————— 2 — S—— ——————— 1 Leihbiblivthe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — cLeih- und geſebedingungen.. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. 3 e 2 3 4 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Streit und Friede oder Secenen aus Norwegen. Erzählung von Friederike Bremer. ₰% Aus dem Schwediſchen überſetzt von G. Fink. — Stuttgart. Verlag der Frauckh'ſchen Buchhandlung. 1843. Streit und Friede oder Scenen aus Norwegen. „Noch tobt im Gebirge des Sturmes Gewalt und das Meer hält, wie in der Vorzeit, noch Wacht, Es ſtürzen die Waſſer, es braust der Wald, Von keiner Zeit zur Ruhe gebracht. Die Natur blieb immer ſich gleich——.“ Munch Gottes Schatten geht durch die Natur. Linns. Ehe noch ein Geſaͤng der Freude oder des Schmer⸗ zes aus ven Thälern Norwegens ſich erhob, ehe noch ein Rauch aus ſeinen Hütten emporwirbelte, ehe eine Art einen Baum in ſeinen Wäldern gefällt, noch ehe König Nor von Jotunhem auszog, um ſeine geraubte Schweſter zu ſuchen, dieſes Land durchſtreifte und ihm ſeinen Na⸗ men gab, ja ehe es noch Norweger gab, ſtand das hohe Doverfjeld⸗Gebirge mit den Snöhätta vor dem Angeſicht des Schöpfers. Gegen Weſten erſtreckte ſich die gigantiſche Bergkette bis Romsdahlshorn, deſſen Fuß vom weſtlichen Meere beſpült wird. Südwärts bildet ſie unter verſchiedenen Namen(Langfjeld, Sognefjeld, Filefjeld, Hardangerfjeld u. ſ. w.) jenes unermeßliche Hochland, das auf einer Fläche von hundertundfünßzig Quadratmeilen Alles enthält, was die Natur Großes, Fürchterliches, Schönes und Entzücken⸗ des beſitzt. Hier ſteht noch heute, wie in den erſten Tagen der Welt, in den obern Tellemarken von unſichtbarer Hand gebaut der Fjellſtugan, deſſen Eiswälle und Thürme nur eben dieſelbe Hand ſtürzen kann; noch begegnen ſich, wie am Schöpfungsmorgen zur Mittagszeit auf den ſchneebe⸗ veckten Zinnen der Urgebirge Morgen⸗ und Abendroth zum flüchtigen Bruderkuß; noch donnern, wie damals, die Waſſerfälle, wenn ſie ſich in die Tiefe hinabſtürzen; noch ſtrahlen die Eisſpiegel der Joöckels(Gletſcher) dieſelben bald entzückenden, bald Grauen erweckenden Bilder zu⸗ rück; noch finden ſich, wie damals, Felsbrücken, die noch fein Menſchenfuß beſchritten, Thäler und Wälder, ein⸗ ſame Zellen der Natur, auf die nur der Adler und die 8 Mittagsſonne hinabblicken. Hier iſt das alte, das ewig junge Nerwegen, hier ſtaunt der Blick des Beſchauers, aber ſein Herz erweitert ſich, er vergißt Schmerz und Freude, vergißt alles Kleinliche, während er mit heiligem Schauer ahnt, daß Gottes Schatten durch die Natur geht. Dieſes Gebirgsland liegt im Herzen von Norwegen. Iſt deine Seele ermüdet vom Geräuſche der Welt, oder der Kleinlichkeiten eines armen Alltagslebens überdrüſſig, fühlt ſie ſich beengt von dicker Stubenluft, von Bücher⸗, Geſellſchafts⸗ und anderem Staub(es finden ſich ja ſo viele Arten, welche alle die Seele mit ihrem grauen Staubmantel bedecken) oder iſt ſie zerriſſen von tiefem herbem Weh— dann fliehe, fliehe in das Herz von Nor⸗ wegen, dort wirſt du, dem friſchen mächtigen Pulsſchlag der Natur lauſchend, allein mit den großen, ſchweigenden und doch ſo beredten Gegenſtänden derſelben, neue Kraft, neues Leben einathmen. Hier fällt kein Staub. Friſch und klar ſtehen die Gedanken des Lebens da, wie am Tage der Schöpfung. Willſt du Großes, Majeſtätiſches ſehen? Schaue den Gauſta an, wie er ſich auf ſeinen kolofſalen Knieen 6000 Fuß über die Erdfläche erhebt, blicke auf die wilden Rieſengeſtalten der Hurungen, des Fannarauks⸗ und Mugnafjelds, betrachte die Waſſerfälle Rjuhans, des dam⸗ pfenden,— Vörings und Vedals, wie ſie ſich ſchäumend und donnernd vom Fels herab in die Abgründe ſtürzen. — Und willſt du beim Holden, beim Lieblichen verwei⸗ len? Es lebt mitten unter dieſen furchtbaren Scenen in friedlicher Abgeſchiedenheit. Die Sennerhütte ſteht im engen Thale, Viehheerden weiden auf den ſchönen Grasplätzen, die Sennerin mit friſchen Wangen, blauen Augen und blonden Haarflechten hütet ſie, die einfachen, ſanftwehmüthigen Melodieen ihres Landes ſingend, und wie ein Spiegel für das liebliche Bild liegt mitten im Thale ein kleiner See(Kjörn) tief, ſtill, hellblau, wie die meiſten Gletſcherwaſſer. Alkes athmet einen idylliſchen Frieden. Aber ſchon in der Morgenſtunde der Schöpfung 6 —* — ſcheint eine Todesahnung dieſer Gegend ihr Siegel auf⸗ gedrückt zu haben. Die großen Schatten der finſtern Fels⸗ maſſen fallen in Thäler, wo nur Moos wächst, auf Seen, deren ſtilles Waſſer von nie ſchmelzendem Eiſe bedeckt iſt — ſo das Koldethal, der Koldeſee mit ſeinen todten, grau⸗ gelben Ufern. Todesſtille herrſcht in dieſer Einöde, nur vom Donner der Lawinen und dem Krachen der ſtürzen⸗ den Gletſcher unterbrochen. Kein Vogel bewegt ſeine Schwingen oder läßt ſeine Stimme erſchallen; nur des Kukuks melodiſche Seuſzer werden vom Sommerwinde dahin getragen. Aber willſt du das Leben in ſeiner Pracht und hol⸗ deſten Herrlichkeit ſehen, ſo ſieh die Umarmung des Win⸗ ters und Sommers in dem alten Norwegen, ſteige hinab in die Ebenen Svalems, betrachte die Thäler Aamaadt und Sillejord, oder das paradieſiſch ſchöne Weſtfjordthal, durch welches die Manelf ſtille und ſpiegelklar fließt, kleine hellgrüne, mit blauen Glocken und ſüßduftenden Waldlilien bewachſene Inſeln in ihrem Laufe umſchlie⸗ ßend; ſiehe, wie ſich die Silberbäche von den Felſen her⸗ ab zwiſchen Baumgruppen und fruchtbaren Feldern hin⸗ ſchlängeln; ſiehe, wie hinter den nächſten Bergen mit ihren Laubwäldern die Schneegebirge ſich erheben und gleich würdigen Patriarchen auf ein jüngeres Geſchlecht herabblicken;— betrachte in dieſen Thälern das Farben⸗ ſpiel des Morgens und Abends auf den Hoͤhen und in den Tiefen; ſiehe des Ungewitters fürchterliche Pracht, des Regenbogens ſtille Herrlichkeit, wie er ſich über den Waſ⸗ ſerfällen wölbt—— ſiehe, höre dieß, bedrückte Seele, und athme wieder. Von dieſen ſchönen, allgemein bekannten Scenen zie⸗ hen wir uns jetzt in eine unbekannte Gegend, in die große Thalſtrecke, wo das Skogshom ſich in die Wolken erhebt, wo die Urunda klar zwiſchen Klippen fließt und Djupadahls Waſſerfall nicht minder reißend und ſtolz braust, weil er nur ſelten von den Blicken neugieriger Fremdlinge bewundert wird. Wir laſſen uns hier in einer 10 Gegend nieder, deren Namen und Lage wir Jedermann abrathen auf der Landkarte zu ſuchen, und nennen ſie Heimthall. „Kennſt du das tiefe, kirchenſtille Thal, Kaum erhellt von einem Sonnenſtrahl, Ohne Heerden, ohne Steg und Namen?“ Velhaven. Heimthal nennen wir einen Theil des Hallingtha⸗ les; wir verlegen uns in das Kirchſpiel Aal und überlaſſen es den Gelehrten—— ſich über unſere Kühnheit zu verwundern. Es hat, wie ſein Mutterthal, keine hiſto⸗ riſche Erinnerungen aufzuweiſen. Von den alten Koͤni⸗ gen von Hallingthal weiß man wenig. Nur einige Mauer⸗ trümmer, einige Grabeshügel geben dunkle Kunde von den Mächtigen, die einſt da geweſen. Wohl wohnt hier ein Volk, das ſeit undenklichen Zeiten bekannt iſt durch ſeine Ariuth, ſeine Vergnügſamkeit in harten Tagen, ſo wie durch ſeinen ſtreitluſtigen Sinn; aber Ruhe und Unruhe haben hier zwiſchen den Urbergen und Föh⸗ renwäldern ohne Lärm und ohne Glanz, unbemerkt von der übrigen Welt, gebaut und gewohnt, gelebt und außge⸗ hört zu ſein. Ein Fluß, Sohn des Hallenjokul ſtrömt durch das Heimthal. Prauſend von wildem Muthe ſtürzt er aus einem engen Bergpaß in das Thal herab, hier ein freieres Feld, wird ſtille und jließt ſpiegelklar zwiſchen grünen Ufern hin, bis ſein Bett abermals von Granit⸗ bergen zuſammengedrängt wird. Da ergreift ihn wie⸗ derum Unruhe und in wilden Krümmungen rauſcht er daher, bis er ſich in die große Hallingthalself ſtürzt und in ihr ſtirbt. Da wo ſich der Fluß in dem erweiterten Thale aus⸗ breitet, liegt ein größeres Gut. Ein wohlgebautes, aber etwas verfallenes hölzernes Wohnhaus ſtreckt ſeine Arme bis in die Tiefe des Thales aus. Von hier hat man —, —— W 11 eine ſchöne Ausſicht, weit, weit hin in die blauende Ferne. Waldbewachſene Höhen ſenken ſich gegen den Fluß hinab und umgeben von kleinen Ackerſtücken und ſchönen Grasplätzen lie⸗ gen die Hütten am Fuße des Gebirges zerſtreut. Auf der andern Seite des Fluſſes, etwa eine Viertelſtunde vom Hofe entfernt, erhebt eine Kapelle ihre friedliche Spitze. Hinter ihr zieht ſich das Thal allmälig zuſammen. An einem kühlen Septemberabend kamen Gäſte auf den ſeit langer Zeit nicht mehr bewohnten Hof. Es war eine ältere Dame von edlem, aber düſtrem Ausſehen und tief in Trauer gekleidet. Ein blühendes, junges Mädchen begleitete ſie. Sie wurde von einem jungen Manne em⸗ pfangen, den man den Verwalter nannte. Die ſchwarzge⸗ Fleidete Dame verſchwand im Hauſe und wurde mehrere Monate lang nirgends im Thale geſehen. Man nannte ſie die Oberſtin und ſagte ſich, Madame Aſtrid Hjelm habe wunderliche Schickſale gehabt, über die allerhand verſchie⸗ dene Gerüchte umliefen. Auf dem Gute Semb, das aus dem ausgedehnten Heimthale beſtand und ihr väterliches Erbtheil war, hatte man ſie nicht geſehen, ſeit ſie ſich ver⸗ mählt und dann daſſelbe verlaſſen hatte. Jetzt ſuchte ſie als Wittwe die Heimath ihrer Kindheit auf. Man wußte auch und erzählte ſich, daß ihre Begleiterin eine Schwedin war, die mit ihr aus einem ſchwediſchen Bade kam, wo ſie ſich den Sommer über aufgehalten, und daß ſie ihrer ganzen Haushaltung vorſtehen ſolle, ja man ſagte, Suſanna Björk regiere ſo gut wie unumſchränkt über den ökonomi⸗ ſchen Theil des Gutes, ſo wie über das weibliche Perſonal deſſelben: Larina, das Stubenmädchen, Karina, die Hausmagd, Petrea, die Köchin, und nicht minder über die Viehmägde Mathea und Göra, mit einem Wort über ſämmtliche Un⸗ tergebene vier⸗ und zweifüßigen Geſchlechts. Mit dieſen Letztern wollen wir jetzt nähere Bekanntſchaſt machen. 12 Die Thierchen. Das Haderwaſſer. Erſter Streit. „Für Norwegen!“ „Für Schweden!“ Die Streitenden. Der Morgen war klar und friſch. Die September⸗ ſonne ſchien ins Thal herab, die Hütten rauchten. Marien⸗ mäntelchen mit klaren Perlen in ihren geſprenkelten Kelchen zitternd, die Silberwurz mit ihren gelben Blumen und ſilberglänzenden Blättern ſchimmerten in der Morgenſonne einen Fußweg entlang, der ſich über einen mooſigen Berg⸗ rücken hinabſchlängelte. Er führte zu einer Quelle mit dem klarſten Waſſer, das, nachdem es einen Teich gebildet, ſeine ſpielende Ader murmelnd in den Fluß rinnen ließ. Hieher ging an dem ſchönen Morgen Suſanna Björk, begleitet von Hähnen, Hennen und Küchlein. Vor ihr her wackelte unter anſpruchsvollem Ge⸗ ſchnatter eine Geſellſchaft von Gänſen, die alle ſchnee⸗ weiß waren, bis auf eine einzige graue. Dieſe watſchelte niedergeſchlagenen Blicks in einiger Entfernung hinter den Andern her, dazu gezwungen von einer Renommiſtin aus der weißen Schaar, die, ſo oft die graue ſich nähern wollte, mit ausgeſtrecktem Hals und gellendem Geſchrei ſie zurücktrieb. Die graue floh jedesmal vor der weißen Tyrannin, aber kahle Stellen an Kopf und Hals bewie⸗ ſen, daß ſie in dieſe gedrückte Stellung nicht gekommen war, ohne ſich in harten Kämpfen von der Nutzloſigkeit jedes Widerſtandes überzeugt zu haben. Keine der Gänſe⸗ damen bekümmerte ſich um die mißhandelte, weßhalb Suſanna um ſo eifriger ihre Partie ergriff und ſie durch gute Biſſen und gute Worte über die Ungerechtigkeit ihres Geſchlechtes zu tröſten ſuchte. Nach den Gänſen kamen die beſcheidenen, aber tölpiſchen Enten, ſodann ————— — folgte der Truthahn mit dem leichtaufbrauſenden Cha⸗ racter und ſeinen einfältigen Damen, einer ſchwarzen und einer weißen, envlich der Hühner unruhiges Geſchlecht mit ſeinen zierlichen, ſtreitluſtigen Hähnen; das hübſcheſte von Allem aber war eine Schaar Tauben, die zugleich zu⸗ traulich und ſcheu ſich bald auf Suſannas Schulter und ausgeſtreckte Hand ſetzten, bald aufflogen und in glänzen⸗ den Kreiſen ihren Kopf umſchwebten, dann ſich auf das Feld niederließen, wo ſie zierlich mit den behängten Füßchen umhertrippelten, ſodann ſich der Quelle nahten, um zu trinken, während die Gänſe mit großem Geräuſch plätſchernd im Fluſſe badeten und das Waſſer in einem Perlregen über das Gras hinſpritzten. Auch hier wurde zu Suſannas großem Verdruß die graue Gans von der weißen gezwungen, in einiger Entfernung von ihnen zu baden. Suſanna blickte auf das ſchöne, farbenreiche Gemälde um ſie her, auf die munteren Thierchen, die zu ihren Füßen ſpielten und ſich ergötzten, und ſichtbares Entzücken ſtrahlte in ihren Augen, als ſie dieſelben zum Himmel emporhob und mit gefalteten Händen leiſe ſagte:„Großer Gott, wie ſchön!“ Auf einmal aber fuhr ſie erſchrocken zuſammen, denn in demſelben Augenblick ſtimmte eine ſtarke Stimme ganz in ihrer Nähe das Lied an. „Wie herrlich iſt mein Vaterland, Das meerumgränzte alte Norweg!“ Und der Verwalter, Harald Bergmann, begrüßte lä⸗ chelnd Suſanna, die etwas beleidigt ſagte: „Sie ſchreien ja, daß Sie die Tauben mit Ihrem alten Norweg auſſcheuchen.“ „Ja,“ fuhr Harald mit demſelben begeiſterten Tone fort: „Ja herrlich iſt mein Vaterland, Das alte klippenfeſte Norweg, Mit Sommerthälern, Winterbergen, Nie von dem Zahn der Zeit beſiegt.“ 14 „Das alte Norweg!“ ſagte Suſanna wie vorher; „es iſt ein wahrer Scandal, Sie von Ihrem alten Nor⸗ wegen ſprechen zu hören, als ob es älter und ewiger wäre, als der liebe Gott ſelber.“ „Und wo in aller Welt,“ rief Harald, finden Sie ein Land mit ſo ſtolzen und ernſten Leuten, ſo herrlichen Strömen, und ſo hohen, hohen Bergen?“ „Wir haben, Gott ſei Dank! in Schweden auch Leute und Berge,“ antwortete Suſanna.„Sie ſollten dieſe einmal ſehen; das iſt eine ganz andere Art.“ „Eine andere Art? Was für eine Art denn? Ich wette, was Sie wollen, daß es in ganz Schweden keine einzige Gans gibt, die dieſen unſern herrlichen Norwegi⸗ ſchen Gänſen an die Seite geſtellt werden dürfte.“ „Ja freilich eine nicht, aber tauſend, und Alle grö⸗ zer und fetter als dieſe da. In Schweden iſt Alles grö⸗ ßer und anſehnlicher als in Norwegen.“ „Größer? Die Leute z. B. ſind offenbar viel kleiner und ſchwächer.“ „Schwächer? Kleiner? Sie ſollten nur einmal die Leute in Uddevalla, meiner Vaterſtadt, ſehen. „Wie kann man auch aus Uddevalla ſein? Wohnen denn wirklich Menſchen in dieſer Stadt? Wie kann man doch da wohnen? Es iſt eine Schande, in einer ſolchen Stadt zu wohnen, ja es iſt eine Schande, nur durchzufah⸗ ren. Sie iſt ja ſo erbärmlich klein, daß wenn der Reiſe⸗ wagen mit den Rädern noch in einem Thore iſt, die Pferde den Kopf bereits zum andern hinausſtrecken. Spre⸗ chen Sie mir nur nicht von Uddevalla.“ „Nein, denn Sie ſind es wahrhaftig nicht werth, daß man mit Ihnen davon ſpricht. Sie haben noch nichts Anderes, als Ihre norwegiſchen Dörfer geſehen und kön⸗ nen ſich daher gar keinen Begriff von einer ſchwediſchen Stadt machen.“ „Gott bewahre mich vor dem Anblick ſolcher Städte! Und dann Ihre ſchwediſchen Secen, was ſind das für elende Pfützen gegen unſer herrliches norwegiſches Meer?“ — 4„ —————.— — — — Md N MN —— 15 „Pfützen? Unſere Seeew! Sie ſind groß genug, um ganz Norwegen darin zu erſäufen.“ „Ha, ha, ha! Und ganz Schweden iſt im Vergleich mit unſrem norwegiſchen Meer nicht größer, als meine Mütze! Und dieſes Meer würde unaufhörlich über Schwe⸗ den zuſammenſchlagen, wenn nicht unſer Norwegen edel⸗ müthig mit ſeiner Granitbruſt es ſchützte.“ „Schweden vermag ſich allein zu ſchützen und bedarf keiner fremden Hülfe. Schweden iſt ein herrliches Land.“ „Nicht halb ſo herrlich wie Norwegen. Norwegen reicht mit ſeinen Bergen⸗ bis an den Himmel und ſteht vem lieben Gott am Nächſten.“ „Norwegen mag dem lieben Gott wohl näher ſein, aber Schweden iſt ihm doch lieber.“ „Nein, Norwegen ſage ich.“ „Nein, Schweden ſage ich.“ „Norwegen! Norwegen hoch! Laſſen Sie uns ſehen! Wer am Höchſten wirft, gewinnt für ſein Land. Norwe⸗ gen vor Allem, Norwegen hoch!“ Mit dieſen Worten warf Harald einen Stein hoch in die Luft hinauf. „Schweden zuerſt und zuletzt!“ rief Suſanna, indem ſie ebenfalls mit all ihrer Kraſt einen Stein hinauf⸗ ſchleuderte. Das Schickſal wollte, daß die beiden Steine in der Luft zuſammenſtießen und dann gemeinſchaftlich mit ſtar⸗ kem Geräuſch ins Waſſer fielen, um welches ſich das Federvieh verſammelt hatte. Die Gänſe ſchrieen, die Hühner und Enten flatterten erſchreckt auf, die Truthühner ſprangen nach dem Wald, der Truthahn, aller ſeiner Würde vergeſſend, folgte ihnen, ſämmtliche Tauben waren in einem Nu fort und mit feuerrothen Geſichtern und heftig ſtrei⸗ tend, weſſen Stein am Höchſten geflogen, ſtanden Harald und Suſanna an dem aufgewiegelten, getrübten Hader⸗ waſſer. Der Augenblick iſt vielleicht nicht der günſtigſte, aber doch wollen wir ihn benützen, um eine kleine Schilderung der beiden ſtreitenden Perſonen zu entwerfen. 16 Harald Bergmann hatte ausdrucksvolle, etwas ſcharfe Züge und braune Augen, in denen der Ausdruck großen Ernſtes leicht mit dem großer Schalkhaftigkeit wechſelte. Das dunkle Haar. wallte in hübſchen Locken über eine Stirne, die augenſcheinlich klare Gedanken zu beherbergen im Stande war. Sein Wuchs war ſchön und proportio⸗ nirt und alle ſeine Bewegungen zeugten von großer Ge⸗ wandtheit und Geſchmeidigkeit. Er war in einer angeſehenen Familie aufgewachſen, hatte eine wohlbewachte Erziehung gut benützt und galt unter ſeinen Freunden und Bekannten für einen ausgezeichnet hoffnungsvollen jungen Mann. Er hatte ſo eben das Sſſche Seminar verlaſſen und beabſichtigte eine Reiſe ins Aus⸗. land, um ſeine landwirthſchaftlichen Kenntniſſe zu erweitern, als ihn der Zufall mit der Oberſtin Hjelm zuſammen⸗ führte, die im Begriffe war, als Wittwe in ihr Vater⸗ land zurückzukehren. Dieſe Bekanntſchaft veranlaßte ihn, ſeinen Plan zu ändern. In einem Briefe an ſeine Schweſter äußert er ſich folgendermaßen darüber: „Ich kann dir eigentlich nicht recht erklären, Alette, welchen Eindruck ſie auf mich gemacht hat. Ich könnte dir ihren hohen Wuchs beſchreiben, ihre edle Haltung, ihr Geſicht, wo trotz manchen Runzeln und einer gelben Farbe unverkennbare Spuren großer Schoͤnheit ſich zei⸗ gen, die hohe Stirne, um welche ſich einige ſchwarze, graugeſprenkelte Locken unter der einfachen Haube hervor⸗ drängen, ich könnte dir von ihren tiefen, durchdringenden Augen, ihrer gedämpften, gleichwohl feierlichen Stimme ſagen, und du wäreſt doch nicht im Stande, dir eine Vorſtellung von dem zu machen, wodurch ſie zu einer ſo ungewöhnlichen Erſcheinung wird. Man hat mir geſagt, ihr Leben habe ſich eben ſo durch eremplariſche Tugend, wie durch Leiden ausgezeichnet, und Tugend und Leiden haben in ihr eine ſtille Größe hervorgerufen, eine Größe, welche die Günſtlinge des Glücks nicht zu erreichen ver⸗ mögen und die ſich in ihrem ganzen Weſen ausprägt. Sie ſah mir aus, als ob alle Kleinlichteiten der Welt 17 unbemerkt an ihr vorbeigleiten müßten. Ich empfand eine unwillkürliche Verehrung für ſie, wie ich ſie bisher für Niemand empfunden und zugleich ein großes Verlan⸗ gen, ihr näher zu kommen, ihr nützlich zu ſein, ihre Ach⸗ tung zu verdienen und erwerben— es ſchien mir, als ob ich ſelbſt dadurch größer oder wenigſtens beſſer werden müßte. Als ich daher erfuhr, daß ſie für ihr ſehr ver⸗ fallenes Gut einen geſchickten, kenntnißreichen Verwalter ſuche, bot ich ihr in aller(oder vielmehr ohne alle) Be⸗ ſcheidenheit meine Dienſte als ſolcher an und hatte bei⸗ nahe eine kindiſche Freudt, als ſie mich annahm, worauf ich ſogleich nach ihrem Gute abreiste, um mich daſelbſt heimiſch zu machen und Alles zu ihrem Empfang vorzube⸗ reiten.“ So viel von Harald, jetzt zu Suſanna. Barbara Suſanna Bförk war nicht ſchön, ja ſie konnte nicht einmal hübſch genannt werden,(dazu war ſie zu groß und zu ſtark) aber ſie konnte doch recht gut ausſehen. Die blauen Augen blickten ſo redlich und offen in die Welt hinein, ihr rundes volles Geſicht zeugte von Geſundheit, Güte und Lebensluſt, und wenn Suſanna heiter war, wenn ihr friſcher Mund ſich zu einem herz⸗ lichen Lachen öffnete, ſo konnte man ſchon durch ihren An⸗ blick zur Heiterkeit mitgeſtimmt werden. Freilich war ſie ſehr oft bei ſchlechter Laune und dann ſah ſie nichts we⸗ niger, als anmuthig aus. Sie war ein großes, wohlge⸗ bautes Mädchen, zu kräftig in ihren Bewegungen, um graziös zu ſein, und ihr ganzes Weſen verrieth einen ge⸗ wiſſen Mangel an Bildung. Das arme Kind! Wie hätte ſie auch in dem an Un⸗ ordnung, Armuth und Eitelkeit reichen Hauſe, wo ſie den größten Theil ihres Lebens zugebracht hatte, Bildung er⸗ werben ſollen! Ihr Vater war Bürgermeiſter in Uddevalla; ihre Mutter ſtarb, bevor die Tochter ein Jahr zurückgelegt hatte. Jetzt kam eine Tante, Schweſter des Vaters ins Haus. Bremer, Streit und Friede. Dieſe bekümmerte ſich bloß um die Wirthſchaft und ihre Kaffeeſchweſtern, ſie ließ ihren Bruder in ſeinem Klubb Unterhaltung ſuchen und das Kind für ſich ſelbſt ſorgen. Die ganze Erziehung der kleinen Suſanna beſtand darin, daß man ſie nothdürftig leſen lehrte, und wenn ſie un⸗ artig war, zu ihr ſagte:„Iſt jetzt Babara wieder da? Pfui über Barbara! Hinaus mit Barbara!“ wenn ſie aber wieder artig wurde:„Ei jetzt iſt Sannchen wieder hier, willkommen, liebes Sannchen!“ eine Methode, die aller⸗ dings vernünftig angewendet, manches Gute haben mag. Aber oft wurde die Kleine als Varbara angeredet, wenn es durchaus nicht nöthig war, und dieß hatte die Wirkung, die beſagte Perſoͤnlichkeit nur öfter heraufzubeſchwören. In⸗ zwiſchen gewöhnte ſich das Kind daran, als Barbara hinauszugehen und als Sannchen zurückzukommen, und dieß brachte ihr frühzeitig einen Begriff von den zwei Naturen bei, die ſich in ihr, wie bei jedem andern Menſchen bei⸗ ſammen fanden. Dieſes Bewußtſein bildete ſich bei Su⸗ ſanna zur vollkommenen Klarheit durch den Religionsun⸗ terricht, die einzige Bildung, die das arme Mädchen er⸗ hielt. Aber wie unendlich viel iſt ſie nicht für einen of⸗ fenen Sinn, wenn ſie von einem guten Lehrer beigebracht wird! Suſanna war ſo glücklich, einen ſolchen zu erhalten und ſie lernte jetzt in Barbara den Erdgeiſt kennen, der bekämpft, in Sannchen dagegen das Himmelskind, das be⸗ freit und verklärt werden mußte, und mit dieſem Augen⸗ blick begann zwiſchen Barbara und Sannchen ein offener Streit, der täglich geführt wurde und wobei meiſtens letztere die Oberhand behielt, wenn Suſanna nicht gar zu ſchnell von ihrem natürlichen ſtolzen und auffahrenden Sinn über⸗ raſcht wurde. Als Suſanna zwölf Jahre alt war, heirathete ihr Vater zum zweiten Male, wurde aber wieder Wittwer, während ſeine Frau ihm eine Tochter ſchenkte. Zwei Monate darauf ſtarb er ebenfalls. Nahe Verwandte nahmen die vater⸗ und mutterloſen Kinder zu ſich. In vieſer neuen Heimath hatte Suſanng viel zu erdulden. —.——„———— 3 +——— 5— n ei te In n 19 Da ſie ſtark und groß, überdieß dienſtwillig und warm⸗ herzig war, machte man ſie bald zur Dienerin des gan⸗ zen Hauſes. Die Töchter vom Hauſe ſagten zu ihr, ſie tauge zu nichts Anderem, denn ſie lerne ja nichts und habe ſo ungebildete Manieren, überdieß habe man ſie blos aus Barmherzigkeit aufgenommen, ſie beſitze ja gar Nichts u. ſ. w., was Alles man ihr zu wiederholten Malen auf eine höchſt unzarte Art zu erkennen gab, ſo daß Suſanna manche bittere Thräne des Zornes und Schmerzes darüber vergoß. Ein einziger Mund fand ſich, der nie anders als in den ſchmeichelnden Tönen der Liebe zu Suſanna ſprach und dieß war der ihrer kleinen Schweſter, der goldgelockten Hulda. Sie hatte in Suſannas Armen ihre Wiege, in ihrer Pflege den Schutz der zärtlichſten Mutter gefunden. Suſanna hatte ſich von ihrer Geburt an der kleinen Verlaſſenen ange⸗ nommen, und nie hat eine junge Mutter ihr erſtgebornes Kind wärmer und inniger geliebt, als Suſanna ihre kleine Hulda liebte, die unter ihrer Pflege auch das ſchönſte und liebenswürdigſte Kind wurde, das man ſehen konnte. Und wehe dem, der der kleinen Hulda zu nahe trat! Er hatte die ganze Kraft von Suſannas oft recht handfeſtem Zorn zu empfinden. Ihretwegen hielt es Suſanna hier mehrere mühevolle Dienſtjahre aus, aber als ſie kein Ende derſelben ſah, und gleichwohl kaum ſich ſelbſt und ihre kleine Schweſter anſtändig kleiden konnte, als ſie ſich über⸗ dieß durch die Menge der Geſchäfte verhindert ſah, ihr die nöthige Pflege angedeihen zu laſſen, ſo ſchaute ſich Su⸗ ſanna in ihrem zwanzigſten Jahre nach einem andern beſ⸗ ſern Platze um. Von der engen Wohnung aus, wo ſie trübe Tage verlebt, konnte Suſanna einen Baum ſehen, der ſeine Zweige hinter einer Planke auf die Straße herüberneigte. Manchen Frühlings⸗ und Sommerabend, wenn die andern im Hauſe auf einer Luſtpartie waren, ſaß Suſanna ſtille bei der kleinen ſchlafenden Hulda in dem kleinen Zimmer, das ſie für ſich und ſie eingerichtet hatte und betrachtete vom Fenſter aus mit ſtiller Wehmuth den grünen Baum, deſſen Zweige und Laub freundlich und einladend im Winde zu ihr herübernickten. . Allmählig winkte das grüne Laub in ihrer Seele Ge⸗ danken und Plane hervor, die ſich endlich zu einem feſten Bilde geſtalteten, d. h. zu einem Bild von Haus und Hof, das von nun an das Paradies ihrer Seele und ihr Le⸗ benszweck wurde. Sie dachte ſich dabei ein kleines Gütchen, das ſie pachten, anbauen und vermöge ihrer Arbeitskraft und Umſicht einträglich machen könne. Sie pflanzte Kar⸗ toffeln, ſie melkte die Kühe und machte Butter. Sie ſäete, ſie erntete und die Arbeit war ihr eine Freude, denn dort im weichen Graſe unter dem grünenden, wehenden Baume ſaß die kleine Hulda und ſpielte mit Blumen, und ihre blauen Augen ſtrahlten von Seligkeit, und keine Sorge, keine Noth kam ihr nahe. Suſannas Dichten und Trachten war jetzt auf Ver⸗ wirklichung dieſes Bildes gerichtet, der nächſte Schritt da⸗ zu war, einen guten Dienſt zu erhalten, wobei ſie, wenn fie ihren Lohn zuſammenſparte, die zur Ausführung ihres ländlichen Vorhabens nöthige Summe zuſammenbringen könnte. Sie ſpiegelte ſich vor, dieß in wenigen Jahren nerreichen zu können, und ſah ſich daher nach einem paſſen⸗ den Dienſt um. Unter den Badgäſten, die dießmal den unweit Ud⸗ devalla gelegenen Guſtavsberg beſuchten, befand ſich ein norwegiſcher Oberſt mit ſeiner Frau. Der Oberſt war vom Schlage gelähmt und des Gebrauchs der Zunge und der Hände beraubt. Er war ein großer Mann von wildem, hartem Ausſehen und obgleich er Niemand um ſich dulden zu können ſchien, als ſeine Frau und beſtän⸗ dig ihre Pflege in Anſpruch nahm, ſo geſchah es doch ſichtbarlich nicht aus Liebe. Eben ſo klar lag am Tage, daß die Oberſtin, obgleich ſie ſich unermüdlich mit bei⸗ ſpielloſer Selbſtverläugnung ſeinem Dienſte widmete, auch nicht durch Liebe, ſondern durch irgend eine wunderbare Kraft dazu getrieben wurde. Ihre eigene Geſundheit war M *— *5— 21 ſichtlich tief angegriffen und ein heftiger Krampf zog ihr oft die Bruſt zuſammen, aber Nacht oder Tag, wenn er ſich aufrichten wollte, war ſie es, um deren geduldig niedergebeugten Nacken er ſeinen Arm legte. Sie ſtand an ſeiner Seite und ſtützte ihn in der kalten Douche, die ſeine betäubten Lebenskräfte wieder erwecken ſollte und die ihrigen zerſtörte. Sie war ſtets bei der Hand, immer feſt und handelnd, ſelten ſprechend, niemals klagend. Nur aus einem ſchmerzlichen Zuge in ihrem Geſichte und einer gewiſſen Art, wie ſie die Hand aufs Herz legte, konnte man ſehen, daß ſie litt. Suſanna hatte Gelegenheit, Alles dieſes zu beobachten, und Bewunderung und Theil⸗ nahme erfüllten ihre Bruſt. Es gelang ihr bald, der ed⸗ len Frau zu Hülfe zu kommen, ihr in ihrem jugendſtar⸗ ken Arm eine Stütze anzubieten, um den Kranken pflegen zu können, wenn die Augen der Oberſtin ſich aus Müdig⸗ keit ſchloſſen. Und zum Glück duldete der Kranke ſie um ſich. Suſanna wurde Zeugin des letzten unheimlichen Auf⸗ tritts am Bette des Oberſten. Er ſchien ſich die größte Mühe zu geben, um noch etwas zu ſagen, aber er konnte nicht. Er gab zu verſtehen, daß er ſchreiben wolle, aber ſeine Finger vermochten die Feder nicht zu halten. Da malte ſich heftige Unruhe in den verzerrten Zügen. Jetzt neigte ſich ſeine Gattin über ihn, indem ſie mit einem Ausdruck der entſetzlichſten Angſt eine ſeiner Hände ergriff und flüſterte:„Gib mir nur ein Zeichen zur Antwort! Sprich, o ſprich! Lebt er noch?“ Der Kranke heftete einen ſtieren Blick auf ſie und— ſenkte den Kopf. War dieß eine bejahende Antwort, oder war es die Hand des Todes, die ihm verbot, zu antwor⸗ ten? Niemand konnte es ſagen, denn der Kopf erhob ſich nicht mehr. Es war ſeine letzte Bewegung geweſen. Mehrere Tage lang ſchien die Oberſtin unter häufigen Krampfanfällen dem Tode nahe zu ſein. Suſanna wachte unaufhörlich bei ihr und fühlte ſich glücklich, ſie pflegen und bedienen zu dürfen. Sie hatte eine Art leidenſchaft⸗ liche Hingebung für Madame Aſtrid gefaßt, wie junge 22 Mädchen ſie oſt gegenüber von älteren, ausgezeichneten Frauenzimmern empfinden, zu denen ſie als Idealen ihres Geſchlechts aufblicken. Und als die Oberſtin nach Norwe⸗ gen zurückkehrte, da küßte Suſannd weinend ihre kleine Hulda, fühlte ſich aber dennoch glücklich, einer ſolchen Ge⸗ bieterin folgen und in der ländlichen Abgeſchiedenheit, wo⸗ hin ſie ſich begab, dienen zu dürfen. Suſanna reiste in ein fremdes Land, bewahrte aber ihre kleine Hulda und ih⸗ ren Lebensplan in getreuem Herzen. M adame Aſtrid. „a fühltet ihr kryſtalluen Sterne Der Erde tauſendfache Pein hnd dränge ſie zu eurer Ferne, Erlöſche wohl der klare Schein.“ Heinr. Wergeland. Als ſich Suſanna von Harald und dem Haderwaſſer entfernte, war ſie in einer ganz ſchlimmen, aufgeregten Stimmung, aber je näher ſie dem Hauſe kam, das Ma⸗ dame Aſtrid bewohnte, um ſo ruhiger wurde ſie. Sie ſah zu ihren Fenſtern hinauf und erblickte ihr edles, aber fin⸗ ſteres Profil. Es war gebeugt; das Haupt ſchien von fin⸗ ſtern Gedanken niederwärts gedrückt. Bei dieſem Anblick vergaß Suſanna ſogleich ihren eigenen Gram.„O!“ ſeufzte ſie,„wer im Stande wäre, ſie ein wenig glücklicher zu machen!“. Darauf war Suſannas tägliches Sinnen gerichtet, allein mit jedem Tag wurde ihr das Räthſel dunkler. Madame Aſtrid ſchien für Alles um ſich her ſo gleichgultig. Nie ertheilte ſie einen Befehl wegen häuslicher Anordnun⸗ gen, ſondern ließ Suſanna ganz nach Belieben ſchalten und walten. Suſanna war eifrig bemüht, den Tiſch ihrer Gebieterin mit allem Guten und Leckern zu verſehen, was ſie auftreiben fonnte, aber zu ihrer Verzweiflung aß 23 die Oberſtin äußerſt wenig und ſchien nie darauf zu ach⸗ ten, ob etwas Gutes oder Schlechtes zubereitet war. Ehe Suſanna jetzt ins Haus ging, pflückte ſie einige der ſchönſten Blumen, die der Herbſifroſt übrig gelaſſen hatte, machte einen Strauß und trat mit dieſem in der Hand ins Zimmer der Gebieterin. Gramgebeugt iſt das Wort, das Madame Aſtrids ganzes Weſen am Beſten bezeichnet. Die krankhafte Bläſſe ihres edlen Geſichtes, die niedergeſenkten, ſelten aufge⸗ ſchlagenen Augenlieder, die Lebloſigkeit und Langſamkeit in ihren Bewegungen, die düſtere Gleichgültigkeit, in die ihre Seele eingehüllt ſchien, wie ihr Körper in das ſchwarze Trauergewand, wenn ſie Stunde um Stunde, oft ohne alle Beſchäftigung, der Kopf auf die Bruſt herabgeſunken, in ihrem Lehnſtuhl ſaß, Alles das beur⸗ kundete eine von langem Kummer ſchwer darniedergedrückte Seele. Der Kummer hat im Norden ſeine eigene Art. Im Süden brennt und verbrennt man. Im Norden ſtirbt man langſam hin, man erfriert, erſtarrt nach und nach. Dieſe Wahrheit iſt ſchon ſeit unvordenklichen Zeiten er⸗ fannt worden. Als unſere Väter Bilder für das ſuchten, was ihnen das Grauſenhafteſte im Leben erſchien, da ent⸗ ſtand das Gedicht von Hel's unterirdiſcher Wohnung, von den Schauerlichkeiten des Todtenufers, mit einem Wort von der Hölle des Nordens mit ihren unendlichen wald⸗ loſen Einsden, ihrer Kälte und Finſterniß, ihren Nebeln und zähen Fluthen, ihrem kalten niedertröpfelnden Gift, ihren Städten, die regenſchweren Wolken gleichen, ihren beinloſen Spükgeſtalten u. ſ. w. Im Furientanz des griechiſchen Tartarus iſt Leben und wilde Kraft, in ſeiner Raſerei eine gewiſſe Trunken⸗ heit, die das Gefühl tiefen Unglücks betäubt. Vor dieſen Schreckniſſen bebt das Herz nicht ſo zurück, wie vor den kalten, zähen, tröpfelnden, die der kalte Norden— ach nicht bloß im Gedichte— hervorbringt. Als Suſanna in der Oberſtin Zimmer trat, ſaß 24 dieſelbe wie geivöhnlich in ſtille Schwermuth verſunken da. Vor ihr auf einem Tiſch lag Papier, Federn und ein Buch, worin ſie vor Kurzem geleſen zu haben ſchien. Es war die Bibelz; das Buch Hiob lag aufgeſchlagen und folgende Stellen waren unterſtrichen: Ich begehre nicht mehr z u leben. Höre auf von mir, denn meine Tage ſind eitel geweſen. Der Menſch wird zum Unglück geboren, wie die Vögel ſchwebenemp orzufliegen. Madame Aſtrids Blicke hafteten an dieſen letzten Worten, als Suſanna leiſe und mit überwallendem Her⸗ zen ſich näherte und ihr mit einem innigen:„Ach ſeien Sie ſo gütig!“ ihren Strauß hinhielt. Die Oberſtin ſchaute die Blumen an und ein ſchmerz⸗ licher Zug zeigte ſich in ihrem Geſichte, indem ſie den Kopf abwendete und ſagte:„Sie ſind ſchon, aber behalte ſie nur, Suſanna. Sie thun mir wehe in den Augen.“ Sofort nahm ſie ihre vorige Stellung wieder an und Suſanna trat betrübt zurück, wagte es aber nach einer kurzen Pauſe doch ihre Stimme wieder zu erheben und zu ſagen: „Ach wir haben heute eine ſo vortreffliche Forelle be⸗ kommen. Befehlen die Frau Oberſtin ſie nicht auf dieſen Mittag? Etwa mit einer Eierſauce? Oder darf ich viel⸗ leicht eine Ente oder ein junges Huhn braten? „Thu' was du willſt. Suſanna,“ ſagte die Oberſtin abbrechend und gleichgültig. Aber es lag etwas ſo Kum⸗ mervolles in dieſer Gleichgültigkeit, daß Suſanna, die ein wenig näher getreten war, nicht umhin konnte, ſchnell niederzuſinken und ihre Kniee zu umfaſſen, indem ſie ſagte: „Ach wenn ich Ihnen doch etwas zu Gefallen thun könnte! Wenn ich Ihnen doch ein Vergnügen machen könnte!“ Aber Suſannas warmer, von Ergebenheit ſtrahlender Blick begegnete einem ſo finſtern, daß ſie unwillkürlich da⸗ vor zurückſank. „Suſanna!“ ſagte Madame Aſtrid mit düſterem — ——— —————— 25 Ernſt, indem ſie die Hand auf ihre Schulter legte und ſie ſanft wegſchob,„thu' mir den einzigen Gefallen und bekümmere dich nicht um mich. Es führt zu Nichts. Ich habe keine Freundlichkeit zu erwiedern, mein Herz iſt ab⸗ geſtorben. Geh' mein Kind,“ fuhr ſie freundlicher fort, „und kümmre dich nicht um mich. Mein Wunſch, das Einzige, was mir gut thut, iſt jetzt, allein zu ſein., Suſanna ging mit einem von ſchmerzlichen Gefüh⸗ len überwältigten Herzen.„Ich ſoll mich nicht um ſie kümmern,“ ſagte ſie vor ſich hin, indem ſie eine Thräne trocknete,„mich nicht um ſie kümmern! Als ob das mög⸗ lich wäre!“ Als Suſanna ſich entfernt halte, warf Madame Aſtrid einen melancholiſchen Blick auf das Papier vor ihr. Sie ergriff die Feder und legte ſie wieder hin, der Ge⸗ danke, ſie zu gebrauchen, ſchien ihr unangenehm, doch ent⸗ ſchloß ſie ſich endlich dazu und ſchrieb folgenden Brief: „Sie wollen, ich ſoll Ihnen ſchreiben! Ich ſchreibe alſo, aber was was ſoll ich Ihnen ſagen? Dank für Ihren Brief, mein väterlicher Freund, mein Jugend⸗ lehrer, Dank für Ihren Willen, meine Seele zu ſtärken und aufzurichten! Aber ich bin alt, niedergebeugt, ermü⸗ det, erbittert, verſchlechtert; es wohnt keine Kraft, kein lebendes Wort mehr in meiner Bruſt; es iſt zu ſpät, mein Freund, zu ſpät!“ „Sie wollen meinen Blick zum Himmel lenken; aber was iſt der Sonne Glanz für ein Auge, das— nicht mehr ſieht? Was iſt der Tone Macht für das Ohr des Tauben? Was iſt alles Schöne, alles Gute in der Welt für das Herz, das geſtorben, das in langer, harter Ge⸗ fangenſchaft verſteinert iſt? O, mein Freund! Ich bin Ihres Troſtes, Ihrer lindernden Worte unwürdig. Meine Seele lehnt ſich dagegen auf und wirft ſie von ſich als „Worte, Worte, Worte,“ die ſeit Jahrtauſenden ſchön und groß klangen, während Tauſende von Seelen troſtlos verſtummten.“ „Hoffen! Ich habe ſo lange gehofft. Ich habe 26 ſo lange zu mir geſagt:„Es kommt ein beſſerer Tag. Die Bahn der Pflicht führt zur Heimath des Friedens und Lichtes, wenn der Weg auch noch ſo dornenvoll iſt. Gehe ihn unverdroſſen, müder Pilger, gehe, gehe und du wirſt in das gelobte Land kommen.“ Und ich bin ge⸗ gangen, lange, ſchwere Tage gegangen, mehr als dreißig Jahre lang, aber der Weg zog ſich immer länger und länger dahin;— meine Hoffnungen ſind verwelkt, hinge⸗ ſtorben eine nach der andern;— noch ſehe ich kein Ziel, keines, außer das Grab.“ „Liebe, Liebe!— O, wenn Sie wüßten, welch unausſprechlich bittere Gefuͤhle dieſes Wort in mir erweckt! Habe ich nicht geliebt, glühend geliebt? Und welche Frucht hat es getragen? Es hat mein Herz gebrochen und meine Liebe hat denjenigen Unglück gebracht, denen ich ſie widmete. Es iſt vergebens; Sie wollen einen Glauben bekämpfen, der ſich feſt in mir gewurzelt hat. Ich glaube, daß es Menſchen gibt, die zum Unglück ge⸗ boren, die verurtheilt ſind, Allem, was ſich ihnen nähert, Unglück zu bringen und ich glaube, daß ich zu die⸗ ſen gehbre. Laſſen Sie mich alſo die Menſchen fliehen und alle Gefühle ſtiehen, die mich mit ihnen verbinden fönnten. Warum ſoll ich noch mehr Böſes ſtiften, als ich bereits geſtiftet habe?“. „Warum baten Sie mich zu ſchreiben? Ich möchte meine Bitterkeit in kein andres Herz gießen, ich möchte Niemand wehe thun und— was habe ich jetzt gethan?“ „Es gibt einen ſtillen Kampf, der durch die Welt geht, der in der verſchloſſenen Menſchenbruſt gekämpft wird und zuweilen— ſchrecklich. Dieß iſt der Kampf mit böſen und bittern Gedanken. Solche Gedanken ſind es, die zuweilen Worte finden, Worte, die in Feuer und Blut geſchrieben werden. Sie werden dann vor dem Richterſtuhle geleſen und— verurtheilt. Aber in man⸗ cher Bruſt raſen ſie ſtille lange Jahre. Da untergraben ſie allmälig Geſundheit, Frohſinn, Liebe, Glauben, den Glauben ans Leben und den Glauben an— einen guten N W—— d n⸗ en en 70 7 Gott. Mit dieſen ſinkt Alles, Könnte ich glauben, daß mein ergebener treuer Wandel an der Seite des Gatten, den ich einſt ſo innig geliebt, um deſſen willen ich in der Feſtung, wo er befehligte, ein Leben hinſchleppte, gegen welches das des Gefangenen wonnevoll war, dem ich, ſelbſt als ich ihn nicht mehr liebte, getreu folgte, weil er meiner bedurfte, weil er ohne mich allein geweſen wäre, finſtern Geiſtern preisgegeben— dem ich folgte, weil es Recht und Pflicht war, weil ich es ihm vor Gott gelobt hatte— o könnte ich glauben, daß dieſe Treue wohlthuend gewirkt, daß meine Bemühungen eine Frucht getragen hätten, dann würde ich nicht, wie jetzt, fragen: Warum wurde ich geboren? Warum habe ich gelebt? Aber Nichts, Nichts!“ „Könnte ich denken, jenſeits des Grabes dem holden, liebevollen Blick meiner einzigen Schweſter zu begegnen, dann würde ich dem Tod freudig entgegenſehen. Aber was werde ich ihr antworten, wenn ſie nach ihrem Schmerzenskinde fragt? Wie wird ſie die ungetreue Wärterin anblicken?“ „O, mein Freund! Mein Unglück iſt nicht roman⸗ hafter Art, es iſt kein Unglück, das nur dazu dient, ſchönen Tagen einen ſtarken Schatten zu geben. Es iſt eine lang⸗ ſame Winterdämmerung, die nur zu einer tieſeren Nacht ſührt. Und bin ich wohl die Einzige hierin? Schlagen Sie das Blatt der Geſchichte auf, ach ſehen Sie um ſich in der Gegenwart und Sie werden Tauſende von Leiden⸗ den, von unſchuldig Leidenden ſehen, die nach langen Qua⸗ len in der Verzweiflung dahingehen. Aber zu einem andern, zu einem glücklichern Leben! Eitnziger Troſt, einzige Hoffnung, einziger wahrer Lichtpunkt im Dunkel des Erdenlebens— nein, nein, dir will ich nicht entſagen! Ich will an dich glauben und in dieſem Glau⸗ ben das oft aufſteigende Murren gegen den Schöpfer der Welt zum Schweigen bringen.“ „Ich bin krank und glaube nicht, daß ich dieſen Winter überleben werde. Ich athme ſchwer und vielleicht trägt dieſer Schmerz zu dem unausſprechlichen Drucke bei, der auf mir liegt. Wenn ich mich in den langen Nächten, außer Stands zu ſchlafen, in meinem Bette auf⸗ richte und die Nacht in mir, hinter mir und vor mir anſehe, da umgeben mich finſtre, ſchauerliche Phantaſieen und dann iſt es mir oft, als nahe ſich mir die Milzſucht mit den aſchgrauen Wangen und dem ſtarren, ſtierenden Blick, um meinen Verſtand zu umnebeln und meine Sinne zů verwirren. Wie kann ich zu leben wünſchen? Wenn es Abend iſt, wünſche ich, es wäre Morgen, und wenn es Morgen wird, wünſche ich, der Tag wäre vorbei und der Abend wieder da. Jeder Augenblick iſt mir eine Bürde und eine Plage.“ „Deßhalb, mein Freund, beten Sie für mich zu Gott, daß er mich bald ſterben laſſe. Leben Sie wohl! Vielleicht ſchreibe ich nicht mehr. Aber mein letzter klarer Gedanke wird Ihnen gelten. Verzeihen Sie die Ungeduld, die Bit⸗ terkeit, die ſich in dieſem Briefe kundthut. Beten Sie für mich, mein Freund und Lehrer; beten Sie, daß ich mich beruhigen möge und beten könne, bevor ich ſterbe.“ Neue Streitigkeiten. „Wir leben in einer eignen Zeit, Manch ernſtes Wort, manch ernſter Streit.“ Munch. Indem wir die bleiche Madame Aſtrid mit ihren fin⸗ ſtern Gedanken allein laſſen, werden wir durch einen ganz eigenthümlichen Lärm veranlaßt uns umzuſehen im Brauhauſe. Harald hat ſich dort eingefunden, um das neue Bier zu koſten, in deſſen Bereitung Suſanna Meiſterin war, aber nachdem er einen tüchtigen Zug gethan, ſagte er mit einem ſchrecklichen Grinſen;„Taugt Nichts, taugt ganz und gar Nichts. — vi ti he 3 zu ka N V vi kl te W B ge bre V Bt ſick du au „ . f⸗ ir en ht en ne in es de tt, ht e it⸗ ie ich /. in⸗ inz ier ar, nit nz 5 Etwas beleidigt antwortete Suſanna:„Vielleicht be⸗ haupten Sie auch, daß das Braurecept der Landeshaupt⸗ männin Roſenhjelm Nichts tauge.“ „Das behauple ich auch. Es iſt doch die, die ſo viele Kaffeeviſiten gibt? Eine Kaffeeſchweſter gibt nie eine tüchtige Haushälterin und da die Landeshauptmännin Ro⸗ ſenhjelm eine Kaffeeſchweſter iſt, ſo... „Da muß ich Ihnen doch ſagen,“ fuhr Suſanna heftig auf, daß es ebenſo unanſtändig, als bösartig von Ihnen iſt, auf dieſe Art von einer ſo vortrefflichen Dame zu ſprechen, die ſo hoch in der allgemeinen Achtung ſteht.“ „Hoch! Wie hoch iſt ſie ungefähr?“ „Viel höher, als Sie ſind, oder es je werden, das kann ich Sie verſichern.“ „Höher, als ich? Dann geht ſie gewiß auf Stelzen. Nun muß ich geſtehen, das iſt der hochſte Höhepunkt der Vornehmheit und Gefallſucht. Wenn eine Frau Kaffee⸗ viſiten gibt und ſich hübſch, meinetwegen auch prächtig kleidet, das kann man ihr verzeihen, aber auf Stelzen zu gehen, blos um höher zu ſein, als alle andre und den Leu⸗ ten über die Köpfe wegſehen zu können, das iſt ſtark! Wie kann eine ſo hohe Perſon ſich herablaſſen, ein gutes Bier zu brauen? Ueberhaupt kann eine Schwedin nie ein genießbares Bier brauen, denn.... „Sie wird für Sie auch keinen einzigen Tropfen mehr brauen, Sie garſtiger Norweger; denn Sie haben weder Vernunft, noch Witz, noch Geſchmack, noch. Und Suſanna ſtürzte im hoöchſten Zorn aus dem Brauhauſe, indem ſie einen Becher umſtieß, den Harald ſich während des Streites gefüllt hatte und deſſen Inhalt er auf den Leib bekommen haben würde, wenn er ſich nicht durch einen ſchnellen Seitenſprung gerettet hätte.“ Noch an demſelben Tage treffen wir die Streitenden auch in der Vorrathskammer. „Sind Sie noch böſe?“ begann Harald ſcherzhaft, indem er den Kopf zur Thüre auf den Boden hineinſtreckte, wo Suſanna mit der Wichtigkeit und Würde einer ächten Speiſekammerbeherrſcherin auf einer Mehlkiſte, wie auf ihrem Throne ſaß, ein Scepter von den wohlbekannten Wurſtkräutern, Thymian, Majoran und Baſilika in der Hand haltend, die ſie in kleine Stücke zerſchnitt und dabei. prüfende Blicke in ihrem wohlgeordneten Reich umher⸗ ſandte. Die Brodkiſten ſperrten, da erſt kürzlich gebacken worden war, übervoll den Mund auf, Fleiſchwürſte und Schinken hingen ſaftig von der Wand herab, wie auch große Bündel trockene Fiſche; Koͤrbe mit allerlei Ge⸗ müſen ſtanden auf ihren Brettern umher u. ſ. w. Harald ſah ſich ebenfalls mit Kennerblick auf dem Boden um und ſagte, obgleich er noch keine Antwort auf ſeine Frage hatte: „So viel iſt gewiß, eine beſſer ausgerüſtete und ge⸗ ordneie Vorrathskammer habe ich meiner Lebtage nicht geſehen.“ Suſanna wollte auch keine Spur von dem Vergnügen zeigen, das ſie über dieſes Lob empfand. „Aber,“ fuhr Harald fort,„Sie müſſen auch zugeben, daß es keine große Kunſt iſt, Speiſekammer und Keller in gehörigem Stande zu erhalten in einem an allen Gü⸗ tern des Lebens ſo reichen Lande, wie unſer Norwegen. „Geſegnet Land, mit himmelhohen Bergen, Fruchtbaren Thälern, fiſchereichen Küſten!“ „Wir haben, Gott ſei Dank! in Schweden auch Fiſche,“ antwortete Suſanna trocken. „Ja, aber gegen die unſtigen können ſie nicht in Be⸗ tracht kommen. Oder wollten Sie vielleicht im Ernſt Ihre Handvoll Barſchen gegen unſer Gewimmel von Makrelen, Häringen, Dorſchen, Flundern und ſonſtige unermeßliche Schaaren von Fiſchen ſetzen?“ „Alle Ihre norwegiſchen Fiſche gebe ich um einen einzigen ehrlichen, ſchwediſchen Hecht hin.“ „Einen Hecht? In Schweden gibt es, ſo viel ich weiß, gar nichts Anders, als Hechte.“ — en nd ch e⸗ m uf en en, ler zü⸗ Be⸗ hre en, che nen ich * 2 31 „In Schweden gibt es alle Fiſcharten, die ſich in Norwegen vorfinden, nur viel größer und fetter.“ „Ja, dann kommen ſie von unſern Küſten. Wir nehmen unſern Bedarf zum Voraus weg und laſſen die übrigen nach Schweden ſchwimmen, damit die Leute da drüben auch manchmal etwas bekommen. Aber ich ver⸗ geſſe, daß ich ſelbſt hinaus ſoll, um große Fiſche und kleine Fiſche, Fiſche die ſchwere Menge zu fangen. Adieu, Mamſell Suſanna! Ich komme bald zurück mit Fiſchen.“ „Bleiben Sie lieber gleich draußen bei Ihren nor⸗ wegiſchen Fiſchen!“ rief ihm Suſanna nach. Harald blieb nicht bei den Fiſchen. Am nächſten Morgen ſehen wir ihn mit Suſanna in der Milchkammer. „Es ſcheint, wir bekommen heute Mittag ſaure Milch, eines unſerer köſtlichſten Nationalgerichte und mein Leibeſſen.“ „Bah! es wird einem angſt und weh, wenn man nur an Ihre Nationalgerichte denkt. Aber noch abſcheu⸗ licher, als Ihre ſaure Milch, noch unnatürlicher iſt Ihr ſchauderhaftes Gebräu Obſtſuppe mit Sardellen.“ „Obſtſuppe mit Sardellen! Das allerleckerſte Eſſen auf der Welt, ein Eſſen, das ich mit Fug und Recht ein Chriſteneſſen nennen kann.“ „Und ich nenne es ein Heideneſſen, das kein ehrlicher Ghriſtenmenſch genießen kann.“ „Seit Menſchengedenken wird es von den freien Nor⸗ wegern in Norwegens ſchönen Thälern verzehrt.“ „Das beweist, daß ihr freien Norweger noch Heiden eid.“ „Ich will Ihnen beweiſen, daß die Norweger vor den Schweden Chriſten wurden.“ „Das können Sie beweiſen, ſo lang Sie wollen, ich werde es Ihnen doch nicht glauben.“ „Aber ich kann es Ihnen gedruckt zeigen.“ „Dann bin ich überzeugt, daß es ein Druckfehler iſt.“ 32 Harald lachte und bemerkte etwas von der Unmög⸗ lichkeit, in ſchwediſche Frauenzimmer Vernunft zu bringen. Sollte nun Jemand verwundert fragen, wie es komme, daß Harald überall mit Suſanna zuſammentrifft, im Brauhauſe, in der Vorraths⸗ und in der Milchkam⸗ mer, ſo können wir ihm blos antworten, daß er ohne Zweifel ein großer Liebhaber von Bier, Mehl und Milch war oder vielleicht auch von einem gewiſſen andern Ge⸗ würze in der Alltagsſuppe des Lebens, genannt eine kleine Neckerei. Die Oberſtin frühſtückte immer auf ihrem Zimmer, zu Mittag aber ſpeiste ſie mit Harald und Suſanna und ſah dieſelben mitunter auch Abends ein Stündchen. Bei Tiſche brach oft der Streit über die norwegiſchen und ſchwediſchen Angelegenheiten aus, denn bei der kleinſten Veranlaſſung ſtürzte ſich die Bürgermeiſterstochter blind in den Kampf fürs Vaterland und ſonderbar genug, ſchien Madame Aſtrid ſelbſt zuweilen ein Vergnügen daran zu finden, das Feuer zu ſchüren, indem ſie eine und die an⸗ dere Frage hinwarf, wie z. B.: „Ich möchte doch wiſſen, ob der Blumenkohl in Norwegen beſſer iſt, als in Schweden?“ Oder:„wenn ich nur wüßte, ob das Korn in Schweden beſſer iſt, als in Norwegen?“ „Ganz gewiß in Norwegen,“ ſagte dann Harald. „Ganz ſicherlich in Schweden,“ rief Suſanna. Und auf dieſe Art wurden Gemüſe, Fiſche, Münze, Maß und Gewicht beſprochen und darüber diſputirt. Von dem norwegiſchen Korn ſagte Suſanna:„Ich habe auf dem ganzen Gute noch keinen einzigen Halm ge⸗ troffen, der ſich mit einem ſchwediſchen meſſen könnte.“ „Das kommt daher,“ antwortete Harald,„daß Sie überhaupt früher nie ein gutes Korn geſehen haben.“ Ueber das norwegiſche Gewicht äußerte ſie:„Ich kann mich gar nicht in dieſes abſcheuliche, widerwärtige norwegiſche Gewicht finden.“ 9 ei d n d n zu ⸗ in ch in — 33 „Und doch iſt es weit gewichtiger, als das ſchwe⸗ diſche,“ verſetzte Harald. Wenn dann Suſanna recht eifrig und recht böſe wurde, dann lachte der Schalk von ganzem Herzen und mitunter wurde ſogan Madame Aſtrids bleiches Geſicht von einem ſchwachen Lächeln erhellt, allein es glich einem Sonnenſchimmer an einem düſtern Novemberhimmel, der bloß leuchtet, um ſich ſogleich wieder in Wolken zu hüllen. Bei ſolchen Gelegenheiten dachte Suſanna nicht von ferne daran, ihre Barbaralaune zu zügeln. Sie hielt es für heilige Pflicht, ihr Vaterland auf dieſe Art zu ver⸗ theidigen. Aber nicht immer herrſchte der Geiſt des Streites zwiſchen Harald und Suſanna. Mitunter begrüßte ſie auch der Geiſt des Friedens wie eine ſcheue Taube, die jeden Augenblick bereit iſt, auf und davon zu fliegen. Wenn ſich Suſanna einmal über das ergoß, was im Innerſten ihres Herzens lebte, über ihre Liebe zu ihrer kleinen Schweſter, ihre Erinnerungen aus ihrem Zuſammenleben, ihre Sehnſucht, ſie wieder zu ſehen und für ſie leben zu können, wie eine Mutter für ihr Kind, dann hörte Harald immer ſchwei⸗ gend und aufmerkſam zu. Kein ſpöttiſches Lächeln oder Wort taſtete dieſe reinen Bilder in Suſannas Seele an. Und wie maleriſch beſchrieb nicht Suſanna die Schönheit der kleinen Hulda, des kleinen weißen, baumwolleweichen Kindes, die frommen blauen Augen, die kleinen weißen Zähne, wie ſie glänzten, wenn ſie lachte, den klaren Sonnenſchein, der ſich dann über ihr ganzes Geſicht ver⸗ breitete, die goldenen Locken, die ſich ſo ſchön um Stirne und Hals ringelten, die kleinen lieben Händchen und dann ihre Gemüthsart, ihr lebhaftes, gutes, liebevolles Herz. O ſie war ein wahrer Engel Gottes! Die kleine Kammer, wo Suſanna mit ihrer Hulda gewohnt und die ſie aus einer häßlichen Rumpelkammer in ein freund⸗ liches Stübchen verwandelt hatte, deſſen Tapeten ſie ſelbſt gemalt, auch dieſe zeichnete ſie Harald aus dem Gedächt⸗ Bremer, Streit und Friede. 3 niſſe vor, und wie der kleinen Hulda Bett mit einem hell⸗ blauen Mouſſelinvorhang umgeben war, und wie des Mor⸗ gens ein Sonnenſtrahl ſich ins Zimmer ſtahl, um das Kopfkiſſen des Kindes zu beleuchten und ſeinen Lockenkopf zu küſſen. Wie ſchelmiſch war nicht die Kleine, wenn Su⸗ ſanna Abends ſpät kam, um ſich zur Ruhe zu begeben, und ihr erſter Blick immer auf das Bett fiel, wo ihr Lieb⸗ ling lag! Aber ſie ſah ſie nicht, denn Hulda ſteckte dann ihr Köpfchen unter die Decke, um ſich vor der Schweſter zu verbergen. Suſanna ſtellte ſich, als ſuche ſie nach ihr, aber ſie brauchte blos mit ängſtlicher Stimme zu ſagen: „Ach Gott, wo iſt meine kleine Hulda?“ um den Kopf der Kleinen ſogleich wieder heraufzulocken, ihre ausgeſtreck⸗ ten Arme zu ſehen und ſie rufen zu hören;„Hier bin ich, Sanne, hier iſt deine kleine Hulda!“ Und wenn ſie dann ihren kleinen Liebling in ihre Arme und an ihr Herz vrückte, da war Suſanna glücklich und vergaß alle Be⸗ kümmerniſſe und Laſten des Lebens. Bei der Erinnerung an dieſe Stunden rannen oft Suſannas Thränen und hinderten ſie, den feuchten Glanz zu bemerken, der mitunter auch in Haralds Augen dabei aufſtieg. Indeß auch Harald hatte Dinge zu erzählen, die zwar nicht ſo zarter Natur, aber doch intereſſant ge⸗ nug waren, um Suſannas ganze Aufmerkſamkeit in höch⸗ ſtem Grade in Anſpruch zu nehmen und uns zu veran⸗ laſſen, zugleich zu einem neuen Kapitel überzugehen. ft 13 ei , E⸗ ⸗ ⸗ 35 Abendſtunden. „Solch Leben lieb' ich, das ſich kräftig weist Im Mühlgeklapper und des Hammers Schlag, Doch wenn vor lauter Klipp Klapp ſich der Geiſt Vicht rufen läßt zu ſeinem Feiertag, Da iſt's ein Leben, dumpf und ohne Sinn, Wo nur mechaniſch tanzt der Fuß dahin. Fliege leichtbeſchwingter Pfeil hinüber Klingend in das große Reich der Mythe; Es erwache dort das Geiſterleben!“ Foß. Harald erzählte gern und erzählte ausgezeichnet gut; eine angenehme ſchöne Gabe, die man in Norwegen bei allen Klaſſen, ſowohl bei Männern wie bei Frauen trifft; ſie ſcheinen ſie von den Skalden, ihren Vätern, geerbt zu haben:— außerdem war er in den Gebirgsgegenden, ih⸗ ren Naturmerkwürdigkeiten und Sagen gut bewandert. Und gerade aus dem eigentlichen Gebirgsland ſind die ſchönſten Blumen der norwegiſchen Volkspoeſie wie aus ihrem Herzen emporgeſproßt. Die Zeiten der Sage und der heidniſchen Jahrhunderte haben hier ihre Rieſenſpuren hinterlaſſen. Die Flüſſe und Berge haben ihre Tradi⸗ lionen von Verzauberung und Verwandlung; die Rieſen⸗ keſſel ertoͤnen in den Bergen und Bauſteine erheben ſich über den Kämpen, die Streit ſuchten und im Zweikampfe ſielen. Vom Hallingthale ging die norwegiſche National⸗ polska der Hallinger aus, deren wilden wunderlichen Rythmus nur die Hardanger Geige recht wieder zu ge⸗ ben vermag. Am Schönſten ſind die Blüthen der Er⸗ innerung, welche die chriſtliche Vorzeit gebar, und der ewige Schnee auf den Zinnen der Urberge iſt nicht un⸗ verwelklicher, als dieſe unſchuldigen Roſen an ihrem Fuße. So lange der Gauſta ſteht und der Rjukan ſei⸗ nen Donnergeſang ſingt, wird man ſich an Marie Stien erinnern und ihre Sage voll Freud und Leid erzählen; ſo 36 lange der Folgefonds über ſeinen ſtummen, düſtern Ge⸗ heimniſſen*) ruht, ſo lange wird ſich die kleine Inſel, die der Sage nach ewig von Thränen wahrer Liebe be⸗ goſſen wird, mit Grün kleiden. Wie dem auch ſei, diejenigen, welche Dichtungen und Sagen mit ihrem eigenen Leben ſchreiben, welche die Tiefe des Daſeins in der ſtillen, aber mächtigen Sprache der Thaten ausſprechen, dieſe ſind die wahren Dichter, die erſten Skalden auf Erden. In der zweiten Reihe ſtehen die, welche erzählen, was dieſe erlebt haben. Wenn das Tagwerk vollendet und Madam Aſtrid nach einer leichten Abendmahlzeit auf ihr Zimmer zurück⸗ gekehrt war, dann machte es Harald großes Vergnügen, Suſanna etwas vorzuleſen, oder Geſchichten zu erzählen, während ſie nähte oder das Spinnrad ſurren ließ, oft in muntrem Wetteifer mit Larina und Karina, wobei das Feuer im Kamin tanzte und ſeine warmen traulichen Lich⸗ ter auf die verſammelten Geſtalten warf. Es war Harald unendlich angenehm, Suſanna zur Zuhörerin zu haben, ihre Ausrufungen kindiſcher Angſt und Verwunderung oder auch ihr herzliches Lachen zu hören, oder ihre Thrä⸗ nen zu ſehen, je nachdem er luſtige oder traurige Ge⸗ ſchichten erzählte. Wie tief wurde ſie nicht von der Geſchichte der Marie Stien ergriffen, wie ſchauderte ſie nicht bei der Schilverung des Pfades über das Gebirge am Rande des Abgrundes vom Rjukanfalle, über den noch heute die Wanderer mit Beben ſchreiten und den ein junges, ) Mehrere Ortſchaften mit ſodomitiſchen Sitten wurden der Sage nach unter dem gigantiſchen Leichentuche begraben und noch ſoll man den Hahn unter der Schneedecke krähen hören. Wenn die Sonne über den Fond ſcheint, glaubt mau, Schwärme unzähligerkleiner Vögel von allen Farben, weiß, ſchwarz, grün, gelb und roth zu ſehen, die über dem Schnee⸗ meer auf und nieder fliegen. In früheren Zeiten glaubte man, es ſeien die Seelen der gottloſen Bewohner des Thals, die hier in Geſtalt von Vögeln umherſchwärmen, Siehe Faye. vom Muth der Liebe geleitetes Mädchen auffand. Auf dieſem Pfade ging die ſchöne Marie des Weſtfjordthales mit leichten, ſichern Schritten ihrem Jugendfreund und Geliebten Ejſtein Halſvordſen entgegen. Aber ihres Va⸗ ters Geiz trennte die Beiden und von Mariens Thränen und Bitten bewegt, mußte Ejſtein vor den hinterliſtigen Anſchlägen eines Nebenbuhlers auf ſein Leben fliehen. Jahre vergingen und Marie war ſtandhaft in ihrer Treue. Ihr Vater ſtarb: Ejſtein hatte durch Tapferkeit und Edelmuth in ſeinem frühern Feind einen Freund gewonnen, und die Liebenden ſollten nach langer Trennung ſich wieder treffen, um nie mehr von einander zu ſcheiden. Ejſtein eilte auf dem gefährlichen Weg der Geliebten entgegen. Lange hatte ſie ihn erwartet. Sie ſah ihn kommen und rief ſeinen Namen mit einem Freudenſchrei. Er erblickte ſie gleich⸗ falls; heftig ſtreckten ſich ſeine Arme wie ſeine ganze Seele gegen ſie aus, und er vergaß— daß er keine Schwingen hatte. Er ſtürzte hinab und der Rjukan verſchlang ihn in ſeiner ſchäumenden Tiefe. Noch viele Jahre wanderte täglich auf dem Maria⸗ ſteig eine bleiche Geſtalt mit dem Ausdruck ſtillen Wahn⸗ ſinns in ihren ſchönen Zügen den grauenvollen Pfad hinan, neigte ſich über den Waſſerfall und ſchien mit Jemand unten in der Tiefe zu ſprechen. Mit wehmüthi⸗ ger Freude kam ſie jedesmal von dieſer Wanderung zu⸗ rück und ſagte zu den Ihrigen in der Hütte:„Jetzt habe ich mit ihm geſprochen und er bat mich jeden Tag zu kommen, um ihm zu ſagen, wie ich lebe. Es wäre Sünde, es ihm abzuſchlagen; er iſt ſo gut und liebt mich ſo treu.“ So ging ſie noch, als ihr das Silberhaar um die runzligen Wangen im Winde flatterte, ſo ging ſie, bis eine barmherzige Stimme die müde Wandererin auf den Himmelspfad rief zur Ruhe und Freude in den Armen des Geliebten. Weniger traurig, aber nicht minder intereſſant für Suſanna war die alte Sage von Halgrim. 38 Der ſchwarze Tod hatte in Norwegen gewüthet und mehr als zwei Dritttheile der Bevölkerung weggerafft, ganze Landſtriche und große, volkreiche Kirchſpiele ver⸗ wüſtet. Im Ulvigsthal im Hardanger⸗Gebirge war ein junger Bauer, Namens Halgrim allein von ſämmtlichen Bewohnern übrig geblieben. Er erhob ſich vom Kranken⸗ lager, wo er von Todten umgeben war und ging aus, um— lebendige Menſchen zu ſuchen. Es war Frühling, die Lerchen ſangen hoch in der blauen klaren Luft, die Birkenhaine kleideten ſich mit zartem Grün, die Bäche ſchlängelten ſich mit ſchmelzenden Schneeſtreifen die Ge⸗ birge herab, aber kein Pflug wurde durch die erweichte Erde geführt, von den Höhen hörte man kein Kuhhorn die Heerden auf die Weide rufen; Alles war todt und ſtill in den Wohnungen der Menſchen. Halgrim ging von Thal zu Thal, von Hütte zu Hütte und überall ſtierte ihm der Tod entgegen und er erkannte die Leichen früherer Freunde und Bekannten. Da begann er zu glauben, daß er allein auf der Welt ſei; Verzweiflung zog in ſeine Seele und er beſchloß auch zu ſterben. Als er aber im Begriff war, ſich von einem hohen Fels herabzuſtürzen, ſprang ſein treuer Hund an ihm auf, ſchmeichelte ihm und klagte in der ausdrucksvollen Sprache der Angſt. Halgrim faßte ſich und trat zurück vom Rande des Ab⸗ grunds; er umarmte ſeinen Hund, ſeine Thränen floßen, die Verzweiflung wich aus ſeinem erweichten Herzen und er begann ſeine Wanderung aufs Neue. Die Erinnerung an ſeine Liebe führte ihn in das Kirchſpiel Graven, wo Hildegunde zum erſtenmal geſehen und lieben gelernt hatte. Es war Abend und die Sonne im Untergehen be⸗ griffen, als Halgrim in ein Thal hinabſtieg, wo Alles eben ſo ſtill und ausgeſtorben war, wie in denen, die er bisher durchwandert hatte. Düſter ſtanden die Föhren im ſchwarzen Schatten der Bergwand und ſtill floß der Fluß zwiſchen den öden Ufern. Am andern Ufer ſprang eine kleine Landzunge mit laubiger Waldung in die blauen * — — v—— W NM — 1 39 Wogen hinaus und auf den hellgrünen Birkenwipfeln ſpiel⸗ ten die letzten Strahlen der Sonne. Plötzlich ſchien es Halgrim, als ob ein leichter Rauch über dem Walde emporwirbelte. Aber er traute ſeinen Augen nicht; athemlos ſtierte er dahin. Es währte bloß eine Sekunde und bläuliche Rauchſäulen erhoben ſich lang⸗ ſam in die ruhige Abendluſt. Mit einem Freudenſchrei ſtürzte Halgrim vorwärts, watete durch den Fluß und ſtand bald auf dem andern Ufer. Bellend und wedelnd ſprang ſein Hund voraus bis zur Hütte, aus welcher der Rauch kam. Auf dem Herde deſſelben brannte ein klares Feuer und ein junges Mädchen trat in die Thüre— noch ein Ruf unausſprechlicher Freude und Halgrim und Hil⸗ degunde lagen einander in den Armen. Auch Hildegunde war in ihrem Thale allein geblieben nach dem ſchrecklichen Beſuche des ſchwarzen Todes. Tags darauf gingen ſie ihrer Verabredung gemäß in die Kirche und da ſich kein Prieſter fand, um ſie zu trauen, auch keine andre Menſchen, um Zeugen ihrer Vereinigung zu ſein, traten ſie allein vor Gottes Altar und reichten einander die Hand, wobei Halgrim mit feierlicher Stimme ſagte:„Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes!“ Und Gott ſegnete die in ſeinem Namen eingegangene Verbindung. Von dieſem glücklichen Paar gingen Geſchlech⸗ ter aus, die dieſe Gegenden aufs Neue bevölkerten und die Namen Halgrim und Hildegunde ſind noch bis auf den heutigen Tag gebräuchlich unter ihren Bewohnern. Durch Harald wurde Suſanna auch mit den nor⸗ wegiſchen Königsſagen bekannt, mit den Thaten Olof Haraldſen's(des Bluttäufers), mit denen des edleren Slof Tryggveſon, und mit Bewundrung horte ſie vom König Sverre mit dem kleinen Körper und der großen, wahrhaft königlichen Scele. Es ſchmeichelte auch ihrer 40 weiblichen Eitelkeit ein wenig, die Frauen in der älteſten norwegiſchen Geſchichte eine ſo bedeutende Rolle ſpielen zu ſehen, zu hören, wie die ſtolze Bauerntochter Gyda die Urſache zu Harald Haarfagers Heldenthaten geweſen, der zuerſt Norwegen zu einem Königreich gemacht, und ob⸗ gleich die Verbrechen der Königsmutter Gunild ihren Ab⸗ ſcheu weckten, ſo gefiel es ihr doch, eine Frau durch die Uebermacht ihres Geiſtes ſieben Königreiche beherrſchen und ihre Handlungen beſtimmen zu ſehen. Düſtere Bilder lieferten die Bürgerkriege, die dem Lande eine Verblutung um die andere zuzogen und worin endlich auch ſeine Freiheit verblutete. Erdbeeren blühen jetzt im Schutte der vormaligen Burgen und auf den blutgetränkten Feldern wachſen goldene Aehren, wie„die Narbe über die verharrſchte Wunde.“ Ein milderes Geſchlecht ſteht auf dem Boden des „Blutbeils“ und blickt klar und hoffnungsvoll der Zukunft entgegen, während es gerne in ſeinen ruhigen ſchönen Thälern den Erinnerungen der Vorzeit lauſcht. „Auf den Höhen ſteht der alte Stein, Den die ſchwarzbeſchwingte Sag' umſchwebt, Wie die Sangeslerch' im Morgenſchein.“ ²) Ein Gegenſtand der Unterhaltung und des Streites zwiſchen Harald und Suſanna war auch die bleiche Ober⸗ ſtin, ihre Gutsherrin. Sobald die Rede auf ſie kam, nahm Paralds Geſicht einen ſehr ernſten Ausdruck an und auf Suſannas eifrige Frage, was er denn von ihr wiſſe, ant⸗ wortete er bloß:„Sie muß ſehr unglücklich geweſen ſein.“ Wenn ihn aber Suſanna nun mit Fragen über dieſes Unglück beſtürmte, worin es beſtanden? ob man ihr auf irgend eine Weiſe helfen könne?— Suſanna fühlte ſich bereit, zu dieſem Zweck die ganze Welt zu durchwandern, — dann fing Harald an eine Geſchichte zu erzählen. *) Velhaven. W 41 Beiſpiele von merkwürdigen Frauen, die in ihren Thälern mächtig geweſen, ſind in Norwegen nicht ſelten⸗ Man kennt die Geſchichte von der ſogenannten Roppefrau im. Hallingthale, die ſo reich war, daß ſie mit Elendthieren fuhr; bekannt iſt die Frau Belju„gleichfalls im Hullig⸗ thale, welche die Näskirche baute und vermittelſt Feuer und Butter den Bejafelſen ſprengen ließ, ſo einen Weg darüber machen konnte, der noch heut zu Tage der Butterweg genannt wird; man erzählt von wen Frauen Solberg und Sköndal, von ihrem großen Streite wegen eines Schweines, und dem falſchen Eide, den Eine von ihnen deßwegen vor Grricht ſchwor; von allen dieſen Frauen berichtet die Sage, daß der Prieſter nicht eher zuſammen⸗ läuten laſſen durfte, bevor die mächtige Frau in der Kirche angekommen war. Man kennt ferner die Geſchichte von der Gattin des Ritters Knut Eldhjerna, die ſich aus Gram über den ver⸗ brecheriſchen Lebenswandel ihrer ſieben Söhne von der Welt zurückzog und in einem einſamen Thale niederließ, wo ſie durch Faſten und Almoſen die M iſethaten ihrer Kinder zu kh ſuchte; ja man hat noch viele Grſchichten der Art, aber eine ſolche, wie Harald der neugierigen Suſanna von Madame Aſtrid erzählte, war in Norwegens Thälern noch nie erhört worden. Es kamen darin ſo viele Wun⸗ derlichkeiten und Schauerlichkeiten vor, daß die leichtgläu⸗ bige Suſanna immer bleicher und bleicher wurde und am Ende gar vor Schreck erſtarrt wäre, hätte ſie nicht bei der unheimlichſten Kataſtrophe auf einmal den Einfall bekom⸗ men, ſie entſetze ſich über eine bloße Fabel. Haralds Aus⸗ ſehen, als ſie ihre Vermuthung äußerte, machte es ihr zur Gewißheit, n das herzliche Gelächter, womit er ihre Ausrufungen und Vorwürfe e„veranlaßte ſie, im höchſten Zorn aufzuſtehen und ihn zu verlaſſen, mit der Verſicherung, ſie werde ihn nie mehr über etwas fragen und ihm nie mehr ein Wort glauben. Dabei blieb es auch, bis—— zum nächſten Male, Denn wenn Harald jetzt gelobte, die Wahrheit, die ganze richtige Wahrheit über die Geſchichte der Oberſtin zu ſa⸗ gen, dann ließ Suſanna ſich jedesmal aufs Neue bethö⸗ ren, horchte, erbleichte, weinte, bis die immer merkwürdi⸗ ger Wunder der Erzählung aufs Neue ihren Argwohn weckten und die Unterhaltung das bereits berich⸗ tete Ende nahm, d. h. jetzt trat Barbara wieder auf, ſchimpfte, drohte, warf zornig die Thüre zu und Harald —— lachte. In Einer Sache ſtimmten jedoch Harald und Su⸗ ſanna immer vollkommen überein, nämlich in dem Eifer, mit welchem ſie ihrer Herrin zu dienen ſuchten, und ſo kam es wohl, daß ſie, ohne es ſich ſelbſt recht zu geſtehen, immer mehr Achtung vor einander gewannen, was ſie je⸗ doch keineswegs verhinderte, recht wacker, er die Schwe⸗ den, ſie die Norweger anzugreifen und zu läſtern. So gingen unter beſtändigem Wechſel von Streit und Stillſtand die Herbſtmonate mit ihren dunkelnden Tagen und zunehmender Kühle unvermerkt vorüber und die Zeit kam heran, wo die Frauenzimmer in großen wie in kleinen Häuſern alle Hände voll zu thun haben, die Zeit der Lich⸗ ter und der Torten, des Tanzes, der Spiele und der K⸗ derfreude, mit einem Wort—— Die Weihnachtszeit. Eilt, ihr muntern, leicht beſchwingten Kleinen, Euch zum Feſtmahl' zu vereinen. Weihnachten naht, Wo ihr empfah't Goldgelbe Aehren vor allen Scheunen. . Bjerregaard. „Die Sonue ſoll die ganze Erd beleuchten und erwärmen, weßhalb ſich auch die Erde freut bei ihrer Ankunft.“ Königsſpiegel. Gott ſei Lob und Preis geſagt für die Sonne! So mancher Freund, ſo manche Freude verläßt uns während — — n h⸗ ſo 43 der Wanderung durchs irdiſche Leben, die Sonne allein bleibt getreu, ſie beleuchtet und erwärmt uns von der Wiege bis ans Grab. Die Sonne iſt es, die Heiden und Chri⸗ ſten in gemeinſamer Anbetung vereinigt, indem ſie beider Herzen zu dem Gott erhebt, der die Sonne geſchaffen hat. Und ſo fällt denn auch das hoöchſte Jahresfeſt des nordiſchen Heidenthums mit dem des Chriſtenthums zu⸗ ſammen, auf die Stunde, in welcher die Sonne gleich⸗ ſam aufs Neue für die Erde geboren wird, und ihre Kraft, die bisher abgenommen hat, nun anfängt, wieder zu wachſen. Dieſes Feſt wird in den ſkandinaviſchen Rei⸗ chen mit großer Innigkeit begangen. Nicht bloß in den Häuſern der Wohlhabenden brennen Freudenfeuer und hört man die Freudenrufe der Kinder, auch aus der nie⸗ drigſten Hütte erſchallt Jubel, ſelbſt in den Gefängniſſen wird es hell, und die Armen meinen im Ueberfluſſe zu ſitzen. Auf dem Lande ſtehen für jeden Wanderer die Thüren offen, und der Tiſch iſt für ihn gedeckt. In meh⸗ reren Gegenden Norwegens darf der Reiſende ſelbſt in den Gaſthöfen Nichts für Koſt und Quartier bezahlen. Es iſt eine Zeit, wo die Erde die Wahrheit der himmli⸗ ſchen Worte zu empfinden ſcheint: Geben iſt ſeliger, als Nehmen. Und nicht bloß die Menſchen, ſondern auch die Thiere haben ſich der Weihnachten zu erfreuen. Sämmt⸗ liche Bewohner des Stalls, ſämmtliche Hausthiere wer⸗ den aufs Beſte gefüttert und gepflegt und die Vögelein unter dem Himmel jubeln, denn vor jeder Scheune, auf jedem Hofe erheben ſich lange Stangen, an deren Spitzen reiche Hafergarben ſie zu einem herrlichen Mahle laden; auch der ärmſte Tagloöhner, der ſelbſt keine Aehre beſitzt, erbittet ſich und erhält von ſeinem Nachbar eine Garbe, ſtellt ſie auf und läßt die Vögel vor ſeiner leeren Scheune jubeln. Suſanna hatte in der Weihnachtswoche viel zu be⸗ ſorgen gehabt und war oft, theils ihrer Geſchäfte, theils einiger Geſchenke wegen, mit denen ſie Leute aus ihrer Umgebung überraſchen wollte, bis ſpät in die Nacht auf⸗ 44 geblieben. Dieß war wohl der Grund, daß ſie am Mor⸗ gen des heiligen Abends die Zeit verſchlief. Sie wurde von einem ſtarken Vogelgezwitſcher vor ihrem Fenſter ge⸗ weckt und ihr Gewiſſen machte ihr den Vorwurf, daß ſie über den Geſchäften der letzten Tage ihre Voͤgelein, denen ſie ſonſt Korn und Brodkuchen in den Schnee zu werfen pflegte, gänzlich vergeſſen hatte. Jetzt waren ſie gekom⸗ inen, ſie daran zu mahnen.— Ach wenn alle Mahnungen dem Vogelgezwitſcher glichen!— Aergerlich über ihre Vergeßlichkeit, eilte Sufanna ſich anzukleiden und die Vor⸗ hänge aufzuziehen. Und ſiehe da vor ihrem Fenſter ſtand eine hohe, ſchlanke Tanne, in deren grünem, kranzförmig ausgeſchnittenem Wipfel ein großes Bündel goldgelber Haferähren prangte, umſchwärmt von zahlreichen Schaaren pickender und zwitſchernder Sperlinge und Buchfinken. Suſanna erröthete und dachte an Harald. Die Leute im Hauſe antworteten auf ihre Frage lächelnd, der Verwalter habe den Baum gepflanzt. Aber der Verwalter ſelbſt ſiellte ſich, als ob er der Sache ganz fremd wäre, und fonnte ſich nicht genug verwundern über den Baum mit dem Haferſtrauß und wie er dahin gekommen. „Er muß,“ ſagte er,„von ſelbſt über Nacht empor⸗ geſchoſſen ſein, und das kann nur von der wunderbaren Kraft des herrlichen norwegiſchen Bodens herkommen, wovon jedes Stäubchen pulverifirtes Urgebirge iſt. Nur ein ſolcher Boden kann ſolche Wunderdinge hervorbringen.“ Im Laufe des Vormittags ging Harald mit Suſanna in die Ställe, wo ſie mit eigenen Händen den Kühen Hafer, den Schafen Brod und dem kleinen Federvieh Grütze aus⸗ theilten. In der Republik der Hühner bemerkten ſie große Verſchiedenheit in den Characteren⸗ Einige griffen ge⸗ fräßig zu und drängten die Andern pickend und kratzend weg, andere dagegen hielten ſich in beſcheidener Entfernung und pickten begnügſam die Körner, die das Glück ihnen zuführte; einige ſchienen es ſogar den andern beſſer zu gönnen, als ſich ſelbſt. Unter dieſen edlen Naturen zeich⸗ nete ſich namentlich ein junger Hahn mit hohem Kamme, it r⸗ n, ur . in 18⸗ ße ge⸗ n ng nen zu ch⸗ me, 45⁵ prachtvollen, goldglänzenden Federn und einer überaus ſtolzen und vornehmen Haltung aus; er überließ ſeinen ganzen Antheil den Hühnern, ſo daß er kaum ein einzi⸗ ges Körnchen bekam und überſchaute mit edler Hahnen⸗ miene den zu ſeinen Füßen pickenden und gackernden Schwarm. Wegen dieſes ſchönen Benehmens wurde er von Suſanna der Ritter genannt, welchen Ehrentitel er bis zu ſeinem ſeligen Ende behielt. Bei den Gänſen be⸗ merkte ſie mit Verdruß, daß die graue von der weißen Renommiſtin noch mehr tyranniſirt und kahler gerupft war, als bisher. Harald machte den Vorſchlag, die graue zu ſchlachten, allein Suſanna erklärte eifrig, wenn eine von den Nebenbuhlerinnen geopfert werden ſolle, ſo müſſe es die weiße ſein. In enem Haus, wo keine Kinder ſind, wo keine Verwandten und Freunde ſich verſammeln, wo die Haus⸗ frau mit ihrem Gram im Dunkeln ſitzt, da kann der Weihnachtsabend nicht viele Freude bringen. Aber Su⸗ ſanna hatte ſich dennoch vorgenommen, welche zu ver⸗ breiten, und der Gedanke daran hatte die ganze Woche hindurch während ihrer vielfachen Arbeiten wie ein helles Weihnachtfeuer in ihrem Herzen geſtrahlt. Auch wäre ihr das Leben finſter erſchienen, wenn nicht die Ausſicht, Jemand eine Freude zu machen, mitunter wie ein Stern über ihrem Wege geſchimmert hätte. Larina, Karina und Petro durften an dieſem Tage die Früchte ihrer Nachtwachen koſten und als der Abend kam und Suſanna in der Burgſtube den Leuten den Weihnachtstiſch berei⸗ tet und ihn mit Fiſchen, Broden, ſüßer Grütze, Kuchen, Buttertellern, Torten und Aepfeln prangen, überdieß von munteren Lichtern beſtrahlt ſah, als die Dienſtboten vom Gute ſich um den Tiſch ſammelten mit Augen, die von Vergnügen und Appetit leuchteten, als der Aelteſte von der Geſellſchaft einen Lobgeſang anſtimmte und die An⸗ dern alle mit gefalteten Händen feierlich mitſangen, da war es Suſanna, als ſei ſie nicht mehr im fremden Lande und nachdem ſie in den Geſang mit eingeſtimmt, ſetzte ſie ſich als die froheſte, herzlichſte Wirthin zu den Leuten an den Tiſch, ſtieß mit Knechten und Mägden an, munterte ſelbſt die coloſſalſte Eßluſt auf und legte den Alten und Schwachen die beſten Biſſen vor. Madame Aſtrid hatte Suſanna geſagt, ſie wolle die⸗ ſen Abend allein auf ihrem Zimmer bleiben und verlange für ſich nur ein Glas Milch. Suſanna aber wollte ſie durch eine kleine Ueberraſchung aufheitern und hatte fol⸗ gendes Komplott gegen ihren Frieden geſchmiedet. Um die Zeit, da Madame Aſtrid das Glas Milch erwartete, ſollte ein ſehr ſchöner, nach Suſannas Vorſtellung von einem Engel ausſtaffirter Knabe mit einer Lichtkrone auf dem Kopf, leiſe an ihre Thüre treten und ihr hinaus⸗ winken. Einem ſo ſchoͤnen und ſtrahlenden Boten würde die Oberſtin unmöglich widerſtehen können, und er ſollte ſie ſodann in das große Zimmer führen, wo in einem Fichtenhaine ein Tiſch mit der ſüßeſten Grütze und der leckerſten Torte gedeckt, und hinter demſelben ſämmtliches Geſinde verſammelt war, um ein hier zu Lande wohl⸗ bekanntes Lied zum Lobe ihrer Gebieterin und voll guter Wünſche für ihre Zukunft anzuſtimmen. Harald, dem Suſanna ihren Plan mitgetheilt hatte, ſchüttelte zwar im Anfang bedenklich den Kopf dazu, ging aber ſpäter doch darauf ein und leiſtete ihr bei der Ausführung, ſowohl beim Hereinbringen der Tannen, als bei der Herausputzung des Engels hülfreiche Hand. Su⸗ ſanna war ganz entzückt über ihren kleinen, ſchönen Bo⸗ ten und folgte ihm ſtill und leiſe auf der Ferſe nach, als er mit einiger Beſorgniß für ſeinen eigenen Kopf und deſſen leuchtende Krone langſam auf Madame Aſtrids Zimmer zuſchritt. Harald öffnete ihm leiſe die Thüre. Die Oberſtin ſaß im innerſten Zimmer auf einem Lehnſtuhl und hatte den Kopf in ihre Hände geſenkt. Die Lampe auf dem Tiſch warf einen matten Schein auf ihre ſchwarz geklei⸗ dete Geſtalt. Bei der Bewegung der Thüre ſah ſie auf und ſtierte die Erſcheinung, die ihr von da entgegen kam, — — ——„—„— )—* 7— 8 —— er es ⸗ er te, u, er s u⸗ ⸗ ch, nd ids ſtin tte em lei⸗ auf m, mit wilden Blicken an. Dann ſtand ſie heftig auf, drückte die Hände an ihre Bruſt, ſtieß einen ſchwachen Schre⸗ ckensruf aus und— ſank leblos zuſammen. Suſanna ſtieß ihren Engel heftig bei Seite, ſtürzte auf ihre Ge⸗ bieterin zu, hob ſie in unbeſchreiblicher Angſt auf und trug ſie auf das Bett. Harald dagegen nahm ſich des armen Engels an, der mit ſeiner Krone das Gleichge⸗ wicht verloren hatte, und da ihm der heiße Talg über Stirne und Backen lief, die jammervollſten Wehklagen erhob. Es gelang zwar Suſanna bald, ihre Gebieterin ins Leben zurückzurufen, aber eine Zeit lang ſchienen ihre Sinne verworren zu ſein, denn ſie ſprach unklare, unzu⸗ ſammenhängende Dinge, von denen Suſanna nur die Worte;„Erſcheinung unglückliches Kind todt verſtand. Suſanna ſchloß daraus, der von ihr fabricirte Engel habe ſie erſchreckt und rief unter Thrä⸗ nen:„Ach es war ja nur Hans Guttormsſons kleiner Junge, den ich als Engel angekleidet habe, um der Frau Oberſtin eine Freude zu machen.“ Sie ſah jetzt beutlich ein, wie unglücklich dieſer Gadanke geweſen, aber Ma⸗ dame Aſtrid hoͤrte mit großer Begierde Suſannas Auf⸗ ſchlüſſe über die Erſcheinung an, die ſie ſo gewaltig erſchüttert hatte. Endlich löste ſich ihr krankhafter Zu⸗ ſtand in eine Fluth von Thränen auf. Suſanna außer ſich vor Schmerz, ihrer Gebieterin Kummer gemacht zu haben, ſtatt Freude, küßte ihr unter innigen Bitten um Verzeihung weinend Kleider, Hände und Füße. Madame Aſtrid antwortete mild, aber aufgeregt:„Du haſt es gut gemeint, Suſanna!— Du konnteſt nicht wiſſen, wie weh du mir thun würdeſt. Aber— denke nie daran verſuche es nie, mir eine Freude zu machen. Ich kann nie mehr vergnügt, nie mehr glücklich ſein!. auf meiner Bruſt liegt ein Stein der nicht abgehoben werden kann, bevor man ihn mir aufs Grab aber gehe jetzt nur, Suſanna. Ich bedarf der Einſam⸗ keit. Ich werde bald wieder beſſer ſein.“ 48 Suſanna bat um Erlaubniß, ein Glas Milch brin⸗ gen zu dürfen, was Madame Aſtrid auch geſtattete, aber nachdem ſie es hereingebracht, mußte ſie ſich zu ihrer gro⸗ ßen Qual wieder entfernen. Als ſie zu Harald hinaus⸗ kam, ergoß ſie gegen ihn ihren ganzen Schmerz über das unglückliche Ereigniß und erzählte ihm von der heftigen Gemüthsbewegung der Oberſtin, ſo wie ihren düſtren, troſt⸗ loſen Worten. Harald wurde dabei bleich und nachdenklich, und dieß machte Suſanna noch beſtürzter. Sie hatte zwar noch eine fleine Freudenmine übrig, auf deren EFrploſion ſie ſich ſehr gefreut hatte, allein ſie brachte auf die verſtörten Sinne keine Wirkung mehr hervor. Harald lächelte zwar und rief:„Ei der tauſend!“ als die Weſte aus dem Wai⸗ zenbrödchen hervorſprang, auch dankte er Suſanna mit einem Händedruck, allein er hatte ſichtbarlich ſo wenig Freude an ihrem Geſchenk, ſeine Gedanken waren ſo au⸗ genſcheinlich auf einen andern Gegenſtand gerichtet, daß jetzt jeder Schimmer einer Weihnachtsluſt für Suſanna erloſch. Als ſie allein auf ihrem Zimmer war und vom Fenſter aus ſah, wie von jeder Hütte im Thale ein klei⸗ ner Lichtſtrahl ausging und dachte, wie da drinnen im vertraulichen Kreiſe Eltern, Kinder, Geſchwiſter und Freunde verſammelt ſeien, da empfand ſie es ſchmerzlich, daß ſie allein ſtand in fremdem Lande, und als ſie ſich erinnerte, wie ſie früher an dieſem Abend ihre kleine Hulda glücklich gemacht und wie ihr immer alle Unter⸗ nehmungen für ſie ſo gut gelungen waren, da zog ſie ein Tüchlein hervor, das ſonſt den Hals der geliebten kleinen Schweſter umſchloſſen hatte und bedeckte es mit heißen Thränen und Küſſen. Einen großen Theil der Nacht brachte Suſanna auf der Schwelle ihrer Gebieterin zu und lauſchte angſtvoll auf die Schritte, die ſich unauf⸗ hörlich im Zimmer vernehmen ließen. Aber außer eini⸗ gen tiefen Seufzern hörte ſie keinen Schmerzensruf, der ſie berechtigt hätte, die Einſamkeit ver Oberſtin zu ſtören. Wir wollen uns jetzt heiterern Bildern zuwenden. S————— — — „—— na m ei⸗ im ind ch, ſich ine er⸗ ein nen ßen icht zu uf⸗ ini⸗ der ren. 49 In Norwegen gibt es eine freundliche Sitte, tura jul oder die Weihnachtsrunde genannt. Sie beſteht darin, daß man an Weihnachten in Proceſſion herumzieht, einander in den gaſtfreien Häuſern beſucht und daſelbſt ſchmaust, ſpielt und tanzt. Die Weihnachtsrunde kam auch in das abgeſonderte einſame Heimthal. Der Pfarrer der Parochialgemeinde, der freundliche, gaſtfreie Paſtor Middelberg hatte nemlich rundherum in der Gegend an Freunde und Bekannte ein Aufgebot ausgehen und auch dpie Einwohner von Semb auf den zweiten Weihnachtstag zu einem Schmauſe in ſei⸗ ner Wohnung einladen laſſen. Die Oberſtin entſchuldigte ſich, bat aber Suſanna und Harald hinzugehen. Es hatte gerade mehrere Tage hin⸗ durch gefroren und friſch geſchneit, ſo daß die Bahn herr⸗ lich war, und Harald, deſſen gute Laune ſich wieder einge⸗ ſtellt hatte, ſchien ſich ein Vergnügen daraus zu machen, Suſanna mit klingenden Schellen in einem Schlitten nach dem Pfarrhauſe zu führen. Die Oberſtin hatte wieder ihr gewöhnliches Weſen und Ausſehen, und Suſanna, die über ſämmtliche Folgen ihrer verunglückten Weihnachtsüberraſchung wieder beruhigt war, konnte ſich mit leichterem Herzen den angenehmen Eindrü⸗ cken überlaſſen, welche die Spazierſahrt bot. Und deren waren viele und reiche für eine ſo wenig durch Vergnü⸗ gungen verwöhnte Perſon, wie die mit einer ſo offenen Seele begabte Suſanna. Die Luft war ſo klar, der Schnee ſo glänzend, Berg und Wälder ſo prächtig, das Pferd ſo munter, und Harald fuhr ſo unbeſchreiblich geſchickt, die ſchwierigſten Stellen waren ihm ein Kinderſpiel, ſo daß Suſanna einmal übers andere ausrief:„Ach wie ſchön! ach wie angenehm!“ Uederdieß war Harald ganz ungewöhnlich artig und unterhaltend. Aeußerſt beſorgt, daß Suſanna recht be⸗ quem ſitze, ihre Füße warm halte u. ſi w., ließ er es ſich zugleich angelegen ſein, ihr alle Merkwürdigkeiten und Schönheiten der Gegend zu zeigen; er erzählte ihr vieles Bremer, Streit und Friede. 4 50 Intereſſante von den Eigenthümlichkeiten derſelben, von ih⸗ ren Wäldern, Bergen und Steinarten, er ſprach vom Ur⸗ berg und den Uebergangsformationen, wie ſie vor der Sündfluth geweſen und wie ſie nachher geworden, ſo daß Suſanna über ſeine große Gelehrſamkeit ſtaunte und ein Gefühl von Verehrung für ihn in ihrer Seele aufſtieg. Freilich verſchwand dieß wieder in einem heftigen Streit,, der ſich plötzlich wegen der Sonne zwiſchen ihnen entſpann, von der Harald behauptete, ſie ſcheine in Norwegen heller, als in Schweden, was Suſanna aufs Lebhafteſte bekämpfte und geradezu das Gegentheil behauptete, ſo wie ſie auch von dem Himmelsſtrich erklärte, er ſei in Norwegen ganz anders, als in Schweden; ſonſt war die Fahrt im Ganzen äußerſt harmoniſch und hochſt geeignet, in Suſanna einen günſtigen Eindruck für Harald zu erwecken. Durch ſein Fahren, ſeine Artigkeit und Gelehrſamkeit hatte er in ihren Augen etwas Großartiges, etwas Außerordentliches be⸗ kommen. Als ſie nach einer Fahrt von etwa einer Meile dem Pfarthauſe näher kamen, ſahen ſie von mehreren Seiten„ kleine Schlitten aus den Thalwegen heranziehen und in der⸗ ſelben Richtung, wie ſie, über das Schneefeld eilen. Wir⸗ belnder Dampf wallte aus den Nüſtern der ſchnaubenden Roſſe und luſtig erklangen die Glockchen in der klaren Luft. Suſanna war entzückt. Nicht minder war ſie es über die Herzlichkeit, wo⸗ mit ſie, die Fremde, die Dienerin, in dem Pfarrhauſe von fremden, wohlhabenden und angeſehenen Leuten auf⸗ genommen wurde. Suſanna war überdieß ſehr neu⸗ gierig, wie es wohl in einem anſtändigen norwegiſchen Pfarrhauſe zugehe und es war ihr daher äußerſt willkom⸗ men, als die freundliche Frau Middelberg ſie einlud, das Haus zu beſehen und ihre älteſte Tochter Thea beauf⸗ tragte, ſie überall herumzuführen, vom Keller bis auf den Boden. Dadurch bekam Suſanna große Achtung vor der Ordnung im Pfarrhauſe. Sie fand auch Man⸗ ches zu lernen, meinte jedoch guf der andern Seite —————— N — W* Verſchiedenes nach ihrer ſchwediſchen Methode beſſer zu haben. Zur Geſellſchaft zurückgekehrt fand ſie viel zu betrachten und zu überlegen. Im Uebrigen war ſie den ganzen Tag in einer gewiſſen aufgeregten Stimmung. Es kam ihr vor, als ſähe ſie hier ein Bild von Wohl⸗ behagen und Glück verwirklicht, wie ſie es manchmal ge⸗ träumt hatte. Es ſchien ihr, als müſſe das Leben in dieſer großartigen Natur, in dieſen einfachen Verhältniſ⸗ ſen ſo ſchön ſein. Das Verhältniß zwiſchen Eltern und Kindern, zwiſchen Herrſchaft und Geſinde ſchien ihr ſo herzlich, ſo patriarchaliſch. Sie hörte die Dienſtboten im Haus zum Pfarrer und ſeiner Frau Vater und Mut⸗ ter ſagen, ſie ſah die älteſte Tochter eifrig mit der Be⸗ wirthung der Gäſte beſchäftigt und zwar ſo fröhlich und ungezwungen, daß man ihr anſah, ſie thue es von Her⸗ zen gern;— ein offenes Wohlwollen auf allen Geſich⸗ tern, eine Unbefangenheit und Einfachheit in der ganzen Art, ſich zu benehmen, Alles dieſes machte, daß es Su⸗ ſanna ganz leicht ums Herz wurde, indeß ein gewiſſer feuchter Glanz in ihren Augen aufſtieg.„Lieben Sie Blumen?“ wurde ſie von der hübſchen Thea Middelberg gefragt und als Suſanna Ja ſagte, brach ſie die ſchönſte Roſe, die im Fenſter blühte, und gab ſie ihr. Aber die größte Freude hatte Suſanna an den zwei jüngſten Kin⸗ dern im Hauſe und das herzliche:„liebe Mutter,“ womit ſie die Pfarrerin anredeten, ſchien ihr der harmoniſchſte Ton zu ſein, den ſie je gehört hatte. Und darin hatte Suſanna gewiß recht, denn lieblichere Worte als die„liebe Mutter“ von ſchmeichelnden Kinderlippen ausgeſprochen, gibt es nicht auf Erden. Die kleine Minna, ein Kind ungefähr in Hul⸗ das Alter, und voll Leben und Munterkeit, wurde Suſanna beſonders lieb und ſie wünſchte nur, der kleine Wildfang wäre länger auf ihrem Schvoße ſitzen geblieben. Suſanna ſelbſt ſetzte ſich ganz unbewußt in große Gunſt bei ihren Wirthen dadurch, daß ſie beim Eſſen in einem kritiſchen Augenblick aufſtand, mit leichter und ſicherer Hand eingriff und die ins Stocken gerathene Bewegung wieder in Ord⸗ 52 nung brachte. Sie fuhr hierauf fort, der Paſtorin be⸗ hülflich zu ſein, wo ſie es nöthig fand. Dieſes Benehmen gefiel ſehr; man betrachtete die junge Schwedin mit im⸗ mer freundlicheren Blicken, ſie fühlte dieß und gewann die die ſich ſo freundlich gegen ſie zeigten, immer ieber. Gegen das Ende des reichlichen und ſchmackhaften Mittagsmahles wurden Geſundheiten getrunken und Lieder geſungen. Suſanna ſtieß rechts und links, geradeüber und ſchrägüber an und von der allgemeinen Fröhlichkeit belebt, ſang ſie ſogar das ſchöne Volkslied mit: „Das meerumkränzte alte Norweg,“ und ſchien allen Oppoſitionsgeiſt gegen Norwegen und Nor⸗ weger vergeſſen zu haben. Und wie hetzlich ſie nicht in den letzten Toaſt einſtimmte, den der Wirth mit leuch⸗ tendem, thränenfeuchtem Blicke ausbrachte:„Alles, was wir lieben, lebe!“ Sie dachte dabei an ihre kleine Hulda. Aber jetzt wollen wir zu dem übergehen, was dieſen Tag für Suſanna beſonders merkwürdig machte. Nach Tiſch und nach dem Kaffee trennte ſich die Ge⸗ ſellſchaft der nordiſchen Sitte gemäß. Die Frauen blie⸗ ben auf dem Sopha und den Lehnſtühlen ringsherum ſitzen, ſprachen von häuslichen und nachbarlichen Angelegenhei⸗ ten, ſowie von den wohlüberſtandenen Weihnachtsbeſchäf⸗ tigungen und die Worte„ſchwere Arbeit“ wurden oft ge⸗ hört. Die jungen Mädchen ſchaarten ſich am Fenſter und von dieſer Gruppe aus hörte man Worte, wie„Putz, und ſchön, und Gott wie allerliebſt!“ nebſt fröhlichem Scherzen und Gelächter. Im anſtoßenden Zimmer ließen ſich die Herren bei Pfeifen und Politik nieder. Suſanna ſaß nahe an der vffenen Thüre des Zim⸗ mers, wo die Herren ſich befanden und da ſie ſich durch die Geſpräche in ihrer nächſten Umgebung wenig ange⸗ zogen fühlte, konnte ſie nicht umhin, auf das zu lauſchen, „ 6 N — 53 was in dem Herrenzimmer geſprochen wurde, denn ſie hörte dort eine grobe Stimme in den ehrenrührigſten Ausdrücken über Schweden und ſeine Bewohner losziehen. Ihr Blut kochte, ihre Hand ballte ſich unwillkürlich. „Ach Gott!“ ſeufzte ſie:„warum bin ich kein Mann ge⸗ worden!“ Die patriotiſche Bürgermeiſterstochter brannte vor Begierde, auf den loszuſtürzen, der es wagte, ihr Va⸗ terland ſo zu ſchmähen. Da ſie es nicht kaltblütig an⸗ hören konnte und ihren eigenen Zorn beinahe fürchtete, wollte ſie aufſtehen und einen andern Platz ſuchen, blieb aber doch, weil ſie auf einmal eine ernſte, männliche Stimme für das fremde, verunglimpfte Land ſich erheben hoͤrte. Und gewiß war es tröſtend für Suſanna, Schwe⸗ den mit eben ſo viel Ernſt, als Sachkenntniß vertheidigen zu hören, gewiß war es eine Wolluſt für ſie, die Be⸗ hauptungen der groben Stimme von der andern, weniger polternden, aber kräftigeren widerlegen und die letztere, nachdem ſie das Feld behauptet, folgende an Guſtav Adolfs des Großen Vaterland aus Veranlaſſung ſeines Todes gedichtete Verſe declamiren zu hören: „Wird dunkel auch einmal dein Glanz, Verwelkt auch vein grünender Kranz, So bleibt die Erinn'rung doch dein Als ein ewiglich ſtrahlender Schein, Wenn die Welt einſt dankbar ſich weist Und als Guſtavs Mutter dich preist.“ Ja gewiß war dieß Alles ein Himmelreich für Su⸗ ſannas Gefühle, aber die Stimme, die ſo gut ſprach, die Stimme, die Schweden vertheidigte, die Stimme, die dieſes Himmelreich ins Leben rief, wirkte noch mehr als alles Andere auf ſie, denn ſie war— Haralds Stimme. Suſanna traute ihren Ohren nicht, ſie mußte die Augen zu Hülfe nehmen und da ſie nicht mehr daran zweifeln konnte, daß der edle Vertheidiger ihres Vaterlands Ha⸗ rald war, da war ſie ſo überraſcht und erfreut, daß ſie in der Ueberwallung ihrer Gefühle beinahe eine Thor⸗ 54 heit begangen hätte, wenn nicht gerade in dieſem Augen⸗ blick eine der älteren Damen aus der Geſellſchaft zu ihr gekommen wäre und ſie in eine ſtillere Ecke des Zim⸗ mers geführt hätte, um ſie dort in Ruhe über allerhand auszufragen, was ſie zu wiſſen wünſchte. Dieſe Frau gehörte zu der über alle Länder der Erde verbreiteten Klaſſe, die mit der Schmarotzer⸗Pflanze verglichen wer⸗ den kann, welche ihre Nahrung aus den Pflanzen ſaugt, denen ſie ſich anhängt. Da ſie ein braunes Haubenband trug, ſo finden wir es paſſend, ſie Frau Braun zu nen⸗ nen. Suſanna mußte ihr jetzt ausführlich Rede ſtehen über ihre Familie, ihre Heimath, alle ihre Verhältniſſe, warum ſie nach Norwegen gekommen, wie es ihr hier gefalle u. ſ. w. Ueber alles dieß war Suſanna ziemlich offenherzig; als aber die Rede auf ihre gegenwärtigen Ver⸗ hältniſſe und auf ihre Gebieterin kam, wurde ſie rückhal⸗ tender. Auch war der Frau Braun mehr daran gelegen, ſelbſt zu erzählen, als zu fragen.„Ich habe die Ober⸗ ſtin in früheren Jahren ſehr gut gekannt,“ ſagte ſie. „Sie war eine recht hübſche Dame, aber von jeher et⸗ was ſtolz. Indeß bekümmerte ich mich nicht darum und wir waren ſehr viel beiſammen. Man hat mir geſagt, ich ſolle ihr jetzt in Semb einen Beſuch machen, aber... ich weiß nicht. ich habe ſie nicht geſehen, ſeit ſie ſo wun⸗ derlich geworden iſt. Mein Gott! liebe Freundin, wie können Sie es bei ihr aushalten? Sie ſoll ganz entſetz⸗ lich düſter und traurig ſein.“ Suſanna antwortete mit einer warmen Lobrede auf ihre Gebieterin und ſagte, ſie ſei allerdings von Gram niedergebeugt und ſcheine höchſt unglücklich zu ſein, aber eben dadurch fühle ſie(Suſanna) ſich noch mehr von ihr angezogen. „Unglücklich!“ verſetzte Frau Braun,„ja wenn dieß Alles wäre. aber o Gott!. Suſanna fragte verwundert, was ſie damit ſagen wolle? Frau Braun antwortete:„Ich will Richts geſagt ———— — — 55 haben und glaube wahrhaftig nichts Schlimmes von ihr, auch nehme ich ſie immer in Schutz, aber wunderlich ſieht es jedenfalls mit ihr aus. Würden Sie wohl glau⸗ ben, daß es Menſchen gibt, die ſchlecht genug ſind, ſie eines... Mordes zu beſchuldigen?“ Suſanna vergingen Gedanken und Sprache und ſie konnte die Rednerin bloß anſtieren. „Ja, ja,“ fuhr Frau Braun mit fließender Zunge fort,„das ſagt man! Und der Oberſt, ihr Mann, der eine Beſtie war, mag wohl die größte Schuld tragen, aber ſie ſoll dennoch darum gewußt haben—— behaup⸗ tet man. Sehen Sie— ſie hatten einen Knaben bei ſich, ihren Schweſterſohn. Die Mutter ſtarb, nachdem ſie den Knaben der Pflege der Schweſter und des Schwagers an⸗ vertraut hatte. Was geſchieht? Eines Tages verſchwin⸗ det der Junge und kommt nie mehr zurück;— man weiß nicht, wohin er gegangen iſt, aber ſeinen Mantel findet man auf einer Klippe am See und auf den Stei⸗ nen drunten Blutstropfen. Der Knabe war fort und ſein Vermögen kam den Verwandten ganz gut, denn der Oberſt hatte Alles verſpielt, was er und ſeine Frau be⸗ ſaßen. Aber der Herr ſchlug in ſeiner Gnade den Ober⸗ ſten, ſo daß er fünf Jahre lang lahm und ſtumm war und auch ſeine Frau ſoll ſeit der Zeit keinen vergnügten Tag auf Erden gehabt haben.“ Blaß vor Aufregung und ſo eifrig, als ſie früher die Ehre ihres Vaterlandes vertheidigt hatte, wehrte ſich Suſanna jetzt für die Unſchuld ihrer Gebieterin. Aber ſie wurde von dem freundlichen Wirthe unterbrochen, der ſie aufforderte, ſich der übrigen Jugend zu Spiel und Tanz anzuſchließen. Sie war indeß von dem, was ſie gehoͤrt hatte, dermaßen ergriffen und bekam ein ſolches Heimweh nach ihrer Gebieterin, die ſie jetzt, da ſie ſo abſcheulich verleumdet wurde, mehr als je liebte, daß ſie bat, man möchte ſie von den Spielen dispenſiren und nach Hauſe zurückkehren laſſen. Uebrigens wollte ſie Harald nicht nur um die Geſellſchaft bringen, ſondern un⸗ 56 verzagt allein zurückfahren. Kutſchiren konnte ſie und den Weg hoſſte ſie ſchon zu finden. Aber kaum ahnte Harald ihre Abſicht, als er ſich fertig machte, ſie zu be⸗ gleiten, und Suſauna bemühte ſich vecgebens, es ihm auszureden. Der Wirth und die Wirthin dagegen hatten in ihrer Herzlichkeit Viel gegen dieſen ſchnellen Aufbruch einzuwendnn und drohten ihnen mit der„Aasgaardsreija,“ die um Weihnachten ihr Weſen zu treiben pflege und ſie unterwegs entführen werde, wenn ſie auf ihrem unver⸗ ſtändigen Vorſatze beharren. Sie beſtanden gleichwohl darauf und reisten ab, von der ganzen Familie bis an den Schlitten begleitet. Suſanna dankte ihnen mit ge⸗ rührtem Herzen für ihre Güte, verſprach der liebenswür⸗ digen Thea, ſie öfter zu beſuchen und küßte herzlich die kleine Minna, die an ihrem Halſe hing. Kaum waren ſie im Schlitten und zwiſchen Bergen und Wäldern, ſo machte Sufanna ihrem Herzen dadurch Luft, daß ſie Harald die Geſchichte erzählte, die ſie ſo eben gehört hatte. Ihr eigener Abſcheu war nicht geringer, als Haralds Wuth über ſolche niederträchtige Verläum⸗ dung und über Leute, die dergleichen Erzeugniſſe ihrer eigenen gemeinen Seele auszubreiten im Stande ſeien. Ja er eiferte ſo gewaltig gegen die alte Frau Braun, er ſtieß ſo drohende Reden gegen ſie aus und das Pferd machte dabei ſo heftige Seitenſprünge und Sätze, daß Suſanna ſich angelegen ſein ließ, das Geſpräch auf andere Gegenſtände zu lenken und daher Harald fragte, was denn eigentlich die Aasgaardsreija ſei und warum man ſie da⸗ mit habe ſchrecken wollen? Harald kam wieder in ſeine gewöhnliche Laune und verſicherte Suſanna, man dürfe damit nicht ſcherzen. „Die Aasgaardereija,“ erklärte er weiter,„beſteht aus den Geiſtern, die nicht gut genug ſind, um den Himmel zu verdienen, und doch nicht ſchlecht genug, um in die Hoͤlle zu kommen; aus Trinkern, feinen Betrügern, kurz aus allen denen, die ſich aus irgend einer Urſache dem Teufel verſchrieben haben. Sie müſſen zur Strafe her⸗ — b*— — umreiten bis zum jüngſten Tage. Voran reitet Guro⸗ Ryſſe, oder Reiſa⸗Rova, die man an ihrem langen Schwanze kennt. Hinter ihr kommt eine große Schaar beiderlei Geſchlechts. Die Pferde ſind kohlſchwarz und ihre Augen leuchten im Finſtern, wie Feuer. Sie werden mit glühenden eiſernen Zügeln gelenkt, laufen über Meer und Land, und das wilde Halloh der Reiter, das Schnau⸗ ben der Pferde, ſowie das Geraſſel der eiſernen Zügel macht einen Lärm, den man weithin hört. Wo ſie einen Sattel über das Dach werfen, da muß ein Menſch ſter⸗ ben, und wenn ſie hören, daß irgendwo eine Schlägerei oder ein Mord ſtattfinden ſoll, ſo kommen ſie dahin, ſetzen ſich auf die Thürpfoſten, rumoren und lachen ins Fäuſt⸗ chen. Wenn man die Aasgaardsreija kommen hört, muß man ſich ſogleich mit dem Geſicht auf den Boden werfen und thun, als ob man ſchliefe, ſonſt wird man von der wilden Schaar aufgerafft und ohnmächtig weit von dem Orte weg, wo man war, zu Boden geſchleudert. Oft bleibt man hernach ſein ganzes Leben lang ſchwermüthig und kränklich. Der Tugendhafte aber, der ſich bei ihrer Annäherung ſogleich niederwirft, hat weiter Nichts zu be⸗ fürchten, als daß Jeder von der luftigen Geſellſchaft ihn anſpuckt. Iſt der Zug vorüber, ſo ſpuckt man wieder und damit iſt die Sache abgemacht.“ Harald fügte hinzu, die wilde Schaar ziehe gewöhn⸗ lich um Weihnachten aus und Nichts ſei möglicher, als daß ſie noch heute Abend ihnen begegne. In dieſem Fall habe Suſanna weiter Nichts zu thun, als ſogleich aus dem Schlitten zu ſpringen und ſich mit der Naſe auf den Boden zu werfen, bis ſie vorüber ſei.*) *) Das Brauſen und Donnern in der Luft, das bei heftigen Stürmen, beſonders in den Gebirgsgegenden vorkommt, mas wohl dieſe Sage von der Aasgaardsreija veranlaßt haven Daß ſie ſich noch von der Heibenzeit beſchreibt, iſt kinem Zweifel unterworfen, aber man weiß nicht, ob ſie ſich auf die im Kriege gefallenen Kämpfer nach Aasgard, oder auf die luftigen Fahrten der Nornen und Walkyren bezieht. Ihre gegehwärtige Geſtatt hat die Sage zur Chri⸗ 58 Suſanna erklärte zwar, daß ſie die gauze Geſchichte nicht glaube, allein Harald ſagte ſo ernſthaft, ſie werde ſchon einmal die Wahrheit derſelben an ſich ſelbſt erfah⸗ ren, und Suſanna war von Natur ſo ſehr zum Glauben an alles Wunderbare geneigt, daß ſie ſehr häufig, beſon⸗ ders in den engen Thalſchluchten ihren Blick in die Höhe richtete, halb fürchtend, halb wünſchend, die ſchwarzen Pferde mit den Feueraugen und glühenden Zäumen zu ſehen, allein nur klare Sterne blickten auf ſie herab, dann und wann von einem Nordſchein verdunkelt, der ſeinen glänzenden flüchtigen Schleier über das Himmelsgewölbe hinwallen ließ. Als ſie in die Nähe von Semb kamen, ſahen ſie den gewöhnlichen matten Lichtſchein von den Fenſtern der Oberſtin. Suſannas Herz pochte gewaltig und mit ei⸗ nem tiefen Seufzer ſagte ſie:„Ach wie bösartig doch die Welt iſt! Zu einer Bürde noch einen Stein zu legen und das Unglück zum Verbrechen zu machen! Was kon⸗ nen wir thun, um ſie gegen die Anfälle der Bosheit zu ſchützen?“ „Frau Braun ſoll ihre Lüge wenigſtens nicht weiter ausbreiten,“ ſagte Harald.„Ich werde morgen zu ihr fahren und ſie zwingen, ihre eigenen Worte hinabzuſchlu⸗ cken, ich will ihr ſolche Angſt einjagen, daß ſie dieſelben nicht mehr heraufkommen läßt.“ „Ja, das wäre recht!“ rief Suſanna entzückt. „Wenn einem Kind ein Unglück geſchieht,“ fuhr Ha⸗ rald aufgereizt fort,„dann ſeine Angehoͤrigen eines vor⸗ ſätzlichen Mordes zu beſchuldigen! Kann man ſich etwas Niederträchtigeres und Abgeſchmackteres denken? Nein, ſolche Schlangen ſollen wenigſtens die unglückliche Frau nicht umziſchen! Und ſie zu erſticken, wird meine Sache ſein! Damit drückte Harald Suſanna zum Abſchied die Hand und trennte ſich von ihr. ſtenzeit erhalten, als die alten Götter ſich für den Volks⸗ glauben in böſe Mächte und Teufelsdiener verwandelten. ————— — M M W W—— — 59 „Und meine Sache—“ dachte Suſanna mit thränen⸗ gefüllten Augen—„meine Sache ſoll ſein, ſie zu lieben und treu zu bedienen. Vielleicht bekommt ſie wieder mehr Freude am Leben, wenn ſich Ordnung und Behagen im⸗ mer mehr um„ſie ausbreiten und das Haus täglich an Annehmlichkeiten gewinnt.“ Stille Wochen. Wenn ſchwere Wolken durch die Felder jagen, Traurig ſteht der Wald in welker Tracht, Da wirkt doppelt der Gefühle Macht Und verheißt in winterlichen Tagen Unſern Herzen eine Frühlingspracht. Velhaven. Haſt du in tiefen Gruben den Fall von Tropfen ge⸗ hört, wie ſie ſchwerfällig, gleichmäßig und ätzend den Bo⸗ den, auf den ſie herabkommen, aushöhlen?— Haſt du das Gemurmel des Baches gehört, wie er ſich zwiſchen grünenden Ufern fortſchlingt, während nickende Blumen und das ſtrahlende Himmelslicht ſich in ſeinen Wogen ab⸗ ſpiegeln?— Es iſt ein heimliches Gezwitſcher, ein Säu⸗ ſeln der Luſt darin. Hier haſt du die Bilder zweier Arten von Stillleben, die von einander verſchieden ſind, wie der Himmel und die Hölle. Beide werden auf Erden, beide wurden zu Semb im Heimthale in den nächſtfolgenden Monaten gelebt, erſteres von Madame Aſtrid, letzteres von Harald und Suſanna, nur mit dem Unterſchied, daß der ätzende Tropfen zuweilen von einem zufälligen Winde ver⸗ weht und die Wogen des tändelnden Baches mitunter von allerlei Schlamm getrübt wurden. Der Januar verſtrich mit ſeiner ſteigenden Sonne und zunehmenden Winterpracht. Der Waſſerfall ſchmückte ſeine Ufer mit Blumen, Halmen, Trauben, ja mit ſeinem ganzen Füllhorn von Früchten— 60 d. h. aus Eis. Die Dompfaffen mit ihrer purpurnen„ de Bruſt glänzten wie hüpfende Flammen auf dem klaren 6 Schnee. Der Winter blühte in glitzernden über Wald und Flur verſtreuten Kryſtallen, in der klaren Friſche der Luft, im Geſange der Droſſel, im blendenden Glanz der Schneegefilde. Im Walde wurde Holz gefällt und oft er⸗ i ſchallten Geſänge aus Tegner's Frithiof dazu; im Thale„ bel fuhr man auf Schlitten, über die Berge auf Schneeſchlitt⸗ w ſchuhen. Ueberall regte ſich friſches Leben. St Der ſchwediſch⸗norwegiſche Kampf auf Semb hatte ſeit Weihnachten gewaltig abgenommen. Zwar verſuchte 2 Harald allerhand Ausfälle gegen das ſchwediſche Eiſen, 3 ſchwediſche Waldung u. ſ. w., aber Suſanna ſchien nicht n mehr an ihren Ernſt zu glauben und ließ ſich daher nicht ſo. mehr dadurch in Harniſch bringen; überdieß fiel der letzte 3 Angriff auf den ſchwediſchen Blauſtein ſo matt aus, daß g Harald beſchloß, dieſe Sache vor der Hand ganz ruhen ul zu laſſen und ſich nach einem andern Streitgegenſtand um⸗ ſt ſah, um ſich den Winter hindurch warm zu halten. 5 Februar und Merz nahten heran. Dieß iſt der be⸗ Ple ſchwerlichſte Theil im nordiſchen Winter. Im Januar war er jung, jetzt aber wird er alt, grau und drückend, ſtar beſonders in den Hütten, wo man nicht mit der gehörigen üt Umſicht geſorgt hat. Die Herbſtvorräthe ſind demnächſt verzehrt, im Zimmer, wie im Stalle. Es wird den hun⸗ d gernden Kindern ſchwer, Holz nach Heuſe zu ſchleppen, Ale wenn man ihnen bloß mageren Waſſerbrei, und auch die⸗ ral ſen nicht immer, im Topfe kocht. Der April kommt. Er heißt der Lenzmonat und als die Lerchen ſingen hoch in den Lüften. Aber in den tie⸗ ibre fen Thälern klagt oft die größte Angſt und Noth. Da Vo' ſäet der arme Landmann oft Aſche und Sand auf den rich Schnee, der ſeine Felder bedeckt, damit er etwas früher ſie ſchmelze, und er zwiſchen den rings umher aufgethürm⸗ Kla ten Schneewällen ſeinen Boden pflügen könne. Suſanna Bri wurde während dieſer Monate gut bekannt in den Hütten nen ma nen ren ald der der er⸗ ale itt⸗ tte hte en, cht cht ste aß en m⸗ ⸗ n . 61 des Thales und ihr warmes Herz fand dort reichliche Gegenſtände für Theilnahme und Fürſorge. Harald, der jede Gelegenheit benützte, Suſanna ei⸗ nen Abſcheu von ſich und ſeinem Charakter einzuflößen, zeigte ſich kalt und unbeweglich bei ihren Erzählungen von der Noth, deren Zeugin ſie geweſen, und fand ſein beſonders Vergnügen daran, zu allen ihren Vorſchlägen wegen Abhülfe Nein zu ſagen. Er ſprach viel von Strenge, von heilſamen Lektionen u. ſ. w. und Suſanna ermangelte nicht, ihn den grauſamſten Menſchen, einen Tyrannen Chriſtian, einen wahren Menſchenfreund zu nen⸗ nen, der weniger Herz habe, als Wölfe und Bären; ſie werde ihn nie mehr um etwas bitten, denn es wäre eben⸗ ſogut, ſich an Stöcke und Steine zu wenden;— dann ging ſie fort und weinte bittre Thränen. Aber wenn ſie mancher Noth im Stillen von dem Menſchenfeinde abge⸗ holfen ſah, wenn ſie fand, daß er in allerhand Sachen ihren Vorſchlag befolgt hatte, da vergoß ſie wohl auch in der Stille Freudenthränen und vergaß ſchnell alle ihre Plane feindſeliger Rückhaltung. Allmälig vergaß auch Harald ſeine Streitluſt in Beziehung auf dieſen Gegen⸗ ſtand, denn ſein Intereſſe daran war zu groß und mächtig und dann waren beide für dieſelbe Sache beſchäftigt, nur mit einigem Unterſchied in der Methode. Suſanna hatte damit begonnen, daß ſie Alles, was ſie beſaß, wegſchenkte. Als ſie Nichts mehr zu vergeben hatte, fing ſie an, Ha⸗ ralds Anſicht beizutreter, daß die Armen in der Umgegend im Allgemeinen weniger eigentlicher Almoſen bedürfen, als einer freundlichen und vernünftigen Theilnahme an ihren Angelegenheiten, einer väterlichen und mütterlichen Vormundſchaft, welche die verſchmachteten Herzen auf⸗ richte und die müden, niederſfinkenden Hände ſtärke, ſo daß ſie ſich aufs Neue erheben, arbeiten und hoffen. In der Klaſſe, von der man ſagen kann, daß ſie ums tägliche Brod arbeite, gibt es Menſchen, die ſich ſelbſt helfen kön⸗ nen; es gibt auch andere, denen Niemand zu helfen ver⸗ mag, zum groͤßten Theil aber beſteht ſie aus ſolchen, die durch kluge Hülfe mit Rath und That ſetzt werden können, ſich ſelbſt zu helfen und zu Gluck und Wohlſtand zu gelangen. Harald hielt es für wichtig, die Betriebſamkeit der Landleute ausſchließlicher auf die Viehzucht zu lenken, worin er das einzige Mittel zum Emporkommen für die Bewohner dieſer Gegenden erblickte. Sobald daher der Schnee ſchmolz und der Boden wieder frei wurde, ging er mit ſeinen Knechten und andern Untergebenen hinaus und beſchäftigte ſich eifrig damit, von den Weideplätzen die Steine, womit ſie hier zu Lande wie überſäet find, wegzuſchaffen und neue Grasplätze anzulegen, um mehr Futter zu gewinnen. Suſannas Herz ſchlug hoch auf vor Freude, als ſie ſeine Wirkſamkeit ſah, und wie er ſelbſt Hand anlegte und durch ſein Beiſpiel und ſeinen friſchen Muth Alles belebte. Dafür erhielt Harald auch oft ſeine Lieblingsgerichte zu Mittag, ja Suſanna fing ſogar an, eines und das andere derſelben recht eßbar zu finden, na⸗ mentlich Grützenbrei mit Sardellen. Dieſes Gericht, wo⸗ mit die Mittagsmahlzeiten im Norden oft beginnen, wird ſo ſervirt, daß jeder Gaſt einen kleinen Teller neben ſich hat, worauf blanke Sardellen liegen und nun ißt man abwechſelnd eine Sardelle und einen Löffel voll Brei, was gar nicht übel ausſieht und recht gut ſchmeckt. Harald war gegen den Frühling ſehr mit den länd⸗ lichen Arbeiten beſchäftigt, ſo daß er nur wenig Zeit hatte, im Guten oder Böſen mit Suſanna zu verkehren. Da er aber die Entdeckung machte, daß er möglicherweiſe mit der Zeit einmal eine ſchwache Bruſt bekommen könnte, ſo beſuchte er ſie jeden Morgen in der Milchkammer, um von ihrer Hand ein Glas friſchgeſeihte Milch zu empfan⸗ gen. Dagegen gab er ihr irgend eine neue Frühlings⸗ blume oder mitunter zur Abwechslung auch eine Neſſel, die jedesmal heftig in einen Winkel geſchleudert wurde, und folgte im Uebrigen aufmerkſam den Vorkommniſſen in der Milchkammer und Suſannas Bewegungen, während in den Stand ge⸗ 3e⸗ nd der en, die der ng us en id, hr or bſt en ne n, ⸗ EE 63 ſie die Milch aus den Eimern in die Näpfe ſeihte und auf die Bretter ſtellte, wobei er ſich einmal in folgenden Monolog verlor: „Ei, ſeht doch, das heißt einmal geſchickt! Wie ſchön ſie bei ihrem Geſchäfte ausſieht und dieſes fröh⸗ liche, freundliche Geſicht!... Alles, was ſie berührt, wird vortrefflich.... Alles gedeiht unter ihrer Aufſicht, wenn ſie nur nicht ſo heftig und zornig wäre!.. Aber das ſitzt nicht im Herzen, denn ein beſſeres Herz, als das ihrige, gibt es nicht. Menſchen und Thiere lieben ſie und gedeihen bei ihr.. Glücklich der Mann, der... hni Wollen wir nicht zugleich auch einen Blick in Su⸗ ſannas Herz werfen? Da ſieht es etwas abſonderlich aus. Die Sache war die, daß Harald theils durch ſeine Neckereien und Unarten, theils durch ſeine Freundlichkeit, ſeine Erzählungen und die Gediegenheit, die Suſanna immer mehr an ihm entdecken mußte, ſich in alle ihre Gedanken und Gefühle dermaßen eingewurzelt hatte, daß ſie ihn unmöglich wieder hinausbringen konnte. In Zorn und in Dankbarkeit, in Böſem und in Gutem, immer mußte ſie an ihn denken. Manchen Abend legte ſie ſich mit dem Wunſche nieder, ihn nie mehr zu ſehen, aber jeden Morgen erwachte ſie mit der heimlichen Sehnſucht, ihn recht bald zu treffen. Ihr Verhältniß zu einander hatte viel Aehnlichkeit mit dem Aprilwetter, wie uns am Klarſten zeigt 64 Ein Maitag. „Zum erſten Mal, zum erſten Mal Vergrößert manche kleine Zahl, Es wahrt nur wenige Sekunden, So iſt die Freude hingeſchwunden. Das Gras ſelbſt weiß von ſolcher Luſt, Hoch ſchlägt des jungen Frühlinas Bruſt, Wenn ſich die erſten Halme zeigen, Das erſte Herzblatt an den Zweigen So mild iſt Fott, daß Groß und Klein Zum„erſten Mal“ darf fröhlich ſein; Es darf auch noch ſo kurzes Leben Sein Haupt einmal zum Himmel heben.“ H. Wergeland. Es war Anfang Mais. Ein heftiger Regenſchauer hatte vor Kurzem aufgehört. Vom Süden kam ein Wind her, wehte mild und friſch und jagte Schaaren von wei⸗ ßen Wolken über den ſich klärenden Himmel. Auf dem Gute Semb, das während des Regens wie ausgeſtorben war, begann es wieder lebhaft zu werden. Sechs Enten watſchelten mit großer Vergnügſamkeit hinaus und in die Pfütze, um ſich zn baden und zu putzen. Der Hahn mit dem Ehrennamen Ritter ſcharrte in der Erde und fing dann an lebhaft zu locken, zum Zei⸗ chen, daß er etwas Gutes anzubieten habe, und als zwei hübſche graugeperlte Hühner herbeieilten, ließ er für ſie, einem ſchönen männlichen Inſtinkte gemäß, zuerſt ein Korn und dann noch eines aus ſeinem Schnabel fallen, was die Hühner ſich ohne Umſtände und Komplimente zu Nutze machten. Wie ungezwungen leben doch die Thiere! Der Truthahn war in großer Verlegenheit und hatte Mühe ſeine Faſſung zu behaupten⸗ Seine weiße Dame war der Einladung des Hahnes, die ſie vermuthlich für eine allgemeine hielt, gefolgt, lief ſo ſchnell ſie konnte mit ihren langen Beinen herbei, und ſteckte ihren Kopf zwiſchen die der Hühner hindurch, ohne an ihrem wi int fen per El zo Go Hi! ihr St nei friſ ſtei beg Wi hat den um alle ten Si dan ma vor tra lodi der von blur vom n, zu tte me ür nte pf em 65 Schmauſe Theil nehmen zu können. Der ritterliche junge Hahn zog ſich mit einiger Verwunderung und einem ge⸗ wiſſen Kehllaut des Erſtaunens etwas ſtolz zurück, war indeß doch zu ſehr Gentleman, um die fremde herzugelau⸗ fene Schöne im Mindeſten zu beleidigen; aber die grauge⸗ perlten Hühner wandten ihr den Rücken. Ihr verlaſſener Ehegemahl kullerte in voller Verzweiflung und ſchlug mit zornrothem Geſichte einen Reif an der Seite ſeiner ſchwarzen Gattin, welche ſchweigend einen jammervollen Blick zum Himmel hinaufſandte. An der Küchenmauer raste eine ſchwarze Katze mit ihren Jungen unter tauſend geſchmeidigen Biegungen und Sprüngen, während die Ratten oben auf der Dachrinne neugierig hervorſpähten, vom Regenwaſſer tranken, die friſche Luft einſchlürften und dann getroſt unter die Ziegel⸗ ſteine zurückkrochen. Die Fliegen ſtreckten ihre Beine und begannen im Sonnenſchein zu luſtwandeln. Auf dem Hof ſtand eine hohe Eſche, in deren Wipfel ſich ein Elſternneſt wiegte. Eine Menge Elſtern hatten ſich als Kandidaten um den Luftpallaſt eingefun⸗ den, umflatterten ihn ſchreiend und jagten einander her⸗ um, um ihn in Beſitz zu nehmen. Endlich blieben zwei allein ſiegreich im Neſte zurück. Da lachten ſie und küß⸗ ten einander unter dem frühlingsblauen Himmel vom Südwinde geſchaukelt. Die fortgejagten tröſteten ſich damit, daß ſie ſich über den Trog des Hofhundes her⸗ machten und daraus fraßen, während der ſtolze Alfiero, vor ſeinem Hauſe ſitzend, ſie mit hochmüthiger Ruhe be⸗ trachtete. Die Staare ſchlugen ihre Triller und ließen ihr me⸗ lodiſches Gepfeife ertönen, während ſie ſich friedlich auf der Dachrinne neben einander reihten. Die Grashalme ſchüttelten im Winde die Regentropfen von ſich und die kleine, den Singvögeln ſo liebe Stern⸗ blume erhob ihr Haupt wieder gegen die Sonne und wurde vom Jubelgeſang der Lerchen begrüßt. Die Gänſe wackelten ſchnatternd über den Grasplatz Bremer, Streit und Friede. 5 66 un biſſen ſein junges Grün ab. Dabei zeigte ſich eine ni die in ihrem Staate vorgegangen war. Der Renommiſt, der weiße Gänſerich, war zufällig lahm ge⸗ worden und hatte dadurch Macht und Anſehen verloren. Jetzt hätte der graue Gänſerich die ſchönſte Gelegenheit ge⸗ dart, einen ſchönen Charakter, einen edlen Sinn zu beur⸗ kunden; aber wie! Er benahm ſich gerade ſo, wie der weiße Gänſerich ſich gegen ihn benommen hatte, ſtreckte den Hals gegen ihn aus und hielt ihn mit Geſchrei und Beißen in Entfernung; die Gänſedamen aber bekümmerten ſich Nichts darum und der weiße Gänſerich mußte es ſich gefallen laſſen, ſeinen Nebenbuhler mitten in der Verſamm⸗ lung herrſchen zu ſehen, während er ſelbſt hulflos und ver⸗ achtet nachhinkte. Suſanna, die dieß ſah, verlor jetzt alle Freundſchaft für den grauen, ohne deßhalb dem weißen holder zu werden. Sie ſand, daß der eine ſo gut war, als der andre. Suſanna kam eben von einem Beſuch in einem Bauernhauſe zurück, wo ſie der Frau bei Anzettlung ei⸗ nes Gewebes und jetzt bei der Abnahme deſſelben gehol⸗ fen hatte und ihr Geſicht glänzte noch von Vergnügen über die Scene, die ſie mit angeſehen. Die Kuh hatte nämlich am Morgen gekalbt und reichlich und ſchnell floß die Milchquelle zur unausſprechlichen Freude vier kleiner, bleicher Knaben, die ſich jetzt zwiſchen dem Ver⸗ gnügen darüber und der Bewunderung des kleinen, mun⸗ tern, ſchr warz⸗ und weißgefleckten Kalbes theilten— ein Gefühl, das bei dem Jüngſten auch mit ing Furcht vermiſcht war. Das Gewebe war gleichfalls über alle Erwartung gut geworden; Suſanna half der Frau es auf das Paſſendſte zu Kleidern zuſchneiden und ihre auf⸗ munternden Worte und herzliche Theilnahme waren die Sahne zum Milchfrühſtück. Mit dieſen frohen Eindrücken in ihrer Seele kam Suſanna nach Semb zurück und wurde von Alfiero, ſo wie dem geſammten Federvieh mit großem Jubel begrüßt. Dazwiſchenhinein hörte ſie aber auch Ge⸗ ſchrei und Klagelaute von Vögeln und dieß führte ſie in em St lin St hei als en te 18 6 den Garten. Hier erblickte fie ein Staarpärchen, das mit Angſt und Geſchrei die niederſten Zweige einer Eiche um⸗ flatterte. Im Graſe unter derſelben regte ſich etwas ſchwach hüpfend und Suſanna bemerkte ein junges Stärlein, das ſich zu früh aus dem Neſte gewagt hatte und herabge⸗ fallen war. Es erhob jetzt ſeine ſchwache Klage zu den Eltern, die durch ihr Flattern eine graue Katze im Re⸗ ſpekt zu erhalten ſuchten, deren gierige Augen aus einem grünenden Vogelkirſchburſche hervorblickten. Suſanna jagte die Katze fort, hob das Vögelein auf und wärmte es an ihrer Bruſt. Aber damit waren Papa und Mama Staar keineswegs befriedigt, im Gegentheil ſchien ihre Unruhe nur zuzunehmen. Suſanna hätte herzlich gern ihr Ver⸗ langen geſtillt, aber als ſie aufblickte, und das Staaren⸗ neſt hoch oben auf dem Stamme, viele Ellen über ihrem Kopfe ſah, da wußte ſie ſich nicht zu helfen. In dieſem Augenblicke ertönte die Mittagsglocke, die Alfiero mit einem hochſt tragiſchen Geheul begleitete, und Harald kehrte an der Spitze der Arbeiter vom Felde zurück. Suſanna klagte ihm ſogleich ihre Noth und zeigte ihm den jungen Vogel.„Geben Sie ihn her,“ ſagte Harald,„ſo will ich ihm den Hals umdrehen, dann haben wir einen kleinen Braten auf den Mittag.“ „Nein! Können Sie ſo grauſam ſein?“ rief Suſanna. Harald lachte, ohne zu antworten, ſah an der Eiche empor, um das Neſt ausfindig zu machen und ſchwang ſich dann mit großer Leichtigkeit auf den Baum. Als er auf einem der niederſten Zweige ſaß, neigte er ſich zu Suſanna hinab und ſagte:„Geben Sie ihn jetzt her, ich werde ihn erpediren.“ Suſanna überließ ihm den Vogel ohne weitre Bemerkung. Geſchmeidig und leicht kletterte Harald jetzt von Zweig zu Zweig, das Thierchen in der linken Hand haltend und gefolgt von dem ſchreienden Staarenpaar, das ein furchtbares Weſen um ſein Haupt herum verführte. Es war ihnen gewiß eine Ueberraſchung, als ſie ſahen, daß ihr Junges unverſehrt heraufgebracht wurde; Suſanna aber ſchien der Spaß doch etwas be⸗ denklich und als Harald gewandt und erhitzt vom letzten Zweig auf den Boden ſprang, wurde er von ihr mit den freundlichſten Blicken und den herzlichſten Dankſagungen empfangen. In dieſem Augenblick kamen ein Paar herumziehende Kaufleute mit ihren Küſten auf dem Rücken, und als Ha⸗ rald ſie bemerkte, ſagte er zu Suſanna, er habe einige Einkäufe zu machen, ſie möchte ihn mit ihrem Rath unter⸗ ſtützen. Suſanna war ein Frauenzimmer und Frauenzimmer geben gerne Rath, es verſteht ſich von ſelbſt, immer einen guten. Seit einiger Zeit hatte Harald oft dergleichen Ein⸗ käufe gemacht und dabei immer Suſanna zu Rathe ge⸗ zogen, die ſich zwar dadurch nicht wenig geſchmeichelt fand, aber gleichwohl nicht umhin konnte, zuweilen von Harald zu denken:„Er muß doch ein großer Egoiſt ſein. Immer denkt er nur an ſich, kauft immer nur für ſich und nie etwas für ſeine Schweſter, von der er gleichwohl ſo viel ſpricht und behauptet, daß er ſie ſo lieb habe. Aber die norwegiſchen Herren ſcheinen einmal ſich ſelbſt am Liebſten zu haben.“ Dießmal glaubte Suſanna gleichfalls Veranlaſſung zu einer ſolchen Bemerkung zu haben, denn es war abſcheulich, wie Harald für ſich ſelbſt ſorgte und wie viel er für dieſes Selbſt bedurfte. Dieſen Damaſt wollte er zu einem Teppich für ſeinen Tiſch, dieſen Mouſſelin zu Vorhängen für ſich, dieſe Nas⸗ tücher für ſeine Naſe u. ſ. w. Suſanna konnte nicht umhin, ihn auf die Probe zu ſtellen, indem ſie bei einem ſehr ſchoͤnen Kleiderzeug ſagte: „Ei wie ſchön! Das wird ſicherlich Ihrer Schweſter ſehr gut ſtehen.“ „Was? Meiner Schweſter!“ eiferte Harald.„Nein, die kann ſich ihre Kleider ſelbſt anſchaffen. Dieſen Zeug brauche ich gerade zu meinem Sopha. Man iſt ſich ſelbſt der Nächſte— man darf wohl auch ein wenig für ſich ſelbſt ſorgen.“ ———— 69 „So ſorgen Sie ſelbſt für ſich ſelbſt! Ich habe keine Zeit!“ ſagte Suſanna ganz böſe, wandte ihm ſammt ſeinen Waaren den Rücken und ging. Frühlingsgefühle. „Gedanken läßt im Frühlingsregen Der Himmel in die Blumen fließen; Drum wenn die Kelche ſich erſchließen, Die Blätter flüſternd ſich bewegen.“ Velhaven. Der Mai ſchreitet vorwärts und nähert ſich dem Juni. Von ihren Neſtern in den luftigen laubumkränzten Grot⸗ ten, die ihnen Mutter Natur auf Eichen und Eſchen be⸗ reitet, entſenden die Staare ihre tiefen, pfeifenden Toͤne, ihre verliebten Triller. Geſang und Wohlgeruch erfüllen die Wälder Norwegens. Das Bauernmädchen wan⸗ dert mit ihrer Heerde hinauf in die Sennenthäler und ſingt fröhlich; „Ich ziehe zur Senne mit fröhlichem Muth, Komm Heerde, mein, Komm Kuh, komm Kalb zur ſichern Hut In die Hürde herein!“ Die Frühlingsarbeit war zu Ende, die Erndte wuchs unter dem Schutze des Himmels. Harald hatte jetzt mehr freie Zeit und widmete ſich großentheils Suſanna. Er lehrte ſie die Blumen des Thales, ihre Namen und Eigen⸗ ſchaften kennen und ergötzte ſich ebenſo ſehr über ihr Aus⸗ ſprechen der lateiniſchen Namen, als er ſich an der Schnel⸗ ligkeit erbaute, womit ſie den ökonomiſchen und medizini⸗ ſchen Nutzen derſelben auffaßte. Das Thal und ſeine Schönheiten wurden ihr immer bekannter und lieber. Sie ging jetzt wieder alle Morgen zur Quelle hinab, wo die Marienmäntelchen und Silber⸗ wurzeln ſo üppig wuchſen und ließ die gefiederte Schaar 70 ſich darin baden und erluſtigen. An den Sonntagnachmit⸗ tagen unternahm ſie zuweilen eine Wanderung nach einem kleinen Hain von Eichen und wilden Roſenbüſchen am Fuße eines Berges, welcher der Kryſtallberg hieß und in den Strahlen der Abendſonne in wunderbarem Glanze ſchimmerte. Manchmal begleitete Harald ſie dahin und erzählte ihr manche wunderbare Sagen von Huldran, der im Berge wohne, von den Zwergen, welche die ſechsecki⸗ gen Kryſtalle bereiteten und daher Kryſtallſchmiede genannt werden, von der Welt und dem Weſen der Unterirdiſchen, wie die reiche Phantaſie der Vorwelt ſie geſchaffen und wie ſie im ſtillen Glauben des nordiſchen Volkes noch. dunkel fortlebt. Suſannas lebendiger Sinu faßte dieß Alles mit dem größten Intereſſe auf. Sie träumte ſich in die ſchönen Kryſtallſäle des Berges, glauste im Rau⸗ ſchen des Fluſſes den Geſang des Necken zu hören und Bäume und Blumen erſchienen ihr ſchoner und lebendiger, wenn ſie ſich dachte, daß Elfen und Zauberzwerge aus ihnen ſprechen. Aus der Proſa ihres Lebens und ihrer Beſchäftigung wuchs eine Blume der Poeſie empor, halb. Wirklichkeit, halb Sage, die einen lieblichen Glanz über ihre Seele verbreitete. Suſanna war indeß nicht die Einzige auf Semb, für welche ſich dieſer Frühling wohlthätig zeigte. Die bleiche Madame Aſtrid ſelbſt ſchien ſich aus ihrem finſtern Hinbrüten zu erheben und neue Lebenskraft aus der fri⸗ ſchen Lenzluft zu ſchöpfen. Sie ging mitunter aus, wenn die Sonne warm ſchien und man ſah ſie Stunden lang auf einem mooſigen Stein im Walde am Fuße des Kry⸗ ſtallberges ſitzen. Als Suſanna merkte, daß ſie das Plätz⸗ chen liebzugewinnen ſchien, verſetzte ſie in der Stille Schol⸗ len mit blühenden Linneen und der duftigen, einblüthigen Pyrola aus dem Walde dahin und pflanzte ſie ſo, daß der Südwind ihre lieblichen Düfte gerade dahin führte, wo Madame Aſtrid ſaß. Sie empfand eine wehmüthige Freude bei dem Gedanken, daß dieſe balſamiſchen Duͤfte ihrer „ 71 Herrin Zeugniß bringen von einer Ergebenheit, die ſich nicht anders auszuſprechen wagte. Suſanna wäre reichlich belohnt worden, wenn ſie um dieſe Zeit in die Seele ihrer Gebieterin hätte ſchauen und einen Brief von ihr leſen können, aus welchem wir folgen⸗ des Bruchſtück mittheilen: An Biſchof S. „Die Liebe ermüdet nicht! So mußte ich heute zu mir ſagen, als ich Ihren Brief erhielt und mich das Gefühl Ihrer Güte, Ihrer himmliſchen Langmuth durch⸗ drang. lind Sie werden nicht müde derjenigen, die bei⸗ nahe ihrer ſelbſt müde iſt! Und immer derſelbe Frühling von Hoffnung, derſelbe bergfeſte, ſchöne Glaube. Ach daß ich ihre Freundſchaft beſſer verdiente! Aber ich habe Ihnen. heute ein fröhliches Wort zu ſagen und das will ich Ih⸗ nen nicht vorenthalten.“ „Sie wollen wiſſen, wie es mit mir ſteht. Beſſer! Seit einiger Zeit athme ich leichter. Stille Tage ſind an mir vorübergezogen; milde Sterne haben auf mein Haupt herabgeblickt. Der Gießbach hat meinen Nächten ſein Wiegenlied vorgeſungen, bis es mich in den Schlaf gelullt hat und es friedlicher und beſſer in mir geworden iſt. Auch der Frühling übt ſeinen wohlthätigen Einfluß auf mich. Alles um mich her erhebt ſich ſo groß, ſo reich an Leben und Schönheit, ich vergeſſe mich manchmal, um— zu be⸗ wundern. Es iſt über dreißig Jahre, daß ich nicht mehr auf dem Lande gewohnt habe.“ „Mitunter ſteigen Gefühle in mir auf, welche den Frühlingswinden gleichen. Dann empfinde ich gleichſam einen leiſen Troſt darüber, daß ich während meines lan⸗ gen Kampfes dennoch meine Fflicht gethan, daß ich das Aeußerſte ertragen, daß ich in einer Welt, wo ich ſo manche Thränen vergoß, doch Nichts gethan habe, um Andern Thränen zu entlocken. Zuweilen kommt mir aus dem frühlingsblauen Himmel etwas entgegen, was einem lichten Blicke, einer Hoffnung gleicht. Aber vielleicht find 72 dieſe Lichtblicke nur Frühlingsblumen, die mit dem Früh⸗ ling verwelken.“ Ich gehe zuweilen aus; ich ſitze gerne in einem ſchö⸗ nen Eichenhain unten im Thale und milde wohlthuende Gefühle kommen da über mich. Der Wind führt mir unausſprechlich liebliche Düfte zu. Dieſe Düfte erinnern mich an die Welt von wohlthuenden, heilenden ſtärken⸗ den Kräften, die um mich heraufſproſſen, und ſo ſchwei⸗ gend, ſo anſpruchslos, ihr Daſein nur durch ihre Wohl⸗ gerüche, ihre ſtille Schönheit verrathen. Ich ſaß heute Abend dort am Fuße des Berges, die Sonne neigte ſich zum Untergang, leuchtete aber warm ins Gehölz. In meiner Nähe waideten einige Schafe mit ihren zarten Lämmern. Sie ſahen mich mit verwunderten, aber furcht⸗ loſen Blicken an, ein Glöckchen klingelte rein und hell, während ſie auf dem grünen Raſen umherwandelten; es war ſo ſtill und ruhig, daß ich die kleinen Inſekten hörte, die im Graſe zu meinen Füßen ſummten, und ich weiß nicht, welches Gefühl von Wohlbehagen, von Vergnügen über mich kam. Ich genoß in dieſem Augenblick mein Da⸗ ſein, wie die Lämmer, wie die Inſekten;— ich kann alſo noch genießen,— milde, reiche Natur! An deinem Herzen könnte vielleicht das meinige—— ober der bleiche blutige Knabe ſteht da— der Mörder ſteht da, ewig zwi⸗ ſchen mir und meiner Seele Frieden. Wenn ich zuweilen Ihre Stimme hören, wenn ich oft ihren klaren, vertrauens⸗ vollen Blick ſehen könnte, dann könnte ich vielleicht noch lernen— emporzublicken. Aber ich lade ſie nicht zu mir ein. Ach! ich wünſche nicht, daß Jemand mir nahe. Seien Sie indeß nicht mehr ſo unruhig um mich, mein Freund. Ich bin beſſer. Ich habe gute Menſchen um mich, die mein äußres Leben ruhig und behaglich machen. Laſſen Sie Ihren liebevollen Gedanken wie bisher zuweilen auf mir ruhen— vielleicht, daß er einſt Licht in mein Herz ſtrahlen wird.“ —„—)—— — — 73 Mann und Frau. Ein neuer Streit. „Ich will euch zeigen, welch ein Kerl ich bin.“— „Mein Herr— ich ſtaune.“ Siful Sifadda. Wir haben geſehen, daß Harald eben ſo wenig als Griſeldas ſeliger Mann ein Leben zu lieben ſchien, das wie Oel dahin fließt. Vielleicht meinte er, ſein Umgang mit Suſanna könnte jetzt dieſen Charakter annehmen, und da⸗ her kam es ohne Zweifel, daß er, als er ihr nicht mehr in Geſtalt eines Menſchenfeindes Entſetzen einflößen konnte, eines Tages ſich vornahm, ſie als Weiberthrann in Har⸗ niſch zu bringen. Ich erwarte dieſer Tage meine Schweſter hier,“ ſagte er eines Abends in gleichgültigem Tone zu Suſanna, „ſie muß mir Einiges nähen und meine Sachen in Ord⸗ nung bringen. Alette iſt ein gutes, artiges Mädchen und ich habe im Sinn, ſie bei mir zu behalten, bis ich mich verheirathe und dann von meiner Frau bedienen laſſen kann.“ „Bedienen! von Ihrer Frau!“ rief Suſanna, man kann ſich leicht vorſtellen, in welchem Ton. „Ja gewiß. Das Weib iſt dazu geſchaffen, dem Mann unterthänig zu ſein und ich habe nicht im Sinn, meiner Frau eine andere Lehre beizubringen. Ich gedenke Herr in meinem Hauſe zu ſein.“ „Die norwegiſchen Herren müſſen ware Despoten, Tyrannen, Heiden und Türken ſein.“ „Jeden Morgen, Schlag ſechs Uhr muß meine Frau aufſtehen und mir den Kaffee kochen.“ „Aber wenn ſie nicht will? „Nicht will? Ich will ihr rathen, zu wollen. Und will ſie nicht in Gutem, ſo muß ſie in Böſem. Ich dulde 74 keinen Ungehorſam, ich, und gedenke ihr das recht ernſtlich zu beweiſen. Will ſie aber dieſe Erfahrung nicht ſo rathe ich ihr Punkt ſechs Uhr aufzuſtehen, meinen Kaffe⸗ zu kochen und ihn mir ans Bett zu bringen.“ „Nein, ſo Etwas habe ich noch nie gehört! S Sie ſind der Allet Gott gnade den Frauen in dieſem ab⸗ ſcheulichen Lande!“ „Und gutes Eſſen muß ſie mir alle Mittag auf den Tiſch bringen— ſonſt— wird ſie ihre Wunder erfahren, und mit der Armenſuppe*) darf ſie mir nicht öfter, als alle vierzehn Tage einmal kommen, dann muß ſie erſt noch recht ſaftig ſchmecken.“ „Wen Sie ein ſaftiges Eſſen haben wollen, ſo ſor⸗ gen Sie nur auch für ein ſaftiges Hashaltungsgeld. „Das fällt mir gar nicht ein! Das überlaſſe ich mei⸗ ner Frau. Sie muß S ins Haus ſchaffen, ſo gut ſie kann.“ „Ich hoffe, daß Sie nie eine Frau bekommen, oder eine icte Nantippe.“ „Dafür wollen wir ſchon Rath ſchaffen. Um einen guten Anfang zu machen, muß ſie mir jeden Abend die Stiefel ausziehen. Alles kommt darauf an, daß man ſeine Perſon bei Zeiten in Sicherheit bringt, denn von Natur ſind die Frauenzimmer entſetzlich herrſchſüchtig.“ „Eben weil die Männer Tyrannen ſind.“ „Und dabei abſcheulich kleinlich.“ „Ja weil die Herren alles Große für ſich in Be⸗ ſchlag genommen haben.“ „Und voll Launen!“ „Weil die Männer voller Eigenſinn ſind.“ „Und veränderlich. 4. „Weil die Männer keine Beſtändigkeit verdienen.“ „Und eigenſinnig und heftig.“ . So nennt man ein Gericht, das aus den Ueberreſten der Woche bereitet wird und gewöhnlich Sonnabends auf den Tiſch kommt. ————„ ——— — ,———— ——,———— ———— der den 75 „Weil die Männer abgeſchmackt ſind.“ „Aber ich,“ fuhr Harald ſehr ſcharf fort,„ich mache mir Richts aus eigenfinnigen, heftigen und herrſchſüchtigen Frauenzimmern. Im Allgemeinen ſind es immer die Männer, welche die Frauen verderben; ſie ſind zu gedul⸗ dig, zu nachgiebig, zu artig. In meinem Hauſe muß es ganz anders zugehen. Ich gedenke meine Frau nicht zu verziehen. Im Gegentheil ſoll ſie ſich üben, geduldig, nach⸗ giebig und aufmerkſam gegen mich zu ſein und dazu werde ich auch meine liebe Schweſter anhalten; ſie ſoll nur nicht glauben, daß ich mich ihretwillen von der Stelle rühre, ſie hoffe ja nicht. In dieſem Augenblick hörte man einen Wagen in den Hof fahren und vor der Thüre halten. Harald ſah zum Fenſter hinaus, ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung und Freude aus und ſchoß wie ein Pfeil aus dem Zimmer. Suſanna ſah jetzt neugierig ebenfalls durchs Fenſter und erblickte Harald, wie er eine Dame aus dem Wagen hob, ſie lange innig in ſeine Arme ſchloß und nur wieder frei gab, um ihr einige Schachteln und Paquete abzunehmen, die ſie ins Haus kragen wollte, um ſich ſelbſt damit zu belaſten. „Ha, ha!“ dachte Suſanna,„ſteht es ſo mit ſeiner Tyrannei!“ Und feſt überzeugt, daß diejenige, die Ha⸗ rald ſo empfing, ſeine Schweſter ſei, ging ſie in die Küche, um einige Anordnungen fürs Abendeſſen zu treffen. Als ſie in das große Wohnzimmer zurückkehrte, traf ſie dort die Geſchwiſter. Mit lenchtenden Blicken ſtellte Harald Suſanna„ſeine Schweſter Alette“ vor. Hier⸗ auf fing er an, mit ihr herumzutanzen, zu lachen und zu ſingen. Suſanna hatte ihn nie ſo ſeelenvergnügt ge⸗ ſehen. Beim Abendeſſen hatte Harald nur Augen für ſeine Schweſter, die er unter fortwährenden Scherzen ſehr gut bediente. Er ſpielte ihr zwar auch den einen und andern Streich, wofür ſie ihn ausſchalt, allein dieß ſchien ihn 76 nur noch mehr aufzumuntern. Die Oberſtin hatte an dieſem Abend ihre Zimmer nicht verlaſſen und Harald konnte ſich daher gänzlich ſeiner Schweſter widmen. Nach dem Abendeſſen ſetzte er ſich zu ihr auf den Sopha und ihre Hand in der ſeinigen erinnerte er ſie an ihre Kinder⸗ zeit und wie ſie einander damals eigentlich nicht recht haben leiden können. 5„Du warſt auch ſo unerträglich empfindlich,“ ſagte ette. „Und du ſo unerträglich vornehm und hochweiſe! Er⸗ innerſt du dich noch, wie wir uns immer beim Frühſtück zankten? Das heißt ich, denn du antworteteſt nie viel, aber ließeſt dich immer ſo überklug und hoffärtig an, weil du damals etwas größer warſt, als ich.“ „Ich weiß auch noch wie du mitunter das Feld räumteſt, den Thee ſtehen ließeſt und der Mutter klagteſt, du könnteſt es bei meinen vornehmen Geſichtern nicht mehr aushalten.“ „Ja, wenn das nur auch etwas geholfen hätte. Aber ich bekam immer zur Antwort: Alette iſt viel verſtändiger, als du. Alette iſt weit ordentlicher als du. Alette weiß mehr, als du. Das ſchmeckte ſauer und dafür aß ich dir dein Confect weg.“ „Ja du abſcheulicher Junge, das thateſt du, und wollteſt mir noch überdieß weiß machen, eine Maus habe es gethan.“ „Ja ich war ein unartiger, ungezogener, naſeweiſer, unerträglicher Burſche.“ „Und ich ein langweiliges, altkluges, eingebildetes, hofmeiſterndes Mädchen. Für jeden Streich, den du mir ſpielteſt, hielt ich dir eine Predigt.“ „Nicht eine, liebe Schweſter, ſondern ſieben und noch mehr. Das war gar zu viel!“ rief Harald lachend, in⸗ dem er Alettes Hand küßte.„Aber,“ fuhr er fort,„ſie waren nothwendig und wohlverdient. Und dennoch war ich Unwürdiger ſehr erfreut, als mich meine Abreiſe auf die Akademie davon befreite.“ m , ir ch ⸗ ie ar uf 77 „Und mir war auch ganz wohl, mein Nähzeug und meine ſonſtigen Sachen einmal in Sicherheit zu wiſſen. Als du aber nach drei Jahren zurückkamſt, da hatte ſich das Blatt gewendet. Da war ich ganz ſtolz auf meinen Bruder.“ „Und ich auf meine Schweſter. Weißt du auch, Alette, daß ich glaube, du wirſt Lerow den Abſchied geben müſſen. Ich kann dich wirklich nicht entbehren. Bleibe bei mir, ſtatt mit ihm in den neblichen, kalten Norden zu ziehen, der dir doch nicht gefällt.“ „Da müſſen wir doch Lerow vorher fragen, lieber Bruder.“ So ging das Geſpräch noch lange fort und wurde immer ernſter und ruhiger. Die Geſchwiſter ſchienen von ihrer Zukunft zu ſprechen, und dieß iſt jeder Zeit eine ernſt⸗ hafte Sache; indeß wurden die ſtillen Berathungen dennoch dann und wann von einem herzlichen Gelächter unterbro⸗ chen. So kam die Mitternacht heran, aber Niemand ſchien es zu bemerken. Suſanna war während der Unterredung der Ge⸗ ſchwiſter ins nächſte Zimmer gegangen, um ſie von allem Zwange zu befreien. Ihre Bruſt war von wehmüthigen Gefühlen zuſammengepreßt, die ſie ſonſt nicht kannte. Die Stirne an die kühle Fenſterſcheibe gelehnt, ſah ſie in den ſchönen Sommerabend hinaus und lauſchte den milden, traulichen Stimmen da draußen. Die Dämme⸗ rung hüllte ihre ſanftdüſteren Schleier über Thal, Bäume und Flur, über Höhen und Ebenen; Himmel und Erde ſchienen ſich in ſtiller Traulichkeit an einander zu ſchließen. Im Graſe ſchlummerten die Blumen, einander entgegen⸗ nickend und aus dem ſäuſelnden Laube meinte Suſanna die Worte„Bruder, Schweſter“ flüſtern zu hören. Mit unausſprechlicher Sehnſucht öffnete ſie ihre Arme, als wollten ſie Jemand umſchließen, aber als ſie wieder leer an ihre Bruſt zuruͤckkehrten, rannen ſchmerzvolle Thränen über ihre Wangen, während die Lippen flüſterten:„Kleine Hulda!“ — — 78 Kleine Hulda! deine Liebenswürdigkeit, deine lichten Locken in allen Ehren, aber ich glaube nicht, daß Schwe⸗ ſter Sannas Thränen jetzt dir allein floßen. V ett „Deines Auges klare Well' Strahlt wie Kerzenglanz ſo hell; Wieder blickt es ſanft und miid Wie ein lichtes Engelsbild.“ Velhaven. Als Suſanna am nächſten Morgen in Alettens Zim⸗ mer trat, um ſich zu erkundigen, wie ſie geſchlafen u. ſ. w. traf ſie Harald bereits bei ſeiner Schweſter und um ſie herum all die Zeuge, Halstücher, Nastücher, Teppiche u. ſ. w. ausgebreitet, die er nach ſeinen Behauptungen gegen Su⸗ ſanna für ſich ſelbſt gekauft, nunmehr aber ſeiner Schwe⸗ ſter zu ihrer bevorſtehenden Hochzeit geſchenkt hatte. Kaum war Suſanna eingetreten, als zu ihrer großen Ueberra⸗ ſchung Bruder und Schweſter ſie aufs Freundlichſte baten, den ſchönen Kleiderzeug anzunehmen, den ſie einſt Harald als paſſend für ſeine Schweſter empfohlen hatte. Sie weigerte ſich erröthend, konnte aber gleichwohl Haralds Herzlichkeit nicht widerſtehen und nahm dankbar das Ge⸗ ſchenk an, obgleich es ihr dabei nicht ganz wohl zu Muthe war. Thränen wollten ſich in ihre Augen drängen, und ſie fühlte ſich arm in mehr als einer Beziehung. Als Harald hinausging, ergoß ſich Alette in herzliche Lobeser⸗ hebungen auf ihn und ſchloß mit den Worten:„Ja man kann ſich zehnmal des Tages über ihn ärgern, ehe man ihn recht kennen lernt, aber ſo viel iſt gewiß, daß man nicht von ihm loskommt, ohne ihn zu lieben, wenn ihm ernſtlich daran gelegen iſt.“ Suſanna hörte ihr ſtumm zu und ihr Herz war pon angenehmen und ſchmerzlichen Gefühlen zu⸗ „ —7— — „——+—* gleich bewegt. Eine Meldung, daß das Frühſtück fertig ſei, machte dem Geſpräch ein Ende. Alette war etliche und zwanzig Jahre alt und hatte den ſchönen Wuchs, die reine Farbe und die feinen Züge, womit Mutter Natur ihre Töchter in Norwegen vorzugs⸗ weiſe begünſtigt zu haben ſcheint. In ihrer ganzen Er⸗ ſcheinung lag etwas Feines und Durchſichtiges und der Körper ſchien nur eine leichte Hülle der lebensvollen Seele zu ſein. Ihre ganze Art zu ſein und zu ſprechen hatte etwas höchſt Einnehmendes und zeugte von glücklichen Na⸗ turgaben und vieler Bildung. Sie war mit einem ver⸗ möglichen Kaufmann verlobt und ſollte auf den Herbſt hei⸗ rathen, wollte aber vorher noch einige Zeit bei ihrem Bru⸗ der und einem andern nahen Verwandten im Hallingsthal zubringen. Suſanna war in Alettens Gegenwart etwas ſchüch⸗ tern; neben dieſem feinen, halb ätheriſchen Weſen beſchlich ſie zum erſtenmal ein unbehagliches Gefühl eigener Unbe⸗ holfenheit. Alettens Ankunft brachte eine gewiſſe Veränderung auf Semb hervor. Ihr angenehmes Weſen und ihre ge⸗ ſelligen Talente machten ſie bald zu einem Vereinigungs⸗ punkt, um welchen ſich Alles ſammelte. Auch Madame Aſtrid konnte ſich ihrem Einfluſſe nicht entziehen, ſie blieb Abends in der Geſellſchaft und nahm Theil an den Unter⸗ haltungen, die Alette intereſſant genug zu machen wußte. Indeß trug die Oberſtin ſelbſt nicht wenig dazu bei, indem ſie ſich zuweilen über einem Geſpräche zu vergeſſen ſchien, und dann oft Aeußerungen that, die von einer tief fühlen⸗ den und denkenden Seele zeugten. Suſanna betrachtete ſie dann mit Freude und Bewunderung. Oft jedoch ſchien ein ſchmerzlicher Gedanke ſie den freundlichen Eindrücken zu entreißen, eine düſtre Erinnerung ſchien geſpenſtig zwiſchen ſie und die Freude zu treten— dann erſtarben die Worte auf ihren erbleichenden Lippen— die Hand drückte ſich ans Herz und ſie hörte und merkte nicht mehr, was um ſie 80 herum vorging, bis das Intereſſe der Unterhaltung ſie aber⸗ mals anzuziehen vermochte. Oft wurde auch vorgeleſen. Alette beſaß ein wirkli⸗ ches Talent dazu und es war ein Hochgenuß, von ihren Lip⸗ pen Gedichte von Velhaven und Wergeland zu hören, welche beide junge Männer, obwohl perſonliche Feinde, einander darin bruͤderlich die Hand reichen, daß ſie aufrichtig ihr Vaterland lieben und ſeine Literatur mit vielem Schönen und Veredelnden beſchenkt haben. Inzwiſchen wurde es Suſanna immer weniger wohl zu Muthe. Harald ſuchte nicht mehr wie früher ihre Ge⸗ ſellſchaft und ſchien ſie über Alette beinahe ganz vergeſſen zu haben. In den Unterhaltungen, die ſie jetzt oft mit anhörte, war Vieles, was ihr Gefühl anregte und Fragen und Ahnungen in ihr erweckte; wenn ſie aber dieſelben zu äußern verſuchte, wenn ſie gerne auch dabei geweſen wäre und gezeigt hätte, daß ſie auch denken und ſprechen könne, da kamen die Worte ſo ſchlecht und die Gedanken ſo un⸗ klar heraus, daß ſie ſich ihrer ſchämte, zumal wenn Alette ſie dabei etwas verwundert anſah und Harald ſeine Augen niederſchlug. Sie nahm ſich daher vor, nie mehr den Mund über Sachen zu öffnen, die ſie nicht verſtehe. Aber dieß Alles kam ſie ſehr hart an und in ihrer Demüthigung beklagte ſie bitterlich den Mangel einer ſorg⸗ fältigen Erzichung und ſeufzte aus der Tiefe ihres Herzens: „Ach wenn ich nur ein Bischen mehr wüßte! Wenn ich nur irgend ein ſchönes Talent beſäße!“ he er e⸗ en it en zu re ſe, n⸗ tte en nd 8: (ch 81 Ein Abend im Wohnzimmer. „Und iſt es erſt Morgen, ſo wird es auch Tag, Deun das Licht muß jederzeit ſiegen.“ Foß. Es war ein ſchöner Sommerabend. Durch die ge⸗ offneten Fenſter der Wohnſtube ſtrömte die liebliche Som⸗ merluft mit den Düften des Heus, das jetzt gemäht im Thale lag. An einem Tiſche bereitete Suſanne den dampfenden Thee, den die Norweger beinahe eben ſo ſehr lieben, wie die Engländer; an einem andern ſaßen Ma⸗ dame Aſtrid, Harald und Alette mit dem kürzlich erſchie⸗ nenen ſchöͤnen Werke;„Snorre Sturleſon's nor⸗ wegiſche Königsſagen, aus dem Iösländiſchen über⸗ ſetzt von J. Aal“ beſchäftigt. Das vierte Heft davon lag vor Harald aufgeſchlagen und zwar die Abtheilung: „Entdeckung des Weinlands.“ Er hatte ſo eben Aal's intereſſante Einleitung zu den Sagen von Erich dem Ro⸗ then und Karlefsne vorgeleſen und ſchickte ſich jetzt an, die zwei Sagen ſelbſt vorzutragen, welche Berichte von der erſten Entdeckung Amerika's enthalten und wovon wir hier einen kurzen Auszug geben. „Am Schluß des zehnten Jahrhunderts, zur Zeit, als die Normannen mit kriegeriſchen Seezügen den Sü⸗ den heimſuchten und das Chriſtenthum mit dem Evan⸗ gelium des Friedens ſich dem Norden nahte, lebte auf Island ein angeſehener Mann, Namens Herjulf. Sein Sohn hieß Bjarne und war ein entſchloſſener junger Mann. Schon frühe ſtand ſein Sinn nach Reiſen und Abenteuern. Bald erhielt er auch ein eigenes Schiff und fuhr damit in die Welt hinaus. Als er eines Sommers nach der Inſel ſeines Vaters zurückkehrte, war dieſer kurz vorher nach Grönland fortgezogen und hatte ſich dort häuslich niedergelaſſen. Da ſtach Bjarne ſogleich wieder in die See, indem er ſagte, er wolle nach altem Bremer, Streit und Friede. 6 82 Brauche die Winterkoſt bei ſeinem Vater einnehmen und gen Grönland ſteuern.“ „Nachdem er drei Tage geſegelt, erhob ſich ein hef⸗ tiger Nordoſtwind, gefolgt von einem ſtarken Nebel, ſo daß Bjarne und ſeine Mannſchaft nicht mehr wußten, wo ſie ſich befanden. Dieß währte mehrere Tage. Hierauf bekamen ſie die Sonne wieder zu ſehen und vermochten die Himmelsgegenden zu unterſcheiden. Da ſahen ſie ein Land vor ſich, das mit Wäldern bedeckt war und kleine Anhöhen hatte. Bjarne wollte hier nicht anlegen, weil es nicht Gronland ſein konnte, von dem er wußte, daß es große Schneeberge hatte. Sie ſegelten jetzt drei Tage lang mit Südweſtwind weiter und bekamen ein andres Land zu Geſicht, das gebirgig war und hohe Schneefelſen hatte. Aber Bjarne hielt auch dieſes nicht für Grönland, ſondern ſegelte weiter, bis er endlich das Land, das er ſuchte, und ſeines Vaters Hof fand.“ „Auf einem Beſuch bei Jarl Erik in Norwegen er⸗ zählte Bjarne von ſeiner Fahrt und den fremden Län⸗ dern, die er geſehen. Aber die Leute ſagten, er ſcheine nicht beſonders neugierig geweſen zu ſein, da er von die⸗ ſen Ländern nichts weiter zu erzählen wiſſe, und das wurde ihm zur Laſt gelegt. Erik des Rothen Sohn, Leif, der Sprößling eines angeſehenen Geſchlechtes, wurde bei Bjarnes Erzählung von Luſt ergriffen, die Entdeckung zu verfolgen, er kaufte ihm ein Schiff ab, das er mit fünf⸗ unddreißig Mann beſetzte und ſtach ſofort in die See, um das neue Land zu entdecken. Zuerſt kamen ſie an ein Land, das voll Schnee und Berge war und ihnen ohne alle Herrlichkeit zu ſein ſchien. Dann bekamen ſie eines zu ſehen, deſſen Küſte aus weißem Sand beſtand und deſſen Boden mit Wald bedeckt war. ¹) Sie ſegelten noch wei⸗ ter weſtlich und kamen dann in ein herrliches Land, wo ſie Weintrauben, Mais und den edlen Maſerbaum fan⸗ %) Wahrſcheinlich Neufundland. — c——— ec— — ———„———.——— ———— „— er⸗ än⸗ ine die⸗ das eif, bei zu inf⸗ um nd, alle zu ſſen wei⸗ wo fan⸗ 83 den. Dieſes Land*) nannten ſie We inland, bauter Häuſer daſelbſt und blieben dort den Winter über, der ſo mild war, daß das Gras kaum verwelkte. Auch waren die Tage und Nächte von gleicherer D auer, als auf Is⸗ land und Grönland. Und Leif war ein großer, ſtarker Herr, von männlichem Ausſchen, wie auch verſtändig und klug in allen Stücken.“ „Nach dieſem Zuge nahm Leif an Anſehen wie an Vermögen zu und wurde allgemein„der Glückliche“ ge⸗ nannt.“ „Unter den ſpätern Fahrten nach dem neuen Lande iſt die von Karlefsne die merkwürdigſte, allein theils wur⸗ den die entſtehenden Kolonieen von ſchweren Krankheiten heimgeſucht, theils dürfte ſie wohl auch das den Nord⸗ ländern eigenthüml iche Heimweh von den Trauben des Weinlandes in ihre ſchneeige Heimath zurückgeführt haben; gewiß iſt, daß ſie keine bleibende Stätte in der neuen Welt gewannen. Auch wurden ſie oft von den Einge⸗ bornen angegriffen und waren nicht mächtig genug, ſie mit Waffengewalt abzuhalten.“ „Inzwiſchen melden mehrere isländiſche Chroniſten, daß Amerika in jedem Jahrhundert von Leif's Entdeckung an vis auf Kolumbus von Normännern beſucht worden iſt. Beweiſe und Erinnerungen ihrer Fahrten haben wir nur noch in dieſen Berichten und in dem merkwürdigen, jetzt„Dighton writing Rock“ genannten Steine, der am ufer des Tauntonfluff es in Maſſachuſetts aufgefunden wurde und deſſen zum tehien Mal von amerikaniſchen Ge⸗ lehrten im Jahre 1830 abgezeichneten Runen und Hiero⸗ glyphen uns die Wahrheit dieſer Berichte noch weiter be⸗ kräftigen.“ Ueber dieſe Figuren kommentirte jetzt Harald mit großem Eifer und erzählte, wie man noch jetzt in Nor⸗ wegen ähnliche auf alten Grabſteinen, Geüdeſün⸗ mern u.. w. eingegraben ſinde.„Siehſt du, Alette,“ *) Südkanada. 84 fuhr er eifrig fort,„dieß hier ſoll eine Frau mit einem Kinde vorſtellen— vermuthlich Karlefsne's Frau, die während ihres Aufenthalts im Weinland einen Sohn gebar. Und dieß da ſoll ein Stier ſein— denn in Kar⸗ lefsne's Sage wird von einem Stier geſprochen, der die Eingebornen durch ſein Gebrüll erſchreckte; dieſe Figuren da weiter rechts ſtellen die Eingebornen vor. Dieß hier ſoll ein Schild ſein und das die Runenſchrift.“ „Es gehört wirklich eine ſtarke Einbildungskraft dazu, dieß Alles herauszufinden,“ unterbrach ihn lächelnd Alette, die nicht ganz ſo patriotiſch war, wie Harald;„aber auch angenommen, dieß Alles beweiſe, daß Amerika zum erſten⸗ mal von unſern Vätern entdeckt worden ſei, was dann weiter? Welchen Nutzen, welches Gute hat die Welt davon? Iſt es nicht im Gegentheil höchſt betrübt, daß ſo wichtige Entdeckungen verloren gehen und in Vergeſſen⸗ heit gerathen konnten, als wären ſie nie geweſen, ſo daß man ſie aufs Neue machen mußte? Hätte nicht Kolum⸗ bus mehrere Jahrhunderte ſpäter der Engherzigkeit der Menſchen und den noch undurchmeſſenen Räumen des Welt⸗ meers Trotz geboten, ſo wüßten wir bis auf den heutigen Tag vielleicht Nichts von Amerika und von dem Steine, die Spuren unſerer Vorväter in der fremden Erde ein ſoll.“ „Aber, meine liebe Alette,“ rief Harald verwundert, „iſt es nicht ſonnenklar, daß ohne die Weinlandsfahrten der Normänner Kolumbus ſicherlich nicht auf den Ge⸗ danken gekommen wäre, hinter dem großen Meere ein Land zu ſuchen? Zu Kolumbus Zeiten befuhren die Nor⸗ männer mit ihren„Schnecken“ alle europäiſchen Küſten; ſie machten auch einen Zug nach Spanien und das Ge⸗ rücht von den Weinlandsfahrten zog mit ihnen. Außer⸗ dem— und das iſt nicht zu vergeſſen— beſuchte Kolumbus wenige Jahre vor ſeiner großen Entdeckungsreiſe ſelbſt Island und zwar wie Robertſon ſagt, mehr, um ſeine ſeemänniſchen Kenntuiſſe zu erweitern, als um Schätze zu ſammeln.“ —.———— n 8⁵ „Aber,“ ſagte Alette,„Washington Irving ſpricht in ſeinem Kolumbus, den ich neulich geleſen habe, zwar auch von ſeiner Fahrt nach Island, will jedoch Nichts davon wiſſen, daß er dort die geringſte Anregung zu ſeiner großen Entdeckung gefunden habe.“ „Das iſt ja ganz unglaublich, ja unmöglich, nach dem, was wir hier ſehen und hören! Höre nur, was Aal von der Zeit ſagt, da Kolumbus ſich in Island auf⸗ hielt.“ „Auf Jsland blühte damals die Sagenſchrift und die verſchiedenen Sagen gingen in verſchiedenen Abſchriften von Hand zu Hand, denn ſie dienten damals, wie jetzt, nur in einem noch hoheren Grade, zur Verkürzung der langen Winterabende. Unſere ältere Sagenſchrift entzündete alſo gewiß ein Licht in ſeinen dunkeln Ahnungen, und dieß mußte ihn um ſo mehr auf den rechten Weg leiten, als er dem Ereigniſſe ſelbſt nahe war und zum Theil von Ab⸗ kömmlingen der Entdecker weitere mündliche Aufſchlüſſe einziehen konnte. „Iſt dieß nicht eben ſo natürlich, als nothwendig? Kannſt du noch länger zweifeln, Alette? Ich bitte dich, bekehre und beſſere dich; bekehre dich von Irving zu Aal.“ „Ich bin geneigt, auf Haralds Seite zu treten,“ ſagte jetzt Madame Aſtrid mit lebhafter Stimme und Miene.„Große, für die Menſchheit wichtige Entdeckungen, haben nie ohne Vorbereitungen ſtattgefunden. Sie wur⸗ den oft Jahrhunderte lang in der Stille fortgeſetzt, bis in einer günſtigen Stunde der Hauch des Genius und des Glückes das unter der Aſche glimmende Feuer zu einer klaren und welterleuchtenden Flamme angeweht hat. Ueberall, wo wir eine Blume finden, ſehen wir auch einen Stamm, in der Erde verborgene Wurzeln und endlich einen Saamen, der das werdende Gewächs noch unent⸗ wickelt in ſeinem dunkeln Schooße verſchließt. Und ſollte ſich nicht Alles in der Welt nach demſelben Entwicklungs⸗ geſetze bewegen? In der ſtürmiſchen Nebelfahrt der Nor⸗ männer über das weite Meer mochte ich das vom Sturm 86 verwehte Saamenkorn ſehen, das unter der Leitung der Vorſehung Jahrhunderte lang ſeine Wurzeln von Wein⸗ lands Boden ausſtreckte, bis ein mächtiger Genius dadurch veranlaßt wurde, das Werk zu vollenden, und eine neue Welt für die alte zu entdecken.“ Harald war ſehr erfreut über dieſen Gedanken, der friſchen Wind in ſeine Segel blies, und dadurch aufgemun⸗ tert, machte er der ſeine Bruſt erfüllenden Bewunderung für die nordiſche Vorzeit in vollen Strömen Luft.„Die⸗ ſen Männern von wenigen Worten, aber kräftigen Thaten,“ ſagte er,„dieſen Männern, denen die Gefahr ein Spiel, der Sturm Muſik und das Toben der Wellen ein Tanz war, dieſem Jünglingsgeſchlechte kam es zu, die neue Welt zu entdecken, ohne es für eine große That zu halten. Große Thaten waren ihnen alltägliche Beſchäftigung. Alette ſchüttelte ihr ſchones Köpfchen zu dieſen Ent⸗ zückungen über die Vorzeit. Sie wollte zwar nicht in Ab⸗ rede ziehen, daß ſie eine gewiſſe Größe gehabt, aber wahr⸗ haft groß fand ſie dieſe Zeit nicht. Sie ſprach von der Rache, von der Gewaltthätigkeit und niedrigen Grauſam⸗ keit, denen das nordiſche Alterthum offen gehuldigt. „Aber,“ verſetzte Harald,„die Schmerz⸗ und Todes⸗ verachtung, dieſe edle Verachtung. die unter den Menſchen damaliger Zeit ſo allgemein war, benahm der Grauſam⸗ feit ihren Stachel. Unſer ſchwächliches Geſchlecht hat kaum eine Vorſtellung von der Kraft, die unſre Vorfahren ſelbſt in den Schmerzen Genuß finden ließ, indem ſie ihren muthigen Geiſt zur höchſten Spitze des Heroismus hinaufſpornte, denn ſie fühlten in ſolchen Stunden die Kraft zu Uebermenſchlichem in ſich. Darum ſingen die Helden mitten unter den Todesqualen. So ſtirbt der Schwede Hjalmar in den Armen ſeines Freundes, des Norwegers Odd, und begrüßt die Adler, welche kommen, um ſein Blut zu trinken; ſo ſtirbt Ragnar Lodbrok im Schlangenthurm, und während Schlangen ziſchend ſich in ſein Herz einnagen, ſingt er ſeine Siege und ſchließt mit den Worten: — er n⸗ ch Ue n⸗ ¹8 e er 33 zu — ße it⸗ b⸗ r⸗ er n 6⸗ en n⸗ at en ſie us die die er es en, im in nit 87 „Vorüber ſind des Lebens Stunden, Lächelnd geh' ich in den Tod.“ Wie edel, wie bewunderungswürdig iſt nicht dieſe Stärke im Schmerz, in der Todesſtunde! Wer ſo ſterben könnte!“ „Dieſe Art Heroismus,“ ſagte Alette,„kennen und üben auch die rohſten Wilden Amerika's, aber mir ſchwebt ein anderes Ideal vor, ſowohl vom Leben, als vom Tode. Der ſtarke Geiſt der Vorzeit, den du ſo rühmſt, Bruder, konnte gleichwohl das Alter, die trüben Tage und ſchweren Leiden, woraus ein großer Theil des menſchlichen Looſes beſteht, nicht ertragen. Ich lobe mir den Geiſt, der alle menſchlichen Zuſtände erhebt, der den ſterbenden Helden anſeuert, Gott, aber nicht ſich ſelbſt zu preiſen und der auch dem geringen Menſchen, welcher in der Nacht des Lebens ſeinem unbemerkten Grabe zuwankt, eine Kraft, einen Frieden mittheilt, wodurch er in den Stand geſetzt iſt, in ſeinem Dunkel alle Macht der Finſterniß zu über⸗ winden. Ach, ich, die ich nur zu tief fühle, daß ich zu den Schwachen der Erde gehöre, ich, die ich keinen Tropfen nordiſchen Heldenbluts beſitze, freue mich, daß man auf eine Art leben und ſterben kann, die ohne Berſerkermuth zu for⸗ dern, auch ihr Edles und Schönes hat und deren ſich ſelbſt die ſtärkſten Geiſter nicht zu ſchämen brauchen. Erinnerſt du dich des„alten Dichters“ von Rein? Dieſes Gedicht drückt vollkommen die Stimmung aus, die ich in meinen letzten Augenblicken zu haben wünſchte.“ Harald erinnerte ſich des alten Dichters nur dunkel und ſowohl er, als die Oberſtin baten Alette, ſie näher mit ihm bekännt zu machen. Alette wußte zwar nicht mehr alle Verſe, gab aber noch den weſentlichen Inhalt deſſelben mit folgenden Worten an: „Es iſt Frühling. Der alte Skalde wandert durch Haine und Auen in den Gegenden, wo er früher geſun⸗ gen, wo er fröhlich geweſen mit denen, die er fröhlich gemacht. Jetzt iſt ſeine Stimme gebrochen, ſeine Kraft, ſein Feuer dahin. Wie ein Schatten deſſen, was er einſt 88 geweſen, wandelt er in der jungen lebensfriſchen Welt umher. Die Vögel des Frühlings ſammeln ſich um ihn, heißen ihn mit Freuden willkommen und bitten ihn, in die Harfe zu greifen und mit ihnen das neugeborne Jahr, den lachenden Lenz zu begrüßen. Er antwortet: „Ihr kleinen, gefiederten Sänger, Ich ſchlage die Harfe nicht länger, Denn nie mehr ein Frühling mir winkt— So ſtammelt der Alte und ſingt: Ich habe doch fröhlichen Muth, Denn im Herzen ein Himmel mir ruht.“ „Er wandert weiter durch Haine und Auen. Der zwiſchen grünen Ufern murmelnde Bach flüſtert ihm ſeine Wonne über die gelösten Bande zu und begrüßt den Sän⸗ ger als den Boten des Frühlings und der Freiheit: „Deiner Harfe mein Rieſeln behagt, Sie ſpielet und jubelt und klagt; O rühre die Saiten, es flieh'n Gleich mir deine Tage dahin.“ „Der greiſe Sänger antwortet: „O Quelle, ſo gewaltig und ſo klar, Nicht mehr bin ich, was ich einſtmals war, Wenn ich gleich den Heldennamen trage, Als ein ſchwaches Echo ferner Tage. Doch hab' ich fröhlichen Muth, Denn im Herzen ein Himmel mir ruht.“ „Er ſetzt ſeine Wanderung fort. Dryaden umſchweben ihn tanzend, die Blumen bieten ihm Kränze dar und bitten ihn, ihr Feſt zu beſingen; die Zephyre, die ſonſt in den Saiten ſeiner Harfe geſpielt, ſuchen in dem Gebüſch, ob er ſie dort verſteckt habe, liebkoſen den Alten und ſuchen aufs Neue, aber vergebens. Jetzt wollen ſie fliehen, aber er bittet; e—————— —— —— elt n, die en ine n⸗ en en ob en 89 „O Geliebte! laßt mich nicht allein, Blumen, wollet mir Begleiter ſein; Meine Harfe brach, doch keine Klagen Soll'n des Lenzes lichten Geiſt verjagen. Hab' ich doch fröhlichen Muth, Da im Herzen ein Himmel mir ruht.“ „Er wandelt weiter und ſucht jeden geliebten Winkel wieder auf. Die Jugend des Landes ſammelt ſich und um⸗ gibt den alten Sänger, den Freund der Freude und Jugend. Sie bitten ihn, mit ſeinen Tönen ihr Feſt zu verſchönern; „Denn ſchallt kein Lied aus froher Bruſt, So iſt der Frühling ohne Luſt.“ „Der Alte antwortet: „Ach Kinder! Mein Feuer iſt längſt verraucht, Meine Dämm'rung iſt kühl, doch milde taucht Herauf ein Bild aus glücklichern Stunden, Die aufs Neu' ich bei euren Liedern empfunden. Beklaget mich nicht, ich bin wohl gemuth, In meinem Herzen ein Himmel ruht.“ „Und nun fordert er die Sänger des Waldes, die Blumen, die Jugend, alle lieblichen Gegenſtände der Na⸗ tur und des Lebens auf, ſich des Lebens zu freuen und ſeinen Schöpfer zu preiſen. Die Schönheit und Freude aller Weſen iſt der Kranz in ſeinem Silberhaare, und dankbar und glücklich, bewundernd und lobpreiſend finkt er ſtill in den Mutterſchooß der Natur.“ Alette ſchwieg, eine ſanfte Rührung zitterte bei den letzten Worten in ihrer Stimme und glänzte in ihrem lieblichen Geſichte. Madame Aſtrids Thränen floſſen, ihre Hände drückten ſich krampfhaft zuſammen, indem ſie ſagte: „O ſo fühlen zu können, eh' man ſtirbt und— ſo zu ſterben.“ Sie zog Alette mit einer Art Heftigkeit an ſich, 90 küßte ſie und weinte dann ſtille, an ihre Schulter gelehnt. Auch Harald war bewegt, ſchien aber ſeine Gefühle nie⸗ derzukämpfen und betrachtete mit ernſten, thränengefüllten Augen die Gruppe vor ſich. Still und unbemerkt ſchlich Suſanna aus dem Zim⸗ mer. Sie fühlte einen Stachel im Herzen, eine Schlange wühlte in ihrer Bruſt. Von einer namenloſen, qualvollen Unruhe getrieben, eilte ſie ins Freie hinaus und ging faſt ohne es ſelbſt zu wiſſen, heftigen Schrittes den ſteilen Fuß⸗ pfad eines Berges hinauf, von wo ſie ſchon manchmal in ruhigeren Augenblicken die ſchöne Natur bewundert hatte. Große und ſchöne Scenen waren während der ſo eben geführten Unterhaltung vor ihren Blicken aufgetaucht — ſie fühlte ſich ſo gering, ſo arm neben ihnen. Ach ſie konnte von dem Großen und Schönen nicht einmal ſprechen, denn ihre Zunge war gebunden. Sie fühlte ſo warm und vermochte doch Niemand zu erwärmen. Die glückliche Alette gewann ohne Mühe, vielleicht ohne einen beſondern Werth darauf zu legen, eine Neigung, einen Beifall, den Suſanna gern mit ihrem Leben erkauft hätte. Der Barbara⸗Sinn kochte in ihr und mit grollendem Blick gen Himmel ſagte ſie:„Soll ich denn mein ganzes Leben lang nichts Andexes ſein, als eine geringe, verach⸗ tete Dienerin?“ Der Himmel blickte mild, aber trübe auf das junge Mädchen hernieder; ſanfte Regentropfen benetzten ihre Stirne; die ganze Natur um ſie her ſtand ſchweigend und wie trauernd da. Dieſe trübe Ruhe wirkte auf Su⸗ ſanna, wie der zärtlich tadelnde Blick einer guten Mutter. Sie blickte in ihr Herz hinab, fand darin Neid und Hoch⸗ muth und entſetzte ſich vor ſich ſelbſt. Sie ſah in den Fluß, der tief unter ihren Füßen rauſchte und ſagte ſehn⸗ ſuchtsvoll: „O wer doch tief, tief in dieſe Wogen hinab tau⸗ chen, und dann gereinigt, gebeſſert wieder heraufſteigen könnte!“ Aber ſchon dieſer Wunſch hatte wie eine reizende re 1d 1⸗ r. n 1⸗ 91 Taufe auf Suſanna's Seele gewirkt und ſie fühlte friſche und lichte Gedanken in ſich aufſteigen.„Eine geringe Dienerin!“ wiederholte ſie,„und warum ſollte das ein verächtliches Lvos ſein? Hat ja ſelbſt der Höchſte auf Er⸗ den gedient, für Alle gedient, für die Geringſten, ja auch für mich. O!— und es wurde immer heller und wär⸗ mer in ihrem Gemüthe,— ich will eine gute Dienerin ſein, will meine Ehre darein ſetzen und nichts Anderes be⸗ gehren! Gefallen kann ich nicht. Schönheit, Geiſt und angenehme Gaben beſitze ich nicht, aber— ich kann lieben und ich kann dienen, das will ich thun, von ganzem Her⸗ zen, mit aller Kraft und in aller Demuth; und wenn auch die Menſchen mich verachten, ſo wird doch Gott die geringe, aber getreue Dienerin nicht verlaſſen.“ Als Suſanna den thränenſchweren Blick wieder zur Erde ſenkte, ſiel er auf ein kleines Moosgewächs, eines dieſer gering geachteten Kinder der Natur, die in der Stille und unbemerkt alle Metamorphoſen ihres ſtillen Lebens durchmachen. Das kleine Pflänzchen ſtand in fri⸗ ſchem Grün und an ſeiner Spitze hingen klare Regentro⸗ pfen, beleuchtet von dem Monde, der eben aus den Wolken hervorbrach. Suſanna betrachtete die Pflanze und dieſe ſchien zu ihr zu ſagen:„Siehſt du, obgleich ich ſo gering ſcheine, habe ich doch den Thau und das Licht des Himmels ſo voll, wie die Roſen und Syringen des Gartens.“ Su⸗ ſanna verſtand die Sprache des kleinen Gewächſes und dankbar und ruhig wiederholte ſie mehreremale mit einer Art ſtiller Freude:„Eine demüthige, eine treue Dienerin.“ Als ſie nach Hauſe kam, fand ſie die Oberſtin un⸗ wohl. Sie war ſehr aufgeregt geweſen und dann hatte man immer einen Krampfanfall zu befürchten. Auf in⸗ ſtändiges Bitten erhielt Suſanna die Erlaubniß, die Nacht bei ihr zu wachen, wenigſtens ſo lang, bis ſie eingeſchlafen ſein würde. Die Oberſtin hatte zwar noch eine andere treue Dienerin um ſich, allein dieſe war alt und taub und Suſanna hegte kein Vertrauen zu ihr. 92 Madame Aſtrid ging zu Bette. Suſanna ſetzte ſich auf einen Stuhl am Fenſter, ſtille mit ihren Gedanken und einem Strickſtrumpf beſchäftigt. Das Fenſter war den Tag über offen geſtanden und viele Mücken hereinge⸗ flogen. Die Oberſtin wurde von ihnen beunruhigt und klagte, ſie könne deßwegen nicht ſchlafen. Schweigend entblößte Suſanna ihre weiße Schultern, Arme und Hals und als die Mücken ſchwarmweiſe auf ſie herabflogen und die von ihren Zudringlichkeiten befreite Oberſtin jetzt ruhig ſchlief, ſo ſaß Suſanna ſtille da, ließ die Mücken ſchwel⸗ gen und ſchwelgte ſelbſt dabei mehr, als man glauben kann. Entfernung und Annäherung. „Aechte Delikateſſe, di⸗ſes ſchönſte Herzblatt der Humanität, zeigt ſich am deutlichſten in Kleinigkeiten. Was wir aber gemeiniglich ſo nennen, das iſt keineswegs immer ſo klein.“ J. C. Los Es geht mit unſern Fehlern, wie mit dem Meerret⸗ tig; beide ſind entſetzlich ſchwer aus dem Boden auszu⸗ rotten, wo ſie einmal feſtgewurzelt, und es gibt nichts Niederſchlagenderes für den Landmann, der das Unkraut aus ſeinem Acker wegſchaffen möchte, als wenn er das vor Kurzem ausgejätete aus den zurückgebliebenen in der Erde verborgenen Wurzeln aufs Neue ans Tageslicht hervorſchießen ſieht. Man kann dann des unkrautbewach⸗ ſenen Bodens herzlich müde werden und wenn dieſer Bo⸗ den unſer eigenes liebes Ich iſt, ſo fühlt man ſich ſehr verſucht, ſelbſt weit, weit hinweg zu entfliehen. Suſanna hatte oft dieſes Gefühl, während ſie ſich täglich bemühte, die Gemüthsbewegungen, die um dieſe Zeit in ihr aufſtiegen, zu bemeiſtern. Doch hatten die Gedanken und Vorſätze, die an dem bereits erwähnten daf ſpr ſich hin nal ger An all mã des tt n 6 w NM N—— S u — 93 Abend in ihr erweckt wurden, ſie gar zu tief erfaßt, als daß ſie hätten wieder weichen ſollen und mit dem Wahl⸗ ſpruch:„Eine demüthige, getreue Dienerin“ kämpfte ſie ſich tapfer durch die Gefahren und Schlingen des Tages hindurch. Ihr Weſen wurde ruhiger; ſtille auf die Theil⸗ nahme an Geſprächen, die ihren Bildungsgrad überſtie⸗ gen, ſo wie auf die Aufmerkſamkeit und das Intereſſe Anderer für ſie verzichtend, ließ ſie es ſich einzig und allein angelegen ſein, in materieller Beziehung Allen Ge⸗ mächlichkeiten und Wohlbehagen zu bereiten und wo mög⸗ lich jedem Wunſche zuvorzukommen. Und eine ſolche Wirkſamkeit hat einen größern Einfluß auf das Glück des alltäglichen Lebens, als man glaubt. Der liebevolle Wille haucht ſelbſt lebloſen Dingen Geiſt und Leben ein. Aber ſchwer wird den Dienenden dieſes Leben der Arbeit und Bemühungen für Andere, wenn kein Sonnenblick der Liebe, keine herzliche Anerkennung auf den mühereichen Tag fällt. Zu Anfang Auguſts reiste Harald ab, um nach vier⸗ zehn Tagen mit Alf Lerow, Alettens Bräutigam, zurückzu⸗ kommen. Während ſeiner Abweſenheit ſollte Alette bei ihrem Oheim im Hallingthale einen Beſuch machen, ſie blieb jedoch auf Madame Aſtrids ausdrücklichen Wunſch noch eine Woche in Semb. In dieſen Tagen ſchloſſen ſich Alette und Suſanna näher an einander, denn Alette wurde unwillkürlich durch Suſannas unermüdliche, an⸗ ſpruchsloſe Sorgfalt gerührt und fand außerdem einen ſo offenen Sinn, eine ſo herzliche Theilnahme bei ihr, daß ſie ſich das Vergnügen nicht verſagen konnte, ihr eines und das andere von dem Vielen mitzutheilen, was in dem Herzen einer glücklichen Braut lebt. Glücklich— ja, das war Alette, denn ſie liebte Alf Lerow warm, ſie liebte ihn ſchon lange und ſollte demnächſt auf immer mit ihm vereint werden. Aber gleichwohl beſchlich oft ein wehmüthiger Zug ihr glückliches Geſicht, wenn von ihrer Verheirathung und Ueberſiedlung höher in den Nor⸗ den hinauf die Rede war. Suſanna fragte ſie mehrere⸗ 94 male um die Urſache und immer wies Alette die Frage ſcherzend zurück; eines Abends aber, als ſie vertraulicher als gewöhnlich mit einander plauderten, ſagte Alette: „Es iſt ein wunderliches Gefühl, ſich auf ſeine Hoch⸗ zeit vorzubereiten, wenn man den Glauben hat, daß man ſie nicht lange überleben wird. Dieſe Ueberſiedlung in den Norden wird mein Tod, das bin ich feſt überzeugt. Nein ſieh nicht ſo beſtürzt darein! Die Sache iſt jeden⸗ falls nicht ſo gefährlich. Ueberdieß habe ich den Gedan⸗ ken an einen frühen Tod ſchon ſo lange mit mir herum⸗ getragen, daß ich ziemlich daran gewöhnt bin.“ „Ach!“ ſagte Suſanna,„diejenigen, die lieben und geliebt werden, die Glücklichen ſollten nie ſterben! Aber woher dieſe wunderliche Ahnung?“ „Ich weiß ſelbſt nicht,“ antwortete Alette,„aber fie begleitet mich von meiner früheſten Jugend auf. Meine Mutter war unter dem ſchönen Himmel der Provence geboren und brachte den größern Theil ihrer Jugend in dieſem warmen Lande zu. Die Liebe zu meinem Vater ließ ſie in unſerem Norwegen ein zweites Vaterland lie⸗ ben, und hier brachte ſie ihr übriges Leben zu, konnte ſich aber nie recht an dieſes kalte Klima gewöhnen, ſon⸗ dern ſehnte ſich fortwährend nach ihrem Heimathlande zu⸗ rück und ſtarb in dieſer Sehnſucht. Mir hat ſie dieſe Gefühle als Erbtheil hinterlaſſen, und obgleich ich vieſe Orangenhaine, dieſen warmen Azurhimmel, von dem ſie ſo gerne ſprach, nie geſehen habe, ſo habe ich doch von Kindheit auf die Liebe zu ihnen eingeſogen. Ueberdieß habe ich meiner Mutter Empfindlichkeit gegen die Kälte geerbt; meine Bruſt iſt nicht ſtark und die langen finſtern Winter des Nordlands, der Aufenthalt an der Meeres⸗ küſte in einem Klima, das doppelt ſo kalt iſt, als das, woran ich gewöhnt bin, die Seenebel und die Stürme ach ich werde dieſem Allem nicht lange widerſtehen. Aber Suſanna, du mußt mir verſprechen, weder Harald noch Lexow ein Wort von dem zu ſagen, was ich dir jetzt anvertraut habe. —————————————————————— ——,— F i —„8 ————c—— ge er h⸗ an in t. n⸗ R⸗ n⸗ ——————————— 95 „Aber wenn ſie es wüßten,“ ſagte Suſanna,„ſo müßteſt du ſicherlich nicht dahin ziehen. Gewiß würde dein Bräutigam dir zu liebe ein milderes Land auf⸗ ſchen „Und dort hinwelken und aus Sehnſucht nach ſeinem ſchönen Norden ſterben! Nein, nein, Suſanna, ich kenne ſeine Liebe für ſein Geburtsland und weiß, daß gerade dieſe winterliche Natur, die ich fürchte, für ihn Leben und Geſundheit iſt. Alf iſt mit Leib und Seele Nord⸗ länder, er iſt wie zuſammengewachſen mit dem Orte, wo ſeine Väter ſich angebaut haben, und deſſen Emporbrin⸗ gung und Gedeihen ſein Lieblingsplan, das Hauptziel ſei⸗ ner Wirkſamkeit iſt. Nein, nein, um meinetwillen ſoll er ſeiner Heimath, ſeinen edeln Beſtrebungen nicht ent⸗ riſſen werden. Lieber will ich, wenn es einmal ſo ſein muß, in ſeinem Nordland ein frühes Grab finden. Auf Suſannas Wunſch theilte ihr jetzt Alette Nähe⸗ res von dem Lande mit, das ſie ſich ſo ſchrecklich dachte, und wir werfen daher mit den jungen Freundinnen einen Blick auf Nordland. „Alles iſt kalt und hart.“ Blom. „Doch ruht Gottes Geiſtüber dem Nordland.“ H. Ein großer Theil von Norwegen hat gleichſam ſein Angeſicht vom Leben abgewendet. Die alte Nacht, die unſere Vorfahren ſich als die Urmutter aller Dinge dach⸗ ten, hält hier ihr Rieſenkind in den dunklen Armen und hüllt es feſt in enge Windeln, aus denen es ſich nicht zur Freude und Freiheit entwickeln kann. Nordland und Finnmarken bekommen mehrere Monate des Jahres die Sonne nicht zu ſehen, und die Schwierigkeit und Ge⸗ fährlichkeit der Wege verbietet beinahe allen Verkehr mit der ſüdlicheren Weit. Der Geiſt des Nordpols ruht er⸗ 96 vrückend über dieſer Gegend und wenn er von da aus in ſtillen Auguſtnächten über das ſüdlichere Norwegen weht, dann welken in den Thälern und Ebenen die halbreifen Erndten und des Hungers aſchgraues Geſicht ſtiert Ent⸗ ſetzen bringend vom Nordanfjel herab anf arbeitſame, aber unglückliche Menſchenhaufen. Das Meer bricht ſich an dieſen Küſten gegen eine Maſſe von Scheeren und Klip⸗ pen, welche fortwährend krächzend und ſchreiend Schaaren von Polarvögeln umſchreien. Stürme wechſeln mit dicken Nebeln ab. Die Klippen längs am Strande hin haben ſonderbare Geſtalten; bald ſteigen ſie auf wie Thürme, bald gleichen ſie Thieren, bald zeigen ſie gigantiſche, grau⸗ ſenhafte Menſchenprofile, und man begreift leicht, wie der Volfsglaube in ihnen verzauberte Ungethüme und Rieſen erblickte und wie unſere Porfahren ihr Jotunhem in dieſe wilde Wüſtenei verlegten. Und noch bis auf den heutigen Tag will ein düſterer Ueberreſt vom Heidenthum dieſe Gegend nicht verlaſſen. Es hat ſich in die Einbildungskraft der Menſchen feſtge⸗ froren, es hat ſich in den unheimlichen Naturgeſtalten, die ihm einſt Leben verliehen, verſteinert. Vergebens ſucht das Licht des Evangeliums die tauſendjährigen Schatten zu verſcheuchen, die alte Nacht hält ſie zurück. Verge⸗ bens erhebt ſich überall auf den Klippen das heilige Kreuz, der Glaube an Zauberei und Zauberkünſte lebt dennoch allgemein unter dem Volke fort. Die Hexe ſitzt unheil⸗ brütend in ihrer Höhle und bläst den Sturm an für die Seefahrer, ſo daß ſie vernnglücken müſſen; der Feldteufel Stallo, ein großer ſchwarzgekleideter Mann mit einem Stabe in der Hand, wandert in der Wildniß umher und fordert den einſamen Wanderer, dem er begegnet, zum Kampf auf Leben und Tod. Der Lappe, der Nomade des Nordens, der mit ſei⸗ ner Rennthierheerde frei über den ungetheilten Boden dahinſtreift, erſcheint wie ein romantiſcher Zug in dieſem Leben, allein man darf ihn blos aus der Ferne betrach⸗ ten. Bei näherer Bekanntſchaft erliſcht alle Schönheit ht en e⸗ tz, ch il⸗ ie fel m nd m ei⸗ en m eit 97 in Branntwein⸗Dünſten und im Rauche der Lappen⸗ hütten. Die Küſten entlang zwiſchen den Klippen und Schee⸗ ren und auf den Hunderte von Inſeln, welche dieſen Strand umgeben? lebt ein Fiſchervolk, das mit den See⸗ möven um die Wette das Meer durchfurcht. Tag und Nacht, Sommer und Winter wimmeln die Wogen von ihren Booten; durch den heulenden Sturm, durch ſchäu⸗ mende Brandungen eilen ſie unverzagt mit ihren leichten Segeln, um aus den Meerestiefen die Fiſche, den größ⸗ ten und einzigen Reichthum. des Landes, heraufzuholen. Mancher wird alljährlich von der Tiefe verſchlungen, aber die Menge kämpft ſiegreich mit den Elementen. So ent⸗ wickelt ſich in dem täglichen Kampfe manche Kraft, man⸗ che Heldenthat*) wird verrichtet und das Volk verhärtet ſich gegen Gefahren und Tod, aber auch gegen alle mil⸗ dere Schoͤnheit des Lebens. Gleichwohl iſt in dieſer Natur die Eidergans zu Hauſe; in dieſen nackten Klippen baut ſie ihr Neſt von den Daunen, die ſie aus ihrer eigenen Bruſt gerupft, den ſeideweichen Daunen, welche ſich dann über die Welt verbreiten, um die Menſchen im Norden und im Süden warm und weich zu betten. Wie manches leidende Glied, wie manches ermüdete Haupt hat ſeine Linderung nicht von Norwegens Klippen erhalten! Auf der Gränze zwiſchen Nordland und Finnemar⸗ ken liegt die Stadt Tromſö, der jetzt aufblühende Mit⸗ telpunkt dieſer Provinzen. Hier war es, wo Alette ihr Leben zubringen ſollte; hier bereitete ihr die Liebe eine warme, frievliche Wohnung, gleich dem Eidervogel aus der eigenen Bruſt die Mittel nehmend, mitten zwiſchen rauhen Klippen ein weiches Lager zu bereiten. Nachdem *) Der ſtürmiſche Winter von 1839 war zur Zeit des Fiſch⸗ fangs auf den Lofodden reich an unglücksfällen, aber auch an den ſchönſten Zügen menſchlichen Heldenmuthes, indem manches Menſchenleben gewagt und verloren wurde, um in Noth befindliche Mitmenſchen zu retten. Bremer, Streit und Friede. 7 Alette Suſanna geſchildert hatte, was ſie von ihrem„ gef künftigen Aufenthalte in Nordland abſchrecke, verbarg ſie ter ihr indeß auf der andern Seite auch nicht, was ſie lieb⸗ del lich und mächtig damit verſoͤhnte, und Suſanna begriff M dieß ſehr gut, als Alette ihr folgenden Brief vorlas: W Tromſö, den 28. Mai. 5 4 „Wäreſt du doch hier, meine Alette! Ich vermiſſe ſch dich in jedem Augenblick, während ich meine Wohnung üb zu deinem Empfange einrichte, und fühle unaufhörlich das au Bedürfniß zu fragen: Willſt du das 2 Gefällt es dir ſo? eir Ach wäreſt du doch hier, innigſt Geliebte, jetzt in dieſem un Augenblick und du würdeſt entzückt ſein über dieſes Eis⸗ At und Bärenland, vor dem dir, wie ich wohl weiß, heim⸗ no 3 lich graut. Die Gegend umher iſt nicht wild und düſter, do wie 3. B. Helgoland; laubige Wälder bekränzen das klip⸗ † 111 penreiche Ufer unſerer Inſel und die Wogen des Meeres m umſpielen ſie in friedlichen, ſicheren Buchten. Unſer Le hübſch gebautes Städtchen liegt ſchön auf der Südſeite„ ſe der Inſel und iſt bloß durch eine ſchmale Meerenge vom bi feſten Lande getrennt. Mein Haus liegt in der Hafen⸗ g ſtraße, die ſich längs des großen, bequemen Hafens hin⸗ L zieht. In dieſem Augenblick liegen mehr als zwanzig a ¹ Fahrzeuge darin vor Anker und mehrerer Nationen ver⸗ ir ſchiedene Flaggen wehen im Abendwinde. Es ſind Eng⸗ ſe 1 länder, Deutſche und beſonders Ruſſen, die an unſere v Küſte kommen, um unſere Fiſche, unſere Eiderdaunen k u. ſ. w. zu holen und gegen Korn und Pelzwerk auszu⸗ e tauſchen. Ueberdieß führen uns die Südländer eine Menge ſi Putzſachen und Lurusartikel zu, die von den Bewohnern p 13 Kola's und der Gegenden am weißen Meere begierig ein⸗ E gehandelt werden. Es lebe der Handel! Meine Seele be⸗ 2 kebt ſich am Anblick dieſer Geſchäftigkeit. Was hat nicht Alles der Handel vom Anbeginn der Welt an zur Be⸗ quemlichkeit des Lebens, zur freundlichen Annäherung 9 der Länder und Menſchen, zur Milderung der Sitten 6 beigetragen! Es hat mich immer in der innerſten Seele. t rem ſie ieb⸗ griff niſſe ung das Fng⸗ nſere unen iszu⸗ ene nern ein⸗ e be⸗ nicht Be⸗ rung itten Seele 99 gefreut, daß der weiſeſte und mildeſte Geſetzgeber des Al⸗ terthums, Solon, ein Handelsmann war.„Der Han⸗ del,“ ſchreibt einer ſeiner Biographen,„Philoſophie und Muſik bildeten ſeinen Geiſt aus.“ Es lebe der Handel! Was lebt nicht durch ihn? Was iſt alles friſche Leben, alle Bewegung im Grunde anders, als Handel, Aus⸗ tauſch, Gabe gegen Gabe? In der Liebe, in der Freund⸗ ſchaft, im großen Volksleben, im kleinen Familienkreis, überall, wo ich Glück und Wohlſtand erblicke, finde ich auch den Handel; ja was iſt die ganze Erde anders, als eine Kolonie vom Mutterlande, dem Himmel, deren Wohl und gutes Verhältniß zu demſelben ſich auf eine freie Aus⸗ und Einfuhr gründet! Das Gleichniß ließe ſich noch weiter ausführen, doch—— du gütiger Geber dort oben, verzeih, daß ich es überhaupt gewagt habe.“ „Du darfſt indeß nicht glauben, Alette, daß das materielle Handelsintereſſe hier edlere Beſttebungen des Lebens und feinere Bildung ausſchließe. Unter den tau⸗ ſend Menſchen, welche die Bevölkerung des Städtchens bilden, kann man ſich einen intereſſanten Kreis zum Um⸗ gange wählen. Wir haben auch ein Theater und viele Vergnügungen des gebildeten Lebens. Geſtern war ich auf einem Ball, wo man die ganze Nacht hindurch bis in den Morgen hinein tanzte. Die gute Muſik, die ge⸗ ſchmackvolle Kleidung und der ſchöne Tanz der Damen, vor Allem aber der feine Ton und die herzliche Munter⸗ keit veranlaßte einige Ausländer, die zugegen waren, ganz erſtaunt zu fragen: ob ſie ſich wirklich hier unter dem ſiebzigſten Breitegrade befinden. „Aber der Winter!“ höre ich dich im Geiſte rufen,„im Sommer mag es noch angehen, aber der lange, finſtere Winter?“ Nun gut, meine Alette, der Winter geht recht brav dahin, wenn man einander lieb hat, wenn es im Hauſe warm iſt. Erinnerſt du dich Alette, wie wir ver⸗ gangenen Herbſt in Chriſtianſand im Morgenblatt fol⸗ genden Auszug aus der Tromſöer Zeitung vom 14. Oe⸗ tober laſen; e 100 „Schon mehrere Tage hinter einander haben wir Schneegeſtöber gehabt und in dieſem Augenblick iſt man geſchäftig, mit dem Schneepflug einen Weg für die Kirchengänger zu bahnen. Die Grabesruhe der Nacht und des Winters verbreitet ſich mit Sturmſchritten über Felder und Thäler und nur wenige Kühe wan⸗ dern noch gleich Geſpenſtern über die ſchneebedeckten Felder, um an den noch nicht überſchneiten Baum⸗ zweigen ihr dürftiges Mahl zu halten.“ „Mir behagte dieſe kleine Winterlandſchaft, aber bei den Worten„Grabesruhe der Nacht und des Winters“ ſchauderteſt du unwillkürlich und neigteſt dein holdes lie⸗ bes Geſichtchen mit geſchloſſenen Augen an meine Bruſt. O meine Alette, ſo ſollſt du es auch künftig machen, wenn dich Grauen vor Finſterniß und Kälte erfaßt; an meiner Bruſt, dem Schlage meines Herzens, meiner Liebe lauſchend ſollſt du die düſtern Bilder vergeſſen, die drau⸗ ßen vor dem Hauſe ſtehen. Schließe deine Augen, ſchlum⸗ mere Geliebte, während ich über dich wache und dann wirſt du mit geklärtem Auge und friſchen Wangen auf Nacht und Winter blicken und fühlen, daß ihre Macht nicht ſo groß iſt. O gewiß kann die Liebe— dieſer Geyſer der Seele—*) überall auf Erden Eis und Schnee ſchmelzen, gewiß kann da, wo ihre warmen Quellen ſpringen, ein herrlicher Süden erblühen, ja ſelbſt oben am Nordpol.“ „Während ich dieſes ſchreibe, höre ich eine Muſik, die einen freudigen und zugleich wehmüthigen Eindruck auf mich macht. Es ſind acht Ruſſen, die eines ihrer Nationallieder fingen, während ſie am ſtillen Abend den Tromſoöſund hinabrudern. Sie fingen vierſtimmig und voll⸗ kommen rein und harmoniſch. Die Melodie iſt aus Moll, aber gleichwohl nicht traurig. Sie rudern im finſtern Schatten des Strandes hin und bei jedem Ruderſchlag leuchtet das Waſſer um das Boot, und Tropfen wie Feuer⸗ ²) Geyſer: heiße Quellen auf Island. — —— fun im du bre ſtei Gr unl nen In kle Lic Ar Al Ne ter ſtr wir iſt für icht tten an⸗ ten im⸗ bei rs“ lie⸗ uſt. en, an iebe au⸗ im⸗ ann auf cht eſer nee llen ben ſik, ruck hrer den oll⸗ oll, tern Nag uer⸗ 101. funken ſprühen Lon den Rudern. Dieſe Erſcheinung iſt im weſtlichen Meere nichts Ungewöhnliches, und weißt du auch, meine Alette, was im Meere ſo leuchtet und brennt? Die Liebe! In gewiſſen Augenblicken nämlich ſteigern ſich die Gefühle der Meerinſekten zu einem hohen Grad von Innigkeit und Milliarden Weſen, welche dem unbewaffneten Menſchenauge unſichtbar die Wellen bewoh⸗ nen, feiern dann eine Glückſeligkeits⸗, eine Hochzeitsſtunde. In ſolchen Angenblicken leuchtet das Meer, denn auch das kleinſte Geſchöpfchen gibt dann, Lon Liebe begeiſtert, einen Lichtſtrahl von ſich. Doch glüht ſein Leben nur einen Augenblick ſo hell, um dann deſto ſchneller zu erlöſchen. Allein es ſtirbt ohne Schmerz, es ſtirbt in Wonne. Reiche Natur! Gütiger Schöpfer!“ „Auch mein Herz brennt. Ich blicke auf das leuch⸗ tende Element, das man in dieſem Augenblick voll von Glückſeligkeit nennen kann, ich lauſche den Melodien des Geſanges, die voll Freude und Schmerz ſind und— ich ſtrecke die Arme nach dir aus, Alette, meine Alette!“ wie mußt du ihn wieder lieben! Gewiß müſſet ihr lange leben, um recht glücklich mit einander zu ſein.“ „Und wenn auch nicht lange,“ ſagte Alette,„ſo doch eine kurze Zeit; ja eine kurze Zeit hoffe ich zu leben, um ihn glücklich zu machen, um ihm für alle ſeine Liebe zu danken und dann.„. Alette beugte ſich nieder und pflückte eine ſchöne, auf⸗ geblühte Waſſerlilie, die in dem Strome wuchs, an wel⸗ chem ſie ſtanden; ſie zeigte ſie Suſanna und fuhr dann mit gedankenvollem Lächeln fort: „Wos iſt es denn mehr? Einſt blinkt ein Stern, wie auf ſtürmiſchen Wogen, Vom glänzenden Himmel der Heimath daher, Und unter des Tempels tönendem Bogen Erſcheint er der Liebe freundlich und hehr. O!“ rief Suſanna,„wie liebt dich dieſer Mann und . 102 Einer ſolchen Sekunde Leben —Kann wohl Erſatz für die Todesnacht geben.“*) Die Rückkehr. Sich fiaden und ſich trennen, Das kann man Leben nennen. Bjerregaard. Alette reiste ab, um ihrem Onkel im Hallingsthale ihr Verſprechen zu halten, aber ein Paar Wochen nachher war ſie wieder auf Semb, in Geſellſchaft Haralds und Alf Lerows, die ſie abgeholt hatten. Doch wollte ſie jetzt nur einen kurzen Beſuch hier machen, um dann mit ihrem Bräutigam und der Familie des Onkels nach Drontheim zu reiſen, wo ihre Hochzeit bei einer reichen und ſeelen⸗ guten Tante gefeiert werden ſollte, die ſich ſchon lange darauf gefreut und ſchon ſeit einem Monate Küche und Keller dazu eingerichtet hatte. Auch Harald ſollte die Reiſe mitmachen. Alf Lerow war ein Mann in den beſten Jahren, von offenem und freimüthigem Weſen. Sein Geſicht war et⸗ was blatternarbig, ſonſt aber ſchön und voll Leben und Wohlwollen. Er gehörte zu den Menſchen, die gleich auf den erſten Blick Wohlgefallen und Vertrauen einzuflößen wiſſen. Für Suſanna war es ein Hochgenuß, das liebe⸗ volle, innige Verhältniß zwiſchen den Verlobten zu be⸗ trachten. Sie ſelbſt war jetzt auch glücklicher, denn Ha⸗ rald mußte nunmehr Alette viel ihrem Bräutigem über⸗ laſſen, und ſuchte wieder, wie früher, ihre Geſellſchaft. Alette war witzig, angenehm und ſehr gebildet, nur ſprach ſie gar zu viel. Dieß that im Grunde auch Ha⸗ rald und eine beſſere Zuhörerin als Suſanna konnte es nicht geben. Zu Streitigkeiten kam es nicht mehr, allein Suſanna hatte etwas an ſich, was Harald noch weit mehr zu ihr hinzog, als früher ſeine Streitluſt. Er fand ihr Weſen vortheilhaft verändert, es lag weit mehr Ruhe *) Munch. en, en. ale her und etzt em im en⸗ nge ind die on et⸗ ind auf en be⸗ be⸗ a⸗ er⸗ ur a⸗ ein eit ind the 103 und Milde darin als früher. Ueberdieß war ſie fortwäh⸗ rend ſo freundlich, ſo aufmerkſam, ſo eifrig auf Alles be⸗ dacht, was den Andern Freude machen konnte. Er ſah auch, mit welcher ſtillen Unruhe ihre Gedanken Madame Aſtrid begleiteten, die jetzt bei Annäherung des Herbſtes — man war am Ende Auguſts— in ihre finſtere, ſchweig⸗ ſame Laune zurückzufallen drohte, aus welcher ſie einen Augenblick erwacht zu ſein ſchien. Sie verließ jetzt ſehr ſelten ihre Zimmer, außer um zu Tiſche zu kommen. Harald wünſchte, ſeine Schweſter und ſein Schwager ſollten vor ihrer Abreiſe aus dem Thale noch einem der allda gebräuchlichen Spiele und Tanzfeſte anwohnen und hatte zu dieſem Ende ein ländliches Feſt veranſtaltet, wo⸗ zu er ſie und Suſanna einlud und zu welchem auch wir uns jetzt begeben wollen. Der Halling⸗ „Dieſe eigenthümliche, wilde, rührende Muſik iſt unſere Nationalpoeſie.“ Wergeland. „Die Geige klingt, Nicht frbhlicher ſingt Vögelein in Wald und Wieſe. Hurra! den Becher ſchenkt voll vis zum Rand, Hoch lebe die Mald, die den Tanz erfand! Hoch lebe die Dirne mein! Hoch lebe die Dirne dein! Hoch leben auch Vater und Mutter! Norwegiſches Volkslied. An einem ſchönen Nachmittag zu Anfang September ſah man zwei feſtlich gekleidete junge Bauernmädchen fröhlich ſchwatzend auf Fußwegen durch den Wald des Heimthales einem von Bäumen umgebenen, offenen grünen FPlatze zueilen, wo ſich bereits eine Menge Perſonen beider⸗ lei Geſchlechts, ſämmtlich in Bauerntracht, verſammelt hatten. Es war dieß der Tanzplatz, und indem die jungen 104 Mädchen ſich ihm näherten, ſagte die Eine:„Soviel iſt gewiß, Suſanna, daß dieſer Anzug dir vortrefflich ſteht. Dein ſchönes helles Haar mit den rothen Bändern darin glänzt hübſcher, als je. Mir ſteht, glaube ich, dieſe Tracht nicht halb ſo gut.“ „Weil du, beſte Alette, wie eine verkleidete Prinzeſſin ausſiehſt, und ich wie ein wirkliches Bauernmädchen.“ „Du biſt eine Schmeichlerin, Suſanna, merke ich. Wir wollen jetzt ſehen, ob Alf und Harald die tellemar⸗ kiſchen Bauerndirnen ſogleich wieder erkennen.“ Sie blieben hierüber nicht lange in Ungewißheit, denn kaum waren ſie auf dem Tanzplatze erſchienen, als zwei junge Bauern in Hallingiſchen Jacken mit breiten Gürteln um den Leib ihnen entgegentanzten und mit der ganzen übrigen Geſellſchaft folgendes Volkslied ſangen: „Und ich bin jung und liebe dich, Und bin der Sohn von Gulleig Nehrlich; Und liebſt du mich und willſt du mich, So ſei mein Weib, ich mein' es ehrlich.“ Suſanna erkannte Harald in dem jungen Bauern, der ſo ſingend ſie fröhlich und artig bei der Hand nahm und zu einem munteren Hopſer führte, welcher zu dem Liede getanzt wurde. Alette tanzte mit ihrem Alf, der ſich als Hallingsthalerburſche ganz ſtattlich ausnahm. Suſanna hatte nie ſo hübſch und glücklich ausgeſehen, war aber auch noch nie bei einem ſolchen Feſte geweſen. Der ſchöne Abend, die heitere Muſik, der fröhliche Tanz, Haralds Blicke, die einen gewiſſen hohen Grad von Wohlwollen ausdrückten, die vergnügten, glücklichen Geſichter, die ſie rund um ſich her ſah—— das Leben war ihr nie ſo angenehm vorgekommen. Und beinahe Allen ſchien es ſo zu Muthe zu ſein, Alle drehten und ſchwenkten ſich nach Herzensluſt! Die ſilbernen Spangen⸗ ſchnallen erklangen und Schilling um Schilling tanzte in die buntgemalte, kleine Hardanger Fiedel hinab, die , n . —— — 105 ein Greis von ausdrucksvollem, beinahe energiſchem Aus⸗ ſehen mit ſprudelnder Lebendigkeit ſpielte. Nach dem erſten Tanz ruhte man einen Augenblick aus, aß Aepfel und trank Hardanger Bier aus ſilbernen Kannen. Darauf erhob ſich ein beinahe allgemeines Ru⸗ fen, wodurch Harald und ein anderer wegen ſeiner Ge⸗ ſchwindigkeit und Kraft bekannter junger Mann aufgeſor⸗ dert wurden, einen Hallinger mit einander zu traben. Sie ließen ſich nicht lange bitten und traten mitten in den Kreis, der ſich auf einmal erweiterte und um ſie ſchloß. Der alte Fiedler ſtimmte und begann darauf, den Kopf tief auf die Bruſt herabgeſenkt, mit einem Ausdruck und Feuer, das man wirklich begeiſtert nennen konnte, zu ſpielen. Es war eine der genialſten Kompoſitionen des wilden Maliſerknud, und ſicher hatte er ſie als Sol⸗ dat unter dem freien nächtlichen Himmel im Bivouak, oder vielleicht auch in der„Sklaverei“ unter den Miſſe⸗ thätern geſchrieben. Niemand weiß es, aber jedenfalls hat er Töne hervorgezaubert, die eben ſo wenig, als ſein eigenes unruhiges Leben aus der Erinnerung des Volks verſchwinden werden. Jetzt ſchien die Hardanger Fiedel erſt ihren rechten Klang erhalten zu haben. Allgemeiner Beifall erhob ſich beim Tanze der jungen Männer; Harald verdiente ſich durch ſeine Geſchmeidigkeit und Gewandtheit ſogar Bewunderung. Es gibt vielleicht keinen Tanz, der ſo deutlich, wie der Hallinger, die Volksſtimmung ausſpricht, die ihn ein⸗ gab, oder das Leben und den Charakter der Bewohner des Nordlandes abſpiegelt. Er beginnt gleichſam dicht auf der Erde mit hunde⸗ trabähnlichen Sprüngen und Biegungen der Beine und Arme, worin bei aller ſcheinbaren Nachläſſigkeit eine große Kraft ſich entwickelt. Es liegt etwas Bärenartiges, Trä⸗ ges, Plumpes, halb Träumeriſches darin. Aber auf einmal wacht er auf und es wird Ernſt. Die Tänzer erheben und entwickeln ſich in Kraftäußerungen, wobei 106 Stärke und Geſchmeidigkeit ſich ein Vergnügen daraus zu machen ſcheinen, mit Trägheit und Unbeholfenheit zu ſpielen und ſie zu beſiegen. Derſelbe, der ſo eben noch an die Erde gebunden ſchien, ſpringt auf und tummelt ſich in der Luft, als hätte er Flügel. Nach mehreren halsbrechenden raſchen Bewegungen und Sprüngen, wo⸗ bei den ungewohnten Zuſchauer unwillkürliches Grauen ergreift, nimmt der Tanz auf einmal ſeinen früheren ru⸗ higen, ſorgloſen, ſogar etwas ſchwerfälligen Charakter S an und ſchließt, wie er begonnen, dicht auf der Erde. Schallender Beifallsruf begrüßte die Tänzer und na⸗ mentlich Harald. Jetzt ſetzten ſich Alle zu einer großen Hallingspolska in Bewegung und jeder Burſche wählte ſich eine Dirne. Harald hatte ſich kaum mit einem Becher Bier gelabt und geſtärkt, als er ſchon wieder zu Suſanna eilte und ihr den Arm bot. Sie hatte dieſen Tanz in ih⸗ rer Heimath mehreremale getanzt und nahm daher die Ein⸗ ladung mit Vergnügen an. Auch dieſer Tanz iſt höchſt charakteriſtiſch. Er malt die höchſte Luſtigkeit des Nordlandes, iſt die Berſerkerwonne im Tanz. Auf den Arm eines Mädchens geſtützt, ſchwingt ſich der Tänzer hoch in die Luft; ſodann faßt er ſie in ſeine Arme und ſchwingt ſich in wilden Wirbeln mit ihr herum; bald trennen ſie ſich, bald ſchließen ſie ſich wie⸗ der an einander und trennen ſich aufs Neue, gleichſam in einem Uebermaß des Lebens und der Luſt. Der Takt iſt feſt, die Melodie kühn und voll Feuer. Es iſt ein Tanzrauſch, worin ſich der Menſch für den Augenblick von jedem Kummer, jedem Druck, jeder Beängſtigung befreit. So war es jetzt auch Harald und Suſanna zu Mu⸗ the. Jung, kräftig, gewandt drehten ſie ſich mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, die ihnen den Tanz zum mühe⸗ loſeſten Spiel zu machen ſchien, und die Augen feſt auf einander geheftet, hatten ſie keine Ahnung von einem Schwindel. Sie ſchwangen ſich bei der zauberhaft wun⸗ —= 2(0 S — c— e⸗ f m 1. 107 derlichen Muſik, wie in einem Zauberkreiſe. Die untern Saiten tönten ſtark und fremdartig. Der eigenthümliche Reiz, der in der Tiefe des klaren Waſſers, in dem my⸗ ſtiſchen Innern des Berges, in den dunkeln vielbeſunge⸗ nen Grotten des Waldes, im Namen der Meerfrau, des Bergkönigs und des Waldweibes liegt, und der das Herz ſo mächtig zur unbekannten wunderbaren Tiefe hinzieht — dieſer dunkle Naturgeſang erſchallte aus den untern Saiten“), in den zugleich tändelnden und wehmüthigen Tonen des Hallinger Tanzes. Sie griffen tief in Su⸗ ſannas Seele und auch Harald ſchien ihre Zauberkraft zu empfinden; ſie gaben die wilderen Bewegungen des Tanzes auf und ſchwebten immer ruhiger, Arm in Arm herum.„O ſo durchs Leben!“ flüſterten Haralds Lippen gleichſam unwillkührlich, indem er tief in Suſannas glän⸗ zende thränenvolle Augen blickte und„O ſo durchs Le⸗ ben!“ antwortete es in ihrer Bruſt, aber ihre Lippen blieben verſchloſſen. In dieſem Augenblick wurde ſie von einem Zittern erfaßt, das ſie veranlaßte, aufzuhören und ſich zu ſetzen, während Alles ſich um ſie herumdrehte. Erſt nachdem ſie ein Glas Waſſer, das Harald ihr bot, getrunken hatte, vermochte ſie ſeine herzlichen unruhigen Fragen über ihr Befinden zu beantworten. Suſanna ſchob es dem heftigen Tanz zu und verſicherte, ſie befinde ſich ſchon wieder ganz gut. In dieſem Moment begeg⸗ neten ihre Augen denen Alettens. Sie ſaß in einiger Entfernung von ihnen und betrachtete Harald und Su⸗ ſanna mit einem ernſten, aber wie Suſanna meinte, miß⸗ vergnügten Blicke. Suſanna ging hiebei ein Stich durchs Herz und als Alette jetzt zu ihr kam und etwas kalt nach ihrem Befinden fragte, antwortete ſie ebenfalls kalt und kurz. F *) Die untern Saiten auf der ſogenannten Hardanger Fiedel ſind vier unter dem Griffbrette liegende Metallſaiten. Sie wer⸗ den im Akkord mit den oben liegenden Darmſaiten geſtimmt, was ihnen bei der beſondern Bauart der Fiedel einen ganz eigenthümlich ſtarken, beinahe melancholiſchen Ton gibt. 108 Die Sonne neigte ſich zum Untergang und der Abend fing an, kühl zu werden. Harald lud daher die Geſell⸗ ſchaft in ein geräumiges mit Laub und Blumen geſchmück⸗ tes Zimmer. Auf ſeinen Wunſch ſpielte hier ein junges Bauernmädchen das Langleg*) und ſang mit klarer leb⸗ hafter Stimme den hallingthaliſchen Geſang,„das Hir⸗ tenleben“ dazu, weicher das Leben der Sennerin im einſamen Thale ſo naiv beſchreibt, wie ſie dort den ganzen Sommer ſorglos und fröhlich ihre Heerden weidet, obgleich beinahe von allen Menſchen abgeſchieden;— ich ſage bei⸗ nahe, denn Havor der Ziegenhirt läßt ſich vom Berge herab auf ſeiner Flöte hören und bald ſitzt er bei ihr auf der Diele. Der Burſche ſchlägt die Harfe ſein, Spielt lieblich auf der Flöte fein, Ich ſing dazu das Liedchen mein. So naht der Abend und die Thierlein alle werden mit Trillern und jauchzendem Geſchrei bei Namen ge⸗ rufen. Komm Laikeros, du Goldſtern fein, Komm Dokkeroſe, Liebling mein, Komm Bjölka, holdes Zickelein. Und Kühe und Schafe kommen auf die wohlbekannte Stimme und ſammeln ſich vergnügt brüllend und blöckend bei der Sennerhütte. Jetzt geht das Melken an und das Ziegenmädchen ſingt: Hab' ich Milch im Eimer mein, Leg' ich mich und ſchlafe ein Bis zum hellen Tagesſchein. ) Langleg ein vierſaitiges Inſtrument, ungefähr von der Bau⸗ art des Pſalmodikums. Die Bauernmädchen in den Berg⸗ gegenden ſpielen es gerne und oft mit großer Fertigkeit. In einem ſogenannten Liebeslied aus dem Wrſtfiordthate heißtes; „Die das Langleg hübſch kann ſpielen, Das ſüße Schwanenaug ſei meine Liebe. ——— — MN — 1— 109 Nach dem Geſang wurde der Tanz mit neuem Eifer begonnen. Ein eiſerner Haken wurde in einen Sparren mitten in der Wand geſchlagen und der Tänzer, der bei den Schwingungen der Hallingspolka mit ſeinen Abſätzen den Haken ſo traf, daß er ſich herabſenkte, hatte für die⸗ ſen Abend den Preis gewonnen. Suſanna ſetzte ſich auf eine Bank und ſah den halsbrechenden Sprüngen der Wettkämpfer zu. Ein paar zwiſchen der Bank und einem Fenſter hängende belaubte Zweige hinderte ſie, die zwei Perſonen zu ſehen, die dort ſtanden und leiſe mit einander ſprachen, aber ſie blieb wie verzaubert ſitzen, als ſie Alettens Stimme ſagen hörte: „Suſanna iſt gewiß ein gutes braves Mädchen und ich habe ſie recht lieb, aber dennoch würde es mich be⸗ unruhigen, Harald, wenn du dich ernſtlich mit ihr ein⸗ ließeſt.“ „Und warum das?“ fragte Harald. „Weil ich glaube, daß ſie nicht zu deiner Frau paßt. Sie hat eine ungleiche, heftige Gemüthsart und.. „Aber das kann ſich ändern, Alette. Sie hat ſich bereits bedeutend geändert. Vor ihrem heftigen Character iſt mir gar nicht bange und damit will ich ſchon fertig werden.“ „Größre Zauberer als du, mein Bruder, haben ſich in derartigen Hoffnungen getäuſcht. Ueberdieß iſt ſie viel zu ungebildet, zu unwiſſend, um zur Lebensgefährtin für dich zu paſſen. Eben ſo wenig würde ſie ſich für die Zirkel eignen, in die du ſpäter einmal kommen mußt. Ich bitte dich um Alles, beſter Harald, übereile dich nicht. Du wollteſt ja ſchon lange eine Reiſe ins Ausland machen, um deine landwirthſchaftlichen Kenntniſſe zu erweitern. Führe jetzt dieſen Plan aus; geh' auf Reiſen und ſieh dich in der Welt um, bevor du dich auf dein ganzes Le⸗ ben bindeſt.“ „Ich glaube, du haſt Recht, Alette, und ich will deinen Rath befolgen, aber „Ueberdieß,“ unterbrach ihn Alette in ihrem Eifer, * 110 hat es mit deinem Heirathen noch Zeit genug. Du biſt noch jung und haſt Zeit, dich umzuſehen und zu wählen. Du wirſt, wenn du willſt, leicht eine in jeder Beziehung gute Partie machen können. Suſanna iſt arm und du nicht. reich genug, um gänzlich darüber wegzu⸗ hem Jetzt wollte Suſanna Nichts mehr hören und ſie hatte wahrhaftig genug gehört. Beleidigter Stolz und Herzweh trieben ihr das Blut dermaßen in Kopf und Bruſt, daß ſie zu erſticken meinte. Sie ſtand haſtig auf und nachdem ſie eine Bekannte gebeten, Alette und Harald zu ſagen, ein ſtarkes Kopfweh habe ſie genoͤthigt, den Tanz zu verlaſſen, eilte ſie auf Fußwegen durch das Thal nach Semb zurück. Der Abend war ſchön, aber Suſanna blind für alle ſeine Herrlichkeit. Sie achtete nicht auf den Gang der klaren Sterne über ihr, wie ſie ſich in dem von kryſtallreinem Waſſer erfüllten Marienmäntelchen ſpiegel⸗ ten, ſie hörte nicht das Rauſchen des Waſſers noch den Geſang der Droſſel, denn noch nie hatten Barbara und Suſanna in ihrem Herzen einen heftigern Kampf ge⸗ führt. „Sie verachten mich,“ ſchrie die Erſte,„und ver⸗ werfen mich, ſie treten mich mit Füßen, ſie halten mich nicht für würdig, an ihrer Seite zu gehen, die hochmüthi⸗ gen, herzloſen Menſchen! Aber haben ſie auch ein Recht, ſich ſo über mich zu erheben, weil ich nicht ſo fein ge⸗ bildet, nicht ſo gelehrt bin, wie ſie, weil ich— arm bin? Nein das haben ſie nicht, denn ich kann mein Brod ver⸗ dienen und meinen Weg durch die Welt ſo gut gehen, wie einer. Und wenn ſie ſtolz ſein wollen, ſo will ich noch zehnmal ſtolzer ſein. Ich brauche mich nicht vor ihnen zu demüthigen. Einer iſt ſo viel werth, als der Andere.“ „Ach!“ ſprach Suſanna und ſchmerzliche Thränen begannen über ihre Wangen zu laufen,„es iſt doch nicht wahr, es iſt nicht Einer ſo gut, wie der Andere; Er⸗ — n 11¹ ziehung und Bildung machen einen großen Unterſchied unter den Menſchen. Es iſt nicht angenehm für einen Mann, ſich über die Unwiſſenheit ſeiner Frau ſchämen zu müſſen, und ich kann nicht verlangen, daß Jeinand ſich die Mühe nimmt, eine ſo alte Perſon zu unterrichten, oder daß er mir ins Herz ſieht, wie gern ich lernen möchte und und Harald, von dem ich glaubte, er ſei mir gut, und den ich ſo ſehr liebe, dem ich mit Leib und Seele dienen möchte— wie kalt ſpricht er von mir, nach⸗ dem er kurz vorher noch ſo zärtlich.. Harald! warum mußteſt du mein Herz bethören, wenn du ſo wenig darnach fragſt, was es empfindet, was es leidet! Aber du,“ und hier nahm Barbara wieder das Wort,„du denkſt bloß an dich ſelbſt, du biſt ein Egoiſt, wie dein ganzes Ge⸗ ſchlecht. Und er glaubte meiner ſo ſicher zu ſein! Er zweifelte gar nicht daran, daß ich wolle; nein— er meinte es fomme nur darauf an, ob ich ihm in Gnaden ge⸗ falle.. er mag jetzt nur wollen! Er mag den Verſuch machen und er ſoll ſchon ſehen, daß er ſich betrogen hat, der ſtolze Herr! Er ſoll ſehen, daß ein armes Mädchen ohne Verwandte, ohne Freunde, allein in der weiten Welt gleichwohl denjenigen abweiſen kann, der ſich auf dieſe Art zu ihr herabläßt. Seien Sie ruhig, Fräulein Alette! — Die arme verachtete Suſanna iſt zu ſtolz, um ſich in Ihre hoffärtige Familie zu drängen, denn ſie fühlt ſich wahr⸗ haftig viel zu gut dazu.“ Aber Suſanna war ſehr erzürnt und ſehr unglücklich, als ſie ſo ſprach. Sie ſtand jetzt vor dem Hauſe und aus dem Schlafzimmer der Oberſtin glänzte ein Lichtſtrahl herab. Suſanna ſah zum Fenſter hinauf und blieb in ſtummer Verwunderung ſtehen, denn im Fenſter ſtand die Oberſtin, aber nicht mehr die düſtere, gramgebeugte Frau. Die Hände an ihre Bruſt gedrückt ſah ſie mit dem Aus⸗ druck glühender Dankbarkeit zu den klaren Sternen hinauf. Indeß lag etwas Wildes und Exaltirtes in ihrem We⸗ ſen, was die verwunderie und von ſeltſamen Gefühlen 112 keſſie Suſanna veranlaßte, ſogleich zu ihr hinaufzu⸗ gehen. Als ſie ins Zimmer trat, wandte ſich die Oberſtin haſtig gegen ſie um. Sie hielt einen Brief an ihre Bruſt gedruͤckt und ſagte mit unruhiger Frende und einer Art Heftigkeit: „Nach Bergen! Nach Bergen! Suſanna, ich reiſe morgen nach Bergen. Triff, ſo ſchnell du kannſt, alle Anſtalten zu meiner Abreiſe.“ Suſanna ſtaunte.„Nach Bergen?“ ſtammelte ſie. „Der Weg dahin ſoll ja um dieſe Zeit ſo beſchwerlich, ja ſogar gefährlich ſein.“ „Und wenn mich der Tod auf demſelben bedrohte, ſo würde ich doch die Reiſe machen,“ ſagte Madame Aſtrid mit ungeduldiger Energie.„Ich muthe indeß Niemand zu, mich zu begleiten. Du kannſt zu Hauſe bleiben.“ „Gütiger Gott!“ rief Suſanna ſchmerzlich aufgeregt, „ich ſagte dieß nicht meinetwegen. Wenn ich mein Leben laſſen konnte, um Sie aus einer Gefahr oder einer Küm⸗ merniß zu erloͤſen, Gott weiß, daß ich es mit Freuden thun würde. Erlauben Sie mir, Sie nach Bergen zu begleiten.“ „Ich bin ſehr unglücklich geweſen, Suſanna,“ ver⸗ ſetzte Madame Aſtrid, ohne auf ihre Gemüthsbewegung zu achten,„das Leben war mir eine Bürde, ich habe an der Gerechtigkeit der Vorſehung, an der Leitung der Schickſale durch eine väterliche Hand gezweifelt, aber jetzt.. jetzt ſehe ich.. es kann noch Alles gut wer⸗ den aber geh jetzt, Suſanna, ich muß mich beruhigen zu auch du ſcheinſt der Ruhe zu bedürfen. Gehe, mein ind.“ „Nur noch eine Bitte,“ ſagte Suſanna.„Ich darf Sie doch morgen begleiten? Ach ſchlagen Sie mir es nicht ab, denn ich würde Ihnen doch nachreiſen.“ „Nun gut,“ ſagte Madame Aſtrid, beinahe vergnügt, „ich will es dir nicht abſchlagen.“ — er nd gt, ben m⸗ den zu er⸗ ung an der ber er⸗ gen lein arf e6 ügt, ————— 11³ Suſanna ergriff ihre Hand, küßte ſie und hätte gerne allen Schmerz und alle Liebe, die ihr Herz erfüllten, auf ſie ausgeweint, aber die Oberſtin zog ihre Hand zurück und hieß ſie aufs Neue freundlich, jedoch in befehlendem Tone, gehen. Als ſie allein war, richtete ſie ihre Augen wiederum auf den Brief, den ſie in der Hand hielt. Auf der Adreſſe ſtanden folgende von unſichrer Hand geſchriebene Worte: An meine Frau nach meinem Tode. Der Brief ſelbſt lautete alſo: „Ich fühle, daß eine große Veränderung mit mir im Anzuge iſt. Vermuthlich werde ich ſterben, oder wahnſinnig werden. Deßhalb will ich meiner Frau noch für die Engelsgeduld danken, die ſie im Leben mit mir hatte, und ihr ſagen, daß ich es ihrem Wandel zu ver⸗ danken habe, wenn ich in dieſem Augenblick an Tugend und eine gerechte Vorſehung glaube. Ich will ſie jetzt auf die einzige Art belohnen, die mir moglich iſt. Wiſſe alſo, liebe Frau, daß der Knabe, den du geliebt und be⸗ trauert haſt, nicht todt iſt. Möge es auch deinen Ab⸗ ſcheu vor meiner Handlungsweiſe vermindern, wenn ich dir betheure, daß die Sorge für dein Wohl mich dazu verleitet hat. Ich war gänzlich ruinirt und konnte den Gedanken nicht ertragen, dich bloßgeſtellt zu ſehen. Deß⸗ halb ſchickte ich den Knaben weg und gab vor, er ſei geſtorben. Er hat keine Noth gelitten; er hat“ hier kamen einige ganz unleſerliche Zeilen, nach welchen wie⸗ der deutlicher ſtand,„es wird mir verworren im Kopfe und ich kann nicht ſagen, was ich will.— Sprich mit dem vormaligen Serzeanten Rönn, der jetzt beim See⸗ zollweſen in Bergen iſt, er wird.. Hier endete der Brief. Er war ohne Datum, das Papier alt und vergilbt. Aber Madome Aſtrid küßte ihn unter Thränen der Freude und Dankbarkeit, indem Bremer, Streit und Friede. 8 114 ſie flüſterte:„O welche Belohnung! Welches Licht! Wun⸗ derbare, barmherzige, gütige Vorſehung!“ Aasgaardsreija. „Nebelſchaaren ziehn in wildem Drange, Heldenſchatten ſuchen Norwegs Riffe, Hier das Eiſenbvot und dort die Schlange, Raben fſattern um die hohen Schiße Und den Maſt umgeben Schattenherre, Blitze flammen von dem breiten Schwerte, Töne Horn vom klippenvollen Meere, Die Walkyren ziehn auf dunkler Fährte.“ Velhaven. Suſanne ging in ihr ſtilles Kämmerlein, aber in ihr ſelbſt war es nicht ſtilie; ein harter Kampf wurde da gekämpft. Jetzt galt es ſich von allen ihren Wünſchen und Hoffnungen koszuſagen, denn ſie fand jetzt, daß ſie beinahe unbewußt in Beziehung auf ihre Gebieterin und Harald welche gehegt hatte. Sie hatte gehofft, durch Liebe ihre Gegenliebe zu gewinnen, durch ihre unermüd⸗ liche Sorgfalt ſich ihnen nothwendig zu machen und jetzt ſah ſie ein, wie unendlich werig ſie ihnen war. Sie er⸗ röthete über ihre Verblendung und machte ſich Vorwürfe, ihrer kleinen Hulda ungetren geweſen zu ſein, indem ſie ſich ſo feſt an fremde Menſchen angeſchloſſen, ja ſogar ihren frühern Lieblingsplan über neuen Eindrücken und Ausſichten vergeſſen hatte. Suſanna beſtrafte ſich hart vafür, ſie ſchalt ſich thöricht und ſchwach und beſchloß, Harald, ſo wie den Ort, wo er weilte, zu fliehen. „Wenn ich meine Gebieterin über die gefährlichen Gebirge begleitet habe,“ ſprach ſie zu ſich,„wenn ich ſie in Sicherheit und glücklich weiß, dann will ich ſie— ſie und dieſes Land auf ewig verlaſſen. Arm bin ich ———„— en ſie ch 115 hieher gekommen, noch ärmer werde ich von dannen gehen, denn ich laſſe einen Theil meines Herzens in dem fremden Lande zurück. Aber ein reines Gewiſſen werde ich wenig⸗ ſtens in meine Heimath mitnehmen.... Sie konnten mich nicht lieben, aber wenn ich einmal fort bin, dann werden ſie vielleicht mit Achtung, vielleicht mit Freund⸗ tichkeit meiner gedenken.“ Die ſtillen Sterne ſpiegelten ſich in Suſannas Thrä⸗ nen, die reichlich während dieſes ſtillen Selbſtgeſpräches floſſen und Thränen und Sterne beruhigten ihr Gemüthz ſie fühlte ſich geſtärkt durch den gefaßten Vorſatz. Sofort richtete ſie ihre Gedanken ausſchließlich auf die nothwendige Vorbereitung zur Reiſe und wandte den Reſt der Nacht theils darauf, theils auf ſolche Anordnun⸗ gen in der Haushaltung, daß ſie das Haus mit gutem Gewiſſen verlaſſen konnte. Inzwiſchen wurde die Reiſe nicht ſo eilig angetreten, als Anfangs im Plane lag, weil man einen ſichern Füh⸗ rer und gute zuverläſſige Pferde über das Gebirge ha⸗ ben mußte, deren Anſchaffung einen großen Theil des folgenden Tages wegnahm. Man konnte alſo erſt am nächſten Morgen aufbrechen. Harald, der über dieſen ſchleunigen Beſchluß äußerſt verwundert war, hatte die Reiſe durch lebhafte Vorſtellungen von den damit verbundenen Schwierigkeiten und ſogar Gefahren um dieſe Jahreszeit (denn von Anfang Septembers an muß man ſich in den Gebirgsgegenden mit jedem Tag auf Schnee, Sturm und Unwetter gefaßt machen) zu vereiteln geſucht. Aber die Oberſtin beharrte, ohne ſich weiter zu erklären, feſt bei ihrem Entſchluſſe und Harald verſprach Alles ſo anzu⸗ ordnen, daß die Reiſe ſo ſchnell und ſicher als möglich vor ſich gehen könne. Man hatte die Wahl zwiſchen vier gleich beſchwerlichen Gebirgswegen, die aus dieſer Gegend vom Hallingsthale in das Bergerſtift führen und wovon der kürzeſte über Hardanger geht. Für dieſen eniſchied ſich Madame Aſtrid, allein auch er erforderte wenigſtens zwei und einen halben Tag. Harald, der den S—— 116 Weg kannte und erklärte, im Nothfall könnte er ſelbſt Führersdienſte thun, machte ſich bereit, die Oberſtin auf dem abenteuerlichen Zuge zu begleiten. Alette ſollte in⸗ zwiſchen mit ihrem Alf, ſowie mit dem Hallingsthaler Oheim und ſeiner Familie die Reiſe nach Drontheim an⸗ treten, wo Harald ſich ſpäter ebenfalls zur Hochzeit ſeiner Schweſter einzufinden verſprach. Harald hätte Suſanna gerne um die Urſache dieſer ſonderbaren Reiſe gefragt, hatte ſie aber den ganzen Tag nicht ſprechen können, ſo viel hatte ſie ſowohl in als außer dem Hauſe zu beſorgen und überdieß waren Larina, Ca⸗ rina und Petro beſtändig um ſie. Auch war Suſanna ſehr froh, dadurch eine gute Veranlaſſung zu haben, ſich der Geſellſchaft und jedem Geſpräche mit Harald zu ent⸗ ziehen. Eine gewiſſe Bitterkeit ſowohl gegen ihn, als ge⸗ gen Alette kochte in ihrem Herzen. Unter vielen edlen und ſchätzbaren Fähigkeiten beſitzt der Menſch auch die, ſich ſelbſt beurtheilen und verurtheilen zu können. Wenn wir mit Recht auf Jemand erzürnt find, wenn er uns durch Worte oder Handlungen beleidigt und abgeſtoßen hat, ſollten wir auf dieſe Fähigkeit rechnen und ſie verſöhnend auf unſer Gefühl wirken laſſen. Während wir uns über ſein Vergehen ärgern, weint er vielleicht ſelbſt im Stillen darüber, durchwacht die langen Stunden der Nacht, um im ſtrengen Heiligthum ſeines Gewiſſens ſich ſelbſt ſchonungslos zu beſtrafen, und je edler der Menſch, um ſo größer ſeine Qual, ſelbſt über ſehr geringe Fehler, die vor dem Richterſtuhl der Welt nicht einmal für Feh⸗ ler gehalten werden, ja, er verzeiht ſich ſelbſt im Grunde nie, bis er das, was er verbrochen hat, wieder gut ma⸗ chen kann, und dieſe Hoffnung iſt in ſolchen qualvollen Stunden ſein einziger Troſt. So hätte auch aus Suſanna's Seele jedes bittere Gefühl weichen müſſen, wenn ſie gewußt hätte, wie ärger⸗ lich und unzufrieden Harald in dieſem Augenblick über fich ſelbſt war, wie ernſtlich er ſich die Worte vorwarf, die er beim geſtrigen Tanze geäußert hatte, ohne daß es 3 1 c i e 6 —————— tzt en d, nd ſie ir bſt er h, r, de a⸗ en re er⸗ er rf, es 117 ihm damit Ernſt geweſen und wie ſehr er ſein Verſpre⸗ chen gegen Alette bereute, ſo wie den Vorſatz, den er in Folge ihrer Befürchtungen und Rathſchläge gefaßt hatte. Dieſes Mißvergnügen ſteigerte ſich noch mehr, als er an Suſannas geſchwollenen Augenliedern ſah, daß ſie heftig geweint hatte, und an ihrem ganzen Weſen eine gewiſſe Unruhe und Niedergeſchlagenheit bemerkte, die gegen ihre ſonſtige friſche und lebhafte Weiſe gewaltig abſtach. Voll Unruhe und banger Ahnung fragte er ſich ſelbſt um die Urſache davon, während er ihr mit for⸗ ſchenden Blicken folgte. Die Oberſtin erſchien nicht beim Mittageſſen und die andern Alle ſaßen ſtill und verſtummt da, bis auf Lexow, der ſich vergebens bemühte, ſie mit ſeiner guten Laune aufzuheitern. Nach Tiſch beim Kaffee wollte Suſanna ſich ſtille fortſchleichen, um vor ihrer Abreiſe noch einer kranken Bauernfrau Arzeneien zu bringen, ſo wie einige Kleidungs⸗ ſtücke, die ſie für ihre Kinder verfertigt hatte. Harald, der ſo eben das Barometer betrachtet hatte und ihre Ab⸗ ſicht zu ahnen ſchien, wandte ſich, als ſie auf die Thüre zuging, ſchnell zu ihr hin und ſagte: „Sie werden doch jetzt nicht ausgehen wollen? Cs iſt durchaus nicht räthlich. In wenigen Minuten haben wir wahrſcheinlich einen heftigen Sturm.“ „Den fürchte ich nicht,“ antwortete Suſanna und wollte gehen. „Aber Sie kennen unſre Stürme nicht!“ rief Ha⸗ rald.„Komm her, Lerow, ſieh einmal dahin.“ Und Harald zeigte auf den Barometer, indem er halblaut ſagte:„Das Queckſiber iſt ſeit einer halben Stunde um zwei Linien gefallen; jetzt ſinkt es ſchon wieder— und nun ſteht es auf Erdbeben. Im Augenblick muß der Bergrieſe hier ſein.“ ²*) ) Reſe, zu deutſch Rieſe, nennt man in Norwegen den ſtarken Wirbelwind, der zwiſchen den Klippen heult und in gewiſſen Gebirgsgegenden höchſt gefährlich iſt. 118 Lerow ſchüttelte bedenklich den Kopf und ſagte: „Da ſieht es ſchlecht aus mit unſerer morgenten Reiſe! Dennoch gauhe ich, daß eure Stürme hier Kinderſpiele ſind gegen die, welche wir in gewiſſen Ge⸗ genden des Nordlandes haben.“ Und Alf ging zu ſeiner Alette, die ihn fragend und unruhig anſah. Harald eilte Suſanna nach und traf ſie an der Thüre, im Begriff, mit einem Pack unter dem Arme das Haus zu verlaſſen. Er vertrat ihr den Weg und ſagte ernſthaft: „Sie fönnen nicht t gehen. Ich verſichere Sie, daß Broß⸗ Gefahr im Anzge. „Was für eine Gefahr?“ fragte Suſanna unfreund⸗ lich und mit dem feſten V nicht auf Haralds Worte zu achten. „Die antwortete Harald lächelnd „und damit läßt ſich nicht ſpaſſen. Sie kommt jetzt bald dahergeritten und kann Sie mitnehmen, wenn Sie nicht zu Hauſe bleiben. Nein, Sie dürfen jetzt nicht gehen.“ Und er ergriff ihre Hand, um ſie wieder hineinzuführen. Suſanne meinte, er ſcherze wie gewöhnlich und da es ihr ſelbſt durchaus nicht ſpaßhaft zu Muthe war, machte ſie ihre Hand los und ſagte errothend mit Stolz „Ich S allerdings gehen, mein Herr. Ich werde gehen, 1 weil ich einmal will und Sie haben kein Recht, es mir zu verbieten.“ Harald ſah ſie verwundert an und ſagte darauf mit einem ziemlich ähnlichen Tone: „Wenn ich Ihnen nicht verbieten kann, zu gehen, ſo können Sie mir auch nicht verbieten, Sie zu begleiten.“ „Ich wünſche aber allein zu gehen,“ erklärte Suſanna trotzig und ging. „Ich auch,“ ſagte Harald in demſelben Tone und folgte ihr, wiewohl immer in einer Entfernung von fünf⸗ zehn bis zwanzig Schritten. Bei der Küchenthüre ging er noch einmal ins Haus und ſagte zu den Leuten drinnen; ——— — —„—.— en er e⸗ er er e 119 „Gebt wohl Acht aufs Feuer und löſcht es beim erſten Windſtoße; wir bekommen einen Orkan.“ In dieſem Augenblicke kam Alfiero heulend guf Su⸗ ſanna zugerannt und ſprang ihr mit den Pfoten auf die Schultern, als wollte er ſie am Weitergehen hindern. Als ſie ihn aber wegſtieß, rannte er ängſtlich und mit hängendem Schwanze in das Haus zurück, wie wenn er vort Schutz vor einer Gefahr ſuchte. Das Wetter war indeß ſchön, die Luft ſtill, der Himmel klar; Nichts ſchien einen kommenden Sturm anzudeuten, außer der von den Hütten im Thale auf⸗ ſteigende Rauch, der ſogleich niedergedrückt wurde und ſich üͤber die Dächer herab auf den Boden ſetzte. Suſanna ging ſchnell ihres Wegs und es war ihr immer, als hörte ſie Haralds Schritte hinter ſich, allein ſie wagte es nicht, ſich umzuſehen. Als ſie zufällig nach dem Himmel hinaufblickte, ſah ſie eine kleine weiße Wolke, nicht unähnlich der phantaſtiſchen Geſtalt eines Drachen, pfeilſchnell über das Thal herziehen. Gleich darauf ließ ſich ein heftig heulender Ton vernehmen, der Suſanna veranlaßte, nach den Gebirgen zu blicken, von wo ſie eine röthliche Dampfſäule aufwirbeln ſah. In vemſelben Augenblick war Harald an ihrer Seite und ſagte ernſthaft und ſchnell zu ihr: „Auf den Boden, werfen Sie ſich ſogleich auf den Boden!“ Suſanna wollte proteſtiren, wurde aber ſogleich von Harald umfaßt, in die Hoͤhe gehoben und lag im Nu mit dem Geſichte auf der Erde. Sie fühlte einen hef⸗ tigen Luftdruck, hörte ganz in ihrer Nähe einen Knall, wie einen Piſtolenſchuß, dann gleich darauf ein ſtarkes Raſſeln und Krachen und endlich ein Getöſe, wie von einem allmälig fortrollenden Donner. Auf einmal war Alles ſtill. Ganz betäubt von dem, was um ſie her vorgegan⸗ gen, erhob Suſanna den Kopf, ſah um ſich und richtete ſich langſam in die Höhe. Todtenſtille herrſchte jetzt 12⁰ überall, nicht einmal ein Grashalm rührte ſich, aber ganz in ihrer Nähe lagen zwei Bäume entwurzelt da und Steine hatten ſich von den Felſen losgeriſſen und waren ins Thal herabgerollt. Voll Unruhe ſah ſich Su⸗ ſanna nach Harald um und als ſie ihn nirgends erblickte, dachte ſie an die Erzählung von der Aasgaardsreija. In der peinlichſten Angſt rief ſie ſeinen Namen und groß war ihre Freude, als ſeine Stimme ihr antwortete. Sie ſah jetzt in einiger Entfernung, wie er ſich langſam an einer zackigen Felswand emporrichtete. Er war bleich und ſchien Schmerzen zu empfinden. Nur mit Suſannas Sicherheit beſchäftigt, war Harald ſelbſt zu ſpät dazu gekommen, die demüthige Stellung, in welche er ſich gewaltſam verſetzt, anzunehmen. Der Wir⸗ belwind hatte ihn erfaßt und heftig an die eben erwähnte Felswand geſchleudert, ſo daß er eine ſchwere Verletzung am Schlüſſelbeine der linken Schulter davontrug. Gleich⸗ wohl verſicherte er die jetzt ängſtlich um ihn beſorgte Suſanna, die Sache habe Nichts zu bedeuten, es werde ſich bald wieder machen und fügte ſcherzend hinzu: „Hatte ich jetzt nicht recht, daß mit der Aasgaards⸗ reija nicht zu ſpaſſen iſt? Wir ſind ihr indeß noch nicht ganz entgangen. In einigen Augenblicken haben wir ſie wieder über uns und ſobald wir es im Berge wieder poltern und heulen hoͤren, thun wir am Beſten daran, uns zu demüthigen. Sonſt kann es uns ſchlecht gehen.“ Kaum hatte Harald dieſe Worte geſagt, als das Signal vom Berge herab ſich hören ließ und der Orkan eben ſo gewaltſam, wie das erſtemal, über ſie herbrauste, aber auch eben ſo ſchnell wieder vorüber zog. In eini⸗ gen Minuten war wieder Alles ruhig. „Jetzt können wir einige Minuten Athem ſchöpfen,“ ſagte Harald, indem er aufſtand und ſich forſchend um⸗ ſah,„es wird daher das Beſte ſein, wir ſuchen ein Dach über den Kopf zu bekommen, um uns gegen die herab⸗ rollenden Felſen zu ſchützen. Dort ſpringt eine Felſen⸗ platte hervor, laſſen Sie uns dahineilen, ehe der Orkan er da nd u⸗ te, In ar ich Er ur bſt in ir⸗ te g h⸗ te de 6⸗ ht ſie er ns as an te, ſi⸗ n⸗ ch n⸗ 121 wiederkehrt. Wenn ich mich nicht täuſche, haben andre Wanderer ſchon denſelben Gedanken gehabt.“ Wirklich hatten ſchon zwei Perſonen vor ihnen Schutz unter der Feiſenplatte geſucht und Harald erkannte ſie ſchnell. Der Aeltere war der Führer, der den Weg über das Gebirge zeigen ſollte, ein munterer Greis in der Tracht des Hallingerthales; der jüngere war ſein Enkel, ein raſcher Burſche von ſechszehn Jahren, der gleichfalls die Reiſe mitmachen ſollte. Der Sturm hatte ſie auf dem Wege nach Semb überraſcht. Es war vielleicht ſowohl Harald als Suſanna will⸗ kommen, während der gegenwärtigen Spannung zwiſchen ihnen nicht allein ſein zu müſſen. Von ihrem Zufluchts⸗ ort aus hatte man eine weite Ausſicht über das Thal und ihre Aufmerkſamkeit richtete ſich auf das, was ſich dort zutrug. Man ſah, daß die Hütten aufhörten zu rauchen, ein Zeichen, daß man, wie gewöhnlich bei ſolchen Orkanen, überall das Feuer gelöſcht hatte; man ſah mehrere Pferde, die auf der Weide waren, ſich unbeweglich, den Kopf ge⸗ gen die Orkanſeite gerichtet, hinſtellen; auf dieſe Art theil⸗ ten ſie den Windſtoß und vermochten ſeiner Kraft zu wider⸗ ſtehen. Weiterhin zeigte ſich eine merkwürdige Lufter⸗ ſcheinung. Man ſah dicke Wolkenſchaaren von entgegen⸗ geſetzten Seiten über den Himmel herſtürmen und einander vorwärts und rückwärts ſtoßen. Die wunderlich geformten Maſſen rückten gegen einander vor und lieferten ſich ein ordentliches Treffen in der Luft. Es währte lange, aber endlich mußten die Kolonnen, die vom ſchwächeren Winde angeführt wurden, ſich zurückziehen; die ſiegreichen rückten ſtürmiſch vor und breiteten ſich über das ganze Himmels⸗ gewolbe aus, das ſich jetzt finſter und bleiſchwer gegen die Erde herabzuſenken ſchien. Mittlerweile begann das Unwetter ein wenig nachzulaſſen, und nach etwa drei Stunden war es ſo zahm geworden, daß die Geſellſchaft unter dem Felſenvorſprung ſich auf den Heimweg machen fonnte. Suſanna ſehnte ſich ungeduldig nach Hauſe, ſo⸗ wohl ihrer Gebieterin wegen, als um Haralds willen, dem ſeine Quetſchung offenbar große Schmerzen verurſachte, obgleich er ſie durch ſein lebhaftes, redſeliges Weſen zu verbergen ſuchte. Nicht ohne Gefahr, aber doch ohne weitere Beſchä⸗ digung kamen ſie glücklich auf Semb an, wo maninzwiſchen ihretwegen in großer Unruhe geweſen war. Gegen Abend legte ſich der Wind gänzlich und man machte jetzt warme„ Umſchläge für Harald, der bald erklärte, er habe gar keine Schmerzen mehr, und obgleich man es ihm von allen Seiten widerrieth, feſt auf ſeinem Vorſatze beharrte, die Oberſtin über das Gebirge zu begleiten. Die arme Suſanna war ſo reuevoll über ihren Eigen⸗ finn, der Haralds Unfall verurſacht hatte, und ſo dankbar für ſeine Aufmerkſamkeit, daß alle bitteren Gefühle ſowohl ge⸗ gen ihn, als gegen Alette aus ihrem Herzen ſchwanden. Sie fühlte jetzt blos noch ein tiefes, beinahe ſchmerzliches Be⸗ dürfniß, ihnen Ergebenheit beweiſen und auf irgend eine Art Freude machen zu konnen. Sie hätte gern ihre rechte Hand dafür gegeben. ————— Die Reiſe durchs Gebirge. „Hinweg, ſi weſ flieh ſchnell wie der Wind, Sieh, wie ès grinst hinter Fanaranktind!“ H. Wergeland. Der Zug, der ſich am andern Morgen früh vom 6 Heimthale aus in Bewegung ſetzte, ſah nichts weniger als luſtig aus. Er bewegte ſich aber auch in einem dicken Nebel, der über dem Thale hing, alle Höhen umhüllte und jede Ausſicht benahm. Voran ritt der Führer, der alte, zuverläßige Hallingthäler, deſſen kräftige, hohe Ge⸗ ſtalt einen Eindruck der Zuverſicht auf die Nachfolgenden machte. Sodann kam die Oberſtin, hierauf Suſanna und — * —₰ „ en ¹d ar en n⸗ ar ie e Re te m ls en te — en nach ihr Harald, der den Arm in der Binde trug. Ge⸗ ſchloſſen wurde der Zug von den jungen Burſchen und ei⸗ nem Bauernknecht, welche die zwei Packpferde führten. Als ſie höher hinaufkamen, wurde die Luft heller; ſie erhoben ſich über die Regionen des Nebels, ſahen bald den blauen Himmel, und die Sonne begrüßte ſie mit ihren Strahlen, die wilden, wunderlichen Gegenden beglänzend, die ſie jetzt umgaben. Auf Suſannas junges offenes Ge⸗ müth wirkte dieſer Anblick mit wunderbarer Kraft. Es wurde ihr immer freier, immer leichter zu Muthe, und indem ſie mit klaren Augen vorwärts blickte, ſchien es ihr, als hätte ſie alle Streitigkeit und Qualen hinter ſich ge⸗ laſſen und ſteige jetzt zu einer Zukunft voll Licht und Ruhe auf. Ihre Gebieterin ſollte ja jetzt glücklich werden und ſie ſelbſt wollte fortan mit befreitem Herzen, nicht mehr von eigennützigen Gefühlen geleitet, gerne dem Ruß der Pflicht und dem Willen der Vorſehung gehorchen. So fühlte, ſo dachte ſie. Der Weg war ungebahnt, oft ſteil und abſcheulich, aber ſicher ſchritten die Pferde vorwärts und nach einigen Stunden kam man an eine Sennerhütte, am Ufer des Uſtevandet, eines Binnenſees am Fuße des Hallingsge⸗ birges. Dieſe Sennerei liegt oberhalb der Birkenbege⸗ tatlon und ihre Umgebungen haben einen ſtarken Anſtrich vom eigentlichen Gebirgscharakter. Aber ihre von den Schneebergen ſtets bewäſſerten Grasplätze ſtanden noch in herrlichem Grün und buntgefleckte Viehheerden wimmelten varauf. Wie ein glänzendes Silberband flatterten die Bäche zwiſchen den grünen Abhängen und den finſtern Felſenklippen. Die Sonne leuchtete jetzt klar und man wünſchte ſich gegenſeitig Glück zu den heiter werdenden Anoſichten für die Reiſe. In dieſer Sennerei raſtete die Geſellſchaft ein Stündchen und nahm ein ſtärkendes Früh⸗ ſtück ein, beſtehend aus den einfachen hier zu Lande ge⸗ bräuchlichen Gerichten. Jedem Gaſt wurde ein tellergroßer Kuchen aus Roggenmehl vorgeſetzt und überdieß ſtanden große, viereckige Stücke Butter und ein Fäßchen mit herr⸗ lichen Gebirgsfiſchen auf dem Tiſch. Auch die Kanne mit Hardanger Bier fehlte nicht und ein junges Mädchen mit hochblonden Haarflechten, lichtgelber Jacke, ſchwarzem Faltenrock und einem rothen Tuch um den Hals geknüpft, ein Mädchen mit einem ſo ſchönen und unſchuldsvollen Geſichte, wie je eine Idylle ihrer Hirtin ſchenkte, bediente die Gäſte und unterhielt ſie mit ihrem einfachen, heiteren Geplauder. Nach dem Frühſtück wurde die Reiſe fortgeſetzt. Auf der Höhe von Uſtefjell ſah man zwei große Bergſtriche, deren wogenförmige Rücken ſich in die Schneeregion er⸗ heben. Es waren der Hallingkarve und der Hallingsjokul. Langſam ſchritt die Karavane den Barfjell hinan. Allmälig verſchwand alle Baumvegetation, der Boden war entweder ganz kahl oder nur von einer Art ſchwärz⸗ lichem Geſtrüppe bedeckt; dazwiſchen lagen Schneehaufen, die immer größer wurden, je höher man hinauf kam, Die Ausſicht rings um ſie hatte etwas unbeſchreiblich Kaltes und Unheimliches. Aber Suſanna fühlte ſich durch die⸗ ſes wilde und für ſie ganz neue Schauſpiel auf eine eigene Weiſe angeregt. Dazu trug auch der alte Hal⸗ lingthäler viel bei, der, als ſie weiter in den öden Ge⸗ birgsgegenden hinzogen, der Geſellſchaft allerhand von den Unterirdiſchen erzählte, die hier oben ihre Höhlen haben und die er als ein Zauberpack von kleinen, häß⸗ lichen, bleichen oder bläulichen, menſchenähnlichen Ge⸗ ſtalten in grauen Gewändern und mit ſchwarzen Kopf⸗ bedeckungen beſchrieb.„Sie ziehen,“ ſagte er,„die Men⸗ ſchen oft in ihre unterirdiſchen Wohnungen hinab und ſchlachten ſie; kommt man aber auch lebendig aus ihrer Gewalt, ſo bleibt man doch ſein ganzes Leben lang ſchwermüthig oder wird wahnſinnig und hat überhaupt keine gute Stunde mehr auf Erden. Einige Menſchen verfolgen ſie, Andre aber beſchützen ſie und bringen ihnen Glück und Gedeihen.“ Der Hallinger Bauer war von dem wirklichen Daſein dieſer Weſen vollkommen überzeugt und ſagte, er ſelbſt habe einmal in einer Gebirgsgegend ein ker ga M ſei ihr S Le Et m ſp m it en m ft, en ite en uf er⸗ l. n. en 3 —— bemerkte den Eindruck, 125 einen Mann geſehen, der ſchnell in die Erde hinabgeſun⸗ ken und verſchwunden ſei. gar einmal im Walde einen ganzen Hof mit Häuſern, Menſchen und Thieren geſehen, aber bei ſeiner Ankunft ſeien die letzteren ſogleich verſchwunden. Harald meinte, die Einbildungskraft werde wohl hier ihr Spiel getrieben haben, allein der Alte ſuchte ſeine Sache zu vertheivigen, indem er folgende Stelle aus„Hans Lauridſens Seelenbuche“ anführte: „Der Teufel hat viele Kameraden, als Erlweiber, Erlmänner, Zwerge, Kobolde, Nachtraben, Erdgeiſter mit glühenden Feuerſtangen, Wehrwölfe, Ungeheuer, Ge⸗ ſpenſter, die ſich den Leuten zeigen, wenn ſie ſterben müſſen.“ Und als Harald lächelnd noch einige Zweifel äußerte, ſagte der Alte eifrig: „Aber es ſteht ja in der Bibel, daß die Kniee, ſo⸗ wohl derer im Himmel, als auf Erden und unter der Erde ſich vor dem Herrn beugen müſſen. Und was ſollten wohl die unter der Erde anders ſein, als die Un⸗ terirdiſchen? Nimm dich wohl in Acht,“ fuhr er munter und mit einem ſchelmiſchen Blick auf Suſanna fort, „nimm dich wohl in Acht, wenn die Dämmerung kommt, denn dann fangen ſie an ihr Weſen zu treiben und die jungen Mädchen haben ſie ganz beſonders gern und zie⸗ hen ſie in ihre Wohnungen hinab. Nimm dich in Acht, venn holen ſie dich einmal in ihre Kirche hinab(ſie ha⸗ ben auch eine Kirche tief unten in der Erde), ſo be⸗ kommſt du die Sonne und Gottes klaren Himmel nicht mehr zu ſehen, ſo lange du lebſt und du darfſt wohl glauben, daß es nicht angenehm iſt, bei dieſen Kobolden zu hauſen.“ Suſanna ſchauderte unwillkürlich bei dieſem Scherze. Sie warf einen Blick auf die wilden Felsgeſtalten rings umher, von denen der Alte verſicherte, ſie ſeien lauter verſteinerte Zaubergeiſter, Rieſen und Rieſinnen. Harald den dieß auf Suſanna machte Einer ſeiner Freunde habe ſo⸗ und ſo oft er auch früher ſeinen Spaß darin gefunden ehatte, ihre Phantaſie zu erſchrecken, ſo war er doch jetzt ganz beruhigender Verſtand geworden und ließ vor ihr ſein Licht in der Finſterniß des Aberglaubens leuchten. Immer höher ſtiegen die Reiſenden, immer öder wurde die Gegend. Dieſes ganze Gebirge iſt wie überſäet von größeren und kleineren Felsblöcken und dieſer haben ſich die Menſchen bedient, um ſich in einer Gegend, wo man unfehlbar verirren müßte, Wegweiſer zu verſchaffen. Man hat zu dieſem Behufe in der Richtung des Weges Steine auf die größeren Blöcke aufgehäuft und wenn einer herab⸗ fällt, ſo ſieht es der Vorbeiziehende für eine heilige Pflicht an, ihn wieder hinaufzulegen. Tröſtende Wegweiſer nennt Profeſſor Hensten in ſeiner intereſſanten Gebirgsreiſe dieſe Wächter,„denn,“ fährt er fort,„ſie ſind auf dieſer Wanderung die einzige Spur von Menſchen und wenn man eine Zeit lang keinen ſolchen Markſtein mehr geſehen hat, ſo zerſtreut der nächſte, den man erblickt, die auf⸗ ſteigende Beſorgniß durch die tröſtliche Verſicherung: du biſt noch auf dem rechten Wege.“ Im Dunkel oder bei nebligem Wetter ſind indeß dieſe freundlichen Wächter beinahe von keinem Nutzen und die Reiſe iſt dann äußerſt gefährlich. Man verirrt leicht und erfriert in dieſer Eiswüſte oder wird von den Schneegruben verſchlungen. Die ſo Umgekommenen nennt man Drauger und man glaubt, daß ſie in den düſtern Gebirgspäſſen ſpucken. Unſer Wegweiſer zeigte zwei Stellen nahe am Wege, wo man die Leichen zweier Kauf⸗ leute gefunden hatte, die in einem Herbſte, vom Schnee⸗ geſtöber überraſcht, hier umgekommen waren. Er erzählte dieß mit großer Gleichgültigkeit, denn es kommen alle Jahre in den Gebirgsgegenden Menſchen um, und man hält dieſe Art zu ſterben nicht für ſchlimmer als eine andre. Aber in Suſanna begannen unheimliche Gedau⸗ ken aufzuſteigen, obwohl vor der Hand kein Grund zu einer Beſorgniß vorhanden war, denn das Wetter war ſchön und die Reiſe ging, wenn auch langſam, doch bis Se No ſch Re hie hal St wa Re ſter Ge ber lich ſe) Pfe Na floſ deff zelt tro die Fe der lin ſie unt Go auf An ſan ged des en tzt hr de on ch an an ne b⸗ ht nt iſe ſer nn en uf⸗ du eß en rrt en int ern wei uf⸗ ee⸗ lte le an ine an⸗ zu var 127 ſicher und gut von Statten. Sie wurde ununterbrochen bis gegen Abend fortgeſetzt. Da man für heute keine Sennerhütte mehr erreichen konnte, ſo wollte man das Nachtlager an einem Platze, genannt Monsbuheja, auf⸗ ſchlagen, wo ſich Gras für die Pferde vorfand, und unſre Reiſenden kamen kurz vor Sonnenuntergang glücklich hier an. Sie fanden da eine Grotte halb von Natur, halb von Menſchenhänden gebaut, welche letztere große Steine vor den, Eingang gerollt hatten. Die Wände waren mit Moos bewachſen und hin und wieder mit Rennthiergeweihen geſchmückt, die in den Felſenſpalten ſteckten. Schnell hatte Suſanna hier für ihre ermüdete Gebieterin aus Mänteln, Decken und Tüchern ein Lager bereitet und dieſe dankte ihr dafür mit einem ſo freund⸗ lichen Blicke, wie Suſanna noch nie in ihren Augen ge⸗ ſehen hatte. Harald hatte inzwiſchen mit den Knechten für die Pferde geſorgt und ſich nach Brennmaterialien für die Nacht umgeſehen. Einige hundert Ellen von der Grotte floß ein Strom zwiſchen eisbedeckten Ufern; am Rande deſſelben, ſo wie an den Schneebächen fanden ſich Wur⸗ zeln von verfaultem Wachholdergeſträuch, Bergweiden und trocknes Haidekraut, was Alles jetzt geſammelt und vor die Grotte getragen wurde, wo man für die Nacht ein Feuer aufmachen wollte. Inzwiſchen ſtieg Suſanna auf eine kleine Anhöhe in der Nähe der Grotte und ſah die Sonne hinter den Hal⸗ lingjokul hinabſinken. Gleich einer rothen Feuerkugel ſtand ſie jetzt auf dem Rücken des unermeßlichen Schneegebirges und warf ihre ſchönen wechſelnden Lichter von Purpur, Gold und Blan bald auf die Wolken des Himmels, bald auf die Schneeflächen unten. Es war ein prachtvoller Anblick. Gütiger Gott, wie groß und herrlich!“ rief Su⸗ ſanna unwillkürlich, indem ſie, die Hände an ihre Bruſt gedrückt, ſich wie anbetend vor der ſinkenden Beherrſcherin des Tages neigte. 128 „Ja groß und herrlich!“ antwortete ein mildes Echo neben ihr. Suſanna ſah ſich um und erblickte Harald an ihrer Seite. Da ſtanden ſie jetzt, beide allein, beglänzt von der untergehenden Sonne; mit denſelben Gefühlen, denſelben Gedanken, warm und anbetend in der öden, todten Wüſte. Suſanna konnte dem Gefühl tiefer, feier⸗ licher Rührung, das ihr Herz erfüllte, nicht widerſtehen. Sie reichte Harald die Hand und ihr thränenvoller Blick ſchien zu ſagen:„Friede! Friede!“ Es war ihr, als nähme ſie Abſchied von ihm, aber einen Abſchied in Liebe. Sie hätte in dieſem Augenblick die ganze Welt an ihre Bruſt drücken mögen. Sie fühlte ſich über allen Streit, allen Groll, alles Kleinliche erhaben. Das große Schauſpiel hatte großartige Gefühle in ihr erweckt und in ihrem Geſicht ſtrahlte Sanne in ſchöner und milder Verklärung. Harald dagegen ſchien nicht an einen Abſchied zu den⸗ ken, denn er hielt Suſannas Hand und wollte ſprechen, allein ſie zog dieſelbe ſchnell, wiewohl nicht unfreundlich zurück und wandte ſich um mit den Worten:„Wir müſſen jetzt ans Abendeſſen denken.“ Das Feuer leuchtete ihnen fröhlich entgegen, und am öſtlichen Himmel ſtieg der Mond aus roſenfarbenen Wol⸗ ken hervor. Bald beſchäſtigte ſich Suſanna lebhaft und rüſtig am Feuer. Aus Bouillontäfelchen und bereits gekochter Grütze, die ſie mitgenommen hatte, bereitete ſie eine vor⸗ treffliche Suppe, worin ein Stück Kalbsbruſt gewärmt wurde. Während dieß kochte, theilte ſie den Leuten Brod, Käſe und Branntwein aus und ſorgte beſonders freund⸗ lich für den alten Führer. Harald ließ ſie dieß Alles thun, ohne ihr im Mindeſten zu helfen. Er ſaß in ei⸗ niger Entfernung auf einem Steine, auf ſeine Büchſe geſtützt, und betrachtete ihr vom Feuer beleuchtetes gutes fröhliches Geſicht, ſowie ihre friſchen Bewegungen und ihre Gewandtheit in Allem, was ſie vornahm. Er dachte an ihr warmes Herz, ihren offenen Sinn, ihre Arbeitſamkeit; er dachte an die Abende des vorigen Winters, wo er ihr vorgeleſen und erzählte, und wie ſie ihm da gelauſcht und empfunden hatte. Auf einmal kam es ihm vor, als ſei ihm das Ideal eines glücklichen Lebens, das ſchon ſeit mehreren Jahren ſeinen Augen vorgeſchwebt, jetzt ganz nahe gerückt. Dort ſtand es an den Flammen bes nächt⸗ lichen Feuers und beleuchtet von denſelben. Alettens War⸗ nungen flogen daran vorüber, wie ein verſchwindender Nachtnebei ohne Weſen und Wirklichkeit. Er ſah ſich im Beſitz eines Gutes, das er veredelte, wie Oberlin das geſunkene Steinthal, er ſah ſich umgeben von Untertha⸗ nen und Nachbarn, zu deren Glück er wirkſam beitrug, er ſah ſich in ſeinem Hauſe— er betrachtete dieſes Bild bei dem höchſt kritiſchen Lichte der langen Winterabende und er erbleichte nicht davor. Er ſah ſich jetzt, wie früher an den Winterabenden, bei Suſanna, doch nicht ganz wie früher, denn er ſaß ihr jetzt näher und ſie war ſeine Frau und er las ihr vor wie früher und freute ſich ihrer lebhaften warmen Theilnahme; dazwiſchen hinein aber ruhten ſeine Augen auf ihr und auf dem Kinde, das in der Wiege zu ihren Füßen lag und Suſanna ſah auf ihn, wie ſo eben im Gebirge auf die Abendſonne. Die Flammen, die tanzend auf dem Schnee glänzten, waren jetzt die Flammen ſeines eigenen Herdes und ſeine Frau war es, die ſich froh und gaſtfreundlich damit beſchäftigte, rund um ſich her Behaglichkeit und Freude zu verbreiten. „Zum Teufel mit der feineren Bildung,“ dachte er, „ſie iſt nicht im Stande, ein Herz, eine Seele, ein Ge⸗ müth zu ſchaffen, wie dieſes Mädchen ſie hat.“ Er konnte ſeine Angen nicht von Suſanna abwenden; mit jedem Blick kam ſie ihm ſchöner vor.— Der Liebe holder Zau⸗ ber war über ihn gekommen. Inzwiſchen hatte ſie das Abendeſſen fertig gemacht und lud Harald dazu ein. Was Wunder, wenn er nach einer ermüdenden Tagreiſe und den Betrachtungen, die er ſo eben angeſtellt, Suſannas Speiſen über alle Ver⸗ Bremer, Streit und Friede. 9 130 Zleichungen vortrefflich und ſchmackhaft fand! Er ver⸗ mißte dabei Nichts, als ihre Anweſenheit; denn ſie war innen in der Grotte, hielt, auf den Knieen liegend, der Oberſtin einen Teller mit Suppe vor und zählte mit ſtil⸗ lem Entzücken jeden Löffel, den ihre Gebieterin mit ſicht⸗ barem Wohlbehagen an ihre Lippen führte.„Es iſt die beſte Suppe, die ich je gegeſſen habe,“ ſagte ſie, nachdem ſie den Teller geleert.„Wahrhaftig Suſanna, du biſt eine große Künſtlerin.“— Es war das erſtemal, daß die Oberſtin auf das Eſſen gemerkt und das erſte Lob, das Suſanna aus ihrem Munde erhalten hatte— und keine Suppe, ja kein Nectar kann ſo lieblich ſchmecken, wie das erſte lobende Wort von geliebten Lippen. Als Suſanna aus der Grotte kam, wurde ſie von Haralds Blicken bewillkommt; ſie redeten eine Sprache, die für ein ſo liebebedürftiges Herz, wie das ihrige, bei⸗ nahe unwiderſtehlich entzückend war. In ihrem gerührten dankbaren Gemüthe war es ihr, als möchte ſie ewig hier auf dem Gebirge ſein, um dieſen liebenswürdigen Men⸗ ſchen, die hier zum erſtenmal ihr Herz eröffnet zu haben ſchienen, zu vienen und Suppe zu kochen. Man richtete ſich für die Nacht ein, die klar, aber kalt zu werden verſprach. Die Bauern lagerten ſich um das Feuer, Madame Aſtrid, wegen Haralds Schulter be⸗ ſorgt, bat ihn in die Grotte zu kommen, wo er wenig⸗ ſtens gegen die ſcharfe Luft geſchützt ſei, allein Harald wollte draußen Wache halten und ſetzte ſich in ſeinen Mantel gehüllt an's Feuer. Suſanna legte ſich leiſe zu den Füßen ihrer Gebieterin, um ſie dadurch warm zu erhalten. Wunderliche Geſtalten ſchwebten ihrem innern Blicke vor, während ihre Augen wieder geſchloſſen waren⸗ Geſtalten von Schnee und Eis kamen ihr nahe und ſchie⸗ nen ſie umringen zu wollen, wichen aber plotzlich und ſchmolzen vor warmen Liebesblicken; die Sonne erglänzte in Herrlichkeit und glückliche, liebliche Gefühle blühten in ihrer Seele auf. Unter ſolchen ſchlief ſie ein. Da ſtellte ſich ihr ein neues Gebilde vor. Sie war wieder — 1——— — —— — er⸗ ar der il⸗ ht⸗ die em biſt die as ine das von he, ei⸗ ten ier en⸗ ben ber um be⸗ ig⸗ ald nen zu zu ern ren. hie⸗ und nzte ten Da —— im Heimthale, ſie ſtand am Ufer des Fluſſes und blickte mit einer Art ängſtlicher Verwunderung an den andern Strand hinüber, denn dort zwiſchen dunkeln Tannen ſchimmerte etwas Weißes, Nebliges hervor, das aber immer deutlicher wurde, und als es ans Ufer kam, ſah Suſanna, daß es ein Kind war, und erkannte ihre kleine Hulda. Aber ſie war bleich, wie der Tod, und Thränen rollten über ihre ſchneeweißen Wangen herab, während ſie ihre Aermchen gegen Suſanna ausſtreckte und ihren Namen rief. Suſanna wollte ſich in die Wellen ſtürzen, die ſie von einander trennten, allein ſie konnte nicht, ſie fühlte ſich von einer unſichtbaren Macht gefeſſelt. Wäh⸗ rend ſie mit unausſprechlicher Qual rang, um ſich zu befreien, merkte ſie, daß Harald der war, der ſie ſo feſ⸗ ſelte; er ſah ſo kalt, ſo ſtreng aus, und Suſanna em⸗ pfand zugleich Liebe und Haß für ihn. Abermals rief die zarte Kinderſtimme angſtvoll und Suſanna ſah jetzt die kleine Schweſter über die Steine am Ufer hinabſinken und die weißen Wogen über ſie zuſammenſchlagen.— Mit einem Gefühl wilder Verzweiflung erwachte ſie jetzt aüs dem Schlafe und ſprang auf. Kalter Schweiß ſtand auf ihrer Stirne und ſie blickte verwirrt um ſich. Düſter wölbte ſich die Grotte über ihr, das Feuer draußen warf rothe, irrende Lichter auf ihre phantaſtiſch verzierten Wände. Suſanna trat leiſe hinaus, ſie wollte den Him⸗ mel, die Sterne ſehen, es war ihr Bedürfniß, die freie, friſche Luft zu athmen, um die erhitzenden, qualvollen Eindrücke des Traumes loszuwerden. Aber keine Sterne blickten ſtrahlend auf ſie herab, denn der Himmel war von einem grauen Wolkentuche verhüllt und der blaſſe Mondſchein, der kaum hindurchdrang, warf ein trübes Licht auf die todte Gegend mit ihren düſteren, häßlichen Geſtalten. Das Feuer war niedergebrannt und ſtackerte nur dann und wann wie träumeriſch in rothen Flammen auf. Die um daſſelbe hergelagerten Bauern ſchliefen tief. Suſanna ſah Harald hier nicht und das war ihr im Au⸗ genblick angenehm. lim die gqualvollen Eindrücke ihres 132 Traumes zu zerſtreuen, nahm ſie einen Waſſerkrug und ging damit an den Bach hinab, um Waſſer zum Früh⸗ ſtück zu holen. Auf dem Wege dahin ſah ſie Harald, der mit ſeiner Büchſe auf dem Rücken in einiger Ent⸗ fernung vor der Grotte auf und abging. Er bemerkte ſie nicht und ſo kam ſie an den Fluß hinab und füllte ihren Krug mil Schneewaſſer. Die kleine körperliche An⸗ ſtrengung that ihr wohl, obgleich die einſame Wanderung im Uebrigen nicht ſehr geeignet war, ihr Gemüth zu er⸗ leichtern. Die Scene war unbeſchreiblich düſter und zu dem eintönigen Rauſchen der Schneebäche geſellten ſich dann und wann Windſtöße, die wie gigantiſche Seufzer ängſtlich heulend durch die Einöde fuhren. Sie ſetzte ſich einen Augenblick auf ein Felsſtück nieder. Es war Mit⸗ ternacht und tiefe Stille herrſchte über der Gegend. Die Felſen um ſie her waren mit Trauerflechten bedeckt und die bleiche Schneeflechte wuchs in den Bergſpalten; da und dort ſchoß aus der ſchwarzen Erdrinde die Sumpf⸗ ſtaude hervor, ein blaßgelbes, ſchwefelfarbiges Blümchen, deſſen ſich die Lappländer zu Zauberkünſten bedienen ſol⸗ len und das hier den Eindruck eines unheimlichen Lächelns über dieſes Todtenfeld machte. Suſanna konnte ſich von den Erinnerungen an ihren Traum nicht befreien und wo⸗ hin ſie den Blick wandte, glaubte ſie das Bild der ſier⸗ benden kleinen Schweſter zu ſehen. Vielleicht ſollte der Traum eine Warnung, vielleicht eine Prophezeihung be⸗ deuten; vielleicht ſollte ſie nie mehr aus dieſer Wüſte kommen, vielleicht ſollte ſie hier ſterben und dann— was ſollte aus der kleinen Hulda werden? Mußte ſie dann nicht aus Mangel und Noth auf die harten Steine des Lebens ſinken und die Wogen des Elends über ihr zuſammenſchlagen? Mitten unter dieſen trüben Gedanken wurde Suſanna von Harald überraſcht. Er ſah, daß ſie geweint hatte und fragte mit einer innigen Stimme, die ihr tief ins Herz drang: „Warum ſo traurig? Sind Sie unruhig oder miß⸗ ——————————— und ld, nt⸗ kte lite Un⸗ ing er⸗ zu ſich zer ſich it⸗ Die ind pf⸗ en, ol⸗ lns n vo⸗ er⸗ der be⸗ iſte ſie ine ihr ken ſie die vergnügt? Ach ſagen Sie mir es offen als Ihrem Freunde. Ich kann es nicht ertragen Sie ſo zu ſehen.“ „Ich habe einen böſen Traum gehabt,“ ſagte Su⸗ ſanna, indem ſie ihre Thränen trocknete und aufſtand. „Es iſt Alles ſo unheimlich, ſo ſchauerlich um uns her, und ſo bekommt man ſo finſtere und ängſtliche Gedanken. Allein warum ſoll man ſich deßwegen kümmern?“ fuhr ſie munter fort,„es wird ſchon beſſer werden, wenn der Tag kommt. Jetzt iſt einmal die Stunde der Finſterniß, wo die Unterirdiſchen herrſchen.“ Und Suſanna verſuchte zu lächeln.„Aber, was iſt das?“ ſagte ſie auf einmal und das Lächeln verwandelte ſich in einen Ausdruck von Grau⸗ ſen, indem ſie ſich unwillkürlich Harald näherte. Sie hör⸗ ten in der Luft ein leiſes Pfeifen und Aechzen und in vemſelben Augenblick ſchien eine graue wolkenähnliche Maſſe von Norden her über die Schneefläche gerade auf ſie hinzueilen. In dem ſchwachen Mondſchimmer glaubte Suſanna grauenhafte Geſtalten mit Hörnern und Klauen ſich herbeivegen zu ſehen und ſchon lag ihr auf der Zunge zu rufen:„Die Unterirdiſchen.“ „Es iſt eine Heerde Rennthiere,“ ſagte Harald, der ihre Gefühle zu errathen ſchien, lächelnd, und ging der Erſcheinung einige Schritte entgegen, indem er mechaniſch an ſeine Büchſe faßte. Aber in demſelben Augenblick ſchlug der Trupp eine andere Richtung ein und jagte in wilder Eile nach Oſten zu. Der Wind wurde ſtärker und ein beängſtigendes Seufzen ging durch die Eiswüſte. „Ach wie ſchauerlich!“ ſagte Suſanna zitternd. „Morgen Abend,“ verſetzte Harald aufmunternd, „kommen wir in die Storlieſenne, die ſchon wieder unter halb der Schneeregion liegt und dort werden wir einen ganz grünen Birkenwald, freundliche Menſchen und eine recht angenehme Herberge finden.“ Tags darauf haben wir noch ein beſchwerliches Stück Wegs, allein da be⸗ kommen wir ſo großartige Scenen zu ſehen, daß Sie ſicherlich alle Mühſeligkeiten gegen das Vergnügen gering achten werden, denn das Schreckliche wird da bei Weitem 134 vom Schönen überwogen. Der Punkt zwiſchen der Stor⸗ lie⸗ und Tverliſenne, wo die wilde Leiraelf ſich wie ra⸗ ſend über das Högfjel herabſtürzt und mit Blitzesſchnelle und Donnergekrache zwiſchen und über zerſplitterte, theils nackte, theils waldbewachſene Klippenmaſſen braust, um ſich mit ihrer Nebenbuhlerin, der heftigen Björsja zu tummeln— dieſer Punkt übertrifft an großartiger Wild⸗ heit Alles, was man ſich nur denken kann.“ So ſprach Harald, um Suſannas Niedergeſchlagen⸗ beit zu verſcheuchen; aber ſie hörte ihm nur halb träu⸗ mend zu und ſagte, wie vor ſich hin,„Ja wenn wir nur einmal dort wären und dann noch weiter und dann...“ „Und dann?“ fiel ihr Harald ins Wort,„was dann?“ „Zu Hauſe bei meiner Hulda wieder!“ ſagte Su⸗ ſanna tief ſeufzend. „Wie, Suſanna? Wollen Sie uns denn verlaſſen? Haſſen Sie wirklich Norwegen?“ „Nein, nein!. Weit entfernt!... Aber man kann nicht zweien Herren dienen; das fürchte ich jetzt. Hulda ruft mich. Ich habe keine Ruhe, bis ich wieder bei ihr bin und werde mich dann nie mehr von ihr trennen. Ich habe heute Nacht von ihr geträumt, und ſie war ſo bleich, ſo bleich. ach! aber auch Sie ſind bleich, ſchrecklich bleich!“ fuhr Suſanna fort, indem ſie Harald mit Be⸗ ſtürzung betrachtete,„Sie ſind ſicherlich krank.“ „Wahrſcheinlich iſt es nur dieſer liebliche Mondſchein und dieſe holde Natur, was mich ſo aſchgrau färbt,“ ſagte Harald ſcherzend, um die wahre Urſache ſeiner Bläſſe, nämlich ſchreckliche Schmerzen, die er die ganze Nacht über in ſeiner Schulter gehabt hatte, zu verbergen. Er ſuchte ſofort Suſannas Aufmerkſamkeit auf andere Gegen⸗ ſtände zu richten. Unter ſolchen Geſprächen waren ſie in die Grotte zurückgekommen. Harald legte neuen Brennſtoff in das erlöſchende Feuer und Suſanna ſchlich ſich leiſe in die Grotte, um ihren früheren Platz zu den Füßen der Ge⸗ — 0— mnn lda ihr ch ch, ich Be⸗ ein ſſe, cht Er en⸗ tte as die e⸗ bieterin wieder einzunehmen. Aber erſt ſpät ſank ſie in einen unruhigen Schlaf. Sie erwachte an einem ſtarken Getöſe und Gebrauſe. Ein bleiches Tageslicht fiel in die Grotte und ſie hörte Harald draußen laut ſagen:„Es iſt Zeit, daß wir uns zum Aufbruch rüſten, um ſobald als möglich unſer Nacht⸗ guartier zu exreichen. Wir haben einen mühevollen Tag vor uns. Suſanna ſah ſich nach ihrer Gebieterin um. Sie ſtand bereits neben ihr und betrachtete ſie mit einem mil⸗ den, aufmerkſamen Blick. Erſchrocken über ihre Saumſeligkeit ſprang Suſanna jetzt ſchnell auf und ſchickte ſich um ſo flinker an, das Frühſtück zu beſorgen. Es wurde wieder ein Bouillon bereitet und die Bauern bekamen Lachs, Speck und Käſemolken in Schneewaſſer aufgelöst. Nach Mitternacht hatte ſich ein Sturm erhoben, der unſern Reiſenden Nichts weniger als einen angenehmen Tag verſprach. Die Flüſſe und Bäche rauſchten ſtärker und rund umher auf dem Gebirge war ein ſchreckliches Getöſe. Zwar hatte ſich gegen Morgen der Wind ein wenig gelegt, aber gleichwohl warf Harald dann und wann einen bedenklichen Blick auf die graue Wolkendecke, die immer dichter über ihren Häuptern zu werden begann. Suſanna ſah ihn einmal einen fragenden Blick auf den Führer heften und dieſen das graue Haupt ſchütteln. In⸗ deß war man im Allgemeinen munter und Harald ſchien durch ſeine Lebhaftigkeit den Eindruck ſeiner andauernden, ungewöhnlichen Bläſſe verwiſchen zu wollen. Den ganzen Vormittag ſtieg man unausgeſetzt in der Winterregion aufwärts und die Schneeflächen wurden immer unüberſehbarer. Kein lebendes Weſen ſchien in vieſer Wüſte fortkommen zu koͤnnen, doch ſah man oft Spuren von Rennthieren und da und dort lagen auch Fliegen im tiefen Winterſchlafe auf dem Schnee. Zu allem Glück legte ſich der Wind allmälig und gab nur 136 noch in kurzen Stößen ſeinen eiſigen Hauch zu fühlen. Aber von Zeit zu Zeit hörte man ein Gekrach und Ge⸗ töſe, wie von einem ſtarken Donner. Es war der ſoge⸗ nannte Fjellskred oder das Stürzen großer Felsblöcke und Steine, die ſich von den Bergen losreißen und her⸗ abfallen, was in dieſen Gegenden bei und nach Stürmen gewöhnlich iſt. Die Führer erzählten mehrere Beiſpiele, wo ganze Höfe und Menſchen von ſolchen Trümmern zer⸗ malmt wurden. Der Weg wurde immer beſchwerlicher. Man mußte oft durch brauſende Ströme waten und ſich über natür⸗ liche Schneebrücken wagen, unter denen Gebirgsbäche dahin rollten. Der eben ſo kühne, als kluge und beſonnene Harald wandte oft mit eigenem bedeutendem Ruſiko alle Gefahren von Madame Aſtrid und Suſanna ab. Auch war er nicht mehr ſo blaß. Die Anſtrengung und ein Fieber, das noch Niemand ahnte, ließ den ſchönſten Pur⸗ pur auf ſeinen Wangen flammen. Nachmittags nahte man ſich dem höchſten Punct des Gebirges. Hier waren zwei große Steinhaufen aufge⸗ thürmt in der Nähe eines kleinen Sees, genannt Skif⸗ teſiö, der ſelbſt im heißeſten Sommer mit nie ſchmelzen⸗ dem Eiſe bedeckt iſt. Von hier aus beginnen die Bäche nach Weſten zu ſtrömen und der Weg wieder abwärts zu gehen. In der Ferne zeigten ſich die Rieſengeſtalten des Vasfjern und Ishaugen nebſt mehreren andern hohen Schneebergen. Der Wind hatte ſich beinahe ganz gelegt, dagegen begann es ſtark zu ſchneien und trübe und bleiſchwer ſenkte ſich der Wolkenhimmel über die Häupter der Rei⸗ ſenden. „Wir müſſen eilen, eilen!“ ſagte der alte Hallingthäler, indem er ſich mit einem bedeutungsvollen Blick nach dem Zuge umſah, den er anführte,„ſonſt könnten wir leicht auf dem Gebirge eingeſchneit werden, wie es der ſeligen Köni⸗ gin Margarethe um ein Haar ergangen iſt, als. Er vollendete ſeine Rede nicht, denn auf einmal . en. e⸗ e⸗ cke en le, r⸗ jte r⸗ in ne le in = e= ſ⸗ 1⸗ he zu es n k, P f * ſtrauchelte ſein Pferd an einem ſteilen Abhang, ſtürzte zuſammen, und der alte Mann ſchlug mit dem Kopf heftig auf einen Stein, ſo daß er bewußtlos liegen blieb. Es dauerte eine gute Weile, bis man ihn wieder zum Leben brachte. Indeß war die Verletzung ſo bedeutend und der Greis durch den Sturz ſo irre geworden, daß er nicht mehr zum Führer taugte. Man mußte ihn zu ſeinem Enkel aufs Pferd ſetzen und der junge rüſtige Burſche nahm ſich ſeiner mit großer Zärtlichkeit an. Jetzt ſtellte ſich Harald an die Spitze des Zuges, aber wit jedem Augenblick wurde ſein Amt ſchwerer, denn der Schnee fiel immer dichter und die Luft verfin⸗ ſterte ſich dermaßen, daß er endlich die„tröſtenden Weg⸗ weiſer,“ die das einzige Heil der Reiſenden ſind, nicht mehr deutlich zu unterſcheiden vermochte. Man mußte oft große Winkel und Umwege machen, um wieder auf die rechte Spur zu kommen. Gleichwohl gelangte man glücklich in die Björöja⸗Senne, eine unbewohnte Hütte am Strande des breiten und reißenden Björöja⸗Fluſſes. Hier hielt die Karavane an, um ſich zu berathen. Die Björöja war ſo angeſchwollen und ſtrömte ſo heftig, daß die Unmöglichkeit überzuſetzen ſogleich ins Auge ſprang. Der alte Hallingthäler rieth zu einem Umweg, da man ganz in der Nähe der Storlieſenne und neben dem großen Waſſerfall gleichen Namens, deſſen Brauſen man auf eine halbe Meile hört, mit Sicherheit über den Fluß kommen könne. Zwar betrug dieſer Umweg mehr als eine Meile, allein was war zu thun? So ge⸗ fährlich es war, in dem Unwetter dieſe Reiſe fortzuſetzen, ſo ſchien es doch noch weit mißlicher, in dieſer Wüſte zu bleiben, wo der Schnee nicht ſelten mehrere Ellen hoch fällt. Gleichwohl zog der Alte das Letztere vor, denn er fühlte ſich außer Stands, länger zu Pferde zu ſitzen, und bat, man möchte ihn mit Mundvorrath auf einige Tage in der Hütte laſſen, dann hoffe er, daß das Schnee⸗ geſtöber aufhören und Thauwetter eintreten werde. Seinen Enkel wollte er durchaus nicht bei ſich behalten, allein 138 dieſer erklärte aufs Beſtimmteſte, er verlaſſe den alten Groß⸗ vater nicht, was die Andern eben ſo billig, als nothwendig fanden und ſofort die Beiden in Eile mit Allem verſahen, was ſie in ihrer winterlichen Abgeſchiedenheit bedürfen konnten. Auch ihre Pferde wurden mit Futter verſorgt und ſodann in die Hütte geführt. Suſanna verband den Kopf des Alten mis töchterlicher Fürſorge. Es lag ihr unendlich ſchwer auf dem Herzen, daß man ihn da laſſen ſollte.„Und wenn das Thanwetter nicht eintritt?“ fragte ſie.„Wenn jetzt der Schnee und der Winter auf einmal kommen, wenn du eingeſchneit wirſt und zu Tode frierſt?“ „Das iſt ſchon manchem beſſeren Kerl, als ich bin, paſſirt,“ antwortete der Alte ruhig.„Man kann doch nicht mehr als einmal ſterben und Gott iſt auch in der Wüſte zu Hauſe.— Wer ſein Vaterunſer recht betet, braucht ſich vor den Unterirdiſchen nicht zu fürchten. Mit mir altem Manne mag es gehen wie es will; meine beſte Zeit iſt jedenfalls vorüber;— es thut mir bloß um den Jungen da leid. Denke an ihn, wenn du wieder zu Menſchen kommſt.“ Suſanna war gerührt. Sie drückte einen Kuß auf die Stirne des Alten und eine warme Thräne fiel von ihrer Wange auf die ſeinige. Der Greis ſah ſie mit einem herzlichen, hellfunkelnden Blicke an und rief ihr nach: „Gottes Engel geleite dich!“ als ſie die Hütte verließ, um den Andern zu folgen. Wiederum ſetzte ſich der kleine Zug in Bewegung und ſchritt über Schneefelder, kahle Felſen und halb auf⸗ gethaute Moräſte. Der Schnee reichte den Pferven bis an die Beine und ſie gingen nur träge und gleichſam un⸗ willig weiter. Es wurde immer finſterer und finſterer. Nie⸗ mand ſprach ein Wort. So zogen ſie eine Stunde lang weiter. Mit großer Unruhe hatte Suſanna ſchon ſeit einer guten Weile zu bemerken geglaubt, daß Harald im Sat⸗ tel wanke, allein ſie ſuchte ſich zu überreden, es ſei dieß c—„—„ 139 nur eine optiſche Täuſchung, verurſacht durch den un⸗ gleichen Tritt des Pferdes und den tiefen Schneenebel, durch welchen ſie ihn ſah. Hatte doch Alles um ſie her ein ganz verwirrtes Ausſehen und erſchien ſchwebend und geſpenſterhaft. Ein dumpfer Schrei von Madame Aſtrid unterbrach das unheimliche Schweigen und— war dieß auch Täuſchung?— Haralds Pferd ſtand reiterlos ſtille. Leider war es nur allzu wirklich; er war von einem Schwin⸗ del erfaßt herabgeſunken. Lange hatte er ſchweigend die immer zunehmenden Schmerzen in Schulter und Bruſt ertragen und ſowohl ſich als den Andern den Fieberſchwin⸗ del zu verbergen geſucht, der ſeinen Kopf angriff. Auch jetzt, als er überwältigend geworden war, wollte er der Sache keine Bedeutung beilegen und machte mit Hülfe des Bauern mehrere Verſuche ſich wieder aufs Pferd zu ſetzen, aber vergebens! Er vermochte ſeinen fieberwilden Kopf nicht mehr in die Höhe zu halten. Im Schnee knieend und mit ſtummer Erbitterung lehnte er ſeine brennende Stirne an ein Felsſtück. „Alſo hier—— hier ſollen wir ſterben!“ ſagte Ma⸗ dame Aſtrid mit düſtrem Tone halblaut vor ſich hin— „und dieſe jungen Menſchen ſollen meinetwegen geopfert werden! Mein Schickſal bleibt ſich doch wenigſtens gleich.“ Jetzt trat ein Augenblick fürchterlicher Stille ein. Menſch und Thiere ſtanden unbeweglich und wie verſteinert da, während der Schnee über ſie herabſiel und ſie hier zu begraben drohte. Auf einmal erhob ſich eine klare, lebhafte Stimme und ſagte: „Ich ſehe dort eine Klippe, die gegen den Schnee Schutz gewährt. Dorthin müſſen wir ihn führen.“ Und Suſannä richtete Harald auf, faßte ihn beim Arme und ſchickte den Knecht voraus, um einen Weg durch den Schnee zu bahnen. Etwa vierzig Schritte von der Stelle, wo ſie ſich befanden, ſprang wirklich aus dem Boden ein gewölbtes Felsſtück hervor, unter welchem man Schutz 140 gegen den Schnee finden konnte, der ſich wie ein Wall um die offene Seite herum thürmte. „Stützen Sie ſich auf mich! Beſſer, beſſer! Fürch⸗ ten Sie Nichts, ich bin ſtark,“ ſagte Suſanna, indem ſie mit weichem, aber kräftigem Arme Harald umfaßte. Er ließ ſich führen wie ein Kind; er war zwar ſeiner Sinne nicht mehr recht mächtig, empfand aber doch ein gewiſſes Vergnügen dabei, ſich der Leitung dieſes jungen Mädchens zu überlaſſen, das mit ſo milder und ſo muthiger Stimme zu ihm ſprach. So bequem als möglich wurde Harald unter die ſchützende Steinplatte gelegt und Suſanna riß ſich den Shawl, den ſie unter ihrem Pelz trug, heraus, und machte ihn zu einem weichen Kopfkiſſen für den Kranken. „Ach das war gut!“ ſagte er leiſe und drückte ihre Hand, da er bei dieſer Lage eine Linderung verſpürte. Suſanna kehrte jetzt zu ihrer Gebieterin zurück. „Suſanna,“ ſagte dieſe,„ich möchte auch gerne da⸗ hin kommen, es ſieht aus, als ob man dort gut ruhen könnte—— aber ich bin ſo ſtarr, daß ich mich kaum rühren kann.“ Suſanna hob ſie vom Pferde und von ihr geführt und geſtützt nahte ſich auch Madame Aſtrid dem ſchützen⸗ den Gewölbe. Hier war im Vergleich zu dem offnen Felde eine beinahe laue Temperatur, denn die Bergwand und die Schneewälle hielten den kalten Wind vollſtändig ab. Su⸗ ſanna ſetzte ihre von Kälte und Müdigkeit beinahe erſtarrte Gebieterin ſanft nieder. Auch Suſanna war müde und fror, aber o welch einen Süden von Leben und Wärme vermag nicht die Liebe und ein kräftiger Wille in einem Menſchen hervor⸗ zurufen! Dieſe Kräfte waren es, welche jetzt die Pulſe des jungen Mädchens trieben und das Blut warm aus den Herzkammern bis in die Fingerſpitzen ſtrömen mach⸗ ten. Sie rieb die erſtarrten Glieder ihrer Gebieterin, erwärmte ſie mit Küſſen und Thränen, wärmte ſie an ſie Er Rne ſſes ens me die den und en. nd, ma dd⸗ hen um hrt en⸗ ine die u⸗ rte lch die or⸗ lſe tus ch⸗ in, ihrem klopfenden Herzen. Sie veranlaßte ſie, einen Schluck Wein zu trinken und bereitete auch für Haralds vertrocknete, lechzende Lippen einen wohlthätigen Labetrank aus Wein und Waſſer. Sie feuchtete ihr Taſchentuch mit Schnee und legte es ihm um die ſchmerzende Stirne. Beide be⸗ deckte ſie mit Mänteln und Decken, ſo daß ſie gegen die Kälte geſchützt waren. Hierauf ſtand ſie eine Weile ſchwei⸗ gend mit ſcharfem und ernſtem Blick da. Sie überlegte, was ferver zur Linderung und Rettung der Kranken zu thun ſei. Harald hatte ſich auf ſeinen geſunden Arm aufge⸗ richtet und ſah ſtille vor ſich nieder mit dem Schmerz, den eine männliche Natur empfindet, wenn ſie gezwungen wird einer ihrer edelſten Neigungen— dem Schutz und der Stütze der Schwächeren, ihr Anvertrauten, zu ent⸗ ſagen. Eine Thräne, die erſte, die Suſanna ihn weinen ſah, rann über ſeine Wangen. Madame Aſtrid ſah mit düſtrem Blick an dem grab⸗ ähnlichen Gewölbe hinauf. Suſannas Augen aber funkelten immer höher und klarer.„Hört, hört!“ ſagte ſie und lauſchte. Madame Aſtrid und Harald hefteten ſragende Blicke auf ſie. „Ich höre ein Geräuſch,“ fuhr Suſanna fort,„ein Geräuſche, wie von einem großen Waſſerfall.“ „Das iſt der Storliefall!“ rief Harald, einen Augen⸗ blick neu belebt;— aber was hilft es uns?“ fuhr er fort und ſank muthlos zurück—„wir ſind eine halbe Meile davon und koͤnnen ihn nicht erreichen.“ „Ja wir koͤnnen und werden ihn erreichen,“ ſagte Su⸗ ſanna mit feſter Ueberzeugung.„Muth, Muth, meine ge⸗ liebte Madame; ſeien Sie unbeſorgt, Herr Bergmann. Wir werden hinkommen, werden gerettet werden.“ „Und wie?“ ſagte Harald;„der Burſche draußen iſt ein dummer Teufel; er findet nie den Weg dahin.“ „Aber ich werde ihn finden, darauf können Sie ſich verlaſſen,“ rief Suſanna,„ich werde ihn finden und mit —— 142 Leuten und Hülfe zurückkommen. Geben Sie mir einige Kennzeichen vom rechten Wege an. Dieß und das Ge⸗ räuſch des Storliefalles ſollen mich leiten.“ „Es iſt vergebens, Sie werden ſich verirren und in der Kälte und dem Schnee umkommen.“ „Ich werde nicht umkommen. Ich bin ſtark. Nie⸗ mand ſoll mich hindern. Und wenn Sie mir den Weg nicht ſagen wollen, ſo ſuche ich ihn ſelbſt.“ Da Harald ihren Entſchluß ſo feſt ſah und ihr be⸗ geiſterter zuverſichtlicher Ton ihm ſelbſt eine Art Ver⸗ trauen einflößte, ſuchte er ihr die Gegenſtände zu bezeich⸗ nen, nach denen ſie ſich richten müſſe. Sie beſtanden in Felſen und Klippen, die ſie aber aller Wahrſcheinlichkeit hi im Schneegeſtöber und der Nacht nicht unterſcheiden onnte. Suſanna hörte ihm mit der größten Aufmerkſamkeit zu und ſagte dann lebhaft:„Jetzt weiß ich es. Ich werde den Weg finden. Gott behüte Sie! Bald bin ich mit Hülfe wieder hier.“ Als ſie ins Freie hinauskam, fand ſie, daß der Knecht in einem Branntweinkrug ſeinen Troſt ſuchte, die ver⸗ wahrlosten Pferde aber in muthloſer Betäubung verſun⸗ ken waren. Sie forderte ihn auf, für die Thiere zu ſor⸗ gen und empfahl ihm unter Drohungen und Verſprechungen an ſeine Herrſchaft zu denken und für ihre Sicherheit zu wachen. Sie ſelbſt reichte ihrem Pferde Futter und Waſ⸗ ſer, ſtreichelte und ſprach freundliche, aufmunternde Worte zu ihm. Sodann ſetzte ſie ſich hinauf, um ihre einſame gefährliche Fahrt zu beginnen. Nur mit großer Mühe gelang es ihr, das Pferd von ſeinen Kameraden zu tren⸗ nen und als es etwa zwanzig Schritte vorwärts gemacht hatte, blieb es ſtehen und wollte zu den andern zurück⸗ kehren. Dieſes Manöver erneuerte ſich mehreremale und endlich ließ ſich das Pferd weder durch Schläge noch Er⸗ mahnungen mehr zum Gehen bringen. Suſanna ſtieg erab und ließ es laufen. Ein paar Thränen drängten i. in ihre Augen, als das Thier ſie verließ und betend e⸗ rte me che en⸗ ck⸗ ind Fr⸗ ieg ten end erhob ſie die Hände zu dem, der allein hier das einſame ſchutzloſe Mädchen ſah. Hierauf ſetzte ſie ihren Weg zu Fuß fort. Beſonders lang war der Weg zwar nicht und ſeine Schwierigkeit beſtand nicht in der Länge; aber wer Su⸗ ſanna geſehen hätte, wie ſie ſich durch den tiefen Schnee arbeitete und bald über Felſen glimmen, bald über Moräſte wandern mußte, in denen ſie mit jedem Schritt verſinken konnte— der wäre gewiß über ihren Muth und ihre Stärke erſtaunt. Aber Gottes Engel, den der Alte ihr zum Ge⸗ leitsmann gewünſcht, ſchien bei ihr auf dem Wege zu ſein, denn das Schneegeſtöber nahm ab und von Zeit zu Zeit zuckte ein Mondsſtrahl hervor und zeigte ihr etwas von den Gegenſtänden, die Harald ihr als Merkmale beſchrieben hatte. Außerdem klang das zunehmende Geräuſche des Storliefalles wie die Poſaune der Auferſtehnng in ihren Ohren. Ein ſtarker Wille, das Aeußerſte zu verſuchen, und die heimliche Freude, ihre Liebe beweiſen zu können, ſollte es auch mit dem Verluſt ihres Lebens geſchehen, be⸗ flügelte ihre Schritte und ließ ihren Muth keinen Augen⸗ blick ſinken. So vergingen zwei Stunden. Endlich hörte Su⸗ ſanna das Waſſer unter ihren Füßen rauſchen. Sie glaubte in einen Abgrund hinabzuſtürzen, den rings um⸗ her war eitel Finſterniß und Schnee. Einen Augenblick ſtand ſie in der entſetzlichſten Rathloſigkeit da. Da trenn⸗ ten ſich die Wolken und ließen den Halbmond, als er ge⸗ rade hinter einem Berge untergehen wollte, in vollem Glanze hervorſtrahlen. Suſanna erblickte jetzt den Ab⸗ grund, an deſſen Rande ſie ſtand; ſie ſah die breiten Waſ⸗ ſermaſſen im Mondſcheine glänzen, ſah die Sennerhütte drunten!. Unter dem Steingewölbe, wo Madame Aſtrid und Harald ſich befanden, herrſchte nach Suſannas Entfer⸗ nung einen Augenblick ein tiefes unheimliches Schweigen. 144 Endlich wurde es von der Oberſtin unterbrochen, die in feierlichem Tone ſagte: „Ich habe eine Bitte an Sie, Harald.“ „Beſehlen Sie über mich,“ antwortete er.„Möchte ich Ihren Wunſch erfüllen können!“ „Wir ſcheinen Beide,“ begann Madame Aſtrid,„jetzt am Rande des Grabes zu ſtehen, aber Sie ſind jünger und kräftiger als ich, Sie werden, hoffe ich, gerettet wer⸗ den. Ich muß Ihnen einen wichtigen Auftrag anver⸗ trauen, Harald, und ich verlaſſe mich auf die Ehrenhaftig⸗ keit und das gute Herz, das ich an Ihnen kennen gelernt. vaß Sie ihn gewiſſenhaft ausführen, im Fall es mir ſelbſt nicht möglich iſt, und Sie, wie ich glauben will, mich überleben.“ Die Oberſtin hatte dieß mit feſter Stimme geſprochen, allein während der folgenden Erzählung wurde ſie oft von wechſelnden Gemüthsbewegungen erſchuttert. Sie ſprach haſtig und in kurzen abgebrochenen Sätzen wie folgt: „Ich habe eine Schweſter gehabt. Wie ich ſie liebte, kann ich nicht ausſprechen. So ernſten Gemüths ich war, ſo heiter und mild war ſie. Als ich heirathete, kam ſie in mein Haus. Aber da war kein Glück.—— Durch ihr Vermögen war meine Schweſter in den Stand geſetzt, der Neigung ihres Herzens zu folgen und ſie gab ihre Hand einem unbemittelten, aber liebenswürdigen jungen Manne, einem Lieutenant Wolf, mit dem ſie einige Mo⸗ nate der höchſten irdiſchen Glückſeligkeit verlebte. Doch ſollte dieſe Seligkeit nur kurz währen. Wolf kam bei einer Seeexpedition um und ſeine unglückliche Gattin erlag ihrem Grame. Sie ſtarb wenige Stunden nach ihrer Entbindung von einem Knaben, nachdem ſie das zarte Kind in meine Arme gelegt und mich feierlich gebeten hatte, ſeine Mutter zu ſein.“ „Und ich wurde dem Kinde Mutter. Ein eigener Sohn hätte mir nicht lieber ſein können. Ich war ſtolz auf den ſchönen lebhaften Knaben. Ich ſah eine ſchönere Zukunft in ihm.— Er ſollte die Iveale meiner Jugend N ————————————— —————————„ 3———„———— — er er⸗ er⸗ ig⸗ nt. bſt ich en, on ach te, ar, ſie rch tzt, hre gen Ro⸗ och ner em ing ine ter ner tolz tere end 145 verwirklichen, er ſollte. o! In meinem armen freude⸗ leeren Leben fühlte ich mich reich durch dieſen Knaben Aber der Mann, dem ich meine Hand gereicht, wollte es nicht dulden, daß mein Herz ſo ganz dem Kinde ge⸗ hören ſollte. Er warf einen Haß auf den armen Jungen und mein Leben wurde noch bitterer, als zuvor.— Eines Tages mußte ich zu einem kranken Verwandten reiſen. Ich wollte den ſiebenjährigen Knaben mitnehmen, denn ich hatte mich noch nie von ihm getrennt. Aber mein Mann wünſchte ihn bei ſich zu behalten, und gebrauchte die Toͤne der Zärtlichkeit, um mich zu überreden. Dieſen konnte ich nicht widerſtehen, und trotz der Bitten des Kleinen und einer Angſt, die mir bedeutungsſchwer er⸗ ſchien, ließ ich mein armes Kind zurück. Ich glaubte kräftig zu handeln und ich war bloß ſchwach. Ich hatte der Mutter des Knaben gelobt ihn zu ſchützen— ich wußte, daß ich ihn in harten, feindlichen Händen ließ und doch. Als ich nach einer Woche von mei⸗ ner Reiſe zurückkam, war das Kind— verſchwunden. Es ſei, erzählte man mir, eines Tages ausgegangen und nicht zurückgekommen. Man habe überall nach ihm ſu⸗ chen laſſen und endlich ſeinen kleinen Hut auf einer Klippe am Meeresufer gefunden;— ohne allen Zweifel ſei er hin⸗ abgeſtürzt. Ich fand meinen Mann damit beſchäftigt, ſich der Erbſchaft meiner Schweſter zu bemächtigen, die ihrem Teſtament gemäß, im Falle der Knabe ſterbe— uns zu⸗ ſiel. Von dieſem Augenblick an wurde meine Seele von einem ſchauderhaften Argwohn ergriffen.1.! Gott ſei ge⸗ lobt, daß er falſch war! Gott verzeihe mir, daß ich ihn je gehegt habe! Zwanzig Jahre hindurch hat er an meinem Gemüthe gezehrt; zwanzig Jahre lang hat er ein Blei⸗ gewicht an die Erfüllung meiner Pflichten gehängt. Alle meine Nachforſchungen waren vergebens; Niemand konnte beargwohnt werden, Niemand ſchien ſo gehandelt zu ha⸗ ben, als allein ein grauſames Schickſal. Es blieb dabei, der Knabe hatte Erlaubniß erhalten, auszugehen und zu Bremer, Streit und Friede. 10 —————— ſpielen, er hatte allein das Haus verlaſſen und ſeitdem hatte ihn Niemand mehr geſehen.“ „Zwanzig Jahre, lange, finſtre Jahre waren ſeit die⸗ ſer Stunde verfloſſen und die Hoffnung, die ſchwache Hoff⸗ nung, die ich zuweilen noch gehegt, mein geliebtes Kind wieder zu finden, war in meinem Herzen geſtorben. Mein Mann ſtarb, nachdem er mehrere Jahre hindurch in Folge eines Schlaganfalls ſeiner Leibes⸗ und Geiſteskräfte be⸗ raubt geweſen. Ich war frei, aber wofür ſollte ich leben? Ich hatte den Glauben an Alles verloren, was das Leben werth macht; ich ſtand einſam an der Schwelle des Al⸗ ters, nur von finſteren, bitteren Erinnerungen umgeben. So ſtand es noch vor wenigen Tagen um mich, als ich ein Schreiben vom gegenwärtigen Kommandanten in K. erhielt. In dieſem lag ein unverſiegelter Brief, von dem er mir meldete, man habe ihn in einem Schranke gefun⸗ den, in welchen mein Mann alte Briefe und Papiere ohne Werth und Bedeutung zu werfen pflegte.— Und dieſer Brief.„o wie hat er mein Herz und meine Zukunft verwandelt! Er war ganz unverkennbar kurz vor ſeinem ſchweren Anfall von meinem Manne geſchrieben und einige mit unſicherer Hand geſchriebene Worte ſagen mir, daß das vermißte Kind noch lebt und daß ich mich wegen wei⸗ terer Aufſchlüſſe an einem gewiſſen Sergeanten Rönn in Bergen zu wenden habe;— hier ſcheint der Brief in Folge eines plötzlichen Unwohlſeins abgebrochen. Ich war zufällig an dieſem Tage nicht zu Hauſe geweſen. Als ich zurücktehrte, fand ich meinen Mann ſprach⸗ und beinahe leblos. In Folge eifriger Bemühungen wurde er zwar ins Leben zurückgerufen, allein ſein Bewußtſein blieb dunkel und ver halbe Körper lahm; ſo lebte er noch mehrere Jahre. In einem lichten Augenblick, den er kurz vor ſeinem Tode hatte, wollte er mir, bin ich feſt überzeugt, das wahre Verhältniß mit dem Knaben, oder das Daſein des eben genannten Briefs noch zu wiſſen thun, allein der Tod hinderte ihn!... Wie der Brief unter die alten Papiere geworfen wurde, begreife ich nicht;— vielleicht em ie⸗ ind ein lge be⸗ n ben Al⸗ ich K. em un⸗ hne eſer nft em ige daß ei⸗ in in var ich ahe var nkel ere vor gt, ſein lein ten icht that es mein Mann ſelbſt während der Geiſtesverwirrung, unter welcher das Schreiben endigt— genug, die Hand der Vorſehung hat ihn vor Vernichtung bewahrt und in meine Hände geführt.. „Sie wiſſen jetzt die Veranlaſſung meiner plötzlichen Reiſe. Und ſollte ſie auch hier aufhören, ſollte ich mei⸗ nes Lebens höchſten Wunſch und letzte Hoffnung nicht er⸗ füllt, ſollte ich meiner Schweſter Sohn nicht wiederſehen und ſelbſt in ſeine Hände geben dürfen, was ihm mit Un⸗ recht entriſſen wurde, ſo hören Sie meinen Wunſch, meine feierliche Aufforderung. Suchen Sie, ſobald es Ihnen möglich iſt, in Bergen den eben genannten Mann auf, deſſen weitere Adreſſe Sie in dieſem Papiere finden wer⸗ den; ſagen Sie ihm, daß ich Sie in meiner letzten Stunde beauftragt habe, in meinem Namen zu handeln— ſparen Sie, wenn es nöthig iſt, weder Geld, noch Verſprechun⸗ gen, noch Drohungen— aber forſchen Sie aus, wo mei⸗ ner Schweſter Sohn ſich befindet. Und dann— gehen Sie zu ihm; Sie ihm meinen letzten liebevollen Gruß, übergeben Sie ihm dieſes; es iſt mein Teſtament und wird ihm zum Beſitz Alles deſſen verhelfen, was ich mein nenne, und was eigentlich bloß das Vermögen ſeiner Mutter iſt, denn mein eigenes iſt beinahe ganz zu Grunde gegangen. Sagen Sie ihm, daß der Gram um ihn mein Leben verzehrt hat, bitten Sie ihn, wenn er meiner noch in Liebe gedenke, ſo Alber mein Gott! was thun Sie? Warum faſſen Sie meine Hand ſo an.. Sie weinen!“ „Sagen Sie mir....A ſtammelte Harald mit einer von Bewegung beinahe erſtickten Stimme,„trug dieſes Kind ein kleines eiſernes Kreuz an einem Band um ſei⸗ nen Hals in der Mitte ein geflügelter Cherubs⸗ kopf „Ich nahm es von der Bruſt ſeiner Mutter und hing es an die ſeinige.“ „Und hier„ hier hängt es noch!“ rief Harald, indem er Madame Aſtrids Hand das an ſeinem Halſe 148 hängende Kreuz erfaſſen ließ.„Welche Erinnerungen er⸗ wachen jetzt in mir! Ja es muß ſo ſein! Ich kann nicht zweifeln.... Sie find die erſte Pflegerin meiner Kinder⸗ jahre, meiner Mutter Schweſter.“ Ein Ruf unbeſchreiblicher Bewegung unterbrach Ha⸗ ri„Gütiger Gott!“ rief Madame Aſtrid.„Sie wä⸗ „Ihr Schweſterſohn, das Kind, das Sie betrauert haben. In dieſem Augenblick erkenne ich mich ſelbſt und Sie wieder.“ „Und ich Ihre Stimme, Harald, iſt mir oft wunderbar bekannt vorgekommen.... in dieſem Augen⸗ blick meine ich Ihres Vaters Stimme wieder zu erkennen. Ach ſprechen Sie, ſprechen Sie, um Gotteswillen erklären Sie mir die Sache, machen Sie mich gewiß. Sie geben mir mehr als das Leben.“ „Was ſoll ich ſagen?—“ erwiederte Harald in heſ⸗ tiger Spannung und Unruhe—„Vieles iſt mir ſelbſt unklar, ja unbegreiflich. Aber Ihre Erzählung hat in vieſem Augenblick Erinnerungen und Eindrücke in mir hervorgerufen, die mich überzeugen, daß ich weder Sie, noch mich täuſche. Ich erinnere mich jetzt vollkommen Flar, wie ich als Kind eines Tags einen Hügel außerhalb der Feſtung im Handſchlitten herabfuhr und dann von dem mir bekannten Sergeanten Rönn(deſſen Name mir aber bis auf die Stunde gänzlich entfallen war) eingeladen wurde, in ſeinen Schlitten zu ſitzen und mit ihm eine Luſtfahrt zu machen. Ich ſtieg voll Vergnügen ein. Ich erinnere mich jetzt auch ſehr gut, daß mir mein Hut vom Winde genommen wurde, und daß ich ihn wieder holen wollte, was aber der Sergeant verhin⸗ perte, indem er mir einen Mantel umwarf und im ge⸗ ſtreckten Galopp davonfuhr. Die Luſtfahrt dauerte ſehr lang, aber von da an verdunkeln ſich meine Erinnerun⸗ gen und ich ſehe in dieſe Zeit, wie in eine finſtre Nacht, die nur dann und wann auf Augenblicke wie von einem Blitze erhellt wird. Ohne Zweifel verfiel ich damals in „—,—— ——————— — die ſchwere Krankheit, die lange Zeit meine Entwicklung hemmte. Es iſt mir noch wie ein Traum, daß ich zu meiner Mutter zurück wollte, daß aber der Sergeant mich zuerſt mit guten Worten, dann mit Drohungen zum Schweigen brachte. Auch deſſen erinnere ich mich ſchwach, daß ich mich eine Zeit lang in einem häßlichen, unangeneh⸗ men Hauſe befand, wo böſe Menſchen mir hart begeg⸗ neten und daß ich zu ſterben wünſchte.—— Nun aber fommt wie ein Sonnenſchein der Eindruck einer andern Heimath, mit klarem Himmel, reiner Luft, grünen Wie⸗ ſen, und freundlichen, milden Menſchen, die ſich mit unend⸗ licher Zärtlichkeit des kranken, ſchwachen Kindes annahmen, das ich damals war. Es war dieß die Heimath Alet⸗ tens, deren vortreffliche Eltern mich, nachdem ſie mich ins Leben zurückgerufen, adoptirten. Meine neuen Verhält⸗ niſſe wurden mir unendlich lieb, ich befand mich ſehr gut, meine Krankheit und lange Schwäche in Folge derſelben hatte die Erinnerungen des Vergangenen beinahe ganz in mir verwiſcht, ich hatte die Namen der Menſchen und Orte vergeſſen, nie aber vergaß ich die erſte mütterliche Pflegerin meiner Kinderjahre. Als ein ſchönes, heiliges Bild hat ſie mich durch das Leben begleitet, obgleich ſie ſich im Verlauf der Jahre in immer dichtere Schleier hüllte.“ „Als ich älter wurde, bat ich meinen Pflegvater um Aufklärung über die Art, wie ich in ſein Haus gekom⸗ men. Er erzählte mir nun, er habe eines Tages, als er Herrn K. in Chriſtianſand Geſchäfte halber beſuchte, ein äußerſt ſchwaches und bleiches Kind bei ihm geſehen, das im Sonnenſchein auf dem Boden ſaß. Das Kind fing an zu weinen, ſchwieg aber voll Schreck, als Herr K. es anſchrie und mit der„finſtern Kammer“ drohte. Empört über dieſes Verfahren fragte mein Wohlthäter, wem der Knabe gehöre, und erhielt zur Antwort, es ſei ein armes Kind ohne alle Verwandte, das er aus Barm⸗ herzigkeit aufgenommen habe. Alettens Vater beſchloß ſo⸗ gleich, das Kind um jeden Preis aus dieſem Hauſe zu 150 erlöſen und erbot ſich, den Knaben zu ſich zu nehmen, um die Wirkung der Landluft auf ſeine Geſundheit zu verſu⸗ chen. Auf dieſe Art kam ich in die Familie, die ich ſeit⸗ dem meine eigene nannte. Nähere Aufſchlüſſe über meine Eltern und über mein wahres Verhältniß zu Herrn K. konnte ich nicht erhalten. K. ſtarb vier Wochen nach mei⸗ ner Entfernung aus ſeinem Hauſe und ſeine Frau wußte von Allem, was mich berührte, Nichts, oder ſtellte ſich wenigſtens ſo.“ „Aber meine vortrefflichen Pflegeeltern ließen mich eigene Verwandte nie vermiſſen. Sie machten keinen Unterſchied zwiſchen mir und ihrem eigenen Kinde und Alette wurde mir die zärtlichſte beſte Schweſter. Der Tod entriß uns dieſe geliebte Stütze; vor zwei Jahren ſtarb Alettens Vater; ſie zog nun zu nahen Verwandten, um bald darauf einen Mann zu heirathen, den ſie ſchon lange liebt, und ich wollte durch Reiſen das Gefühl der Leere zer⸗ ſtreuen, das mir tief in die Seele ſchnitt. Da führte mich der Zufall, oder richtiger geſagt, die Vorſehung mit Ihnen zuſammen, Bewunderung und ein Intereſſe, deſſen Macht ich nicht beſchreiben kann, zog mich zu Ihnen;— viel⸗ leicht wirkten auch ohne mein Wiſſen dunkle, holde Er⸗ innerungen aus meiner Kindheit. So eben ſind ſie mir klar aufgegangen. Ich glaube mich wieder in die Kinder⸗ jahre verſetzt, da ich Sie Mutter nannte und bis zur Verehrung liebte, und jetzt....“ hier faßte Harald mit lei⸗ denſchaftlicher Zärtlichkeit Madame Aſtrids Hände, indem er ſtammelte:„Jetzt— was ſagt Ihr Herz dazu 2.. Können Sie dieſen dunklen Erinnerungen, dieſer Erzählung ohne allen Beweis glauben?— darf ich Sie wieder Mutter nennen? Können Sie, wollen Sie mich als Sohn annehmen?“ „Ob ich will 2... Siehe dieſe Freudenthränen! Ich habe ihrer nicht viel auf Erden vergoſſen. Ich kann nicht mehr zweifeln; ich glaube ich bin glücklich!. Du biſt meiner Schweſter Sohn, mein Kind ich habe dich wieder! Aber ach! habe ich dich nur wieder gefunden, 1 u d h 8 L 9 1 1 . — n b 8 er n h ht be um dich ſterben, hier um meinetwillen ſterben zu ſehen? Bin ich denn wirklich zu deinem Unglück geboren? O dieſe Stunde iſt bitter!“ „Aber auch ſüß!“ rief Harald mit Wärme,„wir haben einander wieder gefunden, wir ſind vereinigt!“ „Um zu ſterben!“ „Es iſt immer noch Rettung möglich!“. „Nur durch ein Wunder!“ Die Vorſehung läßt noch größere Wunder geſchehen! Wir haben ja ſo eben ein Beiſpiel davon erlebt,“ ſagte Harald in ſanft erinnerndem Tone. „Du haſt Recht, Harald, aber ich bin ſo unglücklich geweſen. Es wird mir ſchwer, an glückliche Wunder zu glauben. Jedenfalls ſei Gott geprieſen für dieſe Stunde und ſein Wille geſchehe.“ „Er geſchehe,“ wiederholte Harald leiſe, aber mit männlicher Faſſung. Beide ſchwiegen jetzt ermattet und rings umher war Alles in tiefe Finſterniß gehüllt, denn der Mond war untergegangen und der Schnee fiel in dich⸗ ten Flocken. Sie ſchienen lebendig begraben zu werden. Doch bereits nahte ſich das Wunder der Rettung. Sie ſahen Licht, ſie hörten Stimmen draußen in der Schneewüſte. „Suſanna!“ riefen Madame Aſtrid und Harald zü⸗ gleich,„Suſanna, unſer Rettungsengel!“ Und wirklich war es Suſanna, die mit einer brennen⸗ den Fackel in der Hand in das finſtere Gewölbe ſtürzte, das nun auf einmal von Millionen Diamanten ſtrahlte. Einige davon ſchimmerten in Menſchenaugen. „Gott ſei Dank, Sie find gerettet rief Suſanna. Hier ſind gute, ſtarke Leute, die uns helfen wollen. Aber wir müſſen uns beeilen. Der Schnee fällt dicht.“ Mehrere Bauern mit Fackeln und zwei Tragbahren er⸗ ſchienen jetzt. Madame Aſtrid und Harald wurden in dieſel⸗ ben gelegt und mit weichen Schaffellen zugedeckt.“ „Suſanna!“ ſagte Madame Aſtrid,„komm und ruhe hier an meiner Seite aus.“ — „Nein,“ ſagte Suſanna, ihre Fackel erhebend,„ich will vorausgehen und leuchten. Fürchten Sie nichts für mich, ich bin kräftig.“ Aber auf einmal kam ihr ein wunderliches Gefühl als wollte ihr Herz brechen, und ihre Kniee wankten. Noch ſtand ſie eine Weile aufrecht und wollte gehen, da war es ihr, als würde ihre Bruſt zuſammengezogen. Sie ſank auf ihre Kniee und die Fackel entfiel ihrer Hand. „Hulda!“ flüſterte ſie leiſe,„Hulda, mein Liebling, lebe wohl!“ „Suſanna! Großer Gott!“ riefen jetzt zwei Stimmen zugleich, und ſtark gemacht durch Schrecken und Angſt, . ſprangen Madame Aſtrid und Harald von ihren Bahren herab und umfaßten Suſanna. Sie ſank immer mehr und mehr zuſammen. Sie er— faßte die Hände ihrer beſorgten Freunde und ſagte mit gro⸗ ßer Anſtrengung und dem Tonè der innigſten Bitte: „Meine kleine Hulda! die Vaterloſe!... Mutterloſe! denkt an ſie!“ „Suſanna, mein gutes, liebes Kind!“ rief Madams Aſtrid,„du ſellſt, du darſſt jetzt nicht ſterben.“ Und zum egßen Mal fiel ein Strahl angſtvoller Liebe aus ihren ln Augen auf das ergebungsvolle junge Mädchen. Zum erſten Mal hatte ſich Suſanna eines ſolchen Bli⸗ ð zu erfreuen und ſie ſah ſo freudig auf, als ſchaute ſie in den geöffneten Himmel. „O Harald!“ ſagte jetzt Suſanna, indem ſie ihn mit unausſprechlicher Innigkeit und Klarheit anſah,„ich weiß, ich könnte Sie im Leben nicht glücklich machen, aber— ich danke Gott, daß ich für Sie ſterben darf. Se jetzt verſchmähen Sie meine Liebe nicht!. und ſie er⸗ faßte ſeine und der Oberſtin Hände, drückte ſie an ihre Bruſt und ſagte mit erlöſchender Stimme: willen.“ Eein leichtes Zittern durchflog ihren Körper, der Kopf ſank auf die Bruſt herab. Ohne ein Lebenszeichen wurde „Verzeihen Sie mir meine Fehler um meiner Liebe ℳ be — nu no — ——— — 153 Suſanna neben ihre Gebieterin gelegt, die ſie in ihren Armen hielt und das junge erblaßte Geſicht mit Thränen bedeckte. Das Erwachen. „Das Leben ſiegte, wie aus Grabesnacht Zu neuem Daſein bin ich aufgewacht Im Arm der Liebe, die mich treu gepflegt.“ Rein. Monate vergingen und das Leben war für Suſanna nur ein iiitit Traum. In den Phantaſien des Fieberwahns durchlebte ſie die Eindrücke der Gebirgsreiſe ih einmal und in noch ſchwärzeren Farben. Sie ſah die Unterirdiſchen in ſchrecklichen Geſtalten in der Schnee⸗ wüſte ſie umraſen; es war ihr, als wollten ſie Berge von Schnee und Eis über ſie zehſſen um ſie zu erſticken. Suſanna kämpfte mit verzweiſel ter inſtrengung gegen ſ denn ſie wußte, daß wenn ſie eilag, diejenigen Menſche die ſie liebte, ihren Schutz verloren und in die Gewalt der Unterirdiſchen fielen und deßhalb warf ſie den Kobol den jeden Schneehaufen, die ſie über ſie herſchleuderten, mit doppelter Heftigkeit zurück. Endlich begehrten die Unterirdiſchen zu parlamentiren und verſprachen ihr, wenn ſie gutwillig mit ihnen komme, ſo wollen ſie ihre Freunde in Ruhe laſſen und ſogar mit Glück und Reichthümern überhäufen. Da kämpfte Suſanna nicht knge und den ſchönen Himmel, die Erde mit ihren grünen Thä⸗ lern und den geliebten Menſchen, die ſie nicht mehr ſehen ſollte, beweinend, ließ ſie ſich ſtumm von den Kobolden in ihre unterirdiſchen Wohnungen führen und erduldete dort unſägliche Qualen. Doch war ſie froh, für die⸗ jenigen leiden zu können, die ſie liebte, und aus der fin⸗ ſtern, kalten Tiefe, wohin ſie verurtheilt war, ſandte ſie 154 die liebevollſten, rührendſten Abſchiedsgrüße an ihre Hulda, ihre Gebieterin, an Harald und Alette, wobei ſie mit⸗ unter unbewußt die ſtillen Kämpfe und Qualen ihres Her⸗ zens verrieth. Eines Tags war es ihr, als hätte ſie ſchon hundert Jahre in den Wohnungen der Unterirdiſchen gelebt und befände ſich jetzt in ihrer Kirche, denn ihre Zeit war ge⸗ kommen, daß ſie ſterben ſollte, und ſie wußte, daß der Tod ſie aus der Macht der Berggeiſter erlöste. Aber ſie konnte keine Freude darüber empfinden, ſo matt war ihr Herz, ſo ausgekühlt ihre Bruſt. Sie lag auf einem ſteinernen Boden ausgeſtreckt und über ihr wölbte ſich ein Dach von Eis. Es war ihr Grabgewölbe und hier ſollte ſie ſterben. Nach und nach kam eine Betäubung über alle ihre Gedanken und Gefühle, die Schmerzen wichen und ſie verfiel in einen tiefen, aber lieblichen und ruhigen Schlaf, wobei ſie das vollſtändige Bewußtſein behielt und der Tod ſchien ihr eine angenehme Ruhe zu ſein und ſie wünſchte nicht zu erwachen. Da kam es ihr auf einmal vor, als öffne ſich die Thüre des Grabgewölbes und ſie ſehe ein Licht, wie Sonnenſchein;—— es nahte ſich ihr Jemand und berührte ihre Lippen mit einer Flamme, einer Flamme wie der des Lebens. Da ſchlug ihr Herz ſtärker, das Blut ſtrömte warm durch ihre Adern, ſie blickte auf und ſah an ihrem Kopfkiſſen eine weibliche Ge⸗ ſtalt ſtehen, die ſich mit einem Blick voll Liebe und Zärt⸗ lichkeit über ſie hinneigte. Dieſen Blick, pieſen ſchönen belebenden Blick meinte Suſanna ſchon früher einmal ge⸗ ſehen zu haben und je länger ſie in das Geſicht der Ge⸗ ſtalt blickte, um ſo deutlicher glaubte ſie bekannte Züge wieder zu erkennen, die edlen geliebten Züge ihrer Ge⸗ bieterin. Aber ſie ſah jünger und ſchöner aus, als frü⸗ her. Zu ihren Füßen erblickte ſie Roſen und die Sonne ſchien darauf; Alles kam ihr ſo ſchön, ſo wunderbar vor, daß ſie unwillkürlich flüſterte: „Sind wir jetzt im Himmel?“ „Noch auf Erden,“ antwortete eine Stimme voll —— ——0 —,—— 1————— — in te er n n ie ge e⸗ ne * Zärtlichkeit;„du wirſt noch länger für diejenigen leben, die dich lieben.“ „Ach wer liebt wich?“ ſagte Suſanna ſchwach und muthlos. „Ich,“ antwortete die Stimme,„ich und mehrere. Aber ſei ruhig und ſtill— eine Mutter wacht über dich.“ Und Suſanna blieb ruhig und ſtill und überließ ſich in ihrer großen Schwäche mit dankbarer Hingebung der mütterlichen Pfiegerin. Madame Aſtrids Gegenwart, ſchon der Ton ihrer leiſen Schritte, ſchon der Anblick ihres Schattens flößte Suſanna wohlthuende Gefühle ein; Alles, was ſie durch ihre Hände empfing, war ihr angenehm und heilſam. Es entſtand zwiſchen Beiden ein Verhältniß voll lieblicher Innigkeit. Madame Aſtrid, die das junge Mäd⸗ chen unter ihren Händen gleichſam neugeboren werden ſah, faßte für ſie eine Zuneigung, die ſelbſt in eben dem Maße überraſchte, wie ſie Suſanna glücklich machte. Die ſtarke, geſunde Suſanna war ihr zu ferne geſtanden, die Schwache und in ihrer Schwäche ſo kindlich Liebende ſchlich ſich in ihr Herz und es war ihr dabei, als ob ihr Herz aufs Neue aufblühe. So wirkt alle ächte Zuneigung, alle reine Liebe und das in jedem Lebensalter, denn die Liebe iſt der Sommer des Herzens und des Lebens. Sobald Suſanna wieder zu Kräften und klarer Er⸗ innerung kam, bat ſie um Aufſchluß, wie es weiter auf der Gebirgsreiſe zugegangen ſei. Mit Verwunderung und Freude erfuhr ſie jetzt, daß Madame Aſtrid in Harald ih⸗ ren Schweſterſohn wieder gefunden habe und dadurch alles Dunkel aus ihrem Leben gewichen ſei. Durch den Sergeanten Rönn und die Nachforſchun⸗ gen, die in Folge ſeiner Ausſagen angeſtellt wurden, hatte man in kurzer Zeit vollkommene Klarheit über Haralds Kindheitsverhältniſſe erlangt. Man erfuhr, daß Herr K. ein Vertrauter des Ober⸗ ſten Hjielm und ſchlecht genug geweſen war, um für Geld auf alle ſeine Plane einzugehen und Harald zu ſich zu 156 nehmen, damit er allmälig ſeine früheren Verhältniſſe vergeſſen ſollte. Krankheit kam der harten Behandlung zu Hülfe und nach einem Aufenthalt von wenigen Mona⸗ ten in ſeinem Hauſe fand K. das arme Kind ſo abge⸗ ſtumpft, daß er ohne Furcht vor Entdeckung Herrn Berg⸗ manns Wunſch erfüllen und ihm das Kind überlaſſen zu können glaubte, deſſen täglicher Anblick ihm ohnehin Un⸗ bebagtn verurſachte. Doch wir kehren zur Gegenwart zurück. Harald war nach der Bergreiſe durch geſchickte ärzt⸗ liche Behandlung in Bergen bald wieder hergeſtellt wor⸗ den. Nachdem er Alettens Hochzeit angewohnt, hatte er eine Reiſe ins Ausland angetreten, wurde aber im Ver⸗ lauf des Sommers auf Semb zurückerwartet, wo er ſich niederlaſſen und bei der geliebten wiedergefundenen Tante bleiben ſollte. Der alte, ehrliche Hallingthäler Führer hatte ſeinen Tod im Gebirge gefunden. Sein Enkel weinte an ſeiner Leiche, ſelbſt halbtodt vor Kälte und Hunger, bis es Leu⸗ ten aus den Thälern, die Madame Aſtrid und Harald abgeſandt, gelang, durch die Schneemaſſen einen Weg nach der Björöja⸗Senne zu bahnen und ihn zu befreien. Suſanna widmete dem Alten eine aufrichtige Thräne, empfand aber ſelbſt ein heimliches Bedauern, daß ſie nicht auch geſtorben war, wie er. Sie blickte der Zu⸗ kunft mit Unruhe entgegen. Aber als ſie wieder auf ſein konnte, als Madame Aſtrid ſie mit ſich ausfahren ließ, als ſie die Frühlingsluft verſpürte und das Meer und den klaren Himmel über den hohen Gebirgen und die grünen Gärten zu den Füßen derſelben ſah, da er⸗ wachte in ihr wieder ein inniges Gefühl für die Schön⸗ heit der Erde und des Lebens. Mit Bewunderung und Freude betrachtete ſie die neuen Gegenſtände, die ſie umga⸗ ben, ſowohl die großartigen Naturgeſtalten, als das Le⸗ ben und die wechſelnden Scenen in der Stadt, denn Suſanna befand ſich jetzt in dem lebhaften, prächtig ge⸗ — W1— — — X 157 legenen Bergen, Norwegens größter Handelsſtadt und dem Geburtsort Hollbergs, Dahls, Ole Bulls. Indeß ſollte ſie ſich bald von allem dieſem und was noch härter war, von ihrer innig verehrten Gebieterin trennen; denn Suſanna hatte ſich feſt vorgenommen, Harald nicht wieder zu ſehen. Schamröthe bedeckte ihre Wangen, wenn ſie an das Bekenntniß im Gebirge zu⸗ rückdachte, als ſie zu ſterben glaubte, und ſie fühlte, daß ſie ihn nicht mehr ſehen, noch viel weniger aber in dem⸗ ſelben Hauſe mit ihm leben konnte, ohne die peinlichſte Verlegenheit auf beiden Seiten. Sie wollte daher nicht mehr nach Semb zurückkehren, ſondern ſo bald ihre Kräfte es geſtatteten, ſich von Bergen nach Schweden ein⸗ ſchiffen, in ihren Geburtsort zurückkehren und dort an ver Bruſt ihres kleinen Lieblings ihr eigenes Herz zu heilen und neue Kräfte zum Leben und Arbeiten zu ſammeln ſuchen. Aber es wurde der armen Suſanna nicht leicht, vor ihrer Gebieterin mit dieſem Entſchluß aufzutreten. Sie zitterte heftig dabei und vermochte ihre Thränen nicht zu⸗ rückzuhalten. Es war für ihre Gefühle zugleich beruhigend und ſtörend, als Madame Aſtrid, nachdem ſie ihren Vortrag ſtille angehört, mit großer Gelaſſenheit antwortete: „Es ſteht dir frei, Suſanna, zu handeln, wie du es für gut findeſt, aber ich reiſe erſt in drei oder vier Mo⸗ naten(denn ſo lange halten mich meine Geſchäfte hier noch auf) nach Semb zurück, und es wird mir ſchwer fallen, auf der Reiſe dich zu entbehren.“ „Alſo begleite ich Sie noch,“ antwortete Suſanna voll Freude, daß man ihrer bedurfte,„aber dann... „Dann,“ fuhr die Oberſtin fort,„wenn dn mich dann noch verlaſſen willſt, werde ich für deine ſichere Rückreiſe in dein Vaterland Sorge tragen.“ „Alſo noch einige Monate!“ dachte Suſanna mit wehmüthiger Freude. Und dieſe Monate waren ihr unausſprechlich ange⸗ 158 nehm und ſtärkend. Madame Aſtrid beſchäftigte ſich viel mit ihr und ſuchte in allerhand Stücken den Mängeln ihrer verwahrlosten Erziehung nachzuhelfen. Suſanna war aber auch eine gelehrige Schuͤlerin und ſchloß ſich inniger als je an ihre Gebieterin an, während dieſe mit jedem Tage mehr die Wahrheit des Satzes an ſich erfuhr: „Heilſam iſt der Athemzug der Jugend.“ Zu Anfang Juli reiste Madame Aſtrid mit Suſanna wieder über die Gebirge, die ſie das erſtemal mit dem Tode bedroht hatten: aber um dieſe Jahreszeit iſt die Reiſe nicht gefährlich, wiewohl immer ſehr mühſam. Die Oberſtin befand ſich die ganze Zeit über bei der heiterſten Laune und ſchien mit jedem Tag muntrer zu werden. Suſannas Stimmung dagegen wurde immer düſtrer. So⸗ ar Madame Aſtrids Heiterkeit trug dazu bei und ſie ſyue ſich jetzt unendlich einſam. Es war ein ſchöner Juliabend, als ſie ins Heimthal hinabkamen. Suſannas Herz ſchwoll vor Wehmuth beim Anblick der Orte und Gegenſtände, die ihr ſo theuer ge⸗ worden waren und von denen ſie bald auf immer ſcheiden ſollte. Sie waren ihr nie ſo entzückend vorgekommen. Sie ſah die Sonnenſtrahlen auf dem Kryſtallberg glänzen und erinnerte ſich der Sagen Haralds.— Sie erblickte den Eichenhain, wo Madame Aſtrid oft geſeſſen und die Wohlgerüche eingeſogen hatte, die Suſannas Hand ihr ſtille bereitet. Und die Quelle dort, wo die Silberwurz und die Marienmäntelchen wuchſen, die klare Quelle, wo ſie ſo manche frohen Stunden zugebracht; Suſanna dürſtete gleichſam nach ihr. Die Fenſter von Semb glänzten in den Strahlen der Sonne, das Haus ſchien illuminirt zu ſein;— dort hatte ſie gewirkt und geordnet; dort hatte ſie geliebt, dort hatten die Flammen des winterlichen Abendfeuers ſo klar zu Haralds Erzählungen geleuchtet; ſtille ſtiegen die Rauchſäulen aus den Hütten im Thale empor, wo ſie zu Hauſe war, wo ſie jedes Kind und jede Kuh kannte, wo ſie die Sorgen und Frenden kannte, die da wohnten und wo ſie Haralds Herz zum erſtenmal 5—½ — 8 — — — 8 159 recht kennen gelernt hatte— Harald und immer wieder Harald— immer trat ſein Bild vor ſie, als das Herz aller dieſer Erinnerungen. Aber jetzt—— jetzt ſollte ſie in Bälde alles dieſes, alles Schöne und Liebe ver⸗ laſſen. Sie kamen jetzt auf Semb an und wurden von Al⸗ fiero mit ſchallendem Freudengebell bewillkommt. Mit ei⸗ ner Thräne im Auge grüßte Suſanna alle Bekannten, ſo⸗ wohl Menſchen als Thiere. Die Fenſter in Madame Aſtrids Zimmer ſtanden offen und gewährten eine entzückende Ausſicht über das Thal mit ſeinem blauen Strome, ſeinen grünen Höhen und Abhängen und ſeiner friedlichen Kirchthurmſpitze im Hintergrund. Sie ſtand wie überraſcht von der Schön⸗ heit des Schauſpiels da und ihre Augen ſtrahlten, indem ſie rief: „Siehe, Suſanna, iſt unſer Thal nicht ſchön? Und muß es nicht ſchön ſein, hier zu leben, um Menſchen glücklich zu machen und ſelbſt glücklich zu ſein?“ Suſanna antwortete ein heftiges Ja und verließ ſchnell das Zimmer. Sie fühlte ſich dem Erſticken nahe und noch einmal ſtieg Barbara in ihr auf und ſprach alſo: „Schön? Ja für ſie! Sie denkt nicht an mich, ſie bekümmert ſich nicht im Mindeſten um mich! Und Ha⸗ rald eben ſo wenig. Die geringe Dienerin, deren ſie auf der Gebirgsreiſe bedurften, iſt ihnen im Thale überflüſſig. Sie mag ziehen, wohin ſie will; ſie ſind jetzt glücklich, ſie haben an ſich ſelbſt genug. Ob ich lebe oder ſterbe, ob ich unglücklich bin, das iſt ihnen ganz gleichgültig. Schon gut, ich werde ihnen nicht länger läſtig fallen. Ich will gehen, will weit, weit von hier gehen. Ich will mich nicht mehr um ſie bekümmern; ich will ſie vergeſſen, wie ſie mich vergeſſen.“ Aber Thränen floßen dabei unwillkührlich über Su⸗ ſannas Wangen, mit ihnen floß der Barbarazorn dahin und Sanng erwiederte; „Ja, ich werde gehen, aber nicht, ohne ſie zu ſegnen. Mögen ſie wieder eine eben ſo getreue, eben ſo ergebene Dienerin finden! Mögen Sie Suſanna nie vermiſſen! Und du, meine kleine Hulda, du mein Liebling, meine einzige Freude, bald komme ich zu dir. Ich werde dich in meine Arme nehmen und in einen ſtillen Winkel tra⸗ gen, wo ich ungeſtört für vich arbeiten kann. Ein Bis⸗ chen Brod und ein ſtilles Häuschen werde ich ſchon für uns beide finden. Und wenn mir das Herz wehe thut, ſo will ich dich an mich drücken, du kleines, liebliches Kind, und Gott danken, daß ich noch eine Seele auf habe, die ich lieben kann und die mich wieder iebt.“* Suſanna war eben mit dieſer Herzensergießung zu Ende, als ſie ſich an der Thüre ihres Zimmers befand. Sie öffnete ſie, trat hinein und blieb in ſtummer Ver⸗ wunderung ſtehen. Waren ihre Sinne noch verwirrt, oder erwachte ſie jetzt erſt aus jahrelangen Träumen?— Sie ſah ſich wieder in dem kleinen Stübchen, wo ſie ſo viele Jahre ihrer Jugend zugebracht, in dem Stübchen, das ſie ſich ſelbſt eingerichtet, bemalt und verziert und Harald ſo oft beſchrieben hatte;— und dort am Fenſter ſtand ja der kleinen Hulda Bett mit der blumigen Decke und dem blauen Mouſſelinvorhange! Dieſer Anblick trieb ibr das Blut heftig zum Herzen, außer ſich rief ſie: „Hulda! Meine kleine Hulda!“ „Da bin ich, Sanna! Da iſt deine kleine Hulda!“ antwortete eine fröhliche, klare Kinderſtimme, die Bettdecke bewegte ſich und ein engelſchönes Kinderköpfchen guckte unter derſelben hervor und zwei kleine weiße Aermchen ſtreckten ſich Suſanna entgegen. Mit einem Ruf beinahe wilder Freude ſtürzte Suſanna auf fie zu und ſchloß die kleine Schweſter in ihre Arme. Suſanna war bleich, ſie weinte und lachte, und wußte einen Augenblick nicht, was um. ſie herum vor⸗ ging. Aber als ſie ſich wieder faßte, fand ſie ſich auf Huidas Bett ſitzend, das Kind in ihre Arme geſchloſſen er⸗ 4 ſo en, ind ter cke ieb 3 1 1. ecke ckte hen ahe die und vor⸗ auf ſſen 161 und über das kleine, blondgelockte Köpſchen neigte ſich ein männliches Haupt mit dem Ausdruck tiefen Ernſtes und milder Rührung: „Liebe Hulda,“ ſagte Harald,„bitte Suſanna, daß ſie auch mich ein wenig liebe, und daß ſie mir nicht ab⸗ ſchlage, was du ſchon gewährt haſt;— bitte ſie, daß ich die kleine Hulda meine Tochter und deine Suſanna meine Suſanna nennen darf.“ „O ja, das mußt du Sanna!“ rief die kleine Hulda, indem ſie mit kindlicher Innigkeit ihre Arme um Suſan⸗ nas Hals ſchlang und eifrig fortfuhr:„O habe ihn lieb, Sanna. Er liebt dich ſo ſehr, er hat es mir ſchon oft geſagt und er hat mich ſelbſt hieher geführt, um dir eine Freude zu machen. Und ſiehſt du dieſes ſchöne Halsband da hat er mir geſchenkt und er hat mir verſprochen, mir im Winter ſo ſchöne Geſchichten zu erzählen. O er weiß ſo viele. Haſt du ſchon die von der Ryza im Juſtethal gehoͤrt, Sanna? Er hat ſie mir erzählt! Und von der braven Frau, die nach dem ſchwarzen Tode herumging und alle mutterloſen kleinen Kinder zu ſich nahm und ihre Mutter wurde? O Sanna! Habe ihn lieb und laß ihn meinen Vater werden.“ Suſanna ließ die kleine Schwätzerin fortfahren, ohne ein Wort ſprechen zu können. Sie verbarg ihr Geſicht an der Bruſt des Kindes und ſuchte ihre verwirrten Ge⸗ danken zu ſammeln. „Suſanna!“ bat Harald unruhig und innig.„Sieh mich an! Sage mir ein freundliches Wort!“ Da erhob Suſanna ihr brennendes und von Thrä⸗ nen gebadetes Geſicht und ſagte:„O wie kann ich Ihnen je danken?“ „Wie?“ ſagte Harald.„Dadurch, daß du mich glücklich machſt, Suſanna, dadurch, daß du meine Frau wirſt.“ Suſanna ſtand auf und erwiederte mit eben ſo viel Aufrichtigteit als Herzlichkeit:„Gott weiß am Beſten, wie glücklich ich mich ſchätzen würde, wenn ich glauben Bremer, Streit und Friede. 11 *— könnte, daß dieſe Worte in Ihrem eigenen und nicht bloß in meinem Intereſſe geſprochen würden. Aber ach, das fann ich nicht. Ich weiß, es iſt Ihr Edelmuth, Ihre Se „Edelmuth? Da bin ich ſehr edelmüthig gegen mich ſelbſt. Denn ich verſichere Sie, Suſanna, daß ich nie mehr an mein eigenes Beſtes gedacht habe, als in dieſem Augenblick und daß ich jetzt ſo durch und durch egoiſtiſch bin, als Sie nur wünſchen können.“ „Und Ihre Schweſter Alette,“ fuhr Suſanna mit niedergeſchlagenen Augen fort,„ich weiß, daß ſie es nicht wünſcht, mich Schweſter zu nennen kn „Und weil Alette einmal ſo thöricht geweſen iſt,“ ſagte jetzt eine freundliche Frauenzimmerſtimme,„ſo iſt ſie hier, um Abbitte zu thun.“ Und Alette umarmte herzlich vie verwunderte Suſanna, indem ſie fortfuhr:„O Suſan⸗ na! Ohne dich hätte ich keinen Bruder mehr. Ich kenne vich jetzt beſſer, auch habe ich in der Tiefe ſeines Herzens geleſen und weiß, daß er ohne dich nicht mehr glücklich werden kann. Deßhalb bitte ich dich, Suſanna, ich bitte dich herzlich, mache ihn glücklich. Werde ſeine Frau, Suſanna, und meine Schweſter.“ „Auch du, Alette,“ ſagte Suſanna tief aufgeregt, „auch du willſt mich durch freundliche Worte verlocken. Ach! könnten Sie mich vergeſſen machen, daß es meine Schwachheit iſt, daß ich es bin, die durch ihr Geſtändniß die Veranlaſſung gegeben hat... Aber das kann ich nie!— Und deßhalb kann ich Euch auch nicht glauben, Ihr guten, edlen Menſchen! Und deßhalb bitte und be⸗ chwöre ich Euch 4 „Was für ſchöne Reden werden da gehalten?“ ſiel jetzt eine ernſte Stimme ein und die Oberſtin ſtand mit⸗ ten unter der in Liebe ſtreitenden Gruppe und ſprach mit angenommener Strenge alſo:„Ich will nicht hof⸗ fen, daß meine jungen Verwandten da und meine Toch⸗ ter Suſanna ſich herausnehmen, hier wichtige Dinge abzuhandeln und zu beſchließen, ohne mich vorher um ——— 2 S F.=—— — —— 163 Rath zu fragen!— Ja ich merke au euren ſchuldigen Mienen, daß es ſich ſo verhält und deßhalb werde ich euch alle ſtrafen. Kein Wort mehr in der Sache, bevor acht Tage vergangen ſind, dann aber begehre und verlange ich, als Dame und Gebieterin des Hauſes, daß der Streit vor mir geführt wird und ich auch ein Wort darein zu ſprechen habe. Suſanna bleibt inzwiſchen hier in ſicherem Gewahrſam und ich will es ſelbſt auf mich nehmen, ſie zu bewachen. Glaubteſt du wirklich, Suſanna“— und Ma⸗ dame Aſtrids Stimme nahm hier die ſanfteſten Töne an, indem ſie das Mädchen in ihre Arme ſchloß—„glaubteſt du wirklich, daß ich dich ſo leicht von mir laſſen würde? Nein, nein, mein Kind. Darin haſt du dich betrogen. Und weil du unſer Leben gerettet haſt, mußt du jetzt ſelbſt unſere Leibeigene werden, du und deine kleine Hulda!— Aber der Tiſch iſt im Garten unter den Linden gedeckt; kommt, meine Kinder, und laßt uns dort Kräfte zu neuem Streit ſammeln.“ 164 Der letzte Streit. „Beſchwingliche Schaaren Fliehn aus dunktem Wald, linter ihnen fahren Stürme mit wilder Gewalt; Doch über ihnen blinken Sterne mild und winken Den Zug zu der Palmen Ruh.“ Velhaven. Cs gibt viel Kummer und viel Leiden auf Erden, es gibt Verbrechen und Krankheiten, man hört den Schrei der Verzweiflung und ſieht tiefe, lange, ſtille Qualen; ach wer zählt all das Elend der Menſchheit in ſeinen man⸗ nigfachen, zu Boden drückenden Fügungen? Aber Gott ſei Dank; es findet ſich auch ein Reichthum von Güte und Freude, man trifft auch edle Handlungen, erfüllte Hoffnungen, Augenblicke der Entzückung, Decennien er⸗ quicklichen Friedens, heitere Hochzeittage und ruhige, heitre Sterbelager. Drei Monate nach dem zuletzt erwähnten Streite wurde auf Semb im Heimthale einer dieſer heitern Hoch⸗ zeittage gefeiert, wo ſich die Sonnen der Natur und des Menſchenherzens vereinigen, um auf Erden ein Paradies hervorzuzaubern, das—— ſtets da zu finden iſt, obgleich häufig von unterirdiſchen Mächten verdeckt, gefeſſelt und verſperrt. Doch ſchimmern auf dem Antlitz der Gefallnen Der Himmelsabkunft hohe Spuren durch, Und Daphnes Herz ſchlägt unter harter Rinde. Es war ein Herbſttag, aber einer der Herbſttage, wo eine ſommerwarme Sonne und eine kryſtallreine Luft die Erde in ihrer ſchönſten Pracht vor dem azurblauen Auge des Himmels erſcheinen läßt, wo die Natur einer Novize gleicht, die ſich in dem Augenblick, da ſie im Begriff iſt, den Schleier zu nehmen und in ihr winter⸗ k—— S liches Grab hinabzuſteigen, noch am Köſtlichſten ſchmückt. Die Höhen des Thales glänzten im ſchönſten Farbenſpiel. Die dunkeln Föhren, die ſaftgrünen Tannen, die ver⸗ goldeten Birken, das Haſelgeſträuch mit dem bleichen Lanbe und der Vogelbeerbaum mit ſeinen rothen Trauben hingen in mannigfaltig wechſelnden Maſſen an den Abhängen, während die Heimthaler Elf, trunken von Himmelsfluthen, brauſender und mächtiger als je dahinſtrömte. Bunte Heer⸗ den, die fett und wohlgemuth von den Sennen herabka⸗ men, wanderten an ihren grünen Ufern. Die Glocken der Kapelle klangen fröhlich in die klare Luft, indeß die Kirch⸗ gänger auf geſchlängelten Fußwegen aus ihren Hütten dem Gotteshauſe zuſtrömten. Vom Strande bei Semb ſtieß jetzt eine kleine Flotte feſtlich geſchmückter Boote ab. Im vornehmſten derſelben ſaß unter einem Baldachin von Laub und Blumen die Herrin von Semb, aber nicht mehr die bleiche, gram⸗ gebeugte, deren Blicke das Grab zu ſuchen ſchienen. Eine neue Jugend ſchien um ihre Wangen zu ſpielen, auf ihren Lippen zu athmen, während die klaren Augen mit ſtillem Genuß bald auf die ſchöne Naturſcene um ſich her, bald auf ein noch ſchöneres Bild in ihrer Nähe — ein glückliches Menſchenpaar ſchauten. Neben ihr, mehr einem Engelein als einem Menſchenkinde gleich, ſaß die kleine Hulda, mit einem Kranz von Immergrün in ihren lichten Locken. Alle Blicke richteten ſich jedoch, wie es ſich gebührt, hauptſächlich auf Braut und Bräu⸗ tigam, denn beide waren in der That ſchoͤn und erfreu⸗ lich anzuſehen. Sie ſtrahlten von inniger Wonne. In einem nachfolgenden Boot bemerkte man einen kleinen Streit zwiſchen einer jungen Frau und ihrem Manne, welcher letztere ihr einen Mantel umhängen wollte, den ſie anzunehmen ſich weigerte. Man war indeß verſucht, auf die Seite des Mannes zu treten bei ſeiner zärtlichen Fürſorge für die junge Frau, die bald Mutter werden ſollte. Der Ausgang des Streits war, daß Alf über Alette den Sieg davon trug. In andern Booten fuhren 166 die andern Hochzeitgäſte. Die Ruderer trugen ſämmtlich Kränze um ihre gelben Strohhuͤte und ſo bewegte ſich der kleine Zug bei heiterer Muſik über den Fluß, der Kapelle zu. Die Kapelle war ein einfaches Gebäude, ohne andre Zierrathen, als ein ſchönes Altargemälde und eine Menge Blumen und grüne Zweige, womit man für die bevor⸗ ſtehende Feierlichkeit Bänke, Wände und den Fußboden geſchmückt hatte. Die Predigt war einfach und herzlich, der Geſang rein, mit einem Wort, kein mißtönender Eindruck ſtörte die Andacht, welche die ganze Anordnung eines norwegi⸗ ſchen Gottesdienſtes hervorzurufen und zu erhalten ſo ſehr geeignet iſt.*) Hier riefen Harald und Suſanna aus gläubigem, andächtigem Herzen den Himmel um Segen an für ihren innigen Vorſatz, einander getreulich zu lieben in Freud und Leid, und wurden vor der Verſammlung als ein Paar erklärt. Eine Maſſe Volks war in der Kirche erſchienen und als der Hochzeitzug ſeinen Rückweg antrat, ſchloſſen ſich ihm mehrere Boote an und begleiteten ihn uuter Geſang und Hurrahruf nach dem andern Ufer. Aber Suſanna fühlte ſich nicht ganz ruhig und glücklich, bevor ſie in Madame Aſtrids ſtillem Zimmer die Stirne, auf ihre Kniee gelegt und ihre mütterlich *) Der Gottesdienſt wird in Norwegen nicht, wie noch jetzt in Schweden, durch Einmiſchung weltlicher Angelegenhei⸗ ten geſtört. Nach der Predigt werden bloß einige kurze Gebete verleſen, worauf der Prieſter die Verſammlung mit denſelben Worten ſegnet, die ſchon vor Jahrtauſenden über die Wanderer in der Wüſte geſprochen wurden. Man weiß hier Nichts von der barbariſchen Sitte, Be⸗ kanntmachungen uber alle möglichen Dinge, Steckbriefe gegen Diebe, Anzeigen von geſtohlenen Gegenſtänden u. ſ. w. zu verleſen, was für die Kirchgänger, zumal aus der Nachbarſchaft, im höchſten Grade läſtig iſt und in kalten Wintertagen alle Andacht erfrieren macht. — — „ Herz war ſo von Dankbarkeit erfüllt, daß es brechen zu wollen ſchien. „Ich habe alſo eine Mutter!“ rief ſie,„indem ſie Madame Aſtrids Kniee umfaßte und mit der wärmſten Kindesliebe zu ihr hinaufblickte... ach ich bin glücklich, allzu glücklich! Gott hat mir, der Armen, Verlaſſenen eine Heimath, eine Mutter gegeben. „Und einen Mann dazu. Ich muß ſehr bitten, daß du ihn nicht vergiſſeſt. Er will auch dabei ſein!“ ſagte Harald, indem er ſie ſanft umfaßte und ebenfalls vor der mütterlichen Freundin die Kniee beugte. Madame Aſtrid ſchloß ſie Beide herzlich in ihre Arme und ſagte mit ſanfter, inniger Stimme, indem ſie mit ihnen ans Fenſter ging, von wo aus man das ſchöne Thäl in ſeiner ganzen Ausdehnung erblickte: „Wir beginnen heute ein neues Leben mit einander und wollen es zu einem glücklichen zu machen ſuchen. In dieſem Augenblick, da ich von euch, meine Kinder, umge⸗ ben daſtehe und in eine ſchöne Zukunft hinausblicke, glaube ich ſo gut einzuſehen, wie es werden kann. Wir haben hier keine Kunſiſchätze, nicht die wechſelnden Scenen des großen Weltlebens, um uns daran zu erfreuen und zu unterhalten, allein deſſen ungeachtet braucht unſer Leben nicht ermüdend und langweilig zu ſein. Wir haben den Himmel und wir haben— die Natur! Wir werden je⸗ nen in unſere Herzen herabrufen, dieſe um ihre ſtillen Wun⸗ der befragen und an ihrer Betrachtung unſer Herz erhe⸗ ben. Von den Flaminen unſeres ſtillen Herdes aus wol⸗ len wir manchmal die Bewegungen des großen Walddra⸗ mas betrachten, um ſodann deſto freudiger zu unſren eigenen fleinen Scenen zurückzukehren, wo jeder darauf denken ſoll, ſeine Rolle ſo gut als möglich durchzuführen. Und ich gelobe euch vor der Hand,“ fuhr die Oberſtin fort, indem ſie in einen ſcherzhaften Ton überging,„daß die meinige nicht darin beſtehen ſoll, ſo lange Reden an euch zu halten.“ ſegnenden Hände auf ihrem Haupt gefühlt hatte. Ihr 168 Harald und Suſanna vereinigten ſich, Madame Aſtrid zu verſichern, daß ſie unmöglich zu lange ſprechen könne. „Nun, nun,“ ſagte ſie freundlich,„wenn Ihr mitunter die Predigten der Alten anhören wollt, ſo wird ſie ſich dagegen oft bei Euch wieder verjüngen und mit euch und von euch lernen. Ich bin jetzt gleichſam neugierig auf die Natur und ſehne mich darnach, nähere Bekanntſchaft mit ihr zu machen. Der Gedanke an ſie wirft eine Art Früh⸗ lingsglanz über meinen Herbſt.“ Und gewiß,“ ſagte Harald,„wirkt der Umgang mit der Natur verjüngend und wohlthuend auf das menſchliche Herz. Ich gedenke immer mit Freude an die Worte Goe⸗ thes, die er in ſeinem achtzigſten Jahre ſagte, als er ein⸗ mal im Frühling ſonnenverbrannt und fröhlich von einem⸗ Aufenthalt auf dem Lande zurückkehrte:„Ich habe eine lange Unterredung mit den Weinranken gehabt, und ihr nicht, wie viel ſchone Sachen ſie mir erzählt haben.“ Iſt es nicht, als ſähe man hier ein neues goldenes Zeit⸗ alter hervorſchimmern, in welchem die Stimmen der Na⸗ tur dem Ohre des Menſchen verſtändlich werden und man aus dem Zwiegeſpräch mit ihnen höhere Weisheit und Lebensfrieden ſchöpft.“ „Unſere Weisheit,“ ſagte Madame Aſtrid, indem ſie ſich lächelnd umſah,„hat inzwiſchen Suſanna nicht ver⸗ hindert, klüger zu ſein, als wir, denn ſie hat an die Hoch⸗ zeitgäſte gedacht, während wir ſie vergaßen. Aber wir wollen ihr jetzt folgen. 4 Nach dem Hochzeitmahle, das durch Toaſte und Lie⸗ der und beſonders durch herzliche Munterkeit gewürzt wurde, zog ſich die Oberſtin auf ihr Zimmer zuruͤck und Alette übernahm jetzt die Rolle der Wirthin. An ihrem Schreibtiſch ſitzend, warf Madame Aſtrid mit belebtem Blick und in ſchnellen Zügen folgende Zeilen aufs Papier; —— ₰ —— — — 169 „Jetzt kommen Sie! Kommen Sie, mein väterli⸗ cher Freund, und ſehen Sie Ihre Wünſche, Ihre Pro⸗ phezeihungen erfüllt; kommen Sie und ſehen Sie Glück und unausſprechliche Dankbarkeit in dieſer Bruſt leben, die ſo lange ſelbſt der Hoffnung verſchloſſen war. Kom⸗ men Sie und empfangen Sie meine Reue über meine Kleinmüthigkeit, über mein Murren, kommen Sie und helfen Sie mir danken. Es verlangt mich, Ihnen münd⸗ lich zu ſagen, wie viel ſich in mir verändert hat, wie tauſend Keime des Lebens und der Freude, die ich todt geglaubt, jetzt in meiner verjüngten Seele aufſproſſen. Ich wundre mich täglich über die Gefühle, die Eindrücke, denen ich mich hingebe, ich erkenne mich kaum ſelbſt noch. O, mein Freund, wie recht hatten Sie zu ſagen:„Es iſt nie zu ſpät.“ „Ach, daß alle niedergevrückten, gebeugten Seelen mich hören könnten! Ich wollte ihnen zurufen:„Erhebet eure Häupter, glaubet noch an die Zukunft und glaubet nie, daß es zu ſpät ſei. Sehet, auch ich war von lan⸗ gem Leiden niedergebengt; die Tage des Alters hatten mich erreicht und ich glaubte, all meine Kraft ſei dahin, mein Leben, mein Leiden vergebens; und ſiehe da, mein Haupt ward aufgerichtet, mein Herz verſöhnt, meine Seele geſtärkt und jetzt in meinem fünfzigſten Jahre gehe ich einer neuen Zukunft entgegen, begleitet von Allem, was das Leben Schones und Liebenswürdiges hat!“ „Die Verwandlung in meiner Seele hat mich das Leben und das Leiden beſſer begreifen gelehrt und ich bin jetzt überzengt, man leidet nie vergebens und feine tugendhafte Bemühung bleibt unbelohnt. Mögen auch die Wintertage und Nächte das ausgeſtreute Korn unter ihre Schneenebel begraben; wenn der Früh⸗ ling kommt, wird man doch einſehen, daß viel Brod in der Winternacht wächst. Für meine Perſon hat es der Porſehung gefallen, den Schleier noch auf Erden zu lüften; manchen Andern wurde er erſt gelüftet, wenn ſeine Augen ſich geſchloſſen hatten; Alle aber werden 170 eines Tages ſehen, was ich jetzt ſehe und erkennen, was ich jetzt in Freude und Dankbarkeit erkenne.“ „Klar und hell liegt jetzt mein Weg vor mir. In Gemeinſchaft mit meinen vielgeliebten Kindern, mit mei⸗ nem Jugendlehrer und Freund, von dem ich hoffe, daß er den Abend ſeines Lebens in meinem Hauſe zubringen wird, werde ich dieſe Gegend in ein Thal des Friedens umſchaffen. Und wenn ich es und ſie verlaſſen muß, ſo möge mit der Erinnerung an mich Friede bei ihnen wei⸗ len. Und nun, du heranrückendes Alter, das bereits kühl meine Stirne angehaucht, du Winterdämmerung des Erdenlebens, worein meine Tage mehr und mehr verſinken, komm und ſei willkommen. Ich fürchte dich nicht mehr, denn es iſt licht und warm geworden in meinem Herzen. Auch unter den körperlichen Leiden und Schmerzen will ich den Werth des Lebens nicht mehr verkennen, ſondern mit offenem Blick für alles Gute auf Erden zu meinen Lieben ſagen: „Beklaget mich nicht, ich hab fröhlichen Muth, Da in meinem Herzen ein Himmel ruht.“ Als Madame Aſtrid ihre Feder niederlegte und das thränenhelle, ſtrahlende Auge aufſchlug, ſah ſie Harald und Suſanna Arm in Arm ins Thal hinabwandeln. Sie gingen fröhlich dahin, ſchienen aber gleichwohl mit einander zu ſtreiten. Es handelte ſich aber auch um eine höchſt wichtige Sache, nämlich darum, wer von ihnen von heute an das letzte Wort im Hauſe behalten ſollte. Harald behauptete, dieß ſei ſein ausſchließliches Recht, denn er ſei der Herr und Meiſter im Hauſe. Suſanna erklärte, ſie werde ſich um kein alt herkömmliches Recht bekümmern, ſondern gedenke, ſo oft ſie Recht habe, es auch aufs Aeußerſte zu vertheidigen. Inzwiſchen waren ſie unbemerkt an die Quelle, genannt Haderwaſſer, ge⸗ kommen, die ihren erſten Streit mit angeſehen hatte und jetzt, wie damals, von Tauben mit ſilberglänzenden Flü⸗ geln umkreist wurde. Hier ergriff Harald Suſannas c„—.————— t 5 d 8 Hand, führte ſie an den Rand des Waſſers und ſagte ſeierlich: „Liebe Frau! Ich habe bisher geſcherzt, jetzt aber iſt der Augenblick des Ernſtes gekommen. Unſere Vor⸗ fahren ſchwuren bei Leipters klarem Waſſer und ich ſchwore bei dieſem klaren Quell, wenn du mir künftig heftiger widerſprichſt, als mein Gemüth es ertragen kann, ſo werde ich dich zum Schweigen bringen, ja ſogar dazu zwingen und zwar auf dieſe Art.... Die Tauben ſetzten ſich wie von einer wunderbaren Sympathie angezogen plötzlich auf Schultern und Köpſe des jungen Paares. Aller Streit war verſtummt und man konnte das leiſe, ſpielende Murmeln der Quelle flüſtern hören: „Du himmelblaue Quelle, O ſprich, was ſah'ſt du eben?“ Antwort: „Zwei Streitende ſo ſelig Vereint ſich Küſſe geben.“ „Aha, hier haben wir ſie!“ rief eine muntere Stimme in geringer Entfernung von den Küſſenden.„Ich muß Euch nur ſagen, daß es gar nicht artig iſt, von ſeinen Gäſten wegzulaufen, um. 4 „Komm, Suſanna!“ ſagte Alette, indem ſie lächelnd den Redner unterbrach und den Arm der tief erröthen⸗ den Suſanna ergriff,„komm, wir wollen dieſe egoiſtiſchen Herren da verlaſſen, die immer nur wollen, daß man ſie bediene. Das thut ihnen ſo unendlich wohl. Wir wollen fortgehen und einander unſre innerſten Gedanken über ſie mittheilen.“ „Liebe Alette,“ ſagte Suſanna, ſehr dankbar, auf dieſe Art von Schwager Lerows Scherzen befreit zu werden,„wie glücklich macht es mich, dich ſo heiter und geſund zu ſehen, trotz deiner Ueberſiedlung in den Norden, den du ſo ſehr fürchteteſt.“ „Ach!“ ſagte Alette leiſe und innig, ein Mann wie mein Lerow vermag überall auf Erden Sonne und Se⸗ ligkeit aufblühen zu laſſen, aber——“ und hier zog ſich wieder der melancholiſche Zug über ihr Geſicht, allein ſie that ſich Gewalt an und fuhr heiter fort:„aber wir brauchen jetzt den guten Herrn keine Lobrede zu halten, zumal, da ich merke, daß ſie uns gerne belauſchen möch⸗ ten, und deßhalb(und hier ſteigerte Alette ihre Stimme bedeutend) deßhalb wollen wir, da wir meinen Mann ſo abgefertigt haben, auch dem deinigen die Nativität ſtellen, wie er es verdient. Hat er nicht entſetzlich viele Fehler? Iſt er nicht, unter uns geſagt, ein arger Egoiſt und Despot?“ „Das leugne ich!“ rief Harald, indem er hervor⸗ ſprang und ſich vor Suſanna ſtellte,„und du meine Frau, ſage anders, wenn du es— wagſt.“ „Wagen!“ rief Alette.„Sie muß es wagen, denn du bekräftigſt ja meine Worte durch dein Benehmen. Iſt er nicht ein Despot, Suſanna?“ „Bin ich ein Despot, Suſanna? Ich ſage tauſend⸗ mal nein. Was ſagſt Du?“ „Ich ſage— Nichts,“ antwortete Suſanna, errö⸗ thend, indem ſie mit einer anmuthigen Bewegung ſich näher an Alette anſchloß,„ober— ich denke, was ich will.“ „Es iſt doch gut,“ rief Harald,„daß ich ein Mittel aufgefunden habe, das letzte Wort zu behalten.“ „Haſt du das entdeckt, Schwager?“ ſagte Lerow la⸗ chend;„nun dieſe Entdeckung iſt wichtiger, als die des Kolumbus. Theile ſie mir nur auch mit.“ „Sie würde dir durchaus Nichts helfen,“ erklärte Alette, indem ſie mit ſcherzhaftem Trotz ihr Köpfchen gegen ihn wandte,„denn mein letztes Wort iſt jedenſalls ein ganz anderes, als das deinige.“ „Wie ſo?“ „Mein letztes Wort und mein letzter Gedanke iſt — Alf!“ „Alette, meine liebe Alette, warum dieſe Thräne?.. „Suſanna,“ flüſterte Harald,„ich will dir nur ſagen, vaß mein letztes Wort ſein wird— Suſanna.“ „Und das meinige— Harald.“ Suſanne ging jetzt wieder an Haralds, Alette an Alfs Arme. . „Nachdem wir am Schluſſe unſerer Erzählung ſo heitere Auftritte vorgeführt, ach warum müſſen wir noch ein Ereigniß tragiſcher Natur mittheilen? Aber ſo ge⸗ bietet das Schickſal und wir ſind gezwungen, zu erzählen, daß—— die graue und die weiße Gans— weine nicht empfindſamer Leſer— ſchon drei Wochen vor Suſanna's Hochzeit Behufs der Mäſtung eingeſperrt worden ſind und nachdem ſie ein Paar Tage vor derſelben ihr ſtreitvolles Leben geendigt, in einer leckern Sauce verzehrt wurden, zur Feier des Tages, der Haralds und Suſannas letzten Streit und den Anfang ihrer ewigen Vereinigung geſehen. Oſt ſtand Suſanna ſpäter während ihrer glücklichen Ehe an dem klaren Quell, umgeben von der gefiederten Schaar, die ſie fütterte, indem ſie zwei muntern braun⸗ äugigen Knäblein und einem blühenden jungen Mädchen — aus der Fülle eines glücklichen Herzens das Liedchen ſang: — M „Gibts auch nebenbei Eine Neckerei Wenn man nur einander liebt! Trüber Himmel auch Klärt ſich wieder auf; So iſt der Dinge Lauf. — 174 Wie ein Thier in Haft Wild empor ſich rafft, Kann das Herz oft ungebärdig ſein, Doch der Liebe Blick Führt es ſchnell zurück; Liebe wiegt es bald zur Ruhe ein.“*) ) Geijer. ——— * Uachſchrift. Geneigter Leſer, wenn du mit obigen Streitigkeiten zu einem glücklichen Ende gelangt biſt, läſſeſt du es dir gewiß nicht träumen, daß noch ein Streit bevorſteht und zwar—— zwiſchen dir und— mir. Aber dieß geſchieht ganz unfehlbar, wenn du, wie oft bisher, das, was ich Skizzen genannt habe, und was durchaus kei⸗ nen Anſpruch auf den ſtrengen Zuſammenhang und die planmäßige Entwicklung eines Romans macht, obgleich es allerdings zuſammenhängt, einen Roman nennſt. Willſt du es dagegen z. B. als Grashalme, oder Blu⸗ men auf einer Wieſe betrachten, die ſich auf verſchiedenen Stengeln im Winde ſchaukeln, aber ihre Wurzeln in demſelben Boden haben und ſich im Lichte einer gemein⸗ ſamen Sonne entwickeln, ſiehſt du, dann ſchließen wir Frieden und ich wünſche bloß, daß ſie deinem Herzen ein freundliches Wort zuflüſtern mögen über jenen Lichtpunkt, der ſich in jedem Zuſtande, in jedem Tropfen des Daſeins vorfindet, über den Frühling, der ſich für edle Seelen früher oder ſpäter aus der winterlichen Hülle entwickelt. 176 birgsreiſe oder auch auf der Wanderung im Lande der Sagen meine Wegweiſer waren, ſage ich hiemit meinen Dank und eben ſo von ganzem Herzen den vielen wohl⸗ wollenden und liebenswürdigen Menſchen, die ich in dem ſchönen Lande kennen gelernt habe, in deſſen Wäldern man ſo friſch und frei athmet, in deſſen gaſifreiem † Den norwegiſchen Schriftſtellern, die bei der Ge⸗ Schvoße auch ich einſt eine liebe und friedliche Heimath gefunden. Die Verfaſſerin. 1——