other deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Eduard Ottmann in Gießen, 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 Ceih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 besepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. S 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und„ beträgt. für wöchentlich 2 ½ Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 F.— Pf 1 Ml. 50 Pf 2 Mk.— Pf. 5 S⸗„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der„ 1 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ 4 korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. *— N———————.——————————— 6 * . . 5 Der Nabob in England, oder Die Rachſucht verſchmaͤheter Liebe. Aus dem Engliſchen von F Eeen e. Leipzig, 13265 bei Chriſtian Ernſt Kollmann. Der Nabob in England, oder Die Rachſucht verſchmaͤheter Liebe. Erſtes Capitel. E⸗ war den 22. Mai, zwiſchen drei und vier Uhr Nachmittags, als der junge Alfred Milborn, in Begleitung ſeines Hundes und die Flinte uͤber die Achſel geworfen, auf der Landſtraße von Gloceſter von der Jagd zuruͤck⸗ kehrte. Seine Laune war nicht eben die beſte, denn er hatte, ſey es nun aus Ungeſchicklich⸗ keit, oder weil der Zufall ihn heut nicht be⸗ guͤnſtigte, den ganzen Tag uͤber nicht ein ein⸗ ziges Stuͤck Wild erlegen köͤnnen. Der Laͤrm etlicher ſich ſchnell herannahender Reiſewagen machte ihn jetzt aufmerkſam und erregte ſeine Neugierde. Alfred trat auf die Seite; ſein treuer Hund aber, der ſich mehr mit ſeinem Herrn, als mit den Fremden beſchaͤftigte, blickte ihn traulich mit dem Schweife wedelnd an, und verſah ſich, da er nur einen ſehr kleinen Theil der Straße einnahm, keineswe⸗ A 2 ges, daß er ein Gegenſtand des Hinderniſſes ſeyn koͤnnte. Zur Strafe für ſeine Unvorfich⸗ tigkeit erhielt er einen furchterlichen Hieb, wel⸗ chen einer der Poſtillone ihm unter einem der⸗ ben Fluche mit der Peitſche verſetzte. Dieſe grauſame, unverdiente Zurechtweiſung riß ihm einen Streifen Haut von der Mitte des Leibes weg„Nund das arme Thier begann entſetzlich zu heulen. Alfred, der große Stücken auf ſeinen Hund hielt, beſchloß, nicht ſowohl um denſelben zu raͤchen, als um gerecht zu ſeyn, den unmenſchlichen Poſtillon dafuͤr zu zuͤchtigen. Halt' an! rief er dieſem zu, indem er die Buͤchſe auf ihn anlegte, halt' an, oder Du biſt ein Kind des Todes!— Die Furcht, dieſe Drohung möchte in Erfullung gehen, hieß den Knecht gehorchen, und in einem Augen⸗ blicke hielten die drei Reiſekutſchen ſtill. Al⸗ fred trat an die erſte heran. Ein Mann in mittlern Jahren ließ ſich am Wagenfenſter ————————————— *) Wer in England geweſen iſt, wird wiſſen, was fuͤr Peitſchen die dortigen Poſtillone fuͤh⸗ ren, und was ein Hieb von ſelbigen bedeutet. 5 ſehen und fragte mit einem ſehr gebieteriſchen Tone: Wer erkühnt ſich, meine Reiſe zu un⸗ terbrechen? Ihr Poſtillon, erwiederte Alfred, hat ſo eben meinen Hund, der ihm in keiner Art Schaden zufuͤgte, auf eine empoͤrende Weiſe gehauen; Edelleute ſind ſich gegenſeitig Achtung ſchuldig, ich verlange daher von Ih⸗ nen, daß Sie den Knecht beſtrafen laſſen, der ſich auf eine ſo empfindliche Weiſe gegen mich vergangen hat.— Wer ſeyd Ihr denn? fragte der Fremde; gehort Ihr vielleicht zu der Die⸗ nerſchaft eines der in dieſer Gegend lebenden Grundherren? Ihr Irrthum, erwiederte der junge Mann, beleidigt mich nicht, und ich will ihn gern berichtigen. Ich heiße Alfred, und bin der aͤlteſte Sohn des Lord Milborn.— Lord Milborns! rief der Unbekannte, und die Stimme eines Frauenzimmers in demſelben Wagen wiederholte dieſen Ausruf.— Kennen Sie etwa meinen Vater?— Nicht gerade von Perſon, entgegnete jetzt der Fremde mit einem weit hoflicheren Tone, ich habe ihn aber ſehr loben hören, und die Hochachtung, welche er genießt, erheiſcht, daß auch die Glieder ſei⸗ ner Familie in Ehren gehalten werden. Seyn Sie daher verſichert, daß ich bei meiner Nach⸗ hauſegelangung in mein Schloß den Unver⸗ ſchaͤmten, der ſich gegen Sie von einer ſo rohen Seite gezeigt hat, ſogleich verabſchieden werde. — Dafuͤr ſtatte ich Ihnen meinen Dank ab, antwortete Alfred, und in der Hoffnung, Sie wiederzuſehen, entferne ich mich, um Sie in Ihrer Reiſe nicht laͤnger aufzuhalten. Indem ſich Alfred auf die Seite des We⸗ ges ſtellte, erblickte er drei Frauenzimmer, welche nebſt dem Unbekannten, mit welchem er ſo eben geſprochen hatte, den erſten Kutſch⸗ wagen einnahmen. Im naͤchſtfolgenden ſaßen zwei junge Leute, und auf dem Vorderſitze befand ſich ein Menſch, der einen Kammer⸗ diener vorzuſtellen ſchien. Die dritte Kutſche enthielt weibliche Weſen, die zur Bedienung gehorten. Zweites Capitel. P olesworth hatte ſeinen Reichthum im Wol⸗ lenhandel erworben und hinterließ bei ſeinem Tode ſeinem einzigen Sohne, Gilbert Po⸗ lesworth, ein Vermögen von zweimalhundert⸗ tauſend Pfund Sterling. Der junge Gilbert befolgte nicht das kluge Beiſpiel ſeines Vaters; anſtatt daß er, wie dieſer, ſich damit haͤtte beſchaͤftigen ſollen, wie er ſein Vermoͤgen, wo nicht vermehren, doch wenigſtens hatte erhal⸗ ten können, dachte er nur an die Mittel, das⸗ ſelbe auf die ſchnellſte Art und Weiſe zu ver⸗ ſchwenden, eine Sache, die an und fuͤr ſich leicht iſt, in einer Stadt wie London aber ihm noch leichter werden mußte. Gilbert ſuchte die Großen in allen Stuͤcken nachzuahmen; er beſaß Wettrennen, Jagdpferde und mehrere treffliche Futſchenzůge; ſein Haus war eines der ſchonſten und mit den praͤchtigſten Meublen ver⸗ — ziert; er gab glänzende Gaſtmähler und Feſte, und waͤhlte ſich eine Geliebte, die, wenn ſie auch nicht gerade die reizendſte war, doch un⸗ ter die Zahl derjenigen gehoͤrte, von denen man weiß, daß ſie ungeheure Ausgaben zu verur⸗ ſachen pflegen. Es währte nicht drei Jahre, ſo befand ſich Gilbert in einem Zuſtande, der nahe an Armuth graͤnzte. Sehr bald machte er dann die Erfahrung, daß der Reiche ge⸗ wöhnlich nur dem Namen nach Freunde be⸗ ſitzt; er ward verlaſſen, verachtet und beſchimpft. Indeſſen blieben ihm, wofern er damals der Vernunft noch Gehör gegeben hätte, immer noch Mittel uͤbrig, um wenigſtens zufrieden leben zu köͤnnen. Sein Vater, der reiche Wollhändler, beſaß naͤmlich in der Gegend ſeiner Heimath ein kleines Landgut, welches ihm von einem Freunde aus Dankbarkeit ver⸗ macht worden war. Dahin begab ſich der alte Polesworth aller drei oder vier Jahre, um einige Wochen daſelbſt zuzubringen, und ver⸗ ließ daſſelbe nicht eher, als bis er die unbe⸗ mittelten, in Duͤrftigkeit lebenden Bewohner dieſes Gutes mit Wohlthaten uͤberhaͤuft hatte. Dieſer Ort, genannt Fodder⸗Lodge, ver⸗ einigte fuͤr ſeinen Beſitzer das Nuͤtzliche mit dem Angenehmen. Das Wohnhaus vermochte eine zahlreiche Familie zu beherbergen; die auf's beſte unterhaltenen und eingerichteten Gaͤrten verſchafften weit mehr, als der täg⸗ liche Bedarf erforderte, und der reine Ertrag des Ganzen uͤberſtieg die Summe von vier⸗ hundert Guineen; die Naͤhe der Stadt Nor⸗ wich, von welcher dieſes Landgut nur drei Meilen entfernt lag, machte endlich, daß man faſt zu einer und derſelben Zeit an den Ver⸗ gnuͤgungen der Stadt und an dem ſtillen Le⸗ ben auf dem Lande Theil nehmen konnte. Seit dem Ableben ſeines Vaters hatte ſich Gilbert in Fodder⸗Lodge nicht ſehen laſſen; ſein Stolz waͤre zu tief gedemuͤthigt worden, wenn er ſich an einem Orte aufgehalten hätte, wo man den Urſprung ſeines Gluͤckes kannte. In Norwich naͤmlich hatte ſein Großvater den erſten Schilling dadurch verdient, daß er Wol⸗ lenballen von einem Magazine zum andern — trug. Die peinliche Lage aber, in welcher Gilbert ſich jetzt befand, vermochte allein, ihn zu dem Entſchluſſe zu bringen, ſich in Fodder⸗ Lodge gleichſam lebendig zu begraben. Hart⸗ naͤckige, ungeſtuͤme Glaͤubiger drängten ihn, und ſeine groͤßte Furcht war die, von ihnen in Verhaft genommen zu werden. Schon ſeit acht Tagen hatte er ſein ehemaliges Hotel verlaſſen, und lebte ganz verborgen in einer elenden Dachſtube, welche ihm einer ſeiner Diener, der einzige, der ihm gefolgt war, ge⸗ miethet hatte. Niemand kannte in London das kleine Gut, welches Polesworth in der Provinz Norfolk beſaß; er hatte, aus Beſorgniß, man mochte den niedrigen Stand ſeiner Vorältern entdek⸗ ken, ſich wohl in Acht genommen, jemals von dieſem Gegenſtande zu ſprechen. Sein Diener Emanuel gab ihm den Rath, nicht laͤnger in London zu verweilen; es blieb ihm daher kein anderer Zufluchtsort uͤbrig, als Fodder⸗Lodge, und dahin begab ſich Gilbert ſo ſtill als mög⸗ lich. Schon waren ihm daſelbſt anderthalb Jahre verfloſſen, ohne daß er beinahe aus dem Hauſe ging; dem Gaͤrtner hatte er ſtreng verboten, irgend Jemandem bekannt werden zu laſſen, daß er hier lebe, und Emanuel holte die nothwendigſten Beduͤrfniſſe, welche ſein Gut nicht erzeugte, in Norwich. Nie⸗ mand ahndete daher, daß Fodder⸗Lodge von ſeinem Herrn bewohnt ſey⸗ Eines Abends hatte Gilbert ſeine Stube verlaſſen, um ein wenig ſpatzieren zu ge⸗ hen. Wie ſehr erſtaunte er, als er bei der Kruͤmmung einer Allee zwei junge Mäd⸗ chen gewahr wurde, die ausgelaſſen luſtig waren, indem ſie ſich auf dem gruͤnen Ra⸗ ſen herum wälzten. Sie ſelbſt waren uͤber Gilberts plotzliche Erſcheinung nicht weniger beſtuͤrzt; die eine von ihnen entfloh näch ei⸗ nem Pfortchen zu, welches auf das Feld hinaus ging, und hoͤrte nicht auf ihre Geſpielin, welche ſie zuruͤckrief und darauf drang, daß ſie umkehren moͤchte. Diejenige aber, welche ſtehen geblieben war, erwiederte Gilberts Begruͤßung, und fragte mit einer —— —— — furchtſamen Miene, ob der Eigenthuͤmer Lon 5 Fodder⸗Lodge zuruͤckgekehrt waͤre? Polesworth war genoͤthigt, ſich zu erkennen zu geben; das junge Frauenzimmer aber bat ihn ihrer Unbeſcheidenheit halber um Verzeihung, und fuͤgte hinzu, der Gaͤrtner haͤtte ihr bereits ſeit vielen Jahren die Erlaubniß gegeben, wenn ſie ſich in der Raͤhe von Fodder⸗Lodge befaͤnde, auf einige Augenblicke dahinein ge⸗ hen zu koͤnnen, daß ſie aber von nun an 3 ſich deſſen enthalten wuͤrde.“) Gilbert bat 13 ſie dringend, eine Gewohnheit kortzuſchen, 1 welche ihm ſelbſt ſo angenehm waͤre, indem er dann das Vergnuͤgen gendoͤſſe, ſie zu ſehen. Die Stimme der andern jungen Perſon, 1 welche ſich jetzt von der entgegengeſetzten Seite der Gartenmauer hoͤren ließ und den Namen: Lucretia, mehrmals wiederholte, un⸗ *) Bekanntlich ſieht in England kein Eigenthuͤ⸗ mer es gern, wenn ein Fremder ſeinen Gar⸗ ten oder ſein Gehoͤfte betritt; man legt ſogar verborgene Fallen und Schuͤſſe, um ſolches zu vverhindern;— ein barbariſcher Egoismus! terbrach das Geſpraͤch; die Gerufene entfernte ſich von Gilbert und kehrte zu ihrer Freun⸗ din zuruͤck. Gilbert erkundigte ſich ſogleich bei dem Gaͤrtner nach dem Namen der jun⸗ gen Maͤdchen, welche er in ſeinem Garten angetrofſen hatte. Der Gäaͤrtner entſchuldigte ſich wegen des Fehlers, den Schluͤſſel zur kleinen Thuͤre der Miß Lueretia Farington ſeit der Ankunft ſeines Herrn gelaſſen zu ha⸗ ben, indem er es gaͤnzlich vergeſſen haͤtte, ihr denſelben wieder abzufordern. Ihre Altern wohnen ohne Zweifel in der Naͤhe? fragte Gilbert.— Höchſtens zwei Meilen von hier. — Was iſt ihr Vater fuͤr ein Mann?— Es iſt ein ſehr rechtſchaffener, edelmuͤthiger Mann. Iſt er reich?— Er gilt allge⸗ mein dafuͤr.— Hat er viele Kinder?— Nein, Miß Lucretia iſt ſein einziges Kind. — Es waren ihrer aber doch zwei?— Die andere junge Perſon iſt eine Nichte, welche auf einige Wochen zur Miß Faring⸗ ton zum Beſuche gekommen iſt. Den Tag darguf ließ ſich Gilbert ein — 14— Pferd ſatteln und ritt gegen Mittag zu Lu⸗ cretias Vater nach Peace-Haus. Man em⸗ pfing ihn mit vieler Artigkeit, und von bei⸗ den Altern erhielt er die Einladung, ſie öf⸗ terer zu beſuchen. Gilbert Polesworth hatte Liebſchaften ge⸗ habt, aber die Liebe ſelbſt hatte er noch nie gekannt. Lucretias Erſcheinung belehrte ihn, daß er ein Herz beſäße, welches der heftig⸗ ſten Liebe faͤhig wäre. In der That gab es auch wenig Frauenzimmer, welche den Män⸗ nerherzen eine zärtliche Leidenſchaft einzuflo⸗ ßen faͤhiger geweſen waͤren, als die junge Miß Farington; denn ſie beſaß Schoͤnheit, Geiſt, Liebenswuͤrdigkeit und Tugend; mit Einem Worte, ſie vereinigte faſt Alles in ſich, was zur Liebe reizen kann. Gilbert faßte die heftigſte Neigung zu ihr, und nach Verlauf eines Monates, ſeit er ſie kennen gelernt, bat er ihren Vater um ihre Hand, wobei er ihm jedoch keineswegs verhehlte, daß er kein anderes Vermoͤgen, als ſein Landgut Fodder-Lodge beſäße. Farington erwiederte ihm, daß, wofern er ſeine Tochter nur glůck⸗ lich ſahe, Geld und Reichthum bei ihm nicht in Anſchlag kämez er, Gilbert, muͤſſe ſich da⸗ her vor allen Dingen ſelbſt bemuͤhen, die Liebe ſeiner Tochter zu erwerben. Gilbert, der einen ziemlichen Grad von Eigenduͤnkel beſaß, glaubte nicht, daß er Hinderniſſe an⸗ treffen wuͤrde, und voll von dieſer Einbil⸗ dung, that er der Miß Farington das Ge⸗ ſtändniß ſeiner Liebe und bat ſie um das Geſchenk ihrer Hand. Lucretias Antwort war unerwartet. Die Ehre, begann ſie, die Sie mir guͤtigſt zugedacht haben, iſt zwar fuͤr mich ſehr ſchmeichelhaft, allein es iſt mir unmöglich, ſie anzunehmen.— Unmoͤglich, Miß? Dieſes Wort giebt eine grauſame Entſcheidung. Darf ich Sie um den Be⸗ weggrund einer ſo unerwarteten abſchlaͤgigen Antwort fragen?— Gern will ich Ihnen dieſen ſagen, ich habe vom Heirathen eine Meinung, die einem verſtändigen Manne nicht auffallen darfz ich glaube nämlich, daß die Ehe nur dann eine gluͤckliche genannt — 46— werden kann, wenn ſie zwei Perſonen verei⸗ nigt, welche ſich auf eine gleich zaͤrtliche Weiſe einander lieben; ohne SZweifel denken Sie auch ſo?— Allerdings.—„ Nun wohl! ich achte Sie zwar hoch, aber ich ver⸗ ſpuͤre gegen Sie das Gefuͤhl nicht in mir, welches ich gleichwohl bei»dem ehelichen Bande fuͤr unerlaͤßlich halte; vergeben Sie mir meine Freimuͤthigkeit.— Meine Ei⸗ genliebe wird dadurch nicht grſchineichelt. — Ich hoffe, daß Sie durch mein Betragen ſich nicht beleidigt finden werden, denn in⸗ dem ich Ihnen mein Herz offenbarte, Jatte ich nicht die Abſicht, Sie zu kränken.— Dieſer Widerwille, Miß Lucretia, den ich ſo ungluͤcklich bin, Ihnen einzuflößen, iſt er vielleicht die Wirkung eines unguͤnſtigen Vorurtheils, welches die Zeit zu tilgen ver⸗ moͤchte; oder hat vielleicht auch ein anderer Glucklicherer. 2— Halten Sie ein! ver⸗ ſetzte Lucretia auf dieſe Frage; ich habe, glaube ich, Ihnen nicht das Recht gegeben, Ihre Fragen ſo weit zu treiben, deſſen un⸗ —— — — 17— geachtet will ich Ihnen gern ſagen, daß mein Herz noch vollkommen frei iſt. Was den Widerwillen betrifft, welchen Sie mir an⸗ dichten, ſo iſt dieſer nicht vorhanden; ich laſſe Ihren Eigenſchaften und Verdienſten Gerechtigkeit wiederfahren, und dieſe werden ohne Zweifel das Gluͤck Ihrer kuͤnftigen Ge⸗ mahlin machen, allein dieſe Gemahlin wird niemals Lucretia Farington werden. Sie be⸗ gleitete dieſe letztern Worte mit einer Ver⸗ beugung und verließ das Zimmer. Beſtuͤrzt und gedemüthigt blieb Poles⸗ worth allein zuruͤck. Einige ihm von der Liebe und dem Schmerze ausgepreßte Thrä⸗ nen benetzten das Tuch, womit er ſich die Augen bedeckt hielt. Die Beſchämung uͤber ſeinen Zuſtand, und die Furcht, man moͤchte ſeine Verwirrung bemerken, machte, daß er auf das eiligſte das Haus verließ und ſich in dem ſeinigen einſchloß. Wuth und Verzwei⸗ felung bemaͤchtigten ſich ſeiner Sinne. Der Haß, der ſchrecklichſte Haß, ſo ſprach er bei ſich ſelbſt und ſchlug ſich mit geballter Fauſt B — —„ S 2 S —————& vor die Stirne, iſt an die Stelle der Anbe⸗ tung getreten; Lucretia, Du ſollſt es bereuen, d mich verworfen zu habenz die Räche wird meinem Herzen jetzt ein Beduͤrfniß“ 6 So vergingen acht Tage, ohne daß Gil⸗ 1 bert ſein Zimmer verließ. Endlich brachte 9 ihn Emanuel dahin, daß er ſich entſchloß, n Gegenſtände der Zerſtreuung aufzuſuchen. n Rorwich iſt eine bedeutende Stadt, in n welcher viele Perſonen blos des Vergnugens 8 halber leben⸗ Polesworth begab ſich dahin, 2 knuͤpfte Bekanntſchaften an, und nach einem n halben Jahre verheirathete er ſich mit Miß n Juliane Milton, einem Frauenzimmer von zwanzig Jahren. Sonderbar genug war dieſe 6 Che eine Verbindung, welche auf beiden Sei⸗ 5 ten der Verdruß geſchloſſen hatte. Juliane liebte nämlich einen jungen Mann, den juͤng⸗„ ſten Sohn eines Paͤrsz allein obſchon ſie F ſehr liebenswuͤrdig war, ſo fand ihre Liebe dennoch nicht die geringſte Erwiederung; auch u die beiderſeitigen Altorn wollten durchaus,„ daß ihre Kinder dieſe Verbindung ſchlöſſen, — 49— denn der Stolz des einen und die Habfucht des andern Theiles hatten ſich gegenſeitig vereinigt; Juliane beſaß Vermoͤgen, der Sohn des Lords hingegen war arm; deſſen ungeachtet vermochte nichts, den jungen Mann in ſeiner hartnaͤckigen Weigerung wankend zu machen. Da erſchien auf ein⸗ mal Gilbert, durch das Geruͤcht von Julia⸗ nens Mißgeſchick in Kenntniß geſetzt. Die Ehnlichkeit ihrer beiderſeitigen Lage brachte Beide einander naͤher, und, wie ſchon er⸗ waͤhnt worden, die Heirath und der Verdruß war die Folge dieſer Bekanntſchaft. Ein Jahr war ſeitdem voruͤbergegangen. Gilbert brachte die Hälfte ſeiner Seit zu Fodder-Lodge, die andere in Norwich zu, wo er dann bei ſeinem Schwiegervater, ei⸗ nem allgemein fuͤr ſehr reich gehaltenen Kaufmanne, wohnte. Die jungen Eheleute lebten in ziemlicher Eintracht mit einander, und Jedermann hielt ſie fuͤr gluͤcklich. Ob nun gleich Gilbert ſeit der Unterredung mit Miß Farington nicht wieder nach Peace⸗ B2 — 09— Haus gekommen war, ſo hatte er doch deſ⸗ ſen Bewohner nicht vergeſſen; daher war ihm die Nachricht, daß Lucretia mit dem jungen Milborn, zweiten Sohne des Lords gleiches Namens, ſich ehelich verbinden wuͤrde, ein Dolchſtich in ſein Herz. Auffal⸗ lend war es, daß dieſe in einer Geſellſchaft verbreitete Neuigkeit ſeiner Gattin eben ſo viel Verdruß, wie ihm ſelbſt, zu verurſachen ſchien. Dies war aher ſehr natuͤrlich. Die⸗ ſer junge Milborn war naͤmlich eben derje⸗ nige, der ihre Liebe mit ſo vieler Gering⸗ ſchaͤtzung verſchmaͤht hatte. Die beiden neuvermaͤhlten jungen Frauen hatten ſich ſeit der Veraͤnderung ihrer Lage nicht geſehenz ſie kannten ſich aber, da ſie fruͤher einige Monate hindurch zuſammen in ein und derſelben Erziehungsanſtalt geweſen waren. Bei einem Feſte, welches ein Ein⸗ wohner aus Norwich veranſtaltete, fanden ſich Miſtreßes Polesworth und Milborn zu⸗ fällig neben einander ſitzend; eine bloſe Hof⸗ lichkeitsbeʒzeugung war alles, womit ſie die Erneuerung ihrer Bekanntſchaft bezeichneten. Beide trugen ſehr ſichtbare Kennzeichen der Schwangerſchaft an ſich; auch kamen ſie faſt zu einer und derſelben Zeit beide darnieder, und beſchenkten ihre Ehegatten eine jede mit einem Knaben. umſtaͤnde, die in gegenwaͤrtige Geſchichte nicht gehoͤren, bewirkten eine Veraͤnderung des Aufenthaltsortes der Familie Milborn. Da die junge Gattin ihre Altern durch den Tod verloren hatte, ſo waren keine Urſachen vorhanden, welche ihr ein laͤngeres Verweilen in der Provinz haͤtten wuͤnſchenswerth ma⸗ chen koͤnnenz es geſchah daher mit vieler Freude, daß ſie ihrem Gemahle nach Lon⸗ don folgte. Einige Zeit darauf wurde der Schwiegervater des Herrn Polesworth von einer Bruſtkrankheit befallen, welche ihn in's Grab ſtuͤrzte. Statt der gehofften Reichthuͤ⸗ mer fand man nichts als Schulden, zu deren Tilgung der Nachlaß nicht einmal zureichte. Dieſes Ereigniß nothigte Gilberten zu einer großen Veränderung in ſeinem häuslichen Le⸗ — 22— ben; er hatte nämlich ſeit ſeiner Verheira⸗ thung ſein Haus auf den koſtharſten Fuß eingerichtet, in der Meinung, daß ſein Schwiegervater ein ſehr reicher Mann ſey, wofuͤr er in der That in Norfolk allgemein gegolten hatte. Zahlreich waren die Capi⸗ tale, welche von Polesworth aufgenommen worden waren, und nunmehr bezahlt werden ſollten. Wollte er dabei ſeine Ehre nicht Preis geben, ſo mußte dieſes geſchehen. Fodder-Lodge ward daher verkauft, die Fa⸗ milie aber verließ ſogar die Provinz Norfolk, um, wie es hieß, in einer der entfernteſten Gegenden der Grafſchaft Wales ein Unter⸗ kommen zu ſuchen. Der Tod des ältern Sohnes des Lord Milborn, welcher nur wenige Monate vor dem Abſterben dieſes Letztern ſelbſt erfolgte, verſchaffte dem Gemahl der Lucretia, als ein⸗ zigem Erben, alle Guͤter und Titel des Hau⸗ ſes Milborn; auch ſeine Familie ward noch⸗ durch einen Sohn und zwei Mädchen ver⸗ groͤßert. Der Zerſtreuungen der Hauptſtadt uͤberdruͤſſig, hatten Milborns ſich in dem Haupt⸗Landfitze, welcher einen Theil ihrer Guͤter ausmachte, niedergelaſſen, und es wa⸗ ren bereits zehn Jahre verſtrichen, daß ſie Milborn⸗Hall bewohnten, als ihrem aͤlteſten Sohne Alfred das kleine Abentheuer widerfuhr, von welchem ich im erſten Capitel geſprochen Der junge Jäger, deſſen ſo eben gedacht worden, war einer der ſchoͤnſten Maͤnner, den es auf dieſer Welt geben kann, und die glaͤnzende Erziehung, deren er theilhaft ge⸗ worden, hatte ſowohl in moraliſcher, als phy⸗ fiſcher Hinſicht einen jungen Mann aus ihm gemacht, an deſſen Ausbildung nichts zu wuͤn⸗ ſchen uͤbrig blieb. Er war edelmuͤthig, ge⸗ fuͤhlvoll und wohlthaͤtig; und wenn auch zu⸗ weilen das Aufbrauſen ſeines vielleicht zu feu⸗ rigen und heftigen Temperaments ihn zu klei⸗ nen Ungerechtigkeiten verleitete, ſo war doch ſein Herz ſo edel, daß er dergleichen Fehler auf der Stelle wieder gut zu machen ſich bemuͤhte. Alfred beſaß einen juͤngeren Bruder, mit Namen Godwin„deſſen Charakter und Bil⸗ „ B — V — dung aber eine entgegengeſetzte Richtung er⸗ halten hatte. Zwar wohnte ihm kein Hang zur Bööartigkeit bei, wenn man jedoch auch keine groben Fehler, ich will nicht ſagen La⸗ ſter, an ihm bemerken konnte, ſo war es doch noch weit ſchwerer, Tugenden bei W zu machen. Ancelina, die ältere Schweſter dieſes Bru⸗ der⸗Paars, hatte viel Liebenswuͤrdiges in ihrem Weſen; eine edle, ungezwungene Haltung, und ohne daß man ſie gerade eine Schonheit nennen konnte, wußte ſie doch zu gefallen, und gefiel auch. Sanft, gefällig, aufmerk⸗ ſam, eine gehorſame Tochter und treue Freun⸗ din, ſo bewies ſich ſtets Anceline Milborn. Ihre faſt um zwei Jahre juͤngere Schweſter, Ramens Henriette, war in ihrem Geſchlechte dasjenige, was Alfred unter den Maͤnnern war. Mit dem reizendſten Wuchſe vereinigte ſie eine Menge' kleiner Liebenswuͤrdigkeiten in ihrer Geſtalt, und was ſo viele Reize noch erhöhte, war, daß ſie den trefflichſten Eigen⸗ ſchaften des Herzens gleichſam zum Kennzei⸗ — 26 chen dienten. Dieſer von der Hand der Grazien geformte Körper ſchloß die reinſte Seele in ſich. Diejenigen Altern ſind gluͤcklich zu preiſen, die unter ihren Kindern viele Töchter zaͤhlen, welche Henrietten Milborn gleichkommen duͤrften. Sumptuos⸗Caſtle, ein praͤchtiges Landgut, das ſechs Meilen von Milborn⸗Hall entlegen und ſchon ſeit zwei Jahren zum Ver⸗ kauf ausgeboten worden war, hatte jetzt ein ungeheuer reicher, ſo eben aus Oſtindien an⸗ gekommener Fremder kaͤuflich an fich gebracht. Er war im Begriff, mit ſeiner Familie von dieſem Gute Beſitz zu nehmen, als Alfred durch Zufall mitten auf der Straße die be⸗ reits erzählte Bekanntſchaft auf eine ſonder⸗ bare Art zwiſchen beiden Familien anknuͤpfte. Die des Lord Milborn iſt dem Lefer einiger⸗ maßen ſchon bekannt, jetzt will ich mich bemu⸗ hen, ihm von der Familie unſers Rabobs*) ein Bild zu entwerfen. So nennt man in Großbrittanien bekanntlich die aus Oſtindien zuruͤckgekommenen reichen Englaͤnder. ————————— * 2 5—,— ————— — 27— Growell, ſo nannte ſich der neue Ei⸗ genthuͤmer von Sumptuos⸗Caſtle, ſtand jetzt zwiſchen dem 45ſten und öoſten Lebensjahre, und ſeine wohlerhaltene Figur trug das Ge⸗ praͤge der Offenheit und Herzensguͤte an ſich. Miſtreß Growell, um vier oder fuͤnf Jahre juͤnger, als ihr Ehegatte, war zwar keine Schönheit mehr, allein man ſah noch deutlich, daß ſie in ihrer Jugend ſchoͤn geweſen ſeyn mußte; ihr Geſicht verrieth jedoch weniger Offenherzigkeit, als das ihres Gemahls. Evan, der älteſte Sohn Growells, glich durchaus keinem einzigen Gliede dieſer Familie; ſeine rieſenhafte, von aller Grazie und allem Adel entblöſ'te Figur kuͤndigte eher einen Holz⸗ hacker, als einen Edelmann an. Seine roth⸗ braunen Haare gaben ſeiner von Natur wi⸗ derlichen Geſtalt ein wildes, abſchreckendes An⸗ ſehen, und ſein Charakter glich ſeinen Ge⸗ ſichtszuͤgen vollkommen. Sein juͤngerer Bruder Gideon war ein aͤußerſt liebenswuͤrdiger junger Mann. Das ſchmeichleriſcheſte Lob konnte nur ein unvoll⸗ kommnes Bild von den trefflichen Eigenſchaf⸗ ten Gideons geben; er war, mit Einem Worte, ein Juͤngling„der die vollkommenſte Bildung erhalten hatte. Clara Growell, die aͤltere Tochter, war nd und liebenswuͤrdig; ihr ſich ſtets gleich bleibender Charakter machte, daß Jedermann, ſelbſt der ſchreckliche Evan, ſie hochſchaͤtzte; ſie beſaß jedoch viel Eigenſinn und Hartnaͤckigkeit, ſo daß nichts auf der Welt ſie zur Nachgie⸗ bigkeit hätte bringen können, ſobald ſie in ir⸗ gend einer Sache Recht zu haben glaubte. Die juͤngſte Tochter, Ramens Aurea, war zu fruͤhzeitig zur Welt gekommen, und beſaß daher eine ſo ſchwache Geſundheit, daß dieſe auf ihr ſittliches Weſen den nachtheiligſten Einfluß hatte und ſie in vieler Hinſicht in einem im⸗ merwährenden Zuſtande der Kindheit erhielt. Die älteſten dieſer acht jungen Leute, von denen ich ſo eben eine Skizze entworfen habe, ſtanden im ein und zwanzigſten Jahre ihres Alters, die juͤngſten aber zaͤhlten hoͤchſtens funfzehn bis ſchohehe Jahre. 1 8—— Viertes Capitel. Growells, ſehr erfreut, daß ſie ſo nahe Nach⸗ barn des Lord Milborn geworden waren, be⸗ eilten ſich, demſelben einen Beſuch abzuſtat⸗ ten, und um Perſonen, mit denen ſie das engſte Freundſchaftsband zu ſchließen wuͤnſch⸗ ten, im Voraus zu ihren Gunſten zu ſtim⸗ men, hatten ſie Rogern, den Poſtillon, uͤber welchen Alfred Klage gefuͤhrt hatte, aus ren Dienſten entlaſſen. An dem zur Abfahrt nach Milborn⸗„Gu feſtgeſetzten Tage gab man die nöthigen Be⸗ fehle, um die koſtbarſte Kutſche einzurichten, woran ſechs herrliche Pferde geſpannt wur⸗ den. Growell, ſeine Gemahlin, ſein älteſter Sohn und Clara, alle vier mit dem reichſten und gläͤnzendſten Schmucke bedeckt, welchen nur ein aſiatiſcher Luxus zu erſinnen und hervorzubringen im Stande iſt, ſtiegen in dieſen Wagen, und zwei Vorreiter verkuͤn⸗ digten ihre Ankunft. Lord Milborn empfing in Begleitung Al⸗ freds dieſe glänzende Geſellſchaft auf der Treppe vor dem Hauſe. Nachdem die erſten Hoflichkeitsbezeugungen gewechſelt worden wa⸗ ren, wendete ſich Growell an Alfred und ver⸗ ſicherte ihm, daß der Elende, der es gewagt habe, ſeinen Jagdhund zu ſchlagen, ſich nicht mehr bei ihm befände. Der junge Milborn bezeugte ihm dafuͤr ſeinen Dank, und man trat hierauf in den Soaal, worin Lady Mil⸗ vorn, von ihren beiden Töchtern und God⸗ win, welcher ihnen aus einem Buche vorlas, umgeben, ſich mit weiblicher Arbeit beſchäf⸗ tigte. Bei dieſem Beſuche beobachteten die Growells durchgängig ein aͤußerſt ſtrenges Ceremoniel; die Familie Milborn hingegen benahm ſich mit einer edlen Einfachheit; man gab ſich zwar gegenſeitig das Verſprechen, ein⸗ ander ofter zu beſuchen, es ſchien aber in der That nicht, als ob Lord Milborn Wil⸗ lens geweſen waͤre, dieſe Zuſage zu halten, ———— —— denn er ließ in dem Augenblicke, als man von einander Abſchied nahm, in ſeinem Be⸗ tragen viel Kaͤlte blicken. In der Jugend ergreift man gemeiniglich mit Begierde jeden Gegenſtand, von dem man vermuthen kann, er werde einem Ver⸗ gnuͤgen verſchaffen. Die Nachbarſchaft eines ungeheuer reichen Mannes ließ viele Feſte und Gegenſtaͤnde der Zerſtreunng erwartenz es war daher ſehr natuͤrlich, daß Milborns Kinder daruͤber große Freude empfanden⸗ Kaum waren die Fremden abgefahren, ſo ſprach jedes Glied der Milbornſchen Familie ſeine Meinung uͤber dieſelben freimuͤthig aus. Godwin und Ancelina waren in ihren Lobes⸗ erhebungen faſt unerſchoͤpflich; Alfred und Henriette hingegen ſtimmten ihnen keineswegs in allen Stuͤcken bei; Herr und Miſtreß Gro⸗ well wären zwar— ſo meinten ſie— aͤußerſt gebildete Leute, allein es fehle ihnen der gute, leutſelige Ton, den ſie an ihren Altern und uͤbrigen Bekannten anzutreſſen gewohnt waͤren. Alfred hatte inſonderheit die ubermuͤthigen Fra⸗ gen nicht vergeſſen koͤnnen, welche Growell auf der Heerſtraße an ihn gerichtet hatte⸗ Die Rltern hörten ihren Kindern zu, ohne irgend eine Bemerkung einzumiſchen, und nur uͤber Alfreds fluͤchtiges Urtheil konn⸗ ten ſie ſich eines Lächelns nicht erwehren. Kaum waren ſie aber allein, ſo richteten ſie ebenfalls gegenſeitig uͤber ihre neue Bekannt⸗ ſchaft Fragen an einander.— Ich handle gewiß unrecht, lieber Mann, ſprach Lucre⸗ tia, allein ich kann mich gegen Growells einer Abneigung, dergleichen ich noch niemals gegen irgend Jemanden verſpuͤrt habe, nicht erwehren.— Dieſes Gefuͤhl theile ich mit Dir, theuerſte Lucretia, wir muͤſſen es aber beide zu unterdruͤcken ſuchen, und die Schritte, welche Growells zuerſt gegen uns gethan haben, aus allen unſern Kraͤften auf's beſte zu erwiedern uns bemuͤhen; da das un⸗ guͤnſtige Vorurtheil, welches ſie uns einge⸗ floͤßt haben, in der That ſich auf keinen ver⸗ nuͤnftigen Grund zu ſtuͤtzen ſcheint, ſo wuͤr⸗ den wir auf doppelte Weiſe in einem ta⸗ —— delnswuͤrdigen Lichte erſcheinen, wenn wir uns nicht beſtreben wollten, dieſes Vorurtheil zu uͤberwinden.— So denke ich allerdings auch, wird es uns aber gelingen?— Wir wollen wenigſtens den aͤußern Anſchein beob⸗ achten und dieſe Unvollkommenheit unſrer Charaktere vor den Kindern verbergen. Wie gefällt Dir denn Miß Growell? frug Godwin ſeinen Bruder, nachdem Lord und Lady Milborn ſich in ihr Zimmer ent⸗ fernt hatten.— Sie iſt eine ganz gewöhn⸗ liche Perſon.— O Alfred, nahm Ancelina das Wort, was iſt das fuͤr eine kalte Ant⸗ wort in Bezug auf ein ſo liebenswuͤrdiges Maͤdchen?— Du biſt ſehr nachſichtig, An⸗ celina.— Sie iſt nicht einmal gerecht, meinte Godwin, ſie hätte ſagen ſollen, auf eines der reizendſten Maͤdchen.— Hen⸗ riette lächelte uͤber Godwins Rede, Alfred zuckte die Achſeln.— Nun ſo nennt mir doch ein Frauenzimmer, das ihr den Preis der Schönheit ſtreitig machen könnte?— Meine Schweſtern) verſetzte Alfred mit Leb⸗ C —— haftigkeit.— Deine Liebe zu uns läßt Dich unſere Fehler nicht bemerken, lieber Bruder, und ich glaube nicht, daß Ancelina es üͤbel aufnehmen werde, wenn ich bekenne, daß Miß Growell mich und ſie uͤbertrifft.— Und ſo iſt es auch in der That! rief God⸗ win.— Du biſt allerdings mehr aufrichtih, als artig, erwiederte Ancelina, und Alfred ſetzte hinzu: Er iſt weder das eine, noch das andere.— Mit Gunſt, meine Bruͤder, laßt dieſen laͤcherlichen Streit fahren! Wollt Ihr euch deswegen zanken, weil Ihr entgegenge⸗ ſetzter Meinung ſeyd?— Henriette hat Recht; wohlan denn, hört auf, uns laͤnger die Ohren damit voll zu plaudern! Indem Ancelina dieſes ſagte, gab ſie Alfreden einen Kuß, welcher denſelben von ganzem Herzen erwiederte; hierauf trat ſie zu Godwin, reichte ihm ihre Hand und ſprach lächelnd: Ohne Groll, Bruͤderchen, ich verzeihe Dir, daß Du meine Schoͤnheit herabgewuͤrdigt haſt. Godwin verließ das Zimmer, ohne darauf zu antworten.— Er iſt böſe auf — — 35— mich, und ich bin ſelbſt daruͤber recht ver⸗ drießlich, daß er uͤber den geringſten Wider⸗ ſpruch ſo leicht empſfindlich wird.— War⸗ um biſt Du aber auch— ſagte Henriette zu ihrem Bruder,— nicht damit einverſtan— den geweſen, was ſich nicht ablaͤugnen laͤßt, daß Miß Growell ein liebenswuͤrdiges Maͤd⸗ chen iſt?— Ich kann es nicht dulden, wenn man meiner Henriette und Ancelina nicht Gerechtigkeit wiederfahren läͤßt.— Wie kannſt Du aber verlangen, daß alle Augen eben ſo eingenommen ſeyn ſollen, als die Deinigen?— Godwin hat ſich durch ein blo⸗ ſes Vorurtheil verleiten laſſen.— Biſt denn Du, lieber Alfred, von allen Vorurtheilen frei? Brechen wir lieber von dieſem Gegen⸗ ſtande ab, und laßt uns das intereſſante Buch wieder zur Hand nehmen, aus wel— chem Godwin kurz vor der Ankunft unſerer neuen Nachbarn uns vorgeleſen hatte. Da⸗ mit endigte ſich das Geſpraͤch uͤber den Na⸗ bob und deſſen Familie. Fuͤnftes Capitel. 0 Als Growells von ihrem Beſuche in Mil⸗ born⸗Hall zuruͤckgekehrt waren, begaben ſie ſich in einen kleinen Saal, in welchem al⸗ lenthalben die ausgeſuchteſte Pracht herrſchte;z hier ſchloſſen ſie ſich ein und verboten, daß man ſie ſtoͤre. Evan und Clara aber wur⸗ den von Gideon und Aurea aufgeſucht, und mit einer Menge Fragen uͤber die Bewohner von Milborn⸗Hall beſtuͤrmt. Evan ſprach weiter nichts, als daß er große Langeweile gefuͤhlt haben wuͤrde, wenn er nicht Miß Henriette, die juͤngſte Tochter des Lords, ge⸗ ſehen haͤtte.— Sie iſt wohl ſehr huͤbſch, fragte Gideon?— Sehr liebenswuͤrdig.— Hat der Lord noch mehr Kinder?— Es find ihrer eben ſo viele wie wir, zwei Soͤhne und zwei Toͤchter.— Theile uns ein Bild von ihnen mit, ſprach die junge Aurea, und wandte ſich mit dieſer Frage an ihren Bru⸗ der. Evan aber ſchuͤttelte den Kopf, pfiff eine Melodie und ging von dannen.— Mein Bruder iſt recht ungefaͤllig, fuhr Aurea fort; ſey Du, liebe Schweſter, ſo gut, und ſag' uns, was Du von der Familie Milborn haͤltſt.— Lord und Lady Milborn ſind, wie mir ſcheint, ſehr achtengswerthe Perſo⸗ nen; Alfred, der älteſte Sohn, iſt ein ſchoͤ⸗ ner, ungemein artiger junger Mann; er war es, dem wir auf unſerer Herreiſe auf der Straße begegneten; ſein Bruder ſteht ihm zwar nach; indeſſen beſitzt er auch ſeine Vor⸗ zuͤge und er koͤnnte mir ſelbſt mehr gefallen, als jener.— Und die Mädchen, fragte Gideon, ſind dieſe huͤbſch?— Die ältere, Namens Ancelina, iſt ſehr liebenswuͤrdig, al⸗ lein ſie iſt bei weitem nicht ſo ſchoͤn, als ihre juͤngere Schweſtet, welche ich Henriette nennen hoͤrte. Beide haben eine treffliche Erziehung gehabt, und ich bin uͤberzeugt, daß ihre Geſellſchaft eine Quelle des Ver⸗ gnügens für uns ſeyn wird. In dieſem Au⸗ genblicke trat Miſtreß Growell in das Zim⸗ mer, wodurch das Geſpräch eine andere Wendung erhielt. Da gegenwaͤrtige Geſchichte mich, als de⸗ ren Erzähler, in den Stand ſetzt, in den Herzen der Perſonen, welche die Hauptrollen darinnen ſpielen, leſen zu koͤnnen, ſo bin ich dem Leſer ſchuldig, ihn in einige Geheimniſſe dieſer beiden Familien einzuweihen. Als der wilde Evan ſich von Milborn-Hall wegbe⸗ gab, nahm er das Bild mit ſich, das ſein Innerſtes verwundet hatte. Der Anblick der himmliſchen Henriette hatte die heftigſte Lei⸗ denſchaft fuͤr ſie in ihm entzuͤndet. Bis auf dieſen Augenblick hatte er von der Liebe ei⸗ nen hochſt abgeſchmackten, ich möchte faſt ſagen, niedrigen Begriff gehabt; die Frauen⸗ zimmer, welche ſeiner Perſon bis dahin ge⸗ fallen hatten, konnten ihm nur eine ſehr un⸗ vortheilhafte Meinung vom ganzen weiblichen Geſchlechte beibringen, und uͤberdies erlaubte ſich ſein Vater, auf ſehr unzarte Weiſe uͤber eine edle Liebe in ſeiner Gegenwart zu ſpot⸗ „ 65 telnz bei einem ſolchen Charakter, wie Evan beſaß, faßten dergleichen Reden nur zu leicht tiefe Wurzeln, und vergifteten ſein Herz im⸗ mer mehr. Evan, ergriffen von der Reuheit ſeiner Gefuͤhle, empfand eine gewiſſe Art von Scham daruͤber, und die Furcht, er möchte ſich verrathen, bewirkte, daß er vorhin ſeine Geſchwiſter ſo eilig verließ, als dieſe ihn üͤber die naͤhern Umſtaͤnde der Milbornſchen Fa⸗ milie befragten. Seine uͤble Laune hatte ihn in eine Gartenlaube gefuͤhrt, wohin wenige Minuten darauf ſein Vater ebenfalls kam⸗ — Evan, ſo begann dieſer, Du ſcheinſt mir ein Traͤumer zu ſeyn?— Ich, Vater? nein, ganz und gar nicht.— Sey doch aufrichtig, ein Paar ſchone Augen beſchaͤfti⸗ gen Dich in dieſem Augenblicke?— Ich verſtehe Sie in der That nicht.— Wenn dem wirklich ſo iſt, ſo will ich deutlicher ſprechen; Du haſt Dich in eine der beiden Toͤchter Lord Milborns verliebt, in die al⸗ tere, nicht wahr?— In Ancelina? nein, wahrhaftig nicht.— Nun denn, ſo iſt's Henriette; iſt ſie ſchon?— Sehr ſchön.— Und Du liebſt ſie?— nicht.— Ich glaube es gewiß, und billige auch Deine Wahl; Du mußt Dich nun bei ihr einzuſchmeicheln ſuchen, und Dich be⸗ muͤhen, ſie zum Weibe zu erhalten.— Ich habe keine Luſt zum Heirathen.— Die wird ſich ſchon finden, Henriette iſt eine rei⸗ zende Perſon.— Das will ich gern zuge⸗ ben, ich kann mich aber nicht entſchließen, meine Freiheit aufzuopfern.— Deine Frei⸗ heit aufopfern, wie, bin ich denn ein Sklave? Eine Frau iſt, wenn ſie uns einmal ange⸗ hört, ein Gegenſtand, uͤber welchen wir auf unumſchraͤnkte Weiſe gebieten konnen; der Mann, der ſchwach genug iſt, ſich ſeine Rechte zu vergeben, verdient allein, dieſe Feſ⸗ ſeln zu tragen. Die hereinbrechende Nacht erinnerte ſie, in das Schloß zuruͤckzukehren, man verſchob daher die Fortſetzung dieſes Geſpräches auf einen andern Tag. In der Milbornſchen Familie war es Das weiß ich ſelbſt — Godwin, der ſich von den Reizen und dem liebenswuͤrdigen Weſen der Clarn Growell gefeſſelt fuͤhlte. Ihr Bildniß hatte ſich in ſein Herz geſchlichen, und er konnte ſich von dem Gedanken an ſie nicht trennen; Nie⸗ mand hatte jedoch dieſe Veraͤnderung in ſei⸗ nem Innern bemerkt, daher hatte er auch keinen Scherz und Spott daruͤber zu er⸗ dulden. Nach Verlauf einiger Tage bega⸗ ben ſich Lord und Lady Milborn mit God⸗ win und Ancelina nach Sumptuos⸗-Caſtle. Man empfing ſie mit der größten Artigkeit, und ehe ſie ihre Wirthe verließen, erhiel⸗ ten ſie die Einladung zu einem großen, in der naͤchſten Woche zu veranſtaltenden Feſte. Milborns nahmen dieſe Einladung an, und beide Theile trennten ſich, dem Anſcheine nach, ſehr zufrieden von einander. Bei dieſem Ge⸗ genbeſuche theilte Gideon das Schickſal ſeines Bruders Evan; er faßte die zärtlichſte Nei⸗ gung zu der liebenswuͤrdigen Ancelina. Seine Stimmung entging dem Vater keineswegs; da dieſer aber ehne Zweifel ganz andere — Plane im Sinne hatte, ſo beeilte er ſich, ſeinem Sohne zu verſtehen zu geben, daß er in eine Verbindung mit Miß Milborn nie⸗ mals ſeine Zuſtimmung geben wuͤrde. Gi⸗ deon ward durch dieſe Erklaͤrung ſeines Va⸗ ters auf zwiefache Weiſe tief erſchuͤttert; er war nicht allein erſtaunt, daß man ihn durch⸗ ſchaut hatte, ſondern auch hoͤchſt bekuͤmmert, daß er aller Hoffnung fuͤr die Zukunft be⸗ raubt war; deſſen ungeachtet erwiederte er ſei⸗ nem Vater kein Wort. Growell war ein ſo ſtrenger Mann, daß ſeine Kinder ihm nicht zu widerſprechen wagten, und keinen andern Willen als den ſeinigen kannten. Evan al⸗ lein beſaß, was in Wahrheit ſonderbar iſt, das Talent, daß er mit ſeinen Altern ma⸗ chen konnte, was er nur wollte. Beide heeg⸗ ten eine ſo blinde Liebe zu ihm, daß ſie glaubten, er beſaͤße gar keine Fehler. Man beſchaͤftigte ſich nunmehr faſt gaͤnz⸗ lich blos mit den Vorbereitungen zu dem kuͤnftigen Feſte, wozn man den Geburtötag der Miſtreß Growell etwählt hatte, und ob⸗ — 43— ſchon die Familie Milborn bereits muͤndlich eingeladen worden war, ſo glaubte man doch, es erfordere der gute Ton, daß man ihnen noch beſonders eine Einladungskarte zu⸗ ſchicke. Am beſtimmten Tage verfuͤgten ſich Mil⸗ borns nach Sumptuos-Caſtle. Eine Tafel fuͤr funfzig Perſonen war mit einer Pracht gedeckt, deren ſich kein Fuͤrſt haͤtte zu ſchä⸗ men brauchen. Was man nur durch Gold erlangen kann, das fand man Alles bei die⸗ ſem gläͤnzenden Gaſtmahle, bei welchem ge⸗ gen zwanzig in der Umgegend wohnende Fa⸗ milien ſich verſammelt ſahen. Nach aufgeho⸗ bener Tafel ging die Geſellſchaft in den Ball⸗ ſaal, der von mehr als tauſend Kerzen herr⸗ lich erleuchtet war. Um zehn Uhr ward ein praͤchtiges Feuerwerk losgebrannt, und erſt um fuͤnf Uhr Morgens verließen die Gäſte ihre freigebigen Wirthe. Evan hatte waͤhrend des Balles mit Hen⸗ rietten ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen gewußt. Ohne alle Erfahrung und ohne die geringſte Feinheit wagte er es, ihr die ungeſtuͤmſte Erklärung zu thun. Die Tochter des Lord Milborn hatten, wie ſchon erwähnt, die trefflichſte Bildung und Erziehung gehabt, und wiewohl Henriette die Sanftmuth ſelbſt war, ſo wußte ſie doch ſehr wohl, welche Achtung ihr gebuͤhrte; und ſie konnte da⸗ her nicht umhin, ihr Mißvergnuͤgen uͤber ein ſo unanſtändiges Betragen zu verſtehen zu geben. Evan ſchob ſeine Haſtigkeit auf das übermaaß ſeiner Liebe; da aber dieſe Entſchuldigung nicht angenommen werden konnte, ſo drehte Miß Milborn ihm den Ruͤcken zu, und ließ ihn ohne Antwort ſte⸗ hen. Evan, heftig daruͤber aufgebracht, nannte dieſes laut eine Beleidigung. Sein rohes Herz emporte ſich bei dem Gedanken, daß ſeine plumpe Zärtlichkeit verſchmaͤht wor⸗ den war; tauſend Plane, einer immer tol— ler als der andere, erfuͤllten ſeinen Geiſt, und um dieſe deſto ungeſtörter zur Reife zu bringen, zog er ſich ſehr bald vom Balle zuruͤck. Tages darauf hatten Evan eine geheime Unterredung mit ſeinen Altern, nach welcher er weit ruhiger wurde. Eine ganz eigene Freude glaͤnzte aus ſeinen Augen hervor, und ſchien eine innerliche Genugthuung zu ver⸗ kuͤnden. Sechstes Capitel. Alfred liebte zwar alle ſeine Geſchwiſter ſehr, indeſſen ſtand doch Henriette ſeinem Herzen viel naͤher, als die beiden anderen. Seit ſeiner Kindheit war Henriette ſeine Vertraute geweſen; alle ſeine Vergnuͤgungen, alle ſeine kleinen Unfaͤlle theilte er mit dieſer geliebten Schweſter; auch Henriette kannte keine großere Freude, als wenn ſie ihr Herz vor Alfreden aufſchließen konnte. Beide hat⸗ ten faſt denſelben Charakter, dieſelben Nei⸗ gungen, ſelten waren ſie verſchiedener Mei⸗ nung, und was das Eine ſprach, war faſt immer vom Andern ſchon gedacht worden. Den Tag nach dem in Sumptuos-Caſtle Statt gehabten Feſte ſuchten Henriette-und Alfred einander auf. Mit einer gewiſſen Haſtigkeit naͤherte ſich Henriette ihrem Bru⸗ der, in der Abſicht, ihm das mitzutheilen, was ihr am vergangenen Abende widerfahren war; allein ſo wie ſie vor ihm ſtand, ſchien es, als geboͤten ihr triftige Gruͤnde, ſtill zu ſchweigen; vielleicht, dachte ſie, duͤrfte es ge⸗ faͤhrlich ſeyn, in einer ſolchen Sache auf ei⸗ nen jungen Mann Vertrauen zu ſetzen. Al⸗ fred, der ſeiner Seits vor Begierde brannte, mit ihr zu ſprechen, befragte ſie ſofort uͤber die genoſſenen Vergnuͤgungen des vorigen Abends. Henriette antwortete ihm nur im Allgemeinen und mit einer etwas verlegenen Mieneß da ergriff Alfred ihre Hand, druckte ſie ſanft, und ſagte: Du biſt heute ſehr wortkarg, liebe Schweſter.— Ich? neinz aber was ſoll ich Dir denn ſagen, Alfred? Du biſt ja ebenfalls in Sumptuos-Caſtle geweſenz wollte ich Dir nun erzählen, was ſich dort zugetragen hat, ſo wuͤrde ich blos das wiederholen konnen, was Du bereits ge— ſehen und gehoͤrt haſt.— Es kann wohl ſeyn, daß ich Alles geſehen; allein, Henriette, deshalb habe ich nicht Alles gehört, ſo weiß ich zum Beiſpiel durchaus nicht, womit Evan — 46— Srowell faſt länger als eine halbe Stunde Dich unterhalten haben mag.— Nun, er ſprach von ſeinen Geſchwiſtern, Kltern, von uns„„— Du wirſt ja auf einmal ſo roth, Henriette? Ein ſolcher Gegenſtand ſollte, daͤchte ich, Dich nicht in Verwirrung bringen können.— Ich bin nicht verlegen, lieber Bru⸗ der, Du irrſt Dich ſehr; ja ich glaube, daß ich mich noch niemals durch eigene Schuld in dem Falle befunden habe, uͤber etwas verlegen zu wer⸗ den.— Es ſcheint mir, Henriette, als nahmſt Du meine Worte in einem andern Sinnez Du weißt recht gut, daß Niemand mehr als ich Dei⸗ nen Tugenden Gerechtigkeit wiederfahren läßt; ich habe daher nicht die Abſicht haben können, Dir zu verſtehen zu geben, daß der Zwang, den Du in Deine Antworten legſt, von einer Ver⸗ wirrung herruͤhre, welche Dir gewiſſermaßen ei⸗ genthuͤmlich ſey, ich befuͤrchte vielmehr, daß die⸗ ſer Evan, der mir ganz und gar nicht gefaͤllt, es gewagt habe, Dir Dinge zu ſagen— Er hat mir nichts geſagt, ich verſichere es Dir, lieber Alfred! Dieſe Worte ſprach Hen⸗ riette mit ſolcher Eilfertigkeit, daß der Ver⸗ dacht, den ihr Bruder bereits gefaßt hatte, dadurch eher wuchs, als geſchwaäͤcht wurde.— Es iſt gut, Henriette, ſprach erz ich habe nicht das Recht, Dir ein Geſtaͤndniß abzu⸗ dringen, das Dir ein Opfer koſten konnte⸗ Mit dieſen Worten verließ er ſie. Seind be⸗ truͤbte Miene that zwar Henrietten weh, den⸗ noch aber wollte ſie ihn lieber in Ungewißheit laſſen, als die Wahrheit bekennenz ja er hatte ihr, ohne daß er es ahndete, ſogar neue Be⸗ weggruͤnde zur Beobachtung eines feſten Still⸗ ſchweigens an die Hand gegeben. Er hatte ge⸗ äußert, daß Evan ihm nicht geſielez ſie mußte ſich daher in Acht nehmen, daß ſie ihm nicht die Gelegenheit darbot, ſeine Abneigung ge⸗ gen Evan auf eine unzweideutige Weiſe n ſtärker fuͤhlen zu laſſen. Godwin hatte öfters mit Clara Growell getanztz wenn aber auch in ſeinen Augen die Liebe zu leſen war, ſo waren doch uͤber ſeine Lippen keine anderen Worte, als bloſe Höf⸗ lichkeitsbezeugungen, gekommen. D — 50— Gideon) dieſer beſcheidene und furchtſame junge Mann, hatte ſich damit begnuͤgt, die aͤl⸗ tere Tochtet des Lord Milborn im Stillen zu bewundern; die Schläge ſeines Herzens hätten ihm zum Veher Sh dienen können. tini nni Die beiden Fafilten ſahen ſch ſeit ei einem n Jahre ſehr haͤufig; Evan hatte ſich ver⸗ geblich bemuͤht, die Unterredung, welche er mit Henrietten auf dem Balle begonnen hatte, wie⸗ der anzuknuͤpfen„denn ſie vereitelte dergeſtalt alle ſeine Entwuͤrfe ruͤckſichtlich dieſes Gegen⸗ ſtandes, daß er ſie nicht einen Angenblick ohne Zeugen ſprechen konnte. Alfred ſchien ſeine Schweſter hierin, gleich als wenn beide es verabredet hätten, zu unterſtuͤtzen, denn ſo oft als Evan in Milborn⸗Hall erſchien, ging Alfred ſeiner Schweſter nicht von der Seite. Lord Milborn hatte die Gewohnheit, ſehr oft allein und zu Fuß die Umgebungen ſei⸗ nes Landgutes zu durchſtreifen; er beſuchte dann nicht ſelten ſeine Paͤchter, und da er ſeine Spatziergänge meiſtens in das Weite erſtreckte, ſo kehrte er auch gewoͤhnlich nur ſpaͤt nach Harſe zuruͤck. Eines Tages, es war im Anfange Oeto⸗ bers, hatte er ſich auf einem ſolchen Spatzier⸗ gange vergeſſen, und die Nacht uͤberraſchte ihn, als er noch ziemlich weit vom Schloſſe ent⸗ fernt war. Die Beſorgniß, ſeine Gattin und Kinder möchten uͤber ſein Außenbleiben ängſt⸗ lich werden, machte, daß er ſeine Schritte ver⸗ doppelte. Er mußte jetzt durch ein kleines Ge⸗ hoͤlz gehen; kaum aber war er in dieſes ein⸗ getreten, als ploͤtzlich drei Kerle auf ihn los⸗ ſtuͤrzten; er war ohne Waffen, vermochte da⸗ her keinen Widerſtand zu leiſten, und ward in einem Augenblicke mit Stricken geknebelt. Stechen wir ihm ein Auge aus! rief einer dieſer Boͤſewichter. Warum nicht beide Augen? erwiederte der zweite. Nein, nur ein einziges, ſo lautet unſer Befehl! und mit einem Meſſer⸗ ſtiche vollzog man die entſetzliche That. Mil⸗ born ſchrie, und ſtuͤrzte zu Boden; in dieſem Augenblicke ſah man von weitem einen Reiter mit einer Piſtole in der Hand herbei geſprengt B 2 kommen. Elende! rief dieſer Fremde ihnen zu, vielleicht unterliege ich, aber Einen von Euch bringe ich um. Mit dieſen Worten feuerte er das Piſtol ab, wodurch er zwar Niemanden traf, allein die Banditen dermaßen in Schrecken ſetzte, daß ſie auf's Eiligſte durch das Gebuͤſch entflohen. Der Unbekannte nä⸗ herte ſich dem Ungluͤcklichen, befreite ihn von ſeinen Banden, und erkannte in ihm ſeinen wuͤrdigen Nachbar. Lord Milborn, rief er, wie, ich alſo bin ſo gluͤcklich, Ihnen das Leben gerettet zu haben? Der ſchrecklichen Schmer⸗ zen, welche Milborn empfand, ohngeachtet, reichte er ſeinem edelmuͤthigen Beſchuͤtzer ſeine Hand und bat ihn, er moͤchte ihn bis in ſeine Wohnung geleiten. Growell, denn dieſer war es, welchen das Gluͤck zeitig genug herbeige⸗ fuͤhrt hatte, um ſeinen Freund und Nachbar zu retten, reichte ihm ſeinen Arm. Der Zuſtand, in welchem Milborn im Schloſſe anlangte, erfuͤllte alle Herzen mit dem groͤßten Schrecken, ſeine mit Blut be⸗ deckten Kleider, ſein gänzlich entſtelltes Geſicht, — 53— gewährten ſeiner Familie, die ihn auf's Hochſie liebte und verehrte, einen entſetzlichen Anblick. Ein Diener, der von der Wundarzneikunſt et⸗ was verſtand, legte den erſten Verband auf, waͤhrend ſogleich ein Wagen fortgeſchickt wurde, um den geſchickteſten Arzt der Gegend herbei⸗ zuholen. Nachdem Milborns Wunde verbunden wor⸗ den war und er ſich niedergelegt hatte, ſo tra⸗ ten alle zu Growelln, um von ihm das Naͤ⸗ here uͤber dieſen hochſt traurigen Vorfall zu er⸗ fahren. Er erzaͤhlte, er waͤre von einem Be⸗ ſuche bei einer benachbarten Familie zuruͤckge⸗ kehrt, und da das Wetter gegen Abend ſo mild geweſen, ſey er aus dem Wagen geſtiegen und habe ſeine Leute im Voraus nach Hauſe ge⸗ ſchickt, indem er den Reſt des Weges zu Fuße habe machen wollen; als er nun am Rande eines Wäldchens gegangen, habe er in dieſem ein ängſtliches Geſchrei gehört, ſey, da er zum Gluͤcke gewöhnlich ein Paar Piſtolen bei ſich zu tragen pflege, der Perſon, welche in großer Be⸗ draͤngniß zu ſchweben geſchienen, eiligſt zu Hůlfe gekommen, und habe bei ſeinem Herannahen eine Piſtole losgeſchoſſen; er wiſſe zwar nicht, ob einer von den Banditen von ihm verwun⸗ det worden, ſie hätten jedoch ſaͤmmtlich hier⸗ auf die Flucht ergriffen. Dieſe Erzählung er⸗ weckte die lebhafteſte Dankbarkeit in allen Her⸗ zen, und von dieſem Tage an betrachtete man Growelln als den Erretter der Familie und deren treueſten Freund. Milborns Wunden waren nicht lebens⸗ gefährlich, und ſeine Geſundheit ward in kurzer Zeit wieder hergeſtellt. Zwar hatte er ein Auge eingebuͤßt, und mehrere Meſſer⸗ ſtiche, welche die Böſewichter ihm in das Geſicht verſetzt hatten, verunſtalteten daſſelbe durch Narben und machten ihn haͤßlich von Anſehen, nichtsdeſtoweniger aber ward hier⸗ durch die Liebe ſeiner Gattin und Kinder durchaus nicht gemindert. Dieſes Ereigniß verwandelte, wie ich ſchon geſagt habe, die kalte Hoflichkeit, welche vorher zwiſchen den Häuptern der bei⸗ den Familien geherrſcht hatte, in die innigſte V— „ Freundſchaft, und es verging keine Woche, ohne daß wan ſich gegenſeitig beſucht hätte, ja man verweilte ſogar öfters mehrere Tage bei einander. Durch dieſes enge Verhältniß wurden auch Henriettens Maßregeln ver⸗ geblich gemacht, denn Evan fand mehrmals Gelegenheit, ſeinen Antrag zu erneuern⸗ Henriette, hierdurch auf's Außerſte gebracht, ſagte ihm eines Tages, ſie liebe ihn nicht nur nicht, und koͤnne ihn auch niemals lie⸗ ben, ſondern ſein Betragen floͤße ihr ſelbſt Widerwillen, wo nicht gar am Ende Haß ein. Dieſe foͤrmliche Erklaͤrung brachte Evan dergeſtalt in Zorn, daß er ſeine Verwegenheit ſo weit trieb, ihr zu drohen, er werde ſie be⸗ kommen, ſey es auch durch welche Mittel es wolle; Henriette aber achtete auf dieſen Aus⸗ bruch ſeiner Leidenſchaft ſo wenig, als wenig ſie ſeinen groben Schmeicheleien bisher Ge⸗ yör geſcheñkthatte. Alfred hatte die Leidenſchaft Evans zu ſeiner Schweſter gar wohl bemerkt, und aus der Sorgfalt, mit welcher dieſe ihm ſtets — 6— auszuweichen ſuchte, ſchloß er, daß Evan frech genug geweſen ſeyn könne, mit ihr dar⸗ uͤber zu ſprechen; aber er ahndete keineswe⸗ ges, bis auf welchen Punkt die Sachen ſchon gekommen waren. Mehrmals hatte er ſich mit Henrietten deshalb verſtaͤndigen wollen, allein ſie hatte ſich jedesmal dagegen geſetzt, und Alfred liebte ſeine Schweſter zu ſehr, um nicht von weitern Fragen abzuſtehen. Siebentes Capitel. Der Winter war vbruͤbergegangen, und die Freundſchaft beider Familien ſchien taͤglich tie⸗ fere Wurzeln zu faſſen. Ein Ereigniß, welches Lord Milborn in der That ſehr auffallend vor⸗ kam, verſchaffte Growelln die Gelegenheit, ihm ſeine ganze Anhaͤnglichkeit zu beweiſen. Der Lord beſaß ein anſehnliches Vermögen, da er aber viel Geld unter ſeine armen Unter⸗ thanen austheilte, ſo geſchah es gewoͤhnlich⸗ daß er am Ende des Jahres keinen Uiberſchuß in der Caſſe hatte; ſeine Ausgaben uͤberſtiegen jedoch ſeine Einnahmen keineswegs, und Nie⸗ mand konnte ſich gegen ihn einer Forderung beruͤhmen. Wie groß war daher ſein Erſtau⸗ nen, als man ihm eines Tages einen Conſta⸗ vler mit zwei Gehuͤlfen anmeldete, welche den Betrag eines Capitals von 6000 Pfund Ster⸗ ling von ihm verlangten und abholen wollten⸗ — 5— Der Lord, daruber beſturzt, begehrte die Schuld⸗ verſchreibung zu ſehen; man wies ſie ihm vor, er erkannte ſeine Hand und Unterſchrift, ſchwor aber, daß er in ſeinem ganzen Leben noch fuͤr keinen Penny Schulden gemacht habe.— Sie geſtehen aber doch ein, Mylord, daß Sie dic⸗ ſes geſchrieben haben?— Ich kann nicht läͤug⸗ nen, daß dieſe Schrift meiner Hand vollkommen gleicht, aber ich wiederhole, daß ich dieſe Obli⸗ gation nicht unterzeichnet habe.— Das iſt eine nichtige Ausflucht; Sie werden ſogleich bezahlen, oder haben zu gewarten, daß wir Sie in das Gefaͤngniß des Haußtortes abfuͤhren.— Nein, ich zahle kein Geld ezuruͤck, was ich nicht empfangen habe. Ein lebhafter Wortwechſel erfolgte. Alfred kam herzu und ward von ſei⸗ nem Vater von dieſer Betrüͤgerei in Kenntniß geſetzt. Der junge Mann hatte nicht uͤbel Luſt, den Conſtabler mit ſeinen Leuten zur Thüre hinaus zu werfenz der Lord aber, welcher ein boͤſes Spiel befuͤrchtete, hielt ihn zuruͤck und wollte lieber dem Geſetze gehorchen, das, wie er ſich ausdruckte, den Schuldigen ſchon beſtra⸗ fen wuͤrde. In dieſem Augenblicke trat ſeine Gattin mit Godwin, ihren Tochtern und meh⸗ rern Bedienten herzu; die letztern blickten auf Alfred und Godwin, ſie erwarteten nur einen Wink, um die drei Werkzeuge der Gerechtig⸗ keit die Treppe herabzuwerfen. Zufaͤlligerweiſe kam auch Growell herbeiz er wuͤnſchte Erklaͤ⸗ rung zu haben, und kaum erfuhr er, daß von einer Summe Geldes die Rede ſey, deren Nicht⸗ zahlung ſeines Freundes Verhaftnehmung zur Folge haben wuͤrde, ſo rief er dem Conſtabler zu: Ich leiſte Buͤrgſchaft fuͤr dieſe Summe, und wären es auch 30,000 Guineen; ich bitte, ſich zu entfernen, mein Name iſt Growell. Der Conſtabler machte eine ehrerbietige Ver⸗ beugung und ging fort. Ach, theuerſter Freund, begann Milborn, was fuͤr Verbindlichkeiten bin ich Ihnen ſchon ſchuldig! Seine vier Kinder warfen ſich an Growells Hals. O laſſen Sie das; warum wollen Sie fuͤr etwas ſich bedan⸗ ken, was Freundes Pflicht iſt?— Mein Be⸗ ſter, die Sache iſt eine Betruͤgerei, eine bos⸗ hafte Erfindung; ich habe niemals eines Dar⸗ lehns wegen mich unterſchrieben, nicht einen Schilling bin ich ſchuldig.— Aber was hilft das Alles, da Sie einmal eingeräumt haben, daß die Handſchrift der Ihrigen vollkommen gleich komme; Sie muͤſſen bezahlen, Ihre Ehre wuͤrde bei einer Weigerung leiden.— Das kann ich nicht, ohne mich hinſichtlich meines Vermogens in einige Verlegenheit zu ſetzen.— Beruhigen Sie ſich daruͤber, lieber Lord; das iſt nur eine Kleinigkeit, die ich auf mich neh⸗ men will.— Aber ich muß mich dann doch mit Ihnen berechnen, und..— Ich ver⸗ lange die Summe erſt in zwanzig Jahren wie⸗ der.— Edler Mann, nahm die Lady das Wort, und blickte Growelln tief geruͤhrt an, wie ſehr bin ich Ihnen dafuͤr dankbar, daß Sie meinem Gatten in einer Angelegenheit Huͤlfe leiſten, die ſeiner Ehre haͤtte nachtheilig werden und ihm die Ruhe rauben konnen.— Growell ſchien in der That ſein Verſprechen gehalten zu haben, denn der Conſtabler ließ ſich nicht wieder ſehen. Milborn wollte ſeinem Freunde der gedachten Summe halber Sicher⸗ heit geben, allein dieſer weigerte ſich deſſen in ſo beſtimmten Ausdruͤcken, daß man eine andere Gelegenheit, wo man ihm ein aͤhnliches Anerbie⸗ ten machen koͤnnte, abwarten zu muͤſſen glaubte. Um dem Befehle ſeines Vaters Folge zu leiſten, vermied Gideon, mit dem Gegenſtande ſeiner Anbetung auf irgend eine Weiſe in naͤ⸗ here Beruͤhrung zu kommen; doch die Liebe laͤßt ſich in einem gefuͤhlvollen Herzen durch gewoͤhnliche Mittel nicht unterdruͤcken. Gi⸗ deons Neigung ſchien durch die Abweſenheit eher an Staͤrke zu gewinnen, als zu verlieren. Er kam ſehr ſelten nach Milborn⸗Hall, ſeine Schweſtern aber, und insbeſondere Clara, be⸗ ſuchten Ancelina ſehr oft, dieſe beiden Mäd⸗ chen hatten ein enges Freundſchaftsbuͤndniß mit einander geſchloſſen, und ihr beiderſeitiger ſich ganz aͤhnlicher Charakter hatte ſie nur noch näher zuſammengebracht. Wenn die innigſte Freundſchaft zwiſchen zwei jungen Leuten ſich bildet, dann findet ſich auch das Vertrauen ſehr bald und befeſtigt die Verbindung. Gi⸗ deon hatte gar nicht noͤthig, an Clara beſon⸗ dere Fragen zu richten, ſobald dieſe von ihrer Freundin zuruͤckgekehrt warz ſie ſelbſt fand ſtets neues Vergnuͤgen darin, ſich von den Reizen, Tugenden und Talenten ihrer lieben Ancelina zu unterhalten. Gideon hoͤrte dieſes mit an, ward trunken vor Entzuͤcken, und fand ohne Unterlaß neue Gruͤnde, ſeine Geliebte anzubeten. Das zuruͤckhaltende Betragen Gideons, und noch mehr der Umſtand, daß er ſich ſo ſelten in Milborn⸗Hall ſehen ließ, waren in der That aufgefallen; Ancelina erinnerte ſich, daß Gi⸗ deon zu Anfänge der Bekanntſchaft der beiden Familien nicht nur niemals verfehlte, mit ſei⸗ nem Vater nach Milborn⸗Hall zu kommen, ſondern daß er auch gegen ſie ſtets die zarteſte Aufmerkſamkeit bewieſen hatte. Was konnte er nun aber fuͤr Grunde haben, die ihn bewo⸗ gen, jede Gelegenheit, wo er mit ihr zuſam⸗ men ſeyn konnte, gefliſſentlich zu vermeiden? Sie, ſie allein war es, vor der er floh; denn ſie hatte deutlich bemerkt, ſobald ſie in Sump⸗ tuos⸗Caſtle ankam, entfernte ſich Gideon und kam nicht wieder zum Vorſchein; im Gegen⸗ — 63— theile aber, und wenn Gideon bei ihr war, verließ er den Saal nicht einen Augenblick, und ihre Schweſter und Bruͤder konnten dann nicht aufhoͤren, die Liebenswuͤrdigkeit, die feine Bildung und die unveraͤnderliche Sanftmuth dieſes jungen Mannes zu preiſen. Da ſie den Gedanken, ſie ſey die einzige Perſon, die Gi⸗ deons Mißfallen erregte, nicht laͤnger zu er⸗ tragen vermochte, ſo entſchloß ſie ſich, ihre Freundin zu befragen, aus welcher Urſache ihr Bruder ſie mit ſolchem Widerwillen vermiede, Clara laͤchelte und meinte, Gideon beſaͤße zu viel feines Gefuͤhl, als daß er ein ſo liebens⸗ wuͤrdiges Maͤdchen haſſen ſollte.— Aber er flieht doch ganz abſichtlich vor mir, und es iſt bereits uͤber ſechs Wochen, daß er nicht ein einziges Wort mit mir geſprochen hat.— Dies habe ich allerdings auch bemerkt, und ich geſtehe Dir, daß ich ihm daruͤber Vorwuͤrfe gemacht habe.— Und was hat er dar⸗ auf geantwortet?— Er erroͤthete, und Thraͤ⸗ nen fuͤllten ſeine Augen.— Liebe Clara, hat er Dir gar nichts anvertraut?— RNicht eine Sylbe.— Ach, ich bin gewiß recht ungluͤck⸗ lich, daß ich ihm eine ſolche Abneigung ein⸗ geflößt habe.— Wie es mir ſcheint, liebſte Freundin, machſt Du Dir eine ganz falſche Vorſtellung von ihm. Soll ich Dir meine Meinung ſagen?— Clara, ich beſchwore Dich darum, ſprich!— Nun denn, ich ver⸗ muthe, daß er Dich auf's heftigſte liebt⸗— Welche Thorheit!(Ancelinas Wangen faͤrbten ſich, ſie läͤchelte und ſprach:) Aber wie kommſt Du denn auf dieſen ſonderbaren Einfall?— Ich kann in dieſer meiner Vermuthung gar nichts Sonderbares finden, die ganze Sache kommt mir im Gegentheil ſehr natuͤrlich vor. Meine Freundin iſt ſchon, ſie beſitzt tauſend Vorzuge, Gideon hat Augen, um ſie bewundern zu koͤnnen, ein Herz, das ihren Werth zu ſchätzen verſteht.— Iſt das Dein voller Ernſt?— Daran zweifle nicht.— Wenn ich das auch glauben wollte, wie wirſt Du mir aber erklären können, daß Gideon jede Ge⸗ legenheit vermeidet, mit einem ſolchen Frauen⸗ zimmer, als ich nach Deiner guͤtigen Beſchrei⸗ — 65— bung ſeyn ſoll, zu ſprechen?— In der That, Ancelina, ich kann Dir dieſes Raͤthſel auf keine genuͤgende Weiſe löſenz ich bin feſt uͤberzeugt, daß mein Bruder Dich liebt, aber ich kenne die Gruͤnde nicht, welche ihn, ein ſo auf— fallendes Betragen anzunehmen, bewegen; in⸗ deſſen kenne ich ihn zu gut, als daß ich nicht glauben ſollte, er habe triftige Urſachen dazu, und vielleicht wuͤrden wir dieſelben ſelbſt billi⸗ gen, ſobald ſie uns bekannt waͤren.— Ance⸗ lina, durch dieſe Worte keineswegs uͤberzeugt, ſchuͤttelte ihr Koͤpfchen, und brachte das Ge⸗ ſpraͤch auf einen andern Gegenſtand. Aus dem, was wir jetzt von Ancelina wiſ⸗ ſen, kann man leicht ermeſſen, daß Gideon keine Urſache hatte, mit ſeiner ſcheinbaren Gleichguͤltigkeit zu kaͤmpfen; der junge Mann kannte ſein Gluͤck noch nicht, er hatte daher den zwiefachen Kummer, nicht allein zu wiſſen, daß ſein Vater zu einer Verbindung mit dem einzigen weiblichen Weſen, das er liebte, nie⸗ mals ſeine Zuſtimmung geben wuͤrde, ſondern er ſchwebte, haͤtte er auch von jener Seite E ——————— S 66 3 kein Hinderniß zu uͤberſteigen gehabt, in der peinlichſten Ungewißheit, ob auch Ancelina an ſeiner Perſon Gefallen faͤnde, oder nicht. Als Clara Milborn-Hall verließ, dachte ſie uͤber das nach, was Ancelina mit ihr geſprochen hatte, und ſie beſchloß, ihren Bruder auszu⸗ forſchen, ohne jedoch dabei ihre Freundin zu compromittiren. Sehr bald zeigte ſich dazu die Gelegenheit, denn Liebende beduͤrfen be⸗ kanntlich eines Herzens, welchem ſie ihr Ver⸗ trauen ſchenken koͤnnen. Gideon hatte zu ſei⸗ ner Schweſter Clara eine große Anhaͤnglichkeit; ſie war die einzige Perſon, deren Gefuͤhle und Neigungen mit den ſeinigen mehr uͤberein⸗ ſtimmten; der wilde Evan behandelte ihn ſo, als ob er ſein Diener, nicht ſein Bruder waͤre. Und was die andere Schweſter, Aurea, betraf, ſo war dieſe dermaßen geiſtesſchwach, daß man nicht eine Stunde lang mit ihr ein anhalten⸗ des Geſpräch fuͤhren konnte. In kurzer Zeit war Clara in alle Geheimniſſe Gideons einge⸗ weiht, und erſtaunte uͤber das Verbot ihres Vaters nicht wenig. Woher kam es denn, ſo meinte ſie, daß ihr Vater die heftige Leiden⸗ ſchaft, welche Evan ohne Unterlaß gegen Hen⸗ rietten an den Tag legte, zu billigen ſchien; und gleichwohl wollte er nicht zugeben, daß ſein zweiter Sohn ſich um deren Schweſter bewarb? Sie verſuchte, den mit der Verzweif⸗ lung kämpfenden Gideon zu troͤſten, indem ſie ihn darauf aufmerkſam machte, daß ihr Vater vielleicht in Zukunft noch von einem ſo un⸗ erklaͤrbaren Entſchluſſe abgehen wuͤrde. Achtes Capitel. Eines Morgens kam Growell nach Milborn⸗ Hall, und ließ ſich, anſtatt daß er, ſeiner Gewohnheit nach, in den Speiſeſaal ging, ſo⸗ gleich in Milborns Zimmer fuͤhren, wo er je⸗ doch nur kurze Zeit verweilke⸗ Beide traten nach einer kleinen halben Stunde mit ſehr zu⸗ friedenen Mienen aus dieſem Gemache heraus. Growell verließ ſehr bald Milborn-Hall, der Lord aber gab ſeiner Gattin zu verſtehen, daß ſie ihm in ſein Zimmer folgen moͤchte; nach ohngefahr zehn Minuten ließ er Henrietten rufen und ihr ſagen, ſie moͤchte ſich zu ihrer Mutter verfuͤgen. Alle dieſe Unterredungen er⸗ fullten des Maͤdchens Herz mit banger Furcht; ſtill ſtand ſie auf, blickte ihren Bruder Alfred an, der ebenfalls ſehr unruhig war, und ging in ihrer Mutter Gemach; die Lady empfing ihre Tochter mit einer etwas verlegenen Miene, — 69— und betrachtete ſie einige Augenblicke mit Still⸗ ſchweigen. Mit niedergeſchkagenem Blicke und zitternd erwartete Henriette den Beſcheid, wel⸗ chen ihre Mutter ausſprechen wuͤrde. Ein ſchmerzhaftes Vorgefuͤhl laſtete druckend auf ih⸗ rem Herzen. Ich befuͤrchte, begann die Lady, ich befuͤrchte, liebe Tochter, man hat mir einen peinlichen Auftrag gegeben, und peinlich wird er in der That werden, wenn der Vorſchlag, mit welchem ich Dich ſogleich bekannt machen will, Dir Kummer verurſachen ſollte. Hen⸗ riette ergriff die Hand ihrer Mutter und druckte einen Kuß darauf. Ich glaube, fuhr die Lady fort, Dein Herz, liebes Kind, iſt noch frei? Henriette errothete, und beantwortete dieſe Frage mit einem leiſen Ja.— In dieſem Falle wird der Wunſch und Wille Deines Vaters kein Hinderniß antreffen. Die Lady hielt zum zweiten Male innes nach einer klei⸗ nen Weile begann ſie: Es bietet ſich Dir eine ſehr vortheilhafte Parthie darz es iſt einer von Growells Soöhnen.— Evan iſt's, nicht wahr? ſiel Henriette der Mutter in's Wort.— Ja, 1 1 + 6 Evanz er iſt ein junger Mann, der„— Die Lady vermochte nicht weiter zu ſprechen und hielt von Neuem inne.— Kein Lob läßt ſich ſagen, ſobald von Evan die Rede iſt;— vergebens wuͤrde meine theure Mut⸗ ter nach Worten ſuchen, womit ſie ihn er⸗ heben koͤnnte, es iſt das ein ſo undankbarer Gegenſtand, daß die Wahrheit den Mund ſogleich verſchließt.— Nach dem Urtheile, das ich von meiner Henriette uͤber den ſich ihr darbietenden Gemahl ſo eben vernommen habe, zittere ich wegen der Antwort auf meine uͤbrigen Fragen; aber bedenke, liebe Tochter, daß Dein Vater ſein Wort bereits gegeben hat, und Du weißt, daß nichts im Stande iſt, ihn daſſelbe brechen zu laſſen.— Ich darf mir wohl ſchmeicheln, daß meine Vltern bis auf dieſen Augenblick in mir eine ehrfurchtsvolle und in deren Willen ſich gänz⸗ lich fuͤgende Tochter geſehen haben, ich bin jederzeit bereit, denſelben ſogar mein Leben zum Opfer zu bringen, wenn ihnen ein ſol⸗ es Opfer gefallen konnte; aber ich kann — nicht, nein, es iſt mir durchaus unmöglich, in dieſem Punkte zu gehorchen, Evan iſt fuͤr mich ein Gegenſtand des Abſcheues.— Großer Gott, was hat er denn Dir ange⸗ than?— Er hat mir ſchon viel Boͤſes zuge⸗ fuͤgt, denn er iſt es, der mir den erſten Kummer verurſacht hat, welchen ich im äl⸗ terlichen Hauſe empfinde.— Kannſt Du ihn eines Vergehens gegen Dich zeihen?— Ja, theure Mutter, er wußte, daß ſein Begehren meine Billigung nicht erhalten wuͤrde, ſchon oft hat er ſich erfrecht, mir von ſeiner ver⸗ haßten Leidenſchaft vorzuſprechen, ich konnte ihm meinen Widerwillen nicht verbergen, und daß er ſich nicht daran kehrte, zeugt von ei⸗ nem rohen, gefühlloſen Herzen.— Seine Liebe zu Dir kennt keine Grenzen.— Aber mein Haß gegen ihn iſt noch ſtärker.— Henriette, dieſe Antwort zeugt von vielem Starrſinn.— Um Gotteswillen, theuerſte Mutter, machen Sie mit meinen Tyrannen nicht gemeinſchaftliche Sache!— Henriette, Du ſprichſt unſinnig! Wie? Du willſt Dei⸗ nen Vater anklagen?— Ach vergeben Sie mir, laſſen Sie den ſchrecklichen Zuſtand, in welchen der Schmerz mich geſtuͤrzt hat, als Entſchuldigung gelten, aber der bloſe Ge⸗ danke, die Frau dieſes Ungeheuers zu werden, bringt mich in Verzweifelung.— Bediene Dich nicht ſolcher Ausdruͤcke, Henriette!— Vergeſſen Sie, theuerſte Mutter, auf einen Augenblick, daß Sie der Dollmetſcher mei⸗ nes Vaters ſind, ſagen Sie mir einmal frei⸗ muͤthig, was denken Sie von Evan?— Ich halte ihn fuͤr einen Mann von Ehre!— Vielleicht iſt er das, allein reicht dieſes hin, um das Gluͤck einer Gattin zu gruͤnden? Beſitzt er irgend eine angenehme Eigenſchaft? Sꝛie ſchweigen ſtill, das iſt ein Zeichen, daß Sie von ihm nichts zu ſagen wiſſenz nicht ſo verhält es ſich aber mit ſei⸗ nen Fehlern und Laſtern.— Henriette, Du gehſt zu weit, ich gebe es zu, daß Evan weder ſchon, noch liebenswuͤrdig iſt, allein er hat gewiß auch ſeine guten Seiten.— Kennen Sie welche? Ich will ſtatt Ihrer ——— —— —,————— — — —,————— —,——————————— ichei —— — antworten; ich kenne keine, und das iſt alſo der Gemahl, welchen mein Vater fuͤr mich beſtimmt hat? Ich wiederhole es, ich kann den Tod erdulden, um meinen Altern meine aufrichtige, ewige Liebe zu beweiſen, niemals aber werde ich einen Mann heirathen, den ich haſſe.— Ich habe Dir aber ſchon ge⸗ ſagt, daß Dein Vater ſein Wort bereits ge⸗ geben hat.— Mußte er es denn geben, und ich wage hinzuzuſetzen, wie konnte er es geben?— Wenn er das hoͤren ſollte! Ach, meine Tochter, leg' dieſe Halsſtarrigkeit ab, ſie wird Dein Ungluͤck werden; was fuͤr Kummer wirſt Du mir verurſachen! Hen⸗ riette, liebe Tochter, gehorche Deinem Va⸗ ter.— Ich vermag es nicht, ſchrie ſie, ſtuͤrzte mit dieſen Worten vor die Knie ih⸗ rer Mutter, und vergoß einen Strom von Thränen.— Sagen Sie dem Vater, daß ich niemals meine Hand„— Halt, Henriette, ſprich nicht weiter.— Mein Ent⸗ ſchluß iſt gefaßt, Evan wird nie mein Ge⸗ mahl.— Schweig, und entferne Dich, Du vergißt die Ehrfurcht„ welche Deinen Altern gebuͤhrt; uͤberleg' das Unanſtaͤndige Deines Betragens und komme nicht eher wieder, als bis Du entſchloſſen biſt, Dich dem Willen derer zu fuͤgen, welche Dir das Leben gege⸗ ben haben.— Mein Entſchluß iſt ſchon ge⸗ faßt und meine Mutter verbietet mir ihre Gegenwart auf immer.— Es liegt nur an Dir, Deine Verbannung abzukuͤrzen; jetzt geh, ich muß allein bleiben. Henriette verließ das Gemach, den Tod im Herzen tragend; ſie begegnete Alfred, wel⸗ cher, da er ſie in Thränen erblickte, beſturzt fragte: Was fehlt Dir, liebe Schweſter? Ich fuͤrchte, Growells Viſite ſag' mir, was hat ſich denn zugetragen?— Fuͤr mich das größte Ungluͤck, man verlangt, daß ich Growells Sohne meine Hand reichen ſoll. — Das gebe ich nicht zu, nein! meine Henriette ſoll nie das Weib dieſes abſcheuli⸗ chen Evans werden.— Ach! mein Vater hat bereits ſein Wort gegeben.— Haſt denn Du das Deinige auch ſchon gegeben? —,——— —————— ———— —————— i —7— — O nein! aber was fuͤr zahlloſe Qualen ſeh' ich voraus! meine Weigerung wird den Vater in Zorn bringen.— Er kann un⸗ moglich ſeine Tochter aufopfern wollen.— Er iſt aber dieſem Growell ſo großen Dank ſchuldig.— Er mag ſich durch Aufopferung ſeines Vermoͤgens von ſeiner Schuld befreien; von dieſem Augenblicke an entſage ich, ſein Sohn, allen Rechten auf die kuͤnftige Erb⸗ ſchaft meines Vaters, wenn nur meine Schwe⸗ ſter dem Entſetzen, dieſen Evan heirathen zu muͤſſen, dadurch entgehen kann. Da Ancelina jetzt herbeikam, ſo verließ Henriette den Saal und begab ſich auf ihre Stube. Sie befand ſich daſelbſt noch keine Stunde, als der Lord ſie aufſuchte. Ver⸗ gebens wendete er bald Bitten, bald Dro⸗ hungen an, Thraͤnen waren die einzige Ant⸗ wort, welche er von ſeiner Tochter erhal⸗ ten konnte.— Du willſt alſo, ausgeartetes Kind, daß ich die Dienſte des edelſten Man⸗ nes mit der ſchwärzeſten Undankbarkeit ver⸗ gelten ſoll? daß ich den Freund, der mir — 76— Ehre und Leben gerettet hat, auf eine ſo empfindliche Art beleidigen ſoll?— Ach, mein Vater, können Sie ihm Ihre Dank⸗ barkeit auf keine andere Art beweiſen, als dadurch, daß Sie den Dolch in Ihrer Toch⸗ ter Hetz ſtoßen?— Der Lord verzweifelte, Henrietten zu ſeinem Willen zu bewegen; er war aber ein zu guter Vater, als daß er hätte Gewalt brauchen wollen, er verlangte daher, daß ſie wenigſtens keine entſcheidende Antwort geben ſollte. Mit der Zeit, ſo meinte er, konnen ſich vielleicht Deine Ge⸗ ſinnungen gegen Evan ändern, oder vielleicht läßt auch die Heftigkeit ſeiner von ſelbſt nach. ₰ Henriette, ſehr zufrieden, daß ſie von ihrem Vater nicht auf das Kußerſte getrieben worden war, verſprach ihm, daß ſie in keinem Punkte ihm widerſprechen wolle; es ward demnach beſchloſſen, der Lord ſollte ſeinem Freunde die Antwort ertheilen, daß ſeine Tochter, da ſie bisher noch nie an eine Ver⸗ änderung ihres Standes gedacht habe, ſich —————————————— eine Bedenkzeit von ſechs Monaten aus⸗ baͤte. Evan war uͤber dieſe Antwort zwar ſehr mißvergnuͤgt, da er ſich aber einer von den beiderſeitigen Kltern gebilligten Anordnung nicht widerſetzen konnte, ſo bemuͤhte er ſich, Geduld zu faſſen, wobei er ſich denn die Hoffnung machte, Henrietten ofters ſehen zu konnen, eine Art von Genugthuung, welche Henriette bei der gegenwaͤrtigen Lage der Dinge ihm nicht fuͤglich verſagen konnte. Gideon bekam jetzt, der von ihm getroffe⸗ nen Vorſichtsmaßregeln ungeachtet, die Ge⸗ legenheit, Ancelina's Neigung fuͤr ihn kennen zu lernen. Der Zufall, welcher ſo oft Gluͤck und Ungluck entſcheidet, verſchaffte ihm einen guͤnſtigen Augenblick, in welchem er eine Un⸗ terredung ſeiner Schweſter Clara mit Miß Henrietten anhoren konnte. Er genoß das für ihn ſo ſchmerzliche Gluͤck, zu erfahren, daß er von derjenigen wieder geliebt wuͤrde, welche er anbetete. Unter andern Verhält⸗ niſſen wuͤrde er jetzt zu ſeiner Geliebten hin⸗ ——— — geeilt, und zu ihren Fuͤßen niedergeſtuͤrzt ſeyn, allein die Vernunft hielt ihn zuruͤck. Ach! das, was ihn zum glücklichſten Men⸗ ſchen haͤtte machen koͤnnen, trug nur noch mehr dazu bei, ſeine Leiden zu vergrößern. Hätte er wenigſtens allein zu dulden ge⸗ habt, ſo wuͤrde er vielleicht die Faſſung, ſein Ungluͤck zu ertragen, behalten haben, aber zu wiſſen, daß diejenige Perſon, welche das hochſte irdiſche Gluͤck verdiente, dem Kum⸗ mer der Liebe ebenfalls ausgeſetzt ſey, dieſes ertragen, ging uͤber ſeine Krafte⸗ Die PVerzweiflung bringt den Menſchen zu gewaltſamen Entſchluͤſſen. Gi⸗ deon ſuchte ſeinen Vater auf.— Ich leide zu ſehr, redete er ihn an, endigen Sie meine Qualen, und verſchaffen Sie mir die Gele⸗ genheit, mich von hier zu entfernen. Die Gegenwart der Miß Milborn macht mich ungluͤcklich; ich will Ihnen gehorchen, aber auf mein Herz kann ich mich nicht verlaſſen; es möchte ein Augenblick kommen, wo ich unterläge. Gerade jetzt gehen viele Truppen —— —————— —— —— —————— — 79— nach Amerika ab, verſchaffen Sie mir ein Patent, das mich der Gefahr entreißt, etwas zu thun, was Ihnen mißfallen könnte. Gro⸗ well reiſete ſogleich den Tag darauf mit ſei⸗ nem Sohne nach London ab; bald war Alles in Richtigkeit gebracht, und Growell kehrte nicht eher zuruck, als bis er Gideon ſich hatte einſchiffen ſen⸗ Neuntes Capitel. — Der Leſer wird ſich noch aus dem vierten Ca⸗ pitel dieſer Geſchichte erinnern, daß nach dem erſten Beſuche der beiden Familien die Reize der Miß Clara Growell einen tiefen Eindruck auf Godwin gemacht hatten, und in der That gränzte das Lob, welches er damals in Gegenwart ſeiner Geſchwiſter ihr beilegte, ſehr nahe an die enthuſiaſtiſchen Redenöarten ei⸗ nes Liebhabers. Die Gelegenheit, Clara öf⸗ ters zu ſehen, verwandelte ſehr bald dasjenige in eine Leidenſchaft, was anfaͤnglich ein blo⸗ ſes Wohlgefallen geweſen zu ſeyn ſchien. God⸗ win, der in Miß Growells Augen nichts als Sanftmuth und Guͤte zu erblicken glaubte, begann mit der Sprache der Augen, und in Kurzem wagte er es, ſeinen Gefuͤhlen Worte zu geben. Clara nahm die Sache als Scherz auf, er aber betheuerte, daß es ſein größter —— Ernſt wäre, und daß er mit ihrer Erlaubniß ſeinen Vater bitten wuͤrde, ſich deshalb an den ihrigen zu wenden. Sie aber erſuchte ihn, noch einige Zeit zu warten, ehe er die⸗ ſen Schritt thaͤte. Die Gruͤnde, welche Growells Tochter zu dieſer Antwort bewogen, ruͤhrten keineswegs von ihrer Gleichguͤltigkeit her; nein, der junge Milborn hatte ihr gefallen, und ſie wuͤnſchte ſehr, ihr Vater haͤtte ihr denſelben vorgeſchla⸗ genz allein das Verbot, welches Growell ih⸗ rem Bruder Gideon gethan hatte, daß er an eine Heirath mit der aͤltern Tochter des Lords nicht denken ſolle, erregte in ihr die Beſorg⸗ niß, er moͤchte ſich gegen ſie eben ſo hart beweiſen, und um Godwin den Kummer ei⸗ ner abſchlaͤglichen Antwort zu erſparen, wollte ſie, ehe ſie weiter ging, zuvörderſt die Ab⸗ ſichten und Geſinnungen ihrer Altern aus⸗ forſchen. Clara benutzte den Zeitpunkt, in wel⸗ chem Growell mit ſeinem Sohne ſich in Lon⸗ don befand, um ſich ihrer Mutter zu entdek⸗ + F —— 4 4 —————————— 82 ken. Miſtreß Growell errieth ſie gleich nach den erſten Worten.— Ohne Zweifel, ſagte ſie, liebt Dich der Sohn des Lords eben⸗ falls?— Ich glaube es, antwortete das Maͤdchen, und ſchlug die Augen nieder.— Nun, er wird den Verdruß haben, ſich in ſei⸗ nen Hoffnungen getaͤuſcht zu finden, mein Ge⸗ mahl hat andere Plaͤne fuͤr Dich im Sinne. Clara erblaßte.— Andere Plaͤne, ſagen Sie, Mutter?— Nicht anders.— Ich glaubte doch, nach der Freundſchaft zu ſchlie⸗ ßen, welche zwiſchen Godwins Familie und zwiſchen der unſtigen beſteht, daß es uns ver⸗ gonnt waͤre, den Gedanken zu faſſen.. r Das kann wohl ſeyn, Clara, daß Ihr beide, Du und Godwin, auf ſolche Ideen gekom⸗ men ſeyd, allein ich habe Dir nur eben ge⸗ ſagt, daß Dein Vater ebenfalls ſeine Plaͤne entworfen hat.— Wie kommt es denn aber, daß Sie und der Vater eine Verbin⸗ dung meines Bruders Evan mit Henriette Milborn ſo eifrig wuͤnſchen? Warum iſft Evan der einzige, der auf die Perſon, welche er liebt, gegruͤndete Anſpruͤche zu machen ſich unterſtehen darf?— Ich will Dir Deine Unbeſcheidenheit wegen dieſer Menge Fragen verzeihen, jedoch nur unter der Bedingung, daß Du Dir niemals dergleichen wieder er⸗ laubeſt. Der ſtrenge Ton, welchen Miſtreß Growell in dieſe Worte hineinlegte, gebot der Tochter Stillſchweigen, und ſie entfernte ſich, um ihre Thraͤnen zu verbergen. Lady Milborn war eine ſanfte und guͤ⸗ tige Mutter, und ſie liebte alle ihre Kin⸗ der auf's zaͤrtlichſte. Wie viele Ueberwindung mußte es ihr daher koſten, als ſie in der mit Henrietten Statt gehabten Unterredung, wo ſelbige ſo viele Charakterſtärke bewieſen hatte, ſo hart auf ihre Tochter eindrang. Henriette glaubte, als ſie ihre Mutter verließ, daß dieſe ihr ihre Liebe einigermaßen entzogen habe; glucklicherweiſe aber begehrte der Lord das Opfer nicht, und ſeine Nachgiebigkeit be⸗ wirkte, daß die truͤben Wolken, welche ſich zwiſchen der liebenden Mutter und der ehr⸗ furchtsvollen Lochter erhoben hatten, wieder 52 — 84— verſchwanden. Alles war jetzt in Milborn⸗ Hall ruhiger geworden, ſogar wenn die Gro⸗ wellſche Familie ſich daſelbſt einfand. Evan glaubte gewiß, ſich nach dem Ablaufe der verwilligten ſechs Monate in Henriettens Be⸗ ſitze zu ſehen, und beläſtigte ſie deshalb we⸗ rigerz Ancelina, welche die Beweggruͤnde zu Gideons Entfernung nicht kannte, bildete ſich ein, er hege eine andere Neigung. Dieſer Gedanke ſchmerzte ſie ſehr, allein ſie war klug genug, um nicht den Kummer, welchen ſie daruͤber empfand, ſo viel als möglich zu verbergen. Clara war die einzige, welche in ihrem Herzen las. Was Godwin anlangt, ſo zweifelte dieſer weder an der Gegenliebe ſeiner Auserwaͤhlten, noch an der Zuſtim⸗ mung der beiderſeitigen Altern, und erwar⸗ tete mit Ungeduld, daß Elara ihm erlauben wuͤrde, mit ihrem Vater von ſeiner Ange⸗ legenheit zu ſprechen. Selbſt Alfred, deſ⸗ ſen uble Laune bereits ſeit einem Jahre ei⸗ nen Anſtrich von Schwermuth erhalten hatte, ſchien ruhiger geworden zu ſeyn; eine Bemer⸗ e———— —,——— — ——,——— — 85 kung, woruͤber Henriette, welche ſtets die zaͤrtlichſte Anhaͤnglichkeit an ihn bezeigt hatte, die größte Freude empfand. Growells und Gideons Abteiſe war, wenn man den Ein⸗ fluß abrechnet, welchen dieſelbe auf Anceli⸗ na's Herz aͤußerte, in dem Leben der beiden Familien ein ſehr unwichtiges Ereigniß. Das arme Mädchen aber vergrub ihren Schmerz in den Buſen der Freundſchaft, aber welchen Troſt konnte Clara ihr reichen? Ihr Schick⸗ ſal war ja von dem ihrer Freundin faſt gar nicht verſchieden, und ein ähnliches, unuͤber⸗ ſteigliches Hinderniß ſtand ihrem Gluͤcke ent⸗ gegen. Die Furcht, ſie möchte Ancelina's Kummer nur vrrgroͤßern, bewog ſie, uͤber ihre eigene Angelegenheit ſtill zu ſchweigen, und aus einer aͤhnlichen Urſache machte ſie ihre Freundin mit der gränzenloſen Liebe, welche Gideon fuͤr ſie empfand, nicht be⸗ kannt; nothwendig haͤtte ſie dann das ſonder⸗ bare Betragen ihres Vaters entdecken muͤſſen, und dieſen durfte ſie doch nicht anklagen. Gideon war zwar eine Stunde vorher, ehe —— er von Sumptuos-Caſtle abreiſte, zu den Fuͤßen ſeiner Schweſter niedergeſtuͤrzt, und hatte ſie gebeten, Ancelina zu hinterbringen, daß er ſie bis an ſeinen Tod lieben wuͤrde, und Clara hatte ihm dieſes auch verſpro⸗ chen; allein ſie uͤberlegte, daß ſie das Uebel, ſtatt es zu mindern, dadurch nur vergroͤ⸗ ßern wuͤrde, und auf dieſe Weiſe i Freundin kein Wort. Als Growell von London wieder eintraf, ſetzte ihn ſeine Gattin von Clara's und God⸗ wins Liebe in Kenntniß; er hatte dieſe eben⸗ falls ſchon bemerkt, billigte ſeiner Frauen Antwort und beſchloß, dieſelbe bei der näch⸗ ſten Gelegenheit ſelbſt zu wiederholen. Godwin wurde es muͤde, noch laͤnger auf die ihm verſprochen wordene Erlaubniß zu warten; er wurde ſo zudringlich, daß Elara ſich verpflichtet fühlte, ihm den bereits ge⸗ machten Verſuch und deſſen uͤbeln Erfolg freimuͤthig zu eroffnen. Godwin beſaß weder die Sanftmuth Gideons, noch deſſen Ehr⸗ furcht gegen ſeine Altern. In der erſten —,————— Hitze wollte er ſeinen Vater von der Belei⸗ digung in Kenntniß ſetzen, welche Growell ſeiner Meinung nach ihm hierdurch zuge⸗ fuͤgt habe. Clara hielt jedoch ſeine Heftigkeit im Zaume; ſie liebte und achtete den Lord und deſſen Gemahlin ſehr hoch.— War⸗ um, ſprach ſie, wollen Sie Ihren Sltern Verdruß zuzichen? Sprechen Sie doch erſt mit meinem Vater, und bitten Sie ihn um die Erlaubniß, daß Sie den Ihrigen von Ihrem Vorhaben benachrichtigen duͤrfen. Iſt das geſchehen, dann koͤnnen Sie ſchon ei⸗ nen Entſchluß faſſen.— Godwin wollte die Entwicklung der Sache auf keinen andern Tag verſchieben, er verließ daher Clara in den Gaͤrten von Sumptuos⸗Caſtle und be⸗ gab ſich ſofort in Growells Zimmer. Dieſer war allein, und laͤchelte, als er den jungen Milborn hereinkommen ſah, wodurch er in der That Vertrauen und Hoffnung in deſſen Herzen erweckte. Vielleicht, ſo begann God⸗ win, duͤrften Sie die Urſache meines Beſu⸗ ches errathen?— Nun, Sie haben doch wohl keine andere, als uns ſehen und ſpre⸗ chen zu wollen?— Und dennoch habe ich noch einen andern Grund; ein hoͤchſt intereſ⸗ ſanter Gegenſtand führt mich jetzt hieher, ich bin gekommen, das Gluck meines ganzen Le⸗ bens von Ihnen zu erbitten.— Wenn ich im Stande bin, zu Ihrem Gluͤcke, lieber Godwin, etwas beitragen zu koͤnnen, ſo ſeyn Sie verſichert, daß ich das Meinige thun werde. Meine zärtliche und reine Freund⸗ ſchaft fuͤr Lord Milborn und deſſen achtungs⸗ werthe Gattin iſt Ihnen nicht unbekannt, zweifeln Sie daher nicht, daß ich mich eif⸗ rigſt bemuͤhen werde, auch einem ſeiner Kin⸗ der einen Freundſchaftsdienſt zu erweiſen. Dieſe Worte verſcheuchten alle und jede Be⸗ ſorgniß, welche Godwin noch bei ſich ge⸗ habt hatte, und ohne weitere Umſchweife bat er um Miß Clara's Hand. Es thut mir ſehr leid, lieber Freund, daß ich nicht fruͤ⸗ her von Ihren Wuͤnſchen unterrichtet ge⸗ weſen bin; es ſind bereits ſechs Monate, daß ich einem alten Bekannten mein Wort ——————————— ——— gegeben! habe; und nichts auf der Welt koͤnnte mich bewegen, daſſelbe zu brechen; mein Verſprechen halte ich unverbrüchlich feſr Sie haben aber doch wohl Clara's Neigung ausgeforſcht?— Meine Fochter iſt zu gut erzogen, als daß ſie einen andern Willen, als den meinigen, haben ſollte.— Aber, mein Herr, Miß Growell liebt vielleicht bereits ei⸗ nen Anderen?— Das iſt nicht möglich.— Und dennoch verſichere ich Ihnen, daß es ſo iſt, und daß Ihr Freund, oder deſſen Sohn oder Pflegbefohlene, von Clara nicht geliebt werden, denn ihr Herz gehoͤrt mir an, und Sie ſind in Irrthum, junger Mann! meine Tochter hat da blos geſcherzt; ganz gewiß! denn ohne meine Zuſtimmung hat ſie kein dergleichen Verſprechen thun kon⸗ nen; erlauben Sie mir daher, daß ich Ih⸗ nen den Rath gebe, daß Sie alle dieſe klei⸗ nen Thorheiten Ihrem Vater verbergen mo⸗ gen. Er wuͤrde ſehr unwillig werden, wenn er ſaͤhe, daß ſolche Kindereien einige Kalte in die zwiſchen uns beſtehende Freundſchaft ein⸗ —— führen ſollten, und ich wiederhole es, mein Wort iſt bereits gegeben, und meine Tochter muß es löſen, oder ſie hat auf der Stelle meinen Fluch.— Gerechter Himmel, welches Uebermaß von Haͤrte!— Davon kann ich, mein Freund Godwin, eben nichts gewahr werden; die Rechte, die ich uͤber meine Kin⸗ der ausuͤbe, ſind, glaube ich, unbeſtreitbar. Wer duͤrfte es wagen, mir dieſelben abſpre⸗ chen zu wollen? Ich muß Sie jetzt verlaf⸗ ſen, Geſchaͤfte verlangen meine Gegenwart. Dieſer Abſchied gab Godwin auf das deut⸗ lichſte zu verſtehen, daß er nicht länger in Growells Zimmer verweilen konnte; er ent⸗ fernte ſich daher, und ſuchte ſeine Geliebte auf. Clara ſchloß ſogleich, ſobald ſie ihn er⸗ blickte, wie vergeblich der von ihm gemachte Verſuch geweſen ſeyn mochtez ſein erhitztes Geſicht, ſeine vom Zorne funkelnden Augen ſagten ihr alles.— Nun, Godwin?— Clara, ich habe keine Hoffnung mehr, jemals auf dieſer Erde gluͤcklich zu werden, wenn Sie eben ſo unbiegſam als Ihr Vater ſind. — 91— Er erzählte ihr hierauf Alles, was ſich zwiſchen ihm und Growelln zugetragen hatte. — Ich that wohl recht, ſprach ſie, daß ich Sie verhinderte, fruͤher mit Ihrem Vater von der Sache zu ſprechen, ehe Sie den meinigen daruͤber befragt hätten, ich kenne ſeinen harten Sinn.— Und Sie wollten es erdulden, Clara, daß man uͤber Sie wie uͤber eine Bildſaͤule verfuͤgt?— Ich muß wohl; wie kann ich es verhindern?— Sie ertragen Ihr Schickſal ſehr leicht, wie es ſcheint!— Was ſoll ich denn thun?— Ich wuͤßte es wohl.— Nun, was denn? — Wäͤre ich Ihrer Liebe ganz gewiß, ſo wurde ich nicht ſäumen, deutlicher zu ſpre⸗ chen.— Dieſer Zweifel, Godwin, kränkt mich.— Vergeben Sie, ich zweifelte nicht an Ihrer Liebe, ich befuͤrchtete nur, daß eine falſche Delicateſſe„— So ſprechen Sie doch, Godwin, Ihre halb abgebrochenen Worte martern mich und ſpannen meine Un⸗ geduld auf's Höchſte.— Wohlan, liebſte⸗ Freundin; es bleibt uns nur ein Mittel übrig, und dieſes iſt, daß wir nach Schott⸗ land entfliehen und uns daſelbſt trauen laſ⸗ ſen.— Godwin, ich weiß in der That nicht, ob ich uͤber Ihren Plan lachen oder unwillig werden ſoll?— Wenn Sie ihn verwerfen, ſo fuͤrchten Sie meine Verzweif⸗ lung.— Aber, liebſter Godwin, handeln Sie doch nicht ſo thöricht!— Sie haben recht; Sie ſind es, der ich es zu verdanken habe, wenn ich meinen Verſtand verliere; Sie haben das Ungluͤck angeſtiftet, jetzt kon⸗ nen Sie es auch wieder gut machen.— Wer in aller Welt aber hat Ihnen jenen Gedanken eingegeben?— Das Betragen Ihres Vaters und meine Liebe haben mir dieſen Entſchluß beigebracht.— Und Sie konnten verlangen, daß ich durch eine Flucht mich mit Schande belüde?— Wo iſt Schande vorhanden, wenn Sie Ihrem Gat⸗ ten folgen?— Sie ſind mein Gatte noch keineswegs.— Der werde ich, und Ihr Vater wird ſich in der Nothwendigkeit ſe⸗ hen, uns verzeihen zu muͤſſen; wenn Sie —,— mich verſchmaͤhen, Clara, ſo gehe ich auf der Stelle fort.— Wieder nach Milborn⸗ Hall zuruͤck, nicht wahr?— Welch bitterer Spott; Nein, Grauſame, ich werde meine Sltern und Geſchwiſter nicht wieder ſehenz an's Ende der Welt will ich hinfliehen, und meine Tage in Kummer und Schmerz be⸗ ſchließen. Eine Thraͤne ſiel auf Clara's Hand, welche Godwin in der ſeinigen hielt; ach! die Ungluͤckliche ſtuͤrzte in ihr Verderben. Sie ging Godwins Wuͤnſche zwar nicht gaͤnz⸗ lich ein, verſprach ihm aber, auf die Mittel zu ſinnen, wie ſie die Sachen ſo veranſtalten koͤnnte, daß ſie zuſammen vereinigt wuͤrden, und verlangte zwei Tage, um ſich beſtimmen zu koͤnnen. Godwin, ſeines Siegs gewiß, kehrte hierauf nach Milborn-Hall zuruͤck. Fuͤnf Monate waren ſchon verfloſſen, ſeit⸗ dem Evan die obengedachte Antwort erhalten hatte, es fehlte nur noch der ſechste; und der fatale Termin war ſodann abgelaufen. Hen⸗ riette war nicht die einzige, welche deſſen An⸗ ——— naͤherung befürchtete, nein, auch Alfred zit⸗ terte bei dem bloſen Gedanken an eine ſo ſchreckliche Verbindung, denn jeder Tag ent⸗ wickelte ihnen neue Fehler und Laſter in Evans Charakter. Der Lord und deſſen Gat⸗ tin beſtrebten ſich zwar, gute Eigenſchaften an ihm ausfindig zu machen, allein auch ſie wurden gewahr, daß der Widerwille ihrer Tochter auf vernuͤnftigen Gruͤnden beruhte, aber wie ſollten ſie es anfangen, dem Manne, den ſie liebten und welcher ihnen ſchon viele Beweiſe ſeiner innigſten Freundſchaft gegeben hatte, dieſem Manne zu ſagen, daß ſein Sohn nicht wuͤrdig ſey, die Hand ihrer Tochter zu erhalten? Die von Clara ſich ausbedungene zwei⸗ taͤgige Friſt war voruͤber. Gegen Abend hatte ſich Godwin nach Sumptuos⸗Caſtle begeben, ſeine Geliebte aber noch nicht ſinden konnen. Growell ſagte ihm, ſie häͤtte mit ihrer Mutter einen Beſuch abgeſtattet. Troſtlos uͤber die⸗ ſen fatalen Zufall, kehrte er zuruͤck; am an⸗ dern Tage widerfuhr ihm das naͤmliche Miß⸗ geſchick, und ganzer drei Tage lang war Clara fuͤr ihn unſichtbar. Am vierten end⸗ lich traf er ſie zu Milborn-Hall, wohin ſie ihre Mutter begleitet hatte. Als er ſich mit ihr allein befand, machte er ihr Vorwuͤrfe, daß ſie ihr Verſprechen ſo wenig puͤnktlich er⸗ fuͤllt habe; ſie erhielt jedoch leicht ſeine Ver— zeihung, indem ſie ihm darthat, daß ſie bei der Sache keine Schuld gehabt. Schnell ging er nunmehr zu dem Gegenſtande uͤber, welcher fuͤr ihn das hoͤchſte Intereſſe hatte, und bat ſie um ihre Antwort.— Hier iſt ſie; wenn binnen drei Monaten die Lage der Dinge ſich nicht verändert hat, ſo willige ich ein, die Reiſe, welche Sie mir vorgeſchlagen haben, mit Ihnen zu machen. Godwin ſchrie laut uͤber einen ſo langen Zeitraum; er bat, flehte; Alles vergebens. Clara wollte auch nicht einen Tag davon abgehen laſſen, und da Godwin nichts beſſeres zu erhalten im Stande war, ſo mußte er ſich in den Wil⸗ len ſeiner Geliebten nothgedrungen fuͤgen. Clara hatte den gegenwärtigen Zuſtand ihres Herzens ihrer Freundin Ancelina ver⸗ bergen zu muͤſſen geglaubt, um ſo weniger konnte ſie ihr daher die mit ihrem Bruder getrofſene Verabredung entdecken. Es giebt Fälle, in denen ſelbſt die Freundſchaft ihr Vertrauen zuruͤckhalten muß. Zehntes Capitel⸗ Das halbe Jahr näherte ſich ſehr ſchnel ſeinem Ablaufe, und noch wußte der Lord nicht, auf welche Weiſe er ſich gegen ſeinen Freund entſchuldigen ſollte, aber er war feſt entſchloſſen, ſeine Tochter Growells Sohne nicht zu geben, den er jetzt faſt eben ſo ſehr haßte, als Henriette ſelbſt. Was ſollte er aber zu ſeinem wuͤrdigen Freunde ſprechen? Oft befragte er deshalb ſeine Gattin um Rath, allein dieſe befand ſich in derſelben Verlegenheit; indeſſen nahm ſfie ſich vor, den Tag vor dem allſeitig befuͤrchteten Termine ſich nach Sumptuos⸗Caſtle zun begeben, und Evans Kltern die Abneigung zu entdecken, welche Henriette gegen die ihr vorgeſchlagene Heirath empfand. Gewiß, ſo ſprach ſie zu ihrem Gatten, gewiß ſind Growells zu ſehr unſere Freunde, als daß ſie von uns verlan⸗ G — gen könnten, wir ſollten in einer Angelegen⸗ heit, wo das Gluͤck unſers Kindes auf dem Spiele ſteht, unſer ganzes Anſehen gebrau⸗ chen. Es verſteht ſich uͤbrigens, daß ich, ſo⸗ bald von Evan die Rede iſt, ſo als moͤglich ſprechen werde. Dieſes Mittel ſchien zwar dem Lord ei⸗ nen nur ſchwachen Erfolg zu verſprechen; da es aber kein anderes gab, ſo mMhte man es wohl verſuchen. Die Lady begab ſich am Tage nach Sumptuos⸗Caſtle, und ward auf ihr Verlangen ſogleich in Growells Cabinet ge⸗ fuͤhrt. Das Geſchaͤft war in der That ein hoͤchſt delicates und mißliches, und die Lady hatte eine ſo verlegene Miene, daß Growell nicht wenig daruͤber betroffen wurde. Sie haben, begann ſie, uns ſchon ſo oft und ſo viele Be⸗ weiſe Ihrer aufrichtigen Anhaͤnglichkeit gege⸗ ben, daß ich mir ſelbſt ſonderbar vorkomme, wenn ich Sie nur mit Beſorgniß um eine neue Gunſt bitte.— Da Sie, theuerſte Lady, erwiederte Growell, Ihr Unrecht ſelbſt — 89— fuͤhlen und eingeſtehen, ſo wuͤrde ich mir ſebſt noch ſonderbarer vorkommen muͤſſen, wenn ich die Vorwuͤrfe, welche Sie ſich mit ſo vieler Feinheit machen, noch vermehren wollte; mit dieſen Worten ruͤckte er ſeinen Stuhl dem ihrigen naͤher, ergriff ihre Hand und druͤckte ſie ſanft.— Darf ich den Ge⸗ genſtand wiſſen, der Ihnen eine ſolche Schutz⸗ rede zu verdienen geſchienen hat? Sprechen Sie, Lady, Sie duͤrfen gewiß ſeyn, daß ich keine groͤßere Freude kenne, als wenn ich meinem lieben Milborn und Ihnen einen an⸗ genehmen Dienſt erzeigen kann.— Die zwiſchen Ihrem Sohne Evan und unſerer Henriette beabſichtigte Heirath wuͤrde alle un⸗ ſere Wuͤnſche auf den Gipfel bringen.— Sie wird auch zu meinem und meiner Gat⸗ tin Gluͤck weſentlich beitragen.— Indeſſen kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß Hen⸗ riette unverheirathet zu bleiben wuͤnſcht.— In Wahrheit, es duͤrfte wenig junge Perſo⸗ nen geben, welche ſo daͤchten.— Sie haben Recht, ich und mein Gatte haben auch kein G 2 X — 100— Mittel unverſucht gelaſſen, um eine ſo ſon⸗ derbare Grille zu vertreiben, allein ſie hat ih⸗ ren Entſchluß auf das beſtimmteſte erklärt. Erſt geſtern noch warf ſie ſich vor ihrem Va⸗ ter auf die Knie, um ihn zu bitten, er möoͤchte ſie fuͤr jetzt noch, ihrem Wunſche ge⸗ mäß, unverheirathet laſſen; vergebens ver⸗ ſchwendete mein Gemahl Bitten und Dro⸗ hungen, nichts konnte ſie zum Gehorſam bringen; mein Gatte liebt aber ſeine Kinder zu ſehr, als daß er ſich ohne den groͤßten Widerwillen entſchließen könnte, ihren Wuͤn⸗ ſchen und Neigungen mit Gewalt eine andere Richtung zu geben.— Die Lady ſchlug bei dieſen Worten die Augen nieder, und wartete auf Growells Antwort.— Dieſer ſchwieg eine lange Weile, es ſchien, als beſchaͤf⸗ tige etwas ſeine ganze Aufmerkſamkeit. Seine Haltung ſchien einen heftigen innerli⸗ chen Kampf zu verbergen; er ſtand auf, ging einige Male im Zimmer auf und ab, ſodann kehrte er auf ſeinen Platz wieder zuruͤck.— Es wuͤrde vergebens ſeyn, Mylady, wenn ich — 101— es Ihnen verſchweigen wollte, daß Ihre Rede mir vielen Kummer verurſacht; ich glaubte ſo wenig, daß eine Verbindung, welche bereits im beſten Fortſchreiten geweſen zu ſeyn ſchien, wieder aufgehoben werden wuͤrde, daß ich uͤber meine erſten Empfindungen kaum Mei⸗ ſter werden konnte. Ich haͤtte kein großeres Gluͤck gekannt, als wenn ich geſehen, daß die Freundſchaft, welche mich an Sie und Ihren Gemahl feſſelt, durch eine eheliche Verbin⸗ dung unſerer Kinder noch feſter geknuͤpft wor⸗ den waͤre. Mein Evan iſt ſehr ungluͤcklich, er betet Henrietten an, und nun fehe ich, daß er nicht wieder geliebt wird. Der Him⸗ mel behuͤte, daß ich von meinem Freunde verlange, er ſolle ſeine Tochter zu dieſer Hei⸗ rath zwingen; nein, ich gebe ihm ſein Ver⸗ ſprechen zuruͤck; ſagen Sie ihm das gefälligſt, und fuͤgen Sie die Verſicherung hinzu, daß, ſo betruͤbt auch Growell uͤber dieſes traurige Ereigniß wäre, ſeine Freundſchaft zum Lord nicht im geringſten dadurch geſchwaͤcht wor⸗ den waͤre. Die Lady wollte ihm dafuͤr ihren — 102— Dank bezeigen.— Sie ſind mir keinen Dank ſchuldig, ſagte Growell, das Gluͤck meiner Kinder liegt mir eben ſo am Her⸗ zen, als Ihnen das Gluͤck der Ihrigen; bei der Ehe muß die Liebe gegenſeitig ſeyn. Aus den Empfindungen Ihrer Henriette zu ſchließen, wuͤrde mein Evan mit ihr nicht ha⸗ ben gluͤcklich leben koͤnnenz Sie ſehen alſo, daß ich es mit beiden wohl am beſten ge⸗ macht habe; gerecht ſeyn, heißt nicht, einen Freundſchaftsdienſt erweiſen. Lady Milborn verließ Sumptuos⸗Caſtle in großter Freude und Zufriedenheit uͤber Growells edles, freimuͤthiges Benehmen. Bei ihrer Ruͤckkehr verbreitete ſie Ruhe und Hei⸗ terkeit uͤber Aller Herzen; die Freude, zu ho⸗ ren, daß Evan Growell Henrietten nicht zur Gattin erhalten wuͤrde, war allgemein. Je⸗ dermann haͤtte ſich uͤber dieſe Heirath betruͤbt, deren nothwendige Folge das Ungluͤck der Miß Milborn geweſen ſeyn wuͤrde. Evan war allgemein verabſcheuet, und das aus dem natuͤrlichen Grunde, weil er auch nicht im — 103— geringſten irgend eine tiebenswurdige Eigen⸗ ſchaft beſaß. Der erſte Bediente, welcher dieſe erfreuliche Nachricht erfuhr, theilte die⸗ ſelbe den andern auf's Eiligſte mit, ſo daß noch vor Abend die ganze Nachbarſchaft da⸗ von in Kenntniß geſetzt war. Henriette bedeckte ihre Mutter mit Kuͤſ⸗ ſen. Ich verdanke Ihnen heute mehr noch, als das Leben, ſprach ſie, o meine theure Mutter, wie glucklich machen Sie mich! Al⸗ fred ſchien eben ſo entzuckt vor Freude zu ſeyn, und der Lord ſelbſt holte ſeit einem halben Jahre erſt wieder freiern Athem. An⸗ celina umarmte ihre Schweſter und wuͤnſchte ihr Gluͤck, Godwin allein blieb ganz gleich⸗ gultig. Das, was man kindlichen Gehorſam nennt, war fuͤr ihn ein leeres Wort; er wollte nur ſeinen Willen oder den derjenigen Perſon, welche er liebte, als ſeinen Fuͤhrer anerkennen. Gleich am folgenden Tage kam Growell mit ſeiner Gattin und Elara, um Milborn zu Tiſche zu bitten, und ihm hierdurch zu — 104— erkennen zu geben, daß er wegen deſſen, was den Abend vorher ſich ereignet hatte, keinen BGroll empfände. Dieſer Schritt war in Wahrheit das Seichen einer ſo aufrichtigen, innigen Freundſchaft, daß ſie den Lord im⸗ mer ſtaͤrker an ſeinen Freund feſſelte. Das Mittagsmahl verging ſehr vergnügt, und Evans geſchah keine Erwaͤhnung. Ge⸗ gen Abend gingen Henriette, Clara und An⸗ celina zuſammen ſpatzieren, und entfernten ſich von den uͤbrigen. Hier erſt erfuhr Clara, was ſie vorher nicht wußte, daß die mit Hen⸗ rietten beabſichtigte Verbindung ihres Bru⸗ ders nicht geſchloſſen werden wuͤrde.— Ohne Zweifel iſt das die Urſache, ſagte ſie, daß mein Bruder ſo hochſt uͤbler Laune iſt. Eine der Maädchen des Hauſes ſagte mir geſtern, daß Lady Milborn am Morgen ge⸗ kommen waͤre, mit meinem Vater zu ſpre⸗ chen verlangt haͤtte, und, nachdem ſie eine Stunde lang bei ihm in ſeinem Cabinette ge⸗ weſen, hierauf fortgegangen ſey, ohne mit meiner Mutter zu reden. Evan war ſeit — 105— ſieben Uhr auf der Jagd, und wie er gegen drei Uhr nach Hauſe kam, erhielt er einen Wink, zu ſeinem Vater zu kommen, beide blieben bis zur Mittagszeit zuſammen; als aber die Glocke ſich hören ließ, trat mein Vater allein in den Speiſeſaal, Evan ließ ſich entſchuldigen, indem er ſich aus großer Ermuͤdung niedergelegt habe. Der Miniſter Chirping ſpeiſte gerade im Schloſſe, meine Al⸗ tern konnten ſich daher nur uͤber gleichguͤltige Dinge unterhalten; zur Theeſtunde erſchien Evan wie gewohnlich, ſein Geſicht war fin⸗ ſter und bekuͤmmert, und mehrmals fuhr er uns, mich und Aurea, auf eine hitzige Art anz er machte mich ſogar böſe, kehrte ſich aber nicht daran, ſondern fuhr in ſeinem un⸗ artigen Betragen fort, was mich bewog, in meine Stube zu gehen. Dieſen Morgen hat Evan mit allen Bedienten gezankt, und zwei davon fortjagen laſſen. Nun kann ich mich freilich uͤber ſeine Wuth nicht mehr verwun⸗ dern, er wird ſeinen Unmuth an Jedermann auslaſſen.— Und doch iſt er es allein, der — 106— Unrecht hat, ſagte Ancelina; warum hat er, da er doch von der Gleichguͤltigkeit meiner Schweſter gegen ihn uͤberzeugt war, deſſen ungeachtet nicht abgelaſſen, um ihre Hand ſich zu bewerben?— Die Stunde des Ab⸗ ſchiedes war gekommen, weshalb die Familie Milborn ſich nach Hauſe begab. Seit geraumer Zeit ſchon hatte Lord Milborn jeden ehrgeizigen Gedanken aus ſei⸗ ner Seele verbannt, indem das ruhige Land⸗ leben ſeine größte Freude war, und er dachte nicht mehr an den Hof, als um diejenigen zu beklagen, welche dort als Selaven der Lei⸗ denſchaften Anderer und ihrer ſelbſt leben. Sein Erſtaunen war daher nicht gering, als er einen Brief vom Miniſter erhielt, worin ihm gemeldet wurde, daß der König ihn ſo eben zu einem Geſandtſchaftspoſten berufen habe. Zwar ſtand er nicht einen Augenblick an, dieſen Antrag abzulehnen, aber er konnte doch nicht umhin, dem Könige in eigner Per⸗ ſon ſeine Antwort zu uͤberbringen, und ſich zugleich für die erwieſene Gnade zu bedanken. ————————— — 107— Dieſe Reiſe kam ihm in der That ſehr un⸗ gelegen; es ward ihm ſchwer, ſich von Mil⸗ born⸗Hall zu entfernen, was er bereits ſeit zehn bis zwolf Jahren nicht verlaſſen hatte. Growell, welchem der Lord den Brief des Miniſters mittheilte, war ebenfalls der Mei⸗ nung, daß er ſich wenigſtens in Perſon be⸗ danken muͤſſe. Die Abreiſe ward daher gleich auf den folgenden Tag feſtgeſetzt; ſein Freund und deſſen Gattin aber verſprachen ihm, faſt alle Tage während der ganzen Zeit ſeiner Abweſenheit der Lady Geſellſchaft zu leiſten. Milborn reiſete in Begleitung Godwins ab, indem Alfred einer Verſtauchung des Fußes halber zu Hauſe feſtgehalten wurde. Die erſten drei oder vier Tage hielt Miſtreß Growell puͤnktlich ihr Verſprechen, und brachte dieſelben mit ihren beiden Töchtern in Milborn-Hall zu; Evan aber hatte ſich ſeit der foͤrmlichen abſchlaͤgigen Antwort da⸗ ſelbſt nicht wieder ſehen laſſen. Da eine nicht ganz leichte Unpaͤßlichkeit jetzt Clara's Mutter befiel, und ſie zu Hauſe zu bleiben — 108— nöthigte, ſo begab ſich nunmehr Lady Mil⸗ born faſt jeden Morgen zu ihrer Freundin, und blieb daſelbſt gewoͤhnlich bis gegen ſieben Uhr Abends. Bei der Ruͤckkehr ſtiegen die Frauenzimmer nicht ſelten aus dem Wagen, ſchickten dieſen zuruͤck, und legten ein Drittel des Weges zu Fuße zuruͤck. Dieſer Spaz⸗ ziergang war der Lady ſehr heilſam, und da Alfred die Stunde der Ruͤckkunft ſeiner Mut⸗ ter wußte, ſo ging er ihr gewoͤhnlich ent⸗ gegen. ni Eines Abends war Henriette mit ihrer Mutter, indem Ancelina durch ein Kopfweh in Milborn⸗Hall zuruͤckgehalten worden war, allein von Sumptuos⸗Caſtle zuruͤckgekehrt, und beide ſtiegen in einer Entfernung von un⸗ gefaͤhr einer(engliſchen) Meile vom Schloſſe aus dem Wagen. Der Weg, auf welchem ſie gingen, lief an einem dichten Gehölze hin, welches ſie ſeiner angenehmen Kuͤhle halber einlud, hineinzugehen. Es war noch nicht ſpät; die Lady ſchlug daher Henrietten vor, ein Viertelſtuͤndchen in dieſem Buſche auszu⸗ — — 109— ruhen. Kaum hatten ſie ſich aber auf dem Waldboden niedergelaſſen, ſo ſtuͤrzten vier maskirte Maͤnner ſich auf ſie los, feſſelten ſie, eine jede beſonders, ſteckten ihnen ein uch in den Mund, und ſchickten ſich an, ſie tiefer in's Dickigt hineinzuſchleppen. Die beiden Ungluͤcklichen, weder im Stande, zu ſchreien, noch weniger, ſich zu vertheidigen, blickten ſich gegenſeitig mit Augen an, in welchen Schmerz und Verzweifelung auf das deutlichſte gemalt waren. In dem Augen⸗ blicke, wo die Verbrecher ihre Schlachtopfer fortſchleppten, hoͤrte man die Tritte mehrerer Pferde, und ein Mann und eine Frau, beide das Geſicht ebenfalls mit Larven bedeckt, ka⸗ men zu der ſchrecklichen Scene herbei. Hal⸗ tet einen Augenblick, rief das Weib mit et⸗ was verſtellter Stimme, ſprang nach dieſen Worten vom Pferde, naͤherte ſich der Lady, blickte ſie einige Minuten ſtilſchweigend an, und gab hierauf ein Zeichen, daß man ſie fortfuͤhren ſolle. Die bedauernswuͤrdige Mut⸗ ter warf einen ſchmerzvollen Blick auf ihre Tochter, und war bald aus deren Gefichtez das Weib aber fluͤſterte dem Manne, der mit ihr zugleich herbeigekommen war, etwas in's Ohr, befahl den beiden andern Kerlen, ſich zu entfernen, ſtieg wieder zu Pferde, und ritt davon, indem ſie Henrietten in der ſchrecklich⸗ ſten Lage und der Gewalt eines Fremden, deſſen Kußeres nur Schrecken einjagen konnte, gänzlich Preis gegeben zuruckließ. Dieſer Menſch näherte ſich dem jungen Mädchen, ſchloß es in ſeine Arme, und erlaubte ſich Dinge, welche uͤber ſeine ſchändlichen Abſich⸗ ten keinen Zweifel uͤbrig laſſen konnten. Von Verzweifelung und Wuth auf's höchſte auf⸗ geregt, ſammelte Henriette alle ihre Kraͤfte, und es gelang ihr, ſich von ihren Banden loszumachen, das Tüch aus dem Munde zu reißen und das kläglichſte Geſchrei von ſich zu geben;z nichtsdeſtoweniger würde die Un⸗ gluckliche dennoch unterlegen ſeyn, indem ihr Gegner eine ungewohnliche Leibesſtärke be⸗ ſaß, wenn nicht die Vorſehung ihr kräftigere Huͤlfe verſchafft hätte. —* N 141 Es hatte naͤmlich Alfred, auf das von ihm vernommene verzweiflungsvolle Geſchrei, den von ihm betretenen Weg ſogleich verlaſſen, und war an den Ort hingeeilt, wo ſich jene Stimme hoͤren ließ. Großer Gott, was bot ſich ihm fuͤr ein Schauſpiel dar! Seine theure Schweſter, mit zerſtreuten Haaren, die Kleider in der größten Unordnung, be⸗ fand ſich in den Armen eines maskirten Mannes, der ſich eben anſchickte, ihr die letzte Gewalt anzuthun. Alfted hatte nur einen Stock bei ſich; damit lief er auf den Boͤſe⸗ wicht los, und ſchlug ihn; aber ein Piſto⸗ lenſchuß traf ſeinen Arm, und raubte ihm alle Mittel, Henrietten zu retten; dennoch vertheidigte er ſie mit Gefahr ſeines eignen Lebens. Mit dem unverletzten Arme ſiel er uͤber das Ungeheuer her, dieſes aber wätf ihn mit einem Fauſtſchlage zu Boden, und ergriff ein zweites Piſtol. Henriette ſah die⸗ ſes, errieth die Abſicht, und ihr vetsop⸗ peltes Geſchrei drang durch den Wald, doch bald entzog ihr eint gluͤckliche Ohnmacht den ſchrecklichen Anblick der Ermordung ihres Bru⸗ ders. Aber welch ein unerwarteter Glůͤcks⸗ fall ereignete ſich in dieſem Augenblicke! Ein Reiter ſprengte herbei, ſtuͤrzte ſich auf den Moörder, entriß ihm ſein Opfer, und jagte ihn in die Flucht. Dieſe Huͤlfe, welche der Himmel ſelbſt geſchickt zu haben ſchien, kam von Herr Growelln, der ſich Gluͤck wuͤnſchte, daß er ſo eben hier vorbeigekommen war, Al⸗ fred erhob ſich vom Boden, und fand, daß die Roͤhre ſeines Arms nicht zerſchmettert war, ſondern die Kugel nur das Fleiſch verletzt hattez des Blutverluſtes und der heftigen Schmerzen ungeachtet, wollte er dennoch Hen⸗ rietten ſelbſt in's Schloß tragen. Vergebens erbot ſich Growell, ihm dieſe Buͤrde zu er⸗ leichtern, Alfred gab es nicht zu, ſondern bat ihn, da er geſchwinder gehen koͤnne, voraus zu gehen, damit alles, was dazu dienen konnte, ſeine Schweſter in's Leben zuruͤck⸗ zurufen, gehörig vorbereitet wuͤrde. Nur mit der großten Muͤhe gelang es Alfred, Milborn-Hall zu erreichen. Gluck⸗ licherweiſe kamen ihm Diener bis in die Mitte des Gartens entgegen, denn die Kraͤfte wollten ihn verlaſſen und er war eben im Begriff umzuſinken. Und in der That ſiel er, nachdem Henriette den Haͤnden der Die⸗ nerſchaft uͤbergeben worden war, ohne Be⸗ wußtſeyn zu Boden, ſo daß man gendoͤthigt war, ihn an der Seite ſeiner Schweſter fort⸗ zutragen. Wie ward Ancelina zu Muthe, als ſie zwei Perſonen, welche ihr ſo theuer waren, in dieſem ſchrecklichen Zuſtande er— blickte. Beide gaben kein Lebenszeichen von ſich. Der kunſterfahrne Diener beruhigte An⸗ celina, indem er ihr die Verſicherung gab, daß die Miß ſich blos in Ohnmacht befaͤnde die Wunde ihres Bruders aber von keiner Bedeutung waͤre. Ancelina war auf's höchſte geſpannt, von Growelln etwas Naͤheres uͤber den Vorgang zu erfahren, aber dieſer hatte ſeine ganze Sorgfalt den beiden Kranken ge⸗ widmet, und uͤberdem erklaͤrt, er wuͤrde das Schloß nicht eher verlaſſen, als bis die bei⸗ den Kinder ſeines Freundes ſich außer Ge⸗ * — 114— fahr befaͤnden; ſie hoffte daher, zu ſeiner Zeit ſchon zu erfahren, weshalb ihre Mutter in Sumptuos⸗Caſtle zuruͤckgeblieben waͤre, und ihre Schweſter allein hätte zuruͤckkommen laſ⸗ ſen. Ihre Unruhe wuͤrde aber weit größer geweſen ſeyn, wenn der Kutſcher, der ihre Mutter gefahren hatte, und der Bediente, welcher ihr nachgefolgt war, ihr geſagt hätten, daß die Lady mit ihrer Tochter Growells Haus verlaſſen, und daß ſie ihre Herrſchaft an dem Geholze zuruͤckgelaſſen hätten, wo dieſe gewöhnlich auszuſteigen pflegte; allein dieſe bei⸗ den Diener hatten ſich in einem Wirthshauſe lange Zeit aufgehalten und kehrten erſt zwei Stunden ſpaͤter zuruͤck, nachdem Alfred und Henriette bereits im Schloſſe angelangt waren. Alfred erlangte das Bewußtſeyn noch vor ſeiner Schweſter wieder, und ſein erſtes Wort war, daß er nach ihr fragte. Growell, der ſich von ſeinem Bette nicht einen Augenblick entfernt hatte, ſagte ihm, ſie befaͤnde ſich beſ⸗ ſer. Dieſe kleine Unwahrheit wagte Growell, um nur den jungen Mann zu beruhigen, deſ⸗ — 115— ſen Wunde in der That ſehr unbedeutend war, und ihm wenig Schmerzen verurſachte. Wenige Augenblicke nach Alfreds Erwa⸗ chen hatte Ancelina die Freude, zu ſehen, daß ihre geliebte Schweſter die Augen auf⸗ ſchlug, und einige Worte zu ſprechen ſich be⸗ muͤhte, aber ach! Dieſe Freude dauerte nut eine kurze Weile. Der ſchrecklichſte Wahn⸗ witz, mit einem heftigen Fieber begleitet, hatte ſich Henriettens bemaͤchtigt; ihr ſtarrer Blick ſchweifte wild umher, und ihre nur mit größ⸗ ter Muͤhe vernehmbaren Worte verkuͤndigten eine völlige Abweſenheit des Geiſtes.— Das ſind ſchreckliche Masken, welche ſie fortgefuhrt haben, murmelte ſie;— ſie konnte nicht ſchreien, ſo wenig als ich, und dieſes Weib, mit welcher teufliſchen Kaͤlte ſie uns anſtarrte; ihre Todtenſtimme zerreißt mir die Ohren m Gotteswillen! jagt den Raͤu⸗ bern nach, ich bin gewiß, daß ſie ſie um⸗ bringen wollten, die Ungeheuer, ach, einen ſolchen Engel toͤdten zu wollen!... Wenn mein Vater ſie geſehen hätte, vielleicht wuͤrde 8 — 116— er ſie wieder erkennen; doch nein! ſie waren ja alle verlarvt; und dennoch ahndet es mir, ja es iſt gewiß, er iſt's, ſein ganzer Wuchs, und noch mehr ſeine ſchaͤndliche Frechheit ver⸗ rathen ihn. Der Boͤſewicht! Ich ſah ihn meinen Bruder umbringen; armer Alfred, wir werden uns bald wieder ſehen!— Dieſe unzuſammenhaͤngenden Reden gaben Ancelina keinen Aufſchluß, und dieſe glaubte, ein neuer — heftigerer Fieberanfall bringe dieſe Worte her⸗ vor. Ihre Unruhe erreichte aber den hoͤchſten Gipfel, als der Wagen der Lady leer zu⸗ ruͤck kam. Die Diener drängten ſich an die Kutſche heran, und glaubten, ihre Herrſchaft wuͤrde angelangt ſeyn, aber wie erſchraken ſie, als ſie vom Kutſcher und Bedienten vernahmen, daß die Lady mit ihrer Tochter an der Graͤnze des Buſches ausgeſtiegen waͤre. Die Beſtuͤr⸗ zung ward allgemein, und der Unfall, von welchem Miß Henriette und Alfred betroffen worden waren, mußte nothwendig auch hin⸗ ſichtlich der Lady Schickſal die aͤngſtlichſten Beſorgniſſe erregen. Da man weder an den — ——„— M 1—*— — — 117— Bruder, noch an die Schweſter Fragen rich⸗ ten konnte, ſo beſchloß man, ſich deshalb an Growell zu wenden, vorher aber Miß An⸗ celina, welche ihre Mutter noch in Sump⸗ tuos⸗Caſtle glaubte, davon zu unterrichten. Ancelina begriff ſehr wohl, daß die ängſt⸗ lichen Ausrufungen, welche ihre Schweſter ihren Worten beimiſchte, weniger eine Folge ihrer Krankheit, als der Erinnerung der erleb⸗ ten Schreckniſſe des heutigen Abends wären. Growell erzaͤhlte, er wäre den ganzen Tag uͤber bei einem Freunde in deſſen acht Mei⸗ len von hier gelegenem Schloſſe geweſen, und, anſtatt auf geradem Wege nach Sumptuos⸗ Caſtle zuruͤckzukehren, von der Straße abge⸗ wichen, um bei Milborn⸗Hall vorbeizukom⸗ men, wo er gehoͤrt, daß Alfred ſo eben fort⸗ geweſen ſey, ſeiner Mutter entgegen zu ge⸗ hen; worauf er denn ſich beeilt habe, ihn einzuholen. Er erzahlte ſodann, wie ihn ein heftiges Geſchrei zu dem, dem Leſer bekann⸗ ten abſcheulichen Auftritte hingefuͤhrt hätte, daß er aber bei ſeiner Ankunft im Gebuͤſche — 15— die Lady nicht geſehen, weshalb er auch nicht im Stande ſey, uͤber ihre Perſon einigen Aufſchluß zu geben. Henriette war die einzige, welche die nähern Umſtände dieſes höchſt traurigen Ereig⸗ niſſes hätte berichten konnenz allein ihr Zuſtand erlaubte nicht, daß man ſie befragen konnte. Der Verſicherungen des Dieners ohner⸗ achtet, welcher Alfreds Wunde verbunden hatte, daß keine Gefahr fuͤr ihn zu befuͤrch⸗ ten waͤre, hielt es doch der Schloßverwal⸗ ter fuͤr Pflicht, nach einem kunſterfahrenen Manne ſchicken zu laſſen, und zwar nach eben demſelben, welcher den Lord nach jenem ſchrecklichen Vorfalle behandelt hatte. Gro⸗ well billigte dieſe Vorſicht, und da er nicht eher Milborn⸗Hall verlaſſen wollte, als bis er uͤber den Zuſtand des Bruders und der Schweſter vollkommen beruhigt worden ſey, ſo ließ er einen Boten nach Hauſe ſchicken, und ſeiner Familie melden, daß er dieſen Abend nicht wiederkommen wuͤrde. ſn Die folgende Nacht war fur beide Kranke eine höchſt ſtuͤrmiſche und qualvolle. Alfred — 1149— hatte zwar nur eine leichte Verwundung be⸗ kommen, allein ſein Geiſt war in der hoͤch⸗ ſten Spannung, und erlaubte ihm nicht, ei⸗ nige Ruhe zu genießen; Growell, der ſich ne⸗ ben ſeinem Bette hingeſetzt hatte, bemuͤhte ſich vergebens, ſeine aufgeregten Sinne zu beruhigen. Da er ſehr oft nach ſeiner Mut⸗ ter fragte, ſo gab ihm Growell zur Antwort, ſie waͤre einer kleinen Unpaßlichkeit halber in Sumptuos⸗Caſtle zuruͤckgeblieben. Henriette befand ſich in demſelben Zu⸗ ſtande, wie ihr Bruder; der Wahnwitz ver⸗ ließ ſie nicht, und da ſie ſtets den ſchreckli⸗ chen Augenblick vor ſich ſah, der ihr beinahe das Leben und die Ehre geraubt hätte, ſo ſchrie ſie aus allen Kräften zu Huͤlfe, und gerieth dadurch in die größte Ermattung. Glucklicherweiſe war ihr Schlafgemach von Alfreds Kammer ſehr weit entfernt, ſonſt hätte er ſie nothwendig horen muͤſſen, und ſelbſt diejenigen von der Dienerſchaft, welche die Nacht hindurch bei ihr wachten, jammerten laut uͤber den Zuſtand ihres jungen Fräuleins. —— Eilftes Capitel. Am folgenden Morgen hoͤrte man, daß eine Kutſche in den Schloßhof einfuhr, und An⸗ celina, welche ſich bei ihrer Schweſter be⸗ fand, lief an das Fenſter, in dem Wahne, ihre Mutter kehre zuruͤck; eitle Hoffnung! Sie erkannte das Wappen und die Livree ihres Nachbarn, und ſah, daß Miſtreß Gro⸗ well aus dem Wagen ſtieg. Dieſe Dame eilte, ſich uͤber den Geſundheitszuſtand ih⸗ rer lieben Henriette unterrichten zu laſſen, und bot, nachdem ſie durch den von ihrem Gatten ihr zugeſchickten Boten das Ungluͤck— des vergangenen Abends erfahren hatte, alle Sorgfalt auf, welche nur die zärtlichſte 3 Freundſchaſt zu erweiſen vermag. Sie er⸗ kundigte ſich mit Waͤrme, ob man von der Lady noch keine Rachrichten habe, und als An⸗ celina ihr zur Antwort gab, daß man noch ——— — — — 121— durchaus gar nichts von ihrer Mutter habe erfahren können, und daß ſie deshalb in der größten Unruhe ſchwebe, ſo ward Miſtreß Growell durch die Dunkelheit, welche uͤber dieſe ganze traurige Begebenheit wie ein Schleier verbreitet lag, auf's lebhafteſte ge⸗ ruͤhrt.— Waͤre nur Henriette, ſo ſprach ſie, im Stande, uns einige Weiſungen zu er⸗ theilen, ſo konnten wir dadurch vielleicht auf den rechten Weg geleitet werden. Es iſt in der That hoͤchſt peinigend, wenn man vor Begierde brennt, zu handeln, und den⸗ noch nicht weiß, wie und wo man anfangen ſoll. Ancelina ward durch dieſe innige Theil⸗ nahme, welche Miſtreß Growell an ihrem Ungluͤcke nahm, zur lebhafteſten Dankbarkeit bewogen. In dieſem Augenblicke erſchien der Wundarzt, welchen man hatte holen laſſen. Henriette drehte ſich auf die Seite, und zum großten Erſtaunen aller Anweſenden wollte ſie auf ihn losſtuͤrzen, und ſie begann wie⸗ der in ihr Geſchrei auszubrechen, was ſie ſeit laͤnger denn zwei Stunden nicht gethan hatte. —— — Das iſt er, ſprach die Bedauernswuͤr⸗ dige„haltet ihn feſt; ich erkenne ihn wieder, ſeine Maske hat mich nicht getäuſcht, er iſt's, wer anders könnte ſich zu einem ſolchen Ver⸗ brechen erniedrigen? Der Arzt, uͤber eine ſo ſonderbare Anrede beſturzt, ergriff Henriettens Haͤnde, eine Vorſicht, ohne welche ihm dieſe das Geſicht zerkratzt haben wuͤrde.— Ge⸗ rade ſo hielt mich das Ungeheuer, fuhr ſie fort, als ich mich von den ſchändlichen Feſ⸗ ſeln befreit hatte. Im Namen der göttli⸗ chen und menſchlichen Gerechtigkeit haltet ihn feſt! Ihre Augen rollten fuͤrchterlich in ih⸗ ren Hoͤhlen, und plötzlich warf ſie ihre Blicke auf Growells Gattin.— Allmaͤchtiger Gott! rief ſie, bin ich denn noch unter den Haͤn⸗ den unſrer Morder? Das iſt dieſes abſcheu⸗ liche Weib, welche bei allen an uns veruͤbten Greuelthaten zugegen war, und dieſelben un⸗ terſtuͤtzte; ſeht, mit welcher emporenden Freude ſie die Leiden meiner armen Mutter betrach⸗ tet; die Barbarin! ſie lacht uber unſte Qua⸗ lenz ſie war auch maskirt, aber ich habe 2 h —— ———.—— —— ihre Stimme wieder erkannt. Elende! ſprich, was haſt Du mit meiner Mutter gemacht? Gieb ſie uns wieder, und ich will Dir ver⸗ zeihen. Miſtreß Growell fand ſich durch Hen⸗ riettens Reden keineswegs beleidigt, ſie ſchloß vielmehr das Mädchen in ihre Arme und druͤckte ſie zaͤrtlich an ihr Herz; ihre von Thraͤnen erfuͤllten Augen zeigten deutlich ihr Mitgefuͤhl.— Theure Henriette, erkennen Sie in mir die Freundin Ihrer Mutter, die Ihrige und die Freundin Ihrer ganzen Fa⸗ milie; ich bin gekommen, fuͤr Sie zu ſorgen, Ihnen Troſt zu reichen. Henriette, ſehen Sie mich an, koͤnnen Sie mich fuͤr das Un⸗ geheuer halten, von dem Sie eben ſpra⸗ chen?— Dieſe zärtlichen Worte hätten ohne Zweifel den Erfolg gehabt, welchen Miſtreß Growell davon erwartete, waͤren ſie nur von Henrietten verſtanden worden, allein dieſe hatte durch jene Reden ihre Kräfte auf's hoͤchſte angeſtrengt, und war ſodann in ih⸗ ren gefuͤhlloſen Zuſtand wieder zuruͤckgeſun⸗ ken. Der Arzt verordnete paſſende Mittel, — 1¹124— konnte aber nichts Gewiſſes uͤber ihren Zu⸗ ſtand verſprechen, und ſeinem Urtheile nach mußte in ihrem Innern eine ungeheure Be⸗ wegung vorgegangen ſeyn. Selbſt wenn ſie ruhig lag, zitterten ihre Glieder ohne Aufho⸗ ren, und es bedurfte der größten Behutſam⸗ keit und vielleicht eines betraͤchtlichen Zeit⸗ raumes, um Henriettens Geſundheit und Sinne wieder herzuſtellen. So meinte der Arzt und begab ſich hierauf zu Alfred; er unterſuchte deſſen Wunde, und beſtätigte, was bereits der Bader auf dem Schloſſe ausge⸗ ſagt hatte. Indeſſen fand er, daß der Kranke im Fieber lag, und ob er gleich nicht wie ſeine Schweſter phantaſirte, ſo bemerkte doch Jedermann, daß ſein Geiſt ebenfalls in der hoͤchſten Aufregung war. Nachdem der Arzt die zweckmäßigſten Mittel verordnet hatte, ging er mit Growelln fort, und gab dieſem den Rath, einen Eilboten zu Pferde nach London zu ſchicken, um des Lords Zuruͤck⸗ kunft wo moglich zu beſchleunigen. Beide gingen hierauf in den Garten, wo ſich Gro⸗ — — —— — — ——— — wells Gattin ihnen anſchloß. Sie erzählte ihrem Gemahle, wie Henriette irrigerweiſe ſie und den Arzt fuͤr diejenigen Perſonen gehal⸗ ten habe, welche bei dem traurigen Vorfalle des vergangenen Abends die Hauptrollen ge⸗ ſpielt hätten. Growell ſchien uber dieſen Irr⸗ thum ſehr aufgebracht zu ſeyn; da ihm aber der Arzt begreiflich machte, daß man in der That bei Wahnſinnigen thoͤricht handeln wuͤrde, wenn man ſich durch dasjenige, was ſolchen Unglucklichen in ihrer Krankheit ent⸗ faͤhrt, beleidigt finden wollte, ſo geſtand er ſein Unrecht ein, und fragte den Doktor und ſeine Frau, ob ſie hinſichtlich der Theilneh⸗ mer dieſer abſcheulichen Begebenheit gar kei⸗ nen Verdacht auf Jemanden haͤtten. Sie ver⸗ neinten dieſes, beklagten das Ungluck dieſer achtungswerthen Familie, und trennten ſich ſodann. Der Arzt verſprach, binnen vier Stunden die Kranken wieder zu beſuchen, Miſtreß Growell aber nähm von Ancelina Abſchied, und gab ihr die Verſicherung, daß ſie den Abend mit ihren Toͤchtern wiederkom⸗ —— men, und Clara die Nacht hindurch bei Hen⸗ rietten zuruͤcklaſſen wolle. Growell ſchrieb einen Brief an den Lord, worin er ſei⸗ nem Freunde ſein Bedauern bezeigte, daß er ihm ſo traurige Nachrichten mittheilen muͤſſe. Er erzählte ihm les, wovon er ſelbſt Zeuge geweſen war, beruͤhrte den Umſtand, daß er ſo gluͤcklich geweſen, Henrietten und Alfred den Haͤnden der Mörder zu entreißen, nur fluͤchtig, und drang in den Lord, nach Em⸗ pfange dieſes Brief ſogleich die Ruͤckreiſe an⸗ zutreten. Kaum war dieſer Brief beendigt, und durch einen der Diener aus dem Mil⸗ bornſchen Hauſe abgefertigt worden, ſo kehrte Growell zu dem Verwundeten zuruͤck. Alfreds erſte Frage, trat Jemand in ſein Gemach, betraf ſtets ſeine Mutter und Schwe⸗ ſter. Alle Bediente waren im voraus unter⸗ richtet worden, was ſie zur Antwort geben ſollten; ſie erwiederten daher auf ihres jun⸗ gen Herrn Fragen, daß die Lady ſich von ihrer Unpäßlichkeit noch nicht in ſoweit wieder erholt habe, um Sumptuos-Caſtle verlaſ⸗ — 127— ſen zu konnen, und daß Miß Henriette ſich weit beſſer befände. Dieſe Nachrichten be⸗ ruhigten zwar Alfred ein wenig, indeſſen, ſo ſagte er zu ſich ſelbſt, wenn meine Mutter nicht ſehr krank waͤre, ſo wuͤrde ſie zu ihren Kindern hingeeilt ſeyn, wofern man ihr nicht aus PVorſicht die ſchreckliche Begebenheit im Walde verſchwiegen hat; wenn aber Hen⸗ riette ſich beſſer beſindet, wie man mir glau⸗ ben machen will, warum beſucht ſie ihren Alfred nicht? Zweifelt ſie, daß ihr Beſuch mir Freude machen werde? Alle dieſe Be⸗ trachtungen erregten in dem jungen Manne den Verdacht, man habe ihm die Wahrheit keineswegs genau hinterbracht. Abends kam Miſtreß Growell mit ihren beiden Tochtern; Clara warf ſich in Anceli⸗ na's Arme, und ihre Thränen vermiſchten ſich mit denen ihrer Freundin; beide begaben ſich ſogleich zu Henrietten, welche dieſesmal den am Morgen Statt gehabten Auftritt nicht wieder erneuerte. Die Kranke phantaſirte ohne Aufhören; ihre irrenden Sinne ließen * X — 128— ihr die gegenwaͤrtigen Perſonen und Dinge nicht erkennenz oft ſprach ſie von ihnen aus dunkler Erinnerung, und ihre Klagen und Seufzer zerriſſen das Herz eines jeden ge⸗ fuͤhlvollen Zuſchauers. Clara und Aurea ver⸗ goſſen einen Strom von Thraͤnen, und ins⸗ beſonders war es Clara, welche von dem ſchmerzlichen Zuſtande ihrer Freundin auf's tiefſte ergriffen wurde. Der Arzt kehrte zuruͤck; er hatte ſich nur mit vieler Muͤhe bewegen laſſen, einige Tage im Schloſſe zu verweilen, ein Entſchluß, welcher, da er viele Kranke in der Stadt zu beſorgen hatte, in der That ein Beweis einer großen Aufopferung war. Er traf Henriet⸗ ten noch eben ſo krank an, als wie er ſie ver⸗ laſſen hatte. Clara und Ancelina, uͤber des Arztes bedenkliche Miene beftuͤrzt, drangen in ihn, daß er erklaren moͤchte, ob Henriet⸗ tens Krankheit lebensgefaͤhrlich ſey.— Ich glaube, gab er zu Antwort, daß, wenn es ſich mit ihr nicht binnen hier und vier und zwanzig Stunden aͤndert, in der That nur —— ein Wunder ihr Leben retten kann. Dieſer Ausſpruch verſetzte Alle in die groͤßte Beſtuͤr⸗ zungz die Wäͤchterin und die Kammerfrauen, welche ſich um die Wette beeiferten, fuͤr ihre junge Gebieterin die größte Sorgfalt zu tra⸗ gen, begannen laut zu weinen, und durch die⸗ ſes traurige Wehklagen ward die Aufmerkſam⸗ keit der Kranken rege gemacht; ſie oͤffnete ihre Augen, und warf ihre Blicke im Gemache um⸗ her, und mit einemmale ſielen alle anweſende Frauen und Dienerinnen auf ihre Knie nie— der, und flehten inbruͤnſtig zu Gott, daß er Henrietten nach Aller Wuͤnſchen wieder her⸗ ſtellen moge. Dieſer ruͤhrende Auftritt wirkte auf Henriettens Geiſt wie ein Zauberſchlag, ſie erkannte Jedermann, und die große Liebe, welche man gegen ſie blicken ließ, wirkte der⸗ geſtalt auf ſie, daß von ihren vom Fie⸗ ber purpurroth gluͤhenden Wangen Thraͤnen herabrannen. Das Antlitz des Arztes hei⸗ terte ſich auf, er laͤchelte und verkündete auf feierliche Weiſe, daß die Kranke gerettet ſey. Wer dieſer allgemeinen Freude beige⸗ c ₰ — 130— wohnt haͤtte, wuͤrde geglaubt haben, daß ein Jedes eine geliebte Schweſter wieder erkennte. Nachdem ſich Henriette ein wenig geſam⸗ melt hatte, fragte ſie mit Tngſtlichkeit, ob ihre Mutter im Schloſſe angekommen waͤre. Dieſe Frage konnte nicht beantwortet werden, ohne daß man Henriettens Herz auf's Neue mit Schmerz erfullt haͤtte; es erfolgte daher ein allgemeines Stillſchweigen, Miſtreß Gro⸗ well aber beſaß ſo viel Gegenwart des Gei⸗ ſtes, daß ſie ſchnell das Wort ergriff und ſagte, ihre Freundin habe Nachricht von ſich gegeben und wuͤrde ohne weitern Aufſchub ih⸗ ren Ruͤckweg antreten.— Hat ſie uͤber den Anlaß ihrer ſchaͤndlichen Entfuͤhrung etwas Naͤheres verlauten laſſen?— Sie hat ſich vorbehalten, ihrer Familie die wunderbare Art und Weiſe in eigner Perſon zu erzaͤhlen, wo⸗ durch die Vorſehung ſie gerettet hat.— Die Miene der Wahrheit, womit Miſtreß Gro⸗ well dieſe Worte ſprach, uͤberzeugte die Kranke dergeſtalt, daß ſie auf der Stelle ihr Dank⸗ gebet an den Höchſten richtete. Alle Anwe⸗ 1 ——— — 14131— ſende gaben dem gluͤcklichen Einfalle der Mi⸗ ſtreß Growell ihren ganzen Beifall; eine auf⸗ richtige Erzaͤhlung wuͤrde die arme Henriette unwiederbringlich in's Grab geſtuͤrzt haben. Nachdem die ſo anziehende Kranke die Pflicht der kindlichen Liebe erfuͤllt hatte, erkundigte ſie ſich nach dem Beſinden ihres Bruders; hier verhehlte man ihr keineswegs die Wahr⸗ heit, und in der That hatte Alfreds Wunde ſo wenig zu bedeuten, daß man die gegruͤn⸗ detſten Hoffnungen hegte, er wuͤrde ſeine Schweſter ſehr bald beſuchen koͤnnen. Die Klugheit hatte uͤber die brennende Begierde, die näheren Umſtaͤnde jenes trauri⸗ gen Ereigniſſes zu erfahren, den Sieg davon getragen. Der Lady plotzliches Verſchwinden hatte alle Herzen mit Trauer erfuͤllt, und aus Henriettens Ausrufungen, Klagen und halb abgebrochenen Worten zu ſchließen, war ohne Zweifel eine gewaltſame Entfuͤhrung vor⸗ gefallen; aber von wem ſollte ein ſo verwege⸗ ner Streich herruͤhren, und was konnte der Beweggrund zu einer ſo ſchaͤndlichen That 2 ₰ — 132— ſeyn? Man hoffte, Henriette wuͤrde einige Aufſchluͤſſe geben koͤnnen; allein wenn man, als die Kranke wieder zur Beſinnung gelangte, nicht alle Vorſicht angewandt haͤtte, ſo wuͤrde man ſie ohne Zweifel in die Gefahr geſtuͤrzt haben, ihren Verſtand vollig zu verlieren. Der Arzt billigte die feine Art, mit welcher Miſtreß Growell Henriettens Frage beant⸗ wortet hatte, und bat, daß man noch we⸗ nigſtens einen ganzen Tag hindurch daſſelbe Verfahren beobachten moͤchte, dann wuͤrde das Mäͤdchen wohl Kraͤfte genug beſitzen, um die von Allen ſo begierig erwartete Erzaͤhlung zu thun. Miſtreß Growell war uͤber Henriettens Zuſtand jetzt weit ruhiger geworden, und be⸗ gab ſich nunmehr in Alfreds Zimmer, wo ſie ihren Sohn Evan antraf. Dieſer hatte trotz ſeiner Gleichguͤltigkeit gegen alle Begebenhei⸗ ten, die ihn nicht perſonlich betrafen, es fuͤr nothwendig erachtet, Alfreden ſeine Theilnah— me an deſſen Ungluͤck zu bezeugen; er erkun⸗ digte ſich auch nach Henrietten, und ſeine Mutter erzaͤhlte ihm, daß ſie ſich auf dem —— — 183— Wege der Beſſerung befaͤnde, und in Kurzem das Bette verlaſſen und ihre Sorgfalt ihrem Beſchuͤtzer wuͤrde widmen koͤnnen. Bei die⸗ ſen Worten warf ſie einen dankenden Blick auf Alfred, Evan aber fragte, ob denn nicht ſein Vater auch Miß Henrietten den Haͤnden ihrer Raͤuber entriſſen habe?— Sie waren unſer beider Retter, antwortete der Verwun⸗ dete, und richtete ſeine Augen mit einer zaͤrt⸗ lichen Miene auf Herr Growelln— ohne Sie wuͤrde ich verloren geweſen ſeyn, und meine ungluͤckliche Schweſter waͤre die Beute des ab⸗ ſcheulichſten Boͤſewichts geworden!— War es ein Morder oder ein Entfuͤhrer? fragte Evan wieder.— Er war beides, entgegnete Alfred mit verſtärkter Stimme.— Aber kennen Sie denn Niemanden, auf den Sie Ihren Verdacht werfen könnten? Es iſt ja beinahe unmöglich, daß die Urheber dieſer That ſich nicht als Ihre Feinde verrathen ſollten.— Ich kenne nur einen einzi⸗ gen Menſchen, der eine ſolche Graͤuelthat zu be⸗ gehen fähig ſeyn duͤrfte, allein ich habe vor der Hand nur einen Argwohn, und muß da⸗ — 134— her warten, bis ich im Stande ſeyn werde, mehr Gewißheit daruͤber zu erlangen.— Sie haben Verdacht, ſagte ſchnell Growell, lieber Freund, dieſer genuͤgt, um Nachſuchungen an⸗ zuſtellen. Vertrauen Sie ſich mir an, und theilen Sie mir Ihre Gedanken mit; aus al⸗ len meinen Kraͤften will ich Ihnen beiſtehen. Dieſes Geheimniß muß ergruͤndet werden, mit der groͤßten Strenge muß man die Verbrecher beſtrafen.— Mein Mann hat recht, lieber Alfred, oͤffnen Sie ihm Ihr Herz, und ſetzen Sie uns in den Stand, einen Weg zu ver⸗ folgen, der uns zu wichtigen Entdeckungen hinzufuͤhren vermag. Wie nun Growells Gat⸗ tin eben im Beg riff war, fortzugehen, um den Verwundeten ſich gegen ihren Gatten frei ausſprechen zu laſſen, ſo hielt ſie Alfred noch zuruͤck, und befragte ſie wegen ſeiner Mutter. Sie antwortete ihm, daß die Lady ſelbſt kom⸗ menden Morgen erſcheinen wuͤrde, ſprach aber ſodann heimlich mit ihrem Manne, und rieth ihm, Alfred die Wahrheit zu geſtehen, da er von ſeinem Unfalle inſoweit hergeſtellt zu ſeyn — 135— ſchiene, daß er als Mann die Kunde des ihm bis jetzt noch unbewußten Ungluͤcks anhoren und ertragen koͤnnte. Evan nahm von Alfred ebenfalls Abſchied, wuͤnſchte ihm baldige Ge⸗ neſung und folgte ſodann ſeiner Mutter. Growell bemuͤhte ſich umſonft, von Al⸗ fred zu erfahren, auf wen dieſer ſeinen Ver⸗ dacht geworfen habe. Alfred beſtand hartnaͤk⸗ kig darauf, nicht eher ein Wort zu ſagen, als bis er Beweiſe erhalten, die zu bekom⸗ men er, ſobald ſeine Geſundheit völlig herge⸗ ſtellt ſeyn wuͤrde, keineswegs bezweifelte.— Ihre Weigerung bekuͤmmert mich um ſo mehr, ſagte Growell, als ich gewiß glaubte, von Ihnen einen Fingerzeig hinſichtlich der Schrit⸗ te zu bekommen, welche wir in Bezug auf eine uns allen ſo theure Perſon zu machen haben. Jetzt iſt der Augenblick da, wo Sie, lieber Alfred, Ihren Muth zeigen koͤnnen.— Großer Gott, rief der junge Mann und er⸗ blaßte, was wollen Sie mir damit ſagen?— Eine entſetzliche Neuigkeit! Ihre Mutter war ohne Zweifel den Armen ihrer Tochter entriſ⸗ — 136— ſen worden, noch ehe Sie die letztere einhol⸗ ten, und was man auch bis jetzt gethan hat, um Nachrichten uͤber ſie einzuziehen, iſt den⸗ noch alles vergeblich geweſen.— Mehrere Minuten lang war Alfred gleichſam betäubt, allein bald bemaͤchtigten ſich Wuth und Ver⸗ zweifelung ſeiner dergeſtalt, daß er ſich aus ſeinem Lager ſtuͤrzte, und noch in demſelben Augenblicke fort wollte, um ſeine Mutter aufzuſuchen.— Growell hatte die größte Muͤ⸗ he, ihn davon abzuhalten.— Warten Sie wenigſtens erſt die Ruͤckkunft Ihres Vaters ab, morgen oder uͤbermorgen wird er gewiß eintreffen. Vollenden Sie waͤhrend dieſer Zeit Ihre Geneſung, Sie werden dann eher im Stande ſeyn, die Beſchwerlichkeiten zu ertra⸗ gen, welche Ihre Nachforſchungen Ihnen ver⸗ urſachen werden. Ich rechne darauf, daß ich meine Bemuͤhungen mit den Ihrigen vereini— gen darf; ja, lieber Freund, kein Weg, keine Gefahr ſoll mich abſchrecken, wenn ſich mir ur einige Hoſſnung zeigt, eine ſo zaͤrtliche Mutter ihren Kindern, eine ſo achtungswerthe Gattin ihrem Gemahle wiedergeben zu koͤnnen. Alfred gab endlich nach, und erfuhr nun auch von Growell, daß Henriette ſehr ſchlecht ge⸗ weſen waͤre, jetzt aber ſich weit beſſer befaͤn⸗ de.— Ihr Zuſtand iſt Urſache, fuͤgte Gro⸗ well hinzu, daß wir bis jetzt noch nicht wiſ⸗ ſen, wie Ihre Mutter entfuͤhrt worden iſt, woruͤber wir Ihre Schweſter, nach des Arztes Befehl, erſt nach vier und zwanzig Stunden fragen ſollen, indem dann keine Gefahr mehr zu befurchten ſey. Wos fuͤr neue Urſachen und Gegenſtände des Schmerzes boten ſich dem ar⸗ men Alfred dar. Während er ſich der größ⸗ ten Sicherheit uͤberlaſſen hatte, raubte ein un⸗ gluͤckliches Geſchick ihm die beſte der Muͤtter, und er war immer noch in Gefahr, auch die theure Schweſter zu verlieren. Mehr als jemals druckte ihn jetzt das Be⸗ wußtſeyn der Verbindlichkeiten, welche er Gro⸗ welln ſchuldig war; allein er wußte nicht, wie er ihm ſeine Dankbarkeit beweiſen ſollte. Gro⸗ well bat ihn, er moͤchte ſeine ganze Sorgfalt auf die Wiedererlangung ſeiner Geſundheit wen⸗ — 138— den, Alfred aber verlangte von ihm, er ſolle ſich der Ruhe, die er in der That nothig hatte, uͤberlaſſen. Seit drei Naͤchten hatte Growell kein Kleid abgelegt, und täglich nur zwei Stunden auf einem Sopha geſchlafen; er wil⸗ ligte daher in Alfreds Bitten ein und begab ſich nach Sumptuos⸗Caſtle, wo er verſchie⸗ dene Befehle zu geben hatte. Clara war von ihrer Mutter in Milborn⸗ Hall zuruͤckgelaſſen worden, und drang, da ſie ſelbſt bei Henrietten eine Nacht hindurch wa⸗ chen wollte, in Ancelina, daß ſie ſich nieder⸗ legen ſolle. Sie hatte die Freude, dieſe Nacht voruͤbergehn zu ſehen, ohne daß die Kranke be⸗ unruhigt wurde; ſie ſchlief mehrere Stunden hinter einander, und befand ſich bei ihrem Erwachen ſo wohl, daß ſie ihrer Freundin alle Umſtaͤnde des ſchrecklichen Vorfalles ein⸗ zeln zu erzahlen begann. Als ſie der Miß Growell die entſetzliche Lage beſchrieb, in wel⸗ che die Boſewichter ſie und ihre Mutter ge— ſtuͤrzt hatten, da vermochte Clara nicht, ihre Wehklagen zurückzuhalten, und dieſe verdop⸗ ——————————— — 139— pelten ſich, als ſie hoͤrte, daß Lady Milborn entfuͤhrt worden waͤre. Wie Henriette ihre Freundin in Thraͤnen ſah, ſprach ſie:— Wir muͤſſen uns tröſten, da meine Mutter von ſich hat hören laſſen und bald ankommen wird.— Gewiß, erwiederte Clara, und es fehlte wenig, ſo hätte ihre Zärtlichkeit ſie da⸗ hin gebracht, das Geheimniß, welches man der Miß Milborn noch verſchweigen wollte, zu verrathen. Die entſetzliche Lage, worin 4 Sie ſich mit Ihrer Mutter befunden haben, erregt meine hoͤchſte Theilnahme und Schmerz. Arme Freundin, was haben Sie leiden muͤſ⸗ ſen! Aber ſagen Sie mir doch, Henriette, blieb nicht einer von den Boͤſewichtern bei Ihnen?— Ohne Alfred und ohne Ihren ed⸗ len Vater war ich verloren, ohne Rettung auf ewig verloren.— Wie gluͤcklich kann ſich mein Vater preiſen, verſetzte Clara, daß ſich ihm ſchon mehrere Gelegenheiten dargeboten haben, ſeine Freundſchaft fuͤr Ihre Familie 1 zu beweiſen.— Wir alle ſind ihm die größ⸗ te Dankbarkeit ſchuldig. Ach, Clara, es wird — 140— nur wenig ſolche Freunde geben, als Ihr Va⸗ ter iſt!— Eben ſo duͤrfte es aber auch nur wenig Menſchen geben, die eine groͤßere Liebe und Achtung verdienten, als Sie und Ihre Familie. Unter dieſem Geſpraͤche kam der Arzt, in Begleitung Ancelina's, herbei. Bei⸗ de wurden gleich beim Eintritte gewahr, daß die Kranke in kurzer Zeit geneſen wuͤrde. Clara nahm Ancelina bei der Hand und ent⸗ fernte ſich mit ihr aus dem Zimmer, indem der Arzt mit Henrietten allein zu bleiben wuͤnſchte. So wie die beiden Mädchen ſich in ein anderes Zimmer begeben hatten, erzählte Clara ihrer Freundin das, was ſie von ihrer Schweſter erfahren hatte. Ancelina brach in lau⸗ geſchwebt, und ihrer Mutter Abweſenheit verur⸗ ſachte ihr die groͤßte Unruhe, aber jetzt, wo ſie er⸗ fuhr, daß ſie von ſchaͤndlichen Raͤubern entfuͤhrt und vielleicht gar von ihnen ermordet worden ſey, dieſer herzzerreißende Gedanke war fuͤr eine ſo gefuhlvolle und zartliche Tochter zu ſchrecklich. Man erlaubte Henrjetten aufzuſtehen, und te Klagen aus; bisher hatte ſie in Ungewißheit — 141— ſie wollte ſogleich ihren Bruder beſuchen, al— lein der Arzt gab dieſes nicht zu. Auch Al⸗ fred konnte bereits das Bette verlaſſen, und die brennende Ungeduld, welche ihn trieb, ſei⸗ ner Mutter zur Huͤlfe zu eilen, ſchien eher ſeine Kraͤfte zu ſtaͤrken, als zu ſchwaͤchen. Er ließ daſſelbe Verlangen, wie Henriette, blicken, und der Arzt mußte ſein ganzes Anſe⸗ hen anwenden, um ihn dahin zu bringen, daß er das Zimmer noch nicht verließ. Gro⸗ wells kamen an dieſem Tage nicht nach Mil⸗ born-Hall, ſchickten aber zweimal, um ſich zu erkundigen; am folgenden Tage aber hoͤrte man fruͤh einen Wagen in den Hof fahren. Es war der Lord mit ſeinem Sohne; Schmerz und Angſt waren in allen Zuͤgen des ungluͤck⸗ lichen Gatten zu leſen. Er fragte ſogleich, ob man von ſeiner Gattin etwas gehoͤrt habe, und erhob, als man ihm dieſes verneinte, ſeine Augen mit dem Blicke der Verzweifelung zum Himmel. Er war eben im Begriſſ, mit Godwin in ſein Zimmer zu gehen, als Gro⸗ well herbei geritten kam und in ſeine Arme — eilte. Die beiden Freunde druͤckten ſich ſprach⸗ los an ihre Herzen, und gingen ſodann zu Alfred, welcher vor ſeines Vaters Knie nie⸗ derſtuͤrzte und ihm ſchwur, er wolle nicht eher ruhen, als bis er ſeine Mutter wiedergefunden habe. Er hatte bereits das Bette verlaſſen, und begleitete nunmehr ſeinen Vater in's Ge⸗ mach ſeiner Schweſter. Henriette war faſt in denſelben gefaͤhrlichen Zuſtande wieder zuruͤck⸗ gefallen, von welchem ſiè ſich erſt ſeit kurzem wieder erhohlt hatte. Miſtreß Growell war bereits vor dem Lord in Milborn-Hall ange⸗ kommen und hatte ſehr richtig gefuͤhlt, daß man nur mit der groͤßten Behutſamkeit und Sanftmuth das Maͤdchen von der Ungewiß⸗ heit, in welcher man wegen der Lady Schick⸗ ſal ſchwebte, in Kenntniß ſetzen muͤſſe; aller angewandten Vorſicht ungeachtet aber verlor Henriette abermals ihr Bewußtſeyn, und hat⸗ te daſſelbe auch noch nicht wieder erlangt, als ihr Vater in ihr Zimmer trat. Dieſer ſchreck⸗ liche Anblick entriß ihm einen Schrei, wo⸗ durch Growell und Alfred, welche draußen — — 143— vor der Thuͤre zuruͤckgeblieben waren, eiligſt her⸗ bei gezogen wurden. Nach einer Weile kam Henriette wieder zur Beſinnung, ſie offnete die Augen und ſah, wie ihr Vater ſich uͤber ſie hin neigte, und mit Angſtlichkeit auf den Augenblick wartete, wo er von ihr wie⸗ der erkannt werden wuͤrde; ſie warf ſich an ſeine Bruſt und begehrte von ihm ihre Mut⸗ ter zuruͤck.— Sie wird uns wieder gegeben werden! rief Alfred, indem er die Hand ſei⸗ ner Schweſter an ſeine Lippen druͤckte, und waͤre ſie im tiefſten Winkel der Erde verbor⸗ gen, ich will ſie aufſuchen, und nicht eher wiederkehren, als an der Hand dieſer theuern Mutter. Alfreds vertrauensvolle Miene flöß⸗ te den beiden Schweſtern, welche ſich wei⸗ nend umarmt hielten, Hoffnung ein, und es ward beſchloſſen, daß den folgenden Tag der Lord, Herr Growell, Alfred und Godwin, jeder auf verſchiedenen Wegen, ſich auf⸗ machen, wenigſtens zwanzig Meilen im Umkreiſe herumſtreifen, und uͤberall die ge⸗ naueſten Nachforſchungen veranſtalten ſollten. Zwoͤlftes Capitel. Das Intereſſe dieſer Geſchichte erheiſcht, daß der Leſer wieder zuruͤck gefuͤhrt werde, und ſich in Gedanken an jenen unglucklichen Abend, an die Entfuͤhrung der Lady Milborn, ſo wie an den gewaltſamen Angriff auf Alfreds Le⸗ ben und Henriettens Ehre, wieder erinnere. Man weiß bereits, auf welche Art dieſe letz⸗ tern beiden dem ihnen beſtimmten Schickſale entgingen, es iſt daher wohl natuͤrlich, daß auch der Lady weiteres Geſchick Theilnahme, oder doch wenigſtens Reugierde erregen duͤrfte. Von den vier Banditen, welche Mutter und Tochter angefallen hatten, waren zwei bei der letztern zuruͤckgeblieben, waͤhrend ihre Geſellen die Lady durch den Wald fortſchlepp— ten. Es währte nicht lange, ſo traf man im dichteſten Gebuͤſche einen Wagen an, in wel— chen die Lady neben einer, ihr gänzlich frem— —— —— dern Weibsperſon, welche ſich ziemlich anſtaͤn⸗ dig gegen ſie betrug, geſetzt wurde. Waͤh⸗ rend der drei Stunden, als ſo lange dieſe Reiſe dauerte, hatten die beiden Männer ihre Masken abgenommen, und ſich hinten auf den Wagen geſetzt. Damit die Lady nicht ſchreien könnte, hatte man ihr das Tuch noch im Munde gelaſſen, auch ihre Arme von den Banden noch nicht befreit. Es war eine ſehr dunkle Nacht 6 als der Wagen ſtill ſtand; man offnete ſogleich den Kutſchenſchlag, und die Frau, welche die Lady begleitet hatte, bat ſie, auszuſteigen. Da ſie keine andere Mog⸗ lichkeit vor ſich ſah, wie ſie ſich ihrer grauſa⸗ men Lage haͤtte entziehen konnen, ſo glaubte ſie, das einzige Mittel, das Schreckliche der⸗ ſelben zu mildern, ſey eine gaͤnzliche Ergebung⸗ Mit dieſem Entſchluſſe ſtieg ſie aus dem Wa⸗ gen und folgte der Frau, welche ſie in einen ungeheuer großen und ſehr hohen Saal gelei⸗ tete; daſelbſt machte man ihre Haͤnde frei, und nahm ihr auch das Tuch aus dem Mun⸗ de, woran ſie beinahe erſtickt wäre. Sie warf K — 146— ſchnell einen Blick um ſich her, und gewahr⸗ te auf der einen Seite eine große, zur Haͤlfte offene Thuͤre mit zwei Fluͤgeln; dieſe Thuͤre fuͤhrte in ein Gemach, welches eben ſo ent⸗ bloͤſt von allem Hausgeräthe zu ſeyn ſchien, als die Halle,„in welcher ſie ſich eben befand; auf der andern Seite ſah man eine breite ſtei⸗ nerne Treppe, deren Bauart ihr Alter verkuͤn⸗ digte. Einer der Männer ging in das eben etwaͤhnte Gemach, in welchem ein ſchwaches Licht ſich ſehen ließ. Dieſes Licht naͤherte ſich auf den Ruf des Entfuͤhrers der Lady, und ward von einem alten Manne getragen„ deſ⸗ ſen Geſtalt viel Abſchreckendes an ſich hatte. Dieſer Alte erhielt den Befehl, vorauszugehen, und wandte ſich demnach zur Treppe zu, die Lady aber folgte, ohne daß es ihr ausdruck⸗ lich geheißen wurde, und die beiden Männer nebſt der Frau beſchloſſen dieſen ſonderbaren Zug. Man ſtieg eine Treppe höher, der Al⸗ te wandte rechts, ſchlug einen ſchmalen Gäng ein, an deſſen Ende ſich eine zweite ſehr enge Treppe befand; in dieſem Stockwer⸗ —————————— — 147— ke machte der Fuͤhrer denſelben Gang, um zu einer dritten Treppe zu gelangen. Dieſe letz⸗ tere war ſo ſchmal, daß ein Menſch von ri⸗ ner etwas ſtarken Leibesbeſchaffenheit ſchwerlich haͤtte hinauf gelangen können; ihre Steilheit und die Höhe ihrer Stufen erſchwerten das Steigen ungemein und machten es ſelbſt ge⸗ fährlich, und nur mit der größten Anſtren⸗ gung gelang es der von Kummer ſchon ſo ſehr entkraͤfteten Lady, an's dieſer Treppe zu gelangen.„ 34 39 Der Alte ſlnete hierauf eine Thuͤre, und ließ den ganzen Zug in eine Kammer eintre⸗ ten, deren Fußboden mit Sand beſtreuet war. In dieſes Gemach hatte man, wie nicht zu verkennen war, in der Eile ein ſchlechtes Bett, einen noch ſchlechtern Tiſch, zwei mit Lappen bedeckte Stuͤhle und noch einiges elendes Ge⸗ raͤthe hingeſtellt. Seit dem Augenblicke, 6 die Lady ſo ungluͤcklich geweſen war, in die Gewalt dieſer verbrecheriſchen Bande zu gerathen, hatte ſie kein Wort geſprochen, es hatte aber auch Nie⸗ 2 — 4148— mand ſie angeredet, und erſt jetzt ward dieſes Stillſchweigen von der Frau unterbrochen, welche mit ihr gekommen war.— Das iſt das Gemachy ſprach ſie, das Fhnen zum Aufenthalte beſtimmt iſt; mein Vater Cauf den Alten hindeutend) und ich werden im Hau⸗ ſe gegenwaͤrtig ſeyn, um Ihnen die nothwen⸗ digſten Beduͤrfniſſe darzureichen; in einer klei⸗ nen Weile werde ich einige Erfriſchungen brin⸗ gen. Während dieſer Anrede zundete der Alte ein Feuer an, das bei den ſchon kalt gewor⸗ denen Naͤchten in der That nothwendig war, ein Licht ward auf das Kamin geſetzt, und hierauf entfernte er fich mit ſeiner Tochter⸗ Die Lady war uͤberzeugt, daß die ſtaͤrk⸗ ſten Bitten und Gruͤnde vergeblich ſeyn wuͤr⸗ den, um, zu Gunſten ihrer Lage und zu ei⸗ ner etwanigen Veraͤnderung derſelben, Men⸗ ſchen fuͤr ſich einzunehmen, die niedertraͤchtig genug geweſen waren, lihre Dienſte zu Aus⸗ fuͤhrung eines ſo ſchweren Verbrechens, das ſie um ihre Freiheit gebracht hatte, herzuge⸗ gebene Sie glaubte daher auch, ſich nicht ſo —— — 149— weit erniedrigen zu duͤrfen, daß ſie an ihre Waäͤchter einige Fragen gerichtet hätte, es ſ chien ihr vielmehr ihrer ſelbſt wuͤrdiger zu ſeyn, ih⸗ nen ihre Verachtung durch Stillſchweigen zu erkennen zu geben. Als ſie aber ſich allein befand, ſo uͤbte die ihrem Geſchlechte eigen⸗ thuͤmliche Schwaͤche ihre ganze Gewalt an der Armen aus, und ſie konnte ihre Thrä⸗ nen nicht hemmen; ach! ſie wergoß dieſelben weit weniger uͤber ſich ſelbſt, als uͤber das Schickſal ihrer geliebten BHenriette. Als ſie dieſe aus dem Geſichte verlor, hatte ſie noch bemerkt, daß der lange Mann, welcher mit dem Weibe hinzugekommen war, ihre ungluͤck⸗ liche Tochter in ſeine Arme geſchloſſen hat⸗ te. Tauſend Bilder, eines immer ſchreck⸗ licher als das andere, erfullten ihre Seele mit Angſt. Einmal gerieth ſe auf den Gedan⸗ ken, daß das Ungeheuer, deſſen Geſicht mit einer Larve bedeckt war, Evan geweſen ſeyn könnte, aber, wenn das wirklich der Fall war, warum hatte man denn ſie, die Mutter, ent⸗ führt? Es wäre ja weit natürlicher geweſen, —— Henrietten zuhentfuͤhren, und uberhaupt, wie konüte ſie ſich nur vorſtellen, daß der Sohn dev edelſten Kltern, ihrer ſtreneſten Freunde, einer ſolchen Schandthat faͤhig geweſen wäre? Es iſt zwar wahd, daß Evan ihre Tochter leidenſchaftlich liebte, er war von ihr ver⸗ ſchmaͤht worden, doch zu Begehung ſolcher Verbrechen fuͤhrt ungluͤckliche Liebe nur ſelten: Wer konnte alſo der Urheber dieſer entſetzli⸗ chen That ſeyn? Sie kannte keinen Feind auf Erden. Auf einmal fiel ihr das Ungluͤck wieder ein, welches ihren Gemahl vor unge⸗ fähr zwei oder drei Jahren betroffen hatte. Diejenigen, welche ihn auf eine ſo grauſame Weiſe in dem naͤmlichen Walde, wo ſie ent⸗ fahrt worden war, verwundet hatten, waren keine Räuber geweſen, denn ſie hatten ſich weder des Geldes, noch einiger Edelſteine ih⸗ ves Gatten bemächtigt; es mußten alſo Mör⸗ der ſeyn, welche von boͤſen Menſchen gedun⸗ gen worden waren. Und dann das Billet, unter welchem die falſche„aber täuſchend ähn⸗ liche Handſchrift des Lords ſich befand, wa⸗ ————„— „ WW N *„ ren das nicht alles Triebfedern„die man zu ihrem Untergange in Bewegung ſetzte? Alle dieſe Unglucksfalle rührten ohne Zweifel aus einer und derſelben Quelle her, und es war gewiß, daß unbekannte Menſchen an ihrem Verderben arbeiteten. Wie mußte ihrem Gat⸗ ten zu Muthe werden, wenn e nach ſeiner Ruͤckkunft aus London das Ungluͤck erfuhr, welches ſeine pedauernswuͤrdige Familie waͤh⸗ rend ſeiner Abweſenheit betroffen hatte! Das Verſchwinden ſeiner Gattin und Tochter Oie Lady konnte nicht glauben, daß Henriette den Raͤubern entgangen waͤre) mußte einen ſo gefuͤhlvollen Mann in Verzweifelung ſtuͤrzen⸗ Sie ſtellte ſich Alfreds und Ancelina's Schmerz deutlich vor, wenn dieſe ſahen, daß der Wa⸗ gen leer zuruͤck kam, und die Nacht verging, ohne Mutter und Tochter zuruͤckzubringen⸗ Ihre erſte Sorge, ſprach ſie bei ſich ſelbſt, wird geweſen ſeyn, nach Sumptuob⸗Caſtle zu eilen; dort werden ſie Unruhe und Kum⸗ mer verbreitet haben, und Growells, ſelbſt troſtlos, werden nicht im Stande geweſen ſeyn, die Kinder ihrer Freundin zu tröſten.— Warum, o warum, rief die Lady in einem Aus⸗ bruche ihrer ſchmetzlichen Gefuͤhle aus, bin ich nicht die einzige, der dieſe Leiden auferlegt werden? Der Schmerz derer, die ich liebe, iſt fuͤr mein Herz weit bitterer, als meine eigenen Qualen. Dieſe traurigen Betrachtungen wurden durch das Getöſe unterbrochen, das von den Tritten einer die Treppe heraufſteigenden Per⸗ ſon herruͤhrte. Man ſteckte den Schluſſel in das Schloß, und drehte ſelbigen mehrmals herum. Die Lady horte es, und ſprach ſtill fuͤr ſich: Da kommen meine Kerkermeiſter! Es war in der That der Alte mit ſeiner Toch⸗ ter ſie brachten einige Nahrungsmittel, ſetz⸗ ten dieſe, ohne ein Wort zu ſprechen, auf den Tiſch und gingen wieder fort, nachdem ſie die Thuͤre ſorgfältig verſchloſſen hatten. Die Nacht war bereits ſtark vorgeruͤckt; die Lady legte ſich daher ganz angekleidet auf das Bett, und ſchlief bis früh um acht Uhr ganz feſt; bei ihrem Erwachen ſtellten ſich alle am vergangenen Abende erlebte Unglucks⸗ —— fälle mit noch weit ſchmerzlicheren Gefuͤhlen ihrem Geiſte wieder dar, und neue Thraͤnen, die ſie in Strömen vergoß, erleichterten ein wenig ihr Herz, das ſo grauſam verwundete. Das Weib brachte ihr ein Fruͤhſtuͤck, und Anfangs rieth ihr die Verzweiſelung, Alles⸗ was ihr trauriges Daſeyn friſten konnte, aus⸗ zuſchlagen, allein die Vernunft belehrte ſie bald eines Beſſern; ſie ſagte ihr, daß ſie als eine unſchuldig Leidende ihr Vertrauen in die Gerechtigkeit und Guͤte Gottes, der ohnr Zweifel blos ihre Geduld und Ergebung pruͤ⸗ fen wolle, nicht ſinken laſſen dürfe. Sie wei⸗ gerte ſich daher nicht länger, ihrem Leibe die nothwendigen, ihr zur Stärkung gereichenden Nahrungömittel anzubieten; das Weib fragte ſie, wie ſie geſchlafen haͤtte; ihre Antwort war ſehr kurz, und hiermit das Geſpräch zu Ende⸗ Die Speiſen, welche man der Lady vor⸗ geſetzt hatte, waren weder wohlſchmeckend, noch gut zugerichtet, allein ſie waren ihrer Geſund⸗ heit unſchädlich, und beſtanden größtentheils aus Huͤlſenfruͤchten und Milchſpeiſen. — 154— Wie die Lady ſich genauer in ihrem Ge⸗ fangniſſe umſah, wurde ſie zwar bald gewahr, daß es ihr unmoͤglich ſeyn wuͤrde, daraus zu entfliehen, um ſich aber nur einigermaßen mit etwas zu beſchaͤftigen, und den Kummer, der ſie verzehrte, in etwas zu vertreiben, un⸗ terſuchte ſie ihre Kammer ſorgfältig. Es hat⸗ te dieſe nur eine Thuͤre und ein einziges Fen⸗ ſter. Das letztere war mit Eiſenſtäben wohl verwahrt, und gewaͤhrte die Ausſicht auf eine ſchöne Gegend. Wohin nur ihr Blick reichte, bot ſich ihr das lachendſte und mannichfaltig⸗ ſte Gemaͤlde dar. Ihre Wohnung war ſo hoch, daß alle Gegenſtände ihr ſehr klein vor⸗ kamen; vergebens bemuͤhte ſie ſich, ſich in dieſe Gegend zu finden; es war ihr nicht möglich, ihren Aufenthaltsort zu errathen. Bwar konnte ſie die Entfernung ausrechnen, welche ſie von Milborn⸗Hall trennte, indem ſie binnen drei Stunden einer im ſchnellſten Trabe von vier Pferden zuruͤckgelegten Reiſe wohl vierzehn bis funfzehn Meilen weit weg⸗ gefuͤhrt worden ſeyn konnte; allein es fragte — — —————— — ¹155— ſich nur, welche Richtung man genommen hatte. Fuͤhrte der eingeſchlagene Weg nach London, oder tiefer ins⸗Land hinein? Sie kannte die Eigenthuͤmer faſt aller Schlöſſer, welche in einem Umkreiſe von wenigſtens zwanzig Meilen um das ihrige herum lagen, ein Gebäude aber, das Wrem jetzigen Aufent⸗ halte geglichen haͤtte, war ihr vorher noch nicht vorgekommen, und da ſie uͤberdem bei Nacht angelangt war, ſo hatte ſie faſt gar nichts unterſcheiden koͤnnen; war es vielleicht eine alte, verfallene Abtei? Was ſie auf dieſen Gedanken brachte, war der Umſtand, daß, als ſie auf der erſten Treppe gegangen war, um die zweite zu erreichen, ſie eine große Anzahl von Thuͤren bemerkt zu haben glaubte, welche ſaͤmmtlich auf einen geheimen Gang hinausfuͤhrten; wielleicht gehoͤrten dieſe Thuͤren zu den Schlafzimmern der Monche, und wenn ihre Vermuthung ſie nicht gänzlich taͤuſchte, ſo mußte der Ort, wo ſie ſich be⸗ fand, Wooded⸗Priory ſeyn, welches ein ur⸗ altes, beinahe gaͤnzlich zerſtoörtes und unbe⸗ wohutes Kloſter war. Sie hatte oft von dieſem Orte ſprechen horen, und derſelbe war wegen eines beſonderen Umſtandes merkwuͤr⸗ dig. Man behauptete naͤmlich, es befaͤnde ſich im Hofe dieſer Abtei ein Brunnen, deſſen Waſſer nach Orangenbluthe ſchmecké, ja man veſichstte ſogar; daß es auch einen ähülichen Geruch befitze, und dieſen weder durch Kochen, noch durch das Aufbewahren verloͤre. So wie die Lady ſich deſſen erinnerte, ergriff ſie das auf dem Tiſche ſtehen gebliebenen Trink⸗ geſchirr; allein das Waſſer, welches daſſelbe enthielt, hatte keinen beſondern Geruch, und eben ſo wenig einen beſondern Geſchmack. Dieſe Ueberzeugung aͤnderte uͤbrigens nichts in ihrer Lage, denn der Ort, den ſie jetzt be⸗ wohnte, mochte heißen, wie er wollte, ſo konnten ihre Freunde ſie doch nicht daraus befreien, da ſie ihn nicht wußten. Was konn⸗ te ihr daher daran gelegen ſeyn, ob ſie ſich zu Wooded⸗Priory, oder anderswo befand. So verging ein ganzer Monat, ohne daß ſich nur im geringſten eine Veränderung in ———————— —zzz zzͤʒzz—————————— — 14157— der Lady Schickſale gezeigt haͤtte, man muͤß⸗ te denn den Umſtand ausnehmen wollen, daß man ihr Buͤcher und Wäſche hatte zukommen laſſen. Sie nahm an, was man ihr brachte, allein ſie ſprach nicht,—und antwortete hochſt ſelten Uuf die Fragen ihrer Wächter. 40 Einſtmals wurde ſie des Nachts durch ei⸗ nen Laͤrm aufgeweckt, der durch Eröffnung der Thuͤre entſtand; beſturzt daruͤber, daß man in dieſer Stunde ihre Ruhe ſtoͤren wolle, erfaßte ſie eine ſchreckliche Ahndung, und mit einem eilfertigen Sprunge, welchen ihr ihr Genius eingab, ergriff ſie ein auf dem Ka⸗ mine liegendes Meſſer, und— ſich ſdann wieder in Bett zuruͤck. 0 ofnno 21 Fnj i — deieberte— Sue — war der erſtö, unt in ilbrn⸗ Hall wieder einkrafz ſeine Ruͤckkehr verbreite⸗ te die tiefſte Betruͤbniß. Vielleicht w uͤtde er mehr Ausdauer bewieſen haben, weun nicht die Ungeduld, Clara wieder zu ſehen, ſeine Ruckkunft ohne Sweifel beſchleunigt hätte. Die Fruchtloſigkeit ſeiner weiten und be⸗ ſchwerlichen Wege benahm Henrietten und Ancelinen allen Muth; denn beide brachten faſt ihre ganze Zeit damit zu, auf den Au⸗ genblick zu lauſchen, wo, wie ſie hofften, zu⸗ gleich mit ihrer theuern Mutter, dem Gegen⸗ ſtande ihrer fortwaͤhrénden Bekuͤmmerniß, das Gluͤck von ihren Freunden und Angehorigen zuruͤckgefuͤhit werden wuͤrde. Godwin nahm ſich kaum ſo viel Zeit, ſeine Schweſtern von ſeinen erfolgloſen Be⸗ muͤhungen zu benachrichtigen, als er auch — 1¹159— ſchon auf den Fluͤgeln der Liebe nach Sump⸗ tuos⸗Caſtle eilte. Dort traf er Miſtreß Growell mit ihren Toͤchtern an; alle drei er⸗ kundigten ſich auf's Angelegentlichſte nach dem Erfolge ſeiner Nachforſchungen. Durch ſeine Antwort ſchienen alle bis zu Thränen geruͤhrt zu werden, und Miſtreß Growell insbeſon⸗ dere legte auf eine ruͤhrende Weiſe den Schmerz an den Tag, welchen der Verluſt ihrer Freundin ihr verurſachte. Clara fuͤhlte den Kummer der Toͤchter des Lord Milborn, als wenn es ihr eigener geweſen waͤre, und bat ihre Mutter um die Erlaubniß, ſofort nach Milborn⸗Hall gehen zu duͤrfen.— Ich war eben im Begriff, Dir dieſen Vorſchlag zu thun, verſetzte Miſtreß Growell; geh, mei⸗ ne Tochter, und ſuche die ſo grauſam ver⸗ wundeten Herzen Deiner Freundinnen zu troͤ⸗ ſten. Warum kann ich nicht, waͤre es auch um den Preis meines Lebens, dieſer ungluͤck⸗ lichen Familie das Gluͤck wiedergeben, das ſie vor unſerer Ankunft in dieſem Lande genoß? Godwin wuͤnſchte, Clara begleiten zu duͤrfen, — 160— allein ihre Mutter war dagegen.— Du, Aurea, ſprach ſie, bleibſt hier, ich kann nicht zugeben, daß meine Tochter allein mit einem jungen Manne reiſe. Waͤhrend daß Clara Ihre Schweſtern beſuchen wird, werde ich hiet Ihren Beſuch annehmen, auf dieſe Weiſe gewinne ich auf beiden Seiten, und der Wohlſtand wird dabei nicht verletzt. Godwin mißfiel dieſe Anordnung gar ſehrz da er ſich aber nicht widerſetzen konnte, ſo mußte er ſich, ſo höchſt verdrießlich es ihm auch ſiel, darein fuͤgen. Als er Clara an die Kutſche hinfuͤhrte, bat er ſie, die Zeit ihres Beſuches ſo viel als möglich abzukuͤrzen, und dann ſogleich nach Hauſe zuruͤckzufahren; ſie verſprach ihm die⸗ ſes, und er kehrte zuruͤck in der uͤbelſten Lau⸗ ne, die ihn nichts weniger als liebenswuͤr⸗ dig machte. 510 1 n Kaum war Clara abgereiſt, ſo trat Evan in den Saal; er erſtaunte, Godwin bei ſei⸗ ner Mutter anzutreffen, da er ihn aber we⸗ niger als Alfreden haßte, ſo gruͤßte er ihn ziemlich freundlich, und fragte ihn, ob er — 164— uͤber ſeine Mutter Nachrichten eingezogen ha⸗ be?— Mein Gott! nein, ſagte Miſtreß Gro⸗ well, das arme Kind iſt gerade ſo wiederge— kommen, wie es ausgegangen war. Ich be⸗ fuͤrchte ſehr, die drei anderen duͤrften eben ſo wenig glucklich ſeyn, denn diejenigen, welche dieſe abſcheuliche Entfuͤhrung veruͤbten, hatten ohne Zweifel ein Intereſſe, die Lady von ih⸗ rer Familie zu entfernen, und in dieſem Falle haben ſie ſie gewiß weit fortgeſchleppt. God⸗ win ſeufzte, und Evan ſprach kein Wort. Um das ihrem Geliebten gegebene Ver⸗ ſprechen zu erfuͤllen, verweilte Clara nur kur⸗ ze Zeit bei ihren Freundinnen, und entzog ſich ſonach der Freundſchaft, um deſto mehr der Liebe geben zu koͤnnen. Godwin vernahm den Laͤrm der Kutſche, welche Miß Growell zuruͤckbrachte, eilte ihr entgegen, druckte ihre Hand zaͤrtlich, und dankte ihr fuͤr ihre Ge⸗ fälligkeit; aber Clara war traurig; ihre roth⸗ geweinten Augen bezeugten, daß ſie Ancelinen und Henrietten in ihrem heftigen Schmerze nicht hatte troͤſten konnen; ſie konnte nur mit O len bei Milborn-Hall vorbeigekommen, und ren, als ein Unfall, wodurch ein Rad zerbro⸗ ſche gebracht, und wie die Leute, von denen Growell dieſe Nachrichten hatte, erzählt hät⸗ ihnen ſeufzen und ihre Thraͤnen mit denen ih⸗ rer Freundinnen vermiſchen. Herrn Growells Zuruͤckkunft, welche un⸗ gefaͤhr fuͤnf Tage ſpaͤter erfolgte, brachte eben ſo wenig einige Hoffnung. Alle ſeine Nachfor⸗ ſchungen hatten ſich darauf beſchraͤnkt, daß er erfahren, es ſey ein mit ſechs Pferden be⸗ ſpannter Reiſewagen, in welchem drei Frauen⸗ zimmer ſich befunden haͤtten, von denen die eine ſehr traurig geweſen waͤre, des Nachts ungefaͤhr in einer Entfernung von zwolf Mei⸗ zwar allerdings in der nämlichen Nacht, in welcher die Lady verſchwunden war. Dieſe Kutſche ſey die Straße von Gloceſter gefah⸗ chen worden, in der Gegend von Fairfort die Leute genothiget habe, in dieſe Stadt zu ſchicken und einen andern Wagen kommen zu laſſen; bei deſſen Ankunft haͤtten zwei der Frauenzimmer die dritte Dame in dieſe Kut⸗ — ,————— — 163— ten, ſo häbe os anfaͤnglich geſchienen, als ſey die Perſon nicht mehr am Leben geweſens von dieſem Jrrthume waͤren ſie jedoch zuruͤck⸗ gekommen, indem das Frauenzimmer zwei bis dreimal einen ſchwachen Laut von«ſiſh gege⸗ ben habe. Growell erzaͤhlte ferner, er habe ſeinen Weg bis Fairfort fortgeſetzt, und ſich auf das daſige Poſthaus begeben, aus wel⸗ chem jene Leute eben den andern Wagen hät⸗ ten kommen laſſen; hier aber haͤtten alle ſeine Nachforſchungen auf einmal aufgehört, indem die Fräuenzimmer, welche in einem Wirthshauſe abgeſtiegen wären und daſelbſt die Nacht zuge⸗ bracht hätten, am andern Morgen in äller Fruͤhe in einem Wagen abgeholt worden ſeyen.— Ar⸗ me Lady, ſagte Miſtreß Growell, ſchmerzhaft von dieſer Erzaͤhlung ihres Mannes ergriffen, ein Theil unſerer Hoffnungen iſt ſchon wieder zer⸗ ſtort. Wollte Gott, daß ihr Gemahl und Sohn befriedigendere Nachrichten zuruͤckbringen md⸗ gen.— Das iſt auch mein Wunſch, verſetzte Growell, allein ich wage nicht, dieſe Hoff⸗ nung zu faſſen.— Glauben Sie, mein. Va⸗ 22 — 164— ter, fragte Clara, daß eine der Frauenzim⸗ mer, welche man Ihnen bezeichnet hat, Lady Milborn geweſen ſey?— Ich weiß nicht, was ich glauben ſoll, Die Antworten, welche man mir auf meine Fragen hinſichtlich des Alters und der Geſtalt der betruͤbten Dame gegeben hat, entſprechen demjenigen, was auf unſere Freundin Bezug hat, ſehr wenig, und die Einheit ihrer Perſon mit der Lady Milborn ſcheint mir großen Zweifeln zu unterliegen. Jetzt,— fuhr Growell fort— nachdem ich Eure gerechte Neugierde, hinſichtlich unſerer theuern, ungluͤcklichen Freundin, befriedigt habe, will ich Euch etwas erzahlen, was uns ſelbſt noch naͤher angeht. Als ich auf meinem Ruͤckwege mich in geringer Entfernung von Twitight⸗Haus be⸗ fand, gerieth ich auf den Einfall, meinen Freund Modbury, dem ich, wie Ihr wiſſet, bei meiner Ankunft in England verſchiedene Waaren⸗Ballen zuzuſtellen hatte, zu beſu⸗ chen. Ich wurde von ihm auf das Beſte aufgenommen, er iſt ein ſehr rechtſchaffener —̃ᷓůÜYZY und dabei ſehr reicher Mannz vor ungefaͤhr achtzehn Monaten eiſt ſeine Frau geſtorben⸗ und hat ihm nur einen einzigen Sohn hinter⸗ laſſen, der einſt ein ungeheures Vermoͤgen erhalten wird. Der junge Modbury wird Euch nicht ganz unbekannt ſeyn, denn er be⸗ fand ſich mit auf dem Balle, welchen uns Eresham im vorigen Jahre gab; es iſt ein ſehr wohlerzogener junger Mann, von einem angenehmen Außern, er hat erſt das ein und zwanzigſte Jahr uͤberſchritten, und bezieht die gegen 12,000 Guineen betragenden Nutzun⸗ gen des Nachlaſſes ſeiner Mutterz außerdem hat eine ſeiner Tanten ihm eine Schenkung von 8000 Guineen gemacht, und am Ta⸗ ge ſeiner Hochzeit erhaͤlt er vom Vater 40,000 Guineen ausgezahlt. Als Modbury mir ſeinen Sohn vorſtellte, und ihm meinen Namen nannte, ſchien es mir, als waͤre der junge Mann von einer ganz beſondern Freu⸗ de ergriffen.— Ich hatte ſchon fruͤher die Ehre, ſo ſprach er zu ſeinem Vater, Herrn Growell, dem Namen nach, zu kennens hier⸗ — —— — 1566— auf fuhr er fort:— Sie wuͤnſchten ſchon lange zu wiſſen, weshalb ich ſo kraurig und bekuͤmmert Ausſähe, jetzt iſt der Augenblick gekommen, Ihnen die Gruͤnde meines Betra⸗ gens zu entdecken: Die Tochter Herrn Gro⸗ well's zu ſehen, und ſie anzubeten) war fuͤr mich eins und daſſelbe.— Nun, warum ſagteſt Du mir das nicht, lieber Georg? Muß man denn vor Liebe ſterben, da es ja ſo ſuͤß iſt, der Liebe zu leben?— Was konnte ich ſagen, mein Vater? Ich erfuhr und ſah es ſelbſt, daß ein junger Mann, Nachbar der ſchonen Clara, und Soöhn des vertrauteſten Freundes ihves Vaters, ſich um ihre Liebe bewarb, und daß zwiſchen beiden eine Heirath beſchloſſen war.— Man hat Sie da fälſchlich berichtet, lieber Georg, fiel ich ein; meine Tochter Clara hat ihre Hand und Herz noch nicht vergeben.— Wenn dem al⸗ ſo iſt, verſetzte Modbury, ſo bitte ich Sie, mit meinem Sohn eine eheliche Verbindung einzuleiten; er wird Ihrer Tochter Gluͤck ſtif⸗ ten, und wir Alle werden froh und zufrieden — — 167— ſcyn. Mit dieſen Worten reichte er mir die Hand; ich ſchlug mit der meinigen darein, ſprach: Topp, meine Clara wird Ihre Fa⸗ milie nicht arm machen; ihre Mitgift ſollten anfaͤnglich 40,000 Pfund Sterling ſeyn, ich erhohe zu Gunſten dieſer Heirath dieſe Sum⸗ me auf das Doppelte; man kann den Vor⸗ theil, ſich mit rechtſchaffenen Leuten zu ver⸗ binden, nicht theuer genug bezahlen. Clara, Du haſt gehort, was ich jett geſprochen ha⸗ be; in zwei Tagen werden Vater und Sohn hier eintreſſen; ich will nicht hoffen, daß mein Wille von Deiner Seite ein Hinderniß antreſſen werde, wenn aber nur der kleinſte Gedanke irgend einer Weigerung Dir in den Sinn kommen ſollte, ſo will ich Dir wohl⸗ meinend gerathen haben, ihn bei Dir zu be⸗ halten. Clara war Meiſterin ihrer Selbſt geblie⸗ ben, um die Beſtuͤrzung und Unruhe, wel⸗ che Growells Rede ihr verurſacht hatte, zu verbergen; ja ihre Standhaftigkeit hatte ſie ſelbſt dann nicht verlaſſen, als ihr Vater ihr — verbot, ihre Gefuͤhle laut werden zu laſſen, wofern ſelbige ſeinen Wuͤnſchen entgegen ſeyn ſollten. Mit der großten anſcheinenden Ruhe ging ſie langſam aus dem Saale heraus, und ließ ihre Altern in großem Erſtaunen über ih⸗ ren unweigerlichen Gehorſam daſelbſt zuruͤck. Beide waren aber hinſichtlich Clara's Abſich⸗ ten in großem Irrthume, denn Clara beſaß, wie ich ſchon geſagt habe, einen entſchloſſenen, ſtarren Kopf. Die ihr angethane Ungerech⸗ tigkeit empoͤrte ſie, und nichts ſchien ihr grau⸗ ſamer und unerträglicher, als dieſe Weiſe, uͤber ſie zu verfuͤgen, ohne daß man ſich vor⸗ her bekuͤmmerte, ob die Anordnungen, von welchen ihr Gluͤck oder Ungluͤck abhingen, ihr auch geſielen oder nicht. Vielleicht haͤtte man ſie durch Guͤte und Liebkoſungen gewinnen koͤnnen, allein der gebieteriſche Ton ihres Va⸗ ters erregte, ſtatt daß er ſie zur Nachgiebig⸗ keit bewogen hätte, ihren ganzen Stolz. Als ſie daher auf ihr Zimmer gekommen war, ſchrieb ſie ſogleich folgendes Billet: „Mein Vater kommt mit einem Gemahle — 169— „fuͤr mich zuruͤck, er hat meine Hand einem „Andern verſprochen. Sein Guͤnſtling wird „in zwei Tagen in Sumptuos⸗Caſtle eintref⸗ „fen, allein er ſoll mich nicht finden. Wenn „es Ihnen möglich iſt, binnen hier und vier „und zwanzig Stunden zu der Ihnen ſo ſehr „am Herzen liegenden Reiſe, welche ich heute „ebenfalls ſehnlichſt wuͤnſche, Alles vorzube⸗ „reiten, ſo ſinden Sie ſich morgen Abends um „eilf Uhr bei dem kleinen Gitterthor links am „Wege mit einer Poſt⸗Chaiſe ein. Ich werde „nach Milborn-Hall kommen, wohin mich „ohne Zweifel mein Vater begleiten wird; „wir wollen gar nicht oder nur ſehr wenig „mit einander ſprechen, allein geben Sie mir „ein Zeichen, woran ich erkennen kann, ob „die Zuſammenkunft Statt haben werde. Es „ſchmerzt mich ſehr, Ihre Schweſtern in ih⸗ „rem ſo traurigen Zuſtande zu verlaſſen, aber „ſie lieben mich, und werden billig genug ſeyn, „um meine Flucht, welche die Umſtaͤnde noth⸗ „wendig machen, nicht auf Rechnung etwa⸗ „niger Gleichguͤltigkeit zu ſetzen.“ ————————————— — Dieſes Billet dieß Clara noch an dem naͤmlichen Tage durch den Sohn des Gäaͤrt⸗ ners Godwin zuſtellen. Ihr Vater fuhr, wie ſie richtig vorausgeſagt hatte, mit ihr nach Milborn⸗Hall; Godwin war ihnen bei dem Ausſteigen aus dem Wagen behuͤlflich; ſeine Augen glaͤnzten vor Freude, und er ſah ganz thöricht aus. Auf der Treppe fluͤſterte er Clara die Worte ganz leiſe zu: Es iſt Alles enriettens und Ancelina's Schmerz war ſo heftig, daß er in der That keine groͤßere Staͤrke erlangen konnte, und ſo ſchien ſelbſt die Gewißheit, daß Growells Bemuͤhungen keinen gluͤcklichern Erfolg, als die ihres Bru⸗ ders Godwin, gehabt hatten, keinen uͤblern Eindruck auf ſie zu machen. Ihre groͤßten Hoffnungen hatten ſie auf ihres Vaters und Alfreds Nachforſchungen geſetzt; wenn aber auch dieſe beiden ohne ihre Mutter zuruͤckkehr⸗ ten, was blieb ihnen dann uͤbrig, als ein Le⸗ ben, gegen das der Tod wuͤnſchenswerth war? Herr Growell, deſſen aufrichtige Anhaͤng⸗ — 17¹— lichkeit an ſeinen Freund täglich mehr zu wach⸗ ſen ſchien, war entſchloſſen, ſeinen Weg von Neuem anzutreten, ſobald or nur⸗ erſt ein ſei⸗ nt Familie betreffendes Geſchuͤft abgethan ha⸗ ben wuͤrde. Clara und Godwin wußten gar wohl, was fuͤr ein Ge ſchuͤft darunter zu ver⸗ ſtehen ſey, und beide ſchworen bei ſich ſlbſt es nicht Statt häben ſolle. Alles beguͤnſtigte den Plan der beiden jungen Leute, und zur verabredeten Stunde verließen ſie Sumptuos-Caſtle. Clara hatte einen Brief an Ancelina geſchrieben, welchen ſie ihr mit der erſten Poſt zuſchickte; in die⸗ ſem Btiefe bat ſie um Verzeihung, daß ſie von ihr und Henrietten nicht Abſchied genom⸗ men habe; ſie entſchuldigte ſich auch, daß ſie aus ihrer Liebe zu ihrem Bruder bisher vor ihnen ein Geheimniß gemacht, und ſchob die Schuld davon auf die Furcht, ſie moͤchte ihr durch eine ſolche Entdeckung neue Unruhe verurſacht haben. Ach, das arme Maͤdchen erduldete ja ſchon uͤberdem Leiden aller Art, warum haͤtte Clara ihr neuen Kummer berei⸗ —— ten ſollen! Sie bat zuletzt ihre Freundin, ihr zu ſchreiben, ſobald ſie mit Godwin 2 verbunden ſeyn wuͤrde. 153 Kaum ward man in Sumptuos⸗ gnſile Curs Flucht gewahr, ſo gerieth Alles in die großte Verwirrung. Growell ließ ſich vom heftigſten Zorne hinreißen, und ſchwor, ſeine Tochter nebſt ihrem Entfuͤhrer ſeiner Rache aufzuopfern; er ſchickte ſogleich nach Milborn⸗ Hall, und die Nachricht von der Abreiſe God⸗ wins, der zu Hauſe verlaſſen hatte, er ginge nach London, beſtaͤrkte ihn noch mehr in dem bereits gefaßten Verdachte. Evan uͤberbot ſei⸗ nen Vater an Verwuͤnſchungen und Fluchen, welche dieſer ohne Unterlaß ausſtieß. Dieſer abſcheuliche Bruder wollte ſeiner Schweſter nacheilen, und verſprach, ſie entweder todt oder lebendig zuruͤckzubringen; der Vater wil⸗ ligte ein, und Evan jagte auf dem ſchnellſten Renner auf der Straße nach Schottland den Fluͤchtlingen nach. Die arme Aurea zitterte uͤber die ſchrecklichen Drohungen ihres Vaters, und noch mehr vor Furcht, Evan möchte ihre 1 — 3— Schweſter einholen; ſie vergoß die bitterſten Thraͤnen. Miſtreß Growell theilte die Wuth ihres Gatten, und drang in ihn, die größte Strenge auszuuͤben, wenn Evan die Fluͤchti⸗ ge noch vor ihrer Verbindung mit Godwin wiederbringen ſollte. In dieſem Zuſtande befanden ſich die Ge⸗ muͤther der Bewohner von Sumptuos-Caſtle, als durch die Ankunft Modbury's nebſt deſſen Sohne die allgemeine Verwirrung nur noch erhoht wurde. Es war nicht möglich, den fatalen Streich vor ihnen zu verſchweigen. Der Vater beklagte Growelln, und der Sohn beweinte ſein eigenes Mißgeſchick, denn er liebte Clara aufrichtig. Beide konnten unter dieſen Umſtaͤnden nicht länger in einem Hauſe verweilen, wo ihre Gegenwart nothwendig an Clara's thoͤrichte Handlung erinnern mußte. Sie reiſten daher ſogleich wieder ab, und ba⸗ ten Growelln, ihnen Nachrichten zu geben, wofern dieſe fuͤr ſie erfreulich lauten ſollten. vierepenee⸗ Capitel. Nilbor Sege wie ich im zwolften Capitel zuletzt geſagt habe, ein Meſſer ergrif⸗ fen, und ſich damit ſo ſtill als möglich wie⸗ der auf ihr Lager begeben, als ſie zu ihrem nicht geringen Schrecken eine maskirte Weibs⸗ perſon in ihre Kammer hereinkommen ſah, welche ſie an ihren Kleidern fuͤr dieſelbe Per⸗ ſon wieder erkannte, die bei ihrer Entfuͤhrung 5 aus dem Walde bei Milborn-Hall mit ſol⸗ cher Barbarei die Hauptrolle geſpielt hatte. Sie trug in der einen Hand eine Laterne, und hinter ihr folgte ein großer Mann von einer abſcheulichen Geſtalt, in Lumpen einge⸗ huͤllt, und der Fatbe der Haͤnde und des Ge⸗ ſichts nach zu ſchließen, ein Kohlenbrenner oder ein Schmidt. Die Lady richtete ſich auf und fragte, was man von ihr wollte? Ohne ein Wort darauf zu erwiedern, ſetzte W M—— W — 175— das maskirte Weib ihre Laterne auf den Tiſch, ließ ſich dann auf einen Stuhl nieder, und zeigte ſodann mit dem Finger auf die Lady.— Rupert, ſprach ſie mit verſtellter Stimme, hier iſt das Weib, welches Du vor meinen Augen entehren ſollſt, und hier iſt der Preis Deines Gehorſams, eine volle Boͤrſe. Der Elende betrachtete mit wilder Freude die bei⸗ den Gegenſtaͤnde, und mit einem Sprunge ſtuͤrzte er ſich auf das Lager, wo die ungluͤck⸗ liche Lady ſich befand. Halt, rief ihm dieſe mit einer Achtung einflößenden Stimme zu, halt, niedertraͤchtiges Werkzeug des abſcheu⸗ lichſten Geſchoͤpfes! fuͤrchte die gerechte Rache des Himmels, den Du ſo freventlich reizeſt! Der Elende trat einige Schritte zuruͤck; denn ſelbſt Verbrechern floßt die Tugend Ehrfurcht ein.— Rupert, rief das Ungeheuer in Wei⸗ besgeſtalt wieder, haͤltſt Du ſo Dein Verſpre⸗ chen? Leere Worte ſchrecken Dich zuruͤck? Haſt Du denn ſchon vergeſſen, daß in dieſer Börſe 100 Guineen ſind. Dieſe Rede erſtick⸗ te die Regungen des Gewiſſens, welche der in dieſem Schreckensorte ſich befand, mit ſich genommen hatte, dieſelbe feſt hinter ſich zu. 176 Böſewicht einen Augenblick empfunden hatte. Mit Frechheit trat er vorwaͤrts, und wollte die Lady bei den Armen ergreifen.— Nicht einen Schritt näher, rief ihm dieſe noch ein⸗ mal zu, oder Du biſt des Todes!— Das Ungeheuer hoͤrte nicht darauf, und wollte eben ſeine Beute erfaſſen, als die Lady, von ei⸗ nem uͤbernaturlichen Muthe beſeelt, ihren mit dem Meſſer bewaffneten Arm erhob, und ihm daſſelbe in die Bruſt ſtieß. Lautlos ſtuͤrzte er zu Boden; das Blut floß in Stromen aus der tödtlichen Wunde, das ſchändliche Weib aber, welches den Unglücklichen herge⸗ fuͤhrt hatte, wurde durch dieſen Anblick nicht im geringſten geruͤhrt. Kaltbluͤtig ſtand ſie auf, ging zur Thuͤre hinaus, und ſchloß, nachdem ſie auch das einzige Licht, welches Wie ward der Lady zu Muithe, als ſie ſich nunmehr mit einem Menſchen allein ein⸗ geſchloſſen ſah, der mit dem Tode rang! So ſehr auch ihre That zu entſchuldigen war, ſo konnte ſie doch nur mit Entſetzen daran den⸗ ken, daß ſie einen ihrer Mitmenſchen getoͤdtet hatte. Dieſer Gedanke verwirrte ihre Sinne, und verſetzte ſie in einen ſchrecklichen Zuſtandz bald wuͤnſchte ſie, daß das Licht wiederkehren moͤchte, bald fuͤrchtete ſie deſſen Ruͤckkunft. Endlich brach der Jag an, und bot ihr den entſetzlichen Anblick des Leichnams, der in der Mitte der Kammer lag. Vergebens wollte ſie ihr Haupt mit einem Tuche bedecken; eine in⸗ nere Bewegung, der ihr Wille nicht wider⸗ ſtehen konnte, zwang ſie, ihre Blicke auf das Opfer der Leidenſchaft und Begierde zu wer⸗ fen. Der Ungluͤckliche floßte ihr faſt zu ei⸗ ner und derſelben Zeit Abſcheu und Mitleiden ein; ſein Blut floß nicht mehr, aber es faͤrb⸗ te den ganzen Fußboden, und der Lady Klei⸗ dungsſtuͤcke waren damit befleckt.— Ungluck⸗ licher, ſprach die Lady, und vergoß dabei Thraͤnen des Mitleidens, wie konnteſt Du glauben, daß der Pfad des Verbrechens T 82 zum Gluͤcke hinfuͤhren wuͤrde? Fruͤh um zehn Uhr trat der Alte in der M Lady Gefuͤngniß, um ihr das Fruͤhſtuͤck zu bringen. Das entſetzliche Schauſpiel, welches ſich ſeinen Augen darbot, ſchien ihn weder in Erſtaunen, noch in Betruͤbniß zu verſetzen, indem er ohne Zweifel von dem maskirten Weibe davon bereits in Kenntniß geſetzt war. Mit einem Fußſtoße ſchob er den Leichnam, der ihn an den Tiſch zu kommen hinderte, auf die Seite, und ſetzte das Trinkgeſchirr, welches er mitgebracht hatte, auf dieſen Tiſch; hierauf wandte er ſich an die Lady, welche noch nicht gewagt hatte, ihr Bette zu verlaſ⸗ ſen, und ſprach lächelnd:— Sie haben dem armen Rupert uͤbel mitgeſpielt; wäre ich an ſeiner Stelle geweſen, ich wuͤrde nicht da ſeyn, wo er ſich jetzt befindet. Der Elende wollte meinen Worten keinen Glauben beimeſſen, ich hatte ihm doch geſagt, er ſolle vorſichtig ſeyn. Ein Frauenzimmer, das, wie Sie, mit ſei⸗ ner Tugend ſo groß thut, iſt mehr zu fuͤrch⸗ ten, als zehn Maͤnner. Fehlen Ihrem Ge⸗ ſchlechte die Kräfte, ſo weiß es Liſt anzuwen⸗ den. Meine Fochter wird bald kommen und — 179— mir beiſtehen, Sie von dem Anblicke dieſes widerlichen Leichnames zu befreien; unterdeſ⸗ ſen können Sie immer fruͤhſtuͤcken. Er hätte kaum dieſe ſchoͤne Rede geendigt, als ſeine Tochter die Thuͤre oͤffnete; ſie war blaß, und der Schrecken malte ſich in allen ihren Zü⸗ genz ſie fluͤſterte ihrem Vater in's Ohr, er moͤchte ihr augenblicklich nachfolgen⸗ Beide gingen fort und vergaßen die Thuͤre zuzuſchlie⸗ ßen; die Lady erſtaunte zwar uͤber dieſe auf⸗ fallende Nachlaͤſſigkeit, faßte aber deshalb noch keine Hoffnungen, da ſie gewiß glaubte, ei⸗ nes von beiden wuͤrde bald wiederkommen. So wartete ſie eine ganze Stunde mit einer Ungeduld, welche dem Verlangen, ſich von dem Leichname des Kohlenbrenners befreit zu ſehen, angemeſſen war; endlich beſchloß ſie, ihre Bettdecke auf den Todten zu werfen, da⸗ mit ſie denſelben nicht ununterbrochen vor Augen hätte, und hierauf verließ ſie ihr La⸗ ger. Neue Unannehmlichkeit! Ihre Kleider trieften von Blut, da ſie aber keine anderen zum Anziehen hatte, ſo mußte ſie diefelben M 2 — 180— anbehalten; kaum hatte ſie aber ihren Anzug ein wenig in Ordnung gebracht, als plotzlich der Schall kriegeriſcher Muſik an ihre Ohren drang. Sie lief an das Fenſter, konnte aber nichts gewahr werden. Die Muſik kam je⸗ doch immer näher, hörte aber auf einmal auf, und mehrere Trommeln ließen ſich vernehmen. Wiewohl die Lady ſich den Zuſammenhang dieſer Begebenheiten durchaus nicht enträthſeln konnte, ſo hatte doch ſchon die Entfernung ihrer Kerkermeiſter ſie in große Verwunderung geſetzt, und die halb offen gebliebene Thuͤre gab ihr den Gedanken ein, ihre Kammer zu verlaſſen. Zitternd ſtieg ſie die erſten Stu⸗ fen hinab, da ſie aber kein Hinderniß antraf, ſo wurde ſie beherzter, und gelangte bald an das Ende der ſteilen Treppe. Sie erinnerte ſich nunmehr, daß, um an die zweite Treppe zu gelangen, ſie einen langen und ſchmalen Gang einſchlagen muͤſſe. Nach einigen Um⸗ wegen gelangte ſie endlich an die zweite Trep⸗ pe, und vernahm, als ſie dieſelbe hinabgeſtie⸗ gen war, den Laͤrm vieler Stimmen. Es „—— * — — 181— fehlte wenig, ſo hätte die Furcht ſie wieder zur Ruͤckkehr gezwungen; da ſie aber uͤberleg⸗ te, ihre Lage konnte ſich ſchwerlich verſchlim⸗ mern, ſo nahm ſie ihren ganzen Muth zuſam⸗ men, und ſchritt mit Schnelligkeit die letzte große Treppe hinab. Wie groß war ihre Verwunderung und Verlegenheit, als ſie ſich in der Mitte einer Truppe Soldaten befand, welche in der Halle ſich niedergelaſſen hatten. Die Erſcheinung einer mit Blut befleckten Frauensperſon machte, daß die erſten, wel⸗ che ſie erblickten, einige Schritte zuruͤckfuh⸗ ren.— Wo kommt dieſe Ungluͤckliche her? rief einer der Soldaten, und ergriff ſie mit dieſen Worten auf eine rohe Weiſe beim Ar⸗ me; ſprich, gehörſt Du zu der Raͤuberbande, zu deren Vertilgung wir ausgezogen ſind?— Die arme Lady ſtuͤrzte mehr todt als leben⸗ dig auf ihre Knie, und flehte um Erbar⸗ men.— Keine Gnade für Euch Geſindel, ſprich, oder ich erſchieße Dich!— Ach, ant⸗ wortete hierauf die Lady, Ihr ſeyd in Irr— thum hinſichtlich meiner Perſon, ich ſelbſt flehe ———————— — 182— um Euern Schutz, und verdiene keinen von den Beinamen, welche Ihr mir beilegt, ich bin Lady Müborn. Boͤſe Menſchen, die ich nicht kenne, haben mich aus einem Walde, der an mein Schloß graͤnzt, gewaltſam ent⸗ fuͤhrt; ſie ſchleppten mich an dieſen Ort, wo ich ſchon ſeit laͤnger denn zwei Monaten vor Gram faſt verſchmachte; ich kann nicht läug⸗ nen, daß ich vorige Nacht einen Mann ge⸗ todtet habe, allein ich ward dazu genöthigt, um mein Leben zu vertheidigen, und die großte Schmach, welche einem Weibe angethan wer⸗ den kann, abzuwenden. Der Ton der Wahr⸗ heit und Unſchuld, mit welchem die Ungluͤck⸗ liche dieſe Worte ſo eben geſprochen hatte, entwaffnete den Zorn des Soldaten, der ſie bis dahin noch feſtgehalten hatte, und er half ihr aufſtehen, als der Hauptmann der Truppe, durch die erſten Ausrufungen der Lady herbeigelockt, zu ihr herantrat.— Wie, Sie ſind Lady Milborn, ſprach er mit Leb⸗ haftigkeit, haben Sie nicht einen Sohn?— Ich habe deren zwei.— Ich habe einen ge⸗ —„— ———, — M N— —— M — — 183— wiſſen Alfred Milborn gekannt, wir beſuchten beide zuſammen die hohe Schule.— In Weſt⸗ minſter?— Ja.— Das iſt mein älteſter Sohn geweſen.— Sie ſind alſo die Mutter des liebenswuͤrdigen jungen Mannes, womit kann ich Ihnen einen Dienſt erweiſen?— Wiſſen Sie vielleicht, wie weit wir von Milborn⸗Hall entfernt find?— Ich weiß es, antwortete ein Soldat. Dieſes Haus hier iſt Wooded⸗Priory, und ſeit länger denn funfzig Jahren nicht bewohnt, weil der letzte Befitzet deſſelben, der Oheim desjenigen, dem es jetzt gehort, binnen weniger denn ei⸗ nem Jahre ſein Weib und fieben Kinder dar⸗ innen durch den Tod verloren hat; er bildete ſich ein, dieſes Haus ſey verflucht/ und that das Geluͤbde, niemals wieder einen Fuß hin⸗ einzuſetzen, und nach ſeiner letztwilligen Ver⸗ ordnung ſollen auch ſeine Erben daſſelbe thun. Ich bin vierzig Jahre alt, und niemals, ſo weit ich mich zuruͤckerinnern kann, hat Je⸗ mand hier gewohnt; von Milborn⸗Hall liegt es achtzehn Meilen entfernt.— Die Lady 3 3 1 ½ . 1 1 6 1½ 7 . 1 3 3 1 4 1 1 . — 184— fragte den Hauptmann, ob ſie einen Wagen erhalten koͤnnte, um zu den Ihrigen zuruckzu⸗ kehren.— Nichts leichter als das, antwortete der Capitain, ich will einen der Gegend kun⸗ digen Mann abſenden und aus dem erſten be⸗ ſten Orte eine Kutſche kommen laſſenz unter⸗ deſſen, Lady, ruhen Sie aus; quälen Sie ſich nicht mit Furcht und Sorgen, in unſerer Mitte kann Sie keine Gefahr treffen. Er erzählte ihr hierauf, daß er mit ſeinen Sol⸗ daten ausgezogen ſey, um eine betrachtliche Raͤuberbande auszurotten, welche die Landbe⸗ wohner beraube, und daß er jetzt in Wooded⸗ Priory einen kleinen Halt gemacht habe⸗ Man ſtieg ſodann in das Gemach hinauf, in welchem die Lady ſich befunden hatte; kei⸗ ner der Soldaten wollte aber den auf dem Fußboden ausgeſtreckt liegenden Todten beerdi⸗ gen, was der Offizier nicht mißbilligte.— Die Ruchloſen, welche ihn zu einem Werk⸗ zeuge ihrer Verbrechen gebraucht haben, ſagte er, moͤgen ihn wiederſinden, und möge er ihnen zum Schreckbilde ihret Schandthaten dienen. N N M P M — 185— Die Lady, durch diefen Vorgang etwas ruhiger geworden, genoß mit den drei Ofſi⸗ zieren, welche die Abtheilung befehligten, das Mittagsmahl, und theilte, da ſie ſich noch im Beſitze ihrer Boͤrſe befand, 20 Guineen unter die Soldaten aus, indem ſie fur ihre Ruͤckkehr nach Milborn-Hall nur davon e ——— Seufuebeie⸗ e „— 6 De Eqntliget h t wee Evan den Fluͤchtlingen nachgeeilt war, langte er dennoch in Greatnagreen erſt dann an, als Godwin mit Clara, der von ihm eingezogenen Erkundigung nach, bereits ehelich verbunden war. Er bekam weder ſeine Schweſter, noch deren Gatten zu Geſichte, und kehrte mit dieſer ärgerlichen Nachricht zu ſeinem Va⸗ ter zuruͤck. Growell war klug genug, um ſei— nen Schmerz uͤber ein Ereigniß zu verbergen, welches ſeine Plane ſo ganz vereitelte, da aber das übel einmal geſchehen war, ſo mußte er ſich darein fuͤgen. Er ſchwor aber, ſie ſollte nicht einen Schilling jemals von ihm erhal⸗ ten, und wenn ſie auch mit ihrem Manne und Kindern Hungers ſtuͤrben, Henriette und Ancelina hatten Clara's Schritt keineswegs gebilligt, ja ſie zuͤrnten „— —„—„„——— — 187— ſogar auf Godwin, daß er die Zärtlichkeit, welche Growells Tochter fuͤr ihn empfand, fo weit gemißbraucht, daß er ſie zur Flucht aus dem vaͤterlichen Hauſe bewogen hatte. Sie befuͤrchteten, der Fehltritt ihres Bruders moͤch⸗ te in Growells Freundſchaft einige Kaͤlte brin⸗ gen; allein dieſe Beſorgniß war in der That ohne Grund, und wenn ſie ihre Nachbarn beſſer gekannt haͤtten, ſo wuͤrden ſie ihnen mehr Gerechtigkeit haben wiederfahren laſſen⸗ Beinghe drei Wochen waren ſeit Lord Milborns und deſſen Sohnes Abreiſe verfloſ⸗ ſen, und noch war keiner zuruͤckgekehrt. Ihre lange Abweſenheit erhoͤhte die Furcht, ſie moch⸗ ten in ihren Nachforſchungen eben ſo wenig gluͤcklich geweſen ſeyn; vielleicht waren ſie gar ſchon als Opfer der Bosheit ihrer Feinde ge⸗ fallen, und wenn man ſie umgebracht hatte, was ſollte dann aus den beiden Unglucklichen werden, welche noch die einzigen Bewohner von Milborn-Hall waren? So ſprachen Grh⸗ wells zu ihren Bekannten in der Umgegend⸗ Miſtreß Growell gelobte ſogar, wenn ſich die⸗ — 188— ſes Ungluck ereignen ſollte, die beiden Toͤch⸗ ter ihrer Freunde an Kindes Statt anzuneh⸗ men, eine Denkungsart, die ſo zart und edel war, daß ſie die allgemeine Bewunderung nothwendig erregen mußte; das Lob des Na⸗ bobs und ſeiner Gattin war in Jedermanns Munde. Evan theilte keineswegs die ehren⸗ volle Meinung, welche man von ſeinen Al— tern hatte, er ward von allen Menſchen ver⸗ abſcheut, und zwar aus keinem andern Grun⸗ de, als weil er tauſend Fehler, aber nicht eine einzige Tugend beſaß. Grob gegen ſeine Untergebenen, war er dennoch kriechend und ſklaviſch gegen diejenigen, welche dem Range nach uͤber ihm ſtanden; ſeine Bosheit, Zank⸗ und Rachſucht war das Schrecken der Die⸗ ner, und höchſt frei in ſeinen Grundſatzen, beſaß er dabei einen Geſchmak, der in der Wahl der Gegenſtände deſſelben durchaus keine Delikateſſe verrieth. Seine heftige Lei⸗ denſchaft fuͤr Henrietten hatte ſich in den un⸗ verſohnlichſten Haß verwandelt, und er wuͤr⸗ de ihr unter andern Perhaͤltniſſen gewiß das — 189— groͤßte übel zugefuͤgt haben; es fehlte ihm nicht an perſoͤnlichem Muthe, den er nicht ſelten bis zur Tollkuͤhnheit trieb; denn wenn er mit einem Gegner zu kaͤmpfen hatte, fand er eine Wolluſt darin, ihm den Dolch in's Herz zu ſtoßen, und er konnte mit einem ihm ganz eigenen Vergnuͤgen deſſen Blut flie⸗ ßen ſehen. Nach einer Abweſenheit von einem Mona⸗ te kamen der Lord und Alfred endlich mit dem ſchmerzlichen Gefuͤhle zuruͤck, daß ſie oh⸗ ne allen Erfolg mehr denn hundert und zwan⸗ zig Meilen Landes durchſtrichen hatten. Sie kamen beide an einem Tage, und faſt zu der⸗ ſelben Stunde an. Man errieth an ihren traurigen Mienen, daß alle Hoffnung verlo⸗ ren war; der Lord ſtieg vom Pferde, umarm⸗ te ſeine Jochter, und ſchloß ſich, nachdem er die vergeblichen Bemuͤhungen ſeines Freun⸗ des und Godwins erfahren hatte, in ſein Zimmer ein, aus welchem allein die Ruͤckkehr ſeines ältern Sohnes ihn herauszubringen ver⸗ mochte.— Alfred kommt allein, rief er, ſo wie et ihn erblickte, unſer Elend hat den hoͤchſten Gipfel erreicht! Er druͤckte ſeinem Sohne die Hand, begab ſich wieder in ſein Zimmer, und verbot, daß man ihn ſtöre. Alfred warf ſich in die Arme ſeiner Schwe⸗ ſtern, und vermiſchte ſeine Thraͤnen mit den ihrigen.— Sie iſt alſo fuͤr uns verloren? rief Henriette laut wehklagend.— Ich wage es nicht auszuſprechen, verſetzte Alfred, die Vorſehung iſt allein im Stande, ſie uns wiederzugeben. Niemand erſchien bei Tiſche, denn die Verzweifelung hatte alle Herzen die⸗ ſer Familie ergriffen, und ſich ſogar auf die Dienerſchaft mit erſtreckt. Dieſe letztere er⸗ zählte ſich um die Wette die edlen Handlun⸗ gen der Lady, ünd der tiefſte Kummer uͤber den Verluſt einer ſo guͤtigen Gebieterin miſch⸗. te ſich in die ihr gezollten Lobpreiſungen. Growells hatten kaum des Lords und deſſen Sohnes Ruͤckkunft erfahren, als ſie ſich ſchon auf den Weg nach Milborn-Hall machten. Die zaͤrtliche Freundſchaft, welche ſie an Milborns feſſelte, verſtattete nicht, daß ſie ——— ——„—„ ——— ℳ— — —„———„ — — 191— den erſten Beſuch vom Lorde empſingen, und beide brannten vor Begierde, zu erfahren, ob ihre Freundin endlich nach den Wuͤnſchen Al⸗ ler zuruͤckgekehrt ſeyo. Sie traten ohne wei⸗ teres ſogleich in das Zimmer ihres Freundes, und fanden ihn in das duͤſterſte Nachdenken verſunken. Growell lief ihm mit offnen Ar⸗ men entgegnen.— Nun, mein lieber Lord, wie ſteht es?— Sie ſehen meine ſchreckliche Verzweifelung, nur der Tod allein kann mei⸗ nen Leiden ein Ziel ſetzen.— Undankbarer, ſagte zaͤrtlich Miſtreß Growell, Sie haben alſo Niemanden weiter auf der Erde, an dem Sie Theil nehmen? Ihre Kinder, Ihre Freun⸗ de, ſind dieſe denn Ihnen ganz gleichguͤltig? — Verzeihen Sie, Miſtreß Growell, ich fuͤhle den Werth Ihrer edlen Freundſchaft; aber al⸗ ler Wahrſcheinlichkeit nach auf Zeitlebens mei⸗ ner Lucretia beraubt zu ſeyn, der liebenswuͤr⸗ digen Gattin, die mein ganzes Gluͤck machte, das iſt ein Ungluͤck, dem ich nicht gewachſen bin. Mein Herz iſt ſo tief verwundet, daß ich alle Kraft, allen Muth in mir erſtorben theſter Freund, ſagte Growell, daß man Sie durchaus nicht tadeln kannz vielleicht aber ſind Sie noch zu fruͤhzeitig, wenigſtens was den Umſtand anbelangt, daß Sie auf immer von Ihrer wuͤrdigen Gattin getrennt worden zu ſeyn befuͤrchten. Ich ſchmeichle mir noch mit der Hoffnung, daß Sie ſie wiederſehen, und noch viele gluͤckliche Tage erleben werden. Zwei Stunden verweilten Growells bei dem Lorde, und verließen ihn dann, durch ihre Reden ein wenig getroͤſtet. Die Weiſſagung, welche ſein Freund gleichſam mit der Miene und dem Tone eines Begeiſterten ausgeſpro⸗ chen hatte, verbreitete einen ſchwachen Schim⸗ mer der Hoffnung in dem Herzen des ungluck⸗ lichen Lords. Dergleichen Menſchen find wie die Kinder, es bedarf oft nur einer Kleinig⸗ keit, um die Heftigkeit ihres Schmerzes zu lindern. tuos⸗Caſtle ab. Seine Hauptabſicht dabei fuͤhle.— Ihre Klagen ſind ſo gerecht, wer⸗ Wenige Tage darauf ſtattete Milborn ſei⸗ nen Gegenbeſuch den Bewohnern von Sump⸗ 1„———— — war bieſe, daß, da er von Godwins Flucht nach Schottland und ſeiner Verbindung mit Clara gehört hatte, er ſeinen Freunden zeigen wollte, daß Godwins Schritt ſeine hoͤchſte Mißbilligung habe. Growell konnte in der That ſeines Zornes nicht Meiſter werden, er verfluchte ſeine Tochter tauſendmal, wuͤnſchte alles moͤgliche Ungluͤck uͤber die Haupter der jungen Ehegatten, und wiederholte ſeinen Schwur, ſie im Stiche zu laſſen, und wenn ſie am Nothuͤrftigſten Mangel litten. Der Lord war uͤber den wuͤthenden Ton ſeines Freundes aͤußerſt betreten, er hatte nicht ge⸗ glaubt, daß er eines ſolchen Haſſes gegen ei⸗ nes ſeiner Kinder faͤhig waͤre; da er jedoch uͤberlegte, daß Clara's Flucht und Heirath unwiederbringlich einen Plan zerſtört hatten, von deſſen Ausfuͤhrung ſeines Freundes Gluͤck und Ehre abgehangen, ſo wunderte er ſich nicht mehr uͤber ſeinen Zorn. Er ſelbſt hatte nicht die nämlichen Gruͤnde, ſo unerbittlich, wie ſein Freund, zu ſeyn, und beſchloß heim⸗ lich, den beiden jungen Leuten, welche er, ih⸗ N res nicht zu entſchuldigenden, hochſt unbeſon⸗ nenen Fehltrittes ohngeachtet, liebte, Unter⸗ ſtuͤtzung zufließen zu laſſen. WMiſtreß Growell hatte bemerkt, daß der Lord uͤber die harten Ausdruͤcke, welche ihrem Manne in Betreff der beiden Fluͤchtlinge ent⸗ fuhren, empfindlich geworden war; ſie ſuchte daher das Geſpraͤch auf einen andern Gegen⸗ ſtand zu bringen, und es wuͤrde ihr dieſes gelungen ſeyn, wenn ſich nicht auf einmal auf dem Hofe ein lautes Geſchrei hätte hören laſſen. Ein Reiter war hereingeſprengt, und ſchrie aus allen Kraften:— Lady Milborn iſt wiedergefunden, hoch lebe dieſer gluͤckliche Tag! Dieſe ganz laut ausgeſprochenen Worte wurden im Saale vollkommen verſtanden. Miſtreß Growell konnte die Freude, welche ihr dieſe Nachricht verurſachte, nicht ertragen, ſie fiel in Ohnmacht; ihr Gatte und der Lord aber eilten dem Boten entgegen, der einer von den Leuten aus Milborn-Hall war. Mit einem Sprunge war der Lord im Wagen, begruͤßte ſeinen Freund mit der Hand, und —— rief dem Kutſcher zu:— Und wenn die Pfer⸗ de darauf gehen ſollten, eile nur, daß ich ſo ſchnell als moͤglich im Schloſſe anlange! Bin ich dort, ſo will ich 100 Guineen unter meine Bedienten austheilen. Dieſes Verſprechen war unnoͤthig, denn Liebe und Eifer unterſtuͤtzten die Wuͤnſche eines ſo guͤtigen Gebieters auf's kraftigſte. Die Pferde ſelbſt ſchienen die Ab⸗ ſichten ihres Lenkers zu errathen, denn ſie leg⸗ ten den Weg von ſechs Meilen in dreißig Minuten zuruͤck. Ich vermag das Ruͤhrende der Zuſammen⸗ kunft der beiden Ehegatten nicht zu beſchrei⸗ ben. Der Lord fand ſeine Gattin auf einem Sopha ausgeſtreckt liegen, ihre Tochter un⸗ terſtutzten ſie mit ihren Armen, und Alfred hielt kniend eine ihrer Hände in den ſeini⸗ gen; Freude funkelte aus Aller Augen. Der Lord ſetzte ſich neben ſeinen Sohn, und nach⸗ dem er ſeine reine Freude, welche ihm dieſe Vereinigung mit ſeiner theuern Gattin verur⸗ ſachte, zu erkennen gegeben hatte, bezeigte er einige Unruhe uͤber die Veränderung, welche 2 — 196— er an der Lady bemerkte. Sie ſuchte ihn des⸗ halb zu beruhigen, als Milborn ein ſchmerz⸗ hafter Schrei entfuhr; ſeine Augen waren auf die Blutflecken gerichtet, welche ſeiner Gattin Kleider verunſtalteten, er glaubte dem⸗ nach, ſie ſey verwundet.— Erſchrick nicht, liebſter Mann; dieſes Blut iſt nicht das mei⸗ nige; wenn wir ein wenig ruhiger werden geworden ſeyn, ſo will ich Euch allen meine Leiden erzählen, vorjetzt aber muß ich Euch einen meiner Befreier vorſtellen; Herr Haupt⸗ mann Grimsby, Sie werden wohl erlauben, daß mein Gatte ſeinen Dank mit dem meini⸗ gen verbinde? Der junge Mann, welcher aus Beſorgniß, er moͤchte die Ausbruͤche der Freu⸗ de und des Gluͤcks, welches jetzt die Bewoh⸗ ner von Milborn-Hall genoſſen, unterbrechen, ſich in einer Ecke des Saales ſtill verhalten hatte, trat jetzt näher, Milborn aber ergriff liebreich ſeine Hand, hielt ſie an ſein Herz, und ſprach: So lange dieſes ſchlagen wird, ſoͤll das Andenken an das, was ich Ihnen ſchuldig bin, in mir nicht verlöſchen. Ent⸗ — 197— ſchuldigen Sie, Herr Hauptmann, wenn ich vielleicht in dieſem Audenblicke die Regeln des Anſtandes außer Acht laſſe, aber ich bin nicht bei mir ſelbſt, ſo trunken macht mich dieſes unerwartete Gluͤck, doch Milborn wird nicht undankbar ſeyn, darauf verlaſſen Sie ſich. Grimsby bat den Lord, fich durch ſeine Ge⸗ genwart in ſeiner Freude nicht ſtören zu laſ— ſen, inſonderheit aber ihm den Werth einer Handlung nicht zu hoch anzurechnen, die ein je— der Andere ebenfalls gethan haben wuͤrde. Freu⸗ de iſt eben ſo oft als Schmerz mit Verwir⸗ rung begleitet. Die Familie Milborn bot hiervon ein auffallendes Beiſpiel dar, die Thrä⸗ nen, Kuͤſſe, halb abgebrochenen Worte, alles dieſes wuͤrde einem gleichguͤltigen Zuſchauer als der Ausdruck des vollendetſten Unfinnes vorgekommen ſeyn. Nach und nach fand ſich eine ruhigere und gemäßigtere Stimmung der Gemuͤther ein, und man konnte ſich die ge⸗ genſeitig gethanen Fragen beantworten. Die Lady erzählte, was dem Leſer aus dem vor⸗ hergehenden Capitel ſchon bekannt iſt, und — 198— fußte noch hinzu, daß, ſo wie die durch den Hauptmann Grimöby beſtellte Kutſche ange⸗ kommen ſey, ſie ſogleich Wooded⸗Priory ver⸗ laſſen habe.— Der edelmuͤthige Mann, fuhr die Lady fort, trieb ſeine Gefälligkeit ſo weit, daß er mich durch ſechs ſeiner Soldaten bis hierher geleiten ließ. Durch dieſe Handlung ward die Dankbarkeit, welche man dem Haupt⸗ mann ſchuldig war, noch mehr erhoͤht. Die Traurigkeit war bald der Freude ge⸗ wichen, als man ſich unter gegenſeitigen Um⸗ armungen verſicherte, daß eine ſo theure Per⸗ ſon endlich noch der Liebe ihrer gluͤcklichen Familie wiedergegeben worden war. Die ſo ſuͤße Unterhaltung ward jetzt durch den Ton einer landlichen Muſik unterbrochen, welche von den Landleuten von Milborn-Hall her⸗ ruͤhrte, die ſich zur Feier der Ruͤckkehr ihrer Gebieterin den Bewohnern des Hauſes ange⸗ ſchloſſen hatten. Die Lady hielt es fur Schuldigkeit, einen ſo rührenden Beweis der Liebe anzuerkennen, und zeigte ſich den bra⸗ ven Leuten. So wie ſie auf dem Altane er⸗ — 199— ſchien, riefen Alle:— Da iſt ſie, Lady Mil⸗ born lebe hoch, und geſegnet ſey der ehren⸗ volle Mann, der Sie uns wiedergegeben hat! — Hier iſt er, ſagte der Lord, und wandte ſich gegen den Hauptmann Grimsby, der hin⸗ ter ihm ſtand. Hier iſt, meine Freunde, der Retter meiner geliebten Lucretia; und es half nichts, der Capitain mußte hervortreten. Ein hundertfach wiederholtes Freudengeſchrei erhob ſich bei ſeinem Anblicke. In dieſem Augen⸗ blicke ſah man eine Kutſche herankommen; es war Growell, der mit ſeiner Frau heraus ſtieg, und beide eilten ihrer Freundin entge⸗ gen.— Welches Gluck, ſagte Miſtreß Gro⸗ well, und druͤckte dabei die Lady an ihr Herz, ach! meine theuerſte Milborn, wie bin ich erfreut, Sie endlich wiederzuſehen.— Ich kenne, beſte Freundin, Ihre Liebe zu mir, und ich bin von dem Antheil, den Sie an meinem Ungluͤcke genommen haben, feſt uͤber⸗ zeugt. Der Lord ließ unter ſeine Unterthanen mehrere Fäſſer mit Wein und alle in dieſem — Augenblicke im Schloſſe vorraͤthigen Lebens⸗ mittel austheilen; üͤberdem erhielten die aͤrm⸗ ſten Einwohner des Ortes 200 Guineen, und das dem Kutſcher gethane Verſprechen ward ebenfalls auf das gewiſſenhafteſte erfuͤllt. Als Milborn ſich einen Augenblick mit Growelln allein befand, nahm ihn dieſer auf die Seite und ſprach:— Liebſter Freund, alles das, was jetzt geſchehen iſt, hat Ihnen ohnſtreitig eine bedeutende Summe gekoſtet, und konnte Sie vielleicht hinſichtlich Ihrer Haushaltung in einige Verlegenheit ſetzen, thun Sie mir deshalb den Gefallen, dieſes Portefeuille hier mit einer Banknote von 1000 Pfund Sterling von mir anzunehmen. Milborn weigerte ſich hartnäckig, ſich dieſen neuen Freundſchaftsdienſt erzeigen zu laſſen.— Ich bin Ihnen ohnedem ſchon ſo viele Ver⸗ bindlichkeiten ſchuldig.— Sie ſehen mich alſo gar nicht fuͤr Ihren Freund an?— Ach, Sie ſind mein einziger, mein beſter Freund! verſetzte Milborn.— Nun wohlan, beweiſen Sie mir dieſe Geſinnungen, dadurch, daß — 201— Sie dieſe Kleinigkeit annehmen, und wenn Sie ſich noch laͤnger weigern, ſo muͤßte ich glauben.— Ach! glauben Sie nur der Wahrheit, dieſe wird Ihnen die Verſicherung geben, daß ich Sie zaͤrtlichſt liebe.— Wenn dem alſo iſt, ſo ſchlagen Sie die Banknote nicht aus.— Ich muß wohl, da Sie nicht anders wollen. Die Lady hatte nach Godwin gefragt, und von ihrem Gatten, der das gegenwaͤrtige Gluͤck auch durch die kleinſte Wolke nicht getruͤbt zu ſehen wuͤnſchte, die Antwort erhalten, er ſey abweſend. Gegen Abend nahm der Capitain Grimsby Abſchied, und bat um die Erlaub⸗ niß, der Lady zuweilen ſeine Aufwartung ma⸗ chen zu duͤrfen.— Wir Alle, ſprach der Lord, bitten Sie um dieſe Gefälligkeit, kommen Sie oft, edler Mann, Sie koͤnnen uns kein gro⸗ ßeres Vergnuͤgen erzeigen. Die Compagnie des Capitain Grimsby hat⸗ te die kleine, zehn Meilen von Milborn-Halt entlegene Stadt Brow beſetzt, da gerade von dieſer Seite her die Raͤuberbanden ſich ſo vermehrt hatten, daß man Truppen gegen ſie ausſchicken mußte. Der junge Grimsby ver⸗ ließ daher mit den ſechs Soldaten, welche die Lady begleitet hatten, und vom Lord ebenfalls freigebig bedacht worden waren, Milborn-Hall und kehrte zu ſeiner Mannſchaft zuruͤck. Growells fuhren dieſen Abend nicht nach Hauſe; ſie konnten ſich von ihrer Freundin, die ſie ſo lange Zeit hindurch nicht geſehen hatten, nicht trennen; fie in der Mitte ihrer liebenswuͤrdigen Familie betrachten zu können, gewaͤhrte ihnen die groͤßte Freude. So viele, ſo mannichfaltige Proben der reinſten Anhäng⸗ lichkeit mußten nothwendig die lebhafteſte Dankbarkeit in dem Herzen einer ſo gefühl— vollen Frau erregen, und die Lady fand in Wahrheit kein ſuͤßeres Vergnuͤgen, als wenn ſie der Miſtreß Growell verſichern konnte, daß ihre Freundſchaft nur durch den Tod aufge⸗ hoben werden wuͤrde. Gluͤck und Zufriedenheit hatten jetzt in Mil⸗ born-Hall ihren Sitz aufgeſchlagen, und ſelbſt die Nachricht von Godwins Verheirathung mit Clara wuͤrde der Lady Freude gemacht haben, wenn ihre Freunde dieſe Verbindung gebilligt hätten; allein der Gedanke, daß ihr Sohn, mit Hintanſetzung alles Anſtandes und Ver⸗ geſſenheit alles deſſen, was die Seinigen ih⸗ ren Freunden ſchuldig waren, ſich der Ent⸗ fuͤhrung von Growells Tochter ſchuldig gemacht hatte, dieſer Gedanke verurſachte ihr bittern Kummer; ihre Freunde waren jedoch zart ge⸗ nug, uͤber dieſen Gegenſtand niemals mit ihr zu ſprechen, weshalb ſich ihr Unwille gegen ihren Sohn nach und nach legte, und endlich ſogar dem Mitleiden Platz machte, da ſie ſich leicht vorſtellen konnte, die Lage der bei⸗ den jungen Ehegatten wuͤrde nicht eben die er⸗ freulichſte ſeyn; ſie hatten ja nichts zu le⸗ ben. Sie theilte dieſen Gedanken ihrem Ge⸗ mahle mit, und beide wuͤnſchten eifrigſt, den Aufenthaltsort ihrer Kinder zu erfahren, um ihnen Unterſtutzung zufließen laſſen zu können. Godwins Stillſchweigen betruͤbte ſie ſehr; wie war es denkbar, daß er an ihrer Verzeihung und Liebe nur im geringſten hatte zweifeln koͤnnen? ————— Sechzehntes Capitel. Godwin und Clara waren kaum ehelich ver⸗ bunden, als ſie hierauf ſogleich nach London reiſeten. Ihr ganzer Reichthum beſtand von Seiten Godwins aus 300 Guineen, ſeine Gat⸗ tin hatte 200 Guineen und einige Juwelen mit ſich genommen; das waren die Huͤlfsquellen, welche dieſe jungen Leute in ihrem thörichten Wahne fuͤr unverſiegbar hielten. Vielleicht koͤnnte man auf den Gedanken kommen, die Neuverehelichten haͤtten, als ſie ſich in die Hauptſtadt begaben, einen feſten Plan hinſichtlich ihrer kunftigen Exiſtenz ent⸗ worfen gehabt; allein daran war nicht zu den⸗ ken; beide brannten vor Begierde, dieſe große, ſchoͤne Stadt, von der die ganze Welt mit Bewunderung ſpricht, mit eigenen Augen zu ſehenz dort wollten ſie ungefähr einen Monat bleiben, und dieſen dazu anwenden, die ſehens⸗ „ — 205— wuͤrdigſten Gegenſtaͤnde aller Art in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Auch hatten ſie die Abſicht, nachher an ihre beiderſeitigen Altern zu ſchrei⸗ ben, um von ihnen die Erlaudniß, in den Schooß ihrer Familien zuruͤckkehren zu duͤrfen, zu erbitten. Dieſer von der vollendetſten Thor⸗ heit ausgedachte Plan ward zum Theil wirk⸗ lich in Vollziehung geſetzt. Einen Monat hin⸗ durch ſahen die jungen, bis zur Narrheit in einander verliebten Leute Alles, was verdiente, geſehen zu werden, ſie waren uͤberall, und trennten ſich dieſe ganze Zeit uͤber nicht eine Stunde von einander. Clara war die erſte, welche von den Briefen anfing zu ſprechen, die ſie an ihre Altern ſchreiben wollten; von ihrem Gelde war noch ziemlich die Hälfte vor⸗ handen, und Godwin meinte, ſie könnten wohl noch zuſammen vierzehn Tage damit warten, dieſe Zeit wuͤrde kaum ausreichen, um alle die mannichfaltigen Gegenſtaͤnde noch zu beſehen. Als dieſe vierzehn Tage voruͤber waren, wurde man einig, anderweit vierzehn Tage hinzuzu⸗ geben, und auf dieſe Weiſe ſahen ſie nach Vers 206— lauf von drei Monaten alle ihre Gelder erſchopft. Clara beſaß nur noch ihre Juwelen, aus de⸗ nen ſie aber keine große Summe loͤſen konnte, gleichwohl waren dieſe noch die einzige Huͤlfs⸗ quelle. Godwin nahm es auf ſich, ſie zu ver⸗ kaufen; er ging(es war dieſes das erſtemal, daß Clara nicht mit dabei war) um neun Uhr Morgens fort, kehrte aber erſt um drei Uhr Nachmittags zuruͤck, und Clara bemerkte, daß er ziemlich erhitzt ausſah, war aber klug ge⸗ nug, ihm ihre Bemerkung nicht mitzutheilen. Godwin erzählte, er habe die Uhr, Ringe, Armbaͤnder und Doſe verkauft, alles zuſam⸗ men fuͤr eine Summe von 50 Guineen; ihr wahrer Werth betrug aber mehr als 300 Pfund Sterling. Dieſe ſchwache Huͤlfe konnte nicht lange dauern, Clara erinnerte daher wieder ihren Gatten, nach Milborn⸗Hall zu ſchrei⸗ ben, wie ſie denn ebenfalls an ihre Altern nach Sumptuos-Caſtle ſchreiben wolle. God⸗ win gab ſtets zur Antwort, er haͤtte keine Luſt, ſich in eines dieſer Neſter lebendig zu begra⸗ ben.— Wenn dem alſo iſt, ſagte Clara, was * —— N haſt Du denn fuͤr Entwuͤrfe? Was denkſt Du, daß aus uns werden ſoll? In acht Ta⸗ gen haben wir keinen Schilling mehr.—— Bis dahin habe ich ſchon andere Huͤlfsquellen ausfindig gemacht.— Darf ich wiſſen, wie Du das anfangen willſt?— Elara„ich bitte Dich, laß Deine Fragen, ich bin kein Kind, das am Gaͤngelbande gefuͤhrt werden muß; ſey ruhig, und laß mich nach meinem Gefal— len handeln!— Bis auf dieſen Augenblick hatte Godwin in einem ſolchen herriſchen Tone noch nicht geſprochen; jetzt aber ſah ſeine Gat⸗ tin mit einem Male die Tiefe des Abgrundes vor ſich, worein ſie ſich ſo leichtſinnig geſtuͤrzt hatte, und Godwins wahrer Charakter ent⸗ huͤllte ſich vor ihren Augen.— Er iſt ein Tyrann, ſprach ſie bei ſich, der in mir wei⸗ ter nichts, als eine Sklavin zu erblicken glaubtz es iſt geſchehen, mein Schickſal iſt beſchloſſen, ich werde auf ewig ungluͤcklich werden, und darf mich nicht einmal daruͤber beklagen; ich habe es ja ſelbſt ſo gewollt, Duldung und Ergebung wird mein Loos ſeyn. Von nun an äaͤnderte ſich auch Godwins tägliche Lebensweiſe gaͤnzlich. Am Tage blieb er hochſtens zwei Stunden zu Hauſe, ja oft ſchlief er gar nicht in ſeiner Wohnung, und von den durch den Verkauf der Edelſteine ge⸗ loͤſten 50 Guineen erhielt Clara nicht mehr als fuͤnf, wovon ſie die Unterhaltungskoſten beſtreiten ſollte. Dieſe geringe Summe konnte, der ſtrengſten Sparſamkeit ohngeachtet, nicht lange ausreichen; Clara's erſte Sorge war daher, die beiden Bedienten, welche ſie bisher gehalten hatten, zu entlaſſen, und ſie mußte ſich mit einer einzigen Magd behelfen. Der junge Milborn aber dachte uͤber dieſen Punkt. nicht wie ſeine Gattin, und Vorwuͤrfe, daß ſie ihn nicht zuvor deshalb befragt habe, wa⸗ ren der Lohn ihres Verfahrens. Die Beduͤrf⸗ niſſe der jungen Gatten wurden indeſſen von Tage zu Tage immer dringender, und ſie ſa⸗ hen ſich genöthigt, Schulden zu machen, die ſie durchaus nicht wieder bezahlen konnten. Dieſe fuͤr eine edle Seele ſo ſchmerzvolle Le— bensweiſe währte ungefähr noch drei Monate C ge ti u de di zel vo ih ſei da ne wi de ho me gn ge fort. Clara's Sanftmuth und Geduld wat unerſchoͤpflich, die Glaͤubiger aber waren nicht ſo friedlich geſinnt, und ſprachen nicht, wie Clara: es iſt meine Schuld, ich muß ſchwei⸗ gen und dulden;— ſie drangen vielmehr hef⸗ tig auf die Wiederbezahlung der geliehenen Summen. Clara weinte, Godwin fluchte, und Niemand erhielt einen Heller. An einem der naͤchſtfolgenden Tage kam Milborn, der die Nacht außer Hauſe zugebracht hatte, um zehn Uhr Morgens zuruͤck, redete ſeine Frau mit lachendem Geſichte an, warf ihr eine Hand voll Guineen auf den Schvoß, und bat ſie, ihm ein gutes Mittagsmahl berciten zu laſ⸗ ſen.— Laß uns fröhlich ſeyn, Clara, ich hoffe, daß wir dieſe gierigen Hunde, die geſtern ei⸗ nen ſolchen Lärm hier gemacht haben, nicht wieder ſehen werden, ich werde alle ihre For⸗ derungen befriedigen. Das Gluͤck iſt uns hold, meine Liebe, haͤng' das Maͤulchen nicht mehr, es ſteht nicht ſchon, es lebe das Ver⸗ gnuͤgen und das Geld! Nach dieſer unſinni⸗ gen Rede ging er wieder fort. Clara war O — 240— noch nicht zwanzig Jahre alt, ſie kannte da⸗ her die Welt nur aus hoͤchſt unvollkommenen Erzaͤhlungenz die Gefahren und die Huͤlfsquel⸗ len großer Staͤdte waren ihr vollig fremd, es war ihr daher unmoͤglich, in Betreff der neuen Huͤlfsmittel, welche Godwin herbeigeſchafft hat⸗ te, auf irgend einen üͤbeln Gedanken zu kom⸗ men.— Vielleicht, dachte ſie, iſt er einem ſeiner Freunde oder gar ſeinen Aeltern begeg⸗ net, und dieſe haben ſich eine Freude daraus gemacht, ihn zu unterſtuͤtzen. Elara ahndete nicht, was geſchehen war; mit einem Worte, der junge Milborn rannte in ſein Verderben; er war an mehrere ſchlechte Perſonen gerathen, die ihn in verborgene Spielhauſer lockten. Das Gluͤck war ihm anfaͤnglich guͤnſtig, denn er gewann einige hundert Guineen und mach? te davon die Anwendung, die wir geſehen haben. vin 35 — Sentebus Su De Grimöby ſiumte von ze von Lord und Lady Milborn ihm ertheilten Erlaubniß, ſie in ihrem Schloſſe beſuchen zu duͤrfen, Gebrauch zu machen. Dieſer junge Mann hatte ſeine fruͤhere Bekanntſchaft mit Alfred erneuert; und es bildete ſich zwiſchen beiden eine genaue Freundſchaft. Grimsby be⸗ ſaß viel Sanftmuth in ſeinem Charakter, er war gefallig, artig, beſcheiden und geiſtreich⸗ Binnen Kurzem erwarb er ſich die Neigung der Aeltern und Kinder; er nannte Ancelina und Henriette ſeine lieben, kleinen Schwe⸗ ſtern, und man konnte, ob er ſich ſchon ge⸗ gen beide aͤußerſt zuvorkommend bewies, den⸗ noch, wenn man ihn genau beobachtete„ohne große Muͤhe bemerken, daß er zu Henrietten eine geheime Zuneigung zu faſſen ſchien⸗ In⸗ deſſen wuͤrde derjenige, welcher blos nach dem O 2 2— wohner von Rilh ſelbſt Alfred nicht, dieſ riettens, der mit der reit Schweſter hing. Aber eine de ſich nicht einen Augenblick gei ſer boͤſe Menſch, erkannte glei ten ſah, in ihm ſeinen Nebenbuhler, und ſch bur, ihn ſeiner ſchrecklichen Eiferſucht aufzuopfern. So lange als des Lords Tochter noch keine fremde Mannsperſon guͤnſtig auszeichnete, hatte er ſich damit begnuͤgt, ſie zu haſſen. Allein daß diejenige, die ſeiner Meinung nach ihm ie empfindlichſte Beleidigung zugefuͤgt und ſeine — Liebe verſchmaͤht hatte, jetzt einen Andern zu beguͤnſtigen ſchien, dies reichte hin, um das holliſche Feuer in ſeinem Innern zur hellſten Gluth anzuſchuͤren, und ihn die abſcheulich⸗ ſten Plane faſſen zu laſſen. Mehrmals hatte Evan mit ſeinen Aeltern geheime Unterredungen uber dieſes neug Er⸗ eigniß. Ohne Zweifel bemuhten ſich disſe⸗ ihm gemäßigtere und ſanftere Empſfindungen, einzuflößen; ob ihnen dieſes gelang, wird die Folge lehren. An Milborns grhutztg gab man ein, . Gaſtmahl im Schloſſe, wobei ſich, au⸗ ßer der Growellſchen Familie, welcht zuerſt. eingeladen worden war, auch viele benachbarte Familien einfanden. Alfred hatte auch den Capitain Grimoby nebſt deſſen Lieutenant Brad⸗ fort bitten laſſen, und dieſe beiden Offiziere kamen in Brgleitung. der Muſiker des Regi⸗ Das Gaſtmahl war gee ging ic ubr 5 Frohlichkeit voruͤber, und währte bis⸗ gegen zehn Uhr Abends. Da man ſich in der ſchonen Jahreszeit befand, ſo geſchah. der Ge⸗ ſellſchaft der Vorſchlag, in die Gärten zu ge hen. Auf einmal ertonte aus der Vorhalle eine herrliche Muſik; die jungen Leute liefen herbei, und Alle ſußerten den Wunſch, daß mit Muſik das Zeichen zum Tanzen gegben werden moͤchte. Die guͤtigen Wirthe nahmen keinen Anſtand, der Geſellſchaft dieſe Bitte ſo⸗ gleich zu gewähren; der Ball ſollte im Gar⸗ ten vor ſich gehen, und binnen einer Viertel⸗ ſtunde ward ein runder, von Hainbuchenhecken eingeſchloſſener Platz dazu eingerichtet und glän⸗ zend erleuchtet. Erfriſchungen aller Art wur⸗ den dahin gebracht, und alle Gaͤſte verſam⸗ melten ſich hier, theils um ſelbſt zu tanzen, theils um zuzuſchauen. Wenig Schritte von dieſem Orte entfernt, nahm ein Irrgarten ſei⸗ nen Anfang, der ſo kuͤnſtlich angelegt war, daß ſelbſt die Bewohner von Milborn ⸗Hall Muͤhe hatten, ſich nicht darin zu verirrenz er hatte mehrere Ausgänge, und ich bitte die Leſer, auf dieſen Umſtand Achtung zu geben. Gegen zwei Uhr Morgens benachrichtigte man den Lord, es wünſche Jemand mit ihm zu ſpre⸗ chen; er bezeigte, gegen ſeine Art, Unwillen daruͤber, daß man ihn ſtöre, ging jedoch weg, um zu ſehen, was man von ihm verlange. Schon ſeit einer Stunde hatte er die Geſell⸗ ſchaft verlaſſen, als auf einmal ein ſchreckli⸗ M M * — 5— ches Geſchrei den Ball unterbrach, und jeden Gedanken an Freude vertrieb. Jedermann liefß in die Gegend hin, woher dieſe Klagtöne ge⸗ kommen zu ſehn ſchienen, und es ward nur zu wahtſcheinlich, daß im Umkreiſe dieſes Ortes eine Mordthat begangen worden ſey« Unver⸗ ſtandliche Worte ließen ſich hören, man konnte aber nur vernehmen, daß ein Sterbender um Huͤlfe rief.— Großer Gott, ſchrie der Lieu⸗ tenant Bradfort, das iſt die Stimme meines⸗ Capitains! und mit dieſen Worten ſtürzte ſich der junge Mann in die erſte Allee des Irr⸗ gartens; ihm folgten mehr denn zwanzig Per⸗ ſonen. Kaum hätte man einige Schritte vor⸗ wärts gethan, als eine klägliche Stimme fol⸗ gende Worte ganz vernehmlich ſprach: Rächt mich, rächt mich, ich ſterbe von der Hand des Lord Milborn! Ein ſchaudervolles Stillſchwei⸗ gen folgte dieſen entſetzlichen Worten; Stim⸗ men ließen ſich unter den Anweſenden hören, welche ausriefen: Sucht den Moͤrder auf! Bradfort achtete nicht der Hinderniſſe, welche ihm die Krüͤmmungen und Gänge des Gar⸗ ———— tens darboten, allein je weiter er vordrang, deſto mehr verwickelte er ſich darein, er ſchäumte vor Wuth und zerriß die Zweige, welche ſich ſeinem Wege entgegenſtellten, Alfred war der Geſellſchaft ebenfalls gefolgt, und hatte mit Schaudern gehoͤrt, weſſen ſein Pater beſchul⸗ digt worden war. Er kannte die Wege, drang vor, um dem Lieutenant beizuſtehen, aber die⸗ ſer ſtieß ihn mit einer Bewegung des Abſcheues von ſich. Alfred konnte ſich dadurch nicht be⸗ leidigt ſinden, aber er hoffte, daß der fuͤrch⸗ terliche Schreck ſich bald legen wuͤrdez mehrere Diener kamen mit Fackeln herbei, und ſo gelangte man endlich in den Mittelpunkt. Ein geraͤumiger, von friſch vergoſſenem Blute ge⸗ rotheter freier Platz verrieth, daß an dieſem Orte eine blutige That geſchehen ſeyn muͤſſe; allein man konnte weder einen Körper, noch andere Spuren entdecken, und Jedermann blick⸗ te den Andern mit Staunen und Entſetzen an. Giebt es mehrere Ausgaͤnge aus dieſem Irr— garten? fragte Bradfort. Es ſind ihrer fuͤnf, antwortete Evan, der eben ganz außer Athem angekommen war⸗— Fuͤnf, verſetzte der Lieutenant, ach! dann iſt der Mörder ohne Sweifel ſchon entwiſcht.— Allein, fragte Jemand, was iſt denn mit dem Leichname ge⸗ ſchehen? Wie iſt es denkbar, daß man denſelben durch dieſe ſchmalen und gewundenen Gaͤnge fortgeſchleppt haben ſollte? Ein Theil der Mu⸗ ſiker war auch mit nachgefolgt.— Wir wol⸗ len unſern Capitain ſuchen, ſprachen ſie, und wenn wir ihn gefunden haben, was kum⸗ mert uns dann das Ubrige? Der Haufe ſetzte ſich in Bewegung. Alfred, Henriette und Ancelina, alle drei in einem Zuſtande der Betäubung und des Stumpfſinnes, gingen voran, bald hatte man den Irrgarten hinterm Ruͤcken. Plotzlich kommt der Lord der Ge⸗ ſellſchaft entgegen, er wundert ſich, daß er im Tanzſalon Niemanden angetroſſen, und wuͤnſcht zu wiſſen, weshalb man ſich in den Garten zerſtreut habe. Der Lieutenant Bradfort ſtieß zuerſt auf den Lord, und kaum hatte er ſeine Augen auf ihn geworfen, als er aàusrief: Hier iſt der Morder; und Milborn bei dem Kra⸗ — 218— gen feſt hielt.— Haltet, hütet Euch, das zu thun! rief Alfred, und ſuchte ſeinen Vater zu befreien.— So ſeht doch hin, fuhr der Lieu⸗ tenant fort, und wies bei dieſen Worten auf des Lords Hände, ſeht, ſie rauchen n och vom Blute meines Freundes, das Ungeheuer hat ſich nicht einmal ſo viel Zeit genommen, die Spuren ſeiner Schandthat zu vertilgene Der Lord, hieruͤber beſtuͤrzt, blickte auf ſeine Hän⸗ de, ſchauderte, und that keine Bewegung, um Bradfort wegzuſtoßen, eine eiſige Kaͤlte ſchien alle ſeine Glieder gelähmt zu haben. Unver⸗ kennbare Zeichen des Abſcheues und der tief⸗ ſten Verachtung waren auf allen Geſichtern zu leſen; die Diener vom Hauſe ſchlugen be⸗ ſchämt ihre Blicke zu Boden, ſie errotheten, daß ſie einem ſolchen Verbrecher angehörten. Endlich gewann Milborn etwas mehr Faſſung, und verlangte eine Erklärung. Die ſoll er beim Friedensrichter geben, ſchrien die Mu⸗ ſtker, wir wollen ihn hinführen.— Aber es ſcheint mir, meine Herren, nahm Growell das Wort, als wenn Sie ein wenig voreilig zu — — 1— Werke gingen. Lord Milborn iſt mein Freund, und ein rechtſchaſſener Mann, der deswegen, weil bei ihm ein Verbrechen begangen worden, noch nicht fuͤr ſeine Perſon verantwortlich iſt. — Sehen Sie nur auf ſeine Haͤnde, verſetz⸗ te Bradfort, haben Sie denn nicht, ſo gut wie ich, gehört, daß der Sterbende ihn als den Thäter anklagte?— Allerdings, allein wo iſt dieſer Sterbende?— Haben wir nicht alle ſein Blut geſehen?— Blut iſt ein blo⸗ ſes Anzeichen, aber noch kein Beweis, der Leichnam allein kann hier entſcheiden.— Zum Friedensrichter mit ihm, riefen die Muſiker wieder, iſt er einmal dort, ſo wird er ſeine Entſchuldigungsgruͤnde ſchon vorbringen. Mil⸗ born weigerte ſich keineswegs, zum Friedens⸗ richter, der drei Meilen von Milborn⸗Hall entfernt wohnte, zu gehen. Alfred und Gro⸗ well begleiteten ihn dahin, der Reſt der Ge⸗ ſellſchaft aber zerſtreute ſich und verließ eiligſt das Schloß. Sobäld Ancelina und Henriette allein wa⸗ ren, erinnerten ſie ſich auf einmal, daß ihre —— —————— — 220— Mutter ſeit dem Beginnen jenes vniſetzlichen Auftrittes ſich nicht habe ſehen laſſen; ſie ſuch⸗ ten ſie auf, durchſtrichen aber vergebens den ganzen Garten. Eine traurige Stille war an die Stelle der laͤrmenden Fröhlichkeit getreten, von welcher dieſer Ort noch vor einer halben Stunde ertönte. Die noch fortwährende Er⸗ leuchtung des Gartens leitete ihre vor Schmerz und Schrecken wankenden Schritte; und beide bemuͤhten ſich, eine auf die andere geſtuͤtzt, ſich uͤber alles das rinige Gewißheit zu ver⸗ ſchaſſen, wovon etwaß— zu kön⸗ nen glaubten.* 7. 16 Als ſie—— un nglückichen Srehntten nä⸗ irn„ drang der Miſtreß Growell Stimme an ihre Ohren. Sie rief aus allen Kräften um Huͤlfe, worauf die beiden Mädchen ſchnell zu ihr hineineilten, und von der Gattin des Nabobs mit folgenden Werten empfangen wur⸗ den: Helft mir, lieben Kinder, Eure Mutter in's Leben zuruͤckbringen. Der ſo eben Statt gehabte Auftritt hat ſie in die ſchreckliche Ohn⸗ macht geſtuͤrzt, in welcher Ihr ſie erblickt; ich ging an ihrer Seite, ich ſing ſie in meinen Armen auf, und legte ſie ſanft auf den Raſen nieder. Seitdem habe ich mich vergeblich be⸗ muͤht, ſie wieder zu ſich ſelbſt zu bringenz ich konnte nicht länger ſäumen, und haͤtte Leuts holen muͤſſen, die ſie in's Haus zuruͤckgetra⸗ gen haͤtten.— Wir wollen ſie tragen, ſagten Ancelina und Henriette mit einander, und beide ſchickten ſich an, ſich mit dieſer theuern Buͤrde zu beladen. Die Lady war ſehr wohlbeleibt, und das Unternehmen mit Schwierigkeit ver⸗ bundenz allein was vermoͤgen nicht kindlicher Eifer und Liebe? Miſtreß Growell unterſtutzte die Mädchen, und nicht ohne viele Muͤhe ge⸗ langte man endlich in's Haus. Die Ohnmaͤch⸗ tige ward auf ihr Bett gelegt, und ihr alle möglichen Huͤlfsleiſtungen, die ihrem Zuſtande angemeſſen waren, gereicht. Die Bedienten waren, von Neugierde ge⸗ trieben, ihrem Herrn nach Kipſeide gefolgt, wo Sir Thomas Stapleton, der Friedensrich⸗ ter des Bezirkes, ſeinen Wohnſitz hatte; in „i hnſt 5 Milborn-Hall aber war blos ein alter Thür⸗ — 222— huͤter zuruͤckgeblieben. Der Lady erſte Kam⸗ merfrau, Diana, und Emery, ein alter Die⸗ ner des Lords, bezeigten eine ſo treue Anhaͤng⸗ lichkeit an ihrer Herrſchaft, daß ſie ſchworen, ſie wollten ſie niemals verlaſſen, es möchte auch geſchehen, was da wolle. Diana beeilte ſich, ihre Bemuͤhungen mit denen der Freundin ihrer Gebieterin und de⸗ ren Töoͤchtern zu vereinigen. Als die Ungluͤck⸗ liche ihre Augen offnete, warf ſie einen Blick des Entſetzens um ſich; hierauf ließ ſie dieſen auf die Perſonen fallen, welche ihr Bett um⸗ gaben, und fragte, ob das, was ihren Geiſt zu Boden druͤcke, nur ein grauſamer Traum, oder die ſchreckliche Wahrheit ſey. Ihre Töch⸗ ter ſeufzten tief.— Ich habe Euch verſtan⸗ den, meine Kinder, und alle meine Zweifel ſind geſchwunden. O guͤtiger Gott, zu was fuͤr Leiden ſind wir aufbewahrt! die Hand des ungluͤcks liegt ſchwer auf uns, und die Ver⸗ läumdung verfolgt meinen tugendhaften Gat⸗ ten, den mir der Himmel geſchenkt hat. Ent⸗ ſetzlich! eines ſo abſcheulichen Verbrechens wagt N 8 N N S— 0 W. W — 223— man ihn anzuklagen?— Theuerſte Freundin, ſprach Miſtreß Growell, und druͤckte dabei ihre Hand, geben Sie ſich noch keinem ſo trau⸗ rigen Gedanken hin! Mylords Unſchuld wird anerkannt werden, gewiß, glauben Sie es mir; Ihre Freundin, Ihre treueſte Freundin verſi⸗ chert Ihnen dieſes.— Henriette und Ancelina hatten ſich auf die Knie geworfen, und ba⸗ ten ihre Mutter, ſie moͤchte an Gottes Ge⸗ rechtigkeit nicht verzweifeln.— Könnet Ihr, meine Kinder, mir uͤber dieſen entſetzlichen Auftritt etwas Naͤheres erzaͤhlen?— Warum, ſagte Diana, wollen Sie ſich betruͤben? War⸗ ten Sie lieber Mylords Rückkehr ab, jetzt aber uͤberlaſſen Sie ſich der Ruhe, deren Sie ſo bedurftig zu ſeyn ſcheinen.— Der Ruhe? ach! Diana, wie kannſt Du glauben, daß ich, waͤhrend mein achtungswuͤrdiger Gemahl unter dem verabſcheuten Namen eines Moͤrders vor dem Richterſtuhl ſteht, ruhig ſeyn konne. Der Lady Schmerz war in der That ſo gerecht, daß weder ihre Freundin, noch Toch⸗ ter ein Mittel, ſie zu zerſtreuen, ausſinden 14 1 konnten. Die Lady wuͤnſchte, Miſtreß Gro⸗ well moͤchte nach Sumptuos-Caſtle zuruͤckkeh⸗ ren, allein dieſe war durchaus nicht zu bewe⸗ gen, ihre Freundin in ihrer gegenwaͤrtigen Lage zu verlaſſen.— Mein Himmel! rief auf ein⸗ mal Ancelina, wo iſt denn Aurea hingekom⸗ men? die arme Kleine iſt gewiß vor Schrecken halb todt!— Ueber dieſen Punkt machen Sie ſich keine Sorge, erwiederte Diana, Evan hat ſie mitgenommen, beide ſind mit Mylord zu einer und derſelben Zeit weggefahren.— Ich denke doch, ſagte Miſtreß Growell, ſie werden ſich nicht meiner Kutſche bedient ha⸗ ben?— Nein, ich ſah ſie in dem Wagen ab⸗ fahren, den Ihr Sohn Evan leitete. Dieſe Abreiſe, wobei die Mutter in Milborn-Hall zuruͤckgelaſſen S war, ſetzte Sedemann in W Sj Achtzehntes Ca pitel. Es war gegen funf Uhr; als man in Kipſeide ¹ anlangte; die Muſiker hatten die Kutſche, in 3 welcher der Lord, der Lieutenant Bradfort, Growell und Alfred ſich befanden, zu Pferde begleitet. Sir Thomas war noch nicht auf⸗ geſtanden, man ließ daher die Angekommenen in einen Saal eintreten, und daſelbſt warten⸗ Um ſieben Uhr erſchien der Friedensrichter. Zuerſt vernahm er die Ausſagen des Lieute⸗ nants und der ſechs Muſiker, als nun hier⸗ auf Milborn zur Antwort aufgefordert wurde, naͤherte er ſich mit großter Faſſung, und kei⸗ ne innere Bewegung ſchien ſeine gewohnliche Ruhe zu ſtören. Auf die Frage, aus was 3 fuͤr einem Grunde er die Geſellſchaft eine Stunde vor Veruͤbung der Mordthat verlaſſen habe, antwortete er: einer ſeiner Leute(wel⸗ chen er namentlich angab) habe ihn abgeru⸗ P fen, indem ein Unbekannter ihm eine Sache von großer Wichtigkeit habe mittheilen wollen; mehrere Perſonen der Geſellſchaft hätten ihm auch den Unwillen angeſehen, welchen eine ſo ſonderbare Störung ihm verurſacht habe. Als er im Vorſaale angekommen ſey, habe ein Mann, den er biöher noch niemals geſehen, ihn gebeten, in den Hof zu gehen, damit Nie⸗ mand hören möge, was er ihm anzuvertrauen habe. Dieſes geheimnißvolle Weſen ſey ihm verdachtig vorgekommen, er habe deshalb dar⸗ auf beſtanden, das Haus nicht zu verlaſſen, und dem Fremden verſichert, er koͤnne ſich ohne Beſorgniß gegen ihn erklären, indem alle ſeine Leute im Garten wären, wovon er ſich durch die im Hauſe herrſchende Stille und Einſamkeit uͤberzeugen köͤnne.— Wenn dem alſo iſt, Mylord, ſo will ich ſprechen. Sie werden ſich ohne Zweifel noch an jene Schuld⸗ verſchreibung der 6000 Guineen erinnern, wel⸗ che dem Anſcheine nach von Ihnen unterſchrie⸗ ben war, indem Ihr auf das taͤuſchendſte nach⸗ geahmter Name ſich darunter befand.— Ich habe dieſe Sache keineswegs vergeſſen, fahren Sie fort.— Wohlan, ich kenne den Betruͤ⸗ ger, der dieſe Hundſchrift gemacht hat, und kann Ihnen zugleich die Mittel verſchaffen, dieſelbe unguͤltig zu machen.— Da werden Sie mit einen großen Dienſt leiſten.— Es iſt nur eine Bedingung, die ich dabei ſetze— und dieſe iſt?— Ich bin unvermogend, und verlange daher von Ihnen„ daß, ſobald dieſe Sache zu Ihrer Zufriedenheit abgethan ſeyn wird, Sie mir 100 Guineen dafuͤr zahlen.— Dieſe Bedingung gehe ich ein.— Nun denn, morgen werde ich wiederkommen, und Ihnen die nothigen Aufſchluſſe mittheilen; es wird noth⸗ wendig ſeyn, daß Sie ſich an den Bezirksort, vielleicht ar nach London ſelbſt begeben.— Das ſoll mich nicht abhalten.— So leben Sie wohl, Mylord, binnen vier und zwanzig Stunden ſollen Sie weiter von mir hören. Unter dieſem Geſptaͤche hatten wir die Treppe erreicht, und ber Fremde war bereits einige Stufen herabgeſtiegen, als er ſich wieder um⸗ drehte.— Ehe wir einen Schritt in dieſer P2 — 28— Sache thun, ſagte er, geben Sie mir Ihre Hand darauf, daß Sie mir die verſprochenen 100 Guineen zuſtellen wollen. Mit dieſen Worten reichte er mir ſeine Hand, ich gab ihm die meinige, er ergriff dieſe, druͤckte ſie feſt, und verließ mich dann unter der Verſi⸗ cherung, er ſey nun zufrieden geſtellt.— Ohne weiter über das Geſchehene nachzudenken, kehrte ich in den Garten zuruͤck, wo ich auf die mir ſo unerwartete Weiſe empfangen wurde.— Wer ſchien Ihnen dieſer Fremde wohl zu ſeyn? — Es war ein alter Mann von widerlichem Anfehen.— Koͤnnen Sie mir nicht angeben, woher es kommt, daß Ihre Haͤnde mit Blut befleckt ſind?— Ich mache Sie darauf auf⸗ merkſam, erwiederte Milborn, daß nur die eine Hand, und zwar diejenige, welche ich dem Unbekannten reichte, blutig iſt. Man unter⸗ ſuchte dieſe Angabe, und fand in der That, daß die Linke ganz rein war.— Seit wenn kennen Sie den Capitain Grimsby? Milborn erzaͤhlte, auf welche Weiſe ſeine Gattin ihn habe kennen lernen.— Haben Sie irgend ei⸗ nen Grund, gegen ihn erbittert zu ſeyn?— Nicht im geringſten, ich bin dem Capitain im Gegentheil die groͤßte Dankbarkeit ſchuldig, er verdiente meine Hochachtung und Freundſchaft. — Gleichwohl hat er Sie der an ihm veruͤb⸗ ten Mordthat angeklagt?— So ſpricht man freilich, ich kann es aber nicht glauben.— Es iſt wahr, riefen der Lieutenant und die Muſiker.— Es ſind mehr als bloſe Anzeichen wider Sie, nahm Sir Thomas wieder das Wort, meine Amtspflicht noͤthigt mich, Sie in's Gefaͤngniß ſetzen zu laſſen.— Der Leich⸗ nam des Capitains iſt noch gar nicht gefun⸗ den, ſagte Alfred, es iſt daher noch gar nicht gewiß, ob er wirklich ermordet worden iſt; Sie koͤnnen unmoͤglich einen in allgemeiner Achtung ſtehenden Mann auf die blaſen An⸗ klagworte einer Stimme, von welcher man noch gar nicht weiß, aus weſſen Munde ſie ertonet iſt, ſeiner Freiheit berauben.— Jun⸗ ger Menſch, erwiederte der Richter, ich weiß, was ich thun kann und darf, will aber Ihre unbeſcheidenheit zu Gunſten des Beweggrun⸗ — 230— des, welcher Sie zu dieſer Rußerung veran⸗ laßt hat, entſchuldigen.— Mit Erlaubniß, Sir Thomas!— ſagte hierauf Growell,— die Bemerkung des jungen Milborn ſcheint mir richtig zu ſeyn, und ich glaube, Sie kön⸗ nen, ohne Ihrer Amtspflicht dadurch zu nahe zu treten, Mylord gegen Caution frei laſſen, und zu dieſem Behufe ſteht mein ganzes Ver⸗ můgen zu Dienſten.— Es iſt in gegenwaͤr⸗ tigem Falle von einer Mordthat die Rede, und da wird keine Caution angenommen.— Aber der Hauptmann Grimsby kann alls Augen⸗ hlicke wiederkommen, ſagte Alfred mit Hitze.— Unmöglich, meinte Bradfort, ſein Tod jſt nur zu gewiß. Sein letzter Laut war ein Ruf nach Rache, der Lord hat ohne Zweifel durch ſeine Helfershelfer den Leichnam meines Freun⸗ des fortſchleppen laſſen.— Entſetzlich! ſagte Alfred, und bedeckte ſich das Geſicht mit den Händen. Milborn heftete den Blick auf ſei⸗ nen Sohn, deſſen Schmerz ihn lebhaft zu ergreifen ſchien, und eine trüͤbe Wolke ver⸗ finſterte ſeine heitere Miene, aber bald gab — 231— das Bewußtſeyn ſeiner Unſchuld ihm feinen ganzen Muth wieder.— In welches Gefaͤng⸗ niß ſoll ich mich begeben? fragte er den Frie⸗ densrichter.— In das Gefängniß des Haupt⸗ ortes, nach Hawfield. Ich muthe Ihren Freun⸗ den nicht zu, Unterſuchungen anzuſtellen, wo⸗ durch ſie auf Entdeckung der Spuren dieſes Geheimniſſes geleitet werden könnten; was mich betrifft, Mylord, ſo will ich wuͤnſchen, daß es Ihnen bald gelingen moͤge, ſich voll⸗ ſtaͤndig von allem Verdachte zu reinigen⸗ Die Ruͤckkehr erfolgte in derſelben Ord⸗ nung, wie die Hinreiſe geſchehen war, und der Lieutenant verließ mit den Muſikern den Lord nicht eher, als bis ſie ihn in das Ge⸗ fängniß hatten eintreten ſehen. Growell und Alfred blieben bis gegen drei Uhr Nachmittags bei ihm; beim Abſchiednehmen zerfloß der junge Milborn in Thränen und mit wankenden Schritten ſtieg er in den Wagen. Als man ſie ohne den Lord in Milborn⸗ Hall ankommen ſah, erzitterten Alle; die Lady reichte ihrem Sohne die Hand.— Darf ich — 33— ihn ſehen, fragte ſie, darf ich durch meine Gegenwart ſeinen Kummer lindern?— Das iſt Ihnen ganz gewiß erlaubt, ſagte Growell, und ich gedenke, Sie oft nach Hawfield zu be⸗ gleiten.— Und ich auch, ſprach Re Gro⸗ well mit Haſtigkeit. Growells nahmen jetzt Abſchied von Freundin, und verſprachen, in ein Paar T gen wiederzukommen„worauf ſie nach— tuos⸗Caſtle zuruͤckkehrten. Alfred wollte den unheilbringenden Irrgarten durchſuchen, als ihm, mit Ausnahme der oben genannten, ſämmtliche Diener des Hauſes entgegen ka⸗ men und auf eine ungeſtuͤme Weiſe ihren Ab⸗ ſchied und Lohn von ihm verlangten, weil ſie nicht länger in einem Hauſe bleiben wollten, deſſen Eigenthuͤmer eines ſo abſcheulichen Ver⸗ brechens angeklagt waͤre. Da auch der Haus⸗ verwalter ſich mit unter der Anzahl befand, ſo konnte Alfred Niemandem das Geſchaͤft der Lohnauszahlung uͤbertragen, er nahm es da⸗ her ſelbſt uͤber ſich, und ſah ſich, nach deſſen Beendigung, nicht ohne einige Freude, von — 233— dieſen Undankbaren befreit. Nachdem er ſie entlaſſen hatte, verfolgte er ſeinen zuvor ein⸗ geſchlagenen Weg, und fand, als er bis in das Innere des Irrgartens gedrungen war, daß ein ziemlich großer Platz in der That mit Blut gerdthet war. Wie er nun bei ſich nachdachte, daß es ohne Hinterlaſſung einiger Spuren nicht moͤglich geweſen ſey, den Leich⸗ nam des Capitains fortzuſchleppen, wurde er mehrere Perſonen gewahr, die ſich ihm naͤher⸗ ten, und er erkannte die Stimme Emerys, welcher dieſen Leuten voranging. Es waren die Gerichte von Hawfield, welche den Ort in Augenſchein nehmen wollten. Alfred trat zu ihnen, und es ward kein Ausgang des Gartens unbetreten gelaſſen. Derjenige Gang, welcher zu einer kleinen Pforte des Parks, die auf das Feld hinausging, hinfuͤhrte, war mit großen Blutflecken bedeckt, mehrere Straͤu⸗ cher waren ebenfalls von Blut gerothet, und dieſe Spuren ließen ſich bis an das Pfoͤrt⸗ chen verfolgen. Bei genauerer Unterſuchung fand ſich, daß der Erdboden ganz kürzlich von 3 — 234— Pferdehuftritten aufgeſtoßen war, und Nie⸗ mand zweifelte nach dieſen Entdeckungen, daß der Körper des ungluͤcklichen Grimsby durch dieſe Thuͤre fortgebracht worden ſey. Man nahm hieruͤber ein Protocoll auf, und die Diener der Gerechtigkeit entfernten ſich. Seit der Lady Entfuͤhrung war Alfreds Haß gegen Evan noch höher geſtiegen, und nichts konnte ihm den Gedanken benehmen, daß der Böſewicht, mit dem er zur Verthei⸗ digung der Ehre ſeiner Schweſter gekämpft hatte, nicht dieſer ſchlechte Menſch geweſen ſeyn ſollte. Seine lange, ſtarke Figur, ſein grobes, tölpiſches Betragen, ja ſelbſt die Ab⸗ ſcheulichkeit jener Handlung, alles dieſes ſchien Alfteds Verdacht zu verſtaͤrken. Er war über⸗ zeugt, daß Growell ſeinen Sohn damals nicht erkannt hatte, und er huͤtete ſich ſorgfältig, ihn einen Blick in ſein Inneres thun zu laſ⸗ ſen, aus Furcht, er moͤchte dem Herzen des edlen Freundes ſeiner Familie eine tödtliche Wunde durch eine ſolche Mittheilung beibrin⸗ gen, allein er faßte von jenem Augenblicke an den feſten Entſchluß, Evans Schritte und Hand⸗ lungen genau zu beobachten. Das neue Un⸗ gluͤck, welches Milborn jetzt betroffen hatte, nöthigte ihn, von ſeinen Beobachtungen ab⸗ zuſtehen, indem er ſeine ganze Zeit ſeinem ſteckenden Krankheit, vor welcher Jedermann flieht, nicht unaͤhnlich. Nicht nur, daß jetzt kein Menſch mehr nach Milhorn-Hall kam, ſondern man ſuchte ſogar abſichtlich ſich zu entfernen, wenn die Lady oder ihre Kinder ſich irgendwo zeigten. Dieſes Betragen iſt unter den Menſchen ſo gewoͤhnlich, daß der Kummer der ungluͤcklichen Familie dadurch nicht eben betraͤchtlich vergrößert wurde. Gro⸗ wells ſchienen die gefuͤhlvollſten Menſchen zu ſeyn, denn ſie tadelten nicht allein alle dieje⸗ nigen ganz laut, welche ſo wenig Achtung ge⸗ gen ihre Freunde bezeigten, ſondern ließen es ſelbſt darauf ankommen, die allgemeine Ver⸗ achtung auch auf ſich erſtrecken zu laſſen.— Dieſer Nabob, ſo ſprach man, beſchimpft ſich dadurch, daß er Leute beſucht, welche ſchon Vater widmete. Das Ungluͤck iſt einer an⸗ — 236— ſo tief in der öſſentlichen Meinung geſunken ſind, und denen bald kein anderer Weg, der Schande zu entgehen, oſſen ſtehen wird, als der, ſich in irgend einem unbekannten Win⸗ kel der Erde zu verbergen. Die, welche es am meiſten darauf angelegt zu haben ſchienen, die Milborns zu verunglimpfen und zu verderben, 4 waren gerade diejenigen, welche an dem Tage, der jener ungluͤcklichen Nacht voranging, es ſich zur größten Ehre angerechnet hatten, zu dem vom Lorde Feſte e worden zu ſeyn. 61öpri Ancelina und Henriette imkm wehſit xriſe die eine Woche im Gefängniſſe ihres Vaters, die andere in Milborn⸗Hall zu; die Lady aber begab ſich puͤnktlich aller zwei Tage nach Hawſield, und Alfred ließ keinen Mor⸗ gen verſtreichen, ohne ſeinen Vater zu beſu⸗ chen. Die uͤbrige Zeit des Tages verwandte er damit, daß er ſich bemuͤhte, irgend einen Umſtand zu entdecken, der einiges Licht in die ſchreckliche Angelegenheit, worein der Lord auf eine ſo grauſame Weiſe verwitkelt warz werfen konnte. Oft begleiteten auch Growells ihre Freundin nach Hawſield, und ſuchten durch die troſtreichſten Worte den hef⸗ tigen Schmerz Milborns zu lindern. Evan ließ ſich durchaus weder in Milborn-Hall, noch im Gefaͤngniſſe ſehen, er ſcheute ſich nicht, öſſentlich zu ſagen, daß die Schande, womit die Milborn'ſche Familie beladen ware, nothwendig auch auf ſeine Altern fallen muͤſſe, die entweder zu ſchwach waͤren, oder zu wenig auf ihre Ehre hielten, um nicht mit Leuten gaͤnzlich zu brechen, welche die meine Verachtung verdienten. Der zahlloſen Unterſuchungen und Seihhee ungeachtet, ließen ſich dennoch keine Beweiſe auffinden, wodurch Milborn des beſchuldigten Verbrechens fuͤr uͤberfuͤhrt haͤtte geachtet wer⸗ den konnen, indem lediglich bloße Verdachts⸗ gruͤnde auf ihm laſteten. Um daher der Un⸗ geduld des Gefangenen und ſeiner Familie eini⸗ germaßen zu genuͤgen, mußte zu ſeinem Urtheile geſchritten werden. Die Geſchworenen wurden zuſammenberufen und der Termin anberaumt⸗ Milborn erſchien mit derjenigen Faſſung vor Gericht, welche ſeiner Lage und AUnſchuld angemeſſen war, und die ſtille Heiterkeit eines reinen Geßiſſens ruhte auf ſeiner wuͤrdevollen Geſtalt. Man befragteé ihn aufts neue„keine Verwirrung erfolgte in ſeinen Antworten, wel⸗ che die Währheit ihm in den Mund legte; der Lieutenant Bradfort, die ſechs Muſiker, und einige ehemalige Bedienten des Angeklag⸗ ten ſtanden ihm als alleinige Zeugen gegen⸗ uͤber; ihre Ausſagen floßten zwat Schrecken ein, konnten aber nicht als Beweis gelten. Die Geſchwornen gingen nunmehr zur Be⸗ rathſchlagung uber, und Milborn wurde ficher⸗ lich losgeſprochen worden ſeyn, als auf ein⸗ mal ein Mann in den Gerichtsſaal trat, ſich als Zeugen gegen den Angeklagten angab, und abgehött zu werden verlangte. Milborn hob ſeine Augen auf, richtete ſie auf den Frem⸗ den, und ſprach zu ſeinen Richtern: Das iſt der Mann, der mich zu der Stunde ru⸗ fen ließ, in welcher das unglückliche Ereigniß ſich zutrug, welches mich hierher gebracht hat.— —— Der Angeklagte hat wahr geſprochen, erwie⸗ derte der Unbekannte, ohne ſich durch Milborus Worte außer Faſſung bringen zu laſſen. Ich hatte mit ihm kurz vor oder nach der ſchänd⸗ lichen Mordthat eine Unterredung.— Ehe wir weiter gehen konnen, ſprach der Präſi⸗ dent des Gerichts, antwortet auf die gewöhn⸗ lichen Fragen!— Wie heißt Ihr?— Ri⸗ chard Plunkett.— Wie alt ſeyd Ihr?— Zwei und ſechzig Jahr alt.— Euer Vater⸗ land?— Ich bin von Geburt ein Irlaͤnder, allein in Norfolk⸗Shire erzogen worden, und habe daſelbſt dreißig Jahre lang gelebt. Die Wohnung meines Vaters lag zwei Meilen von Peace⸗Haus, einem Landgute, welches einem gewiſſen Farington, dem Schwiegerva⸗ ter des Angeklagten, gehoͤrte.— Was trieb Euer Vater fuͤr ein Gewerbe?— Er lebte von ſeinen geringen Einkuͤnften.— Warum habt Ihr Rorfolk-Shire verlaſſen?— Ich folgte meiner Gattin nach, die aus London gebuͤrtig war.— Wo wohnt Ihr jetzt?— In einem kleinen Hauſe, welches meinem Schwiegervater gehoͤrte, und das ich nach deſ⸗ ſen Tod geerbt habe.— Wo liegt dieſes Haͤuschen?— Zwiſchen Milborn-Hall und Sumptuos⸗Caſtle.— Woher kennt Ihr den 8 Angeklagten?— Ich habe ihn ſchon vor zwan⸗ 8 zig Jahren in Norwich gekannt„und wir wa⸗ b ren ſehr vertraut mit einander. Milborn konnte bei dieſen Worten ſeine Verwunderung nicht f verbergen und wollte ſprechen; allein der Prä⸗ ſ ſident winkte ihm, zu ſchweigen.— Seit wenn habt Ihr ihn nicht wieder geſehen?— Seit dem eben genannten Zeitpunkte. Vor it zwei Monaten aber begegneten wir uns, der 6 Angeklagte erkannte mich und kam mir mit allen Zeichen der Freundſchaft entgegen, wor⸗ k uͤber ich ſehr erfreut war⸗ Er wollte mich nach Hauſe begleiten„wir waren beide zu Fuß* Auf dem Wege ſagte er zu mir, er baͤte mich aus Urſachen, die er mir bald entdecken wolle, ich mochte mich nicht bei ihm ſehen laſſen, er wolle jedoch mich öfters beſuchen. Wiewohl 5 ich mich nun daruͤber wunderte, und ſogar uͤber eine ſo ſonderbare Bitte etwas empfind⸗ — N —— lich wurde, ſo verſprach ich ihm dennoch, mich in ſeinen Wunſch fuͤgen zu wollen. Er mochte ohne Zweifel in meinen Augen mein Mißver⸗ gnuͤgen geleſen haben, denn er bat mich ſo⸗ gleich, ſeiner anſcheinenden Unhoͤflichkeit hal⸗ ber, um Verzeihung, und wiederholte mir, er wuͤrde mir in Kurzem ſeine Beweggruͤnde of⸗ fenbaren. Einen ganzen Monat hindurch be⸗ ſuchte mich der gegenwaͤrtige Angeklagte faſt taͤglich, und nicht ſelten ging ich mit auf ſein Erbgut ſpazieren. Eines Morgens fand ich ihn ſehr traurig und niedergeſchlagen, und er⸗ hielt auf meine Fraͤge, um die Urſache ſeiner Gemuͤthsbewegung, die Antwort: Ich habe Kummer, mein lieber Plunkett, tiefen Kum⸗ mer; es wird ſchon einmal die Zeit kommen, wo ich Euch alles erzählen will.— Warum wollen Sie mir Ihr Vertrauen vorenthalten, wenn Sie dennoch glauben, ich könnte Ihr Herz troͤſten?— Wohlan denn, ich will Euch jetzt Alles ſagen. Ihr werdet Euch noch be⸗ ſinnen, mit welchem Feuer ich Lucretia Fa⸗ rington liebte, und daß ich ſie vor nunmehr Q — zwei und zwanzig Jahren auch wirklich heira⸗ thete.— Ich erinnere mich deſſen ſo gut, als wenn es erſt geſtern geſchehen waͤre.— Solltet Ihr es glauben, meine Zaͤrtlichkeit fuͤr meine Gattin iſt noch heute ſo lebhaft, wie damals.— Das will ich wohl glauben. Richard, dieſes Weib iſt die Qual meines Lebens; denn ich habe die überzeugung er⸗ langt, daß ſie mir untreu iſt, und meine Eiferſucht gränzt nahe an Wuth. Hier konnte Milborn unmöglich einen Schreckensruf un⸗ terdruͤcken. Welches ſchaͤndliche Gewebe von Betruͤgereien und Luͤgen! rief er aus;— ward aber zur Ruhe verwieſen, und der Zeuge fuhr fort: Ein Ofſizier, ſo erzählte mir der Angeklagte, der, in Brow.. im Quar⸗ tiere ſtand, hatte das Gluͤck, meiner Gattin einen ausgezeichneten Dienſt zu leiſten, die Dankbarkeit ließ in ihrem Herzen dafuͤr Liebe aufwachſen, mit einem Worte, beide lieben ſich, und ich habe Beweiſe, daß der Capitain Grimsby mit meinem Weibe im beſten Ver⸗ ſtaͤndniſſe lebt.— Das iſt abgefeimter Be⸗ in — 243— trug! ſprach der Lieutenant Bradfort, und erhob ſich, mein Freund war ein rechtſchaff⸗ ner Mann, wer es wagt, ihn zu verläum⸗ den, iſt ein Boͤſewicht!— Haltet Euch des⸗ wegen an den Angeklagten, verſetzte ruhig der Zeuge, ich wiederhole nur deſſen Worte. Man hieß Bradfort ſtill ſchweigen, und Richard fuhr fort:— Das Loos iſt geworfen, mein lieber Plunkett, ich muß dieſer mich beſchim⸗ pfenden Intrigue ein Siel ſetzen.— Wenn Sie wirklich Ihrer Sache ſo gewiß ſind, als Sie es zu ſeyn behaupten, ſo ſchlagen Sie ſich mit dem Liebhaber Ihrer Gattin.— Ich habe einen Plan, den ich Euch mittheilen will, und wobei Ihr mir helfen koͤnnt; jetzt aber lebt wohl, Richard, vielleicht ſeh' ich Euch morgen wieder.— Vier Tage lang ſah ich den Angeklagten nicht, endlich am fuͤnften kam er ſehr fruͤhzeitig.— Der Augenblick der Rache iſt gekommen, ſagte er zu mir, mor⸗ gen ſollen alle meine Leiden aufhoren.— Ich wuͤnſche Ihnen dazu Gluͤck.— Morgen näm⸗ lich iſt mein Geburtstag, an welchem ich ein 5 —— — 244— Feſt veranſtalten und dazu mehr als funfzig unſerer Nachbarn einladen will. Des Nachts wird ein Theil des Gartens erleuchtet werden, die Geſellſchaft wird ſich zerſtreuen, gegen zwei oder drei Uhr Morgens aber will ich den Capitain Grimsby unter dem Vorwande, ihm etwas Seltſames zeigen zu wollen, in den Irrgarten fuͤhren; ſo wie wir beide in deſſen Mittelpunkte angekommen ſeyn werden, ſtoße ich ihm einen Dolch in's Herz; ein Mann, auf den ich mich verlaſſen kann, wird uns vorausgegangen ſeyn, und, wäͤhrend ich zur Geſellſchaft zuruͤckkehre, den Leichſm durch einen andern Ausgang forttragenz er wird ohne große Muhe bis an die kleine Pforte des Parks gelangen, den Todten auf ein Pferd laden und ihn dann in den Fluß Jvrel ſtuͤrzen.— Mit Schaudern hatte ich dieſe Worte angehoͤrt.— Ungluͤcklicher, rief ich, mit ſolchem kaltem Blute ſinnen Sie auf die ſchändlichſte Mordthat, thun Sie es nicht, ſchwören Sie mir, daß Sie dieſen Anſchlag nicht ausfuͤhren wollen, oder ich zeige Sie an.— Ihr offnet mir in der That die Au⸗ gen, ſagte er zu mir mit miedergeſchlagener Miene, ich wuͤrde mich eines ſchweren Ver⸗ brechens ſchuldig gemacht haben, ich danke Euch, mein Freund, denn Ihr rettet mich vom Verderben; auch will ich ſogleich jenen Mann benachrichtigen, daß ich meinen Ent⸗ ſchluß geändert habe.— Sind Sie aber auch der Verſchwiegenheit dieſes Elenden verſichert? — Ich habe ſein Stillſchweigen zu theuer erkauft, als daß er es jemals brechen ſollte! — Den ganzen uͤbrigen Theil des Tages hin⸗ durch laſtete das Vertrauen, welches der Lord in mich geſetzt hatte, ſchwer auf mir. Ich wußte wohl, daß er in ſeinen fruͤhern Jahren durch die Zuͤgelloſigkeit ſeiner Sitten ſeinen Altern vielen Kummer verurſacht hatte, aber nie haͤtte ich ihn fuͤr fähig gehalten, ein ſol⸗ ches Verbrechen zu begehen. Mehrmals war ich im Begriff, ihn gerichtlich anzuzeigen, al⸗ lein das Verſprechen, welches er mir gegeben hatte, ſchien ſo aufrichtig zu ſeyn, und ſeine Reue ſo wahrhaftig, daß ich, aus Achtung für ſeine Familie, ſtill zu ſchweigen beſchloß, und mir ſelbſt gelobte, den Garten von Mil⸗ born⸗Hall den folgenden Tag weder des Nachts, noch am Tage zu verlaſſen. Ich wußte es auch in der That ſo anzufan⸗ gen, daß ich mich in das Luſigoebuͤſch ſchlich, ohne bemerkt worden zu ſeyn. Als nun der Angeklagte mit der ganzen Geſellſchaft in den Garten hinabging, war es zwar ſchon Nächt, allein die Erleuchtung verſtattete mir, auf des Lords Geſichte diejenige Bewegung deutlich zu leſen, welche ſelbſt die größten Boͤſewichter vor Begehung ihrer Verbrechen empfinden. Dieſe auffallende Beſtuͤrzung machte von Neuem meinen Verdacht rege, und als ich nun gegen Ein Uhr Morgens ihn aus dem Tanzſaale gehen, und ſich auf eine geheim⸗ nißvolle Weiſe mit einem Menſchen, der mehreremale mit ihm auf⸗ und abgegangen war, unterhalten ſah, ſo argwohnte ich ſo⸗ gleich, dieſer Fremde konnte ſein Gehuͤlfe ſeyn, ich folgte ihm daher in dem Irrgarten nach, und ſah, wie er durch die kleine Pforte des — Parks hinausging. Jetzt ſchwanden alle mei⸗ ne Zweifel, und ich war gewiß, daß die Mord⸗ that Statt haben wuͤrde. Um dieſelbe zu verhindern, gerieth ich auf den Gedanken, den Lord rufen zu laſſen, und ihn durch meine Drohungen in Schrecken zu ſetzens nes währte aber laͤnger als drei Viertel-Stunden, ehe er kam, und ob er gleich eine große Ruhe des Gemuͤthes erkuͤnſtelte, ſo glaubte ich doch in ſeinen Augen und Geſichtszuͤgen die ſchreck⸗ lichen Spuren der Gewiſſensbiſſe und des Entſetzens zu erblicken. Ich entdeckte ihm ohne Umſchweife meinen Argwohn und meine Furcht, er ſchwor mir aber bei Allem, was dem Menſchen theuer iſt, daß er nicht nur jeden Gedanken an Rache aufgegeben, ſondern ſich ſogar nunmehr uͤberzeugt habe, daß er ſowohl den Capitain, als auch ſeine Gattin mit Unrecht angeklagt, ja er empfinde ſelbſt fuͤr den Capitain ſo viel Freundſchaft und Achtung, als er in Vergleichung mit dem Haſſe, den er vor wenig Tagen noch gegen ihn gehegt, nicht erwartet hätte. Ich konnte — in der That nicht glauben, daß in dem Her⸗ zen eines Menſchen ein ſo hoher Grad der Falſchheit und Verworfenheit verborgen ſeyn koͤnne, und traute den Worten des Angeklag⸗ ten. Ich war ſehr ermuͤdet, und, da ich ſeit dem Morgen noch nichts genoſſen hatte, zu⸗ gleich ſehr hungrig, und nahm daher des Lords Anerbieten, ein Glas ſpaniſchen Weines zu trinken„ ſehr gern an. Niemand befand ſich in dieſem Augenblicke im Hauſe, er ſtieg da⸗ her ſelbſt die Treppen hinauf und brachte mir nach ein Paar Minuten ein volles Glas Wein, welches ich austrank. Da ich wahrnahm, daß er zur Geſellſchaft zuruͤckzukehren wuͤnſch⸗ te, ſo ſchickte ich mich an, fortzugehen; er begleitete mich bis an die Treppe vor deur Hauſe, ſtieg einige Stufen hinab, reichte mir die Hand zum Lebewohl, und ging dann fort. Der Thuͤrhuͤter des Schloſſes, welcher vor der Halle ſaß, hat uns von einander gehen ſehen. Kaum war ich aber zu Hauſe ange⸗ langt, ſo fühlte ich die unerträglichſten Schmer⸗ zen in den Eingeweiden, und der Gedanke, N M M— 8— — daß das vom Lord mir gereichte Getränk ver⸗ giftet geweſen, ſchoß mir wie ein Blitz durch die Seele; ich trank in der größten Eile viel Milch und Mukoca, durch welche Gegenmit⸗ tel ich mir ganzer acht und vierzig Stunden lang haͤufiges Erbrechen erregte, und in eine große Mattigkeit gerieth. Seitdem bin ich ſehr krank und ſo ſchlecht geweſen, daß meine Jochter an meinem Aufkommen verzweifelte. Erſt geſtern war ich im Stande, das Haus zu verlaſſen, und bin auch erſt jetzt dahinter gekommen, daß die Verſprechungen, welche der Angeklagte mir gemacht hatte, ein bloßes Mittel geweſen ſind, wodurch er mich los zu werden ſuchte, ſo wie, daß er, um mir den Mund gänzlich zu verſchließen, keinen andern Ausweg vor ſich geſehen hat, als den, mir den Tod zu geben. Die Zeit der Schonung war nunmehr voruͤber, und ich beſchloß, den Schuldigen durch meine Gegenwart und mein Geſtändniß zu Boden zu ſchlagen.— Eure Anzeige kommt ſehr ſpaͤt, ſagte einer der Richter in einem ſtrengen Tone, und heftete — 250— dabei ſeinen Blick auf den Zeugen.— Ich habe die Gründe angegeben, welche mich ver⸗ hinderten, eher zu erſcheinen.— Dieſet Kerl iſt ein großer Boſewicht, rief Alfred mit ei⸗ ner von Wuth faſt erſtickten Stimme, wer kann nur einen Augenblick dieſe heuchleriſche Figur betrachten, und nicht den nicderträch⸗ tigſten Betruͤger in ihm erkennen?— Jun⸗ ger Mann, ſprach der Präſident, vergeßt uicht, wo Ihr Euch beſindet, und ſchweigt! Wäͤhrend des letzten Theils der Ausſagen des Zeugen hatte Milborn ſeine ganze Heiterkeit wieder erlangt, und ihm ſelbſt mit einer ge⸗ wiſſen Neugierde zugehört. Growell ſchien weit weniger Herr ſeiner Empfindungen zu ſeyn, und wenn man ſeine unruhige und fin⸗ ſtere Miene, die ſich in ſeinem erhitzten Ge⸗ ſichte von Zeit zu Zeit blicken ließ, betrach⸗ tete, ſo hätte man glauben ſollen, die Sache ſeines Freundes waͤre ſeine eigene geweſen. Plunkett, ſagte der Präſident zum Zeu⸗ gen, nachdem er ſich eine Weile bedacht hat⸗ te, die Folgen einer Denuntiation, wie die i — 251— Eurige iſt, werden Euch wohl bekannt ſeyn, und wenn dieſes nicht ſeyn ſollte, ſo wißt, daß Ihr von dieſem Augenblicke an ebenfalls ein Gefangener ſeyd, und Eure Freiheit nur unter der Bedingung wieder erlangt, wenn der Angeklagte fuͤr ſchuldig befunden wird⸗ Plunkett exblaßte„und ſtotterte; Dieſes Ver⸗ fahren durfte wohl eine ſehr harte und unbil⸗ lige Handlung der richterlichen Willkuͤhr ſeyn. — Dieſe Vorſchrift iſt eine der weiſeſten des Geſetzes, verſetzte der Praͤſident, ſie verhin⸗ dert einen ſchaͤndlichen und in ſeinen Wirkun⸗ gen höchſt traurigen Mißbrauch. Ihr ſeht doch wohl ein, daß ein Menſch, der eines Andern Feind iſt, eine abſcheuliche Geſchichte zu deſſen Nachtheil erſinnen, ihn anzeigen, und ſodann ſich aus dem Staube machen koͤnnte; unſere peinlichen Geſetze haben den ſchrecklichen Folgen, welche hieraus entſtehen koͤnnten, vor⸗ zubeugen gewußt. Der Angeber aber, der blos die Wahrheit geſprochen hat, kann ohne Furcht ſeyn.— Hierauf wandte er ſich zu den Ge⸗ ſchwornen und ſprach: Sie begreifen leicht, — 242— meine Herren, daß dieſe Sache heute nicht ent⸗ ſchieden werden kann, und ich glaube ſelbſt, daß es mehr als eines Tages bedarf, um die Faͤden eines ſo fein geſponnenen und ſo tief verwickel⸗ ten Gewebes zu entdecken. Mit dieſen Worten ſtand der Präſident auf, die Geſchwornen folg⸗ ten ſeinem Beiſpiel, und die Sitzung war ge⸗ ſchloſſen. Milborn ward in's Gefaͤngniß zuruͤck⸗ gefuͤhrt, Wäͤchter hatten ſich des Zeugen be⸗ 5 maͤchtigt und ihn ebenfals in Gewahrſam ge⸗ bracht. Ende des erſten Theils. —