Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 8 Eduurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Selebetjusunger 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ne und Rückgabe der Bcher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Nucgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für ihuchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 4 3 „ 5. Auswärtige Lonnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird peſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſaltinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. SS Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vor Eduurd Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Leſebetingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ in und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Nackgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. 3. Auswärtige Vonnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Teſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonvers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir auch dafür zu ſtehen haben. — — . * Pater und Tochter. Von Friederike Bremer. Aus dem Schwediſchen von Dr. G. Fink. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshanblung. 1859. Schflpreſſendruck von E. Greiner in Stuttgart. —,— Vorwort. Ich bin müde des alten Liedes von Seufzern, Hoffnungen, Qualen, Wortwechſeln, Verſöhnung, Ent⸗ zücken und Glückſeligkeit oder Verzweiflung von Lie⸗ benden; müde ſogar davon zu ſchreiben, wie wenn des Lebens Roman nicht ein ſchöneres und höheres hätte! Gewiß iſt ſie ſchön in ihrer myſtiſchen Tiefe, der Liebe ſtrahlende Paſſionsblume, wenn ſie wunderſam im menſchlichen Herzen ausſchlägt und es verlockt, auf Erden den kurzen Paradieſesroman Adams und Eva's wieder aufzuführen. Aber ſie hat mehr Glanz und Ruhm er⸗ halten als ſie verdient. Ihr höchſtes Leben reicht bloß einige Stunden und im beſten Fall etliche Tage. Im Leben der meiſten Menſchen ſpielt ſie keine Hauptrolle, und was zuletzt über das Wohl oder Weh der Sterb⸗ lichen entſcheidet, kommt niemals allein von ihr. Wir müſſen daher nach tieferen, urſprünglicheren Quellen ſehen.. Ich will heute von einer dieſer urſprünglichen Quellen ſprechen, von einer ſolchen, die noch früher war als irgend eines Liebhabers Seufzer von der Erde emporgeſtiegen— ſeit Vaterliebe anf ihre erſten Kinder herniederſchaute— und die noch ſein wird, wenn ſie Alle aufgehört haben; von ihr will ich hier ſchreiben. Den Gedanken an dieſe Novelle trug ich mit mir, als ich zum letzten Mal Schweden verließ; die Ein⸗ gebung dazu erhielt ich erſt in einem Lande, wo ich unter dem Schutz des Freiheitsbaumes die Verhält⸗ niſſe des Familienlebens in ihrer vollen Schönheit und Kraft ſich entwickeln ſah. Die meiſten Charactere und Verhältniſſe, die ich hier geſchildert habe, ſind aus dem wirklichen Leben geſchöpft. Meine Heldin habe ich nach zwei frühvollendeten, allzu früh vom Tod abgeforderten jungen Weibern genannt, welche der Stolz und die Herzensfreude ihrer Familien geweſen— nach der Schweizerin Roſa Naville und der Italienerin Roſa Ferrucei; denn die ſchwediſche Roſa hat in ihnen ihre Vorbilder gehabt. Doch nicht allein in ihnen, ſondern urſprünglich in einer Schwedin; aber dieſe lebt noch und ich darf ihren Namen nicht nennen. Ihr, Die ich nicht nennen darf, iſt dieſes mein Buch liebevoll gewidmet. Rom und Monte Tarpeo, im April 1858. und dem nach erten die der Noſa ihre dern Vater und Tochter. Es gibt ein Zimmer auf Erden, das mir ſchon ſeit meiner Jugend ſchöner, beneidenswerther ge⸗ ſchienen als alle andern; das iſt des Denkers ſchweig⸗ ſames Arbeitszimmer. Wie ſtill und doch wie lebens⸗ voll iſt es nicht in dieſem Heiligthum des Gedankens, wo lautloſe Kämpfe ausgefochten, blutloſe Siege, in ihren Folgen für die Welt zuweilen bedeutungsvoller als die von Waterloo oder Sebaſtopol, errungen werden, wo eine Lampe brennt, deren ſtille Flamme Licht für die kommenden Geſchlechter bereitet; denn ſie leuchtet ihm, dem Genius des Zimmers, dem ſtillen Denker, der in der Werkſtatt ſeines Hirns die Himmel mißt, die Tiefen durchforſcht, die Sterne und Sandkörner zählt, die ewigen Ideen, die Grund⸗ geſetze und Wahrheit der Dinge ſuchend, dem Ded⸗ ker, welcher fragt, forſcht, prüft und nicht raſtet, bis er die zerſtreuten Laute oder Lichter ſich zu Harmo⸗ nien ordnen ſieht und ausrufen kann:„Ich habe gefunden!“ Mancher, der ſo geſucht und gefunden hat, iſt —— — von der Welt als ihr Lichtbringer begrüßt worden. Weit größer iſt die Anzahl Derjenigen, welche für dieſe ſtillen, redlichen Arbeiter bloß den Weg bah⸗ nen, ſelbſt aber niemale die Ehre und den Glanz genießen, die den Erſteren zu Theil werden. Da⸗ gegen theilen ſie mit ihnen die Glückſeligkeit zu ſuchen und zu finden, zu arbeiten für die Wahrheit, für die Vollendung in demjenigen Theil, den ſie zum ihrigen gemacht haben. Der einſame Denker weiß, daß kommende Geſchlechter ſich von der Frucht ſei⸗ ner Arbeit, ſeiner ſtillen Nachtwachen nähren wer⸗ den; er weiß, daß er die Ankunft eines beſſern Tages für die Erde vorbereitet. Das iſt ſein Leben und ſein Lohn. Und iſt er auch arm und wenig angeſehen in der Welt, in ſeinem Arbeitsſtübchen fühlt er ſich reich, fühlt ſich als König eines großen Reiches. In ein ſolches Zimmer laden wir jetzt den Leſer mit der Bitte, Augen und Ohren zu öffnen. Das Zimmer hat inzwiſchen eine Art von Schönheit, die in den Cabinetten der Gelehrten nicht gewöhnlich iſt, und juſt deßhalb fühlt man ſich hier ungemein wohl. Hier waltet nicht bloß Ordnung, ſondern auch eine gewiſſe Zierlichkeit. Oben auf den reich beſetzten Bücherſtändern ſehen wir Büſten von Weiſen der Vorzeit; wir ſchauen hinauf zu Pythagoras, Sokrates, Zeno, Homer. Auf dem einfachen grünen Teppich zeigt ſich kein Stäubchen, eben ſo wenig auf dem grünen Tuch, das einen großen runden Tiſch unge⸗ fähr mitten im Zimmer bedeckt. Auf einer Seite des Zimmers ſtehen nicht weit von einander zwei Schreibpulte, ein größerer und ein etwas kleinerer, für ah⸗ lanz Da⸗ zu heit, zum eiß, ſei⸗ wer⸗ ſſern eben enig chen oßen Leſer Das „die h iſt, vohl. eine etzten det ates, ppich dem unge⸗ Seite zwei nerer, wo eine Menge Papiere liegen, aber kein unordent⸗ licher Durcheinander, wie oft auf den Tiſchen der Gelehrten. Ein gewiſſer Geiſt der Friſche und des Friedens— nicht der mindeſte Dunſt von Tabaks⸗ rauch— im Zimmer ſcheint zu verkünden, daß ein reiner und lichtliebender Geiſt hier ſeine Wohnung aufgeſchlagen hat. Die Lampe auf dem runden Tiſch, die unter ihrer blumengeſchmückten Kuppel einen klaren Schein über die nächſte Umgebung verbreitet, beleuchtet einen hochgewachſenen ältern Mann, der in einem hoch⸗ lehnigen Fauteuil ſitzt und den einen Arm auf dem Tiſch ruhen hat. Er hat eines jener Geſichter, durch deren bloße Betrachtung man ſich geſtärkt fühlt. Zeno oder Cato konnten ſo ausgeſehen haben. Doch ruht ein milderes Wohlwollen auf den edlen, ernſten Zügen, und beſonders in dieſer Stunde, wo die tief liegenden Augen ſich bald zu den Sternen erheben, die während ihrer ſtillen Wanderung durch die offenen Fenſter hereinblicken— es iſt ein ſchwediſcher Hoch⸗ ſommerabend— bald ſich zu einem jungen Mädchen ſenken, das ihm gegenüber am Tiſche ſitzt und ihm vorliest, während ein ſtilles Lächeln über den feſten, beinahe ſcharfen Linien der Lippen des alten Herrn ſchwebt. Das Mädchen iſt jung und hübſch, ſie trägt ein helles Kleid, und hell und licht iſt auch der Aus⸗ druck ihres Geſichtes. Gleichwohl ſiehſt du darauf einen für ſo junge Jahre ungewöhnlichen Ernſt, aber auch dieſer Ernſt iſt hell und licht. In den dunkelblauen Augen ahnt man eine Seele von un⸗ gewöhnlicher Tiefe. Aber dieſe Seele ſcheint noch S gleichſam von einer andern beherrſcht zu werden, der ſie willig gehorcht. Du meinſt Galathea zu ſehen, ſo lange ſie noch nicht vom Hauch der Liebe belebt iſt. Im Uebrigen iſt ſie blond wie ein ſchwediſches Mädchen, was ſie auch iſt. Und manche ſolche, glaub' es mir, Leſer, findet ſich in Schweden, obſchon ſie in gewiſſen Stücken von einer Roſa Ferrucci oder einer Roſa Naville übertroffen werden mögen, zum Beiſpiel in der Kenntniß alter Sprachen und in anderer Gelehrſamkeit. Unſere ſchwediſche Roſa Korrby iſt inzwiſchen auch in dieſen bewandert, und das erfahren wir jetzt aus der Ueberſetzung der Ciceronianiſchen Abhandlung über das Greiſenalter, aus der ſie ihrem Vater vorliest, der ihr mit ſicht⸗ barem Wohlbehagen zuhört, wovon vielleicht ein Theil auch auf Rechnung der beiden Thatſachen kommt, daß Roſa eine Stimme von ſeltenem Wohl⸗ laut beſitzt und gut liest. Laßt uns einen Augen⸗ blick mit dem Lector Norrby hören, was der alte römiſche Weiſe durch den Mund der jungen Schwe⸗ din ſpricht: „Ich ſehe nicht ein, warum ich es nicht wagen ſoll, Cuch meine Gedanken über den Tod mitzuthei⸗ len. Denn ich glaube hier um ſo weiter zu ſehen, je näher ich dem Tode bin. Ich bin überzeugt, mein Publius Scipio und Du, Cajus Lälius, daß Eure Väter, einſt die angeſehenſten Männer und meine vertrauteſten Freunde, leben, und zwar ein ſolches Leben, welches allein den Namen Leben ver⸗ dient. Denn ſo lange wir in das Gefüge des Kör⸗ pers eingeſchloſſen ſind, haben wir im Dienſte des — rden, a zu Liebe ſches olche, ſchon oder zum d in Roſa und der alter, ſicht⸗ ein achen Lohl⸗ ugen⸗ alte chwe⸗ aen uthei⸗ ſehen, zeugt, daß und r ein er⸗ Kör⸗ e des Verhängniſſes einen ſchweren Beruf zu erfüllen. Die himmliſche Seele iſt nämlich aus ihrem erhabenen Wohnſitz herabgeſtoßen und gleichſam auf die Erde geſenkt worden, an einen Ort, der ſich mit ihrem göttlichen und ewigen Weſen gar nicht verträgt. Allein die unſterblichen Götter haben, glaube ich, die unſterblichen Seelen deßwegen in menſchliche Leiber verpflanzt, damit es Weſen gäbe, welche die Welt(nach allen ihren Theilen) betrachteten, und beim Hinblick auf die Ordnung der Himmelskörper dieſe ſelbſt auch durch regelmägige Gleichförmigkeit des Lebens nachahmten. Zu dieſer Ueberzeugung hat mich nicht bloß eigene Forſchung und Unter⸗ ſuchung geführt, ſondern auch der berühmte Name und das Anſehen der größten Weltweiſen. Ich hörte, daß Pythagoras und die Pythagoräer, die beinahe unſere Landsleute waren, nie daran gezweifelt haben, daß unſere Seelen Theile der allgemeinen Weltſeele wären. Es wurde mir überdieß erzählt, was Sokra⸗ tes am letzten Tage ſeines Lebens von der Unſterb⸗ lichkeit der Seelen geſprochen hatte,— er, der durch Apollo's Orakelſpruch für den weiſeſten aller Sterb⸗ lichen erklärt worden war. Kurz, meine Ueberzeu⸗ gung wie meine Anſicht geht dahin: Da der Seele eine ſo raſche Thätigkeit, eine ſo lebhafte Erinnérung an die Vergangenheit und ein ſo heller Blick in die Zukunft zukommt; da ſo viele und ſo ſchwer zu er⸗ lernende Wiſſenſchaften, ſo viele Erfindungen ihr Eigenthum ſind, ſo kann ſie als ein viel umfaſſen⸗ des Weſen nicht ſterblich ſein. Da ferner die Seele in ſteter Bewegung iſt und die Grundurſache ihrer Bewegung bloß in ſich ſelbſt hat, ſo wird dieſe Be⸗ wegung auch nicht aufhören, weil ſie ſich nie ſelbſt verlaſſen kann. Und da das Weſen der Seele ein⸗ fach, und nichts Ungleichartiges und Unähnliches ihr beigemiſcht iſt, ſo iſt ſie auch nicht theilbar; und iſt ſie das nicht, ſo iſt ſie auch nicht der Vernichtung unterworfen.— Als ein ſtarker Beweis, daß die Menſchen das Meiſte ſchon wußten, ehe ſie geboren waren, mag das gelten, daß Kinder, wenn ſie ſchwere Künſte erlernen, unzählige Gegenſtände ſo ſchnell er⸗ greifen, daß ſie dieſelben nicht jetzt erſt außzufaſſen, ſondern bloß vermittelſt der Erinnerung in ſich zu erneuern ſcheinen. So unſer Plato. „Bei Kenophon ſpricht der ältere Cyrus auf dem Sterbebette folgende Worte: „Glaubet ja nicht, meine theuerſten Söhne, daß ich, wenn ich mich von Euch getrennt habe, nirgends mehr ſein oder daß mein Daſein ganz aufhören werde. Ihr ſahet meine Seele ja auch nicht, ſo lange ſie noch bei Euch war; Ihr ſchloßet bloß aus den Handlungen, die ich verrichtete, auf ihr Daſein in dieſem Körper. Glaubet daher, daß ſie noch als ebendieſelbe fortdaure, wenn Ihr ſie auch nicht mehr ſehet. Auch würden ſolche Ehrenbezeugungen be⸗ rühmten Männern nach ihrem Tode nicht forthin zu Theil werden, wenn ihre Seelen Nichts bewirkten, was ihr Andenken länger bei uns erhielte. Ich wenigſtens konnte mich nie davon überzeugen, daß die Seele, nur ſo lange ſie im menſchlichen Körper wohnt, lebe; wann ſie aber denſelben verlaſſen hat, abſterbe. Ebenſo wenig davon, daß die Seele die Vernunft verliere, wenn ſie aus dem vernunftloſen Körper geſchieden iſt. Vielmehr glaubte ich, daß die elbſt ein⸗ ihr d iſt tung die oren were ler⸗ ſſen, h zu dem daß ens ören ſo aus aſein as mehr be⸗ nzu kten, Ich daß örper hat, e die loſen ß die Seele dann erſt weiſe werde, wenn ſie von aller Beimiſchung des Körpers frei, rein und lauter zu ſein anfängt. Ferner wenn ſich die Natur des Menſchen im Tode auflöst, ſo ſieht man doch, wohin alle ſonſtigen Theile kommen, dorthin nämlich, woraus ſie hervorgingen: nur allein die Seele ſieht man nicht, weder ſo lange ſie dem Körper einwohnt, noch wenn ſie aus ihm ſcheidet. Endlich wiſſet Ihr doch, daß Nichts dem Tode ſo ähnlich iſt, als der Schlaf. Nun aber beurkundet die Seele vorzüglich im Schlaf ihre göttliche Abkunft; denn ſie wirft, wenn ſie abgeſpannt und frei iſt, Blicke in die Zu⸗ kunft. Daraus kann man auf den Zuſtand ſchließen, in welchem ſie ſich befindet, wenn ſie die Bande des Körpers gänzlich abgeſtreift hat.— Wenn dem nun wirklich ſo iſt, ſo verehret mich hinfort wie eine Gottheit; muß aber die Seele zugleich mit dem Körper vergehen, ſo werdet Ihr doch aus Ehrfurcht gegen die Götter, welche dieſes ſchöne Weltall er⸗ halten und regieren, mein Andenken in frommer Liebe und unverbrüchlicher Treue bewahren. „So ſprach der ſterbende Cyrus. Wir wollen jetzt, wenn es Euch beliebt, meine Anſichten in's Auge faſſen. Niemand wird mich, mein Scipio, überzeu⸗ gen können, daß Dein Vater Paulus oder Deine zwei Großväter Paulus und Africanus, oder der Vater und der Oheim des Letztern, oder endlich ſo viele vortreffliche Männer, die ich nicht aufzuzählen brauche, ſo Großes gewagt hätten, um ihr Andenken auf die Nachwelt fortzupflanzen, wenn ſie nicht im Geiſte vorausgeſehen hätten, daß die Nachwelt mit ihnen in Verbindung ſtehe. Oder glaubſt Du— um auch von meiner Perſon nach Art der Greiſe etwas zu rühmen— ich hätte ſo viele Beſchwerden bei Tag und bei Nacht, im Kriege und im Frieden, auf mich genommen, wenn ich meinen Ruhm auf dieſelben Grenzen wie mein Leben beſchränken zu müſſen vermeinte? Wäre es in dieſem Fall nicht viel beſſer geweſen, mein Leben in Geſchäftsloſigkeit und Ruhe, ohne Arbeit und Anſtrengung, hinzubringen? Aber meine Seele ſtrebte auf eine mir unerklärliche Weiſe aufwärts, und warf ihre Blicke ſtets ſo auf die Nachwelt, wie wenn ſie dann erſt leben würde, wenn ſie das Leben verlaſſen hätte. Wenn nun die Seelen nicht wirklich unſterblich wären, ſo würde nicht des Menſchen Seele, je edler er iſt, deſto mehr nach Unſterblichkeit des Ruhmes emporſtreben. Ja! je weiſer der Menſch iſt, eine deſto größere Ruhe beweist er im Sterben; je thörichter, eine deſto größere Unruhe. Iſt das nicht ein Beweis, daß die Seele, welche mehr und weiter ſieht, auch ſehen muß, daß ſie in einen beſſern Zuſtand übergeht, was der Kurzſichtige nicht ſieht?. Ich wenigſtens fühle mich hingeriſſen vom Verlangen, eure Väter, die ich ſchätzte und liebte, einſt zu ſehen; und ich wünſche nicht bloß in die Geſellſchaft derer zu kommen, die ich ſelbſt kannte, ſondern auch derer, von denen ich gehört, geleſen und ſelbſt auch geſchrieben habe. Von der Wanderung dahin würde man mich nicht ſo leicht abhalten, noch mich, wie Pelias, durch Ko⸗ chen wieder verjüngen. Und wollte mir ein Gott die Gnade erzeigen und mich aus dieſem Alter wie⸗ der in die Kindheit umkehren und in der Wiege wimmern laſſen, ſo würde ich gar ſehr mich weigern. — Greiſe verden rieden, m auf en zu ht viel it und ngen? ärliche ſo auf vürde, un die würde mehr Ja! Ruhe deſto „ daß ſehen rgeht, fühle ie ich ünſche die en ich habe. mnicht ch Ko⸗ Gott r wie⸗ Wiege eigern. . 13 Es läge ja nicht in meinem Wunſche, nach vollen⸗ deter Laufbahn vom Ziel wieder an die Schranken zurückgeführt zu werden.— Welches ſind denn die Gemächlichkeiten des Lebens? Sind es nicht viel⸗ mehr Mühſeligkeiten? Aber mag es auch Gemäch⸗ lichkeiten haben, ſo hat es doch auch ſeine Sättigung, ſein Maß und Ziel. Ich zwar mag das Leben nicht bejammern, wie es ſchon viele und gelehrte Männer gethan haben; auch iſt es mir nicht leid, gelebt zu haben; denn ich habe ſo gelebt, daß ich glaube, nicht umſonſt geboren worden zu ſein; und ich ſcheide aus dem Leben, wie aus einem Gaſthauſe, nicht wie aus einem eigentlichen Wohnhauſe. Denn nach der Be⸗ ſtimmung der Natur ſollen wir hienieden nur eine Zeitlang einkehren, nicht aber eine bleibende Wohn⸗ ſtätte haben.— O des herrlichen Tages, wo ich aus dieſem Gewühle und Schlamme der Welt ſcheiden, und in jene göttliche Verſammlung und Geſellſchaft der Geiſter übergehen werde! Denn ich komme dann nicht allein zu den Männern, von denen ich oben geſprochen, ſondern auch zu meinem Cato, dem edel⸗ ſten Menſchen, dem zärtlichſten Sohne, zu ihm, deſſen Leichnam ich verbrannte; ein Dienſt, den freilich er dem meinigen hätte erweiſen ſollen. Doch ſein Geiſt, nicht entweichend, ſondern öfters nach mir ſich um⸗ ſehend, iſt gewiß in jene Gefilde gewandert, wohin, wie er wohl vorausſah, auch ich kommen werde. Wenn ich den Unfall ſeines Todes ſtandhaft zu er⸗ tragen ſchien, ſo geſchah dieß nicht ſo ganz mit eigentlicher Gelaſſenheit; ſondern ich tröſtete mich mit dem Glauben, daß dieſe Trennung und Schei⸗ dung nicht von langer Dauer ſein werde. „Durch ſolche Vorſtellungen, mein Scipid— denn dieß war es ja, worüber Du Dich mit Lälius zu wundern pflegteſt— wird mir mein Alter leicht und nicht nur nicht beſchwerlich, ſondern ſogar an⸗ genehm. Wenn ich auch in meinem Glauben an die Unſterblichkeit der Seele irre, ſo irre ich gerne und ich mag mir dieſen Irrthum, an dem ich Ver⸗ gnügen finde, nicht gewaltſam entreißen laſſen. Wenn nach dem Tode, wie einige unbedeutende Philoſophen glauben, mein Bewußtſein aufhört, ſo habe ich doch nicht zu befürchten, daß die Philoſo⸗ phen nach ihrem Tode dieſen meinen Irrthum ſpöt⸗ tiſch belächeln. Sind wir aber auch nicht unſterb⸗ lichen Weſens, ſo iſt es für den Menſchen doch wünſchenswerth, daß ſein Leben zu ſeiner Zeit auf⸗ höre. Denn die Natur hat, wie Allem, ſo auch dem Leben ſein Ziel geſetzt. Das Alter aber führt das Leben wie ein Schauſpiel zum Schluß. Wir müſſen es zu vermeiden ſuchen, daß dieſes Spiel ermüde, beſonders wenn wir ſatt ſind. „Dieß ſind meine Gedanken über das Greiſen⸗ alter, die ich Euch mittheilen konnte. Möchtet Ihr doch dieſes Alter erreichen, damit Ihr das, was Ihr aus meinem Munde vernommen, durch eigene Er⸗ fahrung beſtätigen könntet!“ Hier hielt die junge Leſerin einen Augenblick inne, fuhr aber dann fort: „Höre jetzt auch was ich aus Mare Aurels Ge⸗ danken über den Tod überſetzt habe: „Welche Größe der Seele, die bereit iſt den ib— Lälius leicht w an⸗ en an gerne Ver⸗ laſſen. utende rt, eſo hiloſo⸗ ſpöt⸗ nſterb⸗ doch it auf⸗ ch dem rt das müſſen müde, reiſen⸗ et Ihr as Ihr ne Er⸗ enblick ſt den 15 Körper jeden Augenblick, wenn es ſein muß; zu verlaſſen, um entweder zu erlöſchen und ſich zu zer⸗ ſtreuen, oder abgeſondert fortzubeſtehen; ich ſage Größe durch ihre eigenen Gedanken, nicht mit einem kindlichen Entzücken wie die Chriſten, ſondern mit Urtheil und Ernſt und ſo, daß ihre Gefühle in die Seele eines Andern übergehen können, ohne daß ꝙ man ſich zum Theaterhelden macht.“ „Was ſtirbt, verliert ſich nicht aus der Welt, ſondern bleibt zurück, um verwandelt und folglich in ſeine Elemente aufgelöst zu werden, welche ſo⸗ wohl der Welt als ihm ſelbſt angehören. Aber alle dieſe Elemente verändern ihre Geſtalt und mur⸗ ren nicht.“ „Vergeßt nicht, wie mancher Arzt geſtorben iſt, der ſeine Brauen gerunzelt und an den Betten ſei⸗ ner Patienten weiſe dreingeſchaut; wie mancher Sterndeuter, der zungenfertig Andern den Tod pro⸗ phezeit; wie mancher Philoſoph, der mit unendlicher Zuverſicht eine Unendlichkeit von Syſtemen über den Tod und die Unſterblichkeit bekannt gemacht; wie mancher namhafte Held, der eine Maſſe von Feinden getödtet; wie mancher Tyrann, der mit ſchrecklicher Grauſamkeit ſeine Macht über das Leben ſeiner Unterthanen mißbraucht hatte, als ob er ſelbſt für den Tod unzugänglich wäre; wie ſo zu ſagen ganze Städte geſtorben ſind, z. B. Helice, Pompeji, Herculanum und viele andere. Ach, man darf nie aus dem Auge verlieren, daß alle menſchlichen Dinge vergänglich und ohne Beſtand ſind. Geſtern war der Menſch bloß ein Keim; morgen wird er eine Mumie oder Aſche ſein. Wir müſſen alſo dieſem Augenblick unſerer Natur gemäß entgegengehen und uns unſerer Auflöſung mit mildem Sinne unter⸗ werfen, wie eine reife Olive, die in ihrem Fall die Erde, welche ſie getragen, zu ſegnen, und dem Baum, der ſie hervorgebracht, zu danken ſcheint.“ Wieder hielt das junge Mädchen an und ſagte jetzt mit einem fragenden Blick auf ihren Vater: „Meinſt Du nicht, Vater, daß wir damit die Gedanken der römiſchen Weiſen über den Tod ab⸗ ſchließen könnten?“ „Ja,“ antwortete Lector Severin Norrby,„und zugleich unſer Leſebuch von den römiſchen Proſaikern. Einen beſſern Schluß könnten wir ihm nicht geben. Deine Ueberſetzung iſt im Ganzen gut, mein Mäd⸗ chen.. Einige kleine Fehler werde ich Dir morgen nachweiſen. Wir können jetzt zu den Griechen über⸗ gehen und von unſern guten Freunden unter ihnen lernen, wie man leben und ſterben muß.. Weißt Du auch, Roſa, warum ich juſt heute Abend Dich erſucht habe, mir dieſe Gedanken über den Tod vor⸗ zuleſen?“ „Nein, mein Vater.“ „Weil Du an dieſem Abend oder vielmehr in dieſer Nacht geboren worden biſt, in dieſer Nacht vor ein und zwanzig Jahren, und weil Du morgen in ein neues Stadium Deines- Lebens eintreten wirſt. Du wirſt mündig werden, wirſt das geſetz⸗ liche Recht erhalten, über Dich ſelbſt und über das Vert klein bei bei eing verh erklä in L Forn mun eine ſagte Aust ſchei Wan Auge 1 „ich verge Lebe Freil würd teſt. verſt 8 Reich den Mäd ſein inge war eine eſem und nter⸗ l die um, ſagte die a⸗ „und kern. eben. Mäd⸗ orgen über⸗ hnen Weißt Dich vor⸗ in Nacht orgen treten geſetz⸗ das Vermögen zu verfügen, das Dir theils durch Deine kleine Erbſchaft, theils durch das, was ich für Dich bei Seite legen konnte, angehört. Ich habe deßhalb bei der Regierung und den Gerichten alle Geſuche eingereicht, die noch jetzt nöthig ſind, wenn ein un⸗ verheirathetes Mädchen in unſerm Lande mündig erklärt werden ſoll*). Alles iſt jetzt abgemacht und in Ordnung, und morgen nach Regelung einiger Formalitäten zwiſchen Dir und mir wird meine Vor⸗ mundſchaft über Dich aufhören, und Du biſt fortan eine wirkliche— Freifrau.“— Dieſes letztere Wort ſagte Lector Norrby mit einem halb ſcherzenden Ausdruck. „Mein Vater. ja, ich weiß es,“ ſagte Roſa ſcheinbar ruhig, aber eine höhere Farbe röthete ihre Wangen und ein feuchter Glanz leuchtete in ihren Augen. „Ja,“ fuhr der Vater mit innigem Ernſt fort, „ich habe nicht gewollt, daß Deine beſten Jahre nergehen ſollten, bevor Du das edelſte Gut des Lebens und der bürgerlichen Geſellſchaft, nämlich die Freiheit genießen und damit Deine volle Menſchen⸗ würde, Deine Pflicht und Dein Recht kennen lern⸗ teſt. Ein edles Loos, mein Kind, wenn es recht verſtanden wird, aber voll von Verantwortung. Ich *) Aber jetzt nicht mehr! Bei Eröffnung des letzten Reichstags von 1857 und 1858 ſchlug König Oscar den verſammelten Ständen vor, daß das ſchwediſche Mädchen mit fünfundzwanzig Jahren geſetzlich mündig ſein ſolle. Die Nachricht von der Zuſtimmung der Stüände iſt in dieſen Tagen nach Rom gelangt. 2 Bremer, Vater u. Tochter.„ 1 „————-——— 18 habe Dich durch Deine Erziehung vorbereiten wollen, Dein Recht zu verſtehen und zu gebrauchen, und ich bin Dir deßhalb oft ein ſtrenger Vater geweſen...“ „Nein, nein,“ fiel Roſa eifrig ein,„nicht ſtreng, ſondern ernſt, gerecht und gütig!“ „Ja ſtreng, mein Kind,“ wiederholte der Vater, „obſchon Du es nicht zugeſtehen willſt. Ich weiß dieß am beſten daher, weil es mich manchmal ſo ſchwer angekommen iſt. Aber ich ſah bei Dir ein mächtig ſchwellendes Leben von Gefühl, Begierde, Willen, und Du mußteſt Dich bezwingen oder dieſe unbezähmten Kräfte unter ein höheres Geſetz, einen höheren Willen ordnen lernen, wenn ſie Dich nicht unglücklich oder, was noch ſchlimmer iſt, verächtlich machen ſollten. Und dieß konnte nicht ohne Kampf und Schmerz geſchehen. Es war nothwendig zu Deinem Beſten, um Deiner Zukunft willen. Und darum mußte ich zuweilen ſtreng ſein. Aber ſage mir, mein Kind, haſt Du mich jemals unvernünftig oder ungerecht gefunden?“ „Nie, nie!“ rief das junge Mädchen mit Wärme, „auch in Deiner Strenge, in Deinem Ernſt erkannte ich Deine Liebe, verehrte ich Deinen Rechtsſinn, Deine Verehrung für das höchſte Gut. Und immer ſah ich ſpäter ein, daß Du zu meinem wahren Beſten gehandelt hatteſt.“ „Wenigſtens habe ich gewiſſenhaft darnach ge⸗ ſtrebt, dieſes Zeugniß kann ich mir geben,“ verſetzte Lector Norrby.„Ich habe nicht wie ſo mancher Vater in meiner Tochter, ſo lang ſie klein war, bloß eine Puppe, ein Spielzeug für mein Vergnügen, und nachdem ſie herangewachſen war, eine Dienerin für m Ich h erzoget betrach müſſe; dem A ſterben Deine und T hörte, mir d Lebens zu lebe dieſem Dir de innerer Kind, Lec werden hielt e begann durch ſ 15 an Ke tern be zeigte 1 ſah, da nicht g Dich n zu laſſ nach Le trügt. wollen, und ich eſen h ſtreng, er Vater, Ich weiß chmal ſo Dir ein Begierde, der dieſe etz, einen ich nicht erächtlich e Kampf endig zu n Und lber ſage ernünftig Wärme, erkannte echtsſinn, id immer en Beſten nach ge⸗ verſetzte mancher ar, bloß rgnügen, Dienerin 19 für mein Behagen oder für meine Eitelkeit erblickt. Ich habe Dich um Deiner ſelbſt willen geliebt und erzogen; ich habe Dich als ein koſtbares Anlehen betrachtet, das ich zu höhern Zwecken bewahren müſſe; ich habe das Göttliche in Dir verehrt! In dem Augenblick, wo ich Dich aus den Armen Deiner ſterbenden Mutter in den meinigen empfing, als ich Deine kaum geöffneten Augen das Licht ſuchen ſah und Dein kleines Herz unter meiner Hand klopfen hörte, da gelobte ich mir und Dir und— ihr, die mir damals entriſſen wurde und mit ihr meines Lebens Sonne, ich gelobte, ſage ich, für Dein Glück zu leben, Dich nach beſtem Wiſſen und Können zu dieſem Licht zu führen, das Du unbewußt ſuchteſt, Dir das Beſte zu geben, was das Leben mir an inneren oder äußeren Gütern verliehen hatte. Mein Kind, ich habe Wort gehalten.“ Lector Norrby's Stimme ſchien hier weich zu werden, wie wenn Rührung ihn übermannte. Er hielt ein; aber als er nach einem Augenblick wieder begann, geſchah es mit ſeiner gewöhnlichen feſten, durch ſeltenen Wohllaut ausgezeichneten Stimme. „Ich habe Dir das Beſte mitgetheilt, was ich an Kenntniſſen, an Wiſſen, ſo wie an zeitlichen Gü⸗ tern beſitze. Deine eigene lebhafte Luſt zu Studien zeigte mir den Weg, den ich einſchlagen mußte. Ich ſah, daß Du an dem gewöhnlichen Theil der Weiber nicht genug haben konnteſt, und ich verabſcheute es, Dich mit der matten, armſeligen Speiſe ernähren zu laſſen, womit man gewöhnlich ihr Verlangen nach Lebensfülle und Genuß ſättigt oder vielmehr be⸗ trügt. Ich gab Dir kräftige, aber geſunde Koſt, und zwar ſo, daß Du ſie Dir ſelbſt in vollem Maß zueignen konnteſt. Ich achtete die Seele, die in Dir iſt, und wollte, daß ſie ſich nach ihrer Art und zu ihrer vollen Kraft entwickeln ſollte. Ich habe viel von Dir gefordert, aber nicht mehr als Deine Natur und Deine angeborenen Gaben geſtatteten. Früh lehrte ich Dich die Sprachen und die beſte Weis⸗ heit der claſſiſchen Vorzeit, denn ſie haben mich ge⸗ ſtärkt und getröſtet, und ich bin der Anſicht, daß man ſie aller vollkommenen Erziehung zu Grund legen muß. Aber ich wollte nicht ein gelehrtes Weib aus Dir machen, ſondern ein ſeiner Natur und Be⸗ ſtimmung gemäß vollkommen harmoniſches Weſen. Deßhalb ließ ich Dich in allen weiblichen Arbeiten und Geſchäften unterrichten und ſelbſt Hand anlegen. Die Kenntniſſe, die ich Dir nicht ſelbſt mittheilen konnte, ließ ich Dir durch Andere beibringen, ſo weit Mittel und Gelegenheit es geſtatteten. Zur Bildung in den ſchöneren Künſten bietet unſere kleine Stadt und unſere Inſel allzu wenig Gelegenheiten, und Du haſt Deine muſikaliſchen Anlagen nicht ent⸗ wickeln können. Aber Du biſt noch jung, und wenn Du Dich einige Winter in Stockholm aufhältſt, ſo wirſt Du leicht nachholen können, was Dir noch fehlt.— Du wünſcheſt ja doch Deiner Tante Ein⸗ ladung auf dieſen Herbſt und Winter anzunehmen?“ „Ja, mein Vater.“ „Haſt Du Dir vollkommen klar gemacht, warum?“ „Ja, ich glaube es wenigſtens. Ich wünſche etwas mehr von der Welt und dem Leben zu ſehen und ſomit beſſer mit mir ſelbſt in's Klare zu kom⸗ men. Ich glaube, daß viel in mir iſt, was noch vermiſſ Sehnſu eine at tritt in jetzt ke Du bi und zu „D Erziehu 3ch ha Du jetz geleitet Dir di ich hal aber ki Ziel fli Du biſt jetzt me und in ich wer em Moß die in Art und c§ habe s Deine ſtatteten. te Weis⸗ mich ge⸗ cht, daß Grund es Weib und Be⸗ Weſen. Arbeiten anlegen. ittheilen hmen?“ arum?“ 21 ſchläft und gerne erwachen möchte. Ich möchte auf⸗ merkſamer werden, mich ſelbſt, das Leben immer klarer und beſtimmter erfaſſen; auch möchte ich gerne Muſik hören und lernen. Du haſt ja Richts dagegen, daß ich der Einladung meiner Tante Folge leiſte, Vater? Sonſt würde ich...“ „Sprich nicht davon,“ fiel der Vater ein.„Na⸗ türlich werde ich Dich als meine Spiel⸗ und Studircamerädin ſeit mehr als zwanzig Jahren vermiſſen. Aber es wäre Eigennutz, wenn ich meine Sehnſucht bei dieſer Frage zur Geltung kommen ließe. Dein Wunſch iſt billig, mein Mädchen, und ich bin damit einverſtanden. Ich hätte Dir ein anderes Haus als das der Baronin Norrby und eine andere Perſon als ſie für Deinen erſten Ein⸗ tritt in die Welt wünſchen können; aber wir haben jetzt keine Gelegenheit eine Wahl zu treffen, und Du biſt überdieß nicht im Stande ſelbſt zu prüfen und zu urtheilen. „Du biſt jetzt fertig, mein Mädchen, ſo weit die Erziehung Deines Vaters Dich fertig machen kann. Ich habe den Grund gelegt, aber auf dieſem mußt Du jetzt ſelbſt weiter bauen. Ich habe Dich bisher geleitet, fortan mußt Du Dich ſelbſt leiten; ich habe Dir die Art und Weiſe ſo wie den Weg angezeigt, ich habe Dich gelehrt Deine Flügel zu gebrauchen, aber künftig mußt Du aus eigener Kraft nach dem Ziel fliegen lernen, das Dein Genius Dir anweist. Du biſt meine liebſte Arbeit geweſen, Du biſt bis jetzt mein beſtes Werk. Aber Du mußt es ſelbſt und in Freiheit vollenden. Du biſt jetzt frei und ich werde Dir fortan nur noch ein berathender Freund ſein; Du biſt fortan nur noch vor dem Richter⸗ ſtuhl Deines Gewiſſens und vor demjenigen ver⸗ antwortlich, der es Dir gegeben hat, und deſſen Stimme darin mit dem Recht ewiger Geſetze ſpricht. Höre allzeit auf dieſe Stimme, mein Kind, auch wenn ſie leiſe ſpricht, und höre auf die Worte der Weiſen, die wir heute Abend vernahmen, ſtelle Dich beim Gedanken an den Tod auf die Seite der gro⸗ ßen Todten, und Du wirſt Dich nicht leicht verirren unter die Irrlichter der Welt, wirſt Dich nicht leicht über den rechten Weg täuſchen. „Noch ein Wort; Du biſt von der Natur auch körperlich gut ausgeſtattet worden, mein Kind, und dieſe Naturgaben habe ich gepflegt und zu entwickeln geſucht; ich wollte, daß Du Gefallen an Deinem Daſein haben und auch Andern gefallen ſollteſt. Dieß war meine Vaterpflicht. Es iſt mir gelungen. Aber ich achte es nur dann für ein Glück, wenn Du dieſe Anmuth auf edle Weiſe anwendeſt, denn ſonſt würde ſie mehr ſchaden als nützen. Laß auch dieſe äußern Gaben Dir heilig ſein, meine Tochter. Loß auch Deinen Körper Dir gleichſam einen Tempel ſein, welchen Du nicht durch niedrige Lüſte oder Begier⸗ den entheiligen darfſt. Laß Deine weibliche und wohl⸗ erlaubte Neigung zu gefallen nicht in Gefallſucht aus⸗ arten, welche die erbärmlichſte Krankheit einer Men⸗ ſchenſeele iſt. Und wenn je die Welt oder Deine eigene Schwäche Dich dazu verlockt, dann, mein Kind, denke an das, was wir heute Abend, den letzten Abend Deiner Unmündigkeit, im väterlichen Hauſe mit einander geſprochen haben. „Es beginnt jetzt ſpät zu werden, und Du mußt Haupt i und mit aufſchäu Vater! ihnen. „All jetzt ein zänkiſche Roſa, w mir nie iſt? Da Richter⸗ en ver⸗ d deſſen ſpricht. d, auch orte der elle Dich der gro⸗ verirren cht leicht tur auch ind, und ntwickeln Deinem ſollteſt. elungen. venn Du enn ſonſt uch dieſe er. Loß pel ſein, Begier⸗ nd wohl⸗ r Deine in Kind, letzten n Hauſe u mußt 23 Dich zur Ruhe begeben, denn morgen mußt Du früh aufſtehen. Morgen am Johannistag, Deinem Geburtstag, welchen wir in den Hainen auf Deinem kleinen Erbgut feiern wollen, wird Dich Tante Car⸗ lander nicht lange ſchlafen laſſen, und darum jetzt gute Nacht, mein Röschen!“ Roſa trat zu ihrem Vater, er öffnete ihr ſeine Arme und ſchloß ſie ſtill an ſeine Bruſt. Seit ihrer Kindheit war ſie gewohnt, jeden Abend von ihrem Vater eine Umarmung zu erhalten, wenn er nicht mit ihr unzufrieden war. Dieß war auch beinahe die einzige Liebkoſung, welche ſie, ſeit ſie aus den Kinderjahren getreten, je von ihm empfangen hatte. Wie gewöhnlich ruhte ihr Kopf eine Weile ſtill an ſeiner Bruſt, bevor er ſie gehen ließ, aber an dieſem Abend ging ſie nicht wie gewöhnlich, und obſchon ſie ſich ſcheute ihren Gefühlen vor ihrem Vater Luft zu ſchaffen, ſo waren dieſelben doch jetzt allzu mächtig. Sie ſchlang ihre Arme um des Vaters Hals und drückte ihn in unſäglich dankbarer Liebe an ſich. Und er, er umſchloß ſie von Neuem und neigte ſein Haupt über das ihrige, das an ſeiner Bruſt ruhte und mit thränenvollen, ſtrahlenden Blicken zu ihm aufſchäute, und die Worte Vater! Tochter! Tochter! Vater! ertönten wie leiſe Himmelsklänge zwiſchen ihnen. „Alles das iſt ganz gut und ſchön,“ hörte man jetzt eine nicht unfreundliche, aber gleichwohl etwas zänkiſche Stimme unter der Thüre ſagen.„Aber, Roſa, wirſt Du denn jetzt nie mehr bei mir ſein, und mir nie mehr an die Hand gehen, wenn es nöthig iſt? Da ſtehe ich jetzt ganz allein in der Küche und 5 P —8— — ———————— warte ſchon eine volle Stunde auf ſie, daß ſie mir helfen ſoll, damit wir das Brod auf morgen backen können. Der Teig ſteht da und kommt in Gährung.“ So ſprach eine kleine Alte, rund und dick, wäh⸗ rend ſie, die Arme über ihrem hervorſtehenden Bauch gekreuzt, unter der Thüre ſtand. „Ach, verzeih, liebe Tante! ich vergaß; aber ich komme jetzt,“ rief Roſa, und indem ſie ſchnell mit der Hand die Thränen abwiſchte, die an ihren Wim⸗ pern hingen, folgte ſie heiter der Probſtin Carlan⸗ der in die Küche. Feſtzubereitungen. „Petterſon!“ „Frau Probſtin!“ „Petterſon! Hört! Setzet Arme und Beine in Bewegung, denn jetzt hat es gewaltige Eile. Rufet die Mädchen, daß ſie herkommen und mir den Eß⸗ korb einpacken helfen!— Jaget Miſſe fort!— und rufet die kleine Jahanna, daß ſie.. Nun, was iſt es denn? iſt ſie krank? was hat ſie? Magenweh! Nun, dann ſoll ſie meine Hauptkur für den Magen bekommen, ein paar Löffel voll Bittern, dann wird es ihr bald wieder gut werden. Ihr braucht deßhalb nicht ſo ſchwermüthig dreinzuſchauen, Pettet⸗ ſon, ſondern—— Dora und Cora! Wo ſeid Ihr denn, Ihr Siebenſchläferinnen! Noch nicht angezogen? Ei, ſo tummelt Euch doch, ſonſt bekommt Ihr auch von dem Bittern. Du brauchſt jetzt gar nicht zu lach Kleider Petterſ ſie ſoll mitbrir bringt ſeht zu ſie nich Gebt man ſe Siehe, aus m Bitter gib de davon ſo wir Katze! Pferde Arznei daß d ſtehen. Und Ihr n her. ſchreit arme tumm her 1 Gebt Ihr, S Carla ßährung.“ dick, wäh⸗ den Bauch aber ich n Carlan⸗ Beine in ile. Rufet ir den Eß⸗ t!— und Nun, was Ragenweh! e Maen ern, dann hr braucht en, Petter⸗ o ſeid Ihr angezogen? t Ihr auch gar nicht 25 zu lachen, Dora, ſondern ſchlüpf nur flink in Deine Kleider und tummle Dich, daß Du kommſt. Springt, Petterſon, ruft mir Fräulein Roſa her und ſagt ihr, ſie ſolle aus meiner Apotheke die Flaſche Bittern mitbringen, ſie weiß ſchon. Und hört, Petterſon, bringt mir raſch den Flaſchenkorb in Ordnung und ſeht zu, daß die Flaſchen wohl gekorkt ſind, damit ſie nicht unterwegs aufſpringen und Spektakel machen. Gebt Miſſe eins! Still, Minette! ſie ſchreit, daß man ſein eigenes Wort nicht hört! Ach, dieſe Thiere! Siehe, da kommt Roſa! Roſa, mein Püppchen, hol aus meiner Apothek die zugepropfte Flaſche mit dem Bittern, Du weißt ja, das gute Kümmeldecoct, dann gib der kleinen Johanna einen tüchtigen Eßlöffel davon und laß ſie auch den Magen damit einreiben, ſo wird es ihr bald wieder gut werden.— Fort, Katze! pack dich! und Petterſon, ſchaut zu, ob die Pferde gehörig beſchlagen ſind— hatte Polle meine Arznei gegen den Kopf erhalten? Gut, ſorgt jetzt, daß die Pferde und die Wurſt präcis acht Uhr parat ſtehen. Der Lector will, daß man präcis ſein ſoll. Und Petterſon, nehmt meinen Johann, den Mantel, Ihr wißt ja, bürſtet ihn aus und bringt ihn dann her. Jetzt gebt dem Papagai Zwieback, denn er ſchreit ja ganz mörderiſch: Frühſtück! Frühſtück! das arme Thierchen iſt gewiß recht hungrig. Und nun tummelt Euch, Petterſon, und kommt bald wieder her und helft die Körbe in die Wurſt hinabtragen. Gebt dem Moppe eins, jaget Miſſe fort!— hört Ihr, Petterſon!“ So ſprach und commandirte die Probſtin Karin Carlander am frühen Morgen des Johannistags, —— zu feſtlicher Begehung ſie die Vorbereitungen traf. „Ja, ja, ich höre, ich höre ja,“ brummte Petter⸗ ſon, während er ging,„aber man müßte ein Genie ſein, um Alles zugleich thun und ausrüſten zu kön⸗ nen, was die Probſtin verlangt. Denn ſie iſt ein wahres Originalgenie, und das müßte man auch ſein, um ihr Alles recht zu machen, man müßte ein wahres Alles in Allem ſein.“ „Munter, munter!“ rief die Probſtin Carlander, „kommt Ihr doch endlich, Mädchen! Ihr ſolltet Euch ſchämen ſo lange zu ſchlafen, während Roſa, die am Abend lang mit ihrem Vater aufbleibt, immer ganz früh auf den Beinen iſt. Leget jetzt die Fleiſchſachen unten in den großen Korb und das Hausbrod und das Mürbe oben drauf. Ach, wenn ich nur auch ſo eſſen könnte, wie Ihr Kinder! Aber der Malakoff fängt an zu wackeln, und auf Sebaſtopol kann ich mich nicht mehr verlaſſen—“ die Probſtin hatte ein paar Backenzähne, dieſe Feſtungen des Mundes, ſo genannt —„und ſo muß ich mich an das weiche Brod hal⸗ ten. Schnell bring mir die großen Brodkuchen her, Cora! Jage Miſſe fort! Ach, da kommt ja Roſa! Nun, mein Engel, wie ſteht's mit Johanna? Beſſer! Ja, ich dachte mir's wohl. Mein Decoct hilft bei⸗ nahe immer ſogleich. Es iſt merkwürdig. Gib mir die Flaſche her, denn ich nehme ſie immer mit auf Reiſen. Mein Bitterer iſt ſowohl zum innern als zum äußern Gebrauch gut. Sind die Brodkuchen jetzt hineingelegt? und Caffee und Zucker und Salz und.. Wir müſſen uns wohl in Acht nehmen, liebe Kinder, daß wir Nichts vergeſſen, denn Roſa regalirt außern „Ei und Br gerichte e erwider Deines und die wir her einer ſo Milchſp Bringt Wenn hätte, flink vo weg, ut fen! Un Katze u verneh aufgere Theiln Töpfen die Pi mel ſa nung dieſe Buch von de⸗ n wahres blltet Euch „die am mer ganz eiſchſachen brod und nur auch Malakoff m ich mich ein paar genannt Brod hal⸗ uchen her, ja Roſa! Beſſer! Gib mir r mit auf nnern als rodkuchen und Salz t nehmen, enn Roſa Farlander, 27 regalirt uns ſicherlich mit Nichts auf ihrem Heſtervi, außer mit friſcher Luft und mit Blumen.“ „Ei, Tante, ich habe auch Milch und Rahm und Butter und Eier, kurz die allerleckerſten Hirten⸗ n⸗ gerichte dort,“ rief Roſa. „Ich danke ſchön, aber ich bin keine Hirtin,“ erwiderte die Probſtin.„Das mag für Dich und Deinesgleichen paſſen, mein Püppchen. Aber ich und die Männermagen und die Kindermagen, deren wir heute verſchiedene zu verſorgen haben, bedürfen einer ſolideren Koſt. Wir können nicht wie Du von Milchſpeiſen, von Luft und Latein leben, mein Kind. Bringt jetzt die Töpfe dort her und dieſe Säcke da Wenn ich jetzt noch einige Paar Arme und Hände hätte, um zu arbeiten, ſo würde Alles luſtig und flink von Statten gehen. Jaget doch die Thiere da weg, und da ſteht Ihr jetzt und hindert, ſtatt zu hel⸗ fen! Packt Euch fort mit Eurem Untereinander!“ Untereinander hießen eine graue und eine ſchwarze Katze und ein weiß gefleckter Hund, die im beſten Ein⸗ vernehmen im Hauſe aufgewachſen waren und jetzt, aufgeregt durch die Zurüſtungen des Tages, ihre Theilnahme durch allerlei Luftſprünge unter den Töpfen und Päcken herum bewieſen, in deren Mitte die Probſtin wie eine Regentin auf einem Sche⸗ mel ſaß. Ein bleicher Jüngling ſaß in einiger Entfer⸗ nung an einem Fenſter in dem großen Saal, wo dieſe Zurüſtungen vor ſich gingen. Er hatte ein Buch vor ſich, aber ſeine Blicke ſchweiften beſtändig von demſelben ab und nach dem geſchäftigen Trei⸗ ———— —,—————— ben vorn im Zimmer, wie wenn er gerne mitge⸗ halten hätte. Roſa's Augen begegneten den ſeinigen, und bald war ſie an der Seite des Jünglings, ſchlang ihren Arm um ſeinen Hals und flüſterte ihm in's Ohr: „Leg' Dein Buch weg, Allgott, und komm und hilf uns doch!“ „Ich möchte gern,“ antwortete Allgott,„aber mein Penſum... und das Eramen in der nächſten Woche und—— der Vater!“ „Ei was!“ verſetzte Roſa,„heute iſt mein Ge⸗ burtstag, und da darf mir Niemand Etwas ab⸗ ſchlagen. Mach Dir keinen Kummer, Allgott! Ich will morgen und übermorgen mit Dir arbeiten und Dir helfen, daß Du ganz gut zum Examen fertig wirſt. Komm, lieber Bruder,“ fügte ſie hinzu, in⸗ dem ſie mit freundlicher Gewalt ihren Arm in den ſeinigen ſchob und ihn vom Fenſter wegzog,„komm, Tante Carlander bedarf Deiner Hilfe. Sieh da, Tante Karin, ich habe neue Arbeitsmannſchaft an⸗ geworben, und jetzt wird es aus der Hand gehen. Denn Allgott iſt ſtark und verſteht ſich gut auf's Packen. Jetzt wird es ſich raſch machen.“ Und nun ſtimmte Roſa ein munteres Verschen an, und die Arbeit ging unter den Befehlen der Probſtin flink von Statten. Roſa hatte bei Allem und für Alle ein freundliches Wort, und ſo ging Alles luſtig und leicht, obſchon Miſſe und Moppe ihnen jeden Augenblick in die Kreuz und Quer kamen. Jetzt erſchien im Saale Das, was man im Hauſe das Corps oder manchmal auch das Pack nannt ſchen lande: armur Herzke dergle und„ die ge Morg Körbe wurſt, die H weit Johan Richti „aber nächſten ein Ge⸗ vas ab⸗ tt! Ich ten und n fertig nzu, in⸗ in den „komm, ie da, chaft an⸗ d gehen. ut auf's Verschen en der i Allem ſo ging Moppe d Quer man im 29 nannte, nämlich eine Reihe von vier Jungen zwi⸗ ſchen zwölf und ſieben Jahren, der Probſtin Car⸗ lander hoffnungsvolle Söhne, die von ihr mit Um⸗ armungen und verſchiedenen Schmeichelnamen, als: Herzkäfer, Schlingel, Goldjunge, Rauſchebauſche und dergleichen begrüßt wurden, während ihre Köpfe und Hände, ihre Hemdkragen, Weſten und ſo fort die genaueſte Beſichtigung durchmachen mußten. Die letzte Scene von den Zurüſtungen des Morgens war die Einpreſſung der Jungen, der Körbe, der Töpfe und Päcke in die große Familien⸗ wurſt, was kein leichtes Geſchäft war, und ſodann die Hineinſchiebung der Probſtin ſelbſt, die noch weit ſchwerer hielt. Denn, umgürtet mit ihrem Johann, ſchwang ſie ihn und ſich ſelbſt nach allen Richtungen hin, bis ſie die Füße und Beine der Jungen ſo wie die Töpfe und Körbe an den rech⸗ ten Platz brachte, eine Arbeit, bei welcher ſie ſelbſt jeden Augenblick von ihrem eigenen Platz auffuhr und nur mit großer Mühe wieder zur Ruhe kam. Und wäre nicht Petterſon und ſein Genie zur— Hand geweſen—— aber jetzt waren ſie da und ſo kam Alles zuletzt in Ordnung, Körbe, Jungen und Probſtin, ſo daß wenigſtens dieſe letztere warm und athemlos ſich, ſo zu ſagen, nur um ſich ſelbſt drehte, ihren Johann öffnend und feſt um ſich wickelnd, die Handſchuhe aus⸗ und anziehend, die Hutbänder auf⸗ und zuknüpfend, das Oberſte zu Unterſt wühlend in einem großen ſchweren Beutel, den ſie auf ihrem Schooß hielt, und in welchen ſie allerlei kleine gute Sachen geſtopft hatte, die ſonſt nirgends Platz gefunden. Als der Tumult in der Wurſt vorüber war, kam der Lector mit Sohn und Tochter und nahm in der ſchönſten Ruhe Platz, während er freundlich ſcherzend zu der beweglichen Probſtin ſagte:„Jetzt wollen wir ruhig ſein.“ Zugleich legte er die Hand an ihren Arm, ſo daß ſie nicht wieder aufſtehen konnte. „Ja ja, ſo ſo,“ ſagte die Probſlin, gutmüthig lächelnd und ſchnell beruhigt wie durch eine magne⸗ tiſche Kraft. Der Lector ſetzte ſich auf den Vorderſitz, um ſelbſt zu kutſchiren. Roſa ſaß neben ihrem Vater, Allgott mit dem Jüngſten vom Corps auf dem Schooße neben der Probſtin. Petterſon und die kleine Johanna, die jetzt durch den Bittern der Probſtin vollkommen curirt war, ſaßen auf dem Hinterſitz und überwachten die Proviantſäcke. Und ſo rollte die Familienwurſt in der friſchen Morgen⸗ luft durch Wisbys öſtliches Stadtthor über thauige Wieſen nach den Hainen von Oeſtervi auf Gott⸗ lands öſtlicher Küſte. Die Haine ſäuſeln. Sie ſäuſeln im Winde des Hochſommers, die ſchönen Haine, welche das Auge der Oſtſee (Gottland) ſchmücken, wie keinen andern Fleck auf Erden: In ſeln ſie in unve die dur (Drchide wie auc auf eine hätte m Hirtinne Eſchen: und ſchr gen Gr: Stübche Tauſend lichen j Hochſom dunkeln worden, zej 31 Ahorn, Ulm und Linde Säuſeln ſtill im Winde, Neigen ſich im Winde. In Blumenſträußen und buſchigen Gruppen ſäu⸗ fſtehen ſeln ſie über die Wieſen, die in der Hochſommerzeit in unvergleichlicher Blüthenpracht glänzen, Wieſen, müthig die durch ihre ſeltenen Blumenarten berühmt ſind magne⸗(Orchideen und verſchiedene Arten von Gynandern), wie auch durch ihr feines, ſaftiges, duftendes Gras tz, um auf einem Boden, der ſo glatt und geputzt iſt, als Vater, hätte man ihn zu einem Tanzſaal für Hirten und uf dem hergerichtet. Ahorn⸗ und Sperberbäume, nd die Eſchen und Ulmen, Eichen und Linden, Haſelſ ſtauden rn der und ſchwarze Vogelkirſchbäume ſtehen da in buſchi⸗ uf dem gen Gruppen, bald weite Säle, bald ſchattenreiche Und Stübchen bildend, auf der blühenden Wieſe, und Rorgen⸗ Tauſende von Staaren ſingen mit einem eigenthüm⸗ thauige lichen jubelnden Gezwitſcher auf den Bäumen im f Gott⸗ Hochſommer. Denn die junge Brut, die in den dunkeln Alcoven der Baumſtämme herangezogen worden, ſoll jetzt hinaus und ihre Flügel auf eigene Fauſt verſuchen und ſich auf die Zweige ſetzen, oder von Aſt zu Aſt flattern und die Luft mit ihrem Jubel erfüllen. So ſäuſelten, ſo ſangen die Haine auf Oeſtervi an dieſem Hochſommermorgen in ſo tiefer Einſam⸗ keit und Friedſeligkeit, wie Edens Haine vor Er⸗ s, die ſchaffung des Menſchen. Denn man erblickt da keine B ſee Spur von Menſchenhand. eck u Aber es kommt Jemand langſam den Fußpfad heraufgegangen, der durch das blumenreiche Gras in ein Thal hinab und von da eine baumbewachſene Anhöhe hinauf führt, fortwährend durch Haine. Es iſt ein junges Mädchen, das herankommt; ihr Kleid iſt weiß, und obſchon ihre Wangen wie von einer innern tiefen Bewegung blaß ſcheinen, ſo ſtrahlen doch ihre Augen von bewundernder Freude, während ſie um ſich ſchauen in den Sälen der Haine, die ſich bald öffnen, bald wie zur Umarmung um ſie her ſchließen, auf die Bäume, die im Morgenwind ſäu⸗ ſelnd wie zum Gruß ihre Wipfel über ſie neigen, auf das Gras und die Blumen, die glänzen und duften, indeß die Sonne ihren Thau wegküßt, auf die Vögel, die ihre Jungen fliegen lehren und ihnen voran ſelbſt von Zweig zu Zweig, von Baum zu Baum flattern; ſie ſcheint zu belauſchen, was die Zungen der Natur von der Güte des Schöpfers ſagen, und ihre Lippen flüſtern Worte der Lob⸗ preiſung. Jetzt beginnt der Pfad aufwärts zu gehen, und ihr Gang wird immer haſtiger, ihre Wangen färben ſich höher, während ſie den Hügel hinan⸗ eilt, der das Thal ſchließt und ſeine Ausſicht be⸗ grenzt. Oben angelangt bleibt ſie ſtehen. Ein Freuden⸗ ſchrei zittert melodiſch durch die Luft, und das junge Mädchen breitet die Arme aus, als wollte ſie die Welt umfangen. Denn das Meer iſt es was ſie ſieht, das große, freie, blauende Meer, das die Erde, die ſchöne, blühende Erde im Halbkreis umſchließt. Es leuchtet und ſchimmert im Licht der Morgen⸗ ſonne, und weiße Segel fliegen darüber hin zwiſchen dem weiten Horizont und dem Strand unter den Füßen des jungen Mädchens, wo die Wogen brauſend ſich brec Haine dort ein gen, Al Land, d paradie ſo reiſe auf der liche Bi bis zu bis zu Friſche mel ſtr daraus junges wird ſi und A hoben, in ihre einem e Die es rich einen g Ausſich Haine Abe ihre Ar wollten ſich wie Töne ſt Lippen hinabſer Brem Baum as die gehen, zangen hinan⸗ cht be⸗ euden⸗ junge ie die orgen⸗ iſchen r den uſend 33 ſich brechen. Und am Strand entlang ſind wieder Haine und Wieſen, worauf Vieh waidet, da und dort eine Klippe, einige freundliche Menſchenwohnun— gen, Alles friedlich und niedlich, denn ſchön iſt das Land, das wir das Auge der Oſtſee nennen, ja paradieſiſch ſchön. Und glaubſt Du mir's nicht, ſo reiſe ſelbſt hin und ſchau. Das junge Mädchen auf der Anhöhe ſucht in ihrer Seele das ganze herr⸗ liche Bild zu erfaſſen, vom grenzenloſen Meer an bis zu den idylliſchen Gemälden unter ihren Füßen, bis zu den Blumen und Bäumen, die ſie umgeben. Friſche Seewinde umkoſen ſie, der lichterfüllte Him⸗ mel ſtrahlt über ihr; ihre eigene Zukunft ſpricht daraus zu ihr, es iſt beinahe zu viel, als daß ein junges Menſchenherz es beherbergen könnte. Auch wird ſie davon überwältigt, und nachdem ſie Hände und Augen in ſtummem Dank zum Himmel er⸗ hoben, ſinkt ſie auf die Kniee und neigt das Haupt in ihre Hände in einem Gebet ohne Worte, außer einem einzigen, und dieſes lautet:„Vater! Vater!“ Dieſes Wort ruft eine neue Eingebung hervor: es richtet ſie auf, und nachdem ſie noch einmal einen großen, umfaſſenden Blick auf die herrliche Ausſicht vor ihr geheftet, wendet ſie ſich gegen die Haine im Thal zurück. Aber ihr Gang gleicht jetzt mehr einem Flug, ihre Arme heben ſich über den Körper empor, als wollten ſie zu Flügeln werden, ihre Wangen färben ſich wie von Flammen der Morgenröthe, melodiſche Töne ſtrömen über ihre lächelnden, halb geöffneten Lippen, und da, wo die Baumzweige ſich zu ihr hinabſenken, drückt ſie dieſelben an Stirne und Bremer, Vater u. Tochter. 3 Bruſt und flüſtert:„Freiheit! Freiheit!“ Und wenn die Vögel ihre Flügel über ihrem Haupte ausbrei⸗ ten, ſingt ſie jubelnd mit ihnen:„Freiheit! Frei⸗ heit!“ Die Haine ſäuſeln: Ahorn, Ulm und Linde Säuſeln ſtill im Winde, Neigen ſich im Winde. Ihre jungen Blätter klatſchen in die Hände über das junge Menſchenweſen, das leicht wie eine Hreade auf beſchwingten Füßen durch die Haine ſchwebt, da und dort wie im Tanz die Stämme der Bäume umfaſſend, deren Zweige ihr Haupt umſäuſeln. So ſchwebt ſie aus der Umarmung der Bäume, aus dem Schooß der Haine hervor und auf eine Wohnung zu, die lange von den Bäumen verborgen wird, endlich aber auf einer Terraſſe ein kleines Stück außerhalb der Haine zum Vorſchein kommt. Durch offene Thüren ſieht man in einem geräumigen Saal einen großen Frühſtückstiſch gedeckt und um denſelben eine Gruppe von älteren und jüngeren Menſchen, die Alle auf die Wandererin aus den Hainen zu warten ſcheinen, denn Alle ſehen ihr entgegen und Alle gehen ihr entgegen, als ſie kommt, und Alle haben Blumenſträuße in den Hän⸗ den und Alle rufen jubelnd:„Roſa! Roſa!“ Und Roſa iſt jetzt unter ihnen wie der Weſt⸗ wind unter den Blumen; ſie umarmt und küßt Alle in einer Art von Freuden⸗ und Liebesrauſch in ein ausſp 3 ſeiner Vogel pocher ſtarke, Vater U in die gedrü wurfs biſt?“ C MN recht armte wenn 8 Hände Haine tämme Haupt Bäume, uf eine erborgen kleines kommt. äumigen und um jüngeren aus den hen ihr als ſie en Hän⸗ er Weſt⸗ nd küßt esrauſch ie eine in einer Art von Vorgefühl einer Zukunft voll un⸗ ausſprechlicher Fülle und Lebensluſt. Zuletzt kommt ſie zu ihrem Vater, aber hier an ſeiner Bruſt wird ſie ſtille, ſtille wie der junge Vogel unter den Flügeln der Alten, und drückt ihr pochendes Herz, ihre brennende Wange an ſeine ſtarke, ruhige Bruſt, indem ſie bloß flüſtert:„Vater! Vater!—— Ich bin glücklich.“ Und der Vater hält ſie ſtille in ſeine Arme, in die großen Vaterarme wie früher ſo manchmal gedrückt, ſagt aber doch mit einer Art ſanften Vor⸗ wurfs: „Biſt Du ſo glücklich, daß Du von mir frei biſt?“ „Ja,“ antwortete Roſa,„denn erſt jetzt kann ich recht die Deinige werden!“ Und ſie küßte und um⸗ armte ihn feurig, wie nie zuvor. Wir bitten die Probſtin Carlander tauſendmal um Verzeihung, daß wir von dem trefflichen Caffee⸗ frühſtück, bei welchem ſie als eine ächte Hausfrau den Vorſitz führte, nichts Anderes ſagen, als daß es ausgezeichnet war und Allen köſtlich mundete. Ebenſo bitten wir die geſetzeskundigen Herren um Entſchuldigung, wenn wir von den wichtigen Verhandlungen des Tages, wie nämlich Lector Norrby ſeine Vormundſchaft an ſeine Tochter ab⸗ trat, und wie dieſe ihre geſetzliche Mündigkeit an⸗ trat, weiter Nichts ſagen, als daß Allés nach Ge⸗ ſetz und Recht und zur allgemeinen Befriödigung, beſonders des Vaters und der Tochter, von Statten ging, denn es zeigte ſich jetzt, wie wohl er ihr klei⸗ nes Gut— das Geſchenk einer Pathin— verwal⸗ tet, wie auch ihr Capital theilweiſe durch Zuſchüſſe aus eigenen Mitteln vergrößert hatte, ſo daß Roſa jetzt ein Vermögen beſaß, das für ein unabhängiges, wiewohl anſpruchsloſes Leben ausreichte. Und das erfreute des edlen Vaters Herz und gab der Tochter allerlei fröhliche Gedanken und Pläne ein. Vom Mittagsmahl ſagen wir bloß, daß es der Probſtin viele Mühe, aber auch viele Ehre machte(daſſelbe gilt von Petterſon und ſeinem Genie, das jetzt mancherlei Dienſte leiſten mußte), daß einige Herren aus der Stadt dazu geladen waren und zur allge⸗ meinen Munterkeit beitrugen, daß Geſundheiten ge⸗ trunken, Lieder geſungen wurden nach alter, ſchwe⸗ Sitte, auf welche Lector Norrby große Stücke ielt. Der Nachmittagscaffee wurde auf der Wieſe unter der großen Eiche am Eingang zu den Hai⸗ nen getrunken, und Roſa ſpielte und tanzte da⸗ ſelbſt den ganzen Mittag mit ihren kleinen Vettern und einigen Freunden von ihnen, denn Roſa und auch ihr Bruder waren große Kinderfreunde. Und jetzt laſſen wir das Corps ſammt ſeinen Hilfstruppen ein reichliches Abendbrod einnehmen und die Prob⸗ ſtin Carlander nebſt Petterſon die übrig gebliebenen Vorräthe ſammeln und einpacken, wir ſelbſt aber wollen Roſa und ihrem Vater folgen, die im Frie⸗ den des Abends Arm in Arm durch die jetzt ſtillen Haine die Anhöhe hinauf wandeln, wo das Mädchen am Morgen das Meer und das neue Leben begrüßt hat, das ſich ihr mit dieſem Tage er⸗ öffnet. Jetzt iſt die Ruhe des Abends uͤber ihr Gemüth gekom gleichf H als at Unter mit u Le Morg zunehr nicht ſpricht 6 W könnte der G Gottl thum ſchicht noch zu de frühe her u einhe hier entſch unſer falſch Krieg das: traget hob, derte. dem uſchüſſe ß Roſa ngiges, nd das Tochter Vom Probſtin daſſelbe s jetzt Herren allge⸗ iten ge⸗ ſchwe⸗ Stücke Wieſe n Hai⸗ zte da⸗ Vettern ſa und Und truppen e Prob⸗ iebenen ſſt aber n Frie⸗ ſtillen o das e Leben ge er⸗ Hemüth gekommen, und ſtill ſchreitet ſie an der Seite des gleichfalls ſtillen Vaters einher. Oben auf der Höhe iſt es vielleicht noch ſchöner als am Morgen, denn die Sonne, die ſich zu ihrem Untergang neigt, färbt den Horizont und das Meer mit unbeſchreiblicher Pracht. Lector Norrby ſcheint, wie ſeine Tochter am Morgen, das herrliche Gemälde in ſeine Seele auf⸗ zunehmen, aber mit andern Gefühlen als ſie, und nicht ohne einen bittern Zug auf ſeinen Lippen ſpricht er: „Wie ſchön doch dieſe Erde iſt, wie gut ſie ſein könnte, wenn die Menſchen beſſer wären, würdiger der Erde, die ſie bebauen und bewohnen! Dieſes Gottland, das durch ſeine Lage, durch den Reich⸗ thum ſeines Bodens ſo begünſtigt, durch ſeine ge⸗ ſchichtlichen Erinnerungen ſo merkwürdig iſt, könnte ſich noch jetzt— wenn auch auf eine andere Weiſe— zu dem Mittelpunkt des Volkslebens erheben, der es früher war. Da kam man aus fernen Landen hie⸗ her und tauſchte materielle Schätze aus und ſammelte einheimiſches Gold; und mancherlei Völker bauten hier ihre Kirchen, deren Ruinen jetzt allein von der entſchwundenen Größe zeugen und beweiſen, was unſer Wisby einſt geweſen. Aber da kam auch der falſche Stolz, der Uebermuth und darauf die Strafe: Krieg, Verwüſtung und Tod. Das heilige Feuer, das nach der alten Sage auf die Inſel hinausge⸗ tragen wurde und dieſelbe hoch über das Waſſer empor⸗ hob, erloſch oder verbarg ſich im Schutte der Jahrhun⸗ derte. Nur ſelten erhob ſich ein Patriot, welcher dem ſchlummernden Funken neues Leben einzublaſen ————— ———— ——— —— 38 ſuchte. Unſeres Stammvaters Severin Norrby's mäch⸗ tiger Geiſt ſcheint hier bloß in dem Sturme zu gehen, der unſere Wälder erſchüttert und die Haine er⸗ brauſen macht. Aber die Menſchen hören nicht auf Geiſterſtimmen. Sie ſind nur auf ihre kleinen irdi⸗ ſchen Vortheile erpicht und leben ohne höheren Sinn dahin. Mein Vater, der Landeshauptmann Norrby, war ein edler Mann, ein ächter Patriot, aber von ſtrengem Charäcter. Er wollte Gottland heben. Er ſchaffte manche Mißbräuche ab, ſtiftete Ordnung und Recht, wurde aber dafür verkannt und gehaßt. Mir hinterließ er als Erbe ſeine Liebe zu ſeinem Vaterland, ſowie ſeinen Wunſch deſſen Anſehen zu heben, wenn auch mit andern Mitteln als den ſeinigen. Meine Liebe und meine Hoffnung hefte⸗ ten ſich frühzeitig an die Gelehrtenſchule von Wisby. Dort wollte ich für die Bildung der Jugend wir⸗ ken, von da den Samen zu einer edleren Lebens⸗ weisheit ausſtreuen, als diejenige iſt, welche der Jugend unſerer Zeit beigebracht wird; ich wollte dazu beitragen unſer altes Wisby zu einem neuen zu machen, zu einem ächten Weisheitsſitz, wohin Jünglinge aus fernen Ländern kommen ſollten, um zu lernen und edlere Schätze einzuſammeln, als man früher da ſammelte. Das erloſchene Feuer auf unſerer vaterländiſchen Erde wieder anzuzünden, unſer ſchönes Gottland ein geiſtiges Auge der Oſtſee werden zu ſehen, das war die Viſion mei⸗ ner Jugend, das iſt noch jetzt mein Wunſch und meine Hoffnung, obſchon ich im Kampfe mit der Trägheit und Selbſtſucht der Menſchen mich zu weilen fragen muß:„Iſt es nicht ein Traum?“ ſicht Gottl des 2 chen, weni⸗ voll halb als Nur Will Gru wiſſe fürch Idec Mei Norrby, aber von d heben. Ordnung d gehaßt. u ſeinem nſehen zu als den ng hefte⸗ n Wisby. end wir⸗ n Lebens⸗ velche der ich wollte em neuen z, wohin llten, um als man Feuer auf zuzünden, uge der iſion mei⸗ unſch und mit der mich zu⸗ um?“ 39 Ein düſterer Ausdruck verfinſterte hier das Ge⸗ ſicht des Lectors. So mochte ſein Stammvater, Gottlands ehemaliger Hauptmann und Chriſtians des Tyrannen treuer Freund, dreingeſchaut haben, als er auf ſein Wappen den Wahlſpruch ſetzte: Gottes Freund und der Menſchen Feind.“ „Des alten Norrby Geſicht!“ nannten die Schü⸗ ler und Freunde des Lectors dieſen Ausdruck. Der Lector fuhr fort: „Du gehſt jetzt in die Welt hinaus, mein Mäd⸗ chen, in eine Welt und unter Menſchen, die Du noch wenig kennſt. Du gehſt hinaus mit einem Herzen voll von Idealen und Hoffnungen. Du wirſt deß⸗ halb ſchmerzlichen Enttäuſchungen entgegengehen. Nicht als ob die Menſchen im Allgemeinen ſchlecht wären. Nur Wenige ſind es, aber den Meiſten fehlt es an Willen und Character. Wenige handeln nach feſten Grundſätzen, weit Wenigere haben ſich aus ihrem Ge⸗ wiſſen einen Tempel gemacht, den ſie zu entheiligen fürchten; kaum Einer lebt jett noch für ein hohes Ideal, deſſen Erreichung er unabläſſig erſtrebt. Die Meiſten leben für die Genüſſe des Tages und der Stunde, nur für das eigene Ich und ohne Achtung für daſſelbe. Der Tempel in ihren Seelen iſt ohne Götter, auf dem Altar daſelbſt brennt kein heiliges Feuer. Ich wünſchte, mein Kind, daß Du dieß ein⸗ zuſehen und zu erkennen vermöchteſt, ohne Dich da⸗ durch ſtören zu laſſen, und deßhalb will ich mit Dir davon ſprechen. Denn für Dein eigenes Glück, wie auch für Deine Einwirkung auf Andere iſt es ſehr nothwendig, daß Du einen anderen Stützpunkt haſt als ſie, daß Du in Dir ſelbſt Ruhe findeſt, daß Du U ————————— ——————————— —— 40 ſo zu ſagen auf Deiner eigenen Wurzel ruhen kannſt. Und darum, mein Mädchen, glaube an die Kraft des Göttlichen in Deiner Seele. Höre auf ſeine Stimme in Deinem Gewiſſen. Betrachte dieſes als ein Hei⸗ ligthum und fürchte nichts ſo ſehr, als es zu verun⸗ reinigen. Mitten unter der Dämmerung und unter den Irrlichtern der Welt bewahre Du in Deiner Seele das heilige Feuer, und glaube an ſeine Macht zu läutern und zu ſiegen. Glaube, mein Kind, an die Macht des Willens am Guten feſtzuhalten und allen Widerſtand zu beſiegen. In Deiner Seele wohnen hohe Ideale vom Menſchen und vom Leben. Halte ſie feſt, ſelbſt wenn Du die ganze Welt untreu werden ſiehſt. So wirſt Du zuletzt ſiegen, wenigſtens bei den Beſſeren, denn die Menſchen ſind von der Art, daß ſie zuletzt demjenigen huldigen, was ſie zu verehren gezwungen werden. Was ihnen fehlt, iſt nicht die Fähigkeit zum Edeln, ſondern die Willens⸗ kraft. Erhebende, ſtärkende Vorbilder oder eine gute Erziehung können allein helfen. Lehre Du ſie, meine Tochter, was der Menſch kann, wenn er will. Aber lehre ſie durch Dein Leben und frage nicht nach anderem Beifall, als nach dem der Stimme in Dei⸗ ner Bruſt. Beſchließe jeden Morgen, wenn Du er⸗ wachſt, ſo zu leben, daß Du am Abend in Dein Innerſtes wie in einen Tempel eintreten und daſelbſt in der Reinheit Deiner Abſicht Frieden finden kannſt. Behalte, meine Tochter, Deine Liebe zur Vollkom⸗ menheit als den höchſten Schatz bei, und dieſes hei⸗ lige Feuer wird Dich, wenn auch nicht vor dem Fal⸗ len, doch wenigſtens vor dem Unterſinken bewahren. Aber hüte Dich mehr und beſſer ſcheinen zu wollen als A Welt, gut, e Dich woller nen. biſt li Dein Dich wirſt Deini lerner es au mag, ſtark Erder mein durch warn ber rraft des Stimme ein Hei⸗ r Seele m Leben. t untreu enigſtens von der as ſie zu ehlt, iſt Willens⸗ ine gute e, meine ll. Aber cht nach in Dei⸗ Du er⸗ in Dein daſelbſt kannſt. Vollkom⸗ ſes hei⸗ em Fal⸗ wahren. wollen 41 8 elbſt wenn Du es biſt. Bleibe in der Deines Vaters Hauſe geweſen: gut, einfach, anſpruchslos, wahr, icheitjam hüte Dich mit Deiner Liebe zum Höchſten glänzen zu wollen. Doch davor brauche ich Dich nicht zu u⸗ nen. Eine ondere Beſorgniß geht mir näher. biſt liebenswürdig, meine Roſa— und Andere. 8 Dein Vater werden es Dir ſagen und Dich auf eine andere Weiſe lieben als er. Und S wirſt auf andere Weiſe lieben als Du bisher die Deinigen geliebt haſt; Du wirſt das Gefühl lernen, das man Liebe nennt und das, ſo werth os es auch für die höhere Entwicklung des Lebens ſein mag, dennoch in den Augenblicken ſeiner ſo ſtart empfunden wird, wie die größte Ma auf Erden. Ich möchte Dich nicht davor mein Kind— es mag ght ſein ihre Feuerprobe durchgemacht zu haben— aber ich möchte Dich auch warnen an ihre Macht zu glauben, Dich Zau⸗ ber hinzugeben. Glaube mir, es geht vorü ber wie ein anderer Rauſch, wie die Mittagshitze, wie ein Gewitter. Gedankenloſe Mädchen und Knaben mögen ſich davon hinreißen laſſen, daß ſie in jedem ſeufzer einen Gott zu erkennen glauben. meine Tochter, mußt ſowohl Dich ſelbſt 1— göttliche Liebe höher achten. Denn ſie auf Erden, und wer ſie findet, iſt glücklich. Deßhal fürchte die edle Liebe nicht, ſcheue Dich nicht ien geben und zu empfangen. Fürchte einen Un⸗ würdigen zu lieben, die Schätze Deines Herzens 6 einen ſolchen zu verſchwenden. ile z ge. ſchaffen iſt, um das Höchſte zu lieben!... Deßha 42 ſei wachſam und vorſichtig, mein Kind, auch um meinetwillen, denn ich weiß nicht, wie ich es ertra⸗ gen könnte, Dich mit einem Deiner unwürdigen Gat⸗ ten vermählt zu ſehen. „Ich geſtehe Dir, ich bin nicht ganz ohne Beſorgniß wegen der Einflüſſe, welche der Kreis Deiner Tante, der Baronin Norrby, und ſie ſelbſt auf Dich aus⸗ üben könnten. Sie iſt ein gefährliches Weib, denn ihr einnehmendes Weſen verbirgt einen gründlichen Egoismus, hinter ihrem Verſtand und Witz iſt eine große Leere und Armuth der Seele. Sie erblickt in der Welt nichts Anderes als ſich ſelbſt und ihr eigenes Lohlbefinden und Behagen. Wie glücklich und wie nützlich hätte nicht mein Bruder, ihr Mann, hier an unſeres Vaters Platz werden können! wie glücklich waren wir Brüder nicht beiſammen! Aber ſie gefiel ſich nicht in Gottland, ſie verlangte nach der Haupt⸗ ſtadt, an den Hof, und ſo zog ſie meinen Bruder von der Heimath weg, riß mir meinen beſten Freund von der Seite. Ich kann ihr das kaum verzeihen, und ebenſo wenig, daß ſie ihren Sohn von mir nahm, einen Jungen von den ſchönſten Anlagen, deſ⸗ ſen Erziehung mein Bruder mir anvertraut hatte, und der die Ehre ſeiner Familie werden konnte. In ihrer ſelbſtſüchtigen Liebe hat ſie jetzt einen Weich⸗ ling und Faullenzer aus ihm gemacht, einen Salon⸗ löwen, einen gewöhnlichen Egoiſten, wie ſie es ſelbſt iſt, ohne Seelenadel oder innern Werth. Nur wenige Sachen haben mich ſo ſchwer gedrückt wie der Ver⸗ luſt dieſes Jungen, denn verloren iſt er für mich und für ſein Vaterland. Ich habe ihn ſchon viele Jahre nicht mehr geſehen, aber ich weiß, daß er in Wegz beim Schu Inſel Roſa habe 1 traue dern wie daß wurt er g ſtren Ein Tan erha Mu heit Str tige Die auch um es ertra⸗ igen Gat⸗ Beſorgniß er Tante, bib, denn ündlichen ine große in der eigenes und wie hier an glücklich ſie gefiel r Haupt⸗ Bruder Freund erzeihen, von mir gen, deſ⸗ it hatte, nte. In Salon⸗ es ſelbſt wenige e Ver⸗ ür mich on viele ß er in Dich aus⸗ 43 Stockholm das gewöhnliche Leben eines Tagdiebs führt. Du warſt noch ein kleines Kind, als mein Bruder mit ſeiner Familie Gottland verließ, um nie zurückzukommen, und Du wirſt Dich ihrer kaum noch erinnern können. An unſere friſche Luft gewöhnt, gedich er in der hauptſtädtiſchen Luft und ihrem Leben nicht, ſo daß er wenige Jahre nach ſeinem Wegzug ſtarb. Und daran iſt, wenn man die Dinge beim rechten Licht beſehen will, Niemand anders Schuld als ſeine ſelbſtfüchtige Frau.“ „Aber er kränkelte ja bereits, ehe er unſere Inſel verließ,“ wandte Roſa ein,„und ſie, Tante Roſalie, ſoll ihn ja ſehr geliebt und innig betrauert haben.“ „Ja, wie ſelbſtſüchtige Menſchen lieben und be⸗ trauern, um ihrer ſelbſt willen und aus keinem an⸗ dern Grund. Aber er, er liebte ſie aufrichtig, innig, wie ſein redliches, warmes Herz lieben konnte. Und daß er ein im Grunde herzloſes Weib ſo liebte, das wurde ſein Unglück. Ich hatte ihn gewarnt, aber er glaubte ihr mehr als mir, der arme Axel!“ Roſa's Herz empörte ſich heimlich gegen das ſtrenge Urtheil ihres Vaters, das ihr wehe that. Einen ganz andern Eindruck hatte ſie von dieſer Tante Roſalie bewahrt, von welcher ſie ihren Namen erhalten hatte, welche die Jugendfreundin ihrer Mutter geweſen war, und bei der ſie in ihrer Kind⸗ heit, als ihr Onkel noch in Wisby wohnte, manche Stunde verbracht hatte. Sie erinnerte ſich einer ſchönen Frau in präch⸗ tigen Seidekleidern und mit koſtbaren Schmuckſachen. Dieſe Frau nahm die kleine Roſa immer auf ihren 44 Schooß und zog alle ihre Kleinodien Stück um Stück ab, um unter tauſend Liebkoſungen und Schmeichel⸗ namen die Kleine damit auszuſtatten; ſie erinnerte ſich ihrer in einem prächtigen Salon beim Schein von Kronleuchtern, umgeben von Bewunderern, ſelbſt jedoch am meiſten mit ihrem kleinen Liebling be⸗ ſchäftigt; ſie erinnerte ſich ihrer weißen Hände auf den Saiten der Harfe, ſie erinnerte ſich ihres Geſangs und ihres ſchönen Ausdrucks bei demſelben, der himmliſche Ahnungen in des Kindes Seele weckte; ſie erinnerte ſich eines hübſchen Jungen, welcher kam, ſich in die Arme der Mutter warf und die kleine Fremdlingin verdrängte, dafür aber ausge⸗ ſcholten und weggeſtoßen wurde, um der kleinen Roſa Platz zu machen, die von Neuem auf den Schooß genommen und mit Liebkoſungen und Zucker⸗ werk überhäuft wurde. Roſa hatte ihre Mutter frühe verloren und niemals dieſe ſpielende, liebkoſende Pflege und Huldigung empfangen, die nur Müttern angehört und für die Kinder daſſelbe iſt, was die Sonne und der Sommerwind für die junge Pflanze iſt. Ihres Vaters Pflege war auch zärtlich, trug aber einen andern Character, wie ſeine Natur. Das konnte nicht anders ſein. Kein Wunder alſo, daß die Erinnerung an ihre Tante und die bei ihr ver⸗ brachten Stunden wie eine goldene Sage, wie ein Zauberbild in Roſa's Seele lebte, und daß ſie nichts Böſes von einer Frau glauben konnte, welche einſt ſie ſelbſt ſo reich und glücklich gemacht hatte, wenn auch nur für Augenblicke. Kein Wunder ferner, daß dieſe Erinnerung ſie zu dieſer Frau und ihren Krei⸗ ſen zurückzog, um ſich bei dieſem Leben voll von Muſik Roſa g den mo U ſie wol welche der ur ihr Ve Als er Weichh wirſt; Herzen wenige ein ed veredel chem 3 iſt keir gen w weil e zu erh das al heit T menhe das E geln, und d ſomme ſterniß 2 orfriſc im Stück hmeichel⸗ erinnerte Schein n, ſelbſt ling be⸗ auf den Geſangs en, der weckte; welcher ind die ausge⸗ kleinen auf den Zucker⸗ Mutter bkoſende Müttern was die Pflanze , te o, daß ihr ver⸗ vie ein nichts me eint wenn er, daß n Krei⸗ ll von 45 Muſik und Schönheit zu betheiligen, das jetzt für Roſa gleichſam ein Zaubergeſang aus der Ferne war, den man gar zu gern in der Nähe hören möchte. Unter ſolchen Gedanken ſaß Roſa ſtill da, denn ſie wollte ihrem Vater nicht widerſprechen und wußte, welche tiefe Wunde die Trennung von ſeinem Bru⸗ der und deſſen Sohn ihm geſchlagen hatte. Auch ihr Vater ſchwieg und hatte ſeine Blicke geſenkt. Als er wieder ſprach, geſchah es mit einer ſeltenen Weichheit in der männlichen Stimme: „Die Stunde wird kommen, wo Du leiden wirſt; das iſt das Loos aller ſterblichen Weſen, und Herzen wie das Deinige leiden mehr als andere, die weniger weich, weniger gefühlvoll ſind. Aber fürchte ein edles Leiden nicht, meine Tochter, denn das veredelt das Herz; fürchte bloß ein ſolches, bei wel⸗ chem Du Dich ſelbſt verachten müßteſt. Das Unglück iſt kein Unglück, wenn es recht begriffen und getra⸗ gen wird. Die Alten nannten das Unglück heilig, weil es die Macht hat, die Seelen zu beſſern und zu erheben. Noch einmal, mein Kind, präge Dir das als mein letztes Wort ein: Bewahre die Rein⸗ heit Deines Willens und Deine Liebe zur Vollkom⸗ menheit, das heilige Feuer in Deiner Seele, und das Göttliche wird ſich immer klarer darin abſpie⸗ geln, wie jetzt der Himmel in dem beruhigten Meer, und das Leben wird für Dich ein nordiſcher Hoch⸗ ſommertag ſein, deſſen Dämmerung niemals in Fin⸗ ſterniß übergeht.“ Wie die Blume nach der Hitze des Tages den erfriſchenden Thau des Abends einſaugt, ſo nahm 46 Roſa die tröſtenden, ſtärkenden Worte des Vaters in ihre Seele auf. Aber ſie ſagte bloß:„Ich kann Dir nicht antworten, mein Vater, aber mein Leben wird Dir zeigen, wie ich Dich verſtanden habe und wie ich Dir danke.“ Die Sonne war in's Meer hinabgeſunken und die Luft begann kühl zu werden. Vater und Toch⸗ ter verließen die Anhöhe und gingen nach dem Hauſe zu durch die im Nachtwind ſäuſelnden Haine. Geiſterſtimmen ſchienen darin zu flüſtern. Ein leich⸗ ter Schauer überkam Roſa; ſie ſchmiegte ſich näher an ihren Vater und drückte ihren Arm feſter an ſein Herz. Inzwiſchen hatte Probſtin Carlander alle Vorbe⸗ reitungen zur Abreiſe getroffen, und Dora hatte ſich halb todt gelacht, bald über Cora's ernſte Mie⸗ nen, bald über Allgotts luſtige Poſſen mit dem Corps, bald über Petterſons Aufmunterungen an die kleine Johanna während des Einpackens:„Man muß Genie haben, mein Zuckerherz,“ und über ihre när⸗ riſche Antwort:„Nein, Petterſon, das verſteht Ihr nicht, der Korb muß da ſtehen!“ und endlich über ſich ſelbſt und über— Nichts, und man wartete jetzt nur noch auf den Lector und ſeine Tochter, um abzureiſen. Sie kamen, man ſtopfte ſich wieder in die Wurſt, und dieſe rollte in der hellen Sommer⸗ nacht nach Wisby zurück. Die Probſtin und das Corps ſchliefen ermüdet von den Mühen des Tages, die Uebrigen ſaßen mit ihren Gedanken beſchäftigt da. In Roſa's Seele erhob ſich, wie in der nächt⸗ lichen Ruhe der Haine, ein fröhliches Vögelgezwitſcher, eine( Racht ſo he L von zu ben trau ſpro erne wir auch Wor (Ha Lich oder das Güt ahn Mei kühr Wel ihre bei hat nach dem en Haine. Ein leich⸗ ſich näher le Vorbe⸗ hatte ſich nſte Mie⸗ mit dem n an die Ran muß ihre när⸗ ſteht Ihr lich über wartete hter, um vieder in Sommer⸗ und das s Tages, eſchäftigt rnächt⸗ witſcher, Vaters Ich kann ein Leben habe und eine Stimme voll Freudigkeit und Leben, die an keine feſter an 47 Nacht glauben wollte. Aber die Nacht war auch ſo hell. Lebwohl. Lebwohl! Wort, das alle Tage auf unſerer Erde von Millionen Lippen zu Freunden und Verwandten, zu Gegenden und Plätzen, zu Veränderungen im Le⸗ ben und zum Leben ſelbſt geſagt wird, freundliches, trauriges Wort, das meiſtens unter Thränen ausge⸗ ſprochen wird, Du biſt dennoch eine Bedingung für erneutes Leben, ein Gutenachtwunſch, ohne welchen wir nicht guten Morgen ſagen könnten. Das fühlt auch der Menſch oft, und ſeine Thränen bei dieſem Wort ſind daher ſelten ohne ein heimliches Licht. (Hat nicht jede Thräne, ſogar die der Reue, ihren Lichtpunkt?) So geht es beſonders dem Jüngling oder dem jungen Mädchen, wenn ſie zum erſten Mal das Elternhaus verlaſſen, wo ſie des Lebens erſte Güter, Liebe und Erziehung, genoſſen haben. Sie ahnen den Aufgang eines neuen Lebens, und die Meiſten empfinden Etwas von den Vorgefühlen der kühnen Seefahrer, wenn ſie auszogen, um neue Welttheile zu entdecken. So fühlte Roſa Norrby in der Stunde, als ſie ihres Vaters Haus verlaſſen ſollte, um einige Zeit bei ihrer Tante in Stockholm zu wohnen. Dieſe hatte ſchon längſt dringend um ihren Beſuch gebe⸗ 48 ten, und zuletzt ihre zunehmende Kränklichkeit ſowie Sehnſucht nach einer freundlichen Geſellſchaft im Hauſe, nachdem ihre einzige Tochter ſich verheirathet hatte und weit weggezogen war, als Grund geltend gemacht. Sie hoffe überdieß, ſchrieb ſie, daß ihr Haus Roſa angenehm ſein werde, denn das Mäd⸗ chen bekomme da gute Muſik zu hören und könne viele intereſſante Perſonen kennen lernen; ſie hoffe es ſo einrichten zu können, daß Roſa es nie bereven werde, wenn ſie ihrer alten Freundin die große Freude bereite ihren Liebling wieder zu ſehen und eine kurze Zeit, wenigſtens einen Herbſt und einen Winter lang, zu beſitzen. Im Frühjahr ſtehe es Roſa frei zu ihren Hainen zurückzukehren, wenn ſie wolle. Die Jugendfreundin von Roſa's Mutter verlange bloß einen Winter hindurch ihre Tochter, ihre vielgeliebte Roſa zu beſitzen. Wir haben geſehen, welche Bilder dieſe Ein⸗ ladung im Gemüth des lebensfriſchen, jungen Mäd⸗ chens geweckt, und wie dieſelben nebſt dem Gefühl dankbarer Ergebenheit, das ſie ihrer Tante bewahrt, ſie zur Annahme veranlaßt hatten. Aber ihr Ver⸗ gnügen dabei war nicht ungemiſcht. Roſa war im elterlichen Hauſe und beſonders bei ihrem Vater zu glücklich geweſen, als daß ſie die Trennung nicht ſchmerzlich empfunden hätte, und dieſes Gefühl wurde durch die Wahrnehmung geſteigert, daß ihr Vater in den letzten Tagen vor der Abreiſe ernſter und auch bläſſer geworden war als früher. Unruhige Fragen ſtiegen in ihrem Herzen auf: war er un⸗ zufrieden mit ihr oder mit ihrer Abreiſe? war es dann recht, wenn ſie die Reiſe unternahm und ſich von il welche Noch ſie ih: fragen ſolches Lippe kälter er ihr ſie do ſeine ſtolzer fere H Tochte der K erheb nur1 ſie th tete. es ih weint L gehen leſen. ſicht ſtimm ruhe legte / erwie Leide hei 8 haft im heirathet geltend daß ihr s Mäd⸗ könne ie hoffe bereuen tehe es venn ſie Mutter Tochter, eſe Ein⸗ n Mäd⸗ Gefühl ewahrt, hr Ver⸗ var im ater zu ig nicht lwurde Vater er und nruhige er un⸗ war es nd ſich 49 von ihm trennte? Ach, wenn er nur ein Wort ſagte, welches bewieſe, daß er ihr Dableiben wünſche! Noch war es ja Zeit, und Roſa bereute bereits, daß ſie ihrer Tante zugeſagt hatte. Mit bekümmerten, fragenden Blicken folgte ſie ihrem Vater. Aber kein ſolches Wort kam über Leetor Norrby's verſchloſſene Lippen. Er war wirklich rückhaltender und gleichſam kälter gegen ſeine Tochter, als er je geweſen. Hatte er ihren aufgeregten Zuſtand bemerkt und wollte er ſie dadurch beruhigen, oder ſuchte er auf ſolche Weiſe ſeine Unruhe und ſeinen Schmerz in ſeiner eigenen ſtolzen Bruſt zu verbergen? Gewiß iſt, daß ſeine ſtei⸗ fere Haltung eine unruhigere Wallung im Herzen ſeiner Tochter hervorrief. Wie die Wogen ſich heftiger an der Klippe brechen, die ſich als Bruſtwehr gegen ſie erhebt, ſo verhielt es ſich mit Roſa's Gefühlen, und nur mühſam hielt ſie ihren Ausbruch zurück; aber ſie that es, weil ſie ihrem Vater zu mißfallen fürch⸗ tete. Am Abend vor der Abreiſe jedoch ſah man es ihren rothen Augen und Wangen an, wie ſie ge⸗ weint hatte. Lector Norrby pflegte den Seinigen vor Schlafen⸗ gehen aus einem ſeiner Lieblingsſchriftſteller vorzu⸗ leſen. Dieſen Abend hatte er— vielleicht mit Rück⸗ ſicht auf Roſa's und auch ſeine eigene Gemüths⸗ ſtimmung— Seneca's Abhandlung über die Seelen⸗ ruhe gewählt. Und ſeine ſchöne, klangvolle Stimme legte beſonderes Gewicht auf folgende Stellen: „Der größte aller Dienſte, welche die Natur uns erwieſen, beſteht darin, daß ſie im Bewußtſein der Leiden, zu welchen ſie uns geſchaffen, die Gewohn⸗ heit erfunden hat, um unſern Schmerz zu beruhi⸗ 4 Bremer, Vater u. Tochter. gen und uns bald ſelbſt mit dem größten Unglück vertraut zu machen.“ „Man nmuß ſich alſo ſeinem Schickſal unterwer⸗ fen, ſich ſo wenig als möglich darüber beklagen und all die Vortheile ergreifen, die es in ſeinem Gefolge haben kann. Keine Lage iſt ſo hart, daß die Ver⸗ nunft nicht einen Troſt zu finden vermöchte. Die Vernunft beſiegt alle Schwierigkeiten, für ſie gibt es nichts Hartes, nichts Enges: ſie kann Alles erwei⸗ tern und erweichen. Eine Laſt drückt weniger, wenn man ſie recht zu tragen verſteht.“ „Nicht an den Weiſen iſt dieſe Rede gerichtet, ſondern an diejenigen, die noch Unvollkommenheiten haben, und deren Gleichgewicht ſchlecht feſtgeſtellt iſt. Der Weiſe geht nicht mit Angſt oder mit unſichern Schritten einher. Voll Selbſtvertrauen, wankt er nicht in ſeinem Gang gegen das Geſchick und weicht ihm nicht aus. Und woher ſollte auch das Schickſal die Macht haben ſich furchtbar zu machen? Alles was er beſitzt, ſeine ganze Perſon iſt in ſeinen Augen nichts Anderes als ein unſicheres Gut. Er betrachtet das Leben nur als ein Anlehen, das er demjenigen, der es zurückfordert, wieder zu erſtatten bereit iſt. Gleichwohl verachtet er ſich nicht darum, weil er weiß, daß er nicht ſich ſelbſt gehört. Im Gegentheil wird er über ſeine Erhaltung wachen, wie ein ehrlicher und gewiſſenhafter Mann über ein anvertrautes Gut. Wenn die Stunde der Zurück⸗ gabe ſchlägt, wird er mit dem Schickſal nicht hadern, ſondern zu ihm ſagen: Ich danke Dir für das was Du n dings ſtehe Dun behalt meine Dir; abruft, gen: gegebe zurückn Lectüre ſcheinbe chen ir dem e Ruhe dieſen ſehnt, 51 Du mich beſitzen ließeſt. Dieſes Gut hat mich aller⸗ dings Auslagen gekoſtet, aber Du befiehlſt es; ich ſtehe dankbar und ohne Murren davon ab. Willſt wer⸗ Du mir noch Etwas laſſen, ſo bin ich bereit es zu und behalten. Verfügſt Du anders darüber, nun wohl, folge meine Schätze, mein Haus, meine Familie gehören Ver⸗ Dir; ich gebe ſie Dir zurück. Bie„Wenn die Natur, unſere erſte Schöpferin, uns tes abruft, ſo werden wir auf gleiche Weiſe zu ihr ſa⸗ rwei⸗ gen: Nimm eine beſſere Seele zurück, als Du uns venn gegeben haſt. Du wirſt mich weder mäkeln noch zurückweichen ſehen. Ich gebe Dir willig heim, was 3 Du mir ungefordert gegeben haſt.“ ichtet, Lector Norrby unterbrach hier plötzlich ſeine heiten Lectüre und ſaß einen Augenblick ſchweigend da, llt iſt. ſcheinbar damit beſchäftigt, daß er da und dort Zei⸗ ichern chen in ſein Buch legte. Sodann erhob er ſich, in⸗ kt e dem er mit einem Ausdruck von vielleicht tieferer weicht Ruhe als gewöhnlich ſagte:„Heute müſſen Roſa hickſal und wir Alle frühe zu Bette gehen, damit wir mor⸗ Alles gen um acht Uhr bereit ſind. Deßhalb gute Nacht, ſeinen Schwägerin, gute Nacht, Kinder!“ Und freundlich . Er mit Blick und Wort grüßend zog ſich Lector Norrby as er in ſein Zimmer zurück. ſtatten Arme Roſa! Gewöhnlich durfte ſie ihn dahin un begleiten, noch ein Weilchen mit ihm plaudern oder Im ſtudiren und ſchließlich ſeine väterliche Umarmung, achen, zuweilen ſeinen Kuß auf ihre Stirne empfangen; er ein dieſen Abend hatte ſie ſich ſo unſäglich darnach ge⸗ zurück⸗ ſehnt, und juſt dieſen Abend wurde ihr die Thüre adern, verſchloſſen, wie nie zuvor. Dieß that ihr ſchreck⸗ was lich wehe. Als Alles im Hauſe ſtill und alle Töne des Tages verſtummt waren, ſaß ſie auf ihrem Bett in ihrem Stübchen vor des Vaters Studirzimmer und lauſchte auf die unruhigen, heftigen Schläge ihres eigenen Herzens. Ach, es war ſo ſchwül, ſo finſter darin. Roſa ſehnte ſich nach Luft und Licht, nach einer Bruſt, an der ſie weinen, einem Glück, worin ſie Klarheit und Kraft finden könnte. Warum war ihr Vater gerade jetzt ſo verſchloſ⸗ ſen, ſo kalt gegen ſie geworden? Liebte er ſie nicht, wie ſie ihn liebte? Bedurfte er ihrer nicht, wie ſie ſeiner und ſeiner Zärtlichkeit bedurfte? Ach freilich, er hatte ja in der Hoheit ſeiner Seele, in ſeinen Studien, in ſeiner Arbeit Alles was ihm Noth that. Sie war bloß einer der Gegenſtände ſeiner wohl⸗ thätigen Wirtſamkeit geweſen. Was konnte ſie für ihn fein? Er war ſo gut, ſo weiſe, ſo überlegen. Wie konnte ſie alſo verlangen, etwas mehr für ihn zu ſein, als die alten Weiſen, die er zu ſeiner täg⸗ lichen Geſellſchaft gemacht hatte?„O Vater,“ ſagte ſie in der Bitterkeit ihres liebenden Herzens,„wenn ich einmal eben ſo lange mit den Todten gelebt habe wie Du, ſo werde ich ruhig und kalt ſein wie ſie und Du. Aber jetzt verlange das noch nicht von mir. Ich kann es nicht!“— Und heiße Thrä⸗ nen rollten über ihre Wangen. Der Mond warf ſeinen klaren, aber kalten Schein über die ſchöne Ruine der St. Nicolauskirche ihrem Fenſter gegenüber, und Roſa bekem auf einmal Luſt, ihre alte Freundin, die Ruine, noch einmal zu be⸗ ſuchen, um auf ihren Zinnen wie früher ſo oft Er⸗ friſchung und Ruhe zu finden. ( bers. tern deren und umfa nen ihren von ſtufer und pitto große Oſtſ lichen Höhe „wenn gelebt in wie mnicht Thrä⸗ Schein iem al Luſt, zu be⸗ oft Er⸗ 53 Es war ein ſchöner Abend zu Anfang Septem⸗ bers. Roſa warf einen Shawl über Kopf und Schul⸗ tern und ging aus. Auf der Ruine angekommen, deren theilweiſe eingefallenes Gewölbe mit Gebüſchen und kleinen Bäumen bewachſen iſt, hatte ſie eine umfaſſende Ausſicht über die Stadt mit ihren ſchö⸗ nen Ueberreſten, ihren alten Mauern und Thoren, ihren neuen freundlichen Wohnungen, auf Terraſſen von gleichſam hängenden Gärten— Rieſentreppen⸗ ſtufen nach dem Meere hinab— ihrem Silberhut und Jungfernthurm, wodurch Wisby zu einem der pittoreskeſten Städtchen der Welt wird; ſie ſah das große Meer in glitzerndem Ring das Auge der Oſtſee einfaſſen, das unbewußt träumend in nächt⸗ lichem Frieden unter der klaren Nachtlampe in der Höhe lag. Ihr eigenes Haus ſtand unter den Rui⸗ nen und ſchien daraus hervorgewachſen zu ſein, wie eine neue Zeit aus der alten hervorwächst. Roſa's glückliche Kindheit und Jugend traten in neuer Schönheit vor ihre Erinnerung. Wie oft hatte ſie nicht hier oben im Schatten der wilden Roſenbüſche auf dem weichen Graswall geſeſſen, von den Sagen und Abenteuern der Vorzeit geleſen und bei dem Wehen des Seewindes, bei dem großartigen Anblick der See unausſprechliche Ahnungen in ihrer Seele erwachen gefühlt! wie oft hatte ſie nicht in kindlicher Luſt an ſchönen Tagen unter den großen Halbbogen unten in der Ruine getanzt, wie oft dort mit All⸗ gott nach vermutheten Schätzen geforſcht, wie oft allein laut dort geſungen, um ihren Gefühlen Luft zu ſchaffen und das Echo antworten zu hören! Wie oft hatte ſie nicht in dem Schatten der Ruine an ihres Vaters Seite geſeſſen und ihm vorgeleſen, oder ſeiner milden Stimme und ſeinen weiſen Worten gelauſcht, wie oft mit ihm und Allgott verſchiedene Gegenden der Inſel durchwandert und dabei ihre Schätze an lebendigen Pflanzen und alten Erinne⸗ rungen kennen gelernt! Wie ſchön, wie reich war nicht bisher ihr Leben geweſen! Und ſollte dieſe Zeit jetzt abgeſchloſſen ſein, um nie wiederzukehren? Ja, Etwas in ihr ſagte, daß es ſo kommen würde. Und hatte denn ſie ſelbſt es ſo gewollt? Hatte ſie ſelbſt beſchloſſen Vater und Bruder, dieſe Heimath, dieſe Inſel, kurz alles das zu verlaſſen, was ſie von der erſten Stunde an, ſo weit ihre Erinnerung reichte, geliebt hatte, und was ihr noch nie ſo lie⸗ benswürdig geſchienen, wie in dieſem Augenblick? Roſa wunderte ſich über ſich ſelbſt. Und gleichwohl ſagte ihr die innere Stimme, daß dieß geſchehen müſſe. Manche Fragen waren in ſpätern Zeiten in ihr aufgetaucht, Fragen, welche des Vaters Unter⸗ richt nicht immer befriedigend beantwortete, und die ſie zuweilen ihm vorzutragen ſich ſcheute, weil ſie ihr nicht einmal als Fragen vollkommen klar waren. Sie fühlte das Bedürfniß getrennt von ſeinem mäch⸗ tigen Einfluß über ſie, über das Leben und über ſich ſelbſt nachzudenken. Sie empfand einen dunkeln, aber gewaltigen Drang, zum vollen Bewußtſein ihres eigenen Ich zu erwachen, und deßhalb mußte ſie auf einige Zeit fort in die Welt hinaus, mußte mit ſich ſelbſt und ihr allein ſein.„Aber,“ ſagte Roſa, um ſich zu tröſten,„ich werde zu Dir zurückkommen, Vater, und zwar werde ich dann fertiger, beſſer, Deiner würdiger ſein als jetzt, werde mehr für Dich ſein, und ſo in 1 mit ſchau Hain Schö wohl die klare lang ſeine Ame ſtärk zugel erbli 2 lich die k ſchwe Aber der derſe leſen, orten edene ihre inne⸗ war dieſe ren ürde. te ſie nath, s ſie rung lie⸗ blick? 55 ſein, als ich bisher geweſen, denn Du magſt ſagen und glauben was Du willſt, nie werde ich Jemand ſo innig lieben können, wie ich Dich liebte.“ Und beruhigt durch dieſen Gedanken konnte ſie mit klareren, wenn auch thränenvollen Blicken hin⸗ ſchauen auf die ſtillen Freunde ihrer Kindheit, die Haine, die Ruinen, das Meer, Gottlands ewig friſche Schönheiten, und zu ihnen ſagen:„Lebt wohl, lebt wohl, Geliebte! Ich muß der Stimme gehorchen, die mich von Euch ruft. Aber ich werde beſſer, klarer zurückkommen. Die Dämmerung in mir ver⸗ langt nach Licht.“ Das Meer ſandte ihr aus der Ferne einen Hauch ſeines friſchen Odems. Roſa empfing ihn wie ein Amen über ihre Sehnſucht und Hoffnung, und ge⸗ ſtärkt dadurch, ſchickte ſie ſich an nach Hauſe zurück⸗ zugehen, wo ſie in ihres Vaters Zimmer noch Licht erblickte. Als ſie in die Kirche hinab kam, blieb ſie plötz⸗ lich ſtehen, denn ſie ſah in einem der Mondſtrahlen, die durch das zerborſtene Gewölbe hineinfielen, eine ſchwarze Geſtalt ſtehen und in der Erde graben. Aber im nächſten Augenblick war Roſa an der Seite der ſchwarzen Geſtalt, legte ihre Hand auf den Arm derſelben und flüſterte: „Allgott!“ „Roſa!“ antwortete er, indem er zuſammenfuhr und aufſchaute. „Allgott! Was machſt Du hier ſo ſpät in der Nacht?“ „Ja, ſiehſt Du,“ antwortete Allgott halb ver⸗ legen, indem er ſich auf ſeinen Spaten ſtützte,„ſiehſt Du, ich have mir ſagen laſſen, wenn man in dieſen al⸗ ten Kirchen um Mitternacht nach Schätzen grabe, ſo werde man ſie finden. Und dann macht es mir Freude in der Erde zu graben: ſie duftet ſo friſch und iſt ſo reich an allen Arten von Schätzen und .. Aber Du weißt, der Vater ſieht es nicht gern, daß ich mich damit beſchäftige; und deßhalb thu' ich es am liebſten bei Nacht, wenn er es nicht ſieht.“ „Mein lieber Allgott, es wäre weit beſſer, wenn Du bei Nacht ordentlich ſchiefeſt und bei Tag etwas mehr ſtuditteſt; das würde dem Vater weit mehr Freude machen.“ „Ja, aber ſiehſt Du, Roſa, mit meinem Studi⸗ ren geht es nicht und ſeit einiger Zeit immer weni⸗ ger. Und jetzt, da Du wegreiſeſt, wird es am Ende gar nichts mehr damit werden, denn ich habe dann Niemand mehr, der mir hilft. Und was würde es mir helfen, wenn ich auch dieſes verwünſchte Exa⸗ men machen könnte? Das Leſen und Schreiben macht mir keine Freude, und bei meiner unglück⸗ lichen Taubheit würde ich auch jedenfalls nicht zum Beamten taugen. Der Vater glaubt, man könne Alles was man wolle; er meint, es fehle mir nur am ernſten Willen, ſonſt würde es nicht ſo langſam mit meinem Studiren gehen. Aber ich verſichere Dich, Roſa, daß dem nicht ſo iſt. Ich habe den Vater viel zu lieb und es thut mir viel zu leid, wenn ich ihn über mich mißvergnügt ſehen muß, als daß ich nicht alle meine Kräfte aufbieten ſollte; allein es will nicht gehen. Jetzt habe ich gedacht, wenn ich einen großen Schatz in der Erde finden könnte, ſo würde er zufrieden ſein, und dann könnte ich mein Thie Freu gewi dium geme wem vollk mein fel. präck und ſo f Eine Ziel nal⸗ e, ſo mir friſch und gern, u ich eht.“ wenn twas mehr tudi⸗ weni⸗ Ende dann de es Exa⸗ eiben glück⸗ zum könne nur gſam ſichere e den wenn daß allein wenn önnte, te ich 57 meine Nachgrabungen fortſetzen und mich mit meinen Thieren und Blumen und andern Dingen, die mir Freude machen, abgeben.“ „Das wird er auch, mein lieber Allgott, ganz gewiß, wenn er nur ſieht, daß Du in Deinem Stu⸗ dium alles Mögliche gethan und dieſes Examen da gemacht haſt. Und das kannſt Du wohl, Allgott, wenn Du nur ernſtlich willſt.“ „Du haſt leicht reden, Roſa, denn Du biſt ein vollkommenes und fehlerloſes Mädchen; ich aber mit meiner Taubheit bin ein gebrechlicher armer Teu⸗ fe Ach, was macht das, Allgott, wenn man ſo * prächtige Augen im Kopf, ſo gute Geſundheit und ſo rüſtige Glieder hat wie Du! Da kann man ſo flink und ſo munter werden, wie nur irgend Einer. Aber man muß die Mittel wollen, die zum Ziel führen. Vor allen Dingen mußt Du bei Nacht in guter Ruhe in Deinem Bett ſchlafen und Mor⸗ gens früh aufſtehen und ſtudiren, dann wirſt Du ſehen, wie raſch es vorangeht. Verſuche es, lieber Allgott! verſprich mir, daß Du es wenigſtens ver⸗ ſuchen willſt.“ „Nun wohl, ich will es Dir verſprechen. Ich will's verſuchen, aber auf wie lange?“ „Den ganzen Herbſt und Winter, Allgott, bis zum nächſten Frühjahr; dann mußt Du Dein Examen machen, und ich werde dazu nach Hauſe kommen und Dir einen Lorbeerkranz aufſetzen.“ „Ach, Roſa, wenn das geſchehen könnte! Nun wohl, ich will mich angreifen, ich will's verſuchen, denn ſiehſt Du, ich habe Dich ſchrecklich lieb, Roſa, und ich werde keine frohe Stunde mehr haben, bis Du wieder nach Hauſe kommſt. Wenn Du nicht wäreſt, ſo wäre mir die Welt ganz finſter und dun⸗ kel; es drückt ſo ſchwer auf mich, wenn ich den Va⸗ ter mißvergnügt über mich ſehen muß, wenn er auch nichts ſagt.“ „Nun, ſo mach ihm dadurch Freude, Allgott, daß er ſich von Deinem Fleiß, Deinem guten Willen überzeugen kann. Und Du wirſt ſehen, wie ſein Blick über Dich leuchten wird. Es liegt eine ganze Welt von Sonne und Freude in dieſem Blick.“ „Ich weiß es wohl, aber ich habe ihn nicht oft mir leuchten geſehen.“ „Das kommt ganz auf Dich ſelbſt an. Und jetzt, lieber Bruder Schatzgräber, komm, wir wollen vor allen Dingen zu Bette gehen und ſchlafen, damit wir morgen recht früh aufſtehen können. Komm, mein Allgott! Und Du wirſt mir doch den Winter über recht oft ſchreiben und ſagen, wie es Dir geht! Und ich will Dir auch ſchreiben und Alles ſagen, ich in Stockholm ſehe und was ich lernen darf.“ Allgott ſeufzte und ſagte nach einer Weile:„Wenn Du mir einige Saamen von neuen Blumen und Pflanzen vom Gartenverein ſchicken könnteſt, ſo würde mich das ſehr freuen auf's Frühjahr.“ Roſa verſprach, und getröſtet durch die Gedan⸗ ken an den Frühling begleitete Allgott ſeine Schwe⸗ ſter nach Hauſe. Als Roſa ſich wieder in ihrem Zimmer befand, fühlte ſie, daß ſie dieſe Racht nicht ſchlafen konnte, wenn ſie nicht einen freundlichen Blick oder ein Wort jemal ſchlei als ſ ein S wenie des F Rolle um il Tritte Schla Thüre und behut beina Vater ſten Kopf, Hand R und L in ſe gange einen ſich l Stirn für ut denno ſie eit in de ſtreut und L bis nicht dun⸗ Va⸗ er daß illen ſein anze oft Und ollen amit. mm, inter eht! gen, rnen genn und ürde dan⸗ hwe⸗ fand, nnte, ein 59 Wort von ihrem Vater erhalten hatte. Wer hat jemals einen Schatten über ein geliebtes Geſicht ſchleichen geſehen, ohne daß es ihm zu Muthe war, als ſei zwiſchen ihn ſelbſt und ſeine Gemüthsruhe ein Schatten getreten, bis er verſchwunden iſt oder ſich wenigſtens gelichtet hat? In der abgeſchloſſenen Welt des Familienlebens ſpielen ſolche Schatten eine große Rolle. Ein ſolcher Schatten brachte jetzt auch Roſa um ihre Nachtruhe und veranlaßte ſie, mit lautloſen Tritten durch ihres Vaters Studirſtube nach ſeinem Schlafzimmer zu ſchleichen und lauſchend vor der Thüre ſtehen zu bleiben. Drinnen war Alles ſtill und das Licht ausgelöſcht. Roſa legte ihre Hand behutſam auf die Klinke, und die Thüre öffnete ſich beinahe geräuſchlos. Beim Mondſchein ſah ſie ihren Vater ſchlafend daliegen mit tiefer Ruhe in den ern⸗ ſten Zügen. Die eine Hand hielt er unter ſeinem Kopf, die andere, und es war eine ſchönd männliche Hand, ruhte neben dem Arm auf der Decke. Roſa ſtand lange da, ihn mit inniger Verehrung und Liebe betrachtend, und es war, aks ſei der Friede in ſeinen Zügen allmählig in ihre Seele überge⸗ gangen. Sie neigte ſich über ſeine Hand, hauchte einen Kuß darauf, und die Hand bewegte ſich, erhob ſich leicht, als wollte ſie ſchmeichelnd über ihre Stirne fahren, und obſchon Roſa dieſe Bewegung für unwillkührlich halten mußte, ſo gewährte ſie ihr dennoch einen unbeſchreiblichen Troſt. Und nachdem ſie einige Blumen und thauige Roſenblätter, die ſie in den Ruinen gepflückt, über des Vaters Bett ge⸗ ſtreut und ſtill über ihn die Worte der Dankbarkeit und Liebe geſprochen, von denen ihr Herz voll war, entfernte ſie ſich lautlos, wie ſie gekommen. Noch unter der Thüre wandte ſie ſich um und betrachtete den Schlafenden, denn er ſchien ihr ſo ſchön in ſeinem Schlummer, ein Bild der Ruhe des Gerechten. Und ſie wiederholte in ihrem Herzen:„Vater, nie werde ich Jemand ſo innig lieben, wie ich Dich liebe!“— Ach, Roſa! verſprich nicht zu viel! Früh am Morgen ſah man in Wisby's Hafen die Rauchſäule von dem Dampfboot aufſteigen, das Roſa nach Stockholm führen ſollte, und die ganze Familie begleitete ſie dahin. Wir wollen nicht all die guten Rathſchläge und Hausmittel wiederholen, mit welchen die ehrliche Probſtin Carlander ihre Nichte im letzten Augenblick überhäufte; wir wollen auch nicht all die Blumen⸗ ſträuße und Küſſe zählen, die ſie von ihrem Bruder und ihren kleinen Vettern erhielt, und eben ſo wenig Petterſon's Seufzer und zärtliche Blicke auf die kleine Johanna, welche das Fräulein nach Stockholm begleiten und daſelbſt Nähunterricht nehmen ſollte. Aber das müſſen wir erzählen, wie, als die Glocke des Dampſſchiffs zum dritten Mal den Nichtmitrei⸗ ſenden das Signal zum Weggehen gab und Roſa im Augenblick des Abſchiedes ſich mit einem angſt⸗ vollen Thränenguß an ihres Vaters Bruſt warf, die⸗ ſer ihr Haupt emporrichtete und zu ihr ſagte:„Roſa, alſo auf ſolche Art willſt Du mir dieſe Trennung ertragen helfen?“ „Gott ſegne Dich, Vater, für dieſen Vorwurf und den Troſt, den Du damit dem Herzen Deiner Tochter ſchenkteſt! Dieſe Deine Worte und Deinen Ausdruck in dieſem Augenblick vergißt ſie nie.“ Roſa hatte bege natü War Geſt da( denk ihrer Lieb ſeine Bru . Plät Pau zu l Han Noch htete nin hten. nie Dich afen das zanze und rliche nblick men⸗ ruder venig f die holm ſoltte. Hlocke itrei⸗ Roſa angſt⸗ edie⸗ Roſa, iung rwurf einer einen Roſa 61 hatte beim Abſchied von ihrem Vater ſeinen Stock begehrt und erhalten, einen einfachen Eichenſtock mit natürlich gebogenem Handgriff, den er bei längeren Wanderungen gebrauchte. Und als ſie ſeine geliebte Geſtalt nicht mehr am Ufer zu erkennen vermochte, da ging ſie in ihre Cajüte hinab, um an ihn zu denken und alle ſeine Worte, alle ſeine Züge ihrem Gedächtniß einzuprägen, und in kindlicher Liebe drückte ſie dieſen Stock, als wäre er ein Theil ſeiner leitenden und ſtützenden Vaterhand, an ihre Bruſt und ihre Lippen. Auch die kleine Johanna ſuchte ein einſames Plätzchen, um an ihren Liebhaber und Verlobten, Paul Petterſon, zu denken und in Ruhe den Brief zu leſen, den er im Augenblick des Abſchieds in ihre Hand geſteckt hatte. Er lautete wie folgt: „Allerholdeſte Herzensfreundin!!! „In der feierlichen Stunde des herannahenden Abſchieds ſchreibe ich dieſe Zeilen mit einer aus den Flügeln der Liebe gepflückten Feder; da Du, mein allerliebſter Schatz, jetzt auf den Flügeln des Dam⸗ pfes weit fort über das Meer fliegen wirſt, aber die Liebe fliegt noch ſchneller und wird Dich grüßen von mir und Dir ſagen, daß weder Seenoth oder Seekrankheit, noch andere Noth oder Krankheit mich je von Dir trennen wird, meine liebe Johanna, und Dich bitten, daß Du im Getümmel der Hauptſtadt, wo Du Dir jetzt die Kunſt und Wiſſenſchaft einer Nähterin erwerben wirſt, um damit unſerem ge⸗ meinſchaftlichen Vaterland(Gottland) zu nützen, ſtets ein würdiger Gegenſtand der Achtung und Liebe Gottes und der Menſchen bleiben mögeſt, wie bisher. ———— „Ferner bitte und ermahne ich Dich, da ich älter und erfahrener bin als Du, meine geliebte Braut, daß Du Dich vor allen irreleitenden Menſchen und Lehren, ſowohl in der Kirche als im königlichen Theater hüteſt, und beſonders vor ſolchen ungött⸗ lichen Vergnügungen wie Tivoli und die Carouſſelle, wo ſich für hübſche junge Mädchen viele Verführer und Gelbſchnäbel finden, die nichts taugen. Ferner ermahne ich Dich, meine liebe Freundin, darauf zu ſehen, daß Einkommen und Ausgaben zu einander paſſen, und daß Du Dich wohl hüteſt vor den Ver⸗ lockungen der Eitelkeit, die immer zu einem böſen Ende führen. Denn nichts Anderes als ſie und Faulheit und Mangel an richtigem Maß und an Um⸗ ſicht iſt Schuld an dem betrübten Wirrwarr mit Concurſen und Wechſeln in der letzten Zeit, der un⸗ ſer ſchwediſches Vaterland, wo nicht unſern ganzen Continent bedroht und mit Amerika begonnen hat. „Endlich bitte ich Dich, daß Du ſtets in treuer Erinnerung denjenigen tragen mögeſt, der über Zeit und Cwigkeit Dein getreuer Freund und, wenn es Gott gefällt eine Ausſicht auf ſichere Verſorgung zu geben, durch Vereinigung unſerer Schickſale eines Tags Dein in Leben und Tod, in Freud und Leid ergebener und zärtlich geliebter Gatte ſein wird. Paul Petterſon.“ N. S. „Ich füge ein Beutelchen bei, das Du gegen die Seekrankheit auf der Bruſt tragen ſollſt, und das ich von der Probſtin erhalten habe. Möge Gott Dich beſchützen! Hüte Dich wohl vor Erkältung!“ tuen, müth dig 1 reich älter raut, und ichen gött⸗ ſelle, hrer rner f zu nder Ver⸗ öſen und Um⸗ mit un⸗ nzen hat. euer Zeit nes zung ines Leid die das Gott 4 63 Neue Freunde, neue Eindrücke. Den erſten Theil der Reiſe widmete Roſa bei⸗ nahe ausſchließlich der Erinnerung an die Freunde und Verhältniſſe, die ſie hinter ſich ließ, und das graue, neblige Wetter begünſtigte die wehmüthige Stimmung, welche der Abſchied hervorgerufen hatte. Aber als ſie in die fünfzehn Meilen lange Scheere von tauſenderlei Inſeln und Halbinſeln kam, welche die Einfahrt nach Stockholm bildet, als das beſtän⸗ dig wechſelnde Panorama mit neuen Scenen und Gegenſtänden ſich um ſie her bewegte und ihre er⸗ ſtaunten Blicke von ſichtengekrönten Klippen auf Holme, zierlich wie die glückſeligen Inſeln der Sage, von rothen kleinen Fiſcherhütten auf ſtattliche weiße Schlöſſer ſchweiften, als fortwährend neue verlockende Ausſichten ſich um ſie her öffneten und ſchloßen, um wieder für andere Platz zu machen; als endlich Stockholms ſchöner Hafen gleich Vaterarmen ſich ihr öffnete mit ſeinem königlichen Schloß, ſeinen Sta⸗ tuen, Brücken und Thürmen, da erſchloß ſich ihr Ge⸗ müth für neue Eindrücke und ihr Herz ſchlug freu⸗ dig und friſch dem neuen Leben entgegen, das ſo reich und ſchön ihrer wartete. Die Hauptſtadt eines Landes, ſie mag nun Lon⸗ don, Paris, Berlin oder Stockholm heißen, ſpielt in der Phantaſie eines jungen Mädchens, das ein Kind der Provinz iſt, immer eine Hauptrolle. Da iſt die Heimath des Königs und der Kunſt; da muß alle Herrlichkeit der Welt beiſammen ſein. Da muß das Leben einem Feſte gleichen und Alles leicht und * zwanglos ſein; da muß ſie finden, was ſie dunkel ſucht, was ihr Herz bedarf. Sie kommt hin und findet in den meiſten Fällen nicht, was ſie erwartet und geſucht hat. In ihrer eigenen Heimath war ſie eine Roſe; in den Gärten der Hauptſtadt iſt ſie bloß ein Wieſenblümchen, das Niemand beachtet; ſie kann von Glück ſagen, wenn ſie nicht geradezu als Un⸗ kraut betrachtet wird. Die Schmetterlinge mit ſchim⸗ mernden Flügeln ſenken ſich nicht zu ihr herab, ſie ſuchen glänzendere Blumen, und das arme Provinz⸗ kind muß ſich damit begnügen zuzuſehen, wie ſie dieſe umtanzen. Die Vergnügungen, an denen ſie Theil nimmt, laſſen in ihrem Herzen oft einen Stachel zurück, und ſie bekommt es in vollem Maß zu erfah⸗ ren, daß man auch in der Hauptſtadt viel Verdruß haben kann. So geht es Vielen, die hierher kommen, um all⸗ da Glück oder Vergnügen zu ſuchen. Aber unſere Roſa kam nicht deßhalb. Sie wurde überdieß vor der Gefahr fehlgeſchlagener Hoffnungen durch ihre höhere Liebe geſchützt, ſo wie durch ihren Vorſatz aus Allem, was ihr begegnen könnte, eine Lehre zu ſchöpfen. Und ſo ging ſie mit muthigem Herzen der kommenden Zeit entgegen. Sie ſtieg mit ihres Vaters Stock in der Hand an's Land. „Das muß eine gottländiſche Mode ſein, daß Frauenzimmer mit Stöcken einhergehen,“ dachte Ro⸗ ſa's Vetter, Baron Axel Norrby, ein eleganter junger Herr, der in ſeiner Mutter Equipage gekommen war, um ſie abzuholen, aber nach der erſten Begrüßung und Aufn / dacht gefäb ſchaft zu ko dig n wiſſer hafte volk, zu wa worte oder! und a meine danke an de nkel und artet eine bloß kann Un⸗ chim⸗ „ſie vinz⸗ e ſie n ſie tachel rfah⸗ druß n all⸗ inſere ß vor ihre orſatz re ze erzen Hand „daß te Ro⸗ junger war, üßung und den erſten Höflichkeitsfragen ſie keiner großen Aufmerkſamkeit mehr würdigte. „Sie nimmt den Stock in den Wagen mit,“ dachte er;„dieſe gottländiſchen Blauſtrümpfe müſſen gefährliche Damen ſein, wenn man in ihre Geſell⸗ ſchaft kommt. Nun, ich will mich hüten ihr zu nahe zu kommen... Ich bin doch begierig, ob ſie beſtän⸗ dig mit dieſem Stocke da einhergeht... Ich möchte wiſſen, was ſie damit zu thun gedenkt... Mann⸗ hafte Frauenzimmer ſind das unerträglichſte Weiber⸗ volk, ſo viel iſt ſicher. Ich habe Luſt ſie zu fragen, zu was ſie den Stock gebrauchen will; aber da ant⸗ wortet ſie mir ohne Zweifel mit einem griechiſchen oder lateiniſchen Citat. Ein Gelehrter im Unterrock und an einem Stock einherwandelnd— Puh! RNein, meine Frau Mutter, daraus wird Nichts. Ich be⸗ danke mich.“ Und Baron Axel ſchaute gleichgültig an den Dächern hinauf und gähnte. „Mein Herr Vetter macht ſich nicht viele Mühe mit Artigkeit,“ dachte Roſa, und etwas verletzt durch ſein vornehmes, geringſchätziges Benehmen ſchwieg ſie gleichfalls.„Er kann mich jetzt eben ſo wenig leiden wie zur Zeit, als wir noch Kinder waren,“ dachte ſie weiter, und dieſer erſte unfreundliche Ein⸗ druck war ihr ſchmerzlich. Aber ſie vergaß ihn bei⸗ nahe über der unendlichen Freundlichkeit, womit ſie von ihrer Tante, der Baronin Norrby, empfangen wurde, die über das Wiederſehen ganz entzückt ſchien. Roſa hatte Anfangs Mühe ihre Tante zu er⸗ kennen, ſo ſehr hatte ſich dieſe durch Alter und Kränklichkeit verändert. Aber nachdem ſie einige Bremer, Vater u. Lochter. 5 Stunden beiſammen geweſen, fand ſie bei ihr jene Anmuth, jenes einnehmende Weſen wieder, wodurch ſie ſchon in ihrer Kindheit entzückt worden war, und ſie machte abermals ihrem Vater ſtille Vor⸗ würfe wegen ſeines allzu ſtrengen Urtheils über dieſe Frau. Allerdings ſprach die Tante ein Langes und Breites von ihren Krämpfen und ſchien eine ſchreckliche Angſt vor Luftzug und Erkältung zu haben; aber das war ja kein Wunder bei einer älte⸗ ren, kränklichen Perſon, und daß ſie von ihrem Sohn mit blinder Parteilichkeit ſprach, das war ja natürlich von einer Mutter. Ueberdieß fragte ſie mit großem Intereſſe nach ihren Verwandten in Gott⸗ land, und wenn ihr Gerede von denſelben Roſa auch nicht ſonderlich gefiel, ſo zwang es ihr doch zuweilen ein Lächeln ab. „Dein Vater, Roſa, iſt ein ſtattlicher Mann,“ ſagte die Baronin,„aber hochmüthig wie Nebukad⸗ nezar. Nein, nimm es mir nicht übel, Kind, ich ſage es bloß zum Scherz. Aber im Ernſt geſpro⸗ chen, ich möchte wünſchen, daß er ein wenig unvoll⸗ kommener wäre, daß er ein wenig ſündigte wie andere Menſchen, denn dann würde er ein wenig billiger gegen ſie ſein. Ja ja, ich weiß, daß er unvergleichlich iſt und daß er von ſeiner ganzen Umgebung vergöttert wird. Ich habe das bei mei⸗ ner beſcheidenen Schwägerin Karin Carlander be⸗ merkt. Eine herzensgute und wohlmeinende Frau, dieſe Karin, aber wahrhaft gefährlich mit ihren Hausmittelchen. Das Medicinalcollegium ſollte ſie im Ernſt verbieten. Sie wollte mich einmal curi⸗ ren, weil ſie glaubte, ich habe die Zuckerkrankheit, mand Leute vor! ſie h man reſpe Und jene durch war, Vor⸗ über nges eine zu älte⸗ hrem ar ja e mit Gott⸗ Roſa doch ann,“ ka⸗ , ich eſpro⸗ nvoll⸗ e wie wenig aß er anzen i mei⸗ be⸗ Frau, ihren lte ſie curi⸗ nkheit, 67 und ich habe mich ſeitdem unwohl befunden. Gott weiß, was ſie mir gab; eine Art von Kümmeldecoct, glaube ich, bitter, ſo daß ich es nie vergeſſen kann. Es war abſcheulich! Ich habe behaupten hören, ſie habe ihrem ſeligen Probſt— verſteht ſich in der allerbeſten Meinung— einen Schlaftrunk gegeben, ſo daß er nicht mehr erwacht ſei. Ja ja, ich bilde mir wohl ein, daß es Verleumdung iſt; aber ge⸗ fährlich iſt ſie jedenfalls, die gute Frau, mit ihrer Manie die Leute zu curiren. Laß uns jetzt von etwas Angenehmerem ſprechen; von Dir z. B., mein hol⸗ des Mädchen, denn Du biſt groß geworden und prächtig herangewachſen, ſeit ich Dich zum letzten Mal geſehen habe. Du gleichſt Deiner Mutter, Roſa; ſie war ein Engel von Güte, und Du haſt ihren Ausdruck, obſchon auch Etwas von Deinem Vater, und zwar das Beſte, nämlich dieſen klaren Blick und dieſen feſten Zug um Deinen Mund. Er war ein ſchöner Mann in ſeiner Jugend, Dein Vater, und... Aber Du ſollſt ja ſo ſchrecklich gelehrt ſein, ſagt man, Du verſtehſt lateiniſch und griechiſch, und ich glaube auch arabiſch; wie werden dann wir armen, ungelehrten Leute Dir gegenüber ſtehen? Um Eines bitte ich Dich, mein holdes Kind, nämlich daß Du weder Axel noch ſonſt Je⸗ mand Deine Gelehrſamkeit merken läſſeſt; denn die Leute im Allgemeinen haben eine ſchreckliche Angſt vor den gelehrten Frauenzimmern, und man nennt ſie hier Blauſtrümpfe. Dieß iſt eine Kinderei, aber man muß das Urtheil der Leute und alles Das reſpectiren, wenn man von ihnen geduldet ſein will. Und ein junges Mädchen, das umſchmeichelt zu wer⸗ den und eine gute Partie zu machen wünſcht, muß ſich vor allem Ungewöhnlichen hüten. Nun, Du ſiehſt wirklich nicht aus, als ob Du auf irgend eine Weiſe Jemand erſchrecken könnteſt oder wollteſt, und ich hoffe, wir werden uns recht gut beiſammen fin⸗ den. Meine Kränklichkeit hindert mich, Dich in Geſellſchaft zu führen, aber Du liebſt ja auch am meiſten ein ſtilles, häusliches Leben, und in meinem Haus wirſt Du oft einen kleinen Kreis von Men⸗ ſchen ſehen, die Dich ſicherlich intereſſiren werden; muſikaliſche und liebenswürdige Perſonen, die ich Axel und mir ſelbſt zu Liebe ein paar Mal in der Woche hier verſammle, um ein wenig Muſik zu machen, und das wird Dir, hoffe ich, Freude ge⸗ währen. Im Uebrigen kannſt Du ganz nach eige⸗ nem Gutdünken über Deine Zeit verfügen und Du brauchſt Deiner alten Freundin bloß diejenigen Stunden zu widmen, die Du ſelbſt willſt. Dein Zimmer wirſt Du hoffentlich angenehm finden, denn ich habe keinen höhern Wunſch, als daß es Dir recht wohl hier gefallen möge. Fehlt Dir Etwas oder wünſcheſt Du Etwas, ſo haſt Du es nur mir zu ſagen. Und jetzt wirſt Du wohl einiger Ruhe nach der Reiſe bedürfen, mein liebes Kind. Heute Abend habe ich eine kleine Geſellſchaft. Du kommſt dann doch und hilſſt ein wenig am Theetiſch; Du kannſt dann Muſik hören und mit einigen meiner Freunde Bekanntſchaft machen.“ In ihrem Zimmer konnte Roſa deutlich erkennen, wie gut ihre Tante es für ſie hatte veranſtalten wollen, obgleich ſie dabei ihren Geſchmack nicht in Berechnung gezogen hatte. Die ſchwellenden Sopha⸗ kiſſen gewt chen, und im„ cher. ſie ir konn Schr nung gen, wolle rief Dant L aber eben muß Du eine und fin⸗ in m inem Men⸗ rden; e ich n der ik zu e ge⸗ eige⸗ und nigen Dein denn Dir Ftwas rmir Ruhe Heute ommſt ; Du meiner ennen, ſtalten icht in Sopha⸗ 69 kiſſen und Stühle gefielen dem an große Einfachheit gewöhnten und Einfachheit liebenden jungen Mäd⸗ chen, der Tochter des ſtoiſchen Philoſophen, nicht, und die vielen kleinen, koſtbaren Zierathen überall im Zimmer waren nur ein Hinderniß für ihre Bü⸗ cher. Ihre Tante hatte Mühe zu begreifen, daß ſie in eine Ecke geſtellt wurden, wo Niemand ſie ſehen konnte, und daß Roſa einen Strohſtuhl an ihren Schreibtiſch wollte; aber ſie ſchrieb das auf Rech⸗ nung Norrbyſſcher Eigenheit und ließ ihr Alles brin⸗ gen, was ſie wollte. Ihr augenſcheinliches Wohl⸗ wollen und ihr Wunſch Roſa glücklich zu machen, rief im Herzen des jungen Mädchens eine freudige Dankbarkeit hervor. Beim Mittageſſen ſah Roſa ihren Vetter wieder, aber der Eindruck, den ſie von ihm bekam, war eben ſo unangenehm, als der von ſeiner Mutter angenehm geweſen war. Er critiſirte die Gerichte, hatte übermüthige Manieren, die durch ſein ſchönes Aeußere und ſeinen natürlichen Anſtand in Roſa's Augen nicht angenehmer wurden, und er ſchien ſich zur Regel gemacht zu haben, ſeiner Mutter bei jeder Gelegenheit zu widerſprechen. An Roſa richtete er einige gleichgültige Fragen, bloß um gegen ihre Antworten opponiren oder ſpöttiſche Bemerkungen darüber machen zu können. Mit einem Wort, er ſchien ſich ſyſtematiſch möglichſt unangenehm machen zu wollen, und dieß gelang ihm bei Roſa voll⸗ kommen. „Ich begreife Axel heute nicht,“ ſagte ſeine Mutter, als ſie und Roſa bei Tiſch allein blieben, „und Du darfſt nicht glauben, liebe Roſa, daß er immer ſo ſei. Er iſt eigen wie ein Norrby, das iſt wahr, und hat ſeine Launen wie ein Norrby, aber er kann, wenn er will, liebenswürdiger als irgend ein Anderer, o ja, ganz unwiderſtehlich ſein, das verſichere ich Dich und Du wirſt es bald ſehen. Du mußt von dieſem erſten Mittageſſen keinen Schluß machen. Die verbrannte Suppe muß ihn in die ſchlechte Laune verſetzt haben. Aber das gibt ſich ſchon wieder, und auf den Abend wird er ganz anders ſein. Er ſingt wie ein Engel, Du wirſt es hören, er iſt muſikaliſch, ein wahrer Virtuos! Und ſchön er ja auch, nicht wahr, Roſa? Ein Apollo iſt er!“ „Wenn er auch ſchön wäre wie Apollo ſelbſt, und ſänge wie der Engel Gabriel, und Muſik ver⸗ ſtände wie der größte Virtuos, ſo iſt der Mann, der ein Vergnügen darin findet ſeiner Mutter zu widerſprechen, und der wegen einer ver⸗ brannten Suppe in ſchlechte Laune geräth, mei⸗ nes Erachtens der Geringſten einer,“ dachte Roſa; aber ſie wagte es nicht auszuſprechen, und deßhalb antwortete ſie auf die Frage ihrer Tante Nichts als ein eiskaltes Ja. Und was ihre Verſicherungen von Arels unwiderſtehlicher Liebenswürdigkeit be⸗ traf, ſo mißtraute ſie ihnen ganz und gar. Als der Abend kam und die Gäſte brachte, ſtand Roſa am Theetiſch und ſchenkte ein. Es iſt eine ſchöne Sitte in unſerer nordiſchen Heimath, daß das junge Mädchen vom Hauſe ganz beſonders dieſe leichteſte und heiterſte Mahlzeit des Tages unter ſich hat, durch welche die geſellige Munterkeit für den Abend eingeweiht und gefördert wird. Der chine er de ſtimn mach den feine daß das rby, als ſein, hen. inen ihn gibt ganz ſt es Und pollo ſelbſt, per⸗ Nann, tutter ver⸗ mei⸗ Roſa; ßhalb Richts ungen it be⸗ ſtand eine „daß dieſe unter 71 chineſiſche Nectar gleicht dem olympiſchen darin, daß er das Gemüth belebt, ja es ein wenig olympiſch ſtimmt, zu Geſängen und heitern Geſprächen geneigt macht. Und ich glaube, es iſt ein Erfahrungsſatz, den man zum Axiom erheben kann, daß man dieſen feinen Trank nie recht gut von gedungenen Händen, daß man ihn nie ſo gut bekommt, als wenn er von Denjenigen credenzt wird, welche das wohlwollende Herz des Hauſes voll Anmuth repräſentiren. Auch werde ich heiter, wenn ich ein junges Mädchen oder eine junge Frau am Theetiſch präſidiren ſehe. Ueber⸗ dieß ſteht ihnen dieſes Geſchäft ſo wohl an. Sie erinnern uns dabei an Hebe und an Iduna. Roſa war in ihres Vaters Haus an dieſes Ge⸗ ſchäft gewöhnt, ſie übernahm es gerne und ver⸗ richtete es jetzt zur vollkommenen Zufriedenheit ihrer Tante. Später ſaß ſie ſtill da und hörte aufmerk⸗ ſam der Muſik zu, die von der kleinen Geſellſchaft con amore gemacht wurde. Man übte Haydns Ora⸗ torium„die Schöpfung“ ein, und jede Perſon hatte ihre Rolle. Baron Axel hatte die Rolle Gabriels und ſein Geſang machte einen unerwarteten Ein⸗ druck auf Roſa. Denn ſeine Stimme war nicht bloß ſchön, ſondern es lag auch ein Ton und ein Ausdruck darin, der ihr zum Herzen drang. Dabei war ſein Ausſehen und ſein ganzes Weſen umgewandelt. Sie mußte ſowohl an den Engel Gabriel als an Apollo denken. Roſa hatte ſich eine ſolche Veränderung nicht vorſtellen können, und obſchon ihr Vetter ſie ſelbſt keines Blickes oder Wortes würdigte, ſo ſchien er doch gegen alle Andern vollkommen liebenswürdig zu ſein. Ganz beſonders 72 beſchäftigte er ſich mit einem jungen Fräulein von B., dem er ordentlich den Hof machte. Auch gegen ſeine Mutter war er artig und vermochte ſie ſpäter am Abend zum Clavier eines ihrer Lieblingsliedchen zu ſingen, das ſie, obſchon mit wenig Stimme, trefflich vortrug. Erſt um Mitternacht trennte man ſich, nachdem man den Tag für die nächſte muſikaliſche Uebung feſtgeſetzt hatte. Roſa, die abſeits in einer Ecke des Zimmers geſeſſen, wurde wenig bemerkt und erhielt von ihrem Vetter nicht einmal einen Abſchiedsgruß. Sie kehrte in ungewöhnlich unruhiger Stimmung auf ihr Zimmer zurück. Die Muſik, welche ſie ge⸗ hört, ſo wie Axels Stimme und Ausdruck machten in ihrer Bruſt Saiten erzittern, die bisher ſtumm geweſen. Es war ihr, als hätten ſich die Pforten des Himmels eröffnet, und als hätte ſie Etwas von den Harmonien darin ſehen und hören dürfen, aber nur wie eine uneingeweihte Perſon, die draußen ſtehen bleiben mußte. Eine ſonderbare Weh⸗ und Demuth kam über ſie. Nie war ihr ſo um's Herz geweſen. War ſie wirklich bloß in ihres Vaters Haus und in ſeinem Schatten Etwas? Wie ſchön, wie begabt, wie lichtvoll erſchienen ihr nicht dieſe Kinder des Geſangs, wie frei, wie glücklich im Reiche der Töne! Und ſie, wie kenntnißlos, wie beengt, wie gering kam ſie ſich im Vergleich mit ihnen vor! Roſa ſetzte ſich ſchweigend, als wollte ſie über ſich ſelbſt nachdenken. Die Lampe brannte hell in ihrem Zimmer und ihr Schein fiel auf einen Gegen⸗ ſtand, der einen Widerſchein gab. Es war ihres B., ſeine am n zu fflich ſich, liſche einer merkt einen mung e ge⸗ chten tumm orten vn aber außen und Herz zaters ſchön, dieſe ch im „wie h mit über ell in hegen⸗ ihres Vaters Stock, der am Kopfkiſſen ihres Bettes wie auf der Wocht ſtand. Roſa ſprang auf, ergriff ihn und hielt ihn mit einem ſeltenen Gefühl der Freu⸗ digkeit in den Händen. Es war ihr, als ſtrömte ihr daraus Kraft zu, wie aus ihres Vaters ſtützen⸗ der, ſtarker Hand. Geſtützt auf dieſen Stock, ſchaute ſie ſich mit immer klarer werdenden Blicken in ihrer kleinen Welt um. Da lagen ihre Bücher, die alten, theuren Freunde, die ſie mit ihrem Vater geleſen, da die neuen, deren Studium er ihr angerathen; dort lagen Arbeiten, die ſie unter ſeiner Leitung begonnen hatte und hinfort auf eigene Fauſt vollen⸗ den ſollte, ihm zum Vergnügen und Andern zum Nutzen, hoffte ſie. Roſa fühlte ſich ſelbſt und ihre Aufgabe wieder. Auf einmal ſtand ſie beruhigt und geſtärkt da.„Ich bin nicht ſo ſchön und be⸗ gabt wie dieſe Leute,“ ſagte ſie beim Gedanken an die Sänger des Abends.„Aber ich beſitze dennoch eine eigene Gabe und eine eigene Arbeit, und mit dieſen kann ich für das Ewige, das Höchſte leben. Iſt das nicht genug, um zufrieden zu ſein? Und wer, wer von ihnen hat wohl einen beſſern Vater, als der meinige iſt? Wie konnte der Zauber eines Augenblicks mich veranlaſſen das Glück dieſer Leute ſo hoch zu ſchätzen! Vater! mit Dir kann das Leben niemals arm werden, mit Dir kann Deine Tochter niemals gering erſcheinen. Sie kann für Dich und für Deine und ihre eigene Arbeit leben. Und für dieſe will ſie leben, dieſe will ſie ausführen, mag die Welt ſingen wie ſie will!“ Aufgeregt durch dieſe Gedanken, begann Roſa ſelbſt zu ſingen, während ſie ihre Bücher ordnete und zu ihren Verfaſſern 74 ſprach, wie wenn ſie darin gelebt hätten. Dann nahm ſie ihres Vaters Stock, ſprach liebreich zu ihm, machte aus ihren gottländiſchen Blumen eine Kette und ſchlang ſie um den Stock, der jetzt zu blühen ſchien wie der Stab Aarons. Dieſes Spiel machte ihr großes Vergnügen. Leſer! Verzeihſt Du meiner mündig gewordenen Heldin, daß ſie noch ſo kindiſch iſt? Thuſt Du es nicht, ſo iſt es mir leid. Denn ich weiß nicht, ob ſie ſich jemals ſehr ver⸗ ändern wird. Im Leben der meiſten Menſchen kommt ein Tag, wo ſie in Berührung mit Andern gezwungen wer⸗ den ſich zu fragen: Was bin ich? Was habe ich in der Welt zu ſchaffen? Glücklich Du, mein Freund, wenn Du Dir antworten kannſt wie unſere Roſa, noch glücklicher, wenn Du Dir eine noch beſſere Antwort ertheilen und Dich auf einen noch ſtärke⸗ ren Stab ſtützen kannſt! Denn wir wiſſen wohl, daß es ſolche gibt, daß man ihrer bedarf, und auch ſie dürfte eines Tags dieſe Erfahrung machen. Alltagsleben der Hauptſtadt. Eine ſolche hat ſehr oft eine Menge blinder Klippen, woran man ſcheitert und leicht ſtrandet, wenn man nicht wachſam und vorſichtig iſt. Ohne Compaß und ſichern Steuermann geht es niemals gut. keit glau zwiſe eiger Mitt über ſehr Den Erke zu e ein ſeine ſchen greif ſie a und verſt unte Umſ hat vor Töch ſchen Und gung der Wie in enth verg ann ze eine t zu„ Spiel Du h ſo leid. ver⸗ Tag, wer⸗ ch in eund, Roſa, eſſere tärke⸗ wohl, und rn linder andet, Ohne s gut. 75 Roſa fand es ſchwer zwiſchen der Aufmerkſam⸗ keit und Zeit, die ſie ihrer Tante widmen zu müſſen glaubte, welcher ſie gern gefällig ſein wollte, und zwiſchen der Aufmerkſamkeit und Zeit, die ſie ihrer eigenen innern Ausbildung ſchuldete, die richtige Mitte zu treffen. Das Leben junger Mädchen, die über ihre erſte Jugend hinaus ſind, verwickelt ſich ſehr oft in einen ſchwer zu löſenden Pflichtenſtreit. Denn höchſt ſelten kommen ihre Verwandten zu der Erkenntniß, daß dieſe Mädchen eine eigene Aufgabe zu erfüllen haben, daß ihr Leben nicht ausſchließlich ein„Heben und Tragen für Andere“ iſt, obſchon ſeine höchſte Wirkſamkeit wie bei einem jeden Men⸗ ſchenleben darauf gerichtet ſein muß. Sehr oft be⸗ greifen die jungen Mädchen das ſelbſt nicht; aber ſie ahnen eine ſelbſtſtändige Beſtimmung, und unklar und ungeduldig über ihren Zuſtand, rütteln ſie un⸗ verſtändig an den hemmenden Banden, oder auch unterwerfen ſie ſich Leiden und werden was die Umſtände aus ihnen machen wollen. Sehr ſelten hat eine Mutter und noch ſeltener ein Vater Achtung vor den höheren Bedürfniſſen und Beſtrebungen der Töchter; ſehr ſelten macht ſich ein Vater zum irdi⸗ ſchen Vorbild und befreienden Führer ſeiner Tochter. Und gleichwohl hat die Tochter eine natürliche Nei⸗ gung zum Vater aufzuſchauen, ihn als das Abbild der Vorſehung auf Erden zu verehren und zu lieben. Wie oft habe ich nicht auf meinen Wanderungen in manchen Ländern Töchter getroffen, die mit enthuſiaſtiſcher Liebe ihren Vätern anhingen; wie vergleichungsweiſe wenig Väter, die es mir wirklich zu verdienen ſchienen! —— ————————— 76 Roſa war die glückliche Tochter eines ſolchen Voters. Auch wurde es ihr ſehr ſchwer ſich aus den Verwicklungen und Schwierigkeiten, die in ihren neuen Verhältniſſen vorkamen, herauszufinden, und zwar ohne anzuſtoßen oder zu verletzen. Als ſie ſah, daß ihre Tante, trotz ihrer ſchönen Verſprechungen ſie über ſich ſelbſt und ihre Zeit verfügen zu laſſen, gleichwohl nicht verſtand, was dieſe zu bedeuten hatte, ſondern ſie beſtändig bei ſich haben wollte oder auch unaufhörlich Boten mit Fragen oder klei⸗ nen Aufträgen zu ihr ſchickte, da ſprach Roſa offen und zärtlich mit ihr darüber. Mit großer Sanft⸗ muth, aber mit eben ſo großer Beſtimmtheit ver⸗ langte ſie gewiſſe Stunden des Tags für ſich und ihre Studien, wogegen ſie andere vollſtändig ihrer Tante widmen wollte. So bekam Roſa die Vor⸗ mittagsſtunden für ſich, widmete aber den Nachmit⸗ tag und beſonders den Abend der Baronin. Nachdem „dirß beſchloſſen war, bekam Roſa, da ſie mit ſanft⸗ müthiger Feſtigkeit dieſe Ordnung einhielt, Ruhe. Auch die Baronin zeigte ſich damit zufrieden, ja ſie ſchien dadurch ruhiger und glücklicher zu werden, als ſie vorher geweſen. Eine andere Schwierigkeit, womit Roſa zu käm⸗ pfen hatte, war das Benehmen ihres Vetters. Dieſes war ſo unfreundlich und zuweilen ſo ab⸗ ſtoßend, daß es der ganzen Güte und Anſpruchs⸗ loſigkeit Roſa's bedurfte, um nicht verletzt zu werden. Selten ſprach er mit ihr, außer um ihr zu opponi⸗ ren oder Etwas zu ſagen, wodurch er ſie reizen zu können glaubte, indem er herabſetzte was ſie hoch⸗ ſchätzte, oder pries was ſie gering zu achten ſchien, oder zwei bei des eine Ider Aber ihm Luſt aus, Roſa letzen richti gend beſaß feind chen aus hren und ſah, ngen ſſen, ten ollte klei⸗ offen anft⸗ ver⸗ und ihrer Vor⸗ hmit⸗ hdem anft⸗ Kuhe. a ſie „als käm⸗ tters. a⸗ uchs⸗ rden. poni⸗ en zu hoch⸗ 77 oder auch auf Alles was für hoch und heilig gilt zweifleriſch die Achſeln zuckte. Alles das erweckte bei Roſa weniger ein Gefühl des Verdruſſes, als des Mitleids mit ihrem Vetter. Es that ihr weh einen ſchön begabten jungen Mann ſo ohne höheres Ideal, ohne Glauben und edles Streben zu ſehen. Aber da ſie ſich nicht ſtark genug fühlte, um mit ihm zu ſtreiten, und da ſie überdieß deutlich ſeine Luſt bemerkte ihr zu widerſprechen, ſo wich ſie ihm aus, ſo weit es ohne Unfreundlichkeit möglich war. Roſa wollte nicht unfreundlich ſein, wollte nicht ver⸗ letzen. Sie war zu gut dazu. Aber Axels Geiſtes⸗ richtung that ihr weh und ſie verſchloß ſich ſchwei⸗ gend in den ſtillen Tempelhof ihres Innern. Dort beſaß ſie Alles was ſie vor Verwundung durch die feindlichen Pfeile ſchützen konnte. Deßhalb blieb ſie auch ruhig und freundlich, obſchon rückhaltend gegen ihren Vetter. Nur wenn Axel über Tiſch ſein Ver⸗ gnügen darin fand ſich an ſeiner Mutter zu reiben, nahm Roſa, zuweilen mit einigem Verdruß, Theil an dem Streit und ſtellte ſich auf die Seite der ſchwächeren Partei. Dieſes Gezänke ſchien Axel Spaß zu machen, gewährte aber Roſa ganz und gar keine Freude, und das Verhalten ihres Vetters nahm ihrem täglichen Leben viel von den Annehmlichkeiten, die es ſonſt hätte bieten können. Gleichwohl gab es Augenblicke, wo Roſa ganz andere Eindrücke von Axel empfing. Dieß geſchah am häufigſten Nachmittags oder Abends, wenn er am Clavier phantaſirte oder ſang. Da vergaß Roſa den widerwärtigen und garſtigen Axel über dem ideali⸗ ſchen jungen Mann, welcher die ſchönſten Gedanken 78 und Gefühle der Menſchenſeele verdolmetſchte. Da mußte ſie manchmal ſich fragen: Steht dieſe Gottes⸗ gabe außer allem Zuſammenhang mit dem innern Leben? Iſt der Jüngling, der ſo in Tönen ſpricht, nicht der wahre Axel Norrby und der andere Axel bloß ein Scheinweſen, die Ausgeburt eines böſen Zaubers? Muß dieſer nicht verwandelt werden und verſchwinden, wenn der rechte durch ein mächtiges Wort, ein Schöpfungswort hervorgerufen wird?“ Und Roſa dachte an die alten Sagen von dem Jüng⸗ ling, der in einen Wehrwolf verwandelt worden iſt, aber, wenn man ihn bei ſeinem Taufnamen anruft, ſein menſchliches Bewußtſein und ſeine wahre Ge⸗ ſtalt wieder erhält. Es kamen auch Stunden, und zwar wiederholten ſie ſich im Verlauf der Wochen immer öfter, wo Arxel dem Gaſt ſeiner Mutter eine unwillkürliche, nicht unfreundliche Aufmerkſamkeit ſchenkte. Dieß geſchah, wenn Roſa Abends der alten Dame vorlas. Denn Roſa beſaß in hohem Grad das ſo wenig cultivirte, aber für das Familien⸗ wie für das Geſellſchafts⸗ leben ſo werthvolle Talent gut zu leſen. Ihr Vater hatte ihre natürliche Anlage dazu geübt; ihre friſche, weiche Stimme verlieh ihrer Declamation doppelten Reiz, und es war ein wirkliches Vergnügen ſie vor⸗ leſen zu hören, ob ſie nun ernſte oder luſtige Sachen dazu wählte. Ihre Tante, die ſich früher an den Abenden langweilte und gähnte, konnte jetzt ganz ungeduldig werden, wenn ein Beſuch kam, der Roſa's Vorleſung unterbrach, und Axel blieb, offenbar da⸗ von gefeſſelt, immer öfter und länger zu Hauſe. Aber wenn ſeine Mutter gar zu deutlich ihr Ver⸗ Da ttes⸗ nern icht, Axel öſen und tiges rd?“ üng⸗ n iſt, ruft, Ge⸗ olten Arxel nicht ſchah, Denn virte, afts⸗ bater iſche, eten vor⸗ achen den ganz toſa's rda⸗ Hauſe. Ver⸗ 79 gnügen über Roſa's Talent ausſprach, da ſtand Axel auf, begann ein Liedchen zu ſummen oder zu trällern, oder auch erinnerte er ſich auf einmal an irgend ein Souper oder eine muſikaliſche Unterhaltung, wozu er geladen war, und verließ das Zimmer. Seine Mut⸗ ter ſeufzte dann oder wurde verdrießlich und ergoß ihren Aerger über„dieſes Fräulein von B. da.“ Axel hatte verſchiedene Gründe, die ihn gegen Roſa einnahmen. Erſtens hatte ſeine Mutter von jeher eine große Vorliebe für ſie gehabt. Zweitens glaubte er, ſie hege jetzt, indem ſie Roſa in ihr Haus geladen, gewiſſe Abſichten auf ſein Herz und ſeine Freiheit. Drittens war ſie ein gottländiſcher Blauſtrumpf, der latein und griechiſch, vielleicht ſo⸗ gar hebräiſch verſtand. Viertens war ſie mit einem Stock in der Hand an's Land geſtiegen. Fünftens hatte ſie nichts was die Blicke der Welt auf ſich zog. Sie hatte ein ſehr gewöhnliches Ausſehen und We⸗ ſen, aber nichts Ausgezeichnetes. Sechstens beſaß ſie nicht Geſchmack und Verſtand genug, um ihren Herrn Vetter zu bewundern oder ihm einige Artig⸗ keiten über ſein Künſtlertalent zu ſagen. Siebentens gab ſie ſich ganz und gar keine Mühe ihm zu ge⸗ fallen. Summa Summarum: ihr fehlte Alles was ein junges Mädchen liebenswürdig und wünſchens⸗ werth machen konnte, und Baron Axel, der Liebling der feinſten Damen Stockholms, hielt ſich für einen zu famoſen Kerl, um an die kleine Gottländerin auch nur zu denken. Er hatte überdieß ganz andere Ge⸗ danken. Für den Augenblick umſchwebten ſie Fräu⸗ lein von B., und mit Ausnahme der Stunden, wo 80 Roſa las oder Arel ſang, ſchienen die zwei jungen Leutchen ſich einander immer mehr zu entfremden. Aber dieſes Verhältniß ſollte nicht immer währen. Verwandlung. Alle jungen Leute, die nach Stockholm kommen, in der Hoffnung dort ein angeregteres und reich⸗ i. haltigeres Leben zu finden, als die Provinz bietet, und in der Abſicht ſich recht luſtig zu machen, ha⸗ ben ſicherlich auch erfahren müſſen, daß das Leben Weih in Stockholm im erſten Theil des Winters ganz be⸗— ſonders todt und bleiartig iſt, und daß man ſich auch S in einer Hauptſtadt ſchrecklich langweilen kann. Ja, Mancher dürfte in Verſuchung gerathen ſein zu ſeuf⸗ zen, wie ich einſt ſeufzte: 5 Grau iſt der Himmel, grau die Erde, auf de Grau die Natur, grau Gottes Tag; merkt. Die Welt iſt eine graue Schweſter, Vater Und wie die Welt, ſo bin auch ich. erhalt nig zu Wohl hat man in Stockholm Weihnachten vor erhoßt ſich, und ihr Lichtleben beglänzt immer mit einigen etwas Strahlen der Morgenröthe die finſtern Tage der merker Monate October, November und December, wenigſtens mit ſi in den Häuſern, wo man Weihnachtsgeſchenke zu ſonder geben und zu empfangen gedenkt. Wie man in den Tante andern lebt, wo keine hellen inneren Lichter brennen, mußte Bre en den. . 81 das begreife ich nicht. Und ich begreife gut den humoriſtiſchen Ausfall eines unſerer großen Männer während eines Aufenthalts in Stockholm um dieſe Zeit: „Es bleibt Einem NRichts übrig als zu ſchlafen oder Schnaps zu trinken!“ was eine höchſt betrübte Reſ⸗ ſource iſt. Das Geſellſchaftsleben, Concerte, Theater, Alles ſcheint zu ſchlafen oder zu gähnen. Die Hauptſtadt gleicht dem Bären, der in ſein Winter⸗ lager zur Ruhe geht, und dem Stadtbewohner wird es ſchwer ſich nicht davon beeinfluſſen zu laſſen und ſich recht wach zu erhalten. Es liegt ein Bärenfell über der nordiſchen Erde. Dieſe Decke wird in der Chriſtzeit gehoben. Der Weihnachtsabend und die Weihnachtsfrühſtunde kommen mit Licht und Jubel. Das Leben des Geiſtes erwacht, ebenſo das Leben der Natur. Und zugleich kommt in Schwedens Hauptſtadt ein neues Leben in die Geſellſchaft, in die Kunſt, in die Literatur, in Handel und Wandel und in Intereſſen aller Art. Roſa hatte vorher den Einfluß der Jahreszeiten auf das Gemüth und ſeine Ruhe nur wenig be⸗ merkt. Ihr friſches, reiches und thätiges Leben im Vaterhaus hatte ihre Seele in einer Atmoſphäre erhalten, wo Herbſtſchauer und Winterkälte nur we⸗ nig zu bedeuten hatten, ja die Munterkeit noch eher erhöhten als herabſtimmten. Es war ihr daher etwas Fremdes und Sonderbares den Druck zu be⸗ merken, welchen dieſe Naturerſcheinungen in Stockholm mit ſich brachten, und den auch ſie in Folge der be⸗ ſondern Verſtimmtheit und Verdrießlichkeit ihrer Tante und ihres Vetters zu erfahren hatte. Roſa mußte oft die Klagen der Erſteren über ihren Sohn Bremer, Vater u. Tochter. 6 — hören, über deſſen Benehmen ſie jetzt ſehr mißver⸗ Arels den begann, was ſie aber weniger ihm Mutt gnügt zu wer ſelbſt als dem Fräulein von B. zuſchrieb, einer ſehr tes 3 muſikaliſchen, aber launiſchen jungen Dame, der ihr Perſo Sohn ſeit mehreren Jahren den Hof machte, die ren aber ihr ganz und gar keine angenehme Schwieger⸗ nete tochter geweſen wäre. Sie glaubte auch nicht, daß den 2 es Arxel wirklich Ernſt damit ſei, denn Fräulein von ſeines B. war arm und beſaß außer ihrem muſikaliſchen jener Talent nichts Ausgezeichnetes. Aber dieſe Hof⸗ theile macherei wirkte zuſehends ſchädlich auf ſein Gemüth Schör und ſeinen Character, beſonders in der letzten Zeit. Barm 1 Die Baronin wünſchte herzlich, daß er auf andere Aufge Gedanken kommen und eine andere Neigung faſſen Uebun möchte. Sie gab deutlich zu verſtehen, wie lieb es jener ihr wäre, wenn dieſe Neigung auf Roſa fiele und Worte Roſa ihre Tochter würde. Aber Roſa ſchien dieſe dann Winke nicht im mindeſten zu begreifen, denn ſie ſprech 13 lenkte immer das Geſpräch auf andere Gegenſtände. keit, i 3 Dieß war inzwiſchen nicht ſo leicht, denn die Baro⸗ ſchen nin kümmerte ſich wenig um Sachen, die nicht ihre nach eigenen Intereſſen und ihren eigenen Geſellſchafts⸗ mit de kreis berührten, und ſo kam man immer wieder auf im Se Fräulein von B. und dieſe Hofmacherei. her ve Ein Vergnügen ſchläft inzwiſchen nie ganz in lern u Stockholm, nämlich die Muſik. In oder außer dem beiden Hauſe verſammelt ſie immer ihre Freunde und ſchenkt merkſa ihnen einige ſchöne Stunden. Nach dem Neujahr der ar werden dieſe immer zahlreicher und lebhafter. Auch welche die kleinen muſikaliſchen Soireen bei der Baronin Sie li Norrby gewannen um dieſe Zeit erneutes Leben, ob⸗ terbiſc ſchon die Anweſenheit des Fränleins von B. und 3 zver⸗ ihm ſehr rihr die eger⸗ daß von iſchen emüth Zeit. ndere faſſen ieb es e und dieſe nn ſie ſtände. Baro⸗ h ihre ſchafts⸗ er auf nz in er dem ſchenkt Reujahr Auch Baronin ben, ob⸗ B. und 83 Axels Bemühungen um ſie ihre Harmonie für ſeine Mutter ſtörten. Für Roſa brachten ſie ein doppel⸗ tes Intereſſe, Muſik und die Bekanntſchaft mit zwei Perſonen, die ihrem Stockholmer Leben einen höhe⸗ ren Inhalt gaben. Die Eine war der ausgezeich⸗ nete Künſtler und Geſanglehrer B., welchem Schweden den Aufſchwung ſeiner Muſik ſowie die Ausbildung ſeines größten weiblichen Talents zu verdanken hat, jener Künſtlerin, die mit ihrem Geſang zwei Welt⸗ theile entzückt und dadurch nicht bloß dem Reich der Schönheit, ſondern auch dem Reich der Güte und Barmherzigkeit gedient hat, was des Künſtlers höchſte Aufgabe iſt. Er leitete gewöhnlich die muſikaliſchen Uebungen bei der Baronin und ſang oft ſelbſt mit jener ſeltenen Kunſt der Declamation, welche die Worte eben ſo gut hören läßt wie die Töne, die dann den tiefſten Sinn der erſteren deutlich aus⸗ ſprechen. Die Andere war die durch ihre Perſönlich⸗ keit, ihre geſellſchaftliche Stellung und ihre muſikali⸗ ſchen Talente gleich ausgezeichnete Frau D., die nach Art des nordiſchen Weibes den innern Ernſt mit dem fröhlichen Weſen zu verbinden wußte und im Salon wie im Hauſe den friſchen Geiſt um ſich her verbreitete, den ſie von ihres Vaterlandes Thãä⸗ lern und Bergen mitgebracht zu haben ſchien. Dieſe beiden Perſonen ſchenkten Roſa eine ſteigende Auf⸗ merkſamkeit, und ſie lernte in ihnen zwei Vertreter der angenehmſten und würdevollſten Seiten kennen, welche das Umgangsleben in Stockholm darbietet. Sie ließen Roſa die Wahrheit im Geſang des Dich⸗ terbiſchofs ahnen: 84 Freude und Tugend Befeuern einander, Bekränzt um die Stirne Scherzet die Weisheit in Weinlaubs Schutz. Sie ſollte dieß bald auch bei einer dritten Per⸗ ſon erfahren—— aber loßt uns die Sachen in Ordnung erzählen. Dieſen Winter ging an Schwedens literariſchem Horizont ein neues Meteor auf. Lange hatte es in einem kleinen Kreis in der Stadt der hohen Säle geglänzt, und von Zeit zu Zeit hatte ſich das Gerücht davon bis in die Hauptſtadt verbreitet. So ſchüchtern es jetzt mit ſeinen Liedern auftrat, ſo wurde es doch ſogleich Gegenſtand allgemeiner Aufmerkſamkeit, und der Name Thecla K. wurde ausgeſprochen, ihre Gedichte wurden von allen Per⸗ ſonen und in allen Kreiſen literariſcher Bildung mit Freuden geleſen. Das Intereſſe für die junge Scal⸗ din ſteigerte ſich noch, als die ſchwediſche Academie in ihrer Verſammlung vom 20. December erklärte, daß ſie den höchſten Preis für Dichtkunſt der unge⸗ nannten Verfaſſerin einer größeren Poeſie über Ragnar Lodbrok(wovon verſchiedene Stellen während der Verſammlung verleſen wurden) ertheile, und als es bald darauf verlautete, die preisgekrönte Verfaſſerin von Ragnar Lodbrok ſei dieſelbe ſchüchterne Thecla K. Man wünſchte allgemein die hochbegabte Scaldin kennen zu lernen, deren Geſang eine zu gleicher Zeit ſo milde und ſo ſtarke Seele, das edelſte Gemüth, den feinſten Tact bekundete, und von welcher ſelbſt die vielzüngige, verläumdungs⸗ 5 ſüch wu ſtad ſchri Lind mal leich Muf hatti „die Zuhi Fra lich ßere nat könig muſil ſollte gewö gege man ſich h ſonde nur alſo der ſollte das Theil gema Per⸗ n in iſchem es in ohen te ſich weitet. uftrat, meiner wurde Per⸗ ig mit Scal⸗ ademie rklärte, unge⸗ über Stellen rtheile, ekrönte dieſelbe ein die Geſang Seele, kundete, ndungs⸗ 85 ſüchtige Fama nichts Anderes als Gutes zu ſagen Viele Stimmen beriefen ſie in die Haupt⸗ ſtadt. Unter ihren Gedichten war eines mit der Auf⸗ ſchrift„die Träume,“ das neuerdings von Adolph Lindblad, einem Componiſten, der in dieſer Art von malender Muſik oder dramatiſchem Geſang nicht leicht von Jemand übertroffen werden dürfte, in Muſik geſetzt worden war. Roſa, die ſich beeilt hatte Thecla's Gedichte zu kaufen, las eines Abends „die Träume“ vor, und zwar ſo, daß die entzückten Zuhörer da capo riefen. Unter ihnen befand ſich Frau D. und Herr B. Sie beſchloſſen gemeinſchaft⸗ lich das Gedicht mit Lindblad's Muſik für eine grö⸗ ßere muſikaliſche Soiree einzuüben, die nächſten Mo⸗ nat bei Frau D. ſtattfinden, und an welcher die königlichen Prinzen nebſt der Blüthe der höheren muſikaliſchen Geſellſchaft Stockholms theilnehmen ſollten. In Frau D—s Haus wurden den Winter über gewöhnlich zwei oder drei ſolche muſikaliſche Soireen gegeben, und zu den Proben hiefür verſammelte man ſich mehrere Abende bei ihr, denn es handelte ſich hier nicht bloß darum, daß man Muſik machte, ſondern daß man ſie ſo vollkommen machte, als ſich nur denken ließ. Das vorzutragende Stück wurde alſo einſtudirt, ſo daß der ganze und innerſte Sinn der Compoſition aufgefaßt und ausgedrückt werden ſollte, kein Ton, kein Wort durfte vernachläſſigt, das Kleinſte wie das Größte, das Ganze wie die Theile, Alles ſollte in vollendeter Harmonie geltend gemacht werden. Herr B. war es, der auch dieſe 86 Uebungen leitete und zwar mit der Begeiſterung und Strenge eines Meiſters. Roſa wurde nebſt ihrer Tante von Frau D. zu den Soireen geladen, in welchen die Träume ein⸗ geübt werden ſollten. Und obſchon die Baronin keine Einladung zu Abendgeſellſchaften annahm, machte ſie doch dießmal eine Ausnahme, denn Ro⸗ ſa's Blicke baten ſie darum, und ſie vermochte ihnen nicht zu widerſtehen. Wenige Tage ſpäter fand die erſte dieſer Soi⸗ veen ſtatt. Es war auch das erſte Mal, daß Roſa in einer größern Geſellſchaft außer dem Hauſe war, und es fand ſich darin Vieles vor, was ihre Auf⸗ merkſamkeit feſſelte, es waren manche Perſonen da, die ſich durch Schönheit oder intereſſante Eigenthüm⸗ lichkeiten auszeichneten. Unter den erſteren bemerkte Roſa beſonders den Prinzen Guſtav, König Oscars zweitälteſten Sohn, der ſeiner Schönheit und Liebens⸗ würdigkeit wegen mit Recht der Jugendfürſt genannt wurde. Sein Ausdruck und ſein ganzes Weſen erinnerten Roſa an das, was unſere älteſten Lieder dem Sonnen⸗ gott Baldur, dem Guten, dem Apollo des Nordens, aber edler als dieſer, zuſchreiben. Roſa konnte ihre Augen kaum abwenden von ſeinem ſchönen, freund⸗ lichen Geſicht, in welchem man den Ausdruck einer reinen, beinahe himmliſchen Harmonie zu ſehen meinte, während liebliche Melodien in ſeinem Lä⸗ cheln und in ſeinen Mienen ſpielten. Sie that es jedoch, als ſie von dem ſcharfen, gleichſam prüfen⸗ den Blick ihres Vetters getroffen wurde. Unter den genialen Perſonen lernte ſie mit vie⸗ lem kent hin lich ern blei rege Abl bew den in abe nert auch den ſanf nah jene keit z0g6 ſie. Sch ſo ſelb niß ſchr⸗ Ver terb und ſie 87 rung lem Vergnügen den Componiſten Adolph Lindblad kennen, über deſſen Haupt ein herbſtlicher Sturm d. zu hingegangen zu ſein ſcheint, ohne jedoch die Lieb⸗ ein⸗ lichkeit ſeiner Töne ſtören zu können, und zu ihrer ronin erneuten Freude ſah ſie den Sänger B. mit dem ahm, bleichen, feinen Geſicht, den dunkeln Augen, den Ro⸗ regelmäßigen Zügen, die von ſeiner orientaliſchen ihnen Abkunft zeugten, frei und froh in dieſem Kreis ſich bewegen, wie ein Genius in ſeinem Reiche. Unter Soi⸗ den Damen bemerkte Roſa eine noch junge Perſon Roſa in ſchwarzer Kleidung, deren Ausſehen und Geſtalt war, aber beſonders an einen weißen Lilienſtängel erin⸗ Auf⸗ nerte. en da, Sie ſaß abgeſondert da und war offenbar, wie thüm⸗ auch Roſa, bloß Zuhörerin, nicht Theilnehmerin an merkte den muſikaliſchen Uebungen. Ihre feinen Züge, der cars ſanfte Ausdruck in dem bleichen Geſicht, in dem bei⸗ ebens⸗ nahe träumeriſchen Blick der hellblauen Augen und fürſt jenes gewiſſe Etwas, das mit innerer Nothwendig⸗ keit und beinahe immer mit innerem Recht feſſelt, merten zogen Roſa's Blicke immer und immer wieder auf onnen⸗ ſie. Sie hatte ſich von jeher eine Freundin, eine ordens, Schweſter gewünſcht. Es ſchien ihr, als ſehe dieſe te ihre ſo aus. Roſa dachte übrigens jetzt wenig an ſich freund⸗ ſelbſt, ſondern hauptſächlich an ein klares Verſtänd⸗ keiner niß deſſen was ſie ſah, um ihrem Vater darüber ſehen ſchreiben zu können, denn ſie wußte, daß dieß ihm em Lä⸗ Vergnügen machen würde. that es Ihre Betrachtungen wurden durch die Muſik un⸗ prüfen⸗ terbrochen, und Roſa empfand das größte Vergnügen und ſchöpfte zugleich aus der Art und Weiſe, wie nit vie⸗ ſie eingeübt wurde, Belehrung für ſich und ihre 88 Arbeit. Denn alles thatkräftige Streben nach dem Vollkommenen, aller Kampf dafür wie aller Sieg gehorcht gemeinſamen Grundgeſetzen. Es freute ſie überdieß ihren freundlichen Singlehrer zu ſehen, denn Roſa hatte angefangen Lectionen bei Herrn B. zu nehmen, welcher ſich jetzt in einen Tyrannen verwandelte, der, obſchon immer liebenswürdig, un⸗ bedingten Gehorſam forderte und manchmal recht ſchwer zu befriedigen war. Prinzen und vornehme Damen mußten manchmal dieſelbe Strophe, dieſel⸗ ben Worte immer wieder ſingen, bis ihr Vortrag ſo wurde, wie er es verlangte. Roſa's Intereſſe wurde auf's Höchſte geſteigert, als es zur Einübung der Chöre der Träume kam. Text und Muſik ſchienen in ſeelenvoller, beinahe ätheriſcher Poeſie zu wetteifern, und Roſa glaubte ihre eigenen Kindheitsträume darin wieder zu ver⸗ nehmen. Aber je ſchöner Worte und Muſik zummenge⸗ worfen waren, um ſo ſchwerer hielt es Herrn B. durch ihren Vortrag zu befriedigen. Der Chor ſang jetzt: Helle Wolken ſegeln Gleich weißen Schwänen hin, Linden und Erlen ſich ſpiegeln In der tiefen klaren See; Sommernachts leichter Schleier— Aber hier wurde der Chor heftig von dem ſtren⸗ gen Meiſter unterbrochen: „Nein, das taugt nicht, meine Herrſchaften! Hier dem ieg ſie hen, errn men un⸗ recht hme eſel⸗ trag gert, kam. nahe ubte ver⸗ nge⸗ B. ſtren⸗ Hier 89 handelt es ſich ja um die Sommernacht, um unſere Sommernacht. Das iſt keine gewöhnliche trübe, kühle Nacht. Sie darf nicht gleichgültig und kalt ausgeſprochen werden, wie eine andere gewöhnliche Nacht. Denken Sie ſich unſere ſchwediſche Hochſom⸗ mernacht mit ihrem magiſchen Licht, ihren Blumen⸗ düften, ihrem Frieden und ihrer Freude, oder viel⸗ mehr fühlen ſie dieſelbe, wie ſie hier in den Worten „Sommernachts leichter Schleier“ gefühlt wird; aber nein, meine Stimme iſt nicht mehr jung und friſch genug, um dieſe geſchriebene Muſik leſen zu können. Fräulein Norrby, Fräulein Roſa Norrby! Ich habe Sie dieſes Gedicht ſo leſen gehört, wie ich wünſchte, daß wir es ſingen könnten. Machen Sie mir und uns Allen hier das Vergnügen dieſes kleine Gedicht ganz vorzuleſen. Ich bin überzeugt, daß wir es dann beſſer ſingen werden.“ Roſa wurde bei dieſer unerwarteten Aufforderung bald roth, bald blaß und wollte ſich weigern. Aber vergebens. Ihre Tante und die liebenswürdige Wirthin des Hauſes vereinigten ſich mit Herrn B., um ſie darum zu bitten, und mit freundlicher Ge⸗ walt führte er ſie zu einem Kronleuchter, bei deſſen Licht ſie ſtehend(wie Alle vom Geſangperſonal) das Gedicht vorleſen ſollte. Roſa dachte jetzt:„Mein Vater ſieht und hört mich!“ und wie mit einem Zauberſchlag war die Aengſtlichkeit überwunden, und ſie begann ohne wei⸗ tere Umſtände die Lectüre mit einer Stimme, die zwar am Anfang ein wenig zitterte, bald aber ihre Sicherheit wieder gewann und das Gedicht mit un⸗ gewöhnlicher Lebendigkeit und Lieblichkeit wiedergab. 90 Ein Beifallsgeräuſch erhob ſich in der Verſammlung, als ſie aufgehört hatte, und Roſa empfand kein an⸗ deres Gefühl als das unſchuldiger Befriedigung, als ſie, gefolgt von den freundlichen Blicken Aller und unter lebhaften Dankſagungen ihres Maeſtro, an ihren Platz zurückgeführt wurde. Die Proben gingen jetzt mit neuer Munterkeit von Statten, und weder die ſchwediſche Sommer⸗ nacht noch Herr B. konnten ſich ſpäter über Mangel an Gefühl von Seiten des Singperſonals beklagen. Der letztere Theil dieſes Abends wurde für Roſa eine Art von Verzauberung: die königlichen Prinzen kamen und machten ihr Complimente wegen ihrer Vorleſung; ebenſo auch mehrere der vornehmſten Damen und Herren aus der Geſellſchaft. Später kam Prinz Guſtav zum zweiten Mal, ſetzte ſich neben ſie und ſprach mit ihr einfach und herzlich, wie er zu thun pflegte, über Muſik. Denn er hatte große Liebe für dieſe ſchöne Kunſt, die er den höchſten Genüſſen ſeiner Jugend beizählte. Er war auch ein glücklicher Componiſt, und man ſang und ſingt noch jetzt in Schweden gerne Melodien von Prinz Guſtav. Roſa hatte noch niemals an der Unterhaltung mit einem jungen Manne ſo viel Vergnügen gefunden. In Prinz Guſtav's Worten und Benehmen lag eine erhabene Aufrichtigkeit, die nichts weniger als ge⸗ wöhnlich iſt. Er ſchien zu hoch, um vornehm zu ſein. Schön, edel und gut, zeigte er ſich ſo wie er war, und ſchien nicht anders ſein zu können. Von wenigen jungen Männern konnte man mit ſo viel Recht wie von ihm, als der Tod ihn wegraffte, ſagen:„Er war zu gutzfür die Erde.“ Und gleich⸗ woh ſie i er n der Frar ſchw Blic ande Thee Han freun eing blieb ten zwiſ von gute wen war erfa aber bem das die erke Lieb liebt wür nur Als ung, an⸗ ung, Aller eſtro, erkeit mer⸗ angel agen. Roſa inzen ihrer mſten päter neben ie er große chſten h ein noch uſtav. mit nden. eine ls ge⸗ m ze wie nnen. nit ſo raffte, gleich⸗ ———————— 91 wohl, wie gut wäre es nicht für die Erde, wenn ſie öfter ſolche junge Männer zu ſehen bekäme, wie er war! Aber wir kehren zu Roſa zurück. Während einer der Pauſen in den muſikaliſchen Uebungen kam Frau D., ergriff Roſa's Hand, führte ſie zu der ſchwarz gekleideten jungen Dame, die bereits Roſa's Blicke auf ſich gezogen hatte, und ſtellte Beide ein⸗ ander mit den einfachen Worten vor:„Roſa Norrby, Thecla K.“ Die junge Dichterin ſtand auf, reichte Roſa ihre Hand und betrachtete ſie mit einem Ausdrucke ſo freundlich und gut, daß Roſa unwillkürlich davon eingenommen wurde. Die beiden jungen Damen blieben für den Reſt des Abends beiſammen, erfreu⸗ ten ſich zuſammen an der Muſik, beſprachen ſich da⸗ zwiſchenhinein in derjenigen Art und Weiſe, die von Außen nach Innen geht und bei verwandten, guten Seelen raſch aus dem Vorhof in den Tempel, wenn auch nicht in das Allerheiligſte führt. Thecla war einige Jahre älter als Roſa, und die Lebens⸗ erfahrungen der beiden Mädchen waren ſehr ungleich; aber bei beiden waltete derſelbe reine Ernſt, beide bemaßen die Menſchen und Dinge nach einem Ideal, das ſich, wie eine heimlich anweſende Gottheit, durch die wohlthuende Klarheit und Ruhe, die ſie mitheilt, zu erkennen gibt. Sie hatten auch eine gemeinſchaftliche Liebe, die töchterliche. Roſa beſaß einen über Alles ge⸗ liebten Vater, Thecla eine ſchönbegabte und liebens⸗ würdige Mutter. Sie ſprachen von dieſen Geliebten nur wenige Worte, aber ihre Blicke leuchteten dabei. Als ſie ſich gute Nacht ſagten, fühlten Beide, daß 92 ſie ſich nie mehr trennen würden. Ich habe zuwei⸗ len beim erſten Zuſammentreffen mit einer Perſon dieſes Gefühl gehabt, und es hat mich noch nie ge⸗ täuſcht. Ebenſo wenig täuſchte es die zwei jungen Damen, die es jetzt empfanden. Dieſer Abend hatte ſie die ſchweſterliche Freundin finden laſſen, die Beide ſich im Geheimen wünſchten. Eine andere Folge dieſer Soiree war die Auf⸗ merkſamkeit, die Roſa jetzt zu Theil wurde. Man begann von ihr zu ſprechen und nach ihr zu fragen. Das Gerücht von ihren ungewöhnlichen Kenntniſſen, von ihrer Herkunft, ihrer unabhängigen Lebensſtel⸗ lung, von ihrem liebenswürdigen Character verbrei⸗ tete ſich raſch. Man wünſchte überall ſie zu ſehen und ſie leſen oder declamiren zu hören. Roſa kam in die Mode und erhielt vor Ausgang des Winters zwei Heirathsanträge. Sie lehnte dieſelben ab, denn ſie waren nicht von der Art, daß ihr Vater ſie ge⸗ billigt haben würde, und ihr Herz ſprach nicht für ſie. Ebenſo lehnte ſie die meiſten Einladungen ab, die jetzt über ſie herſtrömten, denn ſie fand kein Ver⸗ gnügen im gewöhnlichen Geſellſchaftsleben und wollte ihrer Tante nicht die Abendſtunden entziehen, die ſie ihr angenehm machen zu können ſich bewußt war. Aber Frau D., die eine große Neigung zu der jun⸗ gen Roſa gefaßt hatte, brach dennoch zuweilen mit der friſchen, unwiderſtehlichen Herzlichkeit, die ihr eigen iſt, in ihr Stillleben ein und führte ſie mit ſich in die Welt und— in die Kirche. In Stockholm war nämlich damals ein ſchwei⸗ zeriſcher Geiſtlicher, der in der reformirten Kirche franzöſiſch predigte und einen Theil des gebilde⸗ ten Vie abe Her kein Au ſtän Sie Bon von Der ſein zeln deut Erl Lei Au nie und ſie ihr gen ßer ſpr erhi Bei ger Zuſ ſcho wei⸗ rſon ge⸗ ngen hatte eide Auf⸗ Man gen. ſſen, ſtel⸗ brei⸗ ehen kam nters denn e ge⸗ t für ab, Ver⸗ vollte ie ſie war. jun⸗ mit e ihr e mit hwei⸗ Kirche bilde⸗ 93 ten Publicums der Hauptſtadt um ſich ſammelte. Viele gingen hin, um die ſchöne Sprache zu hören, aber Einige kehrten beſtändig wieder, weil ſie von Herrn T. Gedanken und Worte vernahmen, wie ſie kein Prediger Stockholms beſaß, und in denen ſie Aufklärung und Erquickung fanden. Unter dieſen be⸗ ſtändig wiederkehrenden Gäſten befand ſich Frau D. Sie führte Roſa und auch Thecla mit ſich auf ihre Bank, und gleich beim erſten Beſuch wurde Roſa von dem Vortrag des Predigers mächtig ergriffen. Denn er predigte das Chriſtenthum nicht bloß in ſeiner Einwirkung auf das Leben und Herz der Ein⸗ zelnen, ſondern auch in ſeiner weltgeſchichtlichen Be⸗ deutung; er ſchilderte Chriſtum nicht bloß als den Erlöſer der Sünder, ſondern auch als Arzt für die Leiden der Menſchheit ſowohl als der Natur, als Augenmerk und Erlöſer für jede nach Licht, Harmo⸗ nie und Vollkommenheit dürſtende Seele. Etwas Solches hatte Roſa lange heimlich geſucht und darnach gefragt, und tief in ihrer Seele empfing ſie eine Lehre, welche ihr viel erklären half, was ihr früher dunkel im Leben und in der Weltordnung geweſen, eine Lehre, die ihrem Gedanken einen grö⸗ ßeren und umfaſſenderen Horizont eröffnete. Ueber dieſe neue Aufklärung und dieſe Gedanken ſprach ſie ſo gerne mit Thecla, und ihre Verbindung erhielt dadurch eine tiefere Bedeutung für das Leben Beider. Beide erwachten dabei aus mehr oder weni⸗ ger dunkeln Träumen zu einer klaren Einſicht in den Zuſammenhang des Lebens. Und Zuſammenhang, ſchon ein Schimmer davon iſt Glückſeligkeit! könnten wir mit E. G. Geijer ausrufen. 94 Eine andere Folge des folgereichen Abends, den wir geſchildert haben, beſtand darin, daß Axel auf Prinz Guſtav und Roſa's Bewunderung für ihn eiferſüchtig wurde, und ihm ſelbſt in Betreff ihres wirklichen Werthes die Augen aufgingen. Er ent⸗ deckte, daß ihr Geſicht eine eigenthümliche, minder gewöhnliche Schönheit in der Reinheit und Ruhe beſaß, die ſich darin abſpiegelten.—„War ſie nicht wirklich ſchön geweſen in dem Augenblick, wo ſie beim Schein des großen Kronleuchters vor der gan⸗ zen Geſellſchaft dieſes Gedicht vorlas?“ Axel begann zu finden, daß die kleine Gottländerin, die er als eine ganz alltägliche Perſon betrachtet hatte, im Grunde etwas höchſt Ungewöhnliches war, zumal vermöge der großen Beſcheidenheit, unter welcher ſie ihre Kenntniſſe und Talente verbarg. Er entdeckte auch, daß ſie einen ſichern muſikaliſchen Geſchmack, eine nicht unbedeutende muſikaliſche Bildung, beſon⸗ ders in der Harmonielehre, ſowie eine zwar nicht ſtarke, aber ausnehmend reine und wohllautende Stimme beſaß. Daß Roſa in den gebildetſten Krei⸗ ſen der Hauptſtadt in die Mode kam, daß ſie mehr als einen guten Heirathsantrag erhielt und verwarf(wovon die Tante ihren Sohn mit angele⸗ gentlichem Eifer in Kenntniß ſetzte), das vollendete die Veränderung in Axels Anſchauungsweiſe und Geſinnung gegen ſie. Und— armes Fräulein von B.! ſie ſchien mit einem Mal vergeſſen zu ſein. Axel begann jetzt ſeiner Baſe eine neue Art von Aufmerkſamkeit zu widmen. Zwar rieb er ſich noch an ihr und ſuchte ihre Ideale in den Staub zu ziehen, aber Scherz und Widerſpruch hatten gleichſam „ den au ihn ihres ent⸗ tinder Ruhe nicht vo ſie gan⸗ egann rals „ im zumal er ſie deckte mack, beſon⸗ nicht tende Krei⸗ ß ſie und ngele⸗ ndete und on on noch b zu 95 ihren Stachel verloren. Sie ſchienen das Mädchen anlocken zu wollen, ſtatt es wie früher zurückzuſtoßen. Oft ließ er auch ſeine ſchönen Augen mit einem ſolchen Ausdruck auf ihr ruhen, daß Roſa die ihri⸗ gen abwandte, ſie wußte ſelbſt nicht recht warum, denn dieſer Blick war nichts weniger als unange⸗ nehm. Aber es währte lange, bis dieſes Manöver einigen Eindruck auf Roſa machte. Sie ſtand zu feſt, um ſich durch die wenn auch noch ſo witzigen Scherze ihres Vetters erſchüttern zu laſſen, und ſie hatte ihre Augen auf Sterne geheftet, die höher und klarer waren als diejenigen, die in ſeinen Blicken leuchteten; auch hatte ſie nicht Zeit, um ſich von ſei⸗ ner Geſellſchaft viel in Anſpruch nehmen zu laſſen. Sie fuhr daher in ihrem ſtillen Syſtem des Aus⸗ weichens fort. Dieß wunderte und verletzte den eiteln jungen Mann, aber er gelobte ſich, daß ſie ihm nicht entkommen ſollte. Er gebrauchte ein neues Mittel, um ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln, näm⸗ lich die Muſik. Mit ſeiner graziös gleichgültigen Art und Weiſe verlockte er ſie einige Muſikſtücke mit ihm einzuüben, machte ſich zu ihrem Lehrer und zeigte ſich als ſolcher ebenſo ſtreng als liebenswürdig. Dieß wurde ein großes und allmählig gefährliches Vergnügen für Roſa, und zwar um ſo mehr, je mehr ihr Vetter ſeine ſeltenen Gaben zu gefallen vor ihr entwickelte. Seine Unfreundlichkeit hatte ſie kalt ge⸗ laſſen, ſeine zunehmende Freundlichkeit wurde ihrem Herzen gefährlich, und ſie mußte an den Ausſpruch ihrer Tante denken, daß Axel unwiderſtehlich ſei, wenn er wolle. Aber lange kämpfte ſie gegen dieſe Gefühle und ſuchte ſich zu überreden, daß ſie nicht 96 mehr Gewalt über ſie erhalten würden, als ſie ge⸗ ſtatten wolle, Sie dachte an Fräulein von B. und an den Eifer, womit Axel ihr noch vor Kurzem den Hof gemacht. Sie ſah überdieß ein, ſie konnte es ſich nicht verhehlen, daß der Beifall der Welt, das Urtheil Anderer es war, was die Geſinnung ihres Vetters gegen ſie verändert hatte, und alle ſeine einnehmenden Gaben vermochten ihr keine Achtung vor ſeinem Character einzuflößen. Aber auch dieſe Mauer zwiſchen Axel und ihr ſchien fallen zu ſollen. Die Baronin Norrby glitt eines Tages, als ſie aus ihrem Wagen ſteigen wollte, aus, und ehe der P es hindern konnte, fiel ſie und brach ein ein. Die große Zärtlichkeit und Sorgſamkeit, welche Axel bei dieſer Gelegenheit ſeiner Mutter widmete, gewann ihm Roſa's Herz. Wenige Tugenden ſchmücken einen jungen Mann ſo ſchön wie Sohnesliebe. Und als Roſa ſah, wie Axel ſeine Rolle als Salonlöwe gänzlich vergaß, um der zärtlichſte Sohn zu ſein und bei ſeiner Mutter zu wachen, ſie auf ſeinen Armen zu tragen, ſie mit beinahe töchterlicher Zartheit und Aufmerkſamkeit zu verpflegen, da glaubte Roſa an die zuweilen geahnte Löſung des Doppelweſens bei ihrem Vetter, da glaubte ſie, daß der falſche Axel jetzt gewichen ſei, um dem rechten, dem guten, dem edeln jungen Mann Platz zu machen, den ſie in ſei⸗ nem Geſange vernommen hatte. Und ſie liebte ihn und erlaubte ſich, ihn um ſeiner Sohnesliebe willen zu lieben. Der reizbare, vom Widerſpruchsgeiſt be⸗ ſeſſene Sohn war überdieß auf einmal in einen fröh⸗ lichen, gutmüthigen Menſchen umgewandelt, der ſeine Erfit um Kra treul jung nie i funde ihre Doch liebe ſelten Hauſe und noch in i Pfleg zuletzt Som ihre 9 Arzt wöhn Am Reiſe ſprech Man Br ie ge⸗ un n den ite es „das ihres ſeine chtung dieſe ſollen. als ſie e der ch ein welche dmete, nücken Und nlöwe n und Armen ſa an bei Axel „dem in ſei⸗ te ihn willen iſt be⸗ fröh⸗ ſeine 97 Erfindſamkeit und ſeinen Witz nur dazu gebrauchte, um die Niedergeſchlagenheit ſeiner Mutter in ihrem Krankenbett zu zerſtreuen. Und Roſa half ihm ge⸗ treulich dabei. Mit jedem Tag kamen die beiden jungen Leute herzlicher überein, und Axel hatte ſich nie in einer gleichmäßigeren und beſſeren Laune be⸗ funden. Roſa ſchrieb alles das, wie überhaupt alle ihre innern oder äußeren Erlebniſſe ihrem Vater. Doch ſagte ſie nicht, wie ſehr ſie ihren Vetter zu lieben anfing. Sie wußte es ſelbſt nicht recht. Heitere Pläne und Bilder. Einige Wochen vergingen. Axel kam nur noch ſelten, Roſa nie mehr in Geſellſchaft außer dem Hauſe. Sie widmeten ſich gänzlich der Kranken, und gleichwohl ſchien ihnen dieſe Zeit weder lang noch freudlos. Sie fanden täglich mehr Vergnügen in ihrer gegenſeitigen Geſellſchaft. Unter ihrer Pflege wurde die Baronin bald beſſer, und es ging zuletzt ſo gut, daß ſie daran denken konnte auf den Sommer in ein ausländiſches Bad zu reiſen, um ihre geſchwächte Geſundheit wieder herzuſtellen. Ihr Arzt rieth ihr ſehr dazu. Die Aerzte rathen ge⸗ wöhnlich zu Badreiſen, und darin haben ſie Recht. Am Ruhebett der Kranken begann man jetzt an die Reiſe zu denken und das Wohin und Wann zu be⸗ ſprechen. Der Plan entwickelte ſich immer weiter. Man wollte nach dem Bad, das in Deutſchland ſein 7 Bremer, Vater u. Lochter. — 98 ſollte, Paris, von da die Schweiz, hernach Italien beſuchen, überhaupt ein ganzes Jahr ausbleiben. Die Baronin bat Roſa ſie auf dieſer Reiſe zu be⸗ gleiten. Sie wolle die Hälfte von Roſa's Ausgaben auf ſich nehmen, die andere Hälfte könne Roſa, da ſie ſich ja im Beſitze eines unabhängigen Vermögens befinde, wohl ſelbſt beſtreiten. Roſa's Herz ſchlug hoch vor Freude bei dieſem Vorſchlag und dieſen für ein wißbegieriges, lebens⸗ friſches, junges Gemüth ſo verlockenden Ausſichten. Aber was würde ihr Vater davon denken? Würde er nicht fürchten, daß ihre Tante und ihr Vetter auf einer Reiſe im Ausland, wo ſie gleichſam eine Familie bilden würden, gar zu großen Einfluß auf ſie gewinnen könnten? Roſa ſelbſt war nicht ohne alle Unruhe, wenn ſie an dieſen Einfluß dachte, und ſie beſchloß ihrem Vater die Entſcheidung anheimzu⸗ ſtellen. „Wenn Du“— ſchrieb ſie,—„wenn Du, mein Vater, dieſe Reiſe nicht gerne ſehen ſollteſt, wenn Du glaubſt, daß ſie mir ſchaden könnte, oder wenn Du mich in Deiner Nähe haben willſt, o, ſo ſprich nur ein einziges Wort, und ich verzichte darauf und komme heim zu Dir, ach ſo gerne! Sei Du mein kla⸗ res Auge, mein höheres Gewiſſen in dieſer Sache, deren Zauber für mich ſo verlockend, ſo groß iſt, daß ich fürchte ſie nicht mit voller Klarheit und Beſon⸗ nenheit anſehen zu können. Den Beſchluß in Deine Hände zu legen, mein Vater, iſt das Einzige, was mich ruhig macht, und ich werde zufrieden ſein, das weiß ich zum Voraus, wie Du auch entſcheiden magſt. Sei jetzt, wie Du bisher geweſen, ein väter⸗ lich To Lec ode — die mi ſic hit talien eiben. be⸗ gaben a, da ögens dieſem ebens⸗ ichten. Würde Vetter m eine uß auf ohne e, und eimzu⸗ „mein wenn wenn ſprich uf und in kla⸗ Sache, ſt, daß Beſon⸗ Deine e, was in, das ſcheiden väter⸗ 99 liches Vorbild für Deine glückliche und gehorſame Tochter Roſa Norrby. ½ Auf dieſen Brief kam bald folgende Antwort: „Ich würde es mir nie verzeihen“— ſchrieb der Lector—„wenn ich in Folge perſönlicher Beſorgniß oder Sehnſucht mich einer Reiſe widerſetzte, die für Dich ſo genußreich und ſo fruchtbringend werden kann. Ich habe Dich nicht darum zu dem edlen Loos der Freiheit und Selbſtſtändigkeit erzogen, damit ich Dich in feiger Furcht allen Gefahren derſelben entrücke. Ich glaube, daß Du ſie ſehen und überwinden kannſt. Reiſe alſo, meine Tochter. Sammle das Große und Schöne, was die Erde bietet; dieß iſt ein Menſchenrecht, wenn keine Pflicht dadurch verletzt wird. Die Ko⸗ ſten brauchen Dich nicht abzuhalten. Ich kann heuer etwas extra thun, um dazu beizutragen, ſo daß Du Dein kleines Capital nicht anzutaſten brauchſt. — Schreib mir ſo oft Du kannſt, und theile mir Deine Eindrücke während Deiner Beſuche in neuen Ländern und Geſellſchaften mit; dieß wird eine Er⸗ quickung für mich ſein. Erinnere Dich an das, was wir mit einander geleſen und geſprochen haben, und vergiß nicht, wie theuer Du biſt Deinem Vater und Freund Severin Norrby.“ Mit inniger Rührung und Freude küßte Roſa dieſe Zeilen, die ſie ſogleich der Tante und dem Vetter mittheilte, und von dieſem Augenblick an gab ſie ſich mit voller Freude den Bildern und Ausſichten hin, die ſich mit dieſer Reiſe für ſie eröffneten. —— 100 Die meiſten unſerer Leſer können ſich das Leben vorſtellen, das jetzt in Roſa's kleinem Kreis erfolgte; wie Reiſokarten hervorgezogen, Wege gezeigt und mit Finger, Feder, Federmeſſer oder irgend einem In⸗ ſtrument, was bei der Hand lag, verfolgt, wie Reiſe⸗ bücher um Rath gefragt, wie Pläne zu Fahrten und Ausflügen da und dort auf der Reiſe, um Alles ſehen zu können, entworfen und umgeſchaffen wur⸗ den; wie Reiſetoiletten gezeigt und in Bereitſchaft geſetzt wurden, wie alle Geſpräche und Handlungen auf die große Reiſe und die Anſtalten zu derſelben hinausliefen. So kam das Ende des Maimonats und die Zeit, wo die Reiſe angetreten werden ſollte. Alles war Leben und Sonnenſchein im Hauſe. Arxel befand ſich in der allerbeſten Laune, ebenſo ſeine Mutter. Roſa's einzige Unruhe war, daß ſie ſeit längerer Zeit keine Briefe von Hauſe erhalten hatte, aber ſie hoffte, jeder Poſttag würde ſolche bringen. Inzwiſchen gingen die Vorbereitungen zur Reiſe ihren Gang; das Schiff und der Tag zur Abreiſe wurden beſtimmt; die Billete waren ge⸗ kauft, die Koffer und Hutſchachteln waren gepackt, ſelbſt die Nachtſäcke ſtanden bereit das letzte Klei⸗ dungsſtück aufzunehmen, denn der Abend vor der Abreiſe war jetzt gekommen. Da erhielt Roſa fol⸗ genden Brief: „Mein Herzchen! „Ich weiß nicht, ob ich recht daran thue, daß ich Dir ſchreibe, aber ich kann nicht anders, denn ich bin rath⸗ und muthlos, und weiß nicht, wie ich mich anſchicken ſoll. Hier geht es ſeit einiger Zeit ſo wur oder glei mit bote wür Unk ſchw ſpri ſein ißt wen frie Me einn wir Pe iſt. Du in r kehr nich dieſ Mer Sch ſche curi Sch irdi ſond ſchw 101 wunderlich daß ich nicht weiß, was ich glauben oder denken ſoll. Dein Vater iſt ſich gar nicht mehr gleich, Roſa, und Niemand begreifen, wie es mit ihm ausſieht. Er hat mir und uns Allen ver⸗ boten Dir Etwas von ihm zu ſchreiben, aber ich würde es wahrlich für eine Sünde halten Dich in Unkenntniß ſeines Zuſtandes zu laſſen. Er iſt ſchweigſam und düſter wie das Grab geworden, ſpricht mit Niemand und will nicht mehr unter uns ſein. Er bleibt Tag und Nacht in ſeinem Zimmer, ißt da, wenn er überhaupt Etwas ißt, und ſchläft wenig oder gar nicht, denn man hört ihn wie einen friedloſen Geiſt ſpät in der Nacht umhergehen. Meine Cur will er gar nicht gebrauchen und nicht einmal davon reden hören. Ach, mein Kind, wie wird es mit uns Allen gehen, wenn er von uns ſcheidet? Und ich fürchte, daß er auf dem Weg dazu iſt. Ich kann jetzt nicht Alles ſagen, aber wenn Du kannſt, ſo komm und beſuche uns, ehe Du in weite Ferne reiſeſt und vielleicht nie mehr wieber⸗ kehrſt. Wenn es noch Zeit iſt und dieſer§ Brief nicht zu ſpät eintrifft, 03 komm und ſieh, ob Du in dieſer Dunkelheit einiges Licht ſehen kannſt. Wenn ein Menſch es kann, ſo biſt es Du; aber ich zweifle, ob auch Du es kannſt. Du mußt Dich auf das Schlimmſte gefaßt halten. Ach! wohl hundert Men⸗ ſchen und auch Thiere habe ich in meinem Leben curirt, aber meinen eigenen geliebten und verehrten Schwager, der mir und allen den Meinigen ein irdiſches Vorbild war, ihn kann ich nicht euriren, ſondern muß ihn gleichſam vor meinen Augen dahin⸗ ſchwinden ſehen, ohne zu wiſſen, wie es mit ihm 102 beſtellt iſt. Mein Kind! Ich weiß, daß Kummer und Wehklagen Nichts helfen, aber ich kann es nicht verhindern, daß mir die heißen Thränen über die Wangen laufen, während ich dieß ſchreibe, denn wenn er ſtirbt, ſo hat das Leben keinen Werth mehr für mich. Du weißt, daß ich keine beſondere Briefſtellerin bin, und ich ſchreibe deßhalb nicht weiter, aber wenn Du kannſt, ſo komm hieher, wenn es auch nur auf einen Tag wäre. Ich füge einen Brief von Petterſon an ſeine Braut bei, und Du kannſt daraus noch beſſer erſehen, wie es hier im Hauſe ſteht. Jetzt weiß ich Nichts mehr zu ſagen. Deine betrübte und treu ergebene Tante Karin Carlander.“ Paul Petterſon ſchrieb wie folgt: „Meine geliebte Freundin und Liebesblume! „Im Geiſte werfe ich mich über das Meer mit dieſen Zeilen, die ich mit einer aus den Flügeln der Liebe gepfluckten Feder geſchrieben habe. Wür⸗ den dieſe Zeilen bloß eine gewöhnliche Höflichkeit erfüllen, ſo wären ſie unwürdig. Nein, ſie ſollen vielmehr mit den wärmſten Farben malen, was das Herz jetzt beim Herannahen des Frühlings und Sommers empfindet. Denn Dein Bild ſteht immer wie eine Frühlingsblume vor mir und bewirkt in mir eine beſtändige Sehnſucht nach Dir, und ich muß unaufhörlich daran denken, wie angenehm mir das Leben und Alles, ſowohl in der Küche als in der fin⸗ ſtern Speiſekammer, oder draußen im Garten und unter dem freien Himmel erſchien, ſo lange Dein Geſicht ſich k ande und für glaul iſt. der und alle Roſe als gehe finde wo eine ſoll, nich nich dieſ Car wei Alle lein ſie Fan Abe eine lich unſ Zul mer nicht die denn erth dere nicht venn inen Du im zu ante chkeit ſollen das und mmer 103 ſich da zeigte, und wenn wir ohne alle Worte ein⸗ ander einen Blick zuwerfen konnten, der durch Mark und Bein ging, und wie ſelig es war zuſammen für unſere gute Herrſchaft zu arbeiten. Aber jetzt glaube ich, daß die egyptiſche Finſterniß im Anzug iſt. Es ſteht recht ſchlecht hier im Hauſe. Denn der Lector iſt krank an Melancholie oder Hypochondrie, und wenn das Haupt im Hauſe krank iſt, ſo leiden alle Glieder mit. Du mußt es unſerem Fräulein Roſa ſagen, denn ſie hat mehr Genie und Weisheit als alle Wisbyer zuſammen, obſchon ſie ſich für un⸗ gehener weiſe halten, und ſie dürfte leicht Rath finden. Aber wenn ſie weit fortreiste in ein Land, wo die Leute nicht einmal Chriſten ſind, ſondern einen Pabſt anbeten, der wie ein Türke ausſehen ſoll, was ich mir habe erzählen laſſen, ſo kann es nicht gut gehen. Wenigſtens reicht mein Genie nicht ſo weit, daß ich begreife, wie ein Licht in dieſes Dunkel kommen ſoll. Selbſt die Probſtin Carlander, die ein Originalgenie erſten Ranges iſt, weiß keinen Rath und kein Mittel für das Uebel. Alles iſt in Dunkelheit verſetzt. Aber wenn Fräu⸗ lein Roſa⸗ käme, ſo dürfte es Licht werden. Denn ſie iſt ein Genie in ihrer Art wie Alle in der Familie, mit Ausnahme des armen Herrn Allgott. Aber er iſt ſo herzensgut. „Mit großer Freude erfuhr ich, daß Du Fort⸗ ſchritte in Deiner Wiſſenſchaft machſt und bereits einen Leib zu Stande bringſt. Dieß kann ſehr nütz⸗ lich werden für unſer Vaterland Gottland und für unſere Zukunft. Aber ich wage es kaum, an die Zukunft und ihre lieblichen Vorſpiegelungen in 104 meinem Herzen zu denken, denn Frau Venus winkt uns und verlockt uns zu Sehnſucht und Hoffnung, ſelbſt wenn Abgrund und Grab uns entgegen⸗ gähnen. „Und ich bin mager und melancholiſch geworden bloß aus Sehnſucht nach Dir, meine allerliebſte Freundin und Lebensfreude, und aus Kummer um den Lector und das Haus, das zu verfallen ſcheint. Auch habe ich angefangen die Hauptcur der Prob⸗ ſtin zu gebrauchen. „Aber ich will Dich nicht länger mit dieſem düſtern Gegenſtand aufhalten, ſondern ihn der Ver⸗ geſſenheit übergeben, wenigſtens für jetzt, und wenn ich es erlebe, daß wir zuſammenkommen, und der Horizont unſeres Lebens wieder klar wird, dann wollen wir es für immer vergeſſen. Du aber ver⸗ giß niemals Deinen in Zeit und Ewigkeit ergebenen Freund Paul Petterſon.“ Keines Zauberers Kunſt hat je eine ſchnellere und vollkommenere Verwandlung hervorgerufen, als dieſe kunſtloſen Briefe in Roſa's Seele hervorriefen. All die glänzenden und verlockenden Bilder der ſüdlichen Länder mit ihrer Sonne und ihren Muſeen waren auf einmal verſchwunden, um einem einzigen Gemälde Platz zu machen, und dieß war das dunkle Zimmer, wo ihr Vater ſaß oder allein umherging, verzehrt von einem heimlichen Kummer oder Uebek; und all die lebensfrohen, jubelnden Stimmen in ihrem Gemüthe verwondelten ſich in gewaltige Sehn⸗ ſucht ihm! 6 aber richte Baro bloß: gerad nicht nicht Rück habei muth ie mein geht mit wenn jeder Votet er ni ſolle. Tact zu m den an T erfaht ſehen rhoid Inzw ſchreil winkt mng, egen⸗ rden ebſte um eint. rob⸗ eſem Ver⸗ venn der dann ver⸗ enen A . llere als efen. der ſeen igen inkle ing, bel; in ehn⸗ 105 6 und den entſchloſſenen Vorſatz: Zu ihm, zu ihm! Sie eilte zu ihrer Tante und blaß vor Sorge, aber mit ſcheinbarer Ruhe theilte ſie ihr die Nach⸗ richten mit, die ſie ſo eben empfangen hatte. Die Baronin täuſchte ſich in dieſer Ruhe und ſagte bloß:„Es iſt unangenehm, daß dieſe Briefe da gerade jetzt kommen mußten, aber ſie dürfen Dich nicht beunruhigen. Sie ſind ſo einfältig, daß man nicht darauf gehen kann. Hätte Dein Vater Deine Ruckkehr gewünſcht, ſo würde er nicht verboten haben, daß man Dir von ihm ſchreiben ſolle. Ver⸗ muthlich plagen ihn Hämorrhoiden und dadurch iſt er etwas hypochondriſch geworden. Sein Bruder, mein ſeliger Mann, litt auch daran. Aber das geht von ſelbſt vorüber, und das Beſte, was man mit ſolchen Kranken und Krankheiten thun kann, iſt, wenn man gar nicht darauf achtet. Dieß iſt in jeder Beziehung das Beſte und Klügſte. Und Dein Vater hat es ſelbſt wohl eingeſehen. Deßhalb hat er nicht gewollt, daß man Dich damit beunruhigen ſolle. Aber die gute Karin hat nie den mindeſten Tact gehabt. Mein Rath iſt, daß Du, um ruhig zu werden und ſichere Rachrichten zu erhalten, an den Arzt Deines Vaters und, wenn Du ſo willſt, an Deinen Vater ſelbſt ſchreibſt, um beſtimmt zu erfahren, wie es mit ihm ſteht. Aber Du wirſt ſehen, daß es, wie ich geſagt habe, bloß Hämor⸗ rhoiden ſind, gerade wie bei meinem ſeligen Guſtav. Inzwiſchen mußt Du zu Deiner eigenen Beruhigung ſchreiben und die Antwort poste restante nach 106 Schlangenbad adreſſiren laſſen, wo wir in einer Woche eintreffen werden.“ „Schreiben?“ wiederholte Roſa verwundert, „ſchreiben, während es Gelegenheit gibt ſelbſt hin⸗ zureiſen! Ich reiſe morgen nach Wisby zu meinem Vater. Ich kann keinen Tag, keine Minute warten.“ „Mein liebes Kind, man muß nicht Alles gleich ſo ſchwer nehmen; man muß ein wenig vernünftig ſein. Du vergiſſeſt, daß wir bereits Billete auf das Dampſſchiff genommen haben, das morgen nach Tra⸗ vemünde fährt.“ „Aber mein Vater, mein Vater iſt es, der krank iſt, und vielleicht bedarf er meiner. Ich muß wiſſen, wie es mit meinem Vater ſteht, ich muß zu ihm reiſen; ich kann nicht nach Travemünde mit⸗ fahren!“ rief Roſa beinahe mit Heftigkeit. „Und unſere Reiſe? und alle unſere Pläne? und Dein Verſprechen mich zu begleiten?“ rief die Baronin gleichfalls mit einigem Eifer;„ſoll das Alles keine Rückſicht, keine Ueberlegung ver⸗ dienen?“ „Mein Vater iſt Alles für mich,“ antwortete Roſa;„Alles kann ich verlaſſen, nur ihn nicht.“ „Und ich und meine Geſundheit, meine Freude, gilt Dir das Alles gar Nichts? Ich glaubte, doß Du mich ein wenig liebteſt. Ich hatte mich ſo ge⸗ freut Dich auf dieſer Reiſe bei mir zu haben und——. Höre, Roſa! wir wollen einen Mittel⸗ weg einſchlagen; wir wollen unſere Reiſe eine Woche aufſchieben, damit Du Zeit bekommſt zu ſchreiben und eine Antwort hieher zu erhalten, ſo daß zwiſch g/ „eine morge C 5 gibt und „ſie ihr g 2 die 2 Ich 2 einig 2 ich ſe und man kann ſind, hatte zu b über Und Woc Lieb ſchre uns einer ndert, hin⸗ einem inute gleich inftig f das Tra⸗ krank muß muß e mit⸗ läne? rief „ſoll er⸗ vortete t reude, „daß ſo ge⸗ haben Mittel⸗ eine nſt zu en, ſo 107 daß Du in Ruhe mit uns obreiſen kannſt. In⸗ zwiſchen wollen wir. 4 „Unmöglich, unmöglich, Tante!“ fiel Roſa ein; „eine Woche wäre jetzt eine Cwigkeit. Ich muß morgen, gleich morgen zu ihm reiſen.“ In dieſem Augenblick kam Axel herein.„Was gibt es da?“ fragte er.„Ich glaube gar, Mama und Roſa haben Streit mit einander.“ „Roſa will uns verlaſſen,“ ſagte die Baronin, „ſie will zu ihrem Vater heimreiſen. Wir gelten ihr gar Nichts.“ Axel ſah Roſa fragend an. Sie übergab ihm die Briefe und ſagte bloß:„Mein Vater iſt krank. Ich muß heim zu ihm.“ Axel las die Briefe aufmerkſam und nicht ohne einige Male den Mund zu verziehen. Die Baronin ſagte:„Habe ich nicht Recht, wenn ich ſage, Roſa ſolle ſchreiben und von ihrem Vater und ſeinem Arzt beſſere Aufſchlüſſe verlangen, als man aus dieſen halbverrückten Briefen ſchöpfen kann? Ich bin überzeugt, daß es bloß Hämorrhoiden ſind, die von ſelbſt vorübergehen. Dein Voter hatte auch ſolche, und das Klügſte iſt ſie gar nicht zu beachten. Roſa iſt jetzt erſchrocken; aber ich bin überzeugt, daß ſie mir ſpäter Recht geben wird. Und ich verlange jetzt bloß von ihr, daß ſie eine Woche warten ſoll. Eine Woche will ich ihr zu Liebe die Reiſe aufſchieben, damit ſie Zeit hat zu ſchreiben und hier Antwort zu erhalten, ſo daß ſie uns ohne Unruhe begleiten kann.“ „Willſt Du uns nicht eine Woche, ſieben kurze 108 Tage ſchenken, Roſa?“ ſagte Axel mit zärtlichem Vorwurf. „Sieben Jahre!“ rief Roſa,„wenn ich es mit ruhigem Gewiſſen thun könnte; aber jetzt, Tante und Arxel, verlangen Sie von mir keinen Tag, keine Stunde, wo ich nach Hauſe reiſen könnte. Ich würde während dieſer Woche weder Tag noch Nacht Ruhe haben, ſondern müßte immer daran denken, daß mein Vater meiner bedürfen könne, daß er viel⸗ leicht in ſeinem Herzen nach mir rufe, obſchon er zu edel, zu zärtlich iſt, um es mich wiſſen laſſen zu wollen. Sie kennen ihn nicht, aber ich kenne ihn, und ich muß, ich muß zu ihm!“ Roſa war aufgeſtanden, und Thränen rannen über ihre Wangen, als ſie mit beinahe wilder Ent⸗ ſchloſſenheit dieſe Worte ſprach. Sie fuhr fort: „Glauben Sie nicht, daß ich undankbar gegen Ihre Güte ſei, daß ich dieſe Trennung, die Ihre Wünſche durchkreuzt, nicht ſchmerzlich empfinde, Tante (und ſie ergriff und küßte die Hand der alten Dame), vielleicht kann ich bald oder ſpäter einmal zu Ihnen zurückkehren... ich will es gerne, gerne thun!— Aber jetzt, jett ſuchen Sie mich nicht zurückzu⸗ halten.“ Arel betrachtete Roſa ſtille einen Augenblick, dann ergriff er ihre Hand und ſagte:„Setze Dich, ſei ruhig und laß uns miteinander ſprechen. Ich ſehe, wie es ſteht, und glaube zu ſehen, wie es kommen wird. Mama! Roſa muß jetzt, d. h. morgen nach Hauſe reiſen. Da hilft kein Bitten. Sie hat einen jener unbändigen Frauenzimmerwillen, die ſchrecklich ſind, wenn ſie ſich etwas vorſetzen;— ich ahnte Hand Willen unſern rückkor Aerzte derzule oder taugen wer ei für de Roſa? O. „ mein( A daß T mündi, ſelbſt; Geſetze T innere nöthigt mir di feſſelt, löſen.“ bande, Scherz fühle e geben, warten mal z lichem mit Tante keine Ich Nacht enen, viel⸗ n er ſen zu e ihn, annen Ent⸗ t. gegen Ihre Tante nblick, Dich, 109 ahnte es ſogleich, als ſie mit dem Stock in der Hand an's Land ſtieg; kurz und gut, ſie muß ihren Willen haben. Aber wir werden dann ſeiner Zeit den unſern auch haben. Denn Rofa muß bald hieher zu⸗ rückkommen, um mit ihrem Vater unſere geſchickten Aerzte zu befragen und ſich dann bleibend hier nie⸗ derzulaſſen. Was kann man in Gottland Gutes oder Angenehmes finden? Das mag für Leute taugen, die nie etwas Beſſeres gekannt haben, aber wer einmal das hauptſtädtiſche Leben verſchmeckt hat, für den iſt es ein Verbannungsort. Iſt's nicht ſo, Roſa? Du wirſt zu uns zurückkommen?“ „Ja, wenn mein Vater will. Sein Wille iſt mein Geſetz.“ „Aber, Roſa,“ ſagte die Baronin,„Du vergiſſeſt, daß Du kein Kind mehr biſt, ſondern ein geſetzlich mündiges Weib. Du haſt das Recht über Dich ſelbſt zu verfügen, und Niemand hat ein Recht Dir Geſetze vorzuſchreiben.“ „Das iſt wahr,“ antwortete Roſa,„aber es gibt innere Bande. Die Liebe bezwingt die Freiheit, ſie nöthigt ſtärker als das Geſetz. Mein Vater gab mir die Freiheit, aber er hat mein Herz an ſich ge⸗ feſſelt, und ich kann und will dieſe Bande nicht löſen.“ „Es iſt etwas Schreckliches um dieſe Herzens⸗ bande,“ ſagte Axel mit einem Ausdruck, der zwiſchen Scherz und Ernſt die Mitte hielt;„ich ſehe und fühle es jetzt. Mama! wir wollen Roſa jetzt nach⸗ geben, aber wir wollen hier eine Woche auf ſie warten und uns damit tröſten, daß ſie ſicher ein⸗ mal zu uns zurückkommt; dann wollen wir keine 11⁰ Künſte, weder weiße noch ſchwarze, unverſucht laſſen, um ſie auf unſere Seite herüberzuziehen. Wir wollen ſehen, ob wir nicht eben ſo ſtarke Bande ſchmieden können, wie dieſe Gottländer da.— Und jetzt, meine gnädige Mama, laſſen Sie uns eine Partie Piquet ſpielen und Roſa in ihr Zimmer hinaufſchicken, wie ein kleines Mädchen, das geweint hat und deß⸗ halb in's Bett gehen muß. Ich gebe; ich gewinne S Abend gewiß... Gute Nacht, liebes Bäs⸗ hen.“ Roſa dankte im Stillen ihrem Vetter innig für die Hilfe, die er ihr in dieſem Augenblick ge⸗ währte. Aber er that nicht bloß das. Er half ihr auf's Freundlichſte dazu, daß ſie am folgenden Tag Alles für ihre Abreiſe in Ordnung brachte, er er⸗ leichterte auf ſeine angenehm ſcherzende Art den Abſchied zwiſchen Roſa und ſeiner Mutter, und be⸗ gleitete ſie im Wagen der Baronin ſelbſt nach dem Hafen. Auf dem ganzen Weg dahin ſaß er ſchweigend da, aber ſein Ausdruck und ſeine Gedanken waren ſichtlich gewaltig von denjenigen verſchieden, womit er vor einigen Monaten Roſa aus dem Hafen nach ſeiner Mutter Haus begleitet hatte. Eine Erklärung. Vermuthlich ging Arels Uhr voraus; denn er hatte Roſa's Abfahrt aus dem Hauſe ſehr betrieben, und als ſie auf das Dampfſchiff kamen, das an dieſer daß ander Roſa' die Bänk ſitzen. und ſo w „ ann recht wand inner der 1 5 komn kann gült laſſen, vollen nieden meine Piquet , wie deß⸗ winne innig ick ge⸗ alf ihr n Tag er er⸗ rt den ind be⸗ ch dem veigend waren womit n nach denn er trieben, das an 111 dieſem Tag nach Wisby gehen ſollte, zeigte es ſich, daß ſie eine gute Stunde zu früh und vor allen andern Paſſagieren gekommen waren. Nachdem Roſa's Sachen in Ordnung gebracht waren, blieben die zwei jungen Leutchen allein auf einer der Bänke im Hintertheil des Schiffes bei einander ſitzen. Da zog Axel das Mädchen näher an ſich und ſagte mit der muſikaliſchen Stimme, welche ſie ſo wohl kannte: „Wirſt Du in Deiner Heimath auch hie und da an mich denken?“ „Nein, nicht hie und da, Axel, ſondern oft, recht oft!“ antwortete Roſa herzlich. „Kann ich hoffen, daß Du dann den garſtigen Axel vergeſſen und Dich nur noch des beſſeren er⸗ innern wirſt?“ „Ich glaube,“ antwortete Roſa lächelnd,„daß ich mich beider erinnern werde, aber nicht auf die gleiche Weiſe, ſondern ſo wie ich mich der Ver⸗ wandlungen einer Perſon in den alten Sagen er⸗ innere, die ich in meiner Kindheit ſo gerne las.“ „Du meinſt vielleicht die Sage vom Wehrwolf, der wieder ein Menſch wurde?“ „Ja, juſt dieſe.“ „Sehr ſchmeichelhaft.“ „Warum nicht? Wenn der Zauber gehoben iſt, kommt ja der wahre Menſch zum Vorſchein.“ „Und dieſer— gefällt Dir? das heißt, Du kannſt ihn wohl leiden? er iſt Dir nicht ganz gleich⸗ gültig?“ „Nein, nicht gleichgültig.“ 112 „Das iſt ein kleiner Troſt, denn ich weiß, daß er Dich ſehr vermiſſen wird.“ Roſa konnte es nicht verwehren, daß ihr Herz bei dem Worte ſehr und beſonders bei dem Ton, womit es geſprochen wurde, hoch ſchlug vor Freude. Arxel fuhr fort:„Du haſt Grund gehabt mich für ein bloſes Weltkind und vielleicht für etwas noch Schlimmeres zu halten, und ich verdiene es, aber nur zur Hälfte. Du haſt richtig geahnt; ich habe etwas Beſſeres in mir, als dieſen Kobold, dieſes ſelbſtſüchtige Ich, das zuweilen über mich kommt und mich beherrſcht, wenn— ich es erlaube. Und ich habe ihm bisher viel erlaubt. Ich bin ver⸗ wöhnt worden, zuerſt von meiner Mutter, ſodann von der Welt und ihren Kindern, und ich habe mir's nicht einfallen laſſen beſſer für Leute zu wer⸗ den, die mich auch ſo wie ich war beſtändig ver⸗ hätſchelten. Ich habe mich ſelbſt oder das Leben nicht im Ernſt genommen; ich habe weder vor mir ſelbſt noch vor andern Menſchen Achtung gehabt. Ich hatte Vorurtheile gegen Dich und war garſtig gegen Dich. Aber Du ertrugeſt es mit Engelsgüte und lehrteſt mich etwas Beſſeres, als ich bisher geſehen hatte, verſtehen und glauben. Deinem Griechiſch und La⸗ tein hätte ich widerſtehen können, aber Deine Güte, die Schönheit und Reinheit Deiner Seele haben mich beſiegt; und die Zeit, die Du in meinem Hauſe zubrachteſt, iſt für mich die werthvollſte und glücklichſte in meinem ganzen Leben geweſen, denn ſie hat mir einen neuen Glauben und eine neue Liebe gegeben.“ W überh Leben und verſö Dich nie g viel ſo vi ein ſ Gerir Freu % wüßte Aber Dir um t komm nenne wiede und i wußte liebe Leben holdet iſt, a bieteſt . daß Herz Ton, eude. mich twas e es, ich bold, mich aube. ver⸗ dann habe wer⸗ ver⸗ Leben ſelbſt hatte Dich. hrteſt hatte, d La⸗ Güte, haben einem e und denn neue 113 Arel hielt inne, Roſa konnte nicht ſprechen. Un⸗ geahnte Wonne zitterte in der Tiefe ihrer Seele. Axel fuhr fort: „Ich liebte früher bloß mich ſelbſt, wenn ich überhaupt Etwas liebte; jetzt liebe ich Dich und das Leben, das Du liebſt, Roſa! Deine innige Güte und Milde haben mich mit Deiner Ueberlegenheit verſöhnt, die ich fürchtete und um deren willen ich Dich mit mißtrauiſchen Blicken anſah. Ich hätte nie geglaubt, daß ſo viel Gelehrſamkeit ſich mit ſo viel Beſcheidenheit und ſo viel Liebenswuͤrdigkeit, ſo viel Feſtigkeit mit ſo viel Milde vereinigen ließen, ein ſo hohes Streben mit ſo viel Schonung für die Geringfügigkeit Anderer, ſo viel... „Ach, Arxel, ſprich nicht ſo. Wenn Du mein Freund biſt, ſo ſage mir lieber meine Fehler.“ „Deine Fehler! Ja, wenn ich einen einzigen wüßte, ſo verſichere ich Dich, daß ich es thun würde. Aber ich werde es vielleicht einmal; denn ich will Dir nicht verhehlen, daß ich Alles zu thun gedenke, um das Recht zu erhalten Dich eines Tags voll⸗ kommen kennen zu lernen, Dich die Meinige zu nennen, ſelbſt wenn ich mich darein fügen müßte, wieder bei Deinem Vater in die Schule zu gehen; und ich gelobe Dir, daß ich tüchtig gegen den be⸗ wußten Kobold ankämpfen werde. Denn, Roſa, ich liebe Dich, und ich kann mir künftig kein glückliches Leben denken, außer an Deiner Seite, in Deiner holden Gegenwart, die für meine Seele harmoniſcher iſt, als alle Harmonien der Tonkunſt. Roſa, ver⸗ bieteſt Du mir zu hoffen?“ „O, Axel— Arxel, nicht dieſe Frage in dieſem Bremer, Vater u. Tochter. 8 114 Augenblick! Ich kann, ich darf nicht darauf hören, kann nicht darauf antworten, ich gehöre ja nicht mir eigen. Ich gehöre meinem Vater, der mir das Leben und Alles was dem Leben Werth ver⸗ leiht gegeben hat. Ich kann mir kein Leben, kein Glück denken, das von dem ſeinigen getrennt wäre, ſelbſt nicht mit dem Manne, den ich liebe.“ „Du liebſt alſo, Roſa, liebſt mich?“ „Ja, ober ich liebe meinen Vater noch mehr. O Du ſollteſt meinen Vater kennen, Axel, wie gut, wie edel, wie überlegen, was für ein außerordent⸗ licher Mann er iſt.“ „Ich verſtehe, ich verſtehe, und ich will ja bei ihm in die Schule gehen, wenn auch zu meiner eigenen Demüthigung, aber ich muß hoffen, daß Du mir hilſſt, daß Du mir Deine Hand reichſt, damit ich zu ihm gelangen kann. Ich bedarf deſſen noth⸗ wendig, liebe Roſa. Gib ſie mir jetzt zum Pfand, daß ich ſie ſpäter verlangen darf. Ich darf Dir doch ſchreiben, und Du ſchreibſt mir doch auch, ſo lange wir getrennt ſind? Ich kann nicht ohne Das leben. Ich bin nicht gewöhnt, daß man hart gegen mich iſt und daß man mir die Bedürfniſſe meines Lebens verweigert.“ Das Verdeck hatte ſich inzwiſchen mit Paſſagieren gefüllt und das Signal zur Abfahrt ließ ſich ver⸗ nehmen. „Lebe wohl, Geliebte! wir ſehen einander wie⸗ der!“ waren Axels letzte Worte an Roſa, indem er ſie auf Mund und Hand küßte und ſich dann haſtig entfernte. Lange ſaß Roſa unbeweglich auf dem Platz, wo Axe dem trüb ihre und Frül wech Wol ruhi den Sie ließ keine ſchön liche Sch Ster verd ſchein empe Hori einer Son gegen neines 115 Axel ſie verlaſſen hatte, ſah wie die Wogen von dem dampfenden Drachen geſpalten wurden, ſah trübe Sturmwolken am Horizont aufziehen; aber in ihrer Hand hielt ſie eine friſch aufgebrochene Roſe, und all die bezaubernden Düfte und Farben des Frühlings ſchienen ihr daraus entgegenzutreten. So wechſelten in ihrem aufgeregten Gemüth düſtere Wolken und ſtrahlende Lichtbilder, und all die be⸗ ruhigenden Lehren der alten Weiſen zeigten ſich für den Augenblick unmächtig. Ein dunkles Zimmer. Die Nacht, die auf dieſen Tag folgte, verbrachte Roſa auf dem Verdeck unter dem freien Himmel. Sie fühlte, daß ſie nicht ſchlafen könnte, und über⸗ ließ ihre Cajüte einem kranken Frauenzimmer, das keine erhalten hatte. Die Nacht war ruhig und ſchön, und Roſa freute ſich einmal den eigenthüm⸗ lichen Character derſelben, die Geſchichte ihrer Schatten⸗ und Lichtbilder zu ſehen. So ſah ſie die Sternbilder aufſteigen und ſinken, die Schatten ſich verdüſtern, dann wieder heller werden und Licht⸗ ſcheine wie Propheten des herannahenden Tages emporkommen; ſie ſah, wie die Morgenröthe den Horizont in Gold und Purpur färbte, ſodann vor einem ſtärkeren Licht erblaßte, und wie endlich die Sonne gleich einer hellen Flamme ſich entzündete 116 und aus dem Meere ſtieg. In dieſem Augenblick ſah ſie auch Wisby's Thurmſpitzen, ſchöne Ruinen und weiße Häuſer von ihren Strahlen ſich färben. Und was dieſe Nacht zu Roſa ſagte, ſchrieb ſie tief in ihre Seele ein. Früh am Morgen im ſtrahlenden Sonnenſchein eilte ſie durch Wisby's Straßen nach ihres Vaters Haus. Alles war noch ſtill. Sie mußte eine gute Weile an die Thüre klopfen, bis dieſe von Paul Petterſon geöffnet wurde, der ſtumm vor Staunen und Freude ſeinen Augen kaum traute beim uner⸗ warteten Anblick ſeines jungen Fräuleins, der Hoff⸗ nung der Familie, wie er ſie zu nennen pflegte, und wie ſie es jetzt in doppeltem Sinne war. Er begann laut zu weinen vor Freude. „Still, ſtill, lieber Petterſon!“ bat Roſa.„Sag mir nur, wie ſteht es mit meinem Vater?“ „Das weiß nur Gott, liebes Fräulein. Er ſieht Niemand, ſpricht mit Niemand, aber Gott ſei Dank, daß Sie jetzt hier ſind.“ „Nun wohl, Petterſon, ſag Niemand, daß ich hier bin, bis ich meinen Vater begrüßt habe. Aber vielleicht ſchläft er noch?“ „Nein, Fräulein, er ſchläft nicht. Ich habe ihn ſeit dieſem Morgen um drei Uhr in ſeinem Zimmer herumgehen gehört. Ich konnte nicht ſchlafen, dieß iſt ſo melancholiſch.“ „Dann ſchleiche ich mich zu ihm hinauf, Petter⸗ ſon; aber laß Niemand kommen und uns ſtören. Ich will allein mit ihm ſein.“ Roſa ging ſchnell in ihres Vaters Studirzimmer hinauf. Sie klopfte ſachte an die Thüre, aber Rie⸗ ma das Th ſen aus alſt Va dar rich ſche als ſein Sti Ach und net den her zu blick inen ben. tief chein ters gute Paul unen uner⸗ Hoff⸗ egte, Er „Sag ſieht Dank, ß ich Aber e ihn mmer dieß better⸗ ſtören. immer r Nie⸗ 117 mand antwortete von innen, Alles war ſtill wie das Grab. Sie legte ihre Hand auf das Schloß und die Thüre ging auf. Die Fenſterläden waren geſchloſ⸗ ſen, aber nicht ſo vollſtändig, um den Tag ganz auszuſchließen; ein Strahl der Morgenſonne drang alſo herein, und bei ihrem Licht ſah Roſa ihren Vater an ſeinem Schreibtiſch ſitzen, die Ellbogen darauf geſtützt und die Stirne in den Händen ruhend. Schlief er? oder... Nein, er ſchlief nicht; er richtete raſch ſein Haupt empor, als wollte er lau⸗ ſchen, dann ſagte er:„Roſa!“ und öffnete ſeine Arme, als wollte er ſie umſchließen. Roſa warf ſich an ſeinen Hals und bedeckte ſeine Wangen und ſeine Stirne mit ihren warmen Küſſen und Thränen. Ach, ſie waren ſo kalt, ſo verwelkt, dieſe Wangen und dieſe Stirne, und das Haar, das in ungeord⸗ neten Locken herabfiel, wie war es ſo grau gewor⸗ den!... Welche Veränderung in einigen Monaten! Aber Roſa bemerkte ſie im Anfang nicht. „Roſa, mein Mädchen, warum kommſt Du hie⸗ her?“ ſagte der Lector endlich, indem er mühſam zu athmen und zu ſprechen ſchien.„Ich glaubte Dich weit entfernt.“ „Du haſt mir Unrecht gethan, Vater,“ antwor⸗ tete Roſa.„Du haſt mich in Unkenntniß über das gelaſſen, was ich vor Allem erfahren mußte. Warum haſt Du das gethan, mein Vater? Habe ich mich Deines Vertrauens unwürdig gemacht?“ Lector Norrby ergriff ſeiner Tochter Hand, ging mit ihr an's Fenſter und öffnete die Läden, ſo daß die Sonne in vollem Glanz ſeine Geſtalt beleuchtete. 118 „Roſa, ſieh mich an,“ ſagte er, indem er ſich gegen ſie wandte. Sie that es, ach, mit welchem Schmerz! Severin Norrby war bloß der Schatten des Mannes, der er früher geweſen. Er war ſchrecklich blaß, tiefe Fur⸗ chen düſterer Schwermuth hatten das edle Eeſicht durchzogen, und die früher männlich ſchöne Geſtalt war gebeugt und verfallen. „Siehſt Du,“ fuhr er fort,„eine Veränderung an meinen Augen?“ „Nein— doch ja, ich ſehe eine Veränderung, aber ich begreife nicht recht, in was ſie beſteht.“ „Ich ſehe Dich nicht mehr.“ „Mein Vater!— Du biſt blind?— O mein Gott, mein Gott!“ „Blind oder doch beinahe blind. Das Licht kann ich zwar noch unterſcheiden, aber die Finſterniß nimmt für mich immer mehr zu, die Finſterniß— ſowohl von außen als von innen— bald kommt die Nacht, wo Niemand wirken kann.“ Lector Norrby ſetzte ſich wieder, als fühlte er ſich müde. Er war todesblaß. „O mein Vater!“ ſagte Roſa, indem ſie ſeine Hände mit ihren Thränen benetzte,„warum haſt Du mir das verſchwiegen? Warum haſt Du mich fern von Dir gehalten in dieſer Zeit, wo ich in Deiner Nähe ſein mußte?“ „Sollte ich Deinen Tag mit meiner Nacht ver⸗ düſtern, Dein junges Leben in meinen Tod hinein⸗ ziehen? Selbſtſüchtige Eltern mögen ſo handeln, ich nicht. Ich könnte dabei nicht glücklich ſein, ich würde mein Unglück doppelt empfinden, wenn es auch Dich träf meit Vat ſam ich ich meit mir meir Tan nem freut war tröſt zu ſa's hin ihr Sche Gra an und ſich erin er Fur⸗ ſicht ſtalt ung ung, 1 nein Licht rniß — mmt te er ſeine haſt mich h in ver⸗ nein⸗ ürde Dich 119 träfe. Und deßhalb mußt Du mich wieder verlaſſen, meine Tochter.“ „Ich?! Niemals! Verlange das nicht von mir, Vater. Du würdeſt mich zum erſten Mal ungehor⸗ ſam finden.“ „Du biſt eine gute Tochter, meine Roſa, und ich habe nichts Geringeres von Dir erwartet. Aber ich kenne meine Pflicht!... Dank für dieſe Stunde, mein Mädchen; ſie hat mir wohl gethan und wird mir helfen bei Dem, was kommen muß. Gehe jetzt, mein Kind. Ich bedarf der Einſamkeit. Gehe zur Tante, zu Deinen Vettern und Bäschen und zu Dei⸗ nem armen Bruder;— ſie werden Alle hoch er⸗ freut ſein Dich zu ſehen. Der arme Allgott! Ich war nicht gut gegen ihn. Sprich Du mit ihm und tröſte ihn. Heute Abend wirſt Du wie gewöhnilch zu mir kommen.“ Was kommen muß. Was kommen muß! Unaufhörlich tönten in Ro⸗ ſa's Herzen dieſe Worte den ganzen übrigen Tag hindurch, und ganz beſonders die Betonung, womit ihr Vater ſie ausgeſprochen hatte. Ein heimlicher Schauer ging dabei wie eine Ahnung von Tod und Grab durch ihre Seele. Im Uebrigen wurde ſie an dieſem Tag noch durch viele andere Gedanken und Gefühle in Anſpruch genommen, die nicht alle ſchmerzlicher Art waren. Alle im Hauſe empfingen 120 ſie wie eine Botin des Troſtes und der Hoffnung. Allgotts Freude über ihren Anblick war beinahe wild; er küßte ihre Augen, ihre Hände, ihre Haare, er war beinahe außer ſich vor Vergnügen, und ſie ſprach beruhigende, tröſtende Worte zu ihm, wie der Voter ſie gebeten hatte. Aber ſie ſelbſt weinte dabei. Des Vaters Zuſtand bedrückte ſie ſchwer. Die Probſtin Carlander erzählte Folgendes: „Schon bald nach Deiner Abreiſe im vorigen Herbſt ging eine Veränderung mit ihm vor, und ich bemerkte, daß er dieſelbe Engbrüſtigkeit wieder be⸗ kommen hatte, die er kurz nach Deiner Mutter Tod gehabt und die damals gewiß zwei bis drei Jahre andauerte. Gleichwohl ſagte er Nichts von ſeinem Zuſtand und verbot uns Dir davon zu ſchreiben, denn er meinte, dieß werde ſchon vorübergehen. Aber er wurde immer ſtiller und bläſſer, und ich hatte meine eigenen Gedanken darüber. Und ſo nahm ich kein Blatt mehr vor den Mund, ſondern ſagte ihm gerade heraus, ich würde Dir Alles ſchrei⸗ ben, wenn er mein Mittel gegen die Engbrüſtigkeit nicht anwenden wolle. Da willigte er ein, gebrauchte es und wurde wirklich beſſer, ſo daß ich um's Neu⸗ jahr glaubte, er ſei ungefähr wieder wie früher. Und ſo ging es ziemlich gut bis gegen Oſtern. Aber da geſchah es eines Morgens, daß er, als man mit dem Caffee zu ihm hineinkam, ganz ſteif und wie todt in ſeinem Lehnſtuhl ſaß und weder ſich bewe⸗ gen noch ſprechen konnte. Ich ſchickte mehrere Leute zum Doctor; der kam, ließ ihm zu Ader, ſchröpfte ihn, und ſo konnte er bald ſeine Glieder wieder ge⸗ brauchen. Der erſte Gebrauch, den er von ſeiner Stir ſtren ſchre ½ ſei. fall die hatt Tag ſchie ihm verli Bitt tel Men leber daß ſah und daß muß eine einig da und ſie i bald ten. als And Aus auf. ich ing. wahe are, ſie der bei. igen ich be⸗ Tod ahre inem iben, hen. dich ſo dern hrei⸗ gkeit uchte Neu⸗ üher. Aber mit wie bewe⸗ Leute röpfte rge⸗ ſeiner 121 Stimme machte, beſtand darin, daß er uns Allen ſtreng verbot Dir Etwas von dieſer Anwandlung zu ſchreiben, die, wie er behauptete, jetzt überſtanden ſei. Aber ich merkte wohl, daß er einen Schlagan⸗ fall gehabt hatte und daß dieſer Folgen haben konnte, die nicht ſo leicht vorübergehen würden. Und ich hatte leider Recht; denn obſchon er in den erſten Tagen nach dem Anfall ganz wie früher zu ſein ſchien, ſo iſt es doch ſeitdem beſtändig bergab mit ihm gegangen. Er wurde immer ſtiller und düſterer, verlor allen Appetit und konnte trotz aller meiner Bitten nicht dazu gebracht werden, mein Hauptmit⸗ tel für den Magen anzuwenden; denn wenn ein Menſch Nichts ißt, ſo iſt es klar, daß er nicht lang leben kann. Und was das Schlimmſte iſt, ich glaube, daß er nicht länger leben will. Mehr als einmal ſah ich ihn daſitzen und düſter vor ſich hinſtieren, und da hörte ich ihn vor ſich hin ſagen:„Hm, daß ich ſo werden mußte! Hm, daß ich ſo werden mußte!“ Und vor ungefähr drei Wochen, als er eines Abends bei uns drinnen war und ſich mit einigen Herren aus ſeiner Bekanntſchaft unterhielt, da ſprach er ſo wunderlich von unſern Voreltern und rühmte ihren Muth und ihre Tugend, indem ſie ihrem Leben ſelbſt ein Ende gemacht hätten, ſo⸗ bald ſie eingeſehen, daß ſie Nichts mehr nützen könn⸗ ten. Er nannte dieß recht und edel und weit beſſer, als wenn man ein kränkliches Leben ſich ſelbſt und Andern zur Laſt fortſchleppe. Aber ſeit dieſem Augenblick ſtieg eine unheimliche Ahnung in mir auf. Und Gott verzeih mir meine Sünden, wenn ich ihm Unrecht thue, aber ich gerathe jetzt oft in 122 Verſuchung zu glauben, daß er ſich wirklich aus⸗ hungern wolle, denn ſeit vierzehn Tagen berührt er die Speiſen kaum, die man ihm hineinbringt. Mit uns iſt er ſeit jenem Anfall nie mehr zu Tiſch ge⸗ ſeſſen. Es kann auch ſein, daß der Anfall ihm ſeinen Appetit genommen hat. Ach, meine Liebſte, wenn Du ihn bereden könnteſt mein Magenmittel zu neh⸗ men, denn ich glaube feſt, dieß würde ihm helfen, in ſo fern die Krankheit ihre Wurzel nicht im Ge⸗ müth hat, was ich auch manchmal glaubte. Aber Gott allein weiß das, und Du allein, liebe Roſa, kannſt es herausbringen und, wenn es ſo ſteht, ihm und uns Allen hier helfen. Gott ſei Lob und Dank geſagt, daß Du wieder hier biſt!“ Daſſelbe ſagten Alle im Hauſe, und Dora lachte wieder mitten unter ihren Thränen. Aber mit un⸗ heimlicher Ahnung fragte ſich Roſa:„Was iſt das was da kommen ſoll?“ Und ſowohl mit Furcht als mit Sehnſucht ſah ſie dem Abend entgegen. Sie hatte einen Eiertoddy gemacht, eine Erquickung, die ihr Vater ſich hie und da am Abend gegönnt und die Roſa dann immer hatte bereiten dürfen. Sie hatte dazu die große ächte Porcellanſchale mit dem goldenen Rande genommen, welche ſie eigens bloß für dieſen Trank gebrauchte, und mit dieſer Taſſe in der Hand ging ſie zu ihrem Vater hinein. Sie traf ihn wie gewöhnlich am Abend in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl am Tiſche ſitzend, der mitten im Zimmer ſtand. Die angezündete Lampe warf ihren Schein auf ſeine zuſammengeſunkene Geſtalt und ließ ſeine Bläſſe noch todähnlicher erſcheinen. „Hier iſt Dein Abendtrank, mein Vater,“ ſagte Roſa Dir j ein AV trinkſ 0 zwiſch Luft . iſt, d Stock gebras 5 etwas ſpreche her.“ R nahm Füßen wie ſt len, würde ſollte. D als a und e Geſich denen loſen licher Auch 8 . weis 123 Roſa mit angenommener Ruhe.„Ich habe ihn Dir in meiner hübſchen Taſſe bereitet. Das war ein Vergnügen, das ich lange entbehrt habe. Du trinkſt ihn doch mir zu Liebe, Vater?“ „Dank!“ ſagte Lector Norrby;„ſtelle ihn in⸗ zwiſchen hieher an's Fenſter und öffne es!— Die Luft hier iſt erſtickend.“ „Lieber Vater, trink ſo lange der Toddy warm iſt, das wird Dir wohl thun. Er iſt von dem Stockholmer Madeira gemacht, den ich für Dich mit⸗ gebracht habe.“ „Ich bin jetzt nicht durſtig,“ ſagte der Lector etwas ungeduldig,„und ich wünſche mit Dir zu ſprechen. Komm und ſetz Dich wie früher zu mir her.“ Roſa leiſtete der Einladung ihres Vaters Folge, nahm ihr Gartenſtühlchen und ſetzte ſich zu ſeinen Füßen, indem ſie zu ihm aufſchaute und ihm lauſchte, wie ſo manchmal früher, dießmal aber mit Gefüh⸗ len, deren Beſchreibung wir vergebens verſuchen würden, wenn ſie daran dachte, was da kommen ſollte. Der Lector ſah freundlicher und ruhiger aus, als am Morgen; er hatte ſeine Haare geordnet, und eine hohe, ſtille Reſignation verlieh dem blaſſen Geſichte, deſſen ſchöne Züge ſcharf und ſtarr gewor⸗ den waren, ein verklärendes Licht. Auf den farb⸗ loſen Lippen ſchwebte ein zugleich bitterer und zärt⸗ licher Zug, und er ſchien nur mit Mühe zu athmen. Auch ſprach er langſam, obſchon mit feſter Stimme: „Meine Tochter! Ich will Dir einen großen Be⸗ weis meines Vertrauens geben.— Erinnerſt Du 124 Dich, Roſa, wie wir zuſammen von einer edlen Römerin laſen, die, als ihr Vater beſchloſſen hatte ſein irdiſches Leben abzukürzen, das ihm zur Laſt geworden war, und als er daher aufhörte den elen⸗ den Körper zu ernähren, der ihn darin feſthielt, erinnerſt Du Dich, wie dieſe edle Tochter, obſchon voll Betrübniß, ihm beiſtand und ihm ohne alle weibliche Schwäche, ohne alles weibliche Gewinſel ſeinen Vorſatz ausführen half? Erinnerſt Du Dich an Seneca's Troſt an Helvia?“ „Ja, ich erinnere mich, Vater.“ „Nun wohl! Ich fordere Dich heute auf, Deinem Vater eine ſolche Tochter zu ſein, und ihm dadurch den Abſchied aus dem Leben weniger bitter zu ma⸗ chen. Des Schickſals Hand liegt ſchwer auf mir, Roſa, und will mich zur Erde beugen. Ich benütze das Recht der Freien gegen ſeine Macht zu kämpfen und ſie zu beſiegen, indem ich das Leben von eini⸗ gen Tagen zum Opfer bringe, Ich muß ſterben, ehe ich das Greiſenalter erreicht habe, muß in meines Lebens beſtem Arbeitsalter ſterben, ſo viel iſt gewiß, aber die Wahl iſt mir offen zwiſchen einem lang⸗ ſamen Tod während vieler Jahré in Finſterniß und Unthätigkeit, und zwiſchen einem Abſchied von die⸗ ſem Leben nach einem kurzen Kampf von einigen wenigen Tagen, vielleicht bloß noch einer Woche!“ Roſa ſchauderte; ihr Vater fuhr fort: „Ich habe das Letztere gewählt. Ich könnte es Dir verhehlen, könnte gegen Dich eben ſo verſchloſ⸗ ſen bleiben wie gegen die Andern. Aber ich will das nicht; denn Du verdienſt Aufrichtigkeit von mir; ich habe in Deinem Herzen geleſen. Du willſt bei mir 1 und Auge Dein einen in de lebſt Du ſ vollen ſchen beſten lichen ſellſch tev; dabei Meini glied Natur mit 1 Wohl Weſer ſchenk Mäch mit V ermüd glaub Welte und und dung Haſt len atte Laſt len⸗ ielt, chon alle inſel Dich nem urch ma⸗ mir bleiben, meine Tochter, willſt mir nahe bleiben und mich in meinem Unglück ſtützen, willſt meiner Augen Licht, meiner Füße Stab werden; Du willſt Dein Leben Deinem Vater opfern. Aber Du haſt einen wichtigeren Beruf, haſt eine wichtigere Arbeit in der Welt auszuführen, als daß Du nur für mich lebſt und Dein Leben für einen Sterbenden hingibſt. Du ſollſt leben, meine Tochter, um meine Arbeit zu vollenden und Deine eigene zum Nutzen der Men⸗ ſchen auszuführen. Dazu habe ich Dich nach meiner beſten Kraft erzogen und mit Liebe Deine natür⸗ lichen Anlagen gepflegt. Sie zum Beſten der Ge⸗ ſellſchaft zu entwickeln, iſt Deine Pflicht, meine Toch⸗ ter; die meinige gebietet mir, daß ich Dich nicht dabei hindere, daß ich nicht als eine Laſt für die Meinigen lebe, daß ich kein nutzlos zehrendes Mit⸗ glied der Geſellſchaft ſei, der ich nützen ſollte. Die ſatur entzieht mir ihr Licht und die Werkzeuge, mit welchen ich meine Arbeit ausführen könnte. Wohl! ich gebe der Erde die nutzloſe Hülle meines Weſens zurück, um meinem Geiſte die Freiheit zu ſchenken, daß er— wenn dieß im Willen der ewigen Mächte liegt— ihm in einem andern Lichte und mit Werkzeugen diene, die ſich weder abnützen noch ermüden. Denn iſt der Geiſt unſterblich, wie ich glaube, ſo wird er ſicherlich in den Räumen des Weltalls neue Welten für ſeinen reinen Willen und Stoffe genug für ſeine Wirkſamkeit in Weſen und Welten finden, die der Erziehung zur Vollen⸗ dung entgegenharren. Ich fürchte den Tod nicht. Haſt Du mich verſtanden, meine Tochter?“ „Jo, ich glaube es, mein Vater.“ 126 „Nein, ich fürchte einen Tod nicht, der mich zum Leben führt, aber ich fürchte ein Leben, das ein langer Tod wäre, und deßhalb habe ich den erſteren gewählt. Du ſollſt Dein junges Leben nicht an der Seite einer lebendigen Leiche begraben, was ich allein noch ſein kann. Nein, Du ſollſt auf an⸗ dere Weiſe für mich leben, und ich durch Dich, meine geliebteſte Tochter. Meine Bibliothek, meine Manuſcripte gehören nach meinem Tode Dir. Du wirſt in meinem Teſtament finden, wie ich wünſche, daß Du die letzteren anwenden mögeſt. Und jetzt ver⸗ lange ich, daß Du unverweilt, gleich morgen nach Stockholm zurückkehrſt und die beabſichtigte Reiſe mit Deinen Freunden ausführſt, denn ſie kann Dir ſehr nütz⸗ lich werden. Ich habe eine Zeitlang den Einfluß dieſer Freunde auf Dich gefürchtet. Aber jetzt fürchte ich tichts mehr; ich leſe in Deinem Herzen, und die Erinnerung an Deinen Vater und an unſern Ab⸗ ſchied wird Dir die Kraft verleihen gefährlich locken⸗ den Zaubern zu widerſtehen und Dein Leben auf edle Weiſe auszufüllen. Wenn wir einſt wieder zu⸗ ſammentreffen, meine Tochter, ſo wird es im Lichte geſchehen, nicht in dieſen finſtern Wohnungen und im Leben der Larven, ſondern in dem Licht, welches die Heimath klarer und ſtarker Geiſter iſt. Dazu ſind wir berufen und dafür ſollen wir leben. Das in uns wohnende Verlangen nach Vollkommenheit und Harmonie zeugt dafür. Laß uns ihm gehorchen und daran glauben— es wird uns zur Wohnung der ewigen Götter führen. So glaube ich. Und ſollte mein Glaube eine Selbſttäuſchung ſein, ſollte kein höheres Loos den redlich ſuchenden Geiſt er⸗ warte zerm ßer ſ Seli uns der g um könnt ſitzen. Tuge dadu dern wund * Dein⸗ jetzt! was in D binne ſo gil daß daß iſt ar won kannſ für n gerin barm dadu mich das den nicht was f an⸗ Dich, meine Du nſche, t ver⸗ nach e mit nütz⸗ dieſer te ich d die Ab⸗ ocken⸗ auf r zu⸗ Lichte un elches Dazu Das nheit chen nung Und ſollte ſt er⸗ 127 warten; ſollte das Schickſal all ſeine Hoffnungen zermalmen— dann, meine Tochter, wollen wir grö⸗ ßer ſein als unſer Schickſal. Wenn wir auch die Seligkeit der Unſterblichen nicht gewinnen, ſo laß uns ſie wenigſtens verdienen. In dem Menſchen, der geduldig leidet und ſtirbt, liegt eine Majeſtät, um welche auch die ſeligen Götter ihn beneiden könnten, denn dieß iſt eine Größe, die ſie nicht be⸗ ſitzen. Aber genug davon. Wir wollen mit unſerer Tugend nicht prahlen, meine Tochter, denn ſie wird dadurch gemindert. Wir wollen nicht ſprechen, ſon⸗ dern handeln.“ Roſa ſaß ſtill da und ſchaute mit Liebe und Be⸗ wunderung zu ihrem Vater auf. „Vater,“ ſagte ſie dann,„laß mich immer zu Deinen Füßen ſitzen und zu Dir aufſchauen, wie jetzt!“ „Ach,“ ſagte Lector Norrby,„Du weißt nicht was Du verlangſt. Der Mann, zu dem Du jetzt in Deiner kindlichen Liebe aufſchauſt, würde ſich binnen Kurzem vor Deinen Augen verwandeln in Aber willſt Du ihn immer ſo ſehen wie jetzt, ſo gibt es hiezu nur ein einziges Mittel, nämlich daß wir uns jetzt trennen. Es iſt mein Wunſch, daß Du morgen nach Stockholm zurückkehrſt, und es iſt am beſten, wir trennen uns in dieſer Stunde, wo wir Beide klar und ſtark ſind. Um meinetwillen kannſt Du vollkommen ruhig ſein. Das Schlimmſte für mich iſt überſtanden; was noch übrig bleibt, iſt gering. Die Natur, die auch in ihrer Strenge barmherzig iſt, hat mir das Mittel zur Befreiung dadurch angewieſen, daß ſie mir den Wunſch nach 128 Nahrung entzog, und mit jedem Tag wird mein Athem kürzer, meine Kraft ſchwächer. Bald, bald wird Alles vorbei und ich werde frei ſein. Denk an mich, wenn wir einmal getrennt ſind, als an einen Freigewordenen, einen Unſterblichen. Es iſt mir ſehr lieb geweſen, daß Du zu mir gekommen biſt, daß ich mit Dir ſprechen konnte. Dieß hat mein Herz ſehr erleichtert. Ich empfinde jetzt darin eine Freude und Ruhe, die ich nie in dieſem Maße gekannt hatte. Jetzt, mein Mädchen, meine Einzige, vollende Dein Liebeswerk gegen mich und ſtärke mich mit Deiner Stärke, tröſte mich durch Deine Ergebung in das Unvermeidliche!“ „Das Unvermeidliche?“ wiederholte Roſa, als erwachte ſie aus einem Traum.„Iſt es denn unver⸗ meidlich, muß es kommen, mein Vater?“ „Ja, unvermeidlich. Mein Beſchluß iſt reiflich erwogen und nicht erſt heute gefaßt worden. Es wäre vergebens ihn erſchüttern zu wollen. Jeder ſolche Verſuch würde mich bloß ermüden und quälen. Nicht die Blindheit allein iſt es was mich bedroht, ſondern etwas noch Schlimmeres. Ich fühle mich von einer jener Rückenmarkskrankheiten ergriffen, welche langſam das Leben der Seele wie des Kör⸗ pers tödten und in einigen Jahren den Menſchen in eine lebendige Leiche verwandeln oder, was auf daſſelbe hinauskommt, blödſinnig machen. Dieß iſt das Loos, das mich auf Erden erwartet; ich habe es an mehr als einem traurigen Beiſpiel bei An⸗ deren geſehen; ich fühle es an allen Symptomen; am Nachlaß meines Gedächtniſſes, an dieſer nervöſen Angſt, an dem unbeſchreiblichen Dunkel, das über mich danke dieß Der Zuſta halter nicht mich liebſt, ich ei ſolle, ſtärket meine liebt, und a licher Deine aber c daß n lina, wollte daß er ſen, 1 innige und ic an H ich wil dieſe 2 erfülle dafür Brei nein bald denk an s iſt men hat arin Naße zige, tärke eine als wer⸗ iflich deder älen. roht, mich ffen, 129 mich kommt, ſo oft ich zu arbeiten oder meine Ge⸗ danken im Geringſten anzuſtrengen verſuche, während dieß immer meine Freude und mein Leben geweſen. Der Arzt will zwar andere Urſachen für meinen Zuſtand ſehen und ihn nicht für ganz unheilbar halten. Aber ich fühle, daß er dieß iſt, und hege nicht den mindeſten Zweifel daran. Und wenn Du mich mit einer wahren, nicht ſelbſtſüchtigen Liebe liebſt, ſo wirſt Du nicht von mir verlangen, doß ich ein armſeliges, unglückliches Leben verlängern ſolle, ſondern Du wirſt mich in meinem Vorſatz be⸗ ſtärken und mir mit Deinem Muth beiſtehen als meine würdige Tochter. Bisher habe ich Dich ge⸗ liebt, laß mich jetzt auch Achtung vor Dir bekommen, und achte Du hinwiederum meinen Willen.“ „Nun wohl, mein Vater,“ rief Roſa mit plötz⸗ licher Entſchloſſenheit, indem ſie aufſtand,„habe Deinen Willen, ich will kein Wort dagegen ſagen, aber achte Du auch den meinen. Erinnerſt Du Dich, daß wir auch von Seneca's Gattin, der jungen Pau⸗ lina, geleſen haben, welche ihm in den Tod folgen wollte, und zwar mit ſolcher Entſchiedenheit wollte, daß er es zugeben mußte? Erinnerſt Du Dich deſ⸗ ſen, mein Vater? Nun wohl, ich liebe Dich noch inniger, als Paulina ihren Gatten lieben konnte, und ich bin nicht ſchwächer als ſie. Seneca's Troſt an Helvia iſt nicht für mich, mein Vater, denn ich will und kann nicht leben, wenn Du mich auf dieſe Art verläſſeſt.“ „Aber Du haſt in der Welt Deinen Beruf zu erfüllen gegen Deinesgleichen. Es iſt Deine Pflicht dafür zu leben.“ Bremer, Vater u. Tochter. 9 130 „Wenn ich in der Welt einen Beruf zu erfüllen habe, mein Vater, wenn ich würdig bin für eine höhere Ordnung der Dinge zu arbeiten, ſo werde ich dieß auch in andern Theilen der Welt, als auf dieſer unſerer Erde thun können, und werde meinen Beruf an Deiner Seite und in derjenigen Welt, wohin Du gehſt, beſſer erfüllen, als hier ohne Dich, wo ich Verſuchungen ausgeſetzt und vielleicht zu ſchwach bin, um ihnen zu widerſtehen. Denn wer kennt wohl ſeine Stärke und ſeine Schwachheit, be⸗ vor ſie ernſtlich geprüft worden ſiud? Und ich— — ich habe Urſache in dieſer Beziehung zu fürchten. Nein, mein Vater, ich laſſe Dich nicht los in dieſer Stunde. Du, der Du mir das Leben gegeben haſt, Du, deſſen Arme meine erſte Wiege geweſen, deſſen Hand mich bis auf den heutigen Tag geführt und geſtützt, deſſen Vorbild mir als Leitſtern auf dem Wege vorgeleuchtet, Du darfſt Dich nicht von mir entfernen, darfſt mich nicht zurückſtoßen in dieſem Augenblick, wo Du der größern Verwandlung ent⸗ gegengehſt. Laß Deine liebe Tochter, wie Du mich zu nennen pflegteſt, auch jetzt mit Dir gehen, laß ſie im Schatten Deines Geiſtes ihren letzten Schlaf ſchlafen und mit Dir zu neuem Leben erwachen. Dein Grab ſoll das meinige, Deine Auferſtehung die meinige ſein. Laß mich nicht vaterlos auf der Erde! Ich könnte es nicht ertragen; ich bedarf Dein und es iſt mir Bedürfniß für Dich zu leben. Verweigerſt Du mir das, willſt Du nicht um meinet⸗ willen leben, ſo werde ich mit Dir ſterben, werde Dir in's Schattenreich folgen, wohin Du gehſt. Es kann nicht anders ſein, mein Vater. Von die⸗ ſem Tode habe wenn willſt noch Dein treibe Mah ſoll e ſcwi Dein wiß e Vater Som und durft Trotz zen 2 bekan Und einme letzter verur theilt Sollt trage weiſe Dein Du ſ üllen eine verde auf einen Welt, Dich, e wer t, be⸗ chten. dieſer haſt, deſſen t und dem nmir ieſem ent⸗ mich laß Schlaf achen. ehung uf der bedarf leben. einet⸗ werde gehſt. n die⸗ 131 ſem Augenblick an betheilige ich mich an Deiner Todesvorbereitung und an Deinem Todeskampf. Ich habe heute zum letzten Mal gegeſſen und getrunken, wenn Du nicht fortan mit mir eſſen und trinken willſt. Ich verlaſſe Dich nicht mehr, weder bei Tag noch bei Nacht; ich bleibe in meinem Stübchen neben Deinem Zimmer; ich lege mich da vor Deine Thüre; treibe mich fort, wenn Du es wagſt; und jede Mahlzeit, die unberührt von Dir weggetragen wird, ſoll ebenſo auch an mir vorübergetragen werden.“ „Aber dieß iſt Ueberſpanntheit, Narrheit; Du ſchwärmſt, Roſa.“ „Ich weiß das nicht. Ich weiß bloß, daß ich Deine Tochter bin und daß ich einen Vorſatz ſo ge⸗ wiß ausführen kann wie Du. Erinnerſt Du Dich, Vater, wie ich bei unſern fröhlichen Fußreiſen im Sommer mich freute, wenn Sturm und Regen kamen, und wenn ich Dir meinen jugendlichen Muth zeigen durfte, wie ich auf Dein Beiſpiel geſtützt ihnen Trotz bieten konnte? Sollte ich jetzt vor dieſer kur⸗ zen Reiſe durch ein dunkles Thal nach einem un⸗ bekannten Lande erbangen, wenn Du bei mir biſt? Und erinnerſt Du Dich, mein Vater, wie Du mich einmal bei meiner erſten Lüge— der erſten und letzten vor Dir— zu drei Tagen Waſſer und Brod verurtheilteſt, aber Dich ſelbſt ebenfalls dazu verur⸗ theilteſt und meine Strafe mit mir trugeſt?— Sollte ich jetzt zögern mit Dir die Entſagung zu tragen, die Du Dir auferlegt haſt, und zwar theil⸗ weiſe um meinetwillen? Denn auch ich habe in Deinem Herzen geleſen, mein Vater. Ich weiß, daß Du ſterben willſt, um nicht für Deine Tochter eine 132 Laſt zu werden. Aber Du kennſt ſie ſchlecht, wenn Du glaubſt, daß ſie dann jemals wieder leicht ath⸗ men würde. Und Du kennſt ſie ſchlecht, wenn Du glaubſt, daß ſie den Tod fürchte. Ich will Deine würdige Tochter ſein, ich will Dir Deinen oder viel⸗ mehr unſern Vorſatz ausführen helfen. Dieß ſoll ein Geheimniß zwiſchen uns bleiben, mein Voter, ein Band, das uns unauflöslich aneinander kettet, und Niemand ſoll davon erfahren, außer uns Bei⸗ den. Deßhalb laß uns nach meinem Gütchen, nach Oeſtervi reiſen; dort wollen wir ungeſehen von irgend Zeugen uns niederlegen oder, wenn Du ſo willſt, ein kleines Boot nehmen— denn das Meer iſt nahe— uns darin ein Grab ſuchen und ſo aus den Augen der Menſchen verſchwinden. Dieß ſcheint mir das Beſte; ſo werden wir am beſten geborgen ſein und— vergeſſen werden.“ Lector Norrby ſchauderte:„Nein, nein,“ ſagte er,„ich kann Dich nicht ſo ſterben ſehen in Deines Lebens Frühling, in Deiner Kraft, in Deiner Ju⸗ gendblüthe!.... Nein, unmöglich, ich kann das nicht zugeben.“ „Es muß dennoch geſchehen, mein Vater,“ er⸗ klärte Roſa mit zunehmender Ruhe und Beſtimmt⸗ heit,„wenn Du nicht für mich leben willſt. Mein Vater! wir haben jetzt dem Tod ohne Furcht ins Angeſicht geſchaut; laß uns einen Augenblick das Leben zuſammen betrachten, und zwar unter den Bedingungen, die Dir jetzt geboten ſcheinen. Kann es nicht geſchehen, mein Vater, daß irgend ein Licht in dieſem Dunkel, ja aus demſelben aufgeht? In den dunkeln Schachten der Erde wohnen ja die edel⸗ ſten Perl Tief ſie ſ verg bitte und ich k uld Arbe verg noch zige ſcheh unſet ſiege Dir willſt hinar wie E Ich Vorſ und ſten nung dieſet Ange Vate 133 ſten Metalle; in der Tiefe des Meeres die ächten Perlen. Vielleicht bergen auch des Lebens dunkle Tiefen Schätze, die wir finden werden, wenn wir ſie ſuchen.“ „Ich habe bereits geſucht und geforſcht, aber vergebens,“ antwortete der Lector.„Des Lebens bittere Wirklichkeiten laſſen ſich nicht wegphantaſiren und wegpoetiſiren. Die nackte Wirklichkeit iſt die: ich bin mit einer gänzlichen Erlahmung des Körpers uhd der Seele bedroht. Ich muß auch jetzt alle Arbeit, alle Thätigkeit einſtellen und aber es iſt vergebens noch mehr davon zu ſprechen. Wenn ich noch länger lebe, ſo iſt das Narrenhaus meine ein⸗ zige Ausſicht.“. „So wollen wir ſterben, mein Vater. Es ge⸗ ſchehe wie Du willſt, und möge dieſer Augenblick unſern Bund für den Tod oder für das Leben be⸗ ſiegeln. Sieh da dieſen ſtärkenden Trank, den ich Dir bereitet habe;— wenn Du ihn nicht trinken willſt, nun wohl, ſo ſchütte ich ihn zum Fenſter hinaus, und damit ſoll Alles geſagt ſein für mich wie für Dich.“ „Aber kann das Dein Ernſt ſein, Roſa?“ „Mein vollſter Ernſt und— höre mich, Vater! Ich bin Chriſtin. Ich glaube an eine väterliche Vorſehung, die über alle Kinder der Erde wacht, und glaube daher, daß der Selbſtmord in den mei⸗ ſten Fällen verdammenswerth, daß er eine Verleug⸗ nung dieſer Vorſehung iſt. Aber ſollte ich auch um dieſer That willen verdammt, ſollte ich aus dem Angeſicht des ewigen Vaters verwieſen werden, Vater, mein Vater, ſo würde ich es dennoch thun, 134 bloß um Dir zu folgen, um bei Dir ſein zu können! Und jetzt, mein Vater, der Augenblick iſt ge⸗ kommen!— Beſchließe über mich und Dich. Leben oder Tod?!“ Blaß, aber entſchloſſen ſtand Roſa vor ihrem Vater, mit der Taſſe in der Hand und bereit die⸗ ſelbe an ſeine Lippen zu führen oder ihren Inhalt zum offenen Fenſter hinauszuſchütten. Lector Norrby heftete ſeine verdüſterten Augen auf ſie; ſie erweiterten ſich zu unnatürlicher Größe; er ſchien ſeiner Tochter bis in die Seele ſehen zu wollen. Er that einen Schritt gegen das Fenſter; da legte er die Hand auf ihren Arm. Noch einen Augenblick ſtand er zögernd da, dann nahm er die Taſſe aus ihrer Hand, führte ſie entſchloſſen an ſeine Lippen und trank. Hierauf ſank er in ſeinen Lehn⸗ ſtuhl und bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen. Roſa umfaßte ſeine Kniee: „Wir werden alſo leben, mein Vater!“ „Roſa! Roſa! Zu welchem Leben haſt Du nicht Deinen Vater verurtheilt!“ ſagte der Lector, und ſchwere Seufzer arbeiteten ſich aus ſeiner beklomme⸗ nen Bruſt hervor. Einen Augenblick herrſchte tiefes Schweigen zwiſchen Vater und Tochter. Endlich ſagte Roſa, die noch immer ſeine Kniee umfaßt hielt: „Höre mich, Vater. Meine Augen ſind jung und ſtark, und ich kann nicht umhin an das Licht zu glauben, das ſie mitten in unſerm Dunkel ſehen. Willſt Du nicht um meinetwillen daran glauben? Als ich Kind war, lehrteſt Du mich gehen; unter Deinen Händen lernte ich meinen Weg finden. Ver⸗ weig zu w glau nicht tete ſehe niger was inde nicht mein wah beits brach Nutz könn beſte nicht Du es i Freu Tale haſt Klar ſagt für lang Dich men! ſt ge⸗ Leben hrem die⸗ nhalt en röße; n zu ſter; einen r die ſeine Lehn⸗ nden. nicht und mme⸗ tiefes niee jung Licht ehen. 135 weigere mir nicht die Freude jetzt Deine Führerin zu werden. Glaube an Dein Kind, wie es an Dich glaubte, mein Vater.“ „Graue Haare und lange Erfahrung geſtatten nicht, daß man wieder Kind wird, Roſa,“ antwor⸗ tete der Lector düſter;„und meine erblindeten Augen ſehen die Nachtſeite des Lebens klarer als die Dei⸗ nigen. Ohne Arbeitsfähigkeit, ohne mein Amt— was habe ich da noch für mich und für Andere?“ „Haſt Du nicht mich, Vater?“ erwiderte Roſa, indem ſie ſeine Kniee feſter umſchloß,„und gehört nicht alles Meinige Dir? Ich ſpreche jetzt nicht von meinem kleinen Vermögen, das Du für mich aufbe⸗ wahrt und vermehrt haſt, ſondern von meiner Ar⸗ beitskraft, von den Kenntniſſen, die Du mir beige⸗ bracht haſt und die ich zu Deinem und Anderer Nutzen anwenden will und anwenden kann. Und könnteſt Du mir's verweigern mein Pfund auf die beſte Weiſe anzuwenden? es ſo anzuwenden, wie ich es für gut finde? Bin ich nicht mündig? Bin ich nicht frei? Eine Freifrau nach meiner Art, ſagteſt Du einmal im Scherz, mein Vater! jetzt will ich es im Ernſt ſein. Und wirſt Du nicht eine kleine Freude daran haben, wenn Du Dein Mädchen die Talente recht gebrauchen ſiehſt, die Du ihr gegeben haſt? Jetzt erſt wird ſie es mit vollem Ernſte thun. O mein Vater! ich weiß nicht, welche Freude, welche Klarheit jetzt in meine Seele kommt, aber eine Ahnung ſagt mir, daß ſpäter etwas Großes und Schönes für uns Beide erwachſen wird. Du, der Du ſo lange mein Führer geweſen, verſchmähe es nicht Dich jetzt von mir führen zu laſſen. Alles iſt mir 136 in dieſem Augenblick ſo klar, ſo gewiß! Mein Vater, ich reiſe übermorgen nach Stockholm, wie Du geſagt haſt, aber nicht allein, ſondern Du reiſeſt mit mir. Es gibt gelehrte und geſchickte Aerzte da und in andern Hauptſtädten des Nordens. Wir wollen ſie zuſammen beſuchen, mein Vater, wir wollen ſie über Deinen Zuſtand befragen und Nichts unverſucht laſ⸗ ſen, was zu Deiner Wiederherſtellung beitragen kann. Das Reiſegeld und die Wechſel, die Du mir kürz⸗ lich ſandteſt, habe ich bei mir. Sie ſollen jetzt zu dieſer Reiſe dienen, die mir tauſendmal wichtiger iſt als diejenige, für welche ſie zuerſt beſtimmt waren. Meines Lebens Glück und ganze Zukunft hängt da⸗ von ab, daß ich jetzt reiſen und für uns Beide Licht und Troſt ſuchen darf. Du gibſt doch Deine Ein⸗ willigung, mein Vater?“ Aber wie eine Flamme um einen eisumhüllten Baum ſpielt und durch die hemmende Decke einzu⸗ dringen ſucht, ſo war Roſa's Liebe in dieſem Augen⸗ blick für den finſteren Vater. Düſter antwortete er: „Du nimmſt eine größere Arbeit auf Dich, als Du verſtehſt; das geht über Deine Kräfte, ich weiß es. Kannſt Du den Atlas von der Bruſt heben, die er bedeckt? Kein Menſch kann das, keiner! keiner!“ „Was für Menſchen unmöglich iſt, iſt für Gott möglich,“ antwortete Roſa demüthig, aber feſt. Der Lector erwiderte:„Der Weltgeiſt verändert ſeine ewigen Geſetze nicht, um die Wünſche kleiner Kinder zu befriedigen. Aber wann werden die Men⸗ ſchen herangewachſen ſein? wann werden ſie lernen ſich großſinnig in das Unvermeidliche zu fügen, ſtatt zu kl Und Welt turge baren würde U der f das i worte Deine nicht ( / gedult ewige ſtab. / daß d freien und e wird, ꝙ 5 verſa ſie ſe zwiſch Tocht Dein . zog ſ einem er wi ater, eagt mir. d in n ſie über t laſ⸗ kann. kürz⸗ tzt zu tiger aren. t da⸗ Licht Ein⸗ illten 137 zu klagen und um ſeine Abwendung zu betteln? Und ſo von Geſchlecht zu Geſchlecht, während die Welt um ſie her in Trümmer zerfällt, oder die Na⸗ turgeſetze, taub gegen ihr Geſchrei, ihrem unabwend⸗ baren Gang folgen. Ich glaubte, meine Tochter würde das beſſer verſtehen.“ „Aber der Tropfen, der immer und immer wie⸗ der fällt, dringt ja allmählig durch den Fels— das iſt ja auch ein Naturgeſetz, mein Vater,“ ant⸗ wortete Roſa demüthig;„und wenn ich lange an Deine Thüre pochte, mein Vater, haſt Du mir ſie nicht endlich aufgemacht?“ „Ich weiß das,“ ſagte Lector Norrby halb un⸗ geduldig;„die Menſchen meſſen und beurtheilen die ewigen Geſetze nach ihrem eigenen kleinlichen Maß⸗ ſtab. Was geſchrieben ſteht, das iſt geſchrieben.“ „Aber es kann ja auch geſchehen, mein Vater, daß die ewigen Geſetze für die ſiegende Macht des freien Willens und der Liebe einen Raum haben, und es ſteht ja auch geſchrieben, daß wer ſucht finden wird,“ antwortete Roſa demüthig wie zuvor. Der Lector zuckte die Achſeln. „O mein Vater, verſage mir die Hoffnung nicht; verſage mir den Verſuch nicht!“ bat Roſa, indem ſie ſeine Hände ergriff, mit Küſſen bedeckte und zwiſchen den ihrigen behielt.„Sei gut gegen Deine Tochter, wie Du es immer geweſen. Ich habe doch Dein Verſprechen? Wir reiſen übermorgen?“ „Thu was Du willſt,“ ſagte der Lector und zog ſeine Hand zurück, indem er ſeinen Kopf mit einem Ausdruck abwandte, welcher zu ſagen ſchien, er wünſche allein zu ſein. 138 Roſa ſah eine Weile ſchweigend ihren Vater an, während er in düſtere Gedanken verſunken zu ſein und mit den verdunkelten Augen in nächtliche Ab⸗ gründe zu ſtieren ſchien. Dann wiſchte ſie ein paar Thränen ab und entfernte ſich, um alle Anſtalten für die bevorſtehende Reiſe zu treffen. Die Nachricht davon wirkte auf die übrigen Mit⸗ glieder der Familie wie eine wahre Erlöſung aus der Gefangenſchaft. „Gott ſei Dank, daß Du es dahin gebracht haſt,“ jubelte die Probſtin Carlander,„Gott ſei Dank, daß Du hiehergekommen biſt und daß Du ihn nach Stock⸗ holm mitnimmſt, wo es ſo geſchickte Aerzte gibt. Es kann ja Alles noch gut werden. Aber vergiß dennoch mein Mittel nicht und überrede ihn, daß er es gebraucht. Denn es hat Manchem geholfen, dem die Doctoren nicht helfen konnten, und es hat erſt neuerdings einen Pächtex aus der Nachbarſchaft curirt, der gerade dieſe Krankheit hatte wie Dein Vater. Ach mein Herzchen, wie gut iſt es, daß Du gekommen biſt und mit ihm fortreiſeſt! Aber meine Cur, meine Cur! Vergiß meine Cur nicht! das bleibt dennoch mein letztes Wort.“ Niemand war glücklicher über die Reiſe, als Paul Petterſon, denn er ſollte mitkommen. So wollte es Roſa, die ihn um ihres Vaters willen nothwen⸗ dig glaubte und die Brauchbarkeit des treuen Die⸗ ners wohl kannte. Und Petterſon war eben ſo ſtolz als glücklich darüber, daß er ſein vielſeitiges Genie zeigen, ſeiner geliebten Herrſchaft einen Dienſt leiſten und ſeine zärtlich geliebte Freundin und Liebesblume, die kleine Johanna, wieder ſehen durfte. Re V in eir Fremt nehme hochge verfin ſchien und e lichkei wurd beglei ſchätz er vo ner 2 Perſo A und gefall unter kirchet ältlic ſehen der 2 Sie zu he die f von über feſt 1 139 Reiſe und Rückkehr. Neue Pläne. paar Während der folgenden Sommermonate ſah man talten in einigen Hauptſtädten des nördlichen Europa zwei Fremde, die überall wo ſie ſich zeigten eine theil⸗ Mit⸗ nehmende Aufmerkſamkeit hervorriefen. Es war ein aus hochgewachſener Mann von edlem Ausſehen, deſſen verfinſterte Augen aber das Tageslicht nicht zu ſehen haſt,“ ſchienen, und ein junges Mädchen von feiner Geſtalt „daß und einnehmendem Weſen, das mit töchterlicher Zärt⸗ tock⸗ lichkeit und Treue beſtändig bei ihm war. Sie gibt. wurden zuweilen von einem Bedienten ohne Livree vergiß begleitet, der mit einer gewiſſen vornehmen Gering⸗ daß ſchätzung auf die Leute und Gegenſtände, an denen olfen, er vorüberkam, herabſah und offenbar Niemand ſei⸗ s hat ner Aufmerkſamkeit würdig erachtete, als die zwei ſchaft Perſonen, denen er folgte. Dein Als der Sommer zu Ende, als ſeine Blumen ß Du und Ernten vor des Landmanns Sichel und Senſe meine gefallen waren, ſah man eines Abends daſſelbe Paar bleibt unter den ſchönen Halbbogen der St. Catharina⸗ kirchenruine in der Stadt Wisby eintreten, denſelben „als ältlichen Mann, daſſelbe junge Mädchen. Sein Aus⸗ wollte ſehen war geſunder als vor einigen Monaten, aber hwen⸗ der Ausdruck ſeines Geſichtes war düſter wie zuvor. Die⸗ Sie ſchien in dieſer kurzen Zeit bedeutend gealtert ſtolz zu haben, ein Zug von Schmerz und Kummer hatte Genie die früher ſo klare Stirne durchfurcht. Ein Schatten leiſten von dem Düſter des ältlichen Mannes ſchien ſich lume, über ſie gebreitet zu haben. Doch war ihr Blick feſt und klar, und man glaubte darin zu leſen: 140 „Ich warte und wache, bis der Morgenſtern aufgeht.“ Es war zu Ende Auguſts und der Abend war ungewöhnlich warm und dunſtig. Kein erfriſchender Wind kam vom Meere her. Der ältliche Mann und das junge Mädchen ſaßen ſchweigend eine Weile im kühlen Schatten der Ruinen, während der Blick der Letzteren ſtill fragend zu den Sternen aufſchaute, welche klar und freundlich durch die zerfallenen Ge⸗ wölbe hereinſchauten, und der alte Herr vorwärts gebeugt auf die Erde ſtierte. Endlich ſagte er: „Wir ſind alſo wieder daheim, Roſa, und haben mit unſerer Reiſe Richts gewonnen. Es iſt wie ich vorausgeſagt hatte. Meine Geſundheit hat ſich zwar ein wenig gebeſſert, mein Körper iſt ſtärker gewor⸗ den, aber mein Gemüthszuſtand, meine Abſtumpfung ſind noch dieſelben, und für meine Blindheit gibt es keine Hoffnung. Bei dem Loos, das ich noch vor mir habe, wäre es leichter zu ſterben als zu leben.“ „Ja, aber es iſt heldenmüthiger zu leben,“ ant⸗ wortete der Tochter ſanfte, demüthige Stimme. „Laß uns wieder heimgehen,“ ſagte Lector Norrby;„dieſe Luft bedrückt mich. Sie hat keine Friſche, kein Leben. Wie viel Uhr iſt's?“ „Sechs Uhr, mein Vater.“ „Mehr nicht?“ ſeufzte der Lector.„Die Zeit iſt lang für den Arbeitsloſen⸗“ Sie gingen wieder i das Haus und in das wohlbekannte Studirzimmer, wo kein wacher arbei⸗ tender Geiſt mehr wachte und arbeitete. Schwer ſeufzend ſetzte ſich der Lector in ſeinen Lehnſtuhl. R über mir f R latein zu gel „. daß d werde glück Miſſet blinde ihnen Gotte⸗ er au⸗ ſie er tung er ſie Und die r in we ſchickt ſie ſe Man ihrem Ande Vorb ſage: bekla ector keine Zeit das rbei⸗ hwer 141 Roſa zündete die Lampe an und ſagte:„Darf ich Dir Etwas vorleſen, mein Vater? und was?“ „Was Du willſt. Lies Seneca's Abhandlung über die Vorſehung. Ich erinnere mich, daß ſie mir früher ſehr gefiel.“ Roſa nahm ein Buch vom Ständer und las lateiniſch, was wir hier in der Ueberſetzung wieder zu geben verſuchen: „Mon wird immer fragen, warum Gott geſtatte, daß die Rechtſchaffenen von Unglücksfällen getroffen werden. Er geſtattet Das nicht. Er hat alles Un⸗ glück von ihnen entfernt, indem er Verbrechen und Miſſethaten, böſe Gedanken, ehrgeizige Wünſche, blindes Gelüſte, Gierde nach fremden Gütern von ihnen entfernte. Die Tugendhaften ſtehen unter Gottes Obhut und Schutz. Verlanget Ihr denn, daß er auch ihre äußeren Vortheile behüten ſolle? Nein, ſie entbinden ihn dieſer Sorge durch ihre Verach⸗ tung gegen weltliche Gegenſtände. „Democrates entſagte ſeinen Reichthümern, weil er ſie als Laſt für eine tugendhafte Seele anſah. Und Ihr wundert Euch, daß auch Gott zuweilen die rechtſchaffenen Leute in einen Zuſtand verſetzt, in welchen ſie manchmal ſich ſelbſt verſetzen? Man ſchickt ſie in die Verbannung, aber zuweilen verlaſſen ſie ſelbſt ihr Vaterland, um es nicht wieder zu ſehen. Man tödtet ſie, aber zuweilen machen ſie ſelbſt ihrem Leben ein Ende. Warum leiden ſie? Um Andere leiden zu lehren. Sie ſind geboren, um als Vorbilder zu dienen. Denkt Euch, daß Gott zu ihnen ſage: Welches Recht habt Ihr Euch über mich zu beklagen, Ihr die Ihr die Tugend umfaßt habt? 142 Ich habe Andere mit illuſoriſchen Reichthümern um⸗ geben, ich habe ihnen leichtſinnige Seelen verliehen, ich habe ſie durch einen langen und trügeriſchen Traum bethört; ich habe ſie mit Gold, Silber und Elfenbein geſchmückt, aber in ihrem Innern ſind ſie aller Güter beraubt. Dieſe Menſchen, die Ihr für glücklich haltet, würden Euch, wenn Ihr ſehen könn⸗ tet was ſie verbergen, und nicht bloß was ſie zeigen, unglücklich erſcheinen. Sie haben kein reines und dauerndes Glück; es iſt bloß ein dünner glänzender Ueberzug. Die Güter, die ich Euch gegeben habe, ſind wahr und dauerhaft, und je mehr Ihr ſie nach allen Seiten betrachtet, um ſo größer und vortreff⸗ licher werdet Ihr ſie finden. Ich habe Euch Kraft verliehen Demjenigen Trotz zu bieten was ihnen tödt⸗ liche Furcht einjagt, und Das zu verachten was der Gegenſtand ihrer Begierden iſt. Ihr glänzet nicht nach außen, alle Eure Vorzüge ſind innerlich. So hat auch das Univerſum Nichts außer ſich und ge⸗ nießt nur ſein eigenes Schauſpiel. Ich habe alle Eure Güter in Euch ſelbſt gelegt, und Euer Glück e darin, daß Ihr keine andern Bedürfniſſe habt. „Aber es treffen Ereigniſſe ein, welche traurig, entſetzlich, ſchwer zu ertragen ſind. Ich konnte Euch nicht davor bewahren; aber ich habe Euch die Mit⸗ tel gegeben Euch dagegen zu ſchützen. Leidet alſo muthig: in dieſem Punkt könnt Ihr Gott ſelbſt überlegen ſein. Er iſt vor allen Leiden ge⸗ ſchützt; Ihr ſeid darüber erhaben. Verachtet die Armuth. Man iſt nie ärmer als im Augenblick der Geburt. Verachtet den Schmerz; er wird auf⸗ hören Glück. die S Tod, Ich h man( rückha des K Darur worfer digend zuhalt für G Schwi A wie le ihre( Altäre länger Stiere Das Um nöthie ſterbe Körpe könne Zeit währ ihren Geda 143 hören oder Ihr werdet aufhören. Verachtet das Glück. Ich habe ihm keine Waffe gegeben, die in riſchen die Seele ſelbſt eindringen kann. Verachtet den Tod, er iſt bloß ein Schluß oder ein Uebergang. Ich habe insbeſondere Sorge dafür getragen, daß hr für man Euch nicht gegen Euern Willen im Leben zu⸗ könn⸗ rickhalten kann. Der Weg ſteht offen. Wenn Ihr zeigen, des Kampfes müde ſeid, ſo könnt Ihr entfliehen. 8 und Darum iſt von allen Bedürfniſſen, denen Ihr unter⸗ nzender worfen ſeid, der Tod das am leichteſten zu befrie⸗ habe, digende. Euer Leben iſt am Abhang; um es zurück⸗ ie nach zuhalten ſind Bemühungen erforderlich. Ich habe ortreff⸗ für Euern Austritt aus der Welt nicht ſo viel Kraft Schwierigkeiten feſtgeſetzt, wie für Euern Eintritt. n tödt⸗„Alle Zeiten, alle Orte können Euch belehren, as der wie leicht es iſt mit der Natur zu brechen und ihr et nicht ihre Geſchenke zurückzugeben. Selbſt am Fuß der So Altäre, mitten unter den feierlichen Opfern für Ver⸗ und ge⸗ längerung des Lebens lernet zu ſterben. Die meiſten ube alle Stiere fallen vor einem leichten Schlag zu Boden. r Glück Das Leben iſt im Menſchen nicht tief eingewurzelt. ürfniſſe Um es auszureißen, iſt nicht einmal das Eiſen nöthig; der Tod iſt nahe bei der Hand. Was man traurig, ſterben nennt, dieſer Augenblick, der die Seele vom te Euch Körper trennt, iſt zu kurz, um ſehr fühlbar ſein zu ie Mit⸗ können. Schämet Ihr Euch alſo nicht, ſo lange et aſo Zeit Etwas zu fürchten was nur ſo kurze Zeit t ſelbſt währt?“ en ge⸗ Roſa hielt inne, indem ſie mit unruhigem Blick tet die ihren Vater betrachtete, als fürchtete ſie ſeine alten genblick Gedanken und düſtern Abſichten von Neuem zu ird auf⸗ 144 wecken. Aber andere Gedanken regten ſich in dieſem Augenblick in Lector Norrby's Seele. „Immer daſſelbe! immer daſſelbe!“ ſagte er mit bitterem Ausdruck vor ſich hin. Dabei ſtreckte er ſeine Hand gegen die Tochter aus und ſagte mit den Worten des jüngeren Plinius:„Gib mir neue Troſtgründe, große und ſtarke, die ich nie zuvor ge⸗ hört oder geleſen habe. Alles was ich in meinem Leben geleſen und gehört habe, kehrt in mein Ge⸗ dächtniß zurück, aber mein Schmerz iſt zu groß!“ Der Lector bedeckte dabei ſeine verdunkelten Augen mit der Hand und weinte, wie ſolche Männer zu⸗ weilen weinen. Roſa ergriff die gegen ſie ausgeſtreckte Hand und bedeckte ſie mit ihren Küſſen und Thränen. Dieß war für den Augenblick ihre einzige Antwort. Und dieſe ſchien den Vater zu beruhigen. Eine kleine Weile nachher ſaß ſie an einem klei⸗ nen Orgelclavier, einem neu erfundenen Inſtrument, Philharmonium genannt, das ſie aus Stockholm mit⸗ gebracht hatte, in der Hoffnung ihrem Vater dadurch einige Freude zu bereiten, und ſie ſpielte darauf Accorde, die in traurigen Echos die ſoeben ausge⸗ ſprochene Klage des Lectors zu wiederholen ſchienen. Dann kamen andere Accorde mit Licht und Troſt in den Harmonien, lieblich und kräftig wie die Stimme des Tröſters, und Roſa ſang:„Kommet zu mir, Alle die Ihr mühſam und beladen ſeid, ich will Euch erquicken. Und Ihr werdet Ruhe finden für Eure Seelen. Nehmet mein Joch auf Euch, denn mein Joch iſt ſanft und meine Laſt iſt leicht!“ Und wie ein Amen zu dieſen Worten ſpielte Roſa Hoffnt derſam S mild: 73 Tochter der G der m ſchen ſ ſeit ei nehmer darniei geblich Dunkel Dir ni zu wiſ ſtreng ſchen 2 nicht l Erklär glaube jeniger ihren täuben neuter mit de genden zende um ge von d Bre dieſem er mit kte er e mit rneue or ge⸗ leinem n Ge⸗ ß1“ Augen er zu⸗ id und Dieß Und m klei⸗ ument, m mit⸗ adurch darauf ausge⸗ hienen. roſt in timme r, Alle ll Euch r Eure mein ſpielte 145 Roſa hierauf Melodien, die von Geſundheit und Hoffnung durchweht ſchienen. Sie fühlte ſich wun⸗ derſam belebt, und ihre Töne überraſchten ſie ſelbſt. an dieſem Abend ſagte Lector Norrby mild: „Ich habe Deine Antwort verſtanden, meine Tochter, aber ſie iſt nicht für mich. Denn mir fehlt der Glaube, der ſie fruchtbar machen könnte, und der menſchenfreundliche Genius, der ſo zu den Men⸗ ſchen ſprach, hat die Laſt ihres Elends, das ich erſt ſeit einiger Zeit recht verſtanden habe, nicht abzu⸗ nehmen vermocht.— Sieh, mein Kind! was mich darniederdrückt, was Deine Arbeit für mich ver⸗ geblich macht, das iſt die Thatſache, daß meine Dunkelheit nicht bloß eine äußere iſt. Ich habe mit Dir nie davon geſprochen, aber Du verdienſt Alles zu wiſſen was mich betrifft. Meine Familie war ſtreng orthodor. Ich wurde in den ſtreng lutheri⸗ ſchen Dogmen erzogen, die ich nicht verſtand und nicht lieben konnte. Wenn ich fragen, wenn ich eine Erklärung verlangen wollte, befahl man mir zu glauben. Das konnte ich nicht; aber ich liebte die⸗ jenigen, die mir dieſe Lehren gaben, ich verehrte ihren Glauben und ſuchte meine Zweifel zu über⸗ täuben oder zu beſeitigen. Aber ſie kehrten mit er⸗ neuter Macht zuruͤck, als ich nähere Bekanntſchaft mit der claſſiſchen Vorzeit, ihren Idealen und Tu⸗ genden machte, die von meinen Lehrern als glän⸗ zende Laſter bezeichnet wurden. Sie kehrten zurück, um gegen dieſe beſchränkte Anſicht vom Leben und von der Geſchichte zu proteſtiren, und ſie wurden Bremer, Vater u. Tochter. 10 146 verſtärkt durch die Kritik der modernen Wiſſenſchaft über die heiligen Schriften. Und mit einem Wort, aus einem fragenden Zweifler wurde ich ein Ungläu⸗ biger in dem Sinn, wie die Chriſten gewöhnlich die⸗ ſes Wort nehmen. Aber nicht ohne Kampf wurde der Glaube meiner Kindheit mit allen ſeinen Wur⸗ zeln ausgeriſſen, denn mancher liebliche Troſt, manche ſchöne Hoffnung folgte ihm wie mein Herzblut. Ich erinnere mich noch des Abends in meinem einſamen Zimmer, wo die langgenährten Zweifel zu einem Rieſen heranwuchſen und mich überwältigten, wo mein ganzes Kindheitsparadies wie in einen Abgrund verſank und dieſer allein mir leer, kalt und höhniſch, ohne Licht und ohne Herz entgegengähnte. Ich erinnere mich des kalten Mondſcheins, der durch das Fenſter ſchimmerte, ich meine das Getöne meiner Tritte auf dem Boden dieſe ganze Nacht hindurch noch zu hören. Als ich mich gegen Morgen vor Müdigkeit niederlegte, geſchah es mit einem entſetz⸗ lichen Gefühl der Leere in meiner Bruſt. Es war mir, als hätte man mir das Herz herausgenommen. Als ich ſpät einſchlummerte, hatte ich einen Traum, der für mich bedeutungsvoll wurde, obſchon er bloß eine Antwort war, die mein kämpfender Geiſt ſich ſelbſt ertheilte. Ich meinte alte Männer mit klaren, ernſten Geſichtern zu ſehen, die mir ihre Hände reichten und auf aufgeſchlagene Bücher deuteten, als ob ſie ſagen wollten: Lies und erfahre, was uns geſtärkt und geleitet hat. Ich kannte ſie wohl, die alten, weiſen Freunde, und ich beſchloß ſtark zu ſein wie ſie, und ohne Klage meinen einſamen Weg zu gehen, getreu der Wahrheit, die ich erkannt hatte. Und dahin wiſſer Kraft hatter meine beſte ich ſu ich ni liebte Ich ſ ihrem ren erheb zu ge Mutte frühe kurze Aber um il Viel fernt, Hälft⸗ von hatte merng dunkl Schw Die in al acht 147 Und ſo ſchloß ich mich inniger als zuvor an die dahingeſchiedenen großen Geiſter an, die im Ge⸗ wiſſensfrieden, in einem rechtſchaffenen Wandel die Kraft zu leben und den Muth zu ſterben geſucht hatten. Mein moraliſches Ideal war ſchon von Wur⸗ meiner Kindheit an hoch, denn ich nahm es als das anche beſte Erbe aus meiner chriſtlichen Heimath mit mir; t. Ich ich ſuchte ihm ſtreng nachzukommen. Glücklich konnte ſamen ich nicht mehr werden, aber ich konnte edel ſein. Ich einem liebte die Jugend und wurde ihr Lehrer, ihr Freund. „wo Ich ſuchte ſie aus ihrem gedankenloſen Leben oder bgrund ihrem egoiſtiſchen ſogenannten Chriſtenthum zu höhe⸗ hniſch, ren Ideen von des Menſchen Adel und Kraft zu erheben. Es gelang mir der Jugend Herz und Ohr ch das zu gewinnen. Ich gewann auch das Herz Deiner meiner Mutter und mit ihr eine Seligkeit, von der ich indurch früher keine Ahnung gehabt hatte. Es war eine en vor kurze Zeit; da kam der Tod und die alte Nacht! entſetz⸗ Aber zwei Kinder waren mir geſchenkt worden, und Fs war um ihretwillen wurde mir das Leben wieder theuer. ommen. Viel Arbeit, viele Sorgen hielten die Fragen ent⸗ Traum, fernt, die meine Jugend beunruhigt und nur zur er bloß Hälfte ihre Beantwortung erhalten hatten. Aber eiſt ſich von dieſer Antwort lebte ich dreißig Jahre und klaren, hatte Frieden. Da geſchah das was die ſchlum⸗ Hände mernde Sphinx wieder erweckte und die alte Nacht en, als dunkler als zuvor zurückrief. as uns„Die eine Nachtſeite des Lebens, die Lüge und hl, die Schwachheit, hatte ich bekämpfen zu können gegläuht⸗ zu ſein Die andere trat hervor: die Krankheit, das Leiden Weg zu in all ſeinen düſtern Geſtalten, die lange, ſternenloſe t hatte. Nacht, welche die meiſten Menſchen früher oder ſpä⸗ 148 ter durchwandeln müſſen, und worin Millionen um⸗ kommen; und Millionen Stimmen ſchienen mir aus dieſer Nacht zuzurufen: Haſt Du Troſt auch für uns? Ich hatte keinen, außer— den Tod, und dieſer iſt kein Sieg, ſondern eine Ausflucht. Das muß ich geſtehen. Und darum iſt es mir klar geworden, daß meine Lehre und mein Troſt nicht ausreichen. Nein,, die Weisheit des edelſten Stoicismus reicht nicht aus, um den Anforderungen des Herzens und Rechts⸗ gefühls in Bezug auf Gerechtigkeit, Harmonie und Vollkommenheit zu entſprechen; reicht nicht aus, um die ſchneidenden Mißtöne des Daſeins zu löſen; reicht nicht aus für das geſteigerte, entwickelte Be⸗ wußtſein der Menſchheit von ſich ſelbſt und ihrem Ziel. Und in dieſer Stunde der Verfinſterung ſehe ich es klar: ich habe gearbeitet, um ein Licht anzu⸗ zünden, das die Finſterniß nicht erhellen kann. Alle meine Arbeit, mein ganzes Leben iſt vergeblich.“ „Nicht vergeblich, mein Vater,“ fiel Roſa lebhaft ein.„Müſſen nicht Dämmerung und Morgenroth dem Aufgang der Sonne vorangehen? Und iſt nicht das Sonnenlicht ſchon in dieſen wirkſam? Du willſt doch die Sonne nicht von ihren Strahlen trennen, mein Vater? Du haſt Liebe zur Wahrheit und zur Tugend gelernt.“ Etwas wie ein Lächeln glitt über die Züge des Lectors, indem er ſagte:„Du ſprichſt gut, meine Tochter; aber das Unzulängliche iſt unzulänglich. Und wer gibt mir die Antwort, die für mich und für Andere genügt?“ Am nächſten Abend, als die Dämmerung kam, ſaß Roſa wieder bei ihrem Harmonium und ſpielte Reihe unruh gehrer 6 N Chriſt und l ſoll, o hin u geſehe W ſätige die T Evang S Worte ſehen hören U er nit lange Gefü R Händ dern gebil die G Ihre muſik en um⸗ nir aus r uns? ieſer iſt nuß ich en, daß Nein, t nicht Rechts⸗ ie und u, um löſen; elte Be⸗ ihem ing ſehe t anze⸗ n. Alle ich.“ genroth iſt nicht u willſt trennen, und zur üge des meine länglich. ich und ing kam, lebhaft d ſpielte 149 Reihenfolgen von diſſonnirenden Accorden, die gleich unruhigen, ängſtlichen Fragen eine Auflöſung zu be⸗ gehren ſchienen. Sodann ſang ſie als Recitativ: „Als Johannes, der im Gefängniß war, von Chriſti Thaten hörte, ſandte er zwei ſeiner Jünger und ließ ihm ſagen: Biſt Du's, der da kommen ſoll, oder ſollen wir eines Andern warten? „Da antwortete Jeſus und ſagte zu ihm: Gehet hin und ſaget Johanni wieder, was Ihr gehört und geſehen habt: „Die Blinden ſehen, die Lahmen gehen, die Aus⸗ ſätigen werden rein gemacht, und die Tauben hören; die Todten ſtehen auf, und den Armen wird das Evangelium gepredigt.“ Sodann ſpielte Roſa eine Hymne und ſang dazu Worte des Dichterkönigs: „Er, der das Auge geſchaffen hat, ſollte er nicht ſehen, und der das Ohr geſetzt hat, ſollte er nicht hören?“ Und Roſa fügte aus eigener Eingebung hinzu: „Und Er, der das Vaterherz gemacht hat, ſollte er nicht ſeine Kinder lieben? ſollte er nicht die Ge⸗ e ihrer Herzen erfüllen?“ Sodann ſpielte ſie noch lange liebliche und ſchöne Tonweiſen, ſo wie ihr Gefühl ſie ihr eingab. Roſa hatle nach den großen Meiſtern Haydn und Händel— den Componiſten, die ſie vor allen An⸗ dern ſtudirt hatte— ſich eine eigene Art von Muſik gebildet, worin ſie unter großer Freiheit der Formen die Gedanken oder Sätze ausdrückte, die ſie wollte. Ihre Kenntniß der Harmonielehre und ihr tiefer muſikaliſcher Sinn gaben ihr die Mittel dazu; Liebe 150 und Sehnſucht verliehen ihr während dieſer Zeit in Oe Eingebungen, die mancher große Meiſter ſich hätte eine g wünſchen können. Lector Norrby lauſchte immer eine ſe aufmerkſamer auf ſeiner Tochter Muſik und ſchien Einkor die Abendſtunden zu lieben, in denen ſie aufgeführt mir d wurde. Er ſelbſt beſaß ein feines muſikaliſches Ohr, Johan und er lauſchte jetzt ihrem Spiel und Geſang, wie wird einſt König Saul den Harfentönen Davids. Der hof v finſtere Dämon der Seele ſchien dadurch berühigt zu Thiere werden. und d Eines Abends jedoch, als ſie dieſe Wirkung nicht falls hervorzubringen ſchienen und der Lector vielmehr oder k unruhig im Zimmer umhertappte, fühlte Roſa, daß nehme ſie mit einem längſt gehegten Plan hervorrücken alten konnte. mitthe „Mein Vater,“ ſagte ſie,„ich muß mit Dir zu friſchu 1 Rathe gehen. Kläre mich auf über die Gedanken, tigung die dämmernd in mir arbeiten und nach einer Ge⸗ Seebo ſtaltung ringen. Hilf mir zu ſehen, was ich thun uns 2 muß.“ zu Er Der Lector blieb ſtehen, ſetzte ſich dann, um zu⸗ würde zuhören, und Roſa fuhr fort: 6 allerd „Ich fühle das Bedürfniß nach einer größeren ziehen und vielſeitigeren Thätigkeit, als ich bisher gehabt würde habe; und Allgott bedarf auch einer ſolchen. Glaubſt ſagſt Du nicht, daß wir Beide das Gut Heſtervi überneh⸗ men und es bewirthſchaften könnten, ſo gut es uns ſcheint möglich iſt? Ich glaube, daß Allgott ein wirkliches Ausd Talent zum Londwirth hat, und er dürfte als ſolcher hatte. beſſere Schätze in der Erde finden, als diejenigen je liel ſind, denen er jetzt nachgräbt. Und ich— ich würde ein herzliches Vergnügen darin finden, den Garten in kir r Zeit hätte immer ſchien g nicht ielmehr a, daß rrücken Dir zu danken, er Ge⸗ h thun um zu⸗ tößeren gehabt Glaubſt berneh⸗ es uns rkliches ſolcher jenigen würde Garten in Heſtervi, der jetzt im Verfall iſt, anzubauen und eine größere Hopfenpflanzung anzulegen, was ſowohl eine ſchöne als eine nützliche Sache iſt und eine gute Einkommensquelle werden kann. Petterſon würde mir dabei helfen und könnte als Gärtner ſeine kleine Johanna heirathen. Was Tante Karin betrifft, ſo wird ſie gewiß viel Freude daran finden, dem Vieh⸗ hof vorzuſtehen und alle die kleinen und großen Thiere unter ihrer Obhut zu haben. Den Mädchen und den kleinen Jungen kann der Aufenthalt eben⸗ falls nur nützlich ſein. Wir dürften dort auch zwei oder drei junge Studenten aus Wisby in Penſion nehmen, denen ich meine geringen Kenntniſſe in den alten Claſſikern unter Deiner Leitung, mein Vater, mittheilen könnte. Vielleicht würdeſt Du auch Er⸗ friſchung und Vergnügen in den ländlichen Beſchäf⸗ tigungen finden, die Du ja immer liebteſt; und das Seebad, das wir ganz in der Nähe haben, könnte uns Allen wohl thun. Der Pacht geht dieſen Herbſt zu Ende. Wenn ich jetzt meine eigene Pächterin würde? Die Gebäude und die Zimmer bedürfen allerdings einiger Reparaturen, bevor wir Alle dahin ziehen könnten. Aber mit Deiner Einwilligung würde ich ſogleich alle Anſtalten dazu treffen. Was ſagſt Du zu dem Allem, lieber Vater?“ „Daß Dein Plan mir gut, ja vortrefflich er⸗ ſcheint,“ antwortete der Lector mit einem lebhafteren Ausdruck, als Roſa ſeit langer Zeit bei ihm geſehen hatte.„Ja, laß uns dahin ziehen, und zwar je eher je lieber.“ „Ach, wie mich das freut,“ rief Roſa, indem ſie in kindlichem Vergnügen die Hände zuſammenſchlug. 152 „Gleich morgen will ich anfangen die nöthigen Ein⸗ leitungen zu treffen.“ Dieſen Abend las ſie ihrem Vater das Capitel von den Vergnügungen des Landbaus in Cicero's Abhandlung über das Greiſenalter vor. Und Lector Norrby ſchien leichter und friſcher zu athmen, als der alte Römer, an Patriotismus und Seelengröße ſein Geiſtesverwandter, jetzt in ſeiner Lieblingsſprache und durch die Lippen ſeiner jungen Tochter mit ihm von den einfachen Vergnügungen und Beſchäftigun⸗ gen ſprach, welche zu allen Zeiten dieſelben ſind. Etwas von Gottland und von dem Menſchenherzen. „Gottland“— ſo erzählt ſeine Chronik— „war früher eine Inſel, die man bald über die Oberfläche des Meeres emporſteigen, bald wieder unterſinken ſah. Aber einmal wurde Feuer auf die Inſel gebracht und ſeitdem blieb ſie beſtändig oben.“ So ſteigt und ſinkt das Herz, dieſe wunderbare Inſel, in der Menſchenbruſt; aber bringe Feuer auf die Inſel, und es bleibt beſtändig oben, es trotzt den Stürmen und der Zeit. Das Herz iſt ein kleines Ding, aber zünde darin die Liebe an, ſo wird es große Dinge aus⸗ zurichten vermögen. Die Sage pon Gottland kann in jeder Menſchenbruſt zur Geſchichte werden. gerir und hatte blick. unmi gen mit gen, betra Deßl alle wirk und Die Isre Den näch kom kenn gewe lang allm möck eign ihne errei grof daß ling dam ſcher en Ein⸗ Capitel icero's n, als ſprache nit ihm iftigun⸗ ind. dem onik— ber die wieder auf die oben.“ derbare uer auf s trotzt zünde ge aus⸗ d kann Lector engröße 153 Sie wurde es bei unſerer jungen Heldin. Nicht gering war das Werk, das ſie ſich vorgenommen, und groß die Schwierigkeiten, die ſie zu bekämpfen hatte; aber ſie wankte und zauderte keinen Augen⸗ blick. Nichts ſchien ihr zu ſchwer, Nichts ſchien ihr unmöglich. Freiheit und Liebe hatten ihr Schwin⸗ gen verliehen. Ihren Vater mit ſeinem Schickſal, mit dem Leben zu verſöhnen, ja es ſo weit zu brin⸗ gen, daß er daſſelbe wieder einmal als einen Segen betrachte, das war ihr Wille und ihre Hoffnung. Deßhalb betete und arbeitete ſie, deßhalb mußten alle Dinge und Menſchen um ſie her zuſammen⸗ wirken. Ein Hellſehen auf Erden iſt zuverläſſig, und das iſt der ſcharfe Blick der wahren Liebe. Die Feuerſäule leuchtete nicht ſicherer den Kindern Israel durch die Wüſte, als dieſe innere Flamme Denjenigen leuchtet, die ſich auf ihrem einſamen nächtlichen Weg von ihr leiten laſſen. Aber dazu kommt auch noch eine andere Hilfe, und Diejenigen kennen ſie wohl, die viel für geliebte Gegenſtände gewacht und gewirkt haben. Sie thun dieß oft lange im Finſtern und mit vieler Mühſal; aber allmälig finden ſich Helfer ein— verkleidete Engel möchte ich ſie nennen— in Geſtalt von äußeren Er⸗ eigniſſen oder inneren glücklichen Eingebungen, die ihnen die Mittel bieten das Ziel ihrer Herzen zu erreichen. Wenn ſie Dieß bemerken, ſo entſteht große Freude in ihrem Herzen, denn ſie ſehen dann, daß Derjenige, der über das Schickſal des Sper⸗ lings wacht, noch weit mehr über ſie wacht, und dann ſchreiten ſie mit großer Ruhe auch in ſtürmi⸗ ſchen Nächten vorwärts. Und Du, der Du den 154 Sperling fallen und manchen Schiffbruch geſchehen ſiehſt, vergiß nicht, daß wir nur einen Theil der Geſchichte ſehen, daß ihr letztes Capitel im Schooß einer ewigen Liebe ruht, im Schooße Deſſen, welcher die Auferſtehung und das Leben iſt. Laß uns nur warten! Mannigfach und vielſeitig war die Thätigkeit, welche Roſa während der folgenden Zeit entwickelte. Der Umzug nach Oeſtervi erforderte Reparaturen im Hauſe und Verſchiedenes, was größere Koſten nach ſich führte, als durch die jährlichen Einkünfte der Familie gedeckt werden konnten. Roſa machte daher einen Theil ihres kleinen Capitals zu Gelde. Sie konnte es, denn ſie war mündig. Sie that es mit Freuden, denn ſie fühlte in ihrem Innern, daß es höhere Zinſen tragen würde als früher, wenn auch zum Theil von anderer Art. Ueber ihr Leben und ihre Beſchäftigung auf Oeſtervi erhalten wir einige Aufſchlüſſe aus dem Brief, den ſie um dieſe Zeit an Thecla K. ſchrieb: „Meine Beſchäftigungen willſt Du wiſſen! Ich könnte Dir mit einer jungen Frau, die ich einmal über ihre Arbeiten befragte, antworten: ich mache Variationen. Sie beſtehen gegenwärtig darin, daß ich Tapeten aufklebe, Vorhänge aufmache, Möbel aus einem Zimmer in's andere ſchaffe, Zimmer ein⸗ richte, nach den Handwerkern im Hauſe ſehe, außer dem Haus Gebüſche und Bäume pflanze, einen Hopfengarten anlege, Kartoffeln herausthue, Enten und Hühner füttere und hundert andere für mich ungewohnte und etwas wunderliche Dinge. Aber das 2 macht welch willet in d ren. Men wäre lebtet danke ſchlie ich v mein gleich aller Wen das komn Und ſehr dara mein zuric hilft Oeſte daß merk ſind, viel im Anle und chehen il der Schooß velcher s nur igkeit, ickelte. aturen Koſten künfte machte Gelde. hat es n, daß wenn g auf dem la K. Ich einmal mache „ daß Möbel r ein⸗ außer einen Enten mich Aber das Wunderlichſte von Allem iſt, daß es mir Freude macht. Und zwar nicht bloß um Deſſen willen, für welchen ich es thue, ſondern um der Arbeit ſelbſt willen, wegen der Friſche in dieſen Geſchäften und in dem mannigfaltigen Leben, das ſie mit ſich füh⸗ ren. Siehſt Du, liebe Thecla, ich glaube, daß die Menſchen bedeutend geſünder ſowohl als glücklicher wären, wenn ſie mehr im Freien, in der Natur lebten und einen Theil ihres Tages und ihrer Ge⸗ danken ländlichen Beſchäftigungen widmeten. Ich ſchlief früher wenig und doch unruhig. Jetzt ſchlafe ich vortrefflich mitten unter mancher Unruhe. Denn mein Körper wird durch die Arbeit des Tages zu⸗ gleich ermüdet und erfriſcht. Und dann liegt in aller ſchaffenden Wirkſamkeit etwas ſo Belebendes. Wenn man aus dem Chaos der Arbeit allmälig das Geordnete, Fertige und Harmoniſche hervor⸗ kommen ſieht, ſo iſt das ein ſo angenehmes Gefühl. Und dieß gilt auch, wenn Mittel und Ziel nicht ſehr groß ſind. So finde ich jetzt meine Freude daran, mein beſcheidenes Häuschen umzuſchaffen und mein Gütchen zu einem angenehmen Wohnſitz ein⸗ zurichten für— Du weißt wohl für wen. Er ſelbſt hilft mir dabei, denn wir ſind bereits Alle nach Heſtervi gezogen, und ich ſuche es ſo einzurichten, daß alle ſeine Tagesſtunden, ohne daß er es be⸗ merkt, von irgend Etwas in Anſpruch genommen ſind, was ihn intereſſiren kann, und daß er nicht viel Ruhe hat. Mit Allgott und mir arbeitet er im Garten und entwirft ſogar Pläne für die neuen Anlagen; dieß macht ihm Freude und führt ihn und Allgott auf eine für Beide wohlthuende Art 156 zuſammen; ich glaube, daß ſie nie ſo viel Ver⸗ gnügen an einander gehabt haben, wie jetzt. Meine kleine Dora laſſe ich ihm aufheiternde und unter⸗ haltende Bücher vorleſen. Beſonderes Wohlgefallen findet er an den ſinnreichen Mährchen unſeres däniſchen Freundes Anderſen, welche meine Dora vor⸗ trefflich vorliest. Dabei übe ich meiner Cora Talent für naive Volkslieder und Melodien, die mein Vater ſehr liebt und die ſie ſo lieblich ſingt, daß ich oft wünſche, Du möchteſt ſie hören können(und auch ſehen, denn ſie iſt ſchön, rein und zart wie eines Deiner Gedichte, Thecla, und dabei gutherzig und liebenswürdigy). Mein Vater hat für den Augenblick ſeine früheren Studien gänzlich aufge⸗ geben und will ſich über Gegenſtände, die ihm ſonſt theuer waren, nicht einmal vorleſen laſſen, wie er auch nicht mehr darüber dictirt. Und das iſt ge⸗ wiß das Beſte, daß er ſich jetzt bloß mit Dingen beſchäftigt, die ſeine Augen und Gedanken nicht anſtrengen. Er muß für einige Zeit Luft, Lebens⸗ art und Arbeit verändern. Er ſcheint es ſelbſt zn fühlen, und wir Alle ſuchen ihm dabei zu helfen. Sein ganzer Tag iſt von Gegenſtänden in Anſpruch genommen, die ihm mehr oder weniger neu ſind. Mit der Dämmerung kommt dann die Muſik, die er immer gerne hört. Während ich ſpiele oder ſinge, geht er leiſe im Zimmer auf und ab und nähert ſich dem Philharmonium immer mehr, bis er ſich endlich dicht neben mich ſetzt und lauſcht, und dann duldet er nicht, daß Jemand lärmt oder mich unter⸗ bricht. Dieß iſt mir ſehr angenehm und tröſtet mich über den geringeren Grad von Freundlichkeit gegen und nicht leſen leben nicht ſteht nicht ſäuſe ihner über Wir zuber jetzt und ich, mer frühe nähe Surr wir zu ſe Grüz gute beſor thier betri kenn Gele habt Fact pruch ſind. „ die oder und er ſich dann unter⸗ röſtet ichkeit 157 gegen mich, den ich zuweilen bei ihm wahrnehme, und der mir ſchrecklich weh thun würde, wenn ich nicht auch darin ſeine edelmüthige Liebe gegen mich leſen könnte. Er will mich nicht an ſein Kranken⸗ leben binden und thut deßhalb, als ob er meiner nicht bedürfte. Er meint es wohl, aber— er ver⸗ ſteht mich nicht. „Es iſt jetzt Herbſt und meine Haine ſäuſeln nicht mehr mit laubreichen Kronen; aber ihr Ge⸗ ſäuſel erfriſcht mich auch jetzt noch, wenn ich in ihnen umherwandle, und ſelten geht ein Tag vor⸗ über, ohne daß ich ſie auf eine Weile begrüße. Wir haben angefangen uns auf den Winter vor⸗ zubereiten. Eine ſeiner Vergnügungen, die ſchon jetzt unſere Abende aufheitert, iſt das Kaminfeuer und die Spinnſtube dabei, wo Tante Carlander, ich, die Mädchen und Mägde Gewebe für den Som⸗ mer ſpinnen. Dieß macht mir Freude, während ich früher die gewöhnlichen kleinen Frauenzimmerarbeiten, nähen, ſticken und dergleichen, nicht liebte; und das leiſe Surren unſerer Spinnrocken, ſowie die Lieder, die wir dazu ſingen, ſcheinen meinem Vater angenehm zu ſein. Schlag neun Uhr eſſen wir Alle zuſammen Grüze und Milch, was mein Vater liebt. Meine gute Tante iſt hier ganz in ihrem Eſſe und hat beſonders am Viehhof und an den kleinen Haus⸗ thieren ihre große Freude. Was unſern Petterſon betrifft, den Du nach meiner Beſchreibung bereits kennſt, ſo hat ſein vielſeitiges Genie noch niemals Gelegenheit zu einer ſo vielſeitigen Thätigkeit ge⸗ habt wie hier, und er iſt wirklich eine Art von Factotum für uns. Er hat überdieß angefangen ſich ſelbſt eine kleine Wohnung einzurichten, mit der Ausſicht auf den künftigen Sommer unſere kleine Johanna als ſeine Frau dort einzuführen. An den Abenden flicht er Strohſtühle für ſeine Wohnſtätte, und mein Vater und Allgott helfen ihm dabei während der Spinnſtunden. Wir Alle haben hier mit neuen Arbeiten und neuen Plänen be⸗ gonnen. „Du fragſt nach meinem Plan. Er beſteht mit wenigen Worten darin, daß ich ihn— Du weißt wen ich meine— während ſeiner Wüſten⸗ wanderung von Haſe zu Haſe, von Quelle zu OQuelle führe bis in das heilige Land und zu dem großen Arzte daſelbſt, der allein ſeine Krankheit heilen kann. Denn er krankt nicht bloß an ſeinem eigenen Leiden, ſondern auch am Leiden der ganzen Menſchheit, die er in ſeinem edlen Herzen trägt, und kein Arzt kann ihm helfen, als nur Derjenige allein, der Allen hilft. „Thecla! warum ſprechen Diejenigen, welche den Menſchen zum Erlöſer führen wollen, ſo ausſchließ⸗ lich von Sünde und Sündern, und nicht mehr von Unglück und Leiden? Weil alle Menſchen Sünder ſind. Wahr! Alle haben Theil an dem Zuſtand, welcher die Sünde mächtig macht; aber viele Men⸗ ſchen haben einen ſo geringen Theil daran, daß er einzig und allein als ein Mangel an Vollkommen⸗ heit erſcheint, und dieſer Mangel als ein Unglück, wovon ſie ſelbſt in erſter Linie zu leiden haben. Noch handgreiflicher als die Gemeinſamkeit der Sünde auf Erden erſcheint mir die Gemeinſamkeit des Leidens, und das letztere ſcheint mir noch mehr als 1 den Freu diente ging da er den mächt wiſſe haltet weite umhe verja heben dieſer der G für 2 laden des lit der kleine n den ſtätte, dabei haben n be⸗ beſteht — Du güſten⸗ Ue zu u dem ankheit ſeinem ganzen trägt, rjenige he den ſchließ⸗ n ünder uſtand, Men⸗ daß er mmen⸗ nglück, haben. it der amkeit mehr 159 als die erſtere einen für Alle gemeinſamen erlöſen⸗ den Arzt zu erfordern. Sprich von ihm mit den Guten, den Rechtſchaffenen, welche leiden was die größten Verbrecher verdient haben und was dieſe oft nicht leiden, ſprich von ihm mit den Bedrückten, mit den über das Unglück und die Ungerechtigkeiten Anderer Betrübten und mit Denjenigen, welche die Qual der ganzen Welt auf ihrem Herzen tragen; ſprich mit ihnen und lehre ſie den göttlichen Arzt kennen, der allein ihre und der ganzen Menſchheit Wunden zu heilen vermag. „Siehſt Du, als ich meinen herrlichen, edlen Vater von dem Unglück betroffen ſah, das er, der Freund des Lichtes und der Wahrheit, weniger ver⸗ diente als irgend Einer; als ich in ſeine Nacht ging und mich nach Licht für ihn und mich umſah, da erſt lernte ich den Arzt recht verſtehen. „Ich hatte in meinem Herzen geſagt: Zeige mir den Vater, und das iſt genug! Zeige mir den all⸗ mächtigen Regierer unſerer Schickſale, damit ich wiſſen kann, an wen ich mich in meiner Noth zu halten habe! Und ich ſah mich ſuchend um im weiten Kreiſe der Welt und ihrer Geſchichte. „Da begegnete mir Einer, der auf der Welt umherging, Wohlthaten ſpendend, die Dämonen verjagend, die Kranken heilend, Noth und Tod hebend, ein Reich und eine Gerechtigkeit nicht von dieſer Welt verkündend, auf ſeiner Zunge Donner der Strafe für die Gottloſen, himmliſche Tröſtungen für die Guten führend, allen Bedrückten und Be⸗ ladenen Frieden, Geſundheit und Freude, das Wort des ewigen Lebens bringend— und ich hörte ihn ſagen: Was ich thue, das thut Gott. Der Vater, der in mir iſt, verrichtet die Thaten. Ich und der Vater ſind Eins. „Ihn umfaßte ich, denn er antwortete auf die Fragen meines Geiſtes, er befriedigte das Bedürf⸗ niß meiner Seele. In ihm lernte ich verſtehen, was der Herr der Welt und der Menſchen ewig iſt, will und wirkt; ich lernte einſehen, daß er gut iſt, daß er die Vervollkonmnung und Glück⸗ ſeligkeit ſeiner geſchaffenen Weſen will, daß er ewig dafür arbeitet. Ich lernte den Vater über Alles was Vater heißt im Himmel und auf Erden kennen. Das war mir genug. Ich wußte jetzt auch, daß meines Vaters unverdientes Leiden früher oder ſpäter ſein Ende nehmen würde. Gott wollte es, und da ich dafür arbeitete, ſo nahm ich Theil an Gottes Wirkſamkeit und wurde ein wenn auch noch ſo geringes Mittel in ſeiner heilenden, lebenſpenden⸗ den Hand. Seit dieſer Stunde iſt Ruhe in die Tiefe meines Herzens gekommen, und dieſe wird (glaube ich) nicht erſchüttert werden, wie es auch gehen mag auf Erden. Der Sieg kann ver⸗ zögert werden, aber er iſt gegeben, iſt gewiß für Denjenigen, welcher will was Gott will. „Und wie die Liebe meines irdiſchen Vaters es mir leicht gemacht hat, die Liebe des himmliſchen Vaters zu begreifen— denn wie ſollte Gott von den Menſchen ſich übertreffen laſſen? der Schöpfer von ſeinem Werk?— ſo wird, hoffe ich, mein treuer Blick eines Tags die Augen meines Vaters für die Ge⸗ heimniſſe der Liebe öffnen, die er jetzt nicht ſieht. O Troſt! o Licht! o Alles belebende Hoffnung, ge⸗ geben und Vater Hert Gege und dieſen ihm ihm 2 den eröffn meine Vate gelert oder meine Vatet iſt er ſchrec vielle und zu h Wirk wegu dieſer auf ſ hat e mir Blut B Voter, id der uf die edürf⸗ ſtehen, wig daß er Glück⸗ rewig Alles kennen. daß oder lte es, ei n ch noch enden⸗ in die wird s auch m ver⸗ iß für es mir ters zu enchen ſeinem r Blick die Ge⸗ t ſieht. ng, ge⸗ 161 geben in der Gewißheit, daß der Herr aller Welten und Weſen ein Vater, ein heiliger und liebender Vater iſt, daß der Mittelpunkt des Lebens ein Herz, ein Voterherz iſt. Daran hängt Alles. Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, individuelles und allgemeines Leben, Alles erhält Licht von dieſem Licht, und ich weiß kein Dunkel, das nicht von ihm aufgeklärt werden, kein Unglück, das nicht von ihm Troſt erhalten könnte, keinen ſuchenden, forſchen⸗ den Blick, dem er nicht neue, unendliche Horizonte eröffnete! Glücklich Diejenigen, die, wie ich und Du, meine Thecla, von Kindheit an die heiligen Namen Vater, Mutter mit Liebe und Zuverſicht ſprechen gelernt! Ihnen kann dieſe Lichtlehre nicht fremd oder ſchwer begreiflich erſcheinen.“ Einen Monat ſpäter: „Unruhe und Angſt haben mich verhindert, meinen Brief zu ſchließen, denn der Zuſtand meines Vaters war eine Zeitlang ſehr beunruhigend. Jetzt iſt er etwas beſſer, aber tief darniedergedrückt. Die ſchreckliche Krankheit, die er zu haben glaubt und vielleicht wirklich hat, verurſacht ihm Schlafloſigkeit und große Beängſtigung. Vielleicht— ich wage es zu hoffen— iſt dieſe Verſchlimmerung nur eine Wirkung des unfreundlichen Wetters, das alle Be⸗ wegung im Freien verbietet, vielleicht wird ſie mit dieſem vorübergehen. Jetzt ſitzt er halb ſchlummernd auf ſeinem Sopha, und ſein edles, ſchönes Geſicht hat einen ſo leidenden, ſo ſtarren Ausdruck, daß es mir tief in's Herz ſchneidet. Könnte ich doch mein Blut in ſeine Adern gießen, um das ſeinige zu er⸗ Bremer, Vater u. Tochter. 11 162 neuen! mit welcher Freude würde ich es thun!— Und vielleicht ſchenkt Gott dieſe Fähigkeit, wenn auch auf eine andere Weiſe, meiner Liebe und mei⸗ nen Gebeten. Man ſagt von dem alten Storch, daß er von den Flaumfedern ſeines Jungen wieder Lebenswärme erhalte und von ihm auf's Neue den Gebrauch ſeiner erlahmten, ſteif gewordenen Glieder erlerne. Dieſe Sage iſt mir theuer. Sollte die belebende Macht der Liebe bei den Menſchen kleiner ſein als bei den Thieren? Ich kann es nicht glau⸗ ben. Ich lebe in der Hoffnung. „Und Axel? fragſt Du. Thecla, frage nicht darnach. Dieſes Gefühl will ich tief, tief in die Erde graben, denn es darf nicht leben neben einem andern, das über allen andern ſtehen muß. Es iſt nicht todt, das fühle ich vollkommen wohl, aber es ſchlummert und wird immer tiefer ſchlummern, ja begraben werden, bis es verwandelt auferſtehen kann. „Sei ruhig meinetwegen, liebe Thecla, ich bin es auch. Und wenn der Frühling wiederkehrt und meine Haine rauſchen von jungem Laub und Vogel⸗ ſang, dann werde ich Dir vielleicht einen fröhlicheren Brief ſchreiben können. Roſa.“ Roſa wurde in ihrer Hoffnung nicht getäuſcht. Ihres Vaters Zuſtand verbeſſerte ſich nach einiger Zeit, und er nahm die Beſchäftigungen wiedeß auf, denen er ſich neuerdings gewidmet hatte, Roſa unterſtützte ihn thätig und klug darin, während ſie ſich ſelbſt und ihre Mitwirkung möglichſt zu ver⸗ berge Geſta friſche hafter chen fragte ander bei d von A in ih gießu alle ich D Ich l ander holm wo C daß e die i Wohn leben Hoffn vollko Arxel, wenig wohl. unmö uns t n!— wenn mei⸗ Storch, wieder te den lieder te die kleiner glau⸗ nicht in die einem aber nmern, rſtehen ich bin rt und Vogel⸗ icheren 4 . täuſcht. einiger ex auf, Roſa end ſie u er⸗ 163 bergen ſuchte. Und als ſie im Frühjahr des Vaters Geſtalt allmählig ſich aufrichten, ſeine Geſichtsfarbe friſcher, ſeinen Gang und ſeine Bewegungen leb⸗ hafter werden ſah, da empfand ſie jedes ſolche Zei⸗ chen wie eine Lenzblume in ihrem Herzen, und ſie fragte nicht darnach, ob dieſes Herz irgend einen andern Wunſch hatte, oder ob es zuweilen blutete bei dem Gedanken an eine Perſon und eine Sache, von denen ſie für immer Abſchied nehmen mußte. Aber wir, die wir die Fähigkeit erhalten haben in ihrem Herzen zu leſen, wollen jetzt folgende Er⸗ gießungen deſſelben in's Auge faſſen: Roſa an Axel. „O Arel! welch ein Brief! Warum muß ich alle Schätze Deiner Seele in dem Augenblick, wo ich Dir für immer Lebewohl ſagen muß, erkennen? Ich habe mich gründlich geprüft und gefragt, ob es anders ſein könne, aber es kann nicht. Nach Stock⸗ holm zu ziehen, in eine Stadt, die Er nicht liebt, wo Er ſich fremd fühlen würde, ihn zu beſtimmen, daß er ſeine Muttererde, die Heimath ſeiner Väter, die ihm über Alles theuer iſt, dieſe ländliche Wohnung verlaſſe, wo er jetzt gleichſam neu aufzu⸗ leben beginnt, und wo ich, wenn irgendwo, mich der Hoffnung hingeben darf, daß er ſeine Geſundheit vollkommen wieder erlangen werde— unmöglich, Axel, unmöglich! Denke nicht daran. Cben ſo wenig kannſt Du zu uns kommen; ich weiß das wohl. E Dein Amt, Deine Mutter! Auch das iſt unmöglich. Nur Eines bleibt uns übrig: daß wir uns trennen, daß Jedes von uns ſeiner FPflicht lebe! 164 Mein Herz blutet, es wird lange leiden von dieſer Trennung. Aber was thut das, wenn ſein Weh in das Wohl deſſen verwandelt werden kann, der mir das Leben gegeben hat und für mich mehr iſt als Leben und Seligkeit! O Axel, wenn Du Alles wüßteſt, was er mir geweſen, ſo würdeſt Du dieß natürlich finden. Dankbarkeit bindet mich an ihn, aber nicht bloß Dankbarkeit, ſondern die reinſte Verehrung, Bewunderung und die freie Liebe, die auf ſolchem Boden aufwächst. Und ich kann es mit Wahrheit ſagen, es iſt mir lieb zu leiden, für ihn Etwas zu opfern. Ja, ich empfinde eine ge⸗ wiſſe unausſprechliche Wonne ſelbſt in meinem Schmerz, und ich fühle mein Leben und meine eigene Seele in demſelben gleichſam wachſen. „Aber Du! auch Du wirſt leiden. Deine Ent⸗ wicklung für das Beſſere werde gehemmt, der Himmel Deiner Seligkeit für immer verdunkelt werden durch unſere Trennung, ſchreibſt Du. O nein, Axel, das kann nicht ſein, wenn es Dir auch in dieſem Augen⸗ blick ſo ſcheinen mag. Rein, nein, in kurzer Zeit wird dieſe Wunde geheilt ſein und Dein Herz wird ſich neuen Gegenſtänden öffnen. Du wirſt an Roſa wie an eine Schweſter und Freundin denken, aber eine Andere als ſie wird der Gegenſtand Deiner Liebe ſein. „Warum ſchmeichelſt Du mir, Arxel, und ſetzeſt alle anderen Frauenzimmer herab? Das gefällt mir in Deinem Briefe nicht, und ich kann Deine Ungerechtigkeit nicht gutheißen. „Wenn Viele eitel oder hochmüthig auf ihre Vorzüge ſind, ſo geſchieht dieß, weil ſie keine Väter hatte ten 1 ſelbſt eigen weil etwa— Leber dieß, ſelbe als Loos hochſ ich Unte ſuche in d ja v Zwe keine ſprie 36) iſt: unre dürſ glau kein Dir geb ann es n, für n durch el, das uf ihre e Väter 165 hatten, die ihnen ein hohes Ideal vor Augen führ⸗ ten und ſie lehrten, mit demüthigem Blick auf ſich ſelbſt nach Vollkommenheit zu ſtreben. Wenn Viele eigenwillig und ſelbſtſüchtig ſind, ſo geſchieht dieß, weil ſie nicht wie ich geliebt wurden und ſchon frühe etwas Hohes zu lieben bekamen. Wenn Manche ihr Leben mit kleinlichen Dingen vergeuden, ſo geſchieht dieß, weil kein weiſer Lehrer ihnen den Werth des⸗ ſelben zum Bewußtſein brachte, ſo daß ſie das Große als groß und das Kleine als klein anſehen lernten. „Aber wie Manche gibt es nicht, die dieſem Loos der Alltäglichkeit entgangen und ſanfte, edle, hochſinnige Weſen geworden ſind! Von ihnen möchte ich zu Dir ſagen: Suche und Du wirſt finden! Unter ihnen wird mein Bruder Arel eine Gattin ſuchen und finden und mir eine Schweſter ſchenken — o des holden Namens! In jedem andern als in dieſem Sinn wird Roſa für Dich gleichſam todt, ja von dieſer Stunde an todt ſein. „Höre mich, Axel! Um vollkommen für meinen Zweck, für meine theure Pjlicht zu leben, darf ich keinen andern irdiſchen Zweck daneben haben. Du ſprichſt von der Zukunft— von Warten und Hoffen. Ich habe bloß ſpäter eine Zukunſt, Axel, und dieſe iſt mit der meines Vaters vereinigt. Er iſt blind, unrettbar blind und wird ſeiner Tochter ſtets be⸗ dürſen(obſchon er will, daß ich etwas Anderes glauben ſoll); genug, ich kann, darf und will an keine andern Bande denken. „Aber ich liebe Dich! Gerade deßhalb muß ich mit Dir brechen, jetzt auf immer brechen mit den Ein⸗ gebungen dieſes Gefühls in meinem Herzen, Ich 166 will es zu Grabe legen wie ein theures Kind, das mich eine Morgenſtunde erfreut hat und dann ge⸗ ſtorben iſt. Und Du, Du mußt mir dazu helfen, mußt zu meinem Entſchluß Amen ſagen und mir zur Ausführung deſſelben die Hand bieten. Axel! wir dürfen einander nicht mehr ſchreiben. Ich darf dieſe Briefe von Dir, die mich ſo tief aufregen und zu gleicher Zeit ſolche Freude und ſolchen Schmerz in mir hervorrufen, nicht mehr leſen. Es muß ſtilt zwiſchen uns ſein, Axel, ſtill wie das Grab, bis die Zeit dieſe Gefühle abgekühlt hat und Du mich Schweſter nennen kannſt. Ewig werde ich jedoch für dieſes Gefühl dankbar ſein, das Du mir ge⸗ ſchenkt und in mir geweckt haſt. Es war ſo hold, ſo zart, ſo wunderſam. Es erſchloß meine Seele für ein neues Reich auf Erden, es hat mich viel gelehrt, es lehrt mich noch in dieſer Stunde viel, und immer, immer werde ich ſeiner als einer der beſten Gaben des Lebens eingedenk bleiben. Und eines Tags wird es verklärt auferſtehen unter den Harmonien, welche durch Freud und Leid, durch Licht und Dunkel die Seelen emporheben und endlich, wenn alle Mißtöne gelöst ſind, alle ſuchenden, alle liebenden, alle leidenden, mit Sehnſucht erfüllten Geiſter beglücken! Dann werden auch wir den Herrn der Liebe preiſen, daß wir zuſammengetroffen ſind und einander geliebt haben. Jetzt müſſen wir uns trennen. Jetzt fühle ich mich ſchwach und meine Thränen rinnen. „O mein Freund! habe Nachſicht mit mir um meiner Schwäche willen. Stärke mich mit Deiner Stärke. Erfreue mich durch all das Gute und Edle, * . was meir gute liebt Axel und blick von brin Flü beko kung Par Ver vor Heſt gott ſich in Alle fiele Und kom beko übe man d, das nn ge⸗ helfen, id mir Axel! ch darf en und chmerz uß ſtill bis die tmich jedoch nir ge⸗ o hold, Seele ch viel e viel, ter der Und e den ch Licht ndlich, n, alle füllten r den troffen en wir und ir um Deiner Edle, 167 was Du leiſten kannſt. Laß es meinen Troſt und meinen Ruhm ſein, daß ich dereinſt gleichſam ein gutes Zeugniß in dem Gedanken finden kann: Ich liebte ihn und er liebte mich. Und nun leb wohl, Axel. Roſa.“ Da wir gerade im Zug ſind Herzen zu öffnen und Briefe zu leſen, ſo wollen wir einen Augen⸗ blick dem folgenden widmen und damit unſer Capitel von Gottland und dem Menſchenherzen zum Schluß bringen: „Meine allerliebſte Roſe und Lebenshoffnung! „Ich ſchreibe dieſe Zeilen mit einer aus den Flügeln der Liebe gepflückten Feder. Die Tugend bekommt endlich ihren Lohn, das Genie ſeinen Wir⸗ kungskreis und die Liebe ihre Vollendung und ihr Paradies. Du magſt wiſſen, daß ich Dir große Veränderungen zu verkünden habe. Erſtens und vor allen Dingen ſind wir jetzt ganz ordentlich in Oeſtervi eingerichtet, das ein Paradies und eine gottländiſche Naturſchönheit iſt, mit dem Meer vor ſich und einem großen Schneeberg hinter ſich, der in der Abendſonne gar herrlich glänzt. Und wir Alle, die wir in Wisby beinahe in Trümmer zer⸗ fielen, ſind hier an Leib und Seele erneuert worden. Und nach unſerem Herunterkommen iſt ein Hinauf⸗ kommen eingetreten. Der Lector hat wieder Appetit bekommen; er ißt Abends Grüze, geht den Tag über herum und arbeitet wie ein förmlicher Land⸗ mann mit Fräulein Roſa und Herrn Allgott. Sie 168 haben zuſammen einen großen Hopfengarten ange⸗ legt, der eine der vornehmſten Quellen des Reich⸗ thums für Gottland ſein wird. Und Herr Allgott fängt hier an ein wirkliches Genie zum Landwirth zu bekommen. Die Probſtin wirthſchaftet in Küche und Garten und Viehhof, und curirt ſowohl Thiere als Menſchen, ſo daß es merkwürdig iſt. Cora ſingt und Dora lacht, daß es einem in der Seele wohl thut es zu hören, und wenn die kleinen Jun⸗ gen am Samſtag Abend herauskommen, ſo ſind ſie wild wie Kälber. Aber als wir hieherzogen, da war Moppe melancholiſch, denn wir hatten Miſſe in der Stadt gelaſſen und Moppe allein mitgenommen. Aber da verſchwand er eines Tags und am andern Tag kam er zurück mit Miſſe, und ſeitdem haben alle beide ganz vergnügt hier gelebt und werden fett von der guten Milch, die von dem vortreff⸗ lichen Heu herkommt, das hier in den Hainen wächst. So ſind wir Alle zu unſerem größten Vor⸗ theil verändert. Aber jetzt kommt das Allerbeſte, nämlich daß ich mein eigenes Häuschen habe, zwei Zimmer und Küche, Alles in ſchönſter Ordnung— blaue Tapeten im Schlafzimmer— und Stühle, die ich und der Herr Lector und Herr Allgott ſelbſt gemacht haben. Und da ich ja jetzt Gärtner, Be⸗ dienter und Alles in Allem auf dem Hof bin, ſo kann ich auch an's Heirathen denken und kann Frau und Nachkommen verſorgen. Und ſo, meine liebe Johanna, können wir mit Gottes Hilfe im Hoch⸗ ſommer Hochzeit haſten, Du mußt dann aus Stock⸗ holm nach unſerem guten Gottland kommen, wo das Menſchenherz wieder jung wird und wo Dich em⸗ N ladu dazu 1 ſeine am den Son ange⸗ Reich⸗ Allgott dwirth Küche Thiere Cora Seele Jun⸗ ind ſie n, da iſſe in mmen. andern haben verden rtreff⸗ ainen iVor⸗ vbeſte, zwei g— tühle, ſelbſ Be n, ſo Frau liebe Hoch⸗ Stock⸗ o das em⸗ 169 pfangen wird— Dein treuer Freund und zukünftiger Gatte in Zeit und Ewigkeit Paul Petterſon.“ Nachſchrift. „Die Probſtin ſchickt Dir ein Mittel gegen Dein Zahnweh. Es iſt gebrannter pulveriſirter Alaun in einem ſchwarzen ſeidenen Beutelchen, das Du auf der Herzgrube tragen mußt. Es iſt unfehlbar. Und ich habe einen Kuß darauf gedrückt und ſage mit der Probſtin, unſerer großen Doctorin: kein Zahn⸗ weh mehr!“ Im. Hochſommer konnte Paul Petterſon Ein⸗ ladungen zu ſeiner Hochzeit erlaſſen und verfaßte dazu folgendes Formular: „Herr(oder Frau) N. N. wird inventirt, mit ſeiner Gegenwart meine Hochzeit zu beehren, die am 24. dieß in meinem Haus ſtattfindet und auf den Donnerſtag fällt. Paul Petterſon, Gärtner.“ Licht und Schatten. Axel antwortete nicht auf Roſa's Brief, aber im Sommer dieſes Jahrs erſchien er ſelbſt. Er kam als zu längſt bekannten und geliebten Verwandten. 170 Er widmete Roſa's Vater ſo viele Aufmerkſamkeit, war ſo brüderlich gegen Allgott, ſo freundlich gegen die Probſtin Carlander(obſchon er ſich einige un⸗ ſchuldige Scherze über ihre Curen und beſonders über ihr Hauptmagenmittel erlaubte), ſo onkelmäßig liebenswürdig gegen ihre Kinder, fo zuvorkommend gegen Jedermann, daß er alle Herzen gewann und ſeine Gegenwart für die Bewohner von Oeſtervi eine wahre Erquickung war. Auch Moppe und Miſſe bezeugten ihre Freude an ihm durch tauſend Luft⸗ ſprünge, welche Axel aufzumuntern verſtand, ſo daß Dora ſich halb todt lachte. Aber Niemand empfand ſeine Anweſenheit ſo ſehr als eine Wohlthat wie Roſa, denn die Wir⸗ kung, die er auf ihren Vater hervorbrachte, war für ſie im höchſten Grade erfreulich. Lector Norrby ſchien in dem zurückgekehrten Axel einen Sohn wie⸗ dergefunden zu haben und ſprach mit ihm, wie er ſeit langer Zeit mit Niemand geſprochen hatte. Seine Stimmung wurde auch leichter und heiterer als ſie ſeit Roſa's erſter Reiſe in die Hauptſtadt je geweſen. Dabei war Arel in ſeinem Benehmen gegen Roſa ſo behutſam, daß Niemand bei ihm ein zärtlicheres Gefühl gegen ſie ahnen konnte, und ſie ſelbſt hätte daran zweifeln können, wenn nicht manch⸗ mal ein Blick, ein zärtlicher Händedruck ihr geſagt hätte:„Dieß iſt Alles um Deinetwillen!“ Arel blieb in Oeſtervi acht Tage, die fröhlichſten, die man noch dort erlebt hatte. Während derſelben wurde Paul Petterſons Hochzeit mit den in Gott⸗ land noch üblichen Spielen und luſtigen Schwänken im Freien gefeiert. Axel verleugnete dabei ſeinen gott ſtoße wie Axel wie leide Den ſprec Neue Vor durc über hatte Roſe keine uner Wog 6 als ſie h und gebet Gew die blum blieb kam brach Lebe ſamkeit, geen ige un⸗ ſonders lmäßig mmend nn und vi eine Miſſe d Luft⸗ ſo daß heit ſo e Wir⸗ var für dorrby n wie⸗ wie er hatte. eiterer ptſtadt ſeinen 171 gottländiſchen Urſprung nicht, ſondern zeigte bald, daß er den Ball beinahe ebenſo gut werfen und ſtoßen konnte, wie die andern jungen Männer und wie Meiſter Paul Petterſon ſelbſt. „Im nächſten Sommer komme ich wieder,“ ſagte Axel, als er abreiste. Und das klang für Alle wie eine Freudenbotſchaft; auch für Roſa, die aber leider darin zugleich einen Grund zu Unruhe fand. Denn vor ſeiner Abreiſe hatte er ſie um eine Be⸗ ſprechung in den Hainen gebeten, hatte ihr von Neuem ſeine Liebe betheuert, ſo wie ſeinen feſten Vorſatz die Zuſtimmung ihres Vaters zu erringen, durch Liebe und Geduld endlich alle Hinderniſſe zu überwinden und ſie zur Gattin zu gewinnen. Er hatte ſie umarmt als ſeine Braut, als ſeines Lebens Roſe. Seit dieſem Augenblick hatte Roſa's Herz keine Ruhe mehr. Ihr Wille und ihr Ziel ſtanden unerſchüttert, aber in ihrem Herzen gingen die Wogen hoch. Sie mußte Axels Wiederkehr ſowohl wünſchen als fürchten. Sie konnte ſie nicht ablehnen, denn ſie hätte ſonſt ein bedeutendes Mittel zur Erquickung und Erheiterung ihres Vaters aus der Hand ge⸗ geben; ſie fürchtete ſie, weil ſie Axels zunehmende Gewalt über ihr Herz kannte und fürchtete. Sechs Jahre kam Arxel jeden Sommer, wenn die Haine wieder rauſchten und die Staare über der blumengeſchmückten Au ſangen, nach Oeſtervi, und blieb jedes Mal einige Tage länger. Jedes Mal kam er auch mit neuen Büchern und Muſikalien, brachte für Alle Stoff zu neuer Freude und neuem Leben. Der Genius des Sommers in eigener hoher 172 Perſon hätte es nicht beſſer machen können. Jedes Jahr ſchien er auch zurückhaltender in ſeinem Umgang mit Roſa, ja er beſchäftigte ſich oft weit mehr mit ihren jungen Bäschen als mit ihr, beſonders mit der ſchön heranblühenden aber ſchüchternen Cora, deren Liedchen in gottländiſcher Mundart er nicht ſatt hören konnte. Aber immer und immer wieder kam jener Blick, jener ſtumme Händedruck, mitunter auch ein halblautes Wort, das Roſa zu ſagen ſchien:„Ich komme bloß um Deinetwillen!“— In dieſen Jahren hatte ſich Lector Norrby beinahe gänzlich erholt; nur ſeine Blindheit blieb ſich gleich, doch hatte ſie ſich auch nicht verſchlimmert und verhinderte ihn nicht an verſchiedenen Arbeiten im Freien, wie z. B. der Pflege von Obſtbäumen, ihrer Anpflanzung und Im⸗ pfung, woran er beſondere Freude fand. Seine früher ſo geliebte Gedankenarbeit hatte er dagegen ganz auf die Seite gelegt. Gleichwohl wohnte er gerne dem Unterricht in klaſſiſcher Literatur bei, den ſeine Tochter fortwährend einigen jungen Studenten gab, und manchmal nahm er ſogar thätigen Antheil daran zur großen Freude ſeiner Tochter. So glücklich Roſa ſich über die Geneſung ihres Vaters fühlte, ſo lag dennoch in ſeinem innern Zu⸗ ſtand und ſeinem Benehmen gegen ſie Etwas, das einen Schatten auf ihre vollkommene Freude warf. In demſelben Maß, wie der Lector kräftiger wurde und wieder mehr Antheil an der äußeren Welt nahm, wurde er gleichſam kälter und verſchloſſener gegen ſeine Tochter. Er erſuchte ſie nie mehr wie früher ihm vorzuleſen oder mit ihm zu arbeiten; er wich allen tiefer gehenden Beſprechungen mit ihr aus, ſu er zurüc lich. verſte zwiſc es il ben beſſer len. durd ſie g ſich Behe weilt glück wün dene Jün und und Roſe vor thät jung ſtes gan und ihre Abe ſchö Jedes mgang hr mit nit der deren hören jener ich ein „Ich Jahren erholt; tte ſie n nicht B. der Seine agegen nte er ei, den denten Antheil ihres rn Zu⸗ , das rf. In e n nahm, gegen früher r wich r aus, 173 ja er wies mitunter ihre Zärtlichkeit auf harte Weiſe zurück, und dieß war für Roſa ebenſo neu als ſchmerz⸗ lich. Aber ſie glaubte die heimlichen Gründe zu verſtehen, warum ihr Vater dieſe unſichtbare Mauer zwiſchen ihr und ſich aufführen wollte, und ſo leid es ihr auch that, ſo ſtörte es doch weder ihren Glau⸗ ben an ſeine Liebe, noch ihre Liebe zu ihm. Sie hoffte, ihr Vater würde ſie eines Tages beſſer verſtehen, und dann würde dieſe Mauer fal⸗ len. In dieſer Hoffnung lebte ſie, aufrecht erhalten durch jene Empfindung, von welcher der Apoſtel ſagt, ſie glaube Alles, hoffe Alles, leide Alles und wende ſich nicht ab. So wurde Heſtervi eine Wohnſtatt für Liebe, Behagen und ländliche Schönheit, und Niemand ver⸗ weilte einige Zeit da, ohne daß er ſich beſſer und glüͤcklicher fühlte und länger bleiben zu können wünſchte. Unter denjenigen, die dieß wünſchten und denen ihr Wunſch gewährt wurde, befanden ſich zwei Jünglinge von edlem Character, Emanuel Adler und Adolph Weſter, letzterer überdieß ein fröhlicher und muſikaliſcher junger Mann, beide Schüler von Roſa. Der Lector betheiligte ſich ſpäter öfter als vorher an ihren Lectionen, was für ihn eine wohl⸗ thätige Beſchäftigung war, und die Geſellſchaft der jungen Männer machte die langen Abende des Herb⸗ ſtes und Winters lebhafter und gehaltvoller für das ganze Haus. Roſa kultivirte die Muſik mit Eifer und Ernſt, ſie fand eine Freude daran, die Anlagen ihrer jungen Freunde dafür zu entwickeln. Einige Abende in der Woche waren ausſchließlich dieſer ſchönen Kunſt gewidmet, die in unſerer Zeit ſo 174 mächtig zur Veredlung und Verſchönerung des Lebens beiträgt. Aber bei Allem was Roſa that und wirkte war ihr letztes Ziel ihr Vater. So vergingen ihre Jahre unter beſtändiger Thä⸗ tigkeit für ihn und für Andere, und Niemand ahnte die Gefühle, die zuweilen ihr Herz preßten. Ihre Seufzer hörte Niemand außer Gott. Au den Abweſenden. Und jetzt nahte der ſiebente Sommer ſeit dem Abzug der Familie Norrby nach Oeſtervi. Die Haine rauſchten ſo ſchön wie je, die Staare ſangen, die Hopfenranken ſchoßen luſtig empor und bekleide⸗ ten ihre Stangen und den Erker an Roſa's Woh⸗ nung mit üppigen Blättern. Die Auen bedeckten ſich mit ſtrahlenden Orchideen; man bereitete ſich zum hannisfeſt und zu den Spielen, die es mit ſich brachte, vor; man erwartete Axel, aber Axel kam nicht. Er könne nicht kommen, ſchrieb er, denn ſeine Mutter ſei ernſtlich krank. Dieſer Sommer war nicht fröhlich auf Oeſtervi. Der Lector war ſchweigſamer als gewöhnlich, und Cora, an welche ſich Axel bei ſeinem letzten Beſuch ſehr angeſchloſſen hatte, da er an den finniſchen Volksliedern, welche ſie ſo hübſch vorzutragen wußte, ungemeines Gefallen fand, Cora wurde mit jedem Tag bläſſer. Die Probſtin betrachtete es als den Anfar gen e der, 1 denen muth röther Mit Roſa' ſchwe ſich ih es zu Schor ſchaue wollte Dann ihre ten 1 Roſa kopf lichen noch abge beklei als Hauſe als f Adol und ſchnit ſchier ger a Lebens wirkte, ahnte Ihre t dem Die angen, kleide⸗ Woh⸗ deckten hzum tit ſich am ſeine eſtervi. „und Beſuch niſchen wußte, jedem s den 175 Anfang der Bleichſucht, und Cora erhielt jeden Mor⸗ gen einen ganzen Eßlöffel voll won ihrem Bittern, der, wie wir glauben, ein Abſud von ſieben verſchie⸗ denen herben Kräutern war, unter welchen der Wer⸗ muth die Hauptrolle ſpielte. Aber Cora wurde nicht röther davon, ſondern ſchien eher bleicher zu werden. Mit forſchender, theilnehmender Zärtlichkeit ruhte Roſa's Blick auf dem jungen Mädchen, dem ſie eine ſchweſterliche Zärtlichkeit widmete, und Cora näherte ſich ihr damals als einer mütterlichen Freundin, liebte es zu ihren Füßen zu ſitzen, ihren Kopf auf Roſa's Schooß zu legen und dann wieder zu ihr aufzu⸗ ſchauen mit ihren großen, hellblauen Augen, als wollte ſie in Roſa's Augen Licht und Kraft ſuchen. Dann füllten ſie ſich mit Thränen, und ſie ſenkte ihre Wimpern, neigte ihr Haupt, und Thränen roll⸗ ten über ihre bleichen Wangen hinab. Da legte Roſa ihre Hand auf den prächtigen, hellen Locken⸗ kopf des jungen Mädchens und nannte ſie mit zärt⸗ lichen Namen. Oft ſagten Beide Richts, und den⸗ noch ſchienen ſie einander gründlich zu verſtehen. Der Sommer ſchritt voran, die Wieſen wurden abgemäht, der Vogelſang verſtummte, der Hopfen bekleidete ſich mit reichen Samenbüſcheln. Es war, als weilte eine Gewitterwolke über dem freundlichen Hauſe, nur Dora lachte mitunter noch ausgelaſſener als früher, und zwar über die Poſſen, die der junge Adolph Weſter mit Moppe und Miſſe aufführte, und über die Grimaſſen, die er zu ihrem Ergötzen ſchnitt. Aber dieſes Lachen und dieſe Schwänke ſchienen Allgott zu ärgern, und er gefiel ſich weni⸗ ger als früher im Haus bei den Seinigen. Aller⸗ 3 176 dings war Allgott ein tüchtiger Landwirth geworden und hatte außer dem Hauſe viel zu beſorgen. Eines Tages zu Ende Auguſts ſaß die kleine Cora im Sommerſaal, deſſen Thüren gegen den Garten offen ſtanden Sie hatte einige wilde Blu⸗ men auf ihrem Schooß und zupfte eben nach junger Mädchen Weiſe eine Wunſchblume ab, während ſie halblaut das wildromantiſche finniſche Liebeslied: An den Abweſenden! vor ſich hin ſang, durch welches ſie Arels Aufmerſamkeit hauptſächlich erregt hatte. Auf einmal verſtummte ſie und die Worte er⸗ ſtarben gleichſam auf ihren Lippen. Sie ſtand auf, ſetzte ſich wieder, ſtand von Neuem auf, erröthete und erblaßte dann, während ihre Augen ſich auf eine Geſtalt hefteten, die durch die Gartenthüre hereinkam. Es war Axel Norrby. Cora that ein paar Schritte, um ihm entgegen zu gehen, aber ihre Kniee wankten, ihre Augen um⸗ nebelten ſich, alle Lebensfarbe verließ ihr Geſicht und ſie ſank halb ohnmächtig zu Boden. Axel ſtürzte vor, hob ſie auf, trug ſie auf einen Sopha und blieb da auf den Knieen vor ihr lie⸗ gen, während er ihre Hand zwiſchen den ſeinigen hielt und ſie mit den zärtlichſten Namen anredete. Langſam öffnete Cora ihre Augen und heftete ſie auf Arel, während ſie aus einem ſchönen Traum zu erwachen ſchien. „Biſt Du's, Axel?“ ſagte ſie;„biſt Du es wirk⸗ lich, Axel? Ich glaubte, Du würdeſt nie mehr kommen.“ „O, ich muß ja kommen, ich muß immer wieder hieherkommen,“ flüſterte Axel;„denn hier iſt mein Herz, küßte „* ſuch 1 richten § * liebt unbeſo Geliel R gehört herein ſank 1 Beider geſehe ſie ha Ahnur S die ſie Um fr können D Kein 2 ſang lautlos geſtoch Laub friſch, eine e ſetzte ſi ſtill ur nachzu Bre worden kleine en den e Blu⸗ junger end ſie ed: An welches hatte. rte er⸗ nd auf, röthete ich auf enthüre ntgegen en um⸗ Geſicht f einen hr lie⸗ einigen wedete. tete ſie um zu s wirk⸗ mehr wieder ſt mein 177 Herz, mein geliebtes, geliebtes Mädchen!“ und er küßte ihre Hände. „O Axel! ſagte jetzt Cora, indem ſie einen Ver⸗ ſuch machte dieſelben zu befreien und ſich aufzu⸗ richten,„dieß iſt nicht recht. Roſa!“ „Roſa iſt ein edles Weib,“ fiel Axel ein;„ſie liebt Dich und mich und wird uns verſtehen. Sei unbeſorgt, mein Täubchen, mein Engel.. meine Geliebte!“ Roſa hörte nicht mehr. Aber ſie hatte bisher Alles gehört und geſehen. Sie war zu einer Seitenthüre hereingekommen, juſt als Cora ohnmächtig nieder⸗ ſank und Axel auf ſie zuſtürzte. Unbemerkt von Beiden hatte ſie Alles was zwiſchen ihnen vorging geſehen und gehört, ſie hatte auch Alles verſtanden, ſie hatte eingeſehen, daß ihre ſeit Kurzem gehegten Ahnungen ſich erwahrten. Schweigend zog ſie ſich zurück. Eine Schwere, die ſie erſticken zu wollen ſchien, preßte ihre Bruſt. Um freier zu athmen, um eine Weile allein ſein zu können, eilte ſie in ihre Haine hinaus. Dieſe umſchloßen ſie ſtille wie Freundesarme. Kein Windhauch bewegte die Blätter und kein Vogel ſang unter ihnen; es war merkwürdig ſtill und lautlos; nur da und dort fiel ein von der Raupe geſtochenes oder von der Sommerhitze ausgetrocknetes Laub auf den Grasboden. Er war noch grün und friſch, aber ſeine Sommerpracht war vorbei, nicht eine einzige Sommerblume kam zum Vorſchein. Roſa ſetzte ſich auf einen Raſen unter einem Baum, blickte ſtill um ſich und in ſich und ſuchte über ſich ſelbſt nachzudenken. Der Himmel hing verdrießlich und Bremer, Vater u. Tochter. 12 178 grau über ihr und den Hainen; bloß auf der An⸗ höhe am Meer und auf der Morgenſeite glänzte noch ein hellblauer Streif. Die Abenddämmerung begann anzubrechen, als Roſa aufſtand und ſtill in ihrem Herzen agte: „Dank, meine Haine! Ich habe verſtanden, was ihr mir ſagt, und ich will nicht murren noch klagen. Es iſt vorbei mit der Sommerszeit, mit der Blu⸗ menpracht und dem Vogelſang; für mich vorbei auf immer. Und es mußte ja dahin kommen. Ich wollte es ſo und dennoch— das ſchwache Herz! es wollte getäuſcht werden, wollte nicht daran glauben, es machte ſich Illuſionen, es ließ ſich bezaubern von dieſem Feuerblick, worin Gelübde der Treue leuchte⸗ ten. Dieſer Blick hat ſich weggewandt zu einer Jüngeren und Schöneren; aber ich wollte es lange nicht ſehen, wollte es nicht glauben. Jetzt habe ich's geſehen und ich möchte ſagen können, daß es gut ſo fei. Still, ſtill, kleinmüthiges Herz, poche nicht ſo. Du wirſt es einſt ſagen können, denn ich glaube es — es iſt am beſten ſo. Bei den zwei jungen Leu⸗ ten liegt keine Schuld. Jung, ſchön, frei, ſind ſie zuſammengeführt worden. Gott wollte es ſo und ich werde es auch ſo wollen. Ja, fallet, fallet, dumme, bittere Thränen, fallet, ihr verwelkten Blätter! Ihr ſollt mich nicht hindern die Liebe mei⸗ nes himmliſchen Vaters auch in dieſem Schmerz zu ſehen. Was iſt mir geraubt worden? Eine Selbſt⸗ täuſchung und mit ihr eine Verſuchung und eine be⸗ ſtändige Unruhe. Das Beſte was die Erde beſitzt habe ich ja noch: meinen Vater, meine Heimath, meinen Wirkungskreis, meine Arbeit für die Zu⸗ kunft mein Räur Meer kunft ich n werd mein habt kurze ſchlat Leber haber ſten iſt. rauſc und ihren erſter und meiſt mit weil höher Roſa wie zen l Tiefe ging S allen der An⸗ zte noch begann n ihrem n, was klagen. er Blu⸗ bei auf h wollte wollte en es n vn leuchte⸗ u einer s lange be ich's gut ſo icht ſo. aube es en Leu⸗ i, ſind es ſo fallet, welkten be mei⸗ merz zu Selbſt⸗ eine be⸗ beſitzt eimath, i Z⸗ 179 kunft. Was wird mir wohl fehlen? Danke euch, meine Haine. Euer helles Grün, eure friedlichen Räume und das Licht über der Höhe draußen am Meer, über dem Unendlichen, ſagen mir meine Zu⸗ kunft. Möge ſie ſo werden; ſie iſt reich genug und ich werde dankbar ſein. Kurze Zeit noch und ich werde nicht mehr weinen. Verberget, verberget ihr, meine Haine, die Thränen, die nur ihr geſehen habt, verberget ſie vor aller Menſchen Blicken. In kurzer Zeit vielleicht, wenn eure Herbſtblumen aus⸗ ſchlagen, wird dieſer Schmerz vorüber ſein, und das Leben und der Tag werden wieder Blumen für mich haben. Inzwiſchen will ich mich erfriſchen und trö⸗ ſten wie ihr, obſchon der Hochſommerglanz vorüber iſt. Dank, meine Haine, Dank!“ Die Haine blieben nicht ohne Antwort. Sie rauſchten leiſe gleichſam ein Amen zu Roſa's Worten, und als ſie nach Hauſe zurückkehrte, ſtellten ſie in ihren Weg eine ſtrahlende Sonnenblume, eine der erſten Herſtblumen, die Gottlands Auen erzeugen und die— Roſa erinnerte ſich wohl— wie die meiſten Herbſtblumen der Claſſe angehören, welche mit Recht als die vollkommenſte betrachtet wird, weil ſie eine vollſtändigere Art von Blüthe, eine höhere Metamorphoſe entwickelt, als die übrigen. Roſa pflückte dieſe Blume nicht, ſondern empfing ſie wie ein prophetiſches Wort, das ſie in ihrem Her⸗ zen bewahrte; und indem ſie noch einmal aus der Tiefe deſſelben:„Dank, meine Haine, Dank!“ ſagte, ging ſie in den Garten und gegen das Haus zu.“ Buſchige Alleen von Hopfenranken ſtanden auf allen Seiten, und da und dort waren ſchattenreiche 180 Lauben angebracht. In einer derſelben ſah Roſa ihren Bruder Allgott, den Kopf in die Hand geſtützt, ſitzen. Sie wußte, daß Allgott betrübt war, wenn er ſo daſaß. Sie ging daher auf ihn zu, hob ſachte ſein Haupt empor und ſchaute ihm in die Augen. Sie ſtanden voll von Thränen, und in ſeinem Ge⸗ ſicht lag ein Ausdruck von Schmerz, der Roſa ihr eigenes Leiden vergeſſen ließ, um in das ihres Bru⸗ ders einzudringen. Auf ihre zärtlich wiederholten Fragen antwortete Allgott endlich: „Siehſt Du, ich kann es nicht ausſtehen, wenn ich Dora beſtändig mit Adolph Weſter lachen hören und ſeine Poſſen mit ihr anſehen muß, denn eine Ahnung ſagt mir, daß er eines Tags dieſes Lachen mit ſich aus dem Hauſe nehmen wird, und dann, denke ich, wird alle Freude aus demſelben verſchwin⸗ den. Ich weiß, daß es unrecht von mir iſt ſo zu denken, denn ich kann ja immer noch für Dich, meine Roſa, für unſern Vater und für meine Arbeit leben. Aber ich habe das Mädchen ſo ſchrecklich lieb, und ich habe mitunter gedacht, ſie ſollte mich auch lieben und wir.. Ach, es iſt freilich unverſtändig von mir, der ich ein tauber, gebrechlicher Menſch bin, mit andern Jünglingen und beſonders mit Adolph Weſter, der ja auch ſo ſchön ſingt, um Mädchen⸗ gunſt wetteifern zu wollen. Ja, ich ſollte gar nicht an's Heirathen denken; aber dieſer Gedanke iſt mir nun einmal in's Herz gekommen und will nicht mehr hinausgehen, und wenn ich ſehe, daß Dora gar Nichts nach mir fragt, ſondern nur nach Adolph Weſter, ſo thut mir das weh, ja ſo weh, daß ich ſterbe für r thuſt armer waru Allgt halte ihre traum brenr Ding darn und große ſtand Von wir komm leicht wir t und beten weg, eher werd⸗ könne ſo w Sache dazu Ande h Roſa geſtützt, , wenn b ſachte Augen. em Ge⸗ oſa ihr es Bru⸗ twortete „ wenn hören nn eine Lachen d dann, rſchwin⸗ ſt ſo zu ,meine t leben. b, und lieben i en ch bin, Adolph ädchen⸗ nicht iſt mir mehr ora gar Adolph daß ich 181 ſterben möchte. Und vielleicht wäre Dieß das Beſte für mich und für Alle.“ „Ach, ſprich nicht ſo, Allgott,“ bat Roſa,„Du thuſt mir ſehr weh. Aber ich verſtehe Dich, mein armer Bruder, und Du ſollſt jetzt ſogleich ſehen, warum ich Dich verſtehe.“ Und ihren Arm um Allgotts Hals ſchlingend, ihre Lippen an ſein Ohr haltend, flüſterte ſie ihm ihre eigene Herzensgeſchichte, ihre neueſte Angſt und ihren verlorenen Seligkeits⸗ traum zu. „Aber, Allgott,“ fuhr ſie fort, indem ſie ſeine brennende Wange küßte,„jetzt, da es uns in dieſen Dingen gleich ergeht und wir von demſelben Leiden darniedergedrückt ſind, müſſen wir einander ſtärken und tröſten, und ich fühle, daß es mir ſpäter eine große Erleichterung ſein wird, daß Du mich ver⸗ ſtanden haſt, wie ich auch Dich verſtanden habe. Von dieſem Augenblick an, mein Allgott, müſſen wir Beide uns näher an einander anſchließen. Es kommt jetzt für uns Beide eine Zeit, welche nicht leicht oder heiter durchzumachen ſein wird; aber wir theilen ja denſelben Glauben, dieſelbe Hoffnung, und wir lieben einander, wir können zuſammen beten und arbeiten. Das hilft über Vieles hin⸗ weg, Allgott, und vielleicht werden Hilfe und Friede eher kommen, als wir glauben. Wenn wir älter werden, Allgott, und unſere Häupter ergrauen, dann können wir vielleicht lächeln über Das was jetzt ſo weh ſthut, und darüber ſprechen als von einer Sache, deren Ueberſtehung doch gut war, weil ſie dazu half, daß wir ſanfter und liebreicher gegen Andere wurden, weil ſie uns dazu führte mehr für 182 ſie als für uns allein zu leben. Wir wollen hier eine Geſchwiſterheimath ſchaffen, mein Allgott, und wenn wir einmal ein altes Paar ſind, wollen wir die Kinder und Kindeskinder der jungen Paare, die ſich jetzt um uns her zuſammenfinden, bei uns ver⸗ ſammeln. Dann werden wir ruhig und glücklich ſein, Allgott, und werden die Früchte deſſen ernten, was wir jetzt pflanzen. Muth daher und Geduld, mein Bruder, mein theurer Allgott! Laß uns für einander leben, Du für mich, ich für Dich, und Beide für unſern Vater. Verſprich mir Das, mein Allgott, und Du wirſt ſehen, daß dieſer Schmerz vorübergeht.“ Roſa's Thränen floßen, während ſie ſprach, und auch Allgott weinte heftig. Endlich ſagte er:„Ich kann Dir nicht viel antworten, Roſa, aber ich ver⸗ ſpreche Dir, daß ich Alles aufbieten werde, um ſo zu thun und zu ſein, wie Du willſt. Nur verlaß mich nie, Roſa! Ich könnte es nicht mehr er⸗ tragen.“ „Dich verlaſſen? nie!“ rief Roſa;„dieſer Tag hat uns unauflöslich an einander gekettet. Wir wer⸗ den fortan und für denſelben Zweck Freud und Leid theilen.“ Die Geſchwiſter küßten ſich und ſaßen lange ſchweigend Hand in Hand da, bis ihre aufgeregten Gefühle ſich etwas beruhigt hatten. Sodann kehr⸗ ten ſie Arm in Arm nach dem Gartenſaal zurück, wo ſie die ganze Familie verſammelt fanden und auf dem gedeckten Tiſch Beeren und Milch nebſt andern idylliſchen Gerichten prangen ſahen. Axel Norrby hatte eine Beſprechung mit ſeinem Onke auf, Han ſogle Es l auge letzte weni ſagt einm für könn ſolch ſtehe zöge Toch die Oeſt rin Tag ſpät im aus bra und aus ſcha ſo kürl en hier t n en wir re, die is ver⸗ lücklich ernten, Heduld, ins für , und „mein chmerz h, und „Ich ch ver⸗ um ſo verlaß hr er⸗ T ir wer⸗ id Leid lange regten ehr⸗ zurück, n und nebſt ſeinem 183 Onkel und Beide ſahen ſehr ernſthaft aus. Er ſtand auf, um Roſa entgegen zu gehen, und reichte ihr die Hand mit einem Ausdruck, der ſie überraſchte, aber ſogleich alle Verlegenheit zwiſchen ihnen bannte. Es lag darin etwas Neues und Trauriges, das er augenblicklich erklärte. Seine Mutter befand ſich im letzten Stadium der Abzehrung und hatte nur noch wenige Wochen zu leben; dieß hatte der Arzt ge⸗ ſagt und ſie glaubte es. Jetzt wollte ſie Roſa noch einmal ſehen und bat, man möchte ihr das Mädchen für den kurzen Reſt ihres Lebens noch gönnen; ſie könne ſonſt nicht ruhig ſterben. Wer konnte einer ſolchen Bitte, die vom Krankenlager kam, wider⸗ ſtehen? Roſa nicht. Und auch Lector Norrby zögerte keinen Augenblick, ſondern ſagte zu ſeiner Tochter:„Reiſe, mein Kind. Das iſt eine Pflicht, die Du erfüllen mußt.“ Arel konnte dießmal nur einen einzigen Tag in Oeſtervi bleiben. Die Mutter bedurfte ſeiner und er mußte ſchon mit dem Dampfboot vom folgenden Tag zurückkehren. Roſa ſollte erſt eine Woche ſpäter kommen, denn ſie mußte vorher Verſchiedenes im Hauſe ordnen, ſo daß ſie mit Ruhe einige Zeit ausbleiben konnte. Während des Tags, den Axel in Oeſtervi zu⸗ brachte, wich Roſa jedem téte-Atéte mit ihm aus, und dieß wurde ihr leicht, denn Axel wich auch ihr aus, und Roſa machte ſich ungemein viel zu ſchaffen. Am Abend nahm die Probſtin Axel mit einer ſo feierlichen Miene bei Seite, daß es ihm unwill⸗ kürlich etwas unheimlich zu Muthe und einigermaßen 184 bange in demjenigen Theil ſeines Weſens wurde, den man Gewiſſen nennt. Aber es fiel ihm wie ein Stein vom Herzen, als die gute Frau einen großen Beutel voll ſtark duftender Kräuter hervor⸗ zog und ihm überreichte mit der Bitte, er möchte ihn doch ſeiner Mutter bringen und ſie veranlaſſen, daß ſie die Kräuter nach ihrer Vorſchrift gebrauche. Axel horchte aufmerkſam, hörte aber Nichts und er⸗ bat ſich das Recept ſchriftlich, mit dem Verſprechen es ſammt dem Beutel nach Stockholm zu bringen und Alles zu thun, was Tante Karin vorgeſchrie⸗ ben. Hierauf eilte er ſo ſchnell als möglich aus dem Haus und lief durch den Garten nach dem Hain, wo er offenbar Jemand ſuchte. Dieſer Jemand war Cora, welche ihm bleich und ernſt dort entgegenkam. „Lebe wohl, Axel,“ ſagte ſie mit einer Stimme, der ſie vergebens Feſtigkeit zu geben verſuchte, „lebe wohl und vergiß—— vergiß meine Schwäche und den Augenblick, wo ſie mich und uns Beide überraſchte. Vergiß was da geſagt wurde und laß Roſa niemals die Verirrung dieſes Augenblicks ahnen. Denn Roſa allein iſt würdig Dein Herz zu beſitzen, ſie allein iſt würdig—— „Mein geliebtes Mädchen,“ fiel Axel ihr in's Wort,„Du weißt ja, daß Roſa mich abgelehnt, daß ſie ſich geweigert hat die Meinige zu werden, daß ſie mich gebeten hat eine andere Gattin zu ſuchen.“ „Ja, aber ich weiß auch, daß ſie Dich liebt, und ich fürchte, daß ſie nicht glücklich iſt, und daß ſie, getrennt von Dir, es vielleicht niemals ſein wird Roſa Dieß ich D müſſc / ſiehſt wie und ruhig ſie a Alles Du es h käme wen greife Haſt Verſſ Freu iſt k Schl fahr Dein ich! volle ( ſchüt unte denn hand aus wurde, m wie einen hervor⸗ möchte nlaſſen, rauche. ind er⸗ prechen ringen eſchrie⸗ ch as Hain, bleich imme, fuchte, wäche Beide d laß blicks Herz in's lehnt, rden, zu liebt, daß ſein wird. Und nie, nie werde ich Diejenige ſein, die Roſa's Glück im Weg ſtehen wollte. Lieber ſterben! Dieß wollte ich Dir ſagen, Axel, und deßhalb habe ich Dir dieſes Rendezvous hier bewilligt. Aber wir müſſen einander jetzt Lebwohl ſagen.“ „Mein liebſtes Mädchen,“ erwiderte Axel,„Du ſiehſt Geſpenſter am hellen Tag. Es iſt nicht ſo wie Du glaubſt. Ich bin für Roſä's Glück ganz und gar nicht nothwendig. Aber um Dich zu be⸗ ruhigen, wollen wir die Sache ihr anheimſtellen; ſie allein ſoll uns binden oder löſen. Es wird Alles von ihr abhängen. Aber jetzt, jetzt ſangeſt Du nicht, als ich kam, das ſchöne Liedchen, worin es heißt, wenn Dein beſter Freund wieder zu Dir käme, ſo würdeſt Du ſeinen Mund küſſen, ſelbſt wenn Wolfsblut ihn befleckte, und ſeine Hand er⸗ greifen, ſelbſt wenn er eine Schlange darin hätte? Haſt Du nicht ſo geſungen? Du mußt alſo Dein Verſprechen halten, denn ich bin ja Dein beſter Freund. Du brauchſt nicht zu erſchrecken, denn es iſt kein Wolfsblut auf meinen Lippen und keine Schlange in meiner Hand, Du kannſt ſie ohne Ge⸗ fahr ergreifen, kindiſches kleines Ding. Ich bin ja Dein beſter Freund und werde einſt Dein Mann, ich habe alſo wenigſtens auf einen Kuß von Dir volles Recht.“ Cora wandte ſich weg, aber vergebens. Da ſchüttelte es heftig in den Zweigen des Baumes, unter welchem ſie ſtanden, nicht wie vom Wind, denn es ging keiner, ſondern wie von Menſchen⸗ hand. Von paniſcher Angſt ergriffen riß ſich Cora aus Axels Armen los und floh wie ein gejagtes 186 Reh durch die Haine und in den Garten. Axel ſchaute ſich haſtig und forſchend um, aber da er Niemand ſah und Alles ſtill war, dachte er:„Es war wohl ein Vogel im Baum!“ Dann folgte er Cora, bekam ſie aber an dieſem Tage nicht mehr zu ſehen. Sie habe Kopfweh, hieß es, und ſei zu Bette gegangen. Roſa blieb bei ihr und zeigte ſich ebenfalls den ganzen Abend nicht. Am folgenden Morgen in der Frühe hatte Axel Oeſtervi und eine Stunde ſpäter Gottland verlaſſen. Lange Wochen. Wir wollen ein kurzes Capitel daraus machen. Die Aerzte hatten ſich, wie es nicht gar zu ſelten geſchieht, in Bezug auf den Reſt der Lebens⸗ tage der Baronin getäuſcht. Sie lebte nach Roſa's Ankunft noch mehr als vier Monate. Dieſe ganze Zeit verbrachte Roſa beinahe ausſchließlich im Zim⸗ mer der Patientin, emſig bemüht ihr die letzten Tage noch zu verſüßen. Die Aufgabe war für Roſa nicht leicht, denn ihre Tante wollte hauptſächlich unter⸗ halten und zerſtreut werden, alle widerwärtigen Ge⸗ danken, was bei ihr ſo viel hieß wie alle ernſten Gedanken, von ſich fern halten, und dazu ſollten alle Dinge und Perſonen um ſie her beitragen. Roſa einen gen; Baro danke Roſa Dem ihre die ſ Nähe lichke behrl widn die mant tränl ihre dieſe Prü ein wor! chen ein Sie lieb han Bek und geb aus Roſ Arel da er „Es lgte er ſei zu gte ſich genden id eine ar zu ebens⸗ 187 Roſa ſuchte vergebens durch Lecture und Geſpräch einen tiefern Inhalt in ihrer Tante Leben zu brin⸗ gen; es gelang ihr nur für kurze Augenblicke. Die Baronin fühlte ſich nicht heimiſch in dieſem Ge⸗ dankenkreis, ſondern nur in einem ſolchen, der Roſa jetzt mehr als je leer und geiſtlos erſchien. Dem Mädchen wurde die Zeit lang. Sie vermißte ihre tägliche Arbeit, ihrer Haine friſches Rauſchen, die ſtärkende Luft ihrer Heimath und ihres Vaters Nähe. Doch freute ſie ſich die fortwährende Zärt⸗ lichkeit ihrer Tante zu ſehen, der ſie immer unent⸗ behrlicher wurde, und ihr eine töchterliche Pflege widmen zu können. Nur Roſa durfte der Patientin die Haare kämmen und ihre Hände pflegen. Nie⸗ mand anders als Roſa durfte ihr erfriſchende Labe⸗ tränke bereiten, und nur ſelten durfte Roſa ſich von ihrem Bett entfernen. Axels Geſellſchaft wurde für Roſa während dieſer Zeit eine Erquickung, aber auch eine große Prüfung. Axel war an ſeiner Mutter Krankenbett ein vortrefflicher Sohn, und er war jetzt ernſter ge⸗ worden als früher. Mit ihm konnte Roſa ſo ſpre⸗ chen, wie es ihrem Charakter zuſagte, und ſie fand ein immer höheres Intereſſe an ſeinem Umgang. Sie erhob ſich entſchloſſen über kleinſinnige Eigen⸗ liebe, ſuchte Axel bloß wie einen Bruder zu be⸗ handeln, und erwartete von ihm jeden Tag das Bekenntniß ſeiner veränderten Geſinnung gegen ſie und ſeiner neuen Liebe. Aber Roſa wartete ver⸗ gebens. Axel ſprach den Namen Cora niemals aus. Dagegen ſchien ſein früheres Gefühl für Roſa allmälig zurückzukehren, und er bot von Neuem 188 alle Mittel, die ihm zu Gebot ſtanden, auf, um ſie wieder zu gewinnen. Man ſpricht viel von der Gefallſucht der Frauen⸗ zimmer— und zwar nicht ohne ſeinen guten kleinen Grund— aber findet ſich nicht auch bei Männern Gefallſucht? Gibt es nicht auch Männer, welche ge⸗ fallen und Herzen gewinnen wollen, bloß um des Vergnügens willen ſie zu erobern, geliebt und ver⸗ ehrt zu werden, ohne daß ſie dabei eine ernſtere Abſicht haben, und beſonders ohne daß ſie dem Wohl oder Weh derſenigen, die ſie zu gewinnen ſuchen, die gebührende Berückſichtigung ſchenken? Ge⸗ wiß iſt, daß wir Axel von dieſem Fehler nicht frei⸗ ſprechen können, der bei Männern tadelnswerther iſt, als bei Weibern, denn ihre geſellſchaftliche Stellung und Erziehung ſcheint den Männern die Verſuchungen dazu zu erſparen. Im gegebenen Fall wirkten bei Arel jedoch nicht bloß unedle Triebfedern. Er achtete Roſa ſehr hoch, ja er liebte ſie aufrichtig und er konnte es nicht ertragen ihr gleichgiltig zu ſein. Sein Gefühl für ſie war allerdings vor demjenigen erblaßt, das durch Coras jugendliche Friſche und Anmuth erweckt wurde; aber jetzt wo Cora weit entfernt und Roſa in der Nähe war, jetzt wo er alle Tage ihre weibliche Würde und Liebenswürdig⸗ keit ſich entfalten ſah, jetzt erblaßte das Bild Coras, er ſchien auf's Neue zu fühlen, daß Roſa die einzige Rechte für ihn ſei, und er ließ ſich von dem Ein⸗ druck und den Gefühlen des Augenblicks hinreißen. Aber Roſa vergaß Cora nicht, vergaß nicht was vor ihren eigenen Augen und Ohren zwiſchen ihr und Axel vorgegangen war, und da ſie Axel dieß vergeſſen ſch, über ſ über d die S ſchaft daß ſi zogen Tages ſie ſich Tag c ſie kei Kamp Beneh bald ihrem mehr. umwö ihren mal 1 Blick halbd halte ſtreng Gege Verg u davor Reiſe beſchl war. über kleinen ännern er iſt, tellung nen en bei achtete nd er ſein. enigen eund weit wo er oras, inzige Ein⸗ eißen. 8 vor Axel geſſen 189 ſah, ſo härmte ſie ſich über ihn und noch mehr über ſich ſelbſt, weil ſie nicht die Kraft hatte offen über dieſen Gegenſtand mit ihm zu ſprechen. Ach! die Sache war die, daß Arel ſeine frühere Herr⸗ ſchaft über Roſa's Gefühle wieder gewonnen hatte, daß ſie ſich wieder und mehr als je zu ihm hinge⸗ zogen fühlte, daß ſie aus Furcht den Frieden des Tages zu ſtören die Erklärung, zu welcher es, wie ſie ſich feſt vorgeſetzt hatte, kommen mußte, von jedem Tag auf den andern verſchob. Und gleichwohl hatte ſie keinen Frieden. Denn Roſa lebte in heimlichem Kampf ſowohl mit ſich ſelbſt als mit Axel, deſſen Benehmen ſie unerklärlich fand und bald ſo, bald anders deutete. Sie wurde veränderlich in ihrem Umgang mit ihm. Sie kannte ſich ſelbſt nicht mehr. Ein heimliches Fieber brannte in ihren Adern, umwölkte ihren ſonſt ſo klaren Geiſt und machte ihren Willen machtlos und matt. Sie hatte manch⸗ mal nicht die Kraft, um ſich Axels zärtlich fragendem Blick und ſeiner Hand zu entziehen. In dieſem halbdunkeln Krankenzimmer, wo ſie ſich täglich auf⸗ halten, in dieſer ſchwülen Luft, wo ſie ohne an⸗ ſtrengende Beſchäftigung leben mußte und wo Axels Gegenwart und Muſik das einzige, aber gefährliche Vergnügen war, fühlte ſich Roſa an Leib und Seele ſchwach werden. Die Baronin ſprach ſeit einiger Zeit beſtändig davon, daß ſie beſſer werde und auf's Frühjahr die Reiſe nach Italien antreten wolle, die ſchon einmal beſchloſſen geweſen, aber damals verhindert worden war. Unter ſolchen Gedanken wurde ſie vom Tode überraſcht. Erſchrocken rief ſie ihren Sohn und Roſa 190 an ihr Bett, ergriff die Hände Beider und wollte ſie ineinander legen; aber ehe ſie einander berühr⸗ ten, ſanken ihre eigenen Hände machtlos, um ſich nie wieder zu erheben. Beſprechung und Beſchluß. Die durch den Todesfall hervorgerufenen Sorgen gaben Roſa eine traurige, aber heilſame Beſchäfti⸗ gung und machten das Verhältniß zwiſchen ihr und Arel friſcher und natürlicher. Roſa wurde ihm eine Stütze und Hilfe bei den vorkommenden Geſchäften, und ſie konnte ihm jetzt ohne Selbſtvorwürfe theil⸗ nehmende Zärtlichkeit in den Augenblicken zeigen, wo er in kindlicher Sehnſucht und Trauer ſich zu ihr als einer Schweſter flüchtete. Denn Axel liebte ſeine Mutter wirklich und machte ſich jetzt bittere Vor⸗ würfe, daß er ſie oft gequält hatte. Gleich nach der Beerdigung wollte Roſa nach Gottland zurückreiſen. Vergebens ſtellte Axel ihr die Schwierigkeiten und ſogar Gefahren einer Reiſe in dieſer Jahreszeit vor— man war in der Mitte Januars— verge⸗ bens bat er ſie eine der Wohnungen in Stockholm anzunehmen, welche die Freunde ſeiner Mutter ihr anboten, und bis zu einer günſtigeren Jahreszeit da⸗ zubleiben. Roſa's Entſchluß ſchien unwiderruflich gefaßt Axels E Roſa, hier. legen! heit S Find aufge züng 7 jetzt holm laſſet lang Soll bleib mein Gib c nie es; ſagte Ton durc „Ro eigen, zu ihr ſeine Vor⸗ ch der reiſen. und eszeit verge⸗ kholm r ihr it da⸗ uflich 191 gefaßt zu ſein; ſie wollte ſogleich reiſen und hörte Axels Bitten mit einer gewiſſen Ungeduld an. Endlich ſagte er: „Aber ich bitte Dich nicht um Deiner ſelbſt willen, Roſa, ſondern um meinetwillen. Bleib mir zu Liebe hier. Ich kann Dich jetzt nicht begleiten, die Ange⸗ legenheiten meiner Mutter erfordern meine Anweſen⸗ heit hier, uud ich kann nicht mehr ohne Dich leben, Roſa. Haſt Du denn gar kein Herz mehr für mich? Findeſt Du nicht, daß es Schade um mich iſt?“ Roſa antwortete nicht. Ihre ganze Seele wurde aufgeregt durch Axels Leichtfertigkeit oder Doppel⸗ züngigkeit. Arel ſah ſie forſchend an und ſagte dann: „Eine Schwierigkeit, die uns früher trennte, iſt jetzt gehoben. Richts hindert mich mehr von Stock⸗ holm wegzuziehen und mich in Gottland niederzu⸗ laſſen, und ich will das thun, ich habe es ſchon lange gewünſcht, wenn Du Deine Einwilligung gibſt. Soll meiner Mutter letzter ſtummer Wunſch unerfüllt bleiben? Willſt Du nicht Ja ſagen zu ihren und meinen Bitten?—— Werde die Meinige, Roſa! Gib mir Deine Hand!“ Jetzt war der Augenblick gekommen; jetzt oder nie konnte und mußte Roſa ſprechen. Sie fühlte es; das gab ihr Kraft. Bloß ſtand ſie auf und ſagte mit feſter Stimme: „Nie!“ Arel erhob ſich ebenfalls, verwundert über ihren Ton und Ausdruck. Beide ſahen einander mit durchdringenden Blicken an. Endlich ſagte Axel: „Roſa! warum das?“ 192 Roſa ſagte bloß:„Du täuſcheſt Dich. Du glaubſt mit Cora zu reden.“ Arel erblaßte, erholte ſich aber ſchnell wieder und ſagte: „Das— das war die Verirrung eines unbe⸗ wachten Augenblicks, die Du nicht ſo hoch anſchla⸗ gen darfſt. Sie iſt jetzt vorbei— vorbei, und i ℳ „O Axel!“ fiel Roſa mit traurigem Ernſt ein, „Axel, ſpiele nicht mit Menſchenherzen! Welches Recht haſt Du ſie zu feſſeln und dann, wenn ſie bluten, zu ſagen: Es war bloß ein Scherz, es war nicht Ernſt! Iſt dieß recht, iſt dieß edel, Axel?.. Wenn ich Dich nicht aufrichtig geliebt hätte, wenn ich Dich nicht in dieſem Augenblick liebte und an ein beſſeres Ich in Dir glaubte, als an dasjenige, das Dein ſelbſt⸗ ſüchtiges Benehmen und Deine Worte jetzt andeuten, dann könnte ich Dich in dieſem Augenblick verachten und haſſen, Axel.“ Arel ſetzte ſich bleich und ſichtlich ergriffen von Roſa's nachdrucksvollem Ernſt. Mit unſicherer Stimme ſagte er: „Das ſind ſtarke Ausdrücke und— ich glaube ſie nicht zu verdienen—— Ich hatte geglaubt, daß daß„ „Höre mich, Axel,“ fiel Roſa ein;„ich will auf⸗ richtig mit Dir ſprechen, und Du ſelbſt ſollſt beur⸗ theilen, ob ich Dir Unrecht thue.— Du haſt Cora's Neigung zu gewinnen geſucht, ohne Dir vielleicht ſelbſt vollkommen klar zu machen, daß Du es thateſt und daß Du ſie liebteſt, während Du noch an mich allein gefeſſelt zu ſein glaubteſt. Du warſt frei, Axkl, 1 ſelbſt und m gung 3 gewinn Axel. Herzen ſaheſt, gelobte Nichts allem! Dir vo ich, D Dein n Neuem gegen Füllen bedenkſ war, i an Dic wenn weiche ich ſie ihrer nicht be Sorge War Flamm Seele! und in Du die lich ma Bren laubſt vieder unbe⸗ nſchla⸗ und t ein, elches nn ſie s war nn ich ſſeres ſelbſt⸗ euten, nund von 193 Axdl, von meiner Seite aus frei; ich hatte Dich ja ſelbſt gebeten eine Andere zur Gattin zu wählen und mir eine Schweſter zu ſchenken. Daß Du RNei⸗ gung zu Cora faßteſt, daß Du ihr junges Herz zu gewinnen ſuchteſt, darin begingeſt Du kein Unrecht, Axel. So kam der Augenblick, wo ein Zufall Eure Herzen vor einander erſchloß, wo Du ihre Liebe ſaheſt, ihr die Deinige bekannteſt und ihr Treue gelobteſt. Alles das ſah und hörte ich, obſchon Du Nichts davon weißt, aber ich wiederhole Dir, in allem dem hatteſt Du nicht Unrecht, Axel, wenn es Dir voller Ernſt damit war. Und deßhalb erwartete ich, Du würdeſt, wie Du Cora verſprochen, mir Dein neues Verhältniß mittheilen und mir nicht von Neuem ein Gefühl zeigen, das entweder Heuchelei gegen mich oder Untreue gegen Cora und in allen Fällen Unehrlichkeit gegen uns Beide iſt. Und Du bedenkſt nicht, was Du thuſt. Was für Dich Scherz war, iſt Ernſt, heiliger Ernſt für Cora. Sie glaubt an Dich, Du biſt ihre erſte Liebe und ihre letzte, wenn Du ſie betrügſt. Ich kenne dieſes tiefe aber weiche Gemüth, und ſie hat es mir erſchloſſen, ehe ich ſie verließ. Ihr reines Herz konnte vor mir, ihrer ſchweſterlichen Freundin, dieſes Geheimniß nicht bewahren, und mir kommt es zu für ihr Glück Sorge zu tragen. Und jetzt prüfe Dein Herz, Arxel. War Dein Gefühl für Cora bloß eine flüchtige Flamme, ein Irrlicht, das keine Wurzel in Deiner Seele hatte, dann kehre nie mehr auf unſere Inſel und in mein Haus zurück! Fühlſt Du dagegen, daß Du dieſes liebenswürdige Mädchen lieben und glück⸗ lich machen kannſt, dann komm wieder zu uns, aber Bremer, Vater u. Tochter. 13 194 nur ols Cora's Bräutigam. Dieß iſt mein letztes Wort. Zwiſchen Dir und mir iſt es aus, aus für immer. Ich liebe Dich noch, bin noch ſchwach gegen Dich! Du weißt es nur zu gut; aber ich habe eine höhere Liebe, die mir über meine Schwäche, ich ſage nicht meine Liebe, für Dich hinweghelfen wird. Nein, dieſe will ich in ihrem beſten Theile bewahren. Laß mich ſie bewahren, Axel! Laß mich in Dir den begabten jungen Mann lieben, der zwar fehlen und ſich verirten kann, aber in ſeiner Ver⸗ irrung nicht beharren wird, ſondern das Edlere und Beſſere will und auch werden kann, was er ernſtlich will. Laß mich ihn lieben, ihn mit meiner Achtung, mit all meinen beſten Gefühlen und Wünſchen auf ſeinem Weg begleiten als meinen Freuud, meinen Bruder.“ Roſa wurde von ihrem Gefühl überwältigt. Sie ſetzte ſich, bedeckte ihre brennenden Wangen mit bei⸗ den Händen und ihre Thränen floßen. Als ſie wieder aufſchaute, lag Axel vor ihr auf den Knieen, und über ſein ſchönes Geſicht, jetzt ſchöner als je in Folge einer tiefen und edlen Rührung, floßen ebenfalls Thränen. „O Roſa,“ ſagte er,„Du biſt mein guter Engel, Du haſt mich zu mir ſelbſt zurückgerufen. Dein Glaube an mich ſoll nicht vergeblich ſein, ich werde Deiner und ihrer würdig werden.“ Er küßte ihre Hände mit inniger Verehrung. Roſa lächelte, wie ein reiner Engel lächeln würde, und drückte einen Kuß auf ſeine Stirne— den erſten wirklichen Schweſterkuß. Axel ſtand auf, drückte — noch e ſeine Vr und n unden angent R aber das 2 ihr V würde beruhi W Voter unden Schlu C W Meini noch fort 2 gelieb nach daß wiede R ſie w ſchon war Liebe Welt. aus für ch gegen er Ver⸗ ere und ernſtlich Achtung, chen auf meinen igt. Sie mit bei⸗ ihr auf ht, jetzt id edlen rEngel, letztes Dein ch werde rehrung. n würde, — den f, drückte 195 noch einmal ihre Hand an ſeine Lippen und an ſeine Bruſt, verbeugte ſich tief vor ihr und ging. Von dieſem Augenblick an ſtand er ihr mit feſter und männlicher Haltung wie ein Bruder zur Seite, und war nur noch beſorgt ihre Reiſe ſo ſicher und angenehm als möglich zu machen. Roſa ihrerſeits fühlte eine große Erleichterung, aber in ihrem Herzen wogte es noch immer, und das Bewußtſein, daß ſie edel gehandelt habe, daß ihr Vater ihr ſeinen vollkommenen Beifall ſchenken würde, vermochte die wilden Wellen darin nicht zu beruhigen. Während der ſchlafloſen Nacht ſchrieb ſie ihrem Vater einen Brief, den er ſich vorleſen laſſen konnte, und worin ſie ihre baldige Heimkehr anzeigte. Der Schluß lautete: „Ich ſehne mich nach meiner Heimath, nach den Meinigen und nach Dir, mein Vater, wie ich es noch nie gethan habe. Nur bei Dir kann ich hin⸗ fort Ruhe, Geſundheit und Freude finden. Vater, geliebter Vater, ich verlange nach Dir, wie ein Kind nach der Mutterbruſt. Verzeih Deinem Mädchen, daß ſie ſich ſo ſchwach fühlt. Bei Dir wird ſie wieder ſtark werden. Sei wie früher gut gegen Deine Roſa.“ Roſa's Thränen floßen auf dieſe Zeilen, denn ſie war ſchwach geworden, unſere arme Roſa, ob⸗ ſchon ſie äußerlich ſtark und ruhig ſchien. Und es war ihr zuweilen, als gäbe es für ſie keine wahre Liebe, keinen Vater und keine Heimath mehr in der Welt. Das Fieber brannte in ihren Adern. 196 Die Reiſe: ein Winterſtück. Aber als ſie durch die ewig grünen Tannenwäl⸗ der, über die ſchneebedeckten Seen und Wälder fuhr und ihren friſchen Hauch auf der Stirne fühlte, als ſie das Rauſchen der Fichten wieder hörte und Uferf und Gegenden gleichſam entfliehen ſah, während ſie auf glatter Schlittbahn mit klingenden Schellen, von † raſchen Rennern gezogen, immer weiter und weiter von Stockholm hinweg ihrer Heimath zueilte, da wurde es ihr leichter zu Muthe und das Fieber in ihrem Blute ließ nach. Sie ſagte beſtändig zu ſich: „Ich reiſe heim zu meinem Vater, zu meinem Vater! Bin ich einmal bei ihm, ſo wird Alles gut werden.“ Und die raſche Fahrt, die rauſchenden Wälder, die klingenden Schellen ſchienen jubelnd einzuſtimmen. So kam Roſa nach Calmar. Sie reiste in Ge⸗ ſellſchaft einiger Bekannten aus Wisby, eines Herrn und einer Dame, die von Stockholm nach Gottland zurückkehren wollten. Man ſollte, wie gewöhnlich im Winter, wo alle directe Verbindung zwiſchen Stockholm und Gottland abgebrochen iſt, von Calmar nach Deland hinüberfahren, und von Oeland mit dem Poſtboot nach Gottland. Noch war das Meer eisfrei zwiſchen dem feſten Land und Oeland; es) blies ein friſcher und günſtiger Wind, der Himmel war klar, die Kälte nicht ſtark, die Ueberfahrt ſchien glücklich ausfallen zu müſſen. In Calmar traf Roſa Briefe, die ihre Sehnſucht nach Hauſe wo möglich verdoppelten. „Wir verlangen Alle ſchrecklich nach Dir, mein Herzche beſonde ſagt; wann wunder Er iſt aber a Sehnſt Dein die Ar tes zu im Ha in Bä wir do gerne womöc bis D Maſtke Bierw Gutem zu ein Weihn Die L beiten Feuert ſo da mein geſchn gott 1 auf de hin u wahrl F. der fuhr rend ſie len, von ieber in n Vater! werden.“ der, die mmen. in Ge⸗ es Herrn nnenwäl⸗ hlte, als; ind Ufer ehnſucht nach Dir herkommt; denn er geht oft in Dein Zimmer, ſtellt ſich da an's Fenſter und ſpannt zu ſich: d weiter † ilte, da Gottland wöhnlich zwiſchen Calmar and mit Meer and; es Himmel rt ſchien ehnſucht r, mein 5 — 197 Herzchen,“ ſchrieb die Probſtin Carlander,„und ganz beſonders Dein Vater, obſchon er nicht viel davon ſagt; aber er zählt die Tage und rechnet immer, wann Du wohl wieder daſein könneſt. Es iſt eine wunderliche Veränderung mit ihm vorgegangen. Er iſt lebhafter, freundlicher, geſprächiger als früher, aber auch unruhiger. Ich glaube, daß das von der die Augen auf, als ſuchte er etwas weit Entfern⸗ tes zu ſehen. Er hat auch für Axel ein Zimmer im Hauſe einrichten laſſen und erwartet, daß er Dir in Bälde hieher folge. Und er fragt beſtändig, ob wir das Eine oder Andere, was er(Axel) oder Du gerne eſſen, in Bereitſchaft haben. Schaff Dir alſo womöglich einen guten Appetit an, mein Püppchen, bis Du heimkommſt. Denn es wird hier weder am Maſtkalb noch an Auſtern, noch an Torten und Bierwürzenbrod, noch an Meth, noch an ſonſt etwas Gutem ſehlen. Man könnte meinen, es werde hier zu einer Hochzeit gerüſtet. Ueberdieß haben wir die Weihnachtsfeier bis zu Deiner Rückkehr verſchoben. Die Mädchen wollen Dich mit allerlei kleinen Ar⸗ beiten und die Jungen mit Gottländer Nüſſen, Feuerwerk, Illumination und dergleichen überroſchen, ſo daß Du alſo ungeheuer willkommen ſein wirſt, mein Kind. Es hat jetzt ſeit einigen Tagen ſtark geſchneit, und Dein Vater geht jeden Tag mit All⸗ gott und ſchaufelt den Schnee auf dem Weg ab, auf dem Du kommen mußt, und dann geht er darauf hin und her, als ob er Dich erwartete; er bekommt wahrlich keine Ruhe, bis Du da biſt. Er beabſich⸗ 198 tigt ſelbſt mit Allgott nach Wisby zu fahren, um Dich abzuholen. Ich habe noch kein einziges Wört⸗ chen von meiner eigenen Freude über Deine Rück⸗ kehr geſagt, und doch iſt ſie doppelt ſo ſtark als die von allen Andern, denn ich freue mich ſowohl um meiner ſelbſt als um meiner guten Cora willen; ſie weint, wenn von Dir die Rede iſt, und bildet ſich ein, Du ſeieſt nicht recht geſund. Aber ich ſage, wenn es ſo wäre, ſo müſſeſt Du mein Mittel ge⸗ brauchen, und das werde Dich bald curiren. Mich wirſt Du gealtert finden, Malakoff gefallen und Se⸗ baſtopol im Begriff nachzufolgen, ſo daß es mit dem harten Brod für mich zu Ende iſt. Aber ſo falle mit der Zeit alle unſere irdiſchen Feſtungen, mein Liebchen, und wir werden dadurch um ſo fer⸗ tiger zur letzten Reiſe, und gegen das Alter gibt es kein Mittel. Aber wenn das Herz jung iſt, ſo empfindet man es nicht ſchwer, und ſo geht es auch Deiner altjungen, treu ergebenen Tante Karin.“ Mehrere Billetchen lagen im Brief der Probſtin; es war ein förmlicher Chorus von Bewillkommnungs⸗ grüßen aus der Heimath, und mit inniger Rührung las Roſa folgende, mit großen und ungleichen Zügen geſchriebene Worte ihres Vaters: „Meine Tochter, meiner Augen Troſt! Sei tau⸗ ſendmal willkommen Deinem nach Dir verlangenden Vater und Freund Severin Norrby.“ Roſa küßte dieſe Zeilen unter Thränen und legte ſie an ihr Herz. Es war ihr, als ginge ein be⸗ ruhigender, heilender Balſam von ihnen aus. chen erſehr himm ihrer daß Hum⸗ Neue L wenn wird beleb herwe was Mit ſie ir ren v Luſt wuch denn von woll ſchen tion Sie der betr ihne en, m s Wört⸗ ne Rück⸗ tark als ſowohl willen; d bildet ich ſage, Mich und Se⸗ es mit Aber ſo ſtungen, ſo fer⸗ gibt es 199 Auch Paul Petterſon hatte ein zierliches Brief⸗ chen geſchrieben, worin er meldete, daß Roſa zurück erſehnt werde wie die Jugendprieſterin Iduna im himmliſchen Olymp, wo ſämmtliche Götter während ihrer Abweſenheit Runzeln bekommen hätten, und daß auch Johanna nicht bei ihrem gewöhnlichen Humor geweſen ſei. Aber jetzt würden Alle auf's Reue jung werden. Wie ſchön iſt die Wiederkehr in die Heimath, wenn man auf ſolche Weiſe erſehnt und bewillkommt wird! Kein Wunder, wenn dieſe Briefe Roſa friſch belebten. Beſonders das Bild ihres unruhig um⸗ herwandernden und ſehnſuchtsvollen Vaters war es, was ihre Seele erfüllte und ſie nicht mehr verließ. Mit Ungeduld ſah ſie der Seereiſe entgegen, welche ſie in ſeine Arme führen würde; ſelbſt ihre Gefah⸗ ren verlockten ſie mit wunderlicher Macht; ſie empfand Luſt mit ihnen zu kämpfen. Der alte friſche Muth wuchs wieder in ihrer Bruſt, und ſie bedurfte deſſen, denn er ſollte bald auf eine Weiſe geprüft werden, von der ſie keine Ahnung hatte*). *) Die Poſtfahrt, die wir im Folgenden ſchildern woller, iſt in ihren wichtigſten Theilen der gottländi⸗ ſchen Zeitung entnommen, die in Betreff ihrer Redae⸗ tion als ein Muſter für Provinzialblätter gelten kann. Sie wird darin in den beiden Nummern vom 1. und 7. Juni 1855 erzählt, nachdem ſie ſchon vorher von der Behörde bekannt gemacht worden war⸗ Einige der betreffenden Paſſagiere leben noch, und ein Paar von ihnen habe ich ſelbſt während meines Aufenthalts in ———— 200 Einige Tage nach der Ankunft in Calmar waren ihre Freunde, Kaufmann E. und ſeine junge Frau, reiſefertig. Die Fahrt mit dem Poſtboot nach Heland ging glücklich und leicht von Statten. Das Meer war hier noch eisfrei, die Luft kalt, aber ruhig. In dem klei⸗ nen öländiſchen Städtchen Borgholm mußten unſere Reiſenden ein paar Tage auf die Ankunft des Poſt⸗ bootes von Gottland warten. Mittlerweile erkrankte die junge Frau E. ſo ernſtlich, daß ſie die Weiter⸗ reiſe auf ein andermal verſchieben mußte. Ihr Mann blieb bei ihr und Beide ſuchten Roſa zu überreden, daß ſie ebenfalls bleiben möchte, denn in den letzten Tagen hatte das Eis ſich vor Heland aufzuhäufen begonnen, ſo daß man von da aus kein offenes Waſ⸗ ſer ſah und die Poſtfahrt vermuthlich nicht ohne Schwierigkeit und ſogar ohne Gefahr vor ſich gehen konnte. Roſa ſah es ein, wußte auch, daß die Fahrt in dieſer Jahreszeit immer mit Gefahr verbunden war, aber ſie war, wie gewöhnlich die ſchwediſchen Mäd⸗ chen, eine unerſchrockene Natur und wurde jetzt über⸗ dieß von einer Sehnſucht und Unruhe getrieben, die ihr kein längeres Bleiben geſtatteten. Alles was ſie von Axel entfernte und dagegen ihrem Vater näher brachte, war ihr willkommen. Die Poſtſchiffer Gottland im Sommer 1856 geſehen und geſprochen. Ich erfuhr da auch, wie oft tragiſche Ereigniſſe auf den Gottländer Poſtfahrten bei ihrer dermaligen Einrich⸗ tung eintreffen. Ob jetzt die Anordnungen verbeſſert worden ſind, weiß ich nicht. und Knech heitet kräfti müth heit, raden waren Frau, Oeland er war em klei⸗ unſere Poſt⸗ krankte Weiter⸗ Mann rreden, letzten häufen 3 Waſ⸗ ohne gehen hrt in war, Mäd⸗ über⸗ n, die 201 waren überdieß Gottländer, ſeegewohnte und beherzte Männer, in Gottland wohlbekannt und ſogar etwas begütert; und als Roſa unter ihnen ein Paar alte Bekannte ihres Vaters traf, da trug ſie kein Be⸗ denken mehr ſich ihrer Obhut anzuvertrauen und ganz allein mit ihnen die Rückfahrt nach Gottland anzutreten. Sie fühlte ſich bei ihnen vollkommen ſicher, und Alle ſchienen vergnügt, ja ſogar etwas ſtolz über den ehrenvollen Auftrag, das junge Fräu⸗ lein Norrby zu ihrem allgemein geachteten Vater und in ihr gemeinſames Vaterland zurückzuführen (denn für den Gottländer iſt Gottland in innigerem Sinne das Vaterland als das übrige Schweden). Sie hatten ſoeben eine ſchnelle und glückliche Fahrt nach Heland gehabt, und da der Wind ſich jetzt nach Südweſt drehte, faßten ſie die Hoffnung, das Meer werde bald eisfrei werden. Sie ſchifften ſich nebſt den Paſſagieren und Poſtfelleiſen ein. In einem der Boote ſaß Roſa, von den Schiffern wie ein Schatz betrachtet, den ſie außer der Poſt ganz beſonders zu hüten hätten, und von Allen geliebt wegen ihres freundlichen Weſens und ihrer muntern Laune. Die Schiffer waren ſechs Mann ſtark, und wir nennen unter ihnen beſonders einen gutmüthigen und freundlichen Mann, Namens Wahlgren, ſeinen Knecht Carlſon, Marbäck, einen muthvollen und heitern Sohn des Meeres, Wallin, einen Mann von kräftiger Geſtalt, von düſterer und verſchloſſener Ge⸗ müthsart, aber einem Muth und einer Entſchloſſen⸗ heit, wodurch er ſich die Achtung aller ſeiner Came⸗ raden erwarb, ſo daß es ſich in der Stunde der 202 Gefahr ganz von ſelbſt verſtand, daß das Commando ihm übertragen wurde. Schließlich nennen wir Carl Löfqviſt, einen ungemein liebenswürdigen Jüngling und guten Sohn, denn um ſeine Mutter, eine Wittwe mit mehreren Kindern, zu unterſtützen, war er in den gefährlichen gottländiſchen Poſtdienſt getreten, obſchon ſein Vater nebſt vier andern Männern einige Jahre vorher bei einer ſolchen Fahrt umgekommen war. Roſa kannte dieſen Jüngling, wie auch den düſtern aber zuverläſſigen Wallin, und Beide nah⸗ men ſich ihrer ganz beſonders an. Auch die übrigen Seeleute waren artig und er⸗ klärten, mit einem ſolchen Gaſt an Bord könne die Reiſe nicht anders als glücklich ausfallen. Ein wei⸗ terer Paſſagier war ein Berliner Sattlergeſelle Na⸗ mens Wilhelm Mag, der ſich längere Zeit in Schwe⸗ den aufgehalten hatte und fertig Schwediſch ſprach. Am 26. Januar wurde die Fahrt von der Eng⸗ gjerder Landſpitze aus in zwei Booten angetreten, von denen man das größere auf Schlitten ſtellte, um von zwei Pferden über das feſte Eis gezogen zu werden. Das kleinere Boot wurde von der Schiffs⸗ mannſchaft nachgezogen. Man wollte ſo lange als möglich auf dieſe Art fortfahren. Aber bald brach das Eis unter den Pferden. Sie wurden indeß ge⸗ rettet. Man ſchickte Pferde und Schlitten auf's Land zurück. Die Boote wurden bis an den Eis⸗ rand gezogen und in die See geſtoßen. Man ſegelte eine Weile mit einem friſchen, kühlen Wind, aber bald wurde dieſer matter, und das Eis begann ſich wieder anzuhäufen. Man kehrte daher um und ſegte Abends bei Grankulla an. — A wiede obſcho eines einen ſteuer ſenin auf( Aben Fahr wie Tran licher Boot im g auf die vere ten ſoga gant Abe ſend Erſe ſie; neh gra ſon bal! nu ando Carl gling ittwe ein reten, inige nmen den nah⸗ d er⸗ e die wei⸗ Na⸗ chwe⸗ rach. Eng⸗ reten, „um n zu hiffs⸗ e als brach ß ge⸗ auf's Eis⸗ egelte aber nſich und 203 Am 27. Januar Morgens 4 Uhr begab man ſich wieder auf die Fahrt. Das kleinere Boot wurde, obſchon es ſeine eigenen Segel gebrauchte, mittelſt eines dicken Taues an das größere gebunden, das einen ſtärkeren Lauf hatte. Und mit friſchem Wind ſteuerte man nach der großen Carlsinſel(einer Fel⸗ ſeninſel, ungefähr zwei Seemeilen von Klintehafen, auf Gottlands weſtlicher Küſte), wo man noch vor Abend einzutreffen hoffte. Alles ſchien eine glückliche Fahrt zu verſprechen, und man ſprach bereits davon, wie man ſich am andern Morgen daheim einen guten Trank zu Gemüthe führen wolle. So ging die Fahrt den ganzen Tag unter fröh⸗ lichen Geſprächen zwiſchen der Mannſchaft beider Boote von Statten. Gegen Abend rief Wallin, der im größeren Boot am Ruder ſaß, ſeine Cameraden auf das Hintertheil und zeigte ihnen drei Lichter, die er im Waſſer unter dem Tau, das beide Boote vereinigte, zu ſehen meinte. Seine Cameraden mein⸗ ten ebenfalls die drei Lichter zu ſehen, und manchmal ſogar ein viertes. Es iſt bekannt, daß der Um⸗ gang mit dem geheimnißvollen Meer Neigung zum Aberglauben erzeugt. Gleichwohl legten unſere Rei⸗ ſenden jetzt kein beſonderes Gewicht auf die genannte Erſcheinung. Durch das was hernach erfolgte, erhielt ſie jedoch Bedeutung genug. In der Dämmerung begann man die unange⸗ nehme Erfahrung zu machen, daß man zwiſchen Eis⸗ graus gerieth. Man hoffte jedoch, dieß werde nicht ſonderlich viel zu bedeuten haben, und man werde bald wieder in's freie Waſſer kommen. Dieſe Hoff⸗ nung verſchwand allmählig. Gegen acht Uhr ſaßen 204 die Boote feſt im Eis. Der Wind ſchlug von Süd⸗ weſt in Südoſt um. Eine düſtere Winternacht, in finſtere Wolken gehüllt und immer windiger werdend, ſenkte ſich über die fröhlichen Hoffnungen des Tags. Die ganze Nacht arbeitete man, um zwiſchen dem Eisgraus und den Eisſchollen durch näher an's Land zu kommen, aber vergebens. Die Morgendämmerung des 28. Januar eröff⸗ nete nach allen Seiten die Ausſicht über ein eisbe⸗ decktes Meer. Mit der Hoffnung, die Carlsinſel zu erreichen war es vorüber. Das Eis trieb nach Norden und führte die Boote mit ſich. Mit der zunehmenden Gefahr ſtieg auch der Eifer der Mann⸗ ſchaft, um ſich durch das aus größeren oder kleine⸗ ren loſen Stücken beſtehende Eis hindurchzuarbeiten, ſomit näher an's Land zu kommen und wenigſtens die weit vorſpringende Inſel Weſtergarn zu erreichen. Der Tag war kalt, aber Schweißtropfen auf den Stirnen zeugten von gewaltiger Arbeit. Das Eis war falſch, und man täuſchte ſich oft über die Feſtig⸗ keit und den Zuſammenhang der hintreibenden Schol⸗ len; aber die Nähe der Boote bei einander und die Gewißheit, daß jeder Einzelne von der Mannſchaft bereit war ſein Leben für die Andern zu wagen, ließ keine Furcht aufkommen. Der Muth wankte nicht und die Kräfte ließen nicht nach. Sehr be⸗ lebend und aufmunternd wirkten auch der Anblick des wohlbekannten Ufers, ſowie Roſa's herzliche Reden und einige Flaſchen Wein, welche ſie für ihre Führer mitgenommen hatte. Man trank ihre Ge⸗ ſundheit und ließ ſie hochleben. Man konnte be⸗ reits die größeren Häuſer von Klintehafen ſehen. — —— Aber man Anſtre konnte bis m die a einhü entzo obſcho Spal ſterni ſchwe fahrei Boot ſchwi Mun teren dacht Neig rechn liche berei war mit in d Roſa ſie h unte Unn gen, mkte be⸗ blick liche ihre Ge⸗ be⸗ hen. 205 Aber von da ließ ſich keine Hilfe erwarten, das ſah man wohl ein. Nächſt Gott war es nur die eigene Anſtrengung und Umſicht, die Rettung bringen konnte. Und raſtlos, raſtlos arbeitete man weiter, bis wiederum eine finſtere, unheimliche Winternacht die abgehärteten Kämpfer und das junge Mädchen einhüllte und die theuren Häuſer ihren Blicken entzog. Die Nacht durfte die Arbeit nicht unterbrechen, obſchon ſie dieſelbe erſchwerte. Die Waken, die Spalten und Löcher im Eis wurden durch die Fin⸗ ſterniß verborgen. Die Größe der Gefahr, worin unſere Reiſenden ſchwebten, ſieht nur derjenige ein, der es ſelbſt er⸗ fahren hat, wie ſchwer oder unmöglich es für ein Boot iſt, ſich durch tiefen Eisgraus oder zwiſchen ſchwimmenden Eisſchollen durchzuarbeiten. Der Mundvorrath, welchem unſere Schiffer bei den hei⸗ teren Ausſichten des geſtrigen Tages etwas unbe⸗ dachtſam zugeſprochen hatten, begann jetzt auf die Neige zu gehen. Er war bloß auf zwei Tage be⸗ rechnet, denn man glaubte wie geſagt an eine glück⸗ liche Ueberfahrt. Der wenige Branntwein war auch bereits ausgetheilt und genoſſen. Auch Trinkwaſſer war keines mehr vorhanden. Man löſchte den Durſt mit Seewaſſer oder mit ſolchem Waſſer, das ſich in den Eislöchern geſammelt hatte. Das letzte was Roſa noch als Proviant beſaß, war ein Kuchen, den ſie heimbringen wollte; jetzt aber vertheilte ſie ihn unter ihre Reiſegefährten. Der 29. Januar zeigte unſern Eisfahrern die Unmöglichkeit nach Weſtergarn zu gelangen⸗ Man war bereits an dieſer Inſel vorbeigetrieben worden und heftete jetzt ſeine Hoffnung auf einen nördliche⸗ ren Punkt näher bei Wisby. In der Nacht war es gefroren. Den Tag über gewann das Eis immer mehr Feſtigkeit und Zuſammenhang. Man konnte nicht mehr daran denken ſich hindurch zu arbeiten, und das größere Boot auf demſelben fortzuſchaffen, war unmöglich. Man beſchloß daher es im Stich zu laſſen. Die nöthigen Sachen wurden in das kleinere Boot geſchafft. Auf den bequemſten Platz wurde Roſa geſetzt, die wohl in warme Kleider ein⸗ gehüllt war. Das größere Boot wurde auf ein großes Stück Eis gezogen und geankert mit der Dragge, die man durch ein in's Eis gehauenes Loch verſenkte. Quer über das kleienre Boot wurde der Maſt befeſtigt, und drei Mann auf jeder Seite ſetz⸗ ten ihre Bruſt gegen die über das Boot hinaus⸗ reichenden Enden des Maſtes und ſchoben es auf ſolche Art vorwärts. An Abwechslung in der Arbeit oder an Ruhe dachte man jetzt nicht. Der Sattler⸗ geſelle hatte manchmal gutwillig die Hand mit an⸗ gelegt, aber er war ſchwächlich und konnte nicht viel keiſten. Auch Wallin hatte ſich geſchont und ging nur dann aus dem Boot, wenn man auf ſicherem Eis war. Im Anfang erweckte dieß Mißvergnügen, aber bald gewöhnte man ſich daran. Er war der Aelteſte, Erfahrenſte und Entſchloſſenſte, und leiſtete großen Nutzen, wenn er ſo im Boot ſtand, nach der ſicherſten Richtung ſpähend und vor unnöthigen Um⸗ wegen bewahrend. Mit ihm oder mit der Wittwe Sohn ging Roſa oft: ſie war fortwährend unverzagt, hatte fortwährend friſchen Muth und ſuchte die Müh⸗ ſale leichte G verär darar zu er gung Häuz ſang dem mitte c und das weſe wech Als verl Gef nen raſc daß ſich mu nor Ha ma die der gre immer konnte es auf Arbeit attler⸗ rit an⸗ ht viel d ging cherem nügen, ar der leiſtete ch der n Um⸗ Wittwe erzagt, Müh⸗ 207 ſale der Arbeiter möglichſt zu lindern und zu er⸗ leichtern. Ehe die Wanderung dieſes Tages unter ſolchen veränderten Umſtänden angetreten wurde, dachte man daran ſich gemeinſchaftlich in den Schutz Desjenigen zu empfehlen, ohne deſſen Hilfe alle eigenen Anſtren⸗ gungen vergeblich ſein würden. Mit entblößten Häuptern wurde das Gebet verrichtet, und Roſa ſang mit den Uebrigen einen frommen Vers aus dem Geſangbuch. Es war zwiſchen drei und vier Uhr Nach⸗ mittags. Jetzt wurde die Wanderung mit neuem Muth und noch ungebrochenen Kräften angetreten. Aber das Geſpräch, das ſchon vorher höchſt einſilbig ge⸗ weſen, hörte nun ganz auf. Kein Wort wurde ge⸗ wechſelt, das ſich nicht auf die Rettungsarbeit bezog. Als hätte man eine ſtille Uebereinkunft getroffen, verbarg man ſorgfältig ſeine unſtäten Gedanken, ſeine Gefühle der Furcht und der Hoffnung in der eige⸗ nen Bruſt. Wo das Eis feſt und ſicher war, ging die Fahrt raſch von Statten. Manchmal aber war es ſo ſchwach, daß es brach; zuweilen traf man Waken, wo man ſich im Boot einſchiffen und zu den Rudern greifen mußte. Das Eis ſchien einen immer ſtärkeren Trieb nordwärts zu bekommen, und bald war man am Hafen von Weſtergarn vorbei. Am Abend befand man ſich jedoch in der Nähe von Toffta. Man konnte die Leute am Ufer ſehen. Aber jetzt war es mit dem Eis vorüber. Das Boot wurde in den Eis⸗ graus hinausgeſetzt. Es war ziemlich klein für neun 208 Perſonen nebſt zwei Poſtfelleiſen, die mit gewöhn⸗ licher unverbrüchlicher Treue verwahrt wurden. Der Eisgraus war inzwiſchen ganz unbiegſam, es war, als ſuchte man in einem Sandhaufen herum⸗ zurudern. Er erſtarrte auch immer mehr in der immer ſtärkeren Kälte. Immer mehr Sterne zündeten ihre Lichter an in der kalten Winternacht. Der Sattlergeſelle, der den ganzen Tag ſtill dageſeſſen und den Kopf geſenkt hatte, erhob ihn jetzt gegen die flimmernden Him⸗ melslichter, indem er wie in ſtillem Irrſinn, aber mit klarer und deutlicher Stimme ſagte:„Sehet, wie herrlich und licht es da oben im Saale iſt. Laßt uns lieber dahin gehen, als daß wir hier außen ſitzen bleiben und übel fahren.“ Sachte ſenkte er ſeinen Kopf wieder und blieb ſtille ſitzen. „Jetzt iſt der Geſelle geſtorben,“ ſagte Wallin, indem er zurückſah. Die Uehrigen wollten es nicht glauben. Aber Wallin hatte Recht. Der Geſelle war in den lichten Saal eingetreten. Er ſaß nicht mehr da außen und fuhr übel. Seine Reiſegefähr⸗ ten legten ſeinen Leichnam in den Vordertheil des Bootes. Aber in dem großen Raum unten, wo ſie ſelbſt noch auf Rettung oder Tod warteten, wurde es immer kälter. Die funkelnden Sterne, die zittern⸗ den Nordlichter verſchwanden allmählig. Die Kälte war ſo ſtark, daß man ſchon kurz nach Mitternacht um das Boot herumgehen konnte. Man glaubte in der Nähe des Fiſcherortes Gniſvärd zu ſein, und die Frage entſtand, ob man nicht das Boot verlaſſen und ſich auf dem neugebildeten Eis an's Land begeben ſolite. Aber der Gedanke an die ſchwere ren, g beſaß, zuwart Bekan möglic zuſchaf begleit haken inzwiſ Hinab Rande Camer Löfqvi Boot Ahnu Keine hörte denen ſchwiſ ſtieg V ohne ben. geleg und geliel den, der richte man 2 im, es herum⸗ in der geſenkt Him⸗ ber mit t, wie Laßt außen kte er Wallin, nicht Geſelle nicht efähr⸗ il des n,„ wo wurde ittern⸗ z nach Man ſvärd tas n Eis m die 209 ſchweren Poſtfelleiſen und an die möglichen Gefah⸗ ren, gegen die man in der Dunkelheit weniger Schutz beſaß, veranlaßte den Beſchluß die Dämmerung ab⸗ zuwarten. Wahlgren, der in Toffta Verwandte und Bekannte hatte, begab ſich gleichwohl weg, um wo⸗ möglich das Ufer zu erreichen und Nahrung herbei⸗ zuſchaffen. Der Wittwe Sohn, der junge Löfqviſt, begleitete ihn. Wahlgren, der mit einem Boots⸗ haken den Weg vor ſich her beſtändig ſondirte, war inzwiſchen noch nicht weit gekommen, als er aus dem Hinabgleiten ſeines Hakens erſah, daß er ſich am Rande einer Wake befand. Er rief dieß ſeinen Cameraden zu und kehrte nach dem Boot zurück. Löfqviſt, der mit ihm umkehrte, fiel, als er an das Boot kam, auf dem Eiſe nieder. Eine unheimliche Ahnung durchbebte die Herzen der Uebrigen, aber Keiner ſagte etwas. Von dem Jüngling dagegen hörte man einige unzuſammenhängende Worte, unter denen man nur:„Meine arme Mutter, meine Ge⸗ ſchwiſter!“ verſtand. Bald erhob er ſich jedoch und ſtieg ohne Hilfe in's Boot. Wenige Augenblicke ſpäter und, wie es ſchien, ohne Schmerzen beſchloß der junge Löfqviſt ſein Le⸗ ben. Sein Leichnam wurde neben den des Geſellen gelegt. Die Gebete des bebenden Mutterherzens und der ſchutzloſen Geſchwiſter für die Rettung des geliebten Sohnes und Bruders waren erhört wor⸗ den, aber auf dieſe Weiſe. Nach einer langen, finſtern Winternacht begann der Tag des 30. Januar zu grauen. Ungeduldig richteten ſich die forſchenden Blicke nach dem, wie man ſicher glaubte, nahen Ufer. Bremer, Vater u. Tochter. 14 210 Und es wurde voller Tag, aber kein Land zeigte ſich. Wind und Strömung hatten die Kämpfenden weit hinweggetrieben. Man glaubte einen ſchwachen Schimmer von der großen Carlsinſel zu erblicken, aber man war deſſen nicht ſicher. Und gleichwohl hatte man ſich dem rettenden Strand ſo nahe ge⸗ glaubt. Es war entſetzlich ſich ſo in ſeiner Hoffnung getäuſcht zu ſehen. Die ſchreckliche Entdeckung wurde inzwiſchen mit Schweigen aufgenommen. Ueber keine Lippe kam ein Wort des Verzagens oder auch nur der Klage. Die Wanderung wurde den ganzen Tag fortgeſetzt. Aber gegen Abend empfand man zuweilen das Bedürfniß nach Ruhe. Die Männer legten ſich dann im Boote nieder, feſt und treu zu⸗ ſammengeſchloſſen, um auf ſolche Art in der eiſigen Kälte einander Lebenskraft und Lebenswärme mit⸗ zutheilen. Roſa war mittelſt ihrer feinen und wohl gefütterten Kleider beſſer gegen die Kälte geſchützt, als die Männer jin ihren groben Zeugen, und ſie litt vergleichungsweiſe weniger als dieſe. Und wiederum breitete eine ſternglänzende Nacht ihren eiskalten Schleier über den ſtillen, aber mu⸗ thigen Kampf. Während einer Ruheſtunde lagen Wahlgren, Carlſon und Fagerſtröm neben einander. Carlſon lag in der Mitte. Auf einmal begann er heftig Arme und Beine zu bewegen und brach in bittere Schimpfreden über einen Herrn aus, der ihn hinaus⸗ getrieben habe, um zu verhungern und zu erfrieren. Dann wurde er ganz ſtille. Unheimlich und unbe⸗ antwortet verklangen Carlſon's Worte in dem eis⸗ kalten Wind. Man war jetzt nicht gewöhnt Jemand ling Augen des B wurde bleiber M Sprac Gedan der ſe innerte ſehen wollte Roſa Bruſt, ihr w wie d ihr no Ei Eiswa man und d pkDi unden den. zeigte fenden wachen licken, chwohl he ge⸗ ffnung wurde keine h nur anzen man änner eu zu⸗ iſigen mit⸗ wohl chützt, nd ſie Kacht rmu⸗ lgren, arlſon heftig ittere naus⸗ ieren. unbe⸗ eis⸗ mand 2¹1 ſprechen zu hören oder in einem andern Schlaf lie⸗ gen zu ſehen, als in dem des Todes. Carlſon war ein kräftiger, hochgewachſener Jüng⸗ ling von etlichen und zwanzig Jahren. Einige Augenblicke vorher hatte er bei der Fortſchiebung des Bootes mitgeholfen; einige Augenblicke nachher wurde er, eine erſtarrte Leiche, neben die zwei andern Leichen im Boote gelegt. Kein Wort kam über die Lippen der Uebrig⸗ bleibenden. Man war darum nicht gefühllos; aber welche Sprache hätte Worte für die Empfindungen und Gedanken beſeſſen, die zu dieſer Stunde in der Bruſt der ſchweigſamen Reiſenden arbeiteten? Man er⸗ innerte ſich der vier Lichter, die man im Waſſer zu ſehen gemeint hatte. Was drei von ihnen beſagen wollten, das wußte man jetzt. Wem galt das vierte? Roſa drückte ihres Vaters letzten Gruß gegen ihre Bruſt, wo er beſtändig ruhte. Dieſer Brief erſchien ihr wie ein Talisman gegen Leiden des Körpers wie der Seele, und kein Gefühl der Furcht kam ihr nahe. Sie fühlte ſich wunderbar ruhig. Ein neuer Tag, der 31. Januar, ging über die Eiswanderer auf. So weit das Auge reichte, ſah man jetzt bloß ein unüberſehbares Eisfeld, einförmig und dennoch beſtändig wechſelnd. FſDie Wanderung war in der Nacht fortgeſetzt und nur durch kurze Ruheſtunden unterbrochen wor⸗ den. So ging es auch den Tag über, aber die Ruheſtunden mußten jetzt häufiger wiederkehren. Seit mehr als zwei Tagen hatte man keine Nahrung gehabt. Aber man hatte für den Fall des 2¹12 Gefrierens während der Fahrt einen Beutel mit Salz mitgenommen. Dieſer Salzbeutel war jetzt das koſtbarſte Eigenthum unſerer Wanderer. Man hieb mitunter ein Loch in das unebene Eis, nahm einige Salzkörner in den Mund, füllte ihn mit See⸗ waſſer(das in der Oſtſee nicht ſehr ſalzig iſt) und ließ ſo das Salz ſchmelzen. Dadurch wurde man ungemein geſtärkt. Die Schiffer hatten Anfangs in dem Tabak, den ſie mitgenommen, einigen Erſatz für den Mangel an Nahrung gefunden. Er ging dadurch um ſo ſchneller zu Ende. Später wurden die Weſtentuſchen, worin man den Tabak getragen, aufgetrennt und ausgetheilt. Auch dieß war bis auf Weiteres einiger Erſatz. Für unſere arme Roſa natürlich nicht, aber ſie hatte ein Fläſchchen cölni⸗ ſches Waſſer bei ſich, und einige Tropfen davon be⸗ lebten ihre Kräfte zuweilen. Man begann die Fortziehung des Bootes immer ſchwerer zu finden. Bisher war die Frage über Hinauslegung der drei Leichen noch gar nicht auf⸗ geworfen worden. Jetzt konnte man ſich's indeſſen nicht länger verhehlen, daß die Nothwendigkeit dieſe Maßregel erforderte, die daher auch beſchloſſen wurde. Dieſer Augenblick ſchien der ſchmerzlichſte wäh⸗ rend der ganzen Unglücksfahrt zu ſein. In den drei Leichnamen meinte man noch immer die drei Leidensgefährten zu beſitzen. Das Band brüderlicher Eintracht, das die Lebenden vereinigte, ſchien auch die Todten zu unmſchlingen. Keiner wollte den erſten Schritt thun, Keiner wollte zuerſt die Hand bieten, um ſie ihres Platzes im Boote zu berauben. Es war dieſen Männern zu Muthe, als wollten ſie eine Herzl begeh auf den erregt ſelbſt von ſich Dein⸗ gen, A Boot um e plötzl Man und Boot mögli brach Das erſchü auf d unter gebor in de gen C errich es w 2 von Der mit jetzt Man nahm See⸗ und man in Erſatz ging urden agen, bis Roſa cölni⸗ n be⸗ 2¹3 Herzloſigkeit gegen ſchutzloſe und verlaſſene Brüder begehen. Aber man mußte. Die drei Leichen wurden auf das Eis gelegt, der Sohn der Wittwe zwiſchen den beiden andern. Das Schickſal dieſes Jünglings erregte die wärmſte Theilnahme ſowohl um ſeiner ſelbſt als um ſeiner Mutter willen, und ungehört von jedem irdiſchen Ohr flüſterte Roſa, indem ſie ſich über ſein blaſſes Geſicht hinabneigte:„Für Deine Mutter und Deine Geſchwiſter werde ich ſor⸗ gen, wenn ich— je wieder heimkomme.“ Als die Leichen hinausgelegt waren, wurde das Boot gereinigt. Man ſchaffte alles Eis hinaus, um es leicht und frei zu machen. Da hörte man plötzlich unter dem Eis ein donnerähnliches Gekrache. Man wußte, was das bedeutete. Die Poſtfelleiſen und die übrigen Sachen wurden wieder in das Boot geworfen, mit welchem man ſo ſchnell als möglich weiter eilte. Eine ſogenannte Stromrinne brach das Eis in der Nähe der drei Leichname auf. Das Eis, worauf die Todten ruhten, wurde nicht erſchüttert, aber ein Stück um das andere wurde auf die Seite geſchleudert. Bald lagen die Todten unter einem ungeheuern Eishaufen begraben, deſſen geborſtene Kanten mit der Pracht zahlloſer Edelſteine in der Sonne glitzerten. Beim Anblick des prächti⸗ gen Grabmales, welches das Meer hier ſeinen Söhnen errichtete, leuchteten die Blicke der Zuſchauer, und es wurde ihnen wunderſam zu Muthe. Die Wanderung wurde jetzt fortgeſetzt, zuweilen von Eisbergen gehindert, die man umgehen mußte. Der Hunger, die Schlafloſigkeit, die wechſelnden Ge⸗ 214 müthsbewegungen, die ununterbrochene Stille, worin Jeder ganz ungeſtört ſeinen eigenen Gedanken über⸗ laſſen wurde, die finſtere Winternacht, die von den aufrecht ſtehenden Eisſtücken da und dort mit tau⸗ ſendfach wechſelnden Geſtalten bevölkert wurde, Alles wirkte mächtig auf die Einbildungskraft. Man meinte, die drei Todten nähmen an der Wanderung Theil. Aber man wollte ſich nicht nach ihnen umſehen. Es war unheimlich ſich ihre An⸗ weſenheit zu denken. Aber man hatte ihre Leichname ausgelegt; man wagte es nicht ihre Schatten zu verſcheuchen. Am erſten Februar um Mittag war das Boot in Folge des vielen Schleppens dermaſſen beſchädigt, daß man im Fall eines offenen Waſſers keinen Dienſt mehr von ihm erwarten konnte. Es war alſo das Beſte es zu verlaſſen. Daß die Kräfte immer mehr mitgenommen wurden, wollte man ſich ſelbſt nicht einmal geſtehen. Man brachte eine Art von Schlitten zu Stande. Die Poſtfelleiſen, der koſtbare Salzbeutel und ſonſt die nothwendigſten Dinge wurden aufgeladen. Das Uebrige überließ man ſeinem Schickſal. Auf den Poſtfelleiſen hatte man einen möglichſt bequemen Sitz für Roſa einge⸗ richtet. Aber ſie wollte lieber gehen, als ſich noch länger von ihren erſchöpft'n Reiſegefährten ziehen laſſen. Noch fühlte ſie ihre Kräfte friſch, und ge⸗ ſtützt auf ihres Vaters Stab, den ſie mitgenommen hatte, ſchritt ſie rüſtig neben den Andern her. So begann die Wanderung auf's Neue. Voraus ging Wallin mit dem einen Compaß. Immer mehr Eis⸗ berge und Eiszacken, die man umgehen mußte, er⸗ leichte mögli freien. ſtücke wurde eine* ihren hartn es die zweifl das um ſe worin über⸗ n den t tau⸗ Alles n der nach An⸗ name en zu Boot ädigt, einen war kräfte n ſich e Art „der igſten erließ hatte inge⸗ noch iehen d ge⸗ nmen So ging Eis⸗ „er⸗ 21⁵5 ſchwerten den Marſch. Gegen die Gefahr dadurch irregeführt oder aus der Richtung gebracht zu wer⸗ den, ſchützte Wallin durch häufiges Viſiren, indem er den Compaß auf das Eis ſtellte. Jetzt fühlte man keinen ſonderlichen Hunger mehr, der Leib war es gleichſam müde geworden an ſein Bedürfniß zu erinnern. Auch hatte man jetzt kein eigentliches Gefühl von Ermattung. Der Körper war ſo zu ſagen zu einem todten Mechanis⸗ mus heruntergekommen. Beim Einen und Andern hatte bereits alles Gefühl in den Beinen aufgehört. Die Schweigſamkeit blieb ſich gleich. Der Gedanken⸗ flug wurde immer matter. Zuweilen meinte man bereits todt zu ſein. Zuweilen ſuchte man den Ge⸗ danken zu erfaſſen, daß die Abſicht der Vorſehung bei dieſem langwierigen Leiden eine endliche Ret⸗ tung ſei. Und ſo kam wieder eine Nacht und ein Tag, der 2. Februar. Aber noch kein Land, nur Eis, Eis, Eis! Man mußte den Schlitten möglichſt er⸗ leichtern. Man mußte ſogar ſich ſelbſt ſo ſehr als möglich von der Schwere ſeiner eigenen Kleider be⸗ freien. Verſchiedene bisher mitgeführte Kleidungs⸗ ſtücke wurden in einen Sack geſteckt, und dieſer Sack wurde auf einen Eisberg gelegt. So konnte er als eine Art von Seezeichen dienen. Roſa wollte auch ihren Nachtſack zurücklaſſen. Aber dieß wurde ihr hartnäckig verweigert. Nicht einen Augenblick fiel es dieſen abgehärteten Gemüthern ein ſich der Ver⸗ zweiflung zu überlaſſen. Beſtändige Umſicht war das Loſungswort. Bis in den Tod wollte man um ſein Leben kämpfen. Roſa, die ſich jetzt ſchwach 216 zu fühlen anfing, drückte ſchweigend ihres Vaters Brief und Stock an ihr Herz, und ihr einziges Geket war ihn noch einmal ſehen zu dürfen, bevor ſie ſterbe. Mit freundlichen Blicken ſah ſie ihre Un⸗ glücksgefährten an. Das ſchien dieſe Leute aufzu⸗ muntern, und es war ihnen lieb, wenn Roſa manch⸗ mal den Arm des Einen oder Andern nahm, um ſich zu ſtützen. Aber meiſtens ging ſie allein. Ihr Körper war ungemein elaſtiſch und leicht. Sie hatte ſeit ihrer erſten Jugend ihren Vater auf langen Wanderungen begleiten dürfen. Der 3. Februar graute. Im Oſten ſah man einen bläulichen Rand. War es Land? Dann hatte man noch Hoffnung es zu erreichen. Oder war es die offene See? Dann war man rettungslos ver⸗ loren. Dieſe Fragen und Betrachtungen wurden indeſſen nicht laut ausgeſprochen. Man wollte ein⸗ ander nicht mit vergeblichen Hoffnungen hintergehen; man wollte einander nicht durch unnöthige Befürch⸗ tungen niederſchlagen. Der hellgewordene Tag be⸗ antwortete die Fragen. Es war Land! Jetzt zum erſten Mal während der Fahrt brachen Thränen aus den Augen des muthigen jungen Mädchens; ſie konnte jetzt hoffen ihren Vater und ihre Heimath wiederſehen zu dürfen, und ſie dankte Gott. Auch die Andern erhoben dankbar ihre Blicke zu Ihm da droben, wie der düſtere Wallin den Lenker ihrer Schickſale nannte, indem er zum erſten Mal gerührt ſchien. Vermuthlich heftete er, der an der Spitze des kleinen Zuges ging, ſeinen Blick allzu ausſchließlich auf das noch entlegene Land, denn in einem Nu war er im A hilfrei dem fe Sch einand Vatere aber war ſich de mögli den W ſollten ſuchte Wage ein, d waren. W gehüte Den gewiſſ Eigen einige 3 mittas die 3 und an's Wohn einen Minu Beide ßaters Gelet or ſie e An⸗ aufzu⸗ ianch⸗ „um Ihr hatte angen man hatte ar es ver⸗ urden ein⸗ ehen; fürch⸗ g be⸗ zum aus onnte ſehen Blicke den rſten des ßlich Nu 217 war er bis an die Schultern verſchwunden. Aber im Augenblick reichten ſeine Gefährten ihm ihre hilfreichen Hände, und er ſtand bald wieder auf dem feſten Eis. Schon früh am Morgen ging der Schlitten aus einander. Der Anblick des Landes, der geliebten Vatererde, belebte den Muth und ſpannte die Kräfte; aber die Poſtfelleiſen an's Land zu tragen, daran war nicht zu denken. Einige der Schiffer ſollten ſich deßhalb an's Land begeben, um Leute und wo möglich ein Fuhrwerk herbeizuſchaffen. Hiezu wur⸗ den Wallin und Haſſelqviſt auserſehen. Die Uebrigen ſollten bei den Poſtſachen zurückbleiben. Wallin er⸗ ſuchte Roſa ebenfalls dazubleiben, bis er mit einem Wagen zurücktäme, um ſie abzuholen. Roſa willigte ein, denn ſie fühlte, daß ihre Kräfte auf der Neige waren. Wallin hatte ſich in den vorhergehenden Tagen gehütet naß zu werden. Jetzt war er es dennoch. Den Mantelſack des Sattlers hatte man bisher gewiſſenhaft mitgenommen— es war ja fremdes Eigenthum. Wallin öffnete ihn jedoch jetzt, nahm einige Kleidungsſtücke heraus und wechſelte. In der Nacht war Schnee gefallen und am Vor⸗ mittag ſtellte ſich ein Schneewind ein. Dieß hinderte die zwei Abgeſandten ihren Weg genau zu ſehen, und ſie kamen ſüdlicher als ſie beabſichtigt hatten, an's Land. Hier wurden ſie in einer gaſtlichen Wohnung aufgenommen. Aber kaum hatten ſie einen Schluck Branntwein genoſſen und einige Minuten in dem warmen Zimmer zugebracht, als Beide niederſanken, Hoſſelqwiſt in heftigen Zuckun⸗ 218 gen, Wallin gänzlich bewußtlos. Man brachte ſie in Betten, und da kamen ſie zwar wieder zum Be⸗ wußtſein, waren aber außer Stands ſich zu er⸗ heben, und es wurde ihnen ſehr ſchwer, klare Auf⸗ ſchlüſſe über den Ort zu ertheilen, wo ihre Unglücks⸗ gefährten ſich befanden. Stunde um Stunde warteten dieſe und ſpähten vergebens nach der verſprochenen Hilfe vom Land. Es währte bis tief in den Nachmittag. Die bei den Poſtfelleiſen wachenden Männer fühlten und mußten zugeben, daß ſie ſchwerlich noch eine Nacht auf dem Eis überleben würden, zumal bei ruhigem Wachhalten. Ihr Tod konnte die Poſt alſo nicht retten und eben ſo wenig Roſa, zu deren Schutz ſie ebenfalls verpflichtet waren. Das Sturmwetter würde vermuthlich hindern die Stelle zu entdecken, wo ſie ſich befanden, und vielleicht hatte es auch die Abgeſandten verhindert das Ufer zu finden, oder waren ſie fehlgelaufen, wie es den hier Warten⸗ den gleichfalls begegnen konnte, wenn ſie nicht bald Hilfe bekamen. Alle dieſe Erwägungen, die ſie ein⸗ ander und Roſa mittheilten, veranlaßten den Be⸗ ſchluß ſich in Maſſe auf den Weg zu begeben, um Land zu ſuchen. Juſt jetzt war ein Augenblick ge⸗ kommen, wo der Schneewind aufhörte und das Wetter ſich aufhellen zu wollen ſchien. Dieſen Augenblick mußte man benützen. Später kam die Finſterniß und machte vielleicht alle Rettung un⸗ möglich. Man machte ſich auf den Weg. Roſa ging An⸗ fangs in den Spuren der Andern mit; denn der Schnee war ſtellenweiſe vom Wind zuſammengeweht und ſeh den Weg Weile g wußte n Auge, d wie ein⸗ die Spu und wuß Glockeng kraftlos Schneehi von ſtille deſſelben ſilberglä zutreten Sie aß bar geſt und Klat ſich her, Sie hob zu ihrer und ſo ſtand, ſt Wanderu Ein Muth. Thürme, untergehe mildem Schnee den We der Nach 21¹9 und ſehr tief, ſo daß die Tritte der Männer ihr den Weg bahnen mußten. So ging es eine gute Weile glücklich, aber auf einmal verlor Roſa, ſie wußte nicht wie es kam, ihre Begleiter aus dem Auge, der Wind, der ſich erhob, trieb den Schnee wie einen Rauch über das Eisfeld und verwehte die Spuren der Männer. Roſa ſah Nichts mehr und wußte auch nicht recht, wo ſie war. Starkes Glockengeläute ſcholl betäubend an ihre Ohren; kraftlos ſetzte ſie ſich auf einen zuſammengeblaſenen Schneehügel am Fuß eines Eisberges, und eine Art von ſtillem Irrſinn bemächtigte ſich ihrer. Während der Nacht leitet. Sie fühlte weder Schwäche noch deſſelben meinte ſie einen ſchönen alten Mann mit ſilberglänzenden Haaren von der Seeſeite auf ſich zutreten und ihr ein Stück Brod reichen zu ſehen. Sie aß es begierig und fühlte ſich hernach wunder⸗ bar geſtärkt und belebt. Sie gewann Bewußtſein und Klarheit wieder, ſchaute mit hellen Blicken um ſich her, aber den alten Mann ſah ſie nicht mehr. Sie hob ihres Vaters Stock, den ſie auf dem Schnee zu ihrer Seite wiedergefunden hatte, auf, erhob ſich, und ſo allein ſie jetzt auf dem eisbedeckten Meere ſtand, ſo fühlte ſie ſich doch ſtark genug, um die Wanderung fortzuſetzen. Ein anderer Anblick belebte jetzt auch ihren Muth. Es waren Wisby's Tempelruinen und Thürme, die ihr, beleuchtet von den Strahlen der untergehenden Sonne, hell entgegenglänzten. In mildem Glanz ſtrahlten ſie aus den dunkeln, mit Schnee erfüllten Wolken hervor und zeigten ihr den Weg, wie der Leuchtthurm die Seefahrer in 220 Müdigkeit. Der Wind, der den Schnee in Wirbeln der Stim innigſt ge ſieht, ſie erfrorene vor ihr her fegte, ſchien ihr Flügel zu verleihen. Sie erkennt die ſchöne Ruine der St. Ricolaus⸗ kirche wieder, ſie erkennt ihres Vaters Haus an derſelben wieder; ſie ruft ſeinen Namen. Das gibt Er ru ihr neue Kräfte. Jetzt ſieht ſie das Ufer immer men, in d näher und näher. Wer geht dort am Ufer? wer iſt den ganzen Tag auf⸗ und abgegangen, in's Meer hinausſtierend mit Augen, ſo groß und ſo ſcharf angeſpannt, daß ſie in die Unendlichkeit zu ſehen ſcheinen? Das iſt der blinde Vater. Seit drei Tagen geht er am Ufer hin und her und läßt bei der Nacht Fackeln anzünden. Er ahnt, er fühlt in ſeinem Innern, daß ſeine innigſt geliebte Tochter draußen auf dem Meer in Lebensgefahr iſt. Aber Niemand will dem Geſicht des Blinden glauben, und Niemand will ihm helfen ſie aufzuſuchen, denn Jedermann fürchtet ſelbſt den Tod da zu finden. Er hat Späher aus⸗ geſandt, und ſie ſind zurückgekommen ohne Jemand oder Etwas zu finden. Und er, er iſt verurtheilt am Ufer auf⸗ und abzuwandeln und in einer Herzensangſt zu warten, welche der ſtarke Mann nie früher in dieſem Grade gekannt hat. Was helfen ihm jetzt die Troſtſprüche der Stoiker! Ach! keine einzige von all dieſen Sentenzen vermag die Un⸗ ruhe und Qual zu ſtillen, die ihn Tag und Nacht umherjagen. Aber jetzt bleibt er plötzlich ſtehen. Ein ſchwacher Ruf hat ſein Ohr erreicht: „Vater! Vater!“ „O mein Gott! dieſe Stimme! Iſt ſie es nicht?“ warmen 2 der Selig Aber mel ſo üb Roſa in k gebeugte blick wur nebelt, u Seele nie Haus geb Frühe und die eine Tod lag ſie d Angſt mit Athem er ſein, und abgebroche „Tod mein Mä innigſt g Es war: Welt.. herzlos i in Deine zu ſpät! irbeln Er ruft ihren Namen mit ſtarker durchdringen⸗ rleihen, der Stimme. Sie antwortet. Ja ſie iſt es; ſeine icolaus⸗ innigſt geliebte Tochter iſt's. Sie nähert ſich, ſie us an ſſieht, ſie erkennt ihn. Jetzt liegt das arme, halb⸗ as gibt erfrorene Mädchen an ſeiner Bruſt, in ſeinen Ar⸗ immer men, in den geöffneten großen Armen, und an dem warmen Vaterherzen hat ſie Alles vergeſſen außer ganzen der Seligkeit ſich wieder da zu befinden. ſtierend Aber nur einen Augenblick öffnet ſich der Him⸗ t, daß mel ſo über der Erde. Nur einen Augenblick durfte Das iſt Roſa in das geliebte, mit unſäglicher Liebe über ſie er am gebeugte Vaterantlitz ſchauen. Im nächſten Augen⸗ Fackeln blick wurden ihre Sehkraft und ihr Gemüth um⸗ nnern, nebelt, und tiefe, tiefe Nacht ſenkte ſich über ihre if dem Seele nieder. In dieſem Zuſtand wurde ſie in ihr ll dem Haus gebracht. d will Früher war ſie immer wie das Leben fürchtet und die Freude eingetreten; jetzt kam ſie wie r aus⸗ eine Todte hin. Kalt und bleich wie eine Leiche mand lag ſie da, während ihr Vater in unnennbarer wtheilt Angſt mit ſeiner Hand ihre Pulſe, ihr Herz, ihren einer Athem erforſchte. Alles ſchien ſtill, Alles todt zu Mann ſein, und Todesangſt preßte aus des Vaters Bruſt helfen abgebrochene Sätze und Worte, wie folgende: keine„Tod? Tod!.... Sollteſt Du ſo wiederkehren, e Un⸗ mein Mädchen... meiner Augen Troſt... meine Nacht innigſt geliebte Tochter... meine Freude!„. ſtehen. Es war wohl zu kalt für Dich da draußen in der Welt. auf dem Eis!... Ich wußte, daß ſie herzlos iſt!... Ich hatte Dir ein warmes Bett in Deinem Hauſe, in meinem Herzen bereitet, aber ſie es zu ſpät!. Ich hüllte Dich in Deine erſten 222 Windeln, mein Mädchen, mein liebſtes Kind.. Soll ich Dich nun auch in Dein Leichentuch hül⸗ len?.. Sollſt Du nicht mehr hören, was ich Dir gerne ſagen möchte? Roſa, Roſa, Roſa!“ Und des Vaters heiße, ſchwere Thränen fielen auf der Toch⸗ ter leichenblaſſes Geſicht. Das Zimmer hatte ſich mit Leuten gefüllt, denn in der Angſt des Augenblicks hatte Niemand daran gedacht die Thüre zu verſchließen, und es iſt dem ſchwediſchen Publicum eigen, daß es ſich berechtigt glaubt Bräute und Sterbende zu ſehen, wenn es will, und es will das immer, wenn es Gelegenheit dazu hat, weil es mit einer gar ſchönen Portion Neugierde ausgeſtattet iſt. Aber es war nicht die Neugierde allein, was jetzt dieſes Zimmer bevölkert hatte. Lector Norrby war allgemein bekannt und geachtet in Wisby, ſeine Tochter war allgemein be⸗ liebt, und das ſchöne Verhältniß zwiſchen Vater und Tochter war ebenfalls allgemein bekannt in dieſem Städtchen. Eine mehr als gewöhnliche Theilnahme führte alſo die Menge zuſammen, und Viele weinten über die Scene, der ſie beiwohnten. Aber des Vaters heiße Thränen, die auf der Tochter kaltes Geſicht fielen, erweckten das betäubte Leben wieder. Sie öffnete die Augen, richtete ihr Haupt empor, ſah ihren Vater und ſagte, indem ſie ihre Arme um ſeinen Hals ſchlang:„Weine nicht! Ich bin glücklich. Ich bin bei Dir!“ Und ſie ver⸗ barg ihr Geſicht an ſeiner Bruſt. Eine ſchwache Röthe wiederkehrenden Lebens hatte ſich darüber verbreitet. Lector Norrby hob ſie auf ſeinen Armen em port n rief er. „Sie tönte es: Jetzt er ſchleun Armen w gen, wo Wie Ufer, wo heben ſie Inſelchen weiter al— treibt ſie gehorchen und grür Gärten, bittern V Haſt Krankenbe haſt Du gleichſam mit jeden Du verſt hü⸗ Dir d des Toch⸗ denn daran dem chtigt n es enheit rtion t die ölkert und n be⸗ Vater ieſem ahme inten der äubte ihr m ſie nicht! ver⸗ vache über em por.„Sie lebt! Gott ſei Lob und Dank!“ rief er. „Sie lebt! Sie lebt! Gott ſei Lob und Dank!“ tönte es unter der Menge im Zimmer. Jetzt ſtürzte Allgott mit dem Arzt herbei, den er ſchleunigſt hergerufen hatte, und auf ihres Vaters Armen wurde Roſa in ſein inneres Zimmer gen, wo Alles ruhig und ſtill war. Nachtmahl. Wie die Wogen an das Ufer ſchlagen! Am Ufer, wo ich dieſe Bilder zeichne, drängen und heben ſie ſich ſchäumend, als wollten ſie das ganze Inſelchen erobern, und jede neue Woge kommt etwas weiter als die frühere. Aber eine unſichtbare Hand treibt ſie zurück: bis hieher und nicht weiter! Sie gehorchen murrend, ziſchend, ſie müſſen gehorchen, und grün ragt die Inſel mit ihren Hainen und Gärten, ſonnenbeglänzt und hoch aus dem Bad der bittern Wellen empor. Haſt Du in langen Tagen und Nächten am Krankenbett eines geliebten Weſens gewacht, haſt Du die Wogen der Krankheit Tag für Tag gleichſam Sturm gegen ſein Leben laufen und dieſes mit jedem Tag mehr unterliegen geſehen, dann haſt Du verſtanden was Roſa's Vater wochenlang am 224 Krankenbett ſeiner Tochter empfand. Alle Pflege, welche Liebe und Wiſſenſchaft vetleihen können, wurde ihr reichlich zu Theil, aber man ſchien ver⸗ gebens gegen den Dämon der Krankheit zu kämpfen. Wilde Fieberphantaſien erſchütterten Seele und Leib des jungen Mädchens, und Roſa mußte von Neuem die Gefühle und Scenen durchleben, die ſo gewalt⸗ ſam in ihr Leben eingegriffen hatten. Sie ſah ſich in tropiſchen Ländern, voll von glänzenden Früchten und bezaubernden Hainen, und ſie beſchrieb dieſelben mit Entzücken. Dann war ſie von wilden Thieren, von giftigen ziſchenden Schlan⸗ gen umgeben. Sie floh vor ihnen, aber die Thiere verfolgten ſie. Der heiße Wüuſtenſand hemmte ihre Tritte. Sie rief ihren Vater. Aber er antwortete ihr nicht, und immer näher und näher hörte ſie die brüllenden Löwen, die ziſchenden Schlangen. Sie ſtand am Fuß eines Felſen, und der Fels ſtand in der weiten wilden Wüſte. Ihre Rettung hing davon ab, daß ſie ihn erklettern konnte. Sie fühlte es und arbeitete ſich muthig empor. Die Schlangen und die andern wilden Thiere ſtreckten ihre blutdürſtigen Zungen nach ihr aus. Sie ſtieg hin⸗ auf, aber der Wind wehte brennend über ſie und der Sand der Wüſte umwirbelte ſie. Auf der Höhe angekommen ſank ſie bewußtlos nieder. Als ſie wieder erwachte, war die Scene ver⸗ ändert. Sie wanderte über ein eisbedecktes Meer, und neben ihr gingen ſtille geſpenſtiſche Geſtalten. Sie litt von Hunger und Kälte. Sie ſah ihres Vaters Haus am Ufer und ſie rief und bat ihn, er möchte ihr doch die Thüre öffnen und ſie wieder P aufne lange alles unwü ihr ſe V den 2 Vater ſeine ſie ei Tode v ſie. Leben A wilde minde ſchein Verge Händ ſten nur ben. erge Aber ſchaue „ Zimm eines Boder über Wir Br flege, nnen, wer⸗ pfen. Leib euem walt⸗ von und ſie hlan⸗ hiere ihre rtete e die Fels tung Sie Die ihre hin⸗ und Höhe ver⸗ teer, lten. hres er eder V* aufnehmen. Sie ſei ſo müde, ſo müde von der langen Fahrt, ſie habe ihren Vater immer über alles Andere auf Erden geliebt, ſich niemals ſeiner unwürdig gezeigt; wie er nur ſo hart ſein und ihr ſeine Thüre verſchließen könne? Was Lector Norrby während dieſer irren, rühren⸗ den Bitten ſeiner Tochter empfand, verſteht nur ein Vater oder eine Mutter. Zuweilen nahm er ſie in ſeine Armé, auf ſeinen Schooß, und nur da fand ſie einen Augenblick Ruhe. Sie glaubte ſich dem Tode nahe, war aber damit wohl zufrieden. „Ich werde jetzt zu meinem Vater gehen,“ ſagte ſie.„Ich muß dieſe Taufe durchmachen, um neues Leben zu gewinnen, um zu ihm kommen zu dürfen.“ Aus dieſem Zuſtand des Fieberwahnſinns und wilder Träume verfiel Roſa in einen andern nicht minder beunruhigenden. Sie lag ruhig, ſtill, aber ſcheinbar gegen Alles gleichgiltig in ihrem Bett. Vergebens küßte Cora unter heißen Thränen ihre Hände; vergebens rief Allgott ſie bei den zärtlich⸗ ſten Namen. Die frühere Roſa war gleichſam todt, nur ein Schattenbild ſchien an ihrer Stelle zu ben. Der Arzt ſchüttelte bedenklich den Kopf. ergebens brauchte man Bäder und Electricität. Aber dem Vaterherzen war es beſchieden tiefer zu ſchauen und kräftigere Lebensmittel zu finden. „Ziehet ihr weiße Kleider an und richtet ihr Zimmer wie zu einer Hochzeit her,“ ſagte der Lector eines Tags zu Cora und Allgott.„Beſtreuet den Boden mit friſchen Reiſern, decket ein weißes Tuch über den Tiſch und ſtellet Urnen mit Blumen darauf. Wir wollen ein Feſt feiern. Machet Alles recht 15 Bremer, Vater u. Tochter. . feierlich um ſie her. Fraget mich jetzt nicht, Kin⸗ der. Später werde ich Euch Alles erklären.“ Sie gehorchten. Das Zimmer wurde wie zu einenn Feſt mit Weiß und Grün ausgeſchlagen und mit den wenigen Blumen geſchmückt, die bei der Jahres Sieit in den Häuſern blühten. In einem ſchnee⸗ weißen Kachtkleid lag Roſa auf ihrem Per und hephchhtete, ſtill und mit einiger Verwunderung die fclichen Zuricht tungen im Zimmer. Als Alles fertis mar, ging ihr Pater zu ihr hinein. Auch er hatte ſich; ſorgfältig gekleidet, und ſeineſchöne, edle eieiie impoſanter gls gewöhnlich. Er ſetzte Faſa Beit⸗ nahm ihre Hand zwichen die ſeini vzi a Lochter Einmal wollteſt Du Lich mit P jdem, Fode weihen. Heute iſt die Reihe es mit P. Fu hn gn mich gekommen, aber es gilt einen aid gen Tod und ein anderes Leben⸗ Das Nachtmahl iſt ſür uns Beide bereit. Der Tiſch iſt gedeckt, bald kommt der Prieſter, Dein Religionslehrer. Steh auf und bereite Dich, meine Tochter.“ Roſa richtete ſich bei der Mahnung dieſer Stimme, der ſie in Lie⸗ zu gehorchen gewohnt war, auf ſtierte aber ihren Vater an, als begriefe ſie nicht recht, was er ſagen wollte. Er fuhr fort: „Aber vor der Einweihung müſſen mir beichten, meine Tochter, ich Dir, Du mir, und Beide vor dem Auge Deſſen, welcher die Herzen erforſcht. Höre mich, mein Kind, denn ich, Dein Vater, be⸗ darf Deiner Verzeihung. Ich bin rauh, ja ſogar hart gegen Dich geweſen. Ich wollte in meinem Hochmuth das himmliſche Brod nicht aus meines Kinde denno meine das Auge Dank ſagen und Glau die n gemei F wie Sinn gnüg Deck Stro Bruſ letzte Herz mit belel ſchie eine nim auf, wied weit mich fürc ſogar inem eines 227 Kindes Hand empfangen. Aber es nährte mich dennoch mit ſeiner Kraft und wurde ein Theil meines Lebens, erzeugte neue Kräfte und eine neue Anſchauung. Während Deiner Abweſenheit wurde mir das klar, und ich habe mich ſeitdem nach dem Augenblick geſehnt, wo ich es Dir ſagen könnte. Dank ſei Gott, der mir heute erlaubt zu Dir zu ſagen: Freue Dich, meine Tochter! Deine Liebe und Deine Geduld haben den Sieg errungen. Dein Glaube, Deine Hoffnung, Deine Liebe ſind auch die meinigen. Steh auf, mein Kind, und laß uns gemeinſchaftlich Gott danken.“ Roſa hatte den Worten ihres Vaters gelauſcht, wie man einer ſchönen geliebten Muſik lauſcht, deren Sinn man zu erfaſſen ſucht und endlich mit Ver⸗ gnügen wieder erkennt. Es war, als würde ein Deckel von ihrer Seele gehoben, und mit einem Strom von Thränen warf ſie ſich in ihres Vaters Bruſt. Da beichtete ſie jetzt auch, was in den letzten Jahren und zumal in der letzten Zeit ihres Herzens Kampf und Qual ausgemacht hatte; und mit jedem Wort ſchien ihr Bewußtſein ſich neu zu beleben, und die Schatten, die ihre Seele umſchloßen, ſchienen immer mehr zu weichen. „Und jetzt, Vater,“ fuhr ſie fort,„bin ich als eine arme Schiffbrüchige zu Dir gekommen. Aber nimm mich wie früher in's Innerſte Deines Lebens auf, und Geſundheit, Kraft und Freude werden mir wiederkehren. Du ſiehſt es, ich habe in der weiten Welt Niemand lieber als Dich. Du wollteſt mich entfernen— es geſchah aus Liebe, und ich fürchtete das. Aber Gott wollte es nicht. Jetzt 228 führt er mich wieder zu Dir. Verſtoße mich nicht. Heffne mir Deine Arme wieder. Laß mich, wie zur Zeit da ich klein war, zu Deinen Füßen ſitzen, kaß mich, wie in den glücklichen Tagen meiner Jugend, Arbeit, Ruhe, die Stunden des Tages, die Zwecke und Hoffnungen der Zukunft mit Dir theilen, das iſt mein höchſter Wunſch auf Erden.“ „O Du Wunderbarer, Du Allgütiger!“ rief Lector Norrby, indem er ſeine Augen mit dem innerlich ſehenden Blick des blinden Sängerkönigs aufſchlug,„wie wunderbar ſind Deine Wege! Ich wollte den Segen nicht empfangen, den Du mir beſtimmteſt. Ich glaubte recht zu handeln, aber Du wußteſt es beſſer. Der Andere war ihrer nicht würdig.. Du ſaheſt es, und ich erblicke jetzt Deine Hand in dem Segen, den Du mir wieder zuführſt, und jetzt, jetzt kann ich ihn empfangen. Lob und Preis ſei Dir geſagt! „Und Du, meine Tochter, die Du mir zum zweiten Mal geſchenkt biſt, auf daß meine Seele leben möge, mein liebes, theures Mädchen, ſei will⸗ kommen und geſegnet! Ich habe Dich Roſa ge⸗ nannt, aber künftig ſollſt Du auch Augentroſt, Eu⸗ phraſia heißen, denn Du biſt meiner Augen Licht und Freude. Komm, Du Hellſehende, und werde die Leuchte meiner Füße und leite mich wohin Du willſt, wohin Gott will. Ich bin zufrieden und dankbar.“. Später, als die Wallung der Gefühle ſich ge⸗ legt hatte, ſagte Lector Norrby: „Wir hahen Beide eine große Schuld gegen den Herrn des Vbens abzutragen, meine Tochter, und wir und Auf krank arbei Arbe und dank in d unſer niſch wich Dieſ Aber uns. eina herr Jug verg der Fack über Heit Apo erke höh erfü dieſ beac aus zieh mei wir wollen dafür leben. Das Alte iſt vergangen, zur und ein neues Leben öffnet ſich für uns Beide. laß Auf alſo, mein Mädchen! Wir haben nicht Zeit end krank zu ſein. Wir haben viel mit einander zu ecke arbeiten und auszuführen. Du mußt mir zu einer das Arbeit helfen, welcher ich den Reſt meines Lebens „ und meiner Kräfte widmen will. Den erſten Ge⸗ rieß danken dazu erhielt ich von Dir, den Plan habe ich dem in dieſen letzten Monaten entworfen. Es fehlt in nigs unſerer Literatur an einer Brücke zwiſchen der heid⸗ Ich niſchen und chriſtlichen Philoſophie in Betreff der mir wichtigſten Fragen der Seele und des Lebens. Du Dieſe Brücke wollen wir ſchlagen, meine Tochter. icht Aber neue Studien und Vorarbeiten dazu erwarten jetzt uns. Wir müſſen die Kirchenväter gründlich mit eder einander ſtudiren, mein Kind. Wir müſſen dieſe gen. herrlichen Lehrer auf's Neue in die Studien unſerer . Jugend einführen, wo ſie jetzt ſo unverantwortlich zum vergeſſen ſind. Sie ſtehen als Fackelträger zwiſchen eele der alten und der neuen Zeit, und ſie ſchütteln ihre vill⸗ Fackeln ſo, daß die Flammen einen klaren Schein ge⸗ über beide werfen. Die Dichter und Denker des Eu⸗ Heidenthums ſprechen aus ihrem Mund, ebenſo die icht Apoſtel Chriſti, ſie beſizen die Gabe die Geiſter zur erde erkennen; die Ideale des neuen Lebens für die Du 6 höhere Verwandlung der Seelen und der Geſellſchaft und erfüllen ihre Gedanken und ihre Schriften;— und dieſe herrlichen Lehrer läßt man bloß deßwegen un⸗ ge⸗ beachtet, weil es einige Mühe koſtet ihre Schätze aus ihrer Jahrhunderte alten Umhüllung hervorzu⸗ den ziehen. Aber wir wollen dieſe Arbeit nicht ſcheuen, und meine Tochter. Wir wollen das ewige Licht, das 230 darin lebt und Alles neu macht, zu Tage fördern. Und unſer gemeinſchaftliches Werk wollen wir das alte und neue Leben nennen. Komm alſo, meine Tochter, meiner Augen Licht, und hilf mir bei der Arbeit für eine beſſere Zukunft; hilf mir auch den Fleck Erde, den wir bewohnen, etwas beſſer, etwas glücklicher, des Gottesreiches etwas würdiger zu machen.— Morgen fahren wir nach Oeſtervi hinaus. Deine ländliche Wohnung und Deiner Haine friſche Luft werden vollenden, was für Deine Geſundheit noch erforderlich iſt.“ Wie ein junger Krieger, welcher die Aufforderung ſeines Hauptmanns zur Fahne zu eilen vernimmt, ſo war es Roſa zu Muth, als ſie die kräftigen Worte ihres Vaters hörte. Krankheit, Schwäche, alte drückende Erinnerungen waren auf einmal ver⸗ ſchwunden oder verſchlungen von dem Leben und der Zukunft, welche der Vater ihr eröffnete. Zum zweiten Mal hatte er ihr das Leben gegeben. Und als im Frieden des Abends die Lichter angezündet wurden und Roſa's alter Lehrer kam, um einer Sterbenden, wie er glaubte, das Nacht⸗ mahl zu reichen, da traten ihm in dem feſtlich her⸗ gerichteten Zimmer zwei Auferſtandene entgegen: der Vater und die Tochter. Auer Roſo ihrer es daß Vat auch und Roſ ihre mer mer hatt füh den von dar kan an frü ner der mi un zu dern. das neine r bei auch eſſer, diger ſtervi einer Deine rung mmt, tigen äche, ver⸗ und Zum ichter kam, Die Haine rauſchen. Als ſie wieder rauſchten über blumenreichen Auen in der Hochſommerpracht, durchwandelte Roſa ſie wieder mit der Farbe der Geſundheit auf ihren Wangen. Aber Ehre wem Ghre gebührt! und wir wollen es offen der Probſtin Carlander zur Ehre ſagen, daß nicht bloß die Friſche der Haine, nicht bloß der Vater und die belebende Arbeit mit ihm, ſondern auch Tante Karins Mittel, ihr ſtärkender Bitterer und ihre wohlriechenden belebenden Kräuterbäder zu Roſa's vollkommener Wiederherſtellung beitrugen. An Leib und Seele wieder geſund und über ihren Vater beruhigt, konnte Roſa jetzt ihre Auf⸗ merkſamkeit und Sorgfalt vollkommen Allgott wid⸗ men, der ihrer ganzen Theilnahme bedurfte. Er hatte richtig geahnt. Der junge Herr Adolph Weſter führte bald Dora mit ihrem fröhlichen Lachen aus dem Hauſe und auf ſeines Vaters Gut, weit, weit von Heſtervi, und der arme Allgott war nahe daran darüber in Schwermuth zu verfallen. Aber Roſa be⸗ kam juſt um dieſe Zeit ein ungemeines Intereſſe an gottländiſchen Alterthümern und wußte Allgotts frühere Neigung zu Nachgrabungen nach ſolchen neu zu wecken; als er daher bald nachher auf dem Gut Oeſtervi ſelbſt eine Gruppe alter Fa⸗ milienhügel entdeckte, die ihm eine reiche Aus⸗ beute an Münzen aller Art, Spangen, Armringen und dergleichen gewährte, da veranlaßte ihn Roſa zur Errichtung eines kleinen Muſeums, das nun⸗ 232 mehr ſein liebſtes Vergnügen wurde. Dahin wurde jeder neue Fund und auch eine Menge von den Petrefacten gebracht, woran Gottlands Erde ſo reich iſt. Mit einem Wort, Allgott wurde ein Antiquar, und dieſe neue Liebe jagte die alte aus dem Hauſe. Aber auch eine andere, die Roſa zu Hilfe rief, trug nicht wenig dazu bei, nämlich die Liebe zu Blumen und zur Blumenzucht, die überdieß dem Gottländer angeboren iſt. Selbſt in den ärmſten Hütten auf Gottland ſieht man kleine Blumenrabatten, die zu⸗ weilen mit großer Sorgfalt gepflegt ſind. Roſa belebte dieſen Hang, den ihr ſtiller Bruder immer gehabt hatte, dadurch, daß ſie ihn zu ihrem eigenen machte. Sie theilte auch Allgotts Zärtlichkeit gegen die Hausthiere. Gemeinſchaftlich legten ſie ein Blumenbeet von den ſchönſten Blumen an, ge⸗ meinſchaftlich fütterten und zähmten ſie die Thiere in ihrer Umgebung und gewährten dadurch ſowohl dieſen als ſich ſelbſt eine neue Freude. So wurde Roſa für ihren Bruder, was ſie für ihren Vater geweſen war. Viel vermag der Liebe heller Blick, wenn er von einem geduldigen, ausdauernden Willen unterſtützt wird. „Wie haben Sie das herausfinden können?“ fragte man Jemand. „Indem ich beſtändig daran dachte,“ antwortete der Gefragte. Etwa anderthalb Jahre nach ſeiner Mutter Tod kam Axel nach Oeſtervi, um Cora als ſeine Frau heimzuführen. Die Neuvermählten machten ſodann eine Reiſe in's Ausland. „ wie guter Schö unſer koſter Freu Natu gend gen wohl Dem Dafü und habe Bede ich n ſprec ſamn ruft, Und alle ſchen Liebe Vate ſäheſ ſitzt, her, Scho zuhör Mehrere Jahre ſpäter— wir wiſſen nicht recht wie viele— ſchrieb Roſa an Thecla: „Sei willkommen, geliebte Thecla, in meinem guten Lande, in meinem Gottland! Komm, die Schönheit unſerer Haine zu ſehen, komm, um allda unſere Milch und unſern Honig, ihre feinſten Säfte zu koſten. Erinnerſt Du Dich, Thecla, wie unſer alter Freund Homer in ſeiner Odyſſee häufig große oder ſchöne Naturgegenſtände, die nahrungſpendende, fruchtbrin⸗ gende Erde, das Meer, die Haine, die Luft, den Mor⸗ gen u. ſ. w. heilig nennt, ohne daß der Dichter gleich⸗ wohl die tiefe Bedeutung dieſes Wortes ahnt? Denn die göttlichen Mächte, die ihnen nach ſeinem Dafürhalten innewohnen, ſind weder gute noch böſe, und können auch Beides nicht ſein. Aber wie oft habe ich an dieſen Ausdruck gedacht und ſeine ganze Bedeutung gefühlt in dieſen letzten Jahren, wenn ich meinen Vater das Dankgebet bei jeder Mahlzeit ſprechen höre, die uns zu ſorgenfreiem Genuß ver⸗ ſammelt, bei jedem neuen Tag, der uns zum Leben ruft, bei jedem Abend, der uns zur Ruhe führt. Und wie heilig, wie geweiht erſchienen mir nicht alle guten Gaben des Lebens, wenn ich ſie als Ge⸗ ſchenke eines allgütigen Vaters, als Beweiſe ſeiner Liebe und ſeines Reichthums betrachtete! „Und ich möchte, o ich möchte, daß Du meinen Vater ſäheſt und hörteſt, ich möchte, daß Du ihn ſäheſt und hörteſt, wenn er Abends in der Verandah ſitzt, bald den Geſängen der Droſſel vom Walde her, bald dem Geplauder kleiner Kinder auf ſeinem Schooße oder uns, ſeinen Kindern und Schülern zuhörend, die wir unſere größte Freude daran finden 234 uns um ihn zu verſammeln und ſeine Worte voll wunderbarer Weisheit aufzufaſſen. Und Cora be⸗ findet ſich jetzt unter ihnen, meine ſchöne, glückliche Cora mit ihren beiden jungen Söhnen, die den Winter über bei uns bleiben und die meinigen ſein werden; ſo wünſchen es ihre Eltern und mein Vater liebt ſie. Axel iſt als Gatte und Vater Alles ge⸗ worden, was ich einſt von ihm hoffte. Cora wirſt Du gewiß liebgewinnen. Wie unſeres Nordens Nachtigall, hat ſie nur wenige Töne, aber ſie ſind tief und rein. „Allgott bereitet ſich vor Dich in ſein Muſeum zu führen und Dir ſeine Blumen ſo wie alle unſere zahmen Thiere, kleine und große zu präſentiren. Du wirſt in ihm ein ſchönes Exemplar von einem gottländiſchen Landmann kennen lernen. Ich erlaube Dir Dich ein wenig in ihn zu verlieben. „Und ich, meine Thecla, ich werde Dich durch meine Haine und die Anhöhe hinauf führen, von wo aus man das Meer, das freie„heilige“ Meer ſieht, und dort will ich mit Dir des Lebens merk⸗ würdigſten Roman beſprechen, denjenigen der jedem Menſchenleben angehört, denjenigen wo das Kleine und das Große auf gleiche Weiſe zur Vollendung zuſammenwirken können, denjenigen endlich wo der Held Gott und die Heldin die menſchliche Seele iſt. „Komm, meine Freundin, ſei willkommen unſer Gutes zu theilen und es durch Deine Gegenwart zu erhöhen. Roſa.“ 235 ſoch gingen einige Jahre wie ruhige Lichtwellen über die Familie auf Heſtervi hin. Dann kam eine Dämmerung. Der Familienvater ſaß bleich in ſeinem Lehn⸗ ſtuhl, konnte ſeine Glieder nicht mehr bewegen und ſeine Kräfte nahmen mit jedem Tage ab. Seine Tochter entfernte ſich Tag und Nacht nicht mehr von ihm, und er— er war jetzt zufrieden in allen Stücken von ihr verpflegt zu werden. Wenn unſere Eltern gleichſam unſere Kinder werden, dann ent⸗ ſteht eine neue rührende Vereinigung, doch in ihrer vollen Schönheit bloß, wenn wir die treue Pflege vergelten können, die wir ſelbſt empfangen haben. Lector Notrby litt viel an Engbrüſtigkeit. Aber ſeine Seelenkräfte erhielten ſich friſch. Mit klarem Bewußtſein bereitete er ſich zu ſeiner Verwandlung vor. Wie der wunderbare Vogel der Sage, der ſich aus den koſtbarſten Baumarten und den duftig⸗ ſten Pflanzen den Scheiterhaufen bereitet, wo er verzehrt und erneuert werden ſoll, ſo liebte es der greiſe Gelehrte bis zur Stunde, wo er die Erde verlaſſen ſollte, in ſeiner Seele ihre edelſten Lehren über das Leben und den Tod, ihre weiſeſten Ge⸗ danken aufzunehmen und damit die Flamme der Liebe für die Menſchheit und für Denjenigen zu nähren, in welchem alle Verſprechungen Gottes an dieſe Ja und Amen ſind, um mit dem Apoſtel zu reden. Sein Geiſt ſchien immer unfaſſender und liebreicher zu werden, je mehr das Stündchen heran⸗ rückte. Nur ſeine körperliche Schwäche und ein Schlummer, der ſich immer öfter einfand, verkündeten 236 die Nähe deſſelben.„Dieß iſt,“ ſagte der Lector, „ein Bruder Deſſen der bald kommen wird.“ Eines Nachts— es iſt jetzt wieder Hochſommer und juſt die Nachtzeit, wo Abendröthe und Morgen⸗ röthe zuſammentreffen und einander gleichſam um⸗ armen an Schwedens Himmel, wo die eine Klar⸗ heit nur vor der andern weicht— hörte Roſa ihren Vater mit ungewöhnlich ſtarker Stimme ihren Namen rufen. Sie hatte ſich kaum erſt auf ihr Bett gelegt und ſtand bald an ſeinem Lehnſtuhl— denn ſeit langer Zeit konnte der Lector nicht mehr liegen, weil er dann Erſtickungsanfälle bekam. Beim Scheine der Abendröthe ſah Roſa ihren Vater aufrecht ſitzen, ſehr bleich, aber mit jenem homeriſch ſtrahlenden Blick, der, obſchon gegen Außen verdunkelt, höher und tiefer zu ſehen ſcheint als die Blicke anderer Sterblichen. Komm und küß mich, meine Tochter,“ ſagte er. Sie that es. „Meiner Augen Licht, mein Augentroſt,“ fuhr er mit zitternder Stimme fort,„es ſcheint mir bloß eine kurze Weile zu ſein, ſeit ich Dich am Morgen⸗ Deiner Geburt zum erſten Mal küßte, und Dein Athem iſt friſch und rein wie damals!— Dank und Segen, mein Kind, für alle Freude, die Du mir im Leben geſchenkt haſt! Du haſt alle meine Hoffnungen erfüllt— nein, Du haſt noch weit mehr gethan. Durch Dich iſt mein Alter ſchöner gewor⸗ den als meine Jugend. Ich bin nie ſo glücklich geweſen wie in dieſer letzten Zeit. Jetzt.. gehe ich dahin.. Wir müſſen uns trennen für eine kurze Zeit. Du wirſt nachfolgen, wann der Herr es n ſprec die mert wo Herr ſpro fortſ Hier forti Viel athn Bilt Hai wie als hab die glar ſing daf und und iſt, lieb es will. 237 Wir haben noch viel mit einander zu ſprechen und zu wirken in dem andern Licht, wo die abgenützten Werkzeuge erneuert, die entſchlum⸗ merten Kräfte friſch belebt und geſtärkt werden. wo Das was in der Schwachheit geſäet war in Herrlichkeit auferſtehen wird, denn ſo hat Er ver⸗ ſprochen, der die Auferſtehung und das Leben iſt, Er der vorangegangen!.. Dort werden wir fortſetzen, was wir hier begonnen haben!... Hier mußt Du noch einige Zeit unſere Arbeit allein fortſetzen... Gott ſegne Dich und ſie zum Nutzen Vieler! Und jetzt... wird es mir ſchwer zu athmen!... LOeffne das Fenſter ein wenig!. Ach wie gut!... Die friſche freie Luft!.. Bild vom Wehen des Gottesgeiſtes!... Wie die Haine rauſchen... wie die Syringen duften.. wie mild und hell die Nacht iſt!... Mir ſcheint als ſähe ich ihr Licht!... oder iſt es ein höheres? Es iſt mir jetzt ſo wohl... ſo wohl... ich habe lange nicht ſo leicht geathmet!... Gott iſt die Liebe. der Himmel ſein Leben.. Ich glaube es zu ahnen, ich fühle es jetzt!... Singe, ſinge, meine Tochter, mein Augentroſt, ſinge was ich ahne, was ich fühle. ich habe keine Worte dafür.“ Roſa ſetzte ſich an ihr Philharmonium und ſpielt und ſang mit ſanften Tönen. „Was kein Auge geſehen, kein Ohr gehört hat und was in keines Menſchen Herzen aufgeſtiegen iſt⸗ das hat Gott Denjenigen bereitet, ſo ihn ieben.“ Die ſanft und lieblich klingenden Accorde er⸗ tönten jetzt immer ſtärker, gingen in eine Sieges⸗ hymne über, und Roſa ſang: „Tod, wo iſt Dein Stachel? Hölle, wo iſt PDein Sieg? Aber Gott ſei Dank, der uns den Sieg verliehen hat durch unſern Herrn Jeſum Chriſtum!“ Als der Siegesgeſang und ſein jubelndes Nach⸗ ſpiel verklungen waren, wandte ſich Roſa ſchnell gegen ihren Vater um, denn es war ihr, als habe er ſie gerufen. Jetzt ſaß er jedoch ſchweigend, den Kopf auf die Bruſt geneigt und unbeweglich da, als ob er noch lauſchte. Roſa blieb lange ſtehen und betrachtete ſtille ihren Vater mit dem ſchönen verklärten Ausdruck in ſeinem Geſichte. Stille Thränen rannen über ihre Wangen, während es ihr immer klarer und ge⸗ wiſſer wurde, daß er ſchlief, um auf Erden nicht mehr zu erwachen.. Und ſo war es! „Vater! geliebter Vater!“ flüſterte ſie,„ſchlaf in Frieden nach Deinem Arbeitstag. Mein ganzes Leben ſoll von Deiner und meiner Liebe zeugen!“ ——— W geht gebli die e 2 umhe heber zu ſe fi z t werfe Unte ſamk zuwe die komr Blut Gru ſter, die die wert welc San zuk dem ihre daß 239 Nachleſe. Wenn die Ernte des Feldes eingebracht iſt, en geht die Aehrenleſerin und ſammelt die übrig⸗ m gebliebenen Aehren, um daraus ſich und den Ihrigen die eine und andere kleine Freude zu bereiten. h⸗ Wie die Aehrenleſerin, ſo gehe auch ich jetzt l umher, um für mich und meine Leſer hier aufzu⸗ heben, was von den Perſonen unſerer Geſchichte noch zu ſagen iſt, und dieſe ſomit zu einem guten Ende ie zu führen. ch Wir wollen deßhalb einen Blick in die Zukunft werfen. le Auf Gottland herrſcht eine alte ſchöne Sitte der ck Unterhaltung der Gräber eine beſondere Aufmerk⸗ er 1 ſamkeit zu widmen. Jeden Samſtag Abend und e⸗ zuweilen auch an andern Wochentagen ſieht man auf ht die Friedhöfe um Gottlands Kirchen her Perſonen kommen, welche die Gräber ihrer Geliebten mit Blumen in geſchmackvollen Verſchlingungen und af Gruppirungen ſchmücken. Eltern, Kinder, Geſchwi⸗ 8 ſter, Freunde kommen und kleiden die Betten, wo die ihnen theuren Weſen ruhen, in Schönheit. Und die Gräber, die keine liebende Hand mehr ſchmückt, werden gewöhnlich einer alten Frau anvertraut, welche ſie vom Unkraut zu reinigen und jeden Samſtag Abend in Blumen wie in einen Feſtſchmuck zu kleiden hat, was ſie mit religiöſer Treue thut; denn die da Ruhenden ſind jetzt ihre Kinder und ihre Gräber ſind ihr Eigenthum. Auch geſchieht es, daß ſolche Grabmütter, wenn ſie erfahren, daß die 240 eine oder andere Perſon am Sterben iſt, eine ge⸗ wiſſe heimliche Freude empfinden beim Gedanken an dieſes neue Kind, das ſie zu pflegen und zu ſchmücken bekommen. Aber ein Grab iſt auf Gottland, das niemals von fremden Händen geſchmückt wird, und auf wel⸗ chem die Blumen nie verwelken, es mag nun Som⸗ mer oder Winter ſein. Es liegt auf einer von ſchönen Bäumen umgebenen Anhöhe mit der Aus⸗ ſicht auf das Meer und die Seite, wo die Sonne untergeht. Dort ſteht ein einfacher Pfeiler von gottländiſchem Marmor, und um ihn her ſchlingt ſich eine buſchige Hopfenranke, deren ſchöne Blätter liebkoſend die einfache Inſchrift zu umgeben ſchei⸗ nen, die in goldenen Lettern ganz kurz lautet: „Dem beſten Vater.“ Dieſes Grabmal hat Roſa ihrem Vater errich⸗ tet, und dahin wandelt ſie oft an Abenden und bleibt Stunden lang ſitzen. Zuweilen nimmt ſie junge Perſonen und Kinder mit, die um das Vergnügen wetteifern mit ihr das Grab ſchmücken zu dürfen; aber am häufigſten iſt ſie allein da, allein mit ihren Erinnerungen und Zukunftsgedanken; ſie lauſcht dann dem Rauſchen der Haine und blickt auf das weite Meer hinaus, als ob Geiſterſtimmen von da zu ihr ſprächen. Es war ein ſchönes Denkmal, das Roſa auf der Anhöhe ihrem Vater errichtet hatte. Ein noch ſchöneres wurde ihm in der Arbeit geſetzt, die ſie nach ſeinem Tod unter ſeinem Namen vollendete. Denn gleich jener Sabina von Steinbach, welche die ſchönſten Ornamente und Gebilde ihrer Kunſt in —— ihres den( es ar in ih genan Geiſte J beſitze ſtrahl iſt ei in de aber und und ihm diehe einer iſt, r Hoch ſinge Vern Elte den Lebe ſich ange Soh denr genk Geſe junge gnügen t ihren t dann s weite zu ihr uf der noch die ſie 241 ihres Vaters, Erwins von Steinbach, großes Werk, den Straßburger Münſterthurm einflocht, ſo liebte es auch Roſa ihre beſten Gedanken und Gefühle in ihres Vaters Werk hineinzulegen und darin un⸗ genannt im Schatten ſeines Namens und ſeines Geiſtes fortzuleben. Ihr Haar iſt weiß geworden, aber ihre Wangen beſitzen noch Roſen, und in dem dunkelblauen Auge ſtrahlt jugendliche Klarheit und Friſche. Ihr Leben iſt ein vielſeitig thätiges Liebesleben im Geiſt und in der That. Allgotts Haar iſt ebenfalls ergraut, aber gleich ihr iſt er jugendfriſch an Leib und Seele und ſieht ſich gerne von einer Schaar kleiner Neffen und Nichten umringt, die ihn ungemein lieben und ihm den Namen Gutgut geſchöpft haben. Oeſtervi iſt bei kluger Wirthſchaft wohl ge⸗ diehen, und die Geſchwiſter können ſich die Freude einer Gaſtfreundſchaft gönnen, die beinahe ſo groß iſt, wie der freie Raum in ihren Herzen. Und jeden Hochſommer, wenn die Haine rauſchen und die Staare ſingen, kommt auf's Neue eine kleine Schaar junger Verwandten und Gäſte nach Heſtervi, wie in ein Elternhaus. Und Einige von ihnen bleiben immer den ganzen Winter da, um zu lernen was das Leben veredelt und verſchönt. Unter den Perſonen außer dem Hauſe, deren ſich die Eigenthümerin von Heſtervi ganz beſonders angenommen hat, befindet ſich die Wittwe, deren Sohn bei der Poſtfahrt um's Leben gekommen iſt, denn Roſa hatte dem Verblichenen das ſtillſchwei⸗ gende Verſprechen gegeben für die Mutter und die Geſchwiſter zu ſorgen, denen ſeine letzten Gedanken, Bremer, Vater u. Tochter. 16 242 ſeine letzten Seufzer gegolten*). Die Kinder ſind alle erzogen worden und bringen ſich außer dem Hauſe fort mit Ausnahme einer Tochter, die dageblieben iſt, um die alte Mutter zu pflegen. Die Wohnung der alten Frau iſt friedlich und heiter wie ihr Ge⸗ müth. Ihre ſchönſten Stunden ſind, wenn Roſa kommt(und das thut ſie oft) und mit ihr ſpricht oder ihr vorliest, und Roſa verläßt ſie niemals, ohne daß die Augen der Alten heller leuchten vor *) Die übrigen Poſtſchiffer bei dieſer Unglücksfahrt behielten außer Wallin eine traurige Erinnerung daran durch den Verluſt eines oder mehrerer Glieder. Dieſes unglückliche Schickſal diente dazu die redlichen Männer noch feſter aneinander zu ketten. Sie verſprachen ein⸗ ander, wenn einer der fünf Cameraden ſtarb, ſo ſollen die Uebrigen ihm zur Leiche gehen, und dieſe Ueberein⸗ kunft iſt bis jetzt treulich gehalten worden. Unter den noch Lebenden iſt der einſt fröhliche Marbäk. Auf ſei⸗ nem hölzernen Bein humpelt er noch in Klinte herum, und wenn er ein Glas mehr als gewöhnlich bekommen hat, ſo gibt er das eine oder andere muntere See⸗ mannsliedchen zum Beſten. Wegen ſeines ſonderbaren Organs hat man ihm den Spitznamen Brummeler gegeben, den er zugute hält. Im Uebrigen hat ſeine ganze Erſcheinung und ſein Geſichtsausdruck etwas ſehr Melancholiſches. Er genießt vom Staat eine kleine Penſion von 50 Reichsthalern Banco. Die Wittwe Löfqviſt iſt eine ſchöne alte Frau von viel natürlicher Würde; ſie erhält ſich mit Spinnen, und trotz ihrer Armuth hat man nie gehört, daß ſie das Mitleid oder die Wohlthätigkeit Anderer angerufen habe. Freud irdiſch Vi ſagen, und dahinſ bei de Ewigk derten Grabſ ſchone Freude über irgend ein himmliſches und auch ein irdiſches Gut. Von der Probſtin Carlander wollen wir bloß ſagen, daß, nachdem ihre letzten Feſtungen Malakoff und Sebaſtopol gefallen, eines Tags auch ſie ſelbſt dahinſank und ſtarb. Der geniale Petterſon, der bei der Nachwelt in ſeinem Vaterland in„Zeit und Ewigkeit“ lebt und blüht, widmete ſeiner vielbewun⸗ derten und betrauerten Pflegemutter eine poetiſche Grabſchrift, mit der wir indeß unſere Leſer ver⸗ ſchonen wollen. Ende.