Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Ceſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ven angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mi. 50 Pf. 2 Wet.— Pf. *„ Bin*„„„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene over defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß s Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————— —,————— Ein Tagebuch. Von Friederike Bremer. Aus dem Schwediſchen. Vier Theile. Stuttgart. Verlag der Franckh ſchen Buchhandlung, 1844. „Dieſer Tag ein Leben.“ Thorild. In der Morgenſtunde. Stockholm, den 1. Nov. 18.. „Noch ein Tag, noch ein Wechſel von Licht und Schatten.„Genieße Dein Daſeyn,“ ſprichſt du heilige Morgendämmerung, belebender Blick der Liebe, Licht⸗ ſtrahl aus Gott! Du weckteſt mich noch einmal aus der Nacht, gabſt mir einen Tag, ein neues Daſeyn, eine Spänne Leben. Du blickſt auf mich herab in dieſem Lichte und ſprichſt zu mir:„Folge dem Augenblicke. Er ſtreut im Entfliehen Licht und Blüthen aus; er verbirgt ſich in Wolken, aber nur um heller wieder zu glänzen. Folge ihm, und laß nicht die Schatten Dich finden, ehe Du zu leben angefangen.“ So dachte ich mit einem großen, hingeſchiedenen Geiſte, als ich mit dem Grauen des Tages erwachte und die Strahlen des Lichts in mein Zimmer dringen ſah. Unwillkürlich breitete ich meine Arme nach ihnen aus: ſie waren weder freundlich, noch helle; es waren die neblichten Strahlen eines Novembertags, aber doch Licht von dem Lichte, das meinen Lebenstag beſcheint, und ich grüßte ſie mit Liebe. Möge das Licht meines Lebens⸗ tags wie das Licht des Morgens ein— ſteigendes wer⸗ den! Ob ſeine Strahlen durch Nebel ſcheinen, oder durch klare Luft, gleichviel! wenn nur der Tag zunimmt, wenn nur das Leben hell wird. Nach zehnjähriger Abweſenheit in der Fremde be⸗ ſuche ich das Haus meiner Jugend wieder, ob auf längere oder kürzere Zeit, mögen die Umſtände be⸗ ſtimmen. Unabhängig durch Vermögen und Stellung kann ich nun, nach langjähriger Gefangenſchaft, die Freiheit genießen und in einem Alter von dreißig Jahren meinem Willen folgen.— Geſtern Abend kam ich hier an, einige 6 Tage früher, als man mich erwartet hatte, und konnte mir alſo unmöglich ſchmeicheln, daß die Wohnung mei⸗ ner Stiefmutter meinetwegen ſo prächtig erleuchtet ſey, als ich ſie fand. Ach nein! Es ward mir im Gegen⸗ theil ſchwer, Jemanden zu finden, der ſich im Geringſten meiner und meiner Habſeligkeiten annehmen wollte. End⸗ lich traf ich eine Magd, deren freundliches Geſicht und Weſen mir ſogleich auffiel, und die, ſobald ſie erfahren hatte, wer ich ſey, kräftig meiner und meines Gepäcks ſich annahm.„Ach!“ rief ſie aus, indem ſie mich eine mit Matten belegte Wendeltreppe hinan in mein Zim⸗ mer hinaufführte,„das iſt ſehr ärgerlich! Ihre Gnaden geben heute einen kleinen Ball, zur Feier von Fräulein Selma's Geburtstag, und nun hat man alle Mäntel in Fräuleins Zimmer gebracht: das ſieht nun aus! Aber man erwartete das Fräulein erſt in der nächſten Woche, und deswegen iſt hier noch Nichts in Ordnung.“ „Hat nichts zu ſagen!“ entgegnete ich, indem ich in dem in den Briefen meiner Mutter als„vortrefflich“ geprieſenen Zimmer mit einiger Beſtürzung mich umſah, das jetzt mit Herren⸗ und Damenmänteln, mit Pelzſtie⸗ feln und Gallochen angefüllt war. Die Töne eines rau⸗ ſchenden Strauß ſchen Walzers klangen von unten herauf und machten einen halb aufregenden, halb niederſchlagen⸗ den Eindruck auf mich, und ich dachte:„Wenn ich mich hier oben unter dieſe⸗leeren Menſchen hüllen ſtille hin⸗ ſetze und dieſer Muſik zuhöre und dabei denke:„hier ſitze ich wie eine verlaſſene Fremde, während man dort unten tanzt und ſich vergnügt!““ ſo werde ich ſchwermüthig und entſchließe mich, einen Anhang zu Salomo's Predigt: Alles iſt eitel, zu ſchreiben. Wie aber? wenn ich ſelbſt unter die Fröhlichen ginge und mich daran ergötzte, ihnen kſehen und während ſie im Walzer oder Galopp ſich rehen, meinen—“ Eine dunkle Idee entwickelte ſich ſchnell aus meinem Kopfe, wie aus der Puppe der Schmetterling. Ich hielt Karin feſt(ſo heißt meine Magd), und bat ſie, Nie⸗ me der ein hü mi ger mi ein ich ihr ſtar um ſan mic ſeh wu Ple ſtar mic mei Sch ohn das zwa Hell kenn And forſ pad Näl lebt ihm jung te i⸗ y, n⸗ en d⸗ nd en ks ne n en ein in er he, ich ah, tie⸗ u⸗ auf en⸗ ich in⸗ ite ten und at: lbſt nen ſich nem ielt Nie⸗ „ manden im Hauſe von meiner Ankunft zu ſagen, ſon⸗ dern mir beim Anziehen eines ſchwarzſeidenen Kleids und einiger andern Dinge zu einer ſchleunigen Toilette be⸗ hülflich zu ſeyn. Unangemeldet und unerkannt wollte ich mich in die Geſellſchaft ſchleichen. Karin faßte meine Idee auf, fand ſie ergötzlich, und half mir ſchuell und gewandt, ſo daß ich nach Verfluß einer halben Stunde mit Ehren im Salon erſcheinen konnte, wo ich hoffte, ein unbemerkter Theil der„foule“ zu bleiben, die, wie ich von früher her noch wußte, meine Stiefmutter auf ihren Spiréen um ſich verſammelte. Und aufrichtig ge⸗ ſtanden, war ich durchaus nicht unzufrieden, mich etwas umſehen zu können, ehe ich geſehen wurde, und gleich⸗ ſam auf die neue Bekanntſchaft mit meinen Verwandten mich vorzubereiten, die ich ſeit ſo vielen Jahren nicht ge⸗ ſehen hatte.— Bei meinem Eintritt in den Tanzſaal wurde eine Galoppade getanzt. Ich ging längs der Wand hin, und war bald ſo glücklich, in einer Ecke Platz zu finden. Die Muſik, das Geräuſch und das ſtarke Licht machte mich faſt wirr im Kopfe. Als ich mich etwas geſammelt hatte, ſuchte ich neugierig nach meinen Angehörigen: vor Allen nach meiner jüngern Schweſter Selma, die wiederzuerkennen ich jedoch faſt ohne Hoffnung war, da aus dem zarten, weichlichen Kinde, das ich vor zehn Jahren verlaſſen hatte, nun ein einund⸗ zwanzigjähriges Mädchen geworden war. „Aber die einzige Tochter des Hauſes,“ dachte ich,„die Heldin des Tags, ſollte doch vor den Uebrigen leicht zu er⸗ kennen ſeyn: ſie muß voran im Tanze ſtehen, und vor allen Andern ausgezeichnet und gefeiert werden!“ Und ich forſchte unter den vorüberſchwebenden Paaren der Galop⸗ pade. Der Tanz kam mir entzückend vor. „Ah! les reines du bal!“ ſprach ganz in meiner Nähe ein ältlicher Herr, der lebhaft, aber dabei abge⸗ lebt ausſah und ſchlaffe Züge hatte. Ich blickte nach ihm um und ſah einen jungen Dragoneroffizier mit zwei jungen Damen tanzen, die durch ihre Schönheit und den 8 Glanz ihres Anzugs ſogleich meine ganze Aufmerkſamkeit feſſelten. Ich nahm für gewiß an, daß eine von Beiden meine Schweſter Selma ſeyn müſſe; aber welche von Beiden? Sie ſahen einander auffallend wie Geſchwiſter ähnlich, obwohl bei genauerer Beobachtung gerade die Aehnlichkeit es war, die ſie unähnlich machte. Denn die heitere, feine, gewinnende Anmuth, welche die Eine von ihnen auszeichnete, die in weiße Gaze und Blonden ge⸗ kleidet war, vermißte man bei der andern in hellrothen Flor Gekleideten, deren Wuchs auch etwas ſtärker war: indeſſen war ſie unbeſtreitbar die Schönere. Ihr Tanz zeichnete ſich durch das hüpfende Leben aus, das den Tanz der Fanny Elsler ſo bezaubernd machen ſoll, wäh⸗ rend der Tanz der andern(der weiß gekleideten) mehr von der edeln, reinen Grazie hatte, die ich ſelbſt an Marie Taglioni bewundert hatte. Jede konnte Selma ſeyn. Je mehr ich die Weiße anſah, um ſo mehr nahm ſie mich ein, um ſo mehr wünſchte ich, daß ſie meine Schweſter ſeyn möchte. „Aber iſt es denn möglich, daß die etwas eigenfin⸗ nige Puppe, wie ſich Selma in ihren Kindẽrjahren ſelbſt nannte, ſich in das ſylphidenartige Weſen verwandeln konnte, deſſen Antlitz von Seele und unſchuldiger Freude ſtrahlte?“ Die Andere hatte mehr von dem ſtolzen „Selbſt, das dem Kinde Selma eigen war.„Iſt ſie vielleicht meine Schweſter Selma? Werde ich ſie lieben können?“— Während ſo der Streit zwiſchen der weißen und rothen Roſe in mir fortdauerte und mich beſtimmte, keine Aufklärung von meinen Nachbarn zu verlangen, ſon⸗ dern die Antwort vom Zufall zu erwarten, hörte ich den Herrn, der ausgerufen hatte:„les reines du Pal 1“ von einem Andern beglückwünſchen, daß er„ein reicher Jung⸗ geſelle“ ſey.—„Das Leben eines reichen Junggeſellen,“ ſprach er mit einem Seufzer, der in mir den Gedanken weckte, er ſey mit ſo vielen Frauen und Kindern, wie einſt Rochus Pumpernickel beläſtigt,„das Leben eines reichen Junggeſellen iſt ja ein beſtändiges Feſt.“ „ Andere Dejeun ſerables dieſer b betracht und vie kräftige Augen weißen Neptur lich ſaf wie wi ich daz den G aber, 1 theilſar übern wünſch einer( mann die Leit kannter Steuer Abſicht chend: wie w kleine Wendr ganz 1 in die und w und V hier g Ruhe Hafen Fried nkeit iden von iſter die ndie von ge⸗ then war: Tanz den wäh⸗ mehr ſt an elma nahm neine enſin⸗ ſelbſt ndeln reude tolzen ſt ſie lieben veißen mmte, „ſon⸗ ch den “von Jung⸗ llen,“ anen „wie eines 5 „Das Leben eines reichen Junggeſellen,“ ſagte der Andere ebenfalls mit einem Seufzer,„iſt ein brillantes Dejeuner, ein ziemlich fades Diner und ein höchſt mi⸗ ſerables Souper.“— Während ich ſo der Unterhaltung dieſer beiden Herren lauſchte, und„les reines du bal“ betrachtete, bemerkte ich, daß ein Mann zwiſchen dreißig und vierzig Jahren, in Flottenuniform, von offenem und kräftigem Ausſehen, mit einem Paare ernſter, ehrlicher Augen mich anſah. Dies machte mir Vergnügen— ich weiß nicht, warum? Auch bemerkte ich, daß der Sohn Neptun's immer näher auf mich zuſteuerte und— plötz⸗ lich ſaß er mir zur Seite, Ich begreife noch nicht recht, wie wir in's Geſpräch kamen, und noch weniger, wie ich dazu kam, ihm meine Beobachtungen über die bei⸗ den Geſtirne des Balls mitzutheilen, am allerwenigſten aber, wie ich gegen eine mir ganz fremde Perſon ſo mit⸗ theilſam und bekannt ſeyn konnte. Die Perſon freute ſich über mein Vertrauen und fragte, ob ich Aufklärung wünſche. Ich erwiederte ihm, daß ich dieſen Abend auf einer Entdeckungsreiſe begriffen wäre, und als Steuer⸗ mann den Zufall angenommen hätte, dem ich nun auch die Leitung der Fahrt überlaſſen wolle. Mein neuer Be⸗ kannter warnte mich vor der Gefahr, mich einem ſolchen Steuermanne zu überlaſſen, und forſchte fein nach der Abſicht meines Unternehmens. Ich antwortete auswei⸗ chend: das Geſpräch wurde ſcherzhaft und kam mir vor, wie wenn ein größeres Kriegsſchiff ſich daran ergötzt, eine kleine Brigg zu jagen, die ihm jedoch immer durch ſchnelle Wendungen zu entkommen weiß. Indeſſen geriethen wir ganz unbemerkt in ein ſehr tiefes Fahrwaſſer, nämlich in die innerſten Geheimniſſe der Seele und des Lebens, und wir ſtritten bald um das, was das höchſte Wohl und Wehe des Menſchenlebens ausmacht. Wir hatten hier ganz verſchiedene Anſichten: während ich in der Ruhe des Gemüths und der Klarheit des Gedankens den Hafen des Glückes ſuchte, wollte der Sohn Neptuns ihn Friederike Bremer, Tagebuch. 3 10 bloß im Leben und in der Kraft des Gefühls finden. Ich behauptete, daß er damit nie in den Hafen gelangen, ſondern immer auf offener, ſtürmiſcher See bleiben werde. Dagegen hatte er nichts: denn gerade auf offener, ſtür⸗ miſcher See hatte er das Glück gefunden. Ich erklärte mich gegen die Unruhe des Seemannlebens: er gegen das ſtille und gemächliche Leben. Ich ſprach von der Gefahr des Schiffbruchs unter der Leitung des Gefühls, und er⸗ innerte an Oden's Worte im Havamal:„Unſicher iſt, was man in der Bruſt eines Andern beſitzt.“ Der See⸗ mann hielt ſich an das Chriſtenthum und meinte mit dem Apoſtel, daß ohne Liebe Alles in der Welt nur lee⸗ rer Schall und eine klingende Schelle ſey. Ich beugte mich vor der Menſchenliebe. Dies war gerade mein Fall. Aber in Rückſicht auf beſondere Verhältniſſe fand ich es höchſt nothwendig, jederzeit ſingen zu können: „Ich kümm're mich um Nichts, um Nichts, Mög' Keiner ſich kümmern um mich!“ Der Seemann lachte, ſchüttelte aber den Kopf und erwiederte:„So würden Sie nicht ſingen können und auch nicht wollen, wenn Sie das Glück hätten, Kinder zu haben.“„Vielleicht,“ entgegnete ich, anſcheinend gleichgül⸗ tig, innerlich aber vergnügt, zu finden, daß mein neuer Bekannter, wie ich bereits vermuthet hatte, Ehemann und Familienvater war. Wir wurden jetzt durch das Ende des Tanzes unter⸗ brochen, was meinen Nachbar nöthigte, aufzuſtehen und den Damen Platz zu machen. Die Ausſicht auf den Tanz⸗ ſaal wurde nun freier und geſtattete, durch die geöffneten Thüren in den Salon hineinzuſehen, wo allergnädigſte Da⸗ men mit Turbanen die Divane einnahmen und einige Herren mit Sternen und Ordensbändern um ſich bewegten. „Ach, das iſt ſie!“ dachte ich in plötzlicher Rührung, als eine Frau von edlem Wuchs und edler Haltung ſicht⸗ bar wurde, die im Geſpräch mit einem älteren Herrn dem Tanzſaale langſam ſich näherte.— Ja, das war ſie, noch imme voller welen und erkan anmt ſie v Gott deshe hielt, etwa gleic ich v mei Seit Erke ter j Auft uma die gen Selt arm Roſ klare mich Blie fern thig ter: Unt ſogl mit Kör Dei Ich ngen, erde. ſtür⸗ lärte das efahr d er⸗ r iſt, See⸗ mit lee⸗ eugte Fall. ch es und auch r zu hgül⸗ neuer und nter⸗ und anz⸗ neten Da⸗ rren ung, ſicht⸗ dem noch 11 immer dieſelbe an Ausſehen, Anmuth, ſchöner und geſchmack⸗ voller Kleidung. Ich erkannte die Perlenſchnüre mit Ju⸗ welenſchlöſſern wieder, die ſie um Hals und Arme trug, und die ich in meiner Kindheit ſo gerne küſſen mochte; ich erkannte das ſchöne Angeſicht und die imponirende, aber doch anmuthsvolle Haltung wieder. Sie war noch dieſelbe, die ſie vor zwanzig Jahren geweſen war, wo ſie eine halbe Gottheit in dem prächtigen Reſidenzſaal, wo ſie als Lan⸗ deshauptmännin mit dem Anſehen einer Königin„Cour“ hielt, ja, ſie war noch ganz dieſelbe, die ich damals ſah, und etwas Ausgezeichneteres habe ich ſeither nicht geſehen(ob⸗ gleich ich mich viel in der Welt umgeſehen habe) und werde ich wahrſcheinlich auch nicht ſehen, obgleich— Es war meine Stiefmutter. Mein Herz klopfte nicht leiſe, als ich ſie langſam der Seite, wo ich ſaß, zuſchreiten ſah, und den Augenblick der Erfennung ahnte. Er kam. Die Blicke meiner Siefmut⸗ ter fielen auf mich: ſie ſtutzte, ſah mich nochmals und mit Aufmerkſamkeit an, ich ſtand auf, ſie eilte herbei und bald umarmten wir einander nicht ohne gegenſeitige Verlegenheit, die jedoch die Ueberraſchung und gegenſeitige Entſchuldigun⸗ gen verdecken halfen. Meine Stiefmutter rief nun:„Selma! Selma!“ Die weiße Sylphide ſchwebte herbei und ich um⸗ armte meine junge Schweſter, erfreut, daß ſie die„weiße Roſe“ war und froh, eine ſo herzliche Freude aus ihren flaren, blauen Augen ſtrahlen zu ſehen, indem ſie erröthend mich willkommen hieß. Unwillkührlich begegneten jetzt meine Blicke denen meines frühern Nachbars, der aus einiger Ent⸗ fernung uns aufmerkſam mit einem ſanften, faſt wehmü⸗ thigen Lächeln betrachtete. Abermal rief meine Stiefmut⸗ ter:„Flora!“ und winkte; aber Flora war in lebhafter Unterhaltung mit einigen Herren begriffen und hörte nicht ſogleich. Selma eilte zu ihr, ergriff ſie am Arm und kam mit ihr zu mir. Ich ſah die„rothe Roſe“, die andere Königin des Balls vor mir. Selma flüſterte:„Sophie! Deine und meine Couſine Flora!“ 2„ Meine Couſine Flora Delphin, die ich hier zum erſten⸗ male ſah, grüßte höſtich und wandte ſich nach einem kurzen und gleichgültigen Geſpräche wieder zu den Herren, mit denen ſie vorher geſprochen hatte. „Heute Abend keine weiteren Bekanntſchaften mehr, meine ſüße Selma!“ bat ich nun.„Ich weiß. daß ich hier mehrere mir unbekannte Verwandte haben muß, aber ich möchte es lieber noch etwas aufſchieben, nähere Bekanntſchaft mit ihnen zu machen.“—„Deſto beſſer!“ entgegnete ſie,„ſo kann ich noch eine Weile allein Dir angehören. Ich tanze dieſen Tanz nicht— ich muß mit dir ſprechen.“ Und als man nun zu einer Frangaiſe das Zeichen gab und Selma's Tän⸗ zer nahte, entſchuldigte ſie ſich bei ihm und ſtellte ihn einer nebenſitzenden jungen Dame vor, die er zum Tanze führte. Darauf ſetzte ſie ſich zu mir, fragte mit lebhafter Theil⸗ nahme nach Dingen, die mich betrafen und erinnerte mich mit einer Stimme voll zärtlicher Rührung daran, wie ich in ihrer Kindheit ſo gut gegen ſie geweſen, ihr Geſchichten erzählt, Spiele und kleine Luſtbarkeiten veranſtaltet hätte und dergleichen mehr, und Alles nur, um ſie zu vergnügen. „Jetzt, Selma,“ unterbrach ich ſie,„mußt Du mir Geſchichten erzählen, aber blos wahre, das verſteht ſich; denn ich bin ganz unbekannt mit der Welt um mich her und möchte gerne in dieſelbe eingeführt werden, oder viel⸗ mehr ſie ohne Beſchwerde von meiner Seite zu mir kom⸗ men laſſen.“—„Ah! da haſt Du Dich gerade an die Rechte gewendet,“ ſagte Selma mit komiſcher Würde,„und um mein Werk als Oberhofmeiſterin zu beginnen, ſo— wen ſoll ich die Ehre haben, Dir aus dieſer Verſammlung zuerſt vorzuſtellen?“—„Die ſtattliche Frau dort mit dem ſchwebenden Paradiesvogel im Turban von Silberflor, im ſchwarzen Sammtkleide, die mit Deiner Mutter ſpricht und lacht,— eine hübſche Frau! Siekönnte die Königin der Nacht vorſtellen.“—„Sie iſt es auch,“ entgegnete Selma lachend, „Signora Luna, wie wir ſie zuweilen nennen, oder„unſre Frau mit den klaren Angen.“ Sie iſt Staatsdame bei Ihrer Maje⸗ ſtät der Königin, wo bekanntlich die Nacht zum Tage ge⸗ ſten⸗ irzen mit neine hrere tees hnen kann ieſen man Tän⸗ einer ihrte. heil⸗ mich ie ich ichten hätte ügen. mir ſich; h her viel⸗ kom⸗ n die „und — lung t dem r, im t und Nacht chend, Frau Maje⸗ ge ge⸗ 13 macht wird. Sie wird Dir gefallen; Sie gehört zu unſern beſten Bekannten und heute Abend iſt Signora Luna ohne⸗ dies im Neumond; ſoll ich Dich nicht ſogleich zu ihr—“ „Nein, nein! heute Abend nicht! Signora Luna iſt mir in dieſer Stunde zu glänzend. Wer iſt der große Herr, der jetzt mit ihr ſpricht? Auch eine ſtattliche Figur, aber etwas prahleriſch.“—„Reſpekt erbitte ich für— Alerander den Großen, oder den großen Alexander,— er hat des Ariſtoteles Logik und Rhetorik überſetzt, ein ſehr gelehrter Mann und der wirkliche Mann der Frau Luna.“ „Ergebene Dienerin! Aber, meine Beſte, hier iſt die wunderlichſte Geſellſchaft von der Welt— und erſt gar nicht von dieſer Welt. Signora Luna und Alerander der Große! Es ſoll mich wundern, welche überirdiſche Größe nun die Ehre haben wird— dieſen MWilitär zum Beiſpiel möchte ich gerne mit Namen kennen: er ſpricht gerade mit einem be⸗ ſternten Herrn; aber er wenigſtens ſcheint mir der Erde anzugehören.“—„Nicht ſo ganz, denn er gehört mehr der See an. Wir nennen ihn den„Vikinger“ übrigens iſt es der Kommandeurkapitän Brenner, ein ſehr braver und ausgezeichneter Mann. Weißt Du, mit wem er ſpricht?“ „Nein, aber ich möchte es gerne wiſſen. Gewiß heißt er Ariſtides oder— Arxel Orenſtjerna. Ich meine, ihn ſchon früher geſehen zu haben.“ „Das iſt Baron Thorſten Lennartſon; Du wirſt ihn oft hier ſehen: er iſt Felir Delphin's Vormund geweſen und iſt nun Flora's Vormund.“ „Er iſt der, den ich wieder zu erkennen glaubte. Du haſt ihm keinen Charakternamen gegeben, Selma, aber ich möchte ihm gerne einen geben.“ „Und welchen?“—„Ich will ihn„Fre iherrn“taufen, zum Unterſchiede von andern Baronen; denn er ſieht mir ans, als könnte er Herr über ſich ſelbſt ſeyn. Was meinſt Du?“—„Daß Du ihn vortrefflich benennſt. Man meint, Du kenneſt ihn ſchon lange.“ „Ich habe ihn vor langer Zeit geſehen, und— aber dort bei Flora ſieht eine Perſon, die ich, wie mich dünkt, auch ſchon vor Zeiten geſehen habe; ein regelmäßiges, aber marmorkaltes Geſicht, eiwas gelblichbleich, voltairiſche Züge.“ „Auch einer von Deinen Verwandten! Dein und mein Schwager, der Envoyé St. Orme! Er iſt vor einigen Mo⸗ naten von Paris hier angekommen.“ „Virginia's Mann! Ja, ich erkenne ihn wieder, ob⸗ gleich es länger als zehn Jahre her iſt, daß ich ihn zum letztenmale ſah, bei Virginia's Hochzeit. Wie ſchön war ſie! Daß ſie ſobald die Erde verlaſſen mußte! Ein Jahr nach ihrer Hochzeit!“—„Ja, am Jahrestage ihrer Hochzeit,“ antwortete Selma mit einer Stimme, die von ſchmerzlicher Erinnerung zeugte. Deßhalb fragte ich weiter: „Und jener junge Offizier, mit dem Du vorhin tanz⸗ teſt; ein ausgezeichnet hübſcher junger Mann?“ „Wieder ein Verwandter, Felir Delphin, Flora's Bru⸗ der. Iſt nicht Flora außerordentlich ſchön?“ „Sehr ſchön!“—„Und wie geiſtvoll, wie reich be⸗ gabt! Sie hat wenigſtens ein Dutzend Talente!“ „Das wär beinahe zu viel,“ ſagte ich lachend,„und nun, Dank meine ſüße Selma, daß Du mich ſo angenehm unterhalten haſt. Ich ſehe einen Herrn mit Tanzgedanken auf Dich zukommen und Du ſollſt nicht länger meinetwe⸗ gen Deine Tänzer zur Verzweiflung bringen. Sey unbe⸗ kümmert um mich, ich unterhalte mich vortrefflich damit, dem Tanze zuzuſehen und die neuen intereſſanten Bekannt⸗ ſchaften, die ich gemacht habe, Signora Luna, Alerander den Großen, den Freiherrn“—„Schenke auch dem Philo⸗ ſophen einen Blick,“ ſagte Selma ſchelmiſch, und auf einen Bedienten des Hauſes deutend, der mit einem Teller Eis nahte und ein ſehr ernſthaftes Geſicht mit Zügen eines Papagei hatte.—„Nimm Dich in Acht, Jakob,“ fuhr ſie ſcherzend zu dieſem gewendet fort,„und ſieh Dich vor, daß wir Dich nicht umwalzen.“—„O Gott bewahre, Fräulein!“ erwiederte der Philoſoph mit rauher Stimme, indem eine vlötzliche Verklärung über ſein Geſicht zog, das ſogleich wie⸗ der die alten finſtern Züge annahm, als er mir ſeinen Teller präſentirte— Das Fräulein ſchwebte bald leicht wie eine Feder im 2 zu n Drd Hof und eini Krit wen Rei das der vor Ger gni vor Gu me fen geb ſch leu blr W ich äl m da ha in de aber üge.“ mein Mo⸗ „ob⸗ zum r ſie! nach Jeit,“ zlicher tanz⸗ Bru⸗ ch be⸗ „und enehm anen netwe⸗ unbe⸗ damit, kannt⸗ rander Philo⸗ einen erEis eines chr ſie r, daß lein!“ m eine ch wie⸗ Teller eFeder 15 im Walzer dahin.— Sogleich darauf trat meine Stiefmutter zu mir mit dem reichen Junggeſellen“ mit dem franzöſiſchen Ordenund ſtellte ihn mir mit den Worten vor:„Dein Onkel, Hofmarſchall X.“— Mein Onkel ſetzte ſich neben mich und fing mit vieler Artigkeit ein Geſpräch an, das nach einigen Komplimenten an mich zu einer ziemlich witzigen Kritik üher Andere fortging, die aber in geiſtiger Hinſicht wenig nach guter Verdauung ſchmeckte. War ich von der Reiſe oder von dem Lärmen des Balls ermüdet oder durch das ſeitherige Geſpräch verwöhnt— gewiß iſt, daß während der Unterhaltung meines Herrn Onkels eine Art trüber Flor vor meinen Augen über das eben noch ſo glänzende, belebte Gemälde ſich ausbreitete. Gleichwohl hörte ich mit Ver⸗ gnügen, wie er meine Stiefmutter rühmte.„Eine ganz vortreffliche Frau,“ ſprach mein Onkel,„wenn ich etwas Gutes in der Stille üben und es nicht an den Tag kom⸗ men laſſen will, ſo wende ich mich allemal an ſie.“ Der Vikinger hatte die Geſellſchaft verlaſſen; aber beim Hinausgehen mir noch einen halben Abſchiedsblick zugewor⸗ fen, der wie ein kleiner lichter Punkt mir in Erinnerung geblieben iſt.„Signora Luna's“ glänzende Erſcheinung ver⸗ ſchwand an unſerm Horizonte, um an dem des Hofs zu leuchten, wo ſie gegenwärtig Dienſt hat. Selma ſah ich blos, wie ſie zwiſchen den Tänzen mit einem freundlichen Worte oder einer Frage auf mich zugehüpft kam; auch ſah ich ſie ſo bald an der Seite ihrer Mutter, bald bei einer älteren Dame von der Geſellſchaft, immer aufmerkſam und munter, als wollte ſie Alle aufheitern. Nach dem Souper fiel Etwas vor, das einen lang⸗ vauernden Eindruck bei mir zurückließ. Es entſtand leb⸗ hafte Bewegung im Salon und ich fah meine Schweſter in ihrem Lehnſtuhl emporgehoben unter dem Kronleuchter, deſſen Licht ſie umſtrahlte: lebhaft riefen die umſtehenden Herren„Vivat“ dazu. Unter denen, welche die jugendliche Königin des Feſtes ſo erhoben, war der Freiherr. Schön, einer Prinzeſſin gleich, ſaß ſie da in dem hellen Licht⸗ ſcheine, ſtrahlend von Jugendreiz und verſchämter Frenude. 16 Die ganze Verſammlung war von Bewunderung hinge⸗ riſſen. Als ich vor dem beinahe blendenden Anblick meine Augen ſinken ließ, trafen ſie auf ein Geſicht, deſſen Aus⸗ druck mir einen Stich in's Herz gab. Es war das Ge⸗ ſicht Flora's. Verdruß, Neid, Zorn lag in der faſt konvulſiviſchen Bewegung, welche die ſchönen Züge durch⸗ zuckte und entſtellte: aber nur auf einen Augenblick. Indem ihre Blicke den meinigen begegneten, verwandelte ſich dieſer Ausdruck, und bald varauf lachte und ſcherzte ſie mit St. Orme, der ſelten von ihrer Seite wich und deſſen kalter, beobachtender Blick etwas Abſtoßendes für mich hatte.— Als ich mich unbemerkt vom Feſte ent⸗ fernen wollte, machte meine Stiefmutter eine ſtarke De⸗ monſtration, mich auf mein Zimmer zu begleiten. Durch meinen eifrigen Widerſtand ließ ſie ſich jedoch bewegen, zu bleiben, und auch Selma, die wieder zum Tanz auf⸗ gefordert war, nichts zu ſagen. Auf meinem Zimmer angekommen, fand ich daſſelbe ganz umwandelt. Die unordentlich herumliegenden Klei⸗ dungsſtücke waren verſchwunden und Ordnung, Geſchmack und freundliche Fürſorge ſpiegelte von jeder in dem großen und ſchönen Zimmer getroffenen Anordnung zurück.„Das Fräulein ſelbſt iſt hier oben geweſen und hat nach Allem geſehen.“ ſagte Karin, das heruntergebrannte Feuer mit neuer Nahrung verſorgend.„Dank, meine kleine Schwe⸗ ſter,“ ſprach ich bei mir. 2 Ich war müde und ſchlummerte daher bald ein. Aber unruhige Träume quälten mich. Alle Perſonen, die ich im Laufe des Abends aufmerkſam beobachtet hatte, glaubte ich in einer Quadrille aufgeſtellt und mit drohenden Ge⸗ berden einander gegenüber ſtehen zu ſehen, begierig des Zeichens zum Kampfe wartend. Ich befand mich eben⸗ falls unter ihnen, und war im Begriff, über— meine Stiefmutter herzufallen. Plötzlich ſchwebte eine Sylphide mit ſchimmernden Schwingen, lächelndem Munde und be⸗ zaubernden, zephyrleichten Bewegungen daher, tanzt zwi⸗ ſchen uns und umflicht uns mit einem unfichtbaren, aber weich war nung „Ch? der r erwa iſt u: verge beleu ſehr nenn Stief Anbe fünfz tere denn ſeiner Stiej ich a ganze Ange von mane wurd komm behan mich ihre: ver re ſchen war, Natu der T die fr hinge⸗ meine Aus⸗ s Ge⸗ r faſt durch⸗ ndem e ſich zte ſie n es für e ent⸗ e De⸗ Durch vegen, auf⸗ aſſelbe Klei⸗ hmack roßen „Das Allem r mit chwe⸗ Aber ie ich aubte n Ge⸗ gdes eben⸗ meine lphide d be⸗ t zwi⸗ aber 17 weichen Bande: und dieſe Sylphide, dieſe zweite Taglioni war— Selma! Bei ihrer Erſcheinung läßt die Span⸗ nung nach, die Erbitterung hört auf, die Feinde machen „Chaine“ und ich ſank in einen erquikenden, ſüßen Schlaf, der mich die ganze Welt vergeſſen ließ. Heiter bin ich erwacht.— Und nun, während Alles noch ſtill im Hauſe iſt und vom Tanze auszuruhen ſcheint, will ich meine vergangenen und gegenwärtigen Verhältniſſe etwas näher beleuchten.— Mit meiner Stiefmutter hatte ich zwei ſehr ungleiche Perioden durchlebt. Die erſte will ich die Periode meines Götzendienſtes nennen.— In einem Alter von eilf Jahren ſah ich meine Stiefmutter zum erſtenmal, und wurde für ſie bis zur Anbetung eingenommen. Dies dauerte bis zu meinem fünfzehnten Jahre, wo ich von ihr getrennt wurde. Bit⸗ tere Tage verlebte ich in dieſer Zeit meines Götzendienſtes; denn nie wohl iſt ein goldnes Idol bei den Gebeten ſeiner Verehrer tauber und ſtummer geblieben, als meine Stiefmutter gegen meine Liebe es war. Zudem hatte ich als Kind eine ſehr heftige Gemüthsart, und mein ganzes Weſen war ein Gegenſatz von dem Schönen und Angenehmen, das meine Stiefmutter ſo hoch ſchätzte und von dem ſie unter Anführung vieler Citate aus den Ro⸗ manen der Madame de Genlis beſtändig ſprach. Ich wurde mit den Zauberinnen, die in dieſen Romanen vor⸗ kommen, verglichen, und im Verhältniß auf dieſelbe Art behandelt. Mit Einem Worte: meine Stiefmutter konnte mich nicht gut leiden, und ich— Madame Genlis und ihre mir ſo qualvollen Grazien nicht. Ach, das ſonnen⸗ ver rannte, auf Finnland's Steppen aufgewachſene, wilde Mädchen, deſſen Leben im Wald und auf der Haide, zwi⸗ ſchen Bergen und Strömen und unter Träumen verfloſſen war, die eben ſo wild und wunderbar waren, als die Natur ſelbſt, in der es aufwuchs, dieſes Mädchen war in der That nicht geſchaffen, in einem Salon zu glänzen oder die franzoſiſchen Grazien darzuſtellen. Aus ſeiner Kind⸗ heit friſcher Wildniß in die prächtige Reſidenz verſetzt, wo große Spiegel alle Bewegungen zurückwarfen, und jede freie Aeußerung, die nicht den Stempel der Grazie trug, äffend nachzumachen ſchienen, ward es ängſtlich, ängſtlich vor ſich ſelbſt, ängſtlich vor allen Menſchen und insbeſondere vor der Göttin des Pallaſtes. Die Gouver⸗ nante und die Dienerſchaft nannte mich nur die„Lapp⸗ länderin.“ Hart war meine Stiefmutter in ihrer Be⸗ handlung nie gegen mich, allein ſie vernichtete mich durch ihr verächtliches Mitleiden und ihre kalte Zurückſetzung ſo, daß ich ihr nicht mehr nahen konnte, ohne glühende Wangen und nur mit einem Herzen, ſo voll von Seufzern und Angſt, daß die Zunge vergebens nach Worten ſuchte. Einen Fehler an meiner Stiefmutter zu finden, wäre mir niemals eingefallen. Jeder, jeder Fehler lag gewiß in mir, aber ach! ich wußte nicht, wie ich mich benehmen ſollte, um anders und ihr angenehm zu werden. Ich erinnere mich, daß ich damals mehr als einmal den Himmel auf den Kuieen anflehte, mir lieber nie einen Liebhaber, da⸗ für aber die Liebe meiner Mutter zu geben. Doch der Himmel war taub gegen meine Gebete, er gab mir Lieb⸗ haber, aber nicht die Liebe meiner Mutter. Ich mußte ſie daher entbehren lernen, was mir dadurch erleichtert wurde, daß ich von ihr entfernt, einem andern Lebenskreiſe — ebenfalls voll Leiden, aber anderer Art, zugeführt wurde.— Fünf Jahre ſpäter kehrte ich in mein Vater⸗ haus zurück, und verweilte einige Zeit da. Dieſe Epoche in meinem Verhältniſſe zu meinem frühern Ideal kann die Epoche des Gegenſatzes genannt werden. Unter harten Kämpfen mit dem Leben und mit mir ſelbſt hatte ich ein ſtrenges und wahrheits⸗ liebendes Weſen aus mir gebildet, das ſchonungslos aus Allem das Wahre herausfinden wollte, und Alles, was Uebergoldung im Leben ſchien, als eitlen Schaum ver⸗ achtete. Franzöſiſche Lebensklugheit, Bildung und Grazie war mir ein Gräuel, auf den ich mit derſelben vornehmen Mien meine durch fallen noch d immer C Liebe von ſe angen rild i Art a hatte ſtere e ſelben mußte Philo ein ſo ſonder mutter undm mal zn und m daß er zuweil das he dieſe 9 mich e warne zurufe Seite. hatte Studit vom L zur Er tere, erſetzt, „ und Hrazie n und ouver⸗ Lapp⸗ Be⸗ durch ſetzung ühende ufzern ſuchte. re mir n mir, ſollte, rinnere nel auf er, da⸗ och eder r Lieb⸗ mußte eichtert nskreiſe geführt Vater⸗ Epoche ann die n Leben hrheits⸗ los aus s, was im ver⸗ Grazie nehmen 19 Miene herabblickte, mit der meine Stiefmutter früher auf meine Naturwelt geblickt hatte. Der ſchimmernde Schleier, durch den ich ſie bisher betrachtet hatte, war nun ge⸗ fallen und ich entdeckte Fehler an ihr, die ich überdies noch durch ein Vergrößerungsglas anſah. Sie gefiel mir immer noch, aber ich liebte ſie nicht mehr. Ich hatte mich in Thorild's Geiſt verliebt und ſeine Liebe zur Wahrheit und Aufrichtigkeit, aber auch etwas von ſeiner oft minder angenehmen Weiſe, ſie zu äußern, angenommen. Und nun trafen Madame Genlis und Tho⸗ rild in meiner Stiefmutter und mir auf unangenehme Art auf einander. Für jedes Citat aus Madame Genlis hatte ich ſtets im kriegeriſchen Gegenſatze gegen die er⸗ ſtere ein Citat aus Thorild in Bereitſchaft; und in dem⸗ ſelben Geiſte antwortete meine Stiefmutter. Gleichwohl mußte allmälig die franzöſiſche Marquiſe dem ſchwediſchen Philoſophen weichen, und ſie räumte das Feld, auf dem ein ſolcher Grobian um ſich ſchlug. Es iſt mir eine ſonderbare, halb wehmüthige Erinnerung, daß meine Stief⸗ mutter zu dieſer Zeit werklich ängſtlich vor mir wurde und meinem rückſichtsloſen Ernſte ſichtbar auswich. Einige⸗ mal zwar verſuchte ſie noch, mir den Scepter zu entwinden und mir zu imponiren: aber vergebens; ſie fühlte auch, daß er zerbrochen war in ihrer Hand und wich ſchweigend, zuweilen niedergeſchlagen aus. Bei der Erinnerung an das herbe Gefühl, das mich zuweilen ergriff, wenn ich dieſe Reaction in unſerem Verhältniſſe bemerkte, kann ich mich eines geheimen Schauders nicht erwehren, und möchte warnend allen allzuſtrengen Eltern die Worte des Apoſtels zurufen:„Ihr Eltern! reizet Eure Kinder nicht.“ Der Fehler war damals größtentheils auf meiner Seite. Aber die Erinnerung an das, was ich gelitten, hatte mich erbittert und ich war noch überdies, trotz des Studiums Thorild's, ganz unklar in meinen Anſichten vom Leben, und innerlich unglücklich. Dies dürfte mir zur Entſchuldigung dienen. Meine Stiefmutter, eine hei⸗ tere, angenehme, ſehr beliebte Weltdame, war ganz an die Sonnenſeite des Lebens gewöhnt, und wollte blos dieſe ſehen: ich dagegen war mehr an die Nachtſeite ge⸗ wöhnt, und ſo wurde die Kluft, die uns trennte, immer weiter.— Eine Art Vereinigungsmittel zwiſchen uns in dieſer Zeit war die kleine Selma, ein ſchwächliches, aber intereſſantes Kind, das ſich, ich weiß nicht durch welche unbegreifliche Sympathie, zu mir gezogen fühlte. Ob⸗ gleich die Verehrung, die ihr im Hauſe gewidmet wurde, nicht zu Thorild's Gerechtigkeitsthevrie ſtimmte, ſo fühlte ich mich doch auch meinerſeits zu ihr hingezogen. Sie war der Liebling ihres Vaters und ſeine hauptſächlichſte Beſchäftigung. Er war ein Freund und Schüler des großen Ehrenſwärd, eines Mannes mit ſtrengem und rei⸗ nem Schönheitsſinne; er wollte aus ſeiner Tochter ein Weſen bilden, ſo harmoniſch und ſchön, wie das Ideal, das er im Buſen trug, und nicht eine der eilftauſend Hel⸗ dinnen des modernen Schauſpiels, ſondern die durch ihren allgemein menſchlichen Edelmuth als Weib ſo ſchöne, antike Antigone war das Vorbild, auf das er frühe ſei⸗ ner Tochter Herz und Sinn richtete. So ſchuf er eine neue Antigone und genoß in ihr ein Leben, das eine ſehr ſchwache Geſundheit ihm ziemlich freudelos machte. Meine Stief⸗ mutter war um dieſe Zeit von ihrer Tochter Virginia ſehr eingenommen, die durch ihre Schönheit und ihren Charakter dem Stolze einer Mutter wohl ſchmeicheln fonnte. Bewunderung für dieſe und Zärtlichkeit gegen Selma führte uns zuweilen zur Uebereinſtimmung. Abermals wurden wir getrennt, und jetzt, da wir nach zehn Jahren wieder zuſammentreffen, bin ich nicht ohne Unruhe wegen der neuen Epoche, die wir mit ein⸗ ander zuſammenleben werden. Wird ſie zur Vereinigung oder einer noch tiefern Trennung führen? Eines von Beiden, das iſt gewiß; denn meine Stiefmutter wird während eines Decenniums ebenſo wenig ſtehen geblieben ſeyn, als ich. Kummer haben wir Beide erlebt: meine Stiefmutter hat ihren Mann und ihre geliebte, ältere Tochter verloren, und ich, ich habe— Gleichviel, das iſt vo bin, a ich zu und d gemac auf m und d Geſell durch'e des Le iſt noe allein die Co Nur i der Le Guten gränzt ich alt Hitze t fühle len, ick des W zuſamn trug ic ihnen kommet recht ſe len zu G brochen meine ner Th durfte hinaus wenn e los ge⸗ mer in ber lche Ob⸗ rde, hlte Sie chſte des rei⸗ ein eal, Hel⸗ hren öne, ſei⸗ neue ache tief⸗ inia hren cheln egen wir nicht ein⸗ gung von wird ieben neine iltere das 21 iſt vorüber, und ich— bin frei. Daß ich jetzt beſſer bin, als da wir das letztemal zuſammen lebten, das wage ich zu hoffen. Die Philoſophie, die mich damals ſo ſtolz und diſputirſüchtig machte, hat mich ſeitdem friedfertig gemacht. Der Gedanke hat ſtill und ordnend ſeine Hand auf meine Stirne gelegt, das Leben hat ſich aufgeklärt und das Herz ſich beruhigt. Bücher ſind mir die liebſte Geſellſchaft und das Nachdenken ein Freund, der mich durch's Leben begleitet und Honig aus allen Pflanzen des Lebens, ſelbſt den bittern, gewinnen lehrt. Thorild iſt noch immer in meinen Augen ein Stern erſter Größe, allein ich folge ihm nicht mehr blind, und habe auch für die Conſtellationen der Madame Genlis Sinn bekommen. Nur in Einem will ich ihm immer getreu folgen, in der Lehre nämlich: fortwährend zu ſtudiren und nach dem Guten in Allem zu forſchen.— An Kautua's erlenbe⸗ gränzten Fluthen, an dem Strande, da ich geboren, ging ich als Kind oft aus, um Perlen zu ſuchen, wenn die Hitze des Sommers das Waſſer vermindert hatte. Ich fühle noch die kühlen, klaren Wellen meine üße beſpü⸗ len, ich kann noch die Perlenmuſcheln ſehen, die der Fall des Waſſers im Sande an den kleinen grünen Eilanden zuſammengehäuft hatte. Ganze Haufen dieſer Muſcheln trug ich hinauf an's Ufer, und wenn ich eine Perle in ihnen fand— welche Freude! Oft waren ſie unvoll⸗ kommen, halb oder beſchädigt; aber zuweilen fand ich recht ſchöne darin. Jetzt will ich wieder ausgehen, Per⸗ len zu fiſchen, aber— im Strome des Lebens. Den 2. Yov. Geſtern morgen wurde ich durch einen Bcten unter⸗ brochen, der mich zum Frühſtück rief, und der Bote war meine junge Schweſter, deren ſilberhelle Stimne an mei⸗ ner Thüre fragte:„Darf man eintreten?“ Ja freilich durfte man das; überdies ſind Sylphiden nicht leicht hinauszuſchließen, und gerne öffnet man Thir und Herz, wenn ein Weſen, wie Selma, einzutreten jegehrt, und mit Wohlwollen und Freude, die in den diamantklaren Augen ſtrahlen, an Einen ſich anſchmiegt und Freundſchaft und Liebe bezengt. Sie war ſo reizend, meine kleine Schweſter, in der Blüthe ihrer Jugend, in ihrer einfachen, aber ausgeſucht geſchmackvollen Kleidung, und vor Allem mit ihrem einnehmenden Weſen, daß ich in ihr eine Verkörperung der Muſe Franzén's, deren Namen ſie führt, zu ſehen glaubte.„Gott bewahre Dich, Du ſchö⸗ nes Weſen!“ dachte ich bei mir, indem ich ſie betrach⸗ tete und eine faſt ſchmerzliche Ahnung mir Thränen in die Augen trieb.— Ich folgte ihr nicht ohne Herzklopfen die Treppe hinab und bereitete mich vor, meine Stief⸗ mutter und meine Heimath beim Tageslichte zu ſehen. Aber das ängſtigende Gefühl verſchwand, als beim Eintritt in das innere Zimmer meine Stiefmutter mir mit Geberden und Worten entgegenkam, die der Ausdruck eines herzlichen Wohlwollens zu ſeyn ſchienen. Ueberdieß war im Zimmer Alles behaglich: Luft und Meubelment, bis auf den einladenden, von Silber und ächtem Porzellan ſchimmernden Kaffeetiſch.—„Das iſt gut!“ dachte ich. Das größte Vergnügen jedoch gewährte mir der Anblick der Sammlung guter Oelgemälde, die in beiden Vorzimmern die Wände ſchmückten. Eben als ich im Begriffe war, mich darüber auszuſprechen, kam Flora herein. Faſt hätte ich die Königin des geſtrigen Tags nicht wicder erkannt. Die zarte Haut ſchien bei dem Tageslichte brouillirt, das Auge war matt, die Kleidung nachläſſig und das ſchöne Geſicht von einem ſichtbaren Zuge übler Laune entſteltt. Selma gewinnt dagegen bei Tage geſehen: ihr Teint iſt rein und weiß und ihre Augen haben das ſchönſte Waſſer und den klarſten Blick, den ich je in einem Menſchenange geſehen habe. Wir ftzten uns zum Frühſtück. Das Geſpräch kam auf den getrigen Ball, was meine Stiefmutter benutzte, eine kleine Volksrede zu halten, die ich von früher her kannte, die nich aber immer etwas genirt. Ich ſchweige dazu, aber ei regt ſich in mir eine geheime Oppoſition, *— die, wi wüßte dernde kungen chen. riſch:1 gnädige ten ver verſchie ſchelmiſ coco“ f und wo „Rococt entſchiet ſtehe ge „im mo ans, 14 zwar m hinzu, Teint, mir arm wollte „auch di Tyranne Na ich das dabei, d Unruhig früheren ihre edle chen, b. ganz an Stiefmu Flo das ſie ſie ſich a en ft ne n, m ne ſie ö⸗ ch⸗ in fen ef⸗ n. im nir ieß nt, lan ich. der den im ora ags dem ung ren bei ihre lick, kam tzte, her eige ion, die, wie ich glaube, meine Stiefmutter hört: wenigſtens wüßte ich nicht, warum ſonſt ihre Blicke ſo herausfor⸗ dernd auf mich gerichtet wären. Selma's luſtige Bemer⸗ kungen unterbrachen die Rede und machten uns Alle la⸗ chen. Auch Flora lebte auf und ward witzig, ja ſati⸗ riſch; ich trug ebenfalls das Meinige dazu bei, und unſre gnädige Frau Mutter ſchien höchſt erfreut. Wir muſter⸗ ten verſchiedene gute Bekannte auf dem geſtrigen Balle: verſchiedene Toiletten wurden kritiſirt. Dabei blickte Selma ſchelmiſch meinen Kragen an und wollte ihn etwas„Ro⸗ coco“ finden. Meine Stiefmutter muſterte mein Fleid und wollte auch dieſes etwas„Rococo“ finden, worauf ich die Bemerkung machte, daß meine Perſon ſelbſt etwas „Rococo“ wäre, was jedoch mit vieler Artigkeit, aber entſchieden, verneint wurde. Meine Stiefmutter ſagte, ich ſtehe gerade in dem für ein ſchönes Frauenzimmer beſten, „im modernen“ Alter, ich wäre„la femme de trente ans, la femme de Balsac,“ und fügte Verſchiedenes, zwar nur halb, aber verſtändlich genug ausgeſprochen hinzu, wie ich mich conſervirt hätte, dann von meinem Teint, meinen Augen, meinen Händen, was anzuhören mir armer Evenstochter großes Vergnügen machte. Selma wollte ſich durchaus meiner Toilette annehmen, damit „auch dieſe“ modern würde, und ich verſprach, mich ihrer Tyrannei zu unterwerfen. Nach dem Frühſtück ſetzten meine Stiefmutter und ich das Geſpräch Téte-a-Pete fort und ich bemerkte dabei, daß ihr Geſicht bedeutend gealtert habe und etwas Unruhiges und Geſpanntes in ihrem Blicke lag, das ich früher nicht darin gefunden hatte; doch hatten ihre Züge ihre edle Schönheit nicht verloren. Während wir ſpra⸗ chen, begoß Selma die Blumentöpfe und trillerte dazu ganz anmuthig. Oft wandten ſich die Augen meiner Stiefmutter wie nach ihrem Lichte nach ihr hin. Flora war ſehr launig. Bald öffnete ſie ein Buch, das ſie gleich darauf wieder von ſich warf, bald ſetzte ſie ſich an's Forte⸗Piano und ſpielte Etwas mit großer * 24 Fertigkeit; plötzlich aber hörte ſie mitten im Stücke wieder auf; bald ordnete ſie ihre Locken und beſah ſich im Spie⸗ gel; endlich ſetzte ſie ſich an's Fenſter und machte Be⸗ merkungen über die Vorübergehenden. Ich gab ihr im Stillen den Namen:„Fräulein Laune“. So ſtanden die Sachen in unſerm Vorzimmer, als wir bei einer Pauſe im Geſpräche ein ſchwaches ziſchen⸗ des Pfeifen und leiſe Schritte ſich nahen hörten. Meine Stiefmutter warf einen unruhigen Blick nach der Thüre: Selma verſtummte, Flora ſah ſchnell vom Fenſter weg und auf— St. Orme, der in's Zimmer trat. Wir wurden nun einander förmlich vorgeſtellt. Das Abſtoßende ſeines Weſens wurde durch ſeinen Hän⸗ dedruck nicht gemildert. Ich empfinde einen beſondern Eindruck von der Art und Weiſe, mit der die Menſchen die Hand faſſen und ich kann nicht unterlaſſen, daraus Schlußfolgerungen zu ziehen, jedoch mehr mit Inſtinct, als mit Vernunft, indem dieſe ſich weigert, durch Aeuße⸗ rungen ſich leiten zu laſſen, die rein zufällig ſeyn können. Aber ich kann es nicht anders machen: ein voller war⸗ mer Händedruck nimmt— mein Herz ein; ein ſchwacher, lauer oder kalter ſtößt es zurück. Es gibt Menſchen, wel⸗ che die Hand ſo drücken, daß ſie eine gute Weile nach⸗ her noch ſchmerzt; dann auch ſolche, die mit zwei Fingern drücken: vor dieſen bewahre uns— um wieder auf den Envoyé zu kommen, ſo war deſſen Händedruck ſchwach und ſcharf, obwohl von einer weichen Hand. Von mir ging er zu Flora, deren Hand er küßte und wollte dann ſeinen Arm vertraulich um Selma's Leib legen; aber dieſe wich ihm aus und rief mich zu ſich, um Bekanntſchaft mit ihren Blumenzwie⸗ beln zu machen, die ſie mir heiter unter den Namen:„König Hiskias, Lord Wellington, grand vainnueur⸗ l'ami du coeur, Diana, Galathé“ und ſo weiter vorſtellte. In dieſer Unterhaltung wurden wir von Flora's ruder, Felir Delphin, unterbrochen, der Selma eine halbaufge⸗ blühte Monatroſe überreichte. Sie nahm ſie errothend an. ich D net h gewiſſ lichen Etwas ſelte, Beglei 3 Entwe Tages mer. Gelege von Li betrach Leben U au der Pallaſt und in aus ſel der die Ufern ſ die Sc berge,7 geiſthol ſüdliche Holme Höhe. Rechten mir der wollte aus ſeh kommen meine 2 Frieder der ie⸗ Ze⸗ im als en⸗ ach om mer elit. än⸗ ern chen aus net, nen. var⸗ cher, wel⸗ ach⸗ gern war einer and um rief wie⸗ önig i du In uder, ufge⸗ thend 25 an. Oh! meine Schweſter! Aber ich weiß nicht, ob ich Dich dem jungen Delphin gönne. Sein ausgezeich⸗ net hübſches und auch gutmüthiges Geſicht hat einen gewiſſen unbehaglichen Zug, der von einem unorbent⸗ lichen Lebenswandel zeugt.— Leiſe ſagte der Envoyé Etwas zu meiner Mutter, worüber ſie die Farbe wech⸗ ſelte, mit einem unruhigen Blicke aufſtand und in ſeiner egleitung auf ihr Zimmer ſich zurückzog. Ich verließ das junge, heitere Kleeblatt bei der Entwerfung von Vorſchlägen zu den Vergnügungen des Tages und der Woche, und ging hinauf in mein Zim⸗ mer. Die Ausſicht von da iſt herrlich und gibt mir Gelegenheit, an einem freien, weiten Horizonte das Spiel von Licht und Schatten, von Wolken und Azurblau zu betrachten, das der Wölbung über unſerm Haupte ſoviel Leben und Abwechslung bietet. Unſre Wohnung ſiſt auf dem Blaſieholm, gerade au der Gränze des Baumfeldes, wo der Delagardi'ſche Pallaſt mit ſeinen Thürmen Jahrhunderte lang ſtand und in einer Nacht niederbrannte. Von meinem Fenſter aus ſehe und höre ich das Rauſchen des hreiten Stroms, der die Stadt von dem Norrmalm trennt, und an deſſen Ufern ſo manche blutige Schlacht vorfiel; ſehe den Hafen, die Schiffbrücke, das königliche Schloß mit dem Löwen⸗ berge, weiter unten die Norderbrücke und über dem Heil'gen⸗ geiſtholm drüben das blaue Waſſer des Mälar und die ſüdlichen Berge. Ueber die Häuſermaſſen der verſchiedenen Holme ſtreben kühn die Spitzen der Kirchthürme in die Höhe. Zur Linken habe ich die St. Katharinen⸗, zur Rechten die St. Jacobikirche, und weiter weg gerade vor mir den föniglichen Garten mit den reichen Alleen, und wollte ich Alles herzählen, was ich von meinem Fenſter aus ſehe und beherrſche, ich würde gar nicht zu Ende kommen. Und in meinem Zimmer habe ich meine Pinſel, meine Bücher und— mich ſelbſt. Friederike Bremer, Tagebuch. 60 Den 3. Nov. Ich vrientire mich in der Familie, wenigſtens was den äußern Menſchen angeht; denn um die Geiſter ge⸗ hörig zu erkennen und aus der Erſcheinung das wirkliche Weſen zu ergründen, dazu gehört längere Zeit. Meine geheime Frage, die ich dann an Jeden richte, iſt:„was willſt du, was ſuchſt du im Leben?“ Nach dieſer Regel botaniſire ich in den Menſchenſeelen und claſſifizire ſie. „Du mußt Flora's Zeichnungen ſehen. Du mußt Flora ſingen hören. Du mußt Flora Komödie ſpielen ſehen und hören. Flora muß Dir ihre poetiſchen und proſaiſchen Schilderungen und Porträts zeigen. Sie ſind ſo witzig, ſo unterhaltend!“ So habe ich in den letzten Tagen Selma oft ſagen hören und ſie ruhte nicht eher, bis ich Alles geſehen und bewundert hatte. Und wirklich ſind Flora's Kunſtanlagen nach mehreren Richtungen hin ausgezeichnet; aber größer noch, fürchte ich, iſt ihre Eigenliebe, oder was ſonſt bezeugen Ausdrücke, wie: „Ich bin nicht wie gewöhnliche Menſchen; wäre ich, wie Andere und ſo weiter, aber ich bin recht eigen und be⸗ ſonder; ich kann mich zu dem Standpunkte dieſer All⸗ tagsmenſchen nicht herablaſſen⸗ und ſo weiter? Wie bei Flora die Hauptperſon ihr liebes Ich zu ſeyn ſcheint, ſo bei Selma ein Du. Doch will ich Flora nicht zu vorſchnell beurtheilen. Selma verſchaffte mir geſtern einen recht angeneh⸗ men Vormittag, indem ſie mich mit mehreren Meiſter⸗ ſtücken in ihrer ſchönen Gemäldeſammlung bekannt machte. Sie iſt ein Geſchenk ihres Vaters, der die Gemälde wäh⸗ rend ſeines Aufenthalts in Italien ſelbſt ſammelte. An der genauen Kenntniß des Geiſtes der verſchiednen Schu⸗ len, an dem reinen und ſtrengen Schönheitsſinne, der aus allen Gemälden ſpricht, erkannte man Ehrenſwärd's Schüler wieder. Dabei kam auch die Rede auf Selma's eignen Aufenthalt in Rom, als ſie nach Virginia's Tode ihre Aeltern dahin begleitete, die in dieſer Reiſe Zer⸗ ſtreuung für die eigene Trauer und Gelegenheit zur höhern N Ausb Beka auch und neigu und i heim. was und d nes Orm den Seln Felir Vorg von Witz Saty das G gehei mal mutt in di ſchien thien Bem ich m des 6 Tocht wenn gen würd Kunſt und i mir! was 46 liche eine was egel ſie. nußt ielen und ſind tzten eher, rklich hin ihre wie: geneh⸗ eiſter⸗ nachte. wäh⸗ e. An Schu⸗ e, der wärd's elma's s Tode e Zeer⸗ höhern 27 Ausbildung ihrer Tochter ſuchten. Hier hatte ſie die Bekanntſchaft des Freiherrn Lennartſon gemacht, der ihr auch nach dem dort erfolgten Tode ihres Vaters Troſt und Stütze wurde. Mit kindlicher und brüderlicher Zu⸗ neigung nahm er ſich der beiden betrübten Frauen an und führte ſie als treuer Geleitsmann in ihr Vaterland heim. Selma ſprach mit inniger Rührung von Allem, was er für ſie gethan.— Gegen Abend kamen St. Orme und der junge Delphin. St. Orme ſchenkte Flora ein ſchö⸗ nes Armband, worüber ſie ſehr entzückt war und es St. Orme ſelbſt an ihren Arm befeſtigen ließ; darauf hob er den Arm empor, küßte ihn, und Flora— duldete es. Selma ſah dieß mit unruhigem Blicke und erröthete. Wir theilten uns dieſen Abend in drei Parthieen. Felir und Selma warfen Federnball und ſpielten im Vorgemache Komödie; ihr Scherzen und Lachen tönte von da zu uns herüber; Flora ließ die Funken ihres Witzes vor dem Envoyé leuchten, der ſie durch ſeine Satyre belebte, während er ſie ſichtbar beherrſchte und das Geſpräch leitete, was mich beluſtigte, obgleich ich ſeine geheimen Anſpielungen und den Aerger, den dieß manch⸗ mal bei Flora hervorrief, nicht begriff. Meine Stief⸗ mutter ließ ihr Licht vor mir leuchten und weihte mich in die Stellungen und Verhältniſſe im Staate ein. Ich ſchien erbaut davon, lieh aber mein Ohr allen drei Par⸗ thien zugleich und machte nur dann und wann eine weiſe Bemerkung zu den Anſichten meiner Stiefmutter, während ich mit ſibylliniſchem Ernſt die Karten legte, um im Buche des Schickſals zu leſen. Wäre ich doch keine würdige Tochter der Heimath der Zauberkünſte— Finnlands—, wenn ich nicht in dem Kaffeewahrſagen und Kartenſchla— gen bewandert wäre. Freilich war ich nie eine ganz würdige Schülerin der berühmten Liboria, die mich ihre Kunſt lehrte, und habe die Karten nie mit ihrer Andacht und ihrem Geiſte gelegt, aber— kurz und gut, es macht mir Unterhaltung, das Spiel des Schickſals aus den 3— Karten zu erkennen; ich habe oft mich und Andre damit amüſirt, und ſo machte ich es auch jetzt. Als der Abend zu Ende war, die Geſellſchaft ſich ent⸗ fernt hatte und Flora und ich durch den kleinen Corridor nach unſern Schlafzimmern gingen, blieb ſie plötzlich ſtehen und fragte mich mit plötzlicher Haſt: „Du glaubſt gewiß, daß ich in St. Orme verliebt bin?“ „Hm,“ entgegnete ich,„ich meine allerdings, daß es ziem⸗ lich ſo ausſieht.“(Denn Flora hatte dieſen Abend wirklich mit St. Orme kokettirt.) „Und weißt Du nicht, weiſe Sibylle, daß der Schein oft trügt? Und ſo iſt es auch hier. Man muß oft ſchei⸗ nen, was man nicht iſt, um zu gewinnen, was man wünſcht. Liſt und Schlauheit ſind dem Weibe gegeben, um die zu beherrſchen, die ihm gebieten wollen. Sie ſind ſeine rechtmäßigen Waffen.“ „Das ſagt man häufig, aber ich habe es nicht ſo ge⸗ funden. Ich habe gefunden, daß die Macht der Wahrheit und Aufrichtigkeit— falls ſie mit Klugheit und Liebe ange⸗ wandt wird— die einzige wahre Gewalt bei Männern wie bei Weibern iſt.“—„Wahrheit und Aufrichtigkeit,“ ſagte Flora ſpöttiſch;„zeige mir, wo ſie zu finden ſind. Wir insgeſammt heucheln alle Tage im Leben gegen einander, wenn wir uns auch noch ſo unſchuldig ſtellen. Wie iſt es z. B. mit uns beiden? Haben wir nicht ſeit mehreren Tagen die artigen Couſinen mit einander geſpielt, und doch glaube ich, daß wir im Grunde wenig von einander hal⸗ ten? Oder wie denkſt Du?“ „Ich denke wie Du,“ ſagte ich, aufgemuntert durch dieſe Aufrichtigkeit.—„Nun,“ fuhr Flora fort,„wäre es da nicht gut, wenn wir offene Parthie ergriffen und— offen einander haßten?“—„Warum nicht?“ entgegnete ich wie vorher.„Das wird vielleicht ein ganz neuer Weg zur Liebe.“ „Mir gefällt das Neue,“ ſagte Flora ebenfalls lachend. „Alſo von dieſem Tage an ſind wir offne Feinde und näh⸗ ren gegenſeitig unſern kleinen Haß!“„Wollen Sie ſo, Fräulein Philoſophie?“ beſſe auf nigte nur wir Stac ſoller und Uebe nahn lacht die 6 trau inder neue heiter ſinge ſorge kurze bei 6 ſie o mehr hinzu wiede lein einan damit hent⸗ rridor ſtehen bin?“ ziem⸗ irklich Schein ſchei⸗ man geben, ie ſind ſo ge⸗ hrheit ange⸗ n wie ſagte Wir ander, ie iſt hreren d doch r hal⸗ h dieſe es da offen ch wie Liebe.“ chend. d näh⸗ ie ſo, 29 „Topp, Fräulein Caprice!“ Wir drückten uns lachend die Hände und ſchieden als beſſere Freundinnen, denn je. Ungeachtet der Worte Flora's machte ich dieſen Abend auf unvorgreifliche Vermuthungen hin zwei Paare und verei⸗ nigte Flora mit St. Orme und Selma mit Felir. So wäre nur noch meine Stiefmutter und ich zu verſorgen. Nun, wir werden einander gegenſeitig im Alter tröſten, und den Staat zuſammen regieren. Thorild und Madame Genlis ſollen uns helfen. Den 6. Nov. Meine unvorgreiflichen Vermuthungen ſind vereitelt und von Wem?— vom Freiherrn. Beim Frühſtück erklärten Flora und ich heiter unſre Uebereinkunft vom geſtrigen Abend. Meine Stiefmutter nahm die Sache ſcherzhaft, wie ſie erzählt wurde, und lachte über unſern„Haßvertrag.“ Selma dagegen nahm die Sache nicht ſo auf, ſondern ſah uns mit ernſten, faſt traurigen Augen an. Ich ſuchte ſie zufrieden zu ſtellen, indem ich ihr zeigte, daß unſer Haß eigentlich nur ein neuer Weg zur Freundſchaft wäre. Sie wurde wieder heiter und Etwas Zank und Streit Nicht viel bedeut't ſingend, verließ ſie uns, um Haushaltungsgeſchäfte zu be⸗ ſorgen. Etwas ſpäter trat der Freiherr ein. Nach einer kurzen allgemein geführten Unterhaltung nahm er Flora bei Seite und ſprach lange und leiſe mit ihr. Er ſchien ſie angelegentlich um Etwas zu bitten und ergriff dabei mehreremal ihre Hand. Flora aber ſchien dies ganz ruhig hinzunehmen. Ich ſah meine Stiefmutter an, und dieſe wiederum mich.—„Der Herr Vormund und das Fräu⸗ lein Mündel ſcheinen auf ſehr freundſchaftlichem Fuße mit einander zu ſtehen?“ ſagte ich. „Ja,“ gab meine Stiefmutter zur Antwort,„ſie ſind 30 aber auch einander etwas mehr, als Vormund und Mündel.“ —„Wie? ſind ſie verlobt?“ „Ja; aber es iſt noch nicht öffentlich erklärt.“ „Flora,“ fuhr ich fort,„wird doch nächſtes Frühjahr volljährig und kann dann über ein bedeutendes Vermögen verfügen?“—„Blos über die Zinſen daraus; über das Kapital kann nach dem Teſtamente des Onkels, dem Flora und Felir ihr ganzes Vermögen zu verdanken haben, nur ihr künftiger Gemahl verfügen. Der Onkel war ein mür⸗ riſcher alter Mann und hatte kein Vertrauen auf Frauen in Beziehung auf Verwaltungsangelegenheiten. Ueberdies beſtimmte er noch, daß Flora vor ihrem fünf⸗ undzwanzigſten Jahre, das ſie im Frühjahr erreicht, nicht heirathen ſolle und ſetzte auf die Richtachtung dieſer Beſtim⸗ mung den Verluſt eines bedentenden Theils der Erbſchaft.“ Selma kam herein, Lennartſon endigte ſein Geſpräch mit Flora und entfernte ſich, nachdem er ihr vorher noch die Hand geküßt und leiſe, aber nachdrücklich, die Worte: „Denk daran“ zugeflüſtert hatte. „Das war ja ein ganz wichtiges Geſpräch!“ ſagte meine Stiefmutter ausforſchend zu Flora, als dieſe nach einem Blick in den Spiegel mit leuchtenden Angen uns nahte.—„Ja,“ erwiederte Flora,„er iſt ſo gut, ſo herr⸗ lich, man muß Alles thun, was er will!“ Ich ſeufzte laut.—„Was gibts? Warum ſeufßzt Sophia?“ fragte Flora.—„Weil ich vermuthe, daß Du bald Lennartſons Hand erhältſt und recht glücklich wirſt; — Ich muß ja meinen Haß nähren.“ „Ah!“ entgegnete Flora lachend,„darum gräme Dich noch nicht. Es geht mir vielleicht nicht ſo gut,“ fügte ſie etwas wehmüthig bei.„Jetzt iſt weniger von mir, als von Felir die Rede. Mein Herr Vormund will, ich ſoll ihm ein Vorbild, ein Beiſpiel, eine Führerin ſeyn— aber mein Einfluß auf meinen Herrn Bruder iſt eben nicht weit her; und ich wüßte wohl, wer beſſer als ich auf Felir wirken, und ihn in einen wahren„Phönir“ umwandeln könnte, wenn ſie nur wollte— was meinſt Du, Selma?“ davo ſtüm mutl ben ſie E ſinen Selr Geſp den deute Bru Klei Oh, ſie k Tur! Tant mein Bede eingi „Wi ſeine bei ſes ſpitz mir und lieb Luſt deßh gen ndel.“ hjahr nögen r das Flora „nur mür⸗ auf heiten. fünf⸗ nicht eſtim⸗ haft.“ ſpräch noch Lorte: ſagte e nach uns herr⸗ ſeufzt aß Du wirſt; eDich gte ſie ls von ll ihm r mein ither; wirken, könnte, 31 Selma wandie ſich ab und ſagte leiſe:„laß uns nicht davon reden!“—„Nun, ſo wollen wir von meinem Co⸗ ſtüme auf die Maskerade reden!“ entgegnete Flora mit muthwilliger Lebhaftigkeit.„Komm und hilf mir die Far⸗ ben auswählen; Dein Geſchmack iſt ſo gut.“ Damit nahm ſie Selma am Arm und ſingend chaſſirten die beiden Con⸗ ſinen hinaus.— Als ich nachher mit einer Botſchaft an Selma in Flora's Zimmer kam, fand ich ſie in eifrigem Geſpräche mitten unter Gold⸗ und Silberflor! „Aber Flora, das kommt zu hoch!“ ſagte Selma. „Aber es wird göttlich ſite entgegnete Flora. „Es kann aber auch auf woh lfeilere Art ſchön wer⸗ den— der Unterſchied in den Koſten iſt in der That be⸗ deutend! Du haſt ja eben Lennartſon verſprochen, Deinem Bruder ein Vorbild zu ſeyn.“ „Ja, ja, im Allgemeinen ſchon, aber nicht in allen Kleinigkeiten. Da will ich meinem eigenen Kopfe folgen.— Oh, Selma, nimm mir jetzt keine ſo altkluge Miene an, ſie kleidet T Dich gar nicht, etwas munterer!— Um auf den Turban zu fommen— Ach, Tante! das iſt herrlich! die Tante ſoll mir ſagen“— Damit wandte ſich Flora an meine Stiefmutter, die eben hereintrat und ohne weitere Bedenklichkeiten in Flora's Plan wegen des theuern Coſtüms einging, das ſie in eine Cirkaſfieri in verwandeln ſollte. Dann ſagte ſie zu mir, während ſie Selma umarmte: „Wie gefällt Dir das Kind da, Sophie, das zu Hauſe bei ſeiner alten Mutter ſitzen will, ſtatt mit auf die Maskerade bei W.'s zu fahren.“— 3 Das gefällt mir,“ entgegnete ich. „Wie könnte auch Fräulein Philoſophie über ein ſo wei⸗ ſes Verhalten anders urtheilen?“ bemerkte Flora etwas ſpitzig.—„Aber wie, wenn ich,“ ſagte meine Stiefmutter mir zuwinkend,„alle Koſten für das Coſtüm übernähme und—“—„Das thut die Mama nicht, wenn ſie mich lieb hat,“ eutgeuete Flora.„Ich habe wirklich keine Luſt, auf dieſen Ball zu gehen, noch weniger aber, mich deßhalb zu ruiniren. Meine Mutter ohnedies würde blos we⸗ gen meiner hingehen und— Alles genau betrachtet, ſo bin ich Philoſophia heißen.“ gewiß, daß ich dieſen Abend vergnügter zu Hauſe zubringe.“ —„Du willſt Lennartſon's Herz gewinnen,“ ſagte Flora bitter.—„Flora!“ rief Selma mit einem Blicke, aus dem Erſtaunen und beleidigte Unſchuld ſprach. Ihre Augen wurden feucht.—„Verzeih!“ bat Flora, ſie auf die glühende Wange küſſend,„ich wußte nicht, was ich ſprach. Was ich aber weiß, iſt, daß Du ihn weit mehr verdienſt, als ich.“ — Wir vertieften uns nun Alle in die Stoffe und Coſtüms. Den 9. Nov. Selma hat meine Garderobe verwandelt und mich ge⸗ nöthigt, modern zu werden. Und ich habe mich nöthigen laſſen, da ich ſehe, daß es ihr und meiner Stiefmutter Vergnügen macht. Und meine Stiefmutter! Sie hat mich durch ihre ſchönen Geſchenke wirklich in Verlegenheit ge⸗ bracht. Aber es machte ihr ſo ſichtbares Vergnügen, zu geben, daß ich nicht umhin konnte, mit Dankbarkeit das Angebotene anzunehmen.— Kindlich erfreut über meine Mittagstoilette, rief Selma heute aus: „Ach! ich wollte, Balzac ſähe Dich jetzt. Er würde Dich ſofort in einen Roman bringen und Dich wenigſtens drei tödtliche Leidenſchaften erwecken laſſen.“ „Das wäre,“ entgegnete ich,„ein ſtarker Beweis für die Kraft ſeiner dichteriſchen Phantaſie, denn in der Wirk⸗ lichkeit werde ich wohl keine Leidenſchaft mehr einflößen!“ „Hm, Hm!“ ſagte meine Stiefmutter mit artiger di⸗ plomatiſcher Miene.—„Auch wünſche ich es nicht“ fuhr ich fort— „Der Thorheit Zeiten ſind vorüber, Der Weisheit Tage kommen nun.“ „Eine Weisheit,“ ſagte Flora,„die ein wenig nach der des Fuchſes zu ſchmecken ſcheint, der gerne Wein⸗ trauben haben möchte. Ich meinerſeits glaube nie, daß ein Frauenzimmer nicht wünſcht, zu gefallen, Herzen zu gewinnen und ſich Weihrauch ſtreuen und opfern zu laſſen, mag ſie nun Cleopatra, oder Ninon, oder Sancta Ander Stief mit k eilte, ander Scher ich b „Haß Paras und S ich, d Unter 1 tung und ic zurück Leben lich it gering gegen harmo gen G das il die ve den 9 Fremd Diene lich zu Klugh freund und E rend ſe die bis nge.“ Flora aus ugen hende s ich ich.“ üms. h ge⸗ higen utter mich t ge⸗ „zu t das meine vürde ſtens s für Wirk⸗ en!“ r di⸗ fuhr nach Bein⸗ daß en zu n zu ancta 33 „Sancta Philoſophia dürfte Dich doch einſt eines Andern belehren,“ antwortete ich ernſthaft, und meine Stiefmutter, die zuweilen zu fürchten ſcheint, es könnte mit dem Haſſe zwiſchen Flora und mir Ernſt werden, eilte, das Geſpräch durch die Mittagsmahlzeit auf ein anderes Thema zu bringen, wobei Selma's fröhlicher Scherz uns Alle in heitere Laune verſetzte. Flora und ich bemerkten verſchiedenes Beluſtigende über unſern „Haßvertrag“ und ſetzten noch mancherlei Klauſeln und Paragraphen bei. Meine Stiefmutter ſtreute Lachen und Scherz hinein. So wie die Sachen jetzt ſtehen, glaube ich, daß wir recht muntere witzige Leute ſind, denen die Unterhaltung nie ausgehen kann. Den 12. Nov. Unſer Alltagsleben nimmt immer wechſelndere Geſtal⸗ tung vor meinen Blicken an. Es gibt viele Zerſtreuung, und ich bin froh, daß ich mich in mein einſames Zimmer zurückziehen kann. Die jungen Mädchen vertändeln ihr Leben, aber auf ſehr ungleiche Art. Flora iſt veränder⸗ lich in ihren Lannen, manchmal auch verdrießlich. Die geringſte Widerwärtigkeit bringt Sturm. Selma da⸗ gegen hat eine goldene Laune; ihr ganzes Weſen iſt harmoniſch: man ſieht dies an ihrem leichten, anmuthi⸗, gen Gange, man hört es an ihrem fröhlichen Trillern, das ihre Gegenwart im Hauſe verkündigt, während ſie die verſchiedenen Haushaltungsgeſchäfte beſorgt, oder an den Revolutionen Flora's Theil nimmt, oder für die Fremden beſorgt iſt, die täglich das Haus beſuchen. Die Dienerſchaft gehorcht ihr mit Freuden, da ſie ſtets freund⸗ lich zu ihnen ſpricht und ihre Anordnungen zeugen von Klugheit. Selbſt der Philoſoph wird bei ihrem Anblick freundlich. Mit einem Worte, ſie iſt des Hauſes Leben und Sonnenſchein. Das Einzige, was mir an ihr ſtö⸗ rend ſcheint, iſt eine oft hervorbrechende, zu ſatyriſche Laune, die bisweilen in— ſoll ich ſagen Bosheit?— übergeht. Das Wort iſt hart, aber ich glaube, es iſt wahr. Doch bei der Lebhaftigkeit des Temperaments, das Selma beſitzt, und im täglichen Umgange mit Flora iſt es auch nicht leicht, hierin den rechten Takt und die rechte Harmonie zu beobachten. Auch läßt die Freude, die meine Stiefmutter an Allem hat, was das Leben erheitert und würzt, ſo wie ihre Liebe zu den jungen Mädchen, ſie oft nicht bemerfen, daß dieſe Kayennepfeffer ſtatt harmloſer Würze ausſtreuen Zwiſchen mir und meiner Stiefmutter herrſcht viele „Courtviſie, aber wenig Vertraulichkeit. Ich glaube, wir fürchten uns gegenſeitig etwas vor einander. Ge⸗ wöhnlich haben wir täglich eine Stunde„téte à téte,“ wo wir die Angelegenheiten des Staats beſprechen und „reflexions chrétiennes et morales'? über den Gang der Zeiten und Dinge machen. Hierbei, ſo wie aus der Artigfeit, womit unſere Geſpräche geführt werden, bemerfe ich, daß wir uns heimlich bemühen, einander aufzuflären und zu befehren, ſo wie mit unſern tieffin⸗ nigen Worten einander zu frappiren. Und ſo kommt es wohl, daß während wir die Staatsmaſchine zuſammen⸗ ſetzen, unſer eigenes Verhältniß ſich etwas lockert. Denn obgleich wir beide glauben, das„juste milieu“ der himmliſchen Gerechtigkeit zu handhaben, ſo neigt ſich meine Stiefmutter doch bedeutend gegen die ariſtokrati⸗ ſche Seite des Staats, während ich mehr der demokra⸗ tiſchen gewogen bin. Meine Stiefmutter, die in ihrer frühern Stellung als Gattin eines Landeshauptmanns einen nicht unbedeutenden Einfluß auf die Angelegenheiten der Landes⸗Hauptmannſchaft ausübte, glaubt Kenntniſſe, Erfahrung und Geſchicklichkeit einer Regentin zu beſitzen: ich dagegen meine, von meinem philoſophiſchen Stand⸗ punkte aus, Alles etwas beſſer zu ſehen und zu verſtehen, und dies zuſammen bringt bisweilen eine kleine Span⸗ nung zwiſchen uns hervor, die jedoch nicht heftig wird; weil, wenn meine Stiefmutter ihre Stimme mit einem: „Glaube mir, liebe Freundin,“ erhebt, ich ſelber ſchweige und mich damit begnüge, eine ungläubige Miene zu machen, — und ich Ton (ma lir an. forſi es eine blie! Anr wim von die lich eife ſie Blie eini den Bul liche glei eine Mie oder wür das lichl wür ſein Doch a beſitzt, ich nicht nonie zu efmutter „ſo wie emerken, sſtreuen cht viele glaube, à téte,“ chen und en Gang wie aus werden, einander ntieffin⸗ ommt es ſammen⸗ t. Denn u“ der ſeigt ſich riſtokrati⸗ demokra⸗ in ihrer iptmanns genheiten enntniſſe, beſißen: n Stand⸗ verſtehen, te Span⸗ tig wird; it einem: r ſchweige machen, 35 und wie ſehr ich auch Oppoſition mache, immer gönne ich meiner Stiefmutter das letzte Wort oder den letzten Ton, nämlich das diplomatiſche:„Hm, Hm.“ Die Abende bringt die Familie oft zu Hauſe zu (man ſagt, daß dies auf Neujahr anders wird) und Fe⸗ lir Delphin, St. Orme und Lennartſon ſchließen ſich an. Ich ſehe deutlich, daß der Freiherr ſeine Blicke forſchend auf Flora und St. Orme richtet. Oft däucht es mir, als ob ſich ſein Auge von der glänzenden Effekt ſuchenden Flora weg zu Selma wendete und mit einer gewiſſen zärtlichen Aufmerkſamkeit auf ihr ruhen bliebe. Und ſie— warum ſind ihre Augen bei ſeiner Anweſenheit beſtändig von den langen dunkeln Augen⸗ wimpern beſchattet? Warum vernimmt man da nichts von den heitern Einfällen, den feinen witzigen Bemerkungen, die ihr ſonſt eigen ſind? Doch Flora würde das ſchwer⸗ lich dulden, und ich habe dies an manchem ſtechenden, eiferſüchtigen Blicke bemerkt, der aus Flora's Augen auf ſie blitzte. Auch ich habe meinen Antheil an dieſen Blicken erhalten, dann nämlich, wenn Lennartſon mir einige Aufmerkſamkeit ſchenkte, was, wie ich mit Freu⸗ den geſehen, nicht ſelten geſchieht. Der Freiherr— nein, keine Beſchreibung von ihm. Bulwer, der ſo manchen tiefen Blick in das edlere weib⸗ liche Gemüth geworfen hat, bemerkt mit Recht, wie gleichgültig einem ſolchen die Schönheit oder Häßlichkeit eines Mannes iſt. Der Ausdruck des Charafters in Mienen, Geberden und Worten iſt es, welcher feſſelt oder abſtößt. Daher kein Wort von des Freiherrn Größe, Wuchs, Haaren, Zähnen und ſo weiter. Ich würde auch nichts Großes darüber zu ſagen wiſſen; aber das weiß ich, daß man den Eindruck, den ſeine Perſön⸗ lichkeit zurückläßt, nicht leicht vergißt und nie zu vergeſſen wünſcht. Man fühlt ſich gleichſam gehoben durch ihn und ſeinen Blick— ja von dem muß ich doch ein Wort ſagen. Es gibt Angen, in denen man eine verklärte Welt zu ſchauen meint;— Schelling muß ſolche Augen ha⸗ ben und deshalb wünſchte ich, auch einmal in dieſelben hinein ſchauen zu können,— es gibt einen Blick, den ich vorzugsweiſe den Staatsmanusblick nennen möchte. Irgend Jemand hat geſagt:„Die Philoſophen ſehen mehr Licht als Geſtalten;“ und ich ſage:„Die meiſten Andern ſehen mehr Geſtalten als Licht.“ Aber der wahre Staatsmann ſieht zugleich alle Geſtalten des Lebens und ſieht ſie auch im Lichte des Lebens. Sein Blick iſt zugleich klar und beſtimmt. So iſt der Blick Lennartſons, und man merkt bald, daß ſowohl Sonne als Blitz aus demſelben ſprechen können. Ich bin froh, dieſen Mann geſehen und kennen gelernt zu haben. St. Orme bildet einen ſcharfen Contraſt gegen ihn, obgleich auch er ein ausgezeichnetes Aeußere hat und reich an Kenntniſſen, Geiſt und Lebenserfahrungen iſt. Aber ihm fehlt etwas in ſeinem Weſen, etwas, was das Ganze adelt. Er flößt kein Vertrauen, keine Achtung ein. Ueberdies hat er eine gewiſſe unruhige Beweglich⸗ kejt in ſeinen Armen und Fingern, die an eine Spindel erinnert und mir wenigſtens ihn unangenehm macht. Wie ſoll ich mir Flora's Benehmen gegen dieſe beiden Männer erklären? Es ſcheint mir gewiß, daß ſie den Freiherrn liebt; aber warum kokettirt ſie dann mit St. Orme; warum nimmt ſie Geſchenke von ihm an? Ein anderer Gaſt, der ſich neuerdings öfters hier ſehen läßt, iſt„der reiche Junggeſell,“ mein Onkel. Er iſt ziemlich angenehm und unterhaltend; und wenn ich nicht fürchtete, eingebildet zu erſcheinen, ſo möchte ich glau⸗ ben, ſeine Beſuche gelten mir; er hält mich vielleicht für ein„paſſables Souper,“ meine Stiefmutter gibt mir darüber einen oder den andern wohlmeinenden Wink; ich ſtelle mich jedoch, als verſtehe ich ihn nicht. Unter den hier oft erſcheinenden Gäſten ſind auch die Schweſtern von P., Frau und Fräulein, bei uns ge⸗ wöhnlich die„Commercienräthinnen“ genannt, die mit allen einen etwat denen Mens Perſt richti iſt. ſinen, — Näch Hauſe Als i mer Luna Abnel vorſte gleich denwe 6 dem Spar: „Schi Ausdr Ritter Orme belieb gelieh rakter tere h in den liche geſteig en ha⸗ eſelben ck, den nöchte. ſehen neiſter wahre Lebens lick iſt rtſons, itz aus kennen en ihn, at und gen iſt. as das chtung eglich⸗ Spindel cht. beiden ſie den it St. rs hier kel. Er enn ich h glau⸗ ielleicht ibt mir ink; ich id auch uns ge⸗ di mit 37 allen:„man ſagt, man glaubt, man weiß“ der Stadt einen bedeutenden Commerce treiben. Wir machen dies etwas lächerlich, verachten aber doch den Commerce nicht, den wir verhöhnen; denn die beiden Schweſtern wiſſen eine Menge Sachen, und das Fräulein iſt eine aufgeweckte Perſon, deren große ſpionirende Angen ſehr ſcharf und richtig ſehen, und deren Zunge mehr geläufig als ſcharf iſt. Sie habe, erzählte ſie neulich, über neunzig Cou⸗ ſinen, meiſtens Alle von weiblicher Seite. Den 14. Nov. Geſtern Abend machte ich die Bekanntſchaft„unſerer Nächſten,“ wie Selma den Kreis der Vertrauten des Hauſes zum Unterſchied von„unſern Entfernten,“ nennt. Als ich, wie gewöhnlich, um halb acht Uhr in das Zim⸗ mer meiner Stiefmutter herunter kam, ſaß Signora Luna in einer Ecke des Sophas, war aber ſichtbar im Abnehmen, was mir auch Selma zuflüſterte, als ſie mich vorſtellte. Die ſchöne Gräfin begrüßte mich ziemlich gleichgültig, doch gefiel mir der Druck der warmen ſei⸗ denweichen Hand. Die übrige Geſellſchaft beſtand aus ihrem Gemahl, dem Baron Alexander, einem jungen Lientenant Ake Sparrſköld, einer Schweſter Flora's, der Freifrau Bella P., Wittwe und zehn Jahre älter, als ſie, die wir die „Schönheit“ nennen, und die Züge erſter, aber einen Ausdruck zweiter Sorte hat, aus der hübſchen alten Frau Ritterſwärd ſamt ihrer Tochter Hellfride und aus St. Orme und Lennartſon. Die Unterhaltung kam auf einen neuen, jetzt ſehr beliebten franzöſiſchen Roman, den St. Orme an Flora geliehen hatte. St. Orme rühmte die Kraft der Cha⸗ raktere und die Kühnheit und Pracht des Colorits. Letz⸗ tere hielt der junge Sparrſtöld für falſch, während er in den erſtern Uebertreibung finden wollte.„Jeder menſch⸗ liche Affekt,“ ſagte er,„wird gleich bis zum Wahnſinn geſteigert, und verliert ſo alles Maaß und alles Ziel; 8 auch die Tugend kann nicht erhaben erſcheinen, ohne äuf Stelzen geſtellt und ſomit unnatürlich zu werden. Und der Zweck der Handlungen? Immer ſind es nur einſeitige, beſchränkte Motive, Selbſtſucht, das eigne iſolirte Glück! Nie ein Streben, ein Intereſſe, das zugleich die größten Intereſſen der Menſchheit in ſich ſchließt!“— Alle dieſe Mängel glaubte er in der neuen franzöſiſchen Literatur zu finden. Lebhaft ſtimmte ihm Lennartſon bei.„Die Richtung dieſer Literatur,“ fügte er hinzu,„iſt nicht blos falſch in ſich ſelbſt. Sie iſt eben ſo unwahr als Maßſtab der Zeit, und lügt gegen den edleren und man kann wohl ſagen, den allgemeinen Geiſt, den Geiſt, der die be⸗ ſondern Beſtrebungen und das Privatwohl in den genaue⸗ ſten Zuſammenhang mit dem allgemeinen Beſten ſetzt. Rückſichtlich dieſes Sinns für das Allgemeine, das Ganze, künnte das gegenwärtige junge Frankreich bei dem alten Rouſſeau in die Schule gehen; denn ſeine Romane ſind bei allen ihren Fehlern doch Muſter für dieſe Art Ge⸗ mälde aus der bürgerlichen Geſellſchaft. Man ſieht, wie die einzelnen Perſonen die Hauptrichtungen der Menſchheit darſtellen und wie, wenn ſie in Friede ſich an einander ſchließen, dieſe Liebe nicht in reinen Egoismus ſich ver⸗ liert, ſondern dahin ſich erweitert, um die heiligſten Einrich⸗ tungen der Menſchheit, ihr Leben und das der Natur in ſeinem göttlichen Weſen zu umfaſſen; und das einzelne Haus tritt— wie es auch ſeyn muß— als der Punkt hervor, aus dem für das große Haus der Welt Heil und Segen ſproßt.“— St. Orme zuckte mit den Schultern. „Armer Rouſſeau! Mit allen ſeinen idealen Romanen war er nur ein— Schwärmer,“ ſprach er und entfernte ſich zu dem Baron Alexander in's große Nebenzimmer. „Ich fühle, daß Sie Recht haben,“ ſagte ich zu Lennartſon,„aber ich möchte in der bedeutenden Bildung einen wahrhaften Erfolg, einen Fortſchritt auf der Ent⸗ wicklungsbahn der Menſchheit ſehen— und dieſe fran⸗ zöſiſche Litergtur ſtellt doch unbeſtritten Charaktere und „Situa wie m des D Mißts zur Hö mel“ 1 Literat 5 lächeln Sinn dieſer das Er neue B ſie entl und es tiſchen muß vi entſtehe ſpannt. „Sie Literatt auf die Leben Kräfte bin, u vor den und D glänzte feuriger möchte. Salon rief Ler entzücke Je Lieuten Art, ſie ne auf id der eitige, Hlück! rößten dieſe eratur chtung falſch ab der wohl ie be⸗ enaue⸗ ſetzt. Fanze, alten te ſind t Ge⸗ t, wie ſchheit nander h ver⸗ inrich⸗ tur in inzelne Punkt il und ultern. manen tfernte immer. ich zu ildung rEnt⸗ fran⸗ re und 39 Situationen in einer Mannichfaltigkeit und Tiefe dar, wie man ſie bisher kaum ahnte; ſie dringt in alle Winkel des Daſeyns und ſaßt die Momente aller Leiden und Mißtöne auf. Und wenn ſie auch nur ein„Hinabſteigen zur Hölle“ iſt, muß nicht doch ein„Aufſteigen zum Him⸗ mel“ nahe ſeyn; oder ſollte die höchſte Aufgabe dieſer Literatur blos darin beſtehen, zu Rouſſeau zurückzukehren?“ „Ja,“ entgegnete Lennartſon, über meinen Eifer lächelnd;„aber nur, was den Blick auf das Ganze, den Sinn für das Allgemeine betrifft. Wie Sie, ſehe ich in dieſer Literatur eine neue Entwicklung, und es iſt nicht das Erſtemal, daß das Volk, das ſie erzeugte, der Welt neue Bahnen brach. Aber ſie iſt noch fragmentariſch— ſie enthält erſt die Studien zu einer großen Kompoſition, und es wird ſchon ein Meiſter kommen, der dieſe chao⸗ tiſchen Elemente zu einer harmoniſchen Welt vereint. Doch muß vielleicht das Modell dazu erſt in der wirklichen Welt entſtehen.“—„Wie meinen Sie das?“ fragte ich ge⸗ ſpannt.—„Erlauben Sie mir,“ fuhr Lennartſon fort, „Sie auf einen Hauptzug in der beſſern belletriſtiſchen Literatur unſrer Zeit aufmerkſam zu machen,— nämlich auf die Richtung derſelben, das Weib als den Punkt im Leben darzuſtellen, von dem belebende und erweckende Kräfte ausgehen. Ich geſtehe, daß ich derſelben Meinung bin, und in unfrer Zeit viel vvm— Weibe erwarte.“ Es war natürlich, daß das weibliche Auditorium, vor dem der Freiherr dieſe Worte ſprach, mit Hochachtung und Dankbarkeit zu ihm aufblickte. Wehmüthige Frende glänzte in Selma's ſchönen Augen, während in Flora's feurigem Blicke Etwas aufflackerte, das ich— groß nennen möchte. Meine Stiefmutter ſtellte den Antrag, in den Salon zu gehen und zu muſiciren. Wir folgten. Flora rief Lennartſon an's Fortepiano und ſpielte und ſang entzückend für ihn. Zwiſchen hinein redeten ſie leiſe. Ich hielt mich zu Hellfride Ritterſwärd und dem Lientenant Sparrſtöld, deſſen redliches Geſicht und offene Art, ſich zu geben, mir gut gefiel. Uns ſchloß ſich noch 40 die„Schönheit“ an, die ſich vorgenommen zu haben ſchien, auf Ake Sparrſköld einen unſterblichen Eindruck zu machen, allein dieſer ſchien, gleich mir, mehr für Fräulein Ritter⸗ ſwärd ſich zu intereſſiren. Wenn ich eine junge häßliche Dame, wie Hellfride Ritterſwärd, ſehe, die mit einem ſtillen Temperamente eine gefällige und heitre Lebensart vereint, ſo faſſe ich eine hohe Meinung von ihr. Ich fühle, daß ein großes Bewußtſeyn ſie über alle kleinen Schwachheiten erhebt; ſie hat volles Vertrauen zu dem Edeln in ſich und in ihren Nebenmenſchen, und ruft dadurch auch die Achtung jener und jenen friſchen Sinn hervor, der jede blos äußere Störung leicht überwindet. Ich fand Hellfridens Unter⸗ haltung witzig und aufregend, und ich glaube, daß auch Sparrfköld dies fand, obgleich die„Schönheit“ gewiß auch ihre Anziehungskraft auf ihn ausübte. Meine Stiefmutter ſpielte Piket mit ihrer Freundin, der Frau Ritterſwärd. Dieſe liebe, alte Frau litt an einem nervöſen Kopfübel und war nach Stockholm gekom⸗ men, um die Aerzte um Rath zu fragen. Ihre Tochter verſchaffte ihr durch Ueberſetzung ausländiſcher Werke die Mittel zu ihrem Aufenthalt und unterſtützte außerdem noch zwei jüngere Brüder, ſo daß ſie im Ernſt den Namen: „Achtungswerth“ verdient, den Flora ihr halb zum Troſt beigelegt hat.— Selma ambulirte in der Geſellſchaft und nahm freundlichen Antheil an Allem, was vorging. St. Orme ſpielte mit dem Baron Alexander und Felir Delphin Boſton, ließ aber über ſein Spiel weg manchen ſcharfen Blick auf Flora und Lennartſon gleiten, die am Fortepiano über einem leiſen, aber lebhaften Geſpräche die Muſik vergeſſen hatten. Plötzlich unter⸗ brach ſie St. Orme mit den Worten: „Flora, beſte Flora! Schenke mir nur einen Viertels⸗ gedanken. Ich ſpiele ganz unglücklich; komm' mir mit einem guten Rathe zu Hülfe! Sage mir, in welcher Farbe ich ſpielen ſoll— ſchwarz oder roth?“ „Schwarz!“—„Schwarz!“ wiederholte St. Orme „War ja De erinne erinne ſie au „Purt Sechs nen,“ weg u Abend Orme mein hoffe E Flora halb i ſtreber untert Hofm graph 5 Gedat für— ander: „Nein mutte zuwoh der Q Fried chien, achen, titter⸗ lifride mente ſſe ich roßes rhebt; ind in chtung äußere Unter⸗ auch gewiß undin, litt an gekom⸗ Lochter rke die m noch tamen: n Troſt lſchaft orging. er und el weg leiten, bhaften unter⸗ iertels⸗ nir mit welcher Orme 41 „Warum räthſt Du mir nicht lieber zu Roth. Roth iſt ja Deine Leibfarbe, Purpurroth; iſt es nicht ſo; oder erinnere ich mich nicht recht?“—„Ich kann mich nicht erinnern,“ entgegnete Flora ſcheinbar gleichgültig, während ſie aufſtand und Purpurröthe ihr Geſicht bedeckte. „Aber ich erinnere mich,“ erwiederte St. Orme. „Purpurroth iſt Deine Farbe und darum— meine Herren, Sechs Stiche in Coeur. Das Spiel hoffe ich zu gewin⸗ nen,“ ſetzte er hinzu, der hinausgehenden Flora zunickend. Sie kam bald wieder herein, aber ihre heitre Lgune war weg und ihre Munterkeit während des übrigen Theils des Abends erzwungen.— Beim Weggehen hörte ich St. Orme halb ſpottend zu Flora ſagen: „Dank für Deinen Rath, liebe Couſine. Ich gewann mein Spiel, und mit Deiner Farbe auf meinem Herzen hoffe ich es auch künftig zu gewinnen.“ „Da könnteſt Du Dich leicht verrechnen,“ entgegnete Flora unmuthig.—„Trotze mir nicht,“ ſagte St. Orme halb im Scherz, halb im Ernſte. Und er faßte ihre wider⸗ ſtrebende Hand und verbeugte ſich lächelnd vor ihr. Was mochte dies zu bedeuten haben? Den 16. Nov. Ich ging heute allein aus, einzig mit mir ſelbſt mich unterhaltend. Zu Hauſe traf ich Fremde, worunter den Hofmarſchall, der mit meiner Stiefmutter gewiſſe tele⸗ graphiſche Zeichen wechſelte. Flora lebt nur in ihrem Masken⸗Coſtume und in dem Gedanken an den Ball bei Miniſter.. Wie viel Mühe für— einen Abend!— Viele Projekte zu Bällen und andern Vergnügungen. Ich meinestheils ſage zu Allem: „Nein,“ und behaupte, ich ſey zu alt zum Tanzen. „Hm, hm,“ ſagt artig widerſprechend meine Stief⸗ mutter.— Der Neuzahrsgeſellſchaft denke ich jedoch bei⸗ zuwohnen, weil ich da die Königliche Familie mehr in der Nähe ſehen kann. Friederike Bremer, Tagebuch. 4 — 42 Den 17. Nov. Edle Blumen haben ſogenannte Nectarien, Honig⸗ behälter, in denen die edelſten Säfte der Pflanzen ſich ſammeln. Aber um dahin zu kommen, muß man zu⸗ weilen— wenn man blos ungeſchickte Menſchenfinger, nicht das Genie der Biene oder Hummel beſitzt— die Blume ſelbſt verletzen. Auch die Menſchenſeele hat ſo ein Necktarium, das wir oft wie das der Blume be⸗ handeln.— Was mich zu dieſer Anmerkung veranlaßte, iſt Folgendes: Ich traf Selma und Flora ſo eben bei meiner Stief⸗ mutter damit beſchäftigt, die Bekannten und Freunde des Hauſes zu muſtern. Es ging ſcharf dabei her und die Meiſten wurden ohne Gnade und Schonung behandelt. Am ſchärfſten ſprach ſich Flora aus, und Selma folgte ihr bald auf der Ferſe nach. Meine Mutter lachte viel über die carrikirten Nachbildungen, welche die Mädchen ent⸗ warfen. Die Satyre war treffend, und ich ſtimmte daher auch in das Lachen ein, bis ſie ein paar gute, achtungs⸗ werthe Perſonen, die überdies noch den beiden Mävchen herzlich zugethan waren, ohne alle Rückſicht behandelten. Ich fühlte mich verletzt und betrübt über das Gift, das dieſe jungen Menſchenblumen gleichſam aushauchten; und benützte einen Augenblick, wo meine Stiefiutter das Zim⸗ mer verlaſſen hakte, ihnen auf liebevolle Art zu ſagen, wie verletzend ſie gehandelt hätten. Beide errötheten und Flora ſagte:„Ich konnte mir aus Deinem Stillſchweigen längſt abnehmen, daß Du darauf dachteſt, uns Sitten zu predigen. Aber, meine theuerſte Philoſphie, wenn Du predigen willſt, ſo thue das in einer finniſchen Kirche, nicht aber in den Salons zu Stockholm; hier bekehrſt Du Niemand. Da gilt wie überall in der großen Welt die Regel:„Pous les genres sont bons, hors le genre ennuyeux.“ Zudem muß man luſtig ſeyn und lachen, ſo lange man jüng iſt; wenn die Jahre der Weisheit kommen, iſt es immer noch Zeit, ernſt und gemeſſen zu werden. Und wenn wir einmal alte„ morali hätte i eintrat Zimm ſie hie empor, und d leuchte 3 die Tr — Se mich?“ ſagte i weſen, 8 möchte leiten, ihrer Tadelſt ſöhnen Andre vonen ſtrenge als Ph an, w ſehr R bis jet gegen Sage will m Selma Thrän⸗ onig⸗ ſich zu⸗ nger, die hat e be⸗ aßte, Stief⸗ e des d die ndelt. olgte viel ment⸗ daher ings⸗ chen elten. „das ;und Zim⸗ agen, e mir Du meine e das ns zu twie enres muß wenn Zeit, inmal alte Jungfern werden, ſo werden wir vielleicht eben ſo moraliſch und tugendhaft, wie Du.“ Ich ſchwieg. Denn was würde es genützt haben, hätte ich auch geantwortet? Als meine Stiefmutter wieder eintrat, entfernte ich mich unbemerkt und ging auf mein Zimmer. Ich war unruhig.„Selma iſt nicht, wofür ich ſie hielt,“ ſagte ich und blickte zu den ſtrahlenden Sternen empor, die aus dem tiefen Blau hervorzutreten begannen und dachte an die Sterne, die ich in Selma's Augen leuchten ſah, und trauerte über ihre Verdunflung. Ich war noch nicht lange allein, als leiſe Schritte die Treppe heraufhüpften. Meine Thüre öffnete ſich und — Selma lag in meinen Armen.—„Biſt Du böſe auf mich?“ fragte ſie.—„Nicht mehr, meine gute Selma!“ ſagte ich, gerührt von ihrer Innigkeit. „Aber Du biſt böſe, biſt unzufrieden mit mir ge⸗ weſen, und gewiß mehr als einmal. Nicht wahr?“ Ich gab es zu, und ſagte ihr, wie ich fürchte, Flora möchte ſie zu einer unedlen Tadelſucht und Härte ver⸗ leiten, und daß es mir ſehr weh thue, dunkle Flecken in ihrer Seele zu ſehen. Ich ſprach ernſte Worte über die Tadelſucht in Kleinigkeiten, die für das Größere und Ver⸗ ſöhnende blind mache; über die Richtung des Geiſtes, Andre herabzuſetzen, um ſich ſelbſt zu erheben. Ich ward von meinem Gegenſtande ſo ſehr fortgeriſſen, daß ich ſtrenger ward, als ich gewollt hatte, und dieſe Richtung als Phariſäismus verurtheilte. Ruhig hörte mich Selma an, ward aber zuſehends ernſthafter und blaſſer. „Du haſt Recht,“ ſagte ſie endlich;„gewiß haſt Du ſehr Recht. Ach! ich habe ſo wenig mich ſelbſt beobachtet, bis jetzt ſo wenig nachgedacht;— Alle ſind ſo gütig gegen mich geweſen, und haben mich dadurch verdurben. Sage mir meine Fehler, Sophie! Ich will mich ändern. will mich beſſern!“—„Aber Du mußt nicht weinen, Selma.“—„Ach! was macht das, wenn ich weine? Thränen müſſen ja die häßlichen Flecken in der Seele 4— 44 wegwaſchen. Du mußt kein Mitleiden mit mir haben, und mich nicht ſchonen wollen, Sophie. Sage mir immer die Wahrheit, ſo lange Du mich würdig hältſt, ſie zu hören.“ Mit Innigkeit umarmte ich das gute Mädchen und ſagte ihr, wie glücklich ſie mich mache. Ruhig ſprachen wir dann von der Schwierigkeit, in der geſellſchaftlichen Kritik die rechte Mitte zu treffen. Ich gab zu, daß dieſelbe ſchwer zu treffen ſey, und daß ich mir, obwohl ich mich ſtrenge bewache, doch oft Zun⸗ genſünden vorzuwerfen hätte.„Eine liebevolle Gemüths⸗ ſtimmung, die mehr auf das Weſentliche, als das Zufällige an den Menſchen ſieht, dürfte die ſicherſte Führerin ſeyn. Und je erfahrner und klüger wir ſelbſt werden, um ſo mehr finden wir auch beſſere Gegenſtände für unſern Scharfſinn, als die Mängel unſres Nächſten ſind.“ „Du ſprichſt hier Etwas aus,“ ſagte Selma,„was ich ſchon ſeit einiger Zeit dunkel gefühlt habe. Seit mein Vater und Lehrer ſtarb, bin ich, wie ich fürchte, in Manchem zurückgekommen. Ich weiß nicht, wie es jetzt iſt; aber meine Tage werden mit Nichtsthun vertändelt — ich fühle oft eine Leere— ich fürchte, daß ich ge⸗ ſunken bin—— Ach! habe Dank, Sophie, daß Du mich geweckt haſt; aber hilf mir auch wieder auf den guten Weg. Hilf mir, daß ich mich mit Dingen beſchäf⸗ tige, die weiſer und beſſer machen. Du biſt ja meine äktere Schweſter! Sey auch meine Freundin.“ Wie gerne will ich das ſeyn! Wir entwarfen nun zuſammen eine neue Lebensordnung, machten unſere Pläne für die Zukunft und ſprachen noch lange mit ein⸗ ander, wobei ich in eine Seele blickte, die der edelſten Vollendung fähig iſt.— Das ſo ernſthaft Begonnene endigte gleichwohl heiter, indem ich als Gegendienſt für den Unterricht Selma's im Geſange und im Italieniſchen ihr das Finniſche zu lehren verſprach, wogegen ſie ge⸗ lobte, meine Geduld recht auf die Probe ſtellen zu wollen, indem ſie nie finniſch verſtehen lernen wolle. Als Selma zu ihrer Mutter gerufen worden war, fühlte nie we die We Ur Antlitze gehört! G Abend weit a figurirt an Flo hinunte Thüre prachto heit g einen 2 zurückh Selma für die ihrer„ ſtand. bald a als Ti der QO lich, ol deutlic bald u ausgeſ führte Der L auf die Lennar Gefüh aben, mmer ie zu idchen it, in effen. d daß Zun⸗ üths⸗ ällige ſeyn. um ſo unſern . „was mein e, in s jetzt ändelt ch ge⸗ 6 Du uf den meine n nun unſere tit ein⸗ delſten onnene nſt für niſchen ſie ge⸗ wollen, n war, 45 fühlte ich, daß ich ſie für das ganze Leben liebte. Nie, nie werde ich vergeſſen, wie ſie vor mir ſtand und ſagte: „Was macht es, wenn ich weine! Sage mir ſtets die Wahrheit! Ich will mich ändern, will mich beſſern.“ Und die ſtillen Thränen in dem edeln, ſeelenvollen Antlitze! Ich wollte, Lennartſon hätte ſie geſehen und gehört! Ach, die Erde iſt doch ſchön! Den 19. Nov. Selma hatte mit ihrer Prophezeihung recht: der Abend des Maskenballs war für uns zu Hauſegebliebenen weit angenehmer, als wenn wir in den ſchönſten Rollen figurirt hätten. Während Selma noch die letzte Hand an Flora's Toilette legte, ging ich zu meiner Stiefmutter hinunter, wo ich Felir, den Vikinger und den Freiherrn traf. Der letztere ſprach wenig und blickte oft nach der Thüre hin.— Als Flora von Selma begleitet in ihrem prachtvollen Coſtüme eintrat, ſchien er von ihrer Schön⸗ heit geblendet. Ich war es in dem Grade, daß ich einen Ausruf der Ueberraſchung und des Entzückens nicht zurückhalten konnte. Wir alle waren hingeriſſen, und Selma's ſtrahlende Augen baten um Ruhm oder Opfer für die ſchöne Cirkaſſterin, welche im ſtolzen Bewußtſeyn ihrer Jugend, ihrer Schönheit und ihres Glanzes da⸗ ſtand. Lennartſons Bewunderung kühlte ſich jedoch bald ab, er wurde ernſt, und als St. Orme prächtig als Türke gekleidet eintrat— er und Flora ſollten in der Quadrille zuſammen tanzen— verſchwand er plötz⸗ lich, ohne Abſchied zu nehmen. Auf Flora's Geſicht war deutlich einige Unruhe zu ſehen; allein dieſe verſchwand bald und ſie lächelte vergnügt, als der Envoyeé ſie unter ausgeſuchten orientaliſchen Complimenten zum Wagen führte, in dem ihre Schweſter bereits auf ſie wartete. Der Vikinger und auch Felir blieb bei uns, obgleich er auf die Maskerade ſollte.— Wir ſprachen vom Freiherrn Lennartſon und ich äußerte meine Freude über das innige Gefühl deſſelben für weiblichen Werth, das er einige 46 Abende vorher ausgeſprochen hatte. Der Vikinger ſagte: „Es gibt wohl ſchwerlich Jemand, der beſſer von den Frauen denkt, aber auch Niemand, der ſtrenger in ſeinen Anforderungen an ſie iſt. Die Bewunderung und Liebe, die ſeine Mutter ihm eingeflößt hat, ſcheint den Grund dazu gelegt zu haben.“— Meine Fragen lockten manche Erzählungen aus der Kindheit und Jugend des Frei⸗ herrn hervor, die ich zu folgendem Gemälde verwoben habe.— Lennartſons Vater war General und ein hef⸗ tiger Mann, der außerdem noch einen unregelmäßigen Lebenswandel führte. Alle Sorgen für die Kinder und ihre Erziehung fiel daher der Mutter zu, einer edlen und höchſt gebildeten, aber körperlich ſchwächlichen Frau. Der älteſte Sohn, unſer Lennartſon, war in ſeinet Kind⸗ heit ſehr ſchwächlich und dabei reizbar. Die Mutter widmete ihm die größte Sorgfalt, nicht eine blinde ver⸗ zärtelnde, ſondern eine zärtlich erziehende, die bei aller Liebe kräftig macht.— Oſt ſaß die ſanfte Mutter am Bette des Knaben, erzählte, oder las ihm von Män⸗ nern vor, die durch Geiſtes- und Willenskraſt die Ge⸗ prechlichkeiten ihres Körpers überwanden, Wohlthäter des Volkes wurden und weiten Ruhm verbreiteten. Be⸗ ſonders gerne verweilte ſie bei den großen Männern des Vaterlandes, jenen Starken und Frommen, welche durch die Vereinigung dieſer beiden Eigenſchaften den Grundzug des ſchwediſchen Volkscharakters darſtellten. Begierig lauſchte der Knabe dieſen Worten, ſeine Bruſt öffnete ſich großen Gedanken, und die ſo mit Heldenmark genährte Seele richtete bald den ſchwäch⸗ lichen Körper auf, der gleichzeitig auch durch zweckdien⸗ liche Uebungen geſtärkt wurde, ſo daß in einem Alter von achtzehn Jahren Lennartſon die meiſten ſeiner Geſpielen an Gewandtheit und Kraft übertraf. Balb ſah die Mutter den lebenskräftigen Geiſt ihres Sohnes in ſeinem Reich⸗ thum, aber auch in ſeinen Gebrechen ſich erſchließen. Der junge Lennartſon hatte nemlich den heftigen unbeugſamen Sinn ſeines Vaters geerbt. Die Härte des Vaters gegen ſeine V veranla der M — ſon Manne ſtens ir nicht n natur f nun ſch in der faſt fut ſah,n beherrſ was al tung zi Gottes. Sohnes und je Lehre, eingeſa Jünglit anders Statt angeſel ſie die lichen und T Tage, ihrer 2 lichen unſers Weſene zureiche Sehnſi bietet. keiten Wegi gte: den inen iebe, rund inche Frei⸗ oben hef⸗ igen und edlen Frau. Kind⸗ utter ver⸗ aller Be⸗ n des durch ndzug ſeine o mit wäch⸗ kdien⸗ r von pielen Nutter Reich⸗ Der ſamen gegen 47 ſeine Mutter reizte ihn in hohem Grade auf, und dieß veranlaßte Auftritte zwiſchen Vater und Sohn, welche der Mutter ſchwache Geſundheit faſt zerſtörten; aber — ſonderbar genug— auch die Kräfte des rauhen Mannes brachen. Er fürchtete faſt ſeinen Sohn, wenig⸗ ſtens in Allem, was die Mutter betraf, und er wagte nicht mehr, ſich gegen ſie zu vergehen. Die Johannes⸗ natur der Mutter hatte einen Adler groß gezogen, der nun ſchützend ſeine Flügel über ſie ausbreitete. Glücklich in der Liebe ihres Sohnes, aber erſchrocken über den faſt furchtbaren Charakter, den ſie bei ihm ausbrechen ſah, wollte ſie dieſe junge Kraft lehren, ſich ſelbſt zu beherrſchen, und ſuchte ihn deßhalb in dem zu befeſtigen, was allein der Kraft Wahrheit, Maaß und rechte Hal⸗ tung zu geben vermag, nämlich in der wahren Furcht Gottes. Frühe ſchon hatte ſie dem geiſtigen Auge ihres Sohnes die größte Geſtalt der Menſchheit vorgeführt, und jetzt ſuchte ſie den Inhalt des Lebens und der Lehre, welche ſchon das Kinderherz in unbewußter Liebe eingeſaugt hatte, auch vor dem forſchenden Geiſte des Jünglings zu rechtfertigen. Dabei ging ſie jedoch ganz anders zu Werke, als die meiſten Eltern und Lehrer. Statt die Bücher, die als der Frömmigkeit ſchädlich angeſehen werden, ängſtlich entfernt zu halten, ſuchte ſie dieſelben vielmehr hervor, las mit ihrem jugend⸗ lichen Sohne die Schriften der bekannteſten Atheiſten und Deiſten von den älteſten Zeiten bis auf unſere Tage, und übte ſeine Vernunft durch die Vergleichung ihrer Anſichten mit der Lehre, welche in einem perſön⸗ lichen geoffenbarten Gotte die Auflöſung des Räthſels unſers Lebens gibt, und in dieſer Offenbarung ſeines Weſens und Willens die einzige ſichere und vollkommen zureichende Garantie für die Erfüllung der innigſten Sehnſucht und der heiligſten Hoffnung der Menſchheit bietet. Dabei ließ ſie ihn mit vorkommenden Schwierig⸗ keiten kämpfen und ſich gleichſam mit eigner Kraft den Weg in's geheimſte Leben bahnen. Sie war es ſelbſt, die 48 ihm aus der Lehre der Naturaliſten geſchöpfte Einwen⸗ dungen entgegenhielt; und er widerlegte ſie. Aber die Freude, die nach glücklich gelösten Schwierigkeiten aus den Augen der Mutter ſtrahlte, mochte dem Jüngling wohl heimlich bei ſeinen Forſchungen leuchten. Während ſie ihn auf dieſe Weiſe auf einen ſelbſt⸗ ſtändigen und geſicherten Standpunkt leitete, lehrte ſie ihn Achtung für ſeinen Gegner zu haben, die redliche Forſchung, den ehrlichen Glauben zu ſchätzen und den Namen der Wahrheit auch in unreifen Lehren zu er⸗ kennen. Lennartſon ſprach von dieſer Periode ſeines Lebens oft als von ſeiner glücklichſten und reichſten: die liebevollen Blicke und billigenden Worte der Mutter waren ihm die koſtharſte Belohnung. Selten nur lieb⸗ koste ſie ihn, obgleich er oft in ſchwärmeriſcher Ver⸗ ehrung vor ihr auf den Knieen lag und ihr Hände und Kleider küßte. Nur zuweilen und in Augenblicken, wo ſie merkte, daß ſein jugendliches Herz allzuheftig von der Sehnſucht nach Erwiederung gepeinigt wurde, ließ ſie ſeine glühenden Wangen an der Bruſt ruhen, die nur für ihn athmete, aber längſt ſchon in einer ſchmerz⸗ haften und unheilbaren Krankheit den Keim des Todes in ſich trug.— Sorgfältig verbarg ſie ihrem Sohne die Schmerzen, die ſchon ſeit mehreren Jahren ſie ver⸗ zehrten, und erſt als die Operation nothwendig geworden war, erfuhr Lennartſon das Leiden und die Gefahr ſeiner Mutter. Sie wollte ihn während der herben Stunde entfernt wiſſen und ſuchte ihn durch eine unſchuldige Liſt über die Zeit derſelben zu täuſchen. Aber er durch⸗ ſchaute ſie und blieb. Seine Arme waren es, die in der ſchweren Stunde ſie hielten, ihre Augen ruhten dabei in den ſeinigen, und ſeinetwillen hielt ſie Alles ohne die mindeſte Klage aus.— Und drei Jahre noch konnte ſie für ihn leben, noch drei Jahre durch ihn glücklich ſeyn. Aber da brach die Krankheit abermals und un⸗ heilbar aus; und ſie entſchlummexte in ſeinen Armen, indem ſie von der Unſterblichkeit und der Gewißheit des * Wiede mit ſe C den a zum und d in den 2 rühmt Studi unterb Reiſe ſchafte hatte, wie es er wi währe tung 9 wechſe Leben daß ie ich hä ich m auch, „ ſeyn. auch d Die( aus 2 eine 2 Der e mich, vierzel Schill und 4 nwen⸗ er die naus ngling ſelbſt⸗ tte ſie edliche id den zu er⸗ ſeines n: die Mutter rlieb⸗ Ver⸗ de nd n„ wo g von „ließ n, die hmerz⸗ Todes Sohne ie ver⸗ worden ſeiner Stunde huldige durch⸗ die in dabei ohne konnte lücklich nd un⸗ Armen, eit des 49 Wiederſehens mit ihm ſprach und ihm anbefahl,„Geduld mit ſeinem Vater“ zu haben. Entſetzlich war die Wirkung dieſes Verluſtes auf den achtzehnjährigen Jüngling, und reifte ihn ſchnell zum Manne. Seine Gemüthsſtimmung in dieſer Zeit und die Liebe zu den Studien beſtimmten ihn, heimlich in den geiſtlichen Stand zu treten. Auf der Univerſität betrieb er, wie einſt der be⸗ rühmteſte Staatsmann Schwedens, die theologiſchen Studien, die er, auch hierin gleich Axel Orenſtjerna, unterbrach, um nach dem Willen ſeines Vaters eine Reiſe in's Ausland zu machen: er reiste als Geſand⸗ ſchafts⸗Sekretär nach Wien. Das Glück, das er hier hatte, und die Talente, die er entfaltete, beſtimmten, wie es auch ſein Vater gewünſcht hatte, ſeine Zukunft: er wurde Staatsmaun, und hat in dieſer Laufbahn während ſeiner mehrjährigen Verwendung ſich die Ach⸗ tung und das Vertrauen Aller erworben. Nachdem meine Stiefmutter und der Vikinger ab⸗ wechſelnd mit einander dieſe Thatſachen aus Lennartſon's Leben vorgetragen hatten, erinnerte mich Selma daran, daß ich am erſten Abende, wo ich ihn hier ſah, äußerte, ich hätte ſchon früher ſeiye Bekanntſchaft gemacht, und ich mußte nun erzählen, wo und wie. Was ich denn auch, wie folgt, that. „Es mögen etwa fünfzehn Jahre ſeither verfloſſen ſeyn. Ich befand mich bei einem Mittagsmahl, zu dem auch der General Lennartſon und ſein Sohn geladen waren. Die Geſellſchaft war zahlreich und beſtand größtentheils aus Angehörigen und Bekannten des Generals. Bloß eine Tiſchecke trennte mich von dem jungen Lennartſon. Der ausgezeichnete junge Mann hatte ſoviel Güte gegen mich, daß er ſich mit mir— damals einem ſchüchternen, vierzehnjährigen Mädchen, unterhielt, mir namentlich von Schillers Wallenſtein erzählte, ſo daß ich darüber Eſſen und Trinken vergaß. Das allgemeine Tiſchgeſpräch kam 50 auf die erſt kürzlich auf der Kriegsakademie ausgebrochenen Unruhen und auf einen jungen Mann, der an der Spitze der Unruheſtifter geſtanden, ſich mehrerer Unordnungen ſchuldig gemacht hatte und deßhalb relegirt worden war. „Einige der Gäſte gaben dem jungen Manne ſehr harte Namen, als:„Galgenvogel“ und ſo weiter.“ Der junge Lennartſon allein übernahm mit Wärme ſeine Vertheidigung, indem er zeigte, wie derſelbe bei den in Rede ſtehenden Streitigkeiten gereizt worden war und wie ſogar ſeine Verirrungen die Spur eines edlen Herzens tragen. Der alte General ergriff das Wort gegen ſeinen Sohn und wurde dabei immer heftiger gegen denſelben. Allein der junge Lennartſon beharrte auch ſeinem Vater gegenüber auf ſeiner Vertheidigung und that dieß mit großer Achtung, aber mit ebenſo vieler Beſtimmtheit. Auf einmal wird der alte General wie unſinnig und wendet ſich gegen ſeinen Sohn perſoͤn⸗ lich mit einer Fluth von Grobheiten und den heftigſten Beſchuldigungen. In dem Augenblicke, wo der Angriff des Vaters ſich perſönlich gegen den Sohn richtete, ver⸗ ſtummte der Letztere. Freilich wurden ſeine Wangen und Lippen etwas blaſſer, aber ſein Blick auf den Vater war ſo feſt, ſeine ganze Haltung ſo ruhig, daß man ihn für gefühllos gegen dieſe unwürdige Behandlung hätte halten können. Während Aller Blicke mit einer Art Angſt bald auf den Vater, bald auf den Sohn ſich richteten, verweil⸗ ten meine Augen mit einer Art Bewunderung auf den edeln Zügen des letzteren, namentlich blieben ſie faſt un⸗ willkührlich auf einem kleinen, weißen Flecke der glän⸗ zenden, jugendlichen, glatten Stirne haften, der immer größer und ſichtbarer wurde; endlich kam er in Bewegung und— ein klarer Schweißtropfen rann herab, in den dunkeln Augenbrauen ſich verbergend. Dieß war das Einzige, was den Kampf in ſeinem Innern verrieth. Endlich ſchwieg der General aus Erſchöpfung und es herrſchte für einen Augenblick eine feierliche Stille am Tiſche. Auch der junge Lennartſon ſchwieg, wie die Andern Trotz et ihn wes dernswe druck m peinlich aufzuhe ſon dar geweſen blieb er „C Namens die Ver gar übe mich ni gewaltt trüber rin, da dieſelbe M nartſon wolite, „ Felir T „Ach, nicht ſo kaum n ein Me ſolche, ihn, gl Selma nen itze gen ar. ehr Der eine den war len ort iger rrte ung enſo eral ſön⸗ ſten griff ver⸗ und war für lten bald weil⸗ den un⸗ län⸗ nmer gung den das rieth. d es am e die 51 Andern, und keine Affektation von Gleichgültigkeit oder Trotz entſtellte ſeine einfache, edle Haltung. Ich fand ihn wegen dieſer vollkommenen Selbſtbeherrſchung bewun⸗ dernswerth und mehrere Anweſende ſchienen dieſen Ein⸗ druck mit mir zu theilen, Alle aber bemühten ſich, die peinliche Spannung durch eine allgemeine Unterhaltung aufzuheben. Ungezwungen nahm auch der junge Lennart⸗ ſon daran Theil, aber er war doch ernſter, als er vorher geweſen und— den Schluß von Schiller's Wallenſtein blieb er mir ſchuldig.“ „Erinnern Sie ſich,“ fragte der Vikinger,„nicht des Namens jenes jungen Mannes, deſſen Handlungsweiſe die Veranlaſſung zu dieſem Auftritte war?“ „Nein! ven Namen habe ich vergeſſen, oder vielleicht gar überhört. Aber man nannte einige Züge, deren ich⸗ mich noch erinnere, und die ihn als einen unruhigen und gewaltthätigen Charakter darſtellten.“ „Und dieß war das Erſte, was Sie von mir hör⸗ ſagte der Vikinger leiſe, aber nachdrücklich. Ueberraſcht ſah ich ihn an. Auf ſeinen Augen lag trüber Ernſt und ich las ſolch' dunkle Erinnerungen da⸗ rin, daß ich ſchnell wegblickte, betrübt und faſt renmüthig, dieſelben geweckt zu haben. Mit Beziehung äußerte meine Stiefmutter:„Len⸗ nartſon iſt in der That ein ſeltener Charakter, und ich wollte, alle jungen Männer nähmen ihn zum Muſter!“ „Ja, wer wünſchte nicht, ihm zu gleichen?“ fragte Felir Delphin, der die Moral auf ſich zu beziehen ſchien. „Ach, wäre er nur nicht ſo— wie ſoll ich ſagen— nicht ſo gar erhaben! Aber er ſteht ſo hoch, daß man kaum wagt, zu ihm aufzuſehen. Er iſt zu fehlerfrei!“ „Ohne Fehler iſt Lennartſon ſo wenig, wie irgend ein Menſch,“ entgegnete Brenner,„aber ſeine Fehler ſind ſolche, wie ſie großen Naturen eigen ſind. Sie hindern ihn, glücklich zu ſeyn!“—„Iſt er nicht glücklich?“ rief Selma aus und blickte trübe und erſtaunt auf. ten!“ 52 „Er iſt nicht glücklich!“ ſagte Brenner,„weil er ſo ſelten mit ſich ſelbſt zufrieden iſt. Er hat einen unaus⸗ löſchlichen Durſt, der ihn verzehrt.“ „Und der iſt?“ fragte ich.„Der Durſt nach Voll⸗ kommenheit!“ Wir alle ſchwiegen eine Weile. Brenner's Worte und der Ton, womit er ſie vorbrachte, hatten uns ergriffen. Endlich ſprach Felir:„Das gerade iſt das Große an ihm, was geringere Naturen niederdrückt und entmuthigt. Er imponirt mehr, als er erhebt. Ich ge⸗ ſtehe, daß ich ihn zugleich bewundre und fürchte!“ „Und Du weißt doch,“ ſagte Selma,„daß er ſehr gütig iſt.“—„Ja, wenn ich es verdiene. Selma. Aber, daher kommt es: ich verdiene es oft nicht, und dann— — ach, wie oft, wenn ich bei ihm bin, wenn ich ihn höre, ihn handeln ſehe, wie oft habe ich mich dann ſelbſt verachtet, daß ich ihm ſo unähnlich bin! Und die beſten Vorſätze gefaßt! Aber, wenn ich wieder unter die Menſchen komme, ſo vergeſſe ich ihn und mich, begehe Thorheiten wie die Andern und dann— werde ich ängſt⸗ lich vor ihm, vor ſeinem Blicke; denn dieſer iſt eins mit meinem Gewiſſen, und— verdammt mich!“— Selma reichte ihrem Vetter die Hand und ſah ihn mit klaren, thränenvol⸗ len Augen an. Der junge Delphin war ſichtlich aufgeregt, er faßte die dargebotene Hand Selma's, küßte ſie mehrere Male heftig und eilte hinaus.— Unmöglich kann Selma gegen dieſen liebenswürdigen jungen Mann gleichgültig bleiben! Bald darauf entfernte ſich auch der Vikinger in ſichtbar düſtrer Stimmung. Als wir uns allein ſahen, ſchilderte meine Stiefmutter mir in Kürze die früheren Verhältniſſe des Vikingers: Wilhelm Brenner zeichnete ſich in ſeiner Jugend durch ein gutes Herz und einen unruhigen Kopf aus. Auf der Kriegsakademie war er allgemein beliebt, obgleich ſeine Unarten und ſein unordentliches Weſen ihm manche Verdrießlichkeiten zuzogen, und ihn in Streitigkeiten ver⸗ wickelten. Er hatte keinen feſten Haltpunkt in ſich, ſondern überließ ſich den Eingebungen des Angenblicks. Verſchie⸗ dene dung, gen er hörige was aufrei ſeine ſtreuer Als et Schul ſein e die ſei und d leuchte Zukun in ſei und d loren Lenna dieſer men, zog. L daß er rüſtete wenig richtig 2 und Lenna im He wo G Ihm erobert obern, Achtur ſetzte e theilte er ſo aus⸗ Poll⸗ ner's uns das und ge⸗ ſehr Aber, n— ihn dann d die r die egehe ingſt⸗ s mit eichte nvol⸗ eregt, ehrere elma gültig er in ſahen, heren ugend aus. bgleich nanche n ver⸗ nden rſchie⸗ 53 dene Uebertretungen der Geſetze erforderten ſtrenge Ahn⸗ dung, der er Trotz, ſogar Gewalt entgegenſetzte, weswe⸗ gen er endlich von Karlsberg relegirt wurde. Seine Ange⸗ hörigen behandelten ihn nun mit Härte und Geringſchätzung, was Brenner's ohnedies leidenſchaftliches Weſen vollends aufreizte. Er hielt ſich beſchimpft vor der Welt, ſah ſeine Zukunft gefährdet und ſtürzte ſich, um ſich zu zer⸗ ſtreuen und zu betäuben, in immer wildere Unordnungen. Als er ſein Vermögen durchgebracht und überdies noch Schulden hatte, hob er ſeine Hand zerſtörend gegen ſein eigenes Leben auf. Aber eine andere Hand hlielt die ſeinige, riß ihn vom Rande des Abgrunds zurück, und dieſe Hand war die— Thorſten Lennartſons. Er leuchtete in Brenner's verwilderte Seele, zeigte ihm die Zukunft offen und ließ ihn fühlen, daß ſein Schickſal noch in ſeiner Hand liege und die Achtung der Geſellſchaft und der Frieden der Seele nicht für immer für ihn ver⸗ loren ſey.— Aber nicht nur mit leeren Worten griff Lennartſon rettend in Brenner's Schickſal ein. Es traf dieſer Zuſtand Brenner's gerade mit jener Epoche zuſam⸗ men, wo Frankreich gegen die Barbaresken⸗Staaten aus⸗ zog. Lennartſon brachte die Verwandten Brenner's dahin, daß er an dieſem Feldzuge Theil nehmen konnte, und rüſtete ihn aus ſeiner eigenen, in damaliger Zeit nichts weniger als gefüllten Kaſſe aus. Lennartſon hatte Brennern richtig beurtheilt und ihn gerettet. Bei kraftvollen Naturen liegt zwiſchen Verzweiflung und Heroismus nur Ein Schritt. Mit einer Locke von Lennartſon's Haaren auf der Bruſt und deſſen Bild tief im Herzen eilte der junge Brenner auf einer Bahn fort, wo Gefahren aller Art ihn zum Kampfe herausforderten. Ihm kam es darauf an, mehr als Länder und Völker zu erobern, ihm war daran gelegen, die Ehre wieder zu er⸗ obern, ſeine eigene, ſeines Freundes, ſeines Vaterlandes Achtung wieder zu gewinnen. Und mit freudiger Kühnheit ſetzte er ſein Leben an dieſen Zweck. Der junge Schwede theilte Gefahren und Lorbeeren der Franzoſen: und auf den wilden Meeresvogen, im Kampfe Lor Algiers Mattern in den Gefechten mit Arabern und Kabylen auf Afrika's heißem Boden, überall lernten die Franzoſen eine der ih⸗ rigen gleiche Tapferkeit leine größere iſt unmöglich) bewun⸗ dern und eine Menſchlichkeit gegen überwundene Feinde ſchätzen, die ſie an ihm ſelber minder kennen. Später begleitete Brenner einige franzöſiſche Gelehrte auf der gefährlichen Reiſe in's Innere Afrika's; und erſt nach einer ſiebenjährigen Abweſenheit ſah Brenner ſein Vaterland wieder, wo er mit Ehre und Hochachtung em⸗ pfangen wurde. Bald fand ſich eine Gelegenheit, wo er ſich als Seeoffizier auszeichnen konnte und er ſtieg ſchnell iin Dienſte.— Der nächſte Gebrauch, den Brenner von ſeinem im Kriege erworbenen Vermögen machte, war, ſeine Schulden in der Heimath zu bezahlen. Endlich war er Niemand mehr etwas ſchuldig, weder Geld noch Geldes⸗ werth.— Aber eine Schuld hatte er doch auf ſeinem Herzen und dieſe ſehnte er ſich, abzutragen. Bei ſeiner Abreiſe hatte er ein armes Mädchen von niederer, aber ehrlicher Abkunft und edlem Sinne, zurückgelaſſen, das er leidenſchaftlich geliebt hatte, ein Gefühl, das ſie in gleichem Maaße für ihn hegte. Mit heiligen Schwüren hatte er ihr gelobt, wiederzukehren und ſie zu ſeiner Gattin zu machen. Jahre vergingen und ſelten nur flog eine Taube aus dem glühenden Afrika über das nebligte Europa hin, das Herz der Einſamen zu tröſten. Armuth, Kummer und Krankheit hatten auf ſchreckliche Weiſe das junge blühende Mädchen verwandelt. Sie wußte das und zog ſich, dem kranken Vogel ähnlich, der eine dunkle Stelle des Waldes ſich auswählt, da zu verendeu, ganz von der Welt zurück und beſchloß, für ihn, den ſie liebte, todt zu ſeyn. Aber er ſuchte ſie auf und fand ie. Doch hätte er ſie beinahe nicht mehr erkannt, und nur an der Liebe, die bei ſeinem Anblick aus ihrer Stimme und ihrem Blicke hervorbrach, ſah er, daß ſie dieſelbe, daß ſie ihm treu war. Er drückte ſie an die Bruſt und ergriff ihre Hand, um ſie zum Altare zu führen. Aber ſie wei⸗ gerte leer: Schatt ſie in Dunkel gäben. liebend ſo ther neren Blume res fri theilen von de ſie hört ihre S glaubte U hatte, d darauf. mehrjä zurückte Al mißbilli nur ha Lennart unzertre der ſich „ geſehen ſer Erz ihrerſeit ſehr trif Die Ge Ic mutter Verſtork keit dart üert ika's ih⸗ vun⸗ inde ehrte erſt ſein em⸗ o er hnell von eine er des⸗ inem einer aber das e in üren einer nur das öſten. kliche vußte eine nden, n ſie d ſie. an und ß ſie rgriff wei⸗ r gerte ſich: war ſie doch ſo hingewelkt, ſo arm, ſo freude⸗ leer: ſie würde ihm blos das Leben verbittern, wie ein Schatten auf ſeiner ſonnigen Bahn folgen. Lieber wolle ſie in ihrem Dunkel bleiben. Könnte ſie doch von dieſem Dunkel aus an den Strahlen ſich erfreuen, die ihn um⸗ gäben.— So ſprach ſie mit dem Ernſte eines wahrhaft liebenden Herzens, und eben dieß machte ſie ihm nur um ſo theurer. Und er ſprach zu ihr, ihm in Länder in ſchs⸗ neren Himmelsſtrichen, zu folgen, redete zu ihr von neuen Blumen und fremden und ſchönen Geſtaden, von des Mee⸗ res friſchen Winden und Wellen, von Gefahren, die ſie theilen wollten, von Mühen, die ſie ihm verſüßen ſollte, von der Allmacht der Liebe, von einem neuen Leben. Und ſie hörte ihm gerne zu; es wehte ein friſcher Wind durch ihre Seele, es blühte auf's Neue in ihrem Herzen, ſie glaubte und— folgte ihm. Und auf die Wangen, welche die Krankheit gebleicht hatte, drückte Brennerſeine Küſſe, es wehte ein friſcher Seewind darauf. Davon blühten ſie wieder auf; und als er nach einem mehrjährigen Aufenthalte im Ausland mit ſeiner Gattin zurückkehrte, ſtrahlte ſie von Geſundheit und Seligkeit. Als Brenner heirathete, hatten ſich manche Stimmen mißbilligend dagegen erhoben und ihm abgerathen. Wenige nur hatten ſein Vorhaben gebilligt und unter dieſen— Lennartſon. Er und Brenner wurden von dieſer Zeit an unzertrennliche Freunde und lieben jetzt einander, wie Brü⸗ der ſich ſelten lieben. „Warum habe ich Brenner's Gattin noch nicht hier geſehen?“ fragte ich meine Stiefmutter, gerührt von die⸗ ſer Erzählung.—„Watum?“ fragte meine Stiefmutter, ihrerſeits lächelnd und etwas verwundert;—„aus einem ſehr triftigen Grunde. Sie iſt bereits ſeit drei Jahren todt. Die Geburt ihres jüngſten Kindes koſtete ſie das Leben.“ Ich ſaß ſtaunend und faſt erſchreckt. Meine Stief⸗ mutter ſprach nun von den herrlichen Eigenſchäften der Verſtorbenen, und verbreitete ſich dann mit Selbſtgefällig⸗ keit darüber, daß ſie dieſelbe in Schutz genommen und in 56 vie„Societes“ eingeführt habe, in die ſie außerdem nicht leicht Zutritt erhalten haben würde, weßhalb auch Brenner ſtets eine„unbeſchreibliche Dankbarkeit“ gegen ſie fühle. Ich fragte, ob er ſeine Gattin ſehr betrauert habe? „Faſt bis zum Wahnſinn,“ antwortete meine Sttief⸗ mutter.„Ein ganzes Jahr lang konnte er kaum den An⸗ blick ſeiner Kinder ruhig ertragen. Nun aber hat er ſeine größte Freude an ihnen. Aber es ſind auch ſüße, liebens⸗ werthe Kinder; drei Knaben und zwei Mädchen.“ Während dieſer Erzählung, die ſo manches wohl⸗ thuende Gefühl in mir geweckt hatte, war es Mitternacht geworden. Die Gräfin G. hatte verſprochen, Flora heim⸗ zubegleiten und ſelbſt auf eine Stunde zu kommen, um von den Herrlichkeiten des Balls zu erzählen, wenn wir bis Morgens drei Uhr warmen Kaffee für ſie bereit halten wollten. Meine Stiefmutter hatte dieß zugeſagt, und wäh⸗ rend Selma und ich Rieſenſchritte in Verfertigung unſerer Weihnachtsgeſchenke machten, kamen unvermerkt die Mor⸗ genſtunden und mit ihnen Signora Luna und Flora. Nun ging es an ein eifriges Kaffeetrinken und Erzählen. Der Ball war prächtig geweſen und Flora einer ſeiner leuch⸗ tenden Sterne, aber dieſer prächtige Ball hatte, wie alle andern, auch ſeine Schattenſeiten gehabt; es war zu warm, zu gedrängt geweſen. Die Quadrille, in der auch Flora tanzte, hatte zu wenig Raum gewährt, um ſich recht zeigen zu kön⸗ nen; die figurirenden Perſonen fanden ſich überall gehemmt, man war ziemlich überſechen und in der Menge begraben worden, mit Einem Worte: man hatte ſich nicht amüſirt. „St. Orme nahm ſich von allen Herren am beſten in ſeinem Coſtüme aus,“ ſagte die Gräfin G., und fügte hinzu:„nur war er etwas zu ſehr Türke, und namentlich gegen Flora nahm er ſich eine gewiſſe Sultansgewalt her⸗ aus. Vielleicht,“ meinte ſie ſchelmiſch,„wollte der Herr Envoyé alle armen Attaches dadurch in Reſpekt halten.“ Flora ſprach zuerſt den Wunſch aus, zu Bette gehen zu wollen, und während ich ging, ihre ſchlafende Anna zu wecken, ſtieg ſie die Treppe hinauf, die zu unſeren Zim⸗ mern f ich ſie in die blicken! leiſe ih ſchöne ſeltſam Johan haar kl von ſick eben ſe würde Was i begabt was i fängt ſagte“ Flora Sage eine b derer daß, ihrem Zaube mand; es nic viel,1 Haſſe Klügſt übern U — An Friede nicht enner le. abe Stief⸗ n An⸗ ſeine bens⸗ wohl⸗ rnacht heim⸗ m von r bis halten wäh⸗ nſerer Mor⸗ Nun Der leuch⸗ ie alle rm, zu tanzte, u kön⸗ emmt, graben müſirt. beſten d fügte entlich alt her⸗ Herr alten.“ e gehen nna zu Zim⸗ 57 mern führte. Als ich kurz darauf ebenfalls hinaufging, traf ich ſie am Fenſter im Corridor ſtehend und gedankenvoll in die vom Mondſchein ſchwach erhellte Nacht hinaus blickend. Da ſie mich nicht zu beachten ſchien, berührte ich leiſe ihren Arm und fragte:„Wo biſt Du nun heimiſch, ſchöne Maske?“—„Wo?“ erwiederte die Circaſſierin mit ſeltſam klingender Stimme:„In der Wüſte, in welcher Johannes ſich von Heuſchrecken nährte und mit Kameel— haar kleidete Ach! wer dort wäre, weit von dieſer Welt, weit von ſich ſelbſt!“—„Flora, Du biſt— ſeltſam,“ wollte ich eben ſagen, als ſie mich unterbrach:„Ja, was bin ich? Ich würde dem danken, der mir ſagen könnte, was ich bin. Was ich war— das weiß ich.“—„Und was warſt Du?“ „Ein Weſen, mit den reichſten, ſchönſten Anlagen begabt, das— doch was hilft es, von dem zu ſprechen, was ich hätte werden können? Was ich werde, das fängt an, mir ziemlich klar zu werden.“ „Gewiß kannſt Du noch werden, was Du willſt,“ ſagte ich.— Ohne auf meine Worte zu achten, führ Flora bitter und gedankenvoll fort:„Haſt Du nie die Sage vom Wehrwolfe gehört? daß Menſchen durch eine böſe Zaubermacht verwandelt wurden und die Natur derer annahmen, die ſie bezauberten?“ „Doch,“ antwortete ich,„aber ich habe auch geleſen, daß, wenn eine liebende Stimme die Bezauberten bei ihrem chriſtlichen Namen ruft, dieſer die Kraft hat, den Zauber zu löſen und die Unglücklichen zu retten.“ „Wer ruft mich ſo? Wer liebt mich ſo?— Nie⸗ mand; Niemand!“ rief Flora aus,„und ich verdiene es nicht. Ich bin— nicht gut! Ich bin— doch gleich⸗ viel, was ich bin: es wird doch Niemand klug daraus. Haſſe mich, ſo ſehr Du kannſt, Sophie: das iſt das Klügſte. Nein, ſiehe nicht ſo tragiſch aus, ich lache doch über mich, Dich, die ganze Welt!“ Und Flora lachte wirklich, aber nicht von Herzen⸗ — Anna war unterdeſſen heraufgekommen. Friederike Bremer, Tagebuch. 5 58 „Willſt Du nicht,“ ſagte ich,„Anna wieder zur Ruhe gehen heißen und mich als Kammerjungfer an⸗ nehmen? Ich glaube nicht ohne alles Talent in——.“ „Nein, meine beſte Philoſophin,“ rief Flora lachend, „ich wage dies nicht, obgleich ich Dir für das ehrenvolle Anerbieten mein Compliment mache und herzlich danke. Lieber ſehe ich doch meine Nadeln in Anna's Händen als in den Deinigen, obgleich ſie im Augenblicke einer der fünf ſchlafenden Jungfrauen gleicht. Anna! falle nicht in's Licht, Du biſt die ärgſte Schlafhaube in ganz Stock⸗ holm! Kannſt Du die Augen nicht eine Viertelſtunde in der Nacht offen halten? Sieh' mich an: ich habe die ganze Nacht gewacht und bin doch noch munter.“ „Ja, das glaube ich,“ entgegnete Anna grämlich; „das Fräulein haben getanzt und ſich amüſirt, aber—“ „Wenn ſonſt nichts fehlt, ſo ſollſt Du mir drinnen Etwas vortanzen, damit Du munter wirſt.“ So ſprechend verſchwand Flora mit Anna in ihr Zimmer und ich ging auf das meinige. Lange Zeit konnte ich jedoch nicht einſchlafen: Lennartſon und ſeine Mutter, der Vickinger und ſeine Gattin ſtanden ſo lebendig vor meiner Seele, und dann Flora mit ihrem ſeltſamen phan⸗ taſtiſchen Bekenntniſſe! Noch im Schlafe beſchäftigte mich daſſelbe und die ſchöne Circaſſierin mit ihren Heuſchrecken und ihrem Wehrwolfe verwoben ſich auf die bunteſte Art in meinen Träumen. Den 21. Nov. Neue Revolution bei Flora; neues Licht über Selma; ungewiſſe Helle über gewiſſe Finſterniſſe. Zwiſchen der Zeit: Unterredung zwiſchen meiner Stiefmutter und mir. Felir Delphin's Kameraden und Freunde, die Herren Rutſchenfeld und Skutenhjelm oder die„Rutſchenfelder“, wie man ſie mit einem Collectivnamen nennt, machten heute Vormittag, unter Anführung des St. Orme und Felir's, ziemlich unerwartet einen Beſuch. Ihr Anliegen beſtand in der Aufforderung zu einer großen Schlitten⸗ parth wollte Flora tert w die Fl dieſer ſten S garter men zücken weiß ſprühe den.“ darein nicht Antwi Wider mit de Wang Stiefr gewen mutter beide, um B V eine a des Tr Andere St. O ſagte ſo gut ich kon K die„R zur an⸗ hend, volle anke. als r der nicht tock⸗ de in e die nlich; —3 innen n ihr onnte utter, g vor phan⸗ mich recken te Art elma; n der d mir. erren lder“, achten e und liegen litten⸗ varthie, die ſie auf den nächſten Sonntag veranſtalten wollten. Felir wollte Selma fahren, und St. Orme lud Flora in ſeinen Schlitten ein, der mit Tigerfellen gefüt⸗ tert war und von feurigen Schecken gezogen werden ſollte, die Flora kannte und ihr wohl gefielen. Ueberdies ſollte dieſer Schlitten den Zug anführen, der durch die vornehm⸗ ſten Straßen der Stadt gehen und dann nach dem Thier⸗ garten fahren ſollte, wo man ein Mittagsmahl einneh⸗ men und nachher tanzen wollte u. ſ. w. Flora nahm das Anerbieten mit ſichtbarem Ent⸗ zücken an, klatſchte in die Hände und rief:„Ach! ich weiß mir nichts Schöneres, als Tigerfelle und feuer⸗ ſprühende Pferde! das wird eine göttliche Luſtfahrt wer⸗ den.“— Plötzlich flüſterte Selma ihr zu:„Willige nicht darein; ich bitte Dich, denk' an Lennartſon.“ „Warum denn?“ fragte Flora.—„Er wird es nicht gerne ſehen. Gib wenigſtens noch keine beſtimmte Antwort.“—„Pah! Nichts als Schwierigkeiten und Widerſpruch, wenn ich Etwas wünſche!“ ſagte Flora, mit dem Füßchen ſtampfend und vor Unmuth gerötheten Wangen.— Unterdeſſen hatte ſich Rutſchenfeld an meine Stiefmutter und Skutenhjelm an mich mit dem Wunſche gewendet, unſere Führer ſeyn zu dürfen. Meine Stief⸗ mutter und ich blickten einander an, antworteten dann beide, diesmal übereinſtimmend, ausweichend und baten um Bedenkzeit wegen einer beſtimmten Antwort. Während wir noch Alle unſchlüſſig waren und mehr eine abſchlägige Antwort erwarten ließen, fuhr der Geiſt des Trotzes in Flora und ſie ſprach beſtimmt:„Mögen Andere thun, was ſie wollen: ich werde fahren, und St. Orme hat mein Verſprechen.“—„Das iſt ſchön,“ ſagte er,„und ich hoffe, daß die übrigen Damen einem ſo guten Beiſpiele folgen werden. Heute Abend werde ich kommen, um beſtimmtere Antwort zu holen.“ Kaum hatte ſich St. Orme entfernt, kaum waren die„Rutſchenfelder“ und Felir die Treppe hinabgeglitſcht, 5 60 als Lennartſon eintrat. Meine Stiefmutter unterrichtete ihn von dem Vorhaben.—„Und was hat Flora geant⸗ wortet?“ fragte er kurz und ſchnell ſich an ſie wendend. „Ich habe verſprochen, mit St. Orme zu fahren,“ er⸗ wiederte Flora, obwohl ſie es offenbar nicht ohne Beklem⸗ mung that,„ich wüßte nicht, warum ich ein ſo unſchul⸗ diges Vergnügen abſagen ſoll.“ „Es iſt mir Leid, Flora,“ ſagte Lennartſon ſanft, ob⸗ wohl ernſt,„aber ich muß Dich bitten, es abzuſagen.“ „Es iſt mir Leid, Lennartſon,“ entgegnete Flora trotzig, „daß ich Deinem Wunſch nicht entſprechen kann. Ich habe St. Orme bereits mein Verſprechen gegeben und mein Herr Vormund wird mich doch wohl nicht zwingen, mein Ver⸗ ſprechen zu brechen?“—„Für dieſesmal muß ich darauf beſtehen, daß Du ein übereiltes Verſprechen zurücknimmſt. Ich habe meine Gründe dazu, die ich jetzt nicht ſagen kann. Mit Einem Worte: Flora darf nicht mit St. Orme fahren.“ „Darf nicht!“ rief Flora mit flammenden Angen. „Wer will mir es verbieten?“ „Ich!“ ſprach Lennartſon ruhig, aber beſtimmt. Es gab eine Zeit, wo ich glaubte, den Befehl eines Mannes an eine Frau nicht hören zu können, ohne daß mein Herz ſich in Bitterkeit und Haß in der Bruſt empö⸗ ren würde. Aber dießmal hörte ich einen ſolchen Befehl und blieb ruhig. Ich fühlte die ganze Kraft einer edlen Macht. Flora fühlte ſie auch: ſie ſagte nichts, ſondern ging ſtille bei Seite an's Fenſter. Lennartſon unterhielt ſich ei⸗ nige Zeit mit meiner Stiefmutter und mir, als ob nichts vorgefallen wäre.— Als ich wieder nach Flora ſah, ſaß ſie und nähte; ſie war bleich, ernſt, gleichſam verwandelt. Nach einer Weile ging Lennartſon an's Fenſter, an dem ſie ſaß und ſetzte ſich ihr gegenüber, nahm ihre, nur halb widerſtrebende Hand und ſeine Augen ſuchten die ihrigen. Aber ſie ſah nur um ſo tiefer auf ihre Arbeit nieder. Plötz⸗ lich fielen ein paar helle Thränen auf dieſe und Lennartſon flüſterte:„Flora.“— Sie erhob das Haupt und blickte ihn mit Augen voll Liebe an.— Lennartſon betrachtete ſie ernſt, „wie mich Hand ich n nen beugt Geſie wäre und Tige einen hellr Fede als denke „Sis richt Lita die ſ nicht Lebe nige gieß den Gen loſop möck Gru rade des eine tran ete nt⸗ nd. er⸗ em⸗ hul⸗ ob⸗ tzig, habe Herr Ver⸗ rauf Ich Mit en.“ gen. eines daß mpö⸗ efehl acht. ging ch ei⸗ ichts ndelt. dem halb rigen. rtſon blickte ete ſie 61 ernſt, obwohl ſichtbar gerührt.—„Flora,“ ſagte er wieder, „wie ſoll ich Dich verſtehen?“ „Kannſt Du Dich nicht auf mich verlaſſen, nicht an mich glauben, obwohl Du mich nicht verſtehſt?“ Er erwiederte nichts, küßte ihr aber wiederholt die Hand; und abermals wechſelten ſie einige Worte, welche ich nicht verſtand. Als Lennartſon aufſtand, ſtanden Thrä⸗ nen in ſeinen Augen. Er machte uns eine ſtumme Ver⸗ beugung und entfernte ſich. Ziemlich lange Zeit ſaß Flora ſchweigend da, das Geſicht in ihr Taſchentuch gehüllt. Ich glaubte, ſie wäre tief gerührt. Aber plötzlich erhob ſie das Haupt und rief:„Ach, ich traure eigentlich doch nur um die Tigerfelle und die ſeurigen Roſſe; ich wäre wie auf einem Triumphwagen gefahren. Ich hätte meinen neuen hellrothen Pelz angezogen und den Hut mit den weißen Federn aufgeſetzt— ach, es hätte bezaubernd gelaſſen.“ Selma ſah ſie halb verwundert halb betrübt an, als wöllte ſie fragen:„Wie kannſt Du jetzt an ſo Etwas denken?“— Flora ſchien dies zur merken; denn ſie ſagte: „Sieh, liebe Selma, Du mußt Dich nicht nach Sophien richten und bei meinen kleinen Ausflügen nicht wie eine Litanei ausſehen. Daß ich an Sachen Geſchmack finde, die ſchön und prächtig ſind, das kann ich nun einmal nicht ändern. Und etwas Luſt will ich auch in dieſem Leben haben, wenn ich doch leben muß. Ach, das ſon⸗ nige, heitre Leben: es iſt ſo herrlich. Nimm die Becher, gieße in den einen den bittern Trank der Entſagung, in den andern Jugend, Kraft, Vergnügen, Genuß—— und ich fordere ſelbſt Dich heraus, ſtolze Phi⸗ loſophie, nicht nach dem Letzteren zu greifen. Oh! ich möchte nach dem Letzteren greifen und ihn bis auf den Grund leeren.“—„Und würdeſt,“ ſagte ich,„da ge⸗ rade die bitterſte Hefe finden, das, was Du als Inhalt des erſten Bechers angibſt. Ich für meine Perſon liebe eine beſſre Freude, als— Genuß, einen beſſern Labe⸗ trank im Leben, als— das Vergnügen.“ 52 „Gib mir“, rief Flora aus, Genuß! Gib mir Luſt, Luſt, Luſt! Und dann— will ich ſter⸗ ben! So redet der auftichtige Menſch.“ „Aber nicht der Vernünftige,“ ſprach ich lächelnd. „Und wer ſagt Dir, daß ich ein vernünftiger Menſch bin,“ rief Flora heftig, ein Paarmal durch das Zimmer tanzend;„vielleicht bin ich nicht einmal ein Menſch, ſondern eines jener Weſen, von denen vrientaliſche Sagen uns erzählen, daß ſie zwiſchen Himmel und Hölle ſchweben, ohne einem von beiden Orten angehören zu können, und die deßhalb als leuchtende Irrwiſche auf Erden herumflattern? Und vielleicht iſt es beſſer, ſo herumzuflattern, als wie ihr Andern über Dinge zu grü⸗ beln, worüber doch Niemand in's Reine kommt. Komn, mein Selmachen, laß uns walzen: ſpiele uns einen Straußiſchen, Sophie; je wilder, um ſo beſſer.“ Ich ſpielte und die zwei Mädchen walzten: das war offenbar ebenſo gut, als hätte man jetzt vernünftig mit Flora geſprochen. Ja, vielleicht walzt man ſich leichter zur Ruhe, als man ſich dazu raiſonnirt. Und der Grund aller Extravagantien Flora's war eine innere Unruhe. Den ganzen Tag war ſie überſpannt und launig und ſchien abſichtlich nicht zur Ruhe und Beſinnung kubtit zu wollen.— Im Laufe des Nachmittags kam St. Orme, bei deſſen Anblick Flora zuſammenfuhr. „Wie ſteht es mit unſrer Schlittenparthie?“ war ſeine erſte Frage.— Mit affectirter Ruhe bat Flora um Entſchuldigung, daß ſie ihr Verſprechen, von der Parthie ſeyn zu wollen, zurücknehmen müſſe. Ein früheres Ver⸗ ſprechen, eine andre Verbindlichkeit, die ſie dieſen Vor⸗ mittag Lérgeſſen gehabt habe, hindre ſie.— St. Orme hörte ihre Euiſchulblaung mit finſtern Blicken einem liſtigen Lächeln auf den Lippen an. Nachdem ſie geendet hatte, trat er näher an ſie und ſagte leiſe:„Darf man wiſſen, was das für ein Ver⸗ ſprechen iſt, das Dich hindert, das mir gegebene zu er⸗ füllen? Doch vielleicht haſt Du auch dieſes jetzt ver⸗ geſſen nachli nieme habe bewei ſchlus Auge ein p leren Kran weg den dern. ſchön in ſt zimm Waff Auge geber gnü Flor ihrer mutt nicht falls ſten ehe recht die könn Erf nuß! ſter⸗ elnd. nſch mer nſch, iſche inen war mit chter rund uhe. und men rme, war um thie Ver⸗ zor⸗ ſtern an. und Ver⸗ er⸗ ver⸗ 63 geſſen?“—„Das könnte wohl ſeyn!“ verſetzte Flora nachläßig ſtolz.—„Mir begegnet ein ſolches Vergeſſen niemals!“ ſagte St. Orme leiſe, aber mit Nachdruck.„Ich habe ein gutes Gedächtniß, und das kann ich auch mit dem beweiſen, was ich beſtändig auf der Bruſt trage.“ Dabei ſchlug er ſeine Weſte etwas zurück und ich ſah auf einen Augenblick Etwas ſchimmern, das mir in der Eile wie ein purpurfarbiges ſeidenes Band erſchien. Aber dunk⸗ ler noch war der Purpur, der Flora's Wangen röthete. Krampfhaft ballte ſie die Hand und ſich von St. Orme weg und zu mir wendend, rief ſie bitter: „Wie glücklich ſind doch die Männer; ſie können mit den Waffen in der Hand ihr Recht oder ihre Rache for⸗ dern. Oh, daß ich ein Mann wäre!“ „Wollteſt Du dann Dich mit mir duelliren, meine ſchöne Couſine?“ fragte St- Orme lächelnd. „Ja,“ rief Flora heftig,„auf Leben und Tod!“ „Da iſt es ja ein Glück für mich“, fuhr St. Orme in ſpöttiſchem Tone fort,„daß Du blos ein Frauen⸗ zimmer biſt. Deßhalb rathe ich Dir auch, keine andern Waffen gegen mich zu gebrauchen, als Deine ſchönen Augen. Ihnen bin ich immer bereit, mich gefangen zu geben.— Adieu Flora; Adieu Sophie, ich wünſche ver⸗ gnügten Abend!“— Es war Abonnements⸗Tag und Flora und Selma ſollten mit Frau Ritterſwärd und ihrer Tochter in die Oper, in die Loge meiner Stief⸗ mutter. Dieſe ſelbſt fühlte ſich etwas„müde“ und wollte nicht ausfahren. Ich verſprach Selma(da ich jeden⸗ falls zu Hauſe bleiben würde), ihr Geſellſchaft zu lei⸗ ſten und ſie zu unterhalten. „Und höre, ſüßer Engel,“ flüſterte Selma ſchelmiſch, ehe ſie fortging,„ſei nicht allzu chriſtlich in Deiner Ge⸗ rechtigkeitsliebe gegen Gyllenlöf's und Silferling's, falls die Rede auf ſie kommt. Solche„ſpasmodiſche“ Bekannte können ſchon ein wenig Bitterkeit und Pfeffer vertragen.“ — Ich verſprach ihr, ſcharf zu ſeyn und bat um nähere Erklärung darüber, was„ſpasmodiſche Befannte“ wären. 64 Aber ſie entgegnete mir mit der Frage:„Wie iſt es möglich, das nicht zu verſtehen? O, goldne Unſchuld!“ und ließ mich lachend mit meiner Unwiſſenheit allein. Als ich mich meiner Stiefmutter gegenüber ſah, merkte ich, daß wir beide Stoff zu einer großen Unter⸗ haltung geladen hatten und nichts ſehnlicher wünſchten, als denſelben auszutauſchen. „Es iſt merkwürdig“, begannen wir Beide zugleich, als wir uns bei der Lamper niedergeſetzt hatten;(NB. Wir beginnen unſere politiſchen Discvurſe immer mit: „es iſt merkwürdig“, oder:„es iſt wunderbar“, oder: „es iſt ganz unbegreiflich“, oder mit einem ähnlichen aufregenden Ausvrucke, als Einleitung in die Betrach⸗ tung einiger Fragen des Tages. Und da meine Stief⸗ mutter und ich in Folge unſerer verſchiedenen politiſchen Richtungen Zeitſchriften mit entgegengeſetzter Tendenz leſen, ſo iſt es, wenn wir eine recht treffende Reflerion oder Redensart darin gefunden haben, unſere erſte Sorge, uns gegenſeitig dadurch zu frappiren und aus dem Felde zu ſchlagen, aber wie ſich von ſelbſt verſteht, Alles in der größten Freundſchaft.— Ich ſehe, dieſe Parentheſe iſt ſchon entſetzlich lang geworden!— Nun hatte ich gerade heute in meinem Tagblatte verſchiedenes Merkwürdige über die Fortſchritte in der Induſtrie geleſen und mir von dieſem Rieſenartikel eine kraftvolle Phraſe ad notam genommen. Es war nur die Einleitung zu dieſer Phraſe, die ich mit dem:„es iſt merkwürdig“ anfing. Und nun endlich iſt die Parentheſe geſchloſſen.) Als ich meine Stiefmut⸗ ter mit denſelben Worten beginnen hörte, ließ ich in ſchuldiger Ehrerbietung ihrer„Merkwürdigkeit“ den Vor⸗ tritt und dabei zeigte ſich, daß dieſe nicht der„Indu⸗ ſtrialismus der Zeit“ war, ſondern der Mangel an Geiſt und Zartgefühl bei„einigen Menſchen“, wovon meine Stiefmutter gerade heute ein merkwürdiges Beiſpiel ge⸗ habt haben wollte. Schon ſah ich im Geiſte Graf Gyllenlöf's auftreten und wirklich kamen ſie auch ſammt den Silferling's. Die Erſteren bedauerten wir ſehr wegen ihres und il ihre 9 armen ebenſo V über, auf die anfälle ſchlage etwas Wahl ſchen? ſtimme wegen, ſich gu iſt ein ſichten der S Tugent V ſuchte i hern, Zeichen dieſer kungen über d vor.— mutter gemach zog ſie zurück, digen 2 Sophie gut ſeh Dinge tes d“ . ſah, iter⸗ ten, eich, NB. mit: der: chen ach⸗ chen denz rion rge, elde der hon eute die ſem en. ich lich mt⸗ in or⸗ du⸗ eiſt ine ge⸗ raf mt gen 65 ihres Mangels an allem höhern Leben, ihrer Eitelkeit und ihres Hochmuths, während die Letzteren uns durch ihre Nachäfferei und Vornehmthuerei beluſtigten.„Die armen Menſchen wüßten es eben nicht beſſer; es wäre ebenſo bedauernswerth, als lächerlich“, ſagten wir. Von ihnen gingen wir auf andre Bekannke und Freunde über, theilten Orden an Einige aus und ſtellten Andre auf die Schandbühne. Wir änderten die Natur der Krampf⸗ anfälle der Frau Ritterſwärd etwas und machten ſie mehr ſchlagartig, legten den Triumphwagen der„Schönheit“ etwas auf die Seite, und bemühten uns, Sparrſtöld's Wahl zwiſchen der Schönheit und der Tugend, d. h. zwi⸗ ſchen Flora's Schweſter und Hellfride Ritterſwärd zu be⸗ ſtimmen. Ihrer guten Freundin, der Frau Ritterſwärd wegen, wünſcht meine Stiefmutter ſehr, daß die Tochter ſich gut verheirathen möge, und Lieutenant Sparrſtöld iſt ein ausgezeichneter junger Mann und hat gute Aus⸗ ſichten; aber meine Stiefmutter glaubte doch an den Sieg der Schönheit, ich dagegen glaubte an den Sieg der Tugend, und wir gingen eine Wette darauf ein. Während dieſer Sorgen für Freunde und Vekwandte ſuchte ich mich unvermerkt unſerer eignen Familie zu nä⸗ hern, um die Gedanken meiner Stiefmutter über die Zeichen und Bewegungen zu hören, die jetzt innerhalb dieſer vorkommen: ich brachte deshalb einige Bemer⸗ kungen über St. Orme, Flora und Lennartſon, ſo wie über das zwiſchen ihnen beſtehende ſeltſame Verhältniß vor.— Mit geſpannter Aufmerkſamkeit hatte meine Stief⸗ mutter zugehört und ſogar haſtig einige Fragen an mich gemacht; aber ſtatt mir dann ihre Anſichten mitzutheilen, zog ſie ſich plötzlich in die Schanze des Geheimniſſes zurück, und ſprach mit einer des Fürſten Metternich wür⸗ digen Miene:„Du kannſt überzeugt ſeyn, meine beſte Sophie, daß ich Alles, was um mich her vorgeht, nur zu gut ſehe und höre, obwohl ich mich über den Gang der Dinge weder äußere, noch in denſelben eingreifen will, 56 3 ehe...“— Und nun kam die diplomatiſche Sauce, die ich etwas verdrießlich einſchlürfte. Ganz unerwartet wandte ſich nun aber meine Stief⸗ mutter an mich, indem ſie meine Lage und Stellung im Leben zuerſt etwas genauek beleuchtete und dann ziemlich verfänglich fragte, ob ich nicht geſonnen ſey, dieſelbe zu verändern, falls ſich eine gute Parthie zeige, d. h. ein älterer, geſetzter Mann von ſanftem Charakter, An⸗ ſehen, Vermögen, Bildung, der mir eine ſchöne Stellung bieten könne ꝛe. Etwas gekränkt durch die Zurückhaltung und andererſeits wieder durch ihre Sorgfalt um mich, dachte ich:„Will meine Stiefmutter erſt den Fürſten Metternich ſpielen, ſo will ich einmal den Prinzen Tal⸗ leyrand vorſtellen,“ und begann däher, ſtatt die Fragen meiner Stiefmutter direkt zu beantworten, eine warme Lobrede auf die Freiheit und Emanzipativn des Weibes zu halten. Das machte meine Stiefmutter etwas heftig und ſie opponirte gegen alle Emanzipation, ohne nur zu verſtehen, was und wie ich dieſelbe eigentlich meinte. Ich wollte mich genauer erklären, aber ſie wollte, wie im Grunde auch ich, blos ſich ſelbſt hören, und ſo über⸗ ſchrieen wir einander eine Zeit lang ziemlich lebhaft. Wir wurden erſt durch die Zurückkunft der in die Oper gefahrenen Damen unterbrochen, die von Lennartſon, dem jungen Sparrſtöld und Felir begleitet waren. Sig⸗ nora Luna und ihr„Carv Spoſo“ vermehrten unſre Abend⸗ geſellſchaft, die nach einigen Worten über die Aufführung der Oper in den Streit eingeweiht wurde, der meine Stiefmutter und mich ſeither unterhalten hatte. Man kam überein, ihn während des Abendeſſens auszufechten. Und dies geſchah mit vielem Eifer. Alle redeten über den Gegenſtand, Selma allein ausgenommen. Auf mei⸗ ner Seite waren Ake Sparrſköld und Signora Luna, während die Ritterſwärd und der große Alerander es mit meiner Stiefmutter hielten, welch' letztere ſich ſehr un⸗ angenehm berührt fühlte und viel mit den Augen blin⸗ zelte, als ich Thorild nannte und,gewiſſe Sätze anführte, die im zu leſe und D Le Geſpräé ſchenbe rechten bis er Seite berichti jener 2 als die daraus wahren Ausga den zu Frau, in der Mittag gerung ihrer S ich will gen: m habe ic Wortn Di ſich übe Es ipation Al gleitete mein Z wurf, t habe un beſitze. aber, de pation: die tief⸗ gim nlich ſelbe d. h. An⸗ lung tung mich, rſten Tal⸗ agen arme eibes eftig ur zu einte. wie über⸗ E n die tſon, bend⸗ run neine Man chten. über mei⸗ Luna s mit r un⸗ blin⸗ ihrte, 57 die im vierten Theil ſeiner geſammelten Werke Seite 84 zu leſen find, und welche zu überlegen gewiſſen Herren und Damen nichts ſchaden könnte. Lennartſon nahm lange nur im Scherze Antheil am Geſpräche und beluſtigte ſich damit, durch witzige Zwi⸗ ſchenbemerkungen die Beweiſe der linken ſowohl als der rechten Seite, inſonderheit aber die meinigen umzuſtürzen, bis er endlich auf eine ernſthafte Aufforderung von meiner Seite„mich doch verſtehen zu wollen,“ einige ernſte und berichtigende Worte über den Gegenſtand ſprach, einige jener Worte von viel Geiſt, welche lieblicher tönen, als die ſchönſte Muſik. Ich mache mir ein Vergnügen daraus, ſie für den nächſten— Reichstag aufzube⸗ wahren.— Danmit endigte die Diskuſſion, mit deren Ausgang Herr Alexander von G. jedoch nicht recht zufrie⸗ den zu ſeyn ſchien, was ich daraus ſchloß, daß er ſeiner Frau, die ihm vorſchlug, den Freiherrn an einem Tage in der Woche, an dem ſie Fremde bei ſich ſahen, zum Mittageſſen einzuladen, mit einer ziemlich bitteren Wei⸗ gerung antwortete, und auf bittende Vorſtellungen von ihrer Seite veremtoriſch erklärte:„Meine liebe Freundin, ich will es einmal nicht, Dir kommt es zu, vorzuſchla⸗ gen: mir, zu entſcheiden. Und in dieſer Angelegenheit habe ich nun einmal entſchieden und will deshalb kein Wort mehr darüber hören.“ Die Gräfin G. ſchwieg, aber eine Wolke lagerte ſich über ihr freundliches Geſicht. Es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie in der Eman⸗ zipationsfrage auf der Seite der Radikalen träte. Als die Geſellſchaft auseinander gegangen war, be⸗ gleitete mich Selma(wie ſie öfters zu thun pflegt), auf mein Zimmer. Hier machte ich ihr im Spaſſe den Vor⸗ wurf, daß ſie heute Abend meine Motion nicht unterſtützt habe und beſchuldigte ſie, daß ſie keinen„esprit de corps“ beſitze.— Sie wies lachend die Beſchuldigung ab, ſagte aber, daß ſie für ihre Perſon das Bedürfniß einer Emanzi⸗ pation nicht kenne.„Ich habe ſtets,“ ſprach ſie,„die Per⸗ 68 ſonen lieben können, welche über mich zu gebleten haben. Du weißt, wie gut meine Mutter gegen mich iſt, wie ſie blos mein Glück will und Alles dafür thut. Und mein Vater! Ach, wie glücklich war ich, daß ich ihn lieben, ihm gehorſam und mich in Allem nach ihm rich⸗ ten konnte. Nach ſeinem Tode“— Sie hielt plötzlich inne und erröthete. „Nun? Nach ſeinem Tode?“ fragte ich. „Da lernte ich einen andern Mann kennen und nach ihm mich richten.“—„Aha!“ dachte ich, und es wurde helle in mir.„Darf ich den Namen des Mannes aus⸗ ſprechen,“ fragte ich weiter, nicht ohne Schalkhaftigkeit, „darf ich— Lennartſon nennen?“ Mit großem Ernſte, aber einem kaum merklichen Zittern der Stimme, erwiederte Selma.„Stets werde ich mich glücklich ſchätzen, in ihm den edelſten und beſten Mann der Erde kennen gelernt zu haben. Möge, o möge Flora ihn glücklich machen! Für mich habe ich blos den Wunſch, ſeine Schweſter, ſeine Freundin zu ſeyn, und das Recht zu beſitzen, ihm nahe zu ſeyn, ihm zu dienen, auf irgend welche Weiſe zu ſeinem Glücke beizutragen. Möge er glücklich ſeyn, mit Flora glücklich ſeyn!“ „Und Dich, Selma, ſoll ich Dich nicht glücklich ſehen mit—2“—„Mit keinem— keinem Mann!“ unterbrach Selma mich heftig.„Aber ich habe eine Mutter, ich habe Dich, Sophie! Für Euch und die Andern, die mir theuer ſind, will ich leben. Es iſt ſo ſüß, zu li ben!— Aber meine Mutter glaubt wohl, ich ſey hier feſtgebannt. Gute Nacht, liebe, gute, weiſe, theuerſte Schweſter.“ Zärtlich küßte ſie mich und auf der Treppe hörte ich ſie Klärchens Lied aus Göthe's Egmont vor ſich hintrillern; 3 „Glucklich allein iſt die Seele, die liebt!“ 2 Den 23. Nov. Armer Felir! Er liebt Selma ſo innig und fürchtet, nicht wieder geliebt zu werden. Er iſt unglücklich und unzufrieden mit ſich ſelbſt und der ganzen Welt. Er bittet: Wie g Vertra aber— ₰ kaniſch Leidenſ Denn wird, oder b nicht! interef dieſen Entwie niſſe z1 A geht u wilde. er einr Und a auf, Hand Lichte zum L L Romat Conta müths der ſch kommt zutanz ſoll ni mir ſe aben. wie Und hihn rich⸗ nach wurde aus⸗ lichen werde beſten möge s den „und ienen, ragen. ſehen rbrach e mir en!— bannt. ſter.“ rte ich illern: rchtet, ch nd 69 bittet mich, ſeine Freundin, ſeine Schweſter zu ſeyn. Wie gern will ich das! Sein warmes Herz und ſein Vertrauen haben mich weich für ihn geſtimmt; aber— aber— Den 24. Nov. Ich fühle immer deutlicher, daß ich auf einem vul⸗ kaniſchen Boden ſtehe, auf einem Boden, den gährende Leidenſchaſten inkereſſant, aber auch gefährlich machen. Denn wer könnte ſagen, welcher Art die Exploſion ſeyn wird, ob ſie eine intereſſante Lufterſcheinung werden, oder blühende Länder verheeren wird. Wäre mein Herz nicht bereits wegen meines Schweſterchen's allzu ſehr intereſſirt, ſo könnte ich mit Ruhe, ja mit Vergnügen dieſen Scenen aus dem menſchlichen Leben und der Entwickelung dieſer zum Theil räthſelhaften Verhält⸗ niſſe zuſehen. Ach! es iſt doch gut, daß die Jugendzeit vorüber geht und ſtillere Jahre kommen! Es iſt gut, daß der wilde Kampf der Gefühle ſich legt, aber auch gut, daß er einmal ſtattfindet; denn er— bringt eine Welt hervor. Und aus ihm geht ein neuer Geiſt mit neuem Leben auf, der ſtille Geiſt des Denkens, der kühlend ſeine Hand auf unſere heiße Stirne legt, das Dunkel vom Lichte ſcheidet und zum Auge ſpricht:„Werde klar!“ und zum Leben:„Werde ruhig!“ Am Abende. Was iſt das? Die Leidenſchaft der Liebe und der Romane wird doch um Alles in der Welt nichts Contagiöſes haben?! Oder iſt es mit gewiſſen Ge⸗ müthsſtimmungen, wie mit den nächtlichen Tänzen der ſchottiſchen Willis, welche den, der in ihre Nähe kommt, in ihren Kreis ziehen und ihn zwingen— mit⸗ zutanzen?— Nein; im Namen des freien Willens, das ſoll nicht geſchehen, und deßhalb will ich alsbald— mir ſelbſt beichten.— Ganz vertieft in die bernhigenden — 7⁰ und erfreulichen Gedanken, die ich dieſen Morgen nieder⸗ geſchrieben hatte, ging ich— ſpazieren. Ich finde ein großes Vernügen daran, allein in Stockholm mich zu ergehen und dabei mich— umzuſehen. Wie viele ver⸗ ſchiedene Geſtalten bewegen ſich doch in einer Stadt, wie verſchiedene Gaben und Richtungen der Menſchheit haben hier einen Körper angenommen und blicken mit eigen⸗ thümlichen Phyſiognomien in die Welt?! Es gefällt mir, dieſe kleinen Welten zu betrachten, über ſie nachzu⸗ denken, mit ihnen zu ſprechen und ſie mir antworten zu laſſen.— Schöpfungsworte nennt das finniſche Na⸗ tionalgedicht: Kalevala, die Worte, durch welche die Gei⸗ ſter ſich ſelbſt unter einander und das Weſen der Natur beherrſchen; und dieſe Worte ſcheinen das Urweſen der Dinge ſelbſt, das Myſterium ihres innerſten Lebens zu ſeyn. Werden ſie mit ſolchen Worten angeredet oder be⸗ ſchworen, ſo müſſen ſie antworten, müſſen ſie gehorchen. Das hat ſeine tiefe, ſchöne Wahrheit. Aber Schöpfungsworte findet man nicht(weder in dem Gedichte Kalevala, noch in der Wirklichkeit) zu jeder Stunde. Man muß in einer gewiſſen Gemüthsſtimmung ſeyn.— Der heutige Tag war beſonders günſtig für Leben und Betrachtung; denn ſein wechſelndes Spiel von Schatten und Licht ließ die verſchiedenen Gegenden der Stadt auf wechſelnde, lebendige Weiſe erſcheinen. Mehr als je wurde ich von Stockholms eigenthümlicher Schön⸗ heit ergriffen; hiſtvriſche Erinnerungen tauchten wie ge⸗ krönte Geiſter über den ſieben Holmen auf:— ich glaubte im Winde, im Brauſen der Wogen jene Sagen zu hören, durch die viel böſe und gute Thaten, viel große Handlungen und große Leiden zu poetiſchem Ruhme ge⸗ langt ſind.— Ich ſah einmal eine Hauptſtadt ohne alle Thürme, ohne alle die übrigen an Schönheit oder Größe überragenden Gebände; alle waren faſt gleich und man ſagte, das ſey das Bild einer wahren bürgerlichen Geſellſchaft.— Aber nein! ſo ſieht ſie nicht aus. Wo ein Volk zum Bewußtſeyn ſeines Lebens gekommen iſt, da mü niß ge in die häuſer öffentli Erinne und d das G A Meine in's G zurück Norden der am eine bl gefolgt ten die ren, w er ſich und ha ſeinen Vikin haben, Augen an dem hatten. meine L ſah, ut gewiſſes Plätſch reiche G Alles d bewirkt mich b vor ihn barer 2 den Wr der⸗ ein zu ver⸗ wie ben gen⸗ fällt hzu⸗ zu Na⸗ atur der zu be⸗ hen. r in eder ung für von der Nehr hön⸗ ge⸗ ich agen roße ge⸗ ohne oder und chen Wo iſt, da müſſen auch ſeine Städte und Gebäude davon Zeug⸗ niß geben; da müſſen Tempel ihre glänzenden Zinnen in die Wolken erheben, prächtige Palläſte(nicht Privat⸗ häuſer) müſſen das Bewußtſeyn der Größe in einem edlen, öffentlichen Geiſte ausſprechen; es müſſen Bildſäulen zur Erinnerung großer Männer die öffentlichen Plätze zieren, und das Schöne muß in mannigfaltigen Formen das Gute im Staatsleben ausdrücken. Aber wohin führt mich meine irrende Feder?— Meine Füße trugen mich diesmal ſüdlich, hoch hinauf in's Gebirge und von dieſem herunter und in den Strand zurück in ein Ruderbvot, das mich wiedrum nach Norden führte. Ich hatte eben einen Mann aus einem der am Strande liegenden Häuſer treten ſehen, aus dem eine blaſſe, etwas bejahrte Frau ihm bis an die Thüre gefolgt war, und jetzt ſah ich ihn mit haſtigen Schrit⸗ ten die Stufen hinunterſteigen, die an den Strand füh⸗ ren, wo das Boot lag. Als ich unten ankam, wandte er ſich um, rief mir ein freudiges:„Ach!“ entgegen und half mir gewandt in das Boot einſteigen, indem er ſeinen Platz am Steuerruder nahm. Es war— der Vikinger. Es war mir angenehm, ihn getroffen zu haben, beſonders da ich bemerkte, daß ſeine dunkelblauen Augen mit demſelben Ausdrucke auf mir ruhten, wie an dem Abend, wo wir zuerſt Bekanntſchaft gemacht hatten. Ich war echauffirt vom Gehen, der Wind hatte meine Locken zerzaust und ich wußte, daß ich hübſch aus⸗ ſah, und ſah, daß der Vikinger daſſelbe dachte. Ein gewiſſes Wohlbehagen an Geiſt und Körper, das leichte Plätſchern der Wogen um uns her, die milde Luft, das reiche Schauſpiel rund umher, Brenner's Gegenwart: Alles dies gab mir ein Gefühl erhöhten Lebens, was bewirkte, daß ich den Gedanken und Eindrücken, die mich belebt hatten und noch belebten, unwillkührlich vor ihm Worte gab.— Brenner hörte mich mit ſicht⸗ barer Theilnahme und mit Vergnügen an; als ich aber den Wunſch äußerte, die Menſchen möchten mehr und 72 mehr dahin kommen, das Leben im Lichte des Begriffs aufzufaſſen und im reinen Gedanken zu leben, da ſchüt⸗ telte er das Haupt und ſagte:„Wiſſenſchaft und Phi⸗ loſophie kann die Menſchen nicht beſſer machen und auch zu ihrem wahren Glücke nur wenig beitragen. Die Neigungen des Herzens allein geben dem Leben Fülle und Werth. Die Atmosphäre des reinen Gedankens fommt mir vor, wie die Luft auf dem Montblanc: man kann den Sternen in die Augen ſehen und ſteht auf Wolken, aber man kann nicht athmen, und das Leben erliſcht bald aus Mangel an Lebensluft.“ Ich entgegnete:„Das Leben im Gedanken ſchließt das Gefühlsleben nicht aus, aber es beherrſcht daſſelbe und hindert es, übermächtig zu werden. Die Vernunft befreit die Menſchen von ihren Leiden!“ „Vernunft!“ rief der Vifinger,„ich mag Nichts von einer Vernunft wiſſen, die das beſte Leben der Seele tödtet, die den Menſchen hindern will, zu leiden. Ohne Leiden iſt das Leben nicht viel werth!“ Ich fühlte mich von dem tiefen Gefühl in dieſem Gedanken, beſonders von dem Blicke und der Stimme betroffen, mit der er dieſes ſprach; aber ich entgeg⸗ nete dennoch:„Es gibt ſo viel unvernünftiges, zweck⸗ loſes Leiden, ſo viele ſchmerzliche Gefühle ohne allen Grund und Sinn.“ „Ach!“ verſetzte Brenner,„Vieles, was unver⸗ nünftig ausſieht, iſt im Grunde doch gut, und wenn auch zu nichts Anderem, ſo doch dazu, den Egoismus zu ertödten, der uns ſo beſorgt um uns ſelbſt, ſo be⸗ rechnend, ſo ſtarr und kalt verſtändig macht, daß es — entſetzlich iſt. Gefühle ohne Grund und Sinn! Ge⸗ rade dieſe gefallen mir. Wer zum Beiſpiel ſpricht von einer verſtändigen Liebe?— Und Liebe iſt doch des Le⸗ bens edelſtes Gefühl, deſſen ſchönſte Blume. Ich für meine Perſon bin nicht vernünftig, bin es nie geweſen und werde es auch, wie ich hoffe, nie werden.“ Lächelnd und ſcherzend beſtritt ich ſeine Behaup⸗ tung verſt darüb S Ausſi meine ſehen ſtehen erwiet 1 finde den i keine wenn will i den Y erſchei heit, alles lich 1 arten C ich m Jonqt dieſe 2 Billet 2 und de fride Sparr Fried riffs Phi⸗ auch Die Fülle ens man auf eben ließt ſſelbe nunft ichts Seele Ohne ieſem imme tgeg⸗ zweck⸗ allen mver⸗ wenn ismus ſo be⸗ ß es Ge⸗ n es Le⸗ ch für eweſen haup⸗ tung und wollte durchaus von keiner Liebe, als einer verſtändigen, Etwas wiſſen. Der Vikinger ward warm darüber, aber auf angenehme, liebenswürdige Weiſe. Als wir landeten, bot Brenner mir die Hand zum Ausſteigen und ſagte dabei:„Sind Sie mir nur wegen meiner Unvernunft nicht böſe, Fräulein Adele. Ich will ſehen, daß ich mich beſſere.“ „Vielleicht werden wir einander künftig beſſer ver⸗ ſtehen,“ entgegnete ich leichthin, aber wohlwollend. „Dank für dieſe Worte! Ja, möge es ſo kommen!“ erwiederte der Vikinger, mir die Hand drückend. Und was ſoll das Alles nun bedeuten? Warum finde ich Vergnügen daran, dieſem Manne zu gefallen, den ich ſo wenig kenne? Nein, Couſine Flora, das iſt keine Gefallſucht, wenigſtens keine tadelnswerthe; und— wenn es je einen Augenblick lang ſolche geweſen iſt, ſo will ich ſehen, daß dieß nicht wieder vorkommt. Denn den Menſchen, die man angenehm findet, auch angenehm erſcheinen zu wollen, das iſt weder Sünde, noch Krank⸗ heit, iſt anſtändige und gefällige Natur: iſt der Grund alles deſſen, was das Zuſammenleben reizend und behag⸗ lich macht. Aber dieſe Menſchenliebe darf nicht aus⸗ arten in— Den 25. Nov. Immer ſchlimmer! Geſtern beim Anlanden äußerte ich meine Freude über ein Bouquet von Tazetten und Jonquillen, die man an uns vorbeitrug. Heute duften dieſe Blumen in meinem Zimmer. Sie waren von einem Billet des Vikingers begleitet. Nun gut; Blumen ſind ja Symbole des Wohlwollens und der Freundſchaft: als ſolche will ich ſie auch anſehen. Den 28. Nov. Die Freifrau Belle F.(„die Schönheit“), und Hell⸗ fride Ritterſwärd auf Beſuch bei uns. Später noch Ake Sparrſköld, Felir und Andere. Die Schönheit ließ Friederike Bremer, Tagebuch. 6 ſich(ſehr mal à propos, wie mir ſchien) über das Un⸗ glück und das Unangenehme der Häßlichkeit aus. Sie „beklagte die Häßlichen herzlich“, aber ſie müßten we⸗ nigſtens wiſſen, daß ſie häßlich ſind und ſich nicht draußen in der Welt und in Geſellſchaften zeigen, wo ihr„bloßer Anblick unangenehme Gefühle errege.“ Ich ärgerte mich über dieſe Rede, die offenbar mit Abſicht auf Hellfride Ritterſwärd gehalten wurde, deren ruhige, klaſſiſche Haltung ich dabei bewundern mußte. Sie warf bloß einen ruhigen, ergebenen Blick auf die grauſame„Schönheit“ und ſagte mild:„da es nicht eigene Schuld der Häßlichen iſt, daß ſie häßlich ſind, ſo iſt es verzeihlich, wenn ſie mit dem Vertrauen unter ihre Neben⸗ menſchen gehen, daß dieſe Nachſicht und Güte für ſie haben werden, ja, daß ſie gerade ihres Unglücks wegen die Sache nicht ſo ernſt auffaſſen werden.“ Dieſe Worte wurden mit einem unendlich edeln Aus⸗ druck geſprochen und ich hatte ſchon im Sinne, ebenſo warm zu antworten, als der junge Sparrſföld mir zuvorkam und ſagte:—„Ich begreife nicht, wie manche Menſchen der äußern Schönheit oder Häßlichkeit einer Perſon ſodiel Gewicht beilegen mögen. Ich bin der Meinung, daß wahre Bildung, diejenige wenigſtens, welche auf einem reli⸗ giöſen Grunde ruht, eine edle Ruhe, eine geſunde Kälte, eine Gleichgültigkeit oder wie man ſonſt ſagen mag, gegen derlei bloß äußere Gebrechen und Mängel beobachten müſſe. Und wer hat nicht ſchon die Erfahrung gemacht, wie gleichgültig dieſelben im Leben für Wohl und Wehe ſind? Wer hat nicht ſchon ſelbſt zu bemerken Gelegen⸗ heit gehabt, wie bei näherer Bekanntſchaft das Häßliche ſich verſchönert, das Schöne häßlich erſcheint, und zwar je nach der Beſchaffenheit der Seele und des Gemüths? Daher glaube ich auch, daß Mangel an äußerer Schon⸗ heit eine edle Natur nie beunruhigen, daß ſie ihn nie für ein Unglück halten wird. Ein ſolcher Mangel kann einen Menſchen nicht hindern, in hohem Grade liebens⸗ würdig und liebeswerth zu ſeyn: dafür haben wir täg⸗ lich gen zien eine Fre verl ſchie wob ſagt aber hätt war Cor löf' ſow O. Wel Feli ren Spe Her betr ben als Ins köſtl ſein Göt halb mar jedv beſcl in E doch Un⸗ Sie we⸗ nicht „wo r mit deren nußte. if die eigene iſt es eben⸗ ir ſie en die Aus⸗ warm orkam nſchen ſodiel „ daß n reli⸗ Kälte, gegen achten macht, Wehe legen⸗ liche zwar rüths? Schön⸗ hn nie l kann ebens⸗ r täg⸗ 75 liche Beweiſe.“— Gern hätte ich den jungen Mann we⸗ gen dieſer Worte umarmen mögen, welche die„Schönheit“ ziemlich häßlich machten, indem ſie auf ihrem Geſichte einen verdrießlichen Ausdruck hervorriefen, während milde Freude den Glanz der Schönheit über Hellfrid's Antlitz verbreitete. Ake Sparrſtöld hatte mir nie ſchöner ge⸗ ſchienen, als in dieſem Augenblick. Später ſang er, wobei er eine ſehr angenehme Stimme entwickelte. Ich ſagte das zu Fräulein Ritterſwärd, welche beiſtimmte, aber ſo kurz, daß ich ſie für kalt hätte halten müſſen, hätte mich nicht ihr Auge belehrt, daß ihr Gefühl allzu warm ſey. Den 1. Dezember. Beſuch und Converſation! Die Rutſchenfelde und Compagnie mit einer Unterhaltung, die ſich um Gyllen⸗ löf's Spireen, prächtige Zimmer, Meublen und ſo weiter, ſowie um die delikaten Mittageſſen des neuvermählten O. sköld'ſchen Ehepaars bewegte.„Welche Weine! Welche Delices!“ St. Orme gab den Ton an, und Felir mit ſeinen Freunden ſtimmte ein. Unter letzte⸗ ren zeichnete ſich ein junger Kapitän Rummel(Ake Sparrſköld's Vorgeſetzter) aus, den die übrigen jungen Herren gewiſſermaßen mit Bewunderung und Eiferſucht betrachteten. Seine häusliche Einrichtung wurde beſchrie⸗ ben und als ein Muſter von„Comfort“ und„Eleganz“, als ein Muſter einer Junggeſellen⸗Wirthſchaft angegeben. Insbeſondere ſprach man von ſeinem Schlafkabinet, ſeiner köſtlichen Toilette und ſeinem Porträt, das in erſterem über ſeinem Bette hängt.(Mir erſchien dieß, wie ein kleiner Götzen⸗Tempel für das eigene Selbſt, und ich fühlte deß⸗ halb etwas von Verachtung in mir aufſteigen.) Auch rühmte man ſeine Gourmandiſe, in welch' letzterem Punkte er jedoch den Lorbeer dem Hofmarſchall überließ, der ihn beſcheiden annahm, indem er geſtand, daß, obgleich man in Schweden mehr„Gourmand,“ als„Gourmet“ ſey, er doch der letzteren Klaſſe von Leuten zugehöre. Felix 6 76 ſtimmie ihm darin bei, daß an einem Kalbsbraten nur „drei Biſſen“ zu finden ſeyen, die„wirklich eßbar“ ſind; und endlich kam man dahin, ein Gemälde„von dem zu entwerfen, was gegenwärtig zu einem comfortablen Leben erfordert werde.“ Doch argwöhne ich aus dem, was mir über gewiſſe Liaiſons des Kapitän Rummel bekannt iſt, daß gewiſſe zu dieſem Leben nothwendige Bedingungen aus Rückſicht für die anweſenden Damen übergangen wurden. Felir ſeufzte tief, als man der Geldſumme er⸗ wähnte, die zur Befriedigung aller dieſer Bedürfniſſe nöthig ſey.— Lennartſon hatke ſich während dieſes Ge⸗ ſprächs ſcheinbar damit beſchäftigt, an einem entfernten Fenſter einige Zeitungen zu leſen, allein ich war bei mir überzeugt, daß er Alles mit angehört hatte. Jetzt ſtand er plötzlich auf, und ſprach, der Geſellſchaft ſich nähernd: „Hier findet ſich auch ein Gemälde der Bedürfniſſe eines Menſchen, das ziemlich vriginell iſt. Wollen die Herren es vielleicht hören?“ Und er las aus einer Zeitung, die er in der Hand— hielt, folgenden Artikel aus Hernöſand datirt vor: „Im vorigen Monate ſtarb hier der gelehrte Mathe⸗ matiker Lector Auren in einem Alter von einundachtzig Jahren. Derſelbe war Verfaſſer mehrerer gelehrter Schriften: darunter einige über bibliſche Chronologie, die er im Selbſtverlag herausgab. Deſſenungeachtet erſparte er von dem geringen Gehalte, den er bezog, von dem er leben und deſſen Hälfte er außerdem noch in den letz⸗ ten Jahren einem Vicarius überlaſſen mußte, die Summe von achttauſend Reichsthaler Banco, was ohne die voll⸗ ſtändigſte Entſagung von allen irdiſchen Genüſſen und Bequemlichkeiten unmöglich hätte geſchehen können. Der ſtärkſte Beweis davon, wie weit er ſeine Sparſamkeit trieb, iſt, daß er ſeine ärmliche Wohnung ſelbſt bei der ſtrengſten Kälte weder heizte, noch beleuchtete. Wenn die Dunkelheit hereinbrach, legte er ſich in's Bett und be⸗ trachtete ſeine Lieblinge, die Sterne, die ihm hinlängliche Unterhaltung waren, oder ſtellte, falls der Himmel helle gen Ent zeuc mar er nän zwe er Jal und tige blie haft Fel mut abe in will die eigt Leb ſtell Fel eine thei Du es Au mel zen trif ſoll Th nur nd; zu ben vas nnt gen gen er⸗ niſſe Ge⸗ nten mir tand nd: niſſe die man the⸗ tzig yrter die arte dem letz⸗ mme voll⸗ und Der nkeit ider n die be⸗ liche helle 77 genug war, Beobachtungen über ſie an. Daß zu dieſer Enthaltſamkeit ihn nicht ſchmutziger Egoismus trieb, be⸗ zeugt ſowohl die Unterſtützung, die er in ſeinem Leben manchem Nothleidenden gewährte, als die edle Weiſe, wie er über ſeine Hinterlaſſenſchaft verfügte. Er beſtimmte nämlich viertauſendundachthundert Reichsthaler Banco zu zwei Stipendien. Einen Garten in der Stadt verſchrieb er einem alten Manne, deſſen Frau ihn in den letzten Jahren ſeines Lebens ſorgſam und zärtlich gepflegt hatte, und den Reſt ſeines Vermögens hinterläßt er ſeinen dürf⸗ tigen Verwandten.“— Nachdem Lennartſon geendet hatte, blieb Alles noch eine Weile ſtille. Selma's klare Augen hafteten auf dem Leſer, während dieſer die ſeinigen auf Felir gerichtet hielt.— Zuerſt erhob ſich ein leiſes Ge⸗ murmel:„Bah! ein Anachoret, ein Eremit——— aber auf ſolche Weiſe kann man nicht leben, wenn man in der Welt lebt, wenn man mit den Menſchen leben will!“—„Das gebe ich zu,“ ſagte Lennartſon.„Aber die Frage iſt, ob nicht das Syſtem des Lector Aurèn ge⸗ eigneter iſt, Frieden und Glück während eines langen Lebens auf Erden zu gewinnen, als das vorhin aufge⸗ ſtellte.“—„Lieber wollte ich morgen ſchon ſterben,“ rief Felir aus,„als mein Lebenlang freudenlos zu leben.“ „Und ich,“ rief Skutenhjelm,„will mir lieber gleich eine Kugel durch den Kopf jagen, als mich dazu verur⸗ theilen laſſen, den zehnten Theil des Jahrs in Kälte und Dunkelheit abzuliegen. Will man begraben ſeyn, ſo iſt es beſſer, man ſtirbt zuerſt!“ „Sie vergeſſen,“ ſprach Lennartſon lächelnd,„daß Aurèn die Sterne über ſich ſtrahlen ſah, und jedenfalls mehr S Vergnügen an denſelben fand, als wir an den Ker⸗ zen in unſern Salons. Und was menſchliche Freude be⸗ trifft,“ fuhr er, gegen Felir gewendet, fort,„ſo bedaure ich, daß ein jnnger Mann die Freude nicht verſtehen ſollte, die jener genoſſen hat, die Freude einer nützlichen Thätigkeit, die Freude— Gutes zu thun.“ Es war bei den letzten Worten etwas ſo Ernſtes in 78 Lennartſons Blick und Stimme, daß Felir ſichtlich davon betroffen war: Thränen traten ihm in die Augen, er ging auf die Stube, nahm ein Buch in die Hand und ſetzte ſich an einen Tiſch. Selma's Blicke folgten ihm mit ſicht⸗ barer inniger Theilnahme. Lennartſon betrachtete ſie auf⸗ merkſam. Etwas ſpäter und während St. Orme das ab⸗ gebrochene Geſpräch mit den jüngeren Herren fortſetzte und ihnen Verſchiedenes vom Leben in Paris und deſſen Reizen erzählte, trat Lennartſon zu Selma, ſetzte ſich neben ſie und fragte ſanft:„War ich zu hart, Fräulein Selma?“ „Oh, nein!“ antwortete ſie lebhaft,„Sie hatten Recht, aber“—„Was aber?“—„Ich glaube, daß Ihre Worte wirklich ſeinem Herzen Unrecht thaten und— er hält ſo viel von Ihnen.“— Lennartſon antwortete nichts. Allein nach einer Weile ſah ich ihn auf Felir zugehen und ſeine Hand auf deſſen Schulter legen. Felir ward feuerroth, als er aufblickte und dem Blick voll Güte, den Lennartſon auf ihn heftete, begegnete. „Ich habe Dich lange nicht bei mir geſehen, Felir!“ ſprach Lennartſon freundlich.„Willſt Du nicht morgen bei mir zu Mittag eſſen? Ich verſpreche Dir zwar,“ fuhr er heiter ſcherzend fort,„kein O. ſköld'ſches Mittagsmahl, aber ich werde Dich auch nicht mit Aurén'ſcher Hausmannskoſt bewirthen. Ich geſtehe, daß auch mir dieſe wenig behagen würde.“— Halb verlegen, halb mit Freude nahm Felir die Einladung an.— Als die Gäſte ſich entfernt hatten, machten wir, meine Stiefmutter und ich, unſre„reflexions chrétiennes et morales“ über das Aurèn'ſche und St. Orme'ſche Ideal des Lebens. Meine Stiefmutter goß kal⸗ tes Waſſer auf mein Feuer, ſprach von„Eraltation, Ueber⸗ ſpannung und Uebertreibung“ und ſagte, daß man dennoch „recht brav“ ſeyn könne, wenn man gleich wie andere Leute lebe und etwas Gutes genieße. Meine Stiefmutter hatte den Wahlſpruch der Königin Chriſtine:„Immer das rechte Maas!“(den ſie ſelbſt jedoch gänzlich zu ver⸗ geſſen ſchien) angenommen. Flora wurde nachdenklich und ſagte; Als ich noch ein Kind war und in meiner erſten Juger Pythe man aufſu als di fort: ein„ Mein ſcherz trat „Sch Atelie chen ben mich Wert ſie u würd thum Leben wiſſer den, gewa und er A den ſchät einen glän ſprec verſc auf bei rer ber koſt gen elir ten, ohs St. kal⸗ ber⸗ och dere tter mer ver⸗ und ſten 79 Jugend, da hatte ich wohl zuweilen ſolche Auron'ſche und Pythagvräiſche Phantaſien; ich träumte von—— Aber man lehrte mich bald über ſolche Träume lachen und andre aufſuchen. Doch vielleicht ſind dieſe noch weit mehr Traum, als die früheren. Ach! fuhr ſie in ausbrechender Wehmuth fort:„Wer doch noch einmal geboren, wer noch einmal ein Kind werden könnte!“ Sie zerfloß in Thränen. Selma ſchloß ſie in die Arme und weinte mit ihr. Meine Stiefmutter war ganz conſternirt: ich machte ihnen ſcherzhaft Vorwürfe über dieſes„Lamentabile“. Selma trat auf meine Seite und ſo beſchloſſen wir den Tag „Scherzando“. Den 14. Dezbr. Wir haben einige Wochen mit dem Beſuche der Künſtler⸗ Ateliers, der Academien und verſchiedener andrer öffentli⸗ chen Anſtalten der Hauptſtadt hingebracht. Einige derſel⸗ ben werde ich wiederholt beſuchen; denn Manches war für mich von großem Intereſſe, und worin läge wohl der Werth einer gründlichen Bildung, wenn nicht darin, daß ſie uns alle Arten menſchlicher Thätigkeit verſtehen und würdigen lehrt, daß ſie unſer Auge für den ganzen Reich⸗ thum des Lebens öffnet? Dadurch wird auch unſer eigenes Leben erweitert, und ich bemerke mit Vergnügen, daß ſich wiſſenſchaftlich gebildete Männer gerne an diejenigen wen⸗ den, bei denen ſie wirkliches Intereſſe für die Wiſſenſchaft gewahren und von denen ſie ſich verſtanden fühlen. Lennartſon war bei dieſen Beſuchen unſer Begleiter und erhöhte durch ſeine vielen Kenntniſſe und die Art, wie er Andre zum Ausſprechen ihrer eigenen Anſichten aufweckt, den Genuß noch bedentend. Und wie ſehr achten und ſchätzen ihn auch Alle! Flora hört ihm allein gerne zu, ſelten einem Andern; denn ſie verräth viel Neigung, ſelbſt zu glänzen. Selma gehört zu den Menſchen, die nicht viel ſprechen, obgleich ſie Manches verſtehen und in ihr Herz verſchließen. Lennartſon und auch ich lauſchen aufmerkſam auf jede ihrer Bewegungen: ſtets enthalten ſie etwas Er⸗ 80 weckendes, oft etwas Leitendes: ſie hat ein treffendes, reines Urtheil. Ein guter Kopf iſt nächſt einem guten Herzen etwas Herrliches an einem Menſchen. Nun gilt es, ſtill zu ſitzen und fleißig zu ſeyn, um in zehn Tagen die Weihnachtsgeſchenke fertig zu machen. Das iſt juſt nicht meine Sache. Den 25. Dezbr. Der heilige Abend mit ſeinen Geſchenken, Lichtern und Torten iſt vorüber. Meine Stiefmutter, die ſehr gerne Kinder um ſich ſieht, hatte die Kinder einiger Be⸗ kannten, darunter auch die des Vikingers, eingeladen. Selma hatte mehrere Kleinigkeiten für ſie gearbeitet und wir unter⸗ hielten uns damit, Spiele mit ihnen zu veranſtalten, wobei Selma ebenſo ſehr Kind war, als die übrigen. Felir half uns ſehr bereitwillig, aber Flora war übler Laune, und wollte weder unterhalten ſeyn, noch andre unterhalten. Brenners Kinder ſind lebhafte, ſüße Geſchöpfe und es thut wohl, ihr Verhältniß zu ihrem Vater zu ſehen. Roſine, das älteſte, achtjährige Mädchen und der jüngſte Knabe, der kleine Adolph, geſielen mir ſehr. Der arme Kleine iſt etwas lahm an der Hüfte. War es nun das„Mütter⸗ liche“, was einer meiner Freunde, ein Profeſſor, bei allen Frauenzimmern finden will, oder ein beſonderes Gefühl, das mich zu den Kleinen hinzog, ſo viel iſt gewiß, daß ich, wie das Adölphchen mir auf den Knieen ſaß und mich mit dem klaren, frommen Kindesblicke anſah, den Kleinen mit einem wirklichen Gefühle von Liebe und Sehnſucht, ihn zu ſchützen, an meine Bruſt drückte. Als ich aber ſah, daß der Vater uns mit einer Miene betrachtete, als ob er uns beide umarmen möchte, ward ich kühler in meiner Zärtlichkeit. Und der Vater, wie muß er dieſe Kinder lieben! Hörte ich ihn nicht dieſen Abend ſagen, man müſſe bei der Wahl eines Gatten vor⸗ züglich auf die künftigen Kinder und auf den Vater und die Mutter Rückſicht nehmen, welche man ihnen durch eine Heirath gebe! Ich mußte ihm darin großentheils Rcht geben.— Die Krone des Abends war mir ein klei⸗ nes, Weil mit mich die 1 Herz die„ durch von tene war voll und: währ Platz hend niem tigen zuſai als Welt und voll übert ſo v gen: weite fried in m dienf es, uten um hen. tern ſehr Be⸗ lma iter⸗ obei Felir une, lten. thut ſine, tabe, leine tter⸗ llen das das ren, ichen teine mit chte, wie ieſen vor⸗ und urch heils lei⸗ 81 nes, ſchönes Gedicht meines Landsmanns Runeberg:„der Weihnachtsabend“, das der Vikinger bei ſich hatte und mit reinem und edlem Ausdrucke declamirte. Es verſetzte mich zurück in meine Heimath, in die wilde Natur unter die kräftigen, genügſamen, geduldigen Menſchen. Das Herz ſchwoll: und nun iſt es Kirchenzeit und ich will in die Kirche gehen. Am Abende. Bei meinem Eintritte in die Kirche ſtrahlte die Sonne durch ein großes Auge in's Chor und leichte Rauchwolken von den eben ausgelöſchten Lihtern der Frühmeſſe ſchweb⸗ ten auf den Lichtſtrahlen höher zum Gewölbe empor. Es war ſchön und, obgleich ich frühe kam, die Kirche ſchon ſo voll andächtigen Volkes, daß ich keinen Sitz bekommen konnte und nach einigen vergeblichen Verſuchen den Entſchluß faßte, während des Gottesdienſtes zu ſtehen. Ich fand einen ſichern Platz an einer Mauer zwiſchen ſitzenden Frauen und ſte⸗ henden Mädchen, war fröhlichen Herzens und hatte mich niemals mehr kirchlicher gefühlt. Als die Orgel ihre mäch⸗ tigen Töne anſtimmte, rann das Blut in meinen Adern zuſammen und ein ſanfter Schauder durchrieſelte mich, als eine Stimme ſich erhob und vom höchſten Wunder der Welt, von dem Wunder, von dem die Völker noch heute, und heute vielleicht mehr als je mit Bewunderung reden, voll und ſanft ſang: „Eine Jungfrau hat heute ein Kindlein geboren!“ Die Gemeinde fiel ein und ich mit ihr aus vollem, übervollem Herzen.— Kaum war der Geſang beendigt, ſo vernahm ich neben mir eine Stimme ziemlich raſch fra⸗ gen:—„Hat Fräulein Adele keinen Sitz?“ Es war der Vikinger, der mich faſt nöthigte, etwas weiter weg ſeinen eigenen Sitz einzunehmen. Des Kirchen⸗ friedens halber mußte ich ihn annehmen. Brenner blieb in meiner Nähe ſtehen und begleitete mich nach dem Gottes⸗ dienſte nach Hauſe.— Hier fand ich Flora in böſer Laune. 82 Sie hatte„Kopfſchmerzen von dem Kindergeſchrei am ver⸗ gangnen Abend;“ ſie kannte keine abſcheulicheren Tage, als die Sonntage,„an denen man melancholiſch und gottesfürch⸗ tig ſeyn müſſe.“ Den ganzen Sonntag waren wir immer allein, in Folge des Grundſatzes meiner Stiefmutter, an dieſem Tage ihre Dienerſchaft in die Kirche gehen und auch ſonſt ausruhen zu laſſen. Auch waren wir nirgendshin eingeladen. Was ſollte man den ganzen langen Tag treiben? Man mußte ſich zu Tode gähnen. Und Morgen! da geht es offenbar noch ſchlimmer, man wird vor lauter Arbeit ſterben! Es ſoll ein großer Fiſchzug die ganze zahlreiche Verwandtſchaft uns einfangen„anderthalb Dutzend Onkel und Tanten, lauter Schildkröten, und mehr als zwanzig Couſinen, alle vom Geſchlechte der Lachſe.“ Und dieſe Alle hat man von Mittag bis Mitternacht vor ſich, muß artig gegen ſie ſeyn von Mittag bis Mitternacht, muß ſie unterhalten von Mittag bis Mitternacht! Es iſt zum Verzweifeln.— Selma und ich, und am Ende ſelbſt Flora mußten über dieſe verzweifelte Lage lachen und thaten ver⸗ ſchiedene Vorſchläge, derſelben heldenmüthig zu begegnen. Ich ſchlug vor, wir wollen uns angelegen ſeyn laſſen, luſtig zu ſeyn und Alles zu thun, was die Weihnachtsluſt uns eingebe. Selma nahm dieſen Vorſchlag mit Kopfſchütteln auf und ſagte:„Das geht nicht! Einige unſerer gnä⸗ digen Tanten ſind etwas zimpferlich, und mir hat der Herr einen ſolchen Vorrath von Freude verliehen, daß wenn ich dieſen vor denſelben auskramen würde, ſie mich ſicherlich für verrückt halten würden!“ Meine Stiefmutter kam dazu und bat uns, tran- quilles zu ſeyn, Alles würde„gut und leicht gehen;“ ſie ſey„an dergleichen gewöhnt“ und ſo weiter. Wir ſollten nur nicht ungeduldig werden und uns munter halten und ſo weiter.— Selma ſeufzte und begann ein Lied zu ſingen. Abends las ſie mir und ihrer Mutter vor. Flora ging zeitig zu Bette, und dies war eine Erleichterung für uns Alle. 3 ruhen 4 eſſens vierzig und v Verluf Wir h und de nur G und h belebt. nämlic genor der Ge nen, vt iſt nich der am tenden Stahl ſelben gnügen umzug Andere mal R iſt es mit de um dat Fl ſellſcha von det S Herzen bald da die Leu er⸗ als ner an uch hin n? eht eit kel zig ieſe uß ſie um ra er⸗ en, uſt eln ã⸗ der aß ich n- ir ter ein ter ine Am dritten Weihnachtsfeiertage. Der große Fiſchzug iſt glücklich vorüber und wir ruhen vergnügt auf unſern Lorbeeren aus. Das Mittageſſen— nun! während eines Mittag⸗ eſſens kann man immer leben, ſelbſt in Geſellſchaft von vierzig Perſonen. Gutes Eſſen iſt eine gute Geſellſchaft und verſetzt die Menſchen in gute Laune. Ein großer Verluſt war es indeſſen, daß der Hofmarſchall nicht kam. Wir hatten auf ſeine guten„Geſchichtchen“ als das Salz und den Pfeffer des Mahls gerechnet. Aber er findet nur Geſchmack an kleinen und ausgeſuchten Mittageſſen, und hat keine Luſt, ſich aufzuopfern. Nach dem Mittageſſen kommt der Kaffee, der ebenfalls belebt. Aber dann ſtellt ſich eine ſchwere Paſſage ein, nämlich vom Kaffee bis zur Theezeit. Man hat einen ein⸗ genommenen Kopf vom Eſſen, von der Wärme, von der Geſellſchaft von dreißig„eingenommenen“ Perſo⸗ uen, von der Verpflichtung, dieſe zu unterhalten. Alles dies iſt nicht leicht. Ich weiß wohl, daß ſelbſt der Menſch der am verſimpelſten ausſieht, einen lebendigen, leuch⸗ tenden Funken in ſich trägt, und daß man bloß als Stahl an den Feuerſtein zu ſchlagen braucht, um den⸗ ſelben hervorzulocken: ich habe das ſchon oft mit Ver⸗ gnügen bemerkt, und fing deßhalb an, als Stahl her⸗ umzugehen; aber war es nun mein Fehler oder der der Anderen, nirgends wollte es Feuer fangen, ja nicht ein⸗ mal Rauch oder ein geringes Kniſtern zeigte ſich. Wahr iſt es(und ich ſagte mir dies zum Troſte), daß ich mit den meiſten anweſenden Gäſten zu unbekannt war, um das Anſchlagen recht zu verſtehen. Flora gab ſich nicht die mindeſte Mühe mit der Ge⸗ ſellſchaft, ſondern ſaß da mit der gelangweilteſten Miene von der Welt und blätterte in einem Notenbuche. Selma bewegte ſich in der Geſellſchaft mit von Herzen kommender Artigkeit und Freundlichkeit, knüpfte bald da, bald dort eine Unterhaltung an und verſuchte die Leute in's Schwatzen zu bringen; und wohin ſie ſich 84 wandte, verfehlte ihre Anmuth nicht, ein wenig Leben hervorzurufen; aber kaum war ſie fort, ſo war es auch ſchon wieder erloſchen. Mit Einem Worte: es wollte nicht gehen, es wurde vielmehr immer ſtiller, ſchwüler und langweiliger, und ich erinnerte mich an die Beſchreibung einer witzigen Gräfin von einer Soirée unſerer„haute volée“: „Wir waren wie Fiſche in einem engen Netze, die langſam und dumpf ſich um einander herumdrücken, und nur dann und wann die Floßfedern ein wenig bewegen.“ Einen Theil der Herren hatten drei bis vier Spiel⸗ tiſche aufgenommen; aber es waren noch Andere da, die nicht ſpielten, und noch weniger ſptachen, dazu eine Menge herumſitzender Damen, und— dieſe ſollten wir bis Mitternacht unterhalten! Es war etwas über ſechs Uhr Abends. Meine Stiefmutter ſaß im Sopha und verbarg ihr Gähnen unter artigen Mienen; aber ihr Ausſehen wurde immer bekümmerter und ihre Blicke ſuchten Selma und fragten deutlich:„Was fangen wir an?“ Selma kam zu mir und flüſterte:„Es iſt nicht mehr auszuhalten. In der Verzweiflung habe ich der Tante Pen⸗ delfeld Aufruhr gepredigt; aber ſie ſah ſo:„da ſey Gott vor“ aus, daß ich die Flucht ergriff. Aber wir müſſen eine Revolution haben, um lebendig zu werden. Die arme Mam⸗ ma ſieht aus, als wäre ſie ſchon bereit, das Feld zu räu⸗ men!— Haſt Du keine Eingebung, keine lichte Idee?“— „Ja, eine herrliche Idee. Wir wollen ein finniſches Weihnachtsſpiel mit Geſang und Tanz aufführen, deſſen ich mich erinnere. Ich will es proponiren.“ „Ach! das geht nicht.“—„Es muß gehen.“ Und ich erhob meine Stimme und ſchlug der Ge⸗ ſellſchaft vor, an einem Weihnachtsſpiel Theil zu nehmen. An der ſchauerlichen, lautloſen Stille, die meinem Vortrage folgte, konnte ich merken, wie gewagt derſelbe war, und meine Stiefmutter ſah etwas verlegen wegen meiner aus.— Aber ich habe in mir eine finniſche Ader, dieen gonn neuer ſonde ſetzte um i Dam allein Geſa— der kt Tanz rief a kann zu we mein und E ſköld Selm unſer nartſ 2 und i wagte will i ſeyn, ſellige ſchenli fängni Luna jetzt kl antwo ſie ken als ge ſtrahle trat, der kör eben auch urde und zigen „ die und zen.“ piel⸗ „die eine wir keine hnen nmer igten mehr Pen⸗ Gott eine kam⸗ räu⸗ . ſches eſſen Ge⸗ men. inem ſelbe egen lder, die macht, daß ich das, was ich mit Verwegenheit be⸗ gonnen, mit munterer Beharrlichkeit durchſetze. Ich er⸗ neuerte deßhalb meinen Antrag und wandte mich noch be⸗ ſonders an einige Herren und Damen der Geſellſchaft, ſetzte ihnen den Plan des Spiels auseinander und bat um ihren Beitritt. Ich fand auch wirklich unter den Damen namentlich einige bereit, in den Plan einzugehen; allein— es war zu ſchwer!——„das Spiel ſey mit Geſang und Tanz, und ſie könnten nicht ſingen;“ und der königliche Sekretär Kruſenberg, den ich bat,„den Tanz mit mir zu riskiren,“ ſtürzte erſchrocken zurück und rief aus:„Nein! Gott bewahre, meine Gnädige; ich kann unmöglich!“ da begann es dunkel vor meinem Blick zu werden, wie die Sache in Gang kommen könne, als eben mein glücklicher Stern die Thür des Vorzimmers öffnete und Signora Luna, der Freiherr und Lieutenant Sparr⸗ ſköld eintraten.—„Wir ſind gerettet,“ flüſterte ich Selma zu,„wenn wir dieſe bewegen können, ſich für unſer Unternehmen zu intereſſiren.“ „Das wird ſchon gehen,“ ſagte ſie.„Ich ſehe Len⸗ nartſon auf uns zukommen; wir wollen mit ihm ſprechen.“ Wir theilten Lennartſon unſere Verlegenheit mit, und ich bat ihn recht von Herzen, mir bei meiner ge⸗ wagten Unternehmung beizuſtehen. Mein Leben lang will ich ihm für die Bereitwilligkeit und Güte dankbar ſeyn, womit er in die Sache einging. Es gibt im ge⸗ ſelligen Leben Handlungen, die für Seelengüte und Men⸗ ſchenliebe ebenſoviel beweiſen, als ein Beſuch in den Ge⸗ fängniſſen.— Mit dem Freiherrn ging ich auf Signora Luna zu, auch ſie um ihre Theilnahme zu erſuchen. Und jetzt klärte ſich unſer Horizont vollſtändig auf; denn ſie antwortete offen und heiter, daß ſie dieſes Spiel, das ſie kenne und in ihrer Kindheit vft geſpielt habe, mehr als gerne aufführen helfen wolle. ünd als die freude⸗ ſtrahlende Frau Luna mit dem Freiherrn den Tanz an⸗ trat, und ich mit dem jungen Sparrſköld folgte, ſtürzte der königliche Sekretär Kruſenberg auf Selma zu, und 86 bat, mit ihr tanzen zu dürfen. So entſtand ein Leben, eine Bewegung und ein Gedränge in der Geſellſchaft, und der Zug, der in das große Zimmer auswanderte, wurde größer und größer. Meine Stiefmutter engagirte das kleine Fräulein N., das keinen Tänzer hatte; an⸗ dere Damen folgten dieſem Beiſpiel, Greiſe und Ma⸗ tronen zogen nach und bald waren alle Gäſte draußen, das heitere Spiel war im Gange und Scherz und Lachen folgte. Meine Stiefmutter ſah wieder ganz glücklich aus. Ueberraſcht war ich, als ich unter den Tanzenden St. Orme(den ich nicht hatte eintreten ſehen) mit Flora entdeckte; die nicht mehr die Gelangweilte, Verdrießliche von vorhin war, ſondern unter dem Lichte, das die Blicke der neuangekommenen Herren auf ſie ausſtrahlten, immer fröhlicher und ſchöner wurde. Das Spiel war eigentlich kein Pfänderſpiel, aber auf Anſtiften der Gräfin G., die meinte, die Auslöſung der Pfänder könne beluſtigend werden, machte der Frei⸗ herr es dazu. Als daher das Tanzſpiel eine Weile ge⸗ dauert hatte, und es ausſah, als ob man genug daran habe, auch viele Pfänder eingeſammelt waren, ſetzte ſich „unſere Frau mit den klaren Augen“ ſeierlich in die Mitte des Kreiſes und ſprach: „Ich glühe und ich brenne! Wer iſt es, der ſein Pfand erkenne?“ Einer der Erſten, die ihr Pfand auszulöſen hatten, war der königliche Sekretär Kruſenberg. Es wurde ihm aufgegeben, der Geſellſchaft etwas zu deklamiren, und da ſein Talent in dieſer Kunſt bekannt war, ſo entſtand allgemeine Aufmerkſamkeit, welche durch die wichtige Miene, mit der der junge Deklamator ſich in Poſitur ſetzte, noch geſteigert wurde. Während des Spiels ſchon hatte er oft gezeigt, daß er Effekt zu machen ſuche, und jetzt hatte er es deutlich darauf angelegt, uns„zu frappiren.“ Er that dies auch wirklich, aber nicht auf angenehme Weiſe, indem er mit großem Pathos zu deklamiren anfing; zu thãät ſpre ſtrer woh aber Auft ſchaf nart ſeine ſchiet und ihre Herrt Spiel keit a und ſ aufget und 2 man es iſt man ſo ſie Ja, daß m ben, haft, erte, girte an⸗ Ma⸗ ißen, ichen aus. nden Flora liche die ten, aber ſung Frei⸗ ge⸗ aran e ſich die tten, ihm und ſtand iene, noch te er jetzt ren.“ ehme fing; 87 „Vater unſer, und ſo weiter.“ Mit edelm Unwillen ging Selma auf den Spötter zu und ſagte ihm:„Herr Sekretär Kruſenberg, Sie thäten beſſer daran, die heiligen Worte gar nie auszu⸗ ſprechen, als ſie auf ſolche Weiſe herzuſagen.“ Der Deklamator verſtummte betroffen. „Der Tauſend! wie iſt Fräulein Selma heute ſo ſtrenge!“ fuhr er dann erröthend fort;„da muß ich wohl etwas Anderes verſuchen.“ Und nun deklamirte er einige franzöſiſche Verſe; aber er war ſichtbar verſtimmt durch den vorhergehenden Auftritt und den Eindruck, den dieſer bei der Geſell⸗ ſchaft hervorgebracht hatte. Eilig ſchaute ich nach Len⸗ nartſon, den ich außerhalb des Kreiſes ſah, und las in ſeinen Augen, die Selma folgten, den Ausdruck ent⸗ ſchiedener Billigung und Freude. Mit hochgerötheten Augen ſetzte ſich Selma zu mir und ſchwieg eine Weile ſtille. Dann fragte ſie mich: „That ich Unrecht, Sophie?“. „Du thateſt ſehr recht!“ erwiederte ich, indem ich ihre Hand drückte. „Aber ich war gewiß zu heftig, zu ſtrenge?“ „Nein, aber wenn Du das meinſt, ſo ſage dem Herrn einige erklärende Worte.“ „Daran habe ich auch ſchon gedacht,“ ſagte Selma. Nun kam ein alter Herr, der ſich während des Spiels durch ſeine muntere Theilnahme und Lebendig⸗ keit ausgezeichnet hatte, feuchend auf uns zu, ſetzte ſich und ſprach:„Es iſt ganz angenehm, daß man etwas aufgeregt worden iſt. Wenn man alt und ſchwerfällig und Alles ſo ſtille und ruhig um Einen iſt, ſo ſieht man ſich ſo abgeſtumpft, ſo todt, daß man denken muß: es iſt vorbei mit dir, du Armer, rein vorbei. Wird man aber durch irgend Etwas aufgerüttelt, oder belebt, ſo ſieht man, daß es doch noch nicht ſo ganz vorbei iſt. Ja, da erwacht und lebt ſo Vieles in uns wieder auf, daß man ganz erſtaunt iſt und ſich wundert, daß man 88 noch jo jung, ſo voll Leben iſt!“— Schlau bemerkte ich dazu, ein ſolches Wiederaufleben ſey ein Beweis dafür, daß der Geiſt im Grunde doch noch ſein gan⸗ zes Leben behalten habe, wenn er auch in der Abend⸗ dämmerung, die wir„Alter“ zu nennen belieben, zu ſchlummern ſcheine. Der Greis lächelte und ſagte: „Wie hübſch ſie iſt! Es kann einem alten Herzen ſo recht wohlthun, ſie anzuſehen und mit ihr zu reden.“ Da ich dieſe Worte nicht wohl für eine paſſende Ant⸗ wort auf meine Bemerkung halten konnte, ſo ſah ich den alten Herrn erſtaunt an und gewahrte, daß ſeine Augen mit lebhaftem Glanze auf Selma hafteten, die, um ihr Pfand auszulöſen, verurtheilt war, als Bildſäule dazuſtehen und auf höchſt anmuthige Weiſe dieſe Auf⸗ gabe beſtund. Während ich ſie mit meinem Nachbar ſchweigend betrachtete, hörte ich St. Orme's Stimme, der ſich auf ſeine gewöhnliche ſchleichende Weiſe neben mich geſetzt hatte und nun mit ungewöhnlich wehmüthi⸗ gem Ausdrucke ſagte:„Sie erinnern ſich meiner ſeligen Frau— Virginia?“„Ja,“ erwiderte ich,—„ſie war eine der ſchönſten Frauen, die ich je geſehen habe.“ „Meinen Sie nicht auch,“ fuhr er fort,„daß Selma Aehnlichkeit mit ihr hat,— weniger in den Geſichts⸗ zügen, als im Ausdruck, in ihrem ganzen Weſen z. B. in dem Stolzen und doch zugleich Anmuthigen, in der Vereinigung des Prinzeſſin-artigen mit dem Sylphiden⸗ haften, in dem eigentlich Jungfräulichen?! Und ihre Stimme! Sie ruft mir oft die zurück, die— für immer verſtummt iſt.“ Welche Worte von St. Orme! Ich ſah ihn überraſcht an; aber er ſchien mich und Alles um ſich her vergeſſen zu haben: er war in ſchmerzlichen Erinnerungen verſunken.— Warum habe ich mich gleich Anfangs ſo entſchieden gegen St. Orme einnehmen laſſen? Warum habe ich nicht daran gedacht, das Gute an ihm herauszuſuchen? In dieſer Minute ſchien mir ſein ganzes Weſen verklärt.— Wären die Menſchen ſtets, was ſie in ihren beſten Stunden ſind, wir hätten hier auf( ders Aben ſam Einie mir ſöhnt meine den hatte offen was Fehle Fehle Aber ſchen Pred vorzu wiede Tage darf, mein mein mach des, nen nen älter guirt mehr Sti Fri erkte veis zan⸗ end⸗ zu gte: n ſo en. Ant⸗ ich ſeine die, ſäule Auf⸗ hbar nme, eben üthi⸗ ligen eine elma chts⸗ der iden⸗ ihre mmer ſah s um lichen gleich hmen Gute mir ſtets, hier 89 auf Erden ſchon den Himmel. Aber— Die Auslöſung der Pfänder mit Geſang und Tanz dauerte bis zum Abendeſſen.— Nach dieſem ſah ich, wie Selma lang⸗ ſam auf das Fenſter zuſchritt, wo Kruſenberg ſtand. Einige Augenblicke nachher kam ſie zu mir und ſagte mir fröhlich:„Nun habe ich mich mit Kruſenberg ver⸗ ſöhnt!“„Und was ſagteſt Du ihm?“„Ich bat ihn, mir meine Heftigfeit zu verzeihen; ſtellte ihm aber zugleich den peinlichen Eindruck vor, den er auf mich gemacht hatte und— mit einem Worte, ich war freundlich und offen gegen ihn.“„Und was ſagte er?“„Er, nun— was meinſt Du? Er dankte mir und erkannte ſeinen Fehler, ſeinen Leichtſinn; ja er machte ſich ſo voller Fehler, daß mir ganz Angſt wurde, ihn anzuhören.— Aber Sophie! Wie viel Gutes iſt doch an den Men⸗ ſchen?“„Freilich, ja! das iſt ja eben meine beſtändige Predigt. Aber man muß auch darauf denken, es her⸗ vorzurufen. Wie man in den Wald ruft, ſo hallt es wieder.“ Dieß ſind unſere„faits et gestes“ von dieſem Tage, deſſen Memorandum ich jedoch nicht ſchließen darf, ohne der„mention honorable“ zu gedenken, die meine Stiefmutter mir am Schluſſe dieſes Tages für mein Wohlverhalten, mein Ausſehen und meine Toilette machte. Der letzte Theil derſelben verlor ſich in folgen⸗ des„Clair-obscur:?“„und in dem Anzuge— mit Dei⸗ nen ſchönen, weißen Armen— und den Perlen im brau⸗ nen Haare, und mit allen dieſen—— Du ſahſt nicht älter, als zwanzig Jahre aus—— und ſo„diſtin⸗ guirt!“— Und ich verſichere Dich, daß mehr als ein ——— Hm, Hm!“ Ich:(verſchämt, aber neugierig, mehr zu hören):„Ach, meine liebe Mutter!“ Meine Stiefmutter:„Hm, Hm! ich ſage Nichts, ſo lange —— Hm, Hm!“ . Friederike Bremer, Tagebuch. 7 9⁰ Den 25. Dez. Bruchſtück eines Geſprächs. „Aber ſage mir, Selma, wie ſoll ich mir Flora's Benehmen gegen Lennartſon und St. Orme erklären? Sie liebt den Erſtern und iſt mit ihm verlobt, und doch übt der Letztere eine unbegreifliche Gewalt über ſie aus Und ſie— wie ungleich und ſeltſam beträgt ſie ſich gegen ihn! Manchmal erſcheint ſie gefallſüchtig, manch⸗ mal ängſtlich, ja manchmal ſogar feindſelig, dann wieder ganz nachgebend, demüthig, und ein ander mal wieder ſo ſtolz gegen ihn— was mag wohl der Grund von All dem ſeyn?!“— Selma mit einer gewiſſen Aengſt⸗ lichkeit:„Ach, frage mich nicht! Ich weiß nicht, ich ver⸗ ſtehe nicht, wie das zuſammenhängt; nur ſoviel weiß ich, daß Flora ſeit St. Orme's Ankunft ganz verändert iſt. Sie iſt immer launig geweſen, und ihre lebhafte Phantaſie hat ſie immer verleitet, von einem Gegenſtand auf den andern überzugehen, aber dabei war ſie immer ſo reizend, ſo heiter, ſo liebenswürdig!“ Ich:„Wie lange iſt Lennartſon mit Flora verlobt?“„Etwas über ein Jahr. Es war am Sterbebette ihrer Mutter.— Aber ich weiß nicht, warum ihre Verlobung nachher nicht bekannt gemacht wurde. Den alten General Len⸗ nartſon traf um dieſe Zeit ein Schlaganfall, und ſein Sohn reiste mit ihm zur Wiederherſtellung ſeiner Ge⸗ ſundheit in's Ausland. Als Lennartſon vor einigen Mo⸗ naten— allein zurückkehrte,— war St. Orme ſchon hier und— Flora verändert. Aber ſie ſelbſt will davon nicht ſprechen, und auch nicht ſprechen hören. Und ge⸗ wiß wird das jetzt ſtattfindende Verhältniß ſich bald wieder ändern: es iſt ſo unnatürlich. Ich hoffe auf die Sonne des neuen Jahrs und ihre Kraft.— Siehſt Du, wie„Mathilde“ zwiſchen„König Hiskias“ und„Lord Wellington“ ſich ſchon röthet! Und da fängt„König Ahasverus“ an, ſeine hellblauen Augen zu öffnen. Ach! es muß ganz ſchoͤn werden, alle in voller Bluthe zu ſehen ſtand heller laſſen durch Auge Händ heiter halte kleide Armt eitel, Flore auch Mut halte auch Roll ich k wird erzäl Saa der Thei dara komr wie f ra's en doch us! ſich nch⸗ eder eder von ngſt⸗ ver⸗ weiß ndert hafte tand mer Wie über chher Len⸗ ſein Ge⸗ Mo⸗ ſchon avon d ge⸗ bald f die Du⸗ „Lord könig Ach! he zu 9¹ ſehen!“— So ſuchte mein Schweſterchen einem Gegen⸗ ſtande auszuweichen, der ihr peinlich war, und über hellen Bildern die dunkeln zu vergeſſen. Aber die dunkeln laſſen ſich nicht ſo überſehen, ſie müſſen wo möglich durchdrungen, ganz beleuchtet werden. Ich werde meine Augen nun offen halten!— Den 1. Januar. Ein Bougquet friſcher Blumen und ein herzlicher Händedruck von dem Vikinger— iſt Alles, was ich an heitern Eindrücken von den Vormittags⸗Beſuchen be⸗ halten habe. Am Abende. Fertig angekleidet zur Börſe, im ſchwarzen Spitzen⸗ kleide: weiße Perlen im Haare, um den Hals und die Arme.— Stille, Selma! Du Liebe! Mache mich nicht eitel, mache Deine ältere Schweſter nicht ſchamroth! Flora fährt mit der„Schönheit“ auf die Börſe und macht auch ihre Toilette bei ihr. Mir iſt gar nicht wohl zu Muthe und ich glaube nicht, daß ich mich gut unter⸗ halten werde. Aber eine ruhige Beobachterin darf auch da nicht verdrießlich ſeyn, wo ſie ſelbſt keine Rolle zu ſpielen hat. Seit länger als zehn Jahren ſah ich keine Neujahrs⸗Aſſemblée in Stockholm mehr. Wie wird ſie jetzt ausſehen?„Allons et voyons!“ Den 2. Januar. Ich will Einiges von der Aſſemblée auf der Börſe erzählen.— Als wir in den großen, prächtig erleuchteten Saal eintraten(wir kamen etwas ſpät), war bereits der ganze obere, d. h. der der Ariſtokratie überlaſſene Theil beſetzt. Gleichwohl ſteuerte meine Stiefmutter darauf hin und ſagte aufmunternd zu uns:„Wir be⸗ kommen gewiß noch Platz!“— Aber die Gnädigen ſaßen wie feſtgemauert auf ihren Sitzen und auf Selmas eifrige, 7 9² der Mamma zugeflüſterte Bitte, jene Damen nicht zu beunruhigen, ſtand ſie endlich davon ab. Wir beſchrieben alſo mit vieler Würde einen Halbkreis, indem wir unter höflichen Grüßen den unters Regionen des Saals zu⸗ zogen, wo wir auch in der Nähe der Thüre Platz nahmen.— Jetzt trat die glänzende Gruppe der gräf⸗ lich Gyllenlöf'ſchen Familie ein und als ſie am Ein⸗ gange einen Augenblick ſtille ſtand, um ſich im Saale zu orientiren, ſtand meine Stiefmutter auf, um mit der Gräfin zu ſprechen. Dieſe aber wandte ſich höflich, doch kalt grüßend ab und ſchwebte mit ihrem glänzenden Gefolge vorüber, als hätte ſie uns gar nicht bemerkt. Meine Stiefmutter nahm ſichtbar verwundet und verſtört wieder ihren Platz ein. Selma ſchien es ihrer Mutter wegen ebenfalls zu ſeyn, und ſagte verdrießlich:„Wie dumm!“— Plötzlich bewegte eine kometenartige Erſchei⸗ nung den ganzen Saal. Flora trat begleitet von ihrer Schweſter und einem Gefolge von Herren in den Saal: Beide waren blendend ſchön und mit höchſter Eleganz gekleidet. Flora nickte uns freundlich zu und folgte dann ihrer Schweſter in den obern Theil des Saals, wo ſie in der Nähe der Gyllenlöf ſich ſetzten, die ihrerſeits neben der für den Hof bereit gehaltenen Eſtrade Platz bekommen hatten. Selma blickte zu Flora hinauf und unwillkührlich traten ihv Thränen in die Augen; wir ſaßen ziemlich verlaſſen unter lauter unbekannten Per⸗ ſonen. Meine Stiefmutter ſah ſehr verdrießlich aus, und auch ich war der Meinigen wegen ganz betrübt. Da nahm mein Schweſterchen ihren Muth zuſammen, und ſtellte mir in ihrer bekannten, lebhaften Manier die Eintretenden und die bereits Anweſenden vor: dieß ließ meine Stiefmutter ihren Kummer vergeſſen und über⸗ dieß forderte ich ſie noch auf, mir ihre große Welt⸗ und. Menſchenkenntniß ebenfalls zu zeigen. Zufällig kamen wir dabei mit einem jungen, ſehr hübſchen Mädchen in's Geſpräch, das ſehr begierig die große Welt kennen lernen zu wollen ſchien, die ſie zum ———————— Erſte durc ſie il wahr inder dies Dock Aber ſtens ihr hätt ihret zeſſir Fure Frer der die beid eine freu der Sel von und rend zen K ſo an. ſtar am mer der pri den Me aale t der flich, nden nerkt. rſtört utter „Wie ſchei⸗ ihrer Saal: ganz dann o ſie rſeits Platz f und wir Per⸗ aus, trübt. nmen, er die ß ließ über⸗ ⸗ und. „ſehr ig die e zum 93 Erſtenmal um ſich ſah. Das Mädchen ergötzte uns durch die Munterkeit und naive Offenheit, mit welcher ſie ihre große Beſorgniß an den Tag legte, dieſen Abend wahrſcheinlich keinen einzigen Tanz tanzen zu können, indem ſie faſt gar keine Bekannte hier habe, und über⸗ dies ſo ſchüchtern und fremd in dieſer großen Welt ſey. Doch würde ſie ſich darüber tröſten können, den ganzen Abend dazuſitzen, ohne zu tanzen, wenn ſie nur wenig⸗ ſtens die königliche Familie ſehen würde; aber man habe ihr ſchon geſagt, daß auch dieſe nicht komme. Und ſie hätte doch ihren kleinen Schweſtern verſprochen, ſie bei ihrer Zuhauſekunft zu wecken und ihnen von den Prin⸗ zeſſinnen und den kleinen Prinzen zu erzählen. Ihre Furcht verwandelte ſich jedoch bald in die ausgelaſſenſte Freude, als die königlichen Kammerherren erſchienen und der ganze Saal ſich erhob, die Königin zu begrüßen, die mit dem Kronprinzen, der Kronprinzeſſin und den beiden älteſten Prinzen Carl und Guſtav in Begleitung eines glänzenden Gefolges in den Saal trat und unter freundlichen Grüßen denſelben durchſchritt, um Platz auf der Eſtrade zu nehmen. Und nun freuten wir uns, Selma und ich, daß wir an der Thüre ſaßen, indem wir von da aus die königliche Familie ſo gut ſehen konnten. Selma's neue junge Freundin war ganz entzückt und ſchenkte ihr Herz ſogleich dem Prinzen Guſtav, wäh⸗ rend Selma im Scherze zu ihr ſagte, ſie habe den Prin⸗ zen Carl zum Günſtling ihres Herzens auserleſen. Kaum hatte die königliche Familie Platz genommen, ſo fingen Gyllenlöf's mit dem Gefolge eine Unterhaltung an. Der junge Silfverling machte den Hoffräulein ſtark die Cour.— Langſam begann nun die Anglaiſe am oberen Ende des Saales ſich zu bilden. Die Kam⸗ merherren hatten die Engagements zum Tanz im Namen der hohen Gäſte gemacht, und bald ſah man die Kron⸗ prinzeſſin majeſtätiſch und ſtrahlend die Anglaiſe mit dem Bäckermeiſter N. beginnen, einem kleinen kugelrunden Manne, deſſen gemüthliches, artiges Weſen jedoch zeigte, 94 vaß wahre humaniſtiſche Bildung leicht ſelbſt die Scheide⸗ wand zwiſchen den höchſten und niederſten Ständen aufhebt. Der Kronprinz tanzte mit einer jungen Frau aus dem Bürgerſtande und Prinz Carl mit— unſrer jungen neuen Freundin, die ſo ſehr gefürchtet hatte, dieſen Abend nicht tanzen zu können und nun an der Hand des jungen arti⸗ gen Prinzen von Jugendreiz und unſchuldiger ſchöner Freude ſtrahlte. Sie wurde als die älteſte Tochter des Großhänd⸗ lers N. bezeichnet und ſchien in dieſem Augenblicke zu denken:„Was werden meine Schweſtern dazu ſagen!“ Lennartſon tanzte mit Flora, Selma mit Felir Del⸗ phin und als ich nun meine Stiefmutter zufriedener und mit einer Nachbarin im Geſpräch begriffen ſah, ließ ich Augen und Ohren freieren Spielraum, zu ſehen und zu hören, was ſich eben darbieten würde. Der Ball war ſchön und die Welt ſich ſeit den zwölf Jahren, wo ich ſie nicht mehr geſehen, ſo ziemlich gleich geblieben; auch mit den alten Bekannten war es ſo. Leich⸗ ten Schrittes war die Zeit über die meiſten Geſichter ge⸗ gangen und hatte nur da und dort einige Furchen gezogen. Nur in zwei bekannten Geſichtern las ich eine bedeutendere Geſchichte, eine tiefere Entwicklung: in dem einen zum Guten, in dem andern zum Böſen. Im Uebrigen hemerkte ich viele hübſche Geſtalten unter der Jugend beiderlei Geſchlechts, und man will behaupten, daß Häßlichkeit und Dummheit immer mehr aus der Welt verſchwinden. Glückliche Reiſe! Rechts von mir waren die jungen Herren Brawander in einem Geſpräche begriffen und ich hörte den einen ſagen: „Nein! lieber ſollen mich zweitauſend Teufel haben und einſalzen!“— Der Andere antwortete: 5 „Ja, der Teufel ſoll mich holen! Der Teufel in der Hölle ſoll mich reiten!“— Der Erſtere ſprach weiter: „Nein, und wenn zehntauſend Donnerwetter über mich kommen!“— Und der Andere: „Ja, der Teufel ſoll mich regieren!“ Ein alter, nettgekleideter Herr trat zu den Beiden und wünſchte ihnen ſarcaſtiſch:„gute Unterhaltung.“ —,. heide⸗ fhebt. dem neuen nicht arti⸗ reude händ⸗ Del⸗ rund ß ich nd zu zwölf gleich Leich⸗ er ge⸗ zogen. endere zum kte ich lechts, mheit Reiſe! der in agen: haben in der er: mich nund 95 Zu meiner Linken redeten Hilda und Thilda Engel über die genannten Herren. Hilda ſagte: „Ach, er iſt zu hübſch, dieſer Arel Brawander mit ſei⸗ nen ſchönen Augen und ſeinem gewichsten Schnurrbarte. Ach Gott, er iſt ſo hübſch!“ Thilda:„Und nach meinem Geſchmacke ſteht ihm ſein Bruder nicht nach! Und wie er walzt! Wahrhaftig göttlich! Er hat mich für den zweiten Walzer aufgefor⸗ dert! Ah, er iſt ein zu hübſcher Mann!“ Hilda und Thilda zuſammen:„Ach! ſie ſind zu hübſch! zu hübſch!“— Oh⸗ dachte ich, die Häßlichkeit und die Dummheit ſind doch noch ziemlich beträchtlich in der Welt! In dieſen Betrachtungen wurde ich durch eine hübſche Frau von mittlerem Alter unterbrochen, die mich lebhaft und freundlich grüßte, mich bei der Hand faßte und ſagte: „Ach, meine beſte Mad— Fräul— Frau— verzeihen Sie, ich habe den Titel vergeſſen, ich wünſche Ihnen viel Glück zum neuen Jahr! Es freut mich ſehr, die Mad— Fräul— hier wiederzuſehen. Und wie befinden ſich die Frau Landeshauptmännin— ich meine die Frau Stiefmutter des Fräul— der gnädigen Frau?“ Ich erkannte die Frau, die mich ſo anredete; aber ich fonnte mich im Augenblick weder ihres Namens, noch ih⸗ res Rangs erinnern und war daher in Verlegenheit, wie ich ſie anreden ſollte, da ſie ſo gewiß that, mich wieder zu erkennen. Während ich mich im Stillen über die Unbe⸗ holfenheit unſerer ſocialen Gebräuche ärgerte, kam mir eine, wie ich meinte, glänzende Idee, nämlich, meine unbekannte Bekannte mit„Ihre Gnaden“ anzureden. Sie ſah bei dieſer Anrede etwas erſtaunt aus und unſere Unterhaltung war ziemlich einſylbig, bis Signera Luna(deren Dienſt bei der Königin zu Ende war) zu uns kam, mit die Hand herzlich drückte und meine Unbekannte mit den Worten an⸗ redete:„Ah, guten Abend, Frau Probſtin! Proſit's Neu⸗ jahr! Wie kefinden ſich der Herr Probſt?“ „Ich danke, meine anädige Freif— oder Gräfin, für die gülige Nachfrage. Ich bitte, die gnädige Freif— oder 96 Gräfin wollte ich ſagen— wolle mir verzeihen, daß ich mich nicht an Titel und Namen erinnere! Darf ich nicht Frau Gräfin ſagen?“ „Wir können ja ganz einfach„Sie“ zu einander ſa⸗ gen,“ ſagte Signora Luna lächelnd.„Wir vermeiden dabei alle Umſtändlichkeiten und— wiſſen Sie, wie Kellgren ſagt:„Je ſimpler, um ſo einfacher.“ 2 „Ja, wie das angeht!“ ſagte die Probſtin ganz ver⸗ klärt.„Das wäre ein wahres Glück, beſonders für mich, die ich ein ſo ſchlechtes Gedächtniß habe und ſo ſehr fürchte, unhöflich zu ſeyn. Aber geht es auch an?“ „Ich ſehe nicht ein, was uns hindern ſollte,“ erwie⸗ derte lachend die Gräfin,„wenn wir nur mit Probſtinnen, Freifrauen, Gräfinnen und Frauen aus allen Ständen uns vornehmen, es durchzuführen. Sie wiſſen ja, daß„was die Frauen wollen, Gott will! Iſt es nicht ſo, beſter Herr Ceremonienmeiſter,“ fuhr ſie gegen den bereits erwähn⸗ ten, zierlichen alten Herrn gewendet, fort,„meinen Sie nicht auch, daß wir Alle ein weit angenehmeres Leben hier in Schweden hätten, wenn wir, wie andere gebildete Völker, ſtatt aller Titulaturen das Wörtchen„Sie“ als Anrede benützen würden? Mich ſchreckt es ordentlich ab, mit dem Herrn Ober⸗Ceremonienmeiſter zu ſprechen, wenn ich be⸗ denke, daß ich den Herrn Ober⸗Ceremonienmeiſter mit dem Titel eines Ober⸗Ceremonienmeiſters anreden muß und alle die Hinderniſſe, die der Titel Ober⸗Ceremonienmeiſter mei⸗ ner Zunge und meinen Gedanken in den Mund legt, jeden Augenblick wiederkehren. Und nun gelobe ich, nie wieder mit dem Herrn Ober⸗Ceremonienmeiſter zu reden, wenn der Herr Ober⸗Ceremonienmeiſter mir nicht die Erlaubniß gibt, den Herrn Ober⸗Ceremonienmeiſter einfach mit„Sie“ an⸗ reden zu dürfen und dieſelbe Anrede nicht gegen mich gebraucht.“ „Sie haben vollkommen Recht, meine Gnädige,“ erwie⸗ derte lächelnd der artige Herr,„und können Sie den Gebrauch des einfachen„Sie“ allgemein unter den Menſchen machen, ſo erwerben Sie ſich ein Verdienſt um ganz Schweden. Ich kann nicht begreifen, warum man bei Hofe und in geſell demie anred iſt un der 5 unſer denn „Sie wird men. kannt Frau würd könne nun Anret es gi gene Schn der i anger wöhn mehr als 1 eilf 1 zur 1 matiſ worte große glänz milie bekan prach Juwe tiefe ich icht ſa⸗ abei ren ver⸗ ich, hte, vie⸗ en, uns vas ſter hn⸗ icht in ker, ede em be⸗ em alle nei⸗ den der der ibt, an⸗ t.“ ie⸗ uch en, en. in 97 geſelligen Kreiſen weniger ſchwediſch, als in unſerer Aka⸗ demie ſeyn will, wo man einander ganz einfach mit„Sie“ anredet, mit einem Worte, das von eben ſo gutem Ton iſt und einen eben ſo guten Klang hat, als das„vous“ der Franzoſen, das„you“ der Engländer und das„Du“ unſerer nordiſchen Nachbarn.“ „Das iſt köſtlich!“ rief Signora Luna.„Wir ſchließen denn am heutigen Neujahrstage ein Bündniß, das Wort „Sie“ in unſere Umgangsſprache aufzunehmen, und es wird eine neue und beſſere Zeit für unſere Sprache kom⸗ men. Laſſen Sie ſich dieſe beiden Damen, ſehr gute Be⸗ kannte von mir, vorſtellen. Ich ſage Ihnen nicht, ob ſie Frauen oder Fraͤnlein, ſondern nur, daß es ſehr liebens⸗ würdige D Damen ſind, daß Sie dieſelben mit„Sie“ anreden können und daß dieſe Sie ebenſo benennen werden, und nun— überlaſſe ich Ihnen die nähere Bekanntſchaft durch Anrede und Antwort.“— Und wir unterhielten uns und es ging ganz leicht und gut. Das Leichte und Ungezwun⸗ gene in den neuen Anreden gab unſerer Unterhaltung Schwingen: ich fand, in dem Ober⸗ Ceremonienmeiſter einen der intereſſanteſten Greiſe und in der Probſtin eine der angenehmſten, belebteſten Probſtinnen der Welt. Indeſſen hatte der Tanz fortgedauert, aber wie ge⸗ wöhnlich, bei dieſer Neujahrs⸗Aſſemblée, wo man ſich mehr verſammelt, um zu ſehen und gefehen zu werden, als um zu tanzen, ohne beſondere Leb haftigkeit. Schlag eilf Uhr zog ſich die königliche Familie in das Zimmer zur rechten Hand zurück, um die Glückwünſche des diplo— matiſchen Corps in Empfang zu nehmen und zu beant⸗ worten. Als ſie in den Saal Jurückkehrten, begann die große Runde um denſelben. Der Zug war ſchön und glänzend, doch konnte ich nicht umhin, die königliche Fa⸗ milie zu beflagen, die mit vielen hundert, ihr ganz un⸗ bekannten Menſchen ſprechen und ſie anhören muß. Der vrachtvolle Anzug der Königin— ſie war faſt ganz mit bedeckt— und ihr artiges Benehmen veranlaßten tiefe Verbeugungen und unzählige Komplimente; auch zu 98 den hohen Geſtalten der Kronprinzeſſin und ihres Gemahls ſieht man gerne empor und Niemand betrachtet ohne Freude und Hoffnung die beiden jungen ſchlanken Prinzen: der Eine iſt gebräunt und hat ein männliches Ausſehen, der Andere iſt blond und weich; Beide aber tragen den Stem⸗ pel unverdorbener Jugend auf dem friſchen Antlitze. Meine Blicke hefteten ſich vorzugsweiſe auf die Kron⸗ prinzeſſin. Ich erinnerte mich noch lebhaft, wie ich vor zwanzig Jahren ſie als Braut in Stockholm ihren Einzug halten ſah, wie ſie da ſaß in dem vergoldeten Wagen mit durchſichtigen Glasfenſtern, eine feine Geſtalt in Silberflor gefleidet, eine Juwelenkrone auf dem Haupte, die Wangen geröthet, und mit den himmelblauen ſtrah⸗ lenden Augen das Volk grüßend, das ſich in Straßen und Häuſern drängte, ihren Wagen umringte und in unaufhörlichen Hurra's die junge ſchöne Hoffnung des Landes begrüßte. Sie war die Sonne aller Blicke und die Sonne des Himmels leuchtete prächtig auf ſie. Gewiß vochte das Herz der jungen Fürſtin bei dieſer allgemeinen Huldigung der Liebe, bei dieſem Triumphzuge in das Herz des Landes und des Volkes in gewaltigen Schlägen: ſolcher Glanzmomente hat das Leben nicht viele. Signora Luna hat mir erzählt, daß die fürſtliche Braut, als ſie nach Beendigung des Feſtzugs in's fönig⸗ liche Schloß kam und der Wagen durch das hohe düſtre Gewölbe des Thores raſſelnd fuhr, plötzlich ihr Haupt ſenkte— als ſie ſich wieder aufrichtete, ſtanden ihr Thrä⸗ nen in den Augen— mit ſtiller Andacht war ſie in ihre künftige Wohnung eingezogen. An dieſes Alles dachte ich, als der königliche Zug allmälig näher kam. Ich dachte, wie die Hoffnungen, welche die junge Prinzeſſin damals empfingen, in Erfüllung gegangen, wie ihr Leben ſeitdem verfloſſen war, wie ſie durch ſtille Größe ſich auszeichnete, als Gattin und Mut⸗ ter, als Beſchützerin guter Sitten, als Helferin der Ar⸗ men und Nothleidenden; wie ſie nun daſtand, eine Zierde der Religion, des Landes, das ſie gebar, des Landes, das ſie gro ihr mu rer dur Mu heit Au keit und ſie ſchi zwu ſpra Jug ſich ang Sto weil eilte ihne nebe in d verſt nahr rückt Stie ſamk ferli ſie 1 blée glüc wori mahls reude der kron⸗ vor inzug zagen lt in upte, trah⸗ raßen nicht tliche önig⸗ üſtre aupt ihre Zug gen, llung e ſie Mut⸗ Ar⸗ ierde des, 99 das jetzt ſie die ſeinige nennt: und ich liebte und ehrte ſie in der Tiefe meines Herzens. Ich meinte, in ihren großen ausdrucksvollen Augen zu leſen, wie verdrießlich ihr die leeren Worte ſeyen, die ſie geben und empfangen mußte, und es ſchien mir albern, daß ſie blos wegen lee⸗ rer Höflichkeit kein herzliches Wort dieſen Abend hören durfte: darum emanzipirte ich mein Herz und ließ meinen Mund verwegen ſie mit einem:„Gott ſegne Ihre Ho⸗ heit!“ grüßen. Etwas erſtaunt blickten mich die großen Augen an, ein Ausdruck, der jedoch bald in Freundlich⸗ feit ſich auflöste, indem ſie dankbar grüßend vorüberging und bei Selma ſtehen blieb, die ſie kannte und mit der ſie ganz leicht ſich eine gute Weile unterhielt, wie es ſchien, freudig angeregt von der anmuthigen und unge⸗ zwungenen Weiſe meines Schweſterchens. Die Königin ſprach mit meiner Stiefmutter Franzöſiſch, wie wenn ſie Iugendfreundinnen wären, und der Kronprinz unterhielt ſich mit Lennartſon, der ſich ſchon eine gute Weile uns angeſchloſſen hatte. Alles dieſes brachte eine ziemliche Stockung in dem königlichen Zuge hervor, und ſein Ver⸗ weilen zog alle Blicke auf uns. Kaum hatte die königliche Familie ſich entfernt, ſo eilten Gyllenlöf's auf uns zu und luden uns ein,„endlich ihnen Geſellſchaft zu leiſten.“ Sie wollten ſchon Platz neben der Eſtrade machen; wir mußten ihnen jedenfalls in den obern Saal folgen.— Meine Stiefmutter iſt verſöhnlicher Natur und ließ ſich gerne überreden; wir nahmen alſo die Einladung an und gingen; Silferlings rückten zuſammen und wir hatten Platz genug. Meine Stiefmutter mußte eine Menge Artigkeiten und Aufmerk⸗ ſamkeiten beantworten, Selma ſchlug dem jungen Sil— ferlings drei Aufforderungen ab und ich wußte nun, was ſie unter„ſpasmodiſchen Bekannten“ verſtand. Kurze Zeit nachdem die königliche Familie die Aſſem⸗ blée verlaſſen hatte, zogen auch wir uns zurück, der un⸗ glückliche Philoſoph hatte Flora's Ueberſchuhe vergeſſen, worüber dieſe höchſt erzürnt und unglücklich war. Selma 100 bat ſie inſtändig, die ihrigen anzunehmen und nach eini⸗ gem Widerſtande that dies Flora auch. Lennartſon ſchien vrieß hierüber verwundert und mißvergnügt, und meine Stief⸗ fagte mutter ward unruhig. Alle meine Bitten an Selma, die meinigen anzunehmen, waren fruchtlos.— Auf der wibe Treppe wurden wir ziemlich lange von dem Volksgedränge ſelten aufgehalten, und Lennartſon legte, damit Selma auf dem müſſe kalten Steine ſich nicht erkälte, ſeinen Mantel ihr zu zu he Füßen und nöthigte ſie, darauf zu ſtehen, eine Vorſorge, ziße die den häßlichen, eiferſüchtigen Zug in Flora's Augen Süde hervorrief. St. Orme betrachtete ſie ruhig, war aber ſehr und artig gegen ſie. Er bot ihr den Arm, Lennartſon führte löſen meine Stiefmutter, der Hofmarſchall mich. Wir trafen in F ſo mit Tante Pendelfeld zuſammen, welche halblaut Flora fragte:—„Nun, mein ſüßes Kind, wann darf man gratuliren, wenn man fragen darf?“ Flora machte ein verdrießliches Geſicht, St. Orme Tag aber antwortete lächelnd:—„Ganz gewiß vor dem näch⸗ ſich ſten Neujahre.“— Lennartſon ſah ihn bei dieſen Worten e fragend und ſcharf an; St. Orme wandte ſich jedoch ab Padet und Flora biß die Zähne übereinander.. Tante Pendel⸗ S feld wandte ſich nun gegen Selma und Felir, und ſchien mit ſchwe derſelben Frage hier landen zu wollen; aber Selma bat das um ihr auszuweichen, Felix, vorwärts zu gehen; zugleich das theilte ſich die Volksmaſſe und wir waren befreit. ed Im Wagen wetteiferte meine Stiefmutter und ich, Rolle Selma's Füße in unſre Mäntel und Shawls einzuhüllen. Zu Hauſe angelangt, ſetzten wir uns zu einem guten waſſe Abendeſſen, wobei wir bald alle wieder guter Laune wur⸗ friſch den und uns damit unterhielten, allerlei luftige Pläne Kaut für die Zukunft zu entwerfen. Wir lachten viel; aber nach In ſ einigen von St. Orme Flora zugeflüſterten Worten wurde mir“ dieſe plötzlich ernſt und finſter. Zugleich gewahrte ich, wie meine Stiefmutter mit meinem Onkel gewiſſe telegraphi⸗ an d ſche Zeichen wechſelte, die mir in etwas den Humor be⸗ nahmen, und als wir an dieſem neuen Jahrstage uns mehr trennten, waren mehrere verſtimmt. Aber Selma, wie ben, ini⸗ ien ief⸗ na, der nge em zu ege, gen ehr rte fen ora ran me ich⸗ ten el⸗ mit at, ich ch, en. ten ur⸗ ine ach rde vie hi⸗ be⸗ ns vie immer gut, heiter und ſcherzend, verſcheuchte jede ver⸗ drießliche Spannung und unter ſcherzhaften Wünſchen ſagten wir uns:„gute Nacht.“ So lebt es ſich in unſrer Heimath hier im Norden; wir lärmen da viel mit—- und durcheinander, werden nicht ſelten geſtört, unfreundlich beruhrt und böſer Laune, und müſſen dies denn wieder zu Hauſe in und durch uns ſelbſt zu heilen ſuchen; denn das Heilmittel findet ſich nicht außerhalb des Hauſes noch außer uns, wie im reichen Süden. Darum iſt es ſo ſchön, wie ein Ton der Liebe und Freude wie ein Grundton durch das Haus geht: da löſen ſich allmälig die Diſſonanzen und wir können uns in Frieden ſagen:„gute Nacht!“ Den 7. Januar. Guten Morgen, Leben! Ein ſchöner, freundlicher Tag. Schnee liegt auf den ſüdlichen Bergen und ſticht ſich in blendendweißem Glanze gegen den lichtblauen Him⸗ mel ab. Es iſt noch nicht ſehr kalt, und die Sonne badet mit ihrem Lichte Palläſte und Hütten, Wellen und Strand, Menſchen und Thiere und Bildſäulen. Meer⸗ ſchwalben flattern glänzendweiß über den Nordſtrom, wo das Waſſer des Sees mit den dreizehnhundert Inſeln in das Salzmeer ſich ſtürzt und ſeine Wellen in den ſchäu⸗ menden Wogen ſich verlieren. Dieſer Strom ſpielt eine Rolle in meinem Leben: ſein Branden iſt des Abends mein Wiegengeſang, des Morgens liefert er mir Bade⸗ waſſer und bei ſeinem wildfriſchen Dufte, bei ſeiner er⸗ friſchenden Kühle erwachen Gefuhle des Lebens an den Kautuaquellen, jugendliche Gefuhle voller Lebensluſt. In ſeinen hrauſenden Wellen flimmert zuerſt das Licht mir entgegen, wenn ich den jungen Tag begrüße. Licht! Waſſer! urſprüngliche Gaben des Himmels an die Erde, die es heute noch für alle Menſchen ſind ——— warum erkennen wir ihre ſegenvolle Kraft nicht mehr? Warum laſſen wir nicht jeden Tag zu neuem Le⸗ ben, neuem Muthe, neuer Dankbarkeit uns von ihnen 102 taufen?!— Ich ſtand am offnen Fenſter und trank mit vollen Athemzügen die friſche Luft, die auf dem Sonnen⸗ lichte in mein Zimmer ſtrömte. Liebliche Gedanken um⸗ gaukelten mich.— Ich erinnerte mich an die polniſchen Edelleute, die im vergangenen Sommer Schweden beſuch⸗ ten.„Ein Land, nie erobert von fremder Macht! Ein Volk, das durch eigene Kraft ſeine Selbſtſtändigkeit behauptete!“ ſagten ſie mit Stolz und Wehmuth(letzteres im Gedanken an ihr eigenes, armes Vaterland). Und leiſe ſang ich aus Malmſtröm's ſchönem, innigen Liede:„Das Va⸗ terland,“ jene Worte, die mir ſo oft in die Seele tre⸗ ten, und ich ſang ſie mit Liebe: „O arme, ſchwediſche Erde du! Du Feld des Kriegs, der Noth! Du ehrenreiches Vaterland Wo alte Kraft noch haust, Du hoher, bergbekränzter Strand, Von treuer Wog umbraust, Du frohe Heimath, Friedensland, Gott breite ſegnend ſeine Hand Auf dich in Luſt und Noth!“ Auch meiner eigenen, ſo glücklichen Unabhängigkeit gedachte ich. O, Freiheit! wie erquickend iſt dein Odem nach jahrelanger Sklaverei! Auch Derer gedachte ich, die mir theuer ſind und immer theurer werden. Ich fühle, daß ich in ein beſſe⸗ res, harmoniſcheres Verhältniß zu meinen Mitmenſchen trete. Seit es Sonnenſchein in meiner Seele geworden, und ich dadurch im Leben mehr„ins Gleichgewicht“ gekom⸗ men bin, ſeit ich in Frieden mit mir ſelbſt, nicht mehr ſo heftig Andern zu gefallen wünſche, nicht mehr ſo eifrig ihre Liebe und ihren Beifall ſuche, ſeit dieſer Zeit gefalle ich ihnen weit mehr und finde auch an ihnen mehr Gefallen. Seit i den Y die M „Du einand Einem ſchenli Menſe helm Selmo ihr fr ſatyriſ und il Der L und a ihm d Streu und E die in die W warun in me ich be Vergn fühle zu ihn Natur ten, ſ gen m — die eigene reicher wie gu fühle, traut ruhige eit em nd ſe⸗ en en, m⸗ hr rig lle en. 10³ Seit ich vor allem Andern im Manne, wie im Weibe— den Menſchen ſehe und zu dieſem ſpreche, habe ich für die Menſchen und dieſe für mich ein gewiſſes brüderliches „Du“ gewonnen, ein Verhältniß, das die Seelen vor einander aufſchließt und das Leben verſchönert. Mit Einem Worte, ich fühle immer deutlicher, daß die„Men⸗ ſchenliebe gerade mein Caſus“ iſt. Dabei kommen zwei Menſchen meinem Herzen immer näher: Selma und Wil⸗ helm Brenner, mein Schweſterchen und mein— Freund. Selma macht mich glücklich durch ihre Liebenswürtigkeit, ihr fröhliches, harmoniſches Weſen. Sie hat auch die ſatyriſche Maske abgelegt, die ihre reinen Züge verzerrte, und ihr natürlicher Witz hat dadurch noch gewonnen. Der Witz kann ſelbſt auf den Lippen eines Engels ſpielen, und auch das Muntre und Launige in unſers Herrn Hauſe ihm dienen. Zeigt er uns dieſes nicht in der Natur? Streut er nicht über Flur und Wellen, zwiſchen Wolken und Sterne ſo viel heitre Freude und lachenden Scherz, die in ſonnigen wie trüben Stunden hervorblitzen und die Weſen beleben? Wilhelm Brenner, der Vikinger— warum'fühle ich bei ſeinem Namen gleichſam die Sonne in meinem Herzen aufgehen? Liebe iſt es nicht, das weiß ich beſtimmt; aber mein Verhältniß zu ihm macht mir Vergnügen.— Seit einiger Zeit ſehe ich ihn oft und immer fühle ich mich wohl in ſeiner Nähe. Ich ſpreche gerne zu ihm von meinem finniſchen Lande, von Aura's wilder Natur, ſeinen eigenthümlichen Menſchen und ihren Sit⸗ ten, ſeinen wunderbaren, mythiſchen Geſängen, und Sa⸗ gen mit Zauberkünſten und gewaltigen Schöpfungsworten — dieſen Schlüſſeln zum Weſen der Dinge— von meiner eigenen friſchen Kindheit an ſeinen brauſenden, perlen⸗ reichen, von Erlen beſchatteten Strömen. Wie freundlich, ja wie gerne hörte er mir nicht zu; wie gut antwortet er auf meine Gedanken, auf meine Ge⸗ fühle, bald ernſthaft, bald wieber ſcherzend! Zuweilen ver⸗ traut er mir auch Erinnerungen aus ſeinem eigenen un⸗ ruhigen Leben, Bilder aus andern Himmelsgegenden, von 104 Meeren und Wüſten, vom glühenden Afrika und dem wun⸗ derbaren Aegypten, Scenen von den Schlachtfeldern am Atlas! Selten gibt er Mitthei ungen darüber; aber be⸗ gierig lauſche ich ihm immer! Die Bilder ſind ſo groß⸗ artig und ich fühle auch eine Größe in der Natur, welche ſie aufgefaßt hat. und welches Gefühl beſtimmt wohl den Vikinger, ſo ſichtbar und ſo offen meinen Umgang zu ſuchen? Die Liebe?!— Nein! ich glaube das nicht, und will es auch nicht glauben, wenigſtens nicht in dem Sinne, wie man das Wort gewöhnlich nimmt. Die ſo gaͤngbare Vorſtel⸗ lung, daß Mann und Frau nur unter dem Einfluſſe dieſes Gefühls ſich herzlich einander nähern können, iſt nicht wahr. Sie ſuchen, ſie bedürfen einander, weil ſie eine eigene Art Vortrefflichkeit an einander bewundern. Er findet ein geoffen⸗ bartes Leben in ihr, ſie ſieht ihr Leben in ihm verklärt und ſo finden ſie eines durch das Andere des Lebens Harmonie und Fülle.— So dachte ich heute unter dem klaren Him⸗ mel, bei der friſchen, reinen Luft. Der Horizont der Familie iſt ſeit dem neuen Jahre ziemlich wolfenfrei. Meine Stiefmutter iſt mitten unter den vielen Neujahrsbeſuchen ganz munter, was einestheils ſie hinderte, ernſtlich an mich zu gerathen; anderntheils hüten wir uns aber auch ſeit der Emancipationsfrage et⸗ was mehr vor einander und meine Stiefmutter ſcheint un⸗ ter vielen meiner ganz unſchuldigen Aeußerungen Intriguen und ſtörende Angriffe zu argwöhnen. Den 11. Januar. St. Orme kommt zuweilen Morgens früh hieher und verlangt allein mit meiner Stiefmutter zu ſprechen. Sie ſieht nachher immer etwas beſtürzt aus und iſt einige Zeit verdrießlich und zerſtreut, bis neue Eindrücke dieſe Stim⸗ mung verſcheuchen. Es ahnt mir, daß dieſe geheimen Zwie⸗ eſpräche Geld betreffen, das St. Orme entlehnt. Möchte meine Stiefmutter ihre Güte nicht in Verlegenheit brin⸗ gen! Ich habe von St. Orme's Angelegenheiten, ſeinem Leben Felir ſeiner wande gegen ihn P bindu etwas ſchlim gen Reich ſie, u und Stan der ſi ihrer da ſie Stief Pult Geld unde vor n inſtin einige ſoller und c Fri wun⸗ am be⸗ groß⸗ elche Die auch man rſtel⸗ dieſes vahr. Art ffen⸗ und nonie Him⸗ Fahre unter heils theils e et⸗ t un⸗ guen und Sie Zeit Stim⸗ Zwie⸗ töchte brin⸗ inem 105 Leben und ſeinen Verbindungen nichts Gutes gehört. Auch Felir ſoll durch St. Orme's Sophismen und das Beiſpiel ſeiner Freunde, der Rutſchenfeld verleitet, auf böſen Wegen wandeln. Ich habe mit Brenner über meinen Verdacht gegen St. Orme geſprochen, aber der Vikinger nahm für ihn Parthei und hat ſeit ſeinem Aufenthalte zu Paris Ver⸗ bindungen mit St. Orme, die ihn beſtimmen, nicht gerne etwas Böſes von ihm zu glauben. Den 13. Januar. Meine böſen Ahnungen haben ihren guten, das heißt ſchlimmen Grund. Hellfride Ritterſwärd ſchrieb heute Mor⸗ gen an Selma und bat um ein Darlehen von dreißig Reichsthalern Banko. Sie bedurfte dieſe Summe, ſchrieb ſie, um die Penſion für ihren jüngern Bruder zu bezahlen und werde dieſelbe in zwei Monaten zurückzugeben im Stande ſeyn. Mit Augen, die von der Freude glänzten, mit der ſie Hellfridens Bitte erfüllte, zeigte Selma den Brief ihrer Mutter, und bat ſie, die erbetne Summe vorzuſtrecken, da ſie ſelbſt ſie im Augenblicke nicht habe. „Unendlich gerne, mein liebes Kind!“ ſagte meine Stiefmutter, die immer bereit iſt, zu geben, eilte an ihr Pult und öffnete die Schublade, worin ſie gewöhnlich ihr Geld hat; aber plötzlich ſchien ſie ſich auf etwas zu erinnern und erblaßte. Sie nahm eine Börſe heraus, die Tags zu⸗ vor noch voll ſchwerer Silbermünze geweſen war, langte inſtinktmäßig mit der Hand hinein und— zog einige Reichs⸗ thaler heraus. Peinliche Verwirrung malte ſich in ihren Zügen, indem ſie ſtotternd ſagte:„Ach, ich habe keines— ich kann nicht— jetzt nicht. Ich habe St. Orme all mein Geld geliehen, und er hat verſprochen, es mir nach einigen Tagen zurückzugeben, aber— unterdeſſen— was ſollen wir bis dahin machen?“ Thränen glänzten meiner Stiefmutter in den Augen, und ihr bekümmertes Ausſehen, ihre blaſſen Wangen— ich eilte auf mein Zimmer und kam ſchnell mit einigen Friederike Bremer, Tagebuch. 8 106 Kanarienvögeln zurück.(So nennen meine Stief⸗ mutter und Selma in ihrer launigen Art die großen gel⸗ ben Bankozettel, während die andern je nach ihrem Aus⸗ ſehen und ihrem Werthe andere Vogelnamen haben). Selma umarmte mich und tanzte vor Freuden beim Anblick der gelben Zettel. Aber meine Stiefmutter empfing ſie mit einer Art Verlegenheit und etwas beleidigender Her⸗ ablaſſung, die auch mich etwas beklemmte. Sie verſprach, daß ich die Zettel ſehr bald wieder erhalten ſolle. Und wenn ich „von ihr einmal borgen wolle, ſo dürfe ich gewiß ſeyn.“ Ihre Kälte kühlte mich ebenfalls ab. Indeß regier⸗ ten wir am Nachmittage mit einander den Staat und be⸗ handelten„das Syſtem“ und mehrere andere wichtige Dinge ſyſtematiſch, ich will nicht ſagen, nach welchem Syſteme, vielleicht nach dem der— Confuſion. Meine Gedanken weilten anderswo: ſie begleiteten Felir und Selma. Er ſchien mit ihr allein ſprechen zu wollen, was ſie zu ver⸗ meiden ſchien und was hr gate Den 15 Januar. Se Vormittag kam Felir frühe zu uns. Ich war mit Selma allein im innern Zimmer: ſie beſorgte eben ihre Blumen am Fenſter. Nach einem kurzen Geſpräche mit mir näherte ſich ihr Felir. Selma ging an ein ande⸗ res Fenſter. elir folgte. Selma wollte entfliehen; aber Felir ſtellte ſich in die Thüre, verſperrte ihr den Weg und rief bittend aus:„Nein! Selma, Du darfſt mir nicht länger ausweichen. Schenke mir nur eine Unterredung von einigen Minuten, wenn Du nicht willſt, daß ich ganz verzweifeln ſoll!— Hohe Röthe überflog Selma's Geſicht und ein angſtvolles Gefühl ſchien ihr Herz zu foltern; aber ſie kämpfte mit ſich ſelbſt und auf eine Monatsroſe nie⸗ derblickend, die ſie in der Hand hielt, ſchien ſie abwarten zu wollen, was Felir ihr ſagen würde. Es ſchien mir, als wäre ich überflüſſig und ich— entfernte mich nicht ohne heimliche Unruhe.— Im Salon traf ich meine Stiefmut⸗ ter in geheimer Konferenz mit dem Hofmarſchalle. Sie — ſah mer nac Aus die Sti Abe Rit feln und non dah Sp den nich Hel wol ma den wo ma wei Ro Thr lich Au beſt nal wo ihr lor ſtar kön glů Ha tief⸗ gel⸗ Aus⸗ beim pfing Her⸗ daß nich gier⸗ be⸗ inge teme, nken Er ver⸗ war eben räche nde⸗ aber und nicht dung ganz eſicht aber nie⸗ en zu als ohne mut⸗ Sie 75 107 ſah mehr als je à la Metternich aus. Ich that, als merkte ich nichts und ging auf mein Zimmer, wo ich bald nachher einen Beſuch von Hellfride Ritterſwärd empfing. Aus der Beſuchten wurde ganz unvermuthet eine Vertraute, die—— Nun, nun, meine gnädige, piplomatiſche Frau Stiefmutter, ich kann auch meine Staatsgeheimniſſe haben! Aber meinem Tagebuche darf ich wohl ſagen, daß Hellfride Ritterſwärd nach vielen Bedenklichkeiten und manchen Zwei⸗ feln in die Treue Ake Sparſköld's deſſen Bitten nachgegeben und verſprochen hat, ihm anzugehören, wenn ihre öko⸗ nomiſchen Verhältniſſe eine Verbindung geſtatteten. Bis dahin kann freilich noch viel Waſſer in's Meer fließen. Ehe Sparſtöld eine Kompagnie bekommt, iſt dieß gar nicht denkbar, und Kompagniechef Rummel, ſein Vormann, ſieht nicht aus, als ob er ſo rald ſeinen Poſten räumen wollte. Hellfriede war unruhig, und wollte von mir wiſſen, ob ſie wohl oder übel gethan habe. Ich ſagte:„wohl,“ und das machte ſie glücklich.— Erſt nach Verfluß von zwei Stun⸗ den konnte ich Selma wieder aufſuchen. Das Zimmer, wo ich ſie verlaſſen hatte, war leer, aber ich ſah, daß Je⸗ mand auf dem Sopha gelegen war und den Kopf an das weiche Polſter gelehnt hatte. Ich nahm einige abgefallene Roſenblätter auf und ſah in ihrem blaßrothen Scheine Thränen glänzen. Unruhig ging ich weiter und fand end⸗ lich Selma auf ihrem Zimmer.— Sie hatte verweinte Augen und Seufzer hoben ihre Bruſt. Meinen zärtlichen, beſorgten Fragen gelang es, ſie zu beruhigen, und ich ver⸗ nahm bald ihre verborgenen Gefühle und Gedanken Felir hatte ihr die Kälte und Unfreundlichkeit vorge⸗ worfen, mit der ſie ihm ſeit einiger Zeit begegnete, und ihr geſagt, daß ſie ihn unglücklich mache und er ganz ver⸗ loren ſey, wenn ſie nicht anders gegen ihn werde. Er ge⸗ ſtand ſeine Charakterſchwäche, ſeinen Leichtſinn; aber Selma könne ihn retten, wenn ſie wolle und ihn zu einem guten, glücklichen Menſchen machen. Er bat, daß ſie ihm ihre Hand reichen, und aus dem Spiel, das ſie nun ſo lange 8— 108 getrieben, Ernſt machen möge. Als Selma's Gemahl wein werde er ein neuer, beſſerer Menſch werden. Del „Ach!“ fuhr Selma fort,„er redete ſo ſchön und. ſo warm von dem, was ich ihm Alles ſeyn könnte, lang und was er ſelbſt ſeyn koͤnnte und wollte, daß ich nicht Han das Herz hatte, ſeinen Bitten und Verſprechungen zu ich widerſtehen. Aber ich ſetzte ihm eine Prüfungszeit feſt, wirk nach Verfluß welcher—— Ich bin Felix immer gut wen geweſen; er hat ein gutes Herz und viele gute Eigen⸗ Bra ſchaften. Aber leider iſt er ſchwach! und ſeit einigen verl Jahren, eigentlich ſeitdem er mündig geworden, iſt er eine ſo leichtſinnig, ſo unzuverläſſig— wir ſind ſo unzu⸗ anſ frieden mit ihm geweſen. Aber er kann ſich ändern, Saß „kann beſſer werden, und dann——“ vhie „Dann willſt Du ihn glücklich machen, Selma?“— was „Ja.“—„Und Du weinſt?“—„Ja, ich weiß ſelbſt Und nicht, warum?“ Frei „Es gefällt mir nicht von Felir, daß er Deinen freu Gefühlen gewiſſermaßen Gewalt anthun will!“ das „Ach, das will er gewiß nicht. Aber er glaubt ich vielleicht, daß ich ihn mehr liebe, als wirklich der Fall iſt, und daß nur Laune von mir oder ſein leichtſinniges Betragen mich kälter gemacht hat. Seit unſerer Kind⸗ heit iſt eine Art Uebereinkunft zwiſchen unſern Fami⸗ Wo lien, daß Felir und ich ein Paar werden ſollten und wir gege ſind ſtets als Verlobte angeſehen worden. Felir hat dieſe ten Verbindung ſtets gewünſcht, meine Mutter auch, und eine ich hatte nichts dagegen, bis ich mich ſelbſt beſſer ke⸗ deſte nen lernte. Ich weiß jetzt recht wohl, daß ich Felir mut nie recht lieben werde; kann ich ihn ja nicht hochach⸗ Get ten——, aber—“ der „Aber was, meine gute Selma?“ dief „Wenn ich ihn und Andere glücklich machen kann, kön ſo werde ich ſelbſt auch nicht unglücklich ſeyn. Und zu: dann— Gott ſchenkt mir vielleicht ein Kind, das ich lieben und woran ich meine Freude in der Welt haben kann!“ Selma lehnte das Haupt an meine Schulter und mahl tund nnte, nicht en zu feſt, r gut igen⸗ nigen iſt er unzu⸗ dern, 2 ſelbſt einen laubt Fall niges Kind⸗ ami⸗ wir dieſe und ken⸗ Felir hach⸗ kann, Und s ich inn!“ und 109 weinte leiſe.— Ich fragte, was ſie eigentlich dem jungen Delphin verſprochen habe. „Ich habe ihm geboten,“ entgegnete ſie,„ein Jahr lang kein Wort von ſeiner Liebe zu reden, ſondern nur in Handlungen und im Betragen ſie darzulegen. Würde ich mich dadurch überzeugen, daß ſeine Neigung zu mir wirklich ſo groß und ſtark ſey, wie er ſage, ſo wolle ich, wenn das Prüfungsjahr vorüber iſt, einwilligen, ſeine Braut zu werden.— Das habe ich verſprochen. Felir verlangte für jetzt auch nicht mehr; nur bat er um einen Ring von mir, zum Andenken an dieſe Stunde und an ſein Verſprechen. Ich gab ihm den Ring mit dem Saphir. Er war ganz glückſelig und froh. Ach, So⸗ phie, ich muß auch gluͤcklich ſeyn, denn ich habe gethan, was recht iſt, und habe vielleicht einen Menſchen gerettet!“ Und wiederum ſtrahlten Selma's Augen von reiner Freude, obgleich durch einen Flor von Thränen. Ich freute mich herzlich über ihre Klugheit und Güte; aber das Gefühl der Wehmuth, das mich überkam, konnte ich nicht unterdrücken. Den 18. Januar. „Eingeladen für die ganze Woche.“— Mit dieſen Worken kam mir meine Stiefmutter heute Morgen ent⸗ gegen und ihre Miene verrieth deutlich trotz des vorgehäng⸗ ten Schleiers von vornehmer Erſchöpfung und Ueberdruß eine geheime Freude darüber. Ich zeigte nicht den min⸗ deſten Verdruß, beſonders da ich ſowohl meine Stief⸗ mutter, als die beiden jungen Mädchen nicht nur in Gedanken, ſondern wirklich und in hohem Grade mit der Toilette beſchäftigt ſah. Ich fühlte mich glücklich, diefer Mühe enthoben zu ſeyn knd zu Hauſe bleiben zu können. Meine Stiefmutter ſpricht mir wohl ein wenig zu:„von der Parthie zu ſeyn,“ aber es iſt ihr nicht Ernſt. Den 21, Januar. Unter all den Zerſtreuungen im Hauſe, unter all' 110 dieſen ſchönen Toiletten und künſtlichen Blumen, unter all' dieſen ſogenannten Vergnügen brechen doch ſeltſame Anzeigen hervor, die von dem vulfaniſchen Boden zeu⸗ gen, auf dem man ſich vergnügt herumdreht. Flora wechſelt ſeit einigen Tagen eben ſo oft ihre Laune, als ihre Toilette, und es ſchien mir, als wollte ſie durch dieſen Wechſel blos Lennartſon's Aufmerkſam⸗ keit feſſeln oder richtiger, ihn bezaubern, und ſein Blick folgt ihr wirklich auch aufmerkſam, aber mehr mit dem Ausdrucke eines ernſten Beobachters, als mit dem eines entzückten Liebhabers. Er ſcheint mir manch⸗ mal an dieſe Verwandlungen Flora's die Frage zu richten: „Was iſt Wahrheit?“ Und ſo frage auch ich. Denn während ſie offenbar Lennartſon zu feſſeln ſucht, ver⸗ ſchmäht ſie nicht, Nebeneroberungen zu machen, die bei ihren Reizen und ihrem Benehmen auch nicht aus⸗ bleiben. St. Orme ſpielt dabei ſcheinbar den gleichgül⸗ tigen Zuſchauer, verräth aber zuweilen durch einen hin⸗ terliſtigen Blick, daß er ſie beobachte. Unter den Gemälden im innern Zimmer iſt ein ſchönes Porträt der Beatrice Cenci, der unglücklichen Vatermörderin. Flora ſtellte ſich heute vor daſſelbe und betrachtete es lange ſchweigend und in den Gegenſtand verſunken. Ich betrachtete ſie, ſie war ſchon, wie ſie ſo daſtand mit einer„Undine⸗Guirlande“ von Corallen und weißen Waſſerlilien im Haare, mit einem Kleide von dem chamäleonartig ſchillernden Zeuge, der dieſes Jahr ſo Mode iſt. Plötzlich unterbrach ſie ihr Schweigen: „Kannſt Du mir ſagen, weiße Philoſophie,“ ſagte ſie, „warum ich dieſes Porträt, dieſe Beatrice Cenci, ſo gerne betrachte?“ „Ich denke, weil ſie ſo rührend ſchön iſt,“ ſagte ich. „Nein! ſondern weil ſie ſtark und entſchloſſen war. Solche Menſchen beleben das Gemüth, beſonders wenn es einem an den unbeſtimmten, ſchwachen, charakter⸗ loſen Geſchöpfen ekelt, welche die Welt jetzt in ſo rei⸗ cher Auswahl bietet. Was denkſt Du von Beatrice?“ ſchre „Ja, entſe ſtaun daß eines ganz ſie ſu Und nicht nicht entg unge beſte jan ob 2 meh „ich böſet andr mich Hau Balt er ſi lich, ein —,—— 111 „Ich bellage ſie von ganzem Herzen. Es muß ſchrecklich ſeyn, den Urheber ſeines Lebens zu haſſen—“ „Ja wohl entſetzlich,“ unterbrach mich Flora haſtig. „Ja, es iſt ſchrecklich, ſeine Eltern zu haſſen, aber auch entſetzlich, wenn man ſie verachten muß.“ Dabei verbarg ſie ihr Geſicht in den Händen. Er⸗ ſtaunt und theilnehmend ſah ich ſie an. „Ach!“ fuhr ſie aufgeregt fort,„ſage mir Niemand, daß es gleichgültig ſey, welch' ein Lied an der Wiege eines Neugebornen geſungen wird; es tönt durch ſein ganzes Leben nach. Lennartſon! Selma! Warum ſind ſie ſo gut, ſo fromm, und ich, warum bin ich ſo—— Und dennoch, Sophie! ich bin kein gewöhnliches Weib.“ Ich ſchwieg: Flora aber fuhr mich ſcharf firirend fort: „Ich weiß, daß Du nichts auf mich hältſt und mir nicht Gerechtigkeit widerfahren läßſt, aber doch kannſt Du nicht ſagen, daß ich ein gewöhnliches Weib bin.“ „Ungewöhnlich und ſchön begabt biſt Du allerdings,“ entgegnete ich,„aber vielleicht biſt Du eigentlich doch weniger ungewöhnlich, als Du ſelbſt meinſt—— Im Uebrigen, beſte Flora! kann ich Dich nicht beurtheilen; ich kenne Dich ja noch nicht. Du biſt Dir ſelbſt oft ungleich, es iſt, als ob Du nicht eine Perſon wäreſt, ſondern aus zwei oder mehreren Weſen zuſammen geſetzt.“ „Ja, ich bin auch nicht eine Perſon,“ ſagte Flora, „ich bin ein Doppelweſen, ich habe einen guten und einen böſen Geiſt, welcher immer um mich her gaukelt, der mein andres Ich iſt, mir wie ein Schatten folgt und ſich zwiſchen mich und jede Wahrheit ſtellt, bei Nacht und bei Tage, zu Hauſe und Draußen, wenn ich lache oder weine, auf dem Balle und in der Kirche— ja ſelbſt in der Kirche ſtellte er ſich zwiſchen mich und den Himmel! Wie iſt es da mög⸗ lich, daß ich Frieden haben kann? Ach, ich wollte, ich wäre ein„Sperling auf dem Felde!“ „Und warum ein Sperling?“ fragte ich⸗ „Weil ſich dann Niemand um mich bekümmern, nichts 112 von meinem—— wiſſen würde. Aber ruhig, ich fühle, daß mein böſer Geiſt nahe iſt.“ „Laß ihn keine Macht über Dich gewinnen,“ bat ich ernſt und eindringlich.—„Er hat ſchon Macht über mich!“ rief Flora bitter,„ich ſtehe am Rande eines Abgrunds— und bald, bald werde ich hinunter geriſſen werden, wenn nicht“— Sie verſtummte: leiſe Schritte ließen ſich im äußern Zimmer vernehmen und St. Orme trat ein. Kurz darauf kam meine Stiefmutter mit Selma und wir gin⸗ gen dann zuſammen, um bei Silferlings zu ſoupiren. Den 23. Januar. Neue, beunruhigende Zeichen! Meine Stiefmutter hat ihr Geſicht à la Metternich vorgenommen und die telegra⸗ phiſche Correſpondenz zwiſchen ihr und dem Hofmarſchall nimmt zu. Ich argwöhne ſehr ein Komplott gegen meine koſtbare Freiheit!—„Wir wüſſen vorſichtig und etwas diplomatiſch zu Werke gehen!“ hörte ich vor Kurzem meiné Stiefmutter leiſe zu meinem Onkel ſagen,„Du haſt doch Sophie nichts ahnen laſſen?“—„Nein, aber ich ſondire auf feine Art und verlaſſe Dich auf mich: ich verſtehe mich auf die Frauen!“ entgegnete er. Ueberdies quält mich meine Stiefmutter mit dem Lobe des Hofmarſchalls und der Hofmarſchall mit Fragen nach meiner Meinung über Meublen zum Beiſpiel, über die Form von Tiſchen, Schränken und dergleichen. Er möchte, ſagte er, einige Zimmer ganz nach meinem Geſchmacke meubliren. Aber was gehen mich ſeine Meublen an? Singt meine Stiefmutter das Lob meines Onkels, ſo iſt dieſer nicht minder freigebig, ſie zu rühmen.. „Sie iſt eine der beſten Frauen, die ich nur kenne,“ ſagte er heute.„Sie hat einen Takt, ein Urtheil, eine Dis⸗ eretion! Man kann ihr Alles anvertrauen, und ich für meine Perſon— wenn ich etwas Gutes in der Stille thun will — wüßte Niemand, den ich ſo gerne und ſo rückhaltlos zu meinem Vertrauten machen möchte.“ Ich fange an, über dieſe Geſchichten unruhig zu werden. einer einige ſonde Verb ſchwe zweid ich 1 mir. rückg auf e Blick geme ſtille. Begel in ſo ſam die S feinſte Himn der E ruhig In di ein ir der ni häßlie der Hi einen matte ſpruch hat ra⸗ hall eine vas eine och ire ich obe ach rm gte en. ſo is⸗ ine ill zu — 113 Man ſpricht von einer Heirath zwiſchen Brenner und einer jungen ſchönen und reichen Wittwe. Dies hat mich einigermaſſen betroffen. Brenners Benehmen kommt mir ſonderbar vor. Warum hat er nicht mit mir von dieſer Verbindung geſprochen? Ich bin ja ſeine Freundin, ſeine ſchweſterliche Freundin. Und warum— ich liebe dieſes zweideutige Benehmen von ihm nicht. Vielleicht aber habe ich Unrecht, die Sache ſo anzuſehen. Den 24. Januar. Kaltes Verhältniß zwiſchen meiner Stiefmutter und mir. Verſuch von ihrer Seite, mir zu imponiren. Zu⸗ rückgewieſen. Ich bin ſtolz und gebe meinen Freiheitsſinn auf eine eben nicht liebenswürdige Weiſe. Mißvergnügte Blicke von Flora, unruhige und bittende von Selma. All⸗ gemeine Spannung. Wenn es ſo fortgeht, wird es ganz ſtille.— Ach! man ſagt, das Leben ſtehe ſtille, wenn äußere Begebenheiten es nicht beleben oder bewegen. Aber dem iſt nicht ſo. Es kommt mir vor, als ob in ſolchen Augenblicken die Engel des Himmels aufmerk⸗ ſam dem Leben der Erde lauſchten,— denn dann etzittern die Saiten in deſſen innerſter Tiefe, es entwickeln ſich ſeine feinſten Fühlfäden, es bildet ſich das, was die Macht des Himmels oder der Erde vermehrt.— In der Stunde, wo der Schmetterling ſeine Flügel entfalten will, iſt er ganz ruhig auf dem heimlichen Platz, den er ſich ausgeſucht hat. In dieſen Minuten der Verwandlung ſcheint ſein Leben nur ein innres zu ſehn. Aber der ſtrahlende Tag⸗Falter und der nächtliche Todtenkopf ſind Kinder derſelben ſtillen Stunde. Den 25. Januar. Ich war auf einer Wanderung draußen. Es war ein häßlicher, unangenehmer Tag; die Menſchen bläulichroth, der Himmel grau, Eiszapfen an den Häuſern, lockerer Schnee einen Schuh tief in den Straßen, verdrießliche Gedanken, matte Gefühle! Aber—„Alles iſt eitel!“ iſt der Sinn⸗ ſpruch, den der weiſe Salomo einem morgenländſchen Für⸗ 114 ſten gab, welcher ihn um einen gebeten hatte, der die Seele ſtark im Unglück und demüthig im Glück machen könne. Dieſen Spruch will ich zu dem meinigen machen.— Den 26. Januar. Mit dem guten Vorſatze, nachgiebig gegen meine Mut⸗ ter zu ſeyn, ging ich heute zum Mittageſſen hinab. Als ich aber bei meinem Eintritte in's Zimmer ſie und den Hofmarſchall auf dem Sopha ſitzen und in einer vertrau⸗ lichen Unterhaltung begriffen ſah, die ſie bei meiner Erſchei⸗ nung plötzlich abbrachen, wurde ich andern Sinnes. Meine Stiefmutter ſchien ſehr aufgeräumt zu ſeyn, kam kurz dar⸗ auf zu mir und ſprach, etwas an meiner Teilette richtend, mit Nachdruck zu mir:“—„Ich muß Dir ſagen, daß wir ſo eben eine lange Unterredung über Dich und verſchiedne Deiner Angelegenheiten gehabt haben— hm, hm!“ „Ueber welche Angelegenheiten?“ fragte ich mich dumm ſtellend.—„Nun, über gewiſſe Angelegenheiten, die immer von Wichtigkeit ſind, hm, hm!“ entgegnete meine Stiefmut⸗ ter lächend. Und nun begann ſie eine kleine Rede zu hal⸗ ten, wie gerne ſie alle die Ihrigen glücklich ſehe, wie darauf alle ihre Gedanken ausgingen, dies herbeizuführen, wie ſie durchaus nicht an ſich ſelbſt denke, ſondern nur für AwHere lebe. Ich dachte an meine bittern Jugenderinnerungen und machte ein Eispolgeſicht bei dieſer Thronrede. Wir ſetzten uns zu Tiſche. Der Hofmarſchall war gegen mich„aux petits soins“ und theilte die beſten Biſſen unter ſich und mich aus, was mir durchaus nicht mundete; auch die höflichen Aufmerkſamkeiten meiner Stiefmutter nahm ich kalt auf und Selma's Blicken, die zu fragen ſchienen: „was haben wir Dir gethan?“ wich ich aus. Man pries die Jugend als die goldne Zeit des Lebens und der Hof⸗ marſchall ſagte, er habe ſich in derſelben„aus dem Becher des Genuſſes berauſcht.“ Ich ſagte, daß ich gerade aus meiner Ju⸗ gend die bitterſten Erinnerungen bewahre, Erinneruugen, die noch heuteſtörend auf mich einwirkten. An den unruhigen Bli⸗ cken meiner Stiefmutter bemerkte ich daß ſie dies als einen Vorwi mir ei A äußert hätte, mutter von B Hals! Zuglei ihren ſ mirzuf ſolle, 1 ſah ich Freibei die Bl ich ſol wolle. tes Ge an ein ſehen. den A 2 mir h auf m gen. erkann eine V neuen zeichne durch eingeb ſah e herab. mir er bender wandt ut⸗ Als den au⸗ hei⸗ eine ar⸗ mit ben ner um mer ut⸗ hal⸗ auf ſie dere und war ſſen ete; hm en: ries des Ju⸗ die Bli⸗ inen 115 Vorwurf auf ſich bezog; und mir war zu Muthe, als läge mir eine Schneelawine auf dem Herzen. Als ich am Nachmittage an einem kleinen Kragen nähte, äußerte ich mit einigem Verdruß, daß ich keine Blonden hätte, ihn damit zu garniren. Sogleich eilte meine Stief⸗ mutter auf ihr Zimmer, von wo ſie bald mit einer Menge von Blonden zurückkehrte, die ſie mir ſcherzend um den Hals legte, indem ſie mich bat,„damit vorlieb zu nehmen.“ Zugleich fühlte ich mich von ihren Armen umſchloſſen und ihren ſanften Hauch an meiner Wange, während ſie ſchelmiſch mirzuflüſterte daß„meine Emancipationsluſt ſie nicht hindern ſolle, mich feſtzuhalten!“ In meiner Spitzbergs⸗Stimmung ſah ich in dieſem Benehmen blos ein Attentat auf meine Freiheit, weßwegen ich mich kalt von ihr losmachte und die Blonden ausſchlug, weil„ſie mir nicht zuſagten“ und ich ſolche, wie ich ſie brauchte, ſchon ſelbſt mir verſchaffen wolle. Schweigend brachte meine Stiefmutter ihr verſchmäh⸗ tes Geſchenk wieder auf ihr Zimmer und als Selma einige Zeit darauf ihr folgte, ſah ich ſie durch die geöffnete Thür an einem Fenſter lehnen und ſtill und betrübt vor ſich hin ſehen. Ja es kam mir vor, als ſtünden ihr Thränen in den Augen. Dieſer Anblick ging mir zu Herzen; ich machte mir heimlich Vorwürfe über mein Benehmen und ging auf mein Zimmer, um mir hier ſelbſt Moral zu predi⸗ gen. Aber beinahe hätte ich mein Zimmer nicht wieder erkannt: ſo verändert, ſo verſchönert war es. Ich wußte eine Weile nicht, wo ich war.— Unter einigen ſchönen neuen Möbeln, die in das Zimmer geſtellt worden waren, zeichnete ſich ein höchſt eleganter Mahagoniſchrank aus, durch deſſen helle Spiegelglasfenſter eine Menge zierlich eingebundener Bücher mir entgegegenlachten; von oben ſah ein ſchöner Minervakopf aus Bronce majeſtätiſch herab.— Bei dem Ausrufe frohen Erſtaunens, der mir entſchlüpfte, hörte ich hinter mir einen halb ſchnau⸗ benden, halb kichernden Ton, und ſah, als ich mich um⸗ wandte, mein gutes Mädchen aus einer Fenſterniſche her⸗ 116 vortreten, wo ſie nicht länger mehr ihre Theilnahme an meiner Uebertaſchung verbergen konnte. „Ihre Gnaden haben ſchon lange daran gedacht,“ erzählte ſie nun aus der Fülle ihres Herzens,„und der Hofmarſchall hat ſelbſt den Schrank herauftragen laſſen und mit Fräulein Selma Alles in Ordnung ge⸗ bracht, kurz vor dem Mittageſſen.“ Nun ging eine Revolution in mir vor. Vielleicht ſah ich den Zweck jener heimlichen Geſpräche, jener tele⸗ graphiſchen Correſpondenz, jener vermeintlichen gegen meine Freiheit gerichteten Complotte hier vor mir. Und ſie hatten blos meine Freude, mein Wohlbehagen bezweckt! Vielleicht war es der Gedanfe an dieſe Ueberraſchung, der meine Stiefmutter heute ſo munter machte! Ich glaubte ihre Umarmung, ihren Hauch wieder an meiner Wange zu fühlen. Und ich? wie war ich ihr begegnet, wie arg⸗ wöhniſch, wie mißtrauiſch hatte ich ſie zurückgewieſen, ihr Thränen nusgepreßt!— Mit der Schnelligkeit des Blitzes eilte ich zu meiner Stiefmutter hinab, und hier Ich habe eine Neigung gefährlicher Art. Wenn meine Gefühle zu Eis geronnen waren und dann durch einen Sonnenſtrahl oder ſonſtigen belebenden Tropfen plötzlich aufthauen, ſo werde ich gewöhnlich von ihnen wie von einer Frühlingsſluth überſchwemmt und bin bereit, mit ihnen die ganze Welt zu überſchwemmen. Ja, in ſolchen Augen⸗ blicken könnte ich alle Menſchen an's Herz drücken, und für die, welche mir thener ſind, habe ich nur ein Ge⸗ fühl, ihnen Alles zu geben, was ich habe, mich ſelbſ nicht ausgenommen.— Seneca und Cicero, Schlegel und Hegel und die Lehren aller Weltweiſen von der Selbſtbeherrſchung und Ruhe in rechter Mitte, von des Lebens Maß, Ziel und Gewicht, ſind in ſolchen Momenten ein Tropfen Oel auf einen Waſſerfall. Wohl haben mich verſchiedene Erfahrungen gelehrt, dieſe brauſende Fluth in Etwas zu beherrſchen, aber in manchen Augenblicken behält ſie doch Recht und der jetzige Augenblick gehörte zu dieſen. Ich war ſo tief gerührt von der Güte meiner Stie vaß, dem« es zu ſie ni des L herze geſchr ſelbſt mein fröhli Geſa ſie gl in ſei ten E und e und! ſal. räthi Leute der 2 mer Tage und Vikin ware ſey, Aeuß kurz an t,“ ind gen ge⸗ icht ele⸗ gen Ind ckt! der bte nge g⸗ ſen, des ine nen lich iner nen en⸗ und Ge⸗ lbſt egel der des nten mich luth icken örte iner 117 Stiefmutter und ſo reuevoll über mein eigenes Unrecht, daß, wenn ſie jetzt von mir verlangt hätte, meine Hand dem Hofmarſchall zu geben, ich— ich glaube, ich hätte es zugeſagt. Aber dem Himmel ſey Dank! daran dachte ſie nicht, und ich konnte ungehindert alle Annehmlichkeiten des Lebens genießen, welche da aufgehen, wo Menſchen⸗ herzen in Innigkeit und Liebe ineinanderfließen. Innerlich habe ich bei dem Haupte der Minerva geſchworen, niemals mehr meine Stiefmutter und mich ſelbſt mit unnöthigem Argwohn zu quälen. Ich fühle mein Herz um ein Schiffpfund leichter! Ich höre Selma fröhlich ſingen! Gott ſegne den Singvogel, denn ihr Geſang feiert ſtets die ſonnigen Stunden im Hauſe, und ſie gleicht hierin Schwedens Singvögeln, die, wie Nilſon in ſeiner Fauna erzählt,„am ſchönſten nach einem ſanf⸗ ten Sommerregen ſingen“. Den 28. Januar. Mein Entzücken über den Bücherſchrank dauert fort, und auch meine Stiefmutter wird zuſehends zufriedener und heitrer. Wir beleuchten zuſammen Europens Schick⸗ ſal. Es wird ſtarker Commerz mit den Commerzien⸗ räthinnen getrieben: man verlobt, verheirathet, tödtet die Leute: mit Einem Worte: man arbeitet am Fortſchreiten der Welt. Aber bei alledem ſitzt mir ein geheimer Kum⸗ mer im Herzen. Ich habe den Vikinger ſeit mehreren Tagen nicht geſehen. Wenigſtens hätte er doch kommen und ſeiner Freundin ſeine Verlobung anzeigen ſollen. Den 29. Januar. Heute ging ich im Freien ſpazieren und traf den Vikinger, der böſe war und ſchalt, daß wir nie zu Hauſe waren und daß ich, obgleich ich zu Hauſe allein geweſen ſey, ihn nicht angenommen hätte. Mich ärgerte dieſe Aeußerung und ich war kalt, worauf Brenner ziemlich kurz angebunden mich verließ. Nun, nun! — 118 „Ich kümmte mich um Niemand, Niemand! Mag Niemand ſich kummern um mich.“ Gottlob! daß ich noch immer ſo ſingen kann. Und ich will auch immer ſo ſingen. Ich will keinen Verdruß haben, nicht unnöthigerweiſe mich ärgern. Ich hatte ſchon genug in meinem Leben und zwar durch allzu warmes Gefühl. Ich will keinen mehr haben und will deßhalb kalt und ruhig ſeyn, wie die Marmorbilder, die wir heute Abend im Muſeum der bildenden Künſte bei Licht beſehen wollen. Abends eilf Uhr. Wenn man zwiſchen den kalten Marmorbildern, zwiſchen den bleichen Flammen der Wachskerzen ein leben⸗ diges, warmſtrahlendes Menſchenauge ſieht, das mit ſonniger Kraft auf uns ruht, wer kann da widerſtehen, daß das Herz warm und weich wird, daß ſelbſt eine Marmorgallerie ſich in einen Sonnentempel verwandelt? So geſchahe mir, als ich in der Niobengallerie zwiſchen römiſchen Kaiſern und Karyatiden— den Vikinger er⸗ blickte. Als ich ſeinem Blicke begegnete, ſtreckte ich un⸗ willkuhrlich die Hand aus, und in demſelben Augenblicke fühlte ich ſeinen treuen, warmen Händedruck. Oh, wir müſſen Freunde bleiben. Brenner ſchloß ſich aber nicht an uns an. Er ſchien als Peotector zweier Frauenzimmer hier zu ſeyn, von denen das eine jung und hübſch war.„Vielleicht iſt das ſeine Braut,“ dachte ich. Aber ich mußte dieſe Meinung wieder aufgeben, als ich ſein Auge immer wieder zwiſchen den Marmorſtatuen mit einem Ausdruck auf mich gerichtet ſah, der mein Herz erwärmte. Das Zuſammentreffen der Blicke, das Gefuhl, mit einem warmen und edlen Herzen zu ſympathiſiren, gab der Wanderung durch dieſe Marmor⸗ ſäle am Arme des Hofmarſchalls einen eigenen, wunder⸗ baren Reiz. Ich fuhlte mein Herz geſättigt und befriedigt ſchlagen mitten unter dieſen gefuhlloſen Bildſäulen, unter einer elega ſchier ihres ſchäft doch richte Selm am 2 Alles zu w noch war e beſtim heit b 2 komm ſchläft ſpielt, „ an un beuge ſellſch entgei des ge 6 nochen gerade niſcher Olym inen Ich llzu will die bei ern, ben⸗ mit hen, eine delt? ſchen er⸗ un⸗ blicke wir ſchien von t das nung iſchen ichtet nder en zu rmor⸗ nder⸗ iedigt unter 119 einer vielleicht noch gefühlloſeren Volksmenge, die in eleganten Trachten die Gallerie anfüllte, und wie mir ſchien, mehr mit den ſchönen Toiletten der Koͤnigin und ihres Hofes als mit den Meiſterwerken der Kunſt be⸗ ſchäftigt war. Aber warum tadle ich dieß? Dachte ich doch ſelbſt mehr an die Menſchen, als an die Bildſäulen.— Lennartſon bot meiner Stiefmutter den Arm und richtete ſeine Worte und Bemerkungen vorzugsweiſe an Selma, die ſchön aber nachdenkend ausſah, während Flora am Arme ihres Bruders mit faſt fieberhafter Anſtrengung Alles um ſich durch ihre Perſon und ihre Einfälle ſammeln zu wollen ſchien. St. Orme, Baron Alexander und noch einige andre Herren folgten ihr bewundernd. Sie war ſehr elegant gekleidet und außerordentlich hübſch. Dieſer Abend unter lebloſen Geſtalten ſchien dazu beſtimmt, mir manchen Blick in die Tiefe und Dunkel⸗ heit bei den Lebenden zu geſtatten. Wir waren in den Theil der Marmorgallerie ge⸗ kommen, wo Odin befehlend ſteht, Endymion ſo ſüß ſchläft, Venus mit Amor ſcherzt und Apollo auf der Lyra ſpielt, während die Muſen einen Kreis um ihn bilden. Hier ſchloß ſich der königliche Sekretär Kruſenberg an uns an, der vor Göttern und Menſchen tief ſich ver⸗ beugend alſo begann: „Gewiß darf man hier ſagen, man ſey in guter Ge⸗ ſellſchaft. Man fühlt ſich recht erhoben davon!“ „Ja,“ fiel Baron Alexander ihm in die Rede,„hier entgeht man wenigſtens den Ellbögenſtößen des Pöbels, des gemeinen Packs, das die. Hauptgänge füllt.“ Solche Redensarten kann ich nicht hören, und noch weniger dazu ſchweigen. Ich antwortete daher nicht gerade höflich: „Ich bin gewiß, daß man unter dieſem ſogenannten „Pöbel“ehrbarere und beſſere Leute findet, als unker den heid⸗ niſchen Gottheiten. Es gab viel„Pack“ auf dem hohen Olymp.“— Wie ein Kirchenhahn auf einen Pflaſterſtein 12⁰ herabſehen kann, ſo ſah der große Alerander auf mich herab und St. Orme ſagte ſarkaſtiſch: „So mag es dem ſcheinen, der ſich in den Geiſt des Alterthums nicht hinein denkt und die Werke deſſelben nicht mit aufgeklärtem und vorurtheilsfreiem Blicke zu betrach⸗ ten vermag. Der Katechismus läßt ſich hier nicht als Maaßſtab gebrauchen. Das Schöne und Erhabene will nach einem andern Maaße gemeſſen werden.“ „Das meine ich auch,“ ſagte Flora;„die griechiſchen Ideale dürfen nicht in den Kreis unſerer kleinen Alltags⸗ tugenden herabgezogen werden“ Ich fühlte, daß ich erröthete, denn ich fand, daß ich meinen Gegnern gegenüber nicht auf feſtem Grund und Boden ſtand. Ich ſah nach Selma, dieſe blickte Len⸗ nartſon an, deſſen ruhiger, klarer Blick mit einem Aus⸗ druck auf mir ruhte, der mich belebte und ſtärkte. Ich hatte ſchon im Sinne, zu antworten, und meine Meinung näher zu erklären, als St. Orme fortfuhr: „Ich meines Theils weiß nicht, was unſere Huldi⸗ gung mehr verdient, als die göttlichen Gaben: Schöu⸗ heit, Geiſt und Kraft! Und ich kenne in der That Richts, was neben ihnen ſich geltend machen könnte. 3 Oder vielleicht die kleinen, namenloſeñ, beſcheidenen We⸗ ſen, von denen die Erde wimmelt! Nein! da bitte ich mich zu den Göttern, beſonders den Göttinnen halten zu dür⸗ ſen. Bei ihnen iſt man immer im Tempel der Schönheit.“ „Cultus des Genins!“ ſagte der Freiherr lächelnd; „Mancher hält ihn für erhaben und vornehm. Aber er⸗ habener und vornehmer iſt der Cultus, der ganz unab⸗ hängig von den zufälligen, äußern Gaben nach dem We⸗ ſentlichen im Menſchen ſieht, nach der Güte und dem Ernſtedes Willens, der in dem Menſchen einen aus⸗ erkorenen Geiſt ſieht, einen Erben göttlicher Heimath, einen lebendigen Gevanken Gottes, den Bürger eines ewigen Reichs. Man kann dem Standpunkt des Heidenthums Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und ihn dennoch, und mit a Stan ( plötzli und d ſich h auf L tröſtet Perſor ten vo tenden Bedeu her ſe wie ſi Geiſt geſtehe Mägd als be C und P Pſyche zeihun, erbittli Pſyche ſenberg das Ler die ſo hätte?“ Kruſen „daß e und nic flüſterte „Auch Friede mich tdes nicht rach⸗ als will ſchen tags⸗ ß ich und Len⸗ Aus⸗ Ich nung uldi⸗ h ö n⸗ That nnte. We⸗ mich dür⸗ heit.“ en er er⸗ unab⸗ n We⸗ dem naus⸗ „einen ewigen thums nd 121 mit allem Rechte, wie Fräulein Sophie that, dem höchſten, Standpunkt, das heißt dem des Chriſtenthums unterordnen!“ Es war mir, als erblaßten die heidniſchen Gottheiten plötzlich, oder als ſchrumpften ſie geſpenſtig zuſammen und der lange Alerander mit ihnen. Kruſenberg verkroch ſich hinter Odin, während Selma und ich mit Freude auf Lennartſon ſahen. St. Orme und Bgron Alexander tröſteten ſich damit, einander ihre geringe Meinung von Perſonen mitzutheilen, die ſo viel Aufheben machen könn⸗ ten von einem ſo unbedeutenden Vorfall unter unbedeu⸗ tenden Menſchen, und einer Begebenheit welthiſtoriſche Bedeutung geben wollten, die bereits zweitauſend Jahre her ſey. Wie thöricht! Ich wunderte mich ſehr über dieſe beiden Herren, wie ſie ſo große Gelehrſamkeit mit ſo vieler Geiſtesleerheit verbinden konnten! Und ich muß geſtehen, häufig habe ich bei einfältigen Knechten und Mägden mehr Sinn für das Tiefe im Leben gefunden, als bei einer gewiſſen Art von Gelehrten. Etwas nachher kamen wir an die Gruppe: Amor und Pſyche. Sie ſtellt dar, wie Amor gerade im Zorn Pſyche verlaſſen will, die vor ihm kniet und um Ver⸗ zeihung fleht.—„Wie kann man, wie Amor hier, un⸗ erbittlich gegen eine Knieende ſeyn, die ſo ſchön iſt, wie Pſyche?“ hoͤrten wir hier den königlichen Sekretär Kru⸗ ſenberg fragen.—„Ja,“ ſagte Selma, indem ihr Auge das Lennartſons ſuchte,„iſt es möglich, die zu verſtoßen, die ſo ſehr liebt und bittet, auch wenn— ſie gefehlt hätte?“—„Das müßte ein wahrer Barbar ſeyn,“ rief Kruſenberg aus.—„Ich glaube,“ ſagte Lennartſon kalt, „daß es Vergehen gibt, die man nicht verzeihen kann und nicht verzeihen darf.“—„Auch einer Geliebten nicht?“ flüſterte Flora mit einer faſt unmerklich zitternden Stimme. „Auch einer Braut— einer Gattin nicht?“ „Einer ſolchen am allerwenigſten,“ flüſterte Lennart⸗ Friederike Bremer, Tagebuch. 9 * 122 ſon leiſe, aber mit Nachdruck und ſeine Blicke ernſt und durchdringend auf Flora heftend. Kurz darauf faßte mich Jemand am Arm und flü⸗ ſterte mir zu:„Begleite mich, mir iſt übel!“ Es war Flora, die todtenbleich ausſah. Aber in demſelben Augen⸗ blick, wo ich mich anſchickte, ſie zu begleiten(Felir war bei Selma und ſah uns nicht), trat Lennartſon heran und fuhrte ſie aus dem Volfsgewühle „Etwas friſche Luft! ich erſticke,“ ſtammelte Flora. Lennartſon öffnete die Thüre zur Garten⸗Terraſſe, und bald ſahen wir den Sternenhimmel über uns und lächelnd wehte uns der Mitternachtwind entgegèn. Lennartſon ließ für Flora eine der ſammtgepolſterten Bänke heransbringen, reichte ihr ein Glas Waſſer und zeigte die zärtlichſte Sorgfalt. Ich ging einige Schritte weit von dem Paare weg. Ort und Zeit waren feierlich. Wir ſtanden gleichſam im Herzen des Schloſſes, deſſen Mauern auf drei Seiten hoch und düſter neben uns in die Höhe ſtiegen, während die vierte Seite die ſchöne Ausſicht nach dem Hafen öffnete und den ihn umgeben⸗ den Kranz von Bergen und angebauten Inſeln zeigte. Alles in nächtliche Dämmerung gehüllt und nur von den Sternen des Himmels und einigen flackernden Lichtern beleuchtet. Auf die hohe Terraſſe, wo wir uns inmitten beſchneiter Bäume befanden, warf das Licht aus der Gallerie breite, von den Schatten der Baumſtämme durch⸗ brochene Strahlen. Ich ſah dies, während mein Ohrunwill⸗ rührlich die Worte aufnahm, die zwiſchen zwei Menſchen gewechſelt wurden, welche in dieſem xüic der Kri⸗ ſis ihres wunderlichen Verhältniſſes, dem entſcheidenden Punkte in ihrem Leben ſich zu nähern ſchienen. Ich hörte, wie Lenuarlſon mit weicher, liebevollet Stimme Flora Etwas fragte und ſie dann antwortete: „Beſſer, beſſer Lennartſon; Du ſiehſt jetzt ſo mild und licht aus, wie der Himmel über uns, und nicht mehr, wie die kalten Marmorbilder d'rinnen.“— Lennartſon ſPwleß— Heftig bewegt fuhr Flora vet„Lennartſon, biſt 2 terlich Gott! wegt. Dich es we k ben,“ ſeinig ſo iſt kläre Lenna iſt es „Das aufric keine für D mir. fürcht ſtreng liebeſt ſprich meine aus 5 ſon ji die z meine ſuchen die G nartſt waren erreich Flora klärte ſt und d flü⸗ z war ugen⸗ rwar heran Flora. rraſſe, s und ſterten rund chritte erlich. deſſen ins in ſchöne geben⸗ zeigte. on den ichtern mitten is der durch⸗ inwill⸗ enſchen er Kri⸗ denden evollet ortete: ld und mehr, rartſon artſon, 123 biſt Du wirklich ſo hart, ſo ſtreng, wie er; ſo unerbit⸗ terlich, wie Deine Worte vorhin klangen! Ach, mein Gott! ſprich, wie ſoll ich Dich verſtehen?“ „Flora!“ ſprach Lennartſon, offenbar ahch tief be⸗ wegt.„Ich bin es, der ſeit einiger Zeit dieſe Frage an Dich richtet. Ich moöͤchte Dich gerne verſtehen. Wenn es wahr iſt, daß Du mich liebſt.“ „Mehr als Alles in der Welt, mehr als mein Le⸗ ben,“ unterbrach Flora ihn mit Heftigkeit. „Gut!“ fuhr Lennartſon fort, ihre Hände mit den ſeinigen umfaſſend und ſich über ſie beugend,„wenn es ſo iſt, ſo— ſey offen, ſey aufrichtig gegen mich. Er⸗ kläre mir—“—„Ach! Alles, Alles, was Du willſt, Lennartſon. Aber in einer paſſenderen Stunde. Hier iſt es ſo— kalt!“—„Kalt!“ unterbrach ſie Lennartſon. „Das iſt nur ein Vorwand. Sey aufrichtig, nür einmal aufrichtig, Flora. Deine Hände brennen, Du fühlſt jetzt keine Kälte!“—„Nein! denn mein Herz iſt heiß, heiß für Dich, Lennartſon! Und deßhalb habe auch Geduld mit mir. Ich liebe Dich ſo innig, ſo kindlich— ja, ich fürchte mich deßhalb vor Dir, ich fürchte mich, Dich ernſt⸗ ſtreng zu ſehen. Oh, wüßte ich nur, daß Du mich recht liebeſt, ich würde Dir nicht länger unbegreiflich ſeyn. O ſprich, kannſt Du mich nicht ſo lieben, wenigſtens um meiner Liebe willen?“— Ich glaubte, liebevolle Töne aus Flora's Worten zu vernehmen, ich ſah, wie Lennart⸗ ſon ſich immer tiefer zu ihr hinabbeugte, hörte—— die zur Terraſſe führende Thüre wieder öffnen und ſah meine Stiefmutter mit ihrer Begleitung unruhig uns ſuchen.— An Lennartſon's Arm trat Flora wieder in die Gallerie. Hatte Flora eine Gewißheit wegen Len⸗ nartſons Herz erlangt, die ſie früher nicht beſaß, oder waren Worte geſprochen worden, die mein Ohr nicht erreicht, die aber die unheimliche Feſſel gelöst hatten, welche Flora bisher gebunden hielt? Gewiß iſt, daß eine ver⸗ klärte Freude über ihrem ganzen Weſen ausgebreitet lag. 9* 124 Nie war ſie mir liebenswürdiger erſchienen, nie war Len⸗ nartſon mehr von ihrer Anmuth bezaubert. Mild, aber bleich ſah Selma auf Beide, während St. Orme ſie mit liſtig forſchenden Blicken beobachtete. Und dieſer Blick läßt mich ahnen, daß Flora's Roman noch weit vom Schluſſe iſt, und daß bald eine neue Revolution aus⸗ brechen dürfte. . Den 1. Februar. Bereits iſt ſie ausgebrochen und— Alles noch ſo dunkel, wie jemals. Heute Vormittag hörte ich vor meinem Zimmer Laute, wie von heftig zankenden Perſonen. Ich ging hinaus, um zu ſehen, was es gäbe. Der kleine Gang, der Selma's Zimmer von dem meinigen trennt, war leer; aber die Thüre von Flora's Vorzimmer war halb geöff⸗ net, und durch ſie ſah ich zu meinem großen Erſtaunen Flora, wie ſie ihre Hände aus denen St. Orme's los⸗ gemacht hatte, der ſie mit Gewalt zurückhielt. Dabei ſahen Beide nach dem Fenſter hinauf, an dem ſie ſtanden. „Ach, laß mich los,“ bat Flora heftig.„Laß mich ſie befreien! Laß, es wird zu ſpät! Sieh, ſchon iſt die häßliche Spinne an ihr.“ „Warum flog ſie auch in ihr Netz!“ ſprach St. Orme mit ſeinem kalten Hohne.„Laß ſie nur. Es muß intereſſant ſeyn zu ſehen, ob ſie ſich ſelbſt befreien oder entkommen kann, laissez faire la fatalité!“ „Ach! ſie iſt ja ſchon ihre Beute! Die Arme! Adrian, laß mich los!“(Sie ſtampfte mit dem Fuße.) „Du biſt ein grauſamer, abſcheulicher Menſch!“ „Weil ich mich nicht über eine Fliege erbarme?) Die kleine Thörin hat ſich ja ihr Loos ſelbſt zugezogen; und wer weiß, ob es ihr ſo traurig ergeht? Und die Spinne? Wer weiß, ob ſie ſo grauſam iſt. Sie um⸗ armt ja, die kleine Fliege bloß.“ In dieſem Augenblicke erhob ſich plötzlich eine Feuer⸗ zange, die das Gewebe zerriß und die Fliege befreite; eine ich m leiſe d mich Himm ſpät k auf d Elegie und ſo ( plötzli St. C 9 ihrer⸗ raufte convul Wo n die ich haſtig nur? kümm ich.„ liche und e ein V ſehen, liche, namen ſagen gibt e ar Len⸗ d, aber ſie mit r Blick it vom n aus⸗ r. och ſo zimmer h ging Gang, r leer; geöff⸗ taunen s los⸗ Dabei anden. nich ſie iſt die h St. s muß n oder Arme! Fuße.) arme? zogen; nd die e um⸗ Feuer⸗ freite; 125 eine Kataſtrophe, die von mir berbeigeführt wurde, indem ich mit der erſten beſten Waffe, welche ſich mir bot, leiſe den Streitenden näher getreten war. Als St. Orme mich erblickte, ließ er Flora los und ſagte: „Siehe, da kommt ein rettender Engel, wie vom Himmel herab. Schade nur, daß die edle That zu ſpät kommt!“— Es war zu ſpät; die Fliege ſiel todt auf das Fenſtergeſimſe. „Aber,“ fuhr St. Orme fort,„Sophie kann ja eine El egie oder eine liſe Betrachtung darüber ſchreiben, und ſo wird ſie immer ein Mittel zur Erbauung und——“ Die Hände por das Geſicht haltend, ſprang Flora plötzlich in das innere Zimmer. Ich folgte ihr und St. Orme ging eine Opernarie pfeifend die Treppe hinab. Nun überließ ſich Flora einem ſolchen Ausbruche ihrer Heftigkeit, wie ich ihn noch nie geſehen habe. Sie raufte ſich das Haar aus, ſchrie und warf ſich unter convulſiviſchen Seufzern und Schluchzen auf den Boden. Wo war jetzt die ſchöne Flora? Es war eine Furie, die ich vor mir ſah. Ich reichte ihr ein Glas Waſſer; ſie trank es haſtig aus und ward dann allmählig ruhiger. „Aber Flora!“ ſagte ich ehrlich.„Was iſt Dir nur? Wie kann das Schickſal einer Fliege——“ „Eine Fliege?!“ rief Flora.„Glaubſt Du, ich be⸗ kümmere mich um dieſe? Oh nein, über mich traure ich. Ich, Sophie, ich bin dieſe unvorſichtige, unglück⸗ liche Fliege. Ich bin es, die eine Beute dieſes—— und er wußte es, der Abſcheuliche, er fand einen Genuß, ein Vergnügen darin, dieſes Bild meines Schickſals zu ſehen, meine Angſt zu ſchauen, der Grauſame, Abſcheu⸗ liche, Aber wie? was?“ fragte ich, die Fluth von Bei⸗ namen unterbrechend, die Flora auf St. Orme häufte. „Frage nicht!“ rief ſie ungeduldig.„Ich kann nichts ſagen und es würde auch nichts helfen. Ach! warum gibt es bei uns keine Zufluchtsörter, wie in katholiſchen * 126 Ländern, wo man der Welt, ſich ſelbſt und Andern ent⸗ fliehen, ja ſich vor Erniedrigung ſchützen kann; in denen auch das gefallene Weib, geſtützt auf das Kreuz ſich aufrich⸗ ten und durch den Beiſtand des Himmels wieder gereinigt und geadelt vor den Augen der Menſchen daſtehen kann!“ Und Flora war wieder ſchön, indem„ſie ſich auf⸗ richtete und mit von Thränen glänzenden Augen gen Himmel blickte Aber dieſe Erhebung dauerte nur einen Augenblick, und mit erneuerter Bitterkeit fuhr ſie fort: „Wenn er mich verfolgt, ſo will ich katholiſch, ja ich will Türkin oder Fetiſchanbeterin werden, will die Jungfrau Maria oder Mahomed, oder den großen Mogul oder den Teufel ſelbſt anbeten, wenn er mich nur von dieſem Menſchen befreit!“. „Dein Beruf für das Kloſterleben,“ ſagte ich lä⸗ chelnd,„ſcheint nicht gerade ächter Natur zu ſeyn. Aber Flora, ich meinte, Du hätteſt Dich bereits einem guten und ſtarken Gotte übergeben, Du gehöreſt Thorſten Lennartſon an?“ „Angehören? Ja, von ganzer Seele, mit ganzem Herzen, aber—“ „Warum wendeſt Du Dich nicht an ihn mit offenem Herzen, freimüthig bekennend? Er würde Dich befreien.“ „So redeſt Du? Aber Du weißt nicht—— Ja, wenn er mich liebte, wie ich ihn liebe! Aber— Ach! wenn ich das wüßte, recht wüßte! Warum gibt es keine Orakel, keine Hexen, keine Sibyllen und Wahrſagerinnen mehr in dieſer Welt, an die man in der Noth ſich wen⸗ den und von denen man einen Rath, einen Wink, einen Blick in die Zukunft erhalten könnte? Aber alles Schöne iſt ausgeſtorben. Wie unerträglich platt und ge⸗ ſchmacklos die Welt in ihrer Ordnung und Verſtändig⸗ keit iſt! Sie ekelt mich an; ich ſelbſt bin mir zum Ekel. Alles iſt mir zuwider, unerträglich. Sieh' mich nicht ſo an, Sophie! Verlaß mich: ich mag Dir kein Schauſpiel ſeyn. Ich weiß, daß Du mich haſſeſt, aber ich bin ja nun unglücklich genug; ich will wenigſtens allein ſeyn!“ Dich verſt gleit Schn trat“ und ſchw dem zu. „Si imm run, ſtolz wiſſi ſich Hof Wa pfen die derv Flo ſten Stt hier Str Nel Sti Hät kör ent⸗ denen frich⸗ einigt nn!“ auf⸗ egen einen fort: ,ja ll die Nogul rvon h läã⸗ Aber guten orſten mzem fenem eien.“ Ja, Ach! keine innen wen⸗ einen alles d ge⸗ ndig⸗ Ekel. ht ſo uſpiel in ja yn!“ — 127 „Nein, jetzt nicht! Laß mich eine Stunde lang über Dich herrſchen, Flora; Du wirſt dann meinen Haß beſſer verſtehen lernen, Flora. Ich wollte eben ausgehen. Be⸗ gleite mich und überlaſſe Dich meiner Leitung. Der Schnee draußen wird Deine heiße Stirne kühlen.“ Damit trat'ich näher auf ſie zu und begann ihre Haare zu ordnen. „Mache mit mir, was Du willſt,“ entgegnete ſie und hielt ſich paſſiv. Ich half ihr im Ankleiden und ſchweigſam gingen wir dann zuſammen fort. Es ſchneite und windete. Wir gingen hinunter nach dem unterſten Kai des Strandes gegen die Norrbrücke zu. Flora blickte in die ſchäumenden Wellen. „Wie das braust! Wie das kämpft!“ ſprach ſie „Sieh', ſieh', wie die Wogen ſich zu erheben ſuchen, aber immer wieder hinabgedrückt werden und in ver Erbitte⸗ rung wieder unterſinfen müſſen, während der Mälarſtrom ſtolz über ſie hinbraust. Die armen Wogen! Ich möchte wiſſen, ob ſie es fühlen, was es heißen will, ſo unter ſich ſelbſt zu ſinken, zu ringen und zu kämpfen ohne Hoffnung, je zu ſiegen.“ „In einigen Tagen,“ ſagte ich,„hat vielleicht das Waſſer des Mälar ſeine Gewalt verloren, und die käm⸗ pfenden Ströme halten ſich das Gleichgewicht!“ „Vielleicht geſchieht es auch,“ ſagte Flora,„daß die bittern Wogen das Uebergewicht erlangen, und über ſie hinbrauſen und ſie bitter machen. Es gibt eine Wie⸗ dervergeltung!“ Wiederum gingen wir ſchweigend weiter. Ich führte Flora über die Brücke in die Stadt. Hier ſind die älte⸗ ſten Erinnerungen Stockholms, hier iſt das Herz der Stockholms⸗Stadt, die ſelbſt die Form eines Herzens hat, hier hat Chriſtiern das Blut des ſchwediſchen Adels in Strömen vergoſſen; die Straßen ſind hier enge, die Nebengäßchen dunkel; aber hier liegt auch das Schloß Stockholms und hier erheben ſich noch heut zu Tage Häuſer, deren in Stein gehauene Inſchriften von der körnigen Gottesfurcht zeugen, die in frühen Zeiten den 128 ſchwediſchen Staat begründete. Wir traten in den finſtern, mit Bildhauerarbeit geſchmückten Thorweg eines ſolchen. Jahrhunderte alten Hauſes, über dem ein Vers aus den Pſalmen David's in altſchwediſcher Sprache prangte. Flora zögerte.„Wohin führſt Du mich?“ fragte ſie. „Zu einer Hexe,“ entgegnete ich.. „Gibt es noch ſolche in Schweden?“ fragte Flora, mir folgend.„Aber,“ fuhr ſie etwas höhniſch fort,„zuden Heren unſerer Zeit mit Karten und Kaffeeſatz habe ich kein beſonderes Zutrauen.“„½ Wir ſtiegen mehrere Treppen hinauf, ich öffnete eine Thüre und wir traten in ein Zimmer, in dem ein junges Mädchen ſaß und nähte. Ich bat. Flora, hier auf mich zu warten und ging in ein anderes Zimmer, das verſchloſſen war. Nach einet Weile kehrte ich zurück und holte Flora ab. Als Flora die Geſtalt bemerkte, die in einem weiten, ſeidenen Rocke in einem großen Stuhle an dem einzigen Fenſter des Zimmers ſaß, deſſen unterer Theil überdieß noch von einer Gardine beſchattet war, malte ſich Ver⸗ wunderung und Erſtaunen auf ihrem Geſichte. Das Licht fiel auf ein Antlitz herab, das weniger vom Alter, als von Schmerzen verzehrt war und deſſen dicke, un⸗ ſchöne Züge ausſahen, als habe es nie einen Reiz gehabt oder als hätte nie ein Blick der Liebe darauf geruht. Gleich⸗ wohl fehlte dieſem Antlitz die Sonne nicht. Es hatte ein vaar Augen mit ungewöhnlichem Ausdrucke. Es konnte unruhig und ſchwankend ſeyn bei gleichgültigen Dingen und Gegenſtänden; wurde es aber von einem Gefühl, einem Gedanken belebt(und dieß geſchah häufig), ſo ſchoßen wärmende Strahlen und durchdringende Kraft von ihm aus; denn es lag ein großer, tiefer Ernſt darin. Das noch ſchöne, dunkelbraune Haar war aus der Stirne ge⸗ ſtrichen, und eine glatte, ſchneeweiße Spitzenhaube um⸗ gab das blaſſe, ernſte Geſicht. Die linke Hand von faſt durchſichtiger Feinheit und Weiße ruhte auf der Bruſt, „— die e auf! ſie n von Arm ten 2 Man gewöl leucht außer bekan grüßt Sie des 3 reicht nium Auget mehr ſagen ſelbſt wie i es ſa ihm ſchwi Aller rer z würd antw ſtern, lchen den e. ſie. . bra, uden ich nete dem hier ner, ab. ten, gen ieß er⸗ as ter, un⸗ abt ich⸗ ein nte ind em en hm s ge⸗ m⸗ aſt ſt. —— 129 die andere hielt eine Bleifeder, womit ſie Bemerkungen auf den Rand einer großen Bibel zu machen ſchien. Die Meublen im Zimmer waren ſo einfach, wie man ſie nur bei der Armuth ſieht, aber Alles trug ein Gepräge von Reinlichkeit und Beßaglichkeit, das nur ſelten bei der Armuth zu finden iſt. Eine Vaſe ſtand mit friſchgepflück⸗ ten Blumen auf dem Tiſche, worauf mehrere Bücher und Manuſeripte lagen. Alles im Zimmer war einfach und gewöhnlich; bloß die großen wunderbaren Augen, die darin leuchteten, erweckten ein Gefühl, daß hier das Gehäuſe eines außerordentlichen Lebens ſey. Flora ſchien ergriffen zu ſeyn, als wir uns der Un⸗ bekanten näherten, die uns mit großer Freundlichkeit be⸗ grüßte, und ſagte:„Verzeihen Sie, daß ich nicht aufſtehe!“ Sie deutete uns mit der Hand an, auf zwei in der Nähe des Tiſches ſtehenden Rohrſtühlen Platz zu nehmen und reichte jeder von uns lächelnd einen Zweig blühenden Gera⸗ niums aus der Vaſe.— Sodann blickten ihre ernſten Augen auf Flora, welche die ihrigen niederſchlug und ſie der Macht jener entziehen zu wollen ſchien. Ich zog mich mehr zurück und ließ die beiden allein. Mit milder, ernſter Stimme hörte ich die Unbekannte ſagen:—„So jung, ſo ſchön und doch— nicht glücklich!“ Flora ſchwieg einen Augenblick und ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen. Endlich ſagte ſie: „Nein, nicht glücklich. Aber wer kann mir ſagen, wie ich es werden kann? Wüßte ich Jemanden, der mir es ſagen könnte, durch Nacht und Grauen würde ich zu ihm dringen. Aber die Orakel ſind aus der Welt ver⸗ ſchwunden.“—„Ausgezogen? und wohin?“ „Aus den alten Tempeln, aus den Wüſten in das Allerheiligſte des Lebens, in das Menſchenherz.“ „Und dahin,“ fuhr Flora ſarcaſtiſch fort,„iſt wohl ſchwe⸗ rer zu kommen, als nach Delphi oder Deodona? Und was würde wohl dieſes neumodiſche Orakel auf meine Frage antworten?“—„Folge der innern Stimme!“ „Ein ächter Orakelſpruch! Oh einer, der gar nichts 130 ſagt. Ich wenigſtens weiß nichts von einer innern Stimme, ſondern mindeſtens von zehn, die durch einander rufen!“ „Man darf auch nicht allen Stimmen trauen, man muß fragen und ernſtlich lauſchen, bis man die rechte hört. Es gibt in der Seele ſtille Haine, ſtille Grotten und Tem⸗ pel— dahin müſſen wir gehen, da ſpricht unſer Genius!“ Die Unbekannte ſagte dieß auf freundliche, lächelnde, eindringliche Art. Sie ſchien ſich an den Bildern zu er⸗ götzen, die fie hervorrief. EGs kam mir vor, als hätte ſich bei dieſen Worten eine freundliche Kühle über Flora's leidenſchaftliche Seele ergoſſen. Seufzend und mit Thränen in den Augen ſagte ſie: „Ach! wer in dieſe ſtillen Orte fliehen und Nuhe erhalten könnte! Wer ſich ſelbſt und der Welt entfliehen könnte!“—„Man ſoll nicht fliehen, ſondern nur— ſich ſammeln; in der Stille für einen großen Lebenszweck ſich ſammeln!“— Flora's Gedanke, der hei dem Kunſtwerk in der Gallerie in ihr aufgeſtiegen war, ſchien wieder in ihr zu erwachen, ihr Auge belebte ſich. „Ach!“ ſprach ſie,„ich habe wohl zuweilen geahnt und gedacht, aber— es iſt zu ſpät. Die wurzelloſe Blume kann nicht wieder feſtwurzeln; ſie muß mit Wind und Welle treiben!“—„Nie iſt es zu ſpät!“ ſprach die Un⸗ bekannte mit Nachdruck.„Aber ſchwer genug wird es manch⸗ mal. Ach! ich kenne ſie wohl dieſe Blume ohne Wurzel, dieſen Mangel an Grund und Boden, die gewöhnliche Frucht einer verfehlten Bildung! Kein Weg iſt ſchwerer, als der, ſich aus der Zerſtreuung zu ſammeln und zu ſich ſelbſt zurückzukehren. Aber vorhanden iſt er, und wir können ihn wandeln.“— Ein Sonnenſtrahl brach in dieſem Au⸗ genblick durch's Fenſter und ſtrömte mild zitternd durch die Blumen der Vaſe auf die heilige Schrift. Der Blick der Unbekannten folgte dieſem Lichtſtrahle nach Oben, und ſtrahlte in großer Freude, während ſie in abgebrochenen Sätzen ſprach:„Nein! nie iſt es zu ſpät,— die lichteren Wege zu gehen— die den Himmel mit der Erde— und die Menſchen mit einander— in edlem Streben ver⸗ bind und auch und Mu wirt im Gei ſchie zuta tig. kein imn Ent erlie wid Ver mei zen und hat ſüß anf We keit. dert Wi fro: viel bek thei gla vor hat hal S me, man ört. em⸗ 18!“ nde, er⸗ rten Seele eſie: kuhe ehen ſich ſich rk in ihr ahnt ume und Un⸗ nch⸗ rzel⸗ ucht der, elbſt men Au⸗ die der und enen eren ver⸗ 131 binden! Reicher, als je öffnen ſie ſich in unſern Tagen, und für alle Beſtrebungen— in allen Leßensſphären— auch die Augen der Menſchen öffnen ſich immer mehr— und die Liebe verſagt ihre leitende Hand nicht!— Nur Muth und feſten Willen!—— und die wurzelloſeſte Pflanze wird wieder feſten Boden gewinnen und ſchön aufblühen, im Lichte des Ewigen!“— Flora folgte nicht. Wie der Geiſt der Unbekannten ſich dem Lichte entgegen hob, ſo ſchien der Flora's zu ſinken und in die dunkle Tiefe hinab⸗ zutauchen.—„Und endlich,“ ſprach ſie,„iſt doch alles nich⸗ tig. Jedes Menſchenleben hat ſeine Schlange, gegen die feine Macht zu kämpfen vermag. Früher oder ſpäter, immer kommt für einen Jeden die Zeit, wo alle Luſt ein Ende hat, wo man dem Schmerzen, dem Alter, dem Tode erliegt. Gibt es eine Kraft, eine Seligkeit, die dieſem zu widerſtehen vermag?“—„Ja, nehmen Sie hierüber die Verſicherung einer Sterbenden! Sehen Sie! ich eile nun meiner Verwandlung ſchnell entgegen und meine Schmer⸗ zen ſind groß; aber doch bin ich ſo glücklich, daß ich Tag und Nacht lobſingen muß.— Manchen lieblichen Trank hat mir das Leben geboten, manches Bittere ward mir ver⸗ ſüßt, aber der beſte Wein wurde mir doch bis zuletzt anfbewahrt.“—„Die Looſe ſind den Menſchen auf dieſer Welt verſchieden gefallen,“ ſagte Flora nicht ohne Bitter⸗ feit.„Einige ſcheinen zum Unglücke geſchaffen, Andere wie⸗ derum haben, wie Sie, Sonnenſchein und Glück von der Wiege bis zum Grabe. Und dieſen mag es leicht ſeyn, fromm zu ſeyn!“—„Würden Sie mich beſſer kennen, vielleicht würden Sie anders denken,“ ſagte milde die Un⸗ befannte,„und ein Blick in meine Bruſt wird Sie beur⸗ theilen laſſen, ob mein Leben ſtets ſo ſonnig war, was Sie glauben—— und doch werden Sie nur einen Abdruck von Qualen erblicken, die kein menſchliches Auge geſehen hat, und die ich ſelbſt jetzt— beinahe vergeſſen habe. Längſt haben die bittern Wogen aufgehört zu brauſen, aber eine Spur haben ſie zurückgelaſſen———,“ Sie öffnete den ſchwarzſeidenen Rock, nahm ein weißes 132 Tuch hinweg und ließ uns—— entſetzlicher Anblick! Das blutige Gemälde wurde bald wieder verhüllt. „Verzeihen Sie,“ ſprach die Unbekannte zu Flora, die mit einem Schrei des Entſetzens ihre Angen bedeckt hatte.„Und nun laſſen Sie ſich nicht erſchrecken. Ich fühle, daß meine Schmerzen kommen, und ich werde das Klagen nicht ganz unterdrücken können. Aber fürchten Sie nichts, es wird kald vorü er ſeyn.“ Zugleich um⸗ faßte ſie krampfhaft eine Papierrolle, ihr ganzer Körper zitterte und Leichenhläſſe bedeckte ihr Antlitz, welches unter dumpfem Schmerzensruf auf die Bruſt heraſank. Dieß währte woll zehn Minuten, dann ſchien die Hyäne des Schmerzes die Leidende aus ihren Klauen zu laſſen; allein augenſcheinlich war ſie eine Zeit lang nicht kei ſich, ihre Seele ſchien in fernen Regionen ſich zu ergehen, während ihre Lippen abgebrochene Worte ſtammelten, ähnlich denen, die Aſaria im feurigen Ofen ſang. Allmählig verminderte ſich der krampfhafte Ausdruck in ihrem Geſichte; ein Schlummer ſchien ü er daſſelbe zu wandeln. Als ſie die Augen aufſchlug, waren ſie klar und voll Bewußtſeyn. Sie nahm einen kleinen Spiegel, der auf dem Tiſche lag und betrachtete ſich darin.„Es iſt vorüßer!“ ſagte ſie wie vor ſich hin mit einem dank⸗ baren Blick zum Himmel. Erſt jetzt ſchien ſie ſich zu erinnern, daß ſie nicht allein war.„Es iſt vorüber!“ ſagte ſie, einen matten Blick auf Flora und mich heftend.„Ver⸗ geben Sie mir! Doch ich weiß ja ſchon, daß— Sie dieß thun. Beflagen Sie mich nicht: ich bin glücklich, unausſprechlich glücklich.“— Ich erhob mich, um unſerem Beſuche ein Ende zu machen. „Erlauben Sie mir, daß ich wiederkehren darf!“ bat Flora, mit thränenvollen Augen Aſchied nehmend. „Gern“ erwiederte die Unbekannte, einen verlöſchenden, aber freundlichen Blick auf uns heftend und liebevoll uns die Hände reichend.— Wir gingen. „Wer iſt ſie?“ fragte Flora auf der Treppe. ſan Sc nich Ver die dem Du dar fert la, ihr ihr und und in ma We inn gen weg Sch An! und lan ernſ Ent eine und We Aue und ſaße a, ckt ch as en n⸗ er er eß es in re 1d n, cœk u r l, u te le , n 133 „Sie will unbekannt ſeyn“ antwortete ich, und ſchweig⸗ ſam gingen wir nach Hauſe. Als ich zum Mittageſſen hinunter ging, hörte ich mein Schweſterchen, die von dem Auftritte von heute Morgen nichts wußte, alſo im Saale befehlen: „Trala, la, la! Jakob, ſtelle die Schüſſel hieher. Vergiß nicht, gleich nach dem Mittageſſen das Brod und die Flaſche Wein da dem alten Kutſcher zu bringen. Auf dem Rückwege nimmſt Du von dem Obſt mit, das, weißt Du, meine Mutter ſo gerne ißt.— Du, Ulla, denke daran, daß das Kleid von Fräulein Flora heute Abend fertig ſeyn muß. Du mußt ſehr fleiſig ſeyn. La, lala, la, la! Morgen ſollt ihr Euch luſtig machen! Da dürft ihr in die Oper und„den Maitag“ ſehen. Da könnt ihr Euch herrlich unterhalten;— und Jakob ſoll Ulla's und Karin's BVeſchützer ſeyn. Tralalala, la, la!“ So ging das harmoniſche Befehlen eine Weile fort, und gab mir wieder eine Probe, daß Selma's Streben in der Welt darauf geht, Alle um ſich her glücklich zu machen. Doch iſt Streben nicht das paſſende Wort. Wenn die Güte ſich der Vollendung nähert, wird ſie innere Harmonie, eine veredelte Natur, deren Bewegun⸗ gen eben ſo unwillkührlich, als ſchön ſind, wie die Be⸗ wegungen der Taglioni als Sylvhide. Sie macht das Schwerſte leicht und verleiht jeder Aeußerung des Lebens Anmuth.— Während des Mittageſſens war Flora ernſt und gedankenvoll. Nachmittags kam Lennartſon, der eine lange Unterredung allein mit ihr hatte. Er ſchien ſie ernſt und lebhaft um Etwas zu bitten. Sie weinte. Endlich ſprach ſie heftig: „Jetzt nicht, jetzt noch nicht, Lennartſon. Habe noch eine Weile Geduld mit mir, ich will Dir Alles ſagen und Du wirſt dann ſehen, daß Du der Einzige in der Welt biſt, den ich liebe.“— Lennartſon ſtand mit dem Ausdruck heftiger Uuzufriedenheit auf. Er ſchien unruhig und kam in das Zimmer heraus, wo Selma und ich ſaßen. Die Sonne brach ſich durch die Kryſtalle des 134 Kronleuchters und hunderte von kleinen prismatiſcheu Flammen zitterten an den Wänden und auf den Gemäl⸗ den, womit jene bekleidet waren. Selma äußerte ſich über die Schönheit der Farben und den Eindruck, den ſie auf das Gemüth machen. „Ja,“ ſagte Lennartſon laut, indem er ſeine Augen auf ſie heftete,„das Lichte, das Reine iſt ſchön, wie in der Farbe, ſo im Gemüthe des Menſchen. Ich kann nicht begreifen, wie man das Dunkel lieben, wie man darin verweilen mag, man müßte denn etwas Finſteres zu verbergen haben, und daher— mißtrauiſch das Licht fürchten.“— Flora war näher getreten, aber in der Thüre ſtehen geblieben, an deren Pfoſten ſie ſich lehnte, die Hand auf die Bruſt drückend und einen Blick voll bittern Schmerzes auf den Sprecher heftend. Selma bemerkte es und Thränen traten ihr in die ſchönen Augen. Lebhaft, faſt vorwurfsvoll ſprach ſie zu Lennartſon;„Wolken verhüllen ja vft die Sonne vor uns, und ſie iſt doch gleich glänzend. Könnten wir uns über die Wolken erheben, wir würden es ſelbſt ſehen.“ Lennartſon ſah Selma forſchend an. „Ja, Sie haben Recht,“ ſprach er dann langſam, „der Fehler kann an dem liegen, welcher klagt.“ Er ging zu Flora, nahm ſie bei der Hand, beugte ſich zu ihr hinab und ſprach einige Worte, die ich nicht hörte, deren Wirkung ich aber in Flora's dankbarem Blicke ſah. Bald darauf verließ uns Lennartſon. Den 2. Februar. Flora iſt ruhiger und Alles ſtill im Hauſe. Ich fange an, mit dem zwiſchen meiner Stiefmutter und mir beſtehenden polemiſchen Verhältniſſe zufriedener zu wer⸗ den. Aber werden wir es je zum Ideal eines Streites bringen, wie es die deutſchen Profeſſoren Feuerbach und Grolmann der Welt gezeigt haben? Dieſe beiden aus⸗ gezeichneten Männer waren innige Freunde und theilten in der erſten Hälfte ihres Lebens dieſelben Geſinnungen und wiſſe auf Sie ande ſie i herv Str was daß und ſcha Eig ich rech weg „les tiget beqi ſein ich Aug W Ich kom auf in 2 ſche Gal Wit Leſe e äl⸗ ich en en bie nn an tes chr er te, oll zu or ns m, te cht m 135 und Grundſätze. Späterhin trennten ſie ſich in ihren wiſſenſchaftlichen Anſichten, ohne daß dies jedoch Einfluß auf ihre perſonliche Achtung und Freundſchaft gehabt hätte. Sie einander alle ihre Werke, in denen ſie ein⸗ ander unausgeſetzt zu bekehren ſuchten. So polemiſirten ſie in Liebe und brachten dadurch vortreffliche Arbeiten hervor bis an das Ende ihres Lebens. Ueber einen ſolchen Streit müſſen ja die Engel ſich freuen! Den 5. Februar. Meine Bekanntſchaft mit dem Vikinger beginnt et⸗ was ſtürmiſch zu werden. Aber ich tröſte mich damit, daß„die Windsbraut auch zu Gottes Witterung“ gehort und von ſeinem Geiſte beherrſcht wird. Geſtern waren wir zum Dejeuner bei dem Hofmar⸗ ſchall. Ohne mir groß zu ſchmeicheln und ohne zu große Cigenliebe zu verrathen, konnte ich leicht einſehen, daß ich die diplomatiſche Korreſpondenz meiner Stiefmutter recht gedeutet hatte, daß dieſes Frühſtück bloß meinet⸗ wegen gegeben wurde. Der Wirth machte mir offenbar „les honneurs“ ſeiner ſchönen Wohnung; ſeine präch⸗ tigen Meublen, ſeine nAikenſne⸗ mit tauſend kleinen Koſtbarkeiten, ſeine manche epli Einrichtungen, um ein bequemes und gemüthliches Leben führen zu können, ja, ſeine eigene koſtbare Toilette mußte ich ſehen. Während ich ſo die Zimmer mit ihm durchwanderte, forſchten meine Augen vergebens nach einem Gemälde von wirklichem Wrrthe oder einem Gegenſtande von höherem Intereſſe. Ich fand nichts der Art, und über die übrigen Zierrathen konnte ich nicht viele Worte machen. Wilhelm Brenner heftete ſeinen Blick oft lauernd auf mich, während der Wirth mich mit ſeinen Artigkeiten in Anſpruch nahm. Er dagegen war von einer ſehr hüb⸗ ſchen Frau Z., derſelben, die ich bei dem Beſuche der Gallerie in ſeiner Geſellſchaſt geſehen hatte, einer reichen Wittwe in Anſpruch genommen.„Z, ſagt irgend ein Leſebuch, iſt für die ſchwediſche Sprache ein uberflüſfiger 136 Buchſtabe“ und das war, wie mich dünkte, Frau Z. bei dieſem Frühſtück. An den zerſtreuten Blicken des Vikingers konnte ich abnehmen, daß er eben ſo dachte, obwohl er in ihrer Nähe blieb und ſich damit begnügte, mich ganz aus der Ferne zu beobachten. Dies verdroß mich, und wohl deshalb ließ ich mich etwas mehr als gewöhnlich von den Späßen meines artigen Onkels beluſtigen, ſagte ſelbſt luſtige Sachen und trug dazu bei, die Geſellſchaft aufzuheitern, wofür ich vielen Beifall, beſonders von meiner Stiefmutter erndtete. Gegen zwei Uhr trennte ſich die Geſellſchaft; da das Wetter ſchön war, ſo ging man zu Fuße. Ich ſah Frau Z. am Arme Vikingers weggehen. Uns begleitete nebſt andern Herren der Hof⸗ marſchall.— Kaum waren wir unten am Schloßberge angelangt, ſo eilte der Vikinger mit vollen Segeln von der Seite der Schiffbrücke her auf uns zu, und ſchloß ſich an uns an. Er war ganz warm und trocknete ſich die Stirn. Der Hofmarſchall ging mir zur Linken, Bren⸗ ner nahm die rechte Seite ein und hörte, wie ich die Liebe— lächerlich machte. Aber was er nicht gehört hatte, war die Veranlaſſung zu dem ſatyriſchen Aus⸗ fall, nämlich die Seufzer und die Redensarten meines Onkels von ſeiner Liebe und der Wärme ſeines Herzens. Denn dies machte mich unbeſchreiblich kalt, weil ich Grund und Endzweck davon wußte. „Ich glaube nicht,“ ſagte ich,„daß man je mehr von der Liebe geſprochen und ſie doch weniger gekannt hat, als gegenwärtig. Die, welche öffentlich am lauteſten von der chriſtlichen Liebe ſprechen, zerfleiſchen einander am bitterſten, und was die Liebe betrifft, welche Männer den Frauen betheuern, ſo find deren Triebfedern von ſehr zweifelhaftem Werthe. Wie viele zärtliche Flammen— die freilich mehr rauchen, als brennen— brechen nicht dadurch hervor, daß man Langeweile hat, daß man auf irgend welche Art Unterhaltung ſucht? Iſt es doch in dem heißen Italien ſo, wie Sie ſelbſt mir erzählt haben! Schließt man nicht dort„Verbindungen,“ um ſich die Zeit zu ve weil man Leber kräft zu e weite niedr auf verſti habe auch auf ben Tod ſie z wiß Män um dies nem bene ſo ſe und zu h welc Hofn dieſe tung den trete Med ma Fri Z. bei kingers ohl er h ganz und öhnlich ſagte lſchaft s von rennte ging ingers berge n von ſchloß te ſich Bren⸗ ch die ehört Aus⸗ eines zens. il ich mehr hat, on am r den ſehr n— nicht auf h in ben! Zeit 137 zu vertreiben, und lebt darin fort bloß aus dem Grunde, weil man keine andere eingehen kann? Und ſo ſchleppt man ſich mit Zucker und Limonade erbärmlich durch das Leben. Hier im Norden ſucht man freilich eine etwas kräftigere Nahrung für die Liebe, ſucht jenes Gute, das zu einem bequemen Leben, zu guten Soupers und ſo weiter die Ausſicht öffnet. Aber die Urſache iſt eben ſo niedrig, und die Liebe eben ſo dürftig.“ „Haben Sie denn noch nie„eine wahrhafte“ Liebe auf Erden getroffen oder geſehen?“ fragte der Vikinger verſtimmt und gleichſam mich bedauernd. „Freilich“, fuhr ich in demſelben Tone fort,„freilich habe ich Männer geſehen, die wirlliche Liebe fühlten und auch wirklich mager davon wurden, auch ſie, wenn ſie auf harte Herzen trafen, verſichern hören, daß ihr Le⸗ ben von Würmern angefreſſen ſey und man bald ihren Tod werde beweinen können. Ja, ich glaube ſogar, daß ſie zu gewiſſer Zeit dies ſelbſt glaubten; aber ebenſo ge⸗ wiß iſt, daß ich ein oder ein paar Jahre ſpäter dieſt Männer mit Andern vermählt geſehen habe, als mit denen, um derentwillen ſie ſterben wollten und ſie waren über⸗ dies noch wohlgenährt und recht aufgeräumt. Mit Ei⸗ nem Worte, ich habe genug von der Welt und dem Le⸗ ben geſehen, um der ſo viel beſprochenen und in Romanen ſo ſehr geprieſenen Liebe wenig Vertrauen zu ſchenkeu, und zu wunſchen, ſo wenig als möglich mit ihr zu thun zu haben. Sie iſt nicht Einen der vielen Seufzer werth, welche ſie koſtet.“—„Femme philosophe“! rief der Hofmarſchall aus.„Sie räſonniren ganz„juste“ über dieſe Paſſivn. Ich achte die Paſſionen ſehr gering. Ach⸗ tung, Delicutesse, gegenſeitige Condescendence grün⸗ den ein viel dauerhafteres Gluͤck, als—“ Wir waren eben im Begriff, die Norrbrücke zu be⸗ treten. Plötzlich erinnerte ſich Flora, daß ſie Etwas bei Medberg kaufen ſollte, und meine Stiefmutter und Sel⸗ ma kamen auf denſelben Gedanken. Ich jedoch wolite Friederike Bremer, Tagebuch. 10 138 nach Hauſe und ſag te deßhalb, daß ich meinen Weg al⸗ lein fortſetzen wolle und die Geſellſchaft zu Hauſe er⸗ warten werde. Das Anerbieten meines Onkels, mich begleiten zu wollen, lehnte ich ernſthaft ab, und ſetzte, während die Geſellſchaft nach dem Münzmarkte einlenkte, meinen Weg allein über die Brucke fort. Kaum jedoch als ich zwanzig Schritte gegangen, ſah ich den Vikinger an meiner Seite gehen und hatte, ich weiß nicht wie das zuging, meinen Arm in den ſeinigen geſchlungen. Er eilte ſo raſch vorwärts, daß ich nur mit Mühe ihm folgen konnte. Da, wo die Brücke ſich gegen die rechte Seite hin erweitert, bog er ohne Wei⸗ teres ab und hielt dann an der Ecke, wo der Strom un⸗ ten vorüberhraust und die Pappeln des Stromgeſtades zu dem Granitgeländer der Brücke emporſtreben. Hier ließ er meinen Arm los, wandte ſich an mich mit ver⸗ trauungsvoller Miene und ſagte mit lebhafter, aber ge⸗ dämpfter Stimme:—„Sagen Sie mir! iſt das, was Sie ſo eben geſagt haben, dieſer verdammte Gallimathias von Liebe, wirklich Ihr Ernſt?“ „Mein vollkommener Ernſt!“ wiederholte ich. „Das kann ich nicht glauben!“ fuhr er heftig fort, „oder ich muß Sie von ganzem Herzen beklagen! Gott im Himmel, wie können Sie das Höchſte und Heiligſte im Leben ſo ſchmähen. Wenn ich ſo relen höre, muß ich unbeſcheiden werden. Wie kann man beſchränkt, ja, ich muß es ſagen, ſo dumm ſeyn, und die Sachen in einem ſo ſchiefen, ſo falſchen, ſo grundfalſchen Lichte ſehen. Ich kann recht boſe werden, wenn ich höre, wie ein Weib, geſchaffen um zu lieben und geliebt zu wer⸗ den, ſich ſelbſt ſo verkennt und von den Klemigkeiten des Lebens ſich ſo den Kopf verwirren läßt, daß es dieſe mit dem Gefühle verwechſeln kann, wofür der Gedanke keinen Begriff und die Zunge kein Wort hat, das eben ſo gewiß auf Erken, als im Himmel lebt und welches das einzige iſt, in dem wir des Himmels Leben auffaſſen können, das einzige Gefühl, das dem Leben einen Werth verleiht. Man mac vere geg nem dach berd und Zor beſt auf Gei Luft als daß Käf der ſtar Zeit wie ſo f Und die nich ter gan oder Leb ſelb wer ſein der und eg al⸗ ſe er⸗ mich ſetzte, lenkte, n, ſah h inigen h nur e ſich Wei⸗ n un⸗ ſtades Hier t ver⸗ ge⸗ was thias fort, Gott iligſte muß en in Lichte wie wer⸗ des dem rien, dem nzige Man 139 mag da von Wiſſenſchaft ſchwatzen, von Philoſophie, ſie veredeln das Leben, das Herz! Alles das iſt unbedeutend gegen die Liebe!“ „Das iſt eine beſonders gut gewählte Stelle zu ei⸗ nem töte à téte und zu einer Predigt über die Liebe!“ dachte ich lächelnd bei mir, indem ich die heftigen Ge⸗ berden des Vikingers und die Menge Vorübergehender und Fahrender betrachtete, die der Vikinger in ſeinem Zornmuthe nicht zu bemerken ſchien. Auch war ich etwas beſtürzt über ſein Benehmen gegen mich. Aber ich blickte auf die brauſenden Wellen unter mir und den brauſenden Geiſt vor mir, und ich weiß nicht, welcher kühlende Lufthauch durch meine Seele wehte. Ich ſchwieg noch, als Brenner wie zuvor fortfuhr: „Und dieſe elende Glasſchrankvernunft! Sie macht, daß der Menſch aus Furcht vor dem Leben in ein Käſig ſich einſperrt, aus Furcht vor der friſchen Luft in der Ofenwärme ſich todtſchwitzt, und aus Furcht vor ſtarken Gefühlen und großen Leiden ſeine Seele und ſeine Zeit in lauter Kleinigkeiten verſchwendet. Sagen Sie, wie mögen Sie eine ſolche Vernunft billigen? Sie iſt ſo falſch, als erbärmlich; ſie taugt nichts, ſage ich!“ Und mit geballter Fauſt ſchlug der Vikinger ſo ſtark auf die Einfaſſung, daß ſie erbebt haben würde, wäre ſie nicht von Stein geweſen. Ich ſtand noch wie Lots Weib, eine Salzſäue un⸗ ter dem Feuerregen, als er wieder und eifriger noch be⸗ gann:—„Sagen Sie mir—— ich will wiſſen, wer oder was Schuld iſt an Ihrem Mißtrauen gegen das Leben, gegen die Menſchen, ja gegen unſern Herr Gott ſelbſt?— Iſt es Ihre ſo gerühmte Philoſophie, ſo—— werfen Sie dieſelbe in den Strom!“ Bei der heſtigen Bewegung, mit der Brenner hier ſein Anathema begleitete, ſchlug er an meinen Rudikule, der auf der Einfaſſung lag: er fiel in den Strom hinab und ward im Nu von den Wellen mit fortgeriſſen. 10 140 Bei dieſer Kataſtrophe und beim Anblick des be⸗ ſtürzten Vikinger löste ſich mit Einemmale meine Starr⸗ lebloſigkeit: ich brach in ein herzliches Lachen aus, und als Brenner ſchleunige Maßregeln ergreifen wollte, den Rudikule zu retten, hielt ich ihn zurück und ſagte: „Seyen Sie unbeſorgt um ihn! Es leiden blos ei⸗ nige Aepfel mit ihm Schiffbruch. Das iſt mir gleich⸗ gultig. Laſſen Sie nur Ihren Zorn mit zur See gehen, denn Sie thun mir wahrlich Unrecht!“ „Ich thue Ihnen Unrecht?! Nun, dann ſey Gott gelobt!“ ſagte Brenner mit einem Blicke, der mich tief rührte.—„Ja,“ fuhr ich fort, denn obgleich das,„was ich vorhin ſagte, und was Sie ſo ſehr in Zorn verſetzte, mein volltommner Ernſt iſt, ſo mache ich doch dabei ei⸗ nen kleinen Vorbehalt. Ich unterſcheide zwiſchen Amor und Eros; aber in der Welt habe ich mehr von dem Erſteren, als von dem Letztern geſehen und von jenem alſo eigentlich geſprochen!“ „Aber Sie glauben an den Andern?“„ „Allerdings; Ja ich glaube im Allgemeinen an die Wahrheit und Tiefe des Gefuhls, von dem Sie reden, aber in coneretem Falle bin ich, eine Folge gemachter Erfahrungen, immer etwas mißtrauiſch. Indeſſen danke ich Ihnen recht aufrichtig für den Beweis von Freund⸗ ſchaft, den Sie mir gegeben haben. Ach! laſſen Sie mich über die Liebe denken, wie ich will; ich glaube an die Freundſchaft und ich fühle, daß wir Freunde ſind.“ Ich nahm hierauf ſeinen Arm und ging weiter nach Hauſe zu. Und Vikinger ſagte: „Liebe! Freundſchaft! Laſſen ſie ſich nur ſo trennen? Und wie kann man gegen die eine mißtrauiſch ſeyn, wenn man an die andere glaubt?“ Auf dieſe Frage beliebte ich nicht zu antworten, und unſer Geſpräch wurde durch die Geſellſchaft unter⸗ brochen, die wir vorhin verlaſſen hatten und die uns nun einholte. Man ſah uns etwas verwundert an und äußerte Verſchiedenes über unſere„eilige Nachhauſefahrt!“ Der Rud fing zu e mac ſchle My des ter geiſ nen was „B ant Vil ſes nur che ſin gle au dar der La be⸗ arr⸗ und den ei⸗ ich⸗ en, ott tief vas tzte, ei⸗ mor dem em die den, hter nke nd⸗ Sie an d.“ ach en? enn ten, ter⸗ uns und t!“ 1. 141 Der Vikinger ſagte:—„Fräulein Sophie verlor ihren Rudikule in dem Strom.“ Aber wie dieſer verloren ging. ſagte er nicht. Man fing an, über die Mittel zu berathſchlagen, ihn wieder zu erhalten und der jetzt wieder heiter geſinnte Vikinger machte verſchiedene lebensgefährliche, unausführbare Vor⸗ ſchläge. Den 3. Februar. Ein weit ſchönerer Rudikule mit einem Bouquet von Myrthen und Roſen wurde mir heute von Vikinger ſtatt des verlorenen zugeſtellt, der, wie er ſich ausdrückte, un⸗ ter dieſer Geſtalt aufgeſiſcht worden ſey.„Der Strom⸗ geiſt“ ſagte der Vikinger,„will in dieſen Blumen zu Ih⸗ nen von ſeiner Liebe reden und es wird mich wundern, was für eine Antwort er bekommen wird.“ Ich ſagte: „Bloß einen großen Dank!“ „Und wenn er damit nicht zufrieden iſt?“ „So wird er ſeine Blumen—— wieder bekommen,“ antwortete ich halb ſcherzend, halb ernſthaft. „Sie wollen ſie in den Strom werfen?“ fragte der Vikinger ganz ernſthaft.„Fürchten Sie ſich nicht, Bö⸗ ſes zu thun, zu verwunden? Sie können hart, ſcho⸗ nungslos——“„Sie vergeſſen,“ ſprach ich abbre⸗ chend,„daß der Stromgeiſt und ſeine Gefühle erdichtet ſind und ich nicht mehr in dem Alter bin, wo man der⸗ gleichen glaubt. Auch kann ich nicht einſehen, beſter Brenner, wie man einen kleinen, heitern Scherz ſo tief aufnehmen ſoll, für den ich Ihnen hiemit recht ſehr danke.“— Der Vikinger ſchwieg, ſah aber unzufrie⸗ den aus. Ich fürchte, der Mann hat eine recht böſe Laune. N Den 7. Februar. Auch an mir hat er recht viele Fehler gefunden. Heute warf er mir meinen Eigenſinn oder, wie er es nennt, meinen„finniſchen Sinn“ vor. Ich erklärte ihm, daß dies 142 gerade meine beſte Eigenſchaft ſey, und als er dazu den Kopf ſchüttelte, erzählte ich ihm, daß ich aus dem Waſa⸗ Stjernſchen Geſchlechte abſtamme, das der Welt eines der ſchönſten Beiſpiele vom finniſchen Nationalſinn gegeken habe. Als nämlich die Ruſſen im Jahre 1809 Finnland erober⸗ ten, lebten in der Stadt Waſa zwei Brüder, der eine als Landrichter beim Hofgerichte daſelbſt, der andre als Kauf⸗ mann, welche allein, als man die Städter zwang, dem ruſſiſchen Kaiſer den Huldigungseid zu ſchwören, anhal⸗ tend ſich weigerten, dieſen abzulegen. „Wir haben dem Könige von Schweden den Huldi⸗ gungs⸗Eid geſchworen, und ſo lange er nicht ſelbſt uns davon entbindet, können wir einem andern Herrn nicht huldigen,“ war ihre beſtändige Antwort, ſowohl auf freundliche, als drohende Zureden. Erzürnt über ſolchen Eigenſinn und das dadurch gegebene Beiſpiel fürchtend, warfen die Ruſſen die beiden eigenſinnigen Brüder in's Gefängniß und drohten ihnen mit dem Tode. Ihre Ant⸗ wort blieb dieſelbe. Endlich kündigte man ihnen das Todesurtheil an und beſtimmte den Tag, an dem ſie nach dem Galgenberge abgeführt und dort als Ver⸗ brecher hingerichtet werden ſollten, wenn ſie den gefor⸗ derten Eid nicht leiſteten. Die Brüder blieben uner⸗ ſchütterlich.„Lieber,“ antwortete der Landrichter im Namen Beider,„wollen wir ſterben, als meineidig werden.“ Eine kräftige Hand ſchlug bei dieſer Antwort dem Redner auf die Schulter. Es war der Koſack, der bei den Gefangenen Wache ſtand und mit leuchtenden Blicken ihm zurief:„Dobra(brav) Kamerad!“ Die ruſſiſchen Behörden waren jedoch anderer An⸗ ſicht. Sie ließen die Brüder am feſtgeſetzten Tage nach dem Richtplatze führen. Sie waren zum Henkertode ver⸗ urtheilt. Noch einmal bot man ihnen zum Letztenmale und in ihrer letzten Stunde Gnade an, wenn ſie den geforderten Eid leiſten wollten. „Nein!“ antworteten ſie,„wir wollen lieber ge⸗ hang zu U Bew hand wurt ſiche dem Sch in g und meit tige die es 1 Sti bine und On Alli war lor ſag „de abz füh ma Ho mä wü au gli ſe en ſa⸗ der be. er⸗ s if⸗ em l⸗ di⸗ ns ht uf en d, t⸗ as m m 143 8 hangen werden! Wir ſind nicht hieher gekommen, um u unterhandeln, ſondern zu ſterben!“ Dieſe Standhaſftigkeit rührte das Herz der Ruſſen. Bewunderung trat an die Stelle der Härte, und ſie be⸗ handelten die Brüder mit Edelmuth: nicht nur das Leben wurde ihnen geſchenkt, ſondern ſie wurden koſtenfrei und ſicher nach Schweden geſandt, zu dem Volke und Könige, dem ſie treu geweſen waren bis zum Tode. Der König von Schweden erhob ſie in den Adelſtand und ſie lebten ſpäter in großer Achtung in Stockholm bis in ihr ſpätes Alter. Dieſe Erzählung gefiel Brenner. Mit leuchtenden und thränenfeuchten Augen gelobte er, mir nie mehr meinen„finniſchen Sinn“ vorzuwerfen. Den 9. Februar. Meine Stiefmutter und ich bereiteten uns gegenſei⸗ tige Ueberraſchungen, aber bei mir gelang dies nicht auf die Art, wie meine Stiefmutter erwartet hatte. Denn es war mir eben keine große Ueberraſchung, als meine Stiefmutter mich mit geheimnißvoller Miene in ihr Ka⸗ binet führte, und ſich als„Envoyée extraordinaire“ und„Ministre plenipotentiaire“ von Seite meines Oukels, des Hofmarſchalls, vorſtellte, um wegen einer Allianz zwiſchen ihm und mir zu unterhandeln. Uner⸗ wartet war es mir freilich, daß ſie nicht ein Wort ver⸗ lor, mich zu überreden, darauf einzugehen. Dagegen ſagte ſie einige ſchöne, mir ſehr angenehme Redensarten von „dem wichtigen Schritte und der Gefahr, dabei zu⸗ oder abzureden. Sie wünſche bloß mein Glück: was dazu führen könne, müſſe ich ſelbſt erwählen. Einerſeits könne man gewiß ſeyn, daß ich mit einem Manne, wie der Hofmarſchall ſey, und in dem„Etat,“ in den eine Ver⸗ mählung mit ihm mich verſetzen werde, glücklich ſeyn würde; andererſeits wäre es aber auch gewiß, daß ich auch unvermählt und in meiner jetzigen Stellung mich glücklich fühlen könne. Ihr Haus werde ſtets mir offen ſeyn und ſie ſich glücklich ſchätzen, mich da zu ſehen und 144 ſo weiter. Sie habe es übernommen, nicht für den Hofmarſchall zu werben, ſondern nur zu erforſchen, ob er als hoffnunasvoller Freier auftreten dürfe.“ Dieſe Vorſicht geſiel mir ſehr wohl, weil ich dadurch ſein Anerbieten ab⸗ lehnen kann, ohne ein Wort ſagen zu müſſen, das mir ſo zuwiver iſt, das kleine, widerwärtige:„Nein.“ Indeſſen war er immer freundlich gegen mich, er hat mir Güte, Vertrauen gezeigt—— es iſt mir leid, daß ich ihm nicht eine Freude machen kann, daß ich ihm viel⸗ leicht wehe thue. Wie arm man doch iſt! Es iſt mir ganz weh⸗ und demüthig zu Muthe! Den 10. Februar. Du redlicher Wilhelm Brenner, ſollſt von mir jenes abſchlagende Wörtchen nicht hören. Ich verſtehe nun Deine Abſicht, aber Du ſollſt das nicht laut äußern, was ich nicht nach Deinem Wunſche beantworten kann, nicht Deine treue, warme Hand ausſtrecken, um— ſie verſchmäht zu ſehen——— dazu ehre ich Dich zu ſehr, halte viel zu viel von Dir. Ich bin Brenner gut, aber nicht ſo ſehr, daß ich meine lnabhängigkeit, die Ruhe meiner Seele und die Ausſicht auf eine friedliche, ſorgenloſe Inkunft dagegen einſetzen möchte. Ich will ſeine Freundin ſeyn, aber mehr nicht. Ich fürchte die Ehe, jenen Druck, jenes finſtere, tiefe Leiden, das ſo oft das Kind der Gewäalt des einen Menſchen über den andern iſt. Ich habe dies zu häufig geſehen. Ich weiß wohl, daß die weiſe Geſetzgebung unſerer evangeliſchen Kirche die Ehe nicht zu einem unauflös⸗ lichen Bande macht, ſondern eine Trennung auf mehr⸗ fache Art erzielt werden kann. Eben deßhalb iſt auch die Polemik, die von gewiſſen Seiten her gegen die kirch⸗ liche Trennung ſich erhebt, ſo unnöthig und ungereimt. Denn welcher reine und gebildete Menſch wird eine ehe⸗ liche Verbindung eingehen, ohne ſie ernſtlich für das an⸗ ſehen zu wollen, was unſer Trauungsformular ſo ſchön ausdrückt, daß er nämlich anerkenne, daß ſie eine öffent⸗ liche C dgrum Wenn dern a den S nicht t Ehe, ſeyn k ſelbſt Geſetz Blick ſind. die Be erhebt Größe leicht mehr Trauu einwei mal z von a ſie der Traun des hé leibhai und a hier e ſich er der ſic Kinde Die I deſſelb ſtieß f letzten mag: den er cht ab⸗ nir hat ich el⸗ nir tes un n, in, ſie zu ut, die ill die en er 6 r⸗ t. e⸗ n⸗ n t⸗ 145 liche Erklärung eines Gedankens Gottes ſey, der eben dgrum als Geſetz und Regel auf Erden gelten müſſe. Wenn Er, der nur ein⸗ oder zweimal zu den Menſchenkin⸗ dern geſprochen und es dann ihnen anheimgeſtellt hat, den Sinn dieſer ſeiner Worte zu entwickeln, wenn Er auch nicht durch ſein Wort die Anſicht von der Heiligkeit der Ehe, die in den erſten Zeiten in ungetrübtem Bewußt⸗ ſeyn der Menſchen keimte, bekräftigt hätte, ſo müßte ſelbſt die menſchliche Klugheit zur Auſſtellung deſſelben Geſetzes und derſelben Eheordnung führen, wenn ſie den Blick auf die Kinder richtet, welche die Frucht derſelben ſind. Die Trauung, die den Chegatten den Zweck und die Bedeutung ihrer Verbindung zum Bewußtſeyn bringt, erhebt ſie eben dadurch auf einen Standpunkt ſittlicher Größe, welche die zufälligen Mühſeligkeiten in der Ehe leicht überwindet. Und ſicher würde dieſe Verbindung mehr Menſchen glücklich machen, wenn ſie ſich durch die Trauung in ihren erhabenen und heiligen Geiſt mehr einweihen ließen. Ja, ſelbſt wenn die Menſchheit ein⸗ mal zu ſolcher Größe ſich erheben würde, daß die Ehe von allen juriſtiſchen Banden gelöst würde, ſo würde ſie dennoch, und gerade um dieſer Größe willen— die Trauung beibehalten. Ich weiß wohl, daß ſehr oft das Weib die Urſache des häuslichen Unglücks iſt, weiß, daß manche Frau der leibhaftige Plagegeiſt des Mannes iſt, und zur Warnung und als abſchreckendes Beiſpiel für alle Frauen will ich hier erzählen, was in letzter Zeit in unſerer Nachbarſchaft ſich ereignete.— Ein junger, ehrlicher und fleißiger Manu, der ſich durch ſeinen Fleiß mit ſeiner Frau und ſeinen drei Kindern gut ernährte, nahm vor einigen Tagen Arſenik. Die Frau wollte ihm gegen die ſchrecklichen Wirkungen deſſelben in ihrer Angſt ſüße Milch zu trinken geben. Er ſtieß ſie von ſich und ſagte: „Laß mich in Frieden ſterben! Du haſt während der letzten Jahre wie Roſt am Eiſen an mir gefreſſen; ich mag nicht mehr leben.“ 5 146 Die Frau ließ ihn ſelbſt in ſeiner letzten Stunde nicht in Frieden, ſondern überhäufte ihn mit Vorwürfen, wor⸗ unter auch der vorkam, ob er nicht meine, daß er gegen ſie und ſeine armen Kinder eine gräßliche Sünde begehe? „Du haſt es ſo haben wollen!“ antwortete er kalt und ſtarb. Merkt darauf, ihr Frauen! Eben ſo gewiß iſt es, meine Herren, daß das Un⸗ glück, das ich oft in der Ehe geſehen habe, großentheils von Ihnen herrührte, und deßhalb will ich keinen Herrn nehmen und keine Frau werden. Und ſollte mein Leben deßhalb wohl weniger nützlich für die Menſchheit ſeyn?— Thorheit und Meinung der Thoren! Freundin, Verwandte, Mitbürgerin—— ſind edle Namen und ein edler Beruf. Oh, wer ſie ganz aus⸗ füllen könnte!— Den 11. Februar. Wiederum iſt die Rede von einer Schlittenparthie, deren Hauptordner Lennartſon und Brenner ſind. Len⸗ nartſon wird Flora fahren, und ich glaube, er thut es, um ihr damit eine Freude zu machen und ſich zu nähern. Er gibt auffallend genau auf ihre Gemüthsſtimmung Acht, die ſeit einigen Tagen in hohem Grade unruhig iſt. Der Vikinger hat mich eingeladen, mit ihm zu fah⸗ ren, eine Einladung, die ich unter der Bedingung ange⸗ nommen habe, daß ſein älteſtes, liebes Kind, Roſine, mit uns fahren ſoll. Dies hat er, aber nur nothgedrungen, bewilligt. Ich will nicht während einer ſo langen Fahrt téte Atéte mit dem Vikinger ſeyn, ſondern ſorgfältig die erſte Gelegenheit, die ſich bietet, benützen, ihm ſeinen Erobe⸗ rungsſinn zu vertreiben und meinen Entſchluß mittheilen, unabhängig zu bleiben und Freundſchaft, nicht Liebe, zum Pulsſchlag meines Lebens zu machen. Selma hat lebhaft erklärt, daß Niemand ſie fahren ſoll, ſondern ſie ſelbſt wolle mit ihrer Mutter in ihrem neuen bedeckten Schlitten und den ſchönen Iſabellen fahren. Und dabei bleibt es.— Der Zug wird einige fünfzig Schlit⸗ ten ſtat junge 2 nen, w wir von E dem kle doch eit Leben! mit Th reiften! Und es mitten Freund D fahrten So iſt A Triumy fuhren halb de dann, c glänzen die Tan gleichſa! waldige entzückt Mädche * Wirths war. 2 gen ger unterha der aus den ſoll waren! wurden nicht wor⸗ ſegen he kalt Un⸗ heils ren tzlich der ſind aus⸗ thie, Len⸗ t es, hern. Acht, fah⸗ nge⸗ mit gen, ahrt g die obe⸗ ilen, zum hren rem ren. hlit⸗ 147 ten ſtark. Selma und Flora freuen ſich darauf, wie— junge Mädchen. Die Herren verſehen ihre Schlitten mit ſchö⸗ nen, wilden Thierhäuten. Schon ſeit einer Woche ſprechen wir von nichts Anderem. Wenn nut das Wetter gut bleibt! Eine ſolche Luſtfahrt in der reinen Winterluft, unter dem klaren, blauen Himmel auf der ſchneeweißen Erde iſt doch ein ächt nordiſches Vergnügen, athmet ächt nordiſches Leben Wie ſie ſo luſtig und leicht dahinfliegen, die offnen, mit Thierfellen ausgeſchlagnen Schlitten, von feurigen, be⸗ reiften Roſſen gezogen, beim Spiele der klingenden Schellen! Und es iſt ſo angenehm, ſo über der Erde dahinzufliegen mitten im Zuge froher Menſchen und an der Seite eines Freundes, der jedes Gefühl, jeden Eindruck theilt. Dies Alles fühlte ich geſtern und doch hat dieſe Luſt⸗ fahrt nur einen unruhigen Eindruck in mir hinterlaſſen. So iſt es mit allen Freuden der Welt. Am Anfang war es herrlich. Unſre Fahrt glich einem Triumphzuge, wie wir ſo durch die Hauptſtraßen der Stadt fuhren und von einer Menge Menſchen in- und außer⸗ halb der Häuſer betrachtet und bewundert wurden. Und dann, als es zum Thore hinaus, dem Lande zuging, wie glänzend ſchimmerte nicht das Schneefeld, wie rauſchten die Tannen und Fichtenwälder, wie verzaubert flogen wir gleichſam über Land und See, während die klippenreichen, waldigen Ufer an uns vorbei eilten. Ich war heiter und entzückt: Brenner genoß mein Entzücken mit und das ſüße Mädchen zwiſchen uns erhöhte es durch ſeine kindliche Freude. Nach einer ziemlich langen Fahrt hielten wir bei dem Wirthshauſe im Thiergarten, wo das Mittageſſen beſtellt war. Bei unſerer Ankunft war bereits Alles zum Auftra⸗ gen gerüſtet, und das Eſſen ſelbſt ging ganz heiter und unterhaltend vor ſich, aber ohne jenen anſtößigen Prunk, der aus der Geſellſchaft denkender Menſchen verbannt wer⸗ den ſollte. Unſere beiden Wirthe Lennartſon und Brenner waren die Würze und die Seele der Mahlzeit. Auch Lieder wurden geſungen, wobei die Stimme des Vikinger ſich ſehr 148 ſtark vernehmen ließ. Sind wir erſt weiter in unſerer Freund⸗ ſchaft, ſo werde ich ihm rathen, ſie etwas zu dämpfen. Nach dem Eſſen bat mich Lennartſon, einen Nigar⸗ Polniſchen zu ſpielen, der mit ſeinen wunderlichen, aber luſtigen Schwenkungen und Touren die Geſellſchaft alsbald in Bewegung brachte. Sogar Tante Pendelfeld kam auf die Beine und walzte mit den Andern herum. Selma und Flora zeichneten ſich durch ihre Anmuth, wiewohl auf ver⸗ ſchiedene Art aus. Endlich mußte man an die Rückfahrt, und ehe ſie wirklich vorgenommen werden konnte, an Ab⸗ ſihtung denken.— Ein Theil der Geſellſchaft war bereits im Begriff, ſich zu entfernen, als Brenner mich auf zwei Portraits aufmerkſam machte, die in dem Zimmer hingen, wo wir waren. Das eine ſtellte die große Königin Eliſa⸗ beth von England, das andere die edle Fürſtin Eliſabeth von Thüringen vor.—„Welche von Beiden möchten Sie ſeyn?“ fragte mich Brenner.— Scherzend fragte ich zurück: „Haben Sie einmal von Jemanden gehört, der auf die Frage:„wollen Sie warme oder kalte Milch?“ geantwor⸗ tet hätte:„darf ich um Bierſuppe bitten?“ Ich muß Ihnen ſo antworten, denn ich bin ſehr froh, daß ich keine von dieſen Eliſabethen bin; ich bin am liebſten, wer ich bin.“ Brenner lächelte und ſagte,„Wenn Sie aber zwiſchen dieſen zwei wählen müßten— könnten Sie ſich beden'en? Wie herrlich iſt nicht das liebende, ſich aufopfernde Weib neben der kalten, weltklugen Egoiſtin?“ „Zugegeben“ erwiederte ich,„aber immer kommt es darauf an, was ein Weib liebt und für wen ſie ſich auf⸗ opfert. So hat es mir zum Beiſpiel immer geſchienen, als ob die ausſchließliche Liebe zu einem Menſchen ein zu geringer Zweck für ein Menſchenleben, für den Bürger eines göttlichen Reiches wäre. Und ich glaube, daß wer ſich ſo in ein endliches Weſen, in ein Individuum verliert, das Edelſte im Menſchen aufgibt.“ „Ach, wie beſchränkt und unbegreiflich!“ rief der Vi⸗ kinger aus.—„Nicht ſo beſchränkt, als Sie glauben,“ ſagte ich etwas ſtolz.„Ich habe manches junge Mädchen mit weicher in der geſehen Jahre Sorger Allgem lich ſei und ka Vikinge raſende wird es ein and weg fül die wal daß, in dieſe in: heit ver höhere: tesfurch ſeiner S in Wir! nicht be punkte kann.„ ich es 6 an, gen Schilde heit ſin ſelten u Gegentl lichen L mir An ſen hab geviß, eund⸗ n. igar⸗ aber sbald auf und f ver⸗ ahrt, Ab⸗ ereits zwei ngen, Fliſa⸗ abeth Sie rück: f die twor⸗ hnen von hin.“ ſchen en? Weih nt es auf⸗ enen, nzu eines ch ſo das Vi⸗ ſagte mit 149 weicher Seele, mit offenem Sinn für alles Gute und Schöne in der Menſchheit und voll Willen, dafür thätig zu ſeyn, geſehen, und habe daſſelbe Mädchen geſehen, wie ſie wenige Jahre nach ihrer Verheirathung in einen engen Kreis von Sorgen und Freuden eingeſchloſſen war, den Sinn für das Allgemeine und Ganze mehr und mehr verlor, bis es end⸗ lich ſein höheres Ziel ganz aus den Augen verloren hatte und kaum noch über die Schwelle des Hauſes blicken mochte.“ „Aber mein beſtes, gnädiges Fräulein Sophie,“ rief der Vikinger aus,„das iſt ja eine ganz mißverſtandene, eine ganz raſende Wendung. Wirft ein junges Mädchen ſich weg, oder wird es an einen ſchlechten oder dummen Menſchen oder an ein anderes Thier weggeworfen, ſo muß dies ja in einen Hohl⸗ weg führen und dann iſt Niemand Schuld, am wenigſten die wahre Liebe. Denn die wahre Liebe iſt von der Art, daß, indem ſie zwei Menſchen mit einander verbindet, ſie dieſe inniger mit der bürgerlichen Geſellſchaft und der Menſch⸗ heit vereinigt. Die ächte Ehe weiht den Menſchen für eine höhere und reichere Welt: die wahre Heimath iſt die, wo Got⸗ tesfurcht unſichtbar herrſcht und alle Mitglieder, jedes nach ſeiner Fähigkeit und ſeinen Gaben, für das große Welthaus in Wirkſamkeit ſetzt. Das Alles iſt ſonnenklar! Ich kann gar nicht begreifen, wie man es aus einem ſo ſchiefen Geſichts⸗ vunkte anſehen und aus dieſem ſodann gegen die Ehe eifern kann. Das kommt mir beſchränkt und verzeihen Sie, daß ich es ausſpreche, etwas dumm vor!“ „Ich verzeihe Ihnen,“ ſagte ich lächend,„denn ich fange an, gewohnt zu werden, daß Sie mich dumm nennen. Ihre Schilderung von dieſen Verhältniſſen, wie ſie in ihrer Schön⸗ heit ſind, rührt mich, aber ſolche ſind auf Erden äußerſt ſelten und ich habe keines auf meinem Pfade getroffen. Im Gegentheil! Ich habe ſo viel Widerwärtiges in dem häus⸗ lichen Leben, das die Ehe knüpft, geſehen und gehört, daß mir Angſt davor wurde und ich für meinen Theil beſchloſ⸗ ſen habe, mich nie zu binden, ſondern unabhängig zu leben, gewiß, daß ich auf dieſe Weiſe am Beſten meinen Beruf 150 erfüllen werde.“—„Das glaußen Sie ja nicht.“ verſetzte Brenner mit Beſtimmtheit.„Sie verfennen ſich ſeltſt. Sie ſind noch jung und voll Leben, noch kommt die Welt Ihnen entgegen und Sie ſind noch von Freuden umgelen; allein es wird eine Zeit fommen, wo die Welt für Sie erſtarren wird, wo Sie ſelbſt erſtarren, gefrieren werden aus Man⸗ gel an warmen Herzen, an theuern Banden, die Sie an das Eidenleßen knüpfen.“—„Mit Gottes Hülfe hoffe ich nicht zu erſtarren, noch zu gefrieren!“ antwortete ich lachend. „Auch die Seele des Menſchen hat eine Sonne, die hoch üher allem Irdiſchen ſtrahlt. Und zudem— wie ſollte es mir an warmen Herzen fehlen, ſo lange mein eigenes Herz warm iſt? Und das iſt nicht von der Art, als ob es er⸗ ſtarren wollte, wenn auch aller Schnee der Welt ſich dar⸗ auf legte!“— So ſprechend waren wi auf die Hausflur gekommen, wo Viele der Parthie die Pelze anzogen. Der Vrllmond keleuchtete die Landſchaft, die von der Höhe, auf der wir ſtanden, in winterlicher Pracht ſich ausbreitete. Alles war mit Schnee bedeckt, ſtarr, ſel ſt die Bäume glänz⸗ ten im Mendſcheine von Eiskryſtallen. Die Kälte war ſcharf nnd ich ſchanderte unwillkürlich zuſammen. Der Vikinger hatte dem Bedienten meinen Pelzmantel abgenommen und an ſeinem Herzen gewärmt.—„Des Lebens Schnee!“ ſprach er ſanft und innig.„Wer Sie gegen den ſchützen dürfte!“ Er wickelte mich in den Mantel, aber nicht dieſer war es, der mich ſanft und warm, wie ein Sommerwind umhüllte. Bald ſaßen wir wieder im Schlitten; aber die Ge⸗ ſellſchaft hatte ſich zerſtreut und fuhr in kleinen Parthien nach der Stadt zurück. Lennartſon und Brenner bliehen beiſammen, nach uns kam meine Stiefmutter mit Selma und Frau Ritterſwärd in dem bedeckten Schlitten. Wir waren die letzten von der Geſellſchaft, weil die Hauptordner es für ihre Pflicht hielten, für die Abreiſe aller Gäſte zu ſorgen. Da man uns geſagt hatte, daß das Eis nicht allzu hart gefroren ſey, ſo trafen wir die Uebereinkunft, während der Fahrt über den See uns zwanzig bis dreißig Schritte von einander entfernt zu halten. T — der we Hinter Fahrt verlore Bruſt legenhe den ich ten Ar bittere er. W tete ich und di Eiſe ei der zur taſtiſch Worte Eindru konnte weißen kurzer S 7 Sie m lein S meine. und wei ruf, de ſich unt die Pfe offene es iſt. Stiefm rückkehr entgegn uen, da Nein! Wir ſa rſetzte Sie hnen allein arren Man⸗ ie an fe ich chend. hoch lte es Herz s er⸗ dar⸗ isflur Der „auf eitete. länz⸗ ſcharf inger und prach fte!“ res, üllte. Ge⸗ thien iehen elma Wir rdner te zu allzu hrend hritte 151 Der Mondſchein war prächtig, herrlich die Beleuchtung der weißen Eisfelder, der dunkeln Ufer. Weit von uns im Hintergrunde ſahen wir Stockholms Lichter flimmern. Die Fahrt war romantiſch, aber ihre Wirkung ging für mich verloren. Die kleine Roſine lehnte ihr Köpſchen an meine Bruſt und ſchlummerte ein. Der Vikinger wollte die Ge⸗ legenheit benützen und das Geſpräch auf einen Weg leiten, den ich fürchtete. Ich wich deßhalb mit einigen kurzen, kal⸗ ten Antworten aus. Dies ärgerte ihn und er ſagte mir bittere Dinge, zu denen ich ſchwieg. Endlich ſchwieg auch er. Wir waren Beide verſtimmt und ſchwermüthig betrach⸗ tete ich die enteilenden Ufer, den ſich umwölkenden Himmel und die dunkeln Fichtenzweige, die da und dort aus dem Eiſe emporragten und die offenen Stellen kezeichneten: in der zunehmenden Dämmerung glichen ſie ſchauerlich phan⸗ taſtiſchen Geſtalten von Thieren und Menſchen. Einige Worte Brenners hatten mein Herz verwundet und der trüle Eindruck des Augenblicks ließ ſie noch tiefer empfinden;— ich fonnte nicht unterlaſſen zu weinen, aber ganz leiſe. Ich weiß nicht, ob er ahnte, was in mir vorging; allein nach kurzer Zeit ſagte er weich: „Bin ich wieder einmgl unartig geweſen? Verzeihen Sie mir und ſeyen Sie mir nicht böſe, gutes, liebes Fräu⸗ lein Sophie!“ Dabei legte er ſanft ſeine Hand auf die meine. Ich drückte ſie, ohne zu antworten, ich kennte nicht,— und weitere Auseinanderſetzungen hinderte ein dumpfer Noth⸗ ruf, der zu uns drang, aus dem deutlich eine Kinderſtimme ſich unterſcheiden ließ, die kläglich wimmerte. Brenner hielt die Pferde an.—„Vielleicht iſt das Jemand, der in eine offene Stelle gefahren iſt,“ ſagte er.„Ich will ſehen, was es iſt. Darf ich Sie und Roſine in den Schlitten Ihrer Stiefmutter bringen? Ich werde ſokald als möglich zu⸗ rückkehren.“—„Wir wollen das Mädchen dort laſſen,“ entgegnete ich,„aber wozu ſollte ich mich von Ihnen tren⸗ uen, da ich Sie möglicherweiſe irgendwie unterſtützen kann. Nein! ich folge Ihnen,“— Der Vikinger antwortete nichts. Wir ſahen uns nach dem Schlitten meiner Stiefmutter 152 um und ich wurbe von ängſtlichen Gefühlen ergriffen, da wir ihn nirgends entdecken konnten.— In dieſem Augen⸗ blick kamen zwei Schlitten in ſtürmiſcher Fahrt über das Eis daher und von der Seite, von wo wir den Ruf ge⸗ hört hatten. Im erſten ſaßen zwei lärmende Herren, de⸗ ren Stimme ſowohl, als ihre Art, die Pferde zu leiten, deutlich erkennen ließ, daß ſie nicht im nüchternen Zu⸗ ſtande waren. Sie fuhren ſo hitzig gerade auf unſere Pferde los, daß, wenn Brenner ſie nicht plötzlich zurück⸗ geriſſen hätte, ſicher ein Unglück geſchehen wäre. Eine Wolke verbarg den Mond und die ſtarke Dämmerung hitn⸗ derte uns, ihre Geſichter zu ſehen, aber an der Stimme glaubte ich Lie Rutſchenfelder zu erkennen. Der andere Schlitten hielt einen Augenblick an, und eine Stimme, in der ich die des Felir Delphin zu erkennen glaubte, äußerte: „Halt, halt! Wahrlich, ich glaube faſt, wir haben den Jungen da hinten überfahren!“ „Ah! Pah!“ antwortete der Andere, der, ich wollte darauf wetten, St. Orme war,„höchſtens bekam er einen kleinen Puff, da will ich darauf ſchwören. Laß den Sa⸗ ckerments⸗Jungen ſchreien, wenn ihm das Spaß macht; aber laß uns zufahren. Laß die Zůgel ſchießen, wir kommen ſonſt zu ſpät, und die Andern nehmen das Beſte von Schmauſe uns vornweg. Sieh', er ſchweigt ja ſchon. Al⸗ lons!“ Und im ſtärkſten Lauſe 5 lte der Schlitten an uns vorbei Stockholm zu. Die Herren, die ich hier zu erkennen glaubte, hatten es ausgeſchlagen, von unſerer Schlittenparthie zu ſeyn, un⸗ ter dem Vorwande, ſie hätten ſich für dieſen Tag ſchon verſprochen. Als wir eben im Begriff waren, nach der Seite um⸗ zuwenden, wo der Ruf, wiewohl ſchwächer noch ſich ver⸗ nehmen ließ, ſahen wir, daß 4 Lennartſon dahin um⸗ wandte und hörten Flora ängſtlich rufen:„Gewiß iſt das Eis am Rande mürbe und wir werden alle mit einander einbrechen.“— Lennartſon übergab daher die Zügel dem Bedienten, und aus dem Schlitten ſpringend, rief er uns zu, a ſtellte weiter ſchwa heſchi in de einem gekleit daneb Hand empo die de übrig ter v um z hielt her g hätter Knab ſeyen ſchädi dem mögl ner G Einer ſeiner Alte dem ziger deßha trafer nartſ glaub war. Frie „da ugen⸗ das f ge⸗ „de⸗ eiten, Zu⸗ nſere wück⸗ Eine hin⸗ imme ndere e, in zerte: haben vollte einen Sa⸗ aber umen vont Al⸗ uns atten „un⸗ ſchon um⸗ ver⸗ um⸗ ſt das ander dem uns 153 zu, anzuhalten und ihn mitzunehmen. Wir hielten; er ſtellte ſich auf den Schlittenlauf und wir fuhren eiligſt weiter.— Bald waren wir an Ort und Stelle. Nur ſchwache Jammertöne ließen ſich noch h ören, und der Mond heſchien eine ſeltſame Sie Ein ſr Frauenzimmer in der eleganteſten Winzertracht, mit hellrothen Federn auf einem weißen Seidenhute, beugte ſich über einen lumpig gekleideten Knaben, den ein Livree⸗Bedienter aufhob, und daneben ſtand ein alter hoher Mann, einen Stock in der Hand haltend und mit erblendeten Augen zum Himmel emporſtarrend. Das junge Frauenzimmer war Selma, die den Nothruf früher gehört, als. wir, und da ſie die übrigen Schlitten ihre Fahrt fortſetzen ſah, ihre Mut⸗ ter vermocht hatte, ſogleich nach dieſer Seite hinzufahren, um zu ſehen, ob Hülfe nöthig ſey. Meine Stiefmutter hielt mit ihrem Schlitten ganz in der Nähe. Der Greis erzhlu⸗ daß zwei Schlitten ſo ſchnell da⸗ her gefahren wären, daß fie, der Knabe und er, nicht mehr hätten ausweichen können. Der erſte Schlitten habe den Knaben, der andere ihn überfahren und trotz ihres Rufens ſeyen ſie weiter geeilt. Der Greis ſelbſt ſchien nicht be⸗ ſchädigt zu ſeyn, um ſo mehr dagegen der Knabe. Nach⸗ dem Lennartſon ihn mit unſern Taſchentüchern ſo gut als mög lich verbunden hatte, trug er ihn in den Schlitten mei⸗ ner Stiefmutter, wo man ihn unter Selma's Schutze ließ. Einem Bedienten wurde befohlen, den blinden Mann nach ſeiner im Thiergarten zu führen; allein der Alte wollte ſich nicht von dem Knaben trennen, der nach dem Tode ſeiner Kinder, der Eltern des Knaben, ſein ein⸗ ziger Troſt und ſeine einzige Stütze ſey. Man ſetzte ihn deßhalb zu dem Kutſcher und nahm ihn mit. Wi machten uns nun alle auf den Heimweg und trafen Flora, die uns langſam entgegengefahren kam. Len⸗ nartſon nahm wieder ſeinen Platz bei ihr ein; aber ich glaube nicht, daß die Rückfahrt für Beide ſehr angenehm war.— Gleich noch denſelben Abend F2 Lennartſon Friederike Bremer, Tagebuch. 154 einen Arzt zu dem Knaben und heute Morgen wurde er in den Spital gebracht. Zum Glück iſt er nicht gefährlich beſchädigt, und dürfte nach einem Monate wieder hergeſtellt ſeyn. Indeſſen iſt er Selma's und mein Kind. Lennart⸗ ſon und Brenner haben den Greis adoptirt, deſſen Augen⸗ leiden von der Art ſeyn ſoll, daß er durch eine Operakion ſein Geſicht wieder erhalten kann. Flora läßt die Lippe hängen und ſieht ſcheel zu der ganzen Sache, namentlich zu dem gemeinſamen Intereſſe, das zwiſchen Lennartſon und Selma durch ihre Schützlinge entſtanden iſt, während das entgegengeſetzte Benehmen der beiden Mädchen bei dieſer Gelegenheit einen tiefen Eindruck auf Lennartſon gemacht zu haben ſcheint. Den 17. Februar. Ich ſuchte Felir über die Fahrt über das Eis und ſein Abenteuer auszuforſchen. Er that in hohem Grade verwundert und als wiſſe er von nichts; aber eine ge⸗ wiſſe peinliche Verwirrung in ſeinem ganzen Weſen über⸗ zeugte mich von der Wahrheit meines Verdachts auf ihn und ſeine Freunde. Ake Sparrſtöld erzählte mir, daß St. Orme die jungen Männer oft zum Trunk und Spiel ver⸗ leite und ihnen ihr Geld abgewinne, und daß er an dem Tage unſerer Schlittenparthie Felir und deſſen Freunde zu einer Orgie der niedrigſten Art habe eingeladen gehabt. Ernſthaft und innig, faſt ſchweſterlich ſprach ich deßhalb mit Felir und warnte ihn vor dieſem falſchen und ge⸗ fährlichen Freunde. Ich hielt ihm ſein Selma gegebe⸗ nes Verſprechen vor und erinnerte ihn daran, was davon abhänge. Er antwortete mit keiner Sylbe, ſah aber zer⸗ ſtört aus und entfernte ſich eiligſt. Ich fürchte, es nimmt kein gutes Ende mit ihm. Es ſcheint nicht, als ſey das geordnete Leben, das er eine Zeit lang nach ſeiner Unter⸗ redung mit Selma führte, von Dauer geweſen, und er wird ſo ſchwach geweſen ſeyn, ſich von den Phraſen der Rut⸗ ſchenfelder:„laß Dich nicht bevormunden, Felir! ſey ein Mann!“ oder durch den Scherz, daß„er bereits unter dem Pan laſſe Orn forde Zäh eine ten jähr rirt hier Son und die„ Plar herei Stir näm erha uns Selr nart war mutt dem wur e er rlich ſtellt rt⸗ gen⸗ tion der eſſe, inge der ruck und rade ge⸗ ber⸗ ihn St. ver⸗ dem e zu abt. halb ge⸗ ebe⸗ won zer⸗ umt das iter⸗ vird tut⸗ ein dem 155 Pantoffel ſtehe,“ wieder zu allen Thorheiten hinreißen zu laſſen. Es war mir in den Sinn gekommen, mit St. Orme ſelbſt zu reden und den guten Geiſt in ihm aufzu⸗ fordern; allein man denke, der böſe Geiſt wies mir die Zähne. Indeſſen— doch ich will dieſen Gedanken noch eine Weile gähren laſſen; denn übereilte Worte fallen ſel⸗ ten auf fruchtbares Land. Den 20. Februar. Mit unſern Kindern, dem ſieben⸗ und dem ſechzig⸗ jährigen, ſteht es gut und erfreulich. Der Greis iſt vpe⸗ rirt und die Cur geräth zuſehends. Lennartſon war heute hier und erzählte uns den Verlauf der Sache. Uns Alle rührte die Freude des Greiſes, daß er die Sonne und ſein Kind wieder ſehen, daß er wieder arbeiten und den Bettelſtab ablegen kann. Wir beriethen uns über die Zukunft unſerer Kinder und nahmen einſtimmig den Plan Lennartſon's an. Selma iſt es geglückt, Flora mit in dieſe Angelegen heit hereinzuziehen, ſo daß ſie nun, wie wir Andern, dabei eine Stimme hat und ſich warm dafür zu intereſſiren ſcheint, nämlich in— Lennartſon's Gegenwart. Den 23. Februar Der Freiherr hat einen neuen Titel und einen Stern erhalten. Als er heute Abend mit letzterm geſchmückt zu uns kam, bezeigte Flora große Freude darüber, während Selma und ich ihm ganz einfach Glück wünſchten. Len⸗ nartſon nahm Flora's übertriebene Freude kalt auf und war auch ſonſt nicht in der beſten Laune. Meine Stief⸗ mutter bemerkte dies und ſagte ſcherzend: „Es ſieht aus, als wäre Lennartſon gerade dann mit dem Glücke zerfallen, wenn es ihn am ſchönſten ſchmückt!“ „Das Gluck?“ ſagte Lennartſon wehmühtig lächelnd. „Ja!“ erwiederte meine Stiefmutter.„Wenigſtens wurden die meiſten Menſchen es als ſolches anſehen.“ 11 156 „Ach!“ ſagte Lennartſon, faſt kindlich und zutraulich neben ihr Platz nehmend,„das eben verdrießt mich, daß man dergleichen für ein Glück hält und Werth darauf legt, ohne erſt zu fragen, ob es ein Zeichen des Ver⸗ dienſtes iſt, ob ihm eine wahre Bedeutung zu Grunde liegt;— es ärgert mich, daß es ſo iſt, und ich ſelbſt kindiſch genug bin, mich nicht ganz von dieſer Schwach⸗ heit frei zu fühlen. Aber das Oberflächliche im Leben iſt ſo anſteckend. Darum ſehne ich mich auch, davon los zu kommen.“—„Doch um alles in der Welt willen nicht dadurch, daß Sie aus dem Staatsdienſte treten?“ fragte meine Stiefmutter erſchrocken.—„Nein!“ antwortete Lennartſon, das nicht.“ Ich will dadurch loskommen, daß ich— tiefer in das Leben eindringe. Ich weiß wohl, wo ich gleichgültig werden könnte gegen all' dieſen äußern Schimmer, und warm und reich durch einen Lohn, den kein menſchliches Auge ſieht, durch einen Blick, einen ſtillen Beifall.“—„Und wo iſt dieſes Eldorado?“ fragte meine Stiefmutter gerührt und wie wenn ſie die Antwort ahnte. Mit einer Stimme, die durch das tiefe Gefühl, das ihn bewegte, ſanfter und zugleich voller wurde, er⸗ wiederte Lennartſon:—„Ich beſaß es einſt in dem Her⸗ zen meiner Mutter, und könnte es im Herzen— meiner Gattin wiederfinden, wenn,“ fuhr er mit Nachdruck fort, „wenn ſie mich verſtände, wenn ſie wäre, wie mein Geiſt ſie wünſcht, mein Herz ſie ſucht! Mancher gratulirt mir zu meinem Glücke und daß ich meinen Weg im Leben zurückgelegt habe, und ich— ich meine, noch nicht glück⸗ lich geweſen zu ſeyn, noch nicht gelebt zu haben——— ſeit meiner frühſten Jugendzeit,“ fügte er wehmüthig bei. Alles dieſes wurde halblaut zu meiner Stiefmutter geſprochen, die ſichtbar gerührt war und tröſtende Worte von der Zukunft redete.— Ich ſah die Mädchen an⸗ Flora war tief erröthet: daß Selma erblaßte, konnte ich blos vermuthen, denn als ich auf ſie blickte, ſtand ſie auf und verließ das Zimmer.— Und ſo habe ich denn einen von den Fehlern Lennartſon's, von denen der Vikinger ſprac trat, reſſan ken g zu 1 Woh verw gleick theui glück gelie das der mein ſener und liebt die Ich ſchaf löst der. ausc anſ Thr ſtirb Sch des mit mich 6 bens der Sch lich daß auf ger⸗ nde lbſt ach⸗ ben los icht agte tete nen, ohl, ſern den inen agte vort ühl, Her⸗ einer fort, Heiſt mir eben lück⸗ bei. utter zorte an eich auf inen nger 157 ſprach, kennen gelernt. Allein die Art, wie er an's Licht trat, hat den Mann in meinen Augen nue um ſo inte⸗ reſſanter gemacht. . Den 1. März. Brenner wilk mich nicht verſtehen, noch meinen Win⸗ ken gehorchen. Er ſcheint ſeinem Herzen freien Spielraum zu laſſen, einen Angriff auf das meinige zu wagen. Wohlan! daß nur das ſeinige während des Kampfes nicht verwundet wird! Ich will mit dem Liebhaber nicht zu⸗ gleich den Freund verlieren, und dazu einen ſo edeln, theuern Freund, wie Wilhelm Brenner. Nie war ich glücklich in der Liebe. Wo ich liebte, wurde ich nicht geliebt, und wo ich wahrhaft geliebt wurde, konnte ich das Gefühl nicht erwiedern. Der Freundſchaft dagegen, der wahren, innigen Freundſchaft verdanke ich viele meiner ſchönſten Freuden auf Erden. Ein zurückgewie⸗ ſener Liebhaber kann leicht zum treueſten Freund werden und daß er es nicht immer wird, daran iſt oft die Ge⸗ liebte ſelbſt Schuld.— Daß in dem vorliegenden Falle die Schuld nicht auf meiner Seite ſeyn wird, fühle ich. Ich weiß nichts Schmerzlicheres, als wenn eine Bekannt⸗ ſchaft, die mit Herzlichkeit begann, in Bitterkeit ſich auf⸗ löst, oder warme Gefühle in kalte ſich verwandeln. Je⸗ der Keim der Zärtlichkeit, den der Allgütige auf Erden ausgeſäet, ſoll zur Pflanze und Blume werden, ſoll hier an ſeinem Fußſchemel aufgehen, um dereinſt an ſeinem Throne um ſo herrlicher zu blühen. Wird es anders, ſtirbt die Blume ſchon in der Knospe, ſo iſt das die Schuld der Menſchen. Ich ſchreibe dies bei dem Dufte des Hollunders, den mein Freund mir gegeben hat und mit einem warm für ihn ſchlagenden Herzen. Ich fühle mich innerlich ruhig und leichte Die Du die Kämpfe des Herzens ſtilleſt und des Le⸗ bens Nächte erhellſt, die Du ſchon in den älteſten Zeiten der Erde verehrt wurdeſt und noch jetzt ihr köſtlichſter Schatz biſt, die Du zugegen warſt, als der Welt Grund 158 gelegt wurde, die Du ſpielteſt vor dem Schöpfer,*) Du, die Du zugegen warſt, als die Schöpfungsworte geſpro⸗ chen und Weſen in Tiefen und Höhen geboren wurden, o Weisheit! Du, des Lebens, Morgen⸗ und Abendſtern! da ich im Finſtern lag, kamſt Du zu mir: ſeither iſt mir wohl und will mein Herz gerne in Liebe brennen, aber nur für Dich. Den 2. März. Die unglückſeligen, Unglück bringenden, giftigen und vergiftenden Kommerzienräthinnen! Ich wollte, ſie ſäßen in Stein verwandelt dort oben auf dem Galgenberge, und könnten nie mehr weder Fuß, noch Zunge rühren. Ich wollte, ſie wären geſtern dort geſeſſen, dann hätte ich nicht nöthig, mit der ſchwerſten Bürde des Lebens dahin zu gehen und ohne Troſt wieder zu kommen, ich hätte nicht nöthig, hier zu ſitzen und gewiſſermaßen in Verzweiflung zu ſchreiben, während Thränen auf mein Papier herabträufeln, dichter als die Worte, die ich, faſt ohne ſie zu ſehen, darauf kritzle. So aber kamen jene Unglucksraben geſtern Nachmit⸗ tags und niſteten bei meiner Stiefmutter ein. Ich war bei ihr und fuhlte mich, während ich bei meiner Malerei ſaß, bereits beläſtigt dadurch, daß ich auf alle die Ver⸗ änderungen achtete, welche die drei Frauenzimmer mit unſern nähern und entferntern Bekannten vornahmen. Man hatte bereits eine lange Liſte von:„Man ſagt, man glaubt, man behauptet“ durchgegangen, als Frau P. im Eifer ſprach:„Nun, noch eine Neuigkeit, die ſicher und gewiß iſt! Was denken Sie davon, daß unſer braver Oberſt Brenner ſich in der vorigen Woche einen Korb bei der Wittwe Z. geholt hat? Ich weiß es von ihrer eigenen Schwägerin, die mir die ganze Geſchichte erzählt hat. In Beziehung auf ihn ſelbſt wäre ſie wohl nicht abgeneigt, aber die fünf Stieffinder mögen ſie ab⸗ *) Sprichwörter Salom. VIII. 30. geſchr lein, Kinde Geld einer ich in gen antw nicht iſt, e und genu Herz und entzi wohl verh vign weiß gen gewi hat vorh den denn man ten. einet ſagt ſeine ſoga der Unſ gar Du, ro⸗ en, rn! ien, und ßen rge, ren. ätte ens ich in nein faſt nit⸗ war erei zer⸗ mit nen. agt, rau die nſer nen von chte ohl ab⸗ 159 geſchreckthaben.“—„Ja, der arme Mann,“ ſagte das Fräu⸗ lein,„es wird ihm wohl nicht leicht ſeyn, bei der Menge Kinder eine Frau zu bekommen, wenigſtens eine, die Geld hat!“—„Muß denn der Oberſt Brenner bei der Wahl einer Gattin ſo viel Rückſicht auf Geld nehmen?“ fragte ich in einer nicht beneidenswerthen Gemüthsverfaſſung. „Das muß jeder Mann, der fünf Kinder zu verſor⸗ gen und kein anderes Vermögen hat, als ſeinen Gehalt,“ antwortete Frau P.—„Brenner's erſte Gemahlin hatte nichts und er ſelbſt wird, obgleich er ein Mann von Rang iſt, eben auch keinen Sparhafen angelegt haben.“ „Iſt Frau Z. eine brave Perſon?“ fragte ich weiter; und das Fräulein entgegnete:„O! die Perſon iſt artig genug, denke ich; doch hat ſie nicht gar viel Kopf, noch Herz; allein mit einer ſchönen Haut, einem ſchönen Wuchs und einem großen Ritterſitze braucht man das nicht, um entzückend zu ſeyn. Etwas eitel und heirathsluſtig iſt ſie wohl———. Es iſt eine zu unglückliche Paſſion, ſich verheirathen zu wollen! Ich ſpreche mit der Frau von Se⸗ vigné:„Lieber ertrinken!“—„Ich auch,“ ſagte ich.„Aber weiß man denn gewiß, daß Oberſt Brenner in der vori⸗ gen Woche um Frau Z. angehalten hat?“—„Ganz gewiß, meine beſte Freundin! Ihre eigene Schwägerin hat es mir geſagt. Uebrigens ſind ſchriftliche Dokumente vorhanden, da die Sache durch Briefe verhandelt wor⸗ den iſt, die ſicher ſehr rührend geweſen ſeyn müſſen, denn Frau Z. hat Tag und Nacht darüber geweint—— man mußte einzig deswegen eine Taſchentuchwäſche hal⸗ ten.—— Sie wird ſich nun zu tröſten wiſſen und an einen Herrn ohne Kinder denken, und— Apropos, man ſagt auch in der Geſellſchaft, Oberſt Brenner werde ſich ſeinen Troſt hier im Hauſe ſuchen; ja man behauptet ſogar, Fräulein Sophie Adelan wiſſe etwas mehr von der Sache.“ Erröthend wie eine entdeckte Diebin und ſtolz wie eine Unſchuldige, läugnete ich die Beſchuldigung und erklärte, gar nichts davon zu wiſſen. Und als die Schweſtern 160 fortfahren wollten, mich damit zu necken, ſagte meine Stiefmutter mit wohlthuender Freundlichkeit: „Da Oberſt Brenner erſt kürzlich um Frau Z. an⸗ gehalten hat, ſo würde es mit der Achtung, die er für Sophien hegt und mit ſeinem Charakter wenig überein⸗ ſtimmen, wenn er ſo ſchnell um ihre Hand anhalten würde. Uebrigens halte ich dieſe Parthie nicht ſehr paſ⸗ ſend für Sophie. Mit ſo vielen Stiefkindern iſt nicht zu ſpaßen. Wenn mein Sophie ſich zu verheirathen wünſcht, ſo wird es ihr nicht an Gelegenheit fehlen, un⸗ ter—— hm, hm! zu wählen!“ „O! das verſteht ſich von ſelbſt! Gewiß! wenn man ſo viele Reize und Talente und Vermögen beſitzt: was fehlt da noch? und man ſpricht auch ſchon von ei⸗ uem gewiſſen Baron und Hofmarſchall,——— viel⸗ leicht darf man gratuliren?“ Ich vermochte kaum ein verneinendes Zeichen zu machen und war daher ſehr froh, als ein Bedienter ein⸗ trat und meldete, daß der Wagen porgefahren ſey, wor⸗ auf Frau und Fräulein R. Abſchied nahmen und meine Stiefmutter und Flora ausfuhren, um Beſuche zu machen. „Laß Niemand hereinkommen! Sage, es ſey Nie⸗ mand zu Hauſe!“ ſagte ich dem Philoſophen(dem alten be⸗ kannten Diener im Hauſe, der das Geſchäft hat, die Tage hindurch im Saale halb ſchlafend zu wachen), und warf mich in den Lehnſtuhl vor dem Pianoforte. Auf dem Kronleuchter brannte ein einziges Licht mit ungeputztem Dochte. Dämmerung herrſchte im Zimmer und in meiner Seele.—„Sie hat Vermögen! Das iſt eine Speku⸗ lation!“—— dachte ich bei mir. Es war mir ſo ſchmerzlich zu Muthe, daß ich hätte weinen mögen. Ueber des Vikingers Bildniß in meinem Herzen hatte ſich die Nacht gelegt. Früher ſah ich ihn ſo rein, ſo edel, ſo frei von dem, was die gewöhnlichen Menſchen allein be⸗ wegt, und jetzt! Doch nein! Ich will mich dem Gedan⸗ ken nicht hingeben, den die eben vernommene Neuigkeit in mir weckt.„Ruhig! ruhig!“ ſagte ich zu dieſen Quäl⸗ geiſte meine daß eine ich ei bung dem Muſi ihn; brach ernſte herrl Muſi ein 8 Phil lich beſte ſich eintr eine „ich vor drück gaß inde gehe wirt ſehr Ihn mer von den herz eine an⸗ für ein⸗ lten paſ⸗ nicht then un⸗ venn itzt: ei⸗ iel⸗ zu ein⸗ vor⸗ eine hen. Nie⸗ be⸗ age varf dem tem iner eku⸗ eber die ſo be⸗ an⸗ keit täl⸗ 161 geiſtern,„laßt mir meinen Glauben an ihn! Laßt mir meinen Freund! Warum ſoll ich zudem noch glauben, daß er um mich werben will? Er ſucht in mir blos eine Vertraute, eine Freundin, eine Schweſter!“ Und ich citirte ſeine fünf Heinen Kinder, um mir ſeine Wer⸗ bung um Frau Z. erklären zu können. Die„Sonate pathétique“ von Beethoven lag auf dem Pulte und ich begann, ſie zu ſpielen. Dieſes wilde Muſikſtück verſchlang den Sturm in meiner Seele und ſtillte ihn; die Sonate erhob ſich auf den Schwingen der Töneund brach mit ihnen durch alle Hemmniſſe hindurch bis zu den ernſten und lieblichen, Alles befreienden und verſöhnenden herrlichen Schlußakkorden. Ich war ſo ſehr in meine Muſik vertieft, daß ich gar nicht hörte, daß im Saagle ein Wortwechſel Statt fand, der damit endigte, daß der Philoſoph die Thüre öffnete und mit einer Stimme, ähn⸗ lich der des Geiſtes im Hamlet, ſprach: „Fräulein! Der Oberſt Brenner iſt im Saale und beſteht darauf, eintreten zu dürfen. Soll ich ihn bitten, ſich zu entfernen?“—„Sagteſt Du nicht, daß Niemand eintreten darf?“ fragte ich.—„Ja, das ſagte er,“ fiel eine mir wohlbekannte Stimme ein.“ Ich aber ſagten „ich bin ſchon darin.“ Und in einem Satze ſtand Brenner vor mir ſo gut, ſo froh, ſo herzlich, daß ich alle Ein⸗ vrücke, mit denen ich eben noch gekämpft hatte, faſt ver⸗ gaß und mein Herz ſich ihm zuneigte. Er überreichte mir ein Bouquet ſchöner Blumen, indem er fortfuhr:„Sagen Sie mir nur nicht, daß ich gehen ſoll!“— Wehmüthig, aber freundlich ſagte ich: „Ach nein! Bleiben Sie nun hier. Meine Mutter wird bald nach Hauſe kommen!“—„Daran iſt mir nicht ſehr gelegen,“ antwortete er.„Ich werde am liebſten mit Ihnen allein ſprechen.“— Mein Herz klopfte in gehei⸗ mer Angſt. Er betrachtete mich und mein Ausſehen mag von meiner Gemüthsſtimmung Zeugniß abgelegt haben; denn plötzlich ward er unruhig und fragte zärtlich und herzlich, ob ich unwohl ſey?—„Nein, ich befinde mich 162 wohl!“—„Ob ich verdrüßlich wäre?“ Ja, ich mußte geſtehen, daß ich Etwas gehört hätte, was mich beun⸗ ruhigte.“—„Ob er nicht Theil daran nehmen, nicht ver⸗ ſuchen dürfe, mich zu tröſten?“— Ich ſchwieg.„Soll ich ihm Alles offen ſagen,“ dachte ich.„Doch nein! Das wäre ja thöricht! Er würde glauben, ich ſey in ihn verliebt.“ Immer herzlicher wiederholte er ſeine Fragen. „Nein!“ gab ich zur Antwort,„jetzt nicht, künftig vielleicht.“ —„Ob ich über ihn verdrüßlich ſey?“—„Ja, nein— —— er ſolle nicht mehr fragen!“ „Nicht mehr fragen!“ rief Brenner und ſchwieg eine Weile. Dann begann er mit ſanfter, gerührter Stimme: „Und ich kam jetzt, um an Sie eine ernſte Frage zu richten, eine Frage, die mir ſchon oft auf den Lippen war, die ich nicht mehr zurückhalten kann, eine Frage, von der das Wohl und Wehe meines Lebens abhängt. — Ich kam, Sie zu fragen: Sophie, wollen Sie, kön⸗ nen Sie mir gut ſeyn? Ich bin Ihnen ſchon längſt un⸗ ausſprechlich gut! Wollen Sie mich durch das Leben begleiten in Luſt und Noth?““ Die Stimme, der Blick, der Ausdruck, ſelbſt der Druck ſeiner Hand, womit er die meinige gefaßt hielt —— Oh! welche Beredtſamkeit des Herzens! Und Alles dies hatte er in der vorigen Woche zu Frau Z. geſagt. Und die Frau Z.„ohne Kopf und Herz, mit der weißen Haut und einem Ritterſitze,“ ſtieg wie ein Geſpenſt zwi⸗ ſchen Brenner und mir auf und machte mich außerordent⸗ lich beklommen.— Wäre er mir duch noch das geweſen, was er mir vor einigen Stunden war! Da hätte ich offen und herzlich zu ihm reden, hätte, ohne ſein Herz zu verwunden, ſeine Hand ausſchlagen, hätte den Lieb⸗ haber entfernen und doch für immer den Freund behalten können!— Aber in der Nacht, die meine Seele einhüllte, erkannte ich weder ihn, noch mich wieder. Die ganze Welt hatte ſich verändert. Eine lähmende Kälte, eine ſchauerliche Erſtarrung hatte ſich meiner bemächtigt; ich fühlte mich in ein Marmorbild verwandelt, und ſo ließ ich B von ſ eine? daß e glückl beugt worte mocht und ich zu nen ihn ſ plötzl faßte aufſte hätte wund Haut aber Saa die l vollet auf!“ und auf!“ ern zu d zu Und mich habe Verz Han Ich auf ußte un⸗ ver⸗ ich Das ihn gen. ht.“ eine me: zu pen age, ngt. kön⸗ un⸗ ben der ielt lles agt. ißen wi⸗ ent⸗ ſen, ich erz ieb⸗ lten te, nze ine — 163 ich Brenner ſprechen, ohne ihn zu verſtehen, hörte ihn von ſeinen Kindern reden, von Kindern, die zu beſitzen eine Freude und Ehre ſey; hörte, wie er davon ſprach, daß er und die Kinder mich durch Liebe und Dankbarkeit glücklich machen würden, ſah, wie er die Kniee vor mir beugte und mich beſchwor, ihn zu hören und ihm zu ant⸗ worten. Aber ich vermochte nicht zu antworten, ver⸗ mochte nicht, weder Hand noch Zunge zu rühren; ſtumm und ſtarr war mein Blick auf ihn geheftet; doch meinte ich zu fühlen, daß meine Augen ſich allmählig mit Thrä⸗ nen füllten. Da warf er mir wie ſcherzend vor, daß ich ihn ſo lange auf den Knieen liegen laſſe, und mit einer plötzlichen Wendung ſetzte er ſich zu meinen Füßen, um⸗ faßte innig meine Kniee und betheuerte, daß er nicht eher aufſtehen werde, bis ich ihm mein„Jawort“ gegeben hätte.— Dieſe Wendung hatte mich faſt gänzlich über⸗ wunden. Ich war im Begriffe, mich an das geliebte Haupt zu lehnen und ihm mein ganzes Herz zu öffnen; aber in demſelben Augenblicke hörte ich Geräuſch im Saale und unterſchied die Stimmen mehrerer Perſonen, die hereingetreten waren.— Damit kehrte auch mein volles Bewußtſeyn und die alte Bitterkeit zurück. „Stehen Sie auf! Um Gottes willen ſtehen Sie auf!“ ſagte ich zu Brenner,„man kommt!“ „Mag die ganze Welt kommen,“ antwortete er keck und liebevoll,„ohne Antwort von Ihnen ſtehe ich nicht auf!“— Ein Gedanke der Hölle ſtieg da in mir auf: er will dich überraſchen, will dich zwingen, will hier zu deinen Füßen ſitzen bleiben, um es dir unmöglich zu machen, ihm nachher deine Hand zu verweigern! Und mit ſtolzem Zorn in Blick und Stimme riß ich mich los und ſprach:—„Herr Oberſt Brenner! Ich habe Unrecht, Sie ſo lange in Ungewißheit zu laſſen. Verzeihen Sie und hören Sie mein letztes Wort. Meine Hand und mein Vermögen will ich unabhängig behalten. Ich achte keinen Mann hoch genug, um ihm Rechte dar⸗ auf einzuräumen.“— Brenner war aufgeſtanden und 164 heftete bei dieſer harten Antwort einen Blick voll unaus⸗ ſprechlichen Erſtaunens auf mich. Es war, als könnte er mich durchaus nicht begreifen. Fröhliche Stimmen und Tritte näherten ſich vom Saale her der Thüre; ich zog mich nach der Thüre zurück, die zu Selma's Zimmer führt. Hier, die Hand bereits auf dem Schloſſe, ſah ich mich um und nach Bxenner. Unbeweglich ſtand er da, die Augen auf mich gerichtet; ihren Ausdruck kann ich nicht beſchreiben, konnte ihn auch nicht recht faſſen; aber ich las darin ein ewiges Lebewohl. Die Seele von un⸗ ausſprechlichen und ſtreitenden Gefühlen heſtürmt, eilte ich auf mein Zimmer. Was ich in dieſem Augenblicke am ſchmerzlichſten empfand, war das Gefühl, daß Brenner und ich auf ewig geſchieden ſeyen. Auf's Neue beſchwor ich Frau Z. in ihrer ganzen ſchrecklichen Geſtalt und Brenners Benehmen gegen mich herauf, um mein eigenes Benehmen zu entſchuldigen und zu erklären; aber immer wieder tauchte die Erinnerung an Brenners letzten Blick, an dieſen ſeltſamen Blick auf, der mir durch Mark und Bein drang. Und ſeine Strafbarkeit war verſchwunden und ich allein die Schuldige. Dieſe innern Kämpfe unterbrach Selma, die mich bat, zur Geſellſchaft zu kommen. Zuerſt dachte ich, mich zu entſchuldigen; da ich aber erfuhr, daß Lennartſon da ſey, ſtieg ein Gedanke in mir auf und ich folgte Selma. Die Aufregung, in die mich die Auftritte des heutigen Tags verſetzt hatten, hatte mir ein Fieber zugezogen. Bald bemerkte ich, daß Lennartſon forſchend mich— betrachtete, und nach kurzer Zeit ſetzte er ſich zu mir in eine„Cauſenſe“ und ſagte leiſe: „Wie ich dieſen Abend hieher kam, traf ich Brenner allein im Saale und in ſeltſamer Aufregung, über die er mir entweder keine Aufklärung geben konnte, oder nicht geben wollte. Haben Sie ihn heute Abend geſehen?“ „Ich bitte Sie,“ ſagte ich, ſeine Frage mit einer andern beantwortend,„ſagen Sie mir, ob es wahr iſt, daß, wie ich neulich hörte, in den letzten Tagen von einer Rede müſſe ie die R gew ten?“ „Wie die 9 daßt ich n zu ſcl wie wicht von aus iſt m her von Perſt als( Sopl S Sie Fräu ners Bren Meh ſeine ſprac ſehen Gru nts⸗ nnte men ich mer ich da, ich aber un⸗ eilte licke nner wor und enes mer lick, und nden mich mich da ma. igen n. mich r in nner f die icht n?“ iner iſt, von 165 einer Verbindung zwiſchen Brenner und Frau Z. die Rede geweſen iſt? Sie ſind Brenners Freund, Sie müſſen es wiſſen.“—„Allerdings, das bin ich,“ antwor⸗ tete der Freiherr lächelnd. „Iſt es denn wahr, daß von einer Verheirathung die Rede war?“—„Ja, dapon iſt wirklich die Rede geweſen.“—„So hat er alſo wirklich um ſie angehal— ten?“—„Hm, Hm! das iſt eine andere Frage.“— „Wie? ſagten Sie nicht, daß von einer Verheirathung die Rede geweſen ſey?“—„Folgt daraus nothwendig, daß der Antrag von ihm ausgegangen iſt?“—„Nicht? ich meinte das. Ich bitte Sie in dieſer Sache nicht zu ſcherzen, ſondern mir die reine Wahrheit zu ſagen, wie es ſich damit verhält. Es iſt mir unendlich wichtig, wichtiger als ich ſagen kann.“—„Nun wohl! was ich von der Sache weiß, iſt in wenigen Worten das: Frau Z. hat Wilhelm Brenner zum Mann, er aber ſie durch⸗ aus nicht zur Frau haben wollen. Eine dritte Perſon iſt mit dem Antrage und— mit der Ablehnung hin und her gegangen.“—„Ach Gott! iſt das möglich! Und von wem wiſſen Sie das, von Brenner ſelbſt?“ „Nein, gewiß nicht! ſondern eben von der dritten Perſon, die aus einem zweifachen Grunde ihren Abſchied als Sprecher erhalten dürfte. Es freut mich, Fräulein Sophie, Sie in einer Sache aufklären zu können, worin Sie ſo ſchlecht unterrichtet waren. Und nun, beſtes Fräulein Sophie, erlauben Sie mir, Ihrem und Bren⸗ ners Freunde eine Frage. Was war die Urſache von Brenner's ſeltſamer Aufregung am heutigen Abende?“ „Die iſt meine Schuld, meine unverzeihliche Schuld!“ Mehr konnte ich nicht ſagen. Ich war ganz zerknirſcht. Auch Lennartſon ſchwieg, betrachtete mich aber mit ſeinen ernſten, klugen Augen. Nach kurzem Stillſchweigen ſprach er ſanft, faſt ſchmeichelnd: „Ich werde ihn wahrſcheinlich noch heute Nacht ſehen. Darf ich ihm von Ihnen eine Nachricht, einen Gruß überbringen?“ 166 „Ach! wozu ſoll das? Er kann, er varf mir nicht verzeihen. Wir find durch meine Schuld— durch mein unwürdiges Mißtrauen auf immer geſchieden. Aber, wenn Sie wollen, ſo theilen Sie ihm unſere Unter⸗ redung mit.“ Und damit hatte ſie ein Ende. Aber bei mir be⸗ gannen nun erſt die Gewiſſensbiſſe. O! welchen Talisman giebt es wohl gegen das niederdrückende Gefühl, einem edlen Freunde Unrecht ge⸗ than, ſein Herz grauſam verwundet— ſein heiligſtes Gefühl— den Glauben an die, welche er liebte, ge⸗ mordet— ſein Glück zerſtört zu haben! Für eine ſolche That gibt es keinen Troſt.„O! Wilhelm Brenner! nun verſtehe ich deinen Blick, der ſo verurtheilend und ſo voll göttlicher Trauer auf mir ruhte! Doch wüßteſt du, daß ich heute Nacht mein Kopfkiſſen mit Thränen gebadet habe und mitten in meinem Schmerze dennoch ſtolz auf dich war und Gott dankte, daß dein Bildniß klar in meinem Herzen ruht, würdeſt du—— würdeſt du mir nicht verzeihen?“ Schlummerlos brachte ich die Nacht zu und mit Ungeduld erwartete ich den Morgen. Ich hoffte, Len⸗ nartſon werde mit ihm kommen. Der Morgen kam— grau und kalt; aber kein Lennartſon, kein Sonnenblick in meine Seele. Eine Stunde verging nach der andern und das Warten wurde mir unerträglich: leſen konnte ich nicht, die Muſik war mir zuwider und das gewöhn⸗ lichſte Geſpräch vermehrte nur meine Angſt. Da kam mir das Sprüchwort in den Sinn: „Was in den Ferſen brennt, brennt nicht in der Seele.“— Und gleichzeitig ſtand der Galgenberg vor meinem innern Sinne, und es dünkte mich erquicklich, dieſen hinaufzuſteigen. Ich fühlte das Bedürfniß, die Seele durch Ermüdung des Körpers zu beruhigen und mit dem Tagblatte im Rudicule pilgerte ich in Nebel und Kälte gegen Süden, den Berg hinan. Oft leiht unſere Gemüthsſtimmung den Gegen⸗ ſtände müth die m tenen Kinde Kran in al tirun war ſehen größt auf d ſich v lächel rend ich a die n dieſen damp irgen! nichte vielle ich m Eren Morg iſt, daß wiede nicht mein lber, nter⸗ be⸗ das ge⸗ gſtes ge⸗ olche ner! und ißteſt änen noch ldniß rdeſt mit Len⸗ n— nblick ndern onnte oöhn⸗ kam n der vor cklich, „ die und Nebel egen⸗ 157 ſtänden ihre Farbe, aber heute ſympathifirte meine Ge⸗ müthsſtimmung außerordentlich mit den Gegenſtänden, die mir begegneten. Auf der langen, ſchlecht unterhal⸗ tenen Straße ſah ich eine Menge zerlumpter bleicher Kinder, alte Weiber und Greiſe, lebende Bilder der Krankheit, der Armuth, des Alters: ich ſah das Elend in allen Stadien des Lebens, in allen düſtern Schat⸗ tirungen.— Und unter allen dieſen Jammergeſtalten war doch ſchwerlich eine, die, hätte ſie mir in's Herz ſehen können, mit mir hätte tauſchen mögen! Ach! das größte Elend iſt nicht das, das am Tage ſeine Lumpen auf der Straße zeigt und bei Nacht in elenden Hütten ſich verbirgt. Das iſt es, welches in feiner Geſellſchaft lächelt, das der Welt ein fröhliches Aeußere zeigt, wäh⸗ rend der Wurm der Reue am Herzen frißt. Wäre mir etwas beſſer zu Muthe geweſen, ſo hätte ich an die bedeckten irdenen Krüge, hätte freudig an die warme Suppe gedacht, welche die Barmherzigkeit dieſen Argen gekocht hat, und welche dieſe jetzt noch dampfend zum Mittageſſen nach Hauſe holten. Als ich zu Hauſe ankam, hoffte ich irgend ein Wort, irgend eine Nachricht vorzufinden. Aber nein, es war nichts da. Einige Stunden ſind jedoch vergangen und vielleicht kommt Lennartſon heute Abend. Abends. Nein er kam nicht. Auf künſtlichem Wege habe ich mir Nachricht von Brenner zu verſchaffen gewußt. Er war die letzte Nacht nicht zu Hauſe. Den 3. März. Abermals eine ſchlafloſe Nacht. Wiederum iſt es Morgen. Wohin ſoll ich heute gehen? „Wenn der Menſch nicht mehr ſein eigener Freund iſt, ſo geht er zu ſeinem Bruder, der es noch iſt, auf daß dieſer ſanft mit ihm reden und ihm das Leben wieder geben moge.“ 168 Dieſe Worte Jean Paul's wecften in mir das Ver⸗ langen, zu meiner Selma zu gehen; aber ich ſchämte mich, ihr Bekenntniſſe zu machen. Da kam ſie zu mir mit den ſchönen Augen und fragte ſo theilnehmend, ſo bekümmert, daß ich ſie in mein Herz blicken laſſen mußte. Und wie tröſtete ſie mich ſo zärtlich! wie lebhaft ver⸗ theidigte ſie mich gegen meine Selbſtanklage. Wie ſah ſie die Stunde der Verſöhnung ſo deutlich voraus! Ach, ich wage nicht auf dieſe zu hoffen. Wüßte ich nur, wie es ihm jetzt geht, was er für mich fühlt! ———— 1 Abends. Nun weiß ich es. Lennartſon kam am Nachmittage, aber nicht heiter. Doch war es gut, daß er kam. Es würde mir ſchwer geworden ſeyn, noch eine Nacht auszu⸗ halten. Meinem fragenden Blicke antwortete er alsbald: „So eben habe ich Brenner geſehen und ihm unſere Unterredung von neulich mitgetheilt.“ 3 „Gut. Und er?“ fragte ich faſt leblos. Er ſagte: per hätte ſelbſt geahnt, daß irgend ein Mißverſtändniß die Urſache geweſen ſeyn müßte zu—— wozu ſagte er nicht.“—„Und ſonſt— ſagte er nichts?“ Er fügte bei:„wenn mir Jemand etwas Böſes von ihr geſagt hätte, ich würde es nicht geglaubt haben.“ „Und das wad Alles? Weiter ſagte er nichts?“ „Nein!“ ſagte Lennartſon;„aber man ſah deutlich, daß er ſehr gelitten hatte, und noch litt. Welches un⸗ glückliche Mißverſtändniß hat Sie Beide gegen einander ſo verſtimmt, zwei Menſchen geſchieden, von denen ich hoffte, ſie ſollten———. Doch Sie ſind nicht geſchieden. Es iſt nicht möglich. Ich kenne Brenners Herz. Geben Sie mir ein Wort, ein herzliches Wort an ihn mit, und — laſſen Sie mich ihn zu Ihren Füßen führen.“ „Unmöglich! Ich bitte Sie, nichts mehr in det Sache zu thun. Sie ſelbſt würden es nicht wollen, wenn Sie N Alles Sie, Bruſt Was Zärtli nicht lich fi Sie n mitbri Nächt nicht habe dieſer allein er mi ſprach O wi So it unend ſollte, aber hätte, zerma Worte es au Frie s Ver⸗ chämte mir d, ſo mußte.. t er⸗ ie ſah Ach, r, wie s. ittage, . Es auszu⸗ sbald: unſere nd ein ſes von aen s7 eutlich, es un⸗ nander nen ich hieden.. Geben t, und K Sache nn Sie 169 Alles wüßten. Sagen Sie mir nur noch— glauben Sie, daß Brenner mich haßt?“ „Haß iſt ein Gefühl, das nicht leicht in Brenner's Bruſt Eingang findet, und gewiß niemals gegen Sie. Was er von Ihnen ſprach, ſprach er mit Ernſt und Zärtlichkeit.“—„So darf ich denn hoffen, daß er mich nicht verabſcheut? Das iſt viel. Ich danke Ihnen herz⸗ lich für Ihre Güte.“—„Danken Sie mir damit, laſſen Sie mir einen beruhigenden Gruß an meinen Freund mitbringen. Er kam mir vor, als habe er ſeit mehreren Nächten nicht geſchlafen, und als ob er noch mehrere nicht werde ſchlafen können.“ „Sagen Sie ihm, daß auch ich nicht geſchlafen habe ſeit— und nun laſſen Sie uns nicht mehr von dieſer Sache ſprechen. Sie gehört zu den Dingen, die allein von Gottes Schickung abhängen.“ Lennartſon verbeugte ſich ſtumm und ernſt, und als er mich weinen ſah, nahm er mich bei der Hand und ſprach tröſtende Worte mit der Stimme eines Engels. O wie gut iſt er! Zwölf Uhr in der Nacht. Nun bin ich ruhiger. Ich habe Gewißheit erlangt. So iſt ſie denn zu Ende, dieſe Freundſchaft, die mir ſo unendlich viel Freude gemacht hat, die in Ewigkeit dauern ſollte, zu Ende durch meine Schuld! Ich fand eine köſtliche Perle im Strome des Lebens; aber unbeachtet warf ich ſie weg. Ich verdiente ſie nicht! „Wenn mir Jemand etwas Böſes von ihr geſagt hätte, ich würde es nicht geglaubt haben;“ welch' ein zermalmender Vorwurf liegt nicht für mich in dieſen Worten.— Aber ich verdiene Alles. Deßhalb will ich es auch ohne Murren ertragen. Schlafen werde ich dieſe Friederike Bremer, Tagebuch. 12 17⁰ Nacht nicht, vielleicht mehrere Nächte nicht. Wüßte ich nur, daß er ſchläft!— Draußen iſt es ſtürmiſch: Wol⸗ ken, vom Nordwinde gejagt, fliegen über das Schloß. Die Lampen auf der Brücke und auf den Quais flackern: ihr Licht zittert im unruhigen Waſſer; eine nach der an⸗ dern erlöſcht im Sturme. Arme flackernden Flammen, gute Nacht! Den 7. März. Brenner iſt in Geſchäften der Marine nach ver⸗ ſchiedenen Seeſtädten abgereist und wird einige Wochen ausbleiben. Das iſt gut. Eskiſt heute kalt und die Luft klar. Der Schnee liegt weiß und ruhig über dem Rid⸗ derfjord, auf den ſüdlichen Bergen; ruhig und kalt, wie die Gleichgültigkeit. Ich will ihn auch ſo über mein Herz legen. Doch nein! ich will das nicht: es leidet noch.— Ich war zu ſtolz auf meine Philoſophie, auf meine Kraft, auf meine Klugheit, und werde nun— ge⸗ ſtraft. Darum brenne du heilige, du reinigende Flamme, brenne hinab bis zur Wurzel dieſes egviſtiſchen Herzens. Brenne und verbrenne! Abends. Ich werde dieſes Leiden überwinden. Ich fühle es, daß ich es überwinden werde, denn ich habe eine klare, innere Ahnung davon, daß er mir verziehen hat, daß er Barmherzigkeit gegen mich üben wird. Und zum erſten⸗ male empfinde ich das Bedürfniß nach der Barmherzig⸗ keit und dem Mitleiden eines Menſchen. Oft ſchon hatte ich ſolche Ahnungen über die Gemüthsſtimmung von Per⸗ ſonen, die mir theuer ſind, im Guten ſowohl als im Böſen, und noch nie haben ſie mich getäuſcht. Das Gefühl, welches Brenner und mich verband, war wahrhaftig nicht gewohnlicher Art; daher vermag auch die Uebereilung eines Augenblicks nicht, es zu ver⸗ nicht grünt werd beges wenn iſt; als i geſch ähnli Ery Wol heute ſchla tereſſ Vorl erfor ich d Gefa St. Flor anne Aber bei i Selt imm chen zu Selt imn nes te ich Wol⸗ chloß. kern: ran⸗ imen, ver⸗ ochen e Luft , wie mein eidet „ auf — ge⸗ mme, rzens. hle es, klare, aß er erſten⸗ herzig⸗ hatte n Per⸗ ls im rband, ermag u ver⸗ 171 nichten. Es iſt tief in der Natur unſeres Weſens ge⸗ gründet. Und ich weiß es, Wilhelm Brenner! Wir werden uns noch einmal in Herrlichkeit und Harmonie begegnen und vereinigen, und ſollte es auch erſt ſeyn, wenn der Schauplatz dieſes Lebens für uns eingegangen iſt; ich weiß es, und nie habe ich es gewiſſer gefühlt, als in dieſem Augenblick, wo wir ſcheinbar mehr als je geſchieden ſind.— Ich habe an Brenner geſchrieben, ähnliche Worte, wie die, welche ich hier geſagt habe. Er wird ſie bei ſeiner Rückkehr vorfinden. Heute Abend glänzen die Sterne heller, und keine Wolke verhüllt ſie. Gute Nacht, Wilhelm! Du wirſt heute Nacht ſchlafen, und auch ich werde heute Nacht ſchlafen, um morgen wieder ganz den Menſchen und In⸗ tereſſen zu leben, die mich umgeben. Du ſollſt mir ein Vorbild der Thätigkeit ſeyn, dem ich nachkommen will. Den 10. März. Und das Drama, das nun um mich aufgeführt wird, erfordert wahrlich meine ganze Aufmerlſamkeit. Noch ſuche ich den Faden, der aus dem Labyrinthe führen und die Gefangenen befreien kann. Das aber ſehe ich deutlich, daß St. Orme der„Minotaurus“ jſt; auch ſcheint es, als ob Flora's Prophezeihung von ſich, daß ſie ſeine böſe Natur annehmen werde, in der That in Erfüllung gehen ſoll. Aber warum ſoll Selma das Opfer werden, warum ſoll bei ihrem Kampfe die Sylphide ihre Schwingen verlieren? Selma iſt ſeit einiger Zeit eine leibhafte Märtyrerin der immer übleren Laune Flora's, die eine Freude darin zu ſu⸗ chen ſcheint, ſie durch Härte und ungereimten Argwohn zu quälen. Mit wunderbarer Sanftmuth erträgt dieß Selma, aber— der fröhliche Geſang iſt verſtummt und immer ſchleichender wird— ihr leichter, ſchwebender Gang. Geſtern goß ich vor ihr den vollen Kelch meines Zor⸗ 1 nes über Flora aus.—„Verzeihe ihr,“ bat Selma mit 132 172 Thränen in den ſchönen Augen;„ſie iſt ſelbſt ſogar nicht glücklich!“— Und dieß iſt wahr. Meine Stiefmutter, die Flora's Zuſtand nicht durchſchaut, aber gerne alle fröhlich um ſich ſieht, ſucht ſie durch allerlei Zerſtreuungen und Luſtbarkeiten aufzuheitern; aber dieſe ſcheinen alle Gewalt über Flora verloren zu haben, während ihr böſer Dämon ſich immer tiefer in ihr Leben einfrißt. Als heute gegen Abend der wenige Beſuch ſich ent⸗ fernt hatte und wir Frauenzimmer von der Familie mit St. Orme allein waren, ſtand Flora lange in Gedanken verſunken vor dem Bildniß der Beatrice Cenci. „Willſt Du dieſes Frauenzimmer copiren, weil Du es ſo genau betrachteſt?“ fragte St. Orme mit ſnn ſarcaſtiſchen, widerlichen Tone. „Vielleicht“ antwortete Flora mit einer Stimme, die faſt ſchauerlich klang. Sodann fuhr ſie in veränder⸗ tem Tone fort:„ich ſuche mich hineinzudenken, wie ihr zu Muthe geweſen ſeyn mag“—„Vor oder nach dem Va⸗ termord?“ fragte St. Orme wie vorher. „Nachher!“ antwortete Flora.„Wie es ihr vorher zu Muthe war, das weiß ich wohl.“—„Wie, meine ſüße Flora! wie kannſt Du Dich in ſolche entſetzliche Gedan⸗ ken hinein denken?“—„Ja; das kann ich,“ antwortete Flora.„Sie hatte Alles verſucht,— Alles verſucht, St. Orme!— um aus ihrem unglücklichen Zuſtande hinaus⸗ zukommen: ihre Qualen verließen ſie nicht. Sie war auf's Aeußerſte, zur Verzweiflung gebracht!— Kurz ihre That verſtehe ich; aber nach derſelben— nachher——“ „Nun!“ verſetzte St. Orme,„nachher dachte ſie an die Vorbereitung zu ihrem Tode, an das Schaffot, an den Henker.“—„Man erzählt,“ fuhr Flora fort,„daß in dem Augenblicke, als ſie zum Tode ging, als ſie das Schaf⸗ fot beſteigen ſollte, ein Strom von Worten der Freude und des Dankes, ſo voll des Schönſten und Erhabenſten, was in einer Menſchenſeele lebt, aus ihrem Munde ging, daß die, welche ſie tröſten ſollten, verſtummten und ihr Mitleid ſich in Bewunderung verwandelte; man erzählt, daß ihre Schön als in Sünde — Au wie es und gl möchte Selmo hunget hyſteri den ru war es das B welche ken vr auch broche — w Beatri weiß Es iſt danker Erfriſ der S hat. Furch flieher hig u naht ſtehen mag Licht ar nicht tter, die fröhlich e Gewalt Dämon ich ent⸗ ilie mit edanken eil Du ſeinem Stimme, ränder⸗ ihr zu m Va⸗ vorher ne ſüße Gedan⸗ twortete ht, St. hinaus⸗ ie war urz ihre ſie an an den daß in) ude und 173 Schönheit nie rührender, ihr Auge nie ſtrahlender war, als in dem Augenblicke, da ſie als reuige, aber erlöste Sünderin frei und ſiegreich dem Tode in die Arme eilte. — Auch das wundert mich nicht; aber ich möchte wiſſen, wie es ſich fühlt, ach! wie es ſich fühlt, frei zu ſeyn, frei und glücklich! Ich möchte wiſeen, wie es ſich fühlt, ich möchte wiſſen, wie es ſich fühlt, ich möchte wiſſen, wie—“ Flora wiederholte dieſe Worte wie verrückt mehrere⸗ male und ſank dann plötzlich zuſammen. Unſere Beſtürzung war groß. Man brachte Flora in Selma's Zimmer, und hier kam ſie durch unſere Bemü⸗ hungen bald wieder zur Beſinnung, aber nur um in einen hyſteriſchen Zuſtand zu fallen, der ſie erſt in einigen Stun⸗ den ruhig entſchlummern ließ. Als ſie wieder erwachte, war es Nacht. Sie lag ſtille und richtete die Augen auf das Bild der Virginia, das unten an Selma's Bett(auf welchem Flora lag) hängt. Haſtig ſagte ſie, wie in Gedan⸗ ken vor ſich hin:„Auch ſie war ſchön und unglücklich, auch ſie ſtarb in der Blüthe ihres Alters, ſtarb am ge⸗ brochenen Herzen! Aber ſie ſtarb erſtickt von ihrem Grame — wie manches Weib; ſtarb ohne Glanz und Rache. Beatrice war die Glücklichere von Beiden.“ „Das weiß nur der ewige Richter,“ entgegnete ich ſanft. „Ja, was wiſſen wir?“ ſprach Flora weiter,„ich weiß nichts, als daß ich unglücklicher bin, als dieſe Beiden. Es iſt ſeltſam, aber ſeit einiger Zeit meine ich, daß Ge danken an eine blutige That, z. B. an einen Mord, etwas Erfriſchendes haben. Es muß eine große Veränderung in der Seele deſſen vorgehen, der etwas Schreckliches gethan hat.— Etwas, das keine Rückkehr, keine Hoffnung, keine Furcht mehr zuläßt. Da mag wohl der irrende Geiſt ent⸗ ſtiehen und der Menſch ſich ſelbſt begreifen! Es muß ru⸗ hig und kühl im Herzen werden, wenn die Todesſtunde naht und Alles auf Erden aus iſt; es mögen Gefühle ent⸗ ſtehen— von Demuth und Zerknirſchung, und dann— mag vielleicht auch ein Engel des Herrn kommen und ein Licht in der finſtern Seele anzünden, ehe man ſtirbt!— 174 Aber dann muß man ſterben! Sterben und in die dunkle Erde gelegt werden und vermodern und——— hu! Nein, nein! Ich mag nicht ſterben, nein! Warum iſt es hier ſo finſter, warum laßt ihr mich hier liegen, wie in einer Gruft? Bringt mehr Licht herbei! Und Selma, wo iſt Selma? Sie war mir früher gut, aber ſie verläßt mich wohl auch wie alle Andern!“ „Niemals; nie!“ antwortete eine liebevolle Stimme, und aus der Tiefe des Alkovs, auf der andern Seite von Flora's Kopfe, erhob ſich Selma's weiß gekleidete, ſchöne Geſtalt. Sie ergriff Flora's Hände und ſagte, während Thränen über ihre Wangen herabrollten: „O Flora! Flora! wenn Du mich noch lieb haſt, ſo höre, um was ich Dich bitte. Du wirſt Tag für Tag Dir ſelbſt ungleicher; ein ſchweres Geheimniß liegt Dir auf dem Herzen und macht Dich unglücklich. O ſprich, Flora; ſag' uns, was es iſt, ſage uns Alles. Du weißt, wie ſehr wir Dich lieben! Sollte es nicht möglich ſeyn, irgend ein Mittel aufzufinden, das Dich tröſten, das Dich beruhigen könnte!? Ach! vertraue Dich uns an. Du wirſt Dich frei fühlen, wenn Du Dein Herz geöffnet haſt, und Denen klar geworden biſt, die Dich lieben!“ „Klar!?“ wiederholte Flora.„Und wenn ich ihnen dann nur noch dunkler erſcheinen würde, als vorher? Selma! wie würdeſt Du das ertragen?“ „Ach! Alles kann ich leicht ertragen, nur das nicht, Dich unglücklich und ſo verändert zu ſehen.“ „Das meinſt Du,“ ſagte Flora.„Aber Du täuſcheſt Dich. Du gehörſt zu den guten, zu den anſpruchsloſen Seelen, die alles Ungewöhnliche, alles Ercentriſche ver⸗ abſcheuen, weil ſie es für böſe halten, weil ſie es nicht verſtehen. Sie können der Wirklichkeit nicht ims Ange⸗ ſicht ſehen, ohne zu beben, ſie können nicht lieben, außer in Täuſchungen, die ſie nicht die Kraft haben zu—— Aber vergib mir, ich will nicht hart ſeyn, ich bedarf ſelbſt Hülfe und Schonung. Helfen kannſt Du mir nicht, Selma, kann mir Niemand.——— Aber Du kannſt den Etwa Du 1 Du ſolche Seln zu ge ſah: den gehe Bild war werk lerin des nied für Mer Um Do mac wel den. Lar Nat in Ste An me dunkle — hu! iſt es ie in elma, erläßt mme, e von chöne hrend haſt, Tag Dir vtich, veißt, ſeyn, Dich wirſt und hnen her? icht, cheſt oſen ver⸗ icht nge⸗ ußer darf icht, nnſt 175 den Kampf lindern helfen. Und nun— willſt Du mir Etwas vorleſen, etwas Beruhigendes?— Was haſt Du da, das Geſangbuch? Lies etwas daraus vor, wenn Du magſt. Ich habe ſchon lange nicht mehr in ein ſolches Buch hineingeblickt.“ Als ich die beiden Freundinnen verließ, hörte ich Selma mit einer Stimme, der ſie vergebens einen Halt zu geben ſich bemühte, leſen: „Nun ruhen alle Wälder—“ Den Tag varauf war Flora beſſer; aber Selma ſah man an, daß ihr Herz ſchwer litt. Ich machte ihr den Vorſchlag, nach dem Frähſtück in's Muſeum zu gehen, um einige erſt vor kurzer Zeit angekommene Bildſäulen zu beſehen. Gerne willigte ſie ein und es war mir angenehm, daß Flora die Einladung ablehnte. Noch nicht lange waren wir unter den edlen Kunſt⸗ werken herumgewandelt, als Ehrenſwärd's junge Schü⸗ lerin heiter wurde, und ihr Geiſt bei der Betrachtung des hönen und Erhabenen die Bürde abwarf, die ihn niedergedrückt hielt. Mit Freuden erkannte ich, wie ein für die Kunſt oder Natur empfänglicher Sinn den Menſchen von der Qual befreit, welche der Druck der Umſtände und die Reizbarkeit des Gemüths erzeugt. Doch nicht immer kann der Menſch ſich davon frei machen und er ſoll es auch nicht; denn es gibt Leiden, welche erhabener, das heißt, edler ſind, als alle Freu⸗ den. Dieſe dürfen nicht ausgerottet werden. Auch die Larve des Leidens kann Flügel erhalten, kann in der Nacht fliegen, von den Sternen ſich leuchten laſſen und in ihrem Thaue ſich baden. Mehr und mehr trat an die Stelle des leidenden gebeugten Ausdrucks in Selmas Angeſichte eine ſeelenvolle, verklärte Wehmuth, je mehr meine Bemerkungen ſie zum Nachdenfen reizten. Als wir an die Bildſäule der Niobe kamen, ſagte 176 ich, ſie ſcheine mir zu gefühllos, ich wünſchte mehr Ver⸗ zweiflung und Zorn in ihrem Antlitze zu leſen. „Sie kämpft mit höhern Mächten!“ erwiederte Selma.„Weder Rache noch Hoffnung gibt es für ſie. Außerdem iſt es das erſtemal, daß ſie Unglück fühlt, und es fommt ſo plötzlich und ſo ungeheuer groß; es über⸗ wältigt ſie: ſie kann nicht leiben, ſie erſtarrt. Siehe! betrachte ſie von dieſer Seite, ſiehſt Du dieſen Zug be⸗ benden Schmerzes um den Mund? Man ſieht, daß es nur noch eines Augenblicks bedarf, daß Ein Pfeil weiter hin⸗ reicht, und ſie leidet nicht mehr, ſie iſt in Stein verwandelt!“ Ich ſah Selma an. Sie hatte in dieſem Augenblicke auffallende Aehnlichkeit mit der Niobe. Es ſchien mir, als würde auch ſie ſo leiden, ſo erſturren. Gott wolle mein Schweſterchen bewahren! Bei einem Kopfe Zeno's, fragte ich:„erblickſt Du nicht in dieſem Kopfe Etwas, das wie eine Vorarbeit auf's Chriſtenthum ausſieht?“ „Ja!“ antwortete ſie,„er drückt die Entſagung aus, aber die Erhebung fehlt ihm.“ Sie wird nicht er⸗ ſtarren, dachte ich, einen Blick auf ihr ſeelenvolles Ge⸗ ſicht heftend, ſie wird frei werden, ſie wird ſiegen. Die Sylphide wird nicht auf lange Zeit ihre Flügel verlieren. Jetzt hörten wir ganz nahe bei uns flüſtern: „Lieutenant Thure kommt heute Abend nicht auf den Ball; das iſt zu ärgerlich.“ „Der königliche Sekretär von Bune auch nicht, und er ſagte doch, daß er meinetwegen hinkommen werde. Auf die Herren kann man ſich doch gar nicht verlaſſen. Und er hatte mich auf den erſten Walzer ſo gut wie engagirt. Das nächſtemal, wenn er kommt und den Galanten ſpielen will, werde ich recht ungnädig ſeyn.“ „Ja! es ſchien faſt, als hätteſt Du eine Eroberung gemacht——— meinſt Du nicht, daß der Marmor⸗ kopf da dem von Bune ähnlich iſt? Weißt Du, welche Artigkeit er mir geſtern Abend ſagte?“ Die Artigkeit wurde ſo leiſe geſagt, daß ich ſie nicht Hilde Sept auste grüß kalt den( die( freili ohne vortr ging an d ſwär ſo gt ſwär lich, zu ſe Son: und! Hellf zählt von uns nähe fried beme häufi Schä nur wir: das Ihre Arm Ver⸗ derte r ſie. und über⸗ iehe! 9 be⸗ s nur hin⸗ elt blicke mir, wolle Du rbeit gung ter⸗ Ge⸗ Die eren. auf und erde. ſſen. wie den n. ung nor⸗ lche ſie 177 nicht vernehmen konnte. Wir hatten übrigens bereits Hilda und Thilda Engel erkannt, welche bei der Büſte des Septimius Severus ihre Klagen über ihre Kourmacher austauſchten. Sie wurden uns jetzt anſichtig und wir grüßten einander. Da es anfing, in der Marmorgallerie kalt zu werden, ſo ſchlug ich einen Spaziergang über den Schiffsholm und nach dem Thiergarten vor und fragte die Engel, ob ſie uns begleiten wollten.„Sie wollten freilich ſehr gerne, aber— aber vier Frauenzimmer ohne einen Herrn— wie würde das gehen.“ Selma und ich verſicherten lachend, daß es ſich ganz vortrefflich machen ließe, namentlich wenn wir paarweiſe gingen; und ſo wanderten wir denn, jeden ihren Engel an der Seite, davon. Im Thiergarten begegneten wir der Frau Ritter⸗ ſwärd und ihrer Tochter. Sie waren ſehr freundlich und ſo guter Dinge, daß ſie uns anſteckten. Frau Ritter⸗ ſwärd war ziemlich wohlauf, und Hellfriede ganz glück⸗ lich, nach langer Zeit einmal wieder im grünen Walde zu ſeyn. Es war herrlich, der Schnee ſchmolz an der Sonne, die Schößlinge der Tannen dufteten, Flechten und Mooſe grünten auf dem Boden und an den Bäumen. Hellfriede kannte dieſe Pflanzen ſeit langeher und er⸗ zählte auf meine und Selma's Fragen Verſchiedenes von ihrem Wachsthum und ihren Eigenſchaften, was in uns große Luſt erweckte, mit dieſen Kindern der Natur näher bekannt zu werden. Vorläufig wünſchten wir Hell⸗ frieden zu ihren Kenntniſſen Glück. Aber die Engel wurden immer verdrüßlicher, und ich bemerkte an ihnen jene traurige Armuth des Geiſtes, dieſe häufige Frucht unſerer Erziehung, die mitten unter den Schätzen der Kunſt und Natur, Sinn und Gedächtniß nur für einen— Ball-Kourmacher hat. Anßerdem waren wir nun ſechs Frauenzimmer zuſammen und ohne Herren— das Schickſal verfuhr grauſam mit den armen Kindern. Ihre Blicke belebten ſich jedoch, als zwei junge Herren Arm in Arm gegen uns her kamen; ich hörte ſie die Na⸗ ¹ ¹ 178 men Thure und Bune flüſtern. Thure und Bune grüß⸗ ten, und— gingen vorüber. Die Engel ſahen ganz deſ⸗ perat aus.— Abermals kam ein Herr auf uns zu; aber dieſer ging nicht vorbei, ſondern ſchloß ſich mit einem Aus⸗ rufe frendiger Ueberraſchung und unter freundlichen Be⸗ grüßungen an uns an und begleitete uns in die Stadt zurück. Es war der Lieutenant Sparrſtölb. Aber er ging neben Hellfriede Ritterſwärd, und Hilda und Thilda neben einander.— Auf einen Wink ihrer Mutter lud Hellfriede die Geſellſchaft ein, eine Taſſe Chokolade im Schatten ihrer Hyacinthen mit ihnen zu trinken. Die Engel ſchlugen es in offenbar übler Laune aus; aber Selma und ich und der junge Sparrſtöld nahmen die freundliche Einladung gerne an. Wir tranken im Schatten von Hellfriedens Hyaeinthen vortreffliche Chokolade und unterhielten uns dabei lebhaft über die Art, das Leben und die Zeit gehörig zu benützen und zu genießen.— Niemand war vergnügter über dieſe intereſſante Unterhaltung als die gute Alte, die noch jetzt das Leben ſo reich und ſo herrlich findet, daß ſie ſich jeden Morgen um ſechs Uhr wecken läßt, aus Furcht die für ſie immer ſchneller enteilenden Stunden zu verſchlafen. Der junge Sparrſköld behauptete ſcherzend, daß es viel geſcheidter ſey, zu ſchlafen und küßte ihr dabei die Hand mit faſt kindlicher Zärtlichkeit. Hellfriede betrachtete beide und Thränen ſtanden ihr dabei in den Augen.— Eine entſetzliche Kataſtrophe ver⸗ wandelte dieſe Seene der Liebe und des Wohlwollens in einen Schauplatz des Schreckens. Wir vernahmen einen dumpfen Piſtolenſchuß, der gerade in dem unter uns be⸗ findlichen Zimmer losgefenert zu werden ſchien. Sparr⸗ ſtöld ſprang äufs—„Das wir in Kapitän Rummels Zimmer!“ rief er aus und ſürzte wie von einer ſchauer⸗ üchen Ahnung ergriffen aus dem Zimmer. Etwa eine Viertelſtunde nachher kam er ganz blaß herauf. Kapitän Nummel hatte ſich erſchoſſen. Schon ſeit einiger Zeit hatte man viel von ſeinen zerrütteten Verhältniſſen und von ſeiner Neigung zu ſtarken Getränken geſprochen: lange ſchon Nun ten n ware unſer voller Neuis Rum von Regi könne ander Sach es w Ake deſſen bindr Felir tags derge alle Mett Entf ſelber auffo grüß⸗ deſ⸗ aber Aus⸗ Be⸗ Stadt ging reben riede ihrer n es d der e an. ithen bhaft ützen dieſe jetzt jeden efür 1. ß es i die mihr ver⸗ s in einen s be⸗ parr⸗ mels auer⸗ eine itän Zeit und lange 179 ſchon ſchien er auf ſein Verderben losgearbeitet zu haben. Nun war es vollendet. In aufgeregter Stimmung trenn⸗ ten wir uns: es war uns ſchauerlich zu Muthe.„Er war einer der nähern Bekannten Felir's,“ ſagte Selma, auf unſerem Heimwege,„wenn er nur nicht———“ jie vollendete ihren Satz nicht.— Es war eine entſetzliche Neuigkeit, mit der wir unſere Stiefmutter überraſchen ſollten. Den 13. März. Schnell hatte ſich das unglückliche Ende des Kapitäns Rummel in der Stadt verbreitet. Wir erfuhren dieß heute von den Kommerzienräthinnen. Man ſagt, er habe die Regimentscaſſe angegriffen, habe dieß nicht mehr verbergen können und ſeine Schande nicht überleben wollen. Ein anderer junger Herr, der Sohn reicher Eltern, ſey in die Sache Rummels verwickelt und entwichen. Man behauptet, es werden dieſem mehrere ähnliche Ereigniſſe folgen. Aus dem Unglück iſt dießmal ein Glück entſprungen. Ake Sparrſköld iſt der Nächſte an Rummel und erhält deſſen Kompagnie. Nun hindert nichts mehr ſeine Ver⸗ bindung mit Hellfrieden und das Glück der ganzen Familie. Den 14. März. „Nun ſind auch die Rutſchenfelder fort. Gott bewahre Felir.“ Mit dieſen Worten trat meine Stiefmutter Mit⸗ tags zu uns herein, und war von dieſer Nachricht ſo nie⸗ dergeſchlagen und ſo unruhig über ihre Folgen, daß ſie alle Gedanken, mich zu frappiren und alle Mienen à la Metternich vergeſſen hatte.— Unter den wegen Schulden Entflohenen nennt man auch die Herren Bravander(die⸗ ſelhen, welche am Neujahrstage„den Teufel ſo fleißig aufforderten, ſie zu holen“). 180 Den 15. Marz. „War Felir hier? wiſſen Sie etwas von ihm?“ fragte Lennartſon faſt gleichzeitig mit ſeinem Eintritte in den Salon; und als wir es verneinten, ſchien er verdrüßlich, obgleich er dies zu verbergen ſuchte. Lennartſon, St. Orme, der Hofmarſchall und einige andere Herren waren beim MWittageſſen hier. Bald kam das Geſpräch auf die Rut⸗ ſchenfelder und Kompagnie, die theilweiſe ſchon die Flucht ergriffen hatten, theilweiſe im Verdachte ſtanden, daß ſie ſie ergreifen würden. Man nannte eine Menge Menſchen, die ſie betrogen, denen ſie das Wenige, was ſie beſaßen, geraubt, Familien, welche ſie in tiefe Trauer verſetzt hat⸗ ten; Mütter, Bräute, deren Hoffnung geknickt, deren Zu⸗ kunft für immer umnachtet war. Den alten ehrwürdigen Vater des Einen der Entwichenen hatte vor Schrecken der Schlag getroffen;—— doch es würde zu weit führen, all' das Unglück anzuführen, vas ſie angerichtet hatten und das hier nur flüchtig berührt wurde. Lennartſon ſchwieg; ich aber ſuchte mein Herz durch einige hingeworfene Worte zu erleichtern. St. Orme, der immer Oppoſition gegen mich macht, zuckte die Achſeln über die„tragiſche Weiſe,“ mit der man ſo ge⸗ wöhnliche Sachen aufnehme, über den Lebtag, den man aus den Jugend⸗Verirrungen einiger unbeſonnenen Jüng⸗ linge mache. Er für ſeine Perſon bedaure ſie aufrichtig, verurtheile aber keinen, man müſſe nicht zu ſtrenge ge⸗ gen die Jugend ſeyn und ihr Zeit zum Vertoben laſſen; ſie käme ſchon von ſelbſt wieder zu Beſonnenheit und Verſtand.—„Das iſt Alles ſehr ſchön geſagt,“ bemerkte der Hofmarſchall mit feiner Satyre und ebenſo feiner Stimme,„und ich für meine Perſon will immer ſagen: ſeliger Rummel, obgleich ich keinen Eid darauf ablegen möchte, daß der ſelige Mann wirklich ſelig iſt. Ich meine denn poch, daß man ſeine Schulden bezahlen und ein ordentlicher Menſch in der Welt ſeyn ſoll, und halte es für gewagt, in die andere Welt mit einem Ruhm ——— wie der ſelige Rummel hinüber zu gehen.“ ders urth tet, die gerl ſeine verg wie die Ord Ver und den imm Völ ſchm mitl wir „Ic gen don: daß jun wür Lüſt rer, unt inde nes ragte den ßlich, me, beim Rut⸗ lucht ß ſie chen, aßen, hat⸗ Zu⸗ digen der hren, und urch rme, die ge⸗ man üng⸗ htig, ge⸗ ſſen; und erkte einer gen: egen Ich und halte uhm . . 181 Nun nahm Lennartſon die Sache und wie nicht an⸗ ders zu erwarten war, mit großem Ernſte auf und be⸗ urtheilte, den Blick ruhig und feſt auf St. Orme gerich⸗ tet, das ſo eben genannte Benehmen und die Anſicht, die daſſelbe unſchuldig finden wollte. Er ſchilderte den Einfluß deſſelben auf die bür⸗ gerliche Geſellſchaft im Ganzen, ſchilderte ein Volk in ſeinem Verfall und zeigte, daß lockere Grundſätze die vergiftende Wurzel des ganzen Stammes ſeyen, ſchilderte wie Genußſucht und Lüderlichkeit überhandnehmen, wie die Heiligkeit des Verſprechens nicht geachtet werde, wie Ordnung und Redlichkeit verſchwinden und mit ihnen Vertrauen, Sicherheit, Dienſtfertigkeit, alle ſchönen und reinen Gefühle, wie alle Verhältniſſe vergiftet wür⸗ den, wie das Wohl und der friſche Lebensgenuß für immer entfliehen. Dieß war der Fall bei den alten Völkern, als ſie ihrer Auflöſung, ihrem langſamen ſchmählichen Tode entgegen gingen, ein Anblick zum Be⸗ mitleiden. So werde es auch mit uns werden, wenn wir uns und das Leben nicht mit Ernſt betrachteten. „Ich wünſchte,“ fuhr Lennartſon fort, indem ſeine Au⸗ gen Feuer ſprühten und ſeine Worte von ſeinem Munde donnerten,„ich wünſchte, daß alle redlichen Menſchen, daß die bürgerliche Geſellſchaft dieſe Müſſiggänger, dieſe jungen Betrüger mit Abſcheu und Verachtung ſtrafen würde, welche alles Heilige der Befriedigung ihrer niedern Lüſte opfern. Ich kenne blos Einen, der nych ſtrafba⸗ rer, noch verächtlicher iſt, als ſie, nämlich derjenige, der unter der Maske der Freundſchaft ſie in's Elend lockt, indem er ſie als Werkzeug gebraucht und zum Opfer ſei⸗ nes Eigennutzes macht, mit einem Worte:— Die Schlange in der bürgerlichen Geſellſchaft, der berech⸗ nende Verführer!“ War es in Lennartſons Abſicht gelegen, in dieſen Worten einen Blitzſtrahl gegen St. Orme zu ſchleudern, oder war es deſſen böſes Gewiſſen, das ſich getroffen fühlte, gewiß iſt, daß ich ihn zum Erſtenmale von ſei⸗ einem Gemälde nach Guido Reni ſtehen, das den heiligen 182 ner ſpöttiſchen Sicherheit verlaſſen, zum Erſtenmale ge⸗ ſchlagen und betäubt ſah. Das Blut war nach dem Herzen zurückgefloſſen und er verſuchte, Etwas zu er⸗ wiedern, aber die Zunge verſagte ihm den Dienſt! Er verſuchte zu lächeln, aber die Lippen zuckten convulſiviſch. Flora betrachtete ihn erſtaunt und mit einer Art Genuß; ſie ſchien an ſeiner Ohnmacht, an ſeiner Pein ſich zu weiden. Sie lachte gräßlich. Eine Todtenſtille herrſchte am Tiſche. Da gab meine Mutter das Zeichen zum Aufſtehen und Alle folgten gern, obgleich der Nachtiſch noch unberührt daſtand. St. Orme hatte ſich bald erholt: kurze Zeit darauf ſcherzte und lachte er mit dem Hofmarſchall, aber ſein Lachen war nicht natürlich. Er verließ die Geſellſchaft bald mit einem heimtückiſchen, giftigen Blicke auf Len⸗ nartſon.— Als wir uns allein ſahen, bemerkte ich, daß Alle ſehr verſtimmt waren. Ich ſuchte die Aufmerkſam⸗ keit meiner Stiefmutter mit einer der„Fragen des Tags“ zu feſſeln; allein es gelang nicht. Glücklicher hierin waren die Commerzienräthinnen,„die mit einer Menge Meuigkeiten“ ankamen und die mitzutheilen ſie eben ſo begierig waren, als wir, ſie zu hören. Zum größten Theile betrafen ſie die Rutſchenfeld'ſche Kompagnie und das Elend, das die Flüchtigen zurückließen. Man ſprach auch von den Urſachen, die das Verderben der jungen Männer herbeigefuhrt hätten, und darunter wurden un⸗ vernünftige Eltern, boͤſe Beiſpiele und verſäumte Erzie⸗ hung hervorgehoben. Mit dieſen freilich traurigen Er⸗ zählungen vertrieben uns doch Frau und Fränulein P. den langen Abend, im Laufe deſſen man zwei Boten an Felir abgeſandt hatte, die ihn aber nicht zu Hauſe ge⸗ troffen hatten. Man trennte ſich gegen Nacht; nur Selma und ich verweilten noch, wie wir oft thaten, unter den Gemäl⸗ den im innern Zimmer und betrachteten ſie bei dem ſchwachen Scheine der Lampen. Selma blieb lange vor Mic auf des lang was „Es das es n hielt volle ren Thi ein den wie geſie heit. Stit Adit O6 bitt ich mei ſunt mei der le ge⸗ dem zu er⸗ Er ſiviſch. enuß; ich zu rrſchte zum chtiſch darauf r ſein lſchaft f Len⸗ , daß rkſam⸗ Tags“ hierin Menge en ſ rößten e und ſprach ungen en un⸗ Erzie⸗ n Er⸗ in P. en an ſe ge⸗ nd ich zemäl⸗ i dem ze vor eiligen 183 Michael darſtellte, wie er mit den Flammen des Zorns auf dem göttlichen, ſchönen Antlitze den Fuß auf die Bruſt des Teufels ſetzt und ihn mit ſeinem Spieße durchbohrt.— „Warum betrachtet meine Selma dieß Gemälde ſo lange?“ fragte ich, mich an ſie ſchmiegend.„Es hat et⸗ was ſo Gräßliches.“ „Aber auch etwas recht Schönes,“ entgegnete ſie. „Es lehrt uns kennen, was heiliger Zorn iſt. Betrachte das Antlitz des heiligen Michael! Sage mir, erinnert es nicht an——— Gleicht es nicht“——— Selma hielt inne und erröthete verwirrt. „Lennartſon, wie wir ihn heute geſehen haben!“ vollendete ich und Selmas Blick ſagte mir, daß ich ih⸗ ren Gedanken getroffen hatte⸗ Hier wurden wir von Jemanden geſtört, der die Thüre, die vom Saale hereinführt, öffnete. Es war ein in einen weiten Mantel gehüllter Mann. Er warf den Mantel ab und wir erkannten Felir Delphin. Aber wie hatte er ſich verändert! Das bleiche, entſtellte An⸗ geſicht trug kaum noch eine Spur ſeiner früheren Schön⸗ heit.—„Selma!“ ſprach er, mit kreiſchender aufgeregter Stimme.„Fürchte Dich nicht vor mir, ich will Dir blos Adien ſagen, ehe——“ „Ehe was—* Felir!“ „Ehe ich Dich und Schweden für immer verlaſſe. O Selma! ich wollte Dich noch einmal ſehen und Dich bitten meiner zu gedenken und für mich zu beten, wenn ich weit fort bin!“ „Felix, warum willſt Du fort?“ „Weil ich zu Grunde gerichtet bin, ruinirt durch meine Schwäche und meinen Leichtſinn. Vermögen, Ge⸗ ſundheit und Ehre, Alles iſt dahin! Ich kann, ich will meine Schande hier nicht erleben.“ „Aber gibt es keine Hülfe? Lennartſon——? „Nein! früher einmal hat er mich aus den Händen der Wucherer gerettet. Damals gab ich ihm mein Eh⸗ . 184 renwort, mich nie wieder an ſie zu wenden. Ich habe es gebrochen. Lieber will ich ſterben, als ſeinem Blicke begegnen!“ „Aber ich; aber Flora! wir ſind Deine nächſten Ver⸗ wandten; wir haben Koſtbarkeiten———?“ „Stille! Gütiger Engel! ſo tief bin ich noch nicht geſunken, daß ich davon Gebrauch machen— und zudem, was würde das an der Sache ändern. Ach Selma, es muß nun Alles zwiſchen uns aus ſeyn. Hier haſt Du Deinen Ring zurück, ich bin Deiner nicht werth. Bitte Len⸗ nartſon, mir zu verzeihen; grüße Flora. Möge ſie ſei⸗ ner werth ſeyn! Und Du, gütiger Engel———— Der Himmel ſegne Dich. Lebe wohl! Er küßte die Falten ihres Kleides und wollte hinaus⸗ ſtürzen. Aber es hinderte ihn Jemand daran, der ihm die Thüre verſperrte und ihn am Arme faßte. „Wohin Felir?“ fragte dieſer ernſt. Es war Lennartſon. Felir ſchnappte nach Luft. Im nächſten Augenblicke machte er einen Verſuch, ſich gewalt⸗ ſam loszureißen und zu entflichen. Der Freiherr jedoch hielt ihn feſt, und ſagte ſtrenge: „Sey ruhig Knabe! keine Dummheit! willſt Du vor den Leuten draußen Spektakel machen? Es hilft Dich nichts; Du mußt mir folgen.“—„Sie wollen mich entehren!“ ſtammelte Felir, bleich vor ohnmächtiger Raſerei. „Du willſt Dich entehren, ich aber will Dich ſelbſt gegen Deinen Willen retten,“ ſagte Lennartſon. „Dazu iſt es zu ſpät,“ rief Felir. „Es iſt nicht zu ſpät,“ entgegnete Lennartſon.„Ich weiß Alles und ich verſpreche, Dich zu retten. Dagegen fordere ich nur Eines von Dir, daß Du für jetzt Dich mir mit Leib und Seele verſchreibſt, ohne mein Wiſſen und Willen keinen Schritt thuſt und mir in allem Folge leiſteſt. Und für's Erſte will ich, daß Du mir ganz ruhig in mei⸗ nen Wagen folgſt, der vor der Thüre hält.“ Lennartſon hatte dies Alles ſo leiſe geſagt, als ob er nur v den er entfer Mäch erhalt zärtlie fürcht terlich Denk' ergebe werde wankt um z glückl und dieſe habe hat i Nach Brut über habe Blicke Ver⸗ nicht udem, muß Neinen Len⸗ ie ſei⸗ naus⸗ m die Im ewalt⸗ jedoch vr ichts; hren!“ ſelbſt „Ich agegen ch mir n und leiſteſt. n mei⸗ ob er 185 nur von Felir verſtanden ſeyn wollte, allein der Nachdruck, den er ſeinen Worten gab, machte, daß wir, obgleich wir entfernt ſtanden, doch nicht ein Einziges verloren. Felir ſchien vernichtet, ſein Wille war in dem eines Mächtigeren aufgegangen. Er konnte ſich kaum aufrecht erhalten, und faſt ohnmächtig lehnte er ſich an die Wand. „Halte Dich an mich,“ ſagte Lennartſon ſanft und zärtlich, indem er ihn in ſeine Arme nahm—„vor wem fürchteſt Du Dich? Bin ich nicht Dein Freund, Dein vä⸗ terlicher Freund? verlaß Dich auf mich! komm! raffe Dich auf; Denk'an die Augen/ die Dich inſdieſem Augenblicke ſehen, komm!“ Felir ermannte ſich wirklich bei dieſen Worten und ſagte ergeben:—„Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Ich werde folgen.“— Lennartſon, welcher bemerkte, daß er wanfte, faßte ihn am Arme, winkte uns, als wir herbeieilten, um zu helfen, freundlich zum Abſchied und führte den un⸗ glücklichen Jüngling weg.— Selma war heftig aufgeregt und warf ſich zitternd in meine Arme. Ich blieb bei ihr dieſe Nacht, die wir beide faſt ſchlaflos verbrachten, und ich habe dies in ihrem Zimmer geſchrieben. Den 17. Mätz. Felir iſt krank, aber es ſoll nicht gefährlich ſeyn. Man hat ihm eine Ader geöffnet und Lennartſon hat die ganze Nacht bei ihm gewacht. Flora kam ſo eben von ihrem Bruder zurück und es freut mich, ſie wirklich gerührt und über ſeinen Zuſtand beunruhigt zu ſehen. Nachmittags. Lennartſon war ſo eben hier voll Güte, voll Troſtes! Felir's Angelegenheiten ſtehen bei Weitem nicht ſo ſchlimm, Friederike Bremer, Tagebuch. 13 „ 185 als er glaubte. Der plötzliche Anbrang ſeiner Gläukiger, die durch die Flucht ſeiner Freunde aufgeſchreckt waren, ihre Drohungen, ſein völliger Mangel an baarem Gelde, ſowie die Unkenntniß des wirklichen Standes ſeiner Ange⸗ legenheiten, hatten jenen verzweiflungsvollen Entſchluß in ihm hervorgebracht. Lennartſon war überzeugt, ihn aus der Verlegenheit retten zu können, obgleich dabei verſchie⸗ dene Schwierigkeiten zu überwinden ſind. Da wir unſer Bedauern über die viele Mühe und Zeit. ausdrückten, welche dieſer elende Handel Lennartſon koſten würde, ſagte er ſanft:—„Wenn nur Felir durch dieſe ernſtliche Mahnung gerettet iſt; ich will dann nicht klagen über das, was geſchehen iſt, weder um meinet⸗, nech um ſeinetwillen!“—„Wie gut ſind Sie, wie unendlich gut! Ach, möchte Felir, möchten wir alle Ihnen einmal unſern Dank gehörig abtragen können!“ Wit dieſen Worten wandte ſich Selma an Lennartſon und Thränen glänzten in ihren Augen. Er war überraſcht und ſeine Wangen rötheten ſich, während er ſagte: „Dieſe Worte von Fräulein Selma? Habe ich ſie ver⸗ dient?— Ja, ich will es! Will auf irgend eine Weiſe dazu beitragen, Sie glücklich zu machen!—“ Es lag etwas Melancholiſches in der Innigkeit, womit er dies ſagte, während er Selma's Hand ergriff und ihr tief in die Augen ſah. Aber ihre Augenlider ſenkten ſich und ſie erblaßte, wie wenn ſie vor ſeinem forſchenden, war⸗ men Blicke erſchräke. In dieſem Augenblicke trat Flora ein und warf einen Blick flammender Eiferſucht auf die Beiden. Selma zog ſich ſchnell zurück; Lennartſon wurde ſtille und zerſtreut und entfernte ſich bald. Nun wandte ſich Flora an Selma und ſprach ſchnei⸗ dend:—„Das war ja eine gar zu rührende Scene, die ich da hörte! Darf man wiſſen, welche zärtliche Ergießungen hier ſtattfanden? Ihr ſchweigt? Es ſieht ja aus, als ob ihr Alle gegen mich verſchworen wäret!„Selma erröthet,“ wie wenn ſie ſtrafbar wäre! Auch Du, Selma! auch Du geg laſſ nich zert wal auf geh nic es ma das abe nur ſelk Fle ſie um un wei Me ſich ede mie zwe mi lich biger, aren, elde, Ange⸗ iß in aus Zeit. koſten dieſe lagen m gut! nſern rtſon raſcht e ver⸗ dazu vomit d ihr n ſich war⸗ Flora uf die wurde ſchnei⸗ die ich ungen ls ob öthet,“ h Du 187 gegen mich?— Ja bann ſtehe ich wahrlich einſam, ver⸗ laſſen!—„Flora! Flora! ſprich nicht ſo, wenn Du mich nicht tödten willſt!“ rief Selma, vom heftigſten Schmerze zerriſſen, und eilte hinaus.—„Flora!“ ſagte ich,„Du biſt wahrlich einer ſolchen Freundin, wie Selma, nicht werth.“ „Laß mich,“ erwiederte ſie,„ich will von der ganzen Welt nichts wiſſen.“— Ich folgte Selma, und traf ſie auf ihrem Zimmer, wo ſie, das Angeſicht in die Hände gehüllt, auf den Knieen lag. „Selma,“ bat ich,„nimm Flora's unbedachtſame Worte nicht ſo zu Herzen. Du weißt ja ſelbſt, und wir Alle wiſſen es ja, wie unſchuldig Du biſt!“ „Nein, nein!“ rief Selma in heftiger Aufregung aus, „ich bin nicht ſo unſchuldig! O Sophie! Eben das macht mich unglücklich. Ich bin falſch gegen ſie. Ich fühle das jetzt; unſchuldig! ja der Abſicht, dem Willen nach; aber ſchuldig dem Gefühle, jedem Gedanken nach.—— ———— O Sophie! ich bin ſtrafbar.“ „Du biſt es nicht!“ ſagte ich zuverſichtlich, und bot nun alle meine Beredtſamkeit auf, das Mädchen mit ſich ſelbſt zu verſöhnen. Ich machte ihr deutlich, daß ſie nicht Flora's Verbindung mit Lennartſon aufheben wolle, daß ſie vielmehr ſelbſt ihr eigenes Glück aufzuopfern vermächte, um jene glücklich zu machen. Dies mußte Selma zugelen und ſie erhob ihr Haupt wiederum. Dann ſagte ich ihr weiter, daß eine ſolche Liebe, wie ſie fühle, und zu einem Manne, wie Lennartſon nicht ein Gefühl ſey, deſſen man ſich zu ſchämen hätte. Vielmehr wäre daſſelbe eken ſo edel, als veredelnd. Und endlich kam ich auf den Gedanken, mich ſelbſt als eine Nebenbuhlerin Flora's darzuſtellen, und zwar als eine verhärtete, indem kein edles weibliches Ge⸗ müth für ſolchen männlichen Werth und für ſolche männ⸗ liche Liebe gleichgültig ſeyn dürfe, und ich mir aus dieſem Grunde volle Freiheit gebe, Lennartſon zu lieben. Selma konnte ſich nicht enthalten, bei dieſen Wor⸗ ten zu lächeln und durch Thränen lächelnd umſchlang ſie 188 mich. Ich verließ die mit ſich ſelbſt Verſöhnte, um Flora aufzuſuchen.— Auch ſie traf ich auf ihrem Zimmer, und bei meinem Eintritte bemerkte ich, wie ſie haſtig einen blau⸗ weißen Flacon in ihrem Buſen verbarg. Bläſſe und Röthe lösten einander auf ihren Wangen ab. Da ich ſah, wie gar unglücklich ſie war, ſo ſprach ich liebe⸗ voll zu ihr, ſprach von Selma's Reinheit und Zärtlich⸗ keit und von unſer Aller Wünſchen, ſie, Flora, ruhig und glücklich zu ſehen. Ich bat ſie innig, uns entgegen zu kommen und ſich uns anzuvertrauen. Mit geſenktem Haupte hörte mich Flora an. Plötz⸗ lich ſagte ſie heftig:„Sophie! ich bin manchmul ent⸗ ſetzlich unglücklich! Ich fürchte mich vor mir ſelbſt. Es gibt Augenblicke, wo ich zu Allem fähig bin, blos um ein Ende, ein Ende zu machen! Ja, ja, menn es dann nur zu Ende, auf ewig zu Ende wäre! Aber ich weiß ——— oder vielmehr ich fürchte das, was nachher kommen kann! Ach, daß nichts aufhören kann! Ich bin ſo matt!— wenn Du mich etwas lieb haſt, ſo laß mich nicht viel allein! Ich ſtehe da nicht für mich ſelbſt. Wie die Sonne da draußen ſo kindiſch auf den Schnee ſcheint, als wäre nichts als Verwirrung und Finſterniß in der Welt! Immerhin!— willſt Du ausgehen? willſt Du mit mir zu der Uubekannten gehen? Vielleicht hat ſie ein beruhigendes Wort für mich.“ 1 Ich erklärte mich bereitwillig dazu, und bald war ich gerüſtet. Wir gingen. In der Nähe der Wohnung der Unbekannten betraten wir einen ſchmalen, mit friſchen Tannenzweigen beſtreuten Weg: er führte uns an ihre Thüre. Sie war geſchloſſen: die Unbekannte war am vorigen Tage nach der„todtenſtillen, ſichtenumkränzten Lagerſtätte,“ nach dem Solna⸗Kirchhofe gezogen. „Auch dieſe Thüre verſchloſſen!“ ſagte Flora finſter. Wir machten uns auf den Rückweg. Und nun thaten ſich die Schleußen meiner Beredtſamkeit auf und in dem innigen Verlangen, Flora zu tröſten und in dem mächti⸗ ger lich lick hö: dri ſch bli ſo ner un W W bre Wwe Flora r, und einen Bläſſe Plötz⸗ l ent⸗ . Es m dann weiß achher ch bin mich Wie cheint, in der ſt Du at ſie ar ich hnung iſchen n ihre am änzten inſter. thaten n dem 1 189 gen Gefühle deſſen, was das Leben Großes und Gött⸗ liches hat, ſagte ich eine Menge— wie ich glaube, herr⸗ liche Dinge. Ganz mißglückte es mir nicht; denn Flora hörte mir gelaſſen zu und als wir zu Hauſe ankamen, drückte ſie mir mit einem freundlichen, ich möchte ſagen, ſchwermüthigen:„ich danke, Sophie!“ die Hand. Doch blieb ſie nach wie vor verſchloſſen. Ach ich predige Andern Weisheit und habe ſelbſt ſo thöricht gehandelt! Ich ſuche zu tröſten, und in mei⸗ nem eigenen Herzen wohnt kein Friede. Das Haus iſt unruhig, und meine Stiefmutter zeigt ſich kalt gegen mich. Warum? weiß ich nicht. Wilhelm! Du mit dem reichen, warmen Hetzen! Du, der immer offen, immer liebevoll, gegen mich war! Wo biſt Du? O die Pein, Dich verwundet, Dich ent⸗ fernt zu haben. Für Dich— Dir zu Füßen fällt dieſe brennende, reuevolle Zähre. Du wirſt nie eine ſolche weinen;——— wohl Dir! Den 23. März. Harte traurige Tage— Tage, an denen das Leben einem Schiffe gleicht, das mit dem Vordertheile tief im Waſſer ſteht, wo nichts vorwärts gehen will, nicht ein⸗ mal die eigene Beſſerung, die nie ſtille ſtehen ſollte! Wie eine Wetterwolke liegt es auf uns! Flora iſt wie gewöhnlich immer von unruhigen Ge⸗ danken zerriſſen und Selma nicht mehr die, die ſie war. Meine Stiefmutter iſt in gereizter Stimmung. Ich be⸗ merke deutlich, daß ihr die beſonderen Geſpräche nicht gefallen, die ich bald mit der einen, bald mit der andern habe. Sie ſcheint mich im Verdachte zu haben, als ob ich Unfrieden im Hauſe ſtiften wolle. Mit Felir geht es indeſſen beſſer, aber ſeine Geſundheit ſcheint durch ſeine 190 unordentliche Lebensweiſe zerrüttet zu ſeyn. Er erholt ſich langſam. Lennartſon ſucht ſeinen Muth zu beleben und ſeinen Geiſt aufzuheitern. Manchen Abend bringt er bei ihm zu und liest ihm aus Walter Scott's Ro⸗ manen vor. So macht er das Wort wahr:„Niemand iſt ſo gut als der Starke.“ Den 25. März. Eine kleine Freude!„Ake Sparrſköld und Hellfriede Ritterſwärd ſind erklärte Verlobte.“ Mit dieſer Neuig⸗ keit überraſchte mich heute meine Stiefmutter, die wegen ihrer alten guten Freundin ſelbſt erfreut über dies Er⸗ eigniß iſt. Zur Feier dieſer Verlobung will meine Stief⸗ mutter in der nächſten Woche eine Soirée geben, die dem Hauſe große Ehre machen ſoll. Damit ſcheint ſie zugleich verſchiedene, beunruhigende Gerüchte über die Angelegen⸗ heiten des Hauſes niederſchlagen zu wollen, die ſich je⸗ doch ohne Grund, wie ich hoffe, zu verbreiten anfangen ſollen.— Aber ſo lange St. Orme hier ein- und ausgeht und geheime Unterredungen mit meiner Stiefmutter hat, bin ich nicht ohne Sorge. Ein ſchlimmes Zeichen iſt es anch, daß unſere ſpasmodiſchen Bekannten ſich ſeit eini⸗ ger Zeit nicht mehr ſehen laſſen. Den 29. März. Immer tiefer ſenkt ſich die Wolke herab, und immer düſterer wird es um uns. Meine Stiefmutter wollte zu ihrem Feſte einen neuen Fußteppich in das große Zimmer haben; der Alte war ihr ſchon lange zuwider und hatte überdies auch einige Flecke. Sie wollte mit Einein Worte durch Selr laß wiſſe (wel nen geha Phil Stir dabe Stie ſie d gche iſt.ſ ſetzi dar ter, mer Sie lag im und ſich Mi und 309 rholt leben ringt Ro⸗ nand riede uig⸗ egen Er⸗ tief⸗ dem leich gen⸗ je⸗ ngen und bin es eini⸗ mer e zu mer atte orte 191 durchaus einen neuen und ſchönen Fußteppich haben, Selma aber widerſprach und ſagte endlich bittend:„Ach, laß uns jetzt keine größeren Ausgaben machen, ehe wir wiſſen, wie unſere Sachen ſtehen!“ Ich merkte hieraus zu meinem Schrecken, daß Selma (welche die innern Geſchäfte des Hausweſens leitet), ei⸗ nen Argwohn hegte, den ſie bisher vor mir verborgen gehalten hatte.— In dieſem Augenblicke kam auch der Philoſoph herein und ſagte mit ſeiner unangenehmen Stimme:„Die Rechnungen, Euer Gnaden!“ und legte tabei ein buntes Paket Papiere auf den Tiſch. Meine Stiefmutter betrachtete ſie mit unruhigen Blicken, ſchvb ſie dann weg und ſagte zu Selma:„Mein liebes Kind! gche Du ſie durch;——— ich kann jetzt nicht. Es iſt ſchauderhaft, was der Jakob manchmal für eine ent⸗ ſetliche Stimme hat. Er kann Einen ganz erſchrecken“ ——— Ich geſtehe, daß es mir manchmal ganz wehe dawn wird.“— Schweigend umarmte Selma ihre Mut⸗ ter nahm die Rechnungen und ging damit auf ihr Zim⸗ mer Meine Stiefmutter war ſtille und gedankenvoll. Sie lehnte den Kopf auf die Sophapolſter zurück und es lag uf ihrem ſchönen, bleichen Geſichte Etwas, das mir im Lerzen wehe that. Der Abend war ſchon vorgerückt und ſie Lampe brannte düſter. Es war mir, als lagerten ſich de Geſpenſter der Sorge und des Kummers um die Muttc, und als würde dabei ihr Geſicht immer bleicher und äler. Leiſe Wünſche der Ruhe des Grabes für Alle zogen urch meine Seele. ——— Den 3. April. . Als ich heute nach dem Frühſtück allein mit meiner Stiefmuttr war, nahm ſie die Angelegenheit mit dem Fußteppich wieder auf. Die Schmutzflecken konnte ſie 192 nicht über's Herz bringen; und außerdem ſollte am Mit⸗ woch eine elegante, muſikaliſche Soirée bei nus ſeyn. Wie konnte man da einen ſolchen Fußteppich legen, und was würden die Leute von einem Hauſe denken, wo man einen ſolchen Teppich duldete? Noch heute mußte ein neuer beigeſchafft werden. Ich verſuchte, Einwendungen dage⸗ gen zu machen, und ſprach von den Koſten, daß dieſe Aus⸗ gabe ſo überflüſſig ſey u. ſ. w. Alles mit der größten Freund⸗ ſchaft und Beſcheidenbeit. Aber meine Stiefmutter nahm das Alles ſehr übel auf und rief auf einmal ganz hitzig „Ich muß Dich bitten, meine beſte Sophie, Dich nicht in meine Privatangelegenheiten zu miſchen— und auh ſonſt wünſche ich, Du möchteſt nicht zu viel in meinen Hauſe regieren. Ich habe bis jetzt ſo ziemlich allein e⸗ gieren und auch für die Meinigen ſorgen können, und ich glaube auch nicht, daß ich nicht mehr fähig dazu ſeyn ſolte. Emancipire Dich, ſoviel Du willſt, dagegen kann ich nihts haben; allein laß auch mir meine Freiheit, das bitte ich mir aus.“— Das Unpaſſende dieſes Ausfalls reizte un be⸗ trübte mich zugleich. Schweigend und mit thränenwhllen Augen ſaß ich da und dachte eben nach, ob und we ich antworten ſollte, als außen im Saale St. Orme's Stmme ſich vernehmen ließ. Faſt mit Schrecken ſtand meine Stief⸗ mutter auf und ſagte zu mir:„Sage ihm, daß ih ihn nicht empfangen könne, daß ich mich unwohl beünde,“ und eilte auf ihr Zimmer. „Ganz allein?!“ rief St. Orme bei ſeinem Entreten aus.„Wo ſind die Andern heute? Ich komme, nich auf einige Wochen zu verabſchieden. Ich will nach V—s ge⸗ hen, um friſche Luft zu ſchöpfen und der Jagd mich zu widmen. Sie werden mich gewiß ſehr vermiſſen?“ Ich ſchwieg. Zum Scherzen war ich jetzt licht auf⸗ gelegt, und im Ernſte konnte ich doch auch niot ſagen: „es freut mich unbeſchreiblich, daß Sie Irer Wege ziehen!“ „Sie ſchweigen!“ fuhr St. Orme fort.„Ver ſchweigt, willi len man und ſeyn, unar Höre glau leiſte Viell nicht ſchaf „aff⸗ zu m verm gegn Intri befen Schn Orm der n Geget es ſte wie e ſonſt Verg ſtrebe rende ein u in de warf und! er kal n Mit⸗ s ſeyn. n, und man neuer dage⸗ Aus⸗ reund⸗ nahm hitzig h nicht d auh neinen ein e⸗ nd ich ſolte. nihts itte ich inſ be⸗ wllen wi ich tmme Stief⸗ h ihn inde,“ treten ch auf ge⸗ ich zu auf⸗ agen: Wege weigt, 193 willigt ein, heißt es. Wo ſind die andern Damen? Wol⸗ len ſie heute unſichtbar bleiben?“ „Meine Stiefmutter iſt unwohl und empfängt Nie⸗ manden,“ antwortete ich.„Flora beſucht ihren Bruder und Selma iſt anderweitig beſchäftigt!“ „Da ſieht es ja aus, als ſollten wir téte à téte ſehn,“ fuhr St. Orme fort.„Das iſt mir gerade nicht unangenehm, denn ich habe Ihnen Verſchiedenes zu ſagen. Hören Sie, meine beſte Couſine! Ich bin veranlaßt, zu glauben, daß Sie hier im Hauſe mir nicht die beſten Dienſte leiſten. Was haben Sie gegen mich, wenn ich fragen darf? Vielleicht bin ich nicht artig genug geweſen, habe Ihnen nicht genug geſchmeichelt?! Indeſſen rathe ich Ihnen freund⸗ ſchaftlichſt, nicht gegen mich zu intriguiren, denn Sie haben „affaire à trop forte partie.“ Sie werden beſſer thun, zu mir überzugehen und Flora zu überreden, in das Un⸗ vermeidliche zu willigen.“—„Ich verſtehe Sie nicht,“ ent⸗ gegnete ich ſtolz,„und noch weniger verſtehe ich mich auf Intriguen. Aber meine Gedanken werde ich immer offen bekennen, wenn Jemand mich darnach fragt, und weder Schmeichelei noch Drohungen ſollen mich davon abhalten.“ „Herrlich, und insbeſondere ganz finniſch!“ ſagte St. Orme, indem er mich mit kaltem, ſareaſtiſchem Blicke maß, der mich hätte verwirren können, hätte er nicht gerade das Gegentheil bewirkt, mich nämlich erhärtet.„Ich ſehe, wie es ſteht,“ fuhr er darauf fort,„und ich will Ihnen ſagen, wie es wird. Alle Ihre finniſchen Zauberkräfte ſind um⸗ ſonſt, und der Sieg bleibt mein. Adien. Viele Grüße. Vergeſſen Sie mich nicht.“ Hiermit faßte er meine wider⸗ ſtrebende Hand und ſchüttelte ſie mit boshafter, triumphi⸗ render Miene. Flora trat gerade in dieſem Augenblicke ein und ihr Mißtrauen ließ ſie ein Freundſchaftsbündniß in dem ſehen, was faſt das Gegentheil davon war. Sie warf auf St. Orme und mich ein paar flammende Blicke und bot ihm, als er ſich näherte, den Rücken. Da ſagte er kalt:„Adien, belle cousine! Au revoir!“ und ging. 194 „Wie ſehd ihr doch ſo ſchnell gute Freunde gewor⸗ den, Du und St. Orme,“ ſagte Flora mit faſt wilden Geberden auf mich zutretend.„Haſt Du mit ihm einen Bund geſchloſſen, mich zu verrathen? Bekenne, bekenne es ehrlich, Sophie. Du wünſcheſt nicht, daß ich Lennart⸗ ſons Gattin werde. Du hältſt ihn zu gut für mich, und wünſcheſt ihm eine Andere. Läugne nicht. Mich betrügt man nicht ſo leicht, und ſchon längſt habe ich Dich durch⸗ ſchaut. Aber wahrlich, mit St. Orme ein Komplott ein⸗ zugehen,— das glaubte ich doch nicht, daß Du in Deinem Haſſe ſo weit gehen würdeſt.“ Dieſe neue Ungerechtigkeit ſchmerzte mich mehr, als ſie mich erzürnte. Ich ſagte daher bloß:„O Flora! wie thuſt Du mir Unrecht! Doch Du biſt unglücklich, und ich verzeihe Dir.“ Mit dieſen Worten entfernte ich mich aus dem Zimmer.— Ich glaubte, mein böſes Schickſal wolle es ſo, daß ich an dieſem Tage im Hauſe verkaunt werde, und ich fühlte eine Sehnſucht in mir, hinauszukommen. Ich kleidete mich daher an und ging aus. Es war mir, als ob die Gewitterwolke, die ſeit lange über mir ſchwebte, nun auf einmal mit allen ihren Bli⸗ tzen auf mich herab ſich ſenke; es kam mir vor, als wäre ich zum Sündenbock auserleſen, ſo daß ich die Fehler und Sünden aller Andern auf mich nehmen ſollte: tau⸗ ſend aufgeregte Gefühle wogten in meiner Bruſt auf und nieder, bis ich zum Thore hinaus war und die kalte Luft um meine Stirne fächelte. Der Hauch des Frühlings hatte die Erde geküßt und es thaute ſtark; vorſichtig wandelten die Fußgänger auf dem ſchmelzenden Eiſe, und flimmernde Tropfen fielen von den Dächern. Der Himmel war fahl; doch öffnete hie und da eine Wolke das ſchwere Augenlid und ließ einige blaſſe Lichtſtreifen hervorglänzen, dem Lä⸗ cheln unter Thränen vergleichbar, Die Luft war ruhig und dick; aber ſie war erfüllt von dem Zwitſchern von Hunderten von Vögeln, die in den unbelaubten Bäumen ſpielten, und von einem ſeltſamen Dufte, der mich zugleich an das Y lingsle dem S luft m und be war es angewe Wolker gende das Le ſeyns ich wa einer r oder ei von de meinen haben ich füh blicklich In ſol fühle d binden, Ja, es ſchenſe⸗ meinen Zauber Leidens ausgert hofft n Poſſen Vernut mich A zu ſing Weiner ¹ Ei 195 ewor⸗ das Meer und die Fichtenwälder erinnerte und voll Früh⸗ wilden lingsleben war. Ich blieb auf dem Baumfelde, gerade einen dem Schloſſe gegenüber, ſtehen und trank die Frühlings⸗ ekenne luft mit vollen Zügen, horchte dem Brauſen des Stroms nnart⸗ und betrachtete die mannichfaltige, wechſelnde Welt. Da „und war es mir, als hätte der Geiſt der finniſchen Heiden mich etrügt angeweht und den kindlichen Sinn in meiner Seele geweckt. durch⸗ Wolken und Nebel wichen zurück, und es ſtiegen wie ſin⸗ t ein⸗ gende Lerchen die lichten, großen Gedanken wieder auf, die einem das Leben ſo ſchön machen. Die Reinheit meines Bewußt⸗ ſeyns ſtieg ſiegesſtark empor und— mit Einem Worte, „als ich war wie verwandelt.— Ich weiß nicht, ob es, wie wie einer meiner Freunde behauptet,„beſſer iſt, ein Zauberer nd ich oder eine Null zu ſehn;“ ſo viel iſt gewiß, daß Etwas h aus von der Zauberei in mir iſt, die vor uralten Zeiten in wolle meinem Heimathlande ihren Wohnſitz aufgeſchlagen gehabt werde, haben ſoll. Ich begreife dieſes Etwas ſelbſt nicht, aber 1 mmen. ich fühle es als etwas Wunderbares, als eine augen⸗ blicklich auflodernde Kraft, welche will und welche kann. lange In ſolchen Momenten iſt mir kein Ding unmöglich; ich Bli⸗ fühle die Macht in mir, Anderer Geiſter zu löſen und zu wäre binden, Schöpfungwerke regen ſich in meinem Innern. Fehler J, es gab Angenblicke, wo ich fühlte, daß ich eine Men⸗ tau⸗ ſchenſeele zu mir zaubern könne und ich that es. In if und meinen jungen Jahren hatte ich viel von einem heidniſchen e Luft Zauber. Dieſer wurde ſeither in den geiſtigen Wellen des s hatte Leidens getauft und im Feuer der Liebe verchriſtlicht; aber ndelten ausgerottet iſt er nicht und er lebt zuweilen ganz unver⸗ nernde hofft wieder in mir auf. Ich weiß, daß er mir manchen fahl; zoſſen geſpielt hat, aber ich weiß auch, daß da, wo die igenlid Vernunft mir nicht half, der Zauber es war, der half und m Lä nich Worte und Lieder hat finden laſſen, um mich frei ruhig zu ſingen aus den Banden des Lebens und wie der alte von Weinemoine*) Sonne und Mond in den Faden meines aumen 3 8 eich an*) Ein alter finniſcher Gott. 196 Lebens hinein zu flechten. Und es gibt Augenblicke, wo ich aus jedem Steine, der zum Anſtoßen mir in den Weg gelegt wird, ein geflügeltes Roß machen kann, auf dem ich aus den engſten Schornſteinen des Lebens— nicht gerade auf den Blocksberg, aber doch in den freien, friſchen, blauen Aether emporſchwebe.— Das Schwere in ſolchen lebensmu⸗ thigen Augenblicken iſt, wenn man keine Schwierigkeiten zu überwinden, keine Hinderniſſe zu beſiegen, keine Helden⸗ that zu vollbringen hat. Und in dieſer traurigen Lage be⸗ fand ich mich. Denn einen prächtigen Fußteppich für un⸗ ſer Zimmer zu ſuchen, zu finden und zu kaufen, und ihn meiner Stiefmutter zu Füßen zu legen, einen Fußteppich mit himmelblauem Grunde und eingeſtreuten Sternen, Blumen und zauberhaften Figuren, dazu bedurfte es keiner Zauberkraft. Indeſſen hatte ich meine Frende daran und während ich im Geiſte mich daran ergötzte, St. Orme, Flora und die ganze Welt zu überwinden, wanderte ich planlos auf den Quais am Ufer, ſah die Eisſchollen am Ridderfjord ſich brechen und den Himmel allmählig über den gelösten Gewäſſern ſich aufhellen. Sodann führte mich mein„Spiritus“ an das Strombette herab, da wo die Wogen am gewaltigſten ſchäumten. Ach, das war der Ort, wo ich einmal mit Wilhelm Brenner ſtand, wo ich die Wogen in ſeiner Seele brauſen hörte und den Himmel in ſeiner Seele ſich aufhellen ſah. Mit ſchmerzlicher Ge⸗ walt griff dieſe Erinnerung in mein Herz; aber— güti⸗ ger Gott! war er es wirklich? War er es, der wieder dort ſtand, über das eiſerne Geländer ſich beugte und herabſah in die ſchäumende Tiefe? Er war es. Ein Blick reichte hin, mich zu überzeugen und langſam ging ich auf ihn zu. Der Zauber wurde lebendig in mir. Ich wußte, daß er mir nicht entweichen, wußte, daß ich in dieſem Augenblicke Gewalt über ihn haben würde. Was ich da an Wil⸗ len, Leben und Wärme in mir fühlte, vermögen Worte nicht auszudrücken. Aber Alles dieß nahm ich in meine Hand, und meine Hand legte ich ſanft auf ſeinen Arm. Wie vo die Höh ſah ihn E wandel lag in Seele „ U in dieſe ( nicht ſ und T ſeinem ( 7 auch 1 Seele nen A kennſt „ für in meine einen mir ei aber i 1 meiner ich di ſprach zwiſch ſprach ſchaft das L wo Weg em ich gerade blauen nsmu⸗ gkeiten elden⸗ ige be⸗ ir un⸗ d ihn teppich ternen, keiner n und Orme, te ich en am über te mich vo die ar der wo ich immel er Ge⸗ güti⸗ er dort rabſah reichte ihn zu. daß er enblicke Wil⸗ Worte meine Arm. 197 Wie von einem elektriſchen Funken berührt, ſprang er in die Höhe und ſah mir ſtark und ſcharf ins Angeſicht. Ich ſah ihn innig an und flüſterte blos:„Wilhelm!“ Er betrachtete mich noch immer; aber ſein Blick ver⸗ wandelte ſich: eine unausſprechlich wehmüthige Innigkeit lag in demſelben, und mit einem Seufzer aus tiefſter Seele ſprach er: „Sophie! biſt Du es?“ Und wir wurden Du und Du; denn wir waren eins in dieſem Augenblicke. Weiter ſprach er langſam und innig: „Du biſt es, Sophie! es iſt lange her, ſeit ich Dich nicht ſah.“—„Biſt Du noch böſe auf mich?“ fragte ich und Thränen entſtürzten meinen Augen, denn ich las in ſeinem Geſichte, daß er gelitten hatte. „Ich kann nicht,“ antwortete er,„ich kann nicht, auch wenn ich wollte. Der Gedanke an Dich macht meine Seele weich, und wenn Du mich mit Deinen klaren, ſchö⸗ nen Augen anſiehſt, ſo meine ich, Alles ſey gut. Du kennſt Deine Macht wohl, Sophie.“ „O Wilhelm! ſo ſind wir denn Freunde, Freunde für immer! Kann es doch nicht anders ſeyn, wenn ſelbſt meine Fehler uns nicht trennen können: Ich habe nie einen Bruder gehabt, habe es aber vft gewünſcht. Sey mir ein Bruder.“— Er antwortete nicht, betrachtete mich aber innig, obwohl ernſt. und ich war glücklich durch dieſe Milde; ſo glücklich, meinen Freund wieder gefunden zu haben und die ſtarke, innige Harmonie fühlen zu können, die uns vereinigte, daß ich dieſen neuen Bund als geſchloſſen betrachtete. Ich ſprach aus der Fülle meines Herzens zu ihm, wie es zwiſchen uns geweſen war und wie es jetzt werden ſolle, ſprach von der Erhabenheit und Wichtigkeit der Freund⸗ ſchaft, ſprach von ihrer Kraft, das Herz zu veredeln und das Leben zu verſchönern. Er hörte mir ruhig zu, ant⸗ 298 wortete aber nicht. Enblich brach er vas Geſpräch daburch faſt direkt ab, daß er fragte: „Iſt Dir's in Deinem Hauſe wohl ergangen, ſeit ich das Letztemal dort war? Wie ſteht es mit Lennartſen und Flora? Was macht St. Orme?“ Ich war glücklich, Brenner mein Herz öffnen und ihm erzählen zu können, was ſich während ſeiner Al⸗ weſenheit zugetragen hatte. Als er St. Orme's Benehmen und Drohungen hörte, brauste er auf und war im Be⸗ griff, mich ſtehen zu laſſen, um zu ihm zu gehen, um ihm den Kopf einzurichten. „Er iſt abgereist.“ ſagte ich ſchnell,„und kommt erſt in einiger Zeit wieder.“ Berathe Dich mit dem Sturme, wie man das Ungewitter ſtillen ſoll, dachte ich bei mir im Stillen. Er ſchalt St. Orme wegen ſeiner Intriguen, Flora wegen ihres Mangels an Aufrichtigkeit, mich, daß ich ſie nicht zur Rede geſetzt und ihm eine Sache nicht früher mitgetheilt hätte, die Lennartſon ſo nahe anginge. Da haben wir es wieder, dachte ich. Immer muß ich an Allem Schuld ſeyn. „Was mich allein noch,“ fuhr Brenner fort,„bei der Sache beruhigt, iſt meine innerſte Ueberzeugung, daß es für Lennartſon ein Glück iſt, wenn er Flora auf gute Art los wird. Sie paßt im Grunde gar nicht für ihn, und ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn er dies nicht ſelbſt fühlen und in der Tiefe ſeines Herzens an einer Andern hängen ſollte————— Was glauht Sophie? Iſt nicht Deine Schweſter Selma die, die er liebt? Und die iſt auch nach meiner Meinung geſchaffen, ihn glücklich zu machen.“— Ich konnte nicht anders, als Brenner ſagen, daß ich ſeinen Argwohn und ſeinen Wunſch theile. Allein Flora lag mir auch am Herzen. Ihre vielſeitigen Talente, ihr unruhiger und unglücklicher Gemüthszuſtand hatte mich an ſie gefeſſelt.—„Wenn St. Orme nur wieder zurück⸗ kommt————!“ ſagte Brenner. Er ſprach ſich nicht Entſe 8 als w der V „ drückte frieden eilte ie voller 9 ter Fr ploma bald d than 1 meine ihr ih— ſie ger wenn Wäre würde recht daher 3 vorgefe mutter ſaß, mich, denzeu Stiefn bald ſchein aburch „ſeit artſon n und r Ab⸗ ehmen n Be⸗ n, um ommt urme, nir im iguen, „daß nicht ginge. muß „hei daß f gute rihn, ſelkſt ndern 2 Iſt nd die ich zu ſagen, Allein lente, emich urück⸗ ſ 199 nicht aus, allein in der Tiefe ſeines Herzens hörte ich den Entſchluß, ihn im Guten oder Böſen zu zwingen. Wir waren jetzt in meinem Hauſe angelangt, und als wir uns trennen mußten, ſagte ich bittend zum Vikinger: „Du kommſt doch wieder zu uns, zu mir, mein Bru⸗ der Wilhelm?“—„Ja!——— ich werde kommen!“ „Wann?“—„Wann Du willſt!“—„Morgen?“ —„Morgen!“— Freundlich und warm, wie ehemals, drückte er mir die Hand, und mit einem leichteren und zu⸗ friedeneren Herzen, als ich ſeit langer Zeit gehabt hatte, eilte ich auf mein Zimmer, um dort in Ruhe und aus voller Seele ein Tedeum zu ſingen. Nach dieſem dachte ich darauf, mit meiner Stiefmut⸗ ter Frieden zu ſchließen. Aber dabei mußte ich etwas di⸗ plomatiſch zu Werke gehen. Menſchen, die im Grunde gut ſind, bereuen immer bald die Heftigkeit und Unbilligkeit, die ſie Andern ange⸗ than und wozu ihre Launen ſie verleitet haben. Ich kannte meine Stiefmutter hinlänglich, um verſichert zu ſeyn, daß ihr ihre unpaſſende Gereiztheit gegen mich leid war, und ſie gerne eine„amende honorable“ gegeben haben würde, wenn dies nur mit ihrer Würde ſich vertragen würde. Läre ich nun mit dem neuen Fußteppich gekommen, ſo würde ſie ſich gedemüthigt gefühlt haben: dies und ihr Un⸗ recht hätte ſie nicht ertragen können. Die Sache mußte daher auf andere Art eingeleitet werden. Ich ging alſo hinab, trat, gerade wie wenn nichts vorgefallen wäre, in's vordere Zimmer, wo meine Stief⸗ mutter mit finſterer, verdroſſener Miene auf dem Sopha ſaß, während Selma an einem Fenſter las, und ſtellte mich, als wäre ich in großer Noth wegen ſchwarzen Sei⸗ denzeuges zu meinem Kleide. Mit einem: „Ich glaube, ich habe Etwas der Art,“ war meine Stiefmutter vom Sopha auf und an ihrer Schublade, wo bald mehrere Stücke ſchwarzen Seidenzenges zum Vor⸗ ſchein kamen, und die anzunehmen und zu gebrauchen ſie 200 mich mit dem freundlichſten Ernſte bat. Und ich nahm ſie an nebſt einigen ſchönen, ſchwarzen Spitzen, um die ich nicht bat, die mir zu geben aber meine Stiefmutter das Bedürfniß hatte. Daran ſchloß ſich nun ganz unge⸗ zwungen eine kleine Abhandlung über Prohibitivverfaſſun⸗ gen, Lurus und Staatswirthſchaft an, und auch in dieſer Sache bekam ich mehr— zu hören, als ich gewünſcht. Aber ich war dankbar geſtimmt und nahm, wie es ſich auch gehörte, das Eine ebenſo, wie das Andere. Nachdem meine Stiefmutter an Lurusartikeln und Gelehrſamkeit ſich bedeutend erleichtert hatte, hätte ich ohne Gefahr ſie mit dem Fußteppiche wieder befrachten können; allein ich beſchloß, noch bis morgen zu warten. Ich war mit dem Stande der Sachen, ſoweit ſie mich angingen, zufrieden und dachte, meine Stiefmutter ſey es auch. In Frieden begab ich mich auf mein Zimmer. Deßhalb über⸗ raſchte es mich, als ich meine Stiefmutter eintreten ſah, die mit der liebenswürdigſten Güte und mit Thränen in den Augen ſagte: 3 „Ich muß Sophien bitten, mir meine Heftigkeit von heute Morgen zu vergeben! Ich begreife nicht, wie ich ſo garſtig ſeyn konnte. Aber Du weißt wohl, daß Deine alte Mutter es nicht ſo böſe meint, falls ſie auch zuwei⸗ len, wenn gerade Vieles ihr Gemüth beſchwert, etwas ge⸗ reizt iſt. Indeſſen kann ich mir kaum vergeben——“ Das war in der That zu viel, und ich war im Be⸗ griff, meiner Stiefmutter mit ehrfurchtsvollem Gemüthe zu Füßen zu fallen. Sie fing mich jedoch in ihren Ar⸗ men auf, und inniger haben wir gewiß nie uns umarmt, oder beſſer geſagt, es war das erſtemal, daß wir uns umarmten. Ich war wie immer bei ſolchen Veranlaſſun⸗ gen tief aufgeregt; meine Stiefmutter war es weniger, aber ſie ſprach wahr und gut von ſich und ihren Fehlern, und von der Pflicht, in jedem Alter ſeine Fehler zu ver⸗ beſſern: ſie dächte hierin, wie Madame Genlis, wenn dieſe ſagt:„Ich kann es nicht leiden, wenn ältere Men⸗ ſchen ſa ich noc ich bin iſt, mu durch g Liebens mutter bat, mt zu dürf und jed De Bedient Stiefm überraſt und ſo, erhielt nen des Di im Hau geſchenk ſerer al M Soirée Genlis ſ in einem Frieder nahm n die nutter unge⸗ aſſun⸗ dieſer inſcht. s ſich und h ohne nnen; h war ingen, 5 über⸗ n ſah, nen in it von Deine zuwei⸗ was ge⸗ . im Be⸗ emüthe en Ar⸗ marmt, ir uns laſſun⸗ eniger, ehlern, zu ver⸗ „wenn e Men⸗ 201 ſchen ſagen: ich bin zu alt, mich zu beſſern. Eher würde ich noch den Jungen verzeihen, wenn ſie ſagen würden: ich bin zu jung. Gerade wenn man nicht mehr jung iſt, muß man ſich beſtreben, vollkommen zu werden und durch gute Eigenſchaften zu erſetzen ſuchen, was man an Liebenswürdigkeit verliert.“— Ich gab meiner Stief⸗ mutter und der Frau von Genlis herzlich gerne Recht,*) bat, mir dieſe Worte zur eigenen Beherzigung aufzeichnen zu dürfen, und wir trennten uns zufrieden mit einander, und jede noch außerdem zufrieden mit ſich ſelbſt. Den 4. April. Der Fußteppich wurde heute in der Frühe von den Bedienten des Hauſes ausgebreitet, und er empfing meine Stiefmutter, als ſie zum Frühſtück kam. Sie war ſo überraſcht und erfreut, als ich es nur wünſchen konnte, und ſo, daß Selma ihre frühere muntre Laune wieder erhielt und vor ihrer Mutter auf den Blumen und Ster⸗ nen des Teppichs herumwalzte. Dieſe kleine Epiſode hat einigen Freudenſchimmer im Hauſe verbreitet.—„Durch Geſchenke und Gegen⸗ geſchenke wird die Freundſchaft befeſtigt,“ ſagt eines un⸗ ſerer alten klugen Sprichwörter. Meine Stiefmutter iſt nun voll Heiterkeit wegen der Soirée am Mittwoch, und hat uns, die Töchter des *) Ich bitte aber hier meine Stiefmutter und Madame de Genlis ſehr um Verzeihung, indem Frau von Sevigné es iſt, die in einem Briefe dieſe trefflchen Worte ſagt. Friederike Bremer, Tagebuch. 14 Hauſes gebeten, eine ſchöne und elegante Toilette zu machen. Den 5. April. Der Vikinger hat den Oberbefehl über die Fregatte Deſirée erhalten, und wird auf den Frühling unter Se⸗ gel gehen, um eine Fahrt in's Mittelmeer zu machen. Er bleibt ein— vielleicht zwei Jahre aus. Dieſe Nach⸗ richt fällt mir auf. Warum will er———— Doch vielleicht iſt es am Beſten. Indeſſen——— es wird mir ſchwer. Den 8. April. Geſtern war unſere Soirée. Sie war recht hübſch und ſiel ſehr gut aus. Flora, die freier zu athmen ſcheint, ſeit St. Orme fort iſt, hatte wieder einmal eine ihrer Blüthe⸗ und Schönheitsſtunden. Sie war, wie das Erſtemal, wo ich ſie ſah, in roſenrothen Flor gekleidet; Selma in hellblauen Flor und ich in weißen Linon mit Spitzen. Meine Stiefmutter betrachtete uns mit Vergnügen, als wir, noch ehe Gäſte da waren, un⸗ ten im Zimmer uns einſtellten und war ſtolz auf ihre Töchter; ſie nannte uns„les trois gräces,“ und meinte: „ich ſähe wie eine Veſtalin aus.“ Das Zimmer war mit einer Menge ſchöner Blumen garnirt:— es ſah recht feſtlich aus. Der neue Teppich prangte unter unſern Füßen und wärmte das Herz mei⸗ ner Stiefmutter.— Ein ſolcher Abend hat, wie alles Andere in der Welt, ſein beſtimmtes Schickſal, und ob⸗ ſchon zu le Freu les h ſellſch kann. dig il zog. die G war Arm und e im V 6 ſcherz blüher wie e diſcher in kle zu ver Conve die An Notab Meine ſwärd ihr ge gewöh meine feierlic Schön Man daß di ſagen: Schwe als zw e zu atte g8 chen. tach⸗ Doch wird übſch hmen nmal war, Flor eißen uns „un⸗ ihre inte: umen ppich mei⸗ alles dob⸗ 203 ſchon es nicht der Mühe werth iſt, viel Gewicht darauf zu legen, ſo iſt es doch angenehmer, wenn die Fee der Freude, als die der Langeweile den Scepter hält. Vie⸗ les hängt dabei auch davon ab, ob Jemand in der Ge⸗ ſellſchaft den belebenden Zauberſtab regieren will oder kann. Dies that heute Abend die Sylphide, die beſtän⸗ dig ihre unſichtbaren Blumenketten um die Verſammlung zog. Da meine Stiefmutter im innern Zimmer ſelbſt die Gäſte empfing, ſo ſammelten ſich Alle dort, und es war ſehr gedrängt und warm. Da legte Selma ihren Arm in den von Hellfriede Ritterſwärd und ſchlug ihr und einigen anderen jungen Damen vor,„eine Colonie im Vorzimmer zu gründen.“ Sie wanderten aus und die Colonie wurde, wie Selma ſcherzend zu ihren jungen Freundinnen ſagte, immer blühender. Die Herren und Damen ſonderten ſich nicht, wie es gewöhnlich und langweiligerweiſe in unſern nor⸗ diſchen Geſellſchaften der Fall iſt, ſondern ſchloſſen ſich in kleinen Parthien an einander, ſuchten ſich gegenſeitig zu vergnügen, und es entſtand eine lebhafte und laute Converſation. Weſentlich erhöhte den Glanz des Abends die Anweſenheit einiger wiſſenſchaftlicher und literariſcher Notabilitäten, einiger,Löwen!“(Notabene von ächterRace.) Meine Stiefmutter war„brillante.“ Hellfriede Ritter⸗ ſwärd und ihr Bräutigam ſahen ganz glücklich aus, und ihr gefälliges, ſicheres und ruhiges Weſen verbreitete wie gewöhnlich Frohſinn um ſie her. Beim Souper brachte meine Stiefmutter ein„Hoch“ auf das Paar aus, was feierlich getrunken wurde.— Flora's Schweſter,„die Schönheit,“ ſah dieſen Abend ungewöhnlich unſchöh aus. Man ſah deutlich, daß ihre Jugendzeit vorüber iſt, und daß die Tage kommen, von denen die Kinder der Welt ſagen:„ſie gefallen mir nicht.“— Mir hat Flöra's Schweſter nie beſonders gefallen. Auch habe ich nie mehr als zwei Gedanken bei ihr angetroffen, nämlich:„das 14* 204 Theater und die Toilette.“ Aber dieſen Abend lag ein Ausdruck von Gedrücktheit und geheimem Leiden auf ih⸗ rem Angeſichte, der mich veranlaßte, ſie aufzuſuchen, als ſie aus dem lärmenden Geſellſchaftszimmer ſich in das Kabinet meiner Stiefmutter zurückzog, das angenehm be⸗ leuchtet und mit weißen Blumen geſchmückt war. In dieſer ſchönen, blühenden, kleinen Welt ſaß die hinwel⸗ kende„Schönheit,“ die Stirne in die Hand ſtützend. Ich redete ſie freundlich an und meine Stimme mochte von meiner Theilnahme zeugen, denn allmälig ſchloß ſie ihr Inneres auf, und ſelbſt dieſes war für mich jetzt von Intereſſe. „Ich fühle,“ ſagte ſie unter Anderem,„daß ich der Welt zu viel geopfert habe. Die Welt und die Menſchen ſind ſo undankbar! Ich habe den Menſchen zu ſehr gefallen wollen! Dies will mir nun nicht mehr glücken. Nun, da ich nicht mehr jung, noch reich bin, da ich das nicht mehr beſitze, was die Menſchen anzieht oder ihnen ſchmeichelt, nun ziehen ſie ſich zurück, laſſen mich allein, und ich——— ich weiß nicht, wohin ich mich begeben ſoll. Ich meine, die Welt werde dunkel um mich her—————— ich fühle gleichſam Furcht vor Geſpenſtern———— es iſt ſo leer— ſo öde————. Ich habe Nichts, was mich intereſ⸗ ſirt,———— die Tage werden ſo lang———— ich habe Langeweile.“. Mehr als Worte gaben die Thränen, die dieſen Wor⸗ ten nachſtürzten, das Traurige der Lage der Klagenden zu erkennen. Und was iſt ſchwerer zu ertragen, als die Leere im Leben? Was iſt ſchauerlicher, als die Däm⸗ merung des Lebens, ohne daß ein Stern am Himmel leuchtet oder ein einziges Lichtchen auf der Erde? Und wenn man ein ſolches Licht nicht ſelbſt anzünden, wenn man es nicht einmal von guten Nachbarn entlehnen kann? Ach! Licht und Wärme, Gegenſtände unſeres Intereſſes, Beſchäftigung und Freude finden ſich ſo reichlich im Le⸗ * ben, wie nur lich werd⸗ das bei d mich die R wie und! Geſel 3 bensk Waiſ Menſ mit g lich n Anſta Wohl eigen verwe in det herrli ſchlug gendet erſt j betrac närriſ geflog nach heit“ und a mich lag ein auf ih⸗ en, als in das hm be⸗ r. I hinwel⸗ d. Ich te ſie ihr tzt von aß ich nd die enſchen t mehr ch bin, anzieht laſſen hin ich dunkel eichſam leer— intereſ⸗ n Wor⸗ igenden als die Däm⸗ Himmel 2 Und „wenn kann ereſſes, im Le⸗ 205 ben, daß ich nichts ſchwerer zu begreifen vermag, als wie man Langeweile dabei haben kann. Man müßte nur an Händen und Füßen gebunden ſeyn! Dann frei⸗ lich muß man von einer wohlwollenden Hand befreit werden, und wie herrlich iſt eine ſolche Befreite, vor der das Leben in neuer Schönheit, neuer Größe aufgeht! — Wie ein mit Lebensluft gefüllter Ballon, fühlte ich bei dieſem Gedanken mich in der Stimmung, in die Lüfte mich zu erheben und die„Schönheit“ mitzunehmen auf die Reiſe— zur Sonne. Ich begann zu reden(faſt gar, wie mich dünkte, wie das Buch der Weisheit) vom Leben und deſſen Zwecke, vom Menſchen und der bürgerlichen Geſellſchaft, vom Verhältniß des Einzelnen zum Ganzen ., zog dann die Nutzanwendung auf den beſondern Le⸗ benskreis meiner Zuhörerin und ſchlug ihr vor, ein paar Waiſen zu adoptiren und ſie zu guten und glücklichen Menſchen zu bilden.—„Die Schönheit“ ſah mich hier mit großen, erſtaunten Augen an.„Daran habe ſie wirk⸗ lich nie gedacht,“ ſagte ſie kalt, faſt beleidigt. Weiter ſprach ich von dem Intereſſe für öffentliche Anſtalten, von dem Glücke und der Ehre, Vorſtand einer Wohlthätigkeitsanſtalt zu ſeyn, und auf dieſe Art das eigene Leben und Wirken zum Nutzen der Geſellſchaft zu verwenden; ich eröffnete ihr meine Wünſche und Pläne, in der genannten Art thätig zu werden, ſprach von der herrlichen Anſtalt zur Rettung verwahrloster Kinder und ſchlug der„Schönheit“ in meinem Eifer vor, am fol⸗ genden Tage dieſe Anſtalt mit mir zu beſuchen. Doch erſt jetzt wurde ich gewahr, daß ſie mich mit einer Miene betrachtete, wie wenn ſie fragen wollte:„Iſt die Perſon närriſch?“ und daran merkte ich auch, daß ich zu hoch geflogen war. Halb über mich ſelbſt lächelnd, ſuchte ich nach Regionen zu ſteuern, die der Sphäre der„Schön⸗ heit“ näher lagen, fand ſie aber Allem, was ich für ſchön und angenehm hielt, ſo fremd und dabei ſo kalt, daß ich nich ganz rathlos fühlte und erſt wieder freier athmete, 206 als ich den Hofmarſchall ſich uns nahen ſah. Mit einer Haſt, wie man ſich von einem Feinde weg zu einem Freunde flüchtet, wandte ſich die Freifrau Bella an meinen Onkel und bezeugte ihm ihre Erkenntlichkeit für einige Artig⸗ keiten, die er ihr erwieſen hatte, und unter andern auch dafür, daß er ihr bei der letzten Aufführung der Norma ſeine„Loge“ geliehen habe.„Ich bin voller Dankbar⸗ keit,“ ſagte ſie. „Ach! meine beſte Coufine,“ antwortete der Hof⸗ marſchall in ſeinem ſcherzhaften Tone:„wären Sie lie⸗ ber voller Kronleuchter; ich brauche jetzt gerade welche in einige Zimmer, und ich weiß nicht, wo ich ſie her⸗ nehmen ſoll.“ Lachend antwortete die Freifrau Bella, daß, obgleich ſie ſelbſt kein Meubelmagazin ſey, ſie ihm doch eine Adreſſe an ein ſolches geben könne, wo er ganz„göttliche Kronleuchter“ finden würde. Der Hofmarſchall war außerordentlich erfreut,„gött⸗ liche Kronleuchter“ zu erhalten und mehr noch, dabei Lon dem ſichern Blicke und dem ſichern Geſchmacke der Freifrau P— erleuchtet zu werden. Es wurde, um die Kronleuchter zu beſehen, eine Parthie auf morgen verabredet und mit einem Seiten⸗ blicke auf mich lud mein Onkel die„Schönheit“ in ſeine Loge auf die nächſte Oper im Abonnement ein. Sie wurde mehr und mehr voll Dankbarkeit und er immer mehr voll Artigkeit: ich fühlte mich immer unnöthiger bei dieſem immer lebhafter werdenden Pöte-a-Téte und verließ die Beiden etwas wehmüthig,— aber auch etwas beluſtigt.— Ich kehrte zu der übrigen Geſellſchaft zu⸗ rück. Der Vikinger war da, aber in einer ernſten, faſt finſtern Laune: er ſprach mit Niemanden und nähette ſich auch mir nicht. Dieß that mir wehe, zumal, da ich ihn nicht geſehen hatte, ſeit ich ſeine bevorſtehende, abentheuerliche Reiſe erfahren. Ich hätte ihn gerne an⸗ it einer Freunde Onkel Artig⸗ n auch Norma ankbar⸗ erHof⸗ lche in eher⸗ bgleich ch eine öttliche „gött⸗ dabei cke der „eine Seiten⸗ it“ in nt ein. immer öthiger te und etwas aft zu⸗ n, faſt nähette l, da ehende, ne an⸗ 207 geſprochen, hatte aber nicht den Muth vazu. Ich fand heute Abend kein Zauberwort in mir, ſondern war nur ein ganz gewöhnliches Weib. An dem Blicke des Vi⸗ kinger ſah ich, daß es in ihm tobte und das machte mich furchtſam.— Man bat mich, Etwas zu ſpielen; und da kam mir, als ich mich an's Pianoforte ſetzte und Brenner näher kommen ſah, der Gedanke, in Tönen mit ihm zu reden und ihm darin das zu ſagen, was ich in Worte jetzt nicht einkleiden konnte. Ich wählte daher eines von den„Liedern ohne Worte“ von Felix Mendelſohn aus, deſſen Charakter Etwas unter Leiden und Kampf immer Siegreiches ausdrückt, ein Lied, deſſen Gedicht und eigenthümliche Schönheit mein Gemüth immer ſehr angeſprochen hat. Ich ſpielte es auch mit ganzer Seele: wollte ich doch das Gefühl, das mich belebte, in Brenner's Seele gießen und uns Beide über irdiſchen Kampf und irdiſche Leiden emporheben.— Und ich glaubte zu erkennen, daß er mich verſtand. Lennartſon, Selma und einige Andere hatten ſich um das Pianoforte geſammelt und hörten der Muſik zu. Als ich geendigt hatte, traf mich Brenner's beredter Blick und Lennartſon ſagte zu ihm: „Dieſes Lied erinnert mich an die Geſchichte von Deinem ägyptiſchen Geyer. Erzähle ſie einmal und Fräulein Adelan ſoll ſagen, ob ſie nicht den Tert zu dieſem Liede enthält.“ Brenner erzählte:„Es war in Egypten, nahe bei Theben. Eines Morgens ſtreifte ich in der naheliegenden Wüſte umher, um zu jagen und bemerkte da einen Geyer, der nicht weit von mir unter Trümmern alter Denkmäler ſaß. Dieſer Vogel iſt wegen ſeiner ſtarken Körperkraft berüchtigt und es iſt gefährlich, ſich ihm zu nähern, wenn er verwundet iſt: er hat eine faſt un⸗ glaubliche Stärke. Ich ſchoß nach ihm und traf ihn in die Bruſt, und zwar tödtlich, wie ich aus ſeinen Be⸗ wegungen ſchließen zu dürfen glaubte. Doch blieb er 208 ruhig auf ſeinem Platze ſitzen und ich ſprang baher hinzu, um mein Werk zu vollenden. Aber in demſelben Augenblicke regte der Geier ſeine Schwingen und ſtieg in die Höhe. Aus ſeiner Bruſt floß Blut und ein Theil ſeiner Ein⸗ geweide hing heraus; aber trotz dem erhob er ſich fort und fort immer höher und höher. Ein paar Schüſſe, die ich ihm nachſandte, thaten keine Wirkung. Es war herrlich, in der großen, ſtillen Wüſte dieſen Vogel zu ſehen, wie er töbtlich verwundet und den Sand mit ſeinem Blute färbend, mit ſeinen ungeheuern Schwingen weiter und weiter kreiste— der letzte Kreis, den er zog, hatte gewiß eine Viertelmeile im Umfange. Und ich hatte ihn — aus dem Geſichte verloren.“ „Ach! mein Gott!“ ſagte der Hofmarſchall.„Wer doch auch in Egypten geweſen wäre und Geier und Krokodille und dergleichen geſehen hätte. Das muß gar intereſſant ſeyn!“ „Ach! erzählen Sie uns etwas mehr von Egypten und den dortigen Krokodillen!“rief das kleine Fräulein M. „Iſt das Geſellſchaftsleben in Egypten recht in⸗ tereſſant? Was herrſcht dort für ein Converſationston?“ fragte der königliche Sekretär Kruſenberg. Ich weiß nicht, wie Brenner auf dieſe Angriffe ant⸗ wortete. Ich entfernte mich, als ſie begannen. Wir näherten uns an dieſem Abende nicht mehr, aber ich ſah an ſeinen, oft nach mir gerichteten Blicken, daß es in ſeiner Bruſt tobte. Und die Wahrheit zu geſtehen, es tobte in der meinigen nicht weniger. Brenners bevor⸗ ſtehende Reiſe und die Bilder, welche die Muſik und die Geſchichte des Geiers bei mir hervorgerufen hatten, be⸗ ſchäftigten mich träumeriſch⸗lieblich. War es geheime Abſicht von Beiden, oder war es Zufall, ich weiß es nicht,— als alle Gäſte Abſchied genommen hatten und meine Stiefmutter mit Selma und Flora den letzten das Geleite gab und im Ge⸗ ſpräche mit ihnen im Saale verweilte, befanden Brenner und ſchmi regt „Ble Stin mir leben muß höre gen. er fr blick nicht einer daß gleic heiß der für das Lieb der zurü wen Her Wei wen in 2 Lieb den: und nzu, licke öhe fort „die lich, hen, nem eiter hatte ihn Wer und gar pten n M. in⸗ on? ant⸗ Wir h ſah es in „ es evor⸗ d die „ be⸗ ar es ſchied Selma Ge⸗ enner 209 und ich uns allein in dem mit den weißen Blumen ge⸗ ſchmückten Kabinette. Wir ſchwiegen Beide: er aufge⸗ regt, ich verlegen und gedrückt. „Du reiſeſt?“ ſagte ich endlich. Keine Antwort. „Das wird eine große Reiſe!“ begann ich wieder. „Bleibſt Du lange aus?“ „Ja!“ antwortete er mit halb unterdrückter, dumpfer Stimme.„Ja, ich bleibe lange aus. Ich reiſe, weil es mir hier zu Hauſe zu ſchwül, zu enge iſt; weil ich, um leben zu können, die freie See ſuchen, weil ich fort muß, dahin, wo ich Dich nicht mehr ſehe, nicht mehr höre!“ Er faßte meine Hand und drückte ſie an ſeine Au⸗ gen. Ich fühlte ſie von Thränen gebadet.„Oh!“ fuhr er fort.„Das iſt kindiſch. Aber, laß mich einen Augen⸗ blick ſchwärmen: es iſt gleich vorüber. Fürchte Dich nicht, Sophie! Ich will, ich wünſche nichts mehr. Bloß einen Augenblick will ich Dich ſehen und glücklich ſeyn, daß ich Dich lieben, daß ich Dich ſo lieben kann, ob⸗ gleich Du mich verſtoßen haſt. Niemanden habe ich heißer geliebt, ich war glücklich in dieſem Gefühle, in der thörichten Hoffnung, daß Du es theileſt, daß wir für einander geſchaffen wären, daß Du———— aber das iſt vorbei! Und nach dieſem Vorfalle würde meine Liebe mir in Deiner Nähe zur Qual werden. Wenn der Sturm in meiner Bruſt ſich gelegt hat, kehre ich zurück zu meinen Kindern und zu Dir. Gedenke mein, wenn ich weit weg bin————, denke, daß mein Herz doch nicht zu denen gehört, die Du verachten kannſt. Weine nicht! Ich klage ja nicht. Ich möchte Dich nicht weniger geliebt haben. Auf den Wogen des Meeres, wie in Afrika's Wüſten werde ich mich reich fühlen in dieſer Liebe. Wünſche nicht, mich davon geheilt zu ſehen, denn Du wünſcheſt mir ein Unglück. Ich will Dich jetzt und ewig lieben. Ich fordere Dich heraus: bewirke, daß 210 es anders wird; aber——— es iſt das letztemal, daß ich davon zu Dir rede. Und nun, lebe wohl! Lebe wohl, meine Sophie! Gott ſegne Dich!“ Und ehe ich mich recht beſinnen konnte, hatte er mich umarmt und war verſchwunden. War das ein Sturm! Ruhig fühlte ich mich nachher nicht; ruhig werde ich vielleicht auch lange noch nicht. Aber wenn er auf dem tobenden Meere den Frieden ge⸗ funden hat, dann muß ich zufrieden ſeyn, daß——— Den 15. April. Seit einigen Tagen läßt er ſich nicht bei uns ſehem Das iſt traurig, aber ich darf nicht murren. Er thut, was Recht iſt und einem Manne ziemt. Das zärtliche und ſtolze Herz will nicht ſeufzen, will ſeine Wunde nicht zeigen, ſondern wie der Vogel in der Wüſte ſie und ſeine Qual in den freieren, höheren Räumen verbergen, wohin kein menſchliches Auge dringt Er iſt edel geſinnt und groß, und ich———— 2 Im Hauſe herrſcht ſeit einigen Tagen eine Ruhe, wie ſchon lange nicht mehr. Das kommt von der ruhige⸗ ren und heitereren Stimmung Flora's. Wie lange wird dieſe anhälten?— Den 19ten auf ben 20ſten April in der Nacht. Flora fühlte ſich geſtern etwas unwohl und blieb deß⸗ halb zu Hauſe, ſtatt mit meiner Stiefmutter und Selma zu einem Mittageſſen zu fahren. Ich habe eine beſondere al, daß Lebe er mich nachher mnicht. en ge⸗ i. ſehen rthut, ärtliche de nicht id ſeine wohin nt und Ruhe, ruhige⸗ ge wird acht. ieb deß⸗ Selma ſondere 211 Freundſchaft für Kranke, betrachte ſie als meine Kinder, und behandle ſie auf eine Art, die ihnen in der Regel wohl thut. Es machte mir deßhalb Freude, bei Flora zu bleiben, und während ich zärtlich und fröhlich für ſie be⸗ ſorgt war, und wir verſchiedenes Schreckliche über unſern Haß plauderten, näherten wir uns gegenſeitig mehr, als je ſeither. Des Nachmittags las ich ihr, während ſie auf dem Sopha des innern Zimmers ruhte, vor. Bei einer Pauſe, die ich machte, um auszuruhen, ſagte Flora: „Du biſt doch gar gut gegen mich, Sophie, und wenn ich einmal gut, das heißt ruhig und zufrieden werde, ſo werde ich Dir vielleicht danken können, was ich jetzt nicht kann.———— Ich bin kein ſchlechtes Mädchen, aber man kann außer ſich kommen und wahnſinnig werden, wenn man gehetzt und verfolgt wird, wie ich ſeit einiger Zeit gehetzt wurde. Haſt Du nicht eine große Ver⸗ änderung fit einigen Tagen an mir bemerkt?! Das kommt daher, weil mein Verfolger mich in Ruhe läßt. Ich weiß ſeit einiger Zeit Nichts von ihm; ich weiß nicht——— wäre es wohl möglich, daß er mich auf immer verlaſſen hätte?—— daß ich erlöst wäre? Ach! daß es ſo wäre! Du ſollteſt ein neues————“ „Wie geht es?“ fragte eine klare freundliche Stimme, und Signora Luna zeigte ihr ſchönes Angeſicht in der Thüre. Sie iſt immer ein willkommener Gaſt, und obgleich ich ſie für den Augenblick— in den Mond wünſchte, weil ſie ein Geplauder unterbrach, das für mich großes Intereſſe zu bekommen verſprach, ſo wurde ſie doch wie gewöhnlich empfangen. Sie warf ſich bequem in eine Ecke des Sopha und fuhr mit freundlicher Geſchwätzigkeit fort: „Es iſt mir angenehm, daß ich Euch beide gerade allein antreffe. Ich will mich für den Mittag hier nie⸗ derlaſſen und von dem und jenem aus dem Herzen ſpre⸗ chen. Wißt Ihr wohl, welche Gerüchte in der Stadt um⸗ gehen?“—„Ueber was? Ueber wen?“ fragte ich. „Ueber Flora. Man ſagt, ſie werde ſich mit St. 212 Orme vermählen und ihm nach Konſtantinopel folgen, wohin er kommenden Frühling als Miniſter abgeht. Kann dieß möglich ſeyn?“—„Ich weiß wahrlich nicht,“ ant⸗ wortete ich, mit einem Blicke auf Flora. Flora erblaßte.„Die Klapperſchlange iſt nahe,“ flüſterte ſie für ſich hin,„ich höre ſie kommen!“ „Ach! warum ſoll man Nichts von Sachen wiſſen, die ſo offen vorliegen?“ ſagte halb ungeduldig, halb ſcher⸗ zend die Gräfin G..„Ich wollte wetten, Flora weiß eigent⸗ lich ſelbſt nicht, ob ſie oder mit wem fie verlobt iſt. Aber das verſichre ich, daß ich Alles thun will, was in meiner ſteht, damit das Gerücht die Unwahrheit geſagt haben ſoll. Flora iſt meine leibliche Couſine, ich bin Flora gut und will nicht, daß ſie unglücklich werden ſoll. Und unglück⸗ lich wird ſie mit St. Orme. Er iſt ein ſchlechter Menſch, ich weiß es. Seine erſte Frau opferte er hin und wird es mit der zweiten ebenſo machen, denn— glaubt mir das — Nichts richtet den Menſchen eher an Leib und Seele zu Grunde, als eine unglückliche Ehe.“ Die ſchönen Augen der Gräfin G... füllten ſich bei dieſen Worten mit Thränen. In dieſem Momente hörten wir, wie einige Thüren heftig aufgeriſſen wurden, und ſtolze Schritte durch die Zimmer uns nahten, und bald trat der große Alexander in das Zimmer, wo wir wa⸗ ren. Nachdem er Flora und mich leicht gegrüßt hatte, wandte er ſich an ſeine Frau und ſagte mit gebieteriſcher Miene: „Ich glaubte, meine Beſte, Du hätteſt gehört, wie ich heute früh ſagte, daß ich wünſchte, Du ſollteſt am Nach⸗ mittage nicht ausgehen, ſr zu Hauſe ſeyn, wenn ich von dem Mittageſſen bei QO—s heim käme.“ mein beſter Freund, das hatte ich ganz vergeſ⸗ ſen. Ich hielt die Sache nicht für ſo wichtig.“ „Wichtig? Es iſt juſt nicht meine Gewohnheit, Etwas ohne Grund zu wollen und was ich heute Morgen ſprach, ſor me ſog gu tor plö unt zu ehe dieſ beſt len ſive vor zur bef ein ſag lgen, Kann ant⸗ ſterte iſſen, ſcher⸗ gent⸗ Aber einer haben t und enſch, ird es das Seele ſich nente rden, und wa⸗ hatte, iſcher wie Nach⸗ nich ergeſ⸗ twas rach, 2¹³ war wohl bedacht und hatte ſeine guten Gründe. Der Entſchluß eines Mannes darf nicht durch Weiberlaune geſtört werden, daher hoffe ich, daß Du ſo gut ſeyn und mir ſogleich nach Hauſe folgen wirſt.“ „Mein beſter Aler! Laß mich nun ruhig hier, nach⸗ dem ich doch einmal da bin. Ich ſitze hier ſo vortrefflich und habe mit meinen Freundinnen etwas Wichtiges zu ſprechen. Wenn dies geſchehen iſt, werde ich nach Hauſe zu Dir kommen. Laß mich nur einmal in der Welt nach meinem Willen handeln.“ „Nein, um Alles nicht! Du wirſt ſo gut ſeyn, und ſogleich mit mir kommen. Und wenn Du durchaus einen guten Grund dafür haben willſt, hier iſt er: ich will es tout simplement!“ „Aber ich habe auch einen Willen,“ rief Signora in plötzlich auflodernder Energie, indem ihre Augen wirkliche Mondſteine ſchleuderten.„Bis jetzt iſt er betäubt geweſen und hat geſchlummert, aber wenn Du mich zwingſt, ihn zu gebrauchen, ſo mag er leicht ſtärker werden, als der Deinige. Und nun will ich hier bleiben und werde nicht eher gehen, als bis ich will. Und willigſt Du nicht in dieſe Entſcheidung, ſo werde ich bald eine ſimple Scheidung ſuchen.“ Der große Alerander war ſichtbar und außerordentlich beſtürzt über dieſen ganz unverhofften Ausbruch eines Wil⸗ lens und einer Leidenſchaft bei ſeiner gewöhnlich ganz paſ⸗ ſiven Gattin. Es ſchien ihm bange zu werden, und etwas von Weiberlaune und Ungereimtheit murmelnd zog er ſich zurück. Kaum war er fort, ſo trat Lennartſon ein. Die Gräfin G. wollte den aufgeregten Zuſtand, worin ſie ſich befand, nicht vor ihm zeigen und begab ſich deßhalb in ein anderes Zimmer. Hier, nachdem ſie ſich beruhigt hatte, ſagte ſie mir: „Es iſt wohl das Beſte, wenn ich nach einer Weile nach Hauſe gehe. Ich will ihn nicht ernſtlich böſe machen, 214 ſondern ihm nur zeigen, daß er ſeine Gewalt nicht miß⸗ brauchen ſoll. Alerander hat viel Gutes, und würde noch viel mehr haben, wenn er ſich nicht mit Ariſtoteles einge⸗ laſſen hätte. Aber Ariſtoteles hat ihn mit ſeiner Logik ganz verwirrt. Es iſt für der Art Männer nicht gut, wenn ſie zu unterwürſige Frauen haben. Sie wer⸗ den dann zu Tyrannen und ich will Aranber zeigen— ———— Aber gehe hinein, Sophie. Ich meinte, Flora ſähe Dir ängſtlich nach, als Du gingſt. Gehe hinein, und km Dich nicht um mich,— ich werde mich ganz ruhig und in der Stille entfernen, wenn ich denke, daß es an der Zeit iſt; denn einige Zeit lang muß er ſchon war⸗ ten.———— Aber gehe hinein, gehe hinein!“ Ich folgte der A neugierig zu ſehen, was zwiſchen Lennartſon und Flora ſich zutragen werde. Als ich hinein kam, ſaß Flora auf und las einen Brief, den Lennartſon ihr gegeben zu haben ſchien. Er ſtand am Fenſter und hatte die Augen forſchend auf ſie gerichtet. Sie war tobteublaß und ſagte, indem ſie den Brief weglegte: „Ich kann das nicht leſen———— es iſt mir ſchwarz vor den Augen! Lies Du den Brief laut vor, Lennartſon. Sophie mag getroſt Alles hören.“ Lennartſon nahm den Brief und las ihn laut und mit feſter Stimme vor. Er enthielt eine Warnung an Lennartſon, keine Verbindung mit Flora einzugehen und im Falle er ſchon welche eingegangen hätte, ſie wieder ab⸗ zubrechen. Flora wäre ſchon durch das Band der Liebe und der Ehre an einen Andern gebunden und der Beweis davon ſollte öffentſich bekannt gemacht werden, wenn die Ermahnung nicht befolgt würde. Ungerne nur würde man zu dieſem Aeußerſten ſchreiten, und Alles, was ſie kränken könnte, ſollte, ſofern Lennartſon ſich in der Stille von Flora zurückzöge, in Stillſchweigen begraben ſeyn. Der Brief war mit„Anonymus“ unterzeichnet und mit ſichtbar verſtellter Hand geſchrieben. in V Blic es g welc hat. oder einm gefle „und denk herzi ſaß raffe widn ſeine über Gab mach Er1 um zu d Die fülle arm wo lernt wahr geſſe tes Du in 1 veic miß⸗ noch inge⸗ Logik nicht wer⸗ n— Flora und ganz ß es war⸗ was Als den am chtet. egte: mir vor, und an und ab⸗ Liebe eweis die man inken von Der tbar 215 Außer Stande, ſich länger zu beherrſchen, rief Flora in Wuth:„Niedriger, boshaſter, abſcheulicher St. Orme!“ „Alſo er iſt es?“ ſagte Lennartſon mit flammenden Blicken,„er iſt der Friedensſtörer! Lange ſchon habe ich es geahnet. Und nun, Flora, nun will ich wiſſen, welch' ein Recht, welchen Grund er zu dieſem Benehmen hat. Dieſe Stunde muß unſre Verbindung trennen, oder— für immer befeſtigen. Ich habe Dich mehr als einmal um Dein volles Vertrauen gebeten, ja darum gefleht, heute muß ich es fordern!“ „Du ſollſt Alles erfahren,“ rief Flora entſchloſſen— „und ſollſt mein Richter ſeyn. Aber, oh Lennartſon be⸗ denke, daß auch Gottes höchſte Gerechtigkeit— Barm⸗ herzigkeit iſt.“— Lennartſon antwortete nicht. Ernſthaft ſaß er da und ſchien ihr Bekenntniß zu erwarten. „Nun, wohlan!“ rief ſie, ſich gewaltſam zuſammen⸗ raffend, aus—„ſo ſey denn Alles geſagt! Dieſer St. Orme widmete mir, als er vor fünf Jahren in Stockholm war, ſeine Huldigung und erlangte— eine gewiſſe Gewalt über mich. Seine dreiſte Sicherheit, ſeine Talente, ſeine Gaben, die ich damals für ganz außergewöhnlich hielt, machten Eindruck auf mich. Ich glaubte, ihn zu lieben. Er mißbrauchte meine Blindheit, meine Unerfahrenheit, um mich zu einem heimlichen Briefwechſel zu verleiten, zu dem Verſprechen einer ewigen Liebe und dergleichen. Die Verſprechen jedoch, die er mir machte, zu er⸗ füllen, kümmerte St. Orme wenig. Ich war damals arm und er verließ mich, um nach Paris zu reiſen, von wo ich lange Zeit nichts von ihm hörte. Inzwiſchen lernte ich Dich kennen, Lennartſon, und fühlte, was wahre Liebe iſt. Ich glaubte mich von St. Orme ver⸗ geſſen, und vergaß auch ihn und' mein kindiſches, thörich⸗ tes Verſprechen. Ach! ich vergaß die ganze Welt, als Du Lennartſon mir Dein Herz anboteſt und das Leben in neuer Schönheit vor mir aufging. Aber ich war reich geworden, St. Orme kehrte zurück und machte 216 ſeine Anſprüche geltend. Er hatte Flora vergeſſen, aber er erinnerte ſich— der reichen Erbin. Und ich fühlte wohl, daß er nicht mein Herz, daß er meinen— Reich⸗ thum will. Ich liebte ihn nicht mehr, aber— aber ich mußte ihn ſchonen, und in Gutem auf ſein hartes Herz wirken, um jene unvorſichtigen, unglücklichen Briefe zurück zu erhalten, die er in Händen hatte und die er unedel genug gegen mich zu gebrauchen drohte, wenn ich nicht meine Verbindung mit Dir abbräche und ihm meine Hand geben wollte. Dieß, Lennartſon, iſt das ganze Geheimniß der Monate langen geheimen Kämpfe und Widerſprüche in meinem Weſen. Lange hoffte ich über ihn zu ſiegen; lange habe ich gekämpft— aber dieſe Stunde zeigt mir, daß Alles vergeblich war. St. Orme hat mich auf's Aeußerſte, hat mich zu dem Bekenntniß deſſen getrieben, was mein Stolz, meine weibliche Scham, meine Liebe zu Dir, Lennartſon, mehr als den Tod mich ſcheuen ließ. Und jetzt, da Alles geſagt, da dieſe Laſt mir vom Herzen gewälzt iſt,— jetzt wundre ich mich faſt, daß ich ſie ſo ſchrecklich habe fühlen können. Denn Lennartſon! Du kannſt eine jugend⸗ liche Unvorſichtigkeit nicht für ſo groß anſehen———— Du kannſt um einiger alberner Briefe willen mich nicht verdammen, mir nicht Deine Liebe entziehen?!“ „Haſt Du Alles geſagt, Flora. Alles?!“ „Alles habe ich geſagt!“ „Lebewohl, Flora.“ Er reichte ihr die Hand. Sie aber hielt ſie feſt, indem ſie ängſtlich rief: „Wohin? Aus Barmherzigkeit, aus Gnade ſage mir, was Du thuſt? was Du willſt?“ „In Gutem oder Böſem dieſe Briefe aus St. Orme's Händen wieder in die Deinigen bringen.“ „Lennartſon, Du biſt mein rettender Engel!“ rief Flora, ſich vor ihm auf die Kniee werfend. Lennartſon war ſchon fort. „Selma kam— allein nach Hauſe. Ihre Mutter blie nun Ver ſte ihr anv naht mit auf' „Do wird komt iſt a keine ein Du frag jetzt um der verhi Lenn an u Fri n, aber h fühlte Reich⸗ aber ich tes Herz Briefe d die er „ wenn ind ihm iſt das Kämpfe ffte ich — aber h war. zu dem meine nartſon, Alles iſt,— ch habe jugend⸗ ch nicht d. Sie e ſage Orme's 1 rief nartſon Mutter 217 blieb den Abend bei Frau Ritterſwärd. Selma erfuhr nun theilweiſe, was vorgefallen war und hörte es mit Verwunderung und Unruhe. Am meiſten jedoch ſchien ſie ſich darüber zu verwundern, daß Flora nicht früher ihr Herz geöffnet und den Ihrigen und Lennartſon Alles anvertraut hätte. Als ſie Lennartſons letzte Worte ver⸗ nahm, wurde ſie beſtürzt, und rief: „In Gutem oder Böſem, Flora! Und Du haſt ihn mit dieſem Entſchluſſe gehen laſſen? Du ſetzeſt ſein Leben auf's Spiel!“ „Gott und Herr! Wäre es möglich!“ ſchrie Flora. „Daran habe ich nicht gedacht! Doch nein! St. Orme wird es nicht wagen!“———— „St. Orme wird Alles daran ſetzen, Dich zu be⸗ kommen, Lennartſon Alles, Dich zu erlöſen. St. Orme iſt als glücklicher Duellant bekannt. Lennartſon fürchtet keine Gefahr, und ich weiß, in manchen Fällen ſieht er ein Duell—————— Flora! Flora! was haſt Du gethan?“ „Und was ſollte ich thun? Soll ich mich aufopfern?“ fragte Flora finſter. In Verzweiflung rang Selma die Hände. „Zu allem Glück,“ fuhr Flora fort,„iſt St. Orme jetzt nicht in Stockholm und————“ „Chassé d'Affairen St. Orme iſt außen und bittet um eine Unterredung mit Fräulein Flora“ meldete jetzt der Philoſoph mit ſeiner unterirdiſchen Stimme. Flora erblaßte. Ich glaube, wir Alle erblaßten. „Gehe, Flora, gehe!“ bat Selma faſt gebieteriſch, ————„gehe und rede mit ihm. Suche es zu verhüten, daß ſie ſich begegnen—„——— rette, reite Lennartſon!“ Flora ſah Selma abermals mit einem finſtern Blicke an und wandte ſich dann an mich, indem ſie ſagte: Friederike Bremer, Tagebuch. 15 218 „Willſt Du mit mir gehen, Sophie? Ich will nicht mehr allein mit dieſem Manne ſeyn. Aber ich will noch einmal mit ihm reden— will das Aeußerſte ver⸗ ſuchen.“ Ich ging mit Flora. St. Orme wartete im äußern Zim⸗ mer. Er ſah ruhig und entſchloſſen aus und ging auf Flora zu, um ihre Hand zu ergreifen. Stolz wich ſie zurück und warf einen vernichtenden Blick auf ihn. Er be⸗ trachtete ſie kalt und ſagte dann: „Ich ſehe, wie es ſteht. Du wirſt es auch wohl einſehen. Gut! Was ſagſt Du dazu? Aber— können wir nicht ohne Zeugen mit einander ſprechen?“ „Nein! denn ich will mit einem Menſchen, wie Du biſt, nicht mehr allein ſeyn.“ „Ah, ah! das lautet ſtrenge! Nun wohl! Du haſt Dich ſelbſt anzuklagen, wenn Etwas bekannt wird, was Du wohl lieber geheim gehalten haben möchteſt!“ „Du biſt ein niedriger Verläumder, Adrian St, Orme!“ „Flora Delphin! Laß uns Schimpfworte vermeiden— wenigſtens bis auf Weiteres; für jetzt helfen ſie zu Nichts.— Wir wollen aufrichtig und vernünftig mit einander ſprechen. Wir wollen die Sachen anſehen, wie ſie in ihrer nackten Wahrheit ſind. Was hilft es Dich, Dich gegen die Nothwendigkeit zu ſperren? Du haſt keinen beſſern Freund, als mich, Flora, was ich auch dadurch beweiſe, daß ich Dir ungeachtet Deiner Launen treu bin. Ich bin immer ehrlich und offen gegen Dich zu Werke gegangen, ſelbſt darin, daß ich Dir geſagt habe, Du müſſeſt mein werden, daß ich Himmel und Hölle aufbieten werde, um Dich zu hindern, meineidigzu werden. Meine Liebe und Denkungsart ſind von andern Gehalte, als die gewöhnlicher Menſchen,— ſie gehen höhere Bahnen und haben höhere Zwecke. Mein Wille geht nicht mit dem Winde und dem Wetter; was ich will, das will ich, und————“ muf Gla Zuc neue Pal dere ſchla habe der! nicht Du Ban durc und diger Deir glück ſolch inder ſeln Hunt Dein Weſe der 7 will nicht ich will rſte ver⸗ ern Zim⸗ uf Flora ſie zurück Er be⸗ uch wohl können wie Du Du haſt ird, was in St. neiden— ſie zt ftig mit hen, wie es Dich, Du haſt ich auch Launen e Dich r geſagt Himmel neidig zu anderm ſie gehen in Wille was ich 219 „Spare Deine Worte, St. Orme!“ unterbrach ihn Flora ungeduldig,„ich kenne Dich jetzt und werde nicht mehr von deinen ſchönen Redensarten gefangen. Sage mir in Kürze, was Du willſt, und ich will Dir dann ſagen, was ich beſchloſſen habe.“ „Was ich will, weißt Du— meine Liebe und meine Wiünſche ſind Dir bekannt. Laß mich nun ſagen, was Du willſt!“ „Was ich will?“ „Ja, was Du eigentlich willſt, was Du wollen mußt. Oder glaubſt Du, daß ich Dich nicht kenne? Glaubſt Du, ich habe mich verwirren laſſen durch jene Zuckungen Deiner Gefühle, durch das Geſpenſt einer neuen Liebe, welche Deine Einbildungskraft gefangen hält? Pah, Pah! Es hat noch keine an meiner Bruſt geruht, deren Innerſtes ich nicht durchſchaut, deren leiſeſte Puls⸗ ſchläge ich nicht behorcht hätte. Und die Deinigen habe ich behorcht mit den Ohren der Sympathie und der Liebe;— Flora, Du biſt feſt, feſt an mich gefeſſelt, nicht durch Deine Briefe, Deine Eide, Deine Liebe, die Du mir geſchenkt haſt, ſondern gefeſſelt durch mächtigere Bande, durch die Tiefe der Sympathie, durch Tugenden, durch Fehler; ja ſelbſt Deine Fehler ſind die meinigen und ich fühle mich ſelbſt wieder in Dir. Thoren pre⸗ digen den Menſchen, ihre Fehler zu beſſern; ich habe Deine Fehler angenommen, um ſelbſt durch ſie Dich glucklich machen zu können. Siehe, wo findeſt Du eine ſolche Liebe! Und von dieſer willſt Du Dich losſagen, indem Du Dich und mich verkennſt.“ „Glaubſt Du, Deine Schönheit, Deine Talente feſ⸗ ich Dieſe beſitzen Hunderte und in noch höherem Grade, als Du! Nein! Dein tiefres Selbſt iſt es, Dein erhabnes, excentriſches Weſen, das zwiſchen Himmel und Hölle ſchwebt. Und auf der Fahrt zwiſchen dieſen Polen will ich Dich begleiten, 15 220 mußt Du mich begleiten——— Verdammung oder Seligkeit theilen! Jetzt biete ich Dir die Seligkeit an. Erkenne Dich doch ſelbſt. Du biſt kein nordi⸗ ſches Mädchen, Flora. Du darfſt nicht nach dem mat⸗ ten Leben des Nordens gemeſſen werden. Du biſt eine ſüdländiſche Pflanze und bedarfſt zu Deiner vollen Blüthe einer wärmeren Sonne. Darum folge mir nach dem Morgenlande, nach dem herrlichen Konſtantinopel und dort— lerne mich kennen! Denn Du kennſt mich noch nicht, Flora. Es liegt im Weſen meiner Natur, nur einer vollen Dahingabe ſich aufzuſchließen. Meine Liebe verzehrt, wo ſie nicht glücklich machen kann und Du ſelbſt, Flora, mußt mich fürchten, wenn Du gegen mich Dich auflehnſt. Ich habe ſcharfe Waffen gegen Dich gebraucht. Ich werde ſie bis zu dem Augenblicke gebrauchen, wo Du Dich gefangen gibſt!— Aber dann wirſt Du auch eine Liebe kennen lernen, heißer, als die glühende Sonne des Morgenlandes, ſchöner, als Deine eignen, prächtigen Phantaſien——— das glaube mir! Du findeſt Dich ſelbſt erſt in dem Angenblicke wieder, wo Du ganz wieder mir angehörſt, Deiner erſten, Deiner ſtärkſten Liebe. Nur in meinen Armen findeſt Du des Lebens Fülle. Um Deiner ſelbſt willen flehe ich Dich an, gehöre wiederum ganz mir an, wirf Dich in dieſe Arme, die ſich für Dich öffnen, komm' an dieſe Bruſt und finde einen Himmel— nein das iſt matt— eine Hölle von Seligkeit!“ Und St. Orme lag vor Flora auf den Knieen und breitete ſeine Arme nach ihr aus. Während ſeiner Rede hatte ſich ihr Haupt geſenkt. Als er aufgehört hatte, zu ſprechen, erhob ſie es, ſtand langſam auf und ſagte in aufgeregtem Tone: „Welche Worte! Welche Ausdrücke! Ich fühle, daß Saiten wieder tönen, die ich zerriſſen glaubte. Doch, es iſt nur ein Nachklang. Oh! daß ich Pir glauben könnte und———— Aber vergebens! In dieſem Augen⸗ blicke, wo ich von Deinen Worten bezaubert bin, fühle ich, daß wie dies Alles gebi vor. Bru eiſig ſo el Du biſt, der Mer nimt gehſ mit darn See Anb ſehe kön zähr Lipt ihm däck des anb der eligkeit nordi⸗ n mat⸗ biiſt vollen ir nach pel und ch enoch nur e Liebe ſelbſt, 5 Dich raucht. wo Du ch eine nne des ichtigen ſt Dich wieder e. Nur .Um ederum ir Dich mel— t!“ en und geſenkt. , ſtand le, daß och, es könnte Augen⸗ „ fühle 221 ich, daß Du mich hintergehſt, daß Du mich nicht liebſt, daß Du blos eine Rolle ſpielſt. St. Orme! wie groß, wie berrlich wärſt Du, wenn Du ehrlich wärſt! Aber dies Wenigſte und dies Höchſte fehlt Dir, und damit Alles!“— St. Orme ſprang, wie von einer Schlange gebiſſen, auf, und eine große Veränderung ging mit ihm vor. Die eben noch offnen Arme kreuzten ſich über die Bruſt, die Röthe auf den Wangen verſchwand und mit eiſigem Hohne trat er vor Flora und ſagte: „Selbſt wenn mir dies fehlt, kannſt Du mir nur um ſo eher Deine Hand reichen, meine kleine Flora. Denn Du wirſt wohl nicht im Ernſte behaupten, daß Du das biſt, was die Leute eine ehrliche Jungfrau nennen.“ Flora fühlte den Stich eben ſo ſcharf, als St. Orme, der ihn gab. Glühend vor Zorn rief ſie: „Ja, zu ehrlich, zu gut bin ich, um Dir, niedrigem Menſchen, anzugehören! Und mag kommen, was da will, nimmer werde ich Dein Weib!“ „Du wirſt mein Weib, oder ſonſt Niemandes und gehſt mit beflecktem Rufe zu Grabe. Willſt Du mich mit Gewalt zum Feinde haben, ſo werde ich Dich auch darnach behandeln.“ „Thue das. Ich fürchte Dich nicht, elende, feige Seele! Thorſten Lennartſon wird mich bald von Deinem Inblicke und Deinen Läſterungen befreien. Ich habe ge⸗ ſehen, wie Du vor ihm erblaßteſt und bebteſt— Du fönnteſt einmal eine Kraft fühlen, welche die Deinige zähmen kann.“ Bei dieſer Erinnerung färbten ſich St. Orme's Lippen wieder und er ſagte rachevoll lachend: „Thorſten Lennartſon wird Dich verlaſſen, wenn ich ihm gewiſſe Briefe zeige, beſonders einen gewiſſen— ————— Meine kleine, arme Flora, Dein Ge⸗ dächtniß ſcheint etwas ſchwach geworden zu ſeyn und ſich des Briefes gar nicht mehr zu erinnern, worin Du mir anboteſt————“ 222 Hier unterbrach ihn Flora durch einen Strom von Worten und Ausdrücken, mit denen ich mein Papier nicht beſudeln mag. Der Hauptinhalt war, daß St. Orme ihre Leichtgläubigkeit, ihre Unvorſichtigkeit benützt habe, ihre Abſichten und ihr Verhalten anzuſchwärzen; aber nicht ein unſchuldig beleidigtes Weib, ſondern eine Furie ſprach aus Flora. Kalt hörte St. Orme ſie an und als ſie ermattet ſchwieg, ſagte er: „Wenn Du wieder ruhig geworden biſt, wirſt Du einſehen, daß Dich Alles dies nichts hilft. Du kannſt auf alle Fälle nur eine Parthie nehmen, nämlich mir im nächſten Monate nach Konſtantinopel zu folgen. Du haſt Dir den Weg erſchwert, gleichwohl ſteht er Dir noch offen. Soll ich Dir ſagen, wie?“ Flora antwortete nicht. St. Orme fuhr fort: „Du ſchreibſt noch heute an Lennartſon, daß Du um einer frühern Verbindung willen— die Du einen Augenblick vergeſſen gehabt hätteſt— der Ehre— ent⸗ ſagen müſſeſt, ſeine Gattin zu werden. Du weißt am beſten, wie Du das zu ſagen haſt. Und dann reichſt Du Deinem erſten treuen Geliebten die Hand und——— er führt Dich als ſein innigſt geliebtes Weib auf ſeine ſchöne Villa bei Konſtantinopel. 3 „Wiſſe, St. Orme,“ rief nun Flora,„wiſſe, wenn Dir dieß glückt————— und es ſagt mir ein Et⸗ was, daß es Dir glücken wird—————„ſo führſt Du das Unglück in Dein Haus: Deine eigne Nemeſis.“ Sie ſtand auf und mit gegen ihn ausgeſtreckter Hand, bleich und mit furchtbarem Ausdrucke fuhr ſie e ich werde Dich haſſen, Adrian, werde Dich h haſſen, daß Du ſelbſt erſchrecken und vor Deiner eigenen Frau Dich fürchten ſollſt. Ja! lache nur Einſt wirſt Du nicht la⸗ chen, einſt werde ich Dich ſehen———— Nimm Dich in Acht, St. Orme! Du haſt einen entſetzlichen Durſt in mir geweckt. Du haſt mir Luſt gemacht, mich Dir ſtraf nim Har weil nun in L des Am rufe gefi ſche Unt küß lich wa Se m von nicht ne ihre e, ihre cht ein ſprach mattet rſt Du kannſt ch mir . Du er Dir 4 Du einen — ent⸗ ißt am hſt Du f ſeine nn Dir führſt meſis.“ Hand, „denn „ daß u Dich cht la⸗ Nimm tzlichen t, mich 223 Dir zu nähern, beine Frau zu werden nur, um Dich zu ſtrafen, um mich zu rächen Ha aber nimm Dich in Acht!————— da nimm meine Hand, nimm ſie und——— meinen ewigen Haß!“ „Ich nehme ſie und deinen Haß! Es hat mich zu⸗ weilen amüſirt, die Gleichgültigkeit zu bezwingen,— nun bekomme ich ein Gelüſte, den Haß zu zwingen, ſich in Liebe zu verwandeln. Ich folge darin blos der Lehre des Chriſtenthums————— Topp, ſchöne Braut. Am Sonntage werden wir dreimal in der Kirche ausge⸗ rufen und über acht Tage halten wir Hochzeit. Du gefällſt mir wegen des ſchönen Kampfes und deines ra⸗ ſchen Entſchluſſes. Das verdient wohl einen Brautkuß!“ Und er ſchloß ſie hiermit gewaltſam in die Arme und ſie küßten ſich. So umarmen ſich Geiſter der Hölle! 8 In ſich zuſammen ſchaudernd, und mit einem gräß⸗ lichen:„Hu!“ kam Flora wieder zu ſich. St. Orme war verſchwunden.— In dieſem Angenblicke erſchien Selma unter der Thüre und winkte mir ſchweigend. Ich ging zu ihr und ſie flüſterte haſtig: „Brenner iſt hier! Er wollte St. Orme treffen, der, wie er hörte, hier ſei. In der Angſt habe ich ihm Etwas von unſern Angelegenheiten und dem Zuſammen⸗ treffen verrathen, das ich zwiſchen Lennartſon und St. Orme fürchte. Er ſcheint ein ſolches dadurch verhüten zu wollen, daß er ſich zuerſt mit St. Orme duellirt. Ich hatte Mühe, ihn zurückzuhalten, bis das Geſpräch beendigt ſei und er den Ausgang deſſelben von Dir erfah⸗ ren könne. Komm' und ſprich mit ihm. Sage uns, wie es ſteht!“ Sie führte mich zu Brenner, der im Kabi⸗ nette meiner Stiefmutter war. Ich traf ihn in der heftigſten Stimmung und ſo ſtark gegen St. Orme ein⸗ genommen, daß ich ihm nothgedrungen ſagte, wie die Sache ſich gewendet hatte, und daß ich geſtehen müßte, wie ich zweifelhaft ſei, ob Flora verdiene, daß Männer, wie Brenner und Lennartſon Leben und Blut für ſie ein⸗ 224 ſetzten. Ich bat ihn inſtändig, wenigſtens dieſen Tag noch ruhig ſich zu verhalten und bis auf Weitres zu warten. Ich mußte verſprechen, ihm am andern Mor⸗ gen frühe ſchreiben zu wollen. Nach dieſem Verſprechen entfernte ſich Brenner und ich ging mit Selma zu Flora. Haſtig und mit ſich ſelbſt redend ging ſie in ihrem Zimmer auf und ab, und ſchien uns nicht zu beobachten. „Es iſt herrlich, es iſt herrlich!“ rief ſie.„Alles iſt nun abgemacht und alle Wahl, alle Qual vorbei. Er hat das Spiel gewonnen. Aber freue dich nicht! Du haſt mir zwar eine Zukunft verſchloſſen, aber dafür eine andere aufgeſchloſſen. Ich werde ein neues Ziel, ein neues Intereſſe im Leben haben. Das iſt: dich zu peinigen, zu quälen, zu ſtrafen!“ „Flora!“ rief Selma mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Zärtlichkeit und Schmerz. „Ja,“ fuhr ſie fort,„er ſoll erfahren, wen er be⸗ zwungen hat. Ha! Adrian St. Orme! Wir wollen ſehen! Lange habe ich geſchwankt zwiſchen Himmel und Hölle— die Hölle hat gewonnen. Nun wohl! Ich will da in die Schule gehen. Ich werde erfahren in ih⸗ ren Künſten werden, erfahrener als er. In dergleichen wird ein Weib immer geſchickter, als ein Mann!“ „Flora! Flora!“ rief Selma weiter. „Wer ruft Flora!“ rief dieſe wild.„Iſt es mein gu⸗ ter Engel, ſo wiſſe er, daß er zu ſpät kommt. Ich will ihn nicht mehr hören. Ich habe Andres zu thun. Mag er mich verfluchen oder über mich weinen— es gilt gleich, ich frage nichts darnach. Mein einziges Gefühl, mein einziger Gedanke iſt Haß und Rache. Ach! daß ich mich rächen könnte!“ Sie blieb eine Weile ſtehen, als beſinne ſie ſich auf Etwas; klatſchte dann in die Hände und rief: „Ich habe es, ich habe es. Er glanbt, Geld mit mir zu erhalten. Er ſoll ſich täuſchen. Ich will eine Verſchwenderin, eine Spielerin werden, ich will auf alle Tag es zu Mor⸗ rechen Flora. ihrem chten. les iſt Er dafür Ziel, ch zu lichen er be⸗ vollen l und Ich in ih⸗ eichen n gu⸗ hwill Mag gilt efühl, daß h auf mit eine f alle — —— 225 mögliche Art Geld verſchwenden, will Schulden machen, will ein Netz von Elend und Sorgen um ihn ziehen. ——— Ha, ſchlauer St. Orme! Wie ſollſt du be⸗ trogen werden! So viel Mühe, ſo viel Liſt, ſo viel Beredſamkeit aufzubieten, um— Armuth und Haß heim⸗ zuführen! Gold und Haß, das könnteſt du umarmen! ——— aber wenn Armuth und Haß ihre Arme um dich ſchlingen, dann werden wir vielleicht dieſe eiſerne Stirne erblaſſen, dieſen kühnen Blick ſcheuen ſehen—— — dann wirſt du entfliehen wollen, aber——— du wirſt nicht können!“ In dieſem Tone, in dieſem Geiſte fuhr Flora noch lange fort. Selma war inzwiſchen verſchwunden. Die Nacht war hereingebrochen. Ein wilder Sturm brauste über das Feld. Hagel und Regenſchauer ſchlugen praſ⸗ ſelnd an die Fenſter. Dieſer Aufruhr in der Natur ſchien jedoch den Aufruhr in Floras Seele zu ſtillen. Sie wurde allmählig ruhiger. Lange ſtand ſie am Fenſter und ſah dem Toben draußen zu. Nach einiger Zeit be⸗ gannen ihre Thränen zu ſtießen. Sie weinte lange und ſchien dadurch erleichtert. Als ſie etwas ruhiger geworden war, ſetzte ſie ſich an ihren Secretär und fagte: „Nun will ich an Lennartſon ſchreiben, will ihn' bitten, allen Gedanken an mich zu entſagen. Ich werde ihm ſagen, daß ich ſeiner Liebe, ſeiner Achtung unwür⸗ dig ſey. Das iſt nicht wahr, allein was thut es? Ich rette ihn damit aus aller Gefahr, und— was liegt mir jetzt noch an mir ſelbſt.“ Tief gerührt von dieſen Worten rief ich: „Warte, warte noch, Flora! Laß' uns darüber nach⸗ denken, laß' uns erſt befinnen; es kann ſich noch ein Aus⸗ weg, eine Hilfe finden.“ „Nein! es gibt keine mehr!“ ſeufzte Flora faſt ent⸗ ſetzlich,„und ich bin müde, gegen ein unvermeidliches Loos mich zu ſträuben, zu kämpfen. Dieſer St. Orme 226 iſt mein böſer Dämon und ich muß ſein bleiben. Ich fühle es. Oh! dieſer Lennartſon, ſo ſtark, wie gut— Er allein hätte mich retten können, wenn er ſo mich hätte lieben können, wie ich ihn: über Alles. Aber er konnte mich nicht ſo lieben.— Und doch bin ich ſeiner Liebe nicht ſo ganz unwerth.——— Ich fühle etwas in mir, das unter ſeinem Schutze, mit ſeiner Hülfe ſich zu reicher Schönheit hätte entfalten können. O Len⸗ nartſon! wäre ich die deinige geworden, wie ganz an⸗ ders wäre ich nicht, wäre nicht Alles geworden! Was du liebſt, hätte ich geliebt, die Talente, die Gaben, die ich beſitze und die nun zum Fluche verkehrt werden ſol⸗ len, ſie wären in deiner Hand zum Segen geworden. Oh! einem ſolchen Ziele ſo nahe geſtanden zu ſeyn und es dann verſchwinden zu ſehen! In der Hand das ſchönſte Loos des Lebens gehalten zu haben, und es ſich entriſſen ſehen! Genöthigt zu ſeyn, einem Lennartſon zu ent⸗ ſagen, um einem St. Orme eine verworfne und verab⸗ ſcheuungswerthe Beute zu werden! Oh! warum kann ich nicht ſterben?“ Und Flora warf ſich im Ausbruche des heſftigſten Schmerzes auf den Boden nieder. In dieſem Momente brach ein leuchtender Strahl durch die Wolken ins Zim⸗ mer und es ſchien mir, als ob in ſeinem Lichte eine weiße Taube ſich herabſchwinge und ihre Flügel über Flora ausbreite. Es war Selma, die mit der Schnelligkeit eines Vogels ins Zimmer flog, neben Flora in die Knie ſank, und einen weißen Schawl, der ihr über Kopf und Schultern hing, abwerfend ſagte: „Nein! lebe, lebe, meine Flora! Lebe und werde glücklich! Hier ſind Deine Briefe.“ In ihren Händen glänzte eine Brieftaſche von pur⸗ purrother Seide.— Mit dem freudigen Rufe:„Meine Briefe! meine Briefe!“ ſtürzte Flora auf ſie. un ſer geb mu den ein mã zur unt rad kan gen wei unt den un ſeh lich ſehe Ich ut— mich er er ſeiner etwas e ſich Len⸗ z an⸗ Was „ die ¹ ſol⸗ den. tund önſte riſſen ent⸗ erab⸗ in ich igſten nente Zim⸗ eine über eines „und iltern werde pur⸗ Reine — 227 „Du biſt frei, Flora!“ fuhr Selma mit einer Stimme fort, der man deutlich anmerkte, daß ſie vergeblich ſich bemühte, ihre Bewegung zu bekämpfen.„St. Orme läßt Dich in Ruhe———— reist bald von hier ab—— —— Du biſt frei———— Werde glücklich! werde glücklich!“—„Selma, was ſagſt Du?“ rief Flora. „Biſt Du närriſch, oder ich? Wie?———— was? wie vermochteſt Bu“——— Beide ſtürmten wir haſtig fragend auf Selma ein. Aber ſie gab uns keine Antwort mehr. Ohne Beſinnung lag ſie am Boden, mit vom Regen durchnäßten Haaren und Kleidern.— Wir trugen ſie in ihr Bett. Alle un⸗ ſere Mühe jedoch, ſie in's Leben zurückzurufen, war ver⸗ gebens. Eiligſt ſchickte ich einen Boten an meine Stief⸗ mutter und an unſern Hausarzt, Doktor L. Bald ſtan⸗ den Beide an Selma's Beite. Meine Stiefmutter mit einem faſt eben ſo bleichen Geſichte, wie ihre geliebte, ohn⸗ mächtige Tochter. Manöffnete Selma eine Ader, und ihr Bewußtſeyn kehrte zurück. Aber ſie war auf ſchauderhafter Weiſe nicht bei ſich. Wild ſtarrten die klaren, freundlichen Augen hinaus, und ſchienen einen entſetzlichen Anblick meiden zu wollen. Sie zog mich zu ſich und ſagte halb flüſternd: „Ach! das war ſchauderhaft! Ich begegnete ihm ge⸗ rade, als ich aus———— aus der Hölle heraus⸗ kam, und er ſah mich mit ſo ſchrecklichen, feurigen Au⸗ gen an“————— „Wer ſah Dich ſo an, meine liebe Selma?“ fragte ich. „Er———— St. Michael———— Du weißt es ja. Ich wollte fliehen; aber er hielt mich zurück, und bekreuzte meine Stirne mit dem Finger, weil ich bei dem Böſen geweſen war. Und ſeitdem brennt es darin und ich weiß, daß ich mich vor den Menſchen nicht mehr ſehen laſſen kann. Sie ſehen mich Alle mit ſo ſchauer⸗ Ich ſehe wohl fürchterlich aus?!“ 228 „Du biſt frank, Selma! deßwegen ſehen Dich Alle ängſtlich an. Aber Du ſelbſt ſiehſt wie ein guter Engel aus und das biſt Du auch.“ „Ja, das ſagſt Du. Aber er weiß es wohl beſſer, er, der mich dort ſah———— Er würde mich ge⸗ tödtet, würde mir ſeinen Spieß in's Herz gerannt haben, wenn ich nicht geflohen wäre. Zch floh vor ihm, freilich⸗ aber ich fühlte doch, daß es mit mir aus iſt, daß ich ge⸗ brandmarkt bin, und die ganze Welt vor mir floh, weil ich ſoh————— 5 „Du darfſt jetzt nicht ſo viel reden, Selma! Du ſoll⸗ teſt verſuchen, einzuſchlafen.“ „Schlafen? Nein, nie mehr werde ich ſchlafen. Oh, es brennt zu ſehr hier(mit der Hand an die Stirne deu⸗ tend). Und überall ſehe ich den Blick,———— den Blick! Der hält mich wach bis zum Tage des Gerichts. Nein, nie kann ich mehr ſchlafen!“———— Während ich dieſen entſetzlichen Phantaſieen zuhörte und vergebens nach der Urſache derſelben forſchte, erklärte Doktor L. meiner Stiefmutter, es ſey ein„Gehirnfieber,“ aber ein„gelindes Gehirnfieber.“ Er ſagte, dieſe Krank⸗ heit ſey jetzt ſehr verbreitet und greife gewöhnlich heftig an, oft ohne alle ſichtbaren Urſachen. Wir vollzogen ſo⸗ gleich alle Anordnungen, die er befahl und die bei der Behandlung ſolcher Kranken gewöhnlich ſind. Selma wurde mit dem Kopfe hoch gebettet, das Zimmer verdun⸗ kelt und die tiefſte Stille beobachtet. Um die Stirne wur⸗ den kalte Umſchläge gemacht. Als ich eben damit beſchäf⸗ tigt war, rief man mich hinaus. Ich traf Lennartſon im Zimmer, der ſo blaß und aufgeregt war, wie ich ihn noch nie geſehen hatte. „Wo iſt Selma?“ fragte er in Haſt.„Was hatte ſie bei St. Orme zu thun? Wer hat ſie dorthin geſchickt?“ „Sie werden doch von Selma nichts Böſes, nichts Unrechtes glauben?“ ſagte ich. Alle Engel beſſer, h ge⸗ aben, eilich, ch ge⸗ weil ſoll⸗ Oh, deu⸗ den ichts. hörte lärte ber,“ rank⸗ heftig ſo⸗ i der elma dun⸗ wur⸗ chäf⸗ n im noch hatte kt?“ ichts S0 229 „Von ihr? Unmöglich. Aber ich beargwöhne Andere; ich fürchte, man mißbraucht ihr aufopferndes, liebevolles Gemüth.“———— „Wie und wann trafen Sie Selma?“ „Ich ging, um St. Orme zu ſprechen, da kam ge⸗ rade ein mit einem weißen Shawl verhülltes Frauenzim⸗ mer aus ſeinem Zimmer. Ein Paar unanſtändige, junge Bengel ſuchten es aufzuhalten. Ich befreite es von ihnen, und da ich ſah, daß es zitterte, ergriff ich es bei der Hand, um es hinabzubegleiten, und erkannte———— Fräulein Selma. Sie riß ſich los und entfloh ſo eilig, daß ich ihr kein Wort ſagen konnte. Folgen wollte ich ihr nicht——— Aber nun muß ich wiſſen, warum ſie dort war?“ In möglichſter Kürze ſetzte ich den Freiherrn von dem Stande der Sachen in Kenntniß. Wir ſahen nun, daß Selma, von einer plötzlichen Eingebung ergriffen, um Flora zu retten und ein Rencontre Lennartſons mit St. Orme zu hindern, nach der Wohnung des Letztern geeilt war, einzig ihrem Enthuſiasmus, ihrer aufopfernden Liebe Gehör ſchenkend. Durch welchen Talisman es ihr aber gelungen war, St. Orme den Schatz zu entlocken, den er ſo lange mit dem gierigen Blicke eines Drachen bewacht hatte, das war uns unbegreiflich. Tief erſchüttert wurde Lennartſon, als er Selma's gegenwärtigen Zuſtand erfuhr. Da der Abend ſchon ſehr vorgerückt war, mußte er gehen.„Ich werde morgen in aller Frühe wieder kommen,“ ſagte er. Er fragte auch noch nach Flora, ſchien aber kaum meine Antwort abzu⸗ warten. Oh, es wird mir immer deutlicher, welche er liebt. 230 Den 20. April früh⸗ Die Nacht iſt vorüber; aber welche Nacht! Selma war keinen Angenblick ruhig. Dieſelben Phantaſten kehr⸗ ten, obgleich unter verſchiedenen Formen, wieder und nur zu gut kenne ich jetzt ihren Grund. Oh, mein armes Schweſterchen! Gegen Morgen hat ſie Myrthen und Blu⸗ men verlangt und einen Kranz zu binden angefangen, den ſie„Flora's Brautkranz“ nennt. Eifrig hält ſie bei dieſer Arbeit aus; aber bisweilen ſinken die Hände kraftlos nie⸗ der und ſie kommt zu keinem Ende. Auch ftöhliche Lieder fängt ſie an zu ſingen, beendigt aber keines. Meine arme Stiefmutter geht in ſtummer Angſt mit den Augen fra⸗ gend:„Wie ſteht es? Wie wird es enden?“ Flora iſt, nachdem ſie die Nacht mit mir gewacht hatte, zu ihrer Schweſter gefahren. Ich habe ſo eben an Brenner geſchrie⸗ ben und verlaſſe das Zimmer meiner Selma, wo ich auch dieſes ſchreibe, nicht mehr. Abends. Immer gleich. Selma bindet fortwährend an ihrem Kranze und klagt, daß er nicht fertig werden will. Dok⸗ tor L. ſieht beſorgt aus und ſpricht davon, ihr das Haar abzuſchneiden. Das ſchöne Haar! Lennartſon war ſchon mehreremal hier, ſich nach ihr zu erkundigen. Man hat in der Nacht vor dem Hauſe Stroh geſtreut, um das Raſſeln der Räder zu dämpfen. Das wird Lennartſons Werk ſeyn. Auch Brenner war hier; ich ſah ihn nicht. un un glů Jol die töd des wer ſten ein bli ſter lich und Sel aus deu dein heir . Selma kehr⸗ d nur armes Blu⸗ t, den dieſer s nie⸗ Lieder arme fra⸗ a iſt, ihrer chrie⸗ auch hrem Dok⸗ Haar h ihr auſe pfen. war Den 21. April. Wiederum eine Nacht voll unausſprechlicher Unruhe und Angſt. Doktor L. glaubt nicht, daß ſie noch vier⸗ undzwanzig Stunden leben wird, wenn nicht etwa eine glückliche Kriſis eintreten ſollte. Eisnächte heißen in Schweden gewiſſe Nächte um Johannisfeiertag, in denen ein Froſt ſich einſtellt und über die blühende. Erde den kalten Odem haucht. Oft iſt er tödtlich und zerſtört in wenigen Stunden die Hoffnung des Jahres. Der Himmel iſt klar, die Luft rein, und wenn die Sonne aufgeht, erglänzt das Saatfeld im rein⸗ ſten Silberkleide. Aber es iſt ein Todesgeſchmeide, ein Eisgewand, unter deſſen Umhüllung das Leben der blühenden Aehre erſtarrt iſt. Auch das Menſchenleben hat ſolche Eisnächte. Da ſterben die Jungen, Fröhlichen, Blühenden und Glück⸗ lichen, die, denen nicht das Herz allein abſtirbt, die dem Schickſale der Aehre auf dem Acker entgehen, ohne Saft und Kraft zu leben auf der Erde zurückbleiben zu müſſen! Selma, du junge, du gute! Kaum kann ich den Wunſch ausſprechen, du möchteſt am Leben bleiben! Denn immer deutlicher höre ich in deinen Phantaſien das Geheimniß deines Herzens, dein ſtilles Leiden.— Aber wenn du heimgehſt, wie öde———. Etwas ſpäter. Gs ſcheint eine Veränderung mit Selma vorzugehen. Sie liegt noch im Fieber; aber ihre Phantaſien klären fi auf. Sie meint jetzt, ſie müſſe ſterben, und hat mi — 232 mehreremal gerufen, bloß um mir zu ſagen:„wenn ich todt bin, ſo bleibe ſtatt meiner bei meiner Mutter! Habe ſie lieb! Sie iſt ſo gut.“ Flora kommt bloß auf Augenblicke. Sie kann es nicht ertragen, Selma zu ſehen und zu hören. Meiſt iſt ſie bei ihrer Schweſter. Abends. Oh! Eine Stunde der Hoffnung! Möge ſie nicht täuſchen! Heute Nachmittag rief mich Selma und ſagte:„Jetzt bin ich todt, Sophie! Du ſiehſt, ich liege im Grabe. Und es iſt auch gut drinnen, wenn ich nur Ruhe finden, wenn ich nur ſchlafen könnte. Sie ſchlafen doch ſonſt in den Gräbern! Schlafen und vergeſſen— bis ſie bei Gott aufwachen. Ich möchte wiſſen, warum ich nicht ſchlafen kann, wie die Andern;————— Ach— ja! ich weiß, ich weiß,————— es iſt ſein Blick! Haſt Du ihn geſehen?“ „Wen geſehen, meine liebe Selma?“ „Den St. Michael! Es iſt ſein feuriger Blick, der mich brennt, der mich im Grabe nicht ſchlafen läßt— ——— aber ich weiß ſchon, wenn ich ihn einmal im Lichte, über der Wolke ſehen kann, dann wird er mich gewiß ganz anders anſehen. Ich weißt, alles Böſe auf der Erde kommt blos daher, weil es ſo finſter iſt, daß man nicht Alles ſehen kann, wie es in Wahrheit iſt.“ Plötzlich fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf und indem ich in ihre Ideen einzugehen ſuchte, ſagte ich,„ich hätte den geſehen, von dem ſie rede, er hege kein Miß⸗ — trau in L einer ſeyn richt hind mert ſie h Sag ihrer Sch für Schl Fieb ein nach an habe ſchie dem nn ich Habe nn es eiſt iſt nicht „Jetzt Hrabe. finden, nſt in i Gott hlafen Haſt k, der ißt— tal im mich ſe auf daß iſt.“ f und ,„ich Miß⸗ 233 trauen gegen ſie, ſondern wolle ſie gerne im Lichte und in Liebe anſehen.“ „Wenn ich das glauben könnte,“ ſagte Selma mit einem Blicke wehmüthiger Freude,„ſo würde ich ruhiger ſeyn. Wenn er einen Blick voll Segen auf mein Grab richten würde, er würde durch die Erde, durch den Sarg hindurchdringen: die Pein würde aufhören und ich ſchlum⸗ mern können. Aber ſage Niemanden auf der Welt,“ fuhr ſie haſtig fort,“ ſage Niemanden, daß ich ihn geliebt habe. Sage zu Jedermann:„Sie hat Niemand geliebt, als ihren Vater, ihre Mutter, ihre Freundin Flora und ihre Schweſter Sophie. Und ſage Flora nicht, daß Selma für ſie ſtarb!———— Sage ihr, ich ſey von einer Schlange gebiſſen, und davon krank, todtkrank geworden.“ Während Selma mit lautklagender Stimme und mit Fiebergluth auf den Wangen dieſe Worte ſprach, hatte ich ein leiſes Geräuſch im Zimmer vernommen. Als ich mich nach demſelben umwandte, ſah ich Lennartſon und Flora an Selma's Kopfe ſtehen. Sie ſchienen Alles gehört zu haben. Er drückte mit der Hand gegen die Bruſt und ſchien mühſam zu athmen. Der Vorſchrift des Arztes gemäß, lag Selma mit dem Kopfe hochgebettet, ſo daß ſie faſt im Bette ſaß. Ihr ſchönes Haar floß in Locken herab und auf ihnen ruhte der halbvollendete Kranz, den ſie für Flora gebunden hatte. Da lag ſie, die Sylphide, die ihre Schwingen verloren hatte, eine liebliche Beute für die Umarmung des Todes, und konnte ſelbſtim Tode erſtarrend ihre Schönheit nicht ver⸗ läugnen. Finſtere Phantaſien ſchienen wiederum ihrer Seele ſich bemächtigt zu haben.„Nein, nein!“ rief ſie, die Hände flehend emporhebend,„ſtoßt mich nicht in dieſe dunkle Tiefe hinab! Ich will ja nichts Schlechtes. Hülfe, Lenuartſon!“— Und in dem Augendlicke ſtand Lennart⸗ ſon vor ihr, faßte ihre aufgehobenen Hände in dle ſei⸗ nigen und ſagte mit dem unbeſchreiblichen Ausdrucke der Friederike Bremer, Tagebuch. 16 234 Liebe:„Was fürchtet, Selma? Lennartſon iſt da. Im Leben und im Tode wird er Dich vertheidigen. Siehe mich an, Selma! und glaube mir!“ Anfangs ſah ſie ihn mit erſtaunten, ſcheuen Blicken an, allmälig aber verwandelten ſie ſich durch die Kraft, die von den prächtig ſtrahlenden Augen Lennärtſon's aus⸗ ging. Er ſetzte ſich auf den Rand ihres Bettes nieder und ſah ihr fortwährend ruhig und feſt in's Auge. Und wun⸗ derbar! Während dieſes Anſchauens verlor ſich die Span⸗ nung in den ihrigen und der liebliche und klare Ausdruck trat wieder in ſie. Beide ſprachen kein Wort. Aber es war, als ob ihres Weſens bis dahin unausgeſprochene, gefeſſelte Harmonie in ſchweigenden Strömungen ſich er⸗ göße und ſie vereinigte und begluckte. Ueber das Antlitz der armen Kranken verbreitete ſich mehr und mehr ein Ausdruck unausſprechlichen Friedens, die müden Augen⸗ lieder ſenkten ſich und— ſie ſchlummerte ſanft. Lange noch blieb Lennartſon ſitzen, die Blicke auf das Geſicht der Schlummernden geheftet. Die ſtummen Zeichen mei⸗ ner Stiefmutter vermochten ihn endlich, ſich zu entfernen. Schweigend öffnete ſie ihm ihre Arme: er ſchloß ſie in die ſeinigen, lehnte ſich an ihre Schulter und tiefe Seuf⸗ zer arbeiteten ſich aus ſeiner Bruſt hervor. Flora war verſchwunden. Niemand hatte ſie hin⸗ ausgehen ſehen.. Alles iſt ſtille, ſo ſtille im Hauſe. Man weiß, daß die geliebte Tochter einen entſcheidenden Schlaf ſchläft. Der Philoſoph ſieht im höchſten Grade finſter aus. Ji ſeinen unterirdiſchen Tönen ſagte er geſtern:„Wenn Fräulein Selma ſtirbt, ſo iſt es nicht mehr der Mühe werth, zu leben: der Sonnenſchein hat die Welt ver⸗ laſſen.“ verli Gefe Und Lebe lich traf der auf lich zumt mut ſcher ihr erſt. Alle geli wün dem ich ter! bei hat big, ohn und als wird meir i Siehe Blicken Kraft, s aus⸗ er und d wun⸗ Span⸗ usdruck lber es ochene, ſich er⸗ Antlitz ehr ein Angen⸗ Lange Geſicht en mei⸗ fernen. ſie in Seuf⸗ ie hin⸗ iß, daß ſchläft. s. Jü „Wenn Mühe lt ver⸗ Den 22. April. Das Haus ſoll den lieblichen Sonnenſchein nicht verlieren. Die Kriſis iſt vorüber und— Selma außer Gefahr. Wir danken Gott, wir wünſchen einander Glück. Und doch können wir uns nicht ſo recht freuen. Das Leben, das ſich nun vor Selma öffnet, ſieht nicht freund⸗ lich aus. Vor Kurzem und während Selma noch ſchlief, traf ich meine Stiefmutter mit einem offenen Briefe in der Hand und dem Ausdrucke tieſer Riedergeſchlagenheit auf dem Geſichte. Sie kam mir vor, als wäre ſie plötz⸗ lich um mehrere Jahre gealtert. „Sie ſchläft immer noch,“ ſagte ich, um ſie auf⸗ zumuntern;„ich meine, ſie athme freier und leichter.“ „Gehe es, wie Gott will!“ antwortete meine Stief⸗ mutter leiſe, faſt tonlos.„Ich wage es kaum zu wün⸗ ſchen, ſie zu behalten. Es gibt ſo Manches, was ſpäter ihr das Leben ſauer machen kann— ich ſehe das jetzt erſt. Flora vermählt ſich mit dem Manne, der unter Allen am beſten für meine Selma wäre, den ſie allein geliebt hat und den ich allein mir zum Tochtermaun wünſchte. St. Orme iſt abgereist und beſtätigt mir in dem Briefe, den er mir zurückgelaſſen hat, Alles, was ich ſeit einiger Zeit befürchtet habe. Den ganzen Win⸗ ter hindurch hat er bald größere, bald geringere Anlehen bei mir gemacht, die zu bezahlen er immer verſprochen hat, die er aber nie bezahlte und die ich ihm leichtgläu⸗ big, oder eigentlich ſchwach genug auf ſein bloßes Wort, ohne alle Handſchrift übergab. Und nun iſt er abgereist und ſchreibt kurz und ſo beiläufig;„er werde mich ſobald als möglich bezahlen“ u. dergl. Aber ich kenne das. Er wird mich nie bezahlen, und ich, die ich ihm weit über meine Einnahme geliehen und deshalb mich ſelbſt ge⸗ 16 236 zwungen geſehen habe, Anlehen zu machen, werde in vnendliche Sorgen kommen! Ich habe dieſes nicht um St. Orme verdient! Doch würde mich das nicht ſo ſehr beunruhigen, träfe es mich allein. Aber das verbittert es mir ſo, daß mein gutes, braves Mädchen genöthigt wird, in Mangel und unter Entbehrungen zu leben. Nein, möge ſie— faſt lieber zu unſerm Herrn kommen, wenn es ſein Wille iſt.— Zwar bin ich dann erſt ein⸗ ſam, recht verlaſſen in meinen alten Tagen!“— Große Thränen rannen über die blaſſen Wangen meiner Stief⸗ mutter. Sie trocknete ſie mit dem Zipfel ihres ſeidenen Shawls ab. Dies zerriß mir vollends das Herz. Zu den Füßen meiner Stiefmutter beſchwor ich ſie, Alles, was ich beſäße, als ihr Eigenthum zu betrachten und mir Tochterrecht in ihrem Herzen zu ſchenken. Nie würde ich ſie, wenn Selma ſtürbe, verlaſſen. Sie dankte, ſie umarmte mich, aber— aber ſchien doch wenig Troſt an dem zu finden, was ich ihr anbot. Selma's Wiedererwachen zum Leben verſcheuchte eine Zeit lang allen Kummer und die Freude herrſchte allein. Aber bald zeigten ſich die Nachtvögel wieder. Der Philoſoph ſieht ſelig aus und wirft mir ſo ver⸗ klärte Blicke zu, daß ich nicht umhin kann, ſie zu be⸗ antworten. Den 24. April. Auch der Vikinger, der ehrliche, warmblutige Wil⸗ helm Brenner iſt von St. Orme betrogen und faſt zu Grunde gerichtet. Und ſeine Kinder! Mein Herz blutet für ihn und fühlt es bitter, daß er nicht mehr zu uns kommt. erde in cht um ſo ſehr rbittert nöthigt leben. ommen, rſt ein⸗ Große Stief⸗ eidenen 3i Alles, en und e würde ſchien anbot. te eine allein. ſo ver⸗ zu be⸗ e Wil⸗ faſt zu blutet zu uns 237 Lennartſon iſt alle Tage hier. Er iſt erfreut über die glückliche Veränderung in Selma's Befinden. Aber er verlangt nicht, ſie zu ſehen. Er iſt tief bekümmert über Brenner's Unglück, das dieſer mit männ⸗ licher Feſtigkeit trägt. Lennartſon hat ihm brüderliche Hülfe angeboten. Aber Brenner hat ſie ausgeſchlagen. Er ſei gewiß, daß er in Zeit von einigen Jahren ſich ſelbſt helfen könne.„Aber das ſage ich Dir, Bruder!“ fuhr er wehmüthig-munter in ſeiner Antwort an Len⸗ nartſon fort,„wenn unſer Herr mich zu ſeiner Armee da droben abruft, ehe ich hier auf Erden wieder feſten Fuß und feſte Poſition faſſe, ſo vermache ich Dir Etwas.“ „Was denn?“ fragte Lennartſon. „Meine Kinder.“ Ein ſtiller Handſchlag der beiden Freunde folgte. So verſtehen ſich edle Gemüther. Aber dieſe Worte haben mir Thränen ausgepreßt. Mir wollte der Vikinger keinen Theil an ſeinem Teſta⸗ mente geben. Er achtet mich nicht genug dazu. Mitte Mai's wird er nach dem Mittelmeere abſegeln. Den 26. April. Tief gerührt von der Lage und dem kummervollen Ausſehen meiner Stiefmutter fragte ich ſie heute, warum ſie ſich nicht ihrem Halbbruder anvertraue. Er würde ihr ſicher nicht nur rathen, ſondern auch helfen können. Mit einer Art Schrecken wies ſie dieſen Vorſchlag zurück.„Nein, nein!“ rief ſie aus,„das iſt nichts——— das würde nichts helfen.“ Ich war erſtaunt. Ich meinte, er müſſe helfen; denn eine ſchönere Gelegenheit für den Hofmarſchall; ſeine oft gerühmte Paſſion:„im Stillen Gutes zu thun“ 238 zu befriedigen und zu helfen, konnte ſich wohl nie zeigen. „Ja, ich weiß, was der ſagen wird,“ ſagte meine Stief⸗ mutter ſeufzend. Doch beſchloß ſie endlich in ihrem Kum⸗ mer über eine bedeutende Forderung, die ſie in einigen Tagen zu zahlen hatte, dieſen Abend noch nach ihrem Bruder zu ſchicken. Er kam und ſah ſehr verlegen aus über das, was man ihm anvertraute. Endlich rieth er ſeiner Schwe⸗ ſter, ſie ſolle aufhören ein Haus zu machen und ſich ban⸗ querott zu erklären. Auf dieſe Weiſe würde ſie ſich am ſicherſten retten. Mit einem Unwillen und einem Hechſinn, der ihr meine ganze Liebe erwarb, verwarf meine Stief⸗ mutter dieſen Vorſchlag. Lieber wolle ſie„von Waſſer und Brod“ leben, als daß Jemand durch ſie in Schaden kom⸗ men ſolle. Der Hofmarſchall erklärte dieſe Denkungsart für„ſehr ſchön und reſpektabel,“ fuhr aber fort, ſie zu bitten, doch ihre Vernunft zu Nath zu ziehen c. Meine Stiefmutter wollte dies nicht thun; einen andern Rath wußte ihr Bruder nicht zu geben und ſo ging er, einen vorwurfsvollen Blick von mir mit ſich nehmend. Es ſchien meine Stiefmutter zu tröſten, daß ich ihre Denkungs⸗ und Handlungsweiſe innig und vollkommen billigte. Den 29. April. Schöne warme Tage verſchönern uns Selma's Ge⸗ neſung noch mehr. Der ſtille Ernſt, der nun in ihrem Weſen liegt, hindert ſie nicht, mit dankbarer Freude jede neue Gabe zu empfangen, die Leben und Geſundheit ihr bieten. Meine Stiefmutter ſucht ihre geheime Unruhe und ihren Kummer vor ihr zu verbergen, iſt aber oft nahe daran, ihn zu verrathen. Auf meine Bitte hat ſie ſich jetzt Lennart⸗ ſon anvertraut, der auserleſen ſcheint, allen Menſchen aus zeigen. Stief⸗ n Kum⸗ Tagen uder zu ber das, Schwe⸗ ich ban⸗ ſich am ochſinn, Stief⸗ ſer und en km⸗ ungsart „ſie zu Meine n Rath „einen s ſchien gs⸗ und il. 's Ge⸗ ihrem de jede eit ihr he und daran, ennart⸗ en as 239 der Noth zu helfen.— Wie Lennartſon und Flora jetzt mit einander ſtehen! Ich kann aus ihrem Verhältniſſe nicht recht klar werden.— Geſtern traf ich ſie im Vorzimmer beiſammen: er hatte den Arm um ſie geſchlungen und ſie lehnte den Kopf an ſeine Bruſt;— vor ihnen auf dem Liſche lag die rothe Brieftaſche, die Urſache ſo vieler Qual und Unruhe. Lennartſon ſchien ernſte, zärtliche Worte zu flüſtern und Flora ſah aufgeregt aus. Aber es dünkte mich, als wären Beide nicht glücklich. Flora iſt nur auf Minuten zu Hauſe und bei Selma. Sie iſt mir fortwährend ein Räthſel. So eben erhalte ich einige Worte von ihr, des In⸗ halts,„daß ſie, da ſie nun wegen Selma's Geſundheit be⸗ ruhigt wäre, ihre Schweſter auf einer Luſtreiſe nach Swartsjö begleiten wolle, um dort die Nachtigallen ſingen zu hören. Bis zum dritten Mai jedoch werde ſie wieder zurück ſeyn.“ Flora geht auf Reiſen und amüſirt ſich und läßt die Freundin, die für ſie ſich opfert, allein mit ihrem ſtillen⸗ Schmerze. Auch ihr Bruder könnte Anſpruch an ihre Fürſorge und Geſellſchaft machen: ſeine Geſundheit iſt noch ſehr ſchwankend und die Aerzte haben ihm eine Reiſe in's Ausland und den Gebrauch eines der warmen Bäder von Deutſchland in dieſem Frühling verordnet. Aber trotz allem Elende, das ihre Angehörigen heimſucht, denkt Flora nur daran, ſich zu unterhalten und den Tönen der Nachtigall zu lauſchen. Welch ſchauderhafter Egoismus! Doch ich will ſie noch nicht verdammen. Vielleicht fährt ſie nach den ſtillen Parks auf Swartsjö, um da ungeſtört der innern Stimme zu lauſchen. Den 30. April. Heute fühlte ſich Selma ſo wohl, daß ich ſie um eine Aufklärung über ihren Beſuch bei St. Orme, ſowie über den Zauber bitten konnte, mit Hülfe deſſen ſie ihm ſo ſchnell die Waffen, die er ſo lange verwahrt, und den Sieg wieder entriſſen hätte, den er ſchon gewonnen gehabt. Das Wenige, was Selma mir daxüber mittheilte, und das ich auch aus Furcht, ſie zu ſehr dadurch aufzuregen, nicht ausführlicher zu wiſſen begehrte, läßt mich folgendes Gemälde von je⸗ nem Ereigniſſe entwerfen. In jenem Momente, wo Flora rettungslos in einen bodenloſen Abgrund zu verſinken ſchien, fühlte ſich Selma von einem Muth und einem Willen, Flora zu retten be⸗ lebt, die im Stande waren, allen Hinderniſſen zu trotzen. Die Furcht, ſie möchte zu ſpät ankommen, um ein Ren⸗ contre zwiſchen Lennartſon und St. Orme zu verhindern und das Gefühl einer mehrfach dringenden Gefahr führten ſie faſt bewußtlos an's Ziel. Sie wußte nicht wie es gekommen war, als ſie ſich plötzlich vor St. Orme's Thüͤre fand. Der ſeltſame Em⸗ pfang, den ſie von St. Orme erfuhr, läßt ſich blos aus einer ungewöhnlichen Stimmung deſſelben erklären. St. Orme hatte die Braut verlaſſen, die er mit Ge⸗ walt und Liſt an ſich gefeſſelt, hatte ſie mit anſcheinender Kälte und jener Ruhe verlaſſen, die die Gewißheit des Sieges giebt. Aber kein Mann bleibt kalt bei der Raſerei des Weibes, das einmal ſein Herz gefeſſelt hat. Auch St. Orme war nicht ruhig, als er Flora verließ. Der Sturm jener Stunde ſchüttelte ſeine Schwingen Unglück verkündend über ihn und durch die Macht des Contraſtes ſtieg in dieſem Augenblicke wahrſcheinlich eine Erinnerung ganz verſchiedener Art in ihm auf. An eben dieſem Tage hatte St. Orme einige in Lip ab Ga ihr alle ſch geb dac dur zwi Bil ſie hat Gr finſ plö geſi vor wie Se nun ſell eein reg il. im eine ie über ſchnell wieder Benige, ch aus wlicher on je⸗ einen Selma en be⸗ rotzen. Ren⸗ indern ührten ie ſich Em⸗ s aus t Ge⸗ tender Sieges eibes, war tunde und blicke rt in einige 241 Jahre zuvor die ſchöne und edle Virginia Adelan zum Al⸗ tare geführt, ſeine einzige edle und reine Liebe. Und nun traten ſie neben einander, die beiden Zeit⸗ punkte, jeder mit ſeiner Braut; er erinnerte ſich an Vir⸗, ginia's ſchüchternen Kuß, den ſie ihm an dieſem Tage ge⸗ geben und noch brannte Flora's rachedürſtender auf ſeiner Lippe. Unwillkührlich wandte ſich ſein Gemüth von ihr ab und fühlte ſich unwiderſtehlich zu der jungen, ſchönen Gattin hingezogen, die er einſt ſein nannte. Er gedachte ihrer ſchönen Liebe, wie ſie noch in ihrer Todesſtunde ihm allein angehörte; vielleicht auch dachte er daran, wie er in ſchwärmeriſcher Trauer ſie um Verzeihung angerufen und gebeten hatte, ihm auch nach ihrem Tode noch zu erſcheinen, dachte daran, de ſie ihm dies verſprochen. Viell eicht hatte St. Orme verſucht, dieſe Gedanken durch Erinnerung an Scenen aus Pariſer Boudoirs und Opernfoyers zu verſcheuchen— aber immer wieder ſtieg zwiſchen dieſen flimmernden, glänzenden Erſcheinungen das Bild ſeiner todten, blaſſen jungen Gattin auf, ſo wie er ſie zum letztenmale in dem weißen Leichengewande geſehen hatte,— und ein ſchauerliches Gefühl drang von ihrem Grabe wie Todeshauch in St. Orme's Bruſt. Schweigend und gedankenvoll ſaß er in ſeinem Zimmer, finſter hinausblickend in die zunehmende Dämmerung. Da plötzlich that die Thüre langſam ſich auf und eine Frauen⸗ geſtalt, vom Kpft bis zu den Füßen weiß gekleidet ſtand vor ihm. St. Orme erhob ſich— aber er ſchwankte und ſank wieder in das Sopha zurück, heiſer ſtammelnd: „Virginia ſpricht mit Dir durch mich,“ antwortete Selma's liebliche Stimme.„Höre uns, St. Orme.“ Und nun floſſen Worte von ihren Lippen, deren ſie nachher ſich ſelbſt nicht mehr erinnern konnte, die ein höherer Geiſt ihr eeingegeben zu haben ſcheint. Eine augenblickliche Auf⸗ regung hatte St. Orme's Herz zugänglich gemacht. Die Erinnerung an Virginia, die in ihrem Namen geſtellte Bitte, das Gefühl, das ihn immer zu Selma gezogen, das Un⸗ gewöhnliche ihrer That, der tiefe Ernſt, der in ihren Wor⸗ ten lag, die Rede vom Tode aus einem ſo jugendlichen, friſchen Munde— dies Alles erweichte ſein Gemüth und ließ ihn auf Selma's Bitte, Flora frei zu laſſen, hören. Selma ſah, wie er weich wurde, glaubte aber auch den Augenblick nahen zu ſehen, wo er ſich zuſammenraffen und ihren Bitten wiederum ſein Herz verſchließen würde. Und plötzlich gab ſie den Ton der Bittenden auf, um in faſt drohendem Tone ihm die ſichern Folgen vorzuführen, die ſein Beharren auf ſeinem Entſchluſſe für ihn haben müßte; ſie ſagte ihm Flora's Entſchluß, zeigte ihm Lennartfon, Brenner und Felir mit den Waffen in der Hand, die Frei⸗ heit Flora's zu vertheidigen, zeigte ihm Gefahr, Schande und den Tod in jeder Geſtalt als die Furien, denen er, bleibe er auf dem eingeſchlagenen Wege, unvermeidlich ſich überliefre, und St. Orme— ſchauderte zuſammen. Es iſt der modernen Romanlitteratur eigen, den Bö⸗ ſen oder Buben als den vorzugsweiſe ſtarken und kräftigen Menſchen darzuſtellen. Aber das wirkliche Leben zeigt uns dies anders. Es zeigt uns den rechtſchaffenen, den edlen Menſchen als den ſtarken und mächtigen, als den, der durch ſeinen Willen und ſeinen Glauben bis in den Tod feſt ſteht. Der unedel, der ſchlechtgeſinnte Menſch mag in gewiſſen Momenten ſtark und trotzig erſcheinen; aber in Augenblicken wirklicher Gefahr gibt ein plötzlicher Aus⸗ bruch von Wankelmuth und Feigheit zu erkennen, daß er ein erſchrockenes Herz in der Bruſt trägt, daß er auf hoh⸗ lem Grunde ſteht.— Was in dieſem Augenblicke in St. Orme vorging, wir wollen es nicht beſchreiben und noch weniger entſcheiden, welche Stelle in Selma's Rede die meiſte Gewalt über ihn ausübte; aber gewiß iſt, daß er die Nothwendigkeit fühlte, ihrer Forderung nachzugeben. Finſter vor ſich hinblickend und die Worte des unglücklichen Philipp Egalité, die dieſer auf der Guillotine ſtehend, ſprach: „di er die den Se wa Sq nick wer err Irt tim geh Th ich hin auf füh wif Be nut All in Lu reit Se Bitte, Un⸗ lichen, h und hören. ch den en und Und in faſt 1, die nüßte; rtſon, Frei⸗ chande en er, ch ſich n Bö⸗ iftigen t ns „den den, in den hmag aber Aus⸗ ß er fhah⸗ n St. dnch daß er geben. klichen prach: de die 243 „die eine Hölle iſt ſo gut, als die andere,“ murmelnd, gin gine er an ſeinen Pult und nahm die rothe Brieftaſche heraus, die Flora's Briefe enthielten. Er übergab ſie Selma mit den Worten:„Du biſt die Schweſter meiner Virginia, Selma! und um Deinetwillen ſtehe ich freiwillig von Et⸗ was ab, was keine Macht mir abzuzwingen vermocht hätte. Sage Flora, ſie ſey frei! Meine Gegenwart wird Euch nicht lange mehr beſchwerlich ſeyn— übermorgen ſchon werde ich abreiſen. Gehe jetzt. Du haſt Deinen Zweck erreicht und kannſt Dich freuen.“ Selma wollte ihm danken, aber er unterbrach ſie mit Jronie, faſt mit Grobheit und bat ſie, ihn„mit ſen⸗ timentalem Geſchwätze zu verſchonen und ihrer Wege zu gehen.“ Entſetzt wollte ſie ſich entfernen, aber unter der Thüre wandte ſie ſich noch einmal gegen ihn: „Oh, St. Orme!“ ſprach ſie,„was Du auch denkſt, ich ſegne Dich!“— St. Orme pfiff. Sie eilte die Treppe hinab. Hier begegnete ihr,———— was ich ſchon aufgezeichnet habe und was zu ertragen für eine ſo fein⸗ fühlende zarte Natur zu ſchwer war. Nachdem Selma mir mitgetheilt hatte, was ich zu wiſſen wünſchte, bat ſie mich erröthend, ihr Lennartſon's Benehmen während ihrer Krankheit zu erzählen, indem ſie nur eine dunkle Vorſtellung davon habe. Ich ſagte ihr Alles und eine unausſprechlich innige Freude glänzte dabei in ihren Angen und machte ſich in dankbaren Thränen Luft. Sie fühlte ſich von ihm geliebt, ſie wußte, daß ſie rein und unbefleckt vor ſeinen Augen daſtand. Das war— Seligkeit genug für ſie. Den 1. Mai. Nachmittags. Die Kommerzienräthinnen! und ſo vollgepropft mit, Neuigfeiten, daß ſie nicht nur aus dem Halſe darnach ro⸗ chen, ſondern daß ſie ihnen ſogar zum Munde heraushingen. Einen Hauptgegenſtand bildete das Gerücht von Flo⸗ ra's Vermählung, nicht mit St. Orme, ſondern mit Len⸗ nartſon. Einen andern der Ball, der übermorgen im Schloſſe gegeben werden ſollte; einen dritten die Spazier⸗ gänge im Thiergarten an den ſchönen Mittagen und einen vierten, daß Brenner ſein ganzes erſpartes Vermögen ein⸗ gebüßt habe, nach den Küſten des Mittelmeers unter Se⸗ gel gehen und lange Zeit ausbleiben werde. Sie wußten genau, wie er ſein Hausweſen während ſeiner langen Ab⸗ weſenheit einrichten wolle und zeigten dafür viele Sorge. Der älteſte Knabe ſollte in die Waiſenhausſchule kom⸗ men. Als Vorſtand ſeines Hausweſens und zur Pflege ſeiner andern Kinder hatte er eine gewiſſe Frau Troll⸗ mann angenommen, allerdings„eine beſcheidene und gefäl⸗ lige Perſon, aber eine arge Kaffeeſchweſter, die Tag und Nacht Kaffee braut und dabei die ſtärkſte Plaudertaſche von der Welt iſt. Und was die Haushaltung betrifft, ſo kann man ſich voiſtellen, wie das gehen wird, wenn man weiß, daß, als der ſelige Trollmann noch lebte, nie im Hauſe gebacken, ſondern alles Brod aus einem Bäckerladen geholt wurde. Und es waren vier Kinder und zwei Mägde im Hauſe!!! Man kann denken, wie das zugehen wird.“ „Es ſeye ihnen unbegreiflich, wie der Oberſt Brenner eine ſolche Perſon in ſein Haus bringen möge. Allerdings habe ſie ſich gleichſam aufgedrängt, indem ſie während der Krankheit ſeiner Kinder als Nachbarin ſo dienſtfertig und ſo fürforglich für ſeine Kinder geweſen wäre.“ „Sind die Kinder krank geweſen?“ rief ich. — nam went „Un die. er n bes wird erkle „un zum gar Ger vort ſen, daß mat terr neu Flo weg ſey nic wa gen hör mit, re⸗ igen. Flo⸗ Len⸗ im tzier⸗ einen ein⸗ Se⸗ ßten Ab⸗ orge. kom⸗ flege roll⸗ efäl⸗ und von kann weiß, Jauſe eholt eim enner dings id der und 245 „Ja, die armen Kleinen haben das Scharlachfieber gehabt und die beiden jüngern ſollen noch ſehr übel auf ſeyn, namentlich der lahme Knabe. Nun, dem ginge es gut, wenn unſer Herr ihn zu ſich nähme.“ „Armer Vater!“ ſeufzte ich. „Ja, der arme Mann!“ wiederholte Fräulein P. „Und nun vollends genöthigt zu ſeyn, bei dieſem Elende die Heimath zu verlaſſen! Auch ſoll er ausſehen, als ob er nicht ein⸗, ſondern zweimal begraben wäre!“ „Aber ſagen Sie mir doch im Vertrauen, mein lie⸗ bes Fräulein,“ flüſterte Frau von R. vertraulich,„wann wird denn die große, die merkwürdige Verlobung hier er⸗ erklärt?“ Ich bekannte meine völlige Unwiſſenheit in dieſer Sache. „Je bälder es geſchieht,“ fuhr Frau von R. fort, „um ſo beſſer iſt es für Flora, weil dadurch die Leute zum Schweigen gebracht werden, die behaupten, es werde gar nichts daraus. Einige Zeit lang ging ein ſonderbares Gerücht um. Und man wird ſo bös angelaſſen von den vorwitzigen Leuten, die meinen, ich müßte etwas davon wiſ⸗ ſen, was hier vorgeht, da ich ſo bekannt bin im Hauſe, daß ich, faſt hätte ich geſagt, jeden Seſſel lieb habe; ja man macht mir wirklich Vorwürfe, daß ich nicht beſſer un⸗ terrichtet bin..... Aber ich bin ſo unglücklich, gar nicht neugierig zu ſeyn! Von dieſer Sache jedoch möchte ich wohl, ich geſtehe es, gerne etwas Nachricht haben, um Flora und meiner guten Freundin, der Frau Adelan wegen.“ ſeyn, oder war ich nicht mittheilend? Sie erfuhr von mir nichts. Und die Wahrheit zu geſtehen: ich war durch das, was ich von Brenner's Verhältniſſen gehört hatte, zu ein⸗ genommen, als daß ich von andern Sachen noch hätte hören ſprechen mögen. War Frau von R. ſo unglücklich, nicht neugierig zu 246 „ch will ſehen, ob Brenner vor ſeiner Abreiſe mich nicht mehr ſehen will! Den 3. Mai. Hente konnte Selma zum erſtenmale die milde, er⸗ quickende Frühlingsluft genießen, die ſo linde durch das Fen⸗ ſter in das Kabinet meiner Stiefmutter eindrang. Eine Lerche ſchwang ſich jubelnd über den Strom in den blauen Aether auf; weiße Segel glitten langſam auf dem Rid⸗ dersſiord dahin und die Berge an ſeinen ufern kleideten ſich in Grun. Selma ſah dies alles an und lächelte. Thränen in den Augen, ſagte ſie: „Wie iſt Alles ſo ſchön! Was iſt das Leben ſo ſchön und gut!“ Sie bot meiner Stiefmutter und mir, die wir neben ihr ſaßen, die Hand und fuhr dann, uns aufmerkſam anblickend, fort:„Warum ſo ernſthaft, warum ſo feierlich, als wäre die Rede von meiner Beer⸗ digung. Ich bin geſund, es iſt Frühling, wir wollen uns freuen!“ Plötzlich ſtand meine Stiefmutter auf und wollte weg⸗ gehen, um ihre Rührung zu verbergen. Allein Selma hielt ſie am Kleide zurück und rief, ſie umarmend, aus: „Nein! liebe Mama! Bleibe! Wir können jetzt offen mit einander reden, ich kann nun Alles hören und ich will wiſſen, was Denen, die ich liebe, ein ſo ängſtliches Ausſe⸗ hen gibt. Und vielleicht iſt es mir nichts Unerwartetes! Vielleicht ahne ich es längſt ſchon. Sage mir, ſage es offen, hat St. Orme uns betrogen? Stehen unſere An⸗ gelegenheiten ſchlimm? Mit Einem Worte: ſind wir arm „Ja, wir ſind arm, mein liebes Kind!“ antworkete mein das K ſie m ter ſ Seln Mut ben und heit wir der 6 Mut Gem wir ſie b fuhr die eine laſſe ren. dung auf was über der Rece ausf tanz getri dieſe nich er⸗ Fen⸗ Eine uten Rid⸗ eten elte. ſo und ann, haft, Beer⸗ uns weg⸗ hielt offen will usſe⸗ etes! e es An⸗ wir rtete 247 meine Stiefmutter laut ſeufzend, und beugte ſich über das Haupt der ſitzenden Tochter, deren Locken und Stirne ſie mit ihren Thränen benetzte. Sie konnte nicht wei⸗ ter ſprechen. „Aber wir ſind ja nicht arm an Liebe,“ verſetzte Selma,„und ſo iſt es nicht gefährlich. Ich habe meine Mutter und meine Mutter hat mich, und wir beide ha⸗ ben Sophie— wir ſind noch reich!“ „Und wir haben auch Lennartſon,“ entgegnete ich, und ſagte Einiges davon, wie er ſich in vieſer Verlegen⸗ heit bewieſen habe. „Das ſieht ihm gleich,“ ſagte Selma tief gerührt. Nachdem wir uns wieder gefaßt hatten, ſprachen wir in Ruhe und ohne Uebertreibung von dem Stande der Sachen. Selma nahm Alles leicht und bewies ihrer Mutter, daß aus dem Erlös ihres Schmuckes und ihrer G emäldeſammlung alle Schulden bezahlt werden, und wir noch Einiges übrig behalten können. Offenbar wußte ſie beſſer als ihre Mutter, wie die Sachen ſtanden.„Und,“ fuhr ſie lebhaft fort,„nachdem wir hier in Stockholm die Juſtiz haben, wollen wir uns in irgend eine hübſche Landſtadt zurückziehen, uns dort nieder⸗ laſſen und ein eingeſchränktes, zurückgezogenes Leben füh⸗ ren. Und ich will' auch einmal für Nahrung und Klei⸗ dung ſorgen, und nicht wie bisher leben, wie die Lilien auf dem Felde. Ich will lernbegierigen Menſchen Et⸗ was von meinen Kenntniſſen beibringen, oder Bücher überſetzen, oder ſelbſt Bücher ſchreiben. Wer weiß, wann der Geiſt über Einen kommt. Und Sophie ſoll mein Recenſent werden. Ja, wir werden noch große Dinge ausführen.“ „Wenn nur die Sylphide,“ verſetzte ich,„uns vör⸗ tanzen will, wie bisher, ſo fürchte ich Nichts auf der Welt.“ Meine Stiefmutter weinte nicht mehr. Gerührt und getröſtet umarmte ſie ihre Töchter und dankte Gott für dieſes Geſchenk. 248 Der Philoſoph meldete:„Baron Lennartſon.“ Selma erblaßte unb ſtand ſichtbar zitternd auf. Ich fragte ſie, ob ſie nicht auf ihr Zimmer gehen und eine Weile ruhen wolle. „Nein!“ entgegnete ſie.„Ich fühle mich ſtark ge⸗ nug, ihn zu ſehen. Ueberdies iſt ja meine Mutter und meine Sophie bei mir.“ Mit einem Ausrufe freudiger Ueberraſchung ging Lennartſon, als er Selma erblickte, auf ſie zu. Sie reichte ihm die Hand, die er lebhaft ergriff; aber Beide waren zu ſehr aufgeregt, als daß ſie hätten ſogleich ſprechen können. Selma brach zuerſt das Schweigen, indem ſie mit ziemlich feſter Stimme ſagte: „Wir haben Ihnen für ſo Vieles, ſo unendlich Vie⸗ les zu danken;———— Wie gttig ſind Sie, daß Sie auch in dieſer Verlegenheit uns beiſtehen wollen!“— Wir kamen nun Selma zu Hilfe und erzählten Len⸗ nartſon, von was wir ſo eben geſprochen hatten. Len⸗ nartſon ſchien froh zu ſeyn, daß er mit Selma offen von dem Stande der Sachen ſprechen konnte, und wies ihr ein von ihm niedergeſetztes Verzeichniß, wornach es ſchei⸗ nen will, als ſtänden die Sachen weit beſſer, als man zuerſt glaubte. Als er vernahm, Selma wolle ihre Gemälde ver⸗ kaufen, ſtutzte er; denn er wußte, wie theuer ſie ihr wa⸗ ren, auch um desjenigen willen, der ſie geſammelt und ihr zum Geſchenke gemacht hatte, wegen ihres theuren Vaters. Er gab jedoch zu, daß durch dieſen Verkauf die Angelegenheiten am ſchnellſten und ſicherſten zu be⸗ reinigen ſehen, und ſagte, er wiſſe einen Liebhaber dazu. (Ich müßte mich ſehr täuſchen, wenn nicht der Freiherr ſelbſt dieſer Liebhaber wäre. Ich meinte es ihm anzu⸗ ſehen.) Im Uebrigen bat er meine Stiefmutter und Selma, —— ruhi bem Lan Etm chen lich vern weil zu f zu ſ jede nich ſond ſcha das zu v wert eina Geſt war in d nart Viel dieſe trete und mich von als ge⸗ und ging ichte aren chen n fie Vie⸗ daß Len⸗ Len⸗ von s ihr ſchei⸗ man ver⸗ wa⸗ tund euren rkauf u be⸗ dazu. eiherr anzu⸗ ema, 249 ruhig zu ſeyn und ihn machen zu laſſen. Er werde ſich bemühen, Alles auf's Beſte zu ordnen. Der Abſchied ſchien ihm nun ſchwer zu werden. Lange hielt er Selma's Hand in der ſeinigen, und ſchien Etwas ſagen zu wollen. Doch blos ſeine Augen ſpra⸗ chen—, eine ſtumme, aber ausdrucksvolle Sprache. End⸗ lich drückte er ihre Hand ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen, verneigte ſich und ging. Und Selma! Sie ſtand da ſo ruhig, ſo ſchön in weiblicher Würde, glücklich mitten im Unglück ihren Werth zu fühlen, und ihn von einem ſolchen Manne anerkannt zu ſehen. Und dies erhob ſie in dieſem Augenblicke über jede Verlegenheit, über allen Schmerz. Auch ſchlug ſie nicht die Augen nieder vor ſeinem beredten Blicke, ſondern begegnete demſelben freundlich und innig.—— —— Sie ſcheute ſich nicht, ihn in die Tiefe ihrer Seele ſchauen zu laſſen. Sie weiß, daß er groß genug iſt, das Gefühl zu ſehen, das darin für ihn lebt, ohne ſie zu verkennen, ohne ſelbſt aus ſeiner Bahn gebracht zu werden. So ſtanden ſie voll göttlichen Vertrauens zu einander da. Aber der Auftritt war doch für Selma's noch ſchwache Geſundheit zu ſtark geweſen. Mit Lennartſons Abgang war auch ihre Kraft dahin und ſie ſank mir ohnmächtig in die Arme. Vielleicht fand ſie, wie auch ich, in Len⸗ nartſons ſtummem Abſchiede eine beſondere Bedeutung. Vielleicht iſt es wahr, was das Gerücht ſagt, daß er dieſen Abend im Schloſſe als Flora's Bräutigam auf⸗ treten will, und daß Beide die Glückwünſche des Hofes und der übrigen Welt empfangen werden. Selma fragte mich, während ich ſie zu Bette brachte, ob ich Etwas von Flora wiſſe. Ich gab zur Antwort, daß ich gehört hätte, ſie wäre als heute von ihrem Ausfluge nach Swartſjö zurückgekom⸗ men und werde dem Balle im Schloſſe anwohnen. Ich Friederike Bremer, Tagebuch. 17 250 konnte mich nicht enthalten, einige ernſte, tadelnde Worte über Flora beizufügen. „Ach!“ ſeufzte Selma.„Es iſt freilich ſeltſam, und ich verſtehe es nicht. Aber Alles wird einmal ſich auf⸗ klären, und Flora auch. Ich habe immer viel auf ſie gehalten!“ Und dabei fing ſie bitterlich an zu weinen. Ich verließ meine Stiefmutter, die Selma beim Scheine der Lampe vorlas, und begab mich auf mein Zimmer. Ich ſehnte mich, allein zu ſeyn. Und hier ſitze ich nun und habe das Vorſtehende aufgez eichnet bei dem dumpfen Geraſſel d e Wmen, die übe ie Norr⸗ brücke auf's Schloß piit⸗i Es iſt Mitternacht und Alles ſtille in den Straßen. Aus den Fenſtern des Schloſſes leuchtet brandgelbes Licht in die dämmerige Maiennacht: — Dort befinden ſich die großen Pruntzimmer. Und denke ich an die verſchiedenen Scenen dort und hier, denke ich mir Flora, ſtrahlend vor Freude und Schön⸗ heit, geehrt und begrüßt als Lennart püs Braut, wäh⸗ rend ſie ihre tie tund ihre Freundin, ihre Retterin einem Leben voll(Entſagung zur Be ite wer⸗ den läßt;— dann werde ich in meinem Herzen erbittert gegen ſie, und ich fühle, daß es mit dem Haſſe, den wir eine Weile ſpielten, Ernſt geworden iſt. Stände ſie in dieſem Augenblicke vor mir, ſie ſollte Worte hören, die ihre Stirne mit Schaam bedecken, die vor ihr ſelbſt ſte ſchaudern machen würden, und——— früher oder ſpäler ſoll ſie ſolche Worte hören. Den 4. Mai. Das Anhalten eines Wagens vor unſerer Hausthüre und eine leichte Bewegung, die darauf in demſelben ent⸗ ſtand, unterbrachen mich in meinen Gedanken. Gleich darauf hörte ich leiſe Tritte die Treppe heraufkommen, die zu meinem und Floya's Zimmer führt. me ſch zig ha in borte und auf⸗ f ſie inen. beim mein hier t bei wäh⸗ ndin, wer⸗ ttert eine ieſem tirne dern ſoll hüre ent⸗ leich men, 251 Es war gegen ein Uhr in der Nacht. Mit einem Lichte in der Hand trat ich in den Corridor hinaus, um zu ſehen, wer der nächtliche Wanderer ſeyn könnte, und ſtutzte, als ich— Flora erblickte, Flora in glänzender Ballfleidung, einen Kranz von weißen Roſen in den Haa⸗ ren, aber zugleich ſo blaß, ſo verändert, daß ſie mehr aus einer Gruft, als von einem Balle zu kommen ſchien. „Kann ich Dich ſprechen?“ fragte ſie mit einer Stimme, die mir ebenfalls verändert ſchien.„Aber löſche das Licht aus, ich bitte Dich! Es thut mir in den Augen wehe——— ich habe erſt zu viel Licht geſehen.“ Ich that, wie Flora gebeten hatte und folgte ihr auf mein Zimmer, wo ſie ſich in einen Lehnſtuhl warf. Wir ſchwiegen beide. Ich erinnerte mich auch nicht eines ein⸗ zigen Wortes aus meiner Strafpredigt. „Geſtehe, Sophie!“ fing endlich Flora an;„Du haſt mich in den letzten Tagen und beſonders heute Abend in vollem Ernſte gehaßt!“ „Ja, das iſt richtig!“ entgegnete ſic. „Das wundert mich nicht,“ fuhr Flora fort,„aber Du hatteſt nicht ganz Recht, und bald vielleicht wirſt Du——— mich nicht mehr haſſen.“ „Du warſt mehr als einmal gütig gegen mich, So⸗ phie! und deshalb verlange ich jetzt— nach der Sitte der Welt— daß Du auch jetzt gütig gegen mich ſeyn und mir mit Geduld zuhören wolleſt. Doch ſo ganz und gar ſelbſtſüchtig bin ich nicht. Ich weiß, wie wehe es thut, bittere Gefühle zu hegen, und möchte deshalb verſuchen, die auszulöſchen, die ich Dir eingeflößt habe, wenn es möglich wäre, ehe——— doch ich muß eilen.“ „Du haſt mich für ein ſeltſames, unbegreifliches Weſen angeſehen und ich will Dir jetzt den Schlüſſel dazu geben.“ „Manchmal haſt Du von Schöpfungswortenz uns geſprochen. Das Schöpfungswort zu meinem Weſe . 17 252 liegt tief in der Heimath meiner Kindheit und Jugend verborgen, in dem Einfluſſe, der meine Wiege umgab, der mich bis in mein zwanzigſtes Jahr begleitete. Meine Mutter war eine gutmüthige, aber ſchwache und eitle Frau, mein Vater ein harter und hochmüthiger Mann, der alle Frauen verachtete, vielleicht weil er in ſeiner Umgebung keine fand, die er recht hochachten konnte. Unfriede herrſchte im Hauſe und nur darin ſtimmten die Eltern zuſammen, ihre Kinder blos für den Schein, nur dafür zu erziehen, daß ſie repräſentiren und in der vor⸗ nehmen Welt ihr Glück machen könnten. Früher ſtritten— in meiner Seele Eitelkeit und Herrſchſucht mit edleren Lei⸗ denſchaften. Aber dieſe mußten jenen weichen. Das Herz, daß für einen edlen Zweck ſich hätte begeiſtern können, mußte für ein elendes und unedles Streben ſchla⸗ gen, und alle die Gaben, die einem großen Endzwecke hätten dienen können, mußten in den Dienſt der Eitelkeit treten. O Loos, o Schickſal des Weibes! „Schon in der Kindheit wurde mein Serz⸗ wenn es mir geglückt war, in Geſellſchaften die Aufmerkſamkeit und Bewunderung der Anweſenden zu erobern, durch Lob, Schmeicheleien und Geſchenke vergiftet. So ging es die ganze Zeit meiner Jugend fort. Und eine große Parthie zu treffen, eine glänzende Stellung in der Welt zu ge⸗ winnen, das wurde mir als einziger Lebenszweck vorge⸗ ſteckt. Auch lebte ich mich immer mehr in dieſe Richtung hinein: ich ſuchte blos meine immer unmäßigere Eitelkeit zu befriedigen. Die Gaben, die die Natur mir verliehen, begünſtigten mich und ich ſiegte lange Zeit, wo ich nur wollte. Aber übermüthig verwärf ich die leichten Siege, verwarf es bald, den Abſichten meiner Eltern zu dienen. Ich lebte für mein Vergnügen. Daß ich dabei ein paar redliche Männer unglücklich machte, ſchnicht te nur mei⸗ Eigenliebe. Ich ſelbſt blieb kalt. Da traf ich St. Orme. Du weißt, wie ſein Ruf, ſeine Talente, ſeine Pereichtet mich bezauberten. Zum erſtenmale lernte ich Liebe und ſeine Huldigungen ſchmeichelten mei⸗ * ne G nir ler üb kei mi he die rü flu egt wu rei Ler der Es W me Er ich näl nen wa zwe güt mit Leb auf übe zuzt felt den mäl und run en ab, eine itle nn, iner nte. die nur or⸗ tten Lei⸗ Das ern a⸗ ecke keit keit Lob, die thie ge⸗ ge⸗ ung keit en, nur ege, en. aar nei⸗ St. eine nte nei⸗ 253 ner Eigenliebe. Seine Grundſätze halfen das wenige Gute vollends zerſtören, das ich noch hatte. Er impo⸗ nirte mir durch eine gewiſſe Kraft im Denken und Wol⸗ len und hatte eine Zeit lang eine wunderbare Gewalt über mich. Aber ſie war dämoniſcher Natur: ſie hatte keine feſte Wurzel in meinem Herzen geſchlagen. Als ich mich von ihm vergeſſen ſah, halfen mir Stolz und Klug⸗ heit ihn ebenfalls vergeſſen. Neue Eindrücke vollendeten dies. Selma, mit der ich um dieſe Zeit in nähere Be⸗ rührung kam, übte einen belebenden und wohlthätigen Ein⸗ fluß auf mich. Ich ſchloß mich an ſie an, ſo weit mein egviſtiſches Herz es zugab und manche beſſere Gefühle wurden durch ihre warme Freundſchaft, ihre ſchöne und reine Seele in mir geweckt. „Mein Vater ſtarb und hatte in ſeinem Teſtamente Lennartſon zu meinem Vormunde ernannt, vielleicht mit dem Gedanken, daß er mir bald noch mehr werden ſolle. Es war dies einer meiner Eitelkeit und Ehrſucht auf jede Weiſe ſchmeichelnde Parthie, und es hätte der Winke meiner Mutter nicht bedurft, mich zu vermögen, ſeine Eroberung zu machen. Ich hielt dieſe für leicht; aber ich hatte mich betrogen; und während ich Lennartſon näher zu kommen ſuchte, ſah ich in ſeiner Seele, in ſei⸗ nem Streben und Wirken eine Größe, vor der Alles, was ich früher geliebt und erſtrebt hatte, ärmlich und zwerghaft erſchien. Dabei war er ſo liebenswürdig, ſo gütig, ſelbſt wenn er mich tadelte, daß bald mein Herz mit in's Spiel gezogen wurde und er der Zweck meines Lebens ward. Ich bemerkte nur zu gut, daß ich Eindruck auf ihn gemacht hatte. Und obgleich er mir gegen⸗ über ſeine ganze Selbſtſtändigkeit bewahrte und es nicht zuzugeben ſchien, daß er von mir bezaubert ſey, ſo zwei⸗ felte ich doch nicht, daß es mir unter einer der verſchie⸗ denen Geſtalten, die anzunehmen ich gleich einem Cha⸗ mäleon gewöhnt war, um verſchiedenartigen Gemüthern und Naturen zu gefallen, gelingen werde, meine Erobe⸗ rung vollſtändig zu machen. 254 „Aber die Geſtalten, die ich annahm, waren ohne Seele. Und wie der reine Strahl der Sonne die Irrlichter der Nacht verſcheucht, ſo drang Lennartſon's Blick in jene Scheingeſtalten und deckte ihre Nichtigkeit auf. Dieſer Charakter ward meiner Eigenliebe zu mäch⸗ tig, er überwältigte und zerſchmetterte ſie, und gefährdete die Ruhe meiner Seele. Und nie hatte ich ſeine Macht und mein Elend tiefer gefühlt, als in dem Augenblicke, wo ich erkannte, daß er mich durchſchaute und— mich verachtete. Verachtet zu ſeyn von dem Manne, den man liebt und zu fühlen, daß man es mit Recht wird— es iſt eine unausſprechliche Pein!“ Plötzlich ſprang Flora auf, und öffnete haſtig das Fenſter nach dem Strome zu, ſtrich die Locken zurück und ſchien begierig die kühle, friſche Nachtluft zu ath⸗ men. Und der Anblick, der vor ihren Blicken ausgebreitet lag, war wohl geeignet, ihr aufgeregtes Gemüth zu be⸗ ruhigen und zu erheben. Klar und ſtille lag die Mai⸗ nacht über der Stadt. In ſtiller Majeſtät erhob ſich das dunkle Schloßgebäude mit ſeinen funkelnden Lichtern in den dunkelblauen Himmel; unten vor ihm lag im dun⸗ keln Schatten der heilige Geiſtholm mit ſeinen eigenthüm⸗ lichen, blutigen Erinerungen, und ſilbern glänzte das Waſſer des Mälar mit ſeinem Ufer und breikete fernhin ſeinen ruhigen Spiegel aus, über dem leichte Nebel gau⸗ kelten. Schläfrig hingen die Wimpel an den Maſten der im Hafen liegenden Fahrzeuge herab. Alles ſchien zu ruhen und der Friede der Nacht erinnerte an die Ver⸗ gänglichkeit der Kämpfe des Tages. Ruhiger fuhr Flora nach einer Weile fort: „Ich erinnere mich an Etwas, wie wenn es eben heute geſchehen wäre. Aus alter Gewohnheit, vielleicht auch in dem Wunſche, in Lennartſon einige Eiferſucht zu wecken, hatte ich mit einem Manne kokettirt, der Neigung zu mir fühlte, der mir aber ganz gleichgültig war. Ich verleitete ihn zu Thorheiten und machte ihn hinterher in Lennartſon's Gegenwart lächerlich. Da verließ Lennartſon die er un lic mi ſo Ne fol un ha tet Er get er wo kon wä mir wie ſein erre zu ſchy mat einf leic lebe die beſſ der fühl die ſich ohne die ſon's igkeit näch⸗ rdete Kacht licke, mich man — es das urück ath⸗ reitet be⸗ Mai⸗ ſich ern dun⸗ üm⸗ das nhin gau⸗ aſten chien Ver⸗ eben eicht t zu un Ich r in tſon die Achtung, die er bisher gegen mich beobachtet hatte, er ſprach ſcharf mit mir, entſchleierte mich vor mir ſelbſt und zeigte mir, auf welchem gefährlichen und verwerf⸗ lichen Wege ich mich befände. So ernſte Worte hatte mir noch Niemand geſagt, noch nie war Jemand mir ſo ſchonungslos begegnet. Mein erſtes Gefühl war eine Neigung von Stolz und Zorn: auf immer wies ich den Kühnen ab. Aber ein zweites, gar verſchiedenes Gefühl folgte: ich ſchrieb ihm, öffnete ihm mein ganzes Herz und ließ ihn die Gefühle ſehen, die er mir eingeflößt hatte. Ich war ſo ſehr gewöhnt, zu ſiegen, und erwar⸗ tete, gleich nachher Lennartſon zu meinen Füßen zu ſehen. Er kam— aber als Bruder, mild und ernſt. Nur eine gewiſſe Verlegenheit in ſeinem Weſen bewies mir, daß er mich wohl verſtand, aber mich nicht verſtehen— wollte. Ach! ich war nicht das Weib, das er lieben konnte, nicht dasjenige, das er ſich als Lebensgefährtin wählen wollte!“ „Als ich das ſah, egte ſich mein Stolz, und gebot mir, meine Liebe zu beſiegen. Dieſe aber gebot mir wiederum, meine böſen Neigungen zu überwinden, um ſeiner würdig zu werden. Die Güte und das Intereſſe, das er mir bewies, das Vergnügen, das er an meinen Talenten fand, feſſelten mich immer inniger an ihn und erregten den Wunſch in mir, ein Ideal ſchöner Weiblichkeit zu werden, das der Seele Lennartſon's beſtändig vorzu⸗ ſchweben ſchien. Aber ach! Nichts iſt ſchwerer, als, wenn man künſtlich erzogen und verkünſtelt iſt, ein wahres und einfaches Weſen zu werden. Der verwickeltſte Knäuel iſt leichter zu entwirren, als eine in Zwieſpalt mit ſich ſelbſt lebende Seele. Und die allein können dies begreifen⸗ die gleich mir ſich bemühten, ſich zu erheben und einen beſſeren Standpunkt zu gewinnen, dabei aber immer wie⸗ der wie von einem böſen Dämon ſich zurückgeworfen fühlen in die Tiefe, aus der ſie herauskommen wollten, die die Pein erfahren haben, die man fühlt, wenn man ſich beſtändig unter ſich ſelbſt ſieht.“ 256 „Um dieſe Zeit verfiel meine Mutter in eine ſchmerz⸗ hafte Krankheit, die in Tod ausging., Ich pflegte ſie zärtlich, und was alle meine Künſte, alle meine Gaben nicht hatten bewirken können, das bewirkte dieſe ſo na⸗ türliche Sache. Als Lennartſon ſah, wie ich meine Pflichten als Tochter erfüllte, wurde er zu mir hinge⸗ zogen; ich gewann ſeine Achtung wieder und ſein Herz ſchien dem Gefühle des meinigen entgegen zu kommen. Am Todtenbette meiner Mutter drückte er die Waiſe an ſeine Bruſt, legte ſeine Hand in die meinige und wir legten ein feierliches Gelübde ab.“ „Was nun folgt, weißt Du. Lennartſon wurde zu ſeinem Vater gerufen und reiste mit ihm in's Ausland. Ein Teſtament machte mich reich und St. Orme kam wieder und ließ mich die Schlinge fühlen, in der ich mich ſelbſt gefangen hatte. Ich liebte jetzt Lennartſon und in mir würde ein neues Leben erwacht ſeyn. Aber er war weg, als St. Orme zurückkam. Und dieſer er⸗ hielt wieder einen Theil ſeiner frühern Gewalt, ſeines ſchädlichen Einfluſſes auf mich. Sein verwegner Wille und ſeine Kraft imponirten mir wieder und er ſchmeichelte meiner noch nicht erloſchnen Neigung für das Vergnügen und die Siege der Eitelkeit. Als Lennartſon zurückkam, nahm er den Secepter wieder und der Stern St. Orme's erblaßte. Aber es ſtand nicht mehr in meiner Macht, mich von ihm loszureißen; ich war in ſeiner Gewalt und Bitten und Drohungen waren gleich ohnmächtig. Da entſtand Haß und Fluch in meinem Herzen gegen ihn, und um ſo ſtärker, je mehr ich mich überzeugte, daß er nicht mich, ſondern mein Vermögen gewinnen wolle. Doch Du weißt das Alles; Du kennſt meine Kämpfe, weißt wie der Sieg in dem Augenblicke gewonnen wurde, wo Alles verloren ſchien, und ich will das nicht wieder⸗ holen. Aber weißt Du auch, Sophie, bis zu welchem Grade der Sieg in dieſem Augenblicke mein iſt?“ „Was willſt Du damit ſagen?“ „Ich will ſagen, daß in dieſem Augenblicke Nichts mick mir was um bis Glü Ein Krar Pha ihres Gefü ſah, die a dara bekär ſon d wied verlo ich 1. glück Ich würd mein daß i nichtt bar und er m himm mehr — ol keiner nerz⸗ e ſie aben na⸗ reine inge⸗ Herz men. e an wir e zu and. kam ich tſon Aber er⸗ ines ille melte igen am, ne's icht, valt tig. gen daß lle. pfe, rde, der⸗ em chts 257 mich hindert, Lennartſons Gattin zu werden. Er hat mir ſeine Hand gereicht, edelmüthig ſdas überwindend, was uns trennen ſollte; er weiß Alles, und verzeiht Alles um meiner Liebe willen. Der Becher der Seligkeit iſt bis an den Rand gefüllt und wird von der Hand des Glückes, der Gnade überreicht. Jetzt fehlt nur noch Eins————“ „Und dieſes wäre?“ „Ihn abzulehnen, ihm zu entſagen!“ „Wie?“ „Ach! in dem Augenblicke, wo ich Selma auf dem Krankenlager, das ſie meinetwillen hüten mußte, in der Phantaſie des Fiebers das lange verborgne Geheimniß ihres Herzens ausſprechen hörte, als ich Lennartſons Gefühl für ſie, als ich ihre Blicke in einanderſchmelzen ſah, da ging der Gedanke in mir auf, mich zu opfern, die allein Unglückliche zu ſeyn. Aber ich war zu wenig daran gewöhnt, edle Gedanken zu hegen. Auch dieſen bekämpfte ich und ſuchte mich zu überreden, daß Lennart⸗ ſon doch eigentlich mich liebe und daß ich bald die Liebe wieder gewinnen werde, die ich durch mein Benehmen verloren hatte. Ich wollte mich edel, aufrichtig zeigen; ich legte in Lennartſons Hände die Briefe, die mich un⸗ glücklich gemacht hatten, und bat ihn, mich zu richten. Ich war im Voraus gewiß, daß er ſie nicht annehmen würde.“ Ich täuſchte mich nicht. Erſchob ſie weg. Aber er nahm meine Hand und hieß mich ſchwören, feierlich ſchwören, daß in den Briefen oder in meinem frühern Verhältniſſe nichts wäre, das mich verhindere, die Fraueines ehr⸗ baren Mannes zu werden. So lauteten ſeine Worte und ich ſchwor. Gottlob! Ich konnte das. Darauf zog er mich zu ſich und ſprach Worte himmliſcher Güte und himmliſchen Edelmuths, geſtand aber, daß ſein Herz nicht mehr mein wäre, wie früher; er geſtand eine andre Liebe — oh! ich wußte wohl, für wen er ſie fühlte, obgleich er keinen Namen nannte. Er fragte mich, ob ich Geduld „ 258 mit ihm haben, und in dem Beſtreben ihm helfen wolle, dieſe Neigung zu überwinden, um ſeine Verpflichtungen gegen mich zu erfüllen. Deshalb wolle er auf einige Zeit freiwillig in die Verbannung gehen, bis er wieder frei ſich fühle und ein Herz mir bieten könne, das mehr als jetzt meiner werth und im Stande wäre, mich ſo glücklich zu machen, als es ſein Wille und Vorſatz ſey. „Wir haben Beide,“ ſchloß er,„uns auf unſerm Wege verirrt; aber der rechte ſteht uns noch offen. Laſſ' uns dieſen einſchlagen. Ich will Schweden in kurzer Zeit verlaſſen. Du ſollſt während meiner Abweſenheit mir ſchreiben und ich will Dir antworten. So werden wir uns immer klarer, und kommen einander näher. Wir trennen uns jetzt blos, um nach einiger Zeit um ſo in⸗ niger vereinigt zu werden. Wir werden, meine Flora, nicht in Falſchheit, ſondern in Wahrheit vereinigt werden. Darum habe ich Dir auch jetzt meine Seele offen dargelegt, wie ſie immer vor Dir daliegen ſoll, die ich meine Gattin zu nennen hoffe. Ich ſehe, daß ich Dich betrübt habe. Verzeihe mir das. Bleibe mir gut und vertraue auf mich. Ich werde Dich nicht hinter⸗ gehen!“ „So ſprach Lennartſon und drückte mich an ſein Herz. Und in dieſem Momente fühlte ich mein Herz ver⸗ wandelt. Oh! der Hochfinn und die Güte dieſes Mannes beſiegte alles Niedrige und Kleinliche in mir, erhob mich und zeigte mir meinen Weg. Ich bat Lennartſon um einige Tage Bedenkzeit und reiste nach Swartſſö, nicht um dem Flöten der Nachtigallen, ſondern der innern Stimme zu lauſchen, um mich zu ſammeln, zu beten!“ „Ach, Sophie! In dieſen Tagen und Rächten habe ich zum erſten Mal aus Herzensgrund gebetet und mich erhört gefühlt. Ich habe die Wahrheit des Ausſpruchs er⸗ fahren:„daß Gottes Kraft in den Schwachen mächtig iſt.“ In dieſen Tagen habe ich meinen Willen umge⸗ wandelt, meine guten Vorſätze geſtärkt, mein Gemüth neu geſeh Schle Wan mögli trium beſchä Plan freien vom frager mord Engel meine — eit ſie ſe das L trager dienſt „bekla Etwas wert heit: empfu derer Achtut wußtſe mir, e lehen. ich üb in eir entbeh durch wolle, ungen einige wieder mehr ich ſo t mir n wir Wir ſo in⸗ Flora, einigt Seele ll, die ß ich rgut inter⸗ ſein er⸗ annes mich um nicht inern en!“ habe mich s er⸗ ichtig mge⸗ müth 259 neu gefühlt und das Leben und die Welt hellet vor wir geſehen.“ „Ich bin nach Stockholm zurückgekehrt, um auf dem Schloßballe zu erſcheinen. Ich ſchminkte meine bleichen Wangen, ich machte mich ſo ſchön und glänzend, als möglich. Noch einmal ſollte mein Stolz über die Welt triumphiren, die, ich wußte es, ſchadenfroh mit mir ſich beſchäftigen würde. Dann wollte ich einen wichtigeren Plan ausführen, den Plau, zwei edle Menſchen zu be⸗ freien und mit einander zu vereinigen und ſelbſt— vom Schauplatz abtreten. Sieh' mich nicht ſo düſter fragend an. Sophie: Sey ruhig. Gedanken an Selbſt⸗ mord keimen nicht mehr in meiner Seele. Meine guten Engel, Selma und Lennartſon, haben die Nacht aus meinem Innern verſcheucht und den Tag aufgehen machen; — einige Strahlen deſſelben müſſen ihnen danken, müſſen ſie ſegnen. Sey unbeſorgt um mich! Das Leben und das Leiden, das meiner wartet,— ich werde es geduldig tragen.“ „Oh, Flora!“ rief ich gerührt ans,„wie ſehr ver⸗ dienſt Du ein beſſeres Lvos!“ „Beklage mich nicht!“ rief Flora froh und lebhaft, „beklage mich nicht, Sophie! Ich habe viel gewonnen; Etwas, was ich bisher nicht beſaß: wahren Menſchen⸗ werth. Und ich fühle in dieſem Augenblicke eine Sicher⸗ heit und Ruhe in meiner Seele, wie ich ſie noch nie empfunden habe. Ich fühle, daß ich in den Augen Aller derer geſtiegen bin und ſteigen werde, deren Beifall und Achtung Werth für mich hat. Oh! gönne mir dieſes Be⸗ wußtſeyn, ſo prahleriſch es auch ſcheinen mag, gönne es mir, es hilft mir eine ſchwere, eine bittere Stunde über⸗ lehen.“————— „Nein! Nicht um mich klage ich. Ich fühle, daß ich überwunden habe. Aber die Vielen beklage ich, die in einer der meinigen ähnlichen Lage ſolcher Gefühle entbehren und für immer verloren gehen, diejenigen, die durch eine falſche Bildung, eine verkehrte Erziehung von 260 Kindheit auf zerſplittert wurden und ſich nicht mehr zu etwas Ganzem ſammeln können!“ „Ach! Auch ich bin in der Wurzel zerſplittert und etwas Ganzes werde ich wohl nimmer werden. Wie ein Traum aus einem beſſern Leben werde ich durch's Leben gehen, vielleicht blos, um vor etwas Gegenwärti⸗ gem zu warnen, um auf ein beſſ'res Künftiges aufmerk⸗ ſam zu machen!“ „Sieh' es tagt. Siehe, wie die Welt helle wird! Oh, gewiß wird die Dämmerung der Menſchheit auch mehr und mehr ſich erhellen! Gewiß wird die Vorſtellung von dem großen Zwecke des Lebens, vom wahren Werthe des Men⸗ ſchen immer lebendiger im Menſchenherzen werden! Ge⸗ wiß wird das Weib nach ſeiner menſchlichen Würde immer mehr geachtet und die Wahrheit ſeines Weſens erkannt wer⸗ den. Und dann, wenn es ſo erkannt iſt, wenn es ſeinen wahren Standpunkt in der bürgerlichen Geſellſchaft als Menſch und Mitbürgerin gewonnen hat, dann wird es auf's Neue eine Mutter Gottes werden für die Erde und aus ſeinem Schooße wird eine neue und veredelte Menſch⸗ heit hervorgehen.“ Das Feuer der Begeiſterung glänzte in ihren Augen, brannte auf ihren Wangen, blitzte aus ihrem beredten Munde: ſie war unbeſchreiblich ſchön. Auch die uns um⸗ gebende Seene war ſchön. Die Sonne ging eben auf und warf ihre erſten Strahlen auf die höchſten Punkte. Die Spitzen der Kirchthürme flammten, die Berge rötheten ſich, die Fenſter des Schloſſes glühten. Ein ſanftes Säuſeln voll Frühlingsleben wehte durch die Bäume auf dem Felde und bewegte die Pappeln am Strome; die Wimpel der Schiffe flatterten luftig im Morgenwinde und geſchwellt vom ſteigenden Waſſer des Mälar brausten die ſchäumen⸗ den Wogen des Stroms prächtiger als je durch die Bögen der Norrbrücke und jubelnde Lerchen ſtiegen darüber em⸗ por und ſchweeweiſe Meerſchwalben tauchten hinein. Schweigend betrachteten wir, Flora und ich, das ſtei⸗ gende Licht und Leben. Endlich richteten ſich ihre Augen nach de ſich erh ſenden! und me Flora. und ich Es iſt ſeyn; fremder Er hat wohl v Vielleic Freude als wü nen Zu 8 „ Felir u Sehkra und hö Geſellſe fängt, unbefar Standy Interef Seele ben an meinem Lebt w Sonne Gnade „„ einen o werden 261 hr zu nach dem Hafen, wo ein ſchwarzer, ſchmaler Rauchwirbel ſich erhob, gerade als wollte er einem aus Stockholm Rei⸗ und ſenden den Weg zeigen. Wie„Ha!“ rief Flora,„Gauthiad gibt ſchon das Zeichen ch's und mahnt mich zur Eile.“ ärti⸗„Du willſt das Land verlaſſen?“ fragte ich erſtaunt. merk⸗„Mit Felir, mit meinem armen Bruder!“ entgegnete Flora.„Die Bäder in Ems ſind ihm verordnet worden, Oh, und ich begleite ihn, ſowohl ſeiner, als meiner ſelbſt wegen. r und Es iſt mir Bedürfniß, für den ei blick von hier fort zu dem ſeyn; ich bin bloß ein Hinderniß und ſeh hne mich, die Luft Men⸗ fremder Länder zu athmen. Felir iſt meine nächſte S Sorge. Ge⸗ Er hat bisher in mir nicht die Schweſter geſurn wie er mmer wohl verdient hätte. Aber von jetzt an ſoll er ſie finden. wer⸗ Vielleicht kehren einmal die Geſcſ ter, die an Glück und ſeinen Freude Schiffbruch gelitten haben, mit geheiltem Herzen und t als als würdigere Kinder ins Vaterland zurück! ird es„Und was willſt Du? wie ſteht es mit Deiner eige⸗ e und nen Zukunft?“ enſch⸗„Vor Allem einige Jahre im Auslande zubringen. Felir und ich, wir wollen reiſen. Ich will mit geſchärfter lugen, Sehkraft die Welt betrachten, will das Weib in dem neuen redten und höhern Verhältniſſe zum Leben und zur bürgerlichen sum⸗ Geſellſchaft, wie es die gegenwärtige Zeit zu bilden an⸗ f und füngt, betrachten; ich will mit eigenen Augen ſehen und Die unbefangen urtheilen, und dann einen ſelbſtſtändigen n ſich, Standpunkt im Reiche des Schönen oder Guten, ein neues uſeln Intereſſe, ein edleres Ziel für meine unii ſtrebende Felde Seele ſuchen. O Sophie! Ich werde auf's Neue zu le⸗ der ben anfangen. Ja, ich fühle es, es iſt ein Wendepunkt in hwellt„meinem Leben eingetreten. Lebe wohl, ſeitheriges Leben. imen⸗ Lebt wohl, ihr Täuſchungen! Auf nun, nach einer neuen Bögen Sonne, einer neuen Erde, einem neuen Leben! Gottes rem⸗ Gnade über meine lieben Freunde!“ „Siehe hier, Sophie! einen Brief an Selma und da s ſtei⸗ einen an Lennartſon. Sie werden ihnen Alles ſagen. Sie lugen werden ihnen auch ſagen, daß der Entſchluß, den ich ge⸗ * 262 faßt habe, der einzige Weg iſt, der mir zum Frieden, zum Glücke übrig bleibt. Niemand, der mich lieb hat, wird mich davon abzubringen verſuchen. Gerne möcht' ich meine Selma noch einmal wiederſehen, gerne noch einmal in das reine Antlitz, in die ſchönen, hellen Augen ſchauen, aber ich muß ihr den e des Abſchieds erſparen—— —— ſie hat ſchon genug um meinetwillen gelitten! Doch dieſen Kranz hier(und ſie löste den Kranz weißer Roſen aus ihren Locken), den ſollſt Du, Sophie! auf iht Bett, ihr zu Füßen legen und ſie bitten, ihn als Andenken an ihre Flora zu behalten und zu tragen. Ich weiß, daß ich ei⸗ nes ſo reinen Andenkens nicht werth bin; aber ich weiß auch, daß ihre Seele kein anderes von mir bewahren kann, ehne zu leiden.“ „In Selma's Briefe habe ich auch zu ihrer Mutter geſprochen. Grüße auch Du ſie. Grüße Alle, von denen Du glaubſt, daß ſie meiner freundlich gedenken, und ſage ihnen, daß ich blos darum ſo insgeheim abreiſe, um ihnen den Abſchied und ſeine Schmerzen zu erſparen. Und jetzt muß ich eilen. Felir erwartet mich; meine Sachen und mein Mädchen ſind bereits am Bord; ich will mich ſchnell umkleiden und dann— Sophie! willſt Du mich zum Hafen begleiten?“ „Bis an's Ende der Welt, wenn Du es wiliſt!“ ſagte ich. „Dank! Du haſſeſt mich alſo nicht mehr?“ „Dich haſſen? Ich liebe, ich bewundre——“ „Still! ſtill! verdirb meine Tugend nicht!“ Mit dieſen Worten war ſie verſchwunden. Bald war ſie reiſefertig und ich bereit, ſie zu begleiten. Es war ein ſchöner friſcher Morgen, voll Leben und Frühling. Unter ernſtem, aber frohmüthigem Geſpräche gelang⸗ ten wir zum Hafen. Unſer Abſchied war voll einigender Herzlichkeit. Flora blieb ſtark und ſtandhaft, und erſt, als ich ihr weißes Taſchentuch nicht mehr aus der Ferne win⸗ ken ſah, verließ ich den Strand. Mein Herz war beklom⸗ men. Als ich mich aber wieder unſerer Wohnung nä⸗ herte 1 getrage da ſchi Seele: und S Jubelg V Selma Karin. duld d gels m thun h O ſchön, thräner Sterber lichen Elender bedeckſt herrlich in den ſen wö uns zt ſcheinen A zückend, auch di Regen des Lel Heimatl zum wird neine das aber Doch koſen „ ihr ihre h ei⸗ weiß kann, utter denen ſage ihnen jetzt und hnell zum liſt!“ war rein lang⸗ ender „als win⸗ klom⸗ nä⸗ 263 herte und daran dachte, welche Veränderung hier ſich zu⸗ getragen und welche Neuigkeiten ich meinen Lieben brachte, da ſchien es mir, als wüchſen mir Flügel an Leib und Seele: Wind und Wellen und Menſchen und Kirchthürme und Straßenſteine und Himmel und Erde ſchienen in den Jubelgeſang meines Herzens einzuſtimmen: „Und es hat geſiegt, das Gute!“ Wie will ich meine Stiefmutter überraſchen! Sie und Selma ſchlafen noch; ſie find ſpät erſt eingeſchlafen, ſagt Karin. Ungeduldig weile ich und vertreibe meine Unge⸗ duld durch Schreiben. Nicht mit dem Looſe eines Erzen⸗ gels möchte ich jetzt tauſchen, wenn er etwas Anderes zu thun hat, als ein Evangelium zu verkündigen. ———. Den 10. Mai. O Freude! Du ſchöner, himmliſcher Seraph! Wie ſchön, wie anbetungswerth biſt du da, wo du in einem thränenfenchten Auge aufgehſt und aus dem Blicke eines Sterbenden ſtrahlſt! Wie gut biſt du, wenn du dem Glück⸗ lichen und Edlen den Becher des Lebens füllſt und den Elenden, den Unglücklichen mit freudigen Erinnerungen bedeckſt und ſeine Schläfe mit Roſen bekränzeſt! Wie herrlich erſcheinſt du mir, wenn ich deinen leiſen Gang in den Seelen der Menſchen ſchaue! Oh, daß du ein We⸗ ſen wäreſt, das Gebete, das das Opfer des Herzbluts uns zuführt! Du müßteſt öfter auf der Erde er⸗ ſcheinen. Aber vielleicht kämeſt du minder ſchön, minder ent⸗ zückend, wenn nicht die Trauer vor dir einhergings, ſo wie auch die Sonne nie ſchöner über die Erde blickt, als nach Regen und Sturm. Sind ſo nicht Schmerz und Freude des Lebens ein Flügelpaar, womit der Menſch ſich zur Heimath der Vollendung erhebt? 264 „Den leiſen Gang in der Seele der Menſchen!“ Oh! ich habe ihn in dieſen Tagen bei mir, bei den Meinigen belauſcht, obgleich wir noch nicht wagen, laut davon zu ſprechen. Ehrfurcht vor Flora's Andenken und Entſagung macht dies. Aber die Glorie, die ihre That über ſie ſelbſt ausſtrahlt, durchbricht mehr und mehr alle dunkeln Schatten. Lennartſon und Selma haben ſich wie zwei Weſen aneinander geſchloſſen, die nach langem Suchen ſich end⸗ lich gefunden haben, wie zwei Seelen, die in dem Gedan⸗ ken des Schöpfers urſprünglich Eins waren. Ihre Seligkeit iſt durch zu viel Leiden hindurch ge⸗ gangen, um der Freude ſchon das Feld frei zu laſſen; aber hinter der Wolke einer ſtillen Wehmuth, die ſie noch umhüllt, lacht bereits der Liebesgott und ſchlägt die Flü⸗ gel zuſammen. Oh! die Sylphide wird noch tanzen, wird noch auf Roſen tanzen im Leben! Flora's Brief an Lennartſon iſt ſo geſchrieben, daß dieſer die ihm gebotene Freiheit annehmen muß. Sie zeigt ſich beſtimmt und klar und bittet ihn, ihr das Bewußt⸗ ſeyn zu gönnen, das ſie beſeele, indem ſie zwei Liebende vereinige und glücklich mache und daß ſie dadurch deren Achtung und die vor ſich ſelbſt wieder gewonnen habe. „Reue und Selbſtrerachtung,“ ſchreibt ſie,„würden hinfort mich an Deiner Seite verfolgen, Lennartſon! Und Du würdeſt mich nicht achten können, weil Du mich nicht lie⸗ ben könnteſt. Aber getrennt von Dir— werde ich Dir näher kommen. Oh Thorſten! ich fühle es, mit Selma vereint, wirſt Du in Freundlichkeit an mich denken— werde ich Dir wieder theuer werden. Ach! vielleicht iſt es mehr Cgoismus, als reine Liebe, was mich in dieſem Augenblicke leitet. Wenn es ſo iſt— oh, ſo verzeihe mir!“ Lennartſon's Brief an Flora wird einen nie verlö⸗ ſchenden Strahl der Freude in ihre Seele werfen. Und Flora hat Recht. Sie ſind ſich nun näher, als wenn ſie Mann und Frau geworden wären. Meine Stiefmutter iſt glücklich und fröhlich und rührt mich zugleich. Sie iſt ſtille und ruhig. Oft legt letztert gerne len He dagege Gemũ Heiratl Mühe nicht d S kinger Doch 1 will i 8 eigni Frieder Oh! tigen rehr licke rlö⸗ Und ſie und legt 265 ſie die Hände zuſammen und verſucht zu ſeufzen, aber der Seufzer wird zum Lächeln und heitre Gedanken brechen ſich in ihrem Herzen mitten durch den ſtillen Ernſt Bahn, den ſie ſchicklicherweiſe annimmt. Sie redet bereits von der„wunderbaren Regierung der V orſehung und der Pflicht der Menſchen, ſich darein zu ergeben.“ Wann wird ſie wieder Muth faſſen, wieder den Fürſten Metter⸗ nich zu ſpielen? Und ich, denn ich muß auch dabei ſeyn———— ich nehme Antheil, freue mich, hoffe und bin dankbar— —— aber innerlich bin ich nicht freudig, nicht ruhig. Ich bin in Sorgen wegen Wilhelm Brenner und unzufrie⸗ den mit mir. Es gibt Menſchen, die aus edlen und achtungswer⸗ then Gründen unverheirathet bleiben: andre aber thun dies aus— egviftiſchen. Ich fühle, daß ich zu den letztern gehöre und fühle es mit Beſchämung. Man möchte gerne geliebt ſeyn, möchte gerne an der Flamme eines ed⸗ len Herzens ſich wärmen, ja auch wieder etwas Wärme dagegen geben, ſo viel wenigſtens, daß unſte Ruhe, unſer Gemüthszuſtand nicht geſtört wird. Aber um ſich zu einer Heirath zu entſchließen, wenn damit einige Sorge, einige Mühe für die Zukunft in Ausſicht ſteht, dazu hat man nicht den Muth, nicht die Tugend! Indeſſen ſollte es mich wundern, wenn ich den Vi⸗ kinger vor ſeiner Abreiſe nicht mehr zu ſehen bekäme. Doch nein! Wozu mich verwundern. Will er nicht, ſo will ich, und zce dque femme veut, Dieu le veut!““ Den 13. Mai. Ein höchſt merkwürdiges Kabinets⸗Er⸗ eigniß zwiſchen meiner Stiefmutter und mir. Während wir Nachmittags zuſammen den Staat re⸗ Friederike Bremer, Tagebuch. 18 266 gierten, ſiel uns die volltommne Uebereinſtimmung in un⸗ ſern Maßregeln und Anſichten auf. Uns Glück hierzu wünſchend forſchten wir nach der Urſache dieſer Ueberein⸗ ſtimmung und da zeigte es ſich, daß meine Stiefmutter, weil ſie immer blos rohaliſtiſche Zeitungen geleſen hatte, dazu gekommen war, in Etwas auf Seite der Oppoſition zu treten und daß wiederum ich, die ich blos Oppoſitions⸗ blättter las, allmälig der Regierung etwas geneigter ge⸗ worden war. Sehr erfreut durch dieſe Entdeckung und uns zu unſerer Selbſtſtändigkeit Glück wünſchend beſchloſ⸗ ſen wir, um künftighin gehörige„Balanre“ zu halten, uns die Blätter beider Parthieen zu halten. Zum Be⸗ ſchluſſe unſerer politiſchen Diſeuſſion ſpielten wir„Patience.“ Den 14. Mai. Es müſſen Gerüchte von der Veränderung der Lage und der Ausſichten des Hauſes in die Welt gedrungen ſeyn, denn unſere„ſpasmodiſchen Bekannten“, die während der finſtern Periode durchaus Nichts von ſich hatten ſehen laſſen, zeigen ſich nun wieder, wie die Mücken im Sonnen⸗ ſcheine. Gyllenlöf's und Silfverling's überſchwemmten uns heute mit freundſchaftlichen Komplimenten. Als Lennart⸗ ſon kam, kannte die Freundſchaft gar keine Herzen mehr: man entwarf die kühnſten Pläne zu Herſtellung der in⸗ nigſten Freundſchaft für die Zukunft. Meine Stiefmutter war artig und ließ fünfe gerade ſeyn. Aber Selma nahm ihre Prinzeſſin⸗Miene an und antwortete auf Adele Gyl⸗ lenlöf's Verſicherungen ewiger Freundſchaft und Silfver⸗ ling's Anerbieten ziemlich kalt. Die nicht„ſpasmodiſche“, ſondern trotz allen Verän⸗ derungen gegen uns gleich freundliche und gütige Signora Luna durfte geſtern in das neue, glückliche Verhältniß des Hauſes blicken und ihre ſchönen Augen ſtrahlten vor Frende übe ſon unt 2 3 eine nen bar unt mu iſt. reck ſie and 6 W hal zent mal nete nur ſind Vie ſinn und meh glei löhn Unti der un⸗ ierzu rein⸗ utter, atte, ſition ions⸗ r ge⸗ und hloſ⸗ Uten, Be⸗ nce.“ Lage ngen ren ſehen men⸗ uns nart⸗ tehr: in⸗ utter ahm Gyl⸗ fver⸗ rän⸗ nora des ende 267 über Flora's Benehmen und über Selma's und Lennart⸗ ſon's Glück. Sie war in großer Hoftracht und ſo ſchön und glänzend, daß ich nicht unterlaſſen konnte, zu ſagen: „Signora Luna iſt ja in ihrem vollen Glanze und muß eine ſtrahlende Bahn betreten wollen.“ Sie warf mir ei⸗ nen jener Blicke zu, die die Tiefe eines ſtillen Leidens offen⸗ baren und ſagte:„Ach! nicht Alles iſt Gold, was glänzt und die ſtrahlende Bahn———— Baron Alerander näherte ſich ihr und ſagte:„Ich muß Dich erinnern, liebe Freundin, daß es faſt neun Uhr iſt. Es iſt Zeit, bei Hofe zu erſcheinen. Es wird heute recht brillant werden.“ „Und ich,“ ſprach ſeine Frau leiſe zu mir, während ſie aufſtand,„ich werde in dieſer Nacht, wie in ſo mancher andern Nacht mit Tegner ſeufzen: „Sage mir Wächter, ob noch kein Ende die Nacht hat? Will denn ſie allein, gar nicht gewinnen ein End'?“ „Aber, wie?“ ſagte ich,„iſt es denn nicht unter⸗ haltend, zuweilen in der Nähe des Schönen und Glän⸗ zenden zu ſeyn und das Lehen im Paradekleide zu ſehen?“ „Das wäre es allerdings,“ ſagte Signora Luna,„zu⸗ mal da man mit manchen angenehmen und ausgezeich⸗ neten Perſonen in Berührung kommt———, wenn nur das Herz leicht wäre! Aber———— wie Wenige ſind, die mit leichtem Herzen durch's Leben gehen? Vielleicht iſt es ſo eben gut; man könnte ſonſt zu leicht⸗ ſinnig werden,“ Sie lächelte wehmüthig, winkte mir zu und verſchwand im Schatten des großen Alerander. Häusliches Glück oder Unglück! Das iſt es, was mehr als Alles Andere die Looſe der Menſchen aus⸗ gleicht, und oft die Hütte neben den Pallaſt, den Tag⸗ löhner neben den König ſtellt, und einen unermeßlichen Unterſchied im Leben und Glücke der Mächtigen macht. „Häusliche Sorgen“— ſchreibt klagend ein König, der bexeits vom irdiſchen Schauplatze abgetreten iſt— 268 „unterſcheiden ſich darin von den allgemein menſchlichen, daß ſie die Seele durch die häufigen Schmerzen, die ſie in jedem Augenblicke gebären, niederbeugen.“ „Ich bin der glücklichſte Mann!“— ſchreibt in einem vertraulichen Brieſe ein anderer König, der noch jetzt eine der edelſten Kronen Europa's trägt—„Sie werden nicht viele finden, die nach einer dreiundzwanzigjährigen Bekanntſchaft und einer neunzehnjährigen Ehe das Herz ihrer Gattin ebenſo göttlich, ihre Augen eben ſo himm⸗ liſch finden, als in den erſten Tagen der Liebe.“ Den 15. Mai. Frau und Fräulein Commerzienräthin! Das Fräu⸗ lein warf ſpähende Blicke umher, machte bedenkliche Mienen und that verſchiedene beluſtigende Fragen, als: „Nun? Wann ziehen Sie nach Tornea? Hat Fräu⸗ lein Selma nicht Luſt zu einem Buche, das den Titel führt:„Anweiſung zu einer einfachen Kochkunſt?“ Ich glaube, das könnte nöthig ſeyn. Soll ich es dem Fräu⸗ lein kaufen? Es koſtet bloß ſechszehn Schillinge Bankv.“ Nachmittags war Kaffeeraths⸗Sitzung, zwiſchen zwei glücklichen Müttern, meiner Stiefmutter und Frau Ritterſwärd. „Der erſte wolkenfreie Tag im Monat Juni ſoll über Ake Sparrſköld und Helfriede Ritterſwärd's ehliche Ver⸗ bindung ſcheinen.“ Warum ſonſt ſpreche ich von Allem dieſem, als um das, woran ich ſo eben denke, vergeſſen zu ſuchen? Der Vikinger wird am Sonntag Abend unter Se⸗ gel gehen. Sein jüngſter Knabe ſoll noch bettlägrig ſeyn. Wäre es möglich, daß Brenner mich vor ſeiner Abreiſe nicht ſehen, mir nicht Lebewohl ſagen ſollte? ———— derut wunt ber geöff ein( gen, ände fenbo Ehrf iſt o Dahi Einr wenn Aber dahir neues Ver ſchen mit! menſ Es i fältig und Stuf ein h ſeiner mit ihr kt in ſei zum hen, ſie nem jetzt rden igen derz nm⸗ räu⸗ liche als: räu⸗ itel Ich räu⸗ chen Frau über Ver⸗ um Se⸗ grig iner 7 269 Den 16. Mai. Briefe von Flora haben uns erheitert. Ihre Verän⸗ derung erweist ſich dauerhaft, ihre Stimmung zum Ver⸗ wundern feſt und heiter. Aber wie kann man ſich darü⸗ ber wundern? Hat der Himmel ſich über einem Menſchen geöffnet, oder hat ſein Gebet ihn aufgeſchloſſen, und iſt ein Steg entſtanden, auf dem Engel auf und nieder ſtei⸗ gen, ſo geht in demſelben auch eine unberechenhare Ver⸗ änderung vor ſich. Es regen ſich Kräfte, es geſchehen Of⸗ fenbarungen, vor denen ſelbſt die Weiſeſten und Beſten in Ehrfurcht ſich beugen müſſen. Die Menſchen zu erheben iſt auch der letzte Endzweck aller höheren Entwicklung. Dahin arbeitet der Staat mit ſeinen beſten Geſetzen und Einrichtungen. Im Zwieſpalte mit dieſen gelangt er nie dahin, und wenn er dieß glaubt, ſo iſt er in Selbſttäuſchung befangen. Aber geheiligt und getragen von ihnen ſchwingt er ſich dahin empor, wo ſie ſich nahen. Ein neues Leben, ein neues Verhältniß bildet ſich dann, das unmittelbare Verhältniß zu dem ewig Gütigen, der gerne den Men⸗ ſchen Gaben geben will und die Gaben des Geiſtes nicht mit der Elle mißt. Dieſes Verhältniß möchte ich, vom menſchlichen Standpunkte aus, das kindliche nennen. Es iſt das innerſte des Lebens. Es kann von dem ein⸗ fültigen Menſchen erregt werden, wenn ſein Wille gut iſt, und nicht von dem größten Philoſophen, wenn er die höchſte Stufe auf der Leiter der Logik erſtiegen hat und nicht wie ein hülfebedürftiges Kind auf die Kniee niederfallen, und ſeinen und den Vater Aller anflehen kann. Wie glücklich war heute Abend Lennartſon, als er mit ſeiner geliebten Selma und ihrer Mutter Plane für ihr künftiges Leben entwarf. Wie liebenswürdig war er in ſeiner Freude, in dem überſprudelnden Leben, dem er zum erſtenmale freien Lauf ließ, und meine Stiefmutter, 270 welchen Genuß hatte ſie! O! und ich— es war mir auch Genuß, dieſe Glücklichen zu ſehen; ich fühlte lebhaft, wie angenehm es ſeyn muß, mit ihnen zuſammen zu le⸗ ben(denn auch ich— wollen ſie— ſoll bei Lennartſon's wohnen), bei ihrer Theilnahme an Allem, was das Leben und Kunſt und Wiſſenſchaft im öffentlichen und Privat⸗ leben Intereſſantes und Erweckendes gibt, bei der Berüh⸗ rung mit ausgezeichneten Perſonen in ihren Lebenskreiſen. Oh! ich fühle wohl, wie leicht und angenehm das Leben bei dem Genuſſe deſſen, was Ehrenſwärd das feine Bedürfniß nennt, ſehn kann,———— aber was ſagſt Du ſtiller Mahner, der in meiner Bruſt ſchlägt? Und Du Weisheit, Du, die ich angerufen, die in den Wogen der ewigen Liebe getauchte, die ich angefleht habe, meine Schritte zu leiten, mein Leben zu erleuchten, was ſagſt du? Auf der einen Seite ein Leben voller Genüſſe, ge⸗ müthlich, ſonnig und angenehm durch die Geſellſchaft edler und liebenswerther Menſchen, die aber meiner gar nicht bedür⸗ fen und ohne mich ſich genug ſind. Auf der andern Seite ein ſink ndes Haus, das ich aufbauen, verwaiste Kinder, denen ich Mutter und Pflegerin werden, ein edler, guter Mann, den ich glücklich machen könnte, der mich liebt, den ich lieben könnte, ja, den ich— liebe— und ein Leben voll Arbeit und Sorge, auf welches das ewige Auge noch freundlicher herabblicken würde, als auf das andere.— Ein Leben, glanzlos auf dieſer Erde, aber erwärmt von— „Oh! kann ich noch unſchlüſſig ſeyn?“ Aber Frau Trollmann? Nun! ein Zaubergeiſt wird den andern vertreiben. Es wäre nicht das erſtemal. Aber die Welt, wie wird die ſich bekreuzen und ſa⸗ gen;„Eine thörichte Parthie! Mannstollheit! Narrheit! Nun ja: Quand méme. Slelma, Lennartſon, was die dazu ſagen werden, weiß ich. Aber meine Stiefmutter, wie würde das ſie frappiren! Es iſt heute Samſtag— nid ſich me die unt vie hel ma reis mir aft, le⸗ ns ben vat⸗ ſen. das eine agſt Und gen eine du? ge⸗ und dür⸗ eite der, uter den eben noch Ein wird ſa⸗ Neit! weiß ren! 271 Sonntags, in der Frühe. Ein Billet vom Vikinger, männlich, herzlich, aber nichts weniger, als gefühlvoll. Doch ſchreibt er, daß er ſich nicht ſtark genug fühle, verſönlichen Abſchied zu neh⸗ men, weßhalb er es auch ſchriftlich thue. Er bittet mich, die Meinigen zu grüßen, hofft, mich einſt wieder zu ſehen und unterzeichnet ſich als mein„treuer Wilhelm.“ Ein Bouquet ſchöner Blumen ſagt mir mehr, als viele Billete. Aber ich finde es von meinem„treuen Wil⸗ helm“ unverzeihlich, daß er ſeine Freundin nicht noch ein⸗ mal ſehen und hören will, ehe er bis an's Ende der Welt reist. Ich fühle, daß ſich der Zaubergeiſt in mir regt. Des Abends. Eine Spanne Zeit, eine Spanne Raum bloß trennt oft das Jetzt und den Augenblick, der wie mit einem Zau⸗ berſchlage ünſern ganzen Lebensplan, unſere ganze Zukunft verwandelt. Wir halten meiſt ſelbſt die Wünſchelruthe in der Hand, aber ob wir ſie gebrauchen, um unſer Glück oder Unglück zu ſchaffen— wir wiſſen es oft ſelbſt nicht. Ich war indeſſen ziemlich im Reinen mit mir, als ich um dieſelbe Zeit, da Lennartſon mit meiner Stiefmutter und Selma in ſeinem ſchönen Landauer nach dem Thier⸗ garten fuhr, langſam und allein einen Spaziergang nach dem Schiffsholme machte. Es war ein ſtiller, etwas trüber, ſommeriger Nachmittag. Ich betrachtete die Um⸗ gebungen, wie wenn ich Abſchied von ihnen nehmen wollte, die„Norrbrücke“ mit dem Schloſſe, den Statuen und Quaien an den Flüſſen hin: ich ſagte der feinen Welt Lebewohl. Da wo die Schiffholmsbrücke anfängt, blieb ich ſtehen. Vor mir lag auf dem blauen Waſſer der grü⸗ nende Schiffsholm mit ſeinen Alleen und Hainen, mit 272 ſeinem auf einem Felſen erbauten Tempel, der ſich in der See ſpiegelte. Dumpf brauste hinter mir die Maſſe der Fahrenden, Reiter, Fußgänger, die in feſtlichen Kleidern nach dem Thiergarten hinausſtrömten. Ich dachte an den Landauer, der die Meinigen in die fröhliche, feine Welt hinausführte, die mich gerade noch inſtändig gebeten hat⸗ ten, einen Platz darin einzunehmen. Mein Herz ſank: es war, als ob unſichtbare Bande meine Füße feſſelten und mich zurückzögen. Es war ein qualvoller Augenblick. Da begannen die Kirchenglocken zu läuten, und ſo wie der Ton der Tempelglocken im Alterthume Macht hatte, heidniſche Zau⸗ bergeiſter in die Flucht zu jagen, ſo wirkte er jetzt auf mich. Die hemmenden Banden fielen ab und ich ging aufgeregt, aber entſchloſſen, vorwärts. Und als ich hin⸗ eintrat in die grünenden Haine— ein bejahrter Mann hat ſie gepflanzt und ſeinen Lebensabend damit verſchönert, ſeine Vaterſtadt zu verſchönern— als ich das zarte Laub betrachtete und an die zarten Kinder dachte, da ward mir ruhiger und freier zu Muthe. Erſt als die lange Reihe oder das Admiralitäts⸗ haus mich in ſeine dunkeln Schatten aufnahm, kam eine gewiſſe Schüchternheit wieder. Aber ſie war anderer Natur. Meine That war ungewöhnlich. Wie wird man ſie an⸗ ſehen, wie ſie beurtheilen? Und was wird Brenner ſelbſt? „Der Tauſend!“ ſagte ich endlich verdrießlich.„Ich kümmere mich nichts um die ganze Welt! Ich will ja nur meinem Freunde Lebewohl ſagen:„Honny soit qui mal y pense!“ Brenner war nicht zu Hauſe. Er wurde erſt ſpäter erwartet. Das war mir lieb. Der Frau Trollmann, die mir mit dieſer Nachricht entgegenkam und die mir eben nicht wie eine gefährliche Zauberin ausſah, ſagte ich, daß ich hier warten wolle, bis Oberſt Brenner zurücktäme, in⸗ dem ich Wichtiges mit ihm zu ſprechen hätte. Ich wollte mich indeſſen des kleinen Wilhelm und der andern Kinder 1 ann Frat ich Hau ben zu e Erze den, ten ken mich den res forſc ſagte freu nicht Du Seer ſten dahe wohl mir mit figkei Hauſ wiede er er n e 273 annehmen, falls ſie etwas Anderes zu beſorgen hätte. Frau Trollmann war ſehr zufrieden damit und bald merkte ich, daß der Dampf von gebranntem Kaffee durch das Haus zog. Und nun fing ich am Bette des kleinen Kna⸗ ben und umringt von den übrigen Kindern an, Geſchichtchen zu erzählen und mir es ganz wohl ſeyn zu laſſen. Meine Erzählung wurde durch Schritte, die im Saale laut wur⸗ den, unterbrochen, während jubelnd die Kinder dem gelieb⸗ ten Voter entgegen eilten. Bald trat er zu ſeinem kran⸗ ken Knaben, der ſehnſüchtig ſeinen Namen rief. Als er mich erblickte, blieb er erſtaunt ſtehen. Ich ſtand auf. „Du hier, Sophie?“ rief Brenner und führte mich, den Kindern winkend, uns allein zu laſſen, in ein ande⸗ res Zimmer.„Du hier, Sophie?“ wiederholte er, mich forſchend anſehend. Ich ließ ihm nicht Zeit, lange zu erſtaunen, ſondern ſagte: „Wie konnteſt Du fortgehen wollen, ohne mir ein freundliches Wort zum Abſchied zu ſagen? Das war nicht ſchön, nicht recht von Dir. Man könnte glauben, Du kümmerteſt Dich um mich nicht mehr, als um eine Seemöwe.“ Das Weinen war mir nahe. Als der Vikinger ſchwieg, fuhr ich fort: „Nun kann man ſehen, wer ſeinen Freund am mei⸗ ſten liebt. Du wollteſt nicht zu mir kommen; ich bin daher zu Dir gekommen, um Dir———— Lebe⸗ wohl zu ſagen.“ „Du biſt deswegen hergekommen! Dank.“ Er druͤckte mir die Hand. Nun wurde es ſchwer, mehr zu ſagen. Ich ſchwieg. Er ſchwieg. Endlich that er ſich Gewalt an und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: „Ich danke Dir, daß Du meine ſcheinbare Nachläſ⸗ ſigkeit ſo freundlich beſtrafſt. Darf ich Dich nun nach Hauſe begleiten und es dadurch bei Deinen Verwandten wieder gut machen?“ „Gehe, wenn Du willſt. Ich bleibe hier.“ 274 „Wie?“ ch bleibe bei Deinen Kindern, Wilhelm, bis Du von Afrika zurückkommſt. 4 Brenner ſah mich eine Weile an und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen.„O Weiberherz!“ ſagte er und mich bei der Hand nehmend, fuhr er mit durchdringendem Blicke fort:. „Und wenn ich zurückkomme, wie dann?“ „Wie———— wie du willſt,“antwortete ich. Brenner ſchwieg wieder eine Weile. Dann ſagte er mit bewegter Stimme: „Für dieſes Wort würde ich vor kurzer Zeit die Hälfte meines noch übrigen Lebens gegeben haben. Aber jetzt— jetzt iſt es anders. Was ich damals begehrte, will ich jetzt nicht mehr.“ Ich betrachtete ihn fragend, erſtaunt. „Jetzt,“ fuhr er fort,„iſt meine Lage ſehr verändert. Ich habe auf Erden nichts, als— dieſe armen Kinder.“ *„Ich weiß das,“ ſagte ich⸗ „Ich verſtehe dich, Sophie!“ ſagte Brenner wehmü⸗ thig.„Und dieſe That wundert mich von dir nicht. Aber ſie enthält ein Opfer, das ich weder annehmen kann, noch annehmen darf. Du verweigerteſt dem wohlhabenden Munte deine Hand, du kannſt ſie— dem Bettter nicht reichen.“ „Die Königliche Majeſtät hat mich mündig erklärt!“ ſagte ich.„Darf ich mit dem, was mein iſt, i thun, was ich will?“ „Nein!“ entgegnete Brenner,„das darfſt uu nicht. Denn dein Entſchluß, wenn ſchon er edelmüthig iſt, iſt übereilt, und du ſollſt nichts thun, was du bereuen würdeſt. Deine Ruhe und dein Vermögen ſoll nicht einem zu Grunde gerichteten Hauſe geopfert werden. Das ſoll nicht geſchehen, ſage ich. Glaubſt du denn, ich ſey ein ſolcher Chriſt, ein ſolcher“———— „Stille! ſtille von dem Allem. Die Kinder könnten glauben, wir zanken, und das darf nicht ſeyn. Ueberdies bra Wi kon hei wer lan bis Au len. ein rief wen nen We an ſag mic Erſ lich mei dach dies an. Fre Als Wa ich ü⸗ er ch en ht 1. t. ſt m l n es 275 brauchen wir nichts wegen der Zukunft zu beſchließen. Wir können uns ja Beide beſinnen, bis du wieder heim⸗ kommſt. Vielleicht findeſt du in Afrifa irgend eine Schön⸗ „Stille da! Was ſind das für Albernheiten?! Aber wenn ich nicht wieder heimkomme? Meine Reiſe kann lange dauern, kann gefährlich, ſtürmiſch werden—— —— Wenn ich nicht wiederkehre?“— „Dann bleibe ich hier, als Mutter deiner Kinder, bis an mein Ende.“ „Sophie!“ rief Brenner aus,„du biſt ein Engel. Auf den Knieen danke ich dir für dieſe Worte, dieſen Wil⸗ len. Aber, ich kann's dennoch nicht annehmen. Es iſt ein Opfer, es iſt unvernünftig“——— „Nun! So laß Vernunft und Verſtand fahren!“ rief ich aus.„Wer wird noch lange nach dieſen fragen, wenn einmal das Herz weggegeben iſt?“ Und nun lag ich am Herzen des Vikingers, in ſei⸗ nen Armen. Er nannte mich ſein und forderte die ganze Welt heraus, uns zu trennen. Er ſteckte mir einen Ring an den Finger, führte ſeine Kinder in meine Arme und ſagte ihnen, daß ich ihre Mutter werden ſollte, und ſtellte mich als ſeine Braut der Frau Trollmann vor, die vor Erſtaunen den Kaffeetopf fallen ließ. „Und nun begleite ich dich nach Hauſe!“ rief er end⸗ lich aus.„Ich muß es der ganzen Welt ſagen, daß du mein biſt.“ Der Vikinger iſt etwas ſtürmiſch in ſeiner Seligkeit, dachte ich. Aher er mag ſeinen Willen haben. Wie wird dies meine Stiefmutter frappiren! Am Arme des Vikinger trat ich nun den Heimweg an. Mein Herz war ühervoll und es machte mir große Freude, die rollenden Wogen in demſelben zu belauſchen. Als er aber gerade vor der Naſe der Wache(der Naſe der Wache auf dem Schiffsholm) mir die Hand küßte, mußte ich ihn bitten,„mich nicht zu erponipen und ſich nicht wie ein Seeräuber aufzuführen.“ 276 „Geſtehe nur,“ rief er aus,„daß deine Philoſophie dich nicht viel nützt, wenn ſie dich nicht einmal hindert, dein Leben mit einem Seeränber zu wagen.“ „Die Philoſophie!“ rief ich aus.„Sie gerade hat mich zu dir geführt!“ „Oh! bah! das höre ich nicht gerne. Bekenne, daß es die Liebe iſt, eine reine, göttliche, unvernünftige Liebe!“ „Nein! keine unvernünftige“———— „Eine vernünftige Liebe alſo! Nun ſprichſt du vor⸗ trefflich. Wozu übrigens Complimente mit dem Worte machen? Es iſt ja das Schöpfungswort, meine Geliebte. Und eine rechte Zauberkraft beſitzeſt du blos durch dieſes Wort. Komm mir nur nicht mit der chriſtlichen Liebe, denn dann ſtürze ich mich oder dich in die See.“ Es verſteht ſich, daß ich ihn einen„Heiden“ und dergleichen mehr nannte. So ſprechend gelangten wir nach Hauſe. Es fügte ſich ſo glücklich, daß wir meine Stiefmut⸗ ter, Selma und Lennartſon, Alle zuſammen im vordern Zimmer trafen. Der Vikinger riß die Thüre ſperrweit auf, und meine Hand in der ſeinigen haltend marſchirte er mitten in's Zimmer und rief, uns vor die drei Sitzen⸗ den hinpflanzend: „Gratulirt uns jetzt. Seht Ihr nicht, daß wir Braut und Bräutigam ſind?“ Mit einem freudigen Rufe ſprang Lennartſon auf und ſchloß uns beide unter den herzlichſten Worten in die Arme. Auch Selma ſprang auf halb aus Schrecken, halb aus Freude und umarmte mich mit dem Ausrufe „Sophie!“ Unb meine Stiefmutter! Sie war ſo ergriffen, ſo frappirt, erſtaunt, daß ſie im Sopha ſitzen blieb und ich glaubte, der Schlag habe ſie getroffen. Ich eilte auf ſie zu und küßte ihr die Hand und bat ſie herzlich, mir meine ſcheinbare Zurückhaltung zu verzeihen. Ich ſelbſt hätte noch vor zwei Stunden mein wu neh abe das ſagt vor Leb fürc daß bin. das den, als ich Du Gef 277 Schickfal nicht gekannt. Und nun begann ich kurz den Verlauf der Sache zu erklären, wurde darin aber von dem Vikinger unterbrochen, der die Sache auf ſeine Weiſe auseinanderſetzte, ſo daß, wie ich glaube, Nie⸗ mand recht klug daraus wurde, obgleich alle, ſelbſt meine Stiefmutter ſichtbar gerührt und zufrieden waren. Indeſſen ſchlug es acht Uhr, und der Vikinger mußte an Bord gehen. Es ſiel uns ſehr ſchwer, uns zu trennen. „Folge mir unter die Linden,“ bat er.„Ich muß dir unter Gottes freiem Himmel noch einige Worte ſagen.“ Ich folgte ihm unter die Linden, deren Gipfel von der Abendſonne vergoldet waren. Wir ſetzten uns auf eine Bank. „Es iſt ſchön hier!“ ſagte Brenner.„Da drinnen wurde es mir zu enge, zu ſchwer, Abſchied von Dir zu nehmen. Ich werde Morgen auf dem freien Meere ſeyn, aber Du, Sophie! in einer engen, ſtillen Wohnung, und das— meinetwegen.“ „Ich werde bei Deinen Kindern ſeyn, Wilhelm!“ ſagte ich. „Ich habe oft gehört,“ fuhr Brenner fort,„wie Du vor dem Schweren, dem Drückenden, dem Mühſamen im Leben, vor dem Leiden Furcht äußerteſt— Sophie! Ich fürchte, fürchte für Deine Stärke, Deine Standhaftigkeit!“ „Da kennſt Du mich nicht, Wilhelm! Erinnere Dich, daß ich aus dem Volke und dem Stamme des Waſaſtjerna bin. Und überdies— das Leiden, das ich fürchte, iſt das Leiden, das die Seele feſſelt, aber nicht das Lei⸗ den, das ſie erhebt und adelt. Du haſt oft vom Leiden als von einem Adel, einer Schönheit geſprochen— und ich fühle ſeit einiger Zeit, daß Du Recht haſt.“ „Du fühlſt alſo, daß Du dadurch leiden wirſt, daß Du mein geworden biſt?“ „Ja, Wilhelm! Denn ich weiß, daß Stürme und Gefahren mancherlei Art auf die in der Welt warten, 278 die draußen auf dem Meere ſind, und ich weiß, daß jede ſtürmiſche Nacht mich ſchlaflos und angſtvoll finden wird. Aber jeden Abend und jeden Morgen will ich Deinen Kindern die Hände zuſammenfalten, und die Seufzer die⸗ ſer Unſchuldigen werden die Dein Haupt bedrohenden Wolken zertheilen und Wind und Wogen beſchwichtigen. O, Wilhelm! meinetwegen ſey außer aller Sorge. Ich bin froh, daß ich lieben, daß ich leiden kann. Aber,“ fuhr ich fort, indem ich Brenners aufgeregtes Gefühl be⸗ feſtigen und dem Geſpräche eine frohere Wendung geben wollte,„Du haſt mir wegen der Erziehung Deiner Kin⸗ der noch keine Lehren gegeben. Ich vermuthe, daß ich ſie keine— Philoſophis lehren darf!“ „Lehre ſie in Gottes Namen, was Du willſt; ja, auch Philoſophie, beſonders die, die Dich zur Meinigen gemacht hat. Lehre ſie, daß die Liebe die ſchönſte Weis⸗ heit iſt. Und nun— muß ich Dich verlaſſen, meine Sophie! Bleibe ruhig hier ſitzen, laß mich zuletzt noch Deine weiße Geſtalt unter dem blauen Himmel, unter den grünen Bäumen ſehen.“ Er nahm mein thränen⸗ feuchtes Taſchentuch, verbarg es auf ſeiner Bruſt und ſagte:„Das ſoll meine„Bethel⸗Flagge“ ſeyn.“ Noch einmal drückte er mir die Hand, noch einmal ſenkte ſich ſein treuer Blick in meine Augen, in die Tiefe meines Herzens hinab. Dann entfernte er ſich mit großen Schrit⸗ ten. Unten am Strome kehrte er ſich, ehe die Häuſer ihn verbargen, noch einmal um, ſah zurück und nickte mit der Hand ein Lebewohl. Er war meinen Blicken entſchwunden. Langſam ging ich nach Hauſe. Lennartſon war gegangen, um an Vord der Fregatte von ſeinem Freunde Abſchied zu nehmen. Meine Stief⸗ mutter und Selma umringten mich. Die erſtere war dennoch und ſichtbar ein wenig unzufrieden. Aber ich öſſnele nun Beiden mein Herz und ließ ſie Alles ſehen, was es ſeit einiger Zeit bewegt hatte. Ich hatte den etwas egviſtiſchen Genuß, meine Selma Thränen darüber vergießen zu ſehen, daß ich ſie verlaſſen —— 279 müßte, und die Freude, meine Stiefmutter meinen Ent⸗ ſchluß vollkommen billigen und auch meine Handlungs⸗ weiſe nicht ganz mißbilligen zu hören. Sie war Etwas in Sorgen, wie man vor der Welt die Sache erklären ſollte und über die Meinung dieſer. Nachdem wir Alle unſere„reflexions morales und chré- tiennes“ darüber gemacht hatten, fanden wir, daß die Sache nicht ſo gefährlich wäre, ſo wenig wie die Welt, wenn man ihr nur mit redlichem Sinne und auf höfliche Weiſe entgegentrete. Als wir uns in der Nacht trennten, band meine Stiefmutter ein Bracelet von ihrem eigenen Haare mir um den Arm, indem ſie dabei ſagte: „Du darſſt nicht glauben, meine liebe Sophie, daß ich nicht geahnt, nicht in der Stille geſehen hätte, wie das Alles noch gehen würde, obgleich ich Nichts habe ſagen wollen. Ja wohl! Ich habe das wohl vorausge⸗ ſehen!“ „Wirklich! hat meine liebe Mutter das?“ rief ich. „Hm! Hm! Hm!“ Wieder Fürſt Metternich! dachte ich, und ſagte: „Gute Nacht, liebe gute Mutter!“ Montags in der Frühe, den 23. Mai. „Wieder ein Tag! Wieder ein Wechſel von Licht und Schatten!“ Neuer, freundlicher Tag! In meiner neuen Wohnung begrüße ich dich. Meine Mutter, Lennartſon' und Selma begleiteten mich hieher. Ich hoffe, ſie oft wieder zu ſehen. Schon fühle ich mich hier ganz heimiſch, und Frau Trollmann mit mir. Der Ober- und der Unter⸗ zauberer haben einen gründlichen Frieden auf gewiſſe Bedingungen hin abgeſchloſſen, die in des Herrn Hand ſtehen. Munter ſpielen die Wellen draußen auf 280 dem Binnenmeebe und tragen den Vikinger fort aus der Heimath. In meinem Buſen bewahre ich einige Worte, die er an Bord der Fregatte geſchrieben und die mir, ich weiß nicht, welcher Himmelswind zugeweht hat. Es ſteht Liebe darin und des„Lebens Schöpfungswort“ lebt auch in meinem Herzen. Mein Leben einſamer Betrachtungen und täglicher Aufzeichnungen hat nun ein Ende. Fort jetzt geſchwätzige, aber liebe Feder, die mir ſo manche Stunde ausgefüllt hat! Und in der That; wenn man ſeine Freiheit, ſeine Vernunft und ſein Herz weggegeben hat, ſo iſt es gut, auch— das Tagebuch wegzugeben.