Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und frauzöfiſcher Literatur Cduard Ottmunn in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Fſ und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 23 Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für thenklich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— 2 auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf 2 Mk.— Pf. — „— 5 Auswürtige Khonnenten haben für Hin⸗ und Zuri ückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein ſonnigblauer Himmel woͤlbte ſich uber der großen vielbethuͤrmten Stadt, aus deren Schvoße ſich der Hradſchin mit ſeinen Tempeln und Paläſten ſtolz und prächtig wie ein ſiegbewußter Held erhebt. Drinnen aber unter den Bewohnern herrſchten Haß und Zwietracht und jene dumpfe Gah⸗ rung, die dem Ausbruche politiſcher Stuͤrme voraus⸗ zugehen pflegt. Im ſchoͤnſten Stadttheile auf dem linken Moldau⸗ ufer, der Kleinſeite, die den koͤniglichen Hradſchin wie ein glaͤnzender Fuͤrſtenmantel umgiebt, lag das Haus des reichbeguͤterten Freiherrn Stanislaus von Lowoſitz, eines der eifrigſten Vertheidiger des proteſtantiſchen Glaubens, wie der Freiheiten und Rechte der Nation. Die Freude des Stammhalters war ihm verſagt, doch 1 2 — hatte ihm die fruͤhverſtorbene Gattin zwei holde Toͤchter, Ludmilla und Editha mit Namen, hinterlaſſen. Ludmilla ward faſt einſtimmig als das ſchonſte Maͤdchen von Prag geprieſen, aber das Wort Schoͤn druͤckte noch lange nicht ihr Weſen aus. Denn was man ſo gewoͤhnlich unter einer vollkommenen Frauen⸗ ſchoͤnheit zu verſtehen pflegt, iſt oft nur ein harmoniſch gegliederter, glaͤnzender Bau, der uns anfangs ent⸗ zuͤckt, um uns bald kalt und gleichgiltig zu laſſen, weil die Natur allein die architektoniſche Aufgabe rein geloͤſt, kein Geiſt aber mit ihr den befruchtenden Liebes⸗ bund geſchloſſen hat. Nur zu ſchnell werden wir dann gewahr, daß eine Alltagsſeele die Goͤtterhuͤlle bewohnt, die ſie nicht zu durchdringen und mit ſich in eins zu verweben weiß. Anders war es bei Ludmilla, wo Geiſt und Koͤrper im vollkommenſten Einklang ſtanden. Wollen wir verſuchen, ein Spiegelbild dieſes wunder⸗ baren Weſens zu geben, ſo moͤchten wir ſagen, daß ſie die verkoͤrperte Romantik ſchien. Alle ihre Formen hatten etwas unendlich Reizendes, Ueppiges, Sinn⸗ berauſchendes; ihr Antlitz aber glich einer ſtets anders ſich entfaltenden, prangenden und duftenden Zauber⸗ blume. Bald leuchteten dieſe dunkelblauen Augen von ſtolzem Thatenmuth und Siegesfeuer, bald ſchwammen ——— 3 4 ſie undinenhaft weich in ſußer Liebestrunkenheit. Bald ſtrahlten Stirn und Wangen in koͤniglicher Hoheit, bald ſchwebte um den kleinen Roſenknospenmund der Aus⸗ druck ſanfter Melancholie oder wonnig ſchwaäͤrmender Phantaſieen. Man ſah es ihr an, daß ihr die ge⸗ woͤhnliche Welt nicht genugte, daß ſie ſich nach dem Wellenſchlag des Außerordentlichen, ſei es auch unter gefährlichen Stuͤrmen, ſehnte, um dann ſelig wie ein Silberſchwan uͤber die beruhigten Wogen nach einem getraͤumten Paradieſe hinzugleiten. Von der zahlreichen Freierſchaar, die um Lud⸗ milla's Gunſt buhlte, waren ihr die meiſten gleichguͤltig, viele lächerlich, andere wegen ihrer geckenhaften Zu⸗ dringlichkeit verhaßt. Nur einen mußte ſie achten, wenn ſie ihn auch noch nicht lieben konnte. Dieß war Jaromir von Carpezan, einer der kräftigſten Stimmen⸗ fuͤhrer der proteſtantiſchen Partei, gleich ausgezeichnet durch ritterliche Tapferkeit, wie durch gluͤhenden Pa⸗ triotismus, ehrenhaft, kuͤhn und beharrlich in Geſin⸗ nung und That. In der Mitte der dreißiger Jahre ſtehend, war er in ſeiner ganzen Erſcheinung das Bild der vollendeten Manneswuͤrde. Seine Zuͤge waren ernſt und edel, ſein Auge adlerſcharf, die Stirn hoch und gedankenvoll, doch gaben ihr einige tiefe Furchen 1* 4 und die in der Mitte ſich beruͤhrenden ſchwarzbuſchigen Augenbrauen etwas Duͤſteres und Gefahrdrohendes. Auf ſeinen gelbbraunen, vom rabenſchwarzen Bart umfaßten Wangen bluͤhten keine Roſen, doch wurden ſie nicht ſelten von ploͤtzlich aufwallender Zorngluth mit dunklem Purpur uͤbergoſſen. Seine Geſtalt war hager und groß, ſeine Haltung ſtolz und kriegeriſch, ſeine Stimme klangvoll gebietend. In der Geſellſchaft von Frauen beobachtete er ritterlichen Anſtand und Cour⸗ toiſie, ohne ſich zu geckenhaften Schmeicheleien und demuͤthiger Dienſtbarkeit zu bequemen. Das Alltags⸗ treiben junger Maͤnner ſeines Standes war ihm zu⸗ wider und ſein Geiſt ſchien im Stillen uͤber großartigen Plänen zu bruͤten. Alle dieſe Eigenſchaften machten ihn der nach dem Ungewoͤhnlichen hinſtrebenden Ludmilla anziehend und achtenswerth, und aus dem Boden der Achtung begann eine zartere Neigung den erſten Keim, ihr unbewußt, halbtraͤumeriſch zu entwickeln. Aber ihr Vater hatte ſich einen andern Gatten unter den Edeln des Landes fuͤr ſie ausgedacht, den jungen reichen Grafen Ottokar von Czernin, der ſich ebenfalls ſeit einiger Zeit unter Ludmilla's Huldiger gereiht hatte. Nicht undeutlich ließ er der Tochter dieſen Wunſch merken, ohne jedoch 5 ihrem freien Wahlrecht Zwang anthun zu wollen. Carpezan ſtand zwar bei ihm als Patriot in hoher Gunſt, doch hatte er nie daran gedacht, ihn zu ſeinem Eidam zu beſtimmen. Carpezan war von ritterlicher Abkunft und angeſehen unter den ſtändiſchen Abgeord⸗ neten, doch beſaß er nur ein maͤßiges Erbgut und gehoͤrte nicht zu den alten einheimiſchen Familien des Koͤnigreichs. Seine Vorfahren waren vor einem Jahr⸗ hundert aus Frankreich eingewandert und hatten ſich durch verdienſtliche Kriegsthaten das Indigenat in Boͤh⸗ men erworben. Czernin dagegen, ein bluͤhend ſchoͤner Mann von 25 Jahren, war der Beſitzer ausgedehnter Herrſchaften und der Sproͤßling eines der vornehmſten Dhnaſtenhaͤuſer der Nation. Trotz aller dieſer Vor⸗ zuͤge ſah Ludmilla in ihm nichts weiter, als einen huͤbſchen roſenwangigen Juͤngling mit zierlichen Hof⸗ manieren, aber flachen Geiſt und Gemuͤth, eine All⸗ tagsmuͤnze, wie ſie das Schickſal zu Millionen aus⸗ prägt, ſei es in Gold oder Kupfer. Ganz anders erſchien der verſchmaͤhte Graf der juͤngern Schweſter Editha, fuͤr die leider der von Lud⸗ milla's Feenpracht Geblendete keine Augen hatte. Und doch war die kleine ſiebzehnjährige Editha mit ihren dunkelbraunen Haaren und muntern verliebten Augen, 6 mit dem friſchen runden Geſichtchen und dem reizenden beweglichen Figuͤrchen das echte Bild eines allerliebſten Boͤhmermaͤdchens, was nur lieben und geliebt ſein und das Leben im froͤhlichen Walzertakt durchfliegen will. Da ſchien ihr nun der ſchoͤne reiche Ottokar ganz zum Tanzgenoſſen wie geſchaffen und ſie konnte durchaus nicht begreifen, wie die Schweſter ihn ſo kalt und gleichgultig behandeln mochte. Wie gern hätte ſie ihm ihre Neigung zu verſtehen gegeben, wenn er ſie nur einmal freundlich angeblickt und wenn ſie ſich nicht vor dem Unwillen des Vaters gefuͤrchtet, der ſeinem Liebling dieſe glaͤnzende Verheirathung nun einmal beſtimmt hatte. So verſchloß ſie ihr Leid alſo in ihre kleine wogende Bruſt und entwarf dabei in ihrem Koͤpfchen allerlei Plaͤne, wie ſie aller Hinder⸗ niſſe ungeachtet dennoch in den erſehnten Hafen ein⸗ laufen koͤnnte. Am Abend des 20. Mai 1618 war im Hauſe des Freiherrn Stanislaus von Lowoſitz geſchaͤftige Bewe⸗ gung. Es wurde zahlreiche Geſellſchaft von ſtändiſchen Abgeordneten zum Nachtmahl erwartet. Die Vorbe⸗ reitungen zur Tafel waren vollendet und die beiden hol⸗ den Schweſtern gingen eben an das für ſie angenehmere Geſchaͤft, ſich zum Feſte zu ſchmuͤcken. 7 Wie ſchoͤn du wieder heut' biſt, Ludmilla! rief Editha ſtaunend, doch ohne neidiſche Mißgunſt, als ſie die Schweſter prachtvoll wie eine Koͤnigin aus den Haͤnden der dienſtfertigen Zofen hervorgehen ſah. Ein roſenfarbiges, mit Goldranken reich durchwirktes Atlas⸗ kleid umwogte die hohe herrliche Geſtalt; Bruͤſſeler Spitzen von der koſtbarſten Arbeit uͤberſchatteten zur Hälfte wie Silberwoͤlkchen den ppigen Buſen, und feurige Granaten umringten den weißen wunderlieb⸗ lichen Hals, um deſſenwillen ihre Geſpielinnen ſie ſchon von Kindheit auf Schwanenhäͤlschen genannt hatten. Noch war das lange dunkelblonde, in's glaͤnzende Hell⸗ braun ſpielende Haar nicht voͤllig geordnet. Editha half mit uneigennuͤtziger Schweſterliebe die zierlich ge⸗ flochtenen Zoͤpfe zum kronenreichen Neſt vereinigen und ſie mit ſtrahlenden Perlenſchnuren dupchwinden. „Nun iſt alles unuͤbertrefflich!“ maͤdchenhafter Luſt am Putzwerk in die Haͤnde klatſchend. Bald aber ſetzte ſie wieder kleinlaut hinzu:„Ja, wer ſprach ſie, mit kann es mir dir aufnehmen? Wenn dich heute der Ottokar ſo ſieht, wird ihm vollends der Kopf verdreht werden!“ „Närrchen,“ erwiederte Ludmilla, ſie liebkoſend umſchlingend,„was iſt mir an dieſem Ottokar gele⸗ 8 gen? Ich trete dir ihn mit Freuden ab, hier meine Hand darauf!“ „Wie gut du biſt,“ dankte Editha halb lachend halb weinend,„aber wenn er auch nur wollte, wenn ich nur ſo ſchoͤn, wie.... „Still,“ rief Ludmilla, ihr ſanft die Mittelfinger der Rechten vor den kleinen Mund haltend,„biſt du nicht in deiner Art eben ſo huͤbſch, als ich?“ „Ei was huͤbſch? Das iſt den Maͤnnern jetzt gar nicht mehr genug, ſie wollen nur lauter bezaubernde Schoͤnheiten haben, und dazu gehoͤr' ich nicht, das weiß ich.“ In der That war die niedliche Brünette in ihrem himmelblauen mit Silber geſtickten Seidengewand, mit ihren venetianiſchen Spangen um die vollen runden Aermchen und dem rothen Corallenſchmuck in ihren vunkeln Locken, eine ſehr reizende Erſcheinung, die aber doch von Ludmilla's blendender Huldgeſtalt weit uber⸗ ſtrahlt wurde. „Horch,“ ſprach dieſe jetzt,„wie es ſchon in Va⸗ ters Zimmer lebendig zugeht, wie die Stimmen der Deputirten durch einander wirren und ſummen.“ „Laß ſie ſummen,“ entgegnete die juͤngere Schwe⸗ 9 ſter gleichgiltig,„was kuͤmmert's uns Mädchen? 9 „Wie du nur biſt,“ verwies Ludmilla, ſich ſtolz aufrichtend,„uns kuͤmmert's wohl. Sind wir nicht freie Boͤhminnen? Handelt es ſich nicht um die Ehre und die Rechte unſers Volks, um die Freiheit unſerer Gewiſſen? Bohemia iſt eine koͤnigliche Jungfrau, die ihren Nacken nimmer unter das oͤſterreichiſche Joch beugen ſoll! Laß uns die Maͤnner belauſchen.“ Sie wollte die Thuͤr des Nebenzimmers oͤffnen, doch umſonſt, ſie war verſchloſſen.„Verdammt,“ rief ſie, mit dem kleinen Fuße ſtampfend,„der Riegel iſt von draußen vorgeſchoben. „Ha, ha, das iſt dir ſchon recht, Fraͤulein Neu⸗ gier!“ lachte die muntere Editha. Ludmilla legte das Ohr an die Thuͤr und horchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit.—„Ach, das iſt Carpezan's maͤnnlich hallende Stimme!“ rief ſie freu⸗ dig.„Ich vernehme deutlich ſeine Worte und will ſie ihm nachſprechen:„„Die Exiſtenz der proteſtantiſchen Religion in Boͤhmen, ja Boͤhmens ganze Verfaſſung und Freiheit ſtehen auf dem Spiel, wenn wir nicht raſch und kraͤftig gegen unſern Zwingherrn einſchreiten. Unſere Statthalter ſind es beſonders, die uns beim Hofe zu Wien anſchwärzen und den Feuerbrand gegen uns ſchuͤren. Gegen dieſe zunächſt muß unſer Angriff 10 ſich richten. Edelleute Boͤhmens, zeigt euch euerer Ahnherrn werth, rettet die tapfere Nation, deren Vor⸗ fechter ihr ſeid!““— Hoͤrſt du, Editha, heißt das nicht kraͤftig und herrlich geredet?“ „Ach, was geht mich dein Carpezan und ſein ganzer politiſcher Kram an?“ entgegnete die Kleine, indem ſie ſich eine Roſe aus der vor ihr ſtehenden Blumenvaſe vor die jungfräuliche Bruſt ſteckte.„Ich begreife gar nicht, wie der braungelbe ſchwarzbaͤrtige Menſch mit der harten Commandoſtimme und dem ſtei⸗ fen Soldatenweſen dir nur im Mindeſten gefallen kann. Da lob' ich mir unſern Primislaus von Sternberg, unſern Georg von Terzky, unſern Gregor von Wald⸗ ſtein, und vor Allen unſern Ottokar von Czernin! Wie kann ſich der finſtere Ritter Jaromir von Carpezan, der weder vornehm, noch reich, noch liebenswuͤrdig iſt, mit jenen allen meſſen? Wie kann er auf das ſchoͤnſte Maͤdchen von Prag auch nur den kleinſten Eindruck machen?“ „Weil er ein Mann iſt im vollen Sinne des Worts, Editha, und keine glatte, weiß⸗ und roth⸗ wangige Zierpuppe, wie jene. Als Ritter hat er ſich ſeines Standes im freiwilligen ungariſchen Kriegsdienſte gegen die Tuͤrken wuͤrdig gezeigt und zum Lohne fuͤr 11 ſeine Heldenthaten von den dankbaren Ständen des * Reichs den goldenen Ehrenſaͤbel erhalten. Als Boͤhme hat er die Rechte ſeines Vaterlandes ſeit zehn Jahren mit Gefahr ſeines Lebens vertheidigt, iſt vom Volke zu einem der dreißig Defenſoren erwaͤhlt und ein hell⸗ glaͤnzender Stern unter den Deputirten unſers Land⸗ tags geworden. Sein Sinn ſtrebt hoch, und das gefällt mir am Mann!“ „Ich glaube gar, du biſt in ihn verliebt?“ fragte Editha, die Schweſter mit ihren munter blitzenden Augen groß anſehend. Eine plotzliche Purpurroͤthe uͤberflog Ludmilla's Wangen, doch bald antwortete ſie mit ſtolzer Faſſung: „Ludmilla kann lieben, doch nicht ſich verlieben, wie ihr Andern; ich muß den Carpezan achten,— obich ihn einſt lieben kann, weiß ich noch nicht.“ „Lieben und doch nicht verliebt ſein, das geht uͤber meinen Verſtand! Laß mir die Silbenſtechereien, Lud⸗ milla, und geſtehe mir ehrlich, daß.. 1„Still, Editha, laß mich weiter horchen.— Jetzt ſprechen Mehre zugleich— die Wahlfreiheit— der Majeſtätsbrief— o weh, nun rauſcht Alles wie Meereswogen durch und uͤber einander— ich kann nichts mehr unterſcheiden!“ 12 Wir verlaſſen das Zimmer der beiden Schweſtern und treten in die Verſammlung der Maͤnner, um den Inhalt ihrer ſtuͤrmiſchen Berathungen deutlicher, als Ludmilla, zu vernehmen. Laßt uns vorher jedoch einen Blick auf Boͤhmens damaligen politiſch⸗religioͤſen Zuſtand werfen. Im kleinen dunkeln Boͤhmerdorfe Huſſinecz hatte die Wiege des lichtvollen Glaubenshelden geſtanden, der ſich danach Johannes Huß benannt und zu Anfang des funfzehnten Jahrhunderts ſein großes Reforma⸗ tionswerk als Univerſitätslehrer und Prediger zu Prag begonnen hatte. Wie die Genien der Menſchheit ſich ihre Fackeln von Jahrhundert zu Jahrhundert zuwerfen, ſo auch hier. Was der freiſinnige Britte Johannes Wiecleff vierzig Jahre fruͤher uͤber reines Chriſtenthum und mißbrauchliches Papſtthum geſchrieben, das zuͤn⸗ dete in Johannes Huß ein mächtiges Feuer an, welches ihn zum Vorlaͤufer des hundert Jahre ſpäter ſiegreich auftretenden Luther, aber auch zum Maͤrthrer ſeiner Lehre machte. Die Kirchenverſammlung zu Koſtnitz, die ihn umſonſt zum Widerruf zu bewegen geſucht, ließ ihn die Flammenworte der Wahrheit mit dem Feuertode buͤßen. Doch der unſterbliche Geiſt wird von keiner Thrannenmacht zur Aſche verbrannt. Huſ⸗ 13 ſens Geiſt wirkte fort in ſeinen zahlreichen Anhäͤngern und ermuthigte ſie zum beharrlichen Kampf gegen Staat und Kirche. Das Recht der Laien, das heilige Abend⸗ mahl unter beiderlei Geſtalt, sub utraque korma, zu genießen, war ihr erſtes abgetrotztes Privilegium und der Grundſtein ihrer Selbſtſtändigkeit, wonach ſie ſich Utraquiſten nannten. Als Martin Luther zu Wittenberg ſeinen reforma⸗ toriſchen Aufruf erſchallen ließ, da hallte dieſer faſt nirgends ſo laut und freudig, als in Boͤhmen wieder. Die alten Utraquiſten verſchmolzen mit den neuen Pro⸗ ſelhten zu einer ſtarken proteſtantiſchen Parthei, welche ſich durch alle Bezirke Boͤhmens mit reißendem Fort⸗ ſchritt vermehrte. Nachdem ſie ſich längere Zeit unter Kaiſer Marimilian's II. mildem Scepter einer factiſchen Religionsfreiheit erfreut, war ihnen dieſelbe von deſſen launenhaften Nachfolger, Rudolph II., ploͤtzlich wieder entzogen worden. Matthias, Erzherzog von Oeſter⸗ reich und Rudolph's Bruder, ein ränkevoller, laͤnder⸗ ſuͤchtiger Fuͤrſt, welcher den mehr mit Aſtrologie und Alchymie, als mit Regierungshandlungen beſchäftigten Monarchen allmälig aus dem Beſitz ſeiner Staaten zu verdrängen wußte, hatte ſich auch zum Beſchuͤtzer der mit ihrem Kaiſer und Koͤnig unzufriedenen proteſtan⸗ 14 tiſch⸗boͤhmiſchen Stände aufgeworfen. Nach mancher⸗ lei Kaͤmpfen wurde von dieſen, unter der Leitung des kuͤhnen Grafen Matthias von Thurn, der ſogenannte Majeſtätsbrief dem eingeſchuͤchterten Herrſcher abgedrun⸗ gen. Durch dieſen großen Freibrief war allen prote⸗ ſtantiſchen Boͤhmen nicht nur voͤllige Gleichſtellung der Rechte mit ihren katholiſchen Landesgenoſſen bewilligt, ſondern auch die Univerſitat Prag und ein unabhaͤngi⸗ ges Conſiſtorium beſonders zugeſichert, endlich auch das hochwichtige Recht, ſich dreißig Defenſoren ihrer Freiheiten aus ihrer Mitte wählen zu duͤrfen, zugeſtan⸗ den worden⸗ Die verkehrten Maaßregeln Kaiſer Rudolph's II. hatten ihn endlich ſogar um den Thron Boͤhmens ge⸗ bracht, den er ſeinem triumphirenden Bruder Matthias abtreten mußte. Waͤhrend Rudolph nur noch ein bloßer Schattenkaiſer war, thuͤrmten ſich die Wetter⸗ wolken immer drohender an Deutſchlands politiſchem Horizont auf. Das Anſehen des Kaiſerthums und mit ihm zugleich die Einheit des Reichs war vernichtet; die Furſten ſtanden ſich als ſelbſtſtändige Herrſcher in feind⸗ lichen Buͤndniſſen gegenuͤber. Ein Theil der proteſtan⸗ tiſchen Reichsſtände hatte unter der oberſten Leitung von Churpfalz die ſogenannte evangeliſche Union gebildet, — 15 welcher ein anderer Theil der katholiſchen, beſonders der geiſtlichen Fuͤrſten unter dem Oberbefehl des Her⸗ zogs Maximilian von Baiern die katholiſche Ligue ent⸗ gegenſetzte. Schon loderte die Kriegsflamme bald da, bald dort im Coͤlniſchen, Elſaſſiſchen und Juͤlichſchen empor. Rudolph ſtarb waͤhrend dieſes Vorſpiels des nahenden Ungewitters. Jetzt beſteigt Matthias, von den Churfurſten er⸗ wählt, den ſchwankenden Kaiſerthron. Aber eben ſo ſchwankend iſt die Herrſchafft uber ſeine eigenen Staaten. Die oͤſterreichiſchen Staͤnde wollen ihm erſt nach Ge⸗ währleiſtung ihrer politiſchen Rechte den Huldigungseid leiſten; die Mähriſchen folgen ihrem Beiſpiel; Ungarn wird von den Tuͤrken und dem verwegenen Fuͤrſten von Siebenbuͤrgen, Bethlen Gabor, bedroht. Kaum waren nach dieſen Stuͤrmen einige Jahre der Ruhe eingetreten, ſo begann es auf's Neue in Boͤhmen zu gähren. Den entfernten Anlaß dazu gab das drohende Benehmen Erz⸗ herzog Ferdinand's von Graz, eines Seitenverwandten des Kaiſers, der bereits in allen Staaten der Monar⸗ chie als Nachfolger anerkannt war. Ferdinand, ein folgſamer Zoͤgling der Jeſuiten, hatte von Jugend auf den Plan der einſtigen Unterdruͤckung des Proteſtantis⸗ mus in ganz Deutſchland gefaßt und auf einer Reiſe ===—— — — 16 durch Italien der heiligen Jungfrau zu Sanect Loretto deshalb ein geheimes Geluͤbde geleiſtet. In ſeinen Erb⸗ landen Steiermark, Kärnthen und Krain hatte er be⸗ reits ganz geraͤuſchlos den proteſtantiſchen Gottesdienſt in einem Ort nach dem andern abgeſchafft. Jetzt er⸗ laubte er ſich gegen die ihm ergebene Parthei am Wiener Hofe unvorſichtige Aeußerungen, daß er es einſt ebenſo als kuͤnftiger Herrſcher in Boͤhmen halten wuͤrde. Den katholiſchen Staͤnden des Koͤnigreichs wuchs hier⸗ durch der Muth und ſie erlaubten ſich ſchon hier und dort Bedruͤckungen ihrer proteſtantiſchen Unter⸗ thanen. Je kuͤhner aber die Katholiken jetzt in Boͤhmen auf⸗ traten, um ſo inniger ſchloſſen ſich auch die Proteſtan⸗ ten an einander, und Graf Thurn war es abermals, der ihnen als Vorkämpfer bei ihren Unternehmungen diente. Die antiproteſtantiſche Parthei in Wien hatte es dahin gebracht, daß dem tapfern hochſinnigen Manne das Amt eines Burggrafen des Carlſteins und Bewah⸗ rers der boͤhmiſchen Reichskleinodien entzogen worden war. Sein gekraͤnkter Ehrgeiz ſann auf Rache, und die Gelegenheit dazu ſollte ihm nicht fehlen. Die Un⸗ terthanen des Abts zu Braunau und die des Erzbiſchofs von Prag zu Kloſtergrab hatten eigenmächtig proteſtan⸗ ————— 17 tiſche Kirchen aufgefuͤhrt und ſich dabei auf die Gleich⸗ ſtellung beider Religionen in Boͤhmen berufen. Der Majeſtätsbrief hatte jedoch bloß der Ritterſchaft und den freien Staͤdten jenes Vorrecht der Auffuͤhrung neuer evangeliſcher Gotteshaͤuſer ausdruͤcklich zugeſtanden. Die oͤſterreichiſche Regierung hielt es mit der ſtrengen Auslegung des Geſetzes. Auf kaiſerlichen Befehl wurde jetzt plotzlich die Kirche zu Braunau geſperrt, die zu Kloſtergrab niedergeriſſen und an beiden Orten eine Anzahl der eifrigſten Stimmenfuͤhrer der Buͤrgerſchaft zur Haft gebracht. Eine allgemeine Aufregung unter der proteſtantiſchen Bevoͤlkerung Boͤhmens war die Folge davon. Graf Thurn, einer der dreißig Defen⸗ ſoren der evangeliſchen Glaubensfreiheit, hatte ſogleich alle Deputirte nach Prag berufen und von ihnen eine dringende Supplik wegen ſofortiger Loslaſſung der Ge⸗ fangenen an den Kaiſer ergehen laſſen. Von Wien aus aber war darauf eine abſchlaͤgige Antwort erfolgt, das Verfahren gegen die Unterthanen zu Braunau und Klo⸗ ſtergrab gerechtfertigt und das Benehmen der Stände als rebelliſch bezeichnet worden. Graf Thurn, dieſen Eindruck benutzend, ſtellte nun Allen die drohende Ge⸗ fahr mit den lebhafteſten Farben vor und ſuchte ſie zu entſcheidenden Maaßregeln zu treiben, die zunächſt ge⸗ 2 18 gen die verhaßten kaiſerlichen Statthalter zu Prag ge⸗ richtet ſein ſollten. Hier und dort verſammelten ſich die Deputirten von Ritterſchaft und Städten zu geheimen Berathungen, und ein ſolcher Convent war an dieſem Abend auch bei dem Freiherrn von Lowoſitz vereinigt. Wir vernahmen vorhin aus Ludmilla's Munds ein Fragment der von Carpezan an ſeine Mitgenoſſen gehaltenen kraͤftigen Anrede. Laſſen wir den darauf ſich erhebenden Sturm losbrechen, ohne uns um die Namen der einzelnen Sprecher zu bekuͤmmern. „Auf, zu Boͤhmens Rettung! Gut und Blut fur unſer Vaterland!“ „Nieder mit allen Verraͤthern unſerer Freiheit!“ „Die kaiſerlichen Statthalter haben uns zu Wien angeſchwaͤrzt; ſie ſind Alle erzkatholiſch und öſterrei⸗ chiſch geſinnt; laßt uns ihnen auf den Leib ruͤcken, ſie ſollen und muͤſſen uns Rede ſtehen.“ „Martiniz und Slawata vor Allen! Mit Hunden und Peitſchenhieben laſſen ſie ihre proteſtantiſchen Un⸗ terthanen zur Meſſe hetzen.“ „Waren es nicht die Beiden, die ſchon damals un⸗ ter Kaiſer Rudolph ſich allein geweigert, der Sitzung 19 beizuwohnen, in welcher der Majeſtätsbrief in das boͤh⸗ miſche Landrecht eingetragen wurde?“ „Freilich, freilich! Sie ſind ſtets anti⸗boͤhmiſch ge⸗ weſen. Wehe uͤber die Hochverräther!“ „Sie ſtehen aber ſehr gut beim Kaiſer angeſchrie⸗ ben,“ begann Carpezan wieder mit ſchlau berechneter Kälte,„und noch beſſer bei des Erzherzogs Ferdinand von Steiermark Durchlaucht. Kommt dieſer erſt ein⸗ mal zur Regierung,— und das koͤnnte bei Matthias Kraͤnklichkeit bald geſchehen— ſo moͤcht' es fuͤrwahr mißlich um Boͤhmens Glaubensfreiheit ausſehen. Ich weiß es aus guter Quelle, daß der Erzherzog auf ſei⸗ ner italieniſchen Reiſe der heiligen Jungfrau zu Sanct Loretto die Unterdruͤckung des proteſtantiſchen Glaubens im ganzen Reiche angelobt.“ „O wir Thoren, daß wir dieſen Jeſuitenzoͤgling zum Nachfolger des Matthias erwählt!“ „Ein ſchlimmer Umſtand freilich,“ entgegnete Car⸗ pezan,„an Graf Thurn's und meinen Warnungen hat es nicht gefehlt, doch geſchehen iſt geſchehen! Eben⸗ darum iſt es um ſo noͤthiger, daß wir ſchon jetzt allen Uebergriffen der Gewalt kraftigen Widerſtand leiſten. Ferdinand muß begreifen lernen, vaß die Boͤhmen nicht mit ſich umſpringen laſſen, wie ſeine Steiermärker und 2* 20 Kaͤrnthner. Die Unbill gegen Braunau und Kloſter⸗ grab iſt nur der erſte Verſuch, wie viel man mit uns wagen kann. „Mit Verlaub,“ begann ein bedächtiger Funfziger, der ſich erſt den juriſtiſchen Doctorhut zu Prag erſtritten hatte,„der fragliche Fall iſt ein ſolcher, bei welchem ſich das Verfahren unſers Kaiſers und Koͤnigs aller⸗ dings rechtfertigen läßt.“ „Rechtfertigen? Ei ſeht doch, das Unrecht recht⸗ fertigen! Laßt uns das nicht wieder hoͤren, Herr Doector!“ „Ruhig, ihr Herren,“ ſprach der Freiherr von Lowoſiz,„in meinem Hauſe ſoll jeder das Rechtfreier Rede haben.“ „Der Majeſtätsbrief,“ fuhr der Juriſt fort,„ge⸗ waͤhrt bloß der Ritterſchaft und den freien Städten das Privilegium, eigenmaͤchtig neue proteſtantiſche Kirchen aufzuführen, gedenkt'aber nicht dabei der Unterthanen katholiſcher Herrn oder Prälaten. Privilegia autem sunt strictissimae interpretationis, will heißen, Privi⸗ legien find auf das Strengſte auszulegen, wie das roͤ⸗ miſche Recht lehrt.“ „Der Majeſtaͤtsbrief,“ antwortete Carpezan mit gebieteriſcher Beſtimmtheit,„ſetzt ͤberhaupt Gleichheit 21 der Rechte fuͤr beide Religionen feſt. Es verſteht ſich alſo von ſelbſt, daß die proteſtantiſchen Unterthanen katholiſcher Gutsherrn oder Praͤlaten ſich auf ihre Ko⸗ ſten nach Belieben Kirchen bauen duͤrfen, um Gott nach ihrer Weiſe zu verehren, denn ſonſt haben ſie keine Ge⸗ wiſſensfreiheit.“ „Hoͤrt, hoͤrt, es iſt ja ſonnenklar, die Gewiſſens⸗ freiheit und die Verfaſſung ſind gefaͤhrdet!“ ſchrieen Viele zugleich. „Weg mit dem roͤmiſchen Kauderwelſch der juri⸗ ſtiſchen Federfuchſer! Wir ſind freie Boͤhmen und gehen mit dem Saͤbel in der Fauſt gerade hindurch, ſei es bis vor die Kaiſerburg zu Wien!“ „Ja, mit dem Säbel in der Fauſt, füͤr Boͤhmens Freiheit und Unabhaͤngigkeit!“ Carpezan frohlockte im Stillen uͤber die feuerzuͤn⸗ dende Kraft ſeiner Worte, als ſich ploͤtzlich die Thuͤr⸗ fluͤgel nach der anſtoßenden Zimmerreihe oͤffneten und die von Silber⸗ und Krhſtallgeräthen im Kerzenſchimmer ſtrahlende Feſttafel in der Ferne ſichtbar wurde. „Bei Tiſch das Weitere, ihr Herrn,“ ſprach der Hausherr, die Gäſte zum Mahl geleitend. Ludmilla und Editha empfingen die vom Streit erhitzten Deputirten mit holdſeliger Freundlichkeit und 22 ließen die juͤngern bald die duͤrren Aufgaben der Po⸗ litik uͤber die Ausſicht auf bluͤhende Eroberungen ver⸗ geſſen. „Du wirſt die Herrn Grafen von Czernin und Clam⸗Gallas dir zur Seite nehmen,“ ſprach der Vater zur aͤlteſten Tochter. Ludmilla gehorchte und ließ das Koͤpfchen traurig ſinken, da ſie ihren Platz nach freier Wahl ſich anderswo geſucht haͤtte. Doch der Zufall war ihr guͤnſtig, denn es traf ſich, daß Carpezan ihr gegenuͤber an der langen Tafel zu ſitzen kam. Nun konnte ſie das Wort ebenſo gut an dieſen, als an ihre Nachbarn richten, und wir errathen, an wen es oͤfterer geſchah. Wie veraͤndert war jetzt das Betragen des noch kurz vorher ſo ſchroffen und hochfahrenden Ritters! Ludmilla erſchien ihm heute reizender, als jemals, und es ging ihm wie ein heller Fruͤhlingstag auf, daß er vielleicht von ihr geliebt ſei. Der harte kriegeriſche Mann fuͤhlt' es tief, daß er ohne dies wunderbarliebliche Weſen keine Ruhe mehr finden, daß er nur mit ihr ein volles Daſein genießen koͤnne. Er ſehnte ſich nach ihr wie der ſtarre, von Sonnengluth durchbrannte Fels nach dem krhſtallhellen Waldbach, der ſich als uͤppig ſchaͤumender Waſſerfall mit erfriſchenden Wogen um 23 ihn ſchmiegen ſoll. Mit ſuͤßem Wohlgefallen ließ er ſeine Augen auf der Herrlichen ruhen, und begegneten ihre Blicke den ſeinigen, dann ſah er ſie erſt mit doppelter Zaͤrtlichkeit an. Der Ton ſeiner Stimme war weich und bittend, und, was er ſagte, verrieth die Bewegung ſeines Innern. Aber auch Ludmilla empfand zum erſtenmal, daß ſie mehr, als bloße Achtung, daß ſie die innigſte Liebe fuͤr Carpezan im Buſen hege. So edelſanft, ſo hin⸗ gebend hatte er ſich noch nie gezeigt; ſie war ſtolz dar⸗ auf, einen ſolchen Mann bezwungen zu haben, aber ſie war noch ſeliger, daß ſie ihn liebte! Dieſes weib⸗ lichſte Gefuͤhl des Weibes hatte ihr noch gefehlt, um ihren Zauber zu vollenden. Sie war freundlich und mild gegen Jeden, den ſie ſonſt kalt und abſtoßend be⸗ handelt, weil ſie gluͤcklich war und Alles glucklich wuͤnſchte. Czernin war außer ſich vor Entzuͤcken und hatte eine viel zu hohe Meinung von ſeinen Vorzuͤgen, um die guͤnſtige Veraͤnderung in Ludmilla's Betragen einem andern Grunde, als der gaͤnzlichen Anerkenntniß ſeines Werthes beizumeſſen. Während deſſen waren Freiherr Stanislaus und ſeine Gäſte wieder ſo eifrig mit der Politik und noch eifriger mit der Erſtuͤrmung der aufgepflanzten Batte⸗ — 24 rien des beſten Czernoſekkers und Tokahers beſchaͤftigt geweſen, daß ſie fuͤr nichts anderes Sinn hatten, und daß dieſer Sinn allmaͤlig ſehr ſtark umnebelt zu wer⸗ den begann. Auch der junge Graf Ottokar von Czernin konnte der damaligen loͤblichen Landesſitte nicht widerſtehen und bemerkte daher um ſo weniger, daß Ludmilla's und Carpezan's Blicke und Worte das leben⸗ digſte Wechſelfeuer unterhielten. Er bemerkte nicht, daß beide ſich nach aufgehobener Tafel während des Hin⸗ und Hertaumelns der edeln Deputirten in eine Fenſterbruͤſtung zuruͤckgezogen und in das ſüßeſte Liebes⸗ gefluͤſter mit einander verſenkt hatten. Wohl aber be⸗ merkt' es die kleine ſchlaue Editha, die ſich traulich zu dem auf einem Divan ruhenden Ottokar ſetzte, jedoch vergebens mit dem Weinſeligen ein verſtaͤndiges Ge⸗ ſpraͤch anzuknuͤpfen ſuchte. Wenige Tage darauf ſah man in der Fruͤhe des Morgens ein zahlreiches Zuſammenſtroͤmen von ſtatt⸗ lichen Reitern vor dem Palaſte des Grafen von Thurn. Es waren die Defenſoren der boͤhmiſchen Verfaſſung und viele andere Deputirte, deren jeder noch einen be⸗ waffneten Knecht mitbrachte. Bald erſchien der Graf, von Carpezan und noch einigen Vertrauten begleitet, gruͤßte freundlich die Verſammelten, ordnete den Zug, 25 ſtellte ſich an deſſen Spitze und fuͤhrte ihn den Hradſchin hinauf in den großen freien Vorhof der koͤniglichen Burg. Hier wurde die eine Haͤlfte der Ritter mit ſaͤmmtlichen Knechten aufgeſtellt; die dreißig Defenſoren aber begaben ſich mit den Uebrigen die Treppe hinan in den Sitzungsſaal der kaiſerlichen Statthalterſchaft. Vor einer mit rothem Damaſt behangenen und mit Acten bedeckten Tafel ſaßen auf ihren großen ver⸗ goldeten Lehnſtuͤhlen der Oberſt⸗Burggraf von Stern⸗ berg, der kaiſerliche Rath Graf von Lobkowitz, der Kammerpraͤſident von Martinitz und der Burg⸗ graf des Karlſteins von Slawata. In einiger Ent⸗ fernung ſtand mit dem Protokoll in der Hand der Ge⸗ heimſchreiber Fabricius, eine verhaßte Creatur der beiden Letztgenannten. Als die Statthalter die Eintretenden bemerkten, fuhren ſie Alle vor Schreck zuſammen und Todtenblaͤße bedeckte ihre Geſichter. Graf Thurn hielt ihnen erſt im Allgemeinen ihr an Boͤhmen vielfach begangenes Unrecht mit ſcharfen Ausdruͤcken, doch mit ruhiger Kälte vor, und fragte dann einen jeden insbeſondere, ob er an dem verfaſ⸗ ſungswidrigen Antwortſchreiben des Kaiſers in Betreff der Vorfaͤlle zu Braunau und Kloſtergrab einigen An⸗ 26 theil habe. Sternberg und Lobkowitz lehnten den Ver⸗ dacht mit Gelaſſenheit von ſich ab und wurden darauf zwar unter Bewachung, doch mit Hoͤflichkeit aus dem Saal gefuͤhrt. Martiniß und Slawata aber erklärten ſich mit beleidigendem Trotz gegen das Vorhaben der boͤhmiſchen Rebellen und der ſie beſchuͤtzenden Staͤnde. „Hinab mit euch!“ ſchrie Thurn, indem er den alten Nebenbuhler und Amtsverdränger Slawata an der Bruſt faßte und den ſich heftig Straubenden mit Beihuͤlfe von drei andern Defenſoren zu einem der auf den Schloßgraben zu gehenden Bogenfenſter ſchleppte. Im ſelben Augenblick wurde Martinitz von Carpezan und ſeinen Genoſſen, Fabricius von andern gefaßt und zu dem verhangnißvollen Fenſter gezogen.„Hinab mit euch!“ ſchrie Thurn aufs Neue, die klirrenden Fluͤgel weit aufreißend, und warf ſeinen Feind in den vierzig Ellen tiefen Abgrund hinunter.„Hinab mit den Verraͤthern!“ ſchrieen die Uebrigen, und Martinitz und Fabricius wurden dem Slawata nachgeſchleudert. Nur ein Wunder konnte die Hinabgeſtuͤrzten vor dem Untergange ſchuͤtzen, und dieſes Wunder verrichtete der Zufall, welcher die hochfahrenden Statthalter nebſt ihrem Schreiber auf einen weichen Kehrigthaufen fallen ließ. Von der erſten Betaͤubung erwachend, waren ſie ganz 27 erſtaunt, daß ſie noch athmeten und noch mehr, daß ſie weder Arm noch Bein gebrochen hatten. Doch hier galt es kein langes Beſinnen. Unter den Piſtolen⸗ ſchuͤſſen der Deputirten entrannen ſie eiligſt aus dem Graben und fluͤchteten ſich gluͤcklich nach Wien. Wie Blitzfeuer lief das Geruͤcht von der unerhoͤrten Gewaltthat durch das ſtaunende Prag. Die Proteſtanten jubelten, die ſchwaͤchere Partei der Katholiſchen war eingeſchuͤchtert. Alles gerieth in die lebendigſte Auf⸗ regung. Ludmilla und Editha ſchauten neugierig aus einem Fenſter ihres Hauſes auf die hin und herwogenden, unruhigen und lärmenden Volksmaſſen. Da kam ein Theil der vom Hradſchin zuruͤckkehrenden Deputirten unter Carpezans Anfuͤhrung die Straße herabgeritten. „Eriſt es!“ ſprach Ludmilla freudig zur Schweſter. „Ritter Carpezan lebe hoch!“ ſchrie das Volk aus voller Kehle und ſchwenkte die Huͤte vor dem gefeierten Vertheidiger ſeiner Freiheit. „Heil dem edeln Carpezan!“ rief Ludmilla, im ſchwaͤrmenden Wonnegefuͤhl ſeines Ruhms die mädchen⸗ hafte Zuruͤckhaltung vergeſſend. Am Abend dieſes denkwuͤrdigen Tages— es war der 23. Mai 1618, womit die lange blutige Reihe von dreißig ſchreckensvollen Kriegsjahren fuͤr Deutſchland 28 anhob— befand ſich Carpezan wieder im traulichen Familienkreiſe des Freiherrn Stanislaus von Lowoſitz. Bald fand er Gelegenheit, mit der Geliebten allein zu ſprechen. Er geſtand ihr mit den gluhendſten Worten ſeine Liebe, und ſie zoͤgerte nicht, ihr ſuͤßes Gegenbe⸗ kenntniß mit jungfraͤulichem Erroͤthen abzulegen. „So darf ich um dich bei deinem Vater werben, du Holdſelige?“ fragte er ſie bittend, ihre zitternde Hand in der ſeinigen haltend. „Ich bin dein, Jaromir!“ klang es von ihrem ſchoͤnen Munde. Carpezan, der Alles mit Sturm zu nehmen ge⸗ wohnt war, brachte ſogleich ſeinen Antrag beim Frei⸗ herrn an, welcher daruber in nicht geringes Staunen ge⸗ rieth. Da Lßudmilla für den jungen Grafen Czernin noch keine beſonders entſchiedene Neigung hegte, war ihm wohl bekannt; daß ſie aber ihr Herz dem Ritter von Carpezan verſchenken koͤnnte, das hatt' ihm wirklich nimmer geahnt. Noch dacht' er ſich eine Selbſttäuſchung Carpezans als moͤglich, aber die herbeigerufene Ludmilla machte jedem Zweifel durch die offenherzigſte Erklärung ein Ende. Vater Stanislaus befand ſich in der peinlichſten Verlegenheit. Den jetzt angeſehener, als je, daſtehenden 29 Defenſor der boͤhmiſchen Nation und Guͤnſtling des mächtigen Grafen Thurn durch unbedingte Zuruͤck⸗ weiſung zu beleidigen, ſchien ihm nicht rathſam, und doch haͤtte er den reichen Ottokar von Czernin gar zu gerne zum Eidam gehabt. Wie leicht andert ſich Maͤd⸗ chenſinn, und Zeit gewonnen, Alles gewonnen, dacht⸗ er bei ſich ſelbſt, und gab die klug ausweichende Ant⸗ wort:„Euer Antrag, edler Carpezan, kann meinem Hauſe nur ehrenvoll ſein und verpflichtet mich euch zu großem Danke. Aber Ludmilla iſt kaum neunzehn Jahre und faßt leicht Entſchluͤſſe, die ſie ſpäter ebenſo raſch wieder bereut. Ihr ſelbſt aber geht einer verhaͤngniß⸗ ſollen Zukunft entgegen, einem Buͤrgerkriege und Ver⸗ wirrungen aller Art, in die ihr euere junge Frau nicht ſo gleich werdet verwickeln wollen. Laßt ein Jahr ins Land gehen, bis ſich alles ruhiger geſtaltet haben wird, und wenn dann noch Ludmilla gegen euch geſinnt iſt, wie heut, ſo wird ſie euer Eheweib, dafür bürg' ich euch mit meinem Ritterwort.“ Umſonſt ſuchten Carpezan und die Tochter den Vater durch Bitten zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Er blieb ſanft und freundlich gegen beide, doch feſt in ſeinem Entſchluſſe. Nicht einmal die Verlobung ward ihnen geſtattet. 30 „Wirſt du mir treu bleiben, Ludmilla?“ fragte ſie Jaromir beim Scheiden, während ſeine Blicke durch⸗ dringend auf ihren Zuͤgen hafteten. „Ludmilla wird dein, oder keines Mannes Weib auf Erden!“ ſprach ſie zärtlich ihm die Hand reichend, die er krampfhaft an die gluͤhenden Lippen preßte. ————— Nicht mit Unrecht hatte der Freiherr von Lowoſitz eine verhaͤngnißvolle Zukunft prophezeit. Die wich⸗ tigſten Begebenheiten folgten mit Blitzesſchnelle auf einander. Durch die Gewaltthat vom 28. Mai war die Friedensbrücke zwiſchen Boͤhmen und Oeſterreich abgebrochen. Die proteſtantiſchen Staͤnde mußten zu den Waffen greifen, wenn ſie nicht der unausbleiblichen Rache des Kaiſers unterliegen wollten. Das war es, wohin Graf Thurns Abſicht gegangen war, und nichts ward von ihm verſaͤumt, ſeine hochfliegenden Plane raſch ins Werk zu ſetzen. Alle koniglichen Kaſſen und Gefälle wurden mit Beſchlag belegt, eine Commiſſion von dreißig Directoren, unter Thurns Vorſitz als pro⸗ viſoriſche Regierung conſtituirt, die Jeſuiten als an⸗ gebliche Urheber aller papiſtiſchen Bedruͤckungen aus dem Lande verbannt und alle proteſtantiſche Boͤhmen zu den Waffen gerufen. 31 Das ganze Koͤnigreich erhob ſich zum Aufſtande; nur die drei feſten Staͤdte Pilſen, Budweis und Krum⸗ mau blieben dem Kaiſer getreu. Graf Thurn ruckte alsbald an der Spitze eines eiligſt geſammelten Heeres ins Feld und eroͤffnete den Krieg mit der Belagerung und Einnahme von Krummau. Jetzt galt es kein Zaudern fur den Kaiſer. Die tapferſten Schaaren des Fußvolks und der Reiterei wurden unter die Befehle der ſiegreichen Generale Graf von Bouquovi und Graf von Dampierre geſtellt, die auf zwei Seiten zugleich in Boͤhmen eindrangen. Die Patrioten ſchlugen ſich wacker, konnten aber doch das allmählige Vorruͤcken der kampfgeuͤbten oͤſterreichiſchen Legionen nicht verhindern. Da ſah ſich die ſtändiſche Regierung zu Prag nach auswaͤrtiger Hilfe bei der evangeliſchen Union um, und Carpezan ward von Thurn als Unterhändler zum Churfuͤrſten von der Pfalz ab⸗ geſchickt. Eben war auf der Kriegsbuͤhne die erſte jener abenteuerlichen Heldengeſtalten erſchienen, die wie glan⸗ zende Meteore durch die dunkle dreißigjährige Gewitter⸗ nacht hindurch ziehen. Ernſt von Mannsfeld war der natuͤrliche Sohn des Reichsgrafen Peter von Mannsfeld, der dem habsburgiſchen Hauſe treffliche 32 Dienſte geleiſtet und zum Lohn dafür große Guͤter in den Niederlanden und die Fuͤrſtenwuͤrde empfangen hatte. Nach dem Tode des Letztern und des aus legitimer Ehe entſproſſenen ältern Sohnes, war jenem Ernſt die Ausſicht auf Succeſſion in alle Rechte des Vaters eroffnet worden, wenn er ſich den Intereſſen des Kaiſer⸗ hauſes mit Hingebung weihen wollte. Graf Manns⸗ feld that dieß mit voller Seele und focht tapfer gegen die Proteſtanten in Juͤlich und im Elſaß. Undank, den er ſpaͤter von habsburgiſcher Seite erfuhr, vielleicht auch eine allmäͤhlig entſtandene Hinneigung zum Pro⸗ teſtantismus, bewogen ihn den oͤſterreichiſchen Dienſt zu verlaſſen und ſich, nach Annahme des reformirten Glaubens, zur Fahne der evangeliſchen Union zu ſchla⸗ gen. Die verbuͤndeten Fuͤrſten nahmen ihn mit offenen Armen auf und ertheilten ihm ſogleich den wichtigen Auftrag ein Heer von zehntauſend Mann fuͤr den Herzog von Savohen, einen Alliirten der Union, zu werben, der deſſelben in einem Kriege gegen Spanien beduͤrftig war. Nach wenigen Monaten ſtanden die Truppen wohlgeruͤſtet in der Pfalz beiſammen und harrten nur noch der Marſchordre aus Savohen. Jetzt traf Carpezan beim Churfurſten ein und be⸗ gann ſeine Unterhandlungen, die anfangs kein guͤnſtiges 33 Reſultat verſprachen. Vergebens erbot er ſich im Namen ſeiner Regierung zur Erſtattung der Aus⸗ ruͤſtungskoſten des Mannsfeldiſchen Heerhaufens und flehte um Ueberlaſſung deſſelben fur das hartbedrängte Boͤhmen; der Vertrag mit Savohen mußte gehalten werden. Da traf plotzlich die Nachricht ein, daß der Serzog des deutſchen Hilfscorps nicht mehr beduͤrfe und es zur freien Verfuͤgung der Union ſtelle. Carpezan, vieſen Umſtand benutzend, erneuerte ſein dringendes Geſuch, das jetzt geneigtes Gehoͤr fand. Graf Mannsfeld erhielt den Befehl, unverzuͤglich nach Voͤhmen auf⸗ zubrechen. „Tretet in meinen Dienſt, Ritter Carpezan,“ ſprach der Feldherr zu jenem, den er längſt lieb ge⸗ wonnen hatte,„ihr findet keine beſſere Gelegenheit, euerem Vaterlande zu nuͤtzen.“ „Es ſei, entgegnete Carpezan, doch nur ſo lange, als eure Erlaucht fuͤr Boͤhmen fechten. Auch muß ich mir bedingen, meine eigene Schaar zu fuͤhren, uͤber die mir volles Obriſtenrecht zuſteht.“ „Ihr ſollt vier Freifaͤhnlein Fußvolk als Obriſt befehligen, mit allen Rechten dieſes Amts.“ „Dann mach' ich mich anheiſchig, ſobald wir auf voͤhmiſchem Grund und Boden ſind, das Corps auf 3 34 eigene Werberkoſten um das Doppelte zu verſtärken. Der Krieg wird ſie ernaͤhren.“ „Brav, ſo ſind wir einig?“ „Ja, Erlaucht, nehmt meinen Handſchlag darauf.“ In Prag war inzwiſchen Alles in der lebhafteſten Beſorgniß vor einer moͤglichen Belagerung, dafern es dem tapfern Thurn nicht gelingen ſollte, den Feind in entſcheidender Feldſchlacht zu beſiegen. Der Freiherr von Lowoſitz hatte ſich mit ſeinen Toͤchtern auf ſein im Rakowitzer Kreiſe gelegenes Familiengut zuruͤck⸗ gezogen, wo er die weitere Entwickelung der Begeben⸗ heiten abzuwarten gedachte. Er hatte an der gewalt⸗ thätigen Behandlung der kaiſerlichen Statthalter auf der Burg des Hradſchin keinen Antheil genommen und mißbilligte im Stillen den heftigen revolutionären Gang der Dinge, ſo eifrig er auch ſonſt der Sache ſeines Glaubens und Vaterlandes ergeben war. Graf Ottokar von Czernin, der die naͤmliche Anſicht theilte, hatte ſich ebenfalls nach einer ſeiner Beſitzungen in dieſer Gegend gewendet, von wo aus er den Freiherrn und ſeine ſchoͤnen Toͤchter oft beſuchte. Vergebens aber beſtrebte ſich Ottokar, die reizende Ludmilla für ſich zu gewinnen, die ihrem Carpezan 35 unerſchuͤtterlich treu blieb. Der wichtige diplomatiſche Auftrag, womit Graf Thurn ihren Geliebten beehrt hatte, erfullte ſie mit freudigem Stolz und neuer Zu⸗ verſicht. Schon waren aber faſt drei Monate ver⸗ ronnen, ohne daß von dem Ritter auch nur die mindeſte Kunde erſchollen war. Man fuͤrchtete, daß ſeine Ver⸗ handlungen mißgluͤckt und daß er aus Verzweiflung daruͤber ſich in die weite Welt, vielleicht ſogar in den Tod geſtürzt habe. Da drang der Vater nochmals mit den ruͤhrendſten Bitten in die Tochter, ſie moͤge doch endlich der ehrenvollen Werbung Ottokars Gehoͤr geben und ſich nicht thoͤrichterweiſe einem aus launen⸗ hafter Uebereilung geſchloſſenen Verhältniß zum Opfer bringen. „Und iſt er todt,“ entgegnete ſie mit tiefer Schwer⸗ muth, ſo will ich dann den Nonnenſchleier nehmen und Gott und ihm bis an mein Ende angehoͤren. Kein an⸗ derer aber ſoll, ich ſchwoͤr' es, ſich Jaromirs Geliebter je als Bräutigam nahen!“ Jetzt gab Czernin alle Hoffnung auf und wandte ſein verſchmaͤhtes Herz, wie es gekränkte Liebe oft zu thun pflegt, mit voller Leidenſchaft einer andern zu. Dieſe andere aber war niemand, als die kleine muntere Editha, die daruͤber in das hoͤchſte Entzücken gerieth 0 36 und ſich alle Gewalt anthun mußte, um dieß vor dem ſchoͤnen Freier zu verbergen und um die Liebſchaft eine kurze Stufenleiter von herkoͤmmlichen Uebergangen durch⸗ laufen zu laſſen. Herr Stanislaus war froh, daß er doch wenigſtens durch eine der beiden Toͤchter zu dem langerſehnten Eidam gelangen ſollte und ſaͤumte daher nicht, dem ſich bittend nahenden Paͤrchen ſeinen väter⸗ lichen Segen mit beiden Händen zu ertheilen. Der Hochzeittag war angebrochen und Ludmilla hatte mit ruͤhrender Freude der gluͤcklichen Schweſter den Mhrtenkranz in das ſchoͤne dunkle Haar geflochten. Es war ein heißer Auguſtmorgen, an welchem ſich der glänzende Brautzug unter dem Vortritt einer länd⸗ lichen Muſikbande nach der Pfarrkirche in Bewegung ſetzte. Ludmilla erflehte auf ihren Knieen mit in⸗ bruͤnſtigem Gebet das Heil der beiden Liebenden, waͤh⸗ rend der Prieſter ihre Häͤnde zum ewigen Bunde zu⸗ ſammenfuͤgte. Das rauſchende Feſtmahl war voruͤber und Hun⸗ derte von Kerzen und Lampen beleuchteten am Abend die Saͤle und Zimmer des geräumigen Schloſſes, worin ſich die geputzten Schaaren der Hochzeitgäſte laut plau⸗ dernd und ſcherzend hin und hertrieben. Jetzt erſchallte aus dem großen Ritterſaal die feierliche Muſik des 37 Fackeltanzes, den Graf Czernin mit der lieblichen Editha eroͤffnete. Auch Ludmilla miſchte ſich unter die froͤhlichen Tänzerreihen; ſie fuͤhlte ſich ſo gluͤcklich und heiter, daß ſie uͤber ſich ſelbſt ſtaunen mußte. Den ruhigern Tanzweiſen folgten bald die raſcheren Walzertone, und mit befluͤgelter Schnelle wirbelten die ſchoͤnſten Paare wie Planeten um das in der Mitte im engern Kreiſe ſich drehende Sonnenpaar der Neuvermaͤhlten. Geigen und Floͤten ſchwiegen; Alles fluͤchtete ſich zur Erholung und Abkuͤhlung in die Nebengemaͤcher, denn es herrſchte eine druͤckende Hitze im Tanzſaal, die noch durch die Schwuͤle eines heraufziehenden Gewitters vermehrt wurde. Die beiden ſchoͤnen Schweſtern ruhten Arm in Arm verſchlungen in einem traulichen Cabinet; ſie waren allein, und hatten ſich einander ſo viel zu ſagen. „Horch, vernahmſt du nicht Geraͤuſch im Hofe, als ob viele Reiter zugleich hineingeſprengt wären?“ fragte plotzlich Ludmilla. „Mir war es auch ſo,“ entgegnete Editha,“ laß uns zum Fenſter hinausſchauen. Wehe, was ſeh' ich, fremdes Kriegsvolk, das ſind keine boͤhmiſchen Reiter!“ „Sie ſitzen ab und kommen ins Haus,“ fuhr die ältere Schweſter fort.„Es ſind Offiziere, ich erkenn' 38 es an den Schaͤrpen. Ha, wie ſchwer die Tritte die Treppe heraufſchallen! Mir iſt ſo wohl und bang zugleich—“ „Ludmilla, wo biſt du, Ludmilla?“ toͤnte ſchon ganz in der Nähe eine tiefe männliche Stimme. Die Thuͤrfluͤgel ſprangen auf, und vor den ſtau⸗ nenden Maͤdchen ſtand in voller Obriſtenruͤſtung der ſtattliche Ritter von Carpezan. „Hab' ich dich wieder? Biſt du endlich mein?“ rief er, mit äußerſter Leidenſchaftlichkeit die Geliebte umſchlingend. „Dein auf ewig!“ ſprach Ludmilla, ihm an die Bruſt ſinkend. „So laß uns hintreten vor deinen Vater, damit ich meine Werbung wiederhole. Er wird ſie nicht zum zweiten Male ablehnen.“ „O nur heut noch nicht, du Theurer, nicht ſo unvorbereitet ſetz' unſer ganzes Gluͤck auf das Spiel! Du weißt ja die Bedingung, die er uns damals ſtellte: erſt dann, wenn ein volles Jahr verronnen und ich dann noch uͤber dich dächte, wie jetzt, dann... „Damals iſt nicht heut,“ unterbrach ſie Car⸗ pezan heftig;„er wird und kann heut nicht mehr nein ſagen, darauf geb' ich dir mein Wort. Oder furch⸗ 39 teſt du ſelbſt vielleicht, ſchon jetzt mein Weib zu wer⸗ den?“ ſetzte er mit ſeltſam forſchendem Blick hinzu. „Jaromir, kannſt du noch ſo fragen? Morgen ſchon folg' ich dir mit Freuden zum Traualtar, wenn mein Vater....“ „So komm, komm, du ſuͤße Braut, keinen Auf⸗ ſchub weiter!“— Und raſch faßt' er ſie beim Arm und fuͤhrte ſie ins Nebenzimmer, wo ſechs baͤrtige Offiziere ſie mit ſoldatiſchem Anſtand begruͤßten.„Das iſt meine Braut, Kameraden,“ rief er ihnen zu,„folgt mir als Zeugen zum Brautvater!“ Halb traͤumend und wie berauſcht von Allem, was ſie ſah und hoͤrte, betrat Ludmilla den Tanzſaal, wo ſich eben die Paare zu einer wilden Maſſurka ordneten. Alles flog erſchrocken auseinander, als Obriſt Carpezan mit ſeinem kriegeriſchen Geleit ſich ſtuͤrmiſch durch die Reihen der Gäſte zum Burgherrn draͤngte. „Da bin ich wieder, edler Freiherr Stanislaus,“ redete er dieſen mit ruhiger Feſtigkeit an,„und bitte euch zum zweiten Mal, mir euere holde Ludmilla zur Ehefrau zu geben. Ich ſtehe hier vor euch als wohl⸗ beſtallter Obriſt des Grafen Ernſt von Mannsfeld, den die evangeliſche Union noch zur rechten Zeit zu Boͤh⸗ mens Hilfe ſendet. Ich ſtehe vor euch als Boͤhmens 40 Retter, denn ich war es, der den Churfuͤrſten von der Pfalz und ſeine Verbuͤndeten zu dieſem Schritt bewogen hat. Ludmilla ſoll der Lohn fuͤr meine Muͤhen ſein, Ludmilla ſoll mich zum heiligen Kampf für Boͤh⸗ mens Freiheit ſtärken. Ihr werdet als Patriot mir euere Tochter nicht verſagen. Nicht wahr, mein Vater, ihr ſagt Ja?“ Ehe noch der Verſtand beim Freiherrn die Wag⸗ ſchale des Fuͤr und Wider hatte ſchwanken laſſen, war dem Ueberraſchten ſchon in der erſten Beſtuͤrzung und Angſt das verhaͤngnißvolle Ja uͤber die Lippen geflohen. „Habt Dank, Vater Stanislaus,“ rief der Obriſt, dieſen raſch umarmend.„Morgen fahrt ihr mit uns hinaus zur Hochzeit ins Lager vor Pilſen.“ „Ins Lager vor Pilſen?“ fragte der Burgherr verwundert.„Was giebt es denn dort?“ „Eine Belagerung giebt es, edler Stanislaus. Feldſchlangen und Karthaunen ſollen zu unſerer Trau⸗ ung donnern.“ „Und dorthin, ins wuͤſte blutige Kriegsgetuͤmmel wollt ihr mein armes Kind mit euch fortfuͤhren?“ „Das Weib gehoͤrt zum Manne, alſo die Soldaten⸗ frau ins Feldlager. Folgſt du mir gern, Ludmilla, ſag' es offen?“ 41 „Bis in den Kugelregen der Schlacht!“ rief ſie mit begeiſterter Hingebung. „Ha, ſo iſt es recht! Hab't ihr's gehoͤrt, Herr Stanislaus?— Jetzt friſch zum Tanz, du Herzens⸗ braut!“ Carpezun trat mit Ludmilla in den Kreis. Die Offiziere, dem Beiſpiel ihres Obriſten folgend, holten ſich ſechs der ſchoͤnſten Jungfrauen zu Tanzgefährtinnen und aufregend erſchallten die muntern Takte der Maſ⸗ ſurka zu den leidenſchaftlichen Bewegungen der luſt⸗ berauſchten Paare. Hell flammten die Kerzen beim froͤhlichen Nacht⸗ bankett; hell klangen die Becher auf das Wohl der Neuvermählten und das der Brautleute. Nur der Vater war ſtill und ernſt geworden. Ludmilla ſchwamm in einem Meer von Wonne. Nach Mitternacht fuͤhrte ſie die Schweſter in die mit Blumengewinden geſchmuͤckte Hochzeitkammer.„Gute Nacht, Schoͤnliebchen!“ ſprach ſie ſchalkhaft, die eigene Seligkeit des naͤchſten Tages vorempfindend. Es währte lang', ehe der Schlummer die Seiden⸗ wimpern der ſchwarmenden Ludmilla ſchloß. Sie war zu gluͤcklich, um nicht wachen zu wollen; der Schlaf iſt der Freund der Leidenden. Endlich behauptete die 1 42 Natur doch ihr Recht, aber die Freudengedanken des Wachſeins ſpannen ſich in die ſuͤßen Phantaſieen des Traumes hinuber; es umringte ſie eine tauſendfarbig blühende und immer ſchoͤner wechſelnde Zauberwelt. Der erſte Strahl der Morgenſonne ſtreifte roͤthend uͤber Geſicht und Buſen der holden Schläferin, als ſich leiſe die Thuͤr ffnete und Editha im weißklaren Nachtgewand hereinſchwebte. Mit wehmuthsvollem Ausdruck ſtand ſie erſt eine Weile vor der friedlich Ruhenden, um deren Lippen ein unſchuldiges Lächeln ſpielte. Es war, als ob ſie ihr etwas Wichtiges vertrauen muͤßte und ſich doch wieder ſcheute, ihr Schmerz zu bereiten. Jetzt endlich ſiegte der Entſchluß; ſie hauchte einen Kuß auf den kleinen reizenden Mund, und„Ludmilla,“ ſprach ſie ſanft,„liebe Ludmilla, er⸗ wache!“ „Rufſt du mich, Geliebter 2“ fragte die aus roſi⸗ gen Traͤumen Erwachende.„Ach, du biſt es Di⸗ thinka! Was treibt dich ſchon ſo fruͤh von deines Ottokar Seite?“ „Die Angſt um dich, meine Ludmilla, die Angſt um dein Gluck, ja um dein Leben!“ „Was ſicht dich an, Liebchen? Mir geht ein ſonnenheller Lebenstag auf.“ 43 „Hoͤre mich an, wir haben keine Zeit zu ver⸗ lieren. Du weißt, daß ich mich ſtets von dieſem unheimlichen Carpezan zuruͤckgeſtoßen fuͤhlte.“ „Daß du ſtets ungerecht gegen ihn wareſt, ja das weiß ich. Nun wirſt du doch endlich in ihm den Schwager lieben lernen.“ „Als ich dieſe Nacht in Ottokar's Armen wonne⸗ ſelig entſchlummert war, ſchien es mir ploͤtzlich, als ſei ich in ein fernes gruͤnes Land am Meer verſetzt, das von vielen ſchmalen Wäͤſſern durchſchnitten und von zahlloſen ſchoͤnen Städten und Doͤrfern bedeckt war. Ich ſuchte dich und fand dich endlich in einem alten Schloß mit vielen duͤſtern Gemaͤchern und Kel⸗ lern. Da ſtiegen aus dem Boden des Zimmers, wo du weilteſt, dunkle Wolken herauf und daraus trat Carpezan mit blankem Schwert in der Rechten hervor und blickte dich mit furchtbarer Geberde an. Die Wol⸗ ken verhuͤllten darauf ihn und dich, und ich ſah lange nichts als grauen Nebel. Doch ploͤtzlich theilte ſich der Nebel und ich ſah wieder dich allein, aber ſtarr und todtenbleich auf dem Boden liegend, und um deinen ſchneeweißen Hals— lief ein breiter Streif von dunkelrothem Blut!“ 44 „Und das iſt Alles, was dir Sorge macht? Ein bunter hohler Traum, den die dein Mißmuth gegen Carpezan und die Erinnerung an mein Granathals⸗ band von geſtern vorgegaukelt, der bringt dich ſo in Aufruhr? O, liebe Dithinka, wie kannſt du doch ſo kindiſch ſein!“ „Ludmilla, ich beſchwoͤre dich, verachte nicht die Mahnung deines guten Engels, der zu deiner Ret⸗ tung aus mir ſpricht. Du gehſt in dein Verderben mit dieſem Carpezan. Noch iſt es Zeit; tritt zuruͤck von dieſem erzwungenen Ehegeloͤbniß!“ „Erzwungen nennſt du, was ich mit uͤberſchwäng⸗ licher Wonne verſprochen habe? Zuruͤcktreten ſoll ich von der Schwelle meines Paradieſes? Jaromir allein iſt der Mann, den das Schickſal mir beſtimmt hat.“ „Ja, dein boͤſes Geſchick iſt es, womit die Geiſter der inſterntß dich umgarnen, nicht die Fügung des ewigen Gottes!“ „Du machſt mir Grauen, Editha, wahrlich du biſt krank!“ „O wohl mir, wenn dich endlich Grauen und Furch erfaßt! Sieh mich auf meinen Knieen vor dir liegen und flehen: Geh nicht mit dieſem Carpezan!“ 45 „Ich kann und will nicht zuruͤcktreten, ſteh auf!“ entgegnete Ludmilla aus dem Bett ſpringend und die Schweſter emporhebend. „Geh nicht, mein Schwanenhaͤlschen, geh nicht,“ ſprach Editha, ihr weinend um den Hals fallend,„ich laſſe dich nicht von mir!“ „Ludmilla, mach dich bereit, in zwei Stunden ſpaͤteſtens brechen wir auf,“ rief eine männliche Stimme von draußen. „Ich beeile mich anzukleiden, theurer Jaromir, erwarte mich beim Vater,“ antwortete ſie raſch. „Barmherziger Gott, ſie geht!“ ſprach Editha, die Augen ſich mit beiden Haͤnden bedeckend. „Schicke mir gleich die Thecla und Wlaſta, Schwe⸗ ſter, du biſt unfaͤhig mir jetzt zu helfen,“ rief Ludmilla mit Entſchiedenheit. Editha ſchwankte zur Thuͤr hinaus. Durch Fluren und Wälder ſog der mit vier feurigen Rappen beſpannte und von einer kriegeri⸗ ſchen Reiterbegleitung umſchwärmte V en, worin ₰ S die glückliche Ludmilla mit ihrem Vater ſaß, dem Lager 5 — 46 vor Pilſen zu. Dicht am Schlage zur Rechten trabte der ſtattliche Carpezan, der nicht aufhoͤrte, die Geliebte mit ritterlicher Courtoiſie zu unterhalten. Jetzt ging es etwas langſamer die Abdachung einer Gebirgswand hinan, worauf ſich die Straße in immer kuͤhneren Wendungen zum Gipfel bewegte. Sieh, da lag in einer reizenden Thalebene das alterthuͤmliche Pilſen mit ſeinen Kirchen und Wartthuͤrmen und dop⸗ pelten Wallmauern, von den beiden unterhalb der Stadt ſich vereinigenden Fluͤſſen Myza und Wottawa umſchlungen, und rings umher auf Feldern und Huͤ⸗ geln im weiten Kreiſe die weiße Zeltſtadt der Belagerer ausgebreitet. „Ha, wie ſchoͤn,“ rief Ludmilla mit freudiger Ueberraſchung,“ wie ſchoͤn muß es ſich in der luftigen Lagerſtadt unter Gottes freiem Himmel wohnen! Wie herrlich muß das bewegte Leben dort unten ſein!“ „Heut iſt noch Alles zu ſtill,“ antwortete der Obriſt,„denn wir haben ſeit geſtern auf drei Tage Waffenſtillſtand. Aber wenn es nur erſt wieder los⸗ gehen wird, wenn die ehernen Nachtigallen ſingen und die Bomben in feurigen Bogen die Feſtung ſuchen, wenn Trommeln und Trompeten zum Angriff lärmen, dann erſt wirſt du das Lager recht verſtehen lernen. Und 47 wenn ich dann geruͤſtet vor dich hintrete und dich haſtig umarmend dir zurufe: Noch einen Kuß auf den Weg in die Schlacht—“ „Dann preß' ich dich feurig an meine Bruſt,“ fiel Ludmilla mit Begeiſterung ein,„und rufe: Sieg mit dir, mein ſchoͤner Kriegsgott!“ „Halte Wort, Soldatenbraut, keine Thräne, Sieg oder Tod!“ Näher ſchon brauſte das verworrene Lagergetoͤſe. Die Vedetten der Vorpoſtenkette wurden ſichtbar. „Wer da?“ ſchallt es. „Mannsfeld und Boͤhmen! Bin der Obriſt von Carpezan.“ Die Vedetten praſentirten. Eine glaͤnzende Reiterſchaar kam den Reiſenden entgegen. An ihrer Spitze ritt ein ſtattlicher Herr in voller Manneskraft, dem ein flotter Reiherbuſch vom aufgekräͤmpten Barett wallte; um die Schultern flog ihm ein kurzer rothſammetner, mit koſtbarem Herme⸗ lin gefuͤtterter Mantel und über den breiten Spitzen⸗ kragen fiel ihm der Orden des goldenen Vließes auf das ſchwarz⸗ und goldgeſchlitzte Wamms herab. Das lange, triangulaͤre, in einen breiten Spitzbart aus⸗ laufende Geſicht war eine jener merkwuͤrdigen Phh⸗ 48 ſiognomieen, wie ſie uns nur das 16te und 17te Jahr⸗ hundert ausgeprägt haben— eine Miſchung von rit⸗ terlicher Kraft, abenteuerlicher Keckheit, religioſem Fanatismus, diplomatiſcher Verſchlagenheit und hart⸗ nackiger Feſtigkeit, der jedes Mittel zum Ziele gleich gilt. „Potz blau Feuer, Obriſt,“ ſprach der Ordens⸗ herr,„ihr ſeid ja um einen vollen Tag eher wieder da, als ich es verlangt? Bringt ihr uns ſchon euere ſchone Gefangene?“ „Puͤnktlich und raſch ziemt dem Soldaten, Er⸗ laucht. Hier meine Braut und ihr Vater, Freiherr Stanislaus von Lowofitz.“ „Seid gegruͤßt, Herr von Lowoſitz, und ihr mein holdes Fraulein Braut; Ernſt von Mannsfeld heißt euch in ſeinem Lager willkommen. Ihr gewährt mir voch die Bitte, euern Trauzeugen abzugeben?“ „Euere fuͤrſtliche Durchlaucht,“ ſtammelte der ge⸗ ſchmeichelte Freiherr,„ſolche hohe Ehre... 1 „Nichts da vom Fuͤrſten, Herr,“ ſiel ihm der Graf in die Rede,„die alten Peruͤcken zu Wien haben mir meines Vaters Erbrecht vorenthalten, weil ich ein niederländiſch Fräulein meine Mutter nenne. Aber, bei Martin Luthers Bibel, zu deren Fahne ich jetzt 49 geſchworen, ich will mir den Furſtenhut ſchon ſelber aus der Hofburg holen, den ich mit Gut und Blut mir längſt verdient.— Carpezan,“ ſprach er darauf zu dieſem gewendet,„laßt den Wagen vor meinem Gezelt halten; ihr mußt euch bei mir copuliren laſſen.“ Langſam fuhr der Wagen durch die belebten Zelt⸗ gaſſen, die Feldhauptwache trat ins Gewehr, und Trommeln und Pfeifen ſpielten den Fahnenmarſch; jetzt hielt man vor einem großen Generalszelt, worauf die Banner Boͤhmens und Mannsfelds wehten. Carpezan ſprang vom Pferde und bot ſeiner ſchoͤnen Braut den Arm. Eine Schaar buntgeſchmuͤckter Trabanten und La⸗ kaien ſtürzte den Ankommenden entgegen. Die geraͤu⸗ mige Zeltwohnung, die ſich durch Zwiſchenwaͤnde von Teppich in mehre Gemächer abtheilte, war ſo zierlich und behaglich eingerichtet, als es ſich nur immer mit dem Lagerleben vertrug. „Wein und Gebäck!“ befahl der Graf. „Auf das Wohl meines tapfern Obriſten Jaromir von Carpezan und ſeiner holden Braut Ludmilla von Lowoſitz!“ rief er, das Glas erhebend und mit dem Brautpaar anſtoßend. 4 50 Ludmilla ſtrahlte von Seligkeit. Ein lebhaftes Geſpraͤch entſpann ſich zwiſchen ihr und dem Feldherrn. „Habt ihr geſchickt, Leutnant Tettenborn?“ fragte Mannsfeld nach einer Weile einen ſeiner Adjutanten. „Zu Befehl, Erlaucht, der Herr Feldkaplan wird gleich hier ſein.“ Ein calviniſtiſcher Prediger, den der Graf aus der Pfalz mitgebracht, trat ein, eine ehrwuͤrdige geiſt⸗ liche Geſtalt, in der Mitte der ſechziger Jahre, mit dem Ausdruck herzinniger Froͤmmigkeit und menſchenfreund⸗ lichen Wohlwollens. „Lieber Doctor Neander, hier giebt es zu thun fuͤr euch,“ begann der General im traulichen Ton zum Kaplan ſich wendend:„mein wackerer Obriſt von Carpe⸗ zan begehrt mit Fraͤulein Ludmilla von Lowoſitz ehelich copulirt zu werden. Ich als Befehlshaber des Braͤuti⸗ gams und der Freiherr Stanislaus hier als Vater der Braut haben unſern Conſens ertheilt. Alſo friſch ans Werk.“ Der Prediger betrachtete die ſchoͤne feſtlich ge⸗ ſchmuͤckte Jungfrau mit dem Ausdruck wehmuthiger Theilnahme. Darauf begann er ſein Amt und legte den Verlobten ihre ernſten Pflichten mit bewegter Rede ans Herz, bevor er zu den entſcheidenden Fragen uͤber⸗ 51 ging. Das verhaͤngnißvolle Ja toͤnte hell und freudig von beider Munde, und die Ringe wurden gewechſelt. Ludmilla ſchritt lachend durch die Pforte des Eheſtandes, wie uͤber die Schwelle eines Tanzſaals. In der That begann auch ihr neues Leben mit Muſik und Tanz. Denn nach aufgehobener Mittags⸗ tafel fuͤhrte Graf Mannsfeld ſeine Gäſte auf einen ſchattigen Wieſenplan, wo ein munterer Lagerball im Freien improviſirt wurde. Die damalige Kriegsſitte geſtattete, daß eine Menge von Frauen hoͤhern und nie⸗ dern Standes den Heereszuͤgen folgen durfte. Der Soldat führte Alles, was ihm lieb und behaglich war, auf ſeinem wechſelnden Nomadenleben mit ſich. So hatten denn auch viele Offiziere des Mannsfeld'ſchen Corps ihre Damen, gleichviel ob mit oder ohne prieſterlichen Segen, bei ſich, und dieß buntbefiederte Voͤlkchen war es, das ſich jetzt beim luſtigen Schalle der Feldmuſik von den ruͤſtigen Tänzern froͤhlich umher⸗ ſchwenken ließ. Die untergehende Sonne warf ihren roſigen Schim⸗ mer auf das heitere Lebensbild, als der Freiherr von Lowoſitz ſich zur Heimreiſe auf ſeine Burg anſchickte. Nicht ohne Thränen nahm er tiefbewegt Abſchied von der geliebten Tochter, die einer ſo ungewiſſen ſtuͤrme⸗ 4* — 52 vollen Zukunft entgegenging. Aber Ludmilla war zu innerlich froh, um eine falſche Betruͤbniß erheucheln zu koͤnnen. „Auf baldiges Wiederſehen, Vaͤterchen, und tau⸗ ſend Gruͤße noch von mir an Dithinka!“ rief ſie dem Forteilenden nach, und ſtuͤrzte ſich aufs Neue in die Reihen der Tanzenden.— Eine ſternenhelle Nacht ſpannte ihren Diamantſchleier uͤber der belagerten Stadt und ihren Feinden aus. Still verſchwand Carpezan und entfuͤhrte die Geliebte ins luftige Brautgemach. „Laß uns einen Gang durchs Lager thun, theures Weib,“ ſprach Jaromir am nächſten Morgen zur jungen Gattin,„ich will dich mit unſerem ganzen Kriegsweſen vertraut machen, denn eine Obriſtenfrau darf keine Unwiſſenheit darin verrathen.“ Zärtlich hing ſie ſich an den Arm des kräftig ſcho⸗ nen Mannes und wandelte mit ihm durch die langen Zeltgaſſen. „Wie herrlich mir doch Alles heut im Glanz der Morgenſonne erſcheint, lieber Jaromir,“ ſprach ſie ihn freudig anblickend,„viel herrlicher, als es mir geſtern beim erſten Eintritt vorkam! Wie ſchoͤn vor jedem Zelte die Musketen zu ehernen Phramiden geord⸗ net ſind, wie fleißig die braunen Burſchen mit dem 53 Putzen ihrer Waffen beſchaͤftigt ſind und wie ſie dann Alles raſch liegen laſſen, ſobald du naheſt, und mauer⸗ feſt daſtehend dich ſalutiren!“ „Ordnung erhaͤlt die Welt im Kleinen, wie im Großen, Ludmilla, Ordnung und puͤnktlicher Gehor⸗ ſam; das gilt fur den Krieger, wie fuͤr die Hausfrau. Jetzt ſind wir am Ende meines Regimentsbezirks; wir kommen nun zu des Obriſten von Dalberg Cuͤraſſieren.“ „Ei, hier gefaͤllt es mir noch beſſer! Wie praͤch⸗ tig die muthigen Rappen und Schimmel und Goldfuchſe an den endloſen Krippen zu beiden Seiten ſtehen, und wie die blanken Panzer und Helme und Carabiner ſich zu glänzenden Trophäen aufbauen! Warum haſt du dir kein Reiterregiment gewählt, Jaromir?“ „Ich nahm, was mir mein Feldherr zugetheilt, und bin ſtolz auf meine Truppe. Eine tapfere Infan⸗ terie entſcheidet das Loos der Schlachten und nimmt es mit jeder Cavallerie auf, wenn ſie in dichtgeſchloſſenen Gliedern als Viereck Stand hält.“ „So gieb mir wenigſtens ein Roß, damit ich an deiner Seite durch das Blachfeld jagen kann. Es geht doch nichts daruͤber, ein muthiges Pferd zu beherrſchen und im vollen Kraftgefühl pfeilſchnell wie ein Adler S— 54 zum Ziele zu fliegen. Ich reite keck, Jaromir, o ſchenk mir ein Roß!“ „Du ſollſt es haben, Liebchen, und ich ſelbſt will dich nach echter Cavalleriſtenart einuͤben; das will etwas Anderes ſagen, als euer ſanftes Geſchaukel auf dem lammfrommen Damenzelter.“ Unter dieſem Geſpräch war das junge Ehepaar auf dem Marktplatz des Lagers angelangt. Marketender⸗ zelte, Kraͤmerbuden und Garkuͤchen bildeten ein weites Quadrat, innerhalb deſſen ſich die mannichfachſten Lebensbilder gruppirten. Hier ſah man Dragoner und Musketiere mit lauernden Zuͤgen um den verhang⸗ nißvollen Wuͤrfeltiſch ſitzen, dort Artilleriſten mit Cu⸗ raſſieren ſich am dunkelrothen Melnicker laben und mit den blanken Zinnkruͤgen auf Pilſens baldigen Fall an⸗ ſtoßen. Andere tanzten mit den flotten Lagerdirnen den raſcheſten Stehrerwalzer, waͤhrend Andere wieder einen blinden Harfner umringten. „Laß uns ein wenig zuhoͤren,“ bat Ludmilla.— Das Lied erklang: Herr Blaubart zog aufs Freien aus, Doch mocht' ihn keine haben; Er klopfte fein an manches Haus, Doch kraͤchzten drein die Raben: 55 Schoͤn Maͤgdlein nimm den Blaubart nicht, Der ſeinen Weibern das Haͤlschen bricht! Er hatte ſechs ſchon umgebracht, Weil ſie neugierig waren, Er ſchleifte ſie zur Bank der Schlacht An ihren blonden Haaren; Drum mocht' ihn keine zum Manne mehr, Und haͤtt' er Gold, wie Sand am Meer. Da klopft er bei ſchoͤn Agnes an, Die laͤßt ſich vom Satan blenden, Und klammert ſich an den ſchwarzen Mann Mit ihren weißen Haͤnden; Er ſetzt ſie auf ſein falbes Roß Und fuhrt ſie mit ſich auf ſein Schloß. „Ein ſchauerlich Lied,“ ſprach Ludmilla, ſich ſchut⸗ telnd. „Komm, komm, laß uns gehen,“ antwortete Car⸗ pezan, ſie fortziehend,„was hoͤren wir länger das thorichte Zeug an. Ludmilla folgte. Ploͤtzlich aber blieb ſie wieder wie feſtgebannt ſtehen und ließ die Augen ſtarr auf einem Punkte haften. „Was haſt du, Millinka?“ fragte der Obriſt. „Sieh dort, dort!“ fluͤſterte ſie zitternd. „Der Pfahl dort iſt der Galgen,“ ſprach Carpe⸗ —— i 56 zan,„der nach Kriegsſitte ſtets mitten auf dem Lager⸗ markt errichtet wird. Wo die Luſt am wildeſten tobt, iſt auch die Gelegenheit zum Verbrechen am naͤchſten; drum ſteht dieß Warnungszeichen da. Unter blauem Himmel wird hier Gericht gehalten und gehaͤngt und gekoͤpft, wenn's Noth thut.“ „Und der entſetzliche lange Mann dort in der blut⸗ rothen Kleidung, mit der rothen Hahnenfeder auf dem grauen Hut, mit den wild verzerrten Zuͤgen und den zwei mordluſtigen Augen, die mich ſo ſtechend durch⸗ bohren?“ „Iſt Meiſter Jobſt, der Freimann von meinem Regiment.“ „Was bedeutet das, der Freimann?“ „Das iſt der Scharfrichter, Kind, welchem frei ſteht zu thun, was keinem Andern ſonſt geſtattet iſt, will ſagen, der ungeſtraft vom Leben zum Tode bringen darf, wen das Geſetz dazu verdammt.“ „Und wer verwaltet das Geſetz?“ „Der Obriſt des Regiments mit den Verordneten des Kriegsgerichts. Doch ſteht ihm in dringenden Fällen das Recht zu, auch eigenmaͤchtig das Todesurtheil zu ſprechen und vollziehen zu laſſen. „Eigenmächtig?“ fragte Ludmilla bebend. 57 „Ja freilich, ſo z. B. wenn ſich ein Untergebener, ſei es Offizier oder Gemeiner, im Angeſicht des Feindes eines Vergehens der Inſubordination ſchuldig macht. Doch giebt es außerdem noch der Fälle ſo manche an⸗ dere, die prompte Juſtiz erheiſchen.“ „Das iſt ja fuͤrchterlich! Solch' ungeheuere ſchran⸗ kenloſe Macht in eines Menſchen Hand gegeben!“ „Weib, das verſtehſt du nicht. Ein Regiment im Krieg iſt keine Heerde von Federfuchſern auf dem Rath⸗ haus. Da moͤgen die alten und jungen Perruͤcken in zehnerlei Folianten nachſchlagen, ganze Tage mit un⸗ nutzem Wortgefecht verplaudern und ganze Actenſtöße vollſchreiben, bevor ſie zu einem Endurtheil gelangen. Hier bei uns gilt es raſchen Entſchluß und, wie Blitz und Schlag, ſo muß auch Spruch und Vollzug ſtracks aufeinanderfolgen. Aus Tauſenden verſchiedener Natu⸗ ren baut ſich die bunte Lagerwelt zuſammen; ein Band nur iſt es, das dieſe wilden Elemente zuſammenzuhal⸗ ten vermag, der blinde Gehorſam vor der Macht, die der Obriſt mit unbeugſamer Kraft handhabt. Der Obriſt iſt der Geiſt des Regiments, entflieht der Geiſt, ſo muß der Koͤrper ſterben.“ „Und ſind auch Frauen und Maͤdchen dem furcht⸗ baren Blutbann unterworfen?“ 3 F — 58 „Was mit dem Regimente zieht, wird nach Sol⸗ vatenbrauch gerichtet. Machen Weiber ſich eines Ver⸗ brechens ſchuldig, ſo muͤſſen ſie gleich den Maͤnnern dafuͤr buͤßen.“ „Keine Gnade fuͤr das ſchwächere Geſchlecht? 4 „Gnädig iſt Gott, ſtreng das Recht.“ Ludmilla ſchauderte zuſammen. Muſik erklang; eine Luftſpringerbande ſpannte ihr Seil auf und trieb allerhand Kurzweil vor der verſam⸗ melten Soldateska. Jetzt tritt ein grazioſes braunes Maͤdchen in den Kreis und fuͤhrt auf ebner Erde einen ſeelenvollen Tanz aus, wobei ſie die knatternden Ca⸗ ſtagnetten in den emporgehaltenen niedlichen Haͤnden als Taktbegleitung ertoͤnen läßt. Nun hat ſie geendigt und ſchuͤttelt ſich die ſchwarzen Locken aus dem ſcharf⸗ geſchnittenen orientaliſchen Geſicht und blickt mit den feurigen Prophetenaugen fragend im Kreis umher, in⸗ dem ſie mit melodiſcher Stimme halb ſingend die Worte ſpricht: Iſt gefällig euch, zu ſchauen In das Land, das noch mit grauen Nebeln euch die Zukunſt deckt? Meinem Auge liegt es offen, Was ihr fuͤrchten důrft' und hoffen; — 59 Geiſter haben mich erweckt, Nahmen mir das Band vom Auge, Daß ich ahnend in mich ſauge, Was erfreuet und erſchreckt. Kommt heran, ihr muͤßt es hoͤren, Laßt euch nicht vom Wahn bethoͤren, Seid zur Vorſicht aufgeweckt! Denn ihr koͤnnt mit feſtem Muthe Fliehn das Boͤſe, ziehn das Gute, Wenn ihr wißt, was Nacht euch deckt! „Laß mich ſie befragen, lieber Jaromir,“ ſprach Ludmilla,„es zieht mich allgewaltig zu ihr hin.“ „Meinetwegen,“ antwortete der Obriſt,„das Zigeunermaͤdel gefaͤllt mir, will einmal ihr Geplauder mit anhoͤren, wenn ich gleich ſonſt das abergläubiſche Zeug nicht leiden mag.“ „Da bin ich, Kind,“ rief Ludmilla, vergnuͤgt vor die Wahrſagerin hintretend,„verkuͤndige mir mein Schickſal.“ „Faniska grüßt dich, ſchoͤne glänzende Frau, ſchau mich eine Weile fein ruhig an und reiche mir dann dein weißes Händchen her.“ Die Zigeunerin betrachtete mit Aufmerkſamkeit Ludmilla's Geſichtszuge, ließ ihre Blicke mehrmals an der uͤppigen Geſtalt auf⸗ und abſchweifen, ſtudirte 60 dann gruͤbelnd in den Linien ihrer rechten Hand, und ſprach darauf wieder mit demſelben melodiſchen halb ſingenden Tone, wie vorhin: „Kommſt du in ein gruͤnes Land An der Meeresfluth gelegen, Wo der Waͤſſer Silberband Dienet ſtatt gebahnten Wegen, Wo die Doͤrfer Staͤdten gleichen, Buͤrger nicht dem Fuͤrſten weichen, Dann mag deine Furcht beginnen. Meide dann das ſuͤße Minnen, Ob es auch in Ehren ſei; Bleibe ſelbſt von Freundſchaft frei, Bleibe jedem Manne fern, Denn es blitzt dein boͤſer Stern; Liebe hat dir Haß beſcheert, Und es zuckt aus Nacht ein Schwert!“ Ludmilla erblaßte und murmelte vor ſich hin: „Editha, dein Traum!“ „Nun, biſt du zufrieden, Liebchen?“ fragte Car⸗ pezan lachend, als ſie mit einem ernſten Geſicht zu ihm zuruͤckkam.„Das Orakel war dunkel, wie ſie alle ſind, aber die Lehre war gut. Du ſollſt mit Niemand minnen, außer mit mir ſelbſt, das verſteht ſich, und zwar nicht blos in dem fernen gruͤnen Land am Meer, ſondern nirgends, wo es auch ſei. Da kleine Hexe,“ 61 ſprach er zu Faniska gewendet,„haſt du einen blanken Ducaten fuͤr dein Geplapper!“ „Wo iſt der Obriſt von Carpezan?“ fragte ein Offizier, indem er ſich durch den gedraͤngten Haufen Platz machte. „Hier bin ich! Was bringt ihr mir, Adjutant von Tettenborn?“ „Des Herrn Feldmarſchalls Erlaucht laſſen alle Herren Regimentschefs ſogleich zu ſich berufen; Punkt elf Uhr beginnt der Kriegsrath.“ „Ich eile,“ antwortete raſch der Obriſt. „Ludmilla, folge mir in mein Gezelt, du wirſt es nicht verlaſſen, bis ich wiederkomme.“ „Vor ſeinem Feldtiſch, den ausgebreiteten Plan von Pilſen betrachtend, ſaß Graf Ernſt von Manns⸗ feld, und rings um ihn aufmerkſam horchend die Obri⸗ ſten ſeiner Heerſchaaren. „Der Waffenſtillſtand, ihr Herrn,“ begann der Feldherr mit ernſtem Ton,„läuft dieſe Nacht Schlag zwoͤlf Uhr zu Ende. Pilſen iſt, wie die Gefangenen uns berichtet, noch auf acht Wochen mit Proviant und Munition gut verſehen. Uns aber draͤngt's, den Boͤh⸗ men gegen den Bouquoi und Dampierre ſchleunigſt bei⸗ zuſtehen. Deshalb eracht' ich fuͤrs Beſte, wir nehmen 62 morgen die Feſtung mit Sturm. Was iſt eure Mei⸗ nung?“ „Ich ſtimme fuͤr Sturm,“ erwiederte Obriſt Car⸗ pezan entſchloſſen. Die Uebrigen folgten im gleichen Sinne nach. t An „So hoͤrt meine Dispoſition,“ ſprach der Feld⸗ marſchall.„Morgen mit Tagesanbruch beginnen alle unſere Batterien gegen die Feſtungswerke zu ſpielen. Auf die Ziskaſchanze, gegenuͤber dem alten Blockhaus Kaiſer Rudolph's, und auf die Friedrichsſchanze, gegen⸗ uͤber dem Barfuͤßerkloſter, werdet ihr, Herr Feldzeug⸗ meiſter Kechler, in der Stille der Nacht noch auf eine jede drei Stuͤck Karthaunen und drei Moͤrſer von den geſtern aus Prag angekommenen groben Geſchuͤtzen fahren laſſen. Von dieſen beiden Punkten aus muß Breſche geſchoſſen werden. Sobald dieß geſchehen, wird Obriſt von Carpezan durch die Wottawa ſetzen und gegen die Prager Seite Sturm laufen; das Mannhei⸗ mer und das Straßburger Regiment unter den Obriſten von Liebenſtein und Frepont werden ihm unmittelbar nachdringen. Ich ſelbſt werde inzwiſchen die Breſche ge⸗ gen die Nuͤrnberger Seite eroͤffnen und unter meiner Anfuͤhrung von den drei Regimentern der Obriſten von Braubach, Windeck und Helmſtadt ſtuͤrmen laſſen. 63 Obriſt von Ruͤdisheim wird den Feind auf der Muͤhl⸗ thorſeite beobachten und durch einen Scheinangriff be⸗ ſchaͤftigen. Die Obriſten von Dalberg und Drachenfels aber werden mit ihren Cüͤraſſieren und Dragonern zum Schutz des Lagers zuruͤckbleiben.— Habt ihr Alles, ihr Herrn?“ „Zu Befehl, Erlaucht,“ entgegneten die den Tages⸗ befehl in ihren Schreibtafeln notirenden Regiments⸗ chefs. „Es iſt das erſte Mal, daß wir mit dieſer tapfern, aber aus vielen bunten Theilen zuſammengeſetzten Ar⸗ mada einen Feſtungsſturm wagen. Unſere Ehre und die des ganzen Corps ſteht auf dem Spiel; jeder wird fuͤr ſeine Pflicht freudig in den Tod gehen. Gott befohlen auf morgen.“ Es war Mitternacht, als die Truppen zu den Waf⸗ fen griffen und ſich in aller Stille auf ihren Sammel⸗ plätzen ſtellten. „Lebe wohl, geliebtes Weib,“ ſprach Carpezan, die junge Gattin umarmend,„die Stunde ruft mich zum Kampfe.“ „Laß mich dich begleiten, laß mich Gefahr und Sieg mit dir theilen, mein Jaromir!“ rief Ludmilla, ihn mit ſchwaͤrmender Begeiſterung anblickend. 64 „Wo denkſt du hin, Millinka, ich ſollte dich dem Kugelregen der Feinde preisgeben? Wie koͤnnte ich meine Pflicht als ehrlicher Soldat kaltblutig erfuͤllen, wenn ich jeden Augenblick fuͤr dein theures Leben bangen muͤßte?“ „Und ich ſollte hier in dem oͤden Lager in banger Ungewißheit verzweifeln, während du die Sproſſen der Sturmleiter erklimmſt? Nimmermehr! Ich will dem Tode keck ins Angeſicht ſehen, aber ich vermag ihn nicht muͤßig zu erwarten.“ „Wunderbares Weſen,“ ſprach Carpezan betroffen, „ich muß dir ſchon den Willen zur Hälfte thun. Hoͤre mich an. Du kannſt den Angriff meines Regiments voll⸗ kommen vom alten Huſſitenthurm aus uͤberſehen, der außerhalb der Schußweite von Pilſen liegt. Stabsfou⸗ rier Zander, ihr werdet meine Frau, ſobald es Tag wird, auf den Wartthurm geleiten und ſie nach been⸗ digtem Kampfe wieder von dort ins Lager zuruckfuͤh⸗ ren. Ihr haftet mit eurem Kopfe dafuͤr, daß ſie den Poſten nicht ohne euch verlaͤßt.“ „Sehr wohl, mein Herr Obriſt.“ „Ludmilla fiel dem Gatten noch einmal um den Hals und ſchied ohne Thränen, wie ſie verſprochen hatte. 65 Schlag vier Uhr ward die Kanonade von allen Batterien gegen die Feſtung eroͤffnet. Die Belagerten, darauf gefaßt, erwiederten die Begruͤßung mit gleich lebhaftem Feuer. Fuͤnf bis ſechs Stunden mochte die Artillerie beider Theile mit wechſelndem Gluͤcke gewett⸗ eifert haben, als ſich das Uebergewicht des Geſchutzes der Belagerer von der Ziska⸗ und Friedrichsſchanze aus auf das Entſchiedenſte offenbarte. Schon waren viele Stucke der Belagerten demontirt und mancher Buͤchſen⸗ meiſter ihnen getoͤdtet worden; ſchon begannen einzelne große Quadern aus der Wallmauer zertruͤmmert in den Graben zu fallen. Jetzt ſtürzte ein ganzer Wachtthurm mit einer zehn Ellen langen Mauerwand unter der Wucht der Prager Bomben krachend zuſammen. „Wir haben Breſche geſchoſſen,“ rief Carpezan, „jetzt zum Sturm!“ An der Spitze ſeines Regiments zu Fuß ſich ſtel⸗ lend, fuͤhrte es der tapfere Obriſt durch eine ſeichte Furt der Wottawa unter dem Kugelregen der Pilſener gegen die durchbrochene Feſtungsſeite. Raſch wurden die Sturmleitern angelegt, und Carpezan ging wieder den Seinigen unerſchrocken voran und war der erſte auf der Wallſchanze. Nach einem moͤrderiſchen Gefecht von einer Stunde waren die Pilſener zuruͤckgedraͤngt und 5 66 das Blockhaus am Prager Thor erobert. Noch verthei⸗ digten ſich aber die Beſiegten hartnaͤckig von Haus zu Haus, von Straße zu Straße. Jetzt aber war vom Grafen Mannsfeld ſelbſt auch beim Barfüßerkloſter eine Breſche eroͤffnet und der dortige Wall erſtuͤrmt worden. Mit Ungeſtuͤm drangen nun die Sieger, von zwei Sei⸗ ten zugleich, Alles vor ſich niederwerfend, in die Stadt ein und trafen jubelnd auf dem Marktplatz zuſammen. Pilſen war gefallen, die Garniſon ſtreckte die Waffen. Am naͤchſten Tage wurde in der Hauptkirche zum heiligen Bartholomäus das Herr Gott dich loben wir unter dem Abfeuern von hundert Kanonenſchuͤſſen ab⸗ geſungen und darauf vom Mannsfelder ein glaͤnzendes Bankett auf dem Rathhaus gehalten. Carpezan mußte neben dem Feldmarſchall ſitzen und wurde von Allen als derjenige gefeiert, der das Meiſte zur Eroberung des Platzes beigetragen. Ludmilla war ſelig im Ruhmgefuͤhl ihres Jaromir. Als ſie vom Huſſitenthurme aus dem zerſtoͤrenden Kampfe zugeſehen und beim Donner der Kanonen und dem Gepraſſel des Gewehrfeuers fuͤr das Leben des Gatten gezittert hatte, da war ſie ſich erſt recht bewußt geworden, wie ſehr ſie ihn liebte. Aber das Herz war ihr auch groß und weit geworden beim furchtbar —— 67 erhabenen Schauſpiel des wildtobenden Kriegsgewitters. Sie hatte empfunden, wonach ſie ſich immer ſo durſtig geſehnt, jenes romantiſche Fluthen auf den ſteigenden und ſinkenden Wogen des ſturmbewegten Lebensmeers. Und nun ſchwiegen die Stuͤrme, und nun war ſie auf einer gruͤnen Friedensinſel gelandet, die Jaromir's Liebe ihr zum Paradieſe ſchuf. Nachdem Mannsfeld den Truppen eine kurze Raſt von drei Tagen vergoͤnnt und ein Regiment als Garni⸗ ſon in Pilſen gelaſſen hatte, fuͤhrte er ſein Heer nach Prag, wo er unter dem lauten Frohlocken des Volks ſeinen Triumpheinzug hielt. Alles gewann jetzt für Boͤhmen ein guͤnſtiges Anſehen. Die Mehrheit der Stände von Schleſien erklärte ſich fuͤr die Sache der boͤhmiſchen Nation und vereinigte ſich mit dieſer zum gemeinſamen Kampfe wider Oeſterreich. Die kaiſerlichen Feldherrn Bouquvi und Dampierre zogen ſich aus der Nähe von Prag zuruͤck und nahmen ihre Winterquar⸗ tiere im ſudlichen Theile des Koͤnigreichs. Es trat nach damaliger Sitte fuͤr beide ſtreitende Theile eine gemuͤth⸗ liche Waffenruhe ein, waͤhrend welcher man ſich auch in Prag wieder den gewoͤhnlichen Vergnuͤgungen ſorglos hingab. Obriſt von Carpezan ſtieg täglich mehr in ſeines 5* — — 68 Feldherrn Gunſt. Nicht ſelten lud ſich dieſer bei ihm zu Gaſt und verlebte frohliche Stunden mit ihm und der holdſeligen Wirthin. Auch in des Freiherrn von Lo⸗ woſitz Hauſe, der ſich zum Winter wieder in Prag ein⸗ gefunden hatte, traf er häufig mit dem Carpezan'ſchen und Czernin'ſchen Ehepaar zuſammen und wurde von Allen gleichſam als Mitglied der Familie betrachtet. So bildete ſich allmälig zwiſchen dem Feldmar⸗ ſchall und der ſchoͤnen Obriſtin ein trauliches Verhaͤlt⸗ niß, bei welchem dieſe kein Arg hegte, ſondern nur Achtung und Freundſchaft fuͤr den Chef ihres Gatten empfand. Wohl aber fuͤhlte der ſtolze Mannsfelder ſich vom brennenden Liebespfeil verwundet, und ſeine Liebe war die eines abenteuernden Helden aus dem dreißig⸗ jährigen Kriege. Er war kein zärtlicher Minneſaͤnger, der ſich auf das Schmachten und Schwelgen in roman⸗ tiſchen Liebesgefuhlen verſtund; erdwärts zog ihn die Begierde, wie Schiller's Wallenſtein, und im Sturm errang er ſich den Minneſold, wie es im Reiterliede der Friedländ'ſchen Krieger heißt. Nur kurze Zeit noch that ſich der Graf einigen Zwang im Geſpraͤch mit Ludmilla an. Bald begann er, ſie in Abweſenheit ihres Gatten zu beſuchen und ſich Freiheiten mit ihr zu nehmen, die ſie mit hoͤflicher 69 Entſchiedenheit zuruͤckwies. Aber Mannsfeld ließ ſich nicht ſogleich abſchrecken; Frauen von Ludmilla's feuri⸗ gem Temperament hatten ihm noch nie widerſtanden. Bei der nächſten Gelegenheit, wo er ſich wieder mit ihr allein ſah, geſtand er ihr mit kurzen Worten ſeine Lei⸗ denſchaft und ſchloß ſie kuſſend in ſeine Arme. Ludmilla wand ſich mit einem Schrei von ihm los und entſprang ins Nebenzimmer, das ſie raſch hinter ſich abſchloß. Kaum war ihr Gatte heimgekehrt, ſo erzählte ſie ihm offenherzig den ganzen Vorfall und flehte ihn um Schutz gegen die Zudringlichkeit des Feldmarſchalls an. Carpezan ſtampfte mit dem Fuße und druͤckte in ſeinem gluͤhendrothen Geſicht den heftigſten Zorn aus. Bald aber ſich bemeiſternd, ſprach er mit erzwungener Ruhe: „Ich bin zufrieden mit dir, Ludmilla; vermeide kuͤnftig jedes einſame Geſpraͤch mit dem Grafen, fuͤr das Wei⸗ tere werd' ich Sorge tragen. Uebrigens beobachte uͤber das Vorgefallene gegen jedermann das tiefſte Still⸗ ſchweigen, ich befehl' es dir auf das Strengſte.“ Noch ganz verwundert daruͤber, daß ihm zum erſten Male ein Sturmangriff auf ein ſchoͤnes Weib mißlingen konnte, ſaß Mannsfeld, einen neuen Operationsplan gegen Ludmilla's Tugendfeſtung durchfinnend, vor dem helllodernden Kaminfeuer. Da oͤffnete ſich die Thuͤr und 7 70 Carpezan, der ſtets unangemeldet erſcheinen durfte, trat haſtig ein. .„Guten Abend, lieber Obriſt,“ ſprach mit ſchein⸗ barer Unbefangenheit der Graf, dem nichts Erfreuliches von dieſer Unterredung ahnte,„was giebt es Neues aus Wien? Hat es ſich mit der Krankheit des Kaiſers 3 verſchlimmert?“ „Man ſagt, es gehe beſſer mit dem Befinden der Majeſtät, aber eine neue ſchlimme Krankheit hat ſich in meinem eigenen Hauſe eingeſtellt, Erlaucht,“ antwor⸗ tete jener, ihn duͤſter anblickend. „Was ſagt ihr, Carpezan, eine Krankheit? Doch 1 nicht bei eurer ſchoͤnen Hausfrau?“ „Ja, Herr Feldmarſchall, bei ihr und mir zugleich, und die Krankheit heißt zerſtortes eheliches Gluͤck. Ihr kennt das Uebel nicht, weil ihr nie verheirathet waret; ———————— aber wer das Kleinod eines herrlichen liebevollen Wei⸗ bes beſaß, wie ich, der weiß, was der Verluſt von einem ſolchen Gut bedeuten will. Noch iſt ſie rein, 3 doch ihre Ruhe iſt zerſtoͤrt, und die meinige iſt es noch 3 mehr. Ein Reicherer und Hoͤhergeſtellter als ich, kommt heimlich, mir das zu rauben, was mir mein gutes Gluͤck gegoͤnnt hat. Das iſt nicht recht, nicht edel gedacht von jenem großen Mann.“ 71 Mannsfeld biß ſich in die Lippen beim Anhoͤren dieſer ſcharfen Ruͤgenworte; aber ſie brachten ihn zur Erkenntniß ſeines Unrechtes, und knabenhafter Unwille gegen die Wahrheit blieb ſeinem klaren Geiſte fremd. „Laßt es gut ſein, Carpezan,“ ſprach er im freund⸗ lich beſaͤnftigenden Tone,„der große Mann hat alles ſchon, wie ſich's geziemt, erwogen und vollkommen ein⸗ geſehen. Er begreift, daß ein tuͤchtiger Obriſt ihm mehr werth iſt, als ein fluchtiger Liebeshandel, und deshalb gelobt er euch auf ſeine Ehre, daß er die eurige nimmer kraͤnken wird.“ „Mit Gut und Blut bin ich nun ganzlich wieder euer, mein edler Feldherr!“ ſprach Carpezan geruͤhrt. „Gebt mir die Hand, Obriſt,“ fuhr Mannsfeld fort,„und nehmt fuͤr euere gute Lehre jetzt eine andere von mir hin. Führt euere ſchone Ehefrau nicht mehr auf Märſchen und in Feldlagern mit euch herum, ſon⸗ dern laßt ſie bis nach beendigtem Kriege daheim unter der Obhut ihres Vaters bleiben. Ludmilla iſt noch tugendhaft, aber ſie hat feuriges Blut in den Adern und es liegt in ihrem ganzen Weſen jener unbeſchreib⸗ liche Reiz, der uns Männer in Gluth und Flammen ſetzt und uns zur Erringung des Genuſſes unwiderſteh⸗ lich anſpornt.“ 72 „Ich kann nicht ohne ſie leben,“ entgegnete Carpe⸗ zan ſeufzend,„und iſt ſie fern von mir, ſo zittere ich noch mehr fur das, was ihr nur allzuwahr ausſprecht.“ „So ſeid denn auf euerer Hut,“ ſagte der Graf, ihm die Hand auf die Schulter legend,„aber quält euer Weib auch nicht beſtändig mit unnuͤtzer Eiferſucht, denn das iſt der ſicherſte Weg, das Ungluck wirklich herbeizufuͤhren, was ihr aus allen Kräften meiden wollt.“ Carpezan ſchied mit der Vetheuerung, daß er nie in dieſen Fehler verfallen werde, aber in ſeinem Innern hatte der Keim der furchtbaren Leidenſchaft bereits Wurzel geſchlagen. Gerade, daß Mannsfeld ihm die⸗ ſen Rath ertheilen konnte, bewies ihm ſchon das Vor⸗ handenſein der Gefahr.„Wer weiß,“ dacht' er bei ſich ſelbſt,„ob ſie den Feldmarſchall nicht erſt durch Buhler⸗ kuͤnſte zu dem Angriff aufgefordert, und wer weiß, was ſich mit Andern ſchon vielleicht ereignet hat!“ Er be⸗ wachte daher ſeine Frau von dieſem Tage an mit dem ſchaͤrfſten Mißtrauen, und Ludmilla ward es ſich nur zu bald ſchmerzlich bewußt, daß ihr Jaromir ſie nicht mehr ſo wie vorher liebte. Oft warf ſie ſich auf ihre Kniee vor ihm nieder und bat ihn mit Thraͤnen, daß er ihr die Urſache ſeines 73 veranderten Betragens geſtehen, daß er ſie lieber offen anklagen, als durch dieſes duͤſtere Beobachten, durch dieſe abgemeſſene Kälte kräͤnken ſolle; ſie ſei ſich ja nicht der mindeſten Schuld gegen ihn bewußt, ſie ſei ihm ja ſo ganz und innig hingegeben, wie nur ein treues Weib an ihrem Manne haͤngen koͤnne. Dann ward er wohl geruͤhrt, ſchloß ſie zaͤrtlich in ſeine Arme, bat ſie um Vergebung, und betheuerte ihr mit den heißeſten Schwuͤren ſeine unvergängliche Liebe. Aber kaum waren einige Tage dahin, ſo war auf die leichteſte Veranlaſſung ſchon wieder der boͤſe Geiſt der Eiferſucht bei ihm erweckt und machte ſich durch unbeſtimmte Vorwuͤrfe des Leichtſinns und der Gefallſucht oder durch gleichgiltiges rauhes Benehmen bemerkbar. Graf Mannsfeld hielt ritterlich Wort. Sorgſam vermied er jedes Geſprach unter vier Augen mit Lud⸗ milla und, traf er mit ihr ſonſt zuſammen, ſo beobach⸗ tete er den ruhigſten Anſtand und die abgemeſſenſte Hoͤf⸗ lichkeit. Aber Carpezan's aufgeregte Eiferſucht ſuchte und fand nun anderwärts uͤberall neue Nahrung. Ludmilla's begeiſterte Liebe fuͤr Jaromir ward durch dieſe ſtets ſich erneuernden Qualen allmaͤlig er⸗ mattet und abgekuͤhlt. Denn die Liebe will ſelig wie 74 eine jubelnde Lerche im ſonnenhellen Aether ſchweben, oder wie die Nachtigall in warmer Fruͤhlingsnacht von Bluthenbuſch zu Bluͤthenbuſch mit ſuͤßem Lockgetoͤn hin⸗ flattern. Härte, Mißtrauen und Zwang laͤhmen ihr die zarten Geniusflugel und ſchnuͤren ihr die Bruſt wie eiſiger Nordwind zuſammen. Dann fragt ſich die Liebe: „Muß es denn ſo ſein? M uß ich dieſe Kette tragen? Muß ich nur lieben, was mich qu ält und mißhan⸗ delt?“ Dann ſchaut ſie um ſich, ob es nichts anderes Liebenswerthes mehr giebt auf Erden, und ſie wird es finden, weil das liebeheiße Herz nicht ohne Liebe ſchla⸗ gen kann. In Carpezan's Regiment diente als Leutnant ein junger Schweizer, Ludolph Glarens mit Namen, ſchlank und blondgelockt, von hoͤchſtens drei und zwanzig Jah⸗ ren, mit einem ſanften, ſeelenvollen Geſicht und einer zum Innern ſprechenden Stimme. Ludolph hatte nie ein Wort mit Ludmilla zu reden gewagt, als wenn der Obriſt ihn bisweilen mit einem Auftrag an ſie abge⸗ ſchickt. In achtungsvoller militariſcher Haltung hatte er dann immer vor ihr geſtanden und keine Silbe uͤber die Ordre war uber ſeine Lippen gekommen. Aber die Liebe, wäre ſie auch ſtumm, iſt doch ſo beredt und handelt unwillkuhrlich ſelbſt gegen die Abſicht deſſen, 75 der ſie verbergen will. Glarens wußt' es nicht, daß er ſeinen Blick oft mit gluͤhender Zärtlichkeit blitzſchnell auf Ludmilla leuchten ließ, daß ſeine Stimme bittend und melodiſch erbebte, wenn er die trocknen Auftragsworte an die angebetete Gattin ſeines Obriſten richtete, daß ſeine Hand zitterte, wenn er beim Kommen oder Schei⸗ den ſalutirend an den Helm griff. Ludmilla hatte dieß Alles wohl bemerkt,— denn was entginge wohl dem weiblichen Scharfblick, wenn es ſich um Liebeszeichen handelt— aber ſie hatte es ruhig wie eine Schoͤnheitskonigin als eine ihren Reizen gebuͤhrende Huldigung hingenommen. Ihr Herz war von der einzigen ſchwärmeriſchen Liebe fuͤr ihren Jaro⸗ mir ſo ganz erfullt geweſen, daß es keiner andern Nei⸗ gung mehr Raum geben konnte. Auch war ihr der ſanfte, ſchmäͤchtige Ludolph im Vergleich mit Carpezan's kraͤftiger Heldengeſtalt nur wie ein unbedeutender Jung⸗ ling vorgekommen, der auf keine weitere Beachtung An⸗ ſpruch machen durfte. Wie ganz anders aber erſchien er ihr jetzt, wo die Liebe fuͤr Jaromir in ihrer Bruſt zu erkalten begann, wo ihre Seele von dem gewaltigen Magnet, der ſie mit Zauberkraft gefeſſelt hatte, ſich allmälig abzuloͤſen an⸗ fing. Jetzt duͤnkte ihr Ludolph's ſtille Sehnſucht und 76 Treue etwas unendlich Ruͤhrendes, und Ruͤhrung iſt ein empfänglicher Boden fur die keimende Liebe. Noch war kein Wort von ihr mit ihm gewechſelt worden, als was das jedesmalige Geſchaͤft gerade mit ſich brachte. Aber ihr Auge blickte ſchon auf ihn, ihre Stimme redete ſchon mit ihm ganz anders, als dieß fruͤher je der Fall geweſen. Meldete Ludolph vielleicht, daß der Herr Obriſt Gäſte von der Parade zu Mittag bringen werde, ſo hatte Ludmilla ſonſt mit:„Es iſt gut, Herr Leutnant,“ kurz geantwortet. Jetzt aber ſagte ſie freundlich:„Ich dank' euch fuͤr die Meldung, Leut⸗ nant Glarens.“ Und bald klang es noch traulicher: „Habt ſchoͤnen Dank, lieber Glarens.“ So entwickelte ſich in ſanften Uebergaͤngen, ihr ſelbſt unbewußt, eine zarte reine Neigung fur den jungen Schweizer in Lud⸗ milla's Buſen. Beiden war wohl dabei, ohne daß ſie es ſich ſagten, und Carpezan merkte nichts davon, weil beide keine Schranken verletzten und keine Schuld zu verbergen hatten. Das Fruͤhjahr ruͤckte heran und die boͤhmiſche Na⸗ tionalregierung dachte ernſtlich an die Wiedereroͤffnung der Feindſeligkeiten. Alle Heerestheile ſollten betracht⸗ lich verſtärkt werden. Carpezan hielt redlich Wort, 77 indem er ſein Regiment auf eigene Koſten faſt um das Doppelte vermehrte. Mit patriotiſcher Aufopferung verkaufte er ſein einziges Erbgut und wandte den Erloͤs zu Werbegeldern an. Sein Name hatte guten Klang im Lande und fuͤhrte ihm von allen Seiten kriegsluſtige Soͤldner zu. „Weißt du ſchon, daß ich vom Kaiſer in die Reichs⸗ acht erklaͤrt bin?“ fragte Graf Mannsfeld eines Mor⸗ gens den bei ihm zum Rapport eintretenden Obriſten. „Meines Ranges und meiner Guͤter verluſtig, bin ich dem erſten Beſten, der mich fangen oder toͤdten will, als Vogelfreier preisgegeben. Alſo ward's in Wien be⸗ ſchloſſen.“ „Ihr ſcherzt, Erlaucht. Ihr, der Sohn eines um das Habsburg'ſche Haus ſo hochverdienten Vaſallen? Wie koͤnnte der Kaiſer....“ „Ei, der Kaiſer hat ganz Recht. Wer fragt nach dem Vater, wenn der Sohn unſer Feind iſt? Aber ich lache dazu, wenn ihr mir nur treu bleibt. Denn wißt, ihr alle meine Offiziere ſeid mit gleicher Verdammniß bedroht, wenn ihr euch nicht binnen drei Wochen unter die kaiſerlichen Fahnen ſtellt.“ „Ich habe mich der Sache Boͤhmens verſchrieben 78 und bin der Eurige, ſo lange ihr dafuͤr fechtet,“ ant⸗ wortete der Obriſt raſch.„Die Uebrigen halten es mit euerer Fortuna; ich denk', es ſpringt euch keiner ab. Abends war großes Bankett beim Feldmarſchall. Mit feſter Stimme las Mannsfeld das Achtsediet ſeinen Offizieren vor. Alle erneuerten ihm mit Begeiſterung den Eid der Treue. Wenige Tage ſpäter wurde Prag durch eine neue wichtige Botſchaft aus Wien in Bewegung geſetzt. Kai⸗ ſer Matthias, der längſt ſchon von ſchwankender Ge⸗ ſundheit geweſen, war plotzlich verſchieden. Erzherzog Ferdinand von Grätz, der erkläͤrteſte Feind des Prote⸗ ſtantismus und jeder politiſchen Freiheit der Voͤlker, war ſein Nachfolger.— Stärker, als je, regte ſich jetzt der Geiſt des Widerſtandes in Boͤhmen.„Lieber auf dem Schlachtfeld ruhmvoll ſterben, als ſich Ferdinand's Willkuͤhr berliefern!“ war der Wahlſpruch jedes Pro⸗ teſtanten. In Schleſien ſprach ſich der nämliche Geiſt des Aufruhrs aus; im Erzherzogthum Oeſterreich, in Steiermark und Kaͤrnthen zuckten einzelne Flammen hier und dort empor. In Siebenbuͤrgen ruͤſtete ſich der kriegsluſtige Furſt Bethlen Gabor zum Einfall in Un⸗ garn, und der Beherrſcher der Osmanen ſchien geneigt, ihn dabei zu unterſtützen, um dann gemeinſ chaftlich mit 79 ihm bis ins Herz der Habsburg'ſchen Monarchie vorzu⸗ dringen. Unter ſo guͤnſtigen Conjuncturen zoͤgerte Graf Thurn, das kuͤhne Haupt des boͤhmiſchen Aufſtandes, nicht laͤnger mit der Eroͤffnung des neuen Feldzuges. Er ſelbſt drang mit dem Hauptheer durch das ihn freu⸗ dig empfangende Maͤhren nach Wien vor, welches er bald eng eingeſchloſſen hielt. Graf Mannsfeld ſollte ſich indeſſen mit den vor Budweis liegenden boͤhmiſchen Re⸗ gimentern vereinigen und den um die Feſtung gelagerten Heertheil des Grafen von Bouguvi im entſcheidenden Treffen beſiegen. Kampfdurſtig folgte Carpezan mit ſeinen wohlge⸗ ſchaarten Fähnlein dem ſieggewohnten Heerfuͤhrer. Lud⸗ milla mußte ſich, wie bisher, dem Zuge des Regiments anſchließen. Gedankenvoll ſaß ſie in dem alten hoch⸗ bepackten Wagen, der auf der von Regenguͤſſen und Geſchutzen verdorbenen Straße ſchwerfällig dahinrollte. Ach, wie waren ihre Gefuͤhle auf der Reiſe jetzt ſo ganz anders, wie einſt! Graf Mannsfeld hatte ſeine Vereinigung mit den boͤhmiſchen Regimentern in der Nähe von Budweis be⸗ wirkt. Die Morgenſonne des entſcheidenden Tages war 80 blutroth aufgegangen; Trommeln und Trompeten rie⸗ fen die Krieger zu den Fahnen. Ludmilla befand ſich im Schloſſe eines Ritterſitzes unter dem Schutze Ludolph's von Glarens und einer Abtheilung von hundert Carpezan'ſchen Musketieren. „Leutnant von Glarens,“ ſprach der Obriſt beim Scheiden,„ich ertheile euch hiermit die ſtrenge Ordre, das Dorf nicht eher zu verlaſſen, bis ihr dazu von mir ausdrucklichen Befehl erhalten. Dann aber ruͤckt unver⸗ zuͤglich mit euerem Commando vorwärts und vereinigt euch mit dem Regiment, nachdem ihr zuvor die Obriſtin unter Eskorte von einem zuverläſſigen Corporal und ſechs Mann nach Frauenberg zuruͤckbringen laſſen. Habt ihr mich verſtanden?“ „Sehr wohl, mein Obriſt.“ Ludmilla ſah mit bangen Blicken ihrem Gatten nach, wie er an der Spitze ſeines Regiments in den Kampf zog. Jetzt fühlte ſie wieder, daß ihre Liebe zu ihm doch noch nicht erſtorben, daß ſie in den Tiefen ihrer Seele doch noch immer an ihn gefeſſelt ſei. Sie zitterte wieder, wie vor Pilſen, bei dem Gedanken, daß jede Kugel ihn ihr entreißen konne. „Werden wir das Schlachtfeld vom Schloßthurm 81 2 aus uͤberſehen koͤnnen, lieber Glarens?“ fragte ſie die⸗ ſen mit bebendem Tone. Ich zweifele daran, gnaͤdige Frau, denn die weſt⸗ liche Bergreihe wird uns den groͤßten Theil der Aus⸗ ſicht nach Budweis hin verſperren. Auch wird der Kampfplatz zu entfernt von uns bleiben, um etwas mehr als Maſſen von Pulverwolken unterſcheiden zu koͤnnen. „Laßt uns dennoch hinaufſteigen, Ludolph, ich halt' es hier unten vor Angſt nicht aus.“ Der Kanonendonner begann zu grollen, immer lauter, vollſtaͤndiger, furchtbarer; krachende Salven des Gewehrfeuers draͤngten ſich in kurzen Pauſen da⸗ zwiſchen. Fuͤnf entſetzliche Stunden waren verronnen und noch immer ſchien die Schlacht wie feſtgebannt auf der naͤmlichen Wahlſtatt zu toben. Da gewahrten die Beobachtenden plotzlich mehre lang hingedehnte ſchimmernde Streifen, die ſich wie be⸗ wegte Kornfelder von den Bergen nach der Ebene hinab⸗ zogen. „Glarens, um Gotteswillen, was bedeutet das?“ fragte Ludmilla erblaſſend. „Es ſind retirirende Infanteriecolonnen, ich fuͤrchte 6 82 die Unſrigen ſind im Nachtheil,“ erwiederte Ludolph ernſt. Ein Reiter kam im geſtreckten Galopp auf das Schloß zugeſprengt. „Gnädige Frau,“ ſprach Glarens,„ich muß hinab, es iſt ein Adjutant unſers Regiments.“ Wenige Minuten darauf ſtand Ludolph wieder vor der Obriſtin und brachte ihr die Botſchaft, daß er un⸗ verzuglich mit ſeiner Mannſchaft vorrucken muͤſſe; ſie ſelbſt aber moͤge ſich zur ſchleunigen Abfahrt nach Frauenberg anſchicken. „Ludolph, verlaßt mich nicht!“ rief ſie außer ſich. „Wollt ihr mich den umherſchwärmenden feindlichen Horden in die Haͤnde fallen laſſen? Wollt ihr mich grauſam dem Tode oder der noch ſchlimmern Schmach preisgeben?“ „Euere Furcht erweckt euch unnuͤtze Beſorgniß, theuere Frau. Eilt, den Befehl des Herrn Obriſten zu vollziehen. Die Straße nach Frauenberg iſt ganz unbe⸗ droht. Ich nehm' es auf mich, die Eskorte um das Doppelte zu verſtärken, aber hier laſſen darf ich euch nicht und laͤnger zu weilen, geſtattet mir der Dienſt nicht.“ 83 „Ludolph,“ flehte ſie in aͤußerſter Aufregung, ihm zu Fuͤßen ſinkend und ſeine Knie umfaſſend,„Ludolph, wenn dein Herz jemals fuͤr mich geſchlagen hat, verlaß mich nicht, ich werd' es dir nie vergeſſen!“ „O Ludmilla,“ entgegnete Glarens, von heftigſter Leivenſchaft durchgluͤht,„mein Leben geb' ich freudig fuͤr dich hin— aber meine Ehre, meine Pflicht? Ja, dir ſelbſt droht groͤßere Gefahr beim Bleiben als beim Fliehen!“ „Schau dort,“ rief ſie wieder ſich aufrichtend und ihn krampfhaft umklammernd,„ſiehſt du nicht aus dem Tannenwald hinter dem Dorfe einen Schwarm von Reitern hervorbrechen? Sie tragen Lanzen mit bunten Fähnchen— das ſind kaiſerliche Reiter! Willſt du mich ihnen entgegenſchicken, willſt du deine Ehre mit meiner Schande erkaufen?“ „Nein, bei Gott, in dieſem Augenblick nicht! Ich eile hinab, das Schloß zu vertheidigen.“ Ludolph ließ die Zugbruͤcke aufziehen und vertheilte ſeine Mannſchaft auf der Umwallung. Die auf die Burg zuſprengenden feindlichen Reiter wurden mit ſo nachdruͤcklichem Gewehrfeuer empfangen, daß ſie bald wieder aus dem Dorfe davonjagten. 6* ———— 1 84⁴ Indeſſen ruckten die retirirenden Colonnen des Mannsfeld'ſchen Heeres immer naͤher heran. Schon gewahrte man das Carpezan'ſche Regiment, das in guter Ordnung von dem Dorfe Beſitz nahm. Die Zugbruͤcke ſenkte ſich vor des Obriſten Befehl. „Habt ihr nicht meine Ordre zum Vorruͤcken em⸗ pfangen?“ fuhr er zorngluͤhend auf Glarens los. „Ja, mein Obriſt, doch die augenſcheinliche Ge⸗ fahr, in welche euere meinem Schutz anbefohlene Ge⸗ mahlin durch eine Schaar umherſchwarmender kaiſer⸗ licher Uhlanen gerathen wäre, bewog mich...*2 „Die Pflicht des Gehorſams gegen euern Vorge⸗ ſetzten und die Treue gegen euere Fahne zu brechen,“ unterbrach ihn Carpezan wuthſchnaubend. „Mein Leben ſteht in euerer Hand, ich weiß es, doch mein Gewiſſen ſpricht mich frei.“ „Strafe mich, Jaromir,“ rief Ludmilla, ihrem Gatten zu Fuͤßen ſtürzend,„ich war es, die ihn zu blei⸗ ben flehte, als er vorruͤcken und mich nach Frauenberg ſenden wollte. Gnade fur ihn, er iſt unſchuldig!“ „Unſchuldig, wer Weiberthränen hoͤher achtet als ſeine Pflicht?“ „Sollte er mich dem Tode oder der Schande preis⸗ geben? O ſei barmherzig!“ 85 „Schweig!— Leutnant von Glarens, kraft meines Obriſtenrechts erkläre ich euch des Verbrechens der In⸗ ſubordination im Angeſicht des Feindes fuͤr ſchuldig und leiden. Hauptmann Frank, fuͤhrt ihn ab und laßt die Sentenz ſogleich vollſtrecken.“ „Ludmilla, lebe wohl, ich ſterbe freudig für dich! „Ludolph!“ rief ſie, ihn krampfhaft umſchlingend, und ſank bewußtlos in ſeine Arme.— Als ſie nach einigen Minuten wieder zu ſich kam, fragte ſie zitternd: „Wo iſt er?“ Drei Musketen feuerten zugleich. „Er iſt todt!“ ſchrie ſie laut auf, und fiel aufs Neue in tiefe Ohnmacht. Carpezan konnte das Dorf nicht lange mehr gegen die anſturmenden Schaaren des uͤbermächtigen Feindes behaupten. Das Mannsfeld'ſche Heer war von General Bouquvi total geſchlagen und zum Ruͤckzuge nach Pil⸗ ſen gezwungen. Zum Gluͤck fuͤr Mannsfeld wurde er von dem Sie⸗ ger nicht weiter verfolgt, weil dieſer ſeinem Kaiſer gegen die unter Graf Thurn vor Wien liegende boͤhmiſche Armada zu Lilfe zog. Ferdinand war inzwiſchen be⸗ reits durch ſeinen tapfern Feldherrn Dampierre aus der verurtheile euch daher den Tod durch die Kugel zu er⸗ 86 dringendſten Gefahr gerettet und mit friſchem Suceurs verſtarkt worden. Die boͤhmiſchen Inſurgenten aber be⸗ wegten ſich bald nach Empfang der Nachricht von der Budweiſer Schlacht gegen Prag zuruͤck. Sechs Wochen lag Ludmilla zu Pilſen im heftig⸗ ſten Nervenfieber. Endlich ſiegte ihre Jugendkraft über die Gewalt der Krankheit. Ihr Koͤrper bluͤhte zu neuer Geſundheit und Schoͤnheit auf, doch ihre Seele blieb im Innerſten verwundet. An die Stelle jener ſchwär⸗ meriſchen Liebe fuͤr Jaromir, die einſt ihr ganzes Da⸗ ſein ausgefullt, war jetzt der bitterſte Haß getreten. Wo ſie ging und ſtand, da ſah ſie den ungluͤcklichen Glarens, wie er ihr das letzte herzzerſchneidende Lebewohl zurief, da hoͤrte ſie den Knall der Musketen, die ihn mit ihren Kugeln durchbohrten. Sie duͤnkte ſich in der Hoͤhle eines blutduͤrſtigen Tigers zu ſein. Einige Zeit dachte ſie daran, heimlich zu entfliehen und ſich unter den Schutz ihres Vaters zu begeben. Bald aber bebte ſie wieder vor der Gefahr bei Ausfuͤhrung des Entſchluſſes und vor Carpezan's Rache zuruͤck. Bald empoͤrte ſich auch ihr eigener Stolz vor dem demuͤthigenden Geſtänd⸗ niß, ſich in ihrer Wahl geirrt zu haben, und vor der Schmach, als fluͤchtiges Weib unter den Augen der 87 Ihrigen ein mitleidwerthes trauriges Leben zu fuͤhren. So ward ſie lange von ſtreitenden Gefuͤhlen hin und her bewegt, ohne zu einem feſten Entſchluß gelangen zu koͤnnen. Endlich aber aus dem Kampfe ſich mit Ent⸗ ſchiedenheit zuſammenraffend:„Bin ich denn ganz wehr⸗ los?“ ſprach ſie herausfordernd zu ſich ſelbſt.„Stehen mir nicht Frauenliſt und Verſtellung gegen die rohe Maͤnnergewalt zu Gebot? Ich will frei ſein und gluck⸗ lich, trotz ihm!“ Ludmilla verfolgte ihren Plan mit kluger Beharr⸗ lichkeit. Sie zwang ſich, die zuvorkommende liebevolle Gattin gegen Carpezan zu ſpielen, der bei aller äußern Rauhheit doch im Innern noch Neigung fuͤr ſie hegte. Sie vermied ſorgfältig jede Gelegenheit, ihm den lei⸗ ſeſten Argwohn der Untreue, ja ſelbſt der Gefallſucht einzufloͤßen. Ihr Betragen gegen andere Maͤnner wurde immer abgemeſſener und kälter, ſo daß ihr Gatte ſelbſt ſie oft aufforderte, ſich gegen ſeine alten Kriegsgefaͤhr⸗ ten etwas freundlicher zu benehmen. Nie beſuchte ſie eine Dame des Regiments, ohne ihren Mann deshalb vorher um Erlaubniß zu bitten, und am liebſten ſchien ſie ſtillarbeitend zu Hauſe zu verweilen. Alles verwun⸗ derte ſich uͤber dieſe ſeltſame Umwandelung in Ludmilla's Weſen und ſchrieb ſie dem Einfluß der langen ſchweren 88 Krankheit zu. Niemand errieth den wahren Grund, am wenigſten Carpezan, der nach ſeinem Männerduͤnkel nur ſich ſelbſt und die volle Anerkenntniß ſeines Werthes fuͤr die einzige Urſache der muſterhaften Sittigkeit ſeines Weibes hielt. Er hatte keine Ahnung davon, daß die Kugeln, die Ludolph's Bruſt getroffen, auch in Lud⸗ milla's Herzen die Liebe fuͤr ihren Gatten auf immer getoͤdtet. Hatte ſie ihn doch ſelbſt um Verzeihung gebeten, daß ſie ſich damals, vom ploͤtzlichen Schmerz. uͤbermannt, zu einer tadelnswerthen Heftigkeit habe hinreißen laſſen. Carpezan's Eiferſucht erloſch wie ein Feuer, dem die unterhaltende Nahrung fehlt. Ludmilla erhielt von ihm täglich mehr und mehr Freiheit, bis er ſie endlich ſogar bat, ganz ohne Zwang zu thun, was ihr Freude gewaͤhre. Sie machte von dieſer Erlaubniß anfangs nur einen mäßigen Gebrauch; aber ſie triumphirte im Stillen, daß ſie es ſo weit mit ihrem Despoten gebracht hatte. Jetzt blickte ſie um ſich in der ſie umgebenden Maͤnnerwelt, ob ſie nicht irgendwo ein Herz, das ſie verſtuͤnde, wiederfaͤnde. Konnte ſie den treuen Glarens ſchon ſo bald zu be⸗ trauern aufhoͤren? werden manche fragen. Glarens war ihr anmuthig und ruͤhrend erſchienen, doch war das 89 Verhaͤltniß zu ihm noch zu neu, zu unentwickelt ge⸗ weſen, um ihr inneres Daſein auf nachhaltige Weiſe zu durchdringen. Als es wie eine Roſenknospe ſich zu ent⸗ falten begann, da hatt' ihr der Tod den ſchoͤnen Juͤng⸗ ling auf immer entriſſen. Ludmilla aber gehoͤrte zu den Frauen, die ſich an das Leben anſchließen muͤſſen; ihr ungeſtuͤmes Herz wollte wieder an einem von ihr heiß⸗ geliebten Herzen ſchlagen. Doch ſie ſuchte umſonſt. Die Offiziere der Mannsfeld'ſchen Armada erſchienen ihr alle wie nach einem Modell geformte gewoͤhnliche Kriegsabenteurer, die des Weibes Schoͤnheit, wie ſchoͤne Pferde, Jagdhunde, Waffen und Geld unter dem gemeinſchaftlichen Namen der guten Beute be⸗ griffen. Leute dieſes Schlages hatten ihrer bald zart hinſchmelzenden, bald hochaufſtrebenden Seele nichts zu bieten, was ſie feſſeln konnte.. Sie beſchränkte ſich alſo vor der Hand darauf, mit den ihr huldigenden rohen Paladinen nur ein leichtes Spiel der Laune zu treiben und ſie zu einer ihnen drollig laſſenden Courtoiſie zu erziehen, ungefaͤhr wie ein ge⸗ ſchickter Thierbändiger auch Bären und Leoparden zum Aufwarten und Apportiren gewoͤhnt. Ihre Sehnſucht verſchloß ſie in ihre tiefſte Bruſt und weinte manche ſtille Thräne, daß ihre Liebe für Carpezan doch ſo ganz 90 erſtorben war. Aber ſchon fuͤhrten die im Verborgenen waltenden Geiſter der Weltgeſchichte den Tag herbei, der fur das ſtolze Herz des boͤhmiſchen Volkes, wie fur Ludmilla's hochklopfendes Frauenherz eine glaͤnzend⸗ wonnige, wenn auch nur fluͤchtige Fruͤhlingszeit begin⸗ nen ſollte. Die Schlacht von Budweis hatte den Entſatz von Wien zur Folge gehabt. Kaum war die Straße nach Frankfurt am Main wieder frei geworden, ſo hatte ſich Ferdinand von Oeſterreich zur Kaiſerwahl dahin begeben. Die evangeliſche Union that ihr Moͤglichſtes, um die Stimmen der Churfuͤrſten gegen ihn zu gewin⸗ nen, und es war in der That wahrſcheinlich, daß ſich wenigſtens das proteſtantiſche Sachſen und Brandenburg nicht zu Gunſten des erklärten Feindes der Reformation ausſprechen wuͤrden. Deſſenungeachtet wurde Ferdinand am 15. Auguſt 1619 mit entſchiedener Stimmenmehrheit zum roͤmiſchen Koͤnig erwaͤhlt und bald darauf unter den uͤblichen Feierlichkeiten zum roͤmiſchen Kaiſer ge⸗ kroͤnt. Während aber der Sproßling der Habsburger auf den gläͤnzenden, doch unmächtigen Thron Karl's des Großen erhoben wurde, ging die reichſte Krone ſeiner eigenen Staaten fur ihn verloren. Am 17. Auguſt hatte 91 ihn der zu Prag verſammelte boͤhmiſche Reichstag als einen Feind der boͤhmiſchen Freiheit und des evangeli⸗ ſchen Glaubens aller Anſpruͤche auf die Regierung auf immer fuͤr verluſtig erklaͤrt und kurze Zeit nachher den Churfuͤrſten Friedrich V. von der Pfalz zum Koͤnig er⸗ wählt. Friedrich war ein Fuͤrſt von vielen ſchätzenswer⸗ then Eigenſchaften. Gerechtigkeit, Herzensguͤte, Frei⸗ gebigkeit, ein lebendiger Geiſt, volksfreundlicher Sinn und eine ſehr einnehmende, wahrhaft koͤnigliche Perſoͤn⸗ lichkeit empfahlen ihn vor vielen zum ſchwierigen Herr⸗ ſcherberufe. Dabei war er das Haupt der evangeliſchen Union und der Eidam des Koͤnigs von Großbritannien. Alle dieſe Gruͤnde ſchienen ſeine Wahl zu rechtfertigen, die nach kurzem Widerſpruch der ſtrenglutheriſchen, dem calviniſtiſchen Fuͤrſten abgeneigten Faction, den lauteſten Beifall fand. Staunen und Beſtuͤrzung erfuͤllten ganz Deutſch⸗ land beim Bekanntwerden dieſes kuͤhnen Beſchluſſes des boͤhmiſchen Reichstags. Der allgemeine Krieg der feind⸗ lichen Religionsparteien thuͤrmte immer drohender ſeine Gewitterwolken auf. Friedrich V. ſelbſt, deſſen Agenten in Prag Alles mit unermuͤdlicher Thaͤtigkeit vorbereitet hatten, ſchien jetzt, nach wohlgelungenem Plan, vor dem Erfaſſen der ihm dargebotenen Krone bedenklich Brod von deiner Königstafel eſſen, als an deinem Chur⸗ 92 zuruͤckzubeben. Er fragte da und dort bei befreundeten Fuͤrſten des In⸗ und Auslandes um Rath an. Alle, ſelbſt ſein Schwiegervater Jacob von England und die proteſtantiſchen Churfurſten warnten ihn vor dem fre⸗ velhaften Wagniß, dem geheiligten Reichsoberhaupt eine ihm gebuͤhrende Krone zu entreißen, den furcht⸗ barſten innern Krieg zu entzuͤnden und ſeine, wie Deutſchlands Wohlfahrt auf ein leichtſinniges Spiel zu ſetzen. Friedrich aber hielt ſich fuͤr berufen, das Schick⸗ ſal Boͤhmens und Deutſchlands wie den Sieg der Re⸗ formation zu entſcheiden; und wer vermag zu beſtim⸗ men, ob er es nicht gekonnt, wenn der Geiſt eines Guſtav Adolph in ihm gewohnt hätte? Seine ſtolze Gemahlin Eliſabeth von Großbritannien trug das Ihrige zur Anfachung ſeines Ehrgeizes bei.„Konnteſt du um eine Koͤnigstochter freien,“ ſprach ſie,„und dir ſollte vor einer Koͤnigskrone bangen? Lieber will ich trocknes furſtentiſche ſchwelgen!“ Die Wuͤrfel waren gefallen. Friedrich erklärte ſich bereit, den Wunſch der boͤhmiſchen Nation zu erfullen und reiſte im Oetober deſſelben Jahres nach ſeiner neuen Hauptſtadt ab. Ein ſonnigklarer Herbſttag leuchtete uͤber dem feſt⸗ 93 lich geſchmuͤckten Prag, als das junge Koͤnigspaar un⸗ ter dem endloſen Jubel der wogenden Volksmenge ſeinen feierlichen Einzug hielt. Auf der Burg des Hradſchin ward der Herrſcher von den Abgeordneten der Ritter⸗ ſchaft und Staͤdte und von den hohen Staats⸗ und Kriegsbeamten empfangen. Graf Mannsfeld hatte ſich mit einem zahlreichen Generalſtabe, worunter auch Obriſt von Carpezan, aus Pilſen eingefunden. Als Friedrich den Grafen auf das Herzlichſte begruͤßte und mit Lobſpruͤchen wegen ſeiner großen Verdienſte um Boͤhmen uͤberhaͤufte, nahm dieſer die Gelegenheit wahr, ſeinen trenen Obriſten, als einen der tapferſten Offiziere des Heeres und der erſten Patrioten des Landes, der koͤniglichen Gunſt zu empfehlen.„Wir haben von euch des Guten ſchon viel gehoͤrt, lieber Ritter Carpezan,“ redete ihn der Monarch huldvoll an,„und hoffen euch noch zu wichtigen Dienſten fuͤr unſer Boͤhmen zu ver⸗ wenden.“ „Mit Gut und Blut bin ich der Eurige, mein koͤ⸗ niglicher Herr,“ antwortete der Obriſt, die Hand aufs Herz legend. In einem der innern Saͤle des Schloſſes war der anmuthig glänzende Kreis der Damen der Hauptſtadt und des Landadels verſammelt, welche dem Koͤnigspaar 94 von der Gattin des Erbmarſchalls vorgeſtellt wurden. Alle Augen der Hunderte von ſchoͤnen Frauen waren auf den jungen Herrſcher gerichtet, der als Kenner und Bewunderer weiblicher Reize bekannt war. Friedrich war hoch und kräftig gebaut, herrliche braune Locken⸗ fuͤlle umſchattete das koͤniglich edle Geſicht, das eine Miſchung von angeborner Wuͤrde, Innigkeit und Weich⸗ heit der Empfindung, Schwaͤrmerei fuͤr das Ideale und freudiger Hingebung an heitern Lebensgenuß darbot. Seine Haltung und Bewegung waren vornehm und anmuthig, ſeine Stimme harmoniſch und wohlthuend. Einen weniger guͤnſtigen Eindruck machte Eliſa⸗ beth's Erſcheinung. Ihre Geſtalt war groß, doch ſteif und ungrazioͤs; ihre Zuͤge regelmäßig, doch das Ge⸗ präge des Hochmuths und kalten Stolzes an ſich tra⸗ gend; ihre Sprache haſtig und kurz abſtoßend. Wenn Friedrich gegen Alle die liebenswuͤrdigſte Herablaſſung zeigte und die ihm dargebrachten Huldigungen mit herz⸗ licher Dankbarkeit entgegennahm, ſo ſchien Eliſabeth varin nur einen ihr gebuͤhrenden Tribut zu finden, den ſie ſich mit ſcheinbarer Gleichguͤltigkeit entrichten ließ. Jetzt kam die Reihe der Präſentation auch an Lud⸗ milla, die gleich einer wundervoll ſtrahlenden Blume aus ferner Tropenzone alle nordiſchen Bluͤthen an 95 Farbenpracht und Duft weit uͤbertraf. Friedrich ſtand einen Augenblick wie geblendet vor ihr, dann ließ er wieder ſeine Blicke mit dem Ausdruck des innigſten Wohlgefallens an den Wellenlinien ihrer vollendeten Schoͤnheit auf- und abſchweifen. Ludmilla ſchlug die langen ſeidenen Augenwimpern erroͤthend nieder und erwartete mit klopfendem Herzen die Anrede des Koͤnigs. „Ihr ſeid die Gattin des tapfern Obriſten Carpe⸗ zan, der Pilſen erobern half und vier Faͤhnlein Fuß⸗ volk auf eigene Koſten geworben hat?“ fragte Friedrich, ſie freundlich anſchauend. „Ja Majeſtät, und eine Boͤhmin mit ganzer Seele, die heut den ſchoͤnſten Tag ihres Lebens feiert, wo ſie dem beſten Koͤnig und der ſchoͤnſten Koͤnigin als Unter⸗ thanin huldigt.“ „Nicht uͤbel geantwortet, mein Kind,“ begann mit einem Anflug von Milde die geſchmeichelte Eliſabeth, die ungeachtet ihres ſtarren Hochmuths dem ſußen Lieb⸗ reiz Ludmilla's doch nicht ganz widerſtehen konnte, und hielt ihr die allerdurchlauchtigſte Hand zum Kuſſe hin. Der Koͤnig ſprach leiſe mit ſeiner Gemahlin einige Worte. „Obriſtin von Carpezan,“ ſagte die Koͤnigin darauf wieder mit vornehmer Herablaſſung,„wir wollen euch 96 hiermit als die Ehefrau eines um das Reich wohlver⸗ dienten Patrioten unter die Zahl unſerer Zutritts⸗ und Palaſtdamen aufgenommen haben.“ Ludmilla dankte mit tiefer ehrfurchtsvoller Vernei⸗ gung, und der Koͤnig lächelte ſie bedeutſam an. Als Ludmilla am andern Morgen die Ereigniſſe des vorigen Tages an ſich voruͤbergehen ließ, war ſie in jener eigenthuͤmlichen maͤrchenhaft heitern Stimmung, die uns umfaͤngt, wenn wir uns eines roſigen Feentrau⸗ mes der Nacht mit vollem Bewußtſein erinnern. Wir durchleben dann die ſeligen Minuten zum zweiten Mal und werden geneigt, das duftige Schattenbild fuͤr den Vorboten einer uns nahenden ſchoͤnen Wirklichkeit zu halten. Ludmilla hatte den Eindruck wohl bemerkt, den ihre glaͤnzende Erſcheinung auf den Koͤnig hervorge⸗ bracht. Auch auf ſie hatte die herrliche Fuͤrſtengeſtalt einen maͤchtigen Zauber ausgeuͤbt. Alle truͤbe Gedanken waren aus ihrer Seele auf einmal wie weggetilgt; es war, als ob graue Winterwolken vor der aufgehenden Fruͤhlingsſonne zerflattert waͤren. Und dieſe Sonne war Friedrich, der mit leuchtenden und mild waͤrmen⸗ den Strahlen ihre Lebensgeiſter weckte und alle Bluͤthen ihres Daſeins ſich tauſendmal ſchoͤner entfalten ließ. 97 Sie glaubte ein Gluthmeer von Wonne auf ſich zuflu⸗ then zu ſehen und fuhlte ſich allgewaltig danach hinge⸗ zogen. Wie aber, wenn ſie ſich getäuſcht, wenn hämi⸗ ſche Damonen nur ein boshaftes Spiel mit ihr getrieben, wenn dieſe ganze geahnte Seligkeit bald wieder in Nacht und Nebel verſinken ſollte?— Nein, nie, der Koͤnig hatte ſie liebevoll angeſehen, wie keine Andere! Und war ſie nicht auf ſeinen Wunſch von der Koͤnigin zur Palaſtdame ernannt worden? War es alſo nicht offen⸗ bar, daß er ſich nach ihrer Nähe ſehnte? Waͤhrend Ludmilla noch dieſes Selbſtgeſpraͤch fort⸗ ſetzte, klopft' es dreimal an ihre Thuͤr, und herein trat ein zierlich bebaͤnderter Page der Koͤnigin, der ihr die Aufforderung, ſich im Schloß einzufinden, uͤberbrachte. Der Hof wollte eine Luftfahrt nach dem eine Stunde von Prag gelegenen Thiergarten unternehmen und den ſcho⸗ nen Herbſttag dort bei allerhand Kurzweil verleben. Ludmilla legte ein ihr beſonders gut ſtehendes gruͤnes Sammtgewand an, ſetzte das gleichfarbige Barett mit uͤppig wogenden weißen Federn auf, ließ vom Spitzen⸗ ſchleier wie von einem leichten Silberwoͤlkchen ihr bluͤ⸗ hendes Geſicht zur Hälfte beſchatten und eilte mit freudig klopfendem Herzen in die Vorzimmer der Koͤ⸗ nigin. 7 98 Bald trat Eliſabeth im ſtrahlenden Diamanten⸗ ſchmuck aus ihren innern Gemaͤchern und begab ſich mit ihren Damen zu den ihrer wartenden Staatswagen herab. Gleichzeitig kam von einer andern Seite der Koͤnig mit ſeinem Gefolge in den Hofraum. Ruͤſtig ſchwangen ſich die ſchoͤnen Reiter auf die ungeduldig ſtampfenden Roſſe, doch herrlich vor Allen nahm ſich Friedrich im reich mit Gold geſtickten Jagdgewand auf ſeinem weißen Araberhengſt aus. Als er bei dem zwei⸗ ten Wagen vorbeiritt, in welchem ſich Ludmilla befand, gruͤßte er ſie freundlich mit anmuthiger Handbewegung und ſprengte an der Spitze ſeiner Gefährten zum Burg⸗ thor hinaus. Unter froͤhlichem Hoͤrnergetoͤn ging es hinein in den Thiergarten, wo eine gefahrloſe Hirſchjagd, an welcher auch die Damen mit ihren kleinen Flinten An⸗ theil nahmen, gehalten wurde. Nach der Mittagstafel zerſtreute ſich Alles luſtwandelnd in den ſchattigen Baumgaͤngen und Blumenpartieen des Kunſtgartens. Eliſabeth, die ſich von der Anſtrengung des Morgens etwas ermattet fuͤhlte, pflegte der Mittagsruhe. Lud⸗ milla, ihrer Pflicht einſtweilen entbunden, weilte ein⸗ 9 ſam und in Betrachtung verloren auf einer Bank am Rande eines von hohen Silberpappeln umkraͤnzten 99 Waſſerſpiegels. Ber Koͤnig hatte ſie wieder den ganzen Tag mit der groͤßten Aufmerkſamkeit behandelt. Oft waren ſeine Blicke den ihrigen begegnet und die beredten Verkuͤndiger ſeiner Gefuͤhle geweſen. Einmal, als er ihr das Gewehr richten half, hatte ſogar ſeine Hand die ihrige zaͤrtlich gedruͤckt und ſeine Lippen die Worte: „Theuere Ludmilla!“ gelispelt. Ihr Herz war ſo voll, daß ſie es in den Buſen der Einſamkeit ausſchuͤtten mußte, und die Baͤume ſchienen ihr mit leiſem Blattgefluͤſter und der Springbrunnen mit harmoniſchem Geplaͤtſcher zu antworten und die heranſegelnden Schwaͤne des Teiches ihr aufmerkſam zuzuhoren. „Bin ich denn wirklich wieder geliebt, was man ſo recht innig geliebt ſein nennt?“ fragte ſie in die freundliche Natur hinaus.„Bin ich nicht mehr verur⸗ theilt, in troſtloſer Oede an einen kalten Felſen gefeſſelt zu ſchmachten? Hab' ich ein Herz gefunden, das mich ganz verſteht, das liebegluͤhend an dem meinigen ſchla⸗ gen will?“— „Ja, du haſt es gefunden, meine Ludmilla!“ rief plotzlich eine melodiſche Männerſtimme, und zwei Arme hielten ſie eng umſchlungen, und zwei Lippen flammten feurige Kuſſe auf die ihrigen. 7* 100 „Mein theuerer koͤniglicher Herr!“ entgegnete uͤberraſcht die Gluckliche, und blickt' ihn mit den ſcho⸗ nen blauen in Wonne ſchwimmenden Feenaugen ſchwaͤr⸗ meriſch an. „Ludmilla, du Einziggeliebte, nenne mich jetzt nicht Koͤnig, nenne mich Friedrich, deinen Friedrich, nur der will ich fuͤr dich ſein, wenn wir in ſeligen Mi⸗ nuten nur uns angehoͤren.“ „Mein Friedrich!“ jubelte ſie in freudigſter Hin⸗ gebung ihres Daſeins, mit beiden Armen ihn zaͤrtlich umfaſſend. „Ich habe dich belauſcht, mein ſuͤßes Leben. Du biſt nicht gluͤcklich mit Carpezan,— dein Selbſtgeſpräch hat es mir verrathen. Sag', iſt es nicht ſo?“ „Ich war einſt gluͤcklich mit ihm,“ erwiederte ſie ſeufzend,„doch ich bin es nicht mehr.“ „Nein, du biſt es nicht, das waͤre mir klar, auch wenn du es nicht eingeſtuͤndeſt. Ich braucht' ihn nur einmal zu ſehen, dieſen kalten, duͤſtern Carpezan, ich brauchte ſein ſtrenges, herriſches Weſen gegen dich nur einmal zu betrachten, um zu wiſſen, daß er dich Him⸗ melsblume nicht verdiene, daß er dich mit roher Hand nur zerknicken, doch nimmer pflegen koͤnne! Ich ahnt' es wohl, daß dein ſchoͤnes weiches Herz ſich an ſeiner 101 Eiſenbruſt nur krampfhaft zuſammenziehen und unter den Wunden, die er ihm geſchlagen, langſam verbluten muͤſſe! Sag', iſt es nicht ſo?“ „Ach ja, ſo iſt es!“ antwortete ſie weinend, das Geſicht an Friedrich's Buſen bergend. „O laß uns zuſammen trauern, Ludmilla,“ ſprach der König wehmuͤthig,„auch mir entbluhte kein eheliches Gluck. Dieſe kalte, ſtolze Eliſabeth von England, um die ich aus thoͤrichter Verblendung geworben habe, ſteht mir wie ein Meduſenbild zur Seite. Kein Ton meiner Liebe klang je in ihrer Seele wieder. Nur Macht und Glanz verlangte ſie von mir; die Koͤnigin eines Reichs, nicht meines Herzens wollte ſie werden. Kein Pulsſchlag jenes himmliſchen Gefuͤhls, wonach ich ſehnſuͤchtig duͤrſte, bebt in ihren Adern. Sie wird mich nie verſtehen ler⸗ nen.“ „So furcht ich auch, mein Friedrich, ſie iſt dir fremd.“ „Doch wir verſtehen uns, Ludmilla, wir, deren Seelen der ewige Weſenbilder aus einem Lichtſtrahl geſponnen, wir, deren Lebensſaiten wie zwei gleich⸗ geſtimmte Harfen harmoniſch in einander zittern, w p) die es zu einander zieht, wie zwei getrennte Hälften eines Ganzen, o laß uns die Hände feſt zuſammenfuͤgen 102 zum ewig treuen Liebesbunde, den keine Erdengewalt, ja ſelbſt der Tod nicht ſcheiden ſoll!“ „Dein auf ewig!“ rief ſie ſelig in ſeinen Armen. Tage und Wochen des entzuͤckendſten Lebensfruͤh⸗ lings reihten ſich fuͤr Ludmilla und Friedrich in heller Folge an einander. Kein ſchadenfroher Damon ſchien Macht gegen ſie zu haben, denn Niemand ahnte das trauliche Verhaͤltniß des Koͤnigs zu Eliſabeth's ſchoͤner Palaſtdame. Vor den Augen des Hofes ward von bei⸗ den Theilen die ſtrengſte Etiquette beobachtet, und beide wußten die Minuten des Alleinſeins ſo geſchickt abzu⸗ ſtehlen, daß ſie ſtets vor Stoͤrungen geſichert blieben. Carpezan fuͤhlte ſich durch die Auszeichnung ſeiner Frau geſchmeichelt und ſein Ehrgeiz verſprach ſich guͤnſtige Erfolge von ihrer nahen Stellung zum Herrſcherpaar. Die Koͤnigin war von Ludmilla's Dienſteifer und kind⸗ licher Unterwuͤrfigkeit ſo befriedigt, daß ſie nichts weni⸗ ger, als die gefaͤhrliche Nebenbuhlerin in ihr zu er⸗ blicken waͤhnte. So wurden die Liebenden nicht ſcharf beobachtet und gewannen Zeit und Raum, ſich bald hier bald dort ein ſtilles Paradies zu bereiten. 103 Die Genien des Glucks, wie die des Unglucks, nahen ſelten allein. Mit dem Fuͤllhorn der Liebe zugleich ward auch das des Ruhmes und der Macht auf Friedrich's junges Koͤnigshaupt geſchuͤttet. Siegreich fochten ſeine Schaaren unter Thurn und Mannsfeld gegen Bouquoi in Boͤhmen und draͤngten dieſen gegen die Grenze des Erzherzogthums Oeſterreich zuruͤck. Das befreite Maͤh⸗ ren ſchloß ſich, wie fruͤher ſchon Schleſien, dem Koͤnig⸗ reich als verbuͤndetes Nebenland an. In Oeſterreich ſelbſt, wie in Steiermark, Kaͤrnthen und Krain regte ſich aufs Neue der politiſche und religioͤſe Freiheitsgeiſt. Aus Siebenbuͤrgen war Bethlen Gabor an der Spitze eines zahlreichen Heeres in Ungarn eingebrochen, hatte ſich zum Beherrſcher des Landes gemacht und war im vollen Marſche gegen Wien ſelbſt begriffen. Es war wieder fuͤr Deutſchland einer der großen Wendepunkte vorhanden, wo der Sieg der Reformation am entſcheidenden Eingreifen eines einzigen Mannes hing. Waͤre Friedrich von der Pfalz von einem thatkraͤftigen Heldengeiſte beſeelt geweſen, hätte er ſich an der Spitze ſeiner Boͤhmen vor Wien gezeigt und die Belagerung raſch und nachdruͤcklich begonnen, die Hauptſtadt wäre gefallen und Friedrich der Kaiſer des proteſtantiſchen Deutſchlands geworden. Aber der junge Koͤnig liebte 104 mehr die Freuden eines glaͤnzenden Hofes, als die Ge⸗ fahren des Krieges, und ließ ſeine Feldherrn ſ ſeiner nach Oeſterreich ruͤcken. Vergebens beſchworen ihn die boͤhmiſchen Patrio⸗ ten, die Armada in eigener Perſon zu commandiren oder doch durch ſeine Gegenwart den Muth der Truppen zu ſtärken und zu erhoͤhen. Vergebens bat ihn Ludmilla, ihr eigenes Gluͤck uͤber des Vaterlandes Wohlfahrt ver⸗ geſſend, daß er ſich als Boͤhmens echten Koͤnig bewäh⸗ ren und das Schwert in der Hand ſein freies Volk zum Siege fuͤhren ſolle. Friedrich blieb dabei, daß er ſein Leben, an welchem des Reiches Selbſtſtändigkeit hänge, nicht unnoͤthigerweiſe den Gefahren des Kampfes bloß⸗ ſtellen duͤrfe und daß ſeine kriegserfahrnen Feldherrn auch ohne ihn die vnnende Macht des Habsburgers befiegen wuͤrden. Ludmilla ſtand tiefbetruͤbt vor dem Koͤnig. Sie trauerte als Böhmin, daß ihr Volk ſich ſo bitter in der Wahl ſeines Beherrſchers getaͤuſcht ſah; ſie trauerte als Geliebte, daß ſie den Geliebten ſo ſchwach und un⸗ maͤnnlich erblicken mußte. Denn ſie war kein gewoͤhn⸗ liches Weib, das um jeden Preis nur in fortwaͤhrender Luſt ſchwelgen will; ritterlich kuͤhn und tapfer mußte der Mann ihres Herzens ſein, wenn er ihrem roman⸗ 105 tiſchen Sinn gefallen ſollte. Des Heldenkoͤnigs von Boͤhmen hingebende Freundin zu ſein, ihn durch ihre Liebe zu des Vaterlandes Rettung zu entflammen, hatte ihr groß und herrlich geduͤnkt. In den Armen des zag⸗ haft unkoͤniglichen Friedrich, der lieber genießen, als ſtreiten wollte, erſchien ſie ſich nur als fuͤrſtliche Buhle⸗ rin.— Seitdem war ſie oft gegen den Koͤnig kalt und abwehrend; aber dieſer machte ihr dann ſtets ſo zärtlich bittende Vorwuͤrfe, daß ſie immer wieder geruͤhrt zu dem gewohnten traulichen Verhaͤltniß zuruͤckkehrte. Bis⸗ weilen dachte ſie auch an die Moͤglichkeit einer Wieder⸗ kehr ihrer Liebe zu Carpezan; bald aber ſchauderte ſie vor dem Gedanken daran zuruͤck, denn jene einſt ſo gluͤ⸗ hende Liebe erſchien ihr jetzt wie ein eiskalter Leichnam. So lebte ſie in fortwaͤhrendem Zwieſpalt mit ſich ſelbſt. Inzwiſchen ruͤckte das große politiſche Drama ſei⸗ ner Entwickelung immer näher. Schon ſtreifte die boͤh⸗ miſche Reiterei bis vor die Thore Wiens, wo der Kaiſer ſich mit ſeiner tapfern Garniſon und treuen Buͤrgerſchaft bis aufs Aeußerſte zu vertheidigen beſchloſſen hatte. Von der andern Seite hielt Bethlen Gabor mit ſeinen Siebenbuͤrgern und Ungarn die Hauptſtadt einge⸗ ſchloſſen. Aber der Schutzgeiſt des Hauſes Habsburg war wach. Ploͤtzlich wurde Gabor durch einen von 106 Polen aus in Ungarn geſchehenen Einfall dorthin zu⸗ ruͤckgerufen. Thurn allein wollte nichts Entſcheidendes wagen und ſah bald die Reihen ſeiner Krieger durch ausbrechende Krankheiten gelichtet. Der Eintritt der rauhen Jahreszeit beſtimmte ihn vollends, den Plan der Belagerung aufzugeben und ſeine Truppen zur Cantonirung nach Mähren zuruͤckzufuhren. Bald war Ferdinand wieder im Beſitz ſeiner alten oͤſterreichiſchen Erblande, deren Stände er durch Beſtati⸗ gung ihrer Privilegien zu gewinnen wußte. Jetzt ent⸗ brannt' er vor Begierde, ſich an den rebelliſchen Boͤhmen und an Friedrich von der Pfalz zu rächen, und wandte ſich deshalb mit dem Geſuch um Beiſtand an Herzog Mari⸗ milian von Baiern, das Oberhaupt der katholiſchen Ligue. Dieſer aber ſtand gerade bei Donauwoͤrth an der Spitze des liguiſtiſchen Heeres den unter dem Mark⸗ grafen von Anſpach bei Ulm verſammelten Schaaren der Union kampffertig gegenuͤber. Ganz Deutſchland ſah mit äͤußerſter Spannung einer blutigen Entſcheidung des langgewährten Zwiſtes beider Theile entgegen. Die gewandte Habsburgiſche Politik ließ nichts unverſucht, um die groͤßern evangeliſchen Reichsſtände und die Pro⸗ teſtantiſchen Mächte des Auslandes von einem nähern Anſchluß an die Union abzuhalten. Beides gelang voll⸗ 107 kommen; Churſachſen wurde ſogar zu einem Angriff auf die Lauſitz und Schleſien disponirt. Unter dieſen Verhandlungen war der Sommer 1620 vergangen, als plotzlich durch Frankreich der Friede zwiſchen der Union und Ligue vermittelt wurde. Die franzoſiſche Regierung mußte die Fortſchritte des Proteſtantismus in Deutſch⸗ land hemmen, damit ſie deſto leichter die Hugenotten im eigenen Lande unterdruͤcken konnte. Jetzt ſtand das ganze liguiſtiſche Heer zu Ferdi⸗ nand's Verfuͤgung und der ſtreng katholiſche Herzog Maximilian von Baiern ſäumte keinen Augenblick länger, ſeinem Kaiſer und Freunde zur Wiedereroberung Boͤhmens Beiſtand zu leiſten. Unerwartet erſchien er in Oberoͤſterreich, wo er ſich mit den unter ſeinen Ober⸗ befehl geſtellten Truppen Bouquvi's vereinigte und dar⸗ auf ſchnell gegen Mähren vorruͤckte. Ueberall wurden die Boͤhmen geſchlagen und nach dem Herzen ihres Landes zuruͤckgedraͤngt. Noch war indeß nicht Alles fuͤr Koͤnig Friedrich verloren. Der tapfere Herzog Chriſtian von Anhalt hatte ihm zehntauſend deutſche Streiter zugefuͤhrt und Bethlen Gabor ſechstauſend ungariſche Reiter geſchickt. Aber das Vertrauen zum Herrſcher war tief erſchuͤttert. Durch parteiiſche Beguͤnſtigung der Calviniſten hatte er — 108 ſich die Lutheraner entfremdet, durch neue druͤckende Auflagen zu Deckung ſeiner verſchwenderiſchen Aus⸗ gaben die Staͤnde erbittert, durch Mangel an Muth und Regierungsfähigkeit die Achtung der ganzen Nation verſcherzt. Um das Maß der boͤſen Vorbedeutungen zu fuͤllen, trennte ſich noch Graf Mannsfeld, der nicht unter dem Obercommando des Fuͤrſten von Anhalt dienen wollte, vom koͤniglichen Heere und zog ſich mit ſeinen Truppen in das von ihm beſetztgehaltene Pilfen zuruͤck. Nur Obriſt Carpezan erhielt die Erlaubniß, mit ſeinem Re⸗ giment bei der Hauptarmee bleiben zu duͤrfen. Auf dem Plateau des ſogenannten weißen Berges unweit Prag hatten die Schaaren Friedrich's Poſition gefaßt und einige leichte Schanzen aufgeworfen. In den erſten Novembertagen war einige Stunden davon die ganze baieriſch ⸗oͤſterreichiſche Macht von Herzog Marximilian vereinigt und der Plan zur Schlacht von ihm mit den Feldherrn Tilly, Tiefenbach, Bougquoi und Verdugo berathen worden.— In Prag war Alles in der hochſten Aufregung. Vergebens baten die boͤh⸗ miſchen Magnaten den Koͤnig, ſich in dieſen verhaͤng⸗ nißvollen Tagen in die Mitte ſeiner Truppen zu begeben. Vergebens warf ſich ihm Ludmilla in einſamer Stunde 109 zu Füßen und beſchwor ihn mit Thränen, fuͤr ſein Volk und ſeinen Thron zu fechten. Friedrich wollte an keine dringende Gefahr glauben und ordnete Hoffeſte an, waͤhrend der Waffentanz um ſeine Krone begann. Am Morgen des 8. November 1620 ſtellten ſich beide Heere in Schlachtordnung gegen einander auf. Die kaiſerlich⸗liguiſtiſchen Truppen begannen den An⸗ griff und in weniger, als einer Stunde, war der entſchie⸗ denſte Sieg von ihnen erfochten. Der Koͤnig ſaß eben froͤhlich unter ſeinen Gäſten bei der Mittagstafel, als er die Nachricht von ſeiner gaͤnzlichen Niederlage em⸗ pfing. Unglaͤubig beſtieg er den Feſtungswall, um Zeuge der traurigen Flucht ſeiner Schaaren zu ſein. Raſch er⸗ ſchien Maximilian vor den Mauern Prags und machte Anſtalt zum Sturm. Friedrich bat um vierundzwanzig Stunden Waffenſtillſtand; der Herzog bewilligte ihm nur acht, In der Stille der Nacht entfloh der geſtuͤrzte Koͤnig mit ſeiner Gemahlin und vielen der vornehmſten Magnaten und Staatsbeamten nach Breslau. Graf Thurn und andere Urheber des Aufſtandes entwichen nach Siebenbuͤrgen. Die Truͤmmer des Heeres zerſtreu⸗ ten ſich nach verſchiedenen Seiten; nur Carpezan zog ſich mit ſeinem bis auf die Hälfte geſchmolzenen tapfern Regiment in guter Ordnung nach Pilſen zuruͤck. 110 Prag oͤffnete gleich am Morgen nach der Schlacht dem Sieger ſeine Thore, und ganz Boͤhmen war bin⸗ nen wenigen Wochen wieder dem Scepter der Habsbur⸗ ger unterworfen. Friedrich von der Pfalz ward in die Reichsacht gethan und aller ſeiner Beſitzungen fuͤr ver⸗ luſtig erklärt, der Majeſtätsbrief der Boͤhmen vom Kai⸗ ſer Ferdinand mit eigener Hand zerſchnitten und alle proteſtantiſchen Prediger des Landes verwieſen. Viele Vornehme und eine Menge aus dem Volk fielen als Anſtifter und Foͤrderer der Empoͤrung auf dem Blut⸗ geruͤſt. Die evangeliſche Union war durch den ploͤtzlichen tragiſchen Untergang der Sache des Proteſtantismus in Boͤhmen ſo eingeſchuͤchtert, daß ſie ſich gaͤnzlich aufloͤſte und nie wieder zuſammenzutreten ſchwor. Ferdinand hatte alſo jetzt den glänzendſten Sieg uͤber ſeine Wider⸗ ſacher davongetragen und konnte Deutſchland einen dauerhaften Frieden geben. Aber ſein Haß gegen den Proteſtantismus wollte ſich mit dem Sturz der Refor⸗ mation in Bohmen nicht beruhigen. Das pfälziſche Erbland des unglucklichen Friedrich, einer der Hauptſitze des Calvinismus, wurde dem Herzoge von Baiern als Erſatz fuͤr ſeine Kriegskoſten und als Lohn fuͤr ſeine treugeleiſteten Dienſte beſtimmt. Baiern, die Ligue und 111 der Koͤnig von Spanien, als Herr des Burgundiſchen Kreiſes, erhielten die Execution des Achtsediets aufge⸗ tragen. Dies war der Feuerherd, an welchem ſich die Gluth des Kriegs aufs Neue entzuͤndete, um noch acht⸗ undzwanzig Jahre lang verheerend fortzulodern. Ernſt und in ſich gekehrt ſtand Ludmilla am Fenſter ihrer Wohnung zu Pilſen, waͤhrend die Truppen zu 3 einem Ausfall aus der Feſtung ſtill voruͤberzogen. Sie hatte den Bitten des Koͤnigs und der Koͤnigin, die ihre Begleitung wuͤnſchten, ſtandhaft widerſtrebt, und war lieber zu Carpezan zuruͤckgekehrt, als länger die Ge⸗ liebte des in ihrer Achtung geſunkenen Friedrich zu blei⸗ ben. Konnte ſie ihren Gatten auch nicht mehr lieben, ſo mußte ſie ihn doch als tapferen Krieger hochſchätzen. Sie faßte den feſten Entſchluß, alle ihre Pflichten gegen ihn ſtreng zu erfuͤllen und jede Gefahr mit ihm zu theilen. Graf Mannsfeld behauptete ſich noch längere Zeit in Pilſen, nachdem ſich bereits ganz Boͤhmen wieder. dem Kaiſer unterworfen hatte. Endlich aber noͤthigten ihn Mangel an Lebensmitteln und Verrath, der von einem Theil ſeiner Truppen mit den Kaiſerlichen ange⸗ 112 ſponnen wurde, die Stadt zu verlaſſen und ſich nach der Oberpfalz zu wenden. Von dort aus ließ er die Werbe⸗ trommel nah und fern erſchallen, um ſeine ſehr ge⸗ ſchwächten Schaaren wieder zu rekrutiren. Da ſtroͤmte ihm nicht blos junges kriegsluſtiges Volk, ſondern auch Maſſen entlaſſener Soͤldner der evangeliſchen Union von allen Seiten zu, ſo daß er ſich bald wieder an der Spitze eines tuͤchtigen Heeres von zwanzigtauſend Mann ſah. Verwegen bahnt er ſich durch Tilly's uͤberlegene Streitmacht den Weg und gelangte gluͤcklich an den Rhein, wo er die geiſtlichen Beſitzungen ausplünderte. Bald ſah man ihn in der Unterpfalz, bald im Elſaß herumſchwärmen, hier mit den Baiern, dort mit den Spaniern unter Corduba ſich herumſchlagen. Doch es liegt nicht in unſerem Plane, die Kriegsgeſchichte jener Zeiten zu verfolgen; wir kehren zu Ludmilla zuruͤck, um dem verhaͤngnißvollen Ziele unſerer Erzählung ent⸗ gegen zu eilen. Unter den Offizieren, die ſich bei Mannsfeld's neugeworbenem Heere eingefunden, war ein rheinlaͤndi⸗ ſcher Hauptmann, Guͤnther von Duſterloh, ein langer hagerer Geſell, mit einem ſcharfgeſchnittenen Habichts⸗ geſicht und zwei finſtern unheimlichen Augen. Da Carpezan's Regiment im boͤhmiſchen Kriege viel gelitten 113 hatte, ſo wurde Hauptmann von Duͤſterloh mit ſeinem Faͤhnlein der tapfern Schaar einverleibt. Ludmilla's Reize entzuͤndeten die wilde Gluth des Wuͤſtlings, der ſich durch kriegeriſchen Muth und Brauchbarkeit bei Carpezan in Gunſt geſetzt und täglich Zutritt in ſeiner Wohnung hatte. Sein Betragen gegen die ſchoͤne Frau ſteigerte ſich allmäͤlig von ritterlicher Courtviſie bis zur keckſten Zudringlichkeit und zum offenen Geſtändniß ſeiner Leidenſchaft. Ludmilla wies ihn mit kalter Strenge zuruͤck und drohte ihm mit Entdeckung des Vorgefallenen, wenn er nicht fortan den gemeſſenſten Anſtand gegen ſie beobachten wuͤrde. Duͤſterloh ge⸗ horchte aus Furcht vor Carpezan's Rache, doch ſein innerer Groll wartete nur auf Gelegenheit zur Ver⸗ geltung. Als Mannsfeld wieder im voͤlligen Beſitz des chur⸗ pfaͤlziſchen Landes war, erſchien plotzlich in ſeinem Hauptquartier der geaͤchtete Churfurſt und Exkoͤnig von Boͤhmen, der ſich von Breslau nach Berlin, von da nach Holland gefluͤchtet hatte, und jetzt wieder einmal das Kriegsgluͤck mit Mannsfeld's Fahnen verſuchen wollte, welcher aufs Neue in ſeine Dienſte trat. Kaum hatte Friedrich Ludmilla wiedergeſehen, ſo erwachte auch ſeine zärtliche Neigung zu ihr und er hoffte, der⸗ 8 114 ſelben hier um ſo zwangloſer leben zu koͤnnen, als ſeine Gemahlin Eliſabeth in Holland zuruͤckgeblieben war. Aber wie erſtaunte er, als er die Geliebte ganz verän⸗ dert fand! Sie erklärte ihm auf das Beſtimmteſte, daß ſie das fruͤhere trauliche Verhältniß mit ihm nie er⸗ neuern, ſondern nur der Pflicht gegen ihren Gatten leben wuͤrde. Der Koͤnig konnte ſich in dieſe neue Lage der Dinge ſo wenig finden, daß er vielmehr Ludmilla's Sproͤdig⸗ keit blos fuͤr eine Folge ihrer Einſchuͤchterung durch Carpezan hielt. Er glaubte noch immer feſt an ihre Liebe und fuhr daher fort, ſie mit der groͤßten Aus⸗ zeichnung zu behandeln, hoffend, daß er ſie durch ſanfte Beharrlichkeit wieder ruͤhren und zur alten ſuͤßen Ge⸗ wohnheit zuruͤckbringen wuͤrde. Ludmilla blieb frei von Schuld; doch konnte ſie, ohne Verletzung alles An⸗ ſtandes, den Unterhaltungen des Koͤnigs im geſelligen Kreiſe nicht ausweichen und durfte ſeinem freundlich aufmerkſamen Betragen wenigſtens keine abſtoßende Kälte entgegenſetzen. Duͤſterloh, der alle Schritte Ludmilla's ſcharf beobachtete, bemerkte bald, daß zwiſchen ihr und dem Erkoͤnig ein beſonders gutes Vernehmen ſtattfinde, was eine ſchon fruͤher beſtandene naͤhere Beziehung ver⸗ 115 muthen laſſe. Ohne ſich von Ludmilla's Schuld uͤber⸗ zeugt zu haben, ſtreute er mit erheuchelter Beſorgniß durch wiederholte Warnungen den boͤſen Samen des Verdachts in Carpezan's argwoͤhniſches Herz. Dieſer war ſeit dem traurigen Ausgang des boͤhmiſchen Feld⸗ zugs immer finſterer und heftiger geworden. Mit tiefem Gram ſah er das ſchoͤne Gebaͤude ſeiner Hoffnungen in Nichts verſinken und ſich wahrſcheinlich auf immer aus dem theuren Vaterlande verbannt. Der wuͤſte Geiſt des dreißigjährigen Krieges, der ſich von jetzt an erſt recht in ſeiner ganzen Furchtbarkeit offenbarte, begann auch ihn immer mehr zu durchdringen. Pluͤnderung, Brand, Mord und Greuel aller Art verbreiteten ſich von Gau zu Gau des ſchoͤnen deutſchen Landes. Auch Manns⸗ feld erlaubte ſeinen Truppen die wildeſten Ausſchwei⸗ fungen, da er ſie ſelten zu beſolden vermochte; er er⸗ ſchien nicht mehr als ritterlicher Kaͤmpfer fuͤr eine große menſchheitliche Idee, ſondern als wilder Hordenfuͤhrer, der den Krieg um ſeines Vortheils willen als Hand⸗ werk trieb. Carpezan fuͤhlte das Troſtloſe dieſes Zu⸗ ſtandes, doch er konnte nicht ruͤckwärts; er war mit dreifachen Ketten an Mannsfeld's raſch dahin brauſen⸗ des Raubſchiff geſchmiedet. Sein ganzes beſſeres Selbſt hing nur noch an zwei Punkten, dem Bewußtſein 8* 116 ſeiner Kriegerehre und der Treue ſeines Weibes. In dieſer Stimmung war die Flamme der Eiferſucht ſchnell bei ihm durch Duͤſterloh's boͤſes Warnungswort ent⸗ zuͤndet. Mit herben Vorwuͤrfen griff er Ludmilla wegen ihres neuen Vergehens und Mißbrauchs ſeines Ver⸗ trauens an. Dieſe aber vertheidigte ſich mit ſo unbe⸗ fangener Ruhe und gewandter Klugheit, daß Carpe⸗ zan's Mißtrauen wieder zu ſchwinden begann. „Ludmilla,“ ſprach er ernſt,„ich halte dich dies⸗ mal fur unſchuldig, aber huͤte dich, daß ich dich je an⸗ ders erfinde. Es wuͤrde mich raſend machen, wenn ich dich fur untreu halten muͤßte. Ich wuͤrde dich vernich⸗ ten, wie du meine Ehre vernichtet haͤtteſt. Grabe dies tief in dein Gedaͤchtniß!“ Nach kurzer Waffenruhe hatte ſich der Kampf mit verdoppelter Wuth erneuert. Friſche ſpaniſche Regi⸗ menter waren aus den Niederlanden bei Corduba und liguiſtiſche Truppen aus Baiern und Franken bei Tilly eingetroffen. Aber auch fur Friedrich von der Pfalz war ein unerwarteter Vertheidiger im Markgrafen Georg von Baden aufgeſtanden, der zuvor ſein Land ſeinem Sohne abgetreten und jetzt an der Spitze ſeines Heeres fur die Sache des Koͤnigs und des Proteſtantismus zu ſtegen oder zu ſterben geſchworen hatte. Leider waren 117 ſeine Unternehmungen mit den Bewegungen Manns⸗ feld's nicht im gehoͤrigen Einklang. Beide handelten vereinzelt, während Tillh ſich mit Corduba vereinigte und den Markgrafen bei Wimpfen in entſcheidender Feldſchlacht vernichtete. Aber nicht lange, ſo trat ein neuer abenteuerlicher Held zum Schutz des geachteten Boͤhmenkoͤnigs auf. Prinz Chriſtian von Braunſchweig, ein Bruder des regierenden Herzogs und Adminiſtrator des Bisthums Halberſtadt, richtete ploͤtzlich aus eigenen Mitteln eine kleine Streitmacht auf, pluͤnderte die reichen niederſaͤch⸗ ſiſchen Abteien und Kloͤſter, prägte Muͤnzen mit der Inſchrift:„Gottes Freund, der Pfaffen Feind!“ und zog in Eilmaͤrſchen auf die Rheinpfalz los. Nach einem moͤrderiſchen Treffen mit Tilly vereinigte er ſich ſehr ge⸗ ſchwaͤcht mit Mannsfeld. Aber Tilly und Corduba er⸗ laubten ihnen nicht, feſten Fuß in der Unterpfalz zu faſſen. Beide Abenteuerer warfen ſich nun auf das Elſaß, wo ſie ſich in den reichen Beſitzungen der Ritterſchaft und Geiſtlichkeit erholen und zu neuen An⸗ griffen verſtärken wollten. Mitten unter dieſen Kampfen wurden von Fried⸗ rich's Schwiegervater, dem Koͤnige von Großbritannien, und anderen befreundeten Fuͤrſten Unterhandlungen mit 118 dem Kaiſer angeknuͤpft, um dieſen wieder mit dem Chur⸗ furſten zu verſoͤhnen. Das Niederlegen der Waffen von Seiten des aufruͤhreriſchen Reichsvaſallen war die erſte Bedingung Ferdinand's. Friedrich, der am Siege ſei⸗ ner Sache verzweifelte, ließ ſich von falſchen Vorſpie⸗ gelungen umgarnen, verabſchiedete ſeine Feldherrn und begab ſich nach Holland, wo er die Entſcheidung ſeines Schickſals von der Gnade des Kaiſers erwartete. Graf Mannsfeld und Prinz Chriſtian von Braun⸗ ſchweig, die bisher im Namen des Erkoͤnigs gefochten hatten, ſahen ſich nun nach einem neuen Kriegsherrn, gleichviel nach welchem, um. Mit keckem Vertrauen boten ſie ihre Dienſte dem Kaiſer, ihrem erbitterten Feinde an, der jedoch ihren Antrag mit ſtrenger Kaͤlte zuruͤckwies. Beide beſchloſſen nun, auf eigene Hand das luſtige Kriegsleben fortzufuͤhren und Offiziere und Soldaten ſchwuren ihnen unbedenklich den Eid der Treue. Das wilde Kriegsblut ſtroͤmte damals wie gluͤhende Lava durch alle Adern des Völkerlebens, ſonſt hätten einzelne Abenteuerer nicht ſolches Wagniß unternehmen, ſonſt hätten ſelbſt die Koͤnige und Fürſten nicht dreißig Jahre lang das wuͤſte Verheerungswerk forttreiben konnen. 119 Nachdem Mannsfeld und der Braunſchweiger ihre vereinigte Macht bis gegen dreißigtauſend Mann ver⸗ ſtärkt und mit Geſchuͤtz und allem Zubehoͤr wohlausge⸗ ruͤſtet hatten, drangen ſie auf gut Gluͤck zuerſt in das Herzogthum Bouillon und von da in Lothringen ein. Frankreichs Koͤnig, der gerade in Händel mit ſeinen Hugenottiſchen Unterthanen verwickelt und eines ſo frechen Ueberfalls nicht gewärtig war, konnte die In⸗ vaſion nicht ſogleich zuruͤckdrängen. Ohne Widerſtand ergoſſen ſich die deutſchen Schaaren wie ein brauſender Bergſtrom bis an die Grenzen der Champagne. Am Abend eines ſchwuͤlen Sommertages ſaß Car⸗ pezan mit ſeiner Gattin im traulichen Geſpräch vor der Thüͤr eines rebenumrankten Landhauſes. Der Obriſt war ſeit einiger Zeit in einer ihm ſonſt ungewoͤhnlichen milden Stimmung. „Ludmilla,“ ſprach er,„ich kann dir nicht ſagen, welche ſeltſame Veraͤnderung mit mir vorgegangen, ſeit wir Frankreichs Boden betreten haben. Es iſt mir, als ob ich in ein zweites Vaterland gekommen ſei, als ob ich hier verlorne Verwandte und Freunde wiederfinden ſollte.“ „Du erzaͤhlteſt mir oft, daß deine Familie aus dem ſuͤdlichen Frankreich ſtamme,“ entgegnete die Gattin, 120 „koͤnnteſt du hier nicht vielleicht Erkundigungen uͤber die Nachkommen deines Hauſes einziehen?“ „Ja, aus der Provence, dem heitern Lande der Troubadours, war mein Ahnherr entſproſſen, der einſt vor hundert Jahren in Boͤhmen einwanderte und ſich durch tapfere Kriegsthaten das Heimathsrecht und na⸗ tionalen Adel dort erwarb. Mit Leib und Seele zeigten ſich die Carpezan's ihrem neuen Vaterlande zugethan; aber von Generation zu Generation pflanzten ſich die alten Familienſagen unter uns fort, und eine ſtille Sehnſucht erfullte mich ſtets, wenn ich von Frankreich reden hoͤrte. Nun ſtehe ich auf ſeiner Erde, und es iſt mir, als ob ich dieſe weichere Luft ſchon geathmet, dieſe Gegenden ſchon einmal geſchaut hätte. Wunderbar aber vor Allem iſt es mir, daß ſich beſtändig das Bild meines laͤngſt verſtorbenen Bruders mir aufdringt, als ſollt' er mir jeden Augenblick hier wieder lebend ent⸗ gegenkommen!“ „Das Bild deines Armand,“ fragte Ludmilla, „der durch den unvorſichtigen Schuß eines Freundes auf der Jagd getoͤdtet wurde?“ „Ja, meines Armand, meines geliebten juͤngern Bruders, der, gleichwie er den uͤblichen franzoſiſchen 121 Taufnamen der Carpezan's fuhrte, ſo auch in ſeinem ganzen Weſen eine ſuͤdfranzoͤſiſche Waäͤrme und Anmuth hatte.“ „Du zeigteſt mir einſt ſein auf Elfenbein gemaltes Conterfei, ein edles herrliches Juͤnglingsgeſicht mit zwei dunkeln ſchwaͤrmeriſchen Augen.“ „Und doch nur ein Schatten der Wirklichkeit!“ antwortete Carpezan, in Erinnerung verloren. Wenige Tage nach dieſer Unterredung fand ein heißes Treffen zwiſchen den Deutſchen und einer in der Eile zuſammengezogenen franzoͤſiſchen Heerſchaar ſtatt, die das weitere Vordringen der ungeladenen Gäſte hemmen ſollte. Carpezan that, wie immer, Wun⸗ der der Tapferkeit. An der Spitze ſeines Regiments ward von ihm ein franzoͤſiſches Quarree angegriffen und durchbrochen. In dem Gewuͤhl der Streitenden bemerkt er ploͤtzlich einen jungen feindlichen Offizier, der ſeinem Armand auf das Sprechendſte gleicht und der ſich gegen zwei auf ihn eindringende Mannsfeld'ſche Soldaten tapfer vertheidigt. Eben hat er einen Par⸗ tiſanenſtich in den rechten Arm empfangen und ſchon iſt der andere Angreifende im Begriff, ihm die Bruſt zu durchbohren, als Carpezan den Bedrohten mit dem ₰ 1 ſ 1 . 122 eigenen Degen ſchuͤtzt und in Sicherheit aus dem Ge⸗ tuͤmmel bringen laͤßt. Nach einem moͤrderiſchen Kampfe von ſechs Stun⸗ den waren die Franzoſen durch die Uebermacht zum Ruͤckzug gezwungen. Mit zahlreichen Gefangenen und vielen eroberten Fahnen und Geſchuͤtzen kehrten die Sie⸗ ger am Abend in ihre Standquartiere zuruͤck. Gluͤcklich vor Allen pries ſich Carpezan, ſeinem Schuͤtzling das Leben gerettet zu haben, denn ein Armand von Carpezan, der juͤngſte Sohn eines alten provenga⸗ liſchen Ritterhauſes war es, der in dieſer ſeinem Bru⸗ der ſo ähnlichen Perſoͤnlichkeit vor ihm ſtand. Mit Entzuͤcken bracht' er ihn der Gattin und em⸗ pfahl ihn ihrer ſchweſterlichen Sorgfalt. Ludmilla war von ſeiner Aehnlichkeit mit dem ihr bekannten Conterfei des Verſtorbenen wie vom Blitz getroffen. Dieſe Zuge, die ihr ſonſt blos wohlgefallen, wie uns alles Schoͤne und Harmoniſche befriedigt, regten jetzt, wo ſie zur lebensvollen Wirklichkeit geworden, ihr Innerſtes zu ſtuͤrmiſch wogender Empfindung auf. Es war ihr, als ob ſie Jaromir wieder zum erſtenmal vor ſich ſtehen ſähe. Aber Armand war ſanfter, ſchwaͤrmeriſcher und liebenswuͤrdiger, als es Jaromir je geweſen. Mit zit⸗ ternden Haͤnden leiſtete ſie Beiſtand bei dem vom Wund⸗ 123 arzt vorgenommenen zweiten Verband und wagte kaum die Augen auf den ſchoͤnen Verwundeten zu richten, der nicht aufhoͤrte, ihr mit franzoͤſiſcher Galanterie die ſchmeichelhafteſten Dinge zu ſagen. Armand mußte in der Behauſung ſeines Verwand⸗ ten wohnen, ſein Mahl mit ihm theilen und in jeder vom Dienſt freien Stunde ihn traulich unterhalten. Carpezan konnte nicht ſatt werden, ſich die alten Fami⸗ liengeſchichten und Armand's eigene Schickſale erzählen zu laſſen. Dieſer war nach dem Tode der Eltern ganz in die Haͤnde des Erſtgebornen, des reichen, aber hart⸗ herzigen Majoratserben gegeben geweſen, der es dem juͤngern Bruder an den nothwendigſten Mitteln fehlen ließ und ihn mit der empoͤrendſten Geringſchaͤtzung be⸗ handelte. Zu ſtolz, um bei andern Verwandten zu betteln, hatte er ſich ſelbſt ſein Lvos durch den Kriegs⸗ dienſt zu ſchaffen geſucht, und ſich durch Tapferkeit und Biederſinn die Achtung ſeiner Vorgeſetzten und Kame⸗ raden erworben. Wie wohl that dem verwaiſten Herzen Armand's die geſchwiſterliche Liebe, womit ihm Jaromir und Ludmilla entgegenkamen! Mit treuer Freundſchaft ſchloß er ſich an Carpezan an und dachte mit Kummer an die Zeit, wo das Schickſal ihn wieder von ihm 124 ſcheiden wuͤrde. Aber noch furchtbarer erſchreckte ihn der Gedanke der Trennung von Ludmilla, fuͤr welche die gluͤhendſte Leidenſchaft in ſeiner Bruſt zu lodern begann. Es war zum erſtenmal, daß ihn der Pfeil der Liebe getroffen, und er liebte mit aller Heftigkeit eines Provengalen. Ja, das Feuer ward um ſo maͤchtiger, je tiefer er es in ſein Innerſtes zu verſchließen ſtrebte, da die Pflicht der Dankbarkeit und Rechtlichkeit ihn vom Verrath an Carpezan abmahnte. Auch Ludmilla kämpfte anfangs redlich gegen ihre mit Zaubermacht ſie umſchlingende Neigung für Ar⸗ mand; ſie hatte den ernſten Vorſatz, ihrem ungeliebten Gatten treu zu bleiben; ſie ſtellte ſich alle gefährlichen Folgen eines traulichen Verhältniſſes mit dem ſchoͤnen Gefangenen auf das Lebendigſte vor die Seele. Aber der Kampf der Pflicht und Vernunft gegen die natuͤr⸗ liche Allgewalt der Liebe bleibt immer ein bedenklich ſchwankender. Zum Gluͤck oder Ungluͤck für beide war Carpezan ſelbſt ſo verliebt in ſeinen jungen Verwand⸗ ten, daß ihm kein Gedanke von Eiferſucht in den Sinn kam, daß er nicht bemerkte, wie jener immer zaͤrtlichere Blicke auf die ſchoͤne Frau richtete, wie ſeine Sprache mit ihr eine ſtets liebevollere Betonung annahm, und wie Ludmilla auf ſeine Worte mit Erroͤthen oder 125 bangem Niederſchlag der Augen oder dem unwillkuͤhr⸗ lichen Accent der innigſten Gegenneigung antwortete. Während die deutſchen Schaaren ſich in den Reben⸗ gefilden der Moſel einer froͤhlichen Waffenruhe uͤber⸗ ließen, hatte Frankreichs Koͤnig in der Champagne ein neues ſtärkeres Heer verſammelt, welches unter der Anfuͤhrung des Herzogs von Nevers der frechen In⸗ vaſion ein raſches Ziel ſetzen ſollte. Mannsfeld, der ſich dieſer gefaͤhrlichen Macht nicht gewachſen fuͤhlte, gerieth plotzlich auf den eines Abenteurers wuͤrdigen Einfall, ſich ſelbſt ſammt ſeinem ganzen Heere dem Koͤ⸗ nig Ludwig zum Kauf anzubieten. Das franzoͤſiſche Kabinet ſchien den Antrag nicht ungern zu hoͤren, und es wurden von beiden Seiten Commiſſarien zur naͤhern Einleitung der Verhandlun⸗ gen ernannt. Inzwiſchen aber brachen im deutſchen Lager ſelbſt gefährliche Spaltungen aus. Prinz Chri⸗ ſtian von Braunſchweig, dem der franzoͤſiſche Dienſt nicht anſtand, hatte fuͤr ſich insgeheim andere Negotia⸗ tionen mit dem Herzoge von Buuillon angeknuͤpft. Der groͤßte Theil der ſeit langer Zeit unbeſoldeten Manns⸗ feld'ſchen Reiterei hatte ſich eigenmaͤchtig der Geſchütze ⸗ 126 als Unterpfand bemaͤchtigt und war damit auf Prinz Chriſtian's Seite ubergetreten. Um das Maß ſeiner Verlegenheit zu fuͤllen, erhielt Mannsfeld noch von ſeinen Kundſchaftern die Nach⸗ richt, daß die franzoͤſiſche Regierung ihn nur mit fal⸗ ſchen Vorſpiegelungen hinhalte, um dem aus den Rhein⸗ landen zum Succurs herbeigerufenen ſpaniſchen General Corduba Zeit zum Heranruͤcken zu geben und dann die Deutſchen von zwei Seiten zugleich zu faſſen und zu vernichten. Hier galt es einen raſchen Entſchluß. Mannsfeld eilte, ſich mit dem Braunſchweiger zu ver⸗ ſohnen und ſeine rebelliſchen Reiter zu befriedigen. Zugleich wurden von beiden Heerfuͤhrern Eilboten an Prinz Moritz von Oranien geſchickt, um ihm ihre Dienſte gegen die Spanier anzubieten. Dieſer, der vom General Spinola gerade hart bedrängt wurde, ſchlug freudig ein und verabredete, daß ſie ſich mit ihm zum Entſatz der Feſtung Bergen op Zoom vereinigen ſollten. Jetzt war der verhängnißvolle Moment fuͤr Armand gekommen, der uͤber ſeine Trennung von Frankreich unwiderruflich entſcheiden ſollte. Noch einmal erwachte der alte Zug zum Vaterlande und die Stimme der krie⸗ geriſchen Pflicht in ihm. Den mächtigen Impuls der 127 Liebe mit aller Kraft unterdruckend, ging er mit feſtem Entſchluß zum Obriſten. „Gieb mir die Freiheit wieder, Bruder Jaromir,“ ſprach er bittend;„laß mich, der das Schwert nun wieder ſchwingen kann, zu meinem Regiment zuruͤckkeh⸗ ren, wohin mich der Ruf der Ehre und Treue ver⸗ langt.“ „Wie, Armand,“ fragte der Obriſt betroffen,„du verdankſt mir das Leben, und wilſſt mich nun wieder gleichguͤltig verlaſſen? Haſt du ganz vergeſſen, was ich fuͤr dich that, was ich für dich fuͤhle?“ „Nein, nie werd' ich das vergeſſen, du lieber theuerer Jaromir. Aber, was hat das Leben fuͤr Werth ohne Freiheit und Ehre? Mache deine Wohlthat erſt recht vollkommen und gieb mich frei!“ „Und wenn ich dich nun nicht freigeben wollte? Biſt du nicht mein Gefangener nach ehrlichem Kriegs⸗ gebrauch?“ „Was koͤnnte dir der einzelne Gefangene wohl nuͤtzen? Wollteſt du einen Vortheil aus ſeiner Armuth ziehen, die dir kein Loͤſegeld anbieten kann? Aber meine Kameraden werden fuͤr mich zahlen, laß mich an ſie ſchreiben.“ 128 „Armand, wie kannſt du mich ſo kränken! Nein, du biſt nicht mein Gefangener, biſt mein Freund, mein Bruder, von dem ich nicht laſſen kann!“ „Sei großmuͤthig, Jaromir, unſer Schickſal trennt uns!“ „Nimm Dienſte unter Mannsfeld's Truppen, du ſollſt ſogleich als Hauptmann bei uns angeſtellt werden, ich buͤrge dir dafuͤr.“ „Nimmermehr! Wie kannſt du als Soldat mir den Eidbruch gegen meine Fahne zumuthen?“ „Reich deine Entlaſſung ein, du biſt ein freier Edelmann.“ „Ich diene Frankreich, weil ich Franzoſe bin; deine Ueberredung iſt umſonſt.“ „Ludmilla, hilf mir ihn bezwingen,“ rief Carpezan ins Nebengemach,„der Undankbare will uns auf immer verlaſſen.“ Ein heftiger Kampf tobte im Buſen der ſchoͤnen Frau.„Theuerer Armand,“ ſprach ſie in Thraͤnen ausbrechend,„ihr ſeht mich weinen, aber thut, was ihr muͤßt. Ja, es iſt beſſer, wir ſcheiden!“ Armand ſchaute ſie mehre Minuten lautlos an. Sie hatte mit ihren Worten ſeinen Entſchluß gebilligt, 129 aber ihre Thränen zeigten, daß ihr Herz Nein ſagte. Reizender war ihm das holde Weſen noch nie erſchienen. Mit Allgewalt umſchlangen ihn die Zauberketten der Liebe, alle ſeine Nerven ſtrebten magnetiſch angezogen zu ihr hin.„Ludmilla,“ rief er in hoͤchſter Aufregung, „ich bleibe!“ „Triumph,“ jubelte Carpezan, ihn ſtuͤrmiſch um⸗ armend,„ich habe meinen Bruder wieder!“ In der Stille einer klaren Sommernacht ruͤckten die ſaͤmmtlichen deutſchen Truppen des vereinigten Mannsfeldiſch⸗Braunſchweigſchen Corps aus ihren Standquartieren und traten den Marſch nach den Nie⸗ derlanden an, den ſie anfangs mehre Tage lang ohne alle Hinderniſſe fortſetzten. Schon hatten ſie die Grenze des Hennegau uͤberſchritten, als ſie plotzlich bei Fleurus auf das ihnen entgegenkommende Heer des ſpaniſchen Generals Corduba ſtießen, das ſich ſogleich in Schlacht⸗ ordnung gegen ſie aufſtellte. Mit Loͤwenmuth ſchlugen ſich die deutſchen Feldherrn durch die kampfgeubten Schaaren des weit uberlegenen Feindes und vereinigten ſich glucklich mit der ihrer harrenden Streitmacht des Prinzen Moritz von Oranien. 9 130 Als nun die gruͤnen Fluren Hollands vor Ludmilla ausgebreitet lagen, als ſie die Markt⸗ und Poſtboote auf den das Land uͤberall durchkreuzenden Kanaͤlen luſtig hingleiten ſah, als ſie die großen netten Doͤrfer und die reichen Stäͤdte mit ihren ſtolzen republikaniſchen Buͤrgern bewunderte, da ſtand ihr auf einmal Editha's Traumgeſicht vor der Seele und der Zigeunerin Fa⸗ niska prophetiſche Worte klangen ihr unheimlich ins Ohr: Kommſt du in ein gruͤnes Land An der Meeresfluth gelegen, Wo der Waͤſſer Silberband Dienet ſtatt gebahnten Wegen, Wo die Doͤrfer Staͤdten gleichen, Buͤrger nicht den Fuͤrſten weichen, Dann mag deine Furcht beginnen! Meide dann das ſuͤße Minnen, Ob es auch in Ehren ſei; Bleibe ſelbſt von Freundſchaft frei, Bleibe jedem Manne fern, Denn es blitzt dein boͤſer Stern; Liebe hat dir Haß beſcheert, Und es zuckt aus Nacht ein Schwert! Sie ward ſtill und in ſich gekehrt. Armand forſchte mit liebevoller Beſorgniß nach dem Grunde dieſer Ver⸗ * 131 aͤnderung, und ſie geſtand ihn erroͤthend. Aber bald hatte der Freund wieder all' ihre truͤbe Laune hinweg⸗ geſcherzt und beide tranken wieder harmlos aus dem Wonnebecher der innigſten Liebe. Seit Armand ſein Loos unwiderruflich an Lud⸗ milla gekettet hatte, war ſeine Leidenſchaft kein leicht verhuͤlltes Geheimniß mehr für ſie. Beide hatten das ſuͤße Bekenntniß in traulicher Stunde ausgetauſcht und den Bund der Herzen mit feurigen Kuͤſſen beſiegelt. Und wie ihre Herzen, ſo klangen auch ihre Lieder in einander. Ludmilla ſang zur Harfe, Armand zur Zither. Wenn ſie Abends mit Jaromir beiſammen⸗ ſaßen, dann beluſtigte ihn jene mit boͤhmiſchen Lied⸗ chen aus der Heimath und dieſer ließ die ſchwärmeri⸗ ſchen Weiſen der Troubadours ertoͤnen, oder ſie ſangen auch beide zuſammen ein munteres franzoͤſiſches Kriegs⸗ lied, was dem Obriſten beſonders wohlgefiel. Aber ſie ſangen auch einſam andere Lieder, die ihm weniger ge⸗ fallen haͤtten. Wohl vernahmen beide bisweilen im Innern die mahnende Stimme des Vorwurfs, daß ſie Jaromir's Vertrauen mißbrauchten, daß ſie die heilige Pflicht der Treue entweihten. Aber in Ludmilla's Her⸗ zen war nur Eis fuͤr ihren Gatten und Gluth fuͤr Armand. Und dieſer liebte zum erſtenmal mit aller 9* 132 Leidenſchaft eines Provengalen und betäubte ſich damit, daß Jaromir ſelbſt durch ungeſtuͤmes Bitten ſeine Ent⸗ fernung verhindert habe. Noch war die letzte Grenzlinie nicht uͤberſchritten, noch war Rettung durch raſche Trennung möglich. Aber die Wonnberauſchten verhull⸗ ten ſich dieſe verhaßte Moͤglichkeit und wollten ſich ſelbſt nicht daruͤber klar werden, wie weit ſie gehen duͤrften und koͤnnten. So flogen ſie wie ſchwaͤrmende Daämme⸗ rungsfalter immer dichter und kuͤhner um die verzeh⸗ rende Flamme; und immer naͤher und näher ruͤckte die drohende Entſcheidung. Nachdem die deutſchen Huͤlfstruppen den Hollän⸗ dern die Feſtung Bergen op Zoom entſetzen geholfen und noch manchen andern wichtigen Dienſt geleiſtet hatten, ſuchte ſich der Prinz von Oranien dieſer ge⸗ fährlichen und wie in Feindes Land hauſenden Gäſte baldigſt zu entledigen. Reich belohnt wurden ſie verab⸗ ſchiedet und aus dem Gebiete der Republik entfernt. Prinz Chriſtian von Braunſchweig zog nun mit ſeinen wilden Banden auf neue Abenteuer in den nieder⸗ ſachſiſchen Kreis, wo die proteſtantiſchen Stande ihn gegen den liguiſtiſchen General Tilly zu brauchen ge⸗ dachten. Graf Ernſt von Mannsfeld aber nahm von dem an Hollands Grenze gelegenen Oſtfriesland Beſitz, 133 welches damals ſeine eigenen Beherrſcher in der Dhnaſtie der Grafen von Zirkſena hatte. Raſch war das kleine wehrloſe Bruchſtuͤck des großen zerſtuckelten deutſchen Reiches unterjocht und der Willkühr der unerſättlichen Blutſauger preisgegeben. Graf Mannsfeld ſchlug ſein Hauptquartier im Reſidenzſchloſſe zu Aurich auf. Carpezan kam mit ſei⸗ nem Regiment in eine drei Meilen davon am Meerbuſen Dollart gelegene Hafenſtadt zu ſtehen; er ſelbſt aber nahm von einer unweit davon ſich erhebenden Ritter⸗ burg Beſitz. Als nun Ludmilla das uralte Gebaͤude mit ſeinen hohen duͤſtern Säͤlen und Gemaͤchern, ſeinen vielen dunkeln und verworrenen Corridoren und Treppen, ſeinen unterirdiſchen Gewoͤlben und Kammern neugie⸗ rig durchwanderte, da fiel ihr abermals jener ſeltſame Traum Editha's ein, den ihr dieſe am Morgen ihres Hochzeittages einſt mitgetheilt hatte. Es ſchauerte ſie wie Grabesluft an. Aber Armand's Naͤhe wandelte ihr bald auch dieſen unheimlichen Aufenthalt zur lachenden Feenwohnung um. Jaromir's haͤufige Ab⸗ weſenheit im Hauptquartier zu Aurich gewährte den Liebenden noch oͤfterer, als fruͤher, die ſorgloſeſte Ein⸗ ſamkeit und die begluckendſte Feier arkadiſcher Stunden. ———— — — 134 In geringer Entfernung vom Ritterſchloß dehnte ſich ein Foͤhrenwald am Meeresufer hin. Drei Männer, in lange Mäntel verhullt, gingen an einem truͤben, ſtuͤrmiſchen Morgen unter den knarrenden Bäumen auf und nieder. Es war Duͤſterloh mit zwei anderen Offi⸗ zieren von Carpezan's Regiment. Fuͤrwahr, du haſt ein herrliches Avancement ge⸗ habt, Duͤſterloh,“ begann der ihm zur Rechten gehende Hauptmann von Hehden.„Kaum warſt du ein halbes Jahr bei uns, ſo wurdeſt du Major, in Frankreich Obriſtleutnant, und jetzt geht ſtark die Rede, du wer⸗ deſt das durch den Tod des Obriſten von Frepont bei Fleurus varant gewordene Regiment bekommen.“ „Ich glaub' es noch nicht, Kamerad, da giebt es wohl noch wuͤrdigere Männer, als ich, im ganzen Corps,“ erwiederte jener mit erzwungener Beſchei⸗ denheit. „Ja, ja, du wirſt es, ich wette darauf,“ ſprach der wohlbeleibte Major von Schlammersdorf,„und goͤnn' es dir von Herzen, denn du biſt brav wie ein Frondsberg, und haſt Verſtand wie der Teufel. Aber Gluͤck gehoͤrt zu Allem, ich hab' es nie ge⸗ habt.“ 135 „Noch weniger ich,“ fuhr der blaßgelbe Hehden fort,“ weder im Kriegsdienſt, noch bei den Frauen. Nichts aber hat mich mehr verdroſſen, als wie mich damals in Pilſen— es war bald nach der ungluͤcklichen Affaire bei Budweis— unſere ſchoͤne Obriſtin ein ganzes Vierteljahr lang mit ihren abgefeimten Buhl⸗ kunſten foppte und mich am Ende ſchnippiſch mit der langen Naſe abfertigte.“ „Davon kann ich auch ein Lied ſingen,“ tete Schlammersdorf,„ich glaubte mich geliebt wie Held Siegfried von Prinzeſſin Chriemhild, und war nichts weiter als ein dummer Tanzbaͤr, der nach ihrem Pfeifchen ihr zur Kurzweil ſpringen mußte, bis ſie ihn veraͤchtlich mit dem Fuße wegſtieß. Aber, wie nur erſt der Rechte kam, da zeigte ſich's, weß Geiſtes Kind ſie war.“ „Troͤſtet euch mit mir, Kameraden,“ begann Duͤſter⸗ loh theilnehmend,„mir ging es nicht beſſer; doch die Zeit der Rache iſt nicht fern. Ich kannte euere Kraͤn⸗ kungen, und war längſt ſchon Willens, mich mit euch uͤber dieſen Punkt zu berathen, verſpart es aber immer, bis ich erſt meiner Sache ganz gewiß ware. Jetzt aber frag' ich euch: Habt ihr Muth, oͤffentlich als Zeugen gegen die Obriſtin aufzutreten?“ antwor⸗ 136 „Den Teufel auch,“ antwortete Schlammersdorf erſchrocken,„das iſt ein gefährlicher Handel! Dazu gehoͤren Beweiſe, ſonſt bricht einem der Carpezan den Hals. Geredet iſt freilich viel uͤber ſie worden; erſt wegen unſers Herrn Grafen von Mannsfeld Erlaucht, dann wegen des kleinen blonden Schweizers Glarens, mit dem Carpezan vor Budweis ſo kurzen Prozeß machte, dann wegen des Koͤnigs von Boͤhmen Majeſtät, und jetzt wieder wegen des luftigen ſchwarzlockigen Franzoſen. Aber das Alles iſt doch nur ſchwankendes Geruͤcht; wo ſind die Beweiſe?“ „Ich habe ſie, und ihr ſollt ſie auch haben,“ ent⸗ gegnete Duͤſterloh mit Beſtimmtheit.„Waͤhrend des Obriſten haͤufigen Abweſenheiten im Hauptquartier ſchlich ich mich oft in den Schloßgarten, hoffend, daß ich das zärtliche Pärchen doch einmal überraſchen wuͤrde. Tagelang lauerte ich vergebens in den Ge⸗ buͤſchen; endlich aber bin ich ſchon mehrmals ſo glücklich geweſen, beide ganz in der Nähe zu be⸗ lauſchen, ihre Liebesſchwuͤre mit eigenen Ohren zu hoͤren, ihre Umarmungen mit eigenen Augen zu ſehen. Fuͤr blankes Gold hab' ich darauf Ludmilla's Zofe geſchwaͤtzig gemacht und Alles erfahren, was ich wuͤnſchte.“ 137 „Ja, freilich, wenn es ſo mit ihr ſteht,“ ſagte Hehden,„da iſt es ja Pflicht gegen unſern Herrn Obriſten, ihm die Augen zu oͤffnen.“ „Ihr ſollt mir nicht blind glauben, Kameraden,“ fuhr Duͤſterloh fort.„Auch ihr ſollt Zeugen einer ſol⸗ chen Zuſammenkunft im Schloßgarten ſein, damit ihr mit gutem Gewiſſen euere Ausſagen beſchwoͤren koͤnnt, wenn der Sturm losbricht. Dann aber ſeid auch nicht bedenklich, die fruͤhern Anklagen als erwieſen hinzu⸗ ſtellen, denn je mehr Artſchlaͤge, deſto eher fällt der Baum. Verſprecht es mir auf Cavalierparole!“ „Hier meine Hand, ich bin dein Zeuge,“ erwie⸗ derte Heyden. „Ich auch,“ ſprach Schlammersdorf einſchlagend. „So iſt ſie verloren!“ rief Duͤſterloh mit dem Frohlocken der Hoͤlle. Auf dem Reſidenzſchloſſe zu Aurich war einige Wochen ſpaͤter geſchaͤftige Bewegung. Graf Ernſt von Mannsfeld gab allen Obriſten und den tapferſten Offizieren ſeines Heeres ein großes Bankett zu Ehren des neuernannten Regimentschefs von Duͤſterloh. Im 138 geraͤumigen Audienzſaal der alten Grafen von Zirkſena waren gegen funfzig kriegeriſche Gäͤſte bei reichbeſetzter Tafel und vollen Flaſchen luſtig und guter Dinge. Das Mahl hatte ſeine Mitte erreicht und die Koͤpfe der meiſten Trinker waren ſchon aͤußerſt erhitzt, als Mannsfeld die Geſundheit des neuen Obriſten aus⸗ brachte. Ein dreimaliges donnerndes Vivat erklang dem Gefeierten, der es mit einem Lebehoch auf den Feldmarſchall und ſeine wackern Kameraden beant⸗ wortete. „Jetzt bring du einmal einen Trinkſpruch aus, Carpezan,“ rief Mannsfeld. „Dem Soldatengluͤck!“ ſprach dieſer, das Glas erhebend.— Alle thaten jubelnd Beſcheid. „A propos,“ begann Mannsfeld wieder zu Carpe⸗ zan gewendet,„will dein junger franzoͤſiſcher Vetter noch immer nicht ſein Gluͤck unter meinen Fahnen ver⸗ ſuchen?“ „Zur Zeit noch nicht, Erlaucht, er hat noch keinen Abſchied aus franzoſiſchen Dienſten.“ „Oh, der hat ſchon längſt zu einer neuen Fahne geſchworen,“ ſprach Duͤſterloh, ſich etwas berauſcht anſtellend;„weg mit den Lilien, ein ſchoͤnes Frauen⸗ 5 139 bild iſt drauf gemalt, darunter ſteht geſchrieben— ja was ſteht doch gleich geſchrieben?— aha, ich hab's, Ludmilla von Carpezan!“ „Tod und Teufel,“ ſchrie Carpezan, der wirklich ſchon vom ſtarken Weingenuß ſehr aufgeregt war,„wer wagt das zu behaupten?“ „Ei, ei, Kamerad,“ erwiederte Graf Mannsfeld in froͤhlicher Stimmung,„wer wird denn gleich ſo auffahren? Biſt ja ſelber ein halber Franzoſe und kennſt das franzoͤſiſche Ritterwort nicht: Servir Dieu et sa Dame! Kann denn das nicht in allen Ehren ſein?“ „In allen Ehren? Selig iſt, wer das glaubt,“ rief der blaſſe Hehden ganz laut ſeinem Gegenmann uͤber die Tafel zu.„Die ſchone Frau hat es von jeher mit dem ſechſten Gebot etwas leicht genommen. Erſt kam der huͤbſche blonde Schweizerleutnant, der Gla⸗ rens, dran; dann nahm ſie bald dieſen, bald jenen von uns in Pilſen zu ihrem Paladin, ſo z. B. unſern Schlammersdorf hier, mich ſelbſt... „Auch mich hat ſie damals aufs Korn genommen,“ fiel der Dragonerhauptmann Buttler ein. „Hat auch mit mir charmirt,“ brummte der rieſen⸗ große Cüraſſiermajor von Thuͤmmel. 140 „Bis uns zuletzt des Koͤnigs von Boͤhmen Majeſtät zu Prag alle aus dem Sattel hob 2 ſprach mit zuver⸗ laͤſſigem Ton der dicke Schlammersdorf, indem er einen Becher Hochheimer zum Munde fuͤhrte. „Hab' ich dir's nicht geſagt, Bruder Carpezan,“ fing Duͤſterloh wieder luſtig an,„mit dem Boͤhmerkoͤnig war's nicht richtig; das war der Trumpfkoͤnig, und du warſt der Getrumpfte, mein ehrlicher Junge.“ „Du luͤgſt,“ ſchrie Carpezan, dem ſchon das Blut in allen Adern kochte,„haſt ſie ſchon einmal verleumdet, ohne mir Beweiſe bringen zu koͤnnen!“ „Jetzt aber hab' ich Beweiſe, Bruderchen, ſchoͤne Beweiſe, klar wie die Sonne am Himmel, daß Lud⸗ millchen und dein liebes Vetterchen einig ſind.“ „Heraus damit, Verwegener, oder ich durchbohre dich auf der Stelle, was weißt du?“ „In ſeinen Armen haben wir ſie geſehen und ihre Liebesſchwuͤre gehort, ich und der Schlammersdorf und der Hehden. Redet, ihr dort, hab' ich wahr oder falſch geſprochen?“ „Die lautere Wahrheit, wir bezeugen es!“ ant⸗ worteten die Aufgeforderten. — 141 „Die Hoͤlle iſt los!“ tobte Carpezan außer ſich vor Wuth.„Auf mit mir, ihr drei Teufel, die ihr mit gif⸗ tigen Krallen im Innerſten meines Lebens wuͤhlt, auf zu Roß nach meiner Burg, und wiederholt euere ent⸗ ſetzliche Ausſage meinem Weibe und jenem Armand ins Geſicht. Ich will ein furchtbares Strafgericht halten!“ „Laß uns lieber fein ſachte hineinſchleichen,“ ſprach Duͤſterloh,„ich wette, wir finden das zartliche Pärchen wieder beiſammen, und du berzeugſt dich dann ſelbſt mit eigenen Augen.“ „Fort, fort, kein Wort weiter!“ ſchrie Carpezan, zum Saal hinausſtuͤrmend. „Gebt Acht, Kameraden,“ ſprach Mannsfeld, ein friſches Glas ſchaͤumenden Champagners hinabſturzend, „der macht noch heut einen tollen Streich!“ Im traulichen Wohngemach Ludmilla's, welches die weite Ausſicht auf den Meerbuſen des Dollart hatte, ſaßen die Liebenden harmlos und gluͤcklich neben einan⸗ der. Am ſuͤdlichen Horizonte ſtiegen dunkle Gewitter⸗ wolken auf und die bis dahin ruhige See begann hoͤhere Wellen zu ſchlagen. ————— 142 Armand griff in die Zither und ſang: Mein Herz iſt dein, Dein Herz iſt mein, Wir haben den Himmel fur uns allein, ſichts hat die Welt, Was uns gefaͤllt, Wir wollen nur eins im andern ſein! Komm Drang und Noth, Komm Sturm und Tod, Wir haben genoſſen die Seligkeit; Ihr raubt nichts mehr, Ins dunkle Meer Verſinken wir freudig zur Ewigkeit! „O theurer Armand,“ fragte Ludmilla betroffen, „was war das für ein ſchoͤnes, aber traurig endigendes Lied? Das hab' ich noch nie von dir gehoͤrt.“ „Ich hab' es in dieſen Tagen erſt gedichtet und ſelber in Muſik geſetzt, wie es die alten Troubadours zu thun gepflegt. Aber, ſei ohne Sorgen, es iſt mir mit dem Sterben noch nicht Ernſt, mein ſußes Liebchen. Laß uns vielmehr darauf ſinnen, wie wir bald ganz gluͤcklich werden konnen. Frei muͤſſen wir werden, frei, Ludmilla! Ich fuͤhre dich heim in mein ſchoͤnes Vater⸗ land; du trittſt zuruͤck in den Schooß der heiligen 143 Kirche, die das ungeweihte ketzeriſche Eheband wieder aufloͤſt, und du wirſt mein, auf ewig mein!“ „Ach, Armand, welche kuͤhn⸗verwegene Gedanken ſteigen in dir auf! Mir wird ploͤtzlich ſo bang und weh zu Muth, ich kann dir nicht ſagen wie ſehr. Schau wie die Wetterwolken ſich am Himmel dort emporthuͤr⸗ men; diamantene Blitze fahren zackig durch die ſchwar⸗ zen Trauerfloͤre und der Donner grollt zurnend wie an jenem Hochzeittag Editha's, wo Carpezan als Obriſt um mich warb. Schau, wie die weißen Moͤven, gleich vom Sperber gejagten Tauben, aͤngſtlich am Meeres⸗ ſpiegel dahinflattern! Wer weiß, welche finſtere Geiſter uͤber unſern Häuptern ſchweben!“ „Ha, Ludmilla, mir kommt ein Gedanke! Siehſt du den Nachen dort am Fuß des Schloßdammes ange⸗ bunden? Win ſteigen hinein und ich fahre dich nach Hollands naher Kuͤſte in drei Stunden hinuͤber. Mein Arm iſt ruͤſtig und im Rudern gewandt. In wenigen Tagen ſind wir bei den ſpaniſchen Truppen und eilig fliegen wir dann dem theuern Frankreich zu. Saͤume keinen Augenblick, nimm von Gold und Juwelen mit, was du haſt, und folge mir ſogleich. Es iſt unſer Schutz⸗ geiſt, der mir's eingiebt. 144 „Nein, nimmermehr, ich kann nicht! Die Kniee wanken mir, kalter Schauder durchrieſelt mein Gebein, eiſerne Krallen ſtrecken ſich nach mir aus, ſchutze mich in deinen Armen!“ „Komm an dies treue Herz, mein ſuͤßes Leben. Er ſchloß ſie innig an die Bruſt und bedeckte ſie mit ſei⸗ nen Kuͤſſen. „Ha, was war das?“ fragte Ludmilla erblaſſend und bebend, indem ſie ſtarr auf den Vorhang eines an⸗ ſtoßenden Alkovens blickte.„Sahſt du nicht den Vor⸗ hang ſich bewegen? Aus jenem Alkoven geht eine Thuͤr auf eine geheime Treppe. Gott! wenn Ja⸗ romir. „Rache!“ rief Carpezan, mit gezucktem Schwert hervorbrechend und den wehrloſen Armand im Nu durchbohrend. Mit einem Schrei des Entſetzens ſtuͤrzte Ludmilla bewußtlos auf die Leiche des Geliebten nieder. Als ſie wieder erwachte, befand ſie ſich in einem unterirdiſchen Gewoͤlbe, das vom matten Schein einer Ampel beleuchtet wurde. Anfangs glaubte ſie nur einen ſchweren Traum gehabt zu haben, deſſen finſtere Wol⸗ ken noch nicht vor ihren Augen zerrinnen wollten. Als ihr aber die Wirklichkeit in ihrer ganzen ſchauderhaften 145 Groͤße vor die Seele trat, da uͤberließ ſie ſich der wil⸗ deſten Verzweifelung, bis ſie erſchoͤpft in dumpfes Hin⸗ bruͤten verſank. Sie hielt ſich fur lebendig begraben und zum langſamen Hungertode verurtheilt. Plotzlich aber klirrten Schloß und Riegel, knarrend oͤffnete ſich die ſchwere Thuͤr, und herein trat mit einem Armleuchter in der Hand der ſchreckliche Carpezan. Ihm folgte der ſilberhaarige Feldkaplan Neander, derſelbe, der ihn einſt im Lager vor Pilſen mit Ludmilla getraut hatte. „Weib,“ begann der Obriſt, die Ungluͤckliche mit einem grauſenhaften Blick ſtarr anſchauend,„du biſt durch die beeidigten Ausſagen von drei Offizieren und deiner eigenen Zofe, ſo wie durch das, was ich ſelbſt geſehen und gehoͤrt, des Verbrechens des Ehebruchs uͤberwieſen. Geſteheſt du deine Miſſethat ein, oder haſt du noch etwas zu deiner Vertheidigung anzufuͤhren?“ „Morde mich, wie du Glarens und Armand ge⸗ mordet!“ entgegnete ſie mit dem Ausdruck tiefſter Em⸗ poͤrung. „Iſt das Alles?“ Sie ſchwieg. „Vernimm denn dein Urtheil,“ begann Carpezan mit furchtbarem Ernſt;„Kraft meiner Obriſtengewalt 10 146 verdamme ich dich, Ludmilla von Lowoſitz, als uͤber⸗ fuͤhrte Ehebrecherin, nach Geſetz und Recht zur Strafe des Todes durch das Schwert.“ „Editha, dein Traum!“ ſprach Ludmilla zuſam⸗ menſchreckend vor ſich hin. „Beichte deine Suͤnden,“ fuhr Carpezan fort,„und bereite dich zu ſterben. Dir bleibt nur noch eine Stunde Zeit.“ Sie war mit dem Geiſtlichen allein. Ruhig vernahm ſie die Ermahnungen des ehrwuͤrdigen Greiſes, legte ihm alle Tiefen ihres Innern offen dar und bat Gott von Herzen wegen jeden Fehltritts um Vergebung. Nur gegen Carpezan ſelbſt zeigte ſie keine Reue.„Ich hab' ihn einſt uberſchwenglich geliebt,“ ſprach ſie,„doch er hat meine Liebe getoͤdtet. Die Treue ſtarb der Liebe nach!“— „Armes verirrtes Kind,“ entgegnete der Prieſter, „ich werfe keinen Stein auf dich. Gott ſei dir gnädig, wie ich dich ſegne in deiner letzten Stunde!“ Es ſchlug Mitternacht. Da klirrten wieder Schloß und Riegel, und herein trat der Obriſt von Carpezan mit den drei gegen Ludmilla zeugenden Offizieren. Ihnen folgte Meiſter Jobſt im ſcharlachrothen Mantel mit dem blanken breiten Richtſchwert unterm Arm; den Beſchluß machten zwei fackeltragende Trabanten. 147 Ueberwaͤltigt von der Furchtbarkeit des Augen⸗ blicks ſank Ludmilla dem Prediger ohnmächtig in die Arme. Als ſie aber wieder die Augen aufſchlug, da war ein heller Schimmer von Verklärung uͤber ihr Geſicht verbreitet; es war als ob ein Engel ihr die Pforten des Paradieſes geoͤffnet und Himmelsharmonieen ihr Fried' und Seligkeit geſungen. Ohne einen Laut der Klage zu verſchwenden, ſchaute ſie mit ruhiger Hoheit im Kreis umher und ließ ihren Blick einige Momente mit dem Ausdruck ſanften Mitleids auf Carpezan ruhen, bat dann den Prieſter, ihr die Augen zu verbinden, knieete nieder und erwartete ſtill betend den Todesſtreich. Da erfaßte den Freimann ploͤtzlich eine menſchliche Ruͤhrung.„Herr Obriſt,“ ſprach er halblaut zu die⸗ ſem,„macht mit mir, was ihr wollt, aber ich kann euer ſchoͤnes Ehegemahl nicht richten.“ „Ha, feiger Schurke!“ zuͤrnte Carpezan, entriß ihm das Schwert und ſchickte ſich ſelbſt zur grauſen That an. „Mein Schwert zuruͤck!“ rief der Scharfrichter, vom wilden Ehrgeiz ſeines Amtes jetzt geſpornt, packte die Waffe mit beiden Haͤnden, beſchrieb damit einen weiten Halbkreis in der Luft— und das liebreizendſte Haupt ſank blutſtroͤmend zu Boden. 10* 148 Niemand zog den fuͤrchterlichen Richter zur Rechen⸗ ſchaft. Er hat ſein Obriſtenrecht ſtreng gebraucht, hieß es, und damit war Alles abgethan. Nur Weiber und Kinder verfolgten den Entſetzlichen, wo er ſich blicken ließ, mit dem gellenden Zuruf:„Frauenmoͤrder! Frauenmoͤrder!“ Aber gluͤhender, als dieſer Brandname, folterten ihn die Qualen des eigenen Gewiſſens. Wo er ging und ſtand, da erſchien ihm Ludmilla's holde Geſtalt, mit breitem Blutſtreif um den Schwanenhals, und blickte ihn wehmuthsvoll mit ihren blauen Augen an.— So verfolgt' ihn das bleiche Bild von Ort zu Ort, von Land zu Land, drei Jahre ohne Unterlaß, bis er im moͤrderiſchen Treffen bei Deſſau unter den Schwertern von Wallenſtein's Dragonern den Tod fand.