Leihbi blivthet deutſcher, engliſcher un franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmunn in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens bis Abends 8 Uhr offen. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſc Tag 5 Pf⸗ bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennah me eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 1. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— 1 Monat: 1 Mk.——f 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 2 2 Auswärtige Ahonnenten aben für n⸗ und Zurückſendung ver Beſe auf ihre eigenen Koſten und G ahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene verlorene und teſter Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Sheil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer um Erſatz des Ganzen verpflichtet. * eeee Dieſelbe iſt auf 14 F8h. feſtgeſetzt und wird beſahders d darauf aufmerkſam gemacht, daß das terverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ von mir auch tafür zu ſte ehen haben. ———— . ⸗ 2— — 8 3 5— 5——.„ 5 Au⸗— L—— 7— ₰ 2„ 8 7 S „ Die Lichter des Präſidenten. Erzählung einer Gouvernante von Friederike Premer. Aus dem Schwediſchen überſetzt von Dr. G. Fink. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1854. Die Töchter des Präſidenten. Erzählung einer Gonvernante. Der Einſtand. Verſchwende nicht durch Leſen beine Zeit, Es bringt dir wenig Segen in die Ehe, Zu trennen dich vom Buch ſei ſtets bereit, Ich will, daß meine Frau nach ihren Töpfen ſehe. Siehſt bu denn nicht, daß ein gelehrtes Weib Nie, nie entrinnen kann des Satyrs Witze? Drum, liebes Kind, zu deinem Zeitvertreib Allein mach eble Wiſſenſchaft dir nütze. Frau Lingren. „Und, meine beſte Mamſell,“ fügte der Präſident hinzu, indem er voll Ueberzeugungseifer und Nachdruck ſeine Hand auf meinen Arm legte,„merken Sie ſich's wohl, und machen Sie um Gotteswillen nur keine Meer⸗ wunder aus meinen Mädchen— nur kein Meerwunder. Ich will keine ſchimmernden und flimmernden Frauen⸗ zimmer, keine gelehrte, hochtrabende und pedantiſche Damen; einfache, verſtändige Weiber, gute Hausfrauen und Mütter, dazu will ich ſie bilden. Schöne Künſte mögen ſie immerhin erlernen, aber nur um ſich ſelbſt und Andere angenehm unterhalten zu können!— wenn ich Virtuoſen hören will, ſo gehe ich am liebſten ins Konzert, und bezahle meinen Reichsthaler Banko. Leſen ſollen ſie vor Allem nicht mehr, als was nothwendig iſt, um im Geſellſchaftsleben mit Leichtigkeit und Gewandt⸗ heit über die gewöhnlich vorkommenden Gegenſtände mit⸗ reden zu können. Alle weitere Beleſenheit, alle Virtuo⸗ ſität ſchadet der Frau und rückt ſie über die Sphäre hinaus, in welcher allein ſie der menſchlichen Geſellſchaft nützen kann.„Meine ſelige Friederike“ fuhr der Prä⸗ ſident fort, indem ſich ihm eine Thräne ins Auge drängte —„meine ſelige Frau hatte den Grundſatz, bei der Erzie⸗ hung ihrer Töchter den launiſchen Forderungen der Zeit in Hinſicht auf weibliche Bildung einigermaßen nachzugeben, dabei aber nie etwas von der urſprünglichen Form zu verwiſchen, welche ſie vom Schöpfer für das Weſen und Leben des Weibes beſtimmt glaubte, und dieſe be⸗ ſteht—“ der Präſident, legte hiebei auf jepes Wort ein ſtarkes Gewicht—„in ſtiller Häuslichkeit Milde, Ord⸗ nung, Nachgiebigkeit gegen Andere⸗ Strenge gegen ſich ſelbſt⸗ Fleiß) Genügſamkeit undder Fähiakeit, ſowohl in Geſellſchaft äls in den Alltagsverhältniſſen des Hauſes angenehm zu ſein. Jede Art von Prunk und Prahlerei, jedes kecke, öffentliche Hervortreten, welcher Ratur es auch ſein mg was bei unſern Frauenzimmern leider ſo ge⸗ kielnn iſt, verwarf ſie entſchieden, in der Ueberzegung, daß eine Frau nur in ihrem häuslichen Kreiſe als gute Tochter, zärtliche Gattin und Mutter glücklich, ihrem Schöpfer wohlgefällig und ihren Mit⸗ menſchen nützlich ſein können.“ Ich hörte dieß Alles mit einer Art Erbauung an. Gerne hätte ich einige Bemerkungen gemacht, allein ich wußte nicht den Rang zu befommen.„Gewiß“ fing ich an. Der Präſident unterbrach mich: „Wäre meine ſelige Friderike noch am Leben, ſo hätten ihre Töchter an ihr das ſichere Vorbild gehabt, nach welchem ſie ſſch zur Vollkommenheit bilden könnten; Gott hat es anders beſchloſſen! Meine beſte Mamſell“— fügte er mit ebenſo viel Wärme, als Ernſt und Güte hir ihr gel vot no Pf lid hi mi wa an S N X— 7 hinzu—„erſetzen Sie ihnen dieſe Mutter, prägen Sie ihren jungen Seelen die Lehren ein, welche ſie ihnen gegeben haben würde, leiten Sie die Mädchen nach den vortrefflichen Grundſätzen der Verewigten, worüber Ihnen noch weitere Auftlärung zu geben ich mirzur angenehmen Pflicht machen werde;.. widmen Sie ihnen die Zärt⸗ lichkeit, die mütterliche Sorgfalt...“ Seine Rührung hinderte ihn länger fortzufahren, und er ſchloß ſchnell mit den Worten:„und Sie werden nichts fordern können, was der Dankbarkeit ihres Vaters zu viel wäre.“ Ich antwortete mit gerührtem Herzen und mit dem Ernſt des Willens, deſſen ich mir bewußt war. „Die Erziehung meiner beiden älteſten Töchter,“ begann der Präſident aufs Neue,„iſt ſo ziemlich vollen⸗ det. Edla iſt zwanzig Jahre alt, Adelaide ſiebzehn. Sie bedürfen nun vor Allem einer leitenden Freundin bei ihrem Eintritt in die Welt. Meine zwei kleineu Lieblinge dagegen, Nina und Mina, müſſen vom ABC anfangen. Sie ſind heut Alle bei meiner Schwägerin über Mittag, und ich erwarte ſie mit jedem Augenblick zurück. Ich ſehne mich ordentlich darnach, ſie Ihnen vorſtellen zu können. In dieſem Augenblick hielt ein Wagen vor der Thüre an, und wir ſahen die Fräulein ausſteigen. Der Präſident klingelte haſtig, befahl Licht, und mit einem Gefühl, worin ſich Neugierde, Intereſſe und Aengſtlich⸗ keit miſchten, ſah ich dem Eintritt meiner künſtigen Zög⸗ linge entgegen. „Iſt ſie da? ei, iſt ſie ſchon da?“ hörte ich eine junge und liebliche Mädchenſtimme im Saale ſagen, und bald darauf traten, ein Bedienter mit Licht voran, die vier Fräulein der Reihe nach ein. Die erſte war eine lange, magere Figur mit häßlichem Geſicht und ſteifem, unmuthsvollem Weſen. Sie verneigte ſich froſtig und in der Entfernung. Der Präfident ſtellte ſie mir als Evla vor, ſodann nannte er mir Adelaide, und ein junges, ſchönes Weſen ging lächelnd auf mich zu, und umarmte —— 2 —— mich erröthend. Etwas Bezaubernderes glaubte ich in meinem ganzen Leben nicht geſehen zu haben. „Und da ſind meine lieben Kleinen, meine Nina und Mina,“ ſagte jetzt der Präſident, indem er zwei der lieblichſten Menſchengeſchöpfe von der Welt auf ſeine Axme nahm. Lichtlockig, blanängig, roſenmündig, zart gebaut, waren ſie einander ſo ähnlich, daß ich ſie Anfangs unmöglich unterſcheiden fonnte. Ich war entzückt über die ſchönen, kleinen Kinder, und hatte keinen ſehnlicheren Wunſch, als ſogleich ihre Bekanntſchaft zu machen. Der Präſident that all das Seine, um dies einzuleiten. Allein die Kleinen ſchmiegten ſich ernſt und ſchen an ihre Schwe⸗ ſtern, bis ich auf den Einfall fam, gewiſſe langbeinige, ſteifarmige Figuren, die ich mit einer Scheere aus Kar⸗ ten geſchnitten hatte, als Vermittler zwiſchen uns auf⸗ treten zu laſſen. Bei dieſem Anblick begannen die Klei⸗ nen munterer und zutraulicher zu werden, und bald ſah ich mich von ihren Wägelchen, Puppen und Schlöſſern umringt, auch vertrauten ſie mir an, daß ſie meine Naſe etwas groß finden, und mutheten mir zu, ihnen zu er⸗ klären, wie ſie ſo geworden ſei. Inzwiſchen betrachtete ich den Präſidenten und ſeine beiden ältern Töchter, die im Geſpräche begriffen waren. Adelaide erzählte ihrem Vater die Begebenheiten des Tags, was für Gäſte da⸗ geweſen und was auf den Tiſch gekommen. Edla fügte blos die eine oder andere Bemerkung zu ihren Worten, oder auch über ſie hinzu. Der Präſident wunderte ſich ſehr über die Zuſammenſetzung von jungen Hühnern und Blumenkohl. Ich konnte meine Augen nicht von Adelaide abwenden. Sie kam mir unbeſchreiblich ſchön und lie⸗ benswürdig vor. Ihr Geſicht war beinahe mehr rund als oval, die Stirne hoch und ſchön gewölbt, zwei große dunkelblaue Augen ſtrahlten von Freude und Seelengüte, die Naſe war klein und von der ſchönſten Form, auf Lippen und Wangen lagen die Roſen der Geſundheit. Ihr Lächeln, ja ihr ganzes Geſicht war ſo, wie wir zs uns bei einem Cherub denken. Ihre Figur war von mit 9 mittlerer Größe, die Formen zugleich üppig und edel, Hals, Arme und Hände blendend weiß und vom vollendetſten Ebenmaß. Den mit teichen kaſtanienbraunen Haaren ge⸗ ſchmückten Kopftrug ſie ein wenigzurückgeworfen, was ihr etwas Stolzes, ſogar ein Bischen Uebermüthiges gab, das auch ihrem ganzen Weſen nicht widerſprach, indeß durch den Ausdruck inniger Güte und herzlichen Wohlwollens gemildert wurde. Neben dieſem lichten Bilde ſtand ihre Schweſter wie ein Schatten, und ich ahnte, daß dieſes Bewußtſein es ſei, was ſie ſo finſter mache. DerPräſident ſelbſt war eine edle ausgezeichnete Per⸗ ſönlichkeit. Er war groß, etwas beleibt und ſchien viel Gewicht und Werth auf ſein Aeußeres zu legen; haupt⸗ ſächlich that er ſich, wie ich bald merkte, au ſeine ſchönen Hände etwas zu gut, und ließ ſie gerne ſehen. Beim Ab⸗ ſchied am erſten Abend nahm mich der Präſident bei Seite und ſagte:„Meine älteſten Töchter haben bereits ihre Eigenheiten. Sie müſſen mit feſter Hand geleitet werden. Edla iſt eigenſinnig; ſie hat meiner ſeligen Frau vielen Kummer gemacht und macht ihn auch mir. Doch wir wol⸗ len das Beſte hoffen. Es bedarf bei ihr großen Ernſtes. Es bedarfeiner feſten Hand, Mamſell Rönngviſt. Morgen,“ fügte er hinzu,„iſt Souper, Tanz, Charakterſpiel und Gott weiß was Alles bei Sr. Excellenz G., meinem Schwager. Meine Töchter kommen auch dazu. Ich hoffe, Mamſell Rönnqpiſt, Sie werden die Güte haben, ſie zu begleiten. Meine zwei Kleinen ſollen Engel auf einem Tableau ver⸗ ſtellen; da ſie zu jung ſind, um von einem ſolchen Auf⸗ treten ſchädliche Eindrücke empfangen zu können, ſo habe ich den dringenden Bitten meiner Schwägerin nachgegeben. Und nun gute Nacht, meine beſte Mamſell, gute Nacht, meine Mädchen.“ Adelaide hüpfte ſingend voraus und zeigte mir den Weg zu meiner neuen Wohnung. Sie war bequem und geräumig. Die Kleinen und ich ſollten zuſammen haus⸗ halten; neben meinem freundlichen, hübſchen Zimmer hat⸗ ten Edla und Adelaide die ihrigen. 10 Ehe wir uns legten, machte mich Adelaibe mit eini⸗ gen Verhältniſſen der Familie bekannt. Sie erzählte von ihrer ſchönen Schweſter, der Gräfin Auguſte U., von ihrem Onkel Sr. Ercellenz G., von dem morgenden Feſte, und ihr Geſicht ſtrahlte vor Freude. Sodann ſprach ſie von ihrer Mutter, von ihrem Tode, wie der Präſident denſelben lange geahnt, und wie die Verewigte vorher ſtille und vorſorglich Alles im Hauſe für die Ihri⸗ gen geordnet habe, wie gut und wie geduldig ſie geweſen ſei. Adelaide ſchwamm dabei in Thränen. Edla ſtand mit niedergeſchlagenen Augen da, keine Rührung that ſich auf ihrem Geſichte kund, ich hätte ſie für ganz gleichgültig halten können, hätte ich nicht das Licht in ihrer Hand zittern ſehen. Enblich umarmte Adelaide ihre kleinen Schweſterchen, die ſich zärtlich und ſchlaftrunken an ihren Hals hingen, legte mein Kopfkiſſen zurecht, wünſchte mir gute Nacht und ſagte, ich ſoll ja meine Träume wohl behalten. Adalaidens einnehmendes Bild lachte mir im Schlafe entgegen; als ich aber erwachte, dachte ich:„Was mag wohl der armen Edla auf dem Herzen liegen?“ Galathea. Angelika. Freude iſt froher Genuß des Geiſtes, der Weisheit und Unſchulb, Eitle Thorheit hat nie lachend die Sorge verjagt. v. Brinkman. — Ich kenne kaum ein angenehmeres Gefühl, als das, welches ich beim Eintritt in ein behagliches, wohl beleuch⸗ tetes, und von ſchönen und gutgekleideten Menſchen be⸗ ſetztes, aber nicht überſetztes Zimmer empfinde. Je mehr Eieganz, je mehr Pracht daſelbſt herrſcht, um ſo beſſer; der agt. as, ch⸗ be⸗ ehr er; 11 nur muß ſie zugleich edel und geſchmackvoll ſein, nur muß ſie keine Mühe und Arbeit verrathen. Je feenarti⸗ ger ſich Alles in dieſer Salonwelt bewegt, um ſo leichter und froher hebt ſich meine Bruſt. Dieſes Gefühl ward mir in hohem Grade zu Theil, als ich in den pracht⸗ vollen Salon Sr. Erxcellenz G. trat. Nachdem er mich dem Wirth und der Wirthin vorgeſtellt, führte mich der Präſident zu einer ſchönen Dame, welche mit einem neben ihr ſtehenden Herrn im Geſpräch begriffen war, und ſagte:„Meine Tochter, Gräfin Auguſte H.“ Die junge Gräfin— eigentlich eine Stieftochter des Präſidenten— war noch in tiefe Trauer gekleidet und, wie ich erfuhr, ſeit einem Jahre Wittwe. Sie kegrüßte mich artig, aber mit etwas ſtolzer Herablaſſung, und unſer Bekomplimen⸗ tirungsgeſpräch war ſchnell zu Ende. Während ſie fich mit einer neben ihr ſitzenden Dame unterhielt, batte ich volle Muße, mich in der Geſellſchaft umzuſehen. Meine Blicke ſuchten zuerſt nach meinen Fräulein. Adelaide hatte einen wahren Hof um ſich, und beſonders bemühte ſich ein großer?, blonder, ſchöner, rothbackiger Kjunger Mann um ſie, der ſie von allen Seiten umſchwärmte und ganz ausſah, wie ein Verliebter, welcher den An⸗ genehmen ſpielen will. Mit einiger Unruhe betrachtete ich Adelaidens Weſen, das mir nicht ganz frei von Ge⸗ fallſucht ſchien; allein es lag ſo viel ächte Fröhlichkeit in ihren Augen und ſo viele natürliche Lebendigkeit in ihren Geberden, daß ich ungewiß blieb, ob meine Furcht gegründet ſei. Edla hatte ſich in eine Ecke des Zimmers geſetzt; ſie ſprach mit Niemand, und Niemand mit ihr. Sie ſah finſter und verſchloſſen aus. Die Kieinen ſpazier⸗ ten von Hand zu Hand und nahmen mit ächtem Kinder⸗ übermuthe einen allgemeinen Tribut von Schmeicheleien und Liebkoſungen entgegen. Denjenigen, die bei ihnen in Gunſt ſtanden, reichten ſie höchſt gnädig die Hand zum Kuſſe. Zunächſt fielen meine Blicke nun auf den Herrn, der ſo eben mit der Gräfin Auguſte geſprochen hatte und jetzt mit Sr. Execellenz G. ſprach. Wenn er —2—— —— 12 ſchwieg, ſo war eine gewiſſe ſtarre Strenge der haupt⸗ ſächlichſte Ausdruck ſeiner edlen Züge; aber wenn er ſprach, ſo verbreitete ſich Leben und Anmuth über ſie. Er wargroß und ſeine Geſtalt zeugte von Feſtigkeit und Kraft. In Haltung und Weſen hatte er etwas von einem römiſchen Feldherrn. Er war eivil gekleidet, allein mehrere Bänder und Orden zeigten, daß er Militär geweſen oder noch war. Ich konnke nicht mit Sicherheit entſcheiden, ob er näher an den Dreißigen oder an den Vierzigen war. Unwillkürlich drängte ſich mir eine Vergleichung zwiſchen ihm und Sr. Excellenz auf. Im Geſichte des Erſtern lag der Ernſt, welcher zeigt, daß Gedanke und Wille auf ein gewiſſes beſtimmtes Ziel gerichtet ſind, in dem des Letztern dagegen der Ernſt, welcher zuweilen angenommen wird, um die Leere des Gedankens und die Schlaffheit des Willens zu verdecken. Mitten auf dem Sopha faß, mit dem Anſehen einer Kaiſerin, eine Dame in blauem Sammtkleid, mit einem Juwelendiadem, das auf der ſchönſten Stirne ſtrahlte. Der Ausdruckdes ſchönen, edeln Geſichtes war Stolz und Melancholie. Sie blickte um ſich, als fände ſie nichts, was ihrer Aufmerkſamkeit würdig wäre. Den Herren, die ſich um ſie ſammelten, gab ſie verſchiedene Befehle und Auſträge. Es ſchien ihr Vergnügen zu machen, die Leute iu Bewegung zu ſetzen; als ſie aber zu einer in der Ecke des Sophas ſitzenden Dame ſagte:„Ach Margarethe, liebe Margarethe, wo iſt mein Beutel?“ ſo antwortete dieſe: „Ei meine theure Freundin, der ſicht mich nicht viel an, ich ſitze jetzt gerade ſo gut da.“ Eine Minute darauf ging ſie indeß gleichwohl hin um das Verlangte zu ſuchen. Ich war außerordentlich neugierig, den Namen dieſer ſchönen und ſonderbaren Damezu erfahren, als die Baro⸗ nin G, unſere artige Wirthin, ſich neben mich ſetzte, und vieler Güte über die ganze Geſellſchaft Auskunft ertheilte. „Die ſchöne Dame mit dem Juwelendiadem“— ſagte ie reich welch chiſch aber! ſenfre nellet ronin der G hatte nicht ſellſch dieß e Angel mitil Aufſe Bilde Palm gema chen ganz wertl garet ange aufſte lich in B ſie al keit achtz ausg man keln Lebh 13 ſie—„iſt die verwittwete Gräfin Natalie M., eben ſo reich als geiſtvoll, eben ſo geiſtvoll als ſchön. Die Dame, welche ſo bequem in der Sophaecke ſitzt, mit dem grie⸗ chiſchen, etwas zuſammengedrückten Profil, den kräftigen, aber wohlgebildeten Formen, iſt ihre Verwandte und Bu⸗ ſenfreundin, Fräulein Margarethe R., eine höchſt origi⸗ nelle und intereſſante Perſon.“ So fuhr die freundliche Ba⸗ ronin noch lange fort und machte mich bei jedem Mitgliede der Geſellſchaft aufeineVollkommenheit aufmerkſam. Ich hatte nach dem Römer fragen wollen, allein er war jetzt nicht im Zimmer. „Die intereſſanteſte Perſon meiner heutigen Abendge⸗ ſellſchaft iſt noch nicht hier,“ ſagte die B ronin.„Es iſt dieß ein junges Mädchen, Namens Angelika, eine zweite Angelika Kaufmann; ſie kommt aus der Provinz und wird mit ihrem außerordentlichen Malertalente ſicherlich großes Aufſehen erregen. Sie wird uns heute Abend bei unſern Bildern helfen. Eine Verwandte von mir, die Baronin Palmin, hat ſie in einer kleinen Provinzialſtadt ausfindig gemacht und mit ſich genommen, damit ſie ſich ein Bis⸗ chen in der Welt umſehen ſoll. Ihr Vater ſoll blos ein ganz gewöhnlicher Maler jein, allein die Tochter.. „Weriſt ſie? woher iſt ſie? wo iſt ſie? iſt's der Mühe werth, ſich um ſie Mühe zu geben?“ fragte Fräulein Mar⸗ garethe, welche ſich genähert, und die letzten Worte mit angehört hatte. „Da kommt ſie,“ antwortete die Baronin, indem ſie aufſtand und uns verließ, umeinerältlichen ziemlich lächer⸗ lich ausſtaffirten Dame entgegenzugehen, welche ſo eben in Begleitung einer ſo ungewöhnlichen Perſon eintrat, daß ſie alsbald meine und der ganzen Geſellſchaft Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zog. Es war ein junges Mädchen von etwa achtzehn Jahren, außerordentlich fein und zart, aber von ausgezeichneter Schönheit. Ihr Geſicht war bleich und man konnte ſagen, daß es wirklich von zwei großen, dun⸗ keln Augen beleuchtet wurde, welche all das Strahlende, Lebhafte undMythiſche der Sterne beſitzen. Sie trug ein ——3— — S8 1⁴ einfaches weißes Kleid, und ihr lichtbraunes Haar lag in Locken um den Hals; ſie hatte nicht den geringſten Schmuck oder Putz an ſich. „Ach,“ ſagte Fräulin Margarethe halblaut—„eine Romanheidin, eine Amanda.“ Die Baronin Palmin, der die Gutmüthigteit aus⸗ den Augen leuchtete, ſtellte nach rechts und links das junge Mädchen vor, welches ernſt und ſonderbar blos mit einem ſtolzen Kopfnicken da und dorthin grüßte, bis Adelaide eine Bewegung machte und ſie einlud, neben ihr Platz zu nehmen. Sie that dieß und ſah ſich mit ihren großen dunkelglänzenden Augen ruhig in der Geſellſchaft um. Kaum hatte ſie ſich geſetzt, als man Frau von Palmin rufen hörte: „Ach ſie iſt ſo geſchickt, ſo geſchickt! Sie ſollten nur ihren Albus ſehen! Sie hat einen Albus, in welchen ſie alle Menſchen hineinzeichnet. Angelika, mein liebes Kind, komm und zeige uns deinen Alba.“ Angelika ſtand auf, indeß eine leichte Röthe ihre Wange färbte, und reichte ihrer Beſchützerin ihr Album, das ſie in der Hand hielt. „Ach, das iſt eine gar zu intereſſante Alba,⸗ fuhr die Baronin fort, indem ſie ein wenig blätterte:— „komm jetzt nur und ſage uns ſchön, was die Zeichnungen alle zu bedeuten haben.“ Angelika ſtand ſtill und ſtumm da, ſie ſchien zu leiden. Zu ihrer Erlöſung erhob ſich eine Bewegung unter der Geſellſchaft, welche die Aufmerkſam⸗ keit von ihr abzog. Die Baronin kam mit einem Billet in der Hand und Beſtürzung auf dem Geſicht herein. „Was ſollen wir thun?“— rief ſie—„wir haben teine Galathea; die kleine Cva iſt krank geworden und kann nicht kommen. Mein Gott, woher ſollen wir eine Galathea bekommen?“ Und ihre Augen ſchweiften fragend umher, blieben endlich auf Angelika haften und ſie begann gemeinſchaft⸗ lich mit Frau von Palmin dieſe mit Bitten zu beſtürmen, ſie möchte doch die Rolle der kleinen Eva übernehmen. 15 Jetzt kam plötzlich der Präſident zu mir und flü⸗ ſterte„Könnte nicht Adelaide die Ga⸗ lathea vorſtellen?“ Ich war wie aus den Wolken gefallen über dieſen Vorſchlag, welcher mir mit den Grundſätzen des Prä⸗ ſidenten und ſeiner ſeligen Friederike durchaus nicht zu harmoniren ſchien; als ich aber ſah, daß es ihm Ernſt war, ſagte ich blos:„Ich glaube wohl.“ In demſel⸗ ben Augenblick wandte ſich die Baronin von der be⸗ harrlich ablehnenden Angelika an den Präſidenten, um ſeine Tochter zur Galathea zu begehren. Die Sache war bald abgemacht. Adelaide ſagte: „Es wird mir wunderbar vorkommen, todt zu ſein und dann lebendig zu werden. Gott gebe nur, daß ich ernſthaft bleiben kann.“ Die Varonin führte ſie triumphirend fort, und Frau von Palmin rief den eben eintretenden Römer an: „Ah, Graf Rallrick! Graf Rallrick! Sie als ge⸗ reister Mann und Kenner müſſen dieſen Albus ſehen. Sie können ihn am beſten beurtheilen.“ Er nahm das Buch, blätterte es durch und gab es darauf kalt, ohne eine Miene oder ein Wort des Beifalls zurück. Augelika ſah es und erröthete tief. „Nun was fagen Sie, Herr Graf? iſt dieß nicht ein allerliebſter Albus? hat ſie nicht ein außerordent⸗ liches Talent?“ fragte die unermüdliche Barvnin Palmin. Angelika wurde jetzt von der Baronin G. hinausge⸗ rufen, um bei Galathea's Ausſchmückung zu helfen und ent⸗ ging dadurch der Unannehmlichkeit, folgende Antwort des Grafen hören zu müſſen:„Es iſt ſchwer, aus dieſen Um⸗ ſen etwas zu urtheilen.“ Hierauf that er einige Fragen wegei Angelikas, und als die Baronin Palmin dieſe unter wiederholten Verſicherungen, daß ſie ein außerordentli⸗ ches Talent heſitze und ganz charmant zeichne, beantwortet hatte, ſtand er auf und ging fort. Nach einer Weile ſetzte er ſich nicht weit von mir — 16 neben einem älteren Herrn, deſſen Geſicht. Redlichkeit und Güte verkündigte und Vertrauen einflößte. Ich ſa nahe genug, um ihr Geſpräch hören zu könten. „Warum, Alarich,“ begann der ältere Herr,„warum warfi du ſo ſtreuge gegen vieſen Albus der Baronin? Sahſt du, wie das arme Mädchen ſchmerzlich erröthete? Du hät⸗ teſt ja ſo leicht ein freundliches Wort ſagen können.“ „Gegen mein Gewiſſen, ja, und gegen das Beſte ves jungen Mädchens. Die Zeichnungen waren unter aller Kritik.“ „Mag ſein, aber doch— ſie liſt ein junges und armes Mädchen, das alle Hoffunug für ihre Zukunft auf ihr Talent gebaut hat.“ „Eben deßwegen. Einem mittelmäßigen Dilettanten kann man, ohne ſich zu verſündigen, ein lobendes Wort ſa⸗ gen. Nicht ſo dem, deſſen ganzes Wohl und ganze Nütz⸗ Uchkeit für die Welt varauf beruht, daß er ſich in der Kunſt über die Nittelmäßigkeit erhebe. Man kann dem Staat undſ ſeinen jungen Mitgliedern keinen ſchlechtern Dienſt erweiſen, als wenn man, wie jetzt ſo häufig geſchieht, die ſchwächſten Verſuche in der Muſik, Poeſie und bildenden Kunſt erhebt und auspoſaunt. Der Künſtler muß groß, er muß ein Genie ſein, oder ganz wegbleiben.“ „Aber iſt das nicht zu ſtreng? Können nicht auch Kunſtwerke von untergeordnetem Werth ſowohl dem Künſtler als dem Publikum Genuß verſchaffen?“ „Schwache Magen bedürfen ſchwacher Koſt, und pleiben dadurch ſchwach. Der Kunſt höchſtes und eigent⸗ liches Leben iſt ein Mittlerberuf; ſie ſoll Himmel und Erde, Urbild und Wirklichkeit vereinigen. Unſere Zeit ſcheint dieß vergeſſen zu haben, und nur durch kräftige Geiſter und wirkliche Kunſtwerke kann die Erinnerung An dieſe Wahrheit wieder erweckt werden. Noch einmal, ſage was duwillſt zu jungen Kunſtliebhabern, welche ihre Ge⸗ ſellſchaften mit Geſang und Muſik beleben, mit Gemälden und Verſen ihre Häuſer ſchmücken undzunterhaltend machen — ein Zweig der Kunſt iſt wirklich der Verſchönerung Geſ run ſtell Gal eine in han und nen 17 des Familienlebens geheiligt— aber ermuntere mit keinem Worte denjenigen, der öffentlich aufzutreten beabſichtigt, wofern ſich nicht entſchiedenes Talent und wirkliches Genie bei ihm zeigt. Du trägſt dadurch blos das Deinige dazu bei, einen unglücklichen und unnützen Menſchen mehr in der Welt zu bilden. Und vollends ein Frauenzimmer! Welche Kraft, welche Beharrlichkeit, und überdieß welches Glück muß ſie nicht beſitzen, um mit Erfolg gegen die Schwierigkeiten und Hinderniſſe anzukämpfen, die ihr auf der Bahn der Kunſt mit jedem Schritte entgegen⸗ treten? Die Kunſt iſt für den mittelmäßigen Künßtler eine Tantalusquelle, die unaufhörlich ſeinen Durſt reizt und unaufhörlich von ſeinen Lippen zurückweicht.“ „Und ihm dabei auch noch ſein Brod nimmt— du haſt Recht; aber dieſe junge Angelika hat etwas in ihren Außen „Das gebe ich zu. Ihr Blick ſpricht eine ganz andere Sprache, als Ihre Zeichnungen.“ „Beurtheilen Sie mich nicht nach dieſen,“ ſagte eine kryſtallreine Stimme nahe hinter uns, und Ange⸗ lika's leichte Geſtalt entſchwebte unter die Gäſte, welche jetzt dicht gedrängt im Zimmer ſtanden. In demſelben Augenblicke erſuchte Se. Ercellenz bie Geſellſchaft, in den Saal zu gehen, wo Alles zur Auffüh⸗ rung der Tableaux bereit war. Das erſte, was vorge⸗ ſtellt werden ſollte, war eine Seene:„Pygmalion und Galathea,“ componirt von Angelika und aufgeführt von einem vielverſprechenden jungen Künſtler, Herrn Hugo L Es währte eine gute Weile, bis die Geſellſchaft ihre Plätze im Saale eingenommen hatte. Endlich war Alles in Ordnung, ſämmtliche Blicke auf den eleganten Vor⸗ hang geheftet, den ein großerprachtvoller Rahmeneinfaßte, und es entſtand eine allgemeine, erwartungsvolle Stille. Der Vorhang ging in die Höhe, und Galathea zeigte ſich auf ihrem Piedeſtal. Pygmalion betete mit bren⸗ nender Liebe und heißem Schmerz ſein Werk an. Bremer, Töchter d. Praſibenten. ————— — 18 Aus ſeiner Seele innerſtem Heiligthum iſt es hervor⸗ gegangen, eine Offenbarung des Gottes, der darin wohnt. Die Schönheit, welche ſein Geiſt geſchaut, jetzt ſtand ſie gebt da, ein Werk ſeiner Hand, Seele von ſeiner Seele, Göt Geiſt von ſeinem Geiſte, aber ſtarr, aber kalt und ſtumm. bei Er haite dieſes Gott ähnliche Weſen erſchaffen und ſie gral hörte ihn nicht, ſie verſtand ihn nicht. Pygmalions dieſe Herz entflammt für ſie. Sollte eine ſolche Liebe, ſollte euch ſ des Lebens glühender Hauch nicht mächtig genug ſein, um ſelbſt den Marmor zu durchdringen, ſollte des ſelbi liebenden Künſtlers ſchaffende Kraft nicht im Stande Lebe ſein, ein„Werde Licht“ über dieſe ſchlummernde Welt auszuſprechen? Dieſer Ruf, dieſer Liebesruf: Galathea! Läch Galathea! muß er nicht zu ihrem Herzen dringen? Göt in n Pygmalion hofft, dann verzweifelt er wieder.. Lächelt nicht der Mund, indeß ſein Auge in unaus⸗ 2 ſprechlichem Gebet auf ihr ruht? Schlägt nicht das gebt Herz unter ſeiner Hand? Stille! Athmet ſie nicht? 2 Doch nein, ſie athmet nicht, ſie lächelt nicht, ſie glän antwortet nicht! Stille ſteht ſie und unbeweglich da, Lieb aber unbeſchreiblich ſchön und unbeſchreiblich rührend Sun in ihrem ruhigen Leben. Es iſt ein Eden, über welches ut noch keine unruhigen Stürme gebraust, es iſt Eva in der Morgenſtunde der Schöpfung, ehe noch der Hauch der re Liebe ihr Herz berührt hat. Noch zeigt ſich kein Schmerz, keine Freude, noch ruhen alle Pulſe des Lebens. Aber hea wie ahnungsreich erſcheint ſie nicht! Der Engel des auf Lebens ſcheint ſo nahe zu ſtehen, nur ein Hauch und das ſänn Abbild der Göttlichkeit wird athmen, und eine Welt von Len Güte und Schönheit iſt da:„das Ideal iſt Wirklichkeit.“ it Pyzmalion ruft die Götter an: „Unſterbliche Götter! in den Stunden, da mein Ge⸗ fühl in den heiligſten Verzückungen der Andacht ſich zu euch dyi erhob und den Glanz eurer Herrlichkeit gewahrte— da ihm war es, daß ihr Bild in meiner Seele geboren ward. Ich 4 habe ſie geſchaffen als ein Abbild von euch, und in ihr lebe Grs ich jetzt. Sie iſt mein edleres Selbſt, ſie iſt das Göttliche veiſ — Stande e Welt lathea! ringen? unaus⸗ icht das cht? cht, fie lich da, rührend welches a in der uch der chmerz, Aber gel des und das elt von ichkeit.“ ein Ge⸗ zu euch te— da rd. Ich ihr lebe öttliche 19 in mir, ſie iſt mein Geiſt, mein Alles. Heilige Götter, gebt ihr das Leben, welches allein von euch ſtammt. Götter, gebt mir mich ſelbſt in ihr zurück! ich werde ſonſt bei dieſem Marmorbild, in welches mein Herz ſich ver⸗ graben hat, vergehen vor Schmachten. Ihr Götter, dieſe Schöpfung iſt ja von euch! gebt ihr die Macht, euch zu erkennen, ench zu preiſen. „Ich bin einſam auf der Erde;. ich beſitze mich ſelbſt nicht mehr! mein Herz iſt da; meine Liebe, mein Leben iſt da in ihr, meinem andern, meinem beſſern Ich. „Seht, ſie iſt ſo ſchön! Sollte fie nicht mit ihrem Lächeln die Erde verherrlichen? ſollten nicht ihre Thrä⸗ nen allem Uebel, allem Schmerze die Kraft nehmen? Götter, weihet euch dieſen Tempel ein, gießet ihr euern Geiſt, den heiligen Geiſt der Liebe ein! Gebt Leben, gebt Seligkeit! Galathea wird euch ja danken.“ Pygmalion nähertſich Galatheen auf's Neue Thränen glänzen in ſeinen Augen. Hoffnung, Schmerz, brennende Liebe, Verzweiflung erfüllen auf einmal ſeine Seele. Noch einmal legte er forſchend ſeine Hand auf ihr Herz, noch einmal ruft er mit der Liebe tiefſtem Ton: Galathea! Plötzlich durchrieſelt ein leichter Schauer die Mar⸗ morgeſtalt, der Hauch des Lebens zieht durch ihre Glie⸗ der. Die Bruſt hebt ſich zu einem leiſen Ach! Gala⸗ thea athmet, ihr Auge bewegt ſich, ſie legt die Hand auf ihr Herz. So ſteht ſie eine Weile, gleich als be⸗ ſänne ſie ſich und lauſchte den wunderbaren Bewegun⸗ gen des Lebens. Ein bezauberndes Lächeln öffnet ihre Lippen. Ein Ausdruck ſeligen Selbſtbewußtſeins, frohe Verwunderung verbreitete ſich über ihr Geſicht. Glücklicher Pygmalion. So dachte, glaube ich, jeder von den Zuſchauern in dem Augenblick, als Galathea's Blick ſich ahnungsvoll zu ihm wandte, und der Vorhang fiel. So dachte ſicherlich ganz beſonders Graf Alarich, der hinter dem Stuhl der Gräfin Auguſte ſtand und in Galathea's Anſchauung ganz verſunken ſchien. In dem Augenblick, da fie athmete, ſah 20 ich ſein Auge leuchten; er erbleichte und ſchöpfte tief Athem. Vergeblich bemühte ſich die Gräfin Auguſte, ihn zu zerſtreuen; er hörte ſie nicht. Ich hatte einen Nachbar, der ebenfalls entzückt, aber eben ſo redſelig war, als Graf Alarich ſtumm. Dieß war der junge, große, blonde Mann, der ſich heute Abend ſchon vorher um Adelaide bemüht hatte. Er kaute an einer Ecke ſeines Nastuchs und rief beſtändig: „Herr Jeſus, wie allerliebſt ſie iſt! wie bezaubernd, wie entzuckend! iſt ſie nicht das Allergöttlichſte auf Erden? Ach, ich möchte der Schemel ſein, auf wel⸗ chem ſie ſteht! Herr Jeſus, wie lieblich ſie iſt!“ Es folgten noch einige Darſtellungen auf die Seene, die allgemeines Intereſſe erregten. Die Kleinen waren beinahe zu unbändig für Raphael'ſche Engel, ließen ſich aber am Ende doch durch gute Worte und Confektver⸗ ſprechungen bewegen, ihre weißen Händchen zuſammenzu⸗ legen, an die blauen Augen hinaufzu halten und endlich wirklich emporzu heben, wobei ſie zum Entzücken ausſahen. Nach beendigter Vorſtellung verfügie ſich die Ge⸗ ſellſchaft wieder in den Salon, wetteifernd im Lobe des Geſehenen, und die eine oder andere gelinde Vemer⸗ kung vreisg bend. Im Salon fing Frau von Palmin auf's Neue an, Angelika rechts und links vorzuſtellen und den Leuten ihr Skizzenbuch unter den abwechſelnden Benennungen Albprunt, Alpis, Alputs, Alba aufzudrängen. Aber Adelaide ſang und die ganze Geſellſchaft lauſchte ihrer ſchönen Stimme, ihrem einfachen und doch ſo ausdrucksvollen Vortrag. „Das heißt einmal geſungen,“ hörte ich Graf Ala⸗ rich zu Jemand ſagen.„Das ſpricht zur Seele, man verſteht jedes Wort, denn es wird bedeutungsvoll aus⸗ geſprochen. Und Gott ſei Dank, keine Affektation.“ Adelaide ſchloß und Alles ſammelte ſich um ſie, nur Graf Alarich nicht. Dieſer ſprach mit Angelika. Dieß hielt Frau von Palmin für die günſtigſte Zeit unk An ihr ſich hin füh ihn unt mi tra ſte⸗ zei Scene, waren ßen ſich fektver⸗ menzu⸗ endlich eue an, Leuten nungen ellſchaft en und af Ala⸗ man aus⸗ on.“ um ſie, gelika. ſte Zeit 21 und rückte auf's Neue mit ihren Verſicherungen heraus, Angelika ſei ſo geſchickt, mehrere Profeſſoren haben ihren Alvus geſehen und gelobt u. ſ. w. Adelaide, die Angelika's Verlegenheit merkte, machte ſich von ihrer Umgebung los, eilte zu dem Madchen hin, faßte ihre Hand und ſagte: „Kommen Sie mit mir, kommen Sie, ich will Ihnen etwas Schönes zeigen,“ und mit dieſen Worten führte ſie ſie ſchnell in ein anderes Zimmer. Ich ſolgte ihnen in ein Kabinet, das mit ſchönen Oelgemälden und lebe digen Blumen geſchmückt war. Hier blieb Angelika ſtehen und indem ſie Adelaide mit einem Ausdruck der Freude und Bewunderung be⸗ trachtete, rief ſie: „Wie ſchön du biſt!“ Etwas verwundert, aber mit naivem und unver⸗ ſtecktem Vergnügen antwortete Adelaide: „Meinſt du? das iſt ja luſtig.“ „Und du biſt eben ſo gut als ſchön. Ich muß dich zeichnen.“ „Recht gerne.“ Papier und Bleifeder lagen auf einem Tiſche. Die Zeichnung wurde alsbald begonnen. Inzwiſchen verſammelte ſich ein Theil der Geſell⸗ ſchaft im Kabinet. Der blonde junge Mann ſtellte ſich hinter Angelika's Stuhl, um Anelaide zu betrachten, und äußerte ſein Entzucken über ſie: „Ach ſie, die Holde, die Göttliche, ſie wird abge⸗ zeichnet; ich will um das Porträt bitten und es in Kupſer ſtechen laſſen; die ganze Welt ſoll ſehen, wie ſchön und göttlich ſie iſt, und die ganze Welt ſoll ſie anbeten. Ja, ja, die ganze Welt wird ſie anbeten, wie ich.“ „Schweig, Otto!“— ſagte Adelaide—„Du ſtörſt uns. Geh deines Wegs, lieber Otto.“ Ich war ſehr neugierig, zu erfahren, wer der liebe Otto war. Er entfernte ſich etwas, aber unter beſtän⸗ digen Ausdrücken der Anbetung. 22 Es entſtand zwiſchen Einigen in der Geſellſchaft eine Erörterung über ein Gemälde, das einen Gegen⸗ ſtand aus der griechiſchen Mythologie vorſtellte. Graf Alarich lobte es. Einer ſagte: „Ich kann nur beklagen, daß ein großer Meiſter einen ſolchen Stoff für ſeinen Pinſel wählen mochte. Soll ſich die Kunſt nicht die Aufgabe ſtellen, das mora⸗ liſch Gute zu verherrlichen? und welchen guten, welchen veredelnden Eindruck können wohl Gemälde, wie dieſe, zu Stande bringen? ſind ſie nicht vielmehr ſittenverderbend?“ Graf Alarich lächelte gedankenvoll.„Die Griechen,“ ſagt er,„hatten eine tiefe und lebendige Anſchauung vom Verhältniß der Gottheit zur Natur. Sie betrach⸗ teten es als das Weſen derſelben, ſich der ganzen Schöpfung einzuverleiben und in alle ihre einzelnen Formen Leben einzugießen. Dieſe Anſchauung iſt es, die in ihrer Mythologie hervortritt, die ſich in der bildenden Kunſt verſinnlicht, für welche dieſelbe eine ſo reiche Quelle iſt. Mit ihrem Wirken auf die Phan⸗ taſie hat wohl auch die Blüthezeit der Kunſt aufgehört.“ Angelika zuckte zuſammen; ſie ſah auf, ihre dun⸗ keln Augen blitzten. Nach kurzer Unterbrechung fuhr ſie in ihrer Zeichnung fort. „Der Buchſtabe tödtet, aber der Geiſt macht leben⸗ dig,“ ſagte die Gräfin Auguſte.„Wir ſehen jetzt bloß den erſteren, ohne den letzteren zu erfaſſen, und dadurch laſſen wir uns zu ſchiefen Urtheilen verleiten.“ Dieſe Worte hätten Anklang gefunden, wenn ſie mit weniger Härte ausgeſprochen worden wären. „Griechenland, o Griechenland!“ rief ein kleiner Herr mit großen Adelsepauletten—„das war die Welt für Poeſie und Kunſt, für alles Schöne und Göttliche! Seine Zeit iſt vergangen, um nie wiederzukehren. Wie ſchön ſagt dieß nicht Schiller in ſeinem Gedicht:„Die Götter Griechenlands.“ Ich hatte ihn gleich beim Anfang des Geſprächs in einem Bande von Schillers Werken leſen ſehen, der auf ächs in er auf 23 dem Tiſche lag, und jetzt las er die Götter Griechenlands vor. Man hörte ihm mit Vergnügen zu, denn er las gut, obſchon etwas affektirt, und die Worte des großen Dich⸗ ters konnten in keinem Falle ihren Eindruck verfehl'n. „Wie ſchön, wie vortrefflich iſt nicht der Ausdruck: die entgötterte Natur!“ rief der kleine Mann mit den Epauletten, nachdem er aufgehört zu leſen.—„Wie treffend bezeichnet dieß nicht unſere jetzige Naturwelt! In den ſchönen Zeiten der Mythologie da lebte Alles, da ſah man in jeder Quelle eine Najade, unter der Rinde des Lorbeerbaums ſchlug Daphnes Herz, Tantals Tochter barg ſich im Steine, der Bach ſchwoll von Demeters Thränen. In jedem Baum weilte eine Dryas, Genien lächelten aus den Blumenkelchen, Alles, Alles ſprach von einem Götterweſen.“ Nachdem er uns auf dieſe Art in Proſa ein Ragout von den Göttern Griechenlands gegeben, fuhr er fort: „Und jetzt, meine gnädigſten Herrſchaften, wem fällt es in unſern aufgeklärten Zeiten jetzt ein, in einem Stein etwas anderes, als einen Stein, in einer Quelle etwas anderes, als ein gutes Trink⸗ oder Kochwaſſer zu erblicken? Das Schöne an einem Baum iſt heutzu⸗ tage, daß er Holz gibt, um den Ofen zu heizen, und an die Blumen denkt man nur dann mit Vergnügen, wenn man ſie in Branntwein legen kann, um Bulen, Schram⸗ men, ja wohl gar das Fieber damit zu kuriren.“ „Laſſen Sie das nur gut ſein,“ ſagte Fräulein Mar⸗ garethe herzlich lachend.„Der Maiblümchen⸗Branntwein iſt ganz köſtlich und hat mich erſt neulich von einer Wunde kurirt.“ Dabei zeigte ſie eine kleine Narbe an ihrer flei⸗ ſchigen, etwas großen, aber vollkommen ſchön geformten Hand. Die Geſellſchaft lachte. Graf Alarich lächelte wieder gedankenvoll und ſah Angelika an, die aufgeſtanden war und auf ihrem Geſichte eine ſeltſame Bewegung beur⸗ kunbete.„St!“ ſagte er, denn ſie ſchien reden zu wollen. Die Blicke der Geſellſchaft folgten unwillkürlich den ſei⸗ nigen. Angelika's große Augen funkelten, während ſie vor 24 ſich hinblickte, als ſuchte ſie ein tiefes Geheimniß zu durchſchauen. Sie erbleichte, und ein leichter Schauer durchzuckte ihre Glieder; endlich ſah ſie frei und klar zu den Umſtehenden auf und ſagte mit einer wunderbar hellen und durchdringenden Stimme: „Und ſollte wirklich dieſe Götterwelt aus der Natur verſchwunden ſein? Beweiſen nicht gerade dieſe wohl⸗ thuenden Kräfte, welche in ihren Erzeugniſſen verbor⸗ gen liegen, daß die Gottheit noch immer da iſt und wie früher zu den Menſchen ſpricht, wenn ſie auch zu⸗ weilen die Schönheit ihrer Gaben über dem Nutzen vergeſſen, den ſie aus ihnen ſchöpfen?“ 1 Graf Alarich blickte ſie mit einem Lächeln voller Befriedigung an, der Mann mit den Epauletten gaffte verwundert, und Angelika fuhr mit einer begeiſterungs⸗ vollen Ruhe fort! „Die Gottheit gibt ſich ihrer Schöpfung, ſie ver⸗ leibt ſich derſelben ein... o das muß eine ewige Wahr⸗ heit ſein. Iſt Jemand unter uns, der Gott nicht in der Natur erkennt, der nicht in ihr ſein Werk geleſen hat? Aber in der chriſtlichen Offenbarung gibt ſich Golt anders zu erkennen, als in der griechiſchen Mythologie, Gleichwie er ſich der Gemeinde durch das Wort, ſo gibt er ſich der Natur durch die Sonne, und Menſchen und Blumen trinken aus demſelben Liebesborn..“ Angelika ſchwieg und ſchien nachzuſinnen; ſodann fuhr ſie mit einem ſtrahlenden Lächeln fort: „Wenn die Sonne am Himmel mit ihrer Wärme und ihrem Licht die Pflanzen ſpeist, ſegnet und ihnen das Abendmahl gibt(denn was die Sonne nicht ſegnet und heiligt, das hat keine Kraft), da ſagt ſie zu ihnen; Nehmet hin und eſſet, das bin ich! Aber ſie zertheilt ſich nicht in dieſe unzähligen Hoſtien, ſondern bleibt am Himmel dieſelbe.*) Dieſer Gebanke gehört Franz Baader. Siehe vierziz Sätze aus einer religiöſen Erotik. Anm. d. verß n voller n gaffte erungs⸗ ſie ver⸗ e Wahr⸗ nicht in geleſen ſodann Wärme d ihnen t ſegnet ihnen: ßertheilt n bleibt e vierzig Verf⸗ 25 Angelika's Augen ſtrahlten bei dieſen Worten von überirdiſcher Wonne. Graf Alarich nahm ihre Hand und drückte ſie. Hugo L. lächelte geringſchätzig. „Charmant!“ ſagte Se. Excellenz mit halb unter⸗ vrücktem Gähnen,„recht hübſche Gedanken!“ Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Geſellſchaft. „Schön,“ ſagten Einige.„Schrecklich überſpannt,“ meinten Andere,„ſchrecklich exaltirt.“ Die Gräfin M., die Angelika gegenüber am Tiſche ſtand, beugte ſich gegen ſie hinüber und reichte ihr die Hand: Thränen glänzten in ihren ſchönen Augen, indein ſie warm und lebhaft ſagte:„Vielen Dank!“ Fräulein Margarethe dagegen betrachtete das junge Mädchen unverwandt mit ſcharfen Forſchersblicken. In Adelaidens Augen ſtand eine Thräne, und eine augenblickliche Bläſſe hatte die Roſen auf ihren Wan⸗ gen verjagt. Die Zeichnung ihres Porträts war jetzt vollendet und in Graf Alarichs Hand. Er betrachtete es mit ungeheucheltem Vergnügen. „Sie haben nichts in dem Album gezeichnet, das ich ſo eben ſah,“ ſagte er zu Angelika. „Doch,“ antwortete ſie,„aber vor drei Jahren; ich war damals noch ein Kind, meine Seele lag noch in den Windeln.“ „Warum es aber dann mitnehmen? warum es zeigen?“ „Die Frau von Palmin...“ ſagte Angelika er⸗ röthend. Graf Alarich zuckte die Achſeln.„Das iſt vortreff⸗ lich,“ ſagte er, indem er die Zeichunng mit dem Ori⸗ ginal verglich, das jetzt ſchnell ſeine ſchönen Farben wieder bekam:„es iſt ähnlich und dabei mit Freiheit und Leichtigkeit gezeichnet.“ Adelaide nickte Angelika freudig zu. In dieſem Augenblick wurde das Souper angeſagt. Ich war ſo glücklich, als Tiſchnachbar den Herrn zu bekommen, der mit dem Grafen Alarich näher bekannt zu ſein ſchien, — 26 und hoffte, von ihm etwas Weiteres über dieſe ausge⸗ zeichnete Perſönlichkeit zu erfahren. Ich betrog mich auch nicht. Freundlich und offen beantwortete er meine Fragen. „Graf Alarich W.,“ ſagte er,„iſt einer von den vortrefflichſten und ausgezeichnetſten Menſchen, die ich kenne. Er hat im deutſchen Feldzug mit ausgezeichneter Tapferkeit gedient. Als Schweden Frieden ſchloß, nahm er ſeinen Abſchied und zog ſich ganz und gar aus der Welt zurück. Seitdem lebt er einſam der Wiſſenſchaft und Philoſophie auf einem alten Familiengute, das er verfallen und verſchuldet übernahm.— Brennen Sie ſich nicht am Bouillon, ah, ich ſehe, Sie haben kalte Milch.— Um wirklich bedürftige Gläubiger zu bezah⸗ len, verkaufte er Alles, was er an Koſtbarkeiten von ſeinen Eltern ererbt hatte, und lebte viele Jahre höchſt eingezogen, ja, ich glaube ſogar, arm. Jetzt hat er ſein Gut wieder aufgebeſſert, das jedoch nicht eben groß iſt und ihn zu keinem Cröſus macht.— Ah, Auſtern, Auſtern, Gott Lob und Dank, und die leckerſten Haſel⸗ hühner! Dieſes Gedämpfte iſt die Krone der Wirthin.— Jetzt, ſagt man, ſei er wieder in der Welt erſchienen, um ſich nach einer reichen Partie umzuſehen— allein ich glaube das nicht.“ „Und warum nicht?“ fragte ich. „Madeira oder Portwein, meine Gnädigſte?“ „Er iſt nicht der Mann dazu,“ antwortete mein Nachbar, indem er ſein Glas füllte—„nicht, als ob ich es im Mindeſten unrecht fände, Geld und eine Frau zugleich zu ſuchen— ich gehe ſelbſt auf das Nämliche aus— allein Alarich hat ſeine eigenen Ideen. Er iſt ein außergewöhnlicher, vortrefflicher Mann, eine wahre Löwennatur, und ich habe nichts an ihm auszuſetzen, als daß er gar zu eigenſinnig, ſtarrköpfig und gegen die Schwachheiten Anderer unnachſichtig ſtreng, ja ſogar hart iſt.— Eier mit Champignons, etwas matt!— Er glaubt, daß ein auf feſte Grundſätze geankerter Wille das ganze Leben beherrſchen könne, und zwar das hoöchſte ſowoh Schw Unrec nicht für 2. ſchon und h komm kate L diges ſchein haben Gelie Dutze ob er Bisch möcht ter de Nun auch Frau, Hecht ſprich hinbe fort. Brud wir u 7 ausge ſowohl als das niederſte. Er iſt ſich ſelbſt keiner ich auch Schwachheit, keines Schwankens zwiſchen Recht und Fragen. Unrecht bewußt, deßwegen kann er es auch bei Andern von den nicht verzeihen.“ die ich„Iſt es denn immer ſo leicht,“ fragte ich,„beſonders eichneter für Andere zu beſtimmen, was Recht oder Unrecht iſt?“ ß, nahm„Da fragen Sie nur Alarich. Er wird es Ihnen aus der ſchon ſagen. Ich glaube, um das, was gar zu ſchroff ſſenſchaft und hart an ihm iſt, zu mildern und ihn wirklich voll⸗ das er kommen zu machen, fehlt ihm blos Eines..— deli⸗ en Sie kate Lammskotteletts mitgrünen Erbſen, meine Gnädigſte.“ ben kalte„Delikat! und dieß Eine wäre—“ u bezah⸗„Daß er liebte, und zwar ein ſanftes, liebenswür⸗ iten von diges Weib liebte.“ e höchſt„Hat er nie geliebt?“ t er ſein„Nein. Ein Unglück, das ſeinem Bruder widerfuhr, groß iſt ſcheint ihn bisher von Liebe und Ehe zurückgeſchreckt zu Auſtern, haben. Er wolle,“ ſagte er,„die Wiſſenſchaſt zu ſeiner Haſel⸗ Geliebten und Frau machen. Jetzt hat er beinahe ein rthin.— Dutzend Jahre téte-à-téte mit ihr gelebt, und Gott weiß, ſchienen, ob er nicht angefangen hat, ſie etwas langweilig, ein — allein Bischen froſtig zu ſinden, was ich beinahe vermuthen möchte. Man ſagt, er werde ſich jetzt mit der Stieftoch⸗ ter des Präfidenten, der Gräfin Auguſte U., vermählen. 2 Nun— ſie iſt ſchön, ungeheuer reich, und würde ihn ete meinz auch wohl nicht haſſen;— allein ich wüßte ihm eine als ohſ Frau, die weit beſſer für ihn taugen würde.— Kalter ine Frau! Hecht mit Krebsſchwänzen etwas verſalzen ei, ei.“ tämliche„Und die wäre?“ Er iſt„Der gute, ſchöne Engel dort, mit dem er eben e wahrt ſpricht.“ zuſetzen Ich ſah Graf Alarich ſich über Adelaidens Stuhl d gegen hinbeugen; ſie lachten Beide. ja ſogar„Bei Gott, ein ſchönes Paar,“ fuhr mein Nachbar natt!— fort.„Und ſehen Sie, wie luſtig! ich habe ihn ſeit ſeines er Wille Bruders Tode nie ſo herzlich lachen geſehen. Jetzt wollen höchſe wir uns aber auch einmal nach den übrigen lieben Leut⸗ Wm 28 chen am Tiſche umſchauen. Welcher Luxus in den Klei⸗ dern und Speiſen, meine Gnädigſte!— Unſere Finam von jet zen müſſen verderben— wir müſſen ſammt und ſonderz der näc ruinirt werden. Ei, ſieh da! Auſtern mit Hühnern ein—“ zum zweiten, dritten und vierten Mal willkommen, ihl ich dan Auſtern! Man kann ohne Auſtern nicht leben! Sehei Abend Sie das junge Mädchen dort, 1 e „Mit Fingern weiß zum Verblenden jini Einen Flügel vom Hühnlein ſie bricht.“ den Ho mit dem bleichen, feinen Geſichte, worauf ſich Lebhaftig⸗ ei, ei, keit und Güte zugleich malen, wie ſie mit inniger Be⸗ ſchütz wunderung die ſchöne Adelaide betrachtet. Glauben mir Si Sie wohl, daß Glück und Menſchen Alles gethan haben munter um ſie zu verderben, und daß es ihnen nicht gelungen eſſen; iſt? Sie vergißt ſtets ſich ſelbſt über Andere. Der jung tiſche ſi Herr, der hinter ihrem Stuhle ſteht, ſcheint eine ſeht was ur gute Meinung von ihr zu haben.“ wegnim „Haben Sie nicht ſchon bemerkt,“ fragte ich,„daß ſie ſich die gegenſeitige Mißgunſt, welche man den Frauenzin gackern mern ſo oft und viel vorgeworfen hat, hauptſächlich bi den Au der jüngeren Generation ganz aus dem Geſellſchafté Vortref leben verſchwunven zu ſein ſcheint? Sie ſind jetzt wirt lich die erſten, die den Höherbegabten unter ihnen den Tribut herzlicher Bewunderung darbringen. Die Lili 6 und die Roſe ſtreiten nicht mehr, ſondern huldigen ein meine( ander und gewinnen dadurch an Schönheit; die Veil⸗ chen duften anſpruchslos zu ihren Fußen und blicke und ver freundlich huldigend empor.“ „Ja, gewiß, es iſt keine Frage, die Welt wird von Tag zu Tag moraliſcher. Ei der tauſend! Tante Gunille mit einem Turban, wie ihn Mahomed nicht prächtige haben konnte. Vor zwanzig Jahren ein zartes Mädchen das ſich von Morgenthau und Peterſilien nährte, jetzt ein große Frau.. iſt es nicht wunderlich, daß man eine große Frau in einem ganz andern Sinne ſagt, als ein großer Mann?— ſie ißt mit ſcharfer Kennerzunge en Klei⸗ Finan⸗ ſondert ühnern nen, iht Sehen bhaftig⸗ ger Be⸗ Glauben nhaben gelunger er jungi ine ſeht ch,„daf uenzim blich be lſchafts⸗ tzt wirk nen den ie Lilit gen ein⸗ ie Veil⸗ blicken vird von Gunille rächtige Nädchen, jetzt ein aß man ſagt, als nerzung 29 von jedem Gerichte und denkt dabei an ihr Souper in der nächſten Woche. Ich hoffe, fſie ladet mich auch dazu ein— Pudding? nein, das iſt nicht meine Liebhaberei, ich danke!— Die Frau von B. iſt ganz charmant heute Abend und ihr Mann, wie gewöhnlich, eiferſüchtig auf den kleinen blonden Herrn dort, der gewiß nie an etwas Böſes gedacht hat, aber ihm nun einmal in den Tod zuwider iſt. Sehen Sie das Brautpaar dort, welches den Honigmonat vor die Hochzeit verſetzt hat. Hm!... ei, ei, dort rennen zwei Bediente an einander! Gott be⸗ ſchütze den Braten! Um die junge Frau da ſcheint es mir Sünde und Schade zu ſein; ſie gibt ſich alle Mühe, munter zu erſcheinen, bleibt aber bleich und kann nichts eſſen;— das kommt daher, weil ihr Mann am Spiel⸗ tiſche ſitzt und ihren Kindern oder denen anderer Leute, was um kein Haar beſſer iſt, das Brod vom Munde wegnimmt. Nein, ſehen Sie nur die Fräulein Tr., wie ſie ſich den welſchen Hahn ſchmecken laſſen und dazu gackern und ſchnattern, und ihr Vater, wie er ſie mit den Augen verſchlingt und auf der ganzen Welt nichts Vortrefflicheres erblicken kann, als ſeine Töchter. Sie ſind merkwürdig, merkwürdig, ſagt er. Da iſt Alles merkwürdig.. eine glückliche Familie! Sie trinken doch wohl ein Glas Biſchof? Da haben wir einen Aetna, meine Gnädigſte.. bewundern Sie in dieſer Eistorte die Macht der Kunſt. Kaltes und Warmes zu vereinigen und vermittelſt des Angenehmen den Appetit zu zerſtören, der hauptſächlich aus der Geſundheit entſprinat. Sehen Sie, wie ängſtlich die Mama dort ihrem Töchterchen zuwinkt, nichts mehr zu eſſen, und wie freundlich dieſe den Löffel weglegt, der bereits auf der Reiſe zum Munde begriffen war. Ein ſolches Töchterlein wäre etwas für mich. Wir haben eine recht hübſche Menſchenſammlung hier.. hören Sie nur, welches Geſauſe und Gebrauſe, gerade wie in einem Bienenkorb, wenn die Thierchen ſchwärmen wollen. Es iſt doch wunderbar, daß die Leute ſo unaufhörlich plappern können. Die Frauenzimmer 4— 30 kleiden ſich gegenwärtig in der That recht gut— eim Eleganz ohne Flitter, ein angenehmes Geraderecht, außer was die Aermel betrifft, denn dieſe ſind ſowohl meinen Augen als meinen Schultern ein Greuel. Sehen Sie nur, die Köpfe der jungen Mädchen, wie hübſch mit ihrem einfach gemachten Haare!— Bei Gott, ſe ſind ſehr ſchön. Darf ich Ihnen mit ein wenig Gelée aufwarten? Das Backwerk, das Backwerk iſt gewiß von Behrends. Wirklich ein feines Souper— ich bin recht wohl zufrieden. Schöne Pfirſiche! was be⸗ fehlen Sie? wie?— Sie eſſen lieber Renetten? es iſ nur gut, daß nicht alle Leute den gleichen Geſchmal haben. Wundern Sie ſich nicht, daß ich ſo viel Confekl nehme. Es iſt füͤr meine armen Kinderchen, die ich in zehn Jahren zu bekommen hoffe. In unſern Zeiten kann man nicht genug für die Zukunft ſorgen.“ Das Souper war zu Ende und wir ſtanden vom Tiſche auf. Ich wünſche nur, daß alle Gaſte eben ſo gut traktirt worden ſind, als ich. Leſer, Stockholmer, Du biſt ſchon bei Soupers geweſen und weißt daher, daß nach Tiſch die Geſellſchaft keine Ruhe mehr hat, daß ſie ſich nicht mehr ſitzt, ſondern ſich in kleine Grup⸗ pen theilt, welche daſtehen und plaudern, bis die Wagen kommen und die Abſchiedsſtunde ſchlägt. Du kannſt mich daher ohne Furcht, in gar zu lange Geſpräche verwickelt zu werden, auf einem kleinen Streifzug un dieſe Blumengruppe herum begleiten, und wo wir ein Tröpfchen Weisheit oder Fröhlichkeit, irgend etwas von des Lebens Honigthau verſpüren, da laß uns Halt machen und ihn einſaugen. Was mag wohl der gute Herr dort ſo Angelegentliches mit dieſen Damen zu ſprechen haben? Laß uns lanſchen. „Aufopferung, Selbſtverleugnung! leere Worte! es gibt keine Selbſtverleugnung! Alles, was der Menſch thut und läßt, thut und läßt er aus Eigennutz. Ja, die höchſte, die chriſtlichſte Tugend iſt nichts Anderes, als wohlberechneter Eigenuutz: freudig Tone ir „N So Beweiſe — ein derecht, ſowohl Sehen übſch ott, ſie Gelse gewiß ich bin was be⸗ ? es iſ ſchmac Confekl e ich in en kann en m eben ſo holmer, tdaher, hr hat, eGrup⸗ Wagen kannſt eſpräche zug un wir ein vas von 3 Halt er gute men zu orte! es Menſch Ja, die res, als 31 „Ein Jude iſt der Glaube, Er ſetzt Minuten ein und nimmt die Ewigkeit zum Raube.“ Die Triebfeder aller unſerer Handlungen, der guten ſowohl als der ſchlechteſten, iſt der Eigennutz.“ Ein Frauenzimmer, deren Geſicht ſich durch nichts Anderes, als durch blaſſe Farbe und einen darüber ſchwebenden Ausvruck von beinahe heiliger Ruhe aus⸗ zeichnete, welche beſonders aus ihren ſanften, hellbrau⸗ nen Augen hervorſtrahlte, ſagte mild lächelnd: „Man hört wohl, daß Sie nie geliebt haben.“ „Und was,“ antwortete ihr Gegenpart eifrig,„was iſt Liebe, was iſt Freundſchaft anders, als eigennützige Leidenſchaften? wir lieben einen Gegenſtand, weil er uns behagt, weil er uns Genuß gewährt, und weil wir von ſeiner Zärtlichkeit und Ergebenheit eine Vermeh⸗ rung der Materialien zu unſerem Glücke erwarten.“ Das bleiche Frauenzimmer ſchwieg einen Augen⸗ blick mit niedergeſchlagenen Augen, als ſchaute ſie prü⸗ fend in ihr Herz, dann erhob ſie ſie wieder feucht, aber freudig, und wiederholte flüchtig erröthend mit einem Tone innerer Gewißheit: „Nein, Sie haben nie geliebt.“ Sodann antwortete ſie nichts mehr auf die Menge Beweiſe für die Herrſchaft des Eigennutzes in der Welt, die ihr noch vorgelegt wurden. Im Kabinet haben ſich einige junge Damen zuſam⸗ meng⸗funden. Die junge, wohlbeleibte, reichgekleidete Gräfin L. wirft ſich nachläſſig und behaglich in einen Emma. Die junge Madame J. ſteht vor dem Trumeau und ordnet ihre Locken. Gräfin L.:„Welche Hitze! ich vergehe! es iſt doch etwas Göttliches um einen Emma! ohne einen Emma möchte ich gar nicht leben. Ich bekomme bald einen von rother Seide mit Franſen. Haſtdu einen Emma, Sophie?“ Madame J.:„Nein ich bin arm, ich„ 32 und ein Lächeln mit dem Ausdruck der Glückſelig⸗ keit, welche der beſte Reichthum des Lebens iſt, über⸗ goß ihr Cherubsgeſicht mit bezauberndem Glanze. Se. Ercellenz, der edle und geiſtreiche W. r, er⸗ zählt Fräulein Margarethe eine Anekdote. Gutmüthig⸗ keit, bloß einfache, anſpruchsloſe Gutmüthigkeit iſt es, was ſeine Erzählung bezeichnet, Fräulein Margarethe hört ihm mit Aufmerkſamkeit und Vergnügen zu; als der Redner geendet hat, ſagt ſie mit Feinheit und Anmuth; „Wenn der Geiſt und Witz immer vor der Gut⸗ müthigkeit Schildwache ſtände, ſo würde man ſie auch neunen, was ſie iſt.. eine Excellenz!“ und ſie neigte ihr Haupt leicht vor dem edeln Erzähler. Wir halten hier inne, geneigter Leſer, denn die Wagen rollen, die Damen verneigen, die Herren ver⸗ beugen ſich; es iſt Zeit, daß man ſich trennt. In dem Zimmer, wo man die Mäntel umhing, ſah ich, wie die Gräfin Natalie ſchnell auf Angelika zuging, ihre weißen Hände unter der Hermelinverbrämung her⸗ vorſtreckte und das Mädchen erfaßte.„Wir müſſen uns wieder treffen,“ ſagte ſie, kommen Sie morgen zu mir, damit wir mit einander ſprechen können.“ „Ich gehe nicht aus,“ erwiederte Angelika mit einigem Stolz:„Ich habe keine Zeit.“ Gräfin Natalie führte ſie etwas bei Seite und ſagte „In zwei Tagen ziehe ich auf's Land zu meinem Ver⸗ wandten, Sr. Excellenz G., unſerem heutigen Wirthe. Darf ich Sie dahin mitnehmenk Er hat ſchöne Kunſt⸗ ſammlungen... nun, werden Sie bald ja ſagen?“ Angelika betrachtete die anmuthige Gräfin unſchlüſſig und kalt.„Mein Vater...“ ſagte ſie zögernd,„meine eit „Aha, Schwierigkeiten! um ſo beſſer! ich ſchlage mich gerne damit herum. Ich muß Sie alſo erobern! Erwarten Sie mich jedenfalls morgen.“ Und fort war ſie. ing, ſah zuging, ing her⸗ ſſen uns zu mir, ika mit id ſagte: em Ver⸗ Wirthe. e Kunſt⸗ en ſchlüſſg „meine ſchlage erobern! war ſie. 33 „Hat Angelika auch ihren Allputs?“ fragte die Frau von Palmin unruhvoll, als ſie in den Wagen ſtieg.„Denken Sie nur, wenn er auf die Straße ſiele!“ „Amen, möge es geſchehen!“ ſagte Fräulein Mar⸗ garethe, indem ſie ſich gähnend in die Wagenecke drückte. Mein erſtes Wort, als wir nach Hauſe kamen, war, wer der liebe Otto ſey. „Otto!“ rief Adelaide,„der junge Otto, mein Vetter und mein Bräutigam!“ „Bräutigam?“ wiederholte ich verwundert. „Ja, früher. Wir ſind mit einander aufgewachſen und haben als Kinder mit einander Braut und Bräu⸗ tigam geſpielt!“ „Aus dem Spiel kann Ernſt werden,“ ſagte der Präſident bedeutungsvoll. Adelaide antwortete nichts, aber ſie biß ſich in ihre Unterlippe, die wie eine Kirſche eben ſo trotzig als ſchön anſchwoll. Die arme Edla kam ſo ſchweigſam und verdrießlich nach Hauſe zurück, wie ſie weggefahren war. Ich hatte den ganzen Abend auch nicht einen fröhlichen oder freundlichen Ausdruck in ihrem Geſichte geſehen. Tags darauf ließ mich der Präſident nach dreiſtün⸗ diger Unterweiſung in den Erziehungsgrundſätzen ſeiner ſeligen Friederike, die ich auf's Neue mit einer Art Erbauung anhörte, einen Blick in die Angelegenheiten ſeiner Familie werfen. „Wir müſſen,“ ſagte er,„den Grafen Alarich in unſer Haus ziehen und es ihm angenehm zu machen ſuchen. Auguſte wird oft hier ſein. Sie iſt noch zu jung, um Herrenbeſuche allein bei ſich empfangen zu können, und ich wünſchte ſehr, daß eine Verbindung zwiſchen ihr und dem Grafen W. zu Stande käme. Dieſe wäre in jeder Beziehung paſſend, und ich glaube auch, daß auf beiden Seiten Neigung vorhanden iſt. Sein Charakter iſt eben ſo ausgezeichnet wie ſein Name und Bremer, Töchter d. Präſidenten. 3 ——— 34 Rang, und ſein geringes Vermögen macht kein Hinder⸗ niß, denn das ihre iſt ſehr bedeutend.“ „Adelaide wird wohl in Kurzem Baronin G. Otto und ſie taugen vortrefflich zuſammen. Adelaide braucht einen reichen Mann, denn ſie trägt Verlangen nach Pracht und Vergnügungen, wozu ſie auch durch ihre Schönheit und ihre Stellung in der Welt berechtigt iſt. In einem engen Kreiſe und mit geringem Vermö⸗ gen würde ſie ſich durchaus unglücklich fühlen. Indeſſen will ich die Sache nicht über's Knie abbrechen, ſo etwas fügt ſich am beſten von ſelbſt.“ „Ich bin ein Freund von ſanften Maßregeln, Mam⸗ ſell Rönnqviſt. Mit Geduld und ein Bischen diploma⸗ tiſcher Feinheit kann man überzeugt ſein, Menſchen und Dinge am ſicherſten zum gewünſchten Ziel zu führen. Mein Schwager und ich ſind Nachbarn auf dem Lande— im Sommer kommen wir oft zu einander,— die jungen Leute pflücken Blumen zuſammen, eſſen zuſammen Erd⸗ beeren, hören die Grasmuͤcke und den Kukuk im Herbſte, denke ich, haben wir Hochzeit. Inzwiſchen ſehe ich es gerne, daß Adelaide meine Schwägerin in die große Welt begleitet, ſo oft ſie ihre Geſellſchaft wünſcht.“ Der Präſident verkündigte mir auch, in zwei Tagen ſei der Geburtstag der Baronin G. und auf ihrem Landſitze, eine Meile von der Stadt, ſolle ein Feſt ge⸗ feiert werden. Zugleich machte er mir den Vorſchlag, ſeine Töchter dahin zu begleiten, was ich mit Vergni⸗ gen einging. Wir reisten zur beſtimmten Zeit ab. Adelaide war ſo fröhlich, ſo liebenswürdig, ſo zärtlich gegen Edla, daß auch ſie dem Einfluß dieſer jungen Lenzſonne nicht widerſtehen konnte. Sie war während der Reiſe in dem ſchönen, klaren Herbſtwetter vergnügter und freund⸗ licher, als ich ſie je geſehen hatte. In dem prachtvollen Schloſſe angelangt, wurden wir auf der Treppe von Sr. Exeellenz und von Otto empfan⸗ gen, der außer ſich vor Entzücken vor Adelaide auf die 35 Kniee ſiel. Nachdem wir in den für uns in Bereitſchaft gehaltenen Zimmern unſere Toilette geordnet, wurden Otto wir von der Baronin in das Bibliothekzimmer geführt, braucht wo die Geſellſchaft zum Thee verſammelt war. Dort n nach wandelten, von Büchern, Blumen und Gemälden um⸗ ch ihre geben, Gräfin Auguſte und Graf Alarich ſprechend mit rechtigt einander auf und ab. Der Präſident beeilte ſich, ſeiner Vermö hewunderten Gräfin M. die Aufwartung zu machen, die ndeſſen indeß ſeine Artigkeiten zerſtreut anhörte. Fräulein Mar⸗ etwas garethe ſaß halb liegend in einer Sophaecke, beſah ihre ſchönen Nägel und warf von Zeit zu Zeit aus ihren Mam⸗ ſchwarzen Augen prüfende Blicke auf die Perſonen im ploma⸗ Zimmer. Schweigſam, aber mit lächelndem Munde en und und begeiſtertem Blicke ſchwebte Angelika mit der Leich⸗ führen. tigkeit einer Sylphide von Kunſtwerk zu Kunſtwerk. ande— Und der Geburtstag kam und mit ihm eine Menge jungen Nachbarn und Gratulakionen und Verſe und Ball und. n Erd⸗ Illumination! Allein ich habe keine Luſt, von Geburts⸗“ im tagen, von platten Verſen, von langweiligen Gäſten, hen ſe von ermüdenden Vergnügungen und erlöſchenden Lam⸗ in die pen zu ſprechen; es gelüſtet mich, meine Fittiche(das ünſcht“ heißt die Gänſefeder) zu höherem Schwung zu entfalten i Tagen und ein wenig zu reden vom ihrem Feſt ge⸗ Genie. rſchlag, sergnü⸗ „Dieſe göttliche Gabe um ſein reines Ohr, ide war in welches der Himmel ſeine Wunder aus⸗ Edl ſpricht, um ſeine freie melodiſche Zunge, welche a, dieſelben ohne Anſtrengung mit natürlicher e nicht Leichtigkeit zum Veſten der Welt wieber Löt“ eiſe in Aus einem Brief von B. freund⸗ An die Bibliothek ſtieß eine Rotunde, in welcher die Statuen und Büſten großer Geiſter und Künfiler den wir aufgeſtellt waren. Hier war es, wo Angelika ihre Stun⸗ mpfan⸗ den zubrachte, ſo oft ſie ſich von der Geſellſchaft los⸗ auf die machen konnte. Die Baronin, welche die Talente des Mädchens zum Vergnügen ihrer Gäſte auszubeuten wünſchte, machte ihr den Vorſchlag, einen um den andern zu zeichnen, was ja auch für die junge Künſtlerin nur ein Vergnügen und eine gute Uebung ſein könne. Angelika willfahrte ihr kalt, warf mit unglaublicher Geſchwindigkeit eine Menge ſchöner Porträts hin, nahm aber alles Lob, alle Schmeicheleien und Liebkoſungen mit der vollkommenſten Gleichgültigkeit entgegen. Es war dieß nicht Unfreund⸗ lichkeit, nicht Stolz, nicht Verachtung! ſie war mild und ruhig, aber ganz und gar gleichgültig, und ſo oft ſie konnte, ſtahl ſie ſich von ihrer Umgebung weg in die Rotunde. Ganze Stunden brachte ſie hier in Betrach⸗ tung dieſer Marmorſtatuen zu, worin Genie das Genie verewigt hatte. Zuweilen las ſie, umgeben von dieſen edlen Todten, welche, ſtill wie das Grab, gleichwohl von den tiefſten Geheimniſſen des Lebens ſprachen; noch öfters beſchäftigte ſie ſich damit, ſie abzuzeichnen, und wenn ſie mit ihrem Blei und Skizzenbuch in der Hand da ſaß, ſo konnte das Zimmer voll von Leuten ſein, es konnte um ſie her geſprochen werden, was da wollte, ſie wußte nichts davon. Ein Bild, eine Idee, welche in Angelika's Zeichnung, ſowie in ihren größern Gemälden beſtändig wiederkehrte, war das Bild und die Idee eines Engels; es ſchien, als ſchwebte ihrer Phan⸗ taſie eine überirdiſche Schönheit und Heiligkeit vor, und ſie ſuchte ihre Anſchauung auszuſprechen. Es ſchien in ihr ein unaufhörliches Streben zur Verwirklichung eines Ideals zu liegen. In ihren Compoſitionen waren oft große Fehler, namentlich in der Zeichnung der Figuren; aber mehr Ausdruck, mehr Schönheit in den Blicken und in dem Lächeln, überhaupt mehr Leben würde man vielleicht ſelbſt bei den größten Künſtlern vergebens ſuchen. Graf Alarich mußte dieß zugeben und auf Ade⸗ laidens Verlangen eine Spur dieſes Lebens auch in dem unglücklichen Allputs erkennen, das er im Anfang ſo verachtungsvoll verworfen hatte. dieſen chwohl rachen; ichnen, in der Leuten was da e Idee, größern und die Phan⸗ or, und chien in ig eines ren oft iguren; Blicken de man rgebens uf Ade⸗ in dem fang ſo 37 Angelika war ein durchaus außergewöhnliches Weſen. Schweigſam, tieffinnig und verſchloſſen ſchien ſie ganz und gar Auge und Ohr nur für das innere Leben zu ſein. Es koſtete ſie Mühe, ſich in Worten zu äußern; wenn irgend ein Gefühl, irgend ein Gedanke ſie mächtig erfaßt hatte, that ſie es zuweilen, wie von einem Geiſte gekrieben, deſſen Macht ſie nicht widerſtehen konnte; aber in ſolchen Augen⸗ blicken war ihr ganzes Weſen erſchüttert; ſie erblaßte, und was ſie ſprach, trug den Stempel tiefer Begeiſterung. Nach ſolchen Momenten brach ſie nicht ſelten in Thränen aus, war unruhig und ermattet. Dann ſah ſie gerne Ade⸗ laide um ſich, und wenn ſie ihre Schönheit, den Aus⸗ druck der Freudigkeit und Güte auf ihrem jungen Geſichte betrachtete, da wurde ſie wieder beruhigt und geſtärkt. Eines Abends ſaß ſie in der Rotunde zu Linné's Füßen und las mit einer Aufmerkſamkeit, welche be⸗ wies, daß ſie Leben aus dem Buche ſog. Eine in daſſelbe Geſchäft vertiefte Motte ſaß mitſtaubigen Flügeln auf der Kante des Blattes und arbeitete an Plato's Republik. Sokrates grinste von ſeinem Piedeſtal darü⸗ ber hin, und Hebe lächelte ſtill und ſorglos daneben. Eine glühende Abendröthe verklärte Angelika's Geſicht, ſo wie die Worte in dem Buch, auf welchem ihre Augen flammend und gedankenvoll weilten. Sokrates ſucht ſeine Schüler der Anſchauung des Guten näher zu führen, und Adeimantos ſagt: „Du nennſt es doch nicht Luſt?“ Sokrates antwortet: „Verſündige dich nicht, ſondern betrachte das Ab⸗ bild derſelben noch genauer.“ Wunderliche Gedanken ſtiegen hiebei in Angelika's Seele auf, Ahnungen, welche ſie nicht zu deuten ver⸗ mochte. Sie ſah auf zu den marmornen Weiſen um ſie her, aber ſie kamen ihr jetzt bleich und ſtumm vor. Das Zimmer ward ihr enge und beklemmend, ſie öffnete die Thüren von der Rotunde auf die Terraſſe hinaus, be⸗ trachtete das Feuermeer im Weſten, wo die Sonne ſo eben 38 ſtill niederſank, und ließ den lauen Abendwind um ihre da Wangen und Locken ſpielen. Sie bemerkte nicht, daß un ein Theil der Geſellſchaft ſich in der Rotunde verſam⸗ Se melt hatte, daß man voll Verwunderung auf ſie und El namentlich auf das Buch ſah, welches ſie aufgeſchlagen Bl im Schooße des großen Naturforſchers hatte liegen laſſen. der Einer ſagte:„Ich begreife nicht, was ſie mit einem in ſolchen Buche thun kann. Will ſie daraus beſſer malen lick lernen?“ Se „Das glaube ich in der That,“ verſetzte Graf Ala⸗ ſän rich lächelnd. wie „Ich denke Ihre Meinung zu verſtehen,“ ſagte Kn Gräfin Natalie.„Aber iſt es nicht der glückliche Vor⸗ ſchi zug des Genies, zu wiſſen, ohne lernen zu müſſen, das und Göttliche hervorzubringen, ohne über ſein Weſen nach⸗ * geforſcht zu haben? Ber geniale Künſtler ſchafft das Sei Schöne, ohne es zu verſtehen.“ Ter „Aber nicht, ohne es zu fühlen,“ antwortete Ala⸗ Bri rich,„ohne es tief in ſeiner Seele zu fühlen. Der Künſtler ſchafft nicht, wie die Biene, er weiß, was er thut, ſeine Kraft iſt nicht die des Inſtinkts, ſondern die wahre, die bewußte Kraft des Geiſtes. Er iſt nicht blind, er iſt hellſichtig.“ „Aber gerade dieſes Genie iſt ja eine unmittelbare Gabe des Himmels. Dieſe Götterflamme iſt der Seele des Künſtlers eingeboren und hat nichts von der Erde zu fordern. Das Genie iſt mit Feuer getauft, getauft zu ſelbſtſtändiger Kraft, welche ewig aus ihrem innern Reichthum ſchöpft, ewig zeugt, wie Gott. Es beſitzt Leben in ſich ſelbſt und iſt von Allem unabhängig.“ „Nein, nicht von Allem,“ antwortete Graf Alarich. „Selbſt die himmliſche Flamme würde erlöſchen, wenn nicht Wiſſenſchaft und Liebe ihr Nahrung geben. Was iſt es, das der Künſtler darzuſtellen ſucht, wenn er ſei⸗ nen Beruf verſteht und das Höchſte anſtrebt? Iſt es nicht die Fülle des Lebens, welches im Geiſte und in der Natur weht? Aber um es ganz zu faſſen, um ganz einem malen er die iſt nicht ttelbare er Seele er Erde getauft innern s beſitzt Alarich. „ wenn n. Was er ſei⸗ es nicht in der im ganz 39 davon erfaßt zu werden, mußte er ſich darein verſenken und es zu dem ſeinigen aufnehmen. Entwickelt das Samenkorn nicht gerade dadurch, daß es ſich in die Elemente vertieft, ſeine innere Welt zu Gewächs und Blumen? Glücklich der junge Künſtler, welcher ſich von der Philoſophie in die Myſterien einweihen läßt, die er in kraftvollen Werken zu offenbaren beſtimmt iſt; glück⸗ lich, wenn eine edle Liebe ſeine Seele öffnet und befeuert! Seine Nation wird mit Freude und Dank ſeinen Ge⸗ ſängen lauſchen, oder ſeine Gebilde anſchauen, und nicht wie jetzt mit Recht darüber klagen, daß die Zeit bloß Knospen hervorbringt und keine Blumen, daß ſo manche ſchöne Flamme beinahe zu gleicher Zeit angezündet wird und wieder erliſcht.“ Graf Alarich zog ſich nach dieſen Worten zurück. Seine Blicke ſuchten Adelaide, welche Angelika von der Terraſſe geholt hatte. Halblaut von Ertaſen, von Bruſtweh und Schnupfen ſprechend, warf Fräulein Mar⸗ garethe die Thüren heftig wieder zu. Angelika ſetzte ſich, und den Kopf auf ihre Hand geſtützt, betrachtete ſie die Sprechenden nach einander. „Wenn Liebe malen und Verſe machen hilft,“ ſagte ein Herr von der Geſellſchaft,„ſo iſt dagegen die Ehe ein ſicherer Tod für dieſe Talente. Ich verſichere Sie, meine Herren und Damen, daß ich als Junggeſelle Verſe machte, trotz Franzén und Tegnér; aber jetzt... Weib und Kind, Ackerbau und Viehzucht trocknen die reichſte Ader ein.“ Gräfin M. bemerkte trocken, Franzén und Tegnér ſeien Beide verheirathet und bekleiden noch überdieß wichtige bürgerliche Aemter. „Was Philoſophie und platoniſche Liebe betrifft,“ ſagte Hugo L. mit dem glühenden, unreinen Blicke,„ſo werde ich mich wohl hüten, meine Phantaſie mit dieſen Bürden zu belaſten und niederzudrücken. Eine glühende, freie und ungebundene Phantaſie— das iſt der wahre Reichthum des Künſtlers. Damit wird er das Einzige erreichen, welchem nachzuſtreben der Mühe werth iſt. Er wird der Sinnlichkeit und Eitelkeit der Menſchen ſchmeicheln, und viel— Geld gewinnen.“ „Geld!“ rief die Gräfin M. im Tone verachtungs⸗ voller Verwunderung. „Mittel zum Genuß,“ ſagte Hugo lächelnd. „Ich glaube,“ verſetzte eine ältliche Dame mit ſanf⸗ ten Geſichtszügen,„daß Gott dem Menſchen die ſchönen Künſte gegeben hat, um ſeinen Lebensgenuß zu erhöhen, und ſehe nicht ein, warum man einen höhern Zweck als dieſen für ſie ſuchen ſoll. Wenn ich in meinem Zimmer hübſche Landſchaften, liebliche Familienſcenen ſehe, wenn ich um mich herum die Bilder meiner Kinder oder ge⸗ liebter Verſtorbener ſehe— dann preiſe ich den Künſtler und danke Gott für das ſchöne Geſchenk der Kunſt.“ „Die bildende Kunſt,“ ſagte ein alter Herr mit Beſtimmtheit, hat keinen Werth für den Menſchen, außer in ſofern ſie ſeine Lieblingsgegenſtände repro⸗ duzirt. Für Sie, gnädige Frau, hat ſie dadurch Werth, daß Sie Ihnen die Porträte Ihrer Freunde verſchafft. Ich ſelbſt kaufe kein Gemälde, außer es ſtellt Pferde vor, und mein Bruder Guſtav ſieht keines an, worauf er nicht Butter, Käſe, Kommisbrod und ein gutes Glas Doppelbier erblickt. Ha, ha, ha, ha!“ „Ueberhaupt,“ verſetzte ein Anderer,„dürfte die höchſte Aufgabe der Kunſt wohl die ſein, die Vorkom⸗ menheiten des wirklichen Lebens treu wiederzugeben; nur ſo kann die Kunſt Nutzen und Werth für den Men⸗ ſchen bekommen, denn nur ſo hat ſie Wahrheit für ihn und verwirrt ſeine Phantafie nicht durch Engels⸗ oder Teufelsgebilde, welche nur dazu dienen, ihn zum krank⸗ haften Schwärmer oder Geſpenſterſeher zu machen. Deß⸗ wegen lebe die niederländiſche Schule!“ „Ich für meinen Theil,“ ſagte der reiche von Se, „gebe keine zwei Stüber für diejenigen, welche das Lehen abmalen oder in Verſe ſetzen. Ich verſtehe mich ein wenig darauf, was ein Genie iſt: ich habe ſelbſt ein Stü eine ſagt wen nſchen ungs⸗ t ſanf⸗ chönen höhen, eck als immer „wenn der ge⸗ ünſtler nſt.“ rr mit nſchen, repro⸗ Werth, ſchafft. Pferde worauf es Glas fte die zorkom⸗ ugeben; en Men⸗ für ihn ls⸗ oder n krank⸗ n. Deß⸗ von S., as Leben mich ein elbſt ein 41 Stück davon in meinem Sohne und danke ergebenſt für eine ſolche Zierrath,— er taugt zu gar nichts.“ „Vielleicht gerade weil er ein Stuͤck davon iſt,“ ſagte Fräulein Margarethe halblaut zur Gräfin M. „Wahrhaſtig!“ verſetzte dieſe,„wenn die Kunſt ſo wenig iſt, was iſt dann das Genie?“ „Ein glänzendes Meteor,“ ſagte ein heller Kopf. „Warum huldigt ihm aber die Erde, wie einem Gotte?“ „Die Menſchen lieben das Glänzende, das ihnen in die Augen ſticht. Ich glaube, bei einer ruhigen Unterſuchung würde man nur ſchwer auf das Reſultat kommen, daß das Genie wirklich zu etwas auf der Welt nütze ſei. Der fleißige Bürgersmann, der ruhige Den⸗ ter, der gute Menſch wirken mehr zum Wohl der Ge⸗ ſellſchaft, als das glänzende Genie.“ „Laſſen Sie uns das näher betrachten,“ ſagte Gräfin M.,„laſſen Sie uns fragen, was gibt das Genie der Welt und den Menſchen.“ Sie ſah dabei auf Angelika, und Aller Augen richteten ſich auf das junge Mädchen, das von einer wunderbaren Bewegung beherrſcht ſchien. Sie war aufgeſtanden und trat leiſen Schrittes in den Kreis, der um Thorwaldſen's Leierſpieler ſich geſammelt hatte, welcher auf einem Altar von geſprenkeltem Mar⸗ mor die Mitte der Rotunde einnahm. Ihre Wangen wurden immer blaſſer und blaſſer, ihr Blick ſtrablte dunkel, wiederholte Schauer durchzuckten die zarte Ge⸗ ſtalt und ſie mußte ſich an den Altar lehnen. Dort ſtand ſie einige Augenblicke ſtille und ſchien Worten zu lauſchen, die ſonſt für Niemand hörbar waren. Eine unwillfürliche Bewegung veranlaßte den ſie umſtehenden Kreis, ſich ſchnell zu erweitern. Alle betrachteten ſie mit Erſtaunen, nur Fräulein Margarethe nicht, die ſich mit einem Ausdruck des Ueberdruſſes abwandte, und mit den Worten:„Wozu ſollen dieſe Poſſen führen?“ entfernte.„Ich kann ſo etwas nicht ausſtehen,“ ſetzte ſie hinzu,„obgleich mir das Mädchen ſonſt wohl gefällt.“ Graf Alarich trat der jungen Verzückten näher und wiederholte ihr mit einer Stimme, welche eine Antwort forderte, Gräfin Natalie's Frage: „Sagen Sie uns, Angelika, was gewährt das Genie der Welt?“ Angelika ſah ihn an. Ihre Augen ſchienen größer zu ſein, als gewöhnlich; ſodann ſchaute ſie ſtill um ſich, ihre Bruſt erhob ſich, ihre Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen, ihre Seele war übervoll, ſie litt und unterlag dem mächtigen Geiſt in ihrem Innern. Als ſie endlich ſprach, ſo geſchah dieß nicht mit Ruhe— die Gedan⸗ ken kamen wie Blitze und in abgebrochenen, ungeord⸗ neten Sätzen zum Vorſchein. „Freude, Freude der Welt. Frende jeder Men⸗ ſchenſeele. Licht über die Vergangenheit, Kraft für die Gegenwart, Hoffnungen für die kommenden Tage.“ „Haben Sie die Gräber und Ruinen auf Erden geſehen? Haben Sie geſehen, wie Geſchlechter und Throne verſchwinden, wie diejenigen, welche Heldentha⸗ ten und Liebeswerke vollführt, in Grabesnacht verſin⸗ ken, wie Aſche die herrlichen Tempel bedeckt, Nebel über den Gräbern der Helden liegen und träumen, und Alles, Alles aus der Wirklichkeit vergeht.“ „Aber wer iſt der Herrliche, der mit flammendem Blicke die Nebel zerſtreut und die Todten in verklärten Geſtalten wieder aufſtehen läßt? Der unſterbliche Sän⸗ ger, welcher die Erinnerungen der Nationen, ihre Kämpfe, ihre Siege, ihre Gedanken, ihre erworbenen Schätze aufbewahrt und ein Zeitalter das andere beerben läßt, der uns noch heute über die Leiden weinen und über die Herrlichkeiten jubeln macht, welche ſeit Jahrtauſen⸗ den nicht mehr ſind. Lichtes Morgenroth über die in Nacht verſunkene Welt, du biſt es, o Genius!“ „Wenn der Genius ſpricht, ſo erweitert ſich die Bruſt der Nationen. Sie athmen höher und freier, Werke der Tugend und Tapferkeit ſind Jahrtauſende hin⸗ durch der Nachklang ſeiner Worte. Wenn der Genius r und twort Genie rößer nſich⸗ Thrä⸗ gdem ndlich edan⸗ geord⸗ Men⸗ ür die . Erden und entha⸗ verſin⸗ Nebel n, und tendem klärten eSän⸗ ämpfe, Schätze n läßt, d über tauſen⸗ die in ſich die freier, de hin⸗ Henius 43 ſpricht, ſo beben die Herzen der Menſchen; unſterbliche Worte, welche ſchlummernd darin lagen, werden wach. Die Menſchen blicken empor, fie freuen ſich, ein edleres Ich wieder zu erkennen— ſie werden beſſer, wärmer und glücklicher.“ 3 „Und wenn eine Nation blutet, wenn ihrem Herzen eine tiefe Wunde geſchlagen wird, wenn es ſcheint, als müſſe ihre Kraft, ihre Freiheit, ihr edelſtes Leben unter des Henkers Händen dahinſtrömen, wer iſt es, der dann noch von beſſern Tagen ſpricht, der den gefangenen Adler auf's Neue erhebt und ſein Auge ewigen Sonnen ent⸗ gegenblicken läßt? Tröſter der Geſchlagenen, Seher und Prophet der Geheimniſſe Gottes, Heil dir, o Genius!“ „Tiefe Nebel überziehen die Erde. Herbſtnächte ſtellen ſich ein, wo alle Sterne des Himmels verdunkelt ſind und des Menſchen Herz am Leben, an Allem um ſich her, an ſich ſelbſt verzweiſelt. In ſeinem Innerſten findet ſich kein angenehmes Gefühl mehr, in ſeinem Ruge keine Thräne, wohin er blickt, iſt Nacht und in der Nacht bleiche, häßliche Schatten... die Luft, die er athmet, erſtickt ihn. Dort!... wer blitzt aus der Wolke und macht die Nacht zum Lichte und läßt die ſchönen Genien erblicken, die ſich hinter dem Gewölk verborgen hielten, aber jetzt winken und lächeln? Der Genius iſt's, der große Künſtler iſt's! Sein Blitz hat des Unglücklichen Herz berührt, er hat geweint, er hat Linderung gefunden: noch ein Blitz, noch ein Götter⸗ geſicht, und er blickt mit Kraft und Hoffnung empor.“ „Wer iſt es, der die Natur verherrlicht? wer iſt es, der ihre Sprache verſteht, der den ſtillen Hymnus der Blumen liest und den Gedanken im Geſange des Vogels? wer hört den Geiſt des Berges und des Fluſ⸗ ſes und die Stimme Gottes im Donner, im rauſchen⸗ den Walde, und wer verdolmetſcht dem Menſchen Gottes Wort in der Natur?“ „Du Wunderbarer, du Leben im Leben, du mächtige Hand, welche die Zeit an die Ewigkeit befeſtigt, ewig 44— erneuernde, ewig zeugende Kraſt, die du die Sonnen⸗ nicht bahnen und des Menſchen Herz erſchauſt, die du das verſö! Weſen der Gottheit und das Leben des Blümleins er⸗ mel forſcheſt;... wir begreifen dich nicht, aber wir wiſſen der G wohl, von wannen du kommſt.“ wird „Der Menſch fiel und der Geiſt verlor ſich in dunkle„ Träume; aber naht ihm der Jubel von einer höhern heitt Welt, o da ſammeln ſich die zerſtreuten Züge zu einem Mant himmliſchen Lächeln, die neblichen Geſtalten des Traums nißvo bekommen Leben und Farbe und alle ſeine Erinnerun⸗ gen ſtehen auf zur Verklärung. ein Strahl von worte Gottes Licht lächelt der Genius über die Erde und ver⸗ Kreuz herrlicht ihre dunkle Wirklichkeit...“ Herrl Anbet „Der Genius der Kunſt ſchaut Gottes Strahlenblick Kunſt ünd Gottes Lächeln gibt den Welten er zurück.“ Milto Ein geiſtlicher Herr trat aus dem Kreiſe, der ſich Abſta um Angelika geſchloſſen hatte. Sein Geſicht war jugend⸗ Erhal lich, aber ſeine Züge ſtreng und bleich. Mit tiefer,—Zeit. ernſter Stimme ſagte er zu ihr: Opfer „Die Erde iſt die Heimath der Sünde; die Erde kann iſt ein Jammerthal. Weh dem Genius, wenn er ſeinen und d eigentlichen Beruf als Gottes Stimme an eine gefallene Neuei Welt vergißt, wenn er vergißt, dem Menſchen mit dem Feuerzügen ſeine Sünde vorzuhalten und ihn zur Reue mit i und Beſſerung zu mahnen! Weh, wenn er gleich der für d Schlange in der Natur zur Freude, zu betrüglichem Gotte Stolze verlockt, wenn er ruft: Freuet euch! ſtatt daß der er rufen ſollte: Demüthiget euch und weiner! O was ſind denn wir, daß Gott über uns lächeln ſollte? Sün⸗ der, Sünder! wer kann ahnen, was ein heiliger Him⸗ mel iſt, ohne zugleich ſeinen eigenen Abgrund zu erken⸗ nen? Es gibt einen Gegenſtand für das Genie und die Kunſt auf Erden— einen einzigen, der für den Zuſtand der Menſchen hienieden paßt— die Kreuzigung Chriſti!“ „O nein, er iſt auferſtanden!“ rief Angelika mit entzücktem Lächeln;„Frende, Freude der Erde in Ewigkeit! Ange Telig“ inau einem raums erun⸗ l von d ver⸗ tiefer, ie Erde ſeinen efallene en mit ur Reue eich der glichem att daß O was 2 Sün⸗ e Him⸗ nerken⸗ und die Zuſtand hriſti!“ lika mit wigkeit! 45 nicht der Schmerz, nicht die Angſt iſt es, was befreit und verſöhnt, die Liebe, die Schönheit iſt's. Malet den Him⸗ mel wahr und der Menſch wird für ihn leben. Leget der Erde das Bild eines Gottes vor und der Menſch wird es lieb gewinnen und dem Urbilde näher kommen.“ „Es iſt eine beklagenswerthe, unfinnige Vermeſſen⸗ heit von dem gefallenen Menſchen,“ verſetzte der ernſte Mann,„daß er glaubt, er könne das Bild des Geheim⸗ nißvollen auffaſſen; das heißt Gott verſuchen.“ „Aber wenn er ſich ſelbſt den Menſchen gibt?“ ant⸗ wortete Angelika mit begeiſtertem Blicke.„Gott litt am Kreuze für Sünder. Er wird ſich nicht weigern, ſeine Herrlichkeit dem zu offenbaren, der ſich ihm in frommer Anbetung naht. Iſt der Beruf des Genius und der Kunſt nicht ein Mittlerberuf? Phidtas und Raphael, Milton und Tegnér, Händel und Mozart haben den Abſtand zwiſchen dem Himmel und der Erde verkleinert. Erhabener als je iſt der Beruf des Genius in dieſer Zeit. Haben Sie nicht gehört, wie in der großen Opferſtunde der Vorhang des Tempels zerriß? Jetzt kann der fromme Blick in das Allerheiligſte ſchauen und dem Känſtler kommt es zu, Gott immer wieder von Neuem der Welt zu offenbaren. Raſtlos ſoll er nach dem Höchſten ſtreben; mit Liebe, mit Arbeit, mit Gebet, mit irdiſcher und mit himmliſcher Kraft. O gebt mir für die Arbeit eines ganzen Lebens nur eine Minute einen Gottesanblick und noch einige Athemzüge, um denſelben der Welt zu verkündigen— und ich habe genug gelebt.“ Mit ſteigender, aber ruhiger Begeiſterung fuhr Angelika fort: „Selig ſind die, welche Gottes Blitze durchbeben! ſelig ſind die, welche die Flamme wieder in die Welt hinausblitzen laſſen und dann ſterben!“ „Wer iſt der Glückliche auf Erden, der Große, der Beneidenswerthe? Iſt's nicht der, welcher der Menſchheit in verklärter Schönheit das Leben gibt, das er aus ihrer Bruſt geſogen; welcher von ihrem Genius emporgehoben gen Himmel ſteigt und ſein Feuer herabholt, um es in den Schooß der Nationen niederzulegen.“ „Ein Menſchenleben, ein kleines Menſchenleben... ein Leben von einigen Jahren.. und dieſes für eine unſterbliche Welt zu leben, Feuer in die Herzen von Millionen Weſen zu hauchen ein Menſchenleben— ſo wenig— und doch ſo viel!.. wie wunderbar, wie herrlich! wie ſchön das Lvos, für eine Welt zu leben und zu ſterben, für das unſterblich Schöne auf Erden! O daß es mir zu Theil würde!“ Und Thränen feuriger Sehnſucht ſielen auf Ange⸗ lika's jetzt glühende Wangen. „Wünſchen Sie es des Nuhmes wegen?“ fragte Graf Alarich mit prüfendem Blick. „Und wird dieſer Ruhm Dich glücklicher machen,An⸗ gelika?“ fragte die ältliche Dame mit den ſanften Zügen, „wird er Dich Deinen Freunden lieber, wirſt Du durch dieſes Streben für Millionen nach Wirklichkeit auch nur einen einzigen Menſchen glücklicher machen? O An⸗ gelika, gibt es wohl ein edleres Loos auf Erden, ein Loos, das der Nachſtrebung eines weiblichen Herzens wür⸗ diger wäre, als das ganze Glück eines Menſchen zu ſein?“ Angelika ſah die beiden Sprechenden nach einander an; eine Wolke verhüllte ihren Blick, wich aber ſchnell einem helleren Strahle. Sie ſagte zu Graf Alarich; „Nein, nicht des Ruhmes wegen. Wenn es mir gelänge, ein Meiſterſtück hervorzubringen und die Zeit oder eine feindliche Hand löſchte meinen Namen auf dem Gemälde— ich würde nicht klagen, wenn nur das Werk meiner Hand und meines Geiſtes für die Menſchheit fortlebte!“ Zu der alten Dame ſagte ſie, aber mit weicher Stimme und demüthigem Blick; „Ich weiß nicht, ob ich glücklich ſein werde, ich weiß bloß Eines— daß ich der Stimme gehorchen muß, welche mich mahnt, in der Kunſt nach Vollbrin⸗ gung des Ewigen zu ſtreben. Gott wird über mein Geſchick beſtimmen, wie es ihm gefällt.“ ſein?“ inander ſchnell larich; es mir die Zeit nen auf nn nur für die weicher re, ich ehorchen zollbrin⸗ er mein 47 Graf Alarich trat näher zu ihr und fragte ſie: „Und haben Sie auch alle Schwierigkeiten Ihrer Bahn wohl bebacht? Die allgemeine Meinung, Ihre Armuth, Ihr Geſchlecht, welches der Erwerbung gründlicher Kenntniſſe hinderlich iſt— Alles, Alles wird Ihre Schritte hemmen. Hören Sie aufweiſeren Rath, Angelika. Rich⸗ ten Sie ſich nach dem Geſchmack der Zeit und den Um⸗ ſtänden; ſtreben Sie nicht, Ideale zu erreichen; malen Sie Porträts, malen Sie kleine Scenen aus dem All⸗ tagsleben— und Sie werden reich werden, werden ruhig leben und allgemeine Achtung und Liebe genießen.“ „Ich kann hungern,“ ſagte Angelika, indem ſie ihn groß und ruhig anſah,„und den Tadel der öffentlichen Meinung höre ich nicht; er wird von einer mächtigen Stimme in meiner Bruſt überſtimmt. Nur um das Höchſte zu ſuchen, will ich leben.“ „Und wenn Sie es nun verfehlen? wenn Sie ſich in Ihrer Kraft getäuſcht hätten?“ „So ſei mir Gott gnädig und laſſe mich ſterben!“ „Warum denn aber dieſe Ruhmgier? auch ein ge⸗ ringerer Grad von Vollkommenheit gewährt Freude, das Gute und Schöne lebt auch in den niedrigen Krei⸗ ſen des Lebens: dort ſind ſie den Menſchen zugänglicher.“ „Das Höchſte, das Höchſte!“ rief Angelika,„nach dieſem ſtrebend will ich leben und ſterben.“ „Du haſt einen ächten Künſtlergeiſt,“ rief Alarich entzückt, umfaßte ſodann ihren ſchlanken Leib und ſtellte ſie auf den Altar. Der Leierſpieler ſaß göttlich lächelnd zu ihren Füßen, gleich als wäre er bereit, ſie zu befin⸗ gen. Man hörte ein Gemurmel des Beifalls und der Freude unter den Umſtehenden. 48 Abenteuer. Lachet und weinet und Niemand verwehre, Daß ihr belächelt den Unſinn der Welt; Ungerecht wär' es, zu ſchelten die Zähre, Wenn ſie voll Mitleid dem Auge entfällt. Kellgren. Tanzmuſik erſchallte in dem großen Saal. Der junge Otto durchſtürmte mit Adelaiden die Anglaiſe, in⸗ deß der Präſident und die Baronin langſam durch die Reihen der Tanzenden auf⸗ und abſpazierken. Se. Ercel⸗ lenz bewegte ſich mit vornehmer Eleganz neben der ſchö⸗ nen und ſtolzen Gräfin M., und mit edlem, einfachem Anſtand führte Graf Alarich die Gräfin Auguſte durch die Touren des Tanzes. Unbemerkt ſchlich ſich Angelika aus dem Tanzſaale, wohin ſie Anfangs den Andern ge⸗ folgt war. Sie empfand dieſelben unruhigen und hef⸗ tigen Gemüthsbewegungen, welche auf jede ungewöhn⸗ liche Aeußerung ihrer Seele folgten. Sie ſuchte Ruhe und Einſamkeit. In der Bibliothek war Alles ſtill. Die Lampe war erloſchen und der ſchöne September⸗ mond leuchtete durch das Fenſter herein und übergoß Blumen und Bilder mit ſeinem milden bläulichen Schein. Das Geräuſch und die Muſik vom Tanzſaale her braus⸗ ten fern und dumpf. Durch ein offenes Fenſter ward der Geſang des Heimchens im thauigen Graſe gehört, liebliche Düfte entſtiegen den Nachtviolen und verbrei⸗ teten ſich auf der Terraſſe. In dieſer ſtillen Welt legte ſich allmälig der Sturm in Angelika's Seele und löste ſich in ſtille, wehmüthige Geſühle auf. Es war das Wogen des Meeres nach dem Sturm. Ihre Gedanken waren nicht geordnet, aber ein dunkles Begehren, ein tiefes Sehnen regte ſich in ihrem Herzen, ſich an die Bruſt einer Mutter oder einer Freun⸗ din ſchmiegen zu können. Angelika hatte keine Mutte und empfe küßte ſiel, daß i Himn küſſen 2 lich v beſſere ſenktet licht ſ Mutte braus⸗ ward gehört, erbrei⸗ Sturm nüthige ch dem ber ein ihrem Freun⸗ Mutter 49 und keine Freundin. Ihr Berz war jetzt ſo warm, es empfand ſo tief das Bedürfniß nach Zärtlichkeit, und ſie küßte den Mondſtrahl, der auf die Blumen am Fenſter fiel, und ſie ſah auf den Abendſtern und ſagte: „O daß du ein Genius wäreſt, du ſchöner Stern, daß ich mit meinen Gebeten dich herablocken könnte vom Himmelsgewölbe, daß ich deinen ſtrahlenden Scheitel küſſen und dich an meine Bruſt ſchließen könnte.“ Der Stern funkelte unbeweglich und klar und freund⸗ lich vom azurnen Dome herab⸗ „Du ſagſt mir,“ fuhr Angelika fort,„daß du eine beſſere Heimath beſitzeſt, und du haſt Rechi.“ Ihre Blicke ſenkten ſich zur Erde. Sie lag in dem milden Himmels⸗ licht ſo ſchön, ſo ruhig, ſo erquickend da, ſo ganz einer ähnlich, welche ihren müden Kindern den Buſen reicht. Angelika fühlte dieß; ihre Thränen begannen zu fließen. Sie ſtreckte ihre Arme aus und ſagte leiſe: „Ich bin müde, ich leide! o daß ich mein Haupt an einer Mutterbruſt ruhen laſſen und eine Stunde ſchlummern dürfte, um ſodann zu verdoppeltem Leben wieder zu erwachen.“ „Laß mich Deine Mutter und Deine Freundin ſein! lehne Dich an mich, ich will Dich ſtützen,“ ſagte eine unendlich liebliche Stimme, dicht neben Angelika, und Gräfin Natalie ergriff ihre Hand und drückte ſie zwiſchen die ihrige. Mit thränenvollem Auge fuhr ſie fort: „Erlaube mir, dich zu lieben, bewunderungswürdiges junges Mädchen. Ueberlaß mir die Sorge für Dein Leben und für Dein Glück.“ Angelika zog ihre Hand zurück und erwiederte mit einem Blick voll Mißtrauen: „Können die Vornehmen auch die Geringen lieben? Man hat mir geſagt, daß ſie nur kalt auf ſte herab⸗ ſehen, wie dieſer Stern auf uns herabſieht. Man hat Bremer, Töchter d. Präſidenten. 3 50 mir geſagt, daß ſie dieſelben nur aus Eigennutz zu ſich erheben, nur um durch den Glanz irgend einer Gottes⸗ gabe bei den Geringern ihr eigenes Glück zu vermeh⸗ ren. Man hat mir geſagt, daß das Brod, welches ſie geben, bitter ſei, daß ſie für einige freundliche Worte das Opfer eines ganzen Lebens fordern. „Ach, glaube das nicht, Angelika! Das iſt die Sprache eines bittern Vorurtheils. Wer hat deine junge ſchöne Seele mit einem ſolchen Glauben vergiften können?“ „Eine frühzeitige, eine bittere Erfahrung,“ antwor⸗ tete Angelika.„Die Großen der Erde verſtehen nicht, was Noth, was Leiden iſt. Sie wiſſen nicht, wie es ſich in einer edlen Bruſt empfindet, gleich dem Wurm auf der Erde nach Nahrung kriechen zu müſſen, weil man nicht vie Kraft beſitzt, hungern zu können; für einige Biſſen Brod dem ſchmeicheln zu müſſen, den man verachtet, oder zu Grunde zu gehen. Das Leben bewegt ſich mit ſo viel Anmuth, Pracht und Schönheit um ſie herum;— ſie trinken von dem ſüßeſten Wein des Lebens und tanzen ir einem lieblichen Taumel dahin. Sie ſinden nichts in ſich was ſie darauf hinleitete, das wirkliche Leiden der armer Klaſſe zu verſtehen. Sie werfen mit gütiger Hand det kleinen Sperlingen Korn hin, ſie heben den Wurm auf damit er an dunklen Abenden ihr Zimmer erleuchte; abe ſie lieben nur ſich ſelbſt und ſehen die Menſchen nichl außer in ihrem eigenen Kreiſe.“ „Wie ungerecht Sie ſind, Angelika,“ antworte die Gräfin M. mit edlem Unmuthe. Sie ſchildern d barbariſche Denkungsweiſe einer Zeit, welche längſt vo über iſt. Es iſt wahr, ich will es nicht läugnen, es ein Genuß, durch ſeine Stellung im Leben über d Menge zu ſtehen und mit königlich ſtolzem Blicke a diejenigen herabzuſehen, welche zu uns hinaufſchaue — ja es liegt auch ein großer Genuß darin, Andere demüthigen— aber es gibt noch einen größeren „Und der wäre?“ „Sich ſelbſt zu demüthigen. Vor einer höhern Ky rarme and de urm auf te; abe en nich ntworte ldern di ngſt vo en, es i über d licke fſchaue lndere ren. ern K 51 das Knie zu beugen; bei aller Herrlichkeit der Welt ſich arm zu fühlen gegen den, in welchem Gottes Geiſt wohnt— zu einer wirklichen Ueberlegenheit emporzu⸗ ſchauen. Ach Angelika, die Sehnſucht, der nach etwas Höherem ringende Geiſt wohnt auch in der Bruſt ſol⸗ cher Menſchen, welche irdiſcher Glanz und Gold umge⸗ ben. Und wenn ein Gottesſtrahl ſich offenbart, da ver⸗ laſſen ſie Alles, da geben ſie gerne Alles hin, nur um dieſem zu huldigen und ihm zu folgen.“ Angelika ſtand noch immer ſtill und verſchloſſen da. Mit ſteigender Rührung fuhr Gräfin M. fort: „Ich würde es nicht gewagt haben, mich Ihnen zu nähern, Angelika, ich hätte es nicht verſtanden, Sie zu bewundern und zu lieben, wenn ich eines von jenen ſchwachen und kalten Weſen wäre, die Sie geſchildert haben. Von der erſten Stunde an, da ich Sie ſah und hörte, ſehnte ich mich, Ihnen Freundin, Ihnen Schweſter zu werden; wahrhaftig, Angelika, ich bin Ihrer nicht unwürdig.“ Noch immer ſtand die Malerstochter ſchweigend da, und ihr Blick ſtreifte gedankenvoll in der Gegend umher, welche in düſtere Dämmerung eingehüllt war. „Ich bin ſchwach geweſen, ich bin eitel und vom Weltleben verblendet geweſen,“ fuhr die Gräfin fort, „aber nie war ich ſein Sklave. Ich verſtand und wür⸗ digte eine höhere Vortrefflichkeit, habe ſie aber in Wahr⸗ heit bis vor dieſer Stunde nie geſehen; bis auf dieſe Stunde habe ich zu keinem Menſchen emporgeſehen.“ Gräfin Natalie trat noch näher und fügte mit rührender Herzlichkeit hinzu: „Weiſe mich nicht von Dir, ſtoße meine ausgeſtreckte Hand nicht zurück. Laß mich Deine ältere Schweſter, Deine mütterliche Freundin ſein. Ich will Dich begleiten, wohin Du willſt, ich will Dich führen, wohin Du willſt. Deine Intereſſen ſollen die meinigen, Deine Ehre meine Ehre, Deine Freude meine Freude ſein. Ich will Dein 4* 52 Schutz und Deine Stütze ſein, ich will über Deine Ruhe wachen in den größten wie in den kleinſten Sorgen des Lebens. Du ſollſt ganz deiner Kunſt leben und ich werde für Dich leben. Ich bin reich und einſam in der Welt; Gott hat mir bis auf dieſe Stunde nichts gege⸗ ben, was ich lieben, nichts, wofür ich mit Freuden leben könnte... Angelika! habe ich mich betrogen?“ pi Angelika antwortete nicht; ſie ſah in die leere Luft inaus. „Ich fühle in dieſem Augenblick“— ſprach Gräfin M. weiter—„daß ich um Freundſchaft betteln könnte, wenn ſie durch Bitten zu gewinnen wäre;... aber ich kann Ihren Gefühlen keine Gewalt anthun— und find dieſe gegen mich, ſo iſt Alles, was ich biete, nichts. An⸗ gelika, Ihr Stillſchweigen ſagt mir, Sie können kein Ver⸗ trauen zu mir hegen, Sie können mich nicht lieben..“ „O ich kann!“ ſagte Angelika, und wandte ihr thränengefülltes Auge ſtrahlend auf die Gräfin.„Ich konnte Sie von der erſten Stunde an lieben, allein ich fürchtete...5 „Was, was?“ „Aufs Neue betrogen zu werden— meine Selbſtſtän⸗ digkeit zu verlieren, ohne eine Freundin zu gewinnen.“ „Und jetzt fürchteſt Du es immer noch?“ fragte Gräfin Natalie, indem ſie Angelika's Hand wiederum zwiſchen die ihrige nahm.—„Willſt Du mir erlauben, dich zu lieben, willſt Du die Sorge für Dein Leben mei⸗ nen Händen überlaſſen?“ Angelika ſah ſie mit thränenvollen Augen an, ant⸗ wortete aber nicht. „Ich werde jetzt nicht in Dich dringen,“ fuhr die Gräfin M. fort,„aber ich werde wieder fommen. Sage mir ein liebes Wort, ein freundliches Du, bevor ich Sehe „Trallala, trallala,“ trallahte der Präſident, der jetzt herein chaſſirt kam.„Meine gnädige Gräfin, der Walzer hat bereits begonnen uud ich habe Ihr Verſprechen.“ reicht von i heute glaub wünſ Blick öffnet und ki floſſen Herz, Dich, L. erk Bruſt gelika fragte derum uben, mei⸗ „ant⸗ hr die Sage or ich er jetzt Walzer echen.“ „Ich werde es halten,“ antwortete Gräfin M., reichte Angelika die Hand, hörte das begehrte Wörtchen von ihren Lippen und ließ ſich vom Präſidenten, der heute Abend beſonders heiter war, zum Tanze führen. Angelika war tief gerührt. Sie wagte es kaum zu glauben, daß die Freundin, die ſie ſchon ſo lange ge⸗ wünſcht, ihr jetzt gegeben ſei. Sie wagte es nicht, den Blick auf die Zukunft zu werfen, die ſich ihr jetzt er⸗ öffnete. Sie lehnte ſich an eine Bildſäule der Minerva und fühlte an ihr ihre brennenden Wangen; ihre Thränen floſſen reichlich. „Nicht an den kalten Marmor ſchließe Dein warmes Herz, ſchönes Mädchen! ſchließe es an ein Herz, das für Dich glüht!“ ſagte eine Stimme, an welcher Angelika Hugo L. erkannte, der ſie in ſeine Arme nahm und an ſeine Bruſt drückte. Mit einem Schreckensruf ſuchte ſich An⸗ gelika zu befreien. „Schwärmerin mit Deinen Idealen,“ fuhr Hugo fort —„ich will Dich mit Amors Himmel bekannt machen und„ „Unterlaſſen Sie ſolchen Unfug, mein Herr,— Sie könnten dafür auf Erden ſchlecht wegkommen,“ ſagte eine ſtrenge und feſte Stimme, und eine ſchwarzge⸗ kleidete hohe Geſtalt trat hinter der Minervaſäule her⸗ vor und legte eine ſchwere Hand auf Hugo's Arme. Es war Fraulein Margarethe. Angelifa war frei. Hugo ſtand beſchämt und är⸗ gerlich da. „Gehen Sie Ihres Wegs, mein Herr,“ fuhr Fräu⸗ lein Margarethe in befehlendem Tone fort—„und wenn Sie es für gut finden, morgen bei Zeit von hier ab⸗ zureiſen, ſo nehme ich es auf mich, Sr. Excellenz Ihre Grüße zu vermelden.“ „Machen Sie ſich keine Mühe, mein Fräulein,“ erwiederte Hugo—„ich beſorge meine Angelegenheiten am liebſten ſelbſt;“ und er entfernte ſich pfeifend. „Ein impertinenter Menſch,“ ſagte Fräulein Mar⸗ 54 garethe.„Aber,“ fuhr ſie halb luſtig, halb verdrießlich fort—„wie kommen Sie auch dazu, Angelika, im Mond⸗ ſchein herumzuſchwärmen, gleich einer Romanheldin? Doch laſſen Sie ſich's nur nicht gar zu ſehr zu Herzen gehen, Sie zittern ja wie Espenlaub. Kommen Sie mit mir, beruhigen Sie ſich mit einem Glas Mandel⸗ milch und unterkaſſen Sie es ein andersmal, ſich an Marmorfiguren zu lehnen, von denen Sie nur das Fie⸗ ber bekommen und die keinen Arm erheben können, wenn unziemliche Leute Sie küſſen und Himmelfahrten mit Ihnen machen wollen.“ Und Fräulein Magarethe nahm das zitternde junge Mädchen mit ſich und zwang es, ein Glas Mandelmilch nach dem andern zu trinken. Inzwiſchen ſaß ich da und ergötzte mich an Adelaide und ihrem Tanze. Leben, Anmuth und Freude ſtrahlten von ihr aus. Sie war der Gegenſtand aller Blicke, war die Bewunderung und das Entzücken Aller. Sie nahm die allgemeine Huldigung, die ihr gezollt wurde, ohne Uebermuth entgegen, jedoch wie einen ſchuldigen Tribut, wie etwas ganz Natürliches, und wurde ſtiller, als die Andern lebhafter wurden. Ich ſah mit herzlicher Freude, daß ſie ſich von den Schmeicheleien nicht bethören ließ, obgleich ihr dieſelben wohlgefielen, worüber ſich auch gewiß Niemand wundern wird. Mit Bekümmerniß dagegen ſah ich Ebla ſchweigend und vergeſſen daſitzen. Sie war ſeit dem erſte Tanze, bei welchem die Baronin für ſie geſorgt hatte, nicht mehr aufgefordert worden. Ich ſetzte mich einen Augen⸗ blick neben ſie und verſuchte es, ſie in ein Geſpräch zu verwickeln, allein ſie gab entweder lauter kurze und trockene Antworten oder gar keine. Nachher hörte ich Adelaide in vorwurfsvollem Tone zu Otto ſagen: „Warum hat Evla nicht getanzt? Du haſt mir je verſprochen, ſie zu engagiren.“ „Mein Gott! ich habe es ja gethan, allein ſit ſagte, ſie wolle nicht.“ ſie je über Gehe Dir mir . vorfi es m lig n und am l höch Augen⸗ räch zu ze und rte ich : mir ju lein ſi 55 „Du hätteſt ſo lange bitten und betteln ſollen, bis ſie ja geſagt hätte.“ „Liebſte Adelaide, das kann ich nicht. Es iſt nicht ſo über alle Maßen angenehm, daß ich darum betteln ſollte.“ „Aber Du mußt, Otto, wenn ich es haben will. Gehe jetzt ſogleich zu ihr und laß nicht nach, bis ſie Dir die nächſte Quadrille zugeſagt hat.“ „Großer Gott! unſern Tanz? Denſelben, den Du mir verſprochen haſt!“ „Allerdings. Und dann ſollſt Du ihr Herrn S. vorführen und...“ „Nein, dafür danke ich. Ich muß bitten, daß Du mir erläſſeſt. Er ſagt, ſie ſei häßlich und langwei⸗ i6 wie „Otto, wie unartig Du biſt!.„Gehe jetzt nur, Otto, und thu, was ich Dir geſagt habe. Doch warte, es iſt am beſten, Du tanzſt ſelbſt zwei Tänze mit Edla.“ „Iſt es an Einem nicht genug?“ fragte Otto mit höchſt betrübtem Geſichte. „Nein, Du ſollſt zwei tanzen.“ „Ach Du Göttlichſte! ich muß Dir in Allem gehor⸗ chen, was Du befiehlſt. Aber, was bekomme ich dafür, Adelaide? Was bekomme ich nachher dafür?“ „Still, ſtill! es iſt garſtig! ſo eigennützig zu ſein.“ „Bekomme ich die Blume, die Du im Haare haſt? Bekomme ich ſie nicht nachher, noch heute Abend?“ „Nein, jetzt gehe nur und ſpute Dich, Otto, ſie ſtimmen ſchon die Violinen.“ „Ich gehe nicht, wenn Du mir nicht die Blume verſprichſt.“ „Du ſollſt ſie haben, eigenſinniger Menſch, geh jetzt nur, geh.“ Graf Alarich hatte mit ſeinen großen Augen die beiden Geſchwiſterkinder ſcharf beobachtet, während ſie ſo ſprachen. Jetzt, als er Adelaide frei ſah, ſetzte er ſich zu ihr und hörte es mit ſichtbarem Vergnügen an, wie ſte alle Einladungen zum nächſten Tanze ablehnte. Das 56 Geſpräch zwiſchen ihnen wurde bald lebhaft und ſein ſo ernſtes Geſicht leuchtete dabei, wie von unwiderſtehlichem Entzücken. Später ſprach Graf Alarich lange mit Gräfin M. Ich hörte ſie mehreremale Angelika's Namen nennen und von Reiſen, von Rom ſprechen, auch ſonſt einige Aus⸗ drücke gebrauchen, welche auf die Vermuthung leiteten, die Gräfin M. beabſichtigte die hoffnungsvolle junge Künſtlerin in die Heimath der Künſte zu führen, wo ſie ſich ungehindert entwickeln könne. Fräulein Mar⸗ garethe, welche ich zur Nachbarin zu haben ſo glücklich war, warf unruhige und mißvergnügte Blicke auf die Sprechenden. „Gott weiß,“ ſagte ſie,„was ſie da zuſammenkochen, ich fürchte nur, es wird etwas Unverdauliches.“ Unter den Tanzenden war ein Fräulein aus der Nachbarſchaft, das durch ſeinen Tanz allgemeines Auf⸗ ſehen erregte. Während ſie in der Quadrille figurirte, ſchlenkerte ſie den einen Fuß hoch in die Luft, indeß ſie auf dem andern forthüpfte; man hätte glauben können, ſie wolle ihr vis-à-vis wegſtoßen; dabei machte ſie ſo hohe Entrechats und ſo abſonderliche Sätze und Sprünge, daß ihr die Locken um den Kopf herumflogen, wie den Furien die Schlangen. Dieſe Perſon machte der ganzen Geſellſchaft unbeſchreiblich viel Spaß, und erſchien um ſo ſonderbarer, als ſie bei ihrem wilden Tanze ein nicht mehr junges, und überdieß ernſtes und unfreundliches Ge⸗ ſicht hatte. Einige ſagten, ſie tanze um der Bewegung willen, und die Herren laſſen es ſich ſehr angelegen ſein, ihr dieſe zu verſchaffen; Andere erklärten, ſie wolle ſich ein Herz erſtürmen; wieder Andere meinten, es ſehe bei ihr nicht ganz richtig aus unter der Haube. Wer ſich am meiſten daran ergötzte, waren die jungen Frauen⸗ zimmer, die unaufhörlich lachten und einander zuflüſter⸗ ten. Ich wunderte mich nicht wenig, als ich während einer Pauſe Adelaide Arm in Arm mit dem hüpfenden Fräulein den Tanzſaal verlaſſen ſah. Ich ging ihnen ſacht nicht dem gewi beim verb das wirr zugle ſamk ſo w bald ihr i ganz nung wieſc 2 dieſer Herz 2 wunde S ung Zaube auf di lich ſe Ich ki gareth gemeir hören auf ih gens 1 hielt Fräule „ 57 ſachte nach und hörte es mit an, wie Adelaibe, die mich nicht bemerkte, mit der liebenswürdigſten Aufrichtigkeit dem Fräulein erklärte, ihre Art zu tanzen ſei höchſt un⸗ gewöhnlich und errege Verwunderung; es ſei jetzt Mode, beim Tanzen faſt nur zu gehen, und mit dieſer Belehrung verband ſie einen kleinen Tanzunterricht. Das Fräulein, das durch die vielen Leute, die Lichter und den Tanz ver⸗ wirrt auf nichts um ſie her Acht gegeben hatte, war jetzt zugleich verlegen und dankbar für Adelaidens Aufmerk⸗ ſamkeit. Allein Adelaide war ſo eifrig und ernſt, dabei ſo wohlmeinend und freundlich, daß die Verlegenheit bald verſchwand, und das Fräulein, während Adelaide ihr ihren zertanzten Kopfputz in Ordnung brachte, ſie ganz ungenirt um noch weitere Lektionen bat, die Hoff⸗ nung auf nähere Bekanntſchaft ausſprach, ſich beklagte, wie ſchwer es ſei, auf dem Lande Lehrer zu bekommen u. ſ. w. Meine herrliche Adelaide! wenn du wüßteſt, wie dieſer Beweis von Herzensgüte und Einfachheit dir mein Herz zuwandte! Die Geſellſchaft im Tanzſaal war nicht wenig ver⸗ wundert, als ſie das vorher ſo hüpfende Fräulein auf einmal tanzen ſah, als wäre eine gänzliche Umwand⸗ lung mit ihr vorgegangen; auch war ſie jetzt eben ſo ſtille geworden, wie ſie vorhin gelärmt hatte. Das iſt Zaubetei, ſagte man überall, und Graf Alarich warf auf die liebenswürdige Zauberin ein Auge, welches deut⸗ lich ſagte, daß er den Hergang der Sache wohl begreife. Ich konnte nicht umhin, die kleine Seene Fräulein Mar⸗ garethe mitzutheilen, die an den luſtigen Sprüngen un⸗ gemein viel Spaß gehabt hatte, und jetzt über das Auf⸗ hören derſelben ganz übellaunig war. Ich bemerkte auf ihren feinen Lippen einen Ausdruck des Vergnü⸗ gens über Adelaidens Benehmen, den ſie jedoch zurück⸗ hielt und nur ſagte: „Adelaide mag ſich in Acht nehmen, daß ſie ihr Fräulein nicht mit Haut und Haar bekommt.“ „Wie?“ erwiederte ich ein wenig eifrig—„wenn ſie für den kleinen Dienſt, den ſie ihr erwieſen hat, die ganze Ergebenheit eines Menſchen gewinnen kann, ſollte ſie darüber nicht froh und dankbar ſein? Ach, Fräulein Margarethe, iſt nicht das Geſchenk eines Herzens jeder⸗ ſS die koſtbarſte Gabe, welche das Glück uns verleihen ann?“ „Meine liebe Mamſell,“ antwortete Fräulein Mar⸗ garethe lachend,„dieß mag Alles ſehr gut und ungemein ſchön ſein, und ich gönne Ihnen alle Herzen auf der Welt, allein ich für meinen Theil würde mich für die Freude bedanken, die Menſchen ganz und gar zu haben; ich will mich mit ihnen blos ein wenig amüſiren.“ „Nun, nun, Fräulein Margarethe,“ dachte ich etwas beleidigt,„ich werde Ihnen mit meiner Freundſchaft nicht zur Laſt fallen.“ Unter den Gäſten befand ſich ein junger Mann, der ſich auf eine ganz andere Art auszeichnete, als das Fräu⸗ lein, und eben ſo verzagt war, ais dieſe muthig. Trotz der Offiziersuniform, die er trug, war er in ſo augen⸗ ſcheinlicher Verlegenheit, daß er nicht wußte, ob er gehen, ſtehen oder ſitzen ſolle. Es war ein kritiſcher Augenblick, als ſich beinahe Alles ſetzte und er ganz allein vor einigen jungen Damen ſtehen blieb, die ihn durch die bedeutſamen Blicke, welche ſie einander zuwarfen, dermaßen aus der Faſſung brachten, daß der Hut ſeiner zitternden Hand entſiel, und Gott weiß, ob er nicht ſelbſt gefallen wäre, hätte ihm nicht Adelaide mit einer ſchnellen Bewegung zwiſchen ſich und einer ihrer Freundinnen Platz gemacht, ihn beim Namen gerufen und eingeladen, ſich zu ſetzen⸗ Um ihn aus ſeiner Verlegenheit zu reißen, ließ ſie ſich ſofort mit vieler Güte und Lebhaftigkeit in ein Geſpräch mit ihm ein. Der junge Fähndrich faßte ſich und ſah bald gar ſtolz und vergnügt darein. Fräulein Margarethe bemerkte dieß, und ein beinah unmerkliches ſarkaſtiſches Lächeln umſpielte ihren Mund, Ich ſah ſie fragend an.„Adelaide bekommt bald einen Frei ſte Mor Frät laidi ſie frag dieſe ſellſe bald eina: komn Acht drohe mit einig die lite ein er hen tar⸗ ein elt, eude will was nicht der räu⸗ Trotz ugen⸗ ehen, blick, nigen amen s der Hand wäre, egung macht, ſetzen⸗ ie ſich ſpräch nd ſah einahe Mund, d einen 59 Freier,“ ſagte ſie—„der Menſch dort glaubt ſicherlich, ſie ſei in ihn verliebt.“ Später in der Nacht, als die Nachbarn im ſchönen Mondſchein aufzubrechen begannen, hörte ich Adelaidens Fräulein ſagen:„Ach wo iſt meine liebe Freundin Ade⸗ laide?. ich muß nothwendig Abſchied von ihr nehmen, ſie könnte ſich ſonſt beleidigt fühlen.“ „So, ſo ſeid Ihr ſo intime Freundinnen geworden?“ ſragte des Fräuleins Mutter. „Das verſteht ſich, o das iſt herrlich,“ erwiederte dieſe, und als ſie endlich Adelaide mitten unter der Ge⸗ ſellſchaft erblickte, ſprang ſie zu ihr hin und ſagte: „Ach ſeien Sie doch ſo gut und beſuchen Sie uns bald, mein liebes Fräulein.... und wir wollen Du zu einander ſagen und gute Freundinnen ſein, nicht wahr? komm alſo nur recht bald— ſonſt kannſt Du Dich in Acht nehmen, es geht Dir nicht gut!“ und ſie hielt drohend ihren Zeigefinger in die Höhe. Indem ſie nun mit ihrem kurzen Mantel forthüpfte, machte ſie wieder einige höchſt närriſche Sprünge. Fräulein Margarethe, die Alles hörte und ſah, warf mir einen Blick zu, der zu bedeuten hatte: Nun, was habe ich geſagt? Sie lachte herzlich und zeigte dabei ihre perlenweißen, ſchönen Zähne. Fähndrich S. ſchrieb, noch ehe er ſich ſchlafen legte, folgenden Brief an ſeinen geliebten Bruder: „Ich amüſire mich hier vortrefflich, mein lieber Johann. Schöne Mädchen, Johann! recht ſchöne Mäd⸗ chen, und alle zuſammen nichts weniger als grauſam;— wenigſtens nicht gegen gewiſſe Perſonen. Nun.„ge⸗ wiſſe Leute haben wirklich auch das Glück bei den Frauen⸗ zimmern. Heute Abend ging ich auf einen Ball bei G. 8, und da erwies ſich eine gewiſſe junge Schön⸗ heit, die ich Dir nachher ohne Zweifel noch öfter nennen werde, ich ſage, eine gewiſſe junge Schönheit erwies ſich dermaßen zuvorkommend gegen mich, daß ich um ihret⸗ willen ein wenig in Verlegenheit gerieth. Ich konnte 60 nicht unartig ſein.. ſie iſt überdieß hübſch genug, um einen Mann weich zu machen, und wenn ſie auch treu und ſtaudhaft iſt... wer weiß, wir wollen ſehen! Sie könnte unter vielen möglicherweiſe gerade die rechte ſein. Indeſſen thut es mir wirklich leid um Lotichen S., um Igathe B. und um das kleine Minchen— mein armes Minchen! Allein man kann doch ums Himmels willen nicht alle lieben Mäbchen heirathen. Was kann man dafür, wenn man Glück bei den Frauenzimmern macht? Gute Nacht jetzt, mein lieber Johann, ich will mich ſchlafen legen und von meinem ſchönen Mädchen träu⸗ men, ſie rufe mir, ich ſoll zu ihr kommen und mich neben ſie ſetzen, wie ſie es dieſen Abend that, das köſt⸗ liche Geſchöpfchen! Dein ergebener Bruder.“ Dieſes Billet, wovon ich durch einen ganz beſon⸗ dern Zufall Einſichtnahme erhielt, veranlaßte mich zu⸗ gleich, mit dem Betragen des Fräuleins über die Miß⸗ bräuche und Fehlgriffe nachzudenken, wozu allzugroße Güte und Freundlichteit verleiten können. Ich ſprach mit Adelaide darüber. Sie erröthete und lachte.„Man muß auch etwas wagen,“ ſagte ſie,„wenn man etwas gewinnen will. Die beiven Leutchen wurden doch vor dem allgemeinen Spotte gerettet und ich habe keine große Unannehm⸗ lichkeit von ihnen gehabt.“ Hugo L. fand nicht für gut, am Morgen nach dem Ball abzureiſen, allein Fräulein Margarethens ſtrenger Blick hielt ihn ſo in Reſpekt, daß er es nicht wagte, ſich Angelika wieder zu nähern; dagegen ſchien er Ade⸗ laiden ſeine Huldigungen zuzuwenden, wodurch er die Augen des Grafen Alarich auf ſich zog. Fräulein Margarethe lag auf ihrem Sopha, vutzte mit einem Zängchen ihre Nägel, und richtete Schlag zwölf Uhr ihre fünf kleinen goldenen Uhren, welche ihr ihre Kammerjungfer ſchweigſam und ehrfurchtsvoll eine nach der andern übergab, als Jemand kam, um ihr einen Spaziergang mit einem Theil der Geſellſchaft vorzu⸗ ſchlagen. abſ Na Si We ein rede Ade Tra Lau Erh ihre erhii Dan the g aus. welch das antw Geſp als e Nat für ſ Nien Fräu veraq könn wage das ſchüt blick es f dem enger ate, Ade⸗ r die putzte chl e ihr eine einen vorzu⸗ 61 „Wozu das?“ fragte Fräulein Margarethe, die keine abſonderliche Freundin von Spaziergängen und ſchöner Natur war. Das Wetter war ihr zu warm— zu kalt — ſie hatte keine Luſt u. ſ. w., allein man ſagte ihr, das Wetter ſei göttlich, man werde nicht lange gehen, nur ein Bischen in den Park, und ſie ließ ſich endlich über⸗ reden. Graf Alarich ſpielte mit Gräfin Auguſte Billard. Adelaide und Gräfin M. wurden von Sr. Excellenz im Traubentreibhaus zurückgehalten. Fräulein Margarethe war eben nicht bei der beſten Laune von der Welt, auch diente es ihr keineswegs zur Erheiterung, daß ſie Fräulein Pelan oder Pellan, wie ihre guten Freundinnen ſie nannten, zur Geſellſchafterin erhielt, die über Alles, was ſie ſah, in Extaſe gerieth. Daneben hatte ſie große Zuneigung zu Fräulein Margare⸗ the gefaßt, worüber dieſe nicht ſehr erfreut zu ſein ſchien. „Gott, wie ſchön iſt es hier!“ rief Fräulein Pelan aus.„Welche Maſſen von Bäumen! welches Grün! welcher klare Himmel! Ach mein liebſtes Fräulein, iſt das nicht ein wahres Eden?“ „Ich weiß es nicht, ich bin nie dort geweſen,“ antwortete dieſe trocken. Nun weiß ich nicht, wer von der Geſellſchaft das Geſpräch auf Aufopferungen brachte. Die Meiſten erklärten, es ſei nichts weniger ſchwer als eben dieſe geprieſenen Thaten; man könne ſich nichts Natürlicheres denken, als ſein Leben und ſein Vergnügen für ſeinen Freund, ja ſogar für ſeinen Feind hinzugeben. Niemand wareifriger, ſich aufzuopfern, als mehrbeſagtes Fräulein Pellan. Sie verſicherte, ſie würde ſich ſelbſt verachten, wenn fie einen Augenblick Anſtand nehmen könnte, ihr Leben an die Rettung eines Mitmenſchen zu wagen.„Was iſt der Körper?“ ſagte ſie—„ein Kleid, das man früher oder ſpäter ablegen muß“— und dabei ſchüttelte ſie ſich—„wie könnte man wohl einen Augen⸗ blick zaudern, es preiszugeben, wenn eine höhere Pflicht es forderte? Unmöglich ſie für ihren Theil! rein un⸗ —————— 62 möglich! Fräulein Margarethe war die einzige, die kein Wort ſagte. Wir kamen jetzt auf eine kleine Ebene. Am Fuße eines Berges ſahen wir eine zarte weiße Geſtalt unter einem Baume zwiſchen den Blumen im Graſe liegen. An dem lockigen Kopfe erkannte man bald Angelika; ſie ſchlief mit dem Kopf auf dem Arme, und neben ihr lag ein Buch. Man freute ſich laut uͤber den ſchönen Anblick, über das Romantiſche deſſelben. Man ver⸗ ſetzte ſich in die ſchönen Zeiten der Sage zurück, wo die Nymphen des Waldes ſich ſo den Sterblichen offenbarten. „Ich wünſche ihr nur Glück zu dem vielen Geziefer, das ſie an ſich bekommen wird,“ fagte Fräulein Mar⸗ garethe trocken. In dieſem Augenblicke hörten wir ein ſchreckliches Gebrülle, und ein grimmiger Stier mit ſprühenden Augen und blutiger Schnauze ſtürzte aus dem Wäldchen hervor und auf die Geſellſchaft zu, in der Richtung, wo Angelika lag. Alles floh in Eile und Schreck, ohne an Angelika zu denken, Niemand aber war ſo preſſirt und ſprang ſo verzweifelt über Stock und Stein, als Pellan; ja ſie ſtieß ihre gute Freundin, Fräulein Margarethe, auf die Seite und machte einen Satz über Angelika weg, die ſie in der Eile wohl für eine Art Klotz halten mußte, Fräu⸗ lein Margarethe allein lief gegen Angelika hin und rief ihr zu, ſie ſollte fliehen. Angelika ſprang leicht, wie eine junge Hindin, auf, verrenkte aber in demſelben Augenblick den Fuß und konnte keinen Schritt weiter machen. Er⸗ bleichend ſetzte ſie ſich auf den Boden. „So laufen Sie doch um Gotteswillen! fliehen Sie! rief Fräulein Margarethe.„Sind Sie behert? fort, fort, eilen Sie!“ „Ich kann nicht... ich habe den Fuß gebrochen.. antwortete Angelika mit zitternder Stimme. „Nun in Gottes Namen,“ ſagte Fräulein Margarethe Der Stier kam jetzt in voller Wuth gerade auf ſie zu. Fräulein Margarethe wurde auf einmal vollkom⸗ me mi ang Ko) wür auf von gar ein hine ohn war hört aus gere dieſ kom endl ſie reth wir im Fr ton en garethe auf ſie ollkom⸗ 63 men ruhig, ſtellte ſich zwiſchen Angelika und das grim⸗ mige Thier, und nahm ihren Shawl ab, indem fie vor ſich hin ſagte: „Ich kann gerade nicht ſagen, daß ich es beſonders angenehm finde, durchbohrt zu werden.“ In dem Augenblick, wo der Stier mit geſenktem Kopfe auf ſie losſtürzte, warf ſie ihm mit bewunderns⸗ würdiger Gewandtheit den rauhen Shawl darüber, wor⸗ auf das Thier einen Sprung machte, ſo daß es ſeitwärts von Angelika kam und ſodann geblendet weiter raste. Unerſchrocken und ruhig wandte ſich Fräulein Mar⸗ garethe von dem Stier weg zu Angelika, nahm ſie wie ein Kind auf die Arme und trug ſie eiligſt in den Wald hinein. Angelika war vor Schmerzen im Fuße beinahe ohnmächtig. Als Fräulein Margarethe eine Weile gelaufen war, und das erſchreckliche Gebrüll des Stiers nicht mehr hörte, ſetzte ſie ſich mit ihrer Bürde auf einen Stein, um auszuruhen, und nun drückte ſie mit feuchten Augen ihr gerettetes Kind an die Bruſt und küßte die ſeideweichen Locken, welche ihre Stirne umſchatteten. Später, als ſie ihren Weg aufs Neue fortſetzte, ſtieß ſie auf Pellan, die wie ein verlornes Schaf im Walde umherlief. Sie hatte ſich verirrt, und außer ſich vor Schreck, fragte ſie Fräulein Margarethe heftig um den Heimweg; als aber dieſe, ſtatt zu antworten, ihr gebieteriſch zuwinkte, ſie ſolle kommen und Angelika tragen helfen, ſo gehorchte ſie doch endlich murrend und zitternd. „Wir werden alle drei durchbohrt werden!“ ſagte ſie jammervoll. „In Gottes Namen,“ erwiderte Fräulein Marga⸗ rethe.„Wir thun unſere Pflicht und für das Uebrige wird der Himmel ſorgen.“ „Aber ich mag nicht durchbohrt werden,“ rief Pellan, im Begriff zu ſpringen. „Bleiben Sie und kommen Sie mit uns, mein Fräulein,“ ſagte Fräulein Margarethe in einem Herrſcher⸗ tone.„Ach, was iſt denn auch der Körper, daß wir 64 Anſtand nehmen ſollten, ihn zum Opfer zu bringen, ſo⸗ bald die Pflicht es erheiſcht? was iſt der Körper, Fräu⸗ lein Pellan? ein Kleid, das früher oder ſpäter abge⸗ worfen werden muß.“ Dabei lachte ſie herzlich und konnte ſich das Ver⸗ gnügen nicht verſagen, Fräulein Pellan auf dem gan⸗ zen Heimweg mit ihren eigenen, ſchönen Sentenzen zu bewirthen. Endlich kamen ſie nach Hauſe, wo Angelika's Un⸗ fall große Unruhe erregte. Fräulein Pellan erzählte Je⸗ dermann mit den übertriebenſten Ausdrücken von den Gefahren, welche ſie ausgeſtanden. Fräulein Margarethe dagegen, nachdem ſie zum Doctor geſchickt und mit mütterlicher Sorgfalt Angelika ins Bett geholfen hatte, berichtete lakoniſch und luſtig, wie der ganze Handel ſich zugetragen, lachte dabei ſelbſt und brachte durch ihre heitere Darſtellung Alle zum Lachen, nur die Gräfin M. nicht, die ſich bleich und unruhig neben Angelika's Kopfkiſſen ſetzte. Fräulein Margarethe ſchien mit Mißvergnügen die ſteigende Vertraulichkeit zwiſchen dieſen Beiden zu ſehen, und eines Tages kam ſie ſehr übelgelaunt aus Angelika's Zimmer, die bereits viel beſſer war.„Ei ſeht doch,“ ſagte ſie,„jetzt fahren ſie Alle zuſammen nach Rom und kommen dann wahrſcheinlich ſo eultivirt und exaltirt zurück, daß man kein vernünftiges Wörtchen mehr mit ihnen ſprechen kann. Ich hoffe indeß immer noch, der alte Plomgren, Angelika's Vater, werde ſo vernünftig ſein, ſeine Einwilligung zu verweigern.“ Die Gräfin M., die ungeachtet ihres Stolzes einige Angſt vor Fräulein Margarethe hatte und gewohnt war, ſich von dem beſtimmten Willen derſelben beherr⸗ ſchen zu laſſen, gab ſich alle mögliche Mühe, ſig mit der Romreiſe zu verſöhnen, aber vergebens! Alles, was ſie ewann, war, daß Fräulein Margarethe am Ende über die„Narrheit“ lachte, ſtatt böſe darüber zu ſein. Wir waren jetzt gegen vierzehn Tage bei Sr. Excellenz geweſ und d lich m einig das ſ chen daß 1 Abrei überſt genbl gute ſich v zu ha gen, Man S und d wohl ſpann Ungle oft de mir g dem L einen ben d mit W hervor war i ſchlug den H fich zu die W nacht der P der S Gott, B ſo⸗ räu⸗ bge⸗ Ver⸗ gan⸗ nzu Un⸗ Je⸗ den rethe mit atte, lſich ihre nM. lika's n die ehen, ika's och,“ und altirt rmit , der inftig einige vohnt herr⸗ it der as ſie über ellenz 6⁵ geweſen, der Präſident fing an, mißvergnügt zu werden, und drang auf die Abreiſe. Die Gräfin M., war ſo gänz⸗ lich mit Angelika beſchäftigt, daß ſie ſonſt Niemanden mehr einige Aufmerkſamkeit ſchenkte, und das ſteigende Intereſſe, das ſeine Töchterj für das ungewöhnliche junge Mäd⸗ chen an den Tag legten, beunruhigte ihn.„Es iſt Zeit, daß wir wegfahren,“ ſagte er am Abend vor unſerer Abreiſe zu mir;„die Mädchen könnten ſonſt ebenſo überſpannt werden, wie dieſe Angelika da.“ Einen Au⸗ genblick darauf fügte er hinzu:„Es mag eine ganz gute Sache um ein Genie ſein; allein herzukommen, ſich verrückt zu geberden, lange Reden mit Ach und Oh zu halten, ſich wüthenden Stieren in den Weg zu le⸗ gen, das erinnert mich an das bekannte Sprüchwort: Man iſt noch kein Genie, wenn man verrückt iſt.“ Später am Abend ſaß ich im Vorzimmer am Fenſter und dachte über die Worte des Präſidenten nach, was er wohl eigentlich damit gemeint habe, daß er Angelika über⸗ ſpannt nenne. Ich machte mir Gedanken über die große Ungleichheit unter den Menſchen, und wie wenig Einer oft das Leben des Andern verſteht. Angelika hatte auch mir großes Intereſſe eingeflößt, und ich ſuchte mir von dem Leben in dieſer jungen, feurigen und ſtrebenden Seele einen Begriff zu machen. Es kam mir vor, wie das Le⸗ ben der Natur in dieſem Augenblick. Der Himmel war mit Wolken überzogen, aus welchen dann und wann Sterne hervorfunkelten, klar wie Angelika's Augen; die Gegend war in düſtere Dämmerung gehüllt, aber da und dort ſchlug ein heller Blitz ſeine Feuerfittiche auf und umfaßte den Horizont; ſo ſucht der Gedanke in einer Menſchenſeele fich zu befreien, ſo blitzt er hervor und verſinkt wieder in die Wolken, ſo flammt er noch in der Stunde der Mitter⸗ nacht auf, beleuchtet die nächtliche Gegend und begegnet der Morgenröthe. Dieſe Blitze ſind die tiefen Athemzüge der Seele in der drückenden Atmoſphäre der Erde; o Gott, ſie ſind die Verſuche des bebenden Geiſtes, dir zu Bremer, Löchter d. Präſibenten. 5 66 nahen! Ich hörte jetzt auf der Orgel in ber Bibliothet präludiren. Angelika's tiefe Altſtimme drang klar und ſchön durch das Schweigen der Nacht, und ſie ſang mit inniger, hoher Begeiſterung: Mich dürſtet! Gib mir von der friſchen Quelle, Die einſt durch Edens Roſenhaine floß, Der herrlichen, der klaren Silberwelle, Die dort in ew'ger Jugend ſich ergoß; Viel Engelsblicke lächeln draus ſo hold, Draus ſtrahlt der heiligen Weisheit reines Gold. Mich dürſtet! O du gute Wahrheitsquelle, Gib Friſche dieſem fieberwilden Blut, Damit das Herz von neuem Leben ſchwelle, Löſch aus des kranken Auges wilde Glut; O dürft ich meinen Durſt in dir nur laben, Den Himmel ſelbſt würd' ich im Herzen haben. Mich dürſtet! Gott, du klare Liebesquelle, Aus deſſen Schooße ew'ges Leben ſprießet, Nur einen Tropfen! Jene laue Welle, Die durch die öde Flur des Lebens fließet, Sie kann die heißen Lippen nicht erquicken, Ich ſuch' nur dich mit ſehnſuchtsvollen Blicken. Der Geſang verſtummte; ich hatte mich der offen⸗ ſtehenden Bibliothekthüre genähert und ſah Angelika den Kopf in ihre Hände neigen, während ein flammender Blitz ſie mit Licht übergoß. „Möge das eine Prophezeihung ſein!“ ſagte ich in meinem Herzen. Ein dunkler Schatten bewegte ſich in der Bibliothek und kam mit einem Tuch vor den Au⸗ gen gerade auf mich zu. Indem ich auf die Seite ge⸗ drückt wurde, erkannte ich Fräulein Margarethe. Wi gelt im ren zu was zu ihn abe etw voll friſ wei an pfer mit ihre ließ erſc Flü ter, klar wen Reiſ othet und mit offen⸗ ka den nender ich in ſich in n Au⸗ ite ge⸗ 67 Der Präſident und ſeine Familie waren bereits im Winterquartier in der Stadt, als Gräfin Natalie mit An⸗ gelika uns einen flüchtigen Beſuch abſtattete. Sie waren im Begriff, nach Rom zu reiſen. Es hatte etwas Rüh⸗ rendes, der Gräfin Zärtlichkeit und Sorgfalt für Angelika zu ſehen. Dieſe dagegen ſchien etwas in, ſich zu haben, was ſie hinderte, ihre ganze Ergebenheit einem Menſchen zu ſchenken; doch ſah ſie glücklich aus. Wir wünſchten ihnen Eins ums Andere glückliche Reiſe.*) Der Präſident aber ſchüttelte den Kopf, als ſie fort waren und brummte etwas von„Geld zum Fenſter hinauswerfen.“ Der Schwan. „Der Schwan aus ſeinem Schilfe ſchwamm, An Sang und Silber reich.“ Böttiger. Ich ſah an einem Frühlingstage den Schwan ſein Morgenbad nehmen. In leichten, kuͤhnen und anmuths⸗ vollen Bewegungen worf er die Wogen um ſich her, welche friſch und klar, ſpielend und ſchäumend ihn umtanzten, ſein weißes Gefieder noch blendender machten, ſich ſchmeichelnd an die weichen Conturen anſchmiegten und in jedem Tro⸗ pfen ihren ſchönen Beherrſcher abſpiegelten, der ſie bald mit ſeinen Flügeln ſchlug, bald zärtlich ſeinen Hals in ihren Schooß verſenkte. Zuweilen tauchte er ganzunter und ließ die Wellen ſich über ſeinem Haupte kräuſeln; ſodann erſchien er wieder, ſchüttelte den Silberſchaum von den Flügeln und ſchwamm ſtolz mit gebieteriſcher Miene wei⸗ ter, indeß die Wellen gehorſam ſich theilten, und in ihrer klaren Tiefe das herrlich ſtolze Bild wiedergaben. ) Ich erſuche hier meine Leſer, gefälligſt baſſelbe zu thun und wenigſtens in dieſem Jahre keine weiteren Nachrichten von den Reiſenden zu erwarten. 68 Ich betrachtete dieſes ſchöne Gemälde an einem Früh⸗ lingsmorgen, beim Geſang der Vögel, beim Säuſeln des jungen Laubs, das im Tageslicht und im Winde hervor⸗ brach, ich betrachtete es mit innigem Wohlbehagen, wurde aber dabei von einer ſonderbaren Wehmuth ergriffen. Die⸗ ſes Thier, dachte ich, gerirt ſich als Herrſcher in ſeinem Element. Letzteres ſchließt ſich um ſeinen Körper an, nur um ſein Leben zu erhöhen und ſeine Schönheit wiederzu⸗ ſtrahlen. In dieſem Verhältniß zwiſchen dem Geſchöpfe und ſeiner Welt, welche Harmonie, welche Freiheit und Schönheit! Dieß Thier... und der Menſch in unauf⸗ hörlichem Streit mit ſeiner Welt, gefeſſelt in allen ſeinen Bewegungen, beſchwert ſelbſt von der Luft, die er athmet der Menſch, der Herr der Natur— und ſiehe da! ihr Sklave. Dieſer Gedanke drückte mich nieder, ich fühlte mich gefeſſelt, ich wußte mich einen Sklaven. Ach, ich ver⸗ ſtand damals die Verſöhnungslehre noch nicht; ich wußte nicht, daß der Menſch die Herrſchaft über die Natur wieder gewinnen kann, die er in ſeinem Falle verloren; daß er ſich einſt abermals in ſeinem Lebenselement, wie ki Schwan in Freiheit und Schönheit, wird bewegen önnen. Gleichwohl gibt es ſchon in dieſem Leben Menſchen, die in einem wunderbaren Grade von dem Zwang der Naturgeſetze befreit find, glückliche und anmuthige Weſen, die von ihrer Geburt an unter dem Schutze freundlicher Mächte geſtanden zu ſein ſcheinen. Adelaide gehörte zu die⸗ ſen. Wenn ich ihre Bewegungen und ihr Leben betrachtete, wenn ich ſie handeln und wandeln ſah, dachte ich dabei unwillkürlich an den Schwan. Dieſelbe leichte, kühne Grazie, dieſelben inſtinktmäßtgen, immer glückenden Be⸗ wegungen, dieſelbe ſorgloſe, ruhige Sicherheit, ſowohl im Augenblick der Ruhe als des Handelns. Sie that Alles leicht und gut; Alles, was ſie unternahm, glückte ihr, und Alles war anmuthig, jugendfriſch und paſſend. Sie ſpielte und ſang ſich gleichſam durchs Leben. Dieß m 69 führte mich auf folgende fernere Gedanken: Was iſt bie Grazie ſelbſt wohl anders, als die Leichtigkeit, womit das Geſchöpf ſich in ſeiner Welt bewegt und die Erſchei⸗ nungen derſelben beherrſcht oder ſich nach ihnen fugt, nicht aus einer durch Nachdenken und Erfahrung gewon⸗ nenen, ſondern aus natürlicher, ungeſuchter und unerwor⸗ bener Kraft. Die Grazie iſt, wie Schönheit und Genie, ein Pathengeſchenk des Himmels und entzückt, wie dieſe, nur dadurch, daß ſie ſich offenbart. Adelaide hat dieſes Geſchenk empfangen, und Niemand, er mochte hoch oder niedrig geſtellt, gebildet oder ungebildet ſein, lebte einige Zeit in ihrer Nähe, ohne ihre Macht zu erfahren. Sogar über die Thiere hatte ſie, ſowohl ſchmeichelnd als befeh⸗ lend, eine ganz beſondere Gewalt. So ſchön, ſo anmuthig, ſo ungeprüft vom Leben und Leiden, ſo gewiß jederzeit zu gefallen und Glück zu ma⸗ chen, ſo geliebt, ſo geſchmeichelt und gehätſchelt, dabei mit einem ſo lebhaften Temperamente begabt, wäre es ein wahres Wunder geweſen, wenn Adelaide nicht ein wenig übermüthig geworden wäre. Sie war es, aber auch dieß voll Anmuth. Angelika zeichnete einmal Adelaide mit ei⸗ nem Löwen ſpielend, der ſich gezähmt mit einer Blumen⸗ ranke, welche ſie in der Hand hält, binden läßt, und ſie dabei mit einer ganz eigenthümlichen, ſchönen Löwenzärt⸗ lichkeit anblickt. Dies war ein glückliches Bild von Ade⸗ laidens Gewalt und ihrer Wirkung auf diejenigen, die ſie beherrſchte. Ihr Uebermuth war voll Scherz und Spiel, es war der Uebermuth eines Weſens, das ſeine Macht kennt, aber nie Böſes damit thun will und ſich nicht die Mähe nimmt, ſie im Ernſte zu gebrauchen. Ihr Ueber⸗ muth war gemildert durch ihre Seelengüte, durch ihre anſpruchloſe Einfachheit, durch ihr Vergeſſen ihrer ſelbſt und den unaufhörlichen Wunſch, Alle zuftieden zu ſtellen, Alle froh und glücklich zu machen. Ihre Gutmüthigkeit artete wohl oſt in Schwäche, ihre fröhliche Sorgloſigkeit in Leichtſinn aus, und gleich⸗ wohl waren die erhabenſten Gefühle, der reinſte Ernſt 70 und eine eben ſo klare als erhabene Denkungsweiſe ihr nichts weniger als fremd. Aber dieſe Augenblicke eines tiefen Lebens waren bei ihr noch ſelten und vorüber⸗ gehend, ſie war noch gar zu ſehr das verzogene Kind der Natur. Adelaide war gefallſüchtig; ſie wollte gern Jeder⸗ mann gefallen, vor Allen aber und hauptſächlich Den⸗ jenigen, die fie liebte. Und doch ſah ich nichts Böſes darin. Es war eine natürliche Aeußerung einer lieb⸗ reichen Natur, einer ächten Frauenſeele. Man macht gewöhnlich keinen unterſchied zwiſchen der Luſt zu gefallen und der Koketterie, und gleichwohl beſteht ein ſehr weſentlicher. Wie abſtoßend, wie wider⸗ wärtig iſt nicht gewöhnlich das Weib, das gar keinen Wunſch hat zu gefallen! dem aufgeklärten Denker viel⸗ leicht eben ſo unangenehm, wie eine Kokette. Das Leben eines an Liebe reichen Gemüthes beſteht darin, durch wohl⸗ thuende und liebliche Eindrücke aile Weſen mit ſich und miteinander zu vereinigen;— das ächt chriſtliche Weib ſoll Jedermann angenehm zu ſein ſuchen und namentlich Denjenigen, die ihr am nächſten ſtehen. Aber ſie denkt dabei nicht an ſich, ſie denkt nur daran, Andern Freude und Wohlbehagen zu bereiten und die Beſtimmung zu er⸗ füllen, die der Schöpfer ihrem Weſen gegeben hat. Sie macht ſich zur Blume, aber nur ſo weit es ſich mit dem verträgt, was an und für ſich ſelbſt recht, Gott und Men⸗ ſchen wohlgefällig und paſſend iſt. Sie folgt hierin der Schönheitslinie, welche die Raturund eine gute Erziehung in ihre Seele gezeichnet hat. Das kokette Weib dagegen bezieht Alles auf ſich— vas Ertrem ihres Charakters iſt die Liebloſigkeit und Frech⸗ heit. Sie will gefallen, koſte es, was es wolle, und da⸗ durch, daß ſie die Schönheitslinie überſchreitet, dem Gu⸗ ten und Ziemlichen Trotz bietet, in Sinnlichkeit und ſchale Lüſternheit verſinkt, verliert ſie allmälig ihre Herrſchaft, ihre Anmuth, die Achtung edler Menſchen, den eigenen hr es er⸗ ind er⸗ en⸗ ſes hen ohl er⸗ nen iel ben ohl⸗ und Beib lich enkt eude ter⸗ Sie dem Ren⸗ der h— rech⸗ d da⸗ Gu⸗ chale haft, enen 71 Frieden— und der Schönheit heiliger Himmel ver⸗ ſchließt ihr ſeine Pforten. Die edle Gefallſucht kann in Koketterie übergehen, welche eigentlich nur eine Karrikatur von ihr iſt, aber ſehen wir nicht überall im Leben, daß das Weiße grau und das Graue noch dunkler werden kann, bis die Farbe der Unſchuld ganz von vem Schwarzen verſchlungen wird? Das Weiße bleibt dennoch da und kann fleckenlos neben dem Schwarzen liegen, gleich wie die Wahrheit neben der nächtlichen Lüge hell ſtrahlen kann. Es gibt eine unſchuldige und liebenswürdige Gefallſucht; mögen alle Frauen dieſe beſitzen und zu der Karrikatur„Pfui“ ſagen! Ob Adelaide auch ſo ſprechen würde? ich war es nicht gewiß. Ich fürchtete, ihre ſchöne Natur könnte im Weltleben bei den Schmeicheleien und Vergnügungen, de⸗ nen ſie ausgeſetzt war und an denen ſie gar zu viel Ge⸗ fallen zu finden ſchien, ausarten. Ich wünſchte ihr einen andern Aufenthaltsort, als die Hauptſtadt, und beſonders einen andern Mann, als Otto. Der Römer ſchimmerte immer in meinen Gedanken hervor! So viel iſt gewiß, daß Adelaide mit ihren Tugen⸗ den und Fehlern ganz außerordentlich und durch und durch liebenswürdig war. Sie gewann in kurzer Zeit mein Herz dermaßen, daß ich ſie liebte, wie wenn ſie mein eigenes Kind geweſen wäre. Sie machte mein Leben durch das ihrige glücklich. Es wurde mir wohl ums Herz, wenn Adelaide hereinkam, wenn ich ihre Schönheit ſah, ihre liebliche Stimme hörte, wenn die Kundgebungen ihres innern lebendigen Lebens ſo zu ſagen die ganze Welt in Muſik ſetzten; und dann war ſie ſo gut, ſo herzlich gut. Und ſolche Weſen, die auf uns wirken, wie Sonne und Frühling— iſt es ein Wunder, wenn wir ſie lieben? Ob ſie mich liebte, weiß ich nicht, und ſuchte es auch nicht zu erfragen. Ich habe geſehen, daß ſo viele Unruhe, ſo viel Schmerz, ja oft Bitterkeit und ungerechtigkeit bei Denjenigen erzeugt wird, welche dem Wunſche Raum geben: Ich will für das, was ich gebe, auch wieder Etwas bekommen. Und waswillſt du haben? „Liebe?“ Du Thor! Die Liebe verſchenkt ſich ja ſo lau⸗ niſch; ſie gibt ſich nicht für Verdienſte, nicht für Gold, nicht für Liebe und Treue, ſie gibt ſich für was? Das überlaſſe ich einem klügeren Kopfe zu beſtimmen; aber immerhin bleibt es ein Rath, den ſowohl Klugheit als Gutmüthigkeit geben, hier im Leben, wo wir im Dunkeln wandeln und unſer Liebespfund ſo oft in Blind⸗ heit niederlegen,— es bleibt, ſage ich, das Beſte, zu geben, ohne Etwas dafür zu fordern. So hielt ich's mit Adelaide. Adelaide dagegen, gewohnt, geliebt und ver⸗ zogen zu werden, nahm meine Zärtlichkeit und Fürſorge für Etwas auf, das ganz natürlich und vollkommen in der Ordnung ſei; übrigens war es mir angemehm, daß ſie dieß that. Ich bemerkte einmal gegen den Präſidenten, die Aehnlichkeit, die ich zwiſchen Adelaide und dem Schwane finde. Sie machte ihm Freude und bald darauf wurde Adelaide ſowohl von ihm als der ganzen Familie der Schwan genannt. Ihre blendende Weiße, ihre weichen und ſchönen Formen machten dieſe Benennung ſehr paſſend. Wie freundlich und mild ihre Natur war, hatte ich in ihrem Benehmen gegen Edla täglich zu beobachten Gelegenheit. Dieſes unglückliche, junge Mädchen ſchien eine bittere Wurzel im Herzen zu haben, welche über alle Gegenſtände um ſie her Galle ergoß. Sie war meiſtens ſtill und verſchloſſen, aber was ſie ſagte, war biſſig, was ſie that, war unfreundlich und ungefällig. Adelaide konnte ſich ihr mit ihrer wohlthuenden Wärme und Herzlichkeit nicht nähern, denn Edla ſtieß jede freund⸗ liche Annäherung von ſich; aber niemals erwiederte Ade⸗ laide ein Wort auf die Bitterkeiten ihrer Schweſter, ſie ertrug ihre üble Laune in Stille, und wenn ſie etwas wußte, das Edla angenehm war, ſo that ſie es. Gleich⸗ wohl ſchien ſie eine Art Bangigkeit vor ihr zu empfin⸗ den und am liebſten jede Berührung mit ihr zu vermeiden. Dieß Verhältniß zwiſchen Schweſtern wäre mir indeß unerk wäret Vate worde ſident tritt bald ihren der u wie e tie fes ſchen, entgel ihrig Sie h Blicke Gefül krank tete ſi Welt; eine 2 Weſen Murr Stolz ein ve alle de Liebe wahrl für ſie den m ſtrahl ihre G wo mö beinah tige B lichen 73 unerklärlich geweſen, wenn ſie zuſammen aufgewachſen wären; allein Edla war ſchon mit acht Jahren aus dem Vaterhauſe entfernt und in einer Penſion untergebracht worden, von wo ſie erſt ein Jahr vor dem Tode der Prä⸗ ſidentin, und ſomit etwa zwei Jahre vor meinem Ein⸗ tritt in die Familie zurückkehrte. Ich beobachtete Edla genau und entdeckte bei ihr bald eine tiefe und ſchwer gekränkte Empfindlichkeit. In ihren Aeußerungen verrieth ſich oft die Ueberzeugung von der ungerechten Austheilung der menſchlichen Lvoſe, ſo wie eine heftige Erbitterung darüber. Sie ſchien ein tiefes Gefühl zu haben von dem Unvermögen der Men⸗ ſchen, den Leiden und einem unglücklichen Schickſal zu entgehen, und dieſes Schickſal betrachtete ſie als das ihrige, wollte ſich aber gleichwohl nicht darunter beugen. Sie hatte die Mißverhältiſſe des Lebens mit ſcharfem Blicke aufgefaßt, und Gedanken darüber, ſo'wie das Gefühl ihrer eigenen Verwahrloſung, hatten ihr Auge krank und ihr Herz wund gemacht. Dieſe Wunde betrach⸗ tete ſie als unheilbar und verſchloß ſich gegen die ganze Welt; ihre Lippen klagten nie, nie ſah man ihrem Auge eine Thräne entfallen. Man konnte ſagen, ihr ganzes Weſen und Leben war ein ſtilles, bitteres und ſtolzes Murren. Sie war reizbar und empfindlich, aber ihr Stolz hinderte ſie, ihr verletztes Gefühl anders als durch ein verachtungsvolles, bitteres Weſen zu äußern. Bei alle dem zeigte ſie dennoch wirkliche Kraft, tiefes Gefühl, Liebe zur Wahrheit und vortreffliche, aber höchſt ver⸗ wahrloste Verſtandesgaben. Ich empfand tiefes Intereſſe für ſie, und in der Erwartung, Zeit und Umſtände wer⸗ den mir ſchon die Mittel an die Hand geben, einen Licht⸗ ſtrahl in dieſe verdunkelte Seele zu werfen, beſchloß ich, ihre Entwicklung ſtill und liebevoll zu beobachten und wo möglich allmälig ihr Vertrauen zu erwerben. Ich war beinahe überzeugt, unvernünftige Strenge und unrich⸗ tige Behandlung müſſen den Grund zu dieſer unglück⸗ lichen Gemüthsverfaſſung gelegt haben. 74 Zwiſchen Edla und dem Präfidenten waltete eine Kälte und Spannung vor, wie man ſie oft zwiſchen El⸗ tern und Kindern findet, wenn ſie gegenſeitig Forde⸗ rungen an einander ſtellen, und nicht freundliche, ver⸗ ſöhnende Liebe als Mittlerin zwiſchen ihnen auftritt. „Ich habe Dir das Leben gegeben,“ ſagte der Va⸗ ter zu dem Kinde,—„ich habe Deine Kindheit geſchützt, Du iſſeſt mein Brod, Du wirſt von meinem Dache be⸗ ſchirmt. Ich gebe Dir die Vergnügungen, die Freiheit, welche für Deine Jahre paſſen, und womit Andere zu⸗ frieden ſind. Sei dankbar, gehorche meinem Willen, fomm meinen Wünſchen enigegen; lebe, um mir Freude zu machen.“ „Gib mir Freude,“ antwortete das Kind,„gib mir das Glück, das meine Seele bedarf, ſonſt kann ich Dich nicht erfreuen. Ich begehrte das Leben nicht von Dir, aber das Leben, das Du gabſt, begehrt Glück. Willſt Du es nicht geben, ſo verwerfe ich Dein erſtes Geſchenk; es iſt mir zur Bürde.“ Und ſo ſtehen die Unglücklichen fordernd und ankla⸗ gend einander gegenüber und werden mit jedem Tage bit⸗ terer. O gebe da Gott, daß ein aufklärendes Wort, daß ein Ton der Liebe ſich hören laſſe, um dieſes Mißverhält⸗ niß— eins der ergreifendſten und unſeligſten auf Erden — zu löſen, Herz an Herz zu ſchließen, alle Streitig⸗ keiten aufzuheben und in gegenſeitiger Nachgiebigkeit das Mittel zu gegenſeitiger Erfreuung zu zeigen. Indeß wunderte es mich, daß ein ſolches Verhält⸗ niß zwiſchen Edla und einem Vater, von dem im Gan⸗ zen milden und liebenswürdigen Charakter des Prä⸗ ſidenten entſtehen konnte. Allein der Präſident ſchien es ſich zur Regel gemacht zu haben, jederzeit ſtrenge gegen Edla zu ſein. Ich fürchtete ſehr, die Grundſätze der ſeligen Präſidentin möchten dieſe ſchädlichen Keime niedergelegt haben. Der Präſident verlangte dieſem gemäß, ſeine Töchter ſollen noch immer ſo gehalten werden, wie als Kinder, und füt Beſchä ten ſic Neigur einmal einer! Zeit z einer k leſen 1 At hatte, ſich, w wußte Vorſte lachen. Geſchi ſchritte nunger Pflicht einzuh Luſt, welche laide: Hauſet dieß u hielt e⸗ ſter üb wie ei ich ind thun ſi nicht aber r Hoffnr lichkei zurück denn öchter inder, 75 und für gewiſſe Stunden des Tags gewiſſe und beſtimmte Beſchäftigungen haben. Dieſe Beſchäftigungen aber rich⸗ ten ſich keineswegs nach den ungleichen Anlagen und Neigungen der Mädchen, ſondern folgten ſklaviſch der einmal feſtgeſetzten Ordnung. Die Fräulein mußten zu einer beſtimmten Zeit muſiciren, zu einer beſtimmten Zeit zeichnen, zu einer beſtimmten Zeit tanzen, zu einer beſtimmten Zeit nähen, zu einer beſtimmten Zeit leſen u. ſ. w. Adelaide, die mit einem Worte zu Allem Talent hatte, that Alles leicht und mit Vergnügen und wenn ſie ſich, was oft genug geſchah— Freiſtunden machte, ſo wußte ſie immer gute Gründe dafür anzuführen oder die Vorſtellungen ihres Vaters wegzuſchmeicheln und wegzu⸗ lachen. Nicht ſo Edla. Sie hatte ganz und gar kein Geſchick für ſchöne Künſte, und da ſie in ihren Fort⸗ ſchritten weit hinter Adelaide zurückblieb, und Ermah⸗ nungen nicht wegſcherzen konnte, ſo wurde es ihr zur Pflicht gemacht, dieſe fruchtloſen Arbeitsſtunden ſtreng einzuhaiten. Sie gehorchte ſtill und finſter, arbeitete ohne Luſt, arbeitete ſchlecht und bekam deßwegen Vorwürfe, welche ſie mit ſchweigſamer Erbitterung hinnahm. Ade⸗ laide war der Liebling des Präſidenten und des ganzen Hauſes. Edla wurde von Niemanden geliebt. Sie fühlte dieß und verſchloß ſich immer mehr in ſich ſelbſt. Ich hielt es auch nicht für gut, daß Edla ihre ſchöne Schwe⸗ ſter überallhin in Geſellſchaften begleiten mußte, wo ſie wie ein Schatten und eine Null neben ihr ſtand; da ich indeß noch nicht wußte, was Edla zu Hauſe Beſſeres thun ſollte, ſo wollte ich dem Willen des Präſidenten hierin nicht entgegen ſein. Edla ſelbſt ſchien gerne mitzugehen, aber mehr aus Unruhe und Verſtimmuug, als in der Hoffnung auf irgend ein Vergnügen. Mit Freude bemerkte ich, daß ſie mich in ihrer Nähe duldete und die Freund⸗ lichkeit, die ich gegen ſie an den Tag legte, nicht ganz zurückwies. Ich hoffte hievon alles Gute für die Zukunft, denn wenn mein Herz bei Adelaide weilte(und ich konnte 76 ihm dieß unmöglich verwehren), ſo arbeiteten dagegen meine Gevanken unaufhörlich für Edla. Und nun noch ein Wörtchen von den Kleinen. Sie waren ſchön, ſie waren lieb, lebhaft bis zur Unart, faul zum Lernen, dagegen ganz beſonders auf Experimente, namentlich phyſikaliſche, erpicht. Sie probirten unaufhör⸗ lich, in wie fern gewiſſe Stoffe brennbar ſeien, und an⸗ dere nicht; wie es komme, daß etwas, was gegen einen Stein geſchlagen, entzwei breche, auch nicht ganz bleiben könne, wenn man es an einen Baum ſchlage; von wel⸗ cher Höhe man ein Glas auf den Boden werfen könne, ohne daß es zerſpringe u. ſ. w.; lauter Erperimente, welche große Zerſtörung im Hauſe anrichteten, ohne die Kleinen viel vorſichtiger zu machen, denn ſie wurden wegen ihrer Schönheit und Lebendigkeit von Allen ver⸗ zärtelt und verzogen, und der Präſident hörte es nicht gerne, wenn man ein ernſtes Wort zu ihnen ſagte. Ihre liebſte Freude beſtand indeß darin, mit Adelaide zu ſpie⸗ len, und nichts war entzückender, als dieſe Drei beiſam⸗ men zu ſehen. Ein, zwei, drei, vier Frauenzimmer ſind jetzt bereits beſchrieben, laßt uns nun luſtig ſein und eine große Runde bei allen Damen in der Welt machen, welche ſich auf dem Maskenballe dieſes Lebens herumſchwingen. „Wir Frauenzimmer.“ Ich hatte eine alte Tante, welche beſtändig die Redensart:„Wir Frauenzimmer“ im Munde führte und dann allerhand Reden über uns Frauenzimmer hielt, wobei ſie uns in Klaſſen und Sorten eintheilte. Ich er⸗ innere mich, daß ſie mich dazumalen nicht ſonderlich er⸗ bauten, aber heute Abend kam mir der Ausdruck:„Wir Frauenzimmer“ ganz plötzlich auf die Zunge. Es konnte ſein, daß meine ſelige Tante ein wenig in mir ſpuckte. Ne ziehung den Fra men ni wie Klö und Sc äußern Kraft i ſich auc ſten ein Es rauhes geliebtz Etwas ſie herut bitter u ten, ſo: und Tus Schönhe Licht eir Knospen geben w Ant reich un würdig, Verſucht eigenen Tugend Blumen Himmel⸗ Vie die Verſ wachten egen Sie faul ente, fhör⸗ d an⸗ einen eiben wel⸗ önne, ente, re die irden er⸗ nicht Ihre ſpie⸗ iſam⸗ reits unde auf 77 Noch bis auf den heutigen Tag entwickelt die Er⸗ ziehung, namentlich in Schweden, die Individualität bei den Frauenzimmern nur ſehr wenig, und die Mädchen kom⸗ men nicht ſelten aus dem Ofen des väterlichen Hauſes, wie Klöſe von einem und demſelben Gebäck. Das Leben und Schickſal des Weibes ſind im Allgemeinen mehr einem äußern Geſetze unterworfen, als daß ſie ſich aus eigener Kraft ihre Formen ſchaffen könnten, und deshalb laſſen ſich auch die Frauenzimmer leichter in Klaſſen und Ka⸗ ſten eintheilen, als die Männer. Es gibt einige unter uns, für welche das Leben ein rauhes Erdreich geweſen iſt; ſie durchwandern es, ohne geliebt zu werden, und was noch ſchlimmer iſt, ohne ſelbſt Etwas innig lieben zu können. Die Kälte in der Luft um ſie herum kühlt die Wärme in ihrer Bruſt ab; ſie werden bitter und hart, und weil ſie keine Blumen tragen durf⸗ ten, ſo machen ſie ſich zu Reiſern. Sie laſſen Schönheit und Tugend nicht in Ruhe und fallen ſcharf her über Schönheit und Schwachheit. Wir wollen hoffen, daß beim Licht einer freundlicheren Sonne ihr Lebensbaum neue Knospen treiben, daß ſie Freude empfangen und Freude geben werden. Andere, und deren Anzahl iſt groß, hat die Natur reich und ſchön ausgeſtattet; ſie ſind gut und liebens⸗ würdig, ſie lieben die Tugend— aber die Welt und die Verſuchung, unweiſe Führer und die Schwachheiten des eigenen Herzen laſſen ſie von ihr abfallen. Das beſte Herz wird von unreinen Genüſſen und niedrigen Begier⸗ den befleckt. Gefallene Engel;.... unter ihnen ſind Viele, welche bittere Thränen vergießen über dem Grabe ihrer Unſchuld— und dieſe können ſie einſt als verklärte Tugend wieder aufſtehen laſſen. Andere bedecken es mit Blumen und Freuden; über dieſe weinen die Engel des Himmels. Viele gibt es auch, welche Natur und Glück für die Verſuchung lockend machte, aber freundliche Sterne wachten über ihnen. Ihr Herz wird früh durch reine —̃ 37 78 Liebe befeſtigt, und um ſie ſchließt ſich, wie eine Som⸗ merlaube das ſchützende Vaterhaus. Ihre Freuden und Leiden ſind gleich unſchuldig; friedlich alle ihre Berüh⸗ rungen mit den Nebenmenſchen. Niemand haßt ſie und — was noch beunruhigender iſt— Niemand liebt ſie mehr oder anders, als das Evangelium es erlaubt. Sie leben geliebt und geehrt, die allgemeine Stimmung nennt ſie Muſter und Vorbilder. Aber dieſe beſchützten Glücklichen, dieſe ungeprüften, wie oft werfen ſie nicht den Stein der Verdammung auf Diejenigen, welche in ganz andern Atmoſphären, als die ihrigen, ihr Herz erfroren oder ihre Flügel verſengt haben! Sie glauben ſich berechtigt, ſie zu verachten, und doch iſt es möglich, daß ſie durchaus nichts Anderes vor ihnen voraus haben, als daß ſie glück⸗ licher waren. Einige gibt es auch— Gott ſei Lob und Preis, daß es ſolche gibt, und mein Herz wird warm bei dem Ge⸗ danken, daß ich ſolche kenne und liebe— einige, die ent⸗ weder Lieblinge oder Stiefkinder der Natur und des Glücks, verſucht oder unverſucht vom Leben, einander dennoch darin gleichen, daß ſie den Gottesſpiegel in ihrer Seele durch Richts trüben laſſen. Selbſt rein und voll Abſcheu vor allem Böſen beklagen und entſchuldigen ſie jeden Fehlen⸗ den. In ihrem Blicke liegt der Himmel eines reinen Ge⸗ wiſſens, und nur deßwegen liest der Verbrecher ſein Ur theil darin. Gut, wahr, weiſe, geduldig, liebevoll, laſſen ſie ſich von der Schwachheit oder Herzenshärtigkeit der Menſchen nicht irren, ſie gehen ſtill ihren Weg, ſie habe eine Klarheit in ſich, die ihnen leuchtet und warm und wohlthuend ſie umſtrahlt. Sie verſtehen es, an Kümmer niſſen Theil zu nehmen, welche ſie nicht berühren, und wem ſie ſelbſt leiden, können ſie zur Freude Anderer noch lächeln Den Paradiesvögeln gleich ſchweben ſie über der Erde ohne ihre Schwingen mit dem Staub derſelben zu be flecken; eine ſchönere Schöpfung in ſich offenbarend, locke ſie durch ihre Liebenswürdigkeit, ihnen auf ihrer hei⸗ ligen Fahrt zu folgen. Som⸗ und erüh⸗ e und mehr leben nnt ſie lichen, Stein indern oder chtigt, rchaus s, daß m Ge⸗ ie ent⸗ Hlücks, h darin durch eu vor Fehlen⸗ en Ge⸗ ei U „laſſen keit der haben m und immer⸗ d wem lächeln r Erde, zu bo d, locken rer hei⸗ 79 Und jetzt zurück zum——— wahrhaftig! da hätte ich beinahe die vierte und zahlreichſte Klaſſe der Frauen⸗ zimmer vergeſſen, und mit dieſer mich ſelbſt aus der Schöpfung ausgeſchloſſen. Ich weiß ſie nicht beſſer zu benennen, als die Argloſen. Wir— ihre Mitglie⸗ der— ſind zahlreich wie die Kartoffeln und kommen, wie dieſe, auf der ganzen Welt vor. Wir ſind die Haus⸗ mannskoſt der Welt und ohne uns würde es ſchlecht um die Welt ſtehen. Wir füllen den Raum aus, ohne ihn Jemanden wegzunehmen; wir neutralifiren die ſtrei⸗ tenden Elemente des Lebens, die ohne uns einander zer⸗ ſtören würden. Wir ſind aus dem Nichtzuviel und Nicht⸗ zuwenig hervorgegangen und ſuchen dieſes unſer Ele⸗ ment auf der Erde zu verbreiten. Wir nennen Exal⸗ tation Verrücktheit und Sappho eine Närrin. Wir ge⸗ hen in die Kirche und in die Oper und laſſen uns Nichts anfechten. Wir nehmen vom Leben was das Leben geben will, und begnügen uns damit; wir hal⸗ ten unſer Haus in Ordnung, ſalzen unſer Fleiſch ge⸗ rade recht, ſprechen von unſern Nachbarn nicht zu viel und nicht zu wenig im Guten und im Böſen, denken, ſoviel zum Hausbrauch nöthig iſt, markten bei allem Hohen im Preis und Lob— mit einem Wort, wir find, was man eben Leute nennt, und wir erhalten die Welt im Ebenmaaß. Wir ſingen am liebſten die ſchöne Me⸗ lodie: Trallala, trallala, tralla, trall! Trallala, tral⸗ lala, trallum! In aller Demuth den werthen Mitſchweſtern ge⸗ widmet! Und jetzt urplötzlich zum Präfidenten zurück. 80⁰ Stunden im Hauſe. Viele frohe, viele bittere Stunben Haſt du meinem engen Haus beſcheert, Freuden blühn und welken von dem bunten Wechſel alles Irdiſchen verzehrt. Tögner Meujahrsabend). Begnügſamkeit. Wir ſaßen beim Mittageſſen. Das dritte Gericht — Fricando mit Zuckerrüben— war ſo eben verzehrt, und wir hatten uns bereits an das vierte, einen tüch⸗ tigen Käſekuchen, gemacht, als der Präſident ein wenig inne hielt, ein Glas Wein trank, Meſſer und Gabel weglegte, und ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte, indem er mit Gefühl ſagte: „Wie wenig bedarf doch der Menſch, um zu leben, wie wenig bedarf er, um vergnügt zu ſein! es iſt merk⸗ würdig!(Und hier wurde er ordentlich gerührt.) Mit einem einzigen ſolchen Gerichte, einem ſolchen Käſekuchen jedes Mal zum Mittageſſen könnte ich vollkommen zufrie⸗ den ſein.(Ich huſtete ein wenig.)„Ja, ich verſichere Sie,“ fuhr er eifriger fort, indem er mich etwas heraus⸗ fordernd anſah,„ich verſichere Sie, daß dieß genug, voll⸗ kommen genug für mich wäre.“ Ich hielt es für eine Sünde, ihm eine Selbſttäuſchung zu zerſtören, die ihn glücklich machte, und in welcher er nach dem Käſekuchen mit gutem Gewiſſen noch drei bis vier Stücke Back⸗ werk hinunterſchluckte. Noch vergnügter über ſeine Genügſamkeit war der Präſident bei ſeinem Nachmittagskaffee und ſeinem Glas Liqueur. Die Kleinen ſtanden zu beiden Seiten neben ſei⸗ nen Knieen und erhielten dann und wann einen Theelöffel voll von dem arabiſchen Tranke. „Ich mache keine großen Anſprüche ans Leben, Mamſell Renngviſt,“ ſagte der Präſident;„für mich und die M Wunſ könner beſte die M wenig Was lieber Gott gviſt, in der Nicht J zu finr eine Ja aus ſe äußere beitrag werden das H Je finſtere 7 ter,„d werden ben Ze es an uns m nen we me werden D brachte Bre richt hrt, üch⸗ enig abel dem ben, nerk⸗ Mit chen frie⸗ chere aus⸗ voll⸗ eint ihn uchen Back⸗ r der Glas n ſei⸗ löffel eben, h und 81 die Meinigen Alles behaglich zu haben, iſt mein höchſter Wunſch, meinen Töchtern eine gute Erziehung geben zu können, iſt mein vornehmſtes Beſtreben:— ſie iſt das beſte Erbtheil, das ich ihnen hinterlaſſen kann. Wenn die Menſchen von dem lieben Gott und einander ſelbſt weniger fordern würden, ſo wären ſie gewiß glücklicher. Was willſt Du mein Herzchen? mehr Kaffee? ſieh da, lieber Engel, einen ganzen Theelöffel voll. Wir ſollten Gott für das, was wir haben, danken, Mamſell Rönn⸗ gviſt, und unſere Freude mehr in der innern Welt, als in der äußern ſuchen, dann würde Alles beſſer gehen. Nicht wahr, bonne amie?“ ſ konnte nicht umhin, dieß Alles übertrieben wahr zu finden. „Wir kommen jetzt,“ fuhr der Präſident fort,„in eine Jahreszeit, wo es wirklich nöthig iſt, daß der Menſch aus ſeinem innern Leben etwas nehmen kann, um ſein äußeres zu erwärmen. Ich hoffe, wir werden Alle dazu beitragen, und bin gewiß, daß wir dann nicht erfrieren werden. Unter guten Kindern und guten Freunden iſt das Haus immer warm.“ Ich konnte es nicht unterlaſſen, einen Blick auf die finſtere und ſtumme Edla zu werfen. „Ganz beſonders hoffe ich,“ ſprach der Präfidnet wei⸗ ter,„daß unſere Abende im Winter recht angenehm ſein werden. Der Abend iſt des Tages Kern in dieſer trü⸗ ben Zeit und—„fügte er munter hinzu,„wir wollen es an Licht nicht fehlen laſſen. Meine Adelaide wird uns manches ſchöne Lied zum Beſten geben, meine Klei⸗ nen werden tanzen; wir werden Alle das Unſrige thun meine beſte bonne amie Rönnqpifl, ich hoffe, wir werden Alle recht glücklich zuſammen ſein.“ Unſere Abende. Dieſe waren in der That ſehr angenehm. Wir brachten ſie meiſtens in einem großen Vorzimmer zu, das Bremer, Töchter d. Präſibenten 6 82 mit dem Geſchmack und der einfachen Eleganz möblirt war, wodurch ſich alle Anordnungen des Präſidenten aus⸗ zeichneten. Zweimal in der Woche wurden Beſuche ange⸗ nommen; an den übrigen Abenden hatten wir die Gräfin Auguſte und bald auch Graf Alarich zu täglichen Gäſten. Alarich erlangte in kurzer Zeit einen großen Einfluß auf uns Alle. Ich weiß nicht recht, wie es kam, aber das Leben gewann ein höheres Intereſſe, wenn Graf Alarich zugegen war. Man wußte, daß reiche Schätze in ihm lagen, und bei Allem, was man ſagte oder that, hatte man immer das Auge auf ihn gerichtet;— was wird er davon denken, was wird er dazu ſagen, wie wird er die Sache anſehen?— Gleichwohl flößte er keine Furcht ein, ſondern eine Art Ehrerbietung. Man fühlte ſich in ſeiner Gegenwart nicht ganz frei, und doch wollte man dieſen Zwang nicht entbehren. Adelaide ſchien von Allen am wenigſten unter ſeinem Einfluß zu ſtehen. Ihr volles, friſches Jugendleben bewegte ſich nach wie vor in eigen⸗ thümlicher ſorgloſer Sicherheit und man gewahrte in dem, was ſie that, keine Abſicht, bemerkt zu werden, wohl aber eine Fähigkeit oder Kunſt, für Alle vortrefflich zu ſorgen und jedem Einzelnen Das zukommen zu laſſen, was ihm angenehm war. Graf Alarich dagegen hatte, wie ich deutlich ſah, beſtändig ſein Auge auf ſie geheftet. Er ſprach zwar hauptſächlich mit dem Präſidenten und der Gräfin Auguſte, aber er ſprach Adelaide zu Liebe und es verdroß mich, daß ſie ſich im Ganzen ſo wenig herbeiließ, ihm Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Der Thee, die Kinder, das Piano, tauſend kleine Geſchäfte führten ſie hin und her, und es hatte den Anſchein, als wiſſe ſie ſchon Alles, was ſie im Leben bedürfe. Dagegen hatte ſie vielleicht unbewußt die Freude, einen gewiſſen Einfluß auf„den ſtolzen Mann“ auszuüben, wie ſie Graf Alarich nannte, und wenn ſein ſtrenger Ausdruck unwiderſtehlich einen milden und freundlichen weichen mußte, ſo lang er mit ihr ſprach, wenn der Ernſt in ſeinen Zügen ſich plötzlich öblirt naus⸗ ange⸗ Hräfin äſten. uß auf er das llarich nihm hatte vird er er die ht ein, ſeiner dieſen len am volles, eigen⸗ in dem, hl aber ſorgen as ihm vie ich et. Er nd der und es beiließ, Kinder, hin und nAlles, ielleicht uf„den nannte, h einem er mit vlötzlich 83 in ein ſtrahlendes Lächeln verwandeln mußte— das ſchönſte, das ich auf männlichen Lippen geſehen habe, da trug Adelaide ihr junges Köpfchen höher, und ihr Geſicht glänzte von Freude und Lebensluſt. Edla war der einzige Schatten an dieſen lichten Aben⸗ den, aber auch ſie leuchtete mitunter. Die Aufmerkſam⸗ keit, die GrafAlarich ihr erwies, machte mir große Freude. Sein durchdringender Blick war oft auf ſie geheftet; er verſtand es, dem Geſpräch eine ſolche Wendung zu geben, daß ſie daran Theil nehmen mußte, und zwang ſie durch Fragen, ſich zu äußern. Ich erſtaunte über die kraftvollen Gedanken, die in ihren Antworten lagen, zugleich aber ſchmerzten mich die Bitterkeit und der Menſchenhaß, der ſich oft darin ausſprach. So jung und ſo feindſelig geſtimmt— das war wirklich betrübend. Unſere am wenigſten angenehmen Abende waren die, an welchen der junge Baron Otto uns beſuchte, denn GrafAlarich verlor dann nicht ſelten ſeinen guten Humor, und wir wurden durch Otto's Geſpräche, welche haupt⸗ ſächlich in Vergötterung ſeines ſchönen Bäschens beſtan⸗ den, keineswegs für ſein Schweigen ſchadlos gehalten. Graf Alarich ſcherzte zuweilen etwas beißend mit Otto und neckte ihn mit dem ewigen Einerlei ſeines Lieblings⸗ geſchwätzes, allein der junge Otto begnügte ſich, ihm ein finſteres Geſicht zu ſchneiden, und fuhr dann fort, Ade⸗ laide zu vergöttern, die immer zugleich gütig und un⸗ gnädig gegen ihn war. Sprach er lange, ſo erſuchte ſie ihn, endlich aufzuhören oder ein anderes Thema zu bringen; war er ſtill und verdrießlich, ſo ging ſie zu ihm hin und ſcherzte und ſpielte mit ihm, bis er wie⸗ der heiter war. Mein beſter Leſer, ich verſichere dich auf die Gouvernanten⸗Ehre, daß dies keine Koketterie war, ſondern nur das Verlangen eines guten und lie⸗ benden Herzens, Jedermann vergnügt zu ſehen. Unangenehm war es auch, wenn die Baronin, welche ihr Leben in einem ewigen Kreis von weltlichen Vergnü⸗ 6* 8⁴ gungen zubrachte, uns Adelaide zu irgend einer Luſtbarkeit fortnahm; dann war die beſte Freude des Abends dahin, und auch Graf Alarich war auf die eine oder andere Weiſe abhanden gekommen. Die Baronin war in ihrem ganzen Weſen artig und angenehmz; in ihrer Unterhaltung war ſie, wie ihr Herr Sohn, etwas einförmig, nur auf eine andere Art; ſie wiederholte unaufhörlich gewiſſe kühne Ideen, die ſeit Anfang der Welt in Aller Mund ſind, und bewies mit Eifer und Ernſt, daß Schwarz Schwarz und Waſſer Waſſer ſei. Im Uebrigen war ſie grundgut und hegte für Adelaide eine Zärtlichkeit, die mich freundlich gegen ſie ſtimmte. Eine Perſon, die ich nie recht verſtand und aus der ich nie klug werden konnte, war Gräfin Auguſte. Sie hatte eine feine Weltbildung, wirkliche Kenntniſſe, eine Art, ſich zu benehmen, gegen die man Nichts einwenden konnte, ſie ſchmückte ein Zimmer durch ihre ſchöne und wohlgekleidete Figur, ſie konnte ein Geſpräch intereſſant machen— aber ich weiß ſelbſt nicht warum, ich fühlte mich ihr immer fremd. Ich vermochte kein Vertrauen zu ihr zu faſſen, es kam mir mitunter vor, als wäre ſie lieb⸗ los und falſch; mitunter ſchien es mir wieder, als thäte ich ihr großes Unrecht, und die Achtung, die GrafAlarich vor ihr zu hegen ſchien, ließ mich die Gerechtigkeit meines Widerwillens bezweifeln. Indeſſen konnte ich mich nie von einem gewiſſen Argwohn trennen, daß ſie auf Ade⸗ laide wegen ihrer größern Schönheit und Anmuth ei⸗ nen Neid habe, allein ſie wußte ſich ſo gut zu beherr⸗ ſchen und war in Beziehung auf ihre Gefühle ſo ver⸗ ſchloſſen, vaß ich darüber nie zur Gewißheit gelangen fonnte. Sie zeigte viele Freundlichkeit gegen Adelaide, die ihr aufrichtig zugethanwar⸗ Vertraulichkeit herrſchte indeß nicht zwiſchen den Schweſtern. Die Gräſin Auguſte war zehn Jahre älter als Abelaide und hatte ſich mit dem reichen Graſen U. vermählt, als Adelaide noch ein Kind war. Auch flößte ihr ganzes Weſen fein Vertrauen ein⸗ Geg ſonft mich zum ſprec nicht einn ſein ten? ware er ſi ner genel was Kenn ten 1 Fräu zu w in de roth dene war betra kleine Adelc ihren lichen Leben poſiti ücht eigen ahme größe arkeit ahin, ndere ihrem ltung ur auf kühne ſind, hwarz indgut mich us der Sie e, eine venden ne und reſſant fühlte uen zu ſie lieb⸗ s thäte Alarich meines ich nie uf Ade⸗ uth ei⸗ beherr⸗ ſo ver⸗ elangen delaide, errſchte ter als afen U. uen ein. 8⁵ Gegen Graf Alarich war ſie zuvorkommender, als gegen ſonſt Jemand; artig war ſie gegen Alle;— doch ich konnte mich von meinem Vorurtheil gegen ſie nichttrennen, und zum Dank dafür hielt ſie auch ſehr wenig auf mich. Ich muß nun noch ein Wort über den Präſidenten ſprechen;— die Geſellſchaft vorſtellen und den Wirth nicht, wäre unhöflich und unrecht, zumal da der Wirth einwichtiger Theil der Geſellſchaft war. Sein guter Ton, ſein belebtes Weſen und ſeine wirkliche Humanität mach⸗ ten den Präſidenten unendlich angenehm. Die Abende waren ihm die liebſten Stunden des Tages und ſelten ließ er ſich während dieſer Zeit durch irgend Etwas aus ſei⸗ ner guten Laune bringen. Seine Unterhaltung war an⸗ genehm und zeugte von einem Mann von Welt, und was noch beſſer iſt, von einem Mann von gründlichen Kenntniſſen, was aber das Allerbeſte iſt, von einem gu⸗ ten und rechtſchaffenen Manne. Der Geburtstag. Der Präſident war 55 Jahre alt geworden. Die Fräulein erſchienen Morgens in Proceſſion, um ihm Glück zu wünſchen. Ich, mit einem Paar geſtickter Pantoffeln in der Hand, bildete den Nachtrab. Der Präſident war roth um die Augen, als wir eintraten, und der grünſei⸗ dene Vorhang vor dem Portrait der ſeligen Präſidentin war auf die Seite gezogen; er ſchien dageſeſſen und es betrachtet zu haben. Die Fräulein traten mit einigen kleinen Geſchenken vor: Edla hatte eine Börſe geſtrickt, Adelaide einen Nachtſack genäht, die kleine Mina hatte ihren erſten Brief geſchrieben, in welchem mit unend⸗ lichen Buchſtaben ſtand, daß ſie ihrem Vater ein langes Leben wünſche, Nina hatte ein Stück von eigener Com⸗ poſttion gezeichnet, wovon ich nicht umhin kann, eine flüchtige Skizze mitzutheilen. Es ſtellt ein Haus in ganz eigenthümlichem Sthl vor, den ich Niemanden nachzu⸗ ahmen rathen will. Ein Frauenzimmer, ein bischen größer als das Haus, deſſen einziger Schornſtein da aufhört, 86 wo ihr Kopf anfängt, ſteht da und pflückt Obſt von ei⸗ nem ganz abſonderlichen Baume. Auf der Spitze des Baumes ſitzt ein Vogel(das vriginelle Gemälde lebt noch), der gewiß mit gutem Grunde den Kopf des Frauen⸗ zimmers für ein Grützekorn, gerade recht für ſeinen Schna⸗ bel, anzuſehen ſchien. Ein abgebrochener Zweig fliegt in der Luft über Haus, Vogel und Frauenzimmer. Dem Präſidenten machte dieſe vriginelle Compofition vielen Spaß. Gewiſſe kühne Züge in der Zeichnung gaben uns Hoffnung, daß der fuͤnfjährigen, kleinen Künßtlerin große Fähigkeiten inne wohnen.„Wer weiß,“ ſagte der Prä⸗ ſident,„wer weiß, wie weit ſie es noch treiben kann?.. Man fängt mit Pfuſchereien an und hört mit Meiſter⸗ werken auf. Wer weiß?“ Ich hielt es mit dem Präſidenten, daß Niemand dieß wiſſen könne. Am Abend kamen außer unſern gewöhnlichen All⸗ tagsgäſten Se. Excellenz G. mit Gemahlin und dem jun⸗ gen Otto. Auch ſie brachten dem Präſidenten Geſchenke, und zwar ſehr werth⸗ und prachtvolle. Otto benützte die Gelegenheit, ſein Bäschen zu beſchenken, offenbar in der Abſicht, Adelaide zur Annahme eines koſtbaren Sevigné's zu bewegen, das er ihr, nachdem ihm der Präſident die Erlaubniß dazu ausgewirkt, mittelſt einer um den Kopf herumgehenden Goldſchnur auf der Stirne befeſtigte „Charmant! charmant!“ riefen Alle, nur Graf Alarich nicht, der Adelaide mit einem duſtern Blick anſah. „Iſt es nicht ſchön, iſt es nicht charmant?“ fragte ihn die entzückte Baronin. Alarich ſchwieg. „Steht es ihr nicht vortrefflich? ſcheint ſie nicht dazu geſchaffen zu ſein, Juwelen zu tragen? iſt ſie nicht unendlich ſchön darin?“ fuhr ſie fort zu fragen. „Mir ſcheint es nicht;“ antwortete Graf Alarich trocken. Und er hatte Uurecht; denn Adelaide war, als ſie vom Kronleuchterbeglänzt mit dem ſtrahlenden Schmuck auf ihrer ſchneeweißen Stirne daſtand, wirflich blendend anzuſchauen. Gräfin Auguſte ſagte: laide dara mit worf kam, darü verla „er wär fiel zu S beim gehe lege von liebe ſtunt rück, beſte mit denk meir Göt zu 1 n ei⸗ e des lebt auen⸗ chna⸗ egt in Dem vielen nuns große Prä⸗ n2.. eiſter⸗ emand n All⸗ n jun⸗ chenke, tzte die in der ins ent die n Kopf eſtigte. Alarich ah. fragte e nicht ie nicht Alarich ar, als chmuck lendend 87 „Juwelen paſſen in der That vortrefflich für Abe⸗ laide, und es iſt kein Wunder, daß ſie ſo große Freude daran hat.“ Graf Alarichs Geſicht verfinſterte ſich immer mehr. „Du biſt göttlich, du biſt entzückend,“ ſagte Otto mit gefalteten Händen. Adelaide hatte einen Blick auf Graf Alarich ge⸗ worfen. Sie entfernte ſich unbemerkt. Als ſie zurück⸗ kam, war der Schmuck fort. Man verwunderte ſich laut darüber; Otto machte ein großes Weſen daraus, und verlangte, ſie ſolle ihn wieder anlegen. „Er beläſtigt mich, guter Otto,“ ſagte Adelaide, „er kitzelt mich auf der Stirn.“ „Er kitzelt dich? Ach du Göttliche! ich wollte ich wär Gott weiß, was er ſagen wollte, allein die Baronin fiel ihm ſchnell ins Wort und ſagte: „Hör einmal, mein lieber Engel: ich habe verſprochen, zu Staatsraths P. zu fahren und mich nur eine Minute beim Souper zu zeigen. Thue mir den Gefallen und gehe mit. Du biſt ſo ganz gut gekleidet, wie Du biſt, nur lege noch Otto's kleines Geſchenk an, ſo werden ſie Alle von Dir entzückt ſein. Ich möchte ſo gerne mit meiner lieben Adelaide prahlen. Ich bleibe nur eine Viertel⸗ ſtunde, nur zehn Minuten aus, dann kommen wir zu⸗ rück, und bringen den Abend hier zu. Mein Schwager, beſter Wilhelm! Du ſagſt doch Ja!“ „Mit Vergnügen,“ erwiederte der Präſident, der mit ſeiner Excellenz Schach ſpielte. Ich wurde unruhig, die Sache ſchien mir ſehr be⸗ denklich auszuſehen. „Adelaide, mein ſchöner Engel, da hörſt du's, komm, mein Herzenskind!“ ſagte die Baronin. „Ach, Herr Jeſus! Sie, der Engel, die Süße, die Göttliche, ſie geht mit!“ rief der glückliche Otto. Adelaide ſtand neben Graf Alarich. Es iſt ſchwer zu begreifen, welche Bewegung in ſeiner Seele ihn ver⸗ vergnügten Abend. 88 anlaßte, ihre herabhängende Hand anzufaſſen. Adelaide ſchlug die Augen nieder, eine brennende Röthe flog über ihre Wangen und ſie ſagte mit einiger Verwirrung: „Nein, ich gehe nicht. Ich kann nicht.“ „Du kannſt nicht! warum kannſt Du nicht?“ fragte Otto böſe. „Weil ich nicht will,“ ſagte Adelaide und ſah ihn trotzig an;„ich werde doch thun dürfen, was ich will?“ Otto ſah verblüfft darein, ſchwieg aber. Die Ba⸗ ronin ſagte etwas beleidigt: „Ich hätte doch geglaubt, Adelaide Du würdeſt mir in einer ſo unbedeutenden Sache gefällig ſein. „Meine liebſte, beſte Tante!“ rief Adelaide, indem ſie ſie umarmte und küßte,„ſei nur nicht böſe, ein ander⸗ mal, wenn Du willſt; aber heute Abend habe ich keine Luſt auszufahren,“ und nun überhäufte ſie die Baronin mit Schmeicheleien und ſüßen Wörtchen, und war ſo herz⸗ lich, ſo einnehmend, ſo luſtig, daß die Baronin und auch Otto den Aerger und das Souper vergaßen; denn zum Glück hatten ſie den Haken nicht bemerkt, an wel⸗ chem ſie höngen geblieben war. Graf Alarich bekam ſeine roſenfarbenſte Laune und wir hatten einen heitern, Beſuſchr. An einem Sonntag Abend ging es bei uns in unun⸗ terbrochener Reihe ein und aus. Im Vorzimmer dräng⸗ ten ſich die Bedienten, im Salon wurde unaufhörlich bekomplimentirt und geſchwatzt, mir wurde die Hand müde von der Theekanne und für all das Warme und alle Stücke Zucker, die ich ſpendete, erhielt ich keinen Dank, nicht einmal ein freundliches Geſicht. Inzwiſchen unterwarf ich mich aus Menſchenliebe „Meinem Looſe, Vergeſſen zu ſein und Gutes zu thun,“ laide über g: ragte h ihn i Ba⸗ ſt mir indem nder⸗ keine ronin herz⸗ n und denn wel⸗ bekam itern, unun⸗ räng⸗ örlich Hand e nd keinen iſchen 89 worin mich wirkliches Intereſſe für einige der Gäſte be⸗ ſtärkte. Ueberhaupt iſt nicht der Dienſt das Schwere, es kommt nur darauf an, wem man dient. Frau N., welche ganze Nächte, bis vier und fünf Uhr Morgens, damit zubrachte, dem Doktor Johnſon Thee zu ſerviren, hatte einen edlen Poſten und eine nützliche Beſchäftigung im Leben. Iſt's nicht ſo, meine holden Leſerinnen?— denn ihr wißt es ja wohl— es iſt ſchön, es iſt angenehm, Demjenigen zu dienen, den man liebt oder den man be⸗ wundert, geſchehe es nun mit dem Kopf oder mit den Händen, mitVerſpritzung des Herzblutes, oder ganz ein⸗ fach mit Servirung von Thee— dies iſt Alles gleich— es kommt nur aufZeit und Gelegenheit an. O ja, ge⸗ wiß. es iſt ungemein angenehm. Doch zu den Gäſten zu⸗ rück. Unter dieſen befanden ſich Frau L. und ihre Töchter. Sie waren nicht reich, ſie waren nicht jung, ſie waren nicht ſchön, ſie beſaßen auch nicht den mindeſten von jenen äußeren Vorzügen, um derenwillen man in Geſellſchaften bemerktund geſucht zuwerdenpflegt, und dennoch verbreite⸗ ten ſie ein unbeſchreibliches Behagen überall, wohin ſie kainen. Auf ihren Geſichtern lag Ruhe, in ihren Worten Güte, Gedanken und Leben, man fühlte, daß ſie mit ſich ſelbſt und mit dem Leben im Klaren waren, und die reine Luft, welche ſie zu athmen ſchienen, theilte ſich unwillkürlich den Andern mit. Man fühlte ſich wohl, ohne recht zu wiſſen, warum; man wurde zum Nachdenken angeregt, und der unbedeutendſte Gegenſtand des Geſprächs wurde leicht und unbemerkt geadelt, ſo daß er ein höheres Intereſſe gewann. Das Luſtige und Originelle in Vivika's Charakter und Benehmen kon⸗ traſtirte angenehm mit der milden Weisheit ihrer Mutter und mit dem mehr ſanften und poetiſchen Weſen ihrer Schweſter. Sie ſagten einander Zärtlichkeiten, aber man ſah leicht, daß ſie mit und durcheinander glücklich ſein mußten; man ſah, daß dieſe Drei wirklich eine Drei⸗ einigkeit bildeten. Und iſt es nicht gerade die Mannig⸗ faltigkeit der Charaktere und Kräfte, was, wenn die Seelen 90 in Liebe vereinigt ſind, das Glück des Familienlebens ausmacht? Als dieſe liebenswürdigen Frauenzimmer fort waren, ſagte Graf Alarich: „Der Eindruck, den körperliche Schönheit macht, iſt allgemein anerkannt; ich bin der Letzte, der den wohl⸗ thätigen Einfluß derſelben auf den Sinn der Menſchen, ihre holde Zaubermacht über das Herz beſtreiten wollte. Aber, was eben ſo ſtark, ja noch tiefer und wohlthuen⸗ der wirkt, das ſind die Eigenſchaften, die wir ſo eben an Frau L. und ihren Töchtern zu bewundern Gelegen⸗ heit hatten. Dieſes ſchöne Verhältniß in der Entwick⸗ lung der Seelenvermögen, dieſe Klarheit des Verſtandes, dieſe Deutlichkeit und Durchſichtigkeit in der Aeußerung des Gedankens, wodurch er ſogleich faßlich und einleuch⸗ tend wird, dieß Alles macht auf mich einen ähnlichen Eindruck, wie die Schönheit; dieſe Seelenſchönheit offenbart ſich nur langſamer, iſt aber dafür auch nicht, wie die des Körpers— vergänglich.“ Er ſah dabei Ade⸗ laide an. Ihre ſchöne Unterkippe ſchwellte ſich trotzig auf. „Sehr ſchön ſein,“ fuhr Graf Alarich fort,„iſt eine Verſuchung. Man läßt ſich in den jungen Jahren ſo leicht zu dem Glauben verleiten, in ſeinen Reizen einen Schatz zu beſitzen, reich genug, um dem ganzen Leben Glückſeligkeit zu verleihen. Die Welt bewegt ſich ſo heiter, ſo angenehm für die junge Schönheit, daß es ihr ſchwer wird, den Ernſt des Lebens aufzufaſſen.“ „Und wozu dieſer Ernſt? Warum ſollte es ſo nothwendig ſein, ihn aufzufaſſen?“ „Weil der Menſch wirklich zu etwas mehr berufen iſt, als bloß Blume oder Schmetterling zu ſein, Fräu⸗ lein Adelaide. Er kann als ſolcher Wohlbehagen, Freude und Beifall erwecken, niemals aber Achtung, nie wahre Liebe, denn er iſt kein wahrer Menſch.“ Adelaide ſah betrübt aus, Thränen drängten ſich in ihre Augen. „Das Leben iſt ſo heiter,“ ſagte ſie,„Gott hat uns Gab uns verſ mit den tige nich und und Geſ ſoll han Grä für eine das, bens aren, t, iſt wohl⸗ ſchen, ollte. huen⸗ eben legen⸗ twick⸗ indes, erung leuch⸗ lichen önheit nicht, i Ade⸗ gauf. ſt eine ren ſo einen Leben ich ſo aß es n.“ es ſo erufen Fräu⸗ Freude wahre en ſich tt hat 91 uns Freude und Leben gegeben, warum ſoll man ſeine Gaben nicht genießen? Ach, laſſen Sie uns, laſſen Sie uns fröhlich ſein!“ „Das Leben hat hohe und wichtige Intereſſen,“ verſetzte Graf Alarich mit tiefem Ernſt, und dieſe paſſen mit einem leichtſinnigen Genuß ſeiner flüchtigen Freu⸗ den eben nicht ſehr zuſammen.“ „Es gibt,“ ſetzte die Gräfin Auguſte hinzu,„wich⸗ tige und hohe Pflichten zu erfüllen, der Menſch ſoll nicht für ſich allein leben... „Was meinen Sie denn da,“ fragte Adelaide eifrig, und halb ängſtlich, halb lachend,„mit Ihrer Wichtigkeit und Ihren Pflichten? Iſt es etwas aus der römiſchen Geſchichte, dem man gleichen ſoll, um Menſch zu ſein? ſoll man einen Curſus in der Phyſik machen, oder Ab⸗ handlungen über Staatsökonomie ſchreiben?“ Graf Alarich ſah ſie etwas mißvergnügt an, und Gräfin Auguſte ſagte: „Der Menſch ſoll, wie ich ſo eben bemerkte, nicht für ſich allein leben; er gehört einem Gemeinweſen an, einem Vaterland... „Und einem Himmel! fiel Adelaide ein,„ich weiß das, nur weiter.“ „Für dieſe ſoll er leben,“ fuhr Gräfin Auguſte fort. „Nun ja, das gibt ſich wohl von ſelbſt, wenn er lebt und gut iſt,“ antwortete Adelaide. „Indeß mehr oder weniger,“ ſagte Graf Alarich mit mildem Lächeln,„er ſoll für ſie, wenn es gefordert wird, auch ſterben können.“ „Sterben? flerben für das, was groß und ſchön iſt, ſterben für das, was man liebt;— o das muß herrlich ſein!“ rief Adelaide mit ſtrahlenden und thräne⸗ vollen Augen aus.„Darüber würde ich mich gewiß nicht grämen.“ Graf Alarich betrachtete ſie ſeltſam bewegt. Sie reichte ihm mit der gewinnendſten Anmuth die Hand und ſagte: ſein! Freu Laſſe 92 „Laſſen Sie mich im Leben und im Sterben fröhlich Gott iſt gut, er meint es mit uns allen wohl in d und Leid; warum ſollen wir nicht fröhlich ſein? n Sie mich den finſtern Ernſt verſcheuchen.“ Graf Alarich antwortete Nichts; er drückte die ſchwanenweiße Hand an ſeine Lippen, verwandte den ganz und en Abend kein Auge von Adelaide, blieb aber ſtill in ſich gekehrt. Adelgide war eine Weile ernſt, gewann indeß bald ihre gewöhnliche Lebhaftigkeit wie⸗ der, lachte, ſang und ſpielte mit den Kleinen. Unglückstage. Kennſt du ſolche auch, mein vielgeliebteſter Leſer? In der Weltgeſchichte erblicken wir Unglücksperioden, wo Jahrhunderte lang Alles verkehrt zu gehen ſcheint; man und Gro Gro mordet, man brennt, errichtet und ſtürzt Throne Religionen, und wie in Allem und überall das ße ſich im Kleinen ſpiegelt und das Kleine im ßen, ſo zählt auch der Menſch in ſeinem Leben Un⸗ glückstage, die er vorzugsweiſe ſo nennt. das Du fängſt zum Erempel des Morgens damit an, Kleid verkehrt anzuziehen und dieß gibt eine Art Lvoſung für die Ereigniſſe im Verlauf des ganzen Tages. Du ſchneideſt dich beim Raſiren, gehſt aus, um Leute zu ſ uchen, die du nicht triffſt, und wirſt von Leuten ge⸗ troffen, die du nicht ſuchſt, die du ins Pfefferland wün⸗ ſcheſt. Du ſagſt eine Dummheit, wenn du einen Witz machen willſt, dein Mittageſſen iſt ſchlecht, Alles läßt ſich ſo unbeſchreiblich langweilig an, und fällt es dir an einem ſolchen Unglückstage ein, zu freien, ſo kannſt du ſicher auf einen Korb rechnen; dieß iſt Alles einzig und allein, weil dein Glück dir die unrechte Seite zu⸗ gew gew gew endet hat. Was den Präſidenten veranlaſſen konnte, an einem iſſen Donnerſtagmorgen einer gewiſſen Woche eines iſſen Monats ſeine Toilette verkehrt zu machen, öhlich hl in ſein? te die e den r ſtill ernſt, twie⸗ Leſer? ioden, heint; hrone das ne im n Un⸗ itan, e Art Lages. Leute en ge⸗ Witz s läßt es dir kannſt einzig te zu⸗ einem eines achen, 93 darüber will ich keine Muthmaßungen wagen; aber gewiß iſt es, daß ein unfreundliches Geſchick ihn den ganzen Tag hindurch verfolgte, und jedes einzelne Mitglied der Familie mehr oder weniger davon zu leiden hatte. Schon am frühen Morgen ſah es ganz verrückt aus mit dem Glück und der Laune des Präſidenten. Er ſollte ins Schloß und drei ſchwarze Pfläſterchen ſchmückten Kinn und Unterlippe, und der Friſeur, der ihm die Haare ſchneiden und ordnen ſollte, kam nicht. Auf dieſen nun fluchte der Präſident ſo heftig und hitzig, und gerieth darüber in eine ſo ſchreckliche Unruhe, daß ich in der Angſt und der allerbeſten Meinung mich erbot, ſeine Dienſte zu verſehen.„Gott bewahre,“ ſagte der Präfident und machte aus Artigkeit Complimente, fragte aber doch freundlich ſcherzend, ob ich ſchon einen Männerkopf ge⸗ ſchoren habe, und da ich meines Vaters Bruder, den Hofgerichtsnotar, meinen Bruder, den Auscultanten und meinen Schwager, den Bürgermeiſter, nennen konnte, welche alle Drei bei feſtlichen Gelegenheiten von mir ge⸗ ſchoren worden waren, ſo nahm er mein Anerbieten mit Vergnügen an. Wir gingen auf ſein Arbeitszimmer. Er ſetzte ſich, um eine Menge Papiere durchzuſehen. Ich legte ihm ein Handtuch über die Schultern, und fing nun an, mit der Scheere Verwüſtungen auf ſeinem üppi⸗ gen Haarboden anzurichten. Das Schwere an der Sache war, daß der Präſident auch keinen Augenblick mit ſei⸗ nem Kopfe ruhig blieb. Er war eifrig mit ſeinen Pa⸗ pieren beſchäftigt, und wie es ſchien, mit etwas Unan⸗ genehmem darin, denn er fluchte dazwiſchen halblaut hinein und ſchaukelte dermaßen mit dem Kopfe, daß meine Scheere plötzliche und abenteuerliche Bewegungen und Sprünge machen mußte. Ich beſitze nach Allem, was man mir geſagt hat, ein wirkliches Talent zum Haarſchneiden und Anziehen; aber mein Gott! wer kann mir zumuthen, daß ich einen Kopf, der ſich unaufhörlich bewegte, eben ſo gut bedienen ſoll, wie einen, der ſich ruhig verhält! Noch ſchlimmer war es, als ich mit der 94 Brennzange einige Locken kräuſeln ſollte, welche ſehr an⸗ muthig ſeine Schläfe zierten; denn da die Bewegungen der Zange nicht ſo ſchnell ſein konnten, wie die der Scheere, und der Präſident fortfuhr, den Kopf zu be⸗ wegen, ſo wurde er entweder gezwickt oder gebrannt und ſein beſtändiges Geächze und Gebrumme:„Au, au, der Teufel auch! meine beſte Mamſell, nehmen Sie mir nur den Kopf nicht ganz!“ brachte mich in große Verlegen⸗ heit. Am allerſchlimmſten aber war es, als der Präſi⸗ dent nach beendigter Haarſchneidung aufſtand und ſich im Spiegel beſah. Er blieb ſo beſtürzt und ſichtbar verblüfft vor demſelben ſtehen, daß mir der kalte Schweiß ausbrach. „Gott Vater im Himmel!“ riefer mit einer Stimme des Entſetzens,„wie ſehe ich aus? heißt das Haarſchnei⸗ den? Sie haben mich ja raſirt, rein abraſirt! So kann ich mich nicht ſehen laſſen.“ Ich verſicherte ihn in meiner Seelenangſt, daß es ihm ſehr ſchön ſtehe, daß er nie beſſer ausgeſehen habe u. ſ. w.z als aber Adelaide herein⸗ kam und über das abſonderliche Ausſehen ihres Vaters, ſo wie über meine beſtürzte Miene herzlich zu lachen an⸗ fing, indem ſie ihn umarmte, ſo wurde ich von ihrer Luſtigkeit angeſteckt und lachte ebenfalls bis zu Thrä⸗ nen, indem ich mich vergebens ſowohl wegen des Haar⸗ ſchneidens als des Lachens zu entſchuldigen ſuchte. Der Präſident war auf dem beſten Wege, uns Geſellſchaft zu leiſten, ſchlug aber plötzlich um, wurde raſend, fuhr mit allen zehn Fingern durch das Haar, ſo daß es nach allen Richtungen in die Höhe ſtand, ſprang dann die Treppe hinab, in den Wagen hinein und fuhr an den Hof. Zur Mittagszeit kam der Präſident zurück; er war freundlicher gelaunt, aber etwas ungnädig gegen mich, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen dieß war eben nicht zum Verwundern. „Gott laſſe uns ſatt werden,“ ſagte der Präfident, indem er mit bekümmertem Blick den Tiſch überſah, auf Br nah blei keir ſtel Zu! en ge gůl hr an⸗ unen ie der zu be⸗ at und , der ir nur legen⸗ Präſi⸗ nd ſich ichtbar chweiß timme ſchnei⸗ o kann meiner er nie herein⸗ Baters, enan⸗ mihrer Thrä⸗ Haar⸗ P lſchaft , fuhr s nach nn die an den er war mich, laſſen ifident, h, auf 95 welchem heute ein Gericht weniger ſtand, als gewöhnlich, das heißt vier Gerichte, aber dieſe nach meinem Dafür⸗ halten mehr als hinreichend, eine doppelte Anzahl Per⸗ ſonen ſatt zu machen. Ich fand indeß bald, daß der Seufzer des Präſidenten prophetiſch geweſen war, denn die Gerichte waren ſchlecht zubereitet, das Roaſtbeef war ſo roh, daß man es nicht genießen konnte, der Rahm⸗ kuchen ſo ranzig, daß der Präſident ihn für giftig er⸗ klärte. Es war Edla's Haushaltungsmonat und ihre Fahrläſſigkeit und Gleichgültigkeit wurden beinahe mit jedem Tag merklicher. Der Präſident warf ihr einen mißvergnügten Blick zu, hatte indeß zuviel Lebensart und Humanität, als daß er über Tiſch hätte eine Scene an⸗ fangen oder ſeine Tochter zur Rede ſtellen wollen. Er begnügte ſich, die Fehler der Speiſen lakoniſch zu be⸗ merken und ſie ſtehen zu laſſen, wurde dabei aber inner⸗ lich nur um ſo verdrießlicher und ärgerlicher. Beim Schluß der Mahlzeit wollte er zur Erbauung der Kleinen— vielleicht auch, um ſeinen Stoicismus zu beweiſen— ein merkwürdiges Kunſtſtück mit einem vollen Weinglas ma⸗ chen, das auf und nieder geſchwungen werden ſollte, ohne einen einzigen Tropfen zu verlieren. Es wurde auch wirklich kein Tropfen vergoſſen, ſondern der ganze Wein, den das Glas enthielt, ſtrömte über das weiße Damaſt⸗ tuch, was großen Alarm, Aufſtand und Beſtürzung ver⸗ urſachte, mir aber in ſofern zu gut kam, als ich den Präſidenten verſicherte, die Weinflecken laſſen ſich mit Branntwein wieder herausmachen, und es über mich nahm, dafür zu ſorgen, daß keine Spur davon übrig bleiben ſolle. Indeß vermochten alle dieſe Künſte uns keinen muntern Nachmittag zu bereiten. Edla ſetzte ſich an ein Fenſter und las in einem Band von Metaſtaſio. Der Präſident ging zu ihr und ſtellte ſie mit etwas ſtrengem Ernſt wegen der ſchlechten Zubereitung des Eſſens zur Rede. Ebla ſchwieg, wie gewöhnlich, nahm aber dabei eine ſo beleidigend gleich⸗ gültige Miene an, daß der Präſident ſich beſugt fand, 96 ſeine Vorwürfe zu ſchärfen.„Es wäre beſſer,“ ſchloß er herb,„Du würdeſt die Haushaltung wohl beſorgen als daß Du Italieniſch lernſt.“ Ich ſah gerade nicht ein, warum ſich Erſteres nicht mit Letzterem ſollte vereinigen laſſen, und ſagte daher eine Weile darauf, nach meiner Anſicht könne eine hohe und ſehr feine Geiſtesbildung ſehr wohl neben einem hausmütterlichen Sinne und Weſen beſtehen. Ich wagte dabei einen kleinen Angriff auf gewiſſe Vorurtheile, allein der Präfident, der, wenn ihm einmal Etwas quer über den Weg kam, ein Bischen unnahbar war, und in deſſen Kopf es ſchon ſeit dem frühen Morgen ge⸗ ſpuckt hatte, ſagte blos: „Ich liebe ſolche Redensarten nicht.“ Ich merkte, daß ich den Augenblick ſchlecht gewählt hatte, und daß es Zeit war, Fünf gerade ſein zu laſſen. Der Abend kam, mit ihm Graf Alarich und Gräfin Auguſte, und mit dieſen einige Munterkeit in unſern Kreis, denn auch Adelaide war heute ernſt und zerſtreut geweſen. Gräfin Auguſte war ungewöhnlich artig und leb⸗ haft, Alarich war vergnügt und freundlich; er nahm die Kleinen auf ſeinen Schooß, ſpielte mit ihnen und ſah dabei Adelaide an, welche ſo eifrig nähte, als thäte ſie es um's liebe Brod. Der Präſident erſuchte Edla, eine Sonate von Beethoven zu ſpielen. Sie entſchuldigte ſich mit einem böſen Finger, womit es ſeine vollkommene Richtigkeit hatte, was aber der Präſident augenſchein⸗ lich nicht glaubte. Er bat jetzt Adelaide, etwas zu ſingen, und ſie machte ſich ſogleich ans Piano. Graf Alarich verſank in tiefe, aber, wie es ſchien, angenehme Gedanken und antwortete auf Alles, was Gräfin Auguſte über Muſik und Komponiſten zu ihm ſagte, nur dann und wann mit einem Hm! Er ſchien jetzt mehr mit der Sängerin beſchäſtigt zu ſein. Inzwiſchen handthierten die unbändigen Kleinen ſo ausgelaſſen auf dem Tiſch herum, daß, ehe man ſich's verſah, ein Glas warme Limonade dem Präfidenten in ſchloß eſorgen s nicht daher e hohe einem wagte rtheile, uer r, und e ge⸗ ewählt laſſen. Gräfin unſern erſtreut ind leb⸗ hm die nd ſah äte ſie a, eine gte ſich mmene ſchein⸗ vas zu Graf enehme Auguſte r dann hr mit inen ſo nſich's iten in 97 den Schooß hinabtanzte, eine Theetaſſe mir an die Naſe flog und die Milchkanne ſich in die Zuckerbüchſe ergoß. Alles dies war die Sache eines Augenblicks, und der Prä⸗ ſident, ernſtlich erzürnt, führte mit höchſt eigener Hand die Kleinen zur Strafe in's nächſte Zimmer. Dieſer minder angenehme kleine Auftritt ſtörte indeß den übrigen Theil der Geſellſchaft nicht ſehr. Mit entzückender Lebendig⸗ keit und Anmuth ſang Adelaide ein Lied von der Heimath. „Eine Heimath,“ ſagte Graf Alarich weich, indem er die Arme über ſeiner Bruſt kreuzte und den Kopf ſenkte:„eine Heimath mit einer geliebten Frau. das muß wahrhaftig ein Himmel ſein.“ „Ja,“ verſetzte der Präſident,„und mit einer lie⸗ benswürdigen Tochter, die ihrem Vater in Allem zu gefallen ſucht und zärtlich für ſein Wohlbefinden und Vergnügen beſorgt iſt.“ Der Ton, in welchem er dieß ſagte, und der ſcharfe Blick, den er auf Edla warf, lenkten Aller Augen auf ſie. Sie wurde feuerroth. Ich bin überzeugt, daß der Präſident dieſe übereilten und unfreundlichen Worte ſogleich bereute, allein ſie waren einmal geſprochen und Edla's verbitterte Gemüthsſtimmung erreichte auf ein⸗ mal einen Grad, den ich bei ihr nicht für möglich gehalten hätte. Sie wandte ſich an Graf Alarich und ſagte: „Sie haben die Heimath mit dem Himmel verglichen: wiſſen Sie, womit ſie auch verglichen werden kann?“ Er ſah ſie fragend an, und ſie fuhr fort:„Mit einem Zuchthaus.“ Ich ſchauderte bei dieſen bittern Worten zuſammen. Der Präſident fuhr auf, ſo daß der Thee aus ſeiner Taſſe verſchüttet wurde. Graf Alarich ſah Edla ernſt und vor⸗ wurfsvoll an. Edla fuhr in heftiger Gemüthsbewegung alſo fort: „Es iſt dort ein Gefängnißwärter und es ſind dort Ge⸗ fangene. Der Erſtere legt den Letzteren Arbeiten auß, und wenn ſie etwas verſäumen, ſtraft er ſie. Er fordert Bremer, Töchter d. Präſibenten. 7 98 Pflichterfüllung, gibt ihnen aber weder die Zärtlichkeit, noch die Freude, welche die Pflicht leicht machen. Doch warum darüber klagen?“— fügte ſie hinzu, indem ſie einen Blick voll Harm und Verzweiflung gen Himmel warf,„das geringere Leiden ahmt blos das höhere nach, und das Haus iſt ein Bild der Weltordnung.“ „Fräulein Edla!“ ſagte Graf Alarich warnend. DerPräſident ward äußerſt aufgeregt, that ſich aber dennoch Gewalt an und ſagte mit ſcheinbarer Ruhe, indem er ſich zu Graf Alarich wandte: „Iſt es nicht ſonderbar, mein beſter Graf, daß der Menſch ſich ſo oft ſelbſt ſeine Tage verbittert und dann ungeduldig über Leiden klagt, die er doch verſchuldet hat? Meine ſelige Frau...(der Präſident wurde, wie beinahe immer, gerührt, wenn er ihren Namen nannte) die ſelige Friederike machte mich zum glücklichſten Mann; wenn fie noch leben würde, ſo hätte ſie mich wahr⸗ ſcheinlich auch zum glücklichſten Vater gemacht, denn ſie würde ihre Töchter die Sanftmuth und Nachgiebig⸗ keit gelehrt haben, welche allein Liebe gewinnen können; ſie würde ſie gelehrt haben, die Zärtlichkeit eines Va⸗ ters zu verdienen, der keinen höheren Wunſch kennt, als alle ſeine Kinder glücklich um ſich zu ſehen und ſie alle an ſeine Bruſt ſchließen zu können.“ Der Präſident war gerührt und ſichtlich zur Ver⸗ ſöhnung bereit. Nicht ſo Edla; das langverſchloſſene Gift der Erbitterung kochte in ihr auf. „Nur Liebe,“ ſagte ſie,„gewinnt Gegenliebe. Der Vater, der ſeinem Kind das Leben gab, aber nicht auch Zärtlichkeit und Liebe gibt, hat kein Recht, Etwas zu fordern.“ „Kein Recht?!“ rief der Präſident hitzig und zu ge⸗ reizt, um ſeine Worte überlegen zu können,„kein Recht! aber Du! Du fannſt nie Unrecht haben, Du mußt immer Recht haben! Wenn ich indeß auch kein Recht habe, Nach⸗ giebigkeit und Gehorſam von Dir zu fordern, ſo habe ich wenigſtens das Recht, mich und mein Haus vor Unan⸗ ———— e lichkeit, 1. Doch dem ſie Himmel re nach, rend. ch aber Ruhe, daß der d dann ſchuldet de, wie nte) die Mann; wahr⸗ „denn giebig⸗ önnen; Va⸗ kennt, und ſie r Ver⸗ loſſene Der tach as z zu ge⸗ Recht! 99 nehmlichkeiten und Störungen zu bewahren. Du haſt ſeit drei Jahren mir keinen einzigen frohen Tag bereitet, Du haſt ſogar deutlich gezeigt, daß Du Deines Vaters Rath verachteſt und Dich in ſeinem Hauſe unwohl fühlſt;.. wenn es in Zukunft nicht anders wird, als es bisher war, ſo iſt es das Beſte, wir.. wir trennen uns.“ „Dann iſt es meine Sache, Platz zu machen,“ ſagte Edla kalt und erbleichend,„ich werde bald Niemanden mehr Unruhe und Unannehmlichkeiten bereiten.“ Sie ſtand auf, legte ihre Arbeit weg und ſchickte ſich an, zu gehen. Graf Alarich ergriff ihren Arm. „Kind!“ ſagte er leiſe—„keine Uebereilung! Fräulein Edla, Sie haben Unrecht, beſinnen Sie ſich!“ Sie blieb ſtehen und ſah ihn verwirrt an.„Was ſoll ich thun?“ fragte ſie. „Sie haben Unrecht gehabt. Erkennen Sie das. Bitten Sie Ihren Vater um Verzeihung.“ „Nein,“ ſagte ſie heftig und ſuchte ihren Arm loszu⸗ machen; allein Graf Alarich hielt ihn feſt und führte ſie auf die Seite, indem er leiſe und eifrig mit ihr ſprach. Der Präſident, außer ſich, ſang, Adelaide ging mit Thränen in den Augen zu ihm hin, Gräfin Auguſte ſaß bleich und rathlos da. In dieſem Augenblicke hörten wir einen Nothſchrei aus dem Verbannungsorte der Kleinen und ein heller Schein glühte durch die halboffene Thüre. Alles ſtürzte in's Zimmer; die Gardinen an beiden Fen⸗ ſtern ſtanden in lichten Flammen;auch die Tapeten brann⸗ ten. Die Kleinen zitterten vor Angſt und ſchrieen aus Leibeskräften. Graf Alarich griff entſchloſſen zu und riß die Gardinen ſammt den Tapeten von einem Fenſter herab, allein nun brannten ſeine eigenen Kleider an. Als Ade⸗ laide dies ſah, ſtürzte ſie ſich beſinnungslos ins Feuer und ſuchte den Brand um ihn herum zu löſchen. In einem Nu loderte ihr lichtes Kleid in Flammen auf und auf einmal fügte es ſich ſo, daß Alarich und Adelaide, die Arme in einander geſchlungen, von Flammen umgeben, daſtanden. Gott der Liebe! wenn Du es warſt, der dieß 100 ſo angeordnet— ſo verzeih, daß ich durch einen Eimer kaltes Waſſer, den ich in meiner Verzweiflung über Adelaide ergoß, ſowohl der Umarmung, als dem Brande ein Ende machte. Inzwiſchen arbeitete ſich der Präſident am andern Fenſter ab und zog die Gardinen auf ſeinen Kopf her⸗ unter, wo das Feuer die Haare vollends verzehrte, die ich übrig gelaſſen hatte. Er würde wahrſcheinlich ſehr ſchlecht weggekommen ſein, hätte Edla nicht ſo viel Entſchloſſen⸗ heit gezeigt. Vom erſten Augenblicke an war ſie neben ih⸗ rem Vater und unterſtützte ihn mit eben ſo viel Muth als Klugheit, indem ſie ihn mit eigener Gefahr vor Scha⸗ den ſchützte. Als das Feuer gelöſcht war, zog ſie ſich ſtill und verbrannt auf ihr Zimmer zurück. Adelaide war außer ſich. Sie hielt Graf Alarich's Hände in den ihrigen, blickte ihn mit Augen voll Zärt⸗ lichkeit und Thränen der Angſt an und konnte doch die Frage nicht ausſprechen, die in ihren Zügen zu leſen ſtand:„Sind Sie beſchädigt?“ Er dagegen ſchien Alles zu vergeſſen, nur um ſie anzuſehen. Gräfin Auguſte erinnerte daran, Adelaide ſollte die Kleider wechſeln. Sie ging, nachdem ſie Alarich verſichert, daß ſie ſich nicht ver⸗ brannt habe, daß Niemand um ihretwegen in Unruhe ſein ſollte, indem ſie ſchon für ſich ſorgen werde u. ſ. w. Er ſelbſt war nicht ſo leicht davon gekommen, aber dennoch der Erſte, der über den Vorfall ſcherzte und ihm eine luſtige Wendung gab. Der Präſident, rußig und erboßt, blickte im Anfang drein wie eine Donnerbüchſe, ließ ſich aber nach und nach von Graf Alarich beſänftigen und man ſuchte jetzt der Entſtehung des Brandes auf die Spur zu kommen. Allem Anſchein nach mußte man die Kleinen dafür am Kopfe nehmen. Sie hatten ſich in ihrer Ver⸗ bannung mit allerhand Erperimenten getröſtet, und ihr kleiner Wachsſtock ſchien ihnen dabeimannigfaltige Dienſte geleiſtet zu haben. Entweber hatten ſie ſich nun wirklich von der Brennbarkeit der Gardinen überzeugen wollen, oder war der Brand aus Zufall entſtanden, aber jeden⸗ Fimer über rande ndern her⸗ ie ich hlecht oſſen⸗ en ih⸗ Muth Scha⸗ e ſich rich's Zärt⸗ ch die leſen Alles guſte Sie t ver⸗ e ſein . Er nnoch eine boßt, ß ſich und Spur leinen Ver⸗ d ihr ienſte rklich ollen, eden⸗ 101 falls konnte Niemand anders daran Schuld ſein, als ſie. Wir waren der Anſicht, der ausgeſtandene Schreck, nebſt ernſtlichen Vorwürfen und dem Strafurtheil, ungegeſſen zu Bette gehen zu müſſen, werde uns künftig vor der⸗ gleichen Illuminationen ſchützen. Des Präſidenten Herz weigerte ſich, zur letzteren Strafe, aufwelche ich drang, ſeine Einwilligung zu geben, allein da Graf Alarich auch dafür ſtimmte, ſo gab er, wiewohl ungern, nach und ſagte:„Herr Graf, Sie wer⸗ den einſt weniger muthig ihre eigenen Kinder hungrig in's Bett ſchicken.“ Der Graf antwortete Nichts darauf. Sobald ich mich losmachen konnte, eilte ich zu Edla hinauf. Ich fand Adelaide weinend über ſie hingebeugt, ihre Brandwunden verbindend. Edla war vom Feuer übel zugerichtet und aufgeregter als je. Ich bewog Ade⸗ laide, in's Bett zu gehen, indem ich ihr verſprach, gut für Edla zu ſorgen. Kaum waren wir allein, als mir ein paar mit Bleiſtift auf einen Papierſtreifen geſchriebene Worte eingehändigt wurden. Sie enthielten den Wunſch des Grafen Alarich, Edla beſuchen zu dürfen. Ich war der Anſicht, als künftigem Schwager könne man es ihm wohl erlauben; Edla ſagte: „Er mag immerhin kommen. Er kann Alles hören, was ich zu ſagen habe— er iſt billig und gut und wird mir nicht Unrecht geben können— wenigſtens nicht in Allem.“ Edla's Gemüthsbewegung hatte einen Grad erreicht, wodurch ihre gewöhnliche Schuͤchternheit und Verſchloſſen⸗ heit gänzlich in den Hintergrund gedrückt wurden. Es ſchien, als müſſe ſie ſich jetzt ergießen oder ſterben. All die verzehrende Galle, die ſich ſeit langer Zeit in ihrem Herzen geſammelt hatte, brach jetzt mit einer Gewalt her⸗ vor, die mich erſchreckte. Graf Alarich hörte ſie lange an, ohne ein Wort zu ſagen; ein Ausdruck innigen Mit⸗ gefühls lag auf ſeinem männlichen Geſichte. „Wenn Sie wüßten,“ begann Edla,„wie mir be⸗ gegnet worden iſt, ſo würden Sie ſich über die Unglück⸗ liche, die ich bin, nicht wundern. Ich war kein böſes 102 Kind; ich liebte meine Eltern, beſonders meinen Vater, mit aller Wärme— ich hätte gern mein Leben für ihn hingegeben. Und nun„mit einem ſo guten Willen, mit einem ſo zärtlichen Herzen niemals ein freundliches Wort zu bekommen, ſondern immer und ewig nur Er⸗ mahnungen, Vorwürfe und Verwünſchungen? Und warum? weil ich häßlich war, weil die Natur mir alle gefälligen Gaben verweigert hatte, weil ich unglücklich war! Ich war ſieben Jahre alt, als mein Vater mich eines Tags liebkoste— ich erinnere mich deſſen noch, als wäre es geſtern geſchehen— ein Zeichen, wie ſelten es vorkam. Und dann— in ſo zarten Jahren vom Vaterhauſe ent⸗ fernt zu werden— als Fremde dahin zurückzukehren und immer als ſolche behandelt zu werden! Vater⸗ und Mut⸗ terliebe, Liebkvſungen, Aufmunterungen, Freuden, Alles, Alles kam Adelaiden zu Gut.“ „Biſt Du neidiſch auf Adelaide?“ fragte ich bekümmert. Evola ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann:„Könnte man Adelaide haſſen, ſo würde ich's gethan haben— aber wie kann man Adelaide haſſen? Ja, wie ſchwer iſt es, ſie nicht zu lieben? Jede andere, als Adelaide, würde ich an ihrer Stelle gehaßt haben. O ſehen Sie, es iſt nicht ſo leicht, nicht ſo luſtig, beſtändig nach Liebe und Freund⸗ ſchaft, nach irgend etwas Gutem, irgend einer Freude zu dürſten und ſich Alles, Alles von einer Glücklicheren weg⸗ nehmen zu ſehen;— ſogar mein Hund, meinkleiner Vo⸗ gel verließen mich um ihretwillen. Und was hatte ſie hauptſächlich vor mir voraus? Schönheit, Anmuth, reiche Naturgaben. Sie waren nicht ihr Verdienſt, ſie hatte ſich dieß nicht ſelbſt gegeben. Warum blieb ich ſo ohne Alles, warum wurde ich ſo arm und dann wegen meiner Ar⸗ muth noch geſtraft?“ „Liebe Edla,“ ſagte ich,„rede nicht ſo. Es iſt nicht recht, nicht chriſtlich.“ „Chriſtlich oder nicht, aber wahr iſt es, und ſpre⸗ chen will ich einmal wenigſtens in meinem Leben, dann werde ich ſchweigen. Glauben Sie mir, ich kann ſchweigen. 103 Ich will vollenden, was ich über Adelaide zu ſagen habe. Ihre Freunvlichkeit hat mich freundlicher für ſie geſtimmt— ich beneide ſie nicht; ich will ihr Nichts nehmen— aber ich will auch Etwas haben. Ich hatte in meiner Kindheit eine einzige beſtimmt ausgeſprochene Neigung, eine einzige Luſt... „Und die war?“ fragte Graf Alarich aufmerkſam. „Ich weiß ſelbſt nicht recht, wie ich ſie nennen ſoll — einen Forſchungstrieb;... ich wollte Alles ergrün⸗ den, wollte die Urſachen und den Urſprung von Allem wiſſen, was ich ſah. Hätte ich mich dieſer Neigung hingeben können und einige Anleitung erhalten, ſo wäre mein Leben vielleicht nicht ohne Intereſſe und Nutzen geweſen. Aber gerade das, was ich liebte, wurde mir ver⸗ weigert; man verhöhnte meine liebſten, wiewohl kind⸗ lichen Beſchäftigungen und gab mir ſtatt ihrer nichts An⸗ deres zum Lieben. Man zwang mich, zu arbeiten, wozu ich weder Luſt, noch Talent hatte; man zwang mich, in der großen Welt eine Freude zu ſuchen, die ich dort nie finden konnte. Nach und nach verfiel ich ſo mit mir ſelbſt, daß ich keinen lichten Gedanken, keinen Sinn mehr für Etwas hatte. Jetzt iſt es mit mir vorbei; ich bin ſo mißvergnügt, ſo unglücklich, ſo unklar, daß ich keine Ruhe und Raſt mehr finden kann;— das Leben und die Menſchen eckeln mich an— ich verabſcheue mich ſelbſt. Ich weiß, daß ich nicht gut bin, Sie finden mich vielleicht ſogar ſchlecht! Sie können Recht haben— aber wer hat mich dazu gemacht?— wer hatmein Herz verbittert? Auf wen muß die Schuldzurückfallen? Ich ſehe ein Leben vor mir, das mich mit Grauen erfüllt— denn Gott und Menſchen ſind wider mich;— es gibt bloß ein einziges Mittel, ihm zu entgehen.. „Und dieſes einzige Mittel?“ fragte Graf Alarich, indem er ſie ſcharf anblickte. „Selbſtmord.“ Ich ſchauderte. Graf Alarich aber lächelte und ſagte;„Die gewöhnliche Zuflucht der Schwachheit; wir —— —— ———— — 10⁴ ſollten, wie Shakeſpeare ſpricht, den Tod ſtolz darauf machen, uns von hinnen zu nehmen.“ Edla erröthete. Sie hatte das Wort Selbſtmord ausgeſprochen, als hätte ſie damit etwas Großes ge⸗ ſagt. Graf Alarich's Lächeln und Antwort machte ſie daher tief erröthen. Alarich ſprach jetzt ernſt und kräftig, jedoch ſanft mit ihr. Er gab die Giltigkeit eines Theils ihrer Klagen zu, wies ihr aber als die Hauptquellen ihres Leidens ihre eigene Gemüthsart, ihre Anſprüche, ihren Hochmuth und ihre Bitterkeit nach. Er ſuchte ihr deutlich zu machen, daß ſie durch eine offene und liebevolle Erklärung gegen den Präſidenten ſich gewiß die Freiheit erworben haben würde, die ſie jetzt vermiſſe, daß ſie ſich aber dadurch, daß ſie Härte gegen Härte geſetzt, den Weg zu ſeinem Herzen verſperrt habe. Seine Worte waren Worte kräftiger Wahr⸗ heit. Er ſchonte Evla nicht, aber ſelbſt aus dem, was er zu ihrer Strafe ſagte, ging hervor, daß er ſie hoch⸗ achtete. Er war dabei ſo edel, ſo ſchön anzuſehen. Edla war getroffen und erſchüttert. Sie weinte. Da ſprach Graf Alarich ſüße Troſtworte zu ihr und ſeine Stimme war eine wirkliche Muſik; er verſicherte ſie, daß ſie noch glücklich werden könne, verſprach ihr ſeinen treueſten Beiſtand und ſchloß mit den Worten: „Wir Alle ſind hier im Leben bis auf einen ge⸗ wiſſen Grad der Macht des Zufalls unterworfen; Sie leiden theilweiſe unter der Gewalt deſſelben, aber über ihm ſteht unverrückbar eine ewige Ordnungz in dieſe ein⸗ zugehen, in ihr unſern Platz zu finden, iſt unſer Aller Aufgabe und Allen möglich, ſie zu löſen. Dann wirdNichts mehr weſentlich unſere Freiheit und unſer Glück ſtören.“ Eola blickte ahnungsvoll zu ihrem edlen Lehrer auf, aber man ſah, daß ſie ihn nicht verſtand. Graf Alarich verſprach, ſich ſpäterhin weiter zu erklären, und forderte jetzt bloß von ihr, ſie ſolle Friede mit ihrem Vater ma⸗ chen und ſelbſt den erſten Schritt zur Verſöhnung thun. Sie wollte ſich weigern, allein Alarich brachte es theils arauf tmord es ge⸗ hte ſie ft mit en ezu, s ihre hnd achen, gegen haben b, daß Herzen Wahr⸗ thun. theils „ 3 105 vurch Scherz, theils durch Ernſt ſo weit, daß ſie über dieſe tadelnswerthe, falſche Scham erröthete; auch malte er ihr das Strafbare in ihrer heutigen Aufführung gegen ihren Vater mit ſo ſtarken Farben vor, daß Edla mit ungewohnter Demuth in ſein Verlangen willigte. Es war jedoch zu ſpät, die Sache ſogleich abzumachen, denn der Präſident war bereits zu Bette gegangen. Als wir aus Ebla's Zimmer in's meinige gingen, ſagte Graf Alarich zu mir: „Wir müſſen jetzt vor Allem Edla zu beruhigen und dadurch milde zu ſtimmen ſuchen, daß wir ſie eine harmoniſche Weltordnung ahnen laſſen, welche unver⸗ änderlich beſteht trotz aller ſcheinbaren Widerſprüche; eine ewige Güte, die trotz alles Leidens auf der Erde ewig wirkſam iſt; ſie muß ahnen, daß es eine Macht gibt, vor welcher alles Dunkel der Welt wie ein Schatten verſchwindet. Ich beſitze etwas Geſchriebenes von einem jungen Freunde, und das könnte, glaube ich, ein gutes Mittel werden, lichtere Gedanken und Gefühle in Edla hervorzurufen. Ich will Ihnen das Manuſcript geben; leſen Sie es ihr dieſer Tage einmal ganz ſtille auf ihrem Zimmer vor. Sodann wollen wir allmählig für Edla einen Weg zu eröffnen ſuchen, der ſie nicht allein zur Klarheit über ſich ſelbſt führe, ſondern ihr auch das geben ſoll, was jeder Menſch bedarf— ein Intereſſe am Leben und einen Wirkungskreis. Sie beſitzt eine kraftvolle Seele, ein ſcharfes Denkvermögen ich werde mir keine Ruhe gönnen, bis ich ſie glücklich ſehe.“ . Ich dankte ihm aus tiefem Herzensgrund für ſeine üte. Ehe wir uns trennten, ſah er ſich im Zimmer um und fragte, wo Adelaide wohne. Er ſtand gerade un⸗ mittelbar vor ihrer Thüre. Ich gab ihm dieß zu er⸗ kennen. „Hier?“ ſagte er, indem ein freudiges Lächeln ſich über ſein Geſicht ergoß,„hier!“ und er legte die Hand an's Schloß. 3 —— —— 106 „Um Gotteswillen, Herr Graf, was fällt Ihnen ein?“ ſagte ich verwundert. Er ſah mich an und lächelte, dann wandte er ſich wieder gegen die Thüre; es ſah aus, als flüſterte er etwas und ich bin nicht gewiß, ob er nicht die Thüre küßte. Als er weiter ging, bemerkte er die ſchlafenden Kleinen und trat zu ihnen hin:„Aha,“ ſagte er,„hier liegen alſo die kleinen Mordbrenner und ſehen aus, wie Engel. Sie laſſen ſich's wohl nicht träumen, daß Der⸗ jenige, welcher ſchuidig daran war, daß ſie hungrig zu Bette gehen mußten, ſich die Freiheit nimmt, ihnen ſo nahe zu ireten. Er küßte ihre blühendrothen Wangen, wünſchte mir gute Nacht, blickte noch einmal Adelai⸗ den's Thüre an und verſchwand. Nachdem er ſich entfernt hatte, ging ich leiſe zu Adelaide hinein, um zu ſehen, ob ſie noch wache, und wie ſie ſich nach der Feuer⸗ und Waſſerprobe befinde. Sie wachte wirklich noch, ſtreckte mir ihre Arme ent⸗ gegen und ſagte: „Iſt er fort? ich habe ſeine Stimme drinnen bei Edla gehört. O erzähle mir, was er geſagt hat.“ „Ich wiederholte ihr das ganze Geſpräch ſo genau als möglich. Adelaiden's Augen ſtanden voll Thränen und ſtrahlten dabei.„Wie gut er iſt,“ rief ſie aus, „wie edel er iſt, und wie ſchön er ſpricht! Er wird ge⸗ wiß der armen Edla helfen.“ Wir unterhielten uns ſo lange über ſie und ihn, daß die Mitternacht vorüberging und der nächſte Tag zu dämmern begann, ohne daß wir es merkten. Ich verglich Alarich und Otto— den armen Otto. Aber Adeiaide wurde ernſthaft und ſagte:„Otto iſt gut, er liebt mich, laß ihn im Frieden. Es kann nicht jeder ein Genie ſein; Otto iſt, wie ihn Gott geſchaffen hat.“ Edla hatte am Morgen Fieber, begleitete aber dennoch Adelaiden zum Präſidenten hinab, um ihr Ver⸗ ſprechen gegen Graf Alarich zu erfüllen, und, wie ich glaube, bloß deßhalb. Der Präſident war von ihrem Benehr auf ihr wunder Edla h ihrer a ein Fie ſident allein gezwur war, h ſchlimn Edla d wurde gegen Es wa am Un ohne d W en änen aus, d ge⸗ 107 Benehmen bei der Feuerſcene gerührt und antwortete uuf ihre Abbitte freundlich:„Laß uns einander unſere Fehler verzeihen, Edla.“ Darauf fing er an, ſich theilnehmend nach ihren Brand⸗ wunden zu erkundigen. Sie waren nicht unbedeutend, Edla hatte in Folge derſelben, noch mehr aber in Folge ihrer aufgeregten Gemüthsſtimmung mehrere Tage lang ein Fieber, ſo daß ſie das Bett hüten mußte. Der Prä⸗ ſident beſuchte ſie in dieſer Zeit zweimal des Tags; allein Beide, Vater und Tochter, waren verlegen und gezwungen gegen einander. Nach dem, was vorgefallen war, hatte ſich das Verhältniß zwiſchen ihnen eher ver⸗ ſchlimmert als verbeſſert. Der Präſident nahm ſich in Acht, Edla durch Erinnerungen und Vorwürfe zu verletzen, wurde aber augenſcheinlich immer kälter und fremder gegen ſie, und ſie wich ihm aus, wo ſie nur konnte. Es war zu viel geſagt worden und zu wenig. Die Scene am Unglückstage hatte eine geheime Wunde aufgeriſſen, ohne das Mittel zu ihrer Heilung zu gewähren.“ Wenn ſich zwiſchen Freunden oder Mitgliedern einer Familie Mißverſtändniſſe erheben, oder eine Spannung eintritt, ſo gehen ſie ſelten ohne eine Krifis, ohne eine Erklärung vorüber; aber dieß ſind gefährliche Revolu⸗ tions⸗Augenblicke und gegen ein Mal, wo ſie die verwun⸗ dende Spitze herausreißen, geſchieht es drei Mal, daß ſie dieſelbe nur noch tiefer hineindrücken. Ach, warum wird es uns ſo ſchwer, gänzlich zu verzeihen, gänzlich zu ver⸗ geſſen? Wir bewahren das erlittene Unrecht in uns, wir brüten darüber, wir wollen uns ein Recht, eine Rache da⸗ für verſchaffen, und erwärmen auf dieſe Art Schlangeneier in unſern Buſen.„Selig ſind die Friedfertigen, ſelig ſind die Guten, welche vergeſſen und verzeihen, ohne dabei zu denken: Ich verzeihe.“ Engagirung zu einem Tanz. Adelaide wartete ihrer Schweſter mit allem Eifer ab, allein Edla zeigte ſo wenig Vergnügen darüber, daß ———— 108 allmählig ihre ganze Pflege mir zufiel, denn mich ſah ſe lieber um ſich. Es ſchien, als würden zu dieſer Zeit Edla's kranke Augen vom Anblick der Jugend und Schön⸗ heit veleidigt. Jetzt kam auch die Baronin wieder mit tauſend Plänen und Vorſchlägen zu Vergnügungen. Ade⸗ laide ließ ſich von ihnen fangen und wurde uns in den Wirbel der großen Welt entführt. Wenn Graf Alarich Abends kam, fand er Adelaibe oft abweſend, und die geiſt⸗ reiche Gräfin Auguſte mußte dann ihre ganze Klugheit dr aufbieten, um ſeine Theilnahme und ſein Intereſſe an der ſ 4 Unterhaltung zu wecken; doch glückten ihre Bemühungen lic— meiſtens. Graf Alarich fing ſo jeicht Feuer, wenn irgend eine wichtige Frage aufgeworfen, irgend eine große Ider in Anregung gebracht wurde, und dann war es eine Luſt, ihn anzuhören. Warum iſt Adelaide nicht da? dachte ich r dann oft unruhig und mißgelaunt. Ich ärgerte mich über die Gräfin Auguſte, daß ſie ſo intereſſant ſein, und über[8 Graf Alarich, daß er ſo lebhaft werden konnte, wenn Ade⸗ P hr laide fort war. Ich war unzufrieden mit Adelaide, daß lc ſie ſo ſchwach war, den Aufdringlichkeiten der Baronin we ch nachzugeben, während ſie ſelbſt viel lieber zu Hauſe geblie⸗ t ben wäre, wenigſtens wenn Graf Alarich kam. Der Prä⸗ hafte, ſident bagegen war ſeelenvergnügt. Graf Alarich war ihn wirklich lieb geworden und er war ſtolz darauf, ihn Sohn nennen zu dürfen.„Ich denke,“ ſagte er,„der Graf wird ſich wohl bald erklären, er ſcheint mir ſchon recht warn bei Auguſte zu ſein— und Otto tanzt mit Adelaide, Alles iſt, wie es ſein ſoll, Alles geht ganz gut. He, Mamſell Rönngviſt! topp, meine kleine bonne amie! das gibt zwei ſchöne Paare und an ihrer Hochzeit wollen wir eine Anglaiſe mit einander tanzen“— und er rie ſich in der Freude ſeines Herzens die Hände. Der Präſident forderte mich oft zu dieſer Anglaiſe auf, wenn er gerade aufgeräumt war. Allein dieſer einzige Tanz, den ich mit ihm machen ſollte, ſchien mir noch höchſt zweifelhaft zu ſein. Inzwiſchen dankte ich ihm jedesmal verbindlichſt. ſe geblie⸗ er Prä⸗ war ihm hn Sohn raf wird cht warm Adelaide. ut. Ha, e amie! it wollen er rict Anglaiſt n dieſer e, ſchien n dankte 109 Das Krankenzimmer. Habet Acht, Gehet ſacht! Darum, weil der Doector will, Alles ſei ganz mäuschenſtill. Krankenwacht. Man hat zu allen Zeiten die Sonne und die Ge⸗ ſundheit beſungen— ich will heute die Krankheit und die Schatten preiſen. Ich will dich preiſen, du körper⸗ liche Plage, wenn du deine Hand an Kopf und Bruſt des Menſchen legſt und zu dem Seelenſchmerze ſagſt: Genug! Du biſt ein Uebel auf Erden genannt worden; o, aber oft biſt du ein Gut, ein wohlthuender Balſam, unter deſſen Wirkung die Seele nach ihrem harten Kampfe ausruht und ihre wilden Stürme verſtummen. Mehr als einmal haſt du Selbſtmord abgewendet oder vom Wahnſinn gerettet. Die ſchrecklichen, die bitteren Worte, welche das Herz verbrannten, werden während der Fieber⸗ träume der Krankheit völlig ausgemerzt; das Grauſen⸗ hafte, das vor Kurzem noch ſo nahe war, zieht ſich in weite Ferne hin. Wir vergeſſen— Gott ſei Lob und Dank, wir vergeſſen— und wenn wir uns mit matten Kräften vom Siechbette erheben, ſo erwacht unſere Seele oft, wie aus langer Nacht, zu einem neuen Morgen. Es iſt ſo viel, was während der körperlichen Krankheit dazu beiträgt, den Sinn zu mildern;— das ſtille Zim⸗ mer, die milde Dämmerung bei den herabgelaſſenen Vorhängen, die leiſen Stimmen und dann vor Allem die ſanften Worte Derjenigen, die uns umgeben, ihre Beſorgtheit, ihre Unruhe, ja vielleicht eine gottgeſeg⸗ nete Thräne in ihren Augen— o, Alles dieſes thut wohl, thut ſehr wohl, und ais der weiſe Salomo alle guten Dinge, die auf Erden ihre Zeit haben, namentlich aufführte, vergaß er, unter denſelben auch die Krankheit zu preiſen⸗ Eines Abends, als Adelaide auf dem Ball und die —, —— 1¹⁰ Kleinen bereits im Reich der Träume waren, ſaß ich allein bei Edla. Die Nachtlampe brannte mit mildem behaglichem Schein. Alles um uns her war ſtill, nur dann und wann rollte unten auf der Straße mit dumpfen Geraſſel und flackernden Laternen ein Wagen vorüber Edla lag noch immer im Bett, ſchien indeß beſſer zu ſein. Ich fragte ſie, ob ſie nicht glaube, morgen aufſtehen zu können. Niedergeſchlagen, aber ohne Bit⸗ terkeit, antwortete ſie:„Ich weiß nicht, warum ſollt ich auch auſſtehen? Niemand freut ſich darüber un ich habe im Leben nichts zu thun. Die Sonne ſchein auch ohne mich über genug unglückliche und unnü Menſchen. Das Krankenbett hat ſeine Annehmlichkeitn für mich, denn es erinnert mich an ein noch ſtillere Bett, wo man noch beſſer aufbewahrt iſt.“ Ich antwortete nichts darauf, ſondern beſann mich ob ich es wagen ſolle, Edla die Vorleſung des Man⸗ ſcripts vorzuſchlagen, welches Graf Alarich mir über geben hatte. Es wäremir viel lieber geweſen, wenn Edli mich ſelbſt gebeten hätte, ihr etwas vorzuleſen, und iß war daher froh, als ſie ſagte: „Lies mir etwas vor, was mir gut thut, oder vitl mehr, was mich gut macht, denn ich bedarf deſſen.“ Ich holte das Manuſeript, ſagte, von wem ich e erhalten habe, und las laut. Ich ſuchte dabei mein Stimme ſo angenehm als möglich zu machen, jedoch ohn Affectation; ich nahm mich in Acht, bei keinem Wort anzuſtoßen, denn ich wußte aus Erfahrung, wie ſehr Stimme und Vortrag auf den Menſchen wirken können und mein innigſter Wunſch war, daß Edla in jeder B⸗ ziehung einen wohlthuenden Eindruck erhalten möchte Einige Worte von Graf Alarich waren dem Mannſeri als Einleitung vorausgeſchickt. Sie lauteten alſo: „Ein junger Cavallerieoffizier aus meiner Verwandt⸗ ſchaft, der Liebling ſeiner Familie und reich an Aller Ach⸗ tung, wurde vor einigen Jahren von einer zehrenden Krank⸗ heit befallen. Man hielt die Sache nicht für gefährlich ſaß ich mildem, ill, nut dumpfen vorübet beß beſſe morgen hne Bit⸗ um ſollt⸗ über un e ſchein punnüt lichkeiter ſtillere ann mich Man mir über enn Edli „und ic oder viel eſſen.“ em ich et bei mein doch ohn em Wort wie ſeht n können, jeder Be⸗ n möchte anuſeriy alſo: ßerwandt⸗ Aller Ach⸗ en Krank⸗ gefährlich 111¹ und der Arzt verorbnete ihm ein ausländiſches Bad. Er reiste voll Hoffnung ab. Seine Familie und ſeine Freunde lebten der frohen Zuverſicht, ihn binnen Kur⸗ zem vollkommen hergeſtellt wieder zu ſehen— allein er kam von der fremden Erde nicht zurück. Es war ein außerordentlich liebenswürdiger und hoffnungsvoller jun⸗ ger Mann, rein wie der Schnee auf den Gebirgen ſei⸗ nes Vaterlandes, männlich und kraftvoll in Gedanken und Handlungen; ſein Herz war voll Liebe, ſeine Ge⸗ müthsart heiter— ſeine Seele leuchtete aus ſeinen Augen. Er war geliebt undsglücklich, wie es nur Wenige ſind. Folgende Betrachtungen ſcheint er kurz vor ſei⸗ nem Tode niedergeſchrieben zu haben. Man fand ſie unter ſeinen hinterlaſſenen Papieren.“ Pas Manuſeript. Seit einigen Tagen weiß ich, daß ich bald ſterben werde. Ein Arzt hat es mir auf mein ernſtes Anfragen verkündet. Ich werde bald ſterben. Ich hätte gerne noch länger gelebt— ich fühle mich in dieſem Augenblick noch nicht ſtark genug gegen den Tod. Ach! ich habe ſo Vie⸗ les zu lieben, ſo Vieles, für das ich leben möchte. Ich hätte ſo gerne etwas Gutes in der Welt ausgerichtet. Wären nicht meine Schmerzen, ſo würde ich vielleicht noch ſtärker am Leben hängen— aber dieſe find hart. In meiner Mutter Hauſe, in den Armen der Meini⸗ gen in den langen Schlaf zu verſinken— auf dem Schlachtfeld für mein theures Vaterland zu fallen— das wäre nicht ſchwer geweſen. Aber ſo einſam, ſo un⸗ rühmlich zu ſterben— auf einem Krankenbett, fern von Allem, was ich liebe— das drückt mich nieder. Doch ich will nicht murren, ich will mich darein ergeben. Mein Schickſal iſt nicht härter, als das von Millionen Menſchen;— ich will, bevor die Todesſchatten meine Gedanken umnachten, ſuchen, was ihnen allen und mir Troſt gewähren kann. Ich will den Grund und die ——— 112 Größe des Troſtes erforſchen, den ich auch in dieſer Stunde in mir fühle, und ihn in meinem Herzen lebendiger machen, denn noch ſchwerere Stunden, als dieſe, noch herberer Schmerz erwarten mich, ehe es zu Ende geht.— Ich werde bald ſterben!... ſterben? meine Seele hat noch zu viel Leben, um dieſe Gewißheit faſſen zu können— den tiefen, tiefen Schlaf. Meine Seele war voll von andern Bildern, Bildern der Ehre, der Liebe und Freude. und doch iſt es gewiß— ich werde bald ſterben;— der Vogel, der über meinem Haupte dahinzieht, die Blumen, die aus dem Boden aufſprießen, haben eine längere Zukunft, als ich. Die Hand, die dieſes ſchreibt, wird binnen Kurzem in der Erde vermodern, und das Auge, das die Hand leitet, wird, bevor ein Monat vergeht, von Würmern verzehri werden. Wohlan! aber ſo lange es noch wacht, will es dir in's Angeſicht ſehen, du bleicher Zerſtörer des Lebens — Tod! Dein Gefolge, das du bald um mich her lagern wirſt, ſoll mich nicht erſchrecken. Ich bin jetzt allein mit dir, du Schauriger und Wunderbarer, den ich ſeit meiner Kindheit in einem abſchreckenden und widerlichen Bilde geſehen habe. Ich will dich näher betrachten, ehe du meine Hände feſſelſt;— vielleicht, daß ich ſie dir gerne reiche, wenn ich dieß gethan habe. Der Tod?! So lange Leben auf Erden iſt, iſt auch der Tod da. Die Blumen ſprießen im Frühlin aus dem Boden auf, duften ein Weilchen— im hech ſterben ſie alle. Die Thiere werden geboren, ſpielen, paaren ſich, bauen Wohnungen, gebären Junge und dann ſterben ſie, einander zum Raube dienend. Und der Menſch? Wie aus einem Schlummer erwacht er allmählig zum Bewußtſein, blickt um ſich auf der Erde und hinauf zum Himmel und verſteht und betet an. Ein höheres Streben füllt ſeine Bruſt und Ahnungen ewiger Wahrheiten durchſtrömen ihn,— aber während er ſo daſteht und ſtrebt und ahnet— mit unerfüllter Sehn⸗ Herzen n, als es zu ich ſeit derlichen trachten, ß ich ſie rden iſt, w n Herb ſpielen, inge und nd. Und wacht et der Erde an. Ein n ewiger end er ſo eSehn⸗ dieſer 113 ſucht und ohne mit Etwas fertig geworden zu ſein— ſo er⸗ faßt ihn der Tod und er verſinkt in die Nacht und es iſt aus mit ihm— er iſt verſchwunden von der Erde. Was er zurückläßt, iſt das Andenken an ſich und ein wenig Futter für die Würmer— er iſt todt! Einige Menſchen ſterben ſo bald— noch ehe ſie etwas auf Erden zu wirken vermochten. Alles, was Leben empfängt, muß ſterben; überall, wohin ich meine Blicke wende, ſehe ich den Tod, den Tod, den Tod! und die lebloſen Berge ſind das einzige, ewige Ding auf Erden. Warum trägt ſie denn andere, als ſolche? Dieſe Weſen, welche lieben, welche in Leiden und Hoffen ihre Wurzeln in einander und um die Welt ſchlingen und von einander geriſſen werden und ſterben müſſen— warum ſind ſie hier? Wozu alles dieß Liebliche, das aufgelöst werden muß, alle dieſe Kraft, die erlahmen, alle dieſe Schönheit, die vermodern muß— und vor Allem, wozu dieſe Funken, die ſchon im Auflodern erlöſchen, dieſes Leben, das keine Freuden genoſſen— dieſes tiefe Leiden?. um zuletzt zu verſtummen, um in die Erde hinab zu ſinken? in die Erde, die Alles ausgleichen und tilgen wird. Soll mein Herz verzweifeln, indem es ſich in dieſe traurigen Gedanken, in dieſe düſtern Fragen verſenkt? Nein, das ſoll es nicht!— O Gott, an dich, den ich ſeit meinen Kindesjahren anbeten gelernt habe, an dich, den ich in der Tiefe meiner Seele lebend fühle, den ich anbete in der heiligen Stimme meines Gewiſſens, in Allem, was ich Gutes und Schönes auf Erden ſehe— an dich kettet ſich mein Herz und mein Gedanke, als an den erſten und einzigen Ausgangs⸗ punkt alles Lebens und alles Denkens. Du biſt, das glaube ich. Du biſt heilig und reich an Liebe, du biſt der Gott der Liebe, das fühle, das glaube ich von gan⸗ zem Herzen. Ich verſtehe mich ſelbſt nicht mehr, nicht, was ich an meinen Mitmenſchen liebe, ihre Tugend, ihre Liebe, nicht das heilige Muß, das in aller Menſchen Bruſt geſchrieben iſt und das die Welt zuſammenhält, Vremer, Töchter d. Präſibenten. 8 114 Alles iſt mir ein Räthſel, wenn ich nicht an dich glaube. Mein Schöpfer! Mit dem Beſten, was du mir gegeben haſt, mit dieſem Herzen, das dich lieben, mit dieſer Vernunft, die ſich zum Gedanken an dich erheben kann, mit dieſem Willen, der die Macht beſitzt, dich zu hören und dir zu gehorchen— will und muß ich dir hul⸗ digen. Tief in meine Seele haſt du deinen Namen geſchrieben, und in dieſer Stunde, o mein Gott, da ich einer Zerſtörung entgegen ſehe, deren Art und Weiſe ich noch nicht kenne, da ich dem Lande zuwandere, von welchem noch Keiner zurückgekommen iſt, um zu ſagen, wie es iſt, da ich ſchon ein Schatten unter die Schat⸗ ten verſinke und meine Seelenkräfte mit jedem Tage abnehmen fühle— in dieſer Stunde kann ich an Allem zweifeln, nur nicht an dir, nur nicht an deiner Güte und deiner Macht. Du biſt mein Gott. Aber dieſer Gott, an welchen ich glaube, deſſen Güte und Allmacht mir gewiß ſind, wie die Liebe in meiner eigenen Bruſt— er hat Schmerz und Tod nicht geſchaf⸗ fen— den Tod nicht ſo, wie er ſich auf Erden zeigt, umgeben von Plagen und Finſterniß! Die Worte, in welchen die unendliche Güte ſich ausſprach, müſſen ſein Gepräge tragen;— die Geiſter, aus ſeinem Gedanken geboren, müſſen heilige und vollkommene Geiſter ſein— die Natur, in welcher ſie ſich ſpiegeln, ſchön und ohne Mangel. Goites ewiges Liebesgeſetz iſt in das Herz der Geiſter geſchrieben, es lenkt ihre Wirkſamkeit und die Welt ordnet ſich nach dieſen ewigen Geſetzen der Güte und Heiligkeit. Die Geiſter folgen dieſem Geſetze nicht in Blindheit, ſie folgen ihm in Freiheit und mit Bewußtſein: ſie ſind mit Vernunſt und Willen ausge⸗ rüſtet, ſie beſitzen die Fähigkeit, Gottes Willen zu er⸗ faſſen, und die Fähigkeit, ihn in Freiheit zu dem ihrigen zu machen, und ihre Seligkeit und ihre wahre Freiheit drückt ſich in den Worten aus: „Deinen Willen, mein Gott, thue ich gern.“ Denn gut und allweiſe muß er wohl ſein, dieſer ewige nu ja ein Lel hei em leb dri ber ſei ew laube. geben dieſer kann, hören hul⸗ tamen da ich Weiſe e, von ſagen, Schat⸗ Tage Allem Güte nGüte meiner eſchaf⸗ zeigt, te, in en ſein edanken ſein— id ohne Herz eit nd tzen der Geſetze und mit asge⸗ zu er⸗ ihrigen Freiheit 6 er ewige 1¹⁵ Wille, und unveränderlich— das Veränderliche iſt ja nur in der Zeit und Gott iſt über der Zeit. Gut ſind ja alle Werke Gottes und ewig, wie er— denn nur ein Thor zerſtört ſeine eigenen Meiſterwerke. Allem Leben, das von ihm ausgeht, gibt er die Vollkommen⸗ heit und Seligkeit, welche es ſeiner Natur gemäß zu empfangen vermag, zuerſt dem freien Geiſte, dann dem Thiere, und im kleinſten Wurm, in der kkleinſten Blume lebt er noch mit Kraft und Freude. Alles, Alles durch⸗ dringt er mit ſeiner Liebe Leben. Gleichwie ein Lie⸗ bender in ſeiner geliebten Braut lebt, ſo muß Gott in ſeiner Schöpfung leben, belebend und ſeligmachend; gleichwie eine Braut in ihrem Bräutigam lebt, ſo muß die Welt Gott lieben und anbeten, und ſo müſſen ſie ewig für und in einander leben und ſich verklären. Und waltet dieſes Verhältniß in dem Theile der Welt vor, den ich ſehe, unter den geiſtigen Weſen, die ich kenne— den Menſchen? Ach, dem iſt nicht ſo! Gott ſchuf den Menſchen ihm zum Bilde, das glaube ich, und es kann nicht anders ſein.„Wie biſt du vom Himmel gefallen, du ſchöner Morgenſtern?“ woher die Sünde in der Menſchen Herzen, woher die Verfinſte⸗ rung in ihrem und der Natur Leben? woher das Leiden auf der Erde, die Unordnung, die Zerſtörung, der Tod? woher der Tod?— woher der beinahe unerträgliche Schmerz, der die Schweißtropfen aus meiner Stirne auspreßt und mich allmälig in's dunkle Grab hinablegt? O mein Gott Gott der Güte, an dich glaube ich, an dir halte ich feſt! Der Menſch wird ſündig geboren oder mit Neigung zur Sünde, und Streit und Schmerz leben in der Natur, ſo lange wir uns denken können. Der Menſch und ſeine Welt ſind Gottes, des Gütigen, des Allmächtigen Werke! Gott hat den Menſchen nicht ſündhaft, die Welt nicht unvollkommen geſchaffen; das iſt mir eine ewige Gewiß⸗ heit. Iſt denn der Menſch alſo vor dem Erdenleben ge⸗ weſen, iſt er rein und ſelig aus ſeines Schöpfers Hand 116 hervorgegangen und gefallen? hat er in ſeinem Fall ſeine Welt— die Natur mit ſich hinabgezogen? iſt ſein Ver⸗ geſſen dieſer Präerxiſtenz eine Folge ſeines Falles, eine Aufhebung ſeines höheren Bewußtſeins während dieſer irdiſchen Wiedergeburt? find die himmliſchen Lichter, die hier noch bei ihm aufflackern, das Gute, das Schöne, ſind ſie Erinnerungen aus ſeinem Leben bei Gott? Deuten ſie neben der Erſcheinung der Sünde auf Erden auf ein verlorenes Paradies? Wie hat der Menſch, ein vollkommenes Werk Gottes, fallen können? Was iſt es, das ſeinen Fall herbeiführen konnte in einer Weltord⸗ nung, wo Gott. der Allgütige, das einzige und leitende Princip iſt? Tauſend Fragen kreuzen ſich in meinem Kopfe;. wo eine befriedigende Antwort finden? Gott kann den Menſchen nicht böſe geſchaffen haben! rein und herrlich muß er hervorgegangen ſein aus ſei⸗ ner Hand,— er muß ſchon vor dieſem Erdenleben ge⸗ weſen ſein, er iſt von ſeiner urſprünglichen Herrlichkeit gefallen und mit ihm die Natur. Seine Wiedergeburt auf dieſer Erde und in dieſen Verhältniſſen muß eine Folge ſeines Falles ſein. Wie iſt der Menſch gefallen? Dadurch, daß er ſich von der Verführung beſiegen ließ, ſagen die Traditionen unſeres Geſchlechtes. Wer hat ibn verführt? Gott nicht, ſo wahr Gott iſt! Unmöglich! Der Teufel? Ich kann an den Teufel als ein perſön⸗ liches Weſen, an das Böſe als Reich nicht glauben. Gäbe es ein perſönliches Weſen, deſſen Willen Gott entgegengeſetzt wäre, ewig, wie er, ein Oberhaupt eines Reiches, das mit dem Reiche Gottes in Feindſchaft ſtände— ſo wäre kein Grund vorhanden, dieſe Macht böſe zu nennen;— ſie würde ja, wie Gott, ihren An⸗ betern ewiges Leben anbieten können, d. h. die Fülle des Lebens, das ſie liebt, z. B. Wolluſt, Haß, Schaden⸗ freude, Eigennutz, Grauſamkeit u. ſ. w. Könnte man ſich das Böſe als eine ſelbſtſtändige, zuſammenhaltende Macht denken, ſo wäre es, wenn es ſeine Ver⸗ eine ieſer hter, önm, tt rden ein ſt es, tord⸗ tende inem 2 aben! z ſei⸗ n ge⸗ chkeit eburt eine len? ließ, r hat glich! erſön⸗ uben. Gott eines ſchaft Macht n An⸗ Fülle haden⸗ indige, enn es 117 im Kampfe gegen das ſogenannte Gute unterliegt, nicht als das Böſe, ſondern als das Schwache, der unter⸗ liegende Theil, und Byron's Lueifer hätte Recht, zu ſagen: „Der Andere iſt ſtärfer, als ich, deßwegen wer⸗ den ſeine Werke gut genannt; wäre ich gleich ſtark, ſo würde man die meinigen ſo nennen.“ Aber nun offenbart ſich das Böſe überall, wo es hervortritt, nie als eine organiſtrende, ſondern immer als eine trennende, zerſtörende Macht. Was iſt denn das Böſe? Vielleicht urſprünglich ein Diener des Guten — wie der Schatten ein Diener des Lichts— aber von ſeiner Beſtimmung abgewichen: ein Diener, dem es ge⸗ lungen iſt, die Kleider ſeines Herrn zu bekommen, und der nun in dieſen verkleidet die Rolle deſſelben zu ſpie⸗ len ſucht;— eine Macht, die nichts Anderes beſagen will, als die Unmacht des zerfallenen Geiſtes, wenn er von ſeiner eigenen verkehrten Einbildung tyranniſirt wird, in demſelben Maße, als er ſich dem Göttlichen verſchließt. Ich will mich mit ſchwachen Kräften nicht in den metaphyſiſchen Abgrund vertiefen, den zu ermeſſen ich in meiner vollen Lebenskraft nicht mächtig genug ge⸗ weſen wäre— und in der Erklärung über die Annahme des Böſen in Wirklichkeit, über den Fall des Menſchen in Gottes heiliger Weltordnung will ich bei Folgendem verbleiben: „Gott als die Idee des Guten, als das lebendige Gute, ſchließt das Böſe in allem ſeinem Leben aus. Dieſes Ausſchließen(Negiren) ſetzt gleichwohl die Mög⸗ lichkeit des Böſen voraus, fomit auch eine Wahl(die Bedingung der Freiheit). Gottes Wahl iſt von Ewig⸗ keit getroffen; der Menſch ſoll ſie an ſich verwirklichen (ſo allein iſt er frei); aber in der Wahl liegt die Vor⸗ ſtellung von dem Böſen(die Verſuchung, die Vorſtel⸗ lung erzeugt die Begierde, und die Begierde, wenn ſie empfangen hat, gebiert ſie die Sünde).“ Der Menſch ſollte aus einem Zuſtand der Kindheit und Unſchuld in einen Zuſtand der Mündigkeit und Frei⸗ 11⁸ heit uͤbergehen. Er hat freie Wahl zwiſchen einer ſeli⸗ gen Wirklichkeit und einem leeren Gaukelbilde eines Guten; er ließ ſich von letzterem verlocken. Gottes Bild wurde in ſeinem Innern verdunkelt, er fiel und die Natur zerfiel in ſtreitende Elemente. Allein er hatte Freiheit und Fähigkeit, treu zu bleiben, und ſein Fall iſt ſeine eigene Schuld, die Folgen davon müſſen ledig⸗ lich und allein ihm ſelbſt zugeſchrieben werden. Sein Zuſtand hier auf Erden, ſein Unterliegen unter die Ma⸗ terie, ſe in Leiden an Körper und Seele, der aufgerührte Ab⸗ grund des ganzen Lebens, Alles iſt eine Folge ſeines Falles. Aber Gott, die ewige Güte, die höchſte Liebe, wird er ſein gefallenes, ſein unglückliches Kind verlaſſen? Wird er weniger thun, als eine Mutter auf Erden für das ihrige thut? O nein! er wird ſein Angeſicht nie abwenden, er wird ſein Kind ſuchen, er wird es rufen, er wird leiden, er wird ſein Herzblut geben, um es wieder zu gewinnen, um es wieder mit ſich zu verei⸗ nigen. Wenn Gott in heiligen Welten als Beſeliger lebt, ſo muß er auf Erden als Verſöhner leben. Der Hymnus der Reue und des Heimwehs, der ſeit unvor⸗ denklichen Zeiten aus der Erde emporgeſtiegen, dieſer innere Ruf:„Herr, komm!“ iſt von Ewigkeit zu Ewig⸗ keit beantwortet worden:„Hier, mein Kind!“ „Hier, mein Kind!“ Ja, mein Gott, an dieſes Wort, an diefe Zukunft glaubt dein Kind von ganzem Herzen, und beim Licht der Verſöhnungslehre ſehe ich die Welt und das Lehen ſich vor meinen Blicken entwirren. Glaube ich an Gott, den Allgütigen und Liebreichen, ſo glaube ich auch an den Weltverſöhner, glaube, daß das Leben, welches das Herz ſucht, wirklich exiſtirt und ſich unſerm Innern gern mittheilen will: glaube, daß er uns unauf⸗ hörlich immer näher und näher kommt, bis er alles Hin⸗ dernde aufgehoben und ſich gänzlich und innig mit uns vereinigt hat. Ich glaube, daß unſer Gott kein rückhal⸗ tender Gott iſt, giaube, daß er uns Alles, Alles geben will, ſeines Lebens Fülle, ſich ſelbſt,— glaube, daß er d 5 h k 2 § i d 1 t nſerm unauf⸗ s Hin⸗ it uns ckhal⸗ geben daß er 1¹9 als die ewige Liebe mit und für uns leiden wird, bis er gänzlich in uns lebt. Ich glaube alſo, daß ſchon von der Wiedergeburt des Menſchen auf Erden an das Verſöhnungswerk hier ſeinen Anfang genommen hat, daß Alles, was die Geſchichte Gutes und Großes aufzuweiſen vermag, eine Wirkung dieſes Geiſtes, dieſes ewigen Wortes iſt, welches über die Welt leuchtet, wie die Sonnenſtrahlen über die Blumenknospe, wie die Mutter über ihrem Kinde wacht, und ſein Leben in dem Maße mittheilt, als die erwa⸗ chende Welt es zu empfangen vermag. Ich glaube auch, daß, ſobald die Welt reif dazu iſt, das Verſöhnungswerk vollbracht werden und Gott auf Erden in die innigſte Gemeinſchaft mit den Menſchen treten wird. Etwas muß im Leben in der Geſchichte der Menſchheit hervor⸗ treten, was den Menſchen die Liebe Gottes ganz offen⸗ bart— eine Liebe, welche Gegenliebe wecken muß; Etwas, das in dem Menſchen kräftig das Bewußtſein ſeines Falles, ſeiner Sünde weckt und in ihm gewaltig die Erinnerung an das Vaterhaus, an eine verlorene Heilig⸗ keit und Herrlichkeit zurückruft; Etwas, das ihm Willen und Kraft verleiht, das Böſe in ſich zu bezwingen und wie⸗ dergeboren zu werden zu einem Gotteskinde; Etwas, das des Todes Schranken und Macht aufhebt und das Leben verklärt. Ich weiß wohl, zu wem ich gehen muß, um zu fin⸗ den, was ich ſuche. Ich will zu ihm gehen, der, ſelbſt heilig, den Menſchen zur höchſten Heiligkeit, zur Gleich⸗ heit mit Gott berief, der Gottes Reich auf Erden ver⸗ kündete, der litt, verſucht ward und kämpfte, wie ein Menſch, aber ſiegte, wie ein Gott; zu Ihm, dem die Kräfte der Natur unterthan waren, wenn er es wollte; ich will zu dem Gekreuzigten gehen, zu dem Auferſtan⸗ denen, zu dem Wort, das da Fleiſch ward und unter uns wohnte voll Gnade und Wahrheit, zu Gott, wel⸗ cher in Chriſto die Welt mit ſich ſelbſt verſöhnt. Di⸗ Blatter der Beſchichte liegen geöffnet vor mir, 120 und es väucht mich, als fühle ich den Hauch des Zeiten⸗ geiſtes, der durch die Welt rauſcht. Nur wenige Blät⸗ ter nimmt die Geſchichte des Verſöhners ein, aber ein mächtiger Geiſt, voll Frieden und Auferſtehung, geht von ihnen aus und erneuert das Leben der Welt. In dieſen verſenkt, von ihm durchdrungen, ſtören mich nicht mehr die moraliſchen Schwierigkeiten, die ich in Jeſu Leben zu finden geglaubt;— ich fühle ſo gewiß, als ich lebe, ſo gewiß, als ich an Gott glaube, daß hier Gott für die Erde verklärt iſt, hier hat er ſich ſelbſt gerechtfertigt— das Himmelreich iſt nahe gekommen, das Werk der Verſöhnung iſt vollendet. Tief in meinem innerſten Leben erfahre ich, daß es ſo iſt. Der Gott, an welchen ich glaube, iſt er wohl ein anderer, als den das Chriſtenthum verkündet? die Kraft, durch welche ich das Böſe in mir bekämpfen kann, iſt ſie nicht die Liebe zu dem Gott, welcher alſo die Welt geliebet hat, daß er ſeinen eingebornen Sohn gab zur Verſöhnung ihrer Sünden. O Herz der Schöpfung! O Brod des Lebens! Daß du dich uns gibſt,— ich glanbe es, ich glaube es von tiefſter Seele; in dir und durch dich allein haben wir das ewige Leben, das Leben der Gottesfülle;— du kamſt herab zum Menſchen, damit der Menſch hinaufſteigen möge zu Gott.— Der Vater hat ſich zum Kinde hernieder⸗ gebengt, um es an ſeine Bruſt emporzuheben. Sanct Martin ſagt:„Wir ſteigen hier im Leben hinauf, wie auf einer Leiter. Im Tode wird uns dieſe Leiter entzogen und wir ſtehen dann in der Region des Lebens, zu welcher wir hinaufgeſtiegen find.“ Darum ward Jeſu der Auftrag, uns auf dieſe letzte Stufe der Jakobsleiter emporzuheben— auf die Schwelle zu Gottes Reich. Auch auf dieſer Erde will Gott den Menſchen der Fülle ſeines Lebens theilhaftig machen;— aber was ſagt vor Allem das Chriſtenthum? „Gott iſt die Liebe!“ Er wird alſo nie auf⸗ mmen, daß es r wohl t? die ämpfen er alſo Sohn rz der h uns Seele; Leben, b zum öge zu nieder⸗ Leben s dieſe ion des letzt e der r was ie auf⸗ 121 hören, die Erlöſung ſeines Geſchlechtes zu wollen— hier und dort, in Ewigkeit wird er dafür wirken. Gott iſt das einzige Princip, ewig derſelbe, ewig wirkſam— o gewiß wird vereinſt die Stunde kommen, wo der Sohn, das ewige Wort, dem Vater, dem ewigen Gedanken, Alles unterworfen hat. Es muß ein Tag kommen, wo die Verſöhnung, im Menſchen verwirklicht, ſich auch in der Natur verwirk⸗ licht,— wo Gott in Allem und in Allen lebt. „Das Leben iſt die Entwicklung eines herrlichen Dramas.“ Die Scene davon, die wir hier und vielleicht auch lange nachher aufführen, heißt Verſöhnung. Wenn wir in Gottes ewige Ordnung wieder eingegangen find, dann entwickelt ſich unſer Leben in ungeſtörter Freiheit und Seligkeit, und das Drama iſt dann die Entwick⸗ lung der éwigen Liebe in allen Sphären des Lebens. Unendliche Ahnungen häufen ſich um mich. Wie Strahlen einer neu entzündeten Sonne zucken ſie über die Welt und wollen alle ihre Theile beleuchten— aber ach! die Schatten haben ſich um meinen Blick gelagert und mein Gedanke gleicht bereits einem müden Wan⸗ deres Ehe er in Schlaf verſinkt, will ich zu dir gehen, mein göttlicher Lehrer, und die Worte hören, welche du zu den Deinen geſprochen, als du gleich mir am Rande deines Grabes ſtandeſt: „Euer Herz erſchrecke nicht. Glaubet ihr an Gott, ſo glaubt ihr auch an mich.“ „In meines Vaters Hauſe ſind viele Wohnungen. Wenn es nicht ſo wäre, ſo wollte ich zu euch ſagen: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.“ „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ „Den Frieden laſſe ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erſchrecke nicht und fürchte ſich nicht.“ „Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen 122 in die Welt; wiederum verlaſſe ich die Welt und gehe zum Vater.“ „Vater, ich will, daß da, wo ich bin, auch die bei mir ſeien, die du mir gegeben haſt.“ „Und ich habe ihnen gegeben die Herrlichkeit, die du mir gegeben haſt, daß ſie eins ſeien, gleich wie wir eins ſind.“ „Ich in ihnen und du in mir, auf daß ſie voll⸗ kommen ſeien in Eins.“ Eine ſtille Freude ſenkt ſich über mein Herz, das Dunkel zertheilt ſich, Gottes herrliches Licht verklärt das Leben und alle ſeine Mißverhältniſſe löſen ſich auf. Was iſt der Tod in deinem Leben und in deiner Lehre, o Jeſu? nur ein Uebergangsmoment in des Geiſtes Leben; für die Guten das Thor, durch welches ſie eingehen in einen ſeli⸗ geren Zuſtand, in den vollen Beſitz der Freiheit, die ſie hier erworben haben. Erleichtert iſt jetzt meine Bruſt, ge⸗ klärt mein Auge und ich will mit dem Apoſtel rufen: „Tod! wo iſt dein Stachel? Hölle! wo iſt dein Sieg?“ Der Tod hat ſich genähert, er mag kommen, er iſt mein Freund. Alle meine Schwachheiten, Alles, was ich verbrochen habe, verzeihe mir, v mein Gott. Vater⸗ land, Freunde, Mutter, Geſchwiſter, lebt wohl! Ich verlaſſe euch, aber ich weiß, daß ich euch wieder finden werde. Gerne, Geliebte meines Herzens, hätte ich zum Abſchied euch auf Erden noch einmal die Hände drücken mögen— aber es ſollte nicht ſein. Wohlan dennl Gottes Wille geſchehe! Gelobt ſei Gott! Als ich meine Vorleſung beendet hatte, ſah ich Edla an. Sie hatte ihre Hände über die Bruſt gefaltet, ihre Thränen floſſen reichlich, aber ſtille. Ich hütete mich, ſie zu ſtören, denn ich ahnte, daß eine tiefe und wohl⸗ thuende Bewegung ihr Leben durchdringe. Und o, wenn das arme kranke Herz den Arzt kommen ſieht, wenn es ahnt, daß es einen Balſam gibt für alle Wunden des 123 Lebens, wenn das heiße, ſo eben noch von tauſend Zwei⸗ feln gemarterte Haupt ſich niederlegt, um an der Bruſt der ewigen Güte auszuruhen o, da geht in dem Men⸗ ſchen Etwas vor, was kein Verſtand erfaßt, was keine Feder beſchreiben kann, was man nur mit ſtillen, wolluſt⸗ vollen Thränen zu fühlen vermag. Verſöhnung, Verſöhnung mit Gott, mit dem Leben, mit ſich ſelbſt iſt das Himmelsgefühl, welches ſanft bis zum Innerſten des Herzens dringt, welches die vor Kurzem noch ſo brennenden Adern kühlt und alle vor Kurzem noch ſo nagenden Zweifel auflöst; Güte, göttliche Güte, du biſt des Lebens Balſam!„Zu uns komme dein Reich!“ Stunde um Stunde verſtrich, und weder Edla noch ich ſprach ein Wort; ſie lag ſtille da, und noch nie hatte ich auf ihrem Geſichte einen ſo ruhigen und ſo lichten Ausdruck geſehen. Um ein Uhr hoörte ich die Wagen rollen, und da ich Adelaide zurückerwartete, ſtand ich auf, um zu gehen. Adelaide hatte die kindiſche Ge⸗ wohnheit, ſo oft ſie von einem Balle, wo ſie nicht ſou⸗ pirt hatte, zurückkam, Pfefferkuchen eſſen zu wollen, und ich machte mir ein Vergnügen daraus, ihr jedesmal welche bereit zu halten, die ich ſelbſt nach einem, von meiner ſeligen Baſe, Beate Alltagsgeſetz, empfangenen Recepte buck, und die weit beſſer waren, als die gekauf⸗ ten, ſelbſt die der Frau Dorf nicht ausgenommen. Ich wollte alſo gehen, um mein Backwerk anzubringen, und ſagte daher Edla gute Nacht. Sie bat um Erlaubniß, das Manuſcript behalten zu dürfen.„Es hat einen wunderbaren Eindruck auf mich gemacht,“ ſagte ſie;„es hat mir eine Ahnung deutlicher gemacht, die immer in meiner Seele lag, nämlich die Ahnung von einer Prä⸗ eriſtenz, von einem verlorenen, glückſeligen Zuſtand. Beim Leſen unſerer vorzüglichſten Dichter, wenn ich eine ſchöne Muſik hörte oder ein ſchönes Menſchengeſicht be⸗ trachtete, ſind immer dunkle Bilder eines herrlichen und verſchwundenen Ehmals in meiner Seele aufgeſtiegen und haben größtentheils eine Wehmuth, eine unbeſtimmte 124 Sehnſucht in mir erweckt, die ich nicht beſchreiben kann. Aber wenn die Präexiſtenz eine Wahrheit iſt, wenn wir Alle, Alle ſchon vor dieſem Erdenleben geweſen ſind, warum denn das allgemeine und gründliche Vergeſſen derſelben und der Schuld, welche unſer Leben in dieſer Welt der Unordnung verurſacht hat?“ „Dieſes Vergeſſen,“ antwortete ich,„muß gerade durch den Fall ſelbſt verſchuldet worden ſein. Das höhere Bewußtſein des Menſchen iſt in Schlaf verſun⸗ ken und dieſer Schlaf währt in gewiſſer Beziehung auch in dieſem Leben fort. Es iſt jetzt Nacht, aber morgen, wenn die Sonne aufgeht, werden wir auch den geſtrigen Tag klar ſehen— das Vergangene und das Gegenwärtige.“ „Jetzt,“ ſagte Edla,„fange ich an, die Worte zu verſtehen, welche Graf Alarich heute darüber geſprochen hat. O, wenn eine ewige Güte die Welt ordnet, wenn ein nothwendiger Wille hier Geſetze gibt, dann, dann werde ich auch glücklich werden können.. wenigſtens nicht unglücklich...“ „Glücklich! glücklich! das hoffe ich von ganzem Herzen!“ antwortete ich, umarmte ſie ſofort zärtlich und ging zu meinen Pfefferkuchen und zu meiner Adelaide, welche gut, heiter und ſchön wie ein Engel vom Balle zurückkam. Adelaide aß mit herzlichem Vergnügen ihre Pfefferkuchen; ich ſah ihr zu, ließ mir vom Balle er⸗ zählen, dachte Edla glücklich, und es däuchte mich, als ob das Leben in dieſer gefallenen Welt dennoch auch manche heiteren Stunden habe. Von dieſem Tage an ging eine merkliche Verände⸗ rung mit Edla vor. Sie ſuchte die Einſamkeit auf ihrem Zimmer, wo ſie ſich mit Leſen beſchäſtigte. In der Ge⸗ ſellſchaft war ſie milder und ruhiger, aber gleichwohl lag eine Wolke von Wehmuth, ein Ausdruck tiefer Muth⸗ loſigkeit immer noch über ihrem ganzen Weſen. Ich ſah, wie Graf Alarich ihr mit aufmerſamen Blicken ſolgte und gleichſam die Entwicklung ihrer Seele über⸗ wachte. Eines Abends, als der Zufall es fügte, daß en kann. enmn wir ſen ſind, ergeſſen n dieſer ere . Das verſun⸗ ing auch morgen, igen Tag ärtige.“ orte zu ſprochen t, wenn dann nigſtens ganzem lich und delaide, n Balle en ihre alle er⸗ ich, als ch auch erände⸗ if ihrem der Ge⸗ ichwohl Muth⸗ n. Ich Blicken le über⸗ e, daß 1²⁵ Edla und ich allein mit ihm waren, lenkte er das Ge⸗ ſpräch auf die Glückſeligkeit und die Mittel, ſie zu er⸗ werben. Er ſagte, es gebe ein Allen gemeinſchaftliches Element, außer welchem Niemand wahrhaft und auf die Dauer glücklich werden könne, in demſelben aber befinde ſich eine unendliche Menge verſchiedener und doch nicht getrennter Elemente, von denen jedes Individuum ſich das ſeinige auswählen und darin ſeine Welt in Harmonie mit dem großen Ganzen organiſiren könne. Die Glückſeligkeit des Menſchen beruhe, glaubte er, darauf, daß er mit ſeinem Geiſte klar in Goites ewiger Ordnung über der Zeit lebe und für ſeine Seele, ſeine eigene Kraft, einen Wirkungskreis in dem Zeitlichen oder einen Körper für dieſen Geiſt ſuche, in welchem er ſich ausſprechen und von welchem er Nahrung zu weiterer Entwicklung erhalten könne. Ohne eines von die⸗ ſen Elementen, müſſe das Leben ſtets eine Leere empfinden. „O, meine Ahnung!“ ſagte Edla, welche lange ſchweigend und aufmerkſam dageſeſſen hatte. Graf Ala⸗ rich vermochte ſie durch ſeine lebhaften Fragen, ihre Schüchternheit zu überwinden und ſich deutlicher aus⸗ zuſprechen. „Das Manuſeript, das Sie mir gegeben haben,“ ſagte Edla,„und die Leſung des Buches, auf welches ſein Troſt ſich gründet, hat wirklich Licht in meine Seele geworfen und mir unendlich wohlgethan. Ich glaube, was es ſagt, ich glaube an einen allgütigen Gott, an ſeine Gnade für uns Alle, und dennoch—“ und Thränen drängten ſich in ihre Augen—„dennoch bin ich nicht glücklich, dennoch erſcheint mir das Leben leer und ich bin mir ſelbſt noch immer eine Bürde.“ Sie wiſchte ihre Thränen ab und fuhr mit Klar⸗ heit und Ruhe fort: „Ich habe viel Preiſens von dem Frieden und der Freude gehört, welche religiöſe Beſchäftigungen der Seele gewähren. Ich habe ſie verſucht“— fuhr fie tief erröthend fort,„in der Kirche ſowohl, als auf meinem 126 Zimmer habe ich den Himmel herabzuholen geſtrebt, um meine arme hungernde Seele zu erfüllen.“ „Und es iſt Ihnen nicht geglückt?“ fragte Graf Alarich mit dem Ausdruck der innigſten Theilnahme. „Nein,“ antwortete Edla und ſchwieg dann, um ihre tiefe Rührung nicht zu verrathen. „Und,“ fuhr Graf Alarich fort zu fragen,„Sie haben geglaubt, dieß Mittel zum Gluͤck ſei kein wirk⸗ liches, ſondern werde bloß von ſchwärmeriſchen und krankhaften Gemüthern irrthümlich als ſolches gedeutet?“ „Ich habe geglaubt,“ antwortete Edla mit wieder gewonnener Ruhe,„daß dieſes für ſo Manchen gute und geſegnete Mittel dennoch nicht für mich ſei. Ich will es nicht verwerfen, allein es iſt mir nicht genug. Meine Seele bedarf einer Nahrung anderer Art. Ich bin der fortgeſetzten Seelenerhebung nicht fähig, welche eine ſolche Beſchäftigung fordert, wenn ſie nicht nieder⸗ drückend und betänbend ſein ſoll. Wenn es mir gelun⸗ gen iſt, in dieſen wenigen glückſeligen Minuten mein Gefühl zu wirklicher Extaſe und zum Leben zu ſteigern, ſo verſinkt meine Seele auf mehrere Stunden in einen Zuſtand der Schlaffheit und Unluſt; mein eigenes Weſen, mein eigenes Leben drückt mich dann mehr als je. Ich bin nicht fromm genug, um bloß von Himmelsſpeiſe zu leben— ich weiß es, glücklich ſind die Frommen!“ Hier wurde das Geſpräch von der Baronin unter⸗ brochen, welche mit Adelaide aus der Oper zurückkam. Noch an demſelben Abend fand Edla auf ihrem Toilettentiſch ein Packet mit mehreren Büchern. Unter dieſen befanden ſich Grubbe's Staatslehre, Forſell's Statiſtik, Montesquieu's Geiſt der Geſetze, Agardh's Organographie, Plato's Werke in deutſcher Ueber⸗ ſetzung und mehrere andere. In einem Billetchen, das unter den Büchern war, ſtanden folgende Zeilen: „Ueber Gottes Werke nachdenken, ſich mit ihrem Organismus bekannt machen, iſt wahre Gottesverehrung und eine wohlthuende Andachtsübung. Die Welt wird imn orie des Geſ jeni Ern ſche Ent reite die gebe erke wert gani liche war Geg berü ral, und und könn nach Mar Wif Kra Kra Ihre zem nahe ihr höch an Nac ſoph immer reicher für den Menſchen, je mehr er ſich in ihr orientirt. Das Leben des Denkers iſt ſchön, wie das des Liebenden. Gott läßt auf ſeiner Erde für alle ſeine Geſchöpfe Freudenblumen wachſen. Ein jeder wird die⸗ jenige finden, die ihm beſtimmt iſt, wenn er nur mit Ernſt und Eifer ſucht.“ Mit frendiger Ueberraſchung nahm Edla das Ge⸗ ſchenk an. Graf Alarich und ich beſchäftigten uns jetzt mit Entwerfung eines Studienplans für Edla, da wir be⸗ reits überzeugt waren, daß ſie bei einer Beſchäſtigung, die ihre Geiſteskräfte entwickle und ihr Gelegenheit gebe, ſich ihre Welt klar zu machen, bald ihre Kraft erkennen und ſich ihren Weg zum Glück auserſehen werde. Graf Alarich ſuchte ſie das Leben als ein or⸗ ganiſches Ganzes auffaſſen zu laſſen, und die ſchrift⸗ lichen Fragen, die er ihr zur Beantwortung vorlegte, waren ſo geſtellt, daß die darin in Anregung gebrachten Gegenſtände wechſelſeitig Licht auf einander warfen. Sie berührten alle Sphären des Lebens; Religion und Mo⸗ ral, Philoſophie und Geſchichte, Naturwiſſenſchaft, Kunſt und Literatur. Graf Alarich war ein aufgeklärter Mann und zu kraftvoll, um zu fürchten, ein Frauenzimmer könnte gar zu viel lernen und zu aufgeklärt werden; nach ſeiner Anſicht gab es ſür das Weib, wie für den Mann, keine andern Schranken für die Ausdehnung der Wiſſenſchaft, als diejenigen, welche die intellektuelle Kraft des Individuums vorſchreibt. Er hielt Edla's Kraft für groß und bildete ſie ernſt und liebevoll aus. Ihre Lernbegierde wurde aber auch wirklich binnen Kur⸗ zem zur wahren Leidenſchaft und man mußte ihr bei⸗ nahe mit Gewalt Einhalt thun. Ueber die Fragen, die ihr vorgelegt wurden, machte ſie Aufſätze, die im Anfang höchſt mangelhaft und fehlerreich waren, aber ſehr bald an Klarheit und Gründlichkeit gewannen. Tag und Racht ſiudirte ſie die Schriften des griechiſchen Philo⸗ ſophen und machte Auszüge und Abriſſe aus denſelben. — — 3— S 125 Ein ſehr glücklicher Umſtand war, daß gerade um dieſe Zeit der Präſident von ſeinen Amtsgeſchäften der⸗ maßen in Anſpruch genommen wurde, daß er immer entweder auf ſeinem Zimmer oder außer dem Hauſe zu thun hatte und die Beſchäftigungen ſeiner Töchter un⸗ möglich überwachen konnte. Er verſicherte mich, er habe ſein volles Vertrauen auf mich geſetzt und ſei überzeugt, daß ich ſeinen und ſeiner ſeligen Frau Grundſätzen hin⸗ ſichtlich der Erziehung ſeiner Töchter gewiſſenhaft nach⸗ leben werde. Ich ſchwieg etwas verlegen über ſolche Redensarten; Edla aber arbeitete ganze Tage ungeſtört auf ihrem Zimmer und wurde dabei immer klarer in ihrem Gemüthe, immer heiterer und freundlicher gegen alle Menſchen. Ach, wir ſollten den Leuten nicht ſo viel vorpredi⸗ gen, wir ſollten ihnen ein Intereſſe am Leben geben, Etwas, das ſie lieben, Etwas, für das ſie leben können; wir ſollten ſie womöglich glücklich machen, oder wenig⸗ ſtens auf den Weg zum Glücke führen, dann würden ſie gewiß gut werden. de um n der⸗ immer uſe zu r un⸗ r habe zeugt, n hin⸗ nach⸗ ſolche geſtört rer in gegen rpredi⸗ geben, önnen; wenig⸗ vürden 129 Etwas von Adam und ſeinen Söhnen. —— „Adam lag in eine träumende Anſchauung der jungen Welt verſunken und ſammelte die zerſtreu⸗ ten Züge ihrer unverdunkelten Schönheit. Enblich konnte er ſie in ein einziges lebendes Bild zu⸗ ſammenfaſſen, unb das Vilb trat ihm näher und entwickelte immer deutlicher ſeine himmliſche Ge⸗ ſtalt, er merkt nicht, daß es jeine eigene Perſon⸗ lichkeit war die ſich von einem Wachsthum zum andern entfaltet, ehe Gott dem Weibe den Ra⸗ men gab;— da erwachte Adam und fand, daß er Menſch war.— Deute mir die Sage! Von allen Wahrheiten iſt die tiefſte die, daß ſich im Leben ſtets vas Urbild im Gegenbilde finden muß und daß die zwei Eins ſind— ein einziger lebendiger Geiſt.“ Aus einem Briefe von B.“ Ein Adamsſohn, Graf Alarich W., ſchrieb einem andern Adamsſohn, Probſt Albert P.: „Der Menſch iſt ein wunderliches Weſen, mein beſter Albert! Dieſer nagelnenen Entdeckung ſollen einige ganz friſche Betrachtungen nachgeſchickt werden, welche wiederum zu etwas Dir gänzlich Unbekanntem führen ſollen. Nur Geduld! Was der Menſch in allen Ländern und in allen Ständen ſucht, iſt Glück, Genuß ſeiner ſelbſt und ſeines Lebens. Aber die Begriffe von dieſem Glück und den Mitteln es zu erwerben, wie tauſendfach wechſelnd und ungleich ind ſie nicht!(Haſt Du je früher etwas Aehnliches gehort*) Es iſt noch nicht lange her, daß Europa's Den⸗ ker uns einreden wollten, dieſes Glück ſei wirklich nichts Poſitives, ſondern beruhe einzig und allein auf klimatiſchen Verhältniſſen und der eigenthümlichen Gemüthsart jedes einzelnen Individuums. Sie entdeckten bei Kamtſchatka's Kindern, die bei ihren Thranmahlzeiten glücklich ſind, bei den wollüſtigen Hindus, bei den im thieriſchen Schmutz vergnügt lebenden Hottentotten eine vortreffliche Lebens⸗ weiſe, ſo gut, ja noch beſſer als die des gebildeien Euro⸗ pöers, der ſein Leben einer hohen Sittlichkeitslehre und Bremer, Tochter d. Praſidenten. 9 130 einem ausgebildeten Schönheitsſinne gemäß genießt. Der Zuſtand der Rohheit hat ſeine ſchönen und guten Seiten, die Kultur hat ihre beſchwerlichen, ihre unglückſeligen Begleiter, das iſt wahr;— dennoch kann man Beider Platz auf der Jakobsleiter der Weltgeſchichte leicht ſehen. „Mannigfaltig find in unſerer Zeit die Mittel, das Leben in Reinheit und Wahrheit zu genießen.— Sollte es aber nicht dennoch einen Zuſtand geben, der des Menſchen, ſo wie er von Gott gedacht iſt, als Bürger eines ihm geweihten Staates, vorzugsweiſe würdig wäre? einen Zuſtand, in welchem er ſein Weſen aufs Freieſte ausbilden und in den Beſitz ſeines ganzen Lebens und ſeines Glückes als Geiſt und als Thier gelangen könnte, wo er vollkommen allen den Kräften gemäß, die Gott in ihm niedergelegt, Leben und Alles zu ſeiner Ehre anwenden könnte.“ „Du wirſt ſagen, das iſt einmal ein langer Umweg, um zu geſtehen, daß man heirathen will, und ich muß Dir Recht geben; da ich aber ſelbſt nicht leicht zu dieſem Entſchluß gekommen bin, ſo iſt es nicht mehr als billig, daß Du meine Mühe theilſt.“——————— „So eben erhielt ich Deinen Brief vom zehnten dieſes und ſehe mich dadurch genöthigt, ſogleich zur Sache ſelbſt zu ſchreiten. Du wünſcheſt mir Glück zu meiner Verbin⸗ dung mit Gräfin Auguſte U., wovon das Gerücht Dir zu Ohren gekommen iſt, aber noch nie war dieſe meinen Wünſchen ferner. Ich liebe von ganzem Herzen ein jun⸗ ges, ſchönes, gutes, lebensfrohes, entzückendes Weſen, Adelaide, die zweite Tochter des Präſidenten G. Du weißt, wie hoch und heilig ich die eheliche Verbindung achte, wie wichtig mir die Wahl einer Freundin zu die⸗ ſer innigſten Verbindung meines Lebens ſein muß.“ „Als ich die alte Wohnung meiner Väter verließ, um mich in der Welt nach einem Weſen umzuſehen⸗ das mir ſie verſchönern ſollte, gab ich zum Voraus der Liebe den Laufpaß und war feſt entſchloſſen, fie niemals t. Der Seiten, ſeligen Beider t ſehen. tel, das Sollte der des Bürger wäre Freieſte ns und könnte, e Gott rEhre Umweg, ch muß dieſem billig, ndieſes he ſelbſt Verbin⸗ cht Dir meinen in jun⸗ Weſen, 9. Du bindung zu die⸗ uß.“ verließ, zuſehen, aus der niemals 131 in meine Angelegenheiten ſich miſchen zu laſſen, denn ich liebe es, mit offenen Augen zu ſehen, zu prüfen und zu wählen, und wollte mich keinem Führer anvertrauen, der nach meiner Ueberzeugung von Natur blind iſt. Du weißt, wie hoch ich beim Weib eine wahre und reine Verſtandesbildung ſchätze, und ich bedurfte im Leben nicht blos einer Freundin für mein Herz, ſondern eines ſelbſtdenkenden, aufgeklärten Weſens, das mein Denken durch das ſeinige beleben könnte, das warm für die In⸗ tereſſen der Menſchheit fühlte, und das Große und Schöne an denſelben zu beurtheilen verſtände. Nicht blos einen ſanften und weichen Buſen, um mein Haupt daran zu lehnen, wollte ich haben, nicht bloß eine artige Wirthin für meine Freunde, eine gute Frau für mein Haus, eine angenehme Geſellſchafterin für mich ſelbſt in frohen und bitieren Stunden, ich wollte—— Albert, es iſt nicht leicht mit Worten auszudrücken, was ich wollte, was ich ſuchte, wonach ich mich ſehnte;... Albert, ich ſehnte mich nach Leben! Das Leben wollte ich an mein Herz drücken,— ich ſuchte, ich verlangte nach einem Weſen, das mit mir in Allem eins wäre, in deſſen Schooß ich meine ganze Seele, meine Gefühle, meine Gedanken, meinen Schmerz, meine Freude niederlegen könnte, und das mir dieſelben verklärt wiedergeben ſollte— denn mein bisheriges Leben kam mir vor, wie ein Traum.“ „Meine erſte Bekanntſchaft mit dem Leben machte ich auf dem Schlachtfeld; ſpäter wuſch ich das Blut von meiner Waffe ab und lebte mit den friedſamen Weiſen der Vorzeit und unſerer Tage. Ernſt und ſtreng ſtand des Lebens Genius ſchon von meiner Kindheit an vor meinen Blicken, ich hatte nie ſein Lächeln geſehen; ich vergaß ſelbſt zu lächeln und wurde von Jahr zu Jahr kälter, fin⸗ ſterer und ſtrenger.“ „Ich wollte für mein Vaterland mit der Feder oder mit dem Schwerte leben, frühe ſchon war es mein Idol und wird es bleiben bis zu meiner letzten Stunde. Aber mein Idol iſt kein heidniſches äußere * 132 Macht und Größe iſt es, was ich verehre; was ich an meiner Nation liebe, iſt ihr individuelles Leben, ihre edle Perſönlichkeit; die freie Entwicklung ihrer eigenthüm⸗ lichen Geſtalt in allen ihren Gliedern, ihre moraliſche Wahrheit und Schönheit iſt es, wofür ich leben und nach Kräften wirken will. Wunderlich genug, daß ich mit die⸗ ſem Bild im Herzen einſam zwiſchen den alten Mauern meines Vaterhauſes Herz und Hand erſtarren fühlte, daß das Leben immer dunkler, ich ſelbſt immer verſchloſſener und finſterer wurde. Eine fröhlichere, glücklichere Na⸗ tur als die meinige hälte nicht ſo fühlen können, aber in blutigen Seenen aufgewachſen, frühzeitig an den zar⸗ teſten Theilen meiner Seele verletzt, ernſt von Gemüths⸗ art, fand ich in mir wohl eine ſtrebende Kraft, aber keine lebendig erfreuende Quelle und allein bei mir ſelbſt, ab⸗ geſchieden von der Welt und den Menſchen, fühlte ich mich allmälig zu Stein werden. Meines Bruders Un⸗ glück hatte mich von der Liebe und ihren Verführungen abgeſchreckt, aber tief in meinem Innern empfand ich das Bedürfniß nach einer Freundin, nach einem milden und frohen Weſen, welches das Leben, welches meine Intereſ⸗ ſen mit mir theilen und meinem Leben die Klarheit und Wärme geben ſollte, die es vermißte. Es war ein ande⸗ res, ein edleres Ich, was ich ſuchte, aber doch immer ein anderes Ich. Vaterland und Freiheit ſollten die Pole meiner Gattin ſein, wie ſie die meinigen waren; wir ſoll⸗ ten vor demſelben Altare die Kniee beugen.“ „Ich hatte Gräfin Auguſte U. kennen gelernt, ſo lange ihr Mann noch lebte. Ihre Unterhaltung machte mir Vergnügen; ich fand bei ihr eine höhere Bildung, Kenntniſſe und Sinn für alle die Gegenſtände, die mir wichtig und lieb waren⸗ Mit einem lebendigen Intereſſe, mit einer Frage in meiner Seele an die ihrige näherte ich mich ihr aufs Neue, ſeit ſie Wittwe geworden iſt. Auch jetzt ſand ich Vergnügen an ihrer Geſellſchaft, doch weniger als vorher; ich vermißte Etwas an ihr, ich wußte ſelbſt nicht recht was, bis ich Adelaide G, kennen lernte. — ernte. 133 Dieſe ſah ich zum erſtenmal als Galathea, und als Pyg⸗ malions Liebe Leben in dieſe ſchöne Schöpfung goß— da wünſchte ich Pygmalion zu ſein, da erhob ſich in meiner Seele das Verlangen, der erſte Seufzer dieſer jungen Bruſtzu ſein, in dieſem lieblichen Weſen mir meine Welt, mein Vaterland, mein Paradies einzurichten. Sieh! Albert, nie fühlte ich bei Auguſte mein Herz erwarmen, nie meine Seele ſich erweitern, beſſer und klarer werden; ich ſprach gerne mit ihr, denn ſie verſtand meine Worte und wußte Antwort darauf zu geben;— in Adelaidens Nähe bin ich glücklich, ſie ſchlägt unaufhörlich Saiten in meiner Seele an, Saiten, von denen ich Nichts ge⸗ wußt, die bei ihrer Berührunglieblich erklingen, die mich eine noch nie gefühlte Harmonie in meinem ganzen Leben empfinden laſſen. Es iſt mir wohl, wenn ich bei Ade⸗ laide bin, ich fühle mein ganzes Weſen verjüngt und ge⸗ ſtärkt, die Gegenſtände des Lebens haben eine Schönheit und eine Zauberkraft, die ich zuvor nie an ihnen gekannt; ich liebe alles Gute wärmer, ich fühle mich mild, wo ich es früher nie geweſen, ich bin beſſer, das Leben iſt reicher, ſeit ich Adelaide kenne, und doch— erkläre mir dieß— doch entſpricht Adelaide dem Ideale nicht, das ich mir von meiner Gemahlin entworfen habe. Sie iſt eine tän⸗ delnde Grazie, ein Kind, das noch Nichts von dem ver⸗ ſteht, was das Leben Wichtiges und Schönes hat. Sie hat Blitze von einem hohen und erhabenen Leben, aber es find nur Blitze;— es würde mir ſchwer werden, Dir zu ſagen, was ſie iſt, ich weiß es ſelbſt noch nicht recht; nur das weiß ich, daß ich mich bei ihr vollſtändig und rein als Menſch fühle: daß aller Zwang, alle Beengniß aus dem Kreiſe verſchwindet, worin ſie ſich bewegt: daß das Leben allda klar und leicht iſt. Ein entzückendes Leben ſtrahlt mir aus ihrem ganzen ſchönen Weſen entgegen, und ich brenne vor Verlangen, es an mein Herz zu ſchließen; aber in dem Augenblick, da ich die Hand aus⸗ ſtrecke, um die der Zauberin anzufaſſen— in demſelben Augenblick bebe ich zurück; ich kann es mir nicht verhehlen, 134 vaß jener blinde Führer ſich gegen meinen Willen meiner bemächtigt hat, ich fühle, daß ich liebe, ohne zu wiſſen, warum? Wenn ich über Adelaide nachdenke, ſo muß ich erkennen, daß ſie die Freundin, die ich ſuchte, nicht iſt und wahrſcheinlich nie werden kann; dieſe war ein höheres, ein kraftvolleres Weſen! Adelaide iſt die Weiblichkeit mehr in ihrer Schwäche, als in ihrer echten Schönheit. Und dieſes Kind— dieſes ſchwache, unverſtändige, übermüthige Kind, hat Alles, was einen weiſen Mann zum Narren machen kann, wenn er nicht anders im Stande iſt, ſie weiſer zu machen, und darauf kommt es an. Kann Ade⸗ laide lieben, kann ſie kräftig einen würdigen Gegenſtand lieben, ſo kann ſie Alles werden, was gut und edel heißt. Kann ſie lieben? Es gibt Augenblicke, wo ich glaube, daß ſie dazu fähig iſt, und der Gedanke an eine Vereinigung mit dieſem bezaubernden Weſen mich hinreißt. Dann be⸗ trachte ich ſie wieder in ihrem Schmetterlingsleben, ſehe ſie entzückt von Schmeichelei, Pracht und eiklen Vergnü⸗ gungen, ſehe, wie ſie ſich, um dieſe genießen zu können, vom Edlen und Ernſten abwendet, und dann wende auch ich mich mit Unwillen von ihr ab, bis ein neuer Ton der Innigkeit, ein neuer Strahl evlen Lebens mich wieder zu ihr führt. Bald jedoch will ich meinem Zaudern ein Ende machen und einen entſcheidenden Schritt von oder zu Ade⸗ laide thun. Ein reicher junger Mann und zugleich naher Verwandter von ihr macht Anſprüche auf ihre Hand. Seine Perſönlichkeit hat für mich nichts Geſährliches, Adelaide kann ihn nicht lieben. Indeß iſt er ſehr reich, und ſollte ich merken, daß ſie dieſer lockenden Sprache Gehör ſchenkt, ſo werde ich ſie ſogleich verlaſſen und ver⸗ achten. Ich will ſie jetzt noch einige Zeit prüfen. Ich bin feſt entſchloſſen, mich von meiner Liebe nicht bethören zu laſſen, und ein Weib ſoll mich nicht aus meiner Bahn reißen. Kann Adelaide nicht mein werden, ſo werde ich für immer auf meine alte Burg zu meinen Büchern zu⸗ rückkehren. Kann ich ſie und in ihr eine würdige Gattin gewinnen, ſo iſt das ſchönſte, das reichſte Loos im Leben meit wie daß wele die übe deß bei nich und 135 mein. Die Vatererde, an welche Abelaide mich feſſelt, wie doppelt theuer und heilig wird ſie mir dann werden!“ „Du ſiehſt aus dieſem rhapſodiſchen Briefe leicht, daß ich verliebt bin, daß ich an der Krankheit leide, welche all die Tollheiten verſchuldet hat, in deren Folge die Welt mit Romanen, Novellen und Theaterſtücken überſchwemmt worden iſt. Ein Romanheld werde ich in⸗ deß mit Gottes Hülfe nie werden, und deßhalb will ich bei Allem, was ich vornehme, die goldene Klugheit und nicht die Leidenſchaft zu Rathe ziehen. Hilf Du mir, daß ich mich zurecht finde, gib mir als Geiſtlicher, als Gatte und als mein Freund einen klugen und guten Rath. Dein Freund A. W. Albert P. an Slarich W. Als Gatte, als Geiſtlicher und als Dein Freund. Es ſind jetzt zehn volle Jahre, daß ich mich in meiner Pfarre niedergelaſſen und angefangen habe, zu predigen, zu catechifiren, zu taufen und zu begraben, mit Kraft des Geiſtes und mit wohlmeinendem Herzen meinem Beruf nachzugehen, und mein Haus nebſt Küche, Keller u. ſ. w. von Leuten beſorgen zu laſſen, welche ſich für Geld die⸗ ſer Mühe unterzogen. Meine Schweſter machte mir und meinem Hauſe einen Beſuch.„Bruder,“ ſagte ſie,„es geht nicht mit rechten Dingen zu; die Zuckerbüchſe wird in zwei Tagen leer, und ein Pfund Kaffee reicht nicht einmal eine Woche aus, mit den Kartoffeln wird gewirthſchaftet, als pflegten ſie vom Himmel herab zu hageln. und ſo iſt es kein Wunder, daß Frau Abergs Ferkel ſo fett werden. Die Semmeln werden aus der Stadt geholt; es iſt eine Schande, in einem Pfarrhauſe nicht ſelbſt zu backen! In der Milchkammer ſtehen drei Töpfe ohne Rahm. 136 Bruder, lieber Bruder, Du wirſt grauſam beſtohlen und betrogen.“ Ich hatte ſelbſt bemerkt, daß ſeit einiger Zeit die Hühner mehr Korn verzehren, als es ſonſt in der Na⸗ tur der Hühner liegt, und Frau Abergs Ferkel lagen mir immer vor der Treppe im Weg. „Aber,“ fuhr meine Schweſter fort,„warum lebſt Du auch nicht, wie es einem Kirchenhirten geziemt und anſteht?— Warum biſt Dunicht verheirathet? Sah nicht der liebe Gott, daß es für Adam, der doch gewiß keine großen Haushaltungsſorgen hatte, nicht gut war, allein zu ſein, und hat er nicht geſagt: Ja ich will ihm eine Hülfe geben, woran er ſich halten mag... „Die ſich an ihn halten mag, heißt es,“ unterbrach ich ſie.„Weiber müſſen ſich nie mit Citaten befaſſen. Sie treffen es immer verkehrt.“ „Nun das iſt ganz einerlei,“ antwortete meine Schweſter,„und dadurch, daß der liebe Gott geſagt hat, er wolle Adam eine Hülfe geben, bewies er ganz deutlich, daß der Mann ohne Frau ſich nicht helfen kann. Deßwegen, lieber Bruder, rathe ich Dir, wenn Du nicht anders binnen Kurzem verhungern willſt, ſieh Dich ohne weitern Zeitverluſt nach einer Frau um. Was hältſt Du von der verwittweten Pfarrerin Nyberg? Ein gebildetes Weib, eine erfahrene Hausfrau, die, das verſpreche ich Dir, dafür ſorgen wird, daß die Zuckerbüchſe in acht Ta⸗ gen nicht leer iſt und ein Pfund Kaffee vierzehn Tage ausreicht.“ „Aber,“ fragte ich etwas bekümmert,„wird dann der Kaffee bei ſo langer Lebensdauer nicht gar zu ſchwach und zu bitter werden?“ „Nichts weniger! Stark und ſüß, wie du es nur haben willſt; eben darin liegt die wahre Kunſt der Hausfrau, daß Alles gut iſt und doch ausreicht. Ueber⸗ dieß kennſt Du ja die Pfarrerin Nyberg, und ſie gefiel Dir recht gut, als ihr ſeliger Mann noch lebte.“ „Allerdings, recht gut, Hm. Nun, man könnte ja men mein Hän beſitz Jahr und glück zu g Vert den 137 einen Verſuch machen.“ Und ich machte mich auf von meiner Pfarre, um eine Frau zu ſuchen. Mit großem Intereſſe näherte ich mich der Pfarr⸗ wittwe und mit einer Frage in meiner Seele an die ihrige. Ich hörte ihr auch jetzt mit Vergnügen zu, witwohl nicht in demſelben Grade, wie früher, denn wenn ſie auch noch nie ſo vortrefflich von Pacht, von Viehſtand und Flachs geſprochen hatte, ſo achtete ich doch nicht dar⸗ auf, ſondern lauſchte um ſo aufmerkſamer ihrer Schwe⸗ ſtertochter, die am Klavier ſaß und ſang: „Wie ſelig, wer in eigner Hütte u. ſ. w.“ Sieh Alarich! nie fühlte ich bei der Pfarrerin mein Herz erwarmen, nie fühlte ich bei ihr meine Seele ſich gleichſam erweitern; dagegen bei der kleinen Nora— o da fühlte ich mich glücklich! Es war mir, als würde ein Inſtrument in mir geſpielt, das ich noch nie gehört hatte, und von dem ich nicht wußte, daß es mir innewohnt. Wie abſcheulich erſchien mir jetzt Frau Aberg und ihre Ferkel— undmein Pfarrhaus, wie doppelt theuer würde es mir ſein, wenn die kleine Nora darin als Pfarrerin wäre! Ich wußte wohl, daß ich verliebt war, allein ich war es ſo vollkommen, daß ich mich keinen Augenblick im Verdacht irgend einer Art von Blindheit hielt. Ich ſtreckte meine Hand aus und bat:„Geliebte, willſt Du mich neh⸗ men?. Sie ſtreckte ihre Hand aus und antwortete:„Ja, mein Geliebter, wenn Du mich haben willſt.“ Die beiden Hände wurden vereinigt, und wir hielten Hochzeit. Ich beſitze jetzt in der kleinen Nora ſeit ſieben ſegensvollen Jahren Alles, was an einer Hausfrau Achtungswürdiges und Gutes iſt, Alles, was einen Mann zufrieden und glücklich machen kann. Deßwegen habe ich alle urſache zu glauben, daß die wahre Liebe hellſichtig iſt, und den Vernünftigen, der ſich fromm von ihr leiten läßt, auf den rechten Weg zum Glücke führt. So viel als Gatte. Daß ich Derjenige ſein darf, der Deine Trauung voll⸗ 138 zieht, darum erſuche ich Dich als Geiſtlicher. Ich würde gerne hundert Meilen reiſen, um den Segen des Him⸗ mels über Dich und Deine Braut auszuſprechen. Deine Adelaide kenne ich. Ich habe ſie geſehen, als ſie einen Verwandten von mir beſuchte, der ihr Zei⸗ chenlehrer geweſen war. Er war alt, krank und lebte mit ſeiner Frau in dürftigen Umſtänden. Sie kam und gab vor, ſie bedürfe allerhand kleine Zeichnungen zu Souvenirs, zu Stecknadeln, Armbändern und Gott weiß wozu Allem. Sie zeigte ſich ſo entzückt über die arm⸗ ſeligen Kleinigkeiten aus der Fabrik des alten Mannes, daß der glückliche Greis ſich wenigſtens für einen Ra⸗ phael in Miniatur hielt, und mit gutem Gewiſſen den übermäßigen Preis annahm, den ſie ihm in einem Tone anbot, als fürchtete ſie, es ſei zu wenig. Nie vergeſſe ich den Ausdruck von Leben, Ernſt und Güte in dieſem engelſchönen Geſichte, nebſt der Einfachheit in ihrem Benehmen und ganzen Weſen. Ich bekomme jeden Monat einmal einen Brief von meinem Amtsbruder und Freund, dem Kirchenhirten der Gemeinde, wo der Präſident ſein Landgut hat; der halbe Brief iſt meiſtens voll von Fräulein Adelaide und Erzählungen von der Klugheit und Güte, welche ſie bei ihrer Theinahme an den Angelegenheiten des Landvolks an den Tag legt; daß dieſer Engel bald möglichſt Deine Frau werden möge, wünſche und rathe ich Dir von gan⸗ zem Herzen als Dein Freund A. P. N. S. Laß Dich den etwas grob ſcherzenden Ton in einem Theil meines Briefes nicht verdrießen, Alarich. Unter uns geſagt, ich betrachte jeden Rath, den man einem Liebenden auf die Frage:„Soll ich heirathen oder ſoll ich es bleiben laſſen?“ ertheilt, als lediglich in den Wind geſprochen, und hier ſehe ich, Gott ſei Dank, keine Urſache, ebenfalls ins Blaue hineinzuſprechen. Zei⸗ lebte und en zu weiß arm⸗ nnes, e und ie bei volks Deine gan⸗ 139 Alarich W. an Albert P. Es iſt vorbei, mein Freund!. und Dein Rath kann jetzt nichts mehr nützen. Adelaide mag noch ſo gut und bezaubernd ſein, ſie iſt ein ſchwaches, eitles Ge⸗ ſchöpf, das an nichts, als an Vergnügungen, Glanz und Schmeicheleien denkt, und ihnen zu Lieb Alles auf die Seite ſetzt. Sie würde mich nie glücklich machen, und ich war ein Thor, zu glauben, daß ich einige Macht über ſie beſitze; Auguſte hat mich gewarnt; ſfie hatte Recht. Nach einer langen Reihe von Tagen, die ſie außer dem Hauſe in Luſtbarkeiten zugebracht, bat ich ſie, mir zu Liebe einen Abend daheim zu bleiben. Ich wollte ihr etwas vorleſen, ich wollte mit ihr ſprechen— mit einem Wort, ich bat ſie, zu Hauſe zu bleiben. Sie verſprach es mit Bereitwilligkeit und Ernſt. Abends, als ich kam, war ſie fort. Ich hatte Urſache, zu glauben, daß ich ihr nicht leichgültig ſei— ſie hatte ihr Verſprechen ſo frei, ſo herzch, ſo froh gegeben— und fie brach es, um mit Otto bei Miniſter W. s in einer coſtümirten Qua⸗ drille zu tanzen. 3 Das Mädchen paßt nicht für mich, und ich muß mich nur über mich ſelbſt ärgern, daß es mir ſo ſchmerz⸗ lich wird, ſie zu verlaſſen. Ich reiſe binnen Kurzem von hier ab, um mein früheres Einfiedlerleben wieder zu beginnen. Dieſe Thorheit war ſüß!... Lebe wohl, du Gaukelbild! Gut, daß ich zur Zeit gewarnt wurde. Ich werde die ernſten, aber ſichern Wege der Wahrheit nie mehr ver⸗ laſſen. A. W. 140 Die Wege der Weisheit. „O ſie küßten ſich! ſie küßten ſich!“ Die Kinber. „Aber wie es zuging, mag Gott allein wiſſen.“ Frich. XIV. Rune. Der Präſident, der in Beziehung auf Edla Unrath gemerkt haben mußte, hatte für gut gefunden, mir in einem kleinen Privatgeſpräch allerhand ſchmeichelhaftes Lob zu⸗ kommen zu laſſen, und mich dabei mit einer verdoppelten Doſis von den Gedanken und Grundſätzen der ſeligen Präſidentin aufzufriſchen. Ich hatte jetzt in Folge nähe⸗ rer Bekanntſchaft mit der Familie einigen Muth gewon⸗ nen und wagte es, den Machtſprüchen des Präſidenten dann und wann eine kleine Einwendung oder einen be⸗ ſcheidenen Zweifel entgegenzuhalten. Der Präſident war etwas verwundert, ich wurde etwas beſtimmter; der Prä⸗ ſident fühlte ſich ein wenig beleidigt, ich wurde ein wenig warm; der Präſident etwas vornehm, ich etwas ärgerlich, und nach und nach wurden wir Beide förmlich aufgeregt und hitzig. „Ich habe mich ein Bischen in der Welt umgeſehen, Mamſell Rönnqpiſt,“ ſagte der Präfident:„meine ſelige Frau hatte ihre Bildung in Kreiſen erhalten, wo es wahrhaftig nicht mangelte... Hier wurde er von einem Bedienten unterbrochen, der ihm einen Brief zuſtellte. Er las ihn und ſagte:„Eine Einladung auf morgen Mittag; mein Schwager wünſcht uns Alle bei ſich zu ſehen. Sagen Sie dem Ueberbringer (ſagte er zu dem Bedienten), daß ich ſogleich antworten werde.“ Er fuhr fort, den Brief durchzuſehen und mur⸗ melte halb laut:„Ein Band, das wir immer feſter zu knüpfen wünſchen... dein Engel von einer Tochter.. Hm! einer Königskrone würdig.. Hm, hm. Otto's gränzenloſe Liebe.. Hm. Morgengabe. dieſe wich⸗ tige Verbindung in Bälde geſchloſſen. brav, ſehr brav,“ ſagte der Präſident ungemein vergnügt, er vergaß ſeine mur⸗ r zu tto's ich⸗ av,“ eine Kreiſe ſammt dem, woran es ihnen nicht gefehlt, und fing dagegen an, mich wieder mit der Hochzeits⸗Anglaiſe zu necken. Ich verſpürte nicht die mindeſte Tanzluſt, und der Präſident, der es wohl gemerkt haben könnte, nahm meine Hand, ſchüttelte ſie freundlich und ſagte:„Wir find ja gute Freunde, bonne amie Rönnqviſt, und werden einander binnen Kurzem vollkommen verſtehen!“ Sofort ging er, um ſeinen Brief zu beantworten. Ich hegte nicht dieſelbe gute Hoffnung wie der Prä⸗ ſident, und begab mich ganz verſtimmt ins Beſuchzimmer. Ich kann verſichern, daß es mit dem Präſidenten nichts weniger als leicht auszukommen war, wenn man eine andere Meinung hatte, als er. Seine Rechthaberei ging ins Deſpotiſche über. Im Beſuchzimmer traf ich Adelaide, die bleich bei der Nachtlampe daſaß und ihren Kopf auf die Hand ge⸗ ſtützt hielt. Wenn Jemand zur Thüre hereintrat, wurde ſie roth, beim geringſten Geräuſch ſchrack ſie zuſammen. Edla war auf ihrem Zimmer. Im Rebenzimmer kochten die Kleinen im Ofen eine Créme von getrockneten Heidel⸗ beeren, und verſprachen, mich auch damit zu traktiren, eine Ehre, die ich gerne mit Geld abgekauft hätte. „Ich bin ſehr begierig,“ ſagte ich,„ob wir heute Abend Graf Alarich zu ſehen bekommen. Ich glaube, er fängt an, ſich ſelten machen zu wollen. Auch Gräfin Auguſte hat ſich ſeit einigen Tagen nicht blicken laſſen.“ „Er kommt gewiß nicht,“ verſetzte Adelaide mit einer Thräne im Auge.„Er iſt erzürnt über mich und hat auch Urſache dazu, Es ſind jetzt vier Tage, daß er hier war, Ach der unglückliche Abend, als Tante Ulla kam.“ „Und warum unglücklich, liebe Adelaide?“ „Wie kannſt Du noch fragen, Emma! Ich hatte Graf Alarich verſprochen, dieſen Abend zu Hauſe zu bleiben, und nun zwang mich Tante Ulla, nit ihr zu gehen und er traf mich nicht zu Hauſe, als er kam und mich ſuchte das war ſo unrecht gegen ihn gehandelt.“ „Allerdings, nachdem Du verſprochen hatteſt, zu Hauſe 1⁴2 zu bleiben. Aber wie mochteſt du auch ein ſolches Ver⸗ ſprechen geben, da Du doch wußteſt, daß Du es unmög⸗ lich halten konnteſt?“ „Ich glaubte, es wäre Alles möglich, wenn er wolle. Ich bat Tante Ulla bei P. zu ſagen, daß ich krank ſei.“ „Aber dann wäre ja aus der koſtümirten Quadrille nichts geworden, und überdieß würde man der Art Deiner Krankheit bald auf die Spur gekommen ſein; Du hatteſt verſprochen, hinzukommen, die Quadrille war zum Theil auf Dich berechnet, Du konnteſt Dich unmöglich entziehen.“ „Der unglückſelige Otto! Er iſt an Allem ſchuld. Er hat Alles ſo angeordnet. Ich war ſo ungeduldig, wieder abzukommen, daß ich Tante Ulla zwang, mich un⸗ mittelbar nach der Quadrille wegfahren zu laſſen. Aber als ich nach Hauſe kam, war Graf Alarich bereits da geweſen und wieder gegangen.“ „Wenn Alarich dieſer Tage einmal kommt, ſo kannſt Du ihm ſagen, wie es gegangen iſt, und Dich entſchuldigen.“ „Ja, wenn er kommt.... Im Uebrigen mag er denken und meinen und kommen, wie er will, ich be⸗ kümmere mich Nichts darum.“ Ich gab auf dieſes plötzliche Aufbrauſen von Gleich⸗ gültigkeit keine Antwort und nach einer kurzen Pauſe fuhr Adelaide fort: „Wenn ich Jemand liebte, ſo könnte ich ihm nie böſe ſein. Wenn er mich beleidigt hätte, ſo würde ich die Sonne nicht untergehen laſſen, ohne mich zuvor mit ihm zu verſöhnen, ja ich könnte es keine Stunde aushalten.“ Ich antwortete wieder nicht, und als wir etwa eine Viertelſtunde ſchweigend dageſeſſen hatten, begann Ade⸗ laide aufs Neue: „Sage mir, Emma— denn Du haſt viel länger gelebt, als ich— ſage mir, gibt es viele betrübte Stun⸗ den im Leben, viele, wo das Herz recht beklommen iſt, wo man glaubt, daß man ſterben möchte?“ „Solche Stunden gibt es allerdings.“ „Viele?“ ſanf ben ſagt ung ſo 3 biſt, will „O ja, beſonders wenn man nicht recht fromm und ſanft von Gemüthe iſt.“ „Dann will ich Gott bitten, daß er mich bald ſter⸗ ben läßt, denn ich will keine ſolche Stunden haben,“ ſagte Adelaide eifrig.„Meine liebe Emma, ich will nicht unglücklich ſein,“ fügte ſie weinend hinzu. „Willſt Du nicht? liebe Adelaide, es iſt nicht recht, ſo zu ſprechen.“ „Nicht? verzeihe mir,“ und ſie trocknete ihre Augen. „Und kannſt Du, wenn Du auch nicht ſelbſt glücklich biſt, nicht für das Glück Anderer leben? Du biſt Deines Vaters, Du biſt meine beſte Freude hier auf der Welt; willſt Du nicht uns zu Liebe leben?“ „Ja, ich will,“ ſagte Adelaide, küßte mich auf die Wangen und benetzte ſie mit einer Thräne. „Aber wenn Du traurig, wenn Du unglücklich biſt, ſo kann ich keine Freude haben.“ „Ich will nicht traurig ſein, ich will mich daran gewöhnen, nicht mehr ſo glücklich zu fein, ich will es mich lehren,—— Niemand ſoll meinetwegen leiden.“ „Und wennDir die Bürde allzuſchwer erſcheinen ſolltes“ „Er, der ſie mir aufgelegt hat,“ ſagte Adelaide, eine Thräne zerdrückend,„wird ſie mir auch wieder abneh⸗ men, oder tragen helfen.“ Sie ſtand auf, ging ans Piano und ſuchte wie im⸗ mer, wenn ihre Seele aufgeregt war, Troſt und Ergießung im Geſang. Nie hatte ſie ſchöner geſungen, als an die⸗ ſem Abend; es lag ein Ernſt und eine ſtille Wehmuth in ihrer Stimme, wodurch ſie unbeſchreiblich rührend wurde. Allmälig erhob ſich ihre Seele während des Ge⸗ ſangs, und mit lebendigem Feuer und wahrer Begeiſte⸗ rung führte ſie die ſchönen Arien aus der Schöpfung aus und ſchien die ganze ſchwere Wirklichkeit des Lebens zu vergeſſen über die Schilderung der ſchönen, jugend⸗ lichen Welt, wie ſie dereinſt frei von Sünde und Plage aus dem Werde! des Schöpfers hervorgegangen. Adelai⸗ dens Geſangs kam aus einer vollen Seele und rief vaher 144 unwiderſtehlich eine Menge Gefühle und Gedanken in der Bruſt ihrer Zuhörer hervor. Dieſen Abend ſchlug ſie die innerſten Saiten der Seele an; ich vergaß, daß die Thee⸗ ſtunde des Präſidenten herannahte; ich vergaß, daß die Lampe erloſch! ich überließ mich voll Hingebung den hol⸗ den Träumen, welche Adelaidens Töne in mir erweckten, ich gedachte„der holden Tage, wo des Morgens Thau noch aufdem Leben lag.“ Mitunbeſchreiblicher Zärtlichkeit und Unruhe dachte ich an die liebenswürdige Sängerin, an das Leben, an die Schickſale, die ihr bevorſtehen möchten. Während ich mich ſo von Adelaide in die reiche Welt der Erinnerungen und Ahnungen führen ließ, hörte ich leiſe Fußtritte nahen, aber ſo leiſe, daß es ſchien, als fürchteten ſie, gehört zu werden. Ich dachte, es ſei der Präſident, der ſehr viel Sinn und Gefühl für Muſik hatte; als ich aber aufſtand, ſielen meine Blicke auf Graf Alarichs ungewöhnlich ſtrenges und bleiches Geſicht. Er winkte mir, ſtille zu ſein, und ſetzte ſich etwas von mir hinweg in die Sophaecke. Adelaide, die mit dem Rücken gegen uns ſaß, merkte Nichts, ſondern fuhr fort, zu fingen. Ich ſchraubte die Lampe etwas in die Höhe und ſchielte unvermerkt zu Graf Alarich hinüber. Es währte nicht lange, ſo ſah ich die Strenge von ſeinem ſchönen Ange⸗ ſichte weichen und einem Ausdruck unendlicher Milde Platz machen, und jetzt. jetzt ſiel mir der Thee des Prä⸗ ſidenten ein, und ich ging, ihn zu beſorgen. Im Salon auf der andern Seite des Stocks ging der Präſtdent mit haſtigen Schritten und finſterer Miene auf und ab. Während ich das Feuer ſchürte, und die widerſpenſtigen Kohlen auseinander ſchlug, ſagte er: „Iſt Graf Alarich ſchon abgereist?“ „Nein,“ antwortete ich,„noch nicht.“ „Er reist ab,“ fuhr der Präſident fort,„und das iſt verdammt! Es muß ihn irgend Etwas beleldigthaben; er muß über irgend Etwas ſuſifttee ſein. Ich begreife nicht, wie das zugegangen ſein mag. Er kam, um Abh⸗ ſchied von mir zu nehmen, und bat mich, den Damen 145 ſeinen Gruß zu vermelbden,— aber ich ſchickte ihn ſelbſt hinein. Auguſte iſt doch da?“ „Nein, aber vielleicht kommt ſie noch.“ „Es muß irgend ein Mißverſtändniß, irgend eine Eiferſüchtelei oder ſonſt ein Spektakel zu Grunde liegen. Auguſte iſt nicht vorſichtig, nicht aufmerkſam genug. Nach meiner Ueberzeugung iſt er ſterblich in ſie verliebt, und ſie kann gar keinen beſſern Mann bekommen; Geburt, Charakier, Gemüthsart, Alles paßt zuſammen. Wenn ich nur begreifen könnte, woher ſo auf einmal dieſes Miß⸗ verſtändniß kommt! ich muß mir Licht über die Sache verſchaffen... „Vielleicht,“ ſagte ich,„iſt Graf Alarich unbeſtändig, oder möglicherweiſe iſt er auch nicht wirklich in Gräfin Auguſte verliebt.“ „Ei, warum nicht? Verlaſſen Sie ſich auf mich, Mamſell Rönnqviſt, er iſt wirklich verliebt. In ſolchen Sachen täuſcht man mich nicht. Ich habe etwas zu viel in der Welt und unter den Menſchen gelebt, um mich in derartigen Angelegenheiten irren zu können, zumal, wenn Alles ſo klar am Tage liegt. Alarich iſt in Auguſte ver⸗ liebt und ſie haßt ihn nicht, ſo viel iſt gewiß. Auch paßt er für ſie, wie Otto für Adelaide paßt.“ In dieſem Augenblick hörte man kleine, ſchnelle Füße über die Flur ſpringen, und die zwei Kleinen ſtürzten her⸗ ein mit offenen Mündchen und die Augen vor Eifer und Verwunderung aus den Köpfchen herausgetrieben. Sie ſprangen ganz athemlos auf mich zu und erzählten mit ei⸗ ner Eile und Verworrenheit, die ſich nicht beſchreiben läßt, etwas, was unmöglich klar zu begreifen war; aber gewiſſe Namen, die ſie wiederholten, und der oft wiederkehrende Refrain:„O er küßte ſie, o ſie küßte ihn, o ſie küßten ſich!“ machten, daß der Präſident die Augbraunen zu⸗ ſammenzog, während ich dazu lächelte. „Gehen Sie hinein, Mamſell Rönngviſt! Gehen Sie um Gotteswillen hinein, beſte bonne amie!“ ſagte der Präſident, dem in dieſem Augenblick ein Licht aufzugehen Bremer, Töchter d. Präſibenten. 10 146 ſchien;„gehen Sie und ſehen Sie, was es iſt. Die Sache wäre mir höchſt fatal! Graf Alarich iſt kein Mann, zu dem man Nein ſagen darf; er iſt nicht reich und paßt nicht für Adelaide. Gehen Sie doch ſchnell, ich komme ſogleich nach; ich muß nur noch meine Poſt expediren.“ Ich ging ganz langſam und ſchickte die Kleinen als Vorläufer voran, die ich überredete, ihre hartgekochte S nach der es mich ſo gelüſtete, noch einmal umzu⸗ rühren. Als ich in's Vorgemach kam, ſah ich ſogleich, daß Alarich und Adelaide einander Alles geſagt hatten. Liebe und Freude ſtrahlten aus ihren Augen, ſo daß das Zim⸗ mer davon erhellt zu werden ſchien. Adelaide ſprang mir entgegen, warf ihre Arme um meinen Hals und flüſterte: „Ich werde glücklich werden, glücklich! Graf Alarich nahm meine Hand, und in dieſem Augenblick trat Gräfin Auguſte herein. Sie warf einen ſeltſamen, forſchenden Blick auf uns und erbleichte; ihre Zunge ſtammelte, als ſie nach ihrem Vater fragte. Dieſer kam faſt in dem⸗ ſelben Augenblick herein, auch Edla kam, und wir ſetzten uns in einer äußerſt zerſtreuten und gezwungenen Ge⸗ müthsſtimmung zum Thee. Die beiden glücklichen Lie⸗ benden ſchienen jedoch ihre Gefühle und Gedanken ge⸗ ſammelt zu haben. Adelaide ſtrahlte von einem Entzücken, das ſie ganz und gar der Gegenwart entrückt zu haben ſchien, es ge⸗ mahnte mich an die Ambroftawolken, in welche die Götter der Vorzeit zuweilen ihre irdiſchen Lieblinge hüllten. Ade⸗ laide zog ſich in den Schatten zurück und verbarg dort ihre glühenden Wangen, ihr Uebermaß von Seligkeit. Graf Alarich war herrlich anzuſehen, etwas ſo majeſtätiſch Lich⸗ tes lag auf ſeiner breiten Stirne: man ſah, daß er mit Fülle der Kraft eine ſelige Welt in ſeiner Bruſt trug. Warum ſein flammender Blick wohl den Schatten ſuchte, als hätte er dort ſein Licht? Der Präſident ſprach von der Cholera und der Wahr⸗ ſcheinlichkeit, daß ſie bald nach Schweden kommen werde. —— 22 ————— 147 „Sehr ſchönes Wetter, ſehr ſchön,“ antwortete Graf Alarich. „Mein Vater,“ bemerkte Gräfin Auguſte,„ſpricht nicht vom Wetter; er ſpricht von der Cholera und der Wahrſcheinlichkeit, daß ſie bald zu uns kommen werde.“ „Aha, kommt ſie?“ ſagte Graf Alarich noch zer⸗ ſtreuter, als zuvor. Der Präſident ſprach von der Verheerung, welche die Wölfe auf dem Lande anrichten, und der Nothwendig⸗ keit, kräftige Maßregeln dagegen zu ergreifen. Graf Alarich ſagte etwas über die Feſtungswerke in Marſtrand. Der Präſident blickte verwundert drein. Gräfin Auguſte fragte etwas ſpitzig, wo der Herr Graf heute Abend ſeine Gedanken habe? Ich war nicht wenig froh, als die Kleinen mit ihrer Heidelbeereréme heran⸗ kamen und eine heilſame Diverſton in der Unterhaltung verurſachten. Ich war die Erſte, die ſich an ihr Gericht wagte, und munterte auch die Andern auf, meinem Bei⸗ ſpiele zu folgen. Es wurde mir ein wenig warm um's Herz, als ich Alarich den Präfidenten fragen hörte, um welche Zeit er ihn am nächſten Morgen zu Hauſe treffen könne, und der Präſident, halb mißtrauiſch, halb verlegen, von Geſchäften in Anſpruch genommen ſein, einer Einladung zum Mit⸗ tageſſen u. ſ. w. ſprach. Alarich beſtand indeß darauf, er müſſe ihm morgen eine Stunde widmen, und der Präſi⸗ dent, er könne keine finden. Ich ſah es ſchon kommen, daß Graf Alarich dem Präſidenten in vollem Ernſte den Vorſchlag machte, er wolle ihn Morgens um fünf Uhr im Bette treffen, oder er ſollte ihm ſogleich die begehrte Un⸗ terredung gewähren, als endlich der Präfident, beſorgt um ſeine Morgenruhe, und ohne Ausſicht, davon zu kommen, ſich, wiewohl mit ſichtbarem Widerwillen, dazu verſtand, um 12 Uhr für ihn zu Hauſe ſein. „Nun?“ ſagte der Präſident, indem er mich auf die Seite nahm, als die Geſellſchaft ſich getrennt hatte,„nun, was hat es da gegeben?“ 10* 148 „Eben, das möchte ich für mein Leben gern auch wiſſen,“ antwortete ich.“ Gräfin Auguſte kam faſt zu gleicher Zeit mit mir ins Zimmer, und ich konnte über Nichts Aufſchluß erhalten.“ Der Präſident ſah gewaltig unzufrieden aus.„Eine höchſt fatale Sache das,“ ſagte er:„ich habe meinem Schwager Adelaide für Otto ſchon ſo gut als zugeſagt. Allein ich will es Graf Alarich erklären, ich will ihm geradezu ſagen, daß Adelaide nicht für ihn paßt.“ „Hören Sie doch vorerſt, was ſie ſelbſt davon denkt,“ ſagte ich bittend. „Eine höchſt fatale Geſchichte,“ waren des Präſiden⸗ ten letzte Worte,„höchſt fatal! und bei gehöriger Auf⸗ merkſamkeit von der rechten Seite hätte es nie ſo weit kommen können.“ Daß der Präſident mit der rechten Seite mich meinte, begriff ich ſehr gut, und es wurde mir noch augenſchein⸗ licher durch den Blick, den er mir zuwarf. Allein das Alles kümmerte mich nicht viel. Adelaide ſollte ja glück⸗ lich werden! Als ich mit Adelaide auf ihrem Zimmer allein war, ſuchte ich von ihr zu erfahren, was vorgefallen war und auf was Art der beabſichtigte Abſchiedsbeſuch eine ſolche Wendung genommen hatte; allein aus dem, was ſie unter ſtrahlendem Lächeln, unter Thränen und herzlichen Umar⸗ mungen zu mir ſagte, hätte ſelbſt der Scharfſichtigſte nicht klug werden können. Wie es ſcheint, hatte Graf Alarich die Inſpiration gehabt, den Pygmalion zu ſpielen, er hatte fragend die Hand auf der Geliebten Herz gelegt, aber ſich verſprochen und ſtatt Galathea„Adelaide!“ ge⸗ rufen. Die Summe der Begebenheiten ſchien in der bün⸗ digen Erzählung der Kleinen:„ſie küßten ſich, ſie küßten ſich!“ zuſammengeſaßt zu ſein; aber wie es zuging, mag Gott allein wiſſen! — 149 Vergnügungen. Fine„ Jetzt ginge ein ander Leben an, Jeden Abend groß Souper. Frau Lenngren. ihm Am andern Tag ſchlug es zwölf, es ſchlug ein Uhr, es ſchlug zwei Uhr, und Adelaide und ich waren noch im⸗ kt mer in der peinlichſten Erwartung und Ungewißheit. Man hörte im Zimmer des Präſidenten Gehen und Sprechen;daß den⸗ man nicht hörte, was geſprochen wurde, war in dieſer Zeit Auf⸗ recht gut. Um drei Uhr fam der Präſident zum Mittag⸗ weit eſſen; kein Graf Alarich ließ ſich ſehen. Der Präſident war weich geſtimmt: er ſah oft Adelaide an und Thränen inte, kamen ihm dabei in die Augen. Er aß mit zerſtreuter ein⸗ lufmerkſamkeit, was ein höchſt ungewöhnlicher Fall war, das und ſprach beinahe nichts. Unmittelbar nach dem Kaffee lück⸗ rief er Adelaide auf ſein Zimmer. 1 Nach einem kurzen Vorwort theilte er ihr Graf Ala⸗ war, rich's Antrag mit, ſprach von den Plänen, die er ſelbſt und(der Präſident) wegen ihrer Zukunft gehabt, und ſetzte ihr 1 che den Unterſchied aus einander zwiſchen ihrer Lage als Ge⸗ nter mahlin des reichen Otto in den glänzendſten Zirkeln des nar⸗ Hofes und der Hauptſtadt, oder als Gemahlindes nicht rei⸗ icht chen Grafen Alarich auf einem einſamen Gut in einer ent⸗ rich legenen Provinz. Erübertrieb die Kontraſte, wahrſcheinlich er um Adelaide zu prüfen, vielleicht auch, um ſie zu gewinnen, legt, ſtellte übrigens Alles ihrer freien Wahl anheim. Adelaide ge⸗ hatte ſich ſchon längſt entſchieden. Sie öffnete ihrem Vater üin ihr Herz, und nun zeigte ſich auch des Präfidenten zärt⸗ ten liches Vaterherz unverſtellt. Er ſagte zu ihr, ihre Liebe nag mache ihr Ehre, GrafAlarich habe auch ſein Herz gewon⸗ 1 nen, er ſei ſtolz darauf, ihn Sohn nennen zu dürfen, und obgleich er ihn für eine andere ſeiner Töchter gewünſcht hätte, ſo wollte er doch den Willen Gottes darin ſehen, wenn ſein geliebteſtes Kind mit ihm glücklich werde. So⸗ ——— 15⁵⁰ dann gab er Adelaide eine kleine Ermahnung für die Zu⸗ kunft, ſtellte ihr die Wichtigkeit und den Umfang der Pflich⸗ ten vor, welche ſie auf ſich zu nehmen habe, und welche wohl zu bedenken um ſo wichtiger für ſie ſei, da dieſe Ver⸗ bindung ſie von ihrer Familie und den Freunden, die ihr bisher mit Rath und That beigeſtanden, trennen werde. Er warnte ſie vor Eitelkeit und Zerſtreuungsſucht, welches gefährliche Feinde für ihres Mannes und ihre eigene Ruhe werden können u. ſ. w. Der Präſident hatte Graf Alarich keine beſtimmte Antwort geben wollen, ohne zuvor mit ſei⸗ ner Tochter geſprochen und die Familie ſeines Schwagers von dem, was im Werke war, in Kenntniß geſetzt zu haben: Letzteres wollte er, wiewohl mit ſchwerem Herzen, am folgenden Tage thun. Adelaide kam tief gerührt und ernſter, als ich ſie je geſehen, von ihrem Vater heraus. Binnen einer Stunde war jedoch dieſer Ernſt der ſüßeſten und innigſten Freude gewichen; nur ſeufzte ſie mitunter:„Armer Otto!“ Ja wohl, armer Otto! es war wirklich Schade um ihn. In der Familie Sr. Excellenz G. entſtand ein gro⸗ ßer Aufruhr. Doch hielt es Se. Excellenz, als kluger Weltmann, für's Beſte, ſo wenig als möglich von dem Korb laut werden zu laßſen, den ſeiner Anſicht nach die Familie erhalten hatte. Indeß wäre es wahrſcheinlich den⸗ noch zu einer wirklichen Trennungzwiſchen des Präſidenten Familie und der ſeinigen gekommen, wäre Adelaide nicht geweſen. Allein ſie ſprach ſo herzlich mit ihrem Oheim und ihrer Tante, ſie zeigte ſich ſo zärtlich, ſo dankbar gegen ſie, daß ſie aus Liebe zu ihr allen Verdruß vergaßen. Die Baronin, welche Adelaide mütterlich liebte, bat bloß, ſie möchte ſie auch ſpäter noch dann und wann in Geſell⸗ ſchaften begleiten.„Ich werde ſonſt gar zu ſchnell arm,“ ſagte ſie mit thränenden Augen. Adelaide verſprach Alles, was ſie zu tröſten vermochte; ſchlimmer war es mit Otto. Er gerieth in Verzweiflung, ſchlug Stühle und Tiſche zu⸗ ſammen, und es bedurfte ſeiner ganzen innigen Liebe für Adelaide, daß er ſich abhalten ließ, Alarich als ſeinen —— 151 Nebenbuhler zu fordern. Adelaide bot allen ihren Einfluß über ihn auf, um ihn zu beruhigen; ſie ſprach zärtlich, ſie ſprach verſtändig mit ihm, ſie verſprach ihm, ihn jederzeit wie eine Schweſter zu lieben— allein vergebens! Otto wünſchte die Schweſter zum Teufel und weinte über ſeine verlorne Braut. Sonderbar genug gelang es der Gräfin Auguſte beſſer, als irgend Jemand, ihn zu tröſten. Sie hatte lange und viele Unterredungen mit ihm, und er wurde all⸗ mählig ruhiger. Auf Alarich warf er immer die grim⸗ migſten Blicke, dieſer aber, der ſeinen unglücklichen Neben⸗ buhler von Herzen beklagte, war freundlich gegen ihn und gewann mit der Zeit ſowohl den Oheim, als namentlich auch die Tante für ſich. Gräfin Auguſte ſchickte fich unübertrefflich in die Um⸗ ſtände. Ich begann wirklich zu zweifeln, ob ſie, wie ich zuweilen geglaubt, Alarich je geliebt habe; ſie mache ſich, ſagte ſie, eine Ehre daraus, ſeine Freundin und Schweſter zu ſein und fühle ſich glücklich in Adelaiden's Glück. Ich wunderte mich jetzt nur über ihre Aufregung an dem Abend, als„ſie ſich küßten.“ An demſelben Tage, wo der Präſident mit Adelaide ſprach, ſagte er Abends zu mir:„Graf Alarich hat mir heute mein ganzes Herz geraubt. Ein ſtolzer, ein edler Mann, Mamſell Rönngviſt! und er iſt auch nicht arm. Er hat uns klar gezeigt, wie es mit ſeinen Vermögensver⸗ hältniſſen ſteht. Reich iſt er zwar allerdings nicht— weit entfernt! aber vielleicht iſt dieß kein Unglück für Adelaide — der Reichthum ſetzt ſo manchen Verſuchungen aus! Ich glaube, daß GrafAlarich meine Adelaide glücklich machen wird. Und ſie liebt ihn, Mamſell Rönngvpiſt! Großer Gott, wie man ſich irren kann!... Daß Adelaide ſo weit von mir wegziehen ſoll, kommt mich ſehr hart anz... aber wenn es ſich um ihr Glück handelt, ſo..“ der Präſident wiſchte ſich die Augen. Ich wollte, daß Du, mein Leſer, Adelaide an ihrem Verlobungstage geſehen hätteſt! Ich hatte mir das Vergnü⸗ gen gemacht, ihr weißes Seidenkleid mit Schwanendunen 15² um den Saum, den Hals und die kurzen Aermel zu gar⸗ niren: ſie waren beinahe nicht weißer, als ihre Haut. Ei⸗ nige friſche Roſen, welche Graf Alarich ihr gegeben und die ihrem erwachenden Blick am Morgen begegnet waren, und eine ſchöne Perlenſchnur, ebenfalls ſein Geſchenk, wa⸗ ren Adelaidens einziger Schmuck. Sie war blendend, ja bezaubernd ſchön, darüber gab es nur Eine Stimme. Graf Alarich verſchlang ſie mit den Augen— um mich einer mehr ausdrucksvollen als ſchönen Redensart zu bedienen. Ein milver, lieblicher Ernſt war an dieſem Tag über Ade⸗ laidens Geſicht und ganzes Weſen verbreitet. Ihr Blick war fromm und verklärt. Sie erkannte ihr Glück mit herzinnigem Danke.„Warum ſollte ich nicht fröhlich ſein?“ ſagte ſie zu Alarich,„das Leben iſt mir ja zum Roſengarten geworden.“ Er drückte ſie an ſeine Bruſt, nannte ſie ſeinen ſchö⸗ nen Schwan, ſeine Lebensblume, ſeine Freude; der Philo⸗ ſoph hatte ſich ganz und gar in den Liebhaber verkrochen. Se. Excellenz G. und die Baronin waren unter den Gäſten; Erſterer wußte ſeine Contenance vortrefflich zu be⸗ haupten; allein der Baronin traten zuweilen Thränen in die Augen. Otto war nicht ſichtbar. Abends, als Ade⸗ laide in die Küche gehen wollte, um auf die Vorbereitun⸗ gen zum Souper einen Blick zu werfen, wurde ſie auf der Flur von einer großen, in einen Mantel gehüllten Manns⸗ geſtalt aufgehalten. Sie erſchrack im Anfang, erkannte aber bald Otto. „Ich wollte Dich heute doch ſehen, Adelaide;“ ſagte er,„aber ich konnte nicht unter den Andern ſein... ſieh nur, wie ich abgemagert bin, Bäschen Adelaide! Die Kleider hängen an mir...“ „Armer Otto, mein guter Otto,“ ſagte Adelaide mit unverſtelltem Mitleid. „Ja, nach dem armen Otto fragſt Du jetzt wenig! Er könnte ſich Deinetwegen in's kalte Grab legen.. Du würdeſt ebenſo luſtig tanzen.“ „Otto!“ ſagte Adelaide in vorwurfsvollem Tone, „———— „wie kannſt Du ſo ſprechen? warum willſt Du mich böſe machen? das iſt nicht artig von Dir, Ottv.“ „Wie ſchön Du biſt!“ ſagte Otto, indem er ſie mit Bewunderung und mit gefaiteten Händen betrachtete, „wie bezaubernd Du biſt! Wie herrlich Dir die Schwa⸗ nendunen laſſen! Herr Jeſus, wie göttlich Du biſt! biſt Du auch recht glücklich, Adelaide?“ „Ja, lieber Otto. Aber ich muß gehen; halte mich nicht länger auf, guter, lieber Otto, Adieu.“ „Gott ſegne Dich, Adelaide,“ ſagte Otto mit er⸗ ſtickter Stimme, beugte das Knie und küßte die Schwa⸗ nendunen, die ihren Saum umkanteten.„Gott ſegne Dich, meine Adelaide.“ „Weſſen Adelaide?“ fragte eine Stimme, vor wel⸗ cher Adelaide zuſammenbebte. Es war Graf Alarich; er ſtand neben ihr. „Die Deine!“ ſagte ſie, indem ſie ihren Arm um ſeinen Hals legte.„Gute Nacht, beſter Otto, leb wohl.“ Otto ſprang brüllend die Treppe hinab; Alarich war unzufrieden. Er äußerte ſich verächtlich uͤber Otto und unmuthig über Adelaide, daß ſie auf der Flur geſtanden ſei und ſich vielleicht erkältet habe. Wie leicht hätten Bedienten in der Nähe ſtehen und hören können, was ſie mit einander geſprochen haben? Er brummte ſchon recht ehemannsarlig, der Sünder! „Sei nicht ſo ſtreng!“ bat Adelaide zärtlich.„Du biſt glücklich, Otto iſt unglücklich.“ „So ſoll er es ertragen, wie ein Mann; allein er läßt ſich jammervoll an „Otto gut, er iſt beſſer als Du... „d 0 6 iſtnicht ſtreng gegen Andere, nicht aburtheilend.“ ſ „Du biſt nicht recht gut Du.. „Ja ſol“ Aber gut oder böſe, ich liebe doch keinen Andern * auf der Welt, als Dich!“ . Küſſe und Friede. Von dieſem Tage an begann eine Reihe unaufhör⸗„ licher Luſtbarkeiten für das verlobte Paar. Alles wollte ſie ſehen, Alles wollte ſie bei ſich haben. Adelaide wurde auf den Wunſch des Präſidenten bei Hof vorgeſtellt. Der König zeichnete Graf Alarich durch die ehrendſten Beweiſe ſeiner Achtung aus. Ihre Verlobung mit einem durch Tapferkeit, Kenntniſſe und die edelſte Perſönlichkeit ſo ausgezeichneten Manne gab Adelaidens Leben einen neuen Glanz. Ihre Schönheit ſchien immer höher, immer blen⸗ dender zu werden; ſie war überall die Schönſte unter den Schönen, ſie wurde überall am meiſten geſucht, umſchmei⸗ chelt, vergöttert, und hatte beſtändig einen ſolchen Hoſſtaat von Verehrern um ſich, daß Alarich ihr oft kaum nahen konnte. Dieß, ſowie Stto's beharrliches Hängen an Ade⸗ laidens Stuhl in allen Geſellſchaften, wo ſie ſich trafen, verleidete Alarich dieſe Lebensweiſe. Er machte Vorſtel⸗ lungen, er verlangte, man ſolle zu Hauſe bleiben und die unaufhörlichen Einladungen unter irgend einem Vorwand ablehnen. Allein Adelaide, ſchwindlig vom Tanzen, von Schmeicheleien und Jugenbleben, gab ſich wild den Ver⸗ anügungen hin und wollte einen Augenblick auf keine Vor⸗ ſtellungen hören. Nun fing auch ich an, mit ihr zu ſprechen, und bat ſie, zu Hauſe zu bleiben und dem Grafen zu willfahren. „Laß mich tanzen, laß mich ſpielen,“ bat Adelaide etwas ungeduldig,„ich bin ja noch ſo jung und werde wohl einiges Vergnügen haben dürfen. Meine liebe Emma, ſei gut gegen Deine Adelaide und gönne mir meine Fröhlichkeit. Es iſt ja mein letzter Tanzwinter; ſpäter werde ich auf dem Lande ſitzen und backen und brauen — jedes Ding hat ſeine Zeit, gute Emma; man muß mir jetzt das Tanzen nicht verwehren. Nicht wahr?“ rief ſie und ſprang dem eben eintretenden Alarich entgegen, „nicht wahr, ich darf mir wohl Vergnügen machen, darf tanzen, darf luſtig ſein, darf in Rllem meinen Willen haben, und Niemand varf mir ein böſes Wörtchen ſagen, ſond Wil und Ala ben abe Du ſondern Alle ſollen mich lieb haben und ſollen meinen Willen thun!“ Ihr Geſicht glänzte dabei von Freuden und Schalkhaftigkeit. „Und ſollen Dich verderben, Adelaide,“ ſagte Graf Alarich, indem er ſie auf die Stirne küßte. „Nein, nicht verderben!... ich kann nicht verdor⸗ ben werden.“ „Du biſt es ſchon, Adelaide!“ ſagte Alarich lächelnd, aber mit Ernſt. „Ja ſo!... Du findeſt Fehler an mir?“ J a. „Du ſollſt mich ſammt meinen Fehlern lieben, ja follſt ſie auch um meinetwillen lieben.“ „Das kann ich nicht, Adelaide.“ „Du willſt nicht?“ „Ich kann nicht. Ich kann ein unbändiges und leichtfinniges Weib nicht lieben.“ „So! und ich kann einen griesgrämigen und mür⸗ riſchen Mann nicht lieben.“ „Adelaide!“ „Alarich! höre, mein geliebter Alarich, ich will thun, was Du willſt; ich will werden, wie Du willſt, und ich will alle meine Fehler ablegen. Aber jetzt ſei etwas gütig gegen mich. Laß mich in dieſer kurzen Zeit noch ein wenig luſtig ſein!“ „Beluſtige Dich immerhin, Adelaide. Ich bin indeß dieſer ſogenannten Vergnügungen, dieſer ewigen ſchaalen Luſtbarkeiten müde. Ich werde zu Hauſe bleiben. Du kannſt allein ausfahren.“ „Nein, jetzt biſt Du hart! Mein geliebter, guter Ala⸗ rich! Höre mich einmal an, begleite mich nur noch einige Tage. Gönne mir nur noch einen, zwei, drei, vier,— nur noch vier Tage, dann verſpreche ich Dir, vierzehn zu Hauſe zu bleiben, wenn Dn willſt. Mir zu Liebe gehe mit, Ala⸗ rich, ohne Dich kann ich keine Freude haben! willſt Du nicht Deiner Adelaide zu Liebe mitgehen?“ Graf Alarich ging mit. Der Präſident fuhr dieſen Dr ————————— 156 Abend mit ſeinen Kindern aus; Edla arbeitete allein auf ihrem Zimmer. Ich blieb zu Hauſe, denn ich war müde von mehreren Nachtwachen. Die Kleinen ſaßen bei mir. Wagen um Wagen rollten durch die Straßen hin; Licht ſtrahlte aus allen Fenſtern des Schloſſes. Als wir das Ge⸗ knall der aufſteigenden Raketen hörten, welche auf dem Strom den Geburtstag des Königs begrüßten, fingen die Kleinen an zu weinen und meinten, es ſei etwas hart, daß ſie ſo im Finſtern ſitzen und die Pracht, welche alle Welt ſehe, nicht auch mit anſehen ſollen. Um ſie zu tröſten, verſprach ich, ihnen eine Geſchichte zu erzählen. Sie trockneten ſogleich ihre Thränen, ſpitzten die Ohren und lauſchten aufmerkſam einer wahrhaftigen und mo⸗ raliſchen Erzählung von Mäßigen Freuden. „Es ſchmeckt doch nach dem Vogel,“ ſagte die Alte und kochte den Zaunſtecken, auf welchem die Krähe geſeſſen wär. Weit, weit unten im buckeligen Klaragäßchen wohnte ich und meine Schweſter Johanna. Wir lebten bei einer alten Tante, welche uns nach unſers Vaters Tod zu ſich genommen hatte. Allein ſie war kränklich und arm und konnte deßwegen nicht recht für uns ſorgen. Wir waren meiſtens einer alten Frau überlaſſen, die uns pflegte, allein ſie war ein Bischen ſtreng und ein Bischen geizig und ſehr taub, ſo daß wir keine frohen Tage bei ihr hatten. Inzwiſchen ſuchten wir uns zu unterhalten, ſo gut es anging. Wir hatten eine kleine Maus gezähmt, ſo daß ſie, wenn wir ein Stückchen Zucker auf einen Stein neben den Ofen legten, hervorkam und es fraß, während wir am andern Ende des Zimmers ſtanden; freilich durften wir dabei kaum Athem ſchöpfen, aber dennoch ſchmeichelte uns ihr Vertrauen nicht wenig. Inzwiſchen war der Zucker dazumalen etwas Seltenes für wur unſe tage köln bein Bra Nic nich Tan Tan ang neb ihre den Ner mei der ſie wir ſpie dan kam ſo! anz Kel Fle ein Hi ein hir in her ale e die chem hute iner zu arm Wir uns chen bei ten, mt, nen aß, en; ber ig. 157 für uns und mehr als zwei kleine Stückchen in der Woche wurden nie verabreicht, um ſowohl unſern eigenen, als unſers Mäuschens Appetit zu befriedigen. Die Sonn⸗ tage waren hohe Feſttage für uns, denn da bekamen wir kölniſches Waſſer auf einen Zipfel unſeres Nastuchs, beim Frühſtück Butter zu unſern Kartoffeln und Mittags Braten. Eine andere große Freude, wovon ich den Kleinen Nichts ſagen wollte, die ich aber Ihnen, meine Leſer, nicht verheimlichen will, war es für uns, wenn die alte Tante R., eine magere Wittfrau, Nachmittags zu unſerer Tante auf Beſuch kam. Dieß war immer unbeſchreiblich angenehm, erſtens, weil wir dann Abends jedesmal Thee nebſt Zwieback bekamen, beſonders aber, weil ſie gern von ihrern Freiern erzählte, was uns allerhand Gedanken in den Kopf ſetzte. Nie werde ich vergeſſen, mit welcher Neugierde, mit welchem tiefen Intereſſe ich ſie einmal meiner Tante zuflüſtern hörte:„Du, den reichen S. in der Bank, den hätte ich auch bekommen können!“ Aber ſie hatte nie Luſt zu einer zweiten Heirath gehabt. Zu unſeren Vergnügungen gehörte auch das, daß wir zweimal in der Woche eine Stunde lang im Hofe ſpielen durften. Aber wie der Menſch ſelten zufrieden iſt mit dem, was er hat, ſo hatten auch wir an unſern damaligen Freuden nicht genug, und als der Sommer kam und die hohen Herrſchaften alle auf's Land fuhren, ſo bekamen wir ebenfalls große Luſt, uns ein Landgut anzuſchaffen. Wir hatten zuweilen mit der Alten in den Keller gehen dürfen, und dort merkten wir uns einen Fleck auf dem Boden, auf welchen das Tageslicht durch ein offenes Fenſter von der Hofſeite her hereinſchien. Hier pflanzten wir an einem ſchönen Tag zu Ende Mai's eine Erbſe. Drei Wochen lang gingen wir alle Tage hinab, unterſuchten die Stelle und wühlten ein wenig in der Erde, um zu erforſchen, ob die Erbſe nicht bald heraufzukommen gedenke. Namenlos war unſere Freude, als wir am vierundzwanzigſten Tag nach ihrer Pflanzung 158 eine kleine Aufſchwellung in der Erde bemerkten und unſere göttliche Erbſe ganz grün und beſcheiden mit einem ausgeſchlagenen Blättchen unter derſelben hervorſah. Wir tanzten um ſie herum und ſangen vor Freude. Vor dieſe Pflanzung ſetzten wir nun ein kleines Kartenhaus und außenhin eine kleine Bank, worauf papierne Herren und Damen ſaßen, und gewiß kann Niemand eine leb⸗ haftere Freude an ſeinem Landgute haben, als wir an dem unſrigen. Wir wohnten in einem kleinen ſehr dunkeln Zimmer; aber von meinem Bett aus konnte ich Morgens ein klei⸗ nes Stück Himmel und einen Schornſtein vom Nachbar⸗ hauſe ſehen. Wenn nun der Rauch aus dem Schornſtein emporſtieg und von der aufgehenden Sonne gelb und roth gefärbt wurde, während er gegen den blauen Him⸗ mel hinauf qualmte, da dachte ich, die Welt da oben in der Luft müſſe ſehr ſchön ſein, und ich ſehnte mich dorthin. Ich hatte jetzt keinen größeren Wunſch, als fliegen zu können, und theilte dieſen Wunſch auch Jo⸗ hanna mit. Wir machten uns Flügel aus Papier, und da dieſe uns nicht in die Höhe führen wollten, ſo ver⸗ ſuchten wir's, ob ſie uns nicht wenigſtens tragen würden, wenn wir uns ganz frei vom Bank oder vom Ofen, den wir erklettert, hinabfallen ließen. Aber außerdem, daß wir manche Beule davon trugen, machte das ſtarke Stampfen auf dem Boden, wenn wir von der Höhe her⸗ abſprangen, daß die Alte herauskam und die ſchwerfälligen Engelein tüchtig auszankte. Inzwiſchen geriethen wir bald auf ein anderes Mitiel, um uns ſchwebend über der Erde zu erhalten. Wir ſuchten uns paſſende Stöcke aus, die wir wie Krücken benützten, und bewegten uns damit die Kreuz und Quere über den Hof hin, in der frohen Einbildung, dieß ſei beinahe geflogen. Wären wir doch damit zufrieden geweſen!.. allein der Wunſch, mehr von der Welt zu erfahren, ſtürzte uns in's Unglück. Das Haus, das wir bewohnten, lag in einem Hofe, der durch eine hohe Bretterwand von der er⸗ rden, „den her⸗ ligen bald Erde „die it die ohen llein uns gin der 159 Straße geſchieden war. Ein Theil des Hofes war ein von allen Seiten wohl unſchloſſener Garken, ber einem Notar gehörte. Dieſer war ein ſtrenger Herr und wir fürchteten uns ſehr vor ihm. Die Verführung zum Böſen kam vießmal in der Geſtalt eines kleinen Ferkels. Eines Tages nämlich, als wir unſere Spielſtunde auf dem Hoſe hatten, ſahen wir ein glückſeliges Ferkel, vas auf die gewiſſenloſeſte Art im Garten hauste. Spinat und Tulpen, Erdbeeren und Peterſilie, Alles warf es um ſich her, indem es mit dem Rüſſel in der Erde wühlte. Unſer Grimm hierüber war groß und nicht minder unſere Verwunderung darüber, wie das Ferkel habe in den Garten kommen können, da doch die Thüre geſchloſſen und der Zaun ſo dicht war. Bei genauerer Nachforſchung entdeckten wir endlich neben dem Schweinſtall eine Lücke in dem Stacket, die zwar von einigen aufgeſtapelten morſchen Brettern beinahe verdeckt ward, allein das Ferkel hatte ſie dennoch aus⸗ findig gemacht und ſich dadurch Bahn gebrochen. Wir fanden, daß es von äußerſter Wichtigkeit war, das Thier⸗ chen ſchnell aus dem Garten zu jagen und ſahen hiezu kein geeigneteres Mittel, als auf dieſelbe Art, wie das Ferkel, hineinzukriechen, was ſich ohne viel Beſchwerlich⸗ keiten ausführen ließ; und nun jagten wir mit großem Eifer unſern armen Wegweiſer hinaus und hrachten Al⸗ les, was er beſchädigt hatte, ſo gut wir konnten, wieder in Ordnung. Die Oeffnung im Stacket belegten wir mit einem Brekt, konnten aber der Verſuchung nicht wider⸗ ſtehen, dieſelbe zu einem doppelten Dienſt zu gebrauchen, nämlich, als Hinderniß für das Ferkel und als Thor für uns. Da wir im Garten Nichts zu beſchädigen und anzurühren beabſichtigten, ſo dachten wir nichts Arges dabei, wenn wir uns manchmal das Vergnügen machten, in dieſem Paradies friſche Luft zu ſchöpfen. Wir krochen daher alle Sonntage auf dem von dem Ferkel eröffneten Wege hinein und verrammelten jedesmal ſorgfältig die Lücke. Um den Gartenzaun herum war ein Gehege von 160 Fliederbüſchen gepflanzt, welches verhinderte, daß man uns von Außen ſehen konnte. Inzwiſchen war es ſehr unrecht von uns, ohne Erlaubniß in einen fremden Gar⸗ ten zu gehen, und wir ſollten bald erfahren, daß alles Böſe früher oder ſpäter unvermeidlich ſeine Strafe mit ſich führt. Neben der Wand, welche den Garten von der Straße trennt, ſtand ein Luſthäuschen. Einige Ahornbäume be⸗ fanden ſich ſo nahe an demſelben, daß Johanne und ich den verwegenen Beſchluß faßten, hinauf zu klettern, um von da auf das Dach des Luſthauſes zu kommen, und dann über die Planke hinaus auf die Straße ſehen zu können. Gedacht, geſagt, gethan. Stolz, ſiegreich und froh ſahen wir uns nach viertelſtündiger Bemühung auf dem verheißungsvollen Dache. Unſere Bemühungen wur⸗ den reichlich belohnt. Wir hatten eine volle Ausſicht auf die Straße, ſahen dann und wann eine alte Frau mit ihrem Milchwagen, einen Herrn in einer Chaiſe, und wenn das Glück gut war, ein Frauenzimmer mit einem Hut und Sonnenſchirmchen. Dieß war noch nicht Alles, wir haiten auch in der Entfernung die Ausſicht auf ein Stück von der Königsſtraße und genoſſen das unbeſchreibliche Vergnügen, eine Menge Leute zu Fuß, zu Roß und zu Wagen vorbeikommen zu ſehen. Die ganze Welt ſchien ſich dort zu bewegen. Nachdem wir dieß einmal ge⸗ ſehen hatten, konnten wir nicht mehr leben, ohne es noch öfter zu ſehen. Eines Tages— ich erinnere mich noch, wie wenn es geſtern geweſen wäre— hatten wir unſern hohen Poſten eingenommen und blickten neugierig auf die Welt in der Königsſtraße hinaus. Unter Anderem erblickten wir einen ſtattlichen Reiter hoch zu Roß und ſodann einen prachtvollen von weißen Pferden gezogenen Wagen. Dieß mußte unſeres Erachtens die Königin ſein i vielleicht gar der König ſelbſt! Außer uns vor Freude, klatſchten wir in die Hände und jingen an, laut„Hurrah“ zu rufen. In demſelben Angenblicke =— = cS—— wenn hohen Welt ickten odann genen nigin s vor nan, blicke 161 hörten wir den Notar im Garten huſten. Unſer Schreck war außerordentlich. Wir wollten eilig vom Dach hinab⸗ ſteigen, um uns zwiſchen den Bäumen zu verbergen, allein im Eifer und in der Angſt verfehlten wir die rechten Griffe und Tritte. Johanna rollte wie ein Ball in das Erdbeerbeet des Notars hinab, ich aber blieb mit dem Kinn an einem großen, hervorſtehenden Nagel an der Wand hängen, und ſchrie dabei wie beſeſſen. Seht her! die Narbe vom Kopfe des Nagels iſt noch ſichtbar. Hier wurde meine Erzählung durch das Hereinbringen des Nachteſſens unterbrochen, und die Kleinen, nachdem ſie mich glücklich vom Nagel herabgekommen ſahen, mach⸗ ten ſich ſehr angelegentlich über ihre geliebten Pfannen⸗ kuchen her. Während der Mahlzeit ſtellten ſie allerhand heilſame Beobachtungen an über ihr Schickſal im Ver⸗ gleich mit dem, was ich ihnen eben erzählt, und wenn die Raketen ziſchten und knallten, ſo wagten ſie keine Klage mehr darüber, daß ſie nicht auch ihr Licht ſehen konnten. Ich kehre zu Adelaide zurück. Nach abermaligem vier⸗ tägigem Weltleben hielt ſte Graf Alarich ihr Wort, blieb ju Hauſe, fühlte ſich glücklich dadurch, und noch glück⸗ icher durch ſeine Zufriedenheit. Drei Tage gingen auf dieſe Art ſehr vergnügt j Ende. Der Abend des vierten kam. Graf Alarich wollte uns etwas aus ſeinem Lieb⸗ lingsſchriftſteller vorleſen, und wir freuten uns Alle darauf, beſonders Gräfin Auguſte, deren Geſchmack über⸗ ſti Allem ganz auffallend mit dem Alarich's har⸗ monirte. Bremer, Töchter d. Präſibenten. 162 Die Eiche und die Weinranke. Was! von dem langſamen Bach, der im Thale fließet und ſpiegelt, Was ihm begegnet im Lauf, Stäbte und Menſch und Gethier, Forderſt du Sprünge zum Himmel hinauf— wie beim Springborn am Schloſſe, Forderſt des Stromes, der See donnernd harmo⸗ niſch Gebraus? Blos wie ſein Schnabel gewachſen, ſingt jeder Vogel im Walde. Franzén. Graf Alarich war an dieſem Abend ausnehmend glücklich. Adelaide ſaß bei ihm; er las Macbeth vor, und erfreute ſich des Eindruckes, den er auf ihre junge, leicht rührbare Seele hervorbrachte; er glaubte bei kräf⸗ tigen Stellen die ſchnelleren Schläge ihres Herzens zu hören und hielt unwillkührlich an, um ſie zuſammen⸗ ſchaudern und erbleichen zu ſehen bei den ſchrecklichen Worten, womit Lady Macbeth ihren zum Verbrechen noch unentſchloſſenen Gemahl aufſtachelt. Macbeth.„Ich bitte dich, halt' ein! Lad Das wag' ich Alles, was dem Manne ziemt; Wer mehr wagt, der iſt keiner! War's denn etwa y. Ein Thier, das ich vorhin dazu getrieben? Als du das thateſt— da warſt du ein Mann! Und wenn du mehr wirſt, als du warſt, du würdeſt Um ſo viel mehr ein Mann ſein! Da du mir's Entdeckt, bot weder Ort noch Zeit ſich an; Du wollteſt Beide machen— Beide haben ſich Von ſelbſt gemacht: dich haben ſie vernichtet. Ich habe Kinder aufgeſäugt und weiß, Wie allgewaltig Mukterliebe zwingt, f e . e fließet Menſch ie eim Schloſſe, harmo⸗ r Vogel én. hmend h vor, junge, i kräf⸗ ens zu mmen⸗ klichen nnoch mt; netwa 2 ann! ürdeſt mir's 163 Und dennoch— Ja, bei Gott! den Säugling ſelbſt An meinen eignen Brüſten wollt ich morden, Hätt ich's geſchworen, wie du jenes ſchwurſt. Gerade bei der intereſſanteſten Stelle des Stücks hielt ein Wagen vor dem Hauſe an, und ich glaube, die Erſcheinung der blutigen Ladh Macbeth ſelbſt hätte mich in dieſem Augenblick nicht mehr erſchreckt, als die der Baronin. Sie kam und verlangte, ſämmtliche Kinder und beſonders Adelaide ſollen mit ihr gehen, um Herrn Trä⸗ des Affen zu ſehen, und nun beſchrieh ſie die Poſſen und Kunſtſtücke derſelben ſo lebhaft und luſtig, daß Adelaide in ein herzliches Gelächter ausbrach und ſagte:„Ja, wir müſſen die luſtigen Thierchen ſehen! Der Spaß dauert doch wohl nicht lange?“ „Höchſtens eine Stunde,“ erwiederte die Baronin, „und dann führe ich Euch Alle wieder nach Hauſe.“ „O wir müſſen ſie ſehen,“ rief Adelaide, ohne auf Alarich's finſtere Miene zu achten. Der Präſident gab ſeine Einwilligung, die Kleinen waren außer ſich vor Vergnügen, ſelbſt Edla zeigte Neugierde, und Alle ent⸗ fernten ſich, um ihre Toilette zu machen; Gräſin Au⸗ guſte zuckte die Achſeln und folgte mißlauniſch ihrem Vater, der ſie bat, auf ſein Zimmer zu kommen, um einige Papiere durchzuſehen, die ihre Angelegenheiten betrafen. Die Fräulein kamen bald zum Schauſpiel ger kleidet zurück. Adelaide ging zu ihrem Bräutigam und ſagte:„Sei nicht böſe, ich bin bald wieder da!“ ſie küßte ihn flüchtig und flog fort. Ich blieb allein mit Graf Alarich zurück. Er ſah Adelaide mit einem Aus⸗ drucke nach, worin ſich Zärtlichkeit, Mißvergnügen und Unruhe miſchten. Er kreuzte die Arme und warf ſich in den Sopha zurück, indem er mit Bitterkeit und gleichſam vor ſich hin ſagte:„Leichtſinn, Leichtſinn!“ „Jugend, Jugend!“ antwortete ich als Entſchul⸗ digung auf ſeinen Vorwurf. „Jugend,“ erwiederte Graf Alarich N„iſt nicht 164 Leichtſinn. Man kann fröhlich ſein, ohne unaufhörlich nach Vergnügungen zu haſchen. Man kann auch in der Jugend edlere Vergnugungen lieben und ſeine Freude an etwas Anderem als kindiſchen Spielen und wilden Luſtbarkeiten haben. Sich dieſen blind hingeben, heißt nicht ſeine Jugend genießen, ſondern ſie vergenden, ſich untauglich machen für die edelſten Pflichten und ſchönſten Genüſſe des Lebens, untauglich zu einem ruhigen und würdevollen Alter.“ „Nicht immer,“ antwortete ich;„bei gewiſſen Na⸗ turen iſt es wirklich ein Bedürfniß, daß man das wilde Jugendfeuer freie Luft ſchöpfen läßt. Ich kenne Leute, die in ihren Jugendjahren beinahe wild geweſen waren, ſpäter aber eben ſo beſonnen und achtungs⸗ als lie⸗ benswürdig geworden ſind.“ „Und ich,“ entgegnete Graf Alarich,„kenne Leute, die in Folge ihrer wilden Jugend in reiferen Jahren an Leib und Seele verdorben und noch vor dem Alter zur nie⸗ drigſten Stufe der Verächtlichkeit herabgeſunken ſind.“ „Ich will Ihnen ſagen, warum,“ ſagte ich ſchalkhaft. „Nun warum?“ „Sie hatten keinen Graf Alarich zum Bräutigam oder zum Gemahl.“ Ohne einen beſondern Werth auf meine Artigkeit zu legen, fuhr er mit ſteigender Bewegung fort: „Und wenn ſie ihn unglücklich machte, ſtatt beſſer durch ihn zu werden? Wenn das bezaubernde, aber leichtſinnige Weib ihn für ihre feurige und unſtete Seele nicht genügend fände, wenn ſie einen Widerwillen faßte gegen einen ſtrengen Mentor, wenn ſie von ihm wegeilte zu ſchmeichelnden Gaukelbildern und ihn mit ſeiner Weis⸗ eit und Tugend allein ließe. oder wenn ſie ihn eben⸗ falls ſchwach machte, wenn die Furcht, ihre Liebe zu ver⸗ lieren, ihn zum Theilnehmer und Beförderer ihrer Thor⸗ heiten werden ließe, wenn ſie ihn verführte, allmählig ſich ſelbſt und ſeine Pflichten gegen den Staat zu ver⸗ geſſen, wenn ſie ihn ſo weit brächte, daß er ſich ſelbſt rlich der eude lden heißt ſich nſten und Na⸗ vilde eute, ren, lie⸗ eute, nan nie⸗ . haft. igam gkeit eſſer aber Seele faßte eilte Beis⸗ ben⸗ ver⸗ hor⸗ hlig ver⸗ ſelbſt 16⁵ verachten müßte, und ihm dann als verdienten Lohn ſeiner Schwachheit Mitleid und Abſcheu zukommen ließe... Hier ſtand Graf Alarich haſtig auf und ging meh⸗ reremale im Zimmer auf und ab. Nach einer kurzen Pauſe ſagte er: „Ich hatte einen Bruder— einen einzigen Bruder er liebte ein junges und ſchönes Mädchen, eine zweite Adelaide.“ „Eine zweite Adelaide?“ unterbrach ich ihn miß⸗ trauiſch. „Ja, ſie war bezaubernd und leichtſinnig, wie dieſe. In einer dreijährigen Ehe hatte ihre Eitelkeit und Zer⸗ ſtreuungsſucht ihn zu dem Elenden gemacht, den ich ſo eben beſchrieb. Da verließ ſie ihn und er— ſchoß ſich eine Kugel vor den Kopf.“ „Glich ſie Adelaide, ſo lag der Fehler an ihm, wenn ſie nicht glücklich wurden,“ ſagte ich mit Beſtimmtheit und fügte hinzu:„Adelaide iſt ein Engel an Güte, ſie wird ſich jederzeit im Ganzen von Demjenigen, den ſie achtet und liebt, leiten laſſen, nur muß dieſer nicht alle und jede Aeußerungen ihres lebhaften Geiſtes unter⸗ drücken wollen. Erlauben Sie ihr mitunter zu flüchtige⸗ ren Vergnügungen zu gehen und ſie wird jederzeit mit verdoppelter Liebe zu Ihnen zurückkehren. Seien Sie zärtlich, ſeien Sie zuweilen nachſichtig gegen ſie und Sie werden ſie leiten können, wie Sie wollen.“ „Ein ſo ſchönes, ſo flüchtiges, ſo gefallſüchtiges Weſen iſt ſchwer zu leiten, wenn man es auch weder an Zärtlichkeit noch an Ernſt fehlen läßt. Könnte Ade⸗ laide nur denken. „Das kann ſie!“ ſagte ich.„Sie hält zwar keine Reden, ſie kann nicht moraliſiren, aber wirft ſie nicht oft ſo treffende Worte in's Geſpräch, Worte ſo voll Gefühl und Gedanken, die wie ein Blitz über Fragen Licht verbreiten, worüber Andere lange nachgrübeln?“ „Ja, ſie hat Blitze von wirklichem Genie, aber ge⸗ rade dieß iſt die gefährlichſte ihrer Gaben. Geniale Blitze * —————— 166 bei einem Weib wie Adelaide dienen öfters dazu, ſie eher zu verwirren als aufzuklären. Könnte Adelaide über das Leben nachdenken, könnte ſie ſeine Wichtigkeit⸗ ſeine tiefe göttliche Wahrheit einſehen— ja, könnke ſie nur einen Grundſatz faſſen, und darnach handeln; wenn ich nur eine entfernte Möglichkeit dazu ſähe, ſo würde ich weit ruhiger ſein. Aber dieß liegt ganz außer ihrem Charakter und ihrer Gemüthsart, ſie iſt keines Raiſonnements fähig, ſie folgt bei Allem den Eingebungen des Augenblicks, ſie hat keinen Halt in ſich ſelbſt. Sie iſt weich, ja ſogar ſchwach; ihr Wunſch, Jedermann zufrieden zu ſtellen, und noch mehr, eine gewiſſe Trägheit an ihr, macht ſie zum Spielball für Aller Launen, ſie mögen nun gut oder böſe ſein. Die Güte iſt etwas Göttliches, aber Trägheit und Schwach⸗ heit ſind nicht Güte.“ Ich war verletzt.„Es muß etwas Köſtliches ſein,“ ſagte ich,„einen Meduſenkopf zu malen und ſeiner Gelieb⸗ ten auf die Schultern zu ſetzen— wahrhaftig ein Liebes⸗ dienſt, der allen Dank verdient. Meine ſchöne, meine holdſeiige Adelaide! Derjenige, der Dich vor Kurzem die Blume ſeines Lebens genannt hat, ſieht heute Nichts als ein ſchwaches, träges und armes Geſchöpfchen in Dir.“ Graf Alarich lächelte, als wäre er ſich ſeiner eige⸗ nen, ſo wie meiner Uebertreibung, bewußt, ſagte aber dann mit kummervollem Ernſt: „Haben Sie nie von herrlichen, aber wurzelloſen Blumen gehört, die auf der Oberfläche des Waſſers lie⸗ gen und vor den Wellen hertreiben?“ „Herr Graf,“ ſagte ich mit Eifer,„Sie ſind wahrhaftig ungerecht gegen Adelaide, Sie kennen ſie wirklich noch nicht. Sie kann auch ihre eigene Mei⸗ nung haben und kann, wenn ſie will, ihren beſtimm⸗ ten Willen geltend machen. Ich will jetzt gleich einen Beweis anführen, der Ihnen wahrſcheinlich unbedeu⸗ tend erſcheinen wird; mir iſt er es aber nicht. Sie weiß ſich z. B. von der Dienerſchaft vom Hauſe beſſer eher r das tiefe einen eine higer und g, ſie e hat vach; mehr, ll für Die wach⸗ ſein,“ elieb⸗ ebes⸗ meine m die s als eige⸗ aber lloſen s lie⸗ ſind en ſie Mei⸗ imm⸗ einen ee⸗ Sie beſſer 167 Gehorſam zu verſchaffen, als der Präſident ſelbſt, und wird von Allen beinahe ebenſo gefürchtet als geliebt.“ „Iſt das wahr?“ fragte Alarich mit ſichtbarer Zu⸗ friedenheit. „Ja, denn ſo weich ſie iſt, ſo kann ſie gleichwohl tüchtig zanken und iſt nie liebenswürdiger als dann; es iſt ein Ernſt und zugleich eine Billigkeit in ihren Worten, wodurch der Fehlende ſich immer zur Einſicht leiten läßt, wenn er überhaupt nicht ſchon gänzlich verdorben iſt. Und was wollen Sie, Herr Graf, aus Adelaide machen? Iſt ſie nicht das Liebenswürdigſte, was ſich in der Natur fin⸗ det? Iſt ſie nicht überall, wohin ſie kommt, die Güte, die Liebe, die Freude und das Leben ſelbſt? Scheint ſie nicht in der Welt zu ſein, um Alles zu erheitern und zu ver⸗ ſöhnen, und ſcheint ſie nicht ihre Schönheit, ihre Talente bloß des angenehmen Eindrucks wegen zu ſchätzen, den ſie auf Andere machen? Wiſſen Sie, Herr Graf, ich habe ſie in der niedrigen Kammer eines kranken und armen Mädchens— dieſes Mädchen liebte die Mufik bis zur Leidenſchaft— mit derſelben Pünktlichkeit und Vortreff⸗ lichkeit ſingen hören, wie bei den prachtvollen Feſten dieſes Winters, wenn die königliche Familie zugegen war. Eine ſolche Gefallſucht iſt meines Erachtens ſehr verzeihlich.“ Ich hatte mit Eifer und Unmuth geſprochen, denn ich fand ihn ſo ungerecht gegen Adelaide. „Ja,“ ſagte er endlich milder,„ſie iſt gut, und Güte iſt eine ſchöne Tugend, aber... Ich unterbrach ihn, und indem ich auf ein Blatt in Wilhelm Meiſters Lehrjahren deutete, die aufge⸗ ſchlagen auf dem Tiſche lagen, las ich wie folgt: „Nur alle Menſchen machen die Menſchheit aus, nur alle Kräfte zuſammengenommen die Welt. Jede An⸗ lage iſt wichtig und ſie muß entwickelt werden, aber nicht in Einem, ſondern in Vielen. Wenn Einer nur das Schöne, der Andere nur das Nützliche befördert, ſo machen beide zuſammen erſt einen Menſchen aus.“ Ich fuhr nun auf eigene Fauſt fort:„Koönnen wir 168 auch von der Weinranke verlangen, daß ſie feſtſtehen und den Stürmen Trotz bieten ſoll, wie die Eiche? Sind nicht beide gut und vortrefflich in ihrer Art? Laſſen Sie uns der Weinranke die Eiche zur Stütze geben, und ſie wird, indem ſie ſich um ihren feſten Stamm ſchlingt und eins mit ihr wird, den Stürmen widerſtehen und die ſchönſten Früchte tragen. O wie manches ſchönbegabte Weſen, wie manche Adelaide wäre von den Verirrungen der Welt frei geblieben, wenn ſie ſich zur rechten Zeit an eine edle und feſte Stütze hätte anſchließen können.“ „Aber wenn die Stütze fällt, wenn ich, nachdem Adelaide meine Gattin geworden, ſtürbe oder genöthigt wäre, ſie auf längere Zeit zu verlaſſen?“ „Die Weinranke hat außer der Eiche noch einen Beſchützer,“ ſagte ich. „Und der wäre?“ „Die Sonne, welche das Leben der Pflanze entwickeln kann, wenn ſie auch zur Erde niedergeſunken iſt.“ „Laſſen wir die Vergleichungen, ſie treffen nur halb. Was wollen Sie damit ſagen?“ „Adelaide iſt gottesfürchtig.“ „Adelaide iſt ſtebenzehn Jahre alt.“ „Was meinen Sie damit?“ „Daß die religiöſen Gefühle ihrem Alter angehören, daß das jugendwarme Blut das Herz für den Himmel ſchwellt, den ihr der Religionsunterricht vor Kurzem aufgeſchloſſen hat. Aber laſſen Sie dieſe Aufwallung ſich legen— oder laſſen Sie die Genüſſe der Welt und der Sinnlichkeit ſie in Anſpruch nehmen, und wir wer⸗ den bald ſehen, wie der Himmel über irdiſchen Genüſſen vergeſſen wird, wie ſchal und arm das Leben ſein wird, das ſich nicht in dem kraftvollen Elemente des klaren Gedankens feſtgewurzelt hat.“ Ich war ſchmerzlich aufgeregt.„Sollen wir denn,“ ſagte ich,„allem Glauben an eine Tugend entſagen, welche ſich nicht auf durchdachte Grundſätze, auf philoſophiſche An ſell en und nicht ie uns wird, d eins önſten 1, wie lt frei le und chdem öthigt einen ickeln halb. hören, immel urzem llung tnd wer⸗ nüſſen wird, klaren enn,“ velche hiſche 169 Anſichten vom Leben und den gründet? O Herr Graf, da müßten wir an zwei Britttheilen der Welt, und beſonders am weiblichen Geſchlechte, verzweifeln. Nein, laſſen Sie mich glauben und Sie dürſten es ſelbſt erfahren, daß der gute Menſch in ſeinem einmal gefaßten und von den Wahrheiten unſerer Religion er⸗ leuchteten Gefühle einen untrüglichen Wegweiſer beſitzt. Die nicht gelehrte, aber fromme Frau wird von ihrem Genius eben ſo ſicher in einen heiligen Himmel geführt, als der größte Philoſoph von dem ſeinigen.“ „Ich fordere keine Gelehrſamkeit,“ ſagte Alarich, „ſondern geſunde Vernunft.“ „Nicht geſunde Vernunft iſt es, was Adelaiden fehlt,“ antwortete ich,„ſondern bloß noch einige Jahre, und dieſe werden kommen.“ Alarich ſchüttelte den Kopf:„Leichtfinn, Leichtſinn!“ ſagte er wieder. Ich war jetzt dieſes Themas einigermaßen über⸗ drüſſig geworden.„Ja,“ ſeufzte ich,„Adelaide iſt wahr⸗ haftig ſehr leichtſinnig.“ Er ſah mich an.„Aber gut iſt ſie,“ ſagte er, „engelgut; durch Zärtlichkeit und Ernſt kann ſie ſo weit ge⸗ leitet werden, daß ſie ſich erwirbt, was ihr noch fehlt.“ „Ja, ſie iſt allerdings gut,“ fuhr ich fort,„allein Sie haben Recht— ſie iſt in der That ſehr ſchlaff, ſehr ſchwach.“ „Sie iſt noch ſo jung. Ihre Seele kann erſtarken.“ „Das liegt ganz außer ihrem Charakter. Gott erbarme ſich! Sie iſt ganz gemacht, den Launen Aller zum Spielball zu dienen. Sie iſt eine wurzelloſe Blume, welche vor Wind und Wellen hertreibt.“ „Sie ſoll an meiner Bruſt Wurzel ſchlagen!“ ſagte Graf Alarich mit warmer Innigkeit.„Ich werde ſie ſtützen, ich werde ſie lieben und feſthalten.“ „Ja, aber das wird ihr bald langweilig. Ihre ganze Gemüthsart verträgt ſich nicht mit einem mora⸗ liſirenden Mentor. Sie wird Sie bald mit Ihrer Weis⸗ heit allein laſſen...“ —— 170 „Das kann nicht geſchehen!“ rief er hitzig und er⸗ röthend; Sie verkennen..“ indeß faßte er ſich ſchnell, und indem er mich, die ich jetzt einige Thränen nicht zurückhalten konnte, anblickte, nahm er freundlich meine Hand, drückte ſie und fuhr fort:„Ich ſehe, Sie wollen ſich rächen und Sie haben Recht, ſie zu lieben. Lieben Sie ſie, lieben Sie ſie recht innig,“ ſetzte er mit Wärme und Rührung hinzu,„ſie kann deſſen bedürfen. Ich bin zu ſtreng. Eingeſchüchtert durch meines Bruders Schick⸗ ſal, bin ich mißtrauiſch und argwöhniſch geworden, viel⸗ leicht zu ernſt für ein Weſen, wie Adelaide. Sie liebt das Ernſte nicht..„ „Ja,“ ſagte ich,„ſie beweist das, ſie iſt auch gar 6 ungern bei Ihnen,„ſie hat eine förmliche Scheu vor hnen.“ Er lächelte, wurde aber ſogleich wieder ernſt und ſagte:„Warum mußte ſie fortgehen, da ich den Abend mit ihr zuzubringen und mein Lieblingsvergnügen mit ihr zu theilen wuͤnſchte— und bloß um einiger Meer⸗ katzen willen!.. „Dieſe Geſchichte da,“ ſagte ich, auf Macbeth ſchie⸗ lend,„iſt gar zu ernſt für ein ſiebenzehnjähriges Mäd⸗ chen, und ein Affentheater iſt Adelaiden etwas ganz Neues. Ueberdieß iſt der Affe intereſſant als Natur⸗ erſcheinung haben Sie aber nicht ſelbſt auch be⸗ merkt, wie Abelaide ſeit einiger Zeit ihre Aufmerkſam⸗ keit weit mehr auf Gegenſtände von höherem Intereſſe richtet, beſonders, wenn Sie darüber ſprachen?“ „Das habe ich nicht bemerkt,“ erwiederte Graf Alarich, wiewohl mit ſichtbarem Vergnügen über mei⸗ nen größeren Scharfblick. „Ich liebe ſie aus Herzensgrund,“ fuhr er tiefbe⸗ wegt fort,„ja bis zur Abgötterei, trotz aller ihrer Feh⸗ ler. Aber gerade dieſes Gefühl erſchreckt mich. Die Furcht, ich möchte für Adelaide nicht genug ſein, ja ich möchte nicht einmal der rechte Mann für ſie ſein, die Furcht, ſie könnte eine gar zu große Gewalt über mich 17¹ bekommen und dieſelbe mißbrauchen, bringt mich oft auf den Gedanken. es wäre das Beſte,“— er zö⸗ gerte und fügte beinahe lautlos hinzu:„ich trennte mich von ihr, bevor es zu ſpät wird.“ „Trennen von Adelaide!“ rief ich,„o, wie unzart kann nicht die Liebe der Männer ſein, wie egviſtiſch dieſe Philoſophen!“ „Ich wollte für ſie ſterben,“ ſagte Alarich,„aber nicht leben, um ſie durch mich unglücklich oder mich durch ſie ſchwach geworden zu ſehen.“ In dieſem Augenblick hörten wir ein paar Zimmer von uns mit voller Stimme ſingen. Es war Adelai⸗ den's klare, jugendliche Stimme. Sie kam fröhlich, wie eine Maiſonne, hereingetanzt, ſtutzte aber beim Anblick Alarich's, der, die Arme auf den Tiſch gekreuzt, unbeweglich daſaß und einen ſtrengen, ſcharfen Blick auf ſie heftete. Sie näherte ſich ihm gleichwohl, legte ihre Hand auf ſeine Schulter und ſah ihm mit einem bezaubern⸗ den Ausdruck von Zärtlichkeit und Unruhe in die Augen. Er öffnete ihr ſeine Arme, ſie ſchlang ihre weißen Arme um ſeinen Hals und legte mit kindlicher Anmuth ihre Wange an die ſeinige. „Die Eiche und die Weinranke,“ dachte ich ver⸗ gnügt. Ich fühlte mich überflüſſig und machte mich — was unter ſo bewandten Umſtänden thun zu können immer ſchön iſt— unſichtbar. 17² ueber die Erziehung der Frauenzimmer. Der Haushalt iſt der Weiber Republik, Die Toilette ihre Politik. Für deine Stickereien, deine Bänder, Für deine Muſter ſei du intereſſirt, Unb glaub, mein Kind, es werben Volk unb Länder Mit Gottes Hilf auch ohne uns regiert. Frau Lenngren.(Rath für meine Tochter.) Sie kommt mir oft vor, wie jene künſtlichen Scha⸗ len, welche die Schnecke um ſich ablagert und wo⸗ vurch ſie in Ruhe bleibt vor den Einwirkungen des Lichts und der Elemente, die möglicherweiſe das bebende Leben in ſeiner Armuth zerſtören und den Eingang zu einem reicheren, umfaſſenderen öffnen könnten. Aus einem Brief von B. n. Auf Edla's Bitten hatte ich den Präſidenten ver⸗ mocht, ſie zu Hauſe bleiben zu laſſen, wenn wir auf Bälle und in Geſellſchaften fuhren. Bald wurde jedoch der Präſident unzufrieden darüber, und manche lange Rede bekam ich zu hören über die ſelige Friedrike und ihre Grundſätze, daß junge Mädchen ſich nie durch Un⸗ ewöhnlichkeiten bemerkbar machen ſollen, daß das Ge⸗ ſeulſchaftaleben auch ſeine Anſprüche auf den Menſchen habe und der Menſch ſeine Pflichten gegen die Geſell⸗ ſchaft, daß die Frauenzimmer bei Zeiten gewöhnt wer⸗ den müſſen, ſich einem gewiſſen Zwang zu unterwerfen, denn einzig und allein auf die Fähigkeit, ſich mit guter Miene den Wünſchen Anderer fügen zu können, beruhe ihr Glück im Leben.„Um junge Leute menſchenſcheu und miſanthropiſch zu machen,“ ſagte der Präfſident, „braucht man weiter nichts zu thun, als ihnen zu er⸗ lauben, daß ſie ſich einſchließen.“ Mir war die ſelige Präſidentin mit all ihrer Weis⸗ heit ſchon längſt ſehr langweilig vorgekommen, und es wurde Präſit nicht bieten einer in's s allem der, 2 ſitäts uten ſorae rike und! tens ſein, hätte r. Länder ochter.) Scha⸗ ind wo⸗ gen des iſe das ind den öffnen i. nver⸗ ir auf jedoch lange ke und ch Un⸗ Ge⸗ nſchen eſell⸗ wer⸗ erfen, guter eruhe ſchen ident, u er⸗ Weis⸗ id es 173 wurde mir zum Erſticken heiß, ſo oft ich ſah, daß der Präſtdent mit ihr hervorrücken wollte; da ich es aber nicht wagte, mich in eigener Perſon ihrem ehrfurchtge⸗ bietenden Schatten entgegenzuſtellen, ſo ſah ich mich nach einer Auktorität um, die ich beim Präſidenten gegen ſie in's Feld führen könnte. Ich fand auch eine, denn zu allem Glück hatte ich einen Schwager, Namen Stapplan⸗ der, Bürgermeiſter in Weſtervik, gehabt, der ein Univer⸗ ſitätsfreund des Präſidenten geweſen war und von deſſen utem Kopfe und Kenntniſſen er immer mit vieler Achtung prach. Wenn nun der Präſident mit der ſeligen Friede⸗ rike kam, ſo beſchwor ich den ſeligen Stapplander herauf, und nicht wenig verwunderte ſich der Präſident(dem gu⸗ ten Manne ſelbſt würde es auch nicht anders gegangen ſein, wenn er aus dem Grabe geſtiegen wäre und gelauſcht hätte) ob den Gedanken und Geſprächen über die Erzie⸗ hung der Frauenzimmer, womit ich ihn bewirthete. In⸗ zwiſchen hatte dieſe Methode ihre ganz gute Wirkung. Gleichwohl ſagte der Präſident oft, wenn Edla von irgend einem Souper zu Hauſe blieb:„Ich weiß nicht, was das werden ſoll. Sie zeichnet und ſpielt nicht mehr; ſie zeigt ſich kaum, außer beim Eſſen— was thut ſie denn?“ Ich antwortete eine Zeitlang ausweichend auf ſolche Fragen, denn ich fürchtete, der Präſident möchte noch nicht ganz vorbereitet ſein, hinſichtlich ihrer Beſchäf⸗ tigungen Vernunft anzuhören. An einem ſchönen Tage ging er jedoch ſelbſt auf ihr Zimmer und überraſchte ſie mitten unter ihren Papieren und Büchern. Ganz bleich und höchlich erzürnt kam er zu mir herab, ſetzte ſich mir gegenüber und begann mit feierlichem Ernſt: „Ich hatte geglaubt, daß die Perſon, die ich in mein Haus nahm, um die Erziehung meiner Töchter zu übernehmen, die Perſon, der ich das wichtige Amt an⸗ vertraute, meine ſelige Frau bei ihren Kindern zu er⸗ ſetzen, ich hatte geglaubt, daß dieſe es ſich zum Geſetz machen würde, gewiſſenhaft die Grundſätze zu befolgen — worüber ſie aufzuklären ich mir angelegen ſein ließ.“ 174 „Ja, das iſt Gott bekannt,“ dachte ich. „Ich habe geglaubt,“ fuhr der Präſident fort,„mei⸗ nem herzlichen Vertrauen würde entſprochen werden,— ich hatte mich nicht auf den Schmerz gefaßt gemacht, meine Töchter zu Widerſetzlichkeit gegen meinen beſtimm⸗ ten Willen, meinen Geſchmack und meine Freude auf⸗ gemuntert zu ſehen— auf den Schmerz, ſtatt häuslicher und liebenswürdiger Frauenzimmer, hochgelehrte pedan⸗ tiſche und dintenbekleckste in meinem Hauſe zu ſehen.“ Ich war nahe daran, zu lachen, wurde aber auf einmal ganz unvermuthet gerührt und antwortete mit Thränen in den Augen: „Was ich gewiß weiß, Herr Präſident, iſt das, daß Sie Ihre Töchter glücklich zu ſehen wünſchen.“ „Eben darum,“ erwiederte er,„ſollen ſie in ihrem Berufe bleiben, ſollen ſie ihrer Beſtimmung folgen.“ „Und was iſt die Beſtimmung des Weibes, Herr Präſident?“ „Gaitin und Mutter zu werden.“ „Sollten alſo Alle, welche ſich nicht vereheli⸗ chen, Alle, welche die Natur ſtiefmütterlich behandelt hat, Alle, die um edler Pflichten willen oder aus Neigung oder ſonſt einem Grunde unverheirathet grau werden, ſollte auch ich als unverheirathet mitdieſen allen meine Be⸗ ſtimmung verfehlt haben, ſollte unſer Leben zwecklos ſein?“ Der Präſident ſchwieg einen Angenblick, ſagte aber vann lächelnd und mit einem kleinen Kopfnicken, ich ſei noch jung und werde wahrſcheinlich meine Stellung im Leben noch verändern. „Wahrſcheinlich nicht,“ antwortete ich,„denn ich bin arm und nicht ſchön.“ Der Präſident war ſo gütig, zu Letzterem eine un⸗ gläubige Miene zu machen, indeß ich fortfuhr: „ünd wenn ich auch heirathen ſollte, ſo gilt meine Frage gleichwohl noch immer für die Millionen Frauen⸗ zimmer, welche ledig bleiben. Haben ſie ihre Beſtim⸗ mung verfehlts Sind ſie zu nichts nütze in der Welt?“ s, daß ihrem en.“ Herr reheli⸗ andelt eigung verden, ne Be⸗ ſein?“ e aber n, ich ellung nn ich e un⸗ meine auen⸗ eſtim⸗ et 175 Da der Präſident nicht antwortete, ſprach ich alſo weiter:„Wenn wir dem Weibe eine abgeſonderte, von der des Mannes verſchiedene Wirkſamkeit zuſchreiben wollen, müſſen wir dann dieſe nicht überhaupt in die mildernde, belebende und ordnende Kraft legen, welche der Schöpfer ihr vorzugsweiſe mitgetheilt hat? Die Wirkſamkeit des Weibes als Gattin und Mutter iſt bloß eine eigenthüm⸗ liche— vielleicht die hauptſächlichſte— Art, wie ihre Wirkſamkeit überhaupt hervortritt. Aber es gibt noch unzählige Lücken im Leben, welche durch dieſe Kraft aus⸗ gefüllt werden ſollen. Manche derſelben ſahen wir be⸗ reits von weiblicher Wirkſamkeit ausgefüllt und ſegens⸗ reich gemacht, manche bleiben noch übrig.. das Weib iſt für den Staat noch nicht Alles was fie werden könnte— es iſt noch nicht ſo frei und glücklich, wie es ſein könnte.“ „Da haben wir wieder das alte Lied von den Rech⸗ ten der Frauenzimmer,“ ſagte der Präſident.„Aber wenn ich auch zugebe, Mamſell Rönngviſt, daß Sie nicht ganz Unrecht haben, wenn ich auch zugebe, daß das Weib ſelbſt außer der Ehe ſich nützlich und glücklich machen kann, ſo ſehe ich dieß bloß in einer ihren Kräf⸗ ten angemeſſenen Wirkſamkeit. Sie kann es bloß im häuslichen Leben werden, als Freundin, als Erzieherin, als Beſorgerin der innern Angelegenheiten des Hauſes u. ſ. w. Aber ſagen Sie mir, meine beſte Mamſell, was ſoll Plato, was ſoll das Studium der Philoſophie und Dialektik dem Weibe helfen, um es nützlicher und glücklicher in der Welt zu machen? Was ſoll um Gotteswillen ein junges Mädchen mit Plato thun?“ „Von ihm lernen, wie man geordnet und konſequent denkt, von ihm lernen, wie man einen klaren Einblick in ſich ſelbſt und die Welt erhält.“ „Und wozu ſoll dieſes abſtrakte Denken ſie führen? Daß ſie untauglich wird für die Zwecke und Annehm⸗ lichkeiten unſeres Alltagslebens, daß ſie pedantiſch, dis⸗ putirwüthig und unerträglich wird. Welche Freude ſoll dieſes Studium ihr ſelbſt und Andern gewähren?“ 176 „Die größte, die dauerndſte, die der Menſch ge⸗ nießen kann, daß ſie ſich ſelbſt und die Welt klar verſteht, daß ſie ihren Platz darin und die ihren Anlagen ange⸗ meſſene Wirkſamkeit findet. Die Folge davon iſt der Genuß ihrer ſelbſt und ihres Lebens, nebſt der Fähig⸗ keit, ihre Kraft für Andere wirkſam zu machen. Selbſt das Glück iſt nichts Anderes, als eine unſern Bedürf⸗ niſſen angepaßte Wirkſamkeit.“ „Was ſoll Edla mit Plato thun?“ ſagte der Prä⸗ ſident ungeduldig. „Mitk ſeiner Hülfe,“ antwortete ich,„ihre treff⸗ lichen Verſtandesgaben entwickeln und im Nachdenken über die Welt vollen Erſatz für das finden, was ihr das Schickſal in Beziehung auf die zarten Genüſſe des Gefühls und der Sympaihie verſagt hat. Edla iſt häßlich, ungemein häßlich, dabei von ſchweigſamem und zurückhaltendem Weſen; ſie wird nicht leicht geliebt werden. Das Schickſal hat ihr die lieblichen Tauben⸗ freuden des Menſchen auf Erden verſagt— nun gut, ſie ſoll ſich als Paradiesvogel über dieſelbe erheben.“ Der Präſident blickte zum Fenſter hinaus; ich ſah, daß er gerührt war. Nach einer Weile ſagte er: „Gibt es nicht auch noch andere und nähere Mittel, ſie Erſatz finden zu laſſen, als philoſophiſche Studien? Sind nicht die ſchönen Künſte, weibliche Arbeiten, das Geſellſchaftsleben, und vor Allem die Genüſſe, welche die Religion und eine wirkſame Wohlthätigkeit bietet, ſind nicht dieſe Mittel weit zweckdienlicher?“ „Für viele Leute, ja; aber nicht für Edla. Wäre ſie auch göttlich ſchön und lieblich, ſo würde ich doch durchaus zu demſelben Wege rathen, den ihre beſtimmt ausgeſprochenen Anlagen als den einzig richtigen für ſie bezeichnen. Edla hat einen ſtarken und forſchenden, einen wahrhaft männlichen Geiſt.“ „Ja, ja,“ ſagt der Präſident ſeufzend,„den hat ſie von ihrem Vater.“ Es ſchien ihm dieß nicht ſo übel zu gefallen. gel n gut, ben.“ ſ, Mittel, udien? n, das welche bietet, Wäre h doch ſtimmt en für enen, hat ſie o übel 177 Ich fuhr fort:„Edla hat ſchlechterdings kein Talent und keine Luſt zu ſchönen Künſten. Sie macht ja weder in der Muſik noch im Zeichnen den mindeſten Fortſchritt, überdieß müßte ſie ſich, wenn die ſchönen Künſte ihr Leben ausfüllen ſollten, von einer bloßen Dilettantin zur wirk⸗ lichen Künſtlerin erheben. Auch für weibliche Arbeiten hat Edla eben ſo wenig Anlage als Luſt.“ „Und weil ſie nicht Luſt hat, Etwas zu thun,“ unter⸗ brach mich der Präſident,„ſo ſoll man ſie etwa ganz ruhig faullenzen laſſen? Mamſell Rönngpiſt, ich kann mich nicht in dieſe Ideen finden, ganz anders dachte die ſelige Friederike. Sie war der Anſicht, die Erziehung müſſe mit oder gegen den Willen des Kindes alle Kräfte entwickeln, die im Menſchen liegen, ſo wie man in der Gymnaſtik durch allſeitige Uebung alle Glieder enwickelt. Das Kind kann ſich aus Unverſtand dagegen ſetzen, aber in reifern Jahren wird es einſehen, daß es erſt dadurch ein vollkommen entwickelter Menſch geworden iſt.“ „Das Kind, ja! aber der junge Menſch darf nicht gezwungen werden. Der ſelige Stapplander ſagte, im Kinde liegen ſchlummernde Anlagen und dieſe müſſen durch allſeitige Uebung geweckt werden, damit der Menſch ſich derſelben bewußt werde. Allein bald ſteht man eine An⸗ lage vor der andern hervortreten, und je länger der Menſch in der Entwicklung fortſchreitet, um ſo mehr muß er dieſe eigenthümliche Anlage(vorausgeſetzt, daß ſie eine gute iſt) mit Hintanſetzung, ſelten jedoch gänzlicher Vernachläſſi⸗ gung der übrigen Fähigkeiten und Talente ausbilden. Der ſelige Stapplander ſagte: der Menſch liefe ſonſt Gefahr, für ſein ganzes Leben ein Invalide, ein formloſes Weſen zu werden, das nicht einmal ſich ſelbſt begreife. Edla ſoll ſich nicht dem Müßiggang hingeben, ſie ſoll im Ge⸗ gentheil mehr arbeiten, als je, aber nach einer beſtimm⸗ ten Richtung hin, ſie ſoll ihre Kraft nicht in mannig⸗ faltiger Wirkſamkeit zerſplittern, ſondern zu einem ge⸗ gebenen Zwecke ſammeln.“ „Stapplander,“ ſagte der Präſident gedankenvoll, Bremer, Töchter d. Präſibenten. 12 — 178 „Stapplander glaubte alſo, daß jeder Menſch ſeine eigene beſtimmte und angeborene Anlage habe?“ „Ja, aber er glaubte auch, daß dieſe Anlage oft ſpät, oft im ganzen Leben nicht deutlich genug hervor⸗ trete. Die Urſachen können verſchiedener Art ſein; oft liegen ſie in der mehr einſchränkenden und abſtumpfen⸗ den als befreienden Kraft der Erziehung. Dieß gilt hauptſächlich von der Erziehung der Frauenzimmer. In⸗ deß iſt dieſe Undeutlichkeit nicht Edla's Fall! Ihre na⸗ türliche Anlage iſt ebenſo beſtimmt von einer inneren Nothwendigkeit, wie ihr Leben in gewiſſer Beziehung es von einer äußern zu ſein ſcheint. Von ihrer Religion wird Edla erſt dann volle Wirkung und Genuß haben, wenn ſie darüber nachdenken und das klar verſtehen kann, was Andere blos mit dem Gefühle aufzufaſſen brauchen. Und das Geſellſchaftsleben!— Wie ſollte Edla Freude am Geſellſchaftsleben haben, da ihr Aeußeres und noch mehr ihre Gemüthsart Jedermann von ihr entfernt?— Man kann ſich den leichten und anmuthigen Geſellſchafts⸗ ton nicht geben, ſo wenig als man ſich Schönheit geben kann. Aber laſſen Sie Edla ihre ſchönen Verſtandes⸗ gaben ausbilden, laſſen Sie ſie in der Welt und ihren Einrichtungen heimiſcher werden, laſſen Sie ſie gründ⸗ liche Kenntniſſe erwerben, dann wird auch ſie Genuß vom Geſellſchaftsleben haben, wiewohl auf eine andere Art, als die gewöhnliche. Sie wird darin eine Menge Gegenſtände finden, die ihr Nachdenken in Anſpruch neh⸗ men, ſie wird viele Leute treffen, die glücklich ſind, ein lehrreiches Geſpräch führen zu können, und dann wird ſie von einem erhöhten Standpunkte aus die Wechſel⸗ wirkung zwiſchen den Menſchen genießen, welche zu den großen Genüſſen des Lebens gehört. Ich bin überzeugt, daß auch Sie, Herr Präſident, dann große Freude an Ihrer Tochter haben werden.“ „Zugegeben,“ ſagte der Präſident,„daß ſie in der Stadt einigen Genuß von ihrer Gelehrſamkeit haben kann — was ſoll ſie aber auf dem Lande damit anfangen— 9—— ——— 1 enc— G an einem einſamen, abgelegenen Orte, wo ich mich mit der Zeit niederzulaſſen gedenke?“ „Gerade auf dem Lande wird Edla die größte Freude von ihren Kenntniſſen haben. Sie beſitzt viel Sinn für die Naturwiſſenſchaften und dieſe ſcheinen auch vor allen n⸗ andern für das Weib zu paſſen. Der ſelige Stapplander ſagte hierüber: Bei dem feinen Takt, der dem Weibe In⸗ eigen iſt, bei ihrem bis zur Divination klaren Inſtinkt, ena⸗ wie unendlich viel Gutes könnte ſie nicht da durch eine eren größere Kenntniß des Organismus der Natur und der ig es Anwendbarkeit ihrer Produkte wirken! Und neben dem igion Genuß, in die Geheimniſſe der Natur eingeweiht zu wer⸗ aben, den, könnte ſie ſich eben dadurch denjenigen zu eigen ma⸗ kann, chen, den eine wirkſame Wohlthätigkeit gewährt. Das ſchen. der Naturwiſſenſchaften kundige Weib könnte leicht der rende Genius des Landmanns werden.“ noch„Ja, und ſein Doctor, Quackſalber u. ſ. w. Des 7 Einen Verderben, des Andern Spott. Ach, meine beſte afts⸗ Mamſell, meine beſte Mamſell Rönnqviſt, man mag von geben Gelehrſamkeit ſagen, was man will, ſo— was wird denn ndes⸗ am Ende aus all unſern gelehrten Frauenzimmern?— ihren ſtehen ſie nicht überall, wo ſie hervortreten, als mißglückte ründ⸗ Figuren da, ebenſo unausſtehlich als lächerlich?“ enß„In Büchern, ja, wie z. B. in Moliéres gelehrten ndere Frauen,— aber finden wir ſie gegenwärtig in der Wirk⸗ Nenge lichkeit oft ſo, außer in den Büchern, und ſtehen ſie nicht neh⸗ deßwegen als ſolche da, weil ſie in der Wirklichkeit ge⸗ „ein rade das nicht beſeſſen haben, worauf ich dringe, daß wird man es ihnen geben ſoll, nämlich eine gründliche und chſel⸗ wahre Bildung— weil ihre natürlichen Anlagen im den Dunkelnarbeiten und gegen Hinderniſſe ankämpfen müſſen, eugt, welche ſie allein und ohne Schutz nicht zu überwinden de an vermögyn. Die Leute nahmen das Mißglückte für das Unmögliche, ſahen im Irtthum den Fehler der Richtung n der ſelbſt, verwarfen den Weg, auf welchen ſie ſelbſt Steine kann geworfen; und mehr als einmal wurden die Weiber gleich en— den kühnen Titanen aus den höheren Regionen getrieben, 12* welche ſie erobern wollten, mehr als einmal wurden ſie bald mit Hohn, bald mit artigen Ermahnungen in die Küche und an den Spinnrocken verwieſen; doch dieſe Zei⸗ ten der Schwachheit bei den Starken ſind längſt vorbei. — Wie viel Gutes das Weib im Staate wirken kann, wenn ſie mit gründlichen Kenntniſſen und Klarheit des Gedankens in dasöffentliche Leben tritt, beweist in unſern Tagen unter vielen Andern Englands Miß Martineau. Aber auch ohne in dasöffentliche Leben vorzutreten, ſcheint das Weib in unſerer Zeit mehr als je berufen zu ſein, ſeinen Geſichtskreis zu erweitern und ſein Denken zu kräf⸗ tigen. Wie manche Mutter wird nicht berufen, die Er⸗ ziehung ihres Sohnes zu leiten, wie mancher edle Mann ſucht nicht in ſeiner Gattin eine Freundin, die ſein Stre⸗ ben verſtehen, durch liebevolle Theilnahme ſeine Wirkſam⸗ keit beleben und ſeine Gefühle für die hohen Intereſſen der Menſchheit theilen kann!“ Der Präſident ſagte mit etwas ſarkaſtiſcher Miene: „Und muß man nothwendig den Plato leſen, um dieß zu verſtehen— gibt es keinen Weg zum Licht, außer durch Plato?“ Ich antwortete:„Wenn es ſich darum handelt, einen jungen Menſchen in den Stand zu ſetzen, ſich ſelbſt ſeine innere und äußere Welt zu ordnen, eine Ueberſicht über das Ganze und die Theile, ſowie eine Einſicht in das Leben und den Zuſammenhang derſelben zu erhalten, ſo wüßte ich ihn an keinen beſſeren Lehrer zu weiſen, als an den ebengenannten, vorausgeſetzt, daß er ſeinem Verſtändniſſe gewachſen iſt. Ueberdieß iſt Plato ein Lehrer, der zu ſelbſtſtändigem Denken bildet.“ „Laſſen Sie ſie einſtweilen, meine gute Mamſell, Nichts davon ſagen, daß ſie ihn liest, denn ſie kann ſich bei dem größeren Theile der Menſchen auf eine reichliche Erndte von Spott Rechnung machen.“ 1 „Und was thut das, Herr Präfident? Laſſen Sie die Leute lächeln, aber laſſen Sie ſie lernen und ſich früher oder ſpäter des Veifalls der Klugdenkenden erfreuen⸗ ſie die Zei⸗ bei. ann, des ſern eau. ſein, kräf⸗ Er⸗ ann Ptre⸗ ſam⸗ eſſen iene: dieß ußer inen ſeine rdas eben üßte den niſſe er zu nſell, nſich liche e die üher uen. 181 Indeß iſt die Wiſſenſchaft nicht bloß deßwegen etwas Gutes, weil ſie Achtung erwerben hilft, oder weil ſie dem Staate wirklichen Nutzen bringt, ſie macht auch ihren Be⸗ ſitzer für ſich ſelbſt glücklichz ſie verwandelt ihm ſein enges Stübchen in eine reiche Welt, und bei ſeiner einſamen Lampe kann er den Reichthum der Schöpfung Gottes im Leben des Geiſtes und der Natur vor ſeine bewundernden Blicke treten laſſen. Und die Welt, die er verſteht, in der ſeine Gedanken leben, wird ihm lieb werden— und er wird, wenn auch arm an Gold und Liebe der Menſchen, dennoch genug haben und mehr als genug.. Die Welt iſt voll von Beiſpielen, welche beweiſen, daß das Leben für Niemand ſo reich, Niemand ſo lieb iſt, wie dem Denker. Unſchuldig und glücklich auf Erden zu leben, Herr Präſident, iſt ſchon ſo ſchön.“ „Machen Sie mir nur kein pedantiſches und an⸗ ſpruchvolles Weib aus Edla,“ ſagte der Präſident,„denn dieſe kann ich nicht ausſtehen.“ „Ihr reiner, weiblicher Sinn, ihre Beſcheidenheit und wohl am allermeiſten der Ernſt, die Frömmigkeit, die Andacht ihrer Liebe zur Wiſſenſchaft wird ſie davon ab⸗ halten. Das beſte Mittel, bei den Halbgelehrten dieſe Feinde alles Wohlbehagens zu tödten, wäre das, wenn man ſie zu einem gründlichen Wiſſen anleitete; auch in dieſem Fall könnte man gewöhnlich die Arznei da neh⸗ men, wo man die Krankheit geholt hat.“ „Wenn nun Edla Talente und Luſt zu Kriegs⸗ thaten hätte, Mamſell Rönngpiſt, würden ſie dann einen General aus ihr machen wollen? Oder wenn ſie ent⸗ ſchiedene Neigung zu Anatomie beſäße— einen Pro⸗ feſſor der Anatomie? Mamſell gehören vermuthlich zu den Saint⸗Simoniſten, und Mamſell wollen gleich je⸗ nen überall in der bürgerlichen Geſellſchaft dem Weibe dieſelben Privilegien und dieſelben Aemter verleihen, wie dem Manne?“ (Der Präſident mamſellirte mich unaufhörlich, wenn er unzufrieden mit mir war.) 182 „Nein, gewiß nicht,“ autworteie ich,„denn daburch eniſtände Unordnung und keine Harmonie. Solche Nei⸗ gungen, wie Sie eben angeführt, Herr Präſident, ſind nach meiner Anſicht als wirklich falſche Richtungen beim Weibe zu betrachten, und könnten vielleicht ohne große Mühe berichtigt werden. Sie treten überdieß höchſt ſelten hervor, und es iſt nur gut, daß durch Ertravaganzen Einzelner das Wohl des Ganzen nicht geſtört wird; das Wohl des Ganzen aber gründet ſich darauf, daß jeder Einzelne ſeinen von Gott und der Natur ihm ange⸗ wieſenen Beruf im Leben erfüllt.“ „Und doch klagen die lieben Frauen von Anbeginn der Welt an bis auf unſere Tage, daß ihre Rechte durch den Despotismus der Männer beſchränkt ſeien. Und doch wollen Sie ſelbſt Edla zu einer Philoſophin machen;— warum nicht eben ſo gern zu einem General oder Pro⸗ feſſor der Anatomie, wenn ſie Luſt dazu hätte?— Ich ſehe dieß bei Gott nicht ein.“ „Es gibt einen feſtgeſtellten und großen Unterſchied zwiſchen einer Wirtſamkeit, wie z. B. die Entwicklung des Lebens in der Welt des Gedankens, wodurch das Weib nicht im Mindeſten aus dem vom Schöpfer ihr angewie⸗ ſenen Platze gerückt, ſondern bloß ihre Welt und ihr Weſen ihr ſelbſt verklärt und ſie Andern intereſſant wird — es beſteht, ſage ich, ein großer Unterſchied zwiſchen einer ſolchen Wirkſamkeit und einer Beſchäftigung, die das Eigentliche der Weiblichkeit, ihre ächte Schönheit und, wenn ich ſo ſagen darf, den edleren Nutzen ihres Lebens wegnehmen würde. Was die Klagen meines Geſchlechtes betrifft, Herr Präſident, ſo werden Sie mir die Bemer⸗ kung zu Gute halten, daß wohl nie etwas ſeit Jahr⸗ tauſenden beſtehen und unaufhörlich ſich erneuern kann, ohne einen wahren Grund zu haben. Das Weib hat wirtlich noch immer das Recht, vom Staat und der öffent⸗ lichen Meinung eine Erweiterung ſeines Wirkungskreiſes, Elemente für ſeine mannigfaltigen Kräfte zu verlangen. Aber ſie ſoll ſich nicht die Wirkungsſphäre des Mannes urch Nei⸗ ſünd eim roße ten nzen das eder nge⸗ ginn urch doch . Pro⸗ Ich chied gdes Weib wie⸗ d ihr wird ſchen „ die und, bens chtes mer⸗ Fahr⸗ kann, hat ffent⸗ eiſes, ngen. nnes 183 anmaßen wollen— dieß wäre das gemeinſame Unglück beider Geſchlechter.“ „Ja, ja,“ ſagte ber Präſident,„aber es wäre gerade ein ſolches Unglück, wie es die übertriebenen Anſprüche der Frauenzimmer heutzutage herbeizuführen ſcheinen.“ „Man kläre ſie auf,“ erwiederte ich,„und die Ge⸗ fahr wird vorüber ſein. Geben Sie ihnen, was ihnen gebührt, und ſie werden nicht mehr klagen. Gerade in dieſer Zeit, wo die Ehen immer feltener werden, ſcheint ſich die Nothwendigkeit immer deutlicher herauszuſtellen, dem Weibe unter allen Verhältniſſen eine von der Ehe unabhängige Wirkſamkeit zu verſchaffen— ihr die Mög⸗ lichkeit zu geben, in Klarheit und Freude durch ſich ſelbſt beſtehen zu können.“ „Und warum werden die Ehen ſelten, Mamſell Rönngviſt? Eben wegen der übertriebenen Anſprüche der Frauenzimmer. Des Mannes Kräfte werden frühzeitig von bürgerlicher Wirkſamkeit in Anſpruch genommen.— Er muß ſein Brod verdienen und die ſchönen Wiſſen⸗ ſchaften liegen laſſen, um ſich ernſteren, oft mühſeligen Beſchäftigungen zu widmen; wenn es ihm dann durch Fleiß und Bemühungen gelungen iſt, feſten Fuß im Le⸗ ben zu faſſen, und er will mit einer Gattin theilen, ſo findet er bloß feine und vornehme Damen, die nichts zu thun gehabt haben, als ſich zu bilden, beleſen und kunſt⸗ reich zu werden, und die den redlichen Mann viel zu roh ſinden, wie er ſie viel zu fein findet. Unſere Frauen⸗ zimmer, Mamſell Rönnqpiſt, ſollten mehr Verſtand ha⸗ ben. Sie ſollten ihre Bildung der des Mannes anpaſ⸗ ſen, mit welchem ſie ſich zu verbinden Ausſicht haben können— ſie ſollten die Einſicht haben, ſich einiger⸗ maßen nach ihm zu bequemen, dann würden wir mehr und glücklichere Chen ſehen.“ „Verbildung iſt nicht wahre Bildung,“ antwortete ich.„Das mit Talent und Anmuth ausgerüſtete Mädchen, das den redlichen und brauchbaren Bürger für roh hält(inſofern er es nicht wirklich iſt), iſt ein verbildetes 14 Geſchöpf. Sollte ſie nicht vielmehr ihre Anmuth als ein geeignetes Mittel betrachten, den Kreis, in welchem er lebt, zu verſchönern? Er gibt ihr Schutz und einen Wir⸗ kungskreis; ihr kommt es zu, ihm Wohlbehagen und Freude zu geben. Allein es darf kein Menſch in ſeinem Wachsthum verhindert werden, damit ein Anderer auf⸗ kommen möge. Das rechte Wachsthum und die rechte Kraſt beruht übrigens wohl nicht auf der Entwicklung der feinen Bildung, liegt alſo in dieſer Hinſicht nicht auf Seite des Frauenzimmers. Vielleicht haben wir die Sel⸗ tenheit der Ehe auch andern Urſachen, als ſolchen Miß⸗ verhältniſſen zuzuſchreiben;— vielleicht gibt es auf ge⸗ wiſſen Theilen der Erde mehr Menſchen, als die Erde hinreichend ernähren kann?— Vielleicht verbietet oft die Klugheit ſowohl dem Weib als dem Mann, eine Ver⸗ bindung einzugehen, wodurch eine vielleicht bereits zu große Volksmenge vermehrtwerden könnte; vielleicht—— ja es wäre viel darüber zu ſagen, aber, o Herr Präſident, wie viele unglückliche Ehen weniger, wie viele glückliche Menſchen mehr würde es auf der Welt geben, wenn man dem Weib eine größereund freiere Wirkſamkeit geſtattete, wenn die verſchiedenen Anlagen, die in dem Geſchlechte liegen, gründlich ausgebilbet würden und eine kluge Rich⸗ tung erhielten. Staats⸗ und Familienleben würde dadurch gewinnen, ſo manche gute und edle Kräfte würden nicht, wie jetzt oft geſchieht, aus Mangel an Nahrung in To⸗ desſchlummer verſinken, oder zu Friedensſtörern ausarten, wir würden nicht ſo manche Nullen auf der Welt ſehen, die ſich im Bewußtſein ihrer Nullität unglücklich fühlen. Wahrhaftig, es gibt Stunden, wo das Weib lutheriſcher Konfeſſion die Katholiken um ihre Klöſter beneiden könnte, ſo finſter und mißverſtanden auch dieſe Zufluchtsörter zum größern Theile ſind.“ „Bah, bah, Sophismen, Sophismen, meine beſte Mamſell,“ ſagte der Präſident, indem er auſſtand und ſich emporrichtete.„Nun,“ ſuhr er fort,„machen Sie mit Edla, was Sie wollen, wenn ſie nur zufrieden iſt. Aber aus verſſ dara Kleit Ques und— bedar verſp Ema Unte „Wi gute blick fühlt ihr? Spr vorg Well nes s ein er Wir⸗ und inem auf⸗ echte ung auf el⸗ Miß⸗ ge⸗ Erde t die Ver⸗ To⸗ ten, len. cher nte, zum eſte mit iſt. 185 Aber das behalte ich mir ausdrücklich vor, daß Sie mir aus den Kleinen keine gelehrten Frauenzimmer machen; verſprechen Sie mir das, geben Sie mir die Hand darauf, Mamſell Rönnqviſt.“ Ich konnte es ohne Furcht verſprechen, denn die Kleinen waren ungehener träg zum Lernen, ſo viel Queckſilbriges ſie auch ſonſt in ihrem Weſen hatten. Der Präfident ging, blieb aber an der Thüre ſtehen und ſagte, indem er an die Decke hinaufblickte: „Wenn Edla Bücher oder Lectionen in irgend Etwas bedarf, ſo ſagen Sie mir's, Mamſell Rönngpiſt.“ Ich verſprach es ihm dankbar, und voll Freude über Edla's Emancipation eilte ich, ſie davon in Kenntniß zu ſetzen. Unterwegs ſagte ich, wie ich oft thue, für mich hin: „Wie viele Güte gibt es doch auf der Welt, wie viele gute Menſchen.“ Der Geiſt der Liebe. Die Sphären des Lebens ſind einander nicht mecha⸗ niſch ſondern gegenſeitig Glieder von einanber. Und wenn der Mann ſich heimiſch fühlt an der Bruſt des Weibes, und das Weib an ber des Mannes, ſo iſt es der Wiederklang ſeines gebahnten Himmels, dem er hier lauſcht, und die Ahnung öherer Kraft, welche ſie an ihn feſſelt;— ſie ſind beide Sonnen für einander. 8 Mittlerweile kam der Frühling. Mit einem Liebes⸗ blick von Gott lächelte die Sonne über der Erde; dieſe fühlte es, erwachte aus ihrem Schlummer und hauchte ihr Morgengebet in der ſtillen, aber lieblich duftenden Sprache der Blumen. Ich möchte wohl wiſſen, was in deinem Schooße vorgeht, o Erde, wenn deine Vögel zu ſingen, deine Wellen zu tanzen anfangen, wenn du dich in ein ſo ſchö⸗ nes Gewand kleideſt, daß ſelbſt unter den Schatten der ———————— 186 Nacht die Sterne des Himmels und das Auge des Men⸗ ſchen dich mit Liebe betrachten, wenn Millionen kleine geftügelte Weſen aus deinen Blumenbeeten emporſteigen und die Luft mit dem harmoniſchen Geräuſche ihres leichten Lebens erfüllen, wenn Freudezuckungen alle deine Adern durcheilen, wenn die ganze begeiſterte Natur ein Liebesblick und ein Freudenhymnus iſt;— ich möchte wohl wiſſen, ob du die Freude empfindeſt, die von dir ausgeht, die unendliche Luſt, die du athmeſt? Das aber weiß ich, daß du dem Herzen des Menſchen neues Leben, ſeinem Blute einen leichteren Umlauf gibſt, daß du ſei⸗ nen Geiſt von dem drückenden Winternebel des Lebens befreiſt, daß er ruhend an der Bruſt der Natur eine von allem Andern unabhängige Freude empfinden kann, ein reines Gefühl von Ledensluſt, Liebe zum Leben. O, könnte ich jeden an Gemüth und Körper Erkrankten an einem Frühlingsmorgen hinausführen, ihn auf die jungen Blumen legen, ihn den dunkelblauen Himmel und alle die ruhige und lebende Herrlichkeit, welche die Erde hervorbringt, ſchauen laſſen, ihn fühlen laſſen die Wärme im Sonnenſtrahl, die balſamiſche Kühlung des Windes, all dieſe innerliche Güte in der Luft und in der Natur, die mit der Stimme eines Freundes, mit einem Blick von Gott zum Herzen ſpricht! Gewiß würde der Unglückliche hier auf eine Stunde die Undankbaren vergeſſen, die ihm Böſes gethan, die Qualen vergeſſen, die am Faden ſeines Lebens zerren, ſelbſt die Reue würde hier ruhen und an Verzeihung glauben, der oft Betrogene würde auf's Neue hoffen: gewiß würde der Schmerzensſohn noch vor ſeinem Tode einige Stunden ſorgenfteies Glück genießen, er würde an ſeinem Abende auf dieſen Frühlingsmorgen zurückblicken und ſagen; „Auch ich bin glücklich geweſen auf Erden!“ Es iſt Frühling im Norden, und ſämmtliche Be⸗ wohner der Städte werden zur ländlichen Feier geladen⸗ Veronika und Stellaria haben den prachtvollen Teppich gewirkt, welcher den feſtlichen Tiſch bedeckt, die Mittags⸗ fackel zern Lerch ſonne lich Stät ſtröm wir klein Päck mit! in d Hofr woll und nere Cha in's Sto den hab⸗ geht Thit Ver Fuß ſchr Dar mit Roſ ob lich Gre tur hin We s Men⸗ kleine rſteigen e ihres le deine tur ein möchte von dir as aber s Leben, du ſei⸗ Lebens tur eine en kann, Leben. krankten auf die Himmel elche die aſſen die lung des t und in es, mit iß würde ankbaren ergeſſen, ie Reue , der oft ürde der Stunden n Abende d ſagen liche Be⸗ geladen. Teppich Mittags⸗ 187 fackel iſt angezündet, der Vogel mit den melodiſchen Seuf⸗ zern—„die wandernde Stimme“— und die jubelnde Lerche rufen hinaus in die laubreichen Wälder, auf das ſonnebeglänzte Feld, ſie ſingen:„Kommt kommt! herr⸗ lich iſt das Leben auf dem Lande!“ und die Thore der Städte öffnen ſich und eine unüberſehbare Volksſchaar ſtrömt hinaus— aus dem Engen in's Freie. Hier ſehen wir die Familienkaleſche mit Papa und Mama und kleinen Söhnchen und Töchterlein zwiſchen Schachteln und Päcken eingepfropft; hier das beſcheidenere Eingeſpann mit Vater und Mutter und dem Kleinen, der eingepreßt in der Mitte ſitzt; dort die ſtattliche Kutſche mit dem Hofmarſchall, der Gräſin und dem Papagai— wohin wollen ſie Alle? Auf's Land, auf's Land! Auf Güter und Gärten, Orangerien, Faſanerien, Moorcultur, Bren⸗ nereien, u. ſ. w. Wer will ſie zählen alle die ſchaukelnden Chaiſen, welche eßluſtige Herren zum Wirthshauſe führen in's Grüne? Wie viele Geſundheiten auf Bellmann! Laſſet uns jetzt die Fußgänger betrachten, die aus Stockholms Thoren hinauswandern, um das Leben in den ſchönen Gegenden rings umher zu genießen. Hier haben wir die heitere Handwerkerfamilie, die hinaus⸗ geht, um ihren Speiſekorb auf den grünen Matten des Thiergartens aufzudecken, dort ein liebendes Paar, das Vergißmeinnichte pflückt und ſeinen Namen auf das Fußgeſtell einer Statue im Parke zu Drottningholm ſchreiben will. Seht dieſe eleganten Familienpartien! Damen mit Sonnenſchirmchen, Herren in Fräcken ſtehen mit Syringenzweigen in der Hand um die große Urne in Roſendal herum, lauſchen und ſchauen ſich neugierig um, ob wohl die Königlichen kommen werden. Wer ausführ⸗ lichere und geiſtreichere Zeichnungen leſen will, der leſe Graf HjalmarMörner— jetzt nur noch einige flüchtige Con⸗ turſtriche von den freundlichen Auftritten des Frühlings. Junge Mädchen tanzen leichtfüßig auf die Fluren hinaus, vergeſſen alle Eitelkeit und Falſchheit, womit das Weltleben ſie befleckt hat, und Blumen unter den Blumen, 3 werden fie einfach, ſchön und ſchuldlos, wie dieſe; ſie ſchließen Freundſchaften auf Du und Du, ſie flechten Kränze, preiſen Gott und ſind glücklich. Die jungen Männer ſchwärmen hinaus durch Wälder, durch Sturm und Wogen— die Kraft, welche die Natur durchſtrömt, ſteigert das Leben in ihrer Bruſt; ſie glauben, die ganz Welt ſei ihnen eigen, jede Morgenröthe, jede goldene Abendwolke ſchreibt ihnen ein Verſprechen von Sieg und Ehre. Und die alten Leutchen— ſie gehen hinaus, ge⸗ ſtützt auf den Arm eines Sohnes, öfter einer ſorglichen Tochter, noch öfter vielleicht auf einer Krücke; ſie gehen hinaus, um ſich in der Sonne zu wärmen, auf eine Bank zu ſitzen, den Geſang der Vögel zu hören und in der friſchen Luft zu athmen; ſie erfreuen ſich der Sonne, die Glücklicheren unter ihnen erfreuen ſich der Freude ihrer Kindeskinder. Und die Kinder— die Kinder, oh! Ihr kleinen, holdſeligen, ſchönen, unſchuldsvollen Weſen, Lieb⸗ linge Gottes und der Menſchen, für Euch ſcheint der Fruͤhling geſchaffen zu ſein und Ihr für den Frühling; wenn ich euch unter den Blumen ſehe, umtanzt von leuchtenden Schmetterlingen, da möchte ich fragen, was die höheren Welten wohl Schöneres haben könnten. Auch die Familie des Präſidenten gehorchte dem Rufe des Frühlings; wir verließen die Stadt und befanden uns zu Ende Mai auf dem ſchönen Landſitze des Prä⸗ ſidenten, einige Meilen von Stockholm. Es war keine Prachtwohnung, aber ein unendlich angenehmes Haus. Der Lichlrſeniſenialt der Familie war eine kleine, hübſche Gallerie mit Gemälden und einigen ſchönen Marmorſtücken. Adelaide verſah dieſelbe alle Tage mit friſchen Blumen. Sie lebte jederzeit durchaus und gänz⸗ lich in dem gegenwärtigen Augenblick, und hier auf dem Lande, getrennt von den Vergnügungen und Zerſtreuun⸗ gen der Welt, war ſie doppelt ſo liebenswürdig als in der Stadt. Hier wurde ſie eine aufmerkſame Schülerin des Grafen Alarich, und die Natur, deren Geheimniſſe er ihr dentete und deren Liebesleben ſie ihn kennen lehrte, wurd weiht ein, liebli ieſe; ſie flechten jungen Sturm hſtrömt, ie ganze goldene Pieg und kus, ge⸗ brglichen ſie gehen ne Bank onne, die de ihrer oh! Ihr en, Lieb⸗ eint der ühling; anzt von e, was nten. em Rufe befanden e Prä⸗ ar keine s Haus. e kleine, ſchönen Lage mit nd gänz⸗ auf dem ſtreuun⸗ als in chülerin nniſſe er nlehrte, d in der 189 wurde Beiden doppelt ſchön und doppelt theuer; hier weihte Pygmalion ſeine Galathea zu einer höheren Liebe ein, hier ſchlug ihr junges Herz von unendlichen und lieblichen Ahnungen. Eva erwachte an Adam's Bruſt, er ſah ſein Bild verklärt in ihrem Auge und Eden umſchloß ſie Beide, und Blume und Vögel und flüſternde Winde ſchienen mit ihnen zu bezeugen:„O, wie lieblich iſt es zu lieben!“ Hier unternahm ich Morgens lange Wanderungen mit den Kleinen und ließ ſie eine nähere Bekanntſchaft machen mit den Erzeugniſſen der Natur, in deren Schvoße ſie dereinſt als Weiber ſo vielen Troſt und ſo vieles reine Glück ſollten finden können. Es war eine Luſt, die ſchönen, lebhaften, kleinen Kinder herumſprin⸗ gen und Blumen pflücken zu ſehen, die ich mit der ſchwediſchen Flora in der Hand betrachtete, benannte und ihre Eigenſchaften den kleinen Botanikerinnen erklärte. Hier hatte ich auch Gelegenheit, Graf Alarich's Charakter und Gemüthsart näher kennen zu lernen. Ich ſtudirte ihn mit einer Aufmerkſamkeit, wozu mich meine Zärtlichkeit für Adelaide aufforderte, und— ich war nicht immer zufrieden; manchmal ſtieg eine bange Ahnung für Adelaiden's Zukunft in mir auf! Graf Alarich war ein edler und kraftvoller Mann, aber von heftiger Gemüthsart, und hatte eine ſtarke Neigung zum Despotismus; er war mitunter argwöhniſch und dann oft unbillig. Er liebte Adelaide noch immer mehr ſtark und heftig, als zärtlich; denn ſo ſehr er Philoſoph war, ſo betete er doch ihre Schönheit an, und war zuweilen ein Sklave ihrer Macht. Er wollte überdieß Adelaide gar zu ausſchließlich für ſich allein haben; es gab Augenblicke, wo er Vater, Schweſtern und Freunden ihre Geſellſchaft und ihre freundlichen Blicke mißgönnte, ja, wo ſelbſt die Sonne ſie nicht ſehen ſollte. Klarich verlangte, ſie le⸗ wenn wir ausgingen, einen dichten, weißen Schleier tragen; er wollte ſie ganz nahe bei ſich haben, wie ein nur ihm allein bewußtes Geheimniß; 190 er hätte, glaube ich, gewünſcht, ihr Herz und ihre Per⸗ ſon unter Schloß und Riegel legen zu können. Dieſe Herrſchſucht gegenüber von Adelaide ſchien immer zuzu⸗ nehmen, und mit jedem Tage weilte ſein Blick drachen⸗ artiger auf ihr, mit jedem Tag zogen ſich ſeine Aug⸗ braunen heſtiger zuſammen, wenn er den jungen Otio auch nur von Weitem zu ſehen bekam, und mit jedem Tage wurde ſeine Laune ungleicher. Adelaide war die Einzige von uns, die es nicht merkte. Sie war zu ver⸗ liebt und zu flüchtigen Sinnes und überdieß noch nicht im Mindeſten von Alarich's despotiſcher Laune bezwun⸗ gen. Mit unbeſchreiblicher Weichheit beugte ſie ſich zu⸗ weilen unter ſeinen Willen oder ſeine Laune, und es ſchien ihr Vergnügen zu machen, ſich beherrſchen zu laſſen; aber ein andermal war ſie die Despotin, und mit einer bald tändelnden, bald trotzigen Anmuth ſträubte ſie ſich gegen ſein Verlangen und zwang ihn mit einer Art Zaubermacht, ihr zu gehorchen. Wenn Alarich ſeine böſen Stunden hatte, ſo mußte man dagegen auerken⸗ nen, daß er in ſeinen guten reichen Erſatz dafür bot⸗ Niemand konnte dann einnehmender ſein, als er; Niemand eine wohlthuendere Macht auf alle Gemüther ausüben. Es war in einer dieſer guten Stunden, als wir au einem ſchönen Abend zu Anfang Juni einen Spazier⸗ gang in die ſchöne Gegend hinaus machten. Adelaipe ging an Alarich's Arm. Er war mild und heiter, ſein Stimme war unbeſchreiblich lieblich, wenn er ſprach er betrachtete Adelaide mit inniger Liebe und genoß di⸗ herrliche Natur um uns her. Wir gingen in einen von Gießbächen durchſchnittenen Thale, die Luſt war warm, und mit innigem Wohlbehagen ſah man di⸗ kühlen, dunkelgrünen Wellen und hörte ihr Brauſen Adelaide nahm ihren Hut ab und ließ den aufſteigenden Silberſchaum der Wogen einen Augenblick ihr ſchönes Geſicht und ihr Haar beſpritzen. „Siehe, wie Du von Perlen umkränzt biſt!“ ſagte Edla, welche jetzt die ſchöne Schweſter mit neidloſen Entz Trau plötz floſſe wurd dieſe lichft und Alle Ende abge Adel geſta Der Frau rette und ſch einer welck Zim: Verz einer wagt droh nicht in d den für Eine durch durck zend dann Blic ſchri re Per⸗ Dieſe er zuzu⸗ drachen⸗ ne Aug⸗ en Otto it jedem war die zu ver⸗ och nicht bezwun⸗ e ſich zu⸗ und es rſchen zu tin, und ſträubte mit einer rich ſeine anerken⸗ afür bot. Niemand ausüben. ls wir an Spazier Adelaide iter, ſein er ſprach genoß die in einen Luſt war man die Brauſen. fſteigenden hr ſchönes iſt!“ ſagte neidloſem 191 Entzücken betrachtete.„Ich ſah Dich heute Nacht im Traum mit Perlen in den Haaren.“ „Perlen,“ ſagte Adelaide,„bedeuten Thränen!“ und plötzlich, wie von einer bangen Ahnung hervorgerufen, floſſen wirkliche Thränen über ihre Wangen. Alarich wurde unruhig, wir Alle ſammelten uns um ſie; in dieſem Augenblick ſchenkte ſie uns eines ihrer freund⸗ lichſten und holdſeligſten Lächeln, trocknete ihre Thränen und wir ſetzten unſere Wanderungen fort, waren aber Alle bedrückt, ohne recht zu wiſſen, warum. Gegen das Ende des Thals kamen wir an die Trümmer einiger abgebrannten Häuſer. Auf Alarich's Fragen erzählte Adelaide, vor etlichen Jahren ſei hier ein Bauernhof geſtanden. Das Feuer war bei Nacht ausgebrochen⸗ Der Mann war abweſend, und mit Mühe gelang es der Frau, ihre drei Kinder und ſich aus den Flammen zu retten. Einige Nachbarn, die dazu kamen, ſahen ſtumm und rathlos die Zerſtörung an. Als die junge Frau ſich wieder gefaßt hatte, blickte ſie um ſich und ſtieß einen Schreckensſchrei aus; ihres Mannes alte Mutter, welche lahm und geiſtesſchwach war, lag noch in einem Zimmer der brennenden Wohnung. Mit der Angſt der Verzweiflung flehte ſie die Umſtehenden an, die Arme einem ſo ſchrecklichen Tode zu entreißen, aber Niemand wagte ſich in das Haus, deſſen Dach jetzt einzuſtürzen drohte. Als ſie ſah, daß ihre Bitten bei den Männern nichts fruchteten, legte ſie ihr jüngſtes Kind, das ſie in den Armen hielt, auf den Boden, warf einen flehen⸗ den Blick zum Himmel empor, gleichſam als Fürbitte für das Kleine, und ſtürzte entſchloſſen in das Haus. Einen Augenblick darauf fiel das Dach ein. Ein durchdringender Schrei einer Menſchenſtimme brach ſich durch das Gekrach und Gepraſſel des zuſammenſtür⸗ zenden Hauſes Bahn: allein nur ein einziger Schrei, dann war es ſtill. Die Nachbarn ſahen mit ſtieren Blicken in die hochwirbelnden Flammen; die Kinder ſchrieen, aber keine Mutter kehrte aus den Flammen 192 zu ihnen zurück; man fand ihre Gebeine am nächſten Tag unter der Aſche. Dieſe von Adelaide ſo einfach, aber zugleich mit ſo lebendigem und wahrem Gefühl vorgetragene Erzählung machte einen traurigen, aber wohlthuenden Eindruck auf uns Alle. Es iſt ſo ſtärkend, ſo wohlthuend, für eine reine und kraftvolle That eine reine Bewunderung zu beſitzen. Alarich brach das Stillſchweigen durch eine Frage nach dem Namen des Weibes, allein Adelaide wußte ihn nicht, konnte ſich auch nicht erinnern, ihn je gehört zu haben, Eine Wolke lagerte ſich auf Edla's Stirne. „Dieſes Weib,“ ſagte ſie,„hat eine wirklich edle That ausgeführt und ſie iſt vergeſſen und man weiß ihren Namen nicht;— und ein Manu, der in ſeinem ganzen Leben keine einzige vollkommen reine und ſelbſtverläug⸗ nende That gethan hat, dagegen die zufällige Gabe des Genies erhalten hat, wird von ſeiner Mitwelt gefeiert, ſeine Werke und ſein Name leben von Jahrhunderten zu Jahrhunderten— und mit Recht, denn ihm hat das Glück verliehen, den Samen auszuſtreuen, der in der Unendlich⸗ Lieb ihre hätt Bre das nich Ind weri Geb lebet ewig geſſe beſu ſchre Eige habe könn keit Früchte tragen ſoll— aber dieß iſt ſein Glü ck, und dieſes wird mit dem Lorbeer gekrönt, während ihr Ver⸗ dienſt und ihr Herz von Aſche bedeckt ſind. Welch ein großer Unterſchied, welche merkwürdige Ungerechtigkeit im Leben dieſer beiden Menſchen und in der Wirkung ihrer Handlungen auf Erden!“ „Nicht ſo groß, als es auf den erſten Anblick viel⸗ leicht ſcheinen könnte,“ ſagte Graf Alarich,„und ohne Thaten der Art und in dem Geiſte, wie die ſo eben er⸗ zählte, hätte das Genie auf Erden wenig zu ſagen gehabt.“ „Wie meinſt Du das? fragte Adelaide aufmerkſam. „Daß der Genius der Liebe dem der Kunſt im Leben vorangeht. Es gibt Menſchen, welche ſchön handeln, und Andere, welche dieſe Handlungen beſingen und verewigen⸗ Ohne die tiefe, kraftvolle Liebe, welche macht, daß Ver⸗ wandte und Freunde mit Freuden für einander leiden und ſterben, ohne Handlungen, welche beweiſen, daß„die und chen es g wirk ſchen men nicht Stol nicht Mac Gut reich ten! ächſten mit ſo ählung uck auf e reine beſitzen. ge nach nnicht, haben, ich edle iß ihren ganzen eräg⸗ abe des gefeiert, erten ze is Glück chtigkeit Wirkung 193 Liebe ſtärker iſt, als der Tod,“ hätten Pinſel und Meiſel ihre Meiſterſtücke nicht hervorgebracht, kein Mittlerange hätte aus dem Geſange hervorgeblickt und die Muſik hätte Brett geſpielt. Der Liebe begeiſterter Blick iſt es, der das Wort auf die Feuerzunge der Kunſt legt; ſie kann nichts Schönes ausſprechen, ohne daß j es diktirt hat.“ „Aber die Ehre, aber der Ruf!“ ſante Edla.„Die Individuen, welche dem Geſange Stoff geben, ſterben und werden vergeſſen, wenn nicht irgend ein Zuall, ſei es nun Geburt oder Reichthum, ihr Namen der Nacht entreißt. — Die Thaten der Geringern ſterben mit ihnen oder leben bloß durch den Dichter, aber der Dichter ſelbſt lebt ewig auf Erden, ſein Name iſt unſterblich allda.“ „Selig ſind diejenigen, welche Gutes thun und ver⸗ geſſen werden— welche das Unſterbliche wirken und un⸗ beſungen ſterben!“ ſagte Graf Alarich mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck auf ſeinem ſchönen Geſichte;„kein Eigennutz, keine Eitelkeit hat ihr Herz befleckt— ſie haben die Tugend um der Tugend willen geübt, ſie können hoffen, rein befunden zu werden.“ Edla erröthete ziemlich verlegen; es that mir leid, und da ich glaubte, ſie habe in dem ſo eben ausgeſpro⸗ chenen Gefühl nicht ganz Unrecht gehabt, ſo ſuchte ich es gegen Alarich zu vertheidigen. „Ein ſchöner und ehrenvoller Name muß doch ein wirklich⸗es Gut ſein,“ ſagte ich,„und es kann dem Men⸗ ſchen nicht gleichgültig ſein, ob er von ſeinen Mit⸗ menſchen geprieſen wird oder nicht. Ja, es ſcheint mir nicht blos menſchlich, ſondern auch recht, einen edeln Stolz darüber zu empfinden. Ueberdieß iſt der gute Ruf nicht blos ein ſchöner Lorbeer; er iſt auch eine wirkliche Macht in der Hand des Befitzers, der unendlich viel Gutes damit ſtiften kann.“ „In ſo fern oder als Mittel, ſeine Abſichten zu er⸗ reichen, will ich den Ruhm als ein wirkliches Gut gel⸗ ten laſſen,“ ſagte Graf Alarich. er ſchwieg und eine Bremer, Töchter d. Praſibenten. 13 —— ——— 194 Art Byroniſches Lächeln ruhte auf ſeinen feinen Lippen, ſodann fuhr er mit mildem Ernſte fort: „Die Folgen, welche die Handlungen des Menſchen hervorbringen, liegen, was ihre Ausdehnungbetrifft, größ⸗ tentheils außerhalb ihres Berechnungsvermögens. Ein un⸗ bedeutendes Samenkorn kann zum großen Baume heran⸗ wachſen, ein loderndes Feuer zur Aſche zuſammenfallen. Ob die Siege des Helden mehr für das Wohl der Menſch⸗ heit gewirkt haben, als das ſtille Liebesleben eines unbe⸗ kannken Menſchen, das ſieht nur das allwiſſende Augeüber uns. Jeder thue das Gute auf ſeine Weiſe und in ſeinem Berdfe, und ſein Werk wird bleiben, ob es auch zu ver⸗ gehen ſcheint, und wird ſeiner Zeit Früchte tragen. Ein ehrenvoller Ruf, beſte Edla,“ fuhr er fort, indem er ſich mit einem vollen und herzlichen Blick gegen ſie wandte, „darf nicht mit Unſterblichkeit auf Erden verwechſelt wer⸗ den. Ein Name wird Jahrhunderte hindurch von Millio⸗ nen Zungen wiederholt— d. h. Ruf oder Ruhm. Das Gute, das Du gedacht und geübt, Dein Geiſt, welcher durch unzählige Generationen wirkt und ſich fortpflanzt, das iſt die wahre Unſterblichkeit auf Erden.“ Edla. „Wie lieblich ſind auf den Bergen die Füße ber Boten, die den Frieden verkündigen, Gutes predigen⸗ Heil verkündigen.“ Jeſaias 52, 7. Gegen Ende Juni reiste Graf Alarich auf ſein Gut, um daſelbſt die Vorbereitungen zum Empfang ſeiner Ge⸗ mahlin zu treffen. Die Trennung der Liebenden ſollte nicht länger als zwei Monate dauern, allein beim Ab⸗ ſchied hätte man glauben können, es gelte mehrere Jahre. Adelaide bemühte ſich vergebens, zu lächeln, die Thränen rollten über ihr ſchönes, jugendliches Geſicht, und Alarich vermochte ſich nicht von ihr loszureißen, bis ſie ſelbſt, bange ſchob, Hände wand fangn dann ſtellun hätten Hand geſchm Flüget Lied u V ihren laide, aber( unmut indeſſe einſan die vo zu beſ S freund dunkel klarer Bild Leben durch Hoffnt terer, Geſich auf de Sie m eine b Anſpr Kunſte bündie ße der digen, Gut, ſollte Ab⸗ ahre. änen arich elbſt, 195 bange über ſeine unruhige Heftigkeit, ihn ſanft von ſich ſchob, worauf er ſich, nachdem er noch einmal ihre kleinen Hände geküßt und an ſeine Bruſt gepreßt, entſchloſſen los⸗ wand und aus dem Zimmer ſtürzte. Ich konnte im An⸗ fang nicht umhin, mit Adelaide zu weinen, ſuchte ſie aber dann durch die Zubereitungen für ihre Hochzeit und Vor⸗ ſtellungen, was wir Alles noch zuzuſchneiden und zu nähen hätten, zu zerſtreuen. Bald war ihre geſchickte und fleißige Hand in voller Arbeit. Der Gedanke, vor Alarich ſchön geſchmückt und anmuthig zu erſcheinen, gab der Nähnadel Flügel, und ſie ſang während der Arbeit ein fröhliches Lied um's andere. Mit herzlichem Vergnügen betrachtete der Präſident ihren Fleiß und hörte ihren fröhlichen Geſängen zu.„Abe⸗ laide,“ ſagte er oft,„wird eine ächte, gute Hausfrau... aber Edla... die arme Edla!“ und er zuckte mit einer unmuthigen Grimaſſe die Achſeln. Die arme Edla theilte indeſſen ungeſtört ihre Zeit zwiſchen ihren Büchern und einſamen Wanderungen in's Freie hinaus, denn ſie hatte die vollſtändige Erlaubniß, ſich nach ihrem Geſchmack zu beſchäftigen. Habt ihr je an einem finſtern Tag geſehen, wie bei freundlichen Winden der Himmel ſich lichtet, wie durch die dunkeln Wolken das blaue Auge des Firmaments immer klarer und freier hervorblickt?— Dann habt ihr ein Bild deſſen geſehen, was mit Edla vorging. Ein neues Leben erwachte in ihr, wiederum und wiederum brach durch die Nacht eines langen Leidens ein Strahl ſchöner Hoffnung; ſie wurde mit jedem Tag freundlicher und hei⸗ terer, ja es gab Augenblicke, wo ihr ſonſt ſo häßliches Geſicht durch den Ausdruck von Ruhe und Klarheit, der auf demſelben weilte, wirklich etwas Angenehmes bekam. Sie miſchte ſich oft in's Geſpräch, und man hörte nie mehr eine bittere Bemerkung und ebenſo wenig ein Wort, das Anſpruch auf Gelehrſamkeit machte, keine Schul⸗ oder Kunſtausdrücke, dagegen manche, welche durch den klaren, bündig ausgeſprochenen Gedanken ein angenehmes Gefühl 13* ——— 196 bereiteten, manche, die auf höchſl intereſſante Gegenſtände führten. Sie gewährte mir das reinſte Vergnügen, und ich bemerkte oft mit inniger Freude, daß der Präſident, während er ſcheinbar eine Zeitung las, ſeine Ohren ſpitzte, um ihren Worten zu lauſchen, obgleich er ſich wohl hütete, dieß merken zu laſſen. Der Präſident hatte ſich, ſeit er Edla die Erlaubniß gegeben, ihren eigenen Weg zu gehen, beinahe noch kälter gegen ſie gezeigt, als vorher. Ihr dagegen ſah man es leicht an, daß die Nachgiebigkeit des Vaters ihm ihr Herz zugewandt hatte. Sie war auf die kleinſten Wünſche aufmerkſam; die Gerichte, die er liebte, kamen in ihrem Haushaltungsmonat oft auf den Tiſch und waren außer⸗ ordentlich gut zubereitet; ſein Thee war ſtark und er wußte im Anfang nicht recht, woher es kam— ja er begann vieß Alles auf meine Rechnung zu ſetzen und meinte hie und da eine gewiſſe Aehnlichkeit zwiſchen mir und der ſeligen Friederike zu finden, einmal in der Stimme, ein andermal im Geſchmack der Kleidung, mitunter auch im Proſil von der linken Seite geſehen.— Hätte ich nicht mit ſo vielem Eifer Eola's Verdienſte geltend gemacht und dadurch die Summe meiner eigenen verringert, ſo wer weiß, bis zu welchem Grade meine Aehnlichkeit mit der ſeli⸗ gen Präſidentin hätte ſteigen können?. wer weiß es noch jetzt? hm, hm! Der Präſident war um dieſe Zeit in großer Sorge wegen einer Reiſe, die er nach ſeinem Bergwerk an der Lappländiſchen Grenze unternehmen mußte, und von wel⸗ cher er erſt zu Adelaidens Hochzeit zurückkommen konnte Der Sommer war regneriſch und kalt, der Präſident hatte viel von ſeinen Rheumatismen zu leiden und— unter uns geſagt, meine Leſer— er war ſchon in ge⸗ ſunden Tagen etwas unbehülflich in der Selbſtverpfle⸗ gung, aber wenn er krank war, geradezu weichlich. Er bedurfte mehr, als irgenb ein Anderer, einer pflegenden Hand, die ihm für alle Bequemlichkeiten ſorgte. C denn! Zimm unden weiter aus h „klein in eit quält ſich g ſie n thun, wenic nicht auch die ſe c welch zugen in de Allei und! ietzt mein nahn Edla ſagte mich keit, bei nnte. ſident d— n ge⸗ rpfle⸗ Er enden 197 Eines Abends waren wir um das Feuer verſammelt, denn die Witterung war ſo kalt, daß man beinahe in allen Zimmern heizen mußte. Ich ſaß ganz nahe am Kamin und wärmte meine erfrornen Füße, Edla ſervirte etwas weiter hinweg im Zimmer den Thee und vom Vorgemach aus hörten wir Adelaide, die ihre Schweſterchen den „kleinen Köhlerknaben“ ſingen lehrte. Der Präſident ſaß in einem Lehnſtuhl, gerade dem Feuer gegenüber, und quälte ſich über ſeine Reiſe, die am nächſten Tage vor ſich gehen ſollte. „Wäre Adelaide nicht verlobt, ſagte er,„und hätte ſie nicht mit ihrem Brautſchmuck alle Hände voll zu thun, ſo würde ich ſie mit mir nehmen, dann wüßte ich wenigſtens, daß ich gut verpflegt würde. Aber jetzt iſt nicht daran zu denken. Die Haushaltung hier muß auch beſorgt werden, und wer ſoll das thun? Wenn die ſelige Friederike noch lebte... Ich ſaß ihm gerade mit der Seite meines Profils, welche Aehnlichkeit mit der ſeligen Präſidentin hatte, zugewandt und war begierig, ob dieſe Aehnlichkeit nicht in der Stunde des Kummers noch auffallender werde. Allein der Präſident ſchwieg; er ſah gerade in's Feuer und biß auf ſeinen Siegelring. „Wenn ich dürfte wenn ich könnte...“ ſagte jetzt Edla mit einer ſo ſchwachen und zitternden Stimme, daß ſie kaum gehört wurde. Mein Genius gab mir ein, im nächſten Zimmer meinen Strickſtrumpf zu ſuchen, und von da aus ver⸗ nahm ich folgendes Geſpräch: „Was ſagſt Du?“ war des Präſidenten Frage auf Edla's ſtammelndes Anerbieten. „Wenn ich Ihnen nützlich werden könnte, Papa,“ ſagte ſie beſtimmter, indem ſie ſich näherte,„ſo würde mich das glücklich machen.“ „Du?“ erwiederte der Präſident nicht ohne Bitter⸗ keit,„Du haſt wichtigere Dinge zu thun. bleib Du bei Deinen Studien, Deinen Büchern, Deinem Plato.“ 198 Edla war verletzt und machte eine rückgängige Be⸗ wegung, überwand ſich aber, trat näher und bat mit thränenvollen Augen: „Laſſen Sie mich Sie begleiten, laſſen Sie mich Sie verpflegen, Papa!.. zu dieſem Behuf verlaſſe ich Alles gern...“ „Ich fordere,“ ſagte der Präſident kalt,„keine ſo großen Opfer von meinen Kindern; ich verlange nicht, daß ſie ſich um meines Wohlbehagens willen ihre Freu⸗ den verſagen. Ich habe es vielleicht früher gethan, allein ich habe mein Unrecht eingeſehen. Bleib Du bei Deinen Büchern, Edla.“ Dieſer Augenblick war entſcheidend; ich zitterte vor Angſt, Edla möchte ſich durch ihr verletztes Gefühl ver⸗ hindern laſſen, einen neuen Verſuch zum Herzen des Präſidenten zu machen; ich fürchtete, dieſer Augenblick möchte Vater und Tochter auf immer von einander tren⸗ lehrten? und wenn die Güte, welche Sie gegen mich ge⸗ habt haben, mir dieſe Pflicht theurer machte, als alles Andere?.. ſie hielt ein wenig ein. Der Präſident ſagte nichts.„Ich werde nicht mehr bitten,“ fuhr ſie fort,„ich werde nicht zudringlich ſein: Sie lieben mich nicht, Papa — und ich weiß, ich bin nicht gut geweſen— ich habe nicht verdient, geliebt zu werden, aber ich möchte es wo möglich gut machen.. ſie ſchwieg auf's Neue. „Der Fehler iſt wohl gegenſeitig geweſen, Edla!“ ſagte der Präſident mit falter Freundlichkeit.„Ich habe kein Recht, Liebe von Dir zu erwarten, nachdem ich Dich nicht glücklich gemacht habe, und es wäre Egois⸗ mus, wenn ich das annehmen wollte, was Dir Dein Pflichtgefühl gebietet.“ „O, das iſt hart! ſehr hart!“ ſagte Edla mit tiefem Schmerz, aber ohne Bitterkeit; ſie zog ſich zurück und wollte das Zimmer verlaſſen. „Edla!“ rief der Präſident ſchnell, indem er ſich nen. Aber Eola zog ſich ein wenig zurück und ſagte mild: „Und wenn gerade meine Buͤcher mich meine Pflicht umwe mein den i nen cher mit Dein men! mein des ſtim ter Ve fül n des nblick tren⸗ iefem k und r ſich 199 umwandte und ihr ſeine Arme entgegenſtreckte—„Edla, mein Kind! komm an mein Herz!“ Große Thränen ſtan⸗ den in ſeinen Augen. Edla warf ſich weinend zu ſei⸗ nen Füßen und an ſeine Bruſt. Eine ſtumme, lange, herzliche Umarmung, zu wel⸗ cher die Engel lächelten. „Verzeih, mein Kind, verzeih!“ ſagte der Präfident mit gebrochener Stimme,—„ich wollte Dich prüfenz... Deine Sanftmuth entzückt mich!... wir reiſen zuſam⸗ men!.. Gott ſegne Dich, mein Kind! Dieß hat zu meinem Glücke noch geſehlt.“ Edla ließ ihren Kopf an des Vaters Schultern ruhen. Ihre Thränen ſtrömten. Sanft und melodiſch erhob ſich Adelaidens Silber⸗ ſtimme im nächſten Zimmer. Sie ſang zur Cither: Selig ſind die, welche weinen Stille an verſöhnter Bruſt, Deren Herzen ſanft vereinen Worte füßer Liebesluſt. Selig, wenn die Freundſchaftsſonne, Die verhüllt war, wieder ſcheint, Wenn an's Herz Dir, voller Wonne, Sinket der verſöhnte Feind. Allen Zweifeln laßt uns wehren, Unſte Seelen ſind geſund, Und der Liebe heilige Zähren Weihn auf's Neue unſern Bund. Es war das erſte Mal, daß Edla an der Bruſt eines Freundes geweint hatte, und dieſer Freund war ihr Va⸗ ſer; zum erſten Mal empfand ſie jetzt das Liebliche des Verhältniſſes zwiſchen Eltern und Kindern. Ihr Ge⸗ fühl war ubervoll, aber ihre Beſcheidenheit und ihre Gewohnheit, ſich zu beherrſchen, machten, daß ſie ſich 200 nach den erſten Augenblicken des Entzuckens bald wieber faßte; ſie umarmie ihren Vater noch einmal dankbar und verließ das Zimmer. Der Präſident war jetzt tief gerührt und zugleich herzlich froh; er ſprach an dieſem Abend nicht viel vvn der ſeligen Friederike und ihren Principien, um ſo mehr aber von den ſeinigen, die er mit den meinigen ver⸗ wechſelt hatte, denn er gab ſich jetzt allen Ernſtes Mühe, mir das zu beweiſen, was ich ihm kurz vorher zu be⸗ weiſen gefucht hatte. Viel und mit väterlicher Zärtlich⸗ keit ſprach er auch von Edla und ihrer Zukunft. „Gott weiß,“ ſagte er endlich,„wie es mit meiner Pflege auf der Reiſe ausſehen wird! Die gelehrten Frauenzimmer verſtehen ſich in der Regel nicht viel auf kleine irdiſche Obliegenheiten und Sorgen, uud Edla hat ohnehin wenig Talent zu ſolchen Sachen. Allein es mag gehen, wie es will, ich danke Golt für das, was heute Abend vorgefallen iſt. Ich hätte Edla nicht ſo viel zartes Gefühl zugetraut. Sie ſoll nie mehr ein böſes Wort von mir hören.“ Mittlerweile half Adelaide der Schweſter ihre Sa⸗ chen einpacken, ſich zur Reiſe rüſten, und Alles über⸗ denken, was zur Bequemlichkeit und Freude ihres Vaters beitragen konnte. Die Kleinen halfen gleichfalls mit großer Freude einpacken. Selbſt die Dienerſchaft ſchien zu merken, daß irgend etwas Gutes und Freudiges ſich ereignet hatte; ſie ſahen Alle vergnügt aus und waren noch bereitwilliger als gewöhnlich. Es iſt ein herrlicher Anblick, wie überall in einem guten Hauſe und unter guten Herren die Dienenden ſowohl Freude als Leid der Erſteren theilen, wie Alles eins iſt, ein Haus und eine Familie. Spät am Abend, als Adelaide bereits zu Bette gegangen war, kam Edla und ſetzte ſich neben ſie. „Schläfſt Du, Adelaide?“ fragte ſie leiſe. „Nein,“ antwortete dieſe, ſtreckte die Hand aus und legte ſie auf der Schweſter Schooß. Edla nahm die ſchw dem gege nie nicht wert und Arm o, ic keit biſt die keit, mit ulla könn es i zitte mein dem küßte dem Prä hera Laut lon hina daß wieder ankbar gleich n mehr ver⸗ Mühe, be⸗ reiner ehrten auf la hat in es was cht ſo r ein Sa⸗ über⸗ aters 201 ſchwanenweiße Hand und führte ſie an ihre Lippen, in⸗ dem ſie mit weicher Stimme ſagte: „Adelaibe, verzeih mir alle meine Unfreundlichkeit gegen Dich⸗“ „Sprich nicht ſo,“ bat Adelaide;—„Du warſt nie unfreundlich gegen mich, Edla;— Du warſt nur nicht glücklich.“ „Nein, das war ich nicht;— aber ich werde es werden, Adelaide, denn ich werde von Dir lernen, gut und mild zu ſein.“ „Meine liebe Edla,“ rief Adelaide, indem ſie beide Arme um ihren Hals legte,„ich bin nicht die Gute;— o, ich habe ſo viele Fehler!“ „Höre, Adelaide,“ ſagte Edla mit feierlicher Innig⸗ keit—„mache Alarich glücklich! ſei ſeiner würdig. Du biſt ein guter Engel; bleibe es— aber dieſe Fehler, die Du meinſt, Dein Leichtſinn, Deine Unbedachtſam⸗ keit, lege ſie ab um Alarich's willen.“ „Ja, das will ich, das werde ich,“ ſagte Adelaide mit thränenvollen Augen. „Geh während ſeiner Abweſenheit nicht zu Tante ulla,“ fuhr Edla fort:„ſieh Otto nicht oft— es könnte Alarich ſtören. Mache ihn glücklich, Adelaide; es iſt der beſte, der edelſte Menſch“— und ihre Stimme zitterte—„und nun— Gott ſegne Dich, meine liebe, meine gute, meine glückliche Schweer, e ſie, in⸗ dem ſie auſſtand, ſich über Adelaid te und ſie küßte.„Goit ſegne Dich!“ und ſie eilte hinaus mit dem Tuch vor den Augen. Am andern Tage erhob ſich die Sonne und der Präſident, beide klar und freudig. Die Wolken, welche heraufzuziehen drohten, wurden von dem Weſtwind: gute Laune, weggeblaſen— beim Frühſtück war das Bouil⸗ lon verſalzen, aber der Präſident ſchluckte es ſchweigend hinab, und als Edla ihren Verdruß darüber äußerte, daß ihr Vater eine verſalzene Suppe eſſen ſolle, ſagte er: „Eine recht gute, recht kräftige Suppe, mein Kind 202 — vielleicht ein wenig zu geſalzen, aber das iſt magen⸗ ſtärkend; ich glaube, es wird wir recht wohl bekommen.“ Des Präſidenten Güte ließ Edla die Suppe noch ſalziger ſchmecken, und ich bin überzeugt, daß Marie eine ernſte Mahnung erhielt, ein andermal beſſer Acht zu geben. Gleich nach dem Frühſtück reiste der Präſident mit ſeiner Tochter, in der beſten Laune von der Welt, ab. Er hatte mir an dieſem Morgen eine bedeutende Summe eingehändigt, zum Auffauf von Büchern für Edla, ſowie zur Aufſtellung einer Bibliothek in ihrem Zimmer, bis ſie zurückkäme. Ich machte mir kein Gewiſſen daraus, Edla, die mich mit Thränen der Freude und Dankbar⸗ keit anhörte, Etwas von der Ueberraſchung zuzuflüſtern. Als ich nach der Abreiſe des Präſidenten wieder auf mein Zimmer kam, fand ich auf dem Toilettentiſche ein verſiegeltes Paket mit der Adreſſe an mich von Edla's Hand. Ich erbrach es und las folgende Worte an mich, die auf einem loſen Blatte ſtanden: „Ich habe Dir Unruhe bereitet, ich möchte Dir auch Freude machen können. Sieh in meiner Seele die Gedanken, die ſeit einiger Zeit darin klar zu wer⸗ den begonnen haben. Ich weiß, dieß wird der beſte Dank ſein für alle Deine Sorgen.“ Das Paket enthielt einige Blätter, worauf Edla ihre Gefühle und Gedanken verzeichnet hatte. Sie hat⸗ ten verſchiedene Data's, aus welchen man die fortſchrei⸗ tende Entwicklung ihrer Seele erſehen konnte. Ich werde hier einige dieſer Gedankenbilder vorlegen. Ich muß mich vollkommen und gänzlich vom Weli⸗ leben trennen, nicht im Aeußern, ſondern im Innern. Es iſt hart, es iſt unbeſchreiblich hart, das Gnadenbrod der Weli zu eſſen. Ich bin ſtolz genug, lieber ohne das⸗ ſelbe verhungern zu wollen, als darum zu betteln; aber ich ſollte ſeiner nicht einmal bedürfen, ſollte gar nicht hun den, Fäh geſe auf rich ſchä den woh ſcha Rul ſchi nich Gli hätt fren Die Ich und und mor ſein füh bra und von unt gen und nagen⸗ imen.“ e noch Marie r Acht nt mit lt, ab. umme ſowie r, bis araus, nkbar⸗ üſtern. wieder tiſche von Worte te Dir Seele u wer⸗ r beſte f Edla ie hat⸗ tſchrei⸗ Ich . Welt⸗ nnern. enbr ne das⸗ z aber rnicht 203 hungrig darnach ſein. Ich muß ein anderes Brod fin⸗ den, ich muß mir ſelbſt genug werden. Sich ſelbſt kennen, ſeine natürlichen Anlagen, ſeine Fähigkeiten— wiſſen, was man will, daſſelbe(voraus⸗ geſetzt, daß es etwas Gutes iſt) beharrlich wollen und auf die Erreichung ſeines Zweckes ſein ganzes Streben richten, täglich und ſtündlich ſeine Zeit und ſeine Be⸗ ſchäftigung darauf verwenden: dieß ſind Bedingungen für den Genuß ſeiner ſelbſt und der Gaben des Lebens, ja wohl oft auch für die Erwerbung der Achtung und Freund⸗ ſchaft der Menſchen, dieß iſt die Bedingung, ſie auch mit Ruhe entbehren zu können, wenn ein unfreundliches Ge⸗ ſchick ſie uns vorenthält. Ich habe früher nicht ſo gedacht, nicht ſo gefühlt. Ich hielt es für das größte und einzige Glück, zu gefallen, bewundert, geliebt zu werden. Gerne hätte ich dieſes Loos auf Koſten der eigenen Tugend und fremden Glückes erkauft. Jetzt wünſche ich es nicht mehr. Dieſe Zeit iſt vorbei; Gott fei Dank, auf immer vorbei. Ich verlange jetzt nicht mehr vor Allem den Beifall und die Liebe meiner Mitmenſchen, ich will Klarheit und Gewißheit in meinem eigenen Geiſte, will Har⸗ monte in mir ſelbſt haben— Frieden mit Gott, mit ſeiner Stimme in mir, mit meinem ewigen Genius. Ich ahne ſie mehr, als ich ſie bis jetzt vollkommen fühle, die Glückſeligkeit des Zuſtandes, wo man die„Welt braucht, als brauchte man ſie nicht,“ wo man die Welt und die Menſchen geduldig und leicht erträgt und ſich von ihnen wegwendet in ſeine Einſamkeit, in ſein ſtilles Zimmer, in ſein eigen Herz, und ſich ungeſtört findet und fortfährt, in Frieden und Klarheit dem einmal ein⸗ genommenen Lebensplane gemäß in ſeinem eigenen Geiſte zu arbeiten. Iſt das nicht ein Zuſtand wahrer Freiheit und Seligkeit ſchon auf Erden? O gebe Gott, gebe 204 Gott, ich könnte ihn erlangen! Gebe Gott, jedes Weſen 3 in meiner Lage könnte dieſen ſtillen und ſichern Hafen erreichen. Ich werde wenigſtens nicht ablaſſen, zu hoffen, zu beten und zu arbeiten. Wäre ich nur gut— wäre ich nur recht gut, ſo würde Alles leichter ſein und ich glücklicher. Warum iſt Adelaide ſo glücklich? Nicht bloß, weil ſie ſo ſchön, ſo geliebt iſt, ſondern hauptſächlich deßwegen, weil ſie ſo D gut iſt. Sie hat Frieden in ihrem Herzen, Frieden mit u der ganzen Welt, ſie weiß nicht, was Bitterkeit, was 3 Groll, was Murren iſt. Wäre ich nur gut! mein Gott, läſſ mache mich gut! Viß geri Reſignation! o wer dein ſtilles und ſtärkendes Leben hi 3 vollkommen zu faſſen vermöchte! Refignation, d. h. erge⸗ lebe bungsvolle Entſagung. Iſt es nicht beinahe allen Men⸗ der ſchen auferlegt, Etwas zu entſagen, wenn ſie Etwas ge⸗ winnen wollen?(Aber Einige ſcheinen durchaus zum Entſagen beſtimmt zu ſein.) Entſagen iſt das Geſetz, Ergebung iſt das Evangelium. Das Letztere macht das Erſtere leicht, mitunter angenehm. Die reine Reſignation erhöht und verklärt das Leben. Du Engel, deſſen Flügel ich ſchon an meinem Kreuze flattern ſehe, lehre mich beten: Mein Gott, Dein Wille geſchehe! O es iſt doch ſchön, zu leben, geſchaffen zu ſein, wenn auch bloß, um in die Schöpfung Gottes hinaus⸗ 0 zublicken, um darüber nachzudenken. Und wenn die Gedanken klarer werden, wenn ſie ſich harmoniſch mit einander verketten, dann fangen ſie an, zu ſtrahlen, dann beleben ſie das Herz und beleuch⸗ ten den Weg. h erge⸗ Men⸗ as ge⸗ is zum Geſetz, cht das natin Flügel e mich u ſein, inaus⸗ nn ſie gen ſie eleuch⸗ ß Leben 205 Es iſt gut, von den großen Herzen zu leſen, welche für ewige Wahrheiten geſchlagen, geblutet haben. Man fühlt ſich neben dieſen Oceanen von Kraft und Liebe als ein Tropfen, ein kleiner Tropfen. Es iſt gut, ſich demüthig zu fühlen. Wenn der Tropfen leidet, was macht dieß für das große Ganze aus? Nationen verbluten, Helden⸗ leben ſchwinden in Feſſeln dahin;— Tropfen, klage nicht! ODu großer und guter Ordner des Lebens, Du ewiger, Du nothwendiger Wille, der Du die Welt der Zufällig⸗ keiten beherrſcheſt, und früher oder ſpäter das Unebne ebneſt, der Du das Geſetz Deiner ewigen Güte wirken läſſeſt und jeder Tugend ihren Tempel, jeder Kraft ihr Scepter gibſt, auf Dich find unabläſſig meine Gedanken gerichtet, wenn ich in das Leben und ſeine Umwälzungen hineinſchauen will. MagAlles vor meinen Blicken ſich ver⸗ wirren, mag ich ſchwindelnd in dem wirbelnden Strom der Begebenheiten unterſinken— Dich halte ich feſt. Man hat mir geſagt: bete Gott in der Natur an! Ich ſuchte ihn dort, den Allweiſen, den Allgütigen— allein ich fand ihn nicht. Ich ſuchte ihn im Leben des Menſchen, und fragte troſtlos: wo iſt mein Gott? Ich ſuchte ihn in der Verſöhnungslehre— da habe ich ihn gefunden, und jetzt erſt verſtehe ich ſein Wort im Leben der Natur und des Menſchen. Sonne und Blume, Güte und Geiſt, ihr Strahlen ſeines Lebens, aus vollem Herzen kann ich euch jetzt lieben und bewundern! Bewunderung— reiche Quelle des Genuſſes! warum biſt Du nicht mehr geſucht? Deine reine Ader wird nie den Dürſtenden verſiegen; heute auf der kleinen Erde kann er ſich an Dir erlaben; nach tauſend und aber tauſend Jahren in einer höhern Entwicklung der unendlichen 206 Schöpfung Gottes werde ich Dich ebenſo jung und ebenſo friſch trinken. Glücklich, wer bei Zeiten das Bewundernswürdige bewundern lernt. Meine Gedanken klären ſich auf eine Art auf, die mir große Freude macht. Begriffe und Dinge entwir⸗ ren und ordnen ſich. Mangel an Unterſcheidungskraft iſt es wohl, was die Unklarheit und Schiefheit verſchuldet, die man im Leben der Menſchen ſieht und in ihren Urtheilen hört. Die Erziehung ſollte den Menſchen zu eigener Unterſcheidungs⸗ kraft heranbilden. Man lernt die Dinge nicht betrachten und unterſcheiden, ohne daß man zugleich ſich ſelbſt be⸗ trachten und beurtheilen lernt. So manches verunglückte Menſchenleben, ſo manche Karrikatur von einem Menſchen kommt wohl daher, daß man ſeinen Genius nicht kennen gelernt hat, den ewigen Gedanken des Schöpfers, den man im Leben auszuſprechen berufen iſt, und der des Menſchen wirkliches Ich iſt. Man verſteht ſich ſelbſt nicht, man ſchwebt in fremde Sphären hinüber, man ahmt Andere nach und vergißt, ſich ſelbſt gleich zu bleiben, man ver⸗ liert ſeine eigene Kraft, ſeine ächte Originalität. Welches verfehlte Weſen müßte nicht das ſein, das Adelaide nach⸗ ahmen, wie gänzlich müßte Derjenige ſeinen Zweck ver⸗ fehlen, der ohne Kopf philoſophiren wollte! Jeder ver⸗ bleibe in ſeiner Wahrheit. Jede Wahrheit hat eine Lüge zum Schweigen zu bringen. Und wie?— Genuß, Freude— ſie ſind mir alſo keine fremden Namen mehr? Wie ſchnell ſchwindet nicht der Tag dahin, wie friſch iſt nicht Abends das Gemüth, wie froh der Gedanke, daß ich heute reicher bin, als geſtern, wie leicht der Blick auf den morgigen Tag! O dieſe friedlichen Eroberungen in der Welt des Ge⸗ dankens, wie ſegensreich ſind ſie nicht! der fortf über der Dick Dei nnd glat mei den mic Fre 207 Ich fühle, daß ich mich auf dem Wege befinde, das der mit meinen Naturanlagen und meinen Neigungen in Harmonie ſteht. Ich fühle, daß ich mit jedem Tage fortſchreite: dieß macht mich glücklich. Ich werde klarer über mich ſelbſt und über Andere: das macht mich mil⸗ f die der und beſſer. O mein Vater! Du liebſt mich alſo! Ich werde Leben Dich glücklich machen, mein Vater. Geſegnet ſeien Die Deine Thränen, geſegnet ſei dieſer Tag! Ja mein Gott— ja meine guten, leidenden Freunde achten nnd Du ungekannter und verklärter Wohlthäter— ich bſt be⸗ glaube es jetzt, ich fühle es an der Ruhe und Kraft in glückte meiner Bruſt— ich werde gut, ich werde glücklich wer⸗ den und ſicherlich noch Gott danken für die Leiden, die kennen mich auf meinen rechten Weg und zu meiner rechten en man Freude geführt haben. enſchen 8 t, man So Edla; ſo wohl noch mancher, den in jungen Jah⸗ Andere ren Widerwärtigkeiten und Leiden getroffen haben. Sein an ver⸗ Zuſtand glich dem Tode, und ſiehe!— es war nur eine Welches Prüfung, eine Berufung zu höherem Leben. Ich hatte e nach⸗ die Feder ergriffen, um einige Schreibfehler in Edla's eck ver⸗ Zeilen zu berichtigen, einige verſäumte Punkte auf ä und i er ver⸗ zu ſetzen, da und dort einen vergeſſenen Strich durch eint at eine zu ziehen, dann aber ließ ich den Gänſekiel ſich in folgen⸗ den poetiſchen Zeilen ergehen, welche meine Betrachtungen über Edla und viele ihrer Mitſchweſtern hervorgerufen: Dier Schnreflockt im Frühling oder die Zugendſorgen. emüth, Ein Mittag kam ſo trüb und blaß, n, als Der Sturmwind her von Norden blies, Tag! Der Himmel war ſo ſchwer von Eis, es Ge⸗ Und eine Flocke kalt und weiß, Zur Erde niederfallen ließ. ————————————— Da brach hervor der Sonne Strahl, Und band des Eiſes Feſſel los, Die Flocke glänzt ſo perlengleich Und blickt zum Himmel ſehnſuchtsweich, Dann ſinkt ſte in der Erde Schooß. Durch Himmelsthränen aus dem Schlaf Geweckt, ein Samen ſchoß empor, Und Blatt und Stängel ſproßten fein. Draus ſtieg bei eines Morgens Schein Die ſchönſte Blumenknoſp' hervor. Der ungebetene Gaſt. Mabame will heute groß auftreten, Die Gäſte werden durch Karten gebeten. Frau Lenngren. Bald nach der Abreiſe des Präſidenten zog Gräſin Auguſte zu uns heraus. Sie wollte, wie ſie ſagte, Ade⸗ laiden ihre Ausſteuer machen helfen. Ich war nicht hoch erfreut darüber, denn ich hätte ſehr gerne dieſe Zeit allein mit meiner geliebten Adelaide und meinen Kleinen zuge⸗ bracht. Indeß machte ſich Gräfin Auguſte ſo heiter, ſo freundlich und fleißig, daß ich mich allmählig recht wohl in ihrer Geſellſchaft befand. Sie heſaß Kenntniſſe, ſie ſprach nicht viel, wußte jedoch über viele Gegenſtände ſehr intereſſant zu reden, und bei ſolchen Fähigkeiten müßte es ſehr ſchlimm zugehen, wenn man ſich nicht in die Länge Werthſchätzung und Beliebtheit erwerben könnte. Seit Graf Alarich fort war, ließen ſich die Baronin und der junge Otto öfter ſehen; Adelaide war immer freundlich gegen ſie und vergnügt, wenn ſie kamen. Sie war ihnen in der Seele gut und hatte überhaupt ein ſo liebevolles Herz, daß Alle, die ihr einige Zärtlichkeit bewieſen, ihr theuer wurden. ſeh re daf eten. Gräfin „ Ade⸗ t hoch allein zuge⸗ ter, ſo twohl ſſe, ſie ſtände gkeiten icht in önnte. aronin immer Sie pt ein ichkeit 209 Unſer Leben floß in dieſen paar Monaten angenehm, aber ſo einfoͤrmig dahin, daß ich, um einen kurzen Be⸗ richt darüber zu geben, nichts Beſſeres zu thun weiß, als ich benütze das Modell, das ich im Tagbuche eines gewiſſen jungen Frauenzimmers gefunden habe: Den 1. Juli. Promenade, Lectüre, Arbeit, Unterhaltung. dito dito dito dito 2 dito dito dito dito dito dito dito dito 3 dito dito dito dito 6 dito dito dito dito dito dito Der Pfarrer auf Beſuch u. ſ. w. von Woche zu Woche. Aber es lebe die fröhliche Einförmigkeit! Sie macht die Tage ſchnell dahinſchwin⸗ den und erhält Leib und Seele bei Muth und Kraft. Unvermuthet nahte die Zeit zu Graf Alarich's Rück⸗ kehr heran. Abelaide ſah derſelben mit dem innigſten Ent⸗ zücken entgegen, und manchmal den Tag über ſtreckte ſie ihre Arme aus, als wollte ſie ihn empfangen, und nannte ſeinen Namen in den lieblichſten, herrlichſten Tönen. Auch ein anderer Tag nahte heran, nämlich der Geburtstag Sr. Excellenz G., und die Baronin, ſowie Otto, beſtürmten Adelaide mit Bitten, ſie möchte eine Rolle in einem kleinen Stück übernehmen, das an dieſem merkwürdigen Tag aufgeführt werden ſoilte, Sr. Ercel⸗ lenz zur Ueberraſchung und der ganzen Nachbarſchaft nah und fern zur Erbauung und Verwunderung. Ich rieth Adelaide ab, denn ich fürchtete, Alarich möchte die Sache ſehr übel nehmen; allein Adelaide meinte, es wäre im höchſten Grade unfreundlich, ja geradezu unmöglich, nein zu ſagen. Sie ſagte: Ich habe ihnen ſo vielen Kummer emacht, wie kann ich mich weigern, ihnen eine kleine Freube zu machen, zumal wenn es ſoleicht geſchehen kann! Sie war überdieß ſo feſt überzeugt, Alarich bald wieder gut und mit Allem zufrieden machen zu können, daß ich endlich ſchwieg; aber mit wahrer Herzensangſt Bremer, Töchter d. Präſidenten. 14 2¹0 ſah ich ſie von der triumphirenden Baronin fortführen. Die unglücklichen Kleinen hatten den Einfall gehabt, ſich das Wechſelfieber zuzuziehen, und dadurch wurde ich ver⸗ hindert, Adelaide zu begleiten und zu überwachen. Gräfin Auguſte blieb bei mir zurück, um mir, wie ſie ſagte, bei der Pflege der Patienten behülflich zu ſein. Ich wußte nie recht, ob ich ihr trauen könne oder nicht. Graf Alarich hatte ſeine Ankunft auf die letzten Tage des Auguſt feſtgeſetzt, ſomit noch anderthalb Wochen nach dem Tage, wo Adelaide uns von der Baronin entführt wurde. Das Stück, das aufgeführt werden ſollte, hieß „Der ungebetene Gaſt.“ Se. Ercellenz, den man, ſo wie etwa ſebzig gebetene Gäſte, damit überraſchen wollte, war ſo artig, ſich für alles Nageln und Hämmern im Hauſe, wo das Theater aufgeſchlagen wurde, gänzlich taub, und für Alles, was um ihn herum vorging, ge⸗ radezu blind zu ſtellen; er ſchien nicht die mindeſte Ah⸗ nung zu haben, daß etwas Ungewöhnliches um den Weg ſei; ja er war ſo fein und ſo liebenswürdig, daß er, als man ihm im Intereſſe des Stücks heimlich ſeinen Commenthurſtern und ſeinen Schlafrock wegnahm, ſei⸗ ner Familie erzählte, er müſſe dieſe Sachen verloren haben. Während Alles um ihn herum arbeitete, ihn zu überraſchen, amüſirte er ſich ſeinerſeits damit, in einem kleinen, erlenbeſchatteten Fluſſe die Barſchen zu über⸗ raſchen, indem er die armen Kleinen mit ſeiner Zau⸗ berruthe vom Waſſer heraus ſchnell auf's trockene Land verſetzte. Die Baronin war die glücklichſte und beſchäftigtſte Frau von der Welt; ſie brachte Alles in Ordnung. Spie⸗ gel und Couliſſen, Toilette und Beleuchtung, und machte unaufhörlich die Mittlerin zwiſchen den ſtreitenden Schau⸗ ſpielern, was keineswegs leicht war; denn da unter lau⸗ ter Freunden und Bekannten jeder ſich eine Rolle aus⸗ wählte, die ihm am meiſten zuſagte, ſo kam es mitunter vor, daß eine Tochter im Stücke fünf Mütter bekommen ſollte, und zuweilen gab es acht Töchter und keine Mutter. r Zau⸗ te Land ftigtſte Spie⸗ machte Schau⸗ er lau⸗ le aus⸗ itunter ommen Rutter. 211 Ihro Gnaden wurden Kammerjungfer und die Kammer⸗ jungfer wurden Ihro Gnaden u. ſ. w. Otto hielt uner⸗ ſchülterlich an ſeiner Liebhaberrolle feſt, allein es wurde ihm entſetzlich ſchwer, ſie auswendig zu lernen. Morgens, Mittags und Abends hörte man ihn ſie herſagen, aber jeden Morgen mußte er nach den Worten:„O Himmel, was ſehe ich!“ eine Pauſe machen, um im Buche nachzuſehen, was er ſehe, und jeden Abend kam er, wenn er in der Liebes⸗ erklärung mit vieler Wärme gerufin hatte:„Göttliche Julie, o bleibe, höre mich!“ förmlich aus dem Concept. Gleichwohl war er ſo unermüdlich gutes Muthes und gu⸗ ter Laune, ſo eifrig und dabei ſo eigenſinnig, daß Niemand daran dachte, ihm ſeine Rolle ſtreitig zu machen. Die un⸗ vorſichtige Adelaide ließ ſich, wiewohl nach langem Wei⸗ gern, überreden, die Rolle der Liebhaberin zu übernehmen, ſie hörte Otto über die ſeinige ab und lachte herzlich mit ihm über ſeine Vergeßlichkeit und Ungeſchicklichkeit. Und der große Tag kam. Die Schauſpieler wurden angekleidet, die Gäſte verſammelt, die Lichter angezündet, das Orcheſter ſpielte eine Quvertüre von Roſſini, der Vor⸗ hang ging in die Höhe, Se. Ercellenz ſagte:„Ah!“ Wer war ſchön, wer eine liebenswürdige Liebhaberin, wer entzückte Aller Augen und Herzen, wer anders, als Adelaide? Wer war entzückt und wer kam aus dem Concept als Otto? Wer half ihm, wer war, obgleich verborgen und vergeſſen, wie ſo oft, von großem Werthe, als der Souffleur? Wir haben die Bahn betreten, fragend zu erzählen, wir wollen auf derſelben fortfahren. Wer iſt der Mann mit den bleichen, ſtrengen Zügen, der ſich ſtill unter die Zuſchauer ſchleicht, ſich ganz hinten im Saale verbirgt und ſein düſteres Auge nicht abwendet von der in Jugend und Schönheit ſtrahlenden Adelaide? Was macht es, daß Adelaiden's Spiel auf einmal unſicher wird, daß ihr Auge unruhig forſchend unter den Zu⸗ ſchauern umherſchweift, als wäre dort irgend eine Er⸗ ſcheinung vorbeigeſchwebt und X 2¹2 Der Augenblick der Liebeserklärung war gekommen, Otto rief: „Göttliche Julie, bleib, höre mich!“ Aber Julie hörte nicht mehr, ihe ſtrahlender Blick war unbeweglich auf irgend einen Gegenſtand im Hin⸗ tergrunde des Saales geheftet. Ohne ſich zu entſchul⸗ digen, ſprang ſie plötzlich von dem verwunderten Otto hinweg und in die Cyuliſſen hinein. Sprachlos vor Freude und Entzücken öffnete Adelaide ihre Arme gegen Denjenigen, der ihr hier entgegen kam; allein es war eine kalte Hand, welche unfreundlich die ihre erfaßte! es war eine ſtrenge, wiewohl geliebte Stimme, welche ſie ermahnte, auf die Bühne zurückzukehren und ihre Rolle auszuſpielen. Adelaide, verblufft und erſchreckt, verſchluckte ihre Thränen und ging. Das Schauſpiel war zum Glück bald zu Ende, allein nun begann ein anderes. Es war nicht Leonore, die vom Schatten ihres Liebha⸗ bers in der Nacht zu einer noch nächtlichern Stätte ent⸗ führt wird— aber es war etwas nicht Unähnliches, denn als Adelaide von der Bühne kam, wurde ſie von der⸗ ſelben eiskalten Hand, wie vorhin, erfaßt, ein Mantel um ſie geworfen und ſie in den Wagen getragen, der von feurigen Pferden gezogen mit Windesfluͤchtigkeit dahinrollte. Adelaide ſprach kein Wort, ſie machte keine Miene zum Widerſtand, als aber der Sturm um den Wagen pfiff, als der Regen an die Fenſter ſchlug, als ringsumher ſchwarze Nacht war und die hohe Geſtalt an ihrer Seite beim flackernden Lampenſchein, bleich wie ein Geſpenſt, unbeweglich und ſtumm daſaß, da war es ihr, als wollte ihr Herz brechen, und was die Liebe Zärtliches, was die Reue Rührendes hat, Lächeln, Bit⸗ ken und Thränen, ergoß ſie über das Bild zu ihrer Seite. Alles vergebens. Alarich ſah ſie bloß mit einem durch⸗ vringenden Blick an, ſprach aber nicht. Endlich verlor Adelaide den Muth, ihr Herz zog ſich krampfhaft zuſam⸗ men, ihre Zunge erlahmte, ihre Wangen erbleichten, ſie ſchwieg verzagt und tief niedergeſchlagen, und lang war die nächtliche Fahrt, ſowohl für ſie, als für ihn. n, der tigkeit e keine m den g als Heſtalt bleich da war e Liebe „ Bit⸗ Seite. durch⸗ verlor zuſam⸗ ichten, d lang r ihn. 213 Schweigend, wie er ſie in den Wagen gehoben, hob Graf Alarich ſie auch heraus und übergab ſie mir, die ihnen entgegenkam. Er ſelbſt begehrte eine Unterredung mit Gräfin Auguſte. Adelaide war im Anfang ganz ſtumm vor Schmerz und Schrecken. Aber bald brachten meine Zärtlichkeit und meine Fragen ſie wieder zu ſich, und ſie machte ihren Thränen und ihrer Verzweiflung Luft.„Ach, wenn er nur getobt hätte!“ ſagte ſie, „wenn er mir auch noch ſo harte und heftige Vorwürfe gemacht hätte— dieß wäre mir noch angenehm gewe⸗ ſen gegen dieſe Kälte, dieſe Schweigſamkeit— die tödtet mich!“ Was Gräfin Auguſte zu Alarich geſagt, weiß ich nicht, aber gewiß iſt, daß er in einer ſanften Stimmung von ihr kam. Ich ſprach auch mit ihm, um Adelaide zu entſchuldigen; er hörte mich höflich, aber kalt an. Ich konnte merken, daß er mir mißtraute, daß er un⸗ zufrieden mit mir war,— und ehrlich geſtanden, ich war es auch mit ihm. Statt aufrichtig mit Adelaide zu ſprechen, ſtatt ihr ihre Gedankenloſigkeit oder ihren Leichtſinn, wenn man ihrem Jugendfehler einen ſo ſtren⸗ gen Namen geben wollte, vorzurücken— ſtatt ſie ſo⸗ dann verzeihend und liebevoll an ſeine Bruſt zu ſchlie⸗ ßen, was ſie wohl verdient hätte— ſchloß er eine halbe, eine Art väterliche Verſöhnung mit ihr, und, Gott ver⸗ zeih mir's, aber ich glaube, es war ihm in dieſem Au⸗ genblicke durchaus nicht väterlich zu Muthe. Er ſtellte ihr mit einer Art ſteifer Freundlichkeit die Unvorſich⸗ tigkeit vor, jetzt die Rolle einer Liebhaberin gegenüber von einem jungen Mann zu ſpielen, deſſen Liebe zu ihr der ganzen Welt und ihr ſelbſt ſo wohl bekannt ſei. Adelaide ſah Alles ein, allein Alarich's große Ver⸗ nunft und ſcheinbare Kälte legten ihrem jungen war⸗ men Herzen einen Zwang auf, der ihr bisher fremd geweſen; ſie wurde verlegen und ängſtlich. Ich war böſe auf Alarich und fing an immer mehr zu fürchten, er möchte nichts weniger, als der vollkommene Mann 2¹4 ſein, den ich bisher in ihm zu ſehen geglaubt. Ich war böſe auf ihn, denn er war der Erſte, der Adelai⸗ den's ſchöne, liebenswürdige Sicherheit geſtört, er war es, der ſie peinliche Angſt und Unruhe kennen gelehrt hatte. Der Sünder! Wie war es ihm möglich, ihre Unſchuld, ihre Liebe nicht in ihren Augen, in ihrem ganzen Weſen zu leſen? Wie? Ja, weil er ſelbſt ſchwach, weil er an brennender Eiferſucht krank war. Ueberdies habe ich ihn im Verdacht, daß er ſeine Würde durch Kundgebung einer Liebe bloszuſtellen fürchtete, von der er glaubte, ſie werde nicht vollkommen erwiedert— oder hielt er ſich vielleicht gar für zu gut, um Ade⸗ laide zu lieben? Ich war ſehr böſe auf Graf Alarich. Eine Kriſis. Ein bitterer Menſch trachtet Schaben zu thun, aber es wird ein grauſamer Engel über ihn kommen. Sprüche Sal. 17, 11. Der Zuſtand der Spannung, in welchem Adelaide und ihr Bräutigam ſich befanden, wurde mit jedem Tage peinlicher, und man ſah, daß es bald zu einem Bruche kommen müſſe. Adelaide war zärtlich, aber unruhig; ihre Blicke ſuchten die ſeinigen, aber ſie waren noch von Thränen umhüllt. Er dagegen war mitunter bis zur Härte kalt gegen ſie; ſeine Blicke verriethen Mißtrauen, ſeine Worte waren bitter; indeß folgten dieſem Zuſtande nicht ſelten Ausbrüche leidenſchaftlicher Liebe, worüber Adelaide ſelbſt erſchrack. Es war ſchön zu ſehen, wie ſie ihn dann beruhigte, wie ſie mit einer Engelsſtimme die ſußeſten Worte zu ihm ſprach, und den ganzen Reich⸗ thum der italieniſchen Sprache an Benennungen für Gegenſtände der Liebe in's Schwediſche überſetzte. Es ihrem wach, erdies durch nder ert— Ade⸗ larich. n, aber ommen. 1. elaide n Tage Bruche ruhig; ch n is zur rauen, iſtande orüber wie ſie me die en für Es 2¹⁵ war ſchön zu ſehen, wie ſich dann das Unruhige und Wilde in ſeinem Weſen allmählig legte. Ganze Stun⸗ den konnte er zu ihren Füßen ſitzen und ſeine Blicke in den ihrigen ſonnen, die von Güte und Liebe ſtrahlten; wenn dann ſein Auge die Klarheit des ihrigen ſah, ſo verbreitete ſich eine ſtille Ruhe über ſeine ſchöne Stirne. Sie ſpielte mit den Locken ſeiner Haare, ſie ſang ihm die lieblichſten Lieder, und von den ſüßeſten Wonnen eingewiegt, lehnte er oft ſein Haupt an ihren Schvoß, und manchmal rollten Thränen ſeine männlichen Wan⸗ gen hinab. Wenn Adelaide dieſes ſah, ſo trocknete ſie dieſelben mit den freundlichſten Scheltworten, und das Leben war Beiden wieder harmoniſch und lieblich. Nach ſolchen Augenblicken überließ ſich Adelaide auf's Neue ihrer ganzen angebornen Fröhlichkeit; ſie lachte, ſang und ſpielte mit Allem, was ſie umgab, bis ein ſtren⸗ ger Blick von Alarich, eine plötzliche Kälte in ſeinem Weſen ihre unſchuldige Freude wieder erſtickte. Gräfin Auguſte hatte viele einſame Unterredungen mit Alarich. Dieß beunruhigte mich im höchſten Grade. Eines Abends, als die Liebenden einen Augenblick die ganze Welt vergeſſen zu haben ſchienen, um nur zu fühlen, daß ſie einander angehörten, als ſie Mund gegen Mund ſchön und ſelig daſtanden, da überraſchte ich in Gräfin Auguſten's finſterem Auge einen Blick, nur einen haſtigen Blick— denn ſie ſtand heftig dabei auf und verließ das Zimmer — deſſen Ausdruck mich ſchaudern machte. Mißgunſt, Haß Verzweiflung lagen in dieſem Blicke, er glich einem mordenden Pfeile. Und ein finſterer Argwohn gegen Grä⸗ fin Auguſte erhob ſich in mir, ich beſchloß, ihre Bewegun⸗ gen genau zu beobachten. Ich ging hinaus, um den Thee zu bereiten, und beſchäftigte mich zugleich, den Gehirnen der Kleinen die Lehre einzupflanzen, daß der Thee in China wachſe, daß er ein Blatt an einer Staude ſei u. ſ. w. Gräfin Auguſte kam zu mir, ſetzte ſich neben mich, ſchickte die Kleinen unter irgend einem Vorwande weg, und wäh⸗ 2¹6 rend ihre zitternde Hand mit der Theeſeihe ſpielte, ſagte ſie halblaut: „Sie können ſich gar nicht vorſtellen, Mamſell Rönn⸗ qviſt, wie ſchmerzlich der Anblick zweier glücklich Lieben⸗ den mein Herz aufregt, welche zerfleiſchenden Erinnerungen dieſes Bild in mir hervorruft. Ich empfinde dann all' die Seligkeit wieder, die ich einſt mein genannt, um mir zu⸗ gleich recht deutlich bewußt zu werden, was ich Alles ver⸗ loren, auf ewig verloren habe. Ich könnte in einem ſol⸗ chen Moment wahnſinnig werden, und ich eile dann, einem Anblick auszuweichen, der mich tödtet.“ Die Wahrſcheinlichkeit in dieſer Erklärung, die ein⸗ fache Art, womit ſie dieſelbe vorbrachte, der Ausdruck des Schmerzes, der ſich auf ihrem jungen, ſchönen Geſichte malte, die Thränen, die über ihre Wangen floſſen, Alles dieß brachte mich ſo weit, daß ich ihr in meinem Herzen Abbitte für den gehegten Argwohn that. Hiezu kam noch, daß ihre Zärtlichkeit gegen Adelaide und der Eifer, womit ſie bei ihrem Brautſchmuck half, zuzunehmen ſchien, je näher der wichtige Tag heranrückte. Sie verlangte, Ade⸗ laide ſolle wenigſtens für die Nacht in ihr Zimmer ziehen, unter dem Vorgeben, die jetzt häufigen nächtlichen Gewit⸗ ter wirken ſtark auf ihre Nerven und rauben ihr den Schlaf, dann könnte ſie Niemand in ihrer Nähe dulden, außer dieſen guten Engel, Adelaide. Da Adelaide einwilligte, ſo konnte ich keine Einwen⸗ dungen machen, allein es koſtete mich viel, die Nähe mei⸗ nes Lieblings entbehren zu müſſen, nicht mehr die ſtille Zeugin dieſes Liebelebens ſein zu können, das ſich, wenn in der ſtillen Nacht Alles ſchwieg und ruhte, ſo oft in Ge⸗ beten für den Geliebten ausſprach, in einem Ausdruck der innigſten Dankbarkeit gegen den allgütigen Urſprung aller reinen Liebe und Seligkeit. Was ich bald mit Unruhe bemerkte, war, daß Ade⸗ laiden'sHeiterkeit ſichtbarlich abnahm, von der Stunde an, da ſie mit Gräfin Auguſe zuſammen zog, die den einen Flügel des Hauſes bewohnte, während ich mit den iehen, ewit⸗ den ulden, nwen⸗ mei⸗ ſtille wenn nGe⸗ ck der aller Ade⸗ de an, einen den 217 Kleinen den andern einnahm— und ſeltſam genug ſchien ihre Zärtlichkeit für die Schweſter mit jedem Tage zuzunehmen. Auch Alarich ſuchte öfter Auguſten's ſtatt Adelai⸗ den's Geſellſchaft. Auf Letztere warf er Blicke, die ich mir nicht erklären konnte, ſo flammend und doch ſo finſter. Ich ſuchte Aufſchluß bei Adelaide, allein fie wich mir aus. Graf Alarich that daſſelbe und zwar mit ſichtlicher Kälte, wenn ich ihm die Unruhe meines Herzens mittheilen wollte— die Kleinen aber jammer⸗ ten unaufhörlich, ſie forderten Pflege und Erheiterung, Haferſuppe und Kandiszucker, ſo daß ich genöthigt war, das unruhige Trio ſich ſelbſt zu überlaſſen, und nichts Anderes thun konnte, als zu Gott beten, er möchte Alles zum Beſten lenken. Dieß war eine unruhige Zeit, und einige Verwandten des Präſidenten, die auf etliche Wochen zum Beſuche kamen, waren jetzt willkommen zur Zerſtreuung— aber daß es um dieſe Zeit einer ſolchen bedurfte, darin lag nichts Gutes. Um die Ordnung meiner Erzählung nicht zu unter⸗ brechen, will ich die Rolle einer Prophetin ſpielen und hinter einander, wie ſie in Wirklichkeit vorkamen, die Auftritte erzählen, die mir erſt lange, nachdem ſie vor⸗ bei waren, mitgetheilt wurden. So ſei denn der Vor⸗ hang vor dem Leſer aufgezogen und Auguſte trete auf. „Ich bin Deine Freundin, Alarich,“ ſagte ſie zu ihm in einem ihrer häufigen Zwiegeſpräche,„Deine Freundin in der tiefſten, innigſten Bedeutung des Wor⸗ tes. Dein Wohl, Dein Gluͤck iſt mein lebhafteſter Wunſch auf Erden. O, was wollte ich nicht geben, wenn Adelaide Deiner vollkommen würdig würde! Ich will mein Urtheil nicht übereilen— aber Adelaiden's Flüchtigkeit— ihre grenzenloſe Begierde nach Pracht und Vergnügen, womit fie jetzt um Deinetwillen hinter dem Berge hält— ihre Freundſchaft für Otto, ſeine Liebe, ſein Reichthum— ihr Benehmen gegen ihn wäh⸗ rend Deiner Abweſenheit— Alles macht mich unruhig. 218 Indeß bin ich überzeugt, daß Adelaide Dich ſo liebt, wie ſie überhaupt lieben kann; aber ſie iſt ſo leichtſin⸗ nig:— wie? Du wollteſt offen mit Adelaiden ſprechen? Laß ſie nur eine Ahnung von Deinen Zweifeln und Deinem Schmerze haben, und ſie wird Dir Verſiche⸗ rungen ihrer ewigen Liebe geben, welche alle Deine Zwei⸗ fel für einen Augenblick zerſtreuen werden;— aber wie ſchnell erliſcht nicht das lodernde Feuer? Laß uns Nichts übereilen. Sei ſtill, zeige Dich ruhig gegen Ade⸗ laide, ſei aufmerkſam auf ihr Leben und Weſen— ſo wirſt Du bald einſehen können, ob ſie Dich glücklich zu machen vermag, ob Du ihr genug biſt, ob ſie es ver⸗ ſteht, Dich zu lieben.“ „Es iſt natürlich,“ ſagte ſie ein andermal, wenn Alarich, aufgeregt und heftig, die Bande des Mißtrauens ſprengen wollte, womit es ihr gelungen war, ſeine Seele immer feſter zu umgarnen—„es iſt natürlich, daß dieſe Spannung, dieſe Verſtellung gegen diejenige, die Du ſo zärtlich liebſt, Dir unerträglich werden muß. So gehe denn hin, Alarich— Deine ſchweſterliche Freundin will Dir keine Fſſeln anlegen, ſondern Dich nur warnen— gehe zu der Geliebten, eröffne ihr Deine Unruhe, Dei⸗ nen Schmerz— empfange ihre Schwüre und ihre Thrä⸗ nen, und knüpfe ſofort das heilige Band mit ihr, das nur der Tod auflöſen ſoll.— O Gott! Alarich, wird es Dein Glück ſichern oder zerſtören?„ Alarich, unruhig und gepeinigt, äußerte den Wunſch, mit mir über Adelaide zu ſprechen. „Mamſell Rönngviſt!“ unterbrach ihn Gräfin Au⸗ guſte verwundert.„Mamſell Rönngviſt— eine gutmüthige Rärrin, 4) die keinen eigenen Gedanken oder Ueberzeugung hat, die blind Alles glaubt, was Adelaide zu ihr ſagt, und wenn dieſe in einem aufgeregten Augenblick verſichert, daß ſie nicht ohne Dich leben könne, ſo wird es Mamſell Rönnqviſt unerhört finden, daß Du nicht daran glaubſt *) Unenblich verbunden, meine gnaͤdige Gräfin. Die Verfaſſerin. in will rnen— e, Dei⸗ e Thrä⸗ r„ das „wird Lunſch, in Au⸗ nüthige eugung r ſagt, ſichert, kamſell glaubſt rin. 2¹9 und ſollteſt Du Adelaide gleich am nächſten Tag in Otto's Armen überraſchen.“ „Du, Alarich,“ flüſterte ſie bei einer andern Ge⸗ legenheit,„Du biſt nicht der Mann, der ſich von einer Leidenſchaft verblenden läßt, der einige Augenblicke rau⸗ ſchender Freuden mit dem Verluſte der klaren, beſon⸗ nenen Glückſeligkeit eines ganzen Lebens erkaufen möchte. Stille ſtehſt Du da, überſchaueſt den Streit, in Deiner eigenen Bruſt ſowohl, als in der Anderer, und läſſeſt ruhig Unverſtand und Irrthum ſich ausſprechen, ehe Du urtheilſt. Du biſt kein Sklave des Zufalls, kein Sklave der Gewalt eines Andern, ja nicht einmal Dei⸗ nes eigenen Herzens; o, mein Freund, wie bewundere ich Dich, wie Wenige gibt es, die Dir gleichen! Bald wird jedoch dieſe qualvolle Unruhe aufhören. Ich ſelbſt habe täglich mehr Gelegenheit, in Adelaiden's Herz zu blicken; bald wirſt Du das Licht, die Gewißheit be⸗ kommen können, die Du wünſcheſt.. und wäre dieſe Gewißheit nicht ſchmerzlich... ich kenne Dich— Du biſt nicht Derjenige, der ſeinen Blick davon abwendet — ruhig, wenn auch leidend, wirſt Du der Wahrheit in's Antlitz ſehen— Du biſt ein Mann.“ Es liegt im Manne eine unendliche Schwachheit für Schmeichelei, zumal wenn dieſe eine Selbſtſtändig⸗ feit und höhere Weisheit zum Gegenſtande hat,— und eben deßwegen, weil er ſich im Allgemeinen ſo frei glaubt, läßt er ſich ſo leicht in Bande ſchlagen. Graf Alarich war ein edler und kraftvoller Mann, ich wiederhole es in einem Augenblick, wo der Leſer ihn ſehr ſchwach finden dürfte. Aber iſt er wohl die einzige edle und ſtarke Natur, die eine ſchwache und verletzbare Seite gehabt hat, die ſich von einer liſtigen Sirenen⸗ zunge verführen ließ, ſich von der zärtlichen, reuen Bruſt abzuwenden, welche nur für ihn athmete? Wir wollen jetzt die Gräfin Auguſte mit Adelaide zuſammen ſehen. Abends, wenn ſie ſich auf ihr Schlafzimmer begeben 220 hatten, begann Auguſte meiſtens heftig zu weinen und zu klagen. Sie ſagte, ſie ſei das ungluͤcklichſte Geſchöpf von der Welt, und ſie hoffe, bald ſterben zu können. Deutlicher drückte ſie ſich nicht aus. Vergebens ſuchtt Adelaide ſie durch Bitten, Schmeicheleien und theilneh⸗ mende Thränen zu veranlaſſen, ihr die Urſache ihres Schmerzes zu eröffnen oder ſeinen Ausbruch zu mildern. Auguſte antwortete nur mit Thränen, und dieſe Scenen erneuerten ſich mehrmals in der Nacht und brachten die gute Adelaide ſowohl um Schlaf als um Gemüths⸗ ruhe. Gräfin Auguſte beſchwor ſie, verſchwiegen zu ſein, und bat ſie, wofern ſie nicht das ewige Unglück ihrer Schweſter wolle, keinem Menſchen auf Erden und an allerwenigſten Alarich von ihrer Unruhe und ihrem Lei⸗ den zu ſagen; ſie verlangte ihr einen Eid darüber ab, und Adelaide leiſtete ihn weinend. Fines Abends war Gräfin Auguſte ruhiger als ge⸗ wöhnlich. Sie ſcherzte heiter mit Adelaide, welche ihrerſeits dieſen Abend unruhig und ſchweigſam wat. Sie nahm ihre Juwelen, ächte Perlen und Koſtbarkeiten aller Art und ſchmückte damit Adelaiden's Haare, Hals und Arme, führte ſie ſodann vor den Spiegel und ſagte; „Siehe, wie ſchön Du biſt! wie blendend ſchön! Du könnteſt die ganze Welt bezaubern.“ Adelaide ſtand vor dem Spiegel, betrachtete ſich und war wirklich von ihrer eigenen Schönheit geblendet. Ein unwillkürliches Lächeln begann über ihr Angeſicht zu ſtrahlen und ſchien mit den Biamanten zu wetteifern. „Siehe,“ rief Gräfin Auguſte,„wie herrlich Dich dieſe fürſtliche Pracht kleidet! Wie Schade, daß man Dich ſpäter nie ſo ſehen wird, daß Du nie wirſt Ju⸗ welen tragen können.“ Adelaide wandte ſich haſtig vom Spiegel ab.„Nimm ſie zurück, nimm ſie zurück!“ rief fie, tief erröthend, „es könnte ihm nicht gefallen!“ „Ihm? wem?“ fragte Gräfin Auguſte. „Alarich,“ antwortete Adelaide, und ſie entkleibete ſich de ſie geſ Hände gebe i A ohne aber als di nahe Adela Schw Du ſt helfen Schw nicht ungli derur er ge mein Tag nigt. zu bl den kann mir zitte ja ſe delt unge deßu d ſagte: ſchön! arkeiten e, Hals tete ſch blendet. ngeſicht tteifern. ch Dich aß man irſt Ju⸗ „Nimm töthend, tkleidete 221 ſich des koſtbaren Schmuckes mit einer Haſt, als ob er ſie geſtochen hätte. Sie ſammelte die Juwelen in ihre Hände und ſagte heiter lächelnd:„Siehe, Auguſte, Alles gebe ich hin für einen Blick von ihm.“ Auguſte nahm ihr Geſchmeide zurück und legte es, ohne ein Wort zu ſagen, wieder in die Kapſel. Nun aber folgte ein Ausbruch von Schmerz, weit heftiger, als die vorhergehenden. Sie ſchien der Verzweiflung nahe zu ſein. Außer ſich vor Mitleid und Schreck, fiel Adelaide auf ihre Kniee und umfaßte weinend die der Schweſter.„Sage mir,“ rief ſie,„o ſage mir, warum Du ſo tief leideſt; ſage mir, auf welche Art ich Dir helfen kann. Ich will Alles, Alles für Dich thun!“ „Alles?“ wiederholte Gräfin Auguſte und ſah die Schweſter mit einem mißtrauiſchen und betrübten Blick an. „Ja, Alles,“ erklärte Adelaide,„Alles, was Alarich nicht zuwider iſt.“ „Und wenn es nun ſo wäre...ach, Gott! ich Unglückliche... Alarich, geliebter Alarich...“ Adelaide ſah die Schweſter mit ſtummer Verwun⸗ derung an. „Ich liebe ihn, Adelaide, ich bete ihn an!— und er gehört Dir— ſiehe, das iſt mein heimlicher Schmerz, meine Verzweiflung und mein Tod. Ich werde den Tag nicht überleben, der ihn auf ewig mit Dir verei⸗ nigt. Und wohl mir, wenn dieſes Herz einmal aufhört zu bluten, wenn es ſeinen langen, langen Kampf been⸗ den darf. Verlaß mich, Adelaide— verlaß mich, Du kannſt mir nicht helfen— Du kannſt, Du willſt ihn mir nicht geben.“ „Und wie ſollte ich,“ ſagte Adelaide bleich und zitternd,„wie ſollte ich ihn Dir geben können? Es iſt ja ſein Glück, ſeine freie Wahl, um was es ſich han⸗ delt.. er liebt ja mich!. „Und wenn.. Adelaide, wenn ſeine Wahl deß⸗ ungeachtet immer noch frei werden, wenn ſein Glück deßungeachtet noch geſichert werden könnte?... 1———— ————— 222 Adelaide betrachtete die Schweſter erſtaunt und fra⸗ gend. Dieſe ſetzte ſich zu ihr und fuhr mit grauſamer Vertraulichkeit fort: „Sage mir, Adelaide, glaubſt Du, daß Alarich ein Mann iſt, der bei dem Weibe bloß nach körperlicher Schönheit fragt? Glaubſt Du nicht, daß er das Bedürf⸗ niß hat, in ſeiner Frau auch eine Geſellſchaſterin, eine Freundin zu beſitzen, die ſeine erhabenen Gedanken, ſeine genialen Anſichten vom Leben und den Dingen theilt, die kiebt, was er liebt, für das lebt, wofür er lebt, die für das Tiefſte, was in ſeiner Seele liegt, empfänglich, die Alles für ihn iſt, gleichwie er für ſie Alles iſt. Oder ſolle meine Ueberzeugung von der Art von Gluck, die Alarich ſucht, ungegründet, ſollte ſie nur ein Traum ſein?“ Adelaide ſtutzte; ſie antwortete nicht, aber Bläſſe und Röthe wechſelten auf ihren Wangen; ſie athmete kurz und ſchnell. „Glaubſt Du,“ fuhr Gräfin Auguſte fort,„glaubſt Du, daß Du Alles haſt, was Alarich gluͤcklich machen fann— Du, die Du an ſeinen Genüſſen nicht theil⸗ nehmen kannſt und ſein Streben nicht verſtehſt?— verzeihe mir, Adelaide ich will Dir nicht wehe thun, ich wollte Dir blos eine Wahrheit zeigen, die Du Dir doch nicht lange mehr verhehlen kannſt.— Du biſt Alarich nicht genug.“ Adelaide fühlte ſich getroffen. Sie erbleichte gänz⸗ lich, legte ihre Hände auf dem Schooß zuſammen, und große, ſchwere Tropfen fielen aus ihren Augen. „Nein, Adelaide, Du biſt ihm nicht genug! Noch feſſeli ihn Deine Schönheit und Deine Liebe, aber Du mußt ſelbſt fühlen, daß dieſes Band mit jedem Tage loſer wird. Mit jedem Tage ſieht er beſſer ein, daß er mit Dir nicht glücklich werden kann, daß Du nicht zu leiſten vermagſt, was ſeine große Seele bedarf— mit jedem Tag entfernt er ſich mehr und mehr „Er liebt mich, er liebt mich dennoch!“ rief Ade⸗ laide mit gewaltſamer Bewegung. „Seine Zärtlichkeit, ſeine betrübte Zärtlichkeit— bewei zuneh werde ſtolz ſchwe leucht cher 2 hier e floſſer waru Geda ſicher⸗ und laide. jenig. Alari nen C ſprech ſich,: Unmu 7. noch den,“ indem löste, und d Adela Feder — „kenn nicht id fra⸗ iſamer thmete glaubſt nachen theil⸗ erzeihe wollte tlange n gänz⸗ en, und Noch e D n Tage daß er icht zu — mit Ade⸗ keit— 223 beweist, daß er denkt, es ſei Schade um Dich— ſeine zunehmende Kälte, ſeine Unruhe, daß er Dich los zu werden wünſcht...“ „Mich los zu werden!“ wiederholte Adelaide, und ſtolz richtete ſich ihr Kopf in die Höhe, ihre Bruſt ſchwellte ſich, indem Unmuth in dem thränenden Auge leuchtete—„vom erſten Augenblick an, daß ſich ein ſol⸗ cher Wunſch in ſeiner Bruſt regt, iſt er frei. Aber,“ und hier erloſch auf einmal aller Unmuth und bittere Thränen floſſen auf's Neue—„warum ſprichſt Du ſo, Auguſte, warum plagſt Du mich ſo grauſam? Du kannſt ja ſeine Gedanken nicht wiſſen, Du kannſt nicht wiſſen...“ „Und wenn ich ſie dennoch wüßte?.. wenn ich Dir ſichere Beweiſe geben könnte, daß ich ſeine Gedanken und ſeine Wünſche kenne... Adelaide, thörichte Ade⸗ laide. Bedarf es wohl anderer Beweiſe, als der⸗ jenigen, die uns jeder Tag liefert? An wen wendet ſich Alarich, wenn ſeine Seele voll iſt von reichen und ſchö⸗ nen Gedanken, wenn es ihm Bedürfniß iſt, ſich auszu⸗ ſprechen und verſtanden zu werden? An wen wendet er ſich, wenn ſein Herz betrübt iſt, an wen, wenn er voller Unmuth von Dir geht— an wen, Adelaide?“ „Gib mir andere Beweiſe— ich muß andere, muß noch mehr Beweiſe haben!“ rief Adelaide außer ſich. „Auch deren gibt es, und ſie können vorgelegt wer⸗ den,“ fuhr Auguſte mit fürchterlicher Kälte fort, und indem ſie eine Haarkette, die um ihren Hals hing, löste, nahm ſie ein kleines goldenes Medaillon hervor und drückte auf eine Feder; es öffnete ſich und zeigte Adelaide das Bild ihres Bräutigams; noch eine andere Feder ſprang, und ſie erkannte eine Locke von ſeinem Haar. „Kennſt Du dieſes Bild?“ fragte Gräfin Auguſte, „kennſt Du dieſes Haar?— Nein, ſtrecke die Hand nicht darnach aus, es gehört nicht Dir, ſondern mir— Alarich gab es mir zum Andenken an ſich, zum Beweis von. ſie ſprach nicht aus. Adelaide ſchnappte nach Luft, ſprang auf und wild 224 3 ihre Hände zuſammenſchlagend, rief ſie:„Iſt's möglich?ſ in die mein Gott, iſts möglich?“ rich, „Und warum?“ fragte Auguſte mit höhniſchem Lä— I cheln,„warum ſollte es unmöglich, ſo unnatürlich ſein? 3 Klarich ſieht ein, daß er und ich in Allem ſympathiſiren, ſ daß unſere Seelen wirklich nur ein Ganzes ausmachen Adelaide, höre mich, dann richte zwiſchen uns und über ihn! Ich war Alarich's erſte Neigung; er liebte allein mich, ehe er Dich liebte. Man wußte es allgemein, Du b man ſprach überall davon, man hielt eine Verbindung Schw zwiſchen uns für ſo gut als abgemacht, auch ich that daß er es, denn ich liebte ihn, und ſein geringes Vermögen war unter in meinen Augen eher ein Grund für, als gegen ihn. ſer A — Da, Adelaide, trateſt Du zwiſchen uns, Deine Schön⸗ ßeren heit blendete Alarich, er wurde gleichſam bezaubert von um ir Dir;— aber Du haſt ihn nie beſeſſen— Du konnteſt er we ihn nie ganz beſitzen. Jetzt ſieht Alarich das ein, jetzt, ſetzen da ſeine Verblendung allmälig aufgehört hat, blickt er ihm 8 mit Sehnſucht nach mir zuruͤck; er ſieht ein, daß der ſeine Himmel uns für einander geſchaffen hat, daß er nur bei mir das wahre, das edle Glück finden kann, das Betrü er im Leben ſuchte;— iſt es da zu verwundern, wenn wohl er den Zauber bereut, der ſeine Sinne an eine Anderr; meine gefeſſelt hat— die Schwachheit, die ihn für ſein gan⸗ zes Leben zum Sklaven machte? Deine hohe Einbildung; Adelc muth ſo“ von Dir, Adelaide, Dein Uebermuth. 6 Schn „Bin ich übermüthig geweſen, Auguſte?“ weiß, „Ja, Du warſt es.“ nur „So verzeihe mir Gvit.“ ihm g „Haſt Du je daran gezweifelt, daß Jedermann Dich; waru lieben, daß Dein Wille für Alle Geſetz ſein müſſe? Haſt du unru Dich je herbeigelaſſen, Dich nach den Wünſchen Anderer Tag zu richten, Andern zu Gefallen zu leben? Haſt Du nicht laide die Liebe, die Dir geſchenkt wurde, wie einen Tribut finde entgegengenommen, den man Deiner Schönheit und Lie⸗ aufl benswürdigkeit ſchulde, und nicht mit der demüthigen paßt Dankbarkeit einer Chriſtin?— Findeſt Du es nicht noch 225⁵ in dieſem Augenblicke natürlich, daß Alarich, der edle Ala⸗ rich, Dich ſammt allen Deinen Fehlern vergöttern müſſe? — das nicht Uebermuth, frecher, unerhörter Ueber⸗ muth?“ „Du biſt hart, Auguſte! Wenn ich übermüthig war, o ſo bin ich jetzt grauſam beſtraft.“ „An Alarich's Sinnesänderung biſt Du indeß nicht allein Schuld, Adelaide!— auch das Glück iſt wider Dich, Du biſt arm, Adelaide— ich bin reich. Alarich iſt kein Schwärmer, er iſt ein verſtändiger Mann, er ſieht ein, daß er nicht dazu auf der Welt iſt, ſich in ein enges Haus unter Kindern, Webſtühlen und beſcheidenen Freuden die⸗ ſer Art einzumauern; er fieht ein, daß er für einen grö⸗ ßeren Wirkungskreis geſchaffen iſt, daß er geſchaffen iſt, um in der Welt zu glänzen und ihr Glanz zu geben; und er weiß, daß ich das beſitze, was ihn in den Stand ſetzen kann, ſeinen Wirkungskreis zu erweitern, was ihm die Mittel verſchafft, das zu erreichen, wornach ſeine ehrſüchtige Seele ſtrebt.“ „Reichthümer,“ ſagte Adelaide in einem Tone tiefer Betrübniß—„Reichthümer, Ehre— o können dieſe ihm wohl mehr Glück geben, als meine Zärtlichkeit, als meine herzliche Liebe?“ „Auch ich habe Zärtlichkeit, auch ich habe Liebe, Adelaide!“ ſagte Auguſte, indem ſie ihre Hand auf der Schweſter Arm legte und ihn feſt drückte—„Niemand weiß, wie ich ihn geliebt habe— nnd meine Liebe wird nur mit meinem Leben enden. Wenn Deine Zärtlichkeit ihm genügte, Adelaide, warum iſt er denn nicht glücklich, warum quält er ſich und Dich, warum ſcheint er immer unruhiger, immer unglücklicher zu werden, je näher der Tag Eurer Verbindung heranrückt? Sei überzeugt, Ade⸗ laide, daß er froh ſein würde, irgend eine Veranlaſſung zu finden, um offen mit Dir zu brechen und eine Verbindung auflöſen zu können, die ſo ganz und gar nicht für ihn paßt. Es iſt bloß Bedauern mit Dir, was ihn abhält.“ „Adelaide weinte heftig.„Ich werde mit ihm Bremer, Töchter d. Präſibenten. 15 226 ſprechen,“ rief ſie,„ich werde ihn fragen, ob er michſ ze mit nicht mehr liebt, und wenn ich das Wort von ſeinem ſie m igenen Munde höre, ſo ſoll er frei ſein.“ von er eigenen we höre, 5 „Du willſt ihn fragen, Adelaide! damit er aus 3 Mitleid die Wahrheit verhehlt und um Deinetwillen ſeinem Glücke entſagt? Iſt das edel, Adelaide?“ annſ „Ich werde eine Freundin fragen, was ich thun 6 i ſoll— ich ſpreche ni was i „Mit Emma Rönngpiſt?!... damit ſie mit Alarich liebt pricht und ihn durch Bitten und Thränen beſtimmt, Dir 1. 4 treu zu bleiben! Denn Du weißt wohl, ſie liebt Dich ich über Alles in der Welt und würde ohne Bedenken das 10 t Glück aller Andern dem Deinigen zum Opfer bringen.“ butte Gott, was ſoll ich thun?“ rief Adelaide verzweifelt. „Wo iſt jetz Deine ſo geprieſene Güte, Adelaide wo Bein erleuchieter Verſtand? Du ſiehſt, Du weißt, daß Du mit einem Wort, mit einer einzigen muthigen Hand⸗ ſtiller lung des Entſagens zwei Menſchen glücklich machen kannſt Stirne — den Mann, den Du über Alles zu lieben behaupteſ, das auf und Deine Schweſter— Du weißt das, Adelaide, und Du zauderſt— und Du willſt ſie Deinem eigenen Glücke auf⸗ 1 vpfern! Und welchem Glücke kannſt Du dann entgegen Stini ſehen— verbunden mit einem Manne, der Dich nicht; Deinn liebt, der Dich bloß nothgedrungen zur Frau genommen; würdi hat? Siehe, Adelaide, ich habe lange mit meiner Liebeß und de geſchwiegen, lange dagegen gekämpft— ich wollte, Du ſie füh würdeſt glücklich— und ich— ich ſtürbe;— aber heute mein G iſt es mir klar geworden, daß ich mit meinem Glück auch was i( das Alarich's opfern würde— dieſe Gewißheit, dieſet daß ic verdoppelte Schmerz hat mir mein Geheimniß entlockt fomme Verzeih mir, Adelaide, verzeih das Leiden, das ich Dit; würdi 2 1 verurſacht habe— ich werde nachher ſchweigen, und bald derte 3—bald wird der Tod dieſe Lippen verſiegeln— denn ich— un weiß, Adelaide, was Du bei Dir beſchloſſen haſt— ich weiß es! ſer S „Nein, Du weißt es nicht,“ ſagte Adelaide, indem gileicht einem r aus willen thun larich t, Dir Dich en das ngen.“ ei elaibe, ßt, daß Hand⸗ kannſt upteſt, nd Du ke auf⸗ gegen⸗ mnicht mmen r Liebe te, Du heute auch dieſer ntlockt. ch Dit id bald nn ich — ich indem 227 ſie mit ſtolzer Selbſtbeherrſchung aufſtand, das Auge klar von erhabener Entſagung. Aber oh!“— und ſie ſah mit zuſammengelegten Händen und einem Ausdruck un⸗ beſchreiblicher Angſt zur Schweſter hinauf—„Auguſte, kannſt Du ihn glücklich machen?“ „Du zweifelſt daran, nach Allem, was Du geſehen, was ich Dir geſagt habe... gute Nacht, Adelaive!“ „Nein, bleib! verzeih! aber! ich habe ihn ſo ſehr geliebt!... Es lag eine ſolche Gewißheit hier—“ ſie legte die Hand auf ihre Bruſt—„eine ſolche Gewißheit, daß ich ihn glücklich machen könnte, daß es Niemand könnte wie ich, daß ich allein den Schlüſſel zu ſeinem Herzen hätte— daß er mich ewig lieben müßte, wie ich ihn, ungeachtet aller zufälligen Reibungen, ungeachtet aller meiner Fehler— es war eine Gewißheit, von der ich glaubte, Niemand und Nichts in der Welt könnte ſie mir rauben... und jetzt... wie iſt das?“ fragte ſie ſich in ſtiller Verwirrung, indem ſie mit der Hand über ihre Stirne fuhr, iſt erfort? fort?“ Sie nahm das Medaillon, das auf dem Tiſche lag und fragte:„Alarich gab Dir das?“ „Auguſte,“ ſagte Adelaide feierlich, aber mitzitternder Stimme, indem ſie ſich am Tiſche hielt—„Alarich wird Dein werden— ich werde Cuch nicht trennen. O wie un⸗ würdig wäre ich nicht, wenn ich zwiſchen ſeinem Glücke und dem meinigen ſchwanken könnte; aber— und ſie füͤhrte abermals die Hand über die Stirne— daß mein Glück und das ſeinige nicht eins ſind, das iſt es, was ich noch nicht recht begreifen kann. Ich weiß wohl, daß ich ſeiner nicht würdig war, daß ich es nie voll⸗ kommen ſein werde;— aber o, daß er mich für ſo un⸗ würdig halten ſoll! Ich bin noch ſo jung— ich bewun⸗ derte ihn von ganzem Herzen, ich liebte ihn ſo innig — und daß er mich ſo verachten ſoll!...“ „Bezahle ihn mit gleicher Münze, Adelaide! Die⸗ ſer Stolz ſteht einem Weibe wohl an; verachte ihn gleichfalls, verſchmähe ihn!“ 228 „Nie!“ ſagte Adelaide, indem ſie mit der Hand eine Schme abwehrende Bewegung machte,„nie! Er kann mir abſa⸗ Goit ſ gen und ich werde ihn doch immer lieben; er kann mich D verachten und ich werde ihn doch immer ſegnen. Dieß eine ſch fann nicht anders werden, Auguſte!“ rief ſie, indem ihre Ar Thränen auf's Neue zu fließen begannen—„es gibt in hei Zei meinem Herzen nichts Anderes, als Liebe zu ihm— jttzt S — jetzt in dieſem Augenblick, da ich die Beweiſe ſeiner yaltes Unireue, ſeiner Verachtung gegen meine Zärtlichkeit mi Augen ſehe, gibt es in meinem Herzen keinen Tropftn erchürt Bitterkeit gegen ihn— auch jetzt noch möchte ich, wit Alarich immer, gerne für ihn ſterben— ach! ich thue ja nohf Peſens mehr, ich entſage allem meinem Glück, aller meins ſchwach Lebensfreude um ſeinetwillen.“ witden „Edelmüthige Adelaide!“ rief Gräfin Auguſte un heute ſchloß ſie in ihre Arme. gehe gl Adelaide ſaß ſtumm und unbeweglich da. Laube t „Und jetzt, Adelaide,“ fuhr die Schweſter ſoth Otto, u „ſetze Deinem Edelmuth die Krone auf. Wolle auch ſinden. vas Mittel, das zum Ziele führt.“ tröſtlich „Was ſoll ich thun?“ S „Schreibe morgen früh ein Billet an Tante Ullaz den B bitte ſie, zu kommen und Dich auf einige Tage nach R. abzuholen.“ „Nach R.! und was würde Alarich denkenz Olio iſt jn„ „Ich glaubte, Deine Abſicht war, Alarich ſein Freiheit wieder zu ſchenken,“ ſagte Auguſte trocken. „Ja, das iſt wahr.. o das iſt wahr! ja ich will ſchreiben, ich will wegfahren und er ſoll dann dis Gelegenheit haben, nach welcher er ſich Deiner Behaup Billet. tung zufolge ſehnt. Und jetzt— verlaß mich, Auguſt lich be verlaß mich, es iſt mir Bedürfniß, allein zu ſein.“ Weib. „Wenn es Dich gerente, Adelaide?“ Sinne „Es reut mich nicht— aber verlaß mich jetzi, gehs viellei gehe von mir.. Doch halt, Auguſte! Kuſſe mich zu erklärg erſt! O wenn Du ihn glücklich machſt, will ich Dir all den Juwel von ein rückfon Dich“ friſche „ nd eine ir abſa⸗ nn mich Dieß em ihre gibt in — jttz e ſeinet keit mit Tropfen ich, wit ja noch meine ſte un er foth le auch te Ullaz ge na denken ch ſein ken. ich wil ann di Behaup⸗ Auguſte ſein zi, gehe mich zu⸗ r all den 229 Schmerz gerne verzeihen, den Du mir bereitet haſt. Gott ſegne Dich ſo, wie Du Alarich glücklich machſt!“ Die Schweſtern trennten ſich und brachten Beide eine ſchlafloſe Nacht zu. Am andern Tag ermahnte Auguſte ihre Schweſter bei Zeiten, das bewußte Briefchen zu ſchreiben. Sie ſelbſt ſchrieb heimlich ein Billet ſolgenden In⸗ haltes an Otto: „Friſchen Muth, mein lieber Otto! Was ich längſt erwartet und vorausgeſagt, iſt eingetroffen. Adelaide iſt Alarich's ewiger Unzufriedenheit und er ihres flüchtigen Weſens müde. Das Band, das ſie jetzt vereint, iſt ſo ſchwach, daß es bei der geringſten Berührung zerreißen wird. Adelaide denkt mit Zärtlichteit an Dich. Komm heute Vormittag hieher. Komm mit Deiner Mutter, aber gehe gleich nach Deiner Ankunft in den Garten, in die Laube linker Hand— dort warte.. ſei ein Mann, Otto, und Du wirſt in Derjenigen, die Du liebſt, ein Weib finden. Aber ſtelle Dich im Anfang verzweifelnd und un⸗ tröſtlich. Verſchwiegenheit und Pünktlichkeit!“ Sobald ſie geſchrieben hatte, ging ſie hinaus, um den Boten abzuſenden. „Schon auf und munter?“ ſagte Graf⸗Alarich, der, von einer ſeiner gewöhnlichen Morgenwanderungen zu⸗ rückkommend, ihr auf der Treppe begegnete. „Der ſchöne Morgen hat mich hinausgelockt, wie Dich— ich habe eine unruhige Nacht gehabt,— die friſche reine Luft war mir Bedürfniß.“ „Was macht Adelaide?“ „Ich weiß nicht. ſie ſchreibt, glaube ich, ein Billet. O Alarich!— Meine Furcht hat ſich ſo ziem⸗ lich bewahrheitet; Adelaide iſt bloß ein ſchwaches eitles Weib. Otto und ſeine Reichthümer liegen ihr mehr im Sinne, als Du, und ich glaube faſt, daß blos Mitleid, vielleicht auch Furcht vor Dir ſie abhält, es offen zu erklären. Geſtern Abend ſchmückte ſie ſich mit meinen Juwelen...5 230 „Geſtern Abend?“ „Ja— und ſtand lange vor dem Spiegel, ihre wirklich blendend ſchöne Geſtalt mit tiefen Seufzern betrachtend.“ Graf Alarich lehnke ſich an einen der Pfeiler des Geländers und kühlte ſeine brennende Stirne daran. „An was denkſt Du, Alarich?“ fragte Auguſte nach einer Pauſe. „Daß ich ihr gerne Jnwelen möchte geben können,“ antworttte er bitter lächelnd.„Ja,“ fuhr er leiſe un gleichſam für ſich fort,„ſo ſchwach bin ich, daß ich Nichts ſo ſchmerzlich empfinde, als ihr feine Juwele geben zu können.“ „Beklagenswerther Alaricht“ ſeufzte Gräfin Auguſt⸗ „Alarich, mein Freund! Wenn Dich das glücklich machn fann— ſo nimm meine Koſtbarkeiten— nimm ſie alle — was ſoll ich damit thun? Eine freudenloſe Bruſ ſchmücken? Nimm ſie, laß ſie umſetzen und mache Adeß laide ein.... „Schweig!“ ſagte Alarich mit Heftigkeit,„ien Wori mehr davon. Verzeih, Auguſte, aber Du kemi mich noch viel zu wenig. Wo iſt Adelaide?“ „In ihrem Zimmer. Suche ſie jetzt nicht auf. 3 fürchte, Du möchteſt nicht willkommen ſein. Sei ruhig ſei ſtill und warte noch einige Zeit; vielleicht daß un der Zufall binnen Kurzem eine Gewißheit verſchaff welche Dein Verfahren beſtimmen kann.“ „Ja Gewißheit, Gewißheit!“ ſagte Alarich m leiſer, aber kräftiger Stimme,„wenn auch die bitterſte Rur dieſe martervollen Zweifel nicht länger mehr.“ „Möchten ſie aufhören! Mochten ſie aufhören, u Dich glücklich zu machen! dann werde auch ich Freu genug haben. Inzwiſchen höre meine Bitte. Beunruhiß Adelaide nicht. Laß uns ſtill und wachſam ſein; ic habe eine Ahnung, als ob wir noch heute die Auftlä rung erhalten ſollten, deren wir bedürfen.“ Sieſentfernte ſich und ſuchte Adelaide auf, die ſiei Thränen ſchwimmend fand. Auguſte bemühte ſich, ihr Schweſter theils durch Lob, theils durch Vorwürfe in ein ander ſie,„ Dein⸗ Wen kelbil und D rich's anleg auſ D ſe und den, berkr in ih undr von mit waltſ nicht undu Mitt allei: ſenkt Verr Klei auf? ände Fral an d haſt und mar feur vor ſah wirklich chtend.“ ler des aran. ſte nach önnen,“ iſe um daß itz Fuwele Auguſte mache ſie alle; e Bruf he Ade „„el u fennf uf. Je i ruhi daß un erſchaff ich mi bitterſte ehr.“ ren, n Freud unruhig ein; ic Aufklä die ſie i ſich, ihr fe in ein 231 andere Stimmung zu verſetzen.„Dieſe Thränen,“ ſagte ſie,„dieſe bleichen Wangen werden Dich verrathen und Deine ganze edle Selbſtaufopferung zu nichte machen. Wenn Bein Vorſatz, Adelaide, nicht bloß ein leeres Gau⸗ felbild iſt, ſonimm nur aufein paar Stunden Deinen Muth und Deine Entſchloſſenheit zuſammen; wenn Du nicht Ala⸗ rich's Mitleid wecken und dadurch ſeiner Freiheit Feſſeln anlegen willſt— ſo trockne dieſe Thränen, rufe die Farbe auf Deinen Wangen hervor, gib Deinem Weſen Sicherheit — ſei ein vollkommener Engel, Adelaide, entſage ganz und handle kräftig, oder Du haſt nichts gethan für den, den Du liebſt.“ Als Adelaide zum Frühſtück kam, glich ſie einer Fie⸗ berkranken. Eine wilde, unbehagliche Lebhaftigkeit herrſchte in ihrem Weſen— das ſonſt ſo anmuthsvoll, ſo heiter und ruhig war. Sie begrüßte Alle flüchtig, ſetzte ſich weit von Alarich hinweg an den Tiſch, und trank ihren Kaffee mit einer unruhigen Heftigkeit, wobei ihre Bruſt ſich ge⸗ waltſam hob und ſenkte. Graf Alarich wandte ſeinen Blick nicht von ihr ab, aber es war kein Blick eines zärtlichen und unruhigen Liebhabers, er war durchbohrend und ſcharf. Mitunter zeigte ſich eine tieſe Rührung auf ſeinen Zügen, allein er unterdrückte ſie und blieb ruhig. Adelaidens Blick ſenkte ſich vor dem, der auf ſie gerichtet wurde, und ihre Verwirrung ſtieg mit jedem Augenblick. Jetzt kamen die Kleinen herangeſprungen und warfen ſich, wie gewöhnlich, auf Adelaidens Schooß. Aber bald bemerkten ſie die Ver⸗ änderung in ihrem Ausſehen und überhäuften ſie mit Fragen, warum ſie roth ſei im Geſicht, an der Naſe, an dem Auge, ob ſie geweint habe u. ſ. w. Adelaide konnte es nicht länger aushalten; ſie ſtand haſtig auf und ging hinaus. Alarich ſtand ebenfalls auf und begab ſich an's Fenſter. In dieſem Augenblick hörte man das Rollen eines Wagens, und vier ſchnaubende feurige Roſſe flogen mit dem Wagen Sr. Ercellenz G. vor das Thor. Mit heimlicher, aber kochender Erbitterung ſah Alarich die Baronin und ihren Sohn ausſteigen. 232 Letzterer begleitete jedoch ſeine Mutter nicht hinauf, ſon⸗ dern ging ſogleich in den Garten. Graf Alarich folgte ihm mit den Augen. Die Saalthüren wurden aufge⸗ ſchlagen, ein Seidekleid rauſchte, und die Baronin trat in's Zimmer. Nachdem ſie mit ihrer gewöhnlichen an⸗ muthigen Freundlichkeit Alle begrüßt, ſagte ſie:„Ich höre, daß ich heute meine liebe Adelaide zu mir bekomme. Das liebe Mädchen hat mir ſelbſt darum geſchrieben, und ich komme jetzt ganz ſtolz und ganz glücklich, um ſie abzuholen... aber wo iſt mein Engel?“ „Ich werde ihr melden, daß Sie hier ſind,“ ſagte Anguſte und ging mit einem bedeutungsvollen Blick auf Alarich hinaus. Sie traf Abelaide in einem Zuſtand der heftigſten Aufregung. „Ich weiß, was Du zu ſagen haſt, Auguſte,“ rief ſie, „ich weiß, wer da iſt, weiß, was Du willſt— aber ich kann jetzt nicht— ich kann jetzt nicht zu ihnen gehen; nicht vor Aller Augen ihm und ſeinem Willen trotzen; meine Füße tragen mich nicht;... es iſt mir, als wollte das Leben mich verlaſſen... „Adelaide, beſte Adelaide!— um Gotteswillen be⸗ ruhige Dich— Du ſollſt nicht wegfahren, wenn Du nicht willſt; Du haſt vollkommen freie Wahl. Es will Dich Niemand zwingen. Beruhige Dich, komm mit mir in den Garten— Du weißt, wir können durch die Hinterthüre hinauskommen, ohne vom Fenſter aus geſehen zu wer⸗ den; die friſche Luft wird Dir wohlthun und die ent⸗ ſcheidende Stunde wird hinausgeſchoben;— Du haſt Zeit, zu überlegen und Deinen Entſchluß zu faſſen. Adelaide ließ ſich von Auguſte führen. Sie war noch nicht weit in einem der gewölbten Gänge des Gartens gekommen, als Otto hervorſtürzte und ſich ihr zu Füßen warf. Adelaide warf ihm einen Blick der Verwunderug und des Unwillens zu und wollte fliehen, allein er um⸗ faßte ihre Kniee und hielt ſie zurück. „O Bäschen Adelaide, Bäschen Adelaide!“ rief Ottt Dir ſo g laß danr reiſe um entg ein! kein entf Hof meir fort, auf führ rung laid Güt Geft blick nich allei liege deck ſein ich Sil ihr , ſon⸗ folgte aufge⸗ ntrat nan⸗ höre, mme. ieben, „um ſagte Blick tigſten ief ſie, er ich ehen; otzen; , als en be⸗ nicht Dich in den rthüre wer⸗ e ent⸗ thaſt en. r noch artens Füßen derug rum⸗ rief 233 Otto,„höre mich nur ein einzigesmal, ich muß mit Dir ſprechen;— was habe ich gethan, daß Du mich ſo grauſam verabſcheueſt?“ „Ich verabſcheue Dich nicht, Otto— aber laß mich, laß mich gehen, ich bitte Dich darum, ich verlange es.“ „Höre mich nur ein einzigesmal, das letztemal, dann will ich auf immer fliehen— ich will reiſen, reiſen, bis an's Ende der Welt.. „Höre ihn an,“ bat Auguſte leiſe, es iſt Schade um ihn, er liebt Dich ſo zärtlich— höre ihn an, dann entgehſt Du ſeiner Zudringlichkeit viel leichter— ich will ein wenig auf die Seite gehen und Wache ſtehen, damit kein ungebetener Gaſt Euch ſtört.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich und eilte zum Garten hinaus. Im Hof begegnete ihr Alarich. „Wo iſt Adelaide?“ fragte er heftig. „Im Garten, in der Laube linker Hand o, meine Ahnung! beklagenswerther Alarich!“ Sie eilte fort, und Graf Alarich ſtürzte mit flammenden Wangen auf den bezeichneten Weg. Adelaide hatte Otto geſtattet, ſie in die Laube zu führen, und, auf einer Bank ſitzend, hörte ſie die Aeuße⸗ rungen ſeiner kindiſchen, aber innigen Liebe an. In Ade⸗ laidens Herz war Nichts von Strenge. Ihre natürliche Güte, ihre Freundſchaft für ihren jungen Vetter, das Gefühl eigenen bitteren Leidens hatte ſie in dieſem Augen⸗ blicke ſehr weich geſtimmt. Sie ſagte ihm, ſie könne ihn nicht lieben, ſie liebe Niemand auf der Welt, als Alarich, allein ſie geſtattete ihm dabei, auf den Knieen vor ihr liegend, ihre eine Hand mit Küſſen und Thränen zu be⸗ decken, während ſie mit der Andern beinahe koſend in ſeinen reichen gelben Locken wühlte, und noch nie hatte ſich Otto ſo glücklich gefühlt. „Mein guter Otto!“ ſagte Adelaidens liebliche Silberſtimme, aber plötzlich verſtummte ſie, denn vor ihr ſtand mit tauſend Donnern in ſeinem Blicke Alarich. Ein Ruf des Schreckens und Entſetzens arbeitete ſich 234 aus Aveläidens Bruſt hervor. Sie ſtieß Otto von ſich und beſinnungslos und verzweifelnd ſprang ſie zum Garten hinaus, in's Haus hinauf und in die Gallerie, wo ich allein ſaß. Indeſſen faßte ſie ſich nach einigen Minuten und mit einer Ruhe, als hätte ſie beſchloſſen, mit Feſtigkeit dem Schlimmſten entgegenzuſehen, ſaß ſie ſchweigend und todes⸗ bleich mit geſenkten Augen da; nur ihr ſchnelles und be⸗ drücktes Alhmen verrieth die Unruhe in ihrer Bruſt. Angſtvoll fragte ich um die Urſache ihrer Aufregung. „Frage mich jetzt nicht!“ antwortete ſie kurz.„Bald, bald wird Alles geſagt werden.“ Jetzt hörte man Jemand mit langſamen und gleich⸗ ſam unwilligen Schritten ſich der Galleriethüre nähern. Adelaide ſtand auf und begann heftig zu zittern, ihr Ge⸗ ſicht war farblos, wie die Marmorurne, an welche ſie ſich lehnen mußte. Eine Hand faßte die Schnalle an, zögerte aber, ſie auſzudrücken; endlich jedoch ging die Thüre langſam auf, und Graf Alarich trat in's Zimmer. Ich ſchauderte bei ſeinem Anblick. Ein ſchrecklicher Ausdruck lag auf ſeinem Geſichte. Es war der Ausdruck der Verzweiflung des beſchloſſenen, unabwendbaren Un⸗ glücks. Er näherte ſich Adelaiden langſam und blieh einige Schritte vor ihr ſtehen. Adelaide wurde ruhiger, ihr Zittern war weniger auffallend, ſie ſah ihn an mit einem Blick, ein Himmel voll Unſchuld und Liebe lag darin— aber er ſenkte ſich plötzlich vor dem unbeweg⸗ lichen Urtheil, das in dem ſeinigen verkündet lag. Sie zitterte auf's Neue. Bei ihm war der Sturm niederge⸗ kämpft; aber daß er furchtbar geweſen, ſtand auf ſeiner Stirne und ſeinen bleichen Lippen geſchrieben. „Adelaide,“ ſagte er in einem ſo traurigen und ſo ſtrengen Tone, daß Todesmattigkeit dabei mein Herz er⸗ faßte—„Adelaide“— er ſchnappte nach Luft;—„wir trennen uns— wir trennen uns auf ewig. Ich habe ſchon lange geahnt, daß wir nicht für einander paſſen. Du warſt der Liebe, die ich für Dich hegte, nicht würdig n ſich zum llerie, nd mit it dem todes⸗ nd be⸗ Brußt. ung. „Bald, ähern. hr Ge⸗ che ſie lle an, ng die mmer. klicher sdruck en Un⸗ blie uhiger, in mit be lag eweg⸗ Sie ederge⸗ ſeiner und ſo erz er⸗ „wir h habe ſen.. würdig — ich fürchtete es früher, jetzt weiß ich es. Adelaide— ich verzeihe Dir, aber ich beklage Dich! Sie ſchlug auf's Neue ihren reinen Blick auf, auf's Neue ſenkte er ſich vor dem ſeinigen. Er fuhr fort: Der Engel, der Dir ſeine Geſtalt geliehen, lockte mich, bezauberte mich. Ich glaubte... aber es iſt vorbei.. auf immer vorbei.. Dein Leichtſinn, Dein ſtrafbarer Leichtſinn hat uns auf immer geſchieden...“ Er ſchwieg, überwältigt von ſeiner heftigen Bewegung. Ich konnte es nicht aushalten, dieſe Sprache gegen⸗ über von Adelaide zu hören, ſie in dieſem Zuſtande vor ihm zu ſehen. Mit Thränen und gefalteten Händen näherte ich mich ihr. „Adelaide! warum ſprichſt Du nicht? Warum ver⸗ antworteſt Du Dich nicht? Du biſt ja unſchuldig, mein Liebling— Du biſt unſchuldig, Du kannſt dieß nicht verdienen...“ Adelaide antwortete nicht, ſie ſtand unbeweglich da; ich trat noch näher und wollte ihre Hand ergreifen. „Schweig.“ ſagte ſie und ſchob mich ſanft weg. Graf Alarich fuhr mit einer Rührung, die er ver⸗ geblich zu beherrſchen ſuchte, fort:„Möchteſt Du glücklich werden, Adelaide! Adelaide, erinnere Dich, daß das Er⸗ venleben kurz iſt— daß Pracht und Eitelkeit nur einen flüchtigen Genuß gewähren!. aber warum ſoll ich davon mit Dir ſprechen?“ fügte er mit einer Verziehung des Mundes hinzu, die einem Lächeln gleichen ſollte. „Ich ſuchte Dich nur, um Dir zu ſagen, daß Du frei biſt. Lebe wohl!“ Er wandte ſich ab und ging. Adelaide folgte ihm, dem Anſehen nach beinahe bewußtlos; an der Thüre er⸗ griff ſie ſeine Hand, hielt ihn zurück und ſah zu ihm hinauf, mit einem Ausdruck, der zu ſagen ſchien:„Iſt es wirklich wahr? Iſt's möglich, daß wir ſcheiden? Iſt es Ernſt?“ Er machte ſeine Hand los aus der ihrigen, blieb aber ſtehen und betrachtete ſie ſtill. Sie öffnete mit einem 236 rührenden Ausdruck der treueſten Engelsliebe ihre Aume gegen ihn. Ein dämoniſcher Ausbruck flog über ſein Ge⸗ ſicht und entſtellte die ſchönen Züge; er ſtieß ſie heftig von ſich und verſchwand. Der Stoß von ſeiner Hand, noch mehr aber der Schrecken dieſes Augenblicks warf Adelaiden auf den Marmorboden nieder. Hier lag ſie ſtill und bleich wie eine Sterbende, und drückte bloß die Hände feſt gegen ihre Bruſt. Ich hob ſie auf, trug ſie auf meinen Armen in ihr Zimmer, weinte über ihr und ſprach die zärtlichſten Worte zu ihr; Alles vergebens, ſie blieb ſtill, athmete haſtig und kurz und hielt die Hände über ihrer Bruſt, als ſuchte ſie dadurch irgend einen großen Schmerz zu betäuben. Ich bat die Baronin, zu Adelaide zu gehen, und eilte, Alarich aufzuſuchen, um ihn wo möglich wieder zum Verſtande zu bringen und einige Autklärung über den ſeltſamen Auftritt zu erhalten, deſſen Zeugin ich geweſen war. Als Alarich Adelaide verlaſſen hatte, gab er ſogleich Befehl zu ſeiner Abreiſe, und in wenigen Minuten ſtand ſein Wagen vor der Thüre. Da trat haſtig und unan⸗ gemeldet Gräſin Auguſte in ſein Zimmer.„Ich wollte Dir Etwas ſagen, Alarich“— ſagte ſie, und ihre Wangen ſlammten.„Alarich, wenn die Zeit Deinen Schmerz ge⸗ lindert hat, wenn es Dir gelungen iſt, eine Unwürdige zu vergeſſen... dann denke,— dann erinnere Dich, daß Auguſte Dich liebt, daß ſie Dich treu und warm liebt.“ Er ſah ſie verwundert an, und ein dunkles Feuer flammte aus ſeinem Blick. Sie trat näher zu ihm und ſtreckte ihm die Hand entgegen. „Auguſte!“ ſagte er, indem er ſie mit duſterem Ernſt abwehrte,„ich kann Dir nicht einmal danken. Du kannſt nichts für mich ſein. Meines Lebens Freude iſt dahin— ich habe keine Liebe mehr zu verſchenken. Lebe wohl! vergiß mich!“ und er entfernte ſich ſchnell. Auf der Treppe begegnete ich ihm. Ich hielt ihn an und fragte:„Um Gottes willen, ſagen Sie mir, was iſt vorgefallen?“ nel eme Ge⸗ ftig and, varf ſtill die ſie und ſie nde nen und eder iber ich eich and 237 Er heftete ſeine Augen auf ein kleines Adelaiden ge⸗ höriges Halstuch, das ich zufälligerweiſe mit meinem Shawl über den Arm genommen hatte, entriß es mir, und ohne auf meine Fragen zu antworten, eilte er fort, das Tüchlein mit Küſſen bedeckend. Jetzt ſah ich Gräfin Au⸗ guſte mit glühenden Wangen aus ſeinem Zimmer kommen. „Was iſt geſchehen?“ fragte ich ſie,„was bedeutet das Alles?“ „Ich weiß es ſſelbſt nicht,“ antwortete ſie;„wie ſteht es mit Adelaiden?“ „Schlecht,“ ſagte ich.„Was wollten Sie hier, Gräfin? Was ſagte Graf Alarich?“ „Es iſt nicht meine Sache, über ihn und ſeine Hand⸗ lungen Rede und Antwort zu ſtehen,“ erwiederte Gräfin Auguſte unwillig. In dieſem Augenblick hörten wir einen Wagen rollen. Alarich war abgereist. Im Vorzimmer traf ich den jungen Ottvo, der ſich höchſt unruhig und grimmig geberdete. Er verlangte meinen Rath, was er thun ſolle. Er war auf's Aeußerſte erbost über Graf Alarich, der ihn einen Knaben ge⸗ nannt und höchſt übermüthig behandelt hatte. In der Eile und Angſt, wieder zu Adelaiden zu kommen, wußte ich ihm keiuen beſſern Rath zu geben, als er ſolle vor der Hand zu Hauſe bleiben. Liebe bis in den Tod. Ich ſinge, benn ich ſterbe, und mein Geiſt Durchbricht, befreit der Erbe ſchwere Banbe, Lebt wohl! Der Drang bes neuen Lebens reißt Mich mächtig fort in ſeligere Lanbe; Dort ſoll ein helles, lieblicheres Singen Von meinem Leben, meiner Lieb erklingen. Schwanengeſang. Als ich zu Adelaide zurückkehrte, ſaß die Baronin neben iht und beſchäftigte ſich damit, ihr eine Maſſe b a e t i 238 Moral und Lebensmarimen einzugeben, die, wie mir wohl ekannt, im Stande ſind, einen Geſunden krank zu machen, und folglich nach der Berechnung der Homöopathie einen Kranken hätten geſund machen ſollen. Allein auf meine rme Adelaide brachten ſie auch nicht die geringſte Wirkung hervor. Sie lag ſtill und unbeweglich da und ſchien zu leiden. Ich beeilte mich, die Baronin auf's Artigſte zu i beurlauben, ſodann ſetzte ich mich ſchweigend zu Adelaide, inzig und allein mit ihr beſchäftigt und auf Mittel ſin⸗ nend, ſie zum Sprechen oder wenigſtens zum Weinen zu 3 bringen. Ach, es war der erſte Schmerz, der dieſe junge weiche Bruſt traf. Sie war noch zu wenig gehärtet und drohte unter der Bärde zu brechen. Bis zum Nachmittag lag Adelaide in einem Zuſtand odtenähnlicher Ruhe, dann bemächtigte ſich ihrer auf ein⸗ mal eine raſtloſe Unruhe. Sie ging aus einem Zimmer n's andere und ſchien etwas zu ſuchen, aber ſelbſt nicht zu wiſſen, was. Mein Jammer um ſie war unbegreiflich, ich ſchickte plötzlich nach dem Arzt in der nächſten Stadt und folgte Adelaiden einſtweilen ſchweigend und treu, wie ihr Schatten. Nachdem ſie beinahe das ganze Haus durchwandert, ging ſie hinaus; ich ließ ſie gehen, warf bloß einen Shawt über ihre Schultern und ſolgte ihr ſchweigend. Ich war froh, daß ſie hinausging, denn ich hoffte, die Bewegung und die friſche Luft würde ſie wie⸗ der zur Beſinnung bringen. Sie ſchlug denſelben Weg 3 ein, den Alarich gereist war, und ging immerſchneller und ſchneller, bis ſie eigentlich zu lauſen anfing. Sodann bog ſie von der Straße ab und ſetzte unregelmäßig, bald gehend, bald laufend, ihre Wanderung durch wilde Waldgegenden fort. Ich konnte ihr nur mit Mühe folgen, aber ihr wei⸗ ßes Kleid, das zwiſchen den Bäumen flatterte, erhielt mich auf ihrer Spur. So ſetzten wir die mühſame Wanderung gewiß eine Stunde lang fort; ich hätte Adelaide gerne an⸗ gehalten, allein ſie ſchien meine Abſicht zu ahnen, und je desmal, ſo oft ich mich näherte, flog ſie mit der Schnel⸗ ligkeit einer Taube von mir. Mein Ruſen und mein Bitte mit d und ü aus e und ich m tränk fließe Erk hatte dauer hielt. Verz Wir von Woh ſie ſi: Goit eines Erei laſſer ſetz 1 hatte Gebe der folgt betet nen! uns Kreu der; auch Töne ſchw letzte ohl pen, nen eine ung zu e zu hide, ſin⸗ nzu unge irtet ſtand ein⸗ amer nicht flich, rund 1 bog hend, nden wei⸗ mich rung e an⸗ d je⸗ hnel⸗ mein 239 Bitten ſchien ſie nicht zu hören. Auf einmal ſah ich ſie mit dem Geſicht auf den Boden fallen. Ich ſprang hinzu und überzeugte mich, daß ſie ſich niedergeworfen hatte, um aus einer Quelle zu trinken, die zwiſchen dem Haidekraut und dem Moos hervorſprudelte. In dem Augenblick, wo ich mich bückte, um Adelaide von dem gefährlichen Ge⸗ tränke abzuhalten, ſah ich einen klaren Blutſtrom hervor⸗ fließen und ſich mit dem Waſſer der Quelle vermiſchen. Er kam aus der Bruſt meiner armen Adelaide. Sie hatte einen heftigen Blutſturz, der mehrere Minuten dauerte, und während deſſen ich ſie in meinen Armen hielt. Sie verlor dabei die Beſinnungz ich war der Verzweiflung nahe. Es war ſpät am Abend und fing an zu dunkeln. Wir befanden uns mitten im wilden Walde, keine Spur von einer Menſchenwohnung zeigte ſich weit und breit. Wohin ſollte ich mit Adelaide gehen? Wo Hülfe fur ſie finden. Ich hatte miroftgeſagt, daß es vergebens ſein würde, Goit um irdiſche Hülfe anzurufen, denn er könne wegen eines Menſchenrufs nicht mit willkürlicher Hand in die Ereigniſſe eingreifen, deren freies Spiel er einmal zuge⸗ laſſen, und könne dieſelben nicht hemmen, ohne das Ge⸗ ſetz umzuſtoßen, das er in die Natur geſchrieben. Ich hatte ſchon viele Jahre nie mehr um etwas Irdiſches ein Gebet zu ihm emporgeſandt— aber in dieſer Stunde der Angſt waren alle Vernunftgründe ohnmächtig; ich folgte dem unmittelbaren Inſtinkt des Herzens— ich betete— ſchickte ein brünſtiges Gebet um Hülfe für mei⸗ nen Liebling zu Gott empor. Doch Alles blieb ſtille um uns her; nur die blutgefärbte Quelle murmelte, und der Kreuzſchnabel hackte da und dort einen Tannenzapfen auf, der zur Erde gefallen war; dann und wann ſauste es auch im Walde, und in weiter Entfernung hörte man die Töne des Kuhhorns. Adelaide lag mit geſchloſſenen Augen ſchweigend, todesbleich und blutend da; ich glaubte, ihre letzte Stunde ſei gekommen. Ich rief mehreremale laut, 2⁴⁰ allein nur das Echo antwortete mir. Wiederum betete ich ſtill und unter Thränen, und ein Rettungston ſchlug an mein Ohr. Es war das Läuten einer kleinen Kuh⸗ glocke und die Stimme einer Treiberin:„Geh, Alte, vor⸗ wärts. Nun, was ſoll das ſein, will ſie nicht weiter lau⸗ fen u. ſ. w.“ Bald darauf kamen aus dem Gebüſche ein altes Weib und eine Kuh hervor, die bei unſerem An⸗ blick erſchrocken und brüllend ſtehen blieb. Ich rief das nicht minder erſchrockene Weib an, ſagte ihr ſchnell, was geſchehen ſei, und bat ſie um Hülfe. Ihre Wohnung war nicht weit entfernt, ſie half mir Adelaide dahin tragen. Adelaidens Blut ſtrömte nicht mehr, allein ſie lag in einer todtenähnlichen Ohnmacht da. Die Kuh folate uns leiſe brummend. Etwa hundert Schritte von der Quelle, unmittelbar am Ausgang des Waldes, lag das kleine Gehöfte. Wir trugen Adelaide in die enge, dunkle, aber reinliche Hütte und legten ſie auf ein Strohlager. Hier⸗ auf ging die Alte ſchnell nach dem Gute, um das Vor⸗ gefallene zu berichten und die nöthige Hülfe herbeizu⸗ ſchaffen. Ich hoffte, der Arzt ſollte indeß dort ange⸗ kommen ſein. Ich blieb mit Adelaide allein in der Stube und die ſchmerzhafteſten Gefühle erfüllten mein Herz. Da lag mein wäßer Schwan, mein Liebling, blutig auf dem Stroh— noch immer ſo ſchön— aber vielleicht ſeinem Tode nahe. Sollte ich dieſes von Güte und Freude ſtrahlende Auge nie wieder ſich öffnen ſehen? Dieſes ſchöne Leben voll Geſang und Liebe— ſollte es hier aufhören, zu athmen?“ So ſaß ich da und weinte die bitterſten Thränen über Adelaide, als ſie die Augen ein wenig aufſchlug und mit ſchwacher Stimme bat:„Gib mir zu trinken!“ Ich ſah mich in der Stube um, aber da war we⸗ der Trockenes, noch Naſſes zu finden, ich wagte es nicht, von Adelaide hinweg bis zur Quelle zu gehen, auch hätte ich ihr dieſes kalte Waſſer nicht geben dürfen. Ich war in der größten Angſt. Da brummie außen vor der Thüre die K Fenſte nung, Stub⸗ es fr ohne Ich e kleine pen. indem ließ. und 1 betete ſchlug Kuh⸗ , vor⸗ r lau⸗ che ein n An⸗ ief das l, was ng war tragen. lag in te uns Quelle, kleine le, aber Hier⸗ s Vor⸗ erbeizu⸗ t ange⸗ und die ag mein troh— e nahe de Auge ben voll en, zi Thränen ufſchlug rinken!“ war we⸗ es nicht, uch hätte Ich war er Thüre 241 die Kuh leiſe und ſchnaubte mit der Naſe gegen das Fenſter. Ueber alle Beſchreihung froh bei dieſer Ermah⸗ nung, nahm ich den Milcheimer, der in einer Ecke der Stube ſtand, ſprang hinaus und melkte die Kuh, die es fromm geſchehen ließ, obwohl, wie es ſchien, nicht ohne einiges Mißvergnügen über die ungewohnte Hand. Ich eilte zu Adelaide zurück, goß die Milch in eine fleine Taſſe und führte den milden Trank an ihre Lip⸗ pen. Sie trank begierig. „Ach, das war ſchön, das war ſehr gut!“ ſagte ſie, indem ich ihren Kopf ſachte wieder auf's Lager ſinken ließ. Sie ſah auf, ſah mich klar und freundlich an und reichte mir die Hand.„Jetzt iſt es beſſer,“ ſagte ſie.„Ich verſichere Dich, es war ſchrecklich! Ein ſol⸗ cher Schmerz hier— ſie legte die Hand auf ihre Bruſt— „ich erſtickte— konnte aber nicht ſterben. Jetzt iſt es beſſer. Verzeih mir! Ich habe Dir gewiß viele Unruhe gemacht verzeih mir!“ „Sprich jetzt nicht,“ bat ich, ihre Hand mit Küſſen und Freudenthränen bedeckend—„ſprich jetzt nicht; ſei ſtill und ruhig, ich bitte Dich um Gotteswillen, um mei⸗ ner ſelbſt willen, um aller Derer willen, die Dich lieben — dann kann Alles noch gut werden!“ Sie machte eine verneinende Bewegung mit dem Kopfe. Schmerz breitete ſich über ihr Geſicht aus und ihre Thränen begannen zu fließen. Ich war froh darüber, ſie bedurfte dieſer Linderung. Die Hütte, die jetzt unſere Wohnung ausmachte, lag etwa eine Viertelmeile von unſerem Landgut, und es dauerte beinahe eine Stunde, bis Leute von dort zu uns kamen. Die tiefſte Beſtürzung über Adelaiden's Unfall herrſchte unter den Anfommenden. Gräfin Auguſte, ſagten ſie, ſei krank geworden. Der Arzt aus der Stadt war noch nicht angelangt. Adelaide ſchien zu ſchwach u ſein, um weiter gebracht werden zu können; ich be⸗ ſürhiei⸗, die Bewegung möchte ihr einen neuen Blut⸗ ſturz zuziehen; ſie ſelbſt wünſchte, die Nacht über ruhig da zu bleiben. Ich beſchloß alſo, es dabei bewenden zu Bremer, Töchter d. Präſidenten. 16 laſſen, ſchickte nach Kleidern und einigen Medicamenten, gab Befehl, den Arzt gleich nach ſeiner Ankunft auf B. hieher zu ſchicken, und behielt im Uebrigen nur ein Mädchen bei mir, laiden zu ſein. mit, das Blut von Adelaiden's Geſicht, Hals und Hän⸗ den abzuwaſchen und ihr neue Kleider anzulegen⸗ Sie war dabei ſtill, freundlich und zufrieden. Spät am Abend kam die Nachricht, der Arzt ſei nicht in der Stadt geweſen, als unſer Bote angekon⸗ men, und man könne ihn daher nicht in B. erwarten. Ich war und nachdem das Mädchen und die Alte ſich in einen andern Stübchen ſchlafen gelegt hatten, ſetzte ich mich neben Adelaiden's Bett und plieb da ſtill die Nacht über Von Zeit zu Zeit legte ich Scheite und Reiſig in's Feun, deſſen freundliche Flamme das Stübchen hell erhielt. g Die Nacht war ſtürmiſch und Regenſchauer ſchlugen Hi wagen,“ ſagte ſie—„weiſe ſie hieher!... zu A., 24² um mit mir die Nacht über bei Ade⸗ Mittlerweile beſchäftigte ich mich da⸗ vor dem nächſten Tage tief bekümmert darübet, gegen das Fenſter, die Eulen ließen ihre gellenden, wider⸗ lichen Töne hören, allein das ſtillende Mittel, das ich Adelaiden eingegeben, hatte ihr einen tiefen, obwohl un⸗ W ruhigen Schlaf verſchafft. Finſtere Phantaſien beſchäftigien du ſie mitunter, und ſie warf unruhig ihre Arme hin und her 6 8 „Sie fahren den falſchen Weg mit dem Leichen⸗ in der Kirch der dort liegt meine Mutter und mein kleiner Bri au vort will auch ich liegen— nicht in dem ge wo mauerten Grabe! Ich will nicht dahin. Nein, legt mic ker unter Gottes freien Himmel— laßt die Sonne auf mei ſich Grab ſcheinen— laßt Blumen darauf wachſen!. So fuhr ſie zu meinem unbeſchreiblichen Schmer ter lange fort, indeß wurde ſie allmählig ſtiller, bis Mor det gens gegen ſechs Uhr, wo ſie haſtig auffuhr mit de ſch Worten:„Luft, und die friſche ſog ſie begierig weiſe wieder eingeſtellt zu haben. ich erſticke!“ Ich riß die Thüre alſ Morgenluft ſtrömte herein. Avelaide ne ein. Ihre Kräfte ſchienen ſich theil⸗ 6 nenten, uft auf ur ein ei Ade⸗ ich da⸗ d Hän⸗ i. Sie Arzt ſei ngekom⸗ en Tae arübet, n einen ich nih cht über. s Feuer, rhielt. ſchlugen n, wider das ich wohl un⸗ häftigtn und her Leichen er Kirch ner Bri dem ge⸗ legt mit auf mein n Schmerz bis Mor rmit den hüre ai Avelaid ich theil⸗ 243 „Emma,“ ſagte ſie,„ich habe ja geſtern und heute gar nicht gebetet. O Gott, vergib mir, daß ich Dich vergeſſen habe! Emma, ich ſündige ſo viel! Der Menſch ſollte über ſeinen eigenen Sorgen Gott nicht vergeſſen. Aber ich bin ſo krank geweſen.. jetzt iſt mein Verſtand wieder klar, komm, laß uns beten!“ Ich kniete neben ihrem Bette nieder. Mit tiefem Ernuſt, mit durchdringender Innigkeit betete Adelaide für alle Leidenden, alle Kranken, für ihren Vater, ihre Schwe⸗ ſtern— und endlich betete ſie mit dem ganzen warmen Leben der Liebe für Alarich. Noch betend ſank ſie er⸗ mattet auf ihr Lager zurück. Hierauf ſchlief ſie ſtille und gut etwa eine Stunde lang. Dann erwachte ſie ſichtlich geſtärkt und ſagte:„Ich möchte den Himmel ſehen und freiere Luft einathmen, das würde mir gut thun. Laß uns hinausgehen, ich bin wieder ſtark.“ Ich legte ihr ein warmes Oberkleid an und führte ſie zur Hütte hinaus. Wir ſetzten uns auf die Thürſchwelle und athmeten die reine, ungewöhnlich milde Septemberluftein. Die Hütte lag auf einer Anhöhe am Rande des Waldes. Ein weit ſich ausdehnendes, von Tannenwal⸗ dungen umgränztes Feld lag vor uns; Wege durchkreuz⸗ ten ſich nach mehreren Seiten über Felder und Wieſen. Es hatte die ganze Nacht geregnet und geſtürmt, allein der Sturm hatte ſich vollſtändig gelegt und jede Pfütze auf dem Wege lag zu einem Himmelsſpiegel verklärt da, worin das ſich auſhellende Blan und die zögernden Wol⸗ ken zu verweilen ſchienen. Kleine, gelbe Blumen wiegten ſich vor uns im Morgenwinde auf ihren ſchwachen Sten⸗ geln, grüßten und küßten ſich, und Chöre kleiner Inſek⸗ ten ſtiegen aus dem beperlten Graſe auf, ohne eine an⸗ dere Abſicht, als zu tanzen und zu ſingen. Der Falke ſchwebte in weiten Kreiſen über dem Felde und ſchlug die Wolken mit ſeinen kühnen Schwingen, während die klei⸗ nen Vögel auf den vergilbenden Birken neben uns in ſorgloſer Munterkeit zwitſcherten. Die Sonne ſchien nicht allein, es lag ein milder Schein auf der 16* des orn⸗ ches ien hie⸗ um, „wie recht nicht dern, mma, l das dieſe e von kann u all gen?“ denen len ſie lich en, g des n und ind ſie rn der twer⸗ heben, ich ich Emma, e Alles e. Ich nd ihre , was ernſtem 245 Tone, ich bin nicht gut geweſen. Ich war ſtolz, leicht⸗ finnig, übermüthig. war ich nicht übermüthig?“ Ich antwortete nicht, denn ich konnte nicht Nein ſagen. „Ja, ich war gewiß übermüthig— und hatte ſo wenig Urſache dazu! Gott verzeihe mir's! Alarich konnte mich nicht lieben. Ich bin ſo voll von Fehlern, und er iſt ſo überlegen... „Nicht überlegen,“ ſagte ich mit dem Unmuth, den ich über ihn empfand— er iſt unbillig, ja, er iſt hart und grauſam gegen Dich geweſen.“ „Kein Wort gegen ihn!“ bat Adelaide mit feier⸗ lichem Ernſt.„Ich will, ich muß an ihn glauben— er hat mich verurtheilt, ich muß es alſo veidient haben. Ich will an ihn und ſeine Vortrefflichkeit glauben;— wenn er aufgehört hat, mich zu lieben, ſo iſt es gewiß meine Schuld, allein— ach! er kann nicht in dieſes Herz ſehen— er würde mir verzeihen um meiner Liebe willen. Gott wird mir verzeihen, und zu ihm will ich gehen.“ Ich war höchſt verwundert über dieſen Ausbruck, wagte es aber nicht, eine Erklärung zu verlangen, aus Furcht, Adelaide möchte ſich zu ſehr angreifen; ich be⸗ gnügte mich damit, ſie auf's Kräftigſte zu verſichern, daß Alarich ſie liebe, und keine Andere, als ſie. Ich erzählte ihr den kleinen Auftritt auf der Treppe bei ſeiner Abreiſe. „Hüle Dich wohl,“ ſagte Adelaide mit wirrem Blicke,„hüte Dich wohl, mir noch Hoffnungen zu ma⸗ chen— es wäre grauſam, ſie zum zweiten Male zu ver⸗ lieren. Sprich Nichts, Emma;— ach, ich weiß ja Alles, weiß nur zu gut, wie es iſt.“ Ich wurde durch die Ankunft des Arztes verhindert, zu antworten. Er brachte Leute mit, die eine bequem gebettete Sänfte trugen; auf dieſe wurde Adelaide ge⸗ legt und mit äußerſter Sorgfalt und Vorſicht nach Hauſe gebracht. Die Reiſe ging glücklich von Statten, obſchon langſam. Adelaide ſpielte behaglich mit den Blumen, die ich auf den Seiten des Weges für ſie pflückte; ſie war ſtill und freundlich. Sobald wir nach Hauſe kamen ette etzte iner am, b in halb igen ſaß. vahr vorte viel⸗ Dein jetzt, r ge⸗ be?“ ppen. Ade⸗ wäre, hätte, ver⸗ tihm o von iebte, l noch e. weg, eftiger r lieb⸗ Dir arichs nicht, ß ent⸗ e, will urſacht uguſte, 247 bleibe noch— glaube nicht, daß ich zurückhaltend bin mit meiner Verzeihung, daß ich Bedingungen daran knüpfen will— nein, jetzt, ſogleich will ich ſie Dir ſchenken, wenn Du auch kein Wort ſagen ſollteſt, das mir den Frieden wieder gibt. Auguſte! wenn Du je eine bittere Stunde auf Erden haken ſollteſt, wenn es Dich ge⸗ reuen ſollte..“ ſie erhob ſich und ſtreckte der Schweſter die Arme entgegen—„Auguſte, komm näher— dann erinnereDich, daß Adelaide Dir verziehen hat!“ Sie wollte ihre Arme um den Hals der Schweſter ſchlingen, ſank aber in demſelben Augenblick ermattet auf ihr Bett zurück. Auguſte eilte von Adelaide hinweg, aber im äußern Zimmer ergriff ich ihren Arm, hielt ſie an und ſagter „Gräfin! Ich habe Adelaiden's Bitten gehört, und verſtehe jetzt Alles. In dieſem Augenblick ſchreibe ich an Alarich, im Fall Sie es nicht für gut finden, durch ein aufrichtiges Bekenntniß vor ihm und Adelaiden wo möglich wieder zu ſühnen, was Sie verbrochen haben.“ Sie ſtammelte einige mir unverſtändliche Worte, machte ihren Arm los und eilte hinweg. Eine halbe Stunde nachher rollte ein Wagen über den Hof. Sie war fort. Das Geſpräch mit der Schweſter hatte Adelaide heftig erſchüttert und einen neuen Blutſturz herbeige⸗ führt. Er war ſo heftig, dauerte ſo lange und ſchwächte die Kranke dermaßen, daß der Arzt erklärte, ein wieder⸗ holter Anfall würde unbedingt den Tod herbeiführen, und er könne auch jetzt nicht für den Ausgang bürgen. Dieſe Zeitung verbreitete die tiefſte Trauer im gan⸗ zen Hauſe, und jedes Wort, jeder Blick bewies, wie herzlich Adelaide von Allen geliebt wurde. Als Adelaide nach einigen Stunden Schlafs wieder Kräfte geſammelt hatte, las ſie Unruhe und Kummer in den Blicken Derer, die ſie umgaben. Sie winkte mich zu ſich und bat mich leiſe, ihr aufrichtig zu ſagen, was der Arzt von ihrem Zuſtande halte. Ich wieder⸗ holte ihr die Worte des Doktors, konnte aber dabei meine Thränen nicht zurückhalten. „Ich werde alſo ſterben!“ ſagte ſie mit freudeſtrahlen⸗ dem Geſichte,„ach, Gott ſei Dank! Weine nicht, meine Emma, ich bin glücklich!“— und ſie trocknete mit ihrer Hand meine Thränen. Jetzt kann ich ja verlangen, ihn noch einmal zu ſehen! Jetzt kann es ja das Schick⸗ lichkeitsgeſetz nicht verletzen, wenn ich ihn aufſuche! es iſt ja der Tod— Emma, müß nicht vor dem Tode Alles weichen? O, jetzt kann ich ihn noch einmal ſehen, kann ihm ſagen wie unendlich ich ihn liebe;— vielleicht darf ich an ſeinem Herzen ſterben.. ſchreibe ihm, Emma, beſte Emma. Ach, es iſt alſo der Tod, der uns vereinigen ſoll.“ Ich ſchrieb ſogleich und adreſſirte den Brief nach ſeinem Gut, in der Vermuthung, er werde dorthin ge⸗ reist ſein. Ich ſagte Adelaide meine Verdachtsgründe gegen Gräfin Auguſte und wollte ihr auseinanderſetzen, wie dieſes ungluͤckſelige Mißverſtändniß wahrſcheinlich ent⸗ ſtanden ſei, allein Adelaide unterbrach mich. „Sprich jetzt Nichts!“ bat ſie.„Mein Verſtand iſ nicht klar— ich kann nicht gehörig auffaſſen.. kaum erinnere ich mich noch, wie es zuging. Aber was macht dieß Alles jetzt?“ ſügte ſie mit einem hellen Blicke hinzu —„ich werde ja ſterben— ich werde ihn vorher noch einmal ſehen— er wird in meinem Herzen leſen. Er wird darin ſo viele Liebe ſehen, daß er mich um meiner Liebe willen lieben wird. Alles wird wieder klar, Alles gut zwiſchen uns werden, ich hege keinen Zweifel dar⸗ über, ich fühle es. Ach, ich bin ſo froh, Emma! Alles iſt ſo leicht, ſo ſchön, Gott iſt gnädig gegen mich.“ Der Arzt verbot Adelaide, ſo viel zu ſprechen. Sit verlangte nach ihren Schweſterchen und verſprach, zu ſchweigen. Die Kleinen kamen ganz erſtaunt, ganz be⸗ klommen und ganz neugierig. Sie kletterten auf der Schweſter Bett und ſetzten ſich zu beiden Seiten neben ſie⸗ Man hatte ihnen unterſagt, zu ſprechent ſie begriffen die Gefahr der Schweſter nicht, aber als ſie ſie ſo bleich ſahen, fingen ſie an zu weinen. Sie liebkoste ſie zärtlich und wen mit ruh wie ſich aus ern „He mir ſuh ahlen⸗ meine tihrer n, ihn Schick⸗ es iſt Alles „kann arf ich , beſte n ſoll.“ ef nach hin ge⸗ gegen n, wie ich ent⸗ kand iſt kaum s macht ke hinzu er nch en. Er meiner r, Alles fel dar⸗ Alles ich.“ en. Sit ach, zu zanz be⸗ auf der eben ſie iffen die ch ſahen, lich und 249 ſpielte mit ihren lichtgelockten Haaren. Die Kleinen küßten ihre weißen Hände. Es war ein ſchönes, rührendes Bild. Die ganze Nacht und den andern Tag blieb Adelaide in ihrem ruhigen, vergnügten Zuſtande, genoß aber kei⸗ nen Schlaf. Sie ſchien etwas zu erwarten, wiewohl ohne Unruhe; ſie ſprach heiter von dem Tode und dem Zuſtand nach demſelben. Alle Bilder ihrer Phantaſie waren licht und freundlich. Man hätte ſagen können, ſie ruhe in den Armen ihres himmliſchen Vaters und habe, ſeiner Liebe gewiß, ruhig und fröhlich ihr Schick⸗ ſal ihm anheimgeſtellt; ſie wolle jetzt bloß noch einem Freunde Lebewohl ſagen, um dann ſtille einzuſchlafen. Während dieſer Zeit beſchäftigte ſich Adelaide auch damit, ihre kleinen irdiſchen Angelegenheiten in Ord⸗ nung zu bringen. Kein Millionär könnte mit größerer Pünktlichkeit ſein Teſtament machen. Da waren alte und kranke Leute, denen Adelaide jährlicheine beſtimmte Unter⸗ ſtützung gab, dort Kinder, für welche ſie das Schulgeld bezahlte u. ſ. w. Adelaide hatte dieß bisher mit ihrem Taſchengelde beſtritten und wünſchte jetzt, daß nach ihrem Tode ihre Kleider und kleinen Koſtbarkeiten ver⸗ fauft und der Erlös zur ferneren Ausbezahlung dieſer kleinen Penſionen verwandt werden ſolle. Ich mußte bei dieſer Gelegenheit, wie ſchon oft, bewundern, wie viel Gutes mit geringen Mitteln ausgeführt werden kann, wenn dieſelben nur mit einem herzlichen guten Willen, mit verſtändiger Umſicht und Energie gehandhabt werden. Am andern Tag gegen Abend wurde Abelaide un⸗ ruhig; ſie weinte ſtille; eine Stunde darauf wurde ſie wieder ruhiger unb begehrte ihre Cither. Sie ſetzte ſich auf, griff einige Accorde und fing an zu ſingen. „Sie darf nicht ſingen!“ ſagte der Arzt, der jetzt aus dem andern Zimmer kam. Sie ſah ihn mit ihrem ernſten, etwas trotzigen Geſichte an und erwiederte: „Herr Doktor, Sie dürfen mir nicht verbieten, was mir Freude macht. Dieß ſchadet mir nichts!“ Und ſie ſuhr fort zu ſingen. Ich bat ſie, aufzuhören. 250 „Verweigert mir jetzt nicht, was ich wünſche!“ ſagte Adelaide mit einigem Eifer.„Sollte ich nicht ſingen dürfen?“ fuhr ſie mit einer glänzenden Thräne im Auge fort—„ſingt nicht der Schwan in ſeiner Todesſtundes Ich bin ja ein Schwan— ich ſterbe— alſo kann ich auch ſfingen.“ Und ſie ſang: „Er iſt vorbei, der kurze Lebenstraum, Und ſingend will ich meinen Tod begrüßen, Schön war der Strand, der nun entweicht, doch kaum Konnt' er des Lebens Bitterkeit verſüßen; Weit ſchöner ſeh ich an des Seees Gränzen Das Eiland der Glückſeligkeit mir glänzen. Ich ſinge, denn ich ſterbe und mein Geiſt Durchbricht befreit der Erde ſchwere Bande. Lebt wohl! der Drang des neuen Lebens reißt Mich mächtig fort in ſeligere Lande; Dort ſoll ein helles, lieblicheres Singen Von meinem Leben meiner Lieb' erklingen.“ Wir dachten nicht mehr daran, ſie zu hindern. Der Arzt hatte ſich geſetzt; er trocknete ſeine Augen. Ade⸗ laide fuhr fort, zu ſingen. Immer ſicherer, immer me⸗ lodiſcher wurde ihre Stimme, immer ſtrahlender ihr Blick. Ich beirachtete ſie mit Staunen und Bewun⸗ derung. Die ſtatuengleiche Schönheit ihrer Züge war in dieſem Augenblick ſichtbarer als je, denn ihr Geſicht war weiß, wie Marmor, eine holde Verklärung lag darüber ausgegoſſen, und während ſie ſich dem Geſange hingab, ſchien das fromme, ernſte Auge bereits die Hei⸗ math der Seligen zu ſchauen. Ich erwartete beinahe, ihr Geiſt werde während dieſes Todtengeſangs, der allmälig gebrochener und ſchwächer zu werden aufing, entſchweben. „O Gott,“ betete ich leiſe,„laß mich ihr nachfolgen.“ Jetzt rollte es auf dem Hofe. Haſtig und mit don⸗ nerähnlichem Geraſſel fuhr ein Wagen vor und hielt an. Die Cither entſiel Adelaiden's Händen.„Er iſts! er iſts!“ rief ſie; eine flüchtige Röthe färbte ihre Wan⸗ gen, d ließ ſie nach de Alarich ſeinem ſchnell. E ſagte e Angſt laide?“ 6 Thrän⸗ E Himm „Führ B ſtellte Alles könnte. ihr, di A Zärtli fragte nicht ſ nem K D Abend für di S ſucht müſſen widerſ fort, nicht, mich i bleiber ſagte ngen Auge nde? ich kaum Der Ade⸗ me⸗ r ihr wun⸗ war eſicht lag ſange Hei⸗ e, ihr mälig eben. gen tdon⸗ lt an. iſt's! Wan⸗ 251 gen, dann aber ſank ſie erbleichend zurück. Ich über⸗ ließ ſie der Pflege des Arztes und ging hinaus, um nach dem Ankömmling zu ſehen. Es war wirklich Graf Alarich. An der ſtummen Verzweiflung, die ſich auf ſeinem Geſichte malte, ſah ich, daß er Alles wußte. „Haben Sie Gräfin Auguſte getroffen?“ fragte ich chnell. Er nickte bejahend mit dem Kopfe.„Ich weiß Alles,“ ſagte er; dann ſah er mich mit einem Blick unſäglicher Angſt, an und ſeine bleichen Lippen ſtammelten:„Ade⸗ laide?“ „Sie lebt noch,“ ſagte ich, konnte aber dabei meine Thränen nicht zurückhalten. Er warf einen Blick flammender Dankbarkeit zum Himmel empor, ergriff dann meine Hand und rief: „Führen Sie mich, führen Sie mich zu ihren Füßen!“ Ich ſetzte ihm auseinander, wie ſchwach ſie ſei, und ſtellte ihm vor, daß er geduldig, behutſam ſein und daß Alles vermieden werden müſſe, was Adelaide aufregen könnte. Ich wurde unterbrochen durch eine Botſchaft von ihr, die mich hineinrief. Adelaide ſaß aufrecht im Bette, mit Augen voll Zärtlichkeit und Ungeduld.„Warum kommt er nicht?“ fragte ſie,„warum zögert er? Will er ſeine Adelaide nicht ſehen? Weiß er, daß ſie ihn ruft, daß ſie an ſei⸗ nem Herzen ſterben will?“ Der Arzt wollte die Zuſammenkunft für dieſen Abend verwehren und ſagte, die Kranke könnte dadurch für die Nacht zu ſehr aufgeregt werden. „Wollen Sie denn, daß ich jetzt ſogleich vor Sehn⸗ ſucht und Ungeduld ſterbe?“ fragte Adelaide.„Sie müſſen nicht unverſtändig ſein, denn ſonſt werde ich widerſpenſtig. Verzeihen Sie mir,“ fuhr ſie weinend fort,„ich weiß, Sie meinen es gut, aber Sie wiſſen nicht, was mir frommt. Laſſen Sie mich, o laſſen Sie mich ihn ſehen. Ich verſpreche Ihnen dann, ruhig zu bleiben; vorher kann ich es nicht ſein.“ 252 Es kam eine neue Botſchaft von Graf Alarich. Er verlangte durchaus zu Adelaide gelaſſen zu werden. Es wäre vergeblich geweſen, die Vereinigung dieſer zwei liebenden Weſen verhindern zu wollen. Ich führte Ala⸗ rich herein. Adelaide richtete ſich mit einem ſchwachen Rufe auf und ſtreckte ihm ihre Arme entgegen; er ſtürzte auf ſie zu, warf ſich neben ihrem Bett auf die Kniee und ſchloß ſie an ſeine Bruſt. O geh nicht fort! O geh nicht fort! Laß mich nicht ſo alleine; Ich will dich ſehn; mein Kind, verlaß mich nicht; Die Stimme noch, die liebliche, die reine, O laß mich hören, meines Lebens Licht. O ſieh mich an! in beines Auges Himmel Ruht ſüß die Seele, weichet jeder Schmerz, Und lchter wird es in der Welt Gewimmel⸗ Und ruhiger ſchlägt mein gequältes Herz. Sprich zu mir!— ſprich die troſtesvollen Worte, Womit die Liebe treuer Liebe lohnt, Wie ſie der Menſch vernahm an ſel'gem Orte, Den er, als Gottes Ebenbild, bewohnt. Laß mich dich halten feſt an meinem Herzen, O laß mich ruhn an deiner treuen Bruſt, Ja, dann entfliehn des Lebens herbſte Schmerzen Por dieſem Troſt, voll ſüßer Himmelsluſt 3 O geh nicht, geh nicht fort!— Es vecken Wolken Schon deinen Blick— du gehſt gib mir die Hand, So ſei es denn, du gehſt und ich will folgen Dir in des Todes nachtumhülltes Land. Es iſt etwas Süßes— und Diejenigen, die von Het⸗ zen lieben, wiſſen wohl wie ſüß— nach einem Augenblit des Mißverſtändniſſes, ja beiderſeitiger Vergehungen g⸗ gen einander, Herz an Herz zu ruhen und zu fühlen, il tiefſter Seele zu fühlen, daß es eine Gewißheit in der Welt gibt, eine Gewißheit, die aller Macht der Hölle trotzt, eine Gewißheit, welche der Himmel auf Eiden iſt, nämlich die, daß man einander liebt, daß man einander angehö trennen gefunde die ſich alles 2 wohl, t treten, darum Ur Verklä genieß faden Lebens Et gibt M ſie ein« ſchnell ſich dit gen S liche V nicht 1 die in empfur entſpri S einand und E den. Leben D Himm ewige alle S ſchnöd gen un Er Es zwei Ala⸗ achen türzte Kniee h nicht rz, l, Worte, rte, n, nerzen ſt Wolken ie Hand, en on Her genblic igen g⸗ hien, in in de rHölle iden iſt inander 253 angehört, daß Nichts, Nichts in der Welt Diejenigen trennen ſoll, die einander in wahrer, in göttlicher Liebe gefunden haben. O das iſt eine Gewißheit, die ſchönſte, die ſich auf Erden finden läßt— eine Gewißheit, die alles Andere begründet und verbürgt. Er erkannte dieß wohl, der, im Begriff vom Schauplatz des Lebens abzu⸗ treten, die Hand aufs Herz legte und ſagte:„Ich liebe, darum bin ich unſterblich!“*) Unſterbliche Sterbliche! wohl euch, wenn ihr dieſe Verklärung des Lebens, die wahre Liebe, ſchon hienieden genießen durftet! Wohl euch, wenn Gott dieſen Gold⸗ faden alle Theile des dunkeln Gewebes eures irdiſchen Lebens durchlaufen und erhellen ließ. Es gibt ewige Harmonien, ewige Sympathien; es gibt Menſchen, welche verbunden geboren werden. Wenn ſie einander in der Welt begegnen, dann entſtehen dieſe ſchnell geſchloſſenen Freundſchaftsbande, dann erprobt ſich dieſe unwiderſtehliche Anziehungskraft, dieſe inni⸗ gen Sympathien zwiſchen zwei Weſen— die der end⸗ liche Verſtand nicht zu erklären vermag, die zu glauben nicht mehr Mode iſt, und die dennoch vorhanden ſind, die in den Herzen, wo fſie ſich offenbaren, ſo freudig empfunden werden. Sie ſind Funken, aus Myſterien entſprungen, welche man wohl elyſiſche nennen darf. Solche Liebende für die Ewigkeit, ſolche Zwei, die einander gefunden, die trotz Allem einander angehören und Eins werden mußten, ſah ich in Alarich und Adelai⸗ den. Auch ſie ruhten lange ſtill Herz an Herz, und das Leben ſchien beiden kein Räthſel, keineFrage mehr zu haben. Doch bloß minutenlang kann man anf Erden den Himmel in ſeiner Bruſt tragen. Die Zeit ſchreitet ihren ewigen Schneckengang und breitet einen Nebel aus über alle Sonnen des Lebens— und daher entſtehen in dieſer ſchnöden Welt Unannehmlichkeiten, wie Auseinanderſetzun⸗ gen und Erklärungen ſelbſt unter den zärtlichſten Freunden. ¹) Fritz Stollberg. „Adelaide, kannſt Du mir verzeihen?“ waren bie erſten Worte, die ſich aus Graf Alarich's gewaltſam ter Bruſt hervorarbeiteten. ch nicht ſo!“ war Alles, was ſie zu ant⸗ worten vermochte. „Adelaide, ich bin Deiner nicht würdig— ich bin ungerecht und hart gegen Dich „Nein, ſage das nicht ſo kindiſch, Du mußteſt eine Erklärung!“ nigſtens jetzt nicht. Adelaiden's Leben un ſich ruhig verhält und ungeſt kann. Seht einander an, gen lieben und beiſammen zu ſein, bſch ruhen; ohnehin ſcheint es ihrer nicht zu ich war ſo voll Fehlet, bat ich zärtlich warnend,„wi⸗ Bedenken Sie wohl, Herr G d Ihr Glück beruht darauf, daß ſi ört wieder Kräfte ſammeln ießet die Gewißheit, ein⸗ age, eine einzige Frage noch!“ bat Ade⸗ und ſie legte ihre Hände zuſammen un ſten durchdringenden Blick an— te mir und ſprich die Wahrheit, gleich als ſagen— liebſt Du mich? un dere auf Erden!“ t!“ ſagte Alarit laide.„Alarich,“ nmit einem ern „Alarich, antwor ſollteſt Du ſie vor Gott liebſt Du mich mehr als jede An e, Du ſtrafſt mich har ſeine Augen mit der Hand; große Trop elaiden's Arm. imm die Hand hinweg! nein, ſieh mich au Alarich, ſieh mich an. Ich hab Verſtand iſt ſchwach geworden ich es vollkommen begreifen kan Alarich; mein geliebter ſo viel gelitten— mein antworte mir ſo, daß — liebſt Du mich?“ Alarich ſah ſie mi und ſagte mit ti laide, daß ichen allein warſtmeines tder ganzen Fülle der Liebe a „Gott iſt mein Zeuge, Ade⸗ ie Jemand geiiebt habe, außer Dir. Di Herzens Weisheit und Thorhei ge, meine erſte und meine le Mit einem Freudenruf, dankbar emporge Hän derb laid inde „St ruht ſtah! licht nen denſ ſuche mah zu ſe Zeit chen kenn ſpro mich blieb ihr: Arzt keit: dem zarte ſprie war Unſc neſu ande 255 Händen und einem Ausbruck von Seligkeit, der einen wun⸗ ren die altſam derbaren Glanz über ihr Geſicht verbreitete, ſank Ade⸗ llaide zurück auf ihr Bett. zu ant⸗„Und jetzt Friede zwiſchen euch!“ ſagte ich lächelnd, indem ich die Liebenden freundlich zu trennen ſuchte. ich bin„Stille jetzt, wenn Ihr für einander leben wollt.“ Sie waren ſtill, ſie ſahen einander an, ihre Hand Fehler, ruhte in der ſeinigen, Worte der Liebe und Freude ſtahlen ſich zuweilen über ihre Lippen. d,„we⸗ Ich ſetzte mich im Schatten nicht weitvondem Graß lichten Liebesbilde und goß ſtille Segnungen und Thrä⸗ daß ſet nen über daſſelbe aus. ammeln Als die Nacht herannahte, verlangte ich, die Lieben⸗ it, ein⸗ den ſollen ſich trennen, und Beide einige Ruhe zu genießen ſſet die ſuchen. Allein obſchon ich auf gut Schwediſch meine Er⸗ ticht z mahnung vortrug, ſchienen die Liebenden doch der Anſicht zu ſein, ich rede in Zungen oder in der Sprache, die zur at Ae Zeit der Apoſtel in der chriſtlichen Verſammlung geſpro⸗ nen und chen und verſtanden wurde, von der man aber aner⸗ a kennt, daß ſie zwar noch jetzt mitunter auf Erden ge⸗ leich u ſprochen, aber nicht mehr verſtanden werde. * un Ich konnte es wirklich nicht ſo weit bringen, daß man mich anhörte oder verſtand, und ſchwieg daher. GrafAlarich Alarié blieb die Nacht über bei Adelaide, wachte über ſie und gab Tropfen ihr mit eigener Hand die beruhigenden Mittel ein, die der Arzt verordnet hatte. In ſeiner Pflege lag eine Zärtlich⸗ mich keit und Milde, ein beinahe weiblicher Inſtinkl) den ich Ich hah dem kraftvollen Manne kaum zugetraut hätte. Allein die rden zarteſte Pflanze kann aus dem härteſten Erdreich empor⸗ en kann ſprießen, wenn Liebe warm darüber hinhaucht. Adelaide ſchlummerte in der Nacht ruhig ein. Sie riebe an war unbeſchreiblich ſchön, wie ſie dalag, ein Bild der ge, A Unſchuld, der Güte und des Friedens. ir. Di Aus Alarich's Worten erfah ich, vaß er ihre Ge⸗ it, me neſung für eine ausgemachte Sache hielt und keinen andern Gedanken aufkommen laſſen wollte. ehobenen„Wenn aber doch?„ ſagte ich traurig. — 256 „Sie wird nicht ſterben!“ ſagte er mit einer Gewiß⸗ Bald daraußerwachte Adelaide.„Ich fühle mich ſehr ſchwach,“ ſagte ſie mit matter Stimme.„Alarich, ich muß mit Dir ſprechen, bevor es zu ſpät wird.“ „Du wirſt nicht ſterben!“ rief er in wilder Angſt und ſchloß ſie in ſeine Arme.„Die Engel des Himmels werden Dich nicht von mir reißen.“ „Aber Gott, Alarich, aber Gott! man kann ſich dem Willen Gottes nicht widerſetzen. Es wäre ja thöricht. Gottes Wille geſchehe! Was er thut, das iſt wohl⸗ gethan.“ „Gott kann, Gott wird Dich nicht von mir neh⸗ men,“ war ſein wilder, verzweifelnder Ausruf. „O ſprich nicht ſo, Alarich,“ bat Adelaide mit inni⸗ ger Zärtlichkeit und Ergebung.„Laß uns nicht murren, laß uns demüthig gehorchen. Wie kannſt Du glauben, heit, als wäreer Gott ſelbſt. O die armen Menſchen! daß das nicht gut ſein müßte, was Gott thut? Ich werde Dich übrigens nicht verlaſſen, wenn ich auch ſterbe. Ich werde als ein Engel um Dich ſein. Ich werde Dich mit meinen Flügeln umgeben, wo Duwachſt und wo Duſchläfſ ich werde Deinem Herzen Frieden zufächeln; jedes Gebet, das Du beteſt, werde ich zu Gott hinauſtragen und mit der Erhörung deſſelben zu Dir zurückkommen.— Ich werde Dich, mein Alarich, indem lichten Lande erwarten, wo kein Kummer, keine Trennungmehrſtatifindet; und in Deinem letzten Kampfe werde ich bei Dir erſcheinen, werde eine Thräne weinen und Deinen Geiſt mit einem Kuſſe ent⸗ führen. Ach! weißt Du, es iſt ſchön da droben über den Wolken, in Gottes klarem Himmel! ich weiß es; ich habe es in dieſen Tagen empfunden. 3 „Und Du wollteſt mich um dieſes Himmels willen verlaſſen, Adelaide?„. ſu „Wenn Gott es befiehlt! Gern möchte ich auf Erden für Dich leben, o wiegern! aber Gottes Wille geſchehe— wir werden bald wieder vereinigt werden.“ 4 Meine Feder iſt nicht im Stande, die Scenen zu — S ſchildern, die nun folgten. Wer vermag wohl auf der einen Seite dieſen verzweifelten Streit der Liebe mit unſichtbaren Mächten, um das behalten zu dürfen, was ſie liebt, zu ſchil⸗ dern, und auf der andern dieſen Himmelsfrieden, dieſe Er⸗ gebung, dieſe innige Zuverſicht und höhere Liebe, die das Leben nicht in getrennten Momenten ſieht, die, Gottes Le⸗ ben in der eigenen Bruſt fühlend, im Tode nur einen Ueber⸗ gang ſieht, einen ſtillen Schlaf, gefolgt von einem neuen Morgen mit klarerer Sonne und kräftigerer Liebe. Adelaide verlangte von Alarich Verzeihung fürAuguſte. Er könne, erklärte er; ihr nicht vergeben. „Du kannſt nicht?“ fragte Adelaide traurig.„O Ala⸗ rich, wie können wir dann beten: Und vergib uns unſere Schulden!... „Sprich jetzt nicht von ihr,“ unterbrach ſie Alarich heftig,„ich könnte jetzt...“ Adelaide legte ihre Hand auf ſeinen Mund und fing an zu weinen. Er küßte ihre Thränen weg, wurde weicher und verſprach, ihr zu Liebe der Gräfin zu vergeben. Ich ſah ſie ſo aufgeregt, daß ich fürchtete, es möchte Adelaide ſchaden. Deßwegen bat ich ſie, ruhig zu ſein und machte den Vorſchlag ihnen Etwas vorzuleſen. Sie willigten gerne ein, und um ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln, ihre Gefühle zu beruhigen, zugleich aber auch mit dem heimlichen Wunſche, dem Philoſophen Alarich wegen Adelaide eine Lektion zu geben, las ich die ſchö⸗ nen Worte Pauli von der Liebe: „Wenn ich mit Menſchen⸗und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht: ſo wäre ich ein tönend Erz, oder eine klingende Schelle.“ „Und wenn ich weiſſagen könnte, und wüßte alle Geheimniſſe und alle Erkenntniß, und hätte allen Glau⸗ ben, alſo, daß ich Berge verſetzte, und hätte der Liebe nicht: ſo wäre ich nichts.“ (Beſonders Gewicht legte ich auf folgende Worte:) „Die Liebe iſt langmüthig und freundlich, die Liebe eifert nicht, ſie blähet ſich nicht auf.“ Bremer, Töchter d. Präſibenten. 17 „Sie ſ bittern, ſie trachtet nicht nach Schaden.“ laubet Alles, ſie hoffet „Sie verträg Alles, ſie duldet uchet nicht das Ihre, ſie läſſet ſich nicht er⸗ et Alles, ſie g Alles.“ ſo doch die Weiſſa⸗ „Die Liebe hört nimmer auf, d das Erkenntniß aufhören gungen aufhören werden, un wird.“ „Denn ſagen iſt Stückwerk.“ „Wenn aber kommen w wird das Stückwerk aufhören.“*) „Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, dieſe ößeſte unter ihnen.“ drei; aber die Liebe iſt die grö Der gute Schlaf. Wer wird dich lieben über jenen Fernen? Himmelslicht? gleich den Sternen Doch lieben? nein, das kann er nicht; 2 ſeinem heil'gen Herzen Sieht er den Himmel, nicht auf dich; in Luſt und Schmerzen. Dir Antwort geben kann nur Ich. g liebſt, wenn du im Ein Cherub voller Wohl glänzet ſeine Schönheit Mit ſeinem ſel'gen, Ich bin dir angetraut Wenn du liebſt, wenn du innis Herzen deiner Freundin, in ihrem deiner Seele gefunden, wenn du darin, Gottes Güte, den und Klarheit, auch den Glauben an Glauben an einen ſeligen H du mußt fürchten, dieſes Herz könnte zu ſchlagen aufhören, die Liebe in die könnte erlöſchen... Und wenn dann Reue *) 1. Cor. 13. unſer Wiſſen iſt Stückwerk und unſer Weiſ⸗ ird das Vollkommene, ſo Auge immel gefunden haſt— und die Sabbatruhe außer der Liebe unter deiner Hand ſem geliebten Auge ſich anklagend wider dich ———„—— ternen, n. du im atruhe Liebe te, den — und r Hand n Auge er dich 259 erhebt am Sterbelager deiner Geliebten und ſagt:„Du haſt nicht mehr geliebt. deine Liebe war von unwürdi⸗ em Argwohn befleckt— durch deine Schuld liegt dein iebling hier, im Begriff in's dunkle Grab zu finken— du haſt ſie hinabgeſtürzt, wehe, wehe dem, der nicht recht lieben kann!“ Und wenn Freunde dich tröſten wollen, wenn die Ge⸗ liebte ſelbſt ihre holdſelige Stimme erhebt und flüſtert: „O klage nicht, es iſt ſo ſchön zu ſterben Und jung zu ſterben, und die Welt Mit ihrer Luſt zu flieh'n, und dann zu erben Die ew'ge Ruh im Himmelszelt.“ Und wenn du dann mit dem Gefühl einer unend⸗ lichen Liebe in deiner Bruſt dem Himmel ſelbſt trotzen mußt, daß er dir ein Glück ſchenke, höher als deine Liebe gegeben haben würde. Wenn du fie kennen gelernt haſt, dieſe Gefühle be⸗ bender Liebe, der Reue, des Kampfes mit dem Himmel ſelbſt, dann kannſt du dir einen Begriff machen von Ala⸗ rich's Zuſtand, mehrere Tage hindurch, die er wachend an Adelaiden's Bett zubrachte. Sie ſchwebte in der größ⸗ ten Gefahr, Alarich„wandte ſeinen Blick nicht von ihr ab, er ſprach nicht, aber aus dem Ausdruck ſeines Geſichts hätte man ſchließen können, er kämpfte mit dem Todesengel, der ſie abholen wollte, Er wollte nicht, daß ſie ſterben ſollte. Wenn Adelaide im Verlauf dieſer Tage mit Ala⸗ rich ſprach, ſo ſuchte ſie ihn auf ihr Abſcheiden vorzu⸗ bereiten— ſie ſprach von der Seligkeit, die ſie in einem ſeligen Himmel genießen werde. Alarich antwortete:„Niemand wird Dich lieben, wie ich, Adelaide. Kann das Glück vergrößert werden, wenn das Band der Liebe zerſchnitten iſt? Kann Dich Jemand verſtehen, ſo wie ich? können die Engel Dir mehr Selig⸗ keit geben, als ich? O Adelaide! Haſt Du der Kraft mei⸗ ner Zärtlichkeit mißtrauen gelernt?“. 17 Sie verneinte dieß. Sie lächelte ihn unter Thrä⸗ nen an. Sie ſagte zu ihm, nur er allein könne ſie glücklich machen— allein ſie werden ja nicht auf lange getrennt ſein. Alles, was ſie ſagte, war lieblich, war ärtlich, war gut, war ein wohlthuender Balſam für ſein Herz. Am ſiebenten Tage verſank Adelaide in einen tie⸗ fen Schlaf. Als ſie nach mehreren Stunden erwachte, erklärte der Arzt, ſie ſei beſſer. „Beſſer?“ wiederholte Graf Alarich. Er ging hin⸗ aus und zum erſtenmal ſeit dem Abend an ſeiner An⸗ kunft floſſen ſeine Thränen, er beugte ſeine Kniee und dankte Gott. Als er zu Adelaide zurückkam, ſtreckte ſie ihm ihre Arme entgegen.„Ich werde für Dich leben!“ ſagte ſie. Sie weinten wie Kinder, aber, o wie glücklich waren ſie auch! Am Abende dieſes Tages begingen die beiden Liebenden die Unvorſichtigkeit, einander die Veranlaſſung zu dem unglückſeligen Mißverſtändniſſe zu erklären, das zwiſchen ihnen eingetreten war. Dieſes Geſpräch befrie⸗ digte ſie zwar, regte ſie aber gleichwohl auf. Daß Gräfin Auguſte unter dem Vorwand, einen Fehler an der Male⸗ rei auszubeſſern, das für Adelaide beſtimmte Portrait an ſich gelockt, hatte dieſe ſchon ſeit einigen Tagen geahnt; ihre ſreventlichen Ränke kennt der Leſer bereits. Allmälig wurde Alles klar vor den Blicken der Liebenden, ſie be⸗ weinten ihre eigenen Fehler, und entſetzten ſich vor den Leiden, die ſie gegenſeitig ausgeſtanden. Die Wirren der Vergangenheit gaben Licht für die Zukunft. „Ich werde nie mehr an Dir zweifeln, meine Adelaide,“ ſagte Graf Alarich, indem er ſie zärtlich an ſein Herz drückte.„Nie, nie mehr werde ich durch finſtern Argwohn Deine unſchuldige Freudigkeit ſtören;— o möchte ſie erſt mit Deinem Leben erlöſchen! Meine ſüße Adelaide, meine Lebensblume, meine Freude.“ „Und wenn ich leben darf, um Dir anzugehören,“ ſagte Adelaide,„ſo will ich nicht mehr ſo kindiſch und — 8——— —— — rä⸗ ſie nge var für tie⸗ hte, hin⸗ An⸗ und ihre ie. aren eiden ſſung „das efrie⸗ räfin Nale⸗ ait an ahnt; mälig ſie be⸗ or den en der laide,“ n Herz gwohn ſie erſt „meine hören,“ ſch und 261 leichtſinnig ſein, wie früher. Ach, dieſe kurze Zeit des Leidens hat mir ſehr gut gethan. Ich habe in dieſen Tagen mehr und ernſter über das Leben nachgedacht, als in meinem ganzen früheren Leben. Ich will Deine Freude werden, Alarich, aber nicht bloß, wie ich es bis jetzt ge⸗ weſen; ich ahne immer mehr die höhere Schönheit und den höhern Werth des Lebens; Du ſollſt ſie mich vollkom⸗ men kennen lehren. Leite mich, mein Alarich, ich werde Deine gehorſame Schülerin ſein— ich werde Dir fröhlich folgen, wohin Du mich führeſt, ich werde „Soll es heute Abend Pfannenkuchen oder Klöße ge⸗ ben?“ rief ich aus voller Kehle an der Thüre, um in die⸗ ſer mehr empfindſamen, als auf Geneſung berechneten Unterhaltung eine Diverſion zu machen. Die Kleinen waren bei mir. Sie trugen jede einen Teller. Ich ſelbſt hatte einen vollen Korb mit Kirſchen. Adelaide rief ihre Schweſterchen zu ſich. Alarich nahm ihnen ihre Teller ab und hob ſie zu ihr hinauf auf's Bett. Sie wurden eine um die andere geküßt und umarmt. Aber jetzt ſollte Adelaide auch eſſen. Die Kleinen mußten alſo wieder herabgenommen werden. „Darf ich Deinen Teller halten, Adelaide?“ ſagte Alarich. „Ja, wenn Du einen Fußfall thuſt,“ antwortete ſie mit ihrem ganzen früheren ſcherzenden Uebermuth. „Du biſt geſund!“ rief er entzückt, ſank auf ſeine Kniee und hielt ihr den Teller mit den ſchönen hoch⸗ rothen Kirſchen hin. Sie gab bald ihm, bald ſich ſelbſt; — ſie ſcherzten, ſie ſchalten, ſie lachten, ſie nahmen einan⸗ der die Kirſchen von den Lippen:— ſie ſchienen nicht genug eins werden zu können. O Liebe: ſüße, weiſe Narrheit! —— — Ein kurzes Kapitel. lang wären. nach der Hochzeit mit ihr ab. ſchüchtern wäre!... „Das wirklich zu kurz wäre, wenn nicht andere zu Ehrenſwärd. Liebe und Gebet wachten bei Adelaide; der Tod ging vorüber. Der Präſident kam mit Edla an, Beide glücklich, die Bekanntſchaft von einander gemacht zu haben. Gräfin Auguſten's Verbrechen wurden verſchwiegen. in's Ausland. Adelaide wurde wieder geſund, roſig und heiter. Sie wurden in der Kirche ausgerufen, die Trau⸗ ung aber geſchah zu Hauſe. Adelaide weinte und lächelte. Die Kleinen verwunderteu ſich. Der Pfarrer und der Präſident ſprachen den Segen. Gewiß wurde im Himmel Amen geſagt. Der Präſident und Manſell Rönngviſt tanzten Anglaiſe. Jemand weinte ſtille Thränen über den Verluſt ſeiner Freude. Graf Alarich fuhr einige Tage Sie reiſte Bei Seite zwiſchen dem Präſidenten und mir. Der Präſ.„Sie iſt ein Genie und Sie ſind. 4 Mamſ. R.„Was ſteht zu Befehl?“ Der Präſ. Glauben Sie mir, bonne amie, Edla iſt ein wahres Genie. Sie wird eine Leuchte ihres Vater⸗ landes werden. Alles will ſie wiſſen, nach Allem fragt ſie, Alles begreift ſie; ſie hat Fragen an mich geſtellt, die von einem Scharfſinn zeugen—, es iſt mir eine wahre Freude, ſie zu belehren. Jedermann muß über ſie ſtaunen. Profeſſor A. konnte für ſeine Bewunderung ihres klaren Kopfes kaum Worte genug finden.— Profeſſor A., Mamſell Rönnqviſt, das will Etwas heißen. Ich möchte nur wünſchen, daß Edla nicht ſo kleinmüthig, nicht ſo — — — ir. Sdla ter⸗ ragt ellt, 263 Ich. Edla hat meines Erachtens wirklich nicht viel Luſt, mit ihrem Wiſſen vor dem großen Publikum aufzu⸗ treten. Es würde ihr beſſer gefallen, mit den innern Reich⸗ thümern, die ſie ſich erwerben kann, ein ſtilles Leben zu führen, ſich ſelbſt und ihre nächſte Umgebung dadurch gluͤcklich zu machen. Sie hat durchaus keinen Ehrgeiz. Der Präſ. Das iſt recht ſchlimm, Mamſell Rönn⸗ qviſt, recht ſchlimm. Man ſoll ſein Licht nicht unter den Scheffel ſtellen, man ſoll es leuchten laſſen vor den Leuten. Run, Edla iſt noch ſehr jung und hat noch Zeit genug, ſich zu ihrem wichtigen Beruf vorzubereiten. Ich will nur wünſchen, daß unterdeſſen kein Freier.. dieſer Satansprofeſſor! Er ſah mir garzu forſchend aus! Ich. Edla wird ihren Vater nie verlaſſen. Ich kenne ihre beſtimmte Abſicht in dieſem Punkt. Sie wird ihr Leben dazu anwenden, Ihnen Wohlbehagen und Freude zu bereiten. Der Präſ. Gott ſegne ſie für dieſe Geſinnung. Ich gebe zu, daß es mir jetzt ſchwer fallen würde, mich ohne ſie zu behelfen. Indeſſen muß ihr Glück allem Andern vorgehen. Und da ich außerdem ſo glücklich bin, in mei⸗ nem Hauſe eine Freundin zu befitzen, wie Sie, Mamſell Rönnqpiſt,— eine Freundin, die meine Dankbarkeit.. meine Achtung meine.. Mamſell Rönnqpiſt.. wahrhaftig ich hoffe hm. Sie ſind.. Ich. Was ſteht zu Befehl? Der Präſ. Meine beſte Mamſell Rönnqviſt, meine beſte Freundin, ich hoffe.. Mein Leſer, ich hoffe, Du wirſt es mir nicht übel deuten, wenn ich über des Präſidenten und meine Hoff⸗ nungen hinweghüpfe, um Dich ſofort einzuführen in die Heimath der Glückſeligkeit. „Wie ſchön iſt's doch, der eignen Hütte Rauch zu ſehen.“ Franzén. »Eine Binnenſeebucht, einige waldbewachſene Höhen, zwi⸗ ſchen denſelben Aecker und Wieſen, und an einem Hügel, von wo aus man das Ganze überſchaut, die Wohnſtätte ſelbſt, dieß iſt das Ausſehen Schwedens im Allgemeinen.“ Forſell, Statiſtik von Schweden. »Die Liebe knüpft ſich als Wurzel im Enblichen feſt, ſtrebt aber gegen den Himmel empor und duftet im Lichte für jeden Wanderer; ſie ſteht in der Morgenröthe einer höhe⸗ ren Welt.“* — n. Gibt es wohl eine ſchönere, unſeres glühendſten Dankes würdigere Himmelsgabe, als eine Familie zu be⸗ ſitzen, ein Heimweſen, wo die Tugend, wo Anmuth und Freude Alltagsgäſte ſind, wo Herz und Auge ſich ſonnen an einer Liebeswelt, wo der Gedanke belebt und aufgeklärt wird, wo die Freunde nicht blos mit Worten, ſondern mit Handlungen zu einander ſagen:„Deine Freude, deine Sorge, deine Hoffnung, dein Gebet ſind auch die meinigen!“ Seht, wie in der edlen und glücklichen Familie die verſchiedenen Gaben ſich alle vereinigen, um ein gemein⸗ ſames Element des Guten und Schönen zu bilden, in welchem jedes Mitglied der Familie ſein Leben findet, jede Kraft ihre Entwicklung, jedes Gefühl ſein Verſtändniß und ſeine Beantwortung, und jede reine Luſt ihre Blume. Seht, wie die Thränen ſind gleich dem Himmelsthau, das Lächeln gleich dem Sonnenlicht, welches die Blumen herauflockt, und die Liebe, die Liebe iſt die geſegnete, die geweihte Erde, aus drr alle Keime zum Guten und zur Freude herrlich emporſchießen. Seht, wie der Körper (denn auch er iſt dabei betheiligt) herrlich gedeiht bei den harmoniſchen Anordnungen des Heimweſens und den Früchten, welche nicht, wie die des alten Paradieſes, ver⸗ boten ſind. wi⸗ gel, itte n.“ ebt für he⸗ 265 Das Leben in einer glücklichen Familie iſt eine unaufhörliche Entwickelung, ein ewiger Frühlingstag. O meine Mutter, o meine geliebten Schweſtern! Ihr, die ihr mich den häuslichen Herd ſegnen gelehrt habt— euch ſind dieſe Zeilen geweiht, dieſe dankbaren Thränen, die mein Auge befeuchten. Ich will von der Familie und dem häuslichen Herde ſprechen, will zu Schwedens Töchtern darüber ſprechen, nicht um ſie Etwas zu lehren, ſondern um ihnen in einem getreuen Spiegel die Bilder wiederzugeben, welche die Edlen unter ihnen mich ſchauen ließen; denn es iſt herrlich, ein Spiegel des Guten zu ſein.— Möge dieß mein glückliches Loos im Leben werden! Ich habe den häuslichen Herd in der Hütte auf der Sandhaide geſehen, ich habe ihn in den fürſtlichen Schlöſ⸗ ſern geſehen, zu deren Verherrlichung ſich Künſte aller Art vereinigt, ich habe ihn in der einfachen und beque⸗ men Wohnung des Bürgers geſehen, und überall, wo Tugend und Liebe das Familienband geknüpft, wo der Genius deſſelben, das gute, ſorgende Weib wachend und wirkend da ſtand, ſah ich dieſelben freundlichen Erſchei⸗ nungen, hörte dieſelben ſchönen Harmonieen, Reichthum und Armuth machten keinen Unterſchied. Güte und Ordnung, dieſe dienſtbaren Geiſter des Himmels auf Erden, rufen überall denſelben Frieden und daſſelbe Behagen hervor. Keine bittere Wurzel darf da wachſen; wo ſie aufkommen will, zeigte ſich ſtets ein Lächeln oder eine Thräne, und in dieſen ein Wort der Liebe, wodurch ſie erſtickt wird. Liebe wacht über der Wiege des Kindes, über der Ruhe des Greiſes, über dem Wohl und dem Behagen jedes Mitgliedes; um glücklich zu ſein, geht der Menſch aus dem Weltleben— heimwärts. Das betrübte Herz findet in der Heimath Troſt, das bewegte Ruhe, das fröhliche hat in ihr ſein rechtes Lebens⸗ element. Oder wo bekommſt du dieſen anmuthigen Scherz zu hören der bloß reizt, um zu befriedigen, wo dieſe frohen Worte der Zärtlichkeit und des Lobes— wo die⸗ 266 ſes herzliche Lachen, dieſen Ruf inniger Freude, wobei Unſchuld und Güte tagtäglich da capo rufen, und die das leichte, belebende Feuerwerk des Lebens ausmachen? Wo vernimmſt du ſie, alle dieſe unnennbaren kleinen Be⸗ haglichkeiten, die dem Zweck des Lebens einen erhöhten Reiz verleihen, wo anders, als in der edlen und glück⸗ lichen Familie? Und wo findeſt du, wie da, dieſes ſelbſt⸗ verläugnende Leben, dieſe reinen, unbeſungenen Aufopfe⸗ rungen für das gegenſeitige Wohl, dieſe treue und gehei⸗ ligte Liebe, welche ſich an das Erdenleben feſtknüpft und die Geiſter zum Himmel emporhebt— wo, wenn nicht hier, findeſt du dieſe reine Glückſeligkeit, welche mitunter träumen macht, der Himmel habe nichts Schöneres zu bieten, als die Erde? Fromme Seelen ſprechen vom Sterben, als von einem Heimgehen. Ihre Sehnſucht nach dem Himmel iſt für ſie daſſelbe, wie das Heimweh. Auch Jeſus zeigt uns die Wohnung der ewigen Glückſeligkeit unter dem Bilde einer Heimath, eines„Vaterhauſes.“ Sagt uns dieß nicht, daß das irdiſche Haus beſtimmt iſt, ein Abbild des Himmels zu ſein, eine Schule für denſelben, ein Vorhof zu dieſer höheren Heimath. Und wenn dem ſo iſt, ſo zeigt ſich, was ich oft ge⸗ ſehen habe: Was gut, was recht iſt, was keuſch, was lieb⸗ lich lautet, was auf Schönheit und Lob Anſprüche ma⸗ chen darf, Alles das wird in der Familie erzeugt und entwickelt. Sie ſteht im Leben da, wie ein grünender Baum, der immer höher gegen den Himmel emporwächſt. Der Norden iſt kalt und ernſt. Die Künſte haben hier nicht ihre Heimath; die Zeit der Blumen iſt kurz. Willſt du ihren Boden ſehen, ſo ſieh Italien, ſieh Frank⸗ reich; willſt du die geweihte Erde des Heimweſens und der Familie ſehen, ſo ſieh Schweden. Siehe überall zwi⸗ ſchen den Bergen und Wäldern dieſe ſtillen Wohnſitze, wo der Menſch ein veredeltes Naturleben genießt, wo im Schooße heiliger und angenehmer Verhältniſſe die ſchwediſchen Nationaltugenden: Gottesfurcht und Tapfer⸗ keit ſich entwickeln. 1 uns i die„ lebha teſt. miren verm⸗ niß a ( Aben ſchöne führt. zudrä einen Kein an de Reſed weiße dem 267 Und nun, da wir auf ſo gutem Wege find, laßt uns in Adelaiden's Wohnung einkehren. Ich habe ſie die Heimath der Glückſeligkeit genannt, und wünſchte lebhaft, daß du, mein Leſer, ſie auch ſo nennen möch⸗ teſt. Laß ſehen, ob ich nicht mit Hülfe der Feder, die mir meine ſelige Baſe Beate Alltagsgeſetz teſtamentlich vermacht hat, deiner Zunge, o mein Leſer, dieſes Zeug⸗ niß abzulocken vermag. Ein klarer Novembermorgen brach über M. an. Am Abend des vorhergehenden Tages hatte Graf Alarich ſeine ſchöne junge Frau in die Wohnung ſeiner Väter einge⸗ führt. Da wir im Begriffe ſind, uns in das Haus ein⸗ zudrängen und Indiseretionen zu begehen, ſo laßt uns einen Blick in das Wohnzimmer der jungen Gräfinwerfen. Kein Stäubchen auf dem grünen Teppich, kein Fleckchen an den klaren Fenſtern und Spiegeln. Die Luft iſt von Reſeden durchduftet. Der Kaffeetiſch mit dem blendend weißen Tuch und dem dampfenden Morgentranke ſteht an dem Sopha. Einige ſchöne Gemälde von Schwedens wackern Meiſtern ſchmücken die Wände. Wo haben wir aber die junge Herrſchaft ſelbſt? Dort am Fenſter ſtehen Alarich und Adelaide; er den Arm um ihren Leib ge⸗ ſchlungen, ſie den ſchönen Kopf an ſeine Schulter gelehnt. Der erſte Schnee war in der Nacht gefallen, und wie ein großes weißes Betttuch lag der See unten an der alten ſtattlichen Burg. Der hochſtämmige Fichtenwald ſtreckte weit umher ſeine ſchneeigen Kronen gen Himmel empor, und auf der andern Seite des Sees erhob ſich ein Bergrücken, in wunderlichen Gebilden. Fernher vom Walde hörte man das Fallen der Aexte und den Tanz ihrer muntern, taktvollen Schläge. Einige große Schnee⸗ flocken fielen noch langſam durch die ruhige Luft herab, der Himmel klärte ſich immer mehr auf und die Wolken färbten ſich immer höher in Purpur und Gold, bis fie ſchnell erbleichen mußten vor dem ſtrahlenden Blick, welchen die Königin des Tags ihnen zuſandte, indem ſie ſich klar und herrlich aus dem weißen Bette im Gebirge erhob. Erde und Bäume kleideten ſich jetzt ſchnell in und diamantenen Schmuck, ſie glitzerten von tauſend Ster⸗ läch nen, allein dieß geſchah nicht, um zu wetteifern, ſon⸗ dern zur Huldigung und zum Danke. Und dieſes edle Schauſpiel wurde von zwei glück⸗ weit lichen Menſchen betrachtet. GrafAlarich's Adlerblickruhte geni auf der Sonne und ertrug unabgewandt ihre blendenden dank Strahlen. Adelaide neigte freudig und fromm ihr Haupt, und als wollte ſie die Freudeſpenderin begrüßen, und ſang: Glü „Dir ſoll ertönen mein Sang, Sonne in ſtrahlendem Gang. mir Um deines Königsſtuhls Pracht Lebe Haſt du in tiefblauer Nacht ſich Deine Vaſallen gereiht, emp Die deinem Dienſte geweiht Lebe Schau'n zu der Herrin hinauf, Aber im Licht iſt dein Lauf. eine Sieh, es iſt todt die Natur, denk Und mit dem Bahrtuch der Flur Traurig erbleichende Pracht Deckt die geſpenſtige Nacht; Langſam im Trauerhaus brennt Düſter die Lampe zu End. Aber aus öſtlichem Thor Trittſt du neuſtrahlend hervor; Und von dem Glanze erhellt Jauchzt Dir entgegen die Welt.*) Hier unterbrach ſie ſich ſchnell, und rief, indem fie voll Vergnügen die Hände zuſammenſchlug; „Ach, im Frühling, da muß es hier erſt ſchön ſein? Wenn der See hell fließt und die Sonne Blumen um Blumen hervorlockt— und ich alles dieſes mit Dir ſehen, mit Dir genießen darf! O Alarich, wie iſt das Leben ſo ſchön! Wie lieblich iſt es zu leben!“ *) Tegners Sonnengeſang. n fie ſein? um Dir das 269 „Leben!“ ſagte Graf Alarich gedankenvoll nach, „und was heißt Leben?“ fragte er, indem er Adelaide lächelnd betrachtete. „Lieben!“ antwortete Adelaide mit Wärme,„und den anbeten, der uns die Liebe gegeben hat. O wie weit weniger würde man von den Gütern des Lebens genießen, wenn man nicht einem allgütigen Geber zu danken hätte! Ich liebe Dich, Alarich, ich danke Gott und das iſt für mich eins, und dieſes Eine iſt meine Glückſeligkeit.“ „Und ich, meine Adelaide, will ihm dafür, daß er mir Dich geſchenkt hat, als für den beſten Schatz des Lebens danken,“ ſagte Alarich, indem er ſie innig an ſich drückte und mit einem feurigen Blick zum Himmel emporſah.„Aber bloße Gefühle ſind nicht genug für's Leben, wir müſſen...“ „Ich weiß, ich weiß,“ unterbrach ihn Adelaide mit einem Kuß und einem ſchelmiſchen Lächeln,„wir müſſen denken, ſtudiren, müſſen uns unſerm Geſchlechte nützlich machen, die Geſchichte leſen und Alles das.. Nein, werde nicht ernſthaft! Siehſt Du, alle Weisheit ent⸗ ſteht nur aus der Wärme des Herzens. Wenn die Sonne warm auf die Erde ſcheint, dann bringt dieſe Früchte hervor. Ich liebe Dich— was das Intereſſe Deines Lebens iſt, ſoll es auch für das meinige ſein. Dein Land ſoll mein Land, und Deine Freunde ſollen meine Freunde ſein.“ Dieſes Letztere ſagte ſie mit innigem Ernſt. „Aber ſage mir,“ fuhr ſie fort, und auf ihrem Geſichte drückte ſich Lernbegierde und Scherz zugleich aus,„ſind die Menſchen in unſerer Zeit mit all ihrer Gelehrſamkeit wirklich glücklicher, als z. B. die Pa⸗ triarchen zu ihrer Zeit waren? Sind die Schweden heut zu Tage beſſer und glücklicher, als ihre unwiſſenden Väter vor mehreren Jahrhunderten waren?“ „Die größere Maſſe der Menſchen iſt allerdings beſſer und glücklicher,“ antwortete Alarich.„Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt haben durch ihre Fortſchritte der Menſch⸗ 270 heit Organe für ihre mannigfaltigen Kräfte, reiche Mittel zum Genuß und gegen Widerwärtigkeiten gegeben. Aber den rechten Maßſtab zur Würdigung der Fortſchritte des Menſchengeſchlechtes dürften wir durch einen Blick in das Familienleben der Vorzeit und eine Vergleichung deſſelben mit dem jetzigen erhalten. Durch die Kenntniß des Fami⸗ lienlebens— dieſer Wurzel des Lebens in bürgerlicher Geſellſchaft— würden wir erſt einſehen lernen, wie viel das menſchliche Leben an Glück und Veredlung gewonnen hat. Ich glaube, meine Adelaide, Du würdeſt bei näherer Betrachtung das Jetzt nicht mit dem Ehmals, und Dein Haus nicht mit einer Hütte im Hain Mamre vertauſchen wollen, obgleich derſelbe von Palmen beſchattet war, und ebenſowenig mit einer Ritterburg, wenn Du auch dort das Feldzeichen für Deinen auf Raubzüge ausgehenden Viking nähen dürfteſt, und obgleich Du in den Zeiten der Pa⸗ triarchen wie der Ritter nicht leſen zu lernen brauchteſt und zu Deinem Gemahl Herr ſagen dürfteſt.“ „Mein Herr und Gemahl,“ ſagte Adelaide, indem ſie ſich mit liebreizender Demuth vor Alarich verneigte, „damals, wie jetzt, hätte ich es für ein Gluͤck und für eine Ehre angeſehen. Aber ſage mir, beſter Alarich, wie kommt es, daß unſere Zeit im Allgemeinen nicht glück licher iſt? Gibt es nicht auch jetzt noch eine Menge unglückliche und getrennte Familien?“ „Allerdings,“ antwortete Graf Alarich,„aber daran ſind die Mitglieder ſelbſt ſchuld; das Leben bietet alle Ele⸗ mente zum Glück und zur Veredlung; der Menſch braucht bloß ſeine Hand auszuſtrecken, um ſie zu ergreifen. Es iſt wahr, manches Böſe und viel Elend klebt unſerer Zeit an, allein ſie iſt einmal eine Zeit des Kampfes und der Ent⸗ wicklung, ein großer Uebergangsmoment und der Sieges⸗ ruf übertönt bereits den Wehruf. Wir wollen in den Win⸗ terabenden die Geſchichte zuſammen leſen und Du wirſt darin eine herrliche Erſcheinung ſehen— die Entwicklung Gottes in der Menſchheit. Du wirſt ſehen, wie er ſich unſerem Geſchlechte in immerklareren Strahlen, in immer höherer Innigkeit gibt, je nachdem daſſelbe ihn zu faſſen ttel ber des das ben mi⸗ cher viel inen erer ein chen und das king Pa⸗ und dem igte, für wie lück⸗ tengt aran Ele⸗ aucht Fs iſt it an, Ent⸗ ieges⸗ wirſt cklung r ſich 271 vermag. Du wirſt ſehen, wie die Menſchheit, genährt vom Leben des Ewigen, immer freier, immer harmoni⸗ ſcher ihre Glieder ausbildet— immer klarer zum Him⸗ mel emporblickt, wie ihre geiſtige, ihre göttliche Geſtalt ſich allmählig verklärt im Anſchauen des Allgütigen.— Du wirſt es ſehen und Dich darüber freuen, Du wirſt Dich glücklich fühlen, daß auch Du berufen biſt, ſo viel an Dir iſt, das Reich Gottes auf Erden auszubreiten. Und Du wirſt finden, Adelaide, daß die Freude des Le⸗ bens neben ſeinem Ernſte beſtehen kann, ja daß ſie nicht ohne einander beſtehen können.“ Adelaide ſah freudig und ahnungsreich zu ihrem Manne auf.„Ich glaube, ich verſtehe Dich,“ ſagte ſie. „Und wenn alle Brautpaare halten, was ſie vor Gott ge⸗ lobt, wie wir thun wollen, wenn endlich das ganze Men⸗ ſchengeſchlecht eine einzige heilige Familie ausmacht, dann wird die Stunde der Trauung zwiſchen Gott und ſeiner Erde kommen, und die glückliche Braut wird dann wie ich ſagen:„O, wie gut iſt Gott, gelobt ſei Gott!“ „O, wie gut iſt Gott! Gelobt ſei Gott!“ ſtimmte Graf Alarich mit Wärme ein und ſchloß die Gattin an ſeine Bruſt. Da ſtonden ſie Beide fromm, gut und ſelig in irdiſcher und in himmliſcher Liebe vereinigt— Mann und Weib. Wenn nun Jemand von meinen Leſern befürchten ſollte, daß eine Liebe, die ſich ſo gänzlich in die höch⸗ ſten Regionen des Lebens hinaufgelebt, das Zeitliche verabſäumen könnte— wenn eine bedachtſame, liebens⸗ würdige Leſerin äußern ſollte:„Während ſie daſtehen und ſprechen pour se former le coeur et l'esprit, wird der Kaffee kalt,“ ſo kann ich ehrfurchtsvollſt mittheilen, daß ſie trotz des Geſpräches am Fenſter denſelben noch ganz warm nebſt friſchem Zwieback bekamen;— und ich möchte hier gerne das Bild einer Hausfrau darſtellen, wie ich ſie an Adelaide ſah, der umſichtigen und wach⸗ ſamen, die ihr Auge überall hatte und doch Jeden in Frieden und Freiheit ſein Geſchäft beſorgen ließ;— der ſorgſamen, die ihren einſamen Tiſch eben ſo ge⸗ ſchmackvoll ſchmückte, als ſie ihre Vorrathskammer in 6 zierlicher Ordnung hielt— die auch im Allerkleinſten für das Wohlbehagen ihres edlen Mannes Sorge trug, die ihr Geſinde in Ordnung und dabei in guter Laune zu erhalten wußte, die munter und vergnügt auch auf die unbedeutendſten Theile des Alltagslebens einging und denſelben Reiz und Poefie verlieh⸗ „Reiz und Poeſie den Beſchäftigungen des Alltags⸗ lebens!!!“ rief ungläubig die Frau Großhändlerin Tungmin, und fing an mir ein Promemoria vom Backen, Brauen, Waſchen u. ſ. w. vorzuſeufzen. Aber gleichwohl verhielt es ſich, wie ich geſagt habe; denn Ordnung, Güte und Freude waren kleine Hausgötter in Adelaiden's Wohnung, die über Alles wachten und zu Allem den Takt ſchlugen. „Und wodurch vermochte ſie dieſe hervorzuzaubern?“ Dadurch, daß ſie glücklich und ihres Glückes wür⸗ dig war, duß ſie Denjenigen, den ſie hochachtete und mit dem ſie ihr Leben vereinigt hatte, lieben konnte, und die Liebe, dieſer Himmelsgaſt, vermag den ſchwer⸗ ſten Sauerteig des Lebens aufgehen zu machen.*) Und jetzt, mein geliebter Leſer— wenn ich dir ein anmuthigeres Gemälde bieten könnte, als das eines liebenden und glücklichen Paares, eines Familienlebens, eines Vorhofs zum Himmel, ſo würde ich es darzu⸗ ſtellen ſuchen, um dir eine Freude zu machen;— da ich aber ſehe, daß ich hiezu nicht gut genug bin, ſo weg mit der Feder! ) Wertheſte Hausfrauen! Laſſet der Verfaſſerin die Gerechtigket widerfahren, zu glauben, daß ſie wohl weiß, daß ein recht ſchaffener Sauerteig von ſelbſt aufgeht, und nehmt, wenn ich bitten darf, dieſes Gleichniß nicht ganz vuchſtäblich, —————————— ing g8⸗ erin ken, ſagt eine Ules 2 wür⸗ und nnte, wer ir ein eines bens, arzu⸗ — da ſo. htigte recht⸗ enn ich