Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und eſebedingungen. 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich PBücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— ——————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 5 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. T 2 —K.— —— 2 3 5 *2 —— ——— Pibliothek dentcher Briginalromanr. Siebenzehnter Jahrgang. Zehnter Band. Kinder der Zeit. I. Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. iiieie 2—— —— 2 Rinder der Zeit. Roman von E. B uch Erſter Theil Wien. H. Markgraf& Comp. 1862. 3———. ⸗ 2 5 IJnhalt. Seite . Frſies Kape Fweites Kapitell Frittes Kapiteltt Viertes Kapite Fünftes Kapite 80 Sechſtes Kapite —— Siebemes Kapite Achtes Kapite 144 Neuntes Kapitel„ 4 Zehntes Kapitel 195 Eitftes Kapitel 205 Zwölftes Kapitel 215 Dreizehntes Kapite. 229 * — —— Rinder der Zeit. . Der letzte Zug iſt ſen. Mit langem, gellendem Pfiff hat die arbeitende Locomotive die Station erreicht, aus dem geöffneten Ventile ſteigen ſpiralförmig ſich krei⸗ ſelnde Dampfwölkchen und verflüchtigen ſich ſchnell in der reinen Luft. Die in raſchem Sinken begriffene Sonne wirft röthliche Strahlen auf die Metallglieder der Maſchine, daß ſie wie flüſſiges Gold aufleuchten, und der Wind, der kaum noch mit den halbgeöffneten Lindenblüten ſpielte, bemächtigt ſich jetzt des feinen Aſchenſtaubes, um ihn in die Augen und Haare der Reiſenden zu ſtreuen. Neben der Locomotive, der eine neue Ladung Kohlenfutter zugefahren wird, ſteht mit rauchgeſchwärztem Geſicht der Führer, die eine Hand aufſtützend, wie etwa der abgeſeſſene Reiter den Arm auf den Sattel des verſchnaufenden Pferdes legt, wäh⸗ Kinder der Zeit. J. ————— 0 — rend ſein Blick von Zeit zu Zeit die Uhr befragt, die neben der Maſchine ihren feſten Platz gefunden hat. Auf dem Perron hat ſich indeſſen ein wirres Durch⸗ einandertreiben entfaltet. Paſſagiere mit Reiſetaſchen, Schirmen, Kindern und Ueberſchuhen beladen, entſtrö⸗ men den geöffneten Waggons, drängen nach der Erpe⸗ dition, nach der Reſtauration, vertheidigen ihr Gepäck gegen zudringliche Laſtträger, rufen nach einem Fiaker und ſtemmen ſich der Flut der neu hinzukommenden Paſſagiere entgegen. 5 Da beginnt die Glocke eilig zu läuten, die letzten Colli fliegen wie Bomben in die Packwagen, einige noch raſch herbeieilende Paſſagiere werden dann halb mit Gewalt in die entſprechenden Coupees geſchoben, der Maſchinendirigent tritt auf ſeinen Poſten, die Conduc⸗ luftigen Sitze, der letzte — teure ſchwingen ſich auf ihre Schlag verhallt, der Zug geht ab. In langen, ſchweren Athemzügen beginnt der Lauf, dann werden die Bewegungen der Räder eiliger, der lang zurückgreifende Arm weift raſcher, die weiße Flagge des Dampfes entfaltet ſich dichter, und unter Brauſen und ſchrillem Aufſchrei wirft die geſchmeidige Schlange Berg und Thal, Tunnel und W entgegen. Der Perron war wieder zald, die eherne Stirne leer geworden; die Wa⸗* —— — — 2„ B de th he ſp R — ie h⸗ n, e⸗ äck ker en ten och mit der ue etzte auf, der agge uſen ange tirne Wa⸗ 2 gen rollten der Stadt zu, einzelne Fußgänger folgten den beladenen Trägern ebendahin. Nur ein Herr war zurückgeblieben und ſah dem immer kleiner werdenden Zuge nach, bis dieſer bei einer Wendung der Schienen hinter rauchenden Fabriksgebänden verſchwand. Die äußere Erſcheinung des Fremden zeigte nicht die Friſche und Elaſticität der Jugend; die Formen waren markirt und etwas ſpröde, der Nacken leicht ge⸗ ſenkt, das ſtarke Haar mit Grau gemiſcht. Dennoch feſſelte der bejahrte Kopf durch den Ausdruck einer ſich ſelbſtbewußten Klarheit und innern Harmonie, wie alle jene Phyſiognomien, die den geiſtigen Gehalt aus einer Phaſe des Lebens in die andere zu retten gewußt haben. „Gewaltige Spannkraft der Dämpfe im Dienſte einer ſpeculativen Induſtrie! Begnügſt du dich, eine Hand voll Menſchen über dieſelbe Erde zu ziehen, deren Berge und Hügel dein Hauch wie Blaſen emportrieb, deren Granitgebirge du im ſchöpferiſchen Acte auf⸗ thürmteſt, deren geſchmolzenen Kern dein Geſetz noch heute aus geöffneten Kratern treibt⸗ Während der Fremde dief Wprte leiſe für ſich ſprach, ſuchte ein junger Menſch ganz unberufener Weiſe ſich ſeines Gepäckes zu bemächtigen. Mit einem verbogenen Hut, ſchiefgetretenen Stiefeln, offener Weſte und einem verwachſenen Frack bot er das bekannte Bild eines vollendeten Bummlers, deſſen Gegenwart ſich durch die Atmoſphäre von Branntwein und ſchlechtem Tabak noch wahrnehmbarer machte. Dennoch drehte ſich der Fremde erſt um, als mit klapperndem Geräuſch verſchiedene größere und kleinere Steine einem Paquet entglitten, welches entweder nicht geſchickt geſchnürt, oder beim Aufnehmen nicht vorſichtig genug behandelt worden war. „Achtung für meine Petrefacten,“ ſagte der Fremde, beſorgt die Steine zuſammenleſend, ohne, zur Verwun⸗ derung des aufdringlichen Geſellſchafters, eine weitere Rüge hinzu zu fügen. Er verſuchte zur größern Sicher⸗ heit die Mineralien in ſeine Taſchen zu verſenken; da er dieſe aber bereits durch Mikroſtope, Meſſer, Pincet⸗ ten und andere dem Pflanzenanatomen nothwendige Inſtrumente gefüllt fand, mußte er wohl auf das Aner⸗ bieten ſeines Führers eingehen, und deſſen etwas ſ chad⸗ haftem Hute ſeine Schätze anvertrauen. „Wallſtraße Nr. 160,“ bedeutete er den Fragen⸗ den, und Beide wendeten ſich einer Pappelallee zu. Bald ſind die kleinen Häuſer der Vorſtadt erreicht, bald treten ſie durch das Thor, welches in die eleganteren r Stadttheile führt, wo die Gebäude in langen Facaden ſich dehnen, bis es endlich heißt: h m it re cht tig de, un⸗ ere er⸗ da cet⸗ dige ner⸗ had⸗ gen⸗ it. bald teren caden 5 „Da ſind wir, Wallſtraße Nr. 160.“ Die Thürſchelle wird laut; ein Fenſter im erſten Stocke ſchließt ſich haſtig; der Träger erhält ſeinen Lohn und die Steine wandern in den Hut ihres Be⸗ ſitzers. Da wird es auch oben lebendig, ein leichter Fuß gleitet über die braunen, glatten Stufen, und ein feiner Mädchenkopf biegt ſich ungeduldig vor. „Vater!“ ruft eine weiche Stimme, und ein ſchlankes Mädchen läßt ſich mehr in die ihr geöffneten Arme fallen, alt daß ſie, dem Ungeſtüme der Jugend folgend, ſelbſt in Liehtoſungen ihre Frende kund gäbe. „Meine gute Regine,“ ſagte der Fremde, in deſſen freundlicher Begrüßung auch jetzt ſich die maßvolle Ruhe bemerklich machte, die ſeinem ganzen Weſen die milde, klare Färbung verlieh. Herzlich küßte er die weiße Stirne des jungen Mädchens. Mit prüfenden Blicken muſterte der Profeſſor Joa⸗ chim die Tochter, als ſie das Zimmer erreicht hatten, und der Ausdruck ſeines Geſichts wurde darüber faſt ſerglich Die Geſtalt ſchien ihm zwar an Biegſamkeit ge⸗ wonnen, aber an Schwungkraft verloren zu haben. Kein trankhaftes Zeichen trat hervor, aber die Tinten des Lebens, das jugendliche Erglühen des Blickes, der Wangen und Lippen, die zarten Schattirungen um Schläfe — ——— 6 pulſirendem Blute, die waren ausgelöſcht. Wenn auch Joachim im Innern das ſo ſchnell entſchwundene Gut der überſchäumenden Lebenskraft beklagte, ſo hütete er ſich doch, durch mitleidige Blicke oder beſorgte Fragen ihr den Verluſt erſt recht klar und fühlbar zu machen. Deſto ſorgfältiger muſterte er aber die Räume, in denen ſie lebte, um aus den immer ſprechenden, wenn auch unabſichtlichen Merkmalen der Umgebung auf den Ge⸗ ſchmack, die Neigungen und Beſchäftigungen der Inha⸗ berin zu ſchließen. Auf dem mit kunſtvollem Schnitzwerk umgebenen Mahagoni⸗Schreibtiſch lagen Albums neben den Pro⸗ ducten der modernen engliſcheu Literatur und jenen kleinen elegant gebundenen Büchern mit reichen Titel⸗ vignetten, die, als Blüten einer oft krankhaft heißen Treibhauspoeſie, mit betäubendem Dufte das Gemüth weich und empfänglich ſtimmen, und den Geiſt dabei oft darben und verkümmern laſſen. Das geöffnete Piano legte Zeugniß ab, daß auch der Muſik hier Zutritt geſtattet war; gerade der Kunſt, welche die Gefühle und Empfindungen ſo mächtig auf⸗ wühlt und ſo leicht den in ein dunkles Chaos von Sehn⸗ ſucht, Leidenſchaft und phantaſtiſcher Träumerei führt, und Augen, die Zeugniß ablegen von geſundem, raſch⸗ der ihren Harmonien lauſcht, ſtatt die Lehren derſelben —-——— 7 zu erforſchen, ſich von der Flut der Töne überwältigen läßt, ſtatt ihre nothwendige Folge heraus zu hören. Eine angefangene Tapiſſerie lag auf dem mit ſil⸗ bernen Etui's ausgeſtatteten Nähtiſche; großblättriger Epheu, an braunem Flechtwerk gezogen, wölbte eine weite grüne Niſche über denſelben, die ihren Abſchluß in zwei pyramidal geordneten Blumenobelisken fand. Obgleich ſich Joachim anfangs nicht heimiſch in der ungewohnten Umgebung fühlte, ſo überſchlich ihn doch nach und nach jene Art von Behaglichkeit, die ein aufmerkſames weibliches Auge und eine geſchickte Hand ſo wohl zu verbreiten wiſſen, und willig nahm er alle die kleinen Dienſtleiſtungen an, die, einzeln betrachtet, taum genannt zu werden verdienen, in zweckmäßiger Verbindung jedoch, als Bedingung zu einer gemüth⸗ lichen Exiſtenz, von dem Manne hoch geſchätzt zu wer⸗ den pflegen. Die Anordnungen, die ſich nöthig machten, waren ſchnell getroffen, das Gepäck war in die Fremdenſtube gebracht, und unter der ſingenden Theemaſchine flackerte die blaue Spiritusflamme. Durch dieſe an tauſend chemiſche Verſuche erinnert, die ſein Laboratorium auf der Geiſenburg geſehen, warf Joachim zerſtreut und halb verwundert die ſtille Frage auf: warum er nicht dort ſei? und nun erſt an den Zweck ſeiner Reiſe den⸗ kend, den er über den Betrachtungen der Dampfkraft, der Petrefacten und Wärmeentbindung ganz vergeſſen hatte, wendete er ſich faſt haſtig mit der Frage an Regine:„Nun, was ſoll ich Adrian antworten?“ „Daß ich ſeine Braut und Frau werden will,“ war die ruhige Antwort, der eine kurze Pauſe folgte. Joachim machte ein paar Gänge durch das Zim⸗ mer, dann trat er an das geöffnete Fenſter und ſah ſinnend nach dem lichterfüllten Weſten. „Ja, ja,“ ſagte er vor ſich hin,„Alles eilt ja ſich zu dem Gleichen zu geſellen, und nur die Scheidekunſt der Menſchen kann trennen, was die Natur ſich ewig ſuchen hieß. Darum folgt das elektriſche Feuer den Metallen, darum gehorcht dem Magnet das Eiſen, und darum biſt auch Du unterthan dem nralten, gebietenden Zuge der Liebe— der älteſten Hieroglyphe, hinter der die ewig erhaltende Urkraft ſich ahnen läßt.— Du liebſt alſo Adrian ſo ſicher und unwiderruflich?“ Regine blickte lächelnd auf. Die Redeweiſe klang ihr ſo heimiſch und doch auch ſo fremd, daß ſie kaum wußte, in welcher Sprache ſie antworten ſollte. Jeden⸗ falls aber wollte ſie wahr ſein. „Wie wenig Ehen dürften geſchloſſen werden,“ ent⸗ gegnete ſie,„wenn dieſe Art Liebe allein dazu berechtigte, und wie mißlich mag es ſein, von einem ſo excentriſchen 9 Gefühl eine gleichmäßige Befriedigung zu erwarten. Mein Vater, ich liebe Adrian nicht mit der überwältigen⸗ den Leidenſchaft, die zwei Menſchen unwiderſtehlich zu einander treibt, aber ich achte ihn, und man ſagt ja, daß aus dieſer klaren Quelle nur der echte Segen der Ehe ſtrömt.“ „Du achteſt ihn,“ erwiderte Joachim „ja, das kannſt D uja immerhin, 3 ohne Dich mit ihm zu verbinden. Und weshalb— laß einmal ſehen— achteſt Du ihn? Weil ſeine Wgangenheit ſo weit Du ſie kennſt, von keiner unſittlichen Handlung befleckt iſt, weil ihm keine Unmäßigkeit, kein Aergerniß, keine Un⸗ rech lichteit nachgeieſen werden kann, weil er nicht ſün⸗ digte und Deinen Berechnungen nach nie ſündigen wird; um dieſes rein negativen Verdienſtes willen willſt Du ihn heiraten?“ „Ja,“ ſagte Regine etwas bitter,„um dieſes nega⸗ tiven Verdienſtes willen ſoll er nicht abgewieſen werden gegen Vernunft und Vorſicht.“ „Vernunft! Vorſicht!“ wiederholte Joachim immer erſtaunter,—„alſo eine Vernunftheirat, eine paſſende Verſorgung, eine Speculationspartie?“ Bei jedem Worte Regine zuſammen, als ob ein galvanifcher Draht den L Lebensnerv ſchmerz⸗ lich berührt habe, und eine heftige Antwort ſchien auf — 10 ihre Lippen treten zu wollen. Als ſie aber das Geſicht ihres Vaters immer noch milde, wenn auch ſorgenvoll ſah, erlangte ſie ihre Ruhe wieder. „Höre mich an; ſobald Du meine Gründe kennſt, wirſt Du mir und ihnen Recht widerfahren laſſen,“ ſagte ſie, indem ſie ſich neben ihm ſetzte.„Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, meine erſte Jugend liegt hinter mir, alle Befürchtungen eines ungewiſſen Mäd⸗ chenſchickſals liegen vor mir. Deine und der Tante Großmuth haben mich nicht nur vor Mangel bewahrt, ſondern mich auch in Bequemlichkeit und Ueberfluß großgezogen, haben mich Anſprüche gelehrt, deren Be⸗ rechtigung vielleicht zweifelhaft iſt, deren Aufgeben mir aber immer ſchmerzlich ſein würde. Den Geſetzen der Natur zu Folge werdet Ihr aber nicht immer für mich ſorgen können, und es wird eine Zeit kommen, wo die Hände, aus denen ich gern und reichlich empfing, nicht mehr ihr mildes Werk erfüllen können. Dann bin ich arm; denn nichts— nichts gehört mir und hat je mir gehört. Dann kommt der Mangel, die unſelige Sorge um das tägliche Brot. Unter grauſamen Ent⸗ behrungen und harter Arbeit muß ich dann mein Leben friſten und mich viel tiefer unter den Willen Derer beugen, die es der Mühe werth finden, mir Verdienſt 11 zu geben, als unter die Herrſchaft eines einzigen Man⸗ nes, der mir ſeinen Namen gibt. Bleibt mir da eine Wahl?“— „Sd iſt es die Sorge um Deine künftige Exi⸗ ſtenz, was Dich zu Adrian führet?“ fragte Joachim unruhig, denn zum erſten Male in ſeinem Leben klopfte die mahnende Hand des Vorwurfs an ſein Herz, ver⸗ ſäumt zu haben, Reginen eine ſolche Ausbildung zu geben, daß ſie unter Wahrung freier Selbſtentſchlie⸗ ßung ſich einen anſtändigen Unterhalt zu verſchaffen im Stande ſei. „Nicht allein,“ antwortete Regine lebhafter;„es iſt auch die Furcht vor einem einſamen Leben. Ich kenne ja die Welt; wer ſich nicht hält durch die Mit⸗ tel, die ſie ihm bietet, wer ſich nicht mit einem Platze begnügt, wie ſie ihn vorbereitet hat, den läßt ſie fal⸗ len. Nur ein heingte Wohlſein bietet ſie uns Frauen, und wenn wir uns begnügen, ſo können wir ſelbſt aus Vorurtheilen Vortheil ziehen. Fügen wir uns nicht, wollen wir rebelliſch unſere idealen Wün⸗ ſche gegen die herrſchenden Zuſtände in's Feld füh⸗ ren, igenen Weg gehen,— nun, ſo werden wir einſam ſein. Da es aber ſo trau⸗ rig, ſo unſäglich traurig iſt, allein zu ſtehen, ſn nimmt man dankbar die Hand, die ſich uns bietet. Dann wird es Ruhe, dann braucht man nicht zu fürchten, daß man, nicht hoch gefeiert, nach und nach über⸗ ſehen, ſpäter nur noch geduldet und zuletzt ganz bei Seite geſchoben wird; denn eine haltbare Stellung gibt nun das Anſehen des Mannes der Frau. Dann wird nie das verletzende Wort, gleich einer Neſſel, das reizbare Gemüth peitſchen, wenn man von dem verfehlten Leben einer Unverheirateten ſprechen hört, das, gerechter, ein trguriges genannt werden müßte. Ich kenne ſie, dieſe einſamen Geſtalten; ohne Ver⸗ bindung mit der gegenwärtigen Generation, ohne eine Brücke für die Zukunft finden zu können, leben ſie geſpenſtiſch nur in den Ruinen der Vergangenheit. Ueberzählig in der Geſellſchaft wie im Staat und Familie, folgen ſie reſignirt den Spuren der in Grup⸗ pen wandernden Menſchheit, nicht vermißt, wenn ſie müde zurückbleiben, nicht erwartet, wenn ſie ihr Ziel erreicht haben.“ „Der große Strom des Lebens rollt weiter, und während aus gefüllten Nachen, in denen alle Lebens⸗ alter vertreten ſind, frohe Geſpräche und heitere Ge⸗ ſänge ertönen, während kräftige Hände die Steuer lenken und dankbare Herzen dieſe Herzen ſegnen,— während dem ſchwimmt das alte Mädchen, in die Nuß⸗ ſchale ihrer dürftigen Exiſtenz gebannt, wohin der Zu⸗ b —— fall ſie treibt,— immer ſcheu ausweichend— immer zaghaft bei Seite tretend und ſchon dankbar, wenn man ihr zweckloſes Daſein— ſtatt es zu richten— vergißt.“ „Kein Daſein iſt zwecklos, das in der Entwicke⸗ lung der Geiſtes⸗ und Gemüthskraft ſeine wahre Be⸗ ſtimmung erkennt und erſtrebt,“— warf Joachim be⸗ wegt ein.— „Das mag im weiteren Sinne der Beruf der Menſchheit, vorzüglich aber der des Mannes ſein,“ ent⸗ gegnete Regine,„uns Frauen jedoch ſchuf die Natur und der ordnende Wille der menſchlichen Geſellſchaft einen engern Wirkungskreis, es iſt der der Familie. Von Jugend auf unter dem Schutze Anderer ſtehend, wird es uns nicht ſchwer, uns aus einer Abhängigkeit in die andere zu begeben, die proviſoriſche Heimat des elterlichen Hauſes zu verlaſſen, um ein Aſyl zu finden, was uns ſchon lange als das einzig ſichere und beglü⸗ ckende geprieſen war, für das unſere kleinen Talente gepflegt und unſere Anſichten geſtimmt worden ſind.— So treten wir getroſt ein in die Werkſtatt, die ſich uns öffnet, und indem wir redlich unſer Tagewerk vollbrin⸗ gen, finden wir ſelbſt auch unſern ſtillen Frieden.“ Regine ſchwieg. Sie hatte Alles geſagt was ihr zu ſagen nöthig ſchien und erwartete nun des Vaters Zuſtimmung. Dieſer aber, der zwar mehr Deutlichkeit und Klarheit in ihren Motiven fand, als er erwartet hatte, dem aber dieſe Motive ſelbſt nicht haltbar und würdig dünkten, machte neue Einwendungen. „Und doch kann dieſer Friede, auf den Du hoffſt, nur durch Zweierlei begründet und erhalten werden,“ entgegnete er;„entweder durch die volle Gleichheit des Denkens und Empfindens, oder durch die bleibende Kraft der Liebe, die die Kluft der Meinungsverſchie⸗ denheit ausfüllt. Da ich den letzteren Fall nicht anneh⸗ men darf, ſo muß ich Dich fragen: Biſt Du zu dem rechten Verſtändniß von Adrians Weſen gelangt und ſtimmt es harmoniſch zu dem Deinen?“ „Du haſt mich gelehrt, auch abweichende Meinun⸗ gen zu achten,“ erwiderte ſie,„und ich werde in ſtrenger Selbſtbeherrſchung den Widerſpruch vermeiden, der zu einer Disharmonie führen könnte!“ „Arme Regine, das heißt ja aber auf ſich ſelbſt verzichten,“ ſagte Joachim, von ihrer Fügſamkeit ge⸗ rührt.— „Oder ſich wieder gewinnen,“ antwortete ie wehmüthig, Demuth und Selbſtbeſchränkung.“ „Hätteſt Du Dich verloren, mein Kind?“fragte Ioachim uittunn— „Ja,“ antwortete ſie bitter;„der Carneval des Le⸗ 15 bens ſetzt jedem ſeine Schellenkappe auf und hängt ihm ſeinen Flitterſtaat an; der Mummenſchanz wird mir läſtig und Adrians ernſte Richtung ſoll mir wohl thun.“ „Man nennt Adrian aber nicht nur ernſt, ſon⸗ dern auch unduldſam, fanatiſch und in der orthodo⸗ reſten befangen,“ ſagte Joachim bedenklich; „biſt Du auch ſicher, daß Euer Glaube derſelbe und Euer Ziel dasſelbe iſt? Denn das muß es ſein, wenn Dich die itnmier gleichen Pendelſchwingungen ſeines Strebens nicht ermüden, der regelmäßige Kreis⸗ lauf ſeiner Wünſche und Hoffnungen nicht beläſti⸗ gen ſoll.“ „Sein Glaube iſt der meinige,“ ſagte Regine ernſt, „nie habe ich den Muth finden einen kriti⸗ ſchen Blick auf die Lehren oder D Dogmen unſerer Confeſſion zu werfen,— ſo ſtimmen wir in der Haupt⸗ ſache jedenfalls überein.“ Joachim ſchwieg; er hatte noch etwas auf dem Herzen, zögerte aber, den Punkt zu berühren. Als aber Regine ihn aufforderte, ſeine Gedanken unver⸗ hohlen kund zu gben ſagte er endlich bedenklich: „Wie aber nun, wenn Dein Herz auch ſein Recht ver⸗ langte und einmal für einen Mann ſpräche, der Dich liebte— zu ſpät?“ 16 „Nie wird das ſein, nie, nie!“ rief Regine aus voller Seele, und als Joachim ſie erſtaunt anſah, ſetzte ſie ruhiger hinzu:„Ich kenne meine Pflicht und werde ſie nie verletzen. Bin ich einmal Adrians Frau, ſo lebe ich auch nur noch für ihn, und keine thö⸗ richte Eitelkeit, keine ſtrafbare Tändelei wird mehr Raum in mir gewinnen.“ „Nun denn, ſo ſei es,“ ſagte Joachim aufſtehend. „Die Gründe, die Du mir angeführt haſt, ſollten zwar nicht entſcheidend bei Abſchließung einer Ehe ſein; da ſie Dir aber vollwichtig erſcheinen, ſo ge⸗ ſchehe ihnen und Dir ihr Recht. Noch heute will ich Adrian ſchreiben, und ihn von unſerer Einwilligung in Kenntniß ſetzen.— Das Verlöbniß eröffnet Dir neue Ausſichten; neue Pflichten werden Dir mit neuen Freuden geboten. Ernſter wird Dich das Leben dün⸗ ken; je forſchender Du aber in ſein wunderbares Auge ſchaueſt, um ſo verſtändlicher wird es Dir werden und um ſo gehaltvoller,— gleich viel, ob froh, oder trüb das Urtheil der Menſchen es nennt. Und weiter, mein Kind, habe ich Dir nichts zu ſagen.“ „Ich aber deſto mehr,“ ließ ſich eine Stimme hö⸗ ren, der es nothwendige Bedingung ſchien, auch die einfachſten Worte in einem herzlichen Gelächter ver⸗ klingen zu laſſen, und in die ſchon dämmrige Stube — c c——— 17 trat eine kleine, ältliche Dame, in welcher Joachim ſeine Schwägerin, die Generalin Eberhall, erkannte. Noch war es den zunehmenden Jahren nicht gelun⸗ gen, den Formen und Zügen derſelben die Rundung zu nehmen, die vollſtändig mit der fließenden Wort⸗ fülle und den gewandten Bewegungen der Dame har⸗ monirte. Mit einem Verſtande ausgeſtattet, der ihr alle äußern Eindrücke als unerwartet und ſich ſelbſt wi⸗ derſprechend erſcheinen ließ, war ſie weit entfernt, dem Sinnreichen und Witzigen beſonders ihren Tri⸗ but darzubringen. Es fehlte ihr das Verſtändniß, der Scharfblick für die oft harmloſen, oft aber auch entſetzlichen Carricaturbilder des Lebens, und nie war ihr Lachen mit dem Beiſatz des Spottes, oder nur des Bewußtſeins gewürzt.— Eben dieſe harmloſe Gutmüthigkeit, die vielleicht aus Temperament, ſorgenloſem Leben und Mangel an Erfahrung hervorging, hatte ſie zu einer der be⸗ liebteſten Perſönlichkeiten in der Geſellſchaft gemacht, und wo ſich die kleine, runde Frau zeigte, da beeilte man ſich, ihr mit Höflichkeit, Scherz und auch wohl kleinen Heimlichkeiten zu nahen. Durch eine bedeutende Leibrente in den Stand geſetzt, ihrem Haus den Schimmer der Eleganz und Kinder der Zeit. I. 2 18 des Ueberfluſſes zu geben, hatte es ſie keine Mühe gekoſtet, ihre Nichte in die erſten Cirkel einzuführen, denen ſie ſich durch ihren Rang ſowohl, wie durch erwieſene Gaſtfreundlichkeit genügend empfohlen hatte. — Die beiden Damen hatten ſich vortrefflich ver⸗ tragen. Die gefeierte Nichte war der Tante für den Glanz dankbar, mit dem ſie ſich umgeben ſah, und dieſe anerkannte lebhaft den unerſetzlichen Reiz einer anmuthigen, jungen Perſönlichkeit, die durch ihr an⸗ ziehendes Walten den Werth ihrer Feſte erhöhte, und, als der erſte Schauer der befriedigten Eitelkeit vor⸗ über war, eine Partie macht, die ganz den Wünſchen und Erwartungen der Tante entſprach. Sie begrüßte Joachim mehr heiter, als herzlich. Der alte Herr mit ſeinen hellen Augen und ſeiner eigenthümlich dunklen Redeweiſe war für ſie ſtets ein Gegenſtand kindiſcher Neugierde oder ungerechtfer⸗ tigten Tadels, den ſie aber nicht auszuſprechen wagte, da ſie ſeinen Zorn, welcher freilich noch paim geſehen oder gefühlt worden war, mehr wie a Andere fürchtete. „Sie entſchuldigen meine ſpätere Begrüßung, ver⸗ ehrter Schwager,“ ſagte ſie, die aufgebauſchten Taſchen Joachim's muſternd;„aber ich glaubte, daß Vater und Tochter eine ganz ungeſtörte Beſprechung noth thäte, 19 he nach deren Reſultat ich vielleicht zu ſeiner Zeit auch 1. fragen darf?“ h„Ich habe nicht im Sinn, Reginens Wahl zu i beſchränken,“ erwiderte Joachim ruhig,„ihr Wille allein ſoll entſcheiden.“ 8„So iſt alles richtig und die längeren zurückhal— uh tenden Unterhandlungen überflüſſig,“ fagte die Tante S befriedigt.„Regine war ſchon lange entſchloſſen mich zu verlaſſen!“ nd Sie ſagte dies mehr neckend als wehmüthig, und würde in der That ſehr erſtaunt und aufgebracht ge⸗ hen weſen ſein, wenn Regine vorgezogen hätte, bei der lieben Tante zu altern. ich.„So muß es ja ſein,“ tröſtete Joachim;„keine neue Verbindung wird geſchloſſen, ohne daß eine alte ſich löſt, und Eines muß verlieren, damit das Andere fer gewinne. In der Braut ſtirbt den Eltern die Tochter, gte in der Frau endigt die Braut und in der Mutter Werklärt ſich die Gattin. Ein Wechſel folgt dem andern, jede Phaſe löſt eine frühere ab, bis in erreichter Reife der Zweck des Daſeins ſich erfüllt. Das muß uns ver⸗ bernhigen. „Das ſind Anſichten,“ lachte die Tante;„ich bin zwar weder gelehrt noch Philoſoph, aber in meinem äte, ſchlichten Verſtande denke ich, man kann zu gleicher 20 Zeit recht gut den verſchiedenen Pflichten der Tochter, Frau und Mutter nachkommen, und dabei doch den Zweck des Daſeins ganz erfüllen.— Doch laſſen wir das! Sagen Sie mir lieber, was und wie Ihnen Adrian ſchrieb?“ Joachim zog einen viereckig gebrochenen Brief mit großem Siegel mühevoll unter ſeinen klap⸗ pernden Inſtrumenten hervor; dabei erinnerte er ſich auf's neue ſeiner Petrefacten, bemächtigte ſich eines ſolchen Kleinods, und begann mit Hilfe eines Meſſers die mit Erde zum Theil noch gefüllten Vertiefungen des genannten Gegenſtandes zu reinigen. Die Tante hatte, nach einem halb mitleidigen Blicke auf das unmoderne, breite Couvert, das Schrei⸗ ben neugierig entfaltet und geleſen, während Regine, emſig ſtickend, keinen weitern Theil an der Unter⸗ haltung zu nehmen ſchien. „Ein frommer Mann,“ ſagte die Generalin, deren Stimme von einem unterdrückten Gelächter gebrochen zu werden drohte, indem ſie die Reſte des Streuſandes der ſich aus dem zuſammengefalteten Papier auf ihr Kleid ergoſſen hatte, abſchüttelte—„ein wahrer Anker für die Frommen in dieſen Zeiten der Aergerniß und Gefahr. Rechnet man nun noch zu dieſer vertrauen⸗ erweckenden Eigenſchaft die glänzende Zukunft, die ihm ſeine Befähigung eröffnet, die bedeutende Stel⸗ ſ * 8 8 lung, die er ſchon jetzt einnimmt, den hohen Gehalt, der auch in Anſchlag zu bringen iſt, da der Menſch bekanntlich nicht von der Luft lebt, ſo—“ „Allerdings lebt der Menſch von der Luft,“ fiel Joachim eifrig ein;„die neueſten wiſſenſchaftlichen Entdeckungen lehren, daß die Pflanze aus der Luft die Beſtandtheile zieht, die nach geheimnißvollen Mi⸗ ſchungen ſich in die Stoffe umwandeln, die Thiere und Menſchen nähren. So wird indirect der Menſch durch die ſich verdichtenden Gaſe der Atmoſphäre er⸗ halten, und was iſt Gas anders, als zerſetzte Luft?“ „Das ſind Anſichten,“ proteſtirte die Tante. „Adrian ſagt: Wir leben von Gottes Gnade, Sie ſagen: Man lebt von der Luft, Regine hörte ich ein⸗ mal ſagen: Man lebe von der Liebe, und ich ſage ganz einfach: Man lebt von einem kräftigen Bouillon, einem ſaftigen Braten und entſprechendem Salat oder Compot.“ „Dann ſagen wir im Grunde Alle dasſelbe,“ be⸗ gütigte Joachim und wollte eine längere Auseinander⸗ ſetzung beginnen, aber das Abendbrot war ſervirt und führte zu Geſprächen, die ſich zum großen Theil auf Joachims jüngſte Tochter und ihr gemeinſchaftli⸗ ches Leben auf der Geiſenburg bezogen. Erſt ſpät am Abend wanderte Joachim mit ſeinen Schätzen auf ſein Zimmer, noch ſpäter rollte der Lehnſtuhl der Tante zurück und ihr Mund verſtummte; Regine allein ſaß, tühl von der Nachtluft angeweht, noch am offenen Fenſter. Das Rauſchen des Brunnens, die wiederholt ſchlagenden Glocken und jenes entfernte Summen, welches ſelbſt in ſpäter Abendſtunde die Straßen einer volkreichen Stadt erfüllt,— ſchlug an ihr Ohr. Ihre Gedanken waren Erinnerungen und dem Inſtinkt des Herzens folgend, flogen ſie weit zurück, wie Vögel nach dem heimiſchen Neſt; wenn ſie es auch zerſtört wußten, ſo wollten ſie doch noch einmal die Stelle umflattern, an der ſie ſo lange Ruhe und Schutz ge⸗ funden. Aber aus dieſen Erinnerungen quoll ihr, ſtatt Troſt, nur eine tiefe Sehnſucht. Sie fühlte ſich ver⸗ armt und traurig, während Alles Leben und Heiter⸗ keit athmete, und die zu ihr dringenden heitern Stim⸗ men erinnerten ſie nur um ſo ſchmerzlicher an man⸗; chen Abend, den ſie durchlacht hatte— wie ſie den heutigen reſignirt durchwachte. 5. Die leiſe Hand des Windes ſchüttelte aus den blühenden Roſenkelchen den friſcheſten Duft. Dieſelben Sterne, die nach ihren glücklichſten Stunden ihr heim⸗ wärts leuchtend das ſelige Geſicht verklärt hatten, dieſelben Sterne waren treu und tröſtend auch heute wieder gekommen, um mit einem Strahl wenigſtens P * — NM die Trauerſchleier zu lichten, die über das junge Leben gebreitet waren. Ueber das ganze Firmament flog ihr Auge, an jenen Doppelſternen haftete ihr Blick, die in ewig vereinten Lauf mit gleich weißem Licht die Tiefen des Welttaums durchwandern. Einſt hatte man ihr dieſes Doppelgeſtirn als das Bild zweier in Liebe vereinigten Herzen genannt, und oft hatte ſie fragend zum Himmel geſehen, um Troſt und Glauben für ſich zu gewinnen; es blieb zuſammen, ob auch ihre Bande ſich löſten. Jetzt ertönte in der Ferne Tanzmuſik; die von den Luftwellen zerriſſenen Harmonien gelangen an⸗ fangs nur in Fragmenten, wie räthſelhafte Fragen, zu ihr, bis der Rhythmus deutlicher hervortritt, bis ſie die lockenden Harpeggien erkennt, die plötzlich Raum und Zeit vor ihr verſinken laſſen. Sie iſt wieder in glänzenden Räumen, geſchmückt mit Blumen, die aus brennenden Augen, wie ſie ſelbſt, blicken, ſie hört die bekannten Hornſignale, ſie fühlt ſich umfaßt, fort⸗ gezogen in die Wirbel des Tanzes, ſie weiß den Blick der Liebe auf ihrem Geſicht ruhen, und in ihr Ohr dringen alle die heißen Worte der Leidenſchaft, die noch immer in der Erinnerung nachglühen, wie das Abendroth, nachdem die Sonne ſchon längſt hinab⸗ geſunken iſt. 24 Da ſchlägt die Glocke auf der Kirche, deren Umriſſe ſich dunkel und maſſenhaft aus der Dämme⸗ rung hervordrängen, und erinnert ſie, daß ſie an dem Orte Adrian's Frau werden ſoll, und mit den langſam verhallenden Schlägen ſinkt die Vergangen⸗ heit in die alten Trümmer zurück. Sie ſucht nun freundliche Bilder der Zukunft in ſich zu wecken, ſie gedenkt des Wirkungskreiſes, der Selbſtſtändigkeit, welche ihr das Schickſal geboten, und nach denen ſie haſtig gegriffen hat, wie das Kind nach dem neuen Spielzeuge, ehe es noch aufhört das alte, zerbrochene zu beweinen. Nicht ſo reich an Glück, daß die Ge⸗ ſammtſumme eine ruhige Prüfung unnöthig machte, zog ſie emſig alle die kleinen Poſten zuſammen, in deren Schätzung ſie Adrian's Werth ſuchte, und ſtimmte ſich ſo zu ruhigeren Betrachtungen herab. Das Schickſal ihrer früh verſtorbenen Mutter ſchien auch ihr beſtimmt; auch dieſe hatte ja dem älteren, ge⸗ achteten Manne die Hand gereicht, nachdem ihr der Tod den jungen, geliebten Gatten entriſſen. Sie ſagte ſich, daß ja dieſe zweite Ehe eine friedliche geweſen ſei, und hoffte, daß ſie einer gleichen Zukunft ent⸗ gegengehe. So ſänftigte ſich nach und nach die hoch⸗ gehende Flut ihrer Gefühle, und wie ein Fenſter . d nach dem andern dunkel wurde, ſo löſchte auch in ihr ein ſchmerzlicher Zweifel nach dem andern aus. „Glücklich machen heißt ja ſelbſt glücklich ſein,“ ſagte ſie leiſe, und jener freudeloſe Friede, welcher der ermüdeten Seele zufällt, erfüllte auch ſie. Sie trat in ihr kleines Cabinet; aber ehe ſie ſchlafen ging, faltete ſie mit frommer Demuth die Hände, und ihre Lippen ſprachen leiſe die Formel, die, von der Mutter ihr gelehrt, ſie zuerſt mit ſtam⸗ melnder Zunge nachgeſprochen, und die ſie treu be⸗ gleitet hatte und begleiten ſollte durch alle Lebens⸗ ſtufen hindurch. Dann fielen die blauen Vorhänge zu, und hin⸗ ter den lichten Schleiern des nahenden Schlafs ſuchte das junge Leben ſeiner ſelbſt zu vergeſſen. — 2. Als die Griechen mit Gewalt der Waffen ihr früheres Recht, als ſelbſtſtändige Nation, wieder her⸗ zuſtellen unternahmen, trat der Aſſeſſor Bruno unver⸗ züglich in die Reihen der aus Deutſchland zuſtrö⸗ menden Hilfsſtreiter. Einer von jenen unruhigen Köpfen, die nur in Kampf und Mühe den Genuß des Lebens ſuchen, deren ewig gährender Thatendrang— oft unbewußt um Zweck und Ziel— ſich nur einen Ausgang zu bahnen ſucht, hatte er eine Reihe, wenn auch nicht ſträflicher, doch übereilter Handlungen begangen, die mehr als genügend geweſen waren, um ihn als einen gefährlichen Unruhſtifter zu bezeichnen und der Regie⸗ rung verdächtig zu machen. Auf ſeine wilddurchlebten Univerſitätsjahre folgte nach überſtandenem Examen ſ t e n ſeine Dienſtzeit, die er durch Ungefügigkeit gegen ſeine Vorgeſetzten, durch aufregende Artikel in öffentlichen Blättern, als deren Verfaſſer er genannt wurde, auf jede mögliche Weiſe ſich erſchwerte. Aber faſt ſchien es, als ob der Druck und die Ueberwachung, die er in ſeiner amtlichen Stellung fand, ihn nur noch lü⸗ ſterner nach neuen Reibungen mache; denn, ohne Rück⸗ ſicht auf den Widerſpruch der Verwandten, bewarb er ſich mit Erfolg um die Neigung eines jungen Mäd⸗ chens, deren Familie durch Rang, Anſprüche und Le⸗ bensanſichten ihm ſchroff gegenüber ſtand. In ſeinem Avancement gehemmt, in ſeinem Ehr⸗ geiz verletzt, übertrug er die zurückgedrängte, volle Ener⸗ gie ſeines Weſens auf ſeine Liebe und es ſchien faſt, als ob die heiße Schwärmerei, mit der ſie erwidert wurde, mildernd und verſöhnend auf ſeinen Charak⸗ ter wirken ſollte; denn er ertrug gelaſſen alle die De⸗ müthigungen, die von der Familie ſeiner Braut über ihn verhängt wurden, und das junge Paar erreichte wirklich nach Verlauf einiger Jahre die kalte Einwil⸗ ligung zu ihrer Verbindung. Bruno glaubte nun das Glück ſeines Lebens ge⸗ ſichert, aber die bei jeder Gelegenheit hervortretende Geringſchätzung ſeiner neuen Verwandten, das vor⸗ nehme Ueberſehen ſeines Daſeins in reiſer te 28 ſeine Frau angehörte, die abweiſende Kälte ſeiner Vorgeſetzten, die ewig wiederkehrenden Nadelſtiche, die als Beleidigung nicht zu rächen, ja kaum zu nennen ſind und doch ſo bitter empfunden werden, ſollten ihn endlich aus ſeiner ſcheinbaren Fügſamkeit aufſtacheln und die tiefſte Unzufriedenheit mit ſeinen Verhältniſ⸗ ſen emporſchießen laſſen. Als der lange vorbereitete Aufſtand in Grie⸗ chenland endlich losbrach, als der elektriſche Funke der Begeiſterung durch alle warm ſchlagenden Herzen zuckte, da fühlte auch Bruno den Froſt ſich löſen, der ihn beſchlichen hatte in dem matten Kreislauf ſei⸗ ner Exiſtenz, da tauchten alte, wilde Freiheitsgelüſte mit um ſo überwältigender Macht in ihm wieder auf, je mehr er ſich dieſes Mal eines erreichbaren Ziels bewußt war. Als er ſeine junge Frau entſchloſſen fand, ihn durch die ganze Welt zu begleiten, verlangte er auf unbeſtimmte Zeit Urlaub von der ihm vorgeſetzten Behörde, und als ihm dieſer durch den Einfluß ſei⸗ ner Schwiegereltern verweigert wurde, nahm er, ſtatt entmuthigt zu werden, ſogleich ſeinen Abſchied. So erfolgte ein vollſtändiger Bruch, und ohne ein verſöh⸗ nendes Abſchiedswort empfangen oder begehrt zu ha⸗ ben, trat das junge Paar ſeine gefährliche Reiſe an. MN W 29 Nachrichten waren nicht verlangt worden, aber durch die dritte Hand gelangten ſie anfangs doch zu den zürnenden und untröſtlichen Eltern; nach Verlauf von einigen Jahren aber blieben ſie aus, und als nun Nachforſchungen angeſtellt wurden, als nun die Angſt zu entſcheidenden Schritten trieb, da ſchien es zu ſpät und kein Mittel ward mit Erfolg gekrönt. Der Friede war wieder hergeſtellt, das verwü⸗ ſtete Land bedeckte ſich mit neuer Vegetation, mit neuen Menſchenwohnungen, mit den Zeichen einer neuen, um ſich greifenden Kultur, und Reiſende aus allen Ländern überſchwemmten den wieder zugänglich ge⸗ wordenen Boden, der noch ein neues hiſtoriſches In⸗ tereſſe gewonnen hatte. Unter dieſen Reiſenden befan⸗ den ſich auch Prinz Friedrich, jüngerer Bruder des Fürſten von B., und Joachim, der in ſeiner Perſon die verſchiedenen Functionen als Geſellſchafter, Leh⸗ rer, Secretär und Dolmetſcher vereinigte. Allen Zwei⸗ gen der Naturwiſſenſchaft, ſowie der verſchwiſterten Alterthumskunde mit Eifer ergeben, fand der Letztere hier ein reiches Feld für ſeine Beſtrebungen und ver⸗ lebte Tage des Genuſſes, indem er in großen Her⸗ barien die Flora des Landes ſammelte, die Gräber des Alcibiades und der Aspaſia beſuchte, und in den Trümmern einer idealen Kunſt die Kulturſtufen vie⸗ —————— 30 ler in die Vergangenheit hinabgeſtiegenen Zeitalter fand. Als er in einer jener lichtvollen Nächte, wie ſie der ſüdliche Himmel erzeugt, von einem botaniſchen Streifzuge heimkehrte, hörte er plötzlich in vaterlän⸗ diſcher Sprache, ja im Dialect ſeines Wohnortes, das bekannte Schlummerlied:„Schlaf, Kindchen, ſchlaf!“ ſich heimiſch entgegentönen. Der Richtung folgend, aus welcher der Geſang zu klingen ſchien, erreichte er bald ein kleines Haus, das einen Flintenſchuß von der Stadt, in welcher der Prinz ſeinen temporären Aufenthalt genommen hatte, entfernt lag. Er ſtieg auf einen vor dem Hauſe befindlichen Stein und gewann dadurch einen Blick in das ſchwach erleuchtete Ge⸗ mach. Auf einem weißen Bettchen, halb nur zugedeckt von einem bauſchigen Kiſſen, lag ein ſchwarzlockiges Kind, das aufmerkſam lauſchend die ſchwarzen Kin⸗ deraugen auf die Mutter richtete. Dieſe, matt von der Lampenflamme beſchienen, zeigte eine Figur, die zwar der antiken Schönheit der Formen nicht theil⸗ haftig war, dafür aber jene ſtille Grazie beſaß, welche mehr in den Bewegungen, als in den Linien zu ſu⸗ chen iſt. Ivachim war durchaus nicht empfänglich für den Reiz einer romantiſchen Situation, aber er beſaß ſtatt einer treibenden Phantaſie ein gutes Herz, und das ließ ihn mit Theilnahme auf die Gruppe ſchauen, deren feſteſte, natürliche Stütze er nicht zu finden wußte. Er ſtand lange und würde wahrſcheinlich noch länger geſtanden haben, wenn die Frau nicht endlich ſich erhoben hätte, um das Fenſter zu verſchließen. Da verließ er, um ſie nicht zu erſchrecken, ſeine Lauſch⸗ ecke und ſchlug den Weg nach der Stadt ein, ohne für dieſen Abend weiter auf das Aufflammen der Geſtirne, die Verſtärkung der Schallwellen und das Geſumme der Inſecten zu achten; er hatte ja dafür an eine Landsmännin, deren muthmaßliche Schickſale und an das kleine, brünette Kind zu denken, das vermuthlich dem Vater ganz ähnlich ſah, da es die Mutter ſo ſehr verleugnete. Er theilte dem Prinzen die gemachte Entdeckung mit, der bei ſchon damals ſich deutlich ausſprechender Anlage zum Phlegma, ſtatt Joachim zu begleiten, ſeinen Chioswein im Gar⸗ tenkiosk zu trinken vorgezogen hatte. Joachim war zu wenig Menſch des Augenblicks, um nach einer ruhig durchſchlafenen Nacht einen Ge⸗ genſtand für abgethan zu halten, weil er zufällig ſei⸗ nem Geſichtskreis entrückt worden war. Ohne nüch⸗ terner oder bedenklicher geworden zu ſein, ſetzte er ſich am andern Tage in Marſch nach dem Orte hin, wo er wenigſtens forſchen wollte, ob er keinen Dienſt der Menſchlichkeit leiſten, keine Nachricht in die Heimat oder von der Heimat bringen könne. Er fand das Haus in eine Art Verkaufshalle umgewandelt, in welcher die junge Frau Honig, Trauben, Orangen und Wein verhandelte. Mit der ihm eigenen, ſichern Ruhe trat er näher, nannte ſeinen Namen und Wohn⸗ ort, und fragte, ob er ihr als Landsmann in irgend einer Weiſe gefällig ſein könnte; ſie dankte zurück⸗ haltend und nannte ſich ihm als die Witwe des ver⸗ ſtorbenen Bruno. Joachim kannte nun ihr Schickſal; in den Kreiſen der Reſidenz war es lange als ab⸗ ſchreckende, aber natürliche Folge einer„Partie nach Neigung“ beſprochen worden, und wenn er auch wenig Theil an den klatſchſüchtigen Tagesgeſprächen genom⸗ men hatte, ſo war doch das Ereigniß ſelbſt zu be⸗ deutend, als daß es überſehen oder ſchnell vergeſſen werden konnte. Er errieth, daß ſie in der Fremde lieber in dürftigen Verhältniſſen leben wollte, als in der Heimat die Unterſtützung ihrer Familie verlangen, die ſich ſchwer an ihrem Manne verfündigt hatte, und der ſie das Schickſal mit verdankte, unter dem ſie jetzt litt. Prinz Friedrich merkte ſehr bald, daß Joachim 33 viele von den Stunden, die er ſonſt mit phyſikaliſchen Erperimenten ausgefüllt hatte, in dem einſamen Hauſe zubrachte, und vermuthete mit Grund, daß weder naturhiſtoriſche Merkwürdigkeiten noch ſchätzbare Anti⸗ quitäten, ſondern die einfachen Erzählungen eines be⸗ wegten Menſchenlebens ihn dort feſſelten. „Es iſt gar nicht zu berechnen, welche Wirkung telluriſche und atmoſphäriſche Einflüſſe auf den Cha⸗ rakter und die Neigungen eines Menſchen haben kön⸗ nen,“ ſeufzte er, wenn Joachim ſpäter als gewöhn⸗ lich in ſein Zimmer trat und, ſtatt von dem Torſo eines Apoll zu reden, oder kunſtgerecht eine ſorgfältig ausgehobene Pflanze zu zerlegen, in tiefen Gedanken ihm gegenüber ſaß; und ſo kam ihm kurz vor ihrer Abreiſe die Mittheilung Joachim's:„daß er ſich mit Frau Bruno zu verheiraten gedenke,“ nicht ganz un⸗ erwartet. An ein Abmahnen war bei dem entſchiedenen Willen des Einen und dem Phlegma des Andern nicht zu denken, und bald wurde die Trauung voll⸗ zogen, durch die Regine einen neuen, ſorgenden Vater bekam. Wir würden dem jungen Paare uurecht thun, wenn wir eine ſchwärmeriſche Neigung als Motiv einer Verbindung vorausſetzen wollten, die in der Kinder der Zeit. I. 3 34 That nur aus der aufopfernden Großherzigkeit beider Theile hervorging. Joachim hatte kein anderes Mittel, um die kleine Familie aus drückender Dürftigkeit zu reißen, und die junge Frau konnte nicht beſſer für die Zukunft ihres Kindes ſorgen, als indem ſie ihm Ausſicht auf eine angemeſſene Erziehung durch einen geachteten Vater gab. So verließ Regine Griechenland und kehrte mit ihrer Mutter zur Heimat zurück, die ihnen wieder zur freundlichen Stätte werden zu wollen ſchien, denn die mütterlichen Verwandten, verſöhnt durch ein ge⸗ fallenes Opfer und eine neue„vernünftige Wahl,“ vergaßen die erſte, und wollten der wiedergekehrten Tochter und Schweſter die ganze Summe der Liebe geben, die, je länger zurückgehalten, nur um ſo höher geſtiegen war. Aber es war zu ſpät. Einige Jahre waren ver⸗ floſſen; Irene war Joachim's zweite Tochter geworden, als Erſatz gleichſam für das unaufhaltſam ſchwindende Leben der Mutter. Freundlich getröſtet über das Schickſal ihres Kindes— wie ſie mit Vorliebe noch jetzt Regine nannte— wurde ſie immer ſchwächer, immer bläſſer, bis endlich das Leben verflog, wie eine jener weißen Wolken verfliegt, die, ewig dem m Kampfe der feindlichen Luftſtröme preisgegeben, nie in Frieden mit ſich ſelbſt im Meere des Aethers ſich wiegen durfte. So ſchmerzlich auch Joachim von dieſem Ver⸗ t luſt getroffen wurde, ſo war doch ſein inneres Gleich⸗ f gewicht dadurch nicht geſtört. Er hatte den Tod im⸗ n mer nur für eine nothwendige Entwickelungsſtufe des Lebens gehalten, die früh oder ſpät überſchritten wer⸗ it den mußte, und ihn ſo des grauenvollen Geheimniſſes r entkleidet, das zaghafte oder kranke Gemüther peinigt n und ſchreckt. Je tiefer er aber die Wandelbarkeit perſönlicher Verbindungen empfand, deſto mehr flüchtete er aus be den dunklern Regionen des Gefühls zu dem lohnen⸗ 6 den Tagewerk des Forſchens; immer im Streben nach S geiſtiger Klarheit und Reife begriffen, verlor er nach 4 und nach ganz den Sinn für die kleinen Ereigniſſe des Lebens, wie er den Maßſtab für die Beſtrebun⸗ gen des Ehrgeizes, der Genußſucht und des Egois⸗ 6 mus verloren hatte. Auch dieſer Verluſt traf Regine in einem Alter, er, in welchem das Wort„todt“ zwar ſchon erſchreckt, wie bittere Thränen koſtet und ſeinem traurigen Sinne em nach geahnt wird, in welchem aber noch eine kleine 3* 36 Zerſtreuung, ein neues Spielzeug, eine ſpannende Neugierde den Schmerz verſcheuchen. Nicht ſowohl die Verſchiedenheit des Alters, als die der innern Bedingungen ließ keine genugſam aus⸗ füllende Liebe zwiſchen den beiden Halbſchweſtern auf⸗ kommen; ſie waren ſich herzlich zugethan und lebten in Frieden neben einander, aber nicht in einander, wie das nur wahlverwandte Geiſter vermögen. Das Weib lag ſchon in dem ganzen Weſen und Thun Reginen's, als ſie noch Kind war. Sie lebte mit den Blumen wie mit ihrer Familie; die kleinen Blüten des Löwenmauls wurden von ihr mit Waſſer getränkt, ihre Kelche mit winzigen Körnchen gefüttert, während die faſt knabenhaft kecke Irene an der Quelle ſtand und mit den kleinen braunen Händen grub und ſchaufelte, um nur endlich einmal zu dem Brünnlein zu gelangen und ſich zu überzeugen, ob es wirklich aus einem Fäßchen von blinkendem Eiſe fließe, wie ihr die alte Wärterin erzählt hatte. Waren ſie Abends zu Bette gegangen, ſo konnte Regine vielleicht vor Unruhe nicht einſchlafen, weil ſie einen Hund ohne Obdach in der Straße heulen hörte, oder um eine verlorene Puppe Sorge hatte; Irene dagegen ſaß nur deßhalb mit groß geöffneten Angen im Gitterbett, um heute ganz gewiß zu entdecken, wie eigentlich der nde als us⸗ uf⸗ ten wie und ebte inen aſſer tert, nelle und lein klich wie ends vor ohne eine nur um der 37 Schlaf und Traum käme, und ob Sandmännchen wirklich ſein Spiel dabei treibe. Und mit wie verſchiedenen Augen ſahen die bei⸗ den Mädchen in die Welt, die ihnen Joachim in ſpäteren Jahren durch kleine und größere Reiſen zeigte! Während Irene immer den Höhen zuſtrebte, den Blick in's Weite ſuchte und das Unermeßliche ihren Augen und ihrer Phantaſie nicht zu groß war, fand ſich Regine von dieſer Weite, von dieſen mannigfal⸗ tigen Formen und Farben unbefriedigt und abgeſtoßen. Ihr genügte der Blick in ein enges, ſtilles Thal, in dem vielleicht nur ein einſames Forſthaus oder eine rauſchende Mühle lag. Daran knüpfte ſie das Bild eines einfachen Haushaltes einer glücklichen Familie; die Magd, die mit der Gießkanne zu dem Bach ging, um die Bleichleinwand anzufeuchten, das nach Erd⸗ beeren ſuchende Kind, die Ziege, die mit halb ver⸗ zehrtem Gras den Weg beſtreute, der blaue aufwir⸗ belnde Rauch— das waren Ruhepunkte für ihr Auge und ihren Geiſt, der nicht hinausſtrebte aus Zeit und Raum, der nicht forſchte nach den Monden des Uranus und phosphorescirenden Lichterſcheinungen, aber dafür jedes aus dem Neſte gefallenen Vögelchens ſich erbarmte und es groß zog, den auf den Sand gerathenen Fiſch ſeinem Element zurückgab und kei⸗ 38 nem Kinde das losgegangene Schuhband zu knüpfen vergaß. Ohne ſeinen Einfluß in beengender Weiſe geltend zu machen, überließ Joachim ſeine Töchter ihrer natür⸗ lichen Richtung, und indem er ihnen die vielſeitigſte geiſtige Nahrung bot, ſuchte er ſie zugleich von dem blinden Autoritätsglauben fern zu halten, der das eigene Prüfen und Urtheilen ſo ſehr erſchwert. Demwiderſtrebte jedoch Reginen's anſchmiegendes, haltverlangendes Gemüth, deſſen Grundzug eine tiefe, gläubige Pietät war. Mit unermüdlichem Eifer folgte ſie den ihr vorgetragenen Lehren; ohne ſich eine Frage, einen Einwurf zu erlauben, umfaßte ſie mit dem Gehalt eines Satzes auch ſeine Form, die ihr untrennbar von jenem ſchien. Der Zweifel lag nicht in ihr; ſie vertraute der Einſicht Anderer um ſo mehr, je anſpruchloſer und demüthiger ſie in Bezug auf ihre eigene Befähigung war. Als ſie ein Alter von ſechzehn Jahren erreicht hatte, entſtand ein erbitterter Zwiſt zwiſchen dem regie⸗ renden Fürſten und dem Prinzen Friedrich, in Folge deſſen Letzterer B. verließ und die entlegene Geiſenburg zu ſeinem Schmollwinkel wählte. Ioachim, ſeit Jahren ſeiner Perſon attachirt, zögerte keinen Augenblick ihm nd ür⸗ ſte em s fe, gte ge, at von mute und ar. icht gie⸗ oge urg 39 dahin zu folgen, ſtieß aber auf eine ſo tiefe Nieder⸗ geſchlagenheit bei Reginen und ſo dringende Vorſtellun⸗ gen bei Tante Eberhall, daß er den beiderſeitigen Wünſchen nachgab und Reginen im Hauſe ſeiner Schwägerin zurückließ. Eingeführt in die große Welt, in alle jene Cirkel, die mit Eleganz der Lebensweiſe den Glanz alter Na⸗ men oder anerkannten Einfluſſes verbinden, fühlte ſie ſich geblendet und angezogen. Alle Blüten einer üppig wuchernden Civiliſation entfalteten ſich vor ihrem Auge, der ganze Zauber der Künſte überwältigte ihre Phantaſie, der flimmernde Schein der modernen Bildung blendete ſie; in geſelliger Freude, in heiterem Genuß vergingen ihr Tage und Jahre. Da trat die Liebe in ihr Leben, und vor dieſem ſtarken Gefühle verſank die ganze glänzende Phantas⸗ magorie wie Wachsbilder im Feuer. In mädchenhafter Schüchternheit barg ſie das Geheimniß ihres Herzens vor jedem Auge, und war glücklich, bis die Hand, die das Gebände ihrer Seligkeit aufgeführt hatte, es langſam vor ihren Augen wieder in Trümmer ſchlug. Der erſte Schmerz wirkte betäubend auf Regine. Sie führte fortan eine Scheinexiſtenz, ohne Furcht, ohne Erwartung, ohne Thätigkeit. 40 Aber der leiſe Flügelſchlag der Zeit ſollte auch ſie wieder aus tiefer Lethargie erſt zu leichterer Ruhe und dann zum klaren Bemußtſein erwecken die fort⸗ ſchreitende und nachdenkende Generation duldete kein Zurückbleiben, die Forderungen des Lebens traten ſo unabweisbar zu ihr heran, daß ſie ſich wieder empor⸗ richtete und an ihre Zukunft dachte. Ihre Ausſichten waren nicht ſehr tröſtlich und raubten ihr den Muth, Adrian's Bewerbung, die zu der Zeit begann, zurück⸗ zuweiſen. So ſtand ſie im Begriff, den Schritt zu thun, den das Weib nur als die tiefſte Demüthigung über ſich ſelbſt verhängen kann; ohne Neigung, aus welt⸗ lichen Rückſichten, nur des Lebensunterhaltes willen, ſich dem Manne zu überliefern, deſſen Herrſchaft und Liebe ſie dafür ertragen muß. Der Mann, der ſeine Feder— ſeine Hand— ſeinen Kopf verkauft, der ſeine Kräfte für eine Sache verwendet, die feindlich ſeiner Ueberzeugung gegen⸗ übertritt, der Mann wird mit dem Worte„beſtech⸗ lich“ gebrandmarkt, und Mißtrauen begleitet ſeine Schritte im Staat wie in der Familie. Aber nicht minder nnehrenhaft handelt das Weib, 41 das, äußere Bedürfniſſe höher ſchätzend als ihre weib⸗ liche Würde, Handel treibt mit Jugend, Schönheit oder Geiſt, und dem Manne ſich hingibt, ohne daß die Liebe, die einzig ſtatthafte Bedingung der Ehe, ihre heiligende Weihe dazu ertheilt. 3. Am andern Morgen war Joachim's erſtes Ge⸗ ſchäft, ein kurzes Antwortſchreiben an Adrian zu ent⸗ werfen, nach welchem ſich dieſer als Reginen's Ver⸗ lobter betrachten durfte. Als er in das Zimmer trat, um den Damen einen flüchtigen Blick in das wichtige Docnment thun zu laſſen, fühlte er ſich faſt peinlich berührt, Reginen auf demſelben Platze, in derſelben Stellung, mit der⸗ ſelben Arbeit beſchäftigt zu finden, als den Abend zuvor. Joachim mußte an die ſtarrblickenden Automaten denken, die, dem aufgezogenen Räderwerk gehorchend, immer mit denſelben Bewegungen dieſelbe Erſcheinung abgeben, und es war ihm wohlthuend, als das Arran⸗ gement des Frühſtückstiſches ſie zu mannigfaltigerer „ 43 Thätigkeit rief, aber immer noch hoffte er vergebens auf eine kleine Zerſtreutheit, eine holde Neugierde, oder ein ungeduldiges Wort; er bemerkte auch nicht das kleinſte Zeichen von Erregung, wie ein ſolcher Tag doch billig hätte mit ſich bringen müſſen. „Ein krankes, blaſſes Daſein, wie das einer Blume ohne Licht,“ dachte er;„wie könnte man auf ſie wirken? Das Licht der Intelligenz begehrt ſie nicht, und welche andere Leuchte, außer dieſer, wäre zu nennen?“ „Iſt Regine immer ſo ſtill?“ fragte er die Generalin, als Erſtere einen Augenblick das Zimmer verlaſſen hatte. „Still?“ fragte dieſe verwundert, ihre eigenen vielen Worte auf die Rechnung der Nichte ſchreibend, „wann hätte ſie ſich je der Unhöflichkeit einer einſyl⸗ bigen Antwort ſchuldig gemacht?“ „Das wollte ich damit nicht ſagen,“ erläuterte Joachim,„man kann verſtändlich auch ohne viele Worte, und nichtsſagend bei glänzender Dialectik ſein. Die Jugend iſt die Zeit der Gährung, der Affecte, der Eruptionen, wie man ſelbſt an unſerm Planeten ſtudiren kann, der im Jugendalter in vulkaniſchen und neptuniſchen Acten ſeine Thatkraft bewährte. 4⁴ Dieſe Zeichen der Lebenskraft vermiſſe ich an Re⸗ ginen.— „Eruptionen, Gährung, Affecte, neptuniſche und vulcaniſche Acte!“ wiederholte die Tante, ihrer Ge⸗ wohnheit getreu, als Zeichen ihres höchſten Erſtau⸗ nens.„Mein theurer Schwager, für ſolche Dinge fehlt die Rubrik in der Tabelle der weiblichen Fähig⸗ keiten. Ueberdieß, ſo wenig ich auch von dem Schö⸗ pfungsacte der Erde weiß, dünkt mich das ganze Verfahren ein höchſt gewaltſames und brüskes, und beide Eigenſchaften wünſche ich der Tournüre meiner Nichte nicht.“ Ihr unaufhaltſames Gelächter ließ Joachim nicht zu der beabſichtigten Widerlegung bezüglich des„un⸗ geregelten und brüsken“ Schöpfungsactes kommen, und Reginen's Eintritt ſchnitt den Faden des urſprüng⸗ lichen Themas überdies ab. Der Morgen ſchlich langſam hin; die Mittags⸗ ſtunde kam herbei, und je näher ſie rückte, um ſo beredter wurde die Generalin, um ſo ruhiger Regine, und um ſo nachdenklicher Joachim. „Da kommt ja der glückliche Bräutigam,“ ſagte die Tante, ſich der trivialen Redeweiſe bedienend, die für dergleichen Gelegenheiten erfunden iſt. Regine legte vorſichtig ihre Arbeit bei Seite 6 und folgte der Generalin, die ſich mit ihrer Nichte in das zweite Zimmer zurückzog, um Joachim dem erſten Angriff auszuſetzen. Einen Augenblick ſpäter ſtanden ſich beide Männer prüfend gegenüber, und in beiden tauchte ſogleich mit dringender Schärfe der Wunſch auf, ſich nie zu einer Verſtändigung gezwun⸗ gen zu ſehen, da ſie fühlten, daß ſie ſich ewig fremd⸗ bleiben müßten. Adrian's große, etwas eckige Figur ſtand im Widerſpruch mit ſeinem ſchleichenden Gange und ſei⸗ nen unfreien Bewegungen; mit dem Alter von dreißig Jahren hatte er ſchon die Elaſticität der Jugend ver⸗ loren, falls er ſie je beſeſſen. Sein dichtes ſchwarzes Haar fiel in die Stirne, die von tiefen, durch die Gewohnheit des häufigen Runzelns entſtandenen Linien gezeichnet war. Seine Züge waren regelmäßig und charakteriſtiſch, wenn ihnen auch der gewinnende Aus⸗ druck fehlte. Die Stirne war rund, die Naſe ſcharf gebogen, der Mund klein und voll. Das Kinn trat ſehr durch das nicht gehörig entwickelte Unterkiefer zurück, was dem Geſichte eine mehr zugeſpitzte, als ovale Form gab. Seine Augen waren von jenem röthlichen Braun, das einen mehr harten und for⸗ ſchenden, als freundlichen Blick mit ſich bringt. „Ich komme aus dem Hauſe des Herrn, meiner ——— 2 46 geheiligten Werkſtätte,“ ſagte er gemeſſen, nachdem ſeine Hand einen Augenblick in der Joachim's gele⸗ gen,„und der rechte Geiſt iſt in mir, die verheißene Braut zu begrüßen, falls Sie mir es geſtatten.“ „Der rechte Geiſt möge immer mit Ihnen ſein,“ ſagte Joachim weniger herzlich, als es ſonſt ſeine Art zu ſein pflegte,„dann werden Sie mein gutes Kind mit Schonung und Liebe behandeln, und ihr Schickſal wird erträglich ſein, was auch ſonſt das gemeinſame, eheliche Leben mit ſich bringen mag.“ „Ich kenne meine Fflicht und die bindende Verantwortung, die ſie mit ſich bringt, und die Gnade wird mich zu treuer Erfüllung befähigen und ſtärken,“ war die mehr anſpruchsvolle, als entgegen⸗ kommende Antwort Adrians. Beide begriffen, daß ſie ſich nichts mehr zu ſa⸗ gen hatten, und Joachim lud ſeinen künftigen Schwie⸗ gerſohn durch eine Handbewegung ein, ihm in das andere Zimmer zu folgen, in welchem die Tante neu⸗ gierig und behende alle möglichen Evolutionen gemacht hatte, um eine Anſicht der Scene und ein Wort des Dialoges zu gewinnen. Ihre Gegenwart wurde indeß von den Betheiligten wie eine Wohlthat empfunden, da alle ihre Beſtrebungen darauf hinausgingen, eine vertrauliche Annäherung nach allen Seiten hin anzu⸗ 47 bahnen, und Jedem in das Geleiſe zu helfen, das ein bequemes Weitergleiten befördert. „Nur noch zwei Worte, lieber Schwager,“ ſagte ſie, als ſie alle Blicke und Winke, die ihn zur Ent⸗ fernung aufmuntern ſollten, wirkungslos an ſeinem Gleichmuthe ſcheitern ſah,„Ausſtattungsangelegen⸗ heiten, die den Ohren eines Brautpaares zwar immer entſetzlich langweilig klingen, aber von den natürlichen Vormündern gar ſorgfältig erwogen und bedacht ſein wollen.“ Damit nickte ſie Reginen zu, als ſetzte ſie voraus, dieſe müßte ihr für ihre zarte Rückſicht un⸗ endlich dankbar ſein, und verſchwand mit Joachim in ihrem Zimmer, in welchem bereits angehäufte Paquette Leinwand der theilenden Schere harrten. So allein gelaſſen war es den Verlobten un⸗ möglich, ein längeres Stillſchweigen zu beobachten, und Adrian, der das fühlte, begann auch correcten Styles die Anrede: „Da unbedingtes Vertrauen Pflicht zwiſchen Ver⸗ lobten und Eheleuten iſt, ſo lege ich den erſten Stein zum Tempel unſeres Bundes, und entledige mich der erſten Verpflichtung des Brautſtandes, indem ich Sie von meinem bisherigen Leben in Kenntniß ſetze.“ Regine wollte ihre Arbeit bei Seite legen, um ihm mit ungetheilter Aufmerkſamkeit folgen zu können, er aber forderte ſie auf, fortzunähen, indem er der kleinſten mechaniſchen Beſchäftigung großen Werth beilegte. „Das weibliche Geſchlecht,“ ſagte er entſchieden, „ſoll ſich dem müßigen Denken nicht hingeben, denn der klügelnde Gedanke ohne Werkthätigkeit wird zum fruchtloſen Traume, und iſt ein verlorener Augenblick.“ Er begann ſeine Erzählung; aber ſtatt, wie Regine gehofft hatte, in einfacher, klarer Weiſe ſeine erſten Jugendeindrücke, die das Verlangen nach ſeinen jetzigen Werken geweckt, zu ſchildern, ſtatt ihr ſeine innere Entwickelung und deren entſcheidende Momente klar zu machen, gab er ihr ein aus Jahreszahlen, Orts⸗ und Perſonennamen beſtehendes Verzeichniß, was einer Selbſtbiographie ungefähr ſo ähnlich ſah, wie eine Landkarte einer Landſchaft. Es wäre ihr gleichgiltig geweſen, wenn ihr der Name ſeiner Vaterſtadt verſchwiegen geblieben wäre, hätte ſie nur erfahren, welche Geiſtes⸗ und Gemüths⸗ elemente Licht und Schatten auf ſeine Kindheit war⸗ fen; gerne hätte ſie die von ihm beſuchten Univerſi⸗ täten nicht zu nennen gewußt, wäre ihr nur ein Blick in die Zweifel und Kämpfe, in das enthuſiaſtiſche Aufflammen und die erſte Strebſamkeit geſtattet wor⸗ er th n, un m ne en ine nte en, iß, ah, der re, hs⸗ ar⸗ rſi⸗ lick ſche ⸗ 49 den, die dieſe Jahre der überſchäumenden Lebenskraft mit ſich bringen. In dieſer Erwartung blieb ſie getäuſcht. Und doch würde Adrian ihr um ſo viel näher getreten ſein, hätte ſich um ſo viel mehr Theilnahme erworben, je mehr er ſie einen offenen Blick hätte thun laſſen in die von ihm ſcheinbar vergeſſene Ver⸗ gangenheit. Das Verfahren, welches er im Widerſpruche zu ſeinen Worten eingeſchlagen hatte, trug ſogleich ſeine Früchte, denn Regine, enttäuſcht durch die trockene, kurze Mittheilung gleichgiltiger oder längſtbekannter Thatſachen, zog inſtinctmäßig alle jenen kleinen und großen Bekenntniſſe zurück, die ſie abzulegen treu be⸗ ſchloſſen hatte, und gab in derſelben Kürze eine Skizze ihres äußeren Lebens, von der Adrian voll⸗ ſtändig befriedigt ſchien, obgleich auch er nichts Neues hörte. „Ihre Worte,“ ſagte er mit einer wohlwollenden Kopfbewegung,„ſtimmen ganz mit den Notizen über⸗ ein, die mir Frau von Wartberg, als ſie zuerſt den Gedanken, mich zu verheiraten, bei mir anregte, über Sie gegeben.“ Er konnte nicht ausreden, Regine zuckte zuſam⸗ men wie im jähen Schreck. Kinder der Zeit. I. 4 Eine dunkle Röthe überflog ihr Geſicht bis zu den Schläfen, das leichte Zittern der Oberlippe und das plötzliche Aufſchlagen der jetzt blitzenden Augen gab ihr einen wunderbar ſchönen Ausdruck von Energie und bewies die Fähigkeit ihrer Seele, in Leidenſchaft aufzuflammen, wenn nur ein Eindruck ſtark und ſchla⸗ gend den Lebensnerv traf. „Frau von Wartberg lenkte Ihre Aufmerkſam⸗ keit auf mich?“ fragte ſie, und ihre ſonſt milde Stimme hatte plötzlich klingendes Metall. „Frau von Wartberg leitete allerdings meine Wahl,“ wiederholte Adrian,„wie kann Sie dieß be⸗ fremden? Als ich den verzeihlichen Wunſch, eine Häuslichkeit mir zu gründen, geoffenbart hatte, forſchte ſie nach den Eindrücken, welche die jungen Damen meiner Geſellſchaft auf mich gemacht; ich aber ant⸗ wortete ihr mit dem Prediger Salomo:„Unter Tau⸗ ſend habe ich einen Menſchen funden, aber kein Weib habe ich unter denen Allen funden.“.— Da nannte ſie mir Ihren Namen, rühmte mir Ihre Füg⸗ ſamkeit, weibliche Haltung, Ihr gläubiges Gemüth, alle Ihre häuslichen Talente; auf ihre Veranſtaltung ſah ich Sie in einem Abendzirkel, fand ihr Lob ge⸗ gründet, und ſo bleibt mir nur noch übrig, ihr für gu bli ge 51 ihre Vermittelung zu danken, was in Ihrer Geſell⸗ ſchaft morgen geſchehen wird.“ „Sie würden mich verbinden, wollten Sie mir überflüſſige Viſiten erſparen,“ wendete Regine ein. „Darin ſtimmen wir überein,“ antwortete er trocken;„aber überflüſſig kann ich die Höflichkeit nicht finden, die ich dem Stande, der hohen Bildung einer Dame ſchuldig bin, deren Intereſſe an uns allein ſchon hinreichend ſein würde die Formen der Höflich⸗ keit zu beobachten, ſelbſt wenn nicht der weitere Grund hinzukäme, daß ſie, als mein Beichtkind, faſt täglich meinen Zuſpruch verlangt, und die eifrigſte Arbeiterin im Weinberge des Herrn iſt.“ Regine antwortete nicht, und Adrian, der mit Recht aus ihrem Schweigen auf die Ergebung in ſeinen Willen ſchloß, freuete ſich, den erſten Beweis ihrer„Fügſamkeit“ erhalten zu haben, und gelobte ſich noch viele ſolche Siege zu erringen. Er ſah mit Ver⸗ gnügen aus gemeſſener Entfernung auf die feingeglie⸗ derte, fleißige Hand, auf die bei jeder Bewegung blinkende Nadel und auf das wieder ſtill und blaß gewordene Geſicht, das ihm in dieſer Ruhe viel glück⸗ verheißender ſchien, als in jener leidenſchaftlichen Er⸗ regung. 4* . 52 „In ſechs Wochen, ſo Gott will, werden wir Eheleute ſein,“ begann er von Neuem die Unter⸗ haltung. „In ſechs Wochen,“ wiederholte Regine zerſtreut. „Unſer Leben,“ fuhr Adrian fort,„wird Ihnen geſellige Freuden anderer Art bieten, als Sie bisher genoſſen, aber ich hoffe, daß Sie auch jenen ernſten Unterhaltungen Geſchmack abgewinnen werden, die allein mit meiner Stellung übereinſtimmen. Ich bin ſtets darauf bedacht, mich mit Gleichgeſinnten zu ver⸗ binden, denn einmal kann man nur im Verein mit verwandten Kräften nachhaltig wirken, und dann iſt der Einfluß der geſelligen Elemente, in denen man ſich bewegt, doch ſo ſtark, daß er uns allmählig die⸗ ſelben Züge aufdrückt, die unſere Genoſſen tragen. Dieſe Regel gilt aber ganz beſonders bei Frauen, die ihrer genzen Anlage nach mehr nachſtrebend als ſelbſtſtändig ſind, und gar leicht die Copien derer werden, die ihre Phantaſie und ihren Verſtand be⸗ ſchäftigen.— In den kleinen Soireen, die in dem Hauſe der Frau von Wartberg ſtattfinden, treffen Sie ein Publikum, das in dieſer Hinſicht keine Be⸗ fürchtungen zuläßt, dagegen manches Vorbild darbie⸗ tet, dem nachzuſtreben heilſam ſein dürfte. Vielleicht werden Sie ſich bald beglückwünſchen, für aufregende ir er⸗ ut. ten her ten die bin er⸗ mit iſt nan die⸗ en. nen, als erer be⸗ dem Theaterabende, durchtanzte Nächte und tolle Maske⸗ radenſcherze ernſte Lectüre und belehrende Unterhal⸗ tungen eingetauſcht zu haben; denn ſo wenig mir auch einfällt, Ihnen alle Geſelligkeit zu entziehen, ſo wer⸗ den Sie doch ſelbſt fühlen, daß die Lebensweiſe der Frau Adrian eine andere ſein muß, als die der Re⸗ gine Bruno, und auf jene geräuſchvollen Feſtlichkeiten freiwillig verzichten.“ „Ich verlange nicht Anderes,“ ſagte Regine, herzlich ermüdet durch ſeine weitläufigen Vorſchriften. „Meine Vormittage,“ fuhr er, durch ihre Zu⸗ ſtimmung nur noch beredter gemacht, fort,„gehören meinen Studien, meine Nachmittage werden in An⸗ ſpruch genommen von Conferenzen, Vorbereitungen der Jugend und Amtsverrichtungen. Da mir meine Grundſätze und meine Stellung den Beſuch der öffentlichen Geſellſchaftslocale nicht erlauben, ſo blieb mir für einſame Abende keine andere Zuflucht, als der Beſuch in den erſten ariſtokratiſchen Häuſern, bei den höhern Beamten und begüterten Banquiers, wo ich gaſtfreie Aufnahme gefunden und auch bald Aus⸗ zeichnung und Einfluß auf die Privatangelegenheiten der genannten Familien erlangt habe. Sie waren in anderer Weiſe in die Kreiſe eingeführt; an beſtimmten Geſellſchaftsabenden öffneten ſich Ihnen die Salons; durch mich werden ſich Ihnen die Herzen zu jeder Zeit öffnen, ein Tauſch, der Sie erfreuen muß. Meine Mußeſtunden gehören Ihnen. Bei Ihnen werde ich Ruhe, Bequemlichkeit, Heiterkeit und Zer⸗ ſtreuung finden, wenn mich Ermüdung, Aerger und Kummer überſchleichen; bei Ihnen hoffe ich den guten Willen, die fromme That, die hohe Selbſtverläugnung zu finden, die jedem Weibe, aber vorzüglich dem des Prieſters, eigen ſein ſoll. Sie werden durch die Pflich⸗ ten des Haushaltes beſchäftigt ſein, kud ſollten dieſe nicht alle Zeit ausfüllen, ſo bieten 3 en Arbeiten, angemeſſene Lectüre und eine kregelte Cor⸗ reſpondenz abwechſelnde Unterhaltüng „Ja,“ ſagte Regine, von dem Bedürfniß nach geiſtiger Nahrung ergriffen,—„ich werde dem Stu⸗ dium der Literatur, der Muſik, der Kunſt überhaupt mehr Raum gönnen, als bisher, da ich meine Bil⸗ dung in dieſen Zweigen vernachläſſigt habe.“ Adrian runzelte die Stirn, daß alle die feine⸗ ren angedeuteten Linien zu tiefen Falten wurden. „Möchten Sie das unterlaſſen,“ ſagte er abge⸗ brochen.„Für wen wollen Sie Kenntniſſe anhäufen, da ich ſie für ein mehr ſtörendes, als nützliches Ma⸗ terial im Kopfe eines Weibes halte? Dürfen Sie darnach ſtreben, für Andere intereſſant zu ſein und den Schein eitler Gelehrſamkeit auf ſich ziehen, ei⸗ ner Gelehrſamkeit, die nur durch das Ausſcheiden aus dem urſprünglichen Wirkungskreiſe der Frau er⸗ kauft werden kann und immer ein ſpöttiſches, zwei⸗ deutiges Lob einträgt? Und dann die Künſte? Wiſ⸗ ſen Sie, was für ein gefährlicher Auswuchs der wu⸗ chernde und doch ſo dürftige Dilettantismus unſerer Zeit iſt, und daß er die Paraſitpflanzen der Eitel⸗ keit und Gefallſucht groß zieht? daß er zu Genüſſen reizt, die doch nur ſinnlicher Art ſind, die Phantaſie aufregen und das Herz leer laſſen? daß er das Leben vergeuden läßt, ohne zu einem würdigen Re⸗ ſultate zu führen und Hand in Hand mit den ſträf⸗ lichen Emancipationsgelüſten geht, die im blinden Ningen die Feſſel des Schicklichen, Hergebrachten und Ehrwürdigen abzuwerfen ſtreben, um ein Unbekann⸗ tes, Ungenanntes, kaum dunkel Geahntes dafür ein⸗ zutauſchen, das die bürgerliche Ordnung untergräbt? Nein, alle Eitelkeit bleibe entfernt; ziehen Sie einen neuen Menſchen an, und beginnen Sie ein Leben der Frömmigkeit, Einfachheit und der Buße.“ „Wie Sie wollen,“ ſagte ſie matt, ohne weiter 56 zu bedenken, was durch ſolches voreiliges Verzichten ihr entzogen wurde. Doch beruhigte ſie wenigſtens der Gedanke, daß er faſt immer beſchäftigt und ſie während dieſer Zeit unabhängig, frei und allein ſei. Die Ausſicht auf ſeine häufige Abweſenheit machte ſich ihr ſchon jetzt wie eine erwünſchte Erleichterung fühlbar. Er ſah nach ſeiner goldenen Cylinderuhr, es ſchien ihm Zeit zu gehen. Er nahm in ſalbungsvol⸗ len Worten Abſchied von ſeiner Braut, gab ihr, der Sitte gemäß, einen ceremoniöſen Kuß, bemächtigte ſich ſeines Hutes und Regenſchirms, und verſchwand, nachdem er ſich bei der Generalin und Joachim auf gemeſſene Weiſe verabſchiedet hatte. Kurze Zeit darauf langte ein ſorgfältig verſie⸗ geltes Paquet an, welches, eilig von der Tante ge⸗ öffnet, Reginen's Brautgeſchenk, eine in Sammt ge⸗ bundene, mit goldenen Bügeln verzierte Bibel enthielt. „Ein werthvolles und modernes Präſent,“ ſagte die Tante mit einem ſchelmiſchen Blick der Tauben⸗ augen und kehrte zu ihren Leinwandweben zurück. Regine aber, eines abergläubiſchen Spiels gedenkend, wollte ein Orakel für die Zukunft ſich holen; ſie ſchlug bedächtig das mit Kupfern reich ausgeſtattete Buch auf und den zuerſt ihr in's Auge fallenden Spruch faſſend las ſie: „Das zerſtoßene Rohr wird er nicht zerbrechen und das glimmende Docht nicht auslöſchen,“— und ſagte, wunderbar getröſtet und beruhigt, Amen. 4. Frau von Wartberg galt in B. nicht nur für die feinſte, gewandteſte Weltdame, deren ariſtokratiſche Haltung und äſthetiſche Bildung ihr Haus zu dem geſuchteſten, ihre Familie zu der bevorzugteſten gemacht hatte, ſondern auch für die geſchickteſte Pilotin, die ihr Fahrzeug immer dahin zu ſteuern wußte, wohin das Admiralſchiff ihres Hofes zu ſegeln gedachte. Während ihres Lebens, das ſie zum größten Theil auf den glatten Parquetten der Salons vertändelt hatte, war ſie durch Erfahrung zum Verſtändniß al⸗ ler jener Anzeichen und Merkmale gekommen, die eine Aenderung des herrſchenden Syſtems vorher zu ſagen im Stande ſind; und den Ratten gleich, die das baufällige Haus, das dem Untergange geweihte Schiff verlaſſen, noch ehe die Stunde gekommen iſt, konnte * — 59 man auch ſie mit ihren Anhängern inſtructiv eine vielleicht noch herrſchende Richtung, einen vielleicht noch nicht ganz verlornen Standpunkt aufgeben ſehen, bevor die officielle Meinung dieſelben als unhaltbar bezeichnete. So hatten ihre Hände fördernd und dienſtwil⸗ lig die wechſelnden Wünſche und Anſprüche des re⸗ gierenden Hauſes unterſtützt; ſie hatten die Frivoli⸗ 4 tät eines jungen Hofes mit Beifall überſchüttet, ſie griffen geſchickt in die ſchlauen Intriguen eines be⸗ gehrlichen Günſtlingkreiſes, befeſtigten, oder löſ'ten, r je nachdem es verlangt wurde, perſönliche Beziehun⸗ e gen— und falteten ſich endlich in verwerflicher An⸗ n dacht, als eine frömmelnde Richtung von oben her t eeeingeſchlagen wurde, weil es galt der Neuerungs⸗ ie ſucht, dem Empordringen der Volkskräfte einen Damm n in der Autorität der Kirche entgegen zu werfen. In ihrem Hauſe vereinigten ſich nicht nur die glänzend⸗ il ſten Elemente der Geſellſchaft, ſondern auch die der lt modernen, kirchlichen Richtung, und in dieſer Eigen⸗ . ſchaft hatte auch Adrian Zutritt erlangt. e Wir ſehen ſie jetzt mit jener Würde in ihrem n Zimmer auf- und abſchreiten, zu der das reife Alter 18 die jugendliche Grazie, dem Saloncodex gemäß, aus⸗ iff zubilden hat. Trotz des bedeutenden Embonpoints, te 60 das ihre Figur mit der Zeit erworben, zeigte ihre Haltung doch keine Schwerfälligkeit, ſondern Gewandt⸗ heit und Diſtinction.— Ihre Züge waren bedeutend, aber nicht angenehm; der Mund trug die harten Li⸗ nien eines galligen Temperaments, mochte er ſich auch unter dem ſüßeſten Lächeln verziehen; die Stirn war über den Augen eingedrückt und ließ dieſe dadurch mehr hervortreten, als die Geſetze der Proportion es erlauben. Mit feinem Takte hatte man bei Ausſchmückung des Zimmers das Entfalten eines nur plumpen, prah⸗ leriſchen Luxus vermieden und doch den Forderun⸗ gen der Eleganz genügt. Der Fuß gleitet über po⸗ litirtes Getäfel; das dunkle Mahagoniholz, das zu kunſtreichen Schnörkeln verarbeitet, den weichen Sammt⸗ polſtern als Geſtelle dient, haucht einen feinen Duft aus, der ſich mit dem Athem lebendiger Blüten und dem Parfüm miſcht, der ſich aus den ſilbernen und kryſtallenen Flacons entwickelt, mit denen Conſolen und Schreibtiſch beſetzt ſind. Die dunkelgrünen Sammtvorhänge werden durch ſchwere Quaſten gehalten, die verſchiedenen kleinen Eta⸗ bliſſements ſind durch Orangerien überſchattet und er⸗ ſcheinen durch die hohen Wandſpiegel vervielfacht. Auf den grünbekleideten Wänden treten in rei⸗ 61 chen Bronzerahmen gute Copien bedeutender Gemälde hervor; Scenen des Märthrerthums und der Buße ſind in reicher Auswahl dargeſtellt, und die Haupt⸗ wand ſchmücken die Büſten des regierenden Fürſten⸗ paares. Die Dienerſchaft, in einfacher, aber elegan⸗ ter Livree, betreibt mit jener Geräuſchloſigkeit und doch abgemeſſenen Eile, die den höchſten Schliff die⸗ ſer Corporation bezeichnet, die nothwendigen Vorkeh⸗ rungen, die ein Geſellſchaftsabend mit ſich bringt, und vollzieht ſtumm die mit leiſer Stimme ertheilten Befehle. „Iſt es erlaubt, als nicht inſpirirtes Mitglied einem chriſtlichen Abend beizuwohnen?“ fragte eine träge, ſpöttiſche Männerſtimme hinter den dunkel⸗⸗ grünen Portieren, und ehe eine Antwort erfolgen konnte, theilten ſie ſich und Gregor von Wartberg ſtand vor ſeiner Mutter. „Was führt Dich hierher?“ fragte dieſe mehr verwundert, als mißvergnügt. „Das Bedürfniß zu eſſen, zu trinken, zu ſchla⸗ fen und zu lieben, und zwar dem Orte und der Geſell⸗ ſchaft gemäß in Faſten, Demuth, Anſtand und Keuſch⸗ heit,“— ſagte er gähnend und ließ ſich, wie an al⸗ len Gliedern zerbrochen, in einen Fauteuil fallen. „Die Armleuchter auf den kleinen Tiſch, den Lehn⸗ 62 ſtuhl daneben und dieſe Gewächſe dahinter!“ befahl Frau von Wartberg, ohne Gregor zu antworten. „Damit Adrian ſei, wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, damit mein Freund unter den Roſen weide,“ war ſeine ſarkaſtiſche Erwiderung. „So ſehr ich auch durch Deine Gegenwart und heitere Laune fascinirt bin,“ ſagte die Mama, als ſie ſich mit Gregor allein ſah,„ſo ſehr muß ich Dich bitten, die Ausbrüche Deines Humors in Gegenwart der Dienerſchaft zu dämpfen, vorzüglich aber nicht den Verſuch zu machen, die Pfeile des Spottes auf die zu richten, die mit dem Panzer des Einfluſſes bewehrt ſind.“ „Hat Dir vom Mittelalter während Deiner Sieſta geträumt, liebe Mama, daß Du von Pfeilen und Panzern wie eine ſtreitbare Burgfrau ſprichſt?“ ſagte Gregor gähnend. „Ich habe von Deiner Carriere geträumt,“ lau⸗ tete die etwas ſcharfe Antwort,„und bin zu der Ueberzeugung gelangt, daß ſie allerdings in mittel⸗ alterlicher, d. h. holperiger Weiſe, ohne Dampfkraft und Luftdruck gemacht werden wird.“ Gregor lächelte.„So ziemt es mir. Weßhalb ſoll der Sprößling des alten Geſchlechts ſich der ge⸗ meinen Beförderungsmittel des großen Ameiſenhaufens e& —————————— —. R ne zu bedienen, um an ein Ziel zu gelangen, nach welchem noch hundert plumpe, rothe Hände ſich ausſtrecken und das deßhalb kein würdiges mehr iſt?“ ſagte er; doch lag mehr herausfordernder Spott als Anmaßung in ſeinem Ton. „Warum? Weil er leben Frau von Wartberg ein. „Gut, wenn er das muß, ſo iſt er ein Sclave der Nothwendigkeit, dem wenigſtens erlaubt ſein mag, über das zu ſpotten, was er nicht überwinden kann.“ „Biſt Du deßhalb gekommen?“ fragte die Mut⸗ ter verdrießlich. „Nein,“ ſagte er ſo leiſe und langſam, als ob er bald genöthigt ſein würde, auf die heroiſche An⸗ ſtrengung einer Unterhaltung zu verzichten;„ich kam um des doppelten Spectakels willen: Adrian und ſeine Braut, ſo wie Luitgard und Roßleben zu ſehen.“ „Die beiden Letzteren wirſt Du nicht finden; Luit⸗ gard kam nie auf meine Bitte, und Roßleben ward nie gebeten,“ lautete die kühle Entgegnung. „Doch, Mama, Luitgard wird kommen, da ich Roßleben heute bei Dir einzuführen gedenke.“ So ſehr auch Frau von Wartberg das vor⸗ nehmſte Gebot des guten Tones, ſich über nichts auf⸗ zuregen oder zu wundern, inne hatte, ſo konnte oder reuſſiren muß!“ fiel 64 wallenden Aerger nicht Gleichmuth ihres chen an einem wollte ſie doch jetzt ihren auf verbergen, der jedoch an dem eiſigen Sohnes machtlos, wie ein Strohflämm Gletſcher, emporzüngelte. „Du ſollteſt eine Liaiſon begünſtigen, die Deine Schweſter ſtark compromittiren muß, und noch dazu in einer Weiſe, die den Verdacht des Einverſtändniſſes auf mich lenken tann?“ ſagte ſie ungeduldig. „Dem beuge ich vor,“ antwortete Gregor mit überlegener Ruhe.„Von Dir muß das Signal ge⸗ geben werden, das Verhältniß Deiner Tochter als ein untadelhaftes, erlaubtes zu betrachten, damit die öffentliche Meinung in dieſelbe Bahn geleitet wird. Du darfſt Beiden Deine Protection nicht entziehen, weil man Gründe für Deine Mißbilligung ſuchen würde, die ſich finden laſſen dürften; Du mußt ihnen endlich Dein Haus öffnen, um ſie nicht zu zwingen, ſich in fremden Häuſern, an öffentlichen Orten zu ſehen, ſtatt— in harmloſer Weiſe— in Deiner Gegenwart.“ Frau von Wartburg überlegte.„Aber muß ſie ihn denn ſehen?“ fragte ſie endlich verdrießlich. Gregor zuckte die Achſeln. „Muß man denn fantaſiren, wenn man Fieber hat? Muß man denn fliegen, wenn man ſeiner ht es m ine zu ſes mit ge⸗ als die ird. hen, chen hnen gen, n zu einer ßſe Fieber ſeiner Schwingen gewiß iſt? Muß man ſich bewegen, wenn man ſein Herz klopfen fühlt? Laß es gut ſein. kommt eine Zeit, wo man ſtatt Fieberphantaſien ge⸗ lernte Sentenzen gibt, wo die Flügel nur noch die⸗ nen, um in einem trüben Ententeich zu plätſchern, wo das Blut ſo kalt geworden iſt, daß es die Adern nicht mehr zu füllen, geſchweige zu ſprengen droht; dann— mag Luitgard fromm werden.“ Beſorgt über den bittern Sarkasmus ſeiner Worte, deſſen Ausbrüche ihr zwar nicht fremd waren, aber heute ganz beſonders mal à propos kamen, ſetzte ſie ſich neben ihm, und muſterte die feinen, blaſſen Züge, die, wie zerfallene Trümmer, eine ehemalige ſchöne Harmonie ahnen ließen. Die blonden Haare hatten wohl früher tiefer und glänzender die Stirn umrahmt, deren weite Flächen jetzt mit den Schläfen verſchwimmend, durch kleine Falten gezeichnet, den Ausdruck einer tiefen Ermüdung trug. Die zarten, geſchwungenen Linien der ſchwarzen Brauen, die dun⸗ keln Wimpern verliehen noch immer im Contraſt zu Bart und Haar dem Koapfe einen eigenthümlichen Reiz, aber die Augen von ſchönem elliptiſchen Schnitt waren faſt immer halb geſchloſſen, und wenn ſich die brei⸗ ten, weißen Lider zuweilen im vollen Aufſchlag hoben, dann drang ein matter, erlöſchender Blick aus der Kinder der Zeit. I. 66 dunkelbraunen Jris. Ein ſrkeptiſches Lächeln legte oft ſeinen krauſen Spott über den blaſſen, ſchmalen Mund, der von einem dichten blonden Barte faſt ganz bedeckt wurde. Das Profil war fein, die Kopfform zierlich und elegant, die Geſtalt ſchlank, bis zur Zerbrech⸗ lichkeit. „Biſt Du krank, Gregor?“ fragte die Mutter theilnehmend, denn trotz des wenig herzlichen Tons ihrer Unterhaltung hegte ſie doch eine egoiſtiſche Zärt⸗ lichkeit für ihren Sohn, in dem ſie die Stütze und den Träger ihres Stammes ſah. „Ja,“ antwortete er mit jenem ironiſchen Ernſt, der den Worten einen zweifelhaften Sinn gibt.„Das Oel iſt verbrannt, mit dem ſich verzehrenden Material verglimmt auch das Licht.... Nun, ängſtige Dich nicht, Mama, ich habe die Nacht geſchwärmt und mich gar nicht übel befunden; der Anblick der Reac⸗ tion darf Dir nicht neu ſein,— Du kennſt ja des Lebens Ebbe und Flut. Darf ich das Kiſſen auf meine Füße legen? Willſt Du mir Thee geben? mich friert.“ „Amüſirten Dich die letzten Soireen?“ fragte ſie, ohne Beſorgniß über ſein Bedürfniß nach Wärme in dem nichts weniger als kühlen Zimmer, während ſie ſtarken, dampfenden Thee einſchenkte. t, 18 al nd c⸗ es uf ich te me nd 67 „Es iſt nur, um an ſich ſelbſt zu ſtudiren, ob man wohl in dieſer Sphäre noch für irgend einen Eindruck empfänglich iſt,“ ſagte er gelaſſen, mit ſei⸗ ner wachsbleichen Hand die Taſſe ergteifend. „Nun,“ fragte Frau von Wartberg, gewaltſam ihren Mißmuth beherrſchend,„und wurden Deine Wünſche mit Erfolg gekrönt?“ Winſche? Du weißt ſelbſt, Mama, ſeit wie lange ich dieſe ungeſtüme Begehrlichkeit der Phantaſie verloren habe; Wünſche haſt Du nur noch für mich.“ Und er küßte ihr halb galant, halb gelangweilt die Hand. „Glaubt man, daß das Erſcheinen des Profeſſors Joachim Folge einer diplomatiſchen Sendung iſt?“ fragte er nach einer Pauſe. „Gewiß nicht, da er ſich weder bei Hofe präſen⸗ tirt, noch die Miniſter geſprochen hat; er war in Familienangelegenheiten hier.“ „Und doch ſpricht man von Verhandlungen, die wegen der bewußten Abänderung der Hausgeſetze über die Appanagen eingeleitet werden ſollen, bei welchen jedenfalls Joachim als Bevollmächtigter des Prinzen Friedrich auftreten dürfte.“ Die Antwort blieb aus, denn die Thüren öffne⸗ ten ſich, und einige Damen traten ein, wi denen 5 68 Frau von Wartberg alle jene zarten Höflichkeiten auszutauſchen hatte, deren Glätte durch einen ver⸗ traulichen Zuruf, ein ungekünſteltes, herzliches Will⸗ kommen nicht beeinträchtigt werden darf. Jeder Augen⸗ blick brachte neue Begrüßungen mit ſich, die Huldi⸗ gung eines jeden Eintretenden wußte ſie durch eine angemeſſene Formel heraufzubeſchwören; dann, von einer Gruppe zur andern tretend, warf ſie da ein intereſſantes Thema, dort eine unſchuldige Streitfrage und am dritten Orte eine Hofneuigkeit hin, und be⸗ lebte, wenn auch nicht durch Geiſt und Gemüth, doch durch ſchmiegſames Eingehen in das Intereſſe und den Geſchmack eines jeden Einzelnen die Unter⸗ haltung. Gregor lehnte an einem mit lebendigen Ranken bekleideten Spiegelpfeiler; vor ihm ſtand eine junge Frau mit ſchleierartigem Spitzengewebe über dem glatt geſcheitelten Haar; ihre Unterhaltung war neckend und ungenirt. „Sie haben heute ein ganz madonnenhaftes Air,“ ſagte Gregor, nachdem er ſie nachläſſig mit halben Blicken gemuſtert hatte;„danken wir das Joſef oder dem Engel Gabriel?“ „Still,“ ſagte ſie lächelnd;„bezähmen Sie heute ihre frivolen Vermuthungen, hängen Sie ſie wenig⸗ u ge tt id 69 ſtens an kein bibliſches Thema, wenn Sie nicht Luſt haben, Ihren Staatsdienſt unter dem Zeichen des Krebſes zu beginnen.“ „Et tu Brute? Es gibt alſo wirklich keine Frau mehr, mit der man eine Converſation ohne die Zu⸗ ſätze von Carriere, Staatsdienſt, Ausſichten, haben kann? Seien Sie mit Ihren Gleichniſſen vorſichtig, guädigſte Frau, man könnte ſonſt leicht, da Sie mir das Sternbild des Krebſes vorführten, für Andere das des Widders und Steinbocks heraufbeſchwören.“ „Wo iſt die ſchöne Magdalena hin, die an der Stelle des abſchenlichen Märtyrerbildes hing?“ ſagte die junge Frau, die letzten Worte gefliſſentlich über⸗ hörend. „Zu mir gekommen,“autwortete Gregor.„Adrian hat immer Aergerniß an der antik coſtumirten, ſchö⸗ nen Büßerin genommen, und er redete meiner Mut⸗ ter ſo dringend zu, daß ſie wirklich in's Exil geſchickt werden ſollte. Auf der Wanderſchaft traf ich ſie, und da ich weniger ſubtil bin, gab ich ſie als paſſendes Pendant meiner Ariadne.“ Die junge Frau lachte. Als man ſich aber nach dem zu heitern Paare tadelnd umſah, verſchwand ſie hinter einigen auf⸗ gebauſchten alten Damen; ſie machte ſich gleich einem 70 Kätzchen, das Unheil durch ein benaſchtes oder um⸗ geworfenes Milchkännchen angerichtet hat, auf ſammt⸗ weichen Pfötchen davon. Luitgard war indeſſen ein⸗ getreten, und ſprach mit jener Lebhaftigkeit und Un⸗ genirtheit, die von ihrer Mama als Mangel an Hal⸗ tung bezeichnet wurde; aber ihre Unterhaltung war für den feinen Beobachter etwas zerſtreut und frag⸗ mentariſch, und ihr Auge ſtets auf heimliche Kund⸗ ſchaft nach der Thür gerichtet, in welcher endlich Roßleben erſchien. Gregor, der ſchon wieder ab⸗ wechſelnd gegähnt, Thee getrunken und gefroren hatte, führte ſeinen Freund zu Frau von Wartberg; einige Worte wurden gewechſelt, dann machte die Frau vom Hauſe jene halbe Schwenkung, die ſich leicht in „Entlaſſen“ überſetzen läßt, und Roßleben wendete ſich an den ihm zunächſt Stehenden, um eine Con⸗ verſation zu beginnen, die wenigſtens eben ſo zer⸗ ſtreut, eben ſo fragmentariſch als die Luitgard's war. Dieſe ſchien vor der Hand keine andere Geſell⸗ ſchaft als die Reginen's zu bedürfen; ſie kannten ſich ſeit geraumer Zeit, wie man ſich kennt durch das Zu⸗ ſammentreffen unter denſelben Kronleuchtern, in dem⸗ ſelben Tableau des geſelligen Lebens; ſie hatten Viſiten⸗ karten, Beſuche und Worte gewechſelt, ohne i durch dieſelben nahe gekommen zu ſein. W W — M N W X M v— M 71 Wenn jetzt Luitgard zu Reginen wie zu einer Herzensfreundin ſprach, ſo geſchah das nur, weil ſie ſich von Roßleben beobachtet wußte, und deßhalb die geheimen Federn der Koketterie ſpringen ließ. „Wachen Sie auf aus dem Traume der Mäd⸗ chenjahre,“ ſagte ſie mahnend,„freuen Sie ſich, die Abhängigkeit überwunden zu haben! Während Sie ſich ſcheinbar in die größte Abhängigkeit begeben, gewinnen Sie das Recht, ganz frei über ſich zu ver⸗ fügen; es lebe die Freiheit!“ Sie ſtützte ihren Arm auf das Seitenpolſter der Couchette, und legte den Kopf in die Hand. Die reichen Spitzenärmel fielen durch die Bewegung zurück und ließen die runden milchweißen Arme frei. Dann ſchlug ſie langſam die Augen zu dem auf, deſſen Blick ſie, wie die Biene die Blüte, umſchwärmte. „Der Freiheit bedarf ich nicht,“ ſagte Regine ernſt, aber nicht verwundert, dem Spiele zuſehend, das ihr nicht neu war,„ich würde ſie weder zu brauchen noch zu mißbrauchen verſtehen.“ Luitgard lachte, obgleich ſie die Antwort über ihre geheimen, halb verwerflichen, halb kindiſchen An⸗ ſchläge gar nicht gehört hatte, und fuhr dann fort: „Das Inſtitut der Ehe iſt gar nicht ſo ſchlimm, als es einem zwangſchenen Mädchenherzen erſcheint; ein wenig Duldſamkeit, Schonung und Vorſicht von beiden Seiten, und es läßt ſich mit mathematiſcher Sicherheit beweiſen, daß die Annehmlichkeiten die Läſtigkeiten überwiegen müſſen. Die hauptſächlichſten negativen Gebote im Eheſtands⸗Katechismus lauten meiner Erfahrung gemäß dahin: Du ſollſt Deinen Mann nicht mit vertraulichen Beichten langweilen, Du ſollſt ſeine Wege nicht mit allzu ſcharfen Augen verfolgen, vorzüglich aber nicht die Unvorſichtigkeit begehen, allabendlich ein Tagebuch mit ſchwermüthigem Geſicht in ein geheimes Fach zu ſchieben. Wie iſt's, exiſtiren ſolche Memoiren über Ihr Leben?“ „Nein,“ lächelte Regine. „Werfen Sie ſie in's Feuer,“ antwortete Luit⸗ gard' mit gänzlicher Geiſtesabweſenheit;„dahin ge⸗ hören alle lyriſchen Ergüſſe eines eingebildeten Mär⸗ tyrerthums. Der Rauch der Vergangenheit mag ſich miſchen mit den Nebeln der Zukunft, und nur die ſchöne, farbige Gegenwart bleiben; nur wer die rothen Lippen des Augenblicks zu küſſen verſteht, nur der kann ſich rühmen zu leben und gelebt zu haben.“ „Und nur wer die Seligkeit des irdiſchen Lebens ganz durchſchmeckt, der hat Anſpruch auf das Himm⸗ liſche,“ flüſterte Roßleben, der unterdeſſen hinter ſie getreten war und ihre letzten Worte gehört hatte. Regine ſtand auf und miſchte ſich unter die übrige Geſellſchaft. Ohne ſelbſtſtändig eine Conver⸗ ſation zu leiten, ſprach ſie doch gerade ſo viel, als nöthig war, um nicht gänzlich überſehen zu werden und unbeachtet zu bleiben. Gregor und Roßleben unterwarfen ſie gelegent⸗ lich einer kritiſchen Analyſe. „Eine bedeutende Erſcheinung,“ ſagte Letzterer, indem er zu Adrian's Entrüſtung ſeine Lorgnette auf ſie richtete, ohne daß irgend Jemand die Gefälligkeit hatte, ihm die Ausſicht zu verſperren oder ſein Be⸗ nehmen zu rügen, während' der Hofprediger ſelbſt, durch die Beredſamkeit einer Dame, in eine Ecke ein⸗ geengt worden war. „Mehr beſtechend, als bedeutend,“ antwortete Gregor. „Sehen Sie nur die plaſtiſche Haltung, die feinen Gelenke, das faſt blauſchwarze Haar und dann das Geſicht ſelbſt! Es liegt etwas ſo Feſtliches in ſeinem Ausdruck, wofür mir doch das Wort entgeht,“ bemerkte Roßleben. „Als Prototyp der Frauen des 19. Jahrhun⸗ derts,“ erwiderte Gregor,„heimelt ſie uns an; wer ſeine Zeit verſteht, wird auch dieſe Frau verſtehen, die mit ſtarken Leidenſchaften, die unangeregt ſind, 74 ſo lange ein Räthſel bleibt, als ſie nicht liebt. Jetzt iſt der Stempel einer gewaltſamen Ruhe ihr auf⸗ gedrückt, aber die vollen Lippen widerſprechen der ernſten Stirn, der heiße Blick der Augen ſtraft die Melancholie der Augenbrauen Lügen, die dunkeln Schatten, die blaſſe Farbe ſtimmen ſchlecht zu dem kühlen Lächeln des Mundes— ſolch' ein leidenſchaft⸗ liches und dennoch reſignirendes Weib konnte nur unſere Zeit erzeugen.“ Roßleben lächelte.„Ach,“ ſagte er,„ſo gibt es eine Unverſtandene mehr.“ „Die Partie iſt ihren Anſprüchen angemeſſen,“ bemerkte Gregor weiter,„Adrian's Segel werden vom günſtigſten Winde geſchwellt, ſeine Stellung iſt ſicher, weil ſie der Richtung der Zeit entſpricht; er iſt zu Einfluß ſchon jetzt gelangt, und wird früher ſich der höchſten Würden und Decorationen bemäch⸗ tigen, als wir andern Parteigänger des Glücks,“ „Daraus folgt nicht, daß er auch noch die ſchönſte Frau erwiſchen muß,“ ſagte Roßleben nei⸗ diſch, ohne zu bedenken, daß er zu Luitgard's Bruder ſprach. „Bah!“ antwortete Gregor,„das Feuer gehört nicht dem Käufer des Kieſels, ſondern dem, der den Funken ihm zu entlocken verſteht.“ 75 Er näherte ſich Reginen ſeine Lippen zuckten nieder unter feinem Spott. „Sie machen Ihrem Lehrmeiſter Ehre,“ begann er die Unterhaltung. „Lehrmeiſter?“ fragte ſie mit ſo kaltem Blick und trägem Ton, daß er eine Anwandlung zum Gähnen fühlte. „Wollen Sie mich ſchon jetzt verleugnen?“ ſagte er ungläubig;„war ich es nicht, der Sie in das gebrechliche Kartenhaus der großen Welt einführte? Schloß der goldene Schlüſſel meiner Erfahrung Ihnen nicht das Verſtändniß der Zuſtände auf? Sollten Sie das ſchon vergeſſen haben?“ „Wer ſollte einer Welle gedenken, wenn ihm alle günſtig ſind, wer eines Strahls ſich freuen, wenn ihm die ganze Sonne leuchtet, wer eines freund⸗ lichen Wortes, wenn Alles Güte widerſpiegelt, wer eines flüchtigen Vergnügens, wenn ein volles Glück ihm wurde? So gedenke ich meiner Lehrjahre, wie einer Welle, eines Strahles, eines Wortes, eines Vergnügens; ich gedenke ihrer im Ganzen!“ ſagte Regine mit übertriebenem Pathos, um ſeine Decla⸗ mation zu ſtrafen. „Und nur im Ganzen verſteht man das Einzelne,“ 76 ſagte Gregor plötzlich ernſt,„nur Dem, der alle Stim⸗ men heraushört, dem klingt der Accord harmoniſch.“ „Ah,“ fragte Regine, und das leichte Zittern der Oberlippe gab ihrem Geſicht einen geringſchätzigen Ausdruck,„was verſtehen Sie von den Geſetzen der Harmonie?“ „Ich verſtehe, daß alle Töne in der ihnen ge⸗ gebenen Stimmung ausklingen müſſen, und daß ſie, wenn auch dem nahen unerfahrenen Ohr disharmoniſch, doch in dem Einklang des Ganzen ihre harmoniſche Löſung finden werden.“ „Wie kommen die Worte meines Vaters in Ihren Mund?“ ſagte Regine nachläſſig—„die verſtümmelten Worte meines Vaters.“ „Wie kommt die Liebe zu Adrian in Ihr Herz? dieſe verſtümmmelte Liebe,“ parodirte Gregor. „Ihr Witz hat für heute ſeine Zahlung eingeſtellt, Herr von Wartberg, und Vater wie Tochter haben fäl⸗ lige Wechſel in den Händen. Erklären Sie ſich in⸗ ſolvent Gregor antwortete nicht gleich. Sein Geſicht war unbeweglich, aber ſein Blick tief traurig. Er bog ſich langſam zu Regine herab, und fragte ſie „Lieben Sie Adrian?“ „Ja,“ antwortete dieſe. Aber ſtatt es bei dieſer ein⸗ 77 fachen Antwort bewenden zu laſſen, fügte ſie hinzu:„Ich liebe ihn nicht nur, ich achte ihn und vertraue ihm auch, und ſchätze mich ſehr glücklich, ſeine Neigung erworben zu haben.“ „Nun,“ ſagte Gregor mit ſcharfem Hohne,„ſo ge⸗ nießen Sie alle Wonne einer maſſiven, auf Achtung be⸗ ruhenden Liebe, und vergeſſen Sie nicht, dem Schickſale zu danken, das ſo vorſorglich ſich Ihrer annahm und zu ſeinen Werkzeugen ſolide Leute wählte.“ Der Thee war getrunken. Adrian blätterte in ſeinem Hefte und ſah ſeitwärts nach dem für ihn errichteten Platz. Bevor er aber ſeinen Vortrag beginnen konnte, wurde die Mildthätigkeit der Anweſenden für eine arme, verſtorbene, fremde Frau in Anſpruch genommen, die nicht einmal die Begräbnißko⸗ ſten hinterlaſſen hatte. Auf Veranſtaltung der Frau von Wartberg ging Regine mit einem ſilbernen Teller um⸗ her, um die Spenden zu ſammeln. Als ſie zu Luitgard, Roßlehen und Gregor trat, fand ſie dieſe zwar bereitwillig, abe von dem Zweck der Collecte nicht unterrichtet. „Was iſt es mit der Frau?“ fragte Roßleben, in⸗ dem er die Feder ſeines Portemonnaies ſpringen ließ. „Sie iſt geſtorben,“ erklärte Regine etwas zerſtreut.— 78 „Nun,“ fragte Roßleben,„und wer ſoll dafür be⸗ lohnt werden?“ „Belohnt!“ rief Luitgard,„begraben ſoll ſie wer⸗ den, was bliebe ſonſt noch übrig?“ „Es bliebe allenfalls noch übrig, ſie auszuſtopfen und wie andere vier⸗ und zweibeinige Geſchöpfe ins Mu⸗ ſeum zu ſtellen,“ ſpottkte Gregor. Regine hatte die harten Worte gehört; ſie antwor⸗ tete nicht, ſtrafte nicht mit einem Blicke, aber der Teller wurde ihren Händen ſchwerer, als ob ein Centnergewicht darauf fiele, als Gregors leichter Caſſenſchein ihn be⸗ rührte. Vielleicht deutete er ihre Bewegung anders, denn er faßte, ſie zu unterſtützen, nach dem Rande des Tel⸗ lers, und ſein Blick folgte ihr, als ſie ablehnend ihre reiche Ernte Adrian überlieferte. Sie fühlte ſich dieſem in dem Angenblicke näher, dankbarer und geneigter wie je, und war im Begriff, ihm herzliche Worte zu ſagen; aber er war ſchon mit Leib und Seele bei der„Charak⸗ teriſtik der Evangeliſten“ und ſah ſeine Braut ſo zer⸗ ſtreut und ungedulſ g an, daß ihr die Worte auf den Lippen erſtarben. Sie zog ſich zurück; Frau von Wart⸗ berg, die von einer faſt läſtigen Freundlichkeit für ſie war, winkte ſie neben ſich, man arrangirte ſich für den Abend. Roßleben ſaß hinter Luitgard und benutzte jeden — M— 79 Ausbruch der Begeiſterung über Adrian's Verdienſt, um eine leiſe Converſation zu beginnen, während Gre⸗ gor abwechſelnd gähnte, Regine betrachtete und an Dinge dachte, die noch nicht waren und doch ſein konnten.— Regine aber, erkältet von Adriams Unzugänglich⸗ keit, Gregor's Unbarmherzigkeit, und all' dem unerquick⸗ lichen Verkehr, bog ihren Kopf auf die bunte Stickerei. „Adrian dampft förmlich von dem Weihrauch, der ihm von allen Seiten geſtreut wurde,“ ſagte Luitgard zu Regine, als nach beendigter Lectüre der Aufbruch erfolgte,„verſehen Sie ſich mit dieſem Räucherpulver, und er wird durch die angenehme Verdichtung der Atmo⸗ ſphäre nicht weiter ſehen, als Sie ihn gerade ſehen laſſen wollen.“ Zum Theil zu Wagen, zum Theil dem Scheine doppelt erleuchteter großer Laternen zu Fuße folgend, zerſtreute ſich die Geſellſchaft nach den verſchiedenen Richtungen hin, Gregor aber dehnte ſich noch in einem Fauteuil, und wich der Aufforderung iner Mama, noch einige Minuten mit ihr bei geöffneten Balkonthüren die Nachtfriſche zu genießen, mit den Worten aus: „Die Nacht iſt ſchön, und iſt ein göttlich Wunder, Die ſchönſte aber iſt, die man verſchläft.“ ——————— — * Solche Abende waren Lichtpunkte in Adrian's Le⸗ ben. Die ehrgeizigen Träume ſeiner Jugend waren zur Wirklichkeit geworden; auf der Kanzel nicht nur, auch in den geſelligen Kreiſen hatte er feſten Fuß gefaßt, und von beiden Punkten aus hoffte er wirkſam die Gebrechen der Zeit und Menſchen zu bekämpfen. Das Elend, das am innern Leben ganzer Genera⸗ tionen nagt, nicht den geſ chwächten Begriffen von Recht und Unrecht, ſondern einzig dem vermindernden kirchli⸗ chen Sinn zuſcheeibend, richtete er ſeine Beſtrebungen dahin, mit den Vogmen ſeiner Confeſſion und dem Glau⸗ benszwang der Gährung entgegen zu treten, von welcher die eine Hälfte der Menſchheit ſehnlichſt die endliche Lö⸗ ſung der wichtigſten Lebensfragen hofft, während die r ch 1d en ht en m⸗ er andere Partei die Auflöſung der ſittlichen wie bürgerli⸗ chen Geſetze durch ſie fürchtet. Er bedachte nicht, daß gerade der Zwang die Liebe zu einer Sache tödtet, und daß der ſich ſeines heiligſten Rechtes begibt, der fremde, zwingende Entſcheidung in Glaubensſachen zuläßt und als endgiltig anerkennt. Er hatte für abweichende Anſichten nur ſtrengen Tadel, nicht die wohlwollende Achtung oder nachſichtige Duldſamkeit, die der Ueberzeugung Anderer ſtets gezollt werden ſollte, und mußte ſich daher heimiſch und geborgen in den Kreiſen fühlen, die gleiche Anſchauung und gleiches Be⸗ ſtreben mit ihm verbanden. Nicht unempfindlich für die Vorzüge, die Rang und Einfluß ihren Trägern verleihen, und doch durch beſchränkte Verhältniſſe zu einer dürftigen, unſcheinbaren Exiſtenz verurtheilt, hatte er mit Neid und Verlangen das Wohlleben der privilegirten Stände beobachtet, und ſeine untergeordnete Stellung nur mit grollender Erge⸗ bung ertragen. Jetzt lagen dieſe Zuſtände weit hinter ihm; er hatte ſich emporgeſchwungen aus der großen Menge, er war bekannt, geſucht in den Kreiſen, die ihm vormals unzu⸗ gänglich waren, die zurückweichende Flut der ihm gün⸗ ſtigen Zeit nahm ihn mit hinaus auf die hohe See, und Kinder der Zeit. I. 6 ein geſchickter Lootſe, wie Frau von Wartberg, half ihm Klippen und Untiefen vermeiden. Eingeführt in die Kreiſe, deren Verderbtheit er früher mit ſtrengem Tadel gerichtet hatte, ſuchte er nun in der Nähe vergeblich nach den Laſtern, die er auszu⸗ rotten entſchloſſen war. Er fand kaum den Schein eines Fehlers; denn wie der geſchickte Taſchenſpieler nie den Beweis der Täuſchung zuläßt, ſo gibt die fein ausgebil⸗ dete Lebensklugheit tauſend Mittel, die Feſtſtellung eines begangenen Unrechts zu verhindern. Verſtändniß, Rück⸗ ſicht, zuvorkommende Höflichkeit wurden ihm dagegen geboten, und er hätte mehr oder weniger Ehrgefühl be⸗ ſitzen müſſen, um ſich nicht blenden und beſchwichtigen zu laſſen. Um ſo mißfälliger mußte er den andern Tag Re⸗ ginen's Bitte um Dispenſation von ſolchen Soireen für die Zukunft aufnehmen. Er empfand als perſönliche Beleidigung, was im Grunde nur eine Proteſtation ge⸗ gen einige geſellſchaftliche Elemente war, und machte ihr in dieſem Sinne, ohne den Hut abzulegen oder Platz zu nehmen, den Vorwurf der Theilnahmsloſigkeit an ſeinem Erfolg. „Nicht ſo,“ erwiderte Regine,„mußt Du meinen Vorſchlag deuten, der nur aus meinem Bedürfniß nach Einſamkeit und Ruhe hervorging. Der Umgang mit den er me ge ba ha wi — N— n zu en ch en Menſchen thut mir zuweilen faſt wehe. Welche Härte, welche Dreiſtigkeit bricht oft durch die glatten Umgangs⸗ formen! Sag mir nur, Adrian, wie kann Dir die Geſell⸗ ſchaft zuſagen?“ Die letzten Worte, die Adrian höher ſtellten als ſeine Umgebung, wirkten verſöhnend auf ihn; er ging mit geſenkter Stirne, wie es ſeine Art war, einige Male auf und ab, bevor er antwortete: „Ich aber will unter ſie treten, gewappnet mit dem Harniſch des Glaubens, umgürtet mit dem Schwerte der Gerechtigkeit, und will den Wurm der eitlen Welt⸗ luſt in ihren Herzen tödten.“ Regine folgte mit kühlen Blicken ſeinem leiſen, un⸗ gleichmäßigen Gange und ſagte: „Du trittſt aber nicht unter ſie wie ihr Richter, ſondern wie ihr Genoſſe.“ Adrian wollte auffahren; er beſann ſich aber, daß er ſich der Cameradſchaft eher zu rühmen, als zu ſchä⸗ men hätte.. „Ganz gut,“ ſagte er gereizt,„ich nenne mich gerne den Freund der Frau, die unſere Verlobung an⸗ bahnte!“ „Was für Gründe Frau von Wartberg auch ge⸗ habt haben mag, unſere Verbindung zu wünſchen,“ er⸗ widerte Regine,„ich kann deßhalb kein günſtigeres Ur⸗ 84 theil über ſie füllen, als ihr ganzes Leben verdient. Kennſt Du denn dieſe Frau, Adrian, und den Haushalt, dem ſie vorſteht?“ „Weißt Du, daß hinter dieſem koſtſpieligen Leben nicht der Ueberfluß, nein, der Mangel wohnt, daß nach dem mit übermäßigem Aufwand gegebenen Feſt eine gefürchtete Hand an die glänzenden Flügelthüren klopft, — die des mahnenden Gläubigers? Daß die über⸗ zählige Dienerſchaft nimmt, was ihr gefällt, um ſich für den nicht ausgezahlten Lohn zu entſchädigen? Kannſt Du es loben, daß ſie ſich durch Rang und Namen verpflichtet glaubt, ihre Finanzen zu ruiniren, daß ſie ihre Kinder zu unmäßigen Anſprüchen an das Leben erzogen hat? Es iſt wahr, ſie gab Luitgard einen reichen Mann, aber iſt dieſe darum weniger die arme, verlorne Frau, die kein Hehl aus ihrer Neigung für Roßleben macht und Mann wie Mutter ohne Rück⸗ ſicht aufgibt? Das ſind die Reſultate der Erziehung, das ſind die Früchte der häuslichen Sitten.“ „Nein, nein, ich fühle mich abgeſtoßen von der Frau, der ich höchſtens vor der Welt die kalten Höflich⸗ keiten gewähren will, auf die jedes Mitglied der Geſell⸗ ſchaft Anſpruch machen kann.“ „Regine,“ ſagte Adrian ſtreng,„wer ſich gewöhnt zu ſchmähen, der beſſert ſich ſein Lebtage nicht.“ en en en ne, ür ck⸗ ig, der ch⸗ ell⸗ hut 85 „Wenn die finanziellen Verhältniſſe der Frau von Wartberg drückend ſind, ſo verdient ſie mehr Mitleid als Tadel; wenn ihre Tochter durch Seichtheit im Glau⸗ ben der Sünte verfiel, und der finſtere ſkeptiſche Geiſt, der die Reihen der Gläubigen wie eine tödtliche Seuche lichtet, auch Gregor ergriff, ſo iſt das noch immer kein Vorwurf für ſie. Ich allein weiß, wie ſehr ſie um ihre Kinder bangt und leidet, ich bin in mancher Stunde gegenwärtig geweſen, in welcher die Mutter Schonung und Rückſicht vergeblich von der Tochter erbat. Ich weiß, wie wenig die Stellung Gregor's ihren Wünſchen entſpricht; ich habe oft den Kummer auf ihrer Stirn, die Thränen in ihrem Auge mit den Worten der Schrift gedämpft:„Siehe, ich will Dich läutern, aber nicht wie Silber, ich will Dich auserwählt machen im Ofen des Elends.“ Frau von Wartberg iſt eine geprüfte, ehr⸗ würdige Frau, und die Zeit wird kommen, wo Du be⸗ kennen wirſt, daß Du ſie lieblos geſchmäht, aber nicht gerecht beurtheilt haſt.“ „Eher wird die Zeit kommen, wo Du meiner Mei⸗ nung nicht mehr widerſprechen kannſt,“ ſagte Regine, von dieſem Vorwurf gereizt;„denn es kann leicht ſein, daß bei einem Wechſel der Regierung eine andere Rich⸗ tung eingeſchlagen wird, und dann wirſt Du erfahren, daß nicht wirkliche Theilnahme und Ueberzengung, ſon⸗ 86 dern ſpeculative Vorſicht ſie zu Deiner Freundin und Bundesgenoſſin gemacht hat.“ „So gering ſchlägſt Du alſo den perſönlichen Ein⸗ fluß an, den ich allenfalls ausüben kann?“ fagte Adrian beleidigt;„begreifſt Du denn nicht, Regine, daß, indem Du jener ſo unedle Motive unterzulegen bemüht biſt, Du Mißtranen gegen Dich ſelbſt ſäeſt? Wie, wenn ich nun die Folgerung daran knüpfte, daß ich den eben an⸗ geführten Gründen Deine Hand verdanke?“ Es bedarf oft nur eines Wortes, das, lange vermieden, doch endlich den Zweifel wieder belebt, den wir mühſam aus unſern Gedanken verbannt, um die Schranken auf's Neue einzureißen, die klügelnde Ver⸗ nunft und Nothwendigkeit unſern Neigungen und Wün⸗ ſchen gezogen haben. Regine hatte zwar die erſte Zeit des Brautſtan⸗ des mit ſcheinbarem Gleichmuth ertragen, aber im Stillen den herbſten Stoff daraus geſammelt. Die ab⸗ mahnenden Worte Joachims hatten nun erſt, nachdem ſie in Widerſpruch mit denſelben gehandelt, rechtes Ge⸗ wicht bekommen und klangen ihr unaufhörlich in der Seele wieder. Vergleiche zwiſchen ihren ungeſtümen, jugendlichen Wünſchen und der nüchternen Gegenwart drängten ſich ihr peinvoll auf; die Brantviſiten hatten Seieiei n⸗ an m ſt, ich n⸗ ige en die er⸗ in⸗ m⸗ im ab⸗ em Be⸗ der en, art ten 87 ſie genöthigt, eine Heiterkeit zur Schau zu tragen, die ihr innerlich fremd war. Dazu kam ihre unſichere Stel⸗ lung zu Adrian, die Eile, mit der die Hochzeit betrie⸗ ben wurde, der Abſcheu, den ſie vor Frau von Wart⸗ berg empfand, das Fehlſchlagen ihrer erſten Bitte; und kaum bedurfte es noch der anklagenden Worte Adrians, um einen Ausbruch der inneren Gährung zu veranlaſſen. Ihrer leidenſchaftlichen Natur folgend, warf ſie ſich in die Kiſſen des Sophas zurück, aus ih⸗ rer bebenden Bruſt drang ein krampfhaftes Schluchzen und durch die bleichen, zitternden Finger, die all' ihr Blut nach dem faſt ſpringenden Herzen geſchickt hatten, ſtahlen ſich große, helle Tropfen. Adrian war heftig erſchrocken. Die Thränen der Rührung, der Reue, der Zerknirſchung, die er bei Ge⸗ legenheit hervorzurufen gewußt hatte, dünkten ihm lam⸗ mesfromm gegen den Sturm des Schmerzes, der ſei⸗ nen Schauer über die Geſtalt ſeiner Braut warf. Immer in dem Glauben, daß ſein unverdienter Vorwurf ſie ſo tief beleidigt und erſchüttert habe, ſetzte er ſich reuig neben ſie und ſuchte ſie mit kleinen Schmei⸗ cheleien, vertraulichen Liebesworten, die die Angſt ihm über die Lippen trieb, zu beſchwichtigen. „Nein, nein!“ rief Regine von ſeiner Annäherung 88 mehr geängſtigt, als erfreuet,—„Liebe,— leidenſchaft⸗ liche Neigung kann ich Dir nicht geben, und Du haſt nie darum geworben. Ich bin Dir zugethan,— ich bleibe bei Dir, wenn Du es willſt, aber ich wurzele nicht in Dir. Deine Gegenwart iſt mir erwünſcht, aber ſie berauſcht mich nicht; Dein Mißfallen läßt mich Dir gehorſam werden— vernichtet mich aber nicht; Dein geiſtiges Weſen weiß ich zu würdigen— bete es aber nicht an. Darum prüfe, überlege! mein Schickſal lege ich wohl in Deine Hände, aber meinem Herzen fehlt die Begeiſterung der Liebe.“ „Kind, biſt Du krank?“ fragte Adrian beſorgt, und legte ſeine Hand auf ihre klopfenden Schläfe— „und ſprichſt Du im Fieber? Ziemt es wohl Dir und mir, uns die Einkehr der Leidenſchaft zu wünſchen, die an der ehernen Hand die Thorheit, Ungerechtigkeit und übereilte That mit ſich führt—„denn es iſt kein fau⸗ ler Baum, der gute Früchte trage, und kein guter Baum, der faule Früchte trage.“— Wenn Du die Sorge, die ich für Dich haben werde, mit etwas Freundlichkeit vergelten willſt, ſo bin ich ſchon zufrieden und beklage mich nicht,“ ſchloß er lächelnd,„wenn auch Dein Herz nicht die Begeiſterung der Liebe für mich finden kann.“ Bittere Gedanken wogten in Reginen und ließen 89 ſie keine paſſende Erwiderung auf Adrian's Worte finden, der ſeinerſeits,— als er ſah, daß ſie ſich äu⸗ ßerlich nach und nach beruhigte, ärgerlich wurde über den Schreck, dem er unterlegen, über die nachgiebige Art, in der er zu ihr geſprochen, über die ſchmeicheln⸗ den Bitten, zu denen er ſich getrieben gefühlt hatte. Faſt ſchämte er ſich, wie eine Wartfrau zu Dienſt⸗ und Hilfeleiſtungen bereit geweſen zu ſein und in unmänn⸗ licher Schwäche ihr Unrecht als ſein eigenes betrachtet zu haben. Er war gereizt, zornig, verlegen und doch auch gerührt, wenn er die von heißem Weinen gerö⸗ theten Augen ſah und die halb unterdrückten Seufzer hörte, die das Echo eines wirklichen Schmerzes zu ſein ſchienen. Er wußte nicht, ob er ſprechen, oder ſchwei⸗ gen ſollte, endlich griff er zu dem Mittel, durch Vor⸗ leſen einen ſcheinbaren Verkehr zwiſchen ſich und ſeiner Braut herzuſtellen, bis die Generalin, die in das Zim⸗ mer trat, ſeine Entfernung erleichterte. Er wußte nun Regine in zerſtrenender zuverläſſiger Geſellſchaft und eilte das letzte Capitel ſeines Brautſtandes der Frau von Wartberg mitzutheilen. Freilich verſchwieg er die erſte Veranlaſſung des Streites, aber eine geſchickte Diplomatin, wie ſeine Rathgeberin war, bedarf viel weniger Winke, als der 90 unvorſichtige Adrian ſich entſchlüpfen ließ, um durch richtige Combination ſich bis zu dem erſten Ring der Kette zurück zu haſpeln. Da es aber nicht in ihrer Ab⸗ ſicht lag, die kleinen Streitigkeiten der Verlobten anzu⸗ ſchüren, ſo ſuchte ſie durch ihren Einfluß Adrian ru⸗ higer und verföhnlich zu ſtimmen. Was für geheime Gründe ſie auch haben mochte, die beiden Menſchen zuſammen zu ſchmieden— Gründe, die vielleicht ihren nächſten Umgebungen, vielleicht Reginen ſelbſt, nicht un⸗ bekannt waren— vor ihrem eigenen Gewiſſen brüſtete ſie ſich mit dem Verdienſte, einem armen, ausſichts⸗ loſen Mädchen die paſſendſte Verſorgung verſchafft zu haben. „Sie werden ſich ſchon zuſammen einleben,“lächelte die erfahrne Frau—„wenn auch anfangs der Flug etwas ungleich ſein ſollte; Tact und Schritt lernt man ſich ſchnell einander ab, wenn der ſchwungvolle Rhyth— mus des Brautſtandes in das gemeſſene Tempo der Ehe übergeht, die kein vereinzeltes Zurückbleiben, oder Vordrängen duldet.“ Frau von Wartberg hatte vergeſſen, daß ihre Ehe allerdings nur aus einem gewaltſamen Zurück⸗ ſchieben ihres Mannes und ſelbſtſtändigen Auftreten ihrerſeits beſtanden hatte, ein Verfahren, was den Namen des Hausherrn nicht nur aus ihrem Gedächt⸗ W—* M „ 8 niß, ſondern auch aus dem der andern Menſchen ver⸗ bannt hatte. Er wurde nie genannt. Daß er überhaupt eriſtirte, war Vielen unbekannt, denn„Frau von Wart⸗ berg“ war es, deren Haus geſucht wurde,„Frau von Wartberg“ hatte ihre Tochter verheiratet,„Frau von Wartberg“ entſchied über Gregor's Studien,„Frau von Wartberg“ kündigte Capitalien und verkaufte Staatspapiere,„Frau von Wartberg“ erhielt endlich die Decbration, die nur der herkömmlichen Sitte gemäß an dem geſtickten Uniformfrack ihres Gemahls befe⸗ ſtigt war. Ob dieſer je den Verſuch gewagt habe, das Prä⸗ ſidium in häuslichen Angekegenheiten zu übernehmen, bleibt zweifelhaft, gewiß aber iſt, daß er nach Verlauf von dreißig und einigen Jahren zufrieden war, wenn er hinter ſeinen Zeitungen, zwar gänzlich unbeachtet blieb, aber doch auch nicht mit Vorwürfen oder For⸗ derungen gequält wurde. „Ich mag ſeinen Neigungen keinen Zwang auf⸗ erlegen,“ entſchuldigte die großmüthige Frau die Zu⸗ rückgezogenheit, zu der ſie ihn verdammt hatte, und das Publikum warf manchmal die Frage auf, ob das nicht ihn in ſeinen Fehlern beſtärken heiße. An der ſchweigſamen Laune und dem verweinten Geſicht Reginen's mußte die Generalin wohl merken, daß eine Scene ſtattgefunden hatte; bei ſolchen Gele⸗ genheiten theilnehmende Fragen und Tröſtungen von dieſer Dame vorausſetzen zu wollen, wäre jedoch ebenſo verfehlt geweſen, als Stetigkeit von einem Irrlicht zu erwarten. Von der Ueberzeugung ausgehend, daß Zer⸗ ſtreuung das beſte Mittel ſowohl gegen Launen, als auch gegen begründete Traurigkeit ſei, führte ſie Re⸗ ginen von einem Möbelmagazin in das andere, von einem Modewaarenlager in das andere, und ſchließlich noch in ein Gartenconcert, in welchem die ſchöne Welt ſich Rendezvous gab. Dazwiſchen ſprach ſie ſo viel Anerkennendes von Adrian's Charakter, den Annehm⸗ lichkeiten eines eigenen Haushaltes, der bedeutenderen Stellung der Frauen, dem Neid aller heiratsfähigen Mädchen, daß Regine die verſteckte Anklage daraus hätte entnehmen können, durch ihren Mißmuth ſich der herbſten Undankbarkeit ſchuldig gemacht zu haben, wenn ſie den Inhalt der Worte vernommen hätte. Ihre Ge⸗ danken waren aber noch in der jüngſten Vergangenheit, und bei Erwägung der Möglichkeit, daß eine Wieder⸗ holung ſo peinlicher Auftritte ſtattfinden könne, ent⸗ ſprang wohl plötzlich der Wunſch in ihr, ſich frei zu machen, zu Joachim zu flüchten und im Frieden mit ſich ſelbſt zu leben, wenn auch Streit mit der Welt dar⸗ 93 aus erwachſen ſolle; aber zurückgeworfen von der drin⸗ genden Sorge: was ſoll aus Dir werden, wenn er nicht mehr iſt? ſank ſie in die dumpfe Ergebung zu⸗ rück und ſchmiegte ſich geduldig in die ſelbſtgeſchmie⸗ deten Feſſeln. 6. Als Joachim der Entſchloſſenheit ſeiner Tochter nachgebend ihre Verlobung beſtätigt hatte, war der Zweck ſeiner Reiſe erfüllt und ſeine Rückkehr nach der Geiſenburg ermöglicht worden. So ſchnell er dieſe auch vollzog, ſo wenig vermochte er ſeine Gedanken von den Eindrücken zu befreien, die der Ernſt, das gedrückte Weſen und der Entſchluß Reginen's auf ihn gemacht hatten. Immer wieder fielen ihm die Worte ein, die Regine, ihm die Sorgfalt für ihre Schweſter auf die Seele legend, geſprochen hatte:„Beſſer Du gabſt ihr das Leben nicht, wenn Du ihr nicht Bürgſchaft für ein glückliches Daſein geben kannſt.“ Wohl hatte er darauf geantwortet, daß das Glück nicht von Außen komme, ſondern aus der innern Kraft, ſich in Einklang mit den gegebenen oder ſelbſt begrün⸗ 95 deten Verhältniſſen zu ſetzen, entſpringe,— ſie hatte ihm erwidert:„So erziehe ſie zu dieſer Stärke, die ſie nicht welken und geiſtig ſterben läßt, wenn das Leben auch einen Wunſch nach dem andern verſagt, eine Hoffnung nach der andern knickt.“ Eine fremde, unbe⸗ hagliche Stimmung hatte ihn bei dieſer ernſten Mah⸗ nung beſchlichen; etwas wie Reue überkam ihn, die Zukunft ſeiner älteſten Tochter, gegen die er doppelte Verpflichtungen zu haben glaubte, nicht ſichergeſtellt, ſie fremden Einfluß, fremder Leitung in einem Alter überlaſſen zu haben, in welchem die geiſtige Unmün⸗ digkeit des Weibes am häufigſten ſich kund gibt. Und doch war es nicht Gleichgiltigkeit, ſondern Achtung vor ihrem Willen, Nachgiebigkeit gegen ihre dringenden Bitten geweſen, was ihn zur Trennung von ihr be⸗ wogen hatte, und er ſagte und wiederholte ſich, daß er noch heute in gleichem Falle nicht anders handeln könnte und würde. Unterdeſſen hatte ihn der Eilzug im Flug über die fruchtbare Ebene, durch das enge Waldthal und wieder durch den feuchten Tunnel hinausgeführt, bis nach mehrſtündiger Fahrt Halt an der Station gemacht wurde, von welcher aus Joachim nach kurzer Fußtour die Geiſenburg zu erreichen hoffte. Ein Träger für das wenige Gepäck war bald ge⸗ 96 funden, und bedächtig wanderte nun das Paar zwi⸗ ſchen den einſtöckigen Bauernhäuſern hin, die, mit miß⸗ farbigen Strohſchichten gedeckt, zwiſchen Weiden und Erlen ſich duckten. Mit Vergnügen ſah Ivachim den barfüßigen Kindern zu, die im Forellenbach wadeten und vor Freude beim Anblick einer Elritze jauchzten; mit ernſtem Lächeln bemerkte er die blühende Hecke, die den Kirchhof mit ſeinen friedlichen Gräbern umkränzte, über die hinweg in überreichen Segen Pflaumenbäume ihre Früchte hingen; lauſchend zählte er den Ruf der hellen Kirchglocke und muſterte, durch die von Flieder überſchatteten Fenſter ſchauend, die kleinen dürftig aus⸗ geſtatteten Räume der Menſchenwohnungen. „So macht Genuß und Ueberfeinerung bedürftig, und Armuth und Uncultur reich,“— ſagte er vor ſich hin, indem er auf die zum Dorfe zurückkehrenden Mäherin⸗ nen blickte, die trotz der ſchweren Heulaſten durch un⸗ unterbrochen neckendes, wenn auch oft etwas derbes Geſpräch ihre Zufriedenheit kund gaben. Er überſchritt die unter ſeinem Tritt zitternden Stämme, die, in feuchtes Moos gekleidet, als Steg über den Bach führten und ſchlug den ſchmalen Fuß⸗ weg ein, der in ſanfter Steigung am Fuße des Berges hinführte. Umgeben von einer kräftigen Vegetation, an — W—— Kinder der Zeit. I. einem Orte, wo die Natur mit ſich allein war, fühlte er wohlthuend die gewaltſame Spannung ſich mildern, die die Anſchauung unbefriedigender Verhältniſſe in ihm erweckt hatte. Er kehrte zu ſich ſelbſt zurück und fand da das Gleichgewicht wieder, welches ihm Zwei⸗ fel und Mißtrauen einen Angenblick geraubt hatten. Immer höher ſteigt der Weg. Tief unten ruht ſchon halb vergeſſen das Dorf. Schroffer werden die Züge der Umgebung. Felſenwände ſteigen hier und da empor und zeigen die ſtarren Stirnen des Urgebirgs, bei deſſen Schöpfung die Feuermächte den Vorſitz führ⸗ ten. Auf ihren Häuptern hat, mit ſpärlichem Boden zufrieden, hier die Birke ihren wallenden Federſchmuck, dort die Fichte ihre Trauerſchleier entfaltet; die harte Bruſt zieren in reichen Büſcheln ſtraußförmige Farren⸗ kräuter, das ſammtene, herbduftende Moos ſchlingt ſich um die ſteinernen Glieder. Stahlblaue Schatten wechſeln mit ſcharfen Lichtern, oder zerfließen in mattes Helldunkel, je nachdem die Sonne von den grauen Wolkengebilden frei gegeben, oder bedeckt wird; die Droſſel brütet in dem Waldesgrün, der Wind führt das entfallende Samenkorn zur geeigneten Stätte, das abgewehte Blatt macht der entſetzenden Knoſpe Platz, tauſend leuchtende Atome tanzen im Sonnenſtrahl, und über Alles hin und durch Alles zieht ſich ein Tönen, 7 98 Summen und Klingen, wie es nur aus der Werk⸗ ſtätte der Natur zu Menſchenohren zu dringen vermag. Zu tauſend Gedanken, zu tauſend Beobachtungen angeregt, fühlte Joachim wieder den Ernſt, die erlöſende Kraft des wiſſenſchaftlichen Berufes, der ſich ſo ſchön mit der Liebe zu den Naturmächten verbindet. So war er in und durch ſich ſelbſt reich; das ganze Weltall gehörte ja ſeinem forſchenden Geiſte. Die Ver⸗ gangenheit bot ihm den Schlüſſel zu ihrem der Wandel⸗ barkeit entrückten Reiche; die Zukunft wartete auf ihn und ſeine gelöſte Aufgabe; die Gegenwart zeigte ihm die bunteſten Erſcheinungen des Lebens, ließ ihn eine Brücke ſchlagen von dem aufdämmernden neugebornen Stern bis zu dem verwehenden Samenkorn, das der Wind, ſcheinbar zufällig, über die Heide führt. Indem er auf dem ſchmalen Fußwege, auf dem die kleine weiße Porzellanblume blühte und die ſchwarze Schnecke kroch, weiter ſchritt und nur von Zeit zu Zeit ein Wort mit ſeinem Träger wechſelte, wurde er plötzlich durch den fern, aber dentlich herſchallenden Ruf:„Hoh, Halloh!“ zum Stillſtehen gezwungen. „Sie jagen vermuthlich,“ ſagte der Bauer, der teine Luſt zeigte dem Signale zu antworten, oder ihm eine außergewöhnliche Bedeutung beizulegen,„ich höre genau die Hunde.“ 3. m ve Waldes bot ein kleines abgeſchloſſenes Genrebild. Seit⸗ 99 „Hoh— Halloh!“ rief es zum zweiten Male, und zwar ſo fragend, daß Joachim die Hände um den Mund legte und einen Antwortsruf aus kräftiger Bruſt er⸗ tönen ließ. Zugleich brach er ſeitwärts in den Wald und ſuchte durch hohes Riedgras und Birkengeſtrüpp die durch den Schall angedeutete Richtung zu gewinnen. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen und lauſchte dem ſich wiederholenden Ruf, indeß ſein Gefährte die dicken Aeſte aus dem Wege bog. Sie mochten noch keine hundert Schritte gegangen ſein, als ſie in einiger Entfernung Hundegebell hörten; bald darauf kniſterten die Zweige, und hochaufſpringend warf ein großer Hühnerhund den klugen Kopf über das Strauchwerk, das ſeinem Blick den ſchon ſo lange ge⸗ witterten Gegenſtand entzog.„Chaſſeur!“ rief Ivachim, und das geſchmeidige Thier ſprang johlend an ihm in die Höhe, ſah ihn mit funkelnden Augen an und richtete den Kopf dann wieder nach der Seite, von welcher es hergekommen war. Als Joachim Anſtalt machte ihm zu folgen, ſprang es luſtig voraus, machte von Zeit zu Zeit mit emporgehobenem Vorderfuße Halt, um ſich der Nachfolge der Wanderer zu verſichern, und führte dieſe binnen Kurzem zu ſeinem Herrn. Eine Lichtung des 100 wärts, halb noch im Walde, ſtand eine Köhlerhütte aus Stämmen, Raſenſtücken und Laubzweigen roh zu⸗ ſammengefügt. Kohlenfener brannte auf einer großen Steinplatte, die nahe beim Eingange in die Hütte auf der Erde lag. Mehr zurück, auf dem freien Platze, er⸗ hoben ſich die Kohlenmeiler mit Erde und Raſen bedeckt, weißer Rauch verdichtete nach dem Hintergrunde zu die Atmoſphäre und theilte ſeine feinen Subſtanzen den benachbarten Luftſchichten mit. Gleich im Vordergrunde lag eine gefällte Fichte; aus dem mit Stricken noch um⸗ ſchlungenen Wipfel, aus der daneben liegenden Axt und aus dem herben Geruch, der aus dem ſaftausſtrömenden Schnitte drang, konnte man folgern, daß ganz vor Kurzem erſt der Fall des Waldrieſen gefeiert worden war, und, wie es ſchien, nicht ungerächt. Auf der Erde, die durch allzureichlichen Kohlenſtaub und Bräude um ihre grüne Decke gekommen war, lag ein Mann, nur mit grobem ſchwärzlichen Hemd und kurzem Beinkleide bekleidet; ſeine Hand ſchlang ſich in das Gezweig der Krone des gefällten Baumes, als ob er an den dunklen Locken den beſiegten Feind am Boden feſthalten wollte; das Geſicht war vom Schmerz mehr zornig als leidvoll verzogen. Die kurze Pfeife lag zerbrochen neben ihm, das eine Bein ruhte, zur Abwehr gegen die Feuchtigkeit des Bodens, auf einigen Kleidungsſtücken. Verſtreut — 101 umherliegende Inſtrumente ließen auf eine kürzlich voll⸗ zogene Operation ſchließen, bei welcher ein junger Mann, der, vor dem Verletzten knieend, bei dem Er⸗ ſcheinen Joachim's ſo elaſtiſch aufſprang, als ob er, in Stahtfebern ſich wiegte, angenſcheinlich thätig ge⸗ weſen war. Korimen denn endlich Menſchen?“ ſagte er über⸗ raſcht;„ſeit einer ſotenete ſchmettere ich, wie ein Wulbhren, Signale in die leere Luft, auf die mir nur der Kukuk antwortet, und die Geduld war gerade am Ende. Nun faßt an!“ Der Sprechende ſtand vor Ioachim und bot ihm die Hand. Er hatte ſich ſeines Rockes entledigt; die Hitze, die Anſtrengung und Beſchwerlichkeit ſeiner ärztlichen Ver⸗ richtung, vereint mit der Nothwendigkeit dem Verwunde⸗ ten eine bequeme Lage zu ſchaffen, hatten ihm zu dem luftigen Coſtume verholfen, in welchem ſeine gewölbte Bruſt, die Eleganz der Taille, der kräftige Arm vor⸗ theilhaft ſich abzeichneten. „Nun angefaßt,“ ſagte er bedächtig,„daß wir unſern faulen Mann in ſeine Hütte bringen, fonſt ſtellt er ſich einer zweiten Tanne in den Weg, die ihm das andere Bein auch noch verletzt.— Nicht raiſonnirt,“ ſagte er launig, als der Köhler etwas in den Bart 102 brummte, ſonſt ſchiene ich Euch auch die wackelnde Zunge.“. Nach ſeiner Weiſung griffen Joachim und der Träger dem Köhler unter die Arme, während er ſelbſt ſeine Aufmerkſamkeit auf den beſchädigten Fuß richtete, und mit einer Behutſamkeit, die die zarteſte Theilnahme nicht beſſer hätte entfalten können, den Transport nach der Hütte bewerkſtelligte. Da wurde der Patient auf ein Lager von Heidekraut gelegt, welches in der Geſchwindig⸗ keit mit einigen Kleidungsſtücken überdeckt worden war. Ein Fußtritt entfernte die rauchenden Kohlen von der Feuerungsanſtalt, nachdem der Doctor die gebratenen Kartoffeln vorſorglich daraus aufgeleſen hatte; der Laden und die Thür wurden geſchwind geöffnet, und ſo der friſchen Luft Zutritt geſtattet. Dann ging er ſelbſt zur Quelle, die durch ein eingezwängtes Rohr in einen einfachen, zum Trinken jedoch bequemen Brunnen ein⸗ gerichtet worden war, und holte in einem Zinnbecher einen friſchen Trunk für den Kranken. „Nun aufgepaßt,“ ſagte er, indem er ſich auf einen umgeſtürzten Tragkorb ſetzte, der unter ihm knit⸗ terte und ſich bog,„augenblicklicher Transport iſt wegen Mangel an Mitteln nicht möglich, unter Dach und Fach müßt Ihr aber, und das bald; da ſollen, ſo ſchnell wie möglich, ein halb Dutzend aus dem Dorfe herauf und Euch nach Hauſe tragen. Der Barbier ſoll mit⸗ kommen, daß bei dem Transport Euch nicht noch ein zweiter Schaden zugefügt wird und Ihr gehörig gebettet werdet. Morgen komme ich noch einmal ganz früh, um zu ſehen, wann Ihr wieder fortſpazieren könnt.“ „Meine Kohlen kann ich nicht im Stich laſſen,“ brummte der Köhler, den ſein Unfall eigenſinnig ge⸗ macht hatte. „Eure Kohlen laufen Euch nicht davon,“ ſagte Paul entſchieden,„und was Ihr hier an Geräthen habt, könnt Ihr mit hinabnehmen.“ „Der Meiler brennt,“ brummte der Patient mit einem beſorgten Blick auf die immer höher ſteigenden Rauchgarben,„und Niemand iſt da, der einzuſchlagen verſteht. Verlorene Arbeit, verlorener Verdienſt, ver⸗ lorene Zeit, und dazu die Ausſicht, wochenlang krumm zu liegen.“ „Papperlapap,“ ſagte Paul,„Ihr werdet nicht verhungern, ſo wenig wie Eure Frau und Euer wild⸗ diebender Bube. Schickt ſie zu dem,“ ſchloß er, auf Joachim zeigend,„wenn es keine Fiſche und Rehe mehr zum Stehlen gibt.“ Ein ſchwaches Lächeln flog über den bärtigen Mund des Köhlers, es ſchmeichelte ihm, daß die Thätig⸗ keit ſeines wilden Jungens erwähnt wurde, gleichviel, 104 ob ſie in geſetzlicher oder verbotener Weiſe ſich geltend machte. „Ihr bleibt hier, bis die Lente kommen,“ ſagte der Doctor zu dem Gepäckträger. Folgſam ſchob ſich der Commandirte in die Hütte, ſetzte ſich neben die noch warme Feuerplatte, und be⸗ gann die halb gebratenen Kartoffeln zu verzehren. „Es iſt unglaublich, wie dummdreiſt die Leute ſind,“ fuhr Paul, nach der Quelle gehend, zu Joachim gewendet fort, der die ganze Zeit bemüht geweſen war, durch die Lupe die Kelcheinſchnitte und Staubfäden einer kleinen Blume zu zählen;„mich wundert nur, daß nicht viel mehr ihrer maſſiven Schädel zerſchlagen werden. So ſind ſie bei jedem Beginnen. Der Erdarbeiter iſt im Stande, ſich auf den Felſen zu ſetzen, während er mit einer Lunte das Pulver anbrennt, was ihn ſprengen ſoll; der Oebſter lehnt die Leiter an den Aſt, den er weiter zurück abſägt; der Holzhauer ſtellt ſich unter den Baum, den die Hiebe ſeiner eigenen Axt fällen, und dann wollen ſie auch noch von Schickſalstücken ſprechen.“ Er hatte die Hemdärmel zurückgeſtreift, und ſpülte ſeine Hände in den hervorquellenden Wellen ab. „Aus der Erfahrung werden ſie Vorſicht ſchöpfen,“ ſagte Joachim bedächtig,„und in Verbindung mit 105 ahnenden Vorausſetzungen verwandte Gefahren zu⸗ künftig vermeiden.“ „Da irrſt Du, lieber Onkel,“ entgegnete Paul, der unterdeſſen ſeinen Rock an einem abgebrochenen Birkenaſt aufgehangen hatte und nun mit einer ab⸗ geſchnittenen Gerte den Staub heraustrieb;„die Er⸗ fahrung lehrt einſeitig bei dieſen Leuten. Der wird ſich vor dem fallenden Baum hüten, aber nicht, auf der Deichſel ſeines Wagens ſitzend, vor dem Schlaf, der ihn unter die Räder feines Fuhrwerks wirft; noch nicht Erlebtes iſt ſo gut wie nicht möglich für ſie.“ Er zog ſei⸗ nen Rock an, drückte den grauen Filzhut mit den breiten Krämpen in die Stirn und pfiff Chaſſeur⸗ „Ich begleite Dich nach der Geiſenburg, um mich zu beurlauben,“ ſagte er, indem er ſeine Inſtrumente zuſammenſuchte. Dann ſchritt er in den Wald in der Richtung, die er, um den Fußweg zu erreichen, ein⸗ halten mußte. „Du haſt Deine Ueberſiedelung nach B. ſchon be⸗ werkſtelligt?“ fragte Joachim. „Erſt gehe ich einige Zeit nach Paris,“ antwortete Paul.„Die diesjährige atmoſphäriſche Miſchung bringt alle möglichen Krankheiten zur höchſten Blüte, und es iſt mir intereſſant, die mannigfaltigen Erſcheinungen zu ſtudiren. Täglich leſe ich von den intereſſanteſten Fällen, 106 von den unglaublichſten und doch gelungenen Verſuchen. Wie es Dich nach der großen Sternwarte zog, ſo zieht es mich nach dem Rieſenhoſpitale Europa's; Dir kann die Entdeckung eines neuen Kometen nicht ſo viel Freude machen, wie mir die Beobachtung einer bis jetzt un⸗ bekannten Krankheitsform. Hier iſt überdies meines Bleibens nicht; das geſunde Klima, die einfache Lebens⸗ weiſe, die ſpärliche Bevölkerung machen den Arzt über⸗ flüſſig. Mehr ſchon hoffe ich von meinem Wirken in B., wo die überfüllten Wohnungen, die gefälſchten Nah⸗ rungsmittel, die ungeſunde, ſumpfige Lage meiner Thätigkeit ein weiteres Feld eröffnen werden.“ „Das wünſche ich von Herzen,“ ſagte Joachim zerſtreut, da ſeine Aufmerkſamkeit mehr auf die Ent⸗ deckung der Paraſiten auf einigen Schwämmen, als auf Paul's Rede gerichtet war. Dieſer lachte herzlich, nach⸗ dem er die rauchende Cigarre zwiſchen den weißen Zäh⸗ nen hervorgenommen hatte. „Weißt Du auch, daß Du mit dieſen wohlwollen⸗ den Worten einer Anzahl Erdenbürger glückliche Reiſe wünſcheſt?“ ſagte er gutmüthig,„denn ſeine Procente muß Jeder geben, und je höher das Capital der an⸗ vertrauten Lebensflämmchen, um ſo höher ſteigt auch die Zahl der verlöſchenden.“ „Du wirſt redlich das Deine thun, um den Ver⸗ 107 brennungsproceß, welchen man Leben nennt, zu ver⸗ längern,“ entgegnete Joachim. Beide ſchwiegen und gingen eine lange Strecke ſtumm neben einander. Wirklich geiſtvollen Männern wird es ſelten darum zu thun ſein, eine Converſation lebhaft im Gange zu erhalten, ſie ſuchen nicht das Schweigen zu bekämpfen, ſondern laſſen ihm ſeine Zeit, wohl wiſſend, daß ſich oft dahinter nicht die Leere, ſon⸗ dern die angeſpannte Denkkraft birgt. Da, bei einer Biegung des Weges, lag die Geiſen⸗ burg vor ihnen, ein Denkmal echt germaniſcher Bau⸗ kunſt. Bei einem großen wilden Birnbaume, der ſeine Aeſte, wie Wegweiſer, halb nach dem Schloſſe, halb nach dem Walde ausbreitete, mündete der Fußweg in die gepflaſterte Fahrſtraße, die an der mit wehendem Federgras überwachſenen Parkmauer hin zu der Einfahrt des Schloſſes führte. Bei Erbauung der Geiſenburg war man, dem Styl der früheren Zeit folgend, der den feſten Felſen⸗ grund gern als natürlichen Unterbau wählte, zu einer Anlage von unregelmäßigen Mauern geführt worden, die, in den Vertiefungen ſich mit ſenkend, zwiſchen Riſſe ſich einklammten und auf den Vorſprüngen ihre höchſten Giebel erhoben. Symmetrie war durch dieſes Verfahren nicht erreicht worden, aber die maleriſch gruppirten 108 Fenſter, die den vielen Abſätzen und Wendeltreppen des innern Baues entſprachen, die zahlreichen, gewölbten Pförtchen und die hervorſpringenden Erker fügten ſich zu einem charakteriſtiſchen Bild zuſammen. Der Kalk war zum Theile abgefallen, und ſtatt ſeiner überzog eine keimende Vegetation, hier mit ſchwärzlichem Hauch, dort mit leuchtendem Gelb die Mauern. In den Stein⸗ ritzen wucherten Grashalme und Moos, zwiſchen die plumpen Ornamente über Fenſter und Thüren drängten ſich kryſtallförmige Flechten in fahlem Steingrau. Die Schwalbe niſtete unter den vorſpringenden Giebeln, und ſchwarze Krähen ſpazierten auf dem Wetterdraht. Der Schloßhof wurde nach Abend hin durch eine ſteinerne Baluſtrade begrenzt, die zwei der Schloßflügel mitein⸗ ander verband. Ueber dieſelbe eröffnete ſich die Ausſicht nach dem Thale, in welchem das Dorf Geiſenberg lag. Waldige Gebirgszüge ſchloſſen ſich ineinander, thürm⸗ ten ſich immer höher auf, je tiefer ſie in den Hintergrund traten. Spitze Zacken erhoben ſich über ſtahlgrünen Tannen, ſteile Abſtürze wechſelten mit übermooſten Kegeln. Folgt man der nächſten Senkung des Gebirges, ſo fällt der Blick in einiger Entfernung in die ſtillen Waſſerſpiegel der Drachenteiche, die durch die Sage in unheimliche Verbindung mit der Geiſenburg gebracht wurden, und bewirkten, daß an nebeligen Herbſtabenden —.—— 109 manches furchtſame Dorfkind lieber den beſchwerlichen Umweg über die Berge machte, als daß es nahe an den Drachenteichen vorüber zu gehen ſich getraute. Joachim und Paul hatten indeſſen den Schloßhof überſchritten und ſich nach einem kleinen Seitenpförtchen gewendet, das, von dem in Stein gehauenen Wappen überragt, an der einen Giebelſeite den Eingang bildete. Der Löwe, der mit erhobener Tatze am Treppenfuß Wache hielt, hatte einen Strauß Wieſenblumen im ge⸗ öffneten Rachen, aus deren Fülle Paul lächelnd eine dunkelrothe Feldnelke zog und an ſeiner Bruſt befeſtigte. Die ſteinerne Wendeltreppe mit den ausgetretenen Stu⸗ fen wird nur ſpärlich vom ſchwach eindringenden Tages⸗ licht erhellt; der gewaltige Pfeiler, der ſie trägt, iſt mit wunderlichen Seulpturen übergypſt, die halb dem Men⸗ ſchen⸗, halb dem Thiergeſchlechte anzugehören ſcheinen. Die Mauerblenden, in die ſonſt wohl die Lampen ihr leitendes Licht flammen ließen, bargen jetzt in ihrer Höhlung ganz wunderbare Dinge: feine Damenhand⸗ ſchuhe, leere Vogelneſter, geflochtene Binſenkörbchen. Mehrere Corridore ließen die Herren hinter ſich liegen, immer höher ſteigend. Endlich biegen ſie in einen ſchma⸗ len Gang ein, und treten durch eine braune eichene Thür, deren Schloß ein in Meſſing gearbeiteter Thier⸗ kopf bildet, in ein ihnen wohlbekanntes Zimmer. Doch 110 dieſes iſt leer. Die Fenſterflügel ſind weit geöffnet, die großgemuſterten Gardinen, die die tiefen Fenſterniſchen garniren, bauſcht der Zugwind auf, aufgeſchlagene Bücher blättern ſich von ſelbſt neben welken Blumen auf der mit Perlmutter ausgelegten Commode, ein run⸗ der Damenſtrohhut liegt auf dem Ebenholztiſchchen. Die mit Flaum gefüllten Brocatkiſſen des Sopha's ſind zer⸗ drückt, zwei kleine türkiſche Pantoffeln ſtehen nahe an der Thüre. „Sie iſt nicht da,“ ſagt Joachim nach einer kurzen Muſterung des Zimmers,„ich finde ſie wohl bei Martha oder im Park; Du magſt uns immerhin hier erwarten.“ Paul nickte zuſtimmend, indem er Hut und Hand⸗ ſchuhe ablegte, während Joachim wieder zurückging. Verſchiedene gemalte Porzellangeſchirre ſtanden auf dem Sophatiſch, ohne daß man errathen konnte, zu welchem Zwecke ſie dienten. Die alte Facon einer Frucht⸗ ſchale gefiel Paul ganz beſonders, und er konnte ſich nicht enthalten nach derſelben zu greifen, um ſie ganz in der Nähe zu beſehen. Kaum fühlte er jedoch die kalte, glatte Maſſe in ſeiner Hand, als ſich der obere Theil ablöſte und zu Boden klirrte, während er, den Fuß in der Hand, etwas beſtürzt ſich Rechenſchaft von dem unerwarteten Ereigniß zu geben bemüht war. Bevor er aber den nun ganz überflüſſigen Sockel „ 111 bei Seite geſtellt und die Scherben zuſammengeleſen hatte, ſtrafte ihn ſchon der von leiſem Gelächter begleitete Urtheilsſpruch:„ungeſchickt,“ der, da Niemand ſichtbar war, ihn zu einer genauen, aber vergeblichen Unter⸗ ſuchung des Zimmers veranlaßte. Geärgert durch die Erfolgloſigkeit ſeiner Bemühungen und Fragen, trat er von neuem zu den Taſſen, um durch die Sorge vor einer abermaligen Ungeſchicktheit die verſteckte Lauſcherin hervorzunöthigen. Er hatte ſich in der Wahl des Mittels nicht ge⸗ irrt, denn kaum griff er nach einem ausgeſchweiften Milchkännchen, als die ſehr lebhaften Worte:„Siehſt Du nicht, daß ich die abgebrochenen Henkel eben erſt gekittet habe? Mußt Du Alles angreifen? Haſt Du noch nicht genug Unheil angerichtet?“ ihn erreichten. Das klang doch deutlich vom Fenſter her, und die Flügel ſind weit geöffnet und die Schwalben fliegen ſo ſchen um ihre Neſter. Ein ängſtlicher Gedanke faßt ihn, aber ehe er von ihm in ſeiner ganzen Tiefe ermeſſen wird, tritt eine Geſtalt von außen auf die niedere Brü⸗ ſtung, und lachend über die gelungene Ueberraſchung ſpringt Irene in die Stube. „Du haſt alſo Luſt den Hals zu brechen,“ ſagte er mit der ſtrengſten Betonung, die er ſeiner hübſchen Couſine gegenüber finden konnte. * 112 „Den Hals brechen, wie ſo?“ fragte ſie ver⸗ wundert. „Nun, da Du auf dem Sims, drei Stockwerke hoch überm Steinpflaſter zu ſpazieren beliebſt, bin ich wohl zu der Frage berechtigt.“ Sie lachte laut auf. „Ein Sims! Du nennſt alſo einen anderthalb Ellen breiten Mauervorſprung einen Sims? Gut! Auf Uebertreibungen ſoll es mir auch nicht ankommen; ich nenne ihn meinen Söller, meinen Balkon und Nie⸗ mand wird etwas Gefährliches dabei finden.“ „Ein Fehltritt, ein Schwindel, und Du biſt verlo⸗ ren,“ ſagte Paul, und muſterte ſo theilnehmend ihre ſchlanke Figur, als ob er ſie ſchon zerſchmettert und mißgeſtaltet am Boden ſähe. „Ich aber trete nicht fehl, wie Du weißt,“ entgeg⸗ nete ſie,„und kenne den Schwindel nicht; ſelbſt vorbie⸗ gen kann ich mich, die Tiefe prüfen mit dem Blick, und berechnen, wie vielmal länger als ich die Linie bis hinab wohl ſein mag. Ich weiß ja, daß ich feſt auf meinen eigenen Füßen ſtehe, die keinen Schritt, keinen Zuck ohne meinen Willen thun dürfen. Wie ſollte mich da eine kindiſche Angſt überkommen?“ Paul kräuſelte ſich den hellbraunen Bart, um das zufriedene Lächeln zu verbergen. — * d b n ck 18 113 „Verſprich mir, es nie mehr zu thun,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe, gleichwohl dringend. „Du biſt ein Kind, Paul,“ ſagte Irene mit einer Würde, die ihm ganz allerliebſt vorkam. „Verſprich mir's,“ drohte er dennoch,„ich ſage es ſonſt dem Papa.“ „Dem will ich's felbſt ſagen!“ antwortete ſie lebhaft. „Damit er,“ fiel Paul ein,„einen ſchlagenden Be⸗ veis von Deiner Unbeſonnenheit bekommt, und in Zu⸗ kunft vor Angſt vergeht, wenn Du einmal länger als gewöhnlich Deine Streifzüge ausdehnſt.“ „Laß uns Frieden ſchließen,“ lenkte Zrene ein, „ich verzichte auf meinen Balkon,— zugleich aber auch auf weitere Ermahnungen,“ fügte ſie lachend hinzu. Er bot ihr, befriedigt, wie es ſchien, die Hand, ſie legte ihre ſchlanken, bräunlichen Finger in dieſelbe, und die Eintracht war hergeſtellt. F In dem Augenblicke kam mit ſchwerfälligen Sätzen Chaſſeur, einen Knochen zwiſchen den Zähnen, herein, legte ſeine Vorderfüße Jrenen auf die Schulter und ließ ſich gravitätiſch von ihr liebkoſen und auf die glänzende braune Stirne Küſſen. Paul lachte darüber; der Knochen jedoch ſollte ihn Kinder der Zeit. I. 8 114 daran erinnern, daß auch ſein Magen ſtürmiſch ſeine Rechte verlange. „Irene,“ ſagte er deshalb lebhaft,„haſt Du auch bedacht, daß Dein Vater hungrig von der anſtrengenden Fußtour ſein muß? Er wird ſich nur umkleiden und dann zum Abendbrot heraufkommen, deshalb ſprich mit Martha, mein Kind.“ „Erſt muß ich ihm guten Tag ſagen,“ erinnerte ſich faſt beſchämt Jrene, und war mit leichten Schritten hinaus. Sei es nun, daß Paul ihrem Wirthſchaftstalente nicht unbedingt traute, oder glaubte er, daß die Bewill⸗ tommnung mehr Zeit, als ihm wünſchenswerth dünkte, in Anſpruch nehmen würde, genug, auch er fand ſich be⸗ wogen das Zimmer zu verlaſſen und den Weg nach der Küche einzuſchlagen, während Irene mit Joachim heitere Worte und Scherze wechſelte. Nachdem ſie jedoch mit der feſten Abſicht, Paul's Rath zu folgen, ihren Vater wieder verlaſſen hatte, mußte unglücklicherweiſe das Gepäck ihre Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen. Das ſorgfältig verwahrte Packet mit den Petrefacten er⸗ regte ihre ganz beſondere Nengier, ſie öffnete es, und heraus raſſelte der harte Inhalt. Von dem Angenblicke an waren ihre Gedanken vom Abendbrot, Martha, Paul und Joachim vollſtändig ab⸗ 115 gezogen; ſie ſetzte ſich auf die hohe Schwelle der Thüre und muſterte ſorgfältig die Abdrücke, von denen ihr im⸗ mer einer intereſſanter ſchien als der andere. Ihre thä⸗ tige Phantaſie verſetzte ſie fogleich zurück in die Zeiten, wo dieſe Formen entſtanden; ſie befand ſich in einer trüben und unheimlichen Atmoſphäre, aus den Wäldern von Schachthalmen brachen wunderbar geſtaltete Rep⸗ tilien, hohe Baumſäulen flochten ihre lockern Wipfel, die noch keine Blüte zu treiben vermochten, ineinander. Aber unter den rieſigen Stämmen, unter dem wuchern⸗ den Binſendickicht erbebte der ſumpfige, dunſtaushau⸗ chende Boden, die Urwaſſer rauſchten, unzählige Vulkane entfaltetem ſprühend und rauchend ihre Flammenpaniere, in convulſiviſchem Ringen begegneten ſich die Kräfte der Natur, bis die Titanenfauſt des Dampfes die Urgebirge auf die erſchaffenen Gebilde ſchmetterte, und ſie in dieſen Sarkophag für immer begrub. Sie hätte wohl noch Stunden lang ſo geträumt, wenn nicht klappernde Pantoffeln und bekannte Stimmen ſie in die Gegenwart zurückgerufen hätten. Sich ihres Vorhabens nun plötzlich erinnernd, ſam⸗ melte ſie eilfertig die Schätze in den Rock ihres weißen Kleides und machte Miene, den Kommenden entgegen zu gehen. Martha, beladen mit Service und Gedecken, kam 116 voran, hinter ihr ging Paul, eine Schüſſel Salat in der einen Hand, während die andere einen großen Laib Brot und eine beſtaubte Flaſche zugleich an ſich drückte⸗ Chaſſeur beſchloß mit witternder Naſe den Zug, und die Mimik ſeines emporgehobenen Kopfes läßt auf größere Erwartungen ſeinerſeits ſchließen, als der Lat⸗ tichſalat rechtfertigen konnte. Irene ſchien durchaus nicht beſchämt über die Uebergriffe zu ſein, die Paul in ihr Gebiet gemacht hatte, ſie fragte nur freundlich die alte Köchin: „Nun, Martha, was gibt es heute zu eſſen „Salat und Brot,“ ſagte Paul lachend, als Irene nengierig ſeine Laſt muſterte. Das verwitterte, grämliche Geſicht Martha's wurde noch faltenreicher, und die ſcharfen, hellen Augen funkelten wie Erzſtufen unter grauem Steingeröll. „Setzen Sie ſich nicht auf die kalten Stufen, Fräulein, und thun Sie die ſchmutzigen Steine aus dem Kleide, es wird ja ganz ſtaubig und zerdrückt.“ „So ziehe ich ein dunkles, altes an,“ ſagte Irene ſorglos. „Warum nicht gar,“ erwiderte Martha noch übel⸗ launiger,„daß Sie vollends in dem verküm⸗ mern; es iſt ſo Sünd' und Schade, ſolch ein junges Blut von der Welt abzuſperren.“ N. * „Die Welt iſt überall,“ entſchied Irene, mit den zugeſpitzten Fingern ein Blatt Salat erfaſſend und in . den Mund ſteckend. „Pfui, Fräulein, wer ißt mit den Fingern?“ ſagte die Alte entrüſtet, indeß Panl herzlich lachte und bei ſich überlegte, ob er nicht Zrene bitten dürfe, ihn auf dieſelbe Weiſe freundlich zu ſpeiſen. „Aber, gute Martha,“ begann dieſe wieder,„haſt Du denn weiter nichts, keine Paſtete, keinen Pudding, um unſerer Abendtafel einiges Anſehen zu verleihen?“ „Paſtete! Pudding!“ wiederholte Martha gering⸗ ſchätzig,„als ob dergleichen ſich in einer halben Stunde bereiten ließe! Da ſieht man, was ſo ein Dämchen vom Haushalte verſteht; daß Gott erbarm', was wollen Sie 1 einmal für eine Frau werden?“ „Gar keine, daß Gott erbarm'!“ antwortete Irene lachend. n„Forellen ſieden im Keſſel und Beafſteak röſtet auf dem Feuer,“ bemerkte Paul;—„Du brauchſt nicht e zu fürchten, Irene, daß Deine Küche mit Schande be⸗ ſteht.“ Mit dieſen bernhigenden Worten folgte er ihr in ⸗ das Zimmer, in welchem kurz darauf auch Joachim t⸗ erſchien, um der Abendmahlzeit beizuwohnen. 8 Der Pröfeſſor hatte Reginen's Verlobung als Thatſache, an der ſich durch kein„wenn“ oder„aber“ 118 rütteln laſſe, mitgetheilt, die zahlreichen Fragen Ire⸗ nen's jedoch kurz, wenn auch freundlich abgeſchnitten. Paul kannte Reginen kaum und konnte deshalb kein leb⸗ hafteres Intereſſe an ihr nehmen, Irene kannte Adrian nicht und wurde deshalb von theilnehmender Neugier nur um ſo mehr geſtachelt. Sie nahm ſich vor, den Papa noch einmal ganz ausführlich in's Gebet zu neh⸗ men, um wenigſtens zu erforſchen, wie alt ihr künfti⸗ ger Schwager ſei und ob ſich aus ſeiner Phyſiognomie ein gegründeter Schluß auf ſeinen Charakter ziehen laſſe. Nach beendigtem Abendbrot verließen Alle das Zimmer. Die jungen Leute wollten im Park die Friſche des Abends genießen, Ioachim hingegen eilte ſeinem Obſervatorinm zu, um aſtronomiſche Beobachtungen anzuſtellen, und verlangte deshalb von Irene den Schlüſſel zu ſeinem Zimmer, „Hier, Papa,“ antwortete dieſe.„Mit Mühe habe ch ihn Martha entriſſen, die in Deiner Abweſenheit ſcheuern, kehren, fegen und aufräumen wollte.“ „Ich hielt aber meine Hand darüber und Dein Heiligthum mit allen ſeinen Papierſchnitzeln, weichen Staubüberzügen und zerſeſſenen Meubles iſt gerettet. Nur die Gläſer habe ich ſelbſt abgewiſcht und die Fen⸗ „ ℳ 119 ſter geöffnet, damit Du hell ſehen und friſch athmen kannſt.“ „Mein kluges Mädchen,“ ſagte Joachim befriedigt; —„wüßten die Frauen nur, wie angenehm ſie ſich durch ſolche Fügſamkeit in die Bedürfniſſe der Männer ma⸗ chen, ſie würden gern die unruhige Thätigkeit einſtellen, die unter dem Vorwand der Reinlichkeitsbeſtrebungen den Mann durch unkluges Zerreißen ſeiner Gewohn⸗ heiten, ja ſeiner Studien, beläſtigt.“. „Nun,“ lachte Paul,„ich würde es ſehr übel nehmen, wenn meine künftige Frau aus Rückſicht auf meine Gewohnheiten die Aſche meiner Cigarren und den Staub meiner Sohlen im Zimmer erhalten wollte, wenn ſie aus Pietät den Hut, den ich in der Zerſtreutheit viel⸗ leicht auf eine Flaſche geſetzt hätte, nicht in's Futteral zu ſtecken ſich getrante, oder meine Bibliothek ſo wenig zu berühren wagte, daß mir Staubwolken in's Geſicht ſtiegen, falls ich genöthigt wäre in einem Buche zu blättern.“ „Das mag für Dich gelten,“ berichtigte Jvachim, „der Du als praktiſcher Arzt weniger den Stoffzu neuem Wiſſen aus den ſtreng eingehaltenen Gedankenverbin⸗ dungen, als aus der aneinandergereihten Erfahrung ſammeln mußt, und den, in Folge deſſen, wechſelnde äußere Eindrücke nicht ſtören können. Dir ziemt der 120 ſcharfe, ſogleich erkennende Blick, der die Wirkung von der Urſache abzuleiten weiß, das ſchnelle Finden, das ſchnelle Eingreifen iſt Dein Beruf. Der meinige iſt das langſame, wägende Prüfen, der bedächtige, immer auf die einmal als wahr erkanuten Sätze geſtützte Gedan⸗ kenſchritt. Und der iſt abhängig von der gleichmäßigen Stimmung des Geiſtes, diefe aber von der gewohnten Umgebung,— darum bleibe die letztere immer diefelbe.“ Sie traten auf den Corridor hinaus, als der Kammerdiener des Prinzen Friedrich Joachim zu dieſem beſchied. Wir werden zuſammen unſere Beobachtungen machen, tröſtete er ſich, gar nicht ahnend, daß die Neugierde, etwas aus der Reſidenz zu erfahren, den Prinzen hanptſächlich trieb ſeine Geſellſchaft zu begeh⸗ ren; denn wenn auch im Exil, hatte das Intereſſe an dem Lande und dem fürſtlichen Hauſe doch nicht abge⸗ nommen, und der Prinz ſchmeichelte ſich noch immer mit der Ueberzeugung, daß ſeine Gegenwart ebenſo ſchmerzlich in B. vermißt werde, wie er ſelbſt im Stil— len ſich dahin ſehnte. Paul und Irene hatten indeſſen den Park erreicht, den der Großvater des Prinzen Friedrich, unbeſorgt über den Contraſt, den derſelbe zu dem mittelalterli⸗ chen Banſtyl des Schloſſes bilden mußte, im Rococb⸗ 6 . 5 geſchmack des achtzehuten Jahrhunderts hatte einrichten laſſen. Aus den tief ſchwarzen Schatten, den die Mauern warfen, traten ſie in freie, ebenmäßig im Schritt gehaltene Gänge, die durch volles Mondlicht er⸗ hellt waren. Es war ſchon ziemlich ſpät, aber die Schlummerſtille der Nacht erweckte nur um ſo lebhafter den Gedanken an die bevorſtehende Treunung in Irene. Ohne ſich ängſtlichen Vorausſetzungen, oder ſenti⸗ mentalen Ahnungen zu überlaſſen, fühlte ſie doch recht lebhaft, was für einer ernſten Zeit Paul entgegengehe, und wie er mit jedem Schritt ſein Leben einſetze, um die vergifteten Quellen abzudämmen, die in zahlloſen Verbindungen mit Laſter und Elend die Erde über⸗ ſchwemmen. Sie beſprachen ihre Correſpondenz, be⸗ rechneten den Paul verurſachten Aufwand, und ſetzten die Beſtimmungen über ſein zurückgelaſſenes Eigenthum feſt; Irene verſprach, ſeine Forderungen einzutreiben und ſeine ausſtehenden kleinen Schulden zu tilgen. Nach und nach ſchien Panl dieſes ernſten Geſprä⸗ ches überdrüſſig zu werden, denn er antwortete mit leichten Neckereien auf Jrenen's ökonomiſche Fragen, und wohl wiſſend, wie leicht ſie zu erregen ſei, freute er ſich über ihre aufſprudelnde Heftigkeit. Doch auch die ing war bald abgenutzt, und ſeine Lippen über⸗ ich uur noch dem Geſchäfte, Dampfwölkchen aus 122 der glimmenden Cigarre zu ziehen. Er empfand den Einfluß der Stunde, in welcher alle Naturmächte au das verwandte Menſchenherz klopfen und Einlaß begeh⸗ ren für ihre Rechte. Er dachte nicht an die Zukunft, nicht an die Vergangenheit, nur der Augenblick feſſelte ihn, der ihn den magnetiſchen Zauber eines jungen, ſchönen Weſens in ſeiner Nähe empfinden ließ. Viel⸗ leicht ſchien ſie ihm ermüdet, vielleicht der Weg unſicher; genug, er bot ihr den Arm, wie er allerdings ſchon oft, aber unter der Herrſchaft anderer Gefühle gethan, und band ihren Schritt an den Rhythmus des ſeinen. Es war ihm, als gleiche ſie in ihrem weißen Kleide den plaſtiſchen Geſtalten der in den Bosquets vertheilten Statuen, die ihre Steinſtirnen im bläulichen Lichte badeten; aber nicht kalt, wie jene, ſondern warm trotz der gemäßigten Temperatur der Nacht und der einfachen Bekleidung fühlte er ihren Arm in dem ſeinen ruhen und ihren Athem an ſein Geſicht ſtreifen. „Sehe ich ſie denn nur heute zum erſten Mal, oder iſt ſie über Nacht eine andere geworden?“ fragte er ſich heimlich und betrachtete ſie ſo aufmerkſam und unverdroſſen, wie der Gärtner eine Blume, derer ſich überraſchend entfaltet hat. Sie aber, ſtatt den Blick zu ſenken, gehofft hatte, ſah ihn mit den offenen, gr genen Kinderaugen erſt fragend, dann ſtaunend, und zuletzt ſo ſchelmiſch wie ein kleines, muthwilliges Mäd⸗ chen an, das keinen andern Gedanken hat, als ſeinem Kameraden einen Streich zu ſpielen. Das herzliche Gelächter, in welches ſie ausbrach, ärgerte Paul ein wenig. Was ſiehſt Du mich ſo komiſch an?“ fragte ſie unbefungen,„willſt Du die Rolle eines indiſchen Büßers ſpielen, der ſo lange in die Sonne ſtarrt, bis er blind wird?“ „Sonne?“ fragte Paul achſelzuckend;„Du wählſt beſcheidene Vergleiche.“ „Warum nicht? Spielt man einmal mit Verglei⸗ ſo ſoll man ſich nicht beſchränken. Geh, Paul, Du haſt Vorurtheile; wäre es etwas anderes geweſen, wenn ich ſtatt Soune Diſtel geſagt hätte?“ „Ge viß,“ antwortete Paul,„denn die Sonne iſt der Quell des Lebens und Lichtes, und die Diſtel iſt ein Unkraut.“ Irene lächelte fein.„Was nennſt Du Unkraut?“ ſie in allerliebſt— weiſendem Tone;„hat die Diſtel nicht ſo gut ihren Zweck wie die Sonne? Drückt ſie nicht eine Abſicht der Natur aus ſo gut wie die Sonne, und muß ſie deshalb am rechten Ort nicht auch das rechte Kraut ſein?“ 124 „Die Natur hat auch ihre kleinen und großen Gedanken, ihre kleinen und großen Abſichten,“ lächelte Paul, und weiß entſprechendes Material und ent⸗ ſprechende Formen dafür zu ſoll man nicht be⸗ rechtigt ſein, ihre großen Schöpfungen d den kleinen vor⸗ zezeien L „Was nennſt Du klein?“ fragte Irene wieder lieblich neckend;„was nicht viel Raum auf der Erde einnimmt, was nicht allein die Linſe unſeres Auges ausfüllt? Dann iſt ein Stern ſehr klein und ein Samen⸗ korn noch kleiner, und erſt mäßig groß das Herz.“ „Was das Herz betrifft,“ ſagte Paul, die Wen⸗ dung geſchickt benutzend,„ſo kannſt Du darhper nicht“ urtheilen, denn Du haſt noch keines geſehen.“„ „Daran biſt Du ſchuld,“ ſchmollte Irene,„war⸗ um haſt Du mir noch keines gezeigt?“ „Oder Du,“ lachte Paul,„da Du nicht neugierig darnach warſt, zu ſeinen Fenſtern hinein zu ſehen.“ „Ach, die Menſchen haben keine Spiezelſchitn auf der Bruſt,“ entgegnete ſie nachläſſig. „Aber im Auge, eine Etage höher,“ belehrte Paul. Irene blieb ſtehen.„Auch gut. Ich will raſch hin⸗ einſehen, illuminire Dich.“ Sie nahm ihm das Feuerzeng ab und ſtrich im Eifer mit einem halben Dutzend Zündhölzchen an der Rinde der Kiefer herab, neben der ſie Sie fingen ſogleich Feuer, einen leuchtenden Streif an dem ˙ Baumſtamme zurücklaſſend. Von demſelben brach Irene einen harzigen, dürren Span und ließ ihn augenblick⸗ lich aufflackern. Sie erhob ihre Fackel ſodann bis zu Paul's Geſicht, das beteglich und lebendig auf dem Grunde der Baumblätter auftauchte. Er hatte ſich, die Hände auf dem Rücken, an die Kiefer gelehnt und ſah mit ſcheinbarer Ruhe Zrenen an, die ſich vorbog, um in ſeine halbgeblendeten Augen zu ſehen. „Da guck ich r'aus!“ jubelte ſie plötzlich hell auf, en Vutinbel nach Zwei kleine Mädchen⸗ e hatten ſie aus Paul's großen Augenſternen an⸗ helacht Einem augenblicklichen Impuls mit Lebhaftigkeit folgend, ſchlenderte ſie den brennenden weit 8 von ſich, daß er ſcharfe Lichter auf den koloſſalen Reiter warf, unter dem das Steinroß ſich ſchenend bäumte. „Meinſt Du?“ fragte Paul kurz, und ſeine ſ Cigarte funkelte ſc arf gezogen, wie ein aufglimmender Stern. „Ja, wahrhaftig, zwei kleine Irenen ſahen heraus und ſchienen zu ſagen: hier iſt gut ſein.“ „Meinſt Du?“ fragte Panl mit noch lebhafterer — 4 Betonung, denn Irenen's abſichtsloſes Geplauder fing an ihn ſonderbar zu beklemmen. „Aber das war eine alte bekannte Geſchichte,“ fuhr ſie fort. „Welche?“ ſagte er zweifelnd. „Die von Deinem guten Herzen,“ erklärte ſie mit Wärme. „Thuſt Du nicht, als ob Du es durch und durch kennteſt!“ ſagte er lichelnd. „Freilich,“ entgegnete ſie herzlich,„da ich ihm in Deinen warmen Worten ſo oft begegne, es in allen Deinen Handlungen ſo erkennbar wiederfinde.“ Er ſchwieg überlegend. Sie war im Ganzen ſpar⸗ ſam mit ihrer Anerkennung; war es die Rührung des Abſchiedes, was ſie heute vertraulicher machte, oder ſtimmte die Poeſie des Abends ſie weich und empfänglich? „Woran denkſt Du?“ fragte ſie, von ſelbſt ihre Hand in ſeinen Arm legend und weiter ſchreitend mit der Zudringlichkeit eines verwöhnten Kindes. „An Paris,“ ante tete er eben ſo kurz als un⸗ wahr. 6 „An Paris mit ſeinen überwürzten Genüſſen, ſei⸗ nen ſchillernden Verbrechen, ſeinem vielſtrahligen Gei⸗ ſteslicht, ſeiner bequemen Moral, ſeinen geſchüffenen 127 Laſtern, ſeinem undenkbaren Elend, ſeinen verwegenen Männern und ſchönen Frauen?“ ſagte ſie nachdenklich. „Die Frauen ſind alle gelb,“ fiel Paul ein. „Wie ich?“ lachte Irene. „Nicht wie Du,“ verſicherte Paul lebhaft;„es iſt ein Unterſchied. Du ſiehſt aus, als ob Dein Blut Gold⸗ ſand abſetzte, jene als ob es Lehm mit ſich führe; die brännliche Farbe Deiner Haut läßt auf ein lebhaftes, warmes Temperament ſchließen, das trübe Colorit jener auf gallige Miſchung und krankhafte Leidenſchaften. Deshalb macht Dich die dunkle Incarnation ſchön, jene häßlich.“ 1 „Und wenn Dir ſo eine dunkel incarnirte Pariſerin denn doch gefährlich würde, wenn ſie, zum Beiſpiel, hübſch, geiſtvoll, jung und keich wäre?“ fragte Irene. Paul zuckte die Achſeln, wie er ſo gern that. „Reich?“ wiederholte er.„Nein, Irene, der Frau, der ich meinen Namen gebe, der will ich auch die äußern Annehmlichkeiten des Lebens geben.“ „Die Abhängigkeit wird aber Deine einſtige Frau demüthigen,“ ſagte Irene lebhaft. „Nicht, wenn ſie mich lieb hat, denn dann hat ſie keinen andern Stolz als den meinen, kennt keine andere Demüthigung als die, welche mir widerfährt,“ ent⸗ gegnete Paul. 128 Irene verſank in tiefe Gedanken. Das Geſpräch hatte ſie auf den Punkt zurückgeführt, der ſie ſchon izhren des Abendeſſeus beſchäftigt hatte, und ſie ent⸗ ſchloß ſich, Paul's Welterfahrnng zu Rathe zu ziehen. Sie hatte ſich auf die halb verfallenen Stufen einer Grotte geſetzt, und ihre Finger banden mechaniſch lange Grashalme zu Kettengliedern zuſammen. Ftienſic Du nicht?“ fragte Paul, der neben ihr lehnte und als Arzt mechaniſch die Frage that, obgleich er wußte, daß Irene an jeden Witterungswechſel ge⸗ wöhnt und unempfindlich dagegen war. „Gar nicht; fühle nur,“ ſagte ſie naiv, indem ſie ihre heiße n ſeine Hand legte. Er trat raſch einen Schritt zurück und warf ſeine Cigarre in's Weite. „Wetter,“ brummte er durch die Zähne,„das Mädchen iſt heute ganz beſonders elektriſch!“ „Nun?“ fragte Irene verwundert,„was ſagſt „Ich ſagte, daß der Fuß da ganz falſch gemacht iſt,“ log Pauk, auf die Statue einer Nymphe zeigend, „ſo ſieht nur ein verrenkter Knöchel aus.“ „Kümmere Dich nicht weiter dwrum,“ entſchied ſie; „kommen wir lieber auf unſer voriges Geſpräch zurück, wir waren noch 66 ganz fertig.“ §8 . 129 „Auf Paris?“ fragte Paul zerſtreut. „Nein, nachher,“ entgegnete ſie. „Nun, was war denn das?“ fragte Paul. „Das war: von der Liebe.“ Paul ſah ſie ſcharf und überraſcht an; ſie zuckte nicht mit den Wimpern, halb andächtig und halb neu⸗ gierig hatte ihr ſprechendes Auge den Ausdruck des Kindes, das einem geheimnißvollen Märchen nachſinnt. „Regine brachte mich darauf,“ ſagte ſie treuherzig, wie um Entſchuldigung bitend⸗„von Haus aus weiß ich's nicht. Ihr ſprecht ja nie davon, warum nicht? Hat die Liebe keine Geſchichte, keine Philoſophie, keinen Cultus?“ „Alles das hat ſie,“ belehrte Paul,„aber man ſtreitet nicht erter“ Er lächelte und bemühte ſich die poeſieloſen Anſchauungen zu verſcheuchen, denen die Aerzte durch ihren Beruf leichter als Andere verfallen. „Wenn man nicht ſtreitet,“ warf Irene ein,„ſo muß es eine fefiſtehende Gewißheit geben über das Weſen derſelben; willſt Du mir die mittheilen?“ „Recht gern,“ ſagte Paul, den dus Geſpräch amuſirte. „Alſo: Liebe iſt die Wirkung eines elektro⸗magne⸗ tiſchen Proceſſes, der durch Attraction das ii Kinder der Zeit. I. 0 verbindet und die Gliederung des Univerſums bedingt und herſtellt.“ Sie ſchien nicht ſehr befriedigt zu ſein, da ſie ein⸗ warf:„Das heißt, der Menſch muß lieben kraft ſeiner Organiſation?“ „Kraft der Naturgeſetze,“ beſtätigte Paul. „Ueber die man ſich nicht erheben darf?“ fragte ſie. „Wenn man nicht der Unnatur und der Selbſt⸗ ſucht verfallen will,“ war Paul's Antwort. „Nun,“ ſagte Irene, von der geraden Straße der Unterhaltung ſeitwärts ſchweifend,„ich glaube, daß ich nie lieben werde.“— „Richtig,“ ſagte Paul ſo gelaſſen, als ob es ſich um ein Rechenexempel handle. „Ich habe kein Herz,“ bekannte ſie ernſthaft. „Nur ein abnormes,“ belehrte Paul;„Du könn⸗ teſt mir ein Freude mit dem Verſprechen ſeines Ver⸗ mächtniſſes machen; ich würde das kleine, mißgeborne Ding präpariren, in Spiritus ſetzen und—“ „Wie,“ unterbrach ihn Irene, durch ſeinen Humor gereizt,„Du hoffſt mich zu überleben, mich, die ich zehn Jahre jünger bin als Du?“ Sie brach eine Glockenblume ab und warf ſie nach ſeinem Geſicht; er fing ſie auf, ergriff eine Hand voll Zweige und ſchlenderte dieſe als Entgegnung zurück. — Sie ſprang auf und floh nach dem Schloſſe zu, er ver⸗ folgte ſie lebhaft; wenn er ſie aber erreicht zu haben glaubte, bog ſie behend um ein Bosquet oder verſchwand in einem krummen Laubgange. Der Wunſch, ſie zu erfaſſen, wurde nach und nach ſo heftig in ihm, daß er den kindiſchen Scherz, der ihre Flucht und ſeine Verfolgung herbeigeführt hatte, ver⸗ gaß. Aber Alles, was ihm mit ihr im Bunde dünkte, legte ſich ihm als Hemmniß entgegen. Der Raſen, der unter ihrem flüchtigen Fuße elaſtiſch ſchien, nahm ſeinen Bewegungen die Schwungkraft, die wilden Ranken, welche ſich vor ihr theilten, legten ſich wie hemmende Arme um ſeine Schultern, die Glühkäfer, welche die Luft durchkreuzten und wie trunken in ihr ſchönes Haar fielen, blendeten ſein Auge. Endlich aber hatte er ſie doch erreicht und ihre Hände ergriffen. Sein Herz klopfte lebhaft, einen Augenblick ſchien es ihm unmöglich, ſeinen momentanen Empfindungen nicht in entſprechenden Wor⸗ ten Luft zu machen; aber bald gewann er ſeine Beſon⸗ nenheit wieder. Denn was die durch den Einfluß der Umgebung und die Poeſie des Abends hervorgerufene Aufregung ihm über di Lippen trieb, konnte das der Ausdruck eines wahren tiefen Gefühls ſein, eines Ge⸗ fühls, dem er ſich hingeben durfte, ohne ſichere Bürg⸗ ſchaften für die Dauer desſelben zu haben? Durfte er 132 den Schlaf eines Kindes ſtören, um des ſelbſtſüchtigen Zweckes willen? ſich an den groß aufgeſchlagenen Augen, an den halb wachen, halb träumenden Worten zu er⸗ götzen? 8 Ohne durch eine Andeutung Jrenen's Unbefangen⸗ heit zu trüben, ſchritt er mit ihr dem Schloſſe zu, aus deſſen winkeligem Bau die unregelmäßig vertheilten Fenſter wie Koboldsaugen in die Nacht lugten. Er pfiff Chaſſeur, der eigenmächtig eine Mauſejagd abgehalten hatte, und machte dann Miene den Weg nach Ivachim's Zimmer einzuſchlagen. „Nun, Jrene, was ſoll ich Dir mitbringen?“ fragte er, vor ihrer Thür noch einen Augenblick zögernd. Er hatte im Stillen auf die ſchmeichelhafte Ant⸗ wort:„Dich ſelbſt“ gehofft, bekam aber ſtatt deren eine ſolche Menge kleiner Aufträge, daß er ſie zu notiren beſchloß, um ihrer Vollziehung ſicher zu ſein. Alles ſollſt Du haben,“ verſprach er munter, „unter der Bedingung, daß Du manchmal an mich den⸗ ken willſt während der langen Winterabende.“ „Immer!“ rief ſie herzlich, ihre beiden Arme un ſeinen Hals ſchlingend,„und wenn Du wieder kommſt, will ich Dich tauſendmal willkommen heißen.“ „Und wenn ich wieder komme,“ wiederholte Paul 133 mit eigenthümlicher Betonung,„werde ich kein Erbarmen mehr mit Deinem Kindskopfe haben.“ Er lächelte, indem er ihr einen ruhigen Abſchieds⸗ kuß auf die rothen Lippen drückte, die ſie ihm harmlos bot, dann ging er nach dem Obſervatorium, in welchem Joachim nach den Trabanten des Jupiters ſpähte. Als aber Paul am andern Morgen nach einem befriedigenden Frühbeſuch bei dem Köhler im ſcharfen Trabe am Fuße der Geiſenburg vorbeiritt, hinter deren Mauern Irene den leichteſten, friedlichſten Schlaf ge⸗ noß, ſagte er zu ſich halb zufrieden, halb erſchrocken: „Alle Wetter! was für ein Glück, daß ich geſtern meine Troubadourſtimmung nicht an den Tag legte, denn, ſo prächtig Irene auch iſt, Heiraten unter nahen Ver⸗ wandten taugen nun einmal nichts!“ Mit dieſer Selbſtbeglückwünſchung ſteckte er ſich eine friſche Cigarre an, und ſeine Phantaſie beſchäftigte ſich bald mit Bildern, in denen weder Irenen's Stroh⸗ hut, noch ihre Pantoffeln, wohl aber krumme Meſſer, feine Feilen und blinkende Stahlinſtrumente eine große Rolle, und zwar in ſeinen eigenen geſchickten en ſpielten. 7. In dem dunkel getäfelten Studirzimmer Joachim's trafen ſich Vater und Tochter am andern Morgen. Da die Sonne die nach Süden ſich öffnenden Fenſter noch nicht ganz erreicht hatte, ſo warfen nur einige verlorne Seitenſtrahlen ihre Streiflichter auf die ſeltſamen Ge⸗ räthe und Zierrathen, die den Raum füllten. Metall⸗ platten von ſonderbarer Form, auf geheimnißvolle Weiſe linirt, punktirt und gezeichnet, machten die ein⸗ fache Kenntniß der Zahlenregiſter und des Alphabets zu Schanden, und harmonirten mit den Cylindern und Weltkugeln, die nebeneinander lagen. Hinter breiten Glastafeln glänzten die Schätze einer auserleſenen Steinſammlung, während bunte Muſcheln von den mannigfaltigſten Formen, pyramidal geordnet, die Ecken des Zimmers füllten. Den Seitenraum nahmen — — 135 ausgeſtopfte Vögel ein, deren Gefieder, vereint mit dem Inhalte großer Herbarien, einen ſcharfen Geruch aus⸗ ſtrömte. Die wenigen Möbel, die das Zimmer enthielt, waren bedeckt mit Katzenfellen, Baſtfaſern, Schlangen⸗ häuten und geſpießten Inſecten; auf der durch die ganze Stube laufenden Holzrampe ſtanden zahlloſe kleine Phiolen, deren theils bunter, theils farbloſer Inhalt auf verſchiedene chemiſche Subſtanzen ſchließen ließ. Ihrem Bedürfniß nach friſcher Luft nachgebend, hatte Irene die Flügel eines Fenſters geöffnet und auf der Brüſtung desſelben Platz genommen. Die Milch zum Frühſtück ſtand noch unberührt in ihrer Nähe, und ſie beſchäftigte ſich, aus der bunt gemalten Porzellan⸗ ſchale Erdbeeren in ihre Taſſe zu ſtreuen. „Ich habe mit Dir zu ſprechen, mein Kind,“ ſagte Joachim freundlich,„bleibe deshalb noch einen Augen⸗ blick bei mir, wenn Dein Frühſtück beendet ſein wird.“ Sie ſtand bereitwillig auf und ſetzte ſich ihm ge⸗ genüber. Als ſein Blick auf ihr friſches, junges Antlitz fiel, erfaßte ihn eine herzliche Rührung, die ſich in den halb beſorgten, halb ahnungsvollen Worten Luft machte: „Meine arme Irene, was wird die Zukunft für Dich aufbewahren?“ 136 „Glück!“ ſagte dieſe mit vertrauensvoller Zuver⸗ ſicht,„ich warte auf Glück.“ „Das Glück denkſt Du Dir, wie— ungefähr?“ fragte Joachim erheitert. „Noch habe ich keine Form dafür gefunden,“ ſagte Irene ernſt.„Die Begriffe: Zufriedenheit, Genuß, Freude, ſcheinen mir nur einzelne Glieder des Ganzen, nicht die Seele davon.“ „Wenn Du das Glück außerhalb Deiner ſelbſt ſuchſt, wird Dein Leben nur ein fruchtloſes Irregehen ſein,“ warnte Joachim ſanft. „Noch iſt es außerhalb meiner ſelbſt, aber einſt wird es in mir ſein,“ antwortete Irene zuverſichtlich. „Was nicht in dem Menſchen iſt, kommt auch nicht für die Dauer von außen in ihn hinein,“ entgegnete Joachim;„das fremde Gut, das Du begehrſt, wird ſich Dir ſchmerzlich entziehen.“ „Schmerz?“ wiederholte Irene, und in ihren gro—⸗ ßen Augen wechſelte der Ausdruck des Unglaubens mit dem der Schüchternheit,„wer ſollte wohl den traurigen Muth haben, den Schmerz in mein Leben zu führen?“ „Vielleicht gerade die, denen Du Macht gegeben haſt, Dich durch Wort oder That zu erfreuen,“ ſagte Ivachim. „Geſchähe mir damit mein Recht,“ entgegnete 137 Irene zögernd,„ſo würde ich lachend ſagen: Es thut nicht wehe; widerführe mir ein Unrecht, ſo würdeſt Du und Paul es gut machen.“ „Aber werde ich das immer können?“ fragte Joa⸗ chim leiſe erinnernd;„es wird eine Zeit kommen, wo ich nicht mehr da ſein werde—“ „Wo wollteſt Du denn hingehen, Vater?“ rief Irene mit ungeſtümem Vorwurf,„um nicht mehr da zu ſein?“ Sie hielt inne und ſah ihn ernſt und träumend an.„Du wirſt ſterben, vor mir vielleicht, und meine Augen werden Dich nicht mehr ſehen, aber bei mir blei⸗ ben wirſt Du bis an das Ende aller Tage. Sieh' doch das Korn, das der ſchweren Aehre entgleitet, die andern Kinder des Halmes ſehen's nicht mehr und mögen wohl betrauern, aber es ging an einen guten Ort, und iſt immer noch da. In dem Schmetterling, der ſich aus der Puppe entfaltete, ſehen nur Unwiſſende ein neues Ge⸗ ſchlecht, während ihm nur ein anderes Kleid gegeben wurde. Wohin willſt Du, ſag nur, wohin anders, als wo jedes einzelne Leben in der Schöpfung hin will— im Zuſammenhange mit den vielen andern zurück zu ſeiner Heimat, zu dem warmen, klopfenden Herzen der Natur!“ Joachim ſenkte die Stirne. Das war ſein Kind. So hatte er gedacht, als ihm der Tod die Gefährtin 138 nahm; ſein heiterer Glaube ſah ihm vertraut aus ihren Bekenntniſſen entgegen. „So iſt's!“ entgegnete er andächtig.„Wenn aber die Zeit kommt, wo meine Lebenskraft ſcheinbar erlöſcht, wo mein Körper nach den Geſetet des Stoffwechſels zu Gas und Aſche wird, was S Du dann beginnen?“ „Dann werde ich für Martha ſorgen, wie Du bis⸗ her für ſie geſorgt haſt,“ ſagte Irene, gewohnt, bei allen wichtigen Fragen an ſich ſelbſt zuletzt zu denken. „Wie willſt Du das anfangen? Weißt Du nicht, daß ich arm bin?“ fragte er fanft. Irene lächelte. „Falſch ausgedrückt,“ ſagte ſie neckend,„es fehlt Dir nur an gemünztem Geld.“ „Auch an ungemünztem, und an Grundbeſitz,“ fuhr Joachim fort,„ich bin in der That unbegütert.“ Jrene ſah ihn erſtaunt an. „Was kann ſich zugetragen haben, das Dich plötz⸗ lich Geld wünſchen läßt?“ fragte ſie unruhig. „Mißverſtehe mich doch nicht,“ ſagte Joachim kopf⸗ ſchüttelnd.„Arm iſt allerdings nur der, deſſen Wünſche nicht im Einklange mit ſeinen Mitteln ſtehen, aber das kommt jetzt nicht in Frage, ſondern der einfache Satz: Wovon willſt Du leben, wenn ich nicht mehr i Dich ſorgen kann?“ ——„————„— —— . 139 „Von der Arbeit,“ ſagte Irene einfach. „Ganz gut,“ ſagte Joachim etwas bedenklich.„Du beſitzeſt viele buntzuſammengeraffte Kenntniſſe und noch mehr Fähigkeit, aber—“ „Aber die Hauptſache fehlt noch, willſt Du ſagen,“ ergänzte Irene.„Nun, wenn Du mir, als guter Vater, den Schatz Deiner Kenntniſſe vermachen willſt, ſo werde ich mit der Zeit auch im Stande ſein, mir meinen Le⸗ bensunterhalt zu erwerben.“ „Arbeiten wir alſo,“ ſchloß Joachim erfreut. Es wurde kein Wort mehr über dieſen Gegenſtand geſprochen, ſie hatten ſich vollkommen verſtanden. Von dieſem Morgen an wurden die Beſchäftigun⸗ gen Jrenen's immer ernſter, ihre Studien geregelter. Der ſtrebende Geiſt hatte in ihr den Sieg über das tändelnde Kind davon getragen, und mit einem für ihre Jahre und ihr Geſchlecht faſt zu heißen Eifer ſtrebte ſie aus dem dämmernden Reich der Dichtungen und Vermuthungen in die klare Sphäre des Wiffens zu dringen, das ihr das Rüſtzeng für die Zukunft ge⸗ ben ſollte. Gleichwohl fiel kein Schimmer von Pedanterie oder Ueberbildung auf ihr Weſen; mochte ſie nun mit der Botaniſirbüchſe durch Wald und Feld ſchweifen, oder durch das Studium der neuern Sprachen ein den 140 Frauen ſchon mehr zugeſtandenes Recht geltend machen; mochte ſie mit dem kleinen Spitzhammer prüfend an das Geſtein ſchlagen, oder den großartigen Bau der Ge⸗ ſchichte mit immer ſchärferen und einſichtsvolleren Blicken meſſen; mochte ſie Joachim Beiſtand bei chemi⸗ ſchen Experimenten leiſten, oder die Schätze der claſſi⸗ ſchen und modernen Literatur zu heben ſich beſtreben: immer blieb ſie dasſelbe harmloſe, wenn auch reichbe⸗ gabte Mädchen, das in allen Worten, in allen Hand⸗ lungen ſich ſelbſt abſpiegelte. Sie warggediehen wie ein Baum des Waldes, der unter dem Schutze der Elemente, nicht unter der Hand des Kunſtgärtners erwuchs. Die Schere einer pedanti⸗ ſchen Erziehung hatte die wuchernden Triebe nicht kürzen dürfen, die Beſchränkung in die herkömmlichen Formen hatte den auſſtrebenden Wipfel nicht verkümmern laſſen, unzeitige Sorgfalt hatte nicht den Thau der Unbefangen⸗ heit von den Blättern gewiſcht, keine ſpornenden Andeu⸗ tung ihres Berufes hatte allzu früh die Knospen ihrer Wünſche geöffnet. Die Einſamkeit, in der ſie ſeit ſechs Jahren lebte, hatte ihr zwar das, was man in der Ju⸗ gend als Genuß ſchätzt, entzogen, ſie aber auch von der Verflachung bewahrt, zu der das ſtete Leben außerhalb ſeiner ſelbſt leicht führt. Als Paul vor Jahren das erſte Mal als Joachim's 141 Neffe und Mündel die Ferien auf der Geiſenburg zu⸗ brachte, herrſchte ein ununterbrochener Krieg zwiſchen dem unſchönen Backfiſch und dem etwas burſchikoſen Senior der Weſtphalen. Irene beklagte ſich bitter über den Vetter, der ſeinen ſchönen Jagdhund durch elektriſche Schläge ſtrafte, eine ihrer gezähmten Eidechſen in Spi⸗ ritus geſetzt hatte, und dem Bettler ſein Almoſen mit einem nicht immer freundlichen Worte in den Hut warf. Aber Joachim begnügte ſich, über alle Beſchuldigungen lächelnd den Kopf zu ſchütteln und zur Geduld zu er⸗ mahnen, ein Verfahren, das er auch bei Paul anwen⸗ dete, als dieſer in ihn drang, die kleine Couſine in einem Inſtitut ein wenig zähmen und abrichten zu laſſen. Im Laufe der Zeit hatte ſich jedoch das Verhältniß beſſer geſtaltet, denn in dem Grade, in welchem Paul ruhiger und geſitteter wurde, war Irene hübſcher und zutraulicher geworden, und ſchon zu der Zeit, als Paul Vorbereitungsſtudien zu ſeinem Examen auf der Geiſen⸗ burg machte, war der Zank und Streit früherer Zeiten zu unſchuldigem Scherz und ergötzlicher Neckerei ge⸗ worden.— Freilich kam es auch vor, daß Irene auf die in heuchleriſcher Demuth geſtellte Frage Pauls:„Was bin ich Dir?“ ernſthaft verſicherte:„Intereſſant als Er⸗ ſcheinung an und für ſich, nicht für mich; ich ſehe Dich mit dem prüfenden Auge, mit dem Du als Arzt mißge⸗ borne Geſchöpfe muſterſt, nicht mit dem zärtlichen Blick, den die Mutter auf ihr ungeſtaltetes Kind wirft.“ Aber wenn Paul ſich dann betrübt ſtellte, und ohne Abſchied ging, ſo lief ſie ihm nach, bis er ihr ein freundliches Wort ſagte, oder durch ein ausbrechendes Gelächter ſie verſcheuchte. Stunden lang konnte ſie über ſeine Schul⸗ tern in ein Buch ſehen, dann und wann ttippte ſie ſtill auf eine Stelle, die ſie nicht verſtand, und hörte auf⸗ merkſam, aber nicht immer ohne Widerſpruch, ſeine Er⸗ klärung; nannte er ſie wegen ihrer Einwürfe Gelbſchna⸗ bel oder Rechthaberin, ſo begab ſie ſich für den übrigen Tag in Joachim's Zimmer; wenn aber Paul, durch die Einſamkeit gelangweilt, die Flinte überwarf und mit Chaſſeur jagte, ſo ſaß ſie geduldig bis in die Nacht am Fenſter, und rief den ermüdeten Vetter noch zu einem ſpäten Abendbrote. Nach glänzend beſtandenem Examen eröffneten die Feldzüge der Jahre 48— 50 Paul's Thätigkeit ein rei⸗ ches Feld, und als nicht nur in Ungarn, ſondern auch in Schleswig die Waffen ruhten, bewarb er ſich um die Erlaubniß, im Lande prakticiren zu dürfen, und erhielt den Diſtrict Geiſenberg angewieſen. Aber ſchon binnen Jahr und Tag hatte er Gele⸗ genheit, ſich zu überzeugen, daß die Bevölkerung eher eines Schullehrers, als eines Arztes bedürftig ſei. Dar⸗ auf hin hatte er ſeine Reiſekoffer gepackt und die Reiſe nach Paris mit dem Entſchluſſe angetreten, nach ſeiner Rückkehr als Arzt in B. ſich niederzulaſſen. 8. In dem kleinen Cabinet, deſſen blaue, zeltartige Draperien ſich wie der Kelch einer Glockenblume wölb⸗ ten, wurde Regine als Braut geſchmückt. Auf dem Toilettentiſch lag der mit Orangenblüten gemiſchte Myrthenkranz und ein Bouquet, deſſen betäubend ſü⸗ ßer Geruch die Atmoſphäre geſättigt hatte. In einer geſchliffenen Caraffe ſtand Chierwein, von welchem die Generalin nicht nur für Regine, ſondern auch für ſich Gebrauch zu machen gedachte, wenn der entſcheidende Moment näher rückte. „Die Sonne wird Dir in den Kranz ſcheinen, Herzchen,“— ſagte ſie, einen Blick durch das Fen⸗ ſter werfend,—„das iſt eine gute Vorbedeutung.“ „Bis dahin kann es auch regnen,“ ſagte Regine gedankenvoll, indem ſie nach einigen Wolken zeigte, die 145 durch ihre maſſive Form jedoch eher an Grauit, als an Waſſer erinnerten. „Nun, wenn die Schuhe nicht naß werden, ſo ſchadet auch ein wenig Regen nicht,“ lachte die Tante. „Apropos, paſſen die Schuhe?“ DOhne Mühe ſchlüpfte Reginens ſchmaler Fuß in dieſelben und that prüfend einige Schritte. In dem Augenblicke erſchien die Jungfer mit dem Brautkleid, das bald darauf in breiten ſchweren Falten den milch⸗ weißen Atlas um die ſchlanke Figur ſchlug. Haſtig warf ſie ſich ſelbſt den Schleier über das ſchwarze Haar und drückte den Kranz auf die Stirn. „Reizend, wunderſchön!“ lobte die Tante und führte ſie an den hohen Spiegel. Regine warf einen Blick hinein; ſie war zu ſehr Weib, um ſich nicht gern geſchmückt zu ſehen, und es that ihr wohl, ſich wirk⸗ lich widerſpruchlos ſchön zu finden. Bald aber wendete ſie ſich ab, und als die Tante das Zimmer verlaſſen hatte, um das Arrangement des Frühſtücks zu prüfen und in hochgepackten Körben Vorräthe in die künftige Wohnung des jungen Paares zu ſenden, verließ auch ſie ihr Ankleidezimmer und trat in die Wohnſtube. Hier fand ſie alles ſonderbar verändert. Das Clavier war verſchwunden, ihr kleiner Vogel hatte ſammt ſeinem Bauer den Platz vor ihrem Fenſter verlaſſen, die Por⸗ Kinder der Zeit. I. 10 146 träts ihrer Eltern waren von den Wänden genommen, die Fenſter waren geöffnet, Koffer und weiße Tücher lagen hier und da und weckten in Regine ein Gefühl, als ob ſie geſtorben und zu ihrem Begräbniß ſo ſchön geſchmückt ſei. Sie ſetzte ſich, ſchloß die Augen, und es war ihr, als müſſe ſie durch das muntere Gezwitſcher der Sperlinge vor dem Fenſter die Schläge des Ham⸗ mers auf ihrem Sargdeckel hören. Statt deren ſchlug jedoch das Rollen eines Wagens an ihr Ohr, immer ſtärker, immer näher, bis es an ihrem Fenſter plötz⸗ lich verſtummte. Sie hörte Schritte auf der Treppe, grüßende Stimmen und ehe ſie ſich noch klar geworden, ob es der Bräutigam oder der Vater ſei, der ihr nahe, ſtürmte es herein und mit dem hellen Laut der Freude, den nur das ſchwellende Herz zu finden weiß, warf ſich Irene an ihre Bruſt und drückte ihr friſches Geſicht an die Wangen der ſtillen, bräutlichen Schweſter. In der Thür hinter Joachim und der Generalin grüßten. Martho's alte, verwitterte Züge und die einzelnen Thränen, die ſie verſtohlen mit dem Zipfel des Kopf⸗ tuches aus den ſcharfblickenden Augen wiſchte, galten wohl der Erinnerung an die Zeit, in welcher Regine die kleinen rothen Schuhchen trug, die mit einem Kranz umſchloſſen, Martha auf einem gemalten Teller ihr heute zurückgab. 147 Joachim aber dachte, wie die Zeit bald kommen könne, in welcher auch Irene dem Liebesruf einer an⸗ dern Stimme, als der väterlichen lanſchen, in einen andern Arm, als in den ſeinen ſich ſchmiegen, einer andern unbeſiegbaren Gewalt, als der väterlichen, un⸗ terworfen ſein würde und beſtimmte heimlich ſchon eine ihm zugehörende große monſtrös geformte Perle zu ih⸗ rem vornehmſten Hochzeitsgeſchenk. Die Trauungsceremonie hatte eine volle Kirche veranlaßt; nicht nur die Schuljugend drängte ſich neu⸗ gierig auf den Gallerien, auch in den zur Wölbung emporſteigenden Gitterlogen hatte ſich eine auserwählte Geſellſchaft verſammelt, die durch ihre Anweſenheit dem Brautpaar ein Compliment und ſich ſelbſt eine Unterhaltung machen wollte. Die knarrende Kirchthür öffnet und ſchließt ſich noch immer unter dem Zudrang der Neugierigen, kleine Kinder ſchreien, der Kirchner ſucht das den Eingang verſperrende Volk zurück zu zanken; die Damen flüſtern und lachen, die Frauen des Bürgerſtandes ſtreiten über die Thür, durch welche das Brautpaar eintreten wird— bis es plötzlich ihnen zur Ueberraſchung ſchon am Altar ſteht. Der Geiſtliche kommt im ſchwarzen Talar mit der Bibel in der Hand aus der Sacriſtei geſchritten;— eingehüllt in Seide, Sammt und Spi⸗ 10* 148 tzen ſtehen die Verwandten der Braut an dem Altar, vor dem jetzt Angeſicht des Himmels die Ehe geſchloſſen werden ſoll. Dicke Wachskerzen brennen auf hohen in Lilienform getriebenen ſilbernen Leuchtern, über die ſich das in Elfenbein geſchnittene Crucifir erhebt. Der Geiſtliche begann mit ernſtem, langſamen Spruch, als ob ein Strafgericht folgen müſſe, und ſeine Worte drangen erſchütternd in Reginen's Herz. „Wehe dem, der allein iſt,“ klagte der Redner — und ein Echo halb ſchmerzlich, halb tröſtend klang in der Braut wider. Wehe war über ſie gekommen, weil ſie ſo ganz allein war; das Weh ſollte nun vor⸗ über ſein, weil ſie einen Gefährten gefunden, und ſie vermochte nur wiederholt in leiſem, bittendem Gebete „Amen, Amen“ zu ſagen. An einem Pfeiler, der das Gewölbe des Chors trug, ſtand Irene, namenlos beklommen. Als ſie die Schweſter mit Adrian am Altar ſtehen ſah, ſtockte ihr Herz. Sie allein fah in der Ruhe der Braut, die von Andern angemeſſene Haltung genannt wurde, eine grauen⸗ volle Ergebung, ſie allein weinte über den thränen⸗ loſen Blick der ſammtreichen, dunkeln Augen, die ſo ſelig hatten ſtrahlen können, nur jetzt nicht; ſie allein ſchrieb die leichenartige Bläſſe auf Rechnung eines gro⸗ ßen Entſchluſſes. 149 Je länger die Rede dauerte, um ſo folternder wurde Jrenen's Angſt; es war ihr, als ob der dunkel⸗ behangene Altar ein Opferſtein ſei, als ob der ſtreng⸗ blickende Prieſter ein Menſchenleben verlange; die ſtei⸗ fen Kirchenſtühle von dunklem Holz ſchienen Schatten zu teten hoch aus der Wölbung tohten dunkle Bil⸗ der aus der Offenbarung und den Propheten, und ihr Fuß fühlte das ausgehauene Wappen, das einen in dem Gewölbe unter ihr zerfallenden Sarg bedeckte und erklärte. Im traurigen Einklang erſchien ihr der Ort mit der Handlung. Hier, unter den Bildern dieſer Engel, die die dunkeln Schalen des Zornes über das arme Menſchengeſchlecht liete, über dieſen Todten, die ab⸗ geſondert von ihren Zeitgenoſ ſſen ſchlafen, bei dem Lichte der im hellen Sonnenſchein angezündeten Kerzen— hier vereint man die Hände, ob auch die Herzen ge⸗ trennt bleiben! „Nein, es iſt unmöglich, es kann nicht ſein!“—. Aber ſchon iſt das bindende„Ja“ geſprochen, ſchon ſind die„verklärten Geiſter“ Reginen's Eltern als Zeu⸗ gen des Gelöbniſſes ihres Kindes citirt, ſchon iſt Got⸗ tes Name entweiht zur Beſieglung eines Bundes, für den der Schöpfer keinen Segen aufbewahrte, als er die Erde Mann und Weib erzeugen hieß.— 150 Man umringt das Paar. Glückwünſche kommen von allen Lippen, wenn auch nicht aus allen Herzen, Theilnahme äußert ſich in jedem Wort. Nun nur fort! Es treibt Alle, ſo ſchnell wie möglich„den Tempel des Herrn“ zu verlaſſen, ſich aus der unbehaglichen Stimmung zu retten. Der Zug ord⸗ net ſich wieder, das gaffende Volk ſtrömt hinaus, die Capellen werden leer. Joachim, deſſen Aufmerkſamkeit während der Ceremonie zwiſchen Regine, Irene und dem ſammtartigen, ſchwammigen Ueberzuge eines Qua⸗ derſteins getheilt geweſen war, bleibt zurück, um die Subſtanz desſelben zu unterſuchen und veranlaßt Re⸗ gine zu einem ſpähenden Rückblick beim Heraustreten aus der Kirche. Aber ſtatt den milden Blick Joachim's zu treffen, fällt ihr Ange auf ein blaſſes Männerge⸗ ſicht, in welchem die unzarten Scherze der ihn umge⸗ benden jungen Herren ein eyniſches Lächeln geweckt ha⸗ ben. Sie begegnet einem Blicke, deſſen ſtiller Gehalt ihr nicht den heutigen Tag freudiger zu verklären ver⸗ ſprochen hatte; ihr Schleier ſtreift eine Hand, die ihr den Weg zeigen wollte zu den Zinnen des Glücks; die leiſen Modulationen einer Stimme ſchlagen an ihr Ohr, die die ganze Scala der Leidenſchaft zu durchlaufen ge⸗ wußt hatte, um die tiefſte Reſonanz aus ihrem Herzen zu locken. 151 Adrian hatte Regine in ſein klöſterliches Haus geführt, das früher einem geiſtlichen Orden zur Be⸗ hauſung gedient hatte, gegenwärtig aber dem Hoſprediger eingeräumt worden war. Man hatte dem Gebäude einen hellen, leuchtenden Anſtrich gegeben, und nun ſchmiegte es ſich in die Winkel und unter die Steingiebel der Kirche, wie die trauliche, heitere Gegenwart in die ſtarre, unabänderliche Vergangenheit. Aus einer gewölbten Hausflur führte die ſchwere, eichene Treppe in die obern, weniger dumpfen Räume, die, theils zu Wohnzimmern, theils zu Wirthſchafts⸗ piecen umgewandelt, nur noch verwiſchte Spuren ihrer einſtigen Beſtimmung trugen. Die ſonſt nur getünchten Wände waren mit modernen Papiertapeten überzogen, die kleinen Zellen und die Fenſter waren erweitert wor⸗ den, und die zahlreichen Pförtchen, die die Verbindung mit der Kirche bewerkſtelligt hatten, waren ſchon lange ausgefüllt, und wo etwa noch ein Durchgang nach dem Chor erhalten war, da hatte die Vorſicht der gegen⸗ wärtigen Bewohner ſchützende Riegel vorgeſchoben, um unheimlichen Zug oder gelegentliche Verirrung zer⸗ ſtreuter Kirchengänger zu verhindern. Der leiſe Anflug von Romantik, der Reginen's Stimmung beigemiſcht war, ließ ihr dieſe Wohnung mehr angenehm als düſter und unbequem erſcheinen, dem ernſten Manne ungehen müſſen. Sie blätterte in er — und half ihr über die nüchterne Unbehaglichkeit hinweg, die uns nach der Ueberſiedlung in fremde Räumlichkeiten ſo leicht beſchleicht. Ihr Verhältniß zu Adrian mußte dem oberfläch⸗ lichen Beobachter befriedigend erſcheinen, denn mit einer ſeltenen Bereitwilligkeit fügte ſie ſich allen ſeinen Wün⸗ ſchen. Aber bei tieferer Prüfung zeigte ſich bald, daß nicht der reine Strahl der Frende aus dieſer Unter⸗ ordnung hervorleuchtete, jener Freude, die an dem Be⸗ wußtſein ſich entzündet, Alles, eigenen Willen, eigene Ueberzeugung, eigenen Beifall, cher entbehren zu kön⸗ nen, als eine geliebte Herrſchaft. Ihrredliches Beſtreben, Adrian Schritt für Schritt näher zu kommen, ihn zu gewinnen für den häuslichen Herd und das häusliche Glück, wie ſie es verſtand, war noch von keinem günſtigen Erfolg gekrönt worden, aus dem einfachen Grunde, weil der Inſtinet des Herzens ihr nicht den richtigen Weg zeigte und ſie im blinden Taſten Zeit und Mühe an ein Ziel ſetzte, dem ſie im irren Rundgange um keinen Zoll breit näher kam. Oft, wenn ſie ihn abweſend wußte, ſchlich ſie in ſein Studirzimmer und ſah ſich mit ſchüchternem Blicke die Gegenſtände an, die mit ihm vertrauter waren als ſie ſelbſt; gern hätte ſie ihnen abgelernt, wie man mit ſeinen Büchern, als ſuche ſie nach einer wirkſamen Be⸗ ſchwörungsformel, ſie wühlte in ſeinem Papierkorbe, nicht, um ein Zeichen ſeines Angedenkens an ſie in halb verwiſchten Worten zu finden, auch nicht, um miß⸗ trauiſch die Couverte zu prüfen, die die Schriftzüge der Frau von Wartberg trugen, ſondern nach Zeichen und Andeutungen durſtig, die ihr Aufklärung über die ihr ſo unverſtändliche Perſönlichkeit Adrian's geben könnten. Aber ſie fand nichts, oder vielmehr ſie ſah nicht, daß Adrian alle ſeine Hingebung, allen ſeinen Eifer an die Realiſirung ſeiner ehrgeizigen Pläne geſetzt hatte, und daß man nur durch die vollſte Theilnahme an ſei⸗ nem Streben und ſeinen perſönlichen Erfolgen ihm un⸗ entbehrlich werden konnte. Wenn Regine aber auch nicht verſtand, durch ſchmeichelndes Lob, durch ausgeſprochene Bewunderung ſich den Weg zu ſeinem Vertrauen anzubahnen, ſo ließ ſie es doch nicht an jenen kleinen, zarten Aufmerkſam⸗ keiten fehlen, wie ſie nur die rührendſte Zuvorkommen⸗ heit zu erſinnen und die unermüdlichſte Hand auszu⸗ führen vermag. Arme Regine! ſie glaubt ihm eine Freude zu machen, wenn ſie blühende Gewächſe und Sträuße, die ſie auf den Terraſſen des hinter der Kirche ſich abſenken⸗ den Gärtchens geſammelt hatte, in ſein Zimmer ſtellte, und er beklagte ſich, daß ſie ihm das Licht raube; ſie hoffte auf eine ſcherzende Anerkennung, wenn ſie mit Rückſicht auf ſeinen Geſchmack dieſe oder jene Delicateſſe auf den Tiſch brachte, und er errieth weder die Abſicht ſeiner Frau, noch äußerte er ſich über deren Ausfüh⸗ ung. Seine Gleichgiltigkeit fiel zwar nicht auf ihr Herz, welches des treibenden Wunſches, ihm zu gefallen, bar war, ſondern nur auf ihr Gewiſſen, das ſich, um die Functionen des Herzens kräftig zu vertreten, ohne Er⸗ folg abmarterte; aber inniger konnte ihr eheliches Ver⸗ hältniß durch die Erkenntniß, daß ſie ihn durch nichts erfreuen könne, nicht werden. Schon manchmal hatte ſie verſuchen wollen, durch raſches Eindringen in ſein Zimmer ſeine ungeſelligen Gewohuheiten zu durchbrechen und ihn für einen Spa⸗ ziergang, ein Concert oder auch nur für eine einfache, ungeſchraubte Unterhaltung zu gewinnen; aber wenn ſie ſich ſeiner Thür näherte und ſeine ſcharfe, harte Stimme in geſteigertem Tone zu einem Untergebenen oder läſ⸗ ſigen Kirchengänger ſprechen hörte, oder auch nur das leiſe Schlürfen ſeines ungleichmäßigen Ganges ver⸗ nahm, da überkam ſie eine kindiſche Furcht und ſie flüchtete nach ihrem Wohnzimmer zurück, um ſich von dem Schrecken zu erholen, den der Gedanke ſeines mög⸗ lichen Zornes in ihr erweckt hatte. Kam er dann, im Geiſte noch mit einer Controverſe beſchäftigt, zum Eſſen, ſo folgte ihr Blick wohl aufmerkſam ſeinen Bewegungen, um jedem Wunſche durch eilige Hilfeleiſtung entgegen⸗ zukommen; aber Adrian, an Selbſtbedienung gewöhnt, empfand ihre Dienſtfertigkeit mehr ſtörend als wohl⸗ thuend. Armer Adrian! konnte man auch von ihm ſagen, denn gerade das, was ihn beglückt hätte: eine eifrige Theilnahme an ſeinen Beſtrebungen, eine ſpornende Anerkennung, die Gemeinſchaft gleichartiger Gefühle und Gedanken— alles das entbehrte er ſchmerzlich bei Reginen.— Wenn er den ganzen Tag geſeſſen und geſchrieben, ſich müde gedacht und müde geſprochen hatte, war es ihm dringendes Bedütfniß, einer befreundeten Perſon in kurzem Reſume die Ueberſicht ſeiner beendigten, fort⸗ geführten, oder neu begonnenen Geſchäfte zu geben, und die Beglaubigung aus einem andern Munde zu hören, daß er ſeine flicht gethan habe. Verſchiedene Male hatte er ſich auf dem dringen⸗ den Wunſche ertappt: wenn ſie doch nur einmal danach fragte, was Du thueſt und treibeſt, wenn ſie doch nur einmal eine Predigt, einen Aufſatz von Dir zu leſen verlangte, wenn ſie doch nur eine Frage über den Er— folg der neueingeführten Liturgie an mich richtete! 156 Es war vergeblich. Die einzelnen wenigen Ver⸗ ſuche, die er machte, um in ihr Intereſſe an dieſen Dingen zu wecken, ſcheiterten an ihrer Gleichgiltigkeit, oder Schüchternheit, und er entſchuldigte ſie zuletzt, nicht ohne geheime Geringſchätzung, mit der Annahme, daß ihr ganz und gar die Fähigkeit mangle, ernſten Betrachtungen zu folgen, und daß die chineſiſche Gei⸗ ſtesmauer, hinter welcher ſie mehr ſchlafe, als denke, nicht zu durchbrechen ſei. So konnte ihr Adrian auch nicht zürnen und ſie nicht ſtrafen, nur bedauern konnte er, daß die kalte Galathea nicht Leben und Geiſt gewann, wenn der matte Hauch ſeines Wohlwollens ſie einen Augenblick in eine temperirte Sphäre verſetzte; aber ein Gefühl der Nichtbefriedigung tauchte in ihm auf, dem eroft zu entgehen ſtrebte, indem er nach Hut und Stock griff und auf Reginen's beſcheidene Frage:„wohin?“ ant⸗ wortete: „Zu Frau von Wartberg.“ Und Frau von Wartberg, die jeden Canal be⸗ nutzte, um ihren Einfluß in das öffentliche Leben ſtrö⸗ men zu laſſen, ſie gab ihm Alles, was er ſuchte und bei Reginen nicht fand. Sie hielt ihn durch geſchickte Widerſprüche, in deren Beſiegung er einen Genuß fand, in Bewegung, ſie discutirte mit ihm über kirch⸗ ———— ——— ſie lte er hl zu iff nt⸗ e⸗ ö5⸗ nd kte uß ch⸗ 157 liche und theologiſche Streitfragen, ſie beſprach und er⸗ wog mit ihm die Anordnungen, die er in ſeinem Amt zu treffen gedachte, und wußte zugleich durch betäu⸗ bende Phraſen und dunkle Religionsſchwärmerei ihn immer tiefer in die Irrgänge eines religiöſen Fanatis⸗ mus zu treiben, dem er ſich um ſo rückhaltsloſer ergab, je weniger ihn der Gehalt des Familienlebens in den friſchen Strom natürlicher Anſchauungen zu leiten vermochte. Eines Morgens kam er ganz beſonders verſtimmt aus der Kirche, die Regine gleich nach der Predigt ver⸗ laſſen hatte. Das Publikum war minder zahlreich, als gewöhnlich, der Hof nicht gegenwärtig, die Aufmerk⸗ ſamkeit der andächtigen Chriſten mehr auf die Aufge⸗ bote, als auf ſeine Strafrede gerichtet geweſen und der Geſang eines durchziehenden Liederchors hatte während des Segens eine ärgerliche Störung verurſacht. Grund genug, um ſeinem Unmuth gleich beim Eintritt in das Haus durch lautes Schelten über die unverſchloſſene Gartenthür gegen die Köchin Luft zu machen. Es war der Tag, an welchem Regine, ſeinen Anordnungen gemäß, einige arme Familien ſpeiste, und er gewahrte auf der Treppe bereits mehrere Frauen und Mädchen mit Kochgeſchirren, die auf ihre Mahl⸗ zeit warteten. Regine hatte ſie, durch die Gegenwart 158 der Frau von Wartberg, die Adrian zu ſprechen wünſchte, abgehalten, länger als gewöhnlich warten laſſen und hörte nun mit Verlegenheit, wie ihr Mann ſcheltend und lärmend das Haus betrat und die eingetretene Zö⸗ gerung ſogleich rügte.„Beſorge doch die Leute, Regine,“ rief er, ſeiner übeln Gewohnheit gemäß, mit gellender Stimme ſchon auf dem Vorſaal,„willſt Du ihnen etwa vornehmer Weiſe erſt Schlag 2 Uhr das Diner ſerviren?“ Jetzt erſt die Thür öffnend ſtand er Frau von Wartberg gegenüber, und im Nu waren die Falten von ſeiner Stirn, die Härte aus ſeiner Stimme genommen. Er ſetzte ſich zu ihr und weihte ſie in die tiefen Kränkungen ein, die er, ſeiner Meinung nach, dieſen Morgen erfahren hatte, während Regine das Zimmer verließ, ſowohl um den ſchon oft gehörten Beſchwerden zu entgehen, als auch, um die Vertheilung der Por⸗ tionen zu überwachen. Mit dem Danke:„der liebe Gott ſchenke Ihnen Geſundheit dafür“ verſchwand eine der Beſchenkten nach der andern, bis zuletzt nur noch ein junges Weib mit leerem Topf und geſenkter Stirn auf der unterſten Stufe der Treppe ſaß. „Ich darf Ihnen nichts geben,“ ſagte Regine zö⸗ gernd bei der Erinnerung an den Vorrath von Suppe, der übrig geblieben war,„da Sie ſich weigern den Be⸗ — — WM 1 e 159 dingungen nachzukommen, die Ihnen mein Mann ge⸗ ſtellt hat.“ „Das iſt recht,“ ſagte eine alte, lahme Frau, hin⸗ aushumpelnd,„ſo ein junges Weib kann noch arbeiten, oder wenigſtens in die Kirche gehen, wie wir auch.“ Regine erſchrak. So war es alſo bekannt, daß nur regelmäßiger Kirchenbeſuch, Beobachtung der äu⸗ ßeren Formen, eine Freikarte auf Unterſtützung aus⸗ ſtellten, daß in ihrem Hauſe nur contractweiſe und un⸗ ter Bedingung gegeben wurde? Beſchämt ging ſie ei⸗ nige Stufen hinab und zögerte unentſchieden mit wie⸗ derholter Zurückweiſung, da ſtand das angeklagte Weib auf und ſagte, wie entſchuldigend, mit abgeſetzter Stimme, nur die zwei Worte.„Mich hungert!“ Die Bilder des Elends und der Entbehrung wa⸗ ren Reginen in der volkreichen Stadt zu oft und zu man⸗ nigfaltig vor die Augen getreten, als daß nicht die Ge⸗ wohnheit abſtumpfend gewirkt haben ſollte; zugleich hatte die Erfahrung ſie gelehrt, daß die Speculation oft ſehr geſchickt die Züge der Bedürftigkeit anzuneh⸗ men weiß, um mit dem von mitleidigen Herzen erpreß⸗ ten Almoſen ein Leben des Müßigganges fortführen zu können. Wenn ſie gab, ſo geſchah es mindeſtens eben ſo oft, um dem unbehaglichen Gefühle auszuwei⸗ chen, welches eine leicht zu gewährende und doch ver⸗ 160 ſagte Bitte nach ſich zieht, als aus dem feſten Glauben an Bedürftigkeit. Als ſie jedoch den dringendſten Hilferuf, der zu⸗ gleich eine ſo ſchneidende Anklage iſt— den Ruft„mich hungert“ vernahm, da brach ihr Widerſtand; ſie nahm ohne Entgegnung den irdenen Topf, füllte ihn bis zum Rand und verabſchiedete mit ihrer Bedenklichkeit zugleich die Bedürftige. Noch zerſtreut von dem trüben Zwiſchenſpiele kehrte ſie in das Zimmer zurück, ohne zu ahnen, was für unangenehme Folgen ſich an dasſelbe knüpfen ſollten. „Haben Sie Ihr Werk der Barmherzigkeit ver⸗ richtet?“ fragte Fran von Wartberg ſchmeichelnd. „Nach Kräften,“ war die einfache Antwort. Adrian ſtand, ein ihm von Frau von Wartberg übergebenes Atteſtat prüfend, am Fenſter, von wel⸗ chem aus der Kirchplatz überſehen werden konnte; bei dem bekannten Klang der Thürglocke hatte ſein Blick mechaniſch die Schrift verlaſſen und ſich auf die Hin⸗ ausgehenden gewendet. „Ach, da geht ja die Werner,“ ſagte er überraſcht, „ſie machte alſo noch einen letzten Verſuch?“ „Sie war allerdings da,“ antwortete Regine be⸗ fangen. „Ja, ſie will es erzwingen,“ ſagte er trocken;„was 161 für Ausflüchte machte ſie? verließ ſie ohne Widerrede mein Haus, die Tränke, an der nur die Gerechten wei⸗ den ſollen?“ „Nein,“erwiderte Regine entſchloſſen,„ſie ſagte mir, daß ſie hungrig ſei und da— verzeih mir, Adrian — gab ich ihr den Reſt der Suppe.“ Adrian's Geſichtszüge bewegten ſich, als ob der heftigſte Zorn durchbrechen wolle, die Gegenwart der Frau von Wartberg ließ dieſen aber nur in einem ſei⸗ ner Meinung nach gemäßigten Verweis ſich äußern. „Ich muß mir ein für alle Mal Umgehungen mei⸗ ner Anordnungen verbieten,“ ſagte er,„muß durchaus Gehorſam finden, ſelbſt auf die Gefahr hin, in meinen Entſcheidungen nicht von Dir begriffen zu werden. Ein ſyſtematiſches Handeln mag Dir vielleicht hart vorkom⸗ men, iſt aber ſtreng einzuhalten, wenn ein beſtimmter Zweck erreicht werden ſoll, und es iſt höchſt unbeſonnen und thöricht von Dir, durch unzeitige Weichherzigkeit dieſem Zwecke entgegen zu arbeiten.— Wenn ein Ver⸗ nünftiger eine gute Lehre hört, ſo lobet er ſie; hört ſie aber ein Muthwilliger, ſo mißfällt ſie ihm, und er wirft ſie hinter ſich.“ „Sie mißverſtehen das weiche Herz Ihrer Frau,“ ſagte Frau von Wartberg begütigend,„haben vielleicht auch verſäumt, ihr den Zweck der Mittel anzudeuten.“ Kinder der Zeit. I. 11 162 „Ach nein, meine gnädige Frau,“ ſagte Regine kalt,„ich kenne die Abſichten Adrians und die Wege, auf denen er ſie verfolgt. Ich weiß, daß in Ueberein⸗ ſtimmung mit den neueren Statuten des Frauenvereins und der Henrietten⸗Stiftung Unterſtützung ſowohl, als Arbeit und Obdach nur ſolchen überwieſen werden ſol⸗ len, die als altgläubige Lutheraner und loyale Bürger ſich ausweiſen können. Ich weiß, daß Regiſter infolge deſſen über die Communicanten, wie über den Beſuch der Kirchen geführt werden; ich weiß, daß der verloren gegangene Sinn für die äußeren Formen unſerer Con⸗ feſſion durch dieſes nachdrückliche Verfahren wieder er⸗ weckt werden ſoll— und weiß auch, daß ich in Adrian's Geiſt eine Inconſequenz beging, indem ich gab, ohne in dieſem Falle dazu berechtigt zu ſein.“ Alle drei ſchwiegen. Es lag etwas in dieſer Aufzählung der Motive der erwähnten Handlungsweiſe, was Frau von Wart⸗ berg ſowohl, wie Adrian verletzte. Kein Tadel, keine Mißbilligung machte ſich zwar fühlbar, aber die kalte Anſchauung ihres Unternehmens ſagte deutlich, daß es kein Echo in Reginen fand. Sie würde nicht ſo beſtimmt geſprochen haben, wenn nicht zu der Verlegenheit, ihrem Manne eine Tactloſigkeit nach der andern begehen zu ſehen, auch noch die Pein gekommen wäre, in Gegen⸗ 163 wart der Frau von Wartberg wie ein Kind einen Ver⸗ weis hinnehmen zu müſſen, und ſo hatte ſie ſich zu einer Lebhaftigkeit verleiten laſſen, deren die beiden Verbün⸗ deten ſie nie für fähig gehalten hatten. Frau von Wartberg war jedoch zu ſehr Weltdame, als daß ſie durch zur Schau getragene Verlegenheit, oder übereilten Rückzug die verdrießliche Wendung der Scene, die eben in ihrer Gegenwart geſpielt hatte, an⸗ erkannt haben ſollte. Ohne von der reizbaren Stimmung der jungen Eheleute Notiz zu nehmen, behielt ſie die freundliche Götterwürde bei, die ſtets auf ihrem altern⸗ den Antlitz thronte. Ohne einen ſcharfen Uebergang zu einem fernliegenden Thema zu wagen, wußte ſie geſchickt von dem ſteilen Wege in einen Seitenpfad einzubiegen, und ſo allmählig und doch unverfänglich eine ruhigere, gleichmäßigere Unterhaltung anzubahnen. Dann erſt entfernte ſie ſich, heimlich die Haltungsloſigkeit Adrian's und die unerfahrne Hilfloſigkeit Reginen's belächelnd. Kaum ſah ſich jedoch Adrian mit ſeiner Frau allein, als ſein prickelnder Aerger aufs neue durchbrach, und er das zu frühe Verlaſſen der Kirche, unmittelbar nach der Predigt, hart tadelte, und für die Zukunft ſtreng verbot. Es gibt in allen Dingen ein Maß, welches zu überſchreiten nicht räthlich iſt; ſchürt man& Feuer zu 1 164 heftig, ſo zerſtört man es; ſchleift man das Schwert über Gebühr, ſo wird es ſchartig; fallen zu viel harte Worte in ein Gemüth, ſo machen ſie es ſpröde ſtatt fügſam. Regine antwortete mit keiner Sylbe, keinem Blicke auf ſeine unfreundlichen Worte, ſondern ergriff ihre Stickerei und bemühte ſich, ſo gut es mit ihren zittern⸗ den Händen ging, den Faden durch den Stramin zu ziehen. „Haſt Du mich verſtanden?“ ſagte Adrian, ärger⸗ lich über die ſcheinbare Theilnahmsloſigkeit. „Vollkommen!“ war die Antwort,„Deine Worte ſind deutlich.“ „Und was haſt Du mir darauf zu ſagen?“ forſchte er. „Gar nichts!“ entgegnete ſie ruhig. „Ein weiſes Verhalten,“ ſagte er ſpöttiſch, und gab Befehl zu ſerviren. Es gibt Menſchen, die in dem Erguß ihrer galli⸗ gen Laune eine zu große phyſiſche wie moraliſche Er⸗ leichterung finden, als daß ſie nicht nach ſtattgehabten Entladungen ſich eines temporären Wohlſeins, ja einer Art von Harmonie erfreuen ſollten. Zu dieſen gehörte Adrian, der jetzt mit dem größten Appetite den Speiſen zuſprach. Kein Zug von Unwille gir ein en lle 165 lag mehr in ſeinem Geſichte, ſtatt deſſen aber ein be⸗ gehrlicher Ausdruck, der durch den Genuß verſchiedener Leckerbiſſen erweckt worden war. Regine hingegen, in welcher jeder Eindruck lange nachzitterte, war unfähig, ſeine Mahlzeit zu theilen. Von zarter Conſtitution, reizbar in einem Grade, daß ihr jedes lautere Wort Beklemmung verurſachte, nicht gewohnt getadelt zu werden, fühlte ſie in der Atmo⸗ ſphäre von Unzufriedenheit, Strenge und ſteter Mißbil⸗ ligung den letzten Reſt von Lebensmuth in ſich erlö⸗ ſchen. Das kühle, leere Aneinanderhinſtreichen, die Platt⸗ heit des gebräuchlichen Verkehrs hätte ſie ertragen kön⸗ nen, abſichtlich herbeigeführte Reibungen verletzten ſie tief.— Adrian erhob ſich; das Behagen, mit dem er ge⸗ geſſen, erfüllte ihn ſichtlich, und ohne Notiz von Regi⸗ nen's Faſten zu nehmen, ſagte er noch mit kauendem Munde: „Ich habe jetzt eine Taufe, ſpäter gehe ich in die Verſammlung der Schulfreunde und den Abend zu Frau von Wartberg; erwarte mich deshalb vor zehn Uhr nicht zurück.“ Ohne ſich mit der Frage zu beſchäftigen, was Re⸗ gine während der Zeit wohl beginnen möchte, warf er einen Prieſterrock über die Civilkleider, ergriff das Barett, 166 und bald hörte man ſeine Schritte am Ende der Gallerie verhallen. Im erſten Augenblicke empfand Regine ihr Allein⸗ ſein als eine Wohlthat und benutzte dasſelbe, um ſich aufs Neue in die Erinnerung an die vorhergegangenen Ereigniſſe zu vertiefen; aber die Bitterkeit, die ſie in überreicher Fülle daraus zog, ſtachelte ſie diesmal mehr aus der ſentimentalen Trübheit ihres Gemüthes auf, als daß ſie ſie darinnen beſtärkte. Eine peinigende Un⸗ ruhe, der Wunſch, ſich den unangenehmen Eindrücken zu entziehen, bemächtigte ſich ihrer und trieb ſie von Zimmer zu Zimmer, von dieſer zu jener Beſchäftigung, ohne daß ſie irgendwo Ruhe fand. Ihre Handarbeiten waren ihr heute läſtig, ihre Bücher vermochten ſie nicht zu feſſeln, ihre angefangenen Zeichnungen verdarb ſie durch übereiltes Vorwärtsſtreben. Sie ging hinab in den Garten, aber auch hier war ihres Bleibens nicht. Die Blumen ſchienen ihr nur dürftig in dem ſchweren Boden fortzukommen, der Schatten der Kirchmauer ſchien die Luft zu verdichten, wie er ſie ſchon verdunkelte, und ihr das Athmen zu erſchweren. Sie ging in ihr Zimmer zurück und verſuchte Irenen zu ſchreiben, aber nur abgeriſſene, inhaltloſe Sätze bedeckten den kleinen Raum des goldgeſchnittenen Bogens, der nach einigen Minuten in Stücke zerriſſen in den Papierkorb flog. Sie in 167 warf die Feder hin und ſetzte ſich an das Clavier, um ſchrille Diſſonanzen unter ihren gewaltſamen, unſicheren Griffen hervorquellen zu laſſen. „Das nenne ich ungeſetzliche, kühne Tonverbindun⸗ gen!“ rief eine lachende Sopranſtimme zu der leiſe ge⸗ öffneten Thüre herein.„Wo bekommen Sie den Muth her, die widerſtrebendſten Elemente zu miſchen?“ Luitgard trat in das Zimmer. Die beiden jungen Frauen waren ſich in letzter Zeit näher gekommen. Eine mehr dunkel empfundene als klar gedachte Großmuth zog Luitgard zu Reginen, die ein ſo farbloſes, freudloſes Leben bei einem verdrießlichen Eheherrn führte. Eine gewiſſe Cameradſchaft, begründet auf ihre gemeinſchaftliche Eheſtifterin, t ein wei⸗ teres Intereſſe an ihr, und die Ueberzeugung, daß Re⸗ gine, ſo hübſch und liebenswürdig ſie auch war, nie ihre Bahn kreuzen könne, gab den letzten Grund zu einer freundſchaftlichen Annäherung. Regine dagegen, die ſich ſeit der vor einigen Mo⸗ naten erfolgten Abreiſe der Generalin ſehr verlaſſen ge⸗ fühlt hatte, fand den Muth nicht, die Vertraulichkeit der liebenswürdigen, leichtſinnigen Frau zurückzuweiſen, ſo ſtreng ſie auch ihre Unbeſonnenheit tadelte, und ihr Verhältniß zu Roßleben verurtheilte. Adrian ſelbſt, der der Tochter ſeiner Gönnerin 168 manches nachſah, was er bei Andern mißbilligte, hatte nichts gegen den Verkehr mit der reichſten, gefeiertſten Frau der Reſidenz, obgleich er es nicht an Vorſchriften und Warnungen fehlen ließ, um ihren etwaigen üblen Einfluß unſchädlich zu machen. „Jeden Augenblick ungeſtörten Beiſammenſeins mußt Du benutzen, um ihre Weltluſt zu bekämpfen, um Reue, Buße und Beſſerung in ihr zu wecken, um ein verlorenes Schaf zur Heerde zurückzuführen,“ hatte er ihr wiederholt eingeprägt, aber noch ſchien ſein Rath ent⸗ weder nicht angewendet, oder nicht mit Erfolg gekrönt worden zu ſein. „Schnell, machen Sie Toilette, mein Wagen hält vor Ihrer Thüre; wir fahren zuſammen nach Rabers⸗ dorf, dann kommen Sie mit zu mir; wir haben ein ver⸗ trauliches Souper à deux— beeilen Sie ſich, ich muß Sie den ganzen Nachmittag und Abend haben.“ „Ich bin Ihnen dankbar, kann aber ohne Adrian's Einwilligung keine Zuſage geben,“ ſagte Regine reſig⸗ nirt, ſo gerne ſie auch heute unter froher Geſellſchaft geweſen wäre. Luitgard warf ſich lachend in die Cauſeuſe, die von der gewaltſamen Erſchütterung einen Schritt zu⸗ rückrollte. „Arme Gewiſſenhafte, Sie keuchen alſo noch immer 169 unter dem Alp der Abhängigkeit und ſind bereits ein halbes Jahr verheiratet?— Wo will das hinaus?“ „Zur Welt hinaus am liebſten!“ ſagte Regine mit einem trüben Blicke auf die heitere Luitgard. Dieſe ließ ihr aber keine Zeit zur Verzweiflung. „Ich kenne das Stadium, in welchem Sie ſich jetzt befinden,“ ſagte ſie mit gewichtigem Kopfnicken,„und weiß aus Erfahrung, daß es unmittelbar vor dem der offenen Rebellion oder ſtillen Deſertion liegt. Davon ſprechen wir gelegentlich weiter; jetzt ſeien Sie ruhig, ziehen Sie ſich hübſch an und fahren Sie getroſt mit mir. Ich habe meiner Mama das Verſprechen abge⸗ nommen, Ihren Tyrannen günſtig für meine Entführung zu ſtimmen, Sie haben alſo keine Bußpredigt von ihm zu fürchten.“ Mit einem aus Beſchämung und Freude gemiſchten Gefühle beſchäftigte ſich Regine nun mit ihrer Toilette, während Luitgard ſorglos fortplanderte. „Es hat eine Scene gegében, armes Kind, nicht wahr?“ neckte ſie, wie ungefähr halbwüchſige Knaben geneckt werden, die ihre erſte Cigarre ungeſchickt geraucht haben.—„Mama ſprach mir davon, und ich gab, ver⸗ zeihen Sie, ſogleich Ihnen Unrecht, denn nie kann ſo etwas ohne unſere Schuld ſich zutragen. Warum ver⸗ ſchwanden Sie nicht?— Nein, nicht die weiße Echarpe 170 zu dem grauen Kleid, das wirkt gar zu beruhigend, neh⸗ men Sie eine aufregendere Farbe zu dieſer Miſchung von Licht und Finſterniß— wer wird ſich im Frühlinge ſchon zum Schatten machen? Blau?— Nein, ſo ein reizendes„Nichts“ paßt nur für Blondinen, wie ich.— Wie iſt Ihr Hut?— Weiß?— Das laſſe ich allenfalls für eine Brünette paſſiren.— Es käme nichts darauf an?— Das iſt ein Ausſpruch der erhabenſten Sicher⸗ heit, oder der tiefſten Beſcheidenheit.— So, nehmen Sie die Sammtmantille; das lebhafte Rothbraun gibt doch einen entſchiedenen Ton.— Alſo Adrian war nicht lie⸗ benswürdig heute, was machten Sie mit ihm, als Mama Sie allein ließ?“ „Ich gab ihm zu eſſen,“ ſagte Regine, halb zor⸗ nig, halb lachend über den Leichtſinn, mit welchem Luit⸗ gard das für ſie ſo ſchmerzliche Ereigniß behandelte. Dieſe lachte hell auf. „Sie gab ihm zu eſſen! Das iſt ſehr gut! Ich hätte Sie nicht für ſo praktiſch gehalten!“ und ſie lachte von Neuem. „Ich bin bereit!“ ſagte Regine, das duftende Le⸗ der über die Hände ſtreifend. Luitgard erhob ſich. „Eine kühle Wohnung,“ ſagte ſie, die ſeidenen Falten der Mantille feſter um ihre ſchön geformten Schul⸗ 171 tern ziehend;„haben Sie nie daran gedacht, den Eingang durch Orangerie und Teppiche freundlicher zu machen?“ „Wozu?“ ſagte Regine eilfertig,„ich verlaſſe ſie lieber ſo ſchnell als möglich.“ Und ſie ſprang lebhaft in den Wagen, warf ſich neben Luitgard in die fein geſteppten Pölſter, und fühlte ſogleich an der raſchen Bewegung, daß ſie ihrem Ge⸗ fängniſſe entführt werde. Luitgard hatte hinter den ſchweren Franzen ihres Schirmes die Augen halb geſchloſſen und den Kopf be⸗ quem zurückgelehnt; ihre Füße ſuchten Stütze auf dem Kiſſen des Vorderſitzes, in der Gewißheit, daß gar Nie⸗ mand exiſtire, um deſſentwillen ſie ſich eine Unbequemlich⸗ keit oder Rückſicht aufzuerlegen brauche. Die Chauſſee war bald erreicht. Züge von Spa⸗ ziergängern überholend, rollte die elegante Equipage durch das an beiden Seiten durch Waldberge be⸗ grenzte Thal. Die Klänge der Waldhörner, die von einer nahe gelegenen Reſtauration herwehten, weckten heute nicht das Gefühl des Alleinſeins und der Sehnſucht, ſondern das der Jugend und Lebenskraft in Reginen. Sie war von Allem angeregt, von Allem entzückt. 172 „Adrian macht Ihnen alſo Kummer?“ fragte Luit⸗ gard plötzlich,„ein Grund mehr für mich, Ihnen Freude zu machen.“ „Dann wird der Vortheil auf meiner Seite ſein,“ ſagte Regine keck,„denn ich fühle mich offen für die Freude, und gewaffnet gegen den Kummer;— doch, ſe⸗ hen Sie hier, das blinde Kind, mein Gott, man wird es überfahren!“ Aber man überfuhr es nicht; der kleine Bruder zog es ſeitwärts und lief nun mit emporgehaltener, ſchildloſer Mütze neben dem Wagen her. Ein Silberſtück flog in dieſelbe, ehe Regine noch Zeit gehabt hatte ihr Portemonnaie zu öffnen, und ver⸗ gnügt blieb der kleine Vagabund zurück. „Wie prompt Sie ſind im Geben,“ ſagte Regine faſt dankbar. „Bah! das gehört zum guten Ton,“ antwortete Luitgard;„man gibt, wie man ſich bei einem modernen Verein betheiligt, wie man ſich die Laſt einer überzahl⸗ reichen Dienerſchaft aufbürdet;— einen Bittenden ab⸗ zuweiſen oder warten zu laſſen, wäre ein eben ſo grober Verſtoß, als in gewebten Handſchuhen in Geſellſchaft zu erſcheinen, ſeine Briefe mit Oblaten zu ſchließen, oder falſche Brillanten zu tragen;— man würde ſich dadurch ruiniren, man würde eine Geſchmackloſigkeit begehen.“ Das Herzloſe, das in dieſer Erklärung lag, ſchien ſie einen Augenblicklang abkühlen zu wollen; aber ſie warf den momentanen Eindruck mit allen ſich daranknüpfen⸗ den Betrachtungen gefliſſentlich weit hinter ſich. Auf der dem Publicum geöffneten ſchattigen Terraſſe vor dem fürſtlichen Schloſſe glänzten bereits bunte Uni⸗ formen neben der matten, in ihrer Unſcheinbarkeit noblen Civiltracht. Durchſichtige Spitzenſchleier und Mantillen legten ſich, vom leiſen, bebenden Windſchauer ergriffen, in leichten Falten um die unbelebten Geſichter, um die Taillen und Schultern; Lorgnetten erhoben ſich bis zu den Augen mit den kraftloſen Sehnerven, um bald dar⸗ auf das halb mechaniſch begonnene Unternehmen, ein Pferd, eine Equipage oder einen Menſchen zu muſtern, wieder aufzugeben. Der reichen Luitgard öffneten ſich alle Kreiſe, die Fäden, die die verſchiedenen Gruppen bis jetzt zuſam⸗ mengehalten, lockerten ſich allmählig, die Strömung be⸗ kam einen entſchiedenen Fall, der geſchmeidige Ring der Geſelligkeit hatte ſeinen Mittelpunkt gefunden, und ſchloß ſich um denſelben. Auch Regine wurde bemerkt, und bald hatte die 174 Herrenwelt ſich um die beiden jungen Frauen ver⸗ ſammelt.— Angeregt von Luitgard's gewandtem Witz und ſpielender Neckerei, ſowie von Reginen's aufflackernder Lebendigkeit, floß die Converſation raſcher und ergiebi⸗ ger, als vorher, denn Jedes bemühte ſich, durch ein plattgeſchlagenes Körnchen Geiſt einen leichten Gold⸗ ſchaum über den werthloſen Gehalt der Geſpräche zu ziehen, zufrieden, wenn es nur für den Augenblick glänzte. Das Geleite mehrerer Herren zu Pferde, während der Rückfahrt der beiden gefeierten Damen, war das Re⸗ ſultat dieſes Nachmittags. Nicht weit von der Stadt blühte an einem Canal eine Guirlande Vergißmeinnicht. Die einfache Wahr⸗ nehmung und ausgeſprochene Freude daran genügte, den jüngſten und gewandteſten Reiter vom Pferde ſtei⸗ gen zu laſſen, um einige Blüten für Reginen zu ſam⸗ meln. Unterdeſſen hatte die Equipage das Thor paſſirt, und bereits die belebte Hauptſtraße erreicht. Im ſcharfen Trabe kam der Zurückgebliebene nach und reichte, ſich geſchickt vorbiegend, mit erhitztem Ge⸗ ſichte Reginen das zierliche Bouquet. Sie nahm es mit lebhaftem Danke in demſelben Augenblicke aus der dienſt⸗ fertigen Hand, als Adrian vom aufwirbelnden Staube 175 bedeckt, von dem Hufe des Pferdes faſt geſtreift bei Seite trat, um ſeine Frau, ſtrahlend vor Vergnügen, in Be⸗ gleitung der berüchtigſten Roues, wie ein Traumbild an ſich vorübergleiten zu ſehen, ohne auch nur einen Blick oder Gruß von ihr erhaſchen zu können. 6 „Da iſt ja mein Hans noch wach,“ ſagte Luitgard, als während des ſpäten Soupers ein kleiner, krauslocki⸗ ger Kopf an der Thüre ſich zeigte;„jagteſt wohl tapfer das Sandmännchen fort, um der Mama gute Nacht zu ſagen?“ Der Knabe kam halb müde, halb zutraulich zu ihr und kletterte auf ihren Schooß. „Haſt Du mir etwas mitgebracht, Mama?“ fragte er ernſthaft. „Es gab nichts, als Caffee und Limonade, mein ſüßer Hans, aber ſieh Dir hier die eingemachten Nüſſe, die gezuckerte Melone, die Torte, den Wein an und ſage mir, was Du möchteſt?“ Hans ließ ſeine großen, ernſthaften Angen über —, 177 die bezeichneten Näſchereien laufen, ohne eine Begehr⸗ lichkeit zu verrathen. „Das habe ich geſtern ſchon gegeſſen, ich weiß wie es ſchmeckt,“ ſagte er ablehnend. „Du biſt wohl ſatt, mein kleiner Sohn?“ fragte Luitgard, ihm die Haare aus der Stirne ſtreichend,„iſt die Maus ſatt, ſchmeckt das Mehl bitter.“ „Ja, ich aß bei der Großmama.“ „Gefiel Dir's da?“ „Nein, ſie ſprach nicht mit mir, immer nur mit dem ſchwarzen Mann—“ „Was ſprachen ſie?“ fragte Luitgard unüberlegt. Hans beſann ſich ein wenig.„Vom Teufel einmal, und dann vom lieben Gott und auch vom Onkel Roßleben.“ 6 Regine ſah Luitgard überraſcht an, dieſe wurde roth.— „Und mit wem haſt Du Dich da unterhalten?“ forſchte ſie. „Ich ging zum Großpapa und dann mit Müller wieder nach Hauſe. Aber unterwegs habe ich eine große, lange Peitſche an einem Fenſter geſehen, die möchte ich haben; warum haſt Du mir die nicht mitgebracht, Mama?“ „Weil ich nicht wußte, daß Du ſie haben wollteſt.“ Kinder der Zeit. I. 12 178 „Mama,“ ſagte er nach einer kleinen Pauſe,„be⸗ kommen denn manche Thiere mit ſo großen Peitſchen Schläge?“ „Wenn ſie faul ſind, Hänschen.“ „Aber unſer Bird iſt doch immer faul und er ſoll nie, niemals Schläge haben,“ ſagte er ganz roth vor Angſt.— „Nein, mein Engel, was mir gehört, ſoll nie Schläge bekommen,“ tröſtete Luitgard. „Aber der Onkel Roßleben gab ſeinem großen Hunde einmal Schläge, ſag's ihm, daß er's nicht mehr thut!“— „Wo war das?“ fragte Luitgard mit Intereſſe. „Da draußen,“ ſagte Hänschen, geradeaus zei⸗ gend;„ich fing auch än zu weinen, weil Diane ſehr ſchrie, da ließ er ſie los und kam zu mir.“ „Und was ſprach er mit Dir?“ forſchte ſie weiter. „Ich weiß nicht mehr alles,“ entgegnete Hans;— „nur zuletzt ſagte er, ich habe Dein Geſicht und küßte mich ſehr— aber ich ſchlug ihn, weil er Diane geſchla⸗ gen hatte.“— Regine war ganz verſtört, die einfache Erzäh⸗ lung des Kindes, die Fragen der Mutter, die rück⸗ ſichtsloſen Worte Roßlebens flößten ihr eine wahre Beängſtig ung ein; die dem Kinde drohende ſittliche Ver⸗ 179 wahrloſung trat ihr wie ein Geſpenſt vor die Angen. Sie begriff nicht, wie Luitgard lachen konnte, begriff nicht, wie ſie den Knaben nach einer Weile mit allen möglichen Verſprechungen fortſchicken und der Wärterin überliefern konnte, ſie kannte ſo wenig die Art von egoi⸗ ſtiſcher Zärtlichkeit, die in dieſer Familie von Genera⸗ tion auf Generation erbte. „Ein herziges Kind,“ ſagte Luitgard, das geſchlif⸗ fene Glas an die Lippen führend,„nur für einen Jun⸗ gen etwas zu nachdenklich; er beſinnt ſich mehr, als daß er ſpielt, und fragt ernſter, als man antworten kann.“ „Beläſtigen Sie ſeine ernſten Fragen ſchon jetzt, wie wird das ſpäter werden?“ fragte Regine prüfend. „Ich weiß, wo Sie hinaus wollen; glauben Sie aber, daß ein Sohn je dadurch unglücklich geworden iſt, daß ſeine Mutter ein wenig kokett, ein wenig leicht⸗ ſinnig und gefeiert geweſen iſt?“ „Vielleicht,“— ſagte Regine, und vor ihre Augen trat das ſchlaffe Bild Gregors, des jungen Greiſes mit dem Spott auf den Lippen, dem Ueberdruß in dem eingeſunkenen Auge. „Vielleicht,“ beſtätigte Luitgard,„wenn ich mich mit ſeinem Vater ernſtlich entzweite, oder die Stamm⸗ güter verſchleuderte, ſtatt ſie mit einigen Hypotheken 12½ 180 zu belaſten— aber nicht, wenn ich eine Herzensnei⸗ gung pflege;— ich ſchade ja Niemand damit.“ „Niemand, als Herrn von Saaleck, Niemand als Ihrem Hans, ſich ſelbſt und Herrn von Roßleben,“ entgegnete Regine. Luitgard ſchob den Teller mit Paſtete zurück, aus welcher ſie die Trüffeln genaſcht hatte und ſagte lebhaft: „Saaleck iſt vollſtändig zufrieden mit mir und mei⸗ ner Handlungsweiſe, Hans wird mich in zwanzig Jah⸗ ren nicht nur entſchuldigen, ſondern auch verſtehen, ich ſelbſt werde mir noch im letzten Augenblicke meines Le⸗ bens Beifall geben, es gründlich durchſchmeckt zu ha⸗ ben, und Roßleben wird ſich ſtets dankbar erinnern, von mir geliebt worden zu ſein. So bin ich zufrie⸗ den und gebe nach allen Seiten hin Zufriedenheit, was läßt fich dagegen ſagen? da ich aber einmal an⸗ gefangen habe mich zu entſchuldigen, ſo will ich es auch gründlich thun, damit das Capitel für alle Zu⸗ kunft erſchöpft werde.“ Sie ſtieß an den Tiſch, der auf beweglichen Rol⸗ len ſogleich zurückwich; die Gläſer klirrten leiſe, die Moderateurlampe in ſtets wechſelndem Licht ließ das Silber und Kryſtall erglänzen, das Eis zerrann lang⸗ ſam in dem eleganten Behälter und verbreitete einen ſtarken Geruch von Vanille und Orangen. W W— 181 „Die Verhältniſſe in meinem elterlichen Hauſe kennen Sie,“ fuhr Luitgard nach einer Pauſe fort;„ſie haben ſich der Welt nicht verheimlichen laſſen, aber die wohlerzogene Welt ignorirt fie. An den Ruin einer ein⸗ flußreichen Familie glaubt ſcheinbar Niemand; er iſt ein Begriff, keine ſtörende Thatſache für die Elite der Geſellſchaft.— Gregor war die Hoffnung, ich der Ballaſt des Hauſes, ſo lange ich zurückdenken kann, und in allen Handlungen, wenn auch nicht in Worten, ſagte man mir:„nur ſchnell über Bord mit Dir.“ Da⸗ mit war ich einverſtanden, da mir Alles, ſelbſt die Luft kürzlich zugemeſſen ſchien. Sie kennen Frau von Wartberg. Schade, daß ſie kein Mann wurde, die Welt hätte vielleicht einen modernen Machiavelli in ihr bekommen, während ſie ſich in Rock und Haube begnügen muß, der kleinen Reſidenz in Geſtalt ihrer Kinder ein paar Charakterbilder der Gegenwart gelie⸗ fert zu haben.“ „Unbefangen, hübſch und liebebedürftig trat ich mit ſechzehn Jahren in die Welt, die ihre eiſernen Arme um mich ſchloß und meine Unerfahrenheit gar bald er⸗ drückte.— Ich wurde bemerkt, ich war umſchwärmt, damit war aber Mama noch nicht befriedigt,— ich mußte ſtandesgemäß verſorgt werden.— Daran dachte ich nicht; ich hatte ſchon gewählt. Roßleben war mein bevorzugter Tänzer auf Bällen, mein Partner beim Spiel, mein Nachbar im Theater. Er war hübſch, liebenswürdig— ich liebte ihn. Ich liebte ihn,“ wieder⸗ holte ſie nachdenklich,„viel mehr und ganz anders, als jetzt.— Ich ſpielte mit ſeinem Lächeln, mit ſeinem Lob, mit ſeinen Aufmerkſamkeiten wie ein Kind mit glänzen⸗ den bunten Steinchen und träumte von meinem hübſchen Spielzeng die ruhige Nacht. Ob er mich damals geliebt hat, ob er daran gedacht hat, mir ſeinen Namen, ſeine Hand zu bieten, weiß ich nicht; wir waren beide arm und ich ſehe jetzt ein, daß in einer Verbindung mit ihm ich vielleicht beſſer, aber gewiß nicht glücklicher gewor⸗ den wäre. In dieſer Zeit trat Saaleck als Bewerber auf, mein guter, alter Saaleck, dem man ſchon da⸗ mals deutlich anſah, daß er ſich nur von Auſtern und Burgunder nährte. Ich widerſtrebte ſeiner Annäherung. Der Verdruß, der mir im elterlichen Hauſe daraus er⸗ wuchs, trieb mich nur um ſo offener in Roßlebens Nähe. Man bemerkte und beſprach die zarten Bezie⸗ hungen zwiſchen uns, ohne einen Moment am eine fe⸗ ſtere Geſtaltung derſelben zu denken. Auf Veranſtal⸗ tung meiner Mutter war mein Mann ſtets in meiner Nähe, ging in unſerm Hauſe täglich ein und aus, und machte mir in der entſchiedenſten Weiſe den Hof. In dieſer Zeit wurde Roßleben auffallend kühl gegen mich; * 183 ſie ſagten mir, ich ſei ihm zu arm und er zöge ſich deshalb zurück. Eine tödtliche Angſt bemächtigte ſich meiner, ich hätte mein Leben um ein erklärendes Wort mit ihm gegeben; aber er hüllte ſich in ein ſtolzes Schwei⸗ gen und ich fand nicht den Muth, eine Frage an ihn zu richten, die nach den Geſetzen des conventionellen An⸗ ſtandes über die Lippen des Mannes zuerſt gehen muß. Plötzlich verſchwand er ganz. Dunkle Gerüchte gelang⸗ ten durch den Mund meiner Mutter zu mir, ſie deute⸗ ten auf Roßlebens Bewerbung um eine ſeiner reichen Couſinen, der er durch ſeine perſönliche Gegenwart mehr Nachdruck zu geben gedenke. Man benutzte die erſte Aufregung des Schmerzes, den nach Genugthu⸗ ung dürſtenden Stolz, man ſprach nur von dem Auf⸗ fehen, das ein von ihm hervorgerufener Bruch nach ſich ziehen würde, und ließ mich kurz wählen zwiſchen einer nach allen Seiten hin in Frage geſtellten Exiſtenz und Saalecks Hand. Nach dem Verluſt von Roß⸗ lebens Liebe konnte ich nicht mehr zaudern, ich wurde Saaleck's Braut. Bald darauf nahm Roßleben Ur⸗ laub auf längere Zeit, um, wie mir Mama ver⸗ ſicherte, ſich auf einer Zerſtreuungsreiſe über gewiſſe fehlgeſchlagene Hoffnungen bezüglich einer reichen Par⸗ tie zu tröſten. Es war genug und übergenug. Zufrieden, durch meinen raſchen Schritt der dro⸗ * 184 henden Lächerlichkeit, ungerechtem Tadel und beſchim⸗ pfendem Mitleid entgangen zu ſein, ſpielte ich tapfer die Rolle der glücklichen Braut bis zu meinem Hochzeits⸗ tage. Da ließ die Spannung nach und in der erſten Zeit meiner Ehe that ich das Möglichſte, um meinen Mann durch Thränen, Seufzer und Unzufriedenheit zur Verzweiflung zu bringen. Aus dem Stadium der Schwärmerei war ich in das der Enttäuſchung, aus dieſem in das des Unverſtandenſeins getreten. Das iſt eine gefährliche Periode, ſchwache Naturen gehen daran zu Grunde, ich aber überwand ſie, und zwar haupt⸗ ſächlich durch die Energie des Uebelwollens, die ſich nach und nach in mir entwickelte. Ich erſchien wieder in der Welt, nicht um mich zu zerſtreuen und zu amu⸗ ſiren, ſondern um durch einen übertriebenen Luxus und die durch denſelben erreichten perſönlichen Erfolge An⸗ dere in Schatten zu ſtellen; um die, welche ich im häuslichen Leben glücklich und befriedigt wußte, im ge⸗ ſelligen Leben zu demüthigen und zu verdunkeln. Ich wollte die Waffen benutzen, die mir das Schickſal ge⸗ geben, ich wollte Krieg führen und die kleinen Erfolge, die ich auf dieſem Gebiete erreichte, machten mich nur um ſo erfinderiſcher und raffinirter. Ich fand bald Frende an dem grauſamen Spiel; ich lernte Gift in den Trank der Höflichkeit gießen, ich wußte Dornen — 185 unter die Blumen meiner ſcheinbaren Protection zu mi⸗ ſchen, ich überdeckte abſcheuliche Verläumdungen mit dem verhüllenden Schleier der Unbefangenheit, ich übte alle die funkelnden Bosheiten, die brillanten Intriguen, die wie die trügeriſche farbenreiche Vegetation auf einem Sumpfe, die Oberfläche des ſelbigen Verkehrs über⸗ wuchern.— Saaoleck, zufrieden, daß ich nicht mehr weinte und kränkelte, fand alle meine Thorheiten aller⸗ liebſt, und da er ſah, daß nur das Bad im Champag⸗ nerſchaum des Genuſſes, nicht das im reinen Brunnen der Mäßigkeit, das kräftige Leben erzeugte, was jetzt in mir pulſirte, ſo trieb er mich immer tiefer in die Wirbel der Zerſtreuungen hinein. Nach und nach lernte ich begreifen, welch' einen Schatz eine Frau an einem nachſichtigen Manne beſitzt, der ſich abkühlt, ohne kalt zu werden, ſeine Frau frei gibt, ohne ſie aufzugeben. — Roßleben kam endlich wieder zurück; der Tag, an welchem wir uns wiederſahen, wird mir ewig denkwür⸗ dig bleiben. So vernünftig ich auch geworden war, hatte ich doch Mühe, nicht in Thränen auszubrechen, als ich ſeinen beſchleunigten Tritt hörte, ſeine alten, be⸗ kannten Blicke fühlte. Man ſpricht ſoviel von Selbſtbe⸗ herrſchung, das Leben ſelbſt erzieht uns mit ſo eiſerner Conſeguenz dazu, und doch reicht dieſe ſo ſchwer erwor⸗ bene Kraft nur ſo weit aus, daß wir uns dem Gelieb⸗ 186 ten nicht in die Arme werfen, nicht zu feinen Füßen ſinken, wenn fremde Augen und fremdes Urtheil uns überwachen. Bald fiel ein trauriges, helles Licht über die mir bis dahin zweifelhafte Epiſode ſeines Verſchwin⸗ dens. Durch meine, von meiner Mutter mit Beſtimmt⸗ heit vorausgeſagte Verlobung erſchüttert, hatte er ſich zurückgezogen, und endlich, um nicht gegenwärtiger Zeuge meines Treubruchs ſein zu müſſen, B. verlaſ⸗ ſen. Zu ſeinen Verwandten war er gar nicht gekommen, hatte mit keinem Wort eine andere Verbindung einge⸗ leitet und auch die ſpätere Reiſe nur unternommen, um ſeine Erſchütterung, ſeinen Schmerz über meinen Ver⸗ luſt zu überwinden. Von dieſem Augenblick an erkannte ich, daß Frau von Wartberg die geſchickte Dirigentin unſerer beider⸗ ſeitigen Handlungsweiſe geweſen war, daß ſie uns in ihrem Eigenſinn, ihre Kinder nach ihrer Weiſe glück⸗ lich zu machen, geſchieden hatte. Sie hörte auf meine Mutter zu ſein. Mag mein Leben ſich nun auch geſtal⸗ ten wie es will, eine Mutter, die ihr Kind ihren ehrgeizigen Plänen opfert, hat kein Recht mehr auf ſeine Liebe. „Arme Luitgard,“ ſagte Regine theilnehmend ihre Hand ergreifend,„wie bedauere ich Sie.“ „Das iſt nun gerade nicht nöthig,“ erwiderte Luit⸗ ——„ —„ n— C„—„——— e en c— W N— W 187 gard lächelnd,„denn ich fühle mich jetzt vollkommen an meinem Platz; nur will ich wünſchen, daß dieſe Har⸗ monie nicht wieder ein Uebergangsſtadium iſt und mich zu neuen Metamorphoſen nöthigt.“ „Gerade das hoffe ich,“ ſagte Regine mit Ueber⸗ zeugung,„Sie ſind im Grunde ſo gut, ich kann nicht an dem endlichen Sieg Ihres Gewiſſens zweifeln.“ „Ein Rückfall, ein Rückfall in die Redeweiſe des hohen Prieſters in Israel“, lachte Luitgard muthwillig. „Sie ſind alſo doch eine verkappte Miſſionärin? Sie müſſen Bericht erſtatten über meine Geſinnungen? So vernehmen Sie denn mein letztes Bekenntniß: wenn es einmal ſo weit kommen ſollte, daß mir eine Wahl zwiſchen meinem alten Burgunderzecher und meinem jungen„Freund“ geſtellt würde, bei meinen ſchönen Augen! ich würde dem Erſteren auf's Neue Treue ſchwören.“ Regine, von dem ſchnellen Uebergang vön Ernſt zu Scherz unangenehm berührt, wollte eine mißbilli—⸗ gende Antwort geben, aber Luitgard, die in dem Aus⸗ druck ihrer Züge ihre Abſicht errieth, hielt mit necken⸗ der Gewalt ihr beide Hände auf den Mund. „Ich weiß alles, was Sie ſagen wollen,“ ſagte ſie lachend;„es ſteht im Katechismus, in den bürger⸗ lichen Geſetzbüchern, in allen Wegweiſern durch's Le⸗ 188 ben,— ich glaube ſogar im Converſationslexicon;— aber die hausbackene Lehre dieſer weitverbreiteten Bü⸗ cher ſind nicht für mein Temperament,— ſo wenig, wie das Gehen auf ſcharfem, holperigem Fflaſter für meine Füße. Ich mag nicht die mühſelige Wallfahrt auf vorgeſchriebenem ſteilen Wege mitmachen, ich mag lieber auf dem Seile der Willkür und Ungebundenheit tanzen— allen Andern über die Köpfe weg.“ „Um,“ warf Regine ein,„bei einem unſichern. Tritt, bei einem Schwindel herabzufallen und dann die Füße aller derer auf dem Nacken zu fühlen, die Ihnen jetzt Beifall klatſchen.“ „Kind,“ ſagte Luitgard mit einer Art von gerühr⸗ tem Mitleid—„wiſſen Sie nicht, daß man nicht fallen, nicht unter die Füße getreten werden kann, wenn man ſich durch eine Balancirſtange von Gold im Gleichge⸗ wicht hält?“ „Ach, mein Gott,“ ſagte Regine, von der Wahr⸗ heit dieſer Behauptung ſchmerzlich getroffen,„wie ſoll das enden?“ „Hoffentlich in einem würdigen und nach allen Seiten hin beglückenden Alter,“ antwortete Luitgard zuverſichtlich. Da fragte ſich Regine mit troſtloſem Zweifel:— M W 189 „Und ich mit aller meiner Pflichttreue, mit aller meiner Selbſtverläugnung, wen vermag ich zu beglücken?“ Sie brach auf, als ob ſie durch Ortsveränderung ihren Gedanken entlaufen könne, ſie fühlte ſich nicht an ihrem Platz, und wußte ſie auch, daß ſie daheim nicht den entſprechenden finden würde,— ſo fand ſie doch we⸗ nigſtens Ruhe, und Muße zu wehmüthigen Gedanken in der kühlen, einſamen Zellenbehauſung. Luitgard's Wagen fuhr vor. Sie ſelbſt ging, mit über den Kopf geworfener Mantille, bis heraus vor die Glasthür, lachend und ſcherzend über den ſoliden Abend und die unabweisbar aufgedrängte bürgerliche Schlafſtunde. Nach freundlichem, gegenſeitigem Gruß trennten ſich die beiden Frauen, und Regine rollte unter der Laubwölbung rieſiger Kaſtanienbäume ihrer Wohnung zu.— Sie gehörte zu jenen milden Naturen, die lieber Verhältniſſe, als Menſchen anklagen, lieber ein Un⸗ recht entſchuldigen, als es ſcharf empfinden und bekäm⸗ pfen. So dachte ſie auch jetzt mehr mit Mitleid, als mit Tadel, an Luitgard und an das feige, ſelbſtſüch⸗ tige Glück, deſſen ſich dieſe gerühmt hatte; ſie ſah nur Schwäche, wo ſie Sünde, ſie ſah nur Unglück, wo ſie Schuld hätte ſehen ſollen. Sie erinnerte ſich der Erzie⸗ hung, der jene unterlegen, der gefährlichen Eindrücke, 190 die ſie von Kindheit an in ſich aufgenommen, der leicht⸗ ſinnigen Billigung Saalecks, und hoffte auf irgend ein wunderbares, ihr nicht ganz deutliches Ereigniß, wel⸗ ches das bedauernswerthe Opfer der Gewalt der Ver⸗ hältniſſe und Leidenſchaft entreiffen und ſeiner Fflicht zurückführen ſollte. „Iſt mein Mann noch nicht zu Hauſe?“ fragte ſie das Mädchen, als das Geräuſch der hinter ihr zu⸗ fallenden Hausthür ſich mit dem des zurückrollenden Wagens miſchte.— „Der Herr Hoſprediger war bis vor einer halben Stunde zu Haus, iſt aber wieder fortgegangen,“ lautete die Antwort. Regine war allein. Mit ſorglicher Befangenheit ſah ſie um ſich noch die Spuren von ihrem heutigen un⸗ ſteten Gebahren;— das Clavier war noch geöffnet, die Noten bauſchten ungeordnet und verknittert aus dem Behälter hervor, beklexte Papiere lagen auf dem Schreib⸗ tiſch, ein Fenſterflügel war geöffnet und ein Windſtoß hatte, gewaltſam Eingang ſnchend, die Stickperlen ſammt dem leichten Papierkörbchen auf den Boden ver⸗ ſtreut. Welch einen üblen Eindruck mußte auf Adrian die Unordnung gemacht haben, und welche Beſchämung wurde durch dieſelbe in ihr ſelbſt geweckt!— Was hatte ſie nun durch den kurzen Ausflug erreicht, was durch —„——„—— ) 191 das chimäriſche Vergnügen, das ſie halb fiebernd einen Augenblick genoſſen?— Was durch das Vertrauen, welches ſie mehr zu Luitgard's Mitſchuldigen, als zu ihrer Freundin machte, gewonnen? Wo blieb die Be⸗ friedigung über die kleinen Huldigungen, die ihr ge⸗ worden waren, wo der Ranſch, welcher ſie einen Au⸗ genblick— ſie fühlte es wohl— aus ihrer ernſten, weib⸗ lichen Haltung herausgetrieben hatte? Es ſchmolz und ſchwand alles dahin, der Schaum war verflogen, und nur das drückende Gefühl der Leere und Mißſtimmung blieb ihr als Hefe zurück. „Und doch habe ich nichts gethan, als einen Mo⸗ ment mich ſelbſt und meine häuslichen Verhältniſſe ver⸗ geſſen wollen,“ ſagte ſie, wie gegen eine heimliche, be⸗ unruhigende Anklage ſich vertheidigend, indem ſie mit den müden Händen bemüht war, die Spuren ihrer Un⸗ ſtetigkeit zu vertilgen. Sie dachte nicht an den Schlaf, ſie dachte nur noch an Adrian, deſſen verlängerte Abweſenheit ſie immer mehr beunruhigte. Aengſtigende Vermuthungen ſtiegen in ihr auf, und ranbten ihr durch die grellen Farben, in die ſie ihre erregte Phantaſie zu kleiden wußte, die Fähigkeit der ruhigen Prüfung. Sie öffnete das Fenſter und blickte immer in der Richtung hin, woher ſie Adrian gewöhnlich kommen ſah; 192 ſie überlegte, ob ſie bei Frau von Wartberg Erkundi⸗ gungen einziehen laſſen ſollte; ſie dachte einen Moment daran, ſelbſt bis an die nächſte Querſtraße zu ſchleichen und ſich nach ihm umzuſehen;— aber ihre Angſt vor ſeiner Mißbilligung, die Alles traf, was ſein häusliches Leben in den Mund der Leute bringen konnte, ließ ſie bald von der Ausführung ihrer Pläne abſtehen. Es ſchlug eilf auf der nahen Thurmuhr;— der Wächter, in ſeinen langen Mantel gehüllt, ging mit langfamen Schritten über den Kirchplatz und rief mono⸗ ton die Stunde ab, den gewöhnlichen Spruch hinzu⸗ fügend: „Und wer ein ruhig' Gewiſſen hat, Schlaft ſanft und ſtill; ein Himmel wacht Ein helles Aug' die ganze Nacht!“ Da wendete ſich Regine zu dem hellen Auge, das über ihr wachte, und bat, daß es leuchten möge auch über Adrian, daß es ihn heimführen möge ohne Scha⸗ den und Gefahr, nicht nur bis unter ſein ſicheres Dach, ſondern auch bis zu ihr,— daß es ihr den Weg klar ma⸗ chen möge, auf dem ſie ihm endlich in befriedigender Neigung begegnen könnte. Sie glaubte, daß Gott in ſeiner Kraft und Macht ein Wunder an ihr verrichten könne, wenn ſie nur im — —— — ——„—.——— 193 rechten Sinne und im rechten Glauben ihn darum anrufe. In dieſem kindlichen Vertrauen fand ſie ihre Ruhe wieder; ſie hatte ihr Herz ausgeſchüttet, und es war nicht mehr ſchwer, ſie hatte alle ihre Wünſche, Sorgen und Befürchtungen in leiſen Worten geklagt, hatte ihre Seele, die ſo rein war wie die Thräne, die ihrem Auge entfiel, ihrem Hort erſchloſſen. Und als ob ihr Vertrauen gerechtfertigt werden ſollte, hörte ſie bald darauf ſeinen bekannten Schritt ſich dem Hauſe nähern. Glücklich, ihn nur geſund und wohlbehalten zurück zu bekommen, ergriff ſie ein Licht und flog in dankbarer Eile ihm entgegen. Aber ihr Gruß fand keine Erwiderung, ihre be⸗ ſorgten Fragen erhielten keine Antwort. Streng und ſtumm ſchritt er vor ihr her, und erſt nachdem die Thüre ſich hinter ihnen geſchloſſen, nachdem ſie, von ſeinem kalten Zorne geängſtigt, in Thränen ausbrach und ihn um eine Erklärung, ein Wort an⸗ flehte— erſt dann ergoſſen ſich ſeine Vorwürfe, ſeine Schmähungen, in immer gehäſſigeren Worten und führ⸗ ten zu einer Scene, der Reginen's Selbſtbeherrſchung und Sanftmuth endlich unterlag. Durch die Beſchuldigung des Ungehorſams, des Kinder der Zeit. I. 13 194 Leichtſinnes und einer Coketterie, die die Huldigung der übelberüchtigſten Männer nicht verſchmähe, aufs äußerſte gebracht, entgegnete ſie ihm, daß ſein eingehaltenes Verfahren, jedem kleinen Wißgriff eine übertriebene Bedeutung beizulegen, ganz geeignet ſei, ihr die Zuver⸗ ſicht zu rauben, die ſie bis dahin in die Billigkeit und Gerechtigkeit ſeines Urtheils zu ſetzen gewohnt ge⸗ weſen ſei. Durch dieſen unerwarteten Angriff nur noch mehr gereizt, vergaß ſich Adrian ſo weit, den unglücklichen Tag zu beklagen, an welchem er ſein Glück und ſeine Ehre in ihre Hand gelegt habe— in die Hände einer Frau, deren gewichtigſtes Erbtheil der rebelliſche, hartnäckige Sinn des Vaters und die hyſteriſche Senti⸗ mentalität der Mutter ſei. Statt der Antwort verließ Regine, im Herzen ge⸗ troffen, das Zimmer, und Adrian legte, nachdem er, mit dem Lichte in der Hand, ſeine Geſichtsfarbe im Spiegel betrachtet und nach etwaigen Spuren des aus⸗ geſtandenen Aergers geſpähet, ſich ruhig ſchlafen, zufrie⸗ den, daß er das Feld gegen die unfügſame Regine behauptet hatte. 10. Im n bequemen Schaukelſtuhle, der mit ſeinen ſchwel⸗ lenden Polſtern und zürückfallenden Lehnen ſonderbar gegen die andern Möbel, von alter Form abſtach, ruhte Prinz Friedrich von den Anſtrengungen, die ſeine Mor⸗ gentvilette mit ſich gebracht hatte, aus. Vor ihm, auf einem kleinen Tiſche, lagen verſchie⸗ dene Knäuel von ſtärkeren und feineren Bindfaden, und die Nadeln und Stäbchen, die in den W eines angefangenen Netzes hingen, weckten die Vermuthung, daß der Prinz ſich mit Vorliebe der weiblichen Beſchäf⸗ ioug des Filetſtricens hinzugeben pflege. Das herannahende Greiſenalter hatte dem fürſtli⸗ chen Hern bereits ſeine Spuren aufgedrückt; es ver⸗ rieth ſich in dem weißen Haar, in der muskelloſen Kör⸗ 196 perfülle und in den tiefen Falten, die die kahle Stirne und die fleiſchigen Wangen durchſchnitten. Aber kein Zug von Grämlichkeit oder Stumpfheit, wie ſolche in höheren Lebensjahren ſich häufig zeigen, machte ſich bemerklich, wenn auch das angeborne Phlegma des Temperaments ſich nicht wohl erkennen ließ. Anſprechend wirkte in dem Geſichte des Prinzen der Ausdruck jener wohlwollenden Aufmunterung und gutmüthigen Schelmerei, der, wenn nicht tieferes Ver⸗ trauen, doch aber leicht Vertraulichkeit zu erwecken pflegt.— Der Eindruck, den die von demſelben bewohnten täume der Geiſenburg machten, konnte, trotz des nicht mehr modernen Styls der Ausſchmückung, ein feſtlicher genannt werden. Wie das achtzehnte Jahrhundert ſeinen Geſchmack im Parke durch zahlreiche Steinſtatuen, ge⸗ ſchnittene Hecken und künſtliche Grotten kungegeben hatte, ſo hatte dieſelbe Zeitepoche den fürſtlichen Gemä⸗ chern ihren Stempel aufgedrückt. Der Fußboden zeigte feine Holzmoſaik, von der Decke herab ſchauten baus⸗ backige Gipsamoretten, die ſich bleiche Trauben und Blumen reichten. Mit dunkelfarbigem Brokat waren die Wände bekleidet, und anmuthig unterbrachen in Me⸗ daillonform gefaßte Bilder, die lachende Scenen aus dem Schäferleben zierlich darſtellten, die einfarbigen . W W —— M FP W 197 Flächen. Möbel von geſchnörkelter Form, mit vergol⸗ deten Holzſchnitzereien verziert, waren mit der Regel⸗ mäßigkeit einer ſchon längſt beſeitigten Mode an den Wänden vertheilt, und ſowohl von den Fenſtern, als von dem kleinen Thronhimmel herab, der das Sopha überragte, fiel ſeidener Brokat in ſteifen, von Quaſten gehaltenen Falten. Dem erfahrnen B Blicke ſeines Kammerdieners konnte der Prinz heute eine leichte, wie es ſchien angenehme, Aufregung nicht verbergen. Die Temperatur des Zimmers, ſonſt ein beſtändi⸗ ger Grund ſeines Tadels, ſtimmte heute vollkommen mit dem Wärmebedürfniſſe ſeines Körpers überein, die Filetſtäbchen glitten ſchneller und geſchicite durch ſeine gepflegten Hände, das Heulen des Windes in den Cor⸗ ridoren und Caminen rief keine tadelnde Bemerkung über offen gelaſſene Thüren und ſchlagende Fenſter hervor, ja ſelbſt in der Haidhahig ſeiner Schelle ſchien mehr Schwung zu liegen, als Maier ſonſt heraus zu hören vermochte. „Ich laſſe den Herrn Profeſſor zu mir bitten,“ ſagte er dem Eintretenden, der ſogleich in gemeſſener Haltung dem Befehle Folge zu leiſten ſ anſchickte. „Rathen Sie, rathen Sie ſchnell, Herr Profeſſor, woher das Schreiben kommt und was es uthits“ rief 198 ihm der Prinz beim Eintritte zu, auf ein zuſammenge⸗ faltenes Couvert deutend.. „Von der Landesuniverſität vielleicht? die Wid⸗ mung eines wiſſenſchaftlich en Werkes?“ Unmerklich, wie Joachim ſich ſchmeichelte, war ſeine Hand auf einen ſehent Käfer, der in einer Ecke des Fenſters geſtorben war, gefallen, und hatte ſich bes Leichnams bemächtigt, um ihn ſpäter unter die Eupe zu bringen. „Das Poſtzeichen trägt den Namen der Reſidenz,“ ſagte der Prinz mit einem kleinen Triumph,„und das Siegel das unſeres Hauſes.“ „Ein Billet von Ihrer Durchlaucht der regierenden Fürſtin?“ fragte Joachim zerſtreut, und fügte bald dar⸗ auf, im Unterfuchen des Inſectes begriffen, zu ſich ſelbſt ſprechend hinzu:„Die Farbe iſt durch die erloſchene Lebens kraft in's Graufahle gedämpft. 2 „Da ich merke, daß Sie kein Held im Rathen ſind, muß ich mich ſchon entſchließen, Ihnen mit⸗ zutheilen, daß ich ein Handſchreiben von dem Fürſten 0 k— empfing.“ „Ew. Durchlaucht werden mir den Sinn der Ant⸗ wort andeuten,“ ſagte Jvachim, die Fühlhörner unterſu⸗ chend.„Dieſe feinen Nervenfaſern münden in—“ „Mein beſter Profeſſor,“ unterbrach ihn der Prinz —„ 199 mit etwas gezwungenem Lachen,„entziehen Sie für einen Augenblick Ihre Aufmerkſamkeit dieſen feinen Ner⸗ venfaſern, ſpannen Sie dafür die Nervenfaſern Ihrer Gehörorgane, damit dieſe getreue Boten nach dem Ob⸗ longum Ihres Gehirnes werden.“ „Die Form des Gehirnes iſt, mit Ew. Durchlaucht Erlaubniß, mehr Halbkugel als Oblongum zu nennen,“ entgegnete bedächtig Joachim,„und was die Gehör⸗ nerven betrifft, ſo—“ Der Prinz erhob jetzt die weißen, fetten Hände, denen die Filetmaſchen entglitten waren, und bedeckte ſeine etwas tief liegenden Ohren. Eine komiſche Ver⸗ zweiflung malte ſich auf ſeinem runden Geſichte. „Beſter Joachim,“ begann er mit noch zugehalte⸗ nen Ohren,„es gilt jetzt nicht mehr geſchickter Pflanzen⸗ und Thieranatom, es gilt jetzt hauptſächlich: Diplomat zu ſein.“ Mit dieſen Worten ſanken die müde geworde⸗ nen Hände ruhebedürftig auf die Armpolſter. „Die Diplomatie,“ ſagte Joachim nachdenklich,„ſoll die Fähigkeit verlangen, Alles zu durchſchauen und ſeine eigenen Pläne, Abſichten und Wünſche hinter un⸗ durchdringlichen Schleier zu bergen. „Das Telescop meiner Anſchauungen war bis jetzt nur auf die wahrnehmbare Materie gerichtet, die allgemeinen Geſetzen gehorcht;— ob es ſcharf genug 200 ſein wird, um die maskirten Züge fremder Intereſſen und verſteckter Hinterhalte zu erſpähen, wage ich nicht zu entſcheiden.“ „Wir ſind zu zweien,“ tröſtete der Prinz,„wir hel⸗ fen einander. Hier leſen Sie nun aber auch, was der Fürſt ſchreibt.“ Das Schreiben des Fürſten war in einem mehr höflichen, als vertraulichen Tone abgefaßt; der Bru⸗ der hatte unter dem Regenten verſchwinden müſſen; die Gewohnheit des Befehlens hatte das wohlwollende, herzliche Wort verlernen laſſen. Der Wunſch desſelben, im Einverſtändniſſe mit den Agnaten des regierenden Hauſes, eine Aenderung der Hausgeſetze zu erproben und zu dieſem Zwecke einen Be⸗ vollmächtigten in der Perſon des Herrn von Barthelmy an den Prinzen abzuſenden, konnte keine Verwunderung erregen, und Joachim begriff während des Leſens nicht, wozu es diplomatiſcher Künſte bedürfen ſolle, um ein ſo einfaches Geſchäft zu einem günſtigen Ende zu führen. „Nun was meinen Sie?“ fragte der Prinz, der ſich mit einiger Mühe ſelbſt ein Brauſepulver einrührte, da er die Gegenwart Maiers vermeiden wollte. „Ich meine: auf jede deutliche Frage gehört eine 201 deutliche Antwort und in dieſem Falle wohl eine zuſa⸗ gende.“ „Der Meinung bin ich im Grunde auch,“ ſagte der Prinz;„nur finde ich es impertinent, ohne ein aus⸗ gleichendes, verſöhnendes Wort, unſern langjährigen Zwiſt durch gänzliches Ignoriren auswiſchen zu wollen.“ „Ach, ich erinnere mich, daß unangenehme Miß⸗ verſtändniſſe Ew. Durchlaucht den Aufenthalt in B. verleideten,“ bemerkte Joachim. „Mißverſtändniſſe,“ ſagte der Prinz, mit den Bindfaden weite Schlingen formirend,„nein, mein gu⸗ ter Profeſſor, das war mehr, als Mißverſtändniß, das waren fein angelegte Intriguen, Beleidigungen, gegen die ich vicht kämpfen konnte und wochte, die ich aber fühlte und noch einige Jahrzehnte fühlen werde.— Nennen Sie es ein Mißverſtändniß, daß der Fürſt ſeine Feſte immer auf die Tage verlegte, an welchen ich bereits Soireen hatte anſagen laſſen? Nennen Sie es ein Mißverſtändniß, wenn er, ohne auf meine Be⸗ fürwortung Rückſicht zu nehmen, den Poſten unſeres Bevollmächtigten in B. durch eine mir ſtets odiöſe Perſönlichkeit beſetzte? „Nein, lieber Profeſſor, das waren keine Miß⸗ verſtändniſſe, ſondern alles nur deutliche Wegweiſer zu 202 noch ſtärkeren Demüthigungen und— nach der Gei⸗ ſenburg.“ „Auch unittohiri 6 Sifaſtungen, 4 vendete Ivachim ein,—„können zu intereſſanten Beobachtun⸗ 5 gen führen, können uns veranlaſſen, in der Wirkung nur die Thätigkeit der Affecte zu erkennen, die den Menſchen zum Inſtrumente machen. „Läſtige, oder verletzende Handlungen zu verur⸗ theilen und zu züchtigen, iſt zwecklos, aber ſie zu ver⸗ folgen bis zu ihrem geheimſten Urſprunge, dieſen zu ergründen und verſtehen zu lernen, das iſt heilſam und lohnend. „Nur in wenig Menſchen wird eine erduldete Be⸗ leidigung den Wunſch wecken, genaue Einſicht in die moraliſche und geiſtige Beſch fenhei des Beleidigen⸗ den zu gewinnen,“— behiptte der Prinz, während er ſich mit einem chineſiſchen Fächer Luft zuweht e;— „auch hilft es durchaus nichts gegen das Mißbehagen, wenn man beim Empfinden einer unangenehmen Wir⸗ kung auf deren Urſache zu ſchließen vermag. Und iſt deshalb der Menſch weniger verantwortlich für ſeine Handlungsweiſe, weil es dem grübelnden Forſchen ge⸗ lungen iſt, dieſelbe als nothwendige Folge ſeiner innern Beſchaffenheit zu erklären?“ an ga dit m de th ge = 8. an in 203 „Es bleibt noch in Dunkel gehüllt,“ entgegnete Ioachim,„in wie weit der Menſch frei und folglich ver⸗ antwortlich iſt. Es gibt Wich en, bei denen die Or⸗ gane des Denkens gerade ſo wenig entwickelt ſind, wie die Freßz angen dieſes Käfers, und es iſt dieſer Ge⸗ brechlichkeit, nicht ihrem Willen zuzuſch Leiben⸗ wenn ihre Geſinnung und Handlungsweiſe nicht zu der noth⸗ wendigen Correctheit gelangt.“ „Nun ja, ich will es ja glauben, es mag ſo ſein,“ meinte der Prinz,—„doch wir ſind abgekommen von dem Hauptthema, der Beantwortung des Schreibens.“ „G Durchlaucht werden mir Ihre Befehle mit⸗ theilen,“ ſagte Joachim. „Entwerfen Sie nur getroſt dasſelbe nach Ihrer Einſicht,“ erwiderte der Prinz,„und überlaſſen Sie es mir dann zu ruhiger Prüfung. Ich denke unſere Anſichten gehen, wie immer, zu demſelben Ziele.“— Hiermit war Ioachim entlaſſen. Als der Prinz, wenige Stunden ſpäter, das in einem einfachen, würdigen Tone abgefaßte Antwort⸗ ſchreiben überlas, fühlte er eine kleine Mißſtimmung. Die Temperatur der Worté ſchien ihm nicht eiſig genug, auch meinte er, ein Tropfen verſteckter Malice hätte immerhin denſelben einen paſſenden Beigeſchmack geben 204 können. Da ihn jedoch ein Gefühl von Scham obhielt, deutliche Vorſchriften in dieſem Sinne an Joachim er⸗ gehen zu laſſen, ſo entſagte er ſeinem geheimen Wun⸗ ſche und ſetzte ſeine et in breiten Zügen be⸗ ſtätigend bei. 1. Acht Tage ſpäter rollte eine Extrapoſt in ſcharfem Trabe auf der ſich durch den Wald ziehenden Straße der Geiſenburg zu. Der Wagen war zurückgeſchlagen und geſtattete dem Reiſenden einen freien Blick auf die im Hintergrund ſich aufthürmenden Gebirge, wie nach dem Himmel, an welchem die wechſelnde Beleuchtung und Wolkenformation ein eben ſo ſchönes Bild bot, als die landſchaftliche Anmuth der Erde. Der Reiſende ſah jedoch weder über ſich, noch um ſich, ſeine ſchlaffen Geſichtszüge, harmonirten in be⸗ klemmender Weiſe mit der Unbeweglichkeit ſeiner etwas zuſammengeſunkenen Haltung. Den Pelz feſt um ſich geſchlagen, trotz des milden Aprilwetters, den Hut in die Stirne gedrückt, um das angegriffene Auge gegen 2 06 die blendenden Lichter der Sonne zu ſichern, das Bat⸗ tiſttuch vor dem Munde, um die ſchwache Bruſt gegen die Einwirkung der ſcharfen Waldluft zu ſchützen, lehnte er in der Ecke des Wagtis deſſen Schütteln und Raſ⸗ ſeln jene brütende Stumpfheit in ſeinem Kopfe erzeugt hatte, die den Gedanken alle Friſche den ſpecula⸗ tiven Wahrnehmungen die ſcharfe Z Deutlichteit nimmt. Und doch ſchien es ihm ſo nothwendig, mit geſam⸗ meltem Geiſte eine Aufgabe zu beginnen, die ſeine Fä⸗ higkeiten zwar nicht überſtieg, aber doch keine leichte genannt werden konnte. Als Vermittler zwiſchen zwei Fürſten geſtellt, die ſeit Jahren ſich gewöhnt hatten, der gringfügigſten Handlung eine feindliche Abſicht unterzulegen, mußte er jedes ſeiner Worte überlegen, jeden, ſelbſt den unſcheinbarſten Schritt überdenken, bevor er ihn der Deutung eines mißtrauiſchen Beobach⸗ ters überließ. Die Aenderung der Hausgeſetze war in der That nur der Vorwand, welcher tiefere Pläne verſchleiern ſollte; Pläne, deren Gelingen durch ſchwer wiegenden Vortheil den Fürſten allein zu dem annähernden Schritte getrieben hatten und deren Erfolg mit voller Verant⸗ wortlichkeit in Gregor's Hände gelegt worden war. Der Fürſt, unzufrieden mit der freiſinnigen, im Revolutionsjahre gegebenen Verfaſſung, verſuchte alle — M — 207 Mittel, um dieſelbe auf verſtecktem Wege umzuſtoßen. Er ſelbſt mochte ſeine Popularität nicht opfern, indem er gewaltſam eine dem Bedürfniſſe der ſtaatlichen Ver⸗ hältniſſen Sh Gabe zurücknahm, die ihm aller⸗ dings halb gewaltſam abgerungen worden war. Es galt die Agnaten des ft irſtlich en Hauſes zu Erhebung des Proteſtes zu bewegen und ſie einen Streit mit den Kammern ausfechten zu laſſen, deſſen Siegerpreis dem Fürſten ſelbſt die erwünſchten Früchte tragen, deſſen ungünſtiger Ausgang ihn aber nicht im Mindeſten ge⸗ fährden konnte. Da jedoch bei der Disharmonie der beiden fürſtlichen Brüder das augenblickliche Aufdecken dieſer Vorſchläge zu keinem erfreulichen Reſultate hätte führen können, da ferner eine Partei am Hofe mit der Verſöhnung und Rückkehr des Prinzen geſtürzt geweſen wäre und die Einwirkung derſelben zu berückſichtigen war, ſo mußte die Sendung Gregor's, die leicht Miß⸗ trauen erwecken konnte, ſo viel wie möglich, Geheim⸗ niß bleiben. Herr von Wartberg nahm und erhielt Urlaub zu einer Reiſe nach Petersburg, und ging, als Herr von Barthelmy, mit geheimen Inſtructionen verſehen, nach der Geiſenburg, um die Ritterſporen in der Diplo⸗ matie zu verdienen. Es lag auf der Hand, daß die delicate Frage nicht eher angedeutet werden durfte, bis 3 5 208 der Unmuth des Prinzen einer verſöhnlicheren Stim⸗ mung gewichen war, und vorläufig mußte, neben der Reviſion der Hausgeſetze, Gregor's Aufgabe ſein, jene herbei zu ſühren. Durch Frau von Wartberg war ihm ein ziemlich treues Bild des Characters, der Eigenthümlichkeiten und Launen des Prinzen gezeichnet worden, dem ge⸗ genüber er ſich zwar die höchſte Vorſicht empfahl, ſich aber doch auf nicht allzuſchweres Spiel gefaßt machte; dagegen konnten in Bezug auf Joachim, deſſen Ein⸗ fluß weder Mutter, noch Sohn unterſchätzten, beide durchaus zu keiner befriedigenden Klarheit kommen. Der Gelehrte— der in ihm das Uebergewicht zu behaupten ſchien, konnte auf einem ihm gänzlich fremden Gebiete nicht ſchwer zu überholen ſein, aber welches Mittel war ſtark genug, um auf den eigenſinnigen Pedanten in allen Fragen des Rechtes zu wirken? Wie konnte man bequem und geſichert mit einem Manne unterhan⸗ deln, der, unerfahren mit dem Gange des heutigen diplomatiſchen Verkehrs, übermüthig genug war, eine eigene, unverletzbare Ueberzeugung haben zu wollen, die um ſo weniger Blößen bot, je toleranter ſie ſich gegen abweichende Anſichten zeigte? „In jedem Falle iſt es gut, daß ich als Herr von Barthelmy, nicht als Gregor von Wartberg hier auf⸗ 209 trete, und ich werde ſorgen, daß außer dem Prinzen Niemand den Einen in dem Andern erräth,“ ermuthigte ſich Gregor, während die Stöße, die das holperige Fflaſter der Auffahrt verurfachte, ihn belehrten, daß das Ziel ſeiner Reiſe nun erreicht ſei. Er warf einen prüfenden Blick auf ſeine künftige Wirkungsſtätte, und ſein Auge, gewöhnt an die Symetrie der Bauwerke in dem nüchternen Styl der Gegenwart, beſchäftigte ſich angenehm einen Augenblick mit dem characteriſtiſchen Denkmal eines früheren Culturzuſtandes. Der Poſtillon hielt vor der erſten Thür des bewohnt ausſehenden Flügels und ſchaute nach einem Diener ſich um. Aber Alles war und blieb ſtumm und todt. Nachdem Gregor einige Minuten vergeblich ge⸗ wartet hatte, ließ er den Poſtillon den Schlag öffnen, hieß ihm bei Gepäck und Pferden bleiben, und entſchloß ſich, unangemeldet in die Räume des verzauberten Schloſſes zu dringen. Bevor er jedoch zur Ausführung dieſer Abſicht ſchreiten konnte, öffnete ſich eine zweite, entfernter gelegene Thüre und Maier betrat, gefolgt von einem Bedienten, den Schloßhof. Erſterer erklärt die Abweſenheit Sr. Durchlaucht und des Profeſſors durch die täglich wiederkehrende Spazierfahrt des gnädigſten Herrn und bat, Herrn von Barthelmy nach ſeinen Kinder der Zeit. I. 1 210 Zimmern führen und nach ſeinen Befehlen fragen zu dürfen. Gregor traf ſeine Beſtimmungen und blieb ſodann allein. Er brannte ſich eine der ſchwachen Cigarren an, die er allein noch vertragen konnte, und ſah ſich, un⸗ beirrt durch den ſeltſamen, unerwarteten Empfang, die ihm zugewieſenen Gemächer an. Das Rollen eines Wagens machte jedoch bald der Muſterung ein Ende, und ein Blick hinab genügte, ihn zu belehren, daß Leben und Bewegung auf den Schauplatz gekommen war. Vor dem den Hauptflügel erſchließenden hielt ein übergroßer, mit orangefarbigem Lack überzo gener Wagen, deſſen Form wohl mit einer Rieſenme⸗ lone zu vergleichen, und mit Recht nur unter dieſen Na⸗ men von den Schloßbewohnern bekannt und genannt war. Die Livree der zur Equipage gehörigen Diener⸗ ſchaft hatte mit würdevollem Stoicismus der Forderun⸗ gen des herandringenden heutigen Geſchmackes wider⸗ ſtanden, harmonirte aber dafür vollſtändig mit dem ſicheren, breiten Geſchirre der wohlgenährten Pferde. Ein ſchlanker, ältlicher Herr ſtand neben dem ge⸗ öffneten Schlag, durch welchen ſich, mit einiger Mühe wie es ſchien, Se. Durchlaucht bewegte, indem er ſich in die unterſtützenden Arme des Bedienten fallen ließ, als ſei er eine wolkenähnliche, ätheriſche Sub⸗ ſtanz, die ſich auf die Menſchen ſenken könne, ohne ſie im Mindeſten zu beläſtigen.— Bald darauf verſchwand der Prinz unter dem Thürbogen und Maier gewann Zeit, um einige Schmetterlingsnetze, Fernröhre, Spa⸗ zierſtöcke, Kiſſen, Mäntel und die Reiſeapotheke aus der Höhlung der Melone zu ziehen und hinauf zu ſchaf⸗ fen;— dann wurde dieſe mittelſt einer präciſen Schwen⸗ kung in die Remiſe gefahren. Mit träger Befremdung hatte Gregor zugeſehen und die Befürchtung: vielleicht mit lauter Originalen verkehren zu müſſen, ſtieg von Neuem in ihm auf. War ſein Character auch nicht kräftig genug, um dem trei⸗ benden Ehrgeiz genügenden Nahrungsſtoff zu geben, ſo gedieh in dem zerſetzten Boden doch die Paraſitpflanze der Eitelkeit vortrefflich, und ließ ihn einen glücklichen Ausgang ſeines Geſchäftes und in Folge desſelben Avancement, Decorationen und Einfluß hoffen. Er legte ſich noch einmal den muthmaßlichen Gang der Unterhandlungen zurecht, ſuchte noch einmal aus den einzelnen Zügen, die er aus Joachim's Leben kannte, ſich ein harmoniſches Bild zuſammenzufügen, und trat, als dieſer bald darauf bei ihm gemeldet wurde, ihm 14* ——— 212 augenſcheinlich guten Eindruck machte. Joachim, der den Menſchen von heute gegenüber ein Kind war, und die Schauſpielerkünſte der Lebensklugheit nicht kannte, ließ ſich leicht von der aufgezogenen Flagge täuſchen und trug Gregor ein offenes Wohlwollen entgegen. Dieſer war Meiſter in der Converſation. Von dem Grundſatze ausgehend, jedes Thema nur in der Weiſe zu behandeln, wie es dem geiſtigen Horizonte ſeines Geſellſchafters angemeſſen war, hatte er die ſchwere Kunſt erworben, ſich ſelbſt zu beſchränken, um bequem und beruhigend auch für den Unbedeutendſten zu ſein. Aber wenn er auch mit dem Einen phlegmatiſch plau⸗ derte, mit dem Andern beißende Repliken wechſelte, und die an einen Dritten gerichteten Worte, in dem Geleiſe der platteſten Alltäglichkeit hielt, ſo verſtand er doch auch, mit Geiſt und Gewandtheit über alle Fragen der Kunſt, Wiſſenſchaft und des Lebens zu ſprechen und dieſelben einer leidenſchaftloſen Kritik zu unterwerfen. Joachim, dem alle Geſprächsgegenſtände nur dazu dienten, um tiefere Ideen an denſelben zu entwickeln, fand ſich angenehm durch die Ausſicht auf theilnehmendes Verſtändniß von Seiten Gregor's über⸗ raſcht und ſchied von ihm mit voller Befriedigung. „Wir werden gute Freunde werden,“ ſagte er wohl⸗ wollend bei dem verſpäteten Aufbruch—„und als ſolche unſer Geſchäft beenden.“ „Freunde?“ fragte Gregor ſpöttiſch, als die Thüre hinter Joachim ſich wieder geſchloſſen hatte,„nein, mein guter Profeſſor, der anſpruchvolle Poſten wird bei mir ewig unbeſetzt bleiben. Solch überflüſſiger Bal⸗ laſt könnte die Barke meiner Exiſtenz bedenklich ge⸗ fährden, nie aber dieſelbe in günſtiges Fahrwaſſer bringen.“ Er dachte zurück und geſtand ſich, daß er nie ei⸗ nen Freund beſeſſen, noch begehrt hatte; die Jahre, in denen gewöhnlich ſolche warme Verbindungen ge⸗ ſchloſſen werden, waren bei ihm ſchon durch Liebeleien mit Frauen und Mädchen ausgeſüllt; die Gelage der Univerfitätszeit hatten ihm Genoſſen verſchafft, deren näheren Umgang er jedoch ſpäter entſchieden vermied, und als er den ruhig prüfenden Blick für fremde Cha⸗ ractere gewonnen— hatte er die Theilnahme an ihnen und mit derſelben die Sehnſucht nach Verſtändniß verloren. Wie das erwachſene Mädchen nur mit Lächeln die Steinchen mitleidig in der Hand behält, die ihr die kleine Schweſter als Silberthaler vom Spielplatz mit⸗ bringt— ſo mitleidig lächelnd ſah Gregor auf die verhei⸗ ßene Gabe der Freundſchaft.„Im Uebrigen,“ ſchloß er ſein Raiſonnement,„bin ich durchaus nicht abgeneigt, jeden erdenklichen Vortheil aus dem mir dargebrachten Wohlwollen zu ziehen.“ 12. Es fruchtete nichts, daß Adrian am Morgen nach dem zuletzt erwähnten Streit bei ruhiger Ueberle⸗ gung ſich geſtand, daß er ſeine Worte von geſtern all⸗ zuwenig abgewogen habe; da er nicht der Mann war, ein eingeſehenes Unrecht durch offenes Bekenntniß zu tilgen. Wenn er ganz aufrichtig hätte ſein wollen, ſo hätte er zugeben müſſen, daß nicht allein Reginen's Schuld, ſondern wiberwärtige Erlebniſſe noch anderer Art ihn in die gereizte Stimmung verſetzt hatten, deren Ausbruch über ſeine Frau gekommen war. Hätte dieſe, Luitgard, oder auch nur einer der Herren ihn bei der Begegnung in der Straße bemerkt und wäre ihm ein höflicher Gruß geworden, das Ereigniß würde ihm ſchon in einem viel milderen Lichte erſchienen ſein; und 216 hätte Frau von Wartberg ihm angenehme, ſtatt unan⸗ genehme Mittheilungen zu machen gehabt, ſo wäre es höchſtens zu einer bibliſchen Anſpielung gekommen. Zum Unglück aber deutete ihm ſeine Vertrante an, daß die von ihm beantragte Wiedereinführung der alten Taufformel auf Schwierigkeiten ſtoße, und daß ihm zu rathen ſei, den gemachten Vorſchlag zurückzuziehen. Ueber dieſe Zumuthung regte er ſich um ſo mehr auf, je ſchwermüthiger Frau von Wartberg über die Macht und den Zwang der Umſtände ſprach; und als er ge⸗ gen neun Uhr nach Hauſe kam und Regine noch nicht traf, trieb in der Mißmuth in das Geſellſchaftslocal eines literariſchen Vereins. Bei ſeiner Stimmung und der Geſellſchaft, die er fand, konnte es nicht fehlen, daß er bald in lebhaften Streit gerieth, der dahin führte, daß er ſeine Gegner in verblümten Reden des Dünkels und der Gottloſigkeit, ſie ihn aber in entſprechenden Wor⸗ ten der Beſchränktheit oder Heuchelei beſchuldigten. Be⸗ ſiegt zwar nicht, aber doch verletzt und erbittert, brach Adrian die polemiſche Converſation endlich ab und machte ſich kein Gewiſſen daraus, den glimmenden Brand im eigenen Hauſe ausbrechen zu laſſen— da⸗ mit er nur nicht mehr nach Innen um ſich greife. Wenn er auch nicht durch eine ſo genaue Analyſe ſeiner Handlungsweiſe zu einem milden, beſchwichti⸗ 217 genden Verfahren geführt wurde, ſo, fühlte er doch, daß ein Schritt geſchehen müſſe, der durch neue Ein⸗ drücke die niederſchlagenden Scenen des geſtrigen Abends im Schatten zu ſtellen vermochte, und deshalb ſprach er beim Frühſtück den Wunſch aus, die ſeit ei⸗ nigen Tagen in B. eröffnete Gemäldeausſtellung mit Reginen in Augenſchein zu nehmen. Sie willfahrte, wie ſtets, wenn auch nicht mit dankbarer Freude. Während der ſchlafloſen Nacht und den mechani⸗ ſchen Geſchäften des Morgens, war die Sehnſucht nach Verſtändigung und Verſöhnung, nach einem ein⸗ zigen liebevollen Wort, welches alle Thränen aus ih⸗ rem Herzen gewiſcht hätte, immer dringender in ihr ge⸗ worden und hatte ſie ſogar bis zu dem Entſchluſſe ge⸗ trieben, eine offene Unterredung mit Adrian zu wagen. Sie wollte ihn bitten, ihre Eigenwilligkeit zu verzeihen, und Geduld und Nachſicht für ſie zu haben. Aber alle dieſe Worte blieben ungeſprochen, denn ſchon die Einleitung ſchnitt er durch den Ausſpruch ab, daß ein wiederholtes Beleuchten vergangener und des⸗ halb unabänderlicher Begebenheiten eine um ſo gefähr⸗ lichere Gewohnheit ſei, je mehr der Inhalt derſelben vergeſſen zu werden verdient. Ein wiederholtes Beleuchten abgethaner Stim⸗ mungen ſchien ihm nutzlos und lähmend, weil der of⸗ fene, practiſche Sinn für die Gegenwart dadurch nur Beeinträchtigung erleiden könne. In den weiten Sälen des Muſeums war die ein⸗ fache Papiertapete hinter dem koſtbaren Schmuck der ausgeſtellten Gemälde verſchwunden. Die Wirkung dieſer ſtillen, idealen Geſtalten, die⸗ ſer glühenden Farben, äußerte ſich in jenem ſonntägigen Schweigen, von welchem man im Anſchauen der Pro⸗ ducte der Malerei und Flaſtik unabweislich überwäl⸗ tigt wird. Vor einzelnen Gemälden hatten ſich dichte Gruppen gebildet, in denen Regine mit leichtem Unbehagen meh⸗ rere Theilnehmer der geſtrigen Partie wiedererkannte, und ſogleich von dieſen begrüßt wurde. Adrian führte ſie jedoch, kurz dankend, weiter, bis in die Zimmer, welche am eugſe von Kunſtliebhabern und Neugieri⸗ gen bevölkert waren. Während ihr Auge, von der Mannigfaltigkeit der Darſtellungen verwirrt, dieſelben mehr überglitt, als faßte und genoß, ließ Adrian ihren Arm los; um den einzigen, freien Stuhl dem„Tod des Bonifaeins“ ge⸗ genüber zu ſtellen, und Platz auf demſelben zu nehmen. Er, ſo wenig wie ſeine Frau, gelernt, mit künſt⸗ leriſchem Blicke zu ſehen und die Bedeutung eines Kunſt⸗ werkes zu erkennen; gleichwohl beſaß Regine einen na⸗ — ————,—— W M W W türlichen, edlen Geſchmack, und fand leicht inſtinktartig heraus, was die flache Mittelmäßigkeit überragte. So ſtrich ſie auch heute an den unbedeutenden Madonnen, an den ſchlechtgruppirten Nymphen vorüber und hielt ſich nur einen Moment bei dem Bonifacius auf, um ihre ganze Aufmerkſamkeit einem Gemälde zuzuwenden, das die Auferweckung von Jairus' Töchterlein darſtellte. Das waren nicht jene wunderthätigen und wunder⸗ gläubigen Geſtalten, unter denen allein, nach herkömm⸗ lichem Gebrauche, bibliſche Perſonen dargeſtellt zu wer⸗ den pflegen, und die Auffaſſung zeigte auch in der Staf⸗ fage nicht die gewiſſenhafte Treue, mit welcher gewöhnlich dem Wortlaute der Evangelien Rechnung getragen wird. Nichts blieb, als ein Blick in die in einem ihrer ſchön⸗ ſten Momente belauſchte Natur Paläſtinas und in das Leben ihres bevorzugteſten Kindes. Selbſt das geöffnete Grab, von ſüdlichen Gewächſen umrankt, verlor den Character der Unwiderruflichkeit, und ward zur blüten⸗ duftenden Grotte. Vor demſelben, auf der zur Erde geſtellten Bahre, ruhte das Töchterlein des Jairus. Chriſtus kniete neben ihr, mit ſeinen Händen diel ihrigen umſchließend. Was in dieſem Antlitz lebte, was aus dieſem Blicke ſprach, war nicht der Ausdruck einer Allmacht, die den Geſetzen der Natur zu trotzen vermag, das war nicht der Herr ———— des Himmels— es war der Bürger der Erde in ſeiner vollendetſten, idealſten Größe, deſſen Auge die Geheim⸗ niſſe des körperlichen wie geiſtigen Lebens gleich tief durchdrang. Sein forſchend geſpannter Blick ruhte auf dem Mägdlein, das ſich bereits der Bewußtloſigkeit zu entringen ſcheint. Schon iſt die Farbe des Todes gewi⸗ chen, ſchon rinnt das erwachende Leben durch die leiſe durchſchimmernden Adern, gewiß, das Auge wird ſich öffnen, ſobald das mahnende Wort:„Kind, ſtehe auf!“ aus dem milden Munde des Meiſters ertönt. An dem leidenſchaftlich geſteigerten Ausdrucke der Züge Jairus erkennt man, daß der Wendepunkt ſeines Schmerzes zugleich der Höhepunkt ſeines Glückes ge⸗ worden iſt; die Stirne iſt wie im Triumph gehoben, nicht in andächtiger Wundergläubigkeit geſenkt; im Auge meint man den Strahl inbrünſtiger Verehrung durch die Thräne brechen zu ſehen. Auch aus den Geſtalten der ſeitwärts gruppirten Hebräer ſpricht individuelles Leben, nicht jene allgemeine Formenſchönheit, die nach anerkannt giltigen Muſtern ängſtlich genau gebildet worden iſt. „Sieh doch, Adrian, wie ſchön,“ ſagte Regine leb⸗ haft bewegt, nachdem ſie eine lange Zeit das Bild hatte auf ſich wirken laſſen,„wer mag es gemalt haben?“ Adrian trat hinzu, wich aber nach einem prüfenden m ſo zu vo vi U m zu ſch Un ge R me — 221 Blicke mit dem Ausdrucke tiefer Entrüſtung einen Schritt zurück. „Das Bild findeſt Du ſchön?“ ſagte er verächt⸗ lich;„nun, ſo laß doch hören, was gefällt Dir denn be⸗ ſonders daran?“ „Das weiß ich nicht,“ ſagte Regine ſchüchtern; „muß man denn ſtets des Grundes gewiß ſein, wenn man Freude an etwas hat?“ „Man muß immer wiſſen, weshalb man für oder gegen eine Sache iſt; in dieſem Falle aber haben wir, ſowie die ganze Chriſtenheit, Grund, gegen dieſes Bild zu eifern, weil es eine falſche und frivole Darſtellung von einem der göttlichen Wunderwerke iſt. Mag noch ſo viel Fleiß auf die Arbeit verwendet worden ſein, ſie iſt und bleibt doch immer nur eine ſchön coſtumirte Lüge.“ Damit trat er mit Reginen in das anſtoßende Zim⸗ mer, vielleicht um einem Schwarm Zuſtrömender Platz zu machen, die einem gemeinſamen Ziele zuzuſtreben ſchienen. Regine erkannte Roßleben unter denſelben, und war nicht unzufrieden, ſeinen Artigkeiten zu ent⸗ gehen.— „Hier iſt das Töchterlein des Jairus,“ ſagte einer der Herren, und ſchritt gerade auf das Bild zu, welches Regine kaum verlaſſen hatte.„Da ſehen Sie ſelbſt, meine Herren, ob ich Recht habe!“ 222 Als Adrian dieſe Worte hörte, litt es ihn nicht mehr an ſeinem Platze. Er mußte hinein, mußte hören, wie man urtheilte, und ſo verließ er denn Regine, indem er ſie zur Unterhaltung auf ein kleines, unbedeutendes Genrebild verwies, und ſie vor dem Raub der Sabine⸗ rinnen warnte, der die Augen einer Frau nicht feſſeln dürfe.— Adrian mußte wohl durch irgend eine Bemerkung das Signal zum Ausbruche der Erörterung gegeben haben, denn an die Stelle der früheren Ruhe trat bald der Laut widerſprechender, geſteigerter Stimmen. Regine wagte ſich nicht hinein, trat aber der Thüre näher, um kein Wort zu verlieren. „Wo ſteht geſchrieben,“ ſagte Adrian,„daß der. Heiland bei dem ſchon geöffneten Grabe das Wunder der Auferweckung verrichtete? Sagt nicht das Wort der heiligen Schrift:„Da Jeſus in das Haus des Jairus kam, ließ er Niemand hineingehen, denn Petrus, Jaco⸗ bus und Johannes und des Kindes Vater und Mutter.“ Ort und Perſonen waren damit unabänderlich dem Ma⸗ ler gegeben, und nie hätte er wagen ſollen, in ſo tadelns⸗ werther Weiſe von dem Worte der Evangelien abzu⸗ weichen.“ „Er mag,“ wendete Roßleben entſchuldigend ein, „aus der Geſchichte des Jünglings zu Naim die Sce⸗ 0 nerie entnommen, nuüd ſo die Erzählungen der beiden Auferweckungen verſchmolzen haben.“ „Für die der heiligen Schrift entnommenen Stoffe gibt es nur eine Geſtaltung,“ entgegnete Adrian herriſch; die Willkür ſollte nicht bis an das Heilige hinanreichen und es profaniren dürfen.“ „Das iſt hier nicht geſchehen,“ fiel eine ruhige, klangvolle Männerſtimme ein.„Das Bild weicht ab von der herkömmlichen Auffaſſung, aber es iſt ſchön.“ „Und was nennen Sie ſchön?“ fragte Adrian mit einigem Spott. „Das Harmoniſche iſt ſchön, ſagt Hegel— das Natürliche iſt ſchön, ſagt Ariſtoteles— das Gefallende iſt ſchön, ſagt Göthe— das Lebendige iſt ſchön, und das Bild iſt lebendig, wahr empfunden, und vom leben⸗ digen Athem des Geiſtes durchweht!“ ſagte wieder die tiefe Stimme. „Ja,“ antwortete Adrian mit Schärfe,„der Künſt⸗ ler hat ſich den Heiland— wie die Weglaſſung der Strahlenglorie genugſam bekundet— als einen jüdiſchen Charlatan oder Arzt gedacht, und ma ihn in dieſen Eigenſchaften allerdings lebendig genug empfunden ha⸗ ben; daß er aber wagen durfte, ihn ſo darzuſtellen und den Blicken derer, die ſich nach ihm Chriſten nennen, Preis zu geben, das hätte ich ſo wenig erwartet, als die 6)* 224 Theilnahme, die man allgemein, wie ich ſehe, hier für den Gottesläſterer hat.“ Eine kleine Pauſe entſtand. Es ſchien, als beſorge Jeder, durch eine abfallende Antwort ſeinen gläubigen Sinn zu compromittiren. „Von Gottesläſterung,“ begann jedoch alsbald der eifrige Vertheidiger von Neuem,„kann ebenſowenig die Rede ſein, als von einer Gleichſtellung der Aerzte mit Charlatanen; denn wenn ſich Gott einmal als Menſch den Menſchen zeigte, ſo haben dieſe auch damit das Recht gewonnen, ihn unter menſchlicher Geſtalt abzu⸗ bilden. Jedenfalls muß doch dem Künſtler das Recht bleiben, einen Gegenſtand in der Weiſe darzuſtellen, wie er ihn, ſeiner individuellen Auffaſſung nach, bedeu⸗ tend und begeiſternd findet. Daß dieſer Chriſtus den Begriffen der altgläubigen Lutheraner nicht entſpricht, läßt ſich begreifen; dafür entſpricht er aber um ſo mehr dem Bilde, das in der Vorſtellung gegenwärtiger und kommender Generationen liegt. Es lehrt prophetiſch, daß eine Zeit kommen wird, in welcher es nicht mehr eines unfaßbaren Wunders bedarf.“ „Ja, ja, die Zeit iſt ſchon da, in welcher er zum andern Male verlängnet wird,“ fiel Adrian mit finſterem Tone ein. „Schweifen wir nicht ab,“ unterbrach ihn der u m Andere,„die Erörterung theologiſcher Streitfragen iſt hier nicht an ihrem Platze; es handelt ſich einfach um die Berechtigung der Kunſt, frei und unbeſchränkt ihre Denkmale zu errichten;— ſo frei und unbeſchränkt min⸗ deſtens, wie ſie ſich unter dem Einfluß bewährter Re⸗ geln und des Geiſtes der Zeit ſchaffen laſſen. „Wer wollte den Künſtler tadeln, der in dem Streben, die. Ideen der Gegenwart zu verkörpern, ſich aus dem ſtehenden Gewäſſer begrenzter Anſchauungen hinauswagt in die friſche Strömung der Zeit, die ihm den Blick in neue Perſpectiven, in freiere, verſtändlichere Situationen eröffnet? Und wer wollte den Künſtler zur Maſchine durch die Zumuthung herabwürdigen, einem Ideale zu huldigen, das ihn nicht mehr begeiſtern kann, und das er nicht frei erwählt hat?“ „Und unter dieſem Ringen nach Freiheit iſt die Kunſt in argen Verfall gerathen,“ ſagte Adrian. „Wenn die Kunſt heute,“ lautete die Antwort, „alte Stoffe auf andere Weiſe als vor Jarhunderten behandelt, ſo berechtigt uns dieſe Wahrnehmung noch nicht, ihre Leiſtungen gering zu ſchätzen und ihre Blüte⸗ zeit für abgeſchloſſen zu erklären. In ewiger Wechſel⸗ wirkung zu dem Culturzuſtande und der religiöſen Rich⸗ tung der Völker, muß ſie mit dieſen ſich ändern, fort⸗ Kinder der Zeit. I. 5 ſchreiten, und ihre Nahrung aus dem Boden ziehen, den ihr die gegenwärtigen politiſchen, religiöſen und ſocialen Verhältniſſe bieten. So lebt die Kunſt, und ſo wird ſie fortleben, wenn der Künſtler, ſtatt ein altes, ſchönes Thema in alter, gebräuchlicher Weiſe zu wiederholen, es umgeſtaltet; wenn er, auf den Herzſchlag der gegen⸗ wärtigen Generation lauſchend, Geiſt von unſerem Geiſte, Blut von unſerem Blute trt um einen Mo⸗ ment der progreſſiven Entwickelung ein Denkmal zu ſetzen.— Dieſe Auferweckung iſt voll hoher Poeſie, und von vollendeter Ausführung. Möglich, daß ſie harten Tadel findet, deſſenungeachtet bleibt ſie aber eine preis⸗ würdige, künſtleriſche That, für die wir mit derſelben Unparteilichkeit Anerkennung haben ſollten, mit der wir mytheologiſche Scenen und Heiligenbilder betrachten. Was dem Einen recht iſt, iſt dem Andern billig; darum Achtung dem Schöpfer dieſes Bildes!“ „Das wollen wir ſehen,“ ſagte Adrian leiſer, ich werde darauf antragen, daß es abgenommen werde.“ „Das mag Ihnen vielleicht gelingen,“ antwortete ſein Widerſacher,„ſchwerer wird es jedoch halten, das Bild abnehmen zu laſſen, was in den Köpfen der Ma⸗ jorität des Volkes lebt. Sie laſſen dieſe Auferweckung abnehmen, und ein Chriſtus im Tempel, wie er mit echt menſchlichem Zorn die Tiſche umſtürzt und die Wucherer 227 geiſelt, taucht dort wieder auf. Beſeitigen, ja verbrennen kann man Bücher und Bilder— Ideen nicht; dieſe lie⸗ fern zwar Brennſtoff, werden aber ſelbſt, wie Asbeſt, von der Flamme nur umſpielt, nicht verzehrt.“ „Bravo, Hallbert!“ riefen einige Stimmen, und bald ſah Regine, die halb verſteckt in einem tiefen Fenſter ſtand, einige junge Männer in das Zimmer treten.— „Das iſt ein markiger Pinſel,“ ſagte Paul, vor einer Landſchaft ſtehen bleibend. „Wer? der da drinnen?“ antwortete lachend ein Anderer, mit einer Betonung, die Reginen eine Anſpie⸗ lung auf Adrian errathen ließ. „Laſſen wir's gut ſein,“ ſagte Paul, in dem wir den Vertheidiger des Bildes wiedererkannt haben.„Jeder nach ſeinem Geſchmack!“ Regine hielt für angemeſſen, Adrian wieder auf⸗ zuſuchen, und gewann im flüchtigen Vorübergehen einen Blick auf eine kräftige, elegante Geſtalt und ein Geſicht, auf dem weder die fliegende Röthe der Aufregung, noch das Zittern der Leidenſchaftlichkeit zu bemerken war. Als ſie in das andere Zimmer trat, fand ſie Adrian mit Roßleben in einem Geſpräche, deſſen Gegenſtand ſich leicht errathen ließ. „Er iſt ſeit ſechs Monaten erſt hier, ſoll aber be⸗ 15* 228 reits eine bedeutende Praxis und Glück in ſeinen Curen haben,“ hörte ſie Roßleben ſagen. „Ich habe eben nicht in der angenehmſten Weiſe die Bekanntſchaft des Neveu's Deines Stiefvaters ge⸗ macht,“ rief Adrian Reginen zu;„wie kommt es, daß er bis jetzt ſich noch nicht in dieſer Eigenſchaft bei uns ein⸗ geführt hat?“. „Ich fand neulich ſeine Viſitencarte vor,“ ant⸗ wortete Regine;„eine Gelegenheit, ihn perſönlich ken⸗ nen zu lernen, hat ſich noch nicht gefunden.“ „So ſo,“ ſagte Adrian zerſtreut.„Haſt Du Deine Rundſchau beendigt und biſt Du bereit mit mir zu gehen?“ Regine gab ihm den Arm, und ging, nach einem letzten Blick auf das vielbeſprochene Bild, mit verab⸗ ſchiedendem Gruße an Roßleben vorüber. Am nächſten Kreuzwege trennte ſich jedoch Adrian von ihr, um Frau von Wartberg ſeine Erlebniſſe mit⸗ zutheilen und zu hören, ob er wohl die Entfernung des Bildes beantragen könne, indeſſen Regine, im Stillen erfreut über die Zuſtimmung, die ihr Geſchmack bei ihrem Vetter gefunden, ſich Wort für Wort das Gehörte zurückrief und nicht bedachte, wie ſchlagend die Verſchie⸗ denheit ihrer und Adrian's Anſchauungen durch dieſen Zwiſchenfall einmal wieder bewieſen war. 13. Drei Tage war nun Gregor Mitbewohner der Geiſenburg, und ſchon hatte der Anfenthalt daſelbſt den Reiz der Neuheit, den Zauber des Romantiſchen für ihn verloren. Der häufige Verkehr mit dem Prinzen war ihm ermüdend, und wenn er auch Weltmann genug war, um ohne ein Zeichen ſpöttiſcher Ungeduld die ſich wiederholenden Anecdoten anzuhören und lange Aus⸗ einanderſetzungen über die Zubereitung einer Faſan⸗ paſtete mit paſſenden Bemerkungen zu begleiten, ſo hatte er ſich doch bereits im Stillen die Frage vorgelegt, ob ſelbſt im glücklichſten Falle der Erfolg ſeiner Aufgabe im Verhältniß zu den Anſtrengungen derſelben ſtehe, und keine befriedigende Antwort finden können. Joachim kam nicht auf die Vermuthung, daß Gre⸗ gor der Zerſtreuung bedürfe. Die Stunden, in welchen Erſterer, als Bevollmächtigter des Prinzen, ſich mit dem jungen Diplomaten zu verſtändigen ſuchte, dünkten dem Profeſſor ein zu bedenklicher Verluſt ſeiner Zeit, als daß er nicht in eifrigen Studien das Verſäumte beizubringen bemüht geweſen wäre; auch ahnte er nicht, daß ein Mann von Geiſt, wie Gregor, unter der Laſt der Langeweile leiden könnte, einer Plage, der, ſeiner Meinung nach, nur Menſchen von geringen Fähigkeiten verfallen mußten. Trägen Schrittes hatte heute Gregor alle offenen Zimmer und Gallerien durchſchritten, war, da er in denſelben durch nichts Ungewöhnliches gefeſſelt wurde, endlich auf den Schloßhof getreten, hatte ein paar Minuten fröſtelnd dem Fall des Waſſers zugeſehen, und war endlich, durch die Einfahrt ſchleichend, zu der Parkthüre gelangt, deren Broncegitter ſich mit ſcharfem Schrillen unter ſeiner Hand öffnete. Das erſte ſchleierartige Frühlingskleid bedeckte die Erde. Zwei warme Nächte hatten die Knoſpen geſprengt, und das vorjährige welke Laub ſchien vor ſeinen berech⸗ tigten Nachfolgern ſich ſcheu unter die haſtig auftreiben⸗ den Anemonen und Frühgräſer zu verbergen. Die Schwermuth war Gregor ſowohl zum Bedürfniß als zur Fertigkeit geworden, und ſo konnte er auch heute beim Anblick der Blüten, Sonnenſtrahlen und des raſcher pulſirenden Lebens nur an die Unruhe der ewi⸗ 231 gen Umgeſtaltung, an den Kreislauf des Stoff⸗ und Formenwechſels bedauernd denken.— Abſichtslos folgte er dem von ſchwarzgrünen Fichtenwänden eingefaßten Wege, und gelangte endlich zu der Höhe einer Terraſſe, welche längs dem Hauptflügel des Schloſſes ſich hinzog. Mehrere gewölbte Thüren öffneten ſich nach derſelben, und bezeugten, daß ſie zum nächſten und bequemſten Durchgang von den Schloßbewohnern benutzt wurden. Auf der freien, abfallenden Seite ſtanden rieſige, alter⸗ graue Steinvaſen; ihre Höhlung diente wohl im Som⸗ mer als Behälter für hohe Gewächſe, jetzt hatte ſich das Regenwaſſer in denſelben geſammelt und verdunſtete langſam, überſchwirrt von kleinen, glänzenden Inſecten. Gregor zog, um ſeinem Rücken eine Stütze zu geben, einen der hier umherſtehenden Gartenſtühle dicht an die ſonnendurchwärmten Schloßmauern, ſetzte ſich bedächtig und lauſchte, die Hände durch die Taſchen ſeines Ueberziehers geſchützt, auf das Summen der Bienen, das Rauſchen in den Kiefern⸗ und Fichten⸗ nadeln, und die plätſchernde Lebensäußerung des über⸗ all hervorſickernden Waſſers. In dieſem Augenblicke wurde eine jugendliche, weibliche Geſtalt zwiſchen den tiefer liegenden, glatt geſchnittenen Fichtenhecken ſicht⸗ bar, und kam langſam den aufſteigenden Weg heran. Mit ihren beiden Händen hielt ſie einen jener ſchweren Folianten, die, in vergilbtes Pergament gekleidet und mit Metall theilweiſe beſchlagen, neben unſeren elegant gebundenen modernen Autoren ſich wie das geharniſchte Mittelalter neben der fein und reich coſtumirten Gegen⸗ wart darſtellen. Als ſie am Fuße der Terraſſe ange⸗ kommen war, ſetzte ſie ſich auf einen dort gelagerten ſteinernen Hirſch und begann zu leſen. Eine Zeit lang folgte ihr Auge aufmerkſam den bald roth, bald ſchwarz gedruckten Lettern, dann richtete es ſich ſinnend empor und haftete an dem leichten weißen Gewölk, durch das der blaue Maihimmel ſchimmerte. Von einer Steinvaſe gedeckt, hatte Gregor jetzt Gelegenheit, ein ſ Urtheil aus einer kritiſchen Prüfung zu bilden.„Da haben wir ja mehr wie Race, da haben wir den ausgegangenen Artikel unverſehrter Individualität!“ ſagte er ſich. Er mit geſpannter Aufmerkſamkeit nach ihr hinab. Die ſchweren Flechten des dunkeln Haares, die matte mhe Haut und das lebhafte Glühen der Lippen waren lauter characteriſtiſche Merkmale der brünetten Schönheit, während die gerade Stirne, durch den breiten Raum, welcher die Augenbrauen trennte, einen zugleich klaren und feſten Character andeutete. In der dunklen Umgebung der regelmäßigen Augen⸗ brauen und dichten, langen Wimpern gewann das Auge M 233 an Bedeutung, an Form und Ausdruck noch mehr. Noch nicht von Ermüdung eingeſunken, noch nicht vom Schmerze getrübt, lag in dem Blicke jenes elementare Leben, das ſich unmöglich in genauer Analyſe beſchrei⸗ ben läßt. Der Mund machte Gregor weniger Schwie⸗ rigkeiten, ſchien ihm ſogar unbedeutend; er ſah auf den erſten Blick nur Lippen, die bis jetzt nur die Beſtim⸗ mung kannten: zu lachen, zu ſcherzen und zu ſprechen, die noch nicht geſchmollt, nicht geküßt und nicht gezittert hatten unter dem Einfluſſe der Leidenſchaft, und folglich des feinſten, geheimnißvollſten Reizes, nach Gregor's Anſicht, entbehrten. Einige Minuten konnte wohl ſeine Beobachtung gedauert haben, als eine raſche Kopf⸗ bewegung des Mädchens bezeugte, daß ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf einen andern Punet ſich richtete.— Sie er⸗ hob ſich leiſe von ihrem ſteinernen Sitz und horchte ſeit⸗ wärts. Aus dem grünenden Buſchwerk flatterte in kurzem, geſehten Flug ein kleiner Vogel quer über den Weg. Das Thierchen konnte ſich nicht frei erheben und war t von Jrenen's gelöſter Mntl lle bedeckt, gefangen. „Eine ländliche Sentimentalität,“ ſpottete Gregor, „ſie wird den jungen Spatz aufzichen, um ihm dann großmüthig die Freiheit zu ſchenken; aber bald ſollte er in ſeinen Vermuthungen unangenehm getäuſcht werden. Nachdem ſich Irene kurze Zeit mit dem gefangenen 234 Vogel beſchäftigt hatte, ſah er deutlich, wie ſie nach momentanem Nachdenken den Finger auf ſeinen befieder⸗ ten platten Kopf legte, wie ſich der kleine Gefangene nach einer heftigen Bewegung langſtreckte und aus der geöffneten Hand dann mit baumelndem Köpfchen zur Erde glitt. Irene ſtand nachdenklich vor ihrem Opfer, hob es noch einmal auf, um ſich zu verſichern, daß das Leben wirklich von ihm gewichen ſei, und legte es ſo⸗ dann gelaſſen auf das Moos unter die Tannen; hierauf griff ſie nach ihrem Buche und ſchritt die Stufen herauf, die nach der Terraſſe führten. Gregor blieb ruhig auf ſeinem Platze. Der Vor⸗ fall hatte in ihm ein Mißbehagen geweckt, welches er, im Falle einer nothwendigen Begrüßung, durchblicken zu laſſen entſchloſſen war. Aber Jrene ſchritt, das Ange auf einen Riß in ihrer Hand gerichtet, den ſie bei der Gefangennahme und Execution davongetragen haben mochte, an ihm vorüber, ohne nur zu ahnen, daß ein menſchliches Weſen ſie belauſcht und verurtheilt habe. „Aber das iſt ja ganz abſcheulich, ganz abnorm,“ dachte Gregor, der einen entſchiedenen Widerwillen gegen alle gewaltſamen Handlungen hatte;„zu tödten aus reiner Luſt am Zerſtören, aus Laune, während doch die ganze weibliche Natur ſich zu Hilfsleiſtung und —— — 235 Mitleid hinneigt!— Da ſcheint ein Characterfehler zu liegen, der die ganze Perſon zu entſtellen droht.“ Er fühlte ſich verletzt, eben ſo ſehr durch die Raſch⸗ heit der That als durch dieſe ſelbſt. Gewohnt, immer nur zu überlegen, zu prüfen— nie zu handeln, machte ihn das unbedenkliche Ueberſpringen der Kluft, die Entſchluß und That trennt, immer verdrießlich, und weckte in ihm eine Art von geiſtigem Schwindel. Um ſich zu noch regerem Mitleid mit dem geopferten Sper⸗ ling aufzuſtacheln, ging er hinab und hob ihn von ſei⸗ nem Paradebett, um welches bereits Käfer und Ameiſen kreiſten, auf. Jetzt erſt bemerkte er, daß der Flügel ge⸗ brochen und die Bruſt bedeutend verletzt war, und einen Moment kam ihm die Idee, daß vielleicht gerade Weich⸗ herzigkeit und Erbarmen die Motive von Jrenen's Handlung geweſen ſein möchten. In der That hatte ſie mit ſicherem Blicke ſogleich erkannt, daß dieſe Verletzungen unwiderruflich den Tod nach ſich ziehen mußten, und die Beſchleunigung des⸗ ſelben für die einzige Wohlthat gehalten, die ſie dem gequälten Thiere ſchuldig zu ſein glaubte. Unwiſſendere und empfindſamere Mädchen hätten gewiß den Vogel in ihr Zimmer getragen, ihn mit Liebkoſungen und Heilverſuchen noch ein paar Tage geängſtigt und ge⸗ martert, um ihn dann in einer bunten Schachtel zu be⸗ 236 graben; noch Andere hätten ihn vielleicht, um Mühe und Verantwortung los zu ſein, auf den erſten beſten Baum geſetzt und den Raubvögeln oder Katzen die letzte, erlöſende That überlaſſen. Gleichviel,“ dachte Gregor,„wenn es auch das Vernünftigſte war. Es gibt Handlungen der Vernunft, die ein junges Mädchen nie über's Herz bringen darf, will es nicht unweiblich, ſchroff erſcheinen.“ „Ich habe geſtern Ihre Tochter geſehen,“ ſagte er, nach ausgetauſchtem Gruß am andern Morgen zu Ivachim bei dem Eintritte in das Archiv. „Mein Kind wächſt,“ ſagte diefer heiter,„weil ich ihm die Luft und das Licht gönne, durch das allein der Menſch groß zu werden vermag.“ „Aber zu viel Licht des Geiſtes dämpft oft die Wärme des Gemüths,“ antwortete Gregor. „Es iſt meiner Anſicht nach ein unrichtiger Schluß, wenn man annimmt, daß die Einſicht in den Grund der Erſcheinungen nothwendiger Weiſe die Kraft des Gefühles ſchwächen und dem Gemüthsleben den Lebens⸗ nerv durchſchneiden müſſe,“ ſagte Joachim;„um dieſes einſeitigen Vorurtheils willen ſoll man dem Wiſſens⸗ drange keine Schranke entgegenſetzen.“ „Denken Sie auch,“ erwiderte Gregor,„an die Folgen, welche die Gewohnheit, ſelbſt zu prüfen und — 237 ſelbſt zu denken und die höher geſpannten geiſtigen Be⸗ dürfniſſe bei Frauen nothwendig mit ſich bringen müſ⸗ ſen? Das traurige Gefühl gänzlicher Vereinſamung und Iſolirtheit.“ „Man iſt nicht einſam, wenn man die ganze Welt und viel an ſich ſelbſt hat,“ ſagte Joachim ſanft. Gregor ſah ihn müde an. „Aber die Frauen wollen nicht viel an ſich, ſie wollen nur viel an Denen haben, die ſie lieben,“ ant⸗ wortete er.„Die ſich ſelbſtverleugnende Unterordnung unter fremdes Urtheil und fremden Willen vermag allein das Weib dauernd zu beglücken. Und ein richtiger In⸗ ſtinet lehrt die Frauen in ihrer geiſtigen Unmündigkeit zu verharren. Eine jede ahnt, daß Kenntniſſe, Charac⸗ ter, Thatkraft nicht halb ſo liebenswerthe Eigenſchaften an dem weiblichen Geſchlechte ſind, als eine kindliche Gläubigkeit auch dem Unfaßbaren gegenüber, das bange Zaudern bei zweifelhaften Situationen, das Ebben und Fluthen der Gefühle, von denen ſie ſich nie Rechen⸗ ſchaft zu geben gelernt haben; daß der Duft der Poeſie durch Abſtraction und handwerksmäßiges, logiſches Denken ganz und gar verwiſcht wird; daß ein ſicheres Gehen durch das Leben lange nicht ſo anſprechend iſt, als ein befangenes Taſten oder ein demüthiges Knien; daß ein allzumarkiges Erſtarken in ſich ſelbſt ungeſchickt 238 macht, einen Halt außer ſich ſelbſt zu ſuchen und zu finden.“ „Ein tadelnswerther Egoismus der Männer,“ antwortete Joachim,„und die unter dem Drucke lang⸗ ſam erfolgte Entwickelung des Weibes hat, ich weiß es wohl, lange dieſer Meinung Geltung verſchafft. „Daß man es wagen durfte, Unwiſſenheit und Be⸗ ſchränkung der einen Hälfte der Menſchheit aufzuerle⸗ gen, bildet ein trauriges Seitenſtück zu den Geſetzen der ſogenannten Ehre, die berechtigen ſollen, einen Menſchen zu tödten, weil er das Unglück hatte, in nn⸗ beſonnener Aufwallung, oder wegen nichtfolgerichtigen Denkens und Hondelns, die perſönliche Achtung außer Augen zu ſetzen, die man Andern ſchuldet.— Solchen Anſichten vermag ich nicht beizuſtimmen. Mir ſcheint es grauſam, mit Gewalt die Binde vor ſcharfe, junge Augen zu legen, die doch nur dazu gegeben ſind, um correct ſehen, um correct denken zu lernen. „Gewiß wird auch einſt die Zeit kommen, in wel⸗ cher man es barbariſch finden wird, entnervende Un⸗ thätigkeit, geiſtigen Scheintod dem Weibe zuzutheilen, in welcher der Mann, des Spiels mit niedlichen Pup⸗ pen oder geputzten Automaten müde, die ebenbürtige, entwickelungsfähige und wirklich entwickelte Frau ver⸗ langt. Aus ſolchen Verbindungen wird eine höhere Ge⸗ zi —— — 7 239 meinſchaft entſtehen, und dieſer ein Geſchlecht entſpro⸗ ßen, das wärmer fühlen und klarer denken kann, als ſeine minder befähigten Vorgänger.“ „Das kann ich nicht abwarten,“ ſagte Gregor gähnend, der zu viel Pachos in Ioachim's Worten fand,„habe aber durchaus nichts dagegen einzuwenden. Ich wollte nur ſagen, daß Sie Ihrer Tochter einen ſchlechten Dienſt erweiſen, wenn Sie ſie zu einer be⸗ i Perſönlichkeit machen.“ „Das iſt nicht meine Abſicht,“ erwiderte mit einem klaren Auſolis; z„ich mag und kann nichts an⸗ deres aus ihr machen, als was ſie von ſelbſt wird.“— „Oh das iſt uns allen ſicher,“ ſagte Gregor mit bitterer Jronie.„Was wir werden! Gefälliger Aus⸗ druck! Warum ſagt man nicht lieber: was wir Schritt für Schritt aufhören zu ſein? Endigt man nicht ſtets viel hürter, egviſtiſcher, ermüdeter, als man begann?“ Joachim ſah ihm voll in das blaſſe, ſchlaffe Ge⸗ ſicht.„Si ſind ſehr krank, oder ſehr unglücklich,“ ſagte er theilnehmend,„aber es wird beſſer werden; nur Muth, Muth, mein junger Freund.“ „Damit ſchlug er die Verhandlungen auf und legte Gregor den ſchriftlichen Beſcheid des Prinzen über §. 4. vor.“ Ende des erſten Bandes. — S. H — — S 8 = S S S S — 8 — 8 & — 3