Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzö ſiſcher Literatur Eduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und cLeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 Uhr Bei Rückgabe eines gel 2. Lesepreis. jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Werthe deſſelben entſprechende Summe Zurückgabe von mir zurückerſtattet eines Buches, eine dem hinterlegen, welche bei deſſen wird. 4. Abonnement. beträgt: für wöchentlich offen. Die Bibliothek ſteht zur ur Em⸗ Tag von Morgens iehenen Buches wird von Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 2Bücher: —— auf 1 Monat: „ 1 Mk.— Pf. * 2„„ 5. Auswärtige Abonnenten h der Bücher auf ihre eigenen Ko 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 4 Bücher: —— 1 Mk. 6 Bücher: 50 Pf. 2 Mk.— Pf. aben für Hin⸗ und Zurückſendung defecte Bücher(namentlich bei ſolchen m Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt lorene oder defecte Buch ein Theil eines der Leſer zum Erſatz 7. Ausleihezeit. beſonders darauf aufmerkſam gemacht, der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem ſelben von mir geliehen; auch dafür zu ſtehen haben. ſten und Gefa zerriſſene, verlorene und das zerriſſene, fahr ſelbſt zu ſorgen. Kupfern ꝛc.) muß der ne, beſchmutzte, ver⸗ größeren Werkes, ſo iſt s des Ganzen verpflichtet. Dieſelbe itt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird daß das Weiterverleihen Diejenigen, welche die⸗ ——— —, — xxB Pibliothek deutſcher Priginalromant. Siebenzehnter Jahrgang. Zwölfter Band. ——— £ Kinder der Zeit. ** 5 Wien. H. Markgraf Comp⸗ 6 1862. Rinder der Zeit. Roman von E — Drittter Theil. „ Wien. H. Markgraf& Comp. — —————————— Erſtes Kapitel. Zweites Kapitel Drittes Kapitel Viertes Kapitel Fünftes Kapitel Sechſtes Kapitel 7 Siebentes Kapitel. Achtes Kapitel. Neuntes Kapitel Zehntes Kapitel 5 Eilftes Kapitel. Zwölftes Kapitel. Kinder der Zeit. —— Die Cholera, die ſchon in dem letzten Sommer einzelne Opfer, in B. gefordert hatte, trat dieſes Jahr entſchiedener auf und brachte eine Umwandlung in dem gewöhnlichen Verlauf der Sommerſaiſon hervor. Ein Theil der bemittelteren Einwohner verließ die Stadt und ſuchte in der höher gelegenen Waldgegend Schutz gegen den giftigen Hauch der Anſteckung, Andere ſuch⸗ ten in ſtrenger Diät, Vorſicht und hermetiſcher Ab⸗ ſperrung gegen die heingefuchten Stadttheile ihr Heil, während noch Andere, im Leugnen und Verlleinern der unbeſtreitbaren Thatſach e, für ihre Sicherheit Muth zu ſchöpfen bemüht waren. Die Behörden thaten ihre Pflicht. Viele Branntweinkneipen wurden geſchloſſen, der Fälſchung der Nahrungsmittel energiſcher Kinder der Zeit. MI. 2 die Obſteinfuhr beſchränkt, die Hoſpitäler wurden er⸗ weitert. Auch Adrian ſuchte nach ſeiner Weiſe mit dem allgemein gefürchteten Feind in Kampf zu treten; er ordnete Kirchengebete an und empfahl Gottvertrauen und Ergebung, zugleich aber auch häufigeren Kirchenbe⸗ ſuch und Genuß des Abendmahles, als bewährte Schutz⸗ mittel. Dennoch hielt er ſorgſam darauf, daß in ſeinem Hauſe gewiſſe bittere, von Doctor Semp verordnete Tinkturen und Theearten nicht ausgingen, und nahm pünktlich jeden Morgen einige Pillen, die ihn gegen die Anſteckung ſchützen ſollten. Vielleicht hätte er Ur⸗ laub genommen, um die Verſammlung altlutheriſcher Theologen, die um dieſe Zeit in Thüringen gehalten wurde, durch ſeine Gegenwart vollzähliger zu machen und zugleich auf anſtändige Weiſe der Gefahr auf kür⸗ zere, oder längere Zeit zu entgehen, aber der Hof blieb, um dem Publicum Haltung und Muth zu geben, in B., Frau von Wartberg, unzertrennlich an den Hof gefeſ⸗ ſelt, blieb, und ſo mußte auch er ſich der Schaar der treuen Schweizer zugeſellen und aushalten, wenn er ſich nicht ſchwächer zeigen wollte, als die Häupter ſei⸗ ner Partei. Ganz ähnliche Gründe hielten Luitgard zurück. ,— 2 5 Roßleben blieb, die Herren ihrer Bekanntſchaft blieben und ſo blieb auch ſie. Saaleck war ſchon ſeit einigen Wochen auf ſeiner Jagd in Tyrol und rieth ihr ſchriftlich zu einer Reiſe nach Italien, beſchwor ſie, ſich zu ſchonen, vergnügt zu ſein, ſchön auszuſehen und ſich vorzüglich nicht zu ärgern, da Aufregung ſchädlicher, als der Genuß von Melonen und Apfel⸗ wein, wirke. Luitgarb hatte ſeine wohlgemeinten Vor⸗ ſchriften in die Taſche geſteckt, ihrem Hans, von der Anſicht ausgehend, daß Kinder auch nur von Kinder⸗ krankheiten heimgeſucht würden, ein rothes Scharlach⸗ bändchen umbinden laſſen und ihn dann uibeſitgt in ihrer Nähe behalten. Die Aufregungen, die lebhafte Theilnahme und Thätigkeit, die in Zeiten allgemeiner Gefahr ſich ent⸗ wickeln, unterhielten ſie auf eine ſchauerlich ſchöne Weiſe. Wenn ſie die Bülletins des Tages geleſen, wenn ſie aus den ihr von vielen Seiten zuſtrömenden Be⸗ richten die Bilder des Todes, der Geneſung, des Hu⸗ mors und der Verzweiflung, des Heroismus und der feigſten Selbſtfucht betrachtet und genoſſen, dann kamen wohl auch Stunden, in welchen ſie ein Zittern des Herzens, ein Bangen um ſich ſelbſt fühlte. Aber auch dieſe Momente verſtand ſie ſich zu verſüßen. Sie dachte 4 ſich ſterbend, von Roßleben zu leben angefleht; ſie er⸗ fand ſich ein brillantes Paradebett; ſie war noch im⸗ mer ſchön, wie ein Marmorbild, ſie ſah ihren kleinen Hans, im Traueranzug, hinter ihrem Sarge in der ſchwarzen Equipage fahren, ſah Saaleck die Honneurs des Hauſes mit jetzt erſt alterndem Geſicht machen. Dann kam Geſang an ihrer Gruft, Blumen, wehende Flöre und Schärpen, dann ein langſames Verſenken ihres jetzt ſo frühlingsfriſchen Leibes.— Weiter ging ihre Phantaſie nicht. Bei dieſer Stelle floſſen ihre Thränen, die ihr das Mitleid mit ſich ſelbſt erpreßte, in Strömen und ſie eilte, in einem kurzen Billet an Roßleben dieſen auf ihr eingebildetes Sterben vorzu⸗ bereiten. Kam dieſer jedoch in früheſter Morgenſtunde des folgenden Tages, nach angſtvoll durchwachter Nacht, ſo fand er ſie friſch, heiter und entzückt über ihr Befin⸗ den; der Anfall war vorüber, ſeine Angſt übertrieben und die Epidemie ſicher und gewiß im Abnehmen. Letz⸗ teres von Arzt und Polizei ſich beſtätigen zu laſſen, warf ſie ſich in ihren Wagen, und fuhr nach B., ſam⸗ melte da neue, traurige Neuigkeiten, wies bedeutende Summen zu Arzneien, Betten und Erfriſchungen für die armen Krankren an und hoffte auf dieſe Weiſe die Vorſehung zu beſtechen, und um ihrer guten Werke Willen von dem drohenden Uebel verſchont zu bleiben. 5 Paul war nicht blöde ihre Opferwilligkeit für ſeine Patienten zu benutzen, und in Folge dieſer ge⸗ meinſchaftlichen Zwecke entſpann ſich zwiſchen Beiden bald ein lebhafterer Verkehr. Wenn ihre Equipage ſei⸗ nem Wagen im raſchen Trabe begegnete, ſo hielten beide einen Augenblick an, und immer hatte Paul ei⸗ nige ermunternde und tröſtliche Worte für die leicht⸗ ſinnige, aber ſtets zur Hülfe bereite Luitgard, die Roß⸗ leben's Blumen in der einen, ein Flacon in der andern Hand, ſich gegen die verpeſtete Luft zu ſichern ſuchte. „Leben Sie denn noch, Regine?“ ſagte ſie eines Nachmittags in deren Zimmer tretend,„oder ſind Sie unter den heimlich Begrabenen? Man ſieht Sie ja gar nicht mehr! Und wie blaß und mager Sie gewor⸗ den find, fühlen Sie ſich unwohl?“ „Nein,“ antwortete Regine, ich bin wohl. Gut, daß Sie kommen, Sie müſſen mir viel, viel erzählen. O, wie namenlos habe ich mich geängſtigt!“— Luitgard ſah ſie theilnehmend an; ſie ſchien eine Frage von Seiten Reginen's zu erwarten, die dieſe um ſo weniger über die Lippen brachte, je brennender ſie ihr auf dem Herzen lag. Das Zartgefühl ſagte Luitgard, daß in ſo unklaren Verhältniſſen Schonung Noth thäte und deshalb ſtürmte ſie nicht mit Mitthei⸗ 6 lungen auf Regine ein, ohne dierect dazu veranlaßt worden zu ſein. „Wo iſt der Herr Hofprediger?“ fragte Luitg ard, bevor ſie ſich entſchloß Platz zu nehmen. „Er wurde zu einem Kranken gerufen, der das Abendmahl verlangte,“ ſagte Regine.— In dem Augenblicke hörte man ſeinen Schritt auf der Treppe, die Zeit des ungeſtörten Beiſammenſeins war vorüber, und ſie hatte noch kein Wort von Paul gehört. War er noch geſund und kraftvoll auf ſeinem ſchweren Poſten? Sie fand den Muth nicht zu der Frage. „Das war gräßlich, gräßlich,“ ſagte Adrian, in⸗ dem er in das Zimmer trat, aber die Franen zu grüßen vergaß. Seine Stimme war heiſer, ſeine Stirne feucht, die Farbe fahl. Mit der einen Hand hielt er noch ein mit ſtarken Gewürzen gefülltes Riechkiſſen an den Mund. „Was war es denn?“ forſchte Luitgard, in der ſich ſogleich jene grauſame Neugierde, die im Nachzittern fremden Leidens eine Art von Genuß findet, regte. „Verlangen Sie keine Beſchreibung der Scene, der Zuckungen, des ſchnellen Auflöſens,“ ſagte Adrian, in einen Stuhl ſinkend;„ich fürchte, ich werde nie wie⸗ der an etwas Anderes denken können. Dieſe Convul⸗ 7 ſionen, dieſe verzerrten Züge“—— er bedeckte die Augen mit der zitternden Hand. „Und der Arzt, konnte er nicht helfen,“ forſchte Luitgard weiter. „Menſchliche Kunſt geht betteln, wenn der Herr die Schale des Zorns über Babel leert,“ ſagte Adrian aufgeregt;„ſie verſprechen wohl Hilfe, halten aber ihre Zuſage nicht.“ „Sie thun ihr Möglichſtes,“ ſagte Regine lebhaft, „ſie ſetzen ihr eigenes Leben ein, um ein Anderes zu erhalten, ſie leihen ihre geſchickte Hand, um einem ſchmerzdurchwühlten Körper Linderung zu geben, ſie tragen Undank, Laſten und Arbeit, ſie ſcheuen ſich nicht, die ſchwerſten Dienſtleiſtungen zu vollziehen, den letzten Hauch des Verſcheidenden einzuathmen, den wir Alle ſo ängſtlich fliehen.“ „Ihre Nerven ſind geſtählt,“ ſagte Adrian finſter, „denn Hartherzigkeit wird bei ihnen zur Gewohnheit.“ „Entſetzen, Furcht, Mitleid darf den Blick des Arztes nicht trüben,“ vertheidigte Regine wieder,„er muß ruhiger ſein und ſtärker als andere Menſchen.“ „Härter, mußt Du ſagen,“ berichtigte Adrian. „Das iſt wohl gleich,“ begann jetzt Luitgard. „Stahl und Eiſen— aus dem Material ſollten alle Männer ſein.“ Und ſie erfreute ſich heimlich an dem 8 trügeriſchen Gedanken, daß der heitere Roßleben zu dieſer Gattung gehöre. „Ja,“ ſagte Adrian etwas empfindlich,„allerdings ſchien mir Hallbert's Hand von Eiſen, als er neulich bei einer gefährlichen Operation in das lebendige, zuckende Fleiſch das Meſſer trieb.“ „Hallbert,“ rief Luitgard,„das glaube ich! Er iſt gewohnt, wie der bravſte Soldat, im Feuer zu ſtehen. Er hat ja als Militärarzt die Feldzüge mitgemacht; die Lehrjahre im Felde haben ihm ſchnell zu kaltem Blute verholfen. Hörten Sie nicht, wie neulich ein allgemein als tapfer bekannter Officier,— damit war wieder Roßleben gemeint,— von der Schlacht bei Idſtedt er⸗ zählte? Es iſt kein Ruhm, ſagte er, mitten in den Aufregungen eines Gefechtes auf eine feuernde Batterie zu ſtürmen. Man vergißt über dem allgemeinen Allarm, über dem entſcheidenden Commandoruf, über Pulver⸗ dampf und Trommelwirbeln leicht die Gefahr. Aber nach Beendigung des Scharmützels die Wahlſtätte zu betreten, dem Katzenjammer der Kampfluſt in's Auge zu ſehen, jedem Einzelnen den Todtenſchein oder die Lazarethnummer auszuſtellen, wie der Arzt thun muß, dazu gehört mehr als gewöhnlicher Muth. Wer dem menſchlichen Elend ſo nahe in das Geſicht geſehen, wer die Scherben des Körpers ſo oft zuſammengeflickt hat, 2 wer ſo an zuckende Glieder und lebendige Verweſung gewöhnt iſt, der kann nicht aus feiner Faſſung kommen, wenn er einen Kranken im eigenen Bett einmal an Zer⸗ ſetzung des Blutes ſterben ſieht.“ Regine dankte Luitgard durch einen Blick für die geſchickte Vertheidigung; Adrian fühlte ſich widerwärtig von derſelben ergriffen. „Welche Bilder malen Sie, gnädige Frau, welche peinliche Scenen treten auf's Neue vor mein Auge!“ ſagte er, ſich geſtreckt aufrichtend.„Zuckende, getrennte Glieder, gräßlich, gräßlich, wie der Todeskampf vor⸗ hin!“— Er änderte die Farbe ſo auffallend, daß Luitgard, in der feſten Ueberzeugung, Adrian ſei angeſteckt, Reginen leiſe rieth, nach dem Arzt zu ſchicken, und ſich eilfertig verabſchiedete. Regine durfte ſich nicht von ihm entfernen; er benutzte ihre Gegenwart und Ergebenheit, um die Bil⸗ der ſeiner aufgeregten Phantaſie vor ihr aufzurollen. Es gewährte ihm Erleichterung, ſich auszuſprechen. Nach und nach legte ſich ſeine Unruhe, und als ſein alter Hausarzt erſchien, fand er ihn in Wolle ge⸗ wickelt, Thee trinkend, die Füße auf der Wärmflaſche ruhend, in einer angenehmen Ermattung und heilſamen Tranſpiration. „Puls ruhig, Haut weich, Zunge wenig belegt, Auge matt, Pupille weder vergrößert noch zuſammen⸗ gezogen, kein Fieber, kein Krampf,— gute Symptome,“ ſagte der Doctor, welcher nicht zu begreifen ſchien, wes⸗ halb er gerufen worden war⸗ „Es iſt vorüber jetzt,“ antwortete Adrian,„mir war aber ſehr übel. Das Einathmen der verpeſteten Krankenluft, die heftige Aufregung, ich mußte glauben, der Herr hielte mich des Todes werth.“ „Gewöhnliche Sprachweiſe,“ ſagte Semp,„nicht geſteigert, nicht geſchwächt im Ausdruck. Baldrianthee, Ruhe, Diät und jetzt— in's Bett.“ Und der alte Doctor mit ſeinem aufgeſtülpten, lederfarbenen Profil ſtieß den Stock mit dem ſilbernen Knopf auf den Boden, um ſeinen Anordnungen Nach⸗ druck zu geben, während Adrian unter der Decke ſorg⸗ fültig das Gelenk abwiſchte, welches jener eine Minute lang zwiſchen ſeinen Fingern gehalten hatte. Eine Viertelſtunde ſpäter ſchlief er, ſorgfältig ein⸗ gehüllt, auf ſeiner Matratze, während Regine neben ſeinem Lager ſaß. Ihr Blick ruhte auf ſeinen erſchlafften Zügen, die von dem Licht, welches ſich durch die grünen Vorhänge ſtahl, eine fremde, fahle Färbung erhielten. Sie wußte, daß dieſe Leichenfarbe nur durch die eigen⸗ thümliche Beleuchtung herporgebracht wurde, und doch 1 1 1 11 fragte ſie ſich:„wenn er nun ſo krank wäre, wie er aus⸗ ſieht? Es wurden ja ſo viele von der Krankheit an⸗ geſteckt, konnte nicht auch e Hier hörte ſie entſetzt auf, in Worten zu denken, aber vor ihrem inneren Auge ſtieg neben Adrian's ſchla⸗ fendem, vielleicht bald lebloſem Kopf, Paul's junges, männliches Geſicht empor und neigte ſich zu ihr;— ſie war frei! Mit einem erſtickten Schrei warf ſie ſich neben Adrian's Lager auf die Kniee; ſie hatte den Gedanken, daß Adrian ihr genommen werden könne, nicht mit der Bitte zu Gott um Abwendung eines ſolchen Schickſals verbunden, ſie hatte Adrian nur die Augen zugedrückt, um denen Paul's zu begegnen.„Deine Gedanken, Regine, ſind Chebruch, Deine Wünſche zerſchmettern die ſteinernen Tafeln, auf welche Gott ſeine Gebote ſchrieb, Deine Seele knüpft lockende Bilder an den Tod des Dir angetrauten Gatten, Deine Sorge, Deine Thränen gelten mehr dem zeitlichen Wohl des Gelieb⸗ ten, als dem Dir im Angeſichte Gottes Verbundenen. Wache, Regine, wache!“ 2. Mehrere Tage vergingen, Adrian war wieder her⸗ geſtellt und beſorgte ſeine Geſchäfte; doch blieb ſeine Stimmung nach wie vor gereizt. Täglich hörte ſie, wie er in ſeinem Zimmer irgend einen„geſinnungsuntüch⸗ tigen“ Pfarrer oder Candidaten zur Ordnung riefz täg⸗ lich wiederholte ſich die Abfaſſung von Beſchwerdeſchrei⸗ ben gegen irgend eine Gewalt, die die Rechte und das Anſehen der Kirche zu beeinträchtigen drohte. An einem ſtillen Sonntagnachmittag, ſaß Regine in ihrer Stube und ſchrieb. Sie glaubte Adrian aus⸗ gegangen und hoffte den Brief ohne ſeine Cenſur zur Poſt befördern zu können. Vor ihr lagen Briefe von Joachim und Irenen; Erſterer hatte ihr gehaltvoll und heiter geſchrieben, Letztere wie immer, trunken von einer X 55 n d r 13 Freude, deren Grund Regine nicht zu errathen ver⸗ mochte. Dieſe wendete ſich heute an ihren Vater; ſeine maßvolle Ruhe zog ſie an und ſchien ihr Troſt zu ver⸗ ſprechen. Sie fühlte das Bedürfniß, ihm eine vollſtän⸗ dige Beichte abzulegen, doch hielt ſie die Angſt, das ausgeſprochene Bekenntniß könne ſich gegen ſie ſelbſt auf irgend eine verhängnißvolle Weiſe kehren, zurück. Sie ſchrieb mit der vollen Wärme ihres Herzens, und ließ ihren Vater einen Blick in ihr Inneres machen. Dann überlas ſie das Geſchriebene und machte Miene es zu vernichten; es ſchien ihr unheimlich verrätheriſch. In dieſem Augenblick trat Adrian in das Zimmer. Er ſah erhitzt und alterirt aus. Die Schwierigkeiten gegen die Einführung der altlutheriſchen Taufformel mehrten ſich. Ein heftiger Streit hatte heute in der Conferenz ſtattgefunden, und die Parteien hatten ſich perſönlich angegriffen und beleidigt. Regine zerknitterte das Papier in ihrer Hand, und gab durch dieſe Handlung ſich in ſeinen Augen den An⸗ ſtrich von Heimlichkeit. „Was machſt Du da?“ fragte er inquiſitoriſch. „Ich wollte ſchreiben,“ antwortete ſie verwirrt. „Du haſt es ſchon gethan, wie ich ſehe; zeig' ein⸗ mal!“ gebot er mißtrauiſch. Regine zögerte; das durfte Adrian nicht leſen und doch— konnte ſie es ihm vorenthalten? „Ich bin noch nicht zu Ende,“ ſagte ſie auswei⸗ chend. „Gleichviel, ich habe jetzt gerade Zeit.“ Er griff nach dem Papier, ſie trat zurück. Die Heftigkeit, mit der er darnach verlangte, ließ ſie ganz die Beſinnung ver⸗ lieren; ſie vergaß, daß ſie durch ihren Widerſtand viel ſchlimmern Verdacht in Adrian erwecken mußte, als der Iunhalt des Geſchriebenen rechtfertigen konnte, der ihr wohl einen ſcharfen Verweis ihrer Ueberſpanntheit und eines eingebildeten Märtyrerthums zugezogen, aber ein ernſtes Zerwürfniß erſpart haben würde. Er hatte das Gelenk ihrer rechten Hand kräftig gefaßt, ſie aber mit der Linken das feine Papier dem Lichte, das zum Be⸗ hufe des Siegelns auf ihrem Schreibtiſche brannte, ge⸗ nähert, und ehe Adrian es hindern konnte, war die Urſache ihres Streites zu Aſche verbrannt. Blaß vor Zorn ließ er ſie los und trat zurück. „Dein Zweck iſt erreicht,“ ſagte er bitter,„das Document Deiner Thorheit und Falſchheit vernichtet, mit ihm haſt Du Dich des letzten Reſtes von Anſtand entäußert.“ Regine war zur Beſinnuug gekommen. Ihr Thun erſchien ihr jetzt heftig und tadelnswerth. Beſchämt blickte ſie vor ſich nieder.„Ich war zu raſch,“ fagte ſie mit geſenktem Kopfe,„vergib mir, Adrian.“ „Was ſoll ich Dir vergebrn“ fragte er, ce Schrittes durch Zimmer eilend;„wirſt Du mir nicht auf alle Pumürft antworten, daß die Flucht Dei⸗ nes Vertrauens zu andern Perſonen als zu mir ihren Grund in der häuslichen Tyrannei finde, die ich aus⸗ übe? O ich kenne Dein Gaukelſpiel; Du wählteſt die Rolle des Lammes und gefällſt Dir darin, mir die des Wolfes aufzudringen. Aber meine Langiunth iſt zu Ende, ich will und darf nicht länger das Werk Deiner Zucht läſſig thun.“ „Adrian,“ ſagte Regine dringend,„ich will Dir wörtlich mittheilen, was ich geſchrieben.“ „Nein, nein, ich will Dein Geſtändniß nicht er⸗ zwingen,“ ſagte er abweiſend„ich kann ſchon aus der Art, mit welcher Du mir meinen Wunſch abſchlugeſt, entnehmen, was es enthielt. Die Ueberwachung war D ir überdieß immer läftig, Dein weltlicher, genußſüchtiger Sinn trieb Dich aus den heilſamen Schranken heraus, die meine Vorſicht Dir zog. Du wandelteſt nicht auf meinem geraden Wege. Du haſt S kein Recht zu Hinterliſt, keines zur Klage; fühlſt Du Dich nicht glück⸗ lich in meinem Hauſe, nun, ſo tröſte T ich das Geſtnd⸗ niß, daß auch ich nicht Roſen i in dem Eheſtande erntete, 16 daß Du mich wirklich verhindert haſt bei den einfachſten Anſprüchen in Ruhe und Frieden mit Dir zu leben, daß es Dir gelungen iſt, durch ewige Reibungen und ge⸗ ſuchte Zwiſtigkeiten mich ſelbſt in den Werken meines Amtes finſter und mißtrauiſch zu machen.“ „Jetzt biſt Du ungerecht, Adrian,“ rief Regine gequält,„ſo harte Anklage iſt nicht begründet.“ „Nicht begründet?“ ſagte er mit zornigem Hohn. „Kannſt Du mit„Ja“ antworten, wenn ich Dich frage, ob ein Augenblick gekommen, wo Deine Seele den hohen Aufſchwung der meinen zu theilen vermochte? Kannſt Du mich an eine Stunde erinnern, in welcher Dein Gemüth ſich mir warm und hingebend geöffnet, Dein Herz meinen Wünſchen und Worten gelauſcht— nicht nur Dein Ohr? Wann hat Dein Mund bei meinem Scheiden gebeten: komm bald zurück? Wann hat die Sehnſucht Deine Schritte mir entgegen geleitet? Wann habe ich mir ſagen dürfen, was der Mann ſich ſo gern mit Stolz und Freude ſagt: wie ſchön mein Weib in meinen Armen gedeihet! Der Schleier iſt geriſſen, jetzt ſehe ich Alles klar. Die Verheiratung war Dir wün⸗ ſchenswerther Zweck, ich das unwillkommene Mittel. Ein Aſyl wurde geſucht, nachdem die Rolle in der Gau⸗ kelbude der Jugend ausgeſpielt war; gleichviel, weſſen 17 Hand es bereitete, konnte man nur Gewinn aus der veränderten Stellung ziehen.“ „Du hatteſt genau den Handel berechnet und wuß⸗ teſt wohl, daß Du ein vortheilhaftes Geſchäft machteſt. Ich gab Dir Stellung, Obdach, Nahrung, Kleidung, die Mittel, in gewohnter Weiſe fortzuleben. Du gabſt dafür Dich mir. Verſtehſt Du, was in dieſem Worte Beſchämendes für Dich liegt? Du duldeſt meine Gegen⸗ wart, weil Du dafür in meinem Hauſe leben darfſt, Du lebteſt mit mir, weil ich Dir zu leben gab, Du erwiderteſt meinen Händedruck, meinen Kuß, weil Du Dein Brot damit verdienteſt, Du gabſt Dich mir, weil ich Dich un terhalte.“— Als er dieſe Worte, ohne ihren beſchimpfenden Inhalt genau zu prüfen herausgeſtoßen hatte, erſchrack er über die Wirkung, die ſie auf Reginen hervorbrachten. Ihr Blick drückte das tiefſte Entſetzen aus, ihre Lippen bebten krampfhaft, alles Blut drängte ſo ge⸗ waltſam nach dem Herzen, daß die entfärbte Haut über den entleerten Adern einzuſinken ſchien. „Und wenn es ſo iſt,“ ſagte ſie mit veränderter, abgebrochener Stimme, der ſich nach und nach zu ei⸗ nem fremden, unheimlichen Tone ſteigerte,„wenn es ſs iſt, bin ich dann allein die Schuldige? „Habe ich Dir vor unſerer Verheiratung einen Kinder der Zeit. III. 18 „ Moment Liebe geheuchelt? Habe ich Deine Vorausſe⸗ tzungen betrogen? Haſt Du den Abend vergeſſen, an welchem ich Dir ſagte: ich will Dir ergeben ſein und Dich achten, aber Liebe, Leidenſchaft habe ich nicht für Dich? Du forderteſt ſo ſtarke Neigung ja nicht einmal von mir. „Aber Du haſt mir Schutz und Troſt am Altar zugeſchwaren, hältſt Du ſo Deinen Eid? Mußteſt Du eine Anklage, die dunkel in mir ſchlief, wecken, daß ſie nun, wie ein Scorpion, ihren Stachel in mein Ge⸗ hirn ſchlägt? „Von wem darf ich Achtung und Schonung ver⸗ langen, wenn Deine Hünb ſich nicht ſcheut das Brand⸗ mal auf meine Stirn zu drücken „Weun alle Menſchen mich tadelten und ver⸗ daummiteſt,— Du durfteſt es nicht. Ich oh Dir Opfer gebracht— Opfer, für deren Größe Du keinen Maß⸗ ſtab haben kannſt. „Ich ſchweige darüber auch jetzt, aber ich erin⸗ nere Dich, daß Du Dich ſelbſt in mir beſchimpfeſt, wenn Du den Schleier? zerten mit welchem ich mein Elend verhülle, wenn Du die Hand verſtümmelſt, die am Altar in die Deine geſchmiedet worden iſt. „Ja, Du haſt Necht,— ich wollte vergelten, was ich empfing;— 39 bezahlte mit der einzigen 19 Münze, die ich mein nennen durfte. Meine Kräfte, meine Jahre, meine geringen Fähigkeiten ſtanden in Deinem Dienſt.— „Hat der Herr aber ein Recht, dem Dienenden das Stückchen Brod vorzuwerfen, was jener— gleich⸗ viel, auf welche erniedrigende und armſelige Weiſe— erwirbt?“ „Was das für Wortverdrehungen ſind!“ ſagte Adrian, dem unheimlich bei der wachſenden Aufregung Reginen's wurde;„Du nimmſt jedes ermahnende Wort zu übertrieben ernſt, um mich für die Zukunft zu hin⸗ dern, mich über das was mir mißfällt, auszuſprechen.“ „Ja, ja, thue das nur,“ ſagte ſie jetzt mit ver⸗ ſagender Stimme,„ich bin Dein Eigenthum, das Du betrachten, zurückſchicken, umgeſtalten darfſt und muß bei Dir aushalten, wenn die Hand, die mich unter⸗ hält, auch ungerecht und hart trifft. Ich war nirgends daheim, in keinem Hauſe, in keinem Herzen; auch Du gönnſt mir nicht die Raſt, die Du mir verſprochen; — darum weiter, weiter— aber wohin? Ich muß fort, die Hitze auszuathmen, ehe ſie mir das Herz zerſchmilzt.“ „Geh nur,“ ſagte Adrian, froh der Scene zu entrinnen;„etwas Zerſtreuung wird Dir wohl thun. Ich kam eigentlich nur deshalb, um Dir zu ſagen, daß 2* 20 der Wagen ſchon ſeit einer halben Stunde hält, um Dich zu Luitgard zu holen. Du haſt ihr ja geſtern zu⸗ geſagt.“ „Ich gehe ſchon, ich gehe,“ ſagte Regine mit einem fremden Lächeln. „Nimm Dich in Acht vor kalten Füßen und Obſt⸗ genuß,“ rief ihr Adrian nach, als ob nichts vorgefal⸗ len ſei. „Ja,“ antwortete Regine,„an kalten Füßen und Obſt ſterben die Menſchen; das iſt das einzige Ge⸗ fahrvolle in der Welt.“ Sie ging, kleidete ſich an und ſtieg in den Wa⸗ gen. Im Fahren wurde ihr ſonderbar. Die Bäume dehnten ſich aus, ſie ſchienen über ihr zuſammen zu wachſen und die Schatten von geheimnißvollem Leben zu erbeben. ſ Ihre Gedanken verwirrten ſich; nur noch me⸗ chaniſch that ſie das Gewohnte. Mit ſtarrem Auge, mit glühender Wange verließ ſie den Wagen und trat in das Zimmer, deſſen Thüre ihr von dem Bedienten geöffnet wurde. Ohne Luitgard oder Paul,— der vor wenigen Augenblicken gekommen war, um für einige in der Reconvalescenz begriffene Kranke Unterſtützungs⸗ mittel zu erbitten,— zu bemerken, durchſchritt ſie den 24 Raum; erſt als ſie an die Conſole ſtieß, wendete ſie ſich maſchinenmäßig und ſuchte einen anderen Weg. Luitgard lachte Anfangs, weil ſie glaubte, Re⸗ gine wolle ſie necken, als ſie dieſe aber ſchärfer in's Auge faßte, und den befremdlichen Ausdruck ihrer Züge gewahrte, fühlte ſie ſich von einem unabweisba⸗ ren Grauſen befallen. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte ſie leiſe Paul, indem ſie ſich nach der Thür zurückzog. Hallbert war ſchon aufgeſprungen und hatte ſich Reginen genähert, ihr irrer Blick glitt über ihn, erkannte ihn aber nicht mehr. Als er ihre Hand ergreifen wollte, wich ſie ihm ſchaudernd aus. „Faßt mich nicht an,“ fagte ſie mit unheimlicher Haſt,„mehrt nicht meine Noth. Eine glühende Kohle iſt in mein Hirn gefallen,— haltet den Athem an, ſprecht nicht, Euer Hauch facht ſie an zu heißerem Brennen.— Nehmt die Schlange weg,“ rief ſie mit beklommener Stimme, indem ſie mit den Händen nach dem Herzen griff,—„ſie ringelt ſich immer feſter um mich. Ein Meſſer, daß ich die Bande durchſchneide!“ Paul faßte ihre Hände, und behielt ſie feſt in den ſeinigen. Sogleich wurde ſie ſtill; ſie ſchien ſich beſin⸗ nen zu wollen, ſie empfand den Einfluß ſeiner Nähe, wenn ſie ſich derſelben auch nicht bewußt war. 22 „Das Schlummerlied,“ ſagte ſie horchend,„hört Ihr?“— und ſie ſang mit leiſer Stimme die erſten Takte; da verwirrten ſich ihre Gedanken von Neuem, jäher Schreck durchzuckte ſie;—„die Sturmglocke läu⸗ tet“ ſchrie ſie auf—„und er iſt verbrannt.“ Ihre Züge veränderten ſich, ein bläulicher Schim⸗ mer überlief ihre Haut, ſie ſchloß die Augen und brach in ſich zuſammen. „Ein Krankenzimmer, ein Bett, gnädige Frau,“ bat Paul, während er bemüht war, die Ohnmächtige wieder ins Leben zurückzurufen. „Mein Gott! ſie wird die Cholera auch hierher bringen,“ jammerte Luitgard, ſich in äußerſter Ent⸗ fernung haltend. „Nein, nein,“ ſagte Hallbert ſehr geringſchätzig; „das ſind nicht die Symptome der Cholera. Gebe Gott, daß ein Nervenfieber ausbricht und ihren Verſtand rettet.“ „Wenn es nur das iſt,“ entgegnete Luitgard be⸗ ruhigt,„ſo biete ich gerne mein eigenes Schlafzimmer für die Arme an; ich fürchte nur das moderne Krank⸗ heitsgeſpenſt.“ Und ſie öffnete ihr Kabinet, ſchellte der Jungfer und legte ſelbſt mit Hand an, um Regine, ſobald dieſe wieder zu athmen und ſich zu bewegen vermochte, in 23 ihre Nachtkleider zu bringen, während Paul im Neben⸗ zimmer einen Boten nach der Apotheke beorderte. Als er wieder in das Krankenzimmer trat, verließ Luitgard dasſelbe, um einige Anordnungen zu ihrer eigenen Bequemlichkeit zu treffen. Er war allein bei ihr! Zetzt erſt zerſprang die Elaſticität, die ihn bis dahin aufrecht erhalten hatte. Der Gedanke was ſie erlitten haben mußte, um bis zu dem letzten Reſultate übermenſchlicher Q ual geführt zu werden, ſchüttelte ihn, wie Fiebepfroſt. Immer den Blick auf das ſelbſt in Schmerz und Jrrſinn ſchöne Ge⸗ ſicht gerichtet, ließ er das fieberheiße Gelenk los; in ſeiner Bruſt entzündete ſich eine Flamme und ſchien alles Blut ſeines Herzens zu Thränen umzuſchmelzen, ſeine Kniee ſanken unter ihm und der dumpfe Laut des Schmerzes drang durch ſeine zuſammen gepreßten Zähne; ſchluchzend lag er vor dem Lager, auf wel⸗ chem fremdes Eigenthum, durch eigene und fremde Schuld die Kriſis zwiſchen Leben und Tod beſtand. „Das nennen die Menſchen Gemüthlichkeit des häuslichen Lebens,“ ſeufzte Adrian, als das verhal⸗ lende Rädergeraſſel ihm die Entfernung ſeiner Frau beſtätigte,„das die Errungenſchaften einer erſt organi⸗ ſirten Ehe! Aerger, Widerſpruch, Thränen, Unglück ergießen ſich unaufhörlich in mein Leben,— faſt ſcheint es, als ob meine Verheiratung zum Kanal geworden wäre, der alle Verdrießlichkeiten der Erde in meine ſtille Klanſe leitete. Und dazu deutlich ausgeſprochene Anlage zu einem ſiechem Körper!“ „So hat ſie mir Frau von Wartberg freilich nicht geſchildert; ſie legte nur ein Verzeichniß der guten Ei⸗ genſchaften vor, die Rubrik der Fehler wurde nicht ausgefüllt. Ob ſich dieſe erſt entwickelt haben? Jene verſicherte mir doch ausdrücklich, daß Reginen's Cha⸗ 25 rakter ſich auf keiner Härte habe betreffen laſſen. Frei⸗ lich, ihr Kränkeln ahnte auch Niemand. Sie iſt entſetz⸗ lich hyſteriſch! Gleich Thränen, gleich Nervenzittern! Dergleichen Waffen kannten freilich die bibliſchen Frauen nicht. Hagar fiel nicht in Krämpfe, als Abraham ſie verſtieß, Marie bekam keine nervöſen Zufälle, als ihr das Schwert durch die Seele drang und doch litten ſie 3te nicht eingebildete Schmerzen. Mein eheliches Leben iſt, ſtatt einer Frende, eine Prüfung für mich ge⸗ worden. Nun, der Herr liebt die, die er züchtiget.“ Er ging in ſeine Abeitsſtübe und entwärf ſeine nächſte Predigt⸗ Kaum hatte er aber ein paar Stünden dieſer Be⸗ ſchäftigung gewidmet, ſo wurde er durch einen Boten Luitgard's ſeiner hochfliegenden Diction ittſei „Regine iſt krank, ſehr krank,“ ſagte ihm ein flüch⸗ tig geſchriebenes Billet,„kommen Sie, ſo ſchnell als möglich, und beſtimmen Sie, was geſchehen ſoll.“ „Sie iſt todt!“ war ſein nächſter Gedanke. Jetzt erwachte zum erſten Male die Vermuthung in ihm, daß er doch wohl zu ſtreng, zu hart geweſen ſei; die Befürchtung, ſtreſtte gefunden zu werden, ſtürzte ihn in ein Labyrinth von ſchwarzen Vorſtellungen. Er beſtieg eine Droſchke, und erreichte in unſagbarer Angſt und Gewiſſenspein das Landhaus. 26 „Lebt ſie noch?“ fragte er mit tonloſer Simme Luitgard, die abgeſpannt auf einem Sopha lag. „Ja, ſagte dieſe,“ einen böſen Blick auf ihn wer⸗ fend,„machen Sie doch keinen folchen Lärm, ſie ſchläft.“ Adrian athmete auf. „Was iſt ihr eigentlich?“ fragte er forſchend. „Das werden Sie beſſer wiſſen, da Sie ſie in die⸗ ſem Zuſtande aus Ihrem Hauſe entließen,“ antwortete Luitgard fehr ärgerlich. Er biß ſich auf die zurückgedrängte Unterlippe und trat in das Krankenzimmer, deſſen Ausſtattung ihn zu anderer Zeit zu dem ſchärfſten Tadel gereizt haben würde. Jetzt überglitt ſein Blick nur mit dem Ausdrucke des Widerwillens die pläſtiſchen Geſtälten der Grazien, die ebenmäßigen Formen der Venus, die bekannte Gruppe Amor und Pſyche, die durch den röthlichen Lichtreflex den Schein des warmen Lebens erhielten. Er war dem Luxus nicht abhold, äber er haßte den üppigen Charakter, unter welchem ihm hier ein Cultus errichtet worden war. Zwiſchen den Spitzenſchleiern, die das niedrige Bett wie bewegliche Nebel uufloſſen, ſuchte und fand ſein Auge Regine. Es war zwar gelungen, ſie zum Leben zurückzu⸗ rufen, das Bewußtſein aber blieb getrübt. 27 Als das raſche Vorfahren des Wagens die Ankunft Adrian's anzeigte, griff die Kranke an die ſchmerzende Schläfe und bewegte den Kopf ruhelos auf dem Kiſſen. Paul hätte auch ohne dieſe Zeichen, der ſcharfe In⸗ ſtinct des Haſſes gelehrt, daß ſein Todfeind, ſein mäch⸗ tiger Rivale, ihm entgegentreten würde. Jetzt trafen ſich die Blicke der beiden Männer in auflodernder, unverſöhnlicher Herausforderung, in racheſüchtigem, verderbenſchwerem Haß. „Doctor Semp iſt mein Hausarzt, gnädige Frau,“ wendete ſich Adrian an Luitgard, die geſpannt dem Ver⸗ laufe des Zuſammentreffens zuſah. „Das ſetzt noch nicht voraus, mein Verehrteſter,“ erwiderte dieſe ſchadenfroh,„daß Ihr Arzt auch der Reginen's ſein muß. Saaleck z. B. braucht den alten Medicinalrath, und ich befinde mich ſehr wohl bei dem Rathe, den der Doctor Hallbert ſo freundlich iſt, mir zu gewähren. Ein ſolches Verfahren findet in vielen der beſten Häuſer ſtatt,“ ſetzte ſie nachdrücklich, aber mit Spott, hinzu. Adrian verbeugte ſich. „Ich bedauere, daß Sie durch den Vorfall in Un⸗ ruhe und Unbequemlichkeit verſetzt worden ſind, und werde das Meinige thun, um Sie bald von der Laſt zu befreien. Mein Wagen hält noch. Mit Hülfe einiger warmer Decken könnte meine Frau wohl nach Hauſe ge⸗ ſchafft werden.“ „Die Kranke kann nicht das Haus, nicht das Zim⸗ mer, nicht das Bett verlaſſen,“ ſagte Paul. Adrian überhörte gefliſſentlich dieſe Worte. Er trat näher, bengte ſich über Regine und ergriff ihre Hand.— Vielleicht waren ſeine Finger zu kühl, oder der Griff zu unerwartet,— Regine ſchlug zuckend die Augen auf, und verbarg, als ſie ſein Geſicht dicht über ſich ge⸗ beugt ſah, ihren Kopf in das Kiſſen. „Sei doch kein Kind, Regine,“ begann er ſo freundlich, als es ihm möglich war, von Neuem,„nimm Dich zuſammen. Viel vermag der Menſch durch ſeinen angeſtrengten Willen, Du wirſt es ſogleich erfahren, wenn Du nur den Verſuch gemacht. Wenn ich Dich bitte, entſchließeſt Du Dich vielleicht, Deine Kräfte zu prüfen, und mir aufrichtig zu ſagen, ob Du mir folgen willſt und kannſt?“ Je länger Adrian ſprach, je heftiger wurde das nervöſe Zittern der Kranken, und ließ fürchten, ſich endlich bis zu Convulſionen zu ſteigern. Der Athem war fliegend und die leiſe gemurmelten Worte ohne Zu⸗ ſammenhang. 29 „Sparen Sie Ermahnungen und Fragen,“ ſagte Paul eiskalt zu Adrian,„Ihre Frau vernimmt ſie nicht einmal, geſchweige, daß ſie ſie zu erwägen und zu be⸗ antworten vermöchte.“ Ohne ſich weiter um ſeine Gegenwart zu kümmern, ergriff er einen Löffel und reichte Reginen die Arznei. Sie ſchlug die Augen auf und ſchien ohne Be⸗ fremden die Anweſenden zu bemerken; aber ihre Worte zeigten, daß ſie ſie für die Phantome ihrer Phantaſie nahm. Sie wähnte ſich daheim in ihrem klöſterlichen Hauſe. Die Bilder und Träume, die ſie früher im Nach⸗ denken über die vormalige Beſtimmung der alten Räum⸗ lichkeiten ſich geſtaltet hatte, durchzogen wieder ihre Er⸗ innerung.„Da kommen ſie alle in langer Proceſſion,“ ſagte ſie,„die Mönche des Franziskaner⸗Ordens,— der Prior an der Spitze der Menſchenkette. Aber Einer fehlt, der letzte, der jüngſte. Prior, gib Rechenſchaft, wo iſt er? Keine Antwort? Fackeln her!— Hinab in den Kreuzgang, zu den Steinpfeilern; reißt die Niſchen auf mit Euren blutenden Händen. Da haben ſie einen lebendigen Menſchen begraben. Oh— brecht auf, Euer Bruder zerfleiſcht ſich da drinnen in dem Steinſarg die athemloſe Bruſt! Was that der Arme? Er brach ſein Gelübde! Er fehlte menſchlich, Ihr aber ſtraft un⸗ menſchlich! Gott im Himmel, er iſt's, den ſie da unten erſticken! Barmherzigkeit, ich will zu ihm.“ Sie erhob ſich und ſtrebte mit übermächtiger Kraft ſich den Armen der beiden Männer zu die jetzt wohl gezwungen waren, ſich gegenſeitig Beiſtand zu leiſten. An dem Widerſtand wuchs ihre Tobſucht. Sie kreiſchte mit den Zähnen, als wollte fie ſie brechen; alle Sanftmuth war verſchwunden, ſie ſchüttelte ihr wirres Haar, die Macht des Parorismus des Fiebers gab ihr Rieſenkraft. Da klangen plötzlich die gedämpften Accorde des Piano's an. Zu den Präludien des Schlummerliedes reihten ſich die Töne aneinander. Luitgard, von dem Anblick der Raſerei entſetzt und geängſtigt, hatte, einer alten Idee eingedenk, durch Muſik auf eigene Hand ein Heilexperiment verſucht. Sie erinnerte ſich, daß die Arie aus der„Stummen“ ſchon vorhin Regine lebhaft beſchäftigt hatte, und ſchloß daraus, daß dieſe Melodie beſonders geeignet ſein dürfte, eine veränderte Stim⸗ mung in ihr hervorzurufen⸗ Regine horchte, ihre Muskeln verloren die Spann⸗ kraft, ſie bog ſich nur noch vor, dahin, woher die liebe Melodie erklang. An der Stille, die bei der Kranken eingetreten war, erkannte Luitgard, wie ihr Mittel ge⸗ 31 wirkt, und ließ nun in immer volleren Griffen und Klängen die Motive hervortreten. Wie von geheimnißvoller Kraft beſiegt, ſank Regine zurück, ihr Auge wurde weich und feucht, die Spannung in ihren Zügen löſte ſich, ihre Seele trank die Töne, deren Erintterünt nur mit dem Leben in ihr verlöſchen konnte. Inmer rühiger wurde ſie mit dem Tempo und Ton, ihre Augen ſchloſſen ſich halb und hoben ſich müde, und alle athmeten endlich auf, als ſie das unentſtellte, friedliche Bild der Sch lia ſahen. Luitgard hatte das Clavier verlaſſen und ſtand, über das Bett gebengt, neben den Anderen; Adrian be⸗ gann ſich zu beruhigen und ſprach die frohe Hoffnung aus, nach einer ruhig durchſchlafenen Nacht Regine morgen in ſein ſtilles Haus zurückführen zu können, worauf Paul gar nicht und Luitgard nur durch Achſel⸗ zucken antwortete. Paul litt furchtbar unter jedem Wort; ſeine Angſt hatte nach und nach ſeinen Zorn überwuchert und raubte ihm die Kraft, Adrian anzugveifen und zur Verantwor⸗ tung zu ziehen. Er ahnte, daß jener Schuld an dieſer gräßlichen Cataſtrophe habe, und Alles thun werde, um Regine ſo bald als möglich ſeinen Händen zu ent⸗ reißen. Schon wax auf ſein Verlangen ein Bote nach dem Doctor Semp geſchickt worden, und in dieſem 32 Augenblicke wurde er ſelbſt nach B. hinabgerufen, um einem Erkrankten augenblicklich zu Hilfe zu kommen. Die Pflicht rief und jede andere Stimme mußte ſchwei⸗ gen. Noch einen Blick warf er auf Regine, und als er ſah, daß ſie ruhig fortſchlief, ließ er Adrian mit einem Gefühle der ſchmerzlichſten Bitterkeit allein als ihren Hüther zurück. Er zog die Thüre vorſichtig hinter ſich in's Schloß und trat eilig zu Luitgard. „Ich werde abgerufen,“ ſagte er leiſe zu ihr,„und kann nicht mehr bei ihr ſein; aber Sie ſind mir Bürge, daß ich ſie finde, wenn ich zrüctehre— Der Doctor Semp wird kommen, wird ſie nach einem veralteten Verfahren behandeln, und Verſtand ſ Leben der Kran⸗ ken vollends in Gefahr und Verwirrung ſtürzen. Ich kann nichts weiter ſagen, kaum denken; nur eine Bitte an Sie. Sſſe Sie Semp, beſchwichtigen Sie ſei⸗ nen Eifer, aber dulden Sie nicht, daß man Regine von hier entfernt. Ich muß ſie ile Adrian muß gehen; verbürgen Sie ſich gte Pflege. i Sie, — was weiß ich, Sie mir, ſie für mich zu hüten, hi i6 komme eei mei⸗ nem Auge ſoll ſie ſterben oder geneſen.“ Luitgard weinte.„Sprechen Sie doch nicht ſo trau⸗ rig, Sie regen mich furchtbar auf.“ „Wollen Sie Regine behalten?“ dringend. „Bei meinen ſchönen Augen, die ich mir trübe weine, und dem braunen Kinderkopf meines Hans,— ich will!“ gelobte Luitgard, ihre Hand in die ſeine legend. Er drückte ſie lange in ſtümmem Dank an ſeine kalten Lippen, dann verließ er die Villa, und bald ſah man ihn in ſeinem Wagen in raſcheſter Eile nach B. hinabfahren. Zum erſten Mal in ſeinem Leben wurde ihm die Erfüllung ſeiner Berufspflichten zur Qual, und nur durch die äußerſte Anſtrengung des Willens gelang es ihm, den nöthigen Abendrundgang bei ſeinen ſchwerſten Patienten zu vollziehen. Endlich war ſein Geſchäft für heute gethan, die Rückkehr ihm ermöglicht. Ein mattes Licht ſchimmerte ihm aus dem wohlbekannten, verhan⸗ genen Zimmer entgegen, und leitete in der dunkeln Ge⸗ witternacht ſeine Schritte. In der Hauksflur war Alles ſtill; Niemand konnte ihm Rede ſtehen, ob der Arzt oder Mann noch anweſend waren. Unangemeldet trat er in Luitgard's Zimmer, das er jedoch leer fand. Er lauſchte einen Augenblick; da er nichts hörte, ließ er die Thüre des Schlafcabinets geräuſchlos in den Angeln zurück⸗ rollen und ging hinein. Auf einer Couchette, dicht neben Reginen's Lager, ruhte Luitgard; als ſie Paul erblickte, Kinder der Zeit. II fragte Paul athmete ſie tief auf und winkte ihm in zugleich vertrau⸗ licher und beruhigender Weiſe zu. „Es geht noch eben ſo,“ ſagte ſie, auf die noch immer ſchlafende Regine zeigend.„Semp und Adrian haben ſich in Verordnungen und Entſchuldigungen er⸗ ſchöpft und ſich endlich zurückgezogen. Da haben Sie die arme Kranke nun und mit ihr mein erfülltes Ver⸗ ſprechen. Nun laſſen Sie mich aber eine Stunde ſchlafen, ich ſterbe vor Müdigkeit. Meine Jungfer wohnt hier dicht nebenan, wenn Sie ihrer bedürfen, brauchen Sie nur an dieſen ſilbernen Knopf zu drücken. Dort ſteht Chierwein und etwas Abendbrot, bedienen Sie ſich! Gute Nacht.“ Paul ſaß, im nächſten Augenblick ſtill und ſtumm an ihrem verlaſſenen Platz. Er fragte ſich nicht, was ſie bewegen konnte, ihm ſo willig in die Hände zu ar⸗ beiten, er wog nicht die Mittel ab;— der Zweck war ja erreicht. Er dachte nichts, als daß er nun ein paar Stun⸗ den bei ihr ſein, ihr Beiſtand und Hilfe leiſten könnte, vielleicht ohne durch einen Blick von ihr erkannt zu wer⸗ den. Sie erwachte nicht, ſie wollte gar nicht erwachen. Eine heftige Unruhe bemächtigte ſich ſeiner; die von ihm bis jetzt angewendeten Mittel ſchienen ihm un⸗ genügend, ſeine Einſicht beſchränkt. Er wurde irre an ſich, er wußte nicht, auf welche entſprechende Weiſe er der Natur zu Hilfe kommen müſſe, das Vertrauen in ſeine Wiſſenſchaft hatte ihn verlaſſen. Düſtere Selbſtanklage quälte ihn, ſein klarer Geiſt träumte plötzlich von einer Schuld, die Sühne verlange. Er gedachte der Nacht, in welcher die Ge⸗ neralin ſtarb, und machte ſich zum Vorwurf mit einer unerlaubten Leidenſchaft im Herzen an ihrem Todten⸗ bette geſtanden zu haben. Eine leiſe Bewegung der Kranken rief ihn zu ihr; er ergriff die ſilberne Nachtlampe und hielt ſie ſo nahe, daß er ihr Geſicht deutlich ſehen konnte, während doch ſeine vorgehaltene Hand den Lichtreiz dämpfte. Sie ſchlief noch immer. Wie ängſtlich fragte ſein Blick jetzt die fieberheiße Stirn, mit welchem tiefen Erbarmen ſah er die von ſcharfen Mitteln roth gebeizten Handge⸗ lenke, die ihm wie von Feſſeln wund gerieben ſchienen; wie ängſtigten ihn die dunkeln Schatten um die Augen bei der flammenden Röthe der Wangen, wie dürſtete er nach den Worten, die lautlos die Lippen im Traume bewegten. Immer noch devſelbe Schlaf. Er ſetzte die Lampe wieder zurück, die Stunden ſchlichen; wollte denn Keine kommen, die ſie zum Bewußtſein zurückerwachen 3* 0 „ 36 ließ?— War es denn nur Regine, die ſo gleichgültig und theilnahmlos hier unter ſeinem Auge ſchlief? Sein Blick verlor den forſchenden, ärztlichen Ausdruck nach und nach, er vergaß, wie ſehr und an was ſie gelitten, er wagte nicht mit prüfender Hand ihren Puls zu befragen, er wagte nicht mehr den be⸗ ruhigenden Trank ihren Lippen zu bieten. Vor ſeinem Ohr klang wieder jenes erſte, beſtrickende Lied, was er ihr abgelauſcht. Im tiefſten brennendſten Schauer,— nicht mit dem klaren und ſichern Blicke des in die Wiſſenſchaft Eingeweihten ruhte ſein Auge auf dem ſtillen Bilde; der Arzt war beſiegt, vernichtet, neben der Kranken ſtand nur noch der Mann, der ſein Liebſtes an keinem andern Orte gerettet und geborgen glaubt, als an ſei⸗ nem Herzen. Sie konnte nicht länger ſchlafen; ſie hörte ſeine Seele flehen: Erwache. Sie ſchlug die Angen auf, ſie ſah ihn zitternd vor der Entſcheidung, zitternd un⸗ ter dem Zweifel, ob das gewollte Wort, oder ohn⸗ mächtige Sylben von ihrem Munde wehen würden. Sie mußte ihn erkennen, denn ein glanzvolles, ſieg⸗ reiches Lächeln trat auf ihre Lippen, die Verwirrung des Geiſtes war bezwungen, ſie erinnerte ſich ſeiner— ihrer Liebe. M 37 „Paul,“ ſagte ſie leiſe,„mein Paul!“ Mühſam erhob ſie ihre Hand, um ſie in die ſeine zu legen. „Ich möchte Dich gerne ſprechen hören,“ bat ſie leiſe. Paul wollte ihren Wunſch erfüllen— er konnte nicht, die Freude traf ihn zu ſtark. Er konnte ſich nur herabbeugen, und ihre geliebten Hände küſſen. „Bin ich bei Dir?“ fragte ſie, ihn immer freund⸗ lich anſehend. „Regine,“ antwortete er bittend, frage nicht, „ſei ruhig, Du biſt ſehr krank.“ „Ja,“ ſagte ſie mit ihrer gedämpften, weichen Stimme,„ich bin ſehr krank und flehe zu Gott, mein Paul, daß er mich nie, wieder geſund werden laſſen möge. Ich habe ſehr gelitten, ich habe Erinnerungen in mich aufgenommen, die zu tief gebrannt haben, um je wieder vergeſſen werden zu können. „Es gibt nur noch ein Heil ein Glück für mich:— zu ſterben. Ich fahre dahin in meinen Sünden, aber noch kann meine Strafe, mein Bergehen ſühnen. „Wie thöricht war ich doch,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort,„als ich Dir zu entfliehen gelobte, wie ohnmächtig, als ich das drohende Geſpenſt der Pflicht die Geißel ſchwingen hieß, um Dein Bild aus meinem Herzen zu vertreiben. Du bliebſt, wie grau⸗ ſam auch mein Herz unter jenen Streichen blutete. Du warſt ſtärker als die ganze Macht Gottes und der Menſchen.“ „Wäre ich das,“ ſagte Paul ſchmerzlich,„Du würdeſt mich nie von Dir gewieſen haben.“ Sie ſchüttelte abwehrend den Kopf. „Ich habe Dir viel zu ſagen, wie ich gelebt, ge⸗ kämpft, was ich gethan, um in das Geleiſe des alten Lebens zurückzukommen. Es war vergebens. „Vergeblich beſchäftigte ich mich, um den gefähr⸗ lichen Verſuchungen zu entfliehen;— meine Handar⸗ beiten, meine Muſikübungen, meine häuslichen Ge⸗ ſchäfte bewegten den Mechanismus meiner äußern Or⸗ gane,— meine Gedanken blieben ungehindert bei Dir. „Ich griff zu Büchern, ich ſuchte durch die Theil⸗ nahme an fremden, erdichteten Schickſalen mein Eige⸗ nes zu überwinden,— umſonſt. „Ich liebte Dich in den Tagen der Arbeit, in den Stunden der Ruhe, ich liebte Dich wo und wie ich auch lebte, mußte ich auch mich und meine Liebe ver⸗ dammen. Ich bat zu Gott um Kraft, er hörte mich nicht,— ich wollte an Adrian mich halten, er hielt mich nicht,— ich ſuchte in der heiligen Schrift, Troſt und Muth und fand den gründenden Spruch: 39 „Die Liebe iſt ſtark, wie der Tod, ſie iſt eine Flamme des Herrn.“ „Haſt Du das endlich erkannt,“ fragte Paul mit einigem Vorwurf,„haſt Du der Allmacht Dich endlich unterworfen?“ Regine ſchüttelte den Kopf.„Das iſt vergeblich,“ antwortete ſie.„Nichts iſt geändert ſeit jener Nacht; nimmermehr wird Adrian in eine Scheidung willigen. „Ueberlebe ich dieſe Kataſtrophe, ſo kann ich nicht nein ſagen, wenn er, geſtützt auf ſein Recht, mich zurückruft. Es gibt nur eine Wahl: ſterben, oder mit ihm leben,— wie es mein Eid verlangt.“ „So iſt Alles, Alles zu Ende,“ ſagte Paul, mit dumpfer Stimme. „Das iſt mein leidvoller Troſt,“ antwortete ſie, den freundlichen, müden Blick auf Paul gerichtet. Er konnte den Ausdruck dieſes Auges nicht ertra⸗ gen, er fühlte ſeine Beſonnenheit vor der Befürchtung ſchwinden. „Du ſollſt ſie verlieren! Sie entzieht ſich Dir ſo lange noch ein Funke Leben und Willenskraft in ihr iſt.“— Und er durfte ſeine Bitten nicht laut werden laſſen, er durfte ihr Herz nicht beſtürmen mit der Sprache der Liebe! Er mußte ſich opfern, um ſie zu ſchonen, er mußte den Seelenkrampf verbergen, der ihn ſchüttelte, um ihr neue phyſiſche, wie pſychiſche Leiden zu erſparen. Mit übermenſchlicher Anſtrengung überwand er die in ihm tobende Leidenſchaft und zeigte ihr ruhige Faſſung.— Sie ſprachen nicht mehr, ihr letztes Wort war geſagt. Es blieb ſtill in dem Zimmer, in welchem ſie die Stunden der traurigen Nacht durchwachten. 4. Der Prinz ſtand vor dem geborſtenen Steinbecken des Brunnens, durch welches das Waſſer auf erlaubtem und auf gewaltſam gebahntem Wege ſich einen Ausweg ſuchte, und bemühte ſich, dem Koch begreiflich zu machen, daß ein Korb mit Krebſen wohl in dem Abzugcanale für eine kurze Zeit ein angemeſſenes Unterkommen finden könne. „Es muß doch unangenehm ſein, Fräulein Irene,“ rief er dieſer zu, die eben durch die Einfahrt in den Schloßhof trat,„es muß doch ſehr unangenehm ſein, ſo große vorſtehende Augen, ſo zangenfeſte Hände, einen ſo ausgebildeten Rückenharniſch, der in ein Komma endigt, zu haben; meinen Sie nicht auch?“ Irene war hinzugetreten und hatte, mit einer klei⸗ 42 nen Weidenruthe das Waſſer furchend, zerſtreut zu⸗ gehört. „Wo kommen Sie her,“ fragte er weiter,„ſo ohne Hut in der Sonnenhitze! Sie werden Sommerflecke, braunen Teint bekommen, laſſen Sie uns ſchnell in den Schatten gehen.“ „Ja, wo warich?“ fragte Jrene ſich ſelbſt.„Drau⸗ ßen unter dem uilbn Birnbaume habe ich ſeit einer Stunde geſeſſen, es war ſo kühl und ſtill da.“ „Nicht bei chemiſch⸗phyſikaliſchen Studien, nicht in der Aula?“ forſchte der Prinz. Irene ſchüttelte beſchämt den Kopf. So haben Sie frei heute?“ fragte der Prinz wie⸗ der neckend. „Ich denke, wir Mädchen finden nie recht unſer Glück in der Anhäufung von Kenntniſſen,“ bemerkte ſie zögernd. „O, Ihr armer Vater!“ ſagte der Prinz jetzt etwas bedenklich;„er muß falſche Mittel angewendet haben, da er nur ein unwillkommenes Reſultat erreicht hat. Das wird ihn ſehr betrüben.“ „Wird ihn das betrüben?“ fragte Jrene mit Angſt. Der Prinz ſchüttelte den Kopf. Wie verändert war ſein kleines, muthwilliges, wißbegieriges Mädchen! 43 Welcher Einfluß hatte die elaſtiſche, kräftige Natur ganz in Sanftmuth und Weichheit umgeſchmolzen? „Wollen Sie mitkommen?“ fragte er ſchonend; „ich gehe in die Schloßeapelle, in welcher Ihr Herr Vater einen großen Pendel befeſtigen laſſen will, um durch die Schwingungen uns den augenſcheinlichen Be⸗ weis von der Bewegung der Erde zu geben.“ Jrene zeigte ſich bereit dem Prinzen nach dem be⸗ zeichneten Orte zu folgen. Sie fanden Joachim mit genauen Meſſungen be⸗ ſchäftigt und in wenig mittheilſamer Stimmung. Der Prinz wanderte hin und her, ohne beſonderes Intereſſe an einem Gegenſtande der Kapelle zu nehmen. Dieſe war einfach genug. Unförmlich dicke Steinpfeiler trngen die Wölbung, die in ſchmuckloſem Grau ſich zuſammen⸗ fügte. Die Wände waren leer; doch zeigte ſich noch eine Mauerblende von rieſiger Dimenſion, welche der nun ſchon lange abgeſetzte Schutzheilige vor Jahrhunderten bewohnt hatte. Crucifixe, Bilder, Altargefäße, ſelbſt die eichenen Stühle waren der Geiſenberger Kirche von einem früheren Beſitzer übermacht worden; nur Kanzel und Altar waren an ihrem Platz geblieben. Auf die Stufen des Letzteren hatte ſich Irene, die ruhebedürftig ſchien, geſetzt. „Sie ſehen ſo fatiguirt aus, als müßten Sie auf 44 dem Steinpfühl einſchlafen,“ ſagte der Prinz, indem er vor ihr ſtehen blieb.„Nehmen Sie ſich in Acht, das Einathmen ſolcher eingeſchloſſener Luft verurſacht ſ chwere Träume.“ „Schwere Träume ſind auch zuweilen heilſam,“ antwortete Irene, indem ſie, wie von Müdigkeit be⸗ zwungen, die Wimpern zufallen ließ. „Legen Sie den Träumen gerne einen tiefen Sinn unter?“ fragte der Prinz von Neuem. „Ich weiß nicht,“ ſagte Jrene; dieſe Unſicherheit hatte ihr Gregor empfohlen und gelehrt. Joachim ergriff an ihrer Stelle das Wort.„Aeu⸗ ßere oder innere Urſachen mögen in Wirkſamkeit treten, um der mechaniſchen Thätigkeit der Phantaſie im Traume dieſe oder jene Richtung zu geben. Den Vorſtellungen der Träume liegt aber trotzdem oft ein wichtiges Mo⸗ ment zu Grunde, ſo widerſinnig und fratzenhaft es ſich auch geſtalten mag; die Phantaſie, wenn auch ungeregelt im Schaffen, kann doch nur das Material verarbeiten, was ſie aus der Realität geſammelt hat.“ „Sind Sie auch der Meinung, Fräulein Irene?“ fragte der Prinz, als Joachim ſchwieg, um ſeiner Ge⸗ wohnheit geimäß für ſich allein über das angeregte Thema weiter nachzudenken. Irene antwortete mechaniſch:„Ja.“ Sie hatte 45 Schritte gehört, ſie ſah Gregor die Schwelle über⸗ ſchreiten;— er war da. Der Prinz feſſelte ihn einige Minuten durch ſcherz⸗ hafte Fragen und Beſchuldigungen, deren Form und Inhalt Gregor für ſich bemitleidete; dann machte er ihn darauf aufmerkſam, daß ſie an dem Ort und der Stelle ſeien, wo die Schlußſcene der Geiſenburger Sage ge⸗ ſpielt habe. Gregor erinnerte ſich und ging mit dem Prinzen nach dem Altare zu. „Sphynx,“ ſagte Gregor halblaut, als er Irene nahe genug war, um von ihr gehört zu werden. „Was erſcheint Ihnen räthſelhaft an mir,“ fragte ſie, den Kopf nach ihm drehend. „Ihre Faſſung, Ihre Ruhe, Ihre Heiterkeit, Ihre Selbſtbeſchränkung, bei Eigenſchaften, die Sie eigent⸗ lich zu den entgegengeſetzten Zuſtänden führen müßten,“ entgegnete Gregor. „Nun, ſo laſſen Sie mir mein Räthſel,“ bat ſie ſanft,„Sie wiſſen es, daß niit der Löſung desſelben das Leben verwirkt wäre.“ „Leben um Leben,“ ſagte Gregor ernſt ſcherzend. „Sie oder ich, meine Zukunft gerettet oder die Ihre; ſehen Sie ſich vor, es gilt ſein Selbſt zu erhalten.“ „Retten Sie ſich,“ ſagte Irene, in derſelben Weiſe antwortend. „Und Sie?“ fragte Gregor. „Dann bin ich's auch,“ ſagte ſie vertrauend. Sie ſchwiegen. Gregor ſetzte ſich eine Stufe tiefer, ſeufzte aber laut über die Unbequemlichkeit des Platzes. „Die Kirche ſollte ſich wit etwas mehr Comfort ſchmücken,“ ſagte er,„ſie würde ſich dann mehr Be⸗ ſucher erwerben. Die harten, kalten Wände und Böden, die reinen, offen liegenden Proportionen ſagen dem Ge⸗ ſchmack der jetzt lebenden Generation nicht mehr zu; ſie will hauptſächlich eine bequeme Ausſtattung, in der ſie ſich nach Belieben ausgähnen kann.“ „Waren Sie heute in der Kirche? ich ſah ſie zurück⸗ kommen.“ Irene ſchüttelte den Kopf. „Sie haben nicht viel kirchlichen Sinn, oder ſagt Ihnen die Form, in die ſich unſere Confeſſion gekleidet hat, nicht zu?“ forſchte Gregor. „Sie fragen ja wie Gretchen:„Heinrich, wie haſt Du es mit der Religion?“ antwortete Irene. „Nun, wie haſt Du es mit der Religion?“ fragte Gregor mit ſeinem ſauften Ausdruck. „Soll ich mit Fauſt's Worten Sie beruhigen?“ entgegnete ſie ausweichend. ſt te 47 „Nein, mit Ihren eigenen,“ verlangte Gregor. „So faſſen Sie die Frage präciſer,“ ſagte Irene ernſter. „Alſo iſt das Bedürfniß anzubeten bei Ihnen rege?“ fragte Gregor mit jenem ſpielenden Ernſt, der das Ge⸗ wand des harmloſen Scherzes auch den gewichtigſten Fragen anzupaſſen ſich nicht ſcheuet. „Ja,“ antwortete ſie nachdenklich,„das Bedürfniß, mich aufzugeben, mich felbſt zu verlaſſen, um mich ge⸗ läutert wieder zu finden.“ „Sehen Sie, wie verwandt die Andacht der Liebe iſt,— ſie beobachtet dasſelbe Verfahren!“lächelte Gregor. „Es mag auch keine Liebe ohne Andacht geben. Was für ein ſchönes Wort:„zu denken an ihn,“ ſagte Irene bewegt. „In welchen Stunden halten Sie gewöhnlich Ihre Andacht?“ fragte Gregor examinatoriſch. „Gewöhnliche Stunden?“ wiederholte Irene be⸗ fremdet;„kann man dieſen Aufſchwung, wie eine mecha⸗ niſche Verrichtung, an eine beſtimmte Tageszeit binden?“ „Sie umgehen alſo das traditionelle Abend- und Morgengebet? Und man ſagt doch, daß junge Mädchen nur mit gefalteten Händen ruhig einſchlafen könnten?“ entgegnete Gregor. 48 Irene ſah ihn fragend an, ſie wußte nicht, ob er im Ernſt zu ihr ſpräche. „Nun, und wenn Sie einmal beten, um was bit⸗ ten Sie Gott?“ fragte Gregor wieder. „Um was ich Gott bitte?“ wiederholte Irene immer erſtaunter;„um Nichts, glaube ich.“ „Aber, mein Gott, was denken Sie, was ſagen Sie, welche Form haben Sie gewählt?“ „Keine Form,“ ſagte Frene ſanft,„ich bete nie in Worten.“— Gregor unterhielt ſich auf das Beſte. „Nun,“ fragte er dringend,— ohne Irene ah⸗ nen zu laſſen, daß er mehr mit Nengier, als mit Theilnahme in ihre Seele blicke. „Nur in einzelnen, geweihten Augenblicken,“ ſagte Irene langſam, ſich beſinnend,„wird unſere Seele von kleinlichen Intereſſen, Wünſchen, Vorurtheilen und Begierden ſo frei, daß ſie ſich im Zuſammenhang mit Gott fühlen, und im Geiſt und in der Wahrheit zu ihm treten darf. „Worte gibt es für ſolche Andacht nicht. Die Sprache iſt erfunden, um den Verkehr mit Menſchen zu erleichtern, denen wir ohne dieſelbe fremd und un⸗ verſtändlich bleiben würden, nicht, um als Dolmet⸗ 49 ſcher zwiſchen dem unſern und dem ewigen Geiſte zu dienen.“ „Nicht übel,“ antwortete Gregor.„Nicht alle Menſchen die in menſchlicher Sprache zu Gott reden, fühlen fich ihm fremd. Ein guter Unterthan ſcheut ſich nicht, im Patvis ſeines Dorfes zu ſeinem Herrn zu re⸗ den, und dieſer lauſcht eben ſo willig dem verſtümmel⸗ ten groben Dialect, als dereinen Sprache des Ge⸗ bildeten.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Irene, nach kurzem Nachdenken,„ich war einmal wieder zu raſch. „Meine Schweſter betete immer in Worten und ſo ſeltſam ich es auch fand, ſo konnte ich doch nie dar⸗ über lachen, wenn das ganz erwachſene Mädchen noch immer tren die Formel ſprach, die unſere Mutter ſie gelehrt hatte. Sie war ſo demüthig und vertrauend in ihrem Gebet, daß ich gerne ihre gefalteten Hände ge⸗ küßt hätte. Nichts konnte ſie in einem ſolchen Augen⸗ blicke ſtören und irren; aber ihre lautlos ſich bewegen⸗ den Lippen baten um irdiſche Güter, um irdiſches Glück, wie ſie mir ſpäter geſtand, nicht, wie ich kindiſch ge⸗ glaubt, um irgend ein glänzendes Sternlein„welches für ſie vom Himmel herabzufallen beſtimmt ſei.“ „Ein Herz, das ſeinen Gott in die Welt herab⸗ zieht,— und ein Herz, das ſich über die Welt empor Kinder der Zeit. MI. 4 50 zu Gott ſchmiegt,“— ſagte Gregor nachdenklich.— „Dort weiblicher Reiz, weibliche Liebenswürdigkeit, hier menſchliche Größe. Oh, in nichts erkennt man den Unterſchied der Individuen leichter, als in der Art ih⸗ res Cultus. Ich kenne auch Sie nun. An beiden Schwe⸗ ſtern ſind vortreffliche Studien zu machen. Dort das wünſchende Weib im ſtrengen Glauben ſich an die For⸗ men ſchmiegend, um das Glück des weiblichen Her⸗ zens, um die Gewähr des irdiſchen, weiblichſten Wun⸗ ſches mit der beruhigenden Gewißheit bittend, daß ein gütiger Geiſt ihrem Anliegen lauſchen und, wenn es möglich ift, es begünſtigen werde;— hier eine Andere, die nichts zu bitten, nichts zu vertrauen hat, die nur zuweilen im Moment der Extaſe, ſich ihrem Schöpfer in die Arme wirft und ihm zuruft, wie der junge Ja⸗ kob:„Ich laſſe Dich nicht, Du ſegneſt mich dann!“— den Segen ſich erringt und damit fortſtürmt, um ihn in die Welt hinabzutragen.“ „Und Sie?“ fragte Irene zögernd, die ſchon fürchtete, ſich ſein Mißfallen zugezogen zu haben. „Oh ich“, antwortete Gregor, mit ſeinem ſpötti⸗ ſchen, herben Lächeln,„bin viel zu ſehr Egoiſt, um durch die Unterdrückung meiner ſinnlichen Natur eine neue Abhängigkeit einzutauſchen. Abhängig macht aber jeder religiöſe Act; nach irgend einer Seite muß man ötti⸗ um eine aber man 51 ſich unterwerfen, ſich ſelbſt aufgeben. Dieſes Reſultat läßt ſich noch auf angenehmerem, natürlicherem Wege erreichen.“ „Und wohin führen dieſe angenehmen, natürli⸗ chen Wege?“ fragte Irene geſpannt„in's Freie?“ „Freiheit, wo iſt die?“ antwortete Gregor ſchwer⸗ müthig,—„mir hat ſich dieſes geheimnißvolle Götter⸗ bild noch nie entſchleiert. Ich ſehe überall nur eiſernen Zwang, Beſchränkung, gebundene Ohnmacht. „Die gerühmte Freiheit dünktmich ein ſchöner My⸗ thus, der eine lebhafte Phantaſie anregen und befrie⸗ digen kann, der aber einer ernſten Prüfüng durchaus nicht Stich hält.“ „Oh, mein Gott,“ ſagte Irene untuhig,„wie können Sie denn leben mit ſolcher unheilvollen Ver⸗ werfung alles Troſtes.“ „Wie ich lebe?“ fragte er mit ſeinem ſtillen, trau⸗ rigen Blick,—„wie viele, viele meiner Zeitgenoſſen, wie viele erfahrene, gealterte Menſchen. Ich habe aufgehört Wünſche zu hegen, weil ich weiß, daß die Erfüllung derſelben einer verwöhnten Phantaſie nie volles Genügen leiſten kann; ich habe aufgehört, nach Genuß mich zu ſehnen, weil ich erfahren habe, daß jedes momentane Schwelgen kein poſitiver Gewinn, ſondern immer nur die Tilgung eines Bedürfniſſes 4* 52 iſt, und habe mich endlich ergeben Selave zu ſein, ge⸗ knechteter, als das Thier, das ſeinen thieriſchen Trie⸗ ben folgend, nicht die raffinirten Qualen der halben Freiheit und halben Beſchränkung kennt.“ Irene ſchwieg. Sie hatte nichts mehr zu ſagen. Schon oft bei ſolchen Ausbrüchen ſeiner Bitterkeit hatte ſie allen ihren Muth, alle ihre Heiterkeit aufgeboten, um den finſtern Geiſt in ihm zu beſiegen. Sie war zu⸗ letzt zu der klaren Ueberzeugung gelangt, daß es wohl ſo unglückliche und reizbare Organiſationen geben könne, die alle Schmerzen, die durch die Adern der Menſchheit treiben, in ſich aufzunehmen vermöchten. Sie hatte ſchwarze, dunkle Schickſale in ſeiner Jugend vermuthet, und zauderte, den Schleier ſeiner Melan⸗ cholie hinwegzuziehen, weil ſie den gerechtfertigten Dienſt der Trauer hinter demſelben vermuthete. Nur milder, weicher war ſie immer nach ſolchen Momenten geworden und hatte auf alle Weiſe ihn zu erfreuen ge⸗ ſucht, wie eine Mutter ihr todtkrankes Kind noch er⸗ freut, ſo ſehr auch ihr Herz in Angſt und Zweifel zittert. „Haben Sie dem Herrn von Barthelmy ſchon die beiden intereſſanten Pfeiler gezeigt, die eine Converſa⸗ tion, hörbar nur für zwei Perſonen, über die Köpfe von zwanzig Andern weg, befördern?“ „Nein, ich vergaß,“ ſagtg Irene aufſtehend,„wol⸗ len Ew. Durchlaucht?—“ „Nein, ich bleibe nicht mehr lange, es iſt mir zu kühl, aber laſſen Sie ſich nicht von dem Experimente abhalten.“ Gregor trat an den einen ſteinernen Pfeiler, Zrene an den Correſpondirenden.— Ein weiter Raum trennte Beide. „Nun, lieber Herr von Barthelmy, ſagen Sie Fräulein Irenen etwas, ſo leiſe ſie vermögen, das Ge⸗ heimniß der Akuſtik plaudert es ihr ſchon zu.“ Gregor bewegte nach kurzem Sinnen die Lippen, und ſchien eine unerwartete Frage an ſie zu richten. Sie horchte geſpanut; bei dem letzten Worte erröthete ſie plötzlich und trat einen Schritt zurück. Gregor hatte ſich umgedreht und ſah nach ihr hin. „Nun, antworten Sie ſchnell,“ mahnte der Prinz, ſich die Hände reibend. Sie trat näher, einige unzuſammenhängende Silben ſchienen von ihren Lippen zu fallen, denn Gregor lachte mit wirklichem Genuß. „Ich— Sie— wie kann man?“ ſprach er laut nach,„iſt das eine Antwort?“ „Iſt das eine Frage?“ ſagte ſie lebhaft. 54 „Wie lautete denn die Frage?“ forſchte der Prinz neugierig. Ach, ich habe gar nichts verſtandeu,“ entſchul⸗ digte ſie ſich. „Wollen Sie noch einmal hören?“ Sie ſtand ſchon wieder lauſchend an dem bewuß⸗ ten Ort. Der Prinz ſah ſich ſatt an ihrer lebhaften Mimik; das Verſtändniß ſchien jetzt ungetrübt, die Unterhaltung im vollen Gange. Zuweilen trieb ſie der Eifer zu einer Antwort, bevor die Frage ausgeſprochen war, was Gregor ſogleich rügte. „Wie gedenken Sie das zu erreichen?“ fragte ſie lächelnd. „So,“ lautete die Antwort. „Ich höre nichts mehr,“ ſagte ſie verwundert. „Ich auch nicht,“ entgegnete Gregor. „Nun was war es, was machen Sie?“ fragte ſie verwundert. „Ich küßte den Pfeiler; befördert die Schallwelle nicht auch ſolche Waare?“ antwortete leiſe Gregor. Sie trat zurück. Joachim hatte das Geheimniß der Akuſtik erklärt, ohne auch nur von einem Menſchen vernommen worden zu ſein. ſie elle irt, den 55 „Fräulein Irene!“ rief der Prinz, der die Neckerei nicht laſſen konnte,„ich wette, Sie haben dem Herrn von Barthelmy Ihr Lieblingsmärchen vom Hühnchen und Hähnchen erzählt?“ „Ich glaube es faſt ſelbſt,“ ſagte ſie mit einem einverſtandenen Blicke auf Gregor. „Ich hatte eine andere Antwort erwartet,“ ſagte der Prinz mit komiſchem Verdruſſe;„ich ſehe Sie ſo gerne erzürnt, und doch will der Funke der Neckerei das Pulver nicht mehr erplodiren laſſen.“ „Zorn iſt nur ſchön bei dem Manne,“ ſagte Irene.— „Freilich,“ beſtätigte der Prinz,„an dem Manne iſt Alles ſchön, er iſt vollendet.“ Gregor lächelte. „Durchlaucht denken an den Urmenſchen, der die vereinte Menſchheit repräſentirte?“ „Nein,“ entgegnete der Prinz,„ich dachte an Ariſtoteles. Nach ihm iſt die Erſchaffung des Mannes der letzte Zweck der Natur, das Weib aber,— Verzei⸗ hung, daß ich dieſe ſträfliche, heidniſche Anſicht wieder auffriſche,— ſoll nur als verunglückter Verſuch, als angenehmer Fehlgriff, als eine Art Mißgeburt betrach⸗ tet werden, die durchaus nicht zu der Höhe des Mannes reicht. Sind Sie auch der Meinung?“ 56 Irene drehte ſich ganz um. Kein Zug von Aerger oder Widerſpruch trat in ihrem Geſichte hervor. „Ja,“ ſagte ſie mit Wärme,„ſo iſt's. Er ſteht über uns, zwiſchen uns und dem Hinmmel. Vermittelnd gibt er Gutes und Schlimmes, behauptet er den erſten Platz unter den erſchaffenen Creaturen, wir erſt den Zweiten. Er reicht uns die eine Hand, aber mit der an⸗ deren führt er die Werkzeuge, um zu arbeiten an der Ge⸗ ſtaltung der Weltgeſchichte, und wir dürfen nicht klagen, wenn er über dem großen Beruf, über dem großen Zweck unſere Gegenwart auf Stunden und Tage vergißt.“ Der Prinz wollte lachen, konnte aber nicht. Der Ausdruck der Worte griff wie eine weiche, feuchte Hand ihm an das Herz. Er ſah ſich nach ſeine Hausapotheke um, ſie war nicht da; er rief nach Maier, um durch Zanken ſeine Rührung zu beſiegen, und fand ihn nicht „Pulver Nr. 3, wirkſam gegen Gemüthsbewe⸗ gung und Nervenſchwäche,“ murmelte er;„Maier!“ „Wo ſteckt Er? Adieu, meine Herrſchaften, es iſt mir hier zu kühl und meine Krebſe.“— Er verſchwand ſo ſchnell, als es ihm ſeine Cor⸗ pulenz erlaubte durch die Thüre, indem er ſeinen Rock mit widerſpenſtigen Fingern bis unter das runde Kinn zuknöpfte. in eht lnd ten den an⸗ He⸗ en, veck Der nd ee ch ht. ve⸗ es or⸗ dock inn 57 „Gott behüte ſie, ſie iſt heute, wie ihre Mutter!— Sollen denn die alten Geſchichten immer und immer wiederkommen, um die Menſchen zum Himmel reif zu machen?“— Und er gab Befehl, ein beſonders kräftiges Souper zu bereiten, welches er, nebſt Pul⸗ ver Nr. 3, als ein wirkſames Mittel gegen Gemüths⸗ erſchütterung betrachtete. Gregor verſtand Irete gar wohl. Er wußte, daß es ihm nun auch hier gelungen war, ohne Verſpre⸗ chung, ohne ein bindendes Wort, Beſitz von einem Herzen zu ergreifen, wie ſich ihm noch Keines an Kraft und Friſche geoffenbart hatte. Er hatte um ihre Neigung geworben mit allen Mitteln, die ihm ſeine reiche Erfahrung geboten, er hatte ihren Spott und ihre Ungeduld, mit denen ſie Anfangs ſeine Annäherung begrüßt, beſiegt, er hatte den feſten Blick ihrer Anſchauung nach und nach mit ſeiner ätzenden Scepſis getrübt, er hatte jede Faſer ihres Herzens zer legt, jeden Aufſchwung ihres Enthu⸗ ſiasmus unter ſeiner Lupe gehabt, er hatte ſich ſelbſt zu einer bewußten Leidenſchaftlichkeit geſteigert und ge⸗ noß nun den Triumph, den die Virtuoſität ſeines Spie⸗ les ihm bereitet hatte. Aber in das Behagen, welches aus der befriedigten Eitelkeit entſprang, miſchte ſich ein fremdes, weiches Freudegefühl. So abgeſtumpft er 58 auch war, ſo fühlte er doch, daß er bei Irenen zu einer Geltung gekommen war, die er ſich nie ir dieſer Weiſe in dem Verkehre mit der Welt hatte verſchaffen können. Ihre Liebe war der Zauberſpiegel, der die einzelnen, unentſtellten Züge ſeines Weſens in vollendeter Schön⸗ heit und Harmonie wiederſtrahlte und ihn manchmal leiſe und wehmüthig daran mahnte, was er hätte ſein können! Ohne daß er es wußte und wollte, hatte ſich ſein bitterer Sarkasmus gemildert, ihre Hand hatte ſich nicht geſcheuet, in dieſe giftige Neſſelſaat, die den trüben Lauf ſeines Lebensquells überwuchert hatte, zu greifen und ihre Stengel zu knicken,— wenn die Keim⸗ wurzel auch ungeſtört geblieben war. Er war geſchmeichelt durch das Bewußtſein der Herrſchaft, die er über das bedeutendſte Mädchen, wel⸗ ches ihm noch entgegengetreten war, ausübte, und er⸗ friſcht von der natürlichen Originalität, die ſo vielen geiſtigen Gehalt begleitete. „Warum iſt ſie nicht Beſitzerin, oder Erbin der Geiſenburger Herrſchaft?“ hatte er ſich manchmal ge⸗ fragt,—„warum muß dieſer Prinz, der keinen Vor⸗ theil davon hat, ein Einkommen beſitzen, welches ihr erſt Geltung und Anſprüche zu geben vermöchte? Wir könnten hier leben, wie Dornröslein mit ihrem Königs⸗ ſohn und ich könnte verſorgt für den Reſt meines Le⸗ 59 bens ſein! Nun es aber einmal nicht ſo iſt, muß ich die Verhältniſſe nehmen, wie ſie ſind. Eine angenehme Erinnerung wird mir dieſe Liaiſon immer bleiben und ſie wird Ernſt, Erfahrung und Bildung daraus ſam⸗ meln.“ 6 Eine Stunde ſpäter hallte raſcher Hufſchlag im Schloßhof wieder, und Paul, erhitzt und eilig, warf ſich von dem ſchäumenden Pferd. Gewöhnt an die Einſamkeit der Burg wartete er weder auf Hülfe, noch Willkommen, ſondern zog das ermüdete Thier nach dem ihm wohlbekannten Stall und ging unangemeldet nach Joachim's Wohnung. Mehrere Stunden vergingen, die Schelle des Profeſſors regte ſich nicht, um Martha Befehl zum Serviren des Abendbrotes zu bringen; keine Sendung gelangte an Irene, wie ſonſt ſtets, wenn Paul nach langer Abweſenheit zurückgekehrt war. Alles blieb ver⸗ geſſen, nur manchmal ſchallte Paul's lebhaftere Stimme durch die eichene Thür, um unter Joachim's ruhiger Antwort wieder zu verſtummen. 61 „So iſt ſie doch wieder außer Gefahr? Komnſt Du nicht, um mich auf Schlimmeres vorzubereiten?“ fragte Joachim, als Paul genau bis zu dem Puncte gekommen, bei welchem auch unſere Mittheilung ſtehen geblieben war.— „Sie iſt gerettet, wenn die Thüre ihres Gefäng⸗ niſſes ſich nicht von Neuem hinter ihr ſchließt,“ ſagte Paul unruhig,„und an Dir iſt es nun, Onkel, dieſen Fall zu verhindern. Du mußt ſie zu Dir rufen, Du mußt die Scheidung von Adrian einleiten und mit dem Anwalt Dich verſtändigen, Du allein kannſt ihren vollſtändigen Untergang verhindern. Das Aufſehen wird geringer ſein, man wird es natürlich finden, daß ſie die Landluft genießt, um ſich wieder herzuſtellen, man wird ſich daran gewöhnen, ſie ge⸗ trennt von ihrem Manne zu wiſſen, man wird un⸗ merklich auf die Vermuthung kommen, daß ein Bruch ſtattgefunden und die endliche, förmlich ausgeſprochene Scheidung wird ein ſchon abgeſtumpftes, vorbereitetes Publicum finden. Einen bedentenden Halt gewinnt eine auf Scheidung dringende Frau durch die Beiſtimmung ihrer Familie; Deine Pflicht iſt es, ihr dieſe Handhabe zu bieten. „Um ihr behülflich zu ſein, dem Urtheil eines klatſchſüchtigen, ununterrichteten Publicums zu ent⸗ 62 gehen? Wie kommſt Du darauf, Paul?“ fragte Joa⸗ chim ernſt.— Hallbert blieb vor ihm ſtehen; er ſah verändert, faſt entſtellt aus. Die kräftige, männliche Farbe war der Bläſſe gewichen, die das rothe, finger⸗ breite Brandmal auf der Stirne nur um ſo ſtärker her⸗ vortreten ließ. Das war nicht die bleiche Farbe, die ein phyſiſches Uebel erzeugt, nicht die Bläſſe der Ermüdung oder des momentanen Schreckens: das war jener un⸗ heimliche, ergreifende Reflex des Leichentuches, unter welchem ſeine Liebe lebendig begraben werden ſollte.— Harte Linien begrenzten die feſtgeſchloſſenen Lippen, fieberhaft glänzten die unſtät blickenden Augen, die Hand der Leidenſchaft hatte ihm ihren kennbaren Stem⸗ pel aufgedrückt. Er mußte ſich beſinnen, ehe er Jvachims Frage recht faßte, dann zuckte er ungeduldig die Achſeln. „Meinſt Du, daß ich für mich das tadelnde Ur⸗ theil ſcheue,“ ſagte er verächtlich,„meinſt Du, daß ich eine Schmähung, eine Demüthigung, eine Verurtheilung nur hören oder beachten werde? Du irreſt. „Ihr will ich den entſcheidenden Schritt erleich⸗ tern, ihr ein paar Diſteln, ein paar ſcharfe Steine aus dem Wege räumen, vor denen ſie gewiß nicht flieht, die ſie aber fühlt. Zu überwinden bleibt ihr ſo e t 63 noch genug, mag ſie nun bei mir, oder bei Adrian ihr Heil ſuchen. „Du allein vermagſt Ihr das ſchicklichſte Aſyl für die nächſte Zeit zu bieten und deshalb verlange ich, daß Du ſie zu Dir rufſt. „Ich kenne die Anzeichen; in der Gefellſchaft wird ſie binnen kurzem geächtet ſein. Die Elite der angeſehe⸗ nen Familien wird ſich erinnern, daß es jedesmal Noth thut, dem beleidigten Anſtandsgefühle ein Opfer zu ſchlachten, daß ſie durch ihr Verfahren die ſtrengſte Miß⸗ billigung gegen die Moral der Zeit ausſprechen muß; daß ſie das ſchöne Recht nicht verjähren laſſen darf, durch Decimirung die Reihen der Empörer zu ſtrafen. Hunderte rebelliren ſtrafwürdiger gegen die gefellſchaft⸗ lichen Geſetze— Hunderte weren ſtraflos erklärt und ſogar protegirt, wenn ſie ſich durch brillante Feſte, die Aufweiſung eines alten, einſt geachteten Namens, oder weltlichen Einfluß loskaufen können, denn das Urtheil der Geſellſchaft iſt ſervil und beſtechlich. Aber eine muß als Sühnopfer fallen— ein Nacken muß die Ferſen der heuchleriſchen Richter auf ſich fühlen, eine Stirne muß das Brandmal der Verurtheilung tragen, gleichviel, ob die ſchuldigſte, oder unſchuldigſte— ſie iſt angeklagt — angeklagt vor dem Tribunal der öffentlichen Mei⸗ nung.— Barnabas, der Mörder, wird noch heute be⸗ 64 gnadigt, der Reine an das Kreuz geſchlagen.— Man hat gelauert, man hat ſpionirt, bis man nuſer Geheim⸗ niß errathen; man hat es an's Licht gezogen und benutzt nun geſtohlenen Beweis als Waffen gegen ſie. Dieſes beſtialiſche Vergnügen kommt den blutigen Orgien in der vömiſchen Arena gleich.“ „Du biſt bitter Paul, kamſt Du, um zu tadeln, was weder meine, noch Deine Kraft hindern kann?“ „Nein,“ ſagte Paul kurz, zich ſagte Dir ja ſchon: um Dich zu veranlaſſen, Regine zu Dir zu rufen.“ „Das kann ich nicht,“ antwortete Joachim.„Ich kann ihr ſchreiben, daß meine Thüre und meine ſor⸗ gende Liebe immer ihr offen iſt, daß ich mich nie von ihr abwenden werde, ob ſie verſchuldet, oder unver⸗ ſchuldet lebt und leidet, aber nicht mein Ausſpruch, nicht mein Zureden darf ihren Entſchluß leiten.“ „Sie iſt aber nicht zur Selbſtſtändigkeit erzogen,“ ſagte Paul heftig.„Als ſie zum erſten Male von derſel⸗ ben Gebrauch machen wollte, irrte ſie ab, indem ſie freiwillig und doch von allgemein herrſchenden Vorurthei⸗ len bezwungen, Adrian's Frau wurde. „Du haſt ihr zu viel, oder zu wenig Willen ge⸗ laſſen.“ „Die Beſchuldigung trifft mich nicht,“ ſagte Joa⸗ chim mit Ruhe,„ich gönnte ihr das Recht, ſich frei 65 und naturgemäß zu entwickeln. Die Winde ſucht überall Halt und Stütze, entziehſt Du ihr die eine, findet ſie eine Andere. Thorheit wäre der Verſuch, ſie zu einer geraden, ſäulenförmigen Haltung erziehen zu wollen. — So iſt Regine. „Nach den Mittheilungen, die ich ſoeben zum erſten Male über die weiter zurückliegenden, inneren Erlebniſſe und Wandlungen ihrer Jugend vernommen habe, er⸗ klärt ſich mir ihr Schickſal. „Sie glaubte ihr Herz, ihre Fähigkeit zu lieben, in einer frühzeitigen Neigung erloſchen, und wußte nicht, daß die Lebenskeime, deren Halme man abgemäht hat, ſich neu beleben, daß ſie neu treiben können. Wunderbar erhält die Natur die Lebensfähigkeit, ſelbſt in dem ſcheinbar Todten. Das Samenkorn, welches Jahrtau⸗ ſende im Sarge der Mumien trocknete, treibt neu, ſo⸗ bald es in entſprechendes Erdreich kommt,— Staubſa⸗ men, der lange ruhelos in der Luft treibt, wird leben⸗ dig, wenn Thau oder Regen ihn wieder zur Erde führt. Unwahrnehmbare Geſchöpfe—“ „Laſſen wir jetzt die Naturgeſetze aus dem Spiel,“ fiel Paul ein,„die Staatsgeſetze intereſſiren mich mehr. Glaubſt Du, daß eine Scheidungsklage erhoben werden kann? Daß ſie zu dem gewünſchten Reſultate führen wird?“ Kinder der Zeit. I. 5 66 „Ich glaube kaun Die Wechſelbarkeit der Neigung oder veränderte Anſprüche an das Leben reichen nicht hin, um Bande zu löſen, die im Jutereſſe des Staates ſo feſt und haltbar wie möglich gemacht worden ſind. Einen Scheidungsgrund geben Reibungen und Streitig⸗ teiten und eine illegitime Leidenſchaft nicht ab. Aus landesherrlicher Machtvollkommenheit vermag der Fürſt zu ſcheiden; er wird aber nur auf Adrian's Wunſch, dem er wohl will, Rückſicht nehmen. Willigt dieſer ein, ſo dürfte die Scheidung keinen weiteren Schwierigkeiten unterliegen. Wird aber Adrian ſeine Zuſtimmung geben?“ „Nein, nein,“ ſagte Paul mit Härte,„er wird nicht wollen; nur gezwungen wird er ſich ſein Opfer entreißen laſſen; er iſt ſo feig, ſo kleinlich. Er wird das Aufſehen fürchten, wird vor einem Worte des Tadels zittern, wird ſeine Bequemlichkeit ſich forterhalten wollen, wird ſelbſt religiöſe Bedenklichkeiten erheben. Ihm iſt die Ehe kein bürgerliches Inſtitut, ſondern ein von Gott eingeſetztes, unantaſtbares Bündniß. Das bürgerliche Geſetz hat für ihn nur inſoweit bindende Kraſt, als es ſich auf die Kirchenlehren ſtützt, und nach dieſen hält er die Scheidung für unerlanbt. Den Forderungen der Hu⸗ manität weiß er nicht Rechnung zu tragen, er meint das ſittliche Princip zu retten, wenn er veraltete Satzungen, t 8 ⸗ 67 die für den Culturzuſtand vergangener Völker feſtge⸗ ſtellt wurden, zur Geltung zu bringen ſucht.“ „Du ſprichſt für Dich und Deine Wünſche, Paul,“ erinnerte Joachim.„Die Sache hat aber zwei Seiten, und beide wollen geprüft ſein.“ „Ich ſpreche für ſie und mich, für unſere beider⸗ ſeitige Zukunft, die nur durch einen muthigen Eutſchluß gerettet werden kann.“ „Wenn Regine das fühlt, wird ſie auch allein zu einem entſcheidenden Schritte ſich entſchließen, zu dem, ich wiederhole es, ſie Niemand locken oder drängen darf. Im Momente der Aufregung vermag man ſie vielleicht bis zu einem gewaltſamen Entſchluß zu ſteigern, aber die Reaction des erſchlaffenden Willens würde üble Früchte tragen. Die Kriſis iſt ernſt, Alles ſteht auf dem Spiel; um ſo gewiſſenhafter müſſen wir jeden über⸗ eilten Schritt vermeiden.“ „Alles iſt erwogen,“ antwortete Paul.„Alles habe ich mir vorher geſagt. Glaubſt Du ich hätte mir die Folgen zu verheimlichen geſucht, die ſich einer Trennung unabwendbar anſchließen? Auch ich habe die Kehrſeite gar ſcharf in's Auge gefaßt. Ich weiß ja nur zu gut, wie ſchwer es ihr werden wird, zu Adrian zu treten und zu ſagen: laß mich ziehen, es ſei keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen uns! Mein„Ja“ am Altare iſt aus⸗ 5* geloſcht, ich habe anders entſchieden und kündige hiermit mein Wort. Ich fühle noch, wie ſie zurückweichen muß vor den forſchenden Fragen der Gerichte, vor Bekennt⸗ niſſen, die das Zartgefühl ſcheuet, wie ſie durch Wider⸗ ſpruch und Hinderniſſe nicht die Stahlkraft des Willens erwerben kann, wie der gröber organiſirte Mann, ſon⸗ dern tiefe Verletzung und ein getrübtes Gemüth davon⸗ tragen wird. Ich weiß ſehr wohl,“ brach Paul in tiefer Erregung aus,„daß ſie Spießruthen bis in meine Arme laufen muß, und daß es keinen andern Weg für ſie gibt, das iſt es, was mich faſt von Sinnen bringt.“ Joachim reichte ihm ſtumm die Hand, er konnte ihm nicht den verlangten Brief, der Reginen zu ſich rufen ſollte, mitgeben, ſeine Grundſätze litten keine directe Einmiſchung in ſo vieldeutige Verhältniſſe. „Wo iſt Zrene?“ fragte Paul, ſich erſt im Auf⸗ brechen ſeiner ſonſt ſo bevorzugten Couſine erinnernd. oachim ſchüttelte den Kopf.„Im Parke, glaube ich. Auch ſie wird mir unklar, und manchmal fürchte ich zu ſcheitern mit meinem Bildungsplan. Anfangs ſtudirte ſie mit Freude und Eifer, jetzt ſcheint ſie plötzlich gleich⸗ giltig und unſtrebſam geworden. Tagelang ſehe ich ſie nicht bei ihren Arbeiten, und wenn ſie dann einmal kommt, ſucht ſie eine ſpielende, einſeitige Deutung in die Erſcheinungen, die ſie gerne aus dem Zuſammen⸗ tal 69 hange reißt, zu legen. Vielleicht findet ſie ſich nach kur⸗ zem Abſchweifen wieder; Wankelmuth war ſonſt nicht ihr Fehler.“ „Adieu, Onkel,“ ſagte Paul, der nur zerſtreut gehört hatte;„nur noch zwei Worte zu Jrene, dann ſitze ich wieder auf.“ „Auf ein beſſeres Wiederſehen,“ ſagte Joachim, ihn bis zur Thüre begleitend. Beide ſchüttelten ſich ſtumm die Hand; dann war Joachim wieder mit ſeinen Chlindern und Inſtrumenten allein. Paul trat eilig in den Park, um Jrenen guten Tag und Adieu zu ſagen, mußte ſie aber einige Zeit vergeblich ſuchen. Chaſſeur, der ihre Spur wohl gefun⸗ den haben würde, war durch einen ausführlichen Kalbs⸗ tnochen von Martha in die Küche gelockt worden, um ihr, nach befriedigtem Appetit, Dienſt bei einer Mauſe⸗ jagd zu leiſten, und oblag beiden Geſchäften mit dem rühmlichſten Eifer. Paul ſchritt indeſſen die bemoosten Stufen der Terraſſe hinab zu dem ſchmalen Wege, der zu den Fel⸗ ſenpartien führte, die aus dem friſchgrünen Raſen her⸗ vorſteigend, mit Birken und Fichten gekrönt, ſich nach dem Rennbach hinabzogen. Von hier aus überſah man den tiefer liegenden Theil der Anlagen, ſo weit die 70 Baum⸗ und Strauchpyramiden und Wände dem Auge ſich nicht entgegen warfen. Sein erſter Blick traf Irene, die auf einem Steinwürfel, der früher als Sonnenuhr gedient hatte, ſaß, und ein vertrautes Geſpräch mit einem ſchlanken Manne, deſſen Geſicht Paul nicht ſehen konnte, führte. Sie ſchien ihm verändert; war es die unſcheinbare Farbe ihres Kleides, die er an ihr nicht gewohnt war, oder die traumhafte Ruhe, die über ihre Erſcheinung ausgegoſſen ſchien, oder ſah er ſie mit anderen, fremderen Augen, genug, es dünkte ihm, als ſei die bewegte Oberfläche ſtill und glatt geworden, als triebe der Geiſt nicht mehr ſo ungeſtüm ſein Leben nach Außen. Paul konnte das Geſpräch nicht hören, doch ent⸗ ging ihm keine Bewegung des Fremden; ein Buch lag ſeitwärts im Gras, eine angefangene Stickerei in ihrem Schooß. Sie hörte mit geſenkter Stirne auf unhörbare Laute und Worte. Ueber ihrem Kopfe blühte eine wilde Spätroſe. Die vom Sonnenſtrahl ermatteten Kelchblät⸗ ter konnten die aufgebrochene Blütenkrone nicht mehr halten— ein leiſer Windzug und ſie löste ſich los und ſenkten ſich taumelnd herab. Einige ſchaukelten ſich, wie kleine, roſige Kähne, auf den ſchwarzen Wellen ihres Haares. Sie ſchüttelte den Kopf, aber die Hand des 71 Fremden kam ihren Bemühungen zuvor und löste die vorlorenen Blätter aus ihren Flechten. Jetzt regte ſich das Leben wieder ſichtbarer in ihr, ſie ſprach eine Minute eifrig und zeigte auf den Bach. Der Herr bog ſich herab und brach eine einfache Nachtviole; ſie hatte ſchon ein Klettenblatt zu einem Floß geſtaltet und eilte nun dem Waſſer zu. Die Viole und eine von ihr gepflückte Feldnelke wurden eingeſchifft, und der kleine Kahn vorſichtig den Wellen übergeben. Geſpannt ſahen ſie nach; da wurde das Schickſals⸗ ſchiffchen von einem Strudel gefaßt, es ſchlug um, die Viole trieb an das Ufer unter Stroh und faules Laub, während die Nelke auf dem Silberkamm der blinkenden Wellchen fortgetragen wurde Irene hatte die Hand über die Augen gelegt, ihr Begleiter bog ſich herab und ſchien ihr zuzureden. Sie ſchüttelte aber den Kopf, und als ſie endlich ihr Geſicht wieder frei ließ, glaubte Paul zu bemerken, daß ſie bleicher geworden ſei. In dieſem Augenblicke hörte Paul Chaſſeur den Weg herabjagen, und ehe er Zeit hatte ihm zuzurufen oder hervorzutreten, war das ſchöne Thier ſchon unten bei Irenen, ſprang an dem erſtaunten Mädchen in die Höhe, und ließ im kurzen, bellenden Jodeln die Frende des Erkennens aus. Nun wendete ſich, wie zur Abwehr des ungeſtümen Thieres, das zärtlich geliebkoſt wurde, 72 der Fremde um und zeigte Paul ein Geſicht, welches dieſem einen Ausruf des Zornes und der Drohung über die Lippen trieb. Ohne ſich länger auf Beob⸗ achtung zu beſchränken, ging er raſchen Schrittes auf ſeine Couſine zu. „Paul!“ rief dieſe, ſobald ſie ſeiner anſichtig wurde, aber der Kinderton der unbefangenen Freude klang nicht mehr durch ihre Stimme. Eine momentane Furcht, er möge ſein altes vertrauliches Recht zur Unzeit jetzt gel⸗ tend machen, ließ die freudige Ueberraſchung nicht in gewohnter, ſtürmiſcher Weiſe durchbrechen. Als ſie ihn aber ſo verändert, ſo ſchmerzlich ernſt ſah, überwand die alte Zuneigung ihre Bedenklichkeiten. Sie reichte ihm die Hand, und ſagte weich und herzlich: „Sei willkommen, ſehr willkommen, mein Paul!“ Sie drehte ſich dann an ſeiner Hand, um zur Präſen⸗ tation der beiden Herren zu ſchreiten, aber ein einziger Blick ſagte ihr, daß ſie damit zu ſpät komme. „Herr von Wartberg?“ ſagte Paul mit einer Be⸗ tonung, die Rene zugleich verlegen und unwillig machte, indem er ihre widerſtrebende Hand in ſeinen Arm legte und feſt hielt. Gregor grüßte leicht aber ſtumm, und wendete ſich zum Gehen.„Ich will nicht ſtören,“ ſagte er entſchuldi⸗ gend zu Irenen, die ihn fragend anſah. 73 „Du mußt ihn Herr von Barthelmy nennen,“ ſagte ſie belehrend zu Paul,„unter dem Namen iſt er mit einer Sendung des Fürſten an den Prinzen betraut.“ „Und unter welchem Namen kennſt und nennſt Du ihn?“ fragte Paul, ſie nach der entgegengeſetzten Rich⸗ tung hinführend, welche Gregor eingeſchlagen hatte. „Der Name gilt mir gleich, es kommt nicht darauf an wie ich einen Menſchen nenne, ſondern darauf, was er mir iſt.“ Paul konnte ſeine geheime Unruhe kaum unter⸗ drücken; er fand den Muth nicht zu der letzten Frage: „Und was iſt er Dir?“ Er hörte ſchon im Geiſt das Bekenntniß:„Alles.“ Sein Mitleid bat für ſie, ſein Auge ſank noch einmal in die ungetrübten, vertrauenden Züge; aber er wandte den Blick von dem entwaffnenden Bilde ab. „Du haſt ziemlich Recht,“ ſagte er faſt hart,„es kommt nicht darauf an wie ſich ein Menſch nennt, ſon⸗ dern was er iſt. Dieſer Menſch, Irene, dieſer Herr von Wartberg und Barthelmy iſt der ehemalige Verlobte Deiner Schweſter Regine, ein Mann ohne Treue und Ehre, ein gemeiner Lügner und Egoiſt, der Unglück über Unglück über ſie gebracht hat, der mit ihrem Herzen geſpielt, bis das Spiel ihn ermüdet, der kein anderes Ziel kennt als das, welches ihm ſeine Selbſtſucht ſteckt, 74 der das Glück und die Ruhe Anderer mit Füßen tritt, um ſeine Eitelkeit und ſeine Laune zu befriedigen.“ Irene riß ſich los und trat zurück; ihr Geſicht glühte, in ihrem Ange ſprühte heißer Zorn. „Biſt Du bei Sinnen, Paul, weißt Du, welchen Glauben Anklagen verdienen, bei denen der Beſchuldigte nicht gegenwärtig iſt? „Er ein Betrüger, er ein Mann ohne Ehre und Mitleid! „Er, welchen die Schmerzen Anderer welk und matt gemacht haben; er, der wahr gegen ſich ſelbſt und Andere iſt, auf die Gefahr hin, ſich ſelbſt zu verdächti⸗ gen, wenn man ihn mißverſtehen könnte? „Nein, Paul, Du haſt Dich übereilt, geirrt, er iſt's nicht, den Du gemeint.“— „Er iſt's,“ ſagte Paul entſchloſſen,„frage Deine Schweſter, frage ſie, wie grauſam er in ihr Leben eingegriffen, wie ſie ihn geliebt und wie er ihr dafür gedankt hat.“ „Aber Regine iſt ja verheiratet,“ fragte Irene, — jetzt bleich, wie der Tod—„wie iſt denn das?“ „Ja freilich, iſt ſie verheiratet,“ ſagte Paul mit ſcharfem Spott.„Seine Mutter fürchtete, nachdem es ihr gelungen, das Verhältniß ihres Sohnes mit Dei⸗ ner Schweſter zu löſen, daß die alte Neigung doch ——— — 75 ſpäter noch einmal erwachen und ſich geltend machen möchte; vielleicht gedachte ſie auch ihr Gewiſſen zu erleichtern, in dem ſie Deiner unbemittelten Schweſter zu einer anſtändigen Partie Gelegenheit bot. Sie gewann Adrian als Stellvertreter ihres koſtbaren Sohnes, und Deine Schweſter wurde unſchädlich in dem Moment, als ſie ſich zu Adrian's Braut erklärte. Regine— doch das gehörte nicht hierher. Als ihm die einſtige Geliebte als Braut entgegentritt, beglückwünſcht er mit beißen⸗ dem Spott die Wechſelfälle des Lebens.— Das iſt ein Bild aus ſeiner Vergangenheit;— alle Anderen glei⸗ chen dieſem Einen; es iſt nicht ein einzelner bereuter Irrthum, es iſt eine Blüthe, wie ſie der ganze Cha⸗ racter in reicher Flora trägt.“ „Ich will nichts weiter hören,“ fagte Irene be⸗ bend,„ſei ſtill.“— „Siehſt Du, mein Kind,“ antwortete er mild, „Du fürchteſt Dich, beſtätigt zu hören, was gewaltſam zurückgedrängt, ſchon in Dir lag. Du weißt, daß Deine Blindheit Dir genommen werden kann, Du biſt nicht ſicher.“ 5 „Oh, einen ſolchen Mann, wie Du ihn ſchil⸗ derſt, würde man nicht zum Vertreter der Intereſſen des fürſtlichen Hanſes gewählt haben,“ ſagte Irene nach den Strohhalm greifend. 76 Paul läch elte überlegen. „Die Menſchen nach ihren Fähigkeiten herauszu⸗ greifen und zu benutzen iſt Aufgabe des Steuermannes am Staatsſchiff. Die geiſtige Beſchaffenheit wird ſtrenge von der ſittlichen getrennt; die Miſchung Beider macht oft zu den ſchwierigſten Aufgaben geſchickt. Der jeſuiti⸗ ſche Grundſatz: der Zweck heiligt die Mittel, zählt auch bei uns noch eifrige Bekenner. Man ſucht die paſſenden Subjecte heraus, um ſie am paſſenden Orte ihre Kräfte ertfalten zu laſſen;— durch zweideutige Charactere befördert man zweideutige Zwecke. Ich weiß, daß ſich in den Kreiſen der Reſidenz kein Tadel gegen ihn erhe⸗ ben wird, geſetzt auch, ſeine Bekenntniſſe verſchafften Einſicht in ſeinen Charakter. Ich fordere jedoch, daß Du ihn nach andern Grundſätzen richteſt, daß Du mit ernſteren Augen ſeine Vergangenheit betrachteſt. Viele werden Gründe finden, ihn zu entſchuldigen. Man findet ſolche für jedes Unrecht, wenn man danach ſucht. „Jeder Schurke hat ſicher einen Grund, der ihn vor ſich ſelbſt und Andern entſühnen ſoll. Was hat er denn Entſetzliches gethan? wird gar Mancher ſagen. „Eine Liaiſon, die ſich wegen ungleicher Verhält⸗ niſſe doch nicht feſter geſtalten konnte, abgebrochen. An⸗ dere Verbindnungen angeknüpft, um ſie nach Willkür ln⸗ kür ein Ende finden zu laſſen, das Leben ein wenig wild genoſſen, die Geheimniſſe des grünen Tiſches vielleicht all zu eifrig ſtudirt, ſich zum Greis in der Ingend ge⸗ lebt und ſich zum Ausnahmemenſchengeträumt!— Was täglich, ſtündlich paſſirt, ſollte das plötzlich eine naive Entrüſtung hervorrufen. Beſſer man findet ſich in die gegebenen Zuſtände, man benutzt den flimmernden Schliff, um Unabändertiches darunter zu begraben. „Kein Weib aus dieſer Sphäre, und wäre es das reinſte, gerechteſte, wird die Hand eines ſolchen Man⸗ nes verſchmähen; denn ſeine thörichten und ſtrafbaren Handlungen genießen leider das Privilegium der Dul⸗ dung. Man vergißt ſie, oder man rächt ſich nicht im gleichen Sinne. „Wenn nur der Eklat vermieden wird, wenn es nur möglich iſt, den Schein der Unwiſſenheit oder des guten Gewiſſens zu bewahren, ſo ſind alle Verpflichtun⸗ gen erfüllt. „So können die urtheilen, die nie tiefer blicken; — ich kann es nicht. Mich faßt Zorn und Eckel, wenn ich ſehe, wie die reinſten Herzen den Entweihteſten ſich öffnen und vergiftet von dem phyſiſchen und morali⸗ ſchen Siechthum verkommen⸗ „Ich habe auf der Anatomie, im Hörſaal, im Lazareth und im Boudoir der Nobleſſe anders denken 78 lernen von dieſen zarten flüchtigen Verhältniſſen, die mit lächelndem Munde ſo oft genannt werden. Von dem Mädchen an, das aus Verzweiflung über die Un⸗ treue des Geliebten ſich ſelbſt den Tod gab und ihren entſeelten Leichnam unter das Meſſer des Anatomen geliefert hat, der, umgeben von der halben akademi⸗ ſchen Jugend, den wunderbaren Bau des Körpers er⸗ klärt, bis zu der gefeierteſten Dame des Salons, die, — unter Juwelen, Sammt und Spitzen ein Bild des Jammers,— die Hilfe des Arztes verlangt, ſchlingt ſich ein einigendes Band. Als Krankheit offenbart ſich endlich eine tödtliche Enttäuſchung, ein nagender Schmerz, eine verheimlichte Wunde; ein gänzlich un⸗ terwühlter Organismus verräth uns oft zu ſpät ein pſychiſches, unüberwindbares Leiden. Beide Geſchlech⸗ ter leiden unter den gegenwärtigen Zuſtänden, am härteſten jedoch die Frauen. Ein Theil derſelben ſucht, im Ringen nach Freiheit und im Mißbrauch der⸗ ſelben, die Zügelloſigkeit der Männer zu erreichen, und während Andere, in jener trüben Reſignation, die das thatloſe Verzagen des verwaiſten Herzens weckt, nur zwiſchen Gräbern leben, wird der Reſt im trägen Vege⸗ tiren die Befriedigung grober, materieller Bedürfniſſe als höſten Lebenszweck anerkennend, dem Manne durch Theilnahmloſigkeit und Unverſtändniß zur Laſt und Folter. 1. ⸗ m r= d 8 E= 9 „Solche Frauen aber ſind die Mütter kommen⸗ der Generationen, und an der Zukunft ſündiget, wer die Blüthe des Baumes im Frühling ſtört.— „Soll ich auf ihn zurückkommen, ſoll ich Dich an die Quelle ſeiner bleichen Skepſis, ſeines lebensmüden Spottes führen? Soll ich Dir ſagen, daß ihn nur deshalb das Leben aneckelt, weil er es zu maaßlos ge⸗ noſſen, daß er nur deshalb am progreſſiven Lauf der Geſchichte zweifelt, weil er ſchon in jungen Jahren die Kraft zur Weiterentwickelung verloren, daß er nur darum überall Widerſpruch und Elend ſieht, weil das Mißverhältniß zwiſchen ſeiner Phantaſie und ſeinem Character, zwiſchen ſeinem Wollen und Können ſich auch anf ſeine Anſchauungen und ſein Urtheil über⸗ trägt, daß er nur darum die ſtrenge Geſetzmäßigkeit aller Erſcheinungen verdächtigt, weil er ſelbſt kein Ge⸗ ſetz zu halten vermag? „Er träumt heiß und fühlt kalt, daher das Meteor⸗ gleiche ſeiner Geſinnung. Der Schwerpunkt lebhaft em⸗ pfundener Prinzipien fehlt ihm, daher ſein haltloſes Um⸗ treiben, ſeine Fähigkeit, jeden Standpunkt auf kurze Zeit zu halten und zu vertheidigen. Er plünderte das Leben und ſteht ſchon in der Blüte deſſelden ſelbſt ge⸗ plündert und ohnmächtig da. 80 „Das iſt der Mann, Irene, den Du vertheidi⸗ gen möchteſt, ſtatt daß Du ihn verachten ſollteſt.“ Ganz leiſe mahnend, hatte das ſchon lange in Irenen geklungen, war aber, durch ihre ſtarke Liebe gedämpft, nie zur lauten Frage geworden. Jetzt ſchlug jedes Wort Paul's wie ein metallener Hammer, an ihr Gerechtigkeitsgefühl, das einen ſo mächtigen Wider⸗ hall gab, daß der Grund ihres Herzens erbebte und ein ſtürmender Hilferuf ſich demſelben zu entreißen drohte. „Verachten?“ wiederholte ſie leiſe,„kennſt Du auch den Sinn dieſes ſchweren Gebotes? Weißt Du auch, daß Du das Opfer des eigenen Friedens damit verlangſt? „Verachten!— Die ernſte Kunſt habe ich noch nicht gelernt. Soll ich mit ihm beginnen, an ihm die Probe beſtehen? „Nein, nein. Ich habe Dich gehört,— ich will auch ihn hören. Ich will die Vertheidigung zulaſſen, da ich die Klage zugelaſſen habe. „Kann nicht vielleicht ein Mißverſtändniß ob⸗ walten, kann nicht ſein Kleinmuth aus dem Verluſte von Reginen's Liebe hervorgegangen ſein? Sind alle Menſchen verächtlich, die vom geraden Wege abwei⸗ chen und nun unglücklich ſind?“ b⸗ te lle ei⸗ 94 „Ja, ja,“ ſagte Paul,„was Ihr Frauen ein⸗ mal ſeid, das ſeid Ihr recht,— ſo auch blind ver⸗ trauend. „Schäme Dich nur feiner, armes Kind, weine Dich nur ſatt über ſein Vergehen, rühme nur das zufällige, große Wort, das in einem Angenblicke eitler Selbſtver⸗ herrlichung ſeinen Lippen entglitt. „Ich konnte Dir ihn nur zeigen, wie er iſt,— nur warnen. Hätte ich ſeine Gegenwart hier geahnt, es wäre früher und mit mehr Erfolg geſchehen. Ich kehre zurück; haſt Du kein Wort für Deine Schweſter?“ „Jetzt nicht,“ ſagte Irene;„nächſtens, ein ande⸗ res Mal; ich denke jetzt nicht an ſie, wie ich ſollte.“— Paul reichte ihr die Hand, die ſie langſam er griff; ihn ängſtigte ihre Ruhe, er hätte ſie lieber weinend, heftig, oder ſcheltend geſehen. Aber ihre Hand zitterte nicht einmal.„In ſo üb ler Sendung biſt Du noch nicht bei mir geweſen,“ ſagte ſie, ihn mit den großen, tief ernſten Augen anſehend. „Du hätteſt mir nicht weher thun können, ſelbſt wenn Du ihn vor meinem Angeſicht getödtet hätteſt,— nicht halb ſo weh. Wie konuteſt Du es über's Herz bringen?“ „Ich konnte es,“ fagte Paul ergriffen,„wie ich Höllenſtein auf die Wunde legen kann, die nicht heilen Kinder der Zeit. IM. 6 82 will, wie ich Gift dem Kranken geben kann, der im Fieber raſ't;— ich bin ja Arzt.“ „Du kommſt zu früh! Es war ja ſpäter immer Zeit! Hätteſt Du mir nicht noch einen Tag, nur noch eine ruhige Nacht gönnen können?“ Paul wendete ſich ab.„Leb' wohl, Irene,“ ſagte er gepreßt,„Du verzeiheſt mir das Böſe, welches ich Dir in beſter Abſicht zugefügt habe?“ „Du thateſt Deine Pflicht, Deine ſchwere Pflicht,“ ſagte ſie einfach,„lebe wohl!“ Sie traten ſtumm zuſammen in den Schloßhof. Nach alter lieber Gewohnheit flog ihr Auge hinauf nach ſeinem Fenſter, es war leer.— Gregor hatte ſich eine Privataudienz bei dem Prinzen erbeten. „Was willſt Du thun?“ fragte Paul, da ſich ihre Wege trennten. „Ich will ihm alles ſagen und ihn um Wahrheit bitten,“ ſagte ſie entſchloſſen.— „Und willſt ihm mehr glauben, als Reginen und mir?“ „Mir ſelbſt will ich glauben, meinem Herzen und meinem Gewiſſen;— es wird nicht irre gehen,“— ſagte ſie traurig. 83 Und ſie verſchwand in den Gallerien des alten Gebändes. Hinter die dicken Steinmauern mußte ſie flüchten; die den Schall zu dämpfen vermochten, ſie dämpften vielleicht auch das ſchmerzliche Klopfen ihres Herzens, ſie warfen ſich vielleicht, als Wall, dem lawinenartig anſchwellenden Gedanken entgegen:„Es iſt vorbei!“ Ja, es war vorbei, mußte vorbei ſein. Die fei⸗ nen Fäden ihres Vertrauens, vom Gewicht centner⸗ ſchwerer Anklage belaſtet, waren geriſſen.— Bei ihm iſt nicht ihres Bleibens mehr.— Wie ein armer, kleiner Vogel wird ſie wieder hin⸗ ausgetrieben in die kühle, leere Himmelsluft.— Aber ſie kann nicht mehr fliegen, die leichten Schwingen ſind ihr gebrochen; ſie beneidet die Schwalbe, die ſich ſchon zur Reiſe rüſtet, die, wenn ſie ermüdet, ſchlafen gehen kann in den Wellen des Oceans mit allem ihrem Wan⸗ dertrieb, der ſie zur Flucht treibt vor dem kalten Nord.— Wohin rettet ſie ſich vor der tödtlichen Kälte, die ſie beſchleicht? Wer verſcheucht ihr das abſchreckende Zerrbild, zu dem Paul ihr Ideal umgewandelt hat, wer richtet den Glauben in ihr auf, daß der Riß wohl auszufüllen ſei, wenn ſie ihre ganze Liebe hineinwer⸗ 84 fen wollte? Wer gibt ihr den Muth, den Tempel ihres Glückes neu zu erbauen; da der Boden unter ihr wankt und Alles in Trümmern liegt, was ſich einſt ſtolz und verheißend erhoben?— „Sie ſteht allein, allein unter Schutt und Ruinen, die Abendſonne ſcheint noch hell durch die bunten Fen⸗ ſterſcheiben, um ſie um ſo herber an das zu erinnern, was verloren und zerſchmettert jetzt vor ihr liegt. Sie muß den Staub von ihren Sohlen ſchüt⸗ teln, ſie muß weiter;— aber ihr Wille verzagt. Wie arm, wie beſcheiden waren ihre Wünſche geworden! Noch geſtern hatte ſie ſeine Liebe für die Ewigkeit verlangt, jetzt hatte ſie nur noch die bettel⸗ arme Bitte, ihn entſchuldigen, ſeine entſtellendſten Makel verhüllten zu können. Ohne Ruhe zu finden ſchritt ſie auf und ab auf dem braunen Getäfel, auf welchem ſchon mancher Fuß ſeine Sicherheit errungen und wieder verloren hatte, und ebenſo raſtlos gingen ihre Gedanken von der Ver⸗ urtheilung zum Zweifel und von dieſem zur Sühne über. Die Thüre blieb verriegelt; ihre Entſchuldigung für den Abend war gemacht, ſie uhßte allein ſein. Jede Frage, jedes Wort konnte die Veranlaſſung — / S„ 1 8 e— — 3 t W — — ſein, welche den Aufſchrei der Verzweiflung ihrem ge⸗ preßten Herzen entwand. Ein unheimlicher Zwieſpalt klaffte in ihr. Ein Kampf zweier mächtiger Gewalten wurde aus gefochten. Geübt von Jugend auf in der Erkenntniß eines ſtrengen Rechts, einer ſtarken, unbiegſamen Moral, mußte ſie tiefer unter der enthüllten Unwür⸗ digkeit einer geliebten Perſon leiden, als tauſend An⸗ dere bei ſeichteren Grundſätzen, denen eine bequeme Sophiſtik leicht über dergleichen Entdeckungen hinweg⸗ hilft. Sie hatte mit ſicherem Blicke gut von bös zu unterſcheiden gelernt und war nicht geübt in dem Spiele, durch eine glänzende, trügeriſche Dialektik die weſentlichen Merkmale beider Begriffe auszulöſchen. Sie richtete nach ihrem Gewiſſen und wenn ſie jetzt nach dieſem richten wollte, ſo war es um ihn ge⸗ ſchehen. Aber gegen dieſe Entſcheidung zog ihre ganze Liebe herauf, alle ſeine Worte, alle ſeine Blicke wur⸗ den lebendig in ihr, als müßten ſie kämpfen gegen Phantome der Nacht; ſie hörte ſeine traurige, gedämpfte Stimme; ſie vernahm die heiße Mahnung, die er in entſcheidender Stunde an ſie richten würde; ſie empfand das Auffluthen der Neigung in ſich, wie die Waſſer⸗ blume das Steigen der Welle fühlt, die ſie trägt, und 86 tauſend Stimmen riefen ihr zu:„Ergieb Dich, Du kannſt nicht Richter ſein über ihn!“ Ihre Gedanken verloren nach und nach die Schärfe, ihr Urtheil wurde trüber. Ein ſcharfer Zahn nagte an ihrem Gehirne, Nebelſchleier legten ſich vor ihr Auge. Sie fror; es überrieſelte ſie kalt wie Thau, ſie erinnerte ſich in jähem Uebergange des Verwit⸗ terungsproceſſes, dem Alles unterworfen iſt, und es war ihr, als unterliege ihr Herz jetzt auch den tauſend unſichtbaren Feilen, die nur zerſetzen, nur trennen, nicht verbinden können. Das war eine traurige Nacht. Endlich kam der Morgen; die Schatten zerrannen, die Sonne brach durch die Nebel und legte das Erröthen der Freude auf die Neuermachte. Die Thauperlen rundeten ſich an den Lanzenſchaften der Gräſer, in den tiefen Kelchen der ſpätſommerlichen Blumen, die Drachenteiche ſpie⸗ gelten blitzend die Morgenwölkchen ab, die Sägemühlen knarrten, der Weiler ſendete ſeine Rauchgarben in die herbe Morgenluft. Martha's Reiſerbeſen ſchwirrte über den Steinboden, ihr Feuer entzündete ſich praſſelnd in der Küche, das Porzellanſervice des Prinzen wurde klirrend nach ſeinem Zimmer getragen. —„——„— 87 Alles ging ſeinen gewöhnlichen Gang;— nur Frene war aus ihrem Geleiſe geſchleudert, nur ſie war heimatslos bei ſich und ihm, nur für ſie wollte es, trotz Sonnenſtrahlen und Himmelsbläue nicht Morgen werden.— 6. Die zahlreichen Feinde, die ſich Adrian durch Schroffheit, Unduldſamkeit, vielleicht auch durch ſeine ſchnelle Carriere zugezogen hatte, begnügten ſich nicht, ihm ſeine amtliche Stellung zu erſchweren, ſie ſuchten auch ſein häusliches Leben zu unterwühlen und Unkraut in dasſelbe zu ſäen, damit er Unkraut ernte. Einige Tage nach Reginen's Erkrankung finden wir ihn in ſeinem Arbeitszimmer; die Papiere ſind un⸗ achtſam zurückgeſchoben, die Pfeife liegt zerbrochen am Boden, ſeine zitternde Hand hält einen anonymen Brief— 1. Epiſtel Paulus an Timotheus: „So Jemand ein Viſchofsamt begehrt, der begehrt ein köſtlich Werk. Es ſoll ein Biſchof unſträflich ſein, gelinde, nicht haderhaftig, der ſeinem eigenen Hanſe wohl vorſtehe. So Jemand ſeinem eigenen Hauſe nich weiß vorzuſtehen, wie wird er die Gemeinde Gottes 6 ſorgen? Desgl eichen ihre Weiber ſollen e ſein. Du hoher Prieſter in Israel duldeſt in Deinem Hauſe die Miſſethat, um welche Du Andere verfolgſt?“ Die Handſchrift war offenbar verſtellt, die zwei letzten Sätze doppelt unterſtrichen, das Couvert trug den Stempel der Stadtpoſt, auf dem Siegel fehlte jedes Zeichen. Der Pfeil hatte getroffen; das Gift, in das er ge taucht war, kochte ſchon in Adrian's Adern. Das war eine doppelte Anklage, gegen ſie und ihn; auf was konnte ſie ſich ſtützen? Hatte fie über ihr Verhältniß zu ihm geklagt die geheimſten, häuslichen Scenen der effentlichkeit übergeben? Deuteten die Anſpielungen auf eheliche Mißverſtändniſſe und Reibungen? Nein, nein, dahinter lag mehr,— vielleicht ein ſchweres Geheimniß, vielleicht die verborgene Urſache jener Angriffe und Sitietei die er in letzter Zeit ſo oft zu erleiden gehabt hatte. Negine mußte etwas ver ſchuldet haben, denn tzte wurde auf zweidentige Weiſe Erwähnnng gethan. Sie, immer ſie! Aber was konnte es ſein? Er mußte ſich Auskunft verſchaffen. Er eilte in ihr Zimmer und ſah ſich in demſelben 90 um. Alles ſtand noch, wie ſie es vor wenigen Tagen verlaſſen hatte. Der Rahmen mit der halbvollendeten Arbeit, das Clavier mit den aufgelegten Noten, auf den ſchwarzen Obertaſten einen feinen Staubüberzug zeigend, die Blu⸗ men jetzt etwas welk und halb verblüht ohne ihren ſorg⸗ fältigen Beiſtand, die Feder, in welcher die Tinte ver⸗ trocknete, mit welcher ſie den verhängnißvollen Brief ge⸗ ſchrieben. Oh, der Brief! An wen konnte er gerichtet ſein, was konnte er enthalten haben, das ihm um jeden Preis verborgen bleiben ſollte? 1 Haſtig zog er an den Fächern des Schreibtiſches, ſie waren verſchloſſen; aber das konnte ihn nicht ent⸗ muthigen. Er hatte ein Recht auf ihr Eigenthum. Er verſuchte mehrere Schlüſſel; einer derſelben öffnete ihm endlich die Fächer. Halb unleſerlich geſchriebene Wirthſchaftsnotizen fielen ihm entgegen, um verächtlich bei Seite geſchoben zu werden, Briefcouverte, quittirte Rechnungen, dann ein kleines Portemonnaie mit neuer Münze, ein Band, das ſie ſchon lange nicht mehr trug. Er hielt ſich bei dieſem unbedeutenden Funde nicht auf, er ſuchte weiter. Er kannte das doppelte Fachwerk der modernen Schreibtiſche, und ließ die Federn desſelben ſpringen. 91 Ein unangenehmer trockener Hauch wehte ihm ent⸗ gegen, wie altes Papier und vergilbte Tinte wohl aus⸗ ſtrömen. Irenen's Briefe fielen ihm zuerſt in die Hände; er kannte ſie alle und ſah ſie nur flüchtig durch, dann kamen weiche Seidenpapiere, in welchen aufbewahrte Blumen wohl ſchon ſeit Jahren zu Staube wurden; dann kurze Gedichte, die ein Echo Heine'ſcher Lieder zu ſein ſchienen, und von unbekannter, flüchtiger Männer⸗ hand geſchrieben waren. Sie hatten keine Unterſchrift, aber Datum und Jahreszahl denteten auf eine längſt vergangene Zeit zurück. Adrian ſchob die lyriſchen Ergüſſe bei Seite, die in denſelben gemiſchten bitteren und ſüßen Gefühle mach⸗ ten ihn mehr ungeduldig als mißtrauiſch; inſtinktartig errieth er, daß dieſe Documente kein Licht für die Ge⸗ genwart zu geben vermochten. Er ſuchte weiter, fand jedoch nichts mehr. Unbefriedigt wollte er die Fächer zuſchieben, da drängte ſich ein aufgewühlter Handſchuh dazwiſchen. Er nahm ihn heraus, mehr um ihn als das Hinderniß zu entfernen, als näher zu betrachten; da entwickelte ſich ein eigenthümlich ſtechender Geruch aus dem Leder. Es war ein gelber Herrenhandſchuh, zur Hälfte ver⸗ brannt. Zetzt wurde es hell, blendend hell vor ihm. Er erinnerte ſich jenes Brandes im Lazareth, der Aufregung, in welcher er nach demſelben Regine ge⸗ troffen, der wiederholten Beſuche, die Paul in ſeinem Hauſe gemacht, ſeiner Gegenwart bei Luitgard, als Regine erkrankt war. Taufend kleine, beſtätigende Er⸗ eigniſſe vergrößerten ſich unter ſeiner Erinnerung;— tauſend ſcherzende Anſpielungen, die er in Geſellſchaft gehört, bezog er auf dieſes Verhältniß. Es war nur zu gewiß: Regine ſtand in unerlaubten Verhältniſſen zu ihrem Vetter, die Menſchen wußten es, und tadelten und bedauerten ihn! In dieſem Augenblicke litt Adrian ſchwer. Seine Eitelkeit war tödtlich verletzt, ſeine Kurzſichtigkeit be⸗ ſchämte ihn tief, ſeine Sorgloſigkeit dünkte ihm jetzt ta⸗ delnswerth, ſein Vertrauen kindiſch. Er fühlte die Lä⸗ cherlichkeit ſeiner Stellung, er bebte unter dem Schimpf, den er Allem offen, nur ſich ſelbſt verborgen, unbefan⸗ gen zur Schau getragen hatte. Rache! war ſein erſter Gedanke, Rache an ihr und ihm! Das tobende Blut, der aufgeſtachelte Zorn, der überſtürzende Gedanke kennt keine andere Sühne erlit⸗ tener Beleidigung; wer kann ſich rühmen, im Augen⸗ blicke eines empfangenen Schlages ſein Gemüth zum Verzeihen, zur Verſöhnung umgeſtimmt zu haben? 93 „Die Welt ſoll richten zwiſchen uns,“ ſagte er zähneknirſchend,„der Heffentlichkeit ſei ihr Vergehen übergeben, ich will ſie verſtoßen und meine Hände waſchen!“ Aber bald machten ſich andere Bedenklichkeiten geltend; das Aufſehen, welches ein vollſtändiger Bruch nach ſich ziehen mußte, peinigte ihn ſchon jetzt; das Beiſpiel, das er durch einen Act unchriſtlicher Härte geben würde, dünkte ihn gefährlich; die Beſtätigung, die er durch ſolches Verfahren ſeiner Demüthigung gab, ſchien ihm unnöthig; er ſann und prüfte, und faßte zu⸗ letzt den Entſchluß: „Sie ſoll zurück. Ja, ſie foll zurück!“ Er war verantwortlich für ihr Seelenheil, er wollte retten, was noch zu retten war. Er mußte den Wurm der Sünde in ihr tödten, und ſollte der Leib mit ſterben. Er wollte ſich nicht dadurch irren laſſen, daß ſie lieblich war, wie die Hindin, zart wie das Reh. Dieſe Mauern ſollten ihm beiſtehen, ſie ſollten ſprechen von der Abtödtung des Fleiſches; der Boden ſollte reden von den Geiſelungen, von der Buße und von den köſtlichen Viſionen, die er geſehen. Er wollte ſie in ein Feuer legen, welches alle unheiligen Gedanken, alle irdiſche Liebe verzehren ſollte. In dieſem Vorſatze befeſtigte er ſich mehr und 94 mehr, und gelangte endlich in fanatiſcher Erhebung da⸗ hin, Gott für die Züchtigung zu danken, die er ihm auferlegt hatte. Er ſteigerte ſich immer mehr zu einem wilden Durſte nach Leiden und Prüfungen, er hielt ſich für einen Auserwählten des Herrn, wie die Martyrer und Heiligen früherer Zeiten, und endigte mit einem Gebete. 7 Spät in der Nacht kam Paul wieder in B. an, viel zu ſpät, um noch einen Beſuch bei Luitgard wagen zu können. Er fand ein kurzes Billet von ihr vor, wel⸗ ches ihn mit der fortſchreitenden Beſſerung Reginen's tröſtete und in leichtſinniger Haſt geſchrieben ſchien. Mit welcher Ungeduld ſah er dem Morgen entge⸗ gen, und als dieſer kam, mit welcher Sehnſucht der Zeit, die ihm erlaubte, ſich Zutritt zu erbitten. Endlich war er dort, endlich trat er in das Zim⸗ mer, in welchem ihn Luitgard zu empfangen pflegte. Das Zimmer war leer, die Thüre nach dem Cabinet ſtand auf; auch hier Niemand. Eine Unruhe beſchlich ihn, er wendete ſchnell um und ſprang die gußeißerne Treppe hinauf, nach dem obern Stocke. Auch hier keine Seele; das Landhaus ſchien wie ausgeſtorben. Sein Herz 5 06 70 preßte ſich immer mehr.— Hier mußte irgend ein un⸗ erwartetes Exeigniß alles Lebendige verſcheucht haben. Er ging wieder hinab und begegnete endlich Luit⸗ gard's Mädchen. „Frau von Saaleck?“ fragte er geſpannt. „Die gnädige Frau iſt ausgefahren,“ war die ab⸗ weiſende Antwort. „Allein?“ forſchte Paul. „Ganz allein,“ lautete die Beſtätigung. Gerne hätte Paul nach Reginen gefragt, er ver⸗ mochte es nicht. Mechaniſ ch wühlte er unter ſeinen Vi⸗ ſiturtn, und brach an einer derſelben das Pergament ein, um Zeit zu gewinnen, vielleicht durch Zufall noch etwas zu entdecken. „Wird Frau von Saaleck bald zurück erwartet?“ fragte er,d die Karte zögernd abliefernd. „Die gnädige Frau hat keine Zeit beſtimmt,“ ant⸗ worte das Mädchen. Er war zu Ende mit ſeinen Fragen und ſchickte ſich an zu gehen. Kaum war er jedoch unter die Veranda getreten, als er Hans bemerkte, der ein weißes Kaninchen mit Kohlblättern auf dem runden ſeſette fütterte. Paul ging zu ihm. „Wo iſt Mama?“ fragte er ihn 97 „Fortgefahren.“ „Weißt Du nicht wohin?“ forſchte Panl, den Kleinen auf den Arm nehmend, um ſeine Aufmerkſam⸗ keit von ſeiner gegenwärtigen Beſchäftigung abzu⸗ lenken.— „Vielleicht zur Großmama,“ ſagte Hans, ſeine Augen auf ſein neues Spielwerk gerichtet, aber ohne den Wunſch zu äußern, entlaſſen zu werden. „War Mama luſtig?“ fuhr Paul fort. Hans überlegte. „Ja, denn ſie wollte ganz ſchnell fahren. Müller konnte gar nicht fertig werden mit dem Anſpannen.“ „Nun, ſag' mir einmal mein kleiner, kluger Hans,“ fragte Paul,„wo iſt denn die kranke Dame hin?“ „Ach, Du meinſt Tante Regine?“ fragte das Kind,„auch ſurtzsehrei alle vie Erſt Papa, das iſt aber ſchon lange, früher noch als geſtern, dann Tante NRegine mit dem ſchwarzen Mann, dann Mama; fährſt Du auch wieder fort?“ „Wer war denn der Mann, der Tante Regine holte?“ fragte Paul, das Kind zur Erde gleiten laſſend, es wurde dem kräftigen Arme plötzlich zu ſchwer. „Ich weiß nicht, wie er heißt, er iſt immer bei der Großmama.“ Kinder der Zeit. II. 7 In dem Augenblicke hörte man das Geräuſch eines ſich nähernden Wagens; Paul's ſcharfes Auge richtete ſich nach der Chauſſee, er erkannte ſogleich die Gold⸗ füchſe. Ein weißes Tuch wehte ihm entgegen, ein Wink ließ die Pferde im ſcharfen Trabe die kurze Entfernung zurücklegen. Der Wagen hielt, Paul ſelbſt öffnete den Schlag, ehe der Bediente Zeit hatte, und Luitgard ſprang, ohne die niedergeſchlagenen Treppen zu berühren, auf den Boden. „Konmen Sie ſchnell,“ rief ſie Paul zu,„ich habe viel zu erzählen.— Abgezogen ſind ſie,“ fuhr ſie halb la⸗ chend, halb verdrießlich fort,„wie Aaron und Miriam; Sie finden das Neſt leer.“ „Das iſt nicht möglich!“ ſagte Paul. „Gott, wie heiß und müde ich bin,“ klagte Luit⸗ gard,„laſſen Sie mich nur erſt zu Athem kommen, dann will ich Alles erzählen.“ Und ſie warf Handſchuhe, Mantille, Hut von ſich, ſtrich die dicken Locken hinter das Ohr, ſtreckte ſich be⸗ quem auf das Sopha und begann: „Alles ging vortrefflich; Regine war ruhig, wenn auch matt, und der Doctor Semp entzückt von der raſch eingetretenen Beſſerung und ſeiner Cur. Dieſen Morgen es te nk ng 9, ne en be la⸗ m; it⸗ en, ———— 99 frühſtückten wir zuſammen, darauf trennten wir uns, und ich ging an meine Toilette. Nun müſſen Sie mir erlauben, nach echter Frauen⸗ art zu erzählen, die immer folgende Einleitung wählt: „Ich ſtand gerade—“ Alſo:„Ich ſtand gerade vor meiner Pſyche, und ſagte zu meinem Mädchen: ſcheitle mir das Haar anders, die Flechten ſollen auf Koſten der Locken ge⸗ plündert werden. Da höre ich zwei Männerſtimmen unter der Veranda meine Leute mit einem Meldungsgeſuche be⸗ auftragen. Um dieſe Stunde! Es konnten nur die in⸗ timſten Freunde, oder die Boten einer Erbſchaftanzeige, oder eines eingreifenden Falliſſementes ſein. Ich werfe einen Burnus über und lauſche durch den Vorhang; wen erblicke ich? Adrian und Semp. Zwei Geier hinter einer Taube, das iſt gefährlich, ſage ich zu Nanny, ſchnell mein Morgenkleid; der Kampf ſoll mindeſtens gleich ſein. Ich freute mich wirklich auf die Scene, die dramatiſch zu werden verſprach. Adrian gewappnet vom Scheitel bis zur Sohle; d. h. im Talar, Barett und weißen Bäffchen, kam direkt von einer Leichenpredigt und ſtrömte einen entſetzlichen Geruch von Wachholdern aus, der mich noch immer mit Eckel erfüllt.“ 7* 100 Sie unterbrach ſich, um den Inhalt eines vergol⸗ deten Flacons auf ihre Kleider zu ſprengen. „Nun, wo war ich ſtehen gebtieben?“ fragte ſie, nachdem dieſes Geſchäft beendigt war. Paul antwortete nicht. Er athmete ſchwer; ſeine Hand preßte ſich gegen die feuchte Stirn, hinter welcher die wilden Leiden⸗ ſchaften des Haſſes und der Eiferſucht tobten. Seine ſonſt ſo ruhigen Züge zeigten jetzt den Ansdruck innerer Gährung. „Alſo,“ begann Luitgard wieder,„ſie gingen hin⸗ ein zu Regine. Ich ahnte mehr als eine gewöhnliche Krankenviſite und marſchirte ſtill im Rücken des Fein⸗ des auf. Durch die halb offene Thüre hörte ich Alles, ohne geſehen zu werden. Das ärztliche Examen über⸗ ſpringe ich, Sie wiſſen, wie das verläuft. Das Reſul⸗ tat ſchien nach den Wünſchen der beiden Herren, denn ſie nickten ſich im Einverſtändniſſe zu; Adrian räusperte ſich, und ſtellte endlich die entſcheidende Frage; „Du biſt nach dem Ausſpruche des Doctors voll⸗ kommen hergeſtellt, darf ich Dich mit in unſer Haus nehmen? „Regine wurde blaß. Sie antwortete nicht; da hielt ich an der Zeit, hervorzubrechen. — N ——— en en⸗ ine rer in⸗ iche ein⸗ les, er⸗ ſul⸗ enn erte oll⸗ aus da 101 „Ihre Frau iſt noch ſehr ſchwach, ertönte mein Ausſpruch, wie Kartätſchenhagel im Rücken der Linie; ich kann ſie noch nicht aus meiner Pflege entlaſſen. „Ich kenne die Schwäche und das Leiden meiner Frau, ſagte Adrian, mit ſeltſamer Betonung, und hoffe ſie von Beiden zu heilen. „Regine ſchien nicht verlegen; ich ſah mit Stau⸗ nen, wie ſie erleichtert aufathmete. Ich muſterte Adrian und faſt ſchien er mir jetzt der Kranke, ſo eingefallen war ſein Geſicht. „Nun entſpann ſich ein ſcharfer, äußerſt höflicher Streit. „Adrian beſtand darauf, Regine zu entführen— ich, ſie zu behalten. „Wie oft dachte ich, Sie müßten kommen, um mir Beiſtand zu leiſten; meine Hoffnung erfüllte ſich nicht, Sie blieben aus. Regine miſchte ſich nicht ein, ſie war verſunken in tiefe, ſchwere Gedanken. Vergeblich warf ich ihr auffordernde Blicke und Zeichen zu, ſie ſchien mich nicht einmal zu ſehen. „Semp, dem das Parlamentiren zu lange dauern mochte, ging endlich, noch einmal ſeinen Ausſpruch wie⸗ derholend, daß ſie gefahrlos in ihre Wohnung überſie⸗ deln könne. 102 „Nachdem alle meine Minen erfolglos geſprungen waren, zog ich mich zuletzt auf gemeſſene Diſtanz zurück. „Es dauerte keine halbe Stunde, ſo trat Regine zu mir, reiſefertig, gefaßt, ein Dank⸗ und Abſchiedswort zugleich auf den Lippen. „Sie gehen mit Adrian zurück?— jetzt ſchon? fragte ich. Alſo verläuft ſich kläglich im Sande, was einen ſo gewaltigen Anlauf nahm? „Ich gehe mit Adrian zurück, ſagte Regine, ich kann nicht anders. Aber—“ „Aber—“ wiederholte Paul mechaniſch. „Aber, nicht für immer, fagen Sie das ihm. Ich weiche der augenblicklichen Nothwendigkeit. „Ich verſtand von alledem nichts; es war mir Alles zu geſchranbt, zu feierlich. „Nun, wie Sie wollen, antwortete ich. Ich denke nur, er wird nicht darauf vorbereitet ſein. „Sie wurde roth in ihrer eigenen, heißen Farbe. „Sagen Sie ihm, antwortete ſie mir, daß ich bald von mir hören laſſen würde, daß er mit mir zufrieden ſein ſoll. „Darauf wollte ſie fort. „Der Abſchied ſchien ihr nicht ſchwer zu werden, nur als ihr Hänschen in den Weg lief und zu ihr ſagte: m 103 Tante Regine, Du freuſt Dich wohl ſehr, daß Du wie⸗ der nach Hauſe darfſt? nahm ſie ihn in die Höhe und küßte ihn unter Thränen, die ihn ungeduldig und bange machten. „Das Kind iſt ſo nervös, jede heftige Liebkoſung macht es krank. „Adrian dankte mir noch einmal, aber in zweideu⸗ tigen Worten. „Dann ſtiegen ſie in den Wagen und zogen zuſam⸗ men hinab gegen Babel. Ich ließ anſpannen und jagte hinterher, um Sie ſobald als möglich zu ſprechen; mein Wagen hielt vor Ihrer Thüre, Sie waren nicht zu Hauſe. Ich fuhr bei Mama vor, um von ihr etwas über Adrian's Stimmung zu hören, wurde aber nicht ange⸗ nommen. So kehrte ich denn ermattet und geärgert zurück, bei mir die Frage erwägend, was wohl das Ende dieſer Verwicklung ſein wird?“ „Eine Ausſöhnung,“ ſagte Paul ſehr ruhig,„und zwar je früher, deſto beſſer.“ Luitgard ſah ihn verwundert an, doch hatte ſie zu viel Tact, um nicht in dem Tone zu antworten, den er angeſchlagen. „Ganz recht, es muß nicht immer zum Aeußerſten getrieben werden, man muß nicht unvorſichtig alte, gewohnte, nützliche Einrichtungen in Scherben ſchlagen. 104 Dabei geht immer etwas verloren, und oft wird nichts als ärgerlicher Eclat gewonnen, und wenigſtens ein Theil wird compromittirt.“ Paul verbeugte ſich dankend für die gegebene Auf⸗ klärung, und griff nach ſeinem Hute. „Sie gehen ſchon?“ fragte Luitgard, nicht ohne Theilnahme. „Ich gehe. Sie wiſſen, gnädige Frau, wir Aerzte haben das Schickſal des ewigen Inden, von Raſt iſt bei uns nicht die Rede.“ „Haben Sie kein Wort für ſie? Ich darf ſie ſehen und ſprechen—“ „Sagen Sie ihr, daß ich ihr Glück zu ihrer Gene⸗ ſung wünſche, wenm es ſich durchaus nöthig macht, daß ein Amen von meiner Seite geſprochen werden muß,“ antwortete er mit mühſam unterdrückter Bitterkeit. Luitgard gab ihm die Hand, die er flüchtig küßte. Mit einem Seufzer warf ſie ſich zurück, als er ge⸗ gangen, indem ſie ſich die Frage vorlegte, ob wohl Roß⸗ leben auch eines Tages ſie ſo leicht aufzugeben ver⸗ möge?— „Oh die Männer! was für grobe, phlegmatiſche Organiſationen! Aber er ſah elend aus? Lauter Räth⸗ ſel! Aber man kommt immer wieder darauf zurück; die — 105 Liebe iſt eine äußerſt angenehme, aber eben ſo un⸗ geſunde Beſchäftigung.“ Sie gähnte wiederholt, ſah ſich im Spiegel, ergriff ein neues Journal und war nach fünf Minuten der Hitze und Ermüdung erlegen, und in leichten Schlaf verſunken. 8. Adrian hatte richtig gerechnet. Der Widerſtand, den Regine ſeinen Drohungen und gewaltſamen Mitteln entgegengeſetzt haben würde, hielt gegen ſeine Bitte und ernſte Ermahnung nicht Stand. Er hatte gewalt⸗ ſam ſeinen gerechten Zorn gedämpft, er hatte durch kein Wort verrathen, daß er von ihrem Verhältniß unterrichtet ſei, er hatte ſich gehütet, eine Erklärung herbeizuführen, die ſeiner Meinung nach erſt bei be⸗ feſtigter Herrſchaft über ſie ſtattfinden durfte. Geſchickt hatte er ihr von der Unbequemlichkeit geſprochen, die ihr langes Verweilen in Luitgard's Hauſe für dieſe mit ſich bringen müſſe, hatte ſie gebeten, ihm die Pflege und Sorge für ihr Wohl zu geſtatten, hatte ihr durch Freundlichkeit und Schonung den Muth genommen, auf der Stelle ſeinen Vorſchlag zurückzuweiſen. Sie e— e— e S 107 war ihm gefolgt, um Zeit und Kraft zu gewinnen zu dem Schritt, der ihr unabwendbar ſchien. Sie wußte, Paul war in ihrem Intereſſe zu Joachim, ſie hoffte auf ein Wort, auf eine Ermuthigung von Beiden. Aber ein Tag, eine Woche nach der ondern verging, ohne daß ihr die erſehnte Nachricht wurde, ſelbſt Luitgard kam nicht, wie ſie verſprochen, da ſie die Intrigue aus⸗ geſpielt wähnte. Regine wartete erſt mit Sehnſucht, dann mit Angſt, zuletzt mit Berzweiflung,— ſie wartete ver⸗ geblich. Sie hatte herzliche, theilnehmende Briefe von Joachim gehabt, aber kein Wort von Paul war in den⸗ ſelben zu finden. Die bedenklichen Auftritte der jüngſten Vergangen⸗ heit hatten Adrian nach wiederholter, ruhiger Prüfung endlich belehrt, daß Drohungen und gewaltſame Mittel nicht kräftigend, ſondern nur zerrüttend auf Reginen's Geiſt und Körper wirken konnten, und dieſer verſpäteten Erkenntniß hatte ſie die mildere Behandlung zu verdan⸗ ken, die ſie ſeit ihrer Rückkunft erfuhr. Das Siechthum ſollte erſt gänzlich überwunden, ſeine Herrſchaft aufs Neue befeſtigt werden, bevor er eine Erklärung herbeiführen wollte, deren Inhalt ſeinen Verdacht vernichten oder beſtätigen mußte. Die Bereitwilligkeit, mit welcher ihm Regine ge⸗ 108 folgt war, die Verzeihung, die ſie indirekt— durch Schweigen— ſeiner letzten Brutalität zu gewähren ſchien, blieben nicht unwirkſam, und wenn er auch in argwöhniſcher Stimmung in dieſer Handlungsweiſe nur das Reſultat eines ſchuldbelaſteten Gewiſſens erkannte, ſo kamen doch auch mildere Angenblicke, die ihn zu ver⸗ ſöhnlicheren Folgerungen führten. Er hatte es nicht über ſich vermocht, Frau von Wartberg von der Kriſis, in welcher ſeine Ehe begriffen war, zu unterrichten. Eine getrene Schilderung der ſchimpflichen Scene, die Reginen's Krankheit herbeige⸗ führt hatte, mochte er ihr nicht geben, da er im Voraus ihres Tadels ſicher war; und die gegen Regine gerichtete Beſchuldigung der Treuloſigkeit wollte nicht über ſeine Lippen. Die vernichtendſte Scham ſchien ihm in dem Geſtändniſſe zu liegen:„Ich bin betrogen worden!“— und die ihm aufgedrungene Rolle konnte nicht dadurch gewinnen, daß dieſe Ausſage mit zum Vorwurf für die Stifterin ſeiner Ehe werden mußte. So vergingen Wochen, und der von Adrian im Geheimen beſtimmte Termin des Schweigens war ziem⸗ lich abgelaufen, als Regine, ohne es zu wollen, ihm ſelbſt die Gelegenheit zu der unausweichlichen Beſpre⸗ chung bot. 109 Sie hatte Paul nicht wieder geſehen, ſie hatte keine Botſchaft von Luitgard; ſie war iſolirt, aufgegeben und, wie es ſchien, vergeſſen von Allen, die auf hülfreiche Weiſe in ihr Schickſal hatten greifen wollen. Auch Irene ſchrieb ſeltener, und der ernſte, ſchmuck⸗ loſe Inhalt ihrer Briefe ſagte Reginen nicht das, was ſie zu hören verlangte. Nur Joachim trat ihr näher. Das Stillruhende ſeines Weſens befäuftigte ſie, ſeine milden, von tiefen Gedanken getragenen Worte brachten ihr momentanen Frieden. Ihr Vater, dem ſie früher zu folgen verſchmäht hatte, wurde jetzt das Ziel ihrer Sehnſucht. Sie über⸗ dachte ſein fleckenloſes Leben; ſie überlegte, ob ſie nicht ſeinem reinen Urtheil, ſeinem unbeſtechlichen Rath, ihr Geſtändniß zu unterwerfen habe. Sie hofſte, durch ſeinen Zuſpruch gekräftigt, durch ſeine Verzeihung entfühnt zu werden; eine in ihr noch nachwirkende, fieberhafte Ungeduld und die unbezwing⸗ liche Sehnſucht, einen freien, unbewachten Athemzug außerhalb Adrian's Hauſe zu thun, kam hinzu und trieb ihr endlich die Bitte, nach der Geiſenburg reiſen zu dür⸗ fen, über die Lippen. Adrian's Argwohn, ſein Groll, erwachten aufs Neue, und nur die Ueberzengung, daß Alles auf dem 110 Spiele ſtehe, verhinderte einen Ausbruch ſeiner Leiden⸗ ſchaft.— „Vor wem biſt Du ſo ſorgfältig, ſo Du doch mit Lügen umgehſt,“ ſagte er finſter,„denkſt Du nicht an mich, und nimmſt es nicht zu Herzen? Denkſt Du, ich werde allewege ſchweigen? Sie hörte aufmerkſam, ohne ihn recht zu ver⸗ ſtehen. „Darf ich zu meinem Vater gehen,“ fragte ſie Jetzt ſtand Adrian auf und ergriff ihre Hand. „Ich will Dir erlauben, auf einige Zeit mein Haus zu verlaſſen, wenn Du mir vor Gott verſich ern kannſt, daß draußen nie der R iufd der Sünde zu Deinem Ohr gelangt iſt, daß Du ſtets Dein Herz verſchloſſen haſt, vor unlauteren, verbrecheriſchen Gefühlen.— Re⸗ gine, Du zauderſt? Dein Auge kann nicht offen Zeug⸗ niß ablegen? Alſo war mein Riſtrun gegen Dich und Paul Hallbert gerecht?“ „Ich kann und will mit Dir von ihm nicht ſpre⸗ chen,“ antwortete Regine erbleichend. „Ich aber kann und will es!“ ſagte Adrian feſt. „Ich ſparte bis jetzt meine Vorwürfe, obgleich ich ſchon lange gewarnt war;— ſieh hier, auf welchem ſchmutzigen Wege!“ P ſ E 111 Mit dieſen Worten reichte er ihr die anonyme Zu⸗ ſchrift, die ihm, während Reginen's Krankheit, zugeſen⸗ det worden war. Regine ſenkte den Blick, nachdem ſie die Zeilen geleſen hatte; ſie erröthete vor der Weiſe, in welcher ſie erwähnt wurde. „Ich bin ſehr ſtrafbar, aber auch ſehr unglücklich,“ ſagte ſie endlich.„Wenn Du mein ganzes Bekenntniß hörteſt, wenn Du wüßteſt, wie ich gekämpft und gelitten, noch ehe ich Deine Frau wurde und lange bevor ich Hallbert kannte.“ „Ich weiß Alles,“ unterbrach er ſie,“ die Haine'ſchen Sonetten waren wohl die Ernte einer frühreifen Begeg⸗ nung in Liebe? Das ſollte Dich billig mißtrauiſch ma⸗ chen; die Empfindung bleibt, aber die Perſon wechſelt. Deine Liebe ſcheint mir ein leicht transportables Gut!“ „Häufe nicht Beleidigung auf Beleidigung,“ rief Regine erglühend,„treibe mich nicht zum Aeußerſten, damit nicht der Ausgang dieſer Stunde unſere zerbrech⸗ liche Ausſöhnung höhnt, Ich bin nicht mehr ohne Zu⸗ flucht und Zuverſicht, wie früher, und Deine Schmä⸗ hungen dienen nur dazu, mich zu erinnern, daß es eine Stätte gibt, die mich aufnehmen, einen Arm, der mich ſchützen wird!“ 112 „Dir ſcheint es vielleicht jetzt leicht, mich zu opfern und zu ihm zu fliehen, an den Dich Deine verbrecheri⸗ ſchen Hoffnungen ketten,“ antwortete Adrian gemäßigter, „meine Pflicht aber iſt, Dir die Folgen eines ſolchen Schrittes und dieſen ſelbſt im wahren Lichte zu zeigen. Ich könnte als Richter zu Dir ſprechen, als beleidigter Mann, ich thue es nicht; ich berathe mich mit Dir als Lehrer und lutheriſcher Chriſt. „Als ich Dir meine Hand bot, nahmſt Du ſie ohne Zwang, mit freiem Willen an. Du ſagteſt mir zwar nicht, daß Du ſchon früher in einem Liebesverhältniſſe geſtanden, aber um ſo gewiſſenhafter mußte das Ver⸗ trauen, welches ich Deiner Vergangenheit ſchenkte, Dich für die Zukunft machen. Das war aber nicht der Fall. Der erſte Manu, der ſich Dir huldigend naht— ich mag nicht fragen, ob ohne Aufmunterung— ſetzt Dich in neue Flammen, die ernſten Pflichten einer chriſtlichen Ehefrau werden vergeſſen. Du denkſt nicht mehr an Deinen Schwur an Dei⸗ nen Mann, nicht an Dein eigenes Heil, Du denkſt nur noch an den Letzterkorenen. Soll ich dazu ſchweigen? „Soll ich Dein beſſeres Ich ohne Gegenwehr zu Grunde gehen laſſen? Mit nichten; ich halte Dich, und will Dich halten mit meiner Hand, bis dieſe ver⸗ dorret. Deine Seele wird mir einſt abverlangt, und ich c 8 GS. 8 — c 8 S= 8 8 8 will mit dem Dämon des Fleiſches ringen, um dieſe Seele zurückzuführen an den Born der Gnade, ob ihre Miſſethat auch ſchwerer ſei, als die Laſt von Babel. Ich hätte Dir gerne zeitliches Glück gewährt,“ fuhr er eifrig fort, als er ſah, daß ſeine Worte wirkten,„wenn Du es an meiner Seite hätteſt finden wollen; ſoll ich Dir aber Vorſchub leiſten, wenn Du es auf ſündigem Wege ſuchſt? Kurz iſt der Taumel des Genuſſes, ewig die Qual der Reue.— Wie viele Generationen haben ſchon zwiſchen dieſen Mauern in Armuth, Demuth und Keuſchheit gelebt, wie manches junge Herz hat hier ge⸗ rungen und gekämpft zwiſchen Gott und Welt, zwiſchen Freude und Frieden. „Ringe auch Du, Regine! „Auch dieſer kranke Wunſch wird verwehen, wie die Seufzer verweht ſind, von denen die alten Mauern rings um uns wiederhallt haben; er wird übertönt werden, von dem Klange des Spatens, der die harte Scholle auf⸗ wirft, um ein Grab zu gewinnen. „Kurz iſt der Taumel des Genußes, ewig die Qual der Reue. Wie viele Generationen haben zwiſchen dieſen Mauern ſchon in Armuth, Demuth und Keuſch⸗ heit gelebt, wie manches junge Herz hat hier gekämpft und gerungen zwiſchen Gott und Welt, zwiſchen Freude und Frieden. Der Staub dieſes kleinen Gartens iſt ge⸗ Kinder der Zeit. III. 8 114 miſcht mit der Aſche eiuſam lebender, einſam geſtorbener Ordensbrüder. Der Schutt des Souterrains iſt gemengt mit den Gebeinen der Mönche, die ihr Gelübde brachen. Die Kirche ſtrafte ſonſt hart; die um des Leibes willen ſündigten, wurden am Leibe geſtraft. Von der Welt, um deren Frenden ſie warben, wurden ſie vergeſſen, von den Vertretern Gottes verdammt und begraben. Sie ſind Alle, Alle dahin, von dem ſträflichen Glück blieb kein Genuß, kein Gedanke, keine Erinnerung zurück; nur das Denkmal der Schuld und des Irrthums. Möge es ihnen als Sühne angerechnet werden. Wohl Regine, nimm von dieſem Staube, von dieſer Aſche menſchlicher Ge⸗ beine, lege ſie auf Dein Herz und wiederhole mir, daß es noch in unbezwinglicher Leidenſchaft ſchlägt: „Unter dem Flügel der Kirche, unter dem Du ath⸗ meſt, ſchlage ich Dir die Bibel, mein Brautgeſchenk, auf. Hier ſtehen die Gebote des Herrn, hier ſteht die Beſtä⸗ tigung unſeres Heilandes; kannſt Du den Muth haben, wieder dieſelben zu handeln?“ Regine ſchauderte. Hierauf fand ſie kein Wort der Entgegnung, nicht einmal ein ausweichendes. „Du ſchwankeſt,“ ſagte er, in lebhafter Erregung, „ſo iſt noch nicht Alles verloren. Möge der Seraphim des Jeſaias eine glühende Kohle vom Altare des Herrn nehmen und meinen Mund rühren, damit er Begeiſte⸗ ter igt n. en un en nd ein s ten um Je⸗ aß th⸗ uf. tä⸗ en, der ng, im ern ſte⸗ 115⁵ rung meinem Worte verleiht, möge der Thau der Gnade auf Deine lechzende Seele fallen, damit die Wiederge⸗ burt ſie reinige von den Schlacken der Sünde. Du ſollſt niederfitzen im Schatten und Dich freuen und zurück⸗ ſehen auf Deine eitle Begehrlichkeit, wie der Weinſtock von Zion herabſieht auf die verdorrte Diſtel der Wüſte. Wir wollen ein neues Leben beginnen und das alte, ha⸗ derhaftige vergeſſen; der Herr wird mit uns ſein, und der Segen Deiner Mutter wird Dir Hütten bauen, ſo Du beharreſt in dem Willen, durch Dein Leben ihr An⸗ denken zu ehren.— Und auch ihn, den Mann, den Du zu lieben wagſt, ehrſt Du durch Dein Entſagen am höchſten, und er wird Dir durch Achtung danken, wenn das Delirium der Leidenſchaft vorüber ſein wird. Im Falle der Gewährung würdeſt Du ihm nur ein zweifel⸗ haftes Geſchenk mit einer Frau machen, welche direkt aus den Armen eines Andern kommt. Das Bewußtſein, daß Jeder den Stein aufheben, und nach der Frau ſchleudern dürfte, die er durchs Leben begleitet, würde ihn zu Boden drücken. Weil er die Vergangenheit nie vergeſſen könnte, müßte er die Zukunft fürchten, alle Deine Schritte würde er eiferſüchtig belauern, weil er Dich ſelbſt auf Schleichwegen gewann. Alle Deine Lieb⸗ koſungen würde er mit dem Gedanken hinnehmen: die Hand iſt geübt, dem Manne blind zu ſchmeicheln. 116 „Wie wollteſt Du ſein Vertrauen erwecken, wenn er ſich erinnerte, daß Du mein Vertrauen getäuſcht haſt, wie Glauben beanſpruchen, wenn er ſich ſagen muß, daß Du ſchon einmal logſt? Mit welcher Stirne woll⸗ teſt Du ihm zum Altare folgen, vor welchem Du mit einem noch lebenden Manne ſchon einmal ſtandeſt, mit welchem Gewiſſen einer Liebe Dich hingeben, die nur durch die ärgſte Schädigung fremder Rechte groß wurde?— „Wie könnteſt Du vom Neuen Treue ſchwören, während Du den offenbarſten Treubruch begingeſt?“ Unter einem Jahre würdeſt Du ihn aus einem er⸗ ſehnten Glücke zu peinlicher Strafe geworden ſein, und wenn er auch wirklich gewiſſenhaft genug ſein ſollte, Dir ſeinen Namen zu geben, mit dieſem Gewinne müßten Deine Anſprüche endigen, da Achtung und Vertrauen er Dir ewig entziehen würde.“ Die Worte trafen; er ſah den Vortheil, den er ge⸗ wonnen und nutzte ihn auf der Stelle. Immer dringen⸗ der wurden ſeine Mahnungen, immer ſiegreicher die Waffen, mit denen er kämpfte, und ſo endigte er ſchließ⸗ lich damit, das heißerſehnte Ziel ſeiner Mühen zu er⸗ reichen. un it oß er⸗ nd ir en er⸗ 117 Mit ſeinem Wiſſen, wenn auch nicht unter ſeinem Auge, ſchrieb Regine ihren Scheidebrief an Paul: „Mein letztes Wort an Dich, mein Paul, mein Letztes! Was lege ich Alles hinein? Mein Herz, meine Seele, meine Thränen. Es iſt Abend geworden, Alles geht ſchlafen, nur ich nicht, ich wache und werde noch lange wachen bei den welken Kränzen eined kurzen, ent⸗ ſchwundenen Glückes. Eine Todtenwacht! „Wo iſt die ſelige Zukunft hin, die auf den Wellen meiner Wünſche zu treiben ſchien?— Sie iſt verweht wie der Schaum des Meeres vom ſcharfen Wind! „Wo ſind die verheißenden Träume hin, die mir eine neue Welt zeigten und verſprachen?— Sie ſind verſunken, wie die Bilder der alten Tempel, in deren Ruinen ich als Kind ſpielte! „War das nicht geſtern?— Kann nicht vielleicht ſchon morgen mein Lebensalter erfüllt ſein? Das kurze Leben, wie ſchnell es uns durch die Finger gleitet!— Einen Angenblick und wir halten den letzten Fadenreſt, es iſi dahin!— Es iſt dahin, aber es ſoll nicht endi⸗ gen, ohne daß ich Dir noch einmal geſagt habe, wie es mit allen ſeinen Opfern und Thränen, mit ſeiner Sehn⸗ ſucht und Arbeit tauſendfach durch das eine Wort von Dir aufgewogen wird: ich liebte ſie ſehr. 118 „Das Wort, mein Paul, wird nie alt, wird nie ſterben, wird nie in mir verhallen, das Wort, mein Paul, werde ich mit hinab nehmen in mein künftiges, leeres, ſchweres Leben, mit hinab in mein frühzeitiges Alter, mit hinab in meinen engen, ſtillen Sarg— und mit hinauf zu meinen Eltern, wenn Gott mir einſt die Einigung mit ihnen geſtattet. „Er liebte mich ſehr,— werde ich antworten, wenn mancher Mackel, mancher Fehl vom irdiſchen und himm⸗ liſchen Richter an mir gefunden wird; er liebte mich ſehr, werde ich ſagen, wenn irdiſche und himmliſche Verwerfung mein Theil ſein ſollte. Ich werde ſterben mit dieſem ſüßeſten Troſtworte auf den erſtarrenden Lip⸗ pen, und wenn es eine Anferſtehung gibt, ſo werde ich mit dieſem Zauberworte die Bande des Todes ſprengen. „Aber höre meine Bitte, meine Letzte: Sieh mich nie wieder! Ich muß ſterben für Dich. Bald weht die ſchwarze Blätterflagge von allen Bäumen des Waldes; ihr Fall reiche hin, um mein Angenken zu begraben. Ich bleibe bei Adrian. Unſere gegenſeitige Schuld iſt getilgt, die Schuld, die ich gegen Dich fühle, kann und mag ich nicht tilgen; den beſten Theil Deiner Seele, den Geiſt Deiner Liebe habe ich in mich aufgenommen und Dir nichts gelaſſen, als das bleiche Bild eines unglücklichen, von Pflicht und Liebe zerriſſenen Herzens. Du biſt frei nie ein es, es ind die nn um⸗ ich 119 von aller Schuld. Dir trübe kein Mitleid, keine Sorge, keine Selbſtanklage den klaren, reinen Blick, Du mußt nur den Segen nachempfinden, den Du meinem armen, haltloſen Leben gabſt. „Adieu! Das ſchöne Wort werde wahr: Mit Gott!— da Du nicht mit mir ſein kannſt. Habe noch einen Gedanken der Liebe für mich— noch einen— den Letzten!— „Und was habe ich für Dich?— O, Paul, Gott ſegne Dich, Gott ſegne Dich tauſend Mal! Regine.“ 9. Hätte Gregor noch einen Zweifel bezüglich des üblen Dienſtes, den ihm Paul bei Irene geleiſtet, ge⸗ hegt, ſo würde ihn die auffallende Zurückgezogenheit von Seite des jungen Mädchens bald zur ſonnenklaren Gewißheit geführt haben. Sie vermied ihn, und er ſuchte ſie in einem unangenehmen Gefühl von verdrieß⸗ licher Unſicherheit auf, die ihren Grund in der Frage hatte: in wieferne wohl Joachim und der Prinz von Irenen oder Paul geſtimmt ſein könnten? Der Verkehr mit den beiden Herren war ungetrübt geblieben; will⸗ fährig waren ſie dem Drängen auf Beſchleunigung des Geſchäftes entgegengekommen und dem Abſchluſſe des⸗ ſelben ſchien kein erhebliches Bedonken mehr im Wege zu ſtehen. Der Erfolg ſeines geheimen Auftrages lag jedoch immer noch zweifelhaft vor ihm, und er fürchtete, 121 daß ein Wort von Irenen Mißtrauen bei dem Prinzen gegen ihn erwecken, und daß ihm dadurch eine ſchmäh⸗ liche Niederlage bereitet werden könne. Er mußte um jeden Preis Irenen's Schweigen erkaufen, und das konnte er nur, wenn er ſie ſprach und ſich rechtfertigte. Sie jetzt zu vernachläſſigen, jetzt ihre Kälte zu bemer⸗ ken oder mit ſeinen Beleidigungen zu erwidern, durfte er ſich nicht beikommen laſſen; ſie hatte Waffen gegen ihn in den Händen, und er dachte kleinlich genug von ihr, um zu fürchten, ſie könne dieſe als Rachewerkzeuge benutzen. Aber ſie entzog ſich ſeinen Einwirkungen, wenn ſie ſich auch der Geſellſchaft der Herren nicht immer ent⸗ ziehen konnte. Er konnte nicht ſondiren, wie tief der Riß gegangen, aber er ſah recht gut an ihrem verän⸗ derten Weſen, daß ein Wendepunkt gekommen war. Sie kämpfte ſtandhaft gegen die ſelbſtſüchtige Schwäche, die im Aushängen der Trauerflagge alle Welt aufmerkſam machen muß, daß das Schiff einen Todten am Bord hat. Sie wollte nicht leidend erſcheinen und zeigte ſich dafür in befremdlich ungleicher Stimmung. Oft ſaß ſie einen ganzen Abend ſtumm und ſtill neben dem Spiel⸗ tiſch mechaniſch mitzählend und am Ende jedes Spie⸗ les die Berechnung des Prinzen beſtätigend. Von Gregor's 122 Aufmerkſamkeiten nahm ſie keine Notiz, die alten Anec⸗ doten des Prinzen hörte ſie ohne Ungeduld und Wider⸗ ſpruch mit bleichem Lächeln. Ein anderes Mat jedoch preßte ſie Zweifel und Trauer gewaltſam hinab und trat glänzend, heiter und anregend unter die Geſellſchaft. Sie ſchien wieder die alte Schwungkraft erworben zu haben, aber nur dem unerfahrenen Auge entging der gewaltſame Prozeß, der in ihr die üppig wuchernden Gedanken erzeugte. Sie war geworden, wie ſie Gregor früher oft ge⸗ wünſcht. Sie hatte das flimmernde Colorit des Aus⸗ druckes, hinter dem der excentriſche Inhalt ſich verbarg, die naive Friſche ihrer Gedanken wurde zu feuerwerken⸗ der Effekthaſcherei, ihre Phantaſie flimmte auf, um Be⸗ rechtigtes und Unberechtigtes auf Augenblicke mit bun⸗ tem Streiflicht zu verklären. Es war ein unheimliches Spiel und ein unheim⸗ licher Erfolg, der ihr durch ſein Geſtändniß wurde. Das iſt mein Werk! Könnte ich ſie ſo jetzt hinabführen in die Geſellſchaft, ſie würde Bewunderung, Beifall, Neid er⸗ wecken, deun ſie iſt zu der Virtuoſität der Converſation gelangt. Und während Joachim den Kopf bedenklich ſchüt⸗ telte, während der Prinz abwechſelnd lachte und ſtaunte, fuhr ſie fort in ihrem gefährlichen Spiel. W 9 5 1 de Alle die gewagten Courbetten, all die ſchwindeln⸗ den Sprünge, zu denen die überreizte Hirnfaſer gezwun⸗ gen werden kann, brachen wie ſpielend als Geiſtes⸗ und Witzfunken hervor; die Reſultate einer fiebernden Ge⸗ dankenjagd wurden mit dem Geſtändniß, daß ſie in der That genial ſeien, belohnt. Aber auch dieſes Stadium wurde überſchritten, auch dieſe Zuflucht verlaſſen; in dieſer Weiſe ſollte und konnte die blendend ſchöne Epiſode ihrer Ingend nicht ſchließen. Seine Geduld und Beharrlichkeit ſiegte endlich über ihren Unwillen, ſie gab der Sehnſucht nach, die nach ihm ſie zog, ſie floh nicht mehr, ſie ließ ſich mit bebendem Herzen ſuchen und finden. Draußen auf der Terraſſe erreichte er ſie, wo er ſie zum erſten Male unter den grünen Schleiern des Frühlings geſehen. Die Steinurnen ſtanden noch auf demſelben Platz, die Drachenteiche funkelten noch in demſelben Farben⸗ ſpiele, aber die Weinranken waren purpurroth, die Knospen, die ihre Hand gepflegt, waren zu Blättern geworden und dieſe Blätter taumelten jetzt von den Zweigen. „Morgen haben wir Regen, übermorgen feuchte Wege und noch ſpäter bin ich wahrſcheinlich nicht mehr hier; laſſen Sie uns noch einmal alle bekannten Gänge 124 durchwandern,“ ſagte Gregor zu Irenen, die ſeiner Bitte ſich nicht ſträubte. Seine Mahnung, wie bald er gehen könnte, nahm alle Kraft zum Widerſtand. „Ich bin glücklich geweſen,“ ſagte er, in dem ihm geläufigen ſchwermüthigen Tone,„ſo glücklich, wie ich noch ſein konnte. Dies danke ich Ihnen. Wenn es wahr i daß man am häufigſten und liebſten derer gedenkt, denen man viel Gutes erwieſen hat, ſo wer⸗ den Sie ſich oft meiner erinnern. Sagen Sie nein?“ Er bog ſich vor, um ihr in die Augen zu ſehen, dieſe begegneten den ſeinen in ernſter Frage. „Sie reiſen?“ bemerkte ſie, ohne ſeine Worte direct zu beantworten. „Ich kehre zurück, wohin mich der Strom führt. Die kleine glückliche Inſel war mir nicht als Aſyl be⸗ ſtimmt. Wann, wie werden wir uns wiederſehen?“ Irene blieb ſtehen.„Ihre Vergangenheit wird Ihnen dieſe Frage am beſten beantworten, Herr von Wartberg,“ ſagte ſie ernſt;„Sie ſtellen ſie nicht zum erſten Mal und werden ſie noch oft wiederholen.“ „Vielleicht,“ ſagte Gregor mit geweckter Jronie, „doch hüte ich mich vor wörtlichen Wiederholungen.“ „Ich weiß,“ antwortete Irene,„daß Ihnen ver⸗ ſchiedene Sprachen zu Gebote ſtehen, aber die Mit⸗ theilungen haben alle ziem lich denſelben Sinn.“ „Ich ſpreche zu jedem in ſeinem Idiom; anders zum Kinde, als zur Matrone, anders zum Mädchen, als zu der Frau,— anders zu weiblichen Heiligen, als zu Magdalenen, anders zu Miſſionärinnen, als zu Blauſtrümpfen.“ „Und wie,“ unterbrach ihn Irene,„wie ſprechen Sie zu meiner Schweſter Regine?“ „Wie man zu einem Mädchen, welches man liebt, ſpricht“ Und ſein Auge traf ſie mit jenem müden, uner⸗ gründlichen Blick, der ihr Herz ſtets erſchütterte. Jetzt nahm ſie Blick, wie Antwort, wie einen erſehnten Troſt. „Und was trennte Sie von ihr?“ fragte ſie ge⸗ ſpannt.— „Die Verhältniſſe,“ antwortete Gregor.— „Geſtalteten ſich die Verhältniſſe im Laufe Ihrer Beziehungen anders, als zu Beginn derſelben?“ fragte ſie dringend. „Beginn?“ wiederholte Gregor leicht lächelnd, „als ob man ſich je des Beginnens einer Neigung be⸗ wußt ſein könnte! „Man gefällt ſich gegenſeitig, man ſucht ſich auf, man bedarf einander, man liebt ſich. Die Schatti⸗ rungen ſind fein und unmerklich, wie die des Aethers. Getrauen Sie Sich den Punet zu bezeichnen, wo das S 126 Blau des Himmels dem Lila weicht, dieſes zum bren⸗ nenden Roth wird und das Gelb im farbloſen Weiß erliſcht? „So fein ſind auch Wohlgefallen, Neigung und Liebe gemiſcht.“ „Nun, und was ſoll das beweiſen?“ fragte Irene. „Das ſoll beweiſen, daß, wenn man einmal die unterſte Sproſſe der Jacobsleiter, die in den Himmel, oder in den leeren Weltraum führt, betreten hat, ſchwer wahrzunehmen iſt, wie langſam, oder ſchnell man weiter gedrängt wird, und daß man nicht früher Halt zu machen im Stande iſt, bis die oberſte Stufe eine entſchiedene Wendung, oder einen unvorſichtigen Sprung abwärts nöthig macht.“ „Und als Sie um Reginen's Liebe warben?“ fragte Irene, die eigenſinnig immer wieder auf den Punct zurückkam.— „Stand ich unter der Herrſchaft des Augenbli⸗ ckes,“ entgegnete Gregor,„und freute mich eines ge⸗ genwärtigen Glückes. Als dieſes ſeine Bedeutung für mich zu verlieren begann, hatte ich wenigſtens das Bewußtſein, eine reiche, ſchöne Zeit meinem Leben einverleibt zu haben, was immer ein befferer Troſt iſt, als der, welchen uns die Phraſe: man muß ſich Selbſtbeherrſchung aneignen— gibt.“ 127 In dieſen Worten offenbarte ſich Irene der Zweck, welchen Gregor auch in dem Umgange mit ihr geſucht hatte, doch ſchmerzte ſie die Entdeckung kaum, nach den Enthüllungen, die ihr Panl gemacht hatte und Gregor beſtätigte. „Ein Bekenntniß, welches ich aus Ihrem Munde zuletzt hätte hören mögen,“ ſagte ſie ernſt.„Sie mögen ſich immerhin einen Sclaven des Momentes nennen; damit entgehen Sie noch nicht der Verantwortlich⸗ keit, die Ihre Handlungen— gleichviel unter welchem Einfluſſe dieſe entſprangen— begleiten. „Sie mögen ſich immerhin das Armuthszeugniß ausſtellen, ſich nicht mäßigen und beherrſchen zu können; damit tilgen Sie noch nicht die Folgen, dic aus dieſen unrühmlichen Schwächen entſtehen.“ „Mit dieſem Bekenntniß nehmen Sie zugleich Ihrem Wort die Glaubhaftigkeit, Ihren Anſichten den Werth, Ihren Ueberzeugungen die Unerſchütterlichkeit; — mit dieſem Worte wecken Sie den Zweifel an eine ſichere ſelbſtgefühlte Unterſcheidung zwiſchen Recht und Unrecht.“ „Recht, Unrecht,“ ſpottete Gregor,„wer darf be⸗ haupten, das ſcharf zu erkennen? Sehen Sie mit wei⸗ tem Blicke über die ganze Erde; was dem Einen Recht 128 dünkt, ſcheint dem Andern Barbarismus. Es gibt kein poſitives Recht. „Es gibt nur eine uns angewöhnte Denk⸗und Ur⸗ theilsweiſe, deren Regeln der Staat aus polizeilichen Gründen zum Geſetz erhoben hat. Recht und Unrecht! „Sehen Sie dieſe Inſtitutionen voller Anomalien, dieſe Geſetze, welche der geſchickten Hand, dem gewandten Geiſt in beliebiger Weiſe deutbar ſind, ſehen Sie dieſe Widerſprüche zwiſchen den Forderungen des Staates und denen der Kirche, und Sie werden erfahren, daß dieſe Begriffe einem elaſtiſchen Bande gleichen, welches jeder nach ſeinem Bedürfniß ſich anpaſſen kann.“ „Laſſen wir das bei Seite,“ unterbrach ihn Irene, ich will nur eine Erklärung: Was that Ihnen Re⸗ gine, daß Sie ſo hart mit ihr verfuhren, hatte ſie ihre Strafe verſchuldet?“ „Ich müßte Ihnen nicht antworten,“ ſagte Gre⸗ gor leichthin,„ich könnte Ihrem Mißtrauen auswei⸗ chen und Sie Ihrem Zweifel überlaſſen. Doch thue ich es nicht. Um Ihnen, eine Beſchämung zu erſparen, um mich nicht durch ein Erröthen zu rächen, welches eine ſpätere Zeit gewiß an dieſen Abend knüpfen würde, ich offen ſein, und Ihnen eine offene Erklärung geben. ſi d — „Hören Sie mich ruhig an, und ſprechen Sie dann ſelbſt mein Urtheil.“ Er ergriff ihre Hand und wollte ſie neben ſich auf die aus Baumäſten zuſammengefügte Bank ziehen, aber ſie widerſtand. Die Sonne ging heiter unter und überleuchtete mit goldenen Strahlen die beiden Menſchen, die ſich wie Kläger und Beklagter gegenüberſtanden. Die Situation begann für Gregor pikant zu wer⸗ den, wie in einem effektvollen Stücke, und er war be⸗ müht, ſich eine möglichſt dankbare Rolle zu bereiten. „Wenn es eine Schuld iſt,“ begann Gregor,„auch einmal jung geweſen zu ſein, jung, enthuſiaſtiſch und ohne zügelnde Ueberlegung,— wohl, ſo bekenne ich mich zu dieſer Schuld. Durch dieſe Phaſe muß Jeder gehen; ſie iſt eine bedenkliche Entwicklungskriſis, wie die des Zahnes bei den Kindern. Wie hier der phyſiſche Organismus leicht von Krämpfen befallen wird, ſo hat dort das Herz tauſend Convulſionen zu beſtehen, und ſolche Herzen nennt man beſiegt von der Liebe. Die fixe Idee dieſes Deliriums iſt bei Allen dieſelbe: die Gewiß⸗ heit, nur einer Hütte und eines andern Herzens zu be⸗ dürfen, um ſein Lebensglück zu erringen. Dagegegen zu argumentiren iſt vergeblich; ſie liegt in den Nerven im Blute.— Kinder der Zeit. M. 9 — „In dieſer Zeit ſah ich Regine und faßte Nei⸗ gung für ſie. Ich waär wahr gegen ſie und mich, ich glaubte, wie ſie, an die Ewigkeit eines flüchtigen Rau⸗ ſches. War es meine Schuld, daß der Augenblick der Rüchternheit einmal eintrat, daß mein Auge anfing prüfender zu ſehen, mein Herz matter zu ſchlagen, daß meiner Phantaſie die vorhin ſo ſtark gewefene Schwung kraft erlahmte?— Wollen Sie mich ſtrafbar finden, weil ich vor der Stimme der Leidenſchaft die der Ver— nunft hörte, weil ich meiner beſſern Ueberzeugung ge⸗ mäß den Muth hatte, durch meine Handlungen von heute mein Thun von geſtern Lügen zu ſtrafen? Konnte ich dafür, daß mich unabläſſig das Bedenken quälte, daß eine feſte Verbindung kein dauerndes Glück für uns Beide bogründen könne, daß ich mich viel zu gut kannte, um zu wiſſen, wie der Hervismus, tauſend kleine Eutbehrungen ohne Mißſtimmung zu tragen, mir ewig unerreichbar ſein würde? War es endlich meine Schuld, daß die Feſſeln in denen ſie mich hielt, ſo ſchwach und mürbe waren, daß ich ſie abzuſtreifen vermochte? Ich bin ein Sohn meiner Zeit, ein Glied der Geſellſchaftsgruppe, welcher mich das Schickſal zugeord⸗ net hat, und kann als ſolches nicht läugnen, mit den Götzen: Comfort, Bequemlichkeit, Kampfloſigkeit Ab⸗ götterei zu treiben. „Sie ſind geneigt, mich ſtrafbar zu finden, und werden mir antworten: Sie würden Regine nicht auf⸗ gegeben haben, hätten Sie ſie geliebt! „Wohl dann, kann man mit Gewalt das ſich be⸗ wahren, was morſch jeden Augenblick in Trümmer zu fallen droht? Was hilft es, in den Formen zu behar⸗ ren, wenn der Gehalt einer Sache ſich verflüchtigt hat?— Genug, ich hatte die Kraft, mit ihr zu bre⸗ chen, auf die Gefahr hin, ihr einen kurzen Schmerz zu verurſachen. Sie verlor ein Luftbild, deſſen Verluſt in keinem Vergleich zu künftigen Entbehrungen und Demüthigungen, die unausbleiblich einer Verheira⸗ thung mit mir gefolgt wären, ſtand. Sie hat ſich ge⸗ tröſtet, wie Sie ſehen, ſie iſt gut verheiratet und ge⸗ nießt die Achtung der Geſellſchaft. „Alle Autoritäten haben ihr ein Korn Troſt geſpen⸗ det, und ſie hat geduldig jede Doſis genommen. Schlug das eine Mittel nicht an, half das andere. Die Kinder⸗ muhme Religion ſpeißt mit goldenen Verſprechungen, der Schulmeiſter Nothwendigkeit hält einen draſtiſchen Sermon, die Zerſtreuung verſpricht Erſatz und zuletzt kommt noch das ſtarke Mittel der Selbſtverſpottung, welche ſich an den Würmern, die in den eigenen unge⸗ ſunden Wunden entſtanden, zu tollem Gelächter reizt.“ „Oh ich weiß,“ ſagte Irene, durch ſei Vurte 9 132 abgeſtoßen,„Sie finden für Alles Entſchuldigung, für jeden Fehler Beſchönigung.“ Und ſie wendete ſich um zu gehen. „Ja,“ ſagte er mit ſcheinbarer Reſignation, in⸗ dem er neben ihr ſchritt,—„ſo ſind die Frauen. Ihre erſte Frage bei ihrer erſten oder letzten Liebe bleibt bei Allen dieſelbe:„Welche perſönliche Vortheile kann ich durch Deine Neigung erreichen? Wird ſie mir eine angemeſſene Stellung in der Welt geben?“ Die Liebe des Weibes iſt Egoismus und Speculation und ſinkt zum Gefrierpunct herab, wenn ihr Ziel: eine wohl⸗ organiſirte Ehe, nicht erreicht werden kann. „Man will nicht geben, man will eintauſchen. Und warum nicht? Feilſcht man doch um Alles;„um die Producte des Bodens, des Fleißes, der Begeiſterung, — warum nicht auch um die des Herzens?“ Und die⸗ ſem Handel reden Sie das Wort? Sie vertheidigen jene gefälſchte Neigung, die ſich auf Nebenabſichten, mit Nebengedanken miſcht? Unterbrechen Sie mich nicht, hören Sie mich, Sie müſſen mich zu Ende hören. — Was iſt denn die Liebe, wenn ſie nicht allen perſön⸗ lichen Berechnungen und Vortheilen zum Hohne ihren Cultus errichtet, wenn ſie nur den Weg zu nehmen weiß, den auch die niedere Speculation betritt?— O wie habe ich geſucht nach einer Liebe, die ihren Grundſtein im Herzen ruhen läßt, ihre Wölbung aber weit über das Maaß des Gewöhnlichen erhebt,— die keinen andern Wunſch kennt, als den:„was Du willſt, will auch ich, ich verlange nichts als Dein Herz, ſo lange es für mich iſt!“ „So groß, Irene, müſſen Sie denken, und Sie denken ſo. Den Mann, welchem Sie Ihre Liebe ge⸗ ſchenkt, den würden Sie nicht ausbenten wollen, als Begründer eines bürgerlichen Hausſtandes, den wür⸗ den Sie nicht mißverſtehen, wenn er, dem Drange der Verhältniſſe nachgebend, ſeine Hand einer ihm we⸗ nig fremden, ungeliebten Frau gäbe. Sie würden ihn deshalb nicht treulos nennen, Sie würden wiſſen, daß es eine höhere Treue gibt, als die, welche das Woh⸗ nen unter demſelben Dach, das Einathmen derſelben Luft conſtatirt. Sie würden ihn fortlieben, nicht wahr, Irene? Sie würden nicht vergeſſen, daß Sie Ihre eigene Wahl in ihm fortehren müßten, daß Sie Ihre eigenſten, zarteſten Gefühle verdächtigen, wenn Sie vertilgen wollten, was Sie einſt hegten und großzo⸗ gen! Und wenn ſelbſt Ihr Kopf bis zur Verurtheilung getrieben würde, Ihr Herz würde die Kraft haben, bis zur Verzeihung zu gehen. Selbſt wenn Ihre Anſichten ſich feindlich entgegentreten könnten, ſelbſt wenn er ge⸗ than, was Sie nimmermehr billigen, noch gut heißen = —————— 134 wollten. Würden ihn nicht aufgeben, wenn er vom Glück, von den Menſchen, von Gott, von ſich ſelbſt verlaſſen, wie Kain in der Wüſte irrte,— Sie würden ihn nicht aufgeben, Sie würden ſeine Hand, die Niemand dem Gemiedenen zu reichen wagte, ergreifen und tröſten: Nichts iſt verloren,— noch bin ich bei Dir.— Soll ich mich in Ihnen getäuſcht haben, Irene?“— „Adieu, Herr von Wartberg,“ ſagte dieſe traurig, „es iſt für uns Zeit zu gehen, für uns Beide!“ „Nicht, bevor Sie mir gelobt haben, mein Anden⸗ ken zu bewahren, wie es uns Beiden Ehre macht,“ ſagte Gregor beharrlich. Wahr und offen war ich immer gegen Sie, ſoll ich es bereuen?“ „Sie miſchen befremdlich Wahres und Falſches, Tadelnswerthes und Beklagenswerthes in einander,“ ſagte ſie mit Ernſt, aber ohne Härte.„Ihre Worte ſind ſchön, aber es ſind eben nur ſchöne Worte, die ein⸗ ſchmeichelnd klingen, ohne zu überzeugen. Sie haben geſchickt ihre Sache geführt, Sie haben gezeigt, wie gewandt, wie beſtechend Sie ſprechen können. Das iſt genng für mich— übergenug.“ Und Jrene lehnte den ſchönen, brünetten Kopf an den Steinpfeiler der Thür und verbarg die Thrä⸗ nen nicht, die ihr unbewußt aus dem groß aufgeſchla⸗ genen Auge drangen. de 3 ſr Mit einem eigenen Gefühle des Triumphes und der Beſchämung ſah Gregor ihre Bewegung, die er zu ſeinen Gunſten noch einmal auszubenken den Ver⸗ ſuch machte. „Die Thränen ſind mein,“ ſagte er weich,„warum ſich ſträuben gegen das Gefühl, welches ſie hervor⸗ rief? Laſſen Sie mich klär in Ihr Inneres ſehen; laſſen Sie mich Ihr Urtheil vernehmen. Der Wahr⸗ heit die Ehre!“ „Wohl denn, der Währheit die Ehre!“— ant⸗ wortete Jrene entſchloſſen.„Sie irren ſich, Herr von Wartberg, wenn Sie glauben, ich ſtehe höher, als Andere meines Geſchlechtes, wenn Sie vorausſetzen, mein Herz beſitze die reiche Energie der Liebe, zu ent⸗ ſchuldigen, wo es verurtheilen muß.— „Nur in der Vorausſetzung irrten Sie nicht, daß keinen Menſchen auf der ganzen Erde Ihr Wohl und Wehe ſtärke treffe, als mich. „Ich hätte tret bei Ihnen ansgehalten, als Schweſter, als Freundin, wenn mir nur das Ver⸗ trauen in Ihr edles Leben und Streben geblieben wäre. Ich hätte Sie immer geliebt,“ fuhr Sie, mit einfacher Offenheit ihre reine Neigung entſchleiernd, fort,„und hätte nichts verlangt für meine Liebe, als Ihre Billi⸗ 6 gung, als Ihr Vertrauen,— nichts verlangt, als 136 daß Ihre Handlungen und Worte ſich ewig ſelbſt geehrt hätten. „Ich hätte bei Ihnen geſtanden Zeit meines Le⸗ bens, gleichviel, ob Ihnen das Schickſal feindlich, oder günſtig geweſen, gleichviel, ob Sie mit Ruhm gekrönt, oder gebrandmarkt worden wären. „Die ganze Welt hätte ungerecht gegen Sie ſein können, wären Sie nur ſelbſt gerecht geblieben. Das ſind Sie aber nicht. Nein, nein, koſte es mich auch Ihre letzte Theilnahme, koſte es mich den Reſt ihrer blaſſen, vergänglichen Neigung, die mir doch ſo theuer, ſo unendlich theuer war und iſt, ich kann nicht gut nennen, was ewig ungerecht iſt. Sie haben Abfall über Abfall begangen, Sie haben in ſträflichem Egois⸗ mus, Glück über Glück Ihrem eigenen Wohlſein ge⸗ opfert. „Sie haben ſo wenig Großmuth, ſo wenig Menſchlichkeit gezeigt, daß mein Glauben an Sie— der nur in der Vergangenheit Wurzel ſchlagen kann— verdorren muß und keine Blüte mehr treiben kann. Der Lebensnerv iſt geſchnitten, das Vertrauen iſt getödtet. Wer ſich von jeder momentanen Stimmung treiben läßt, lernt nie einem edlen Ziel zuſtenern; wer das Gefühl der Verantwortlichkeit verlor, zerſetzt ſeinen ſittlichen Kern. E n 137 „Es gibt ein bindendes, ewig unantaſtbares Ge⸗ ſetz, an welchem ſich nicht deuten, welches ſich nicht drehen läßt, es lautet: Das Lebensglück eines jeden Menſchen zu ſchonen und zu fördern. Gegen dieſes Geſetz haben Sie gefrevelt. „Sie haben Feuer in das Haus gebracht, welches Sie gaſtlich empfing, um des egoiſtiſchen Zweckes willen, an den flackernden Umriſſen der Flammen ſich zu er⸗ götzen. Sie haben Glück und Leben Anderer getrübt, und darüber Ihr eigenes befleckt. „Wenn ich Ihnen aber auch verzeihen dürfte, was Sie an Andern verbrochen, nie kann ich Ihnen ver⸗ geben, was Sie an Sich ſelbſt ſündigten. Niemand kann das bitterer empfinden, als ich, denn Niemand hat klarer die verſchwenderiſchen Schätze erkannt, die die Natur in überreicher Fülle in Sie gelegt, Keime, aus denen ein guter, freier, glücklicher Menſch werden ſollte,— und nun?— Ich habe Sie geehrt, geliebt, ich habe Sie geſehen, wie die Natur Sie wollte, dem Urbilde entſprechend, und unn weine ich, daß Sie fre⸗ velnd ſelbſt Hand an ſich gelegt, daß Sie das Edelſte in ſich getödtet haben,— nun kann ich nichts mehr für Sie thun, als Sie ſtill ohne Sang und Klang be⸗ graben; denn mir ſind Sie geſtorben— und keines gerechten, ehrenhaften Todes!“ Und ohne ſeine Antwort abzuwarten, verſchwand ſie auf der dunkeln Treppe, um ihn nicht wieder zu ſehen. Zwei Tage darauf verließ Gregor die Geiſen⸗ burg. Seine Sendung war ſo gut, wie geſcheitert. Der Prinz hatte die jetzt unverhüllter auftretende Zumuthung,— Proteſt gegen die Verfaſſung zu erhe⸗ ben,— mit einer Indignation zurückgewieſen, die eine nähere Erörterung der delicaten Frage gänzlich ab⸗ ſchnitt. Gregor's Abreiſe mußte die nächſte Folge dieſer Wendung ſein, bei der Vollführung derſelben wurden ihm keine Schwierigkeiten gemacht. Der Prinz entließ ihn höflich, Joachim nahm ſeinen Abſchiedsbeſuch ernſt und zurückhaltend an. Durch Paul hatte er Aufſchlüſſe über Gregor's Ver⸗ hältniß zu Reginen, ſowie über ſeine Beziehung zu Jrenen bekommen, aber er vermied auch nur durch ein Wort anzudeuten, wie tief er mit ihr litt. „Wüßteſt Dn, wie wehe Du mir gethan haſt,“ ſagte er an dem Nachmittage, an welchem Gregor in dem Phaeton, in welchem er mit Irene nach dem Ebers⸗ berg gefahren war, durch die Einfahrt hinaus rollte. Spähend ſah Joachim nach den Giebelfenſtern, ſie blieben geſchloſſen. borge ſeiner gleich nur da fi „es por, Erde, fernu Bekle Nach bei il ſelbſt heilig nahe des L ſein o ſich r drückt Stim und T 139 Aber hinter den bunten Damaſtvorhängen ver⸗ borgen, blickte Irene hinab, um noch einmal ſich an ſeinen Anblick zu ſättigen. Als nun die Pferde anzogen, als Gregor mit gleichgültigem, artigem Gruß Joachim dankte, ohne nur einen einzigen Blick nach ihrem Fenſter zu werfen, da fühlte ſie noch einmal die Schwere der Worte:— „es iſt vorbei.“ Es war, als ſtiege der Tod vor ihren Füßen em⸗ por, als ſänke ſchwarze Nacht rings um ſie auf die Erde, und ihre Thränen begleiteten jede Spanne Ent⸗ fernung, die ſich weiter zwiſchen ſie und ihn legte. Vor ihrer geſchloſſenen Thüre, den Kopf an die Bekleidung gelehnt, wachte Joachim die ganze, lange Nacht. Er wußte, daß ſie kein Mitleid, keinen Troſt bei ihm ſuchen würde, daß ſie Stütze und Hilfe in ſich ſelbſt finden müſſe, aber er wachte in Erbarmen und und Trümmer lag, einem neuen Leben als Boden dienen heiliger Liebe bei ſeinem geprüften Kinde. Er mußte ihr nahe ſein in der Stunde, in welcher ſie den Schmerz des Lebens als Schwert in ihrer Seele fühlte, er konnte ſein altes Haupt nicht ſchlafen legen, während die Ruhe ſich von ihr wenden wollte;— aber durch ihre unter⸗ drückten Seufzer und Klagen ſagte ihm tröſtend die Stimme ſeiner Erfahrung, daß das, was jetzt in Schutt ———— 140 würde, daß in der herbſten Verzweiflung neue Kräfte gewonnen werden, die einen troſtvollen Erſatz verheißen. So hütete er ihre Schwelle, bis der Morgen kam; dann ging er leiſe, um ihr nicht zu begegnen, wenn ſie ſich vielleicht hinaus„in's Freie“ retten wollte. Par erſt wo! die ſch kor 10. „Nun, Hallbert, ſind Sie endlich zurück?“ wurde Paul gefragt, als er nach längerer Abweſenheit zum erſtenmal wieder im Club erſchien.— „Einſtweilen,“ antwortete dieſer kurz.— „Einſtweilen, wollen Sie ſchon wieder fort?“ „Das beabſichtige ich allerdings.“— „Und darf man fragen, wo Sie jetzt waren und wohin Sie zu gehen gedenken?“ fragte Roßleben, der 1 die Neugier Luitgard's über Paul's plötzliches Ver⸗ ſchwinden zu befriedigen verſprochen hatte.— „Warum nicht,“ antwortete Paul höflich,„ich komme aus Holland und gehe nach Indien.“ Ein Ruf des Erſtaunens wurde hörbar. „Nach Indien!“ rief ein Referendar, der von 142 den Univerſitätsjahren her mit Paul befreundet war; —„biſt Du bei Sinnen? „Gelüſtet Dich's ſo ſtark nach dem gelben Fieber? Biſt Du ſo unempfänglich für die Ergebniſſe einer aus⸗ gebreiteten Praxis? Was in aller Welt treibt Dich aus den angenehmſten Verhältniſſen in die Zweifelhafteſten?“ „Die alte Wanderluſt der Germanen,“ ſagte Paul mit gezwungenem Lächeln.„Die ganze Erde iſt uns gerade als Heimat groß genug.“ „Es ſcheint, dieſe Wanderluſt iſt über Nacht über Dich gekommen,“ bemerkte der Andere.„Vor nicht ganz vier Wochen, ſagteſt Du, das raſtloſe Hin- und Her⸗ ziehen ſei Dir zuwider. „Jetzt iſt mir das Kleben an der Scholle unbe⸗ greiflich,“ wehrte Paul ab. „Aber, Hallbert,“ erinnerte der Referendar, denke doch an das gefährliche Klima, wie viele Opfer ſind ihm ſchon gefallen!“— „Ich habe eine ſtarke Conſtitution,“ antwortete Dieſer, nach der Zeitung greifend.— „Du wirſt verkommen unter den entarteten Racen.“ „Ob ſie entarteter ſind, als unſere überciviliſirten Europäer, ſteht noch in Frage,“— entgegnete Paul. „Sie werden unter der Herrſchaft der Willkür und — var; er us⸗ aus agte e iſt über ganz Her⸗ nbe⸗ dar, pfer rtete en rten aul. 143 des deſpotiſchen Abſolutismus ſich nicht wohl fühlen,“ bemerkte Roßleben. „Dieſer Herrſchaft kann man ſich nirgends ganz entziehen.“ „Und ſo ganz losgetrennt, aus dem Zuſammen⸗ hange mit der Heimat geriſſen, an die man doch immer einige Anhänglichkeit bewahrt,“ mahnte Roßleben.— „Und die Hoffnung auf die Gründung eines eige⸗ nen Herdes ganz aufgeben zu müſſen,“— warf ein Dritter prüfend ein,—„im Falle Sie nicht eine Schwarze heiraten wollen.“ „Warum nicht,“ lachte der Referendar,„wenn ſie hübſch iſt und die Diamantſchätze von Borneo auf einem weißen Elephanten ſich nachführen läßt.“ „Die Gründung eines Hausſtandes iſt uns jun⸗ gen Männern nicht mehr Bedingung zum Wohlſein,“ — ſagte Paul achſelzuckend.— „Bei dem allgemeinen Ringen nach Freiheit ſteigt die Scheu vor der Ehe, wie vor einer bedenklichen Beſchränkung, der man ſich nur mit Widerſtreben fügt. „Die Fragen über Kirche und Staat, über ſociale und geiſtige Entwickelung, über Politik und Induſtrie beſchäftigen zu ſehr, um andere zartere Intereſſen auf⸗ kommen zu laſſen.“ ——— 144 Roßleben ſtrich ſich lächelnd den Bart, er wußte, daß dieſes Bekenntniß Paul nicht von Herzen kam. „Das mag ſein, wie es will,“ ſagte er drin⸗ gend,„ich dächte, Sie blieben hübſch treugeduldig im Herzen der alten Dame Europa.“— „Freilich, wie kann er es über das Herz brin⸗ gen, aus dem Herxzen zu ſcheiden,“ neckte der Refe⸗ rendar.— „Iſt denn das ſo ſchwer?“ fragte Paul mit Kälte. „Die gegenwärtigen Zuſtände ſind doch, bei Gott, we⸗ der feſſelnd, noch erquicklich. Was ſoll mich halten? Ein Blick in die Vergangenheit voll fruchtloſer Kämpfe, in deren endliche Entſcheidung vielleicht ſchon die nächſte Zukunft auch uns verwickelt? Die Gegenwart mit ihren ſchalen induſtriellen Intereſſen, getränkt mit dem zerſetzenden Giſt einer immer weitergreifenden Scepſis? Das Puppenſpiel der Diplomatie, die Blind⸗ heit und Arrogauz der Bourgoiſie, die Empörungsge⸗ lüſte eines hungernden Proletariats, der Schwindel und die Ueberhebung der privilegirten Stände? Iſt das ein Bild deſſen Gruppirung uns eine ſichere Ga⸗ rantie für eine harmoniſche Entwickelung gibt?“ „Wetter! Hallbert, wie ſchwarz Du heute ſiehſt! Ein echter Europamüder!“ antwortete der Referendar verwundert. 145 „Sie werden morgen vielleicht fchon anders den⸗ ken,“ beruhigte Roßleben.— „Das wäre viel zu ſpät,“ lächelte Paul,„mein Examen iſt bereits beſtanden, mein Engagement un⸗ terzeichnet, mit dem nächſten Truppentransport ſchiffe ich mich nach Java ein.“— Da war nichts mehr zu ſagen; man begnügte ſich, die Achſeln zu zucken, und Paul heimlich einen Abenteurer zu ſchelten. Er hatte ſeinen Entſchluß an dem Tage gefaßt, an welchem er Reginen's Brief erhielt. Nach Ueberwin⸗ dung des erſten, heftigen Schmerzes, war er durch langes ernſtes Nachdenken dahin gelangt, ihre Ent⸗ ſcheidung von ihrem Standpunct aus zu entſchuldigen, ihrem Willen ſich nicht entgegenzuſtellen. Damit war aber anch eine Trennung ausgeſprochen, eine wirkliche, nicht ſcheinbare, wie bisher; nur ſeine Entfernung konnte neue ſchmerzliche Kämpfe verhindern, und ſo beſchloß er, den ganzen, weiten Ocean zwiſchen ſein und ihr Herz zu legen. In B. war ſeines Bleibens nicht mehr.— So wollte er ſich denn müde laufen über den Erdkreis. Regine hatte in dem ihr halb gewaltſam abge⸗ zwungenen Entſchluß nicht die Ruhe gefunden, die ihr Adrian verheißen; die Ergebung in ein unabänderli⸗ Kinder der Zeit. III. 10 146 ches Ereigniß zog nicht einmal in Geſtalt lethargiſcher Stumpfheit bei ihr ein. Immer höher flutheten die ſchwarzen Wellen der Verzweiflung in ihrem Gemüth; immer heißer brannten die Bilder der Sehnſucht und Liebe in ihrem Herzen. In Adrian's Abweſenheit ſah man ſie rathlos im Hauſe umherirren, die Gallerien durchſchweifen, einen Ort nur aufſuchen, um ihn ſo⸗ gleich wieder bange zu fliehen. Zu andern Zeiten ſah man ſie die Communicationsthüxe, welche Pfarrwoh⸗ nung und Kirche verband, öffnen, und allein den Chor betreten. Aber auch hier fand ſie weder Raſt noch Ruhe. Mit ſtarrem Blicke betrachtete ſie die ernſten Häupter der Prophetenbilder, mit zagender Hand wiſchte ſie den Staub von den vergoldeten Faltenmän⸗ teln der Apoſtel. Dann fiel ſie knieend auf die Stufen des Altares und ihre Seele ſchrie zu Gott um Schutz, um Troſt, um ſeine ſtarke, helfende Hand. Aber die Gedanken verſagten ihr den Gehorſam während des Gebetes, vor dem Altar ſchlugen Flammen empor, wieder ſah ſie den glänzenden Giebel,— ſein Bild tauchte vor ihr auf, ſein Arm umfing ſie unter dem Crucifix, ſein Mund verſprach ihr Liebe,— und ſie vergaß Alles;— ſie vergaß, wo ſie war, ſie vergaß, um was ſie gebetet, ſie verfluchte die übereilte Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit, die ſie auf das einzige Gut hatte verzich⸗ „ — — 147 ten laſſen, welches die Erde noch für ſie hatte; ſie ſprang auf. Sie wähnte ihn gegenwärtig, ſie meinte, er müſſe jeden Augenblick hervortreten hinter den eichenen Stüh⸗ len, hinter den dunklen Votibtafeln;— er mußte ja kommen, er kommt gewiß!— Abet er kam nicht, und nun erſt graute ihr vor ſich ſelbſt und ihrem Thun. Nun floh ſie, denn die Gewölbe drohten auf ſie zu fällen, die Todten ſich zur Verfolgung aus ihren Gräbern zu erheben und ſie ſuchte mit Grauen den Rückweg. Aber ſie konnte den Rückhweg in ſich ſelbſt nicht finden, wohin ſie auch flüchtete⸗ „Wenn ich ihn nur noch einmal ſehen könnte; dann fände ich mich leichter in das Schwerſte!“ ſagte ſie ſich tanſend Mal. Im Geiſte wiederholte ſie ſich wohl manchmal Adrian's Troſt: er wird dich achten;“— aber eine lautere Stimme rief hohnlachend in ihr:„Und was iſt alle kühle Achtung gegen einen Moment der Seligkeit!“ und ſie ſank bitterlich weinend zuſammen. Aber auch die Thränen thaten ihr nicht wohl;— ein verwunder⸗ ter Blick drängte ſie zurück. Niemand durfte wiſſen, wie ſie litt. Sie eilte zu Adrian, ſie bettelte zu ſeinen Fü⸗ ßen um ein Wort des Troſtes, ſie verſprach ihm von 10* „. 148 Neuem Treue und Gehorſam, ſie beichtete, wie ein Kind, das, von Schmerz gefoltert, um Menſchen⸗ hülfe fleht, wo dieſe am Ende iſt. „Und Adrian bot alle ſeine Beredtſamkeit, alle ſeine Kraft auf, um ſie auf dem rechten Wege zu erhalten. Er las, er ſprach und betete ſtundenlang mit ihr, er behandelte ſie ſchonend und nachſichtig, aber es war zu ſpät, auch dieſer Anker mußte reißen. Er hatte ſie bis jetzt von aller Geſelligkeit ent⸗ fernt gehalten, auf einſame Spatziergänge hatten ſich allein ihre Ausgänge beſchränkt. Um ſo mehr über⸗ raſchte er ſie eines Tages mit der Aufforderung, ein Concert, welches ein muſikaliſcher Verein zum Beſten der Armen gab, zu beſuchen. „Hier iſt ein Billet,“ ſagte er,„willſt Du davon Gebrauch machen?“ „Ja, ja,“ antwortete ſie, danach greifend.— „Ganz gut,“ ſagte er, ſie ſcharf beobachtend. „Zerſtreuung wird Dir wohl thun, auch bin ich ſicher, daß Dir keine neuen Anfechtungen bevorſtehen.“ „Nein,“ ſagte ſie mechaniſch. „Du weißt olſo,“ fragte er mißtrauiſch,„daß er B. verlaſſen hat?“ „Und wohin iſt er gegangen?“ fragte ſie ſehr langſam.— 149 „In holländiſche Dienſten nach Oſtindien „Deſto beſſer,“ ſagte Regine gelaſſen, indem ſie ſich wieder an ihre Arbeit ſetzte. 1„Das Weib iſt ein eitel Geſchöpf, ein Rohr im t Winde,“ murmelte Adrian, indem er wieder in ſeine Studierſtube ging. Fort, fort!— ſo war er fort! Sie kleidete ⸗ ſich an zum Conzert; ſie legte die Trauer zum erſten Male ganz ab und dahte daß die Tante doch ſchon gar lange eet ſein müſſe, da er Zeit geh ahl habe, n fort zu gehen. Sie ſagte Adrian Adieu, der zurück⸗ n blieb, zum erſten Male ohne Mißtrauen zurückblieb, und ihr einen Auftrag an Frau von Wartberg ntaut. n Sie trat in den Saal, der ſchon gefüllt war. Dort ſtand Roßleben und p lauderte mit Luitgard, ſie grüßte Gregor. Dieſer trat zu ihr. .„Heißen Sie mich denn nicht willkommen? haben , Sit mich gar nichts zu fragen?“ redete er ſie heraus⸗ fordernd an. „Ja, wo iſt fragte Regine ängſtlich. 2„Unter ihren Leibeigenen,“ ſagte Gregor, eine Gruppe Herren bezeichnend, die ſeine Schweſter um⸗ r gaben.„Es kömmt nur auf Sie an, ſie zu überholen.“ Aber Regine war ſchon an der anderen Seite des 150 Saales, auf welcher ihr Roßleben einen Platz ver⸗ ſchafft hatte. Ihr war, als wäre ſie weit von allen den Menſchen, deren Worte ſie hörte, deren Gewän⸗ der ſie ſtreifte, entfernt, als bewegten ſich nur Pup⸗ pen an Drähten um ſie. Der Wechſel von Licht und Schatten, von ſpiegelndem Atlaß und ſtrahlenden Or⸗ den war ihr unbegreiflich; ſie wußte nicht mehr, wie und um was ſie gekommen. Sie ſpricht, ohne ſich ihrer Worte bewußt zu ſein, die ſchweren, rothen Gar⸗ dinen rollen ſich unter ihrem Blick zuſammen, die wei⸗ ßen Gypsfiguren in den Niſchen bewegen ſich, ſteigen herab, miſchen ſich unter das Publicum, die Bronze⸗ arme der Kronleuchter überziehen ſich mit grünem, feuchten Moos;— da ſetzen die Violinen ein, das Concert beginnt. Das war Schubert, das war er ſelbſt. Das wa⸗ ren Klagen, die als unentäußerliches Erbe die Menſch⸗ heit auf ihrem Wege ſich überliefert. In dieſen Me⸗ lodien zittert noch heute derſelbe Schmerz, wenn auch die Seele, die feine Läuterung empfand und ihn als Schöpfung des Genius den Spätergebornen hinter⸗ ließ, zur Ruhe gegangen iſt. Das Publicum ſchwieg. Es war, als ob man ſich ſcheute das Haupt der Gor⸗ gone zu betrachten; nur Regine nickte ſtill. Sie kannte dieſe Accorde, ſie kannte dieſe Töne, die alle durch⸗ M einander ſchon lange in ihr geklungen hatten und nun geordnet ſich die Hand boten. Immer ſehnſüchtiger ſtrebten die Violinen empor, bis zu ſchwindelnder Höhe drangen ſie allmählig in ju⸗ belndem Uniſſimo, um endlich im leiſeſten Verklingen den Goldgrund zu bilden, auf welchem das Violoncell ſeine tiefen, vollen Laute ſtreut, die Motive der Viblinen in veränderter Tonart aufnimmt, und zu demſelben be⸗ friedigenden Abſchluß ſtrebt. Aber es iſt vergeblich! Immer wieder ſinken die Töne in die Tiefe zurück, immer ſehnſüchtiger wird die Klage, immer mehr er⸗ lahmt die Kraft, ſich aufwärts zu ſchwingen. Immer fragmentariſcher wird der Gedanke, immer leiſer die Bitte; noch ein erſchütterndes Aufflammen— dann in ſich ſelbſt zuſammenſinkend verliſcht der Ton.— Das Adagio folgt, mit ſeinen gedämpften Lauten, ſeinem gemäßigten Tempo; keine ſtehenden Töne mehr, die Unruhe des Lebens liegt weit zurück, der Ausflug iſt vollbracht, das letzte Wort geſprochen, Nicht die Modu⸗ lationen des Schmerzes, die ernſteren, mächtigeren Harmonien der Trauer klingen an; man beklagt nicht ein blühendes Leben, begräbt nicht die Erinnerung an vergangene goldene Tage, man geleitet einen entkörper⸗ ten Geiſt bei ſeiner feierlichen Rückkehr.— Auch das geht vorüber; ein Bravo lohnt es,— ein lauter Applaus 152 und mancher ſtille Seufzer. Die Zeit flieht, die Töne ſchweben und verklingen, die Menſchen ſtehen auf, drängen fort;— es iſt aus. Regine kehrte zurück, ihr Mädchen erwartet ſie mit warmen Hüllen, mit angezündeter Laterne, ſo hell der Mond auch ſcheint. Sie iſt wieder zu Hauſe, ſie tritt auf die Gallerie, die Meſſingklinke zu Adrian's Thüre ſchimmert hell im Lampenlichte. Sie vergißt Hut und Shawl abzulegen, ſie vergißt ihr Portemonnaie in ihre Schatouille zu ſchließen,— ſie tritt in ſein Zimmer. Er ſieht ſie erſt nicht. Er ſitzt in tiefen Träumereien; vor ſich aufgeſchla⸗ gene Bücher; als ſie die Hand auf ſeinen Arm legt, blickt er auf. Ihre Gegenwart begrüßt er mit Beifall und Vergnügen. Er legt die Feder hin und ſieht ſie lange an. Sein Blick umſaßt ſie ganz, von dem kleinen Fuße an, bis zu dem glänzenden, duftenden Haar. Sie ſuchte ihn auf? Sie war ihm wohl dankbar für den ſeltenen Genuß? Sie weinte nicht mehr, daß ſie Paul verloren? „Siehe, meine Freundin,“ ſagte er feierlich,„Du biſt ſchön, Deine Augen ſind wie Taubenaugen; Du biſt ſchön, wie die Blume zu Saron, wie die Roſe im Thale.“ Und er ergriff ihre Hand, dieſe Hand war kalt und ſchwer, ihr Auge auf ihn unabläſſig gerichtet. „Die Du wohneſt in den Gärten, laß mich Deine Stimme hören,“ ſagte er dringender, ſie mit ſeinem Arme unſchlingend. Sie wich zuxück und ſuchte ſich frei zu machen, aber Adrian drückte ſie feſter an ſich. Der Störer ſeines Friedens war für immer unſchädlich gemacht. Regine ertrug den Verluſt mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit, ſie war ſeine Frau, und eine heiße Neigung zog ihn jetzt zu ihr hin. „Küſſe mich mit dem Kuſſe Deines Mundes, Deine Liebe iſt lieblicher, denn Wein—“ flüſterte er, indem er ſich herabbog und ſeine Lippen an ihren Mund drückte. Mit einem Schrei des Entſetzens entwand ſich Regine ſeinem Arme; wie ein heißes Eiſen hatte ſie ſein Kuß getroffen. Keine andere Stimme, als die des Abſcheues hörend, keine andere Mahnung, als die, ihrer Liebe würdig zu bleiben, verſtehend, verließ ſie in heftiger Flucht das Zimmer, den Vorſaal, das Haus. Aber auch hier ſchien ſie nicht geborgen, immer weiter eilte ſie durch die Straßen; ſie wagte nicht hinter ſich zu ſehen, ihr eigener Schatten flößte ihr Entſetzen ein, ſie huſchte um die Ecken, ſie wich ſcheu den ihr Be⸗ 154 gegnenden aus, die ſingend aus den Kellern traten, ſie ging zur Stadt hinaus, ohne zu wiſſen wohin. Da hörte ſie ganz in der Nähe einen gellenden Ffiff, ſie war am Bahnhofe, und wie ein Blitz durch⸗ zuckte der Gedanke ihren Kopf:„Nach Geiſenburg zu meinem Vater!“ Ein Billet war ſchnell gelöſt, noch hielt ſie ja trampfhaft ihr gefülltes Portemonnaie in der Hand. Der Conducteur öffnete ihr ein leeres Coupee; im nächſten Angenblicke führte unter der ſchwarzen Flagge des Dampfes der Zug ſie fort. Aber neben ihr ſaß die Furcht, die Verzweiflung; ſie wendete den Kopf nicht, weil ſie fürchtete, Adrian's Blick zu begegnen; ſie bewegte ſich nicht, um ſeine Hand nicht neben ſich zu fühlen; es ſchien ihr, als ob eine ſtarke Fauſt von Zeit zu Zeit an dem Fenſter rüttle, als ob der Schrei der Locomotive der des gehetzten Wil⸗ des ſei. Der Zug hält; neuer Schrecken faßt ſie; ſie wagt ſich nicht heraus. In kindiſcher Furcht bleibt ſie in eine Ecke gedrückt, bis die Thüre von Außen geöffnet wird, und ſie einen Vorübergehenden ſagen hört: „Gelegenheit nach Geiſenberg!“ „Nach Geiſenberg?“ fragt ſie ängſtlich. m ſie en ch⸗ zu ja im gge ng; an's n eine als Wil⸗ wagt eine wird, 155 Ein Bauer auf einem einſpännigen Fuhrwerke ant⸗ wortet, ſie gibt ihm den letzten Reſt ihres Geldes, er dankt und hilft ihr Platz nehmen auf dem ſchmalen Sitz. Dann knallt die Peitſche, und ſie fährt in das Gebirge Der herbſtliche Wald iſt ſtille, zpe dieſe Stille wirkt in ihr nicht nach. Sie ſieht zurück, immer zurück, aber ſie wagt nct. um Eile zu bitten. Ihr Urtheil iſt getrübt. Die weißen Stämme der Bäume ſcheinen ihr geiſterhaft von dem gefärbten, matten Blätterſchmucke umzittert; im Lichte des Mondes ſteigen unheimliche Geſtalten empor. Ihre„Befürchtungen zogen ſich in raſt⸗ loſem, verwirrendem Tumult, vor ihrem Ohr klingen Worte ohne Sinn, die ſie nachſprechen muß; dann tau⸗ chen die Schubert'ſchen Meloden wieder auf, verkörpern ſich in phantaſtiſche, lebendige Geſchöpfe, umſchwirren ſie und nehmen ihr den Reſt von Beſinnung. Sie faltet die Hände, ſie will beten, aber mecha⸗ niſch ſprechen die Lippen nur die Anfangsworte, mitten im bricht ſie ſtockend ab. „Da oben liegt die Geiſenburg; wollen Sie da hinauf, ſo müſſen ſie nun den Fußweg einſchlagen, für mich iſt die Chauſſee zu weit um. Wollen ſie aber im Dorfe bleiben, ſo kann ich Sie noch mitnehmen.“ „Nein, ich will hinaf⸗ ſagte Regine eilig. Der Wagen hielt,— ſie ſprang heraus. „Da an den Drachenteichen hin geht der nächſte Weg; in einer Viertelſtunde ſind ſie oben. Sie können nicht fehl gehen, es iſt hell wie am Tage. Nur immer links; gleich hinter den Teichen beginnt der Park.“ Und er hieb auf ſein Pferd, um den bedenklichen Ort ſchnell hinter ſich zu laſſen. „Mit der iſt's auch nicht richtig, murmelte er durch die Zähne„wer weiß, was wir morgen zu fiſchen bekommen.“ Regine eilte vorwärts. „Horch, klang da nicht ein Schritt? Nein, es war nur ein Waſſervogel, der aufflog.“ Die Unken riefen dicht an ihren Füßen, auf der wogenden Waſſerfläche ſpiegelte der Reflex des Mondes viele goldene, tanzende Kugeln. „Eile, Regine, ehe der Sumpf Deinen Schritt hemmt, ehe die Binſen ſich wie Schlingen vor die er⸗ matteten Füße legen, ehe die Weiden dicht zuſammen⸗ treten, um Dir den Ausgang abzuſchneiden, ehe das Waſſer Dein Gewand tränkt!— Eile, eile! Du ſtehſt auf unheilvoller Stelle!“ Eine tödtliche Kälte faßt ſie; in ihre Mantille hakt ſich ein Weidenſplitter,— ſie läßt ſie zurück. Ihr Blick trübte ſich, mit immer ſchwächeren —, 257 Kräften ſtrebte ſie vorwärts, dem Laufe des Rennbaches entgegen. Sie mußte ihn überſchreiten, um den Park zu erreichen; aber ſie verfehlte die Brücke. Sie wankte durch den ſeichten Bach, der ihre Kleider durchnäßte, ihr aber auch für einen Moment die Kraft wiedergab. Sie erreichte die Felſengruppen, ſie erreichte die Terraſſe, ſie ſah das Licht, welches aus Irenen's Stube ſchim⸗ merte,— ſie war daheim. „Hören Sie das ſeltſame Geräuſch,“ fragte Martha, die mit der Arbeit, einen Koffer zuzudrücken, deſſen überfüllter Inhalt ſich gegen das Leder ſträubte, einhielt. „Gott helfe mir,“ ſagte ſie mit klappernden Zäh⸗ nen,„die Elſe in ihrem weißen Kleid kommt gerade auf die Stube zu.“ „Du träumſt, Martha,“ ſagte Jrene, aber ſie hielt inne und lauſchte. Deutlich hörte man einen ſchwe⸗ ren, ungleichen Schritt, das Schleifen naſſer Gewänder auf dem Steinboden. Irene ſchritt, ſo gut ſie es in der Dunkelheit vermochte, nach der Thüre. „Laß mich ſehen,“ ſagte jetzt eine Männerſtimme, „vielleicht ein unzeitiger Scherz.“ Bevor jedoch eines von ihnen die Thüre erreicht hatte, hörte man, wie eine unſichere Hand draußen nach 158 dem Drücker ſuchte; knirſchend ſprang das Schloß, und eine weiße Geſtalt, die den feuchten Athem des Waſſers um ſich verbreitete, erſchien wankend auf der Schwelle. Einen Augenblick ſtunden Alle ſtumm; dann der laute, bebende Ruf„Regine,“ und im Herzen getroffen durch den Klang der Stimme, fank Regine in Paul's Arme. Chaſſeur, der Anfangs mit Knurren die Scene begleitet hatte, ſprang jetzt freundlich heran und leckte die Hand, die ſich ſo feſt in die ſeines Herrn geſchlungen hatte. Martha hatte Licht zu Stande gebracht und das Zimmer verlaſſeu. Auch Irene war zurückgetreten, um den erſten ſtürmiſchen Augenblick dem Paare ungeſchmälert zu laſſen. „Nun habe ich Dich, und will Dich behalten,“ ſagte Paul mit einem ſchweren Eide,„nicht eine Minute ſollſt Du Dich von mir trennen. Du ſollſt mir nicht zum zweiten Male genommen werden.“ „Und Du biſt hier, Paul, bei mir?“ fragte ſie, ihre Hände um ſeinen Hals ſchlingend.„Sie ſagten, Du wärſt ſchon über's Meer?“ „Kommſt Du, mich wieder fortzuſchicken?“ ſagte er mit dem freudigſten Unglauben;„kommſt Du, mir noch einmal ſo ein grauſames Lebewohl zu ſagen? Wuß⸗ teſ töd Lel me un 159 teſt Du denn nicht, daß Du mich mit Deiner Abweiſung tödteteſt?“ „Nein,“ ſagte ſie leiſe,„ich ſage Dir kein zweites Lebewohl,— behalte mich nur, ich verlange nicht mehr!“ Er küßte ihre Hände, ihre Haare,— ihre müden e und doch ſo ſtrahlenden Augen. e„Wie naß und kalt Du biſt,“ fagte er beſorgt. „Irene, ſchaffe Rath, ſchaffe andere Kleider. 1 Reginen's Flucht war nicht Folge eines geordneten Planes, ihre Leidenſchaft für Hallbert, den ſie ſchon auf hoher See glaubte, hatte nicht mitgewirkt, ſondern ſie war inſtinctartig dem Drange der Natur gefolgt, deren Stimme die Conflicte des unwahren Verhältniſſes gelöſt wiſſen wollte. Das innere Schwanken war mit einem Schlage beendet. Mit dem Verſtändniß des all⸗ gemeinen Geſetzes: daß nur den in gegenſeitiger Nei⸗ gung zu einander Strebenden in würdiger Weiſe die Einigung geſtattet iſt,— war ihr zugleich Sicherheit des Urtheils und Willens gekommen. Bisher hatte ſie nur die Trübſal einer liebeloſen Ehe gekannt, jetzt erſt erkannte ſie die fittliche Gefahr, welche jedem unnatür⸗ lichen Verhältniſſe auf dem Fuße folgt. Nun konnte von keiner Rückkehr zu Adrian mehr die Rede ſein, nun Jo ma ſol nic zu wů Ac Jo ſeit krä not kur tun rer in on rn t, nit ⸗ ei⸗ die eit ſie rſt ür on un 161 wollte ſie ſein Recht an ſie um jeden Preis erloſchen wiſſen. Sie ſprach in dieſem Sinne feſt und ohne Rück⸗ halt mit Joachim, ſie erklärte ihm, daß nicht die Rück⸗ ſicht auf fremde Wünſche, nicht die Stimme der Güte, nicht der Zwang der Geſetze ihren Entſchluß zu er⸗ ſchüttern vermögen, daß ſie von Adrian getrennt bleiben müſſe,— auch der äußeren Form nach, wie ſie es in höherer S von jeher geweſen wäre. Die von Joachim angedeutete Ausſicht auf gerichtliche Sch heidung machte nicht einmal den Eindruck, den die Folgen eines julchen Sch rittes hätten hervorrufen ſollen,— es war nicht mehr hr höchſter Wunſch, ihre Zukunft für Paul zu retten, es war nur noch das heiße Begehren, un⸗ würdige Bande gelöſt zu ſehen, um ſich die eigene Achtung erhalten zu können. In der Frühe des nächſten Wti verließen Ioachim und Paul die Geiſenburg; Letzterer, um durch ſeine Gegenwart ſein Geſuch um verlängerten Urlaub kräftig zu unterſtützen, Erſterer, um mit Adrian in die nothwendigen Verhandlungen zu treten. Dieſer hatte qualvolle Stunden verlebt; die Wir⸗ kung derſelben zeigte ſich noch in ſeiner erſchöpften Hal— tung, ſeinen entſtellten Zügen. Als nach Verlauf meh rerer Stunden Regine nicht zurückgekehrt war, hatte er in ſteigender Angſt Boten in allen Richtungen nach ihr Kinder der Zeit. IIM. 1 162 ausgeſendet, hatte bei Luitgard, bei Frau von Wart⸗ berg, ja ſelbſt in Paul's verlaſſener Wohnung nach ihr fragen laſſen, und ſo die Kunde des Aergerniſſes ſelbſt in die Welt hinausgeſendet. Mit Blitzesſchnelle ver⸗ breitete ſich dieſe am andern Morgen; theilnehmende Fragen wurden laut, indiscrete Beileidsbezeugungen drängten ſich ihm auf. Er wußte nicht mehr zu ant⸗ worten, keine Ausrede zu finden. Die Furcht, ſie viel⸗ leicht als Selbſtmörderin anerkennen zu müſſen, ſchwebte ihm als die drohendſte und beſchimpfendſte Entwickelung ſeiner gegenwärtigen Lage vor Zu Frau von Wartberg lenkte er endlich ſeine Schritte; bevor er aber noch ihr Haus erreicht hatte, brachte ihm ein Bote zwei Zeilen von Joachim, in wel⸗ chen dieſer ihm mit kurzen Worten ſagte, daß Regine in ihr väterliches Haus zurückgekehrt ſei und dieſes vor der Hand nicht zu verlaſſen gedenke. Halb getröſtet und doch auf's Neue verwirrt, über⸗ gab er ſeiner Rathgeberin das kurze Schreiben, die es flüchtig überlas und es dann mit den Worten zurückgab: „Doctor Hallbert iſt ſeit einigen Tagen auf der Geiſenburg.“ So war die Löſung des Räthſels gefunden; Alles fügte ſich, um einen ungerechten Verdacht zur gewiſſen Ueberzeugung werden zu laſſen. 163 Selbſt Frau von Wartberg ſchien ein geheimes Einverſtändniß zwiſchen Paul und Reginen als unum⸗ ſtößliche Thatſache zu betrachten, und machte keinen Verſuch, ihm die Kataſtrophe in einem milderen Lichte darzuſtellen. Sie deutete ihm nur an, daß die Geſell⸗ ſchaft geſpannt auf ihn ſehe, um den Grad ſeiner Cha⸗ racterſtärke aus ſeiner Handlungsweiſe erkennen zu lernen. „Ich werde meine Pflicht als Chriſt in Einklang mit den Forderungen meiner bürgerlichen Ehre zu brin⸗ gen wiſſen,“ ſagte Adrian erſtaunt über die Unbefangen⸗ heit, mit welcher die Stifterin ſeiner Ehe die Reſultate derſelben beſprach. Er kehrte zurück; wenig Augenblicke genügten, um einen Entſchluß in ihm reifen zu laſſen. Das Auffehen war da, Reginen's Untreue ſtadtkundig, ihr Urtheil geſprochen, ſeine Mannesehre gekränkt, ſeine Entſchei⸗ dung herausgefordert. Sie ließ nicht auf ſich warten. Die Schuldige ſollte keinen ſchwachen Richter in ihm finden, das aller Scham und Ehre bare Weib ſollte nicht länger ſeinen geachteten Namen tragen. Noch bevor Joachim in B. angelangt war, hatte Adrian einen Anwalt zu ſich beſcheiden laſſen, und die⸗ ſen beauftragt, Klage zu erheben, geſtützt auf den 41 164 Grund böslichen Verlaſſens; die Stimme der Richter ſollte das letzte Wort in der Tragödie gegenſeitiger Schuld und Irrungen ſprechen⸗ Zum erſten Male begegneten ſich die Wünſche des ungleichen Paares, zum erſten Male wurde ein von Beiden gewolltes Ziel erreicht. Die Scheidung wurde vollzogen, als ein Märtyrerthum für Adrian, als ein Verdammungsurtheil für Reginen. Die gerichtlichen Verhandlungen hatten die Schuld auf ihrer Seite be⸗ funden, die in das Publicum dringenden Details hatten Schimpf auf ihren Namen gehäuft; nachdem das geſetz⸗ liche Urtheil geſprochen, ließ das der guten Geſellſchaft nicht auf ſich warten. Ihr Name wurde als ehrlos in der Chronik ſcandalös bezeichnet, der formellen Achtungs⸗ bezeugungen ward ſie für verluſtig erklärt. Sie büßte in derſelben Weiſe, in welcher ſie gefehlt hatte. Die Satzungen der Geſellſchaft, denen ſie ſich ſelaviſch unter⸗ worfen hatte, indem ſie eine Ehe ſchloß, die eine Lüge gegen das eigene Herz war, wendeten ſich ächtend gegen ſie, als ſie es wagte, mehr gegen ſich ſelbſt und die Welt zu ſein. Unverziehen blieb ihr von Seite der leicht⸗ fertig Urtheilenden die Ungeſchicklichkeit, mit welcher ſie das zarte, unberechtigte Verhältniß der Oeffentlichkeit überliefert hatte,— unvergeſſen blieb ihr im Urtheile der ſtreng Denkenden die Schwäche, durch die ſie wan⸗ ket los Di — un ger N— W genügte für das, was er verloren oder geopfert hatte. kend in ihrem Gefühle, treulos ihrer Pflicht und wehr⸗ los der eigenen Leidenſchaft gegenüber geworden war. Adrian aber wurde bemitleidet und bewundert. Die Energie ſeines Strafamtes hatte ihm neue Freunde und neues Intereſſe erworben, und dieſe Entſchädigung 1 Und wieder war es Frühling geworden auf der Geiſenburg und überall. Die Schwalben waren gekom⸗ men, die Knoſpen hatten ſich der bergenden Hülle ent⸗ rungen, die Drachenteiche hatten die Eisdecke geſprengt, der Wald ſchüttelte ſeine rauſchenden Kronen,— mit der Feſtfeier der Natur waren auch für viele Menſchen die Tage der Freude zurückgekehrt. In Joachim's Zimmer verbrachte Paul die Früh⸗ ſtunden ſeines Hochzeits⸗ und Reiſetages; in ernſter Beſprechung waren die beiden Männer zum letzten Male bei einander. Im Gegenſatze zu der Empfindungsweiſe der Frauen, die an entſcheidenden Lebensabſchnitten gerne rückwärts ſehen, drehten ſich dieſe Verhandlungen nur um die Zukunft. Paul hatte Joachim von den Vor⸗ kehrungen in Kenntniß geſetzt, durch die er Reginen's 167 künftiges Leben verſchönern wollte, hatte ihn aber auch zugleich von den Schritten unterrichtet, die er gethan, um im Falle ſeines früheren Todes Reginen eine un⸗ abhängige Stellung zu ſichern. Die ſorglichſte, aufopferndſte Liebe hatte ihm ſeine Maßregeln dictirt, durch alle ſeine Worte wie durch alle ſeine Handlungen leuchtete der blendende Schimmer des Glückes. Mit feſtem, warmem Händedruck dankten ſich Beide ſür die Beſtätigung: auch in der letzten, kritiſchen Zeit in einander gefunden zu haben, was ſie erwarten durf⸗ ten; mit dem klaren Blicke des Vertrauens ſahen ſie ſich in die Augen. „Ich bin noch nicht zufrieden,“ ſagte Paul nach einer kurzen Pauſe,„ich verlange noch mehr, als Du mir heute gibſt. Weit in die Zukunft hinein, über Dein Leben hinaus geht mein Wunſch.“ „Sprich nur, noch iſt es Zeit,“ antwortete Joachim freundlich. „Ich verlange ein Vermächtniß von Dir,“ ſagte Paul mit innigem Ernſt,„ich beanſpruche ein Recht im Falle Deines Todes, ich bitte um das Kind Deiner Seele,— um meine Schweſter Irene. So lange Du ihr zur Seite ſtehſt, kann ich ſie nicht zu mir rufen, aber Dein Tod gibt ſie mir. Sie ſoll nicht einſam, nicht hilflos zurückbleiben auf der Erde, und Du ſollſt nicht mit der Sorge ſterben: wie wird ihr Leben ſich nun ge⸗ ſtalten?— So lange Paul Hallbert lebt, ſoll es keine Heimatloſigkeit, keine Entbehrung für ſie geben, ihr will ich danken, was ich Dir und Reginen ſchulde. Nicht wahr, ich darf ſie mir einſt von der andern Hälfte der Erde holen, wenn auch erſt in Jahren,— in ſpäten Zeiten?“ „Ich verſtehe Dich, Paul,“ ſagte Ioachim mit Wärme, als dieſer ſchwieg,„und ich danke Dir ſelbſt für den Wunſch, den ich Dir nicht gewähren kann. Irene, mein Kind, iſt Deiner Sorge entrückt, ſie iſt keiner Stütze, keiner Hilfe benöthigt. Sie iſt geworden, was ſie zu werden verſprach, ſie iſt im Beſitze der um⸗ faſſendſten, werthvollſten Kenntniſſe, die ihr reiche Mittel zu angemeſſener Subſiſtenz liefern können. Die Arbeit des Geiſtes wird ſie vor den Verlegenheiten einer beſchränkten, pecuniären Lage ſchützen, in dieſem Sinne weiß ich ihre Zukunft geſichert. Bedarf der Mann, der in ſeinem Berufe das Erforderliche leiſtet, noch eines Vormundes, eines Ernährers? Braucht er die Wechſelfälle des Lebens zu fürchten? Ich machte ſie geſchickt, ſich durch eigene Kraft und Fähigkeit eine Stellung zu bereiten, und kann nun ruhig der ernſteſten Metamorphoſe des Lebens, dem Tode entgegengehen.“ „— —-c— ,— — ——)— — — 169 „Ehre ihr und Dir,“ ſagte Paul ergriffen. „Und Glück und Wohl Dir und Reginen,“ ant⸗ wortete Joachim. Die Stunde der Trauung war nahe, Paul klopfte an das Zimmer ſeiner Braut. Es blieb ſtille, nur ſein Herz ſchlug hörbar, es fühlte ihre Ruhe, noch ehe ſein Auge ſie ſah, ſeine Hand öffnete, noch ehe ſein Wille es erlaubte,— ihn hält nichts mehr ferne von ihr. Regine war allein. An die Brüſtung des Fenſters gelehnt, ſah ſie hinauf in den blauen Frühlingshimmel, dorthin, wo man ſie den Lenker menſchlicher Schickſale zu ſuchen gelehrt hatte. Ihre Hände waren gefaltet, in ihren Zügen lag der Ausdruck inbrünſtigen Flehens. Als Paul eintrat, wendete ſie nach ihm den Blick und reichte ihm die Hand entgegen. „Das war ein Dankgebet, Regine, nicht wahr? Denn ſieh, ich würde mich betrüben, wenn Du heute um noch etwas zu bitten vermöchteſt,“ ſagte er mit lei⸗ ſer, ſanfter Stimme. Ihr Blick begegnete mit ernſter Innigkeit dem Seinen. „Du irrſt, Paul,“ ſagte ſie erröthend,„Du ver⸗ gißſt, daß ich heute, wie immer, um etwas Anderes, als Du mir gewähren kannſt, bitten muß.“ „Und das lautet?“ fragte Panl lächelnd. 170 Aber ſein Lächeln ſchwand unter ihrer Antwort: „Herr, vergib uns unſere Schuld!“ Er bog ſich herab und küßte ihre Stirne. Sie löſte ſich aus ſeinen Armen, indem ſie an Joachim erinnerte; Hand in Hand wollten ſie zu ihm, als dieſer, ihnen zuvorkommend, an der Thüre erſchien. „Die vereinte Menſchheit,“ ſagte er, ſinnend das Paar betrachtend,„in ihrem Gange durch Jahrtauſende. In dieſen Beiden ſchlägt dasſelbe Herz, das mit dem dem erſten Menſchenherzen erwachte; nach ihnen wird dasſelbe Herz noch ſchlagen, noch leben, wünſchen, leiden, ſelig ſein. Aus meinem Hauſe muß ich Euch heute entlaſſen, aus unſerer Aller Haus könnt Ihr nicht gehen. Möge es Euch ergiebig ſein, das große Haus der Welt, möge es Euch zur rechten Stunde ſeine Blumen, ſeine Frucht, ſeinen Ruhepfühl gönnen. Mgt Ihr mit Thränen oder Lächeln Euch dem Willen der Natur ergeben, Ihr bleibt meine Kinder,— hier wie dort!“ Und er winkte, ihm zu folgen. In der Dorfkirche wurden ſie einfach und ſtill ein⸗ geſegnet, ohne Ceremonien, ohne Prunk; ruhig gemeſſene Worte und ein ſchwungloſer Schluß. Aber in ihnen war der volle Schwung des Glückes, der reiche Pomp der Liebe. Der Prinz ſpielte ſeine fürſtliche Rolle als Zeuge. Jvachim dachte an das Walten des Schickſals in dem Leben ganzer Völker wie in dem des Einzelnen,— und Irene? Was die dachte, wußte Niemand. Es war Abend geworden; die bepackte Extrapoſt hielt vor der Thüre. Martha trug noch verſchiedene Packete in den Wagen, Chaſſeur ſprang am Schlage empor. Regine lag zum letzten Male am Herzen Irenen's, die mit keiſen, gedämpften Worten zu ihr ſprach. Sie ſah nach Paul, als müſſe ſie ihm helfen, die Faſſung ſeiner jungen Frau zu unterſtützen. „Sage unſerem Vater Adieu,“ erinnerte dieſer, zu Reginen tretend;— ſchon war ſie in ſeinen Armen. „Was Du meiner Mutter, was Du mir und Paul geweſen,“ ſagte ſie unter ſtrömenden Thränen, „möge es Dir in Treue vergolten werden.“ Auch Paul war ergriffen, aber er beherrſchte ſeine weiche Stimmung. „Komm, Regine,“ ſagte er, den Abſchied ab⸗ türzend,„vergiß nicht, daß wir manche Stunde nach⸗ holen müſſen auf unſerer Reiſe der mittägigen Sonne nach.“ 172 „Und einem ſonnigen Leben entgegen,“ antwor⸗ tete ſie, durch Thränen lächelnd. Er ſchlang ſeine Arme um ſie und hob ſie in den Wagen; noch einmal ſuchten ſich die Blicke, die Hände der Scheidenden, dann zogen die Pferde an,— im Raſſeln der Räder verhallte das letzte Lebewohl. Joachim ging ſtill in ſein Zimmer zurück. Er fühlte das Gewicht einer Trennung auf Lebenszeit; jeder Augenblick erweiterte die Entfernung zwiſchen ihm und dem jungen Paare, bald mußte es auf hoher See dem heißen Süden zu treiben, wie es jetzt ſchon von der hohen Fluth des Glückes gewiegt wurde. Seine Gedanken wendeten ſich von Paul und Reginen ab und ſcharten ſich alle um Jrenen.— Das ernſte Glück der Intelligenz, welches er ihr geboten hatte, konnte es wohl Werth in den Augen haben, die noch von den glänzenden Bildern der Liebe geblendet ſein mußten? War es nicht grauſam ihr ein Glück zu zeigen, deſſen Blüthe ihr ſo früh verwelkt war? Miß⸗ trauen, Zweifel kamen über ihn;— er tauchte die Feder ein, er wendete die Blätter, aber er war nicht bei dem, was er that. Er beachtete nicht, wie die Zeit verrann, wie die Sterne, ſeine uralten Sterne, heraufzogen und ihr milchweißes Licht über die Erde goſſen,— die 173 Sterne waren ſeinem Herzen ſo fern, ſein Kind die⸗ ſem ſo nah. Da öffnete ſich die Seitenthüre, Irenen's Schritt wurde hörbar, ihre Hand legte ſich auf die Seine, ihr offenes Kinderauge ſah in das ſeine hinab. „Nun ſind wir wieder allein, mein Vater,“ ſagte ſie herzlich,„findeſt Du Dich hinein?“ „O ich finde mich in Alles,“ ſagte Ioachim mit tiefer Bewegung,„wenn Du Dich nur in das Leben fin⸗ deſt, wenn Du mir nur ſagſt, daß Du nicht allzu⸗ ſchwer, als eine traurige Laſt, es trägſt.“ „Nein,“ antwortete Irenen mild,„ich empfinde das Leben nicht als traurige Laſt, und wenn ich auch ſchwer davon getragen hätte, wäre das Grund zur Klage? Immer noch bliebe mir der Troſt, daß ich viel daraus geſammelt habe, daß es nicht leer, nicht bedeutungslos war. Iſt die Erfüllung eines Wunſches das dankenswertheſte Geſchenk, welches uns werden kann, iſt nicht auch das Zertrümmern einer Hoffnung heilſam, wenn es zu neuer Kraft den Betroffenen weckt?— Ich habe das Leben nicht geliebt, jetzt ehre und verſtehe ich ſeine ernſte lohnende Beſtimmung. Es gab Tage, an welchen mir das Glück das wünſchens wertheſte ſchien, welches Reginen wurde,— mein Theil konnte es nicht ſein, aber ich fand dafür ein An⸗ 174 deres. Du, mein Vater haſt mir Erde und Himmel zur Betrachtung und Erkenntniß erſchloſſen, ich habe Dich, mich, die ganze Welt und ein polles Tagewerk erhebender Geiſtesarbeit;— muß ich da nicht mit ge⸗ tröſtetem Blick der Zukunft entgegen ſehen?“ „Und er?“ fragte Joachim unſicher,— es war das erſte Mal, daß er die Stelle, die ſo lange ge⸗ ſchmerzt hatte, berührte,„er, der Dich und Reginen ſo ſchwer verletzte, ſein Theil ſei?—“ „Friede,“ ſagte Irene mit ſanftem Ernſt.„Er war das Werkzeug, das dem Steine die Form gegeben, er war das bittere Mittel zu einem höheren, ungeahn⸗ ten Zweck. Wo er auch ſei, wie er auch lebe, oder büße — ſein Theil ſei Friede.“ Da glitt ein feuriger Meteor über den Horizont und beleuchtete das Geſicht, das, vom reinſten, menſch⸗ lichſten Geiſte erfüllt die Glorie der Verklärung ge⸗ wann, die milde Klarheit einer ſiegreich erkämpften Heiterkeit ſchimmerte durch die Züge, durch die man hinab in den Grund der Seele ſah. Der Anker, den ſie in die Tiefen des eigenen Geiſtes, des eigenen Herzens geſenkt, war nicht gebrochen und hatte den ſtillen Frie⸗ den des Himmels ihr zu finden erlaubt. Joachim fragte und ſprach nicht weiter, ſeine Hand ſank herab auf ihre Stirne, eine Thräne des —„— 175 Dankes trat in ſein mildes Auge und ſeine Seele ſprach einen Segen über das Haupt ſeines Kindes, das ſo unbeirrt und lauter den Weg des Rechtes, der Wahr⸗ heit und des Lebens ging und dem nichts fehlen, nichts drohen konnte, da ihm das Unglück zum Heil, das Leid zum Segen geworden war. Spitzer. S S 8 E 63 — S E 8 — S 6 ———— Vei H. Markgraf& Comp. iſt erſchienen: Arming Friedrich Wilhelm: Rhaetiens Pompeji. Eine hiſtoriſche Erzählung aus der Zeit Karl's des Großen. 16.(268 S.)[A. VI. 13.] 1851. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. —— Stefan Fadinger. Hiſtoriſches Gemälde aus der Zeit des obderenſiſchen Bauernkrieges. 4 Bde. 16.(268, 286, 268 u. 278 S.)[A. VI. 5—8.] 1851. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. —— Van Hoboken. Erzählung aus der erſten Zeit der Colonien in Nordamerika. 4 Bde. 16.(236, 219, 240 u. 216 S.)[A. XIII. 4— 7.] 1858. Geh. 4 fl.— 2 Thlr. 20 Ngr. Bölte Amely: Das Forſthaus. Roman. 16.(V 250 S.)[A. X. 4.] 1855. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. —— Frau von Stasl. Biografiſcher Roman. 3 Bde. 16.(240, 230 u. 311 S.)[A. XIV. 1—3.] 1859. Geh. 3 fl.— 2 Thlr. Breier Ednard: Die Roſenkreuzer in Wien. Sittenroman aus der Zeit Kaiſer Joſeph II. 4 Bde. 16.(236, 242, 243 u. 233 S.)[A. VII. 18— 21.] 1852. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Breier Ednard: Die Zauberflöte. Komiſcher Ro⸗ man. 2 Bde. 16.(196 u. 226 S.)[A. XIV. 18— 19. 1859. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Burow Julie(Frau Pfannenſchmidt): Ein Arzt in einer kleinen Stadt. Roman. Der Weg in den Himmel. Novelle. Zweite Auflage. 2 Bde. 16. (258 u. 219 Sc)[A. XI. 1—2.] 1854. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. —— Erinnerungen einer Großmutter. Ro⸗ man. 2 Bde. 16.(VIII 304 u. 262 S.)[A. Xl. 19— 20.) 1856. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. —— Johannes Kepler. Hiſtoriſche Erzählung. 3 Bde 16.(XVI 216, IV 254 u. IV 409 S.) [A. XII. 20— 22.) 1857 Geh. 3 fl.— 2 Thlr. —— Künſtlerliebe. Novelle. 16.(259 S.)[A. XIV. 8.) 1859. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. —— Lebensbilder. 2 Bde. 16,(200 u. 188 S.) [A. XIII. 8— 9.) 1858. Geh. 2 fl.— 1 Th. 10 Ngr. Inhalt: 1. Band. Nenuphar. Der Sohn einer Amme. 2. Band. Ein weißes Kätzchen. Der Geiſt des Martin Grunewald. —— Ein Lebenstraum. Roman. 3 Bde. 16. 238, 247 u. 277 S.)[A. X. 15— 17.] 1855. Geh. 3 fl.— 2 Thlr. Burow Julie(Frau Pfannenſchmidt): Portrait mit Facſimile. Gemalt von J. Brandeis, litho⸗ graphirt von Joſ. Kriehuber. kl. Folio Chineſ. Papier. 1 fl. 50 Nkr.— 1 Thlr. —— Verſuch einer Selbſtbiographie. 16. (84 S.) 1857. Geh. 50 Nkr.— 10 Ngr. Freiersmann, Der. Nach C. Hübner. Lithographirt v. C. Clauder.(Extraprämie zu Kober's„Album“ 1857.) Größe des Bildes: 14 ½“ hoch, 17 ½“ breit. Chineſ. Papier. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Fritze Ernſt: Caritas. Roman. 3 Bde 16.(235, 212 u. 244 S.)[A. XII. 3—5. 1857. Geh. 3 fl.— 2 Thlr. —— Erneſt Octav. Novelle. 3 Bde. 16. 245, 244 u. 232 S.)[A. XIV. 12— 14. 1859. Geh. 3 fl.— 2 Thlr. —— Vorwärts! Novelle. 2 Bde. 16.(200 und 207 S.)[A. XIII. 10— 11,] 1858. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Gütſchenberger Stephan: Geſchichte der Engli⸗ ſchen Literatur mit beſonderer Berückſichtigung der politiſchen und Sitten⸗Geſchichte Englands. I. Das Mittelalter. Die Romantik bis zu den Zeiten der Königin Eliſabeth. Groß 8.(VIII 300 S.) 1859. Geh. 3 fl. 50 Nkr.— 2 Thlr. 10 Ngr. Gerſtäcker Friedrich: Aus der See. Erzählungen. 16. 86 Seiten.)[A. X. 5.) 1855. Geheftet. 1 fl.— 20 Ngr. Inhalt: Die verſunkene Stadt. Der Klabauter⸗ mann. Der Klabautermann und die Schifferstochter. —— Aus Nord⸗ und Südamerika. Erzäh⸗ lungen. 16.(227 S.)[A. X. 18.] 1855. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. Inhalt: Das Wrak des Piraten. Die Menagerie im Urwalde. —— Der Flatbootmann. Amerikaniſche Erzäh⸗ lungen. 16.(240 S.) A. XIII. 1.] 1858. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. Glaſer Adolf: Familie Schaller. Roman. 2 Bde. 16.([V 178 u. IV 188 S.)[A. XII. 11— 12.] 1857. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Goncourt, Edmond und Jules de, Geſchichte der Marie Antoinette. Autoriſirte deutſche Ausgabe von Schmidt⸗Weißenfels. Mit dem Portrait der Marie Antoinette in Stahlſtich. Gr. 8. VIII 340 S.) 1859. Geh. 3 fl.— 2 Thlr. Grabowſty, St. Graf, Die Emigranten. Hiſto⸗ riſche Novelle. 16.(255 S.)[A. XIV. 8.) 1859. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. —— In Wald und Schloß. Novelle. 2 Bde. 16. (VIII 226 u. VIII 218 S)[A. XIII. 18— 19.] 1858. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Guſeck, Bernd v., Aus eig'ner Kraft. Hiſtoriſcher Roman. 2 Bde. 16.(230 u. 232 S.)[A. XIII 12— 13.) 1858. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr⸗ —— Heimath und Ferne Hiſtoriſcher Roman. 2 Bde. 16.(248 u. 254 S.)[A. XII. 6— 7.] 1857. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. —— Kaltenborn. Novelle. 16.(221 u. II S.. [A. X. 13. 1855. Geh. 1 fl.— 20 Ngr) —— Nach der Flut. Hiſtoriſcher Roman. 4 16.(224, 272 1 u. 280 Sc) IX. 6— 1854. Geh. 4 fl.— 2 Thlr. 20 Gntzkow Karl: Ein MM aus dem Volke. Erzählung. 16.(192 S.)[AM. X. 22.) 1855. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. Herloßſohn Karl: Die Huſſiten oder Böhmen von 1414— 1424. Hiſtoriſch⸗vomantiſches Gemälde. 5 Bde. 16.(253, 263, 224, 254 u. 258 S.)[A. VI. 14— 18.] 1851. Geh. 3 fl.— 2 Thlr. Hvefer Edmund: Vergangene Tage. Geſchichten. 16.(260 St) A. XIV. 24.) 1859. Geheftet. 1 fl.— 20 Ngr. Inhalt: Fräulein Elſe.— Im Waldſchloß.— Ein Schrei. Höcker Guſtav Der beſeelte Schatten. Roman. 2 Bde. 16.(214 u. 215 S.)[A. XIV. 6—7.] 1859. Geh. 2 f.— 1 Thl. 10 Ngr. Holtei, Karl v., Eine Biographie. 16.(96 S.) 1856. Geh. 50 Nkr.— 10 Ngr. —— Ein vornehmer Herr, oder Zwei Freunde. Erzählung. 16.(256 u. IV S.)[A. X. 14.] 1855. Geh. 90 Nkr.— 20 Ngr. —— Ein Mord in Riga. Erzählung. 16.(247 S.)[A. X. 1.] 1855. Geh. 90 Nkr.— 20 Ngr. —— Noblesse oblige. Roman. 3 Bde. 16. X 308, IV 322 u. IV 231 S.)[A. XII. 14—16.] 1857. Geh.. 3 fl.— 2 Thlr. —— Portrait mit Faecſimile. Gemalt von C. Riedel, lithographirt von Joſ. Kriehuber. kl. Folio. Chineſ. Papier. 1 fl. 50 Nkr.— 1 Thlr. —— Schwarzwaldau. Roman. 2 Bde. 16.(IV 256 u. 220 S.)[A. XI. 1—2.] 1856. Geheftet. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. —— Die Töchter des Freiſchulzen. Erzählung. 16. VIII 227 S.)[A. XIII. 24. 1858. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. Liebesbrief, der. Nach C. Hübner. Lithogr. von W. Pfaff. Prämie zu Kober's„Album“ 1860.) ——— Größe des Bildes: 16“ hoch, 19 ½“ breit. Chineſ. Papier. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Marie Antoinette. Nach Paul Delaroche. In Stahl geſtochen von C. Merckel. Gr. 4. Chin. Pap. 80 Nkr.— 15 Ngr. Martini K. W.: Pflanzer und Soldat. Bilder und Geſtalten aus dem Banate. 2 Bde. 16.(203 u. 175 S.)[A. IX. 23— 24.) 1854. Geheftet. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Meißner Alfred: Der Freiherr von Hoſtiwin. Roman. 2 Bde. 16.(251 u. 231 S.)[A. X. 23— 24.) 1855. Geh. 2 fl.— 1 Thlr. 10 Ngr. Meßner Joſef: Handwerksburſchen. Bilder aus dem Volksleben. 16.(VIII 218 S.)[A. XII. Z.] 1857. Geh. 1 fl— 20 Agr. —— Waldgeſchichten. 16. 47 S.)[A. XII. 23.] 1857. Geh. 1 fl.— 20 Agr. Inhalt: Der Baum am Wege. Gretl unter der Stauden. Der Kochetmann. Waldmuch. Auch eine Waldgeſchichte. Mügge Theodor: Neues Leben. Novelle. 3 Bde. 16.(VIII 212, VIII 205 u. VIII 186 S.)[A. XI. 14— 16.] 1856. Geh. 3 fl.— 2 Thlr. —— Täuſchung und Wahrheit. Eine Geſchichte aus dem Leben. 16.(228 S.)[A. XIV. 4.] 1859. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. Mühlbach L. Die letzten Lebenstage Katha⸗ rina II. Hiſtoriſch Novelle. 16.(244 S.)[A. XIV. 5.]) 1859. Geh. 1 fl.— 20 Ngr. Mundt Theodor: Caglioſtro in Petersburg. Hiſtoriſcher Roman. 16.(VIII 214 S.)[A. XIII. 17.] 1858. Geh.. 1 fl.— 20 Ngr. —— Ein franzöſiſches Landſchloß. Novelle. [A. X. 8.] 1855. Vergr. Oettinger Ednard Maria: Auf dem Hradſchin, oder: Kaiſer Rudolf II. und ſeine Zeit. Hiſtoriſch⸗ romantiſches Gemälde. 4 Bde. 16.(224, 258, 240 und 280 S.)[A. XI. 4— 7.] 1856. Geheftet. 4 fl.— 2 Thlr. 20 Ngr. Otto Loniſe: Nürnberg. Culturhiſtoriſcher Roman. 3 Bde. 16.(274, 259 u. 263 S.) A. XIV. 15 bis 17.) 1859. Geh. 3 fl.— 2 Thlr. Proſchko F. Iſidor Die Höllenmaſchine. Hiſto⸗ riſcher Roman aus der franz. Conſular⸗ und Kaiſer⸗ zeit. Zweite Aufl. 2 Bde. 8.(VI 230 u. 242 S.) [A. IX. 16— 17.]1857. Geh. 2 fl.— 1 Th. 10 Ngr. ——————— 35