig ausſieht! ko — Ich ſehnte mich recht eigentlich etwas von ihr hö⸗ let ren zu dürfen. Ich hätte mit unter dem Volk ſein mögen, das ihr Blumen zuwarf, und wie gern hätte auch ich ihr mein Willkommen zugerufen! Und Jenny Lind iſt wirklich auf dem Wege nach Amerika! Ein ſchrecklicher Willkomm erwartet ſie hier. Wenn ſie mit dem Leben davon kommt, ſo darf ſie von Glück ſagen. Das Gerücht von ihrer Wohthä⸗ ih tigkeit und ihrem Charakter öffnet ihr mehr noch als ſe der Ruf ihres Kunſtgenies alle Herzen und Arme, und ein Engel vom Himmrl iſt nicht ſo vollkommen, wie iſ man ſich Jenny Lind denkt, und wäre nicht halb 2 ſo willkommen. Die Amerikaner ſind geborene Enthu⸗ — Dee⸗ im enn eich hig ſei der roh das gen ich wir zu⸗ hie. und n rde ht! hö⸗ ein itte ach ſie arf als nd vie b ⸗ 179 ſiaſten, und ich will deßhalb nicht mit ihnen hadern. Kein Menſch und kein Volk bringt es zu etwas Großem, wenn es nicht die überſchwellende Kraft beſitzt, die ſich im Enthuſiasmus Luft ſchafft. Der kritiſirende Sinn iſt für alte Leute oder für geringe Leute. Die Briefe von Haus, die ich hier erwartete, be⸗ vor ich weiter über meine Reiſe beſtimmte, machten mich ſo glücklich, daß ich zu Rebekka hinabeilen mußte, um ihr den lieben Inhalt derſelben zu erzählen, und wir umarmten einander voll Freude über ſie, wie auch über die Ausſicht, noch eine Zeit zuſammenleben zu können. Und jetzt werde ich mit Springs nach„Cony Island“ gehen, einer Inſel in der Nähe von New⸗ York, wo man eine Badanſtalt hat und wo ich einige gute Seebäder nehmen kann. Sodann begleiten mich Springs ein Stück weit auf meiner Reiſe nach dem Weſten, den Hudſon hinauf bis zu dem Schäker⸗ Staat in Neulibanon, wo die jungen Lowells mit mir zuſammentreffen und an den Niagara fahren wollen. Springs können nicht ſo weit mitkommen, obſchon ſie ſehr gerne möchten. Meine Freunde Downings be⸗ komme ich leider dießmal nicht zu ſehen, aber meine letzten Wochen hier zu Land werden ihnen gehören. Roſenhütte. In dieſem guten und beinahe vollkommenen Haus iſt Alles gut, liebreich, friedlich, ſich gleich. Um Ro⸗ ſenhütte her reifen Früchte, Pfirſiche, Aprikoſen, Pflau⸗ men, Trauben. Ganz Brooklyn und auch New⸗York iſt in dieſem Augenblick einer Obſtbude gleich voll von Pfirſichen und Aprikoſen. Und welche Pfirſiche! Hes⸗ periens Früchte. Und welche Maſſe von Hesperiens Früchten! Jeder kleine Junge und jedes kleine Mäd⸗ 180 chen in der Union können ſich ſatt daran eſſen. Eddy iſt glücklich im Grünen mit einem ganzen Schwarm kleiner Kaninchen, und Baby ſteht mit ſeinem goldge⸗ lockten Köpfchen im Garten und freut ſich, wenn Schmetterlinge kommen und ſich darauf ſetzen in der Meinung, daß es eine Blume ſei. Der holde Junge iſt indeß noch ſchwächlich, und die Eltern gehen ſeinet⸗ wegen viel an den Meeresſtrand. Ich fand Marcus und Rebekka, wie auch mehrere andere Freunde dahier, betrübt über das neue Geſetz in Betreff geflüchteter Sklaven, das dieſen Unglück⸗ lichen alle Sicherheit im Land der Vereinigten Staa⸗ ten raubt. Bereits ſind alle Sklavenfänger aus den ſüdlichen Staaten in Bewegung, und Tauſende von ehemaligen Sclaven verlaſſen jetzt ihre Freiſtätte in den nördlichen Staaten und fliehen nach Canada hin⸗ auf oder übers Meer nach England. Erſt neuerdings wurde ein entlaufener Sklave in Boſton aufgefangen und in die Sklaverei zurückgeführt. Das Volk war in großer Gährung, leiſtete aber keinen offenen Wider⸗ ſtand. Das Geſetz befahl, und man gehorchte Aber die Glocken in Boſton läuteten wie bei einem Begräb⸗ niß. Wie theile ich die Gefühle meiner Freunde über dieſe Schmach ihres Landes, daß es jetzt kein Stück⸗ chen Erde geben ſoll, das man ein Aſyl der Freiheit nennen könnte! Sie ſind erbittert, nicht über den Süden, ſondern über denjenigen Theil der Bevölke⸗ rung des Nordens, der aus Mammons-Intereſſe oder Baumwollen⸗Intereſſe, wie die Phraſe lautet, ſein edelſtes Recht vergibt. Der Süden kämpft für ein alt vererbtes Recht; der Norden hat keine ſolche Entſchul⸗ digung. Ich verſtehe und liebe die Geneigtheit meiner Freunde viel aufzuopfern und viel zu leiden, um die⸗ ſes unglückſelige Sklavereiverhältniß verändern zu kön⸗ nen; aber ich kann ihre Anſichten in der Frage nicht ddy rm ge⸗ enn der nge net⸗ rere ſetz ück⸗ Qd⸗ den von in in⸗ ngs gen in er⸗ ber äb⸗ ber ück⸗ meit den lke⸗ der ein alt ul⸗ ner ie⸗ ön⸗ 181 vollkommen theilen, und ich habe in allen Dingen beſ⸗ ſere Hoffnungen als ſie. Ich glaube mehr an den Sieg des edleren Südens und des edleren Nordens⸗ In dem großen Kampf zwiſchen Gott und Mammon iſt dieſes Sklavengeſetz zwar eine verlorene Schlacht, aber noch keine entſcheidende. Ich glaube mit Clay und Webſter, daß es ein von der Nothwendigkeit des Angenblicks erforderter Rückſchritt iſt, aber um ſo größere Fortſchritte auf dem Wege der Freiheit vorbe⸗ reitet. Inzwiſchen von alledem habe ich von Waſhing⸗ ton aus mit Dir geſprochen. Bald nachdem Clay den Congreß verließ, um an die Meeresküſte zu fahren, gingen beinahe alle Maß⸗ regeln durch, die er in ſeiner Compromißbill oder Omnibusbill vorgeſchlagen, als ſie aus dem Omnibus⸗ fuhrwerkgenommen und über jeden einzelnen Artikel abge⸗ ſtimmt wurde, wobeiauch einigevon ihnen kleine Verände⸗ rungen erlitten. Der große Staatsmann hatte vermuthlich die einzige mögliche Bedingung einer Verſöhnung zwiſchen Norden und Süden gefunden. Einige der ſüdlichen Staa⸗ ten ſind inzwiſchen noch mißvergnügt, und Südcaro⸗ lina, ſowie Miſſiſippi ſchreien laut nach Trennung von der Union; Carolina ſoll ſich ernſtlich zum Kriege rüſten. Aber dieß iſt thöricht und wird dem Palmetto⸗ ſtaat ſchaden, der wohl keine große Unterſtützung finden wird, daher er auch allein unter den vielen Nichts bedeutet und Nichts ausrichten kann. Unter den Redegegenſtänden ſteht gegenwärtig das Schlußbekenntniß und der Tod des Mörders Webſter obenan. Aber wo in den Vereinigten Staaten iſt dieſe Verbrechergeſchichte nicht beſprochen worden? In Char⸗ leston und Savannah, wie in Boſton und New⸗York war die allgemeine Aufmerkſamkeit auf den Prozeß ge⸗ richtet; alte Herrn und junge Mädchen nahmen für oder wi⸗ der Profeſſor Webſter Partei, und ein allerliebſtes fünf⸗ zehnjähriges Mädchen in Savannah hatte ſich in ihr ———— —— ———— 182 Köpfchen geſetzt, daß ein gewiſſer Mr. Littlefield, der Hauptankläger, und nicht Webſter, der Mörder Park⸗ mans ſei, und diſputirte für dieſe Behauptung auf eine ebenſo lebhafte als luſtige Art. Inzwiſchen be⸗ kannte ſich Webſter ſelbſt, nachdem er ſich lange Zeit mit unzähligen Lügen hinauszuhelfen geſucht, als Mörder; er geſtand dieß, wie man ſagt, in der Hoff⸗ nung auf Begnadigung, da er behauptete, er habe den Mord zu ſeiner Selbſtvertheidigung verübt. Aber ſo viel bei der Geſchichte ſprach dagegen, und Webſter hatte ſich die ganze Zeit als ein ſo gewiſſenloſer Lüg⸗ ner gezeigt, daß er keinen Glauben fand, ſondern von den Richtern von Maſſachuſetts zum Tode verurtheilt wurde. Der unitariſche Geiſtliche, Mr. Pibody, be⸗ reitete ihn zum Tode vor, dem er mit ergebungsvol⸗ ler Faſſung entgegen ging. Seine beklagenswerthe Frau und Kinder, die bis in die letzte Zeit an ſeine Unſchuld geglaubt haben, ſollen ſich vortrefflich beneh⸗ men. Sie arbeiten für Geld, und ſollen die Geldun⸗ terſtützung, welche die Wittwe des Ermordeten ihnen edelmüthig angeboten, ausgeſchlagen haben. Eine der Töchter iſt auf Madeira verheirathet und anſäßig, eine andre iſt verlobt, und man ſagt, die ganze Familie wolle Amerika verlaſſen und nach Madeira überſiedeln. Es freut mich, daß ſie fortreiſen können. Ungeachtet Webſter des Mords und einer niederträchtigen Geſin⸗ ung überwieſen iſt, ſo ſpricht ſich doch in den nördli⸗ chen Staaten das öffentliche Gefühl ſo ſtark gegen die Todesſtrafe aus, daß es ſich auch bei dieſer Gelegen⸗ heit in mehrfachen Proteſtationen Luft geſchafft hat. Eine Familie, die in einem Haus ſchief gegenüber dem Gefängniß wohnte, wo Webſter hingerichtet werden ſollte (die Hinrichtung geſchieht im Hof des Gefängniſſes) zog um dieſe Zeit aus dem Hauſe fort, und ſchrieb auf deſſen Thüre:„Gegen die Todesſtrafe.“ er rk⸗ uf e⸗ eit s en ſo er g⸗ on ilt e he ne h⸗ n⸗ en er ne n. et ⸗ i⸗ ie n⸗ t. m te eb 183 Cony Island, den 26. Auguſt. Wieder am Meer; wieder ein friſcher Athemzug am großen Meer in Geſellſchaft meiner trefflichen Freunde. Marcus befindet ſich wohl und genießt das Leben hier. Baby wird mit jedem Tag beſſer. Der Platz iſt einſam und wild romantiſch. Der Mond glänzt prachtvoll über dem Meer, das ſtark vom Winde aufgeregt brauſt. Ich ſpaziere Abends mit Marcus am Meeresſtrand umher, und zu Hauſe erzählt mir Rebekka in dem klaren Mondſchein Ereigniſſe aus der Geſchichte des innern Lebens, welche von dem wunder⸗ baren Leben und der Leitung des inneren Lichtes bei den Seelen zeugen, die in ſtiller, in ſich gekehrter Aufmerk⸗ ſamkeit darauf achten. Kleine Feuer in geraden und in krummen Linien glänzen Abends auf den Sandklip⸗ ven am Meer und zwiſchen den Bäumen am Strand. Es ſind„Clams“(eine Art großer Muſcheln), die mau zum Abendeſſen bratet. während man über ihnen im Sande Reiſig verbrennt. Sie haben einen delikaten Geſchmack und kommen mir beſſer vor, als die Auſtern. Das Wetter iſt friſch, die Bäder erfriſchend. Wir ſind alle vergnügt, alle glücklich. Che wir von Brvoklyn abreiſten, hörten wir eines Sonntags den jungen H. Beecher predigen. Er hatte ſich in einer Kirchenzeitung, deren Mitarbeiter er iſt, ſcharf über das neue Geſetz gegen die geflüchteten Sklaven ausgeſprochen. Viele Mitglieder ſeiner Kirche hatten dieß ſehr übel genommen. Und Beecher ſprach jetzt von der Kanzel herab ſein Glaubensbekenntniß über die Pflicht des Geiſtlichen im Verhältniß zu der Gemeinde und zu ſeinem Gewiſſen aus. Er that dieß in wenigen, aber kräftigen Worten alſo:„Wenn Got⸗ tes Geſetz und mein Gewiſſen mir etwas gebieten, und ihr Qdie Gemeinde) ſagt, daß ich nicht ihm, ſondern 184 Euch gehorchen müſſe, wenn ich länger unter Euch bleiben wolle, wohlan, dann muß ich— gehen! Und ich werde gehen, wenn ich nicht mit gutem Gewiſſen da bleiben kann.“ Die Kirche war übervoll, die Gemeinde tief ernſt wie der Geiſtliche ſelbſt. In⸗ zwiſchen hat es keine Gefahr, daß Beecher gehen müßte. Man achtet und liebt ihn zu ſehr, um ihm nicht nachzugeben, da man weiß, daß er im Grunde Recht hat, wenigſtens in der Sache, wenn auch nicht immer in der Art. Den 27. Auguſt. Jetzt, geliebte Agathe, bereite ich mich zur Abreiſe nach dem großen Weſten, der vor mir ſteht, wie eine Art mythologiſcher Rebuloſa, halb Nebel, halb Glanz, und von dem ich weiter nichts Rechtes weiß, als daß er groß iſt, groß, groß. Wie? In was? Auf welche Art? Ob er von Göttern oder Rieſen, von Kobolden oder Zanbergeiſtern, oder von all den alten mytholo⸗ giſchen Herrſchaften zuſammen bevölkert iſt,— das ge⸗ lüſtet mich zu ſehen. Daß Thor und Loke ſich noch tüchtig herumkämpfen in dieſem märchenhaften Utgard, das ahne ich, und daß auch Zaubergeiſter hier zu Haus ſind, das weiß ich von gewiſſen ſpukenden Klopfereien, „sPiritual rappings oder knockings“ genannt, von denen ich viel Sonderbares gehört und geleſen habe, ſeit ich ins Land hier gekommen bin. Geiſterklopfereien im Weſten ſind dermalen ein ſtehender Artikel in den Zeitungen, und werden theils mit Spott, theils mit Ernſt behandelt. Aber Iduna mit den Früchten der Erneue⸗ rung, gewiß iſt auch ſie hier zu finden in dem Eden der untergehenden Sonne! Stehen nicht die Alleghany⸗ Berge und der Niagara gleich Rieſenwächtern an ſei⸗ nem Eingang, um die Pforten zu dem Luſtgarten der — ——— uch en! em ll, n⸗ en hm ide cht iſe ine nz, che en o⸗ ge⸗ ch d, us on e, en en iſt e⸗ en y⸗ er 185 neuen Heimath zu öffnen? Die herrlichen Cherubim ver⸗ bieten den Eintritt nicht, ſie laden ein. Durch die öſtlichen Küſtenſtaaten ſtrömt Amerikas Bevölkerung herein. Sie bilden die Pforten des Vor⸗ hofs. Aber der Weſten iſt der große Luſtgarten, wo die großen Flüſſe ſtrömen, wo die Bäume des Lebens und des Todes ſtehen, wo die Zunge der Schlange und Gottes Stimme aufs Neue für neue Menſchenpaare vernehmlich ſind. Dieſes große räthſelhafte Weſtland mit den Rieſen⸗ flüſſen, den Rieſenkatarakten und Rieſenſeen, mit dem Miſſiſippi⸗Thal und den Felsbergen und dem Goldland und dem ſtillen Meer, mit Büffeln und goldnen Koli⸗ bris, das Land, das aus ſich Staaten erzeugt wie Meuſchen Kinder, und wo die Städte in einem Mannes⸗ alter groß wachſen, wo das Loſungswort des Lebens Wachsthum, Fortſchritt heißt, dieſes räthſelhafte Land der Verheißung, das Land der Zukunft, das will ich jetzt ſehen! Ich ſehne mich darnach als nach dem Orakel, das auf viele Fragen meines Geiſtes Antwort geben ſoll. Mein Körbchen iſt voll von Bananas und Pfir⸗ ſichen; mein Reiſekobold iſt bei mir und ebenſo euer letzter Brief, meine Geliebten! Und jetzt begebe ich mich fröhlich nach dem großen Weſten. Dreiundzwanzigſter Brief. Albany(New⸗York) am Hudſon, den 2. Sept. 1850. Hier, meine Agathe, in der Hauptſtadt des Kaiſer⸗ ſtaats, unter einer wahren Sündfluth von Regen, die 186 mich hindert, etwas von der Stadt und ihrem Kapitol zu ſehen, ſetze ich mein Geſpräch mit Dir fort(nämlich das geſchriebene; denn die ſtille Unterredung hört gar nie auf). In meinem letzten Brief von Brooklyn ſagte ich Dir, glanbe ich, wie ich mit meinen Freunden Springs nach dem Shäkerſtaat in Neu⸗Libanon reiſen wollte. Und an einem unendlich ſchönen Tage fuhr ich wieder den Hudſon hinauf, ſah wieder ſein wild⸗ romantiſches Hochland, ſeine reich angebauten Ufer, ſah den Thurm von Downings Villa aus ihrem ſchat⸗ tenreichen Park hervorblicken, warf ihm einen Liebes⸗ blick zu und genoß das Leben mit der Natur, mit Marecus, Rebekka und Eddy, während der Fahrt auf dem prächtigen, bequemen Dampfbvot. Gegen Abend gelangten wir zu der kleinen Stadt Hudſon, wo wir ans Land ſtiegen und eine„Stage“ nahmen, die uns in drei Stunden nach Neu⸗Libanon führte, einer be⸗ rühmten Geſundheitsquelle, eine halbe engliſche Meile von dem Shäkerdorf. Am ſchönen Abend ging ich mit Marcus dahin, um es in Augenſchein zu nehmen. Wir ſahen einige hellgelbe, zweiſtockige Holzhäuſer mit guten Proportio⸗ nen und Ziegeldächern auf grünen Höhen liegend, in der Ferne von noch höheren Hügeln umgeben, die ſämmtlich mit Wald bewachſen waren. Ein recht ſchö⸗ ner und idylliſch romantiſcher Anblick. Die Ausſicht von den Häuſern war frei und die Fenſterſcheiben groß. Das Leben im Shäke dorf ſah ganz und gar nicht trüb oder beſchränkt aus, wie ich es mir gedacht hatte. Einige der Shäkerbrüder ſahen wir draußen auf dem Feld gemächlich beſchäftigt, Heu zuſammenzurechen— die zweite Ernte, wie ich vermuthe. Sie ſtrengten ſich durchaus nicht übermäßig an. Geſtern am Sonntag wohnten wir dem Gottes⸗ dienſt in der Shäkerkirche an, und mit uns noch eine große Menge von Fremden. Die Kirche iſt ein großer ol r te n F 8 — 187 Saal, der wohl zwei bis dreitauſend Perſonen faſſen kann. Sie hat große Fenſter, iſt hoch und ſehr hell, ermangelt aber aller Arten von Verzierung. Beim er⸗ ſten Eintritt überraſchte mich der Anblick einer Menge leichenblaſſer Frauengeſtalten, die beinahe wie in Lei⸗ chentücher gekleidet waren und in einer Reihe an den Wänden lange ſtarr und unbeweglich wie Mumien auf Stühlen ſaßen. Es waren die Shäkerinnen. Ihr Au⸗ blick war wirklich unheimlich und hätte etwas Trauri⸗ ges gehabt, wenn nicht die Neuheit der Erſcheinung erfriſchend gewirkt hätte. In einem Land, wo alle Frauenzimmer ſich gleich kleiden, werden diejenigen, die ſich anders kleiden, dadurch nur intereſſant. Inzwi⸗ ſchen waren alle Shäkerſchweſtern ebenfalls gleich ge⸗ kleidet mit weißen oder grauen oder hellgelb geſtreiften Röcken, Schuhen mit hohen Abſätzen, weißen Hals⸗ tüchern, die ſo über die Bruſt befeſtigt waren, daß die natürliche Bildung derſelben unſichtbar wurde, wie auch die Fagon der Kleidung den Zweck zu haben ſcheint, daß der Körper etwa wie ein Baumſtamm ohne alle Wellenlinien ausſehen ſoll. Auf dem Kopfe trugen ſie ein Häubchen dem der Quäckerinnen ähnlich, und der leichte Flor deſſelben ſchloß ſich feſt ans Geſicht. Ich bemerkte, daß er bläulich war, was dazu beitrug, den Geſichtern dieſe leichenblaſſe Farbe zu geben. Der Schnitt der Kleider war bis auf die Kopfbedeckung nicht un⸗ ähnlich den Trachten der Bauernweiber und Mädchen in der Gegend von Stockholm. Auf der andern Seite des Saals ſaßen die Shä⸗ kerbrüder, ſämmtlich in Kniehoſen, Strümpfen und hohen Abſatzſchuhen, Weſten und Hemdärmeln, das Haar an der Stirn gleich abgeſchnitten und im Nacken hinabhängend, ihr ganzes Koſtüm vollkommen der All⸗ tagstracht der ſchwediſchen Bauern ähnlich. Die Ge⸗ meinde(ungefähr hundert Perſonen beiderlei Geſchlechts) ſetzte ſich auf Bänke, die hervorgetragen wurden, die 188 Männer für ſich und die Weiber für ſich, aber einan⸗ der gegenüber. Zwei Shäkerſchweſtern kamen freundlich und ſtill, eine Bank um die andere den Zuſchauern herbeitragend, welche die ganze lange eine Seite des Saals einnahmen und in weit größerer Anzahl vorhan⸗ den waren, als die Shäkergemeinde ſelbſt. Rach einer Weile erhob ſich dieſe haſtig, und die Bänke wurden weggenommen. Brüder und Schweſtern ſtanden eine Zeitlang in Reihen aufgeſtellt einander gegenüber, wor⸗ auf ein älterer Mann hervortrat und eine Weile ſprach, aber ich konnte nicht hören, was er ſagte. Dar⸗ auf begann die Gemeinde zu ſingen und zu tanzen, indem jede Perſon für ſich hin und her trippelte, aber in ſymmetriſchen Reihen und Figuren nach einem Takt, in deſſen Grundrhythmus eine gewiſſe Lebhaftigkeit, etwas Schwingendes und Luſtiges lag. Bei allen Va⸗ riationen des Geſangs kehrte immer eine Triobewegung wieder, die ſich beinahe immer durch Geſtampf mit den Abſätzen auszeichnete und ganz nachdrücklich hervorge⸗ hoben wurde, und während der ganzen Zeit wurden die Hände im Takt bewegt, ungefähr wie wenn man ein Kind in den Schlaf wiegen will. Nach einigen Minuten hörten Tanz und Geſang plötzlich auf. Die Gemeinde ſtand unbeweglich da; dann trat ein neuer Prediger auf und ſprach, worauf Tanz und Geſang von Neuem begann. So ging es eine Zeitlang ſeelenlos und langweilig, wie mir ſchien, fort. Und dieſe bleichen, gleich gekleideten Weiber, die mit niedergeſchlagenen Augen und ohne Zeichen von Freude oder natürlichem Leben trippelten, ſchwankten und ſich umherſchwenkten, ſahen mir höchſt unnatürlich aus. Sie hatten ſanfte, aber nichtsſagende Geſichter; ich ſah nicht ein einziges ſchönes unter ihnen. Die Männer ſahen beſſer und natürlicher an Leib und Seele aus, auch tanzten ſie mit mehr Leben, obſchon es oft ins Lächerliche gerieth. Wieder wurde es ſtill in der Ver⸗ ———.— — n⸗ ich en es ler en ne ile T⸗ n, er kt, it, 1 ig en 3 n 189 ſammlung. Sie ſetzten ſich wieder auf ihre Bänke. Und jetzt trat ein Shäkerbruder, ein Mann von unge⸗ fähr vierzig Jahren, mit ſchmaler Stirn und tiefliegen⸗ den, dunkeln, funkelnden Augen auf, deſſen ganze Erſchei⸗ nung einen mit einer fixen Idee behafteten und für dieſelbe fanatiſchen Mann verrieth. Er ſtellte ſich vor die Zu⸗ ſchauer und redete ſie ungefähr folgendermaßen an; „Ihr ſeht uns hier in einem Hauſe verſammelt, das wir mit unſerer eigenen Arbeit aufgebaut haben, um einen Gottesdienſt zu üben, der dem Geſetz unſeres Gewiſſens entſpricht. Wenn Ihr gekommen ſeid, um uns zu ſehen, und wenn Ihr Achtung haben wollt vor unſerer Geſellſchaft und vor unſerem Gottesdienſt, und wenn Ihr Euch dabei ruhig zu verhalten gedenkt, ſo ſeid Ihr willkommen. Wo nicht, ſo ſeid Ihr hier nicht willkommen. Aber ich will das Erſtere hoffen. Und laßt uns jetzt mit einander ſprechen und zuſehen, was zwiſchen Euch und uns liegt, das uns trennt. Laßt uns einander verſtehen!“ Und dann begann er die Shäkergeſellſchaft im Gegenſatz zu der weltlichen Ge⸗ ſellſchaft zu ſchildern, erſtere als diejenige, die der Welt entſagt habe und blos für den Himmel lebe, letztere als die⸗ jenige, die nur für den ſelbſtſüchtigen Genuß und irdiſche Güter lebe. Wir bekamen Jedermänniglich von Elder Evaus(ſo hieß der Shäkerbruder) eine ſehr ſcharfe Strafpredigt für unſere Sünden und Schwachheiten, und er unterbrach ſich darin nur durch die Aufforde⸗ rungen:„Kommt! laßt uns die Sache gemeinſchaftlich überlegen! antwortet mir,“ u. ſ. w. Es wäre unend⸗ lich leicht geweſen, dem guten Bruder auf Vieles zu antworten und einen großen Theil ſeiner Anklagen, namentlich auch ſeine zurückzuwei⸗ ſen; und ich wunderte mich, daß keine Stimme ſich aus der Verſammlung erhob, welcher ein ſo ſtrenger Text ver⸗ leſen wurde. Aber ſie hielt es zu gut und ſchwieg. Nach 190 dieſer Strafpredigt bekam der Tanz neues Leben und ein Zirkel bildete ſich, der einen beſtändigen Chor aus⸗ machte, und um dieſen bewegte ſich in tanzenden Krei⸗ ſen, die ſich unaufhörlich zu erweitern ſchienen, während ſie ſich mit vieler Methode und Kunſt gleichſam in einan⸗ der verflochten, die ganze Shäkerverſammlung zwei und zwei, endlich auch drei und drei unter beſtändigem, taktmäßigem Geſtampf mit den Füßen und unaufhörli⸗ cher Bewegung mit den Händen, wobei ſie lebhafter als bisher ſangen. Auch der Tanz und die Bewegungen wurden im⸗ mer lebhafter, je länger ſie fortwährten, obſchon man dabei niemals aus dem ſchleppenden Takt kam, und ich ſah auf manchem Geſicht Schweißtropfen perlen; aber die Augen der Weiber blieben niedergeſchlagen und ihr Ausdruck leblos. Die Männer ſahen lebhafter aus, und ihr Tanz beſonders wenn die Bewegungen der Hände bei ſteigendem Eifer einem Harfenſpiel glichen, erſchien in der ungezwungenen und kleidſamen, oder wenigſtens nicht unkleidſamen Tracht gar nicht un⸗ natürlich. Es war nicht ſchwer, ſich während dieſes Ringtanzes eine ſymboliſche Vorſtellung des Lebens⸗ weges zu denken, und man ſagte mir ſpäter, daß der⸗ ſelbe den Fortſchritt der Seele während des Weges durch das Leben vorſtellen ſolle. Der Chor mitten im Saale ſang die ganze Zeit über unter fächelnden Be⸗ wegungen mit den Händen. Ich für meinen Theil ſah nicht ein, warum der Tanz nicht eben ſo gut wie Geſang und Spiel u. ſ. w. Gottesdienſt ſein könnte, und warum er nicht ſogar ein natürlicher Ausdruck für gewiſſe Bewegungen des reli⸗ giöſen Lebens ſein ſollte. Als König David in der Freude ſeines Herzens vor der Bundeslade tanzte und unter Harfenſpiel den Herrn lobpries, da folgte er einer wahren Eingebung. Und ich habe am Tanze der Shäkerverſamm⸗ lung nichts anderes auszuſetzen, als daß dieſe Ein⸗ — 6) S 8 c— e—— e—— — — c———— 8—— 8— — in 18⸗ ei⸗ end n⸗ nd m, li⸗ ter m⸗ an ber hr 18, er 5 er n⸗ es 18⸗ re es im e⸗ er w. in li⸗ er er en ⸗ 191 gebung ihm fehlt. Er iſt offenbar jetzt ein Werk der Ueberlieferung, Gewohnheit und Berechnung. Vor eini⸗ gen Jahren iſt er anders geweſen, und hat damals, wie ich von Miß Sedgewick gehört habe, ſehr ſonder⸗ bare Erſcheinungen gezeigt, wie z. B. daß Perſonen gleich den Fakiren des Orients im Ring herum ſurr⸗ ten, bis ſie ohnmächtig und in convulſiviſchen Zuckun⸗ gen zu Boden fielen. Das ſoll jetzt nur noch ſelten vorkommen, oder auch ſorgt man dafür, daß es nicht öffentlich vorkommt. Das praktiſch ökonomiſche Ele⸗ ment, das neben dem religiöſen Enthuſiasmus die Shäkerſekte auszeichnet, ſcheint in ſpäterer Zeit dem religiöſen den Rang abgelaufen zu haben. Dieſer Gottesdienſt endete ganz ſtill, wie er be⸗ gonnen hatte. Die Brüder und Schweſtern trugen ihre Bänke fort, wie ſie dieſelben herangebracht hatten, und gingen ſodann, jeder Theil nach ſeiner Seite aus dem Saal. Aber ich hatte beſchloſſen, noch einiges mehr über dieſe Sekte und ihre Abſichten kennen zu lernen. Ich ſuchte daher einige der Vorſteher der Ge⸗ meinde auf, ſprach meinen Wunſch gegen ſie aus und bat ſie um Erlaubniß wiederkehren und mit ihnen ſpre⸗ chen zu dürfen. Sie willigten freundlich ein und baten mich ſogleich dazubleiben und über den Mittag wie auch für den morgenden Tag ihr Gaſt zu bleiben. Das konnte ich nicht, denn ich erwartete meine jungen Freunde Lowells; aber Nachmittags, als Springs und ich an dem Brunnen von Libanon zu Mittag geſpeiſt hatten, kehrten wir zuſammen nach dem Shäkerdorf zurück. Da herrſchte jetzt tiefe Stille. Alle Fremden waren fort, und die friedlichen, gelben Häuſer lagen einſam auf ihren grünen, ſonnebeglänzten Höhen. Wir wurden von zwei Schweſtern empfangen, die uns in ein Zimmer führten, wo zwei ältere Männer und zwei dito Schweſtern nebſt ein paar jungen Mäd⸗ chen zugegen waren. Die Wangen der letzteren blühten 192 wie Roſen unter den weißblau geſtärkten Leinenhäub⸗ chen, und ich ſah jetzt, daß der Shäkerſtaat nicht ſeine ſchönſten Mitglieder zum Tanz geſchickt hatte. Die älteren Weiber und Männer waren Elders(Aelteſte), wie ſie hier genannt werden, und Vorſteher der Familie, in der wir uns befanden. Die Gemeinde in Neu⸗Libanon iſt nämlich in zwei Familien getheilt, die nördliche und die ſüdliche Familie. Jede Familie hat ihre be⸗ ſondern Häuſer, Vorſteher und Haushaltungen. Ich richtete meine Fragen an die Aelteſten, aber es wurde mir bald klar, daß ſie dieſelben nur ſchlecht beantworten konnten. Einer der Männer war ein rei⸗ cher Mann und hatte Weib und Familie verlaſſen, um ſich an die Shäkergeſellſchaft anzuſchließen, der er auch einen Theil ſeines Vermögens ſchenkte. Später war eine ſeiner Töchter, eines der hübſchen jungen Mäd⸗ chen, die jetzt zugegen waren, ihm gefolgt. Er war ein älterer Mann von kräftigem Körperbau, von gutem Ausſehen, und mit einem Geſicht, das mehr Gefühl als Denkkraft verrieth. Der andere Aelteſte hatte ein edles, ascetiſches und patriarchaliſches Ausſehen. Beide hat⸗ ten nicht viel zu ſagen. Die Weiber ſchienen ſanft, aber beſchränkt. Sie hatten einen Hafen gegen die Stürme des Lebens geſucht und gefunden. Etwas an⸗ deres wollten ſie nicht, und etwas anderes wußten ſie nicht. Aber jetzt kam Elder Evans mit der ſchmalen hohen Stirn, den dunkeln, fanatiſch glänzenden Augen⸗ und nun bekam die Unterredung ein anderes Leben. Ich war überraſcht, in dem fanatiſchen Prediger einen ganz verſtändigen und im Ganzen liberal denkenden Mann(obſchon ſeine Ideen keine Tiefe hatten) zu fin⸗ den, der den Grund und Boden im Leben der Shäker⸗ ſekte verſtand und wohl darüber Auskunft zu geben ver⸗ mochte. Mein Geſpräch mit ihm gewann für mich ein b⸗ ine Die wie in on che be⸗ ber echt rei⸗ um uch var äd⸗ ein tem als les, at⸗ nft, die an⸗ ſie alen gen, ben. inen den iker⸗ ver⸗ ein 193 wirkliches Intereſſe, und wir wurden beide recht ernſt⸗ haft dabei. Von den Fragen und Antworten zwiſchen uns will ich blos folgende anführen: Fr.:„Was iſt die Bedeutung Ihres Tanzes? Iſt er Symbolik oder Disciplin?“ Antw.:„Beides. Wir tanzen, weil wir es nicht verhindern können, weil wir alſo die Gefühle unſeres Herzens auf dieſe Art ausdrücken müſſen; wirordnen unſe⸗ ren Tanz, ſo daß eruns ſelbſt unſeren Glauben und unſere Pflicht darſtellt und uns dadurch eine lebendige Lehre für unſereGemüther, für unſere SeeleundunſernKörperwird.“ Fr.:„Sie ſagen, daß Sie etwas ganz Neues in der Welt vorſtellen. Ich muß jedoch bemerken, daß Sekten, die ſich von der Welt abgeſchieden und allen ihren Freuden entſagt haben, um ein heiliges Leben zu führen, zu allen Zeiten vorhanden geweſen ſind. Wodurch unterſcheidet ſich Ihre Gemeinde von den Mönchs⸗ und Nonnen⸗Orden, die ſich bald nach Er⸗ ſtehung des Chriſtenthums bildeten und in vielen Län⸗ dern noch jetzt vorhanden ſind?“ Antw.:„Da iſt der größte Unterſchied von der Welt vorhanden. Dieſe Orden wollen die Menſchen dadurch die Vollkommenheit erreichen laſſen, daß ſie Mann und Weib trennen, welche Gott gleichwohl zu einer geiſtigen Ein⸗ heit geſchaffen hat. Wir dagegen ſagen, daß der voll⸗ kommene Menſch nur durch die geiſtige Vereinigung zwiſchen Mann und Weib entſtehen kann.“ Fr..„Der Grundgedanke Ihrer Geſellſchaft iſt alſo die geiſtige Ehe?“ Antw.:„Wir nennen es nicht Ehe. Aber wir ſa⸗ gen blos, daß Männer und Weiber nicht gute und vollkommene Menſchen werden können, außer durch gegen⸗ ſeitige geiſtige Vereinigung und täglichen Umgang nachder Abſicht Gottes, ſo daß Mann und Weib einander zur Gewinnung eines vollkommenen Lebens helfen müſſen.“ Bremer, die Heimath in der nenen Welt. I. 13 194 Fr.:„Aber wenn alle Menſchen ſo dächten, wie Sie, und die ganze Welt, d. h. unſere Welt würde eine ſolche Geſellſchaft wie die Ihrige, ohne Ehe und ohne Kinder, dann würde es ja bald mit der ganzen Welt aus ſein. Sie würde ja ausſterben.“ Elder Evans bedachte ſich eine kleine Weile und ſagte dann, daß, wenn die Welt auf eine gute Art auf⸗ hörte und ein gutes heiliges Ende nähme, es eben ſo gut wäre, wenn dieß bald, als wenn es ſpät geſchähe, da wir doch Alle unſerer Verwandlung entgegenſehen und auf ein beſſeres Leben hoffen. Hierauf beſann auch ich mich eine Weile und fand dann nichts zu antworten, ſondern meinte, der Bruder hätte nicht ſo unrecht. Ich hatte zwar und habe noch immer meine Gedanken darüber, daß wir Menſchen eine größere Arbeit auf dieſer Erde auszuführen haben, als zu welcher wir Zeit erhalten, wenn wir alle im Leben und Tod des Shäkerſtaats aufgehen ſollen; aber ich wollte jetzt nicht den Ocean aufrühren, wo weder ich noch Elder Evans recht ſchwimmen konnten, ſondern begnügte mich, nähere Aufſchlüſſe über das Leben und die Einrichtungen des Shäkerſtaats zu erhalten. Die Entwicklung des geiſtigen Menſchen in einem geiſtig, heiligen Geſellſchaftsleben iſt ſein Zweck, und chriſtiich tiebevoller Ungang im Geiſt und in der That zwiſchen Männern und Weibern, unter Gebet und Arbeit, mit und für einander, das ſind die Triebräder. Unter⸗ drückung weltlicher Lüſte und ein körperlich ascetiſches Leben ſind die Mittel, welche alle Hinderniſſe für die erſtern wegräumen. Ich fragte eines der jungen Mädchen:„Habt Ihr wirklich einander ſehr lieb?“ „Ach ja, das thun wir gewiß!(Oh yes, indeed ¹)“ antwortete ſie, und die ſchönen großen, blauen Augen ſtrahlten bekräftigend. Das Verhältniß zwiſchen dieſen jungen Mädchen und den ältern Männern, das ich bei ——— ie e d en d ſo e, n id er en n, m er er en d nd at it, r⸗ es ie en en ei 195 einigen Gelegenheiten bemerkte, ſchien mir beſonders ſchön und liebreich zu ſein, wie zwiſchen guten Töch⸗ tern und Vätern. Mitten unter unſerem Geſpräch kam James Lowell die Treppe herauf und in das Zimmer, wo ich unter der Geſellſchaft ſaß, geſprungen, ſein ſchönes, lebens⸗ friſches, von Geſundheit und Herzlichkeit ſtrahlendes Geſicht glänzend wie eine Maiſonne in der bleichen, obſchon freundlichen Verſammlung. Er und Maria waren juſt jetzt angekommen, und wir hatten eine herz⸗ liche Begrüßung mitten unter den Shäkergeſchwiſtern, die ſanft lächelten und uns nicht ohne Theilnahme an⸗ ſahen. Sie luden uns ein Alle zu kommen und das Abendbrod mit ihnen zu eſſen. Aber Lowells ſetzten ihre Reiſe nach dem Libanousbrunnen fort, weil Marie der Ruhe bedurſte Springs und ich gingen mit un⸗ ſern Shäker⸗Freunden in einen Saal hinab, wo ein Tiſch für uns gedeckt war mit Thee, Milch, Brod und Butter, Kuchen und Sulzen, Alles ſehr reichlich. Wir wurden von den Schweſtern bedient; einige der älteſten Brüder ſetzten ſich mit uns zu Tiſch, aber ohne etwas zu verzehren. Zu einer der Schweſtern, die uns auf⸗ wartete, ſagte Rebekka Spring, als dieſe ſich herab⸗ beugte, um ihr etwas anzubieten:„Sie ſehen ſo gut aus, daß ich Sie küſſen muß.“ Sie lächelte und ihre Miene zeigte Zufriedenheit. Mehrere Schweſtern kamen herein, um uns zu ſehen. Ich bemerkte einige Weiber von mittlerem Alter mit ausgezeichnet guten und edeln Geſichtern. Ruhe und milder Ernſt zeichnete alle aus. Sie erinnerten mich an einen milden, aber trüben Sep⸗ tembertag in Schweden. Die Luft iſt rein, das Feld noch grün, es iſt angenehm und ruhig; aber eine gewiſſe Wehmuth weilt über der Landſchaft, es fehlt die Sonne, es fehlen Blumen und Vogelgeſänge; Nichts wächſt, Alles ſteht ſtill, und wenn ein Vogel ein kleines Gezwitſcher erhebt, ſo iſt es bald zu Ende. 196 Ich gefiel mir indeß wohl in der milden, ſtillen Sep⸗ tember⸗Atmoſphäre, und die Shäkerſchweſtern ſchienen mit Vergnügen unſer ſichtbares Intereſſe für ſie und ihre Geſellſchaft zu bemerken. Sie waren von Herzen freundlich und recht an⸗ genehm, weit mehr als ich geglaubt hatte, als ich ſie während der Vormittagspoſſe geſehen. Als wir Ab⸗ ſchied nahmen, ſagte ich zu ihnen:„Ich grüße Sie alle mit einem geiſtigen Kuß, denn ich vermuthe, daß Sie keinen andern haben wollen!“—„O, wir ſind nicht ſo einſeitig!“(„We are not so particular!“) ſagte lächelnd ein junges Mädchen ſtreckte ihr hübſches Köpfchen vor und küßte mich; jetzt kamen auch die an⸗ dern und wir, Rebekka und ich, hatten einen herzlichen Küſſewechſel mit den Shäkerinnen; und als ſie dabei lächelten, ſagte ich zu ihnen: Ich glaubte, daß Sie nicht lächeln könnten, und jetzt lachten ſie wieder herzlich, aber ſtill, und eine der älteren ſagte:„O, ich möchte um viel gute Dinge mein gutes Lachen nicht entbeh⸗ ren!“ Sie waren recht artig, gemüthlich und ange⸗ nehm, tauſendmal mehr, als einigeweltliche und gedanken⸗ loſe„ladies,“ die im Hotel am Libanonbrunnenſich ſehr vor⸗ nehm und hochweiſe über die armer Shäkerinnen ausließen. Ich erhielt von ihrer Geſellſchaft einen guten Ein⸗ druck, und ich habe von Perſonen, die mehrere Jahre lang mit Shäkern in Berührung geſtanden, viel Gutes von ihnen gehört, beſonders von ihrem chriſtlichen, gegen⸗ ſeitigen Liebesleben, von ihrer Güte gegen arme Leute, ſowie ihrer zärtlichen Verpflegung der Kinder, die ihnen anvertraut werden, theils von armen Leuten außerhalb ihrer Geſellſchaft, theils von Familien, die Mitglieder da⸗ rin werden, die aber da leben, indem ſie keine natürliche Bande, ſondern bloß geiſtige Verhältniſſe anerkennen. Die Verpflegung der alten und kranken Gemeindemitglieder ſoll auch vortrefflich ſein, wie ich von meiner lieben Docto⸗ rin in Boſton, Miß Hunt, gehört habe, welche in zwei M — 197 oder drei Shäkergemeinden eine gute Praxis hat. Sie hat mir auch von manchem in der Welt verbitter⸗ ten Menſchenleben erzählt, das in der Shäkergeſellſchaft ein friedliches Aſyl gefunden; von unglücklichen Gat⸗ ten, von einſamen Weibern, von ſchwer durch Kummer geprüften Männern, die hier einen Hafen gegen täg⸗ liche Stürme gefunden, die hier Freunde, Pflege, die Annehmlichkeiten des Lebens und den Frieden des Le⸗ bens gefunden, wie ſie ihn in der Welt nie hätten be⸗ kommen können. Dieſe Geſellſchaften ſind gemilderte Kloſtervereine, und im Ganzen, wie mir ſcheint, die vernünftigſten und zweckmäßigſten Einrichtungen dieſer Art, ausgenommen im Tanz, welcher bedeutend ver⸗ nünftiger und ſchöner ſein könnte. Elder Richard Buſhnell ſchenkte mir beim Abſchied ein Buch, das die Geſchichte der Entſtehung und Organiſation„der tauſendjährigen Kirche oder der vereinigten Geſellſchaft von Gläubigen, genannt Shä⸗ ker“ enthält. Ich ſehe darin, daß die Sekte zuerſt in Frankreich aufkam, als bei dem Wiederaufleben des religiöſen Sinnes in der Dauphiné gegen Ende des ſechszehnten Jahrhunderts eine Menge Männer und Weiber von religiöſen Entzückungen an Seele und Leib befallen wurden, welche ſie als Wirkungen des heiligen Geiſtes betrachteten, da ſie von Erſcheinungen und ſtar⸗ ken inneren Mahnungen zu einem heiligen, Gott ge⸗ weihten, ascetiſchen Leben begleitet wurden. Beun⸗ ruhigt und verfolgt in Frankreich, flohen einige von ihnen nach England. Anna Lee, Tochter eines Schmids, ein junges Miädchen, das ſchon von Kindheit auf Erſcheinungen und Eingebungen, denjenigen ähnlich, die in der Ge⸗ ſchichte der ſchwediſchen Heiligen Stt. Brigitta erzählt werden, gehabt, wurde mit den franzöſiſchen Frommen bekannt, und obſchon ſie weder leſen noch ſchreiben konnte, zeichnete ſie ſich bald durch ihre Kenntniß in der Bibel und in heiligen Dingen aus. Nach innern, 198 geiſtigen Kämpfen, die ihren Körper entkräfteten, kam ſie in einen Zuſtand religiöſer Verzückungen, während deſſen Seele und Leib aufs Neue auflebten und ſie ſelbſt der Mittetpunkt der Lehrerinnen und Leiterinnen für das kleine Häuflein der zerſtreuten Perſonen wurde, welche an die hövere Eingebung dieſes ekſtatiſchen Zu⸗ ſtandes glaubten. Starker Glaube und natürliches Ta⸗ lent halfen dem aller gewöhnlichen Bildung ermangeln⸗ den Weibe, ſo daß ſie das in ein Syſtem brachte, was vorher abgeriſſene Phänomene und Ahnungen geweſen waren. Durch ſie und unter ihrem Einfluß bildete ſich die Lehre aus, daß die Welt, da ſie durch die erſte Eva gefallen ſei, nun auch durch die zweite Eva vollkom⸗ men wieder aufgerichtet werden müſſe. Chriſti zweite Erſcheinung geſchieht durch Einwirkung des heiligen Geiſtes auf die zweite Cva, auf das Weib, welches das Geſchlecht, das ſie früher zum Abfall von Gott führte, nunmehr zum Leben in Gott führt. Vollkommene Kenſchheit iſt die Hauptb dingung dafür, ſowie die Richung des ganzen Lebens auf Gott während der Arbeit für die Brüder und Schweſtern. Die Shäkerſekte erblickte in Anna Lee dieſe zweite Eva, dieſe neue Offenbarung Gottes auf Erden. Sie nannte ſie„Mutter Anna Lee,“ und ließ ſich von ihren Cingebungen leiten. Die tanzenden Gottesdienſte, die ſie einführte, und wo die Verzückungen heftig waren, wie alles junge religiöſe, entzückte Leben⸗ natürlich iſt, wurden bald von dem Pöbel geſtört, und Mutter Anna Lee nebſt mehreren Anhängern ins Gefängniß gewor⸗ fen. Sie wurden jedoch entlaſſen, gewarnt und be⸗ droht, aber vergebens. Sie kamen wieder zuſammen, um zu ſingen und zu lobpreiſen, und der Geſang wurde zum Tanz und der Lobgeſang riß ſie hin, von der Erde aufzuſpringen und zu hüpfen. Beſtändig beun⸗ ruhigt und bedroht in England, warfen die Shäker, wie alle verfolgten Enthuſiaſten Europas, ihre Blicke übers Meer nach der neuen Welt. Mutter Anna Lee bekam d ie e, U⸗ as en ch va m⸗ ite en s ne die der eite Sie ren die en, iſt, nna or⸗ be⸗ en, irde der un⸗ wie bers kam 199 die Eingebung hier die neue Libanons⸗Geſellſchaft zu gründen. Mit einem kleinen Häuflein ihrer Getreuen begab ſich Anna Lee im Jahr 1774 übers Meer. Auf dem Waſſer ſchwankend tanzten und ſangen ſie in verzück⸗ tem Gottesdienſt. Der Schiffskapitän verſtand ſich auf dieſe Art von Gottesverehrung nicht, bedrohte ſie und ſagte, wenn ſie dieſelbe nicht aufgeben, ſo würde er ſie über Bord werfen laſſen. Aber ſie blieben dabei, zu ſingen und zu tanzen. Jetzt erhob ſich ein Sturm; eine Planke wurde von der Seite des Schiffs wegge⸗ riſſen, und das Waſſer ſtürzte herein. Der Kapitän, den die Shäkergeſellſchaft zur Verzweiflung brachte, er⸗ bickte in ihren ungöttlichen Poſſen die Urſache dieſes Mißgeſchicks, und war im Begriff, ſeine Drohungen im vollen Ernſt ausführen zu laſſen, als Mutter Anna rief:„Sei gutes Muths, Kapitän, denn es wird kein Haar Deines Hauptes beſchädigt werden. Ich ſehe zwei Engel am Maſt Deines Schiffes ſtehen!“ Und in dieſem Augenblick— ſo fährt die Erzählung fort—„kam eine Woge und ſchlug die Planke wieder in die Seite des Schiffes ein, ſo daß kein Waſſer mehr herein ſtrömte, wie früher, und die Leute mit den Pum⸗ pen jetzt das Waſſer bewältigen konnten.“ Bald leg⸗ ten ſich auch die Stürme. Der Kapitän ließ darauf die Shäker in Ruhe. Sie fuhren fort zu ſingen und zu tanzen. Singend und tanzend auf den wilden Wogen des Meeres kamen ſie in der nenen Welt an. Mutter Anna Lee und ihre Getreuen kauften Land unfern der Ufer des Hudſon, machten die Wildniſſe urbar, bauten Häuſer, und gründeten da im Jahr 1776, im Monat September ihre erſte kirchliche Geſellſchaft, unter dem Namen Neu Libanon. Mutter Anna Lees Gatte, ein armer Mann, den ſie vor der Zeit ihrer religiöſen Erweckungen geheira⸗ 200 thet hatte, und der im Anfang auch zu ihren Getreuen gehörte, ſpäter jedoch untreu wurde, trennte ſich von ihr, und verfiel in Trunkenheit und andere Laſter. Aber der Shäkerſtaat in Neu Libanon gedieh und wuchs unter Anna Lees Leitung, und erzeugte neue Shäkervereine in andern Staaten, wo Anna Lee Be⸗ ſuche machte, um dort ihre Lehre zu verbreiten. Sie ſtarb in hohem Alter, allgemein geſchätzt und geliebt. Ihre Aenßerungen und Lehren, die ſich in den Büchern aufbewahrt finden, deuten auf ein gottesfürch⸗ tiges und ſanftes Gemüth, zuweilen nicht ohne den einbildiſchen Glauben, daß ſie ein zweiter Chriſtus ſei, und beweiſen im Uebrigen einen ſehr klugen, ökonomi⸗ ſchen und praktiſchen Geiſt. Gleichwohl werden alle Arbeits⸗ und Sparſamkeitsregeln auf Gott, als den Geber alles Guten, zurückgeführt.„Durch Gottes Segen kommen alle Nahrungsmittel; darum müßt Ihr nicht das Geringſte vernachläſſigen.“ Von ihrem Ausſehen wird geſagt:„Mutter Auna Lee war etwas unter der gewöhnlichen Frauenzimmer⸗ größe, ſie war ziemlich derb, aber gerade und wohlge⸗ bildet und hatte regelmäßige Formen und Geſichtszüge. Ihre Farbe war hell und klar, ihre Augen blau, aber durchdringend; ihr Geſichtsausdruck war edel und ſee⸗ lenvoll, aber feierlich und ernſt. Von vielen Weltkin⸗ dern wurde ſie ſchön genannt, und für ihre getreuen Kinder ſchien ſie einen ſolchen Grad von Schönheit und himmliſcher Liebenswürdigkeit zu beſitzen, wie die⸗ ſelben noch nie bei irgend einer ſterblichen Perſon ge⸗ ſehen hatten. Und in Zeiten, wo ſie unter Einwirkung des heiligen Geiſtes ſtand, glänzte ihr Geſicht von Gottes Herrlichkeit, und ihre Geſtalt und ihre Thaten ſchienen göttlich ſchön und engelgleich zu ſein. Die Macht und der Einfluß ihres Geiſtes in ſolchen Zeiten gehen über alle Beſchreibung. Niemand konnte ihr 201 damals widerſprechen, oder der Macht, durch welche ſie ſprach, etwas entgegenhalten.“ Gegenwärtig finden ſich in den Vereinigten Staa⸗ ten 18 Shäkergeſellſchaften, die in mehreren Staaten zerſtreut ſind, von New⸗Hampſhire bis Ohio und In⸗ diana. Die ganze Sekte ſoll indeß nicht viel über 4000 Mitglieder zählen. Die Geſellſchaft von Neu⸗ Libanon zählt inzwiſchen 7— 800 Mitglieder. Jeder Verein hat ſeine beſondern 2— 3 Familien und unter dieſen ſeine Kirchen⸗Familie, beſtehend aus aus⸗ gewählten, geiſtig begabten Männern und Weibern, welche die geiſtigen Angelegenheiten der Geſellſchaft lenken. Die weltlichen werden von den dazu erwählten Aelteſten gelenkt. Alle Shäker⸗Vereine ſtebhen in einem gewiſſen Gehorſams⸗Verhältniß zu der Geſell⸗ ſchaft von Neu⸗Libanon, welche die Muttergeſellſchaft genannt wird. Das Eigenthum im Shäkerſtaat iſt emeinſam. Niemand in der Geſellſchaft beſitzt Etwas ſir ſich. Die Aelteſten beſorgen die Austheilungen an Alle. Jeder, der in die Geſellſchaft kommt und ein größeres Vermögen mitbringt, kann nach einiger Zeit dieſes wieder herausnehmen, weun er den Staat ver⸗ laſſen will. Aber iſt dieſes Vermögen dem Staat mit vollem Willen und klarem Wiſſen geſchenkt worden, ſo kann es ſpäter nicht mehr herausgenommen werden. Die meiſten Shäker⸗Geſellſchaften ſollen wohl be⸗ mittelt, die in Neu⸗Libanon ſogar reich ſein und ihre Beſitzungen immer weiter ausbreiten. Sie lebt von Ackerbau und Viehzucht, jedoch meiſt auch von Hand⸗ werken. Alle Dinge, welche die Shäker verfertigen, ſind gediegen, haben aber in Form und Farbe etwas Son⸗ derbares und Geſchmackloſes. Grangelbe oder blaß gelbbraune Farben find die vorherrſchenden. Die Shäker leben gut und arbeiten gemüthlich, weil ſie kein Verlangen nach Ueberfluß haben; deßwegen ar⸗ 202 beiten ſie auch gleichmäßig fort und zwar Alle. Die Sekte nimmt nicht ſtark zu, aber ſie ſcheint auch nicht abzunehmen. Man weiß von dieſen Vereinen keine Standalgeſchichten zu erzählen. Aber oft genug ſoll es vorkommen, daß ein junges Paar, ein Bruder oder eine Schweſter die Flucht ergreift, um ſich außerhalb der Geſellſchaft zu verheirathen. Man forſcht ihnen nicht nach, ſondern betrachtet ſie als verloren. Einmal,(ſo habe ich erzählen hören) war ein neuge⸗ bornes Kind vor die Thüre eines Shäker⸗Hauſes ge⸗ legt worden. Dieß machte großes Aufſehen in der Geſellſchaft, als es am Morgen gefunden wurde; und alle Shäker, Männer und Weiber, Jung und Alt ka⸗ men um das wunderliche kleine Ding zu ſehen. Das „Baby“ wurde Gegenſtand der Neugierde und Theil⸗ nahme der ganzen Shäkergeſellſchaft. Das Wohlbe⸗ finden, das Wachsthum und die Entwickelung des „Baby“ blieb Gegenſtand des allgemeinen Geſprächs und der allgemeinen Aufmerkſamkeit. Das„Baby“ war lange Zeit die Hauptperſon im Shäkerſtaat. und jetzt wirſt Du wohl genug an den Shäkern haben. Ich wünſche noch mehr von ihnen und ihrer Geſellſchaft zu ſehen, und hoffe künftig Gelegenheit dazu zu erhalten. Mutter Anna Lee! wie manche Evas Tochter(und auch Sohn) ſollte nicht bei dir in die Schule,(wenn auch nicht juſt in die Tanzſchule) gehen. Am Libanonsbrunnen verbrachte ich den Abend mit meinen Freunden Springs und Lowells und nahm auch ein Bad aus ſeinem kryſtallhellen, etwas ſchwefelhal⸗ tigem Waſſer. Zuletzt haderte und ſtritt ich mit Springs, denn es war jetzt wieder die alte Geſchichte, daß, als ich meinen Antheil an der Reiſe und dem Aufent⸗ halt in den Hotels bezahlen wollte, nichts mehr zu be⸗ zahlen war. Dieſe Leute haben tauſend liebenswürdige Arten und Ausdrücke, um mich zum Schweigen zu bringen und mich zu zwingen, daß ich ſie meine Reiſe⸗ — ie ht ne er lb en e⸗ e⸗ er nd * as il⸗ e⸗ es hs ar rn rer eit s die en. nit uch al⸗ g8, als nt⸗ be⸗ ige iſe⸗ 203 koſten beſtreiten laſſe. Sie ſind herzlich gute und mit⸗ theilſame Naturen, und da ich ihre Freude am Geben kenne, ſo ſchweige ich zuletzt, aber mit Thränen in den Augen, und laſſe ſie gewähren, ohne ihnen auch nur zu danken. Aber ich weiß, daß ſie es begreifen, wie mir dabei zu Muthe iſt. Ich kann Dir nicht beſchrei⸗ ben, wie liebenswürdig ſie gegen mich ſind, wie freund⸗ lich und zärtlich ſie mich verpflegen! Und Alles dieß auf eine ſo einfache und natürliche Art, als ob ſie meine Geſchwiſter wären. Ich habe ſie herzlich lieb, und bin glücklich, daß ich Menſchen von ihrer Art keunen gelernt habe. Springs reiſten nach New⸗York zurück; ich zog weſtwärts mit Lowells, theils auf Dampfbvoten, theils auf Eiſenbahnen. Aber wir bekamen einen ſchrecklichen Regen, und wurden während des Wechſels der Schiffe nebſt unſern Reiſeſäcken tüchtig durchnäßt. Unter einem ſtrömenden Regen, der in Fluthen über die Straßen von Albany lief, kamen wir an ein Hotel, wo man uns nicht aufnehmen wollte. Es ſollte in zwei Tagen ein landwirthſchaftliches Feſt in der Stadt ſein, und alle Zimmer waren für Leute gemiethet, die auf den Martt kommen ſollten. Aber da wir verſprachen nur übernachten zu wollen, ſo bekamen wir endlich Zimmer, und es that wohl ſich an den flammenden Feuern trocknen zu dürfen und warmen, belebenden Thee zu bekommen. Ich bin hier im Mittelpunkt des mächtigſten Staats von Nordamerika, der eine ſo große Bevölkerung und weit reichere Leute hat, als ſich in ganz Schweden zuſam⸗ menfinden.(Aber Schweden beſitzt einen Reichthum, welchen der Kaiſer⸗Staat New⸗York niemals bekommen kann, ſo viel Reichthümer er auch ſonſt gewinnen mag.) Er iſt jedoch bei weitem noch nicht ſo mächtig, als er werden kann und ſicherlich wird. Der Staat New⸗York iſt in Bezug auf Erinnerungen und Ur⸗ 204 ſprung nicht ſo intereſſant wie Maſſachuſetts, Pennſyl⸗ vanien und Georgien. Das Handelsintereſſe war es, das zuerſt das Land bevölkerte. Von Holland her kamen ſeine erſten Bebauer. Sie nannten das Land Neu⸗ Niederland, und die Halbinſel, auf welcher die Stadt New⸗York liegt, hieß damals Manhattan, ein ſtattlicher indianiſcher Name, mit welchem man New⸗York noch einmal ſollte taufen können. Auf Rechnung der Hol⸗ länder reiſte Hudſon nach Amerika und entdeckte den herrlichen Fluß, der ſeinen Namen führt, und er be⸗ ſchreibt das Land ringsumher als„het schoouste land, dat men met voeten betreden kon“(das ſchönſte Land, das man mit dem Fuß betreten kann). Noch jetzt iſt der Staat voll von Holländern, die clanartig leben und die Schulen und andre gute Einrichtungen, welche von der jetzt herrſchenden geſetzgebenden Bevölkerung geſtiftet wurden, nicht beſuchen wollen. Der Staat New⸗York ſcheint zu dem geiſtigen Schatz großer Ideen in der neuen Welt nicht beigetragen zu haben. Aber die Idee einer Föderativ⸗Republik ſcheint New⸗York von den Generalſtaaten Hollands nach Nordamerika überpflanzt zu haben. Und nun gute Nacht, meine Liebe, ich bin müde und ſchläfrig. Niagara, den 7. Sept. Umbrauſt von den Strömungen dieſes großen, be⸗ rühmten Wunders der neuen Welt— Niagara genaunt. ſchreibe ich heute an Dich. Und es iſt groß und rüh⸗ menswerth und wunderbar ſchön, und gleichwohl ſo einfach und leichtfaßlich in ſeiner Größe, daß man auf u1 w fü Li yl⸗ es her U⸗ adt her och ol⸗ en be⸗ nd, nd, iſt en che ng aat een ber ork ika ine int⸗ üh⸗ auf 205 einmal den Eindruck davon in Seele und Sinn bekommt und ihn unauslöſchlich behält. Der Strom ſetzte mich weniger in Staunen, als ich erwartete, aber er iſt mehr für mich geweſen. Er iſt in mich hineingewachſen und . aber ich will ein andermal mehr davon erzählen. Es iſt nun Abend und finſter draußen. Beim Lichtſchein und der Muſik des Stromgebrauſes unter meinem Fenſter, ja beinahe unter meinen Füßen(denn wir haben unſere Zimmer im Hotel„Cataract house“ über den Stromſchnellen, die mit Blitzesgeſchwindigkeit ſchäumend vorbeiſchießen, bevor ſie zu dem großen Fall kommen) will ich ein wenig mit Dir plaudern und Dir von dem Leben der verfloſſenen Tage berichten. Das letzte Mal ſchrieb ich aus Albany. Der Re⸗ gen hielt uns den ganzen Nachmittag und Abend im Zimmer. Der Morgen kam gran und trüb. Ich guckte wie eine kalekutiſche Henne zum Himmel empor aus Furcht vor Regen; aber als ich die grauen Wolken ſich ver⸗ dünnen und blaue Blicke zwiſchen ihnen hervorleuchten ſah, da wurde es mir wohlig zu Muth. Und der Tag war herrlich und die Reiſe war auch herrlich durch dieß ſchöne und fruchtbare Mohawks⸗Thal, längs dem Fluß gleichen Namens, einem lebhaften, brauſenden kleinen Strom mit klaren, röthlichen Wogen, die durch grüne, fruchtbare Marken hineilen. Die Wolken nah⸗ men Flügel und flogen hoch empor in das hohe Blau; wie kleine Cherubsflügel verſchwanden ſie dort und ver⸗ ließen das Firmament, das hochblau und klar ſtrahlte. Die Erde glänzte von Sonnenblumen, theils wilden, theils ſolchen, die in den kleinen Höfen gepflanzt wer⸗ den. Ich habe ſie nie in ſolchem Reichthum, auch nie von ſolcher Größe geſehen. Viele hatten Kronen und waren ſo hoch wie junge Bäume. An einem Ort ſah ich ein Häuschen, das ganz von großen Helianthen, wie von einem Hain umgeben war; die Blumen waren höher als das Haus. Dieſes war allerdings nicht hoch. 206 Ueberall ſah das Land wohl bepflanzt und bebaut aus. Die Sonne leuchtete über der ſchönen reichen Erde, und die Erde leuchtete wieder glänzend von dem gefallenen Regen; alles ſah ſo friſch und freudvoll aus. Und wir flogen auf der guten Eiſenbahn in guten Lehnſtüh⸗ len ruhend, flogen nach dem verheißungsvollen Weſten, dem Abendland der Sonne!... So flogen wir wie⸗ der durch eine Menge neugebauter Städte, wie Syra⸗ cus, Rom, Oswego, Auburn, Wien, Amſterdam, Schnectady, Oneida, Seneca⸗Falls, Genf u. ſ. w., lauter hübſche, lauter zuſehends wachſende Städte mit ſchönen Häuſern und Bäumen, mehreren zierlichen Ge⸗ bäuden, Kirchen und einem Stadthaus verſehen, das durch Lage und Charakter über die Stadt herrſcht, alle zuſammen lebendige Zeugniſſe von Ordnung und Wohl⸗ ſtand, und alle einander ſehr gleich trotz der verſchie⸗ denen Charaktere, auf die ihr Namen hindeutet. Ich liebe dieſe Hervorrufungen all der berühmten Namen der alten Welt neben den eigenen der neuen Welt, denn ich höre darin eine unbewußte fortwährende Pro⸗ phezeiung von der höheren Metamorphoſe, welche dieſes Land und Volk hervorbringen wird, und worin das Le⸗ ben der alten Welt aufs Neue ſich emporrichten wird, aber in höherem oder geiſtigerem Sinn. In dieſen Namen von allen Ländern und Völkern höre ich den Vorboten der großen Völkerverſammlung von allen Ländern der Erde, die einmal in dieſem Land ſtalt⸗ finden wird. Wir fuhren auch an mehreren Binnenſeen mit ro— mantiſchen Ufern vorbei, Cauynga, Seneca, Canan⸗ daigna, Oneida u. ſ. w. Die Landſchaft hatte keine großen Züge, aber eine unendliche Lieblichkeit und Fruchtbarkeit. Obſtgärten(Orchards) glänzten mit hübſchen Aepfeln und Pfirſichen um die wohlgebauten Landhäuſer und Farms her. Man hat mir die Reiſe durch den weſtlichen Theil von New⸗York als interel⸗ 207 ſant durch das Schanſpiel des reichen, blühenden, wach⸗ ſenden Lebens geſchildert, und das iſt es auch. Es iſt ein ländliches Feſt von einem Ende zum andern, und dieſe wechſelreiche Anmuth läßt eine gewiſſe Ein⸗ förmigkeit in den Scenen vergeſſen. Meine liebenswürdigen jungen Freunde, James und Maria, erfreuten ſich daran, wie ich. Und als der Tag ſich neigte, da neigte ſich auch die Sonne am weſtlichen Himmel, gegen welche wir zuſtenerten, und je tiefer ſie ſank, um ſo glühender wurden ihre Far⸗ ben, zugleich wärmer und tiefer, und wir fuhren ge⸗ rade gegen die Sonne zu. Ich ſah gegen die Sonne, wie eine Tochter Peru's ſie anſehen könnte, ich ſah ihr entgegen wie die Son⸗ nenblumen auf meinem Wege, und ich fühlte mich in einem innigen Verhältniß zu ihr. Am Abend kamen wir nach utika, wo wir über⸗ nachten ſollten. Und während Maria ruhte und Ja⸗ mes Einiges für den Ausflug des folgenden Tags be⸗ ſtellte(wir wollten an den Trenton⸗Fall fahren) zog ich auf eine Entdeckungsreiſe in dem Städtchen mit dem alt republikaniſchen Namen aus. Ich dachte: Ich will mich nach einem Cato umſehen. Viel⸗ leicht daß er hier wieder geht. Und das that er auch, obſchon in veränderter Geſtalt. Ich ſah nämlich an ein Paar Hausthüren ein gedrucktes Plakat, auf wel⸗ chem ich las: Die Schneiderinnen in der Stadt Utika werden aufgerufen, nächſten Donnerſtag in.. zu⸗ ſammenzukommen, um ſich über Hilfsmittel gegen den Druck zu berathen, unter welchem wir arbeiten, und wie wir am beſten unſere Rechte wieder gewinnen können. Alter, ſtrenger Verfechter der Volksrechte, der Du nicht länger leben wollteſt, als Du dieſelben in Cäſars Händen erdrückt ſahſt, alter, hochherziger Cato, der Du für republikaniſche Freiheit ſtarbſt, Du haſt den⸗ 208 noch geſiegt! Was Du wollteſt, wofür Du kämpfteſt, das macht ſich hier in der neuen Republik, zweitau⸗ ſend Jahre ſpäter geltend. Ich ſehe und leſe es hier: auch die Geringſten des Volks können für ihre und der Ihrigen Rechte aufſtehen, können Reden auf dem Forum des Staats ſo gut wie die Mächtigſten halten und Recht gewinnen. Alter Republikaner, Du haſt geſtegt! Und Dein Geiſt lebt hier mächtiger als in dem alten Rom.„Die Schneiderinnen der Stadt utika“ zeugen davon in der Stadt, welche den Namen Deines Geburtsorts trägt. Nur Schade, daß ſie ihre Aufforderung nicht etwas grammatikaliſcher ſchrieben. Aber dieß iſt von untergeordneter Bedeutung, da jeden⸗ falls der Sinn vollkommen klar iſt. So kehrte ich nach Haus zurück, froh, daß ich Catos Geiſt begegnet war, und in Utika mehrere ſehr hübſche und geſchmackvolle, von kleinen Pflanzungen umgebene Häuſer geſehen hatte. Die Straßen in den amerika⸗ niſchen kleinen Städten ſind Alleen von kleinen, ver⸗ einzelten Villen mit Grasplätzen, ſchönen Eiſengittern und hübſchen Bäumen vor den Häuſern. Nur in dem⸗ jenigen Theil der Stadt, wo die Handelsbuden ſich be⸗ finden, ſind die Häuſer eng zuſammengebaut und mehr für das Geſchäftsleben, als die Schönheit berechnet. Zierlichkeit und gute Proportion zeichnen jedoch alle aus, und überall herrſcht Ordnung und Sauberkeit. „Leben Sie glücklich und vergnügt hier in der Stadt?“ fragte ich in einer Bnde einen jungen Handelsmann, der recht freundlich ausſah.„O ja, wahrhaftig!“ antwortete er offen und herzlich,„wir haben gute Freunde, gute Nachbarn und Alles gut. Wir können es nicht beſſer wünſchen.“ Ein ſeltenes Glück und eine ſeltene Begnügſamkeit! Am nächſten Tag fuhren wir zu Wagen(eine Art zu reiſen, die hier ungewöhnlich zu werden anfängt) nach Trenton, um den Waſſerfall zu ſehen, welcher ſt, ⸗ v d m en ſt in dt en hre en. en⸗ tos che ene ka⸗ er⸗ en m⸗ be⸗ ehr et. lle eit. t?“ nn, 1 ute nen ine Art igt) cher 209 in Bezug auf Berühmtheit ein Vetter des Niagara iſt. Es iſt ein wilder und gewaltiger Fall, der durch eine ungeheure Bergſpalte in gerader Linie gewiß eine halbe engliſche Meile herabſtürzt. Die Waſſermaſſe die hier wie klarer Keres ausſieht, ſpringt zwiſchen den hohen, dunkeln Bergränden hervor, gleich einem Berſerker von Abſatz zu Abſatz im wildeſten Taumel, in der Sonne blinkend, in den Abgrund ſtürzend, hoch über Felsblöcke und Baumſtämme hinwegſpringend, Alles auf ihrem Weg niederreißend und zermalmend, Kaskaden von Waſſerſtaub rechts und links im Walde ſprühend, der gleichſam ſtumm und zitternd von dem Hingang des mächtigen Rieſenhelden daſteht. Er iſt prächtig, aber zu ſtürmiſch, zu beſinnungslos. Man wird von dem Getöſe betänbt und beinahe geblendet von der Heftigkeit der Waſſermaſſe. Man wird dabei müde wie von etwas Unvernünftigem, wenn es auch noch ſo hübſch iſt; man kann ſeine eigenen Gedanken nicht hören, noch weit weniger die von Andern, wenn ſie uns auch in's Ohr gerufen werden; man iſt über⸗ ſtimmt, überraſcht, übermannt von der Berſerkerwuth des Rieſen. Nur in ſeiner klar glühenden Farbe ſah ich das göttliche Feuer, und als ich auf einer Klippen⸗ terraſſe an der Seite des Falls meinen Hut abnahm, und mich vom Waſſerſtaub überregnen ließ, der hier wie ein Nebel herabfiel, ſo empfand ich, daß der Mächtige auch mild und erfriſchend ſein kann. Die Natur am Trenton iſt wild und maleriſch ſchön, aber beſchränkt. Sie iſt eine Berſerker⸗Natur. Wir verweilten den Tag über in Trenton, Ge⸗ fellſchaft haltend mit dem Rieſen und der Natur um ihn her. Das Wirthshaus war vortrefflich, wie bei⸗ nah alle Wirthshänſer hier zu Land, und lag in einem romantiſchen Thal. Wir aßen gut und ſchliefen gut, und ich wünſchte länger hier verweilen zu können. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 14 2¹⁰ Aber wir reiſten am folgenden Tag nach Utika zurück und von da weiter auf unſerem Wege weſtwärts. Die Sonne war auch jetzt mit uns, und die Ge⸗ gend war reich und fruchtbar, wie früher. Während unſerer haſtigen Fahrt fing etwas am Eiſenbahnzug durch die Frictivn des Holzes mit nenu gemachtem Eiſen Feuer, und man mußte anhalten, um es zu löſchen. Wir nahmen die Sache kalt, vergnügten uns dabei in unſern bequemen Stühlen etwas Rauch von dem Aben⸗ teuer zu bekommen und zu ſehen, wie flink und beſon⸗ nen man zu Werk ging, um die Gefahr abzuwenden. Der Zug war neben einem großen, ſchönen Obſtgarten ſtehen geblieben, der blos durch eine ziemlich niedrige Planke von der Straße abgeſperrt war. Ich machte juſt Marie Lowell auf die wahrhaft paradieſiſche Schönheit und Vollkommenheit einiger jungen Apfel⸗ bäume aufmerkſam, deren Früchte in den niedlichſten rothen und goldgelben Farben glänzten, als ich zu meiner Verwunderung und, ich muß es ſagen, zu mei⸗ ner Betrübniß eine Menge junger Männer von zwan⸗ zig und etlichen und dreißig Jahren, wohl gekleidet und gentlemänniſch in jeder Beziehung, über das Brett in den Obſtgarten hineinſpringen und die ſchönen, rei⸗ chen Obſtbäume auf das unbarmherzigſte angreifen und plündern ſah. Juſt die jungen, ſchönen Bäume, die ich bemerkt hatte, wurden raubgierig angefallen, her⸗ untergezogen, Zweige abgeriſſen und abgeknickt unter fröhlichem Lachen und Geplauder der Geſellſchaft; und immer mehr Leute kamen aus dem Bahnzug und ſpran⸗ gen über das Brett und in den Garten hinein. Aber jetzt ließ ſich weit hinweg in der Pflanzung eine Stimme vernehmen, und dieſe Stimme muß den apfel⸗ naſchenden Adamsſöhnen etwa vorgekommen ſein wie die Stimme des Herrn dem erſten Adam im Paradies nach dem erſten unerlaubten Apfeldiebſtahl, wenn auch nicht ganz ſo fürchterlich⸗ Gewiß iſt, daß ſie ſich auf rück Ge⸗ end zug iſen hen. i ben⸗ ſon⸗ den. rten rige chte iſche pfel⸗ hſten mei⸗ wan⸗ und tt in rei⸗ und die 2¹¹ die Füße machten, die Aepfel, welche ſie von den Bäumen reißen konnten, über das Brett und auf die Straße warfen, ſodann lachend und einander mit Aepfeln werfend über das Brett und in die Wägen hineinſprangen, indem ſie es dem Eigenthümer des Gartens überließen, ſeine mißhandelten, geplünderten Bäume zu betrachten. Ich geſtehe, daß dieſer Auftritt und die Laune, womit er betrieben wurde, mich ſehr in Erſtaunen ſetzte.„Iſt es möglich,“ ſagte ich zu James Lowell, „daß dieſe jungen Männer Gentlemen ſein können?“ Er ſchüttelte ſchweigend den Kopf. Und gleichwohl ſahen dieſe jungen Männer wie Gentlemen aus. Mehrere waren ebenſo ſchön, als ſie wohl gekleidet waren. Ich hatte ſchon vorher mehrmals von Obſt- und Blumenplündereien junger Herrn in Gärten bei größe⸗ ren Städten(beſonders um Philadelphia) erzählen ge⸗ hört und hatte auch Downing und Marcus Spring gefragt, wie es ſich damit verhalte. Sie gaben die Sache zu, ſagten aber entſchuldigend:„Das Obſt iſt in ſolcher Menge hier im Lande vorhanden und ſo wohlfeil, daß man auf ein unerlaubtes Zugreifen kein großes Gewicht legt.“ Inzwiſchen ſprangen die jun⸗ gen Männer bei der Stimme des Obſtbeſitzers wie ge⸗ wöhnliche Obſtdiebe davon. Der ganze Unterſchied zwiſchen dem alten europäiſchen Geſchlecht und dem neuen beſtand darin, daß das letztere ſich nicht ſchämte. Der Obſtdiebſtahl und die Mißhandlung der Bäume zeugten, gleich der Flucht vor dem Gartenbeſitzer, von der niedrigſten Sinnesart. Zur Mittagszeit kamen wir nach Rocheſter, einer der größern Pulsadern, durch welche der Handel und Wandel des Weſtens in die öſtlichen Staaten und der Handel der letzteren in die weſtlichen ſtrömt. Die Stadt liegt zwiſchen dem Ontario⸗See und dem Gene⸗ 2¹2 ſee⸗Fluß, wovon mehrere Fälle die berühmten Korn⸗ mühlen treiben. Durch die großen Binnenſeen ſteht ſie mit allen Staaten um dieſelben, ſowie mit Canada in Verbindung; und durch den Geneſee und Hudſon, den Erie⸗Kaual und unzählige Eiſenbahnen iſt ſie mit den öſtlichen Ländern in Berührung. Rocheſter iſt in Bezug auf ſein Wachsthum eines der Kinder des großen Weſtens. Die Stadt wurde im Jahr 1812 von Nathanael Rocheſter und einigen anderen Auswauderern aus Maryland gegrün⸗ det, hatte im Jahr 1820 1500 Einwohner, uud zählt ihrer jetzt im Jahr 1850 40,000. Das kann man Fortſchritt nennen. Ihre vornehmſte Induſtrie iſt Mehlbereitung. Ihre Mühlen ſollen ungefähr 5000 Tonnen Mehl täglich mahlen, prächtiges Mehl, ſagt man. In Rocheſter legten angenehme und freundliche Menſchen(Freunde von Lowells, und aus Maſſachuſ⸗ ſetts ſtammend) Hand an uns und führten uns zu Wagen fort, um den Löwen der Stadt zu beſehen, zuerſt nach den Fabriken, die an den hohen Ufern des Geneſees liegen. Das Waſſer, das die Arbeitsräder in denſelben treibt, wird höher oben am Fluß gewon⸗ nen und von den Fabriken aus, nachdem es die Ar⸗ beit vollbracht hat, wieder in den Fluß hinausgelaſ⸗ ſen. In ſchäumenden Kaskaden ſtrömt es haſtig die Bergklippen hinab, gleich wilden Schuljungen, die aus der Schule entlaſſen worden ſind und jetzt lebensluſtig ins Freie eilen. Aber hätten ſie nicht gearbeitet, ſo hätten ſie nicht ſpielen dürfen. Auf dem Ufer gegenüber, das ebenſo hoch iſt, als das andere, waren mehrere Luſtplätze(pleasure grounds) angelegt, und zwar, wie man uns ſagte, von Deut⸗ ſchen; es waren da Carouſſels, Schaukeln, Scheiben zum Schießen, ſowie andere Vergnügungen, und zu einem Feſt für Augen und Sinn breitete ſich von da aus eine Landſchaft von prärienartigem Umfang und ——„——-—-——, — n⸗ ht da n, nit tes rde nd in⸗ hlt an iſt 00 agt che uſ⸗ zu en, des der 0n⸗ Ar⸗ aſ⸗ die Aus ſtig als ds) eut⸗ ben zu da und 213 Charakter aus. Auf den grünen, von keinen Schran⸗ ken eingeſchloſſenen Feldern waidete da und dort wohl⸗ genährtes Vieh. Die Sonne beglänzte in ihrem Un⸗ tergang die heitere Scene. Wie wohlgedacht, oder wie glücklich gefunden war es mitten dem Arbeitsplatz ge⸗ genüber den Platz der Vergnügungen anzulegen, und für beide dieſe herrlichen Räume zu gewinnen! Maria Lowell und ich ſpazierten hier dem Fluß entlang eine Weile allein, ſie gleich mir gerührt von dem eigenthümlich bedeutungsvollen Leben des Platzes, ich mit Vergnügen ihren ſinnreichen Bemerkungen über die nicht ausbleibende Ehre und Freude der Arbeit lauſchend. Weiter unten kamen wilde Fälle, zu wild und zu ſchön, um Mühlen zu treiben. Sie waren nicht ſehr groß oder mächtig, aber von ſehr pittores⸗ ker Schönheit, und laubige Bäume und Pflanzen ge⸗ diehen rings umher. So fuhren wir an eine Korn⸗ mühle, und ich beſah ſie von oben bis unten, ſchüt⸗ telte allen Mühlenbeſitzern die Hand und wurde tuchtig mehlig. Auf den Straßen war es lebhaft von han⸗ delnden und wandelnden, fahrenden und gehenden Perſonen, und unter der Menge der europäiſchen Be⸗ völkerung ſah man Indianer in weißen Filzhüten und mit Bärten, ſowie mit ſchwarzen, zottig herabhängen⸗ den Haaren in den Buden aus⸗ und eingehen. Am folgenden Tag machte ich Bekanntſchaft mit den ſogenannten„Rochester Knockings,“ dieſem zauber⸗ haften, ſpuckähnlichem Geklopf das ſich da und dort im Weſten geoffenbart hat, und ſich ſeit einiger Zeit in Rocheſter hören ließ, wo zwei junge Frauenzimmer, Namens Fiſh, ſich befinden. Man ſagt, ſie ſtehen unter Einwirkung von Geiſtern, welche dieſe Schweſtern begleiten und mit ihnen in Gemeinſchaft ſtehen. Eine Menge Perſonen in der Stadt haben die Schweſtern beſucht, das Geklopf gehört, Tiſche von ſelbſt über den Boden hinſpazieren geſehen, nebſt ähnlichen Erſchei⸗ 214 nungen, die von den angeblichen Geiſtern ausgingen. Viele Perſonen glaubten daran; weit mehrere aber glaubten es nicht und hielten die jungen Frauenzim— mer für ſchlaue Betrügerinnen, welche dieſes Getöſe und allerlei ſonderbare Geſchichten ſelbſt zu Stande bringen. Da die Schweſtern Fiſh Bezahlung dafür annahmen, daß ſie ſich ſehen und hören ließen, ſo fand man dieß mehr als wahrſcheinlich. Sie hatten inzwiſchen ſelbſt eine Unterſuchung verlangt, ſich in Gegenwart eines Comités von den achtungswertheſten Perſonen der Stadt Hände und Füße binden laſſen, und die ganze Zeit über hatte man das Getöſe und Geklopf rund um ſie her gehört, ſo daß die Mitglie⸗ der des Comités eine mit ihrem Namen unterzeichnete Erklärung abgaben, des Inhalts, daß ſie nichts zu entdecken vermöchten, was den Verdacht eines Betruges von Seiten der jungen Frauenzimmer rechtfertigen könnte. Und ſeit dieſer Zeit ließ man ſie in Ruhe; aber die beſſere Geſellſchaft der Stadt ſcheint es als einen Beweis von ſchlechtem Geſchmack und Urtheil an— zuſehen, die ſpuckenden Damen zu beſuchen. Ich habe ſeit meiner Kindheit ſo viel von Spuck⸗ geſchichten vernommen, und ſpäter ſelbſt ſolche gehört, die ich nicht als Wirkungen gewöhnlicher, bekannter Naturkräfte erklären kann; dazu habe ich auf meiner Reiſe in Amerika in den Zeitungen ſo oft von dem weſtlichen Geklopf und Gepolter geleſen und ſo viel da⸗ von gehört, daß ich recht neugierig war, es mit mei— nen eigenen Ohren zu hören. Lowells theilten meine Neugierde und unſere Freunde in Rocheſter führten uns an den Ort, wo ſie ſich gerade hören ließen. Der bloße Anblick der zwei Schweſtern ſagte mir, daß, welche Geiſter auch mit ihnen Gemeinſchaft haben mochten, dieſelben jedenfalls keinem reſpectabeln Geiſter⸗ geſchlecht angehören mußten. Menſchen, die mit höhe⸗ en. ber im⸗ öſe nde für tten in ſten ſen, und lie⸗ tete zu ges gen he; als an⸗ uck⸗ ört, ter ner dem da⸗ ei⸗ ine ten nir, ben ter⸗ he⸗ 21⁵ ren geiſtigen Weſen Gemeinſchaft haben, müſſen anders ausſehen. Aus dem, was ich übrigens während dieſes Beſuchs erfuhr, und was in gewiſſer Beziehung merk⸗ würdig genug war, kam ich auf den Schluß, daß die Geiſter nicht Schwediſch verſtanden, denn ſonſt hätten ſie ſich nicht auf Schwediſch Trotz bieten und drohen laſſen, wie ich es that, oder auch, daß das wunderliche Geklopf und die andern Poſſen von den jungen Schwe⸗ ſtern ſelbſt veranſtaltet wurden, die mir ſchelmiſch ge⸗ ung dazu ausſahen, obſchon es unbegreiflich ſchien, wie ſie einen Theil dieſer Poſſen ausführen konnten; oder endlich, daß ſie von Geiſterweſen bewirkt wurden, die gleiche Geſinnung hegten, wie die weltlichen, jungen Schweſtern, und mit ihnen in Beziehung ſtanden,— der Geiſterwelt kleine Barnums möchte ich dieſe Geiſter nennen, die gleich Amerikas großem Barnum ſich da⸗ mit beluſtigen, diejenigen an der Naſe herumzuziehen, die ſich daran ziehen laſſen und ihre Poſſen in vollem Ernſt nehmen wollen. Ich zweifle nicht daran, daß die Geiſterwelt ihre„Humbugs“ hat, wie unſere Welt, und finde es ganz und gar nicht wunderlich, daß ſie auch mit uns ihr Spiel treiben. Blos darüber wun⸗ dere ich mich, daß denkende, ſogar geiſtreiche Menſchen eine Befriedigung darin finden können, durch Klopf⸗ geiſter Gemeinſchaft mit hingegangenen geliebten Per⸗ ſonen zu ſuchen, wie es in dieſer Zeit hier oft geſchehen iſt und noch geſchieht.(Aber ach! des Herzens Kum⸗ mer und des Gedankens Zweifel können weit führen). Inzwiſchen wollte ich lieber niemals auf Erden etwas von meinen entſchlafenen Geliebten vernehmen, als dieſes elende Geklopf von ihnen hören. Die Gemein⸗ ſchaft der Geiſter, der Umgang mit den Engeln iſt von höherer und heiligerer Art. Von dieſem Auftritt, der mir einen verworrenen, unbehaglichen Eindruck erregte(James Lowell war ganz böſe darüber) fuhren wir zu einem Beſuch bei Fredrik 216 Douglaß, einem geflüchteten Sklaven aus Maryland, der durch ſeine Geiſtesgaben, ſein Talent als Redner bei Antiſklaverei⸗Verſammlungen, ſowie durch den Muth und die Beredſamkeit, womit er für die Sache ſeiner ſchwarzen Brüder arbeitet, berühmt geworden iſt. Er iſt Redakteur einer in Rocheſter erſcheinenden Zeitung, genannt„der Nordſtern“, und befindet ſich gegenwärtig in der Stadt, aber krank an einem Hals⸗ übel, weßhalb er nicht zu mir kommen konnte. Und ſo fuhr ich zu ihm. Ich hatte hauptſächlich durch ſeine Biographie, die ich geleſen hatte, ein Intereſſe für ihn gewonnen, denn ſie zeugt von einem kräftigen und mit tiefem Gefühl begabten Geiſt, ſowie von der Wahrheit deſſen, was er ſpricht. Und dieß iſt bei andern Selbſt⸗ biographieen ehemaliger Sklaven nicht der Fall, denn ſie enthalten oft Dichtung und Wahrheit neben einan⸗ der und ſehr viel Uebertreibung. In dieſer Erzählung iſt eine Stelle, die mich we⸗ gen ihrer Schönheit tief gerührt hat weßhalb ich ſie hier für Dich überſetze. Sie wird Dir einen Begriff von dem Mann und ſeiner Lage während der erſten Zeit ſeines Sklavenlebens geben. Er war damals ein Jüngling von ſiebenzehn Jahren. „Ich war etwas ungeberdig, als ich zu Mr. Covey kam. Aber einige wenige Monate dieſer Disciplin zähmten mich. Es gelang Mr. Covey mich zu bre⸗ chen. Ich war gebrochen am Körper, Seele und Geiſt. Meine natürliche Geſchmeidigkeit war zermalmt, meine Intelligenz wurde ſtumpf, die Leſelnſt verging, der hei⸗ tere Funken, der noch in meinen Angen geblieben, er⸗ ſtarb; die dunkle Nacht der Sklaverei legte ſich auf mich, und ſiehe da, ein Menſch war in ein Vieh ver⸗ wandelt.“ „Der Sonntag war meine einzige freie Zeit. Ich verbrachte ihn in einer thierähnlichen Betäubung zwi⸗ ſchen Schlaf und Wachen unter einem großen Baum. nd, ner den che den den ſich s⸗ ind ine ihn mit heit bſt⸗ enn an⸗ we⸗ ſie riff ſten ein we plin 1 eiſt. eine hei⸗ er⸗ auf ver⸗ Ich zwi⸗ um. 217 Zuweilen ſtand ich auf; ein Blitz von energiſchem, friſchem Leben flammte durch meine Seele, gefolgt von einem Lichtſchein der Hoffnung, der einen Angenblick währte und dann verſchwand. Und ich ſank wieder zu Boden, mich grämend über meinen elenden Zuſtand. Ich fühlte mich mitunter verſucht, meinem und Coveys Leben zugleich ein Ende zu machen, aber ich wurde durch ein Gefühl der Hoffnung und Furcht zugleich abgehalten.“ „Unſer Haus ſtand blos einige Schritte von der Cheaſapeak⸗Bucht, deren breite Bruſt immer weiß ſtrahlt von Segeln aus allen bewohnten Ländern der Erde. Dieſe ſchönen, in ſchimmernde weiße Kleider gehüllten, für die Blicke freier Menſchen ſo bezaubernden Schiffe ſchienen mir gleich grabtuchumwickelten Geſpenſtern, welche kamen, um mich mit Gedanken über meinen elen⸗ den Zuſtand zu ſchrecken und zu quälen. Oft habe ich in der tiefen Stille eines Sommerſonntags allein auf den hohen Ufern dieſer prächtigen Bucht geſtanden und mit ſchwerem Herzen und thränenvollen Augen die unzähliche Menge von Segeln beobachtet, die gegen den großen Ocean zu ſchwebten. Ihr Anblick rührte mich gewaltig. Meine Gedanken ſuchten ſich zu äußern; und da, mit dem Allmächtigen als einzigem Zuhörer, ergoß ich meiner Seele Klagen in meiner rohen unge⸗ bildeten Weiſe, indem ich die ſegelnden Schiffe anre⸗ dete: Ihr ſeid von euern Tauen gelöſt und ſeid frei. Ich bin feſt in meinen Feſſeln und bin ein Sklave. Ihr bewegt euch freudig vor dem Wind; ich werde ängſtlich von der blutigen Peitſche getrieben. Ihr ſeid die ſchnell beſchwingten Engel der Freiheit und fliegt rund um die Welt; ich bin in Eiſenbande geſchlagen. O daß ich frei wäre! O daß ich auf einem eurer ſtatt⸗ lichen Verdecke und unter euren ſchützenden Flügeln wäre! Ach, zwiſchen mir und euch rollen ſchreckliche Waſſer. Geht, geht! O daß ich auch gehen könnte! 218 Könnte ich nur ſchwimmen! O daß ich fliegen könnte! O warum wurde ich als Menſch geboren, um zu einem Vieh gemacht zu werden! Das fröhliche Schiff iſt fort; es verbirgt ſich in nebliger Ferne. Ich bin in der heißen Hölle ewiger Sklaverei zurückgelaſſen wor⸗ den. O Gott, erlöſe mich! O Gott, befreie mich! Laß mich frei werden! Gibt es einen Gott? Warum bin ich ein Sklave? Ich will fliehen. Ich will dieß nicht länger ertragen. Frei oder gefangen— ich will es verſuchen. Ich habe blos mein Leben zu verlieren. Ich kann ſpringend eben ſo gut getödtet werden, als ſtehend. Denke nur— hundert Meilen weiter nord⸗ wärts und ich bin frei. Verſuche ichs? Ja, Gott helfe mir, ich will es thun. Ich kann es nicht ertragen als Sklave zu ſterben. Ich will mich dem Waſſer anver⸗ trauen. Dieſe ſelbe Bucht wird mich die Freiheit leh⸗ ren. Ein beſſerer Tag iſt im Anzug!...“ Und er wurde frei, obſchon erſt mehrere Jahre ſpäter; Gott ſei Dank, es gelang ihm ſich zu befreien! Seine Selbſtbiographie gehört zu dem Jutereſſanteſten, was man leſen kann. Douglaß lebt ſeit einigen Jah⸗ ren gänzlich als Literat, in beſtändiger Wirkſamkeit für ſeinen großen Zweck: die Befreiung der Sklaven und die Veredlung der freien Schwarzen. Ich ſah in ihm einen hellfarbigen Mulatten von etlichen und dreißig Jahren, mit einem ungewöhnlich ſchönen Geſicht, wie man ſich etwa einen Araberhäupt⸗ ling denkt. die ſchönen Angen waren voll von düſte⸗ rem Feuer. Er litt ſtark unter ſeinem Halsübel und konute nur mit Mühe reden. Einige bittre Worte ent⸗ ſchlüpften ihm mit Heftigkeit gegen den in der Skla⸗ verei üblichen Brauch, den Arbeiter ſeines erworbenen Arbeitslohnes zu berauben. Es geſchieht nämlich, daß die Sklaven ausgemiethet werden, um gegen einen ge⸗ wiſſen Taglohn, z. B. einen Dollar des Tags, oder ſieben bis neun Dollars in der Woche zu arbeiten; aber m ſt n —— — S* —— X X S X —— — 8* 219 dieſen Lohn müſſen ſie nach Verfluß der Woche oder des Monats ihrem Eigenthümer bringen. Manche Sklavenbeſitzer leben von dem Geld, das ſie auf dieſc Art erwerben. Dagegen beſtreiten ſie gewöhnlich die Kleider der Sklaven und ſind verpflichtet, ſie im Alter und in Krankheiten zu verpflegen. Manche Sklaven ver⸗ dienen jedoch ſo viel mit ihrer Arbeit, daß ſie ſich voll⸗ kommen gut ſelbſt verſorgen könnten, wenn ſie nur ihren Verdienſt behalten dürften. Frau Douglaß war eine ſehr ſchwarze Negerin, häßlich, fett, aber von guter Gemüthsart. Auch ſeine kleine Tochter, Roſette, war ſchwarz und unſchön. Ein weißes Frauenzimmer war ihre Lehrerin, und wohnte in Douglaß Haus. Ich mußte die Charakterſtärke be⸗ wundern, womit ſie die Prüfung erträgt, die ſie ſich dadurch von Seiten der vorurtheilsvollen Weißen zu⸗ zieht.(Und ihrer iſt noch Legion auch in den freien Staaten). Aber vielleicht hat der ehemalige Sklave, jetzt der ſtreitende Apoſtel der Freiheit, die Charakter⸗ größe, welche ſolche Opfer für warme Seelen leicht macht. Ich ſah ihn zu wenig und unter zu ungünſti⸗ gen Umſtänden, um einen klaren Eindruck von ihm zu bekommen. Und wenn bei ihm der bittre Geiſt mäch⸗ tiger iſt, als der edelmüthige— wer kann ſich darüber wundern?!. Aber jetzt mußte ich an den Ontario. Denn dort nahmen wir am Abend das Dampfſchiff, als wir Ro⸗ cheſter verließen, um weiter zu fahren. Die liebens⸗ würdigen Freunde, die unſern Beſuch in Rocheſter ſo angenehm gemacht, begleiteten uns bis ans Ufer, nach⸗ dem ſie uns mit einer Menge Blumen und allerſchönſten Früchten, wahren Hesperiden an Schönheit und Reich⸗ thum, beſchenkt hatten. Rocheſter mit ſeinen wechſelnden Scenen von Mühlen und Klopfgeiſtern, von Leben und Löwen, mit ſeinen guten Menſchen und ſeinen ſchönen Früchten, hinterließ uns einen Eindruck voll friſchen 220 Lebens. In der ſtillen, dunkeln Racht, als die Sterne zwiſchen Wolken über uns funkelten, fuhren wir über den Ontariv⸗See, auf einem ſtattlichen Dampfboot und in der Dämmerung den Niagarafluß hinauf, ein klei⸗ nes, aber romantiſch ſchönes Kind des großen Falles. Juſt als die Sonne aufging, ſtiegen wir ans Land und in den Wagen, um dorthin weiter zu reiſen. Es war ein herrlicher Morgen, etwas kalt, aber klar und lebensvoll. Ein paar Stunden ſpäter waren wir an Ort und Stelle, hörten die mächtig toſende Stimme des Ungeheuers, bevor wir es ſahen, und da bei der weit vorgeſchrittenen Jahreszeit nicht viele Fremde da waren, erhielten wir in„Katarakthaus“ die beſten Zimmer, die wir uns nur wünſchen konnten, und dann eilten wir hinaus, um unſer Ziel zu ſehen. Der Niagarafall macht einen großen und heitern Eindruck, hat aber Nichts, was den Betrachter mit Erſtaunen oder Angſt erfüllen könnte. Wenn man bis zu dem großen Fall vorgeht, der auf dem Gebiet Ca⸗ nadas iſt, ſo ſieht man eine gewaltige Waſſermaſſe, die lothrecht, in Hufeiſen⸗ oder Halbmondsform von einem breiten, ruhigen Waſſerſpiegel hernieder fällt. Mau könnte ſagen, das Waſſer ſtürze aus einem offe⸗ nen Buſen. Still und klar, in der ſchönſten ſmaragd⸗ grünen Farbe wölbt ſich die Waſſermaſſe über den ſteilen Felſen, und erſt im Fall bricht ſich der Sturm und die wilde Naturmacht Bahn, aber hier mehr maje⸗ ſtätiſch, als wild. Der Trenton iſt ein von Ingendluſt und altem Sherry trunkener junger Held, der im blin⸗ den Uebermuth gewaltſam und ſchrecklich auf ſeiner Bahn hervorrauſcht. Niagara iſt eine Göttin, ruhig und majeſtätiſch auch in Ausübung der höchſten Kraft. Sie iſt mächtig und gewaltſam. Sie iſt ruhig und läßt den Zuſchauer ſo. Sie hat große, ſtille Gedanken, und ruft ſolche bei denjenigen hervor, welche ſie ver— ſtehen können. Sie ſchlägt nicht mit Erſtaunen, aber +————-)——— r⸗ er 221 ſie imponirt und entzückt durch ihre klare, hohe Schön⸗ heit Man ſitzt an ihrem Knie, und kann doch ſeine eigenen Gedanken, die Worte Anderer, ja den fallenden Waſſertropfen von den grünen Bäumen, die ſie mit ihrem Waſſer beſprengt, hören. Sie iſt zu groß, um anders als durch ihre geiſtige Macht Stillſchweigen auferlegen und herrſchen zu wollen. Sie iſt... ach! ſie iſt, was Menſchen nicht ſind und was ſie, wenn ſie es wären, Göttern gleich machen würde. Aber die vielen tauſend Menſchen, die jedes Jahr hieher kommen(man ſagt, der Platz werde jährlich von ungefähr 60,000 Perſonen beſucht), müſſen ſie nicht vom Anblick dieſer Größe ſelbſt ein wenig größer und beſſer werden— wenn ſie ſich darin ſpiegeln?! Ich bin froh, daß ſo viel tauſend Menſchen jährlich den Niagara ſehen können. Aus den verborgenen Quellen des Sct. Lorenzo und aus den vier großen Binnenſeen, Superior, Mi⸗ chigan, Huron und Erie(welche zuſammen den vierten Theil des ſüßen Waſſers auf der Weltkugel enthalten ſollen) kommen die Waſſer, die ſich in den Riagarafall ergießen. Der Strom auf dem Wege dahin vom Erieſee kommt nah beim Fall an eine kleine Inſel, Irisinſel, auch Ziegeninſel genannt, welche ihn in zwei Arme theilt. Aus dem einen wird der Canada⸗ fall gebildet, aus dem andern(demjenigen, der breit und toſend an meinen Fenſtern vorbeieilt) der ameri⸗ kaniſche Fall. Zwiſchen den Fällen ſind etliche und 20 Fuß buſchiger Bergrücken. Der Fall auf der Canadaſeite iſt der reichſte und ſchönſte. Seine Breite iſt 1500, ſeine Höhe 154 Fuß. Der Fall auf der New⸗Yorker Seite iſt 800 Fuß breit und 167 Fuß hoch. Der Canadafall liegt in einem ſchönen Halbzirkel, dem Hauptſtrom gerade gegenüber. Eine hohe Pyramide von Waſſerdünſten ſteigt aus dem ſchänmenden Abgrund zu ſeinen Füßen auf, und erhebt 222 ſich hoch über den Plan des Falls gen Himmel, wie der Geiſt Niagaras, deſſen Wellenſcheitel ſich im Winde hin und her bewegt. Der Strom vom Canadafall trifft von der amerikaniſchen Seite bald mit dieſem zuſammen. Vereinigt bilden ſie weiterhin den ſoge⸗ nanuten Strudel, wo der Strom ein Knie macht und das Waſſer ſich in Wirbeln bewegt. Dann fließt es immer ruhiger in den Niagarafluß oder den Sund (25 Meilen in die Länge), der ſich in den Ontarioſee ergießt und durch denſelben in den prächtigen Stt. Lorenzo, den Fluß der tauſend Inſeln, und durch ihn in den atlantiſchen Ocean. Der Trollhätta in Schweden hat nicht die Waſſer⸗ maſſe oder Majeſtät des Niagara, aber er hat mehr Geſchichte, mehr romantiſches Leben. Der Niagara iſt eine einzige große Scene, eine einzige ſublime Hand⸗ lung. Der Trollhätta iſt eine Reihenfolge von Sece⸗ nen und Handlungen. Der Niagara iſt eine Hymne. Der Trollhätta iſt ein Wala⸗Geſang. Was mich am Niagara am meiſten überraſchte (denn ich erwartete es nicht), und was mich da täglich entzückt, iſt, außer der ſmaragdgrünen Farbe des Waſ⸗ ſers, das Spiel der Regenbogen im und über dem Fall, ſowie um denſelben herum, je nachdem die Son⸗ nenſtrahlen fallen, oder der Wind die bewegliche Pyra⸗ mide des Waſſergeiſts treibt. Das gibt ein Schauſpiel von unaufhörlich ſchönen Erſcheinungen, die beſtändig wechſeln und entzücken. Es iſt etwas darin, was mich zu gleicher Zeit erfreut und bedrückt, denn es enthält etwas, das ich beſſer verſtehen möchte. Ich weiß, daß der Niagara mir mehr zu ſagen hat, als er noch ge⸗ ſagt hat, oder mehr, als ich noch begriffen habe. Und nichts erfreut mich vollkommen, bevor es mir ſeinen innerſten Gedanken geſagt hat. Auch als jung erfreute mich der Tanz nicht, bevor ich ſeine Bedeutung ver⸗ ie de all m e⸗ nd nd ſee hn er⸗ hr d⸗ ce⸗ ne. hte lich aſ⸗ em on⸗ ra⸗ iel nich hält daß ge⸗ Und nen eute ver⸗ 223 ſtand. Bis dahin war er für mich ein unvernünftiges Gehüpfe. Wir ſind nun zwei Tage hier geweſeu und werden wohl noch zwei bis drei Tage bleiben. Am Morgen ſehe ich den Fall vom amerikaniſchen Ufer(das heißt dem Ufer New⸗Yorks), wo die Sonne in ihrem Auf⸗ gang Hunderte von leuchtenden Brücken über die Waſſer⸗ wolken wirft; Nachmittags und Abends betrachte ich ihn vom Canada⸗Ufer, wenn die Sonne über dem britiſchen Gebiet untergeht. Vormittags bade ich im Strom, in einem ſogenannten„Mammuth Strombad, wo der Fluß ſo heftig in das Badhaus hereinrauſcht, daß man Mühe hat, ſich feſt dagegen zu halten. Dieß iſt belebend und kräftigend. Nachmittags, gleich nach dem Eſſen, ſitze ich mit meinen jungen Freunden auf der Piazza vor unſern Zimmern, und da ſehen wir den Strom vorüberranſchen und lanſchen ſeiner Muſik. Oft ſtehe ich eine gute Weile auf einer der kleinen Brücken über den Strom und athme uur noch im Wohlgeruch des Waſſers. Denn das Waſſer hier hat den lieblichſten friſchen Duft, den ich mit keinem andern vergleichen kann. Aber es fühlt ſich wie der Geiſt einer wonnevollen, un⸗ ſterblichen Jugend. Ja, hier meine ich, daß man aufs Neue an Körper und Seele jung werden könnte. Aber meine jungen Freunde genießen das Leben hier nicht ſo voll wie ich. James Liſ nicht recht ge⸗ ſund, und Maria, die bald wieder Mutter zu werden erwartet, träumt in den Nächten, ſie ſehe die kleine Mabel mit ihren hingegangenen Schweſtern Blanche und Roſa ſpielen, und eine telegraphiſche Nachricht über ihr Befinden, die man geſtern erwartete, iſt aus⸗ geblieben, weßhalb die Unruhe um ihr einziges Kind die Gefühle der zärtlichen Eltern vom großen Niagara abzieht. 224 Den 8. Sept. Meinen Freunden iſt es beſſer zu Muth. Geſtern kam die telegraphiſche Depeſche mit den Worten:„Ma⸗ bel iſt wohl.“ Und dann ein langer Brief von dem liebenswürdigen alten Vater, Doktor Lowell, voll von häuslichen Anekdoten und heimiſch warmem Liebesleben. Ja, das iſt mehr als Niagara. Aber Niagara iſt ſetzt mein Allerliebſtes. Geſtern Abend ließen ich und James(Marta hatte den Schnupfen und wagte ſich am Abend nicht heraus) uns über den Fluß auf das Canadaufer ſetzten und wanderten da bei der unter⸗ gehenden Sonne hin und her. Bei jeder neuen Bie⸗ gung oder Bewegung dieſer nebligen Waſſergeiſter er⸗ hoben ſich neue Lichtbilder darin. Bald wölbten ſich die Regenbogen gleich luftigen Bifroſt⸗Brücken über einander gegen den blauen Himmel, bald brannten Flammen gieich Feuerküſſen, mit allen ſtrahlenden Farben des Prisma auf den grünen Wogen in der Tiefe; es war ein unaufhörliches Lichtfeſt, beſtändig wechſelnd und überraſchend ſchön. Welches Leben, wel⸗ cher Wechſelgeſang zwiſchen Erde und Himmel! Und als die Sonne ſank, wölbten ſich die leuchtenden Brü⸗ cken höher und höher in der aufſteigenden Wolkenſäule, hellrothe Wolken ſchwammen an dem blaßblauen Him⸗ mel über dem ſmaragdgrünen Fall, und ringsum auf den hohen Ufern ſtand der Wald in prunkender Herbſt⸗ pracht(ein Wald, dergleichen man nur in Amerika ſieht), nud Alles war ſchweigſam und ſtill, außer dem Waſſerfall, deſſen Stimme Alles zu lauſchen ſchien. Aber es iſt vergebens, die Schönheit und ſtille Größe dieſer Scene beſchreiben zu wollen! —— ———— ———— ————————— c———— —— — m Den 9. Sept. Jetzt will ich Dir eine kleine Geſchichte erzählen. Am Morgen der Zeit, ehe noch der Menſch ge⸗ ſchaffen war, war die Natur allein mit ihrem Schöpfer. Erwärmt von ſeiner Liebe, beleuchtet von ſeinem Auge, erwachte ſie zum Gefühl des Lebens. Ihr Herz ſchwoll in Liebe zu ihm, deſſen Liebesleben ſie trank. Und ſie ſehnte ſich, ihm ein Opfer zu bringen, ihr Gefühl, ihr Leben demjenigen zu ergießen, der es gab. Sie war jung und warm von der Fülle des Urlebens. Aber ſie fühlte dennoch ihre Ohnmacht gegen ſeine Macht. Was konnte ſie ihm geben, von dem ſie Alles empfangen hatte? In Liebe und Schmerz, in unendlichem Ver⸗ langen, in unendlicher Fülle des Lebens ſchwoll ihr Herz, ſchwoll und ſchwoll, bis es im Niagara überfloß. Und der Geiſt der Dankſagung ſtieg als ein ewiges Rauchopfer aus der Tiefe des Waſſers gen Himmel em⸗ por. Der Herr des Himmels ſah es. Und ſein Geiſt umſchloß den Naturgeiſt mit Bogen von Licht, mit Küſſen von ſtrahlenden Flammen zu ewiger Vermäh⸗ lung. So war es am Morgen des Erdenlebens, ſo ſehen wir es noch heutzutage. Noch heutzutage ſehen wir im Niagaka den Naturgeiſt zum Himmel aufſtei⸗ gen mit dem Opfer von ſeinem Leben, gleich einem wortloſen Sehnen und Lobgeſang, und noch heutzutag wird er von dem Licht und den Flammen des Himmels, wie von göttlicher Liebe umfaßt. Der Niagara iſt die Vermählung des Erdenlebens mit dem himmliſchen Leben. Das hat der Niagara mir heute geſagt. Und jetzt kann ich den Niagara verlaſſen. Er hat mir das Räthſel ſeines Urſprungs enthüllt. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. H. 15 226 Den 10. Sept. Morgens. Heute wollen wir abreiſen. Ich bin zufrieden da⸗ mit auch darum, weil ich ein wenig Kopfweh habe, und das unaufhörliche Getöſe des Falls, das beſtän⸗ dige, raſtloſe Rauſchen des Stroms an meinem Fenſter vorüber auf die Nerven ermüdend wirkt. Uebrigens ge⸗ wöhnt man ſich an alle Dinge, auch an die großen, und wenn man am großen Fall ſeine eigenen kleinen Gedanken über alltägliche Dinge zu hören und ihnen zu folgen beginnt, dann kann man wohl davon weg⸗ reiſen. Ich habe Dir nicht von den verſchiedenen Auf⸗ tritten des Lebens am Niagara erzählt, von dem klei⸗ nen Dampfſchiff„Nebeljungfran“(the Maid of the Mist), das dem Fall entgegenfährt, bis es ein Duſchbad von ſeinen Wolken bekommt, worauf es ſich erſt umwendet, nichts von meinen pvetiſchen Wanderungen auf der Iris⸗Inſel, nichts von den Indianern, die man noch herumſtreifend antrifft, nichts von der großen Eiſen⸗ brücke, die ſtark und leicht zugleich ein Stück weit unter dem Fall über den Strom geworfen iſt, nichts von mehreren andern Merkwürdigkeiten dahier; aber ſie alle ſind klein in Vergleich mit dem großen Waſſerfall, und dieſer iſt für mich das Weſentliche geweſen. Die Indiauer, die jetzt noch um den Niagara her leben, gehören dem Seneca⸗Stamm an. Da dieß die Zeit iſt, wo die Männer in der Wildniß auf die Jagd ziehen, ſah ich hier blos einige Squaws, die ihre Ar⸗ beiten feil boten. Dieſe beſtehen in Blumen und Thie⸗ ren, die kindiſch gezeichnet und ausgeführt, aber doch gut gemacht, mit farbigen Borſten von Igeln auf Birkenrinde geſtickt ſind, zum Theil auch aus kleinen Teppichen, Körben, indianiſchen Schuhen(moccasins) und kleinen Glöckchen, aus einer duftigen Grasart ge⸗ macht. Es ſind hier mehrere Buden voll von dieſen ——„— —— da⸗ abe, än⸗ ſter ge⸗ zen, nen nen veg⸗ luf⸗ klei⸗ ist), von det, der noch ſen⸗ nter von alle und her die ad Ar⸗ hie⸗ doch auf inen ins) ge⸗ eſen 227 Arbeiten, aber ſie werden ſehr theuer gehalten. Vor einigen Jahren ſahen Marcus und Rebekka Spring hier eine große Feſtlichkeit bei einem Indianerſtamm, nämlich die Erwählung eines neuen Häuptlings, nach⸗ dem der alte geſtorben war. Sie hatten ihre Verſamm⸗ lung im tiefen Wald. Die letzte Scene bei dieſem merkwürdigen Auftritt war, daß der junge Häuptling vor ſeiner alten Mutter die Kniee beugte, als ſie ſeg⸗ nend die Hand auf ſein Haupt legte. Das Weib, das von den Indianern im Allgemeinen ſo verächtlich be⸗ handelt wird, gewinnt gleichwohl Anſehen bei ihnen, wenn ſie die Mutter eines ausgezeichneten Kriegers iſt, zuweilen auch, wie bei allen rohen Völkern, durch ihre myſtiſch hexenartige Macht, wenn ſie mit einer kräftigen Natur begabt iſt. Aber eine ſolche kann unter dieſem von Kindheit an auferlegten geiſtigen und körperlichen Joch nur ſelten ſich erheben. Ich ſehne mich mehr von dieſen Ureinwohnern der neuen Welt zu ſehen und zu hören, und hoffe auf mei⸗ nen Fahrten im Weſten Gelegenheit dafür zu erhalten. Es iſt mir jetzt klar und gewiß geworden,— ich weiß ſelbſt nicht recht, wie oder wann— daß ich den Miſſi⸗ ſippi hinauf bis an den Sct. Anthony⸗Fall reiſen werde, d. h. ſoweit der Fluß ſchiffbar iſt, bis nach Minneſota(ein junges Land hoch im Nordweſten der Union, noch kein Staat, ſondern großentheils Wildniß und die Heimath wilder Indianerſtämme), und ſodann den ganzen Miſſiſippi hinab bis nach New⸗Orleans. Warum ich nach New⸗Orleans fahren werde, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß ich dahin muß. So ge⸗ bietet mir Etwas, das ich das innere Licht, die innere Stimme nennen muß, und das mich mit einer myſti⸗ ſchen, aber abſoluten Gewalt dahin führt. Ich trage keinen Augenblick Bedenken, dieſer Stimme zu fol⸗ gen. Denn ſie ſpricht ſo beſtimmt und klar, daß ich froh bin zu gehorchen. Ich fühle, daß ſie mir ein 228 Leitſtern iſt. Von hier reiſe ich nach Chicago, und von da fahre ich nach den ſchwediſchen und norwegiſchen Niederlaſſungen in den Staaten Illinvis und Wisconſin. Unter den Erinnerungen am Niagara ſind auch einige traurige Ereigniſſe. Eines von ihnen trug ſich letzten Sommer zu, als ein junger Mann mit ſeiner Braut und ihrer jungen Schweſter den Fall beſuchte. Während ſie am Ufer deſſelben ſtanden, nahm der junge Mann das kleine Mädcheu auf ſeinen Arm und drohte ſcherzend, es hinabzuwerfen. Das Kind machte im Schrecken eine Bewegung⸗ wodurch es aus ſeinen Armen und in die ſchäumende Tiefe hinabgeworfen wurde. Er warf ſich ihr nach. Beide verſchwanden und wurden erſt als Leichen wieder geſehen. Später. „Oniaagarah oder Ochniagarah“ ſollen die ur⸗ ſprünglichen Namen des Niagara ſein, und ſo wird er noch jetzt von den Indianern genannt. Das Wort ſoll „Donner des Waſſers“ bedenten. Im Mund der Euro⸗ bäer iſt es zu Niagara verkürzt worden. Ich habe jetzt der großen Erſcheinung und Scene meinen Abſchieds⸗ blick zugeworfen. Die grüne Farbe des Waſſers, ſein unausſprechlicher, lieblicher, belebender Duft entzückt mich immer von Neuem. Ich freue mich fortzureiſen, aber ich wünſchte wiederzukehren und den Fall in ſei⸗ ner Winterpracht ſehen zu können, wenn er ſich mit Blu⸗ men, Früchten und tauſend phantaſtiſchen Zierrathen von Eis krönt; wenn der Vollmond leuchtet und den Mondbogen(the lunar bow) darüber bildet. Will ſehen, will ſehen! Jedenfalls bin ich unendlich dankbar, daß ich den Niagara ſehen durfte. Seine ſtille Größe und Macht, ſeine Farbe, ſein Duſft, der Regenbogen Spiel in der weißen Wolkengeſtalt— das Alles iſt und pleibt ein klares lebendiges Bild in meiner Seele. —„— c— „—* nd te en en en ur⸗ er ſoll ro⸗ etzt ds⸗ ein ückt en, u⸗ hen den hen, daß und piel und ele. 229 Und dieſe ewige Fülle des Herzens der Natur— ach, daß das Menſchenherz ihr gleichen, beſtändig ſich neu anfüllen, beſtändig fließen, niemals ermüden, niemals vertrocknen möchte!.... Meine jungen Freunde, James und Maria Lo⸗ well— es kommt mich hart an, von ihnen Abſchied zu nehmen. Meine liebenswürdige, ſchöne, holde Maria ſieht mich mit wehmüthigen Blicken an, und aber jetzt müſſen wir reiſen. Meine jungen Freunde begleiten mich bis Buffalo. Einen Kuß vom Niagara her, meine liebe Agathe, und den näch ſten Brief von Chicago! N. S. Jenny Lind,„die veritable Jenny Lind,“ wie ein amerikaniſches Journal ſagt, iſt leibhaftig in New⸗ York angekommen und mit ſchauerlichem Enthuſiasmus empfangen worden. Möchte ſie lebendig hindurchkom⸗ men! Alle Menſchen wollen ſie ſehen und hören, ihr die Hand ſchütteln und ſie willkommen heißen. Und jeder Yankee, der ein Haus und einen Herd hat, ſchreibt ihr und bietet ſich an. Jemand ſagte zu Maria Lowell, ſie ſollte an Jenny Lind ſchreiben und ſie in ihr Haus in Cam⸗ bridge einladen. Maria antwortete lächelnd:„Gern, wenn ſie einen Ruheplatz haben will. Aber ſie ein⸗ laden.. das kommt mir gerade vor, als wollte ich den Niagara in mein Haus einladen.“ 230 Vierundzwanzigſter Brief. Chicago(Illinvis), den 15. Sept. 1850. Hier auf dem ſüdöſtlichen Ufer des Michiganſees ſitzt jetzt Deine Schweſter, meine liebe Agathe; aber nicht auf dem ſandigen Strand, ſondern in einer ſchö⸗ nen und in italieniſchem Styl erbauten Villa, mit korinthiſchen Säulen, umgeben mit ſchönen Bäumen und Blumen. Auf dem Markt in Buffalo, mitten unter Pfer⸗ den, Wagen und Menſchen, die handeln, wandeln und da und dorthin reiſen, mitten unter Koffern und Ba⸗ gage aller Art, im Gedräng und in der Haſt verab⸗ ſchiedete ich mich von meinen jungen Freunden, die mir beinah wie Geſchwiſter lieb und nah geworden. Wir hatten weder Zeit noch Raum, viele Worte zu ſagen. Die Eiſenbahn, welche ſie entführen ſollte, ſtand mit rauchendem Eiſenpferd da;— die Eiſen⸗ bahn, das eiſerne Pferd, die eiſerne Nothwendigkeit war da; warme Herzen hatten keine Zeit und keine Sprache; und ſo küßten wir uns ſtill und innig, und trennten uns— vielleicht auf ewig. Lowells gedenken im nächſten Jahr nach Italien zu reiſen. Ich ſah ſie nicht mehr, und wurde aus dem Ge⸗ dräng auf dem Markt in's Hotel zurückgeführt von einem alten Ehrenmann, unter deſſen Schutz ich meine Reiſe fortſetzen ſollte, einem Richter Bond, der mich am Niagara aufgeſucht und von Mr. Ellesworth einen Empfehlungsbrief an mich hatte. Der kräftige, noch ganz jugendliche alte Herr ge⸗ hörte zu den älteſten„Pionieren“ im Weſtland, war bei der Anlegung mehrerer, ſeither emporblühenden Städte, wie Rocheſter, Lockport u. ſ. w. mitthätig n e⸗ n e n ar en ig 231 geweſen, und war jetzt wohl zu Haus in der ganzen Gegend, durch die wir fahren ſollten, bis zum See Michigan; ſchon deßhalb und darum, weil er ganz augenſcheinlich ein guter und herzlicher Mann iſt, war ich ſehr froh, ihn zum Geſellſchafter zu haben. Im Hotel in Buffalo wurde ich von einigen neuen Bekannten mit den alten langweiligen Fragen gequält: „Wie gefällt es Ihnen in Amerika?“—„Wie gefallen Ihnen die Staaten?“—„Entſpricht Buffalo Ihren Erwartungen?“ auf welche letztere Frage ich antwor⸗ tete, daß ich von Buffalo nichts erwartet habe. Ich muß auch ſagen, daß mir die Stadt als eine der un⸗ lieblichſten erſchien, die ich noch bis jetzt in Amerika geſe⸗ hen habe;„Business“(Geſchäft) ſcheint mir der vor⸗ nehmſte Leben und der hanptſächlichſte Charakter darin zu ſein. Aber es iſt wahr, daß ich nicht viel von Buffalo ſehen konnte. Gegen Abend ging ich an Bord des„Ocean“, eines ſtattlichen, dreieckigen Dampbfvots, das mich über den Erieſee führte, deſſen Wellen oft ſehr ge⸗ fährlich und ſtürmiſch ſind, jetzt aber gleich Najaden im Sonnenſchein ſpielten. „Der Erie“(ſagt ein franzöſiſcher Beſchreiber der Gegend, Mr. Bouchette)„kann als der große Centralbehälter betrachtet werden, aus welchem ſich auf allen Seiten Kanäle öffnen, ſo daß die Schiffe von hier aus nach allen Theilen im Land kommen können bis zum atlantiſchen Ocean im Oſten und Norden, bis zu dem Südmeer und den Südländern, um Produkte aus allen Ländern und Himmelsgegen⸗ den zu ſammeln.“ Ueber den Erie gehen die Emigranten aus allen Nationen, die jetzt weſtlich von den großen Binnen⸗ ſeen ihre Kolonieen errichten. Aber für viele von ihnen wird der Erie ein Grab. Neuerdings fing auf dem Erie ein mit Emigrirten(meiſtens Deutſchen) 232 angefülltes Schiff Feuer und Hunderte der armen Auswanderer fanden ihr Grab in den Wogen. Unter denen, die todt herausgezogen wurden, befanden ſich 7 oder 8 Paare, die einander umarmt hielten. Der Tod hatte ſie nicht zu trennen vermocht. Die Liebe war ſtärker als der Tod. Der Steuermann blieb am Steuer ſtehen, das Schiff gegen das Land hin lenkend, bis die Flammen ſeine Hände verbrannten. Die Gleichgiltigkeit des Kapitäns ſoll das Unglück ver⸗ ſchuldet haben. Auch er ging zu Grund. Nur 30— 40 retteten ſich. Für mich war die Fahrt über den Erie wie ein ſonnbeglänztes Feſt auf dem prächtigen Dampfboot, wo auch ein Klavier zu den Möbeln des Salons ge⸗ hörte, und wo der artige Kapitän aufs Freundlichſte für mich ſorgte. Mein alter Pionier erzählte mir Verſchiedenes aus ſeinem Leben, ſeine religiöſe Bekeh⸗ rung, ſeine erſte und letzte Liebe; dieſe war ganz friſch. Der Greis bekannte, daß er ſich in die Yankee⸗ Dame“, Maria Lowell, halb verliebt habe. Ich wun⸗ dere mich nicht darüber. Das bewies mir, daß er guten Geſchmack hat. Ueberhaupt bekannte ſich der Alte als großen Liebhaber der Frauenzimmer. Nachmittags 4 Uhr(NB. einen Tag nach dem⸗ jenigen, wo wir an Bord gingen) waren wir in Detroit, einer Stadt, die zuerſt von Franzoſen an⸗ gelegt wurde, auf dem ſchmalen Sund zwiſchen dem Grie⸗ und St. Clair⸗See, welcher Michigan von Ca⸗ nada trennt. Von dem Fahrzeng aus ſcheint die Küſte mit kleinen Höfen bebaut auf regelmäßig abgetheilten und bepflanzten Landſtücken. Das Land ſchien mir niedrig, mit wogenförmigen Hügeln und fruchtbar. Detroit iſt, wie auch Buffalo, eine Stadt mit überwiegendem Geſchäftsleben, ſieht jedoch ſchöner und freundlicher aus als Buffalo. Im Hotel traf ich einige läſtige Frager, aber auch mehrere recht ange⸗ „ e— — —— „———„„„———— e—„„e———— n er ch be m ie 40 in ot, e⸗ ſte ir h⸗ inz ee⸗ in⸗ der m⸗ in n⸗ em Fa⸗ üſte ten mir mit und ich — 233 nehme Menſchen, mit denen man ganz gemüthlich und offen ſprechen und die man in jeder Beziehung lieb gewinnen konnte. Unter ihnen erinnere ich mich be⸗ fonders des episkopalen Biſchofs in Michigan, eines offenen, freundlichen und denkenden Mannes, ſowie einer Mutter mit ihren zwei Töchtern. Ich konnte da einige herzliche Worte wechſeln, Worte aus des Lebens ernſteſtem Grund, und ſo etwas thut mir wohl. Die Bevölkerung in Detroit war übrigens mit ihrer Stadt und ihrem Leben allda wohl zufrieden, zufrieden auch mit ſich ſelbſt und mit einander. Und dieß ſcheint mir das Verhältniß an den meiſten Orten, in die ich kam, hier im Weſten zu ſein. Am folgenden Abend waren wir in„Anne⸗Ar⸗ bour“, einem ſchönen, ländlichen Städtchen. Auch hier erhielt ich Beſuch und mußte wie gewöhnlich ein Verhör ausſtehen. Mein alter Pionier liebt es nicht incognito zu reiſen, ſondern will, daß die Leute von den Leuten wiſſen ſollen, und kann nicht begreifen, daß man auch müde werden und Ruhe vor Vorſtellun⸗ gen und Fragen bedürfen könne. Auch in„Anne⸗ Arbour“ waren die Leute ſehr vergnügt mit ſich, ihrer Stadt, ihrer Lage und ihrer Lebensweiſe. Die Stadt hat ihren Namen von dem Umſtand, daß, als die erſten Koloniſten hieher kamen, ſie vornehmlich aus einer Familie beſtanden; und während der Wald ausgerot⸗ tet und die Erde gepflügt wurde, hatten die Arbeiter keine andere Wohnung als eine zeltartige Hütte von Laub und Lehm, wo die Familienmutter„Anna“ die Speiſen kochte und für das Gedeihen Aller ſorgte. Da war der Familienherd, da war der ruhige Hafen, wo alle Arbeiter in Mutter Anna's Schutz Ruhe und Erfriſchung fanden. Deßhalb wurde das Zelt„Anne⸗ Arbvur“(Anna's⸗Hafen) genannt, und die Stadt, die allmählig um das Zelt herum anwuchs, behielt den Namen. Mit ſeinen zierlichen Hänſern und Gärten 234 auf grünen Hügeln und Abhängen ſah das Städtchen auch wie ein freundlicher und friedvoller Hafen aus. Wir blieben die Nacht über in Anne⸗Arbour. Am nächſten Morgen reiſten wir auf der Eiſenbahn ab und fuhren quer über den Staat in die Halbinſel Michigan. Ueberall unterwegs ſah ich kleine Farmen, wohl bebaut, von gut beſtellter Erde umgeben, Aecker mit Waizen und Mais, wie auch Obſtgärten mit Apfel⸗ und Pfirſichbäumen. In wilderen Gegenden glänzte der Boden von allerlei blauen Blumen, an deren näherer Betrachtung ich durch die haſtige Fahrt verhindert wurde, ſowie von hohen Sonnenblumen, mit Kronen ſo groß, wie an jungen Bäumen. Dieß war recht hübſch und anmuthig. Mein alter Pionier ſagte mir, daß er nirgends einen ſo großen Reichthum an hübſchen Blumen geſehen habe, wie in Michigan, beſonders in älterer Zeit, wo der Boden überall Wild⸗ niß war. Der Staat iſt einer der jüngſten in der Union, hat aber ein fruchtbares Erdreich, beſonders gut für den Weizenban, und iſt in ſtarkem Wachsthum begriffen. Seine Geſetzgebung iſt eine der liberalſten und hat aus ihrem Strafcodex die Todesſtrafe ver⸗ bannt. Aber ich hörte von Verbrechen erzählen, die neuerdings im Staat begangen wurden und welche die Todesſtrafe oder lebenslängliches Gefängniß wohl ver⸗ dient hätten, wenn irgend ein Verbrechen dieß ver⸗ dient. Ein junger Mann aus einer angeſehenen Fa⸗ milie in Detroit hatte auf der Jagd heimlich und zu wiederholten Malen auf einen andern jungen Mann (ſeinen beſten Freund) geſchoſſen, blos um ſich ſeiner Banknoten bemächtigen zu können. Er wurde wegen Mordverſuchs, den er auch eingeſtand, blos zu zwanzig⸗ jährigem Gefängniß verurtheilt. In dem Gefängniß wurde er von jungen Damen beſucht, die ihn Franzö⸗ ſiſch und Guitarreſpielen lehrten. Eine von ihnen war mit auf dem Eiſenbahnzug. Sie ſprach von dem ———————— en ie r⸗ r⸗ zu in er en 9 0⸗ en m 235 einnehmenden Weſen des jungen Gefangenen. Es gibt eine Milde gegen das Verbrechen und den Verbrecher, die widerlich iſt und von Schlaffheit der moraliſchen Gefühle zeugt. Das Wetter war den ganzen Tag herrlich. Die Sonne ging vor uns im Weſten unter. Wir fuhren gerade gegen die Sonne zu, und je näher ſie gegen die Erde herabſank, um ſo höher glühte der Abend⸗ himmel wie vom hellſten Gold. Das Erdreich war auf dem ganzen Wege niedrig und einförmig. Da und dort ein kleiner ſchöner Waldſtrom; da und dort am Wald kleine Blockhäuſer, und daneben auch der eine und andere hölzerne Laden, an welchem ein Brettchen befeſtigt war, auf dem man in weißen halb⸗ ellenlangen Buchſtaben das Wort„Spezereiladen“ las. Die urbaren Gegenden waren überall regelmäßig ein⸗ getheilt und mit Farms bebaut, die unſern beſſern Bauernhöfen gleichen. Die Koloniſten im Weſten kau⸗ fen Ackerland von 80 bis 160 und auch 200 Morgen, ſelten mehr. Das Land koſtet in der erſten Hand (was man den„Regierungspreis“ nennt) 1 ½ Dollar der Morgen, und kann bei gutem Anbau binnen weni⸗ gen Jahren reichliche Erndten geben. Die Farmers hier arbeiten tüchtig, leben begnügſam, aber gut, und erziehen tüchtige Kinder, die aber ſelten beim Geſchäft ihrer Eltern bleiben. Sie werden in die Schulen ge⸗ ſchickt und ſuchen dann höher im Staatsleben empor⸗ zukommen. Dieſe kleinen Farms ſind Pflanzſchulen, aus denen die nordweſtlichen Staaten ihre beſten Be⸗ amten, Lehrer und Lehrerinnen beziehen. Ein kräfti⸗ ges, gutmüthiges und arbeitſames Geſchlecht wächſt hier empor. Manche Aufklärung in dieſer Beziehung erhielt ich von meinem alten Pionier, der mit ſeinem gottesfürchtigen Gemüth, ſeiner raſtloſen Thätigkeit, ſeiner Menſchenliebe und ſeinen vielfachen Kenntniſſen, ſeinem noch im Alter jugendwarmen Herzen ein guter 236 Typus für die erſten Bebauer der Wildniß und die erſten Geſetzgeber in dieſem Land bildete. Er verließ mich unterwegs, um ſich in ſeine Heimath, nach dem Städtchen Niles zu begeben. In Geſellſchaft eines freundlichen Mr. Hunt und ſeiner angenehmen Schwägerin beſtieg ich das Dampf⸗ boot, um auf dem Michiganſee zu fahren. Die Sonne war jetzt untergegangen, aber der Abendhimmel brannte im hellſten Purpur über dem meergleichen See. Bei ſeinem Schein und dem Licht des Neumonds fuhren wir ab. Es war die ſchönſte, ſtillſte Nacht. Das Waſſer war ſpiegelglatt. Am Morgen, den 13. September, ſah ich die Sonne über Chicago leuchten. Ich hatte erwartet, in Chicago von Freunden empfangen zu werden, die mich da zur Hand nehmen würden. Aber Niemand kam. Ich erfuhr, daß diejenigen, die mich erwartet hatten, jetzt fort waren. Kein Wunder, da ich zwei Monate über die feſtgeſetzte Zeit ausgeblieben war. Ich fand mich jetzt ganz allein mitten in dem großen unbekann⸗ ten Weſten. Einige kleine Widerwärtigkeiten mit mei⸗ nem Gepäck trugen auch dazu bei mich in eine minder behagliche Stimmung zu verſetzen. Aber juſt als ich ganz allein auf dem Verdeck ſtand(meine freundlichen neuen Bekannten hatten das Dampfboot früher verlaſ⸗ ſen), ſo wandelte mich eine innige Freude an. Ich fühlte, daß ich nicht allein war; ich fühlte mich friſch an Seele und Leib; die Sonne war auch da, und ein ſo inni⸗ ger Jubel über ihren Schöpfer und über den Schutz, den ich gefunden, erfüllte mich, daß ich mich glücklich pries, mich in einem einſamen Zimmer in einem Hotel der Stadt einſchließen zu können, um allda mit meiner Freude allein zu ſein. Aber meine Einſamkeit währte nicht lange. Schöne freundliche Menſchen kamen zu mir, boten mir Haus — die ieß em nd ne nte gei en as die in ich m. en, ate nd un⸗ tei⸗ der ich hen lte, ele ni⸗ utz, lich tel ner öne tus 237 und Wohnung, Freundſchaft und alles Gute an, und Alles in Chicago wurde Sonnenſchein für mich. Am Abend befand ich mich in der ſchönen Villa, wo ich Dir jetzt ſchreibe, und in der ſchönen Nacht erklang in dem mondſcheinbeglänzten Garten eine Se⸗ renade nach der bekannten Melodie:„Einſam bin ich, nicht alleine.“ Es war ein Gruß von Deutſchen in der Stadt. Den 17. Sept. Die Prärien! Ein Anblick, den ich nie ver⸗ geſſen werde. Chicago liegt im Prärienland, und der ganze Staat Illinvis iſt eine große rollende Prärie(d. h. ebenes Land mit niedrigen, wogenden Höhen), aber eine eigentliche Prärie findet ſich erſt 18 Meilen von der Stadt. Meine neuen Freunde wollten mich einen Tag Prärienleben mitmachen laſſen. Wir fuhren am frühen Morgen aus, 3 Familien in 4 Wägen. Unſer Pionier, ein brauner, ſchöner Jäger, fuhr voraus mit ſeinen Hunden, und ſchoß unterwegs, wo wir Halt machten, das eine und andere Prärien⸗Huhn im Fluge. Der Tag war herrlich, der Himmel vom hellſten Blau, die Sonne vom reinſten Gold, die Luft lebensvoll, aber ruhig, und hier in dem ſtrahlenden Licht ſtreckte ſich weit, weit hinaus ins Unendliche, ſoweit das Auge reichen konnte, ein oceanartiger Raum, deſſen Wogen Sonnenblumen, Aſtern und Genzianen waren. Der Boden glänzte von ihnen, beſonders von den Sonnen⸗ blumen, die oft mehr als 4 Fuß hoch waren und ihre Kronen hoch über den Köpfen unſerer größten Herren neigten. Wir verzehrten unſer Mittagsmahl in einem klei⸗ nen Hain, der gleich einem grünen Gebüſch auf dem waldloſen Blumenfeld lag. Er war auf einer Erhö⸗ 238 hung des Bodens und von da aus zog ſich die Prärie ſanft wogend gegen den Horizont hinab. Da und dort in dieſem Raum erhoben ſich kleine Blockhäuſer. Sie glichen kleinen Vogelneſtern, die auf dem Ocean ſchwimmen. Da und dort hatte man anch Heu ge⸗ mäht. Es ſah aus wie Kinderverſuche und Kinder⸗ ſpiele. Die ſonnbeglänzte Erde lag hier noch in ihrer urſprünglichen Größe und Pracht, unbezwungen von Menſchenhänden, mit ihren Blumen bedeckt, beobach⸗ tet, bewacht allein von der Sonne Auge. Und die Sonnenblumen nickten und winkten leuchtend im Wind, als wollten ſie Millionen von Weſen zum Feſtmahl am reichen Tiſche der Erde einladen. Für mich war es ein Lichtfeſt. Es war ein wahrhaft großer und herrlicher Anblick, für mich ungewöhnlicher und bele⸗ bender, als ſelbſt der Niagara. Der braune Jäger, ein Mann von wenig Worten, aber ſichtlich ſtarken Gefühlen, ſtützte ſich auf ſeine Büchſe und ſagte langſam:„Hier ſtehe ich oft ganze Stunden und blicke in die Schöpfung hinein..„ Wohl mag er das thun! Dieſe Landſchaft gleicht einer Extaſe des Naturlebens. Sie badet im Licht, ſie ruht glückfelig im Schooß des Lichts. Die Sonuenblumen lobſingen der Sonne. Ich ging in dem Hain umher und pflückte Blu⸗ men. Die Aſtern reichen mir über den Kopf. Bei⸗ nah alle Blumen, die jetzt die Prärie bedecken, gehö⸗ ren dem gleichen Geſchlecht an, und unter ihnen ſind die Solidagos und Helianthen die überwiegenden. Jeden Monat ſollen ſich die Prärien mit verſchiedenen Blumenarten bedecken, im Frühling mit weißen, ſodann mit blanen, jetzt meiſtens mit gelben. Wir blieben den ganzen Tag außen in der Prärie, bis wir die Sonne in ihr Bett von Sonnenblumen unterſinken ſahen. Den Tag über beſuchten wir eines der Blockhän⸗ 5„ — — m kt S— rie nd er. an er⸗ rer on ch⸗ die nd, ahl var ind le⸗ en, ine nze 7i ner ht len lu⸗ ei⸗ hö⸗ ind en. nen inn ben die ken 239 ſer auf dem Feld. Eine angenehme ältere Fran war daheim. Die Männer waren draußen auf der Heu⸗ erndte. Das Haus war ein Jahr alt und ziemlich den Winden ausgeſetzt, aber drinnen war es ſanber und ordentlich, wie gewöhnlich wo Amerikanerinnen wohnen. Ich fragte die gute Frau, wie es ihr in der Einſamkeit der großen Prärie gefalle? Sie lang⸗ weilte ſich.„Es ſei ſo einförmig.“ Ja, ja. Es iſt ein großer Unterſchied, dieſen Himmelsraum und dieſe Erde blos einen Tag oder ein ganzes Jahr zu ſehen. Aber ich wollte es ein Jahr lang verſuchen. Wir ſahen nicht eine einzige Wolke an dieſem Tag und verſpürten keinen Windhauch. Aber die Luft war dennoch ebenſo friſch als lieblich. Der indianiſche Sommer beginnt bald. Das ganze Prärienfeſt war wolkenfrei, bis auf den kleinen Umſtand, daß die Büchſe des Jägers los ging und eines unſerer Pferde ins Ohr ſchoß, und daß ein Wagenrad zerbrach; aber dieß war gegen das Ende der Fahrt; man nahm den kleinen Unfall munter hin und ließ ſich durchaus nicht davon ſtören. Chicago, den 22. Sept. In der herzlich angenehmen Familie, wo ich jetzt meine Heimath habe, bei Mr. und Mrs. Kinzie, be⸗ komme ich viel von den Indianern zu hören. Mr. Kinzie iſt der Regierungsagent für Unterhandlungen mit den indianiſchen Stämmen in den nordweſtlichen Staaten, und iſt mit ſeiner Familie einer der erſten Anſiedler in der Wildniß dahier geweſen. Mrs. Kin⸗ 240 zie, die leicht und gut ſchreibt, hat ſchriftlich mehrere Ereigniſſe aus dem Leben der erſten Koloniſten und ihren Kämpfen mit den Indianeru aufbewahrt, Dinge, die ſich zum Theil in ihrer eigenen Familie zutrugen; und die Leſung oder Erzählung dieſer Geſchichten iſt eine der vornehmſten Vergnügungen des Abends. Einige davon ſind in hohem Grade intereſſant. Sie enthalten mehrere grauſame und ſchreckliche, aber auch oft rührend ſchöne, und zuweilen recht komiſche Auftritte. Stoff zum ſchönſten Drama könnte die Geſchichte von der Gefangenſchaft und Freilaſſung der Mutter Mr. Kinzies werden. Ich weiß nichts Dramatiſcheres, als zuerſt die entſetzlichen Scenen, die ſich an den Raub des kleinen Mädchens ſchließen, ſodann die Nei⸗ gung des Indianerhäuptlings für das Kind, die zu⸗ nehmende Liebe, deren Gegenſtand ſie wird, während ſie in ſeinem Zelt aufwächſt und von dem wilden Stamm die weiße Lilie genannt wird; die Epiſode mit dem Mordverſuch der eiferſüchtigen Frau des Häupt⸗ lings gegen das Mädchen, und endlich den Augenblick, wo der Häuptling, nachdem er mehrere Jahre alle Unterhandlungen und Geſchenke von Seiten der Eltern und der weißen Regierung, welche das Kind wieder bekommen wollte, abgewieſen, endlich ihren Bitten nach⸗ gibt und eine Zuſammenkunft zwiſchen der Mutter und dem Kinde bewilligt, aber mit dem ausdrücklichen Vor⸗ behalt, daß ſie nicht verlangen ſoll es wieder zu be⸗ kommen, und wie er ſich dann am Zuſammenkunftsort mit ſeinen Kriegern in ihrer Rüſtung einfindet, allein, trotz der Vorſtellungen derſelben, über den kleinen Strom reitet, der das Lager der Weißen von dem der Indianer trennt, wie er Kind und Mutter mit Thrä⸗ nen einander in die Arme ſtürzen ſieht, von dieſem Anblick überwältigt Halt macht, mit dem Ausruf;„die Mutter muß ihr Kind haben!“ umwendet, über den Strom zurückreitet und ſich mit ſeinem Volk fortbegibt, —————„ 241 ohne einen Blick zurück auf den Liebling ſeines Her⸗ zens zu werfen, die„weiße Lilie,“ die jetzt in ihrem fünfzehnten Jahr zu den Ihrigen zurückkam. Ich hoffe, Mrs. Kinzie wird eines Tags dieſe ſchönen Erzählungen, wie noch mehrere andere, die ich an dieſen Abenden gehört habe, veröffentlichen. Das Gemetzel in Chicago gehört zu den grauenhafteſten unter ihnen, und noch ſieht man in Chicago friſche Spuren davon. Doch wird auch dieſe Geſchichte von einer menſchlichen Handlung verſchönt. Des Indianerhäuptlings Fyrabent Freiwerbung für ſeine Tochter bei meinem edeln, gentlemänniſchen Wirth und die Ankunft der dicken Miß Fyrabent auf ihren Büffelhäuten nach der Stadt, wo ſie jedoch von dem beabſichtigten Gatten mit Proteſt zurückgewieſen wird, gehört zu der komiſchen Indianer-Kronik. Im Uebri⸗ gen hat der ſanfte, feine Mr. Kinzie, wie mehrere, die viel mit den Indianern gelebt haben, eine wahre Ergebenheit für dieſelben, und ſcheint ein offeneres Auge für die Tugenden als für die Fehler zu haben, welche dieſes wunderliche Volk kennzeichnen. Kinzies haben lange in Minneſota gewohnt, und ſind erſt in den letz⸗ teren Jahren nach Chicago in Illinois gezogen, wo ſie jetzt ein ſchönes Haus mit einem großen Garten beſitzen. Chicago iſt eine der unangenehmſten und garſtigſten Städte, die ich noch in Amerika geſehen habe, und verdient ihren Namen„Königin der Binnenſeen“ ganz und gar nicht. Denn ſo wie ſie da am Ufer des Sees in grobem Negligs ſitzt, gleicht ſie mehr einer Tröd⸗ lerin als einer Königin. Gewiß iſt, daß die Stadt meiſt aus Kaufbuden zu beſtehen ſcheint. Man ſieht beinahe kein ſchönes Landhaus mit Gärten in oder außer der Stadt— was ſonſt in amerikaniſchen Städten ſo gewöhnlich iſt— und auf den Straßen meiſtens Bremer, die Heimath in der neuen Welt. U. 16 242 Bretterhäuſer auf bretterbelegten oder breiten, ſonnigen Straßen ohne Bretter. Und man ſieht es an Allem, daß die Leute hieherkommen, um zu handeln, um Geld zu machen, nicht aber um zu leben. Gleichwohl habe ich hier in Chicago einige der angenehmſten, einneh⸗ mendſten Menſchen kennen gelernt, die ich irgendwo auf Erden geſehen habe; gute, ſchöne, geiſtreiche Men⸗ ſchen, mit denen ſichs gut leben und ſprechen läßt, Menſchen, die man liebhaben kann, ſowohl Männer als Frauen, Menſchen, die nicht Hunderte von Fragen an den fremden Gaſt ſtellen, ſondern ihm Gelegenheit verſchaffen Alles was er wünſchen kann ſelbſt auf die angenehmſte Weiſe zu ſehen und zu erfahren; wahr⸗ haft ſeltene Menſchen! Und überdieß Menſchen, die nicht ſo entſetzlich mit ſich und ihrer Welt, mit ihrer Stadt und ihrem Land zufrieden ſind, wie ſonſt die Menſchen in den Städtchen hier, ſondern die auch die Mängel ſehen, davon ſprechen und es ertragen können, auch Andere davon ſprechen zu hören. Heute(auch geſtern ſchon) bläſt hier ein heißer Wind, von dem ich mir vorſtelle, daß er dem italie⸗ niſchen Sirocco gleicht. Man wird ganz ſchachmatt davon, und die Luft in Chicago iſt eine Staubwolke. Den 23. Sept. Aber am Abend, wenn die Sonne untergeht und der Wind ruhig iſt, da ſuche ich von irgend einem höheren Punkt in der Stadt aus den Sonnenuntergang über dem Prärienland zu ſehen, denn er iſt ſchön. Und bei dem Anblick dieſer Sommerpracht kommen melan⸗ choliſche Gedanken. In dieſem ſonnenbeglänzten Weſt⸗ land ſehe ich Tauſende von Buden und Tauſende von Handelsleuten, aber keinen Sonnentempel und keine Verehrer der Sonne und der ewigen Schönheit. Wa⸗ ———————— r S— S 8— ed„ e— e——— —,— 243 ren die Peruaner von edlerer Bildung als dieſe? Hat⸗ ten ſie höhere Geſinnungen? Waren ſie mehr Kinder des Lichts als das gegenwärtige Geſchlecht, welches das Weſtland der nenen Welt bebaut?... Den 24. Sept. Von einigen angenehmen Schweden, die hier an⸗ ſäſſig ſind, muß ich Dir ein wenig erzählen. Es ſind der Kapitän Schneidan und ſeine Frau, Herr Unonius Gjetzt Geiſtlicher der ſchwediſchen Gemeinde in der Um⸗ gegend) und ſeine Frau. Sie gehörten zu den erſten ſchwediſchen Auswanderern, die ſich an den ſchönen Binnenſee Pine Lake in Wisconſin niederließen, und daſelbſt ein arkadiſches Hirtenleben zu begründen und zu führen gedachten. Aber ach, ſie fanden das Ge⸗ gentheil eines arkadiſchen Lebens. Die Gegend war ſchwediſch ſchön, aber der Boden größtentheils nicht gut. Die ſchwediſchen Herrſchaften, die hier Anbauer und Koloniſten der Wildniß zu werden gedachten, hat⸗ ten ſich in Beziehung auf die Arbeit und ihre Arbeits⸗ kräfte verrechnet. Dazu brachten ſie die ſchwediſche Liebhaberei für gegenſeitige Bewirthung und munteres Leben mit ſich, ohne genau zu bedenken, wie lange es reichen könne. Jede Familie errichtete eine nothdürf⸗ tige Wohnung für ſich, und lud dann ihre Nachbarn zum Schmauß ein. Sie hatten Weihnachtsfeſte und Johannistänze. Aber die Ernten des erſten Jahres ſchlugen fehl. Die ſchwach bebaute Erde wollte keine reiche Ernten liefern. Dann kam ein ſtrenger Winter mit Schnee und Sturm, und die ſchnellgebauten Häu⸗ ſer gaben ſchlechten Schutz; ſo kamen Krankheiten, Un⸗ glücksfälle, Arbeitsmangel, Geldmangel, alle Arten von Mangel. Es iſt beinahe unglaublich, welche Lei⸗ den einige dieſer Coloniſten durchzumachen hatten. 244 Beinahe alle gingen als Farmer unter, aber einige halfen ſich und ihren Familien dadurch auf, daß ſie zu Handwerken griffen, und ſich als Schuhmacher und Schnei⸗ der einen Verdienſt verſchafften, den ſie durch Ackerbau nicht zu gewinnen vermochten. Es gereicht ihnen zur Ehre, daß ſie in ihrer tiefen Noth redlich arbeiteten und mit geduldigem Muth viel ertrugen, ohne zu kla⸗ gen, und daß es ihnen gelungen iſt ſich emporzuar— beiten. Sie wurden auch von der Bevölkerung des Landes, als man ihre Lage erfuhr, nicht im Stich ge— laſſen. Margaret Fuller(ſpäter Marquiſe Oſſoli) machte eine Reiſe in die weſtlichen Staaten in Beglei⸗ tung von Mrs. Clarke, der Mutter der rieſigen Söhne. Der Zufall führte ſie zu den Koloniſten am Pine Lake. Der Kapitän Schneidau ſaß da auf ſei⸗ nem Krankenbett mit einem ſchweren Beinſchaden, den er ſeit mehreren Monaten hatte. Seine ſchöne junge Frau hatte während des ſtrengen Winters die gröbſten Geſchäfte beſorgen müſſen und ihr erſtes Kind im Bett erfrieren geſehen, in der Stube, wo Schnee und Regen hereinſtöberten. Und ſie waren mitten in der Wildniß allein. Sie hatten keine Mittel ſich Hülfe anzuſchaffen, die in dieſen Gegenden ſo unendlich theuer war. Die Magd, die ſie kurze Zeit gehabt, hatte ſie verlaſſen, und ihre Nachbarn waren auf lange Zeit fort, oder ſelbſt von ähnlicher Roth darniederge⸗ drückt. Da kamen die zwei Damen von Boſton. M. Fuller ſchildert den Beſuch in ihrem„Sommer an den Seen“ mit folgenden Worten: „Im innern Zimmer ſaß der Herr des Hauſes; er hatte lange Zeit da geſeſſen, denn er hatte an Bord des Schiffes, das ihn hieher brachte, ſeinen Fuß be⸗ ſchädigt, und er mußte ſeine Felder durch Fremde be⸗ ſtellen laſſen. Seine ſchöne junge Frau war ſeine ein⸗ zige Pflegerin und Wärterin, wie ſie auch dem ganzen Hofe vorſtand. Wie gut ſie dieſe für ſie ungewohnten —— ———— ——,————— ner be⸗ be⸗ in⸗ zen ten 245 Geſchäfte beſorgte, ſah man an den Gegenſtänden ihrer Vorſorge. Alles zum Hauſe Gehörige war, obſchon grob und dürftig, doch auf die netteſte Weiſe geord⸗ net. Der Invalide, der in einem uubequemen Holzſtuhl ſaß(ſie hatte Niemand dazu bringen können, ihr einen bequemern aus der Stadt zu holen) ſah ſo elegant und wohlgekleidet aus, als würde ſeine Toilette von einem herzoglichen Kammerdiener beſorgt. Er war von nor⸗ diſchem Blut, mit großen, hellen, blauen Angen, ruhi⸗ gen Geſichtszügen, in ſeiner Miene eine Miſchung von Militär, Student und Weltmann. Er kontraſtirte ſtark, aber auf angenehme Weiſe mit ſeiner Frau, de⸗ ren warmer Teint und dunkles, weiches Auge von der Abkunft aus einem Land zeugte, das mit der Sonne beſſer bekannt iſt. Er ſah aus, als könnte er noch lange Zeit geduldig da ſitzen und den Augenblick ſeiner Erlöſung abwarten; ſie ſah aus, als könnte ſie Alles um der Liebe willen ertragen, aber als müßte ſie die ganze Schwere jedes einzelnen Augenblickes fühlen.“ „Als wir ein Album mit Gemälden und Verſen ſahen, die von einem Kreis anhänglicher und fein ge⸗ bildeter Freunde zeugten, welche ſie im Vaterland zu⸗ rückgelaſſen, ſo konnten wir nicht umhin uns zu ſagen, daß die junge Frau hier eine Schweſter und der Mann einen Freund bedürfen mußte, um ihre Einſamkeit den Umgang mit gleichgeſtimmten Seelen zu be⸗ eben „Ich habe für dieſe Ausländer ganz andere Ge⸗ fühle, als für eingeborene Amerikaner. Die amerika⸗ niſchen Männer und Frauen verdienen keine Entſchul⸗ digung, wenn ſie ihre Kinder nicht ſo erziehen, daß ſie mit den Widerwärtigkeiten des Lebens kämpfen können. Es iſt die Beſtimmung unſeres Sternes, daß hier, gleich wie alle Menſchen frei und gleich ſind, alle auch den Prüfungen des freien Lebens gewachſen ſein, und 246 durch Vertrauen auf eigene Kraft von den Winden und Wogen auf dem Strom des Lebens unabhängig gemacht werden müſſen. Aber Europas Stern hat ein anderes Horoscop, u. ſ. w.“ Was M. Fuller nicht erzählt, was ich aber hier zu hören bekommen habe, das iſt der thatkräftige Edelmuth, mit welchem ſie und ihre Freunde ſich der unglücklichen Schweden annahmen und nach einiger Zeit eine vollſtändige Veränderung in ihrem Schickſal zu Stand brachten. Aus dem einſamen Hof im Wald zogen ſie nach Chicago. Schneidau erhielt eine geſchickte ärztliche Pflege, wurde geſund, und iſt in dieſem Au⸗ genblick der geſchickteſte Daguerreotypiſt, der ſich wahr⸗ ſcheinlich in ganz Illinvis vorfindet, was ihm ein be⸗ deutendes Geld einträgt. Er iſt in dieſen Tagen aus Nen⸗York zurückgekommen, wo er ein großes und vor⸗ treffliches Daguerreotyp von Jenny Lind gemacht hat. Er iſt hier allgemein beliebt. Seine lebhafte, ſchöne Frau erzählt jetzt lachend und weinend zugleich die Er⸗ eigniſſe während ihres Lebens in der Wüſte in einer köſtlichen Miſchſprache von Schwediſch und Engliſch. Unonius und ſeine Frau zogen ebenfalls in beſſern Um⸗ ſtänden als früher hieher. Unonius befindet ſich in New⸗York, um Mamſell Lind ſeine Aufwartung zu machen und von ihr Geld zur Vollendung der lutheriſchen Kirche in Chicago zu erhalten. Ich verbrachte einen Abend bei ſeiner Fran. Das heitere, muthige Mädchen, von dem ich erzählen hörte, als ſie ſich in Upſala vermählte, um nach der neuen Welt hinüberzureiſen, hatte harte Prüfungen durch Krankheit, Noth und Kummer überſtanden. Vier Kinder hatte ſie zur Ruhe in der fremden Erde nieder⸗ legen müſſen. Es blieb ihr nur noch ein Knabe übrig. Sie war noch hübſch und jung, aber die Freude— ſie war verſchwunden. Der friſche Muth hatte ſich in ſtille Geduld verwandelt. Sie hatte jetzt ein kleines, n ig in er ge er er ld kte u⸗ e⸗ us r⸗ at. ne r⸗ ter ch. m⸗ eld zu au. len der zen ier er⸗ in es, 247 neugebautes Haus(in einer geſunden Gegend, als wo ſie früher gewohnt) ganz nah bei dem lutheriſchen Kirchlein. Dieſes war recht zierlich, aber immer noch unvollendet. Hier ſah ich ein Häuflein von etlichen und dreißig ſchwediſchen und norwegiſchen Kindern zum re⸗ ligiöſen Unterrichte verſammelt: freundliche, helle, blau⸗ ingige Geſichtchen! Sie waren zum größern Theil Kinder von Leuten in geringen Lebensverhältniſſen, und wohnten um die Stadt her auf kleinen Höfen. In der Schule lernten ſie ihre Mutterſprache, wie auch engliſch, Leſen, und Schreiben. Hier ſind ſehr wenig Schweden anſäſſig. In Millwaukie und Umgegend, in Wisconſin befinden ſich mehr. Von Schneidau und ſeiner Frau erfuhr ich viel über Erik Janſon und die Ereigniſſe, die ſeinen Tod veranlaßten, aber ich ſpare die Erzählung derſelben bis auf unſer Zuſammentreffen auf. Ein räthſelhafter Cha⸗ rakter ſcheint der Mann geweſen zu ſein, halb Betrüger und halb betrogen von ſich ſelbſt oder ſeinem Dä⸗ mon. Eines Abends, als ich Schneidan beſuchte, ſah ich meine„Schöne von Baltimore,“ ein hübſches, ſtilles, junges Mädchen, dem Schlag Weiber angehörig, welche die ſchönſten Thaten verrichten können, ohne zu ahnen, daß ſie etwas Gutes thun. Sie ſind ſelbſt moraliſche Schönheiten und folgen ihrer Natur wie die Blume der ihrigen folgt. Deutſche finden ſich in Menge in Chicago, beſon⸗ ders Kaufleute und Handwerker. Die Stadt iſt blos zwanzig Jahre alt, und in dieſer Zeit bis zu einer Stadt von fünfundzwanzigtanſend Seelen herangewach⸗ ſen. Ein ächtes„Baby“ des großen Weſtens, aber wie geſagt noch etwas ungeputzt. Hier iſt jedoch eine Straße oder vielmehr eine Reihe von Häuſern oder kleinen Villen am Ufer des Binnenſees entlang, auf hohem Strand eine Straße, die ihrer Lage nach 248 den Charakter von„highlife“ hat, und ihn ganz gewiß eines Tags erhalten wird. Denn hier ſind bereits Leute aus verſchiedenen Theilen der Erde, und dieſe werden einen guten Kern, eine friſche, ächte Ariſtokratie ausmachen. Chicago führt in ſeinem Wappen den Namen Gartenſtadt. Und wenn das Prärienland um die Stadt her ein Garten wird, ſo wird ſie auch eine Rechtferti⸗ gung für ihren ppetiſchen Namen erhalten. Helle, hohe Schulhäuſer habe ich auch hier geſehen, und die Schuljugend unter Leitung eines vortrefflichen Meiſters vierſtimmige Lieder ſingen hören, ſo daß es mich zu Thränen rührte. Und die Kinder, wie aufge⸗ weckt, wie lernbegierig waren ſie nicht! Hurrab! der Weſten baut helle Lehrſäle, wo die Jugend fröhlich lernt und rein ſingt. Der Weſten muß mit Ehren vor⸗ angehen. Meine Freunde hier klagen über den chavtiſchen und unreinen Zuſtand in den politiſchen Verhältniſſen, verurſacht beſonders durch die ſtarke Einwanderung der rohſten Bevölkerung Europas, ſowie durch die Leichtig⸗ keit, womit dieſe das vollſtändige Bürgerrecht erhalten können. Nach einjähriger Riederlaſſung im Staat er⸗ hält der Einwanderer das Staatsrecht daſelbſt, und nimmt an der Wahl der ſtädtiſchen, ſowie der Staats⸗ beamten Theil. Niedrig geſinnte, politiſche Agitatoren bedienen ſich der Unwiſſenheit der Emigranten und wiegeln ſie durch Vorſpiegelunzen zum Vortheil der Candidaten auf, welche ſie voranſchieben wollen, und von denen ſie manchmal bezahlt ſind. Die beſſern und edlern Männer des Staats können ſich nicht entſchließen mit ſolchen Betrügern zu wetteifern, und halten ſich daher zurück. Deßhalb kommen ſehr oft nicht die beſten Männer an die Spitze der Regierung. Die ehrgeizigen, kühnen Glücksritter gelangen leicht zum Amt, und ſind ſie einmal im Amt, ſo ſuchen ſie ſich durch alle mög⸗ ſe ie n t 8 1, n 6 e⸗ er ch * en n, er g⸗ en r⸗ nd 8 en nd er nd nd en ch en n, nd g⸗ 249 lichen Künſte und Kniffe, welche der Volksmaſſe ſchmei⸗ cheln, zu behaupten und ihre Popularität beizubehalten. Die unwiſſende europäiſche Bevölkerung, welche glaubt, daß Könige und hobe Herrn alles Uebel in der Welt verſchulden, ſtimmt für den Mann, der am lauteſten gegen die Mächtigen ſchreit und ruft, daß er ein Mann des Volkes ſei. Auch darüber hörte ich klagen, daß die ſcandina⸗ viſchen Auswanderer nicht ſelten mit dem Glauben hieher kommen, daß die Staatskirche und die Religion ein und daſſelbe ſeien, und daß ſie, wenn ſie vie erſtere hinter ſich gelaſſen auch mit der letzteren nichts mehr zu ſchaffen haben. Der lange Gedankenzwang hat ihre Denkkraft bis zu dieſem Grad abgeſtumpft. Und ſie treten zuerſt im Weſten oft genug als Verläugner der Kirchengeſellſchaft und aller höheren Geſetze auf. Dieß iſt natürlich genug bei Menſchen, die nicht ſehr ans Denken gewöhnt ſind. Aber es iſt ein Uebergangs⸗ moment, der nicht lang währen kann in geſunden Ge⸗ müthern und in einem Welttheil, wo der Blick ſo klar und aufgeweckt iſt für das, was das höchſte Lebens⸗ princip der Menſchen und der Geſellſchaft bildet. Illinois iſt ein junger Staat mit einer Million Einwohner ſoll aber auf ſeinem reichen Boden wenig⸗ ſtens zehn Millionen ernähren können. Das Klima iſt jedoch nicht gut für europäiſche Auswanderer, die in den erſten Jahren hier von Fiebern und andern klima⸗ tiſchen Krankheiten leiden. Morgen verlaſſe ich Chicago und reiſe über den Michiganſee nach Millwaukie in Wisconſin. Ein an⸗ genehmer junger Mann iſt geſtern gekommen, um mich dahin abzuholen. Ich bin blos wenige Tage in Chicago geweſen, und gleichwohl habe ich hier Menſchen geſehen, mit denen ich gern mein ganzes Leben verbringen möchte. Aber jetzt... dieſe Gefühle für liebenswürdige 250 Menſchen, die ich da und dort auf meiner Pilgerfahrt treffe, ſind gleichſam„nächtliche Zelte,“ unter denen ich dankbar ausruhe. Ich möchte gern länger verweilen, aber am nächſten Morgen muß ich aufbrechen und weiter fahren. Ich thue es mit einem Seufßzer. Lebt wohl, ihr freundlichen Menſchen in einer un⸗ freundlichen Stadt! Habt Dank, warme Herzen in Chi⸗ cagw NS⸗ 2 Jenny Lind iſt in New⸗York mit amerikaniſchem Furore empfangen worden— dem unſinnigſten aller Unſinne. Die Verſteigerung der Billete zu ihrem erſten Concert ſoll vierzigtauſend Dollars eingetragen ha⸗ ben. Sie hat ihren ganzen Antheil an den Einkünften des erſten Concerts wohlthätigen Stiftungen in New⸗ York zugewieſen. Dreihundert Ladies ſollen ſie täglich belagern, und Tauſende von Menſchen aus allen Klaſ⸗ ſen folgen ihrer Spur. Briefe an ſie laufen täglich zu hunderten ein. Armes Mädchen! Herkules ſelbſt würde unter dieſer Mühe erliegen. Fünfundzwanzigſter Brief. — Watertown(Wiscouſin). Den 1. Oct. 1850. Der allerherrlichſte Morgen! Wie ich mich daran erlabt habe und an einer einſamen Wanderung auf dem ufer des Flüßchens Rock⸗river(eines Steuerpflichtigen 5—— — hrt ich ſten Ich un⸗ chem aller rſten ha⸗ ften tew⸗ glich klaſ⸗ h zu ürde 350. ran dem igen 251 des Miſſiſippi) wo das Städtchen gelegen iſt! Mancher Gedanke flog auch heimwärts und ſagte meinen Theu⸗ ren guten Morgen; und ich hätte ihnen, vor allem aber Dir, meine Agathe, dieſe Luft, dieſe Sonne des „Indianer-Sommers“ der neuen Welt zubringen mögen! Watertown iſt ein kaum herangewachſenes Städt⸗ chen von zweitauſend Einwohnern. Die hübſchen, klei⸗ nen Häuſer, meiſtens von Holz und weiß angeſtrichen, lagen geputzt und zierlich da auf dem grünen Abhang, zwiſchen dem Wald und dem Fluß hingeſtreut. Rauch⸗ ſäulen ſtiegen aus ihren Herden auf in dem ſtillen Morgen, und die Sonne beglänzte ſie und die ſpiegel— klare Fluth.„Seid ihr Sonnenblumen?“ fragte ich ſie(in petto, natürlich ¹)„Sind die Menſchen in euch wie die innern Blumen der Sonnenblume, deren jede einen Keim in ſich trägt?“ So wird es ſicherlich einmal in dieſem Land, das gleich einer Rieſen⸗Son⸗ nenblume aus den Wogen des Oceans emporſteigt; aber je weiter ich im Weſten komme, um ſo klarer wird es mir, daß es im Allgemeinen noch nicht ſo iſt; und daß der Menſch in dem großen Weſten noch hauptſächlich mit der Eroberung des materiellen Lebens beſchäftigt iſt, kurz mit dem„Business“(Geſchäfts⸗ leben). Man hat noch nicht Zeit ſich zur Sonne zu wenden. Aber emporſteigende Kirchen, Schulen, Aſyle und die kleinen Häuſer und Höfe, die ſich mit Blumen zu ſchmücken beginnen und Bäume um ſich her pflanzen, ſie bezeugen, daß das Lichtleben ſich Bahn zu verſchaffen ſtrebt. Zuerſt waren es Rimthurſen, dann Rieſen und Zwerge, hierauf kamen Götter und Göttinnen, ſagt der Wala⸗Geſang. Aus Chicago ſchrieb ich Dir zum letztenmal. Von Chicago fuhr ich per Dampfſchiff über den Michi⸗ ganſee nach Millwaukie in Begleitung eines warm⸗ 252 herzigen Mannes, Mr. Reed. Die Dampfbootbeſitzer er⸗ laubten mir nicht die Fahrt zu bezahlen. Die Reiſe war ſonnenbeglänzt und angenehm. Wir legten an mehreren neugebauten Städten am Ufer an,. Blö South Bord, Elgin, Racine, die alle ſeit ſieben bis acht Jahren emporgekommen und im beſten Zuge ſind unter dem Einfluß der Binnenſeefahrt und des Handels ſchnell emporzuwachſen. In Millwaukie traf ich einen Schweden, Herrn Lange, der hier als Handelsmann anſäßig iſt, mich zu ſich eingeladen hatte und jetzt nach ſeinem Haus führte, wo ſeine Frau, eine heitere, kleine Irländerin, mich freundlich empfing. Es war am Abend. Der nächſte Morgen war regneriſch, aber es klärte ſich auf und das Wetter wurde noch allerliebſt. Den ganzen Vormittag mußte ich die Löwin ſpielen vor einem un⸗ aufhörlichen Zuſtrom von beſuchenden Herrn und Da⸗ men, wurde mit Blumen, Büchern und Verſen beſchenkt, mußte aber auch recht artig ſein, und immer dieſelben Fragen beantworten, immer dieſelben ſchwediſchen Lieder und Tänze auf dem Klavier wieder ſpielen. Einige Perſonen waren offenbar ſehr intereſſant, und es hätte mir Vergnügen und Nutzen gemacht, mit ihnen ſprechen zu können, aber ach! dieſe Strömung reißt alle Perlen mit ſich. Zu Mittag war ich in einer größeren Penſion, ſah eine Menge ſchöner junger Mädchen, hielt eine Rede an ſie, wünſchte ihnen Glück dazu, amerikaniſche Bürge⸗ rinnen zu ſein, ſah auch einige recht angenehme Leh⸗ rerinnen und im Uebrigen wieder Herrn und Frauen⸗ zimmer in Maſſe. Eine bedeutende Umbildung in der innern Organiſation der Mädchenſchulen iſt in den weſtlichen Staaten jetzt im beſten Gang unter der Lei⸗ tung einer Miß Beecher, Schweſter des begabten jungen Geiſtlichen in Brooklyn, die eine Art Obervor⸗ ſteherin im Schulweſen iſt. Nachmittags wurde ich in —— c er⸗ eiſe an ben uge des rrn ich us in, Der auf zen un⸗ Da⸗ nkt, ben eder rige ätte chen rlen ſah tede rge⸗ Leh⸗ uen⸗ der den Lei⸗ bten vor⸗ hein 253 einem Wagen, den ein Herr aus der Stadt zu meiner Verfügung ſtellte, umhergeführt, um die Stadt zu be⸗ ſehen. Dieß war angenehm. Denn die Stadt iſt ſchön und hat eine ausgezeichnete Lage auf der Höhe zwiſchen dem Michiganſee und dem Millwankiefluß; auch wächſt ſie mit aller Macht. Vier große Schulhäuſer, eines in jedem Stadtbezirk, glänzten mit ihren aufſteigenden Kuppeln im Sonnenſchein. Sie waren noch im Bau begriffen, alle gleich zierlich, obſchon ohne Pracht. Ich ſah einige ſchöne, wohlgebaute Straßen mit ſchönen Häuſern und Buden; ein anderer Schlag als in Chicago! Beinah alle Häuſer in Millwaukie ſind von Ziegelſteinen, und dieſe eigene Art Ziegel, die hier aus einer Art Lehmerde verfertigt wird und eine ſanfte hellgelbe Farbe hat, gibt der Stadt ein ſehr heiteres Anſehen, gleich als leuchtete beſtändig die Sonne da⸗ rin. Ich ſah auch ſchöne Landhänſer in der Nähe der Stadt mit ſchönen freien Ausſichten über See und Land. Millwaukie, nicht aber Chicago, verdient die Königin der Binnenſeen genannt zu werden. Eine ſtattliche Stadt auf den ſonnbeglänzten Höhen, ruht ſie, wächſt und breitet ſich mit jedem Tage aus. Beinah die Hälfte der Stadt iſt deutſch, und dieſer Theil wird die„deutſche Stadt“ genanut. Sie liegt auf der andern Seite des Millwaukiefluſſes. Hier ſieht man deutſche Häuſer, deutſche Inſchriften auf Thüren und Schilden, deutſche Phyſiognomieen. Hier werden deutſche Zeitungen heraus⸗ gegeben, und manche Deutſche leben hier, die niemals engliſch lernen, und ſich ſelten außerhalb der deutſchen Stadt begeben. Ueberhaupt ſcheinen ſich die Deutſchen im Weſten clanweiſe zuſammenzuſchließen, wie auch zuſam⸗ menzuleben und ſich zu beluſtigen, wie im Mutterland. Ihre Muſik, ihr Tanz und andere Volksvergnügungen zeichnen ſie vor der engliſchen Bevölkerung aus, die beſonders im Weſten kein anderes Vergnügen hat als das Geſchäft. Das erinnert mich an ein Geſpräch, 254 das ich einmal— ich glaube es war in Auguſta, in Hi Georgien— in einer Bude hatte, in welche ich gegangen un war um etwas zu kaufen. Ein Frauenzimmer von ge mittlerem Alter ſtand hinter dem Ladentiſch und ich Dr hörte an ihrer Ausſprache, daß ſie eine Deutſche war. tig Ich fragte ſie auf dentſch, wie ſie ſich in der neuen grl Welt befinde?„Oh,“ antwortete ſie mit einem Seufßzer, het „es geht hier ganz gut mit dem Geſchäft, und wenn an man Geld verdienen will; aber wenn ich jetzt den gan⸗ der zen Tag gearbeitet habe, und der Abend kommt, ſo 3u habe ich kein„Plaiſir.“ Im alten Land verdient man St zwar nicht ſo viel mit ſeiner Arbeit, aber man hat De doch„Plaiſir,“ wenn ſie vorüber iſt. Aber hier weiß au man von keinem andern„Plaiſir“ als dem Geſchäft, hil Geſchäft vom Morgen bis zum Abend, und darum iſt De das Leben nicht ſehr angenehm.“ Dieß war im Sü⸗ Au den, wo die Emigration bis jetzt nur noch ein kleiner De Strom iſt. In die nordweſtlichen Staaten kommen die bar Deutſchen in großen Schaaren, ſchließen ſich zuſammen, zu und haben„Plaiſir“ genug; und ihre Muſik dringt das dann und wann mit weckendem Ton an die Ohren der hat Angloamerikaner; und die ſtarken, blühenden, deutſchen ſah Mädchen ziehen zuweilen ihre Augen ſtark genug auf mö ſich, um eine Annäherung, ein Suchen nach„Plaiſir“ Hö und noch nach andern Dingen auf dem deutſchen Gebiet abe zu veranlaſſen. Abends wohnte ich bei dem Maire der Stadt einem Souper bei, wo ich mehrere ſehr angenehme Menſchen ſah. Eine liebenswürdige junge Frau nahm ein Arm⸗ band von ihrem Arm und knüpfte es an den meinigen. dieſ Ich werde ihr Andenken in meinem Herzen tragen. fuh Das Haus des Maire lag auf einer Höhe, war unend⸗ klei lich pittoresk und ſchaute auf ein tiefes Thal herab, in wo ebenfalls Menſchen bauten und wohnten. Es hat übrigens ſeine Gefahren hier auf den gen Höhen Hänſer zu bauen. Du haſt z. B. auf einer gen. in gen von ich ar. uen zer, enn an⸗ lan hat eiß ift, iſt ü⸗ ner die en, ngt der en uf ir“ iet em en m⸗ n. n. d⸗ b, en er 255 Höhe einen Platz gekauft, groß genug für ein Haus und ein Gärtchen, Du haſt Dir auch ein ſchönes Haus gebaut, und Bäume und Blumen herum gepflanzt, und Du freuſt Dich über Dein Haus, ſowie über die präch⸗ tige Ausſicht, welche Dich den ganzen See und einen großen Theil des Landes überſchauen läßt. Das iſt heute. Morgen erfährſt Du, daß das Land zunächſt an Deinem Haus von Jemand angekauft worden iſt, der ſeinen ganzen Theil der Höhe um mehrere Klafter zu ſenken und unmittelbar unter Deinem Haus eine Straße zu bauen beabſichtigt. Du proteſtirſt und ſagſt, Dein Haus müßte einfallen, wenn der Sandhügel juſt an ſeinen Mauern ſo tief untergraben werde. Dieß hilft nichts. Uebermorgen ſiehſt Du das Graben vor Deinen Mauern beginnen, und Du haſt die angenehme Ausſicht eines Tags den Sandhügel zuſammenſtürzen, Dein Haus ſammt demſelben einfallen und einen Purzel⸗ baum auf die neue Straße zu ihren Füßen hinabmachen zu ſehen, und wenn das Glück gut iſt, ſchlägt es noch das Haus in Stücke, das Dein Todtengräber gebaut hat. Aber dieß iſt ein düſtres Gemälde. Gleichwohl ſah ich es vor meinen Augen in Millwaukie. Ich möchte gern eine Zeit in Millwaukie auf ſeinen ſchönen Höhen, unter ſeinem freundlichen muntern Volk wohnen, aber da Häuſer bauen,— nein, ich danke! Ein Tag unter den Schweden um Pine Lake. Es war den 29. September Morgens, als ich an dieſe erſte ſchwediſche Colonie im Weſten kam. Ich fuhr von Millwaukie mit Herrn Lange hin, der unſern kleinen Wagen auf dem nicht leichten Wege durch die einſame Gegend etliche und zwanzig engliſche Meilen von Millwaukie kutſchirte. Es war ein Sonutag Mor⸗ gen, als wir ankamen, ein ſchöner ſonnenwarmer Mor⸗ gen. Die Kleine ſchwediſche Colonie am Pine Lake, 256 obſchon zum größeren Theil geſprengt, findet ſich noch in einem halbdutzend Familien da, die als Farmer in der Gegend leben. Es war eine Binnenſee⸗Gegend, ſo zierlich und romantiſch man ſie ſich nur denken kann, eine wahrhaft ſchwediſche Binnenſee⸗Gegend. Und man begreift leicht, daß ſie die erſten ſchwediſchen Auswan⸗ derer entzückte, ſo daß dieſelben, ohne erſt das Erdreich zu unkerſuchen, hier ein Neu⸗Schweden zu gründen, und ein Neu⸗Upſala zu banen beſchloſſen. Ich brachte den Vormittag mit Beſuchen bei ver⸗ ſchiedenen ſchwediſchen Familien zu. Beinahe alle wohn⸗ ten in Blockhäuſern und ſchienen ſich in ziemlich geringen Umſtänden zu befinden. Am beſten ſtellte ſich ein Schmied, der, glaube ich, auch in Schweden das Handwerk getrieben. Er hatte ſich ein ſchönes kleines Haus in den Wald gebaut, war ein hübſcher Mann, und hatte eine hübſche junge Norwegerin zur Frau; ebenſo ein Herr Bergvall, der in Schweden Gutsbe⸗ ſitzer geweſen, hier aber ein tüchtiger Bauer geworden war, einige Morgen gutes Land bekommen hatte, das er mit Eifer und Kraft anbaute, ſtand ſehr gut, und war eine ausnehmend heitere, gutmüthige, geſunde ſchwediſche Natur. Er hatte ſchönes Vieh, dem er ſelbſt abwartete, und eine gute Maisernte ſtand herrlich draußen auf den Aeckern, ohne im Sonnenſchein zu vertrocknen. Er hatte neben ſein Blockhaus noch ein kleines ſteinernes Haus gebaut, um das erſtere zu erweiteru, und im Blockhaus hatte er eine der hübſcheſten, freundlichſten, anmuthsvollſten ſchwediſchen jungen Frauen, mit Wangen ſo friſch roſenroth, wie man ſie nur ſelten in Amerika ſieht, und zwar obſchon ſie jetzt einen vier Wochen alten kleinen Knaben, ihr erſtes Kind, ſäugte und ohne andere Hilfe als eine junge Schweſter alle Arbeit im Haus allein beſorgen mußte. Dieß war ein heiteres und glückliches Heim⸗ weſen, ein gut ſchwediſches Heimweſen mitten in der ——— Wi ver gut gre wa ein der un die geſ S; gir um na M da ter ble rut ſta Fr hi fri ich m S U m och in nd, nn, nan au⸗ eich und ber⸗ hn⸗ lich ſich das ines inn, au; sbe⸗ rden das und inde elbſt rlich nzu noch ſtere der chen wie chon ihr eine rgen eim⸗ der 257 Wildniß Amerikas. Und das Mittageſſen, das ich dort verzehrt, war bei all ſeiner Einfachheit ausgezeichnet gut und beſſer, als irgend eines, das ich in Amerikas großen, hübſchen Hotels genoſſen habe. Gegenwärtig waren zehn Schweden bei ihm, meiſtens junge Männer; einer von ihnen verlobt mit der ſchönen jungen Schweſter der Frau vom Hauſe. Treffliche Milch, herrliches Brod und Butter, die leckerſten Seevögel und leckere Torten, die Herzlichkeit in der Gaſtfreundſchaft, die fröhliche, geſunde Stimmung bei Tiſch, die ſchöne ſchwediſche Sprache in Aller Mund— Alles machte mir die Mahlzeit zu einem Feſt. Unſere ſchöne, junge Wirthin beſorgte den Tiſch, ging mitunter in die Küche oder ins nächſte Zimmer hinaus um nach den Speiſen auf dem Herd zu ſehen oder auch nach ihrem Jungen in der Wiege, wenn er um ſein Mittageſſen ſchrie; dann kam ſie wieder zu uns und das gute Lächein glänzte, und die friſchen Roſen blüh⸗ ten friſch, trotz dem ſorgenvollen Blick in den klaren blauen Angen. Beide Schweſtern waren blond mit runden Geſichtern, blauen Augen, hellen Haaren, heller Farbe, friſchen, ſchönen, weißen Zähnen ſchlanken Ge⸗ ſtalten, ächte Schwedinnen; beſonders war die junge Frau ein ſchönes Exemplar von einer jungen Schwedin. Nachmittags führten ſie mich auf einem kleinen Waldweg an den unendlich ſchönen See Pine Lake hinab, in deſſen Nähe(aber tiefer im Wald) ihre frühere Wohnung lag, und um welche herum auch die andern ſchwediſchen Häuſer lagen. Unterwegs fragte ich nach ihrem Leben und erfuhr jetzt ſeine Mühſeligkeiten mancherlei Art, obſchon ohne die mindeſte Klage. Die Schwierigkeit Arbeiter zu bekommen oder das, was wir Knechte und Mägde nennen, gehört zu den größten Unannehmlichkeiten der Coloniſten im Weſten. Sie müſſen dieſe Hilfe entweder ſehr theuer bezahlen(oft Bremer, die Heimath in der nenen Welt. l. 17 258 kann ſie ſogar um keinen Preis erkauft werden) oder ſie gänzlich entbehren. Und wenn die Arbeitskräfte dann abnehmen, wenn Krankheit oder Unglück eintreffen, Ri ſo iſt damit auch die Noth vor der Thüre. Es bedarf a Ull⸗ vieler Liebe und vielen Vertranuens, um unter ſolchen Umſtänden eine Niederlaſſung hier zu wagen. Aber 10 dieß lebte auch im Herzen der jungen Schwedin, und ihr ihre Augen leuchteten, als ſie von ihrem Mann, ſeinem guten Herzen, ſeiner friſchen Kraft und ſeinem heiteren Gemüth ſprach. Während wir an dem ſtillen See ſtan⸗ nic den, der von herbſtlich zierlichen, laubigen Bäumen und ſpr Gebüſchen bekränzt war, hörten wir die fröhliche Stimme die des Mannes, der die Ochſen an den Brunnen trieb, lieb und ſahen bald die ſtattlichen Hörner dieſer Thiere durch Ka das dichte Laubwerk dringen. Unſer heiterer anſprechen⸗ wo der Wirth war hier ein flinker Ochſentreiber ʒ Darauf begaben wir uns zu der älteſten Kolonie abe am Pine Lake, wo Frau Bergwalls Mutter, die ver⸗ nick wittwete Frau Petterſon, uns zum Kaffee erwartete. wa Ich fuhr mit Herrn Lange in unſerem kleinen, offenen ger Wagen dahin. Die andern ſchwediſchen Familien fuhren teit mit Ochſen. Ein junger Schwede, der mit einer alten ſ Amerikanerin, einer dicken Wittwe verheirathet iſt, war mit in der Geſellſchaft. Ich ſah das Paar in den ver Wald ziehen, die Fran mit dem Sonnenſchirm auf dem Wagen ſitzend, während ihr junger Mann die Ochſen trieb. Einer von Frau Petterſons Söhnen, ein junger 5. Mann von etlichen undzwanzig Jahren, ritt uns in den Wald vor, und zeigte uns den Weg durch ſeine Laby⸗ ſei rinthe. e. kamen wir an ein Blockhaus(ähnlich un⸗ 35 ſern gewöhnlichen Bauernhäuſern um Arſta her), das auf einer grünen Höhe lag, mit der allerſchönſten Aus⸗ wi ſicht über den See, den man beinah in ſeiner ganzen Ausdehnung von hier aus ſah. F Frau Petterſon, eine große, ſchön geweſene Frau, erb der ifte fen, ar hen ber und nem ren an⸗ und ime ieb, urch en⸗ onie ver⸗ tete. enen hren ten war den dem hſen uger den by⸗ un⸗ das lus⸗ nzen rau, 259 kam mir, auf einen Krückenſtock geſtützt, entgegen, den Rücken gekrümmt, aber das redliche Geſicht ſtrahlend von Wohlwollen. Sie iſt noch nicht fünfzig Jahre alt, aber in Folge von Mühen und Bekümmerniſſen vor der Zeit gealtert und gebrochen. Ich erblickte in ihr einen ächten Typus der ſchwediſchen Bürgerfrau mit der überfließenden Herzlichkeit, die leicht in den Augen, in Ausdrücken und Worten überſchwillt, und nicht knickeriſch mißt, was die Hand gibt oder die Zunge ſpricht; eine ganz prächtige, warmherzige Kaffeebaſe, die es liebt Andere zu traktiren, wie ſie das Leben ſelbſt liebt. Sie bewirthete uns mit dem allerköſtlichſten Kaffee, und würzte das warme Getränk mit warmen, wohlwollenden Blicken und Worten. Ihr Mann hatte hier als Ackerbauer begonnen; aber ſowohl er als ſeine Frau waren an harte Arbeit nicht gewöhnt, ſie bekamen ſchlechtes Land(außer Berg⸗ walls Landantheil ſcheint alle Erde am Pine Lake ma⸗ ger zu ſein), es fehlte ihnen an Hilfe und Bequemlich⸗ keit, ſie hatten viele Kinder, ſie bekamen noch mehr, ſie litten unglaubliches Ungemach. Frau Petterſon mußte, während ſie ihre Kinder ſäugte, die ſchwerſten Geſchäfte verrichten. Auf den Knieen, von Gichtſchmerzen ge⸗ quält, mußte ſie oft die Wäſche der Familie beſorgen. Ihr Mann mußte endlich den Landban aufgeben, wurde Schuhmacher, und verdiente auf dieſem Hand⸗ werk das nothwendige Auskommen für ſich und die Seinigen. Er war jetzt ſeit einem Jahre todt, und ſeine Wittwe bereitete ſich vor, das Höflein zu verlaſſen, dem ſie allein nicht mehr vorſtehen konnte, und zu ihrem Tochtermann Bergwall zu ziehen. Sie ſelbſt fühlte ſich abgenützt und alt,„vorbei,“ wie fie ſagte, vor der Zeit, bereute es aber doch nicht nach Amerika gekommen zu ſein, denn ſie denke an ihre Kinder und die Zukunft, die ſich in der neuen Welt eröffne, reicher, glücklicher, als das Mutterland zu geben 7 260 vermöge, und ſie freue ſich ihnen dieſe Zukunft mit dem Opfer ihres Lebens erkauft zu haben; ſie freue ſich vor der Zeit ins Grab hinabzugehen, und dort ihre Krücken niederlegen zu dürfen. Dieſe Kinder, vier Söhne und vier Töchter,(die zwei jüngſten Mädchen hier geboren und noch Kinder) waren alle hübſch, einige von ihnen ausgezeichnet ſchön, beſonders die zwei jüngſten Söhne, Knut und Sten. Sten ruderte mich in einem Eichſtamm an den Ufern des ſchönen Sees umher. Er war ein ſchöner, ſchlanker Junge von achtzehn Jahren, und wenn er ſo in weißen Hemdärmeln, mit blauſeidener Weſte, mit den klaren, dunkelblauen Augen, dem reinen, guten Ausdruck in dem jugendfriſchen Geſicht daſaß, war er wirklich das Ideal eines idylliſchen Hirten.(Die Schweſtern rühmten mir, als wir allein waren, Knut und Sten als ſo ſeelengute, herzliche Jungen, die alles für ſie und das Haus thun). 5 9 Wir fuhren an den laubreichen Ufern hin, die ſich mit der herbſtlich ſchönen Farbe in dem ſpiegelklaren See ſpiegelten. Hier auf einer hohen, hinausragenden Spitze, von glänzenden Laubmaſſen bedeckt, ſollte„Neu Upſala“ ſtehen; ſo meinten Unonius und ſeine Freunde, als er zuerſt nach der wilden Gegend kam und von ihrer Schönheit entzückt wurde. Ach, der wilde Boden wollte Upſalas Söhne nicht tragen. Ich ſah die öden Häuſer, wo Unonius und Schneidan vergebens mit der Noth kämpften und zu leben verſuchten. Aber die Gegend— ſie war lieblich und ſchön; ſchwediſch ſchön, denn dunkle Fichten ſtanden unter den Laubbäumen, und der Wald reichte bis zum See herab, wie bei unſeren Seen, wo der Waſſernir im Nordlicht ſitzt, Harfen ſpielt und unter dem grünen Gewölbe ſingt. Die Sonne ging unter. Es war ein nordiſches Schau⸗ ſpiel auch in der Beziehung, daß es kalt war, und der Sonnenuntergang nicht den in Amerika gewöhnlichen glühenden Farbenglanz hatte. 261 Ins Blockhaus zurückgekommen, verbrachten wir m ert den Abend te Spiel, Geſang und Tanz⸗ recht auf ſchwediſche Art mit einander, einundzwanzig cken Schweden im Ganzen. di Während meiner weſtlichen Reiſe hatte ich die ganze (die Zeit über eine Anrede in Gedanken, die ich an die der) ſchwediſchen Landsleute im Weſten halten wollte; näm⸗ lich ich wollte ihnen Grüße bringen von ihrem Mut⸗ ten. terland, und ſie aufmuntern ein neues Schweden in ſer dem neuen Landzu ſchaffen. Ich wollte ſie daran erinnern, nker was das alte Land Großes an Erinnerungen, an Ge⸗ ißen danken, an Sitten und Art hat, ich wollte in ihren ren. Seelen die Begeiſterung für ein neues Schweden her⸗ den vorrufen; ich war oft tief gerührt geweſen beim Ge⸗ deal danken an die Worte und Ideen, die ich ausſprechen follte. Aber jetzt als ich an Ort und Stelle war, wo⸗ zute⸗ hin ich verlangt hatte, und als ich an meine Rede ui dachte, da wollte ſie mir nicht hervorkommen. Und ſie ſich kam auch nicht Ich fühlte mich glücklich bei meinen 4 Landsleuten zu ſein, glücklich ſie hier ſo angenehm und nden noch ſo ſchwediſſch mitten im fremden Lande zu Neu finden. Aber ich hatte mehr Anlage zur Heiterkeit, inde, als zu einer feſtlichen Stimmung. Und ſo las ich der Geſellſchaft die kleine nordiſche Sage„der Tannen⸗ oden baum“ von H. C. Anderſen vor, und forderte dann öden meine Landslente auf, ſchwediſche Lieder zu ſingen. t der Die ſchönen ſchwediſchen Stimmen verläugneten ſich auch hier in der neuen Welt nicht, und ich wurde ſo⸗ hön; wohl feierlich geſtimmt als gerührt, als die Männer, angeführt von Bergwall, friſch, mit reinen klaren S Stimmen dlicht ſingt.„Ihr Schweden auf, für König und Vaterland!“ und hierauf mehrere alte, vaterländiſche Lieder ſangen. ichen Die ſchwediſche Gaſtfreiheit, die Munterkeit und der 262 Leians lebten hier ſo friſch, wie irgendwo im alten Land. Die alte Petterſon ſorgte für ein tüchtiges Trak⸗ tament, für unvergleichlichen Kaffee und Thee, ausge⸗ zeichnet gutes Wildpret, Obſt, Torten und mehrere andere gute Sachen, reich und lecker beſtellt, wie bei einer fürſtlichen Tafel. Die jungen Söhne des Hau⸗ ſes warteten auf.(Daheim in Schweden würden es die Töchter gethan haben.) Alle waren herzlich und vergnügt. Nach der Mahlzeit hatten wir neuen Ge⸗ ſang und dann Tanz. Die alte Petterſon gab bei jedem neuen Liede, das vorgeſchlagen wurde, den Ton an, mit einer ſtarken und reinen, aber etwas gellenden Stimme, die, wie ſie ſagte„nicht durch Kunſt, ſondern von Natur, ſeit Anbeginn der Welt ſo geweſen war.“ Die alte Petterſon würde auch bei den Tänzen mitge⸗ macht haben, wenn ihre rheumatiſche Lahmheit ſie nicht daran verhindert hätte. Ich engagirte den ehrlichen ſchwediſchen Schmid und führte mit ihm die„Neger⸗ Polka“ an, welche Alt und Jung mit ſich riß und Alle elektriſirte, ſo daß die Jüngeren hohe Sprünge machten, und die dicke Amerikanerin in Folge übermäßigen Ge⸗ lächters auf eine Bank umfiel. Wir tanzten endlich um das Haus herum. Später gingen wir, am ſchönen Abend, an das Seeufer hinab, und Tegnérs Sternen⸗ lied wurde unter dem klaren Sternenhimmel geſungen. Als wir endlich uns trennen ſollten, bat ich die alte Petterſon ein ſchwediſches Abendlied zu ſingen, und wir ſtimmten Alle in den Pſalm ein: „Jetzt ruhet alle Welt.“ Hierauf trennten wir uns mit herzlichen Hände⸗ drücken und Glückwünſchen, und Jeder ging in der ſternhellen Nacht heim zu den Seinigen. Ich blieb bei Frau Petterſon, nicht ohne einige Unruhe wegen der Ausſichten auf die Ruhe der Racht; denn ſo reichlich auch das Traktament am Abend ge⸗ —.———-——— 8 lten rak⸗ ge⸗ rere bei au⸗ es und dem an, den ern r tge⸗ icht chen ger⸗ Alle ten, Ge⸗ lich nen len⸗ en. alte und de⸗ der tige ht; ge⸗ 263 weſen war, ſo zeugte doch der Zuſtand des Hauſes von dem größten Mangel an allen gewöhnlichen Bequem⸗ lichkeiten des Lebens, und ich mußte in demſelben Bett mit der alten Petterſon liegen, während 6 Kinder und Kindeskinder im Zimmer daneben lagen, das zugleich die Küche vorſtellte. Unter ihnen war die junge Frau Bergwall mit ihrem kleinen Knaben und ihrem kleinen Stiefſohn. Als ſie in der Nacht mit Herrn Langes Pferden nach Hauſe fahren wollte, ſcheuten dieſe an dem tiefen Dunkel im Wald und wollten nicht weiter gehen. Sie ſelbſt erſchrack ebenfalls, und wagte ſich mit ihrem kleinen Kind nicht fort. Bergwall be⸗ gab ſich durch den Wald zu Fuß nach Haus, und ich hörte ſeine Fran ihm zurufen:„Lieber Bergwall, milk doch heute noch die weiße Kuh recht tüchtig!“(W. hier zu Land ſind es die Männer, welche die Kühe melken, wie ſie auch alle Arten von Geſchäften außer dem Haus verrichten). Er rief ihr ein frendiges Ja zu. Und Frau Bergwall und ihre Mutter baten mich um Entſchuldigung, daß ſie zu ſo viel im Haus über⸗ nachten mußten u. ſ. w. Mich, die Fremde, die Ein⸗ dringlingin, bat man um Entſchuldigung, während vielmehr ich es hätte thun müſſen. Und lieber hätte ich vor dem Haus liegen mögen, als daß ich mich nicht fröhlich und vergnügt über Alles, was drinnen war, gezeigt hätte. Und als Frau Petterſon, nachdem ſie ſich gelegt hatte, zu mir ſagte: „Ach, Miß Bremer! Wie viel kann nicht der Menſch entbehren, was er nie für möglich hält!“ da ſeufzte ich:„ja, ja!“ Ich gab es auf, eine Lichtſcheere zu ſuchen, die ſich nicht finden ließ, löſchte das Licht mit einem Stückchen Papier und nahm meinen Antheil im Bett ein, wo ich zwar nicht viel ſchlafen konnte, aber doch gut genug ruhte. Ich war froh, daß ich mich am nächſten Morgen wohl befand und mit der Sonne aufſtehen konnte. Sie leuchtete etwas blaß 264 durch den Nebel über die ſchöne Binnenſee⸗Gegend herein. Es war ein kühler, feuchter Morgen; aber die warmherzigen Menſchen, der warme gute Kaffee, das gaſtliche Traktament erwärmten Seele und Leib. Mit herzlicher Rührung und Dankbarkeit nahm ich nach dem Frühſtück Abſchied von meinen ſchwediſchen Freunden. Frau Petterſon wollte mir die einzige Koſt⸗ barkeit, die ſie noch beſaß, einen großen, großen gol⸗ denen Ring ſchenken. Ich konnte es nicht zugeben. Wie reichlich hatte ſie mich nicht bereits beſchenkt! Wir trennten uns nicht ohne Thränen. Die liebenswürdige junge Mutter, mit Wangen ſo blühend wie wilde Roſen, begleitete mich durch den Wald, indem ſie ſtill und freundlich neben dem Wagen herging. Schwei⸗ gend trennten wir uns mit einem herzlichen Händedruck und Blick. Die ſchöne, junge Schwedin war die ſchönſte Blume der amerikaniſchen Wildniß. Sie wird dieſelbe verſchönern und veredeln. Herzlichkeit und Gaſtfreundſchaft, Ernſt und Mun⸗ terkeit in dem reinen Familienleben— dieſe Charak⸗ terzüge des ſchwediſchen Hauslebens, wenn daſſelbe gut iſt, werden in der Wildniß des Weſtens von den ſchwediſchen Koloniſten gepflanzt werden, wie es hier ſchon geſchehen iſt. Dieſer Tag unter den Schweden am Pine Lake, dieſe ſtattliche alte Frau, dieſe ſchönen warmherzigen Männer, dieſe ſchönen, ſittſamen und freundlichen jungen Weiber, dieſes liebevolle Familien⸗ leben, dieſe reiche Gaſtfreundſchaft in ihren Hütten ſind mir Bürgen dafür. Die Schweden werden in der neuen Welt Schweden bleiben, und ihr Nationalleben und Charakter, ihre Tänze und Spiele, ihre Stern⸗ geſänge und Pſalmen werden dem Weſtland ein neues Element des Lebens und der Schönheit verleihen. Sie werden das Volk in dieſem Land lehren, daß Ernſt und Munterkeit wohl zuſammen gedeihen können, und daß man zu gleicher Zeit fromm und fröhlich am end die das ich hen oſt⸗ ol⸗ Wie Wir ie ilde ſtill vei⸗ ruck nſte be Uu⸗ rak⸗ e den hier den nen und en⸗ tten der ben rn⸗ ues Sie nſt ind am 265 Sonntag wie an andern Tagen ſein kann. Und ſie werden von dem amerikaniſchen Volk Ordnung und Beharrlichkeit lernen, das Syſtem im Leben, das ihnen noch fehlt. Ein neues Scandinavien wird dereinſt im Miſſiſippithal erblühen, in dieſer großen Völkerge⸗ meinde, mit Männern und Weibern, mit Spielen, Ge⸗ ſang und Tanz, mit Tagen ſo fröhlich und ſo unſchulds⸗ voll, wie dieſer Tag unter den Schweden am Pine Lake. An dieſem Tag hatte ich an alle Schweden, die ich traf, Fragen über die Umſtände und Ausſichten ſchwediſcher Auswanderer in dem neuen Lande geſtellt, beſonders im Verhältniß zu ihren Umſtänden im Hei⸗ mathland. Ihre Antworten waren beinahe ganz über⸗ einſtimmend und ließen ſich in Folgendem zuſammen⸗ faſſen: „Würden wir in Schweden ſo hart arbeiten, wie wir es hier thun, ſo würden wir dort eben ſo gut fort⸗ kommen und oft noch beſſer.“ „Niemand, der an harte Feldarbeit nicht gewöhnt iſt, ſoll hier Feldarbeiter werden.“ „Niemand, dem es ſonſt im Vaterland wohl er⸗ geht, ſoll hieher ziehen, wenn er eine große Familie hat, wofern er es nicht der Kinder wegen thut; die Kinder haben hier beſſere Ausſichten für ihr Fortkom⸗ men, als daheim. Sie können unentgeltlich die Schu⸗ len beſuchen, guten Unterricht erhalten, und dann be⸗ kommen ſie leicht Gelegenheit, ſich fortzubringen.“ „Aber die alten Leute, die nicht an harte Arbeit und Entbehrung aller Bequemlichkeit gewöhnt ſind, ſie können dem Klima, den Krankheiten und andern Be⸗ ſchwerden, mit denen ſie hier zu thun haben, nicht widerſtehen.“ „Unverheirathete, junge Menſchen können gut hie⸗ her kommen, wenn ſie damit aufangen wollen, daß ſie bei Andern Dienſte nehmen. Als Diener in amerikani⸗ 266 ſchen Häuſern werden ſie gut ernährt und gekleidet und bekommen auch guten Lohn, ſo daß ſie bald eine ſchöne Summe zurücklegen können. Für junges, rüſtiges Volk iſt es hier nicht ſchwer, ſich durchzuſchlagen. Aber man muß ſich darauf gefaßt halten, tüchtig zu arbeiten, wie auch im Aufang vom Klima und den Krankheiten zu leiden, die hier im Lande gäng und gäb ſind.“ „Die Rorweger bringen ſich im Allgemeinen beſſer durch als die Schweden, denken mehr an Arbeiten und Haushalten und weniger an Vergnügungen als wir. Auch wandern ſie in größeren Schaaren aus und kön⸗ nen einander in ihren Arbeiten bei der Niederlaſſung helfen.“ Am Abend hatte ich bei Frau Petterſon einen Bauern aus Norrland geſehen, der mit ſeinem Sohne kam, um ihren Hof zu beſehen, den er zu kaufen ge⸗ dachte. Er war erſt neuerdings von Schweden ange⸗ kommen, aber blos wie er ſagte, um ſich hier umzu⸗ ſehen. Wenn es ihm jedoch hier gefiele, ſo wollte er zurückreiſen, um Weib, Kind und Hausgeräthe abzu⸗ holen, und dann wieder hieherkommen und ſich nieder⸗ laſſen. Der Mann war eines der ſchönſten Exemplare des ſchwediſchen Bauern, hoch gewachſen, ſtarkgliedrig, mit reinen regelmäßigen Zügen großen dunkelbraunen Augen, das Haar über der Stirn geſcheitelt und auf beiden Seiten des Kopfes gerade herabfallend, ein kräftiges, ehrliches, gutes und edles Geſicht, ein ſolches, deſſen Anblick wohlthut. Der Sohn war ganz jung, verſprach aber dem Vater an männlicher Schönheit zu gleichen. Es thut mir weh, daß ſolche Geſtalten Schweden verlaſſen ſollen. Doch dieß kommt dem neuen Schweden hier zu gut. Bei der aufſteigenden Septemberſonne fuhren Herr Lange und ich auf den geſchlungenen Pfaden des Waldes umher, bis wir auf die große Landſtraße ka⸗ men, wo ich die Diligence uach Madiſon erwarten ſollte. nd öne olk ian wie zu ſſer und vir. ön⸗ ung nen hne ge⸗ ge⸗ zu⸗ er zu⸗ der⸗ lare rig, nen auf ein hes, ing, heit lten dem hren des ka⸗ Ute. 267 Herr Lange wollte nach Millwaukie zurückkehren. Meh⸗ rere ſehr hübſche Binnenſeen mit romantiſchen Ufern liegen in dieſer Gegend, und täglich erſtehen neue Wohnungen an denſelben. Ich hörte den Silberſee, den Nob⸗Maddin⸗ſee, ſowie Naſchota nennen, einen unendlich ſchönen Binnenſee, in deſſen Nähe ich die Diligence erwartete. Hier war ein neugebautes, ſchönes Landhaus und beginnende Anlagen. Der wilde dichte Wald mußte ſich da und dort öffnen und freie Aus⸗ ſichten auf den romantiſchen See gewähren. Die Diligence kam. Sie war voll von Herrn, aber ſie machten Platz; ich wurde zwiſchen Fremde hineingedrängt, und mit beiden Händen auf meinen Regenſchirm wie auf einen Stock geſtützt, wurde ich hin und her geſchüttelt, oder vielmehr unbarmherzig hin und her geworfen auf Wisconſins neugebauten Wegen, welche ganz und gar keine Wege ſind, ſondern eine Reihenfolge von Gruben, Hügeln und Waſſerpfützen, wo bald das eine, bald das andre Rad tief unterſank, während das andre hoch emporſtand. Mitunter blieb der Wagen auf einmal ſtehen, weil er halb in einen Graben geworfen war, und es währte einige Zeit, bevor er herausgezogen wurde, um in dieſelbe Vertiefung auf der andern Seite geſchlendert zu werden. Ich fand dieſe Art zu fahren beinah unglaublich und konnte nicht begreifen, daß man wirklich auf dieſe Art fort⸗ fahren und wirklich an Ort und Stelle kommen könnte. Mitunter fuhren wir lange Strecken im Waſſer, ſo tief, daß ich jeden Angenblick meinte, die ganze Equipage werde ſchwimmen oder verſinken. Und als wir oben auf dem Land ankamen, geſchah es, um auf die wun⸗ derlichſte Art über Stock und Stein hingerüttelt zu werden. Man tröſtete mich gleichwohl damit, daß die Diligence nicht ſehr oft umzufallen pflege, und zu mei⸗ ner Verwunderung kam ich auch ohne umgeworfen zu 268 ſein in Watertown an; wünſchte aber da nicht weiter zu fahren, ſondern beſchloß zu übernachten. Madiſon den 5. Oet. Ich fahre mit meinem Brief in der Hauptſtadt von Wisconſin fort, einem zierlichen Städtchen(meiſt aus Villen und Gärten beſtehend) mit der allerſchön⸗ ſten Lage zwiſchen vier Seen, deren Ufer rings von Laubwäldern bekränzt ſind. Ich bin hier in einem guten und ſchönen Haus am Ufer eines Sees, mit allem Comfort des Lebens verſehen, von guten, gebil⸗ deten Menſchen und Freunden umgeben. In Water⸗ town entdeckte ich, daß der Direktor des Poſtwagen⸗ geſchäfts in Wisconſin Befehl ertheilt hatte, ich ſolle frei durch den Staat reiſen, und der Wirth im Hotel⸗ wo alles ſehr angenehm und gut war, wollte ſich für meinen Aufenthalt allda nicht bezahlen laſſen, ſondern dankte mir, daß ich ſeinem Haus die Ehre erwieſen habe. Das kann man Artigkeit nennen. 3 In Watertown machte ich mit einigen der anſäſſigen Dänen Bekanntſchaft, und verbrachte einen angeneh⸗ men Abend bei einem von ihnen, der ſich noch nicht lang mit einer hübſchen jungen Norwegerin verhei⸗ rathet hatte. Sie hatten es gut, und ſchienen ſich auch in der Stadt wohl zu befinden, wo ſie ſich ſchnell durch Handel etwas erwarben. Nicht ſo wohl gedieh ein älterer däniſcher Herr, der ein Geſchäft in der Stadt hatte, aber ſich über den Mangel an Geſellſchafts⸗ leben und anregenden Zerſtreuungen während der lan⸗ gen einſamen Abende ſehr beklagte. Er war Wittwer, und der Wittwer oder der Mann ohne Frau und häus⸗ ter adt eiſt ön⸗ von tem mit il⸗ ter⸗ en⸗ olle tel⸗ für ern ſen gen eh⸗ icht hei⸗ ſich nell dieh der fts⸗ lau⸗ wer, äus⸗ 269 liches Leben in Amerika hat ein ödes Leben, zumal in den kleinen Städten und auf dem Land. Mit Schmerz nahm ich Abſchied von dem freund⸗ lichen Städtchen, um mich nach Madiſon weiter rütteln zu laſſen. Mein Koffer war in Folge eines Irrthums von Watertown mit irgend einer Diligence, ich wußte nicht mit welcher und wohin, fortgebracht worden. Aber Dank ſei es den elektriſchen Telegraphen, die ſogleich ihre beflügelten Botſchaften nach 3 Seiten hin aus⸗ ſandten, ich bekam am nächſten Tag meinen verlornen Artikel ganz wohlbehalten wieder. Merkwürdig iſt, daß überall durch dieſes junge Land neben ſeinen Land⸗ ſtraßen, die gar keine Straßen ſind, die elektromagne⸗ tiſchen Fäden von Baum zu Baum, von Pfahl zu Pfahl über die Prärie hingehen, und Städte und Dörfer in gegenſeitigen Verkehr ſetzen. Der Weg nach Madiſon war ſchwierig, glich aber eher einem wirklichen Weg, als der zwiſchen Millwaukie und Watertown. Wir waren blos zu Wenigen in der Diligence; ich konnte mich etwas bequemer ſetzen; ein milder Nordſchein tanzte ſtrahlend über das Prärien⸗ land, das wir in der ſternhellen Nacht durchzogen, und Leuchtwürmer glühten im Gras längs der Straße hin. Die Fahrt war nicht unangenehm. Die weiten, öden, grünenden, wogenden Felder, mit den weiten, ſtern⸗ beſtreuten Räumen über ihnen hatten etwas Großar⸗ tiges und Ruhiges. Und ich ſaß ſchweigſam und ſtill da. Nachts um halb zwölf war ich an Ort und Stelle in Madiſon, wo ich im Wirthshaus Mühe hatte ein Zimmer zu bekommen und Jemand zu finden, der ſich meiner annehmen wollte. Aber am folgenden Tag bekam ich ein Haus, eine Wohnung und Freunde, lau⸗ ter vortreffliche Dinge. Ich wohne bei einer Familie Namens Fairchild. Der Familienvater, welcher Richter im Staat iſt, be⸗ findet ſich jetzt abweſend, aber ſeine Frau und ihre 270 junge, neuverheirathete Tochter, die im Hauſe der Eltern wohnt, verſchaffen mir das angenehmſte Fami⸗ lienleben. Und man kann ſich kaum ein anmuthigeres Bild denken, als dasjenige welches die 3 Generationen dahier, die Mutter, die Tochter, die Enkelin machen. Die ältere Dame iſt fein und anmuthsvoll, ja noch ſchön; die Tochter hat eine große Aehnlichkeit mit Jenuy Lind, ſowie einen Ausdruck unſäglicher Güte in ihrem blonden Geſicht; ſie iſt ein allerliebſtes jun⸗ ges Weib, und ihr kleines Kind gehört zu den liebens⸗ würdigſten Kindlein, die nicht blos Mutter und Groß⸗ mutter, ſondern auch jeder Gaſt als ein Ausnahmsge⸗ ſchöpf betrachten muß, von gütigen Mächten bereits in der Wiege mit ungewöhnlicher Anmuth ausgeſtattet. Als ich heute Morgen die junge Mutter mit ihrem kleinen Kind auf dem Arm daſtehen und ſo von den Armen ihrer Mutter umſchloſſen ſah, die kleine Gruppe ſtill in dem ſonnbeglänzten Zimmer ſtehend, alle drei glücklich in gegenſeitiger Liebe ausruhend, da mußte ich denken: Warum ſuche ich den Tempel der Sonne hoch über der Erde leuchtend? Iſt nicht jede Sonnen⸗ blume ein Tempel, ſchöner als der von Peru und der Tempel Salomos? Und dieſe Menſchen, die im Geiſte und in der Wahrheit lieben und anbeten, ſind ſie nicht die rechten Sonnenblumen, der Tempel der Sonne auf Erden?.. Die männliche Bevölkerung dieſes Hauſes beſteht gegenwärtig aus dem jungen Sohne und dem Mann der jungen Frau. Den 6. Oct. Ich komme ſoeben von der Kirche zurück. Der Geiſtliche hielt eine ſtrenge Strafpredigt an die Herrn des Weſtens. Er hatte alle ſeine Hoffnungen auf die Frauenzimmer geſetzt, und pries ihre Thätigkeit im der ni⸗ res len en. och nit ite n⸗ 8⸗ e⸗ Pt. em en pe öte ne er ſte cht uf ht nn er rn ie m 271 weſtlichen Land. Auf dieſe weniger billige und weni⸗ ger wohl überlegte Strafpredigt kam das Nachtmahl, ſtill, heilig, heiligend, ſeinen edlen Wein in die ſchwa⸗ chen, gebrechlichen Gefäße ergießend, unter Worten, die nicht Menſchenworte ſind, mit Kraft, die nicht Menſchenkraft iſt. Nach dem Gottesdienſt verſammelte ſich die Sonntagsſchule, und ſchöne junge Frauenzim⸗ mer unterrichteten hier arme Kinder. Und wie mütter⸗ lich ſie das thaten, wie gut, beſonders meine junge Wirthin, Mrs. Dean, die ich nur mit innigſtem Ver⸗ gnügen bei der Ausübung ihres Mutterberufs betrach⸗ ten konnte. Das Wetter war ſonnenhell, obſchon kalt, und ich wünſchte den Nachmittag zu irgend einer Ausfahrt auf dem ſchönen See und zur Betrachtung ſeiner Ufer zu verwenden. Aber„es iſt Sonntag!“ antwortete man mir lächelnd, und am Sonntag darf man ſich hier nicht einmal in Gottes ſchöner Natur erheitern. Da⸗ gegen in der Kirche ſchlafen, das darf man. Den 7. Otct. Ich hatte von einer andern blühenden norwegi⸗ ſchen Niederlaſſung in einer Gegend Namens Kosko⸗ nong, ungefähr 24 engliſche Meilen von Madiſon er⸗ zählen gehört, und als ich meinen Wunſch äußerte, ſie zu beſuchen, erbot ſich eine freundliche junge Madame Collin, mich mit ihren Pferden und in ihrem Wagen dahin zu führen. Am folgenden Tag begaben wir uns in einem kleinen offenen Wagen auf den Weg mit einem nor⸗ wegiſchen Jungen als Kutſcher. Das Wetter war mild und ſonnig, und der Wagen rollte leicht dahin über das Land, das hier Hochland war und harten Boden und natürliche gute Wege hatte. Der ganze erſte Theil des Weges führte durch neues, oft gänzlich wildes, un⸗ 272 bebautes Land, das aber überall einem engliſchen Park mit grasbewachſenen Höhen und Thälern(das Gras hoch, ſchwankend und goldgelb) und mit dünnen Eichen⸗ wäldern glich. Die Bäume waren nicht hoch; der Bo⸗ den unter ihnen ſo frei von Gebüſchen, als hätte man ſie ſorgfältig umgehauen. Man ſchreibt dieß dem Brauch der Indianer zu, die Jahr für Jahr auf den grasbewachſenen Marken Feuer anzünden, wodurch die junge Vegetation von Gebüſchen und Bäumen aus⸗ gerottet wird; und noch vor wenigen Jahren hatten die Indianer dieſe Gegend inne. Weiter vorwärts, unterwegs, war das Land etwas mehr angebaut. Man ſah da und dort ein grob gezimmertes Blockhaus mit Maisfeldern umher, wie auch neugeſäten Waizen. Darauf kamen wir an eine große, wogende Prärie, „Liberty Prärie“ genannt, die kein Ende nehmen zu wollen ſchien. Unſere Pferde waren müde, und das Dunkel begann hereinzubrechen. Erſt ganz ſpät und in der Finſterniß kamen wir nach Koskonong, und unſer junger norwegiſcher Kutſcher, der von dieſem Ort war, führte uns ins Haus des norwegiſchen Pfarrers. Auch dieß war blos ein kleines Blockhaus. Der norwegiſche Pfarrer, Herr Preuß, war erſt ſeit einigen Monaten aus Norwegen angelangt. In der Küche, wo Feuer glänzte, ſtand ſein hübſches Weib⸗ chen und kochte Grütze, als ich eintrat und ſie auf ſchwediſch begrüßte. Sie war zuerſt verblüfft und er⸗ ſchrocken über den ſpäten Beſuch, denn ihr Mann be⸗ fand ſich auf einer Amtsreiſe, und ſie wohnte allein hier mit ihrem kleinen Bruder und einer alten Magd. Aber mit ächt nordiſcher Gaſtfreundſchaft und Wohl⸗ wollen empfing ſie uns dann, und wollte Alles in der Welt thun, um uns gut zu traktiren und zu beherber⸗ gen. Da das Haus klein war und die Mittel gering ſchienen, fuhr die gute Frau Collin nebſt ihrer jungen Schweſter zu einem amerikaniſchen Farmer, der etwas —————— ark ras en⸗ Bo⸗ ran em den ch us⸗ ten rts, kan mit zen. rie, zu das und und Ort ers. erſt In eib⸗ auf er⸗ be⸗ llein agd. ohl⸗ der ber⸗ ring igen was 273 weiter wegwohnte. Ich blieb bei der kleinen Norwe⸗ gerin über Nacht. Sie war erſt 19 Jahre alt, hatte Heimweh nach ihrer Mutter, ihrem Vaterland und ſeinen Bergen, und gefiel ſich in dem fremden Lande und den neuen Verhältniſſen, an die ſie nicht gewöhnt war, ſchlecht. Sie war ſchön, fein und anmuthsvoll; ihr ganzes Ausſehen, ihre Kleider, die an der Wand hängende Guitarre, Alles zengte davon, daß ſie in einem Kreis ganz anderer Art, als die Bauern in Block⸗ häuſern in der Wildniß bildeten, gelebt hatte. Das Haus war nicht gut verſehen. Es tropfte durch das Dach, und ihr Mann, mit dem ſie ſich ganz kürzlich erſt in Norwegen vermählt und den ſie aus Liebe nach der neuen Welt begleitet hatte, war jetzt auf mehrere Tage fort; ſie hatte weit und breit in dem neuen Welttheil keinen Freund und Bekannten. Kein Wunder, wenn ſie noch nichts Gutes oder Schönes ſehen konnte in dieſem„unheimlichen Amerika.“ Aber ein ſo hübſches und gutes Weſen wie ſie wird nicht lange allein blei⸗ L unter der warmherzigen Bevölkerung hier zu and. Ihr neunjähriger kleiner Bruder war ein ſchöner Knabe mit prächtigen blauen Augen und friſchem Muth (obſchon er gegenwärtig an einem der gewöhnlichen langſamen Fieber des Landes litt) und er glaubte, er würde einmal noch Biſchof werden wie ſein Altvater in Norwegen, Biſchof Nordahl Brun. Denn dieſe beiden Geſchwiſter waren wirklich Enkel des berühm⸗ ten Dichters und Biſchofs Nordahl Brun, welchem Norwegen ſeine nationalſten Lieder zu verdanken hat. Sie waren auf der gewöhnlichen Straße weſtlicher Auswanderung, dem Erie⸗Kanal(von New⸗York her) und ſodann mit Dampfbooten über die innenſeen gefahren. Sie klagten über Unſauberkeit und widrigen Aufenthalt auf den Kanalbooten, und Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 18 daß die Leute ſo ſtreng gegen den kleinen Jungen ge⸗ weſen, ihn aus ſeinem Bett getrieben und oft mißhan⸗ delt haben. Die junge Frau bewirthete mich mit ausgeſucht gutem Thee, und gab mir ein gutes Bett in ihrem Zimmer. Aber ein ſchreckliches Donnerwetter, das die ganze Nacht währte, nebſt ſtrömendem Regen ſtörte den Schlaf, insbeſondre auch den meiner kleinen Wir⸗ thin, die Angſt hatte und über das Leben in dieſem „unheimlichen Land“ ſeufzte. Am Morgen glänzte die Sonne; die Luft war angenehm und mild; und nach dem Frühſtücke mit der jungen Frau, wobei ich alles das Meinige that um ihr beſſere Gedanken von dem Land und beſſeren Muth beizubringen, ging ich hinaus auf die Wanderung. Das Pfarrhans lag bei all ſeiner Einfachheit ſehr hübſch auf einem von jungen Eichen umgebenen Hü⸗ gel. Bei einiger Pflege kann der Hof ſchön und an⸗ genehm werden. Ich ſpazierte auf der Straße entlang. Das Land öffnete ſich ſonnbeglänzt vor mir gleich ei⸗ nem ungeheuren engliſchen Park, mit den ſchönſten Wieſen im Hintergrund, der von weichem Laubwald bekränzt war, welcher jetzt in den Farben des Herb⸗ ſtes prangte. Da und dort ſah ich kleine Höfe an den Rändern des Waldes, meiſt Blockhäuſer, aber auch das eine und andere beſſere Hans, nebſt einigen klei⸗ nen Hütten von grauem Stein. Ich ſah Leute auf den Feldern mit der Kornärndte beſchäftigt. Ich re⸗ dete ſie auf norwegiſch an, und ſie antworteten fröhlich auf die Anrede. Ich fragte viele, ſowohl Männer als Weiber, ob ſie zufrieden ſeien, ob ſie es hier beſ⸗ ſer haben als in dem alten Norwegen? Sie antworteten beinah alle:„Ja! wir haben es hier beſſer. Wir ar⸗ beiten weniger hart; und wir haben reichlicher zu le⸗ ben!“ Nur ein alter Bauer ſagte:„Es hat ſeine c— 8——=——— ge⸗ au⸗ cht rem die rte ir⸗ ſem var der ihr uth ng. ehr ü⸗ an⸗ g. ei⸗ ten ald rb⸗ en uch uf re⸗ ich ner eſ⸗ ten ar⸗ le⸗ ine 275 Schwierigkeiten hier wie dort. In dem alten Land iſt die Geſundheit beſſer als hier.“ Mit Frau Preuß beſuchte ich einige norwe⸗ giſche Bauernhäuſer. Es kann ſein, daß ich nicht in die beſten gerieth. Aber gewiß iſt, daß der Mangel an Sauberkeit und Ordnung darin ſtark mit dem Zuſtand in amerikaniſchen, ſelbſt armen Hütten contraſtirte. Aber die Norweger legen ihre Häuſer klug an, ge⸗ wöhnlich an einem kleinen Fluß oder Bach, und ver⸗ ſtehen gut Erde zu wählen. Sie kommen als alte und wohlerfahrene Ackerbauer hieher, und ver⸗ ſtehen es das Land zu bebauen. Sie helfen einander in der Arbeit, leben ſparſam, und ſuchen keine Ver⸗ gnügungen. Das Land ſchien mir überall reich und idylliſch ſchön zu ſein. Berge ſah man keine; nur wo⸗ gende, laubwaldgekrönte Höhen. Ungefähr 700 nor⸗ wegiſche Coloniſten ſind in dieſer Gegend anſäßig, alle in kleinen Höfen, die oft weit von einander abliegen. Sie haben zwei Kirchen oder Verſammlungshäuſer in Koskonong. Man ſchätzt die Anzahl norwegiſcher Einwanderer, die jetzt in Wiskonſin wohnen, auf 30— 40000, aber Niemand weiß die Sache genau. Mit jedem Jahr kommen neue Einwanderer und laſſen ſich oft in Gegen⸗ den nieder, die weit von den andern Koloniſten ob⸗ liegen. Sie nennen ihre Kolonie ein„Settlament“ nach dem engliſchen Wort„Settlement.“ Ich hatte hier von einem ſolchen, Namens„Luthersthal“ näher bei der Grenze von Illinvis, als von einer großen und ganz beſonders blühenden Niederlaſſung gehört, die unter der Leitung eines guten und thätigen Prie⸗ ſters, eines Herrn Clauſſen ſtehe.(Hätte ich nur Zeit, ſo würde ich dahin reiſen.) Von einem Theil dieſer norwegiſchen Bevölkerung wird geſagt, daß ſie ſich ſchwer zur Kirche und bür⸗ gerlichen Ordnung gewöhnen laſſe, daß ſie ſtörriſch 276 und unlenkſam ſei. Aber ſie bebauen den Boden wohl; ſie bereiten für ein beſſeres Geſchlecht die Bahn, und ihre Kinder werden, wenn ſie in die amerikaniſchen Schulen kommen, und von da aus in beſſeren amerikaui⸗ ſchen Häuſern in Dienſt treten, als die beſten Diener ge⸗ rühmt, treu, arbeitſam und voll Hingebung, jedoch ſchwer an vollkommene Reinlichkeit und Ordnung zu gewöhnen. Der größere Theil des Geſindes in den Städten dieſer jungen Miſſiſippi⸗Staaten kommt aus den über das Land hin zerſtreuten norwegiſchen Kolo⸗ nieen. Im Allgemeinen ſcheinen ſich die Norweger hier beſſer durchzuſchlagen, als die Schweden. In Madiſon kommt eine norwegiſche Zeitung heraus, die ſich„der Freund der Norweger“ nennt, und wovon ich einige Exemplare bekommen habe. Nach einem reichlichen Frühſtück, bei welchem un⸗ ſere junge Wirthin auf meine Bitten uns auch mit Ge⸗ ſängen aus ihrem Heimathland bewirthete, die mit reiner, anmuthsvoller Stimme zur Guitarre geſungen wurden, verabſchiedeten wir uns von der liebenswür⸗ digen jungen Frau, welche in der guten Fran Collin eine gute Freundin, und durch ſie noch mehrere andere Freunde in Madiſon erhält. Unter Regenſchauern reiſten wir nach Hauſe, blie⸗ ben da und dort auf dem Weg ſtehen, um mit der norwegiſchen Bevölkerung draußen auf den Feldern zu ſprechen, und kamen bei dem allerhübſcheſten Sonnen⸗ untergang über die ſchöne Binnenſee-Gegend und die Stadt in Madiſon an. Der häufige Sonnenſchein in Amerika macht es leichter und angenehmer, dort zu reiſen, als anderswo. Man kann auf ſchönes Wetter rechnen. Kommt ein Gußregen, ſo währt er nicht lang, und die Sonne erſcheint bald wieder. In Madiſon habe ich viele Leute geſehen, worunter einige langweilige Frager(ich rechne dieſe unter die Böcke) mit den gewöhnlichen Fragen:„Wie gefälltes Ihnen in den — c c————,— S S— z=———— ———,———————— c—— hl; ind hen ni⸗ ger och zu den us l⸗ ger In die ich un⸗ Ge⸗ mit gen ür⸗ llin ere lie⸗ der zu en⸗ die in zu tter icht nter cke) den 277 Vereinigten Staaten? Wie in Madiſon? Wie im Weſten? Wie finden Sie die Wege? Kennen Sie Jenny Lind perſönlich?“ u. ſ. w. Auch einige inter⸗ eſſante, ungewöhnlich angenehme Menſchen(ich zähle ſie unter die Schafe), die ſelbſt genug zu ſagen wuß⸗ ten, um nicht von Fragen leben zu müſſen, und mit denen ich einige höchſt intereſſante, kurze Geſpräche hatte. Unter ihnen muß ich den Kanzler der Univer⸗ ſität von Wisconfin, Herrn Lathrop erwähnen, einen angeuehmen und auch geiſtreichen Mann, voll von Leben, mit einem klaren, aufgeweckten Blick über die Aufgabe des jungen Staats in der Staatengruppe der Vereinigten Staaten, und über ihre gemeinſame Aufgabe in der Weltgeſchichte. Und viel Vergnügen habe ich von dieſem Geſpräche und von der Lectüre der Rede, die er kurz zuvor auf dem Kapitol dahier bei ſeiner Einweihung als Kanzler der Univerſität hielt. Dieſe, ſowie eine andre bei derſelben Gelegen⸗ heit von einem der Direktoren des Erziehungscomités, Mr. Hyatt Smith, gehaltene Rede zengen von einem großen Bewußtſein der ſorialen Verhältniſſe im All⸗ gemeinen und der neuen Welt insbeſondere, der Vor⸗ zeit, wie der Jetztzeit, und der Jetztzeit wie der Zu⸗ kunft, und ſind im edelſten Tone gehalten. Ich habe früher als Kennzeichen der Reden in der neuen Welt, wodurch ſie ſich von europäiſchen Reden unterſcheiden, erwähnen hören, daß ſie einen größern Kreis von Gegenſtänden und Anſichten ein⸗ nehmen und gewöhnlich darauf ausgehen, die ganze Welt, Vorzeit, Jetztzeit und Zukunft und das ganze Menſchengeſchlecht zu umfaſſen. Sie durchfahren große Räume, ſtellen die Gegenſtände in große Gruppen, und geben große Anſichten über deren Verhalten zu dem„göttlichen Geſetz des Fortſchritts.“ Ich wollte als charakteriſtiſch hinzufügen, daß ſie das Alles auf der Eiſenbahn oder mit der Raſchheit der Eiſenbahn 278 thun, welche nah und fern gelegene Gegenſtände mit unglaublicher Schnelligkeit verbindet, und den größt⸗ möglichen Gegenſatz gegen die deutſche Umſtändlichkeit bildet, die niemals aus Ziel gelangt. Ich finde dieſen Charakter in hohem Grad in dieſen Reden, die im Prärienland des Weſteus, im jüngſten Staat der Union gebalten wurden. Der Kanzler findet, daß alle materielle Entwick⸗ lung auf Erden, die durch Kunſt und Wiſſenſchaft zu Stand gekommen iſt, ſchließlich die Wirkung hat, die Seele auf ſich ſelbſt zurückzuwerfen. Die Ausübung ihrer Kraft während der Arbeit, um ſich der phyſiſchen Welt zu bemächtigen, ſtärkt und belebt ſie zu neuen Eroberungen in der Welt des Geiſtes. Und eine voll⸗ kommene Kenntniß der Geſetze derſelben bereitet uns wieder zu einer vollkommenen Gewalt über die Welt außer uns. „Die Geſchichte der Philoſophie,“ ſagt Lathrop, „zeugt von dieſem gegenſeitigen vertraulichen Verhält⸗ niß zwiſchen den Wiſſenſchaften der Materie und des Geiſtes. Die geiſtigen Tendenzen des Menſchenge⸗ ſchlechts ſind niemals hervorragender geweſen, als juſt in dieſem Zeitalter, welches gleichwohl das mecha⸗ niſche und materielle, das eiſerne Zeitalter der Welt genannt wird. Die Reſultate der metaphyſiſchen Arbeiten frühe⸗ rer Zeitalter, ſeitdem die Ermahnung„Kenne Dich ſelbſt“ dem Denker Regionen endloſer Forſchungen eröffnet hat, werden, mit den Errungenſchaften unſerer Zeiten bereichert, im Sonnenſchein unſerer klar gewor⸗ denen Begriffe beleuchtet werden. „Aber laßt uns nicht länger im Vorhof verweilen, laßt uns in den innern Tempel treten. Das Streben nach phyſiſchen, mathematiſchen, metaphyſiſchen Wahr⸗ heiten erhält im Ganzen ſeinen vornehmſten Werth durch ſein Verhältniß zu dem ſocialen Princip im mit ßt⸗ keit ſen im der ick⸗ zu die ing hen uen oll⸗ uns elt op, ilt⸗ des ge⸗ jnſt ha⸗ elt he⸗ ich gen erer Wr⸗ len, ben hr⸗ erth im 279 Menſchen. Auf dieſem beruht der Werth des Indivi⸗ duums als fühlendes Weſen und als Mitglied des Univerſums. „In allen Fragen, die ſich auf den menſchlichen Fortſchritt beziehen, muß daher der Schwerpunkt der Frage das ſociale Fortſchreiten des Menſchen betreffen. „Dieſe Frage hat zwei Geſichtspunkte— Betrach⸗ tung des Menſchen zuerſt als eines Theils von Gottes allmächtigem Reich, und dann als eines Mitglieds der politiſchen oder nationalen Staatsgeſellſchaft. Die Conſtitutionen und Geſetze, die zu dem erſten Geſichts⸗ punkt gehören, ſind moraliſch geiſtige Conſtitutionen und Geſetze; diejenigen, die ihn unter dem letzteren Geſichtspunkt angehen, ſind politiſche Conſtitutionen und Geſetze. „Wenn wir verfloſſene Zeitalter fragen, welche hiſtoriſche Rechenſchaft ſie über die Entwicklung der moraliſchen Anſtalten zu geben haben, durch welche Gott den Menſchen einladet und in den Stand ſetzt, die ſittliche Wiedergeburt ſeines Geſchlechts auszuar⸗ beiten, und ſich für das geiſtige Leben vorzubereiten, das auf ſeine Prüfungszeit dahier folgen ſoll, für den Dienſt in dem höheren Staat und die Seligkeit in die⸗ ſem herrlichen iunern Tempel, zu welchem dieſe phy⸗ ſiſche Scene, mit all ihren tauſendfach geoffenbarten und noch verborgenen Myſterien, blos der Vorhof und das Vorzimmer iſt: „Dann weiſen ſie uns zu den philoſophiſchen Schulen, dieſe Laboratorien ethiſcher Wahrheiten, zu den Conſtitutionen der Hebräer, die in ihrem Urſprung göttlich waren, und zu den herrlichen Anſtalten der chriſtlichen Offenbarung. Und während der letzten Zeitfolge, unter dem Geſetz des Fortſchritts verweiſen ſie uns auf die kanoniſchen Schriften der Väter, auf die Reformation in Deutſchland und England, auf den Proteſt der Puritaner, auf den Fels von Ply⸗ 280 mouth, auf die tauſenderlei Inſtitutionen und Aſſocia⸗ tionen in unſern Tagen, die ſich in Folge der Arbei⸗ ten der Evangeliſten und der Lehren der Prediger ent⸗ wickeln, alle darauf ausgehend in der Welt den chriſt⸗ lichen Glauben, als den univerſellen, zu verbreiten, und ſeinen Geiſt immer allgemeiner, vernünftiger und ſegensreicher zu machen. „Fragen wir auch die Zeiten, was ſie gethan ha⸗ ben, um die wahre Theorie politiſcher Organiſation zu entwickeln, um den Mechanismus des ſocialen Sy⸗ ſtems zu vollenden, um praktiſche Weisheit ſeinen Wirkungen zu verleihen, ſo daß der Staat ſeine höchſte Pflicht gegen die Bürger erfüllen kann, um derenwil— len er da iſt, und deren Treue er in Anſpruch nimmt, ſo verweiſen ſie uns auf den Rath der Amphiktyonen, auf Solons und Lykurgs Geſetze, auf die römiſchen Geſetztafeln, auf das bürgerliche Geſetz, auf die Magna Charta und auf die amerikaniſchen Conſtitutiv⸗ nen, dieſe koſtbaren Denkzeichen der Intelligenz, die mit ihren Inſchriften am Wege des Fortſchritts der bürgerlichen Geſellſchaft entlang ſtehen. Sie verweiſen in ſtarkem Contraſt auf den Krieg der Anarchie mit der wohlthätigen Regierung ſocialer Ordnung,— auf den blinden Despotismus älterer Regierungen nebſt den widerſprechenden und ausgleichenden Kräften in den con— ſtitutionellen Monarchieen unſerer Tage, auf die wilden, formloſen Demokratieen der Vorzeit— dieſe erſten Expe⸗ rimenteder jungen Freiheit— im Contraſt gegen die ge⸗ ſchriebenen Conſtitutionen, dieſes ſichere Treiben in den neuen repräſentativen Republiken. „Wie klar iſt es nicht, daß unſer Zeitalter eine Zeit von„Reſultaten“ iſt, deren Urſachen weit zu⸗ rückliegen im Strom der Zeit?“ Ich habe ſo viel von dieſer Rede angeführt, weil ich denke, daß Du darin ein gutes Probeſtück von der Tendenz und Strebſamkeit des Denkens hier im Lande ——,„—„— 281 tia⸗ bekommſt, und zumal im Weſtland, wo die Geſellſchaft bei⸗ ſich ganz augenſcheinlich in höherem Grade als welt⸗ ent⸗ bürgerlich und univerſell fühlt, weil ſie aus allen iſt⸗ Voͤkkern der Welt gebildet iſt, die durch Auswanderung ten, hieherſtrömen, und vielleicht auch weil die ungeheuren und Ausſichten hier im Prärieenland die Seele einen groß⸗ artigeren Flug nehmen laſſen. ha⸗ Von ſeiner großen Eiſenbahnfahrt burch die Welt ion und Weltgeſchichte kommt Lathrop endlich in ſeiner Sy⸗ Rede an die Pflicht, welche die Pfleger von Wiscon⸗ nen ſins jungem Staat zu erfüllen haben, damit derſelbe hſte ſeinem großen Beruf als Heimath verſchiedener Völker, vil⸗ Angelſachſen, Celten, Germanen, Scandinavier, die mt, ſämmtlich ſein Leben mit neuen Lebenselementen berei⸗ ten, chern, zu erfüllen vermöge. hen„Freie Schulen, allgemeine Erziehung haben ſich die überall in den Vereinigten Staaten als das große tio⸗ entwickelnde und emporhebende Princip erwieſen. Die die amerikaniſche Seele hat dieſe Idee erfaßt und wird der ſie nicht fahren laſſen, daß das Eigenthum des ganzen iſen Staats, das allgemeine oder private, für die heilige mit Pflicht verantwortlich ſei für die Erziehungsmittel jedes auf einzelnen Kindes im Staat zu ſorgen. den„Ohne Annahme dieſes Syſtems iſt die politiſche on⸗ Gleichheit, mit der wir prahlen, nur ein Traum, en eine angenehme Illuſion. Die Kenntniſſe ſind der wahre pe⸗ Gleichmacher; ſie vilden die wahre Demokratie. Sie ge⸗ gleichen nach oben aus, und nicht nach unten.“ den Indem der Redner die Erziehung bevorwortet, õ welche die Univerſität geben ſoll, macht er darauf auf⸗ eine merkſam, daß der Standpunkt der Erziehung gehoben zu⸗ werden müſſe, daß der Mangel an geſchickten Erzie⸗ hern ein allgemein beklagter Mangel ſei. Darum ſoll weil eine Normalſchule zur Vorbereitung geſchickter Lehrer der der Univerſität angehören. nde Und die Bibliothek wird zum Zweck haben Alles 282 zu enthalten, was von der Literatur jeden Landes und Zeitalters zu beſitzen der Mühe lohnt,—„die Summe des menſchlichen Gedankens, der Erfahrung der Geſellſchaft.“ „Wisconſin, der jüngſte der Staaten der Union, geboren unter den vortheilhafteſten Umſtänden um die Erfahrungen aller älteren Schweſterſtaaten benützen zu können, reich an neuen Volksſtämmen, reich durch ſeine reiche Erde und ſeine glückliche Lagezwiſchen den großen Binnenſeeen und dem großen Fluß, der Pulsader des Welthandels,— Wisconſin muß Minerva gleich im Leben voranſtehen und die Initiative ergreifen bei dem Fortſchritt der Völker im ſocialen Leben.“ Das iſt doch friſches Leben, meine Agathe! Und friſch muß es ſich empfinden Führer in einem ſol⸗ chen jungen Staat zu ſein. Die Führer hier ſind gleichwohl nicht weiter gekommen als bis zur Schule und der Erziehung in Schulen, was ſie als das Aeu⸗ ßerſte zur Förderung des Volkes auf dem guten Wege betrachten. Und weiter iſt der amerikaniſche Gedanke überhaupt nicht gekommen. Aber er muß noch weitergehen, wenn er zu den Quellen kommen ſoll, den Quellen des Lebens, aus welchen Völker und Staaten ernentes, junges Leben trinken können. Wisconſins Staat iſt blos zwei Jahre alt. Ein ſchönes hoffnungsreiches„Baby“ des Weſtens.. meinſt du nicht auch? Vor 17 Jahren war der Staat erſt ein Territorium; und vor oder 4 Jahren wurde hier der letzte große Kampf mit den Indianern im Land und ihrem tapfern Anführer, dem„ſchwarzen Habicht“ ausgefochten. Er und ſeine Leute wurden zuletzt auf dieſen Prärien gefangen genommen, und als Siegeszeichen nach New⸗York geführt. Jetzt fin⸗ den ſich keine Indianer mehr in Wisconſin. Die weiße Bevölkerung daſelbſt nimmt ſchnell zu. Wisconſin hat im zen en nd in⸗ iße hat 283 keine Berge, ſondern überall anbaufähige Erde, zum größeren Theil ſehr gut von Strömen und Seen durch⸗ ſchnitten. Es iſt ein Staat für Ackerbau und Vieh⸗ zucht. Aber der Boden in mehreren Gegenden(und beſonders hier um Madiſon her) wo er von der föderalen Regierung als Einkommensquelle für die Staatsuni⸗ verſität angeſchlagen iſt, iſt bereits ſehr theuer. Von Spekulanten zum Regierungspreis(1 ½ Dollar für den Morgen) angekauft, wird er nicht unter 10— 12 Dollars wieder verkauft. „Und wer wird Ihnen dieß bezahlen?“ fragte ich Ch. Lathrop.„Ihre Landsleute!“ antwortete er mun⸗ ter,„Ihre Landsleute, die hieher kommen und deren Söhne frei auf unſerer Univerſität lernen werden.“ Mit Ch. Lathrop und ſeiner heitern, geiſtreichen Frau beſuchte ich dieſer Tage das Univerſitäts⸗Gebäude, das jetzt bald fertig iſt. Es liegt auf einer Höhe, „Collegiums⸗Hügel“ genannt, mit freier, ſchöner Aus⸗ ſicht; es iſt ein großes Gebäude ohne unnöthige äußere Pracht, wie das Girard⸗Collegium in Philadelphia, aber mit viel Platz und Räumlichkeit im Innern. Die Menge der Fenſter fiel mir auf. Die untergehende Sonne beleuchtete ſie. Im Ganzen iſt dieß ein Son⸗ nentempel auf den Prärien des Weſtens, und wenn er ſeine Aufgabe erfüllt, ein Tempel des Lichts im Geiſt und der Wahrheit; mehr als die Tempel Perus! Es ſind erſt wenige Jahre, ſeit die Indiauer um dieſe hübſchen Seen her wohnten. Und ſie kommen noch jährlich im Herbſt hieher, beſuchen ihre früheren Grabplätze und erheben da ihre Klagerufe. 284 Blue Mound(Blauer Erdhügel) den 8. Oct. Ich ſchreibe Dir jetzt aus einem kleinen Blockhaus mitten im Prärienland zwiſchen Madiſon und Galena. Das Blockhaus gehört zu einer Farm und iſt zugleich ein Poſthaus und eine Art ländlicher Gaſthof. Mr. Dean, Schwiegerſohn meiner guten Wirthin in Madi⸗ ſon, hatte die Artigkeit mich ſelbſt in einem offenen Wägelchen hieher zu führen, damit ich die Reiſe an⸗ genehmer machen könnte als in der Poſtchaiſe, welche bei Nacht dieſen Weg macht. „Blue Mound“ iſt eine der höchſten Höhen in Wisconſin, und hat ſeinen Namen von ſeiner hübſchen dunkelblauen Farbe, da man ihn ſchon von der Ferne ſieht. Er iſt gleichſam in einen zarten dunkelblauen Schleier eingehüllt, und man erblickt ihn auf mehrere Meilen Entfernung glänzend gegen den blaßblauen Himmel empor. Er gleicht dem Kinne⸗Kulle bei uns, hat aber eine ſteilere Höhe. Er iſt wie der Kinne⸗ Kulle von Wieſen und Wald bedeckt. Da angekommen war ich ſo entzückt über die große herrliche Ausſicht auf das Prärienland rund umher, daß ich ein Paar Tage hier zu verweilen beſchloß, um in Frieden und Einſamkeit der Prärie und den Son⸗ nenblumen Geſellſchaft zu leiſten. Im Haus war ein einziges Gaſtſtübchen, und dieß eine Bodenkammer vor einem großen Boden, wo ein halb Dutzend Arbeiter ihre Nachtherberge hatten. Aber man verſicherte mich, daß dieſe ſehr ſtill und beſcheiden ſeien, und man gab mir einen Holzſplitter, womit ich die Klinke an meiner Thüre, die kein Schloß hatte, von innen befeſtigen könnte. Das Zimmer war reinlich und hell, obſchon ſehr niedrig und ſchlecht fagonnirt, und ich war froh hi hit all hi bli ſat S mi ſe Oct. as ena. leich Mr. adi⸗ nen an⸗ eche in chen erne uen vere uen ius, nne⸗ toße her, um on⸗ ein vor iter rich, gab iner igen chon froh 285 hier meinen Wohnſitz nehmen zu können. Die Treppe hinauf iſt halsbrecheriſch. Geſtern lebte ich beinah den ganzen Tag ganz allein draußen auf der Prärie, bald über die Felder hinwandelnd und auf die unendlichen Räume hinaus⸗ blickend, wobei meine Seele und mein Leib ſich gleich⸗ ſam erweitern und fliegen wollen; bald mitten unter Sonnenblumen und Aſtern an einem niedern Hügel mit einigem Gebüſch daranf ſitzend und Emerſon le⸗ ſend, dieſen wunderlichen Ariel, rein, erfriſchend, aber flüchtig und in ſeinen Philoſophemen ſich verflüchtigend, wie der Wind, der über die Prärien hinfegt und den elektriſchen Telegraphenfäden melodiſche Töne entlockt, die in demſelben Augenblick klingen und verklingen. Seine Philoſophie gleicht oft dieſem Winde. Er ſelbſt iſt um ein Gutes mehr und beſſer. Seine Perſönlich⸗ keit iſt es, die dieſen unvollkommenen Akkorden den wunderbar bezaubernden Ton gibt. Wie groß iſt der Eindruck dieſer unendlichen Fel⸗ der mit ihrer Einſamkeit und Stille! In Wahrheit ſie machen die Seele ſich erweitern und wachſen und mit tiefen Zügen athmen. Der große Weſten! Ja wohl! Aber welche Einſamkeit! Ich ſah keine Wohnungen (außer dem Höfchen, wo ich wohne) keine Menſchen, keine Thiere; nichts als Himmel und die blumengeſchmückte Erde. Der Tag war ſchön und warm, und die Sonne ſchritt hell über die Erde hin bis gegen Abend, wo ſie ſich allmählig in lichte Wolken von Sonnenrauch verbarg, der beim Untergang den Gürtel bildete, durch welchen die Erdkugel in mattem Glanz leuchtete, ſo daß ſie ausſah wie ein großes Pantheon mit goldener Kuppel, das am Horizont über dem unermeßlichen Feld ſteht. Morgen oder übermorgen begebe ich mich von hier weg, und am Montag hoffe ich am Miſſiſippi zu ſein. Jetzt will ich ein Paar Worte an die junge Mrs. 286 Dean ſchreiben, meine liebliche Sonnenblume in Ma⸗ diſon. Ich muß Dir ſagen, daß die Köchin in ihrem Haus, eine herrliche, tüchtige Norwegerin, durchaus keinen Lohn als Dank für ihre Mühe von mir anneh⸗ men wollte. Blockhaus, den 9. Ott. Heute früh war es trüb und ich fürchtete Regen. Aber ich ging doch aus à la bonne aventure. So auf eigene Fauſt, das iſt mein Vergnügen. Ich folgte einem kleinen Weg, der ſich durch niedriges Buſchwerk über die Prärie hinſchlängelte. Dort traf ich kleine Kinder mit kleinen Speiſekörben, die zur Schule wanderten. Ich folgte ihnen, und kam ſo an ein kleines Blockhaus von äußerſt dürftigem Anſehen; es war das Schulhaus. Das Schulzimmer war eine Stube mit einigen Bänken darin. Die Kinder, ein Dutzend an der Zahl, waren lumpig gekleidet, ächte Jungen der Wildniß. Aber ſie ſchienen lernbegierig genug!, und an den Bretterwänden der Stube hingen Landkarten, auf denen die kleinen Schüler mir ganz artig die Länder bezeichneten, die ich nannte; und in dem armen Schulhaus waren Lehrbücher, wie die „National⸗Geographie“ von Goodrich, die„Quarto Geographie“ von Smith, welche Ausſichten über die ganze Welt geben; und in dem gewöhnlichen Lehrbuch ſah ich Perlen aus der Literatur aller Länder, vor⸗ nämlich Englands und Amerikas. Der Schulmeiſter war ein hübſcher junger Mann. Er bezog einen mo⸗ natlichen Gehalt von 15 Dollars. Ich ging weiter; die Sonne ſchien fortwährend, der Tag wurde herrlich; und ich hatte wieder einen ſchönen Tag auf der Prärie. Der Wirth und die Wirthin in meinem Blockhaus ſind pon holländiſcher Abkunft und nicht ohne Bildung. me Vi rem aus leh⸗ en. auf lgte verk eine ue ein en; ine ein chte rig gen nz in die rto die uch or⸗ ſter no⸗ nd, uen us ng. 287 Die Koſt iſt einfach, aber gut—(ich bekam hier gute Milch und Kartoffeln nach Wunſch), ohne Gewürz und Fett. Und die Kartoffel iſt hier zu Land meine beſte Speiſe nebſt guter Butter und Brod. Alles iſt ſauber im Hauſe, aber die Möbel und Bequemlichkei⸗ ten ſtehen nicht über denjenigen, die man in einem ge⸗ wöhnlichen ſchwediſchen Bauernhaus findet. Am Tiſch ſitze ich mit den Mägden und Knechten des Hauſes, die, wenn ſie von der Arbeit hereinkommen, nicht all⸗ zu ſauber ſind, und mit Tauſenden von Fliegen. Je weiter ich im Weſten komme, um ſo früher finde ich die Eſſensſtunde am Tag. Was ſagſt Du von einem Frühſtück Morgens um 6, von einem Mittag⸗ eſſen um 12, und von einem Thee Abends um halb 7? Mir gefällt es nicht übel. Tauſendmal beſſer als die faſhionablen Eſſensſtunden in New⸗York und Boſton. Es iſt Abend. Es hat zu regnen und zu blaſen angefangen; und Regen und Wind machen es nicht an⸗ genehm, am Fenſter zu ſtehen, das ich der erſtickenden Hitze wegen offen halten muß, einer Hitze, die von einer eiſernen Röhre herrührt, welche durch das Zimmer aus einem eiſernen Ofen im Zimmer unter demſelben geht. Ich beginne mich hier weniger ſelig zu fühlen und freue mich morgen nach Ga⸗ lena abzufahren. Was meine 6 Nachbarn betrifft, ſo höre ich nicht einen Laut von ihnen. So ſchweig⸗ ſam und ſtill ſind ſie. Die Blockhäuſer ſind im Allge⸗ meinen warm, erzeugen aber viel Staub, wie ich von Vielen gehört habe und ſelbſt bezengen kann. * Galena, den 11. Oet. Hier haſt Du mich jetzt, einige wenige Meilen von dem großen Miſſiſippi, in einem maleriſch gelegenen Städtchen auf den gebrochnen Höhen um ein Flüßchen, der Feve⸗Fluß genannt, der ſich in manigfaltigen Krüm⸗ mungen zwiſchen ihnen hinſchlingt. Die Stadt lebt von Bleigruben(die ſich in dieſer Hochlandsgegend überall vorfinden,) davon daß ſie das finſtere, ſchwere Metall aus der Erde herauszieht, in Oefen ſchmilzt und zum Handel ausführt. Ein bleigrauer Himmel hängt zufällig über der Stadt, und auf den Straßen ſah ich Frauen in grauen Mänteln und alten Hüten einhertrippeln, ſehr ähnlich den armen Frauen in grauen Mänteln und Hüten auf Stockholms Straßen in dem herbſtgrauen Wetter; auch Herrn oder Halbherrn in lumpigen Röcken, jedoch dadurch weniger genirt, als ſie es bei uns ſein würden. Es ſieht grauenhaft grau⸗ lich aus! Und es iſt kalt wie bei uns im November. Geſtern war es anders. Geſtern war der herrlichſte Sommertag. Es war regneriſch, als ich bei Tages⸗ aubruch„Blue Mound“ verließ, aber das Wetter hellte ſich bald auf und der Wind jagte die Wolken über die unermeßlichen Felder, und das Spiel der Schatten und Lichter darüber, die herrlichen Ausſichten — ich kann gar nicht ſagen, wie genußreich dieſe Tag⸗ fahrt für mich war. Der Weg über das hohe Prärien⸗ land war hart und eben, wie die Wege bei uns im Sommer. Die Diligence, in der ich meiſtens allein ſaß, rollte leicht über die Felder hin. Ich meinte dar⸗ über wegzufliegen, während ich mich mit jedem Augen⸗ blick dem Rieſenſtrom, dem Ziel meiuer weſtlichen Reiſe näherte. Der Wind war warm, wie bei uns im Juli mac mic pfa rech an inn ſter im um gro zieh hiel mei auf auf wir lun die mer getr ſo 1 ßen deſſ der hat nac für noc mie er ßen B von nen hen, üm⸗ lebt end vere ilzt mel ßen iten uen dem in als au⸗ ber. hſte zes⸗ tter lken der ten ag⸗ ien⸗ im lein r⸗ en⸗ eiſe uli 289, Und dieſe Ausſichten des Weſtens, die um ſo größer ſind, je mehr man ſich dem großen Strom nähert, ſie machen einen unausſprechlichen Eindruck. Ich erinnere mich nicht von Naturgegenſtänden einen ähnlichen em⸗ pfangen zu haben. Gegen Abend wurden die Wege ſchlechter, und recht müde kam ich ſpät am Abend in einem Städtchen an, Waterville(wenn ich mich des Namens recht er⸗ innere). Es war ſehr dunkel, obſchon der Himmel ſternhell war. Ich war hungrig und müde, und wünſchte im Hotel zu übernachten, theils um auszuruhen, theils um die Reiſe beim Tageslicht fortſetzen und die rieſen⸗ großen Felder ſehen zu können. Aber das Hotel war von Herrn eingenommen, die juſt zu einem Convent über Er⸗ ziehungsfragen verſammelt waren und gerade ihre Sitzung hielten. Es gab kein Zimmer für mich. Und als ich von meiner Müdigkeit ſprach, von meiner Furcht, bei Nacht auf Wegen zu reiſen, die oft gar keine Wege ſind, und auf welchen die Diligence ſechsmal in der Woche um⸗ wirft, da antwortete der Wirth des Hotels mit Erzäh⸗ lungen von der großen und wichtigen Verſammlung, die hier in der Stadt gehalten wurde, und von den merkwürdigen Männern, die zu dieſem Behuf zuſammen⸗ getreten waren und in ſeinem Haus wohnten. Er that ſo wichtig und nahm den Mund ſo voll von dem gro⸗ ßen Erziehungsconvent, der in ſeiner Stadt tagte, und deſſen Mitglieder in ſeinem Haus wohnten, daß er we⸗ der Ohr noch Herz für die arme, müde, reiſende Dame hatte, die um ein kleines Stübchen bat, um zu über⸗ nachten. Dieß Hotel, ſagte er, ſei eigentlich kein Hotel für Damen, ſondern blos für Herrn. Es gebe zwar noch ein anderes Hotel in der Stadt, und er erbot ſich, mich dahin begleiten zu laſſen. Aber auch dieſes, meinte er, werde von den merkwürdigen Mitgliedern des gro⸗ ßen Convents angefüllt ſein, und ich müſſe in allen Bremer, die Heimath in der neuen Weit. H. 19 290 Fällen bei Nacht reiſen, da die Diligence nach Galena zu keiner andern Zeit gehe. In der heutigen Nacht könne ich auf den beſten und ſicherſten Kutſcher rech⸗ nen, die Racht ſei ſchön, und ich werde ganz ſicher und wohlbehalten in Galena ankommen. Da die merkwür⸗ dige Sitzung des großen Convents bis tief in die Nacht währen konnte und die Diligence augenblicklich abreiſen mußte, ſo hatte ich keine Hoffnung mit einem der merkwürdigen Herrn zu ſprechen, um Rath oder Unterſtützung von der amerikaniſchen Artigkeit und Gaſtfreundſchaft zu begehren, welche beide Eigenſchaften dem Wirth des Hotels gänzlich abgingen. Ich mußte reiſen. ſtillon,„ich bin eine fremde Reiſende aus fernem Land „Mein guter Freund,“ ſagte ich bittend zum Po⸗ und ganz allein; verſprechen Sie mir, daß Sie mich nicht umwerfen wollen!“„Das kann ich Ihnen nicht verſprechen, Madame,“ antwortete er,„aber ich ver⸗ ſpreche, daß ich mein Beſtes thun will, um Sie ſicher weiter zu fahren.“ Dieß war eine verſtändige Ant⸗ wort, und ſie wurde mit einer Stimme ausgeſprochen, die mir Vertrauen einflößte. Ich ſetzte mich in die Diligence und verließ den erſten ungaſtlichen unfreund⸗ lichen Ort, den ich in Amerika gefunden hatte. Drei bis vier Herrn ſaßen in der Diligence mit mir, die ich das einzige Frauenzimmer war. Aber ihre Stimmen und ihre Fragen ſagten mir, daß ſie jung waren und einer ungebildeten Klaſſe angehören.„Sind Sie ängſt⸗ lich, Miß Bremer?„Haben Sie Furcht, Madame?“ waren Ausrufungen, womit ſie mich ſogleich in einer gutmüthigen und muntern, aber rohen Weiſe über⸗ häuften. Ich beantworte ihre Fragen mit einem ein⸗ ſilbigen„Nein!“ und dann ließen ſie mich in Ruhe. Aber ich war nicht ohne Unruhe wegen der nächtlichen Fahrt. Ich hatte von Diligencen erzählen gehört, die cklich inem oder und ften ußte Po⸗ aud mich nicht ver⸗ icher Ant⸗ hen, die und⸗ Drei ich men und e2 iner ber⸗ ein⸗ uhe. chen die 291 neuerdings umgeworfen wurden, von einem Frauen⸗ zimmer, das den Arm gebrochen, von einem andern, das einen ſo heftigen Stoß in die Seite bekam, daß ſie noch krank davon in Galena lag, von einem Herrn, der ſo hart mit dem Kopf aufgefallen war, daß er auf mehrere Stunden das Gedächtniß ganz verloren hatte, und von allerlei ähnlichen Ereigniſſen. Mehrere der jungen Herrn waren einander unbe⸗ kannt, machten aber bald Bekanntſchaft. Einer von ihnen ſollte irgendwo näher beim Miſſiſippi Schulmei⸗ ſter werden. Er hatte eine jämmerliche Stimme und ſeine Ausſprache war breit und blöckend. Einer der andern Herrn fragte ihn, ob er ein gewiſſes mathema⸗ tiſches Problem mit dem Waſſer löſen könne. Der Schulmeiſter ſchien hierüber ganz aus dem Concept zu kommen, und ſein neuer Lehrer begann ihm jetzt weit und breit das Experiment auf eine Art zu beſchreiben, welche ſicherlich Fabian Wrede ſehr beluſtigt haben würde. Der Schulmeiſter machte verſchiedene Fragen, die bewie⸗ ſen, daß er in dieſen Waſſerkünſten nicht daheim war, und als er bald darauf die Diligence verließ, rief ſein Leh⸗ rer:„Welch ein Dummkopf von einem Schulmeiſter!“ Und Alle brachen in ein Gelächter aus. Sie waren offenbar alle zuſammen etwas einfältig, aber harmlos und gutmüthig. Sie begannen Negerlieder zu ſingen, und ſangen recht friſch und charakteriſtiſch, O Suſannal“ „Dandy Jim von Carolina“ u. ſ. w. Hierauf ſchliefen ſie. Die Nacht war ſchön und hell, der Weg nicht ſchlecht, der Kutſcher offenbar brav und vorſichtig. Nur einmal blieben wir in einem Dickicht hängen und die jungen Männer mußten heraus und den Weg bah⸗ nen. Um halb ein Uhr des Nachts kamen wir glück⸗ lich in Galena an, wo alle Welt tief zu ſchlafen ſchien. Auch im Hotel war Alles ſtill und dunkel. Der Portier des„Amerika⸗Hauſes,“ ein alter Herr mit ſtark markirter, engliſcher Phyſiognomie, bu⸗ 292 ſchigen Augbrauen, ſtarker Naſe und ditto Kinn, humoriſtiſcher Laune und etwas gentlemänniſch in Aus⸗ ſehen und Weſen, kam mit einer Laterne in der Hand und empfing ſehr artig mich und meine Effekten. Er wies mich in ein freundliches Stübchen. Aber als ich die Thüre verſchließen wollte, fand ich, daß das Dop⸗ pelſchloß ſich nicht verſchließen ließ. Ich rief meinen alten Gentlemau und zeigte ihm meine Schwierigkeit. Er machte mir ein Zeichen, daß ich blos mein Koffer⸗ chen vor die Thüre zu ſtellen habe; dieß ſei Alles, was ich für meine Sicherheit bedürfe. Aber da ich dieß nicht genügend erachtete, ſo beſchäftigte er ſich mit dem Schloß, bis es auf einmal zuſprang. Jetzt war es gut. Aber nun ſollte er es wieder öffnen, um hinauszugehen, und da ging es nicht auf. Er riß und riß, es bewegte ſich nicht im geringſten. Ich und der alte Herr waren ins Zimmer eingeſchloſſen; denn ein anderer Ausgang fand ſich nicht. Bei dieſer Ent⸗ deckung machte er eine ſo luſtige Grimaſſe, daß ich nicht umhin konnte, herzlich zu lachen, und nachdem er einige Minuten lang ſeine Künſte und Kräfte vergebens erſchöpft, um die Thüre aufzumachen, verſuchte ich die meinigen. Ich unterſuchte das Schloß genau und ent⸗ deckte bald eine kleine Feder, auf welche ich drückte; bald ſprang das Schloß auf, und ich entließ mei⸗ nen alten Gentleman, der beinahe ſo froh ſchien wie ich, gut von dem nächtlichen Abenteuer loszukommen, aus dem Käfig. Später. Ich wurde in meinem Schreiben von einigen Be⸗ ſuchen unterbrochen, mußte in den Damenſalon hinaus⸗ gehen, wo ein ſchönes, junges Frauenzimmer ſaß und falſch ſang, ſo daß es mir durch die Seele ſchnitt; und ſie wollte nicht aufhören! Ein junger Herr, der nu, us⸗ nd Er ich op⸗ len 25 er⸗ es, ich etzt um nd der ein nt⸗ ich er ns die nt⸗ te; ei⸗ vie en, e⸗ 18. nd tt; er 293 neben ihr ſaß und die Blätter umkehrte, muß ganz ohne Ohr oder bis über die Ohren verliebt geweſen ſein. Von einem Ehepaar, das ich in meinem Zimmer empfing, und das jetzt aus der Wildniß jenſeits des Miſſiſippi zurückkam, erhielt ich intereſſante Aufſchlüſſe über die ſogenannten„Squatters,“ eine Art Volk von der weißen Race, das einen Theil der erſten Bebauer des Feſtlands ausmacht. Sie laſſen ſich da und dort in der Wildniß nieder, kultiviren die Erde und die Freiheit, wollen aber von keinem andern Kultus wiſ⸗ ſen. Sie bezahlen keine Steuer und wollen nichts von Geſetz oder Kirche hören. Sie leben in Familien, ha⸗ ben kein Staatsleben, ſind aber äußerſt friedfertig und begehen keinerlei Arten von Geſetzesverletzung. Alles was ſie wünſchen iſt, daß man ſie im Frieden laſſe, und daß ſie frei ihre Ellenbogen bewegen können. Mit den Indianern ſtellen ſie ſich gut. Nicht ſo gut mit civiliſirten Weißen. Wenn dieſe mit ihren Schulen, Kirchen und Handelsbuden kommen, dann ziehen die Saquatters fort, weiter fort in die Wildniß, um da, wie ſie ſagen, in Unſchuld und Feiheit leben zu kön⸗ nen. Das ganze Weſtland des Miſſiſippi und bis zum ſtillen Meer ſoll ſtellenweiſe von dieſen Squatters oder Erdeanbetern bewohnt ſein, deren Urſprung ebenſo un⸗ bekannt zu ſein ſcheint, wie der Urſprung der Erde⸗ eſſer in Südcarolina und Georgia. Auch ihre Lebens⸗ weiſe hat Aehnlichkeit. Aber die der Weſtländer zeigt mehr Kraft und Arbeitſamkeit. Die Erdeeſſer unter⸗ liegen dem Naturleben. Die Erdeanbeter ſind Reprä⸗ ſentanten der Wildniß, und ſtehen als ſolche in ſtarrer Oppoſition gegen die Civiliſation. 294 Galena, den 12. Oct. Wieder oben und wieder munter nach einer zwei⸗ tägigen ſchweren Migräne, während welcher ich von einer kleinen, gutherzigen irländiſchen Magd im Hauſe aufs Beſte verpflegt und bedient wurde. Ich hätte kaum in meinem eigenen Hauſe beſſer behandelt wer⸗ den können. Und ohne ein kleines Denkzeichen konnte man von der garſtigen Fahrt durch Wisconſin nicht wegkommen. Aber mit dieſer iſt auch der beſchwerlichſte Theil meiner weſtlichen Reiſe überſtanden. Und ich habe meinen Leib und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne wohl behalten, und Alles iſt im Ganzen ſo gut gegangen, und ich fühle mich ſo vollkommen wie⸗ der hergeſtellt und im Beſitz meiner gewöhnlichen guten Geſundheit, daß ich blos herzlich zufrieden und dank⸗ bar ſein kann. Erſt am Montag verlaſſe ich Galena, denn erſt dann geht das gute Dampfbvot Menomonie(ſo genannt nach einem Indianerſtamm) von hier den Miſſiſippi hinauf nach Sct. Paul. Ich will inzwiſchen meine Freiheit in dieſem guten Hotel genießen und mich an den Wanderungen auf den pittoresken Höhen ringsum⸗ her erlaben. Gute Nacht, Geliebte! Ich umarme Mama und Dich, und grüße herzlich alle gute Freunde in und außer dem Hauſe. — Sechsundzwanzigſter Brief. Am Miſſiſippi, den 15. Oct. 1850. Bei Sonnenuntergang, am lieblichſten, herrlichſten Abend kamen wir aus dem kleinen buchtenreichen Feve⸗ Fluß auf den großen Miſſiſippi, der ſpiegelklar und breit dahin fließt mit ſeinen niedrigen, üppig grünenden Inſeln, zwiſchen weit in der Ferne blauenden Höhen, unter dem milden, hellblauen Himmel, wo der Neu⸗ mond und der Abendſtern aufgingen, in Klarheit em⸗ vorſteigend, während die Sonne tiefer hinter dem Berge ſank. Derindianiſche Sommer warf ſeine dünnen Rauch⸗ ſchleier über die Gegend. Man hätte glauben können, es ſei ein Rauchopfer der dankbaren Erde, das am Abend zum milden Himmel emporſtieg. Kein Wind⸗ hauch bewegte ſich; Alles war ſchweigſam und ſtill in dem großen Schauſpiel. Es war unbeſchreiblich ſchön. Da krachte ein Schuß, eine Rauchſäule ſtieg auf von einem grünen Inſelchen, und Heerden von Enten und wilden Gänſen flogen ringsumher dem verborgenen Jäger zu entfliehen, der, hoffe ich, dieſen Abend ohne einen Braten blieb. Daraufwar Alles wieder ſchweig⸗ ſam und ſtill, und Menomonie ſchoß in ſtiller beſtän⸗ diger Eile den herrlichen Fluß hinan. Ich ſtand auf dem oberſten Verdeck neben dem Kapitän Mr. Smith und einem Repräſentanten von Minneſota, Mr. Sibley, der in Begleitung von Frau und Kind von Washington nach Haus zurückkehrte und jetzt mit mir das ſchöne Schauſpiel betrachtete. War dieſes wohl der Miſſiſippi, der wilde Natur⸗ rieſe, den ich mir ſo gewaltſam, ſo trüb und ſo grauſam gedacht hatte? Hier war ſein Waſſer klar, von friſcher, hellgrüner Farbe, und in dem herrlichen 296 Rahmen der fernen, violettblauen Bergeshöhen lag er wie ein Himmelsſpiegel, grünende, traubenreiche Inſeln in ſeinem Schvoß tragend. Der Miſſiſippi war hier in ſeiner Jugend, noch im Zuſtand ſeiner Unſchuld. Er iſt noch nicht weit fort von ſeinen Quellen; keine Schaaren von Dampfbooten trüben ſeine Waſſer (Menomonie und noch ein anderes kleines Boot ſind die einzigen, die von Galena aus den Fluß aufwärts gehen), keine Städte werfen ihren Unrath hinein; nur reine Ströme ergießen ihre Waſſer hinein, und Urein⸗ wohner und Urwälder umgeben ihn noch. Später, weiter gegen das Weltmeer zu, wenn der Miſſiſippi in's Staatsleben hineinkommt, Staatsmann wird, 1200 Dampfboote, und ich weiß nicht wie viel tanſend Schuten tragen, ſich Städten und Städtern widmen, ſich mit dem Miſſouri vermählen muß, da iſt es anders, iſt es vorbei mit Miſſiſippis Schönheit und Un⸗ uld. Aber jetzt, jetzt war er ſchön, und dieſer ganze Abend auf dem Miſſifippi war für mich wie ein Zauber. Die Entdeckung des Miſſiſippi durch Europäer hat zwei Epochen und in jeder von ihnen einen Roman, einander ſo ungleich wie Tag und Nacht, wie die ſonn⸗ beglänzte Idylle und die düſtre Tragödie, wie der Miſſi⸗ ſippi hier in ſeinem Jugendleben, und der Miſſiſippi unterhalb Saint Louis— wie Miſſiſippi⸗Miſſouri. Der erſte gehört dieſer nördlichen Gegend an, der zweite der ſüdlicheu; der erſtere hat den ſauften Prie⸗ ſter, Pater Marquette zum Helden, der letztere den ſpaniſchen Krieger Ferdinand de Soto. Frankreich war im Wetteifer mit England der erſte Eroberer von Amerikas Land. Franzöſiche Jeſuiten waren die erſten, die durch die Wildniß nach Canada und zu den großen Seen des Weſtens drangen. Re⸗ ligiöſer Enthuſiasmus pflanzte die puritaniſche Kolonie auf Plymonths Klippe; religiöſer Enthuſiasmus pflanzte er ſeln hier uld. eine ſſer ſind ärts nur ein⸗ iter, in's 200 ſend nen, ers, Un⸗ nze ber. hat nn⸗ iſſi⸗ ippi uri. der rie⸗ den rſte iten ada Re⸗ onie nzte 297 das Kreuz nebſt Frankreichs Lilien an den Ufern des Sct. Lorenzo, am Niagara und bis nach Sct. Marie auf, unter den wilden Indianern am Superior⸗See. Der edle, ritterliche, von brennendem Eifer erfüllte Champlain hatte geſagt:„Die Rettung einer Seele gilt mir mehr als die Eroberung eines Königreichs.“ In dieſer Zeit zogen Loyolas Jünger über die Welt aus, um ſie dem Reich des Friedensfürſten zu erobern, und errichteten die Zeichen des Kreuzes in Japan, in China, in Indien, in Aethiopien, bei den Kaffern, in Californien, in Paragnay. Sie luden die Barbaren zum Frieden des Chriſtenthums ein. Die Prieſter, die in dieſer Sendung weſtwärts in Amerikas Wildniſſe von Canada her eindrangen, ge⸗ hörten zu den edelſten ihrer Orden. „Sie hatten,“— ſchreibt Bankroft von ihnen— „Fehler, die dem ascetiſchen Aberglauben angehörten, aber den Schreckniſſen eines Lebens in der Wildniß wuß⸗ ten ſie mit einem unüberwindlichen paſſiven Muth und einem tiefen, innern Frieden zu begegnen. Fern von den Annehmlichkeiten des Lebens, fern von allen Ge⸗ legenheiten zu eitlem Ehrgeiz waren ſie gleichſam todt für die Welt und hatten ihre Seelen in unerſchütter⸗ licher Ruhe. Die wenigen, die, obſchon darniederge⸗ beugt von den Mühen während der langen Miſſion alt wurden, brannten noch von dem Feuer des apoſto⸗ liſchen Eifers. Die Geſchichte von ihren Arbeiten ſteht in engem Zuſammenhang mit dem Emporkommen jeder berühmten Stadt im franzöſiſchen Amerika: nicht eine Spitze wurde umſegelt, nicht ein Fluß unterſucht, ohne daß ein Jeſuit den Weg führte.“ Die Jeſuiten Brebeuf, Daniel und der ſanfte Lallemand folgten einer Schaar barfüßiger Huronen durch gefährliche Wälder hindurch nach ihrem Land. Sie gewannen das Ohr und die Liebe der Wilden. Brebeuf„ein Muſter jeder religiöſen Tugend“ 298 lebte 15 Jahre unter den Huronen, ſie auf Chriſtus taufend und friedliche Gewerbe lehrend. Liebevolle Handlungen, harte Selbſtkaſteiungen, Gebete bis tief in die Nacht hinein— das war ſein Leben. Dabei wuchs blos ſeine Liebe zu dem Herrn, dem er diente, ſein Durſt nach Leiden im Dienſt deſſelben. Er ſehnte ſich darnach, wie Andre ſich nach Wollüſten des Lebens ſehnen. Er that ein Gelübde, niemals der Gelegenheit zum Märtyrerthum auszuweichen, den Todesſtreich nicht ohne Freude zu empfangen. Ein ſolcher Glaube mußte Berge verſetzen. Er that noch mehr, er verſetzte Jeſu Liebesleben in die Herzen blutdürſtiger Wilden. Der große Krieger Ahaſi⸗ ſtari ſagte: „Ehe ihr in dieſes Land kamt, wo ich zuweilen großen Gefahren entgegenging, habe ich zu mir geſagt: irgend ein mächtiger Geiſt wacht über meinem Leben!“ Und er bekannte ſeinen Glauben an Jeſum, als den guten Geiſt, an den er bisher unbewußt geglaubt hatte. Und nachdem er die Taufe empfangen hatte, ſagte er zu einem Trupp neugetaufter Indianer: laßt uns die ganze Welt durchſuchen, um Jeſu Lehre zu empfangen. Weiter und weiter drangen die Miſſionäre gegen Weſten. Sie hörten da von großen kriegeriſchen In⸗ dianerſtämmen ſprechen, von den mächtigen Sioux, die an dem großen Fluß Meſſipi wohnten, von den Stämmen Erie und Chippewas und Pottowato⸗ mis u. ſ. w., die an großen Binnenſeen lebten. Die Gefahren, die Mühen, die Wildniſſe, die Wilden, Alles ſtand drohend ihnen entgegen und zog ſie nur um ſo mehr an. Feindſelige Stämme überfielen den Stamm, der ſie begleitete. Die wilden Mohawks nahmen den Miſ⸗ ſionär Jogues und mit ihm den edeln Häuptling Aha⸗ ſiſtari gefangen. Ahaſiſtari hätte ſich verbergen kön⸗ nen, aber als er Jogues gefangen ſah, trat er zu ihm „— 8 8 ſc S —— ₰ —— W* e n 299 vor und ſagte:„Mein Bruder, ich gab Dir das Ver⸗ fprechen, daß ich Dein Schickſal im Leben und im Tod theilen wolle. Hier bin ich jetzt, um mein Verſpre⸗ chen zu halten.“ Die Granſamkeit der Wilden übte ſich mehrere Tage und Nächte an ihnen. Als Jogues zwiſchen ihren Spalieren Gaſſen lief, ſah er Erſcheinungen der heiligen Jungfrau. Am Abend nach einem Tag der Qualen wurde eine Maisähre auf ihrem Stiel dem guten Pater zugeworfen, und ſiehe, auf dem breiteſten Blatt ſaßen Tropfen von Thau, Waſſer genug, um zwei neue Jünger des Chriſtenthums zu taufen. Ahaſiſtari und zwei ſeiner Leute wurden verbrannt. Er ging dem Tode mit dem Stolz eines Indianers, mit der Ruhe eines Chriſten entgegen. Jogues erwartete daſſelbe Schickſal, wurde aber verſchont und freigegeben. Allein in den ſtattlichen Wäldern des Mohawk⸗Thales umherſtreifend, zeichnete er Jeſu Namen und das Zeichen des Kreuzes in die Rinde der Bäume und ergriff in Gottes Namen Be⸗ ſitz von dieſen Ländern. Offen erhob er ſeine Stimme im Lobgeſang, ſich in ſeinen Sorgen mit dem Gedan⸗ ken tröſtend, daß doch ein Menſch in dieſer unabſeh⸗ baren Gegend den wahren Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde anbete. Er kam glücklich zu den Seinigen in Canada zu⸗ rück, aber nur um zwei Jahre ſpäter in demſelben Dienſt neue Gefahren zu ſuchen.„Ich gehe um nicht mehr wiederzukommen,“ ſagte er damals. Bald darauf wurde er von Mohawks⸗Indianern gefangen genom⸗ men, welche behaupteten, daß ſeine Zaubereien ihren Aerndten ſchaden.„Furchtſam von Natur, aber muthig durch ſeinen Eifer, ging er dem Todesſtreich ruhig entgegen.“ Brebeuf, Anthony, Daniel und der ſanfte Lalle⸗ mand erlitten ſämmtlich den Märtyrertod unter ſolchen 300 Qualen, wie nur Wilde ſie zu erſinnen vermögen; ſie erlitten ihn mit frommem Muth, wie nur die Liebe Chriſti ihn eingibt. Die Dörfer und die Kolonien, welche die frommen Väter gegründet hatten, wurden verbrannt, die neuge⸗ tauften Chriſten mit Feuer und Schwert getödtet. All die mehrjährigen Arbeiten der Jeſniten wurden ver⸗ nichtet, und die Wildniß ſchien von Neuem auf ihren Spuren zu wachſen. Man ſollte glauben, ſo große Widerwärtigkeiten hätten ſie zum Schwanken oder Weichen gebracht Allein ſie wichen nicht einen einzigen Schritt. Sie gingen von Neuem vorwärts. Während die wilden Nationen einander in grau⸗ ſamen Ueberrumplungen bekriegten und alle Wege durch die Wälder des Weſtens zu Todeswegen machten, wurde der Biſchof von Quebec, Francis de Laval, vom Eifer verzehrt, die Lehre des Friedens bis zu den Ufern des großen Fluſſes zu tragen. Er wollte ſelbſt gehen. Aber das Loos fiel auf René Mesnard. Alle Be⸗ weggründe perſönlichen Intereſſes forderten dieſen auf in Quebec zu bleiben, aber„mächtige Inſtinkte“ er⸗ munterten ihn ſein Leben bei dem Unternehmen zu wa⸗ gen. Er war alt, als er den Weg betrat, der vom Blut ſeiner Vorgänger noch geröthet war:„In 3 oder 4 Monaten könnt Ihr mich zu den Todten zählen,“ ſchrieb er unterwegs an einen Freund. Er ging um nie mehr wiederzukommen. Weit in den Wildniſſen des Weſtens, während ſeine Begleiter ſich eines Tags mit der Wegziehung eines Boots beſchäftigten, ging er in einen Wald hinein und wurde ſeitdem nicht mehr ge⸗ ſehen. Sein Roſenkranz und Gebetbuch wurden einige Zeit nachher gefunden und von den Indianern als heilige Amulette betrachtet. Ein anderer Miſſionär fiel während des Kampfes zwiſchen feindlichen Stäm⸗ men unter den Pfeilen der Indianer. um M un zoſ lin rei erf gr v u— X 301 Von den blutigen und grauſamen Stcenen, welche⸗ hier den erſten Beſuch der europäiſchen Sendboten im Weſten bezeichnen, wendet man ſich mit einem Gefühl der Erquickung zu der idylliſchen, friedlichen Epiſode der Miſſionsfahrt des Jeſuiten Marquette. Mitten unter den wilden kriegeriſchen Indianerſtämmen gleicht ſieeinem Sonnenſtrahlunter gewitterſchwangern Wolken. Schon war der muthige Pater Alvuez zu den mei⸗ ſten Indianerſtämmen um den Superiorſee gedrungen und hatte in zweijährigem Aufenthalt unter ihnen die Chippewas⸗Indianer das Paternoſter und Ave Maria gelehrt, hatte von den Sonneanbetern, den Potowatto⸗ mies, Einladungen nach ihren Hütten empfangen, hatte die Friedenspfeife mit dem Stamm Illinvis geraucht, der ihm von ſeinen großen, mit hohem Gras bewach⸗ ſenen Feldern erzählte, wo Schaaren von wilden Rehen und Büffeln waideten; er hatte auch die ſtreitbaren, mächtigen Sivux getroffen, die von wildem Reis leb⸗ ten, ihre Hütten mit Thierfellen bedeckten, ſtatt mit Rinde, und im Prärienland lebten nah dem großen Fluß, welchen ſie„Meſſipi“ nannten. Marquette beſchloß den großen Fluß zu entdecken und zu befahren. Er hatte die Trümmer der huroniſchen Nation um ſich geſammelt und mit ihnen ſich am Ufer des Michiganſees niedergelaſſen, wo es einen Reichthum an Fiſchen gab. Dort bauten ſie ſich Hütten und Pater Marquette lehrte die wilden Naturkinder Gott verehren und im Frieden von friedlicher Handthierung leben. Von da wollte Marquette, begleitet von dem Fran⸗ zoſen Joliet, und mit einem jungen Indianer des Il⸗ linois⸗Stamms als Wegweiſer auf ſeiue Entdeckungs⸗ reiſe ausziehen. Der franzöſiſche Intendant in Canada, Talon, begünſtigte Marquettes Unternehmen, da er zu erforſchen wünſchte, ob Frankreichs Banner auf dem großen Fluß nach den Küſten des ſtillen Meeres ge⸗ 302 bracht, oder zur Seite des ſpaniſchen am mexikaniſchen Meerbuſen aufgepflanzt werden könne. Marquette ſuchte auf ſeiner Fahrt die Ehre eines andern Herrſchers:„Ich will freudig meinem Leben entſagen um Seelen zu erretten,“ antwortete er einigen Boten vom Potowattomies⸗Stamm, die ihn mit den Worten warnten:„Dieſe fernwohnenden Völker ver⸗ ſchonen keinen Fremdling; ihre gegenſeitigen Streitig⸗ keiten erfüllen die Ufer mit Kriegern und der große Fluß iſt voll von Unthieren, die ſowohl Menſchen als Boote verſchlingen, und die große Hitze allda iſt mör⸗ deriſch.“ Auf Marquettes Bitte vereinigten ſich die Kinder der Wildniß im Gebet mit ihm. Marquette kam zum Foxſtrom, wo die Indianer⸗ ſtämme Kickapoos, Mascoutins und Miamis zuſammen⸗ auf einer ſchönen von Prärien und prachtvollen Hainen umgebenen Höhe wohnten, und wo Pater Alvuez bereits ein Kreuz errichtet hatte, das die Wilden mit hübſchen Häuten und prunkenden Gürteln behingen, als Dank⸗ opfer für ihren Gott„den großen Mianitu.“ Die Aelteſten traten in einem Rath zuſammen, die Pilger zu empfangen.„Mein Begleiter,“ ſagte Marquette, iſt ein Abgeſandter Frankreichs, um neue Länder zu ent⸗ decken; ich bin ein Abgeſandter Gottes, um ſie mit ſei⸗ nem Evangelium zu erleuchten.“ Und indem er ihnen Geſchenke bot, erbat er ſich zwei Wegweiſer für den morgigen Tag. Die wilden Männer antworteten wohl⸗ wollend und ſchenkten ihm einen Teppich, um ihm als Bett zu dienen auf der langen Reiſe. „Siehe da“— ich folge jetzt dem Geſchichtſchreiber Bankroft, denn ich kann nichts beſſeres thun—„ſiehe da, am 10. Juni des Jahrs 1673, den reinherzigen, demüthi⸗ gen, anſpruchsloſen, weltberühmten Pater Marquette, mit ſeinem Begleiter Joliet, fünf Franzoſen und zwei Algon⸗ quins als Wegweiſern, die zwei Kähne über die ſchmale Landzunge trugen, welche den Forſtrom von dem Fluß ———„S— 1) —„———————.— 38„— S„ „ S—— en tes en en en er⸗ ig⸗ ße als die er⸗ nen⸗ len its hen nk⸗ Die ger tte, ut⸗ ſei⸗ nen den hl⸗ als iber da, thi⸗ mit on⸗ rale luß 303 Wisconſin trennt. Sie erreichen das Waſſer: ſie ſtehen am Wisconſin, und während ſie ein beſonderes Gebet zu der heiligen Jungfrau emporſenden, verlaſſen ſie die Ströme, die auf ihrem Lauf ihre Grüße nach Que⸗ becs Schloß bringen konnten.„Die Wegweiſer kehr⸗ ten um,“ ſagt der milde Marquette,„und ließen uns allein in dem unbekannten Land, in den Händen der Vorſehung.“ „Frankreich und das Chriſtenthum ſtanden im Miſſiſippithal. „Die Pilger fuhren hinaus auf den breiten Wis⸗ conſin und ſegelten weſtwärts allein den Strom hinauf zwiſchen wachſenden Prärien und Waldabhängen, ohne ein menſchliches Weſen oder die gewöhnlichen Thiere der Wälder zu ſehen. Kein Getön unterbrach die feier⸗ liche Stille, außer dem Geplätſcher des Waſſers um die Boote und dem Gebrüll des Büffels weit innen im Wald. Nach ſieben Tagen„kamen ſie glücklich in den großen Fluß mit einer Freude, die ſich nicht beſchrei⸗ ben läßt,“ und die zwei Birkenbvote ſchwammen, ihre heitern Segel vor den unbekannten Winden in einem neuen Himmelsſtrich erhebend, den ruhigen Meerfluß hinab, über den klaren, breiten Sandgrund, den Aufent⸗ halt unzähliger Schwärme von Waſſervögeln; ſie glit⸗ ten an kleinen Inſeln vorbei, die aus dem Schvooß des Stroms mit reichen Laubmaſſen emporzuſchwellen ſchienen, und fuhren ſo zwiſchen den weiten Feldern des Illinois und Jowas, die von majeſtätiſchen Wäl⸗ dern begrenzt oder mit Baumgruppen überſät waren, die mit den unendlichen Prärieräumen abwechſelten.“ „Ungefähr ſechzig Meilen unterhalb der Mündung des Wisconſin wurden im Sand am weſtlichen Ufer des Fluſſes Spuren von Menſchen entdeckt. Ein klei⸗ ner Fußſteig führte durch eine ſchöne Prärie; und die Kähne ſammt ihren Begleitern zurücklaſſend, beſchloßen Marquette und Joliet allein eine Begegnung mit den 304 Wilden zu wagen. Nachdem ſie ſechs Meilen ins Land hinein gewandert, ſahen ſie am Ufer eines Stroms ein Dorf, und etwas weiter weg zwei andere an Abhängen. Der Strom wurde Mou— ie— gou—e— na oder Moin⸗ gona(ſpäter des Moines) genannt. Margquette und Joliet waren die erſten weißen Männer, die Jowas Erde betreten hatten. Sie befahlen ſich Gott und er⸗ hoben einen lauten Ruf. Die Indianer hören es. Vier alte Männer treten langſam gegen ſie vor, die Frie⸗ denspfeife tragend, glänzend von vielfarbigen Federn. „Wir ſind Illinvis!“ ſagten ſie, was verdolmetſcht iſt, „wir ſind Männer!“ Ein alter Häuptling empfing ſie in ſeiner Hütte und ſagte, ſeine Hände erhebend: „Wie ſchön iſt nicht die Sonne, Franzmann, da Du kommſt uns zu beſuchen! Unſer ganzes Dorf erwartet Dich und Du ſollſt im Frieden wohnen in unſern Hütten.“ In ihrem großen Rath verkündigte Mar⸗ quette die Lehre von dem einzigen wahren Gott, ihrem Schöpfer. Er ſprach auch von dem großen Häuptling der Franzoſen in Canada, der die feindlichen indiani⸗ ſchen Nationen beſtraft und Frieden befohlen habe; und er fragte ſie um den Miſſiſippi und die Volks⸗ ſtämme an ſeinen Ufern. „Den Boten, welche verkündigten, daß die Jrokeſen beſiegt worden, wurde ein prächtiges Gaſtmahl von Homouny und Fiſchen, ſowie ausgewähltem Wildpret aus den Prärien bereitet. „Nach ſechstägigem Feſt unter dieſen Wilden fuhr die kleine Entdeckergruppe weiter.„Ich fürchtete den Tod nicht,“ ſagte Marquette,„ich würde es als das höchſte Glück betrachtet haben, zur Ehre Gottes ſterben zu dürfen.“ „Sie zogen an den lothrechten Klippen vorbei, welche Ungeheuern glichen; ſie hörten in der Ferne das Getöſe von den Waſſern des Miſſouri, den ſie bis jetzt blos unter dem algonquiniſchen Namen Pekita⸗ ————„— — v N * — — S„ —* „ WcS S v 8 S 305 noni kannten; und als ſie zur ſchönſten Vereinigung zweier Flüſſe in der Welt kamen, zu derjenigen, wo der ſchnelle Miſſouri gleich einem Eroberer in den ruhigen Miſſiſippi hineinrauſcht und ihn ſo zu ſagen mit ſich reißt gegen das Meer hinab, da beſchloß Mar⸗ quette in ſeinem Herzen eines Tags den mächtigen Strom hinauf bis zu ſeiner Quelle zu fahren, über die Landſtrecke hinzugehen, welche die Weltmeere trennt, und das Evangelium allen Völkern in der neuen Welt zu verkündigen. „Vierzig Meilen weiter unten kamen ſie an den Mündungen des Ohio vorbei, der damals Wabash genannt wurde. An ſeinen Ufern wohnten die fried⸗ lichen Shawnees, die vor dem Ueberfall der Frokeſen zitterten. „Die dicken Schilfrohre begannen ſich am Fluß entlang zu zeigen, ſo dicht und ſtark, daß der Büffel nicht hindurchbrechen konnte. Die Hitze der Juliſonne und die Inſekten wurden unerträglich. „Die Prärien verſchwanden. Dichte, hohe Wälder von weißem Holz bedeckten die Ufer bis zum Rand des Waſſers. Hier iſt das Land der Chickeſaws⸗Indianer, und die Wilden haben Büchſen. „Sie kamen an das Dorf Milihigamea in einer Gegend, die ſeit den Tagen Ferdinands de Soto nicht beſucht worden war.„Jetzt, in Wahrheit, müſſen wir die heilige Jungfrau um Hilfe anrufen,“ dachte Mar⸗ quette, als er die Indianer mit Bogen und Pfeilen, Streitäxten und Keulen bewaffnet unter unaufhörlichem wildem Schlachtgeſang ſeine Boote umſchwärmen ſah. Aber Marquette erhebt die Friedenspfeife, und bei ihrem Anblick wurden die Herzen der alten Krieger ge⸗ rührt, ſie halten den Eifer der jungen zurück; ſie wer⸗ fen Bogen und Pfeile in ihre Kähne und geben den Fremdlingen einen friedlichen Willkomm« Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 20 306 „Die Reiſenden ſegeln weiter zur Mündung des Arkanſas⸗Fluſſes. Da ſind ſie in den milden Regiv⸗ nen, die beinahe keinen Winter, nur eine Regenzeit haben. Hier ſind ſie in der Nähe des mexikaniſchen Meerbuſens und machen Bekanntſchaft mit Indianer⸗ ſtämmen, die durch Handel mit den Spaniern euro⸗ päiſche Waffen bekommen haben. „Alſo nachdem er zu den wilden Völkern von Gott und den Myſterien des katholiſchen Glaubens geſprochen, wie auch ſich verſichert hatte, daß„Floridas Vater“ ſeinen Auslauf nicht in den Ocean öſtlich von Florida, und eben ſo wenig in die Californiabucht nehme, verließ Mar⸗ quette nebſt Joliet„Akanſea,“ und ſegelte wieder den Miſſiſippi hinauf. „In der Breite des 28. Grades drangen ſie in den Illinvis⸗Strom ein und entdeckten ein Land, un⸗ vergleichbar durch die Fruchtbarkeit ſeiner ſchönen Prä⸗ rien, die von Büffeln und Rehen wimmeln, ſowie durch die hübſchen, ſchönen Ströme und die Menge wilder Schwäne, Papageien und Truthähne an den⸗ ſelben. Die Illinois⸗Indianer luden Vater Marquette ein, zu kommen und unter ihnen zu wohnen. Einer von ihren Häuptlingen begleitete nebſt einem jungen Mann den Franzmann über Chicago nach dem Michi⸗ ganſee; und vor Ende September waren ſie alle glück⸗ lich zurück in der Kolonie an Green bay. „Joliet kehrte nach Quebec zurück, um die ge⸗ machten Entdeckungen zu verkündigen, durch deren Be⸗ rühmtheit Talon den Ehrgeiz Colberts ſtachelte. Der anſpruchsloſe Marquette blieb da, um den Miamis⸗Indianern, die im nördlichen Illinvis rings um Chicago wohnten, das Evangelium zu predigen. „Zwei Jahre ſpäter, indem er von Chicago nach Makinaw ſegelte, drang er in einen kleinen Strom in Michigan. Dort errichtete er am Ufer einen Altar und als die Meſſe nach dem Ritual der katholiſchen Kirche⸗ „ des gio⸗ zeit chen ner⸗ 1ro⸗ ott hen, nen ben ar⸗ den in un⸗ rä⸗ wie nge en⸗ ette ner gen chi⸗ ück⸗ ge⸗ Be⸗ den ngs tach in und 307 Darauf bat er die Männer, welche das Boot führten, ihn auf eine halbe Stunde allein zu laſſen. „Nach Verfluß dieſer halben Stunde gingen ſie, ihn zu ſuchen, und fanden ihn ſchlafend, aber um nicht mehr zu erwachen. Der gute Miſſionär, der Entdecker einer Welt, war zwiſchen dem Altar und dem Ufer eines Fluſſes, der jetzt ſeinen Namen trägt, entſchlafen. An ſeiner Mündung gruben die Bootsleute ſein Grab in den Sand. Seit dieſer Zeit pflegten Waldausrotter in Gefahren ſeinen Namen anzurufen. Die Völker des Weſtens werden ihm ein Denkmal erbauen.“ So der Bericht von Vater Marquette. Ein kleines Menſchenleben, aber wie voll, wie ſchön, wie fertig und vollkommen! Siehſt Du nicht einen Strahl himmliſchen Lichtes durch das nebelverhüllte, blutbeſprengte Miſſiſippithal leuchten?!— Weiter hinab am Miſſiſippi will ich Dir von Ferdinand de Soto erzählen. Den 15. Octbr. Auf dem Miſſiſippi. Friſch und kalt, aber die ſtattlichen Höhen, die ſich immer höher auf beiden Seiten des Fluſſes erheben, von Eichwäldern bedeckt und in zierlichem Gelbbraun glänzend gegen den Herbſthimmel hin, und dazwiſchen Prärien mit unendlichen Ausſichten, geben ein beſtän⸗ dig ſchönes und wechſelndes Schauſpiel. Und dann iſt Alles ſo jung, ſo neu, Alles noch jungfräulicher Bo⸗ den. Da und dort am Fuß der hohen Ufer des Fluſſes hat ein Koloniſt ſein kleines Blockhaus erbaut und einen kleinen Acker urbar gemacht, den er neuerdings mit Mais bepflanzt. Die Luft iſt grau, aber ganz ruhig. Wir fahren ſehr langſam, denn das Waſſer iſt niedrig um dieſe Jahreszeit, und der Fluß hat viele Untiefen; er iſt zuweilen ſchmal genug, oft aber auch 308 ſehr breit, mit einer Menge größerer ſowohl als klei⸗ nerer Inſeln. Dieſe ſind voll von wilden Weinreben, die ſich in Gewinden zwiſchen den zum großen Theil ab⸗ gelaubten Bäumen hinziehen. Aber die Weinrebe iſt noch grün. Wir fahren zwiſchen dem Wisconſin(zur Rechten) und dem Jowa(zur Linken). Kaum erſt fuhren wir an der Mündung des Fluſſes Wisconſin vorbei, wo Pater Marquette in den Miſſiſippi hinaus⸗ ſegelte. Wie gut verſtehe ich ſeine Gefühle bei der Entdeckung dieſes großen Fluſſes! Ich fühle mich hier 200 Jahre ſpäter beinahe ſo glücklich wie er, denn auch ich bin allein und auf einer Entdeckungsreiſe be⸗ griffen, obſchon von anderer Art. Der Auslauf des Wisconſin in den Miſſiſippi zwiſchen den Ufern hin, die mit laubigem Gebüſch und Bäumen bewachſen ſind, gleicht einer ſchönen Idylle. Morgen kommen wir in wildere Gegenden und unter Indianer. Möchte unr das Wetter nicht allzu rauh werden! Am Abend. Es ſieht aus, als wollte es ſich aufhellen. Die Sonne iſt unter, der Mond iſt aufgegangen, und der Mond ſcheint auf die Wolken zu wirken, ſo daß ſie ſich zerſtreuen. Bei Sonnennntergang legte Menomo⸗ nie am Land an, um Holz einzunehmen. Es war am ufer des Jowa. Ich ſtieg mit Mr. Sibley ans Land. Dort lag ein neues Blockhaus unter der Höhe, fünfzig Schritte vom Ufer. Wir gingen hinein. Wir trafen da eine ſchöne junge Frau mit einem tüchtigen kleinen Jungen,„a baby“ auf dem Arm. Ihr Mann war draußen im Wald. Sie waren erſt ſeit einigen Mo⸗ naten hier, waren aber wohl zufrieden und hofften gut auszukommen. Zwei fette Kühe mit Schellen gingen waidend auf dem durch keine Zäune eingegrenzten Feld 1 Die der ſie no⸗ am nd. zig fen nen var No⸗ gut gen 309 um die Hütte her. Im Hauſe war Alles ordentlich, ſauber und zeugte von einem gewiſſen Comfort. Ich ſah einige Bücher auf den Schränken. Es waren die Bibel, ein Gebetbuch und amerikaniſche Leſebücher, ausgewählte Stücke der amerikaniſchen und engliſchen Literatur in Verſen und Proſa enthaltend. Die junge Frau ſprach verſtändig und ruhig von ihrem Leben und ihrer Lage als Koloniſten im Weſten. Als wir das Haus verließen, und ich ſie mit ihrem ſchönen Kind auf dem Arm an der Thüre ſtehen ſah, bildete ihre Geſtalt im Rahmen der Stube, in der milden Beleuchtung vom weſtlichen Himmel, ein ſchö⸗ nes Bild vom neuen Leben des Weſtens. Die kräftig ernſte junge Mutter, die das Kind trägt; die von dem Mann gebaute kleine Wohnung, welche die edelſten Schätze der Liebe und des Gedan⸗ kens in ſich birgt— ſiehe da die Pflanzenſchößlinge, die allmälig die Wildniß erfüllen und ſie gleich einer Lilie aufblühen machen werden. Den 16. Octbr. Ein herrlicher, ſommerwarmer Morgen! Es hat heute Nacht geregnet. Am Morgen klärte es ſich auf. Die dichte, dunkle Wolkeumaſſe wurde von zuckenden Sonnenſtrahlen durchbrochen und zerriſſen. Und das war ein Spiel von kühnen Schatten und himmliſchen Lichtern unter den immer kühneren, ſteileren, pittores⸗ keren Höhen. Das war ein Leben! Und ich war allein, mit Amerika, meiner geliebten, meiner großen, ſchönen Schweſter, der Sibylle, zu deren Füßen ich lauſchend ſitze, mit liebevollen Blicken zu ihr hinaufſchauend. H! was ſie mir alles ſagte an dieſem Tag die⸗ ſem an Inſpirationen reichen Morgen, während ſie durch Thränen das Licht des Himmels trank und die 310 dunkeln Schatten wie Schleier von ihrem Antlitz zurück⸗ warf, um es deſto voller von göttlichem Lichte beſtrah⸗ len zu laſſen! Dieſen Morgen vergeſſe ich nie. Sie kamen wieder und wieder die dunkeln Wolken, Nacht über die tiefen Klüfte breitend; aber ſie mußte weichen, ſie mußte der Sonne Raum geben, die zuletzt allein ſiegreich herrſchte und im Glanz des ſchönſten Sommertags über dem Miſſiſippi und ſeiner Welt leuchtete. Und das innere Licht in mir ſprach mit dem äußern. Es war herrlich. Die Höhe der Ufer wurde ebenfalls immer unge⸗ wöhnlicher und phantaſtiſcher durchbrochen und ſtellte die überraſchendſten Gebilde dar. Die Hälfte der Höhen— ungefähr 4— 500 Fuß über dem Fluß— war von goldnen Laubwäldern bedeckt, aus denen ſich plötzlich nackte, ruinenartige Klippen emporrichteten, rothbraune Wälle, Thürme, halb niedergeriſſene Mauern, — wie von prächtigen Burgen und Schlöſſern der Vorzeit. Die Burgruinen des Rheinſtroms ſind Klei⸗ nigkeiten gegen dieſe gigantiſchen Ueberreſte aus der Urzeit, wo noch kein Menſch ſich vorfand, wo die Ti⸗ tanen der Urnatur, Megatherien, Maſtodons und Miſſourien ſich aus den Fluthen emporhoben und allein auf der Erde wandelten. Es war ſchwer, ſich bei mehreren dieſer kühnen Pyramiden und gebrochenen Fagaden zu überzeugen, daß ſie keine Werke der Menſchenhand geweſen, ſo regel⸗ mäßig, ſo architektoniſch waren die koloſſalen Bildun⸗ gen. An ein paar Orten ſah ich ein von Menſchen⸗ hand erbautes Häuschen auf der Klippe; es ſah aus wie ein Vogelneſt auf einem hohen Dach. Aber das freute mich, weil es verkündete, daß dieſe prachtvolle Gegend bald Einwanderer bekommt und der Natur⸗ tempel Verehrer in dem begreifenden, dankbaren Men⸗ ſchengemüth. Die Gegend auf der andern Seite dieſer ſteilen Klippen iſt Hochland, ein herrliches, fruchtbares 4 2 9 S ——.———— 311 Prärienland, ein Land für viele Millionen Menſchen; Amerikaner werden auf dieſen Höhen ſchöne gaſtfreie Häuſer erbauen, werden hier arbeiten, beten, lieben, genießen. Eine veredelte Menſchheit wird auf dieſen Höhen wohnen. Unten im Fluß, zu den Füßen der Bergrieſen, wurden die grünen Inſelchen immer zahlreicherz alle hatten denſelben Charakter, alle waren liebliche Haſen, umſchlungen von Weinranken. Die wilden Trauben ſind klein und ſauer; aber man ſagt, ſie werden nach der Kälte ſüß. Es iſt merkwürdig, wie hübſch überall in Amerika die Weinrebe iſt. Amerika iſt ein wahres Weinland. Ich ſah hier die Prophezeiung von der Zeit und dem Land,„wo man in gutem Frieden unter ſeinem eigenen Weinſtock ſiten, wo Wolf und Lamm zuſammen ſpielen werden,“ und wo die Wüſte wie eine Lilie blühen wird— Alles im Namen des Friedens⸗ fürſten. Dieſe Höhen haben ungeachtet ihrer Verſchieden⸗ heit in den Formen und den Felsruinen, die ſie tra⸗ gen, eine Aehnlichkeit: ſie ſind beinahe alle von der⸗ ſelben Höhe und überſteigen nicht 8— 900 Fnß; gute Republikaner alle zuſammen. Geſtern Abend juſt beim Sonnenuntergang ſah ich die erſte Spur der Indianer in einem indianiſchen Grab. Es war ein kiſtenartig runder Sarg, auf ein Paar Bretter gelegt, die von vier Stützen unter einem herbſtgelben Baum getragen wurden. So ſetzen die Indianer ihre Todten bei, bis alles Fleiſch von den Beinen verweſt iſt; dann begraben ſie dieſe in der Erde oder in Löchern, unter Ceremonien, Tänzen und Geſängen. Ein Sarg unter dem herbſtgelben Baum, in der blaſſen Abendſonne war alſo das erſte Zeichen, was ich von dieſem armen, abſterbenden Volke gewahr wurde. Vald darauf ſah ich indianiſche Hütten an den 312 Ufern. Sie werden von den Indianern hier Tepees (Wohnungen) und auf Engliſch„lodges“ genannt, ſind zeltförmige Hütten, mit Büffelfellen bedeckt, die um lange Stangen herumhängen, welche kreisförmig in der Erde ſtecken und ſich in der Spitze vereinigen, wo der Rauch durch eine Oeffnung hinausgeht,— ſie er⸗ innern an die Hütten unſerer Lappen, ſind aber im größeren Styl gebaut. Eine niedrige Oeffnung mit einer Art Vorthüre befindet ſich in jedem Zelt, welches, wenn man ſo will, mit dem Zipfel einer Büffelhaut bedeckt iſt. Durch ſo geöffnete Thüren ſah ich das Feuer in mehreren Hütten auf dem Boden brennen. Es ſah friedlich aus. Kleine wilde Kinder ſprangen am Ufer hin. Es iſt der ſchönſte, mondhelle Abend. Den 17. Oct. Sonnenhell, aber kalt. Wir haben auf dem gan⸗ zen Wege links indianiſches Territorium, d. h. das Territorium von Minneſota, und wir ſehen In⸗ dianer auf den Ufern in größern oder kleinern Lagern. Die Männer ſtehen oder gehen in rothe oder weiß⸗ gelbe Filze eingehüllt. Die Weiber beſchäftigen ſich mit den Feuern außer oder innerhalb der Zelte, oder tragen ihre kleinen Kinder auf dem Rücken in dem gelben Filz, der ſie ebenfalls umhüllt. Alle ſind baar⸗ häuptig, mit ſchwarzem, ſtruppig herabhängendem, zie⸗ genartigem Haar, das zuweilen geflochten iſt. Eine Menge Kinder, beſonders Knaben, ſprangen lärmend am Ufer herum. Wir fahren ſehr langſam, blei⸗ ben mitunter etwas ſtecken, und ſuchen unſern Weg zwiſchen Inſeln hin. Mittlerweile zeigen ſich kleine Kähne mit Indianern, ſchnell und gleichſam ſcheu da und dort längs dem Ufer und den Inſeln, wo die Leute unter den Büſchen etwas zu ſuchen ſcheinen. „ SD— im in vo ⸗ im rit , ut as en n⸗ Nach meiner Anſicht ſind es meiſtens Weiber in den Booten, aber es iſt nicht ſo leicht einen Mann von einem Weib zu unterſcheiden, da ſie in ihre Filze ein⸗ gehüllt mit entblößtem Haupt und buſchigem Haar da⸗ ſitzen. Es ſind wilde Beeren und Pflanzen, die ſie unter den Gebüſchen ſammeln. Wie wild und thieriſch ſie ausſehen! Und wie wunderlich es iſt, Menſchen zu ſehen, welche denjenigen, die wir täglich ſchauen und uns ſelbſt ſo unähnlich ſind! Die Indianer, die wir hier ſehen, gehören zu der Sioux(oder Dakotah) Nation, noch jetzt einer der mächtigſten Stämme im Land, welcher das Land um die Miſſiſippiquellen(Minneſota) neben den Chippewas⸗ Indianern bewohnt. Jede dieſer beiden Nationen ſoll ſich auf 25,000 Seelen belaufen. Die zwei Völker le⸗ ben in beſtändiger Fehde mit einander, und neuerdings wurde nach einigen blutigen Ueberrumplungen ein großer Friedenscongreß beim Fort Snelling gehalten, wo die amerikaniſchen Behörden die blutgierigen Völk⸗ chen zwangen ſehr gegen ihren Willen einander die Hand zur Verſöhnung zu reichen. Mr. Sibley, der mehrere Jahre unter den Sioux gelebt, wie auch an ihren Jagden und ihrem täglichen Le⸗ ben Theil genommen, hat mir einige eigenthümliche Züge aus dem Leben und Charakter dieſes Volkes erzählt. Eine gewiſſe Großſinnigkeit verkündigt ſich darin, aber auf dem Grund eines großen Hochmuths; und die Rachſucht iſt wild und auf unedle Art grauſam. Mr. Sibley liebt jedoch die Indianer, und ſoll ſelbſt bei ihnen in großer Gunſt ſtehen. Wenn wir an india⸗ niſchen Dörfern vorbeifahren, erhebt er zuweilen eine Art wilden Geſchreis, das vom Ufer her mit Jubel beantwortet wird. Mitunter ſehen wir ein kleines Blockhaus und da⸗ neben 2—3 indianiſche Tepees. Es iſt ein Halbblut⸗ Indianer, der im Hauſe wohnt, das heißt ein ſolcher, 314 deſſen Vater ein Weißer und deſſen Mutter eine In⸗ dianerin war, und ſeine Verwandten mütterlicher Seits, oder die Verwandten ſeiner indianiſchen Frau kommen und wohnen bei ihm. Er iſt gewöhnlich ein Handelsmann und ſteht in Berührung mit Europäern. Wir haben jetzt auch einige Indianer an Bord, eine Familie Winnebagoes, Mann, Frau und Tochter lein 17jähriges Mädchen) und zwei junge Krieger aus dem Sioux⸗Stamm, mit hübſchen Federn geſchmückt, ſowie mit Roth und Gelb und allen Farben, glaube ich, bemalt, ſo daß es köſtlich ausſieht. Sie befanden ſich auf dem oberen Verdeck, wo auch ich mich der freien Ausſicht wegen meiſtens aufhalte. Der Winne⸗ bagomann iſt ebenfalls bemalt, und liegt auf dem Verdeck meiſtens auf dem Bauch, auf ſeine Ellenbogen geſtützt und in ſeinen Fils eingehüllt. Die Frau ſieht alt und abgelebt aus, iſt aber munter und geſprächig. Das Mädchen iſt groß, hat eine gute Farbe, aber plumpe Züge und einen breiten, gebeugten Rücken; ſie iſt ſehr ſchüchtern und wendet ſich ab, wenn man ſie anſieht. Ich ſah die drei ihr Mittagsmahl einneh⸗ men, indem ſie aus dem Sack ein Stück dunkles Fleiſch hervorzogen(geräuchert, glaube ich) und abwechſelnd ein Stück davon mit den Zähnen abriſſen. Ich bot ihnen Kuchen und Obſt an, was ich bei mir hatte. Die Frau riß ſie mir lachend beinahe aus der Hand. Sie freute ſich darüber, machte aber keine Miene zu danken. Die jungen Sivux⸗Krieger ſehen wie eine Art großer, hübſcher Hähne aus. Sie brüſten ſich gewal⸗ tig, und ſchauen hoffärtig drein. Zuweilen aber hocken oder kauern ſie ſich nieder wie Affen und ſchwatzen unter ſich mit ſehr geläufiger Zunge, wie nur zwei Kaffeebaſen ſchwatzen können. Alle Männer haben Habichtnaſen, und ihre Mundwinkel ſind ab⸗ wärts gezogen, was ihrem Mund einen unangeneh⸗ men, höhniſchen Ausdruck gibt. Nichts frappirt mich bei eine ſche mit Ma gen Den Mu him nen die ter us bei ihnen ſo ſehr wie ihre Augen, denn ſie haben einen gewiſſen harten, unmenſchlichen Ausdruck. Sie ſcheinen mir gleich denen wilder Thiere kalt und klar mit einem feſten und harten, beinahe grauſamen Blick. Man glaubt zu ſehen, daß ſie auf irgend einen Ge⸗ genſtand, einen Raub weit weg im Walde lauern. Dem Blick fehlt es nicht an ſchneller Faſſung und Munterkeit, aver es fehlt ihm an Gefühl. Es iſt ein himmelweiter Unterſchied zwiſchen ihren Augen und de⸗ nen des Negervolkes. Die erſteren ſind ein kalter Tag, die letzteren ſind eine warme Nacht. Geſtern Nacht fuhren wir im Mondſchein durch den „Pepin⸗See“ hin, eine Erweiterung des Miſſiſippi, ſo groß, daß ſie einen weiten See bildet, umgeben mit hohen, gegen das Waſſer beinahe lothrecht abfallenden Höhen, worunter eine ganz beſonders hervorſtehende, die Wenona⸗Klippe genannt wird nach einer jungen Indianerin, die hier ihr Todtenlied ſang, und ſich ſo⸗ dann in die Tiefe hinabſtürzte, da ſie den Tod einer Verbindung mit einem Manne vorzog, den ſie nicht liebte. Gegen Abend ſpät bemerkte ich einen hochgewach⸗ ſenen Indianer, der mit gekreuzten Armen in ſeinen Fils eingehüllt unter einem großen Baum ſtand. Er ſtand ſo unbeweglich da, daß er mit dem Baum zu⸗ ſammengewachſen ſchien, an deſſen Stamm er ſeinen Rücken ſtützte. Er ſah recht ſtattlich aus. Auf einmal fuhr er heftig zuſammen und begann unter gellendem Geſchrei am Ufer hinzuſpringen, und jetzt ſah ich wei⸗ ter weg ein Lager von ungefähr 20 Tepees im Wald, nah am Fluß, wo Feuer brannten und es von Leuten zu wimmeln ſchien. Am Ufer entlang lag eine Menge kleiner Kähne und ich vermuthe, daß der Warnruf des Mannes dieſen galt, denn als unſer Dampfbvot am Platz vorüber ſchwenkte,— das Lager befand ſich in einer Bucht des Fluſſes— erregte es ein wahres 316 Erdbeben unter deu kleinen Booten, die wie Nußſcha⸗ len theils gegen einander, theils gegen das Ufer hin geſchlendert wurden. Leute, die in den Booten ſaßen, ſprangen auf das Ufer heraus, andere ſprangen von den Zelten gegen die Boote hinab, das ganze Lager kam in Bewegung und man ſchrie und bellte, Men⸗ ſchen ſowohl als Hunde, und man erhob gellende Rufe, die noch lange gehört wurden, nachdem Meno⸗ monie in brauſender Schnelligkeit vorbeigeſchoſſen war⸗ Das Lager mit ſeinen Feuern, Zelten und Leuten war ein höchſt wildes, lebendiges Schauſpiel. An einem andern Ort ſahen wir dieſer Tage einen großen, hell— rothen Stein auf einem Feld in der Nähe des Fluſſes. Man ſagte mir, daß dieſer Stein und alle großen Steine derſelben Art den Indianern heilig ſeien, die darauf ihre Eide ablegen, um ſie herum ihre Verſamm⸗ lungen halten und ſie als von einer Gottheit bewohnt betrachten. Heute Nachmittag werden wir nach Sct. Paul kommen, dem Ziel unſerer Reiſe und der nördlichſten Stadt am Miſſiſippi. Ich bedaure, daß ich ſo ſchnell vorankomme, ich wünſchte, dieſe. Fahrt den Miſſiſippi hinauf könnte wenigſtens noch acht Tage währen. Sie erfreut und intereſſirt mich unbeſchreiblich. Dieſe neuen, ſo in jeder Beziehung neuen Ufer mit ihren be⸗ ſtändig neuen Scenen, dieſes wilde Volk mit ſeinen Lagern, ſeinen Feuern, Booten, ſeinen eigenthümlichen Sitten und Gebräuchen— das Alles iſt für mich eine beſtändige Erquickung. Dazu kommt, daß ich dieß Alles in Frieden und Freiheit genießen kann in Folge der vortrefflichen Einrichtung der amerikaniſchen Dampf⸗ boote. Sie ſind gewöhnlich dreieckig; das mittlere Verdeck iſt hauptſächlich von denjenigen Paſſagieren be⸗ ſetzt, die, um es bequem zu haben, mehr bezahlen als die andern. Rings um dieſes Verdeck geht eine breite Gallerie oder Piazza, die von dem obern Verdeck über⸗ ſcha Pa Sch geg Au das dan Der ſtän ihre der Her hat der gie für wei den Tiſ ver die lar gen wer TO0 zur ley ſeh ein der wo gu vo fen cha⸗ hin ßen, von ger ken⸗ nde n⸗ var. war nem hell⸗ ſſes. ßen die nm⸗ hnt zaul ſten nell ippi Sie Rieſe be⸗ inen chen eine dieß olge mpf⸗ tlere e⸗ als reite ber⸗ 317 ſchattet iſt, und vor der Piazza ſind die Kajüten der Paſſagiere, Seite an Seite, rings um das ganze Schiff her. Jede Kajüte hat eine mit einem Fenſter gegen die Gallerie verſehene Thüre, ſo daß man jeden Augenblick hinausgehen oder von ſeinem Zimmer aus das Schauſpiel an den Ufern betrachten kann; und dann noch eine Thüre gegenüber nach dem Salon zu. Der Salon auf dem Hintertheil des Schiffs gehört be⸗ ſtändig den Frauenzimmern, und rings um dieſen ſind ihre Kajüten; der andere größere Salon, der zugleich der Speiſeſaal iſt, iſt das Verſammlungszimmer der Herrn. Jedes Stübchen,„State room“ genannt, hat gewöhnlich zwei Betten, das eine über dem an⸗ dern. Aber wenn das Dampfboot nicht von Paſſa⸗ gieren überfüllt iſt, kann man leicht das ganze Zimmer für ſich allein behalten. Dieſe Zimmer ſind immer weiß bemalt, ſauber, hell, freundlich; man kann auch den Tag über mit aller Behaglichkeit da ſein. Der Tiſch iſt gewöhnlich gut und reichlich, die Reiſekoſten vergleichungsweiſe gering. So z. B. bezahle ich für die Reiſe von Galena nach Sct. Paul blos ſechs Dol⸗ lars, was mir in Vergleich mit all dem Guten, was ich genieße, und all dem Vergnügen, das ich habe, gar zu wenig vorkommt. Mein gemüthliches kleines„State room“ habe ich ganz für mich allein, und die wenigen Standesperſonen, die jetzt an Bord ſind, gehören nicht zur fragenden Sorte; einer der Paſſagiere, Mr. Sib⸗ ley, iſt ein kenntnißreicher, freundlicher Mann, der mir ſehr intereſſante Aufſchlüſſe über die Völker und die Verhältniſſe in dieſen Gegenden gibt. Es ſind auch einige Auswanderer⸗Fawilien da, die ſich an den Ufern der Flüſſe Set. Croix und Stillwater niederlaſſen wollen, und dieſe gehören nicht zu der ſogenannten guten Geſellſchaft, obſchon ſie unter ihr ſitzen— einige von den Frauenzimmern rauchen aus Meerſchaumpfei⸗ fen. Beſonders ſind es ein paar halberwachſene Mäd⸗ 318 chen, die mir mitunter bedentend im Wege ſtehen. Namentlich eine von ihnen, eine hochaufgewachſene, ungeformte Dirne, in einem hellrothen, ziegelfarbigen Kleid, und mit feuerrothem Haar, das quaſtenartig am Hals hinausſteht; dabei ſchielt ſie noch, und ſo oft ſie kommt, bleibt ſie gerade vor mir mit gekreuzten Armen und offenem Munde ſtehen, um mich anzugaffen, wobei auch ihre Angen ſich kreuzen, gleich als gaffte ſie irgend ein ungewöhnliches Thier an; und mitunter kommt ſie auf einmal mit irgend einer unnöthigen, un⸗ verſtändigen Frage an mich herangetappt. Ich betrachte dieſe Naturkinder als zu den mythologiſchen Wundern des großen Weſtens gehörig, als Töchter ſeiner Rieſen und Jothune, und ich genire mich nicht, ſie etwas kurz abzufertigen. Ach man mag mit noch ſo demokratiſchen Grundſätzen in dieſen Welttheil kommen, man läuft immer Gefahr auf der Herumreiſe bis anf einen gewiſſen Grad Ariſtokrat zu werden. Bis aufeinen gewiſſen Grad: mehr werde ich es nie, und wenn ſich noch ſo viel Rieſentöchter zeigen, daß ſie mir die Ausſicht ganz benehmen. Das ziegelfarbige, dummdreiſte Mädchen hier würde— ich bin es vollkommen überzeugt— wenn man ihr einige wenige freundliche Worte der Er⸗ ziehung ſagte, andere Manieren und Sitten annehmen; und wenn ich länger bei ihr wäre, ſo dürften wir noch gute Freundinnen werden. Und da iſt in einer dieſer Auswandererfamilien eine alte— wiewohl nicht ſehr alte Großmutter, ſo beſorgt, ſo ſtill, wirkſam und ge⸗ ſchäftig für alle die Ihrigen, ſo ſichtlich gut und mütterlich in ihrer Natur, daß man ihr ihre Fragen und Unkenntniß in der Geographie gern zu gut halten müßte, wenn man ſelbſt recht gut wäre. Aber das iſt man nicht, wenn man durch die Facons der Rieſen⸗ töͤchter um ſeinen Humor gebracht wird und gern Ruhe haben möchte. Der Schiffskapitän, Mr. Smith⸗ iſt ein ausgezeich⸗ ————— en. ene, gen am oft zten fen, affte nter un⸗ chte dern eſen kurz äuft iſſen ſen h ſo ganz chen Er⸗ men; noch ieſer ſehr ge⸗ und agen alten as iſt eſen⸗ Ruhe 319 net artiger und angenehmer Mann; er iſt am Bord mein Cavalier, und auf ſeinem Boot herrſcht die beſte Ordnung. Wir ſehen jetzt auf den Ufern keine Spuren von europäiſcher Kultur mehr, nur indianiſche Hütten und Feuer. Vom Pepinſee her ſind die Ufer auf der gan⸗ zen Fahrt niedriger und die Natur weniger großartig geworden. Siebenundzwanzigſter Brief. Sct. Paul, Minneſota. Den 25. Oct. 1850. Ungefähr drei Meilen von Sct. Paul ſahen wir ein großes indianiſches Dorf, etwa zwanzig mit Fellen bedeckte Hütten, von denen Rauchſäulen emporſtiegen. Mitten unter dieſen Hütten lag ein Blockhaus. Es war die Wohnung, die ſich ein chriſtlicher Miſſionär mitten unter den Wilden erbaut und wo er eine Schule für die Kinder eingerichtet hat. In einem Halbkreis hinter dem Dorf waren auf den grünen Höhen eine Menge vierſtütziger Gerüſte, auf denen Särge oder Kiſten von Rinde aufgeſtellt waren. Weiße Fähnlein zeichnen das luftige Ruhelager der zuletzt Entſchlafenen aus. Das Dorf, das Kapoſia heißt und zu den feſten, indianiſchen Dörfern gehört, ſah lebhaft aus, beſonders durch das Gewimmel indianiſcher Weiber, Kinder und Hunde. Wir fuhren raſch weiter, denn der Miſſiſippi war hier ſo klar und tief, wie der Götha Elf. Jetzt machte er eine plötzliche Biegung nach links, und wir ſahen Sect. Paul vor uns, auf einer bedeutenden An⸗ 320 höhe des öſtlichen Ufers ſtehend, im Hintergrund das blaue Himmelsgewölbe, unter ſich in der Tiefe den gro⸗ ßen Fluß, und vor ſich nach rechts und links ſchöne Thalgründe mit grünenden, waldbewachſenen Höhen— eine recht ſtattliche und beherrſchende Lage mit ſchön⸗ ſter Ausſicht. Wir legten am untern Theil der Stadt Sct. Paul an. Von da ſteigt man auf Treppen zu dem oberen hinauf, wie wir es auf den ſüdlichen Bergen am Moſe⸗ backe in Stockholm thun. Der uferſtraße entlang ſaßen oder ſpazierten Indianer. Sie gingen in lange Filze eingehüllt und mit ſtolzen Schritten; einige waren recht ſtattliche Figuren. Dem Boot gegenüberſaßen auf Trep⸗ pen vor den Häuſern einige junge Indianer, zierlich mit Federn und Bändern aufgeputzt, und rauchten aus einer langen Pfeife, die ſie umhergehen ließen, ſo daß jeder nur einige wenige Züge that. Wir hatten noch nicht lang am Ufer angelegt, als der Gouverneur von Minneſota, Mr. Alexander Ram⸗ ſay, und ſeine ſchöne junge Frau au Bord kamen und mich als Gaſt in ihr Haus luden. Und da bin ich jetzt glücklich mit den friedlichen Menſchen und mache mit ihnen Ausflüge in die Gegend. Die Stadt iſt eines der jüngſten„Babies“ des großen Weſtens, erſt achtzehn Monate alt, iſt aber in dieſer Zeit zu einer Bevölkerung von 2000 Perſonen herangewachſen, und wird wohl binnen wenigen Jahren 20,000 zählen, denn die Lage iſt herrlich ſowohl in Bezug auf Schönheit und Geſundheit, als auch für den Handel. Hieher ſtrömen die Fellwaaren der Indianer aus dem ganzen ungeheuren Land zwiſchen dem Miſſiſippi und Miſſouri, der Weſtgrenze Minneſotas; die Wälder, die noch in ihrem urſprünglichen Reichthum prangen, und die fiſchreichen Seen und Ströme bieten unerſchöpfliche Mittel dar, und zu ihrer Ausführung im Welthandel iſt hier der große Miſſiſippi da, der ſie durch ganz Ce At be me me — 321 Centralamerika bis hinab nach New⸗Orleans trägt. Auch haben ſich bereits mehrere Handelsleute hier ein bedeutendes Vermögen erworben; ſie kommen im⸗ mer zahlreicher hierher und man baut daher ſo ſchnell man nur kann. Aber noch iſt die Stadt in ihren Kinderjahren, und man hilft ſich mit nothdürftigen Wohnungen. Das Wohnzimmer im Hauſe des Gouverneur Ramſay iſt zugleich ſein Amtszimmer, und Indianer Arbeiter, Da⸗ men und Herren kommen unter einander herein. Mitt⸗ lerweile baut Herr Ramſay für ſich ein ſchönes geräu⸗ miges Haus, ein Stück außerhalb der Stadt auf einer Höhe mit ſchönen Bäumen und mit einer großen Aus⸗ ſicht über den Fluß. Würde ich am Miſſiſippi woh⸗ nen, ſo möchte ich da wohnen. Es iſt eine Hochlands⸗ gegend, die überall ſchöne, wechſelreiche Ausſichten er⸗ öffnet. Und dann iſt Alles ein ſo junges, ein ſo friſches Leben. Es wimmelt von Indianern in der Stadt. Die Männer gehen meiſtentheils zierlich aufgeputzt und mit blanken Aexten, deren Schaft auch als Pfeifenrohr dient. Sie bemalen ſich ſo gänzlich geſchmacklos, daß es beinahe unglaublich iſt. Mitunter iſt das halbe Geſicht mit zinnoberrothen Strichen und Flecken be⸗ malt und die andere Hälfte mit gelben ditto, mit allen möglichen Fantaſieen in Grün, Blau und Schwarz, ohne daß ich die mindeſte Rückſicht auf Schönheit da⸗ bei entdecken konnte. Da kommt ein Indianer, der ſich einen großen rothen Fleck mitten auf die Naſe geſetzt hat; da ein anderer, der ſeine ganze Stirn mit kleinen gelben und ſchwarzen Vierecken bemalt hat; dort ein Dritter mit kohlſchwarzen Ringen um die Augen. Alle haben Adler⸗ oder Hahnenfedern im Haar, meiſten⸗ theils gefärbt, oder mit feuerrothen wollenen Quaſten an den Enden. Das Haar iſt auf der Stirn kurz ab⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 21 322 geſchnitten, hängt aber im Uebrigen buſchig oder auch in Flechten um die Schultern der Maͤnner ſowohl als der Weiber. Die Weiber ſind wenig bemalt, und dann mit beſſerem Geſchmack als die Männer, gewöhnlich nur mit einem ſtarkrothen, kleinen Fleck mitten auf der Wange, und die Haare auf der Stirn ſind mit Pur⸗ pur gefärbt. Sie gefallen mir beſſer als die Männer. Sie haben ein gutmüthiges Lächeln und oft einen ſehr freundlichen Ausdruck; auch im Blick ihrer Augen iſt etwas weit Menſchlicheres als in den Blicken der Männer. Aber ſie ſind offenbar blos die Laſtthiere der Männer. Da geht ein Indianer mit ſtolzen Schrit⸗ ten und das federgeſchmückte Haupt hoch emporhaltend. Er trägt nichts als ſeine Pfeife und(wenn er auf einer langen Wanderung begriffen iſt) vielleicht einen langen Stab in der Hand. Hinter ihm kommt mit gebeugtem Haupt, gekrümmtem Rücken die Frau, bei⸗ nahe erliegend unter der Laſt, die ſie auf dem Rücken trägt, und welche ihr ein um die Stirn gebundener Gürtel emporhalten hilft. Aus dem Pack auf ihrem Rücken guckt ein kleines, rundes Geſicht mit ſchönen dunkeln Angen vor; es iſt ihr„Papooſe,“ wie die Kinder hier genannt werden. Der kleine Körper iſt in ſeinen Windeln mit dem Rücken an ein kleines Brett befeſtigt, das den Rücken aufrecht halten ſoll, und da lebt und ißt, ſchläft und wächſt das Kind, fortwährend an das Brett befeſtigt. Wenn das Kind gehen kann, wird es von der Mutter noch lange in einem Wollffilz auf dem Rücken getragen. Beinahe alle Indianer, die ich hier ſehe, gehören dem Siouxſtamm an. Vorgeſtern führten mich Gouverneur Ramſays an die„Sct. Anthony⸗Fälle.“ Sie ſind einige Meilen von Sct. Paul. Dieſe Fälle verſchließen den Miſſi⸗ ſippi für die Dampfſchiffe und andere Fahrzeuge. Von ihnen bis nach New⸗Orleans ſind es ungefähr 2,200 engliſche Meilen. Ein Stück weit über den Fällen —— uch als inn lich der Ur⸗ ter. ehr iſt der iere rit⸗ nd. auf nen mit bei⸗ cken ner rem nen die t in rett da rend nn, filz die an ilen Von 200 illen 323 wird der Fluß wieder ein paar hundert Meilen lang ſchiffbar, doch blos für kleinere Fahrzeuge und nicht ohne Gefahr. Die Sct Anthony⸗Fälle haben keine bedeu⸗ tende Höhe, und kommen mir blos wie der Fall von einem großen Mühlendeiche vor. Sie fallen quer über ein Lager von Tafelſteinen, die ſie zuweilen zerbrechen und in großen Blöcken weiter ſpielen. Die Gegend ringsum iſt nicht großartig und auch nicht pittoresk. Doch iſt der Fluß hier ſehr breit, und möglicherweiſe erſcheinen deßwegen die Fälle und die Höhe unbedeu⸗ tender. An den Ufern entlang iſt ein großer Reich⸗ thum von wildem Buſchwerk zwiſchen Blöcken und Felſenwänden von Tafelſteinen, alles in ruinenartigen, aber nicht großen Gebilden. Fluß, Fall, Land, Aus⸗ ſichten, Alles hat hier mehr Breite und Weite als Größe. Der Pater Hennepin, ein franzöſiſcher Jeſuit, war es, der zuerſt als Gefangener der Indianer an die⸗ ſen Fall kam. Die Indianer nannten die Fälle Ir⸗ rara“ oder die lachenden Waſſer. Er taufte ſie nach dem heiligen Antonius. Mir gefällt der, erſte Name beſſer. Denn er iſt charakteriſtiſch für die Fälle, die mehr heiter als gefährlich ausſehen und deren Getöſe nichts ſehr Düſteres hat. Der Miſſiſippi iſt in ſeiner Jugend ein Fluß von fröhlicher Laune. Ich habe ein Gemälde von ſeiner Quelle(ein Geſchenk des Mr. Scoolkraft), den kleinen See Itaska im nördlichen Theil von Minneſota. Der kleine See ſieht wie ein klarer Himmelsſpiegel aus mit dem Urwald als Rahmen. Nordiſche Fichten und Tannen, Ahorn und Ulmen und alle ſchönen Gewächſe Amerikas in dieſer Zone umgeben das Waſſer, wie ſchützende Lauben die Wiege eines Kindes. Höher hin⸗ auf in dem weiten Hintergrund liegt Hochland, von den Franzoſen„Hauteur des terres“ genannt, einem hohen Plateau gleichend. Es iſt von dichten Wäldern 324 bedeckt, mit Granitblöcken überſät und von üppigen Quelladern durchbrochen. Fünf von ihnen ergießen ſich von verſchiedenen Seiten in den kleinen See Itaska. Wo der Miſſiſippi als„Baby“ dem Schooß des Itaska entſpringt, iſt er ein reißender und klarer, klei⸗ ner Strom, ſechzehn Fuß breit und vier Zoll tief. Ueber Stock und Stein hinhüpfend erweitert er ſich, neunzehn Meilen von ſeiner Quelle, in dem See Pe⸗ midyi, einem See mit kryſtallhellem Waſſer und frei von Inſeln. Hier begegnet ihm der Strom La Place aus dem Aſſawa⸗See. Fünfundvierzig Meilen weiter unten ergießt er ſich in den Caß⸗See(dem Ende von Gouverneur Caß Epxpedition im Jahr 1820). Wenn der Miſſiſippi aus dieſem See kommt, iſt er 172 Fuß breit und acht Fuß tief. So geht er fortwachſend, ſich vertiefend, immer reichere Zuſchüſſe aus Quellen und Strömen erhaltend, bald in klaren, an unzähligen Fiſch⸗ arten reichen Seen ausruhend, bald zwiſchen Ufern hin⸗ eilend, die mit wilden Roſen, Fliedern, Hagedorn, wil⸗ dem Geſträuch, wilden Pflaumen und allen möglichen wilden Waldbeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Braunbeeren bedeckt ſind, durch Wälder von weißen Cedern, Föhren, Birken und Zuckerahorn, reich an Wildpret aller Art, an Bären, Elenthieren, Füchſen, Mardern, Bibern u. ſ. w., durch hohes und niedriges Prärienland, voll von perlenden Quellen(die ſogenannte Undinen⸗Re⸗ gion), durch Gegenden, deren reiches Erbreich leicht üp⸗ pige Ernten von Korn, Waizen, Kartoffeln n. ſ. w. ertragen könnte, aufeiner Strecke von 3— 400 engliſchen Meilen, wobei er lange Strecken ſchiffbar wird, bis er nach Sct. Anthony kommt. Kaum vorher hat er ſich bedeutend erweitert uud umfaßt mehrere größere und klei⸗ nere Inſeln, die reich mit Bäumen und Weinranken bewachſen ſind. Kurz über dem hall iſt er ſo ſeicht, daß man mit Pferden und Wagen darüber fahren lei⸗ ken icht, ren 325 kann, was auch wir zu meiner großen Verwunderung thaten. Richt weit unter dem Fall wird der Fluß wieder ſchiffbar, und die Dampfboote aus dem Süden gehen bis nach Mendota hinauf(einem Dorf am Aus⸗ fluß des Sct. Peter⸗Fluſſes in den Miſſiſippi) etwas höher als Sct. Paul. Von da aus fährt man frei den Miſſiſippi hinab bis zum mexikaniſchen Meerbuſen. Der Sct. Anthony⸗Fall iſt des Miſſiſippi letztes Ju⸗ gendabenteuer. 900 Meilen von der Länge des Fluſſes ſind innerhalb des Territoriums von Minneſota, und der größte Theil davon in wildem, beinahe unbekann⸗ tem Land. Aber ich kehre zu den Fällen und zu meinem Tag an denſelben zurück. Bald unter dem größten Fall, und von ſeinem Waſſerſtaub wie von Nebelgeſtalten umgeben, liegt ein Inſelchen von pittoresken, ruinenartigen Steinlagern, mit reichem Laubwald gekrönt— der ſchönſte, bedeu⸗ tendſte Punkt in dem ganzen Schauſpiel. Man nennt es die„Katarakteninſel“ von dem Fall der„lachenden Waſſer.“ Es wird auch Geiſterinſel genannt von einem Freigniß, das ſich vor einigen Jahren hier zutrug, und das ich Dir erzählen will, weil es für das Leben der indianiſchen Weiber bezeichnend iſt. Vor einigen Jahren kam ein junger Jäger des Sioux⸗Stammes und ſchlug am Ufer des Miſſiſippi, ein klein wenig über dem Set. Anthony⸗Fall ſein Te⸗ pee auf. Er hatte bloß eine Frau—(was bei die⸗ ſen Herrn, die es zuweilen bis auf zwanzig Frauen treiben, ſehr ungewöhnlich iſt) ſie hieß„Ampato Sapa.“ Sie lebten mehrere Jahre glücklich zuſammen und hat⸗ ten zwei Kinder, die um ihr Feuer herum ſpielten, und die ſie voll Vergnügen„ihre Kleinen“ nannten. Der Mann war ein glückticher Jäger und mehrere Familien ſammelten ſich allmälig um ihn und errichteten ihre Tepees in der Nähe des ſeinigen. Da ſie in ein nähe⸗ 326 res Verhältniß zu dem glücklichen Jäger zu kommen wünſchten, ſpiegelten ſie ihm vor, er müſſe mehrere Frauen haben, dadurch würde er ſein Anſehen ver⸗ größern und könne bald zum Häuptling des Stammes ernannt werden. Der Mann ließ ſich dieſen Rath wohl behagen und nahm heimlich eine neue Frau. Aber um ſie in ſein Tepee heimzuführen, ohne daß es ſeiner erſten Frau, der Mutter ſeiner Kinder, mißfiele, ſagte er zu ihr: „Du weißt, daß ich niemals ein anderes Weib ſo zärtlich lieben kann, wie ich Dich liebe. Aber ich habe geſehen, daß Du allein mit mir und den Kindern ſchwere Arbeit haſt, deßhalb habe ich beſchloſſen, noch ein Weib zu nehmen, das Deine Gehilfin ſein ſoll. Aber Du wirſt immer die vornehmſte in der Wohnung bleiben.“ Die Frau wurde tief betrübt, als ſie dieſe Worte hörte. Sie bat ihn ihrer früheren Liebe, ihres Glücks ſeit mehreren Jahren, ihrer Kinder zu gedenken. Sie bat ihn, dieſes zweite Weib nicht in ihre Wohnung zu führen. Aber am nächſten Abend führte der Mann die neue Frau in ſein Tepee ein. Am nächſten Morgen früh, ſchon in der Däm⸗ merung erſcholl ein Todtengeſang am Miſſiſippi. Eine junge Indianerin ſaß in einem kleinen Kahn mit zwei kleinen Kindern und ſteuerte das Schifflein den Fluß hinab gegen den Fall zu. Es war Ampato Sapa. Sie ſang in betrübten Tönen vom Kummer ihres Herzens, von der Treuloſigkeit ihres Mannes und von ihrem Entſchluß zu ſterben. Ihre Freunde hörten den Geſang und ſahen ihre Abſicht, aber zu ſpät, um der Ausführung zuvorzukommen. Ihre Stimme wurde bald von dem Fall über⸗ täubt. Am Abſturz blieb das Boot einen Augenblick ———— —„———— ten ere er⸗ 1es en hne er, ſo abe ern och oll. ung orte ücks Sie die äm⸗ ine wei luß pa. hres von den der ber⸗ blick 327 ſtehen; im nächſtfolgenden ſtürzte es hinab und ver⸗ ſchwand in der ſchäumenden Tiefe. Die Mutter und die Kinder kamen nie mehr zum Vorſchein. Die Indianer glauben noch jetzt in der Morgen⸗ dämmerung den Klaggeſang zu hören, der von der Treuloſigkeit und Härte des Mannes verkündete, und ſie wollen die Mutter mit den an ihre Bruſt geſchloſ⸗ ſenen Kindern in den Nebelgeſtalten erblicken, die aus dem Fall um die Geiſterinſel her emporſteigen. Dieſes Ereigniß iſt blos ein einziges unter vielen derſelben Art, die ſich alljährlich bei den Indianern zutragen. Der Selbſtmord iſt nichts Seltenes unter ihren Weibern. Ein Herr, der dieß beſtreiten wollte, ſagte mir, in den zwei Jahren, die er in dieſer Gegend zugebracht, habe er blos von eilf oder zwölf ſolcher Fälle gehört. Es iſt genug, meine ich. Die Urſache des Selbſtmords iſt bei der Indianerin gewöhnlich entweder daß ihr Vater ſie gegen ihren Willen und ihre Neigungverheirathen will, oder daß, wenn ſie ver⸗ heirathet iſt, der Mann ein neues Weib nimmt. Der Selbſtmord, eine für Kinder des Naturlebens ſo un⸗ natürliche That, zengt, ſcheint es mir, bedeutend für das rein Weibliche bei dieſen armen Weibern und be⸗ weiſt, daß ſie eines beſſeren Looſes würdig ſind. Da ſie noch ſehr jung ſind, fragt man beim Abſchluß der Ehe ſel⸗ ten nach ihrer Neigung. Der Freier breitet vor dem Vater des Mädchens ſeine Büffel⸗ und Biberhäute, vor ihrer Mutter einige glänzende Stücke Zeug und Schmuck⸗ waaren aus, und das Mädchen iſt verkauft. Wider⸗ ſtrebt ſie, ſo droht ihr der Vater Ohren und Naſe ab⸗ zuſchneiden, und ſie, die ebenſo hartnäckig iſt, als er, kürzt den Prozeß dadurch ab, daß ſie ſich erhängt, denn dieß iſt die Todesart, die gewöhnlich gewählt wird. Es ſcheint auch, als wirkte bei dem Selbſtmord oft Rach⸗ ſucht als Triebfeder mit, und man weiß, daß india⸗ niſche Weiber mit den Männern an Grauſamkeit gegen 328 Feinde und Kriegsgefangene wetteifern; aber ihr har⸗ tes Leben als Weiber iſt nichtsdeſtoweniger beklagens⸗ werth, und ihre Kraft, lieber zu ſterben, als ſich zu erniedrigen, beweiſt, daß dieſe Naturkinder hochſinni⸗ ger ſind, als viele Weiber auf den Höhen der Civili⸗ ſation. Die Schönheiten des Waldes ſind ſtolzer und edler, als manchmal die Schönheiten des Salons. Aber wahr iſt, daß ihre Welt enge iſt und ihnen nichts gibt, außer dem Mann, dem ſie dienen müſſen, und der ſchmalen Wohnung, wo er der Herr iſt. Auf einer größeren Inſel im Miſſiſippi, oberhalb des Falles tranken wir Thee in einem ſchönen Haus, wo ich Comforts aller Art und Bildung fand, Muſik hörte, Bücher und Bilder ſah, wie man ſie an den Ufern des Hudſon finden könnte; und was mir noch lie⸗ ber war, ich fand in ſeinen Bewohnern Freunde. Das Haus war noch nicht alt auf der Inſel, und die Inſel ſah auch in ihrem Herbſtſchmuck wie ein kleines Paradies aus, obſchon noch in halbverwildertem Zuſtand. Dir jedoch zu beſchreiben, wie wir fuhren, wie wir in hohlen Baumſtämmen, die von dem Strom in chao⸗ tiſchen Maſſen herumgeworfen wurden, über den Fluß ſpazierten, wie wir auf⸗ und abkletterten über Stöcke, Steine, Abſtürze und Abgründe hin, das will ich nicht verſuchen, denn es iſt unbeſchreiblich. Ich hielt dieſen Uebergang ganz einfach für unmöglich, bis meine Be⸗ gleiter, ſowohl Herren als Damen, mir bewieſen daß er für ſie ein einfacher, alltäglicher Weg war. Hu!.. Der Tag war kalt und rauh, und daher auch die Fahrt mehr mühſam als vergnüglich. Ich habe mehrere Wanderungen hier in der Um⸗ gegend gemacht, theils allein, theils mit dem freund⸗ lichen Gouverneur Ramſay, oder auch mit dem freund⸗ lichen jungen Prieſter dahier. Ich habe dabei mehrere kleine Farms beſucht, die beinahe ſämmtlich von Fran⸗ zoſen aus Canada bewohnt ſind, welche ſich hieher ——.—————. ar⸗ us⸗ zu ni⸗ ili⸗ ind ber bt, der alb us, ſik den as ſah ies wir 10⸗ uß cke, cht ſen Be⸗ aß die m⸗ id⸗ d⸗ ere n⸗ her 329 geflüchtet haben. Sie preiſen Alle das üppige Erd⸗ reich und ſeine Fruchtbarkeit. Sie waren recht ange⸗ nehm in der Unterhaltung, ſcheinen hier wohl zu ge⸗ deihen, hatten viele Kinder; aber die Sauberkeit und Gemüthlichkeit, welche die Wohnungen der Anglo⸗ amerikaner auszeichnet, fand ich in dieſen Wohnungen nicht, eher das Gegentheil. Ueberall wogt das Gras hoch und herbſtgelb auf Höhen und Feldern. Hier gibt es keine Hände, um es abzumähen. Der Boden iſt eine fette, ſchwarze Erde, außerordentlich gut für Kartoffeln und Korn, aber minder angenehm für Fußgänger mit weißen Strümpfen und Unterröcken. Ein feiner, ſchwarzer Staub beſchmutzt Alles. Allerliebſte Binnenſeen lie⸗ gen zwiſchen den Höhen wie klare Spiegel in roman⸗ tiſcher Ruhe und Zierlichkeit. Es iſt eine vollkommen idylliſche Natur. Aber die Hirten und Hirtinnen feh⸗ len hier noch. Blos der öſtliche Strand des Miſſiſippi in Minneſota gehört noch den Weißen, und ihre An⸗ zahl beläuft ſich auf blos ungefähr 7000 Seelen. Der ganze weſtliche Theil von Minneſota, weſtlich vom Riſſiſippi, iſt noch indianiſches Gebiet, hauptſächlich von den zwei großen Nationen Sioux(oder Dacotahs und Chippewas, die in beſtändiger Fehde mit einander leben, ſowie von einigen kleinen Indianerſtämmen be⸗ wohnt. Man ſagt, die Regierung denke darauf, bald auch dieſen ganzen Theil des Landes zu kaufen, und die Indianerſtämme ſeien geneigt, den Handel einzu⸗ gehen und ſich auf eine andere Seite des Miſſouri⸗ fluſſes, nach dem Steppenland Nebraska und den Felsbergen zurückzuziehen. Dieſe Indianerſtämme ſind durch die Berührung mit den Weißen bereits ſo tief geſunken, daß ſie das Geld und den Branntwein höher ſchätzen als die Erde ihrer Väter, und bereit ſind gleich Eſan für ein Linſengericht ihr Erſtgeburtsrecht zu verkaufen. Aber dieſes grauſame Volk, das Kinder 330 und alte Leute ſcalpirt und das Weib zum Laſtthier herabwürdigt, mag immerhin in die Wüſte hinauszie⸗ hen und einem edleren Geſchlecht Platz machen. Es iſt darin im Grund blos eine höhere Gerechtigkeit zu erblicken. Den 26. October. Geſtern ging ich mit meinen freundlichen Wirths⸗ leuten nach dem Indianergebiet, in der Nähe des Fort Snelling, einer Feſtung, welche die Amerikaner hier gebaut, und wohin ſie Militär, ſowohl Fußvolk als Reiterei, verlegt haben, um die Indianer in Reſpect zu halten. Dieſe ſind auch in bedeutender Angſt vor den Amerikanern, welche ſie„die langen Meſſer“ nen⸗ nen. Und die Weißen laufen hier jetzt keine Gefahr mehr. Aber unter ſich ſelbſt fahren die Indianer⸗ ſtämme in näherer oder weiterer Entfernung mit ihren grauſamen Ueberfällen fort, trotz des Einſchreitens der amerikaniſchen Regierung. Noch nicht lange hat eine Kriegerſchaar des Sioupſtammes ein Chippewas⸗Dorf, während die Männer auf der Jagd waren, überrum⸗ pelt und ſechzehn Perſonen, meiſt Weiber und Kinder, getödtet und ſcalpirt. Der Gouverneur Ramſay ließ des Beiſpiels wegen die Anſtifter dieſer Unthat feſt⸗ nehmen und ins Gefängniß werfen. Sie gingen ſtolz und mit der Miene von Märtyrern einer edeln Sache dahin. Ich war neugierig, die innere Einrichtung dieſer Zelte oder Tepees zu hen deren Rauch und Feuer ich ſchon ſo oft erblickt hatte. Und da ich bald nachdem ich auf indianiſchem Gebiet angekommen war, vier ſehr anſehnliche Tepees erblickte, ſo eilte ich, ſie zu beſuchen. Gouverneur Ramſay und ein Dolmetſcher, der ſein Haus nicht weit davon hatte, kamen mit mir. Ich richtete meine Schritte auf das größte der Zelte zu. ier ie⸗ Es zu 331 Drei magere Hunde waren mit Stricken an die Zelt⸗ pfoſten gebunden.(Die Indianer eſſen ihre Hunde, wenn es ihnen an anderer Nahrung fehlt.) Wir öff⸗ neten den aus Fellen beſtehenden Vorhang, der die Thüre vorſtellte. Ich hatte Schmutz und Armuth zu ſehen erwartet, und war jetzt ganz überraſcht, eine Art von orientaliſchem, obſchon grobem Lurus nebſt großer Behaglichkeit zu erblicken. Es brannte Feuer auf dem Boden in der Mitte des Zelts, das groß und wohl mit Büffelhäuten bedeckt war. Beim Feuer ſaßen zwei Männer mit Strichen und Figuren im Geſicht bemalt und ſchliffen Pfeifen von einer dunkelrothen Steinart. Rings um die Wände des Zelts ſaßen Weiber und Kinder auf Kiſ⸗ ſen, die zum Theil zierlich genäht und auf weiße Filze gelegt waren. Einige der Weiber waren mit einem hell⸗ rothen Fleck mitten auf der Wange geſchminkt und auch der Haarſcheitel war roth bemalt. Mit ihren lebhaf⸗ ten dunkeln Augen und ihren fliegenden Haaren ſahen ſie beim Schein der tanzenden Flammen des Feuers recht hübſch und munter aus. Dabei waren ſie freund⸗ lich und ſchienen über meinen Beſuch erfreut zu ſein. Zwei von ihnen machten mir Platz, um mich zwiſchen ſie zu ſetzen. Die alten Weiber lachten und ſchwatz⸗ ten, und ſchienen ſehr ungenirt. Die jungen waren ernſter und ſchüchterner. Die Männer ſchauten gar nicht auf, nachdem ſie uns zuerſt angeſehen hatten, ſondern fuhren ſchweigend fort, ihre Pfeifen zu feilen. Ueber dem Feuer hing ein großer Keſſel, mit einem Strick an die Sparren oben am Zelt befeſtigt. Es war Mittagsſtunde. Ein junges Weib zu meiner Rech⸗ ten fütterte ihren kleinen Papooſe, der ungefähr drei Jahre alt ſchien und ebenfalls einen hellrothen Fleck zuf jeder ſeiner halbkugelartigen rothen Wangen trug. „Hoxidan?“ ſagte ich, auf das Kind deutend; dieſes Wort bedeutet Knabe.„Winnona!“ antwortete ſie mit 332 leiſer, melancholiſcher Stimme, und dieß Wort bedeu⸗ tet Mädchen. Jetzt war mein indianiſcher Sprachvor⸗ rath erſchöpft. Ich verlangte durch Zeichen die Suppe koſten zu dürfen, welche ſie und das Kind aßen. Sie gab mir bereitwillig ihre Schale und ihren Löffel. Es war eine Art Waſſerſuppe mit kleinen Bohnen darin, ohne Salz und ohne den geringſten Geſchmack, ſoviel ich entdecken konnte. Später bot ſie mir einen friſch⸗ gebackenen Kuchen an, der ganz ſchmackhaft ausſah. Er war, glaube ich, von Waizen und ebenfalls unge⸗ ſalzen, im Uebrigen aber recht gut. Der Dolmetſcher war ausgegangen. Gouverneur Ramſay hatte ſich ebeufalls geſetzt. Die Männer feil⸗ ten an ihren Pfeifen, das Feuer flammte und flackerte munter, der Keſſel kochte, die Weiber aßen und ſahen mich an, indem ſie beim Schein des Feuers halb lagen oder nachläßig daſaßen. Und ich— ſah ſie ebenfalls an. Mit innerlicher Verwunderung betrachtete ich dieſe Geſchöpfe, die Weiber waren wie ich, und mit weib⸗ lichen Gefühlen ausgeſtattet, dennoch aber ſo verſchie⸗ den von mir in Beziehung auf Lebenszweck, auf täg⸗ liches Leben und ihre ganze Welt. Ich dachte an ein ſteifes, trübes, häusliches Leben in der civiliſirten Welt, an ein Haus ohne Liebe, ein⸗ geengt in die Schranken einer todtgeborenen Meinung, mit Geſellſchaftspflichten, Pflichten für die Töchter, im Haus den Männern zu gefallen oder nie aus dem Haus zu kommen, und im Uebrigen jede Ausſicht auf Selbſt⸗ ſtändigkeit, Freiheit, Thätigkeit und Freude verſperrt von unſichtbaren Mauern, noch mehr verſperrt als hier das Tepee von Büffelhäuten, an ein nordiſches Fami⸗ lienleben, wie es ihrer noch in vielen nordiſchen Häu⸗ ſern gibt; und da dachte ich, das indianiſche Zelt und das indianiſche Leben ſei noch beſſer, noch ſeliger als manches nordiſche Leben. Da dachte ich auch an New⸗ Yorks und Boſtons gasbeglänzte Salons, an die Hitze, —— 7— c) — — c„—— el ur 333 die Mühe, artig oder angenehm zu ſein, zu converſi⸗ ren, an den Wunſch ſchön auszuſehen, zu gefallen, glücklich zu werden, und— mir ſchien, als ſei das indianiſche Zelt eine freundlichere, ſeligere Welt, als die der Salons. Da ſaßen ſie ungenirt von Schnürleibern und Gefallſucht, ohne Zwang und Be⸗ mühung, dieſe Töchter des Waldes. Sie empfanden nicht die Unruhe, den Ueberdruß und die Müdigkeit, die auf den Ueberreiz kurzer Augenblicke folgen, nicht den Ungeſchmack und den Schmerz, der von kleinen Dingen, kleinen Stichen erzeugt wird, die zu empfin⸗ den man ſich ſchämt, und die man doch empfindet. Ihre Welt war einförmig, aber vergleichungsweiſe ruhig und friſch in dem engen Tepee. Und vor demſelben war der freie Raum, der ſauſende Urwald für ſie offen mit a ſeinen friſchen Winden und Wohlgerüchen. Ach. Aber da dachte ich mich als Indianerin; ich dachte mich in das Leben und die Umſtände dieſer Weiber hinein, ohne einen andern Zweck, ohne eine andere Ausſicht als für einen Mann zu leben und einen Mann zu bedienen, den ſie öfter nicht ſelbſt gewählt haben, der ſie blos als Dienerinnen behandelt oder wie ein Hahn die Hennen um ſich her betrachtet. Ich ſah die Frau und die Mutter gedemüthigt durch den Einzug neuer Frauen in die Wohnung des Mannes und ſeine Liebe dieſen zugewandt vor den Augen der alten Frau, in demſelben Haus, vor den Flammen deſſelben Herds, der ihren Hochzeitabend beleuchtet hatte, ich ſah ſie verſchmäht oder vergeſſen von dem Manne, der ihre ganze Welt ausmachte,—.. ach! Das Tepee, der Wald, der freie Raum hatte keinen Frieden, keine Ruhe mehr vor den Qualen einer ſolchen Lage. Friede vor ihren Qualen, ihrem Elende findet ſich blos in der Erniedrigung oder im Tod. Winnonas Todes⸗ geſang auf der Klippe am„Pepinſee,“ Ampato Sapas 334 Todesgeſang auf den Wellen des Miſſiſippi, als ſie mit ihren Kindern den Frieden der Vergeſſenheit in der ſchäumenden Tiefe ſuchte, und ihre vielen Schwe— ſtern, die noch heutigen Tags den Tod dem Leben vor⸗ ziehen, ſie zeugen für das tief Tragiſche im Schickſal des indianiſchen Weibes. Und wiederum dachte ich mich in die Wohnungen der kultivirten Welt, in die liebewarmen Wohnungen im Norden ſowohl als im Süden, in Wohnungen, wie ſie ſchon jetzt oft ſind, wie ſie immer häufiger werden unter den freien chriſtlichen Völkern, wo das Weib dem Mann in allem gleichgeſtellt iſt, in Luſt und Leid, wo gute Eltern auch der Tochter im Hauſe die Freiheit zu einer ſelbſtſtändigen Wirkſamkeit und ſelbſtſtändigem Glück bereiten, zum Beſitz einer Welt, eines Zieles auch außer dem Raum der engen Wohnung(nicht mehr ein von Büffelhäuten eingeſchloſſenes Tepee) ich dachte an ihr Recht, an die Möglichkeit ihrer Wirkſamkeit, die auch die Schmerzen des civiliſirten Lebens, kleine und große, als Wolkenflecke an einem klaren Himmel erſcheinen laſſen, dachte an meinen eigenen ſchwediſchen Herd, meine gute Mutter, mein liebes Schweſterchen, mein ſtilles Stübchen, meinen Frieden und meine Freiheit allda, meine Ruhe wie im Mutterſchvoß, mit Räum⸗ lichkeit und Ausſichten, unbegränzt wie die Unendlich⸗ keit... Ich pries Gott für meinen Theil!... Aber dieſe armen Weiber hier! In dieſem Tepee wohnten drei Familien. Da waren blos drei Männer und wohl zwölf bis dreizehn Weiber. Wie manche bittre, eiferſüchtige Gefühle müſſen nicht in manchen Buſen glühen, die hier Tag und Nacht um daſſelbe Feuer verſammelt ſind, dieſelbe Mahlzeit, dieſelben Lebenszwecke theilen!... Ich beſuchte auch die andern Tepees. Ueberall begegneten mir ungefähr dieſelben Erſcheinungen. Zwei oder drei Männer am Feuer, mehrere Weiber, die auf „ 5 —„—— — 335 Filzen oder geſtickten Kiſſen um die Wände des Zeltes her ſaßen oder lagen und ſich für den Angenblick mit Nichts beſchäftigten. Die Männer ſchliffen rothe Stein⸗ pfeifen, welche ſie an die Weißen verkaufen und ſchwer bezahlt erhalten. Aber die Arbeit mit dem harten Stein iſt nicht leicht. Dieſe rothe Steinart ſoll in Steinbrüchen weit oben am Miſſouri⸗Fluß gewonnen werden. Ich muß die ausgezeichnet ſchönen und wohl⸗ gebildeten, ſichtbarlich auch in Bezug auf die Nä⸗ gel mit großem Eifer rein erhaltenen Hände dieſer Männer bewundern. Sie waren fein und geſchmeidig und glichen mehr Weiber⸗ als Männerhänden. In einem Tepee erblickte ich ein junges Weib, das mit ſeinem reichen, aufgelöſten, über die Schultern herabwallenden Haar mir ſo ungewöhnlich ſchön vor⸗ kam, daß ich ſie abzeichnen zu dürfen wünſchte. Ich wünſchte auch Porträts von ein paar Indianern mit⸗ zunehmen, und ich erſuchte den Gouverneur Ramſay meine dießfallſige Bitte vorzutragen. Durch den Dol⸗ metſcher, Mr. Prescott, ſagte er dann zu einem alten Chef, Namens Mozah⸗hota,(graues Eiſen), daß ich Bilder von allen großen Männern in dieſem Land mit⸗ zunehmen wünſche, um ſie dem Volk auf der andern Seite des großen Waſſers zu zeigen, weßhalb ich um die Gefälligkeit bitte, mir eine Weile zu ſitzen. Der alte Häuptling, der ſehr ernſt ausſah und auch ein ſehr braver und anſtändiger Mann ſein ſoll, lauſchte aufmerkſam und ließ hierauf eine Art von beifälligem Grunzen hören. Und er folgte uns ins Haus des Dolmetſchers, aus deſſen Fenſtern und Thüren mehrere kleine Geſichter mit indianiſchen Zügen und Farben hervorguckten. Mr. Prescott hat nämlich eine Indianerin zur Fran und mit ihr mehrere Kinder. In einem Saal des Hauſes ſaß ich bald mit mei⸗ nem Album und vor mir den alten Häuptling, der einiges Bedauern darüber äußerte, daß er nicht in gro⸗ 336 ßer Galla(er hatte blos ein paar Adlerfedern im Haar) und nicht bemalt war, wie er ſollte. Er hatte unter ſeinem weißen Wolfsfilz einen blauen europäi⸗ ſchen Rockfrack, und ſchien ſehr zu wünſchen, daß ich denſelben ins Porträt hineinzeichne. Er meinte ſicht⸗ lich, dieſes ſei etwas höchſt Rares. Er ſaß nicht ohne Unruhe da, und es ſchien ihm nicht wohl zu Muth zu ſein, ſo lange der Dolmetſcher aus dem Zimmer ge⸗ gangen war. Die Indianer haben im Allgemeinen den Glauben, daß die Bilder auf dem Papier etwas von dem Leben des Menſchen, der da gezeichnet wird, weg⸗ nehmen, und manche wollen deßhalb nie zugeben, daß man ihre Porträts entwirft. Nach dem alten Häuptling kam die junge In⸗ dianerin herein in ihrem Brautſchmuck von zierlich rothem Wollzeug, der reich geſtickt und mit wahren Kaskaden von Silberringen geſchmückt war, die Glied in Glied von den Ohren(um welche der ganze Büſchel gebunden war) und über die Schultern herabhingen, während Hals und Bruſt maſſenweiſe mit Perlbändern von Korallen und Glasperlen und andern Zierrathen geſchmückt waren. Der Kopf war unbedeckt und unge⸗ ſchmückt. Sie war ſo hübſch und von ſo ungewöhn⸗ licher Schönheit, daß ſie wirklich das ganze Zimmer zu beleuchten ſchien, als ſie hereinkam. Der Rücken war breit und rundlich, und ihre Haltung vorgebeugt, wie gewöhnlich bei den Indianerinnen, da ſie ſich frühzeitig daran gewöhnen müſſen, Laſten auf dem Rücken zu tragen; aber die Schönheit des Geſichts war ſo aus⸗ nehmend, daß ich daran denken mußte, wenn ein ſol⸗ ches Geſicht ſich in einem Salon unſerer feinen Welt zeigte, ſo würde es als Offenbarung eines bisher un⸗ bekannten Schönheitstypus betrachtet werden. Es war die wilde, zugleich liebliche und wehmüthige Schönheit des lirwalds. Die milde Düſterheit in den tiefen, ſchönen, von ungewöhnlich langen und dunkeln Wim⸗ ————c——————— ————,————————.—— w S c 8 S N — M N*—* 337 pern beſchatteten Angen läßt ſich nicht beſchreiben, ebenſo wenig der Glanz, die hübſche Heiterkeit des Lächelns, das zuweilen das Geſicht wie ein Blitz durch⸗ ſtrahlte und die ſchönſten weißen Zähne ſehen ließ. Sie war für eine Indianerin ungewöhnlich hellfarbig. Die Wangenknochen waren etwas hervorſtehend, was ihrem Geſicht etwas zu viel Breite gab, aber ihr Profil war vollendet ſchön. Sie war ganz jung, und erſt ſeit zwei Jahren mit einem tapfern jungen Krieger ver⸗ heirathet, der ſie, wie man mir ſagte, ſo liebte, daß er ihr keine andere Frau an die Seite ſtellte und ihr nicht erlaubte, irgend eine ſchwere Laſt zu tragen, ſon⸗ dern immer Pferde anſchaffte, wenn ſie zur Stadt mußte. Sie hieß Mochpedaga Wen, oder Feder⸗ wolken⸗Frau. Ein junges indianiſches Mädchen, das mit ihr kam, war mehr bemalt, aber viel weniger ſchön, und hatte die ſchwerfälligen Züge und den ſchwerfälligen Ausdruck, welcher die Indianerinnen wenigſtens von dieſem Stamm gewöhnlich kennzeichnet. Ich zeichnete die Federwolkenfrau in ihrem Braut⸗ ſchmuck. Sie war verſchämt und ſah beſtändig ab⸗ wärts. Mit einem Vergnügen, in das ſich Rührung miſchte, verſenkte ich mich in die Myſterien dieſes Ge⸗ ſichts. Eine ganze nächtliche Welt lag in dieſen Au⸗ gen, deren dunkle Wimpern einen tiefen Schatten über die Wangen unter dem Auge verbreiteten. Dieſe Au⸗ gen blickten träumeriſch ſtill, ohne Wunſch, aber ohne Freude, ohne Zukunft in die Tiefe hinab. Der Sonnen⸗ ſchein im Lächeln war wie der Sonnenſchein an einem trüben Tag. Die Federwolke hatte kein Licht in ſich. Sie wurde von außen beleuchtet und blos für einen Augenblick ſchön gefärbt. Nach dieſem milden und ſchönen, aber melancholi⸗ ſchen Bild, präſentire ich Dir den tapfern jungen Krieger„Skonka⸗Skaw“ oder„weißen Hund,“ den Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 22 338 Gatten der Federwolke, der in voller Bemalung und großer Galla, mit einem gewaltigen, rothen Federbuſch hereinkam, welcher vom Kopf über den Rücken hinab⸗ wogte, und mit drei dunkeln Adlerfedern mit rothen Wollquaſten hoch im Haar, wie auch der Spur von fünf grünen Fingern auf den Wangen, als Zeichen, daß er ein tapferer Krieger war und mehrere Feinde getödtet hatte. Er war groß und geſchmeidig von Wuchs, und trat mit heiterer, lebhafter Miene ein, in⸗ dem er eine Fluth von Worten äußerte, ſo ſchnell, wie ich ſie im Repräſentantenhaus in Waſhington hörte, und wovon ich gerade ſo viel verſtand. Sein Geſicht hatte denſelben Charakter, den ich ſchon vorher bei jungen Indianern bemerkt hatte, eine krumme, breite Habichtsnaſe, helle, ſcharfe, aber kalte Augen, viereckig geöffnet mit thieriſchem Blick; der Mund unangenehm, die Züge im Uebrigen regelmäßig und ſcharf. Ich zeichnete auch ihn; er war ſehr mit Roth und Gelb und Grün im Geſicht bemalt, war ganz und gar nicht ſchüchtern, und ſah ſehr ſtreitbar aus. Daß er jedoch ein guter Gatte war und ſeine ſchöne Gattin, die Federwolke liebte, das machte ihm mein Herz zugeneigt. Mrs. Ramſay war inzwiſchen mit ihr außen ge⸗ geweſen und hatte ihre Tracht angezogen. Und da Mrs. R. ſehr ſchön iſt— vom reinen Schlag der Quäckerſchönheiten— ſo war ſie in der zierlichen Tracht wahrhaft ſtrahlend ſchön und die Federwolke ſchien großes Vergnügen daran zu finden, ſie in ihrer Tracht zu ſehen. Aber die wunderbare myſtiſche Schön⸗ heit der Federwolke hatte die ſchöne, weiße, junge Frau dennoch nicht. Es war ein Unterſchied wie zwiſchen einem Urwald und dem Salon. Im Geſpräch dieſer Indianer bemerkte ich mehrere Töne und Laute, die mir als Eigenthümlichkeit der amerikaniſchen Bevölkerung im Allgemeinen auffielen; denn es waren dabei Naſentöne, und die pipenden, S p ſc)————— — — S( S8 389 ſingenden oder klagenden Töne, die mich bei Frauen⸗ zimmern oft genirt haben. Wahrſcheinlich ſind dieſe Töne unter die erſten Koloniſten während ihres Um⸗ gangs mit den Indianern gekommen und haben ſich hernach fortgepflanzt. Da ich gerade unter den Indianern bin, muß ich Dir von einer Sitte bei ihnen erzählen, die mir ſehr ſonderbar vorkommt; ſie betrifft ihre abſonderlichen Namen, und wie ſie dazu kommen. Wenn nämlich die Indianer(Männer und Weiber) in die Jahre der Mannbarkeit kommen, gehen ſie in die Einſamkeit hin⸗ aus und bleiben da mehrere Tage faſtend. Sie glau⸗ ben da, daß ein Geiſt, der ſie ganz beſonders beſchütze, ſich offenbaren werde. Und was während dieſer Tage ihnen ſtark in die Augen fällt oder ihre Phantaſie un⸗ gewöhnlich beſchäftigt, das wird als ein Bild oder ein Zeichen angeſehen, wodurch ihr Schutzgeiſt ſich ihnen offenbare, und fie nehmen dann den Namen des Dinges oder Zeichens an. Wenn ſie die gewünſchte Offenbarung erhalten haben, kehren ſie zu den Ihrigen zurück, aber jetzt unter einer Art höherer Leitung und mit größeren Rechten über ſich ſelbſt zu verfügen. Unter Indianer⸗Namen auf einer Liſte für das Nüch⸗ ternheits⸗Gelübde habe ich folgende geleſen: „Hornſpitze, Rund⸗Wind, Steh-undeſieh-drauf, Wolke— von—ſeitwärts, Eiſen-Zehe, Sonnen⸗Sucher, Eiſen⸗Blitz, Rothe-Flaſche, Weiße⸗Spinne, Schwarzer- Hund, Zwei-Aehren-Feder, Graues⸗Gras, Buſchiger- Schwanz, Donner⸗-Geſicht, Geht-auf-der-brennenden Erde, Tödtet-die-Geiſter.“ Und unter den Weibernamen: „Halte Feuer, Geiſter-Weib, Zweite⸗Tochter-im Haus, Blau-Vogel,“ u. ſ. w. Die Federwolke ſah alſo zum Himmel empor, um ihren Schutzgeiſt zu ſuchen. Möge er ſie leicht über die Erde wandeln laſſen und ſie vor Winnonas und 340 Ampato Sapas Schickſal bewahren! Aber dieſe nacht⸗ vollen, tiefen Augen ſcheinen mir den Todtengeſang zu prophezeien. 3 Der Todtengeſang beſteht aus unmuſikaliſchen Tö⸗ nen, beinahe ohne Melodie, worin der Indianer und die Indianerin die Urſache ihres Todes ausſprechen, ihre Feinde anklagen oder ſich ſelbſt preiſen. Sie glauben, daß nach dem Tod der Geiſt noch eine Zeitlang in der Nähe der irdiſchen Umgebung verweile, die er ſo eben verlaſſen, und gewiſſermaßen noch irdiſch ſei. Deßhalb ſetzen ſie Mais und andere Speiſen zu den Füßen der Leiche während der Zeit, wo ſie den Wirkungen des Lichts und der Luft aus⸗ geſetzt auf dem Gerüſte liegt. Die Todten ſind da noch nicht ins Geiſterland gekommen. Aber wenn das Fleiſch von den Beinen verweſt iſt, dann begraben ſie dieſelben unter Geſang und Tänzen. Dann iſt der dahingegangene Geiſt im Geiſterland angekommen. „Wir glauben,“ ſagte ein berühmter Indianer⸗ häuptling zu einem meiner Freunde,„daß der Geiſt, wenn er den Körper verläßt, noch eine Zeitlang darin verweile, bevor er ſich von ſeinen früheren Umgebun⸗ gen trennt; ſodann wandert er über große Felder in dem kalten, klaren Mondſchein mehrere Wochen lang. Endlich kommt er zu einem großen Abgrund in der Erde. Auf der andern Seite deſſelben ſind die ſeligen Länder, wo beſtändig Frühling iſt, und reiche Jagd⸗ reviere voll von Wildpret. Aber über die Tiefe führt kein Weg, ſondern blos eine abgerindete Tanne, glatt und ſchlüpfrig. Und darüber müſſen die Geiſter gehen, die nach den ſeligen Landen wollen. Die Geiſter, die in dieſer Welt wohl gewandert ſind, können auch auf der ſchlüpfrigen Tanne feſt wandeln und glücklich zu den ſeligen Landen hinüberkommen. Aber Diejenigen, die nicht wohl auf der Erde gewandert ſind, können auf ——, „—„——,———————— 3—— ——— 341 dem glatten Baum nicht gehen, ſondern gleiten aus und fallen in den Abgrund hinab.“ Kein ſo ſchlechtes Bild, dieß da, für die Begriffe der Wilden von Wiedervergeltung nach dem Tod. Der Begriff der Indianer vom Guten und Böſen iſt übrigens ſehr unvollkommen und beſchränkt, und ihre Vorſtellungen von Belohnung und Strafe nach dem Tode ſind blos der Wiederſchein ihrer irdiſchen Ver⸗ gnügungen und Widerwärtigkeiten. Sie glauben an einen Geiſt der Geiſter, einen Uebergott, der über Alles und Alle herrſche, und die nordweſtlichen Indianer nennen dieſen„den großen Manitu“. Er ſcheint eine Macht ohne eigentlichen moraliſchen Gehalt zu ſein. Sie glauben auch an eine Menge kleinerer Manitus oder Götter, und ſchei⸗ nen mir in Bezug auf ihre Götterlehre eher Panthei⸗ ſten als Monotheiſten zu ſein. In den Thieren, in den Steinen, im Wald, in Allem, was lebt oder in⸗ wohnende Kräfte zeigt, erblicken ſie einen Gott, welcher wandert. Manitu iſt im Bären und Biber, in dem Stein, der Feuerfunken ausſenden kann, vor Allem im Wald, welcher ſauſt und den Menſchen beſchützt*). Sie ſuchen ſich Manitu durch Geſchenke und Opfer oft von blutiger und grauſamer Art geneigt zu machen. Die Vermittler zwiſchen ihnen und Manitu ſind ihre ſogenannten Heilmänner, von denen man glaubt, daß *) Bemerkenswerth ſcheint mir der Glaube dieſer In⸗ dianer, daß jede Thierart ein urſprüngliches großes Vorbild odereinen Typus habe, aus welchem ſie ſtammt. So ſtammen alle Biber von dem großen Biber, der unſterblich irgendwo unter dem Waſſer lebt, alle blauen Vögel von einem großen blauen Vogel, der unſichtbar über den Wolken hoch im Raume fliegt. Der große Biber iſt der große Bruder aller Biber, der große blaue Vogel iſt der Vater und Beſchützer aller blauen Vögel. 342 ſie durch ihre Kenntniß der Heimlichkeiten der Natur, ſowie vermöge ihrer angeblichen Zaubermacht die Gei⸗ ſter beſchwören und Unglück abwehren, Krankheiten heilen und die Wünſche aller Menſchen fördern können. Dieſe Männer ſtehen unter den Indianern in großem Anſehen und ſind für ſie ſowohl Prieſter als Aerzte. Du ſiehſt bei Einbruch der Nacht Feuer auf einer der Prärienhöhen dem Miſſiſippi entlang flammen und eine Menge Indianer, Männer und Weiber, unter ſonderbarem Geberdenſpiel um dieſelben verſammelt. Laß uns näher treten. Kupferrothe Männer und Wei⸗ ber, ungefähr hundert an der Zahl, tanzen oder hüpfen vielmehr mit gleichen Füßen, d. h. die Füße dicht zuſammengeſchloſſen und mit herabhängenden Armen zur unmelodiſchen Muſik von ein Paar kleinen Trom⸗ meln und einigen runden, harten Kürbisſchalen, die mit kleinen Steinen gefüllt ſind, ſo daß ſie tüchtig raſſeln, wenn man ſie ſchüttelt. Die Muſikanten ſitzen auf dem Boden. Die tanzenden Männer ſind ſo gut, d. h. ſo ſchlimm als möglich bunt und abſcheulich be⸗ malt. Einige Weiber ſind reich behängt mit Silber⸗ ringen und kleinen Silberglöckchen von den Ohren bis zu den Fußballen und ſchütteln ſie beim Hüpfen ſo ſtark ſie können. Jeder hat einen kleinen fellenen Beutel voll Heilmittel. Es ſind dieß Aerzte, Männer und Weiber. Rund um ſie her iſt ein Kreis von Zu⸗ ſchauern, Männer, Weiber und Kinder. Nachdem ein Paar alte Männer ſich geſetzt und eine Weile mitten im Ring geſprochen haben, beginnt die ganze Geſellſchaft im Kreis herum zu marſchiren, worauf eine Perſon um die andere aus der Proceſſion tritt und ſich ein kleines Stück weit außerhalb derſel⸗ ben aufſtellt. Ein Arzt ſpringt aus dem Kreis, bläſt in ſeinen Heilmittelbeutel und hält ihn mit ſchallendem Ruf dem außer dem Kreiſe ſtehenden Patienten vor den Mund, worauf dieſer ſogleich mit zitternden Glie⸗ 343 * ur, dern bewußtlos niederfällt, als wäre er von einem ei⸗ elektriſchen Schlage getroffen. So wird eine Perſon en in der Verſammlung um die andere zu Boden gewor⸗ n. fen. Ein alter Indianer ſteht da und ſieht mit einem em ſchlauen Lächeln zu, als wollte er ſagen:„Mich wer⸗ 2 den ſie nicht ſo leicht zu Fall bringen.“ Aber ſein ter Stündchen kommt. Die erſte Anlegung des myſtiſchen nd Beutels macht ihn indeſſen blos einige Schritte vor⸗ ter wärts ſtolpern, die zweite macht ihn in ein hyſteriſches lt. Gelächter ausbrechen, die dritte wirft ihn endlich be⸗ ei⸗ wußtlos und mit krampfhaft zitternden Gliedern zur en Erde. Nach einer Weile erheben ſich die Gefallenen cht wieder und vereinigen ſich mit der Proceſſion, welche en fortfährt, bis alle Mitglieder den mediciniſchen Pro⸗ m⸗ ceß durchgemacht haben. Die unmuſikaliſche Muſik hat ie die ganze Zeit fortgedauert. Die alten Männer ſchei⸗ ig nen ſich an der Poſſe noch mehr zu beluſtigen, als die en jnngen. tt, Der Heilmitteltanz iſt das vornehmſte Feſt der e⸗ Minneſota⸗Indianer und ſoll mehrere Tage währen. r⸗ Sie haben auch andere Tänze, unter denen der Kriegs⸗ is tanz der bekannteſte iſt. Nur Männer führen ihn aus. ſo Dieſe bemalen dann ihre Geſichter und Körper auf's en Schrecklichſte und ihr Tanz beſteht aus wilden Geber⸗ er den und drohenden Stellungen, die ſie gegen einander ⸗ annehmen. Vom„Scalpir-Tanz“ der Weiber habe ich ein Gemälde. Er wird getanzt, wenn die Männer nd mit den Scalpen ihrer Feinde aus dem Streit zurück⸗ nt kehren. Dieſe Scalpe werden dann auf hohe Stangen n, gelegt, welche die Weiber halten, während ſie und ihre on Mitſchweſtern tanzen oder vielmehr gleichfüßig herum⸗ l⸗ hüpfen, ungefähr in der Art und mit der Anmuth wie iſt Gänſe mit zuſammengebundenen Füßen. Trommel⸗ m ſchläge, Geſänge und wildes Geheul begleiten die or Muſik. Die Männer ſtehen mit Adlerfedern im Haar e⸗ herum und betrachten dieſes Ballet, das für ſie eine 344 größere Augen- und Ohrenweide iſt, als vermuthlich irgend eines, das Bournonvilles Genie ſchaffen, Taglioni und Elsler ausführen konnten. Als die Europäer zum erſten Mal Amerika öſtlich vom Miſſiſippi durchforſchten, ſprachen ihre Erzählun⸗ gen oft von der Oedigkeit des Landes auf lange Strecken, und ſeit alle Indianerſtämme von Ca⸗ nada bis Florida und Louiſiana bekannt und ihre Seelenzahl geſchätzt worden iſt, ſcheint die ganze indianiſche Bevölkerung öſtlich von dem großen Fluß dermalen nicht höher geſtiegen zu ſein als auf 180,000 Seelen. Die Stämme oder Familien, in welche ſie ſich theilen, hatten alle an Phyſiognomie und Sitten große Aehulichkeit, obſchon einige mehr kriegeriſch und grauſam, andere mehr friedlich waren. Die meiſten größeren Stämme lebten ſeit Urzeiten in blutigen Fehden mit einander. Als man die Sprache der Indianerſtämme unter⸗ ſuchte, fand man unter den vielen Stämmen nur acht beſtimmt abgeſonderte Sprachen, wovon fünf noch jetzt von anſehnlichen Stämmen geſprochen werden; drei ſind ausgeſtorben. Die Sprachen der übrigen Stämme ſind Dialekte von den Hauptſprachen. Die Sprachen waren ausgebildet und in ihren Formen beſtimmt; ſie ſind reich an Beſtimmungen und Benennungen einzel⸗ ner Dinge, aber arm an Wörtern für allgemeine Be⸗ griffe. Sie bezeichnen einen Volksgeiſt, der nicht über das Gebiet der Erfahrung in das der Reflexion hin⸗ ausgeht. So z. B. haben ſie Namen für eine Menge verſchiedener Arten von Eichen, aber nicht für das Eichengeſchlecht, nicht für die Eiche; ſie ſprechen von einem heiligen Mann, aber ſie haben kein Wort für Heiligkeit; ſie können unſer Vater, mein, dein Vater ſagen, aber ſie haben kein Wort für der Vater. Nichts in ihrer Sprache deutet auf ein Volk, das eine höhere Kultur gehabt hätte, als die es auch jetzt noch S————— —— — — — c ———————„ ch ni 1⸗ e re ze ß 0 ie W id n n ie 3 45 hat. Sie lieben es, in Symbolen zu ſprechen, die ſämmtlich aus dem Naturreich entnommen ſind; und ihre Schrift und Kunſt ſprechen ebenfalls durch ſolche. Ich habe Büffelhäute voll mit Figuren gezeichnet ge⸗ ſehen, wie Kinder ſie zeichnen würden, um damit Schlachten, Friedensſchläſſe und andere Ereigniſſe zu bezeichnen; Sonne und Mond, Bäume und Berge und Ströme, Fiſche, Vögel und allerlei Thiere kamen mit herein; Männer und Pferde(von abſcheulichen Pro⸗ portionen) ſind jedoch die Hauptakteure. Auch habe ich indianiſche Lieder in ſolchen Hieroglypheu in Bäu⸗ men und Rinden eingeſchrieben geſehen. Der religiöſe Cultus der Indianer hat denſelben naturſymboliſchen Charakter. Er bildet eine leben⸗ dige Hieroglyphenſchrift. Sie kennen keinen Gottes⸗ dienſt im Geiſt und in der Wahrhett oder in Liebes⸗ werken. Aber ſie haben eine Menge religiöſer Feſte (die Minneſota⸗Indianer mehr als zehn), bei welchen ſie der Sonne und dem Mond, Bäumen, Strömen, Steinen, Schlangen, Spinnen, ja ſogar allen Thieren und Dingen opfern, um ſich ihre Geiſter und Götter gewogen zu machen. Das Feſt der Sonne wird bei Tag, das Feſt des Mondes wird bei Nacht gefeiert. Ein beſonderes Feſt iſt für ihre Kriegswaffen, die ſie als heilig betrachten, da ſie glauben, es wohne ihnen eine göttliche Macht in. Bei all dieſen Feſten haben ſie Tänze und Trommeln, ſowie Geſänge und mehrere Ceremonten. Die vornehmſte Handlung bei dieſen Feſten ſcheint jedoch ein Gaſtmahl zu ſein. Und die In⸗ dianer halten es für ihre Pflicht Alles zu eſſen. und ſich da⸗ bei über ihre Kräfte anzuſtrengen. Sie müſſen zuweilen Medicin nehmen, damit ſie hernach von Neuem eſſen kön⸗ nen. Beim Geiſterfeſt muß der Gaſt, der nicht Alles auf⸗ ißt, was ihm vorgelegtwird, miteiner Büffel⸗ oder Biber⸗ haut büßen. Bei dieſen Feſten ſammeln ſie Maſſen von Speiſen beſonders Wildpret. Dazwiſchen hinein hungern ſie. Ihre mediciniſchen Kenntniſſe ſind, abgeſehen von 346 den abergläubiſchen Gebräuchen, nicht zu verachten und beſonders in Bezug auf Heilwurzeln und Natur⸗ kräfte ſind ſie groß. Eine Frau aus Philadelphia, die ſich mehrere Jahre unter den Indianern aufhielt, um ihre Heilmittel kennen zu lernen, richtete bei ihrer Rückkehr mit den Wurzeln derſelben eine Apotheke ein, die in großen Ruf kam und die amerikaniſche Phar⸗ macie mit vielen neuen Heilmitteln bereichert hat. Auch Weiber erhalten unter den Indianern großes Anſehen als Aerztinnen und Traumdeuterinnen. Und die Winnebago⸗Indianer, die am Superiorſee im nordöſtli⸗ chen Minneſota wohnen, haben ſonderbar genug jetzt zwei Königinnen, denen ſie gehorchen, der einen um ihrer Weisheit, der andern um ihres Muthes und ihrer Tapferkeit willen. Sonſt ſind, wie man weiß, die Weiber bei den Indianern nur Dienſtmägde, die alle ſchweren Geſchäfte, ſowohl in als außer dem Hauſe verrichten. Sie bre⸗ chen den Acker um(Erdſtreifen ohne Form und Facon), ſie ſäen und erndten, ſie ſammeln wilden Reis, Beeren, Wurzelu, und machen Zucker vom Saft des Zucker⸗ rohres. Wenn der Mann ein Thier gefällt hat, wirft er es vor ſeiner Frau nieder, welche es dann für die Haushaltung zubereiten muß. „Wie ſind die indianiſchen Weiber in Bezug auf Sitten und Charakter in dieſer Umgegend?“ fragte ich eine Frau in St. Paul, die lange Zeit an Ort und Stelle gelebt hatte. Sie antwortete: „Viele ſind ſittenlos und tangen nicht viel. Aber es ſind unter ihnen auch ſo tugendhafte und gute Per⸗ ſonen wie irgend eine von uns.“ Ich habe auch Beiſpiele anführen hören, welche zeigen, daß die Indianerin ſich zuweilen im Tepee das Herrenrecht herausnimmt, den Mann unter ihren Mo⸗ eaſſin bringt und ihn tüchtig durchprügelt, wenn er ſie erzürnt. Er ſchlägt dann niemals wieder, ſondern c———„———„—— e en 1T⸗ ia, lt, rer n, r⸗ en ie li⸗ tzt im rer en te, re⸗ ), n, er⸗ rft ie uf nd er T⸗ 347 läßt ſich geduldig braun und blau klopfen. Aber er weiß, daß die Reihe auch wieder an ihn kommt, und dann weiß er wohl, wie er ſich rächen muß. Wenn ein Indianer ſtirbt, ſammeln ſich die Wei⸗ ber um die Leiche, klagen, heulen, raufen ſich die Haare aus und zerfleiſchen ſich mit ſpitzigen Steinen. Ein Miſſionär in Minneſota ſah eine junge Indianerin bei der Leiche ihres Bruders ſich aufs Grauſamſte ritzen und zerfleiſchen, während andere Weiber um ſie her Rachelieder gegen den Mörder des Todten ſangen. Der Gott der Rache iſt der Gott der wilden Völker. Die Tugenden der indianiſchen Männer ſind all⸗ gemein bekannt. Ihr Worthalten, ihre Gaſtfreiheit und ihre Gemüthsruhe im Kummer und Schmerz ſind oft geprieſen worden. Dieſe Tugenden ſcheinen mir indeß ihre Hauptwurzel in einem ſtarken Hochmuth zu haben. Die Tugend des Indianers iſt ſelbſtſüchtig. Ihre geprieſene Würde ſcheint mir mehr der Würde des Hahns zu gleichen, als der natürlichen Würde einer edeln männlichen Natur. Bald richten ſie ſich empor, ſtehen und gehen mit Stolz einher. Bald verkriechen ſie ſich und kauern ſich auf dem Boden zuſammen wie Hunde oder Affen. Bald ſprechen ſie mit ſtolzen Wor⸗ ten und Geberden, bald plaudern und plappern ſie wie ein Haufen Elſtern. In ihrem Stolz und Schweigen iſt viel Affectirtheit. Es hat einzelne ſchöne Ausnah⸗ men gegeben, und es gibt ihrer noch immer, wo die Würde und der Seelenadel wahr ſind. Beſonders fin⸗ det man das bei alten Häuptlingen. Aber die Haupt⸗ züge bei den Indianern ſind doch Götzendienſt, Hoch⸗ muth. Grauſamkeit, Rachſucht, ſowie die Erniedrigung des Weibes. Regierung und Beamte haben ſie keine, außer in ihren Häuptlingen und ihren Aerzten. Die erſtern ha⸗ ben geringe Macht und wenig Anſehen, außer durch ihre Perſönlichkeit, und ſcheinen ſehr in Angſt zu leben, 348 daß ſie die Popularität bei ihrem Stamm verlieren möchten. Solcher Art ſind mit wenig Abweichungen die Sitten und Gebräuche bei allen Indianerſtämmen Nord⸗ amerikas, diejenigen ausgenommen, welche das Chri⸗ ſtenthum und die Civiliſation angenommen haben. Man hat über die Herkunft dieſer Völker viel geſchwatzt, gemuthmaßt, gedacht und geſchrieben. Und man ſcheint bei der Anſicht ſtehen geblieben zu ſein, daß ſie von der mongoliſchen Race in dem nördlichen Theil Aſiens ſtammen, weil ſie mit dieſer noch heutigen Tags ſchlagende Aehnlichkeit in Bezug auf ihr Aus⸗ ſehen und ihre Lebensart haben; Aſien und Amerika ſind auch im Norden ſo nah vereinigt, daß eine Fahrt von dem einen Welttheil zu dem andern kein unglaub⸗ liches Unternehmen für kühne Küſtenfahrer zu ſein ſcheint. Die Peruaner in Südamerika, und die edeln Atzeken, die dort eine große, wenn auch nur kurze Ge⸗ walt beſaßen, und deren edelſte Regenten Worte ge⸗ ſprochen haben, ſo weiſe und poeſiereich, wie die des Königs Salomo,— dieſe Indianer und diejenigen, deren verödete Städte neuerdings in Central⸗Amerika entdeckt worden ſind, ſtammten vermuthlich von einer höheren Race, als die Urvölker Nordamerikas, und ihre Ueberbleibſel, ſowie das, was man von ihren Sitten weiß, deuten auf Verwandtſchaft mit Aſiens edelſten Völkerſtämmen. Die Eiferer für die Lehre, daß alle Menſchen von einem einzigen Menſchenpaar ſtammen, welches ſie nach Aſien verſetzen, geben ſich Mühe, alle möglichen Wege für die Auswanderung der verſchiedenen Völker aus dem Mutterland aufzuſuchen. Ich begreife nicht, warum nicht jeder Welttheil ein Mutterland für den Menſchen ſein konnte. Dieſelben Raturkräfte und dieſelbe Schö⸗ pferkraft mußte auf mehr als einem Punkt ein Men⸗ — — — e—„ E die d⸗ ri⸗ iel nd in, en en 18⸗ ka rt b⸗ in ln 349 ſchenpaar hervorbringen können. Und da Gott Vater und die Natur Mutter iſt, ſo müſſen wir in allen Fällen Brüder ſein. Und das adamiſtiſche Paar mag ſich immerhin in allen Fällen als das auserkorene Menſchenpaar betrachten, geſandt, um die jüngern, mehr im Naturleben gefeſſelten Brüderpaare zu unter⸗ richten und zu befreien. Gott gnade uns für die Art und Weiſe, auf welche daſſelbe häufig ſeine Miſſion erfüllt hat!! Aber es iſt in Bezug auf die Indianer Nordame⸗ rikas nicht allein ſein Fehler. Wären dieſe Indianer für eine höhere Kultur empfänglich geweſen, ſo wäre nicht Gewalt und Fauſtrecht gegen ſie ausgeübt worden, und man hätte ſich ihrer nicht bemächtigt, wie es jetzt der Fall war. Aber obſchon es den erſten, glaubens⸗ ſtarken, eifererfüllten Miſſionären gelungen iſt, kleine, treue Schaaren neugetaufter Indianer um ſich zu ver⸗ ſammeln, ſo ſieht man doch deutlich, daß die Macht mehr in ihrer Perſönlichkeit lag, als in der Lehre, welche ſie predigte n. Als ſie fort waren, zerſtreute ſich ihre Schaar. Weiße Männer, zuweilen von ausgezeichneter Per⸗ ſönlichkeit, haben Indianerinnen geheirathet und ſie zu gebildeten Weibern zu machen geſucht. Vergebens. Die Skwah iſt Skwah geblieben; unſauber, mit bu⸗ ſchigem Haar, die Dämmerung der Küche mehr liebend, als das Licht des Salons, das weite Wollfilzgewand mehr als den Schnürleib und das Seidenkleid; eine getreue Gattin, eine zärtliche Mutter iſt ſie im Hauſe und in der Pflege der Ihrigen zuverläſſig geblieben, ſo lang der Mann lebte und die Kinder klein waren. Aber als die Kinder groß waren, und der Mann ſtarb, da iſt ſie aus dem Hauſe verſchwunden. Als die Vögel vom Frühling und Wald ſangen, und die Ströme von neuem Leben brauſten, da iſt ſie zu den Hütten der Ihrigen in den Wald oder an den Fluß 350 zurückgekehrt, und hat bei ihren Feuern Freiheit und Frieden geſucht. Dieß wilde Leben muß ſeine großen Reize haben. Von allen noch lebenden Indianerſtämmen Nord⸗ amerikas ſind die Cherokee⸗ und Choctasſtämme die einzigen, die das Chriſtenthum und die Civiliſation angenommen haben. Als die Europäer zum erſtenmal dieſe Stämme beſuchten, fanden ſie dieſelben in kleinen Dörfern auf den Hochländern in Teneſee, Georgien und Alabama. Sie waren friedfertig und beſchäftigten ſich mit Ackerbau. Später wurden ſie in Gutem und mit Gewalt aus ihrer Heimath vertrieben und erhielten Land weſtlich vom Miſſiſippi in den weſtlichen Theilen des Miſſouriſtaats, und dort ſollen ſie zu einem großen blühenden Staat geworden ſein, der immermehr zunahm und ſich den Sitten und Gebräuchen der europäiſchen Völker immer mehr näherte. Sie haben Ackerbau und Viehzucht, ſie bauen ordentliche Häuſer und haben in der letzten Zeit die Schriftſprache, ſowie Preſſen er⸗ halten. Ich habe unter meinen amerikaniſchen Kurio⸗ ſitäten eine in der Cherokee⸗Sprache gedruckte Cherokee⸗ Zeitung. Die wilden Indianer, die ſich noch wie früher hauptſächlich von Jagd und Fiſchfang ernähren, wer⸗ den jedoch immer mehr ausgerottet, theils durch ihre Kriege, theils durch die anſteckenden Pocken und den Branntwein, der ihnen, mit ſchädlich erhitzenden Stof⸗ fen verſetzt, von weißen Handelsleuten zugebracht wird. Die amerikaniſche Regierung hat ſtrenge Verbote gegen den Verkauf geiſtiger Getränke an die Indianer er⸗ laſſen; aber dieſe Leute ſind ſo begehrlich nach berau⸗ ſchenden Getränken, und gemeine, geldgierige Seelen finden ſich überall, ſo daß das Verbot wenig nützt. Starke Getränke werden nebſt andern Handelswaaren bei den Indianern in dieſen Gegenden eingeſchmuggelt. Die amerikaniſche Regierung kauft von den Indianern ind en. rd⸗ die on nal en ien ten nd ten len en hm en nd er⸗ o⸗ e⸗ er er⸗ re en of⸗ de en T⸗ U⸗ en en t. 351 Land, und für dieß Geld, das dafür unter ſie vertheilt wird, kaufen ſie hinwiederum„Feuerwaſſer“ nebſt Le⸗ bensmitteln, die ſie unvernünftig theuer bezahlen müſ⸗ ſen. Dadurch verarmen ſie allmählig und fallen dem Hunger und der Noth anheim. So ſinken ſie immer mehr an moraliſcher und phyſiſcher Kraft, und gegen die vergiftende Berührung mit der weißen Race haben ihre Aerzte kein Heilmittel und keine Zauberkunſt. Edle Männer unter den Indianern haben ſtarke und bittre Worte gegen die Weißen und gegen die Nachgiebigkeit ihres Volks ihnen gegenüber geſprochen. „Wenn der große Geiſt,“ ſagte ein Sioux⸗Häupt⸗ ling zu chriſtlichen Miſſionären,„eure Religion für die rothen Männer beſtimmt hätte, ſo hätte er ſie ihnen gegeben. Wir verſtehen nicht was Ihr zu uns ſagt, und das Licht, das Ihr uns geben wollt, verdunkelt den hellen geraden Weg, den unſere Väter gegangen ſind.“ Als er ſtarb, ſagte er zu ſeinem Volk:„Grabt ſelbſt mein Grab und laßt den weißen Mann mich nicht da verfolgen.“ Ach! Ueber ſeinem Grabe geht dieſer im Namen des Lichts und der Kultur vorwärts, und das Däm⸗ merungsvolk weicht zurück, allmählig abſterbend, in den Schatten der Wildniß und der Felsgebirge. Es kann nicht anders ſein. Und ſo viel Intereſſe ich auch für gewiſſe hochſin— nige Charaktere unter Männern dieſes Volks empfinde, ſo kann ich unmöglich langes Leben einem Volke wün⸗ ſchen, das die Grauſamkeit unter ſeine Tugenden zählt und den Schwachen zum Laſtthier macht. Das Volk, das ſie verdrängt und ihre Erde ein⸗ nimmt, iſt, mit wie viel Fehlern es auch behaftet ſein mag, ein edleres und menſchlicheres Volk. Es hat ein höheres Bewußtſein von Gutem und Böſem. Es trach⸗ tet nach der Vollkommenheit. Es will die Waffen der 352 Barbarei wegwerfen und auf der neuen Erde keine andere bleibende Feſtung gründen, als die Kirche Chriſti, kein anderes Banner aufpflanzen, als das Banner des Friedensfürſten. Es hat in ſpäteren Zeiten beſonders auch in ſeinem Verfahren gegen die Indianer bewieſen, daß es ihm dabei Ernſt iſt. Die Indianer wie die Grönländer ſehen, während ſie die weiße Race fürchten, mit ſtolzer Verachtung auf ſie herab, und ihre Sage, wie es bei der Schöpfung der Völker zugegangen ſei, beweiſt recht naiv ihre An⸗ 36 von dem Verhältniß zwiſchen den verſchiedenen acen. „Der erſte Menſch, den Manitu buck,“ ſagen ſie, „wurde im Ofen zu wenig gebacken. Er wurde wetß. Der folgende wurde zu viel gebacken; er wurde ſchwarz. Manitu nahm ſich das drittemal beim Backen beſſer in Acht, und der dritte Menſch wurde gerade recht ge— backen und kam rothbraun aus dem Ofen. Das iſt der Indianer.“ Die europäiſchen Gelehrten theilen die drei vor⸗ nehmſten Völkerracen auf Erden in Tagvölker(die Weißen), Nachtvölker(Neger) und Dämmerungsvölker (Indianer) in den öſtlichen und weſtlichen Welttheilen. Was dieſe Nachtvölker von ſich und den andern Völkern ſagen, weiß ich nicht. Aber es ſcheint mir ge⸗ wiß, daß ſie in ihrer Fähigkeit zu geiſtiger Entwick⸗ lung den Tagvölkern näher ſtehen als die Dämme⸗ rungsvölker, daß ſie eine größere Zukunft haben, als die letzteren, und weniger Eigenliebe als beide. Fort Snelling liegt auf dem weſtlichen Ufer des Miſſiſippi bei dem Auslauf des St. Peter in dieſen Fluß, und man hat von da aus eine herrliche Ausſicht auf den breiten St. Peters⸗Fluß(von den Indianern Minneſota genannt) und das breite Thal, durch wel⸗ ches er kommt. Weiter hinauf geht er durch das Hoch⸗ land mit großartigen Scenerieen eine Strecke von ine ſti, des ers en, end auf ing An⸗ nen ſie, ß. rz. ſſer ge⸗ iſt or⸗ die ker en. ern ge⸗ ick⸗ ne⸗ als des ſen icht ern el⸗ ch⸗ on 353 509 Meilen weſtlich ins Land hinein.„Es unterliegt keinem Zweifel,“ ſagt ein junger Amerikaner in ſeiner Reiſebeſchreibung über Minneſota,„daß hier(an den Ufern des St. Peter) die Ariſtokratie des Landes ihre Reſidenz nehmen wird.“ Ein weit vorausſehender Blick, könnte man den⸗ ken. Aber die Sachen gehen hier zu Land ſchnell vor ſich. Auf dem Weg zum Fort Suelling beſuchten wir einen Waſſerfall, genannt„der kleine Fall“. Er war klein, aber ſo unendlich ſchön und pittoresk, daß er ſein eigenes Gemälde, ſeine eigenen Geſänge und ſeine eigene Sage verdient. Der weißeſte Waſſerſchaum, der ſchwärzeſte Fels, der graziöſeſte, zugleich wilde und weiche Fall. Kleine Dinge werden groß durch ihre Vollkommenheit. Später. Heute habe ich mit dem freundlichen jungen Prie⸗ ſter die ſogenannte„Fountain Cave“ ein Stück außer⸗ halb der Stadt beſucht. Es iſt eine unterirdiſche Halle mit vielen Gängen und Sälen, vermuthlich denjenigen in der berühmten Mammouth⸗Höhle in Kentucky ähnlich; und es ſollen ſich mehrere ſolche unterirdiſche Paläſte in Minneſota befinden, obſchon ſie noch nicht unterſucht worden ſind. Dieſe Grotte iſt auch noch nicht tief er⸗ forſcht worden. Ich begnügte mich damit, unter ihren prächtigen gewölbten Säulenhallen zu ſitzen, von ihren kryſtallhellen Quellen zu trinken und dem Geſang des fallenden Waſſers weit im Innern der Grotte zu lau⸗ ſchen. Man kommt dahin durch eine abſchüſſige tiefe Verſenkung in der Erde, die einer Rieſengrube gleicht. Unten ſieht man ſich von hohen, abſchüſſigen Sand⸗ ſteinmauern umgeben, und in einer von dieſen öffnet Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 23 Grenze ſchiffbar iſt und Ufer von Felsbergen hat, 354 ſich eine Rieſenthüre mit dunklem Hintergrund. Rund⸗ um in den abſchüſſigen Mauern waren unzählige kleine, runde Löcher, wo kleine Vögel ihre Neſter hatten. Wir gingen durch ſchönes Wieſenland am Miſſi⸗ ſippi entlang nach der Grotte. Das Gras ſtand hoch und gelb. Die Luft war warm wie an einem Som⸗ mertag. Es war ein„indianiſcher Sommer“. Die Gegend ſah ſo freundlich, ſo fruchtbar, ſo einladend aus. Wir begegneten auch einer Hirtin, die mit Milch⸗ eimern kam. Sie war ſchön, hatte aber künſtliche Locken und ſah nicht recht aus, wie die Hirtinnen ei⸗ ner wahren Idylle ausſehen ſollten. Aber dieſes Minneſota iſt ein herrliches Land, und recht ein Land für ein„Neu⸗Skandinavien“. Es iſt viermal ſo groß als England. Es hat den reich⸗ ſten Erdboden, große Waldungen, eine Menge fiſchreiche Flüſſe und Seen und ein friſches, ſtärkendes Klima. Der Winter iſt kalt und rein, der Sommer nicht heiß, wie in den niedriger gelegenen Miſſiſippiſtaaten. Die Kälte tritt ſelten vor der Mitte Septembers ein. Der Itaskaſee, die Wiege des Miſſiſippi, liegt 1575 Fuß über dem mexikaniſchen Meerbuſen, und das Hochland, das im Halbkreis den Itaska im Norden umgibt, die gigantiſche Terraſſe„Hauteur des terres“, wo die Quel⸗ len der mächtigen Flüſſe Miſſiſippi, St. Louis, St. Lorenzo, des Rothen Fluſſes u. ſ. w. entſpringen, liegt noch ein paar hundert Fuß höher. Ganz Min⸗ neſota iſt ein Hochland. Minneſota grenzt im Oſten an den Superiorſee, Amerikas Mittelmeer, und ſteht durch dieſen mit den öſtlichen Staaten, mit dem St. Lorenzo dem Hudſon und dem atlantiſchen Meer in Verbindung. Es hat in ſeinem Norden Canada, im Weſten den wilden Miſſouri, der beinahe auf der ganzen nd⸗ lige ſter iſſi⸗ och om⸗ Die en iche ei⸗ ind, Es iche ma. eiß, Die Der Fuß nd, die uel⸗ St. gen, tin⸗ ſten teht St. in im tzen hat, 355 reich an Metall und koſtbaren Steinarten, ſowie Prä⸗ rien, wo wilde Büffelherden, Elenthiere und Antilopen waiden. Auf der andern Seite des Miſſouri iſt das myſtiſch indianiſche Nebraska, jenſeits davon die Fels⸗ berge, zum größern Theil noch unbekannte Größen, jenſeits dieſer der Oregon, ein ungeheures Territorium mit unerſchöpflichen Mitteln an Produkten des Natur⸗ reichs, große Thäler, große Flüſſe, der Columbus, der Oregon, mit dem Auslauf ins ſtille Meer, Flüſſe, in deren Waſſerfällen der Lachs ſchaarenweiſe herum⸗ hüpft, wie in den reißenden Strömen Norwegens und Schwedens. Im Süden hat Minneſota das fruchtbare Jowa, einen jungen Staat mit ſchönen Flüſſen, dem Jowa⸗, Ceder des Moines⸗ und Vermillion-Fluß, mit breiten Thälern und reichen Waiden. Und im Herzen ſeines Landes hat Minneſota den Miſſiſippi, dieſe große Lebensader, die man da zur Welt kommen ſieht, und auf deren Wellen es alle Produkte des Nordens dem Süden zuführen, und alle Produkte des Südens für ſich holen kann. Welch ein herrliches Neu⸗Skandinavien könnte nicht Minneſota werden! Hier würden die Schweden ihre hellen, romantiſchen Seen, Schwedens kornreiche Gefilde und Nordlands Thäler wiederfinden; hier die Norweger ihre reißenden Ströme, ihre hohen Berge— denn ich nehme die Felsgebirge und den Oregon mit in das neue Reich; beide Völker ihre Jagdreviere und ihre Fiſchereien. Die Dänen würden auf reicheren Küſten und mit weniger Nebel als in Dänemark ihre Herden waiden und ihre Farms bebauen. Die Felsgebirge ſind der neue Seveberg mit mythologiſchen Ungeheuern, Rieſen und Zauberſpuck genug, um dem mythologiſchen Sinne und der Streitluſt Nahrung zu geben. Die Götter müſſen hier noch kämpfen mit Rimthuſſen und b 356 Rieſen, Balder mit Loke, einen neuen Kampf, wo Balder ſiegen und die Midgardsſchlange im ſtillen Meer ſtill werden müßte— wenigſtens in Ragnarok. Walhallas Frende könnte auch nicht fehlen in dieſem neuen Weinland, auf Miſſiſippis rebengekrönten Inſeln, und der große göttliche Eber Sehrimmer hat wohl nirgends ſo zahlreiche Abkömmlinge, wie in der neuen Welt. Aber die Skandinavier würden bei den heid⸗ niſchen Schmauſereien nicht ſtehen bleiben. Sie wür⸗ den edlere Frenden ſuchen. Im Ernſt geſprochen: Skandinavier, die ſich im alten Lande wohlbefinden, ſollten es nicht verlaſſen. Aber diejenigen, denen es daheim zu enge wird und die auswandern wollen, die ſollen nach Minneſota kom⸗ men. Das Klima, die Lage, die Ratur hier paſſen für unſer Volk beſſer als in irgend einem der andern amerikaniſchen Staaten, und keiner von dieſen ſcheint mir eine größere und ſchönere Zukunft haben zu kön⸗ nen als Minneſota. Dazu kommt, daß das ſchöne Erdreich in Minne⸗ ſota noch nicht von Spekulanten aufgekauft iſt, ſondern allgemein zum„Regierungspreis,“ 1. Dollar der Morgen, zu haben iſt. Ich habe mir ſagen laſſen, der norwegiſche Paſtor in Luthersthal, Clauſen, wolle mit einer Abtheilung Norweger heraufkommen um eine Niederlaſſung zu gründen. Gut. Bereits ſind mehrere Norweger und Dänen hier. Ich habe mit einem däni⸗ ſchen Kaufman, der hier anſäßig iſt, Bekanntſchaft ge⸗ macht; er iſt in einigen Jahren durch Fellhandel mit den Indianern ein reicher Mann geworden und baut ſich jetzt ein großes, ſchönes Landhaus in einiger Ent⸗ fernung von der Stadt. Seine Frau iſt die Tochter einer Indianerin und eines Weißen, hat indianiſch dunkle Augen und Züge ungefähr wie das Federwolken⸗ weib, im Uebrigen aber iſt ſie ſo gebildet, wie die an⸗ — — —= wo llen rok. ſem eln, vohl uen eid⸗ vür⸗ im ſſen. und om⸗ iſſen dern eint kön⸗ nne⸗ dern der der volle eine hrere äni⸗ ge⸗ mit baut Ent⸗ chter niſch lken⸗ an⸗ —— —˖˖.—— —,— 357 muthsvollſte weiße Frau.*) Ich verſprach dem freund⸗ lichen Dänen, der mitten unter den Amerikanern charak⸗ teriſtiſch däniſch geblieben iſt, daß ich, wenn ich auf meiner Heimreiſe nach Kopenhagen komme, ſeine alte Mutter beſuchen und von ihm grüßen wolle. Bei Gonverneur Ramſay iſt eine junge Norwe⸗ gerin als Köchin. Sie iſt erſt zwanzig Jahre alt, iſt ſelbſt für ganz fimple Speiſen nicht übermäßig geſchickt, und bekommt gleichwohl elf Dollars monatlich als Lohn. Das iſt ein gutes Land für junge Dienſtboten. Morgen werde ich von hier abreiſen, den Miſſi⸗ ſippi hinab und nach Galena, von da weiter nach Saint⸗Louis, ſodann den Ohio⸗Fluß hinauf nach Cin⸗ cinnati; von da nach New⸗Orleans, und hierauf aus einer der ſüdlichen Hafenſtädte nach Cuba, wo ich den Winter zu verbringen gedenke. Es iſt mir nicht recht wohl zu Muth bei. dem Ge⸗ danken, daß ich ſo bald von hier abreiſen ſoll. Ich möchte mehr von den Indianern und ihrem Leben ſehen, und ich habe eine Empfindung ungefähr wie ein Hung⸗ riger, wenn er genöthigt iſt aufzuſtehen und eine kanm begonnene Mahlzeit zu verlaſſen. Ich möchte mehr von dem Land und den Ureinwohnern ſehen, aber ich ſehe nicht recht, wie und auf welche Art. Wege und Reiſemittel ſind hier nicht vorhanden wie in den cultivirten Staa⸗ ten, und ich will nicht länger in dieſem Hauſe bleiben, wo man mir gaſtfreundlich ein Zimmer gegeben hat, indem man den einzigen Sohn des Hauſes(einen ſchö⸗ *) Kinder von Indianerinnen und weißen Männern ſchließen ſich gewöhnlich der weißen Race an. Sie ſinden oft recht gute Menſchen⸗Eremplare, ſcheinen aber doch keine eigentlich vere elte Art zu ſein. Man rühmt ihre Angen und ihre Geiſtesgegenwart, und ich habe ſagen hören, die meiſten Unterſteuermänner auf den Miſſi⸗ ſippibooten gehören dieſer Halbblut⸗Race an. nen, kleinen Baby) nebſt ſeiner Wärterin in ein kaltes Zimmer verwies. Das Kind muß wieder in das warme Zimmer kommen, denn die Nächte werden kalt. Ich ſehne mich nach dem Süden und fürchte die kalten Nächte am Miſſiſippi; nach einer andern, mir freund⸗ lich geöffneten Heimath, einige Meilen von hier, iſt mir der Weg zu lang und zu beſchwerlich, und die in⸗ nere Stimme gibt mir keine Aufklärung. Ich reiſe alſo, aber ich habe eine Ahnung, daß ich es bereuen werde. Von meiner ſchönen, freundlichen und guten Wir⸗ thin trenne ich mich mit Leidweſen. Ich bringe ein paar indianiſche Moccaſins für Deine Füßchen mit, auch ein paar für Charlotte und einen Glockenzug(in⸗ dianiſche Arbeit) für Mama. Die Handarbeiten der Indianerinnen ſind zierlich, obſchon es ihnen an Ge⸗ ſchmack fehlt und ſie ſich⸗ über alle Regeln der Zeich⸗ nung hinwegſetzen. Rothe und helle Farben herrſchen in ihren Stickereien vor, wie auch in den Hochzeitklei⸗ dern des Volks. Die rothe Farbe ſcheint allen Natur⸗ kindern lieb zu ſein. Von dem jungen presbyterianiſchen Miſſionär da⸗ hier habe ich über das Verhältniß des Miſſionswerks zu den Indianern einige Aufſchlüſſe erhalten, die mich ihre Oppoſition in einem heiterern Lichte erblicken laſ⸗ ſen, als bisher. Seitdem die Sprachen der vornehmſten Stämme ſtudirt und die Evangelien darein überſetzt worden ſind, hat das Chriſtenthum einen bedeutenden Eingang bei dieſen wilden Völkern gewonnen, und im tes me Ich ten nd⸗ iſt in⸗ eiſe uen ir⸗ ein mit, (in⸗ der Ge⸗ ich⸗ chen lei⸗ tur⸗ erks nich laſ⸗ ſten ſetzt tden im 359 letzten Jahr iſt der Fortſchritt des Miſſionswerks gewaltig geſtiegen. Als im Jahr 1828 das kirchliche Leben einen neuen Aufſchwung nahm, und das Miſſionswerk eine neue Organiſation erhielt, fanden ſich unter den Indianern nur einunddreißig Miſſionäre mit einem Einkom⸗ men von 2400 Dollars zur Betreibung des Unterwei⸗ ſungsgeſchäfts. Jetzt, im Jahr 1850 gibt es unter den Indianern 570 Riſſionäre(mehr als die Hälfte davon ſind Frauen⸗ zimmer) mit einem jährlichen Einkommen von 79,000 Dollars; und an dieſe Miſſionäre ſchließen ſich ein paar hundert Prediger und Helfer aus den Eingebor⸗ nen ſelbſt an. Tauſend Kirchen von allen chriſtli⸗ chen Confeſſionen ſind erbaut worden, und die Zahl der chriſtlichen Bekenner unter den Indianerſtämmen beläuft ſich jetzt auf 40,537. Auch eine Menge Schu⸗ len ſind erſtanden und eine Menge erſtehen täglich, um die indianiſchen Kinder im Leſen, Schreiben und Rech⸗ nen, ſowie in Handarbeiten zu unterweiſen. Die Wei⸗ ber zeigen ſich in letzteren ſehr lernbegierig. Die Jun⸗ gen lernen das Leſen und Schreiben leichter als die Mädchen; doch ſoll es ſehr ſchwer ſein, ſie an Ord⸗ nung und Pünktlichkeit zu gewöhnen. Erſt nach der religiöſen Bekehrung iſt es möglich, den Indianern ſittliche und materielle Kultur beizubringen. Vorher wollen ſie Richts lernen. Die Zahl der Schulen be⸗ läuft ſich bereits auf 4— 500, und die Anzahl der Schüler, Knaben und Mädchen, auf mehr als 3000. Seminarien für Jungen und Seminarien für Mädchen ſind ebenfalls errichet worden. Druckerpreſſen ſind ein⸗ geführt worden und Druckſchriften in dreißig verſchie⸗ denen Sprachen. Der Miſſionär in Kapoſia, Mr. Willjamſon, betrachtet die Unwiſſenheit der Indiauer als das größte Hinderniß für ihre Kultur. Die Wei⸗ ber ſind für das religiöſe Licht am zugänglichſten. 360 Die Männer, beſonders der kriegeriſchen Völker, ſo z. B. des Sioux⸗Stammes ſind ſchwerer zu gewinnen, und wollen nichts von einer Lehre wiſſen, die in ſchar⸗ fem Gegenſatz zu demjenigen ſteht, was ihre heidniſche Tugend und Glückſeligkeit ausmacht. Und noch haben die Miſſionäre bei den Sionx wenig ausgerichtet, und noch ſind ſie gar nicht bis zu den wilden Stämmen zwiſchen Minneſota und den Felsgebirgen gedrungen. Aber ſie werden nicht lange zögern, auch dahin zu dringen. Aus dem jährlichen Bericht der„Presbyterianiſch⸗ Amerikaniſchen Miſſionsgeſellſchaft“ im Jahr 1850, woraus ich mehrere dieſer Angaben geſchöpft habe, ſchreibe ich noch folgende Worte ab: „Wie lang ſoll es noch anſtehen, bis wir auf den Ufern des ſtillen Meeres eine Synode errichten?“ „Schon ſind unſere Miſſionäre über alle Verei⸗ nigte Staaten öſtlich vom Miſſiſippi mit Ausnah⸗ me eines kleinen Theils im Nordoſten zerſtreut. Sie ſind über dieſe Flüſſe gegangen und haben ange⸗ fangen, mit Eifer das ungeheure Land weſtlich davon, vom mexikaniſchen Meerbuſen bis zu den britiſchen Kolonieen im Norden zu erfüllen. Nein, noch mehr. Sie ſind über das ganze Feſtland hingewandelt und haben in der weſtlichen neuen Welt Gottes Reich zu be⸗ begonnen. Welcher Art iſt endlich unſer Erfolg? ie Spitzen unſerer Kirchen längs der atlantiſchen Küſte werden von dem Licht der Morgenſonne beleuchtet. Ueber das Land hin ſchreitend lanſche ich ihnen den ganzen Tag hindurch. Und wenn ſie zur Ruhe hinab⸗ ſinkt, verweilt ihr letzter himmliſcher Strahl noch auf ihnen, da wo ſie ſich am Ufer des ſtillen Meeres er⸗ heben.“ „Ja, wir haben mit Gottes Beiſtand etwas ge⸗ than; aber wir haben noch unendlich mehr zu thun, um das Maaß unſerer Pflicht zu erfüllen.“ ſo n, ⸗ he en nd en n. in h⸗ 0, e, en ei⸗ h⸗ t. e⸗ n, en nd e⸗ ſte t. en * uf 1* e⸗ 361 Das iſt ſo ein kleiner Leckerbiſſen vom Werk und der Bereitwilligkeit des Weſtens. So iſt alſo von den rothen Männern bereits eine kleine Schaar auf Erden in das Reich Chriſti gekom⸗ men. Und wenn auch von dieſen 40,000, die ſich öffentlich zur chriſtlichen Kirche bekennen, nur 10,000, ja auch nur tauſend aufrichtige Chriſten ſind, ſo iſt es genug für eine unendliche Zukunft. In den glück⸗ ſeligen Ländern, wo die rothen Kinder Gottes einmal jenſeits der dunkeln Tiefe landen werden, werden ſie befreiend auf ihre Brüder, das Volk der Dämmerung, das im Reich der Schatten geblieben iſt, einwirken. Das Reich des Erlöſers und das Werk der Er⸗ löſung beſchränkt ſich nicht auf dieſen kleinen Raum und dieſe kurze Zeit. Ihre Zeit und ihre Räume ſind ewig wie— Gottes Herz. Ich weiß, daß die Miſſionäre hier eine andere Lehre pkedigen. Und es iſt mir unbegreiflich, wie ſie dabei Erfolge gewinnen können, unbegreiflich, wie ſie ſelbſt dabei Ruhe finden können. Aber einiges Licht, ſtärker, mächtiger als ihre beſchränkte Lehre, muß mit Chriſti Worten zum Herzen eines Heiden gelangen und es zu ſeinem Kreuz und ſeiner Krone herüber⸗ ziehen von den Jagdrevieren der Erde und den wil⸗ den Tänzen nach ſeinem Himmel. Ich kann es nicht anders begreifen. Es iſt Abend und ſtarke Feuerſcheine beleuchten (wie alle Abende, ſeitdem ich hieher gekommen bin) den weſtlichen Himmel. Es iſt eines von den Prärien⸗ feuern des Indianer, welche ſie anzünden, damit das Wildpret ſich auf dieſem Punkt anſammeln ſoll(denn es iſt jetzt ihre Jagdzeit). Auf dieſe Art erlegen ſie eine Menge Thiere, tödten aber zu gleicher Zeit auch die Jagd, und fallen dadurch immer mehr der Noth oder der Wildniß weiter weg im Weſten anheim. Aber es glänzt im Weſten, und alle Heiligen, 362 Sct. Peter, Sct. Paul, Sct. Charles(eine Nie⸗ derlaſſung weiter oben), Sct. Anton(der auch eine Stadt zu bauen begonnen hat), die ſich im nördlichen Miſſiſippi niedergelaſſen haben und jetzt von den Feuern der Indianer beleuchtet werden, werden der Wildniß das Licht der Morgenſonne und des neuen Lebens wiedergeben. Es leuchtet im Weſten von den brennenden Prä⸗ rien, von der wilden Jagd. Ich liebe dieſen Schein, denn er hat einen pvetiſchen Glanz; er beleuchtet den Mond⸗Tanz und die indianiſchen Rathsverſammlungen und das Geiſterfeſt. Aber... es iſt doch mehr Schein als Licht. Wenn Wohnungen, ſolche wie Andrew Downings und Markus Springs, ſowie die beinah ſchwediſche Wohnung meiner guten Mrs. Howland auf den Höhen des Miſſiſippi und Sct. Peter ſtehen; wenn die Kirch⸗ thurmſpitzen glänzen und der Skalpiertanz nicht mehr getanzt wird; wenn Stimmen wie die von Channing und Emerſou, Beecher und Bellow, ſich in den Raths⸗ verſammlungen erheben, und auch Lucretia Mott allda für Freiheit, Frieden und Weiberrechte ſprechen kann; wenn der chriſtliche Indianerſtaat Nebraska friedſam neben Minneſota ſteht, dann— das heißt in etwa hundert Jahren— dann möchte ich nach Minneſota zurückkehren und ein neues Geiſterfeſt feiern; und ich werde im Geiſt dahin zurückkehren. n en m Achtundzwanzigſter Brief. Auf dem Miſſiſippi den 25. Oktober 1850. Hinunter geht es jetzt auf dem großen Fluß, dem Vater der Flüſſe, zwiſchen indianiſchen Lagern, Feuern und Booten. Die Indianer, die an den Ufern ſtehen oder auch herumſpringen und ſchreien oder vielmehr bellen, die Grabplätze auf den Höhen, zwiſchen reben⸗ geſchmückten Inſeln und indianiſchen Kähnen, die da⸗ neben herumrudern— alle dieſe fremden wunderlichen Scenen möchte ich feſthalten können. Aber wir rau⸗ ſchen an ihnen vorbei nach dem Süden zu. Wir ver⸗ laſſen die poetiſche Wildniß, die Kindheitsgegend des Miſſiſippi und fahren nach den Regionen der Civiliſa⸗ tion. Das Wetter iſt mild, Sonne und Schatten ſpie⸗ k zwiſchen den Bergen— ein poetiſches, romantiſches Leben! Den 25. Oktober. Sonnenhell, aber kalt. Die Indianer ſind ver⸗ ſchwunden. Wir ſind an der Prairie du chien, an dem rothen indianiſchen Götzenſtein, dem indianiſchen Grab unter herbſtgelbem Baume vorbeigefahren. Die Höhen glänzen goldbraun und freundlich. Ruinen und Pyra⸗ miden ragen düſter herrlich hervor aus den glänzenden Wäldern. Bei jeder Wendung des Fluſſes neue über⸗ raſchende Ausſichten. Ich betrachte ſie, leſe Emerſons Verſuche und lebe feſtlich. Wir nähern uns den be⸗ ginnenden Städten am Jowas⸗Ufer, Gottenburg(ver⸗ muthlich einer Abkömmlingin unſeres Gothenburg) und Dubuque. 564 Den 27. Oktober. Wiederum in Galena unter den Bleigruben auf ein Paar Tage. Es iſt Sonntag und ich komme aus der Kirche, wo ich einen jungen pres byteriauiſchen Geiſtlichen, Mr. Magvoun, gehört habe. Er iſt ein ächter Jünger des großen Weſtens! Keine engherzigen kirchlichen Anſichten. Nein, ein kirchliches Bewußtſein, ſo weit wie die Prairien des Weſtens, ſo groß wie das Himmelsgewölbe über ihnen, und Platz für alle friſche Winde in der Luft. Das Verhältniß des Culturlebens zur Religion war das Thema des jungen Prieſters. Die Wichtigkeit einer wahren Philoſophie in der Religionslehre zum beſſeren Verſtändniß und zu beſſe⸗ rer Entwicklung derſelben: Die Wichtigkeit der Entwicklung des materiellen Lebens zur Förderung der Aufklärung des geiſtigen Lebens: Gottes leitende Hand im Emporkommen deſſelben in der Geſellſchaft— das Alles wurde mit Leben und Wärme auseinandergeſetzt. Hiob hatte geſagt:„Er ſpricht zum Blitz: fahre hin! und er fährt hin!“ Der elektriſche Telegraph iſt der Blitz von Gottes Finger, geleitet zum Dienſte der Menſchen. Die Philoſophie iſt Gottes Finger in der Ver⸗ nunft, ſie erleuchtet das Dunkel in der Vernunft und in der Schrift. Es iſt jetzt die Zeit, wo eine metaphyſiſche Diſtink⸗ tion eine Seele erlöſen kann. Endlich: die Vereinigung des höchſten Lebens des Kopfes und Herzens in allen Sphären des Lebens, in der tauſendjährigen Kirche wirkend und ſie verklärend. —„—„———— 365 Dieß waren die Hauptmomente in der Predigt des jungen Geiſtlichen. Ein warmes gehaltvolles Gebet in der Bitte: Zu uns komme Dein Reich! vollendete den Vortrag, einen der freiſinnigſten, umfaſſendſten, friſcheſten und erfri⸗ ſchendſten, die ich je in irgend einem Lande von der Kanzel herab gehört habe. Die Polemik gegen den Katholicismus war der einzige unweſtliche Zug in derſelben. Denn es ſteht dem großen Weſten zu und es iſt eine Eigenthümlich⸗ keit deſſelben, daß er keine Form von dem göttlichen Leben ausſchließt. Und was ſind wohl alle chriſtlichen kirchlichen Geſellſchaften anders als verſchiedene Bänke in derſelben Kirche, verſchiedene Familien in derſelben Verwandtſchaftsgruppe? Die alte Pilgerkirche ſcheint mir diejenige zu ſein, die auf dem Boden der nenen Welt jetzt das meiſte inwohnende Leben entwickelt, heranwächst, ſich erwei⸗ tert, um das ganze irdiſche Leben zu umfaſſen und es für Gottes Reich zu taufen. Den 29. Oktober. Ich habe mich im American⸗Hotel recht angenehm eingerichtet und will um der wenigen Tage willen, die ich hier zu verweilen habe, die freundliche Einladung, die mir aus einem ſchönen Privathaus zugekommen iſt, nicht annehmen. Ich habe hier ein artiges irländiſches Mägdlein, Namens Margareth, und bekomme Alles ſo, wie ich es wünſche, darunter Kartoffel des Morgens, Mittags und Abends und zwar ebenſogut wie die un⸗ ſern in Arſta. Ich erlabe mich in dieſen ſchönen Tagen an meiner Freiheit und an einſamen Wanderungen auf den pittoresken Höhen der Umgegend. Geſtern führte mich der freiſinnige junge Geiſt⸗ liche, Mr. Magoun, nebſt einer Freundin zu Wagen 366 auf eine Anhöhe(Pilotenkopf heißt ſie, glaube ich) am Miſſifippi, um von da aus den Sonnenuntergang zu betrachten. Als wir ankamen, kletterten wir zwiſchen Gebüſchen, Dickicht und Steinen beſchwerlich genug hinan, wurden jedoch, auf dem Gipfel angelangt, mit einer jener großen Meer⸗Ausſichten belohnt, wie nur der große Weſten ſie darbietet. Und durch das unend⸗ liche wogende Feld ging der Miſſiſippi gleich einer Silberader weit, weit hinaus in der unermeßlichen Ferne; und über Land und Fluß ruhte der Schleier des indianiſchen Sommers und der unausſprechlich milde Friede des indianiſchen Sommers. Die Sonne war ſo eben untergegangen, aber ein Roſenſchein ruhte wie ein heitrer Segen über der großen fruchtbaren Gegend. Es war unbeſchreiblich groß und lieblich. Ich dachte daran, wie es mir im vorigen Jahr um dieſe Zeit in New⸗York zu Muthe war, wie es ſpäter in Boſton dunkel vor meinen Augen wurde und wie ich mir damals die Frage ſtellte: Werde ich's wohl durchführen können? Und jetzt ſtand ich munter und friſch auf den Höhen am Miſſiſippi, den großen Weſten offen vor mir mit einer reichen Zukunft und der gan⸗ zen Welt im heitern Lichte. Ich dankte Gott. Auf dem Rückweg nach Galena zerbrach unſer Wagen. Der junge Prieſter ſprang herab, zog Stricke und Meſſer heraus und begann zu arbeiten, indem er freundlich ſagte: „Sie müſſen wiſſen, Miß B., daß die Wagen⸗ macherei hier im Weſten zu unſerer Theologie gehört.“ Die Auswanderer nach dem Weſten müſſen bis auf einen gewiſſen Grad das Leben der erſten Pilger⸗ väter in Bezug auf Mühen und Entſagungen durch⸗ machen. Und ſie bedürfen auch, wenn es ihnen gelin⸗ gen ſoll, den Muth und die Beharrlichkeit der Pilger. Aber man geht jetzt ſchneller durch die Grade als früher. Die ſchönen amerikaniſchen Hänſer mit Veran⸗ m u 8 it 11 3 er e e en hr es d nd en n⸗ ſer cke n⸗ is er⸗ ch⸗ n⸗ er. s n⸗ 367 das, Bäumen und Gärten, die ſich in den Höhen um den Fevefluß zu erheben beginnen, beweiſen es. Das gute Haus, die Kirche, das Werk der chriſtlichen Liebe thun dem Boden und Leben des Heidenthums, ich meine jetzt nicht der Indianer, ſondern der weißen Be⸗ völkerung, immer mehr Eintrag. Hente werde ich an Bord des guten Dampfbootes Minneſota gehen, um den Miſſiſippi hinab nach Saint⸗ Louis zu fahren. Vielleicht halte ich mich unterwegs in der Stadt Rock⸗Island auf, um die ſchwediſche (Erie Janſon'ſche) Niederlaſſung in Biskops Hill einige Meilen von der Stadt zu beſuchen. Zu den angenehmen Erinnerungen an meinen Aufenthalt in Galena gehört, daß ein Bankier Mr. H. mir ſo viel Wohlwollen, eine ſo brüderliche oder väter⸗ liche Güte und Umſorge gewidmet hat, daß ich an ihn und ſeine Stadt ſtets mit dankbarem Gemüth denken werde. Die Zeitungen im Weſten machen ſich luſtig über die wahrhaft verrückte Art, wie Jenny Lind in New⸗ York empfangen wurde. In einem Zeitungsartikel las ich neulich:„Unſer Correſpondent iſt ſo glücklich ge⸗ weſen, Jenny Lind nießen zu hören. Das erſte Nie⸗ ßen war ein mezzo tinto soprano u. ſ. w., u. ſ. w. (hier folgen eine Menge beſeſſene muſikaliſche Colora⸗ turnamen); das zweite war ein(folgt jetzt ein dto. dtv.); das dritte bekam er nicht zu hören, denn er fiel in Ohnmacht.“ Ich kann den guten Weſtländern vorausſagen, daß ſie ſich in ihrem Entzücken eben ſo närriſch geberden werden, wie ihre Brüder im Oſten, wenn Jenny Lind hieher kommt. Jetzt ſprechen ſie wie der Fuchs von den Vogelbeeren, jedoch mit beſſerem Humor. Ein Bewohner von Saint⸗Paul kam, ſo lang ich dort war, aus New⸗York zurück und hatte einen drin⸗ genden Auftrag an den Gouverneur Ramſay. Aber 368 ſein erſtes Wort war:„Gouverneur, ich habe Jenny Lind gehört!“ Jenny Lind, die neue Sklavenbill und die Pro⸗ teſtationen gegen dieſelbe in den nordöſtlichen und weſtlichen Staaten ſind nebſt dem Geiſter⸗Geklopfe ſtehende Artikel in allen Journalen. Während man in den nördlichen Staaten Verſammlungen hält und gegen dieſe neue Sklavenbill agitirt, welche die Auf⸗ fangung entlaufener Sklaven in den freien Staaten geſtattet, erheben verſchiedene ſüdliche Staaten, beſon⸗ ders der Palmettoſtaat und Miſſiſippi, ein zorniges Geſchrei über Beeinträchtigung des Südens und dro⸗ hen mit ihrem Ausſcheiden aus der Union. Und die Staaten bekomplimentiren einander in ihren Journalen juſt nicht auf's Artigſte. Ein Kentuckyer Blatt ſchreibt über Südecarolina: „Warum marſchirt ſie nicht je eher je lieber aus der Union? Die Union wäre froh, ein ſolches Pack los zu werden.“ Den 2. November auf dem Miſſiſippi. Wir liegen vor Rock⸗Island. Einige gefällige freundliche Herren aus der Stadt ſind ſo eben an Bord eweſen und haben ſich erboten, mich nach der ſchwedi⸗ ßhen Niederlaſſung zu führen. Ich kann ihnen meinen herzlichen Dank für ihre wohlwollende Güte nicht ver⸗ ſagen. Aber die Nächte ſind kalt; ich bin nicht recht wohl und— was ſollte ich dort machen? Wir— meine Landsleute dort und ich würden einander nicht verſtehen, obgleich wir dieſelbe Sprache ſprechen. Aber ich war froh, von zwei Kaufleuten in Rock⸗Island Ver⸗ ſchiedenes über den gegenwärtigen Zuſtand der ſchwe⸗ diſchen Colonie vernehmen zu können. Seit ihr Biſchof(ſo nannten ſie Erik Janſon) todt iſt, ſcheinen fie ſich beſſer zu befinden. Aber er ny o⸗ nd ſe nd uf⸗ en — es 0⸗ die len ibt us ack ige rd di⸗ ten er⸗ cht cht ber er⸗ we⸗ 369 hat ſie durch unkluge Haushaltung in eine große Schuld(10— 11,000 Dollars) geſtürzt, und Einige von ihnen ſind jetzt nach Californien gezogen⸗ um Gold zu ſuchen und die Mittel zur Abzahlung zu gewinnen. Da die Schweden in Biskops Hill ſich ſtets als red⸗ liche, gottesfürchtige und arbeitſame Leute erwieſen ha⸗ ben, ſo beſitzen ſie das Vertrauen der Einwohner der Stadt Rock⸗Island und erhalten die Waaren, die ſie nicht gleich bezahlen können, auf Credit. Sie haben ſich mehrere ſchöne Ziegelhäuſer erbaut und betreiben die Landwirthſchaft gut. Sie haben Flachs zu bauen und zu ſpinnen angefangen und ſie können das Garn vortheilhaft verkaufen. Sie bleiben ihren Religions⸗ gebräuchen, ihren Gebeten und ihrem Glauben auch an Erik Janſon, der eine beinahe dämoniſche Gewalt über ihre Sinne gehabt zu haben ſcheint, getren. Wenn ſie krank waren und von Erik Janſons Mitteln oder Ge⸗ beten nicht geſund wurden, ſagte er ihnen, daran ſei Mangel an Glauben Schuld und ſie ſeien verworfene Sünder. Viele ſtarben in Folge klimatiſcher Krank⸗ heiten und mangelnder Pflege. Der ehrenwerthe gefällige Herr, der die ſchwediſche Kolonie beſonders genau kannte, wollte ſich nicht mit Beſtimmtheit gegen Erik Janſon ausſprechen, aber er mißtraute ihm. Die Frau des Propheten dagegen rühmte er als ein ausgezeichnet braves und achtungs⸗ würdiges Weib. Auch ſie ſtarb an einem der Fieber, die in der Kolonie graſſirten. Und vier Tage nach ihrem Tod erhob ſich Erik Janſon während eines Gottesdienſtes in der Kirche und erklärte, der Geiſt habe ihn ermahnt, ein neues Weib zu nehmen. Da erhob ſich eines der anweſenden Frauenzimmer und ſagte, der Geiſt habe ihr erklärt, daß ſie dieſes Weib ſein ſolle. Dieß geſchah vier Tage nach dem Tode der erſten braven Fran. So etwas zeugt deutlich für den Geiſt, der Erik Janſon leitete. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. U. 24 370 Sein Mörder, der Schwede Rooth ſollte morgen vor die Jury kommen. Man glaubte, er würde frei⸗ geſprochen werden, da die Veranlaſſung zu ſeiner That von der Art war, daß ſie einen Mann wohl von Sin⸗ nen bringen konnte. Rooth hatte gegen Erik Janſons Willen ein Mädchen in der ſchwediſchen Kolonie ge⸗ heirathet. Von ſeinem Unwillen verfolgt beabſichtigten ſie den Platz zu verlaſſen, und Rooth hatte ſein Weib und ſein Kind(einen kleinen Jungen) heimlich bei Nacht wegführen laſſen. Eric Janſon ließ ſie auffan⸗ gen und auf einem Boot den Miſſiſippi hinabführen, man wußte nicht wohin, es hieß nach Sct. Louis. Kapitän Schneidau hatte Rooth am Morgen des Tags, wo er dieſe Nachricht erhielt, geſehen. Er war todes⸗ blaß und beinahe wahnſinnig. In dieſer Gemüths⸗ ſtimmung ſuchte er Erik Janſon auf und traf ihn, als er gerade im Begriff ſtand, ſich mitten unter ſeinen Getreuen nach der Kirche zu begeben. Er ſagte zu ihm: „Du haſt mein Weib und mein Kind fortführen laſſen und ich weiß nicht wohin. Sie ſind vielleicht todt und ich bekomme ſie nicht mehr zu ſehen. Es liegt mir nichts mehr am Leben, aber Du ſollſt zuerſt ſterben.“ Und er zog eine Piſtole hervor und ſchoß ihn vor die Bruſt. Erik Janſon ſtarb beinahe augenblicklich. Rooth verſuchte nicht zu fliehen, ſondern ließ ſich wil— lig von dem erbitterten Volk in Feſſeln ſchlagen. Die kleine Kolonie, die 7— 800 Köpfe ſtark iſt, wird jetzt von ein paar Männern beherrſcht, welche ſie ewählt hat, und ſoll in demſelben Glauben an ihre Freiheit von Sünde fortleben, dem ſie zur Zeit ihres erſten Leiters huldigte. Im Ganzen genommen iſt ihr Glaube nicht irrig. Der neue Menſch in uns ſündigt nicht. Aber ſie überſehen, daß der alte hier auf Er⸗ den niemals ganz aus des Menſchen Bruſt ausgerottet werden kann, und daß wir deßhalb immer ſündige Me Der blit Si ufe an gle die unt ſin: lies Mi Jo che der hat M M her ge Un Fl un ſal etn ra ret bei dri unt gen ei⸗ hat in⸗ ons ge⸗ ten eib bei an⸗ en, is *. 88, es⸗ als ten m: ren icht Es erſt or ch. il⸗ iſt, ſie hre res ihr igt Fr⸗ ttet ige 371 Menſchen bleiben, bis unſre Verwandlung eintritt. Der Hauptirrthum der Frik Janſiſten liegt in ihrem blinden Glauben an den Sünder Erik Janſon und an Sünder wie ſie ſelbſt ſind. Das Wetter iſt naßkalt. Die Scenerie auf den ufern gehört noch der Hochlands⸗Natnr, nimmt jedoch an Höhen und Schönheit ab. Die Höhen brechen gleichſam auf und liegen zwiſchen Ebenen zerſtreut, die ſich gegen den Fluß hinabziehen. Weiße Städte und Kirchen glänzen da und dort an den Ufern. Wir ſind hier an der Küſte des Illinois, und Rock⸗Island liegt an der Mündung des Illinvisfluſſes in den Miſſiſippi. Gegenüber auf der andern Seite iſt der Jowaſtaat, und da glänzt weiß und ſchön das Städt⸗ chen Davenport, das ſeinen Namen von ſeinem Grün⸗ der und ſeinen Ruf durch den garſtigen Mord erhalten hat, der eines Sonntags Morgens von vier jungen Männern, die ihn berauben wollten, an dieſem alten Manne begangen worden iſt. Es iſt noch nicht lange her. Blutige Thaten ſind an den Ufern des Miſſiſippi geſchehen und geſchehen noch jetzt. Den 3. November. Wir rollen den Miſſiſippi hinab, aber langſam. Unſer Dampfboot zieht zwei große ſchwere Barken oder Flachboote nach, die mit Blei aus Galena beladen und zu beiden Seiten des Schiffes befeſtigt ſind. Man ſagt, dieß ſeien Sicherheitsmittel, im Fall dem Schiff etwas widerfahren und die Paſſagiere in Gefahr ge⸗ rathen ſollten. Sie können ſich dann auf den Barken retten. Aber die Fahrt wird dadurch verzögert und bei Nacht höre ich manchmal ein ſo widerliches Ge⸗ dröhne, Getöſe und Geknarre im Schiff, als ob es unter der ſchweren Arbeit ächzte, brüllte und im Be⸗ griffe ſtände zu unterliegen. Dieß kommt auch wahr⸗ 372 ſcheinlich von der ſchweren Arbeit mit den Flachbooten her. Aber es lautet ſchlecht und ſo gefährlich, daß ich bei Nacht immer angekleidet daliege, um mich dem Publikum für den Fall einer Exploſion auf Alles ge⸗ faßt zu zeigen. Solche Abentener ſind alltäglich auf dem Miſſiſippi und man hört auch oft von Unglücks⸗ fällen dieſer Art bald auf den Seen, bald auf den Flüſſen im Lande. Mehrere der Paſſagiere an Bord haben ſogenannte life-preservers(Lebensretter), d. h. Kautſchukgürtel, um ſchwimmen zu können. Ich habe nichts; ich habe hier auch keinen näheren Bekannten oder Freund, der mir in der Stunde der Gefahr die Hand reichen könnte; aber ich weiß nicht, wie es kommt— es fällt mir gar nicht ein, Angſt zu haben. Ich halte mich bloß beſtändig zu einem start, d. h. zu einem Auffliegen bereit. Der Schiffscapitän iſt offenbar ein vorſichtiger General und Alles geht ruhig und gut von Statten. Der Tiſch iſt reichlich und gut beſetzt. Das Einzige, was ich hier vermiſſe, iſt Milch zum Kaffee und Thee; an Rahm iſt gar nicht zu denken und man bekommt ihn überhaupt hier ſelten. Das muß man auf den Flußſchiffen im Süden und Weſten entbehren lernen. Den Kaffee kann ich ohne Milch hinunterbringen, aber mit dem Thee fällt es mir ſchwer. Geſtern Abend be⸗ klagte ich mich über Tiſch ein wenig darüber.„Ei,“ ſagte Oberſt Baxter, ein freundlicher Herr, der mir gegenüberſaß,„im mexikaniſchen Krieg bekamen wir oft mehrere Wochen lang keine Milch zu koſten.“„Mag wohl ſein,“ ſagte ich,„aber Sie konnten ſich da mit der Ehre tröſten. Was kann man nicht entbehren, wenn man dieſe hat? Aber bier auf einem Dampfſchiff ohne Milch und Ehre, das iſt zu viel.“ Man lachte und heute früh bekamen wir ſämmtlich Milch zum Früh⸗ ſtück. Die meiſten Aufwärter ſind Neger, die Wirthin iſt eine unfreundliche und übellaunige Mulattin. Die Pa reic der ſehe Wir ode erf Da Fa ſchi den roll das der vor ab ten ich dem ge⸗ auf cks⸗ den ord h ae tten die es en. zu iger ten. ige, hee; numt den nen. aber be⸗ Fi mir oft Rag mit enmn hne und rüh⸗ thin Die 378 Paſſagiere im obern Ende des Schiffes ſind nicht zahl⸗ reich und keine angenehmen Leute. Die Abtheilung der Herren iſt ſtark bevölkert. Drei Drittel von ihnen ſehen ziemlich unfreundlich aus; Geſchäftsleute vom Wirbel bis zur Zehe. Ich bleibe viel in meinem freundlichen Stübchen oder ſpaziere ich auf der Piazza vor demſelbigen und erfreue mich am Anblick des Fluſſes und der Ufer. Das Miſſiſippiwaſſer hat noch ſeine helle, grüngelbe Farbe, beginnt aber ſich zu trüben. Dreideckige Dampf⸗ ſchiffe, größere und kleinere mit zwei Schornſteinen, den Fluß hinauf ſchwerſchnaubend vom Hochdruck, rollen an uns vorüber. Große Bretterflotten, auf denen das Volk baut und kocht, rudern mit rieſigen Ru⸗ dern hinab; bedeckte Barken, Fahrzeuge und Boote von allen Größen und Arten zeigen ſich auf dem Fluß, er wird ächmer lebhafter und immer breiter, ſtrömt aber fortwhrend mit majeſtätiſcher Ruhe dahin. Wir haben den Jowaſtaat zur Rechten, Illinois zur Linken. Die Ausſichten ſind groß und frei, breite Thäler öffnen ſich, die Höhen nehmen ab, das Land neigt ſich in weichen wogenden Wieſengründen gegen den Fluß hinab; im Hintergrund iſt Wald. Es ſieht ſchön und fruchtbar aus, iſt aber nicht ſehr angebaut. Wir befinden uns jetzt in der an allen Kornarten, be⸗ ſonders aber an dem goldgelben Mais reichen Korn⸗ region des Miſſiſippithales. Dem Miſſiſippi entlang liegt an beiden Seiten des Fluſſes von Minneſota her ein Perlband von Staaten bis an den mexikaniſchen Meerbuſen. Es ſind dieß öſtlich vom Fluß Wisconſin, Illinvis, Kentucky, Tenneſee, Miſſiſippi und Louiſiana, und weſtlich vom Fluß Jowa, Miſſouri, Arkanſas und Loniſiana, denn Louiſiana um⸗ faßt wie Minneſota beide Ufer des Miſſiſippi, Minne⸗ ſota bei ſeinem Urſprung in den Höhen, Louiſiaug bei ſeinem Auslauf ins Meer. Zwiſchen dieſen zwei Staa⸗ 374 ten, Minneſota im Norden, Louiſiana im Süden, durch⸗ läuft der Miſſiſippi allerlei Regionen von verſchiedenem Klima und allerlei Naturerzeugniſſen. Minneſota iſt der Norden deſſelben mit nordiſchen Tannenwäldern und nordiſchem Winter, mit Bären und Elennthieren, mit den wilden Roſen und Beeren des Nordens, mit dem Urwald und den Indianern. Wisconſin, Illinvis, Kentucky und Tenneſee im Oſten, Jowa und Miſſouri, ſowie ein Theil von Arkanſas im Weſten liegen in der gemäßigten Zone. Anbau und Civiliſativn herrſchen hier vor. Dieſe Staaten bilden zugleich mit ihren Nachbarſtaaten im Oſten, Michigan, Indiana und Ohio, die große Fruchtkammer Amerikas und den mitt⸗ leren Theil des Miſſiſippithales. Jenſeits deſſelben im Oſten beginnen die Alleghanygebirge, die öſtlichen oder atlantiſchen Staaten. Jenſeits der Miſſiſippiſtaaten im Weſten beginnen die indianiſche Wildniß Nbraska und die Felsgebirge. Mit Tenneſee im Oſten und Arkan⸗ ſas im Weſten kommt die Baumwollenregion. Mit Louiſiana kommt die Zuckerregion, der Süden und das Sommerleben. Illinois und Jowa ſind noch freie Staaten; ſüd⸗ lich von ihnen kommen die Sklavenſtaaten. In Illi⸗ nois und Jowa gibt es noch ſchwediſche und norwe⸗ giſche Niederlaſſungen. Weiter ſüdlich ſind ſie nicht ge⸗ gangen. Die mittleren Miſſiſippiſtaaten füllen ſich immer mehr mit Deutſchen und Irländern, weiter unten auch mit Franzoſen und Spaniern. Alle jedoch werden von den Geſetzen und Sitten des anglonormaniſchen Stam⸗ mes beherrſcht. Mit den Juden verhält es ſich ebenſo. Sie finden ſich in Amerika, beſonders im Weſten, in Menge vor; aber ſie haben gleiche bürgerliche Rechte mit den Einwohnern des Landes und unterſcheiden ſich in ihrem Ausſehen weniger von der europäiſchen Be⸗ völkerung als in Europa. Ja ich bin kaum ein ein⸗ ziges Mal auf den Gedanken gekommen: das iſt ein Inde. rch⸗ nem iſt ern en, mit vis, uri, der hen ren und itt⸗ im der im und an⸗ Mit das üd⸗ lli⸗ we⸗ ge⸗ mer uch von am⸗ nſo. in chte ſich Be⸗ ein⸗ ude. 375 So wenig unterſcheiden ſie ſich von den dunkelfarbigen Amerikanern. Wir ſehen jetzt Nauvoo, den ehemaligen Hauptſitz der Mormonen, und auf einer Höhe zeigt ſich eine ſtattliche Ruine ihres ehemaligen prächtigen Tempels. Einer meiner Freuude, der vor einigen Jahren auf dem Miſſiſippi reiſte, landete bei Nauvvo wenige Tage, nachdem der Prophet der Mormonen Joe Smith von der Bevölkerung von Illinois getödtet worden war. Er ſah da die Bewohner der Stadt und Um⸗ gegend, eine Bevölkerung von etwa 20,000 Perſonen, unter Abſingung von Pſalmen aus ihren Wohnſitzen ziehen, ſah ſie weſtwärts in die Wildniß wandern, um jenſeits derſelben das gelobte Land zu ſuchen, das ihr Prophet ihnen verheißen hatte. Nach einer Wanderung von 3000 engliſchen Meilen durch die Wüſte, unter mannigfachen Gefahren und Mühe und Elend gelangten ſie an den großen Salzſee und ſeine fruchtbaren Ufer. Hier haben ſie binnen wenigen Jahren zugenommen und ſich vermehrt, ſo daß ſie auf gutem Wege ſind, ein mächtiger Staat zu werden. Der Glaube kann noch heutzutage Berge verſetzen, ja er kann noch mehr, er kann große Städte beſetzen. Nauvoo iſt jetzt von dem franzöſiſchen Socialiſten Cabet angekauft, der hier ſei⸗ nen Egalitarierſtaat gegründet. In dem großen Weſten an den Ufern des großen Fluſſes gibt es Scenen und Menſchenkinder von aller⸗ kei Art. Da ſind Indianer, da ſind Squatter, da ſind Skandinavier mit ſanften Sitten und heitern Geſän⸗ gen; da ſind Mormonen, die im Namen Chriſti und ſeines Propheten das Herannahen eines tauſendjährigen Reiches auf Erden verkünden und in der Wildniß einen blühenden Staat errichten, der ein neues Paradies verheißt; da ſind verzweifelte Abenteurer ohne einen andern Glauben als an den Mammon, ohne ein an⸗ deres Geſetz als das Fanſtrecht; Menſchen, die gewiſ⸗ 376 ſenlos ſpielen, rauben und morden; und ihre Anzahl wird am Miſſiſippi entlang immer größer, je weiter man gegen Süden kommt. Da ſind Rieſen, die weder ſchlecht noch gut ſind, aber blos durch ihre Körper⸗ und Willenskräfte, ſowie durch ihre Unternehmungs⸗ luſt große Dinge verrichten. Da ſind Freiheitsver⸗ ehrer und Communiſten; da ſind Sklavenbeſitzer und Negerſklaven. Da ſind Geſellſchaften, die gleich der Biene und dem Biber aus Inſtinkt und aus Natur⸗ nothwendigkeit bauen. Da ſind anch hellſehende, lei⸗ tende, kräftige und fromme Männer, die wiſſen, was ſie wollen, und die Arbeit der Civiliſation in ihre ſtarke Hand nehmen. Da ſind große Städte, welche den höchſten Luxus und die höchſten Sünden der Civili⸗ ſation entwickeln, dem Mammon Altäre erbauen und die ganze Welt in den Dienſt deſſelben bringen wollen. Da ſind auch kleine Geſellſchaften, welche das Land mit der Macht des Friedensprincips und im Namen des Friedensfürſten einnehmen. Maria Child erzählt von einer ſolchen in Indiana oder Illinois. Es iſt eine kurze Geſchichte und ſo ſchön, daß ich ſie Dir mit ihren eigenen lebenswarmen Worten mittheilen muß.*) „Die höchſten Geſchenke, die meine Seele während ihrer Pilgerfahrt auf Erden empfangen hat, ſind oft von Menſchen gegeben worden, die ſowohl an Geld als an Kenntniſſen arm waren. Unter ihnen erinnere ich mich beſonders eines ungelehrten, hart arbeitenden Handwerkers. Er erzählte mir, daß er einer von drei⸗ ßig oder vierzig Neuengländern ſei, die vor zwölf Jahren ausgewandert, um ſich in den Wildniſſen des Weſtens niederzulaſſen. Sie waren meiſtens Nachbarn und die Gleichheit ihrer Anſichten über verſchiedene Gegenſtände *) Brief aus New⸗York 22. Brief 1. Band. ahl ter der er⸗ er⸗ nd der Ur⸗ lei⸗ as rke den ili⸗ ind en. nd len ihlt iſt Dir len end oft eld tere den rei⸗ ren ens die nde 377 hatte ſie zu einem ſolchen Bunde veranlaßt. Seit ei⸗ nigen Jahren waren ſie gewohnt geweſen, von Zeit zu Zeit im Hauſe des einen oder andern zuſammenzu⸗ treffen und in aller Herzenseinfalt ihre Pflichten gegen Gott und den Nächſten zu beſprechen. Das Evangelium war ihre Bibliothek, das innere Licht ihr Prieſterthum. Es gab da feine Antiſklaverei⸗Geſellſchaften, aber bei der Unterweiſung, die ſie empfangen hatten, und bei der Luſt zu lernen, welche ſie beſeelte, bedurften ſie kei⸗ ner ſolchen Vermittlung, um einzuſehen, daß es ſünd⸗ haft ſei, Menſchen als Sklaven zu behandeln. Die Bemühungen der Friedensgeſellſchaften waren noch nicht anders als in gebrochenen Echos zu dieſem von der Welt abgeſchiedenen Häuflein gelangt, und Nichtwiderſtands⸗ Geſellſchaften fanden ſich noch nicht vor. Aber mit dem Buch des Friedensfürſten und ihren für ſeinen Einfluß offenen Herzen, was bedurften ſie da mehr? „Reich an geiſtiger Cultur brach die kleine Schaar auf um ſich nach dem fernen Weſten zu begeben. Ihre inneren Wohnungen waren blühende Gärten. Ihre äußeren gründeten ſie in der Wildniß. Sie waren ar⸗ beitſam und mäßig und Alles gedieh unter ihren Hän⸗ den. Aber bald kamen Wölfe in ihre Höfe in Geſtalt von grundſatzloſen Abentheurern, die nur an Gewalt und Liſt glaubten und dieſem Glauben gemäß handel⸗ ten. Die kleine Kolonie von praktiſchen Chriſten ſetzte ihren Gewaltthätigkeiten nur ſanfte Vorſtellungen ent⸗ gegen und vergalt ihnen mit beſtändigem Wohlwollen. Sie gingen noch weiter, ſie ſagten offen:„Ihr mögt uns ſo viel Böſes thun als Ihr wollt; wir werden Cuch dagegen nichts Anderes als Gutes thun. Ge⸗ ſetzeskundige Männer kamen in ihre Nähe und erboten ſich ihre Streitigkeiten zu ſchlichten. Sie antworteten: „Wir bedürfen Euer nicht. Als Nachbarn ſeid Ihr uns herzlich willkommen; aber für uns hat Euer Gewerbe aufgehört zu exiſtiren.“—„Was wollt Ihr thun, wenn 378 die Schurken Eure Scheunen verbrennen und Eure Erndten ſtehlen?“—„Wir werden Böſes mit Gutem vergelten. Wir glauben, daß dieß die höchſte Wahrheit und darum der beſte Ausweg iſt.“ Als die Schurken dieß hörten, ſchien es ihnen ein ausnehmend guter Spaß zu ſein und ſie ſagten und thaten manche über⸗ müthige Dinge zu ihrer Beluſtigung. Bei Nacht wur⸗ den die Zäune weggeriſſen und die Kühe in die Korn⸗ felder gelaſſen. Die Chriſten machten den Schaden wieder gut wie ſie konnten, ſtellten die Kühe in die Ställe und führten ſie gegen Abend nach Haus, indem ſie ſanftmüthig ſagten:„Nachbar, Deine Kühe find auf meinem Acker geweſen. Ich habe ſie den Tag über gut gefüttert, wollte ſie aber nicht über Nacht behal— ten, weil Deine Kinder die Milch vermiſſen könnten.“ „Wenn dieß ein Scherz war, ſo hatten doch die⸗ jenigen, die ihn erſonnen, nicht das Herz darüber zu lachen. Allmählig kam eine ſichtliche Veränderung über dieſe leidige Nachbarn. Sie hörten auf den Pferden die Schwänze abzuſchneiden und den Hühnern die Beine abzuſchlagen.„Wirf dieſen Stein nicht, Bill,“ ſagte ein Junge zu dem andern;„als ich in der vorigen Woche ihnen eine Henne todt ſchlug, ſchickten ſie die⸗ ſelbe der Mutter, weil ſie dachten, eine Hühnerſuppe würde der armen Marie wohl thun. Ich meine, Du ſollteſt Dich ſchämen, Steine nach ihren Hühnern zu werfen.“ So wurde das Böſe durch das Gute beſiegt, bis ſich Niemand mehr in der Nachbarſchaft vorfand, der ſie abſichtlich beleidigt hätte. „Jahre vergiengen und ſie hatten Glück in weltli⸗ chem Erwerb, mehr als alle ihre Nachbarn und gleich⸗ wohl geliebt von allen. Von ihnen bekam der Gerichts⸗ diener und der Advokat nichts zu verdienen. Der Exe⸗ cutor ſtammelte und entſchuldigte ſich, wenn er kam und ihr mit harter Arbeit erworbenes Eigenthum als Bezahlung für die Kriegsſtener nahm. Sie antworteten ure em eit ken ter er⸗ ur⸗ n⸗ en die em ind ber al⸗ 1. ie⸗ zu ber en ine gte zen ie⸗ pe Du gt, nd, tli⸗ ts⸗ ve⸗ am als ten 379 ſanft:„Das iſt ein ſchlechtes Gewerbe, mein Freund. Betrachte es im Lichte des Gewiſſens und ſieh, ob es nicht ſo iſt.“ Aber während ſie ſolche Ausgaben ungern bezahlten, ſpendeten ſie mit übervollen Händen für nütz⸗ liche und wohlthätige Zwecke. „Nach Verfluß von 10 Jahren wurden die Staats⸗ ländereien, auf welchen ſie ihre Farms erbaut hatten, öffentlich dem Verkauf ausgeſetzt. Dem Brauche ge⸗ mäß haben diejenigen, welche das Land bebant und kultivirt haben, das Recht zuerſt darauf zu bieten und es für den Regierungspreis zu erhalten, d. h. für. Dollars den Morgen. Aber das Spekulationsfieber auf Land wurde um dieſe Zeit hoch geſteigert. Aben⸗ theurer aus allen Theilen des Landes ſchaarten ſich zur Auktivn zuſammen und Kapitaliſten in Baltimore, Philadelphia, New⸗York und Boſton ſchickten Agenten, um die weſtlichen Ländereien aufzukaufen. Niemand glaubte, daß man auf Brauch oder Billigkeit Rückſicht nehmen würde. „Der Verkauf am erſten Tage bewies, daß die Spe⸗ kulation ſich bis zu den Grenzen des Wahnſinns ver⸗ ſtieg. Man kaufte den Morgen Lands begierig für 17, 25 und 30 Dollars. Die chriſtliche Kolonie hatte we⸗ nig Hoffnung, ihre Höfe behalten zu dürfen. Als die erſten Anſiedler hatten ſie den beſten Boden gewählt und ihr beharrlicher Fleiß hatte ihn bis zur höchſten Cul⸗ turſtufe gebracht. Sein Marktpreis war weit höher, als der ſchon übermäßig hohe Preis, der für die verkauften Morgen bezahlt wurde. Bei dieſen Ausſichten hatten ſie ſich bereits darauf gefaßt gehalten von Neuem in die Wildniß zu wandern und ihr Leben von vorn zu beginnen. Aber am Morgen, wo ihre Ländereien zum Verkauf ausgeboten wurden, bemerkten ſie mit dankbarer Ueberraſchung, daß ihre Nachbarn überall bei den Liebhabern umhergiengen und ihnen dringende Vorſtellungen machten:„Bietet nicht auf dieſe Län⸗ 380 dereien, dieſe Menſchen haben 10 Jahre lang hart darauf gearbeitet. Während dieſer Zeit haben ſie weder Menſchen noch Vieh etwas zu Leide gethan. Sie ſind ſtets bereit geweſen Böſes mit Gutem zu vergelten. Sie ſind ein Segen für die ganze Nachbarſchaft; es wäre Sünde und Schande auf ihre Felder zu bieten. Ueber⸗ laßt ſie ihnen zum Regierungspreis.“ „Die Stunde des Verkaufs kam. Die Bebauer des Landes boten%½ Dollars und beabſichtigten nöthigen⸗ falls höher zu ſteigern. Aber in dieſem ganzen Hau⸗ fen ſelbſtſüchtiger wilder Spekulanten fand ſich nicht ein Einziger, der ſie überbot. Ohne eine einzige Stimme des Widerſpruchs wurden die guten Ländereien ihnen überlaſſen. „Ich lauſchte mit Entzücken dem Wüſtenbebauer, während er ſeine Philoſophie allgemeiner Menſchen⸗ liebe entwickelte. „Was würdet Ihr thun,“ ſagte ich,„wenn ein fauler diebiſcher Landſtreicher unter Euch käme, wenn er dazubleiben verlangte und gleichwohl nicht arbeiten wollte?“—„Wir würden ihm Nahrung geben, wenn er hungrig wäre, ein Obdach, wenn er fröre, und wür⸗ den ihn ſtets als einen Bruder behandeln.“—„Würde eine ſolche Handlungsweiſe nicht mehrere ſolche Burſche verlocken, zu Euch zu kommen? Wie könntet Ihr es vermeiden, von ihnen überlaufen zu werden?“— „Solche Leute würden ſich entweder verändern, oder nicht bei uns bleiben. Wir würden niemals ein un⸗ freundliches Wort zu ihnen ſagen, würden ihnen nie⸗ mals das Nöthige verweigern, aber wir würden ſie mit tiefer Wehmuth betrachten, ſo wie wir einen verbreche⸗ riſchen aber geliebten Bruder anſehen würden. Dieß iſt für eine Menſchenſeele härter zu ertragen, als Peit⸗ ſchenhiebe und Gefängniß. Sie würden es nicht aus⸗ halten. Es würde ſie entweder erweichen oder fort⸗ tr ſie d d — 381 treiben. In neun Fällen von zehn glaube ich, daß es ſie erweichen würde.“ Maria Child fügt hinzu: „Die weiſeſte Staatsökonomie iſt in den Lehren Chriſti enthalten.“ Und mir kommen die Worte in den Sinn: „Selig ſind die Friedfertigen, denn ſie werden die Erde beſitzen.“ Und betrachte ich, was in dieſer Zeit das beſie⸗ gende, das überwältigende Element von den Miſſiſippi⸗ ſtaaten an bis nach Kalifornien iſt, ſo iſt es mir klar, daß es die Macht und Gewalt der Friedfertigen iſt. Auf dem Miſſiſippi in der Nähe der Stromſchnellen, den 3. November. Wir liegen ſeit mehreren Stunden ſtill. Es ſind da gefährliche ſcharfe Klippengründe im Fluß, und da das Waſſer niedrig iſt, ſo iſt die Fahrt gefährlich. Man erwartet, daß der Wind ſich vollkommen legen werde und daß man dann die Untiefen werde unter⸗ ſcheiden khnnen. Es iſt auch jetzt ſo ruhig, daß ich kaum begreife, daß es noch ruhiger werden kann. Der Miſſiſippi glänzt wie ein Spiegel im Sonnenſchein, blos da und dort gefurcht von der Strömung. Es herrſcht jetzt vollkommene Sommerwärme und es macht mich ungeduldig, in der Wärme und dem ſtarken Son⸗ nenlicht ſtill zu liegen. Daß der Miſſiſippi hier nicht gereinigt wird, daß man es dulden kann, ſolche Un⸗ tiefen und Aufenthalte in dem großen Fluß zu haben, auf welchem ſo viele tauſend Schiffe gehen, das iſt ein Zeichen, daß die Regierung der Vereinigten Staa⸗ ten voch ihre— Untiefen und Mängel hat. Man iſt nicht einig darüber, ob die Bundesregierung oder der einzelne Staat die Arbeit ausführen ſoll, und ſo bleibt 382 die Arbeit ungeſchehen zum großen Nachtheil für die Flußfahrt. Ich habe an Bord eine angenehme Bekanntſchaft gemacht mit zwei Herrn von Connecticut(kräftigen, derben Yankees) und der jungen Tochter des Einen von ihnen, die ein allerliebſtes Mädchen von zwanzig Jahren iſt, eine friſche Blume an Leib und Seele, juſt ein Prachtexemplar von Neuenglands Töchtern. Wir haben jetzt auch ein paar Rieſinnen an Bord, die zu jener alten mythologiſchen Utgards⸗Bevölkerung ge⸗ hören, und ich ergötzte mich ungemein an einem Con⸗ flikt zwiſchen dem wilden und civiliſirten Geſchlecht in den Perſonen einer dieſer Frauen und einer ſchönen Blume von Neuengland. Erſtere, eine Perſon von mittlerem Alter, ſaß in ſtahlgranem Kleide mit ihrem grauen herben Geſicht ganz ſteif im Damenſalon und rauchte ihre Meerſchaumpfeife, als wir Nachmittags aus dem Speiſeſalon dahin kamen. Sie ſaß mitten im Zimmer, blies mit Macht den Rauch aus und ſchaute drein, als wollte ſie der ganzen Welt Trotz bie⸗ ten. Die Damen ſahen zuerſt ſie, dann ſahen ſie ein⸗ ander an, ſchwiegen aber und ließen es ſich eine Weile gefallen; allein der Rauch wurde unerträglich und man flüſterte, daß etwas gethan werden müſſe, um dem un⸗ erlaubten Rauchen ein Ende zu machen. Die junge Miß S. rief die Verwalterin.„Sie müſſen dieſem Frauenzimmer ſagen, daß es hier innen nicht erlaubt iſt zu rauchen.“ „Ich habe es ihr bereits geſagt, Miſſis, aber ſie kümmert ſich nichts darum; es hilft nichts, wenn man mit ihr ſpricht.“ Man wartete noch eine Weile, um zu ſehen, ob die rauchende Dame die ſtillen, aber deutlichen Winke nicht beachten würde. Aber nein, ſie blieb ſitzen und erfüllte den ganzen Salon mit Rauch. Die ſchöne junge Miß S. nahm jetzt ihren Muth zu ebe un in: rar lor zir iſt Ur me zuſammen, trat zu der Raucherin vor und ſagte in ebenſo höflichem als würdevollem Ton: „Ich weiß nicht, ob Sie bemerkt haben, daß Ihre Cajüte eine Thüre hat, die auf die Piazza hinausgeht; und— es wäre für Sie ſelbſt, wie auch für Alle da innen weit angenehmer, wenn Sie Ihre Pfeife dort rauchen wollten.“ „Nein, es gefällt mir am beſten, ſie hier im Sa⸗ lon zu rauchen.“ „Aber es iſt verboten hier zu rauchen.“ „Es iſt den Herrn verboten, nicht aber den Frauen⸗ zimmern.“ „Es iſt verboten hier zu rauchen, und es iſt Ihnen ſo gut verboten, wie jeder andern Perſon. Und ich muß Sie im Namen ſämmtlicher Frauenzim⸗ mer bitten, davon abzuſtehen.“ Dieß wurde mit ſolchem Ernſt und zugleich mit ſolcher Anmuth ausgeſprochen, daß die Rieſin davn Petroffen ſchien. „Nun denn, warten Sie ein wenig,“ ſagte ſie brummend, und nachdem ſie heftig noch einige Rauch⸗ wolken ausgeſtoßen hatte, um uns einen Dentzettel zu hinterlaſſen, erhob ſie ſich und ging auf ihr Zimmer. Die Macht der Bildung hatte über die Macht der Roh⸗ heit, die Götter hatten über die Rieſen den Sieg er⸗ rungen. Jetzt werden wir weiter fahren, aber nicht zu Waſſer, ſondern zu Land. Unſer ſchwerbeladenes Schiff kann nicht über die Untiefen kommen. Es muß hier abladen. Die Paſſagiere müſſen zu Wagen 15—16 Meilen weit auf Jowas Ufer nach einem Städtchen fahren, wo ſie ein neues Boot nehmen können und die Fahrt nicht mehr durch Untiefen gehindert iſt. Meine neuen Freunde von Connecticut nehmen mich unter ihren Schutz. 384 Saint⸗Louis(Miſſouri) 8. November. Ich ſitze jetzt in St. Louis auf dem wreſtlichen ufer des Miſſiſippi⸗ und ich überlege bei mir, ob ich zu einer Hochzeit fahren ſoll oder nicht, zu welcher ich eingeladen bin, um eine ſehr ſchöne Braut und die Cröme der Geſellſchaft in der großen Miſſiſippiſtadt, der Einwohnerzahl nach der zweiten nach New⸗Orleans, zu ſehen. Der Bräutigam, den ich heute früh nebſt der Mutter der Braut ſah, iſt ein ſteinreicher Flori⸗ daniſcher Plantagenbeſitzer, ein vollendeter Gentleman, ein ſehr artiger Mann; die Mutter der Braut iſt eine etwas verblühte Schöne; artig aber etwas affektirt, 50 Jahre und darüber, mit bloßem Hals, bloßen Ar⸗ men, geſchminkten Wangen, vielem Parfüm, Fächern und tauſenderlei Facons damit, franzöſiſch artig. Sie lud mich auf den Abend ein. Ein gefälliger und zu⸗ vorkommender Bekannter von Mr. Downing, der mir einen Brief an ihn mitgegeben hat, der Senator Allen, will mich nebſt ſeiner Frau dahin führen. Aber.. aber.... ich habe den Schnupfen und fühle mich zu alt für ſolche Feſte, bei denen ich überdieß halb zu Tod gefragt werde. Je näher alſo die Toilettenzeit heran⸗ rückt, um ſo klarer wird es mir, daß ich ruhig auf meinem Stübchen bleiben werde. Schöne Damen und ſchöne Toiletten ſehe ich gerne, aber ich kaun ſie mir auch beſchreiben laſſen und ich habe in den öſtlichen Städten genug beau monde geſehen, um mir die in den weſtlichen vorſtellen zu können. Ich bin gegenwärtig in einem Hotel, werde aber wohl morgen oder übermorgen ins Haus des Senators Allen, ein Stück außerhalb der Stadt, ziehen. Ich kam geſtern mit meinen Freunden aus Con⸗ necticut hier an. Die Fahrt über die Jowa⸗Prärien in einem halbbedeckten Wagen war höchſt angenehm. Das Wetter war warm wie an einem Sommertag, und die Sonue beſtrahlte fruchtbar wogende Gefilde weit, weithin in die Ferne. von Jowas Boden ſollen wogendes Prärienland ſein. Das Land ſah nicht cul⸗ tivirt aus, aber ſchön und freundlich, ein unüberſeh⸗ bares Weideland. Die Natur um den Miſſiſippi her iſt eine Lichtnatur. Nachmittags kamen wir in das Städtchen Keokuk, das auf einer Anhöhe am Fluſſe liegt. Wir nahmen in einem guten Wirthshaus ein gutes Mahl ein. Statt der Suppe ſervirte man Thee, wie dieß in den Hotels im Weſten gewöhnlich iſt. Erſt ſpät am Abend ſollte das Schiff kommen, mit welchem wir unſre Reiſe fortſetzen konnten. Inzwiſchen begab ich mich allein auf eine Entdeckungsreiſe. Ich ließ die junge Miſſiſippiſtadt, die eine hübſche Lage hat und in gutem Wachsthum begriffen zu ſein ſcheint, hinter mir und ſchlug einen Fußweg am Uſer dem Miſſiſippi entlang ein. Die Sonne war im Untergaug und Wol⸗ ken mit ſanft hellrothen und purpurnen Farben be⸗ deckten den weſtlichen Himmel. Die Luft war mild und ſtill; die ganze Scene großartig, freundlich und ruhig, idylliſch in großem Styl. Auf dem Ufer dem Fluß entlang lagen in kurzem Abſtand von einander zierliche kleine Blockhäuſer mit den geſchmackvollen, paſſenden und bequemen Proportio⸗ nen, welche die Arbeit der Amerikaner auszeichnen. Sie waren alle einander gleich und ſchienen Wohn⸗ ſtätten von Arbeitern zu ſein. Die meiſten der Thüren ſtanden offen, vermuthlich um die milde Abendluft ein⸗ zulaſſen. Ich benützte die Gelegenheit hineinzugucken und kam auch bald mit einigen Hausfrauen ins Ge⸗ ſpräch. Es waren, wie ich mir gedacht hatte, Hand⸗ werker, die in der Stadt arbeiteten und hier ihre länd⸗ lichen Wohnungen hatten. Man ſah keinen Luxus in dieſen kleinen Hänſern, aber Alles war ſo ſauber und Bremer, die peimath in der nenen Welt. U. 25 386 eordnet, ſo zierlich und feſttäglich ruhig, von der Haus⸗ ſ. an bis zu jedem Möbel im Hauſe, daß der An⸗ blick etwas Wohlthuendes hatte. Es war auch ein Sonn⸗ tagabend und der Sabbathfriede ruhte in den Häuſern wie über der Gegend. Als ich nach meiner Herberge zurückkam, war die Dämmerung eingetreten. Inzwiſchen war es in dem Städtchen ruchbar geworden, daß irgend ein ſkandina⸗ viſches Thier im Wirthshaus zu ſehen ſei, und man machte ihm jetzt die Zumuthung, herabzukommen und ſich zu zeigen. Ich ging in den großen Saal hinab und traf da eine Menge Leute, meiſt Männer, deren Zahl zu einer wahren Verſammlung anwuchs, ſo daß ich vielen recht wunderlichen Figuren die Hand zu drücken hatte. Aber ſolche Dinge ſieht man oft hier im Weſten. Die Män⸗ ner arbeiten hart und ſind gleichgültig in ihrer Toilette. Sie nehmen ſich nicht die Zeit ihr viel Aufmerkſamkeit zu widmen. Aber ihre ungeſchmückte Außenſeite iſt kein wahrer Aushängeſchild deſſen, was in ihrem In⸗ nern wohnt. Das ſah ich auch an dieſem Abend. Mit einer kleinen Geſellſchaft feinerer Leute(ich ſage abſichtlich nicht beſſerer, denn dieſe Benennungen beſſere und ſchlechtere Leute ſind immer uneigentlich und paſſen überall beſſer als hier), ich meine wohl geklei⸗ dete Herrn und Damen mit den beſten Manieren— die Ariſtokratie von Keokuk— machte ich zu meinem aufrichtigen Vergnügen nähere Bekanntſchaft. Ich bin ſelbſt von Natur nicht rückhaltſam und darum gefällt mir das offene, rückhaltsloſe und dabei freundliche Weſen der Amerikaner. Man wird leicht bekannt und ſieht bald, ob man für einander paßt oder nicht. Zwi⸗ ſchen 10 und 11 Uhr gingen wir an Bord. Am fol⸗ genden Morgen waren wir im Miſſourifluß, der un⸗ ſehe 18 Meilen nördlich von St. Louis in den Miſ⸗ ſippi hereinſtürzt, mit einer ſolchen Heftigkeit und einer ———.— 387 ſolchen Waſſermaſſe, daß er den Charakter des Miſſi⸗ ſippi gänzlich verändert. Jetzt iſt es vorbei mit ſeiner Ruhe und ſeiner hellen Farbe. Jetzt ſtrömt er un⸗ ruhig und trübe dahin, und Klötze, Bäume und alle Arten von Plunder, der ſchwimmen kann, wirbeln auf ſeinen Wogen, dahin gebracht von dem Miſſouri, der auf ſeiner ſtürzenden Fahrt von mehr als 3000 Mei⸗ len durch die Wildniſſe des Weſtens alles mit ſich reißt, was er auf ſeinem Wege findet. Der Miſſouri iſt eine Art von Kanthippe, aber der Miſſiſippi iſt kein Sokrates, denn er läßt ſich durch den Einfluß der bös⸗ artigen Gattin bedeutend ſtören. Vor St. Lonis ruderten Jungen in kleinen Booten und ſuchten Bretter und Baumäſte außzufiſchen, die auf dem Strom ſchwammen. Der erſte Anblick von St. Louis war recht ſon⸗ derbar. Die Stadt ſah aus, als wäre ſie von der Flußſeite her von einer Menge ungeheurer Miſſiſſippi⸗ thiere, die koloſſalen weißen Seebären glichen, blokirt. Es waren auch ſolche. Es waren weißangeſtrichene große dreideckige Dampfſchiffe, die, vielleicht mehr als hundert an der Zahl, Seite an Seite, am Ufer lagen; Wimpel mit Namen von allen Erdtheilen flatterten im Winde über ihren zwei Kaminen, die mir wie ungeheure Naslöcher vorkommen. Denn jedes Dampfſchiff auf dem Miſſiſſippi hat zwei ſolche Apparate, die gewaltig ſchnauben unter der Hochdruckarbeit. Als wir nach St. Louis kamen, war es volle Sommerwärme und mehrere Bäume auf den Straßen hatten noch grünes Laub. Ich ſehe den Baum des Südens„Pride of India“ wieder,(mit Blumenbüſcheln gleich den Syringen in der Blüthezeit und darnach Büſcheln von rothen giftigen Beeren), ſo auch die ſchönen Akazien ſammt dem Ailanthus und der Sykomore. Den 7. November. Sobald ich nach St. Lonis kam, mußte ich mich mit einer Migräne niederlegen. Mein allerliebſtes Mädchen aus Neuengland verpflegte mich, wie eine jüngere Schweſter hätte thun können. Als ſie mit ihrem Vater mich verlaſſen mußte um weiter zu reiſen, bekam ich auch hier eine irländiſche Magd, die mich während der kurzen Krankheit vortrefflich beſorgte. Ich wurde bald wieder munter und erhob mich dann, um dem Brautpaar, das hier in dem Hotel wohnt, einen Beſuch abzuſtatten. Es war Vormittags. Aber das Zim⸗ mer, wo die Braut ſich befand, war düſter und nur ſchwach vom Feuerſchein beleuchtet. Die Braut war hoch ge⸗ wachſen und fein gebildet, aber zu mager; im Uebrigen ſchön und von blühender Farbe. Sie war noch ganz jung und erſchien mir wie eine ſeltene Treibhauspflanze, die noch nicht im Stande war die Winde der freien Luft zu ertragen. Die langen ſchmalen Finger ſpielten mit koſtbaren Kleinigkeiten, die an einer goldenen Kette hingen, welche vom Hals bis zur Mitte des Leibes herabreichte. Ihre Kleidung war koſtbar und geſchmack⸗ voll. Sie ſah mehr wie ein Luxusartikel als wie eine junge künftige Hausfrau aus. Die ſchwache Beleuch⸗ tung, die Feuerwärme, die Parfüme, Alles um die junge Braut her ſchien mir Weichlichkeit zu verrathen. Der Bräntigam jedoch war offenbar kein Weichling, ſondern ein Mann und ein Gentleman. Er war ſicht⸗ lich ſehr verliebt in ſeine junge Braut, die er jetzt zu⸗ erſt nach Cincinnati und ſodann nach Florida und ſeinem ewigen Sommer führen wollte. Man traktirte mich mit Hochzeitkuchen und ſüßem Wein. Als ich aus dem parfümirten Zimmer mit ſeiner treibhausartigen Wärme und halben Beleuchtung trat, begegnete mir ein ſommerblauer Himmel, ſommermilde —— c————— — ———————„———— ich tes ine nit en, ich um len m⸗ ach ge⸗ zen inz 0 ien ten te bes ck⸗ ine ich⸗ die en. ug, cht⸗ zu⸗ und irte ner rat, ilde 389 Luft und Sonne und Vogelgeſang in den ſauſenden Bäumen. Das war entzückend. Ach, ſagte ich zu mir, das iſt ein anderes Leben, es iſt doch nicht gut, nicht natrfriſch, dieſes Leben, das manche Frauenzimmer hier zu Lande führen, dieſes Leben im Halbdunkel, wo ſie ſich jahraus jahrein beim Kaminfeuer in bequemen Schaukelſtühlen wiegen, dieſes Leben beſtändiger Wärme und Unthätigkeit, wodurch ſie ſich von der friſchen Luft, von dem ſtärkenden Leben abſchließen. Und die phy⸗ ſiſche Schwäche der Frauenzimmer hier zu Lande muß zum großen Theil der weichlichen Erziehung zugeſchrie⸗ ben werden. Es iſt eine Art Haremsleben, jedoch mit dem Unterſchied, daß ſie, was bei den Frauen des Morgenlandes nicht der Fall iſt, hier im Weſten als Herrſcherinnen und die Männer als ihre Unterthanen betrachtet werden. Das hat jedoch die Folge, daß es ihre Entwickelung hemmt und ſie von ihren edelſten und höchſten Zwecken ablenkt. Die Harems des Weſt⸗ landes ſind nicht minder als die des Morgenlandes geeignet das Leben und Bewußtſein des Weibes herab⸗ zuziehen.* Nach dem Beſuch bei der Braut fuhr ich ans, um verſchiedene katholiſche Aſyle und fromme Stiftungen zu beſehen, die unter der Leitung von Nonnen ſtehen. Das war eine andere Seite der Entwicklung der Weiblich⸗ teit, die ich hier zu ſchauen bekam. In zwei großen Aſpien für arme vater- und mutterloſe Kinder und in einer Anſtalt zur Wiederaufrichtung gefallener Weiber (dem Aſyl des guten Hirten) ſowie in Spitätern für Kranke ſah ich die Weiber, die ſich Schweſtern nennen, ein wahres und großes Leben führen, als Mütter ſchutzloſer Kleinen und als Schweſtern und Fflegerin⸗ nen gefallener und leidender Mitſchweſtern. Das war ein erfriſchender und ſtärkender Anblick. Ich muß es ſagen: die Katholiken ſcheinen mir 390 hier im Weſten den Proteſtanten in der lebendigen Nachfolge Chriſti, in guten Werken voranzugehen. Die katholiſche Kirche der neuen Welt hat ein neues Leben. Sie hat den alten Mantel der Unduld⸗ ſamkeit und des Fanatismus abgeworfen; ſie tritt reich an Barmherzigkeit auf. Klöſter entſtehen auf der neuen Erde mit erneutem Geiſte. Sie erſtehen frei von ſinnloſem Treiben, thätig in Liebeswerken. Dieſe Klöſter hier haben große helle Säle, keine düſteren Zellen, überhaupt nichts Düſteres oder Ge⸗ heimnißvolles. Alles iſt darauf berechnet dem Licht und dem Le⸗ ben freien Spielraum zu geben. Und wie ſchön waren nicht dieſe Kloſterſchweſtern in ihrer edlen würdevollen Tracht, in dem ſtillen friſchen Weſen, das ihre Wirk⸗ ſamkeit kennzeichnet! Sie erſchienen mir ſchöner, friſcher, glücklicher, als die meiſten weltlichen Frauen, die ich hier geſehen habe. Ich muß auch ſagen, daß ihre Nonnentracht, beſonders die Kopfbedeckung, in all ihrer Einfachheit, überaus geſchmackvoll und kleidſam war. Und ich erfreute mich daran. Ich weiß nicht, warum die Schönheit und die Frömmigkeit nicht neben ein⸗ ander ſollten gedeihen können. Die ſchrecklichen Hüte oder Schirmhauben, wie die barmherzigen Schweſtern in Savannah ſie tragen, würden mich als Kranke aus ihrem Spital verſcheuchen. Aber ſchon der Anblick dieſer Schweſtern hier mußte auf eine kranke Perſon entſchie⸗ den gut wirken. In einer der prophetiſchen Zukunftsviſionen, mit welchen unſer Geijer ſeine irdiſche Laufbahn beſchloß, ſagte er einmal auf einem Beſuche bei mir: „Die Klöſter müſſen von Neuem aufkommen, nicht in der alten Form, ſondern als freie Vereine von Männern oder Weibern zur Ausführung von Liebes⸗ werken.“ ——, ——— en in d⸗ ch m ne e⸗ e⸗ en rk⸗ er, ich re rer ir. im n⸗ üte ern us ſer ie⸗ nit ß, cht on es⸗ 391 Ich ſehe ſie hier kommen. Und ſie müſſen auch in der evangeliſchen Kirche kommen. Die Diakoniſſenan⸗ ſtalten in Europa ſind ihre Anfänge. Die überwiegende Anzahl von Frauen in allen Ländern der Erde deutet auf eine göttliche Abſicht mit ihnen, die man mehr beachten ſollte. Das Menſchen⸗ geſchlecht bedarf geiſtiger Mütter und Schweſtern. Die Weiber empfangen in dem heiligen Schweſterverein zur Ausführung dieſes Berufes eine Kraft, welche ſie ver⸗ einzelt nur ausnahmsweiſe beſitzen können. Als Chriſti Bräute und Dienerinnen empfangen ſie ein höheres Leben, ein freieres Bewußtſein, eine größere Macht. Ob dergleichen religiöſe Vereine von Männern ebenſo erforderlich und natürlich ſind, wie die von Wei⸗ bern, das laſſe ich dahin geſtellt ſein; aber es kommt mir nicht ſo vor. Die Männer ſcheinen mir zu einer Thätigkeit andrer Art, wenn auch für ähnliche Zwecke berufen zu ſein. Geſtern und vorgeſtern Abend machte ich meine einſamen Entdeckungsreiſen in und außer der Stadt. St. Louis liegt auf wogenförmigen Terraſſen ziemlich hoch über dem Miſſiſſippi. Es ſieht aus als ob es eine ungeheure Stadt werden wollte, und bereits hat man Vorſtädte zu bauen angefangen, die weit von einander abliegen; aber bereits giebt es auch Wege, (ſogar Eiſenbahnen) von einem Platz an den andern. Dieſe Gebäude zu Vorſtädten liegen gewöhnlich hoch und gewähren herrliche Ausſichten über den Fluß und das Land. Dicke kohlſchwarze Rauchſäulen wirbelten von mehreren Seiten her in die ſtille Luft empor, 392 das Wachsthum des Fabriklebens bezeichnend. Es nahm ſich hübſch aus gegen den goldenen Abendhimmel; aber die ſchwarzen Säulen laſſen über die Stadt her einen Regen von Aſche und Ruß fallen, der gar nicht hübſch iſt. In der Stadt baut man große Waaren— magazine eins um das andre, ungeheure Kauf- und Handelshäuſer. Die Lage der Stadt am Einfluß des Miſſouri in den Miſſiſſippi und ihr Handel auf dem erſteren Fluß mit dem ganzen großen Weſten und auf dem Miſſiſſippi mit den nördlichen, ſüdlichen und öſtlichen Staaten der Union giebt St. Louis ſichere Ausſicht auf ein beinahe grenzenloſes Wachs⸗ thum. Die Wahrſcheinlichkeit, daß von hier aus eine Ciſenbahn bis an das ſtille Meer zu Stande kommt, ein Unternehmen, das hauptſächlich von vielen thätigen Männern des Weſtens betrieben wird, verleiht der Stadt noch höhere Bedentung. Anch nimmt die Aus⸗ wanderung hieher beſonders von Deutſchen mit jedem Jahre zu. Wie ſchnell dieſe zugeht, erſieht man daraus, daß St. Lonis im Jahre 1845 eine Vevölkerung von 35000 Seelen und 1849 beinahe die doppelte Zahl hatte. Der Miſſouriſtaat hat jetzt ungefähr 2,000,000 Einwohner und doch iſt er als Staat noch nicht über 30 Jahre alt. Als ich in der Dämmerung durch die Straßen der Stadt wandelte, ſah ich verſchiedene Geſtalten ſowohl von Menſchen als Thieren, die mich nicht erfreuten. Solche habe ich zu meinem großen Bedauern auch in New⸗York geſehen, juſt ſolche Menſchen, deren Aus⸗ ſehen halb Wildheit, halb Elend verrieth, juſt ſolche arme abgehetzte Pferde!... Ich bemerkte eine Menge ärztliche Schilde. An jedem dritten oder fünften Hauſe iſt ein ſolcher zu ſehen. Aber was können Ar⸗ zeneien hier ausrichten?... Ach.... Wir müſſen noch lange zu dem Herrn der Vollkommenheit beten: — — ———,— —— —,— — — — S S S— 393 zu uns komme Dein Reich. Schwermüthig und bedrückt kehrte ich in mein Hotel zurück. Unter den Perſonen, die mich dort beſuchten, be⸗ fanden ſich einige Anhänger der ſogenannten Neuen Kirche, nämlich Swedenborgianer, die durch mein Glanbensbekenntniß in den Morgenwachen zu der Anſicht verleitet worden, daß ich der neuen Kirche an⸗ gehöre. Ich konnte mich jedoch nicht zu ihr bekennen. Denn ich finde in der alten, in ibrer ſpäteren Ent⸗ wickelung durch Germaniens und Skandinaviens große Denker ein reicheres und göttlicheres Leben. Sweden⸗ borgs Beziehungslehre iſt im Grund der Glauben und die Lehre aller mit Tiefſinn begabten Völker von den Aegyptiern bis zu den Skandinaviern, aber Sweden⸗ borgs Anwendung derſelben ſcheint mir nicht groß und geiſtig genug. Ueberall in Nordamerika findet man Swedenbor⸗ gianer. Was ſie am meiſten anzuziehen ſcheint, das iſt die Lehre von der Göttlichkeit Chriſti, ſowie die Lehre von der Gleichheit des Himmels oder der Geiſterwelt mit der Welt der Erde, und von der Nähe dieſer Geiſterwelt. Auf den Kirchhöfen findet man noch weiße Marmorſteine mit der Inſchrift: Er(Sie) ging an dem oder dem Tag in die geiſtige Welt(che spiritual world) ein. Dieß iſt ſchön und recht, denn— ſage ich mit Tholuk— warum ſagen, daß unſer Freund todt ſei? Todt, dieſes Wort iſt ſo ſchwer, ſo düſter, ſo todt und ſinnlos; ſaget, daß unſer Freund dahingegangen iſt, daß er uns auf eine kurze Zeit verlaſſen hat, dieß iſt wahrer und beſſer. Chryſtal⸗Springs, den 10. November. Seit meinem letzten Brief bin ich in das ſchöne Haus und zu der freundlichen Familie des Senators 394 Allen gezogen. Ein hübſches junges Mädchen, die Schweſter des Herrn vom Hauſe hat mir ihr Stübchen mit einer ſchönen Ausſicht auf den Miſſiſſippi und das Miſſourithal überlaſſen. Aber das freundliche Wetter hat jetzt in Kälte und Herbſtnebel umgeſchlagen, ſo daß ich Nichts von der Herrlichkeit ſehen kann. Es iſt ſo dick in der Luft. Aber ſolche Tage ſind ſelten in dem ſonnenreichen Amexika und die Sonne bahnt ſich bald genug wieder Weg. Mr. Allen hat drei Jahre hin⸗ durch die Sonnenſcheintage im Jahre gezählt und ge⸗ funden, daß es ungefähr 315 jährlich waren, die übri⸗ gen Tage waren Gewittertage und die wenigſten waren Regentage. Mr. Allen iſt ein kenntnißreicher Mann, der ſich für Alles intereſſirt und Alles weiß, was in dem Staate vorgeht, wo er jetzt Senator und ſelbſt ein thätiger Theilnehmer an der Entwickelung deſſelben iſt. So hat er im letzten Sommer nicht weniger als fünfhundert (ich hoffe, daß ich ihm nicht ein Paar Hundert mehr gebe, als er ſagte) Stumpfreden(Stumpspeeches)*) gehalten, indem er in Miſſouri herumreiſte, für die Anlegung einer Eiſenbahn von St. Louis durch Miſſouri bis ans ſtille Meer agitirte und zur Aktienzeichnung auf⸗ forderte. Dieß iſt ihm auch in bedeutendem Maße ge⸗ lungen. St. Lonis allein hat bereits 2,000,000 Dol⸗ *) Sy nennt man die Gelegenheitsreden, die zur Agi⸗ tation für gewiſſe Zwecke von Männern gehalten wer⸗ den, welche deßhalb im Lande herumreiſen und da und dort im Felde oder Walde Volksverſammlungen hal⸗ ten, wobei ſie auf Banmſtümpfe oder andere Gelegen⸗ heitskatheder ſteigen und von da aus das Volk ha⸗ ranguiren, je kräftiger deſto beſſer. Kurze, aber ſtark⸗ Pyfeffrte kurzgeſpitzte Reden machen hier das größte lück. Stumpfreden und Stumpfredner gehören zu den charakteriſtiſchen Zügen des großen Weſtens. ——„——— ——„„——„ 3———————-c— c — 395 lars für die Ausführung des Unternehmens gezeichnet. Man muß zwar bei dieſer Gelegenheit die feſten Wände der Felsgebirge durchbohren oder ſprengen; aber was macht das Amerikanern aus? Die Stadt St. Louis iſt von reichen Handelsleu⸗ ten gegründet. Fellhändler und katholiſche Prieſter waren die erſten, welche die Wildniſſe des Weſtens durchwandelten und ihr Leben wagten. Die erſteren um Reichthümer, die letzteren um Seelen zu erobern. Han⸗ del und Religion ſind noch zu dieſer Stunde die Pio⸗ niere der Civiliſation im Weſten. Einer der wichtigſten Speculations⸗ und Handels⸗ zweige in und um St. Louis iſt gegenwärtig der Land⸗ verkauf. Frühe Auswanderer hieher, die den Morgen zu einem und 1 ½ Dollar gekauft hatten, verkaufen ihn jetzt fußweiſe zu mehreren 1000 Dollars für jeden Fuß. Es klingt mir beinahe unglaublich, was ich von den übertriebenen Preiſen gehört habe, zu welchen das Land hier verkauft wird. Thatſache iſt, daß Perſonen jetzt lediglich durch Verkauf ihrer Landantheile großes Ver⸗ mögen gewinnen. Ein Deutſcher, der früher in be⸗ ſchränkten Umſtänden lebte, hat jetzt ſeinen Bodenan⸗ theil verkauft und reist nunmehr mit einem Vermögen von 100,000 Dollars in ſein Vaterland zurück. Mr. Allen, der zu den ſelbſtgemachten Männern des großen Weſtens gehört und ſeine Laufbahn als Junge von 13 Jahren mit der Austragung eines Pfennigmagazins begann, iſt jetzt Grundbeſitzer und verkauft ebenfalls Land zu großen Summen. Er vereinigt, wie Mr. Downing(mit dem er auch einige äußere Aehnlichkeit hat), den praktiſchen Geſchäftsſinn mit einem poetiſchen Gemüth, welches letztere ſich vornemlich durch ſeinen Sinn für Naturgegenſtände bekundet. In St. Louis ſind eine große Menge Deutſche. Sie treiben mit aller Macht Muſik und Tanz. Auch Fran⸗ zoſen und Spanier ſind hier. In den Hotels hat'man 396 franzöſiſche Sitten und franzöſiſche Namen für die Ge⸗ wichte und Weine. Die Irländer bilden hier, wie überall in den Vereinigten Staaten, die grobarbeitende Bevöl⸗ kerung und den größern Theil der dienenden Klaſſe außer den Negerſklaven. Trotz des zunehmenden Handelsverkehrs in der Stadt iſt es doch für einen Auswanderer äußerſt ſchwer, ja beinahe unmöglih auf einem Handelscomtoir dahier einen Platz zu bekommen. Will er ſich dagegen zu grober Händearbeit als Mühlknecht oder Fabrikarbeiter bergeben, ſo erhält er einen gut bezahlten Platz. Und lebt er ſparſam, ſo kann er bald genug erwerben, um etwas Beſſeres zu uuternehmen. Noch günſtiger ſind ſeine Ansſichten, wenn er ein Handwerk verſteht daun tann er ſchnell der Schmid ſeines Glückes werden. Den 11. November. Wiederum Sommer und Sonnenſchein und herr⸗ liche Ausſicht über die weite Gegend! Der Himmel iſt lichtblan und die Erde iſt lichtgrün, Alles badet im Licht. Ich bin zu Fuß mit meiner jungen Freundin auf den Höhen in der Umgegend herumgepilgert, mit Mr. Allen bin ich herumgefahren in der Gegend und habe mich tüchtig umgeſehen. Die Weite und Breite der Landſchaft und Ausſichten iſt es, was mich im gro— ßen Weſten am allermeiſten frappirt. Es macht einen eigenthümlich heitern und erweiternden Eindruck auf mich. Ich muß unwillkürlich lächeln, ich breite meine Arme aus und nöchte über die Erde hinfliegen. Es kommt mir ganz dumm und wunderlich vor, daß ich es nicht kann. Mr. Allen führte mich auch in diejenigen Theile von St. Louis, wo die ver⸗ möglichen Stadtbewohner ihre Landhänſer erbauen. Da ſind bereits auf Höhen(aber keine hohen Höhen, ſon⸗ dern blos Terraſſen oder Plateaus) und in Thälern ——-— —— ——— — 3 — —— „— X —— W 397 ganze Straßen und Gruppen von zierlichen, zum Theil ſogar prachtvollen Villen, umgeben von Bäumen und Blumen, Weinranken und andern Schlingpflanzen. Wie das Leben hier wächst, wie ſchnell und wie üppig! Aber wächst nicht das Unkraut ueben dem Weizen? Ich habe zwar noch die Hoffnung auf das tauſend⸗ ſährige Reich des großen Weſtens, aber den Glauben daran habe ich verloren. Der Miſſouriſtaat ſcheint in Bezug auf Natur⸗ ſchönheiten und natürliche Mittel einer der reichſten Staaten in der Union zu ſein, wie er auch in Bezug auf Umfang einer der größten iſt. Von ſeinem nörd⸗ lichen Theit ſpricht man als von dem Garten des We⸗ ſtens. In ſeinen weſtlichen Theilen hat er auch hohe Berge nebſt metallreichen Gruben, dazwiſchen hinein Prärien und Wälder; ſüdlich gegen Arkanſas kommen Moräſte und Sümpfe. Weſtlich vom Staat liegt das Indianergebiet, das Chriſtenthum und Civiliſation an⸗ genommen hat. Der vorherrſchende Stamm heißt der Cherokeeſtamm, aber mehrere andere Stämme ha⸗ ben ſich in kleineren Geſellſchaften an dieſen angeſchloſ⸗ ſen, Familien der Choctas-, Chickaſaws⸗, Fox⸗ und Sacs⸗Indianer. Ob dieſes Indianergebiet zur Re⸗ gierung der Vereinigten Staaten in demſelben Ver⸗ hältniß ſteht, wie die andern Territorien während ihrer Uebergangsepochen, und ob es dereinſt als ſelbſtſtändi⸗ ger Indianerſtaat in die Union der Vereinigten Staa⸗ ten eintreten wird, weiß ich nicht mit Beſtimmtheit, glaube aber, daß es ſich ſo verhält. Miſſouri iſt ein Sklavenſtaat, ſcheint aber in die⸗ ſer Zeit das Sklavereiinſtitut mehr aus Trotz beizube⸗ halten, als aus Ueberzeugung von ſeiner Nothwendigkeit. Der Staat hat keine Produkte, die nicht von weißen Arbeitern erzielt werden könnten, da ſein Klima nicht zu dem heißen Süden gehört. Auch verkauft Miſſouri ſeine Sklaven immer fleißiger nach dem Süden. 398 „Biſt Du Chriſtin?“ fragte ich eine junge ſchöne Mulattin, die mich hier bediente. „Nein, Miſſis, ich bin es nicht.“ „Biſt Du nicht getauft? Haſt Du keinen Unterricht über Chriſtus empfangen?“ „Ja, Miſſis. Ich habe eine Pathin, eine Regerin, die ſehr kirchlich iſt und die mich unterrichtet hat.“ „Glaubſt Du, nicht, was ſie Dir von Chyriſtus ſagte?“ „O ja, Miſſis, aber ich fühle es nicht hier, Niſſis!“ Sie legte ihre Hand auf ihre Bruſt. „Wo biſt Du erzogen worden?“ „Weit weg, oben am Miſſouriſtrom, Miſſis, weit weg von hier.“ „Waren Deine Eigenthümer gut gegen Dich?“ „Ja, Miſſis, ſie ſagten mir niemals ein böſes Wort.“ „Biſt Du verheirathet?“ „Ja, Miſſis, aber mein Mann iſt weit fort von hier bei ſeinem Eigenthümer.“ „Haſt Du Kinder?“ „Ich habe 6 gehabt, Miſſis, aber ich habe nicht ein einziges mehr. Drei ſind geſtorben und die drei andern hat man mir verkauft. Als ſie mir das letzte kleine Mädchen wegnahmen, o ich glaubte nie, daß ich es überſtehen könnte. Es hat mir beinahe das Herz gebrochen.“ Es waren Chriſten(ſogenannte), die dieß thaten. Kein Wunder, wenn es der Sklavin ſchwer wird das Chriſtenthum zu fühlen, wenn ſie ſich nicht als Chriſtin fühlen kann. Welch ein Leben! Des Gatten, der Kinder, alles Eigenthums beraubt, ohne Ausſicht auf eine ſelbſtſtändige Exiſtenz, auf etwas Eigenes auf Erden, verurtheilt ſich mit mühſamer Sklavenar⸗ beit zu quälen, ohne Hoffnung auf Lohn und einen Ruhetag; iſt es da nicht ein Wunder, wenn ſie da 399 nicht gänzlich verdroſſen und gleichgültig, ja ſogar feindſelig und bitter wird gegen diejenigen, in deren Gewalt ſie ſich befindet, die ſich ihre Beſchützer nennen und ihr Alles wegnehmen, was ihrem Herzen theuer iſt? Ach das letzte kleine Mädchen, das jüngſte liebſte einzige Kind.... Dieſe heidniſche Einrichtung der Sklaverei führt zu ſo ungereimten, ſo unmenſchlichen Handlungen, daß es mir zuweilen in dieſem Lande, in dieſem chriſtlichen und freiſinnigen Amerika ſchwer wird daran zu glau⸗ ben, zu begreifen, daß ſo etwas Wirklichkeit iſt und kein Traum. Das Tagesintereſſe in St. Louis iſt Senator Bentons Rückkehr von Waſhington und ſeine große Rede im Stadthaus zur Vertheidigung ſeines Beneh⸗ mens im Congreß, bei dergroßen Lebensfrage zwiſchen den nördlichen und ſüdlichen Staaten. Solche Reden und Rechenſchaftsablegungen oder Vertheidigungsreden ſind in allen Staaten üblich, wenn ihre Senatoren vom Congreß zurückkehren. Ich habe Oberſt Bentons Rede geſtern Abend geleſen. Der muthige Vertreter des Sklavenſtaats, welcher die Rechte deſſelben als ſol⸗ cher ebenſo offen verfocht, als er die Sklaverei verur⸗ theilte, iſt ſich auch hier gleich, muthig, offen, dreiſt, zum Theil Mann und zum Theil Raubthier, das mit Schnabel und Klauen haut und ſeinen Genuß darin findet zu hauen. Aus ſeiner Rede habe ich die letzten Worte behalten, die wirklich mannhaſt und gut ſind: „Ich ſchätze eine gute Popularität, d. h. den Beifall guter Menſchen. Jeden andern werde ich im⸗ 400 mer verſchmähen und ich werde den Tadel willkommen heißen, der mich von den Uebelgeſinnten und Gemei⸗ nen trifft.*) Miſſouri und auch Arkanſas haben noch viel Hei⸗ denthum und viel unbebautes wildes Land⸗ Die Ci⸗ viliſation iſt in dieſen Staaten noch in ihrem Beginn begriffen und die Sklaverei hält den Fortſchritt der⸗ ſelben mit ſtarker Kette zurück. Schlägereien und blu⸗ tige Duelle kommen oſt unter der weißen Bevölkerung vor. Das Bewiemeſſer und die Piſtole gehören zur Garderobe des Mannes beſonders auf Reiſen im Staate. Er muß ſich überdieß ſtets darauf gefaßt halten auf gewiſſenloſe Glücksritter zu ſtoßen, die ſich von Europa und den öſtlichen Staaten her, deren aus⸗ geſtoßene Söhne ſie ſind, in die weſtlichen Staaten werfen, um allda einen Spielraum für wilde Lüſte zu ſuchen. Morgen oder übermorgen reiſe ich nach Cincinnati. Von da aus ſchreibe ich wieder. *) Ueber das Sflavcreiinſtitut lautet Bentons Ausſpruch jetzt, wie im Congreß:„Dieſes Inſtitut iſt ein Uebel, ein Fluch. Ich habe immer ſo gedacht von dem Augen⸗ blick an, wo ich Blackſtone las... Aber wir haben nun einmal dieſes Inſtitut und deßhalb müſſen wir es behalten. Und ich will denjenigen ſehen, der es uns nehmen wollte. Wer unſere Rechte und unſere Skla⸗ ven antaſten will, der— wird es mit mir zu thun bekommen.“ ——— N— — 401 Neunundzwanzigſter Brief. Cincinnati(Ohio) 30. November 1850. Nur einen Gruß im Geiſte und einige wenige Zei⸗ len heute. Denn ich habe ſoviel zu beſorgen, daß ich gleichſam ein wenig kopfwirr bin. Aber es iſt wie von ſüßem Wein. Ich befinde mich ſeit dem letzten Dienſtag in dem allerſchönſten, freundlichſten Hauſe, wo die allergefäl⸗ ligſten Menſchen und Gatten Mr. und Mrs. Stetſon, vermögliche kinderloſe Leute von mittlerem Alter(ſo ungefähr 50) ihre Freude darein ſetzen, Verwandte und Freunde um ſich zu verſammeln und glücklich zu machen. In einem der verſchiedenen Gaſtzimmer ihres ſchönen und geräumigen Hauſes lebe ich herrlich und in Freuden wie ein Mitglied der Familie. Ein blei⸗ cher ſanfter und junger Prieſter, zugleich ein trauern⸗ der Wittwer und zwei unverheirathete Frauenzimmer, Verwandte meiner Wirthsleute, bilden außer dieſen die Hausgenoſſenſchaft. Mein Wirth, ein rieſiger Mann, und ſein anmuthiges Weibchen beſitzen viel Humor und es fehlt dem Gerichte des Alltagslebens nicht an erquickendem Salze. Jetzt ein Wort über die Reiſe von St. Louis her. Sie ging in ſechs Tagen auf dem Aſia gut und raſch von Statten, trotz der unruhigen Geſellſchaft von 24 kleinen Kindern von 10 Jahren bis zum Alter von etlichen Monaten herab. Man mußte zufrieden ſein⸗ wenn nur ein Drittel von ihnen ſchrie. Es waren auch Paſſagiere von der zweiten und dritten Sorte da, Frauenzimmer, die ihre Pfeife rauchen, ſich mit den Fingern ſchnänzen und die herkommen und fragen, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 26 402 wie es Unſereinem in Amerika gefalle. O es gibt keine größern Contraſte als zwiſchen den gebildeten und un⸗ gebildeten Frauenzimmern in dieſem Lande. Eine Mutter und ihre Lochter geſielen mir jedoch wegen ihres Ansſehens und ihrer ſichtlichen gegenſeiti⸗ gen Liebe. Aber juſt als ich mich der Mutter nähern will, kommt ſie mit der Frage heran. ob die Vereinig⸗ ten Staaten meinen Erwartungen entſprochen. Ich lebte meiſtens ſtill in meinem Zimmer, Ge⸗ ſellſchaft haltend mit meinen Büchern und dem Schau⸗ ſpiel an den Ufern. Kam dann der Abend und die Lichter, ſo unterhielt ich mich damit, daß ich die klei⸗ nen Kinder im Salon ins Bett legen half, denn in den Cajüten gab es nicht Platz für ſie alle. Unter den Paſſagieren befand ſich eine junge Mutter, noch nicht 30 Jahre alt, mit 8 Kindern, wovon das jüngſte noch an der Bruſt. Sie war mit ihrem Mann und ihren Kindern fortgereiſt, um ſich weiter weſtlich in einem der Miſſiſippiſtaaten niederzulaſſen. Aber der Mann erkrankte unterwegs an der Cholera und ſtarb im Verlauf eines Tages. Die junge Mutter kehrte jetzt mit all ihren vaterloſen Kleinen nach ihrer elter⸗ lichen Heimath zurück. Sie war noch ſehr hübſch und von feinem Körperbau. Obſchon ſich die eine und andere Thräne über ihre Wange hinabſchlich, als ſie Abends da ſaß und ihr kleines Kind ſäugte, ſah ſie doch nicht verzweifelt oder ſehr bekümmertaus Sieben von den Kindern, vier Jungen und drei Mädchen, wurdenjeden Abend geſchwiſterlich auf eine lange Matratze unmittel⸗ var vor meiner Thüre zuſammengelegt, ohne weitern Bettzeug als dieſe Matratze und eine Decke. Ich hatte mein Vergnügen an einem dreijährigen Jungen, einem wahren Amor von Kopf und Geſtalt, deſſen Hemdchen faum über den halben Bauch herabreichten. Er konnte ſich in dem geſchwiſterlichen Bett nicht zurecht finden. Er ſehnte ſich vermuthlich nach dem warmen Mutter⸗ W n en en te m en te n. ⸗ 405 buſen, kroch deshalb beſtändig aus dem erſten her⸗ aus und trat ganz ſachte und zuverſichtlich in ſeiner adamitiſchen Unſchuld in den Kreis der Frauenzimmer, die weiter weg im Salon beim Lampenſchein ſaßen und planderten oder nähten. Hier wurde er von der Mutter an ſeinem halben Hemdchen ergriffen(ungefähr wie unſere Magd eine Henne am Flügel nimmt, wenn ſie ſie in den Stall ſperren will) und ſo durch das Zimmer zum Bett zurückgetragen, wo ſie ihn als Küch⸗ lein hineinſteckte mit ein paar tüchtigen Klatſchen und ſodann mit der Decke zudeckte. Vergebens. Er zeigte ſich alsbald wieder über der Decke und trotz den Brü⸗ dern und Schweſtern, die ihn mit einem Schlagregen übergoſſen, richtete er ſich mit Füßen und Händen ar⸗ beitend immer höher auf, und bald ſtand mein kraus⸗ köpfiger kleiner Amor wieder auf den Füßen und ſpa⸗ zierte in den Frauenzimmerkreis herein, ebenſo ſchön, ebenſo zuverſichtlich, ebenſo ungenirt von Kleidern oder Scham, wie das erſtemal, und er wurde da von einem lauten Lachen empfangen, von der Mutter aber aufs Neue ergriffen und mit einer neuen Portion Schläge, die aber zu gelind waren, um einen ſonderlichen Ein⸗ druck zu machen, abermals unter die Decke geſteckt. Dieſer Auftritt erneuerte ſich binnen zwei Stunden 6—7 Mal jeden Abend. Etwas Gehenl und Gemurre lief zwar auch mitunter, aber im Allgemeinen war die Beharrlichkeit und der ruhige Humor des kleinen Amors ebenſo ausgezeichnet wie ſeine Schönheit. Doch ver⸗ zeih, dieſes Gemälde iſt jnſt nicht nach Deinem Ge⸗ ſchmack, aber Du hätteſt es hier ſehen ſollen. Jetzt von dem Schauſpiel außer dem Haus und unterwegs. Ein Stück unter St. Louis auf dem Miſ⸗ ſiſippi ſahen wir den ſtattlichen dreideckigen Dampfer St. Louis mitten auf dem Grunde ſitzen. Wir brans⸗ ten unbekümmert vorüber. Es war ein ſchöner und ſonniger Tag. Die Landſchaft an den Ufern hatte 404 eine Strecke weit nichts Merkwürdiges. Aber jetzt auf Miſſouris Ufer dicht am Fluſſe erhoben ſich ſenkrechte Klippen, deren Wände die merkwürdigſten Basrelief,⸗ zuweilen auch Hautreliefbilder von Altären, Urnen, Pfeilern und Pyramiden, Säulen und Bildhauerarbei⸗ ten darſtellten, ſo daß man Mühe hatte zu glauben, daß ſie von der Hand der Natur und nicht von der Hand der Kunſt gemeiſelt waren. Dieſe merkwürdigen Felſenwände kehrten an einigen Orten wieder, aber vereinzelt auf Miſſouris Ufer hingeſtreut. So kamen wir immer ſüdwärts den Miſſiſippi hinabfahrend an die Mündung des Ohiv. Die Land⸗ ſchaft iſt hier ſehr breit und niedrig. Der hellblaue Ohio, der ſchöne Fluß, läuft ſo ſtill und vertraulich in den trüben Miſſiſippi⸗Miſſouri, wie ſich eines Freun⸗ des klare Seele in das unruhige Gemüth eines Andern ergießt. Die ufer beider Flüſſe waren mit grünem Buſchwerk bewachſen. Ueber der ganzen Gegend ruhte ein ſanfter heller Glanz. Eine verlaſſene oder kleine Kolonie mit verfallenden Häuſern lag auf der Land⸗ ſpitze zwiſchen den beiden Flüſſen. Sie heißt Cairv. Sie war zu einer großen Handelsſtadt beſtimmt. Aber der Platz wurde ſo ungeſund gefunden, daß man ihn nach einigen verunglückten Verſuchen, hier zu leben und zu bauen, wieder aufgab. Der Aſia zog majeſtätiſch oſtwärts vom Miſſi⸗ ſippi den Ohiofluß hinan zwiſchen den Staaten Ken⸗ tucky und Ohio. Der Ohio iſt bedeutend ſchmäler als der Miſſiſippi, ſeine Ufer ſind höher und mit Wald bewachſen. Der Fluß iſt hell und ſchön. Wir ſahen an den Ufern zuerſt gefällte Bäume und Blockhäuschen, ſodann kamen Farms und endlich ſchöne Häuſer auf Anhöhen, die immermehr emporſteigen und kultivirt ausſehen. Die Bäume auf beiden ufern ſind ſehr hoch. In ihren entlaubten Wipfeln ſieht man Büſcheln und Klumpen, Vogelneſtern nicht unähnlich, von einem buſchi⸗ 405 gen und grünen Gewächſe. Es iſt die Miſtel, die hier üppig gedeiht. Die Bäume weichen, die Ausſicht eröffnet ſich, die Höhen ziehen ſich zurück, und hier am Ufer des ſchönen Ohio erhebt ſich mit glänzenden Kirch⸗ thurmſpitzen, umgeben von Weinbergen und zierlichen Villen, mit einem Halbkreis von Hügeln im Hinter⸗ grund, eine große Stadt:— es iſt die„Königin des Weſtens“ Cincinnati. Vor 60 Jahren exiſtirte die Stadt noch nicht. Ihre erſten Gründer lebten noch vor einigen Jahren hier. Jetzt hat ſie 120,000 Einwohner. Das kann man Wachsthum nennen. Bevor ich den Aſia verlaſſe, muß ich noch Me⸗ hala, der guten alten Regerin, die uns auf dem Dampfſchiff bediente, einen Abſchiedsblick zuwerfen. Sie war eines der gutmüthigen und angenehmen Men⸗ ſchenkinder, die man nicht anders als lieben kann, und ſie beſaß eine gute Doſis von jenem Takt und jener Klugheit, wodurch die Regerraſſe ſich auszeichnet. Sie hatte vierzehn Kinder gehabt, aber alle durch den Tod oder den Sklavenhandel verloren. Nur von dreien wußte ſie, wo ſie zu finden waren, aber dieß war weit weg von hier. Sie ſprach betrübt, aber ohne Bitterkeit davon. Sie gehörte jetzt einer deutſchen Herrſchaft, welche ſie auf ihren eigenen Wunſch zum Dienſt auf dem Danpfſchiff vermiethet hatte. Denn, ſagte ſie, dieſe Leute verſtehen es nicht, wie man Dienſtboten be⸗ handeln muß. Ihr ganzes Dichten und Trachten ging darauf ſoviel zu erſparen, daß ſie ſich loskaufen könnte. Dann konnte ſie, das wußte ſie, zu ihrer verheiratheten Tochter in Kentucky kommen und ſich mit Waſchen er— nähren. Sie hatte bereits eine kleine Summe zurück⸗ gelegt. Beim Abſchied umarmte mich die gute Alte ſo herzlich, daß es mir innig wohl that. Das Gegenſtück zu dieſem Weib war eine andere Negerin, Wäſcherin an Bord, ebenſo bösartig als die erſtere gutartig war. 406 Der Aſia lag eine kleine Weile vor Cincinnati, als ein ſaufter blaſſer Herr an Bord kam und mich zu Wagen nach der nenen Wohnung abholte, in die ich eingeladen war. Es war der bleiche Prediger und Freund, der Gaſt im Hanſe, deſſen ich bereits gedacht habe. Als ſich die Hausthüre vor mir öffnete, kam mir eine junge Frau von mittlerem Alter entgegen, mit einem ſo ſpre— chenden Gepräge von Güte und Wohlwollen in ihrem aumuthsvollen Geſicht, daß ich mich unwillkürlich zu ihr hingezogen fühlte und froh war in ihrem Haus ſein zu dürfen. Und die Anziehung und das Vergnü⸗ gen haben ſeitdem immer zugenommen. Cincinnati habe ich abwechſelnd the queen of the west(Königin des Weſtens), the eity of roses(Stadt der Roſen) und the city ot bogs(Stadt der Schweine) neunen gehört. Sie verdient alle drei Namen. Sie iſt eine ſchöne ſtattliche Stadt mit der ſchönſten Lage zwiſchen Weinbergen, zwiſchen grünen mit hübſchen Villen geſchmückten Hügeln, an dem ſchönen Fluß Ohio mit ſeinem reichen Leben und ſeinem klaren Waſſer. Zur Zeit der Roſen, ſoll ſie eine wahrhaft maßloſe Pracht von Roſen haben und ich ſehe Roſen noch jetzt zwiſchen den ewig grünen Lebensbänmen auf den Terraſſen vor den ſchönen Häuſern frenndlich vorſchim⸗ mern. Aber gegenwärtig iſt derjenige Charakter der Stadt, der ihr den Namen Stadt der Schweine zuge⸗ zogen hat, vorwiegend. Dieß iſt nemlich die Jahres— zeit, wo große Heerden dieſer achtungswürdigen vier⸗ füßigen Mitbürger aus den Farms und kleinen Städten des Weſtens nach Cincinnati kommen, um da in einer großen eigens hiezu eingerichteten Anſtalt geſchlachtet und ſodann eingeſalzen nach den öſtlichen und ſüdlichen Staaten geſchickt zu werden. Ich bin mehreremale auf den Straßen auf ganze Regimenter von Schweinen geſtoßen, vor denen ich mich haſtig zurückzog, theils weil en uf en eil 407 ſie die ganze Straße erfüllten, theils weil ihr Geſtank die Luft verpeſtet. Ich nenne ſie achtungswerth, weil ich mich in jeder Beziehung in Acht nehme, ſowohl ihnen zu begegnen, als von ihnen zu eſſen. Ich habe einen heilſamen Abſchen vor dieſem ganzen Geſchlecht in dieſem Land, und könnte ich ihn Vielen mittheilen, ſo wären viele Leute geſunder und glücklicher, als ſie jetzt ſind. Könnte Moſes zurückkommen, Präſident der Vereinigten Staaten werden, allda allen Speck ver⸗ bieten, ſein Verbot durchſetzen und alle Schweine aus dem Lande treiben, ſo wäre die Union von dem ſchlimmſten Uebel nach dem Bürgerkrieg, von der Ver⸗ dauungsſchwäche befreit. Aber unter ſo vielem Schönen und Guten darfich mich nicht ſo lange bei den Schweinen aufhalten. Ich habe da und dort ſchöne Wanderungen ange⸗ ſtellt und auch außer dem Hauſe mehrere intereſſante Bekanntſchaften gemacht. Unter dieſen muß ich dir zuerſt den Phrenologen Dr. Buchanan nennen, einen geiſtreichen aber etwas excentriſchen Mann voll Leben und Menſchenliebe, der mich ſehr intereſſirt durch ſeine Perſönlichkeit und durch die großen Ausſichten, die ſeine Nervenlehre und Analyſe des menſchlichen Ge⸗ hirns über die unendlichen Möglichkeiten des Menſchen (the immense possibilities of man) eröffnet, in welchen er überdies dem freien Willen des Menſchen einen großen Spielraum anweiſt. Denn Buchanan iſt in hohem Grad Spiritualiſt und erblickt in den geiſtigen Kräften die ſtärkſten Reagentien für alle Bildung. Er ſieht in dem unmateriellen Leben den Beſtimmer der Materie. So iſt der Wille des Menſchen für ihn das innerſte Beſtimmende, er wirkt entwickelnd auf das weiche Hirn in Gutem oder Böſem, und das weiche Hirn wirkt erhöhend oder abnützend auf die Hirnſchale. Ferner bin ich in hohem Grad erfreut über die vorherrſchenden Anſichten von der Sklaverei, von ihrer 408 möglichen Ausrottung, ſowie über die Zukunft der Negerraſſe und Afrikas durch Coloniſation Afrikas von Seiten chriſtlicher Neger aus Amerika, ſowie die Pro⸗ duktivität der freien Arbeit in einem ganz tropiſchen Klima, welche die Sklavenarbeit in einem halb tropi⸗ ſchen weit übertrifft. Im afrikaniſchen Repoſitorium, einer Zeit⸗ ſchrift, die hier von Dr. Chriſty, Agenten der Colo⸗ niſationsgeſellſchaft in Ohio, herausgegeben wird, leſe ich intereſſante Aufſätze über Liberia und Sierra Leone, wie auch über das Gedeihen dieſer Colonien auf Afri⸗ kas Küſte. Der Ohioſtaat hat neulich etwas Gutes gethan, indem er eine große, mehrere hundert Meilen lange Strecke Lands, genannt Gallinas, wo der Skla⸗ venhandel bisher mehrere ſeiner vornehmſten Kanäle hatte, auf der afrikaniſchen Küſte aufkaufte. Einige vermögliche Männer in Cincinnati haben mehrere Tau⸗ ſend Dollars dazu geſpendet. Durch dieſen Kauf und die Coloniſation des freien Landes durch freie Reger aus Ohio,(es wird Ohio in Afrika genannt werden) iſt dem Betrieb des Sklavenhandels auf der afrikani⸗ ſchen Küſte ein gewaltiger Damm geſetzt. Gegenwärtig iſt hier ein Congreß von 108 Bür⸗ gern, um die ungefähr fünfzig Jahre alte Verfaſ⸗ ſung des Staats umzuſchaffen oder vielmehr zu ent⸗ wickeln. Ich war vorgeſtern zugegen und ſchüttelte einem guten Theil der weiſen Väter die Hände. Die meiſten ſind ſchöne Männer von mittlerem Alter mit offenen Geſichtern und freien tüchtigen Stirnen. Viele Mitglieder ſind Advokaten. Es ſind aber auch mehrere Farmers, Handelsleute und Handwerker aller Arten darunter. Nur zwei Mitglieder ſind unverheirathet. Die Arbeiten der Verſammlung gehen dahin dem Volk eine umfaſſendere Macht zu geben, z. B. bei Ernennung der Richter und anderer Beamten. Andre intereſſante Gegenſtände kommen hinzu, die —— M —* M v— SN — — —— 409 mich innig erfriſchen. Es regt ſich wirklich in Ohio ein gewiſſes centrales Leben im Denken und Handeln wie ich es in andern Staaten Amerikas nicht gefunden habe, und wie es ſich nun damit verhalten mag, ich meine hier im Mittelpunkt der neuen Welt zu leben. Mit einem Wort, mein Herzchen, ich lebe, ich umfaſſe mit meinem Geiſt Gegenwart und Zukunft in verſchiedenen Entwickelungen, an verſchiedenen Plätzen der Erde nah und fern, und ich fühle, daß an mir ſelbſt Vieles ſich entwickelt, was früher in Banden ge⸗ legen oder blos halb gelebt hatte. Ich danke Gott. Dezember. Ich habe mich jetzt beinahe drei Wochen in dieſer guten Heimath bei den freundlichen guten Stetſons aufgehalten und einen großen Theil der Bevölke⸗ rung und der Stadt, wie auch der ſchönen Umgegend geſehen. Die Gegend gehört zu den ſchönſten und freundlichſten, die man ſich denken kann. Die ſchönen Villen liegen auf fruchtbaren Hügeln, welche die herr⸗ lichſten Ausſichten über Fluß und Land darbieten. Die Bevölkerung iſt ebenfalls von allen Sorten, guten und ſchlimmen, angenehmen und unangenehmen: es gibt da liebenswürdige Menſchen, die man bitten möchte lange, immer bei uns zu bleiben, und wieder andere, die man dahin wünſchte, wo der Pfeffer wächſt. Doch ich habe meiſtens nur gute und angenehme geſehen und habe auch viel Gutes von ihnen genoſſen. Auf einer großen Hochzeit ſah ich dieſer Tage drei junge Bräute, die alle ſehr ſchön waren. Eine von ihnen aber war ſo ausgezeichnet und ſah ſo innig lie⸗ benswürdig aus, daß ich ihr von ganzem Herzen ein „Gott ſegne Sie“ ſagen mußte. Eine Menge ſchöner Toiletten und ſchöner Geſichter ſah ich hier ebenfalls. Die Amerikanerinnen kleiden ſich gut und geſchmackvoll. 410 Und hier wie überall finde ich ſie im Allgemeinen ſchön und treffe kaum ein Geſicht, das man häßlich nennen könnte. Ich meine jedoch, daß ich von einem ſolchen erquickt würde, wenn ich darin diejenige Schönheit fände, die ich im Allgemeinen(nicht immer) bei dieſen hübſchen Menſchenroſen vermiſſe, und die ich mit der Schönheit der bethauten Knoſpe in ihrer Morgeuſtunde vergleichen möchte. Es fehlt Schatten, Ruhe, Morgen⸗ thau, Heimlichkeit— das Unnennbare, Innige, Tiefe, was das Gemüth mit ſtiller Macht zum Gefühl ver⸗ borgener edler Schätze zieht. Es fehlt die ſtille An⸗ muth des Weſens, die an und für ſich eine Schönheit iſt. Habe ich Unrecht? Iſt es der Schimmer des Sa⸗ lons und des Kronleuchters, der mich verwirrt? Eine Bemerkung halte ich für gegründet. Putz und Eitelkeit haben hier zu Lande keine geringere Macht bei unſrem Geſchlecht als in den großen Städten Europas, und ſie ſind weit ſtärker als in unſerm guten Schweden. Einige Beweiſe davon haben mich beinahe erſchreckt. Der Luxus und die Gefallſucht junger Frauen haben nicht ſelten ihre Männer zur Verzweif⸗ lung und zum Trinken getrieben. Ich hörte einmal eine ſchöne junge Frau ſagen: „Meine Anſicht iſt, daß die Frauenzimmer, wenn ſie einmal verheirathet ſind, viel zu wenig für die Herren thun. Ich mache mirs auf einem Ball immer zur Pflicht meine Kinder zu vergeſſen.“ Ein ſtandalöſer Prozeß ſchwebt gegenwärtig zwi⸗ ſchen einem jungen Paare ob, das ſich vor einigen Jahren verheirathete. Es war eine der ſchönſten Hoch⸗ zeiten: Ausſtattung, Möbel, Alles war ſo koſtbar und prächtig wie möglich. Alles prangte von Seide, Sammt und Juwelen. Aber bald darauf kam Zwietracht unter die Gatten, wie man ſagt, in Folge der Beharrlichkeit der jungen Fran ſich gegen den Willen ihres Mannes zu ſchminken. Ihre eitle und unverſtändige Mutter n nt er it es 411 ſcheint der Tochter gegen den Mann beigeſtanden zu haben, und jetzt ſind die Eheleute geſchieden und es wird eine Correſpondenz bekannt gemacht, die keinem von beiden Theilen zur Ehre gereicht. Die Männer hinwiederum— denn die Gerechtig⸗ keit fordert, daß man auch ihre Schattenſeiten nicht überſieht— ſind allzuſehr dem Hazardſpiel und der Trunkliebe ergeben. Es herrſcht unter ihnen viele Roh⸗ heit und Wildheit, eine Unmanierlichkeit, die man auf engliſch recklessness nennt. „Warum verheirathet man ſich in dem großen Weſten, aus Liebe oder um des Geldes willen?“ fragte ich einen älteren, klugen und geiſtreichen Herrn, den ich zu meinen hieſigen Freunden zähle. „Um des Geldes willen,“ antwortete er kurz. Seine Frau wollte ſich dieſen ſtrengen Ausſpruch nicht gefallen laſſen. Aber er gab nicht nach und ſie mußte zugeben, daß das Geld allerdings einen großen Einfluß bei Abſchließung der Chen habe. Daß die⸗ ſelben deſſen ungeachtet doch glücklich werden, das kommt von der Gnade des lieben Gottes und dem ſtar⸗ ken moraliſchen Grund, welchen dieſes Geſchlecht von Natur und Erziehung hat, ſowie von dem Einfluß des allgemeinen ſittlichen Urtheils. Daß ſie oft auch unglücklich werden und daß die Zahl der Eheſcheidungen in einem Theil der ameri⸗ kaniſchen Staaten, wo das Geſetz keine beſonderen Schwierigkeiten in den Weg legt⸗ groß iſt, das kann man uuter ſolchen Umſtänden nur natürlich finden. Die große Menge von Eheſcheidungen, wovon ich ge⸗ hört habe, dürfte auch daher kommen, daß die Ameri⸗ taner weniger als andere Völker mit dem Unvollkom⸗ menen Geduld tragen und gordiſche Knoten lieber durchhauen als lange Jahre an ihrer Löſung arbeiten. „Das Leben iſt kurz,“ ſagen ſie. Gleichwohl habe ich nirgends mehr vollkommen 412 glückliche Ehen geſehn, als in Amerika. Aber ſie waren nicht um des Geldes willen geſchloſſen worden. „Was haben Sie im Weſten Beſſeres als in den öſtlichen Staaten, ſo daß Sie lieber da leben?“ fragte ich meine gute Wirthin. Sie antwortete:„Mehr Freiheit und mehr Vor⸗ urtheilsloſigkeit, mehr Achtung für den Menſchen, als für ſeine Kleider und die äußere Welt, mehr freien Athem in dem was wir denken und unternehmen, größere Ungezwungenheit im Zuſammenleben.“ Und gleichwohl meine ich bemerkt zu haben, daß Empfindlichkeit, Unſittlichkeit, Barſchheit und Groll, kurz alle gewöhnlichen Kobolde des Geſellſchaftslebens hier nicht minder hauſen, als in den größeren Städten der neuen Welt. Das gute Korn und das Unkraut wachſen überall auf dem Ackerfeld der Erde, im Weſten wie im Oſten. Das Klima in Cineinnati iſt nicht gut, die Luft iſt ſcharf und die plötzlichen Witterungswechſel dürften zu der Reizbarkeit beitragen, die ich unter der Bevölkerung zu bemerken glaube. Außer dem Haus habe ich das Vergnügen gehabt einigen Vorleſungen anzuwohnen und unter ihnen be⸗ ſonders den lebhaften und wirklich geiſtreichen extempo⸗ rirten Vorträgen, welche Dr. Buchanan im Medieini⸗ ſchen Collegium über die Thätigkeit des Gehirns und das freie Verhältniß des freien Willens zu demſelben hielt. So einem andern über Baco von Verulam, über welchen ein junger unitariſcher Geiſtlicher, Mr. Liver⸗ more, eine durch ihre natürliche Sprache und durch pſychologiſchen Tiefblick intereſſante Darſtellung zum Beſten gab. Ferner hörte ich eine Rede von einem Plantagenbeſitzer und ehemaligen Sklaven-Eigenthümer in Kentucky, Mr. Kaſſius Clay, der die Sklaven auf ſeiner Pflanzung emancipirt hatte und öffentlich gegen die Sklaverei auftrat, was ihm eine Menge von Feind⸗ —, 41⁸ ſeligkeiten in dem Sklavenſtaat zuzog. Der Haß gegen ihn ging ſo weit, daß er bei einem öffentlichen Vor⸗ trag, den er vor einem Jahr in einer Stadt Kentuckys, ich glaube in Louisville hielt, von einem ergrimmten Gegner und ſeinem Anhang mit bewaffneter Fauſt überfallen wurde. Mr. Clay, der ganz und gar nicht darauf vorbereitet war, hatte keine Waffen bei ſich. Bereits durch mehrere Meſſerſtiche ſchwer verwundet, würde er vermuthlich erlegen ſein, wenn nicht ſein drei⸗ zehnjähriger Innge muthig durch den Haufen bis zu ſeinem Vater vorgedrungen wäre und ihm ein Bowie⸗ meſſer zu ſeiner Vertheidigung überreicht hätte. Mr. Clay konnte ſich jetzt zur Wehr ſetzen und that es mit ſolchem Nachdruck, daß er ſeinem Gegner eine tödtliche Wunde beibrachte. Er ſelbſt lag beinahe ein Jahr lang an den empfangenen Wunden darnieder, und es war jetzt das Erſtemal ſeit ſeiner Geneſung, daß er öffentlich als Redner auftrat, aber nicht in Kentucky, ſondern in Ohiv. Der große Saal, wo er ſprechen ſollte, war ge⸗ drängt voll. Ich war ſchon vorher bei der Hochzeit mit dem Manne bekannt worden. Er hatte mich auch beſucht und ſein mannhaftes beſtimmtes Weſen, der mannhafte Blick in ſeinen dunkelblauen Augen hatte mir wohlgefallen, ebenſo auch ſeine Anſicht über den nothwendigerweiſe rohen und niedrigen Zuſtand in Staaten, wo die Sklaverei eine häusliche Einrichtung iſt, über den verwildernden Einfluß derſelben auf Sit⸗ ten und Gemüthsart, und über die folgerichtig daraus hervorgehende Herrſchaft der Piſtole und des Bowie⸗ meſſers. Sein Glaube war, daß die Negerſklaven in freie Arbeiter verwandelt werden können und mäſſen. Ich fragte ihn, wie ſeine eigenen Sklaven ſich als freie Männer betragen. Er antwortete:„Vortrefflich.“ Aber es waren ihrer nicht viele und ſie waren allmäh⸗ lig auf die Freiheit vorbereitet worden. 414 In ſeiner Rede am Abend eiferte er muthig und kräftig gegen eine„Einrichtung, welche alle Familien⸗ bande auflöſe und das Weib erniedrige.“ Und dann ergoß er ſich in eine heftige Polemik wider die neue Bill gegen entlaufene Sklaven, ſowie wider Dauiel Webſter, der ſie unterſtützt hatte. Er erinnere ſich, ſagte er, eines Gemäldes vom Fegfener, das er als Kind geſehen habe. Es habe verſchiedene arme Sünder vorgeſtellt, die aus den verſengenden Flammen zu ent⸗ kommen verſucht, aber da habe ein Oberteufel mit Hör⸗ — nern, Klauen und einer großen Heugabel in der Hand geſtanden und jede arme Seele, die im Begriff geweſen aus dem Feuer zu entrinnen, ergriffen, ſie auf die Ga⸗ bel genommen und in das Feuer zurückgeſchlendert. Dieſen Oberteufel erkannte Clay in Daniel Webſter. Dieß war der Glanzpunkt der Rede, die durch und durch polemiſch gehalten war und von der Skla⸗ venbill und Webſter auf die Bibel und das Chriſten⸗ thum überging. Hier machte der tüchtige Kämpe kein Glück und erwies ſich als ſchwacher Theolog, indem er das Chriſtenthum mit der beſchränkten Kirche verwech⸗ ſelte, welche den Geiſt der Lehre nicht aufzufaſſen weiß, wie er denn auch die Bibelworte nur nach dem falſchen und unverſtändigen Gebrauch beurtheilte, den man häufig von ihnen macht. Aber dieſer Gebrauch iſt bei Vertheidigern der Sklaverei, auch bei Geiſtli⸗ chen ſo gewöhnlich, daß ich mich nicht darüber wun⸗ dere, wenn Mancher dadurch aufgereizt und verleitet wird, die Quelle der Wahrheit ſelbſt zu verkennen, weil man die Lüge aus ihr ableiten will. Die zahlreiche Verſammlung hatte jedoch gute Na⸗ ſen, ſie roch den Brand und verhielt ſich ſtill. Der Redner, der mit ſtarkem Geklatſche empfangen worden war, erndtete beim Abſchied nur ſchwachen und ſpär⸗ lichen Beifall. Ohio iſt, wie Du weißt, ein freier Staat. Auf ————— S ——„——— — —— d ⸗ e el h, H er ir⸗ 415 der andern Seite dieſes ſchönen Fluſſes, der denſelben Namen trägt, liegt der Sklavenſtaat Kentucky, und frü⸗ her gehörte es zu den alltäglichen Ereigniſſen, daß die Stlaven über den Fluß flohen, um das freie Ufer zu erreichen. Jetzt würde die Flucht den armen Sklaven zu nichts mehr helfen. Sie würden in den freien Staaten ſowohl als in den Sklavenſtaaten verfolgt und aufgefangen werden. Ich habe höchſt ergreifende und intereſſante Er⸗ zählungen über die Art, wie die Sklaven ihre Flucht bewerkſtelligen, gehört, und ich kann nicht begreifen, daß dieſe Ereigniſſe nicht zu einem Roman oder einer Novelle in der Literatur des Landes verarbeitet wor⸗ den ſind. Ich kenne keinen Stoff, der eine frucht⸗ barere Gelegenheit zu ergreifenden und pittoresken Scenen böte. Die Sklaven z. B., die auf dem Wege des Nordſterns entfliehen, wie man ihn nennt, die keinen andern Weg zur Freiheit kennen, als den Weg nordwärts, den der Nordſtern andeutet, die bei Nacht wandern, wenn er glänzt, und ſich den Tag über in den tiefen Wäldern verbergen, wo zuweilen ſauftherzige Freunde(Qnäcker) ihnen Nahrung herausbringen, ohne welche ſie vermuthlich umkämen; dieſe Reiſe mit ihren Gefahren und Hoffnungen, dieſe Naturſcenen und die⸗ ſer nächtliche Leitſtern— welch ein Gegenſtand wäre das nicht für eine talentvolle Feder! Kommen dazu die Ergüſſe warmer, liebender, leidender Menſchenher⸗ zen, ihre Qualen und ihr Jubel— wahrhaftig, ſo iſt dieß ein Stoff für höhere Romantik, als in Cha⸗ teaubriands Attala. Ich kann namentlich nicht begrei⸗ fen, daß nicht edelſinnige amerikaniſche Frauen, ameri⸗ kaniſche Mütter, die Herz und Kopf haben, dieſen Gegenſtand mit einer Kraft behandeln, welche Jeder⸗ mann durch Mark und Bein gehen, die Klugheitsmaß⸗ regeln der Staatsmänner in Aſche verwandeln und ſelbſt in der alten weltberühmten amerikaniſchen Ver⸗ ————— 416 faſſung eine Revolution hervorbringen müßte. Das Recht des Weibes, das Recht der Mutter iſt es, das durch die Sklaverei am bitterſten gekränkt wird. Wenn das Herz des Weibes, das Herz der Mutter, warm und ſtark vom mütterlichen Blut ſich erheben wollte, dann bin ich überzengt, daß die geiſtige Kraft in den Ver⸗ einigten Staaten ſich emporrichten und endlich die Sklaverei ſtürzen würde. Oft hat mich ein ſehnſüchtiges Verlangen ange⸗ wandelt, die Geſchichte eines flüchtigen Negerpaares zu ſchreiben, ſo wie ich meine, daß ſie geſchrieben ſein müßte, und ich habe daran gedacht, Materialien dazu zu ſammeln. Und lebte ich an dieſem Fluß und in der Nähe ſolcher Scenen, dann weiß ich, wofür ich leben würde. Aber jetzt fehlt es mir an Lokalkenntniſſen, an der genauen Kenntniß ſpecieller Verhältniſſe, die un⸗ umgänglich nothwendig iſt, wenn das Gemälde wahr und ergreifend werden ſoll. Dieſe Arbeit ſteht einer Andern zu. Ich baue meine Erwartungen und Hoff⸗ nungen auf die amerikaniſche Mutter. Ohio wird der Buck-eye State(Rehaugenſtaat) genannt von der braunen Frucht eines Kaſtanienbaums, die man Rehaugen nennt und die ſehr häufig im Staate vorkommt. Der Staat ſoll ein fruchtbares Erdreich haben, gut für Korn und Viehzucht, und eine idylliſch⸗ſchöne, obſchon nicht großartige Natur. Die ſchönen großen Bäume hier und in Kentucky werden ſehr gerühmt. Ich bedaure, daß die Jahrszeit mir nicht erlaubt, noch mehr von der Schönheit der Natur in dieſem Lande zu ſehen, das 8—10 Millionen mehr als ſeine gegen⸗ wärtige Bevölkerung ernähren kann. Im Hauſe iſt Alles gut, friedlich, angenehm. Ein neuer Gaſt belebt den kleinen Geſellſchaftskreis ſeit einigen Tagen, es iſt ein Mr. D. aus Neuengland. Er iſt jedoch kein Yankee von Charakter, ſondern es ſcheint W— S S 6 n ie e⸗ 8 n er n n, hr ff⸗ t) , m te, en nt. de n⸗ in ſeit Er int 417 mir, als ob er fein, friſch und parfümirt aus dem Sa⸗ lon und Geſellſchaftskreis der Frau von Sevigné in den unſern hineingeſchlüpft wäre. Er intereſſirt ſich hauptſächlich für Geſellſchaftsleben, Litteratur, Freunde, Bekannte, angenehme Dinge und Stunden, er iſt Lieb⸗ haber von ſchönen Frauenzimmern, von bon-mots und Tafelfreuden, er kennt aufs Einzelſte alle Feinheiten in Shakſpeare und iſt im Stand, in einem vierzeiligen Billetchen von Damenhand große Dinge zu erblicken; im Uebrigen iſt er ein ehrlicher Mann, ein treuergebe⸗ ner Freund, ein guter Geſellſchafter, mit dem man ſich über alle möglichen Gegenſtände aufs Angenehmſte unterhalten kann. Er hat hier die Betrachtung des großen Weſtens von ſeinem mythologiſchen Geſichtspunkt aus als ein neues Jothunheim mit Thor und Loke, Rhimtuſſen und Rieſen von Neuem auf die Bahn gebracht. Und die Vergleichungen, die er zwiſchen dem ſkandinaviſchen Jothunheim, ſeinen Helden und Abentheuern(die er in einer Ueberſetzung von Sturleſons Edda von H. Longfellow liest) und der gegenwärtigen Rieſenheimath und den Rieſen der neuen Welt anſeellt, geben Stoff zu vielen muntern Erzählungen und Betrachtungen. So wird der äuſſerſte Weſten das neue Utgard voll von Ungehenern und Zaubergeiſtern; die Mammuthgrotte iſt Skyrners Handſchuh; der göttliche Eber Sehrim⸗ mer lebt hier in 1000fachem Maßſtab, und Thors und Starkotters Großthaten werden von den Rieſen auf dem Rieſenfluß und in den Miſſiſippiſtaaten von Neuem aufgeführt. So kommen mehrere Anekdoten von die⸗ ſen auf die Bahn, um die Mahlzeiten zu würzen, und unſer Wirth, Mr. Stetſon, welchen Mr. D. und ich den guten Jothun nennen, was er ſich gerne gefallen läßt, gibt manchen ſaftigen und luſtigen Beitrag zu dieſer Mythologie des Weſtens. Da haſt Du einige Probeſtücke: Bremer, die Heimath in der neuen Welt. U. 27 418 Ein Mann— ein Mann des Weſtens— ſteht am Miſſiſippiſtrand, ſieht ein Dampfboot in die Luft ſprin⸗ gen und ruſt: Bei Gott, die Amerikaner ſind ein großes Volk!(Ein gewöhnlicher Ausruf bei allen möglichen Vorkommniſſeu im großen Weſten.) Ein anderer Mann, ein Vikinger am Miſſiſippi, ſtrandet mit ſeiner Schute auf einer Klippe im Fluß, bleibt ſelbſt daran hängen und ruft, indem er ſein Fahrzeug verunglücken ſieht: „Hail Columbia, happy land! If I'm not lost, T'Ul be damn'd.“ (Heil Columbia, glücklich Land, Bin ich nicht hin, ſei ich verdammt!) Ein Paſſagier auf einem der Wiſſiſippidampfboote bekam neulich mit einem andern Streit. Sie gingen aufs oberſte Verdeck und wechſelten einige Schüſſe, ſo⸗ dann kamen ſie herab, wie wenn ſie bloß mit einander Ball geſchlagen hätten. Einer von dieſen Herrn ſah etwas vieich aus und ging in ſeine Cajüte, kam aber zwei Tage lang Morgens, Mittags und Abends her⸗ aus, um an den Mählzeiten Theil zu nehmen; am dritten Tag wurde er todt in ſeinem Bette gefunden mit fünf Kugeln im Leib. Man muß zugeben, dieß heißt die Sache kalt nehmen. Eine gewiſſe humoriſtiſche Uebertreibung wird als charakteriſtiſch für die Weſtländer bezeichnet, ſowohl in Bezug auf ihre Gemüthsart als auch auf ihre Aus⸗ drücke. Kentucky beſonders muß dafür herhalten und liefert Stoff zu mancher luſtigen Erzählung. So wird einem Kentuckyer nachgeſagt, er habe die Güte des Kentuckyer Bodens mit folgenden Worten geprieſen: „Wenn wir gut düngen und Korn oder Mais ſäen, ſo bekommen wir ungefähr den 150fachen Betrag —.————— wi me dü Be cht ich un Al im ger ſet Le ent nic keit ein C. ſelt in ma ſon der erſt ner ſche Gr dar vor So wu te nd 419 wieder. Wenn wir ſäen ohne zu düngen, ſo bekom⸗ men wir den 100fachen Betrag, und wenn wir weder düngen noch ſäen, ſo bekommen wir den öofachen Betrag.“ Die Jothun⸗Geſchichten gehören zu unſerm tägli⸗ chen Brod und es kommen täglich neue hinzu. Mit Mr. Silsbee, dem blaſſen Geiſtlichen, ſprach ich nicht von dieſen, um ſo mehr aber von Theologie und Swedenborgianismus. Wir disputirten wenig. Aber ich fand an der kryſtallreinen Wahrheit und Schönheit ſeiner Seele ſo viel zu lernen, daß es mir immer mehr Vergnügen machte, ihren ſtillen Ergießun⸗ gen zu lauſchen, als meine eigenen Beweiſe durchzu⸗ ſetzen. Er gehört zu den Stillen im Lande, deren Leben ihre beſte Lehre iſt. Er betrauert tief ſeine entſchlafene Gattin. „Die Leute verſtehen den Segen des Eheſtandes nicht genug zu würdigen,“ ſagte er eines Tags zu mir. „Wir leben in der Ehe nicht auf der Höhe der Selig⸗ keit, die uns gleichwohl zu Gebote ſtände.“ Miß Harriet, Mrs. Stetſons ältere Schweſter, ein gemüthliches ernſtes Frauenzimmer von etwa ſechzig Jahren, zeigt ſich nicht bei der Mittagstafel und nur ſelten im Salon. Dagegen fand ich oft, daß ſie ſich in meinem Zimmer und meinen Schubladen zu ſchaffen machte und daß ſie dieß verſtohlen that, was mir etwas ſonderbar vorkam, bis ich es mit einer andern Son⸗ derbarkeit in Verbindung brachte und durch letztere die erſtere erklären konute. Ich entdeckte nämlich in mei⸗ nen Schubladen, daß ein Kragen und ein Paar Man⸗ ſchetten, die ich abgelegt hatte, weil ſie allzuſehr ins Graue zu ſpielen anfingen, auf eine unerklärliche Art darin wieder zur weißen Farbe übergingen und wie von ſelbſt ganz neu gewaſchen und neu geſtärkt dalagen. So entdeckte ich auch, daß alte Krägen ausgebeſſert wurden, und noch mehr, es zeigte ſich ein neuer Kra⸗ 420 „ gen mit ächten Spitzen und neuen Manſchetten, die noch nicht dageweſen waren, aber juſt die Fagon hat⸗ ten, die ich zu tragen pflege,— und immer ſah Miß Harriet, wenn ich ihr begegnete, ſo ernſthaft und ent⸗ ſchloſſen aus, als wollte ſie ſagen, ſie befaſſe ſich nie⸗ mals mit den Angelegenheiten Anderer, erwarte aber auch, daß Andere ſich nicht mit den ihrigen befaſſen. Es ſtand wirklich einige Zeit an, bis ich in vollem Ernſt zu argwöhnen anfing, daß Miß Harriet ſich da⸗ mit befaßte, meine feine Wäſche zu beſorgen, mein Weißzeug in Ordnung zu bringen und mir neue ſchöne Stücke zu nähen. Und als ich ihr endlich deßhalb zu Leibe ging, wollte ſie zwar ein bischen mürriſch aus⸗ ſehen, aber ihr gutmüthiges, ſchalkhaftes Lächeln verrieth ſie, und die ehrliche gute ſchweſterliche Seele hat mich ſeither mit ihrer etwas herben Stimme und ihrem ern⸗ ſten Weſen nicht mehr fern zu halten vermocht. Aber daß dieſe Stimme nie etwas Anderes als die Wahrheit ſprach und daß in dieſem ſcheinbar kalten Weſen ein gutes redliches Herz und ein klarer tüchtiger Verſtand, ein humoriſtiſches, freundliches Gemüth wohnte, was ſich bei genauerer Kenntniß auch in ihrer Unterhaltung ausprägte, das bemerkte ich ſo allmälig, und das hatte auch Mr. Harriſon mir geſagt. Wer iſt Mr. Harriſon? Er iſt einer der Haus⸗ freunde und ein Mann, den ich gerne zum Freund haben möchte. Mehr von ihm ſpäter, denn wir dürf⸗ ten Reiſegefährten nach Neu⸗Orleans werden. Miß V., eine jüngere Freundin und Bewohnerin des Hauſes, iſt ſo ſchweigſam und ſtill, daß man im Anfang bloß aus der hohen Denkerſtirne und aus der Ruhe in der ganzen edeln Geſtalt ahnen kann, daß ihr mehr als gewöhnliche Gaben beſchieden worden ſind. Aber von Zeit zu Zeit kommt eine leiſe Bemerkung oder ein nachläßig und leiſe hingeworfenes Wortſpiel, welches Dich veranlaßt, ſogleich den Kopf zu drehen ——— die at⸗ iß nt⸗ ie⸗ ber en. em da⸗ ein ne 18⸗ eth ich n⸗ ber eit ein nd, as ing tte us⸗ ind rf⸗ rin der ihr nd. ing iel, hen 421 und in heiterer Verwunderung die anſpruchsloſe Miß V. anzuſehen, denn ſolche Worte bekommt man ander⸗ wärts nicht oft zu hören. Ich würde Dir gerne einige ihrer witzigen Wortſpiele mittheilen, aber ſie laſſen ſich in unſrer Sprache nicht wiedergeben. Unſer guter Jothun behauptet, ſie verſehe alle Zeitungen damit. Miß V. trägt noch auf allerlei andere Arten zur Erheiterung der Geſellſchaft bei, z. B. durch delikate Zuckerkuchen(Spunge cake), dem beſten Kuchen hier im Land, wovon ich einen Ueberfluß habe, der mich au den Rieſencharakter des großen Weſtens erinnert. Da ſiehſt du ein wenig von unſerm Alltagsleben, aber die Perle davon liegt für mich in dem Zuſam⸗ menleben und in der Unterhaltung mit meiner aller⸗ liebſten, klugen und guten Wirthin. Im Haus habe ich oft auch das Vergnügen, ein junges Mädchen, Miß K. Green, eine nähere Bekannte der Familie, Stücke von Beethoven ſpielen zu hören, und zwar mit einer Treue, einer Innigkeit der Auf⸗ faſſung, welche jeden Ton und Gedanken des großen Meiſters zur Geltung bringt und mir unendlichen Ge⸗ nuß verſchafft. Sie hat in ihrem Ausſehen viel von der innern ſtrahlenden Schönheit, welche ich hoch über die bloß äußerliche und gewöhnlichere bei jungen Ge⸗ ſichtern dahier ſtelle. Auf meinen Wunſch ſtudirt ſie mit aller Macht Beethovens zweites Adagio in der vierten Symphonie ein, das mich in Boſton ſo entzückte. Unter den Perſonen, die mir hier Freude bereite⸗ ten, muß ich auch eine junge Dichterin, Mrs. L., nennen, eine ſchöne, begabte und liebenswürdige Dame. Sie Verſe vorleſen zu hören, iſt ein wahrer muſikali⸗ ſcher Genuß. Es ſind hier mehrere Schweden anſäßig und un⸗ ter ihnen verſchiedene, die, nachdem es ihnen in der alten Welt nicht gelungen iſt, ihr Glück in der neuen Welt gefunden haben und ſich jetzt recht comfortable befinden. Einer von ihnen hat ſein Glück dadurch ge⸗ macht, daß er die Hölle zeigte, ein Jugendwerk des amerikaniſchen Bildhauers Powers, der in Cincinnati geboren iſt, hier in einer Uhrmacherwerkſtätte arbeitete und mit verſchiedenen plaſtiſchen Kunſtwerken begann. Unter ihnen befand ſich eine mechaniſche plaſtiſche Dar⸗ ſtellung der Hölle. Der Schwede kaufte ſie, ſetzte ſie in eine Art von Muſeum, lud das Volk ein zu ſehen, wie es in der Hölle zuging, gab den Leuten tüchtige elektriſche Schläge, gefolgt von Donner und Blitz, zu empfinden, und iſt jetzt ein reicher Mann, mit Weib, Kind und Landhaus, was er ſich Alles durch Vorzeigung der Hölle erworben hat. Es ſind hier in Cincinnati einige amerikaniſche Heimathen, in welche ich Dich einführen möchte; ſo in ein Haus, wo eine junge Mutter und Wittwe lebt, um fünf ſchöne Jungen zu guten Chriſten und Bürgern zu erziehen; ſo in ein anderes, wo kinderloſe Gatten einander durch ein Leben voll Ergebenheit und Intelli⸗ genz das Daſein erheitern, die Langeweile fliehen machen und die Krankheit in ein Mittel zu innigerer Vereinigung zwiſchen Herz und Herz, zwiſchen Himmel und Erde verwandeln. Da iſt beſonders eine Familie, von der ich weiß, daß Du Dich bei ihr eben ſo wohl befinden würdeſt, wie ich. Denn es iſt ſchön, die Men⸗ ſchen gut leben zu ſehen, aber noch ſchöner und ſeltener iſt es, ſie gut ſterben zu ſehen. Und in dieſem Hauſe befindet ſich eine ſterbende Perſon. Es iſt ein ganz junges Mädchen, ſchön wie eine Roſenknoſpe und mit ſo friſchen Roſen auf ihren Wangen, daß kein Frem⸗ der glauben will, daß der Tod in ihrem Herzen ſitzt. Aber ſie weiß es und ihre Mutter weiß es auch. Sie hat eine tödtliche Herzkrankheit und das zu große Herz in der zarten Bruſt kann nicht mehr viele Wochen ſchlagen. Mutter und Tochter wiſſen es beide und bereiten ſich in qualvollen Tagen und Nächten, welche ge⸗ des ati tete nn. ar⸗ ſie en, tige zu eib, ung ſche in ebt, ern tten lli⸗ hen erer mel ilie, ohl ten⸗ ener auſe anz mit em⸗ itzt. Sie derz chen und lche O 423 ſie zuſa mmen durchwachen, auf die bevorſtehende Treu⸗ nung vor, aber mit himmliſcher Heiterkeit und Ruhe. Sie ſprechen davon wie von etwas Schönem für das Mädchen, und ſie bereitet ſich für die Geſellſchaft der Engel dadurch vor, daß ſie unter dem Kreus der Schmerzen immer geduldiger, immer liebreicher gegen Alle, immer engelgleicher wird. Es iſt nichts Düſteres in dieſem Krankenzimmer; Freunde kommen mit Ge⸗ ſchenken und Liebe, um ſich an dem jungen Mädchen zu erfreuen, ſo lange es noch am Rande des Gra⸗ bes verweilt, um von ihr noch ein Wort, einen Blick aus dem Himmel zu erhalten, mit welchem ſie bereits in Verbindung ſteht. Dieſe Klarheit über den Tod, dieſe Todesvorbe⸗ reitung findet ſich unter der Bevölkerung Englands und Nordamerikas häufiger als in irgend einem andern Lande, das ich kenne. Der Menſch hält es da für eines ſeiner Menſchenrechte, ſeinen Zuſtand und ſeine Todesgefahr kennen zu lernen, wenn es geſchehen kann, mit offenem Blick und wachſamem Gemüth der Stunde ſeiner Verwandlung entgegen zu gehen und ſich mit vollem Bewußtſein von der Wichtigkeit ſeines Ueber⸗ ganges darauf vorzubereiten. Den 15. Dezember. Ein Tag voll hohen Lebens durch allerlei be⸗ lebende Eindrücke und Gedanken! Gedanken vom Menſchenhirn und dem centralen Standpunkt des Men⸗ ſchen im Verhältniß zum ganzen Univerſum; ahnende Blicke von dieſer Sonne und dieſem Geſichtspunkt über eine unendliche Entwicklung in allen Reichen des Le⸗ bens ſind hoch oben in meiner Seele; werde ich mich der Gedankenwelt, die in mir blitzt, vollkommen be⸗ mächtigen, ſie vollkommen beſitzen können? Ich kann Dir heute nicht mehr ſchreiben, denn 424 ich muß mehrere Briefe ſchreiben und vor allen einen an Böklin, den ich in den Deinigen einſchließen will. Lies ihn, wenn Du Luſt haſt. Er wird Verſchiedenes in meinen Briefen an Dich ergänzen. Trotz all der intereſſanten Dinge, die mich hier feſthalten, trotz all des Behagens, deſſen ich mich im Hauſe hier zu er⸗ freuen habe, ſehne ich mich abzureiſen, ſüdwärts zu kommen. Ich fürchte den Winter und ſeine ſcharfe Luft in Cincinnati, ganz beſonders aber auch die wahr⸗ haft ſchrecklichen Wärmungsapparate der amerikaniſchen Häuſer. Sie haben ganz gewiß Schuld an der Kränk⸗ lichkeit, welche unter denjenigen Klaſſen der Bevölke⸗ rung, die am bequemſten leben und am meiſten zu Hauſe ſind, immer mehr überhand zu nehmen ſcheint. Ich ſehne mich auch vor Weihnachten nach dem Süden zu kommen, damit ich möglicherweiſe Gelegenheit er⸗ halte die Tänze und Feſte zu ſehen, die zur Weihnachts⸗ zeit unter den Negern auf den Plantagen üblich ſein ſollen. Ich habe viel von dem Glück der Negerſklaven in Amerika und ihren Geſängen und Tänzen erzählen gehört. Ich möchte dieſes Glück, dieſe Feſte wohl auch einmal ſehen. In Südkarolina und Georgien hat das Predigen auf den Plantagen den Tanz und den fröh⸗ lichen Geſang verdrängt. In Louiſiana ſoll den Skla⸗ ven nicht gepredigt werden. Vielleicht daß ſie dort tan⸗ zen und ſingen dürfen. Am 17. dieſes geht ein großes gutes Dampfſchiff von hier nach Nen-Orleans, und auf dieſem werde ich abreiſen. Mein Cavalier auf dieſer Fahrt iſt Mr. Harriſon. Von einigen angenehmen Geſellſchafts⸗Abenden hier im Hauſe muß ich Dir noch ein Wort ſagen. Ich habe an den kleinen vertraulicheren Geſellſchaftskreiſen in amerikauiſchen Hänuſern das auszuſetzen, daß man ſich zu wenig mit Vorleſen beſchäftigt oder mit irgend etwas, was den kleinen Kreis in einem gemeinſchaft⸗ 425 lichen Intereſſe vereinigt. Aber die größeren Geſell⸗ ſchaftskreiſe haben Vieles von dem, was das Geſell⸗ ſchaftsleben vollkommen macht; darunter rechne ich be⸗ onders die Art, wie beide Geſchlechter einander Ge⸗ ſellſchaft leiſten. Man ſieht da niemals, daß ſich die Herren in einem und die Damen in einem andern Zimmer zuſammenſchaaren, oder daß ſich die Erſteren in der einen und die Letzteren in der andern Ecke des Salons gruppiren, juſt als ob ſie ungehener Angſt vor einander hätten. Die Herren, die hier in Geſellſchaften kommen,(und ſie gehen gerne Abends in die Salons⸗ geſellſchaft) machen ſichs zur Pflicht und wie es mir ſcheint auch zu einem Vergnügen, die Frauenzimmer zu unterhalten, und dieſes ſichtbare Wohlwollen erweckt bei letzteren wenn auch nicht größere Luſt, doch ganz ſicher eine größere Möglichkeit, angenehm und unter⸗ haltend zu ſein, eine größere Fähigkeit Dinge mit⸗ zutheilen, die für Männer von gutem Geſchmack und edler Gemüthsart doch weit beſſer ſind, als Cigarren⸗ rauch und Punſch. Gewöhnlich widmet ſich ein Herr auf längere Zeit, oft ſogar den ganzen Abend einem und demſelben Frauenzimmer. In Cauſeuſes und kleinen Sophas von allen Arten ſitzt man zu zwei und unterhält ſich; oder auch gibt der Cavalier der Dame den Arm zu einem Spaziergang durch das Zimmer. Zuweilen widmen ſich auch zwei Frauenzimmer längere Zeit einander, die Regel iſt jedoch, daß die zwei Per⸗ ſonen, die ſich Geſellſchaft leiſten, Mann und Weib ſind, auch iſt es nicht immer die ſchönſte oder elegan⸗ teſte Dame, welche die meiſte Aufmerkſamkeit gewinnt. Und ich habe Mr. Harriſon, einen noch jungen und ſehr angenehmen Mann, ganze Stunden lang in leb⸗ hafter Unterhaltung mit Miß Harriet geſehen. Es iſt wahr, daß er ſie hoch ſchätzt, und er beweiſt darin gu⸗ ten Geſchmack. Ein Kartenſpiel erinnere ich mich nicht 426 in irgend einem größeren oder kleineren Geſellſchafts⸗ kreiſe im ganzen Lande geſehen zu haben. Ich werde ſtets mit Gefühlen ſchweſterlicher Zärt⸗ lichkeit einiger jungen Mädchen gedenken, mit denen ich in letzter Zeit Bekanntſchaft machte und unter denen ſich eine ſchöne Jungfrau befand, die frühzeitig von einem herben Mißgeſchick betroffen wurde, aber ihr Herz nicht dadurch erbittern ließ, ſondern es vielmehr der Sympathie für alle Leidenden öffnete. Gottes Frie⸗ den über das junge Mädchen! Sie könnte mir ſehr theuer werden. Ebenſo auch einige Schweſtern, die in Luſt und Leid leben, wie Schweſtern nicht oft zuſam⸗ men leben. Die ſeelenvolle Kitty Green und ihre Mu⸗ ſik möchte ich allezeit um mich haben, aber— ich muß jetzt reiſen und gehe um mich darauf vorzubereiten. Belle Key, das Dampfſchiff, auf welchem ich abreiſen werde, vom Eigenthümer zu Ehren ſeiner ſchönen Tochter, einer„Belle“ in Louisville, ſo genannt, ſoll eine Art Rie⸗ ſenſchiff ſein, das mit allerlei Producten des großen We⸗ ſtens als Weihnachtsgeſchenken nach Neu⸗Orleans reist. Es iſt jetzt kaltin Cincinnati. Die Königin des Weſtens läßt Ruß und Aſche über die Stadt regnen, ſo daß man ſchwarz davon wird. Ich ſehne mich mit dem gro⸗ ßen Weihnachtsbock wieder am Miſſiſippi zu ſein. N. St Im großen Weſten ſchwatzt man davon, daß da ein beſonderer Ueberfluß an Freiern vorhanden ſei; ein junges Mädchen hat wenigſtens zwiſchen drei oder vier zu wählen. Gewiß iſt, daß die Anzahl der Mäu⸗ ner im Verhältniß zu den Frauenzimmern bedentend vorzuwiegen ſcheint. In den öſtlichen Staaten ſcheinen mir die Frauenzimmer weit zahlreicher zu ſein. Die Mäuner ziehen von da nach dem Weſten, um Geſchäfte und Geld zu ſuchen. Das Uebergewicht der männlichen 3. — — — —— — M S 427 Bevölkerung nimmt zu, je weiter man nach Weſten kommt. In Cincinnati erzählte man, auf einem Balle in St. Francisto(Californien) haben ſich fünfzig Favaliere für eine Dame vorgefunden. Man ſagte auch, in einem Goldbezirk, wo viele Männer ſich vorfanden und keine Dame, habe man in einer Art von Muſeum ein Damenballkleid aufgeſtellt, das man gegen eine gewiſſe Gebühr betrachten durfte. Aber ich glaube faſt, daß dieß zu den mythologi⸗ ſchen Sagen des großen Weſtens gehört. Dazu dürfte wohl auch die Sage von dem Luſt⸗ garten Eden in der Nähe Cincinnatis gerechnet werden, wohin ich zum Beſuch eingeladen bin. Es ſoll eine große Weinpflanzung ſein. Aber die Schönheit der Ausſichten von den Höhen des Ohio herab kann den Namen rechtfertigen. Der Weinbau ſowie die Berei⸗ tung von Sect und Champagner ſind in der Gegend von Cineinnati in ſtarker Zunahme begriffen. Dreißigſter Brief⸗ An den pfarrer p. J. Pöklin. Cincinnati, den 27. Dezember 1850. Mehr als ein Jahr habe ich in der neuen Welt zugebracht ohne daß ich noch mein Verſprechen erfüllte, Dir, mein Freund und Lehrer, zu ſchreiben, ohne daß ich Dir ſagte, was ich von ihr denke, was ich von ihr hoffe. Und gleichwohl weiß ich, daß Du es zu wiſſen wünſcheſt. 428 Mein guter Freund, ich habe Dir nicht früher ſchreiben können. Ich wollte Dir keine unreifen Ver⸗ ſuche zu denken und zu ſchildern geben, und lange habe ich Nichts anderes zu geben vermocht. Die Eindrücke und täglichen Ereigniſſe meines Lebens in dieſem Land waren im Anfang überwältigend ſowohl für Seele als Kör⸗ per, und bis auf einen gewiſſen Grad erlag ich wirklich unter ihnen. Der heftige Strom neuer, wenn auch zum großen Theil bezaubernder Eindrücke, die unauf⸗ hörliche Arbeit mit neuen Gegenſtänden, neuen Menſchen, ſowie der Einfluß des neuen hitzigen Klimas und der ungewohnten Speiſen verſetzten mich in einen Fieber⸗ zuſtand, der meine Nerven dermaßen angriff, daß ich auf Monate unfähig wurde, etwas zu leſen oder zu denken, was die geringſte Anſtrengung erforderte. Got⸗ tes Gnade, die Pflege guter Menſchen, die Heilkraft der Natur und Kunſt ließen mich allmählig aus dieſem Zuſtand kommen. Ich konnte wieder leben und ler⸗ nen. Aber während der täglichen Arbeit, um mich der Gegenſtände zu bemächtigen, die ſich mir bei meinen Wanderungen aufdrängten, und während des Verſuches ſie zu ordnen, wurde es mir immer deutlicher, daß ich, um mit einiger Klarheit über die neue Weltbildung zu denken, welche die Staaten Nordamerikas vorweiſen, mehr von ihren verſchiedenen Geſtalten und Entwick⸗ lungen ſehen muß; daß ich Bekanntſchaft mit dem Le⸗ ben ſowohl in den nordöſtlichen, als in den ſüdlichen und weſtlichen Staaten der Union gemacht, daß ich Amerikas Leben geſehen haben muß, da wo es ſich feſtgeſetzt hat und einigermaßen mit ſich ſelbſt fertig geworden iſt, und da wo es noch beſtrebt iſt, die Erde aufzuwühlen, neue Häuſer zu bauen, neues Leben und neue Länder zu erobern. Wenn ich den großen Weſten, das Miſſiſippithal, Cincinnati die Königin des Weſtens geſehen habe, dann will ich an Böklin ſchreiben. Ich werde dann die neue „——— 429 Welt und die Zukunft der Menſchheit, welche ſie in ihrem Schooße trägt, beſſer verſtehen und beſſer von ihr ſprechen können. So ſagte ich zu mir ſelbſt. Jetzt bin ich in Cincinnati. Ich habe den großen Weſten in Nordamerikas Central⸗Region geſehen und ſehe ihn vor mir. Ich habe das Miſſiſippithal— die künftige Heimath von mehr als 175 Millionen Men⸗ ſchen— auf dem großen Fluſſe, auf deſſen Ufern es be⸗ reits von europäiſchen Schaaren wimmelt, von Minne⸗ ſota an, noch jetzt der wilden Heimath indianiſcher Stämme, vom St. Antonsfall an, welcher die Fluß⸗ fahrt im Norden abſchließt, bis zu ſeiner mittleren Region in Miſſouri und Ohio durchfahren und ſtehe jetzt im Begriff ſeinen Lauf bis an ſeine Mündung in den mexikaniſchen Meerbuſen, die Heimath des Zucker⸗ rohrs und des Sommers, zu verfolgen. Und während ich hier am ſchönen Fluß Ohiv, wie die müde Taube mit dem Oeizweige in einem jener ſchönen friedſeligen Häuſer ausruhe, die ſich überall auf meinem Weg durch Amerika für mich geöffnet und mir die Ruhe eines Mutterhauſes, Frieden, Liebe, Freude und neue Kräfte gegeben haben, will ich mit Dir ſprechen, Du ſpät, aber für die Ewigkeit gefundener beſter Freund meines Geiſtes und Gedankens. Ach! auch jetzt kann ich blos einige Worte zu Dir ſagen, kann Dir blos Bruchſtücke deſſen geben, was ich in dieſer neuen Welt erlebt und gelernt habe, was ich fortwäh⸗ rend in ihr erlebe und lerne. Aber Du wirſt verſtehn, was ich blos unvollkommen andeuten kann, Du wirſt den Faden, den ich in Deine Hand lege, durch das Labyrinth weiter führen. Du weißt es, ich kam nicht nach Amerika, um neue Gegenſtände, ſondern vielmehr um eine neue Hoffnung zu ſuchen. Während halb Europa nach einem Kampf für Licht und Freiheit, der ſich zum Theil in ſeinem Ziel 430 täuſchte und nicht klar wußte, was er wollte, unter einen Despotismus zurückzuverſinken ſchien, wenn auch nur ſchien, der beſſer wußte, was er wolite, und auf einige Zeit das Recht des Stärkeren bekam, ſehnte ſich meine Seele in tiefem Glauben und inniger Liebe nach dem fernen Land, deſſen Bevölkerung die Freiheitsfahne des Menſchen aufgepflanzt, ſein Recht und ſeine Fähig⸗ keit ſich ſelbſt zu regieren ausgeſprochen und auf dieſes Recht ein Staatenreich, den Anfang der größten Staats⸗ bildung der Erde gegründet hat. Was ich da ſuchte, war der neue Menſch und ſeine Welt, die neue Menſchheit und ein Blick in ihre Zukunft auf der neuen Erde. Ich will Dir ſagen, was ich bis jetzt geſehen und gefunden habe. Den letzten Herbſt und Winter verbrachte ich in den nordöſtlichen Staaten der Union, in New⸗York, Maſſachuſetts, Connecticut— den Mutterſtaaten, von welchen Völkerſchwärme ausgegangen ſind und noch ausgehen, um den amerikaniſchen Continent zu bevöl⸗ kern und ihm ihre Geſetze und Sitten zu bringen. Was man in dieſen Mutterſtaaten bewundern muß, das ſind die großen Anſtalten für die Erziehung der Jugend und für die Unterſtützung von Unglücklichen, alſo Schulen und Wohlthätigkeits⸗Anſtalten. Sie ſind Erzeugniſſe eines großen Herzens und werden auf großem Fuße gehalten. Es iſt eine Freude in den großen luftigen Sälen der öffentlichen Schulen(ſämmt⸗ lich Freiſchulen) die Kinder zu hören und zu ſehen. Man ſieht, daß ſie vollkommen aufgeweckt und voll Leben ſind. Man hört, daß ſie verſtehen, was ſie leſen und lernen. Die große Reform im Schulweſen und der großentheils durch den Enthuſiasmus, die Be⸗ harrlichkeit und Streitfertigkeit eines einzigen Mannes — er heißt Horace Mann— hervorgerufene Impuls zur allgemeinen Volkserziehung in Amerika iſt unſtrei⸗ 2— 431 tig eine der ſchönſten und bedentſamſten Erſcheinungen dieſer Weltbildung, zumal da ſie das weibliche Ge⸗ ſchlecht eben ſo gut umfaßt als das männliche und das Weib als Lehrerin der jungen Generation auf gleiche Linie mit dem Manne ſtellt.*) Ich habe dieſe Erſcheinung vom Oſten bis in den Weſten beobachtet, von der ſtattlichen Akademie, wo 500 Zöglinge, Knaben und Mädchen, ſtudiren und gra⸗ duiren, um als Lehrer und Lehrerinnen in das öffent⸗ liche Leben zu treten, bis zu dem Blockhäuschen in den Wildniſſen des Weſtens, wo den zerlumpten Kindern Schulbücher aufgeſchlagen werden mit der Ausſicht auf die ganze Welt und mit den edelſten Perlen der ame⸗ rikaniſchen Literatur; ich habe mit Horace Mann, einem Mann von unermeßlicher Hoffnung, geſprochen und ich habe daraus große Hoffnung geſchöpft für die intel⸗ ligente Vervollkommnung und Zukunft des Menſchengeſchlechts in dieſem Welttheil. Denn was in den nordöſtlichen Staaten, der älteſten Heimath der Pilger, ſchon iſt, das wird früher oder ſpäter in den ſüdlichen und weſtlichen. Ein großes Volksbewußtſein macht ſich in der großen Frage der Volkserziehung immer mehr geltend und ſchreitet ſieghaft voran, wie eine geiſtige Naturmacht, wie ein Strom von geiſti⸗ gem Leben, der ſich durch alle Hinderniſſe Bahn bricht. Willſt Du hören, wie ſein kräftigſter Vertreter in der neuen Welt ſich ausſpricht? In ſeiner Einladung zu der nationalen Zuſammenkunft der Freunde der Er⸗ *) Junge Mädchen lernen auf der Hochſchule Lateiniſch, Griechiſch, Mathematik, Algebra, Phyſik u. ſ. w. und man behauptet, daß ſie ſich dieſe Gegenſtände, die man bei uns als zu ſchwierig, wo nicht geradezu unfaßlich für weibliche Gehirne betrachtet, mit der größten Leich⸗ tigkeit aneignen. 432 ſichung im Auguſt 1850 ſchreibt Horace Mann wie folgt: „Nie iſt es nöthiger geweſen, dem menſchlichen Verſtande Macht zu verleihen und ihn mit Kenntniſſen zu erfüllen, als in der gegenwärtigen Zeit, und in kei⸗ nem Land iſt dieſe Nothwendigkeit ſo gebieteriſch, wie in dem unſrigen. Die gewöhnlichen Geſchäfte des Le⸗ bens erfordern jetzt hundertmal mehr Kenntniſſe als vor einem Jahrhundert. Neue Arten und Formen von Geſchäften tauchen tagtäglich im allgemeinen Gebrauche auf, und man muß ſie mit Verſtand und Geſchicklichkeit behandeln, wenn diejenigen, die ſich damit befaſſen, nicht dabei zu Grunde gehen ſollen. „Die tiefſten Wiſſenſchaften bahnen ſich den Weg in die alltäglichen Geſchäfte des Lebens, ſie führen überall, wohin ſie gehen, Macht, Schönheit und Man⸗ nigfaltigkeit der Produkte mit ſich; und wer ſich der Wohlthaten nicht bemächtigen kann, welche ſie ſchenken, der wird dem Elend und der Verachtung preisgegeben bleiben. „Aber nicht blos in allen Theilen des Geſchäfts⸗ lebens zeigt ſich überall mehr Leben, Thatkraft und Umfang; die Maſſen des Volks erobern ſich oder erhal⸗ ten beſtändig neue politiſche und ſociale Rechte. Der freie Mann, der gehen kann, wohin es ihm beliebt, der jede Beſchäftigung wählen kann, die ihm gefällt, bedarf weit mehr Urtheil und Intelligenz, als der Unterthan in einem despotiſchen Staat, der in irgend einem Ar⸗ beitszweig geboren iſt und bei demjenigen bleiben muß, worin er geboren iſt. Der Bürger, der nicht blos ſeine perſönlichen Angelegenheiten beſorgt, ſondern auch die Angelegenheiten ſeiner Gemeinde, der ſelbſt in allen ſeinen politiſchen Verhältniſſen durch Repräſentanten regiert, die er ſelbſt wählt, deſſen Stimme nicht blos darüber entſcheiden kann, welchen Männern die Regie⸗ rung anvertraut werden ſoll, ſondern auch welche Maß⸗ —————„—— . — 433 regeln innerer oder ausländiſcher Politik zu ergreifen ſind, von deſſen Willen Friede oder Krieg, National⸗ ehre oder Unehre abhängen kann; ein ſolcher Bürger muß in Bezug auf Fähigkeit, Kenntniſſe und Weisheit im Vergleich mit einem ruſſiſchen Leibeigenen oder einem hinduiſchen Paria wie ein Gott ſein. In dieſer Zeit ſage ich gibt es für die Seele des Menſchen unendlich mehr zu thun und zu verſtehn, als je zuvor, und deß⸗ halb muß die Seele im Verhältniß dazu geſtärkt und aufgeklärt werden. „Es gab nie eine Zeit, wo die moraliſche Natur eines Menſchen mehr der Kultur und Läuterung be⸗ durfte, als ſie es im gegenwärtigen Augenblick bedarf. Was wir Civiliſation und Fortſchritt nennen, hat die Verſuchungen tauſendfach— in dieſem Land zehntauſend⸗ fach vermehrt. Die Ringbahn für Reichthum, Luxus, Ehrgeiz, Hochmuth, ſteht Allen offen. Mit unſern viel⸗ fachen Privilegien ſind nicht blos vielfache Pflichten gekommen, welche wir verleugnen können, ſondern auch vielfache Gefahren, in welche wir fallen können. Da wo Druck und Despotismus obwalten, ſind alle edleren Fähigkeiten des Menſchen verkrüppelt, erloſchen, ihrer Macht beraubt. Aber Druck und Despotismus ſchwä⸗ chen auch die Macht der böſen Leidenſchaften des Men⸗ ſchen eben ſo gut wie die der edleren Triebe. In die⸗ ſem Land hat Alles, was im Herzen des Menſchen Gemeines und Verdorbenes iſt, eine ſo volle Freiheit, einen ſo großen Wirkungskreis, eine ſo heiße Trieb⸗ kraft, wie man dieß nie zuvor gekannt hat. Schlech⸗ tigkeit wie Tugend, Teufelei wie Menſchenliebe führen ihre Dampfmaſchinen, ihre Machtpreſſen, ihre elektri⸗ ſchen Telegraphe mit ſich. Die äußeren, zurückhaltenden Kräfte blinder Verehrung für die Auktorität, blinder Furcht vor Religionslehrern und vor grauſamen Straf⸗ geſetzen, welche früher die wilden Leidenſchaften der Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 28 434 Menſchen im Zaum hielten und alle Energie lähmten, ſind jetzt unwirkſam geworden. Wenn nicht innere und moraliſche Hemniſſe an die Stelle der äußeren und willkürlichen geſetzt werden, die man weggenommen hat, ſo werden die Leute, ſtatt die Herren und Beſieger ihrer Leidenſchaften zu werden, ihre Sklaven und Opfer wer⸗ den. Auch die klarſte Offenbarung vom Himmel und die heiligenden Einflüſſe von Gott, wenn ſie nicht ſo täglich und ſtündlich gegeben werden, daß ſie alle Be⸗ wegungen des freien Willens vernichten, können einen tugendhaften Wandel als unabweisliche Forderung und Vorbereitung zu einem glücklichen und ehrſamen Leben nicht ausſchließen. Der Menſch hat eine beſchränkte An⸗ ſicht von dem Einfluß und der Wirkſamkeit aller chriſt⸗ lichen Sittenlehre, welche ihn nicht in allen Gewohn⸗ heiten und Gefühlen der Jugend zu leiten ſucht, und die nicht in demſelben Maß, wie die junge Seele ſich der Beobachtung der Wunder der Schönheit und Wahr⸗ heit erſchließt, einen unerſchöpflichen Vorrath von ſittlichen Wundern, Schönheiten und Wahrheiten in Bereitſchaft hat, um ſie ihr einzugießen.“ So der Präſident des National⸗Convents der Freunde der Erziehung, der Erzieher par excellence in Nordamerika. Er iſt aus Maſſachuſetts und gegenwärtig Repräſentant des Pilgerſtaates beim Congreß in Waſhington. Du ſiehſt ſeinen Standpunkt. Die Aufklärung der Intelligenz und des moraliſchen Bewußtſeins, in der Schulerziehung allen Bürgern gegeben, iſt die Grund⸗ lage, auf welcher die neue Welt ihr Reich zu erbauen n, id d t, er id ſo en 1d en n⸗ ſ⸗ n⸗ nd ch ⸗ on in er in in er en — —— 435 und den neuen Menſchen hervorzubringen hat. So weit iſt das Volksbewußtſein in der neuen Welt gekommen, weiter aber nicht, wenigſtens nicht mit vollem Be⸗ wußtſein. Dieſes Bewußtſein iſt am klarſten und ſtärkſten in den Staaten Neuenglands, der älteſten Heimath der Pilger aufgegangen. Raſtlos muthige Arbeit in der Entwicklung des Lebens und Emporhebung der ärmeren Geſellſchafts⸗ klaſſen, das Streben, eine vollkommen harmoniſche menſchliche Geſellſchaft hervorzubringen, charakteriſirt das Leben dieſer Staaten. Der Begriff eines chriſtli⸗ chen Staats, einer chriſtlichen Geſellſchaft liegt dabei ſichtlich zu Grunde. Die Lehre Chriſti, die Ehre Aller, das Recht und das Wohl Aller, Alle für Alle, ſo lautet das Feldgeſchrei in dieſen Ländern. Die Har⸗ fen der Dichter rufen die ſittlichen Ideale des Menſchen und des Staates herauf. Von dieſen Staaten reiſte ich im Monat März, während Schnee und Froſt ihre Marken noch bedeckten, nach den ſüdlichen Staaten Nordamerikas und ver⸗ brachte ungefähr drei Monate in den Palmettoſtaaten, Südkarolina und Georgien. Da war die Sonne warm. Und obſchon ich die Sklaverei da fand und ihren dun⸗ keln Schatten auf dieſer ſonnenwarmen Erde ſah, ob⸗ ſchon ich ſah wie ihre Feſſeln die moraliſche und poli⸗ tiſche Entwicklung dieſer Staaten hemmten, ſo erfreute ich mich gleichwohl meines Lebens in einer Art, wie ich es in den intellektuellen, emporſtrebenden, raſtlos arbeiten⸗ den nördlichen Staaten nicht gethan hatte. Ich ruhte mehr und befand mich beſſer dabei. Die weiche Schön⸗ heit der Luft und des Klimas zu dieſer Jahrszeit, die Ueppigkeit der Vegetation, die ſchönen neuen Blumen, die Düfte, die Früchte, die Pracht der Urwälder an den rothen Flüſſen entlang, der Glanz der Feuer⸗ fliegen in den dunkeln warmen Rächten, die Wanderungen 436 unter den mit langen flatternden Mooſen behangenen gothiſchen Arkaden der Lebenseichen, neue und bezau⸗ bernde Schauſpiele für ein europäiſches Auge;— ein gewiſſes romantiſch pittoreskes Leben durch die Be⸗ rührung des weißen und des ſchwarzen Menſchenſtamms auf der ſchönen von Wohlgerüchen erfüllten Erde, das eigenthümliche Leben und der Charakter der Reger, ihre Geſänge und religiöſen Feſte.... wirſt Du mir verzeihen, wenn Alles das mich bezanberte und mich die trüben Schatten der Sklaverei vergeſſen oder doch weniger ſehen ließ als die Lichtbilder, welche des Sü⸗ dens Schönheit in den Naturgegenſtänden und bei ein⸗ zelnen Menſchen hervorrief? Keine Dichter ſangen hier die ſittlichen Ideale der Staatsgeſellſchaft, der hundertzüngige Vogel(turdus polyglottus), Nordameri⸗ kas Nachtigall, ſang in den duftreichen Wäldern, und die Erde mit ihren Menſchen und Blumen ſchien in Licht zu baden. Daß ich aber dennoch für die Nacht⸗ ſeite und die Lügen im Leben des Südens nicht blind war, das beweiſen meine Briefe nach Hauſe. Die ſchönſte ſittliche Erſcheinung, die ich in dieſen Staaten beobachtete, war das hereinbrechende Licht des Chriſtenthums bei den Kindern Afrikas und die Be⸗ mühungen, welche wahre Chriſten, zumal in Georgien, für den religiöſen Unterricht, die Befreiung der Skla⸗ ven und ihre Koloniſirung in Liberien auf der afrika⸗ niſchen Küſte aufbieten. Alljährlich geht ein mit freige⸗ laſſenen Sklaven und den Mitteln zu ihrer Niederlaſſung in dem älteſten Mutterlande befrachtetes Schiff von Savannah nach Liberien ab. Aber dieſe Erſcheinung iſt noch immer blos ein kleiner Lichtvunkt an dem dunkeln Sklavengemälde in dieſen Staaten. Sie iſt ein Werk von Privatperſonen. Die Geſetze der Staaten ermangeln alles Lichts und Rechtsgefühls in Beziehung auf die Sklaven; ſie ſind eines freien Landes und Volkes unwürdig. S„————————— n u⸗ in 437 Im Mai entfloh ich aus dem glühenden Süden und reiſte nordwärts zuerſt nach Pennſylvanuien, dann nach Delaware. Während der ſtärkſten Sommerhitze befand ich mich in den heißen Städten Philadelphia und Waſhington. In Philadelphia intereſſirten mich die Quäcker und das Leben des inneren Lichtes in guten und wohlthätigen Stiftungen. Ich las die Unabhängigkeits⸗Erklärung, den großen Frei⸗ brief des amerikaniſchen Volkes in dem Saal, wo fie unterzeichnet wurde, und dann reiſte ich nach Waſhing⸗ ton, um den Debatten des Congreſſes in der großen Streitfrage zwiſchen den freien Staaten und den Sklavenſtaaten, zwiſchen dem Norden und Süden, ſo⸗ wie über den Eintritt Kaliforniens und Neumexikos als freier Staaten in die Union, anzuwohnen. Es ging heiß zu und die Union war alle Tage bedroht. Du kennſt bereits aus den Zeitungen den Vergleich, womit die Frage entſchieden und der Kampf beigelegt wurde, nämlich für einige Zeit. Denn der Kampf und die Gefahren bleiben heimlich oder offen⸗ bar, ſo lange es in der amerikaniſchen Union Sklaverei und Sklaven geben wird; und je mehr das menſchliche und das höhere Bewußtſein im Lande wächst, um ſo ſchärfer wird der Streit ſich um dieſen Punkt concen⸗ triren, um ſo hitziger wird der Kampf werden. Ich ſah große Staatsmänner, hörte große Reden in Waſhington, und ich glaube, daß kein Land auf Erden zu dieſer Zeit eine Rathsverſammlung mit gröſ— ſeren Talenten und ausgezeichneteren Männern aufzu⸗ weiſen vermag, als der Senat der Vereinigten Staaten ſie darbietet. Politiſche Unbilligkeit, politiſche Bitter⸗ keit fand ich auch hier wie überall auf dem politiſchen Schlachtfeld. Was mir am Congreß der Vereinigten Staaten am meiſten auffiel, das war die Art und Weiſe der Repräſentation. Du kennſt ſie aus Büchern und Zei⸗ 438 tungen; jeder Staat in der Union, klein oder groß, ſchickt zwei Senatoren zu dem Congreß. Sie bilden den Senat oder das Oberhaus; die Zahl der Reprä⸗ ſentanten, welche die zweite Kammer oder das Unter⸗ haus ausmachen, wird nach der Einwohnerzahl der einzelnen Staaten beſtimmt. Je größer die Bevölkerung eines Staats, um ſo mehr Repräſentanten beim Con⸗ greß. Jeder einzelne Staat in der Union regiert ſich auf gleiche Weiſe durch zwei Kammern, Senat und Repräſentantenhaus, deren Mitglieder im Staat aus Bürgern des Staates gewählt werden, und jeder Staat hat ſein Kapitol. Dieſe Repräſentation hat viel Pittoreskes und Eigenthümliches zur Folge. Der Granitſtaat und der Palmettoſtaat, Ol1d virginy und der junge Wis⸗ conſin, Minneſota und Louiſiana, ſo verſchieden und eigenthümlich durch Lage, Natur, Klima, Erzengniſſe und Bevölkerung, treten auf dem Congreß als Per⸗ ſönlichkeiten auf und betheiligen ſich an der Beſprechung der allgemeinen, das ganze Menſchengeſchlecht intereſſi⸗ renden Fragen durch das, was ſie für ſich Eigenthüm⸗ liches und mit allen Gemeinſames haben. Ich konnte nicht umhin dabei an die Vertretung Schwedens und ihre vielbeſprochene Umbildung zu den⸗ ken. Es ſchien mir als wäre Nichts paſſender und geeigneter ein nationales Leben und Bewußtſein zu wecken, als eine Vertretung nach Art der amerikaniſchen. Ich ſah Nordland und Schonen, Dalekarlien und Ble⸗ kinge, Oſtgothland und Weſtgothland und alle unſre durch Volksleben, Natur und Produkte eigenthümliche Provinzen auf dem ſchwediſchen Reichstag auftreten und durch ihre Senatoren Aufſchlüſſe ertheilen über den Zuſtand, die Bedürfniſſe des Landes und ſeine bisher verborgenen oder unbenützt gebliebenen Quellen des Wohlſtandes; ich ſah die Nord-, Süd- und Central⸗Re⸗ gion Schwedens, ſeine öſtlichen und weſtlichen Länder —— —— — at d d 3. d * 9 i⸗ g ⸗ zu n. e⸗ re he en n 439 erhellt von Lichtblicken, die früher nicht hineingedrun⸗ gen, ich ſah das Volksbewußtſein und Volksleben er⸗ höht durch Repräſentanten, die vermöge ihrer Kennt⸗ niſſe und Perſönlichkeit würdig waren, die einzelne Provinz in ihrer Eigenthümlichkeit vorzuſtellen und in ihrem Leben als Theil eines großen Ganzen, eines Landes, eines Volkes mit einem Erbe, ſo groß wie Schwedens Vorzeit, und mit einer Zukunft, die an menſch⸗ licher Hoheit mit der Zukunft der größten Völker auf Erden wetteifern dürfte. Schwedens älteſte Verfaſſung, wo die Landrichter jeder Landſchaft auf dem Allshärjarting auftreten und allda als die weiſeſten und beſten des Volkes für ihre Gemein⸗ den zu dem König des ſchwediſchen Landes ſprachen, dieſe älteſte Verfaſſung unſers Landes war in ihrer Idee der gegenwärtigen nordamerikaniſchen nicht un⸗ ähnlich. Eine ſolche Bertretung von Land und Volk er⸗ ſcheint in hohem Grad naturgemäß und national, und welch ein Feld eröffnet ſie nicht für Talente und Reden! Präſident Taylor ſtarb während meines Aufent⸗ halts in Waſhington, und ich war zugegen, als ſein geſetzlicher Nachfolger, Vicepräſident Fillmore, in das höchſte Amt der Vereinigten Staaten eingeſetzt wurde. Nichts kann einfacher, ſchlichter und prunkloſer, unſern Königskrönungen ungleicher ſein. Aber ich habe auch Nichts gegen dieſe einzuwenden. Sie gewähren ſchöne und maleriſche Schauſpiele, und ohne ein Bischen Spektakel können wir Menſchen ja doch nicht wohlleben, nicht ein⸗ mal hier zu Lande; das ſieht man an der Begierde, womit Alles herbeiſtrömt, ſobald es etwas Neues zu ſehen gibt. Welche ſchöne Schauſpiele haben wir nicht in Schweden bei der Krönung Carl Johanns und Oskars geſehen! Bei der letzteren erinnere ich mich noch beſonders der jungen Prinzen, der drei Söhne Oskars in ihren fürſtlichen Aufzügen, als ſie kamen, um vor 440 ihrem königlichen Vater den Eid abzulegen— ſchönere Geſtalten konnte man nicht ſehen und kaum ein ſchö⸗ neres Bild. Nachdem ich in dem branſenden Meer an der öſt⸗ lichen Küſte gebadet, begab ich mich nach dem Weſten. Ich hatte den Norden und Süden der Union geſehen. Jetzt mußte ich den großen Weſten ſehen, es verlangte mich gewaltig darnach. Viel und oft hatte ich in den öſtlichen Staaten ſowohl im Norden als im Süden von dem wunderbaren Wachsthum und Fort⸗ ſchritt(Growth, progress) des großen Weſtens erzählen gehört. Worin beſtanden ſie? Es gelüſtete mich mit eigenen Angen zu ſehen. Auf meinem Weg nach dem Weſten befand ich mich in Geſellſchaft der Naturrieſen Trenton und Niagara, fuhr über die großen Binnenſeen Ontario, Erie, Michi⸗ gan, um die ſchwediſchen und norwegiſchen Niederlaſ⸗ ſungen am Miſſiſippi zu beſuchen, ſah ſchwediſche Gaſt⸗ freundſchaft und ſchwediſche Blumen friſch auf der neuen Erde erblühen, ſah in den Wildniſſen des Weſtens ein neues Skandinavien emporkommen. Sodann begab ich mich den Miſſiſippi hinanf nach dem Land, welches die Quellen des großen Fluſſes einſchließt, ſah herr⸗ liches Hochland, ruinenartige Felſen aus eichengekrön⸗ ten Höhen emporſteigend, Ruinen aus der Urzeit, wo die erſtgebornen Titane der Ratur allein auf der Erde wandelten und der Menſch noch nicht vorhanden war. Und noch jetzt iſt er ein ſeltener Gaſt in den unüber⸗ ſehbaren Wildniſſen: noch jetzt iſt es ſtill und öde da. Wohl erhebt ſich da und dort ein kleines Blockhaus am Fuß der Höhe, am Strand des Miſſiſippi, und da⸗ neben ſieht man einen Acker mit indianiſchem Korn blühen. Dieß ſind die erſten Spuren von Kultur in dieſen Gegenden. Aber ſie ſind wie die Spur des einen Fußes auf Robinſons unbewohnter Inſel. Daneben ſind die Urwälder und die Wildniſſe, wo die wilden = 441 Thiere und die Indianer in ewiger Fehde mit einan⸗ der hauſen. Daneben ſind auch die ungeheuren Prärien, des Miſſiſippithales blumenreiche Wüſten, wo das Gras in hohen Wogen weithin gegen den Horizont weht, un⸗ berührt von Menſchenhänden, deun hier finden ſich keine Menſchenhände, um es abzumähen„ nein nicht einmal den tauſendſten Theil. Und was aufmich noch größern Eindruck machte, als der Niagara, als irgend etwas, das ich in dieſem Welttheil oder in Europa geſehen, das ſind die unermeßlichen Prärienausſichten, die zum Miſſiſippithal gehören und immer weiter werden, je näher man dem großen Fluſſe kommt. Dieſe Oceane mit Wogen von Sonnenblumen und hochwallendem Gras unter Amerikas hellem ſonnbeglänztem Himmel oder auch mit fliegenden Wolken in den hellen Räu⸗ men zu ſehen, das iſt ein herrlicher Anblick. Die Seele erweitert ſich und öffnet ſich gleichſam für den milden freien Wind, der über das Feld hinſänſelt und die darüber hingeſpannten elektromagnetiſchen Fäden bei ſeiner Vorbeifahrt melodiſch erklingen macht. Jeder Tag meiner Fahrt nach dem Weſten war ein Feſt, als ich auf den Schwingen des Dampfes über die Felder hin gegen die goldene Sonne zuflog und in ihre Licht⸗ wellen zu fliegen meinte. Das Miſſiſippithal von Minneſota im Norden an bis Louiſiana im Süden, zwiſchen der Alleghanikette im Oſten und den Felsgebirgen im Weſten iſt durchaus eine ungeheure rollende Prärie, d. h. ein wogendes Wieſenland mit Hügeln und Höhen vom fruchtbarſten Boden, reichbewäſſert von Strömen und Seen. Hoch⸗ ländiſch im Norden und nordiſche Tannen und Birken hervorbringend, ſinken ſeine Felder, je mehr ſie nach Süden kommen, bis ſie in Loniſiana ſumpfige Moräſte werden, wo der Alligator im Schlamme watet, wo aber auch das Zuckerrohr und der Palmetto in der warmen 442 Luft emporſteigen und die Drangenhaine duften. Es umfaßt viele verſchiedene Arten von Erdboden, Klima und Produkten... Aber ich will einen Bewohner des großen Thals, der wohl damit bekannt iſt, ſprechen laſ⸗ ſen von— „dem großen Centralthal des nordamerikaniſchen Feſtlandes. Es iſt ein Thal, das ſich durch 21 Breite⸗ und 15 Längegrade hindurch erſtreckt, ein Thal, das juſt bei ſeinem Austritt aus dem Naturzuſtand zu lä⸗ cheln beginnt, das bereits in ſeinen großen Schooß die Volksmaſſen einlädt, die ſich aus den übervollen Staa⸗ ten der Welt ergießen, und ſich erbietet die anbauenden Hände mit Vorräthen für noch ungezählte Millionen von Menſchenkindern zu belohnen. Die Natur hat dieſe Erde merkwürdig mit Pflanzen und Mineralreich⸗ thümern begabt; ſie hat ihr eine für jeden Geſchmack und jedes Bedürfniß paſſende Oberfläche gegeben und ſie mit Strömen durchfurcht, diezu vielfachen Arten von Induſtrie benützt werden können, namentlich auch zu einem großar⸗ tigen Handelsbetrieb, der alle Erzeugniſſe der gemäßig⸗ ten Zone in ihren nördlichen und ſüdlichen Grenzen umfaßt. „Dieſes große Land, dieſes fruchtbare üppige Thal zwiſchen den Miſſiſippiquellen im Norden und dem mextkaniſchen Meerbuſen im Süden, zwiſchen den Fels⸗ gebirgen im Weſten und dem Alleghanigebirge im Oſten war vor kurzer Zeit noch eine Wildniß, umfaßt aber jetzt bereits 11 ganze Staaten, Theile zweier andern Staaten und zwei Territorien, iſt voll von arbeitender Thätigkeit und berufen die halbe Bevölkerung der Vereinigten Staaten zu unterhalten. Da es 12,000,000 QDuadratmeilen oder 768 Millionen Morgen Land um⸗ faßt, ſo läßt ſich ſeine gewaltige Bedentung noch ſo wenig berechnen, wie die der amerikaniſchen Union ſelbſt. Sein Einfluß muß ebenſo ausgedehnt ſein, wie der Einfluß der ganzen anbaufähigen Erdkugel, deren — 2 Garten und Fruchtkammer es werden muß; es muß ſeine Herrſchaft bis über die Vereinigten Staaten hin⸗ aus erſtrecken und der Sitz ihrer Regierung, die Quelle ihrer Lebenskraft, das Diadem ihres Stolzes, die Grund⸗ lage der Pyramide ihrer Größe werden. Nirgends auf Erden hat der Schöpfer der Welt die Mittel zu menſch⸗ licher Wohlfahrt reichlicher geſpendet oder augenſchein⸗ licher ſchöne und paſſende Bedingungen für die Bedürf⸗ niſſe der Menſchheit beſcheert. Suchet dieſes Land nicht mit dem Fluch ſchlechter Regierung heim, verhindert nicht die Hand der Vermehrung in demſelben, haltet den Strom der Völkerwanderung, der ſich in ſeinen Schooß ergießt, nicht zurück; laßt ſeine breiten Felder die Uebervölkerung aufnehmen, die Europas Boden bedrückt, und der allgütige Geber aller guten Gaben wird von ſeinem Himmel herab lächeln über eine glück⸗ liche Familie von mehr als 275 Millionen menſchlicher Weſen.“ Sollteſt Du in Verſuchung gerathen, dieſes Probe⸗ ſtück von den großen Hoffnungen, welche der große Weſten auf das gewaltige Miſſiſippithal und ſeine großartige Zukunft ſetzt, zu belächeln, ſo wirſt Du den⸗ noch darin einen großen Sinn, ein großes Herz nicht verkennen und im Uebrigen zugeben, daß die Leute hier es juſt nicht mit Kleinigkeiten zu thun haben. Der Senator in Miſſouri, Mr. Allen, aus deſſen Schrift über den Handel und die Seefahrt des Miſſi⸗ ſippithales im Jahr 1850 ich Obiges entnommen habe, fährt ſodann fort ſtatiſtiſche Notizen über den Handel und die Zunahme verſchiedener Miſſiſippiſtaaten und Städte zu geben. Eine vollkommen praktiſche und ſtatiſtiſche Darſtellung, die jedoch einen gewiſſen großen pvetiſchen Eindruck hinterläßt, ſowohl durch den Reichthum der Produkte, die genannt werden, als auch durch die mähr⸗ chenhafte Zunahme der Kultur, der Bevölkerung, der Städte, der Seefahrt und des Reichthums in dieſer 444 Gegend. Der Senator von Miſſouri beim Congreß, Oberſt Benton, gleich Mr. Allen vorzugsweiſe ein prak⸗ tiſcher Mann, wird Poet, wenn er darauf hinblickt, und ruft: „Die Flußſchiffahrt in dem großen Weſten iſt die wundervollſte in der Welt und beſitzt ſeit Einführung der Dampfkraft zur Bewegung der Schiffe alle Eigen⸗ ſchaften, die der Meerfahrt angehören. Geſchwindigkeit, Größe der Entfernung, Wohlfeilheit, Größe der Frach⸗ ten, Alles iſt da. Das Dampfboot iſt das Schiff des Fluſſes und findet auf dem Miſſiſippi ſowie auf den ihm zinsbaren Flüſſen den vollſtändigſten Schauplatz für ſeine Macht. Ein wundervoller Strom! Bei ſei⸗ nem Urſprung und bei ſeiner Mündung mit mächti⸗ gen Seen verbunden— ſeine Arme gegen den atlan⸗ tiſchen Ocean und das ſtille Meer hinſtreckend— in einem Thalgrund liegend, der eine Vertiefung vom mexikaniſchen Meerbuſen bis zur Hudſonsbai iſt— ſeine erſten Waſſer nicht von ſchroffen Bergen, ſondern von einer Hochebene von Seen im Mittelpunkt des Feſtlandes ſaugend und in Verbindung mit den Quel⸗ len des St. Lorenzo und den Strömen, die ihren Lauf nordwärts nach der Hudſonsbai nehmen, die größte Weite des reichſten Bodens bewäſſernd— die Produkte jeden Klimas, ſelbſt des eiskalten, in ſich vereinigend, um ſie auf die großen Märkte im ſonnigen Süden zu führen und dort die Erzeugniſſe aus der ganzen Welt zu treffen: ſo iſt der Miſſiſippi! Und wer vermag die Summen ſeiner Vortheile und die Größe ſeiner zukünftigen Handelsverbindungen zu berechnen!“ Aber genug von dieſer Miſſiſippiberedſamkeit. Laß mich Dir jetzt von dem Zuwachs und den Fortſchritten des großen Weſtens erzählen, ſo wie ich ſie gefunden habe. Dieſer Zuwachs iſt bis jetzt hanpt⸗ ſächlich ein materieller. Aber der geiſtige folgt ihm dicht auf der Spur. Ueberall, wo der Amerikaner ſich — X X — NW w M— 445⁵ niederläßt, baut er nebſt ſeinem eigenen Haus und ſeiner Handelsbude Schule und Kirche, das Hotel und die Armenhäuſer kommen hernach. Der Weſten ahmt die Inſtitutionen und Städte des Oſtens nach. Aber raſch und dennoch ſicher iſt ſein Gang. Du ſiehſt zuerſt in der Wildniß einige Blockhäuſer, auch hübſche Bret⸗ terhäuſer und kleine Steinhäuſer, ſodann geſchmackvolle Villen und Sommerſitze, und binnen wenigen Jahren ſteht wie durch Zaubermacht die Stadt da mit Capitol oder Stadthaus, ſchönen Kirchen, prächtigen Hotels, Akademien und Inſtituten aller Art, und man hält Vorleſungen, druckt große Zeitungen, wählt Beamte, hält Verſammlungen und faßt Beſchlüſſe über Volks⸗ erziehung oder Kommunikationen mit der ganzen Welt; dann werden Eiſenbahnen gemacht, Kanäle gegraben, Schiffe gebaut; die Ströme werden befahren, die Wälder unterſucht, die Berge durchbrochen; und mitten unter all dieſem Geſchäft bauen die Männer geſchmack⸗ volle Häuſer für ihre Frauen, pflanzen Bäume umher, und die Frau waltet als Herrſcherin in der geheiligten Welt des Hauſes. So wird das Land eingenommen, ſo wird die Geſellſchaft geordnet, ſo wird der Staat fertig, um als ſelbſtſtändige Staatsmacht in der großen Familiengruppe von Staaten aufzutreten. Und obſchon zwei Drittheile der Bevölkerung des Miſ⸗ ſiſippithales aus Skandinaviern und Dentſchen, Ir⸗ ländern und Franzoſen beſtehen, ſo iſt dennoch der ge⸗ ſetzgebende und bildende Geiſt der Anglonormanniſche. In gewiſſen Beziehungen unterſcheidet ſich der Charakter des Weſtens von dem der öſtlichen Staaten. Er hat mehr Breite und Kosmopolitismus. Seine Bevölkerung iſt eine Bevölkerung von vielen Völkern; man behauptet, dieſer Charakter verrathe ſich in liebe⸗ raleren Staatsverfaſſungen, wie auch in vorurtheils⸗ freieren Anſichten und Gebräuchen im Umgangsleben. Die Sekten werden weniger ausſchließlich. Die Prie⸗ 446 ſter prophezeihen die Ankunft einer tauſendjährigen Kirche, worin alle Sekten ſich verſammeln werden, und ſie deuten auf die Nothwendigkeit der weltlichen Kul⸗ tur, der Wiſſenſchaften und der ſchönen Literatur für die volle Entwicklung des religiöſen Lebens. Die weſtliche Stadt iſt vor allen Dingen die kos⸗ mopolitiſche Stadt. Die Deutſchen haben hier ihre Quartiere, manchmal die halbe Stadt, ihre Zeitungen und Klubs, die Irländer die ihrigen, die Franzoſen die ihrigen; der Miſſiſippi iſt der große Kosmopolit, der alle Völker vereinigt, ihre Thätigkeit und ihre Wohnſtätten verbindet und das Leben, die Bewohner und die Erzengniſſe aller Zonen vom einen Ende bis zum andern des großen Centralthales cirkuliren läßt. Aber hier bleibt meine Bewunderung und mein Gerede von Größe und Wachsthum ſtehen, denn die Stadt des Weſtens gibt mir nichts Größeres und Beſſeres als die Stadt des Oſtens. St. Louis erſetzt New⸗York auf der weſtlichen Seite des Miſſiſippi, und St. Francisco am ſtillen Meer iſt blos die dritte und verbeſſerte Auflage der letztgenannten Stadt. Der weſtliche Staat, der in Wiskonſin ſchön emporblickt, ſinkt in Miſſouri und Arkanſas. Der We⸗ ſten iſt nicht beſſer als der Oſten auf Nordamerikas Feſtland. Wird er es jemals werden? Er wird etwas Anderes werden in ſeiner Ent⸗ wicklung, ſeinem Charakter; wird er aber etwas Höhe⸗ res und Beſſeres werden? wird er der Vollkommenheit näher kommen?— Das tauſendjährige Reich, wo der Löwe neben dem Lamm ruhen, wo man im Schatten ſeiner eignen Reben und Feigenbäume glücklich ſitzen wird, wo alle Völker im Frieden zuſammentreten wer⸗ den und der Himmel lächeln wird über eine Familie von 275 Millionen Menſchen; wird es hier kom— men? pnn. Ach! Es iſt mir ſchwer geworden den ſchönen 447 B Traum aufzugeben, der mir leuchtete, als ich weſtwärts d reiſte und die goldene Sonne vor mir in dem gelobten Weſtland untergehen ſah, ſo daß es mir ſchien, als fahre ſie gerade in ſein Reich. Ich glaube nicht mehr an dieſen Traum. Es iſt vorbei. Amerikas Weſtland 5 wird nichts weſentlich Beſſeres mehr geben, als ſein . öſtliches Land. Keines von beiden wird der Erde das neue Paradies geben. Es wird vermuthlich niemals 3 gewonnen auf dieſer Welt, auf dieſer Erde. Alles was wir hoffen können, iſt eine Annäherung dazu. Und 6 dieſe Annäherung beruht... 4 An Aufklärnng wird es dem amerikaniſchen Volk nicht fehlen, das iſt klar. Nicht blos die allge⸗ meine Verbreitung der Volkserziehung, die unter allen n Klaſſen der Bevölkerung ſtattfindende Verbreitung von wohlfeiler guter Lektüre, von Zeitungen, worin alle d Gegenſtände erörtert, worin alle Fragen und Antwor— t ten, alle Gedanken des Menſchengeſchlechtes jedem Menſchen vor die Augen gelegt werden; das Leben ſelbſt in dieſem Lande, das durch die Staatseinrich⸗ tungen zu einer großen bürgerlichen Erziehungsanſtalt gemacht wird; Alles das fördert Licht und Wiſſen, 3 und in dem hier beginnenden Kampf zwiſchen Licht und Finſterniß, zwiſchen Gott und Mammon, wie in demgroßen Weltkampf, wird derKampfhier tiefer und mehr ins Innerſte gehen als zuvor auf Erden, er wird ſich immer⸗ mehr auf dem innerſten Boden des Willens und Ge⸗ t wiſſens zuſammenziehen, denn in Zukunft wird ſich Niemand hier entſchuldigen können und ſagen: ich wußtees nicht! ˙ Es wird mir immer klarer, daß das, was wir von dieſer Weltbildung zu erwarten haben, kein Utopien iſt, ſondern— ein Gerichtstag, d. h. eine beſtimm⸗ tere Scheidung zwiſchen den Kindern des Lichtes und der Finſterniß, zwiſchen dem Guten und Böſen, eine ſchnellere Annäherung zu der letzten Kriſis. 448 Der neue Menſch in der neuen Welt ſteht von Neuem auf dem Scheideweg zwiſchen den Weltmächten, aber auf einer höheren Plattform, mit größeren Kennt⸗ niſſen, klarerem Bewußtſein, von Nenuem berufen, zwi⸗ ſchen ihnen zu gehen. Des Lebens Räder rollen ſchneller, alle Kräfte des Geiſtes und der Materie werden in den Dienſt eines mächtigen Willens genommen. Die Wege zur Hölle haben gleich denen zum Himmel Eiſenbahnſchnel⸗ ligkeit und Dampfkraft. Die Geſchäfte des Erdenlebens eilen der Entſcheidung entgegen, und ich meine die pro⸗ phetiſchen Worte auf der letzten Seite des Lebensbu⸗ ches zu hören: „Die Zeit iſt nahe.“ „Wer böſe iſt, der ſei immerhin böſe; und wer unrein iſt, der ſei immerhin unrein: aber wer fromm iſt, der ſei immerhin fromm; und wer heilig iſt, der ſei immerhin heilig.“ „Und ſiehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, zu geben einem Jeglichen, wie ſeine Werke ſein werden.“ Was wird in der Wagſchale des Guten das Ue⸗ bergewicht geben und die Zahl der Frommen, der Hei⸗ ligen verdoppeln? In dem Neujahrsgruß, welchen die Heerſchaaren des Himmels denen der Erde an dem großen Tag brachten, von welchem an die Erde neue Jahrtauſende zählt, ſangen ſie: „Den Menſchen ein guter Wille.“ Was wird dieſem guten Willen bei dem Men⸗ ſchen Macht verleihen? Amerikas Staatsmänner haben geantwortet: Die Verfaſſung des Staates, die freien politiſchen Inſtitutionen. Aber die Verfaſſung der Vereinigten Staaten hat die Sclaverei als eine häusliche Einrichtung aufge⸗ n n, t⸗ i⸗ iſt ur 18 D⸗ U⸗ er er n ke P — 449 nommen und vertheidigt ſich auf den Grund des Rechtes der Conſtitution und der freien Staaten. Amerikas Gelehrte und Lehrer haben geant⸗ wortet: 2„Die Schule und die Volkserziehung durch die⸗ ſelbe.“ Aber die Volkserziehung in der Schule ſpricht blos zu dem Verſtand, ſie kann zu Nichts anderem reden. Die Conſtitution und die Schule ſind gleich voll⸗ kommen in— ihrer Unzulänglichkeit. Dem guten Willen können ſie kein neues Leben geben. Die Zukunft von Gottes Reich im innerſten Leben des Menſchen können ſie nicht zu Stande bringen. Die Macht dazu liegt in einer Einrichtung, welche früher auf Erden und im Leben des Menſchen vorhan⸗ den war, als Verfaſſung und Schule. Siehſt du dort am Ufer des Fluſſes auf grünen Hügeln oder auch auf freiem Feld eine beſcheidene Wohnung? ſie iſt nicht groß oder prachtvoll. Aber ihre Architektur iſt zierlich, zeugt von Geſchmack und Bequemlichkeit. Eine Veranda oder Piazza mit ſchö⸗ nem Gitterwerk, wo die Weinrebe und die duftende Clematis, Roſen und Gaisblatt ſich hinanſchlingen und das Haus umgeben, während ringsumher Bäume aus vielleicht allen Zonen ſtehen; du ſiehſt den Ahorn, die Ulme und Linde, die Eiche und den Kaſtanienbaum, den Wallnußbanm und die Robinia, den Ailanthus und die Sikomore, die Ceder und die Magnolie, die Cypreſſe und den Myrthenbaum, und in den nördlichen Staaten auch Tannen und Fichten nebſt einer ſchönen Menge duftender Blumen;— ſie umgeben das Haus nahe genug, um ſchattenreiche Ruheplätze zu geben; jedoch nicht ſo nahe, um die Ausſicht zu verſperren, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. M. 29 450 die immer offen erhalten bleibt, ſo daß der Bewoh⸗ ner in eine weite und ſchöne Natur hinansſchauen kann. Du ſiehſt das Haus in Nordamerika, das Haus, ſowie es in ſeinen Hauptzügen in allen Staaten deſſel⸗ ben ſteht, ſowohl auf den Höhen von Maſſachuſetts und Minneſota als in den duftigen Waldungen Süd⸗ Carolinas auf dem Prärienland des weiten Weſtens. Und dieſes Haus verdient oft den Namen, welchen das Haus in unſerem alten Norden führt, den Namen eines heiligen Raumes. Das Feuer auf dem häuslichen Heerde brennt in keinem Lande heller und wird nirgends von reineren Händen gepflegt, als im Hauſe der Vereinigten Staaten. Es iſt mir eine Freude, dieß mit Sachkenntniß und Ueberzeugung ausſprechen zu können. Auch habe ich in keinem Lande das Haus ſo allgemein äußerlich ſchön und gleich dem Augen⸗ ſtern des Menſchen gehütet geſehen. Nirgends ſcheint mir der Menſch beſſer verſtanden zu haben, den Wink des Schöpfers zu befolgen, welcher darin lag, daß er Adam, als er ihn ſchuf, nicht in eine Stadt ſtellte, ſondern in einen Garten. Auch der amerikaniſchen Stadt ſcheint es ſchlecht zu Muth zu ſein, wenn ſie ſich in die dicht neben einander gebanten Häuſer zuſammenzu⸗ drücken anfängt; und man könnte ſagen, daß die Häu⸗ ſer da gleichſam auseinander zu kommen eilen, denn obſchon ſie in Reihen daſtehen, die Straßen und Märkte bilden, ſo ſtellen ſie doch bald freie Räume dazwiſchen hinein und umgeben ſich mit einem grünen Platz mit Bäumen und Blumen. Und je größer die⸗ ſer grüne, ſchattenreiche, mit Blumen geſchmückte Platz iſt, um ſo heiterer ſcheint das amerikaniſche Haus. Es liegt gern allein für ſich, aber in zahl⸗ reicher Geſellſchaft, und gönnt Andern ebenſoviel Gutes, wie ſich ſelbſt. Ordnung, Behaglichkeit, Zierlichkeit und ein wahrer Luxus von Bänmen und Blumen h⸗ zeichnen das Haus in der neuen Welt aus. Und en dieſes Haus iſt die erſte Welt des Kindes, des neuen Menſchen. s. Das Haus, das Herz des Hauſes und die Pfle⸗ el⸗ gerin des heiligen Feuers auf ſeinem Heerde betrachte ts ich als den Vorzug des neuen Menſchen auf dem Schauplatz der neuen Welt, als das ſiegbringende . Element im Kampf zwiſchen den beiden Weltmächten. as Viele und gute Kämpfer für die gute Sache zu be⸗ en kommen, das iſt die Frage. Das Herz zu gewinnen mn und den Willen gut und ſtark zu machen, das iſt die 1d Hauptſache. Ich habe meine Hoffnung auf die Schwachen ge⸗ ſetzt und auf denjenigen, der in ihnen mächtig iſt. Für mich iſt es gewiß, daß alle Hoffnung auf ihnen 8 beruht. Und wenn ſie nachlaſſen oder ſich nicht zur n⸗ Größe ihres Berufs emporſchwingen, ſo iſt Alles ver⸗ it loren, denn niemals war ihr höchſter Einfluß ſo nöthig nk wie hier im Lande der freien Willen. Siehe was er Horace Mann von der Macht aller Triebe zur un⸗ e, begrenzten Entwicklung in den Vereinigten Staaten n ſpricht. h Kann das Haus, kann die amerikaniſche Mut⸗ ter jetzt das Leben, kann ſie die Kraft geben, die er⸗ 3 forderlich iſt? Ich muß auf dieſe Frage antworten: Nein, ſie d können es nicht auf ihrer gegenwärtigen Kul⸗ e turſtufe. Und welchen Werth man auch mit Recht vielen einzelnen Ausnahmen beilegen mag, ſo iſt doch ſoviel gewiß, daß das Haus in der neuen wie in der e alten Welt im Allgemeinen ſeiner Aufgabe nicht ge⸗ e wachſen iſt, und daß das Weib noch jetzt wie früher „ im Haus⸗ und im Geſellſchaftsleben beinahe vereinzelt „ ſteht, daß es im bürgerlichen Leben nicht heimiſch iſt, t und ohne höheres Bewußtſein vom Verhältniß des 1 Hauſes zu demſelben, vom Verhältniß der Moral und 452 Religion(oder der höheren Politik) zu den Fragen oder dem politiſchen Leben der Staatsgeſellſchaft, ohne Bewußtſein von ihrem eigenen Beruf und ihrer Ver⸗ antwortung als chriſtliche Bürgerin. Wie ſollte ſie da den Bürger hervorbringen können, wie ſollte ſie im Herzen des Kindes ein heiliges Feuer für das Wohl des Vaterlandes entzünden, wie ihm vorleuchten können bei der Pflicht in den ſocialen Verhältniſſen, in den politiſchen Fragen dieſelbe Reinheit des Ge⸗ wiſſens, denſelben heiligen Ernſt zu bethätigen, wie in der Welt des Hauſes? Die Weiber der Quäcker⸗ geſellſchaft find die Einzigen, die allgemeiner zu einem bürgerlichen Bewußtſein erwacht ſind, aber ſie bilden nur ein kleines Häuflein. Wie die größere Menge ſich emporſchwingen und dadurch das ganze kommende Geſchlecht emporheben, wie das Haus die größte und beſte Schule der Staats⸗ geſellſchaft, die Hochſchule des Lebens werden könnte, darüber habe ich meine Gedanken, will aber ein ander⸗ mal mehr davon ſprechen. Es iſt mir eine Freude, zu hören und zu ſehen, daß eine Ahnung davon ſich im allgemeinen Urtheil in dieſem Lande bei Männern ſowohl als bei Frauen Bahn zu brechen beginnt; ich hege die Hoffnung, daß dieſe höhere Entwicklung auf amerikaniſchem Boden vor ſich gehen werde. Und ich will jetzt dieſen Gegen⸗ ſtand mit den Worten ſchließen, die ich neulich in einem amerikaniſchen Schriftſteller geleſen habe. „Die Finſterniß der Mutter wirft ihren Schatten über ihre Kinder; und Wolken und Finſterniß werden über ihren Nachkommen ruhen, bis der Tag von der Höhe heranbricht.“ Und jetzt laß mich von dem Volk Amerika's ſpre⸗ chen. Der Reiſende, der in den Vereinigten Staaten eine große Einförmigkeit und Gleichmäßigkeit bei dem Volke daſelbſt findet, hat blos ſein Aeußeres geſehen. „ — NMW N* N—* 453 Es beſteht wirklich eine große, eine allzugroße Ein⸗ förmigkeit in der Kleidung, in der Art und Weiſe zu ſprechen und im Weſen(denn ein wenig Koſtüm, das die Individualität fein ausdrückt, gehört zu einem voll⸗ kommen fein ausgeprägten Charakter). Vom einen Ende der Union zum andern bekommt man dieſelben Fragen über Jenny Lind, dieſelben Redensarten beim Anfang der Unterhaltung, den⸗ ſelben letzten Gedanken von Weber auf dem Pianv zu hören. Aber nach dieſem bemerkt ein auf⸗ merkſamer Betrachter bald, daß der Charakter und die Individualität ſich ihr volles Recht nehmen, und ich habe nirgends ſo handgreiflich wie hier den Abſtand zwiſchen Menſch und Menſch kennen gelernt, nirgends eine ſo große Ungleichheit zwiſchen Mann und Maun geſehen, und zwar ohne alles Zuthun von Kunſt. Stand, Uniform oder äußeren Umſtänden. Hier iſt der Transſcendentaliſt, der auf die Erde ſtampft, wie wenn er ein Gott wäre, der die Menſchen auffordert, Götter zu werden, der durch die Schönheit ſeines Weſens und ſeiner Natur uns etwas Höheres von der Menſchen— natur glauben lehrt— und hier iſt der Erdeſſer, der im Walde ohne Schule und Kirche, zuweilen ohne Haus lebt, und durch eine krankhafte Leidenſchaft an⸗ gezogen wird, Erde zu eſſen, bis er dämoniſch fort⸗ geriſſen von ihrer Schwerkraft ſein Grab in ihr findet; hier iſt der Spiritualiſt, der von Brod, Waſſer und Früchten, welche das Licht erzengt hat, lebt, um ſich rein zu halten von der Anſteckung alles Groben, und der das Chriſtenthum nicht rein genug finden will für ſeinen verdünnten moraliſchen Aether; hier der edel⸗ herzige Socialiſt, der nur lebt, um zu geben, Gutes zu thun, zu ſegnen; und neben ihm iſt der Mammons⸗ verehrer, der Alles mit Füßen tritt, der nichts Heili⸗ ges anerkennt, von Nichts weiß was er nicht ſeinem Abgott, d. h. ſeinem Selbſt zu opfern wünſcht und be⸗ 454 müht iſt. Alle Gegenſätze von Naturen, Charakteren, Gemüthsarten und Beſtrebungen, die man ſich in der Menſchennatur nur denken kann, ſind hier zu finden und werden ſich hier mit immer beſtimmterem geiſtigem Leben ausſprechen. Inzwiſchen läßt es ſich nicht verkennen, daß das eigentlich charakteriſtiſche Merkmal für die Bevölkerung und das Staatsleben der Vereinigten Staaten in ihrem Bewußtſein von einem höheren menſchlichen und bür⸗ gerlichen Leben, ſowie in ihren Bemühungen daſſelbe zu erreichen beſteht. Ueberall, wohin ich gekommen bin, habe ich die öffentliche Meinung dafür erweckt gefunden, wenn ſie auch in Betreff der Anwendung auf einzelne Fälle oder Inſtitutionen noch ſchlummerte. Und überall habe ich gefunden, daß die Perſonen, die im Staat und im Geſellſchaftsleben mit der Benennung: unſere beſten Männer, unſere beſten Frauenzimmer ausgezeichnet wurden, ſich auch wirklich durch Intelli⸗ genz und werkthätige Liebe auszeichneten. Es iſt mir aufgefallen, wie man überall in weit von einander entlegenen Staaten in Bezug auf die Beurtheilung und Benennung der Perſonen, die ſich in jedem Kreis aus⸗ zeichneten, ſo genau harmonirte. Nordamerika wird vielleicht keine durch Charakter, Umgebung und Umſtände ſo pittoreske Menſchengeſtalten aufweiſen wie Europa. Aber es wird wahrſcheinlich reicher werden an harmoniſchen Geſtalten, an ſolchen, die in einer ſchönen und milden Menſchlichkeit den Menſchen und Bürger vereinigen. Ich glaube nicht, daß in irgend einem Land von Privatperſonen ſo viel für das Allgemeine gethan wird, wie hier, beſonders in den ſklavenfreien Staaten. Der Sinn für das allgemeine Beſte, für das Gedeihen des Volkes und Landes, für die Emporhebung der Menſchheit dürfte wohl nirgends ſo lebendig und thätig ſein wie hier. Das Volk der Vereinigten Staaten hat ein warmes Herz. Und was dieſem Volk ſein ewiges Recht auf Wohlfahrt verleiht, das iſt ſeine Nachfolge Chriſti. Ich ſage das Volk der Vereinigten Staaten und bleibe dabei. Nimm die Sklaverei weg von ſeinen ſüdlichen Staaten(und fort kommt ſie einmal, denn ſie wird bereits verdrängt durch das Chriſtenthum und die Emigration aus dem Norden), und Du wirſt allenthalben daſſelbe Herz und den⸗ ſelben Geiſt ſinden. Das Recht des nordamerikaniſchen Volkes als ein Volk betrachtet zu werden, und zwar als ein beſonderes Volk unter den Völkern der Erde, liegt ſchon im Charak⸗ ter ſeiner erſten Auswanderer⸗Kolvnien, welche die eigentlichen Schöpfer der Staatsgeſellſchaften der neuen Welt ſind und denſelben ihren Geiſt eingoßen⸗ Sie waren theils Glaubenshelden, wie die Puritaner, die Hugenotten und die Herrnhuter, theils warmherzige Seelen, wie Fors, Penn, Oglethorpe, die in der alten Welt die Stube zu eng fanden und darum nach der neuen gingen, um allda ihre Bruderſtaaten zu gründen und eine ſchönere Menſchheit zu ſchaffen, Amerikas erſtes Volk ging von Europas ſtärkſtem und beſtem Volk aus. Ich möchte Dir jetzt von Amerikas beſten Männern und Frauen, die ich auf meiner Pilgerfahrt im Lande kennen gelernt habe, erzählen dürfen, von dieſen Män⸗ nern, die ſo ſchlicht, ſo mild, aber bei all ihrer An⸗ ſpruchsloſigkeit dennoch ſo kräftig, in ihrer Thätigkeit als Bürger, Väter, Freunde ſo mannhaft ſind; von dieſen Frauen, die ſo gut, ſo mütterlich, ſo ſanftherzig, ſo feſt in ihren Grundſätzen ſind, welche in der Wahr⸗ heit ruhen, wie die Blumen im Sonnenlicht; von die⸗ ſen häuslichen Heerden, die ſo glücklich, ſo ſchön ſind, wo ich Tage, Monate, Wochen lang ein ſo glück⸗ licher Gaſt geweſen. Denn mein Leben in Amerika war und iſt noch immer eine Reihenfolge vertraulicher 456 Beſuche in Familienwohnungen, die ſich in allen Staa⸗ ten Amerikas mir geöffnet haben, und wo ich nicht wie eine Fremde lebte, ſondern wie eine Schweſter mit ihren Schweſtern und Brüdern, ganz offen mit ihnen über alle Dinge ſprechend, ſo wie man im Himmel ſpre⸗ chen könnte. Was ich da an wahrem chriſtlichem Le⸗ ben, an Liebe zur Wahrheit, an Seelengüte, an war⸗ mem und offenem Sinn für das Menſchlichgute gefun⸗ den habe, iſt mehr, als ich auszuſprechen vermag. Und die Bekanntſchaft mit einigen ſchönen eigenthümlichen Charakteren wird meiner Seele für immer ein Hoch⸗ genuß ſein. Auch habe ich nirgends eine reichere Gaſt⸗ freundſchaft, eine überfließendere Hetzlichkeit gefunden. Und müßte ich einen Ausdruck ſuchen, um damit den eigenthümlichen Charakter des Menſchen der neuen Welt zu bezeichnen, ſo könnte ich keinen wahreren fin⸗ den als ſchöne Menſchlichkeit. Wenn ich mir im Miſſiſippithal ein tauſendjähri⸗ ges Reich denke, einen Ruhepunkt in der Geſchichte der Erde, wo Satan gebunden iſt, und Liebe, Schönheit, Freude und Lebensfülle Allen zu Theil wird, dann ſehe ich hier Männer und Frauen von der Art und Weiſe meiner Freunde, Wohnungen wie ihre Woh⸗ nungen, und von dieſen Häuſern aus meergroße Aus⸗ ſichten über blumenbedeckte Prärien, goldene Maisfel⸗ der, mächtige Flüſſe, die alle Schätze der Erde allen Menſchen zuführen, und darüber die friſchen und doch ſanften Winde, die klare Sonne— das iſt der Heſperi⸗ den herrliche Heimath! Daß das Miſſiſippithal in Folge der vielen ver⸗ ſchiedenen Stämme, womit es bevölkert iſt, ſowie der Ungleichheiten in ſeiner Natur und ſeinem Klima ein Volksleben von ganz neuer Art, mit unendlichen Wech⸗ ſeln in Leben und Charakter, ein ganz neues Bild menſchlicher Geſellſchaft auf Erden in Ausſicht ſtellt, iſt nicht ſchwer vorherzuſagen. Aber wie wird der „——————————„— — w 8 457 Gipfel der ungeheuren Pyramide ausſehen, dereu Fun⸗ dament jetzt gelegt wird?... Eines ſcheint mir ge⸗ geben: der Bürger des Miſſiſippithales muß der Welt⸗ bürger, der univerſelle Menſch par excellenes werden. Ich will einige Züge des gemeinſamen Schauplatzes für das große neue Drama, das in Nordamerika auf⸗ geführt wird, ein Drama, das Jahrtanſende zu Akten hat, ſowie einige Skizzen von dramatiſchen Perſonen und Gruppen, die darin auftreten, zu zeichnen ver⸗ ſuchen. Denn diejenigen, die im Leben der Vereinig⸗ ten Staaten blos Einförmigkeit oder Unklarheit ge⸗ ſehen, haben es— nicht geſehen oder mit ſtumpfen Blicken angeſehen. Nichts ſpringt mir in dieſer Welt⸗ und Staatenbildung ſo ſehr in die Angen, wie ihr großartig dramatiſcher Charakter. Betrachte zuerſt ſeinen Schauplatz! Du erblickſt zwei unermeßliche Thalgründe zwiſchen drei großen Bergketten, die ſich vom ſchneekalten Norden bis zum glühenden Süden ziehn, nämlich Alleghani, die Felsgebirge und die Sierra Nevada oder die Schneegebirgskette,— welche letztere ſich in Centralamerika ſowie in den Cordille⸗ renund Anden Südamerikas fortſetzen; öſtlich undweſtlich von ihnen neigt ſich das Land gegen zwei Weltmeere. Was überall das Land zwiſchen den Gebirgsketten und an den Meeren auszeichnet, das iſt ſeine Frucht⸗ barkeit und Durchſchnittenheit durch ſchiffbare Flüſſe und Seen. Kein Land iſt ſowohl bewäſſert, wie Nord⸗ amerika, keines bietet ſo reiche Gelegenheit für den Kreislauf des Lebens. Und kein Land ermöglicht auf ſo angenehme Art den Zutritt zu den Schönheiten, dem Klima und den Erzeugniſſen aller Zonen. Auf dieſem großen Schauplatz ſehe ich verſchiedene Staatengruppen von ungleichem Charakter und ver⸗ ſchiedenen Lebensbedingungen auftreten, Gruppen, die jedoch durch die Bande der Sitten, der Sprache und Staatsverfaſſung ſowie durch den äußern und innern 458 Kreislauf des Lebens vereinigt ſind. Zuerſt kommen die Staaten Reuenglands mit den Abkömmlingen der Puritaner, den geſetzgebenden, erziehenden, raſtloſen Vikingern und Helden des Friedenslebeus. Die Naturſcenerie dieſer Staaten erinnert an nnſern ſkandinaviſchen Norden. Maſſachuſetts hat Schwedens romantiſche Seen und durchbrochene Landſchaften. New⸗ Hampſhire hat Norwegens Gebirgsthäler und weiße Berge. New⸗York und Pennſylvanien, der Kaiſerſtaat und der Quäckerſtaat, die ſich eines milderen Klimas er⸗ freuen, wetteifern miteinander in Bezug auf Volks⸗ menge, Reichthum und Raturſchönheiten. Flüſſe und Thäler werden breiter, das Handelsleben wächst wie ein Rieſe. Virginien und die beiden Carolina nebſt Georgien und Florida im Südoſt bilden eine andere Staaten⸗ gruppe mit den Söhnen der Cavaliere, mit Plantagen und Sklaven, Staaten mit einem ſtarken konſervativen Leben und von großer pittoresker Schönheit, aber noch ohne höhere Socialbeſtrebungen. Dieſe nördlichen und ſüdlichen Staaten liegen zwiſchen dem Alleghanygebirge, welches ſie auch in ſich aufnehmen, und dem öſtlichen Ocean. Auf der andern Seite des Gebirges haſt Du das Miſſiſippithal und die Miſſiſippiſtaaten, im Norden die jun gen, freien mit freien Inſtitutionen und ſteigen⸗ der Bevölkerung von Deutſchen und Skandinaviern, mit einem ſteigenden Licht⸗ und Freiheitsleben; ſüdlich davon Sklavenſtaaten mit einigen großen Städten und in denſelben eine prunkende Civiliſation, aber im Uebrigen noch viel Wildniß und noch viel Rohheit, die ſich mit all ihrer Baumwolle und all ihrem Zucker nicht verdecken läßt. Weſtlich vom Miſſiſippi geht der Unterſchied zwi⸗ ſchen den weſtlichen und ſüdlichen Staaten weiter. Die * — — v — 459 Arbeit der Kultur hat hier in neueſter Zeit begonnen. Um die Quellen des Miſſiſippi im Norden her findeſt Du noch die Feuer und Hütten der Indianer, und längs der rothen Flüſſe in Arkanſas und Louiſiana im Sü⸗ den Moräſte und Heidenthum. Weſtlich von dieſen Miſſiſippiſtaaten iſt Texas mit dem Rio Grande(oder Rio Bravo) als Grenze im Weſten, und dem mexikaniſchen Meerbuſen im Süden, ein ungeheures Territorium, an deſſen fruchtbaren Flüſ⸗ ſen die Fluth der Emigration ſich jetzt anzuſammeln beginnt. Sein oberer Theil erhebt ſich allmählig bis zur Gebirgsbildung und vereinigt ſich im Nordweſten mit der letzten Eroberung der Vereinigten Staaten, nämlich Nenmexiko, das ſchöne Thalgründe im Oſten hat, weſtwärts aber ſich bis in die Felsgebirge hinein erſtreckt und in ihren Armen erſtarkt. Zwiſchen dieſen Staaten und den Miſſiſippiſtaaten liegt das große Jagdrevier der Indiauer, das myſtiſche Nebraska, zum größern Theil, wie ich mir habe ſagen laſſen, ein einförmiges Steppenland. Es erſtreckt ſich im Norden bis nach Kanada. Der wilde Miſſouri wirbelt hindurch in tauſend keilartigen Buchten. Da ſind große Prärien und auch große Flüſſe, Büffel und wilde Indianerhorden. Nur ein Theil dieſer ungeheu⸗ ren Wildniß zwiſchen Miſſouri und Texas wird von einem friedlichen aufblühenden Indianerſtaat bewohnt, der einmal als ſelbſtſtändiger chriſtlicher Indianerſtaat in die große Union eintreten dürfte.(Dieß wäre für das nordamerikaniſche Volk eine ſchönere Eroberung, als Neumexiko und Texas.) 3 Kommen jetzt die Felsgebirge, eine Reihenfolge unregelmäßiger kühner Gebirgsformationen, merkwür⸗ diger durch ihre fantaſtiſchen Bildungen und Maſſen als durch ihre Höhe. Weſtlich davon erſtrecken ſich die ſogenannten Pacifikſtaaten, Oregon(bis jetzt noch ein ungeheures Territorium) und Kalifornien, in deren 460 oberem Theil oder alta California der Mormonenſtaat Deſeret(oder Uta) an den fruchtbaren Ufern des großen Salzſees aufblüht, chriſtlich in Bezug auf Glauben und Bekenntniß, hierarchiſch in ſeiner Regierungsform. Dieſe an der Küſte des ſtillen Meeres entlang ge⸗ legenen Staaten, die von der hohen Bergkette Sierra Nevada durchbrochen werden, beſitzen je nach ihrem Klima alle diejenigen Producte, die zwiſchen der Schnee⸗ region und tropiſch warmen Thälern erzeugt werden können. ODregon iſt reich an Lachſen und Wäldern; Kali⸗ fornien, wie alle Welt weiß, an Gold. Und jetzt ſind wir an der Küſte des Stillen Meeres und da dürfen wir vorderhand ein wenig ausruhen. Und es hat wohl⸗ gethan. Ich war nahe daran von der großen Prome⸗ nade etwas müde zu werden. Die Nordamerikaner werden nicht ruhen, bevor ſie die ganze ſüdliche Partie ihres Welttheiles in die Union aufgenommen haben. Bereits ſind ſie an Panama mit ihren Eiſenbahnen Kanälen, Handelsbuden, Hänſern, Kirchen und Schu⸗ len. Und ſie ſprechen von dem Land zwiſchen Panama und dem Rio Grande, d. h. von ganz Centralmexiko mit der größten Ruhe:„Wenn dieß einmal unſer wird, veusſrw.“ Ich will Dir von der Verfaſſung dieſer Staaten, von ihren Inſtitutionen und ihrem Verhältniß zur ge⸗ meinſchaftlichen Regierung nicht erzählen. Du kennſt ſchon lange beſſer, als ichs beſchreiben kann, dieſe merk⸗ würdige Staatsverfaſſung, welche nicht blos den Indi⸗ viduen, ſondern auch Geſellſchaften und Staaten ein ſo grenzenloſes Feld und ſo ſtarke Triebkraft zu freiem Wetteifer und freier Entwicklung verleiht. Ihre Bil⸗— dung ſcheint mir mehr als irgend etwas Anderes zu beweiſen, daß die Schickſale der Völker von der Hand der Vorſehung feſtgeſetzt ſind, bevor ſie ſelbſt darein eingreifen. Sie müſſen den Plan der Vorſehung aus at en d ge⸗ m e⸗ en n 46¹ führen, und bei ihnen handelt es ſich blos darum, ob ſie dieß gut oder ſchlecht thun. So viel iſt klar, daß die Stifter der amerikaniſchen Republik, Waſhington und ſeine Leute, keinen philoſo⸗ phiſchen Ueberblick über das Werk, das ſie ausführten, und keine Ahnung von der Zukunft hatten, deren Grund ſie legten. Sie folgten dem Wink der Nothwendigkeit. Sie thaten, was ſie thun mußten. Aber ſie wußten nicht, was ſie thaten. Und lange wuchſen die Staaten wie die Lilien des Feldes im Sonnenſchein Gottes, ohne zu wiſſen warum und wozu? Erſt nach einiger Zeit beginnt ein Theil von ihnen zum Bewußtſein der großen Miſſion zu erwachen, zu deren Ausführung ſie berufen ſind, und welche nichts anderes war, als die ſociale und politiſche Be⸗ freiung des Menſchen. Dieſe ſtarke Rührigkeit und Beweglichkeit im all⸗ gemeinen Leben, dieſer beſtändige Umſatz von Beamten in allen Departements der Regierung, ihre Abſetzbar⸗ keit binnen der kurzen Zeit von höchſtens vier Jahren hat ganz Europa die Köpfe ſchütteln gemacht, und ich vermuthe, Aſien würde, wenn es gekonnt hätte, ſeine Achſeln auf eine Art gezuckt haben, welche die chineſiſche Mauer umgeſtürzt hätte. Und es iſt nicht ohne, daß viele weiſe Männer auch hier zu Lande über die eine und andere extreme Anwendung des Bewegungsprinzips bedächtlich die Häupter ſchütteln. So z. B. hörte ich in den jungen Miſſiſippiſtaaten ernſtlich über die Leich⸗ tigkeit klagen, womit den Emigranten, ſelbſt wenn ſie aus der roheſten Bevölkerung Europas beſtehen, das Stimmrecht ertheilt wird. Nach einjähriger Nieder⸗ laſſung im Staat erhalten ſie das Recht bei der Wahl von Beamten, die alljährlich ernannt werden, mitzu⸗ ſtimmen. Daher die Gewalt niedriger und gemeiner Agitatoren, und daher für die beſten Männer die große Schwierigkeit zur Regierung zu gelangen, denn die 462 beſten Männer verſchmähen die Bemühungen, welche die ſchlechteren nicht verſchmähen, um populäre Kandi⸗ daten zu werden oder ſich in einem Amt zu behaupten, das ſie einmal erhalten haben. Ich kann dieß indeſſen nicht wohl anders deun als einen Uebergangspunkt in der großen Volkserziehung, die hier beginnt, betrachten. Und Wisconſin beſonders ſcheint mit Kraft die rechte Art erfaßt zu haben, wie man der Gefahr begegnen muß: durch großartige und gute Erziehungsanſtalten für Jünglinge und Mädchen wird dem Staat hier eine lichte Zukunft bereitet, bei welcher die Beſten das Ruder führen werden. Ich reiſte in den nordweſtlichen Miſſiſippiſtaaten juſt in der Zeit, wo die jährlichen Beamtenwahlen vor ſich giengen. Dieſe Wahlakte und die Scenen, wozu ſie führen, erſcheinen mir als eine Art von politiſchem Spiel; und der Geiſt, welcher die Spielenden und Fechtenden auf dieſem Felde treibt, iſt oft nicht viel beſſer, als derjenige, der das Spiel in den ordinären Spielhänſern in Bewegung ſetzt. Die ſpielenden und wetteifernden Partheien, Whigs und Demokraten, ſchenen ſich zuweilen eben ſo wenig, den gegneriſchen Kandi⸗ daten Püffe zu verſetzen als ihre Plakate herabzureißen. Man ſchreibt in Zeitungen, man ſchmäht und lügt, man ruft über Verrath und Vaterlandsgefahr, man pflanzt Fahnen auf und hängt über die Straßen große Tafeln mit Warnungs⸗ oder Mahnungsworten:„Hütet Euch vor den Whigs!“—„die Demokraten ſind Mordbren⸗ ner!“— Stimmt für die Whigs, die wahren Freunde des Vaterlands!“—„Stimmet für die Demokraten, die Wahrer der Volksrechte!“ u. ſ. w. Je näher der Wahltag kommt, um ſo ſtärker wird die Agitation, um ſo heftiger das Geſchrei, die perſönlichen Schmä⸗ hungen und Drohungen. Man ſollte glauben, die Brandfackel könne jeden Augenblick in jede Stadt ge⸗ worfen werden, die Union ſtehe im Begriff in Stücke elche ndi⸗ ten, en ung, ders wie und chen bei ten vor ſie em und viel ren und nen idi⸗ en. lan nzt eln uch en⸗ nde en, her on, nä⸗ die ge⸗ cke 463 auseinanderzufahren, und ſämmtliche Mitbürger werden einander in die Haare gerathen. Bei all dem mußte ich jedoch an die zwei Männer denken, die ich am Ufer des Hudſon für ihre reſpektiven Dampfboote werben hörte, wobei jeder das des Andern auf alle mögliche Arten herunterſetzte und ſie einander mit zornigen Worten und drohenden Blicken zu zermalmen ſuchten, während ihr Mund ſich oft zu einem Lächeln zu verziehen ſchien, wenn ſie einander eine recht großartige Grobheit ge⸗ ſagt hatten. Ich erinnere mich, wie ich bei dieſer Scene Mr. Downing fragte:„Was bedeutet das?“ und wie er lächelnd antwortete:„Das bedeutet ganz und gar nichts. Hier iſt Oppoſition zwiſchen zwei Dampf⸗ dtnit und dieſe Burſche ſpielen täglich die gleiche Rolle.“ Es iſt nicht ohne, daß vieles bei der großen po⸗ litiſchen Wahlagitation dieſelbe Bedentung hat. Der Wahltag kommt, die Wahlmänner und ihre Soldaten haben Bajonette in ihren Blicken und Worten. Die Wahlurne wird in den Kreis geſtellt, Alles verſtummt, die Zettel werden in ſtiller Ordnung hineingeworfen. Pauſe. Die Wahlurne wird geleert; die Wahlzettel werden geleſen und gezählt; die Wahl wird verkündet; die Beamten ſind auf ein Jahr oder zwei gewählt (der Gouverneur wird in einigen Staaten auf vier Jahre gewählt, wie der Präſident der Vereinigten Staaten, in andern blos auf zwei, wieder in andern blos auf ein einziges Jahr,) und Alles iſt geſagt; kein Menſch ſpricht ein Wort dagegen, ſondern jeder geht, bereit den neuen Obrigkeiten zu gehorchen, nach Hauſe und tröſtet ſich wie Jakob Ehrlich damit, daß er ein andermal vielleicht beſſer Glück haben werde. Raketen ſteigen am ruhigen Abend den ſiegreichen Kandidaten zu Ehren auf. Und die ganze Stadt geht zu Bette und ſchläft ruhig. Es kommt mir vor, als ob dieſe Wahlagitation 464 wobei das Volk ſeine Denkkraft, ſein Sprachvermögen oder wenigſtens ſeine Fähigkeit, Acht zu haben und Reden zu halten, übt, einem Sicherheitsventil auf einem Dampfſchiffe gliche, durch welches ein Theil des über⸗ flüſſigen Dampfes hinausgelaſſen wird, um in der Luft zu verdunſten. Inzwiſchen will damit nicht geſagt ſein, daß die Dampfkraft in der Staatsmaſchine nicht beſſer angewandt werden könnte, und ich kann mich des Glaubens nicht erwehren, daß das Volk der Vereinig⸗ ten Staaten in Zukunft etwas mehr Feſtigkeit in ſeiner Regierungsweiſe erſtreben werde, dadurch daß es den Beamten eine längere Friſt ſetzt, dem wirklichen Talent einen größeren Wirkungskreis anweiſt und der Dema⸗ gogie einen weniger freien Spielraum vergönnt. Aber auch ſo wie es jetzt iſt, will es mich bedün⸗ ken, als ob in den Vereinigten Staaten kein größeres Talent und kein größerer Charakter Gefahr liefe, aus Mangel an einem Wirkungskreis, der ſeiner vollen Kraft entſpricht, zu verkümmern. Den beſten Beweis hiefür liefern wohl die ausgezeichneten Staatsmänner, Richter und Prieſter, die Jahr um Jahr fortgefahren haben, den Senat, die Richterſtühle und Kanzeln des Landes zu zieren, und deren ſich das Volk rühmt, wie monarchiſche Reiche ſich ihrer Könige und Helden rüh⸗ men. Es ſind hauptſächlich die Mittelmäßigkeiten oder die halbfertigen Talente, die in die ſtarke Kreisbewe⸗ gung hineingezogen werden und darin hinauf und hin⸗ abkommen, bis ſie die nöthige Kraft oder Fertigkeit gewonnen haben, auf irgend einem Punkte feſtzuſtehen. Es gibt noch ein anderes Bewegungsprinzip, das mir in den Vereinigten Staaten als eine mehr ſchaffende oder wenigſtens organiſirende Macht erſcheint: nämlich das Aſſociationsprinzip. Die Aſſociation, die bereits in der Föderativverfaſſung der Staaten— einer Aſſo⸗ eiation von Staaten mit gemeinſamer Grundlage oder Verfaſſung— begründet iſt, lebt als ein Grundzug im ein Le lei irg me die all all Sa lun St hät ſan ma ſtin Rei dur 100 hat blo? tion öffe Fer ner und tet. *) en nd em er⸗ ft gt cht es g⸗ er en nt * N⸗ es 18 en is n ie er e⸗ n. 5 e — V So S 465 Leben des Volkes fort. Dieſes Volk aſſocirt ſich ſo leicht, wie es athmet. Sobald irgend ein Intereſſe, irgend eine Frage im Staat auftaucht und die allge⸗ meine Theilnahme in Anſpruch nimmt, wird ſogleich eine Verſammlung oder ein Convent ausgerufen, um die Sache in Betracht zu ziehen. Alsbald fliegen von allen Enden der Stadt oder des Staates, oder von allen Staaten in der lnion auf den Fittigen des Dampfes alle diejenigen, die ſich für die Frage oder Sache intereſſiren, nach dem beſtimmten Verſamm⸗ lungsplatz, am beſtimmten Tage und zur beſtimmten Stunde. Schnell füllen ſich die Hotels und die Koſt⸗ häuſer in der Stadt. Man kommt im großen Ver⸗ ſammlungsſaale zuſammen, man ſchüttelt ſich die Hände, man macht Bekanntſchaften, man hält Reden, man ſtimmt, man faßt Beſchlüſſe... und ſogleich werden Reden und Beſchluß unter die Preſſe gelegt. Und durch die ganze Union fliegt auf den Schwingen von 1000 Tagblättern, was die Verſammlung beſchloſſen hat. Dieſe Beſchlüſſe können übrigens zuweilen auch blos die Ausdrücke verſchiedener Meinung ſein;— 6. B. man hält Entrüſtung⸗Meetings dinigna- tion meetings, wenn man einen ſtarken Tadel über öffentliche Männer oder Handlungen ausſprechen will) — immerhin iſt es bewundernswürdig, mit welcher Fertigkeit, mit welchem Savoir faire diefes Volk in ſei⸗ ner Selbſtregierung zu Werke geht und wie entſchieden und raſch es von der Berathung zum Entſchluß ſchrei⸗ tet.*) In den ſtark bevölkerten freien Staaten ge⸗ *) Einen glänzenden Beweis von dieſem Savoir faire in der Selbſtregierung liefert dermalen die Staats⸗ organiſativn Kaliforniens. Im Verlauf etlicher Jahre ſind die wildeſten Abentheurer aus allen Ländern und Bremer, die Heimath in der neuen Welt. I. 30 6 466 hören Verſammlungen im Intereſſe gewiſſer Gewerbe, wie z. B. landwirthſchaftliche Verſammlungen, zur Tagesordnung. So hört man jetzt von Induſtriecon⸗ greſſen in New⸗York ſprechen, wo die Gewerbsgenoſſen von gewiſſen miteinander verwandten Gewerben jeden Monat zuſammenkommen; und in den jungen Staaten Michigan und Illinois werden bereits landwirthſchaft⸗ liche Meſſen gehalten, wo die Landwirthe des Staates die reichen Erzeugniſſe des Landes vorweiſen. In Cincinnati wie in New⸗York und in den großen dazwiſchenliegenden Handelsſtädten Pittsburg, Harris⸗ burg u. ſ. w. haben die mechaniſchen und merkantiliſchen Vereine ihre Verſammlungshäuſer oder Verſammlungs⸗ ſäle, Bibliotheken und Gilden auf großem Fuß. Die Vereine ſtehen auf dieſer Linie mit einander in Ver⸗ bindung. Ein Arbeiter z. B., der in den öſtlichen Städten keine Arbeit findet, wird durch den Verein zu ſeinen Mitgliedern in den weſtlichen Städten beför⸗ dert und durch dieſe allenfalls noch weiter im Weſten, ſich für alle fleißigen Hände Arbeit im Vollauf indet. Das Leben in dieſem Lande braucht nicht ſtille zu ſtehen oder zu verfaulen. Die Gefahren liegen in einer andern Richtung. Aber der freie Verein iſt of⸗ fenbar ein ordnendes und ſchützendes Lebensprinzip, Völkern der Welt in der Wuth des Goldfiebers dort⸗ hin geſtürzt. Aber die beſten vom Volke ſchloßen ſich zuſammen, organiſirten Vertheidigung, Geſetzgebung und bürgerliche Ordnung, und Kalifornien, das ſehr ſchnell zu einer Bevölkerung von 200,000 Seelen an⸗ wuchs, ſteht jetzt als ein vollkommen geordneter Staat im Kreis der freien Staaten der Union. Auch die Chineſen, die zu Tauſenden nach Kalifornien geeilt ſind, ordnen ſich und leben in friedlichen Geſellſchaf⸗ ten unter der mächtigen Hand der Angloamerikaner. be, on⸗ ſſen den ten aft⸗ tes ßen hen Die er⸗ hen ein en, auf ille in of⸗ ip, kt⸗ ſich ing ehr n⸗ aat die ilt af⸗ 467 berufen den umherſchweifenden Atomen, den losgelaſ⸗ ſenen Elementen Geſetz und Mittelpunkt zu geben. Unter verſchiedenen dramatiſchen Verſammlungen und Scenen, worin Menſchen-Natur⸗ und Volksleben ſich auf der Erde der neuen Welt ausſprechen, will ich die kleinen Socialiſtenſtaaten nennen, welche die Geſell⸗ ſchaft zu regeneriren beabſichtigen,(die aber alle min⸗ der gute Geſchäfte machen, mit Ausnahme des Shäker⸗ ſtaates, der keine Kinder hat) die tanzenden Shäker, die ſtummen Quäckerverſammlungen, die redſeligen Antiſklavereiverſammlungen, die religiöſen Feſte(Camp- meetings) Nachts in den Wäldern und die Taufſcenen an den Flüſſen, ſchön und bedeutungsvoll beſonders, wenn ſie den Kindern Afrikas gelten. Verſammlungen für die Rechte des Weibes, wo Weiber ſowohl als Männer auftreten und für die bürgerlichen Rechte des Weibes ſprechen, habe ich noch nicht beſucht, werde jedoch die erſte beſte Gelegenheit hiezu benützen. Sie ſind zuerſt in Ohio aufgekommen, werden aber haupt⸗ ſächlich in den Staaten Neuenglands fortgeſetzt— von Vielen beſpöttelt und lächerlich gemacht, von Vie⸗ len hinwiederum beſucht und hochgehalten. Sie bilden auch einen merkwürdigen Auftritt in dem großen Drama, das hier aufgeführt wird, denn alles was in Europa gebunden lebt, das kommt in Amerika zur Freiheit, nimmt eine Form an, baut eine Kirche, ſchließt einen Verein, gibt ſich einen Namen, ſpricht ſich aus und erhält Gehör, Prüfungszeit, Unterſuchung und Urtheil, d. h. Zeit und Gelegenheit zu ſteigen oder zu fallen, je nachdem ſein Gehalt und ſeine Kraft be⸗ ſtellt ſind. Zu dieſem Dramatiſchen und Pittoresken im Leben Amerikas gehören auch die Scenen aus dem Leben der Indianer und Neger auf ſeiner Erde, die wilden Tänze der erſteren auf den Prärien des Weſtens, die ſanften Geſänge der letzteren in den duftreichen Wäldern des Südens. 468 Die amerikaniſche Regierung hat ſich in Bezug auf die Indianer viele Vorwürfe zu machen. In den letzten Zeiten iſt jedoch dieſe Behandlung gerechter und milder geworden. Man kauft ihr Land, man bringt die Leute mit guten Manieren und mit Geld hinaus. Man erläßt Verbote gegen die Einführung ſtarker Getränke unter ihnen und man begünſtigt das Miſſionswerk, das ihnen Chriſtenthum und Civiliſa⸗ tion bringt. Es richtet jedoch nicht viel aus. Die rothen Männer, die ſich als die gelungenſten Schöpf⸗ ungen des großen Geiſtes betrachten, ziehen ſich in die Wildniß zurück und— ſterben. Nur ein kleines Häuflein iſt zu dem Glauben, den Sitten und der Regierungsform der Weißen übergegangen. Größer ſind die Fortſchritte des Chriſtenthums bei der Regerraſſe. Die Lehre von dem Erlöſer gilt den Negerſklaven als die Erfüllung des innerſten Be⸗ dürfniſſes ihrer Seele. Sie predigen ſelbſt mit der reinſten Freude davon. Ihr warmes Gefühlsleben erhält von dieſer Lehre ſeine ſchönſte Verklärung. Dieſe Menſchen haben eine ganz eigenthümliche und unge⸗ wöhnliche Fähigkeit zu beten. Ihr Gebet flammt, wäh⸗ rend es zum Himmel emporſteigt. Die Kinder der hei⸗ ßen Sonne werden uns durch ihre Gebete noch die Macht des Gebets kennen lehren. Während des Kampfes, der in den freien Staaten für die Aufhebung der Sklaverei ausgefochten wird, haben die Freunde der Sklaven ſich in zwei Lager getheilt. Das eine will unmittelbare Emancipation und ſodann allgemeine Erziehung, das andere will ſtufenweiſe Befreiung und Koloniſirung der Freien auf der Küſte Afrikas. Der Staat Ohio hat dieſen letzteren Weg eingeſchlagen und neuerdings ein bedeu⸗ tendes Stück Land auf der afrikaniſchen Küſte aufge⸗ kauft, um daſelbſt ein afrikaniſches Ohio von freien Negern zu organiſiren. ezug den hter man Held ung iſa⸗ Die öpf⸗ die nes der ims gilt Be⸗ der ben ieſe ge⸗ äh⸗ ei⸗ icht ten ird, ger on vill ien ſen eu⸗ ern 469 In den freien Staaten wird für den Unterricht und die geiſtige Emporbringung viel gethan. Ich kann mich jedoch nicht überzengen, daß die Amerikaner da⸗ bei auf die rechte Art zu Werke gehen. Sie ſuchen dieſem von ihnen ſo verſchiedenen Menſchenſtamm ihre eigenen Formen und Einrichtungen aufzuerlegen. Wenn ich die wilden Negerkinder in ihren Schulen gleich den Kindern der Weißen an Schemel und Pult gefeſſelt ſehe, ſo will es mich bedünken, als ob dieß eine wahre Sünde wäre. Ich habe die Ueberzeugung, daß dieſe Kinder ihre Lektion ſtehend oder tanzend unter Spielen und Geſängen lernen und daß ſie ihren Gottesdienſt unter Geſang und Tanz verrichten ſollten. Und ich ſtehe dafür, daß ihre Geſänge und Tänze mehr Leben, Schönheit und Sinn haben würden, als die des Shäkerſtaates. Aber wer wird ſie ſo lehren? Nur ein Neger kann Neger lehren, nur ein Mann vom Volke kann Befreier des Volkes in der höchſten Be⸗ deutung des Wortes werden. Aber dieſes gefangene Israel wartet noch auf ſeinen Moſes. Was die Befreiung dieſes Volkes aus der Ge⸗ fangenſchaft bedeutend erſchwert, das iſt ſein gänzlicher Mangel an Nationalgeiſt. Schon in Afrika in Stämme abgeſondert, die ſich gegenſeitig bekriegen und in die Sklaverei abführen, hat es viele Mühe, umfaſſendere Intereſſen als die der Familie und die des Lokalſtaates zu begreifen. Ich habe mit mehreren freien Männern aus dieſem Volke, die in guten Umſtänden hier leben, wie auch mit etlichen jungen Mulatten, die im Ober⸗ linſchen Inſtitut in dieſem Staat ſtudirt und ſich das Doktorsdiplom erworben haben, geſprochen und ſie für die Jutereſſen ihrer gefangenen Brüder und be⸗ ſonders für die Coloniſation in Liberien äußerſt lau gefunden. Friedrich Douglaß iſt unter ihnen noch der einzige kräftige Kämpfer für die Sache des Volkes. 470 Aber wenn Etwas bei ihnen ein umfaſſenderes Gefühl für das ganze Volk erwecken kann, ſo iſt es ſicherlich die gemeinſchaftliche Sklaverei auf amerikani⸗ ſchem Boden und vielleicht mehr als irgend etwas An⸗ deres in dieſem Augenblick die Bill, welche die Auf⸗ fangung flüchtiger Sklaven in freien Staaten geſtattet. Dieſer Gedanke erwachte in mir in den letzten Tagen bei einem Beſuche in einer freien Negerkirche, wo ich bei dem Negerprediger und der ganzen Gemeinde nicht über mangelndes Intereſſe für die Sache des Volkes klagen konnte. Ich hatte Vormittags eine Regerbaptiſtenkirche beſucht, die der epiſkopalen Confeſſion angehört. Es waren wenig Leute da, und die Gemeinde beſtand aus der Negerariſtokratie in der Stadt. Die Haltung beim Gottesdienſt war ſtill und gleichſam ein wenig vor— nehm— kurz langweilig. Aber der Geſang war rein und ſchön. Die Predigt von der Liebe ohne Prahlen, wie ſchwer ſie zu gewinnen, wie unmöglich ſie ohne Gottes Einwirkung und Mittheilung ſeiner Kraft ſei, war vortrefflich. Der Prediger war ein hellfarbiger Mulatte mit den Zügen der weißen Raſſe, ein Mann von vielem geſunden Verſtand und ſehr guten Manieren, deſſen Bekanntſchaft ich ſchon in meiner Cincinnatiheimath gemacht hatte. Nachmittags ging ich in die afrikaniſche Metho⸗ diſtenkirche in Cincinnati, die in dem Stadtviertel Afrika liegt. In dieſer Gegend wohnt die Mehr⸗ zahl der freien farbigen Bevölkerung in der Stadt. Auch trägt das OQuartier ſichtliche Spuren davon. Straßen und Häuſer haben zwar die angloamerikaniſche Regelmäßigkeit; aber zerbrochene Fenſter und Lumpen, die vor ihnen heraushängen, kurz ein gewiſſes ver⸗ wahrloſtes, ſchofles Ausſehen der Hänſer ſowohl als der Straßen, verkünden das Regiment der Kinder — eres es ni⸗ An⸗ uf⸗ tet. gen ich icht lkes che aus eim or⸗ ein en, ne ſei, mit em ſen ath tel hr⸗ dt. n. che n, er⸗ 1s er 471 Afrikas. In der afrikaniſchen Kirche fand ich afrika⸗ niſche Wärme und afrikaniſches Leben. Das Haus war übervoll. Die Gemeinde ſang ihre eigenen Hym⸗ nen. Der Geſang erhob und bewegte ſich wie ein melodiſcher Sturm, und die Köpfe, die Ellbogen der Ver⸗ ſammlung, Alles bewegte ſich im Takt dazu, unter ſichtbarem Entzücken und Inbel im Geſang, der an und für ſich ausgezeichnet war durch Reinheit und melodiſches Leben. Hymnen und Pſalmen, welche die Neger ſelbſt dichten, haben einen eigenthümlich naiven Charakter, kindlich, bilderreich und voll Leben. Ich theile Dir hier eine Probe davon aus einem ihrer beliebteſten Kirchenlieder mit: „Was iſt das für ein Schiff, das hier am Ufer liegt? O IJubel, Hallelujah! Das alte Schiff Zion, Hallelujah! Das alte Schiff Zion, Hallelujah! Iſt ſein Maſt ſtark und feſt, iſt ſein Holz ganz gut? O Jubel, Hallelujah! Es iſt aus Bibelholz gebaut, Hallelujah! (bis) Welche Art von Mannſchaft hat es wohl an Bord? O Jubel, Hallelujah! Treuherzige Soldaten, Hallelnjah! (bis) Wer iſt der Kapitän, den es an Bord hat? O Jubel, Hallelujah! König Jeſus iſt der Kapitän, Hallelnjah! (bis) Glaubt Ihr, daß er uns an Land zu führen vermag? O Jubel, Hallelujah! Ich glaube, daß er es vermag, Hallelnjah! (bis) 3 472 Viele Tauſende hat er geführt und kann er noch ans Ufer führen, D Jubel, Hallelujah! u. ſ. w.“ Nach den Geſängen, die von keiner Orgel ge⸗ leitet wurden, die aber wie brennende melodiſche Seuf⸗ zer aus der Verſammlung aufſtiegen, erſchien der Pre⸗ diger auf der Kanzel. Er war ein ſehr ſchwarzer Neger, noch jung, mit ſtark zurückgebogener Stirne und der untere Theil des Geſichtes ziemlich ſtark her⸗ vortretend; im Ganzen von minder gutem Aeußeren. Aber er begann zu ſprechen; die Verſammlung hing an ſeinen Lippen, und ich mußte ſeine fließende Beredt⸗ ſamkeit bewundern Er ermahnte die Gemeinde, die gegenwärtige Noth ihrer Brüder zu bedenken, für die flüchtigen Sklaven zu beten, die jetzt in großen Schaa⸗ ren ihre erworbenen Wohnungen verlaſſen und außer Land Schutz gegen geſetzliche Gewalt und geſetzliche Ungerechtigkeit ſuchen müſſen; er mahnte ſie auch zum Gebet für das Volk, das in ſeiner Blindheit ſolche Geſetze erlaſſen und die Unſchuldigen unterdrücken konnte. Dieſe Ermahnung wurde unter lauten Stoß⸗ ſeufzern und heftigen Klagerufen aufgenommen. Hierauf verkündete der Prediger den Tod der Schweſter Bryant, erzählte von ihrem chriſtlich ſchönen Ende und wandte auf ſie die Worte der Offenbarung über diejenigen an, die aus großer Betrübniß kom⸗ men*). Die Bedeutung des Leidens auf Erden, die herrliche Gruppe der Kinder des Leidens in ihrer Er⸗ löſung und ihren Lobgeſängen, auf ſo eigenthümliche und großartige Art dargeſtellt in den Blättern der Schrift, wurde von dem Negerprediger in volles Son— nenlicht gehoben und auf eine Art aufgefaßt, wie ich Kap 7. V. 9. u f. ———„— ——„8——— —— c— 473 ſie noch niemals von Predigern der weißen Race auf⸗ geſtellt gehört habe. Hierauf verlor er ſich beinahe in Gebeten um den trauernden Wittwer und die Kinder mit ihren„aufblühenden kleinen Seelen.“ Dann kam die eigentliche Predigt; der Prediger richtete an die Verſammlung die Frage: Iſt Gott mit uns?— Ich ſpreche von unſerer Natton, meine Brüder; ich habe es auf unſere Nationalität abgeſehen. Laßt uns die Sache unterſuchen.“ Sehr ſinnreich zog er jetzt eine Parallele zwiſchen der Gefangenſchaft der Iſraeliten in Egypten und der Gefangenſchaft der Neger in Amerika, ſowie den Prü⸗ fungen, durch welche die Vorſehung ihre beſondere Fürſorge für das auserkorne Volk beweiſe. Nachdem er die Schickſale der Iſraeliten unter Pharao und Whis geſchildert, ging er zur Betrachtung der Schick⸗ fale des Negervolks über.„Wie ſollen wir wiſſen, ob Gott mit uns iſt?— Laßt uns die Sache alſo be⸗ trachten.“ Mit kühnen Zügen wurde das Gemälde eines in Sklaverei geführten Volks entworfen, das auf alle Weiſe unterdrückt wird, aber nichts deſtoweniger wächſt und ſich vermehrt ſich aus der Sklaverei frei kauft (lautes Ja, Ja, o Jubel! in der Kirche), Land kauft (Freudenrufe), immer größeres und größeres Land (laute Ausrufungen)„Häuſer baut, große Häuſer, im⸗ mer größere und größere Häuſer(Jubelrufe und Ge⸗ ſtampfe), Kirchen baut(noch ſtärkere Ausrufungen), immer mehr und größere Kirchen(immer ſtärkere Aus⸗ rufe, Bewegungen, Geſtampfe, Händeklatſchen), ein Volk, das beſtändig zunimmt an Anzahl. Kraft, Wohl⸗ ſtand und Verſtand, ſo daß das herrſchende Volk im Lande zu erſchrecken beginnt und zu ſagen; ſie werden zu ſtark für uns, laßt uns ſie nach Liberien hinüber⸗ ſchicken!(Starke Gährung und Bewegung) Es will alſo ſcheinen, daß Gott mit uns ſei. Laßt uns ihn 474 nicht verleugnen, denn er wird uns aus der Gefangen⸗ ſchaft führen und zu einem großen Volk machen! Un⸗ geheures Entzücken und Freudenrufe, Amen! Ja, ja, o Jubel! u. ſ. w. Die ganze Verſammlung war meh⸗ rere Minuten lang wie eine ſturmbewegte See. Der Vortrag des Predigers war ein brauſender Strom von natürlicher Beredtſamkeit geweſen. Ich bezweifle je⸗ doch, ob ſein Patriotismus ſich weit über die Stunde der Ergießung und ſeine Kanzel hinaus erſtreckte. Ein nener Moſes war er nicht. Dem alten Moſes wurde das Reden ſchwer. Er war ein Mann der That. Dieſe Predigt war inzwiſchen die erſte Neger⸗ predigt, worin ich ein beſtimmtes Bewußtſein der Nationalität ſich Bahn brechen hörte. Die Bill gegen die geflüchteten Sklaven mag wohl auf ihrer Hut ſein, zu was ſie noch führen kann. In Bezug auf den letzten Ausfall des Negerpredi⸗ gers gegen Liberien iſt zu bemerken, daß die Reger⸗ bevölkerung in Ohio im Allgemeinen gegen die Neger⸗ koloniſation in Afrika iſt und die Bemühungen der Weißen für dieſelbe mit argwöhniſchen Blicken be⸗ trachtet. Unglücklicher Weiſe ſoll das Klima in Liberien durch die beſtändigen Regen ſo ungeſund ſein, daß der Verdacht begründet erſcheint. Dieß iſt ein wahres Unglück für die dort heranwachſende Kolonie, welche ſonſt durch die außerordentliche Fruchtbarkeit des Lan⸗ des rings umher und durch ſeinen Reichthum an tropi⸗ ſchen Gewächſen begünſtigt iſt. Die liberiſche Kolonie nimmt inzwiſchen, wenn auch nicht ſchnell, zu an Volks⸗ menge und Handel, ſie wird von ſelbſtgewählten Be⸗ amten regiert, hat Kirchen, Schulhäuſer, ein Staats⸗ haus, Druckerpreſſen, Waarenmagazine und Buden. Sie hat zwei beginnende Städte. Commodore Perry in ſeinem Bericht über den Zuſtand der amerikaniſch⸗ afrikaniſchen Kolonie beſchreibt die Niederlaſſung in Monrovia als beſonders verheißungsreich für den —ů˖ů · ˖˖ů·ů·ůůů—— ————— 475 Handel und ſagt, daß man ſich von der Niederlaſſung auf dem Cap Palmas ſehr viel für den Ackerbau ver⸗ ſprechen dürfe. Man ſagt übrigens, daß die Neger in der Kolonie weit mehr Luſt zum Kleinhandel zeigen als zum Ackerban. Und dieſe Reigung ſcheint überall in allen Küſtenkolonien bei den Negern vorzuherrſchen. „Einige dieſer Koloniſten ſind durch dieſen Kleinhan⸗ del vermöglich geworden, während Andere blos einen anſtändigen Lebensunterhalt damit gewinnen. Aber,“ fügt der Commodore hinzu,„es iſt erfreulich, die Com⸗ forts zu ſehen, womit der größere Theil dieſer Men⸗ ſchen ſich umgeben hat; viele von ihnen haben Be⸗ quemlichkeiten, welche den erſten Anſiedlern in Nord⸗ amerika unbekannt waren. Von Mangel ſcheint man bei ihnen nichts zu wiſſen. Wenn einige leiden, ſo muß dieß in Folge ihrer eigenen Faulheit geſchehen. Auf Cap Palmas hatte ich Gelegenheit, die klei⸗ nen Farms der Koloniſten und ihre urbar gemachten Felder zu ſehen. Dieſe Zeugen von bedeutender Ar⸗ beit begannen allmälig das Anſehen von wohlbebautem Lande zu gewinnen. Die Wege in der ganzen Nieder⸗ laſſung ſind merkwürdig gut, wenn man die Jugend der Kolonie und ihre geringen Mittel in Betracht zieht. „In allen einzelnen Niederlaſſungen werden die Geſetze treu eingehalten; die Sitten des Volkes ſind gut und die Geſellſchaft ſcheint ſtark von religiöſen Gefühlen belebt zu ſein. „Gouverneur Roberts von Liberien(ein hellfar⸗ biger Mulatte) und Gouverneur Rußwurm von Cap Palmas ſind verſtändige, achtungswerthe Männer, und wir haben in ihnen unwiderlegliche Beweiſe für die Fhleri des farbigen Volkes zur Selbſtregierung. Das Klima Weſtafrikas darf nicht als ungeſund für die farbigen Koloniſten betrachtet werden. Alle müſſen, bevor ſie akklimatiſirt ſind, das Fieber über ſich ergehen laſſen. Aber ſeit bequeme Wohnungen er⸗ 476 bautſind und die Kranken gut gepflegtwerden können, hat die Anzahl der Todten bedentend abgenommen. Iſt die Krankheit einmal glücklich überſtanden, ſo findet der Koloniſt ein Klima und eine Luft, die ſeiner Conſtitution zuſagen. Nicht ſo verhält es ſich mit dem 3 weißen Menſchen. Für ihn iſt ein Aufenthalt von wenigen Jahren auf dieſer Küſte beinahe der ſichere Tod. „Das Epperiment der Vereinigten Staaten, auf dieſer Küſte eine Kolonie für die freie farbige Bevölkerung zu gründen, iſt weit beſſer gelungen, als Viele er⸗ wartet hatten, und ich wage vorherzuſagen, daß die Abkömmlinge der gegenwärtigen Koloniſten beſtimmt 3 ſind, ein verſtändiges und wohlhabendes Volk zu 1 werden.“ Ein weißer amerikaniſcher Arzt, der ſechs Jahre in Liberien zugebracht hat, gibt den Betrag des Han⸗ 3 dels⸗Importes des jungen Negerſtaates auf 120,000 Dollars jährlich an und nimmt für den Export unge⸗ fähr dieſelbe Summe.„Der Handel unſeres Landes mit Afrika— ſo wird in dieſem Jahr(1850) in Ame⸗ rika geſchrieben— gewinnt mit jedem Tag eine höhere 3 Bedeutung. Die liberiſche Kolonie ſoll ihre Herrſchaft gegen⸗ wärtig auf 10,000 Perſonen erſtrecken. Die engliſche Kolonie in Sierra Leone, die älter und mächtiger iſt, zählt 40,000 Perſonen. Es ſieht aus, als ſollten Liberien und Sierra Leone Pflanzſchulen werden, aus welchen Afrikas neue Kultur und ſchönere Zukunft hervorgehen werden. Aber ich kann nicht anders glauben, als daß dieſe Pflanzen aus dem fremden Land zuvor eine Metamorphoſe über ſich ergehen laſſen, d. h. mehr afrikaniſch werden müſſen. Hätte ich Zeit und Geld genug, ſo würde ich übers Jahr nach Liberien hinüberfahren. Aber wohin 477 möchte ich nicht reiſen! Was möchte ich nicht ſehen von Allem, was auf der großen, weiten Erde Bedeutſames in der Natur und dem Volksleben vorhanden iſt! Die ganze Erde möchte ich mein nennen. Warum iſt das Leben ſo kurz??7. Cincinnati, den 29. November. Geſtern wurde hier das Dankfeſt(Thankgivings) gefeiert, eines der wenigen Nationalfeſte der neuen Welt und ein Feſt, das von allen Völkern gefeiert werden ſollte, als eines der würdigſten für eine edle und hellſehende Menſchheit. Es wird an einem Werk⸗ tag gefeiert, der dadurch zum Feſttag gemacht wird. Ich war Vormittags in der Baptiſtenkirche. Der Prieſter, ein talentvoller Mann, nahm nächſt der Dank⸗ ſagung für allgemeine und Privatwohlthaten, die auf⸗ gezählt wurden, die Sklavereifrage in den Vereinigten Staaten zum Text. Man habe ihm vorgeworfen, daß er es nicht wage, ſich über dieſen Gegenſtand auszu⸗ ſprechen. Er wolle den Verdacht von ſich abwälzen und beweiſen, daß er keine Furcht kenne. Er verur⸗ theile die Sklaverei und beklage ihre Einführung in Amerika. Aber er verurtheile auf gleiche Weiſe das Benehmen der Abolitioniſten. Dieſe haben die Stel⸗ lung erſchwert, ſie haben die Emancipation inner⸗ halb Amerikas unmöglich gemacht. Der Prediger meinte, es ſeien nie weniger Ausſichten für Aufhebung der Sklaverei vorhanden geweſen, als eben jetzt. Nie haben die Staaten des Südens mit feſterer Hand die Sklavenkette ergriffen. Durch Drohungen und Trotz 478 ſeien Drohungen und Trotz erzengt worden. Der Redner ſetzte jeine Hoffnung darauf, daß das Chri⸗ ſtenthum die afrikaniſche Race emporbringen werde, und dieß, ſowie die Koloniſation freier chriſtlicher Neger auf Afrikas Küſte betrachtete er als die einzigen zuver⸗ läßigen Mittel zur allmähligen Abſchaffung der Skla⸗ verei. Nach einigen intereſſanten Notizen über die Produkte Afrikas und die Ertragfähigkeit der freien afrikaniſchen Arbeit im Verhältniß zur Sklavenarbeit, ſowie über die Mittel des heranwachſenden Liberiens eröffnete er eine pvetiſch ſchöne Ausſicht auf die mög⸗ liche Zukunft der äthiopiſchen Race in ihrem Mutter⸗ land, dem myſtiſchen, warmen Afrika. Ich bin dem Redner mit tiefſtem Intereſſe gefolgt. Das Ende ſeines Vortrags rief eine Viſion in mir hervor. Ich ſah das myſtiſche warme Afrika mit dem Berg des Mondes und mit dem Nil und den Pyramiden, und tropiſche Wälder wimmelnd von der Fülle des Thierlebens und des Pflanzenlebens zu neuem Leben erſtehen; ich ſah Aſien mit ſeiner uralten Weisheit und ſeinen alten, halbverſteinerten Staaten; Europa mit ſeiner Mannigfaltigkeit von lebensvollen, eigen⸗ thümlich ausgeprägten Reichen und Völkern; ich ſah Amerika, die jüngſte, aber bald mächtigſte der erwach⸗ ſenen Töchter der Erde mit ſeinen neuen aus dem Morgenthau eines neuen Lebens erzeugten Menſchen; ich ſah Auſtralien mit ſeinen Kolonien von verlorenen, aber der Verzeihung gewürdigten Söhnen wieder ins Vaterhaus aufgenommen; ich ſah die Welttheile alle ſich von Neuem aufrichten im Namen des Friedensfür⸗ ſten, alle ſich wie noch nie auf Erden vereinigen im Lobgeſang auf die Geburt des Gottesſohnes:„Ehre ſei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden!“ Ein Strom von Thränen brauſte durch die Kirche. die Worte des Lobgeſanges tragend. Ich erkannte den —— — 479 mächtigen herrlichen Chor wieder. Ich hatte ihn vor⸗ her gehört, wo, wußte ich nicht. Aber es ſchien mir, als fei er die Seele aller Lobgeſänge auf Erden. Es war die ſchwediſche Meſſe:„Danket und lobpreiſet dem Herrn u. ſ. w,“ die vom Chor der Kirche geſungen wurde. Ich hatte dieſe Freude einem Landsmann zu verdanken, welcher Direktor des ausge⸗ zeichneten Sängerchors an dieſer Kirche iſt. Als die Verſammlung ſich erhob und im Geſang meines Hei⸗ mathlandes ihr Hallelujah anſtimmte, da ſang ſie auch für mein Volk und für alle Völker auf Erden. O das war herrlich! Aber ſingen konnte ich da nicht. Ein ſchöneres Dankfeſt habe ich nie gefeiert und nie werde ich dieſe Stunde vergeſſen. Ich muß noch einige Worte von dem Staat und der Stadt hinzufügen, wo ich dermalen als glücklicher Gaſt weile. Der reiche, ſchöne Ohio ſitzt wie das Herz in der großen Staatengruppe zwiſchen dem öſtli⸗ chen Meere und dem Miſſiſippi. Und obſchon dieſer Staat zu den jüngeren in der Union gehört, ſo be⸗ merke ich doch, daß ſich hier ein centraleres Leben be⸗ wegt, als in den Staaten, die ich bisher beſucht habe. Es ſcheint mir, als wolle man hier mit vorurtheils⸗ freiem Sinn allen Kräften und Richtungen in der Menſchennatur ihr Recht anthun und Jedem den ge⸗ bührenden Antheil am Leben und Blut des Herzens zukommen laſſen. Zu den Phänomenen dieſer Art zähle ich das mediziniſche Collegium dahier, das unter der Direktion eines geiſtreichen jungen Mannes, des Doktors J. Buchanan ſteht, und worin Allövpathie, 480 Homöopathie, Hydropathie und die ſogenannte bota⸗ niſche Medizin als natürliche Methoden in der Ge⸗ ſundheitslehre der Natur, alle bei gewiſſen Krankheiten und Umſtänden dienend, alle nothwendig in einer umfaſſenden Geſundheits⸗ und Krankheitslehre, aufge⸗ nommen und ſtudirt werden. Buchanan machte den Menſchen zum Ziel und zum Mittelpunkt des Univerſums. In dem Menſchengehirn erblickt er den Centralorganismus des Menſchen und ſieht von da eine unendlich herrliche Zukunft ausſtrah⸗ len, wo all die unendlichen Möglichkeiten, die noch darin ruhen, ſich zu Leben und Harmonie auf der Erde und im Weltall entwickeln werden. Unter täg⸗ licher angeſtrengter Arbeit und vielfachen Bekümmerniſ⸗ ſen ruht er glücklich in dieſer Anſchauung wie im Sabbathfeſt ſeines Geiſtes. Zu Erſcheinungen dieſer Art rechne ich ferner die Oberlin'ſche Schule, wo farbige ſowohl als weiße Jünglinge und Mädchen all die Gegenſtände, die auf den amerikaniſchen Akademieen gelehrt werden, ſtudiren und ſich das Doktor⸗Diplom erwerben können. Ich rechne dazu ferner Bücher und andere Mei⸗ nungsäußerungen von vielen ausgezeichneten Männern, die eine mehr ganze und den ganzen Menſchen um⸗ faſſende Erziehung ſowohl für Weiber als Männer an⸗ ſtreben, als bisher üblich geweſen. Cincinnati, die Königin des Weſtens, die am Ufer des ſchönen Fluſſes(Ohio) ſitzt, im Hintergrund von Höhen umgeben, wie eine Königin von Hofdamen, iſt eine kosmopolitiſche Stadt und umfaßt in ihrem Schvooß alle Arten von Bevölkerung, Kirchen und Religionsſekten. Die Deutſchen bilden einen bedeutenden Theil der Einwohnerſchaft, die ſich jetzt auf 120,000 Seelen beläuft, und die Deutſchen ſind auch hier wie in dem alten Deutſchland gemüth⸗ lich, trinken Bier, treiben Muſik und ſtellen ihre Be⸗ trac neu hier We und nig Ste mö zirk ma füh bra zun zim mit Re für ſor erſt rer. Do ruf ein keit niß Th ob das nat feſſ Di — — v— —— 481 trachtungen an über die Weltgeſchichte. Ich habe neuerdings ein Büchlein mit dieſem Titel von einem hier anſäßigen Dr. Pulte erhalten. Die Königin des Weſtens läßt alle ihre Bürger philoſophiren, ſprechen und ſchreiben, ſo viel ſie wollen. Sie iſt die freiſin⸗ nigſte Königin in der Welt. Im Schulweſen ſteht Ohio den nordöſtlichen Staaten noch nach. Aber man arbeitet ſo gut als möglich an ſeiner Entwicklung. Als ich eine der Be⸗ zirksſchulen für Knaben in Cincinnati beſuchte, ſagte man mir, indem man mich in einen der Lehrſäle führte:„Dieß iſt unſre beſtdisciplinirte Schule. Hier braucht man niemals eine körperliche Züchtigung an⸗ zuwenden.“ Ich ſah ein blaſſes, noch junges Frauen⸗ zimmer von ſanftem Anſehn auf dem Katheder ſtehen, mit milder Gewalt dreißig bis vierzig wilde kleine Republikaner regierend. Die Elementarſchulen ſowohl für Knaben als Mädchen werden von Lehrerinnen be⸗ ſorgt. Man glaubt, daß ſie für die Unterweiſung der erſten Jugend mehr Geſchick haben als männliche Leh⸗ rer. Sie bekommen eine Jahresbeſoldung von 300— 500 Dollars je nach der Tüchtigkeit, die ſie in ihrem Be⸗ ruf entwickeln. Mit großem Vergnügen hörte ich hier eine Lektion an, worin die kleineren Kinder gelehrt wurden, daß man die Thiere mit Güte und Gerechtig⸗ keit behandeln müſſe. Sie mußten aus dem Gedächt⸗ niß Geſchichten erzählen, worin Bosheit gegen die Thiere ihre gebührende Strafen fand. Ich weiß nicht, ob man in unſern Schulen ſolche Lektionen hat. Aber das weiß ich, daß man ihrer wohl bedürfte. Unter den wiſſenſchaftlichen Anſtalten in Cincin⸗ nati zeichnet ſich die Sternwarte aus, die durch das Genie und den Eifer eines Privatmanns, des Pro⸗ feſſors O. M. Mitſhell zu Stande gebracht wurde. Die Entſtehungsgeſchichte dieſer ſchönen Sternwarte, Bremer, die Heimath in der neuen Welt. II. 31 482 die zum erſten Rang gehört, verdient bekannt zu wer⸗ den, um einen richtigen Maßſtab davon zu geben, was die Kraft und die Begeiſterung eines einzelnen Mannes in der neuen Welt vermag und auf welche Art er das große Publikum für eine Wiſſenſchaft in⸗ tereſſiren kann, die er populär zu machen verſteht. Es iſt der Sieg des Genies, aber auch der Geduld und des beharrlichen Willens. Es gereicht dem Manne, aber auch der Volksmenge zu großem Ruhm. In⸗ zwiſchen würde mich dieſe Erzählung zu weit führen. Auch die Künſte haben in Cincinnati aufzutreten begonnen. Aber dieß iſt doch noch immer ein bloßer Anfang. Die Stadt ſelbſt iſt erſt ſechzig Jahre alt. Es iſt ein Künſtlerverein, deſſen Ausſtellung ich ein paar Mal beſucht habe. Es ſind einige gute Gemälde da. Keines hat ſich meinem Gedächtniß ſo ſtark eingeprägt, als ein kleines humoriſtiſches Gemälde, das drei große— Schweine ſehr natürlich vorſtellt. Sie ſitzen auf den Hinterfüßen unter einem Felsſtück mit der Inſchrift: Specköl und ſehen mit bedächtlichen Blicken auf einen ihrer Mitbrüder herab, der einen todten Wallfiſch am Meeresufer angreift. Weiter draußen ſieht man das große Meer. Dieſes gut ge⸗ malte und humoriſtiſch ausgedachte Bildchen hängt zwiſchen zwei Gemälden, welche die„Liebe der Engel“ zum Gegenſtand haben. Aetheriſche Geſtalten ſchweben über klare Seen hin und begegnen einander auf grü⸗ nen blumenreichen Ufern. Der Contraſt zwiſchen die⸗ ſen poetiſchen Bildern und der Proſa des erſteren könnte kaum größer ſein. Nur Schade, daß ſie in Bezug auf Ausführung dem proſaiſchen ſehr nach⸗ ſtehen. Unſer Södermark würde dem letzteren den Preis zuſprechen. Das würde auch ich thun, aber ich möchte das Gemälde nicht in meinem Zimmer haben; weit lieber doch dieſe Engelspoeme mit ihren freundli⸗ chen Ahnungen. — 483 Die ſchönen Künſte haben bis jetzt in den Ver⸗ einigten Staaten wenig Aufmunterung erhalten, ſei es nun, daß keine ausgezeichnete Talente aufgetaucht ſind, oder was ich eher glauben möchte, daß dem Volk im Allgemeinen der Kunſtſinn abgeht. Ich habe viel von einem amerikaniſchen Maler Namens Alſton als einem der größten Künſtler erzählen und ſeine Werke höchlich preiſen und bewnndern gehört. Gleichwohl leſe ich in einem Brief des edlen alten Channing fol⸗ gende Worte: „So lange ich Männer wie Alſton am Nothwen⸗ digſten Mangel leiden ſehe, fühle ich, daß ich kein Recht habe, mir den Ueberfluß des Lebens zuzu⸗ eignen.“ Und von meinen Freunden Springs hörte ich, daß ein junger Landſchaftsmaler in New⸗York, ein unverkennbares Talent und liebenswürdiger Charakter, neulich ſich mit ſeiner jungen Frau berieth, wie ſie ihre Haushaltung für ſich und ihre zwei kleinen Kin⸗ der aufs beſte beſtellen ſollten. Sie kamen endlich da⸗ hin überein: die beſte Art hauszuhalten ſei für ſie— zu ſterben!— und dieß in der jungen reichen Welt! Die Gemälde dieſes jungen Künſtlers ſind jedoch von der Art, daß man in jedem amerikaniſchen Hauſe gerne eines davon ſehen würde. Die Bildhauerkunſt ſcheint in den Vereinigten Staaten größere Ausſichten anf Erfolg zu beſitzen, und ſie hat in Hiram Powers einen Künſtler erſten Rangs, nicht in Bezug auf geniale Erfindſamkeit, ſondern auf verſtändige und geſchickte Ausführung erzeugt. Seine Proſerpina, ſein lauſchender Fiſcherjunge, ſeine griechi⸗ ſche Sklavin ſind in ganz Italien bewundert worden. Der ſeelenvolle feine Ausdruck ſeiner Gebilde iſt eben⸗ ſo bewundernswürdig, wie die vollendete Schönheit ihrer Formen. Seine Geſtalten ſcheinen zu leben. Hiram Powers iſt in Cincinnati geboren und arbei⸗ 484 tete da als armer Junge in einer Uhrmacherwerkſtätte. Schon hier machte ſich ſein eigenthümliches Genie be⸗ merklich. Einige vermögliche Männer aus der Stadt nahmen ſich des hoffnungsvollen Jungen an und ver⸗ ſahen ihn mit den nöthigen Mitteln zu ſtudiren und zu reiſen. Am meiſten that für ihn Mr. Longworth, und ihm ſchenkte Powers als Zeichen ſeiner Bankbar⸗ keit ſein erſtes originelles Marmorgebilde. Ich ſage Gebilde, denn an dieſem Werk ſieht man gar nichts von Arbeit. Es iſt ein Bild aus einem Guß, ſo leben⸗ dig und ſchön, daß— man es gar nicht beſchreiben kann. Es iſt eine Weiberbüſte in natürlicher Größe. Man hat ſie Genevra genannt, ich weiß nicht warum. Sie ſollte Galathea heißen, denn Pygmalion⸗Powers hat ihr ein Leben eingegoſſen, das nur eines Götter⸗ winkes bedürfte, um zu athmen. Noch richtiger ſollte ſie die Amerikanerin heißen. Denn die eigenthüm⸗ liche Schönheit der Züge, die Form und Haltung des Kopfes und Halſes gehören Amerikas Frauen anz; da findet ſich nicht die griechiſche Steifheit; da iſt eine Regelmäßigkeit voll von Leben und Anmuth; und der Ausdruck— ja ſo muß ſie ausſehen die Frau der neuen Welt, ſie, die emporgetragen von einem öffent⸗ lichen Geiſt, der voll von Wohlwollen iſt, ohne Kampf und Proteſtation die Fülle und Innigkeit ihrer Natur entwickeln kann; ſo muß ſie lächeln, blicken, ſich be⸗ wegen, darin ruhend wie in einer innern Welt von Wahrheit, Güte und Schönheit; ſo feſt muß ſie ſein und gleichwohl ſo lieblich, ſo göttlich gewiß, ſo himm⸗ liſch harmoniſch und gut, ſo muß ſie wirken! Und daun, dann— wird der neue Tag der neuen Welt aufgehen. Mr. Longworth hatte mich, ehe er mich in ſein Kunſtkabinet führte, wo das Bild ſteht, ſcherzhaft auf die„Rohheit der erſten Arbeit eines jungen Künſtlers“ vorbereitet und zur Nachſicht aufgefordert. Ich ſah — u S v* 485 das Bild an, ich betrachtete es, bis mein Herz von Wärme und meine Augen von Thränen ſchwollen. Ich weinte vor dieſem neuen Schönheitsideal nicht blos, weil ich ihm ſelbſt ſo ferne ſtand, nein, vor Be⸗ wunderung, vor Freude, vor Hoffnung, im Gefühl, daß ich hier die Frau der neuen Welt ſehe, die Gala⸗ thea, die jetzt im Marmor ſchläft, die aber dereinſt durch den Anhauch der Gottheit Leben empfangen wird. Und habe ich nicht bereits bei einigen Frauen des Landes ihre Züge, ihr Leben geſehen? Ich ſehe ſie und nenne geliebte Namen!... Ich werde hinfort dieſe Züge, dieſen Ausdruck im Geſichte aller jungen Frauen ſuchen; ſie werden mir lieb, ſie werden mir theuer oder gleichgültig ſein, je nachdem ſie ſich dem Bild der Galathea der neuen Welt mehr oder weniger nähern. Abbilder von dieſem Bilde ſollten ſich in jedem amerikaniſchen Hauſe vorfinden, und jedes junge Mäd⸗ chen ſollte unter Anſchauung deſſelben aufwachſen, wie Hawthornes Jüngling unter Anſchauung des großen ſteinernen Geſichtes aufwuchs, bis er eins wurde mit ſeiner Schönheit. Habe ich Dir geſagt, daß ich hier in der Wein⸗ region Nordamerikas lebe? Die Weinrebe, die überall in Nordamerika üppig wild wächst, iſt auf den Höhen des ſchönen Ohiofluſſes mit großer Sorgfalt gepflegt worden, hauptſächlich von Mr. Longworth, und man fabricirt hier amerikaniſchen Keres und Champagner. Die Cathawba⸗ und Iſabellatrauben ſind die vornehm⸗ ſten der im Lande gezogenen Trauben⸗Arten. Aber 486 noch reifen die Trauben hier nicht harmoniſch wie am turſe Rhein und an der Seine. Die Ungleichheit des Kli⸗ ſchei mas dürfte daran Schuld ſein. und Lebe wohl! Ich muß abbrechen. Wann ich das ten nächſtemal wieder mit Dir ſpreche, weiß ich nicht. Aber Er haben wir nicht ein Geſpräch begonnen und eine find Freundſchaft geſchloſſen, welche vor Zeit und Raum Stand halten müſſen und ſichtbarer Zeichen nicht be⸗ vM dürfen? Unſer Geſprächzimmer iſt die Ewigkeit. Doch dos iſt auch ein ſichtbares Zeichen werthvoll. Und wollteſt krei Du mir hier im fernen Lande eines geben— wie ſebe willkommen ſollte es mir ſein! Arg Deine Worte ſind immer mit mir, wie ein ſtilles Wie Geſpräch.„Ich glanbe an eine Sonne, an eine orga— der niſirende Macht, von welcher jeder lichte Gedanke, je⸗ des inhaltsreiche Leben ein Ausfluß iſt.“ So lautete eine Deiner erſten Aeußerungen gegen mich. Dieſe Sonne iſt meine Sonne geblieben. In ihrem Licht ſchreite ich vorwärts, ſuchend und nachdenkend. Und was ich in ihrem Licht geſehen habe, das ſollſt Du auch einmal ſehen. Denn was mein iſt, iſt Dein. Ich umarme Deine Frau und küſſe die Kleinen um ſie her in der Erwartung, daß ich in Schweden A wieder von ihnen umarmt und geküßt werde. M an im die wr N St a D Mein Brief erſchreckt mich. Er iſt zu einer ſolchen D Breite und Länge angewachſen, daß meine Freunde S in Cincinnati ihn für eines der unförmlichen Rieſen⸗ e prodnkte des großen Weſtens, für eine Art von Rhim⸗ al N W 20 8—— N ed v u turſe aus Miſſiſippi Utgard anſehen würden. Mir er⸗ ſcheint er als eine Art von Kobold mit vielen Füßen und einer Menge Augen, die drohend nach allen Sei⸗ ten blicken. Und jetzt ſoll er nach Schweden abgehen. Er mag gehen! Was ſich von Herz und Kopf darin findet, das auszumitteln vertraue ich Dir an. In wenigen Tagen reiſe ich nach Neu⸗Orleans und von da über die Wintermonate nach Cuba. Ich will das Angeſicht der Erde unter der Sonne des Wende⸗ kreiſes und in der Gewalt des ſpaniſchen Volksſtammes ſehen. Ich will das ſüdliche Kreuz und den großen Argosſtern am Himmel ſehen. Sodann wende ich mich wieder dem Polarſtern und unſerm ſchweigſamen Nor⸗ den, meiner lieben ſtillen Heimath zu. Einunddreißigſter Brief. Arche Noä(auf dem Miſſiſippi) den 18. Dec. 1850. Vorgeſtern den 16. dieſes verließ ich Cincinnati. Meine guten vortrefflichen Wirthsleute begleiteten mich an Bord des Dampfbvotes und überhäuften mich noch im letzten Augenblick mit Beweiſen ihres Wohlwollens, die alle leicht und angenehm zu tragen ſind, denn ſie wurden mit warmem Herzen gegeben, ſie werden mich nach Schweden begleiten und allda an den ſchönen Ohio und meine Heimath in Cincinnati erinnern. Der gute Jothun, Mr. Stetſon ſchenkte mir eine Sammlung von Muſcheln aus dem Ohiofluß, wovon einige unendlich ſchön ſind und ouf weißem Grund in alle Farben des Regenbogens hinüberſpielen. 488 Es war ein ſchöner ſonnenwarmer Tag, als ich abreiſte, und Cincinnati, ſeine rebenbepflanzten Höhn, ſeine ſchönen Landhänſer und der Ohiofluß leuchteten in der Sonne. Auch in meiner Seele war es ſonnen⸗ warm. Die Beweiſe von Freundlichkeit, die ich in den letzten Tagen von mehreren Freunden in der Stadt empfangen hatte, umſchmeichelten mich wie lauwarme Sonnenwinde. Aber ich war ſehr müde in Folge einer Migräne und der Anſtrengungen des Tages. Ich ſehnte mich nach Ruhe und Stille. Das Rieſendampfſchiff Belle⸗Key bewegte ſich lang⸗ ſam mit dumpfem Gedonner den hellblauen Fluß hinab; die hohen Ufer mit ihren wechſelreichen Scenen glitten freundlich und ſchön vorüber. Der Fluß wurde breiter, die Höhen ſenkten ſich, die Landhäuſer verſchwanden, die Farmen und Blockhäuſer kamen zum Vorſchein, die Ufer wurden waldiger und öder. Wir nähern uns dem Miſſiſippi. Was iſt da los? Warum ſpringt alles Volk nach dem Hintertheil des Schiffs? Eine Jagd auf dem Waſſer!... Ein Kronhirſch ſchwimmt über den Fluß von Kentucky her nach dem Ohioufer hinüber. Er iſt nicht mehr weit von dem freien Strande. Aber zwei Boote ſetzen ihm nach von dem Ufer des Sklaven⸗ ſtaates her. Seine ſtolzen Hörner ſtehen hoch über dem Waſſer. Er ſchwimmt raſch, vielleicht daß er ſich retten kann. Jetzt iſt er dem Ufer nahe. Ach! aber jetzt zieht ein Boot von dem freien Ufer gegen ihn aus. Wehe dem armen Flüchtling! Er kehrt um, die zwei Boote von Kentucky begegnen ihm. Jetzt iſt er umringt. Ich ſehe auf allen drei Booten Ruder ſich erheben, um ihm den Todesſtreich zu verſetzen. Der ſchöne Kopf zeigt ſich noch über dem Waſſer. Jetzt fallen die Ruder über ihn herab!... Ich wende mein Angeſicht weg... Das Dampfſchiff biegt um eine Landſpitze. Entſchwun⸗ den iſt das Schauſpiel der wilden Jagd. Der wehr⸗ loſe Flüchtling befindet ſich in der Gewalt ſeiner Ver⸗ ich hn, ten len⸗ den adt rme ner nte ng⸗ ab; ten ter, en, die em les igd ber er. ber en⸗ ber ich ber 18. vei gt. um igt er n⸗ r⸗ er⸗ 489 folger. Ich bin müde und niedergeſchlagen. Die Luft iſt lieblich, das Waſſer hell und klar. Der Himmel ebenfalls klar. Findet nicht der Hirſch jenſeits des Todesfluſſes irgend ein unverletzliches Gebiet, wo er nach der wilden Jagd ausruhen kann?!...... Das Dampfſchiff Belle⸗Key gehört zu der Familie der Flußrieſen. Ich nenne es Arche Noä, denn es hat mehrals tauſend Thiere von allerlei Arten an Bord, auf dem Verdeck unter und über uns. Ungeheure Ochſen, wahre Mammuthochſen, ſo fett, daß ſie kaum gehen kön⸗ nen), Kühe, Kälber, Pferde, Mauleſel, Schafe, Schweine zu vielen Dutzenden, laſſen ſich vom untern Verdeck her vernehmen und ſchicken uns mitunter minder angenehme Düfte zu; und auf dem Verdeck über uns gackeln Trut⸗ hähne, Gänſe, Enten, Hennen; Hähne krähen und raufen ſich, kleine Spanferkel ſpringen munter herum zwiſchen den Ställen des Federviehs. Auf dem mitt⸗ leren Verdeck, wo wir Adamsſöhne und Töchter uns befinden, iſt es mitunter äußerſt angenehm. Der Da⸗ menſalon iſt groß und ſchön, die Reiſenden nicht zahl⸗ reich und angenehme Perſonen. Ich bin allein in mei⸗ ner Kajüte. Es iſt mir wohl wie einer Prinzeſſin— im Mährchen. Mein Reiſekavalier, Mr. Lerner Harri⸗ ſon gehört zu dem energiſchen und warmherzigen Schlag von Amerikanern und iſt dabei ein ſehr angenehmer Mann, mit der Miſchung von brüderlich offener Herz⸗ lichkeit und ritterlicher Galanterie im Verhalten zu einer ſeinem Schutz anbefohlenen Dame, wodurch die Männer der neuen Welt zu den angenehmſten Geſell⸗ ſchaftern werden, die ſich ein Frauenzimmer, zumal eine Ausländerin, nur wünſchen kann. Keine kreiſchenden babies ſtören die Ruhe an Bord, und das Gegrunze der Schweine ſowie andere Töne von den Thieren in unſerer Arche Noä laſſen wir uns nicht anfechten. All dieſes Gethier iſt für die Chriſtmeſſe in Neu⸗Orleans beſtimmt. 490 Den 19. December. Der Miſſiſippi⸗Miſſouri fließt trübe und breit mit ſteigendem Waſſer voll von Treibholz, Baumſtämmen und Klötzen, die uns zuweilen tüchtige Püffe verſetzen. Die Ufer ſind niedrig und ſumpfig, mit kahlem Laub⸗ walde bedeckt, einer Art von Pappeln, die man hier coton wood(Baumwollholz) nennt. Dieß iſt ſchauer⸗ lich einförmig. Das Wetter iſt graukalt und Alles um uns her ſieht grau aus. Wir haben jetzt Miſſouri zu unſerer Rechten, Kentucky zu unſerer Linken: es thut mir leid, daß ich nicht Zeit gehabt habe von Kentucky und ſeiner Bevölkerung mehr zu ſehen. Die Leute ſind eigenthümlich in Bezug auf Ausſehen ſowohl als auf Charakter. Sie ſind hochgewachſene, in ihrer gan⸗ zen Erſcheinung ungezwungene, freimüthige, redſelige, luſtige, gutartige, herzliche Geſellen, Leute, die mir ge⸗ fallen würden. Und dann„Skyrners Handſchuh,“ die Mammutgrotte und das grüne Flüßchen, das dahin führt— das hätte ich ſehen müſſen. Aber Harriſon erzählt ſo anſchaulich von der Grotte, daß ich beinahe meine, ich habe ſie geſehen. Ich muß Dir von einem Vergnügen erzählen, das er mir Abends auf dem Ohio bereitete. Er fragte, ob ich die Neger der Schiffsmannſchaft ſingen hören wolle, dann führte er mich aufs unterſte Verdeck und hier ſah ich eine ſeltſame Scene. Der ungeheure Ofen, wo das Feuer zur Treibung der Dampfmaſchine unter⸗ halten wird, liegt ganz oben auf dem Verdeck, mit acht bis neun großen Oeffnungen neben einander, die nach der Vorderſeite gekehrt ſind; ſie gleichen klaffenden Feuerſchlünden, und bei jedem Schlund ſtand ein bis um den Leib nackter Neger und warf Scheiter hinein. Die Scheite wurden ihnen von andern Negern gereicht, die auf einem geräumigen freien Platz zwiſchen ihnen — S— ——— — — „—— 491 und einem Reger aufgeſtellt waren, der auf einer hohen Holzbeuge ſtand, von wo er mit raſchen Armen die Nahrung für das Ungeheuer auf dem Verdeck herab⸗ reichte. Harriſon forderte die Neger auf zu ſingen. Der auf der Holzbeuge ſtehende Neger begann ſogleich ein improviſirtes Lied in Stanzen, wobei die unten auf dem Verdeck ſtehenden Neger in kräftigem Chor einſtimmten. Es war ein fantaſtiſch ſchönes Schau⸗ ſpiel, dieſe energiſchen ſchwarzen Athleten, beglänzt von den wildpraſſelnden Flammen aus dem Feuerſchlund, zu ſehen, wie ſie während ihrer eben ſo fantaſtiſchen Ge⸗ ſänge mit ausgezeichnetem Takt und Rhythmus ein Scheit nach dem andern in den gefräßigen Schlund ſchlenderten. Alles gieng ſo lebhaft und ſo methodiſch von Statten, und auch der Schauplatz war ſo geräumig und wohl geordnet, daß die Scene auf jedem Theater hätte Effekt machen müſſen. Die Improviſation gieng endlich darauf hinaus, daß die Sänger noch einmal ſo luſtig ſein und noch einmal ſo ſchön ſingen würden, wenn ſie bei ihrer Ankunft in Louisville ein wenig Branntwein bekämen, und daß ſie Branntwein kaufen könnten, wenn man ihnen ein wenig Geld ſchenkte. Mr. Harriſon geſtattete auch nicht, daß ſie ſich in ihren Hoffnungen täuſchten. Noch ſind wir in Miſſiſippis Kornregion; aber bald kommen wir in die Baumwollenregion. Wir haben jetzt Arkanſas zur Rechten und Tenneſee zur Linken, Sklavenſtaaten mit reichen Mitteln, aber noch roh in Bezug auf geiſtige und materielle Kultur. Den 20. December. Jetzt ſind wir in der Baumwollenregion. Die ufer ſind noch auf beiden Seiten niedrig und ſumpfig mit Baumwollpappelwäldern(cotron wood) bedeckt, die 492 jetzt entlaubt ſind. Da und dort werden ſie von einer Baumwollenpflanzung mit weiß angeſtrichenen Sklaven⸗ dörfern und Häuſern der Plantagenbeſitzer durchbrochen, und man ſieht ſchwarze Geſtalten auf der grauen Erde ſich bewegen, die Baumwolle aufleſend, die noch auf den ſchwärzlichen Büſchen ſitzt. Ich war heute mit Mr. Harriſon auf dem Land in einer Baumwollen⸗ plantage und da brach ich von den Gebüſchen um eine Sklavenhütte her einige Zweige, von denen Baumwol⸗ lenflocken herabhingen. Die Baumwollenbüſcheln kom⸗ men unendlich ſchön aus den geöffneten Kapſeln des Samenhauſes. Jeder Samen iſt in Baumwollenpolſter eingebettet, die Baumwolle iſt die Umkleidung des Sa⸗ mens. Du ſollſt es ſehen, wenn ich nach Hauſe komme. Wir haben jetzt Arkanſas zur Rechten und den Miſſiſippiſtaat zur Linken. Am Fluß entlang zeigen ſich die Cannebrakes. dicke ſchilfartige Rohre, die gleich feſten Mauern zwiſchen dem Fluß und dem Lande ehen. Soweit kam Pater Marquette auf ſeiner ſonnen⸗ beglänzten Miſſiſippifahrt vom Norden her. Bis hieher kam auch vom Säüden her der erſte europäiſche Ent⸗ decker des Miſſiſippi, der Spanier Ferdinand von Sotv. Die Entdeckung des Miſſiſippi hat zwei Poeſien. Die eine iſt ſo ſchön und ſonnenhell, wie ſeine idylli⸗ ſchen Inſeln, ſeine klaren Waſſer im Norden; die andere ſo melancholiſch, ſo tragiſch düſter, wie die Farbe des Fluſſes und die Landſchaft, die ich jetzt durchfuhr. Der Held der erſteren iſt der ſanfte anſpruchsloſe Pater Marquette, von welchem ich Dir erzählt habe, der Held der letzteren iſt der ſtolze Krieger Ferdinand von Sotv. Er hatte mit Pizarro Pern erobert; er hatte ſich bei der Erſtürmung von Cusco ausgezeichnet und zur Belohnung dafür wurde er von Ferdinand in Spanien )S c—„ Sc——— — — S 5 c 493 mit Ehre und Schätzen überhäuft. Der König ernannte ihn zum Gouverneur von Cuba. Sein ſtolzes ehrſüch⸗ tiges Gemüth verlangte mehr. Bethört von falſchen Propheten und zuvörderſt von ſeinem eigenen Herzen, verlangte er auf eigene Koſten eine Expedition auszu⸗ rüſten, die von Florida aus in Nordamerika eindringen und dort noch reichere Schätze und ſchönere Länder für Spanien erobern ſollte, als man in Mexiko und Peru gefunden. Und bei ſeinem eigenen feſten Glauben an das glückliche Unternehmen vermochte er eine ſolche Begeiſterung dafür hervorzurufen, daß große Schaaren von Spaniens reichen Jünglingen herbeiſtrömten, um ſich unter ſeinen Befehl zu ſtellen. Sie verkauften ihre Weinberge, ihre Häuſer, ihr Geſchmeide, um koſtbare Rüſtungen, Waffen und Pferde zu kaufen. Unter den Vielen, die ſich zu der neuen Entdeckungsfahrt bereit erklärten, wählte Soto eine Schaar von ſechshundert jungen Männern aus, waghalſig, unternehmend. ſtolz gleich ihm ſelbſt. Nichts war prächtiger als der Anblick der Landung dieſer ſtolzen Cavaliere auf dem Ufer der neuen Welt⸗ als ſie ihre Fahnen und Standarten im Winde flattern ließen, in Floridas mildem Wind, ſo voll von Jugend⸗ leben und berauſchendem Lebenselixier. So galoppir⸗ ten ſie in glänzenden Rüſtungen und mit den koſtbarſten Seideſtoffen bedeckt auf dem Ufer zwiſchen dem Meer und dem unbekannten Lande hin, das ſie ſich voll von Gold und großen Städten dachten. Ferdinand von Soto, der ſich und den Seinigen die Möglichkeit eines durch Wankelmuth oder Furcht verurſachten Rückzuges verſperren wollte, ſchickte ſeine Schiffe nach Cuba zurück und drang mit ſeinen Kriegern in die Wildniſſe der neuen Welt. Sie hatten alle Ar⸗ ten von Waffen und Werkzeugen bei ſich, wie auch Ket⸗ ten und Bluthunde für die Eingebornen. Dieß geſchah im Mai des Jahrs 1539. 494 Ueberall wohin ſie in der Wildniß drangen, wurde die katholiſche Meſſe in der ſtrengſten Form und mit der größten Pracht aufgeführt; überall aber begiengen ſie auch übermüthige und grauſame Thaten gegen die Einwohner des Landes. Im Lager fröhnten ſie mit wahrer Wuth der Leidenſchaft des Spiels. Die weſtwärts gerichtete Expedition des erſten Jah⸗ res führte ſie nach Georgien, damals noch gleich dem ganzen unbeſtimmten ſüdöſtlichen Feſtlande Florida ge⸗ nannt. Der Marſch war beſchwerlich, oft gefährlich durch die Feindſeligkeit der Indianer. Sie fanden Mais im Ueberfluß, aber kein Gold und keine Städte, ſon⸗ dern blos unanſehnliche Indianerdörfer. Und die In⸗ dianer wußten kein Land anzugeben, wo Gold zu fin⸗ den wäre. Einige aus der Schaar verlangten, ihr Anführer ſolle umkehren. Aber er antwortete: „Ich werde nicht umkehren, bevor ich mich mit meinen eigenen Augen von der Armuth des Landes überzeugt habe.“ Und er ließ die Indianer, von denen er glaubte, ſie haben ihn abſichtlich auf falſche Spuren geführt, ver⸗ brennen oder verſtümmeln. Dadurch erſchreckt gaben andere gefangene Einge⸗ borene zu verſtehen, daß weiter nordweſtlich Gold zu finden ſei. Und Soto und ſeine Mannen wanderten weiter, überall verheerend und plündernd. Die Expedition des zweiten Jahres führte ſie in die Hochlande Georgiens, wo ſie die friedlichen ſanften Cherokeeindianer trafen. Ein Theil von Sotos Leuten wollte ſich in dieſen ſchönen Gegenden niederlaſſen, das Feld beſtellen und das Gute genießen, das die Erde ihnen geben würde. Aber Soto hatte Spanien Gold und große Städte verheißen. Der ſtolze Spanier wollte nicht ruhen, be⸗ vor er dieſe gefunden hätte. Er war ein hartnäckiger, —en————— — de tit en ie m e⸗ s 1 * 455 wortkarger und mit ſtarkem Willen begabter Mann. Seine Begleiter beugten ſich vor dieſem Willen. Sie zogen weiter, kamen nach Alabama und dort in ein großes Dorf, Movila, ſpäter Mobile geheißen. Hier erhoben ſich die Indianer gegen ſie. In einem ſchrecklichen nächtlichen Blutbad verloren die Spanier einen Theil ihrer Leute, ſowie viele Kleider und Vor⸗ räthe, die nebſt der Indianerſtadt ein Raub des Feuers wurden. Spaniſche Schiffe kamen jetzt von Cuba nach der Penſacolabucht in der Nähe Movilas. Aber Soto hatte noch immer kein Silber und kein Gold gefunden; die Flammen Movilas hatten ſeine geſammelten Schätze verzehrt, und zu ſtolz, um das Fehlſchlagen ſeiner Hoff⸗ nungen einzugeſtehen, beſchloß er keine Nachrichten von ſich zu geben, bis er das Geſuchte gewonnen hätte. Er wandte ſich von der Meeresküſte ab und drang im Nordweſten in den Miſſiſippiſtaat ein. Sein kleines Heer war jetzt bis auf fünfhundert Mann zuſammen⸗ geſchmolzen. Im nördlichen Theil von Miſſiſippi wurde er von dem Winter mit Kälte und Schnee überraſcht. Aber Mais ſtand noch auf den Feldern, die Spanier konn⸗ ten ſich für den Winter Nahrung und in den verlaſſe⸗ nen Hütten der Chickaſaw⸗Indianer Wohnungen ver⸗ ſchaffen. Noch hatten ſie kein Gold gefunden. Auch beſaßen die Indianer kein goldenes Geſchmeide. Sie waren arm, aber ſie liebten die Freiheit. Als Soto im Frühjahr ein Geleite von zweihundert Mann von ihnen verlangte, um das Gepäck ſeiner Leute zu tragen, da zündeten die Indianer ſein Lager an und ihre krie⸗ geriſchen Rufe erſchollen durch die Nacht und die Flam⸗ men hindurch. Die Spanier verloren hier die Kleider und Vor⸗ räthe, die Movilas Flammen ihnen noch gelaſſen 496 hatten. Sie waren nackter als die Eingebornen; ſie litten von Hunger und Kätte. Aber mit der Noth wuchs auch Sotos Stolz und Hartnäckigkeit. Sollte er, der die Schätze der Welt zu erobern verſprochen hatte, mit halbnackten von Allem entblößten Leuten zurückkehren? Er ließ den Gefangenen die Ketten abnehmen, er ſchmiedete neue Waffen, er kleidete ſeine Leute in Thierfelle und Epheuteppiche und er drang weiter weſt⸗ wärts, das Goldland zu ſuchen. Sieben Tage lang wanderten ſie durch Wildniſſe von Wäldern und Moräſten. So kamen ſie zu india⸗ niſchen Dörfern am Miſſiſippiufer. Ferdinand von Soto war der erſte Europäer, der den gewaltigen Fluß ſah. Der Verlauf von drei Jahrhunderten hat den Charakter deſſelben nicht verändert. Er wird als breit und trübe geſchildert mit ſtarker Strömung und einer Menge von Baumſtämmen, die den Fluß hinab⸗ ſchwammen. Im Mai 1541 begaben ſich die Spanier auf großen Barken, die ſie ſelbſt gezimmert hatten, über den Fluß. Soto drang in Arkanſas ein. Hier wurden die Spanier von den Einwohnern als Kinder der Sonne begrüßt und man führte Blinde zu ihnen, da⸗ mit ſie durch die Söhne des Lichtes der Sehkraft theil⸗ haftig werden möchten. „Betet nur zu Gott, der im Himmel wohnt,“ antwortete Soto,„und er wird euch beſcheeren, was ihr bedürfet.“ Seinem dunkeln Drange folgend, begab ſich Fer⸗ dinand von Soto tiefer nordweſtlich ins Land hinein und gelangte bis ins Hochland des weißen Fluſſes, 200 Meilen weſtlich vom Miſſiſippi. Aber die Berge hier hatten weder Gold noch Edelſtein. Soto überwinterte mit ſeiner Schaar in einer Ir fri die die ſas Re an der um ſick ner fro „6 im als eir lar üb du: du: ſter ihn zu Nä er vor der und äng 497 Indianerſtadt an dem weißen Fluß Waſhita, bei einem friedlichen Indiauerſtamm, der Ackerbau trieb und feſte Städte hatte. Die jungen Cavaliere verübten gegen die friedlichen Einwohner alle Arten von Grauſamkeit, die ihnen ihre Launen eingaben. Soto ſelbſt hatte, ſagt man, keine Freude an Grauſamkeiten. Aber die Rechte und das Leben der Indianer wurden für Nichts angeſehen. Im Frühling des folgenden Jahres beſchloß Soto den Waſhita bis zu ſeiner Mündung zu verfolgen, um Nachrichten vom Meere zu erhalten. Er verirrte ſich in den Moräſten längs dem rothen Fluß und ſei⸗ nen Nebenflüſſen. In einer Provinz, genannt Guachoga, fragte er den Häuptling, wie weit es von da bis zum Meere ſei. Der Häuptling konnte es nicht ſagen. „Gibt es bis zur Mündung des Fluſſes bewohnte Srte im Lande?“ Man antwortete, das Land ſei weiter nichts als eine unbewohnte Sumpfgegend. Soto wollte an eine ſo beängſtigende Angabe nicht glauben und ſandte Reiter aus, um das Land ſüdwärts dem Miſſiſippi ent⸗ lang zu unterſuchen. Sie konnten in 8 Tagen nicht über 30 Meilen weit kommen, da ſie jeden Angenblick durch Moräſte in den dicken Wäldern und durch un⸗ durchdringliches Geröhricht aufgehalten wurden. Der Gouverneur vernahm ihren Bericht mit dü⸗ ſterem Schweigen. Pferde und Leute ſtarben rings um ihn her und die Indianer begannen immer gefährlicher zu werden. Er verſuchte einen Indianerſtamm in der Nähe von Ratchez dadurch zu ängſtigen, daß er ſagte, er ſei von übernatürlicher Herkunft, und er verlangte von den Eingeborenen Gehorſam. Der Häuptling antwortete:„Du ſagſt, daß Du der Sohn der Sonne ſeiſt. Trockne dieſen Fluß aus und ich will Dir glauben.“ Ferdinand von Sotv vermochte nicht mehr zu ängſtigen oder zu ſtrafen. Bremer, die Heimath in der neuen Welt. U. 32 Sein hochmüthiger Eigenſinn und Stolz hatte ſich in düſtere Melancholie verwandelt und ſeine Ge⸗ ſundheit begann im Kampf mit Widerwärtigkeiten al⸗ ler Art zu leiden. Ein bösartiges Fieber verzehrte ihn, zumal da ihm die erforderliche Pflege gänzlich abging. Sein kleines Heer war jetzt auf 300 Mann zuſam⸗ mengeſchmolzen. Als er das Herannahen des Todes verſpürte, be⸗ rief er die Ueberreſte ſeiner getreuen Begleiter, die ihm bis zum letzten Augenblick gehorchten, um ſich und er⸗ nannte ſeinen Nachfolger. „Tags darauf ſtarb ex. Seine Soldaten verkün⸗ deten ſein Lob, indem ſie ſeinen Verluſt betrauerten. Die Prieſter ſangen über ihm das erſte Requiem, das an den Waſſern des Miſſiſippi gehört wurde. Um ſeinen Tod zu verbergen, legte man ſeine Leiche in einen Mantel, und in der Tiefe der Nacht trugen ſie ihn hinaus auf den Miſſiſippi und ſenkten ihn ſchwei⸗ gend in die Mitte des Stromes hinab.“ Es war jetzt wieder Mai, und der Frühling brach herrlich auf über den Miſſiſippi, aber Soto brach nicht mehr auf, um ſich daran zu erfreuen. „Der Entdecker des Miſſiſippi,“ fügt ſein Bio⸗ graph hinzu,„ſchlief unter den Waſſern deſſelben. Vier Jahre war er gewandert, er hatte einen großen Theil des Continents durchzogen, um Gold zu ſuchen. Und er hatte nichts ſo Merkwürdiges gefunden, wie die Stelle für ſein Grab.“ Pater Marquette, der am Fuß des Altares ohne Krankheit und Kummer nach einem Leben voll fried⸗ licher Eroberungen und ununterbrochenen Glückes ent⸗ ſchlummert, und Ferdinand von Soto, der langſam unter Moräſten und Widerwärtigkeiten dahin ſtirbt, das ſtolze Herz zerfreſſen von den Dämonen der Be⸗ kümmerniß und Demüthigung— welche Gemälde! atte He⸗ al⸗ hu, ug. m⸗ be⸗ hm er⸗ in⸗ en. s Um in ſie ei⸗ ach cht io⸗ en. zen en. die hne ed⸗ nt⸗ am bt, 499 Hat die Poeſie wohl ein freundlicheres als das erſtere, und ein düſtereres als das letztere? Den 21. Dezember. Der Miſſiſippi fließt gran, trübe und breit, immer breiter, immer trüber meine ich, unter einem herbſt⸗ grauen naßkalten Himmel. Seine Waſſer ſchwellen und ſteigen in dieſer Zeit mit jedem Tage höher. Ueberall ſind die Ufer niedrig und moraſtig, dabei mit cotton woods und Cannebrakes bedeckt. Auf dem Miſſiſippi ſchwimmen große Zimmerblöcke und alle möglichen Dinge, die von Wracken und Zerſtörung erzählen. Der große Fluß ſcheint mir eine Sündfluth zu ſein und er hat auch ein großes Sündenregiſter. Aber unſre ſtatt⸗ liche Arche Noä, die noch kosmopolitiſcher iſt, als ihre älteſte Vorgängerin, ſchwimmt auf den Wogen des großen Kosmopoliten Miſſiſippi mit ruhigem Gewiſſen dahin und iſt ein ſo angenehmer Platz, daß ich, ob⸗ ſchon ich mitunter an Sündfluth und des Miſſiſippis Sündenregiſter, ſowie an Sotos Schickſal in dieſen Gegenden denke und an der düſtern Landſchaft, dem dunkelgrauen und dem gleichfarbigen Himmel den Stem⸗ pel ſeines Geiſtes erblicke, gleichwohl mich ganz leicht und wohlgemuth fühle. Es ſchmeichelt mir, daß ich als Weltbürgerin von dem großen Weltbürger getra⸗ gen werde, und es ſchmeichelt mir, daß ich jetzt ſeine geographiſche Geſchichte bis an ſein Ende kennen lerne, daß ich ſodann das ſchöne Cuba und das Leben der tropiſchen Zone ſehen werde, und darum denke ich— gar mancherlei Gedanken!.. Alles an Bord iſt ſtill und geht in Ordnung und Ruhe vor ſich. Vormittags bin ich für mich ſelbſt, leſe ein wenig amerikaniſche Geſchichte und Buchanans Journal of man und laſſe meine Gedanken mit dem Strom auf den Ozean hinausfahren. RNachmittags 500 und Abends genieße ich die Geſellſchaft einiger ange⸗ nehmen Reiſegefährten an Bord. Wenn die Stunde der Mahlzeiten kommt, ſteht immer Mr. Harriſon im Salon bereit, mich zu Tiſche zu führen, und Morgens reicht er mir mit brüderlicher Herzlichkeit ſeine Hand zum Frühgruß. Er ſetzt ſich neben mich zu Tiſch, nennt mir die Gerichte, ſagt, was ich eſſen ſoll, und hat immer Recht, er iſt in jeder Beziehung gemüth⸗ lich und angenehm; er erinnert mich in ſeinem Weſen oft an unſern Kapitän G. und hat auch die Aehnlich⸗ keit mit ihm, daß er trotz einer ſehr ſchönen Doſis von geſundem Verſtand und Geiſt ſeinen eigenen Kopf als minder gut ausgeſtattet zu verläumden pflegt. Wie es mit ſeinen Kenntniſſen beſtellt iſt, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß ſtarke praktiſche Naturen, wie die ſeinige, wenn ſie ein warmes Herz und eine edle Denkungsart damit verbinden, auf mich überaus be⸗ ruhigend und zugleich erfriſchend einwirken. Einen Mann, der von ſeinem ſelbſterworbenen Reichthum ſeinem Vater und ſeiner Schweſter ein Haus kauft und ausſtattet, möchte ich zum Bruder haben; aber nicht juſt um des Hauſes willen. Die Thiere über und unter uns beluſtigen mich gleichfalls mit Ausnahme der Schweine, die ich alle zuſammen in dem Miſſiſippi ertränken möchte, denn ſie ſchicken widerwärtige Dünſte mitunter bis zu unſerer Piazza herauf. Die mannigfaltigen Töne dieſes Ge⸗ thiers ſind aus der Entfernung nicht unangenehm zu hören und die Beſtien ſehen ſo behaglich und wohlhä⸗ big aus, daß ich gewöhnlich einmal des Tags eine Runde mache, um ſie zu begrüßen. Die Ochſen ſind ſo fett, daß ſie kaum aufſtehen können, wenn ſie ſich gelegt haben, und ſie müſſen Morgens mittelſt tüchtiger Liebkoſungen mit der Peitſche dazu aufgefordert werden. Ich muß Dir von ein Paar neuen Bekanntſchaften de m n8 nd h, nd h⸗ en is f ie t, le * n m d ht le ie e⸗ 12 e t r rt 501 erzählen, die ich an Bord gemacht habe. Zuerſt nenne ich zwei junge Schweſtern aus Vermont, wahre Ro⸗ ſenknoſpen in Bezug auf ihre äußere Erſcheinung und Seelen vom reinſten Kryſtall, ächte Töchter Neueng⸗ lands, auch darin, daß ſie zu Hauſe gemächlich leben könnten, aber es vorziehen, als Lehrerinnen ihr Brod und ihre ſelbſtſtändige Exiſtenz zu erwerben. Du wür⸗ deſt über ſie entzückt ſein, wie ich es bin. Die älteſte Schweſter iſt fünfundzwanzig Jahre alt und ſteht im Begriff, die Leitung eines Frauenzimmerſeminars im Miſſiſippiſtaat zu übernehmen. Die jüngere zählt erſt ſiebzehn Jahre und will als Schülerin in die Erzieh⸗ ungsanſtalt treten, wo die Schweſter Oberlehrerin ſein wird. Beide ſind allerliebſt, Beide haben ihre Lieblingsbrüder, von denen ſie nicht genug Liebes und Gutes erzählen können und deren Porträts ſie mir ge⸗ zeigt haben. Ihre Eltern ſind geſtorben. Hier auf dem Schiff ſind ſie auf eigene Fauſt. Sie ſtehen zu⸗ weilen mit einander auf der Piazza und ſingen lieb⸗ liche Duette. Die älteſte gehört zum ſchönſten Typus der jungen Lehrerin der neuen Welt, dieſer jungen Frau, die, obſchon fein und ſchmächtig von Geſtalt und mit allen weiblichen Reizen begabt, feſter auf ihrem Boden ſteht, als die Alpen und Pyramiden der Erde; die den Euklid und die Algebra ſo gut als ir⸗ gend ein Magiſter im Kopf trägt und die es beſſer als irgend ein Magiſter verſteht, eine Schule von unbän⸗ digen Jungen im Zaume zu halten.„Oh, I love to rule little boys!“(Oh, ich liebe es, kleine Jungen zu bändigen!) ſagte Miß G. mit einem Lächeln, das in ſeiner Lieblichkeit viel ſchalkhaftes Machtbewußtſein hatte. Und mit dieſer Macht der Güte und ſchönen Weiblichkeit zieht ſie ruhig dahin, um ihren Beruf als Lehrerin zu übernehmen, aber nicht blos als Lehrerin, 502 ſondern mit dem Gefühl, eine der jungen Mütter der Menſchheit zu ſein. Und ich kenne kein ſchöneres Bild. Solche junge Weiber ſind die wahren Romanheldinnen unſerer Tage. Als ich fragte, woher die liebliche Jungfrau ihre Kraft und milde Anmuth, ihr hohes Gefühl vom Adel des Lebens und vom Ziele der Menſchheit ge⸗ ſchöpft hatte, da erhob ſich in holder, aber ernſter Schönheit das Bild ihrer dahingegangenen Mutter. „Ich erinnere mich— erzählte ſie eines Abends, als wir zur Dämmerungszeit in einer Cauſeuſe ſaßen— ich erinnere mich, wie ſie, als ich noch ein kleines Mädchen war, Morgens mit mir auszugehen und über die grünen Hügel hin zu ſpazieren pflegte, wenn der Thau noch im Gras glänzte, wie ſie mir dann die kleine Kleeblume auf dem Feld zeigte, die mein Fuß zertrat, wie ſie mir die Vollkommenheit derſelben aus⸗ einanderſetzte und mich koſten ließ, wie reich ſie an Honigſaft war.“ Klare Perlen glänzten in den ſchönen Augen der Erzählerin. Die kleine Kleeblume hatte ihr Haupt er⸗ hoben. Sie war Menſch geworden. Ich ſah Powers Amerikanerin vor mir, aber nicht blos in Marmor, ſondern leibhaftig und lebendig. Meine andere angenehme Bekanntſchaft an Bord iſt ein Herr zwiſchen vierzig und fünfzig Jahren, mit einem jener reinen ſchönen Geſichter, zu denen man nothwendig Vertrauen faſſen muß: er erinnert durch ſeine Offen⸗ heit und ſeinen Ernſt an unſern König Guſtav II., obſchon ſeine Miene einen weniger kriegeriſchen Ausdruck hat. Mein neuer Freund hat etwas Phlegmatiſches und Contemplatives. Seine Unterhaltung gewährt mir un⸗ gemeines Vergnügen. Erſchrick nicht, wenn ich Dir ſage, daß er lange als Plantagenbeſitzer und Sklaven⸗ 503 halter in den ſüdlichen Staaten gelebt hat. Du kannſt an ſeinen ſchönen tiefblauen Augen ſogleich ſehen, daß er der beſte Herr in der Welt geweſen iſt. Erſchrickſt Du, daß ich mich in ihn verlieben möchte, und ſiehſt Du bereits im Geiſt, wie ich ihm meine Hand reiche, um mich auf einer Baumwollenpflanzung am Miſſi⸗ ſipi mitten unter den Negerſklaven, niederzulaſ⸗ ſen 2 Ja, wäre ich jünger und wäre mein Lebensziel weniger beſtimmt, als es jetzt iſt, ſo geſtehe ich, daß ſich unter dieſen amerikaniſchen Herrn mit ihrer Energie, Herzlichkeit und Ritterlichkeit der Eine und Andere vorfin⸗ det, der meinem Herzen gefährlich werden könnte. Aber ſo wie es jetzt ſteht, nehme ich jedes Gefühl herzlicher Zuneigung, das Maun oder Weib mir einflößt, mit ruhiger Dankbarkeit hin als eine Würze bei dem guten Mahl des Lebens, wie den Sonnenſtrahl und den Lenzwind, die den Tag verſchönen. Ich ſuche ſie nicht; aber wenn ſie kommen, erfreue ich mich daran, wie an Blumen, welche die Hand des allgütigen Va⸗ ters geſchenkt. Was jetzt dieſen angenehmen Herrn insbeſondere betrifft, ſo iſt er bereits verheirathet und reiſt der Ge⸗ ſundheit ſeiner Frau wegen mit ſeiner Familie über den Winter nach Cuba und von da nach Europa. Seine Frau iſt kränklich, hat aber denſelben Charakter ernſter Milde, wie er. Beide Gatten ſcheinen einander innig zugethan. Warum müſſen ſolche Menſchen Skla⸗ venhalter ſein? oder vielmehr warum können nicht alle Sklavenhalter ſolche Menſchen ſein? Die Frau des Plantagenbeſitzers ſagte mir, ihr Mann habe auf der Plantage nie rechten Seelenfrieden gehabt, weil der Gedanke an ſeine Sklaven, ſowie der Wunſch ihnen ihr Recht und die gebührende Pflege zukommen zu laſſen, ihn Tag und Nacht beunruhigt 504 habe. Er fürchtete immer, nicht genug für ſie gethan zu haben. Wir ſind jetzt in der Nähe von Wicksburg, einer übelberüchtigten Stadt am Miſſiſippi, die aber auch die Fähigkeit der Nordamerikaner zur Selbſtregierung beweist. Vor einigen Jahren hatte ſich eine Bande deſperater Spieler und Abenteurer da niedergelaſſen. Sie hielten Spielklubbe, verlockten junge Männer da⸗ hin, fiengen Schlägereien an, ſchoßen mit Piſtolen auf den Straßen und in die Häuſer hinein und er⸗ laubten ſich wilde Streiche aller Art. Die weiſen Männer in der Stadt verſammelten ſich und gaben den Spielern zu verſtehen, ſie ſollen binnen acht Tagen die Stadt verlaſſen, ſonſt werde man ſie nach Verfluß von acht Tagen feſtnehmen und— auftnüpfen. Die Spie⸗ ler verachteten die Warnung, ſpielten weiter, rauften ſich herum und ſchoßen nach, wie vor. Als die achttägige Friſt verlaufen war, verſammelten ſich die Männer der Ordnung, ergriffen ſie, knüpften die Schlimmſten von der Bande auf, ſetzten die Uebrigen auf ein Boot und ſchickten ſie auf den Miſſiſippi hin⸗ aus. Ein ſolches Verfahren nennt man Lynchgeſet, und es iſt die eigenmächtige Juſtiz des Rechtsgefühls an Orten, wo ſich noch keine regelmäßige, bevollmächtigte Korporation befindet, die berechtigt iſt, nach den gewöhnlichen Rechtsformen das Recht zu handhaben. Seit dieſer Execution, die, glaube ich, im vorigen Jahre ſtattfand, iſt Wicksburg ein ganz anſtändiges Städtchen. Bald kommen wir aus der Baumwollenregion hinaus und in die Zuckerregion. Aber wann werden wir in die Sommerregion kommen? Es iſt noch immer kühl und kalt. er ch i3 Den 22. Dezember. Jetzt ſind wir darin! jetzt ſind wir darin! Und des Sommers Winde und Sonnenſchein umgeben uns! Aber— ich muß Dir in Ordnung erzählen, was hier einen Wendepunkt in meinem innern Leben hervorge⸗ rufen hat. Es iſt der ſiebente Tag unſerer Reiſe auf dem Miſſiſippi hinab. Als ich heute früh auf die Piazza hinauskam, glaubte ich mich in eine verzauberte Welt verſetzt. Die lieblichſte Sommerluft umkoste mich; der mildeſte blaue Himmel lachte über dem Miſſiſippi und über den offenen angebauten Feldern auf ſeinen Ufern; weiße, ſommerleichte Wolken wurden von dem lauen Winde gejagt, und auf den grünenden Gefilden glänzten zierliche Häuſer in Hainen von Orangenbäu⸗ men, Roſenhecken, Cypreſſen und Cedern. Ein un⸗ beſchreiblich mildes und liebliches Schönheitsleben athmete in Allem und über Alles. Alles war ver⸗ wandelt. Wir waren unter Memphis in die Zucker⸗ region gekommen oder in die Gegend, wo das Zucker⸗ rohr angebaut wird, zugleich mit der Baumwolle und dem Mais. Wir waren an Natchez vorbeigefahren, wo ein mächtiger Indianerſtamm vor Zeiten die Sonne anbetete und ein ewiges Feuer unterhielt; es war ein Ort voll blutiger Erinnerungen. Wir hatten die Stadt mit den blutigen Erinnerungen hinter uns gelaſſen. Wir hatten den Miſſiſippi und die Staaten von Arkanſas hinter uns gelaſſen. Wir waren jetzt in Louiſiana, deſſen Ufer den Fluß aufbeiden Seiten umſchloſ⸗ ſen. Wir flogen mitten in den Schooß des Südens hinein. Und er empfing uns mit warmem Herzen. So empfand ich es und mein eigenes Herz öffnete ſich für allemilden Mächte des Lebens und der Natur. Schweigend ſaß ich den ganzen Vormittag in einer Art von ſtillem Vergnügens⸗ 506 rauſch draußen auf der Piazza im Hintertheil des Schiffs, die liebliche Luft und die ſüdliche Landſchaft trinkend, wonneſchauernd in dem entzückenden Anblick von Himmel und Erde, ſowie in der unbeſchreiblich weichen, milden Athmoſphäre, welche die Räume zwi⸗ ſchen ihnen erfüllte. Es war Mittagszeit. Immer lieblicher wurde die Luft, immer lebhafter das Schanſpiel an den Ufern. Karawanen von ſchwarzen Männern und Weibern ſah man von den Plantagehöfen her auf die Ackerfelder hinausreiten. Nach den Reitenden kamen ein Paar Busies, kleine Kabriolets, worin vermuthlich die Auf⸗ ſeher und der Herr ſaßen. Ich betrachtete das Schau⸗ ſpiel in der philanthropiſchen Gemüthsſtimmung, wo⸗ rin man, um ſich ſelbſt bei guter Laune zu erhalten, von allen Menſchen das Beſte glaubt und alle Dinge und Zuſtände von der Sonnenſeite zu ſehen ſucht. Ein paar Stunden ſpäter ſaß ich noch auf der Piazza hinten im Schiff und trank dieſelbe milde zau⸗ beriſche Luft, ſah daſſelbe Schauſpiel ſüdländiſcher Schönheit, aber betrachtete es jetzt mit einem Herzen voll von Bitterkeit. Ja, denn vor meinen Augen hatte ſich ein nächtliches Gemälde aufgerollt, ein Ge⸗ mälde, das ſtets gleich einem Geſpenſt der Hölle zwi⸗ ſchen mich und die Erinnerung an den freundlichen Schleier treten wird, der eine Weile meine Augen be⸗ zauberte und verdunkelte. Ich ſaß da und betrachtete das ſchöne Schauſpiel, wie man eine Theaterſcene betrachtet. Ich erfreute mich mit kindlichem Gemüth an den Decorationen. Da kam mein neuer Freund, der Plantagenbeſitzer, und ſetzte ſich auf einen Lehnſtuhl neben dem meinigen auf der Piazza. Wir ſprachen einige Worte von der Lieblich⸗ keit der Luft, die ihm eben ſo viel Freude machte wie mir, dann ſaßen wir ſtill da und betrachteten den Auf⸗ tritt an dem Ufer. Wir ſahen die Karawanen der 507 Sklaven und ihre Aufſeher über die Felder hinziehen. In der menſchenfreundlichen Gemüthsſtimmung, von welcher ich ſoeben geſprochen habe, ſagte ich zu meinem Nachbar: Dieß iſt kein heiterer Anblick, und gleichwohl iſt in dieſem Leben(der Sklaven) vermuthlich mehr Glück und Wohlbefinden, als man ſich gewöhnlich vorſtellt.“ Der Pflanzer wandte ſein ſchönes Haupt mit einem Blick gegen mich, den ich nie vergeſſen werde; es lag Ueberraſchung, beinahe Vorwurf und eine tiefe Weh⸗ muth darin. „O,“ ſagte er mit leiſer Stimme,„Sie wiſſen nicht, was auf dieſen Ufern vorgeht, ſonſt würden Sie nicht ſo denken. Hier iſt viel Gewalt und viel Leiden. Um dieſe Zeit beſonders und überhaupt von der Zeit an, wo die Baumwolle zum Pflücken fertig wird, geſchehen große Grauſamkeiten auf den Plantagen in dieſer Gegend. Es gibt hier Plantagen, in welchen die Peitſche in dieſen Monaten niemals ruht. Sie kön⸗ nen ſich von einem ſolchen Peitſchen keinen Begriff machen.“ Ich will hier die Sceue nicht wiederholen, die der Pflanzer vor mir enthüllte, und was er mehr als vier⸗ zehn Jahre lang von Gewalt, Grauſamkeiten, und Lei⸗ den in dieſen Gegenden geſehen hatte; Abſcheulichkeiten, die ihn zuletzt ſoweit getrieben, daß er ſeine Plantage verkaufte und für immer die Sklavenſtaaten verließ. Ich will blos einige von den Worten des redlichen Mannes anführen*): *) Aber ich würde ſie wohl jetzt nicht veröffentli⸗ chen, wenn ich nicht wüßte, daß er vor allen Unan⸗ nehmlichkeiten geſchützt iſt, die ſeine Aufrichtigkeit ihm möglicher Weiſe zuziehen könnte, wenn ich nicht durch meine Mittheilung ſeinen letzten Willen und— einen noch höhern Willen zu erfüllen glaubte. 508 „Ich habe Männer und auch Weiber gekannt, die wahre Teufel gegen ihre Sklaven waren, die ihre Luſt darein ſetzten, ſie zu quälen. „Man kann einen Sklaven beinahe zu Tode peit⸗ ſchen, ohne gleichwohl ſein Blut fließen zu machen. Der Kuhhautriemen, den man im Hauſe braucht, kann ſchreck⸗ liche Schmerzen erregen, ohne daß die Spuren davon ſichtbar werden. „Die Frauen ſind nicht ſelten die grauſamſten Plagegeiſter der Hausſklaven. Und lieber wollte ich eine Feldhand Geld-hand) d. h. ein außer dem Hauſe arbeitender Sklave ſein, als ein Hausſtlave unter einem reizbaren Weibe. Das Sklaverei⸗Inſtitut ſcheint die Natur des Weibes gänzlich zu verkehren. „Das Sklaverei-Inſtitut verderbt die Weißen. Ich habe junge Männer und Frauen gekannt, die in jeder Beziehung liebenswürdig, gutherzig und einnehmend, nur gegen die Sklaven ungerecht und hart waren. „Es gibt natürlich auch Ausnahmenz es gibt auch gütige Hausherrn und Hausfrauen; aber ſie ſind dünn geſät. Die große Regel iſt, daß die Inſtitution die Gemüther der Sklavenhalter ſchon von Kindes bei⸗ nen auf verblendet und verhärtet. „Seit einigen Jahren iſt der Zuſtand beſſer, be⸗ deutend beſſer, und wird es immer mehr. Das Licht beginnt in dieſe Wohnungen zu dringen; man fürchtet ſich nicht mehr ſo vor einem freien Worte. Noch vor etlichen Jahren würde ein Mann, der nur den ſechsten Theil deſſen veröffentlicht hätte, was ich jetzt zu Ih⸗ nen ſage, ohne weitern Prozeß erſchoſſen worden ſein. Jetzt weiß der Sklavenhalter, daß die Angen aller Welt auf ihn gerichtet ſind; das macht ihn behutſamer. Die Sklaven werden ſeit zwölf Jahren in dieſen Gegen⸗ den beſſer gekleidet und ernährt als vorher. Aber gleichwohl kommen noch immer große Ungerechtigkeiten und Grauſamkeiten vor, und ſie müſſen immer vorkom— ——. — 509 men, ſo lange dieſe Inſtitution beſtebt. Und das iſt meine Ueberzeugung, daß ſie bald die Streit⸗ und Lebensfrage(the question) in der amerikaniſchen Union ſein wird. „Auch jetzt macht ſich ein Mann kein Gewiſſen daraus, einen Neger über den Haufen zu ſchießen, den er im Verdacht hat, daß er auf der Flucht begriffen ſei, und das Geſetz ſchweigt zu allen ſolchen Gewalt⸗ thaten. Ich habe mehrere Sklaven durch Schüſſe, die unter ſolchen Umſtänden auf ſie abgefeuert wurden, ſchwer zugerichtet, aber nur einen einzigen getödtet geſehen. „Ein wahrhaft wahnſinniger Jähzorn in Behand⸗ lung der Sklaven gehört zur Tagesordnung. „Das Geſetz iſt für den Sklaven keine Wohlthat, es gewährt ihm keinen wirklichen, ſondern nur einen nominellen Schutz. Der Sklave hängt gänzlich von dem Herrn ab. Die Richter drücken die Augen zu, ſo lange ſie können, und die Neger dürfen vor Gericht nicht zeugen. „Man ſpricht von einer öffentlichen Meinung. Aber die öffentliche Meinung dahier wird meiſtentheils noch immer blos von Demagogen fabrizirt und das Baumwollenintereſſe iſt ihr einziges Gewiſſen. Man⸗ cher ſieht das Uebel und grämt ſich darüber, ſchweigt aber aus Furcht, er möchte ſich in Widerwärtigkeiten verwickeln. „Die Feſte der Sklaven ſind größtentheils bloße Fabeln. Auf einigen Plantagen läßt man ſie an Weihnachten tanzen, wenn nämlich die Baumwolle ge⸗ pflückt und der Zucker gemahlen iſt. Aber wenn die Ernte ſpät iſt, wie z. B. heuer, ſo wird das Feſt ins Unendliche hinausgeſchoben. Und meiſtens wird gar nichts daraus. Iſt die Ernte gut und die Arbeit verrich⸗ tet, ſo geſtattet man den Sklaven hie und da einen Tanz. „Bisher war auf den Pflanzungen in Louiſiana ein religiöſer Unterricht für die Sklaven nicht geſtattet 510 und iſt es noch bis zu dieſer Stunde nicht. Aber Gott weiß, wie es kommt, daß die armen Leute dennoch einige Sagen von dem Erlöſer erfahren haben. Und Sie machen ſich keinen Begriff davon, mit welcher Be⸗ gierde ſie jedem Wort darüber lauſchen Ich kenne jetzt einige Plantagen, auf welchen man den Sklaven einen ordentlichen Unterricht im Chriſtenthum ertheilt. Dieß wird wohl wahrſcheinlich auch um ſich greifen und eine Veränderung zwiſchen dem Sklaven und Herrn herbeiführen. „Die Zeit iſt vielleicht nicht mehr fern, wo die öffentliche Meinung ein wirklicher Schutz für den Skla⸗ ven wird, und zwar in höherem Grad, als das Geſetz es je werden kann. „Man wird auch um ſeiner eigenen Sicherheit wegen zu größerer Gerechtigkeit und Milde genöthigt. Ich habe Zeiten hier gekannt, wo kein Plantagen⸗ beſitzer hier eine ruhige Nacht hatte, wo Keiner ſich zu Bette legte, ohne ſcharf geladene Piſtolen neben ſich zu haben. „Wollte man die Sklaven mit Verſtand und Billig⸗ keit behandeln, man würde ſtaunen über den Erfolg dieſer Methode. Die Neger haben ein äußerſt em⸗ pfängliches Gemüth für Güte und Gerechtigkeit. Sie ſind gerne geneigt, einer wirklichen Ueberlegenheit ſich zu unterwerfen. Wollte der weiße Mann eines ſolchen Mittels ſich bedienen, ſo könnte er den Neger ohne einen einzigen Peitſchenhieb beherrſchen oder wenig⸗ ſtens für ſich arbeiten laſſen. „Ich habe auf meiner Plantage niemals die Peitſche gebraucht, um zur Arbeit anzutreiben. Ich bedurfte ihrer nicht. Gerechtigkeit, Ordnung, Billigkeit gegen die Neger genügten, um ſie zu tüchtiger Arbeit zu ver⸗ anlaſſen. Ich habe die Peitſche(und auf einer Plan⸗ tage kann man die Peitſche für die Neger in ihrem gegenwärtigen noch gänzlich ungebildeten Zuſtand nicht — —— —— 511 entbehren) nur als Strafe für Diebſtahl oder Schlä⸗ gereien angewandt. Um zur Arbeit zu treiben, bedarf es ihrer nicht. „Ich bin überzengt, daß die Sklaven zu freien Dienern gemacht werden könnten und dann eben ſo gut arbeiten würden. Alle Gefahren, die man von einer Emancipation vorſpiegelt, ſind nach meinem Dafürhalten nur Hirngeſpinnſte. Wenn die Emanci⸗ pation ſtufenweiſe und mit Verſtand vorgenommen würde, ſo könnte ſie ohne Gefahren und Schwierig⸗ keiten vor ſich gehen. Einige Perſonen und beſonders die Herren Macdonongh und Henderſon haben mit ihren Sklaven Experimente gemacht, die es anfs deut⸗ lichſte beweiſen. „Erziehung und eine damit verbundene Ausſicht auf Befreiung würden das rechte Mittel ſein. Aber Vieles muß ſich hier verändern, bevor ein ſolcher Ge⸗ danke allgemein wird... Ich habe Geiſtliche ge⸗ kannt, welche die grauſamſten Sklavenhalter waren. „Und wollte ich eröffnen, was ich in dieſen Staa⸗ ten geſehen habe, was, wie ich genau weiß, hier ge⸗ ſchehen iſt und noch immer geſchieht; ich ſage Ihnen, allen rechtlich denkenden Menſchen müßten die Haare zu Berge ſtehen. „Die Erzählungen geflüchteter Sklaven, wovon ich einige geleſen habe, ſind nicht immer glaubwürdig; ich ſehe oft, daß ſie dazu lügen. Aber es bedarf kei⸗ ner Beigabe der Fantaſie, um den Zuſtand des Skla⸗ ven als entſetzlich erſcheinen zu laſſen. Die Wirklich⸗ keit iſt ſchlimmer als jede Dichtung. Und wäre ich Sklave, ſo würde ich, o ich würde gewiß in den Fluß ſpringen und meinem Leben ein Ende machen“ Dieſe Worte und die mitfolgenden Erzählungen von den Abſcheulichkeiten, die an dieſen Ufern vorge⸗ fallen ſind und noch täglich vorfallen, miſchten ſich wie ein giftiger Wind in die ſommerlanen Lüfte, die mich 512 umkosten. Ich ſah einen alten Sklaven zu Tode ge⸗ hetzt, weil er ſich unterſtanden hatte, ſeine Frau zu be⸗ ſuchen. Ich ſah ihn zerfleiſcht, geſchlagen, gefeſſelt ſich in die Waſſer des ſchwarzen Fluſſes ſtürzen, über wel⸗ chen man ihn in die Gewalt ſeines unbarmherzigen Herrn zurückbringen wollte. Und das Geſetz ſchwieg. Ich ſah ein junges Weib wegen eines unbedachten Wortes über den Scheitel geſchlagen, ſo daß es todt niederſtürzte. Und das Geſetz ſchwieg. Ich hörte das Geſetz durch den Mund von Ge⸗ ſchworenen richten zwiſchen einem weißen und einem ſchwarzen Manne und den letzteren zu Ruthenhieben verurtheilen, welche der erſtere verdient hätte. Und die Redlicheren unter den Geſchworenen widerſetzten ſich vergebens!... Ich ſah hier— am Ufer des Miſiiſippi erſt vor wenigen Monaten— ein junges Mädchen ſich von den Mißhandlungen ihres Herrn— und er war ein geiſtlicher Herr— losreißen und ſich in den Fluß ſtürzen. 4 Ich ſah Schaaren gefangener Männer und Wei⸗ ber verurtheilt, früh und ſpät zu arbeiten, jeden Strah⸗ les von dem Lichte, das der Gefangenſchaft einige Hoffnung geben könnte, beraubt, verhindert die Stimme deſſen zu hören, der da ruft:„Kommet her zu mir alle, die ihr mühſelig und beladen ſeid!“ Davon aus⸗ geſchloſſen von Menſchen, die ſich Chriſten nennen!— Aber verzeih, meine Agatha, warum ſollen Deine Au⸗ gen durch ſolche düſtere Gemälde gequält werden? Wie froh wäre ich ſelbſt, wenn ich ſie nicht ſehen müßte? Aber ihr Eindruck wird mich nie verlaſſen. Vorüber war für mich aller Genuß, welchen die Luft und Schönheit des Südens mir gewährt hatte. Ich empfand Haß gegen das Geſchlecht, das ſolches Unrecht und folche Grauſamkeiten ausüben konnte. Ich haßte diejenigen, welche ſolche Unthaten mit den Intereſſen 513 des Handels beſchönigen konnten. Ich zürnte mir ſelbſt, daß ich, um mich zu ſchonen, eine Weile vor den nothwendigen Folgen der Sklaverei⸗Inſtitution die Augen hatte verſchließen wollen. Ja, ich hätte das Alles wiſſen müſſen. Aber ich dachte nicht, daß es noch immer ſo ſein könnte. Georgien und Carolina haben indeß den Sklaven das Licht des Chriſtenthums zukommen laſſen In Georgien und Carolina hatte ich die Kinder Afrikas in endloſe Jubelhymnen auf ihren Erlöſer ausbrechen gehört! Aber hier im ſchönen Süden des Miſſiſippithales, hier iſt Schlimmeres als Heidenthum!. Miſſiſippi, Du große Sündfluth, jetzt kenne ich Deine Geſchichte zu Ende! Aber mitten in ihrem dunkelſten Kreis habe ich dennoch das Gewiſſen des Südens in einem reinen Auge, in einem warmen und redlichen Herzen klar zum Himmel aufblicken geſehen; und dieß iſt mein Troſt und meine Hoffnung. Das Sonnenlicht über dem Miſſiſippi iſt nicht eitel Lüge. „Und es war finſter auf der Tiefe und der Geiſt Gottes ſchwebete auf dem Waſſer.“ Den 23. Dezember. Auf dem Miſſiſippi. Wir ſind an Baton ronge— ſo heißt die auf einer Anhöhe am rechten Ufer des Miſſiſippi gelegene politiſche Hauptſtadt Louiſianas— vorbeigefahren. Ein ſchönes Kapitol beherrſcht die kleine Stadt und ein ſtattliches, neuerdings aufgebautes Staatsgefäng⸗ uhfhet mit ſeinem Fuße in den Wogen des Sünden⸗ uſſes. Der Miſſiſippi iſt ſehr breit. Es ſind Sand⸗ Bremer, die Heimath in der neuen Welt. IM. 33 bänke und grüne Inſeln in dem Fluß. Sein Waſſer iſt klarer, die Sonne ſcheint. Die Landſchaft an den Ufern iſt freundlich und mild. Plantagen, Pome⸗ ranzenhaine, weiße Sklavendörfer auf grünen Feldern. Großartige Ausſichten unter ſommermildem Himmel. Der Fluß iſt voll von Dampfbvoten und größeren und kleineren Fahrzeugen aller Art. Wir nähern uns der fröhlichen Stadt New⸗Orleans. Heute wollte ich mit unſerer Proviantmeiſterin (stewardess), einem hübſchen gutmüthigen Mulatten⸗ mädchen, etwas ſprechen. Ich traf ſie in ihrer kleinen Cajüte, wo ſie häufig ein großes AB6 ſtudirte. Ich hatte ſie ſchon vorher einigemal auf dieſelbe Art be⸗ ſchäftigt geſehen. Der Proviantmeiſter, ſagte ſie, habe ihr verſpro⸗ chen ſie leſen zu lehren, aber im Geheimen. Er könne leſen, er. Sie ſehnte ſich ſo ſehr leſen zu können. Eines Tags traf ich ſie allein in unſerm Salon, wo ſie vor der aufgeſchlagenen Bibel ſtand, die immer dort auf dem Tiſche liegt. Ich fragte ſie, was ſie mache. „O dieſes Buch!“ antwortete ſie.„Ich wende ſeine Blätter um und um, und ich möchte ſo gerne verſtehen können, was darauf ſteht. Ich verſuche es immer wieder;— es würde mich ſo glücklich machen! Aber ich kann nicht leſen! Wir nähern uns Neu⸗Orleans„der fröhlichen Stadt“. In ein paar Stunden ſind wir dort. Alle Thiere in unſrer Arche Noä laſſen ihre Töne ver⸗ nehmen. ₰ — 515 Neu⸗Orleans(Louiſiana), Lafayette Square, den 25. Dezember. Weit im Süden, aber ohne Sonne, wenigſtens für den Augenblick. Aber ſie leuchtete klar über unſre An⸗ kunft in der Halbmondſtadt(the Crescent-City), die ſich halbmondförmig auf einer breiten niedern Land⸗ zunge zwiſchen dem Miſſiſſippi und dem Pontchartrain ausbreitet, einem großen Binnenſee, in welchen die Waſſer des Mexikaniſchen Meerbuſens eindringen. Nicht weniger als drei Dampfboote waren kurz vor unſrer Ankunft in die Luft geſprungen; eines von ihnen war ganz neu und auf einer Luſtfahrt begriffen. Es hatte mehrere vermögliche Männer von Neu⸗Orleans an Bord. Viele Paſſagiere ſind ſchwer beſchädigt wor⸗ den. Einige ſind dabei umgekommen. Aber unſre Arche Noä hat uns mit heiler Haut an den Strand getragen und alles Gethier mit uns. Der Hafen, wo wir einliefen, war ſchön und ein⸗ ladend in ſeiner weiten Neumondsform. Aber die Rhede war ziemlich ſchmucklos, das Kai war von Holz und ſchlecht gebaut. Am Arm meines getrenen Caballero Harriſon ſtieg ich ans Land und ging auf ein prächtiges Gebäunde, dem römiſchen Pantheon ähnlich, zu, das weiß ſtrahlte mit ſeinen maſſiven Säulen, jedoch nicht von Marmor, ſondern von Gyps. Es war das Hotel Saint⸗Char⸗ les, und hier ſollten wir für den Anfang wohnen. Aber als ich fand, daß ich für ein kleines kaltes Stübchen mit einem ungeheuren Bett darin, drei Trep⸗ pen hoch; ferner für das Recht mich im großen Salon aufzuhalten, wo ich nicht ſein wollte, wenn ich es ver⸗ meiden konnte, und für das Recht, eine Menge Speiſen zu eſſen, die ich nicht eſſen konnte, ohne mich übel zu 516 befinden, und überdieß zu Zeiten, die mir nicht paßten: als ich fand, daß ich für all dieſe Herrlichkeiten drei Dollars täglich bezahlen ſollte, ohne mir dadurch ein angenehmes Stündchen zu verſchaffen, da ließ ich es mir angelegen ſein, eine andre Wohnung zu ſuchen. Und eine andre Wohnung erhielt ich bald durch die gütige Fürſorge meines freundlichen Landsmanns, des Herrn Carl Schmidt, eines Bruders vom Juſtiz⸗ rath. Heute früh führte mich Harriſon bei rauhem Regenwetter dorthin. Ich wohne jetzt in einem einfachen boardinghouse (Koſthaus) bei einer ehrſamen Wittfran. Ich habe ein großes ſchönes Zimmer mit Teppich und Kamin und zwei großen Fenſtern, die auf einen mit jungen noch grünen Bäumen bepflanzten Markt hinausſehen, in deſſen Mitte ein grüner Plan iſt. Er heißt Lafayette Square und iſt ein ſchöner ſehr ſtiller Platz. Ich fühle mich ganz glücklich über meine neue Wohnung, für welche ich nebſt der Koſt blos zehn Dollars wöchent⸗ lich bezahle, was in Neu⸗Orleans wohlfeil iſt. Im Hotel Saint⸗Charles machte ich die Bekannt⸗ ſchaft einiger Perſonen, die für mich in Zukunft mehr als bloße Bekannte ſein werden; es iſt Mr. und Mrs⸗ Geddes. Sie ſind von Cincinnati, leben aber wie Mr. Harriſon den Winter über in Neu⸗Orleans, wo die Herren Geſchäfte machen. Harriſon hatte mich darauf vorbereitet, daß Mrs. Geddes mir wohlgefallen würde. Als ich am Morgen nach meiner Ankunft zum Frühſtück in den großen Speiſeſaal hinabging, war noch Niemand da und ich nahm mir vor, die Freun⸗ din meines neuen Freundes unter den Ankommenden zu errathen. Ich ſah die Damen eine um die andere hereinkom⸗ men, alle mit Kleidern, die hoch bis an den Hals gin⸗ gen, mit kleinen Krägen, bloßem Haar, ſämmtlich ge⸗ kleidet, als wären ſie in eine Form gegoſſen; alle —— — 517 waren fein, mager oder vielmehr dürr, ſie ſahen, wie mir ſchien, auch innerlich trocken aus. Aber darin kann ich mich täuſchen. Soviel iſt gewiß, daß ich nach et⸗ was Leben, etwas Eigenthümlichkeit, nach etwas Indi⸗ vidualität ſowohl im Innern als im Aeußern dürſtete. Die Quäckerinnen ſind auch alle gleich gekleidet. Aber welche klar ausgeprägte Eigenthümlichkeit liest man nicht in ihren Geſichtern! Hier dagegen war das Einer⸗ lei charakterlos. Die Einfachheit war einförmig und langweilig. Mrs. Geddes hatte ich nicht entdeckt. Ich ſagte es Harriſon, als er ſich neben mich zum Frühſtück ſetzte. „Wenden Sie ſich um,“ ſagte er,„ſie ſitzt am Tiſch hinter Ihnen“(WB. wir aßen an langen ſchmalen Tiſchen). Ich wandte mich um und traf ein ſanftes, ovales, etwas blaſſes Geſicht mit tiefen ſchönen Augen und einer klaren Stirue, über welcher das dunkelbraune Haar glatt die Schläfe hinabgekämmt war. Es war Mrs. Geddes. Sie war wie die andern Damen geklei⸗ det, aber in koſtbare ſchwarze Seidenſerſche; ihr Haar war gleich dem der andern gemacht und dennoch war ein großer Unterſchied; ſie ſchien mir etwas ſteif, aber nicht trocken, ſondern ſanft und edel. Ich machte ihre nähere Bekanntſchaft am Chriſt⸗ abeud, ſowie am Abend des Chriſttags, den ich in Ge⸗ ſellſchaft in dem großen Salon mit einem Theil der Bewohner des Hotels Saint⸗Charles zubrachte, und ſie gefiel mir ungemein. Sie hat die feinen regelmä⸗ ßigen Züge, welche der amerikaniſchen weiblichen Schön⸗ heit angehören, und damit verbindet ſie die ruhige Hal⸗ tung, die beſcheidene würdevolle Anmuth, die man bei den Schönheiten der neuen Welt nicht ſo oft trifft. Mr. Geddes, der viel älter iſt als ſeine ſchöne Fran, hat ein lebendiges Geſicht, das große Charakterkraft verräth, und iſt ein ſtarker Swedenborgianer, weßhalb ich vorausſehe, daß wir über den Propheten in Streit 518 gerathen werden. Aber dieſer wird wohl gütlich ab⸗ laufen, denn er iſt offenbar ein guter Swedenbor⸗ ianer. 5 Man tanzte in dem großen Salon. Ein ſchönes, offenbar lungenſüchtiges Mädchen walzte mit einer Leidenſchaft, als wollte ſie ſich zu todt tanzen, und ihr Cavalier und Galan half ihr getreulich dazu. Ich war nicht vergnügt. Ich dachte an die Weihnacht in Schweden und an die Heimath. Hier verſteht man ſich nicht auf die Weihnacht, aber in Schweden ver⸗ ſtehen wir dieſes Feſt. Ich war am Chriſttag in der Kirche, einer hüb⸗ ſchen Kirche, deren dunkelfarbige Glasfenſter alles Licht wegnahmen; ich hörte eine trockene ſeelenloſe Predigt, die mich ganz und gar nicht erbaute, und Neu⸗Orleans erſchien mir als eine trockene langweilige Stadt. Ich dachte an die Weihnachtsmeſſe in unſerer ländlichen Kirche, an die Schlittenfahrt dahin in der Morgen⸗ dämmerung durch den Tannenwald in dem friſchen Schnee, an die Waldhäuschen mit den flammenden Weihnachtslichtern, an den Zug kleiner Bauernſchlitten mit luſtigem Schellengeklingel; an die ſchöne einfache Kirche im dunkeln Hintergrund des Waldes, an die aus allen ihren Fenſtern ſtrahlenden Lichter, an den heitern Anblick des Lichtes und Volkes darin; an das gemüthliche Landvolk in ſeinen warmen Kleidern; ich ſah den Reichstagsmann in Thyreſta in ſeinem Wolfs⸗ pelz durch die Kirchenthüre treten. Ich ſah die Kinder mit leuchtenden Blicken, ich hörte den kräftigen lebens⸗ vollen Geſang. „Gruß Dir, Du ſchöne Morgenſtund.“ Ich ſang ihn aus vollem Herzen mit. Ja, das war Weihnachtsleben und Weihnachtsfrende!... In Neu⸗Orleans iſt Weihnacht keine Weihnacht; ich meinte in einem heidniſchen Lande zu ſein. Am Chriſttagabend unterhielt ich mich ſehr ange⸗ ————„ 8— S— 8 2 519 nehm mit einer redſeligen originelleu Dame(eine ziem⸗ lich ſeltene Geſtalt unter den Damen der neuen Welt). Mrs. D. iſt weltlich, aber geiſtreich und außerordentlich eigenthümlich; ſie macht nicht viel Umſtände mit der Welt, ſondern hat den Muth, gleich ihr Capricen zu haben, auch in der Kleidung. Und ihre rothe Sammt⸗ bluſe, die ohne Gürtel wie ein Mantel ihre Geſtalt umfloß, mag dieß nun in der Geſellſchaft paſſen oder nicht paſſen, paßte vortrefflich für ihre hohe kräftige Figur, die darin wahrhaft königlich ausſah und für mich eine erquickende Erſcheinung war. Dank Mrs. Duncan! Wenn es ſich heute Nachmittag oder morgen auf⸗ klärt, will Mr. Harriſon mich auf den Sklavenmarkt führen, der zu den großen Sehenswürdigkeiten der fröhlichen Stadt gehört. Ich beginne jetzt zu ahnen, warum ich den Miſſiſippi hinabfahren, warum ich nach Neu⸗Orleans kommen mußte. Den 27. Dezember. Drei Tage lang kaltes Regenwetter in Neu⸗ Orleans und heute iſt es noch ſchlimmer, als in den vorhergehenden Tagen, denn es regnet und ſchneit zu⸗ gleich und iſt dabei kalt. Aber ich befinde mich wohl, mein Herzchen. Ich pflege mich in meinem gemüth⸗ lichen heiteren Zimmer und habe heute wieder einen jener innern Frühlingstage, die mich zuweilen mitten im Winter mit überwallendem Frühlingsleben über⸗ raſchen, wo Alles in meiner Seele ſich in einem geiſti⸗ gen Sonnenſchein bewegt, wächſt und blüht; wo alle Gedanken in Blüthen ausſchlagen, ſich verbinden, ſich gleichſam mit einander vereinigen, auf eine Art, die mich ſelbſt überraſcht und entzückt; wo Kopf und Bruſt zu eng ſcheinen für die Gefühle und Ahnungen, die ſich darin bewegen und ſich gleichſam einen Weg hin⸗ 520 ausſprengen wollen; aber ich kann nicht beſchreiben, wie dieſes ſich empfindet. Ich umarme Dich und Mama in der Fülle meines Herzens und beendige jetzt dieſen Brief und ſchicke ihn ab; denn ich glaube, es iſt ſchon lange her, daß ich keinen Brief mehr nach Hauſe geſandt habe. Den 28. Dezember. N. S. Endlich ein heller ſchöner Tag nach un⸗ aufhörlichem dreitägigem Schnee und Regen. Und jetzt muß man thätig werden, muß Anſtalten, Schulen, Ge⸗ fängniſſe beſuchen und auch auf Plantagen hinaus⸗ fahren. Geſtern Nachmittag wurde ich mitten im Re⸗ gen von unbekannten Freundinnen in Neu⸗Orleans mit einem Beſuch überraſcht und ihre warme Hetzlich⸗ keit machte mich ganz glücklich. Sie kamen mit Veil⸗ chen und der Einladung, mit ihnen den Miſſiſippi hinan auf eine Plantage zu fahren, wo ſie mir zeigen wollen, „was die Sklaverei in Wirklichkeit iſt;“ ſo ſprechen dieſe Leute, welche blos geſehen haben oder blos ſehen wollen, wie es bei einem oder zwei ſehr guten und rechtſchaffenen Herren damit beſtellt iſt. Aber ich weiß jetzt genug, um mich ſelbſt von guten Menſchen nicht bethören zu laſſen, daß ich das glaubte, was ein hüb⸗ ſcher, aber dummer oder falſcher junger Herr geſtern Abend mich verſicherte, nämlich daß die Sklaven in Amerika ſo glücklich ſeien, als man nur immer ſein könne. Meine neuen Freunde in Amerika waren offen⸗ bar gute und warmherzige Menſchen und vergaßen, wie oft Andere dieß nicht ſind. Wenn ich Dir das nächſte Mal ſchreibe, werde ich„ Dir mehr von dem freien Volk, dem Sklavenvolk und der Sklaverei in der fröhlichen Stadt Neu⸗Orleans erzählen. ———————— 5