Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher u frarzöſiſcher Literatur Eduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und eſehebingungen 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeven Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.————— auf ² Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt. „ 5. Auswürtige Aonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. S Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der e zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattſinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir iehen⸗ dafür zu ſe haben. 2 3 ————* 4 N 5 1 „ Erzählung von Friederike Bremer. Aus dem Schwediſchen überſetzt von G. Fink. Stuttgart. Verlag der Slung. —— ——— Vorwort. Als die ſelige Demoiſelle Rönnqpist an der unſeligen Cholera in den letzten Zügen darniederlag, erhielt ich von ihr ein Packet nebſt folgenden Zeilen: „Da du die beſte Freundin biſt, die ich auf Erden beſeſſen, ſo überſende ich dir einige Notizen, die ich über eine Familie entworfen habe, in welcher ich den beſten Theil meines Lebens zugebracht. Sie können mit einiger Ausarbeitung eine Fortſetzung meiner„Töchter des Präſidenten“ bilden. Wenn du findeſt, daß dieſe Papiere einiges Leſenswerthe enthalten, ſo bin ich überzeugt, daß du dich der Mühe unterziehen wirſt, ſie zu ordnen und zu einem Ganzen zuſammenzuſtellen. Mit dem Alter der handelnden Perſonen, mit der Zeit, in welche die Begebenheiten fallen, ſo wie mit den lokalen Verhältniſſen kannſt du ganz nach Belieben ſchalten und dich dabei der⸗ ſelben Freiheit bedienen, wie ich. Dieß Alles iſt von geringer Bedeutung bei einem Büchlein, das ſich blos mit der Geſchichte des Herzens beſchäftigt. Gerne überlaſſe ich dir die Ausführung meines ſchwa⸗ chen Entwurfes. Du wirſt ſie gewiß beſſer zu Stande bringen, als ich ſelbſt— denn du biſt älter und das Leben iſt eine Lehre, eine Schule, wo jedes weitere Jahr den Uebergang in eine höhere Klaſſe mit ſich bringt. Auch ich gehe jetzt höher hinauf⸗ zuſteigen, gehe zu lernen, wiewohl vielleicht nicht mehr zu ſchreiben. Lebe wohl bis— zu meinem lichteren Morgen! „Deine Emma.“ Ich habe gethan, was Emma Rönnqvist wünſchte; wie?— darüber magſt du, mein Leſer, urtheilen. Sieh einmal her! „Und wer iſt die Ich?“ könnteſt du fragen: Geneigter Leſer, ich bin— wenn du gut biſt— und beſonders wenn du unglücklich biſt— von ganzem Herzen Deine Dienerin. Früher war das Unglück gro ber, jetzt iſt es gefühlvoller Art. Ehrenſvärd. Das Leben iſt die Entwicklung eines herrlichen Alte Bekannte. „Seid ihr jetzt Alle verſammelt hier?“ Bellman. Wir treten in ein Zimmer, wo weiche Sophas, ſchöne Teppiche, helle Spiegel, reich drapirte Fenſter u. ſ. w. das Gemälde von„Cymfort“ bilden, welches der große Künſtler der Jetzzeit, genannt Nutzen, vorzugsweiſe auszuarbeiten ſtrebt. Den etwas erhitzten Kopf über ein Schachbrett geneigt, ſitzt auf dem Sopha der wohlconſer⸗ virte Präſident, nunmehr Ercellenz G. Vor ihm erblicken wir ſeine Tochter Edla, beſchäftigt, ſich von ihrem Vater matt machen zu laſſen, theils weil ſie ihm bereits ein Spiel abgewonnen hat, theils weil Se. Ercellenz ſich im Augenblick nicht in der allerbeſten Laune befindet. Doch auf einmal nehmen ſowohl Spiel als Laune des Präſi⸗ denten eine erfreuliche Wendung. „Die Königin, meine Edla,“ bemerkte er,„iſt eine koſtbare Figur. Ohne ſie kein Leben im Spiel. Du wirſt indeß entſchuldigen, wenn ich dir die deinige nehme, um Schach und matt zu ſagen.“ „Matt? Ja, ohne Rettung verloren,“ rief Edla. „Das war wirklich ein vortreffliches Manöver. Wie ein⸗ fältig meine Läufer daſtehen!“ Se. Excellenz rümpfte die Naſe, ſchnaubte und konnte ums Leben ein herzliches Lachen über die beſtürzte Miene ſeiner Tochter nicht unterdrücken, worauf er ſehr freund⸗ lich ſagte: „Mein gutes Kind, wenn du nicht gar zu ſchachmatt biſt, ſo gib mir jetzt eine Taſſe Thee.“ „Sogleich,“ ſagte Edla mit froher Bereitwilligkeit. Der Präſident ſtreckte ſich wohlbehaglich auf dem Sopha. 10 In einiger Entfernung von ihnen erblicken wir am Fenſter eine andere Gruppe. Eine ſehr ſchöne junge Dame iſt beſchäftigt, einige friſche Blumen abzuzeichnen, die vor ihr in einem Glaſe ſtehen. Eine andere nicht junge und noch weniger ſchöne Dame, aber mit äußerſt gewählter Toilette, ſitzt neben ihr und ſtickt eine Hirtin in Tapiſſerie. Vor ihnen, das große ſcharfe Auge unabläſſig auf das Madonnengeſicht der Jüngeren geheftet, ſteht ein ſtattli⸗ cher, vornehm ausſehender Mann. Der Präſident— ich kann es mir nicht abgewöhnen, ihn ſo zu nennen— war nach dem Schach und Thee in eine heitere Stimmung gerathen; mit einiger Bewegung betrachtete er die Gruppe am Fenſter, und ſagte zu Edla: „Man muß geſtehen, ein ſchöneres Paar als Nina und Graf Ludwig läßt ſich kaum denken. Es thut Einem in der Seele wohl, ſie nur anzuſehen. Wenn ich daran denke, daß Nina mich gewiß in Bälde verlaſſen wird, und daß auch du, meine beſte Edla, bald einen Gatten glücklich machen dürfteſt, ſo fühle ich. „Was mich betrifft, ſo ift davon gar keine Rede, mein guter Vater. Ich wünſche meine Stellung im Le⸗ ben nicht zu verändern. Ich befinde mich glücklich und werde Sie nie verlaſſen.“ „Nein,“ ſagte der Präſident,„das kann ich unmög⸗ lich zugeben. Ich kann es nicht dulden, daß du dich ſo ganz für mich aufopferſt. Nein, mein Kind, ſo glücklich deine Zärtlichkeit mich gemacht hat, ſo glücklich ſie mich noch jetzt macht und, zu jeder Zeit machen würde— ſo darf ich dich doch nicht verhindern, deinem Berufe zu fol⸗ gen. Auch ich auch ich werde.. „Mein guter, mein beſter Vater,“ unterbrach ihn Edla zärtlich gerührt,„ſprechen Sie nicht davon. Ich verſichere Sie, daß ich nur dem Rufe meines Herzens folge, wenn ich in meiner gegenwärtigen glücklichen Stel⸗ lung zu bleiben wünſche. Ich ſuche weder, noch könnte ich irgendwo ein für meine Gemüthsart paſſenderes Glück finden, als mir im Hauſe meines Vaters zu Theil wird.“. „Du biſt die beſte Tochter— allein in dieſem Hauſe können Veränderungen vorgehen. hm Nina wird vermuthlich bald heirathen— und ich und ich und mein beſtes Kind, eine ſolche Partie, wie der Profeſ⸗ ſor A., ein ſo reicher, ſo gelehrter, ſo angeſehener Mann und ſo verliebt in dich, kommt nicht alle Tage. Wahrhaftig, ich glaube, du thuſt unrecht, ſeine Hand aus⸗ zuſchlagen.“ „Ich ſchätze A. von ganzem Herzen,“ ſagte Edla, „er wird jederzeit mein Freund, mein beſter Freund blei⸗ ben; allein eine nähere Verbindung mit ihm würde mich nicht glückilch machen. A. thut mir oft recht weh. Seine Zweifelkrankheit— denn ſo kann man ſein beinahe eigen⸗ finniges Zweifeln über die wichtigſten und höchſten Inter⸗ eſſen der Menſchheit wohl nennen— hat etwas unend⸗ lich Peinliches. Ich habe ihm ſo manche Aufklärung, ſo manche nützliche Lehre zu verdanken; allein er hat auch manche Unruhe, manche Qual in meiner Seele hervorge⸗ rufen. Sein grübelnder, unruhiger, widerſpruchsvoller Geiſt ſtört die Ruhe meiner Seele und ich habe oft ganze Tage lang ſchwere Mühe gehabt, den Eindruck zu über⸗ winden, den ein Geſpräch von einer Stunde mit ihm auf mein Gemüth hervorbrachte.“ „Aber, mein beſtes Kind, dieß wird vergehen, ſobald du ihn alle Tage und alle Stunden ſehen kannſt. Du mit deinen Kenntniſſen und deiner feſten Ueberzeugung wirſt ihn leicht von ſeinen irrthümlichen Ideen abbringen. Du wirſt ihn bekehren, wirſt ihn zum Proſelyten machen.“ „Ach, Vater,“ ſagte Edla ſeufzend und zugleich lä⸗ chelnd,„dieſe Arbeit geht weit über meine Kräfte. Ueber⸗ dies fürchte ich, daß man einen Zweifler an Gott und Unſterblichkeit ſchwerlich durch Vernunftgründe zum Glau⸗ ben führen wird. A. bedarf einer Frau, die durch ihre ſchöne Seele, ihre Frömmigkeit und ihre Liebe ihm ein lebendiges Gefühl der Wahrheit einflößt, die zu erfaſſen —— ſein Verſtand ſich weigert. Sie darf nicht mit ihm dis⸗ putiren, aber ihr inniger Glaube wird ſich ihm unwill⸗ kürlich mittheilen. Er wird den Himmel durch ihren Blick ſehen. Ich weiß, daß ich nicht bin und nicht habe, was A. bedarf. Ich würde ihn nicht glücklich machen können.“ „Nun gut, wenn alſo von A. keine Rede ſein kann, ſo haben wir noch den Staatsrath P. in Betracht zu ziehen, der ſich gewiß nächſter Tage erklären wird. Er hat bereits mit mir in den hoͤchſten Lobeserhebungen von dir geſprochen. Erſt kürzlich hat er ſich ein Haus in der Koniginſtraße gekauft und er verſteht dich zu ſchätzen.“ „Ich bin ihm ſehr verbunden für ſeine gute Meinung, glaube aber nicht, daß er dabei Heirathsgedanken hat; uberdieß koͤnnte ich ihm noch weniger meine Hand geben, als dem Profeſſor A.“ „Höre, meine beſte Edla, mein gutes Kind, ich ſehe wohl, wie das Alles kommt. Du kannſt nicht an ſie den⸗ ken, weil du zu viel an mich denkſt. Aber ich verſichere dich, daß ich Kraft zu entbehren habe— überdies habe ich gedacht. ja mein Kind, um deinetwillen, um dir vollkommene Freiheit zu geben, habe ich ſelbſt ich bin zwar nicht mehr jung und das Grab „Ach Vater, liebſter Vater, ſprechen Sie nicht da⸗ von!“ bat Edla mit Wärme, indem ſie ſeine Hand zwi⸗ ſchen die ihrigen nahm.„Sie ſind noch in Ihren beſten Jahren und werden noch lange für das Glück Ihrer Kin⸗ der leben. Was mich betrifft, ſo kann ich bloß wiever⸗ derholen, daß ich mich in meiner gegenwärtigen Lage viel zu glücklich befinde, um irgend eine andere wünſchen zu kön⸗ nen. In meinen Jahren trennt man ſich nicht ſo leicht von alten lieben Gewohnheiten. Sie, mein Vater, und die ſtillen Beſchäftigungen, an die ich mich ſchon lange gewöhnt, erfüllen Alles, was meine Seele bedarf. Laſſen Sie mich hoffen, mein beſter Vater ſagen Sie mir, daß es nicht Unzufriedenheit mit mir iſt, was Sie veran⸗ laßt, mir heute das Heirathen anzuempfehlen.“ „Nein, mein Gott, nein! Wie du auch ſo ſprechen 13 magſt! Wie könnte ich mit dir unzufrieden ſein, Edla? Nun gut,“ fuhr er mit einem Ausdruck fort, in welchem ſich Zufriedenheit und Mißmuth ſtritt,„es mag alſo da⸗ bei ſein Bewenden haben. Ich denke bloß, ee ſei Schade um die vortrefflichen Männer, und auch um dich, denn man mag ſagen, was man will, der Menſch iſt nun ein⸗ mal dazu geſchaffen, in der Ehe zu leben. Inzwiſchen fürchte ich, du moͤchteſt in Zukunft Langeweile bekommen, wenn Nina verheirathet iſt. Ich habe gedacht, du würdeſt vielleicht gerne eine angenehme Geſellſchaft deines Ge⸗ ſchlechts haben, und um Deinetwillen„ wäre ich wohl geneigt„ Der Präſident hielt inne. Edla wurde aufmerkſam, allein jede weitere Mittheilung unterbrach die Anmeldung des Staatsrath P., dem der Präſident mit großer Artig⸗ keit entgegenging und ihn auf's allerfreundlichſte willkom⸗ men hieß. Der Staatsrath war ein heiterer und redſeli⸗ ger Mann. Er ſprach mit dem Präſidenten, aber mit deut⸗ licher Abſicht auf Edla, deren Miene und Blicke er ſehr oft beobachtete. Ueberhaupt gab er durch ſein ganzes Be⸗ nehmen gegen ſie ſtarken Anlaß zu glauben, daß er die Abſicht hegte, ihr ſein Haus und ſich ſelbſt anzubieten. Wir wollen jetzt einen Beſuch am Fenſter abſtatten und hören, was dort vor ſich geht. Die Baronin Alexandrine, ein Bischen beſchränkt, ein Bischen eingebildet und ein Bischen naſeweis, mit ei⸗ nem Wort, eine etwas mittelmäßige Perſon, ſtellt einige mittelmäßige Betrachtungen an über Zeichen der Zeit und über die Richtung, Alles aufrühren und nichts in Ruhe laſſen zu wollen. Ihr Vetter, Graf Ludwig, ein Bischen ſtolz und ein Bischen kurz angebunden gegen ſie, antwortet darauf ent⸗ weder vornehm und abweiſend, oder auch gar nicht. „Die Herren,“ ſagte Alexandrine mit einer zucker⸗ ſüßen Stimme,“ wollen immer zerſtören und herrſchen, und kehren dabei oft das Oberſte zu unterſt. Sie ent⸗ zünden blutige Kriege, bloß um ihren Ehrgeiz zu befrie⸗ digen, und denken wenig an all das Elend, daß ſie ver⸗ urſachen, oder an uns arme Frauenzimmer, die vor Jam⸗ mer und Angſt vergehen moͤchten.“ „Wenn ein mächtiger Wille ſich einen Weg bohnt,“ antwortete Graf Ludwig,„ſo müſſen kleinliche Rückſichten weichen, und es ſteht einem Helden, der für das Wohl von Millionen ſtreitet, nicht an, nach dem Miauen eini⸗ ger Katzen oder dem Geſchrei einiger Weiber zu fragen.“ „Mein Gott, Vetter Ludwig, wie mögen Sie ſo ſprechen! Nina, was ſagſt du dazu?“ „Ich glaube, er hat Recht,“ erwiederte Nina mit ſchüchterner, melodiſcher Stimme, aber.. „Nun, aber. „Aber— es hätte beſſer geſagt werden können!“ fuhr Nina tief erröthend fort. Auch Graf Ludwig erröthete flüchtig, indem er ſagte: „Sie, Fräulein Nina, gehören nicht zu den Weibern, für welche dieſer Ausdruck gilt. Sie wiſſen ohne Zweifel, man ſich dem Nothwendigen mit Ruhe unterwerfen muß.“ „Ich weiß nicht„ich fürchte, ich bin ſo ſchwach, wie jede andere,— und die Nothwendigkeit des Kriegs erſcheint mir bitter. Warum ſoll er überhaupt eine Noth⸗ wendigkeit ſein? Warum ſoll es Unterdrücker und Unter⸗ drückte geben?“ „Weil es der Welt Lauf ſo iſt,“ erwiederte Graf Ludwig kalt,„und wir ihn nicht ändern können.“ „Wenn man doch wenigſtens mit den Türken Krieg führte!“ ſagte Alerandrine,„Dieſe ſind ein garſtiges Volk, das man aus Europa vertreiben ſollte. Ihre heil⸗ loſe Religion erlaubt ihnen, ein Frauenzimmer, das einen Fehltritt begeht, zu erſäufen. Hu! Nina, haſt du die Anekdote im letzten Modejournal geleſen?— Sie hat mir meine ganze Nachtruhe geraubt.“ „Gefällt Ihnen vielleicht die Humanität und Frei⸗ heit in den Sitten beſſer, wie ſie unter Orleans und zu Ludwigs XIV. Zeiten im allerchriſtlichſten Frankreich — 8—„ e———„b—— ———— e— .0 15 herrſchte?“ ſagte Graf Ludwig mit bitterem, ironiſchem Lächeln.„Ich geſtehe, daß ich es hierin lieber mit den Türken halten möchte.“ Nina, an welche Alexandrine auf's Neue appellirte, äußerte ſich nicht weiter darüber. Sie fragte ſich in der Stille, ob es wohl keinen Mittelweg gebe zwiſchen Schlaff⸗ heit und Grauſamkeit, und Graf Ludwigs Ausdrücke und Worte verurſachten ihr, wie häufig ein Gefühl der Nie⸗ dergeſchlagenheit. Es kamen noch mehr Gäſte. Man bat Nina zu fingen. Sie that es ſogleich und ihre ſchwache, aber un⸗ beſchreiblich liebliche Stimme erweckte eine unwillkürliche Rührung bei den Zuhörern, ſo daß einer von ihnen ſagte: „Fräulein Nina hat eine Thräne in ihrer Stimme.“ Und wirklich paßte dieſer Ausdruck auf ihre ganze Erſcheinung, welche lieblich, aber wehmüthig war und an ein überirdiſches, aber aus ſeiner himmliſchen Heimath verbanntes Weſen denken ließ; d. h. diejenigen, die einen Duft von Poeſie in ſich hatten, dachten ſo, und wir be⸗ kennen, daß einer von den Herrn in der Geſellſchaft, bei welchem das Körperliche vorſchlug, ſie bloß zart oder zärtlich fand, womit er wohlmeinend ſeine Anſicht über ihre Geſundheit ausſprach. Als jedoch Nina einige Worte mit ihm ſprach, ſah er unwillkürlich ganz glücklich und entzückt aus. Im nebrigen ſchien ſich Nina gerne und leicht nach den Wünſchen Aller zu fügen: man hätte fra⸗ gen mögen, ob ſie denn auch einen eigenen Willen beſitze und um ihrer ſelbſt willen da ſei. Als der Eindruck des Geſangs verklungen war und die Geſellſchaft ihre gewöhnliche Stimmung wieder ge⸗ funden hatte, entſpannen ſich Geſpräche und hald auch leb⸗ hafte Erörterungen über Staatsangelegenheiten. Edvla ſchwieg, wie gewöhnlich, allein während fie ihr Ohr mit Intereſſe den Disputirenden lieh, folgten ihre Blicke mit mütterlicher Unruhe Nina. Als die Stimmen lauter und der Lärm im Zimmer größer wurde, ſah ſie dieſelbe auf einmal erbleichen, und ihren Kopf gegen die Wand lehnen. Edla war ſogleich an ihrer Seite und flüſterte: „Biſt du müde?“ „Ja,“ war Ninas matte Antwort; Edla nahm ſchweigend ihren Arm und entfernte ſich mit ihr. Sie kam bald zur Geſellſchaft zurück, allein nur mit der hal⸗ ben Seele, die andere Hälfte weilte bei Nina. Graf Lud⸗ wig näherte ſich ihr und fragte mißmuthig: „Was war das wieder?“ „Eine Schwäche;— ſie iſt nicht gewöhnt, unter ſo vielen Leuten zu ſein, ſie kann das Geräuſch ſo vieler Stimmen noch nicht ertragen.“ „Aber glauben ſie nicht, daß Einbildung einen gro⸗ ßen Theil an dieſen nervöſen Zuſtänden hat und daß eini⸗ ger Zwang heilſam wäre? Daß man fie varan gewoͤh⸗ nen ſollte, ſich zu überwinden?“ „Nein— Nina bedarf keines Zwanges. Sie iſt zu wahr, zu einfach, um ſich etwas über ſich und ihre Ge⸗ fühle einzubilden; zu gut, um ſie nicht überwinden zu wollen, wenn ſie könnte, zumal, da ſie Andern damit Freude machte. Die Zeit, Geduld, eine zärtliche und kluge Behandlung werden ſicher, wenn auch langſam wirken.“ „Sie verſtehen es am Beſten,“ ſagte Graf Ludwig, „allein ich fürchte.„ „Was, was?“ „Daß Sie durch gar zu große Nachgiebigkeit Nina ihr Leben verträumen laſſen. Ohne Anſtrengung gewinnt man keine Kraft, ſich ſelbſt zu überwinden. Ich fürchte, Sie verweichlichen Nina.“ Graf Ludwigs Worte gingen Edla zu Herzen; kein Vorwurf hätte ihr ſchmerzlicher ſein können, und der Ein⸗ vruck davon machte vielleicht, daß ſich einige Strenge der Unruhe beimiſchte, womit ſie, nachdem die Gäſte alle ſich entfernt hatten, Nina wieder aufſuchte. Nina hatte ihr reiches, lichtes Haar aufgelost, ſchien aber zu vergeſſen, es für die Nacht zu ordnen. Sie hatte das Geſicht in ihre Hände gelehnt und die Ellenbogen auf übe lan Se Die Her ſchr auf forſ lich klan blic Ge Fre ihre eine We woll Wo ſtalt ich Kla Lebe weg heiß See kina innt hte, kein Fin⸗ der ſich hien Sie gen 17 auf den Tiſch geſtützt. Ihr Haar floß in reichen Wogen über die feingerundeten, ſchneeweißen Arme. So ſaß ſie lange, mehr träumend als nachdenkend, und halberſückte Seufzer hoben ihre Bruſt. Ihr Anblick rührte Edla. Die Strenge ſchmolz in ihrem Herzen. Nina merkte ihr Hereinkommen nicht, aber eine Hand, welche leicht und ſchmeichelnd über ihren Kopf hinſtrich, veranlaßte ſie, aufzuſchauen und ihre Augen begegneten Edlas freundlich forſchendem Blicke. Es lag etwas ungewöhnlich Zärt⸗ liches in ihrem Ausdruck, und in Ninas Bruſt war eine Saite, die bei der geringſten freundlichen Berührung er⸗ klang. Sie ließ ihren Kopf auf Edlas Arm ruhen, und blickte zu ihr auf mit ihrem engelſchönen, aber blaſſen Geſichte, worin ſich Vertrauen und eine Art wehmüthiger Freude ſpiegelte. „So in Gedanken und warum?“ fragte Edla und ihre ruhige Stimme, ihr klares beſtimmtes Weſen bildete einen merkwürdigen Contraſt zu dem in Lieblichkeit und Wehmuth beinahe aufgelöſten Weſen Ninas. „Ich weiß ſelbſt nicht,“ antwortete Nina—„ich wollte, du erklärteſt mir das. Es iſt mir, als zögen Wolken über meine Seele herauf. Sie beunruhigen mich.“ „Und dieſe Wolken, haben ſie eine beſtimmte Ge⸗ ſtalt, eine Bedeutung?“ „Nein, wenigſtens keine klare, aber ſie kommen oft; ich moͤchte ſie durchdringen können— ſie verhüllen eine Klarheit die ich ahne. Ach Edla, ſage mir, was iſt das Leben? was heißt Leben?“ Edla zog ihren Arm ſanft unter Ninas Kopf hin⸗ weg und ſetzte ſich ſtille zu ihr. „Das Leben, mein gutes Kind, iſt ein Kampf. Leben heißt, ſeine Kraft, ſeine Güte entwickeln.“ „Aber das Glück, Edla, was iſt Glück?“ „Sich ſelbſt beſitzen— Frieden und Freiheit der Seele.“ „Aber, Edla, was iſt Genuß, was iſt Freude? Wie empfindet man ſie, woher kommt ſie? Ich verſpüre mit⸗ Bremer, Rina. 2 unter eine Art Durſt darnach und weiß doch nicht, was es iſt. Ich möchte das Leben leicht fühlen, ich möchte gern glücklich ſein.“ „Werde gut, werde klar,“ ſagte Edla mit Innigkeit. „Glücklich, glücklich! Wenn ich die Vögelein ſingen hore, ſo fühle ich, daß ſie voll Freude find. Ich habe vas Geſicht der Menſchen leuchten geſehen, wie einen ſeli⸗ gen Tag, ich habe junge Mädchen voll Lachen und Scherz geſehen; ſie ſind glücklich, ſie fühlen das Leben leicht. Ich möchte auch ſo fühlen wie ſie.“ „Das iſt nicht ſchwer, Nina— aber es gibt noch etwas Höheres als dieſes Glück, Etwas, wodurch es leicht entbehrlich wird. Willſt du dieſem da gleichen?“ Edla zeigte hiebei auf ein Bild des verſuchten Erlöſers, in dem Augenblick, wo er mit ſtiller und erhabener Faſſung die Freuden der Erde von ſich weist. Nina betrachtete lange das herrliche Bild.„Das iſt groß,“ ſagte ſie—„ja, das iſt mehr als Freude und Glück, oder vielleicht iſt dies gerade das Glück des Star⸗ ken. Aber Edla die Kraft iſt ungleich, der Genuß auch; gibt es nicht auch noch manches weniger erhabene und doch gute, doch unſchuldige Glück?“ „Ich weiß keines, Nina, das des beſſeren Menſchen würdig wäre, außer dasjenige, welches in der Tugend, in der thätigen Liebe gegen den Nächſten, im Streben nach Erkenntniß und Güte liegt.“ Nina legte den Kopf in ihre Hand und eine Wolke der Wehmuth lagerte ſich über ihr ſchoͤnes Geſicht.„Ich muß ſehr ſchwach ſein, Edla,“ ſagte ſie.„Ich fühle die Kraft, von der du ſprichſt und die du beſitzeſt, nicht in mir. Ich bewundere und liebe ſie— aber warum ſehne ich mich heimlich mehr nach frohem Lebensgenuß, als nach Tugend und Vollkommenheit? Evla, meine zweite Mutter! verſtehſt Du mich?“ „Ja— und es gab eine Zeit, wo ich ebenſo fühlte, wie du,— aber dieß iſt eine traurige Schwachheit. Ich habe ſie überwunden.“ 19 „Edla! Du haſt ſo fühlen können und ſo überwun⸗ den! Du biſt ſo ruhig und ſtark! Wie überwindet man ſeine Schwachheit, Edla 2“ „Dadurch, daß man ſich recht innig an ein ſtärkeres, ein hoheres Leben anſchließt— an Goit oder an einen kraftvollen und klaren Menſchen.“ „Edla, behalte mich lieb! Laß mich immer bei dir bleiben. Ich werde mich dann nie unglücklich fühlen; ich werde dann ſtärker werden, ich werde werden, wie du mich haben willſt.“ Evla verbarg die Rührung, womit ſie dieſe Worte hörte und ſagte:„Ich glaube, Nina, daß du bald eine beſſere Stütze, als mich, bekommen wirſt, eine, an deren Seite du nützlicher für deine Mitmenſchen wirken kannſt. Graf Ludwig liebt dich..“ Ein leichter Schauder durchzuckte Nina. Edla be⸗ merkte es und ſagte mit Unruhe:„Du haſt doch wohl keinen Widerwillen gegen ihn, Nina?“ „Nein, aber er iſt ſo ſtreng, ſo kalt, ich empfinde etwas wie Angſt vor ihm.“ „Streng, kalt!“ wiederholte Edla.„Meine beſte Nina, in unſerer weichlichen Zeit ſcheint Jeder leicht ſo, der einen entſchiedenen und kraftvollen Willen hat und ſich nicht nach den Launen Anderer fügt. Was ich fürchte, was mir von ganzem Herzen zuwider iſt, iſt eben die Schwachheit und Schlaffheit, die in ſo vielen Gemüthern herrſcht; jene Dämmerung in den Seelen, welche macht, daß man nicht weiß, was man will, daß man nur für Augenblicke wirkt, daß man Alles nur halb, nur ſchwach, nur unvollkommen thut daß das ganze Leben zum Schattenſpiel herabfinkt. Wie ganz anders iſt nicht Graf Ludwig— wie feſt, wie klar, wie geordnet ſein Wirken! Ich kenne Ludwig ſeit ſeiner Kindheit und ich weiß keinen beſſern, keinen edlern Menſchen. Allein das Leben war rauh für ihn; die ſchmerzlichſten Erfahrungen haben ſein Herz verwundet und Etwas, wie Bitterkeit, in ſein Gemüth geworfen. Er verdient es wohl, daß eine ſanfte, liebenswürdige Frau ihn mit dem Leben ver⸗ ſohnt und ihn die Menſchen lieben lehrt, für deren Wohl er indeß beſtändig arbeitet. Will meine Nina nicht ſein guter Engel werden?“ „Ich will, was du willſt, Edla,“ ſagte Nina, indem ſie mit ihren Lippen der Schweſter Arm berührte.„Er⸗ p zähle mir von ihm, daß ich ihn lieben muß. O wenn er unglücklich, wenn er einſam geweſen iſt, wenn er von nie⸗ mand geliebt wurde und Niemand hatte, den er lieben konnte, ſo will ich ihm meine Zärtlichkeit ſchenken und Alles, was in meinen Kräften ſteht, thun, um ihn glück⸗ lich zu machen.“ Edla ſchlang gerührt ihre Arme um die zarte Schweſter; als ſie aber das Zittern ſpürte, das bei Nina ſo leicht auf zärtliche Anſtrengungen des Gefühls folgte, ſo zog ſie ſich zurück und ſagte, indem ſie ſich ruhig neben ſie ſeste:„Ich will dir ſagen, was ich von Graf Ludwigs Leben weiß. Er kann es nicht übel nehmen und er bedarf„ und verdient eine Freundin, die beſſer, als er ſelbſt könnte, bei dir für ihn ſpricht. Du weißt, daß er der älteſte Sohn einer der reichſten und vornehmſten Familien 2 unſeres Landes iſt. Pracht, aber keine Freude, keine Zärt⸗ lichkeit umgab ſeine Wiege. Beinahe von der Stunde ſeiner Geburt an war er von ſeiner Mutter nicht gut ge⸗ u litten. Sein elterliches Haus war für ihn freudlos und unglücklich. Eitelkeit, Sittenloſigkeit und ein launiſcher Deſpotismus herrſchten darin nebſt all' den Widerwärtig⸗ keiten, die ihr Gefolge bilden. Seine Eltern waren ein⸗ 5 ander zur Plage und rächten ſich dafür an dem Kinde Ludwig. Gewalt und Ungerechtigkeit waren ſeine erſten Erfahrungen im Leben. Aber mitten unter dieſen Bei⸗ 4 ſpielen erbärmlicher Schlaffheit, mitten unter dieſem grau⸗ ſamen Drucke ſtählte ſich Herz und Gemüth des herrlichen 5 Knaben. Er fing frühzeitig an, Wahrheit und Ordnung k zu lieben. Er befeſtigte ſich in einer Richtung die Allem, was er um ſich ſah, geradezu entgegengeſetzt war, und S wurde er dadurch zu ve rſchloſſen und ſtreng, ſo geſchah 21 es, weil er ganz einſam, mitten unter Verführungen ſtand. Aber bald ſtand er nicht mehr einſam da; er gewann einen Freund, arm und von niedrigem Stande, gegen den aber die Natur freigebig geweſen war und der milder, als Ludwig, voch ſtark und warm, wie er, die Tugend zu lieben ſchien. Ludwig erblickte in ihm ein überlegenes Weſen und gab ſich ihm mit ganzer Seele und ganzem Herzen hin.“ „Graf Ludwig hatte einen jüngern Bruder. Dieſer wurde durch die Härte des Vaters ſowohl in ſeiner gei⸗ ſtigen, als körperlichen Entwicklung beeinträchtigt. Er hatte auch eine kleine Schweſter und der mannhofte Knabe ward bald der Beſchützer des zarten, ſchönen Kindes. Er ſaß neben der Wiege der Schweſter, küßte ihre kleinen Füße und jagte die Fliegen weg, die ihren Schlaf ſtör⸗ ten. Es war ſeinem Herzen Bedürfniß, zu lieben. Als ſie heranwuchs, ſuchte er ſie gegen die Eltern zu be⸗ ſchützen, deren Zärtlichkeit und Härte gleich tyranniſch und launenhaft war. Die Mutter ſtarb und Graf Ludwig mußte auf Befehl ſeines Vaters zur Vollendung ſeiner Erziehung eine Reiſe durch Europa machen. Er war in Verzweiflung, ſeine Schweſter in einem Augenblick ver⸗ laſſen zu müſſen, da ſie eines ſtützenden Freundes am meiſten bedurfte, und um ſowohl ihr, als ſeinem unglück⸗ lichen Bruder einen Beſchützer und eine Stütze zu geben, führte er den obenerwähnten Freund in der Eigenſchaft eines Lehrers für den Bruder in ſeines Vaters Haus ein. Seine Charakterfeſtigkeit, ſeine glücklichen geſelligen Ga⸗ ben und ſeine ungewöhnlichen Liebenswürdigkeiten ſollten, hoffte Ludwig, eben ſo günſtig auf ſeinen Vater, als auf ſeine Geſchwiſter einwirken, und er überließ das Theuerſte, was er auf Erden beſaß, der Obhut ſeines Freundes.“ Nach einem Jahr kam er zurück— und ſeine geliebte Schweſter war verführt, aus dem Vaterhauſe geraubt und das Opfer eines ſchauerlichen Todes geworden. Sein Vater lag von Verräthershand gefährlich ver⸗ wundet auf dem Krankenbett, und der, der dies Alles ge⸗ than, der Verführer, der Mörder und noch obendrein der niedrige Räuber einer anſehnlichen Geldſumme war— ſein Freund; der Freund, den er ſo zärtlich geliebt, an den er mehr geglaubt hatte, als an ſich ſelbſt! Ach Nina! Es gehört keine geringe Kraft, keine geringe Tugend dazu, nach ſolchen Erfahrungen noch feſt im Guten zu bleiben, noch für das Wohl der Menſchheit zu arbeiten.“ „Graf Ludwigs verbrecheriſcher Freund war gefan⸗ gen, und konnte ſich gegen die Anklagen, die gegen ihn erhoben wurden, nicht rechtfertigen. Das Todesurtheil ſchwebte über ſeinem Haupte— da verſchwand er plötz⸗ lich aus dem Kerker. Graf Ludwig verfolgte ihn nicht — er ſuchte ihn zu vergeſſen— das war ſeine Rache.“ „Der Tod ſeiner Schweſter hinterließ tiefe Spuren in ſeiner Seelt. Ich habe ihn viel geſehen zu einer Zeit, wo in Folge dieſes Unglücks eine düſtere Hypochondrie ſich ſeiner bemächtigt hatte. Ich ſah damals auch, wie dein Anblick auf ihn wirkte, wie er in deiner Nähe ruhi⸗ ger und freundlicher wurde. Du warſt noch ſehr jung, als Ludwig ſeine Schweſter verlor, und ich glaube nicht, daß die ſchauderhafte Begebenheit dir zu Ohren gekom⸗ men iſt. Ludwig hatte mir mehr, als einmal geſagt, du ſeieſt ſchon damals ſein ſchützender Engel geweſen, und nur durch dich allein könne er das Leben und die Men⸗ ſchen wieder lieben lernen. Er hat oft den herzlichen Wunſch gegen mich geäußert, dich ſeine Gattin nennen zu dürfen, und nur deine noch ſo ſchwache Geſundheit und meine Bitten haben ihn abgehalten, ſich gegen dich und den Vater zu erklären. Aber ſage mir, Nina— verdient dieſer Mann nicht die hochſte Achtung? Verdient er nicht glücklich zu werden?“ „O gewiß verdient er es. Evla, ich will würdig werden, ihn glücklich zu machen. Ich will es werden. Ich will ihn lieben lernen; aber, Edla, laß ihn meine Hand jetzt noch nicht begehren. Ich bin noch ſo jung. Trenne mich noch lange, lange nicht von dir. Leite mich, 23 verlaß mich nicht. Es liegt wie ein Nebel über mir; ich ſehe noch nicht deutlich, ich verſtehe das Leben, ver⸗ ſtehe mich ſelbſt noch nicht.“ „Du wirſt thätigen Antheil am Leben nehmen, Nina. Dann wird es dir klar werden.“ „Und werde ich glücklich ſein? werde ich ein fröh⸗ liches, heiteres Leben führen?“ „Nina, ich wünſchte, daß du nicht ſo viel darnach fragteſt. Haben jene ausgezeichneten Menſchen auch ſo gefragt, die wir aus der alten und neuen Zeit bewundern, die nur für das Gute allein, für die beſſern Tage der Erde, für den Himmel lebten 2“ „Oſich bin ſchwach,“ ſagte Nina, indem ſie mit dem Finger eine hervorqnellende Thräne zerdrückte. „Ja, das biſt du,“ erwiederte Edla mit einem Ernſt, der wie Strenge klang. Aber Nina, wir ſollten uns unſe⸗ rer Schwachheit ſchämen und alle unſere Kraft aufbieten, um ſie zu bekämpfen. Nur die EFrbärmlichkeit jammert über ſich ſelbſt, ohne ſich zu erheben. Es iſt ſchau der⸗ haft, ſeine eigene Verachtung zu verdienen, und doch iſt dieß das Loos des ſchwachen Menſchen. Er weiß nicht, was Selbſtbeherrſchung heißt; er kennt die Seligkeit nicht, zu den Bedrängniſſen des Lebens ſagen zu können: „Ihr vermögt mich nicht irre zu machen!“ zu dem Schmerze: „Du kannſt mich nicht zermalmen!“ Er bereut heute den Fehler, den er geſtern begangen hat, und begeht ihn mor⸗ gen auf's Neue. Er will ſich erheben und ſtark werden, allein die Zeit vergeht in Trägheit, in kraftloſen Wün⸗ ſchen. Er weiß nicht, was kämpfen heißt, und weiß nicht, was ſiegen heißt; er ſieht den Abgrund, hat aber nicht die Kraft, ſich zu entfernen. Wie beklagenswerth... wie verächtlich Nina! Du wirſt blaß„ „Es iſt Nichts! Es geht vorüber.... GEbla! Deine Worte„Edla, verachte mich nicht!“ Und ſie blickte angſtvoll und mit gefalteten Händen zu ihr empor. „Sei ſtill, ſei ruhig, mein gutes Kind,“ ſagte Edla mit zärtlichem Ernſt, indem ſie aufſtand.„Du biſt der ſchwache Menſch nicht, den ich ſchilderte und wirſt es auch nie werden. Ich will den Tag nicht erleben, wo du die⸗ ſem Bilde gleichen würdeſt. Sammle Kraft es zu verab⸗ ſcheuen, es weit, weit von dir zu entfernen.“ „Ja, ich will, ich werde es!“ ſagte Nina, indem ſie die Arme gegen ihre Schweſter ausſtreckte; allein in dem⸗ ſelben Augenblick ſanken die ausgeſtreckten Arme nieder, ihr Kopf fiel zurück, ihre Augen ſchloßen ſich, ſie ſchlief. Ihre Stirne war klar. Kein Schmerz entſtellte die rei⸗ nen Züge, aber Todesbläſſe bedeckte das Geſicht und die Glieder waten regungslos und erſtarrt. Es war der Tod in ſeiner ſchönſten Geſtalt. Edla kannte dieſen Schlaf, welcher der Krankheit angehörte, an der Nina ſchon als Kind oft gelitten hatte. Seit vielen Jahren war ſie indeß frei davon geweſen, und um ſo erſchreckender war dieſer Augenblick für Edla. Mit der ihr eigenen Geiſtesgegen⸗ wart wandte ſie ſogleich alle Mittel an, die ſie beſaß, um dieſen ſchauerlichen Schlaf aufzuheben, und nach Verfluß einer Stunde hatte ſie die unbeſchreibliche Freude, Nina erwachen zu ſehen. „Was war das?“ fragte Nina unruhig.„War ich wieder krank, wie früher? Es kam eine Mattigkeit über mich. Evla, wie viele Unruhe, wie vielen Kummer mache ich dir nicht!“ „Es war Nichts,“ antwortete Edla ruhig.„Deine phyſiſche Schwäche iſt nicht gefährlich. Sie wird mit der Zeit bei einem thätigern Leben, wenn du auch für An⸗ dere zu ſorgen haſt, vergehen und dann wird auch deine Seele ſtärker werden. Glaube nur mir.“ „Ich glaube dir. Warum ſollte ich auch nicht? Warſt nicht du es, die mir zum zweitenmale das Leben gab? Habe ich nicht ſeither durch deine Fürſorge gelebt, durch deine Gedanken gedacht? O, als ich bereits in mei⸗ nem Sarge lag und Alles ſtill und finſter um mich her, und mein kurzes Leben auf Erden beſchloſſen war,— als — S* V— — — —— 2 — v ne it n. ne en t, r, 16 25 du da kamſt, und mich mit deinen Thränen erwärmteſt und mit veinen Worten erweckteſt und ich wieder warm wurde und die Augen öffnete und das Licht und dich ſah, da, Edla, wurde ich dein, mein Leben war deine Gabe und ich fühlte, daß meine Zukunft in deiner Hand lag. Und ſo iſt es auch, Edla; ich kann nicht daran denken, deinem Willen nicht zu folgen, dir nicht in allem zu ge⸗ horchen.“ „Du biſt mein gutes Kind!“ ſagte Edla freundlich, „aber wir haben einander heute Abend aufgeregt und das iſt nicht brav. Gehe jetzt zur Ruhe. Ich bin nicht ſchlä⸗ frig, und will mich an dein Bett ſetzen und laut leſen, bis du einſchläfſt.“ Nina gehorchte, erfreut über dieſes Verſprechen. Und was las Edla ihrer Nina wohl vor? Ohne Zweifel eine Predigt, um ſie moraliſch einzuſchläfern, oder nahm ſie die Aſen vom Bücherſchranke herab, um die ſchwache Schweſter recht kräftig zu ſtärken? ſpricht viel⸗ leicht hier Fräulein Witzig. Du mußt noch witziger werden, du Witzige! Edla las lebhaft aus Frau Lenngrens lebensvollen Schriften, und Nina ſchlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein. Da ſchwieg Edla und neigte ſich zu der Schweſter, mit Entzücken das engelgleiche Geſicht betrachtend, wor⸗ auf ſich in dieſem Augenblick Unſchuld und Ruhe vereinigt hatten, um den lieblichſten Ausdruck hervorzurufen. Un⸗ willkürlich falteten ſich ihre Hände und ſie betete aus in⸗ brünſtigem Herzen: „O mein Gott! wache über ſie! Stärke ihre Schwach⸗ heit! Behüte ſie! Gib mir Kraft, ſie zum Guten zu lei⸗ ten, zu dem Leben, welches das deinige iſt. Sie iſt das Kind meines Herzens, meiner Sorgen.— Laß mich die Schwachheit niederkämpfen, die ich für ſie fühle.— Laß mich ſie zu dir führen, wenn auch durch Leiden.“ Hier bewegte Nina ihre Arme, die auf der Decke lagen und flüſterte bittend:„Mina, komm Mina!“ Es 26 lag Etwas in dieſen Worten, das Edla ſchmerzte; ſie fuhr fort zu beten: „Gib, daß ſie mich liebt! Wenn es möglich iſt, ſo laß ſie für mich etwas von der Zärtlichkeit empfinden, die ich für ſie hege.“ „Mina komm!“ bat Nina abermals ängſtlich. Edla fuhr fort:„Laß mich, wenn es möglich iſt, allzeit ihr nahe ſein, allzeit über ſie wachen, wie jetzt. Lege, o Gott, auf meine Schultern das Kreuz, das ſie tragen ſoll; theile mir, wenn es möglich iſt, ihr Leiden zu— ich bin ſtärker, als ſie. Behüte ſie! Segne ſie!“ „Edla!“ ſagte jetzt Nina mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit. „Laß ihre Tage klar, ihren Weg eben werden, o Allgütiger! ſchenke ihr Glückſeligkeit, wenn es möglich iſt, ſchon auf Erden. Aber wenn du ſiehſt, daß es nicht gut für ſie iſt, o ſo ſtärke ſie durch Prüfung, durch Lei⸗ den, mache ſie zu deinem Kinde, o Vater, in Luſt und in Noth, im Leben und im Tod! Mache ſie nur zu deinem Kinde.“ Ninas Schlaf war unruhig. Edla ging ebenfalls zu Bette, ſchlief aber nicht, ſondern dachte die ganze Nacht an Nina, bekümmerte ſich um ſie, und lauſchte ihrem Athemzuge. Ein Paarmal meinte ſie, er ſei ſchwächer geworden; leiſe ſtand ſie auf, ging ans Bett der Schwe⸗ ſter, und als ſie beim Schein der Nachtlampe die Farbe auf Ninas Lippen erblickte und ihr friſches, leichtes Ath⸗ men, wie einen Segen auf ihrer Wange fühlte, da kehrte ſie wieder um und dankte Gott. Laßt uns jetzt mit ihr den Morgen begrüßen und etwas Neues vorführen. 27 Neuigkeiten. „Was Neues? Was Neues?“ Ennuys. Der Morgen kam und mit ihm ein Brief an Edla, der ſie höchlich in Verwunderung ſetzte, denn die Ueber⸗ ſie ſchrift war von des Präſidenten Hand. Noch überraſchen⸗ en der war ihr indeß ſein Inhalt Ihr Vater benachrich⸗ “ tigte ſie von ſeiner Verlobung mit Gräfin Natalie M. on Er ſchrieb, er werde den Tag über nicht zu Hauſe ſein und habe ihr am liebſten ſchriftlich eine Neuigkeit mit⸗ 0 theilen wollen, von der er fürchte, daß ſie ihr im erſten ich Augenblick unangenehm ſein möchte. Im Uebrigen er⸗ cht klärte er ſich gegen ſeine Tochter mit einer liebenswürdi⸗ ei⸗ gen Aufrichtigkeit über einen Schritt, den er vielleicht im in Stillen nicht vollkommen übereinſtimmend mit jener Kon⸗ em ſequenz und Klugheit fand, auf vie er ſein ganzes Leben hindurch ſo großes Gewicht gelegt hatte.„Es gibt gar zu Mancherlei,“ ſchrieb der Präſident,„was ſich macht, man cht weiß kaum, wie. Aber wenn es einmal geſchehen iſt, ſo em kann man nichts Klügeres thun, als man ſucht ihm die her beſte Seite abzugewinnen. Ich kann nicht hoffen, mein we⸗ beſtes Kind, künftig mehr Behagen in meinem Hauſe zu rbe finden, als mir bisher deine liebevolle Fürſorge bereitet th⸗ hat— und ich hoffe, du wirſt dich auch ferner dieſes ete Geſchäftes annehmen— allein die Talente und die An⸗ muth der liebenswürdigen Gräfin M. werden ihm einen und größeren Glanz geben. Ihr Reichthum wird mich ihn den Stand ſetzen, meiner geliebten Nina eine würdigere Ausſteuer zu geben. Gräfin M. iſt entzückt von ihr und ſchätzt ſich glücklich, ſie als ihre eigene Tochter betrachten zu dürfen. Endlich, meine beſte Edla, hoffe ich, daß du ſelbſt in Gräfin M. eine Freundin finden wirſt und eine Geſellſchaft, die eben ſo aufheiternd für dich ſein wird, wie deine Freundſchaft für ſie; und ich preiſe Gott, wenn ich daran denke, daß Liebe und Freundſchaft noch ſchöner als bisher meinen Familienkreis beleben und einen hellen Schein über meine alten Tage werfen wird. Sollteſt du meine gute Tochter, ebenfalls in den Eheſtand zu treten wünſchen, ſo ſiehſt du, daß du meinetwegen ruhig ſein kannſt. Thuſt du es nicht, wünſcheſt du immer um mich zu bleiben, ſo kann ich dir wohl ſagen, daß dieß auch der Wunſch meines Herzens iſt und eine wirkliche Freude für deinen dankbaren Vater.“ Edla küßte mit Wärme die letzten Worte des Briefs, und ſo lebhaft war ihr Gefühl der Befriedigung darüber, daß es im Anfang einen großen Theil des unangeneh⸗ men Eindrucks verwiſchte, welchen die Nachricht von der Verlobung auf ſie gemacht hatte. Derſelbe kehrte jedoch bald zurück und Edla konnte dieſer unerwarteten, großen Veränderung nicht ohne ſchmerzliche Unruhe entgegen ſehen. Sie kannte die Gräfin, ſie wußte, daß ſie bezau⸗ bernd und herrſchſüchtig ſich überall ans Ruder zu ſtellen verſtand, daß ihr aber der Geiſt der Ordnung, welche Behaglichkeit ſchafft, nicht inwohnte, und daß das Leben, welches ſie verbreitete, Niemand beglückte. Evla zitterte für die Ruhe ihres Vaters und für Ninas Wohl, aber längſt gewohnt, dem Unabwendbaren nur die ſtille Kraft der Reſignation entgegen zu ſtellen, wurde ſie auch jetzt bald wieder ruhig, und als der Präſident am Abend nach Hauſe kam, ging ſie ihm entgegen, umarmte ihn zärtlich und wünſchte ihm Glück. Der Präſident ſpürte eine Thräne auf ſeiner Wange, und dieſer Beweis von warmem Gefühl rührte ihn um ſo mehr, je ungewöhn⸗ licher er bei Edla war. Bewegt und verlegen zugleich, ſtimmte er einen halb gefühlvollen, halb muntern Ton an, ſcherzte und ſeufzte abwechſelnd und wußte im Augen⸗ blick nicht recht, wie er ſich anſtellen ſollte. Im Uebri⸗ gen wiederholte er ungefähr, was er in ſeinem Briefe geſagt hatte und fügte nur noch hinzu, ſein hoher Stand mache es ihm zur Fflicht, mehr Geſellſchaften zu geben, —— N„ 29 mehr zu repräſentiren u. ſ. w. Dieß hätte ihm eines Theils ſein eignes, beſchränktes Vermögen nicht geſtattet, theils habe er Edla nicht mit einer Lebensweiſe beſchwer⸗ lich fallen wollen, die ihren Neigungen ſo ganz und gar widerſpreche und ſie an ihren Lieblingsbeſchäftigungen hin⸗ dern würde und deßhalb.. deßhalb. deßhalb. habe er es fürs Beſte gehalten. habe er es für ſeine Pflicht angeſehen, ſich mit Gräfin M. zu vermählen, vor deren Charakter und Talenten er die unbegränzteſte Hoch⸗ achtung hege. Edla ſagte Nichts, ſondern verhielt ſich ſchweigend; als aber auch der Präſident in einem gewiſſen verlegenen Huſten ſtecken blieb, ſo hielt ſie es für Pflicht, ihn mit ſich ſelbſt zu verſohnen. „Möge ſie meinen Vater glücklich machen,“ ſagte ſie, „dann wird die Gräfin uns Allen lieb und theuer ſein und gewiß wird auch viel Angenehmes mit ihr in unſer Haus kommen. Jetzt erhält Nina einen ganz andern Leh⸗ rer im Italieniſchen und im Harfenſpiel, als man ihr für Geld verſchaffen könnte. Die Gräfin ſoll eine ausgezeich⸗ nete Künſtlerin ſein.“ „O göttlich, göttlich!“ rief der Präſident, der jetzt wieder Luft hatte, und unerhörte Vortheile für ſeine Tochter in dieſer Parthie ſah. Er breitete ſich wohlge⸗ fällig darüber aus, wurde aufgeräumt und glücklich und war auf dem beſten Wege, ſelbſt zu glauben, er habe ſeine Ruhe für die Erziehung ſeiner Tochter aufgeopfert. O ihr ſüßen Kleinigkeiten, die ihr mit kleinen und großen Thorheiten ausſöhnt, dem Gehaltloſen Gewicht gebt, das Bittere verſüßet, das Unglück ſelbſt aufheitert, und uns in ein gutes Vernehmen mit uns ſelbſt bringt; — ihr ſüßen Kleinigkeiten und angenehmen Woͤrtchen, wie liebenswürdig ſeid ihr, wenn ihr im Dienſte eines wohl⸗ wollenden Herzens ſtehet, das euch zur rechten Zeit an⸗ wendet! Ihr ſeid die kleinen Pagen der Königin Güte und fröhlich und ſchön ſeid ihr, wie die Liebesgötter. Wenn du dieſe Zeilen lieſeſt, gute H., ſo denke, daß ſie dir gewidmet ſind. Die Nachricht von der Verlobung des Präſidenten machte großes Aufſehen und erregte viel Verwunderung in der Stadt. Man rieth hin und her, was ihn wohl in ſeinen alten Tagen zu dieſer Verbindung vermocht habe. Einige ſagten, die Gräfin M. habe ſelbſt gefreit, und der Präſident habe aus Ueberraſchung und Artigkeit Ja ge⸗ ſagt. Andere meinten, das alte Fräulein(Edla) mache ihm einen harten Stand, ſie vergeſſe über ihren Büchern den Vater u. ſ. w. Wider Andere behaupteten, der Prä⸗ ſident beabſichtige davurch ſeine derangirten Angelegenheiten wider in Stand zu ſetzen(ein Ausdruck, der gegenwärtig ganz gäng und gäbe iſt). Wir, die wir einige Einſicht in die Sache beſitzen, flüſtern dem Leſer den wahren Stand der Dinge ins Ohr: der Präſident hatte einen ſchweren Kampf gehabt mit dem kleinen Kupido. Der Schelm hatte ihn verwundet. Viele wunderten ſich auch über die Gräfin, wie ſie, ſo reich und noch ſo ſchön, einen alten Mann nehmen möge. Einige behaupteten, ſie thue es nur, um ihren Ehrgeiz zu kitzeln: Andere meinten, ſie wolle dadurch einen allzulangen unſchlüſſigen Freier beſtrafen. Fräulein Sen⸗ timentalität verſicherte, es ſei eine alte Neigung, die ſich bis in die zarten Kinderjahre der Gräfin und Sr. Ercel⸗ lenz zurückdatire und nun auf einmal in Hochzeitsflammen aufſchlage. Wir glauben— wenn man uns gütigſt er⸗ lauben will— daß es keiner ſo gewichtigen Gründe zum Heirathen bedarf; ja daß zuweilen gar keine Gründe nö⸗ thig ſind; wir glauben, daß man oft heirathet, weil man gerade nichts Anderes zu thun hat. Bei gewiſſen Heirathsgeſchichten, beſonders unter Leu⸗ ten comme il faut, iſt ſo unendlich wenig von Liebe und Freierei zu ſagen, daß man nicht ſchnell genug zur Hoch⸗ zeit kommen kann. Dieſer Fall trifft auch hier ein. Folgt alſo die ———„H—— — —„„——— n⸗ 31 Hochzeit. Seht wie ſtattlich dort die Braut, Und der Bräut'gam wie ſo traut! Hochzeitsgaſt. Confekt, Lichter, eine Maſſe Leute, Trauung, Prie⸗ ſter, Aufwärter die ſchwere Noth, Alles recht vornehm und recht ſteif, Gratulationen und Complimente, Bowlen und Geſundheiten bilden die Geſchichte mancher Hochzeit und ſo auch dieſer. „Wie? Sollen wir wieder ſo kümmerlich mit Gewöhn⸗ lichem abgeſpeist werden?“ höre ich von den Lippen mei⸗ ner Leſerinnen;„Du ſchmeichelteſt uns mit der Ausſicht auf einen recht leckern Biſſen, und jetzt wird es wieder ein Alltagsgericht.“ Allertheuerſte! Ich habe geſündigt gegen den Präfi⸗ denten und gegen dich; aber— ich kann nun einmal nicht dafür— die Feſte des Lebens: Krönungen, Hochzeiten u. ſ. w. haben keine recht lebendigen Farben in meiner Seele. Eine einſame Morgenſtunde bei Sonnenaufgang, ein Seufzer aus gepreßter Bruſt, zweier Freunde Handſchlag in der letzten Stunde des Lebens,— das gibt Gedanken ein, das macht das Herz ſchlagen und die Feder fliegen, aber „Aber eine Hochzeit? Ein Moment, wo zwei Her⸗ zen, zwei ewige Geiſter im Namen Gottes auf ewig ver⸗ einigt werden?!“ Amen! Das iſt gewiß göttlich! Wenn ſie nur nicht heute Ja zu einanter ſagen, um ſodann das ganze Leben hindurch Nein zu ſagen. Aber ich werde immer ſchlim⸗ mer, denn jetzt gilt es der guten Menſchennatur ſelbſt. Zur Ordnung, zur Hochzeit zurück, und was dieſe ge⸗ währen kann, ſollſt du, o Leſerin, erhalten. Bewundere die Braut! Mit ihren 45 Jahren(jetzt begehe ich Hochverrath gegen ſie; Gott ſei allen meinen 32 Sünden gnädig!) iſt ſie noch bewundernswürdig ſchön. Die Figur iſt majeſtätiſch und ſchlank, der Teint blendend weiß, durch einen leichten Auftrag von ächtem Carmin noch ein wenig hervorgehoben(Si, ei, heute bin ich auf gutem Wege!) Ihre Haltung iſt edel, man ſieht, daß ſie geſchaffen iſt zu gefallen und Herzen zu gewinnen. Ihre Kleidung iſt äußerſt prachtvoll, Juwelen ſtrahlen in den Haaren, Juwelen ſtrahlen an den Armen und auf der Bruſt; welche Spitzen, ich weiß ſelbſt nicht mehr Alles, was! Mit welcher Anmuth ſie bei der Trauung die Kniee beugt, mit welcher Majeſtät ſie ſich nachher wiederum erhebt! Eine ſtille Würde herrſcht in Allem, was ſie thut und läßt; gegen ihren neuvermähl⸗ ten Gatten zeigt ſie eine milde Herablaſſung. Ihre Augen ruhen oft mit einem Ausdruck von Zärtlichkeit und Be⸗ wunderung auf Nina, die in weißen Flor gekleidet, das glänzende Haar wie von Feenhand geordnet, un⸗ möglich einen andern Gedanken aufkommen läßt, als: „Du Engel du!“ Die Braut will, daß Nina neben ihr ſitze, und ſcheint ſie jetzt als eine Art Eigenthum zu betrachten. Der Präſident nimmt ſich nicht übel aus. Er iſt noch ein hübſcher Mann, hat eine vortreffliche Haltung und das Etwas gerundete Bäuchlein ſtempelt ihn noch nicht zum Greiſe. Ueberdieß verbreitet das blaue Band eine Illuſion darüber. Brillanten leuchten in ſeinem Ordensſtern und die Liebe leuchtet in den Augen des glücklichen Bräutigams. Er hält ſich unmittelbar neben ſeiner Gemahlin, er hält ihren Shawls, er hält ſie ſehr lieb, aber Alles mit Haltung, er gibt den Augenzäh⸗ nen der Satyre nichts zu beißen. Nun, er iſt auch nicht umſonſt eine Exeellenz, ſie nicht umfonſt ſo vornehm und ſo ſchön. Auch Evla iſt feſtlich gekleidet, und zwar eben ſo geſchmackvoll, als koſtbar. Sie weiß, daß es ihrem Vater Freude macht. Sie iſt ruhig und klar in ihrem Weſen gegen Alle und freundlich gegen ihre Stief⸗ mutter, die ihr aufs einſchmeichelnvſte entgegenkommt. iſt tung noch and inem des eben ſehr zäh⸗ nicht nehm zwar ß es ar in Stief⸗ mmt. 33 Edlas Augen ruhen zuweilen auf Nina. Sie ſucht einen Anflug von Unruhe zu verſcheuchen. Profeſſor A. iſt neben ihr und ſpricht lebhaft, weniger mit ihr, als damit ſie es hoͤren ſoll. Die übrige Geſellſchaft bildet verſchiedene ſtille Grup⸗ pen. Wir wollen uns an eine minder ſchweigſame halten, die dem Leſer ſchon aus früheren Zeiten bekannt iſt. Baron H. ſetzt ſich ſo bequem als möglich in einen Lehnſtuhl neben Fräulein Margarethe, die, obgleich Etwas älter und ſtärker als damals, wo wir ſie zum letztenmale ſahen, immer noch eine ſehr ſchöne und ſtattliche Dame iſt, und ſich unter den Widerwärtigkeiten der Welt, un⸗ angefochten von der Zeit, ihre ſchoönen Zähne, ihre weißen Hände und ihren guten Humor erhalten hat. Baron H. ſucht immer noch eine Frau mit oder ohne Geld, ſagt erz er iſt inveß noch zärtlicher für ſeinen Kör⸗ per beſorgt, ſein Blick für die Welt und ihre„Sorten“ iſt noch ſchärfer geworden und auch ſeine Herzensgüte und Munterkeit haben zugenommen. Es gibt ſolche Leute. Baron H. und Fräulein Margarethe find außerordentlich erfreut, einander zu treffen. „Nun, mein gnädigſtes Fräulein,“ beginnt der Ba⸗ ron, nachdem die erſten Begrüßungen vorüber ſind— „wer von uns hätte wohl gedacht, als wir heute vor vierzehn Jahren bei der ſeligen Ercellenz D. beiſammen waren, daß wir uns an demſelben Tage, in demſelben Monat, nur vierzehn Jahre ſpäter, bei einem ſolchen Feſte wieder treffen würden? Damals war Fräulein Adelaide — jetzt Gräfin Alarich W.— in ihrer höchſten Blüthe. Aber mein Gott warum iſt ſie nicht hier? Wie be⸗ fehlen Sie?„Verhindert!“ Ja ſo! ha, ha! Ich verſtehe! Nun, nun, das iſt ganz in der Ordnung. Ich gratulire. Und die kleine, beſcheidene Mamſell Roͤnnqvist, ein gar zu artiges Weibchen, die mir jetzt gerade in den Mund kommt— wo iſt fie? Iſt ſie auch verhindert? Mein Gott. Wie befehlen Sie? Ja ſo, ſie iſt bei der Gräfin Alarich— ſie pflegt ſie und ihr Kind— brav ſo. Bremer, Rina. 3 Ich glaube, daß man Charakter hat, daß man conſequent iſt, und ſie hatte ſchon vor vierzehn Jahren die Gräfin Adelaide ſo lieb, wie wenn ſie ihr eigenes Kind geweſen wäre. Aber à propos, was ſagen Sie zu ihrer Schwe⸗ ſter, Fräulein Nina?“ „Ich geſtehe,“ ſagte Fräulein Margarethe,„daß ich ſie für das Schönſte halte, was Gott geſchaffen hat— nur Etwas zu ätheriſch— zu wenig Leib. Man meint ordentlich, ſie konnte, eh' man ſichs verſieht, in einer Wolke verſchwinden.“ „Ganz richtig, ganz richtig: ich liebe auch Etwas mehr Fleiſch und Blut... Ich möchte auch keine Frau haben, von der ich fürchten müßte, ſie könnte mir zer⸗ fließen, wenn ich ſie nur anrühre. Gleichwohl bleibt wahr, daß Fräulein Nina etwas Bezauberndes in ihrem Weſen at. Das Auge folgt ihr mit Bewunderung, und der Gedanke will ſich nicht von ihr trennen. Es iſt als läge ein Schleier von Wehmuth über ſie ausgebreitet. Man moͤchte ihn lüften, und das liebenswürdige Geheimniß entdecken, denn ihre Traurigkeit hat etwas Liebliches, etwas Rührendes und ungemein Anſprechendes. Man ſieht, daß es kein gegenwärtiger Schmerz iſt, der ſie verurſacht. Sie gleicht der Frinnerung an Unglück, deſſen Kelch ſchon längſt geleert iſt, oder einer dunkeln Ahnung an Leiden, die da kommen ſollen; Gott beſchütze ſie! Der müßte ein wahrer Satan ſein, der ihr etwas zu Leid thun koͤnnte. Schade, daß ſie ſo blaß iſt— ſie iſt wirklich marmor⸗ weiß— aber mitunter zieht es wie Wolken über ſie. Sehen ſie, eben jetzt. Wolken, die von einer aufgehenden Sonne roſenroth gefärbt werden.“ „Nein,“ ſagte Fräulein Margarethe lachend,„das iſt gar zu bunt. Ich rathe Ihnen ernſtlich, Baron, nicht ſo viel nach ihr zu ſehen, Sie werden ſonſt ganz gewiß verzaubert. Sie ſprechen bereits ſo poetiſch, daß ich Sie kaum mehr kenne;z betrachten Sie ſich einmal Ihre Nach⸗ barin.“ „Recht gern. Nun, meine Gnädigſte, wer iſt die iden, ein nnte. mor⸗ ehen onne „das nicht ewiß Sie Kach⸗ ſt die 35 junge Dame, die ſo ſtill und ruhig vort ſitzt?— Ein gar zu angenehmes Weſen;.. wirklich ein recht lieb⸗ liches Mädchen.“ „Sie ſind heute Abend ganz beſonders gütig. Ich glaube feſt, daß ſie ein recht artiges Mädchen iſt, nur kommt ſie mir etwas ſchwerfällig und langweilig vor. Ich verkehre mit ihr am liebſten in der Ferne. Sie heißt Klara S. und iſt eine Art Erbſtück, das meine Couſine, die nun⸗ mehrige Präſidentin, von einem ihrer gelehrten Freunde, der vor ein paar Monaten geſtorben iſt, übernommen hat. Das Mädchen hat auf der Welt Nichts, deßwegen will die Gräfin jetzt eine gute Partie für ſie ſuchen und ihr eine ſchöne Ausſteuer geben.“ „Das iſt gar nicht dumm. Eine recht gute Idee! Das Mädchen iſt meiner Seel allerliebſt. Sie könnte juſt eine Frau für mich abgeben— wenn ſie nota bene ſo klug wäre, und mich haben wollte. Sie ſieht mir aus, als ob ſie eine recht gute, recht verſtändige Hausfrau wer⸗ den könnte. Wenn man ſie genau betrachtet, ſo hat ſie etwas überaus Schoͤnes an ſich— Etwas, das man im Anfang überſieht! Etwas Heiliges„„ „Nein, nein, Baron! So geht es nicht an! Sie verlieben ſich in jedes Frauenzimmer, und machen aus den gewöhnlichſten Menſchenkindern Engel und Heilige. Eſſen Sie ein Glas Eis und kommen Sie wieder zur Vernunft.“ „Ganz, wie Sie befehlen! Aber ich mußte doch die junge Dame und ihre unvergleichliche Ruhe bewundern. Sie ſcheint in einem Zuſtand zu leben, den la Bruyöre das goldene Zeitalter nennt: ſie bekümmert ſich um Nie⸗ mand und verlangt auch nicht, daß Jemand ſich um ſie bekümmern ſoll. Madame W. mit ihrem Paradiesvogel ſieht nicht halb ſo unbekümmert aus. Dieß muß ein recht behaglicher, ein ganz eigenthümlicher Zuſtand ſein.“ „Dieß mag für das goldene Zeitalter recht brav ge⸗ weſen ſein, wo man vermuthlich alle möglichen Annehm⸗ lichkeiten gehabt hat, von denen wir jetzt Nichts wiſſen. Aber in unſerer Zeit und in unſeren Geſellſchaften lobe ich mir denjenigen, welcher ſich hütet, ſtumm und lang⸗ weilig zu ſein. Ich war mehremal mit Klara in Geſell⸗ ſchaft, und habe nie ein anderes Wort von ihr gehoͤrt, als ja oder nein. Lächerlichkeiten und Narrheiten aller Art ſind tauſendmal liebenswürdiger, als dieſe tödtende Ein⸗ formigkeit.“ „Wie allerliebſt und angenehm müſſen Sie dann die Fräulein F. finden, denn dieſe ſitzen keinen Augenblick ſtille und ſprechen über Alles die Kreuz und die Quer.“ „Nein, ſie gefallen mir nicht, ſie ſind unangenehm und eine wahre Plage; da iſt Klara weit beſſer;— kennen Sie die F.?“ „Eln wenig welche glauben, und ſich der Meinung hinzugeben ſch vie Lammer ihre wollene Kleidung mi gen;— dieſe Theorie aber führt ein gewiſſes Unbehagen mit ſich, welches auf das Leben und Weſen der Mädchen anſteckend wirkt. Sie können nur ſelten in Geſellſchaft ſein, und wenn ſie da ſind, ſo machen ſie Sprünge wie die lieben Schafe.“ „Ich beklage ſie von ganzem Herzen und wünſche nur, daß ihr Vater ſeine Theorie ändern, oder die Töchter ler⸗ nen mögen, ſich auch zu Hauſe wohl zu befinden.“ „Amen! Aber ich bitte Sie, ſehen Sie jetzt die Ge⸗ neralin P., in dem blauen Atlaskleid dort, ein wenig an. Was ſagen Sie von dieſer Farbe, von dieſem Ausſehen bei vollen fünfzig Jahren? Und doch hat ſie manche Sorge, manchen Kummer im Leben gehabt. Wiſſen Sie wohl, wie ſie bei dem Allen ihre Jugendfriſche und gute Laune erhalten hat?“ „Ich bin neugierig.“ „Ja, meine Gnädigſte, wenn man bedenkt, was es eigentlich iſt, wodurch ſich manche Menſchen durch die Welt helfen, ſo bekommt man wunderliche Gedanken.“ Ihr Vater gehört zu den weiſen Vätern, die Töchter dürfen durchaus Nichts koſten, einen, ſie ſollten wie t auf die Welt brin⸗ „Zur Sache, zur Sache zuerſt, dann können wir 37 über dieſe Gedanken nachdenken. Ich möchte jetzt gar zu gern das Schoͤnheitswaſſer der Generalin wiſſen.“ „Ich will Ihnen zuerſt ſagen, was es nicht iſt, dann können Sie es errathen. Es iſt nicht Religion, es iſt nicht Philoſophie, obgleich ſie gewiß eine fromme und ge⸗ ſcheidte Frau iſt, es iſt nicht das Leben in der Geſellſchaft, es iſt nicht häusliches Glück,— ich habe hierüber ihr eigenes Bekenntniß— und nun ſagen Sie mir, was es iſt.“ „Wäre die Rede von einem Mann, ſo würde ich ſa⸗ gen: ein guter Magen; da es ſich aber von einem Frauen⸗ zimmer und zwar von einer ſolchen Geſichtsfarbe handelt, ſo ſage ich: ein guter Schlaf.“ „Ganz richtig, ganz richtig! Wie ſcharfſinnig Sie ſind! Ja ſie ſchläft gut, und ſo feſt, daß ſie ſich am Morgen kaum erinnert, was ſie am Abend vorher betrübt hat. Ein guter Schlaf, das iſt ihre ganze Philoſophie. Sie iſt ein ganz anderes Weſen, als Fräulein Edla, die mit allem ihrem Bücherſtaub kein Bischen lebhafter oder ſchöner geworden iſt. Ja, ihre unendliche Naſe... „Edla,“ ſagte Fräulein Margarethe mit einem Ton, der alles Witzreißen über ſie abſchnitt—„Ebla iſt eine Perſon, von der ich die hoͤchſte Meinung habe, auch weiß ich, daß ſie in kleineren Zirkeln recht angenehm ſein kann.“ „Mein Gott! Ich hege die allergrößte Liebe.. Verehr.„ja wahrhaftig, ich hege ſowohl Verehrung als Liebe für ſie. Ich bin überzeugt, daß ſie ein vortreff⸗ liches Frauenzimmer iſt, und wolite blos bemerken, daß die Sorten verſchieden ſeien.“ „Und wiſſen Sie wohl, daß auch die ſchöne Nina eine ungewöhnliche Erziehung erhalten haben ſoll 2 Lau⸗ ter Studien von ihrem neunten Jahre an, Mathematik ſagt man und Staatswirthſchaft und... „Gott bewahre uns! Dann wundere ich mich nicht mehr, daß die Knospe ſo zart geblieben iſt. Wer kann auch von der Staatswirthſchaft fett werden! Ich bin überzeugt, daß Fräulein Klara keine Staatswirthſchaft ſtudirt hat, aber dafür eine um ſo beſſere Hauswirthin geben wird. Ich wollte wetten, daß ſie einmal mehr Freier bekommt, als die ſchöne Nina.“ „Ich geſtehe, daß ich den Geſchmack dieſer Freier nicht theile. Ich halte es weit eher mit Graf Ludwig R., der ſich majeſtätiſch um Nina herumſchwingt, wie der Habicht um die Taube.“ „Ganz richtig, wie der Habicht, das iſt der wahre Ausdruck. Graf Ludwig iſt ein verdammt tüchtiger und hübſcher Kerl, allein er hat wirklich Etwas von einem Raubvogel an fich. Ich möchte bei all ſeinem Reichthum und ſeinem hohen Rang doch nicht ſeine Frau ſein.“ „Was ſagen Sie? Er gilt ja allgemein für einen ausgezeichneten Mann. Ich habe ihn als eines jener Mu⸗ ſter von Vollkommenheit preiſen hören, die, unter uns ge⸗ ſagt, meine Antipathie find, theils, weil ich nicht an ſie glaube, theils, weil ich ſie immer höchſt widerwärtig ge⸗ funden habe. Er gilt für einen Mann, von dem durchaus kein Fehler bekannt iſt.“ „Ach, meine Gnädigſte, vielleicht hat er allerdiugs keinen eigentlichen Fehler, aber dagegen ſo viele Mängel, daß ſie eine ganze Ladung ausmachen. Unter uns geſagt, er iſt ein Mann ohne Herz, ſeine Gerechtigkeit führt blos das Schwert. Aber hören Sie einmal, welche lebhafte Unterhaltung! und wie die neugebackenen Eheleute bloß für einander Augen und Ohren haben! Man muß geſte⸗ hen, es iſt erbaulich. Die Che, mein gnädiges Fräulein, iſt eine verehrungswürdige Einrichtung und ein großes Glück auf Erden. Eine gute Hausfrau iſt, wie David ſagt, köſtlicher denn Gold und ächte Perlen.“ „Es iſt möglich, daß David auch ſo ſagt, aber daß Salomo ſo ſagt, weiß ich gewiß,“ verſetzte Fräulein Mar⸗ garethe, die in ihrer Bibel gut zu Hauſe war. „Immerhin. Vater und Sohn ſagen daſſelbe, was für die Weisheit beider zeugt. Ich verſichere Sie, mein nic ma ſie ben vor ai daß Mar⸗ was mein 39 gnädiges Fräulein, daß meine künftige Frau den Tag nicht bereuen ſoll, an dem ich ihr Mann wurde; Nie⸗ mand wird ſie inniger verehren, Niemand artiger gegen ſie ſein, als ich.“ „Das glaube ich, aber mein beſter Baron, warum beweiſen Sie Ihre Lehre nicht mit Ihrem Leben?“ „Mein gnädiges Fräulein, warum haben Sie mir vor zehn Jahren als ich Ihren Rath befolgen wollte, einen Korb gegeben?“ Fräulein Margarethe war Etwas verlegen, faßte ſich aber bald wieder und ſagte unbekümmert: „Ich wäre doch neugierig, wie Sie als Ehemann Ihren Tag zuzubringen gedächten.“ „Sie ſind allzugütig, allein ich geſtehe aufrichtig, daß ich mit mir ſelbſt noch nicht darüber einig bin. Ich will hierüber den guten Rath meiner Frau abwarten. Soviel iſt mir indeß klar, daß wir jeden Tag mit Aufſtehen be⸗ ginnen und mit Insbettgehen ſchließen werden.“ „Nun,“ ſagte Fräulein Margarethe,„das klingt doch wenigſtens neu und nicht im Mindeſten trivial. Ich wünſche Ihnen Glück zu dieſer herrlichen, außerordentlichen Idee. Ich zweifle nicht daran, daß Ihre Ehe ungemein glücklich ſein wird, zumal—“ hier ſtockte Fräulein Margarethe. „Was zumal?“ fragte Baron H. neugierig. „Zumal für Ihre Frau, da das Haus bereits zum Voraus mit einem Filius geſegnet iſt,“ ergänzte Fräulein Margarethe mit ſarkaſtiſchem Ton und Blick. Dieſe Worte hatten die ſeltſame Wirkung, den Baron H. ein wenig zu verwirren. Er antwortete haſtig:„Ganz richtig, ganz richtig,“ fügte aber bald mit der größten Ruhe hinzu:„Wenn ſie damit nicht zufrieden iſt, ſo bin ich mit ihr auch nicht zufrieden.“ Fräulein Margarethe ſah Etwas beleidigt aus. Der Baron ſtand auf und ſchloß ſich einer gähnenden Gruppe an. Mein geliebter Leſer, ich fürchte, auch du haſt dich ein wenig gelangweilt, allein dieß iſt einmal in dieſem 40 alltäglichen Leben ganz unvermeidlich. Inzwiſchen kann di man hie und da zu außerordentlichen Mitteln greiſen, um de ſich davon zu befreien, und— um deinetwillen, mein Le⸗ er ſer— denn es iſt mein ſehnlichſter Wunſch, dich bei guter ke Laune zu erhalten— will ich jetzt eine meiner Zauber⸗ ſt künſte zeigen. n Ich löſe die Geſellſchaft auf, löſche alle Lichter, mache A der Hochzeit ein Ende und lege Jedermann ins Bett. U Und jetzt iſt es Nacht, und mit ſeinen freundlichen w Schwingen berührt der Schlaf die Augenlider der Men⸗ es ſchen, und die Seelen weilen im nebelumhüllten Lande der Träume. Der Juriſt vergißt ſeine Prozeſſe, der Ar⸗ ih beiter ſeinen mühevollen Tag, der Weltmenſch die lange m Weile, die er ausgeſtanden, der Unglückliche die Urſache w ſeiner Thränen— holder, geſegneter Schlaf, Alles durch D dich! Aber findeſt du Augen, welche du nicht ſchließen di kannſt, welche Sorgen oder Schmerzen vffen und ſtarr er⸗ de halten, bis auch das Gehirn erſtarrt und das Herz ver⸗ un blutet— dann gehe, milder Schlaf, und bitte deinen blei⸗ ei cheren Bruder zu kommen; dann iſt er der rechte Arzt. Le Vielleicht, mein Leſer, ſchließeſt du aus dieſer Aus⸗ N flucht, die ſo weit von meinem Ziele abliegt, daß ich ſelbſt ebenfalls ins Schlafen gerathen ſei. Zum Beweis, daß dem nicht ſo iſt, will ich dir erzählen von Edla. Manche iſt mit vierzig Jahren jünger an Herz und Lebensluſt, als mit zwanzig. So ging es Edla. Ihre ganze Erſcheinung gab indeß mehr Ruhe und Feſtigkeit zu erkennen, als was man gewöhnlich Lebensluſt nennt. Ihr Blick war wunderbar klar und durchdringend. Nicht Jedermann vermochte hineinzuſchauen. Man fühlte, daß die Seele, die aus demſelben ſprach, ſich zum Frieden nn um Le⸗ ter er⸗ ache chen den⸗ ande Ar⸗ ange ſache urch eßen r er⸗ ver⸗ blei⸗ rzt. Aus⸗ ſelbſt daß z nd Ihre ſtigkeit nennt. Nicht „ daß Frieden 41 durchgekämpft, daß ſie nicht in trägem Schlummer, ſon⸗ dern forſchend und vurchvringend Klarheit mit dem Leben erſtrebt hatte. Ja, gekämpft hatte Edla gewiß;— unver⸗ kennbare Züge von Leiden in ihrem Geſicht, ein halber⸗ ſtickter Seufzer, der zuweilen ihre Bruſt hob, legten Zeug⸗ niß davon ab. Dem ſei, wie ihm wolle, es war jetzt Alles überwunden, beruhigt, verklärt;— Alles war gut. Und ſchweigend hatte ſie gelitten und gekämpft. Niemand wußte von Edlas Schmerz zu erzählen; ſie ſelbſt that es am wenigſten von Allen. Wir verließen Edla vor vierzehn Jahren, als ſie ihre erſte Bekanntſchaft mit einer gründlicheren Bildung machte. Feurig und ernſt ſchritt ſie auf ihrem Wege weiter. Sie dürſtete nach Wiſſenſchaft und Wahrheit. Den Blick bald zum Himmel erhoben, bald prüfend in die Tiefe des eigenen Herzens geſenkt, bald die Lehren der Weiſen um Rath fragend, lebte ſie ſtille und glücklich und ihre Seele war voll von ſchönen Hoffnungen auf eine reiche Zukunft; aber auf einmal wurde ihr einſames Leben geſtört. Ihre kleine Schweſter Mina ſtarb und Nina verfiel in eine zehrende Krankheit, wie ſie nicht ſelten bei einem Zwillingskinde vorkommen, das ſeine Schweſterſeele, die Hälfte ſeines Lebens, verloren hat. Edla rettete ſie vom Tode und ein inniges Erbarmen über das zarte Geſchöpf ergriff ihre Seele. Sie nahmi das Kind an ihr Herz und nannte es ihr Kind. Mamſell Rönnqvist hatte das Haus des Präſidenten mit dem Adelaidens vertauſcht. Nina blieb in Edlas Obhut und Edla wurde ihre Mutter. Sie theilte ihr Leben zwiſchen ihr, ihrem Vater und ihren Büchern. Es leben die Bü⸗ cher! Aber wer wird aus Büchern allein klug 2 Wie macht es der Mann, wenn die Begierde nach Wiſſenſchaft ihn ergreift? Mit jungen Jahren reist er auf Univerſitäten, hört die Vorleſungen der Gelehrten, legt den Grund zur künftigen Wiſſenſchaft, liest, ſchnupft und reibt ſich am Kopfez(man glaubt gar nicht, wie dieſe letz⸗ tern Operationen die Entwicklung der Ideen befördern). Er disputirt mit ſeinen Kameraden— eine vortreffliche Uebung für Verſtand und Lunge; Bewegung, Leben, Wetteifer, Freundſchaftsbande, weiſe Lehrer, leicht zugängliche Mittel zur Wiſſenſchaft, ja ſchon die akademiſche Atmoſphäre ſelbſt, die er einathmet, Alles dieß führt ihn vorwärts, hilft das Gefühl anfeuern, die Gedanken nähren, und ihn zum Magiſter promoviren. Iſt dann der Lorbeerkranz gewonnen und der Wiſſensdurſt noch gleich ſtark, ſo hat er einen Pokal, aus dem er trinken kann, genannt die Welt. Auf der Spitze des Montblancs kann er die Sterne betrachten, in den Gruben Golkonda's Gold bre⸗ chen, mit Kapitän Roß an den Nordpol fahren, von der Küſte des Feuerlandes die Sonne aufgehen ſehen, in Is⸗ land Runen, in Indien Sanskrit leſen, in Aſien Ruinen und in Amerika neue Staaten ſehen. Die Paläſte der Könige, und die finſtern Wohnungen der Verbrecher ſind ihm geöffnet; in das Arbeitszimmer der Gelehrten hat er Zutritt; der Glückliche! Wie könnte er nicht aufge⸗ klärt werden, nicht die ganze Welt mit ſeinem Wiſſen um⸗ faſſen! Evla war zwei und zwanzig Jahre alt, ehe ſie mit einiger Ordnung, mit einigem Syſtem zu denken und zu arbeiten begann. Eine unerſetzliche, eine leere und ver⸗ pfuſchte Zeit lag hinter ihr. Und überdieß.. es leben die philanthropiſchen Grundſätze unſerer Zeit, auch in Be⸗ treff der Erziehung der Frauen! Aber mein allerbeſter und klaräugiger Leſer, wer muß nicht ſehen, wie ungleich, wie ganz anders es ſich mit der Gelegenheit und den Mitteln zur Erwerbung wirklicher Wiſſenſchaften verhält? Ich brauche den Unterſchied nicht zu zeigen; er ſpringt von ſelbſt in die Augen; vielleicht ſoll, vielleicht muß es einen geben— ich weiß nicht! Es iſt mir oft vorge⸗ kommen, als hätte die Natur ſelbſt in der Stille ein Wörtchen dazu geſprochen; und iſt es ſo, du gute und weiſe Mutter! ſo werden deine Töchter dir gewiß gerne folgen,— du wirſt ſie deßhalb vielleicht näher an deine Bruſt legen. Gewiß iſt, daß Edla die Feſſeln tief fühlte, ng er, tel ire ts, hn nz hat die die re⸗ der Js⸗ nen der ind hat m⸗ mit zu ver⸗ ben Be⸗ ſter ich, den ilt? ingt es ge⸗ ein und rne eine Ate, 43 die ihren ſtrebenden Geiſt gefangen gehalten hatten und noch gefangen hielten. Dazu kam noch die Veränderung in ihrer Lage. Sie ſah auf ihren Vater, der ihrer jetzt mehr als je bedurfte, ſie ſah auf das Kind, das ſie dem Tode entriſſen— und ſie that, was viele vor ihr gethan haben, was viele nachher thun werden— ſie reſignirte; und dieſes Opfer der Entwicklung ihres Weſens, das Opfer einer vollſtändigen Wiſſenſchaft, vielleicht das ſchwerſte, das man bringen kann, brachte ſie nach einem kurzen Kampfe entſchloſſen dar und ſchloß ſich ſtill in den Kreis der Familie. Vielleicht war Edlas Opfer weniger groß, als ſie ſelbſt fühlte. Ich habe den Satz aufgeſtellt, daß man durch die Bücher allein nicht weiſe werden koͤnne; nein, durch die Bücher nicht, durch Reiſen nicht, durch gelehrte Männer nicht, durch die ganze Welt nicht, wenn man nicht in ſeinem Innern die bildende Kraft beſitzt, die aus den zerſtreuten Theilen die harmoniſche Geſtalt ſchafft, oder— um es einfacher und eben ſo gut zu ſagen,— wenn man es nicht verſteht, aus Worten einen vernünf⸗ tigen Sinn zuſammenzuſetzen. Aber eben dieſe Fähigkeit war Edlas ſchone Gottesgabe und wenn man auch ihrer Weltanſicht eine gewiſſe Einſeitigkeit vorwerfen dürfte, ſo möge man ſich an die Umſtände erinnern, unter denen ſie die Welt und das Leben kennen gelernt. Die Ein⸗ drücke aus ihrer Jugendzeit, die Richtung ihres Charak⸗ ters und Gemüths leiteten ſie darauf hin, die älteſten Weisheitslehren des Menſchengeſchlechts mit beſonderer Vorliebe zu erfaſſen. Sie gingen ſo leicht in ihre Seele ein, denn ſie ſtanden in naher Verwandtſchaft mit ihren tiefſten Gefühlen und Gedanken. Nichts hatte Evdla ſo tief, ſo furchtbar wahr empfunden, als die Macht eines Schickſals, eines unabänderlichen Muß, unter deſſen eiſernes Joch der Menſch ſich beugen muß, murrend oder betend— ſtreitend oder kriechend— gleichviel, er muß! Dieſer Eindruck blieb, geſtaltete ſich aber anders. Sie fühlte noch die Macht eines äußeren Müſſen; weit tieſer aber empfand ſie die innere Macht, die der erſteren zum Trotz ihr freies Leben ausbildet und aus dem ſchweren Steine, der auf das Leben des Menſchen gelegt wird, noch eine Stufe macht, auf welcher er zum Himmel der ewigen Freiheit emporſteigt. Sie fühlte, daß der Menſch, ſelbſt wenn er wie Prometheus an den Felſen geſchmiedet und ſein Herz zerfleiſcht iſt, dennoch allen Mächten der Welt Trotz bieten und vom Anfang bis zum Ende des Lebensſchauſpiels leiden und daſſelbe wollen kann, ſtill, kraftvoll und unermüdlich. Auch Evla blieb dieſelbe und wurde gleichwohl anders, denn ſie war ſtark im Murren geweſen und jetzt wurde ſie ſtark in der Reſignation. Klagen, Bitterkeit, Mißtrauen wichen für immer von ihrer Bruſt. Sie beugte ſich, die barmherzig ſtrenge Hand küſſend, welche die Ewigkeitsblume der Tugend unter Stürmen hervorſprießen läßt. Dieſe wurde für ſie die Blume der Menſchenſeele, der Menſchheit, ja des ganzen Univerſums. Um ſie herum drehte ſich alles Daſein, ihre Entwicklung umſpielten alle Winde des Schickſals, ſie wandte ſich ſelbſt, wie die Sonnenblume gegen die Sonne— Gott. Stärke, Kraft zu entſagen, Friede mit ſich ſelbſt, Gleichgewicht und eine Ruhe, die ihr keine Zufälle zu rauben vermochten, Reinheit des Herzens und der Gedanken, damit ſie ſich zu Gott möch⸗ ten erheben können, ſuchte und gewann Edla; auch von dem Evangelium des Chriſtenthums verleibte ſie ſich haupt⸗ ſächlich dasjenige ein, was dieſe Richtung ausbildete, und nach ihrer Weltanſchauung war der Menſch vor Allem zu Kampf und Entſagung beſtimmt. Aber dieſe Anſchauung war friſch und klar, aus Leiden ließ ſie den Lorbeer er⸗ wachſen und die Dornenkrone wurde die Krone der Herr⸗ lichkeit. Sie ging mit Liebe auf das Loos ein, welches die Nothwendigkeit gebot, und erfüllte ihre Pflichten aus dem Grunde ihres Herzens. Wenn es litt, wenn es mit⸗ unter müde wurde, ſo achtete ſie deſſen wenig. Es ver⸗ blieb unerſchütterlich bei dem Einen und ſchlug ſtille dem Tag der großen Verwandlung entgegen, wo es 45 gereinigt von Sünden und befreit von irdiſchen Feſſeln ruhen dürfte in dem ewigen, liebewarmen Herzen, dem Urſprung und der Fülle des Lebens. Wie kam es nun, daß Edla bei dieſer Kraft und bei dieſem innern Frieden doch Andern nicht angenehm war? Andern, ja wenn Andre nicht wären, ſo hätte man freilich mehr Ruhe mit ſich ſelbſt, nur daß es ſchwer zu ſagen iſt, was dieſes Selbſt dann ſein würde. Edla hatte die Jahre erreicht, wo die Seele ſich gewöhnlich vom Körper unabhängig macht, wo äußere Häßlichkeit oder Schonheit Nichts mehr oder bloß eine unbedeutende Ur⸗ ſache zum Wohl oder Weh des Lebens iſt. Für Edla hätte dieſe Unabhängigkeit vollkommener, als für jeden Andern ſein müſſen, allein ihre Jugendzeit hatte ſtarke Spuren in ihrer Seele zurückgelaſſen, und die Wolke, die über ihrem Morgen gelegen, hatte über ihr ganzes Leben einen Schatten geworfen. Sie war in Beziehung auf die Wirkung, die ſie bei andern hervorbrachte, im höch⸗ ſten Grade mißtrauiſch gegen ſich ſelbſt. Sie war über⸗ zeugt, daß ſie nicht gefallen konnte; nun fürchtete ſie, auch nicht geliebt werden zu können; ſie glaubte, ihr Aeußeres, ihr Blick, ihr ganzes Weſen wirke gar zu ab⸗ ſtoßend. Dieſer Glaube, einiger Stolz, die Furcht, be⸗ ſchwerlich zu fallen, und noch mehr die Furcht, guten Menſchen unangenehme Gefühle zu verurſachen, Alles dieß bewirkte, daß ſie eine Art Scheu vor ihren Mit⸗ menſchen bekam. Und ſie hatte Unrecht, denn nur we⸗ nige waren von denen, die ſie wirklich kannten, mehr geliebt, als ſie, und wie Manche gibt es nicht auch ſonſt noch in der großen Geſellſchaft, welche die Schale über dem Kern vergeſſen! Aber gerade ihre Zurückhaltung machte Andere auch zurückhaltend; man fürchtete ſie, wenn man ſie nicht liebte. Sie war ſtill unter den Menſchen und blieb ihrem Leben und ihren Spielen immer gewiſſer⸗ maßen fremd. Und freundlicher Leſer, wenn es ſo mit uns ſteht, wenn wir es ſo fühlen: Iſtes dann nicht beſſer, einſamzu bleiben? Glücklich, wer es mit Freuden ſein kann, ja gerade in der Einſamkeit ſeinen Reichthum findet! So Evla. Ihre ſtrebende Seele flüchtete ſich, um zu leben und zu genießen, in eine höhere Heimath. Sie hatte die⸗ ſelbe unter den Sternen, deren Bahnen ſie kannte, ſie hatte ſie im Heiligthum der Philoſophie. Von hier aus ſah ſie das Licht ſich über die Welt verbreiten, von hier aus ſchöpfte ſie Frieden mit ihr und mit ſich ſelbſt. Es iſt wahr, Edla lebte mehr im überſinnlichen, als im ſinnlichen Leben. Sie glich mehr dem Paradiesvogel, der ſich über die Erde hinwegſchwingt, als der Nachtigall, die ihre Wohnung auf derſelben baut und ſingt. Die Folge 1 war, daß ſie den Menſchen beſſer kannte, als die Men⸗ 3 ſchen, und daß ſie überhaupt das Leben des Himmels beſſer verſtund, als das der Erde. Die Wahrheit liebte ſie über Alles, das Verdienſt verſtand ſie zu ſchätzen, wo es hervortrat. Verſehen wußte ſie zu verzeihen, aber von aller Mattigkeit und Schlaffheit, aller Selbſiſucht und Kleinigkeit wandte fie ſich mit heimlichem Ekel ab. Und gleichwohl war Edla mild; ich habe außer einem einzigen Mann keinen ſo milden Menſchen gekannt. Sie 1 begriff die Schwachheiten bei Ihresgleichen nicht, allein ſie brach über Niemand den Stab; ſie verurtheilte die 1 Sache, nicht die Perſon, nur ſcheute ſie unwillkürlich den, der etwas Niedriges begangen hatte. Nur gegen ſich ſelbſt war Evla ſtreng, und außerdem gegen eine einzige ſch Perſon— und dieſe war das Kind ihrer Sorgen, der kla Liebling ihres Herzens— Nina. Nina durfte nicht ſchwach vor ſein, Nina mußte unwillkürlich das Gute und Rechte der thun, denn ſie konnte ſich nicht, wie ſo Manche, mit einer ſtre verſäumten und ſchwachen Erziehung entſchuldigen. Nina wurde mit der„Milch der Vernunft“ aufgeſäugt, ſie urſ durfte nicht ſtraucheln oder wanken auf dem Wege der ſein Tugend. Ja, gegen Nina war Epla ſtreng, aber ſie zu liebte Nina auch mehr, als ſich ſelbſt. Und ſo mißtrauiſch lich Evla in Beziehung auf die Gefühle Anderer gegen ſie 3h war, ſo war ſie doch überzeugt, von Nina geliebt zu 47 rade werden. Wie hätte dieß auch anders ſein können? Hatte dla. Edla ihr nicht das Beſte gegeben, was ſie beſaß— ihre und Kenntniſſe, ihr Herz? Und Ninas kindliche Ergebenheit, die⸗ ihr Bedürfniß, immer bei Edla zu ſein, ihre Ruhe bei ſie ihrer Leitung, wie ſchön zeugten ſie nicht davon? Das aus Gefühl einer innigen Vereinigung mit einem ſo ſchönen, von ſo holdſeligen Weſen warf manche irdiſche Wonne in elbſt. Edlas Himmelsleben. All die ideale Schönheit, die Edla im in ihrer Erinnerung und ihrer Hoffnung trug, war in der Nina gleichſam verwirklicht. Und dieß war zum großen „ die Theil ihr eigenes Werk. Aber als Nina ſpäter ſo be⸗ olge zaubernd und ſo liebenswürdig daſtand, da fühlte Edla Ren⸗ eine Neigung, ihr Werk zu vergoͤttern, da erlag ſie der mels ganzen Schwachheit einer zärtlichen Mutter für ihr Kind. iebte Indeß kämpfte ſie gegen dieſe Schwachheit und wurde itzen, ihrer mächtig. Sie beſaß die kraftvolle tiefe Liebe, die aber ihr Kind mit dem letzten Tropfen des eigenen Blutes ſucht ſäugen, aber den theuren Liebling lieber verbluten und ab. ſterben, als ſinken und ſich erniedrigen ſehen möchte. inem So viel von Edla, jetzt auch ein Wort von Nina. den, Blicke in eine reine Quelle in dem Augenblick, da ſich der Tag ſich von der Nacht ſcheidet; ſieh bei der magi⸗ nzige ſchen Dämmerung des Morgens den Himmel mit ſeinen der klaren Sternen ſich darin ſpiegeln, und du haſt ein Btld wach von Ninas Seele. So rein war ſie, ſo ſchimmerten in echte der Tiefe ihres Weſens alle ewigen Wahrheiten, aber ſie einer ſtrahlten durch eine Dämmerung. Es war eine Ahnung Nina vom Lichte, noch nicht das Licht ſelbſt. Sie war der , ſie urſprüngliche Menſch, der Menſch in ſeiner Unſchuld, in der ſeiner erſten heiligen Schoͤnheit. Ihre Seele ſchien eins ſie zu ſein mit dem ſchönen Körper, ſie ſtimmten ſo freund⸗ uiſch lich zuſammen, ſie ſchienen in einander gegoſſen zu ſein. n ſie Ihr Weſen war voll von der ruhigen Innerlichkeit, die bt zu von keinem äußern Auftreten weiß. Unbefangen, aber 48 ſchüchtern war fie ſtill, in ſich ſelbſt gefaßt. Ihr Anblick that der Seele und dem Auge wohl. Wie ſchoͤn und harmoniſch waren nicht die Bewegungen des weichen Arms, die wohlgebildeten weißen Hände? Ihr Gang, wie ſchwe⸗ bend, ihre Haltung, wie einfach und edel? Es würde mir ſchwer werden, euch einen Begriff von der Schoͤnheit und Anmuth ihres Geſichts beizubringen, aber wenn ihr die leichte Wölbung der reinen Stirne unter dem glänzenden, ſeideweichen Haare, den Blick des Auges unter den langen dunkeln Wimpern, das feine griechiſche Näschen, den be⸗ zaubernden Mund, das ſchöne Oval des Geſichtes und bei dem Allen noch eine Haut wie Schnee geſehen hättet, da hättet ihr mit Fräulein Margarethe behauptet, daß ſie das Schönſte ſei, was Gott geſchaffen. Ihre Augen hatten denſelben Schnitt, wie die Avelaidens, aber einen weniger lebhaften Glanz; über Ninas dunkelblauen Augen. lag gleichſam ein Schleier, eine gewiſſe feuchte Dämme⸗ rung, deren Zauber über alle Beſchreibung erhaben iſt. Etwas Wehmüthiges, etwas Träumendes lag in dieſem Blick: es war nicht der lichte Tag, nicht das klare Leben, ſondern etwas Ahnungsvolles, etwas ungemein Rührendes. Wenn ſie den Worten Anderer lauſchte, ſo bewies ſie da⸗ bei die vollſte Theilnahme, und wenn über ihre Roſenlip⸗ pen die Worte floßen, etwas langſam, aber ſo edel, ſo anmuthig und von einer Stimme, die wirkliche Muſik war, da lernte man eine der ſchönſten und im Allgemeinen vielleicht am Meiſten vernachläſſigten Zierden des Men⸗ ſchen ſchätzen. Jedermann ſpricht heutzutage über die Erziehung, warum nicht auch ich? nämlich über die Ninas. Sie war Kind geweſen, ſie war zur Jungfrau herangeblüht und hatte wenige ſogenannte Kinderbuͤcher und beinahe gar keine Romane geleſen, keine Madame Genlis, keinen Lafontaine. Sie lebte daher auch nicht in dem Irrwahn, daß äußeres Glück nothwendig auf innere Tugend und Güte folgen müſſe; ſie hatte nicht gelernt, daran zu den⸗ ken, daß bei der gewöhnlichſten Handlung chriſtlicher neinen Men⸗ hung, Sie eblüht einahe keinen wahn, und den⸗ ſtlicher 49 Mildthätigkeit ein Liebhaber durch die Thürritze oder das Schlüſſelloch hereinlauſchen und in Entzücken gerat hen müſſe. Sie fragte wenig nach dem qu'en dira-t-on?“ denn ſie war weder in der Roman⸗, noch in der Alltags⸗ welt daran gewöhnt worden, für die Gedanken und Nei⸗ gungen anderer Menſchen zu leben. Sie hatte die Men⸗ ſchen nicht auf dem kleinen Theater des Geſellſchaftslebens ſtudirt, dagegen ſah ſie dieſelben zeitig auf der großen Weltbühne. Frühzeitig machte Evla ſie mit den ſchönen und großen Charakteren der Geſchichte, mit den reinen Lehren der Weiſen bekannt. Sie ſcheute ſich nicht, ſie die Wirklichkeiten des Erdenlebens ſehen zu laſſen— al⸗ lein ſie zeigte ihr dieſelben beim Scheine eines höheren Lichtes. Sie ließ ſie die Tugend leidend, den Weiſen ver⸗ kannt, verachtet ſehen;— ſie lehrte ſie das Leben in aller ſeiner Größe und in aller ſeiner Bitterkeit kennen, ſie wollte ſie darauf hinleiten, die Tugend ohne Beſtechung zu lieben. Und Nina gewann wirklich die Schoͤnheit der Tugend im Innerſten ihrer Seele lieb und durch ihr be⸗ ſtändiges Hinſchauen auf Vortrefflichkeit und Wahrheit wurde ſie ſelbſt vortrefflich und wahr, ohne es auch nur zu wiſſen. Sie war wie ihre Liebe. Edla dachte:„Ich will ſie heimiſch machen auf den Höhen der Menſchheit und ihren Blick an der Klarheit der Gottheit ſtärken, da⸗ mit, wenn ſie in das Alltagsleben herabſteigt, ihr Auge nicht verblendet wird vom Glanze der Welt, ihre Seele nicht gefeſſelt von der Kleinlichkeit des Lebens. Wie ein höheres und beſſeres Weſen ſoll ſie in der Welt daſtehen, ſie ſoll nicht zu ihr hinabſinken, ſondern ſie zu ſich em⸗ porheben, ſoll Alles um ſich her veredeln. Sie ſoll des Glückes theilhaftig werden, das den edleren Menſchen zu⸗ kommt, nämlich ſich ſelbſt zu beſitzen, erhaben über alle irdiſchen Wechſel, ihren Frieden und ihre Freiheit zu be⸗ wahren und die Kraft, im Leben, wie im Tode, nur für das ewige Gute allein zu wirken. Nach derſelben Anſicht bildete Edla auch Ninas Schön⸗ heitsſinn. Sie machte ihr Ohr frühzeitig mit dem Reinen Bremer, Rina. 4 dem und ſein g der f die ihre Ab⸗ opfes, karia, Keine rhau⸗ Alles f eine it des e Ge⸗ 51 Edla und zeigte auf ihre beſtändig aufgeſprungenen und wunden Lippen. Hätte Edla doch vollenden dürfen, was ſie begann. Hätte nicht die Schwachheit, die Bosheit Anderer. doch wir wollen nicht voreilig ſein. Haben wir jetzt ge⸗ nug von Nina geſagt? Haben wir geſagt, wie ſie durch Edla Kraft bekam, ihre natürliche Trägheit zu überwin⸗ den, wie ſie an Edlas Beiſpiel Fleiß lernte und wie ſie trotz dem Allem ſo oft in eine träumende, wehmüthige Stimmung verſank, wie dieſer Hang, verbunden mit ihrer körperlichen Schwachheit, ein Ouell bitterer Unruhe für Edla war, dann haben wir für jetzt genug geſagt. Ni⸗ nas Seele glich einem Tempel, in welchem jedoch noch kein Gottesdienſt gehalten wurde; ſie war eine Welt, über welcher noch keine Sonne aufgegangen war. Die Wärme, das höhere Leben fehlte noch. Aber, wos wird man denken, ſagte wohl der Präſi⸗ dent dazu, daß einer ſeiner lieben Kleinen das erhielt, was er eine gelehrte Erziehung nannte? Der Präſident hatte ſich durch die Erfahrung, die er an Edla gemacht, zu der Ueberzeugung belehren laſſen, daß eine höhere Gei⸗ ſtesbildung nur dazu beiträgt, die Frau auch in ihrem Hauſe angenehmer und glücklicher zu machen. Edla hatte ſich zur Aufgabe des Lebens geſetzt, ihrem Vater alles mogliche Glück zu bereiten, und ihm zu Liebe, um ihm eine angenehme Geſellſchafterin zu ſein, ſchien ſie die Macht zu haben, ihr von Natur ernſtes und ſchweigſames Weſen zu verändern. Bei ihm war ſie fröhlich, geſprä⸗ chig, und ſie machte ihm ſein Haus ſo behaglich, wie es ſelbſt zu den Zeiten der ſeligen Friederike nicht geweſen war. Auch wurde der Präſident allmälig ſo zärtlich gegen ſeine Tochter und ſchenkte ihr ſein vollkommenes Vertrauen in dem Grade, daß er ſein ganzes Haus unter ihre Obhut ſtellte und ihr bei der Erziehung Ninas un⸗ beſchränkte Vollmacht ertheilte. Er hoffte auf dieſe Art an ſeiner jüngeren Tochter eben ſo viele Freude zu erle⸗ ben, wie an der älteren, und ſo ging Alles vortrefflich, bis der Präſident den oben erwähnten Streit mit dem kleinen Kupido bekam und vom Grabe zu ſprechen anfing, um zur Hochzeit zu kommen. Run gelüſtet es aber mich,(mein Leſer, darf ich nicht ſagen uns 2) einen Blick auf Adelaide zu werfen, und was ſie im Verlauf dieſer vierzehn Jahre gethan hat. Zu⸗ erſt und zuletzt acht Kinder, alle ausgezeichnet ſchön, brav und fröhlich, wie ihre Mutter. Sie hatte ſie alle aufge⸗ ſäugt, ſie geliebkost, mit ihnen geſpielt, ſie ſingen und leſen gelehrt; ſie lehrte ſie die Sonne, die Freude und Gott zu lieben und an Papa Alarich zu glauben, wie an das Gvangelium. Graf Alarich lebte bloß für ſeine Frau, die er anbetete, für ſeine Kinder, an deren Erziehung er Theil nahm, und für ſeine Unterthanen, die er glücklich machte. Adelaide hatte ihn mild und heiter geſtimmt; er hatte ſie die Geſchichte und noch vieles andere Gute gelehrt. Mamſell Rönngvist las mit den jungen Töch⸗ tern franzöſiſch und engliſch. Keine von ihnen konnte eine Vergieichung mit Nina aushalten, allein ſie verſprachen gute und lebensfriſche Menſchen zu werden, die alle Aus⸗ ſicht hatten, glücklich in der Welt fortzukommen. Ade⸗ laide widmete ihren Kindern viele Zeit, war aber doch immer für die ganze Gegend ein Geſang der Freude, un⸗ entbehrlich bei allen Feſten des Lebens, und wo man ihr gutes, ſchönes Angeſicht erblickte, in der Hütte oder im Schloß, am Todtenbett oder bei einer Hochzeit, wurde ſie begrüßt, wie ein Bote vom Himmel, herabgeſandt zu trö⸗ ſten oder zu erfreuen. Sie war immer noch der Schwan, an Weiße, an friſchem Muth, an Fröhlichkeit und Lieb⸗ lichkeit, ihr Haus aber und die Liebe war die friſche Welle, worin ſie ihre Schwingen badete. Auf Alarich und Adelaide iſt das anzuwenden, was Hiob von gewiſſen Leuten ſagt: Aufe gren voll imm bare die Erde ken! keine Ohr geher ihner un⸗ Art erle⸗ lich, dem ing, icht und Zu⸗ brav fge⸗ und und e an Frau, 53 „Sie nehmen zu mit Gütern.“ „Ihr Same iſt ſicher um ſie her, und ihre Nach⸗ kömmlinge ſind bei ihnen.“ „Ihr Haus hat Frieden vor der Furcht und Gottes Ruthe iſt nicht über ihnen.“ „Ihre Kuh kalbet und iſt nicht unfruchtbar.“ „Ihre jungen Kinder gehen aus wie eine Heerde, und ihre Kinder blöcken.“ „Sie jauchzen mit Pauken und Harfen und ſind frohlich mit Pfeifen.“ „Sie werden alt bei guten Tagen.“ Mit einem Wort— ſie gehörten unter die Glückli⸗ chen auf Erden. Ich habe viele ſolche geſehen und mit Verwunderung ihre Welt betrachtet, während„ein Anderer⸗ mit betrübter Seele ſtirbt und ſein Brod nie mit Freuden gegeſſen hat.“ Aber „Wer will Gott lehren?“ Und Angelika? So fragten Viele, als Gräfin M. nach zweijährigem Aufenthalte in Rom ohne ſie zurückkehrte. Und die Plom⸗ gren? fragte Fräulein Margarethe. Glückſelig find diejenigen, die ihr Leben auf Erden voll ausleben, die ihre Kraft gänzlich ausbilden und in immer ſchöneren Schöpfungen den reichen Schatz offen⸗ baren, welcher in der Tiefe ihrer Seele liegt. Sie ſind 1 Helden des Lebensdramas, die herrlichen Genien der rde. Das Erdenleben hat auch ſtumme Genies. Sie den⸗ ken das Tiefſte, ſie fühlen das Feurigſte, allein ſie finden keine Worte, um das Göttliche auszuſprechen, was ihre Ohren vernehmen. Sie gehen unverſtanden dahin; ſie gehen dahin wie ſchweigende Schatten. Laßt uns ihnen mit Ehrfurcht nahen. Von den Kindern der Erde 54 ſind dieſe oft die Unglücklichſten. Aber wir wiſſen, daß ihnen dereinſt ein Engel die Zunge loͤſen wird. Es gibt auch Weſen, die zwar nur einen Augenblick leben, denen es aber gegeben iſt, ein Wort auszuſprechen, welches ins Unendliche forttont. Auch ſie ſind glücklich auf Erden! Ihr Leben war voll, obſchon kurz— eine Dithyrambe, geſungen im Tempel der Unſterblichkeit. Angelika gehörte unter dieſe letzteren. Ihre feurige Seele verzehrte die Hülle, worin ſie wohnte, und der an⸗ geſtrengte Fleiß, womit ſie in Rom arbeitete, erſchöpfte ihre Kräfte vor der Zeit. Sie ſtarb mit dem Pinſel in der Hand, während ſie die letzte Feile an das Bild des Engels legen wollte, welcher Maria mit den Worten be⸗ grüßt:„Heil dir, o Gnadenreiche!“ Sie ging dahin, um die Bilver der Schönheit näher zu ſehen, welche ſie auf Erden geahnt, und mit ihnen zu beten⸗ Ihr letztes Gemälde, ihr letztes Wort an die Welt iſt noch im Beſitz der Gräfin M. Niemand kann es ohne die innigſte Rührung betrachten. Keine Frau beſonders kann Maria und das in ihrem ganzen Weſen ausgeſpro⸗ chene:„Siehe, ich bin des Herrn Magd,“ ſehen, ohne in dieſem Wort auch ihre Lebensaufgabe zu erkennen. Jeder⸗ mann, wer dieſes Bild anſchaut, muß unwillkührlich an eine höhere Reinheit und Heiligkeit glauben. Es gibt einen Schein vom Himmel und lockt die Seele zu ihm hinauf. Angelika hat nicht vergebens gelebt. Und wer hat dieß, wenn er warm gewollt, wenn er redlich gearbeitet hat, wäre es auch nur eine Morgen⸗ ſtunde? Er hat nichts Ganzes vollbracht, aber er hat einen Funken ausgeworfen, welcher erwärmend in der Nacht Vieler fortglühen wird; er hat Andern das Werk bereitet; auch dieß iſt gut und erfreulich! Unſer kleines Leben, wie ſchnell es dahin geht! Laßt uns daſſelbe mit dem der Menſchheit verbinden— und es wird unſterblich auch auf Erden! 55 Und der gute Otto und die garſtige Gräfin Auguſte und die muntere Baronin und Se. Ercellenz ihr Mann? Sie ſind alleſammt geſtorben an der Cholera. Weltleben. „Trink! Sie verfliegen die ſchäumenden Perlen, o trink!“ Franzen, Mit was ſoll ich das Weltleben vergleichen, dieſes brauſende Leben der Feſte und Vergnügungen, der Scherze und des Lachens, woraus Ernſt, Seufzer und Thränen verbannt ſind; dieſes Leben, das in allen großen Städten herrſcht, und Alle in ſeinen Wirbel zieht, womit ſoll ich es vergleichen?— Mit dem Schaum des Lebenstrankes. Er ſtrömt unaufhörlich herab aus ewigen Quellen. Sein Schaum braust oben auf; die ſauſenden Perlen kreiſen, blinken und verſchwinden; neue wirbeln empor; es ſpru⸗ delt unaufhörlich in der Tiefe des Bechers. Gut, wenn das Getränke Champagner iſt und nicht bloß Dünnbier! Doch es muß wohl beide Sorten in dieſem großen Wirths⸗ haus geben. Manches edle Leben, manche Freude vergeht in dieſem Element, aber auch mancher Seufzer, mancher Starrſinn, mancher krampfhafte Schmerz löst ſich darin auf und verfliegt. Es hat ſein Gutes, wenigſtens für den Augenblick. „Trink! ſie verfliegen die ſchäumenden Perlen, o trink!“ Viele Menſchen können ohne dieſes Element nicht recht leben, obgleich ſie hin und wieder auch außerhalb deſſelben einen Athemzug thun und dann aus vollem Her⸗ zen ſeufzen:„Wie liebenswürdig iſt die Natur! Wie an⸗ genehm die Stille! Wie ſchön die chriſtliche Tugend! ohne Ernſt und Einſamkeit iſt keine wahre Freude zu finden. Man muß für den Himmel leben. Und dann eilen ſie ſich aufs Neue mit Geſellſchaft und Vergnügungen, mit Zerſtreuungen aller Art zu umgeben. Die Gräfin M., nunmehr Gräfin G., war eine dieſer Weltnaturen. Ihre Ergebenheit gegen Angelika war bloß ein tiefer Athemzug außerhalb ihres Lebenselements, und ſchon lange vor Angelikas Tod hatte ſie ſich demſelben wieder zugewandt. Sie liebte das Weltleben, wo ſie ver⸗ möge ihrer Schönheit und ihres feinen Tons eine Zierde war, und ihr Reichthum ihr die Mittel in die Hand gab, mit Glanz aufzutreten. Sie bewegte ſich darin leicht, wie der Fiſch im Waſſer, leicht, wie der Denker in ſeinem Element, und ſchwamm ebenſo nothwendig auf der Ober⸗ fläche, wie er in der Tiefe der Lebensfluth. Sie ſchrieb und erhielt jeden Morgen wohl zwanzig Billet; ſie be⸗ ſchützte Künſtler und Schriftſteller und nahm Dedikationen ihrer Werke an; ſie war Mitglied von allen Kunſt⸗ und Wohlthätigkeitsvereinen, ſie liebte es, zu intriguiren, zu reevmmandiren, eine Rolle zu ſpielen, ſich wichtig zu machen, bewundert und angebetet zu werden, und es glückte ihr ſehr häufig, zumal bei ſolchen, welche ſie nicht ſo ganz in der Nähe betrachten konnten. Kurz nach ihrer Vermählung eroͤffnete ſie ihr Haus auf die glänzendſte Weiſe, ſammelte Alles um ſich, was die Hauptſtadt an Talenten, an Rang und an Schoͤnheit beſaß, empfing jeden Tag Geſellſchaften, veranſtaltete Tableaur, Lieb⸗ habertheater, Concerte, Declamativnen, Vorleſungen, ſpielte überall die vornehmſte Rolle und ließ es ſich be⸗ ſcheiden gefallen, daß man ſie die Corinna des Nordens nannte. Und nun, mein geliebter Leſer, denkſt du wohl, daß ich dich in meiner Geſchichte weiter führen werde, wie man auf einer gut im Stande gehaltenen Landſtraße, ge⸗ radezu auf das Haus losfährt, wo man ſeine gute Mahl⸗ zeit einnimmt? Nein, ganz und gar nicht. Ein vaga⸗ bundirender Geiſt hat ſich nun einmal meiner bemächtigt, und wir ſchweifen aufs Neue ab, in eine Epiſode, dann ja wie weiß ich, was dann kommen wird!— mit eſer loß und lben ver⸗ erde gab, wie nem ber⸗ rieb be⸗ onen und „zu es nicht ihrer nſte tan pfing Lieb⸗ ngen, be⸗ rdens „daß wie ge⸗ Nahl⸗ vaga⸗ htigt, iſode, — 57 Folge mir, wer Luſt und Liebe hat! Ich wende mich zu Fräulein Margarethe. Womit ſoll ich Fräulein Margarethe vergleichen? Ich finde kein Bild, das ſo gut auf ſie paßt, als das einer Heilquelle. Lebhaft und originell, eine friſche, eiſenhaltige Ader, faßte ſie das Leben und die Menſchen auf eine Art auf, vie eben ſo luſtig, als gutmüthig war, und ein herzliches Lächeln über ihre Thorheiten ſchwebte beſtändig um ihre feinen Lippen. Dieſes Auf⸗ faſſen und dieſes Lächeln, das ſich in ihren Worten und in ihrem ganzen Weſen kund gab, und nicht den min⸗ deſten Anflug von Bitterkeit hatte, war unwiderſtehlich erquickend, und es mußte eine ganz außerordentlich ſtumpfe, oder ſehr unglückliche Perſon ſein, wenn ſie nicht im Stande war, ſie wenigſtens auf einen Augen⸗ blick munter und mittheilſam zu machen. Dieſes harm⸗ loſe Lachen iſt gewiß eines der wirkſamſten Mittel, um die Menſchen mit dem Leben auszuſohnen, und eben das brachte Fräulein Margarethe zu Stande. Im Innerſten überzeugt von Gottes weiſen Schickungen in Allem, war ſie auch davon überzeugt, daß es der Lebenszweck jedes Menſchen ſei, ſich ſo gut als möglich auf der Welt zu amufiren, indeſſen mit ſteter Beobachtung der zehn Ge⸗ bote Gottes und aller zur Wahrung ſeines Anſehens nothwendigen Klugheit. Reich und unabhängig lebte ſie unverheirathet, weil ſie unter den vielen Partien, die ſich ihr dargeboten, keine gefunden hatte, die ihr größeres Glück ein angenehmeres Leben verſprachen, als das, welches ſie als ſelbſtherrſchendes Fräulein und Baronin genoß. Sie lebte viel in der großen Geſellſchaft, nicht weil ſie dieſelbe beſonders liebte, ſondern weil ſie darin Stoff für ihre kritiſche Laune fand, und die Beſtimmtheit in ihrem Charakter, ſo wie ihr geſunder Verſtand machte ſie allgemein eben ſo geachtet, als man ſie wegen ihrer humoriſtiſchen Laune liebte und ſuchte. Eine geſchworene Feindin alles deſſen, was man Exaltation nennt, ſuchte ſie alle Saiten, die ihr zu hoch geſpannt ſchienen, niedriger zu ſtimmen und urtheilte dabei leicht Etwas zu ſtreng, denn ſie hatte noch keine Gelegenheit gehabt, mit ihrem eigenen, guten und wahren Herzen nähere Bekanntſchaft zu machen. Sie war vornehm, aber nicht hochmüthig, und achtete jeden ſelbſtſtändigen Menſchen, der Ihro Gna⸗ den nicht zu nahe trat. Eine entſchiedene Verachtung hegte ſie gegen alle Schlechtigkeit und beinahe noch mehr gegen alle Dummheit. Dummdreiſtigkeit verabſcheute ſie wie den Gottſeibeiuns, und ſtrafte ſie, wo ſie konnte. Selbſt ruhig und feſt ſah ſie ihre Luſt an den kleinen Intriguen, Ver⸗ legenheiten, Anſprüchen und Beſchwerden Anderer, auch machte ihr vielleicht das Bewußtſein ihres Einfluſſes auf Alle, mit denen ſie in Berührung kam, nicht wenig Ver⸗ gnügen. Sie war indeß nicht immer mild, nicht immer warm, allein, wie ich oben geſagt, ſie war in hohem Grad eine Heilquelle, und wo ſie erſchien, ſtellte ſich unwillkürlich ein friſcherer Muth, mehr Behaglichkeit im äußern und mehr Munterkeit im innern Leben ein. Ich habe oft gedacht, wenn man Fräulein Margarethe hundert⸗ tauſendmal multipliciren könnte, ſo würde die Hälfte der jetzigen Krankenhäuſer, Irrenanſtalten und Heilquellen ent⸗ behrlich werden. Das Haus der Gräfin G. war angenehm und lebhaft. Fräulein Margarethe war viel dort, weil ſie ihre Couſine zwar nicht beſonders liebte, aber dennoch große Stücke auf ſie hielt, und von der Anmuth, welche die Gräfin G. in ihrem Weſen hatte, gleichſam gefeſſelt war. Aber jetzt fing ſie an, ſich weniger wohl in ihrem Hauſe zu befinden. Mit Edla konnte ſie nicht beſonders gut zurechtkommen. Sie begegneten einander mit der größten Höflichkeit, aber damit war Alles abgethan. Auch zog ſich Edla bald aus den Geſellſchaftskreiſen der Gräfin zurück. Nina hatte für Fräulein Margarethe, wie ſie ſich ſelbſt ausdrückte, zu wenig Fleiſch und Blut. Sie fand ſie ſchön, allein ſie ſtieß ſich an der bis zu einer Art Anbetung ſich verſteigenden Zärt⸗ lichkeit, welche die Gräfin ihr widmete, und worüber ſie ihre alten Freunde zu vergeſſen ſchien. Einiger Verdruß — — 9— 1— „ S— S 8 S— — eng, rem haft hig, na⸗ hete een den uhig Ver⸗ auch auf Ver⸗ nmer ohem ſich it im Ich dert⸗ e der ment⸗ bhaft. ouſine ke auf G. in r jetzt inden. mmen. „aber d aus tte für wenig eß ſich Zärt⸗ ber ſie erdruß 59 darüber bewirkte, daß ſie jetzt weniger geneigt war, Nina Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, und außer ihrer Schönheit auch noch etwas Anderes an ihr bewunderns⸗ werth zu finden. Ein wahrer Dorn in ihren Augen war die junge Dame, welche die Gräfin in ihren Schutz genommen hatte. Sie nannte ſie nur die ſtille Klara, und obgleich ihr ganzes Weſen dieſe Bezeichnung rechtfertigte, ſo hätte Fräulein Margarethe doch lieber die langweilige Klara geſagt. Unabläßig mit ihrer Näharbeit— faſt immer einer ausgezeichnet ſchönen Stickerei— beſchäftigt, ſchien ſie für Nichts in der Welt Intereſſe zu haben, als dieſe Arbeit fertig zu bringen. Bei den glänzenden Feſten, welche die Gräfin gab, ſaß ſie ruhig und gleichgültig da und langweilte ſich augenſcheinlich, wenn ſie nicht nähte. Sie ſchien wenig auf Andere zu achten und wenig darnach zu fragen, ob Andere auf ſie achteten; ſie nähte bloß. Wenn Andere disputirten und ſich ereiferten, ſo ſaß Klara ſtille da und nähte; wenn Andere voll Eifer hin und her rannten, um ein Spiel oder ſonſt ein Vergnügen in den Stand zu bringen, ſo ſaß Klara ſchweigend da und nähte. Wenn Andere vor langer Weile gähnten, ſich abquälten und ärgerten, ſo ſaß Klara ruhig da und nähte. Wenn man ſie anredete, ſo ſah ſie auf, antwortete höf⸗ lich, aber immer ſo kurz als möglich, ſchlug dann ſogleich wieder die Blicke nieder— und nähte. Dieß ſetzte Fräu⸗ lein Margarethens Geduld auf die grauſamſten Proben. Dazu kam noch, daß Klara ſich einen Katalog von ge⸗ wiſſen Worten und Ausdrücken gemacht hatte, welche ihren ganzen Sprachvorrath zu enthalten ſchienen, und die ſie zur Zeit, übrigens wie Fräulein Margarethe behauptete, öfter auch zur Unzeit anbrachte. Sie lauteten: Es kann ſein.— Was thut das?— Bemühen Sie ſich nicht.— Setzen Sie ſich.— Laſſen Sie uns ruhig bleiben u. ſ. w. — Beſonders hörte man oft ein gewiſſes gleichgültiges „Ja ſo,“ welches Fräulein Margarethe rein zur Ver⸗ zweiflung brachte. Sie war ſelbſt ganz ruhig, ja ſie 60 bilvete ſich bei der allgemeinen Unruhe der Andern nicht wenig darauf ein; allein dieſe Ruhe, dieſe Indifferenz war eine Carikatur der ihrigen; ſie mußte ſich darüber wundern und zugleich ärgern. Was ſie aber noch mehr verdroß, war, daß Klara bei all ihrer Näherei und ihrem Lakonismus gleichwohl eine Art Anziehungskraft auf ſie ausübte, von der ſie ſich kaum losmachen konnte. Sie lag zum Theil in einer unbeſchreiblichen Neugierde, wie ein Menſch beſchaffen ſein müſſe, der mit Vernunft, Verſtand, ſeinen fünf Sinnen und ſämmtlichen Gliedern begabt, ſich dennoch für Nichts von dem Allen intereſſire, wonach Andere ſtrebten, und für jeden Eindruck unzugänglich zu ſein ſchien. Indeß hatte Klara auch Etwas— Fräulein Margarethe wußte ſelbſt nicht was, allein ſie mußte ich unwillkürlich an Baron H's Ausdruck„heilig“ erinnern— etwas ſo Einfaches, ſo Wahres... Fräulein Margarethe fand gegen ihren Willen Wohlgefallen daran und konnte es ſich nicht verwehren, ſie aufmerkſam zu betrachten. Klaras Geſicht war ohne Schoͤnheit, es hatte keinen eigentlich ſchönen Zug, indeß konnte man ſie keines⸗ wegs häßlich nennen. Ihre dunkle Farbe ließ ſie in der Entfernung häßlich ſcheinen, allein in der Nähe gewahrte man die Klarheit, die durchſichtige Feinheit derſelben und das Spiel der Adern auf Wangen, Scheitel und Augen⸗ lidern. Wenn ſie durch irgend etwas Ungewöhnliches angezogen wurde— ein Phänomen, das Fräulein Mar⸗ garethe noch nicht geſehen hatte— ſo ſtieg eine Purpur⸗ ſtamme in ihre bleichen Wangen, die ihr einen ganz eigenthümlichen, fremden Reiz gab, und die lichtbraunen Augen, welche ſich langſam unter den tiefen Augen⸗ gewölben bewegten, glänzten in dieſem Augenblick mit milder wohlthuender Klarheit. Eines Tages nahm ſich Fräulein Margaretha vor, einen Verſuch mit Klara zu machen und genau zu erforſchen, was es mit ihrem Ver⸗ ſtand für ein Bewenden habe. Sie gab ſich wirklich Mühe, recht angenehm zu ſein, und bot ihren ganzen Vorrath 61 von Witz und Luſtigkeit auf. Klara hoͤrte ihre munteren Einfälle mit ſtillem Lächeln an— und nähte; ſie beant⸗ wortete ihre Fragen höflich, aber kurz— und nähtez all⸗ mählig hoͤrte ſie bloß halb und antwortete mit augen⸗ ſcheinlicher Zerſtreuung; endlich kam ein übel angebrachtes „Ja ſv.“ Jetzt konnte es Fräulein Margarethe nicht mehr aushalten, ſie wurde zornig, ſtand auf, und gelobte ſich in ihrem Innern, nie mehr Belebungsverſuche mit einer ſo lebloſen und unhöflichen Perſon vorzunehmen. Aber jetzt begann eine Art Kriegszuſtand zwiſchen Fräulein Margarethe und Klara, wobei die Erſtere oft ſehr unmuthig wurde. Es gab gar viele Dinge, welche Fräulein Margarethe nothwendig, Klara aber unnothig fand. Gleichſam dieſer zum Trotz veranſtaltete Fräulein Margarethe bisweilen eine gewiſſe Bewegung und Unruhe, bei welchen Gelegenheiten ſich immer Klaras Vorſchlag wiederholte, die Sache unterwegs zu laſſen und ſitzen zu bleiben. So ſanft nun auch dieſe Worte ausgeſprochen wurden, ſo ärgerte ſich boch Fräulein Margarethe gewal⸗ tig darüber und ſagte bei einer ſolchen Veranlaſſung ein⸗ mal Etwas hitzig:„Meine liebe Klara, ich bin zu alt, um mich noch hofmeiſtern zu laſſen, behalten Sie daher Ihre wohlweiſen Bemerkungen zu Ihrer eigenen Erbauung.“ Solche kleine Reibungen erneuerten ſich ziemlich oft. In⸗ deß hatte Fräulein Margarethe in ihrer boſen Laune Etwas, das Klara bei weitem weniger erſchreckte, als ein einziger kalter Blick von der Gräfin. Auch will ich euch nicht ver⸗ hehlen, meine Leſer, daß ich felbſt oft folgende, wohlweiſe Betrachtungen angeſtellt habe: In manchem Zank liegt der Keim zu einer innigen Freundſchaft, manches gute Einvernehmen aber beweist bloß, daß man einander Nichts zu ſagen hat. Die In⸗ differenz will weder beißen noch küſſen. Die ſtille Klara hatte drei wilde Brüder; der eine war Juriſt, der andre Marlnelieutenant und der dritte Lieutenant bei der Linie. Die drei wilden Brüder liebten die ſtille Schweſter auf's Zärtlichſte und hatten keinen höheren Wunſch, als ſie bald gut verheirathet zu ſehen. Sie wünſchten ihr einen braven, aber zugleich reichen Mann, der auch Mittel und Luſt hätte, den armen Schwägern unter die Arme zu greifen. Die drei wilden Brüder beſtürmten die ſtille Schweſter unaufhoͤrlich mit Fragen, ob ſich noch kein Freier gemeldet, mit der Mahnung ſich ſchoͤn zu kleiden, artig zu ſein u. ſ. w. Sie plagten ſie beſtändig mit den beſten Abſichten von der Welt. Auch die Gräfin gab ſich nicht minder als die drei wilden Brüder alle Mühe, Klara eine gute Partie zu verſchaffen. Sie hielt es für eine Gewiſſenspflicht, und hatte ohnehin gern die Fäden zu einem kleinen Roman in ihrer Hand. Klara antwortete den drei Brüdern ebenſo freundlich als ausweichend, befolgte indeß die Vorſchriften der Gräfin, über die Art, wie ſie ſich kleiden ſolle, nicht. Fräulein Margarethe wünſchte den Bemühungen der Grä⸗ fin und der Brüder von ganzem Herzen Glück. Sie hatte wirklich angefangen, einen kleinen Haß auf die unbegreif⸗ liche Klara zu werfen, und ſie ſehnte ſich nach dem Tage, wo dieſe gefühlloſe Mauer ihr nicht mehr die Aus⸗ ſicht im Hauſe verderben werde. Freier zeigten ſich auch bald, und zwar wie es ſchien aus Antrieb des eigenen Herzens. Baron H. bewies gegen Klara eine Aufmerkſamkeit, welche Jedermann merkte und deutete, nur ſie ſelbſt nicht. Fräulein Margarethe war ärgerlich über H's. Abſich⸗ ten. Sie fühlte wirklich Freundſchaft für ihn und hätte ihm eine beſſere Frau gewünſcht, als die ſtumme, lebloſe Klara. Gleichwohl ſagte ſie Nichts, ſondern machte ſich bloß ſehr häuſig luſtig über ſeine vergeblichen Unterhal⸗ tungsverſuche mit Klara, und ließ es nicht an Sticheleien fehlen; wovon er indeß keine Notiz nahm. Fräulein Mar⸗ garethe hatte noch überdieß einen kleinen Grund, auf den Baron böſe zu ſein. Dieſer hatte nämlich in den Jahren, da wir ihn nicht mehr geſehen, ſeine Familie ganz unvermuthet und ſiden noch rothe dem 63 auf eine eigenthümliche Art vermehrt. Wir haben bereits geſagt, daß er keine Frau gefunden; dagegen hatte er — Niemand wußte wie— einen Sohn gefunden, ein gu⸗ tes, natürliches Kind, das er Filius nannte. Sein Tauf⸗ name war Lev. Ob er einen Zunamen hatte, wer er war, woher er kam, wußte Niemand, und dem Baron ſelbſt war nicht der geringſte Aufſchluß darüber abzu⸗ locken. Er ſagte bloß, Filius ſei ein Findling, und wußte jedesmal alle weitere Geſpräche über ſeine Herkunft abzuwenden. Aber gerade dieſes Dunkel, ſo wie gewiſſe halblaute Vermuthungen, die im Umlauf waren, brach⸗ ten Fräulein Margarethe auf allerhand für den Baron keineswegs günſtige Gedanken, und machten ihr auch den zahnloſen, Etwas eigenſinnigen Filius widerwär⸗ tig, den nach ihrer Anſicht ſeine ſchönen Augen und ſeine lebhafte Farbe keineswegs berechtigten, den Baron überall hinzubegleiten und eine Erziehung zu erhalten, wie er ſie als ſein leiblicher Sohn nicht ausgezeichneter hätte bekommen können. Baron H. hegte für den Kna⸗ ben eine Zärtlichkeit, die an Schwachheit gränzte, und ließ ſich durch Fräulein Margarethens Fragen und Be⸗ merkungen nicht im Mindeſten irre machen, ſondern beantwortete ſie meiſtens mit der beſten Laune von der Welt. Dadurch fand ſich nun Fräulein Margarethe ſo⸗ wohl in ihrer Neugierde als in ihrem Schicklichkeitsgefühl verletzt. Sie betrachtete den Filius mit ungnädigen Au⸗ gen, und zum Dank war auch er ungemein ſlörriſch gegen ſie. Dagegen hielt er ſich gerne um Nina auf, und war bereit, ihren leiſeſten Winken zu gehorchen. Man nannte ihn Ninas kleinen Anbeter, und er war wirklich ein reden⸗ des Beiſpiel von der Macht, welche Schönheit auf den Kinderſinn ausübt. Eines Abends war große Geſellſchaft bei dem Prä⸗ ſidenten. Die Gräfin zog aller Augen auf ſich, ſogar noch mehr, als die ſchoͤne reizende Rina. Sie hatte ein rothes Sammtkleid an, und einen goldgeſlickten Turban auf dem Kopf, und entlockte ihrer Harfe die bezauberndſten Toͤne, während ſie mit ſeltener Kunſtfertigkeit eine Bra⸗ vour⸗Arie von Meyerbeer dazu ſang. Ein Kreis von Bewunderern ſchloß ſich um ſie. Der Präſident ſelbſt war unter ihnen und gerieth beinahe außer ſich vor Ent⸗ zücken. Der Baron näherte ſich Klara, die in einem dunkel⸗ braunen Seidekleid und mit der doppelten Tyllpelerine um den wohlgebildeten Hals, gleichſam der Schatten in dieſer leuchtenden Verſammlung war. Er ſetzte ſich bequem auf einen freien Stuhl neben ihr nieder.„Ein herrliches Ta⸗ lent,“ ſagte er, mit einer Art kühlen Entzückens über den Geſang der Gräfin. Klara antwortete ein eben ſo kühles Ja.“ „Sie ſpielen und ſingen vermuthlich auch?“ fragte Baron H. mit vieler Theilnahme. „Nein,“ antwortete Klara ganz ruhig. „Dann bin ich überzeugt, daß Sie vortrefflich zeichnen.“ „Nein ich verſtehe mich auf gar keine ſchöne Kunſt,“ erwiederte Klara mit demſelben Tone. „Nun, was hätten Sie auch davon? Heut zu Tage ſpielen, ſingen und zeichnen alle Damen ein wenig, wie ſie es nennen, und verderben damit eine Menge Zeit, die beſſer angewendet werden könnte. Es wäre weit paſſender, ſie widmeten ſich den edlen Beſchäftigungen der Haus⸗ frauen. und ſtudirten die Kochkunſt. Gewiß verſtehen Sie ſich auf dieſe vortreffliche und edle Kunſt?“ „Nein, ich verſtehe auch dieſe nicht,“ ſagte Klara. „Nun das lernt man, das gibt ſich bald,“ troſtete der Baron.„Man hält eine geſchickte Koͤchin. und dann. Sie verſtehen doch gewiß ein Mittagsmahl an⸗ zuordnen?“ „Nein,“ erwiederte Klara,„ich kann es nur eſſen.“ „Gut geſagt, Klara!“ dachte Jemand ganz in det Nähe und ein herzliches Lachen, das zu erſticken drohte, wenn ihm nicht Luft gemacht wurde, unterbrach das Ge⸗ ſpräch und verrieth Fräulein Margarethe als Zuhoͤrerin, woraus dieſe auch gar keinen Hehl machte. Baron 5 c——— Bra⸗ von ſelbſt Ent⸗ nkel⸗ e um dieſer n auf 3 Ta⸗ den kühles fragte und 65 errothete leicht und warf ihr einen grimmigen Blick zu, den ſie, überzeugt, daß noch vor Ende des Tages eine Verſoͤhnung ſtattfinde, mit großer Standhaftigkeit ertrug. Es geſchah auch wirklich ſo. Trotz aller zufälligen Miß⸗ helligkeiten herrſchte zwiſchen Baron H. und Fräulein Margarethe eine gewiſſe Sympathie, die ſie unaufhorlich zu einander zog. Es war ihnen beiden ein eigentliches Bedürfniß ſich zu amüſiren und dieſes fanden ſie nie ſo gut befriedigt, als in ihrer gegenſeitigen Geſellſchaft. Trotz aller Nein Klaras ließ ſich der Baron doch nicht abſchrecken, im Gegentheil ſchien er immerhin eine wirkliche herzliche Neigung für das ſtille Weſen zu faſſen, und ſuchte ſie auf die kleinen Künſte und Wiſſenſchaften ſeines Filius aufmerkſam zu machen. Die vornehmſte da⸗ von beſtand in einer Art grober Zeichnung meiſtens mit Kohle oder Kreide, wofür ihn Fräulein Margarethe gern auf die Finger geklopft hätte, während der Baron die Weis⸗ ſagung eines neuen Michel Angelo Buonarotti darin er⸗ blickte. Es konnte nicht geläugnet werden, daß der Knabe hoͤchſt ungewöhnliche Anlagen beſaß, mit ächtem Künſt⸗ lergeiſt immer nur anf ſeine Kunſt bedacht zu ſein und überall nur Gegenſtände für dieſelbe zu ſehen ſchien. Daraus entſtand indeß die Ungelegenheit, daß man manche Naſe und manches Auge an einem Orte erblickte, wo man ſie nicht zu ſehen wünſchte. Vergebens kaufte Fräu⸗ lein Margarethe ein Buch Zeichnungspapier und breitete die Bogen Filius in den Weg. Filius ſtrebte nach dem Großen auch im Raum und zeichnete am liebſten auf Fußböden und Wände. Klaras Sorgfalt verhinderte in⸗ deß meiſt alle ſchädlichen Folgen, ſowohl für die Wände als für Filius, und der Baron, der Nichts ſo ſehr fürch⸗ teie, als der Phantaſie des jungen Künſtlers Feſſeln an⸗ zulegen, war unendlich dankbar dafür. Er wurde immer aufmerkſamer gegen ſie und machte ihr ſeine Cour, be⸗ ſonders durch die Artigkeit, vaß er ihr oft ausgezeichnet ſchöne Blumen verehrte, ein Geſchenk, das Klara nicht ausſchlagen konnte. Schon winkte die Gräfin und machte Bremer, Nina. 5 ein hochzeitliches Geſicht, ſchon rühmten ſich die drei wilden Brüder ihres künftigen Schwagers und Fräulein Margarethe ſagte„ Was geſchehen ſoll, geſchehe lieber bald!“ Da trat ein anderer Freier auf den Schauplatz, ein reicher junger Kaufmann, der Klara noch in ihrem elterlichen Haus kennen gelernt und ſich ſchon damals ernſtlich in ſie verliebt hatte. Allein damals war er arm und konnte ihr ſeine Hand nicht anbieten. Jetzt hatte er ſich durch Thätigkeit und Geſchicklichkeit emporgear⸗ beitet; er hatte ein Haus und ein Landgut gekauft, und kam nun, der Längſtgeliebten einen Antheil an ſeinem Glücke anzubieten, wie er ihr ſchon längſt einen Theil an ſeinem Herzen eingeräumt hatte. Wir nennen ihn Herrn Fredriks. Er ließ ſich bei der Gräfin vorſtellen. Sein ganzes Weſen war etwas ungeſchlacht, allein ſein Herz war gut und eine gewiſſe, friſche Rührigkeit belebte ſeine Blicke. Baron H. ſah ihn Etwas von oben an, Herr Frederiks dagegen begegnete ihm mit einigem Trotz: Beide umgaben Klara legten aber ihre Aufmerkſamkeit auf ganz ungleiche Art an den Tag. Der Baron ſetzte ſich neben ſie, rühmte ihre Arbeiten, ihren Fleiß, ließ ſeine mit einem ſchönen Brillantring geſchmückte, weiße Hand unter ihren Augen mit einer goldenen Doſe ma⸗ növriren und bot ihr ſehr häufig mit vielem Ernſt eine Priſe daraus an. Er ſprach gemüthlich und vergnügt uber die Seligkeit einer ruhigen und glücklichen Ehe, machte humoriſtiſche Bemerkungen über das Leben und die Menſchen, ſagte ſeiner Zuhörerin eine und die andre Artigkeit und blinzelte dazu mit ſeinen recht hübſchen Augen, wie Fräulein Margarethe ſie nannte. Herr Fre⸗ driks dagegen warf ihr die bedeutſamſten Blicke zu, war faſt beſtändig zu ihren Füßen und hatte eine Art, um ſie herumzutrippeln und zu ſtampfen, welche für die ſtille Klara unbeſchreiblich beunruhigend war. Er ſprach be⸗ ſtändig von ſeinen Planen, eine Equipage zu kaufen, ein glänzendes Haus zu führen und große Geſellſchaften zu geben. Seine Frau müſſe ſich mit jeder Gräfin meſſen, we ihr her übe unt lich fig: ein Ne die wie ſtür ein. ſelb Ma nan Eif Ker lich Fre Kla laſſe jetzt als drei lein ieber latz, hrem mals arm hatte gear⸗ und inem Theil ihn ellen. ſein elebte an, rotz: mkeit ſetzte „ließ weiße ma⸗ t eine gnügt Ehe, un andre bſchen Fre⸗ „war „um e ſtille ch be⸗ kaufen, chaften meſſen, 67 können. Inzwiſchen ſchien es keinem von beiden Freiern zu glücken, einen Eindruck auf Klaras Herz zu machen. Sie blieb ſich in ihrem Benehmen gegen Beide gleich. Sie ſchnupfte nicht aus des Barons Doſe, ſah nicht auf ſeinen ſchönen Ring, ſondern hörte ſeinen ſcherzhaften Erzählungen ſtille zu—— und nähte. Sie erwiederte Herrn Fredriks Blicke nicht, ſah nicht auf, wenn er von dem neuen Kronleuchter erzählte, den er beſtellt, und wenn ihr einmal ein Seufzer entfuhr, ſo geſchah es, weil ihr unruhiger Liebhaber gar zu lange um ſie herum⸗ ſtampfte, und man konnte wohl ſagen, der Seufzer war heraufgeſtampft. Sie äußerte keine Ungeduld, ſie äußerte überhaupt Nichts, ſondern ſah blos auf ihre Arbeit nieder und nähte. Fräulein Margarethe betrachtete ſie mit heim⸗ licher Erbitterung, und wünſchte ſie in Vaninas Wachs⸗ figurencabinet. „Ich habe bisher an die Bibel geglaubt,“ ſagte ſie eines Tages zur Gräfin,„allein dort ſteht, es gebe nichts Neues unter der Sonne, und doch bin ich überzeugt, daß die Sonne nie ein ſolches Eremplar von einem Menſchen, wie Klara, beſchienen hat.“ Die drei wilden Brüder ſtürmten mit Nord⸗ und Südwind auf die ſtille Schweſter ein. Sie ſolle ſich einmal entſchließen, ſie ſolle eilen, ſich ſelbſt und ſie glücklich zu machen. Der Juriſt war für den Baron, deſſen Rang und Mammon ihm gewaltig imponirten. Der Marinelieute⸗ nant und der von der Linie dagegen ſtritten mit allem Eifer für Herrn Fredriks:„ein reicher Kerl, ein hübſcher Kerl und ein ſo ſeelenguter Junge!“ Mit unbeſchreib⸗ lichem Staunen und Schreck hörten ſie jetzt, daß ihre Schweſter ſich nicht verheirathen wolle, ſondern beide Freier auszuſchlagen gedenke, im Fall ſie ſich nicht, wie Klara hoffte, durch ihre Kälte zum Rückzuge bewegen laſſen, bevor es zu einer Erklärnng komme. Klara hatte jetzt ſchwere Kämpfe auszuſtehen. Der Juriſt, der ſich als das Haupt der Familie betrachtete, hielt ihr gewal⸗ 68 tige Vorleſungen über ihre Pflichten und malte ihr die die Zukunft in langen ſchönen oder häßlichen Zügen, je nach⸗ Be dem ſie heirathen würde oder nicht. Die Lieutenants mit wurden böſe, ſie ſchwuren, Klara werde eine alte Jungfer Au werden, um die Niemand ſich bekümmere, und entfernten ſie ſich in wildem Zorn. All Nach ſolchen Auftritten erſchien Klara meiſtens mit dag Thränen in ihren ſanften Augen und doch hatte ſie noch jede härtere Drangſalirungen zu beſtehen. Die Gräfin berief retl ſie in den Morgenſtunden zu ſich und hielt ihr lange Re⸗ ein den, die zwar vielleicht allen Geſetzen der Rhetorik ent⸗ ſigk ſprachen, aber deſſen ungeachtet nicht den mindeſten Reiz nig für ſie hatten. Die Gräfin fand viel an ihr zu tadeln, hat ſie machte ſie auf eine ſchonende Art auf ihre Verbind⸗ lichkeiten gegen ihre Wohlthäterin aufmerkſam und pre⸗ die digte Moral aus Lehnberg und Boſſuet. Sie bereitete Wo Klara auf eine nächſtdem bevorſtehende Veränderung in mer ihren Lebensverhältniſſen vor und ſprach viel davon, was moͤe ſie, die Gräfin, für Klara thun wolle. Endlich empfahl tur ſie ihr nachdrücklich, dem einen oder andern der beiden nirſ Liebhaber einen beſtimmten Vorzug zu geben; ſo könne gli wirt es nicht mehr gehen, wie bisher, daß ſie gegen beide hoͤflich und gleichgiltig ſei, vieſes Benehmen gleiche voll⸗ Frä kommen dem einer Kokette, es konnte leicht gänzlich fehl⸗ wor ſchlagen u. ſ. w. 3 Als Klara erklärte, ſie wolle keinem von Beiden Hoffnung machen, indem ſie nichts Anderes von ihnen fer wünſche, als daß ſie ſie in Ruhe laſſen und nicht weiter und an ſie denken ſollen, ſo wollte die Gräfin nur gewöhn⸗ liche, unſtichhaltige Ausflüchte varin erkennen. Sie ſprach gan⸗ von Undankbarkeit und ließ Klara fühlen, daß ſie von eine ihren Wohlthaten lebe. Dieß machte einen tiefen und weſe ſchmerzlichen Eindruck auf das arme Mädchen und ſie em muß wohl ſtarke Gründe gehabt haben, auf ihrem Ent⸗ ſchluſſe zu beharren, da man ihn ihr ſo ſauer machte. Gleichwohl beſtand ſie darauf und blieb ſtille, wie zuvor bei ihrer Gleichgültigkeit und ihrer Näherei. Indeß fand geſte eiden 69 die Gräfin für gut, letztere durch allerhand Aufträge und Beſchäftigungen zu unterbrechen; Klara bekam beſtändig mit Boden, Küche und Keller zu thun und wurde jeden Augenblick in ihrer ſitzenden Ruhe geſtört. Uebrigens ließ ſie ſich keinen Verdruß darüber anmerken, ſondern that Alles, was man forderte, bereitwillig und recht, und blieb dagegen die Nacht auf und nähte. Ihr Ausſehen verrieth jedoch eine Niedergeſchlagenheit, welche Fräulein Marga⸗ rethe ein wenig erquickte, denn ſie fand doch mindeſtens einen Schein von Gefühl, während ſie bisher bloß Leblo⸗ ſigkeit geſehen hatte, und ſie gönnte Klara gern ein we⸗ nig Kummer für den vielen Verdruß, den ſie ihr bereitet hatte. Immer ſchwärzere Wolken ſammelten ſich jetzt um die ſtille Klara und drohten in Bälde ihre ganze irdiſche Wohlfahrt zu ertränken. Die Gräfin fand ihr Beneh⸗ men ſo ſonderbar, daß ſie Verdacht zu ſchoͤpfen anfing, ſie möchte vielleicht geheime Beweggründe minder reiner Na⸗ tur dazu haben. Sie hatte ſchon lange einer Art Spio⸗ nirſyſtem gehuldigt— von allen Syſtemen gewiß das un⸗ glückſeligſte, zumal wenn es im eigenen Hauſe angewandt wird— ſie dehnte es jetzt auf Klara aus und ſuchte auch Fräulein Margarethe vafür zu gewinnen; allein dieſe ant⸗ wortete ihr kurz und gut, ſie befaſſe ſich nicht mit der⸗ gleichen. Die Gräfin ließ Klara jetzt durch ihre Kammerjung⸗ fer bewachen, die alle ihre Handlungen ausforſchen mußte, und fand bald ſtarke Veranlaſſungen zu ſchwerem Ver⸗ dacht. Ein oder zweimal in der Woche pflegte Klara ganz allein auszugehen und kam dann gewöhnlich nach einer Stunde zurück, ohne Jemand zu ſagen, wo ſie ge⸗ weſen, oder auch nur, daß ſie ausgegangen ſei. Man bemerkte oft, daß die kleinen Geſchenke, die ſie von Zeit zu Zeit von ihrer Beſchützerin erhielt, bald verſchwanden. Vergebens wurde ſie erinnert, ihr Halsband und ihre Armbänder zu tragen. Klara blieb ungeſchmückt und geſtand auf weiteres Drängen mit Thränen in den Augen, 70 ſie habe dieſelben nicht mehr, weigerte ſich aber, zu ſa⸗ gen, wohin ſie gekommen ſeien. Auf dieſe Entdeckung nun begann die Gräfin die weitläufigſten Vermuthungen zu bauen, welche ſie auch Fräulein Margarethe mittheilte und worin ſie eine Veranlaſſung erkannte, ſchwere Hand auf Klaras Leben zu legen. Wir haben bereits geſagt, daß es der Gräfin bei ei⸗ ner hohen äſthetiſchen Bildung gleichwohl an der Schön⸗ heit des Herzens, an Güte fehlte; wir müſſen nun hinzu⸗ fügen, daß ſie bis zur moraliſchen Grauſamkeit hart ſein konnte gegen Perſonen, die ihr einmal nicht zu gefallen wußten, und auf die ſie einen Groll geworfen hatte. Ihr Bedürfniß, beſtändig auf der Bühne zu ſein, eine Rolle zu ſpielen und überall zu herrſchen, machte ſie oft auch denen unerträglich, die ihre vielen ſchönen Gaben bewun⸗ derten; ſolche aber, die ganz und gar von ihr abhingen und nicht das Glück hatten, ſich ihr Wohlgefallen zu ſichern, waren ſehr zu beklagen. Klara fühlte bald die ganze Schwere eines Despotismus, der unter den gebildet⸗ ſten Formen dennoch unbarmherzig zu unterdrücken ver⸗ ſtand. Daß ſie die Kammerjungfer und Haushälterin der Gräfin zugleich machen, daß ſie einen Kopfputz um den andern verfertigen und ändern, daß ſie beſtändig aus der Küche in die Vorrathskammer und aus der Vorrathskam⸗ mer in die Küche ſpringen mußte, um launiſche Befehle auszuführen, das war immer noch Nichts; aber daß ſie auch nie einen freundlichen Blick erhielt, daß ſie unauf⸗ hörlich Sticheleien und offenem Mißtrauen ſelbſt in den geringſten Sachen ausgeſetzt war, das quälte ſie, das ſchnitt ihr ins Herz. Gleichwohl ertrug Klara Alles mit beiſpielloſer Geduld und nähte dafür um ſo eifriger in ihren Freiſtunden. Fräulein Margarethe wußte nicht mehr, ob ſie ſich über ſie ärgern, oder ſie bewundern ſolle. Ernſllich mißvergnügt war ſie über Klaras geheime Hand⸗ lungsweiſe und glaubte mit Recht, eine ſolche laſſe auf eine minder reine Aufführung ſchließen. ſa⸗ un zu ilte and ei⸗ ön⸗ zu⸗ ſein Uen Ihr olle auch un⸗ ngen zu die ldet⸗ ver⸗ der den der kam⸗ efehle ß ſie nauf⸗ n den das mit er in nicht ſolle. Hand⸗ ſe auf 71 Die Unterſuchung. Daß Vater mir iſt und Mutter todt, Drob klag' ich mit bitterem Schmerz, Doch Gott, der allen hilft aus der Noth, Er kennt auch am beſten mein Herz. Schwediſches Volkslied. Es war ein friſcher Herbſtmorgen— ein ſolcher, veſſen prächtige Sonne und klare Luft Unternehmungsluſt und Hoffnung auf Erfolg einflößt. Klaras beide Liebha⸗ ber empfanden ſeinen Einfluß; ſie ſtanden mit demſelben Gedanken auf und gingen in derſelben Abſicht aus. Lang⸗ ſam und würdevoll, wie die Ariſtokratie, und beſorgt ſich zu erhitzen, ſchritt Baron H. gemeſſen dahin, mit der ei⸗ nen Hand auf dem Rücken und die andere auf dem Gold⸗ knopf ſeines Stockes ruhend. Raſch und vorſtrebend, wie die Induſtrie, und noch nicht von überflüſſigem Fett be⸗ ſchwert, eilte Herr Frederiks nach demſelben Ziel, aber auf einem andern Wege, als der Baron, und langte vor ihm in der Wohnung ihrer gemeinſchaftlichen Gelieb⸗ ten an. Die Gräfin empfing ihn in ihrem Alltagszimmer, wo ſie einige neue Bücher muſterte. Am Fenſter in dem⸗ ſelben Zimmer ſaß die ſtille Klara und nähte. Herr Fre⸗ driks ſteuerte nach der erſten Begrüßung auf ſie zu und gab ihr plotzlich ſeinen Wunſch zu erkennen, ſie Gattin nennen zu dürfen. Mit zitternder Stimme, aber eben ſo beſtimmt, als achtungsvoll lehnte Klara ſein Anerbieten ab und der junge Mann war eben im Begriff, ſich nie⸗ dergeſchlagen zurückzuziehen, als die Gräfin herzukam, und ihn bat, ſich nicht zu übereilen, denn ſie ſei über⸗ zeugt, daß ſich Klara noch eines Beſſern beſinnen werde; zugleich bat ſie ſich das Vergnügen aus, ihn morgen Mittag über Tiſch bei ſich zu ſehen. Nach einem kur⸗ zen Zögern und einem vergeblichen Verſuch in Klaras niedergeſchlagenen Augen zu leſen, nahm Herr Fredriks die Einladung an und entfernte ſich. Die Gräfin warf Klara einen fürchterlichen Blick zu, indem ſie zu ihren Büchern zurückkehrte. Jetzt kam der Baron H. und die⸗ ſelbe Scene wiederholte ſich, nur daß Klara diesmal in ihre abſchlägige Antwort eine gewiſſe Zärtlichkeit legte, und der Baron nicht beſonders niedergeſchlagen ſchien— im Gegentheil, als die Gräfin ihn bat, Geduld mit einem jungen Mädchen zu haben, das ſelbſt nicht wiſſe, was es wolle, und wohl bald auf vernünftigere Gedanken kommen werde, ſo antwortete er, an Geduld fehle es ihm keineswegs und er werde Klara nicht eher beim Worte nehmen, als bis ſie ja ſage. Die Gräfin lud ihn auf einen Tag ſpäter, als Herrn Fredriks, zum Mittageſſen ein. Durch dieſe Einladungen hoffte ſie Klara einen Entſchluß in Bezie⸗ hung auf einen der beiden Freier abzuzwingen. Zu ihrer großen Erleichterung war die Gräfin den größeren Theil des Tages abweſend. Abends kam ſie von einem Diner im Schloß nach Hauſe zurück; Fräulein Margarethe ſtellte ſich faſt zu gleicher Zeit ein, um noch ein paar Stunden bei ihr zuzubringen, und nun wurde an Klara der Befehl erlaſſen, ſich ohne Zögern im Schlafzimmer der Gräfin einzufinden. Klara empfand bei dieſer Botſchaft eine ungewöhnliche Niedergeſchlagen⸗ heit und ihre Kniee zitterten, als ſie durch das Zimmer ging, welches in das Gemach der Gräfin führte. Wäh⸗ rend der langen Unterredungen, die ſie bisher mit der Gräfin gehabt, und wobei ſie meiſtens eine ſtumme Rolle geſpielt, hatte Klara die Gewohnheit gehabt, einen kleinen goldenen Ring, den ſie am Mittelfinger der rechten Hand trug, beſtändig hin und her zu ſchieben. Fräulein Mar⸗ garethe hatte dieſes einförmige Manöver mehreremale mit ſtillem Aerger betrachtet, und war jetzt ſehr neugierig, ob ſie bei dem bevorſtehenden Geſpräch eine Wiederholung deſ⸗ ſelben zu ſehen bekommen werde. Sie ſetzte ſich bequem in einen Lehnſtuhl und bereitete ſich mit einem Band von den 73 Memoiren der Herzogin von Abrantes(Fräulein Mar⸗ garethe nannte ſie ſchlechtweg nur die Abrantes) in der Hand vor, ihre ganze Aufmerkſamkeit auf Klara zu rich⸗ ten und auf jedes Wort, ſowie jede Bewegung dieſes „Holzblocks“ wohl Acht zu geben. Da Fräulein Mar⸗ garethe Klara ſo unbeſchreiblich langweilig und beinahe unausſtehlich fand, da ſie dieſelbe in ihrem Innern ein unangenehmes Mädchen mit einem lichtſcheuen Geheimniſſe nannte, ſo iſt es ſchwer einzuſehen, welch großes Intereſſe ſie an dem bevorſtehenden Verhör nehmen konnte. Sie konnte ſich ſelbſt keine Rechenſchaft darüber geben, aber gewiß iſt, daß ſie dieſes Intereſſe in hohem Grade hatte und Klaras Ankunft mit Ungeduld erwartete. Die Gräfin ſaß an ihrem Toilettentiſche und war noch in voller Hofkleidung von der königlichen Tafel her. Wir koͤn⸗ nen uns nicht enthalten, die Bemerkung mitzutheilen, welche Fräulein Margarethe in petto über ihre Couſiue machte, während ſie über den Einband der Abrantes hinausſah: „Nun da ſeh einmal einer, wie Natalie ſich in die Bruſt wirft! Sie ſetzt den rechten Fuß vor, ſtützt den linken Ellenbogen auf den Tiſch„. Alles, um ſich Attitüde zu geben! Ihre Perlen legt ſie wieder anz„ ſie wendet ſich halb nach der Thüre; richtet ſich auf däucht ſich auszuſehen, wie Semiramis;— nur, damit die arme Klara verblüfft und verblendet werde, wie Eſther, als ſie zu Ahasverus hineinkam, und in Ohnmacht falle. Natalle will ſie niederſchmettern. Ich will doch ſehen, ob es ihr gelingt; die Sache muß luſtig werden.“ Wirklich war die Haltung und das Ausſehen der Gräfin in hohem Grad imponirend, wirkte aber vielleicht in dieſem Augenblick weniger auf Klara, als der durch⸗ dringende Blick, welchen Fräulein Margarethe auf ſie heftete. Inzwiſchen fiel ſie nicht in Ohnmacht, und was auch in ihrem Inneren vorgehen mochte, ihr Aeußeres verrieth nicht viel davon. Sie war etwas blaß, aber 74 ruhig; das Linonhalstuch mit breitem Saum lag glatt auf ihrem Halſe und bildete ſeine gewöhnlichen, regel⸗ mäßigen Ecke. Die ewige Krauſe war ſteif und weiß wie immer. Fräulein Margarethe ſeufzte. Die Gräfin gebot Klara kalt, ſich zu ſetzen, und hielt nun eine von ihren gewöhnlichen Reden. Sie ſtellte ihr die beiden ehrenden Anerbietungen, die ihr gemacht wur⸗ den, vor, entwickelte die Vortheile derſelben, ſprach ihre Anſicht über Klaras Stellung aus, ſowie über die Pflich⸗ ten, welche ſie ſelbſt(die Gräſin) gegen ſie zu haben glaube, ſchätzte ſich glücklich, zu einer ſo ehrenvollen Ver⸗ ſorgung für ſie beitragen zu können, und machte es ihr zur Pflicht, eine von beiden Partien anzunehmen. Sie ſprach gut und mit ungewöhnlichem Ernſt und Nachdruck. Allein Klara hatte auf dieſe wohlgeſetzte und lange Rede bloß ihre alte Antwort;„Sie danke den beiden Herren für ihr Anerbieten, koͤnne aber ihre Erkenntlichkeit dafür nicht anders beweiſen. Sie wolle nicht heirathen. Sie wünſche ledig zu bleiben.“ Fräulein Margarethe nahm ihre Lorgnette, um Klara bei dieſer Erklärung genauer zu beobachten. Sie fand den Gedanken, hartnäckig zwei gute Partien auszuſchlagen, ganz eigen bei einem armen Mädchen. Die Gräfin dagegen wurde roth vor Aerger und fragte kalt: „Darf man fragen, was deine Plane für die Zu⸗ kunft ſind?“ „Ich kann ſie jetzt nicht ſagen,“ antwortete Klara mit einem Seufzer,„hoffe es jedoch bald zu können.“ „Fräulein Klara handelt ja ganz ſelbſiſtändig! und ſcheint auch meinen Rath und meinen Beifall für gar Nichts zu achten. Klara! ich muß dich daran erinnern, daß dein Vater dich in meine Hände, in meine übergeben hat.“ „Ich habe das nicht vergeſſen,“ ſagte Klara mit Stimme, die man zittern hörte. 75 „Ich muß hinzufügen,“ fuhr die Gräſin fort,„daß ich in Folge davon Rechte über dich zu haben glaube. „Ich erkenne dieſelben,“ ſagte Klara,„ich bin dank⸗ bar für die viele Güte, welche Sie mir erwieſen haben. Ich will aufmerkſam und gehorſam ſein„aber ach, ſprechen Sie mir nur nicht mehr vom Heirathen!. „Sie iſt wahrhaftig intereſſant,“ dachte Fräulein Margarethe und die Abrantes fiel ihr aue der Hand. „Klara,“ ſagte die Gräfin,„deine Aufführung iſt zu ſonderbar, als daß man ſie mit Bemerkungen und Tadel verſchonen könnte. Du biſt ein armes Mädchen und haſt 7 nicht die mindeſte Ausſicht für die Zukunft!.. „Gott gibt den Vogeln ihr Futter;— er wird auch mich nicht vergeſſen.“ Fräulein Margarethe nahm ihr Nastuch und bemerkte nicht, daß die Abrantes auf den Boden hinabglitt. „Das mag ganz gut ſein,“ ſagte die Gräfin ironiſch, „allein die gotiesfürchtige Erwartung, ohne eigenes Zu⸗ thun gekleidet und ernährt zu werden, führt gewöhnlich dazu, daß man am Ende den Freunden und Verwandten zur Laſt fällt. Indeß laß dich dieſen Gedanken nicht be⸗ unruhigen, Klara;— ich werde eine Tochter meines alten Freundes nie ungern unter meinem Dache ſehen, ich würde auch jetzt nicht ſo ſehr auf eine Verbindung dringen, die dir ſo zuwider iſt, wenn ich nicht fürchtete, daß unter deiner unverſtändigen Weigerung andere, vielleicht minder ehrenhafte Plane verborgen liegen. Ich will es dir nur ſagen, Klara, man hat dich beobachtet, und deine Auf⸗ führung gibt Anlaß zu ernſtlichem Verdacht.“ Fräulein Margarethe dachte, Klara werde jetzt ſagen, „das mag ſein;“ allein ſie ſagte nicht ſo. Sie wurde roth und bleich, ſtand auf, ſetzte ſich wieder und blieb endlich ſtehen. Die Gräfin fuhr mit vieler Kälte und Strenge fort: „Du haſt verſchiedene Sachen von Werth bekommen, ſeit du in meinem Hauſe biſt. Sie ſind verſchwunden. Wohin? weiß Niemand. Du gehſt oft Abends in der 76 Dämmerung ausz... Klara, ich verlange, ich fordere eine Erklärung darüber.“ 3. Klara ſtand ſtumm und bleich da. i „Dein Vater,“ ſprach die Gräfin weiter,„hat dich 36 meiner Obhut, meiner Aufſicht anvertraut— in ſeinem laf Namen fordere ich Rechenſchaft von dir.“ kan „Ich kann ſie jetzt nicht geben,“ antwortete Klara abf mit leiſer Stimme, aber etwas mehr Faſſung. „Jetzt nicht?“ ſagte die Gräfin ſcharf,—„wann the denn?“ nic „Ich weiß es nicht,“ antwortete Klara beklommen ſche und als ob ſie nicht recht wüßte, was ſie ſagte;„ich aus glaube„ich weiß nicht frů „Du mußt es wiſſen und ſollſt antworten— ſie wann?“ Klara warf einen ausdrucksvollen Blick gen Himmel, or als wollte ſie ſagen: Dort! verſ „Das ſind Ausflüchte, die ich nicht annehme,“ ſagte ich vie Gräfin mit Härte.„Ich erkläre dir hiemit, daß die wei Pflichten, die ich gegen mich ſelbſt und gegen deinen ſeligen dert Vater zu beobachten habe, mich zwingen, eine Freiheit gãn zu beſchränken, die du mißbrauchſt. Von heute an bleibſt gem du auf deinem Zimmer, bis du entweder einen der achtungs⸗ dam werthen Anträge, die man dir macht, angenommen oder eine vollſtändig befriedigende Erklärung über deine un⸗ Kla paſſende Aufführung gegeben haſt.“ Fräulein Margarethe nahm jetzt ihre Lorgnette wieder, glau um Klara zu betrachten. Dieſe ſtand ſtille, mit über⸗ kann einandergelegten, jedoch nicht gekreuzten Armen da; ſie und war ungewöhnlich blaß; in ihren Augen ſchimmerten chen Thränen, aber gleichwohl war der Ausdruck in ihrem ſon Geſichte ein vollkommen ruhiger, vollkommen frommerz— richt Fräulein Margarethe erinnerte ſich wieder an das Wort darf „heilig“. Sie fühlte, daß ſie hier einſchreiten mußte und peitſ wandte ſich zur Gräfin, indem ſie mit Ernſt und einiger den Heftigkeit ſagte: Len „Meine liebe Natalie, dieß iſt weder mild, noch ſond 77 gerecht. Wir haben keinen Beweis, daß Klaras Spa⸗ ziergänge gegen irgend ein Gebot verſtoßen, und ſo lange wir dieß nicht beſtimmt wiſſen, ſind wir nicht berechtigt, ſie deßhalb einzuſchließen. Ich kann es nicht geſchehen laſſen, daß man Jemand beſchuldigt, der unſchulvig ſein kann, und ihn dann ohne allen Beweis ſeines Vergehens abſtraft.“ Man dürfte ſich vielleicht über Fräulein Margare⸗ thens diktatoriſchen Ton in einer Sache, die ſie eigentlich nichts anging, wundern. Allein Fräulein Margarethe war ſchon lange gewöhnt, unter ihren Bekannten ihren einmal ausgeſprochenen Willen ſo ſchnell befolgt zu ſehen, wie in früheren Zeiten ein Geſetz von Solon oder Moſes, und ſie fand dieß durchaus in der Ordnung. In demſelben beſtimmten Tone fuhr ſie fort:„Wenn übrigens Klara die ihr geſchenkten Schmuckſachen wiederum verſchenkt oder ſonſt auf eine Art darüber verfügt, ſo ſehe ich auch hierin nichts Geſetzwidriges, was eine Landesver⸗ weiſung verdiente. Was man von Klara mit Recht for⸗ dern kann, iſt nach meiner Anſicht, daß ſie ihre Spazier⸗ gänge einſtellt, wenigſtens ſo lange, bis ſie eine befriedi⸗ gende Erklärung darüber zu geben vermag. Sind Sie damit einverſtanden, Klara?“ Nach einem augenblicklichen Bedenken antwortete Klara:„Ja!“ „Nun gut,“ fuhr Fräulein Margarethe fort,„dann glaube ich auch, daß man ihr das Einſperren erlaſſen kann. Wir haben ohnehin in der neueſten Zeit Cholera und Quarantänen genug gehabt, und könnten ſolcher Sa⸗ chen überdrüſſig ſein. Was die beiden Freier betrifft, ſo muß ich geſtehen, daß mir Klara wie eine der thö⸗ richten Jungfrauen zu handeln ſcheint. Aber— man darf doch ums Himmelswillen nicht in die Ehe hineinge⸗ peitſcht werden und man kann auch ohne ſie ſelig wer⸗ den ſo ſagt wenigſtens, glaube ich, Paulus. Das Beſte und Sicherſte iſt, daß Klara ſich nicht übereilt, ſondern ſich gute Bedenkzeit nimmt. Meine beſte Natalie, gib Klara eine Bedenkzeit von drei Monaten. Die guten Herren können wohl ein Bischen auf eine gute Frau warten. Baron H. ſieht mir aus, als könnte er um Klara ſo lange dienen, wie weiland Jakob um Rahel. Kurz und gut, wir ſetzen den Friedenscontrakt ſo auf: „Klara unterläßt ihre Spaziergänge und darf dafür binnen drei Monaten mit keinen Heirathsanträgen mehr gequält werden.“ Klara ſah ihre Beſchützerin mit einem Blick an. Fräulein Margarethe fühlte dabei, daß es ihr warm ums Herz wurde, wie es ihr noch nie geworden war. Mit einer Miſchung von Mißvergnügen und Nach⸗ giebigkeit, ſagte die Gräfin:„Du biſt zu gut gegen Klara. Sie verdient das nicht. Inzwiſchen will ich auf deinen Wunſch die Bedenkzeit bewilligen. Nur zweifle ich, daß die beiden Herren es für der Mühe werth halten werden, ſo lange zu warten. „Ich nehme es auf mich, ſie dazu zu überreden,“ ſagte Fräulein Margarethe. In dieſem Augenblick wurde gemeldet, es ſeien Be⸗ ſuche im Salon. Die Gräfin ſtand majeſtätiſch auf und ging hinaus, ohne Klara anzuſehen. Fräulein Margarethe aber ging zu ihr hin, ergriff ihre Hand und ſagte mit Ernſt und Güte: „Meine beſte Klara! Unter uns geſagt, Sie haben thöricht und unvorſichtig zugleich gehandelt, und wenn Sie, wie ich vermuthe, einen dritten Bräutigam hinter dieſen Spaziergängen ſtecken haben, rathe ich Ihnen, den⸗ ſelben ſo bald als moglich ans Licht zu bringen und die andern Herren abziehen zu laſſen. Reines Spiel, Klara, und etwas geſunde Vernunft gibt ein gutes Gewiſſen vor Gott und den Menſchen.“ Hiebei drückte ſie Klara feſt die Hand und verließ ſic. Klara bedeckte ihre Augen mit der Hand;„Mutter, Mutter, was koſteſt du mich!“ ſeufzte ſie mit ſtillem Schmerz. Von dieſem Tage an war Klara für Fräulein Mar⸗ ₰ ſchloß faſſen. 79 garethe viel intereſſanter geworden. Der Grund dazu war dreifach. Fräulein Margarethe fand ſie ſonderbar; ſie wünſchte ihrem Geheimniß auf die Spur zu kommen, und Klara war ihr Schützling. Sie ſuchte ſich ihr jetzt ernſt⸗ lich zu nähern, um ſie auszuforſchen und ihr nützlich wer⸗ den zu können. Sie kam ihr mit Herzlichkeit und Mun⸗ terkeit entgegen, aber ach! die intereſſante Klara war ſeit dem merkwürdigen Abend ganz und gar verſchwunden; die dumme, die ſtumme ſaß jetzt wieder da und nähte ent⸗ weder oder beſchäftigte ſie ſich mit Haushaltungsangelegen⸗ heiten, oder mit Toilettenartikeln für die Gräfin, Alles mit einer Aufmerkſamkeit und Schweigſamkeit, die wirk⸗ lich zum Verzweifeln war. Klara hatte zwar im Ausdruck ihres Geſichtes Etwas, was Erkenntlichkeit für Fräulein Margarethe bewies, allein ihre Reden und Antworten blie⸗ ben lakoniſch wie zuvor. Jetzt fühlte ſich Fräulein Margarethe ernſtlich, ſowohl in ihrem Gefühl, als auch in ihrem Hochmuth verletzt— denn wir müſſen bekennen, daß ſie von letzterem nicht ganz frei war. Daß eine unbedeutende Perſon wie Klara die Freundſchaftsbezeugungen einer Dame von Fräulein Mar⸗ garethens Geiſt und Charakter— Freundſchaftsbezeugun⸗ gen, womit ſie überdieß nichts weniger als freigebig war, ſo wenig zu würdigen verſtehen ſollte, das ſchien ihr un⸗ erträglich; und hatte ſie nicht überdieß mit der Gräfin, mit den drei wilden Brüdern geſprochen und ſie auf drei Monate zur Ruhe vermocht? hatte ſie nicht mit den Freiern geſprochen, und ſie zur dreimonatlichen Geduld überredet? hatte ſie nicht Klara vor Verfolgung und Gefängniß ge⸗ ſchützt? Es that Fräulein Margarethe wirklich weh, daß ſt derjenigen, für die ſie ſo viel gethan, ſo wenig ſein ſollte. Sie zog ſich jetzt ſtolz von Klara zurück, und be⸗ ſchloß in ihrem Innern, ſich nicht weiter mit ihr zu be⸗ faſſen. Aber, o Pein! gerade jetzt konnte ſie weniger als je umhin, an ſie zu denken, ſich über ſie zu wundern, ija ſie zu beneiden. Es konnte Fräulein Margarethens 7 80⁰ Blicken unmöglich entgehen, daß Klara ungeachtet ihrer ſtummen Schweigſamkeit dennoch ein volles und reiches Leben in ſich trug. Beſonders ihre Blicke legten Zeugniß davon ab. Fräulein Margarethe wunderte ſich über dieſe Fülle in einem ſo eintönigen Aeußern, in einem ſo freude⸗ loſen Leben, während ſie ſelbſt mit Allem, was die Welt, das Glück und das Leben in der bewegungsvollen Geſell⸗ ſchaft zu geben vermögen, ausgeſtattet, oft— namentlich in den letzten Zeiten— eine Leere verſpürte, die ſie nicht auezufüllen wußte. Und was war es wohl in der armen Klara, das machte, daß ſie ſo genug hatte, daß ſie von den beſtändigen Befehlen und Gegenbefehlen der Gräfin ſo wenig zu leiden ſchien, daß ſie ſo ruhig den gewöhnlichen Freuden der Jugend entſagte und es für das einzige Feſt in der ganzen Woche hielt, Sonntags in die Kirche zu gehen? Was war es, was ſie ſo mild gegen alle Anderen machte, während ſie ſelbſt ein Leben voll Entſagung führte? Zweifel und Fragen von allerlei Art ſtellten ſich bei Fräulein Margarethe ein, und ſprachen ſo:„Was iſt es, das Freude im Leben verſchafft? Wornach ſoll man eigentlich ſtreben, um angenehm zu leben? Natalie beſitzt Schoͤnheit, Talente, eine Menge Reichthümer und eine Maſſe Bewunderer. Dieſes arme, ausſichtsvolle Mäd⸗ chen hat noch Etwas mehr, als Alles dieſes. Ich ſelbſt beſitze von den Gütern dieſer Welt, ſo viel ich will; ich habe noch überdieß Geſundheit, gute Laune, meine ge⸗ raden Glieder, Vernunft und alle fünf Sinne, die Fähig⸗ keit zu ſcherzen und zu lachen, und doch kann ich es dieſem armen, ſchweigſamen Mädchen anſehen, daß ſie nicht mit mir tauſchen möchte. Ich verzeihe ihr das, denn bei Allem, was ich von der Welt beſitze, finde ich doch, vaß ſie nicht ſehr angenehm iſt. Vielleicht glaubt auch Klara, daß ſie nothdürftiger lebe als ſie, aber ſie, die ſo reich von Nichts iſt— was hat ſie denn, was iſt ſie denn? Klara war Fräulein Margarethens Plage. ihrer eiches ugniß dieſe reude⸗ Welt, eſell⸗ entlich nicht armen e von fin ſo lichen e Feſt che zu nderen agung en ſich beſitzt eine Mäd⸗ ſelbſt ß ich 8¹ Es iſt indeß Zeit, daß wir uns nicht ganz und gar bei Fräulein Margarethe vergeſſen, ſondern uns ein Bis⸗ chen näher bei dem Präſidenten umſehen. Der Präſident. Wie ſtehts? Wie ſtehts? Bekannte. Und es iſt wahrhaftig Zeit, daß wir den glücklichen Neuvermählten begrüßen und ihn fragen,„Wie ſtehts 2“ „Excellent!“ würde Se. Excellenz geantwortet haben, aber die Wahrheit würde uns hinter dem Rücken zuflüſtern: „Nichts zum Beſten.“ Die Sache verhielt ſich ſo: Der Präſident war in ſeine Frau verliebt, fand ſich aber in ſeinen alten Ge⸗ wohnheiten, in ſeinen Bequemlichkeiten und ſeiner ganzen Lebensweiſe dermaßen geſtört, daß es ſowohl auf ſeine Geſundheit, als auf ſeine Laune nachtheilig einwirkte. Seine ſchoͤne Gräfin war eine vortreffliche Wirthin, eine ganz artige Dame des Hauſes; aber eine aufmerkſame, pflegende Gattin war ſie nicht. Er ſollte da aufpaſſen, pflegen, fragen, achtgeben, ihr Vergnügen machen, Artig⸗ keiten ſagen und in Allem folgen. Der Präſident kam ganz außer Athem, war jedoch verliebt und munter; ſie nannte ihn:„Mein Süßer! Mein Engel!“ ſtrich ihm mit ihrer weißen Hand die Wangen, und dann war er entzückt, wo nicht gar ſelig. Ach Kupido, Kupido! Allein dieſe Liebe und dieſer peinliche Mißmuth, verbunden mit einem gewiſſen Gefühl, daß er unklug ge⸗ handelt, verſtimmte ihn dennoch in ſeinem Innern und erweckte in ihm eine gewiſſe Scheu vor Epla. Er ſchämte ſich ſeiner Gefühle vor ver hohen Tochter, er ſcheute ihren Bremer, Nina. 6 82 Blick und wich ihrer Geſellſchaft aus— Letzteres um ſo ſorgfaͤltiger, weil er wußte, daß er ihr durch eine Kälte und eine Zurückhaltung, die Niemand weniger, als ſie verdiente, wehe gethan hatte. Evla ſah dieſes Ausweichen und verehrte des Vaters Willen, ſo ſehr es ſie ſchmerzte⸗ Sie ſuchte ihn auch nicht mehr, denn auch ſie war durch die Veränderung im Hauſe nicht glücklich geworden, und konnte ihm noch kein freudiges Wort darüber ſagen. Die hauptſächlichſte Beſchäftigung der Gräfin war Nina. Als feine Kennerin wußte ſie die vollendete, be⸗ zaubernde Schönheit vollkommen zu würdigen. Sie war ganz und gar von ihr hingeriſſen, und bedurfte ihres Anblicks, wie der Künſtler ſeines Ideals bedarf. Sie bot ihre ganze Kunſt, alles das wirklich Einnehmende, was in ihrem Weſen und ihren Geiſtesgaben lag, auf, um Nina zu gewinnen und feſt an ſich zu feſſeln. Sie gab ihr Lektionen im Harfenſpiel, im Singen, im Ita⸗ kieniſchen und überhäufte ſie mit Liebkoſungen aller Art. Die ſchöne Nina wurde von ihr beinahe vergöttert, wäh⸗ rend die unbegabte Klara nur kalte Blicke und Befehle erhielt. Aber nicht zufrieden damit, ihre eigene, ganze Aufmerkſamkeit auf Nina zu verwenden, wollte ſie auch die aller Andern auf ſie richten. Dieß ging leicht. Wer wird nicht von Schönheit und Anmuth entzückt? Wer vermag ein ſolch ſchönes Geſicht zu betrachten, ohne darin einen Gedanken Gottes zu ahnen?— Ein Kreis von Bewunderern ſchloß ſich um Nina, allein ſie waren Alle voll der tiefſten Verehrung. Nina hatte etwas Ueberirdiſches, was mehr Anbetung gebot, als zum Ver⸗ lieben einlud. Bald ſammelten ſich Künſtler mit Pin⸗ ſeln und Meiſeln um ſie, theils von der Gräfin aufge⸗ fordert, theils von ihrem eigenen Schönheitsfinne getrie⸗ ben. Södermark wollte ihr Portrait in Oel, Profeſſor Waj wollte ein Miniaturbild von ihr malen, Mamſell Röhl wollte ſie mit ſchwarzer Kreide zeichnen, Fogelberg wollte ihre Büſte in Marmor ausführen und ihre Hand modelliren; auch an Wachsboſſirern und Silhouetteurs m ſo Kälte s ſie ichen erzte. durch und war „ be⸗ ihres Sie rende, auf, Sie Ita⸗ Art. wäh⸗ efehle anze Wer Wer ohne Kreis waren etwas Ver⸗ Pin⸗ aufge⸗ getrie⸗ ofeſſor amſell zelberg Hand etteurs 83 fehlte es nicht, welche jeder in ſeiner Art, dieſe ſchönen Züge, dieſen unvergleichlichen Kopf wieder geben wollten. Nina ſah ſich nicht ohne Vergnügen als den Gegenſtand all dieſer Zärtlichkeit und Huldigungen, aber dennoch trat ihr Weſen nicht aus der Wolke hervor, die ſie mit ma⸗ giſcher Dämmerung umgab. Bei all ihrer Holdſeligkeit ſchien ſie höheren Regionen anzugehoͤren, und ſchwebte mehr dahin, wie ein ideales Weſen, wie ein Traum aus beſſern Tagen, als wie ein lebendes Menſchenkind. Ninas Leben glich damals dem ſchönen Bild von Galatheas Triumph. Auf ihrem von den Wellen getragenen, von Del⸗ phinen gezogenen Wagen ruht die junge Göttin ſorglos. Najaden und Tritone, Scherze und Spiele umtanzen die ſchäumenden Wogen, Götter der Liebe beſtreuen ſie mit Blumen und ſelbſt die Winde ſcheinen nur zu wehen, um ſie zu liebkoſen und ihr zu huldigen. Sie läßt ſie tanzen, läßt ſie Blumen ſtreuen, läßt den Wind mit ihren Haaren ſpielen, läßt ſich von den Fluthen forttragen und blickt ſorglos darein, träumt und lächelt. Aber dieſe holde Ruhe, dieſe ungeſuchte, gleichſam angeborne Göttinmanier, Huldigungen entgegenzunehmen, und da⸗ bei, wie aus den Wolken, mild und gleichgültig auf die unruhige Welt herniederzublicken, hatte bei Nina etwas ganz eigenthümlich Bezauberndes. Noch bezaubernder war ſie vielleicht, wenn eine ſtille Wehmuth ſie ganz und gar dem Bewußtſein ihrer glänzenden Umgebung zu ent⸗ rücken ſchien, um ſie in nächtliche Regionen zu führen, wohin kein Gedanke ihr folgen konnte. Dann lagerte ſich eine Bläſſe auf ihrem Geſicht, gleich als hätte der Tod in eiliger Vorbeifahrt ſie mit ſeinen Schwingen berührt. Gleichwohl begann jetzt öfter als gewöhnlich eine ſanfte Noͤthe ihre Wangen zu beleben, und ihre Geſundheit ſchien ſich unter dieſem rührigen, wechſelreichen Leben zu kräf⸗ tigen. Graf Ludwig war oft um Nina, aber weniger in der 8⁴ Eigenſchaft eines Liebhabers, als wie einer, der ſein Ei⸗ genthum bewacht. Fräulein Margarethe wurde dieſer Abgötterei mit Nina, mit ihren Gemälden und Harfenſtunden in Bälde müde. Sie ſcherzte häufig darüber in ihrer gewöhnlichen luſtigen Weiſe. Manchmal verſchaffte ſie auch ihrem Miß⸗ muth über dieſes Weſen, ſowie über die Störrigkeit Klaras Luft, und erleichterte ihr Herz in Geſprächen mit Baron H., der ihr jetzt die einzige Perſon zu ſein ſchien, mit der man ein vernünftiges Wort ſprechen konnte. Filius befand ſich dabei weit beſſer, als früher. Edla konnte den eitlen Triumph ihres Lieblings nicht ohne Unwillen ſehen; ſie hatte gewünſcht, daß die Blume, welche ſie ſo lange unter dem Schutz der Stille und mil⸗ der Schatten gepflegt und aufgezogen, nur allmählig und vorſichtig in eine andere Atmoſphäre gebracht werden ſollte, und nun ſah ſie dieſelbe plötzlich unter die Strah⸗ len der Mittagsſonne verſetzt. Sie machte im Anfang Vorſtellungen darüber, allein der Präſident, der dem Wil⸗ len ſeiner Frau in Nichts zu widerſtehen vermochte, ver⸗ langte ausvrücklich, Nina ſolle bei ihr ſein, und ſie überall hin begleiten, ſo oft ſie(die Gräfin) es wünſche. Dieß war nun immer der Fall. Um daher ihren Pflegling nicht ganz aus dem Geſichte zu verlieren, blieb Edla nichts Anderes übrig, als in dieſe Geſellſchaften mitzu⸗ gehen. Allein dieß war der Gräfin unangenehm, und auch für Evla keineswegs erquicklich. Sie verließ ihr geliebtes, ſtilles Leben, um Geſellſchaften zu beſuchen, wo ſie ſich nicht an ihrem Platze fühlte und wo ſie leicht das Ausſehen eines finſtern Argus für Nina gewann. Die Gräfin ließ ſie bald fühlen, wie überflüſſig ſie ſei, und that, was ſie konnte, um ſie durch eine Menge klei⸗ ner Demüthigungen und Widerwärtigkeiten aus ihrem glänzenden Salon zu verſcheuchen, Edla dachte viel zu hoch und war viel zu unbefangen, um ſich ſolche Ameiſen⸗ biſſe zu Herzen gehen zu laſſen, allein ſie ſah ſich unnütz für Nina, ja ſie meinte mitunter ſogar von ihr überſehen Dieß legling Ela mitzu⸗ t, und eß ihr en, we e leicht ewann. ſie ſei, ge klei⸗ ihrem viel zu meiſen⸗ unnütz berſehen 85 zu werven, und dieß that ihr weh. Auch in anderer Bezichung wurde Edla von der Stiefmutter in ihrem Leben geſtört. Durch unmerkliche aber ſichere Manöver verlor ſie nach und nach alle Gewalt und Bedeutung im Hauſe. Die alten, treuen Dienſtboten wurden ver⸗ abſchiedet, oder außer Wirkſamkeit geſetzt. Es kamen neue, die in Allem bloß den Befehlen der neuen Dame vom Hauſe folgten, und Edla ſah ſich täglich mehr und mehr zur Null gemacht, ſowohl im väterlichen Hauſe, als im Geſellſchaftsleben. Sie erblickte in ihrem Geiſte bereits den Augenblick, da ſie wie ein Schatten daſtehen würde, und deßwegen zog ſie ſich ſchweigend auf ihr einſames Zimmer zurück, und zeigte ſich bloß bei Tiſche, war aber dann immer ruhig und freundlich. Meine holde Leſerin, die du leicht verſtehen wirſt, wie peinlich ein ſolches Wegdrängen empfunden werden, wie leicht es Herz und Gemüth verbittern kann, ſprich, war es nicht eine gute und hohe Lehre, welche Edla bewog, es ſo ſtill, ſo ſanft zu ertragen? In ihrer Einſamkeit fand ſie einen freieren Geſellſchaftskreis, ein ſchöneres Leben, als ſie verlaſſen; ſie hätte ſich glücklich gefühlt, hätte ſie nicht ihre geliebte Schülerin vermißt, die ſonſt ihre täa⸗ liche Geſellſchaft geweſen. Allein ſie hütete ſich wohl Et⸗ was merken zu laſſen, da ſie ſah, daß das Leben voll Zerſtreuungen, das Nina führte, ihre Geſundheit mehr ſtärkte als ſchwächte, und da ſie zu finden glaubte, daß dieſes neue Leben ihr Vergnügen mache. Edla fragte ſie darüber, und Nina geſtand mit ihrer gewoͤbnlichen Auf⸗ richtigkeit, daß es ſo ſei.„Es iſt ſo angenehm,“ fügte ſie hinzu,„gern geſehen und geliebt zu ſein.“ Edla bewahrte dieſe Worte in ihrem Herzen; ſie thaten ihr ſehr weh.„Liebe ich ſie nicht auch,“ dachte ſie,„weil ich ihr nicht kindiſch ſchmeichle, ſie nicht lieb⸗ koſe und verderbe? Ich wollte mein Leben für ſie laſſen.“ Sie glaubte ſich alſo nun auch von Nina verkannt und wurde immer ſchweigender und rückhaltender;— Nina dagegen fand Edla ſehr kalt.— Es lagerte ſich gleichſam 86 eine Wolke zwiſchen die beiden Schweſtern. Beide tru⸗ gen deßhalb eine heimliche Thräne in ihren Seelen. Warum durfte ſie nicht fließen? Warum durfte ſie nicht verrathen, was die Zunge auszuſprechen verweigerte 2 Was iſt es, was ſo häufig, wenigſtens auf einige Zeit die beſten Freunde von einander entfernen kann und einem von irgend einem böſen Geiſte heraufbeſchworenen Zauber gleicht? Man ſieht einander,— aber man kann ſich nicht recht treffen, ein unüberſteigliches, unſichtbares Hin⸗ derniß ſteht im Wege; man ſieht es, man leidet und weicht einander aus— oft zweifelt man, ob der Andere wirklich noch iſt, wer er war. Da bedarf es oft bloß einer unbedeutenden Urſache, eines kleinen Wörſchens, um eine Spaltung herbeizuführen, welche keine Zärtlichkeit, keine Wiederkehr und Reue mehr vollkommen auszuglei⸗ chen vermag. Wunden, die das Mißtrauen geſchlagen hat, bluten ſo lange! Und gleichwohl erlaube mir hier eine Abſchweifung, mein Leſer, denn es iſt mir Bedürfniß, meinem Herzen in dieſer Sache Luft zu machen. Ich möchte nämlich gegen vas, was ich ſo eben im blinden Eifer behauptet, prote⸗ ſtiren. Nein, ich glaube es nicht! Die beſten Freunde, die wahren Freunde trennen ſich nicht! Es gibt Menſchen, deren Worte wie ein Froſtthau auf die Erde fallen, und vie alles Schöne und Blühende verwelken machen. Sie ſprechen ungefähr ſo: „Alles unter der Sonne iſt eitel und vergänglich; es lautet groß, es ſieht herrlich aus, allein man kann ſich auf die Menſchen nicht verlaſſen. Was im Anfang ſo heiß iſt, verkühlt um ſo ſchneller. Die Exaltation muß verfliegen, ſie führt ſonſt ins Narrenhaus. Das Alltägliche iſt das Beſte und Sicherſte u. ſ. w.“ Und dann kommen Geſchichten und Anekdoten, aus dem wirk⸗ lichen Leben geſchöpft, die Alles dieſes beweiſen ſollen, die den Enthuſiasmus als Narrheit, Liebe und Freund⸗ ſchaft als einen flüchtigen Rauſch oder als eigennützige Verträge brandmarken, die den Menſchen zur Null und i tru⸗ eelen. nicht erte 2 e Zeit einem auber ſich Hin⸗ und lndere bloß „um chkeit, uglei⸗ hat, ifung, en in gegen rote⸗ unde, tthau hende lich; kann nfang ation Das Und wirk⸗ ollen, eund⸗ ützige und 87 das Leben zu Spülwaſſer machen. Und freilich kann es auch ſo ſein, freilich hat das Leben auch eine ſolche reiz⸗ loſe, trockene und armſelige Seite; allerdings zernagen auf der Bühne des Lebens die Motten auch manchen Purpurmantel, allerdings geht in dem großen Drama, das hier aufgeführt wird, manche Flamme in Rauch auf, und was ein Juwel ſchien, erweist ſich bei näherer Prü⸗ fung als ein geſchliffenes Stück Glas. Vieles, was leben⸗ dig ſcheint, iſt in der That todt. Aber wie? Weil eine Pfütze eintrocknet, ſoll es keine lebendige Quelle geben? Weil ein Meteor, eine Straßenlampe erlöſchen kann, ſoll es keine ewige Sonne, keine himmliſchen, heiligen Sterne geben? Gott ſei von Herzen Preis und Dank geſagt! es gibt welche, ſie leuchten uns und erwärmen uns in alle Ewigkeiten! Und gäbe es nicht dieſe unſterblichen Klarheiten des Lebens und des Herzens, dieſes Leben im warum wäre es dann der Mühe werth zu leben Es gibt bittere Erfahrungen— wer kann ihre ganze Bitterkeit beſchreiben?— wo der Freund, den wir für die Ewigkeit unſer geglaubt, zu erkalten, für uns verloren zu gehen ſcheint; aber glaube das nicht, du liebende und treue Seele, glaube es nicht! Bleibe nur du ſelbſt und die Stunde wird kommen, wo du deinen Freund wieder findeſt, wo ſein Herz vom Ton deiner Stimme, vom Druck deiner Hand erwärmt wird, und hätte die Trennung auch noch ſo lange gewährt, „Und drück' ich hier nicht mehr dir deine Hand, So vereinen wir uns erſt in einem beſſern Land.“ So werden dort, dort oben über allen Wolken, über aller Dämmerung, bei einem höhern Licht die Freunde einander wieder erkennen, und weinen vor Freude, ſich wieder zu beſitzen. Aber, mein freundlicher Leſer, ich werde dich tödten mit meinen Abſchweifungen, die nie ein Ende nehmen. Verzeih und folge mir wieder nach Hauſe auf einem 88 kleinen Umweg durch ein Blumengleichniß, das ich un⸗ möglich übergehen kann. Die Abende ſind koſtbare Stunden für Freunde, die beiſammen wohnen. Die Eheleute wiſſen es wohl, und Ge⸗ ſchwiſter kennen es auch. Im vollkommenen Gegenſatz gegen die Blumen der Natur, die in den letzten Stunden des Tages ihre Kelche ſchließen, öffnet ſich der Freund⸗ ſchaft ſchönſte Blume, das Vertrauen, am liebſten Abends, und duftet lieblich im Schutz der Ruhe und der Däm⸗ merung. Jetzt beſpricht man die Fragen des Tages, jetzt ſchließt man Frieden mit ſeinem Herzen, wenn man es dem Freunde zuvor geoffnet und in dem ſeinigen geleſen hat. Jetzt erlächelt, jetzt erbittet man ſich Verſohnung mit der Erde und dem Himmel, ehe die Nacht herein⸗ bricht. Man ſchläft ſo gut darauf. So war es früher mit Edla und Nina geweſen. Zetzt hatten ſich die Sachen anders geſtaltet. Wie gerne hatte nicht Edla Abends in Ninas Seele geblickt, wenn ſie den Tag nicht miteinander verlebt hatten! Aber Nina kam jetzt immer ſpät aus der Geſellſchaft, und Evla fürch⸗ tete dem Schlaf einige Zeit abzubrechen, deſſen Ninas zarte Konſtitution ſo bedürftig war, und den ihre er⸗ müdende Lebensweiſe jetzt nothwendiger als je machte. Nina ſchlief bis tief in den Morgen hinein, und war ſelten ſchon angekleidet, wenn die Gräfin kam, um ſie zu ſich zu neh⸗ men. Sie war zu ſchwach, ſich dieſem Despotismus über ſie zu widerſetzen, zumal, da er von ihrem Vater gebilligt wurde, und auch Edlas ſtummen Beifall zu haben ſchien. Ja Nina glaubte, es könne Edla nur erwünſcht ſein, wenn ſie ungeſtört ihren Lieblingsbeſchäftigungen überlaſſen dürfe. Eines Tages litt Evla heftig an der Migräne. Wie gewöhnlich klagte ſie nicht, ſondern blieb ſtill auf ihrem Sopha liegen. Jedermann, wer dieſe Krankheit kennt, weiß, wie peinlich alles Häßliche, alles Unbehagliche während der Dauer derſelben auf das Gemüth einwirkt, wie wohlthuend dagegen der Anblick irgend eines ſan 3 . un⸗ „die Ge⸗ enſatz inden eund⸗ ends, äm⸗ jetzt n es leſen nung rein⸗ eſen. gerne wenn Nina ürch⸗ inas er⸗ Nina ſchon neh⸗ über illigt hien. venn aſſen Wie em nnt, liche irkt, önen 89 Gegenſtandes. Nina ſaß an Edlas Seite und las ihr leiſe vor; Edla ließ ihre Augen auf dem reinen Ge⸗ ſichte der Schweſter ruhen, und empfand es ſo lieblich, ſo angenehm, ſie in ihrer Nähe zu haben. Da kam die Gräfin herein und äußerte den Wunſch, Nina ſolle mit ihr hinabgehen, es ſeien einige Freunde da— man wolle Scenen aus Fritiof vorſtellen, aber es fehle nur an Nina, man koönne nichts ohne Nina thun, Nina, die ſchoͤne moderne Ingeborg! Nina war indeß glücklich bei Edla, welche ſie ſo herzlich anſah, ſie war glücklich in der Hoffnung, Evlas Schmerzen zn lindern, und überdieß zog ſie ihre Lecture an Sie warf einen bittenden Blick auf Edla, und flüſterte in einem Ton, der um ein Ja flehte: „Nicht wahr, Edla, du bedarfſt meiner?“ Edla verſtand Blick und Worte falſch, ein Hauch von Bitterkeit flog über ihre Seele, und ſie ſagte nicht ohne Härte: „Nein! gehe nur! Ich bedarf deiner nicht.“ Nina ſtand ſchnell auf. Die kalten Worte gingen ihr wie ein Stich durchs Herz. Sie folgte der Gräfin. Unter der Thüre blieb ſie ſtehen; ſie fühlte ein Ver⸗ langen umzukehren und einen Kuß auf die geliebte Hand zu drücken, welche ſie fortwies. Ihr Herz ſchwoll von Zärtlichkeit und Schmerz, aber Edla wandte ſich von ihr ab gegen die Wand; die Gräfin bat ſie, nicht länger zu zögern; Nina vrückte die Hand an ihre beklommene Bruſt und ging. Edla hatte ſich von Nina abgewandt. Warum? Um zwei große Thränen zu verbergen, die ſich gegen ihren Willen den Weg über ihre Wangen bahnten. Wie mancher Vater, wie manche Mutter hat nicht ſolche Thrä⸗ nen geweint und mit mehr Recht, als Edla! Es ſind bittre Thränen! Aber Edla empfand nie einen Schmerz, ohne ihre Bruſt gegen denſelben zu ſtählen; ſie vergoß nie eine Thräne, die nicht einen kräftigen Entſchluß zur Reife brachte. Gedanken, die ihr ſchon ſeit einiger Zeit 90 vorgeſchwebt, ſchlugen jetzt feſte Wurzeln in ihrer Seele, und während ihr der Kopf ſchmerzte und ihr Herz unru⸗ hig klopfte, entwarf ſie mit ruhiger Ueberlegung einen Plan für die Zukunft. Die Hauptbedingung einer mög⸗ lichen Ruhe im Leben iſt, daß man ſich ſelbſt, ſowie viejenigen, mit denen man lebt und das Verhältniß, in welchem man zu einander ſteht, klar zu beurtheilen weiß. Ohne dieſe Fähigkeit ewige Verwirrung! Mit ihr unbe⸗ dingte Klarheit und Ruhe. Nina kam erſt gegen Mitter⸗ nacht zurück. Leicht, wie der Weſtwind über Blumen hinſtreicht, ſchlich ſie ſich an Evlas Bett. Edla hielt ihre Augen geſchloſſen. Nina glaubte, ſie ſchlafe; ſie bückte ſich nieder und drückte ihre Lippen auf der Schwe⸗ ſter Hand. Allein die Hand bewegte ſich, legte ſich freund⸗ lich um Ninas Hals und führte ihren Kopf an den Edlas. Die Wangen der Schweſtern berührten ſich.„Gute Nacht!“ flüſterten ſie in Tönen voll Zärtlichkeitz dieß that ihrem Herzen wohl. Sie hatten einander verſtanden. Nina entſchlief mit einem Engelslächeln auf ihren Lippen. Ein freundlicher, aber feſter Gedanke lag mit ruhigem Ernſt auf Edlas Stirne. Als die erſten Strahlen der Morgen⸗ ſonne die Nacht durchbrachen, war Evlas Leiden vorüber; nur eine angenehme Mattigkeit war zurückgeblieben und friſch und gewiß ſtand ihr gefaßter Plan vor ihrer Seele. Sie durchging ihn alſo noch einmal in ihren Gedanken: „Mein Vater bedarf meiner nicht; ſeine neue Ge⸗ mahlin iſt ihm gegenwärtig Alles. Ich ſehe, daß er mir ausweicht, daß mein Anblick ihm keine Freude macht. Nina iſt entzückt über neue Freunde und Vergnügungenz ich kann und will ſie nicht davon abhalten. Eben ſo wenig will ich als eine Art Zwang für ſie zurückbleiben, ihre Genüſſe verbittern oder wie ein Schatten über ihren Tagen ſtehen. Nina darf den Ernſt nicht unangenehm, ihre Freundin nicht läſtig ſinden lernen. Vielleicht bin ich ihr jetzt auch nicht, was ich ſein ſollte. Vielleicht hat ſich irgend etwas Mißmuthiges, etwas Trübſeliges in meine Seele eingeſchlichen. Vielleicht kann ich in dieſem eele, nru⸗ inen nög⸗ owie „in veiß. nbe⸗ tter⸗ S hielt ſie hwe⸗ und⸗ dlas. hrem Nina Ein rnſt gen⸗ iber; und eele. en: Ge⸗ mir acht. gen; n ſo iben, ihren ehm, bin leicht liges ieſem 9¹ Augenblick nicht ganz gerecht gegen meinen Vater, gegen ſeine Frau und gegen Nina ſein;— vielleicht empfinde ich einige Bitterkeit darüber, daß ich ſo vergeſſen, ſo überflüſſig bin, während ich es doch ganz natürlich fin⸗ den ſollte. Sie haben ihren Genuß am Schönen, am Angenehmen, am Erfreulichen, an Allem, was ich nicht beſitze. Sollten ſie auch einigermaſſen Unrecht gegen mich haben— ſollte beſonders Nina Nina nicht gegen mich ſein, wie ſie könnte, wie ſie ſollte o ſo will ich es ihnen nicht durch Unbilligkeit, durch üble Laune beweiſen; ich will fortgehen, damit Nina die Sorge auf meinem Geſicht nicht ſehen möge— aber ich werde wie⸗ derkommen und ſie an meine Bruſt drücken. Nina kann ſich nur einen Augenblick von mir entfernen, ſie wird bald wieder die Meinige ſein. Sie iſt das Kind meines Herzens, ſie kann nicht von mir getrennt werden. Aber in dieſem Augenblicke bin ich eine ſtörende Perſon für Alle im Hauſe, ich will mich entfernen. Meine Couſine S. bedarf gegenwärtig einer Freundin; ich will auf einige Monate zu ihr reiſen. Ich will die Meinigen von einer ſtörenden, wenn ſchon ſtummen Erinnerung befreien. Ich will meine Seele durch eine neue Wirkſamkeit erfriſchen. Ich werde mit friſcherem Muth, mit fröhlicheren Gefüh⸗ len zurückkommen, vielleicht auch mit unparteiiſcherm Blick für das, was hier vorgeht. Ich werde dann für meine Freunde beſſer und für Nina mehr ſein. Nina wird ſich indeſſen ungeſtört in dem Leben umſehen konnen, das ſie jetzt verblendet. Sie wird es bald in einem klaren Licht betrachten. Meine Briefe werden vielleicht beſſer auf fie wirken, als meine Gegenwart. Ich bin ihretwegen nicht in Unruh. Ein reines Licht, ein edles Gefühl liegt in der Tiefe ihrer Seele. Sie werden ſich ihren Weg bah⸗ nen. Wenn ich wieder komme, werde ich ihren Blick klar finden; ſie wird ihre Freundin wieder erkennen— ich werde mein Kind wieder haben.“ In dem Augenblicke, da dieſe Gedanken durch Edlas Seele gingen, ſtand ſie am Fenſter und ſah einen unruhigen 92 Wind durch die Wolken fahren, welche in grauen und weißen Maſſen vorbeieilten und klare Sterne hervorſchim⸗ mern ließen, deren Licht mit dem dämmernden des Tages noch ſtritt. Edla ſah mit Vergnügen die fliehenden Wol⸗ ken, die ſtillen, ſchimmernden Lichter. So ſtehen feſte Menſchengeiſter in einer unruhigen Welt da. Die irrenden Wolken verſchwinden, die reinen Lichter glänzen ewig am Himmel der Menſchheit. Evla liebte die Sterne. Sie führte ſeit ihrer Jugend eine Art Geſpräche mit ihnen. In Stunden des Schmer⸗ zes, in Stunden des Gebetes, in Stunden, wo ihre Seele nach der Höhe verlangte, um zu athmen, ſah ſie oft die Wolken ſich theilen und die Sterne klar und freundlich über ihrem Haupte herabblicken. Dieſer Anblick hatte ſie immer wunderbar geſtärkt. Sie dachte ſich zwar nichts Deutliches bei dieſem Sternewinken, allein ſie empfand ſeinen Anblick lieblich, wie die Theilnahme eines Freundes, ſtärkend wie einen Blick aus dem Auge des Allmächtigen. Seit der Zeit, da Edla keinen Freund auf Erden hatte, war ſie gewohnt, ihn im Blick der Sterne zu ſuchen, und dieſe hatten ſie ſelten getäuſcht. Ueberdieß waren ſie ſo ſchoͤn, ſo verheißungsreich! Ihre Unendlichkeit machte den Schöpfer ſo groß und alle menſchliche Eitelkeit ſo klein. Brautwerbung, oder ein altes Lied nach einer neuen Melodie. Profeſſor A. an Edla. Sie wollen mein Schickſal nicht theilen, Edla! Sie ſchlagen meine Hand aus, und wünſchen nur die Hälfte meines Herzens zu beſitzen. Die andre Hälfte ſchenken Sie irgend einer Frau, die ich nach Ihrer Mei⸗ und im⸗ ages Lol⸗ feſte nden am end ner⸗ eele die lich ſie chts and des, gen. tte, und ſo den in. la! die fte ei⸗ 93 nung noch bekommen werde. Aber ſchaffen Sie ſich ſtren⸗ gere Worte, Edla, und gültigere Gründe, wenn Sie ei⸗ nen Mann vermögen wollen, von einem Glück abzuſtehen, das er im Innerſten ſeines Herzens als das höchſte für ihn auf Erden erkannt hat. Edla, Sie haben Ihrem Freunde erlaubt, die ungeſchminkte Sprache der Wahr⸗ heit mit Ihnen zu reden,— ja, Evla, ich habe Sie zu⸗ erſt um der Liebe willen geliebt, die Sie für meine Liebe — für die Wahrheit hegen. Durch meine Wahrheits⸗ liebe habe ich die Meiſten von denen, die ſich meine Freunde nannten, mir entfremdet und meine Bekannten weggeſchickt. Sie allein, Evla, fürchteten meine rauhe Auf⸗ richtigkeit nie, Sie ſtießen ſich nicht an mir, Sie hörten mich und verſtanden mich. Sie ſind noch immer meine beſte, meine wirklichſte Freundin, die einzige, vor der ich ohne Scheu meine ganze Seele öffnen kann, und ich fühle mich glücklich, Ihnen auch jetzt ohne Scheu ſagen zu koͤn⸗ nen, daß Sie in Ihrer Antwort an mich nicht die Wahr⸗ heit ſprechen, daß Sie nicht aufrichtig gegen mich ſind. Sie antworten mir, wie ein gewöhnliches Weib einen ganz gewöhnlichen Mann abſpeist. Armſelige Ausflüchte! Elende Gründe! Wie kann Edla ſich erniedrigen, ſolche zu gebrauchen?„Sie find alt, Sie ſind häßlich.“ Nun gut, Edla, ich gebe es zu, Sie find ein altes Mädchen. Wie alt? Etwa vierzig Jahre. Nun gut, Sie ſtehen im beſten Frauenalter, was man wohl ſagen kann, ohne wie Balzac ein Narr zu ſein. Ich bitte Sie, kommen Sie mir nicht mit ihren ſiebenzehnjährigen Mädchen. Sie ſind ſchoͤne Blumen, ſagt man. Sehr wohl; allein ich weiß wahrhaftig nicht, was ich zu ihnen ſagen ſoll, als was ich eben zu den Blumen auch ſage, d. h. höchſtens, „ihr ſeid gar zu ſchön!“ und vielleicht noch:„habt ihr in dieſem Winter viel getanzt?“— Soviel für den Men⸗ ſchen.— Mit vierzig Jahren trägt das Weib Frucht und Blüthe zugleich. Meine Mutter machte mit dreiund⸗ vierzig Jahren einen Mann glücklich und ihr Sohn durfte 94 fünfundzwanzig Jahre lang das Glück ſeiner Eltern mit anſehen. Man kann auch mit weniger zufrieden ſein. „Sie ſind häßlich.“ Ja Sie ſind häßlich, ſehr häßlich. Ich weiß kaum ein Geſicht, das auf den erſten Anblick ſo abſtoßend wäre.„Sie haben überdieß etwas Steifes, etwas Unangenehmes;“ ja Sie haben dies Alles! ich gebe Ihnen recht, Edla. Innigſt geliebte Edla! un⸗ verſtändiges, kindiſches, unphiloſophiſches Weib! Siehſt du denn nicht, daß man dich bei all Dieſem, ja eben deß⸗ wegen lieben kann? Eben, weil Sie häßlich ſind, Evla, liebe ich Sie um ſo mehr. Wären Sie ſchön, hätten Sie auch nur die gewöhnlichſten Reize einer Frau, ſo würde ich fürchten, irgend ein minder erhebendes Gefühl möchte ſich in meine Liebe miſchen. Aber Sie ſind häß⸗ lich, Sie ſind unangenehm— und doch liebe ich Sie, Edla! und liebe Sie mit aller Wärme! Es gibt eine Schönheit, die keine äußere iſt, die nicht verwelken darf; — meine Liebe für Sie läßt mich an Unſterblichkeit glau⸗ ben! Und darum, weil Sie nicht äußerlich ſchön ſind, darum glauben Sie nicht, daß ich Sie liebe! Wie wei⸗ biſch, wie elend, wie geckenhaft machen Sie mich nicht, wenn Sie glauben, ich könne nicht auch von etwas An⸗ derem entzückt werden, als von dem, was lebloſe Dinge und Thiere ſo gut beſitzen können, als der Menſch! „Sie ſind langweilig;“— Gott verzeih Ihnen dieſe Unwahrheit, Edla, ſo gewiß, als alle unſere plappernden und leeres Zeug ſchwatzenden Frauenzimmer es thun wür⸗ den. Glauben Sie mir, Edla, in Ihrer ſchweigenden Gegenwart iſt mehr Leben, als in der Unterhaltung der meiſten Menſchen. Aber in allem Ernſt;— haben Sie wirklich auch das gemeint, was Sie ſagten? Haben Sie geglaubt, ich würde es glauben? Nein, Edla, das haben Sie nicht! Sie ſind nicht ſo ſchwach, ſo kindiſch! Folg⸗ lich haben Sie ſowohl ſich ſelbſt, als mich belogen. Ich ahne einen andern Grund für Ihre abſchlägige Antwort. Aber warum ihn nicht gerabezu herausſagen? Sie lieben mich vielleicht nicht; Sie theilen das Gefühl nicht, das den ken H geſch um Sie ausz oder mein mein begli will. wart Füß hen Sce unſe Edle Sie mit . ſehr erſten twas llles! un⸗ Siehſt deß⸗ Evla, ätten „ſo efühl häß⸗ Sie, eine darf; glau⸗ find, wei⸗ nicht, An⸗ Dinge dieſe rnden wür⸗ enden g der Sie Sie haben Folg⸗ lieben „das 95 ich für Sie hege? Gut!— oder vielmehr ſchlimm. In⸗ deß kennen Sie meine Ueberzeung in dieſem Punkte. Die Frau braucht keine Liebe für den Mann zu hegen, mit dem ſie ſich verbindet. Achtung und Vertrauen iſt alles, was ſie vonnöthen hat;— und die Pflichten und Freu⸗ den der Ehe, die Annehmlichkeiten des Hausweſens bewir⸗ ken nothwendig, daß ſie ſich mit immer höherer Innigkeit an den Freund ſchließt, den ſie für ihr Leben erwählt hat. Dieß beweist die Erfahrung jedes Tags. Und Edla! Warum ſollen Sie nicht auf dieſelbe Art wie ſo manche Frauen, die Ihnen gleich, oder ſogar noch ausge⸗ zeichneter waren, im Leben wirkſam und glücklich werden? Sollten Sie die Pflichten einer Mutter und Hausfrau verſchmähen, darum, weil Sie ein Bischen mehr von der Welt wiſſen, als die meiſten Ihres Geſchlechts? Dann werfen Sie Ihre Wiſſenſchaft ins Meer!— Sie iſt dann nicht mehr werth als die letzte Tragödie meines Freundes H. Hören Sie, Edla! hätten Sie ein beſtimmtes ſchöpferi⸗ ſches Vermögen, wären Sie zur Künſtlerin, zur Schrifſtellerin geſchaffen, dann würde ich nicht ſo viele Worte machen, um Sie für die Ehe zu gewinnen. Aber das ſind ſie nicht. Sie haben ein Ohr für das Leben, jedoch keine Zunge es auszuſprechen. Sollten Sie damit zufrieden ſein, bloß zu vegetiren, ohne Ihren Mitgeſchöpfen nützlich zu ſein, oder für Jemandens Wohl zu leben? Epla, nehmen Sie meine Hand— werden Sie meine Gattin, die Freundin meiner Freunde, die Freudeſpenderin in meinem Hauſe; Sie einen Mann, der künftig nur für Sie leben will. Sie zweifeln an der Wirklichkeit meiner Liebe! Er⸗ warten Sie etwa, daß ich ſeufzen, ſchreien, zu Ihren Füßen liegen, mich im Sande wälzen, mit Erſtechen dro⸗ hen ſoll,— erwarten Sie, daß ich eine der trunkenen Scenen aufführen ſoll, womit die modernen Romane unſere nüchterne Welt überfluthen? Das kann ich nicht, Evla, und gewiß wünſchen Sie es nicht. Aber glauben Sie, vaß ich Sie liebe. Beurtheilen Sie meine Liebe 96 nach ihren vernünftigen Zeichen. Edla, ich bin nicht glücklich, außer in ihrer Nähe. Alles, was ich thue, denke und ſchreibe, das erwartet und ſucht ihren Blick und Ihren Beifall; ohne ihn hat es keinen Werth für mich! Doch ich verſchmähe es, mich darüber auszubreiten, zu verſichern, zu betheuern. Seit vierzehn Jahren, Edla, haben Sie mich Ihren Freund genannt und haben meinen Worten nicht mißtraut. Warum ſollten Sie ihnen jetzt mißtrauen, in dem Augenblick, da ſie aus dem In⸗ nerſten meines Herzens kommen und ſagen: Ich liebe Sie! Sind dieß etwa auch nur leere Ausflüchte? Steckt ein anderer Grund darunter verborgen? Heißt es viel⸗ leicht, in die Sprache der Wahrheit überſetzt:„Ich hege eine Scheu, mich mit dir zu verbinden, du biſt ein Atheiſt, der weder an Gott, noch an Unſterblichkeit glaubt, du biſt ein verworfenes Weſen!“ Edla, können Sie ſo den⸗ ken 2 Können Sie mir ein Verbrechen aus Etwas machen, was in keines Menſchen Macht ſteht? Es iſt wahr, mein Verſtand erkennt die Lehre noch nicht an, worin Sie und ſo viele Andere ihr Glück finden. Aber zeigen Sie mir den Fleck in meinem Leben, der den Menſchen entehrt; dann erſt werden Sie ein Recht haben, mir wegen mei⸗ ner Ungläubigkeit zu mißtrauen. Hat je ein Wort, oder ein Lächeln von meinen Lippen Etwas verſpottet, was Andern heilig war?— Dann, Evla, ſcheuen Sie mich, als einen Unwürdigen! Habe ich je, ſeitdem ich Mann geworden, abſichtlich eine Unwahrheit geſagt— dann, Edla, glauben Sie mir auch jetzt nicht, dann mißtrauen Sie meiner Liebe. Ich will noch mehr ſagen. Ich habe oft auf die Möglichkeit gehofft, ehe mein Abend nieder⸗ ſinkt, ein hoheres Licht ſehen zu können, einen ſo ſchönen, ſo ſegensreichen Glauben theilen zu dürfen; jetzt verlangt es mich darnach, jetzt iſt es mir Bedürfniß. Auch ich bin alt, Edla, und meine fünfzig Jahre, ob⸗ gleich ſie mein Herz nicht zu kühlen vermochten, bewei⸗ ſen mir doch durch den Schneeduft auf meinem Scheitel, daß der Winter bevorſteht. Evla, meine theure Freundin! nic kat ber ſo Si die Art Laff ode Nei 97 nicht Willſt du ihn mir nicht warm machen, willſt du mir thue, nicht das Licht anzünden, das meinen Abend erhellen Blick kann, willſt du mich nicht lehren, zu hoffen und zu glau⸗ für ben, wie du? Wenn dieſes Werk irgend einem Menſchen eiten, iſt, ſo biſt du es, denn du biſt ſo verſtändig und hren, haben Eine andere Frau! Ich bitte Sie, Edla, verſchonen ihnen Sie mich mit dieſen Tröſtungen und Hoffnungen und mit In⸗ dieſer andern Frau, die, wenn ich es recht verſtehe, eine lebe Art gutes Schaf ſein müßte. Werden Sie mein, Edlal Steckt Laſſen Sie mich hoffen, daß Sie es noch werden wollen, viel⸗ oder geben Sie mir beſſere, wahrere Gründe an für ein hege Nein, das mein Glück vernichtet. heiſt, Ihr A. du den⸗ Edla an Proteſſor A. chen 2 mein Ich habe Ihnen keine falſchen Gründe angegeben, S mein Freund. Ich habe die Wahrheit geſagt. Aber S vielleicht hätte ich mich deutlicher Mein tehrt; Alter, beſter A., legt jeder Veränderung meiner Lebens⸗ mei verhältniſſe ein Hinderniß in den Weg, das Niemand ſo „oder gut beurtheilen kann, als ich ſelbſt; meine Häßlichkeit was wäre mir nicht ſo gefährlich, wenn ich nur eine gewiſſe mich, Scheu überwinden könnte, die ſie mir vor den Blicken Mann anderer Menſchen einflößt;— und dann iſt es nicht bloß dann, Häßlichkeit;— dieſe könnte ich wohl ertragen; allein in meinem Weſen, in meinem Blick liegt etwas Hartes und habe Abſtoßendes, was unangenehm auf Andere wirkt und zicder mich deßwegen quält. Ich erhielt dieſes Bewußtſein ſchon hönen, in meiner frühen Kindheit. Ich ſog es ein aus dem jetz Auge meiner Mutter, wenn es ſich kalt und fremd von mir abwendete.— Verzeih, ſtrenger Schatten! Ich hoffe dich einſtens zu lieben und dein Auge freundlich auf leme deiner Tochter ruhen zu ſehen. Dann wird alle unfrei⸗ heitel, willige Härte ſich auflöſen und von meinem Weſen ge⸗ undint nommen werden, dann werde auch ich liebenswürdig Bremer, Rina. 7 98 werden. Daß ſie ſchon früher vergehen ſoll, hoffe ich nicht. Sie iſt mir gleichſam von einer fremden Macht angehef⸗ tet;— allein ſie wirkt ſtörend. Ich bin nicht angenehm für Andere, ich bin es nicht bei Andern. Ich fühle das und es macht mich beklommen;— ich kann dieſes Gefühl nicht überwinden. Für Sie, mein lieber A., hege ich die herzlichſte Achtung und Freundſchaft, und ich glaube, daß Nichts in meinem Gefühl für Ihre Perſon mich hindern würde, Ihnen die Hand zu reichen, wenn ich damit wirklich et⸗ was Gutes zu thun glaubte. Ich habe Ihnen bereits darüber geſchrieben und will Sie nicht mit Wiederholun⸗ gen ermüden. Einige wenige Worte muß ich indeß noch hinzufügen. Ich verehre von ganzem Herzen den Beruf des Weibes als Gattin, Mutter und Hausfrau; wie ſollte ich es nicht? Ich weiß keinen ſchöneren;— allein ich fühlte in mir ſelbſt die Mittel nicht, ihn würdig zu erfüllen. Sie ſprechen von der Nutzloſigkeit meines Daſeins. Ich könnte Ihnen antworten:„Sehen Sie einmal Nina an.“ Vor einiger Zeit hoffte ich ſagen zu können:„Sehen Sie meines Vaters glückliches Alter.“ Doch ich will mich nicht auf eine Wirkſamkeit berufen, an welcher die zu⸗ fälligen Ereigniſſe ſo großen Theil hatten. Ich will ſagen— o nennen Sie es nicht Hochmuth!— Sehen Sie in meine Bruſt! Dort arbeitet unaufhorlich die Kraft, ein gutes Werk zu thun, nicht unwürdig des großen Meiſters über uns Allen. Ich habe oft ge⸗ dacht, ich würde einmal die Worte finden, um auszu⸗ ſprechen, was ich ſo tief erkannt, worüber ich ſo lange nachgedacht;— vielleicht täuſche ich mich auch, viel⸗ leicht kommt dieſer Augenblick nie für mich auf Erden. Dem ſei, wie ihm wolle, ich werde nie fürchten, daß mein Leben und meine Arbeit vergebens ſei. Derjenige iſt glücklich, der für das Wohl Vieler auf Erden leben darf;— aber auch der hat nicht umſonſt gelebt, der ſtille in ſeiner eigenen Bruſt nur nach Selbſtveredlung 3 nicht. ehef⸗ nehm edas efühl lichſte ichts ürde, h et⸗ ereits olun⸗ nch f des te ich fühlte üllen. Ich n n Sie mich e zu⸗ will Sehen h die g des uszu⸗ lange viel⸗ Erden. „daß jenige leben r ſtille eſtrebt 99 hat. Sollte alle Tugend, alle Kraft bloß moraliſch ſein und kein Leben haben, außer in der Ausübung der ge⸗ meinſamen Pflichten? Der auf Lebenszeit Gefangene, der von der ganzen Welt abgeſchnitten Gott einen Tempel in ſeiner eigenen Bruſt baute— der Einſiedler, der vermöge ſeiner Wiſſenſchaft eine Welt aufzuklären vermoͤchte, glau⸗ ben Sie wohl, mein Freund, daß dieſe umſonſt gelebt haben, daß ſie keinen Plotz finden werden, um ihren Got⸗ tesdienſt auszuüben, und wäre es auch in einer andern Welt, als in dieſer?! Ich weiß, daß das nicht Ihr Glaube iſt, aber der meinige iſt es durchaus. In Bezie⸗ hung auf den Nutzen meines Lebens bin ich ruhig. Sie fordern mich auf, Ihren Lebensabend zu er⸗ hellen. Ach da haben Sie eine Saite berührt, die meinem Herzen wehe thut! Aber kann ich thun, kann ich ſein, was Sie wünſchen, was Sie glauben? Ich fürchte, nein! Mein Freund, ich weiß, daß ich es nicht kann. Haben wir nicht ſchon manchmal über dieſe Gegenſtände ge⸗ ſprochen, über die wir ungleich denken? Und welche Frucht hat es wohl getragen? Ich habe Ihnen nichts geholfen und Sie— verzeihen Sie, aber ich muß es ſagen— Sie haben mir oft wehe gethan. Mein lieber Freund! Glauben Sie mir, es iſt mir nie eingefallen, Sie einen Atheiſten zu nennen. Von dem Gott, an den Sie glau⸗ ben, der in Ihnen wohnt, gibt Ihr Leben Zeugniß, und um mich der Worte eines großen Schriftſtellers zu be⸗ dienen:„Die Gottheit, die Sie verläugnen, rächt ſich an Ihnen dadurch, daß ſie Ihren Handlungen ihren Stem⸗ pel aufbrückt.“ Sie ſind in der That und Wahrheit ein guter Chriſt, indeß Ihr Verſtand oder vielmehr der Wi⸗ derſpruchsgeiſt, der in ihrem Kopfe wohnt, ſich weigert, es zu erkennen. Aber dieſer Geiſt und dieſe unaufhör⸗ lichen Zweifel beunruhigen meine Seele. Ach, das Leben hat zu viele Wolken, zu viele Räthſel, als daß nicht das Gemüth zuweilen ſich verdunkeln laſſen ſollte, daß es die Lichter, die es erworben, nicht wegen eines herein⸗ dringenden Dunkels gleichſam vergeſſen könnte. Sie haben 100 meinen Tag oft finſter gemacht; wie könnte ich Ihrem Abend Licht bringen? Ach, Sie bedürfen einer Frau von ganz anderer Gemüthsart, von einer ſchöneren Kraft als die meinige. Kennen Sie ſie wohl, haben Sie ſie wohl ſchon ge⸗ ſehen, jene holden, einfachen Frauen, deren ganzes Weſen Liebe iſt und die in ihrem Herzen Worte finden, welche wie eine Verklärung wirken, ohne den mindeſten Anſpruch auf Aufklärung zu machen? Ich möchte ſie weibliche Jo⸗ hannes nennen; ſie ruhen an der Bruſt des göttlichen Meiſters und bekommen Antheil an ſeinen Geheimniſſen. Sie ſchöpfen aus der Liebesquelle ſelbſt, deßwegen iſt auch ihre Weisheit ſo tief, ihr Blick ſo wohlthuend, ihre Worte ſo überzeugend. Sie führen keine Argumente für die Un⸗ ſterblichkeit der Seele, aber ihre Seele öffnet den Himmel vor euren Blicken und ihr ſehet den Gott, den ſie ſchauen. Auf eure Zweifel, auf eure Fragen wird eine ſolche Frau antworten:„Laß uns glücklich ſein! Laß uns einander lieben! Laß uns nicht grübeln, Alles wird dereinſt klar und gut genug werden.“ Und dieſe ſo armſeligen Worte, wenn der Alltagsmenſch ſie gebraucht, um ſeine Trägheit zu bemänteln, werden zu Offenbarungen auf den Lippen der frommen, liebevollen Johanniterin. Sehen Sie, A., eine ſolche Frau müſſen Sie ſuchen. Sie allein kann Ihr Haus erwärmen, Ihren Abend erhellen, an Ihrer Bruſt wird Ihre Seele Ruhe finden. Argumente werden Sie ewig mit Argumenten, Beweiſe mit Gegenbeweiſen beant⸗ worten, aber vor einem ſolchen Glauben, vor ſolchen Wor⸗ ten wird Ihre Kampfluſt ſich legen und Ihnen vergönnen, den tieferen Eingebungen Ihrer eigenen Seele zu lauſchen. Sie ſprechen von Ihrer Liebe zu mir! Ja, ich hoffe allerdings, daß ich Ihnen lieb bin; dieſer Glaube iſt mir theuer, iſt mir nothwendig;— aber Liebel. Liebe zu mir?... Nein, mein A., daran glaube ich nicht. Ich habe Ihres Widerſpruchsgeiſtes erwähnt. Ver⸗ zeihen Sie, wenn ich darauf zurückkomme und meinen Gla Gef trotz käm; mich wart Lieb je d Zeit Sie Sie bloß laute Nich frap der die 2 zubu daß ich v mir über; Grüt habe, Rück Gatt bitte Edla rm von als ge⸗ eſen elche ruch Jo⸗ chen ſſen. auch orte Un⸗ mel uen. Frau nder klar orte, heit ppen A) Ihr ruſt Sie ant⸗ Lor⸗ nen, chen. hoffe e iſt icht. Ver⸗ einen 101 Glauben eingeſtehe, daß er es iſt, der gegenwärtig Ihre Gefühle ſteigert. Sie waren jeder Zeit ein ſtolzer und trotziger Mann, A., und lieben es mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Sie ſuchen mich nur darum ſo eifrig, weil ich mich entziehe. Die willige Edla wird aufhören, die ſo warm geliebte zu ſein. Sprechen Sie mir nicht von Ihrer Liebe, A. Ich glaube nicht, daß Sie, oder irgend Jemand je dieſes Gefühl für mich hegen könnte. Ich bin über die Zeiten hinaus, wo man an Feenmärchen glaubt. Laſſen Sie mich, wie bisher, Ihre Freundin ſein und verbleiben Sie mein Freund!... Dieß iſt das Beſte für uns Beide. Stets und auf immer Ihre Freundin Evla. Prokellor A. an Edla. Sie haben ganz Recht, Evla, zu ſagen, daß Sie ſich bloß wiederholen. Ihr Brief beſteht größtentheils aus lauter Aufwärmungen Ihrer frühern Gründe oder vielmehr Nichtgründe. Das neue daran, was mich am Meiſten frappirte, war die Kunde von meinem Widerſpruchsgeiſt, der ſich in meinem Gehirn einquartirt haben ſoll und ſich die Mühe nimmt mir meine Worte und Handlungen vor⸗ zubuchſtabiren. Die Folge davon iſt augenſcheinlich die, daß ich nicht weiß, was ich ſage, und nicht glaube, was ich verſichere. Schönen Dank für dieſe Notiz, aber da es mir wirklich am Herzen liegt, Sie vom Gegentheil zu überzeugen, und da ich in Ihrem Briefe keine triftigeren Gründe finde, als diejenigen, die ich bereits verworfen habe, ſo verzeihen Sie mir, beſte Edla, wenn ich weniger Rückſicht darauf nehme und die Hoffnung, Sie meine Gattin zu nennen, keineswegs aufgebe. Die Johannesdame bitte ich ſchönſtens zu grüßen. Sie wird nie meine Frau! Edla oder keine! Der Widerſpruchsgeiſt. 102 Edla fühlte ſich durch den Eigenſinn Ihres Freundes ſowohl geſchmeichelt als geärgert. Indeß befeſtigte ſie ſich immer mehr in dem Entſchluß, nach einer entfernten Ge⸗ gend abzureiſen. Sie kannte eine liebenswürdige Perſon, die den Profeſſor ſchon lange in der Stille geliebt hatte. Dieſe, glaubte ſie, ſei dazu geſchaffen, A. glücklich zu machen, und ſie hegte die Hoffnung, daß er ſelbſt es eines Tags einſehen werde. Von ihrem künftigen Aufenthaltsort aus gevachte Edla an ihren Freund zu ſchreiben, und ihm Vorſiellungen wegen Charlotte D. zu machen. Sie traf alle ihre Anſtalten zur Reiſe, die ſie unmittelbar nach dem Reujahr antreten wollte, und ſprach mit ihrem Vater darüber. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Frau S. und ihre bedrängte Lage die ganze Schuld an dieſem Entſchluſſe tragen mußten. Der Präſident hörte ſchweigend ſie an und ſagte dann mit unſicherer Stimme, er glaube, ſie thue wohl daran, und es ſtehe ihr frei, ganz nach Gutdünken zu handeln; ſodann entfernte er fich ſchnell und ließ Edla allein mit einem Herzen voll Beklommenheit. Wir verſetzen uns jetzt, wenn auch nicht nach Bender, doch zu einem Nähzeug. Beilalter, Schwertalter, Sturmalter, Wolfsalter, Ehe die Welt fällt. Rings um den Weltbaum rast Die dampfende Glut Die hohe Flamme leckt Zum Himmel auf. Wala's Geſang. Fräulein Margarethe hatte indeß mit Klara ihre liebe Noth. Sie fand ſie mit jedem Tag intereſſanter und und ſie? einet Läde des ſich He⸗ on, tte. zu nes zort hm traf ach ater und uſſe und hue nken Fpla der, ast ihre anter 103 und unerträglicher. Sie war ihr ein Stein des Anſtoßes und eine Klippe des Aergerniſſes. Ganz plötzlich wandelte ſie die Luſt an, ihr eine Freude zu machen. Sie fuhr eines Vormittags mit der Gräfin aus und kehrte in den Läden von Medburg, von Folker, von Giron Alles um und um. Die Gräfin kam mit einem ungeheuren Pack von Zeug, Shawlen und andern Modeartikeln nach Hauſez Fräulein Margarethe mit zwei ausgeſucht ſchönen Hals⸗ bändern, das eine von Amethyſt, das andere von Korallen, und in der Abſicht, Klara zwiſchen beiden wählen zu laſſen. Ihr Herz erfreute ſich an dieſem Geſchenk, womit ſie Klara ſich verbinden wollte. Sie war in dieſem Au⸗ genblick ungemein freundlich gegen ſie geſtimmt und hatte alle Gleichgültigkeit und Wortkargheit des ſchüchternen Mädchens vergeſſen. Bei ihrer Nachhauſekunft beſchäftigte die Gräfin Klara drei Stunden lang mit ihren Einkäufen. Dieß war für Nina, dieß für Fräulein Margarethe, dieß für Edla, dieß für die Gräfin ſelbſt; und nicht das geringſte Seidefädchen war für Klara beſtimmt, damit ſie recht deutlich empfinden ſollte, daß ſie in Ungnade gefallen ſei. Aber Klara ſchien dieſe Strafe nicht zu merken, und nachdem ſie gewiſſenhaft ihre Anſicht über die Zeuge und Farben ausgeſprochen, die erforderliche Zahl angegeben, Verſchiedenes zugeſchnitten hatte u. ſ. w. ſetzte ſie ſich müde und niedergeſchlagen an das Kaminfeuer, deſſen Schein ihr leuchtete, während ſie an einer jener ewig ſich erneuernden Tüllarbeiten nähte, die Fräulein Margarethens Plage waren. Fräulein Margarethe kam in dieſem Augenblick. Sie nahm einen Stuhl, ſetzte ſich freundlich neben Klara, zeigte ihr die beiden Halsbänder und fragte, ob ſie ihr gefallen. Ein matter Blick von Klara und ein gleichgültiges Ja war Alles, was ſie zur Antwort bekam. „Und welches halten Sie wohl für das ſchonere?“ 104 fragte Fräulein Margarethe weiter, ohne ſich dießmal ſo bald ſtören zu laſſen. „Ich weiß es kaum,“ antwortete Klara mit einer Stimme, die von einem bedrückten Gemüth zeugte;„ich verſtehe mich ſo wenig auf ſolche Sachen.“ „Solche Sachen!“ wiederholte Fräulein Margarethe für ſich, ärgerlich über Klaras Worte und Benehmen. Judeß fuhr ſie dennoch ſort: „Möchte nicht das Korallenband das ſchönere ſein und würde es wohl nicht eine Perſon von etwas dunkler Farbe beſſer kleiden, als das Amethyſtband?“ „Vielleicht,“ erwiederte Klara mit der höchſten Zer⸗ ſtreuung, indem ſie ſich beſchäftigte, ein paar Stiche an ihrer Arbeit aufzunehmen. Dieß war doch zu ſtark. Fräu⸗ lein Margarethens Zorn ſchlug in hellen Flammen auf über eine ſolche Unhöflichkeit. „Dieß iſt eine recht hübſche Arbeit,“ ſagte ſie, indem ſie Klaras koſtbare Stickerei ergriff,„allein da Sie dadurch von noch ſchöneren und wichtigeren Sachen, nämlich von ein Bischen Höflichkeit, abgehalten werden und keine Zeit haben, Fragen zu beantworten, ſo will ich Sie hiermit von dieſem Hinderniſſe befreien.“ Und ehe die überraſchte Klara ihre Abſicht ahnen konnte, lag die ſchöne Arbeit im Feuer. Klaras erſte Vewegung war, hervorzuſpringen und ſie herauszuholen; allein die Flammen ſchlugen hoch darüber zuſammen, er⸗ griffen ſie von allen Seiten und verzehrten ſie in wenigen Sekunden. Klara ſtand ſtille da und ſah zuz Fräulein Margarethe betrachtete ſie aufmerkſam. Als die koſtbare Arbeit ganz und gar zu Aſche geworden war, rollte eine große Thräne über Klaras Wangen und ſie ging hinaus, ohne ein Wort zu ſprechen, ohne einen Blick auf Fräulein Margarethe zu werfen. Wie dieſer zu Muthe war, läßt ſich nicht leicht beſchreiben. Sie ſah Klara nach, ſie ſah in die zuckende Aſche und fühlte große Luſt, die beiden Halsbänder der Arb eine ſchla duld und Blic willi den einen freur welck ters Frär und tigke einm fallet nem Sie, zeihe von halte mein mit Neue ſchon weite hielt iſt z zuz wege ſo iner „ich ethe nen. ſein ler Zer⸗ an räu⸗ auf dem urch von Zeit mit nen rſte en; er⸗ gen lein are eine us, lein icht nde der 105 Arbeit nachzuſchicken. Indeß mäßigte ſie ſich und ſann einen beſſern Plan aus. Beim Mittageſſen hatte Klara rothe und niederge⸗ ſchlagene Augen, worin jedoch ein Ausdruck ſtiller Ge⸗ duld lag, der Fräulein Margarethe tief zu Herzen ging, und als Klara einmal ihre Augen aufſchlug und ihre Blicke ſich begegneten, mußte Fräulein Margarethe un⸗ willkürlich die ihrigen niederſchlagen. Nach Tiſch hatte ſich Klara in ein Zimmer neben den Salon begeben, und beſah einige Kupferſtiche, die auf einem Tiſche lagen, als ſie eine Hand ſpürte, die ſich freundlich auf ihre Schulter legte, während eine andere, welche die beiden unglückſeligen Halsbänder hielt, ſich un⸗ ter ihre Augen vorſchob und die Beſitzerin der Hände, Fräulein Margarethe, mit einer Stimme voll Herzlichkeit und Ernſt ſagte: „Verzeihen Sie, Klara! Verzeihen Sie meine Hef⸗ tigkeit! Beſehen Sie mir zu Liebe dieſe Halsbänder noch einmal und verſuchen Sie, ob Ihnen ſolche Sachen ge⸗ fallen koͤnnen. Ich wollte Sie anfangs erſuchen, mit ei⸗ nem von beiden vorlieb zu nehmen; nun aber bitte ich Sie, beide zu nehmen, zum Beweis, daß ſie mir ver⸗ zeihen und zum Erſatz für den Tüllkragen, obgleich ich von Herzen wünſche, daß das Schickſal deſſelben Sie ab⸗ halten möchte, einen neuen anzufangen. Nehmen Sie's, meine gute Klara, ſchenken Sie mir Ihre Verzeihung.“ Klara errothete tief; ſie ſah zu Fräulein Margarethe mit einem ſo ſchönen Blicke auf, daß ihr Herz auf's Neue das warme, behagliche Gefühl empfand, das ſie ſchon einmal gehabt hatte, und ſie wollte ihr jetzt ohne weiteres die beiden Halsbänder anlegen; allein Klara hielt ihre Hand zurück und ſagte:„Nein.. nein! Es iſt zu viel zu viel„ich bedarf nicht!. „Solcher Sachen!“ fügte Fräulein Margarethe hin⸗ zu;„gut, aber wenn Sie dieſelben nicht des Bedarfs wegen nehmen wollen, ſo nehmen Sie ſie aus Barmher⸗ 106 zigkeit, damit jener Brand nicht länger in meinem Ge⸗ wiſſen brenne.“ „Das ſoll er nicht,“ ſagte Klara.„Es iſt Alles ver⸗ geſſen; ich habe jetzt bloß noch Gefühl für Ihre Güte, gnädiges Fräulein.“ „So nehmen Sie's!“ ſagte Fräulein Margarethe im modus imperativus. Klara ſah die ſchönen Schmuckſachen an. Nach ei⸗ ner augenblicklichen Pauſe ſagte ſie: Sie mir damit anzufangen, was ich will?“ „In Gottes Namen, ja! aber am liebſten würde ich Ihren Hals damit geſchmückt ſehen.“ „Aber wenn ich ſie bekomme, ſo habe ich auch das Recht, nach Belieben darüber zu verfügen 2“ „Ja wohl, das verſteht ſich, nehmen Sie ſie nur aus meiner Hand.“ Klara nahm eines davon; zu beiden ließ ſie ſich durch Fräulein Margarethens ganze Beredtſamkeit nicht vermoͤgen, und als ſie das Halsband nahm, bückte ſie ſich und küßte der Geberin Hand mit einer ſo lebhaften und herzlichen Bewegung, daß Fräulein Margarethe innig ge⸗ rührt wurde und fie zärtlich umarmte. Bei ſich ſelbſt aber dachte ſie: „Das muß doch ein ganz beſonderer Kamerad ſein, dieſer Bräutigam, der ſo viele Tüllkrägen und Hauben abſorbirt und nun auch mein theures Halsband. Ich hätte wohl Luſt, den Mann einmal zu ſehen.“ Fräulein Margarethe hatte ſich viel in der Welt um⸗ geſehen; ſie hatte oft den kleinen Momus ausgeſpürt, der gerne im Hintergrund der Seele ſitzt, mit dem beſſern Ich des Menſchen ſein Gaukelſpiel treibt, und ihn Un⸗ wahrheiten ſagen, Dummheiten, ja ſogar Schlechtigkeiten oder auch ſchöne Handlungen begehen läßt,— Alles nur, um irgend einen Hochmuth, irgend eine Eitelkeit, oder ſonſt eine andere minder edle Neigung zu befriedigen. Fräulein Margarethe hatte den Schelm ſo oſt geſehen, daß ſcher gem Aber gen reth zu( ben, ee der ganz Beg Auf in d tung für tate Kla die hätt und mit aber ſtatt lerei fette ſcha aus ſich icht und ge⸗ lbſt ein, ben ätte um⸗ der ſern Un⸗ iten ur, oder gen. hen, 107 daß ſie ſich gewöhnt hatte, ihn als Inwohner jeder Men⸗ ſchenbruſt zu betrachten, und überhaupt glaubte ſie im All⸗ gemeinen mehr an kleinliche, als an erhabene Triebfedern. Aber ungeachtet des geheimnißvollen Benehmens, das ge⸗ gen Klara zu zeugen ſchien, konnte ſich Fräulein Marga⸗ rethe doch bald nicht mehr denken, daß etwas Unwürdiges zu Grunde liege; es war ihr beinahe unmöglich, zu glau⸗ ben, daß der eben erwähnte Schelm ſein Spiel in Klaras Seele treiben koͤnnte, und ſie war in der Stille überzeugt, der tüllverzehrende Bräutigam werde ſich am Ende als ein ganz ehrenhafter Mann herausſtellen. Einen Tag nach dieſem Auftritt ereignete ſich eine Begebenheit von tragiſcher Natur, und wir lenken jetzt die Aufmerkſamkeit des Leſers auf die möglichen Folgen einer Delmalerei. „Mach das Bild recht ſchön, mein Sohn, Trink! und hier dein Arbeitslohn.“ Bellman. Filius hatte gewiſſe geniale, aber dunkle Eingebungen in der Freskomalerei, über deren Entſtehung und Geſtal⸗ tung in ſeinem Gehirn wir keine Rechenſchaft zu geben für nöthig halten; wir haben es bloß mit ihren Reſul⸗ taten zu thun. Mit ungemeiner Verwunderung bemerkte Klara, als ſie einen Hummerſalat anmachen wollte, daß die neugefüllte Oelflache ganz und gar geleert war, und hätten die Wände und Treppen der Hausflur Gefühls⸗ und Sprachvermögen beſeſſen, ſo hätten ſich die erſteren mit Recht über Vernachläſſigung beklagen können, letztere aber einen gewiſſen kalten Schreck empfunden, als ſie ſich ſtatt der Wände zum Gegenſtand für Filius Freskoma⸗ lerei auserkoren und an einem ſchönen Abend mit einer fetten, von rothem Ocker und Baumöl ausgeführten Land⸗ ſchaft überzogen ſahen. Die größte und ſchlimmſte Ueber⸗ 108 raſchung hatte indeß das Schickſal Fräulein Margarethe aufbewahrt, die, als ſie die Treppe hinabgehen wollte, ohne es zu ahnen, den Fuß auf eine Straße von Filius Fabrik ſetzte, heftig ausglitt, ſiel und über die unglückſe⸗ lige Landſchaft ihrer ganzen Länge nach hinabrollte. Als ſie endlich wieder auf eine feſte Ebene und zur Beſinnung kam, fand ſie ſich des Gebrauchs ihrer beiden Arme be⸗ raubt. Sie warf zunächſt einen Blick auf ihr ſeidenes Kleid, auf ihren koſtbaren Shawl und Gedanken vom ro⸗ then Meer, von der babyloniſchen Verwirrung gingen ihr durch den Kopf, indeß ſie die Klagen zu erſticken ſuchte, welche ihr die beinahe unerträglichen Schmerzen auspreſ⸗ ſen wollten. Leute, die in dieſem Augenblick dazu ka⸗ men, fanden ſie todesblaß und ſtill daſitzend; die Zunge verſagte ihr den Dienſt und Fräulein Margarethens Rö⸗ merwille verbot ihrer Stimme einen Jammerruf zu er⸗ heben. Man trug ſie mit großer Sorglichkeit die ſchlü⸗ pfrige Treppe wieder hinauf. Ich übergehe den Schreck der Familie, die Beſtürzung des Barons H. und die ernſtliche Zurechtweiſung, die Filius zum erſtenmal von ſeinem Pflegevater erhielt, und nach welcher er, wie man i für ſein ganzes Leben die Luſt zur Freskomalerei verlor. Aerzte waren um Fräulein Margarethe zu einer ſchmerzhaften Operation verſammelt. Ihr rechter Arm war unmittelbar über dem Ellbogen gebrochen, der linke war aus dem Gelenke und mußte ſchnell, wenn auch mit Gewalt, wieder eingerenkt werden. Eine Spartanerin hätte nicht entſchloſſener und ruhiger ſein können, als Fräulein Margarethe; als ſie aber Klara mit todesblaſſen Wangen und den ſtärkſten Ausdrücken des Schreckens und Schmerzes in ihrer ganzen Erſcheinung hereintreten ſah, da vergaß ſie ſich ſelbſt und ihre ganze Umgebung vor Freude über die unverhoffte, gefühlvolle Theilnahme die⸗ ſes Mädchens. Sie betrachtete ſie, ohne ihren Augen recht zu trauen, und ohne ein Wort ſprechen zu koͤnnen. Endlich rief ſie; 109 „Riechen Sie an kölniſchem Waſſer, Klara, und geben Sie mir auch welches. Es ſcheint, wir bedürfen es beide.“ Bald darauf ſagte ſie zu den Aerzten:„Meine Herrn, ich bin bereit.“ Edla und Klara waren die einzigen Frauenzimmer, die der Operation anwohnten; Fräulein Margarethe be⸗ ſtand ſie, ohne einen Klagelaut hören zu laſſen, aber als ſie vorüber war, verfiel ſie in ein heftiges Nervenzucken. Edla hatte die ganze Zeit über ihre ruhige Geiſtesgegen⸗ wart behalten und thätigen Beiſtand geleiſtet. Klara war zu heftig aufgeregt, um Etwas thun zu können, und ſo oft man wieder zu ziehen anfing, um den Arm einzuren⸗ ken, ſeufzte ſie mit gefalteten Händen:„Mein Gott, mein Gott!“ Als Alles vorbei war, umarmte ſie die Leidende ſanft unter heißen Thränen, und flüſterte:„Hat es wehe ge⸗ than, hat es ſehr wehe gethan?“ Klaras Thränen wirkten wohlthuender auf Fräulein Margarethens Gemüth und beruhigender auf ihre Nerven⸗ erſchütterung, als alle Tropfen und Riechwaſſer. Dieſer Beweis von Ergebenheit war ihr ebenſo über⸗ raſchend als rührend. Sie konnte in dieſem Augenblick nicht ſprechen, aber ſie ſah Klara mit einem Blick voll Herzlichkeit an, und gab ihre Zufriedenheit durch Winke zu verſtehen. Da Fräulein Margarethe vor der Hand nicht in ihre Wohnung gebracht werden konnte, ſo wurde Klaras Zim⸗ mer zu einer Krankenſtube für ſie eingerichtet, und Klara ſelbſt ward ihr eine treue, liebenswürdige Wärterin. Jetzt erſt lernten dieſe beiden Seelen einander kennen, und in dem ſtillen Krankenzimmer ging für ſie beide ein Leben von wirklicher Geſundheit und Freude auf. Jeder Menſch iſt von einer geiſtigen Atmoſphäre umgeben, die am Beſten zeigt, weß Geiſtes Kind er iſt. Er wirkt je nach derſelben bedrückend oder belebend, heiligend oder verunreinigend, ſelbſt den todten Dingen theilt er Etwas von ſeinem Leben mit, und ſie werden 1¹0 behaglich oder unbehaglich, je nach der Eigenſchaft des Ma Geiſtes, dem ſie dienen. Im Weltleben iſt zu viel Wind gen und zu viel Zugluft— denn es ſtehen ja alle Fenſter und Kre Thüren offen— als daß die Menſchen ihre gegenſeitigen das Atmoſphären kennen lernen könnten; ja, die Welten oder ſehr die Planeten ſelbſt, nämlich die Menſchen, wirbeln ſo reth ſchnell um ihre Sonne, das Vergnügen, daß es ihnen Ihr unmoͤglich iſt, einander wieder recht zu erkennen. Man ten gewahrt einander, man begrüßt ſich im Vorbeifahren mit der Namen: Venus! Merkur! Mars! Mond! Komet! Nebel⸗ tief ſtern!(ihre Zahl iſt ja Legion) Veſta! Pallas! u. ſ. w.; aber das iſt auch Alles. Doch auf gewiſſen Punkten der mit Geſellſchaft, z. B. im Familienleben, im Schlafzim⸗ balt mer, in der Krankenſtube— da erkennen die Seelen ſich Liel wieder, da wirken ihre Atmoſphären frei und legen Zeug⸗ um niß ab von ihrem Weſen. dar Hätte Fräulein Margarethe dieſe Reflerionen ange⸗ wal hort, ſo hätten ſie wahrſcheinlich eine Menge ſcherzhafte ſon Bemerkungen über die Menſchenplaneten und ihre Atmo⸗ ſo ſphären losgegegeben, und mir vielleicht die ganze Idee und verderbt; inzwiſchen aber bleibt gewiß, daß ſie die Wahr⸗ heit derſelben an ſich erfuhr. Mit Verwunderung empfand ſie, wie Klaras Nähe und ſtille Thätigkeit ganz ungewöhn⸗ Se lich wohlthätig auf ſie einwirkten. Alle ihre Bewegungen Ge und Anordnungen waren voll von einer Ruhe, Sanft⸗ zu muth, und zugleich Sicherheit, die einen wohlthätigen noc Einfluß auf Fräulein Margarethens Nerven ausübten. auc Wie ſie die Kiſſen legte, ſo lagen ſie am Beſten, wie hat ſie das Licht herein ließ, ſo war es am Angenehmſten, nat wie ſie die Sachen ſtellte, ſo ſtanden ſie am Beſten. wer Und dann ihr Blick voll der herzlichſten Theilnahme, neh ihre unmerkliche und doch nie ruhende Aufmerkſamkeit nig für die Kranke! Dieſelbe Perſon, die Fräulein Mar⸗ Kle garethe ſo ſchwerfällig, ſo träg, ſo unbrauchbar vorge⸗ We kommen war, gonnte ſich jetzt keine Ruhe, ſcheute keine ver Mühe, da es ſich darum handelte, Schmerzen zu lindern. lich Sie wurde bald ein geſchickter Wundarzt für Fräulein des Wind und tigen oder n ſo ihnen Man mit ebel⸗ w.; nder fzim⸗ ſich zeug⸗ ange⸗ hafte tmo⸗ Idee zahr⸗ fand öhn⸗ ngen anft⸗ tigen bten. wie ſten, ſten. hme, mkeit Nar⸗ e⸗ keine dern. ulein 11¹ Margarethe; ſie war ihr ſowohl Wärterin, als die an⸗ genehmſte Geſellſchafterin. In den Nächten, da die Kranke nicht ſchlafen konnte, verrieth Klara ein Talent, das Viele zu haben meinen, das aber in der That nur ſehr Wenigen gegeben iſt, und worauf Fräulein Marga⸗ rethe großen Werth legte— das Talent, gut vorzuleſen. Ihre reine Ausſprache und ihr angenehmes Organ mach⸗ ten, daß es eine wahre Luſt war, ſie zu hören, während der innige Ausdruck, den ſie auf die ſchönen Worte legte, tief zum Herzen drang. Fräulein Margarethe, deren ganze Seele ſich jetzt mit der Betrachtung Klaras beſchäftigte, entdeckte bei ihr bald ein tiefes Gefühl für Alles, was Leiden heißt, eine Liebe, welche ſich darnach ſehnt, jedes gequälte Weſen zu umfaſſen und ihm Gutes zu thun— und obgleich ſie daraus erkennen mußte, daß Klaras Benehmen gegen ſie wahrſcheinlich weniger einer Ergebenheit gegen ihre Per⸗ ſon, als ihrer allgemeinen Menſchenliebe zuzuſchreiben ſei, ſo mußte ſie doch eben deßwegen Klara um ſo mehr ſchätzen, und fſie wünſchte lebhaft— aber jetzt ohne alle Anſprüche — von ihr geliebt zu werden. Während Fräulein Margarethe ſcharf in Klaras Seele blickte, ſtiegen in ihrer eigenen neue Gefühle und Gedanken auf, und auch Klaras Himmel begann ſich ihr zu öffnen. Das Leben bekam für ſie eine Fülle, die es noch nie gehabt hatte. Klaras reines Innere ſpiegelte ſich auch in ihrem äußern Weſen ab. Fräulein Margarethe hatte ſie früher vedantiſch gefunden in der ſorglichen Ge⸗ nauigkeit, die ſie auf ihre Perſon und ihre Kleider ver⸗ wendete. In der Krankenſtube fühlte ſie nur das Ange⸗ nehme davon. Die köſtlichſten Wohlgerüche wären ihr we⸗ niger behaglich geweſen, als der reine friſche Hauch, der Klara ſtets umgab und gleichſam ihr Venusgürtel war. Wer ſo glücklich iſt, in der Nähe einer Klara zu leben, der kennt die Gewalt und Lieblichkeit dieſer höchſten weib⸗ lichen Schönheit. 112 Klara ihrerſeits bewunderte aufrichtig Fräulein Mar⸗ garethens heldenmüthige Geduld, ihre Seelenſtärke, ihre unverwüſtliche gute Laune, ihre ſtets ſich gleichbleibende Freundlichkeit, trotz aller Schmerzen. Jetzt erſt lernte fie auf ihre Worte recht Acht geben. Der reiche Schatz von Menſchenkenntniß und Welterfahrung der geſunde Humor, der Fräulein Margarethens Worten etwas ſo Reiches und Fröhliches gab, öffnete Klara eine neue Welt. Sie ſah eine Seite des Lebens, die ihr bisher verſchloſſen ge⸗ weſen; ſie hörte eine Satyre ohne Bitterkeit, ſie ge⸗ wahrte einen Blick, welcher die Lächerlichkeiten der Welt mit eben ſo viel Klugheit als Güte beleuchtete, und ſie wurde unwiderſtehlich zur Verwunderung und Heiterkeit hingeriſſen, ſo wie auf der andern Seite Klaras Fähig⸗ keit zu hoͤren, zu verſtehen, zu antworten und ſogar zu lachen, Fräulein Margarethe noch angenehmer überraſchte, als ihr Talent zum Leſen. Mitunter ſchien es, als ob Klara dieſe neuen Einvrücke fürchtete, und ſich der un⸗ freiwilligen Munterkeit, von der ſie gleichſam angeſteckt wurde, entziehen wollte. Dann wurde ſie ſtill, dann ſah man ſie fleißiger als je, und bis in die tiefe Nacht hinein nähen; dann ſah Fräulein Margarethe ſie oft, wenn ſie ſich unbemerkt glaubte, die Hände zum Gebet falten, und ſie ſah dann aus, als ob ſie ihre ganze Seele in Gottes Schooß gelegt hätte. Dieß machte auf Fräu⸗ lein Margarethe einen Eindruck, den ſie ſich ſelbſt nicht erklären konnte. Mitunter kam ſie auf die Vermuthung, Klara ſei katholiſch, und habe ein Gelübde der Keuſch⸗ heit und Arbeitſamkeit abgelegt. Zuweilen kam ihr auch der Gedanke an die Spaziergänge und den tüll⸗ freſſenden Liebhaber mit ſtörender Kraft wieder, und ſie plagte ſich mit tauſenderlei Erklärungen und Vermu⸗ thungen. Aber während Klara nähte und Fräulein Margarethe Vermuthungen anſtellte, wollen wir den Schleier über dieſe ſtille Welt lüften, die ſo voll von Gebet und Ge⸗ duld iſt. Wir wollen Klara im Hauſe ihrer Kindheit und die ben ter, zu Mu dab eine Unlk geb halt nen dief ner ab, häl lieb wut für jede eine Nur For gar er ſ liche käm gab Mar⸗ ihre ibende te ſie 6 von mor, z und e ſah ge⸗ e ge⸗ Welt d ſie erkeit ähig⸗ rzu ſchte, s ob un⸗ ſteckt dann tacht oft, ebet Seele räu⸗ nicht ung, tüll⸗ und mu⸗ rethe über Ge⸗ heit 113 und Jugend ſehen, und den Blick auf eine Scene werfen, die oft, nur gar zu oft auf dem Theater des Alltagsle⸗ bens aufgeführt wird. K lar a. „Amor mio non pid del mondo.“ St. Catharin a. Ihr Vater war ein Gelehrter, aber ein Stockgelehr⸗ ter, eine vollſtändige Encyelopädie, in welcher das Herz zu einem bloßen Artikel zuſammengetrocknet war. Ihre Mutter war eine ſchone Frau voll Herz und Geiſtesfunken, dabei von guter Geburt, etwas ſtolz und überdieß mit einem blinden Enthuſiasmus behaftet. Es gibt proſaiſche Unbiegſamkeiten und es gibt poetiſche Unmöglichkeiten;— gebt ſie zuſammen, ſo habt ihr die unglückſeligſte Haus⸗ haltung von der Welt. Das Tiefe und das Schöne kön⸗ nen ſich vereinigen, wie die Wurzel und die Blume— dieß iſt der ſchönſte Bund des Lebens; allein die verſtei⸗ nerte Form und ein ungebundener Geiſt ſtoßen einander ab, wie Waſſer und Feuer. So geſtaltete ſich das Ver⸗ hältniß zwiſchen Klaras Vater und Mutter. Im Anfang liebte er ſie, weil ſie ſchön war und ſeine Kenntniſſe be⸗ wunderte. Sie heirathete ihn im blinden Enthuſiasmus für die Wiſſenſchaft und weil er ſie verehrte. Sie hoffte jeden Tag eine Himmelfahrt anzuſtellen, er jeden Tag eine gute Mahlzeit zu bekommen. Beide täuſchten ſich. Nun verachtete er ihre Unwiſſenheit, ſie ſeine pedantiſchen Formen. „Das verſtehſt du nicht, du haſt gar keine Idee, gar keinen Begriff davon!“ waren die Worte, womit er ſie begrüßte.„Du biſt ein abgeſchmackter, unerträg⸗ licher Menſch,“ lautete ihr Dank. Ihr energiſcher Wille kämpſte mit ſeinem motivirten Despotismus. Keines gab nach, keines wollte ſich mit dem andern vertragen, Bremer, Rina. 8 114 und ſo wurden ihre Tage den Zwiſtigkeiten und ihre Wohnung bitterer Unbehaglichkeit zum Raube. Er de⸗ müthigte ſie mit der doppelten Kraft ſeiner Mannesge⸗ walt und ſeines Gelehrtenſtolzes; ſie, die eine vornehme „Erziehung genoſſen hatte, in ihrer ganzen Jugend um⸗ ſchmeichelt, geliebkost und verzärtelt worden war und den Kopf immer noch hoch trug, erhob ſich gegen dieſe Be⸗ drückung mit der Kraft der getretenen Schlange. Er trat ſie nieder, ſie ſtach ihn mit giftigem Stachel. Gleich⸗ wie bei liebenden Eheleuten das einzige Dichten und Trachten darauf gerichtet iſt, einander glücklich zu ma⸗ chen, ſo ſtudirten ſie bald nur darauf, wie ſie einander plagen ſollten. Er war zerſtreut und unwiſſend in Allem, was das äußere Leben betraf; ſie führte keine Ordnung im Hauſe. Fünf kleine Kinder ſchrieen nach Brod und Pflege. Bald ſetzte ſich die Armuth zu ihnen an den Tiſch, und Froſt, Mangel und Hunger waren das tro⸗ ckene Reiſig, womit die Zwietracht ihr Hoͤllenfeuer an⸗ ſchürte. Wie es brannte! wie es praſſelte! In kurzer Zeit konnte man von dieſem Hauſe ſagen, wie es in der Sage von Hels Wohnung heißt; „Elend heißt ihr Saal, Hunger ihre Schüſſel, Darben ihr Meſſer, Saumſelig ihr Sklave und ihre Sklavin, Verrätherei und Fall ihre Schwelle, Schwindſucht ihr Bett, erbleichende Qual ihr Umhang.“ Gibt es wirklich Ehepaare, die ſich in dieſem Spie⸗ gel erkennen? O dann erbarme ſich Gott über ſie! In dieſem Hauſe wuchs Klara auf; eine Schweſter mit ihr. Die Brüder wurden von Verwandten in Schul⸗ anſtalten untergebracht. Die Töchter bekamen das Kreuz des Hauſes allein zu tragen. Ihre Schweſter nahm eine ſogenannte vortheilhafte Partie an, und heirathete in der Meinung, ſich und Klara zu erlöſen. Sie hoſſte auf einen Freund und fand einen Tyrannen. Doch ſie war gedul⸗ digz ſie beugte ſich und trug; ſie beugte ſich tiefer und immer tiefer, bis ſie endlich im Grabe Ruhe fand. ihre de⸗ sge⸗ hme um⸗ den Be⸗ ich⸗ und ma⸗ nder lem, ung und den tro⸗ an⸗ rzer der ſſel, und elle, ihr pie⸗ eſter chul⸗ reuz eine der inen dul⸗ und 11⁵ Klara war jetzt allein. Allein in dieſem Hauſe, wo Haß und Plage herrſchte, allein, nachdem die Schweſter zu Tode gequält war, allein!... Doch nein!... Man hat oft geſagt, da wo Unfriede im Hauſe vorwalte, ſei der Mann der am Wenigſten unglückliche Theil— er kann ja fortgehen, er kann ſich zerſtreuen, er hat die Welt, ſagt man. Ich bin nicht dieſer Anſicht. Ich glaube, daß die Frau wirklich beſſer daran iſt; denn aus der häuslichen Hölle hat ſie näher zu einem ſichern Zufluchts⸗ ort, dem Himmel. Dorthin rettete ſich Klara und mit⸗ ten unter häuslichen Stürmen, mitten in einer Atmo⸗ ſphäre voll Bitterkeit, mitten unter beſtändigen Leiden des Körpers und der Seele fand Klara Frieden. Aber wenn ihr wüßtet, wie ſie gebetet hat! Das Gebet iſt der Schlüſſel zur Himmelsthüre. Sie geht nicht leicht aufz es gehört Kraft, beſtändige Uebung, ein feſter Wille da⸗ zu; aber wenn ſie einmal geöffnet iſt, ſiehe, da gibt es keine Scheidewand mehr zwiſchen dir und dem Allmäch⸗ tigen, und Gottes Engel ſteigen auf und nieder, um dem Menſchen zu dienen. Du, die du unglücklich, wie Klara, Ruhe finden willſt, wie ſie, hore, was ich dir ſage: nippe nicht ängſtlich an der Welle der Andacht! Trinke tief, trinke in tiefen Zügen aus dem Quell der Erloͤſungi Fülle dich an mit Gottſeligkeit, mit Glauben, mit Demuth — und du wirſt Frieden haben. Klara hatte ein ſo weiches Herz, ein ſo warmes Gemüth und ein ſo tiefes Verlangen nach Glück, wie irgend eine Frauenſeele;— aber Alles ordnete, Alles überwand ſie unter Gebet und Arbeit. Ihre Wangen erbleichten dabei, ihre Jugend, ihre friſche Lebensluſt ſchwand dahin, aber ihre Seele ward zu einem Heilig⸗ thum und ihre Augen bekamen dieſen milden himmliſchen Blick. Wie Oel die aufgeregten Wogen beruhigt, ſo wirkte Klaras heiliges, mildes Gemüth allmählig auf die Seelen ihrer Eitern. Nachdem ſie einander zu Tode ge⸗ quält, ſtarben ſie verſohnt. Aber auf dem Sterbebette entdeckte die Mutter der Tochter ein Geheimniß und for⸗ 116 derte ihr ein Gelübde ab, das ſpäter ihr ganzes Leben zu verdüſtern drohte. Nach dem Tode der Eltern wurde Klara von Gräfin Natalie aufgenommen und in eine neue Welt und eine neue Lebensluft verſetzt. Aber ihre Seele hatte bereits ihre beſtimmte Richtung genommen; gewiſſe Geſtalten des Lebens hatten tiefen Eindruck auf ſie gemacht. Ihr gan⸗ zes Weſen war ein Seufzer des Erbarmens über das Lei⸗ den auf Erden. Sie hätte ihr Leben wie einen Balſam auf die Wunden der Welt legen moͤgen. Jeſus liebte ſie über Alles. Er war ihr Leben, ihre Freude. Er hatte geſagt: „Kommet zu mir, die ihr mühſelig und beladen ſeid, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele!“ Und ſie ging zu ihm und fand Ruhe für ihre Seele. Ihm wollte ſie jederzeit folgen. In dem äußeren, bewegungsvollen Leben, in Allem, was man Unternehmungen, Speculationen, Einrichtungen nennt, mit einem Wort in Allem, was man gewohnlich unter Leben verſteht, erblickte Klara meiſtens nur eine ſchreckliche Beſchwerde, ein unnöthiges Abmühen. Keine Mühſal fürchtete ſie indeß ſo ſehr, als die der Ehe. Klara hatte ſie ſo unglücklich geſehen, hatte die Hölle darin erkennen gelernt und dieſes Leben ſchien ihr ſo voll Sorgen und Ungemach, daß ſie nicht begriff, wie man es noch getroſten Muthes mit neuen vermehren mochte. Ei⸗ nen geringen Troſt für die bereits in Ueberzahl vorhan⸗ denen Qualen des Lebens abzugeben, ohne ſie auf irgend eine Weiſe zu vermehren, das ſchien Klara ein Ziel zu ſein, reich genug für ihr Leben. Und in Wahrheit, wenn man all die Unruhe, all den Streit, all das Elend, das auf der Welt vorkommt, bedenkt, wenn man die Menſchen ſich drängen, ſich abquälen, abängſtigen und bankerott machen ſieht, da iſt es kein Wunder, wenn das Herz ſich zuſam⸗ menſchnürt, wenn man die größte Luſt empfindet, ſich ſo klein als möglich zu machen, um recht unbemerkt durch das Leben ſchleichen, und den Sterbenden, Aechzenden und Hungrigen nach beſten Kräften beiſtehen zu können. ſolc Nu zu nah Sp verſ Geſ Kut tur und Hin der Br all ſcho ſo ihr fro: me dac hal in ne t6 es ſie lte 117 Wie unendlich eitel mußte nicht unſerer Klara bei ſolchen Gefühlen und Anſichten das Weltleben erſcheinen? Nur die himmliſche Milde in ihrer Seele hielt ſie ab, es zu verachten, ſammt allen Denjenigen, die Theil daran nahmen, als wäre es das einzige Wirkliche im Leben. Klara begriff noch wenig oder gar nicht, wie alle Sphären des Lebens darauf berechnet ſind, einander zu verſchönern und zu veredeln.— Das heitere Spiel des Geſellſchaftslebens war ihr ein Räthſel; der Tempel der Kunſt war ihr verſchloſſen und die Herrlichkeit der Na⸗ tur hatte ſie noch nie geſehen. Klara kannte mit ſieben⸗ undzwanzig Jahren noch Nichts, als das Leiden und den Himmel. Einſam, wie im väterlichen Hauſe, ſtand ſie jetzt in der neuen Welt; einſam mit ihrer Welt in der eigenen Bruſt. Sie fühlte, daß es ihr an all den Vorzügen, an all den Gaben fehlte, die von den Menſchen ſo hoch ge⸗ ſchätzt werden, und ſie wußte, daß Niemand in ihrer Um⸗ gebung das, was fſie fühlte, verſtand; deßwegen blieb ſie ſo ſtille und eine Rinde von Zurückhaltung ſchloß ſich um ihre Seele. Wenn ſich je einmal ein bitteres Gefühl in Klaras frommes Herz einſchlich, ſo war es, wenn ſie große Sum⸗ men für Leckerbiſſen oder Modetand verſchwenden ſah. Sie dachte dann an die Armen, an die Hungernden, und Klara wußte aus Erfahrung, was Hunger war. Sie hatte wohl von den Prinzipien des Staatshaus⸗ haltes, von zweckmäßiger Aufmunterung der Gewerbe und von der Schädlichkeit der Almoſen gehört, allein ſie war überzeugt, daß eine vernünftige Rückhaltung nur wohlthä⸗ tig wirken, eine verſtändige Hülfe aber nie ſchaden könne, und ſie fühlte gar zu lebhaft die einmal vorhandene wirk⸗ liche Thatſache, daß es Menſchen gibt, welche durch Krank⸗ heit und Noth leiden, oder ſich unter Thränen um ein nothdürftiges Brod abmühen. Dieſen Unglücklichen ge⸗ hörten Klaras Gedanken, ihre Liebe und ihre Plane für die Zukunft. Noch eine kurze Zeit mußte ſie ſich dem 118 Leben, das ſie führte, unterwerfen, mußte fortfahren, das Brod der Gnade zu eſſen, das ihr herber ſchmeckte, als der härteſte Dienſt. Um ein theures Gelübde zu erfüllen, mußte ſie noch Schmuckſachen verfertigen, die ihr ſo un⸗ nütz erſchienen, mußte Geld verdienen, um damit eine fremde Sünde, eine fremde Schuld zu ſühnen. Dann aber wollte Klara in ein Hoſpital gehen, um dort für ihre Liebe zu leben, eine Liebe, ſo wahr, ſo warm, ſo rein, wie je einmal in einer Menſchenbruſt für Wiſſenſchaft, Frei⸗ heit und Ehre gebrannt hat. Hier ſollte ihr Leben unbe⸗ merkt dahinfließen— zwar freilich unter Mühen, aber dieſe Mühen ſollten Schmerzen lindern. Sie wollte keinen Tag vergebens leben. Reiſe nach deinem Rom, feuriger Künſtler! Baue ein Haus, wockerer Bürgersmann! Errichte dir Ehrenſäulen, du Held! Höre das Flehen deines Liebhabers, du gutes und ſchönes Mädchen; Männer und Weiber vermählet euch— im eigenen Haus, da ruht ſichs aus— aber gön⸗ net Klara ihren Weg, gönnet ihr ihren Platz! Pax vo- biscum! *„ Vom Heirathen. Was weißt du aber, du Weib, ob du den Mann werdeſt ſelig machen? Oder du Mann, was weißt du, ob du das Weib werdeſt ſelig machen? Paulus. Fräulein Margarethe war jetzt ſo weit wieder herge⸗ ſtellt, daß ſie Beſuche empfangen und an der Unterhaltung Theil nehmen konnte. Alle ihre Freunde und Bekannten beeilten ſich, ſie aufzuſuchen. Eines Tags kamen zwei junge Damen, Schweſtern und beide Bräute. Gva und Aurora waren anmuthige, heitere Geſchöpfe, lieblich für das Auge, angenehm für das Ohr. Friſch wie die Ro⸗ ann eißt ge⸗ ung ten wei und für Ro⸗ 1¹9 ſen, gut gekleidet, gut gepflegt, munter wie die Bachſtel⸗ zen, und gut wie Gold— mit einem Wort, ſie waren allerliebſte köſtliche Mädchen und dabei voll Leben, voll An⸗ und Ausſichten— ich ſage nicht, Einſichten.— Sie wollten die Welt verbeſſern, die guten jungen Mädchen, die Welt, die ihnen nicht auf ſichern Füßen zu ſiehen ſchien; ſie wollten die Menſchen verbeſſern und veredeln, und gieich mit ihren ſündhaften Bräutigamen den Anfang machen, ſodann woliten ſie die Geſellſchaft, die Erzie⸗ hung und den Staat umorgeln und hatten zu allen dieſen Unternehmungen den allerbeſten Muth von der Welt. Fräu⸗ lein Margarethe ergötzte ſich ungemein an ihrem Eifer und brachte ſie allmählig ſo weit, daß ſie ihre Grundſätze, ihre Ideen und Plane ausführlich entwickelten. Da kamen denn allerhand Geſellſchaften zur Unterſtützung der Noth⸗ leidenden zum Vorſchein, Liebhabertheater, Erziehungsver⸗ eine, Subſcriptivnen zu gemeinnützigen Unternehmungen, beſonders aber zu Tapiſſeriearbeiten, Bazaren u. ſ. w. Alles in einem wunderlichen genialen Gewirre. Dort wurden Fonds aus der Luft gegriffen, Schloſſer in die Luft gebaut; dann erfolgte auf den Impuls einer Fliege eine ungeheure Bewegung; für das letztere mußte Archimedes gut ſtehen und ihre königlichen Hoheiten der Kronprinz und die Kronprinzeſſin mußten Alles zuſammen unter ih⸗ ren beſondern Schutz nehmen. Die jungen Mädchen woll⸗ ten mit aller Gewalt verbeſſern und bilden, recht thätige Bürgerinnen und Staatswirthinnen werden. Fräulein Mar⸗ gareihe lachte herzlich über dieſe Rieſenunternehmungen, deren ſchwache Seiten ſie auf eine leichte und luſtige Art hervorzukehren verſtand, und die fröhlichen eifrigen Kinder mußten ſelbſt von Herzen mitlachen, ohne jedoch einen Fin⸗ ger breit von ihren ernfllich gemeinten Planen abzuwei⸗ chen. Klara ſah bedrückt aus, ſie lächelte zuweilen, ſeufzte aber öfter. „Meine beſte Klara,“ ſagte Fräulein Margarethe end⸗ lich,„du mußt bei den Projecten unſerer jungen Freun⸗ dinnen nicht ſo ſtumm daſitzen. Vielleicht kommſt auch du 5 120 bald dazu, in den heiligen Eheſtand zu treten, und ge⸗ denkſt dann gewiß, wie Eva und Aurora, deinen Mann und dein Vaterland zu cultiviren.“ „Ach Gott bewahre mich!“ brach Klara aus, mit ei⸗ nem Seufzer, der aus dem Mittelpunet ihres Herzens kam. „Wie ſo, wie ſo?“ riefen Eva und Aurora mit Ei⸗ nem Mund und Einer Verwunderung. „Meine beſten Freundinnen,“ ſagte Klara erröthend, aber mit Gefühl,„ihr glaubt einer recht angenehmen Zu⸗ kunft entgegen zu gehen, ich aber glaube, daß ihr nur Kummer und Verdruß finden werdet; ihr glaubt gute Werke zu ſtiften, ich aber glaube, daß ihr nur Unheil ſtif⸗ ten werdet.“ „Wie ſo, wie ſo?“ riefen Aurora und Eva. Fräu⸗ lein Margarethe drehte ſich im Bette um, aus Freude über die Kontraſte. „So ſprich doch, wie meinſt du das? Was willſt du?“ riefen Eva und Aurora. „Es wird mir ſchwer, meine Gefühle recht auszu⸗ drücken,“ ſagte Klara,„und vielleicht habe ich auch keine rechte Einſicht in die Sache; allein ich zweifle, daß eure Unternehmungen viel dazu beitragen werden, die Welt zu verbeſſern und euch ſelbſt in eurem Hauſe glücklicher zu machen; ja ich muß geſtehen, ich erſchrecke ſchon bei dem bloßen Gedanken an all dieſe Anſtalten und dieſes Weſen. Meiner Anſicht nach wäre es beſſer, man machte ſich we⸗ niger außer dem Hauſe zu ſchaffen, und es ſorgte Jeder nur drinnen getreu und gut für ſich und die Seinigen. Zu euern Tapiſſeriearbeiten z. B. für die Nothleidenden kommen ſchon die Materialien weit höher, als ſie billiger⸗ weiſe verkauft werden können. Dieſe Subſecriptionen, dieſe Bazare, die ihr ſo hoch preiſet, ſcheinen mir, wenn ihr es nicht übel nehmen wollt, weiter nichts zu ſein, als vor⸗ nehme Betteleien. Vielleicht habe ich Unrecht; allein ich ſage einmal, wie ich denke.“ Aurora und Eva wandten eine Maſſe Beredſamkeit auf, um Klara zu beweiſen, wie unbeſchreiblich beſchränkt eleg wat wat end änd ein ſein doc und nei ſche ihr ſche alli Ele ent Ert ſeir wie auf unt Au der Fr 121 und einſeitig ihre Anſichten ſeien. Inzwiſchen kam eine Dame, die von den jungen Schweſtern, deren Verwandte ſie war, und auch von Fräulein Margarethe, welche ſie hochſchätzte, mit großer Freude begrüßt wurde. Elevnore L. war nicht mehr jung, nicht ſchön, nicht elegant; allein ſie war auch nicht das Gegentheil, d. h. ſie war nicht alt, nicht häßlich, nicht ſchlecht gekleidet. Sie war ſowohl in ihrem Aeußern, als in ihrem Innern un⸗ endlich comfortabel; nicht unzufrieden mit ihrer Stellung im Leben, aber auch nicht geradezu abgeneigt, ſie zu ver⸗ ändern. An Gelegenheit dazu fehlte es ihr nicht, denn ein ganz achtungswerther Mann bot ihr zum zweitenmale ſeine Hand an. Sie konnte nicht nein ſagen und wollte doch auch nicht ja ſagen. Sie war voller Wenn und Aber und befand ſich ſeit einiger Zeit in der nicht ſeltenen Lage, wo das ganze Weſen des Menſchen in die Worte; ja, nein, ja! und: nein, ja, nein! zuſammengefaßt und zwi⸗ ſchen dieſelben getheilt zu ſein ſcheint. Die Couſinen, welche dieſen Stand der Dinge und ihre Bedenklichkeiten wußten, fingen zuerſt an, leicht und ſcherzhaft um den wichtigen Gegenſtand herumzuhüpfen; allmählich aber gewannen ſie feſteren Fuß, und wollten Eleonoren auf der Stelle bewegen, ſich für die Ehe zu entſcheiden, welche ſie für den glücklichſten Zuſtand auf Erden erklärten und für ein Verhältniß, ohne welches man ſeinen Mitmenſchen nicht nützlich ſein könne. Eleonore geberdete ſich bei dieſer Treibjagd im Anfang wie ein aufgeſcheuchter Haſe, ließ ſich aber doch allmälig auf eine Unterhandlung ein, d. h. ſie äußerte ihre Zweifel und Bevenklichkeiten. Dieſe wurden jedoch mit Eifer ver⸗ worfen. „Das Glück eines edlen Mannes machen!“ rief Aurora. „Aber er könnte auch ohnedieß glücklich genug wer⸗ den,“ ſagte Eleonore. „Einen Wirkungskreis haben; Leben, Nutzen und Freude um ſich herum verbreiten können!“ rief Eva. 122 „Ja, wenn man wirklich Etwas ausrichten könnte!“ ſeufzte Eleonore. „Mitbürger zur Welt bringen!“ brach Fräulein Mar⸗ garethe los. „Und ſie gut erziehen!“ rief Aurora. „Ach!“ ſeufzte Eleonore,„gerade dieß iſt das Aller⸗ ſchlimmſte; ſchon der Gedanke daran macht mich muthlos. Wie kann man zum Voraus überzeugt ſein, ſeine Kinder glücklich zu machen und ihnen eine wirklich gute Erziehung geben zu können?“ „Was ſagſt du, Klara?“ fragte Fräulein Margarethe. „Sage uns, wie du in dieſem äußerſt verwickelten Falle entſcheiden würdeſt.“ „Ja ſprich, ſprich!“ riefen die beiden Schweſtern. „Dann muß ich,“ ſagte Klara,„erſt um Erlaubniß bitten, einige Fragen an Fräulein Eleonore zu richten.“ „Gerne,“ antwortete Elevnore,„auch verſpreche ich aufrichtig und ſo gut ich kann, zu antworten.“ „Nun wohlan denn, lieben Sie den in Frage ſtehenden Freier von ganzem Herzen?“ „Nein ja nein! Ich hege gerade keine Liebe für ihn, aber die allervollkommenſte Achtung, Freundſchaft.. „Nun gut; meine andere Frage iſt die: Liebt er Sie von ganzem Herzen? Iſt es zum Glück ſeines Lebens nothwendig, daß er Sie zur Frau bekommt?“ „Ja nein. ja! Ich glaube allerdings, daß er mich aufrichtig liebt; allein ich glaube in der That auch, daß er mit einer Andern eben ſo glücklich werden könnte.“ „Erlauben Sie mir noch die dritte Frage: Sind Sie mit Ihrer Stellung im Leben unzufrieden? Behagt Ihnen Ihre Umgebung nicht?“ „Nein ja nein! Ich kann nicht ſagen, daß ich mit meiner Umgebung unzufrieden wäre. Im Gegentheil befinde ich mich ſo gut, wie die meiſten Men⸗ ſchen, die recht gerne ſo lange auf Erden leben, als es Gott gefällt.“ 3 183 „Jetzt wird es mir übel, Eleonore!“ rief Fräulein Margarethe ungeduldig.„Wie kann man ſo wenig wiſſen, was man will und was man denkt?“ Aber Klara ſagte mit großem Ernſt:„Nun wohlan, Fräulein Eleonore, mein Rath iſt der: heirathen Sie nicht.“ Dann ſetzte ſie mit vieler Innigkeit hinzu:„Es bringt ſo wenig Schaden, wenn man es unterläßt.“ „Ja, Sie haben gewiß Recht,“ ſeufzte Eleonore, „aber man möchte mit ſeinem Leben doch auch einigen Autzen bringen auf der Welt, man moͤchte doch auch für Jemandens Glück leben!. „Und wie kann man gewiß ſein, dieß durch die Ehe zu erreichen?“ ſagte Klara mit einem bei ihr ſeltenen Eifer und Thränen in den Augen.„Iſt nicht das Leben voll Unruhe, voll Leiden und traurigen Ereigniſſen? Unſer eigenes Leben, unſere Perſon kann ja ſo leicht für Den⸗ jenigen, dem wir uns verbunden haben, eine Quelle des Leidens werden. Welches Feld für das Unglück, welcher Spielraum für Leiden aller Art eröffnet ſich nicht mit der Ehe? Und dann die Kinder. Ach warum noch mehr Geſchoͤpfe in eine Welt ſetzen, wo ſchon ſo viele mit Elend und Ueberdruß ſtreiten?“ „Man gibt ihnen eine gute Erziehung, man bildet ſie aus, man verſchafft ihnen ein gutes Auskommen,“ riefen Aurora und Eva. „Weiß man aber auch, ob man das kann?“ ſagte Klara mit einem Gefühl, welches die ſchmerzlichſten Lebens⸗ erfahrungen verrieth.„Im Leben und der Gemüthsart der Eltern kann Etwas liegen, was das Glück der Kinder auf immer zerſtoͤrt. O es iſt eine ſchreckliche, eine ſchauder⸗ hafte Sache, wenn das Kind in ſeinem Herzen zu ſeiner Mutter ſpricht: Warum haſt du mir das Leben gegeben? Und wie weiß man, wenn man ein Kind zur Welt bringt, ob man auch für ſein Glück ſorgen kann? Vielleicht ſtirbt man bald und hinterläßt dann bloß mutterloſe Kleinen in der Armuth. Ach nein! heirathen Sie nicht! heirathen Sie nicht! Es führt nur zum Unglück, zum Elend. 124 Gibt es deſſen nicht ſchon genug auf der Welt? Iſt es nicht thöricht, darauf hinzuarbeiten, und zwar ohne Nei⸗ gung darauf hinzuarbeiten, die Summe dieſes Unglücks noch zu vermehren?“ „Aber man ſtirbt nicht!“ riefen Aurora und Eva, „man lebt in blühenden Umſtänden.“ „Das mag ſein,“ ſagte Klara eifrig.„Man lebt, man iſt reich. Iſt man damit auch des Glückes, der Ruhe gewiß? Bleibt ein Mann ſich immer gleich? Iſt er überhaupt der Mann, Sie glücklich zu machen? Wiſſen Sie, was es heißt— eine unglückliche Ehe?“ fuhr ſie immer gerührter fort.„Sehen Sie“— dabei deutete ſie aufs Fenſter—„ſehen Sie dieſen grauen Schnee⸗ und Regentag, wie trübe, wie durchdringend naßkalt! So iſt das Leben der Weiber in einer unglücklichen Ehe. Die Sonne, die Blumen, alles Schöne und Liebenswürdige im Leben verwandelt ſich auf der Schwelle ihres—; Alles überzieht ſich mit Schimmel und ſo vergramt die Seele, ſo erfriert der Körper, ſo verwelkt alle Hoffnuug und alles Leben vor dem eiſigen Hauch oder der ſtürmiſchen Laune eines Mannes. Der Mann kann in ſeinem Hauſe ungeſtraft den Thrannen machen, und dann wird ſie zum Wurm, zur Schlange oder zum Engel. Zum Engel, ja, wenn ſie an ihren Leiden ſterben darf; zum Engel, wenn ſie Alles kann, um. doch nein, das iſt zu hart, zu bitter... Gott helfe ihr, daß ſie ſter⸗ ben kann! Ach, wagen Sie dieſes ſchreckliche Spiel nicht! Heirathen ſie nicht, heirathen Sie nicht!“ Klaras Thränen floſſen. Fräulein Margarethe hatte ſich voll Verwunderung über dieſe lange und heftige Rede im Bette aufgerichtet, und indem ſie ſich auf ihren einen, nunmehr vollkommen wieder hergeſtellten Arm ſtützte, betrachtete ſie die Red⸗ nerin aufmerkſam, und ſagte dann:„Biſt du toll? Willſt du in allem Ernſt die Leute vom Heirathen abhalten? Mein gutes Kind, wie ſoll da die Welt auf eine anſtändige Weiſe fortbeſtehen? Oder vielleicht meinſt du, es wäre 125 das Beſte, wenn ſie wirklich einmal an einem ſchönen Vormittag aufhören würde zu ſein?“ Klara ſah aus, als ob ſie hierin gerade kein Unglück finden würde, dann ſagte ſie bloß:„Diejenigen, die ein⸗ ander von Herzen lieben, mögen immerhin heirathen.“ „Nun, Gott ſei gelobt!“ ſagte Fräulein Margarethe, „ſo ſehe ich doch einmal einen Ausweg. Aber alle An⸗ dern nicht das Glück haben, in einander vernarrt zu ſein?—“ „Dieſe mögen den Erſteren bei ihrer Haushaltung und Kindererziehung helfen, überhaupt allen denen bei⸗ ſtehen, die ſich nur mit Seufzen und knapper Noth durch die Welt ſchlagen.“ „Alſo, ſo eine Art Laſtträgerinnen und Aushelferin⸗ nen,“ ſagte Fräulein Margarethe bedenklich;„ſo weit ich es verſtehe, ſollen dieſe ehrlichen Leute unermüdlich für Andere arbeiten und gar nicht für ſich ſelbſt leben. Aber Klara, welche Freude glaubſt du wohl, daß eine ſolche arme Aushelferin in der Welt haben werde? Und es iſt doch ganz gewiß der Wille des Herrn, daß Jeder ſein Maß der Freude haben ſoll.“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Klara ſeufzend und mit feuchten Augen;„ich meine, es ſollte ſich dann weit mehr Freude und weit weniger Leid im Leben finden. Es gleicht mehr einem Jammerthal, als einem Freudenſaal; allein es iſt einmal eine Prüfung. Einſt wird Alles klar, Alles gut werden, wenn ſie vorüber iſt. So wie es übrigens gegenwärtig auf der Erde ausſieht, ſcheint mir die Alleinſtehende die Glücklichſte zu ſein. Sie hat nur für ſich ſelbſt zu ſorgen; ſie kann ihre Laſt, ihr Leiden allein tragen, ohne Andere zu beunruhigen und zu be⸗ läſtigen. Sie kann ſo ſtill, ſo ſtill durchs Leben gehen; ſie braucht Niemanden zu beſchweren, braucht nicht zu converſiren und zu repräſentiren, braucht nicht durch innige Freuden oder tiefe Bekümmerniſſe feſt mit dem Erdenleben zu verwachſen; ſie kann ſich leicht hindurch⸗ ſchleichen, Sie braucht ſo wenig für ſich ſelbſt; ſie kann 126 Alles, was ſie hat, verſchenken, ſie braucht Niemand ge⸗ fallen zu wollen, als Gott. Ach, was thut es denn, wenn man alt wird, wenn man zuſammenſchrumpft und alle äußeren Reize verliert? Man braucht ſein Glück nicht von der launiſchen Liebe der Menſchen, nicht von den Le⸗ bensmitteln der Geſellſchaft abhängig zu machen; man wartet nicht auf ihren Wink, um ſich zu entfernen,— man geht unbemerkt dahin;— ein Plätzchen, um ſein Haupt niederzulegen, wenn es Abend wird, findet ſich immer und überall; ob es ein weiches Kiſſen iſt oder ein Bund Stroh, das macht nicht ſo viel ausz man iſt allein, man hat bloß für ſich ſelbſt Rede zu ſtehen und ſucht nichts Anderes, als den Weg zu ſeinem Gott!“ Klara hatte ohne Heftigkeit, aber mit tiefer und ſtiller Rührung geſprochen. Fräulein Margarethe ſtanden die Thränen in den Augen, indeß ſie fortfuhr, die Red⸗ nerin mit Verwunderung zu betrachten. Einige Worte warmen Gefühls lagen ihr auf der Zunge, allein ſie un⸗ terdrückte dieſe Bewegung ſchnell, legte ſich ruhig zurück und ſagte bloß: „Es ſcheint alſo, daß du trotz deiner gnädigen Hei⸗ rathserlaubniß für zärtlich Liebende die Sache dennoch für eine halbe Thorheit anſiehſt und die hoͤchſte Weisheit darin findeſt, daß man ledig bleibe und ſich ſo wenig als möglich mit dieſer Welt bemenge.“ „Ja, das iſt wahr,“ ſagte Klara, und nähte wie⸗ der mit allem Eifer. Die drei Couſinen ſahen zuerſt Klara, dann einander ſelbſt vor Verwunderung an und öffneten Alle zugleich zu verſchiedenen Ausrufungen den Mund, als Fräulein Mar⸗ garethe mit der Hand ein Zeichen machte, ihre Stimme erhob und alſo ſprach; „Hört mir zu, ihr jungen Mädchen, und beſonders du, Klara, höre mir zu. Ich will euch eine Geſchichte erzählen. Sie ließ ſich von Klara die Kiſſen hoͤher legen, nahm eine dert bei dah ſchö eine Fra gehr bald ſchil die dun hatt ge⸗ nn, und icht Le⸗ nan ſein ſich ein lein, ucht und nden Red⸗ orte un⸗ wück Hei⸗ noch sheit als wie⸗ ander ch zu Mar⸗ mme nders ichte nahm 127 eine bequeme, halb ſitzende Lage ein und begann folgen⸗ dermaßen: *„ Die Tugenden bekamen es eines Tages ſatt, immer bei dem Biſchof in Skara zu wohnen, und beſchloßen daher, eine Reiſe zu unternehmen, um friſche Luft zu ſchopfen. In dem Augenblick, wo ſie ſich an den Bord eines hübſchen Schiffchens begeben wollten, kam eine arme Frau mit einem bleichen Kind auf dem Arme und be⸗ gehrte ein Almoſen. Die Barmherzigkeit ſteckte als⸗ bald die Hand in ihre Ridicüle, und nahm ein Zwölf⸗ ſchillingsſtück heraus, allein die Sparſamkeit hielt ihr die Hand zurück und flüſterte ihr zu:„Welche Verſchwen⸗ dung! Gib ihr eine Anweiſung auf die Armenſuppe.“ Die Vorſicht, die immer welche in ihrer Taſche hatte, war, nachdem ſie nähere Unterſuchungen eingezo⸗ gen, bereit, ihr die Anweiſung zu geben; die Barm⸗ herzigkeit, durch einen Wink vom Edelmuth aufge⸗ muntert, ließ ihr Zwölſſchillingsſtück ebenfalls in die Hand der armen Frau gleiten; der Eifer überreichte ihr ein Exemplar vom Pfennigmagazin und die Bettlerin ent⸗ fernte ſich glücklich und vankbar, obgleich ſie die letzte Gabe etwas kaltſinniger aufgenommen hatte. Bald wurden die Tugenden von ſpielenden Wogen und ſchmeichelnden Winden, unter erbaulichen Geſprächen über die letzte Predigt des Biſchofs weiter getragen; allein ein finſteres Gewölke ſtieg auf und die Vorſicht, die eine neue Haube hatte, drang darauf, man ſolle ans Land ſetzen und Schutz vor dem kommenden Unwetter ſuchen; der Muth war geneigt, der Gefahr zu trotzen, allein die Klugheit ſchlug ſich auf Seite der Vor⸗ ſicht, und ſo wurde beſchloſſen, auf's Land loszuſteuern. Auf einmal bemerkten die Tugenden ein Boot, welches *Wer die Entſtehung dieſer Geſchichte zu wiſſen wünſcht, der ſchlage des geiſtreichen Bulwer„Pilger vom Rhein“ auf, dann kann er auch über die Nachahmung, ſowie über die weſentlichen Abweichungen ſowohl in der Iee, als in der Ausführung ein richtiges urtheil fällen, 128 gerade auf das ihrige zukam und äußerſt muntere Paſſa⸗ giere an Bord hatte, die einen fürchterlichen Lärm ver⸗ führten. Es war ein kleines Geſellſchäftchen von Laſtern, welche die gute Laune zu ſich bekommen hatten, und nun ausſchweifend luſtig waren. Beim Vorüberfahren verſetzten ſie— abſichtlich, wie es ſchien— dem Fahr⸗ zeug der Tugenden einen ſo heftigen Stoß, daß es nahe daran war, umzuſchlagen. Der Muth brauste auf, griff ins Boot der Laſter und war im Begriff handge⸗ mein zu werden, als ſchnell die Demuth dazwiſchen⸗ trat und mit ihren beiden Wangen die Ohrfeigen auf⸗ ſing, welche die Gegner einander zugedacht hatten. Dieß gefiel der guten Laune ſo wohl, daß ſie ſchnell einen Sprung in das Boot der Tugenden hinübermachte; dabei verſetzte ſie dem Fahrzeug der Laſter einen ſo gewaltigen Stoß, daß es um ein Kleines verſunken wäre und ſich unter großer Beſtürzung der Paſſagiere entfernen mußte. Die Wahrhaftigkeit und der Eifer hielten ſich bereit, ihm eine Salve Grobheiten mit auf den Weg zu geben, allein der Edelmuth winkte ihnen zu ſchweigen, denn die Schlechten ſeien ſchon durch ihre Schlechtigkeit genug geſtraft. Mittlerweile hatte ſich das drohende Ge⸗ wölke verzogen und die Reiſe wurde unter den angenehm⸗ ſten Geſprächen von der Welt fortgeſetzt. So reisten die Tugenden lange Zeit mit einander und beſuchten mehrere Städte. Ueberall, wo ſie verweilten, wurde bald ein großer Segen verſpürt. Der Handel blühte, die Geſellſchaften wurden munter, eine Menge Ehen kamen zu Stande und man wußte nicht, wie es zuging, daß man auf einmal ſo angenehm und behaglich auf Erden leben konnte. Eines Abends brüſteten ſich die Tugenden nicht wenig damit, als ſie in der ganzen Stadt Jönköping Thee tranken und Pfefferkuchen dazu aßen. Sie ſchwatzten ein Langes und Breites über ihren glücklichen Einfluß auf die Menſchen, und die Klugheit hätte gerne eine kleine Thronrede gehalten, wenn die Demuth ſie nicht ſo! ſcha tes nen We Die men Mä mitt wegl liche ten ein, daß der Trer mehr ihre neue jede redur Tage Stat eine geleg ten. lenſtei Ritter des ſe und Dieß beiden her ſo ſie an zug ka ges V Bre 129 ſo beweglich angeblickt hätte, als ein Mitglied der Geſell⸗ ſchaft die Motion machte, ſie könnten noch weit mehr Gu⸗ tes auf Erden ſtiften, wenn ſie nicht ſo zu ſagen auf ei⸗ nem Haufen reiſen, ſondern ſich wie die Apoſtel in alle Welt zerſtreuen und ausgehen würden, um zu predigen. Dieſer Vorſchlag wurde mit lautem Beifall aufgenom⸗ men. Inveß muß ich bemerken, daß die Klugheit und Mäßigkeit nicht zugegen waren; ſie hatten ſich un⸗ mittelbar vor dem Vortrag der Motion mit einander hin⸗ wegbegeben, um Zucker und Kaffee für die gemeinſchaft⸗ liche Haushaltung einzukaufen. Als ſie zurückkamen, leg⸗ ten ſie ſogleich kräftige Verwahrung gegen den Beſchluß ein, allein der Eifer und der Muth ſchrieen ſo laut, daß die leiſeren Stimmen kaum gehört wurden, und als der Edelmuth vom Eifer hingeriſſen gleichfalls für die Trennung ſtimmte, ſo wagte es die Vorſicht nicht mehr, ihre Turteltaubenſtimme zu erheben, ſondern biß auf ihre Nägel, ſchwieg und ging endlich aus, um ein Paar neue Schuhe zu kaufen. Tags darauf trennten ſich die Tugenden und zogen jede für ſich in die Welt hinaus, nachdem ſie die Verab⸗ redung getroffen hatten, im nächſten Jahre an demſelben Tage auf dem Ritterhausmarkte in Stockholm bei der tatue Guſtav Waſa's wieder zuſammen zu kommen und eine Plenarverſammlung zu halten über ihre eigenen An⸗ gelegenheiten und den Zuſtand ihres Reichs— des Gu⸗ ten. Der Muth ſchwärzte ſeinen Schnurrbart mit Höl⸗ lenſtein und ſchlug ſich ſüdlich. Unterwegs traf er den Ritter Don Quixote, der ihn aufforderte, den Ehrgeiz des ſo lange unterdrückten weiblichen Geſchlechts zu wecken und es zu tapferer Selbſtvertheidigung aufzumuntern. Dieß behagte dem Muth ungemein. Während ſich die beiden Ritter über die ehrenvolle Verwandlung des bis⸗ her ſo genannten ſchwächeren Geſchlechts beſprachen, ritten ſie an einer Kirche vorbei, aus welcher eben ein Braut⸗ zug kam. Die Braut war ein ausgezeichnet ſchoͤnes jun⸗ ges Weibchen und ſchien mit dem Muth nicht ganz un⸗ Bremer, Nina. 9 130 bekannt zu ſein, denn ſie winkte ihm zu als ſie in den Wagen ſtieg; dem Muth aber gefiel dieß ſo wohl, daß er ſie ſogleich auserkor, ein Muſter für ihr Geſchlecht zu werden, und die erſte Gelegenheit wahrnahm, in ihr Haus zu kommen, wo er ſich bald heimlich machte. Wie es nachher in dieſer jungen Haushaltung zuging, davon wiſſen alle Geſellſchaften in der Stadt X. zu er⸗ zählen. Man ſagt, die junge Frau ſei beinahe unmittel⸗ bar nach der Trauungsſtunde wie umgewandelt geweſen und der Mann ſei dadurch ganz irre geworden. Die beiden Leutchen zankten ſich beſtändig; dieß führte zu Drohungen und allmälig zu Handgreiflichkeiten; endlich forderte die Frau ihren Mann zu einem Zweikampf her⸗ aus, wurde aber in demſelben Augenblick von ihrer eige⸗ nen Familie in ein Tollhaus gebracht. Das war denn ein großer Scanval in der Stadt und Umgegend. Die Vorſicht las im Stockholmer Tagblatt einen langen Artikel über dieſe Geſchichte, und erſchreckt über das Unheil, das der unweiſe Muth geſtiftet, überlegte ſie ſich genau alle moͤglichen Gefahren und Widerwärtig⸗ keiten dieſer Welt und beſchloß in ihrer Weisheit, ſich ganz und gar zurückzuziehen, überzeugt, daß man kein höheres Glück erſtreben könne, als mit heiler Haut da⸗ von zu kommen. Sie quartirte ſich ſofort bei einer alten Jungfer ein, die aus Furcht vor Dieben vier Treppen hoch ein Paar ſaubere Dachſtübchen bewohnte. Merke dir dieſe Geſchichte wohl, Klara. Hier hätte nun Fräu⸗ lein Vorſicht gute und ruhige Tage haben können, wäre ſie nicht von dem Gedanken an tauſend Gefahren ge⸗ plagt worden; ſie wagte es nicht, ein Fenſter zu öffnen, um keinen Schnupfen zu bekommen; ſie getraute ſich kaum zu kochen, aus Furcht vor dem Schornſteinfeuer; ſie be⸗ ſorgte zwar, aus Mangel an friſcher Luft krank zu wer⸗ den, allein an ein Ausgehen war gar nicht zu denken; wie leicht konnte der erſte beſte Wagen ſie überfahren, wie leicht konnte ein Blumentopf von einem Fenſter herab ———— ihr Tre neir ſo zu war daß dieſ das Na Fre wär und und ſchu lei 131 ihr auf den Kopf fallen oder am Ende konnte ſie gar die Treppe hinabſtürzen und Hals und Bein brechen. Nein, nein, auszugehen das war unmöglich. Sie fürchtete ſich ſo ſehr davor, daß ſie, um nur kein neues Kleid kaufen zu müſſen, in dem alten, welches bereits etwas abgenutzt war, kaum zu ſitzen wagte. Endlich trieb ſie es ſo weit, daß ſie weder Hand noch Fuß mehr rührte. Mit allen dieſen Scrupeln hatte die Vorſicht auch ihre Wirthin, das alte Fräulein, angeſteckt, und als eines Tags oder Nachts Feuer im Hauſe ausbrach, wagten es die beiden Freundinnen nicht, etwas für ihre Rettung zu thun, und wären unfehlbar verbrannt, wenn nicht ein Nachtwächter und ein Schornſteinfeger ſie auf die Schultern genommen und in Sicherheit gebracht hätten. Inzwiſchen rannte der Eifer in der Welt umher, ſchwitzte und ſchrie, predigte und riß die Menſchen bald da, bald dorthin. Er nahm den Bauer vom Pflug, die Mutter von ihren Kindern, den Beamten von ſeiner Kanz⸗ lei weg, nur um ihnen irgend eine andere Beſchäftigung zu geben. Sodann entfernte er ſich auf einmal von ihnen und ließ ſie nach beſten Kräften ſelbſt für ſich ſorgen. Als er über Europa ſprang, um in China die Heiden zu bekehren, kam er in Rußland einer Mine, die eben ge⸗ ſprengt wurde, zu nahe, wurde vom Pulver verſengt und — o weh!— ſogar blind. Er rannte noch einige Zeit in der Welt herum, ſtiftete aber nichts als Verwirrung, bekam Händel mit der Polizei und mußte ſich endlich einen Lohnbedienten anſchaffen, der es gegen ein beſtimm⸗ tes Monatsgeld auf ſich nahm, ihn dahin zurückzuführen, woher er gekommen war. Die Demuth hatte keine ſo gefährlichen Abenteuer zu beſtehen, allein ſie ſah, als ſie jetzt auf eigenen Füßen ſtand, ſo jammervoll aus, daß kein Menſch ſie aufneh⸗ men wollte, und nachdem ſie ſich bald unter tiefen Bück⸗ lingen, bald ſogar auf den Knieen rutſchend, in der Welt herumgeſchleppt, an allen Thüren angeklopft, überall hier: Ich bin Nichts! gelispelt, überall Grobheiten bekommen 132 hatte und als ein Nichts behandelt worden war, mußte ſie wieder umkehren und langte ganz zerlumpt und bei⸗ nahe vernichtet auf dem verabredeten Sammelplatz an. Hier am Fuße der Heldenſäule ſah ſie nach und nach alle ihre früheren Reiſegefährten ſich einſtellen. Aber großer Gott, wie verändert waren ſie nicht alle! Sie konnte ſie kaum wieder erkennen. Der Eifer hatte ſeine funkelnden Augen nicht mehr, und war überdieß am rech⸗ ten Fuße lahm; der Muth trug den Arm in der Binde und ſah auf und nieder aus, wie ein Bruder Liederlich. Die Wahrhaftigkeit hette überall blaue Flecken. Jähzorn lag auf ihrer vormals ſo himmelklaren Stirne und jedes andere Wort, das ſie ſagte, war eine Grob⸗ heit; der Edelmuth ſah aus, wie ein Komödiant und ſcherzte und prahlte ſchrecklich; die Mäßigkeit hatte ſich in einen Geizhals verwandelt; die Vorſicht war der bloße Schatten eines Haſen; die Geduld und Barmherzigkeit ſahen ſo mager, ſo elend und her⸗ abgekommen aus, daß es ein Jammer war, ſie anzu⸗ ſchaueuz die gute Laune war Nichts weniger, als nüchtern; die Klugheit befand ſich noch am Beſten, allein ich verſichere euch, daß ſie deßhalb auch im hoͤchſten Grade aufgeblaſen und hochmüthig war; ſie maß ihre Schritte und Worte vornehm ab, ſchnupfte jeden Augen⸗ blick, warf ſich gewaltig in die Bruſt, ſah alle Anderen über die Achſel an, ſpannte die Naſenflügel aus und war mit einem Wort unerträglich. Ihr könnt euch denken, meine jungen Freundinnen, daß dieſes Zuſammentreffen der Tugenden nichts weniger als erbaulich und heiter ſein konnte. Sie ſahen aber auch in ihrer dermaligen Geſtalt wahrhaftig mehr aus wie Laſter. Indeß waren ſie kaum eine Stunde beiſammen geweſen, hatten ſich die Hände geſchüttelt und einander wieder erkannt, als ihr Ausſehen ſich zu verwandeln be⸗ gann und ſie wieder ihren früheren Charakter annahmen. Die Klugheit holte aus ihrer Reiſeapotheke eine Salbe und ſtrich ſie dem Eifer über die Augen, ſo daß ſie 133 ſogleich wieder aufgingen und zu funkeln anfingen, wie früher. Die gute Laune erſchrack dermaßen über die Durchſichtigkeit und das dunſtähnliche Weſen der De⸗ muth, daß ſie auf der Stelle nüchtern wurde und der Geſellſchaft den Vorſchlag machte, ſich in der nächſten Reſtauration mit einer kleinen Bowle Punſch zu ſtärken, einander die erſtandenen Abenteuer zu erzählen und einen gemeinſamen Entſchluß für die Zukunft zu faſſen. Bravo! ſagte der Muth und bot der Vorſicht die Hand; die gute Laune nahm die Demuth auf ihre Arme und hüpfte mit ihr den Andern voraus, die einträchtiglich nachfolgten. Es würde viel zu weitſchweifig ſein, wenn ich jetzt alle die Geſchichten wieverholen wollte, die in der Re⸗ ſtauration auf dem großen Kirchberg erzählt wurden. Ich will euch daher bloß mit dem Reſultat dieſer Zuſammen⸗ kunft bekannt machen, und dieſes beſtand in einem Be⸗ ſchluß, ſich künftighin ſo ſelten und ſo wenig als möglich zu trennen, denn ſie fanden, daß ſie jede für ſich und auf eigene Fauſt, ohne den Rath und die Hülfe der An⸗ dern, lauter Dummheiten begingen. Mit dieſem Beſchluß waren Alle ungemein zufrieden. Sie beſchloßen ihr Mahl mit einem Liede, das die gute Laune improvifirt hatte und das ſofort zum Bundeslied der Tugenden erhoben wurde. Da mir indeß die Verſe nicht mehr recht im Ge⸗ dächtniſſe ſind und ich die gute Laune nicht gern durch Verſtümmlung ihres Geſangs in üble Laune verſetzen möchte, ſo ſchließe ich hier meine Erzählung und überlaſſe es euch, die betreffenden Anwendungen zu machen.“ Die jungen Mädchen ergötzten ſich ſehr an dieſer Geſchichte und wollten Fragen ſtellen und eine Menge Erklärungen verlangen; Fräulein Margarethe aber ließ ſich durchaus auf keine weiteren Erörterungen ein, ſondern bat ihre Freundinnen, ſie nach beſten Kräften zu ver⸗ dauen. Eva und Aurora erhoben ſich bald darauf, um Abſchied zu nehmenz Eleonore folgte ihnen, nachdem ſie 134 Klara um Erlaubniß gebeten hatte, wieder zu kommen und mit ihr vom Heirathen zu ſprechen. Fräulein Mar⸗ garethe behielt ſich vor, dabei den Advokaten des Freiers zu machen. Eleonore willigte lächelnd und ſeufzend ein, allein auf dem Heimwege lauteten ihre Gefühle über die Ehe mehr„nein, ja, nein,“ als„ja, nein, ja.“ Aurora und Eva beabſichtigten, ſich koſtbare Koſtüme zu einem Liebhabertheater zum Beſten der Abgebrannten in W. an⸗ zuſchaffen. Fräulein Margarethe, die jetzt den tüllfreſſenden Lieb⸗ haber und Klaras Abſcheu vor der Ehe zuſammenſtellte, ſagte mit vielem Ernſt zu ihr: „Klara, entweder biſt du ein ganz außerordentli⸗ 6 Weſen, oder du befindeſt dich auf höchſt gefährlichen egen.“ Klara ſchwieg und Margarethe fuhr fort:„Dein Abſcheu vor der Ehe iſt nicht natürlich. Ich kann es wohl begreifen, daß man keine Luſt hat, in dieſelbe hin⸗ einzuhüpfen wie auf einen Ball, allein deine Widerſpen⸗ ſtigkeit und überhaupt deine Anſichten über das Leben ſind ſowohl unbibliſch, als unnatürlich. Der Menſch iſt nicht dazu geſchaffen, allein zu leben. Auch kann ich durchaus nicht ſagen, daß es mir ſehr angenehm ſein würde, von dir als Tollhäuslerin angeſehen zu werden, wenn mich einmal, was recht wohl möglich iſt, die Luſt anwandelte, zu heirathen, ohne in meinen Auserkorenen geradezu ver⸗ narrt zu ſein.“ „Und wenn du auch heiratheſt,“ ſagte Klara,„ſo werde ich dieß nie für thöricht erklären; denn Niemand ſcheint mir geeigneter zu ſein, als du, die Wohlfahrt anderer Leute zu fördern. Freude und Glück begleiten i durch das Leben und wirken auf Alle, die um dich nd.“ „Es freut mich, daß du ſo von mir denkſt,“ ſagte Fräulein Margarethe, indem ſie ihr die Hand drückte. „Aber,“ fuhr Klara fort,„wenn du wüßteſt, was Nothleiden, was Hungern heißt; wenn du wüßteſt, wie nen ar⸗ iers ein, die ora em an⸗ ieb⸗ llte, tli⸗ hen ein hin⸗ en⸗ ſind icht aus von nich lte, ver⸗ „ſo and ahrt iten dich agte was wie 135 viel Leute es auf der Welt gibt, die es täglich erfahren müſſen, dann würdeſt du nicht heirathen, ſondern ledig bleiben, um den Dürftigen zu helfen und die Hungrigen zu ſpeiſen.“ „Meine beſte Klara,“ ſagte Fräulein Margarethe mit dem wohlbekannten feinen Lächeln auf ihren Lippen, „dann würde ich wahrſcheinlich verdienen, von Sr. Heilig⸗ keit dem Pabſt kanoniſirt und noch nach hundert Jahren als heilige Margarethe angerufen zu werden; ob ich aber etwas wirklich Gutes damit ſtiften würde, daran zweifle ich; im Gegentheil würde ich wahrſcheinlich nur die Zahl der Faullenzer und Taugenichtſe vergrößern. Ueberhaupt muß ich dir aufrichtig ſagen, Klara, daß ich in Beziehung auf Werke der Barmherzigkeit meine eigenen Gedanken habe. Ich halte die Langeweile für die ſchwerſte Noth der Welt, das Gähnen für die ſchlimmſte Peſt und den⸗ jenigen, der es verſteht, ſie mit unſchädlichen Mitteln zu verſcheuchen, für einen der ausgezeichnetſten Wohlthäter ſeines Geſchlechtes. Ein herzliches Lachen iſt mehr werth, als Dukaten.“ „Ja, das iſt wahr,“ antwortete Klara.„Allein die Langeweile iſt ein ſelbſtverſchuldetes Unglück und diejenigen, die Veranlaſſung haben zu gähnen, könnten, wenn ſie ver⸗ wären, auch Veranlaſſung haben, vergnügt zu ſein. ber „Nun aber?. „Aber mit den Leidenden, von denen ich ſpreche, ver⸗ hält es ſich nicht ſo. Aeußeres Elend drückt ſie hart zu Boden. Wenn ſie ſich auch erheben wollten, ſo könnten ſie es oft nicht; Noth und Krankheit liegen ihnen mit Centnerlaſt auf Leib und Seele. Die Unglücklichen ver⸗ modern bei lebendigem Leibe.“ „Dieß begegnet wohl auch manchem Reichen,“ ſagte Fräulein Margarethe.„Ich geſtehe, daß ich die Anſicht habe, die Leute ſeien daran ſelbſt ſchuld, wenn ſie in Noth gerathen. Ehrliche und geordnete Leute ſchlagen ſich überall gut durch. Ueberdieß iſt es ſchwer, Almoſen zu 136 geben, denn wahrſcheinlich erhält es öfter der Unwürdige als der wirklich Bedürftige.“ „Das mag allerdings eine Schwierigkeit ſein,“ ſagte Klara,„allein wenn man keine Mühe ſcheut und die Zeit nicht ſpart, ſo läßt ſie ſich ſchon überwinden. Glaube ja nicht, daß Jeder, der den redlichen Willen dazu hat, auch im Stande iſt, ſich zu helfen. Ach, es gibt Bedrängniſſe, denen man nicht ausweichen, es gibt Elend, das man nicht abwenden kann. Ja man kann ſelbſt die Fehler und Män⸗ gel der Menſchen als ein Unglück betrachten, woran ſie nicht ſchuld ſind. Man ſpricht oft von den Ausſchweifun⸗ gen der Armen, von ihren Vergnügungen Ach, wenn du wüßteſt, wie dürftig dieſe Vergnügungen in das Leben ſo vieler Menſchen geſät ſind. Wenn ihnen nun das Leben ſehr drückend iſt, wenn ſie einen Augenblick dem lockenden Vergnügen nicht widerſtehen können, wenn ſie ein paar Minuten genießen wollen und dadurch ihr täg⸗ liches Brod verlieren? Sollen die Armen denn für dieſen Angenblick ihr ganzes Leben büßen? Verdienen ſie nicht aufgerichtet und unterſtützt zu werden? Soll man an ihnen als Verbrechen ſtrafen, was bei den vom Glück Begünſtigten eine verzeihliche Schwachheit heißt? O weun du wüßteſt, wie manche ſolche Verbrechen aus Mangel ent⸗ ſtehen, aus Mangel an Brod und aus Mangel an aller Freude! Auch die Armen bedürfen der Freude; fie iſt ihnen ſo nöthig, als Brod— Freude iſt die friſche Luft, welche macht, daß man leicht athmet, daß man gerne lebt, daß man an Gottes Güte glaubt i. Klaras Thränen floßen ſo reichlich, daß ſie inne halten mußte. Fräulein Margarethe ſchwieg, allein Klara hatte ihr eine Seite des Lebens eröffnet, die ſie bisher nur ſelten geſehen hatte. Sie warf einen langen Blick über Scenen, die ſie bei ihrem Charakter und ihrer Stellung im Leben nur flüchtig aufgefaßt— und ihr Herz ward beklommen. Was darauf folgte, ſage ich nicht: es iſt zu einfach, zu heilig, um auspoſaunt zu werden. Wenn aber die Leſerin vermuthet, daß Fräulein Margarethe Klara zu 37 . ihrer Schatzmeiſterin ernannt, und Klara heiße Freuden⸗ thränen darüber vergoſſen habe, ſo will ich ihr bekennen, daß ſie der Hauptſache auf die Spur gekommen iſt. Und du, ſtrenger Verehrer des Verdienſtes und Gegner der Almoſen, ſchüttle nicht den Kopf über dieſe Geſell⸗ ſchaft. Lege dein Geld an zu Fabriken, zu Gewerben, zu was du willſt— aber laß Klara in Ruhe. Sei ohne Furcht! Sie wird nicht ihr Seidenkleid dem Weibe des Taglöhners ſchenken, ſie wird dem Branntweinſäufer kein Geld geben, ſie wird nicht, wie eine gewiſſe junge, liebens⸗ würdige Gräfin, ihre türkiſchen Pantoffeln abziehen, und ſie einem kleinen, dürftigen Schornſteinfegerjungen zuwer⸗ fen. Sie wird das arme Kind in die Schule ſchicken, dem Arbeitsloſen Arbeit, dem Kranken Arzneimittel ver⸗ ſchaffen u. ſ. w.; ſie wird ihre Almoſen klug ſpenden. Heißt das nicht, fein Kapital auf Zinſen anlegen? Und ſollte es nur hie und da einen leichteren Augenblick in einem düſtern Leben, eine kleine Linderung bei unheilbaren Schmerzen hervorbringen, ſo... Ach, wie es auch die Weiſen auf der Erde ordnen, wie wohl es auch beſtellt ſein mag, für das Unglück und für unverſchuldte Leiden wird immer Platz bleiben, ſomit auch immer Platz und Gelegenheit für barmherzige Schweſtern. 138 Geſpräch in der Dämmerung. „Eines nur, o Erdenbürger, merke: Thue Gutes, wenn auch deine Werke, Statt zu heben, niederzieh'n dein Glück; Kannſt du ſteigen nicht, ſo lerne fallen. Enkel, die auf deinem Grabe wallen, Denken dankbar einſt an dich zurück. Gey er. Der Tag für Edlas Abreiſe war feſtgeſetzt und nahte heran. Nina allein wußte es nicht; ſie glaubte den Au⸗ genblick der Trennung noch ferne. Edla wollte ihrem weichen Gemüth den Abſchiedsſchmerz erſparen, und es war ihr angenehm, daß die Gräfin bei dem ſchönen, mil⸗ den Winterwetter eine Einladung auf einen nahegelegenen Landſitz angenommen hatte, wo man das neue Jahr, die neue Frau Präſidentin und die ſchöne Tochter Sr. Erxe. mit großer Pracht feiern wollte. Edla durchſchaute deut⸗ lich die Abſicht der Gräfin, Nina immer mehr von ihr zu trennen und beſonders in den letzten Tagen vor der Abreiſe jede herzlichere Annäherung zu verhindern, jene unwillkürlichen Ergießungen der Zärtlichkeit und des Ver⸗ trauens, welche beſonders in der Abſchiedsſtunde ein noch innigeres Band um Freunde ſchlingen. Sie ſah wohl, daß es darauf angelegt war, allein ſie wollte keine Maß⸗ regeln dagegen ergreifen. Edla hätte es als einen Egois⸗ mus angeſehen, Nina jetzt in ihrer Nähe behalten zu wollen, wo ſie ihr keine Vergnügungen bereiten, ſondern nur Thränen entlocken konnte. Nicht ohne ein gewiſſes, angenehm wehmüthiges Gefühl dachte ſie;„Nina wird vergnügt ſein, ſie wird ſpielen und genießen, während ich das Vaterhaus verlaſſe. Sie wird nicht ſehen, daß ich leide. Um ſo leichter wird dieſe Wolke an ihrem Himmel vorüberziehen.“ Beim Abſchied war die Gräfin eiskalt gegen Evla. „Glückliche Reiſe,“ ſagte ſie trocken.„Ich habe Befehl 139 gegeben, daß Alles in Bereitſchaft gehalten wird, was dir zu deiner Reiſe nöthig ſein kann.“ „Ich danke. Ich werde ſelbſt dafür ſorgen,“ ant⸗ wortete Edla, ebenfalls kalt.„Lebe wohl, Vater! Va⸗ ter!.. Edolas Stimme zitterte. „Ich werde dich vor deiner Abreiſe noch einmal ſehen,“ ſagte der Präſident, indem er mit Eifer und großem Ge⸗ räuſch ſeine Reiſeſchuhe anzog und ſein Geſicht abwandte, um auſſteigende Thränen zu verbergen. Jetzt kam auch Nina. Sie war herrlich anzuſehen in dem prachtvollen Winteranzug, in dem fürſtlichen Her⸗ melin. Edla bekämpfte die heftige Bewegung, die ſie bei ihrem Anblick empfand, und als ſie ihre naſſen Augen, ihre fragenden, unruhigen Blicke ſah, als ſie Nina in ihren Armen zittern fühlte, während ſie ſanft und beinahe angſtvoll zu ihr ſagte:„Ich ſehe dich doch bald, recht bald wieder?“ da wünſchte ſich Edla Glück zu ihrem⸗ Vorſatz, das weiche Gefühl der Schweſter zu ſchonen und ihr die Trennung ſo leicht als möglich zu machen. Und ſie beruhigte Nina und ſich, und ſah mit wolkenloſer Stirne ihre Familie abreiſen. In den folgenden Tagen beſchäftigte ſich Edla eifrig mit ihren eigenen Angelegenheiten. Sie ſchrieb an Nina einen Brief voll Güte und Weisheit. Der letzte Abend kam. Edla hatte Abſchied genommen von Fräulein Mar⸗ garethe, welche ſich über das, was im Hauſe und in Edlas Seele vorging, nicht täuſchte, und ihr mit Herzlichkeit und großer Hochachtung begegnete; ſie umarmte Fräulein Margarethens getreue Wärterin, ging dann ins Geſell⸗ ſchaftszimmer hinab, ließ ein Feuer anmachen, und ſah bei demſelben ruhig dem Beſuche entgegen, den ſie von Graf Ludwig erwartete. Dämmerung und Schneegeſtober außen, Kaminfeuer und Stille innen, das ſind die dienſtbaren Geiſter der Vertraulichkeit. In der Stunde der Dämmerung ſpringt das Geheimniß, dieſes lichtſcheue Kind, ganz unerwartet aus ſeinem Verſtecke hervor. Schaaren von kleinen 14⁰ Fledermäuſen, jede mit ihrer Mücke im Schnabel, fliegen hin und her, die Eule heult ihr unheimliches Wittehu, der geſpenſtiſche Uhu ſchreit ſein ächzendes Hu. Aber auch die edleren Kinder des Schattens und des Lichtes in der Seele des Menſchen kommen jetzt hervor;— wie gerne läßt nicht die Verſöhnung am Abendhimmel ihre milden Sterne leuchten! Wie lieblich träufelt nicht der Thau des Troſtes!— ich will nichts von den Liebeser⸗ klärungen ſprechen!— zwiſchen der Dämmerung und den Flammen des Ofenfeuers hüpfen ſie unwillkürlich hervor, und um ſo munterer, je irrlichtähnlicher ſie ſind; doch auch der Sohn des Himmels wählt gerne dieſe Stunde, um ſich zu offenbaren. Summa: es iſt merkwürdig, wie viel im Plauderſtündchen der Abenddämmerung ans Licht kommt. Es iſt aber auch merkwürdig, wie ungeſchickt dieſes kleine Impromptu hier angebracht iſt, und wie wenig es zur vorliegenden Scene in der Dämmerung beim Ofen⸗ feuer paßt. Hier ſitzen in Lehnſtühlen Evla und Graf Ludwig, ſtill wie Bildſäulen, und ſehen mit gedankenvollen Augen auf die glühenden Brände, die nacheinander in Aſche zerfallen. Verzeih, freundlicher Leſer, und erinnere dich gefälligſt, daß du ſchon manchmal ein Vorwort ge⸗ hört haſt, das nicht zum Nachwort paßt. Aber endlich unterbricht Graf Ludwig die Stille, in⸗ er mit einem Ausdruck tiefen Mißvergnügens zu Epla agt: „Sie reiſen ab! Sie entfernen ſich auf längere Zeit und laſſen mich in einer Ungewißheit, die mir mit jedem Tage guallvoller wird. Sie verhindern mich, gegen Nina und ihren Vater einen Wunſch zu erklären, den Sie gleichwohl billigen. Wie lange ſoll dieſer Zwang noch währen? Wie lange ſoll ich noch vor Ninas Eltern, vor der Welt, vor Nina ſelbſt in einem zweideutigen Lichte erſcheinen?“ „Vor Nina nicht,“ unterbrach ihn Edla.„Sie da ein faf rer hei rat etn in aus mit ſtör kön der 141 weiß um Ihre Liebe; ſie weiß auch, warum Sie jetzt noch mit Ihrer Erklärung zögern.“ „Nun gut!“ „Sie iſt dankbar für Ihre Güte. Dankbar dafür, vaß Sie nicht in ſie dringen, noch ſo jung und ſo ſchwach einen Beſchluß für ihr ganzes Leben und Lebensglück zu faſſen. Sie fürchtet gegenwärtig jede Veränderung in ih⸗ rer Lage, ſie iſt nicht vorbereitet darauf. Sie kennen meine Beſorgniſſe wegen Ninas Geſundheit, wegen dieſer Zart⸗ heit ihres ganzen Weſens. Ich glaube nicht, daß ſie hei⸗ rathen ſollte, bevor ſie ſtärker geworden iſt, bevor ſie durch etwas mehr Erfahrung in der Welt und im Leben beſſer in den Stand geſetzt iſt, ihren Platz als Ihre Gattin auszufüllen. Sie macht jetzt ihre erſte Bekanntſchaft mit dem Geſellſchaftsleben; erlauben Sie ihr ſich unge⸗ ſtört darin umzuſehen;— ſie iſt noch ſo jung;. Sie können ja immer in ihrer Nähe ſein, gewinnen Sie mit der Zeit„ „Was gewinnen?“ fragte Graf Ludwig ſcharf. „Gewinnen Sie, was ich Ihnen ſo aufrichtig wünſche — ihr Herz! Ich will es Ihnen nicht verhehlen. Nina verehrt Sie im hoͤchſten Grade, allein ſie liebt Sie nicht.“ „Das weiß ich,“ antwortete Graf Ludwig kalt. Erla ſah ihn etwas verwundert und fragend an. Mit einiger Bewegung fuhr Graf Ludwig fort: „Wundern Sie ſich nicht, wenn derjenige, der von der Wiege an gelehrt worden iſt, Zärtlichkeit zu miſſen, der das einzigemal, da er an Liebe glaubte, ſich betrogen fand, wundern Sie ſich nicht, wenn er einen ſcharfen Blick bekommen hat, und ſich über die Gefühle, die man gegen ihn hegt, nicht leicht täuſcht. Ich weiß es— ich bin nicht liebenswürdig— ich werde nicht leicht geliebt werden— auch frage ich nicht viel darnach. Wer kann nicht geliebt werden? Wer kann nicht große Leidenſchaf⸗ ten erwecken, beſonders bei den Weibern? Verzeihen Sie, Edla, allein Sie können weniger, als jede Andere, für die Schwachheiten Ihres Geſchlechts blind ſein. Ein 142 unbedeutender Sänger, deſſen ganzer Werth in einer Ro⸗ manze liegt, ein gewandter Tänzer, ein Bischen Bravour oder Bravade, ein Bischen Gutherzigkeit, ein Bischen Ta⸗ lent, ein ſchönes Aeußere, ein angenehmes Weſen, Alles das kann liebenswürdig ſcheinen, kann Liebe erwecken. Ich kann es nicht. Darüber bin ich mit mir einig. Auch von Nina verlange ich keine Ausnahme. Ja, ich bin dar⸗ auf vorbereitet, daß ſie für einen Andern, als mich, Liebe empfinden kann, für eines jener geringen Weſen, die ich verachte „Graf!“ unterbrach ihn Edla verwundert und auf⸗ geregt,„höre ich recht?“ „Ja, aber hören Sie mich zu Ende. Jenen Zauber, jene holden Gefühle, die von dem Anmuthsvollen erweckt werden, kann ich nicht erwecken, nicht erwarten. Nina kann ſie nicht für mich empfinden, ſie wird ſie auf Au⸗ genblicke vielleicht für Andere empfinden. Das iſt natürlich, es macht mir Nichts, und ich werde Nichts da⸗ bei verlieren. Ich will mir Etwas verdienen, was beſſer, ich will Etwas gewinnen, was wichtiger iſt.— Ninas vollkommene Hochachtung, ihr vollſtändiges Vertrauen und ihre Freundſchaft. Nina ſoll in der beſten und eigentlich⸗ ſten Bedeutung des Wortes die Meinige werden. Was ich an ihr liebe, iſt nicht ihre Schöͤnheit, nicht ihre An⸗ muth, nicht bloß die reichbegabte Schülerin Edlas, ſondern vor Allem das Weib, das Weib par excellence, das gute, holdſelige, demüthige Weib. Ich weiß, ich bin rauh und hart; nur durch einen Charakter, durch ein Gemüth, wie das ihrige, kann ich milder, kann ich glücklicher wer⸗ den und auch glücklich machen. Nina iſt Edlas Schüle⸗ rin; ſie wird das Gute an mir ſchätzen, ſie wird mich durch ihre Engelsſeele zur Menſchheit hinziehen. Sie wird in mir ihren beſten Freund, ihren Führer ſehen, ſie wird ihre Kinder, ihr Haus, ihren Einfluß auf mich lieben. Glauben Sie mir, ſie wird glücklich ſein.“ „Ich fürchte nur,“ ſagte Edla mit einem tiefen Seuf⸗ 143 zer,„daß Sie das wahre Weſen der Liebe verkennen. Vielleicht geben Sie auch derſelben Sache nur einen an⸗ dern Namen. Freundſchaft und Vertrauen ſind allerdings der wirklichſte Kern aller Liebe. Aber wenn Sie glau⸗ ben, daß Ninas innigſte Hochachtung und ihr Vertrauen allein ſchon im Stande ſei, Ihr eigenes und Ninas Glück zu ſichern, ſo verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen ſage, daß Sie ſich nicht bloß auf Ihre ſtrengeren Tugenden verlaſſen ſollten, um dieß zu gewinnen. Das Vertrauen beſonders iſt ein ſchüchternes Kind; es muß mit Güte, mit Wohlwollen gewonnen werden;— die Blume läßt ſich nicht herauflocken, wenn die Sonne ſie nicht wärmt. Sie müſſen von Nina geliebt ſein wollen, Sie müſſen gü⸗ tig, müſſen zärtlich gegen Sie ſein. O Sie wiſſen nicht, wie weich ſie iſt, wie ſehr ſie einer Stütze und zugleich der Zärtlichkeit bedarf. Seien Sie gütig gegen ſie, Graf, ſonſt gewinnen Sie ſie nicht. Seien Sie mild, ſeien Sie zärtlich gegen ſie. „Edla,“ unterbrach ſie Graf Ludwig,„verlangen Sie von der Eiche nicht, daß ſie ſich zur Blume herab⸗ bücken ſoll; erheben Sie lieber die Blume zu dem feſte⸗ ren Stamme.“ „Nicht ſo, Graf,“ ſagte Edla.„Ihr Gleichniß hinkt, und das Verhältniß zwiſchen Mann und Frau iſt und darf nicht ſo einſeitig ſein. Meine Blume muß zärtlich behandelt werden, ſonſt iſt ſie nicht für Sie. Seien Sie gütig gegen ſie, Graf, ich ſage es Ihnen noch einmal, ſeien Sie gütig, dann werden Sie Alles über ſie vermö⸗ gen. Pflegen Sie das, was ſo ſchön an ihr iſt, ihr en⸗ gelgleiches Gemüth, ihre Güte, verehren Sie dieſelben, mißbrauchen Sie ſie nicht, fordern Sie nicht zu viel! Wie leicht iſt Nina nicht zu Boden gedrückt, wie leicht würde es nicht einer harten Hand, ihr ganzes Glück zu zermalmen! Wie manchmal habe ich mir nicht meine eigene Strenge gegen ſie vorgeworfen, eine Strenge, die doch nur durch Zärtlichkeit für ihr Wohl hervorgerufen war, wie manchmal hat nicht der Engel ihrer Seele 144 mich gegen meinen Willen weich gemacht! Frinnern Sie ſich noch, Graf, wie ſie noch als Kind bedeutend an Zahn⸗ weh litt, und der Arzt den geſunden Zahn ſtatt des kran⸗ ken herausriß; erinnern Sie ſich, wie ſie die fortwähren⸗ den Schmerzen ausſtand und den Mißgriff des Arztes ge⸗ heim hielt, ſo lange er daran war, und dann auch mich bat, es zu verſchweigen, weil es ihm unangenehm ſein könnte! Dieß iſt eine Kleinigkeit; aber welcher Himmel von Verträglichkeit und Milde läßt nicht hierin ſeine erſten Sterne leuchten! So war Nina als Kind, ſo iſt ſie noch heute. Sagen Sie mir, Graf, verdient ein ſolches Herz nicht ſorgſam und zärtlich geſchont, geſucht, gewonnen zu werden?“ Thränen ſtanden in Edlas Augen. Auch Graf Ludwig war gerührt. „Geben Sie mir,“ ſagte er,„dieſen Engel zur Gat⸗ tin, und laſſen Sie mich täglich, ſtündlich unter ihrem Einfluſſe leben, ſo kann ich vielleicht werden, was Sie wollen, und was Nina bedarf. Ja, vielleicht werde auch ich liebenswürdig werden können— wenigſtens für ſie—“ fügte er mit einem Lächeln hinzu, das ihn unendlich verſchönte.„Und dieß,“ fuhr er fort,„wird mich um ſo viel leichter das Urtheil der Menge verachten laſſen. Sie wird mich wahrſcheinlich jederzeit für einen unbarm⸗ herzigen Egoiſten, für einen harten, hochmüthigen, herz⸗ loſen Menſchen erklären. Ich troͤſte mich leicht darüber, ja dieſe Auszeichnung ſchmeichelt beinahe meiner Eitelkeit. Ich will es als eine große Ehre anſehen, wenn nur in einer Zukunft, die ich nicht mehr erleben werde, mein Vaterland durch die beſſern Einrichtungen und den zweck⸗ mäßigeren Stand der Dinge, wozu ich mitgewirkt habe, fröhlich emporblühen wird, und mein Werk Denjenigen Segen bringt, die auch dann noch gedankenlos meinen Namen verdammen. Sehen Sie, Evla, dieß iſt die Ehre, dieß die Belohnung, nach der ich ſtrebe, und die gewinnen zu können ich mir bewußt bin. Wenn ich in meinem Eifer für das Wirkliche, für das Dauernde eine und die andere Oberflächlichkeit zerbreche, irgend eine 145 Taubennatur verletzte, oder dann und wann ein halb⸗ morſches Gebäude vollends niederreißen, ja wenn ich wirk⸗ lich mitunter über ſtrengere, wichtigere Forderungen die Schonung vergeſſen ſollte, ſo wird mich Edla deßhalb nicht verdammen, Nina nicht fürchten.“ „Graf,“ ſagte Evla,„ich verehre von ganzem Herzen die Reinheit Ihres Willens, die Feſtigkeit Ihres Charakters und fürchte bloß das Uebertriebene in Ihrer Denkungsweiſe. Mehr Milde, mehr Menſchenliebe, mehr Menſchenachtung, wenn ich ſo ſagen darf, würde Ihre Wirkſamkeit um ein Gutes ſegensreicher machen.“ „Geben Sie mir Nina zur Frau,“ ſagte Graf Lud⸗ wig mit Wärmez;„laſſen Sie ſie meinen guten Engel werden, ſo werde ich durch ſie mild werden. Wenn ſie an meiner Seite geht, werde ich weniger hart auftreten. Sie hat einen Talisman in ihren Händen„ der viel über meine Seele vermagz laſſen Sie ſie denſelben gebrauchen; laſſen Sie mich alle Tage, alle Stunden ihre Stimme hören, ihr Angeſicht ſehen. Dann„ Aber vorher, Edla, erwarten Sie nicht viel von mir, nicht einmal für ſie. Ich will jeden Tag mein Leben für ſie wagen, aber daß ich artig, zärtlich und ſüßlich ſein, daß ich den ſchmachtenden Seladon machen ſoll unter der Menge, welche ſie ſtets umringt, daß ich ihr zierlich die Cour ſchneide, das erwarten und verlangen Sie nicht von mir, Edla. Ich würde mich dadurch nur lächerlich machen. Und ich muß es wiederholen, daß ich keinen Werth ſetze in das Angenehme, in das ſogenannte Liebenswürdige, ja, nicht einmal in das, was man Güte zu nennen pflegt. Es iſt dieß eine zweideutige Eigenſchaft, welche ſich auch die armſeligſte Schwäche zum Schilde nimmt. Ich habe es zu ſchmerzlich erfahren, wie all dieſe Liebenswürdigkeit ſich mit der tiefſten Verderbniß des Herzens vereinigen und dieſelbe verbergen kann. Sie haben, glaube ich, Eduard D. einmal bei mir geſehen;— ſagen Sie, wel⸗ chen Eindruck machte er auf Sie?“ Bremer, Nina. 10 ————— 146 „Ich will es nur bekennen,“ ſagte Edla,„er ſchien mir ein ausnehmend liebenswürdiger junger Mann zu ſein, und ſein Herz ſchien weit entfernt von dem verabſcheuungs⸗ würdigen Verbrechen, das er beging.“ „Sie ſahen ihn bloß,“ fuhr Graf Ludwig mit einem bittern Lächeln fort,„aber was will das ſagen gegen einen alltäglichen Umgang, wie ich ihn lange Zeit mit ihm ge⸗ habt habe? Er hätte ſeinen ſchlimmſten Feind gewinnen müſſen. Ich liebte ihn,“ ſetzte Graf Ludwig mit einer ungewöhnlichen Weichheit in Stimme und Ausdruck hinzu; „ſo habe ich nie geliebt, nie vertraut! Und er betrog mich und führte Schande und Tod bis an mein Herz. Wahr⸗ haftig, dazumalen wäre ich ein Menſchenhaſſer geworden, ich hätte meine Bruſt auf immer allen freundlichen Ge⸗ fühlen verſchloſſen, wenn Sie nicht geweſen wären, Evla. Mit männlicher Kraft, mit weiblicher Milde gaben Sie meiner Seele wieder Faſſung und heilten die Wunden in meinem Herzen. Edla wandte ihr Geſicht ab, auf welchem die tiefſte Rührung arbeitete.„Habe ich das wirklich vermocht, Graf?“ fragte ſie mit einer Stimme, deren Zittern ſie zu unter⸗ vrücken ſich bemühte. „Heilen?. fuhr Graf Ludwig mehr mit ſich ſelbſt, als zu ihr ſprechend fort;„heilen, das iſt doch zu viel geſagt. Dieſe Wunde heilt nie. Es hat Augenblicke gegeben, wo es mir war, als ob nur ſein Blut allein der wohlthuende Balſam ſein könnte. Die Wunde heilt nicht, doch haben Sie gemacht, daß ſie weniger brennt. Sie, Epla, und Nina haben mich wieder für die Menſch⸗ heit gewonnen.“ Nach einer kurzen Pauſe fuhr er in bitter⸗ſüße Erinnerungen verſunken fort: „Wir kamen als junge Knaben mit einander auf die Akademie. Er war mir in Allem voraus. Dieß verdroß mich. Ich hätte es gerne allen Andern zuvorgethan. Ich fing an, ihn zu haſſen. Da ſchlug er ſich und blutete für mich in einem ungleichen Streit, den ich mir zugezogen ien in, em nen ge⸗ nen ner zu; hr⸗ en, 147 hatte. Jetzt wandte ich um und fing an, ihn zu lieben. Er erwiederte meine Liebe, wenigſtens glaubte ich ſo. Er hatte Geduld mit mir und meiner finſtern Gemüthsart. Er machte mich beſſer. Er war ſo liebenswürdig! Auch ſtolz war er bei all ſeiner Güte; er duldete keine Pro⸗ teetion; nahm meine dargebotenen Gaben nie an. Dieß vevroß mich, gefiel mir aber zugleich. Er ſchien der beſte, der edelſte aller Menſchen zu ſein. Ich vertraute auf ihn mehr, als auf die ganze Welt, mehr, als auf mich ſelbſt. Er hatte eine Gewalt über mich, wie ſeitdem Niemand mehr!“ Graf Ludwig paufirte einen Augenblick, dann fuhr er, indem ſich eine ſchauerliche Bläſſe über ſein ganzes Geſicht verbreitete, alſo fort: „Auch die Schlange hatte eine verlockende Zunge, wie die Schrift erzählt. Wie ich das Anmuthige verachte, das ſo leicht alle Laſter, alle Niedrigkeit verbergen kann! Der Betrüger! Der Verführer! Wie haſſe ich ihn! Ich weiß nicht, wohin er ſeinen Weg genommen, aber es reut mich, daß ich ihn nicht vor der Welt gebrandmarkt habe, damit er nicht mehr betrügen, nicht mehr verführen kann. Edla, wenn Sie ihn je einmal treffen ſollten, ſo ver⸗ trauen Sie Ihrer Klugheit nicht, vertrauen Sie dem Ab⸗ ſcheu nicht, den Sie vor ſeinem Verbrechen empfinden; fliehen Sie ihn, fliehen Sie ihn! Seine Liebenswürdig⸗ keit, ſeine ſcheinbare Vortrefflichkeit, ſein ſanftſtrahlendes Auge würde Sie verleiten! Sehen Sie ihn nicht, hören Sie ihn nicht! Seine Zunge iſt verführeriſch, aber falſch. Er könnte das reinſte Weſen verlocken. Fliehen Sie ihn! Hat er nicht die Schweſter ſeines Freundes entehrt, ge⸗ mordet, ſeinen Frieden gemordet? Und er geht unge⸗ ſtraft in der Welt umher! Vielleicht geliebt, vielleicht gefeiert—— um ſich noch mehr Opfer zu ſuchen, noch mehr Unglückliche zu machen. Warum habe ich ihn ge⸗ ſchont? Aber ſtrafe du ihn, o Himmel! Gerechter Rächer, verdamme „Halten Sie ein, Ludwig!“ ſagte Edla mit Ernſt und Würde. 148 Graf Ludwig ſchwieg plötzlich. Er war außer ſich; Raſerei machte ſeine bleichen Lippen zittern und ſeine Augen ſprühten Funken des Haſſes. Es dauerte lang, bis er ſich wieder erholte; dann ſeufzte er ſchwer auf und ſagte: „Verzeihen Sie.“ „Solche Ausdrücke ſind Ihrer nicht würdig, Graf,“ ſagte Edla;„ſie würden Ninas Frieden zerſtören.“ „Sie wird ſie nie hören. Ich werde mich bemühen, Ninas und Ihrer würdig zu werden.“ Er drückte Edlas Hand an ſeine Lippen und entfernte ſich haſtig. Mit aufgeregten Gefühlen blieb Evla zurück. Ihr Wunſch, ihr Gedanke paarte Ludwig und Nina zuſammen, aber immer und immer kam wieder ein Zweifel, ein Schmerz über ihre Seele und flüſterte ihr zu:„Wird er ſie auch glücklich machen?“ Doch Edla verbannte dieſe Frage als ein Spukbild ihrer Phantaſie. Vielleicht ſcheint es meinen Leſerinnen ungereimt, daß Edla ſo eifrig Graf Ludwigs Partei nahm und daß ſie nicht einſah, wie wenig ein Charakter, wie der ſeinige, für die weiche liebebedürftige Nina paßte. Ich möchte nicht gerne dieſen Tadel verdienen, und deßwegen laßt uns die Sache näher betrachten. Es beſtand zwiſchen Edla und Graf Ludwig eine Aehnlichkeit, welche ſie unwillkürlich zu einander hinzog. Sie waren beide in ihrer Kindheit und Jugend ver⸗ ſtoßen geweſen; beiden waren von der Natur die an⸗ muthigen Gaben verſagt, welche das Herz der Menſchen leicht gewinnen und machen, daß man an ſich ſelbſt Freude findet; beide hatten einen ſtarken, reinen und ſtrengrechtlichen Charakter, wiewohl der des Grafen in Folge ſeines Stolzes und bitterer Erfahrungen immer näher zu rauher Härte überging, während Edlas Stim⸗ mung immer milder und verzeihender wurde. Graf Ludwigs ſtrenge Tugend hatte Evlas Bewunderung, ſein hartes Schickſal ihre herzliche Theilnahme erweckt; Bewunderung und Theilnahme erzeugten eine tiefe und ſtarke Liebe, und Lud geg der nier Lud ſich und wig in auf We wig hegt fel, ſein beid nen ihre Hof eine dach ſie mer meh reiſe über Vat das gew war dieß mer Nin 5 ine ng, auf f,. en, las Ihr en, ein 0 ieſe daß ſie für icht die eine zog. ver⸗ an⸗ chen elbſt und in mer tim⸗ vigs rtes rung iebe, 149 und dieſes Gefühl warf einen Schleier über alle Fehler Ludwigs. Edla hätte gerne ihr Leben für Ludwigs Glück gegeben, allein ſo demüthig dachte ſie von ſich ſelbſt, daß der Gedanke, ſie ſelbſt könnte Graf Ludwig glücklich machen, niemals in ihrer Seele aufſtieg. Aber Nina! Graf Ludwig liebte ſie und die innige Mutterzärtlichkeit, welche ſich in Edlas Herzen immer mehr für Nina entwickelte, und ſogar ſtärker wurde, als ihr Gefühl für Graf Lud⸗ wig, dieſe Zärtlichkeit ließ ſie etwas unendlich Wonniges in dem Gedanken finden, dem Mann, den ſie am Meiſten auf Erden achtete und liebte, ihre Nina zu überlaſſen. Wenn ſie zuweilen eine Furcht überfiel, als ob Graf Lud⸗ wig Nina nicht vollkommen glücklich machen koͤnnte, ſo hegte ſie auf der andern Seite auch manchmal einen Zwei⸗ fel, ob Nina ſeiner würdig ſei. Dieſer Zweifel fand jedoch ſeine Verſoͤhnung in der innigen Ueberzeugung, daß die beiden Geliebten ſich gegenſeitig veredeln und vervollkomm⸗ nen werden, und Edla hatte dabei nicht bloß das Glück ihrer Lieblinge im Auge, ihr Herz ſchlug warm bei der Hoffnung, daß dieſe Vereinigung recht vielen Menſchen eine Quelle der Wohlfahrt ſein werde. So fühlte, ſo dachte Edla. „Verſtehen Sie jetzt, oder wie?“ Wir wollen Edla nun wieder da aufſuchen, wo wir ſie ſo eben verlaſſen haben, nämlich im Geſellſchaftszim⸗ mer vor dem Ofen und ſeinem Feuer. Die letzte Kohle war erloſchen und Edla kehrte nun⸗ mehr auf ihr Zimmer zurück. Als ſie da Alles zur Ab⸗ reiſe vorbereitet fand, kam eine unbeſchreibliche Schwere über ihr Herz. Sie fühlte ſich einen Fremdling in ihres Vaters Haus, ſie wußte, daß ſie beinahe gezwungen war, das Haus zu verlaſſen, wo ſie der ſtille ordnende Geiſt geweſen, wo ſie von Allen geehrt und geliebt worden war. Jetzt ſah ſie ſich einſam, verlaſſen, gemieden, und dieß Alles ohne ihre Schuld. Die Luft in ihrem Zim⸗ mer, der Anblick der Möbel und beſonders Alles, was Nina gehorte, ein kleiner Shawl, den dieſe nachläſſig 15⁰ über eine Stuhllehne geworfen, Alles dieß erweckte in ihr ein Gefühl unbeſchreiblicher Wehmuth. Eine heftige Be⸗ wegung von Bitterkeit ſtieg in ihrer ſonſt ſo leidenſchafts⸗ loſen Seele gegen diejenige auf, die an dieſer ſchmerzlichen Veränderung in ihrem Leben allein Schuld war. Doch ein ſolches Gefühl war ihr ganz unleidlich und ſie bekämpfte es und kämpfte es nieder; mit welchen Waffen? Wer Edla ſo bleich, ſo unbeweglich und ſo ſtumm auf ihrem Reiſekoffer hätte ſitzen ſehen, der hätte wohl nicht daran gedacht, daß ſie einen Kampf ausfocht und einen Sieg errang, ſchwerer als alle Siege Napoleons:— mit wel⸗ chen Waffen? Nenne ſie himmliſche, mein Leſer, du kennſt ſie ſo gut als ich. Evla hatte ſich kalt, ſogar unfreundlich von ihrer Stiefmutter getrennt. Sie beſchloß jetzt einige Worte an ſie zu ſchreiben, um einen freundlicheren Eindruck zu hin⸗ terlaſſen und ihr die Sorge für Ninas Geſundheit und Wohl recht dringend ans Herz zu legen. Als ſie an ihren Schreibpult trat, fielen ihre Augen auf ein kleines Kiſichen von rothem Saffian, das, mit einer gewiſſen Prätention bemerkt zu werden, mitten auf demſelben ſtand. Sie öff⸗ nete es und fand darin ein koſtbares Halsband von ächten Perlen, nebſt folgenden Worten von ihres Vaters Hand: „Der beſten Tochter von ihrem liebenden Vater! Morgen in aller Frühe bin ich bei dir!“ Jetzt erſt rannen Thränen, aber es waren Thränen der Wonne, über Edlas Wange. Sie fühlte, daß ihr Vater ſie verſtand, daß er ihr dankte, und Alles wurde leicht und licht in ihrer Seele. Die Prüfung des Schei⸗ dens hatte ihre Bitterkeit verloren, und wie gerne folgte ſie jetzt nicht der Vorſchrift des Göttlichen, auch unſere Feinde zu ſegnen! Edla reiste ab, das Herz warm von der letzten vä⸗ terlichen Umarmung. Es fiel Niemand ein, über die Ver⸗ gel der lag ner kei inr ihr Be⸗ fts⸗ chen ein pfte Wer rem ran ieg vel⸗ du hrer hin⸗ und ren hen tion öff⸗ ten nd: gen nen ihr de hei⸗ lgte ſere vä⸗ er⸗ 151 anlaſſung zu ihrer Reiſe neugierige Fragen oder Vermu⸗ thungen aufzuſtellen, ſo ſtill und klug hatte ſie Alles vor⸗ bereitet. Tiefe und ſtarke Seelen bewegen ſich leiſe und machen keinen unnöthigen Lärm mit ihrem Leben und mit ihrem Ich. Sie folgen dem Gang der Werke Gottes. Stille ſteigt die Sonne ans Himmelszelt hinauf, ſchwei⸗ gend ſenkt ſich die Nacht über die Erde; was iſt ſtiller als ein Frühlingsnahen und was herrlicher? Das Geheimniß. „Du ſollſt es weder Freund noch Feind ſagen.“ Syrach. Zwei Monate waren ſeit Filius Frescomalerei und Fräulein Margarethens Unglücksfall verſtrichen. Der ab⸗ gebrochene Arm konnte jetzt ſo ziemlich ſeinen Dienſt wie⸗ der thun und Fräulein Margarethe durfte demnächſt das Krankenzimmer verlaſſen, doch die Wahrheit zu ſagen, es lag ihr nicht viel daran. Sie hatte hier ein Glück ken⸗ nen gelernt, das ihr mehr galt, als alle Annehmlich⸗ keiten ihres bisherigen Lebens. Ach, erſt wenn das Herz zu lieben anfängt, fühlt man das Leben voll und innig. gZwiſchen Fräulein Margarethe und Klara hatte ſich — ſie wußten ſelbſt nicht wie— ein herzliches Verhält⸗ niß geſtaltet, das ſie beide glücklich machte. Sie hatten einander Nichts von ihren Angelegenheiten mitgetheilt, keine hatte der Andern den Roman ihres Lebens erzählt oder das Ach und O ihres Herzens vorgeſeufzt, und doch kannten ſie einander ganz genau, doch hegten ſie ein Ver⸗ trauen zu einander, das nur auf Gelegenheit ſich in Wor⸗ ten oder Handlungen zu äußern wartete, um den Namen wahrer Freundſchaft zu verdienen. Vielleicht findet 152 ein zärtlicher Freund dieſen Ausbruck ſchwach; ich weiß keinen ſtärkeren. Fräulein Margarethens Kopf und Herz beſchäftigte ſich bereits mit einem Plane, der ſeiner Reife nahe war, als eines Abends die Gräfin haſtig in das Zimmer trat, wo ſie ſich allein befand, und in fichtbarer Aufregung be⸗ gann:„Nun, was willſt du jetzt ſagen?“ „Was ich ſagen will 2“ erwiederte Fräulein Mar⸗ garethe mit heiterer Ruhe;„vor Allem guten Abend, und dann, wie Klara, ſetze dich und laß uns ruhig bleiben.“ „Ja gerade Klara gibt uns Urſache, es nicht zu ſein,“ verſetzte die Gräfin ſehr verdrießlich.„Margarethe, deine Klara iſt eine Heuchlerin, ein unwürdiges Geſchöpf, welches die Güte, die wir Beide an ſie verſchwendet ha⸗ ben, nicht verdient. Sie iſt eine Schlange, die ich an meinem Buſen erwärmt habe.“ „Nun, nun, was hat's denn gegeben?“ fragte Fräu⸗ lein Margarethe ernſthaft, aber ohne Unruhe. „Sie hat ihr Wort gebrochen— ſie iſt wieder drei Abende heimlich ausgegangen.“ „Nun gut,“ ſagte Fräulein Margarethe, indem ſie ihren Verdruß zu verbergen ſuchte,„deßwegen brauchen wir noch nicht gleich Zetermordio zu ſchreien. Sie wird ausge⸗ gangen ſein, um friſche Luft zu ſchöpfen. Sie war mei⸗ netwegen gar zu lange eingeſperrt.“ „Ganz richtig; aber ſie ſchöpft dieſe Luft bei einem jungen Manne. Ich habe ſie beobachten laſſen. Roſalie hat ſich in dem Hauſe, in das Klara ging, auf Kund⸗ ſchaft gelegt. Dieſe Beſuche ſollen ſchon ſehr oft ſtattge⸗ funden haben.“ Fräulein Margarethe erblaßte und der tüllverzehrende Liebhaber war ihr jetzt ſchrecklicher, als Lucifer. Nach einem Augenblick tiefen Stillſchweigens ſagte ſie:„Wer iſt er? was iſt er? wo wohnt er?“ Die Gräfin nannte das Haus, konnte aber in Be⸗ ziehung auf ſeine Perſon nur ganz verworrene Angaben eiß te ar, at, be⸗ ⸗ id, ig zu e, f, a⸗ an u⸗ 153 mittheilen.„Es heißt,“ ſagte ſie,„er habe ein Verbre⸗ chen begangen, geſtohlen oder falſches Geld gemacht, und verberge ſich jetzt vor der Polizei— auch lebe er in größter Armuth— mit einem Wort, es iſt eine äußerſt ſcandalöſe Geſchichte.“ „Armuth?“ wiederholte Fräulein Margarethe. „Ja,“ fuhr die Gräfin fort,„und es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß Klara ihn unterſtützte mit— ich will ſie nicht geradezu beſchuldigen— aber ihre Auf⸗ führung zeugt ſtark genug gegen ſie und macht auch das Schlimmſte glaublich. Klaras Weigerung, den Zweck ihrer Spaziergänge anzugeben, iſt der deutlichſte Beweis von der Schlechtigkeit ihrer Wahl. Ich finde wahrhaftig ihre ganze Aufführung ſo unwürdig, ſo emporend, daß ich ſie bei der nächſten beſten Gelegenheit aus meinem Hauſe zu ſchaffen wünſche. Da weder Güte noch Ernſt bei ihr ſo muß ſie bereits ein ſehr tief geſunkenes Geſchöpf ein.“ „Daran zweifle ich ſehr,“ ſagte Fräulein Margarethe trocken. „Ich wünſche auch, daß es ſich anders verhalten möge,“ verſetzte die Gräfin,„allein ich kann es nicht glau⸗ ben. Inzwiſchen werde ich Klara nicht im Stiche laſſen, allein aus meinem Hauſe muß ich ſie entfernen. Meine Domeſtiken wiſſen von dem Handel und ich kann mich nicht dem Scheine ausſetzen, als ſehe ich gut zu dem Scandal, den ihre Aufführung veranlaßt. Klara muß unter ſtrenge Aufſicht. Ich habe daran gedacht, ſie bis auf Weiteres der Frau F. zu übergeben.“ „So? der Grenadiersfrau? Eine gute Wahl, und wann gedenkſt du Klara fortzuſchicken?“ „So bald als möglich. Gleich morgen, wenn es ſich thun läßt; ich geſtehe, daß der tägliche Anblick von ſo viel Undankbarkeit und Frechheit mir das Herz im Leibe umdreht. Ueberdieß bedarf es entſcheidender und ſchneller Maßregeln; ich habe mit Klaras Brüdern geſprochen...“ „Das haſt du gethan?“ fiel Fräulein Margarethe 154 heftig ein;„du haſt ihnen deinen Verdacht gegen die Schweſter mitgetheilt?“ „Ja, das habe ich,“ antwortete die Gräfin,„weil ſie zuerſt erfahren müſſen, wie es mit ihrer Schweſter ſteht, und zugleich um den Schritt, wozu mich Klara nö⸗ thigt, vor ihnen zu rechtfertigen. Sie kamen heute Abend kurz nach Roſaliens Rückkehr von ihrer Entdeckungsreiſe; ich war aufgeregt von dem, was dieſe mir ſagte, und ich dachte, die Vorwürfe der Brüder würden ſtärker auf ſie wirken, als bisher meine Ermahnungen. Sie verdient keine Schonung mehr.“ „Du haſt voreilig und unzart gehandelt, Natalie,“ ſagte Fräulein Margarethe mit großem Mißvergnügen. „Warum nicht vorher mit mir ſprechen und gemeinſchaft⸗ lich in Berathung ziehen, was zu thun iſt? Wer weiß, ob nicht Klara rein aus dieſem Dunkel hervortritt 2 Nun, was ſagten denn die Brüder?“ „Sie waren außer ſich, ſie wollten verzweifeln, die armen Jungen; indeß baten ſie mich, ganz nach Gutdün⸗ ken zu verfahren.“ „Das iſt mehr, als ich an ihrer Stelle gethan ha⸗ ben würde. Ich kann nicht billigen, was du gethan haſt und kann meine Zuſtimmung nicht geben zu dem, was du thun willſt.“ „Margarethe,“ ſagte die Gräfin etwas ſtolz,„mei⸗ ner Obhut, meiner Aufſicht wurde Klara übergeben.“ „Dagegen habe ich nichts einzuwenden, Natalie,“ verſetzte Fräulein Margarethe etwas raſch.„Indeß bitte ich dich dringend, heute Abend nicht mit ihr zu ſprechen, eine Zuſammenkunft zwiſchen ihr und ihren Brüdern zu verhindern und ſie, ſobald ſie kommt, zu mir zu ſchicken.“ Die Gräfin mußte dies verſprechen und da in die⸗ ſem Augenblick der Präſident ſagen ließ, der Wagen ſtehe ſchon eine halbe Stunde vor dem Hauſe und er ſelbſt warte auf ſeine Gemahlin, um mit ihr zum Hoffeſte zu fahren, ſo überließ ſie Fräulein Margarethe ihren eigenen Betrachtungen. 8 fin, 155⁵ Und Fräulein Margarethe ſaß lange ſchweigend im Finſtern da;— ſie weinte. Nachdem ſie ſich indeß wieder beruhigt und ihre Gedanken einigermaßen geordnet hatte, klingelte ſie, ließ die Lampe anzünden, und wartete in einer Sophaecke ſitzend, mit der Ruhe, welche ein be⸗ ſtimmter Vorſatz gibt, auf Klaras Rückkunft. Klara kam. Ihre Tritte waren leichter, ihr Aus⸗ ſehen freudiger, als gewöhnlich, und nur ihre Stimme verrieth einige Haſt, einige Unruhe, als ſie Fräulein Mar⸗ garethe etwas über ihren Arm fragte. Verblüfft über die kurzen Antworten und den Ton, worin ſie gegeben wurden, ging Klara zu ihrer Freundin hin, ſah ihr treu⸗ herzig in die Augen und fragte ſie zärtlich: Biſt du ver⸗ drießlich? was iſt vorgefallen 2“ Dieſer Blick und dieſer Ton that Fräulein Marga⸗ . wehe. Sie wandte ſich weg und ſagte kurz und reng: „Klara, du haſt dein Wort gebrochen. Du biſt aber⸗ mals allein ausgegangen, und zwar Abends.“ Klara ſchwieg. Ohne den Muth zu haben, ſie an⸗ zuſehen, fuhr Fräulein Margarethe fort: „Man iſt dir nachgegangen— du biſt bei einem jungen Mann geweſen Klara ſchwieg. Fräulein Margarethe ſah ſie an. Sie war ſehr bleich und hielt ſich mit der Hand am Tiſche, als ſuchte ſie Faſſung zu erringen. Es folgte eine lange Stille.„Klara!“ rief Fräu⸗ lein Margarethe endlich mit einer Stimme, welche die Angſt ihrer Seele verrieth,„Klara, haſt du Nichts zu ſagen?“ Klaras bleiche Lippen öffneten ſich zu einem leiſen, aber beſtimmten„Nein.“ „Dann, Flara,“ ſagte Fräulein Margarethe in ei⸗ nem kummervollen, aber ſtrengen Tone,„dann will ich dir ſagen, welches Schickſal dich erwartet, wozu deine Aufführung, deine Halsſtarrigkeit führen wird. Die Grä⸗ fin, mit Recht erzürnt über deine Undankbarkeit, hat 156 deine Brüder von deinem Betragen und den ſchlimmen Gedanken, wozu es berechtigt, in Kenntniß geſetzt. Mor⸗ gen wirſt du dieſes Haus verlaſſen, und zwar mit Schande verlaſſen, denn die Dienerſchaft weiß um deine Wanderun⸗ gen. Bald werden alle Leute davon ſprechen, die an derlei Sachen eine Freude haben. Dein guter Ruf iſt verloren.“ Sehr blaß, aber ruhig, ſagte Klara mit leiſer Stimme:„So iſt es ſchon manchem Unſchuldigen vor mir Gott ſah auf ihn, er wird auch auf mich ehen.“ „Sprich nicht ſo, Klara,“ erwiederte Fräulein Mar⸗ garethe heftig,„und mißbrauche hier den Namen Gottes nicht. Ich kann es nicht ausſtehen, wenn man von Un⸗ ſchuld ſpricht, während die Handlungen das Gegentheil beweiſen. Ich habe keinen beſondern Glauben an ſolche unglücklichen Umſtände, welche die Leute zwingen, vor ihren Mitmenſchen verbrecheriſch zu erſcheinen, ſich in heimliche Wanderungen einzuſpinnen, und dann den lieben Herrgott zum Zeugen aufzurufen, daß ſie ſich auf guten Wegen befinden. Wiſſe, Klara, es ſteht in der Schrift: „Gute Thaten ſcheuen das Licht nicht.“ Solche Heim⸗ lichkeiten und ſolche Umſtände findet man nur in Ro⸗ manen „Nur in Romanen?“ fiel Klara mit einem ſchmerz⸗ lichen Lächeln ein. „Ja, nur in Romanen,“ fuhr Fräulein Margarethe mit ſteigendem Eifer, fort.„Dorthin gehören Intriken, heimliche Spaziergänge und Weigerungen, ſich einer wohlmeinenden Freundin zu entdecken. In der wirklichen Welt, Klara, hilft man ſich mit Ehrlichkeit und ein Bis⸗ chen geſunder Vernunft zurecht. Ich frage dich noch ein⸗ mal, willſt du dich mir anvertrauen? Klara, ich bitte, ich beſchwöre dich. vertraue dich mir an.“ „Ich kann nicht! es iſt unmöglich!“ ſagte Klara, mit Mühe ihre Thränen zurückhaltend. „Klara,“ fuhr Fräulein Margarethe eifrig fort;„ich will das nicht hören. Es iſt menſchlich, zu fehlen, „ lor rich fol mit als und du her Ert thu en r⸗ de n⸗ lei . er ir r⸗ es n„ eil he or in en en n⸗ 0⸗ he n, er en is⸗ n⸗ te, nit ich n, 157 aber man ſoll nicht dumm ſein, denn das iſt unmenſchlich, weil der Menſch geſunde Vernunft bekommen hat! Deine Aufführung in dieſem Augenblick gränzt ans Aberwitzige und durch deinen Eigenſinn reizeſt du gerade diejenige gegen dich auf, die dich retten könnte und ſo gerne retten möchte.“ „Ich kann es nicht ändern,“ ſagte Klara,„es mag ſein.“ „Du biſt unerträglich!“ rief Fräulein Margarethe, faßte ſich aber ſchnell, und fuhr mit tiefem Ernſt fort: „Uebereile dich nicht! Denke an die Folgen! Es kann ſchwer fallen, eine Verirrung zu bekennen; aber es iſt auch nicht ſo leicht, ein langes Leben in Armuth uud Verach⸗ tung dahinzuleben. Beſinne dich wohl, Klara. Die Gräfin kann ſich noch erweichen laſſen, deine Zukunft kann noch gerettet, dein Fehler kann noch verziehen werden, Alles unter einer Bedingung— geſtehe.“ „Ich kann nicht und werde nicht,“ ſagte Klara jetzt mit feſtem Tone.„Mein Wandel iſt rein, aber ich kann ihn nicht an den Tag legen.“ „Noch einen Augenblick,“ ſagte Fräulein Margarethe mit furchtbarer Beſtimmtheit,„dann gebe ich dich ver⸗ loren. Deine Brüder ſind von deiner Aufführung unter⸗ richtet, du haſt von ihnen Vorwürfe, vielleicht ſogar Ver⸗ folgung zu erwarten; die Gräfin wird dich drücken „Dem werde ich mich zu entziehen wiſſen,“ fiel Klara mit einiger Gereiztheit ein und machte eine Bewegung, als wollte ſie ſich entfernen. Fräulein Margarethe legte die Hand auf ihren Arm und ſagte, indem ſie ſie ſcharf und prüfend anſah:„Willſt du etwa davonlaufen? Mit deinem Liebhaber im Lande herumſtreichen und Tragödien„ „Nein, nein, nein!“ rief Klara heftig. „Wähle beſſer, Klara,“ fuhr Margarethe mit kaltem Ernſte fort.„Ich will dich retten, ich will Alles für dich thun. Ich fordre, ich erbitte mir nur Eines— dein 158 Vertrauen. Du haſt jetzt die Wahl zwiſchen meinem Schutze und öffentlicher Schande. Wähle!“ „Meine Wahl iſt getroffen,“ ſagte die todtenbleiche Klara leiſe;„ich bin unſchuldig, aber ich kann, ich will es nicht beweiſen.“ „So geh!“ rief Fräulein Margarethe heſtig;„geh! ich glaube nicht an deine Unſchuld und will nichts mehr mit dir zu thun haben. Morgen wirſt du mit Schmach aus dem Hauſe gewieſen.“ „Ich werde es nicht abwarten,“ ſagte Klara, aber ſo leiſe, daß Fräulein Margarethens feines Ohr die Worte kaum hoͤrte. Sie ging an die Thüre und ſchien das Zim⸗ mer verlaſſen zu wollen; allein in dem Augenblicke, da ſie die Hand aufs Schloß legte, fühlte ſie ſich von zwei Armen umfaßt und zurückgehalten. Fräulein Margarethe war es, die ſie beinahe mit Gewalt an den Sopha führte, ſich neben ſie ſetzte und ſie umfaßt hielt, indem ſie mit einem Tone, den man hören mußte, um ſeine Wirkung recht zu verſtehen, zu ihr ſagte: „Biſt du raſend?— Glaubſt du, das könne mein Ernſt ſein? Glaubſt du, ich konne dich verſtoßen, Klara? Höre, mein Kind! Dieſe Arme, die dich hier halten, du haſt ſie gepflegt, deine treue Wartung hat ihnen wieder Stärke gegeben. Darum haben ſie ſich auch für das ganze Leben um dich geſchloſſen. Glaube nicht, daß du dich mir noch entwinden kannſt, du magſt dich ſo närriſch anſtellen, als du nur willſt. Höre, Klara, mein armes Kind!— du haſt unrecht, du haſt unverſtändig gehandelt;— indeß fürchte dich nicht, ich will es wo möglich wieder zum Guten zu kehren ſuchen. Ich bin reich, ich habe für Niemand zu ſorgen; du ſollſt mein Kind ſein, Klara. Armes Kind!“ fuhr ſie fort, indem ſie ſie inniger an ſich drückte,„du biſt unvorſichtig, biſt exaltirt geweſen aber an ein Verbrechen kann und will ich nicht glauben. Fürchte dich nicht, vertraue dich mir; wir wollen Alles wieder gut machen. Ich könnte mich ſelbſt ſchlagen, wenn ich dich einer Schlechtigkeit oder Nieverträchtigkeit fähig gle all Fo die ſtel übe me the ſie du gar an nick deß wie jetzt Bie die Bej ſich nem Hal Me getl Unn zeuc ſein ſow dein woll meh eige m ein 7 du er ize ir n, eß m ür a. ich n. es nn ig 159 glaubte. Ich will lieber alles Andere glauben; ich will alles Andere auf mich nehmen, tragen und die ſchlimmen Folgen abwenden. Und du wirſt mich in Stand ſetzen, dieß zu thun; du nußt es, Klara; ſiehſt du, von nun an ſtehſt du in meiner Obhut und ich werde meine Tyrannei über dich unbarmherzig ausüben. Du wirſt zu mir ziehen, mein Haus, meinen Tiſch, Alles, was ich beſitze, mit mir theilen. Du ſollſt mir deine Wünſche ſagen, damit ich ſie erfülle, deine Sorgen, damit ich ſie beſeitige; willſt du das, Klara? willſt du es, mein Kind 2“ Klara konnte jetzt nicht antworten. Fräulein Mar⸗ garethe ſah es und hielt das zitternde Mädchen ſchweigend an ihre Bruſt gedrückt.„Höre Kind,“ fuhr ſie dann fort, um ihr Zeit zu geben, ſich zu beruhigen,„ich verlange nicht, daß du mich ſchon jetzt lieben ſollſt— mach' dir deßhalb keine Sorge— aber ich hiete dir Trotz, ob du es unterlaſſen kannſt, wenn du einmal fiehſt und fühlſt, wie ich meine Hand über dir halten werde. Ich verlange jetzt keine Freundſchaft, nur ein Bischen Vertrauen, ein Bischen geſunde Vernunft oder einige Folgſamkeit gegen die meinige. Einige Nachgiebigkeit, eine Abbitte und Beſſerung biſt du mir indeß ſchuldig, denn ich ver⸗ ſichere dich, daß es mir ganz übel geworden iſt von dei⸗ nem Geheimniß und von dem unſichtbaren Liebhaber, der Halsbänder und Tüllkrägen verſchluckt, wie ein gewöhnlicher Menſch Krammetsvögel ißt; aber am weheſten hat es mir gethan, daß ich dich ſelbſt mitunter wegen noch ſchlimmerer Unnatürlichkeiten im Verdacht haben mußte. Ich bin über⸗ zeugt, daß mir Alles dieß in den Arm gezogen iſt und ſeine Heilung erſchwert hat. Indeß bedarf es nur eines Wortes von dir, um ihn in den Stand zu ſetzen, für dich ſowohl gegen Freier und Beſchützerinnen, als auch gegen deine eigene Thorheit zu kämpfen. Und ich ſage dir, daß ich es auch ohne dieſes Wort zu thun gedenke, ja du magſt wollen, oder nicht. Ich habe mir vorgenommen, dich nicht mehr frei zu geben, Alles, was dich betrifft, zu meiner eigenen Angelegenheit zu machen. Da magſt du thun, 160 was du willſt, du wirſt jederzeit mein unverſtändiges, geliebtes Kind bleiben.“ Klara war im Anfang ſprachlos vor Ueberraſchung geweſen, aber bei dieſen Worten, bei dieſen Tönen der tiefſten Innigkeit, bei der Gewißheit, eine Freundin zu beſitzen, löste ſich ihre Seele in ein Gefühl unendlicher Freude und zugleich unendlicher Wehmuth auf. Sie legte ſtille ihren Kopf an Fräulein Margarethens Schulter und ließ ihren Thränen freien Lauf. Als ſie etwas ruhiger S war, ſagte Fräulein Margarethe zärtlich und eiter: „Verſprich mir inzwiſchen wenigſtens, daß du nicht davonſpringen willſt, denn ich fühle, daß mein lahmer Arm noch nicht ſtark genug iſt, um dich feſtzuhalten.“ „Ich verſpreche es,“ ſagte Klara lächelnd unter Thränen. „Gut! Und nun eine Frage: wohin wollteſt du ſoeben gehen? Was hatteſt du im Sinne zu thun? „Fort, weit fort. in einen Dienſt „In einen Dienſt— bei deinem Liebhaber— bei deinem Mann!“ „Nein, nein! Ich habe weder das Eine, noch das Andere.“ „Höre, Klara,“ ſagte Fräulein Margarethe in vor⸗ wurfsvollem Tone,„verdiene ich noch immer, ſo abgeſpeist zu werden?“ „Und willſt oder kannſt du meinen Worten immer noch nicht glauben? Dann liebſt du mich auch nicht,“ ſagte Klara mit Eifer und ſtand auf. „Nun, nun, renne nur nicht gleich auf die Thüre zu,“ verſetzte Fräulein Margarethe und hielt ſie an ihrem Kleide,„wir können ja ruhig von der Sache ſprechen. Du haſt alſo keinen Mann, du biſt nicht heimlich ver⸗ heirathet. folglich iſt es ein Bruder, den du beſuchſt?“ „Frage mich Nichts, frage mich Nichts,“ bat Klara heftig aufgeregt.„Ich kann wahrhaftig nicht antworten.“ 161 es,„Und iſt es Nichis, deſſen du dich zu ſchämen haſt? Erinnerſt du dich auch der zehn Gebote Gottes, kannſt ing du die Hand aufs Herz legen und betheuern, daß du un⸗ der ſchuldig biſt?“ ſagte Fräulein Margarethe, indem ſie Klara zu aufmerkſam anſah. i„Ja, das kann ich! Ich bin es!“ antwortete Klara und drückte die Hände feſt gegen ihre Bruſt. und„Nun gut, Klara,“ ſagte Fräulein Margarethe;„ich ger will dich jetzt nicht mehr mit Fragen quälen. Ich will und ijetzt nicht länger den Thomas ſpielen, ſondern glauben, wenn ich auch nicht ſehe: Ich glaube, daß du meine icht Freundin biſt.“ Dabei ſah ſie Klara mit einem Aus⸗ druck vollkommener Ruhe und inniger Freude an. Es gibt vielleicht kein ſo wonniges Gefühl, als das ter des blinden Vertrauens. Es kann das Thoͤrichtſte, es dann aber auch das Weiſeſte, das Göttlichſte am Men⸗ ben ſchen ſein. „Siehſt du,“ fuhr Klara fort, indem ſie Margare⸗ thens Hände in die ihrigen nahm, und ſie dabei mit einer bei gewiſſen Wildheit und einer Bewegung, welche Fräulein Margarethe noch nie an ihr geſehen hatte, anblickte— das vich habe einen Eid gethan, einen theuren Eid— ich habe auf die Bibel geſchworen, zu ſchweigen. Es war or⸗ ein furchtbarer Eid in einer ſchreckliichen Stunde. Ver⸗ eist dammung— Tod— gingen darüber.“ Klara ſchauderte zuſammen. wch„Mein Gott!“ dachte Fräulein Margarethe,„hier han⸗ gte delt es ſich wieder um ein Majeſtätsverbrechen. Gott be⸗ B ſchütze den König!“ üre„Aber jetzt,“ fuhr Klara fort, indem ſie ihre gefal⸗ rem teten Hände und ihre Augen mit brünſtigem Danke zum hen. Himmel erhob;„jetzt, von heute an bin ich frei, frei von ver⸗ aller Mitwirkung und allen heimlichen Handlungen, jetzt kann ich in Reinheit und Wahrhaftigkeit vor meinen Mit⸗ krg nenſchen einhergehen. Gott ſei Lob und Dank dafür ge⸗ en.“ ſagt!“ Die Purpurflammen brannten hoch auf Klaras Wan⸗ Bremer, Rina. 14 16² gen, ihre Augen ſtrahlten; Fräulein Margarethe fand ſie ſchön, erſchrack aber über ihre Exaltation und war un⸗ ruhig über ihre Worte. Sie legte ihre Hand ſanft auf des aufgeregten Mädchens und ſagte mit Nach⸗ ruck; „Klara, ich muß dir jetzt noch eine Frage vorlegen und dieſe mußt du beantworten: Leidet Niemand durch dein Geheimniß? Iſt kein Unrecht, keine Gefahr für Je⸗ mand damit verbunden?“ „Nein, nein!“ rief Klara,„dieß durchaus nicht. Es iſt Alles gut, Alles überſtanden, und ich darf von nun an offen handeln. Gott ſei Lob und Dank dafür geſagt!“ „So beruhige dich und gib dich zufrieden,“ bat Fräu⸗ lein Margarethe. Allein zu heftige und entgegengeſetzte Gefühle hatten Klaras ſonſt ſo ruhige, obſchon tiefe Seele erſchüttert. Ihr ganzes Weſen war aus ſei⸗ nem Gleichgewicht gebracht und ſie verfiel in heftige Zuckungen. Fräulein Margarethe, entzückt und zugleich erſchro⸗ cken, übergoß ſie mit kölniſchem Waſſer, gab ihr hof⸗ männiſche Tropfen ein und wünſchte jetzt, ſie möchte we⸗ niger gefühlvoll, weniger exaltirt ſein. Klara wurde allmählig ruhiger und ſchlief endlich, den Kopf auf ihrer Freundin Schvoße, ein. Da es indeß ganz und gar nicht in Fräulein Mar⸗ garethens Schickſal lag, daß eine Scene, wo ſie eine Hauptrolle ſpielte, anders, als munter endigen konnte, ſo ging auch dieſer Abend nicht zu Ende, ohne daß man beive Freundinnen herzlich lachen hoͤrte. Fürs Erſte gelang es Fräulein Margarethe, wie⸗ wohl nicht ohne Mühe, Klara zu überzeugen, daß ſie in der Lebensſtellung, die ſie ihr anbot, ihren Mitmen⸗ ſchen weit mehr Nutzen und Freude gewähren könne, als in jeder andern, und daß ſie überdieß auf dieſe Art den Willen des Herrn erfülle, demzufolge die Menſchen ein⸗ ander lieben und gegenſeitig glücklich machen ſollen. Als dieſes feſigeſtellt und abgemacht war, gab Fräulein Mar⸗ mei und lebe Blä wen dſie un⸗ auf ach⸗ egen urch Je⸗ Es an räu⸗ ſetzte tiefe ftige hro⸗ oſ⸗ ve⸗ lich, kar⸗ eine nan wie⸗ ſie en⸗ als den ein⸗ Als ar⸗ 163 garethe, die ſich in ihrer Eigenſchaft als mütterliche Freundin für befugt hielt, näheren Antheil an Klaras Er⸗ ziehung zu nehmen, ihr eine halb ſcherzhafte, halb ernſte Lection über ihre bisherige Aufführung, ihre Gleichgültig⸗ keit, ihre Näherei und ihre Unhöflichkeit, was ſie ihr in ſchauderhaften Farben vormalte. Sie warnte Klara ernſt⸗ lich davor und drohte, die unglückſelige Näharbeit auf's Neue in's Feuer zu werfen, wenn ſie ſich wieder dadurch verhindern laſſe, ven Leuten Gehör zu ſchenken. Klara lachte, verſprach Beſſerung, und Fräulein Margarethe verſprach ihr dagegen, ſie nicht mehr mit dem Heirathen zu plagen. Inzwiſchen wünſchte ſie doch, Klara möchte ſich in Bezug auf den Baron H. wohl bedenken. Allein das Blatt hatte ſich jetzt gewendet und die Frage lautete jetzt nicht mehr, ob Klara des Barons, ſondern nur noch, ob der Baron Klaras würdig ſei, ob er ſie von Herzen liebe und ob er nicht gar zu ſehr die Hausfrau im Auge habe. Beſonders mußte ausgemittelt werden, woher Fi⸗ lius kam und weſſen Geiſtes Kind er war. Fräulein Mar⸗ garethe nahm ſich vor, auf paſſende Weiſe hierüber Er⸗ kundigungen einzuziehen. Sodann ſtellte ſie eine Verglei⸗ chung an zwiſchen dem, was Klara ihr vorher geweſen und was ſie jetzt war, und ſchloß mit der Frage: „Aber ſage mir, wie konnteſt du ſo taubſtumm gegen mich ſein?“ „Ich liebte dich damals nicht,“ war Klaras Antwort. „Und jetzt?“ „Jetzt— o ſchon lange— von ganzem Herzen, für mein ganzes Leben!“ Es iſt lieblich, wenn junge Mädchen ſich in Güte und Freude an einander anſchließen und mit einander leben und ſpielen, wie die Wogen am Strande, wie junge Blätter, die der Wind zuſammenflicht, aber ſchön iſt es, wenn Frauen von edlem und gefeſtigtem Charakter ſich 164 treffen, ſich prüfen und ſchätzen lernen, wenn ſie einander wahre Freundſchaft ſchenken. Dieſes Freundſchafts⸗ band findet ſich öfters im Leben, als man im Allgemeinen glaubt, und wo ich zwei Freundinnen unter demſelben Dache beiſammen ſehe, da wird es mir wohl ums Herz, denn ich weiß dann, daß ſich bei ihnen dasjenige findet, was das Leben lieblich, die Tage erquicklich und leicht macht. Und, meine Freunde, was bedürfen wir denn, um glücklich zu ſein, mehr, als eine geſetzliche Freiheit, unſer tägliches Brod, einen Freund und dann— einiges Reden über das hoͤhere Leben, das uns alle berührt, eini⸗ ges Nachdenken, einiges Lauſchen auf die Geſpräche, welche die guten und weiſen Männer aller Zeiten mit einander geführt, einige Aufmerkſamkeit auf das große Weltdrama und auf die Ausſprüche der guten Dichter— ja einige Beſchäftigung mit dieſen, damit unſere Bruſt ſich erwei⸗ tere, damit wir beſſer werden und nicht zuſammenſchrum⸗ pfen in unſer kleines Ich, in die Enge hausgebackener Bedürftigkeit! Weiter. Nun wohlan denn weiter! Gähnender Herr. Windſtillen gibt es nicht blos auf dem Meere, ſon⸗ dern auch auf dem Lande und im Leben. Die Geſchichte hat ihre Perioden oder Stille, der Menſch hat ſie in ſei⸗ nem Leben, es gibt Tage und Stunden förmlicher Stille. Dann lebe das Gähnen! Die Stille iſt nicht Ruhe; ſie iſt ein Schaukeln, ein Wellenſchlag, der Nichts zu bedeuten hat. Es fehlt an dem belebenden Winde. Wer eine Erzählung aus dem Alltagsleben ſchreibt, der darf Alles hineinbringen, nur nicht ein getreues Bild einer ſolchen Periode, die leider die Quinteſſenz manches Au den all mel nder fts⸗ inen lben erz, det, eicht um nſer iges eini⸗ elche nder ama nige wei⸗ um⸗ ener r. ſon⸗ chte ſei⸗ ille. he; zu Wer darf iner All⸗ 165 tagslebens bildet. Dieſe muß er eiligſt überſpringen, ſonſt liest Niemand, was er ſchreibt, oder er lauft Gefahr, daß der Leſer die Seekrankheit über ſeinem Buch bekommt und gar übel damit umgeht. Mit heimlichem Schreck eile ich deßhalb weiter, denn der Wind in meiner Ge⸗ ſchichte iſt ſeit geraumer Zeit gefallen. Er iſt unterdrückt vom Weltleben eines Winters in der Hauptſtadt(d. h. alſo von einem Schaukeln ohne Wind, einem Wellenſchlag ohne Bedeutung), der hier im Laufe meiner Erzählung vorkommt, deßhalb weiter, weiter von dannen und hinweg von dieſer Zeit;— aber ſo lange noch ein Lüftchen ſpielt, dürfte es doch nicht gar zu naſeweis ſein, zum Frommen meiner Paſſagiere da einen Schleier zu lüften, dort einen Vorhang aufzuziehen, oder hinter eine Jalvuſie zu ſchielen und überhaupt in aller Eile ein wenig nach den guten Freunden zu ſehen. Wir können uns das Vergnügen nicht verſagen, ei⸗ nen flüchtigen Blick auf die Beſtürzung der Gräfin Na⸗ talie und das wilde Entzücken der drei wilden Brüder, auf Roſaliens langes, und der Köchin, die Klara von ganzem Herzen ergeben war, ſonnenklares Geſicht zu wer⸗ fen, als Fräulein Margarethe mit ihrer gewohnten Be⸗ ſtimmtheit in hohem Tone ſich Klaras auf eine Weiſe an⸗ nahm, die alle Klatſchereien in der Geburt erſticken mußte und eine Glorie von Glück und Reinheit um Klaras un⸗ ſchuldiges Haupt ſtrahlen ließ. Noch weniger können wir uns der Freude berauben, ein Bischen in Klaras neue Wohnung zu ſehen, und zu beobachten, wie ſie in dem milden Sonnenſchein daſelbſt zu Fräulein Margarethens inntgſtem Vergnügen mit je⸗ dem Tage mehr eine ſeltene Geſchicklichkeit im Blumen⸗ zeichnen nach der Natur entwickelt, ein Talent, wozu ſie den Grund in einem Leben gelegt hatte, das ſür ſie ohne alle Blumen geweſen war. Fräulein Margarethe liest ihr dabei vor aus den„Memoiren des Abrantes“ und mehreren ähnlichen Büchern, welche Klaras Augen für das prachtvolle und wechſelnde Farbenſpiel des Lebens 166 öffnen, das ſie erfreut und zugleich in Verwunderung ver⸗ ſetzt. Dies ſtörte ſie jedoch nicht in ihrer Lebensauffaſ⸗ ſung, denn dieſe war eine wahre, wie auch die Fräulein Margarethens; bisher waren ſie beide zu ausſchließend geweſen, jetzt aber wurden ſie durch einander aufgeklärt und verſöhnt. Oft legte Fräulein Margarethe ihr Buch weg, um Klaras Malerei zu betrachten, noch mehr aber um ihr in ihre ſanften Augen zu ſchauen; ſie legte dann die Hand auf Klaras Schulter, Klara ſah auf und nach dieſem gegenſeitigen, freundlichen Lichtblick in ihre Seelen nahm Fräulein Margarethe ihr Buch wieder in die Hand, Klara malte weiter an ihren Blumen und das Leben dünkte beiden angenehm; Klaras ſtille und wohlthuende Wirkſamkeit erweiterte den Blick der Freundinnen über das Leben und gab ihm einen ſchönen Ernſt und ein man⸗ nigfaltiges Intereſſe. Auch auf Klaras Freier wollen wir in der Ge⸗ ſchwindigkeit einen Blick werfen. Herr Fredriks liebte raſche Unternehmungen und konnte ſich nicht zum War⸗ ten entſchließen; nach einer nochmaligen Unterredung mit Klara küßte er ihr achtungsvoll die Hand, ſagte herzlich: „Gott ſegne Sie!“ und bevor drei Monate vergingen, hatte die Kirche ſeinen Bund mit einer Andern geſegnet. Baron H. dagegen hielt aus. Er fuhr fort, Klara eine Aufmerkſamkeit zu widmen, die allmälig einen Aus⸗ druck väterlicher Innigkeit annahm. Er theilte ſich zwi⸗ ſchen ſie und Fräulein Margarethe, die auf ihre feine Art wiederum nähere Nachforſchungen über Filius einzu⸗ leiten begann, denen der Baron auf ſeine nicht minder feine Weiſe auszuweichen wußte. Fräulein Margarethe hatte ſich— ich weiß nicht recht warum— in den Kopf geſetzt, Filius müſſe der Sohn einer Operntänzerin ſein. Da ſie nun, wie wir mit dem beſten Willen nicht läug⸗ nen könnten, ihre Vorurtheile hatte, und eine ſolche Epi⸗ ſtenz„mit den Beinen in der Luft“ von ganzem Herzen verachtete, ſo hing dieſe muthmaßliche„Liaſon,“ gegen die 167 er⸗ ſich ihr reines Sittlichkeitsgefühl ſträubte, den guten Ei⸗ aſ⸗ genſchaften des Barons ein gewichtiges Aber an. Man ein gab ihm jetzt zu verſtehen, daß er Klaras Hand nur durch end Fräulein Margarethe erhalten könnte, im Fall nämlich ärt Klara in eine Verbindung mit ihm willigen würde. Der uch Baron antwortete, dieſe geliebte Hand werde ihm dadurch ber nur doppelt theuer werden; Klara fuhr fort, abſchlägige inn Antworten in ihr Benehmen zu legen, der Baron fuhr ach fort, ſich nichts darum zu bekümmern und das Herzliche len in ſeinem Weſen, der väterliche Charakter ſeiner Erge⸗ nd, benheit machte, daß Klara allmählig anfing, Gefallen an ben ſeinen Aufmerkſamkeiten zu finden und ſich freundlich ge⸗ nde gen ihn geſtimmt zu fühlen. ber Filius zeichnete ihr Portrait in unendlichen Zügen. an⸗ Nina fährt fort, der Gegenſtand allgemeiner Auf⸗ merkſamkeit und der vielfachſten Huldigungen zu ſein. e⸗ Graf Ludwig iſt um ſie; das Verhältniß zwiſchen ihnen bte iſt freundlich, aber ohne alle Vertraulichkeit. Alles um ar⸗ ſie her iſt heiter und ſchmeichelnd, aber ihr Blick verräth nit immermehr ein freudenleeres Inneres; ſie verſinkt von ch: Tag zu Tag mehr in einen Zuſtand träumender Unthä⸗ en, tigkeit, und die Gräfin thut Alles, um ſie darin zu er⸗ et. halten. Auf weichen Seidenkiſſen ruhend, liegt ſie matt ara und ſchön von Blumen umgeben da, und liest die neue⸗ us⸗ ſten franzöfiſchen Romane, womit die Gräſin ſie unauf⸗ wi⸗ hörlich verſorgt. Der talentvolle, aber unreine Balzac, ine der ſchöpferiſche, aber chaotiſche Victor Hugo und die zu⸗ Schaaren ihrer Nachbeter kommen nicht von ihrer Seite. der Allmählig ſcheint eine gewiſſe Veränderung in ihrem We⸗ the ſen vorzugehen. Ihre Kleidung wird prächtiger und we⸗ opf niger ſittſam, ſie leiht mit einer Art Vergnügen Schmei⸗ in. cheleien ihr Ohr, die bei dieſen Symptomen dreiſter wer⸗ den und ſich näher heranwagen. Sie verliert nach und ri⸗ nach Etwas von ihrer hohen Einfachheit und wird den en gewöhnlichen Menſchen ähnlicher. O Nina, Nina! Statt, die wie Edla meinte, deine Umgebung zu dir hinaufzuziehen, ſcheinſt du immermehr zu ihr herabzuſinken. Arme Edla! 168 Um indeß nicht zu ſtreng über Nina zu denken, laßt uns ſie näher betrachten; laßt uns einen Blick in die Tiefe ihrer Seele werfen, und dieß wo möglich immer bei fehlenden Mitmenſchen thun; unſer Tadel wird dann oft durch Mitleid gemildert werden. Wir wollen Nina in einer der wenigen Stunden be⸗ trachten, wo ſie allein iſt und ſich durch Aufzeichnung ihrer Gedanken klar zu werden ſucht; eine gewiß vortreff⸗ liche Uebung, die der jungen Leſerin nicht genug empfoh⸗ len werden kann.— Nina ſchreibt: „Edla bat mich zu ſchreiben; ſie will, ich ſoll mir ſelbſt über meine Lebenseindrücke, meine Gedanken und Gefühle Rede ſtehen. Warum thue ich es nicht? War⸗ um ſetze ich ſo ungern die Feder aufs Papier? Ich habe wohl nichts zu ſchreiben? Meine Eindrücke ſind ſchwach, ich kann keine Gedanken bilden. Alles iſt ſo dunkel in und außer mir, Alles ſo ſchattig. Das Le⸗ ben— die Menſchen— was ſind ſie wohl?“ „Du läſſeſt ſie ihren Weg gehen, wie einen Strom und ſie find wie ein Schlaf; gleich wie das Gras, das doch bald vergeht.“ „Wir verlaufen, wie ein Waſſer in der Erde, das man nicht zurückhalten kann.“ „Edla hat mich eine andere, eine höhere Lehre ge⸗ lehrt, warum will ſie nicht lebendig in mir werden?2 Evla, ich bewundere die Kraft, die du liebſt— aber ich werde ſie nie beſizen. Ach, mein Leben iſt das eines Windhauches, der einen Augenblick athmet und ſich be⸗ wegt und nicht weiß, von wannen er kommt oder wohin er fährt. Es gleicht einer Woge, welche aufſteigt und wieder ſinkt, ohne eine Spur zu hinterlaſſen; einem Ne⸗ bel, der feucht und freudlos über blumenreiche Wieſen irrt, eine Nacht verweilt und verſchwindet!. Aber, o mein Gott! Du, der du mich geſchaffen haſt, wirſt mich nicht verſtoßen wegen meiner Schwachheit. Den unmächtigen Keim, der ſich hier nicht entwickeln konnte, 169 aßt wirſt du dereinſt bei einer wärmeren Sonne zum Leben die rufen. Ja, ja, daran glaube ich.“ mer„Gewiß iſt es groß, gewiß iſt es herrlich, nur ann Eines im Leben zu wollen; unwandelbar und feſt nur einem Ziele entgegen zu gehen, ohne Schwachheit, ohne be⸗ Zögern das Rechte zu thun! Aber foll dieſe Tugend ing nothwendig gefühllos und hart ſein? War er hart, war eff⸗ er kalt, der Göttliche, der auf Erden wantelte zum oh⸗ Vorbild für die Menſchen? Ludwig iſt hart. Ludwig thut mir weh.“ „O Güte! o Liebe!“ nir„Liebe! Was empfand ich doch neulich? Es war, ind als ob ein Lichtſtrahl durch meine Seele bräche. Welche ar⸗ wunderbare Wonne! O, dieſe einmal ganz empfinden ch können, wie ich ſie jetzt ahne, und dann ſterben!“ cke„Es war ein Blitz— er iſt dahin. Alles iſt wieder iſt dunkel. Meine Seele iſt matt.“ Le⸗„Ich laſſe mich von den Menſchen um mich her führen. Ich werde gewöhnlich unter den Gewöhnlichen.“ m„Vermeſſene Sprache! Vielleicht ſind diejenigen, die as ich Gewöhnliche nenne, mehr und beſſer als ich. Glück⸗ licher find ſie gewiß. So lange Edla mir nahe war, ſtand as es beſſer um mich, als jetzt.“ „Ludwig liebt mich nicht. Er liebt bloß ſich. Edla? e⸗ Edla hat mich aufgegeben. Sie bedarf meiner nicht! Wer bedürfte auch meiner? Mina! meine kleine Schwe⸗ iche ſte! Warum gingſt du ſo bald zu Gottes Engeln und es ließeſt mich allein? Lebte Mina noch, ich wäre nie ſo e⸗ geworden! Aber jetzt— jene Finſterniß— jene Todes⸗ in kälte— die mich ſchon einmal erfaßt, die ich fürchte— nd ſie wird mein Leben nie verlaſſen. O, die Nacht damals e⸗— der Sarg— die Stille, die Kälte— ich werde ſie en nie, nie vergeſſen!“ „Leben— was heißt leben, was heißt das Leben ſt leicht empfinden? Ich lebe nicht und ich fürchte zu ſter⸗ en ben;— das Grab iſt mir ein Schreckbild, woran ich nicht 6 denken kann! Ich möchte manchmal ſo unendlich gerne 170 aus dem Schlummer erwachen, der meine Seele nieder⸗ drückt. Ich blicke auf die Geſchöpfe um mich her; ſie find freudig; ich moͤchte es mit ihnen ſein. Ich ſuche ihnen zu gleichen und zu thun, wie ſie thun. Ich moͤchte doch einmal verſuchen, was es heißt, zu leben, zu genießen.“ Auch Edla wollen wir bei unſerer haſtigen Ueberfahrt zu neuen Zeiten nicht vergeſſen, ſondern den Vorhang von dem Schauplatze ihrer Wirkſamkeit wegziehen. Es iſt ein herrlicher Beruf, den unſchuldig Leidenden zu tröſten. Das Höchſte, was der Himmel, das Edelſte, was die Erde hat, vereinigt ſich mit dir zu dieſem Zwecke. Auch die mächtige Sprache der Schmeichelei kannſt du hier anwenden. Ihr Werk iſt dießmal heilig. Unendlich ſchwer dagegen iſt das Geſchäft, den durch eigene Schuld Geſunkenen wieder aufzurichten. Und dieß war jetzt Edlas Aufgabe. Leichtſinn, Eitelkeit, ein vornehmes Leben mehrere Jahre hindurch, Schulden, Bankrott, Noth und Schande war die Geſchichte des Ehepaares, in deſſen Hauſe ſich Evla jetzt befand. Mann und Frau hatten einander ge⸗ treulich geholfen, ein bedeutendes Vermögen durchzubringen. Jetzt ſtanden ſie verlaſſen da, die Noth und die Kinder wuchſen in ihrem Hauſe, draußen deutete die Verachtung mit Fingern auf ſie, und ſie empfanden jetzt die unend⸗ liche Schwere des Lebens, die den Unſchuldigen ſowohl als Schuldigen bekannt iſt, Letztere aber, und mit Recht, ſchwerer darnieder drückt. Der Morgen kommt friſch und neu, aber das Gemüth des Menſchen wird nicht erfriſcht, der grauende Tag bringt ihm keine Helle; der Frühling kommt mit ſeinem heitern Leben, ſeinen reichen Entzückungen, aber die Seele des Menſchen wird nicht jung, wird nicht froh. Düſter, ſchwer und ſorgenvoll liegt ſie auf ſich ſelbſt wie ein Dezembernebel. Da er⸗ krankt ſein Auge beim Anblick eines Mitmenſchen, er Leb den und tröſ ſpre ohn und iſt mac und We köſt was 17¹ flieht ſeine Nähe; die Schönheiten der Natur und die Gebilde der Kunſt haben keinen Reiz, keinen Werth mehr für ihn, und ſelbſt das liebliche Licht der Sonne erweckt in ihm bloß Erbitterung. Immer ſchwerer, immer drückender wälzen ſich die Jahre dahin. Immer matter, immer gleich⸗ gültiger, immer armſeliger ſchleicht der Menſch durch ſie, da ſpricht er vom JTod, vom Grabe, aber ſo wie man von einem langen Schlaf ſpricht, von einem Lager, wo man endlich Ruhe finden kann. So waren die Leute, zu denen Evla kam, ſo ſah es in ihrem Hauſe aus. Ihre feſte Seele, ihr klares, beſonnenes Weſen, ihre ſtärkende Gegenwart brachte je⸗ doch ſchnell eine Veränderung hervor. Die Frau richtete ſich auf von dem Lager, auf welches Lebensmüdigkeit ſie geworfen. Der Mann blieb weg aus der lärmenden und ſchlechten Geſellſchaft, in welcher er Selbſtvergeſſen⸗ heit zu ſuchen angefangen hatte, die Kinder wurden ge⸗ pflegt und ſammelten ſich beinahe inſtinktmäßig um den hohen, aber freundlichen Gaſt. Evla ließ den erſten Ein⸗ druck, den ſie hervorbrachte, nicht vorübergehen. Ihre Verwandte waren bildungsfähige Menſchen, mit guten, aber verwahrlosten natürlichen Gaben, und ſie kannten ſich ſelbſt ebenſowenig, als den Werth des Lebens und der Zeit. Sie öffnete ihnen die Augen für die Wahrheit des Lebens, für Ordnung und Schönheit, ſie weckte bei ihnen den Wunſch, ſich aufzurichten, ſie zeigte ihnen den Weg und rief eine edle Ehrbegierde in ihnen hervor. Edla tröſtete und ermahnte nicht wie die Tröſter Hiobs, ſie ſprach wie der chineſiſche Weiſe:„Wo iſt ein Menſch ohne Fehler? Aber er muß ſie erkennen und ſich beſſern, und dieſe Verwandlung verjüngt ſein Herz. Die Reue iſt der Frühling der Tugend. Reue und Beſſerung machen den Menſchen groß. Große und kleine Fehler und Vergehungen müſſen ihm dann verziehen werden. Wer alſo ſein Inneres gereinigt hat, der verbreitet den köſtlichen Glanz der Reinheit um ſich und über Alles was er thut.“ 172 Edlas Verwandte hörten ihr begierig zu und ſchlugen den Weg ein, den ſie ihnen zeigte. Aber nicht blos durch Belehrung und Rath half ihnen Ebla; ſie. doch ver⸗ zeih', Edla! Es iſt mir, als ſähe ich deinen verbietenden Blick. Du, Evla, begehrteſt nie das Lob der Menſchen, du bedurfteſt ſeiner nie. Als der Sommer kam und Edla in dem vor Kurzem noch ſo tief geſunkenen Hauſe Muth und Arbeitſamkeit herrſchen ſah, da erfaßte ſie eine unendliche Sehnſucht nach dem Vaterhauſe zurück und nach Nina, dem Gegen⸗ ſtand ihrer Zärtlichkeit, ihrer Gedanken, dem Liebling ihres Herzens. Nina ſchrieb nur ſelten, immer zärtlich, aber kurz und unbedeutend; das Schreiben war ihr von Kindheit an eine Qual geweſen. Dieſes träumende Leben entbehrte der Kraft, ſich auszuſprechen. Als Edla die Nachricht erhielt, Nina ſei in das Ramlöſer Bad gereist, beſchloß ſie, gleichfalls dahin aufzubrechen und die geliebte Schweſter dort zu überraſchen. Wenn wir noch keine offizielle Kunde von dieſer Bad⸗ reiſe haben, ſo kommt dieß daher, daß wir es vergaßen, einen förmlichen Beſuch bei dem Präſidenten abzuſtatten und uns nach dem Befinden der Gräfin zu erkundigen. Sie war, wie ſich von ſelbſt verſteht, nervös, und da Fräulein Margarethe, deren Geſundheit und Kräfte noch nicht recht wiederkehren wollten, eine Brunnenkur verord⸗ net wurde, ſo ließ die Gräfin durch ihren Arzt dieſelbe Kur auch dem Präſidenten und Nina vorſchreiben, deren bleiche Wangen und matte Augen das Leben des ver⸗ floſſenen Winters anzuklagen hegannen. So wurde denn eine allgemeine Badreiſe beſchloſſen. Auch wir, meine wollen dem Strome folgen und uns erfriſchen an den 173 en Heilquellen. ch r⸗ en O⸗ich möcht' die ganze Menſchheit drücken n, An mein warmes, liebevolles Herz, Mit dem Blute löſchen jeden Schmerz, Mit jedem Schlag erhöhen das Entzücken. Fr. e ht Siehſt du, mein Leſer, wie ich ſehe, dieſe langen n⸗ Alleen von hohen Linden und Ahornbäumen, deren dichtes ng Laubwerk die Morgenſonne mit goldenen Strahlen durch⸗ ch, bricht? Siehſt du rechts und links, von grünen Plätzen und on Bäumen umgeben, hübſche hölzerne Häuschen, aus deren en Thüren Schaaren von Menſchen, mit Gläſern in der die Hand, hervorkommen? Siehſt du, wie ſie unter gegenſei⸗ st, tigen Begrüßungen langſam nach dem Brunnenſaal und bte den Heilquellen hinſtrömen? Dort begegnen ſich Arme und Reiche, Hohe und Niedrige, Körper- und Seelenkranke, d⸗ Alle wollen neues Leben ſaugen an der Bruſt der Natur. en, Die gute Mutter! Ihre Quellen ſprudeln für Alle, Alle! ten Sie macht keinen Unterſchied zwiſchen ihren Kindern, ſie en. weiß Nichts von Stiefkindern, ſondern bietet Allen ihr da Leben und ihre Kraft. och Friſch iſt der Morgen und etwas kühl. Das Silber rd⸗ des Thaues liegt auf dem Graſe, deſſen Halme ſich unter lbe der Schwere der klaren Perlen beugen. Derb und ſcharf ren ruft die Luft eine lang vergeſſene Blume auf die Wangen er⸗ des Siechlings hervor. Die Schwalben kreiſen ſorgenfrei n um die Wipfel der hohen Bäume, und der Sängerchor ine der Natur, die Spatzen, Buchfinken und Zeiſige ſingen en ein tauſendfältiges Vivat aus dem Walde. Die G. ſche Familienpartie zeichnet ſich unter der Menge aus durch Geſchmack in der Kleidung und jene ungezwungene edle Haltung, die das ſchone Kennzeichen hoher Weltbildung iſt. Ninas Schönheit feſſelt manche Lorgnette an das Auge. Die vornehmſten Herren von der Brunnengeſellſchaft ſammeln ſich bald um dieſe Gruppe. 174 Viele ſind Bekannte, Andere möchten es gerne werden. Reichthum, Schönheit und Rang behalten ihre Zauber⸗ kraft auf der Welt, man ſchreie, ſo lang man will, daß ſie nur Staub und Aſche ſeien. Niemand bemerkt Klara, aber Klara genießt mehr, als die andern Alle. Sie iſt nie vorher auf dem Lande geweſen, ſie hat noch nie den Morgengeſang der Vögel im Grünen gehört, nie die Thauperlen im Graſe geſehen, nie den Duft der Blumen⸗ welt und die Friſche der Luft eingeſogen. Jetzt verſteht ſie die Herrlichkeit des Lebens, ihr Herz iſt voll, über⸗ voll, ſie möchte gerne ihrem Schöpfer danken und ſie fürchtet in Thränen auszubrechen. Fräulein Margarethe ſieht ihre Rührung und mildert ſie durch ihre heitern Scherze. Fräulein Margarethe und Klara trennen ſich von der übrigen Geſellſchaft und gehen die Alleen hinab. Aber wer kommt ihnen hier entgegen, wiegenden Ganges, groß, wohlbeleibt und ſtattlich von Figur, den Kopf Etwas zu⸗ rückgebeugt, das vergnügte volle Geſicht ſchmunzelnd in der Morgenſonne, und gefolgt von einem kleinen Knaben, deſſen blonder Kopf beinahe im Rockkragen verſchwindet, als ob dieſer die Ohren vor der Morgenluft ſchützen ſollte? Wer Anders, als Baron H. und ſein Filius? In gerader Linie ſteuert er auf Fräulein Margarethe und Klara zu, die, obgleich Etwas verwundert über ſeine Er⸗ ſcheinung, ihn ſehr freundlich empfangen. Filius wird geliebkost, auch von Fräulein Margarethe— wer wird nicht liebreich in Geſellſchaft der Natur? Sie ſetzen ſich zuſammen auf eine Bank zwiſchen den Bäumen. Bald füllte ſich die Allee mit Wanderern, welche die Sonne aus dem dunkleren Brunnenſaale herauslockt. Baron H. theilt nach Rechts und Links Grüße, Winke und Kußhändchen aus, er ſcheint die ganze Welt zu kennen. Fräulein Margarethe ſetzt die Lorgnette ans Auge und Baron H. präſentirt in ſeiner eigenthümlichen munteren Weiſe ſeinen Freundinnen die Vorübergehenden; „Dort, meine Gnädigſten, geht ein Mann, der ein⸗ arm gan Aug eine keite man e, lt 16 n 1 1. 175 mal in ſeinem Leben ſich als Tropf gezeigt hat, ſpäter aber ein ganz braver Burſche geworden iſt. Sein Neben⸗ mann hat einmal eine Handlung a la Titus begangen, dann aber ſich niedergeſetzt, um darauf zu trinken, und ſich nach und nach bis auf die niedrigſte Stufe der Menſch⸗ heit herabgetrunken. Daraus kann man ſehen. „Daß eine Schwalbe noch keinen Sommer macht,“ fiel Fräulein Margarethe ein. „Vortrefflich bemerkt! So meine ich auch. Dieſe ältliche und reputirliche Frau mit dem bunten Shawl iſt meine gnädige Tante O. In meinen jungen Jahren war ich viel in ihrem Haus. Ich kann es mir noch recht gut denken, wie glücklich ihre Kinder und ich waren, wenn wir ſie in der Lektüre eines Romans begriffen ſahen, und wie uns immer eine heimliche Angſt beſiel, wenn wir ein Predigtbuch in ihrer Hand bemerkten. Eine fröhliche Laune, freundliche Nachſicht für die Vergnügungen Ande⸗ rer, um dadurch einen Ablaßbrief für die eigenen zu er⸗ halten, waren die Wirkungen des Romans. Tiefe Run⸗ zeln in der Stirne dagegen, ſtrenge Moral und Verbote waren die Früchte der Predigt, und es ließe ſich aus dieſem Allem der höchſt thoͤrichte Schluß ziehen, daß man Nichts als Romane und ja keine Predigten leſen ſolle.“ „Sehen Sie,“ ſagte Klara mit einer Stimme, die vom tiefſten Mitgefühl zeugte,„ſehen Sie dieſe arme Gebrechliche vort, die ſo kränklich ausſieht. Iſt ſie Ihnen bekannt?“ „Ja wohl, recht gut. Sie heißt Fanny M. Ein armes Mädchen, ohne Eltern, ohne Verwandte und das ganze Jahr keine Stunde lang geſund.“ „Großer Gott!“ ſeufzte Klara mit Thränen in den Augen,„welch' ein trauriges Leben!“ „Nicht ſo ſehr, als Sie vielleicht glauben. Sie hat eine Beſchäftigung, die ihrem Leben ſeine Widerwärtig⸗ keiten nimmt, und ſie ſogar in Stunden ſchwerer Leiden manche Himmelfahrt machen läßt.“ 176 „Und die wäre?“ „Das Leſen der beſten, ausgezeichnetſten Dichter. Beſtimmt, auf Erden eine wurmſtichige Blume zu ſein, ſaugt ſie Leben für eine höhere Welt ein, durch die Pro⸗ pheten derſelben, die Dichter. Wer wollte ſie deßwegen tadeln, oder ihr nicht vielmehr von Herzen Glück wün⸗ ſchen* Sprechen Sie einmal mit ihr über Klopſtock, dann Sie ſehen, wie dieſes vergilbte Auge ſtrahlen ann.“ Auch Klaras Auge ſtrahlte fromm bei dem Gedanken an eine getröſtete Unglückliche. Fräulein Margarethens Aufmerkſamkeit wurde durch die Vorübergehenden zerſtreut. „Vor allen Dingen, mein lieber Baron,“ begann ſie,„ſagen Sie mir Etwas über dieſe Familie da, die ſo ausgeſucht häßlich iſt und ſo treulich zuſammenhält. Vater und Mutter, fünf Toͤchter, drei Söhne, glaube ich an ihrer Eulenähnlichkeit zu erkennen. Was ſind es für Leute? Sie müſſen recht herzlich ſatt an einander be⸗ kommen.“ „Sie ſind die beſten und glücklichſten Menſchen von der Welt. Gut, heiter, witzig, gebildet und ſo anhäng⸗ lich an einander, daß ſie wenig darnach zu fragen brau⸗ chen, was die übrige Welt von ihnen denkt.“ „Ich danke für den Beſcheid. Aber ich bitte Sie, wer iſt die Dame dort, die auf der Bank gegen über von uns ſitzt? Sie haben Sie, wie ich ſah, gegrüßt. Sie macht einen ängſtlichen Eindruck auf mich. Ihr Geſicht iſt edel, aber ohne alle Spuren von Anmuth. Eine un⸗ heimliche Düſterkeit nimmt ihm alles Leben. Sie iſt ſtill und finſter, wie eine Mumie. Hat ſie vielleicht ein Ver⸗ brechen begangen? Oder kann ſie auch ſein wie andere e Kann ſie ein frohliches Wort ſprechen, kann ſie lachen. „Nein, das kann ſie nicht. Sie kann blos beten. An dieſen beſtändig niedergeſchlagenen Augen, an dieſem Geſichte, das mehr dem Tod, als dem Leben angehört, ſieht man, daß nur unaufhörliches Gebet ſie vom Wahnfinn 177 erretten kann. Ich habe mir ſagen laſſen, ſie habe Jemanb er. geliebt, der ihrer nicht würdig geweſen, und eines ſchlim⸗ ein, men Todes, d. h. von eigener Hand, geſtorben ſei. Sonſt ro⸗ weiß ich von Sophie J. weiter Nichts, als daß ſie zu gen Hauſe nicht glücklich iſt. Vater, Mutter und Geſchwiſter ün⸗ ſind in Allem das Widerſpiel von ihr, und leben noch ann überdieß in unaufhörlichem Hader mit einander. Ueber⸗ hlen laute Zänkereien ſind die Muſik in ihrem Hauſe, und alle wetteifern, einander zu überſchreien.“ ken„Die Unglücklichen, oder vielmehr die Garſtigen! ens Und ſie?“ eut.„Sie hat geſchwiegen; ſie hat ſich verfinſtert, bis ſie ann einem Schatten ähnlich geworden iſt, und ſcheint nur da⸗ e ſo zu auf der Erde zu verweilen, um zu beten, zu beten ater für den Unwürdigen, den ſie geliebt, zu beten für die an Ihrigen, welche ſie und ſich ſelbſt unter einander plagen. für Ihr Ausſehen erinnert mich an einen Märtyrer von Do⸗ be⸗ minichino. Es iſt ein ſtilles, aber lebendiges Miſerere.“ „Guter Gott! Ein unaufhörliches Gebet— und von dieſer finſtere Ausdruck! Man moͤchte verzweifeln.“ ing⸗„Das ſoll man nie. Wenn ſie noch lange betet, rau⸗ zieht ſie gewiß den Himmel zu ſich herab; aber Alles will ſeine Zeit haben. Sehen Sie nicht ſo viel auf ſie. Sie, Es iſt ihr nicht angenehm und Sie können ihr doch nicht von helfen. Sie hat einmal auch ihre Bürde zu tragen, wie Sie ſo manche Andere.“ ſicht„Und wenn ſie närriſch wird.“. un⸗„Das ſind ſchon Viele vor ihr geworden und es fin ſtill det ſich noch immer Platz in einem Irrenhauſe. Es iſt Ber⸗ dieß nicht das Schlimmſte, was einem begegnen kann. dere Die Nacht der Narren hat wohl auch einen Morgen. ſie Indeß laſſen Sie uns jetzt auf etwas Erquicklicheres ſehen.. Wiſſen Sie wohl, wobon dieſer Herr da, mit den langen ten. Beinen, lebt, was ihn bei Muth und Kraft erhält?— ſem Vergeſſenheit. Er vergißt Alles, nur ſein Mittageſſen ört, nicht;— Sorgen und Freuden, Feindſchaft und Freund⸗ ſinn Bremer, Nina. 12 178 ſchaft; über Nacht hat er den geſtrigen Tag vergeſſen und deßwegen erwacht er jeden Morgen als ein neuer Menſch, oder als ein neues Geſchöpf, wenn Sie lieber wollen. Und dieſer Andere mit dem ſtillen Weſen, mit der ernſt⸗ haften Stirne und der etwas kofferähnlichen Figur— wiſſen Sie auch, was dieſen ruhig durch's Leben führt und thätig und munter erhält?— Die Erinnerung. Seine ganze Lebenskraft iſt Dankbarkeit. All ſein Dich⸗ ten und Trachten iſt darauf gerichtet, für die Kinder ſei⸗ nes Wohlthäters Vermögen zu ſammeln.“ „Das iſt ſchön,“ ſagte Fräulein Margarethe. „Ja, das ſage ich auch und. Ah, gehorſamſter Diener, Madame Pre.. ein gar zu artiges Weibchen. Sie hat eine allerliebſte Art, ganze Stunden lang fort⸗ zuſchwatzen; nur das genirt mich ein wenig, daß ſich Alles um ihr liebes Ich, um ihre Erfahrungen und Ver⸗ dienſte dreht, ſowie um den Grundſatz, man ſolle nie von ſich ſelbſt ſprechen, ja nicht einmal an ſich ſelbſt denken. Wenn man ſie hört, könnte man Luſt bekommen, zu glau⸗ ben, ſie denke vom frühen Morgen bis an den ſpäten Abend nie an ſich ſelbſt, und rechne ihre eigenen Neigun⸗ gen und ihre eigene Gemächlichkeit für Nichts, wenn nur ihr Mann, ihre Kinder und ihre Schwägerin Urſache ha⸗ ben, zufrieden zu ſein.(NB. Ich kenne eine Menge Frauenzimmer, die daſſelbe von ſich meinen.) Gerührt über ihre eigene Vortrefflichkeit, bezieht ſie mit demüthi⸗ ger Zuverſicht alles Schöne, was Dichter und artige Schriftſteller zum Lobe der Frauen geſagt haben, auf ſich ſelbſt, und betrachtet ſich in frommer Täuſchung als einen leibhaftigen Engel.(Siehe das obige MB.) In⸗ deß hat mir Jemand ins Ohr geflüſtert, ihr Mann habe eines Tages auf die Aeußerung eines Freundes,„dein Engel von einer Frau,“ in herzlichem Mißmuth gerufen: „Ja, wahrhaftig, ein ſauberer Engel!“ Fräulein Margarethe lachte aus vollem Hals und ſagte: — 8— — 8 ——— — 179 nd„Sie ſehen alſo keinen Engel unter den Frauen⸗ ch, zimmern?“ en.„Ich, meine Gnädigſte? Ich ſehe mehr Engel unter ſt⸗ ihnen, als mein Kopf und mein Herz recht ertragen kön⸗ — nen. Aber meine Engel loben ſich nicht ſelbſt.“ hrt„Und thun wohl daran, denn es gibt nichts Wider⸗ ng. wärtigeres. Aber wer iſt denn dort? Der Herr ſieht ich⸗ aus, wie ein Schriftſteller, doch glaube ich, es würde mich ſei⸗ keine große Luſt anwandeln, ſeine Bücher zu leſen.“ „Ich muß Ihre feine Naſe bewundern. Der Herr iſt wirklich ein Schriftſteller, und zwar hat er ein Buch ſter über die Beſtimmung des Weibes verfaßt, deſſen Inhalt hen. ungefähr ſo lautet: ort⸗„Das Weib ſoll für den Mann erzogen werden. Du ſich ſollſt deinem Mann unterthänig ſein. Du ſollſt deinem er⸗ Mann zu gefallen ſuchen auf die eine oder auf die andere von Art. Hat er Fehler, ſo ſollſt du ihn mit großer De⸗ ken. muth davon abbringen, ohne daß er es weiß. Iſt dieß lau⸗ nicht möglich, ſo ſollſt du ſie vor der ganzen Welt ge⸗ äten heim halten und ihn nur um ſo inniger lieben. Summa: zun⸗ du ſollſt deinen Mann erziehen, ſollſt deinem Manne er⸗ nur geben und jederzeit vollkommen ſein. Amen!“ ha⸗„Wiſſen Sie auch, Baron,“ ſagte Fräulein Marga⸗ enge rethe,„daß ich oft ſchon daran gedacht habe, Sie hätten ührt ein Schriftſteller werden ſollen. Ich bin überzeugt, Sie ithi⸗ hätten uns recht gute und nützliche Bücher geliefert.“ rtige„Und wiſſen Sie auch, mein gnädiges Fräulein, daß auf ich ſelbſt die gleiche Ueberzeugung gehegt habe, und wirk⸗ als lich eine Zeit lang im Begriff war, dieſe Bahn zu betre⸗ In⸗ ten. Ich fing an, einen philoſophiſchen Roman zn ſchrei⸗ habe ben und war ſelbſt gerührt über all die Weisheit und dein Güte, die ich mit meiner Feder den Menſchen einblaſen fen: wollte. Ich meinte, die ſchlechte Welt könne ſich ohne mein Buch nicht mehr helfen, und begriff kaum, wie ſie und ſich ſo lange gehalten habe. Ich war gerade in der Mitte meines Opus, als ich eines Tags den Katechismus 180 in die Hand nahm, um meinen kleinen Knaben zu exami⸗ niren. Allein bald fing ich an, für mich ſelbſt zu leſen, und ich kann Ihnen kaum beſchreiben, welchen Eindruck dieſe Lektüre auf mich gemacht hat. Ja, ich wurde ge⸗ rührt, entzückt, und doch zugleich beſchämt, als ich ſon⸗ nenklar einſah, daß die Welt ſchon hier Alles hatte, was ſie bedurfte. Ich ging ſogleich nach Hauſe und verbrannte mein Manuſeript, in deſſen letzten Gedanken ich jetzt ein Extrakt vom Katechismus ſah. Und von dieſer Stunde an hat die Stimme meines Verſtandes jedesmal, ſo oft ich mich verſucht fühlte, auf's Neue zur Belehrung der Menſchen die Feder zu ergreifen, mit Donnerlaut meiner Eitelkeit zugerufen: Sie haben Moſen und die Propheten! Was hälfe es ihnen, wenn einer von den Todten auf⸗ ſtände 2“ „Sehr ſchön, Baron, aber verzeihen Sie, wenn ich glaube, daß Ihr beſcheidener Theil Faulheit auch dazu beigetragen hat, Sie vor Moſes und den Propheten, ſo⸗ wie von Ihrer Arbeit zurückzuſchrecken. Auch geſtehe ich, daß ich weit entfernt bin, Ihre Anſicht von dem Ausrei⸗ chen eines Buches zu theilen. Ich bedarf ohnehin Bü⸗ cher, auch um mich zu amüſiren.“ „Amüſiren wollen Sie ſich! Dann, meine Gnä⸗ digſte, beſehen Sie ſich einmal dieſen Herrn da, mit dem ſchwerfälligen Gang und die leichtfüßige Frau neben ihm, die immer mit einander gehen, wie etwa eine Koppel Hunde, welche ſich fortwährend ziehen und reißen und doch nicht von einander kommen können. Nie hat wohl der Himmel ſo ungleiche Geſchwiſter geſchaffen. Er findet in Allem Schwierigkeiten; im Leben, im Sterben(und im Letzteren mag er wohl Recht haben), im Stehen, im Si⸗ tzen, im Gehen und im Liegen— ich begreife wahrhaftig nicht, wie er durch die Welt kommt. Sie dagegen gehört zu den wohlmeinenden, aber unklaren Optimiſten, welche, ohne zu wiſſen warum, wirklich glauben und Jedermann verſichern, es diene Alles zum Beſten. Sie ſagt von der Zerſtörung Liſſabons und von den Gräueln der d i b et li ſt S8— 181 i⸗ franzöſiſchen Revolution, daß ſie gewiß zu Etwas gut n, ſeien. Iſt es heute recht ſchlecht Wetter„ſo ſagt ſie, es ck werde morgen um ſo ſchöner ſein kommt einmal das e⸗ jüngſte Gericht und der Weltbrand, ſo hin ich überzeugt, n⸗ daß ſie einen Augenblick finden wird, um irgend einen as brennenden Mitchriſten zu verſichern, es diene Alles zum te Beſten. Obgleich ich nun wirklich die ganze Anſicht ſo⸗ in wohl für chriſtlich, als für verſtändig halte, ſo kann ich de doch nicht leugnen, vaß ſie mich oft an den Papagei er⸗ ft innert, der, als ihm ein Truthahn die Augen aushackte, er beſtändig ſchrie:„Das iſt gut, das iſt gut!“ Ich kam er einmal auf den Gedanken, mich ein Bischen in ſie zu ver⸗ n1 lieben, denn auch ich faſſe das Leben gern von ſeiner be⸗ f⸗ ſten Seite auf, und ich dachte, mit einer Perſon, die es ſo leicht nehme, müſſe es ganz ungemein leicht werden. ch Aber als ſie mich bei einem verdammten Gichtſchmerz, der zu mich ein ganzes Jahr lang plagte, auch damit tröſtete, o⸗ er diene zum Beſten, ſo war es aus mit unſerem Einver⸗ h, ſtändniß. Inzwiſchen kann ich ihr zu ihrer Weltanſicht ei⸗ nur Glück wünſchen, und muß ihre Geduld mit dem Bru⸗ ü⸗ der bewundern, der nicht ohne ſie leben kann, obgleich er ſich beſtändig über ſie, wie über alles Andere ärgert. ä⸗ Die etwas wunderlich gekleidete Frau, die hinter ihr m e m„ 8„Ah, Frau K.! ich kenne ſie,“ unterbrach ihn Fräu⸗ el lein Margarethe,„dieſe Frau hat mir ſchon mehr als ch einmal Luſt gemacht, Dummheiten zu begehen. In ihrer er Nähe und wenn ich ſie hoͤre, werde ich immer entweder in gedankenlos oder leichſinnig.“ im„Das wundert mich, denn ſie iſt gerade das Gegen⸗ Si⸗ theil von leichtſinnig.“ tig„Ebendeßhalb oder vielmehr deßwegen, weil ſie rt den Verſtand ſo langweilig macht. Sie will, glaube he, ich, Philoſophin ſein, und über Alles raiſoniren, nn abhandeln und disputiren. Schon tauſendmal hat ſie on mich an die Worte der Bibel erinnert:„Deine Rede ſei ja, ja, nein, nein, was darüber iſt, iſt vom Uebel.“ 182 3 lächelſt, Klara!— ich ſehe, daß ich bei dir Anklang finde.“ „Und doch,“ wandte Baron H. ein,„kann eben dieſe Disputirſucht und Wortklauberei von einem ganz guten Streben herkommen, nämlich von dem Bedürfniß, ſich der Welt klar zu machen.“ „Das ließe ſich denken,“ ſagte Fräulein Margaretha nach einer kurzen Pauſe—„aber ſoviel iſt gewiß, daß ich ihr weder helfen kann noch will; auch glaube ich nicht, daß ſie die rechte Manier hat. Da höre ich tauſendmal lieber der Madame M. zu, die unaufhörlich, aber mit wahrem Eifer von ihren Kindern und ihren Dienſtboten erzählt.“ „Ich gebe Ihnen vollkommen Recht und denke ganz wie Sie. Dieſer Gegenſtand der Unterhaltung kann auf eine Weile ſo gut ſein, als jeder andere. Es kommt da⸗ bei viel auf den Geiſt an, der.. Hier legte Fräulein Margarethe ihre Hand auf des Barons Arm und flüſterte ihm eifrig zu:„Um Gottes⸗ willen, wer iſt das— das ſchwarze Frauenzimmer dort, das ſich an dem Fliederbuſche hinſchleicht? ſie entſpricht vollkommen meiner Vorſtellung von einem lebendigen Schatten, und heftete ſo eben einen ſo ſcharfen, ſo ganz beſondern Blick auf uns!... Kaum hatte der Baron einen Blick auf die ſchwarz⸗ gekleidete Dame geworfen, die in dieſem Augenblicke hin⸗ ter dem Buſche verſchwand, als er, wie von einem elek⸗ triſchen Schlage getroffen, auffuhr und pfeilſchnell ihrer Spur nachſtürzte. Aufs Höchſte verwundert und neugierig folgte ihm Fräulein Margarethe mit den Augen. Erſt im Brunnen⸗ ſaal trafen ſie ſich wieder, und der Baron, ſchweißbedeckt, keuchend und verſtört, ſagte bloß, er habe in dieſer Dame eine Bekannte zu ſehen geglaubt, ſie aber nicht auffinden können. Das recenſirende Geſellſchäftchen war inzwiſchen ſtille geworden und beſchäftigte ſich bloß mit Füllung und Lee⸗ rung ſeiner Gläſer. Während ſie indeß trinken und her⸗ umſpazieren, will ich die Muſterung noch einen Augen⸗ blick fortſetzen, Augen und Gedanken über die wandelnde Menge ſchweben laſſen, und dem Leſer erzählen, was ich wahrnehme, denn es iſt dieß ein Gegenſtand, der die Auf⸗ merkſamkeit nicht ſo leicht ermüdet, und es bleibt immer intereſſant, das ungleiche Leben und Treiben der Menſchen zu beobachten, zu ſehen, wie verſchieden die Welt ſich in ihnen Allen ſpiegelt, und dennoch immer den Menſchen wieder zu erkennen. Den Gottesblick und den Todten⸗ ſchädel haben ſie ja alle. Den Todtenſchädel! Kann man dieſen wohl in dem niedlichen Köpfchen da wiederfinden, das ſo fröhlich und lebensluſtig in die Welt hinausblickt? So viel bleibt ein⸗ mal gewiß, daß die junge Beſitzerin deſſelben nicht viel davon weiß. Sie liebt Tanz, Muſik, fröhliche Geſpräche und Geſichter, die Sonne und die Blumen. Ihre Seele iſt ganz und gar der Sommerſeite des Lebens zugewendet; die andere fürchtet ſie, wie die Sünde. Sie tanzt durchs Leben, unſchuldig, ſingend und ſpielend. Möge kein Griesgram den Kopf über ſie ſchütteln! Auch im Men⸗ ſchenleben muß es Lerchen geben. Laß die Triller froh erklingen, Auf zur Höh', aus heitrer Bruſt, Mögen Andre Meſſen ſingen, Singe du des Lebens Luſt. Laß die Leier ſanft ertonen, Wo ein Lebensmüder weint, Bis des bittren Jammers Söhnen Abermals der Frühling ſcheint. Ja, die Freude kehret wieder Bei dem ſanften Himmelston Einſt, dann wirſt du Jubellieder Singen an Allvaters Thron. 184 Der Lebensmüde!. O ja, wenn du kannſt, ſo erquicke ſein Gemüth. Siehe, wie er gebeugten Hauptes an die Heilquellen ſchlüpft, nicht zu hoffen wagt und doch nicht verzweifeln will. Von dem grünen Baum herab, wo ich meine Leier aufbewahrt, will ich euch für ihn ein Liedchen ſingen. Iſt keine Freud' für dich auf Erden mehr? Nicht Freude, Hoffnung nicht auf beſſre Looſe? Kein ruh'ger Schlaf, als in der Erde Schooße? Für dein Gebet nicht Lindrung, nicht Gehoͤr? O dann gibt's doch den himmelskräft'gen Muth, Der auch das Bitterſte kann ſtill ertragen, Und Troſt gewährt des Lebens trüben Tagen, Heil Dir, Geduld, du ſchönſtes, hoͤchſtes Gut! Du biſt der Port, in dem der Wogen Braus Sich legt;z ver Blick, ein ruh'ger Himmelsſpiegel, Dem du haſt aufgedrückt dein heil'ges Siegel, Strahlt klar den reinen Himmelsfrieden aus. Kein andrer Anblick iſt ſo ſchoͤn, wie du, Der du verkläreſt dieſer Erde Schmerzen, Und alle Zweifel tilgſt in meinem Herzen, Seh' ich des Leidensſohnes ſanfte Ruh. Dann glaub' ich an den Gott, der ſolches kann, Der Kraft verleiht, die Schmerzen zu bezwingen, Ich glaube an des Geiſtes freie Schwingen, Und bei' in Demuth den Befreier an. O Schmerzensſohn! Prophet der beſſern Zeit! Bald wird dem hohen Muth zum Siegeslohne Voll Roſen blüh'n die bittre Dornenkrone, Und glänzt als Krone deiner Herrlichkeit. Wo war ich ſoeben? Richtig, bei einer Heilquelle. Ich habe die Freude, die Gevuld beſungen. Gut! Meine Ader iſt höher geſprungen und ihr ſpielender Strahl hat 155 das ſprudelnde Waſſer des ewigen Lebens begrüßt, das ſich aus unſterblichen Quellen über die Menſchheit ergießt. Ich will ihm folgen, ich will ſehen, wie es ihren Seelen Segen bringt, ich will die Menſchen um mich her be⸗ trachten.— Hier die Guten, die Liebenden, die von ge⸗ genſeitiger Liebe leben. Wie ſie meinem Herzen wohlthun! Wie lieblich die Luft iſt in ihrer Nähe!— Dort die Starken. Diejenigen, die mit mächtigem Willen ihr Schickſal ſelbſt ſchaffen, die in großen Gedanken athmen und ſich durch Betrachtungen über das Leben und über ſich ſelbſt erheben. Ihr Anblick wirkt ſtärkend. Ihr Auge iſt klar; kein Wunder, es hat die Wahrheit geſucht und geſchaut, die ſchöne, liebliche, herrliche. Und ſie, denen die Natur keine große Kräfte gab, denen das Leben keine großen Freuden ſchenkte, die aber die Broſamen von ſeinem Tiſche vergnügſam nehmen und den Himmel nicht mit Geſchrei nach Mehr ermüden;— die Kleinen des Lebens, die Unbemerkten der Welt, wie ſchön, wie gut ſtehen nicht auch ſie da in Gottes Ord⸗ nung! Wie manches ſtille Leben, das ſeinen Genuß in Blumen, in Voͤgeln, in einem Stübchen nach der Son⸗ nenſeite findet, wo ſie, die ſorgenfreien Kinder der Natur pflegend, Etwas von ihrer Ruhe und Lebensfriſche ge⸗ winnen! Es iſt ein wonnevoller Gedanke, wie manche Freudenquellen der allgütige Vater ſeinen Kindern bereitet hat, und wie Er ſich ihnen ſelbſt darin offenbart. Wir fühlen ſeine Gegenwart nicht bloß in Augenblicken reli⸗ giöſer Andacht! das göttliche Feuer lebt in allen Gliedern des Lebens, und jedes reine Menſchenſtreben ruft ſeine Blitze hervor. Die Liebe, die Natur, die Wiſſenſchaft, die Kunſt, die Philoſophie— ſind ſie nicht Alle Gedan⸗ ken von ihm, Ausflüſſe Gottes? Hat er nicht in jedem dieſer Reiche jedem Menſchen ein Vaterland gegeben, wor⸗ in er ſich erbauen und wohnen kann? Und derſelbe Him⸗ mel, derſelben Liebe eine ewige Sonne ſtrahlt über und durch ſie Alle! Wie oft werden nicht die Menſchen auf ihrem Wege, in ihrer Arbeit, von einer plotzlichen Klar⸗ 186 heit, einem unnennbaren Wonnegefühl durchdrungen! Strahlen eines höheren, eines unfaßbaren Lebens durch⸗ zucken ſie, und ſie müſſen dann ſagen:„Dem Herrn ſei Ehre!“ Und doch gibt es auch im Leben Einſame, Arme, die Alles entbehren, was dem Leben Werth gibt. Es wird nicht ſo bleiben. Der Prophet hat ſeinen Tag gehabt, der Held den ſeinen, jetzt iſt der Tag des Menſchen. Aber der Menſch iſt Legion, und jedes Individuum dieſer Maſſe tritt heutzutage mit der Vollmacht des Himmels hervor, und begehrt auf Erde Raum für ſeine Freiheit, ſeine Liebe, ſeine Wirkſamkeit und ſein Glück. Daß es am Anfang Püffe und ein Gedränge geben muß, iſt klar. Alle ſtürzen nach den Heilquellen hin, Alle wollen ihre Becher füllen. Einige werden zurückgedrängt, Andere zu Boden getreten werden. Aber Geduld; es wird beſſer werden! Der Führer des Volks hat zu dem Felſen ge⸗ ſprochen, und deſſen Schooß hat ſich aufgethan und die Quellen ſprudeln immer höher, immer reichlicher. Es wird dereinſt für Alle genug da ſein. Eine Quelle gibt es, deren Ader jetzt erſt anfängt, für die Maſſe der Menſchen ihre Silbertropfen perlen zu laſſen, eine Quelle, die den Durſt von Millionen ſtillen und denjenigen, die daraus trinken, ein volles Maß des Friedens und der Freude gewähren wird. Es iſt der Trank aus der Quelle der Wiſſenſchaft, der intellektuellen Bildung, die den Blick des Menſchen ſo klar, ſein Leben ſo friedlich und ſo unabhängig von äußeren Geſchicken macht. Gehe und trinke daraus, du vom Glück Verwahrloster, und du wirſt dich reich füh⸗ len. Du wirſt in die weite Welt hinausgehen und über⸗ all zu Hauſe ſein; du wirſt dich in dein einſames Stüb⸗ chen einſchließen und Geſellſchaft genug haben; denn deine Freunde, die immer bei dir ſind, ſie, mit denen du dich frei beſprechen kannſt, ſind die Natur, die Vorzeit und der Himmel! Das Reich der Ameiſe und das Werk des Menſchen, der Regenbogen und die Rune, ſie alle laden * dein wir Ver bete nug näh me me das den all ein gen gen die Lau Ge Art Tat er ſan deine Seele zum Mahle! Die Herrlichkeit der Schöpfung wird nicht bloß von deinem Auge geſchaut, ſie verklärt ſich auch in deinen Gedanken, ſie wird Licht für deine Vernunft. O, ſo zu betrachten, zu verſtehen und anzu⸗ beten— iſt das nicht genug für das Erdenleben? Ge⸗ nug? O, es iſt unendlich, unausſprechlich viel! Aber warum iſt es ſo genug, ſo viel? Unendlicher! Quelle des Lichts und des Lebens! Weil es uns Dir näher führt, weil wir in jedem Tropfen des Daſeins im⸗ mer beſſer Dein Licht ſchauen und Dein Leben verneh⸗ men können. Wenn, wie ein großer Schriftſteller ſagt, das ganze Heidenthum im Vergeſſen des Schöpfers über dem Geſchaffenen beſteht, ſo kommt es gewiß dem wahren Chriſtenthum zu, daß es überall in dem Geſchaffnen den allweiſen Schopfer zu verſtehen und anzubeten ſucht. Feuer⸗ und Waſſerprobe. Meine Brüder, friſchen Muth, Tanzet, hört, ielen. Bellman. Und gewiß ſollen wir fröhlich ſein; ſo will es die Natur, ſo will es der Schöpfer. Tanz und Muſik ſind eine Grundidee in der großen Oper der Schoͤpfung. Sin⸗ gend tanzen die Welten ihre Runde um die Sonne; ſin⸗ gend tanzen die Fliegen ihre Figuré im Sonnenſchein; die Woge tanzt auf dem Schooße der Mutterwelle; das Laub vor dem Winde her, die Winde ſpielen ihre eigenen Geigen zu dem wilden Walzer; das Kind tanzt in den Armen der Mutter, das Feuer iſt losgelaſſen ein ewiger Tanz; auch der Himmel hat ſeinen Shawltanz, indem er die Schleier der Wolken um ſich hullt, löst und zu⸗ Gn dieſem Augenblick mache ich eine „ 188 glissade-assemblé mit meiner Feder, und du, mein geneigter Leſer, biſt du mir nicht ſchon lange in meiner Galoppade gefolgt ²) Der Wilde tanzt in Luſt und Schmerz, und durch Kunſt die Verſuche der Natur vollendend, tanzt der ge⸗ bildete Menſch mit Sinn und Schönheit, ſo daß die Thiere lauſchen und die Engel lächeln. Seine Attitüde iſt ein Schweben auf der Gränze einer höheren Welt. Sein Tänzer, derjenige, deſſen Hand ihn hinüberführt, iſt der Tod. Lieblich müſſen die Geſänge der Himmel tönen in den Ohren der Auferſtandenen. Auf einem grünen ebenen Plan tanzt die Badege⸗ ſellſchaft in Ramlöſa. Freundlich und ſchweißbedeckt be⸗ ſchäftigt ſich der Baron damit, rechts und links tanzlu⸗ ſtigen Herren tanzluſtige Damen vorzuführen. Die Tanz⸗ unluſtigen zwingt er in Gutem, ſich gleichfalls herumzu⸗ ſchwingen, denn der Baron H. liebt es, daß die Menſchen munter und gefällig ſein ſollen; er war durch ſchweigende, aber beinahe einſtimmige Uebereinkunft maitre de plai- sir der Geſellſchaft geworden. Er kannte alle Welt, war wohlgelitten von aller Welt und nahm überdieß die Welt ſo klug und ſo leicht, daß ſie ſich wohl dabei befand, ihm zu folgen. Dieſer Poſten paßte auch vollkommen für ſeine muntere Laune, ſchien jedoch weniger mit ſeiner Korpulenz übereinzuſtimmen, die durch ſeine Anſtrengungen für An⸗ dere gewaltig litt. Baron H. ſchien jedoch entſchloſſen zu ſein, ſie leiden zu laſſen, ja, er ſchien mit Abſicht auf dieſe Bürde loszuſtürmen. Fräulein Margaretha ſcherzte gegen Klara über dieſe Beweiſe ſeiner Liebe und prophe⸗ zeite, er werde an einem ſchönen Tage, ſchmal und nett, wie ſein Vetter Paſteaureau vor Klara das Knie beugen und ihr Herz gewinnen. Die grauſame Margaretha! Während der Baron ſchwitzt und ſich abarbeitet, um das Leben Aller ange⸗ nehm zu machen, wälzt ſie die drohendſten Plane gegen ſeine Ruhe, ja, ſogar gegen ſein Leben in ihrem Haupte. Sie hatte nämlich beſchloſſen, ſeine Liebe zu Klara bei 5— 189 der nächſten beſten Gelegenheit auf einige recht harte Proben zu ſtellen. Wenn ſie ſich überzeugen würde, daß nicht blos eine gewöhnliche Zuneigung für ſie, nicht blos der Wunſch nach einem gemächlichen, epikuräiſchen Leben, ſondern wahre Liebe die Triebfeder ſeiner Bewerbung um Klaras Hand ausmachte, ſo wollte ſie ſelbſt ſeinen Für⸗ ſprecher bei Klara machen; im andern Fall aber nahm fie ſich vor, mit Ernſt und Nachdruck einer Hofmacherei ein Ziel zu ſetzen, welche die verabredete dreimonatliche Bedenkzeit bei weitem überſchritt und den Leuten bereits zu reden gab. Hiemit verband ſie den feſten Vorſatz, in Gutem oder Böſem herauszubringen, woher Filius komme. Laß mich dir ſagen, mein Leſer, daß es eine gefährliche Sache war um Fräulein Margarethens Willen, wenn ſie ſich einmal Etwas in den Kopf ge⸗ ſetzt hatte. Wo waren wir ſoeben? Richtig, beim Tanze im Grünen. Der Abend iſt ſchön. Der Wind hat aufge⸗ hört, Blumen und Laub zu wiegen. Stille ruht er jetzt und ſchläft im Haine. Aber noch ſingen die Vögel der ſinkenden Sonne ihr Abſchiedslied zu. Ninas bezau⸗ bernde Sylphidengeſtalt ſchwebt im Walzer dahin. Der⸗ jenige, der ſie mit ſeltener Anmuth führt, iſt ein bild⸗ ſchöner junger Mann mit Apollos Zügen und Amors Lächeln. Wie heißt er? Wir wollen ihn Don Juan nennen. Was iſt an Don Juan zu bemerken? Daß er der Held iſt von Byrons längſtem Gedicht, ein Vetter von Richardſons Lovelace und gleich ihm berüchtigt durch ſeine Siege über die Schwächen des ſchönen Geſchlechts, folglich auch nach der Ausſage gewiſſer Denker ein ent⸗ ſchiedener Günſtling aller Frauenzimmer. Heilige Clariſſa! Aurora Raby, du ſchönſtes Stern⸗ bild, das Byron an ſeinem ſtürmiſchen Himmel herauf⸗ gerufen hat! In eurem und eurer Vorbilder Namen proteſtiren wir gegen dieſes beſchränkte Urtheil und erklä⸗ ren, daß dieſe Denker blos das bereits von der Welt verdorbene Weib der großen Städte gekannt haben, nicht 190 aber das Weib, wie es in ſeiner Wahrheit, in ſeiner Eigentlichkeit iſt. Gefährlich war Don Juan in der That. Denn wer konnte in dieſem offenen klaren Blick, in dieſem herzlichen Lachen, in dieſem liebenswürdig unbedachtſamen Weſen Betrug ahnen? Wer konnte glauben, daß Verworfenheit in einer Seele wohne, welche ſo warm für alles Gute und Schöne zu empfinden ſchien und ihn in Augenblicken ſtiller Vertraulichkeit darüber ſeufzen ließ, daß er im Leben nicht gefunden, was er geſucht, nicht geworden ſei, was er gewollt. Nina ahnte Nichts und ließ ſich von einem Wohl⸗ gefallen und einem Leben hinreißen, das angenehm auf ſie wirkte. Die Gräfin wußte nur zu gut, wo ſie daran war, und deßwegen intereſfirte ſie ſich höchlich für den intereſſanten Fremdling und ſeine ausgezeichneten muſikaliſchen Talente. Er wurde einer der intimſten Freunde ihres Kreiſes. Fräulein Margarethe durchſchaute Alles klar, ſchwieg aber und hielt Don Juan kurz und kalt. Klara wich ihm mit einer Art Widerwillen aus, deſſen Urſache ſie nicht erklären konnte und der viel Aehnlichkeit mit dem weiſen und ſichern Inſtinkt hatte, womit die Thiere ſchädliche Pflanzen ver⸗ meiden; er dagegen ſuchte ſie, denn er wußte recht gut, warum, und bewahrheitete damit die oft gemachte An⸗ merkung, daß der Wollüſtige vorzugsweiſe das Reine ſucht, jedoch nicht, um ſich zu ihm zu erheben, ſondern um es zu ſich herabzuziehen. Indeß ſchien Klara nur ein Neben⸗ gedanke für Don Juan zu ſein; ſeine Aufmerkſamkeit und ſeine Huldigungen wurden mit jedem Tage ausſchließ⸗ licher Nina gewidmet. Doch zurück zum Tanz. Nein der Tanz iſt zu Ende. Baron H., der ſich einer ſitzengebliebenen Dame ange⸗ nommen hat, ruht keuchend im Graſe. Fräulein Mar⸗ garetha, mild geſtimmt, reicht ihm mit eigener Hand ein Glas Limonade. Der Präſident wartet auf ſeine Gräfin, die ſich etwas unruhig nach Nina umfieht, ihre Unruhe aber über einem hoͤchſt intereſſanten Geſpräche mit einem 191 ſchönen Oberſten vergißt. Nina iſt mit einigen Bekannten in die ſchattigeren Theile des Parks gewandelt. Don Juan folgt ihr und ſucht ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Unvermerkt trennt er ſie von der übrigen Geſellſchaft, und als die Andern ſich ſetzen, wählt er für Nina ein Plätzchen, entfernt genug, um nicht gehört werden zu können, und doch nahe genug, um Nina nicht beſorgt zu machen. Die Stllle des warmen Abends, die Schatten der dichtbelaubten Bäume, Alles trug dazu bei, die wehmüthige Stimmung, die ihr eigen war, zu erhöhen. Träumeriſch legte ſie den ſchönen Kopf in die Hand und blickte in die dämmernde Gegend. Don Juan ſah ihre Gemüthsſtimmung und benützte dieſelbe. Mit leiſer melo⸗ diſcher Stimme ſprach er zu ihr von der Leere des ge⸗ wöhnlichen Lebens, von ſeinem Dunkel, ſeiner Kälte und ſeinen Feſſeln. Er ſprach vom Leben der Natur, das ſo warm, ſo liebreich ſei, worin Gottes Leben, Gottes Güte ſich offenbart. Er ſprach von einem der Natur ange⸗ meſſenen und deßhalb auch ſchönen und reichen Leben, ähnlich dem, das die Patriarchen geführt, oder dem, das in ſchöneren, von der Sonne gebadeten Ländern noch jetzt das Recht der freien Menſchen ſei. Er pries die Macht der Liebe, Alles zu verherrlichen; ſie ſei der ſelige Traum des Lebens, das einzige Veredelnde, das Einzige, weßhalb es ſich der Mühe lohne, zu träumen. Er citirte Verſe aus dem Evangellum Johannis. Seine Worte waren rein, ſeine Stimme hinreißend lieblich, die Sprache pvetiſch ſchön; Nina ſah die Schlange nicht, die unter den Blumen hinſchlich. Sie hörte beinahe gedankenlos zu, aber ein Zauber war über ſie gekommen. Wunderliche, unklare, aber angenehme Gefühle ſchwellten ihre Bruſt; ſie überließ ſich ihnen mit Genuß. Die Natur öffnete ihr gleichſam ihren Schooß; ſie hätte ſich in ſie verſenken mogen, ſich vermiſchen mit den Blumendüften, mit den Schatten, mit den Thautropfen, mit dem ganzen wunder⸗ baren Leben, das ſie umgab. Eine Woge von Wolluſt ging über ihre Seele; Thränen drängten ſich in ihre 192 Augen, während ſie ſich ſenkten vor dem dunkelglühen⸗ den Blick, der unverwandt mit einer Art Zaubermacht auf ihr ruhte. Es entſtand eine Bewegung in der Gruppe rings⸗ umher. Man erhob ſich, um umzukehren. Auch Nina ſtand auf, ſie erhob ihren Blick gen Himmel, von wo ihr die klarfunkelnden Sterne entgegenſtrahlten. Dieß machte einen peinlichen Eindruck auf ſie. Der Sternblick kam ihr ſtreng und kalt vor, erinnerte ſie an Evlas durchdringen⸗ des Auge. Nina ſenkte die ihrigen wieder, aber ein unwillkürliches Gefühl trieb ſie, ſich von Don Juan zu entfernen. Dieß entging ſeinem erfahrenen Auge nicht, und haſtig, aber leiſe und kummervoll ſagte er:„Dank für dieſe Stunde nach langen Jahren der Leere! Die Erinnerung daran wird mein guter Engel werden, und mich den Ueberdruß des Lebens leichter ertragen lehren. Mein Weſen kann leichtſfinnig ſcheinen, aber mein Herz hat eine Tiefe des Gefühls!. Ich bin einſam, un⸗ verſtanden einhergewandelt;— Niemand kannte mich ſo, wie ich bin.. und ich— bin noch niemals glücklich geweſen.“ Die letzten Worte ſprach er mit tiefem Gefühl, ſodann ſchwieg er und bot Nina den Arm. Sie nahm ihn an. Er war ja unglücklich, unverſtanden. Schweigend kehrten ſie durch den ruhig gewordenen Wald zurück und das Geräuſch der Geſellſchaft ſprach ſie nicht an. Nina ging mit geſenkten Augenlidern ſtumm und ſich ſelbſt un⸗ begreiflich, fühlte aber den Blick, den er ſehr häufig auf ſie richtete. Die Geſellſchaft war noch auf dem Tanzplatz ver⸗ ſammelt. Man lauſchte einem Flötenſpieler, der bei der Ankunft der Spaziergänger ſeinen letzten Triller geblaſen hatte. Don Juan wurde umringt. Man bat ihn all⸗ gemein, mit ſeinem wohlbekannten Talent die Freuden des Abends zu krönen. Er ließ ſich nicht lange bitten, nahm eine Guitarre aus den Händen der Gräfin Natalie, ſetzte ſich auf einen mooſigen Stein und präludirte. Es war ein herrlicher Anblick, wie er daſaß, den ſchonen 193 Kopf gedankenvoll gebeugt, die dunkeln Byronſchen Locken ſanft von dem Abendwinde gehoben, während die weiße weiche Hand feurig über die Saiten flog. Er ſang und Alles war aufmerkſam. Schöneres hatte noch Niemand gehört. Es war eine wilde Romanze von unglücklicher Liebe. Es lag Leidenſchaft darin, Verbrechen, wilde Glückſeligkeit, Wahnſinn, Tod. Der Sänger erbleichte vor ſeinen eigenen Tönen; die Zuhörer mit ihm. Schauer durchzuckten ſie und ſympathetiſches Zittern ſäuſelte auch in den Bäumen. Alles ſchwieg in einer Art Betroffenheit, als die letzten, abgebrochenen, melancholiſchen Akkorde gleich Todesſeufzern entſchwebten. Da feſſelte Don Juan einen langen flammenden Blick auf Nina. Die Töne wur⸗ den lieblich, ſchmelzend, gleichſam trunken von Entzücken. Don Juan beſang die glückliche Liebe, die freie, paradie⸗ ſiſche, ſo wie Albano und Correggio ſie gemalt haben. In Nina's Bruſt zitterten Saiten, die bisher ſtumm geweſen. Ahnung und Sehnſucht, ein unendliches Weh und eine unendliche Wonne erfaßte ſie. War es ein Abgrund, war es der Himmel, der ſich vor ihr öffnen wollte?— Sie wußte es nicht. Sie hätte in dieſem Augenblick ſterben mögen, und gleichwohl hatte ſie nie, wie jetzt, den Reich⸗ thum, die Fülle des Lebens geahnt. Was Nina's Seele ſo mächtig erfaßte, blieb nicht ohne Wirkung auf die Andern, und manches Herz ſchmolz bei dieſem Blick in ein verlorenes Eden. Thänen ſtiegen in manches Auge, manche Liebesflamme ſchoß daraus her⸗ vor, nicht um Feuer bei dem Nachbar zu entlehnen, ſon⸗ dern anzuzünden. Manche roſige Erinnerung ſtieg in der Seele des Greiſen auf und die alten Damen„nein, das ginge doch zu weit. Wir können, meine Leſer, die Zeit nicht damit zubringen, über alle Eindrücke des Ge⸗ ſanges Rede zu ſtehen. Groß iſt die Macht des Geſan⸗ ges, größer jedoch die des Schlafes, wenigſtens in un⸗ ſerem etwas ſchwerfälligen Norden. Fräulein Marga⸗ rethe war die Erſte, die dieſe Bemerkung machte, und ſich gähnend gegen den Baron H. wandte;„Dieß mag Alles Bremer, Nina. 13 194 ganz ſchön ſein, allein es iſt doch nicht ſchoͤn genug, um uns die ganze Nacht hieherzufeſſeln. Hören Sie, Baron, laſſen Sie uns etwas Beſſeres thun, laſſen Sie uns nach Hauſe gehen.“ Baron H. antwortete in einer Sprache, die Fräulein Margarethe gänzlich unbegreiflich war, und die ſie ſich unmöglich erklären konnte, bis ſie ſah, daß er ſchlief. Da lag er in dem grünen Graſe, mit offener Bruſt, das offene, heitere, etwas bacchusähnliche Geſicht in träumender Vergnügſamkeit gegen den Himmel gewandt. Fräulein Margarethe winkte Klara und zeigte ihr lächelnd den Schläfer.„Er erkältet ſich,“ ſagte Klara mit ſorgſamer Unruhe, nahm einen Shawl und breitete ihn über ihn aus. War es nun in Fortſetzung eines Trau⸗ mes, oder wachte der muthwillige Mann wirklich, oder ſah er im Traume; genug, als Klara ſich bückte, um ihn zu bedecken, ſtreckte er ſeine Arme gegen ſie aus; allein Klara erhob ſich ſchnell und er faßte blos ihre Hände, die er herzlich küßte. Klara ließ es ruhig geſchehen. Fräu⸗ lein Margarethe ſah zu. Filius hatte inzwiſchen ſeine eigene Beſchäftigung. Er hatte an dieſem Abend eine be⸗ ſondere Vorliebe für ein gewiſſes Karolinchen gefaßt, eine fünfzehnjährige niedliche Deutſche, und machte ihr damit den Hof, daß er mit einem Stück Kreide Arabesken auf ihre Schuhe und den Saum ihres ſchwarzen Kleides zeich⸗ nete. Vergebens ſprach ſich das junge Mädchen müde: „Lieber Filius, laß doch ſein. Laß mich in Ruhe, guter Junge. Nein du biſt wirklich unausſtehlich.“ Der Kunſt⸗ eifer war nun einmal über Filius gekommenz er antwor⸗ tete weder, noch folgte er, noch ſchien er überhaupt zu hören. Fräulein Margarethe, die neben der jungen Ge⸗ peinigten ſaß und Filius Manier eine Weile mit angeſehen hatte, fügte jetzt einen verbietenden Machtſpruch zu Karo⸗ linens Bitten. Filius ſchwieg, drehte ſich um und bei⸗ nahe in demſelben Augenblick ſah Fräulein Margarethe eine lange weiße Römernaſe ihr eigenes, dunkelgrünes Seidenkleid ſchmücken. Das war zu ſtark. Während Fräulein Margarethe den Auftritt zwiſchen dem Baron ( um on, ach he, ind er ner in ihr ara tete au⸗ der ihn lein die äu⸗ eine be⸗ eine mit auf ich⸗ de: ter nſt⸗ or⸗ zu He⸗ hen r⸗ bei⸗ the nes end ton 195 von H. und Klara beobachtete, vrückten ſich ihre feinen Lippen faſt unmerklich zuſammen, eine gewiſſe Bitterkeit kam über ihr Geſicht, und ihre weißen Finger fanden den Weg in Fililus blonde Locken und Au, au, o weh, o weh! erſchallte weithin ein durchdringendes Jammerge⸗ ſchrei. Baron H. ſprang ſchnell, wie ein Eichhörnchen, auf und rief: Filius! Filius ging unter heftigem Schluch⸗ zen zu ſeinem Pflegevater und konnte blos die Worte ſtam⸗ meln:„Sie hat mich ger... gerauft. ſie hat mich gerauft.“ Eine gewiſſe Verwunderung, eine Beſtürzung mit Heiterkeit vermiſcht, verbreitete ſich unter den Umſtehenden. Baron H. aber ſah Fräulein Margarethe mit einem Blicke an, der eine Erklärung zu fordern ſchien. Fräulein Mar⸗ garethe ſtand mit einer gewiſſen Würde auf, und ſagte: „Mein beſter Baron, ich muß Ihnen nur ſagen, daß die Strafe wohlverdient war. Zugleich habe ich den Wunſch auszudrücken, daß Sie ſelbſt dieſe Sorge auf ſich nehmen möchten und ſich etwas von der Methode aneigneten, die ſich ſo eben an den Tag gelegt habe. Der Junge wird ſonſt in Bälde rein unerträglich.“ Der Baron antwortete Nichts, ſondern nahm ſeinen Filius, deſſen Kummer indeß bereits von Klara glücklich beſchwichtigt war, bei der Hand und ſchickte ſich an zu ehen. „ Die übrige Geſellſchaft brach nun ebenfalls auf. Klara erwartete, ihren Shawl wieder zu bekommen, allein varaus wurde Richts. Baron H. ſchlang ihn ganz ruhig um ſeinen Rock und rühmte ſeine Weichheit, ſeine Wärme, ſeinen milden Charakter. Fräulein Margarethe gab Klara einen von ihren Shawls, denn ſie hatte mehrere, und ging ſtumm, wie eine Mauer nach Hauſe. Beim Ab⸗ ſchied brachte Klara freundlich ihren Shawl noch einmal in Erinnerung, allein der Baron ſteckte ihn bloß in ſeine Taſche und erklärte, er gedenke ſich nie mehr von ihm zu trennen. Ning wurde von Don Juan bis an ihre Thüre be⸗ 196 gleitet. Hier heftete er einen ſeiner flammenden Blicke auf ſie und verließ ſie. Aber als ſie ſchon im Bette lag, wurde Nina noch von ſeinen Tönen entzückt, die mit un⸗ endlicher Anmuth in einer wiegenden Barcarole aus dem Syringenbuſche unter ihrem Fenſter hervorklangen. Der Mond ſchien hell; er ſchien auch über ihr Bett. Das dunkle Fenſterkreuz warf ſeinen tiefen Schatten über ihre Bruſt. Nina ſah es. Das Sinnbild der Entſagung und des Schmerzes lag über ihr, aber ſie war auch von Himmelsglanz begoſſen. Draußen lebten Geſang und Liebe. Ihr Herz ſchlug unruhig, ihre Gedanken waren verworren, ihre Thränen floßen, und die weißen Arme ſtill über den Schatten auf ihrer Bruſt kreuzend, gab ſie ſich in ſchweigendem Gebet dem Vater hin, der beſſer, als ſie, in ihre Seele blickte und ihr Schickſal be⸗ ſtimmte. Noch an demſelben Abend ſtellte Fräulein Margarethe Klara zu Rede über ihre Worte:„Er erkältet ſich!“ und fragte in allem Ernſt, ob ſie ihn warm zu halten gedenke, nicht blos mit ihren Shawlen, ſondern auch mit ihrem( Herzen. Klara verneinte es, zuerſt lachend, dann mit r vielem Ernſt.„Gut!“ dachte Fräulein Margarethe. ſ Klara hatte indeß an dieſem Abend viel von ihrer Freundin zu leiden, die mitunter etwas unbarmherzig war und ſie oft fragte, wie viel Kleider ſie noch zu verſchen⸗ ken habe. Sie erklärte auch, ſie möchte gern andere Be⸗ weiſe von Hs. Liebe ſehen, als ſolche, wodurch Klara um ihre Kleider komme. Mehr als einmal fragte ſie mit ſchelmiſchen Blicken, was wohl daraus am Ende entſtehen werde. Aber Klara nahm den Scherz gut auf, blieb ruhig und ließ ſich nicht irre machen. Dagegen war das Verhältniß zwiſchen Fräulein Margarethe und dem Baron wirklich einigermaßen geſtört. Eine gewiſſe Spannung, eine gewiſſe kalte Hoͤflichkeit trat auf ein paar Tage an die Stelle der früheren heiteren Freundlichkeit. Sieht es nicht aus, als ob wir den Präſidenten gänzlich vergeſſen hätten? Nein, vergeſſen haben wir ihn 5 197 nicht, aber er tritt immer mehr in den Schatten neben ſeiner glänzenden Gemahlin, auf die er jedoch ſehr ſtolz und auch ein wenig eiferſüchtig iſt. Er trinkt gewiſſen⸗ haft jeden Morgen ſeine zwölf Gläſer und klagt etwas über ſeinen Magen und ſeine Laune, allein Gräfin Na⸗ talie achtet nicht darauf. Sie muſicirt an Einem fort mit Don Juan und Nina. Allein mit ihnen und beſon⸗ ders allein mit Nina entwickelt Don Juan ſeine bewun⸗ dernswürdigen Talente. Er badet ſich gleichſam im Ge⸗ ſang und berauſcht ſich in ſeinen eigenen Tönen. Nina iſt wie bezaubert und ſinkt von Tag zu Tag tiefer in eine ſüße ſchwärmeriſche Wehmuth. Don Juans Leidenſchaft für ſie wird mit jedem Tag deutlicher und mit jedem Tag heftiger. Er umgibt ſie mit ſeiner Verehrung, mit ſeinem Geſange, mit ſeinem ganzen glühenden und poetiſchen Le⸗ ben— ihr Leben ſchaukelt auf Wogen des Wohllauts und der Wolluſt. Wie ſtarke Blumendüfte wirken, ſo wirkten dieſe Mu⸗ ſikdüfte auf ſie; es war ein liebliches, aber betäubendes Gefühl, ein angenehmer Rauſch, ein ſüßes Gift; von ei⸗ nem ſolchen, meine Leſerinnen, kann man ſterben, wenig⸗ ſtens an der Seele ſterben. „Aber in Gottes Himmel ſingen ja auch ſeine reinen Engel. Der Geſang iſt an ſich ſelbſt ſo göttlich! Wie kann er die Seele tödten?“ „Es kommt darauf an, weß Geiſtes Kind er iſt, meine Alletkoſtbarſte. Dae edelſte Werkzeug kann, von einem ſchlechten Willen mißbraucht, Mittel zum Böſen werden. Es gibt ein Feuer, das leuchtet und belebt— es gibt aber auch ein Feuer, das zerſtört.“ Ab „Aber und aber, du holder Engel, deſſen reinen So⸗ pran ich dereinſt in den Chören des Himmels, wenn nicht ſchon früher, zu hören hoffe— ich habe heute keine Zeit, mit dir Worte zu wechſeln. Ohnehin wird Klara, die fromme Klara, beſſer als ich auf deine Zweifel ant⸗ worten.“ 198 „Warum, Klara,“ fragte Fräulein Margarethe, „gehſt du faſt jedesmal hinaus, wenn Don Juan ſich ans Piano ſetzt und ſo fingt, daß Nina zerſchmilzt, Natalie aber ganz begeiſtert ausſieht und ihre Augen nach allen Seiten hinwendet, nur nicht nach dem Präſidenten, der gleichwohl ſein Möglichſtes thut, um ſich im Entzücken zu erhalten? Sage mir, warum ſchleichſt du dich immer weg?“ Klara wurde roth, antwortete aber lächelnd:„Weil ich von Don Juans Tönen weder ſchmelzen noch begeiſtert werden will.“ Sie ſchwieg und fügte nach einer Pauſe unter tieferem Erröthen hinzu:„Ich liebe die Muſik ſehr und habe kein härteres Herz als Nina, allein in Don Juans Geſang liegt etwas, was mir nicht wohlthut. Er regt auf und macht weich, ohne auf irgend eine Weiſe zu beruhigen. Es iſt etwas an ihm und auch an ſeinem Geſang, was deutlich verräth, daß ſeine Seele und ſeine Abſichten nicht rein find.“ „Aber dein Herz, dein Verſtand iſt es!“ ſagte Fräu⸗ lein Margarethe, indem ſie ihre Freundin in die Arme ſchloß.„Ich möchte nur wünſchen, daß die ſchöne und vollkommene Nina, wie Natalie ſie nennt, halb ſo viel Einſicht hätte.“ „Sprich mit ihr, warne ſie!“ bat Klara innig und eifrig.„Sie iſt noch ſo jung und ſo gut.“ „Damit befaſſe ich mich nicht,“ ſagte Fräulein Mar⸗ garethe beſtimmt.„Ich verſtehe mich nicht recht auf das Mädchen, und ohnehin kommt bald Jemand, der ſie und Don Juan mit unter ſeine Aufſicht nehmen wird. Graf Ludwig R. wird nächſter Tage hier erwartet, und ich denke, er wird die Hitze mit den Singübungen ſchon ab⸗ kühlen. Mit Natalie habe ich inzwiſchen geſprochen, aber das heißt tauben Ohren predigen. Sie hat überdieß ein Talent, aus Schwarz Weiß zu machen, und„ doch es läutet zum Mittageſſen. Nimm deine Tüllpelerine, Klara, d. h. wenn du noch eine haſt— es iſt doch ſon⸗ derbar, daß Baron H.. d ⸗ 16 d f h —— 199 Klara verſchloß die ſcherzenden Lippen mit einem Kuß und beeilte ſich, ihrer Freundin zur table d'höte zu folgen. Fräulein Margarethe ſetzte ſich neben Baron H. Man ſah es Beiden an, daß ſie wieder Freunde werden wollten. Baron H., deſſen glänzendſte Stunde den Tag über immer die Eſſenszeit war, und der die ſeltene Gabe beſaß, zugleich zu eſſen und zu ſprechen und zwar beides mit großem Geſchmack und vieler Lebendigkeit, war heute ganz beſonders charmant. Er ſprach mit Fräulein Mar⸗ garethe viel über Kindererziehung, und Fräulein Marga⸗ rethe gab ihm halb ſcherzhaft, halb im Ernſt einige ziem⸗ lich handfeſte Rathſchläge, die für Filius mehr heilſam, als angenehm waren. Fräulein Margarethe ſprach auch allerhand über ſeine Zukunft und fragte, ob es wohl zweck⸗ dienlich ſein würde, ihn für die Profeſſion ſeiner Mutter auf dem Theater zu beſtimmen, bemerkte aber zugleich, Filius ſcheine wenig Talent zum Tanzen zu haben, denn er gehe immer einwärts mit den Füßen. Baron H. ſtierte Fräulein Margarethe mit einiger Verwunderung an, huſtete, trank ein Glas Wein und antwortete dann, der Junge dürfe ſeinen Beruf ganz nach Neigung wählen. Fräulein Margarethe fragte nun weiter, ob er vielleicht Decorationsmaler werden wolle, und er⸗ zählte mit vieler Munterkeit die Geſchichte von der Zeich⸗ nung und dem Raufen auf dem Tanzplatze. Sie lachten beide darüber. Der Baron gab zu, daß die Züchtigung mehr als verdient geweſen ſei, und bat ſich ſogar auch für die Zukunft Fräulein Margarethens Rath— er ſagte jedoch nicht Beihülfe bei Filius Erziehung aus. Fräu⸗ lein Margarethe verſprach, ihr Möglichſtes zu thun, und ſorgte dafür, daß der Baron die beſten Biſſen auf den Tiſch bekam. Ueberhaupt kamen ſie in Allem vortrefflich überein, ſo daß Klara, die ihnen gegenüber ſaß, im Stil⸗ len darüber lächelte, aber nicht bemerkte, daß ſie ſich be⸗ ſonders zu ihrem Lobe ſo lebhaft und innig vereinigt 200 hatten. Baron H's. Augen glänzten dabei, wie zwei von der Sonne beſchienene Kryſtallkugeln. Die große Freundſchaft der Antagoniſten erſtreckte ſich auch auf den ganzen Nachmittag und als Baron H., der ſeinem Abmagerungsſyſtem gemäß, wie es Fräulein Margarethe nannte, ein ſehr eifriger Spaziergänger war, nach Tiſch eine ziemlich lange Promenade vorſchlug, ließ ſich Fräulein Margarethe, obgleich ſie keine beſondere Freude am Spazierengehen hatte, ſehr bereitwillig finden, ihn zu begleiten. Klara freute ſich auf die ſchönen Na⸗ turſcenen, deren Anblick ihr der Baron verſprach, und ging ruhig und glücklich an der Seite ihrer Freundin. Filius, der Fräulein Margarethe immer noch gram war und ihr zuweilen grimmige, mißtrauiſche Blicke zuwarf, war gleichwohl heute ungewöhnlich lebhaft und pflückte mit vieler Auswahl die ſchönſten Blümchen für Klara und ſeinen Vater. Fräulein Margarethe bemerkte, daß der Junge bei all ſeiner Unart doch Denjenigen, die gut gegen ihn geweſen waren, mit treuer Liebe anhing, und beſchloß deßwegen, es mit der ſanften Methode zu ver⸗ ſuchen, um einige Gewalt über ihn zu bekommen. Der Herr mit den Schwierigkeiten und die Dame mit den Leichtigkeiten waren die Einzigen von der übrigen Geſellſchaft, die mitgingen; wir wiſſen nicht genau, in Folge welcher Schwierigkeit, oder wegen welcher Leichtig⸗ keit. Das Geſellſchäftchen war bereits eine gute Strecke munter vorangeſchritten, als eine Gewitterwolke, die hin⸗ ter den Wanderern aufſtieg, den Herrn mit den Schwie⸗ rigkeiten veranlaßte, eine furchtbare Grimaſſe zu ſchneiden, und Fräulein Margarethe im Stillen fragte, ob ein Ge⸗ witter mit Donner und Regen wohl zu den herrlichen Naturſcenen gehöre, womit der Baron H. Klara bewir⸗ then wolle. Inzwiſchen ließ ſie, ſei es nun aus Gut⸗ müthigkeit oder Bosheit, Nichts von ihren unglücklichen Ahnungen verlauten. Der Baron ſah ſich auch einmal nach der Wolke um, ſang aber fröhlich weiter vor ſich hin und ſetzte die Wanderung mit der allerbeſten Laune e C—— . 201 fort. Nicht ſo der Herr mit den Schwierigkeiten. Er und ſeine Schweſter blieben einige Schritte hinter den An⸗ dern zurück und Fräulein Margarethe hoͤrte folgendes Zwiegeſpräch zwiſchen ihnen: „Es ſieht mir aus, als ob dieß eine ſchöne Geſchichte werden ſollte. Wir bekommen ein Gewitter, daß Gott erbarm! der hirnverrückte Baron H.! Wir werden Alle pudelnaß werden.“ „Bonapartchen, ich verſichere dich, daß es nicht ge⸗ fährlich iſt. Es geht vorüber. Der Wind bläst gegen die Wolken.“ „Bläst, bläst! Herr Gott, wie du doch immer phantaſirſt! Und wenn die Wolke gegen den Wind auf⸗ ſteigt, ſo möchte ich nur wiſſen, welchen Dienſt dein ver⸗ maledeites Blaſen uns thun ſoll, außer daß es uns die Augen mit verdammtem Staub erfüllt und die Hüte vom Kopfe nimmt. Der Wind iſt gar zu widerwärtig. Ich möchte nur wiſſen, wozu der Wind gut ſein ſoll.“ „Ei, er iſt gewiß auch zu Etwas gut. Mir ſcheint er recht angenehm zu ſein. Er macht, daß man weit friſcher geht. Ich nehme gern mitunter ein Luftbad. Es iſt geſund.“ „Bade, ſo lange du willſt, im Wind oder Staub, allein ich bitte, mich davon zu verſchonen. Ein Regen⸗ tropfen! ja, ja, da haben wir's. Jetzt bekommen wir acht Tage lang unaufhörlich Regen. Mein Roggen wird platt gelegt und ſauer, wie„wie auch fühle ich bereits, daß das kalte Fieber wieder heranrückt, das ich vor fünf Jahren gehabt habe. Sieh, da kommt ja die ver⸗ dammte Waſſermaſſe hinter uns, wie eine Sündfluth.“ „Du wirſt ſchon ſehen, daß wir an Ort und Stelle kommen, ehe der Regen anfängt. Dieſe kleinen Streifen haben nicht viel zu bedeuten und ſind überdieß weit von uns weg. Wir kommen bald unter Dach und Fach und da hat Baron H. uns einen guten Kaffee verſprochen.“ „Kaffee, ja, ja, den Kaffee werden wir aus einer Regenpfütze zu trinken bekommen, ſage ich dir.“ 202 werden an Ort und Stelle ſein, ehe du daran denkſt.“ „An Ort und Stelle? Wir kommen gar nicht an Ort und Stelle, ſage ich, denn wir ertrinken und dieſe Promenade da wird mein Tod.“ „Wollen wir vielleicht umkehren, dann können wir „Wir können gar nicht zurückkommen, ehe es über uns herabregnet und donnert und blitzt.“ „Aber wir könnten ja den Verſuch wagen und wollen das Beſte hoffen.“ „Nein, ſage ich. Nein, nein, nein, nein, nein!“ „Aber was ſollen wir denn thun? Es iſt doch gewiß beſſer, irgend wohin, entweder vorwärts oder zurück zu gehen, als hier ſtehen zu bleiben.“ „Ja da haben wirs! Was ſollen wir thun? heißt es allemal, wenn alle möglichen Dummheiten bereits be⸗ gangen ſind und dann ſteht man ſimpelhaft da und ſperrt das Maul auf. Baron H.! Baron H.! Wir bekommen ein Gewitter, wir werden Alle im Platzregen ertrinken! Baron H.! Ich glaube, der Kerl iſt taub! Er hört ſo wenig, als wenn er ein Stein wäre. Baron H.! Ba⸗ ron H.! H.! Baron!“ Baron H. ſtellte ſich wirklich taub und ging immer munter voran. Endlich wurde er jedoch ſo heftig am Nocke gezupft, daß er einige Schritte zurücktaumelte und mit ſeinem ganzen Gewichte dem ergrimmten Herrn mit den Schwierigkeiten in die Arme fiel, der aus Leibeskräften rief:„Wir bekommen ein Gewitter! wir bekommen ein Gewitter!“ „Ah! Bah!“ antwortete der Baron phlegmatiſch und mit Mühe ein lautes Lachen zurückhaltend. „Ah hin und Bah her! Wir bekommen ein Gewitter, ſage ich, und werden wegen unſerer Einfalt alleſammt ertrinken und vom Blitz erſchlagen werden.“ „Wir bekommen kein Gewitter, ſage ich, aber wenn Sie ſo ängſtlich ſind. ſo ſehen Sie, dort ſteht ja eine — 6 n ——— —— 203 Scheune. Sie haben dann ein Dach, um darunter, und trocknes Heu, um darauf zu ruhen, bis die Ge⸗ fahr vorüber iſt.“ „Das iſt ja charmant!“ „Charmant! meine Schweſter Hebbla findet Alles charmant und man weiß doch, daß der Blitz immer in die ir* ſchlägt. Ueberdieß ſticht das Heu; char⸗ mant!“ Dieß war für Fräulein Margarethe ganz unwider⸗ ſtehlich und das herzliche Lachen, in weſches ſie ausbrach, verdroß den Herrn mit den Schwierigkeiten dermaßen, daß er den Arm ſeiner Schweſter nahm, ſich von der Geſell⸗ ſchaft wegwandte und geradezu auf die Scheune losſteuerte. Als Fräulein Margarethe ihrer Munterkeit, in welche Ba⸗ ron H. und ſogar Klara mit einſtimmten, Genüge gelei⸗ ſtet, ſagte ſie ernſthafter: „Inzwiſchen muß ich Ihnen doch ſagen, Baron, daß von allen Naturſchonheiten ein Platzregen diejenige iſt, die meine Neugierde am Wenigſten reizt, und wenn Sie glauben, daß uns dieſer Genuß bald bevorſteht, ſo bitte ich mir wenigſtens für mich und Klara aus, ihn von der Scheune aus betrachten zu dürfen, trotz aller dort befind⸗ lichen Schwierigkeiten.“ Aber Baron H., dem ganz beſonders viel daran lag, ſein Ziel zu erreichen— wir glauben auch ein wenig des Kaffees wegen— wollte nichts von der Scheune hören! er verbürgte ſich, daß das Gewitter vorübergehen werde; die wenigen Regentropfen haben ja bereits aufgehort, und mit einem luſtigen Liede werde man ſicherlich die Sonne heraufrufen; zugleich begann er mit der infamſten Stimme von der Welt, wie Fräulein Margarethe ſich ausdrückte, ein heiteres Frühlingslied zu ſingen. Und ſiehe da! die Sonne zeigte ſich wirklich wieder, das Gewoͤlke verzog ſich und die Geſellſchaft ging luſtig weiter, nachdem ſie ver⸗ gebens die Geſchwiſter in der Scheune durch Winke und Zeichen eingeladen hatte, zu folgen. Nur der Wind, der immer heftige Staubwolken über das Feld jagte und mit 204 jedem Augenblick an Stärke zunahm, wurde den Wande⸗ rern immer beſchwerlicher. Fräulein Margarethe wurde. müde und warm, auch ein Bischen verdrießlich, was ein theils aus ihrem Schweigen zu erkennen war, theils aus eir ihren kurzen Ermahnungen an Klara, ſich gut einzuhüllen, laf ihren Shawl, ſowie den Hut feſtzuhalten und das Gras un bis zur Heuerndte ſtehen zu laſſen, denn Klara konnte nicht umhin, Filius bei ſeinem Kräuterſammeln Geſell⸗ ſch ſchaft zu leiſten. Baron H. dagegen wurde immer mun⸗ un terer und pries ſein ſchönes Wetter und ſeinen Son⸗ W nenſchein. Die Geſellſchaft ging jetzt am Ufer eines rie⸗ ſelnden Fluſſes hin, über deſſen hohe Graswälle einige ne Bretter gelegt waren, die als Brücke dienen ſollten. Sie ſchienen indeß ſo gebrechlich zu ſein, daß man mit Recht kö an der Möglichkeit hinüber zu kommen zweifeln konnte. m Auf einmal kam ein Wirbelwind, entführte Klaras Hut be und Schleier, und ſchmückte damit eine der niedrigen er Fichten auf dem andern Ufer. Groß war die Verwunde⸗ rung und Beſtürzung der Geſellſchaft. la Nun verſichere ich dich, mein Leſer, daß ich durch⸗ w aus nicht weiß, welches boshafte Teufelchen es Fräulein ne Margarethen in den Kopf ſetzte, hier eine ihrer Proben zu von Baron H's Liebe zu Klara anzuſtellen. 91 Baron H. ſtand da und betrachtete den Hut auf dem ül Wipfel der Fichte mit einem Ausdruck, der nahe an Be⸗ m ſtürzung gränzte, machte aber nicht die mindeſte Miene, F ſich über den gefährlichen Steg zu wagen. ih Fräulein Margarethe ſah ihn an:„Nun, Baron?“ b „Ja, meine Gnädigſte, das iſt eine recht fatale G⸗ ſchichte“ „Fatal? An ihrer Stelle würde ich ſie eher glücklich w nennen. Dieß iſt juſt eine der wenigen Gelegenheiten in rr unſerer ſteifen langweiligen Welt, wo es einem Liebhaber ve noch erlaubt iſt, den ritterlichen Sinn zu erproben, der die Gefahr verachtet beim Scheine einer Hoffnung, ſeiner T Schönen dienen zu können. Eine edle Geſinnung, die dem fi Herrn Baron gewiß eigen iſt.“ S —— ——— 205 „Gehorſamſter Diener! Allerdings! Aber„aber laſſen Sie uns mit allen möglichen Turnſpielen noch ein wenig warten; ein Windſtoß hat den Hut entführt, ein Windſtoß kann ihn auch wieder herüberführen. laſſen Sie uns noch ein wenig warten„laſſen Sie uns zuſehen.“ 8 „Ich bewundre wirklich Ihre Geduld. Nun ich ſehe ſchon, daß wir dann die ganze Nacht hier ſtehen müſſen, und inzwiſchen wird Klaras ſchöner Hut zerriſſen und der Wind bläst ihr Kopf⸗ und Zahnweh zu.“ „Fräulein Klara könnte ja ſo lange meinen Hut nehmen.“ „Nein, nein, Baron, ſie nimmt ihn nicht, darauf können Sie ſich verlaſſen; ſie weiß den Kopf eines Mit⸗ menſchen beſſer zu ſchätzen, als daß ſie ihn ſeiner Bedeckung berauben ſollte. Nein, Sie müſſen einen andern Ausweg erſinnen, wenn Sie Klara wohlwollen.“ Baron H. hatte gut gegeſſen und ſich warm ge⸗ laufen;— nur ein Ritter Don Quirote konnte ſich wundern, daß er mit ſeinen achtundvierzig Jahren Anſtand nahm, ſich der tückiſchen Gemüthsart des Flußgottes Preis zu geben. Klara ihrerſeits erklärte eifrig, ſie könne ganz gut ohne Hut gehen, und wenn ſich nothwendig Jemand über die ſchwache Brücke wagen müſſe, ſo dürfe dieß Nie⸗ mand anders ſein, als ſie ſelbſt. Wie ſie ſich indeſſen von Fräulein Margarethens Hand hätte frei machen ſollen, die ihren Arm erfaßt hatte, das iſt mehr, als ſie und wir begreifen können. Noch eine gute Weile blieb die Geſellſchaft ſtille im Winde ſtehen, ſah zu dem flatternden Hut hinüber und wartete auf den glücklichen Windſtoß, der nach des Ba⸗ rons Behauptung ganz gewiß kommen würde. Endlich verlor Fräulein Margarethe die Geduld und rief:„Nein, hier halte ich es nicht länger aus, und da der Herr Baron ſich ſo wenig um Klara bekümmert und ſo ſehr fürchtet, etwas für ſie zu wagen, ſo gehe ich ſelbſt.— Still, Klara!“ 206 „Das ſollen Sie nicht,“ ſagte der Baron ganz be⸗ ſtimmt, indem er Fräulein Margarethe zurückhielt;„denn ſo wenig ich Vergnügen daran finde, mich unnöthig in Gefahr zu ſtürzen, ſo fürchte ich mich doch nicht vor einem kalten Bade, am allerwenigſten, wenn es der guten Klara zu lieb genommen wird.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſtand er ohne alles Weitere auf dem Steg über dem Fluſſe. Fräulein Margarethe, die Klaras Arm unerſchütter⸗ lich feſthielt, ſchickte ihm eine halblaute Kritik über ſeinen Ausdruck unnothiger Gefahr nach, folgte aber bald mit einer Unruhe, die ſie indeß nicht ſichtbar werden ließ, ſeiner Wanderung über die Bretter, die ſich weit mehr bogen, als ſie erwartet hatte. Was in dieſem Augenblick aus Reue und Schreck in ihrem Innern vorging, können wir nicht ſagen, denn ſie hat ſich nie gegen Jemand darüber geäußert. Inzwiſchen war der Baron nahe daran, ſein Ziel ohne ein Abenteuer zu erreichen, als ſich etwas ereignete, was er unmöglich hatte vorausſehen koͤnnen. Der merkwürdige Steg beſtand nämlich aus drei Bret⸗ tern, von denen das mittlere ſichtbar morſch war. Der Baron vermied daher das juste milieu und ging mit dem einen Fuß auf dem linken, mit dem andern auf dem rechten Brette. Dadurch bildete ſich eine Art Thor, das Filius in Folge einer plötzlichen Inſpiration benützen wollte, um ſeinem Pflegvater eine Ueberraſchung zu bereiten und den Hut vor ihm zu erobern. Unglücklicherweiſe glich der Baron H. nicht dem rhodiſchen Koloß und Filius war überdieß nichts weniger, als gewandt. Als daher der Knabe wie ein Pfeil herſtürzte, verwickelte er ſich zwiſchen den Beinen ſeines Vaters, welcher erſchreckt und ärgerlich einen Schrei ausſtieß, weil er nahe daran war, das Gleich⸗ gewicht zu verlieren, ſich aber doch Zeit gab, Filius einen Stoß zu verſetzen. In demſelben Augenblicke hatte auch Fräulein Margarethe ihren Fuß auf den Steg geſetzt, um zu Hülfe zu kommen, allein unter dieſer dreifachen Menſchenlaſt brach die Brücke und ſtürzte unter gewaltigem ——— c— — ————„ 207 Getöſe nebſt Fräulein Margarethe, dem Baron H. und Filius in den Fluß hinab, mitten unter einen Haufen ſchwimmender Enten hinein, die unter ſchrecklichem Ge⸗ ſchrei und Geplätſcher die Flügel ihnen in und um ihre Geſichter ſchlugen. Baron H. verſchwand ganz und gar unter den Wel⸗ len, und als er den Kopf wieder über die Oberfläche des Waſſers hervorſtreckte, gab er ſo viele wunderliche Töne von ſich, daß man wohl— ich glaube mit König David— ſagen konnte:„Er ſchrie wie ein Kranich und eine Schwalbe, und girrte wie eine Taube.“ Als er ſich aber ein wenig erholt hatte, ſiehe, da ſchwamm er auch wie ein Schwan und ſteuerte ſogleich ſeinen Unglücks⸗ gefährten zu Hülfe. Fräulein Margarethe hatte inzwiſchen ihre gewöhnliche Entſchloſſenheit nicht verloren. Mit dem einen Arm hatte ſie ein Stück von dem gebrochenen Steg erfaßt, mit der andern Hand aber hielt ſie Filius an den Haaren— dießmal in einer ganz andern Abſicht, als das erſtemal— und war ſo glücklich, den Knaben an ſich zu ziehen, wobei ſie Klara beſtändig zurief, ſie ſolle ruhig ſein, denn ſie werde ſich ſchon zu helfen wiſſen. Wir wiſſen indeß nicht, wie ſie damit zurecht gekommen wäre ohne den Baron, der mit eben ſo viel Geſchicklich⸗ keit, als Verſtand zuerſt mit Filius und dann mit ihr ſelbſt an eine Stelle ſchwamm, wo das Ufer weniger ſteil war und eine glückliche Landung geſtattete. Hätten die Schwimmenden dabei künſtleriſchen Sinn genug be⸗ ſeſſen, ſich Etwas reizender zu gruppiren, ſo hätten ſie leicht einem Künſtler— wenn nämlich einer dageweſen wäre— einen köſtlichen Anblick bereiten können. Baron H. mit ſeinem gutmüthig fröhlichen, ausdrucksvollen Ge⸗ ſichte war ein unvergleichlicher Flußgott, und Fräulein Margarethe mit ihrer weißen Farbe und ihren regelmäßigen Geſichtszügen eine ſtattliche Najade. Filius war ſehr brav für einen kleinen murmelnden Bach; allein an eine ſolche Vorſtellung dachten die im Waſſer ſich Abarbeitenden auch keinen Augenblick. 208 Baron H. hatte ſeine koſtbaren Bürden auf das grüne weiche Gras niedergelegt, allwo die vor Schrecken bleiche Klara ſie mit Entzücken empfing. Er ſelbſt ſchien jetzt ins Schwimmen hineingekommen zu ſein, denn er ſtieg blos ans Land, um ſeinen Ueberrock abzulegen, und ſtürzte ſich dann zur allgemeinen Verwunderung wieder in den Fluß, ſchwamm ans andere Ufer hinüber und kam im Triumph mit Klaras Hut zurück, den er mit der einen Hand hoch über dem Waſſer hielt, während er mit der andern ruderte. Fräulein Margarethe war entzückt über dieſe ritterliche That und ihr Sinn für das Komiſche hatte an dem ſo eben beſtandenen Abenteuer, ſo wie an den jammervollen Figuren, welche ſie mit einander machten, reichliche Nahrung erhalten. Sie kam in die beſte Laune von der Welk. Die Ufer wiederhallten von einem unauf⸗ hörlichen Gelächter und der kleine Unglücksfall diente — wie es unter guten Menſchen oft vorkommt— nur dazu, ſie munterer und zu noch herzlicheren Bekannten zu machen. Die verunglückte Geſellſchaft war vom Schickſal und dem Baron H. ganz angenehm in einer kleinen Bucht untergebracht worden, wo ſie von dem Graswall und Erlenbäumen vor dem Winde geſchützt wurde und ſich am Feuer des Himmels trocknen konnte. Inzwiſchen konnte man, wie Fräulein Margarethe bemerkte, nicht ſein ganzes Leben da zubringen. „Was ſollen wir jetzt thun?“ war die allgemeine Frage. Ihre Lage war wirklich kritiſch. Klara erbot ſich, nach Ramloͤſa zu laufen und einen Wagen herbei⸗ zuſchaffen. Fräulein Margarethe verbot dieß ausdrücklich, denn ſie ſagte, ſie ſei überzeugt, daß Klara ſich die Schwindſucht an den Hals laufen würde. Sollten ſie alſo durchnäßt, zu Fuß, in vieſem Wind und dieſem Staub den Rückweg mit einander antreten 7 Fräulein Margarethe fand dieſe Trocknungsmethode mehr als be⸗ denklich. Die Geſellſchaft am Ufer war ſomit in großer Verlegenheit, doch wir ſind es weniger, denn wir hören, —— 1———— —. — ₰— —— 5— a en en er nd er m er nit ckt che en en, ine uf⸗ nte mur ten und cht und am mnte zes eine bot bei⸗ ich, die ſie ſem lein be⸗ oßer ren, 209 bereits in der Entfernung den Hufſchlag von Roſſen und das Geraſſel eines kommenden Wagens. Bald vernah⸗ men auch unſere in der Noth ſich befindenden Freunde dieſe willkommenen Töne, und Baron H. ſprang unter ſchrecklichem Geſchrei:„He da! holla ho! Halt! Halt!“ auf die Landſtraße. Der Reiſende war keine geringere Perſon, als der ſtolze, vornehme Graf Ludwig R. ſelbſt. Wie erſtaunt er war, wie artig er ſeinen prächtigen Lan⸗ dauer anbot, wie die naſſe Geſellſchaft ſammt Klara dar⸗ in Platz nahm, wie verwundert und verdrießlich die Pferde über die vervierfachte Laſt waren, wie der Poſtillon ſich mit der Ausſicht auf ein vierfaches Trinkgeld troſtete, dieß Alles bitten wir den Leſer ſich nach eigenem Belieben auszumalen. Die Gräfin Natalie war gerade in einer ihrer eifrig⸗ ſten Singübungen begriffen, und Don Juan riß eben ſo⸗ wohl Nina als ſie mit einer ſeiner wilden Balladen hin, als die verunglückte Geſellſchaft ſammt ihrem Retter ins Zimmer trat, allwo ihre Erſcheinung eine große und wunderſam gemiſchte Wirkung hervorbrachte. Zuerſt Ver⸗ wunderung, Ausrufe, Fragen und allgemeine Verwirrung, ſodann eine allgemeine Spannung während Graf Ludwigs Begrüßungen. Bläſſe verbreitete ſich über Ninas Wan⸗ gen, als er mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit auf ſie zu⸗ ging. Eine kleine Röthe der Verlegenheit färbte die der Gräfin, als ſie ihm Don Juan vorſtellte; dieſer allein ſah ganz unbekümmert aus, indem er Graf Ludwigs ſteife Be⸗ grüßungen und forſchende Blicke etwas nachläſſig erwie⸗ derte. Doch wir dürfen unſere naſſen Freunde nicht aus den Augen laſſen, denn es ſtehen ihnen noch wunderliche Schickſale bevor. Wie ſie trocken wurden, wie ſie Flie⸗ derthee tranken und zeitig zu Bette gingen, wie Filius deßungeachtet einen heftigen Schnupfen bekam, darüber nehme ich mir die Freiheit ſchnell hinwegzugehen. Dage⸗ gen müſſen wir erwähnen, wie Fräulein Margarethe ei⸗ nen Tag nach der Waſſerprobe, die im Ganzen bloß ein Bremer, Rina. 14 2¹0 zweifelhaftes Reſultat ergeben hatte, eine Einladung von ihrer Tante, der verwittweten Gräfin Nordſtjerna erhielt, einen Tag und eine Nacht auf ihrem eine Meile von Ramlöſa gelegenen Gute zuzubringen. Das Einladungs⸗ billet enthielt zugleich die Vorfrage, ob Fräulein Marga⸗ rethe artig oder unartig empfangen zu werden wünſche. Sie antwortete ohne Bedenken:„Unartig.“ Es thut mir leid, daß ich keine Zeit habe, den Le⸗ ſer nähere Bekanntſchaft mit der Gräfin Nordſijerna machen zu laſſen, denn ich bin überzeugt, daß er auch beim größten Haſſe gegen alle Ariſtokratie eine große Freude an ihr haben würde. Eine vornehmere alte Dame war nicht leicht in Schweden zu treffen, obgleich ich meh⸗ rere weiß, die ihr an die Seite geſtellt werden können, und wenn ich vornehm ſage, ſo verſtehe ich darunter nicht ſowohl ausgezeichnet durch Geburt, als durch ihr Weſen, ihren Verſtand und jenes„Je ne suis quoi,“ das den Menſchen zum Gegentheil von allem dem macht, was grob, unangenehm und gemein iſt; ausgezeichnet haupt⸗ ſächlich aber durch Adel der Seele, durch Herzensgüte und Sittenreinheit. Wie liebenswürdig ſie war, die alte Dame! Sie geſehen und gekannt zu haben, iſt eine mai⸗ friſche Erinnerung in meinem Leben. Sie war liebens⸗ würdig gegen Hoch und Niedrig— ich gebrauche dieſen Ausdruck in der gewöhnlichen Bedeutung, obgleich die Gräfin Nordſtjerna nie mit dieſen Worten die Menſchen nach Stand oder Verhältniſſen bezeichnete— liebenswür⸗ dig gegen Alt und Jung: und namentlich für die letztern entzückend durch ihr Wohlgefallen an heiteren Späſſen, ihre ſinnreichen Erfindungen, das Wohlwollen und— es will mir kein rechtes Wort dafür einfallen— durch Nach⸗ ſicht für die Vergnügungen Anderer, ſowie durch ihre Be⸗ reitwilligkeit nach allen Kräften dazu beizutragen, wodurch ſie unwillkürlich Leben und Munterkeit um ſich her ver⸗ breitete. Reich war ſie auch und dadurch in den Stand geſetzt, ihre Wünſche zu befriedigen und Alles um ſich zu ſammeln, was ſie glücklich machen konnte. Mein Le⸗ ——— —— —————„——— 21¹1 ſer, ich ſehe, daß du ſie im Geiſte bereits von Künſtlern und Kunſtwerken, von einer glänzenden Jugend, von den angenehmen Erzeugniſſen des Luxus umgeben erblickſt. Nein, nein, mein Leſer, ſieh dich nach einer andern Seite um. F Aermſte, Verwahrloſeſte, Verachtetſte, Ver⸗ geſſenſte. Ihre Genien, Zephyre, Grazien, Amorinen! Wenn ihr die ſieben häßlichen Fräulein und die drei gebrechli⸗ chen Wittwen der Gräfin geſehen hättet, ſämmtlich ſchutz⸗ los und verlaſſen, die ſie um ſich geſammelt hatte, ich glaube, ihr wäret aus Schreck bis über den Erdkreis hinausgeflohen. Dieß thaten jedoch die Harmonie und die chriſtliche Liebe nicht; ſie befanden ſich wohl in dieſem ausgewählten Kreiſe, und die zehn Planeten drehten ſich nach dem himmliſchen Beiſpiel in Ordnung und Klarheit um ihre Sonne, die engelgute und heitere Gräfin. Fremde ſahen ſie gern und Fremde kamen auch gern in dieſen Kreis ungewoͤhnlicher Häßlichkeit und ungewöhnlicher Be⸗ haglichkeit. Fräulein Margarethe freute ſich auf den Beſuch und reiste am beſtimmten Tage in der beſten Laune von der Welt mit Klara ab. Inzwiſchen ſind einige Hinderniſſe eingetreten, ſo daß ſie erſt Nachmittags abreiſen kann, und ſie iſt, wie auch wir, etwas bekümmert darüber, daß die Kalbsbraten und Blitzkuchen der Gräfin vergeblich warten ſollen. Baron H. kutſchirt die beiden Freundin⸗ nen mit großem Talent und fingt nach Fuhrmannsart ohne Talent eine kleine Romanze dazwiſchen, was Fräu⸗ lein Margarethe ein Bischen genirt. Aber Baron H. hatte die kleine Schwachheit, für ſeinen eigenen falſchen Geſang ein wenig eingenommen zu ſein. Die Reiſe ging glücklich von Statten. Man langte an und ſtieg aus. Fräulein Margarethe wurde auf der prächtigen Hausflur von den neun Muſen empfangen, die mit Meduſengeſich⸗ tern und dito Friſuren zwiſchen den corinthiſchen Säulen ſtanden und mit Feuergabeln und Feuerſchaufeln auf ku⸗ 212 pferne Pfannen und Keſſel loshämmerten, auch einen Chor dazu ſangen, den wir aber— wir bitten den Leſer deß⸗ halb um Verzeihung— nicht gut genug im Gedächtniſſe haben, um ihn hieher ſetzen zu können;— wir können nur verſichern, daß Poeſie und Geſang der Inſtrumente vollkommen würdig waren. Fräulein Margarethe fand die Muſik hinreichend un⸗ artig, indeß ſchien ihr der ganze Spaß ſowohl in Bezie⸗ hung auf Neuheit als Anmuth etwas matt und mangel⸗ haft zu ſein. Sie wunderte ſich in der Stille, wie ihre witzige Tante auf eine ſo unwitzige Idee gekommen ſein könne, und ſtieß einen Seufzer des Mitleids aus über das Alter und die Abnahme der Kräfte. Indeß war die Wirthin ſo erfreut ſie zu ſehen, ſo liebenswürdig und ſo verbindlich gegen Alle, auch ſchien ſie ſich ſelbſt ſo ungemein an ihrem Einfall zu amüſiren, daß es unmöglich war, nicht ebenfalls munter und freund⸗ lich zu werden. Auch von den benachbarten Gütern wa⸗ ren einige Gäſte, junge und alte angekommen, die der Geſellſchaft noch mehr Leben gaben. Man brachte den Abend mit Erzählungen moͤglichſt ſchauerlicher Geiſter⸗ geſchichten zu. Die Gräfin ſelbſt ſprach mit vielem Ei⸗ fer von Geſpenſtererſcheinungen, welche von Zeit zu Zeit ihr Haus beunruhigen. Die Geſchichte eines ſchönen Mädchens, das ſich vor zweihundert Jahren bei nächt⸗ licher Weile heimlich mit dem Burgherrn hatte trauen laſſen, deßwegen aber von ihrer ehr- und rachſüchtigen Mutter getödtet wurde, machte einen ſchauerlichen Ein⸗ druck beſonders durch den Zuſatz, daß die nächtliche Trauungsſcene ſich manchmal wiederhole und von den Bewohnern des Schloſſes geſehen werde.„Es ſcheint,“ ſagte die Gräfin,„die Liebenden wollen dadurch noch auf Erden ihre Proteſtation gegen die abſcheuliche That ausdrücken, durch welche ſie getrennt wurden.“ Ba⸗ ron H. erklärte, er habe immer ſehr gewünſcht, einen Geiſt zu ſehen, und würde gar Richts dagegen haben, ⁰ 213 wenn er hente Nacht ſolche Bekanntſchaften machen könnte. ſe Fräulein Margarethe ſchwieg. u Ueber das Souper wurde das Poſſenſpiel fortgeſetzt, te und da Fräulein Margarethe, die einen vortrefflichen Appetit mitgebracht, auf eine Menge Gerichte ſtieß, die . gar keine Gerichte waren, ſo lachte ſie immer gezwungener; e als aber vollends ein Ei, auf das ſie mit vielem Eifer 5 losſchlug, ſich als weißer Marmor erwies, ſo lachte ſie gar nicht mehr, ſondern ſtellte Alles auf die Seite und nahm ein ziemlich ernſthaftes Geſicht an. Man ſah deut⸗ as lich, daß ſie beleidigt war. Dagegen erhielten ſich Klara und Baron H. bei der allerbeſten Laune und ſpielten ein⸗ ſo ander tauſend kleine Späſſe mit den wunderlichen Gerich⸗ 4 ten, an denen ſich Niemand als Fräulein Margarethe zu ſtoßen ſchien, denn die Wirthin und die neun Muſen lach⸗ 5. ten unaufhörlich. Die allerhärteſte Probe ſtand jedoch Fräulein Mar⸗ garethe bevor, als ſie ſich ins Bett legen wollte und den 13. Fuß auf drei wirkliche ganz friſche Eier ſetzte, die zwiſchen ere den Bettüchern verborgen lagen, und jetzt einen hoͤchſt Fi⸗ unangenehmen Brei bildeten. Fräulein Margarethe gerieth eit ernſilich in Zorn und hielt eine heftige Philippika über dergleichen altmodiſche Dummheiten, von denen ſie hi⸗ nicht begreifen könne, wie ihre Tante darauf komme, deren Anſtifter ſie jedoch auszumitteln und Raiſon zu lehren wiſſen werde. . Baron H. ſeinerſeits ſchlug ſich inzwiſchen mit drei che Krebſen und zwei Krabben herum, die ſich in ſeinem Bette häuslich niedergelaſſen hatten und ihn in die Fin⸗ ger zwickten worüber er fluchte und ſie Kanaillen ſchalt. Als er endlich das kriechende Pack in ſein Nastuch ge⸗ hat bunden, war ſein erſter zorniger Gedanke, ſie in den Hof hinabzuwerfen. Er öffnete das Fenſter, aber da kam 32. ihm ein ſanfter Wind entgegen, der ihm bis ans Herz en, drang und ſeinen Groll gegen die garſtigen aber un⸗ ſchulvigen Geſchöpfe verwehte. Es ſchien ihm jetzt hart, daß ſie ſich in der ſchönen Sommernacht im Sande zu 2¹4 Tode kriechen ſollen, während er ſelbſt in einem weichen Bette ſchlafe. Leiſe ſchloß er das Fenſter wieder zu und ſo ſtill, als hätte er eine That der Finſterniß begangen, zog er ſeinen Ueberrock an, ſchlich ſich durch die Thüre, die Treppe hinab und in den Garten. Hier blieb er bei einem Bach mit ſeinem Bündel ſtehen, in welchem ein gewaltiges Kriechen und viele Unruhe vorherrſchte. Die Bewohner ahnten nicht, daß der Augenblick ihrer Be⸗ freiung nahe war. Die dunkeln Traditionen ihres Ge⸗ ſchlechts hatten von den urälteſten Zeiten her die Ideen von Menſchenhand und Henkershand mit einander ver⸗ ſchmolzen. Nicht ohne inniges Vergnügen hörte Baron H. ſeine Schlafkameraden ins Waſſer hinabplätſchern, das ſich über ihnen ringelte, und als er in der wieder beruhigten Welle das milde, volle Antlitz des Mondes ſich ſpiegeln ſah, da erſchien es ihm wie das Bild einer guten Mutter, die liebevoll über ihre Kinder wacht. In ſeinem guten Herzen entſtand ein warmer Wunſch, daß Friede auf Erden herrſchen und ſelbſt nicht einmal ein Wurm geplagt werden möchte. Hörte ein Engel das halblaut geäußerte Gebet und ging, es zum Vater der Weſen zu tragen? Wunderbar, daß gerade in dieſem Augenblick eine verſchleierte Frauengeſtalt zwiſchen den Bäumen hervorſchimmerte. Sie erſchien und verſchwand. Baron H. wollte ſie mehr in der Nähe beſehen, verfolgte ihre Spur, ſah ſie noch einen Augenblick vor ſich her⸗ ſchimmern, verlor ſie aber enblich aus den Augen, ge⸗ rieth in einen Moraſt, und da er hier beinahe auf die Naſe gefallen wäre, ſo entſchloß er ſich weislich, auf ſein Zimmer zurückzukehren. Dort langte er auch bald an, etwas erhitzt und weniger als je zum Schlafen ge⸗ neigt. Baron H. liebte den Mondſchein draußen ſehr, aber im Hauſe ſelbſt ſchien er ihm nur eine dürftige Ge⸗ ſellſchaft zu ſein. Er ſchloß daher ſeine Läden zu und zündete ein Licht an. Der Baron gehörte zu den unſerer Anſicht nach liebenswürdigen Charakteren, deren Geſell⸗ ſchaft ein großes Bedürfniß iſt und die nicht gern allein während ſeines téte-à-téte mit dem Kopfkiſſen zu offen⸗ 215 bleiben. Sein gutes, fröhliches Gemüth bedurfte der Mittheilung und ein vertrauliches Abendgeplauder unter guten Freunden war ihm noch koſtbarer, als ein guter Schlaf. Im gegenwärtigen Augenblick empfand er dieſes Bedürfniß nach Geſellſchaft lebhafter als je. Er ver⸗ mißte ſeinen Filius, der in der Obhut der Gräfin G. im Bad zurückgeblieben war. Fräulein Margarethens Ver⸗ ſtimmung an dieſem Abend bedrückte ihn; er hätte viel darum gegeben, jetzt einen Augenblick mit ihr plaudern und ihr herzliches Lachen wieder horen zu können, das nebſt dem Anblick ihrer weißen Zähne ihm immer in der Seele wohlthat; er hätte ſich glücklich gefühlt, auch nur eine Minute lang in Klaras ſchöne, ruhige Augen ſehen zu dürfen. Der Gedanke, wie unmöglich dieß Alles jetzt ſei, preßte ihm zwei tiefe Seufzer aus. Ein ganz eigen⸗ thümliches Echo dicht hinter ihm beantwortete dieſelben. Er wandte ſich haſtig um, aber Alles war leer und ſtill im Zimmer. Die Sache ſchien ihm Etwas wunderlich, aber doch nicht unangenehm, weil ſie wenigſtens einen geſellſchaftlichen Charakter an ſich trug. Er fing an, ſeine Seufzer zu wiederholen, allein ſie waren jetzt ohne alle Wirkung. Er huſtete, er nieste— vergebens! Alles blieb ſtill und endlich wurde Baron H. müde, auch ein wenig ärgerlich. Er legte ſich ins Bett und loͤſchte das Licht aus. Von allen tétes-à-tétes dürfte wohl keines für den Zuhörer und Zuſchauer ſo intereſſant, ſo reich an wech⸗ ſelnden Scenen ſein, wie das zwiſchen dem Menſchen und ſeinem Kopfkiſſen. Dieſem vertraut er ſeine innerſten Gedanken, ſeine ſtillſten Wünſche, ſeine verborgene Liebe, ſeine geheime Narrheit. Glücklich der, deſſen letzter Ge⸗ danke einem geliebten Freunde gilt, an deſſen trauter Bruſt er einſchlafen darf; noch glücklicher der, deſſen letztes waches Gefühl ſich zur Anbetung Gottes erhebt— er ruht ſicher im väterlichen Schvoße. Wir brauchen uns nicht zu ſcheuen, dem Leſer die Gedanken des Barons 216 baren; ſie waren eines guten Menſchen würdig. Nachdem ſie ſich einen Augenblick hoch über die Erde erhoben, kehr⸗ ten ſie auf dieſelbe zurück, um ſich die beſte Geſellſchaft im Leben, nämlich eine gute Gattin zu ſuchen, zu wün⸗ ſchen und zu lieben, wie er ſchon lange geſucht und ge⸗ wünſcht hätte. Er dachte jetzt ſo eifrig an ſie, er ſah ſie ſo lebhaft vor ſich, daß er ſich eines tiefen Seufzers nicht erwehren konnte, verbunden mit dem Ausruf:„Ach meine geliebte, geliebte, geliebte M..“ Er wurde jedoch von einer unheimlichen Stimme unterbrochen, welche rief: „Guſtav H.! Guſtav H.! Guſtav H.!“ „Was beliebt?“ fragte Baron H. Etwas ſchaudernd, indem er den Kopf emporhob. „Komm und ſieh!“ antwortete die Stimme. Ein leichter Schauer überlief den Baron, als er bei einem durch die Läden hereinbrechenden Mondſtrahl eine weiße verſchleierte Frauengeſtalt einige Schritte von ſeinem Bette erblickte. Furcht war indeſſen nicht ſeine ſchwache Seite und ein Geſpenſt in Frauengeſtalt hatte für ihn nichts Erſchreckendes. Er beſann ſich einen Augenblick und als der Geiſt noch einmal langſam wiederholte:„Komm und ſieh, folge mir nach!“ antwortete er entſchloſſen:„Ich werde die Ehre haben.“ Er ſprang ſchnell aus dem Bette, kleidete ſich in einem Nu an und folgte ſeiner Wegweiſerin, die ſchweigend und ſchattenhaft vor ihm hin⸗ ſchwebte, durch öde Säle und lange Corridore. Baron H. begann die Wanderung etwas lang zu finden und glaubte ſich befugt, in einem ziemlich kühnen, aber artigen Tone einige Fragen über das Ziel der Promenade zu ſtellen. Mit dumpfer Stimme antwortete der Geiſt bloß: „Fürchte dich nicht, frage nicht.“ Indeß müſſen wir die Wanderer jetzt einen Augen⸗ blick verlaſſen, um ein wenig nach Fräulein Margarethe zu ſehen. Sie war, als wir von ihr Abſchied nahmen, ſehr aufgebracht. Gewoͤhnlich begegnete es ihr in ſolcher Stimmung, daß ſie etwas ſagte, worüber ſie ſelbſt la⸗ chen mußte; nun ſind aber ein gutes Lachen und üble ——„— — 8 8 d 3 r r d G e ſi n u n „ ti 8 u 217 Laune Hauptfeinde, wie Jedermann weiß, und wenn ein⸗ mal erſteres bei Fräulein Margarethe aufkam, ſo floh ft letztere immer ſchleunig von dannen. So geſchah es auch ⸗ jetzt und durch ihren eigenen Witz mit der Welt und ihren ⸗ Dummheiten ziemlich ausgeſöhnt legte ſich Fräulein Mar⸗ garethe ins Bett, in der Hoffnung, in einem guten Schlaf das elende Nachteſſen, das Marmorei, die Rühreier u. ſ. w. zu vergeſſen. Klara, die auf der andern Seite des Zim⸗ mers ſchräg gegenüber von ihrem Bette lag, ſchlief be⸗ reits tief, als Fräulein Margarethe ihre Augen ſchloß, die ſich jedoch ſogleich wieder oͤffneten, indem ein dumpfes Geräuſch, wie vom Fegen und Wiſchen, verbunden mit einem leiſen Herumtappen ganz in der Nähe, an ihr Ohr ſchlug. Eine Lärmtrommel hätte Fräulein Margarethe weniger beunruhigt. Sie ſaß ſchnell auf. Das Kehren und Wiſchen dauerte fort: Fräulein Margarethe wurde te warm.„Klara!“ rief ſie mit gedämpfter Stimme, te„hörſt du Etwas?“ Aber Klara hörte Nichts; ſie ſchlief ts tief, wie ihr ungewöhnlich ſchweres Athmen bezeugte. ls Fräulein Margarethe war muthig gegenüber von Thieren nd und Menſchen; die wirkliche Gefahr hatte ſie immer ge⸗ ch faßt und feſt gefunden; die kritiſchſten Momente des Ge⸗ m ſellſchaftslebens hatten nie ein Gefühl der Kleinherzigkeit er bei ihr erweckt— aber die Nacht, aber die Finſterniß, n⸗ die Stille, die Leere und ihre unſichtbaren Schreckgeſtal⸗ n ten. ja Leſer, wir müſſen es bekennen— dieſe waren d im Stande, Fräulein Margarethe beinahe feig zu machen. en Inzwiſchen war ſie jetzt über das ſonderbare Fegen noch zu mehr erzürnt, als erſchreckt und ſagte bei ſich ſelbſt: :„Das verdammte alte Neſt! Um dieſe Zeit zu fegen! Das iſt mir unausſtehlich. Ich komme gewiß nicht mehr hieher!“ Sie hatte noch nicht ausgeſprochen, als ein Ge⸗ he polter in einer Ecke des Zimmers ihre Augen dorthin n, lenkte und ſie, o Graus! drei kleine ſchwarze Figuren er hinter einander aus dem Boden heraufkommen ſah. Jetzt a⸗ war es ihr wie in einem Schwizbad.„Klara!“ rief ſie le mit erſtickter Stimme. Aber Klara ſchlief. Die kleinen 218 ſchwarzen Geſtalten fingen an ſich zu verbeugen, zu grüßen und gegen Fräulein Margarethens Bett heranzu⸗ hüpfen.„Guten Tag, guten Tag, guten Tag!“ riefen die Kobolde mit heiſern, belfernden Stimmen und unter tiefen Bücklingen, die beinahe Purzelbäumen glichen. Ganz außer Athem und zu ängſtlich, um nicht höflich zu ſein, antwortete Fräulein Margarethe:„Guten Tag, guten Tag, ihr guten Leute, d. h. gute Nacht! Adieu! Klara!“ Klara hatte einen harten Schlaf: ſie erwachte nicht. Fräulein Margarethe wollte verzweifeln; ſie klin⸗ gelte heftig. Inzwiſchen hüpften die Schwarzen immer näher, verbeugten ſich aufs Neue und flüſterten:„Es iſt Alles fertig! Folge uns!“—„Nein, ich danke,“ ant⸗ wortete Fräulein Margarethe;„ich habe jetzt nicht Zeit... jetzt nicht ich werde morgen kommen... Adieu, adieu!“—„Du mußt kommen!“ belferten die Kleinen und rückten immer näher.—„Was wollt ihr! Geht eures Wegs! Packt euch fort in Gottes Namen!“ rief Fräulein Margarethe im höchſten Grad aufgeregt und er⸗ ſchreckt. Die Schwarzen ſtanden jetzt am Bette und mach⸗ ten Miene, es aufzuheben. Les extrémes se touchent. Tiefer Schreck hat gewiß ſchon mehr als einmal Heldenthaten erzengt. Schade, daß große Generale keine Bekenntniſſe geſchrieben haben. Ihre erſten Schlachten hätten uns gewiß manches Wunderliche gezeigt. Die Verzweiflung gibt einen furcht⸗ baren Muth. Fräulein Margarethe mag als Beiſpiel dienen. Aufs Aeußerſte gebracht und wenigſtens eben ſo erzürnt als erſchrocken, regte ſich plötzlich ihre ganze, bis jetzt gedämpfte Energie wieder. Behufs der Selbſtver⸗ theidigung griff ſie nach irgend einer Waffe um ſich und bekam den langen Henkel einer meſſingenen Bettflaſche in die Hand. Wehe den Schwarzen! Solch' kräftige Ohr⸗ feigen ſind vielleicht noch nie ausgetheilt worden; ſo jam⸗ mervoll haben aber vielleicht noch nie Geſpenſter geſchrieen und find noch nie ſo ſchnell vor einer zinnernen Waffe da⸗ von gelaufen. Fräulein Margarethe verfolgte ſie und ſchlug 2¹9 in blindem Zorn um ſich. Die Kleinen ſammelten ſich ſchnell an der Ecke, wo ſie herauf geſtiegen waren, und fingen jetzt an, in den Boden zu ſinken. Fräulein Mar⸗ garethe war noch immer mit kräftigen Schlägen hinter ihnen her, bis die Kobolde ſchreiend und mit einem Nichts weniger als überirdiſchen Gepolter hinabtaumelten. Fräulein Margarethe hätte ſie im Eifer und mit ihrer furchtbaren Waffe, glaube ich, bis in Plutos Reich hinab verfolgt, allein ihre Schritte wurden plötzlich gehemmt, venn die Stelle, wo die Schwarzen hinabſanken, erwies ſich als ein offenes Kellerloch und die kleine ſteile Treppe, welche die unglücklichen Geſpenſter hinuntergetaumelt, war nicht im Mindeſten einladend. Ueberdieß ſtieg ſtatt Schwe⸗ fel und Flammen ein ſo ſtarker Kartoffel⸗ und Pöckel⸗ fleiſchgeruch herauf, daß Fräulein Margarethe alle Ge⸗ danken an Schatten⸗ und Unterwelt verlor. Ihre Ideen nahmen eine andere Richtung und ſie klingelte ſo heftig, daß der Glockenzug ihr in der Hand blieb. Dieß, ſowie die vollkommene Stille, die ungeachtet des Geklingels jetzt im Hauſe herrſchte, vermehrte noch die Gährung in ihrem Gemüthe. Mit der Betiflaſche auf der Schulter ging ſie an Klaras Bett, rüttelte ſie heftig am Arm und ſagte:„Klara, biſt du todt? Biſt du behert? Willſt du bis zum jüngſten Tage ſchlafen? So erwache doch! Nun gottlob! Ich bitte dich, ſtehe auf und kleide dich an! Frage mich Nichts, nur tummle dich!“ Klara ge⸗ horchte haſtig dem Wunſch ihrer Freundin und Fräulein Margarethe antwortete, während ſie ſich ſelbſt ankleidete, auf ihre Fragen nur mit abgebrochenen, heftigen Aeu⸗ ßerungen, wie:„Dummheiten das! Ich werde wahr⸗ haftig Rechenſchaft dafür fordern. Sie ſollen ſich nicht mehr einfallen laſſen, mich mitten in der Nacht zu be⸗ Dumme Streiche! Ich werde ſie Mores en Die Freundinnen waren bald fertig. Sie gingen hinaus und Fräulein Margarethe hatte im Sinn, das ganze Haus zu erwecken und jeden Schatten, der ihr in 220 den Weg kommen würde, mit neuen Schlägen von der Bettflaſche zu empfangen. O Schickſal! Wie merkwürdig ſind nicht deine Fü⸗ gungen, wie wunderlich ſind nicht deine Wege! In dei⸗ nem nächtlichen Blindekuhſpiel wird man blind zwiſchen Freund und Feind geworfen, kennt keinen von Beiden, ſteht in der Finſterniß und geräth endlich vom Regen in die Traufe, aus der Schlla in die Charibdis.— Zeuge iſt Oedipus und— folgendes: Kaum waren Fräulein Margarethe und Klara in den langen, dunkeln Corrivor hinausgekommen, der an ihr Zimmer ſtieß, als ein weißes Geſpenſt ihnen entgegen ſchwebte. Fräulein Margarethe erhob ihre furchtbare Waffe. Das Geſpenſt entfloh mit einem Schreckensruf, aber jetzt ſtand, o Hölle! eine dunkle, gigantiſche Maſſe da, die den ganzen Corridor einzunehmen ſchien und den Wanderern geradezu den Weg verſperrte. Fräulein Mar⸗ garethe dachte an den Minotaurus. Schwer fiel die erho⸗ bene Waffe herab auf das Ungethüm. Es ſtieß ein dum⸗ pfes Geſtöhne aus und ein heftiges„Au, au, der Teufel, wer ſchlägt mir meinen Magen entzwei!“ brüllte die Baß⸗ ſtimme des Schrecklichen. Fräulein Margarethe entſetzte ſich. In demſelben Augenblick ſand ſie ſich entwaffnet und gefangen. Eine kräftige Hand umſchloß ihren Arm und dieſelbe Stimme ſagte drohend:„Höre, guter Freund, das geht über den Spaß hinaus! Geſpenſter, die mit Gott weiß was für Waffen Mordſchläge auf den Magen aus⸗ theilen, müſſen ſich gefallen laſſen, wenn ſie als Kriegs⸗ gefangene behandelt werden. Allons! Marſch ins Ver⸗ hör!“ Fräulein Margarethe ſchwieg, vielleicht in der Ab⸗ ſicht, die Sache zu einem Eclat kommen zu laſſen, aber Klara rief außer ſich:„Baron H.! Baron H.! Es iſt Fräulein Margarethe!“ „Fräulein Margarethe! wiederholte der Baron mit namenloſer Verwunderung, indem er langſam den Arm los ließ, den er umfaßt hielt,„mein gnädiges Fräulein... ich muß ſagen, hm„ mein Magen ich geſtehe, 224 daß ich Ihnen nicht die Abſicht zugetraut hätte, mich todtzuſchlagen und Klara„„ aber wie um Got⸗ — Erklären Sie mirs! Ich geſtehe, mein Fräu⸗ ein„ „Laſſen Sie uns mit unſern Bekenntniſſen und Er⸗ klärungen warten, Baron,“ ſagte Fräulein Margarethe etwas heftig,„und wenn Sie wirklich der Baron H. und kein Geſpenſt ſind, ſo führen Sie uns zu Licht und Men⸗ ſchen oder bringen Sie Licht und Menſchen hieher, wenn es überhaupt in dieſem verherten Hauſe ſo etwas gibt!“ „Ein Geſpenſt!“ wiederholte der Baron etwas belei⸗ digt.„Ein Geſpenſt! Ich wollte, ich wäre ſoeben eines geweſen, dann wäre mir doch der Magen nicht mit dieſem verdammten Ding da maſſacrirt worden. Wie? was? Eine Bettflaſche, glaube ich! Eine Bettflaſche! Ich bitte Sie um Gotteswillen, wem iſt es je eingefallen, mit Bettflaſchen um ſich zu ſchlagen und die Leute mit Bett⸗ flaſchen zu überfallen?“ Fräulein Margarethens Lachluſt wurde durch dieſen Monolog des Barons gewaltig gereizt, aber der Verdruß über das nächtliche Abenteuer, ſowie ein gewiſſes Mißbe⸗ hagen an dieſer Scene in den Couliſſen veranlaßte ſie, ihre Munterkeit zurückzuhalten, und ſie ſagte ernſthaft: „Ich bitte Sie, Baron, laſſen Sie uns jetzt dieſes Alles vergeſſen und führen Sie uns zu Leuten. Ich werde krank, wenn ich länger hier ſtehen muß; ich will Licht und Menſchen ſehen.“ In dieſem Augenblick ging im Hinter⸗ grunde des Corridors leicht eine Thüre auf und ein Strei⸗ fen bläuliches Licht ſchlich ſich ſchimmernd bis zu den Füßen unſerer Freunde. Eine unbeſchreiblich liebliche Mu⸗ ſik ließ ſich vernehmen und ſchien von verſelben Seite zu kommen. Schoͤne Stimmen begleitet von gedämpften Orgeltönen ſangen einen feierlichen Choral. Verwunde⸗ rung und zugleich Vergnügen bemächtigte ſich des Trios im Corridor.„Wenn dieß eine Spuckgeſchichte iſt,“ ſagte Fräulein Margarethe,„ſo iſt es wenigſtens eine artige. Laſſen Sie uns die Sache näher betrachten.“ 222 Baron H. fand ſogleich ſeine ganze Artigkeit wieder, bot jeder der Damen einen Arm und führte ſie nach der Seite, von wo das Licht und die Muſik zu kommen ſchien. Am Ausgang des Corridors befanden ſich die Wanderer ganz unerwartet in einer kleinen vergitterten Loge, von wo aus ſie mit Ueberraſchung Folgendes beobachteten: Sie ſahen ſich in einer großen gewölbten Kapelle, die ſchön, jedoch ſchwach von einigen Lampen beleuchtet war, welche einen düſtern Schein auf die mit ſcharlachrothen Drape⸗ rien behangenen Wände warfen. Alte Waffen, uralte Gemälde und Bilder, düſtere Scenen aus dem Leben des Gekreuzigten darſtellend, ſchimmerten unheimlich dazwi⸗ ſchen hervor. Die Bänke unten in der Kirche waren leer, aber vor dem Altar, der von zwei hohen, ſilbernen Arm⸗ leuchtern prächtig beleuchtet war, ſtand unbeweglich ein alter Prieſter in einem altmodiſchen Chorrock. Er glich mehr einer Bildſäule, als einem lebendigen Menſchen. Die Orgel brauste dumpf, die unſichtbaren Sänger ſand⸗ ten ihr hehres, harmoniſches Gloria empor. Die ganze Scene war wunderbar ſchön, aber ſchauer⸗ lich; ſie glich einem Gottesdienſt der Schatten. Bald wurde ſie belebt, ohne indeß dadurch an Geiſterhaftigkeit zu verlieren. Langſam, ſtumm und geſpenſtiſch ſchritt ein wunderlicher Zug in die Kirche. Bleich und ſchön, in die hübſche Tracht der Edelfräulein des ſechszehnten Jahr⸗ hunderts gekleidet, ſchwebte ein junges Mädchen dahin, von einer alten, ſteifen, geſchniegelten und gebügelten Dame geführt, wie wir ſie noch jetzt manchmal auf alten Bildern aus dieſer Zeit ſehen koͤnnen. Ihnen folgten zwei zierliche Brautjungfern. Unmittelbar darauf kamen zwei ſtattliche Ritter, ein jüngerer und ein älterer, beide in prachtvollen Feierkleidern. Hinter ihnen zwei ſchöne Pagen. Bald trennte ſich der junge Ritter und das junge Mädchen von den Uebrigen und traten vor den Altar. Die Andern ſtellten ſich um ſie her, Alle lautlos, lang⸗ ſam und mit dem bleichen Ernſt auf ihren Geſichtern, wie wir ihn bei Leuten vermuthen können, die Bekannt⸗ 223 ſchaft mit dem Grabe gemacht haben. In den Augen des Brautpaars dagegen brannte noch die Flamme, welche der Tod nicht loͤſchen, das Grah nicht verkohlen kann. Die Liebenden ſtellten ſich vor den Altar, und die prie⸗ ſterliche Bildſäule belebte ſich plötzlich. Der Geſang ver⸗ ſtummte, und mit leiſer, feierlicher Stimme verrichtete der Prieſter die Trauung. Beinahe athemlos von ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit lauſchte Fräulein Margarethe, ob ſie nicht die Namen des Brautpaares hören könne, aber vergebens; ſie wurden ſo leiſe ausgeſprochen, daß ſie ihr Ohr nicht erreichten. Gleichwohl wollte es ſie be⸗ dünken, als ob ihr die Geſichter des Brautpaares und ihres Gefolges bekannt wären. Nach der Trauung begann der ſchöne Geſang aufs Neue. Baron H. und Klara— beide waren Muſikfreunde— glaubten ſich im dritten Himmel. Auch Fräulein Margarethe war gerührt und überdieß hingeriſſen von dem ſchönen antiken Schauſpiel, das ihr immer weniger geſpenſterhaft vorkam. Sie waren alle drei von dem, was ſie hörten und ſahen, dermaßen in Anſpruch genommen, daß ſie keinen Augenblick daran dachten, einander die Scene im Corridor zu erklären. Aber, jetzt verließ der Brautzug die Kirche, ſchweigend und langſam, wie er gekommen war. Die Muſik ſtarb in einer lieblichen Harmonie hin. Bald war Alles öde und ſtill. Auch die Flammen der Lampen ſchienen zu erbleichen. Ein unheimliches Gefühl kam über Fräulein Margarethe.„Baron,“ ſagte ſie,„wir wollen hier nicht ſitzen bleiben, bis die Lichter alle erlöſchen. Ich kann nicht ſagen, daß es ſehr angenehm wäre, hier im Finſtern unter dieſen alten Rittern zu ſitzen.“ „Wir haben ja Waffen,“ ſagte Baron H. lakoniſch, und zog die Bettflaſche hervor, die er zwiſchen ſeinen Beinen hatte.„Mein beſter Baron,“ erwiederte Fräulein Margarethe freundlich, indem ſie ſich mit ihrem ſchoͤnen, heitern Geſichte gegen ihn wandte,„ich muß. ollein Fräulein Margarethe mußte abbrechen, denn auf einmal hörte ſie Tanzmuſik.„Ei der Tauſend,“ ſagte der Baron 224 lebhaft, und ſuchte die Thüre in den Corrivor zu öffnen; aber ſie war verſchloſſen und alle ſeine Verſuche blieben vergebens.„Ich ſehe nicht ein,“ bemerkte Fräulein Mar⸗ garethe ruhig,„warum wir gerade auf dieſe Thüre ver⸗ ſeſſen ſein ſollen. Hier haben wir eine andere,“ und eine hinter einem rothen Seidevorhang verborgene Thüre wich ihrer Hand. Unſere Freunde ſahen ſich auf einmal in einen prachtvoll beleuchteten Saal verſetzt. Im Hinter⸗ grund deſſelben ſaßen unter einem ſammtenen Himmeldach Braut und Bräutigam, um ſie herum in einem Halbkreis die übrigen Mitglieder des Zuges, und mitten im Saal glänzte in leichten ſchimmernden Trachten eine Gruppe von Herren und Damen, die einen Fackeltanz ausführten, nicht die Abart deſſelben, die man zuweilen im Schloſſe zu Stockholm angafft, ſondern den ächten urſprünglichen, ſo wie er von Sivas Verehrung inſpirirt in den indiſchen Opfernächten entſprang, voll Feuer, Anmuth und Man⸗ nigfaltigkeit*). In dem weniger beleuchteten Theil des Zimmers, wo unſere Freunde ſich befanden, ſtanden drei Lehnſtühle. Sie ſetzten ſich auf dieſelben und ſahen dem prachtvollen Schauſpiel zu. Fräulein Margarethe entdeckte bald un⸗ ter den Fackelträgerinnen einige der neun Muſen, deren Talent zu ſingen ſie am letzten Abend ſchätzen gelernt hatte. Sie glaubte auch in der alten, geputzten Dame, welche die Braut zum Altar geführt, ihre Tante wieder zu erkennen. Bald hatte ſie keinen Zweifel mehr über die Geſellſchaft, in der ſie fich befand. Der Baron wurde indeſſen vom Tanz gleichſam electrifirt. Er war in ſeiner Jugend ein ausgezeichneter Tänzer geweſen. Nicht lange, ſo verſtand er die Touren dieſes Fackeltanzes, und es regte ſich in ihm ein namenloſes Verlangen, Theil daran zu nehmen. Seine Füße bewegten ſich unwillkürlich, er verbeugte ſich, er ſang mit. Es entſtand eine Unordnung ²) Wenn irgend ein Gelehrter mit uns über den Urſprung dieſes Fackeltanzes zu ſtreiten Luſt hat, ſo antworten wir ihm— Richts. e 225 im Tanze; man wußte nicht, wo ein, wo aus. Einer der Herren verlor gänzlich den Faden und blieb mit der Fackel in der Hand unſchlüſſig ſtehen. Baron H. konnte ſich jetzt nicht länger zurückhalten; er ſprang hinzu, riß dem verwundeten Ritter die Fackel aus der Hand, und eröffnete nun ſelbſt den Tanz, indem er mit großem Eifer und komiſchem Ernſt die Uebrigen zur Ordnung wies. Doch daraus wurde Nichts. Denn vor lauter Verwunderung und einem unauslöſchlichen Gelächter, das bald darauf aufgeſchlagen wurde, verſchwanden ſowohl Ordnung, als Aufmerkſamkeit. Jetzt kam die Reihe zu ſtaunen auch an den Baron, denn auf einmal ſah er Fräulein Margarethe mit einem Licht in der Hand als ſeine Tänzerin figuriren. Indem ſie nun gegenſeitig ihre Koſtüme beleuchteten, die einen ſo grellen Kontraſt gegen die der übrigen Verſammlung bildeten, kam eine unſäg⸗ liche Luſtigkeit über ſie. Das herzliche und unmäßige Gelächter rings herum machte ſie noch immer lebhafter. Sie werden von einer Art Tanzwuth befallen; ſie ſchwingen ſich, ſie machen chaine, ſie hüpfen, ſie ver⸗ beugen, ſie neigen ſich. Die übrigen Tanzenden ſchließen ſich ihnen an; die Aufführung wird immer lebhafter, improviſirter und mannigfaltiger. Braut und Bräuti⸗ gam ſtehen auf und tanzen. Der alte Ritter und die alte Dame ſtehen auf und tanzen. Alles tanzt, lacht und ſchwingt Fackeln. Es iſt eine Luſt, ein Ent⸗ zücken, ein Schwindel, ein Wahnſinn. Der Zauber ergreift auch die Muſik. Sie ſpielt wie raſend. Oberon bläst in ſein Horn. Klara allein theilt die allgemeine Freude nicht. Unbekannt mit dem Weltleben, unbekannt mit der Zwang⸗ loſigkeit, womit die habitués deſſelben an ſeinen Be⸗ wegungen Theil nehmen, und, wenn ſie ſich in einem bekannten Kreiſe ſicher fühlen, oft mit Brechung aller Feſſeln der Convenienz ſich durch die originellſten Einfälle eine neue Natur in der Welt der Erkünſtelung ſchaffen, Bremer, Rina. 15 226 verſteht ſie die Tanzwuth und den drolligen Ernſt ihrer Freunde nicht. Ungeachtet der beruhigenden Worte, die Fräulein Margarethe ihr, als ſie aufſtand, um ſich unter die Tanzenden zu miſchen, zugeflüſtert hatte, wurde Klara von dem wunderlichen Auftritt ſo bedrückt, ſo aufgeregt, daß ihr unwillkürlich Thränen aus den Augen ſtürzten. Die Scenen der Nacht ſchweben ihr grauenhaft und ver⸗ worren vorz ſie begreift ſie nicht, ſie begreiſt die Welt und die Menſchheit um ſich herum nicht. Es iſt ihr unmoͤglich, ihre Freundin in der Nachthaube im Fackel⸗ tanze ſich ſchwingen zu ſehen. Dieß kommt ihr wie ein Wahnſinn, wie eine Narrheit vor, und von einem un⸗ widerſtehlichen Drange getrieben, miſcht ſie ſich unter die Tanzenden, um Fräulein Margarethens Hand zu erfaſſen und ſie aus dem Wirbel zu ziehen. Aber Klara wird jetzt ſelbſt darinnen gefangen. Die Tanzwuth hat ſich Aller dermaßen bemächtigt, daß auch ſie nicht im Frieden bleiben kann; man ergreift ihre Hand, zieht ſie mit in den Tanz hinein, ſie muß chatne machen, ſich ſchwin⸗ gen u. ſ. w. Klara, tanzt, weint und lacht, verliert den Kopf, verliert ihre Schuhe. Die Fackeln flammen und kniſtern vor ihren Augen. Auch Baron H. figurirt vor ihr, und ſein Rockſchoß ſteht in lichten Flammen. Leſer, ſieh nicht auf das Licht in Fräulein Margarethens Hand. Ich verſichere dich, daß der Brand nicht von ihr herkam. Bei der erſten Empfindung der Hitze macht der Baron einen Sprung hoch in die Luſt. Seine zweite Bewegung iſt, daß er ſich dermaßen auf den Boden wirft, daß das ganze Zimmer erbebt. Feuer! Feuer! Feuer! rufen Einige; Waſſer! Waſſer! Waſſer! ſchreien Andere. Klara! rief Fräulein Margarethe mit ſtarker und heller Stimme, denn ſie ſah jetzt ihre dringende Gefahr ein. Zu ſpät! Baron H.'s Feuer hatte ſich ihr mitgetheilt und flammte an ihrer leichten Kleidung hinauf. Die hungrige Flamme wirft ihre Feuerzunge nach allen Seiten aus und zündet Flor um Flor, Kleid um Kleid an. Beſinnungslos finkt Klara in die Arme ihrer Freundin, welche ſie feſt und —.— —„— 1———„————— ne et 227 entſchloſſen an ſich drückt. Brennend und ſchreiend ſprin⸗ gen die Tänzerinnen im Zimmer herum. Die Fackeln werden überall herumgeworfen. Die Gardinen und Sopha⸗ kiſſen brennen. Ihr Furien und Höllen, welch ein Anblick, welch ein Geſchrei! Feuer! Feuer! Waſſer! Waſſer! Augenblick des Entſetzens und edler Rache! Baron H. ſpringt auf, ergreift die in einem Winkel verſteckte Bett⸗ flaſche und leert ihren Inhalt über Fräulein Margarethe, der es indeß, wiewohl mit eigener Gefahr, bereits geglückt iſt, das Feuer an Klaras Kleidern zu loͤſchen. Aergerlich über das unnöthige Douchebad kann Fräulein Margarethe auch in dieſem Augenblick nicht umhin, zu ſagen:„Ehe Sie die Leute erſäufen, Baron, ſo ſehen Sie doch auch, ob es nöthig iſt. Fräulein Margarethe hatte Recht, es war hier nicht nöthig, aber Schreck und Eifer hatte Baron H. verblendet. Und die andern Unglücklichen, Brennenden, Springenden, Schreienden, ſollten ſie hülflos umkommen? Gütige Vorſehung! Zwei Flügelthüren ſpringen auf;z ein Buffet zeigt ſich, bedeckt mit Bowlen, Flaſchen und Glä⸗ ſern. O Punſch, Biſchof, Bier und Mandelmilch, euer Schickſal iſt hart! Statt von gebildeten Gaumen genoſſen und geprieſen zu werden, müßt ihr euch preisgeben, um ein unciviliſirtes Feuer zu loſchen! Doch es kann einmal nicht anders ſein: die Nothwendigkeit gebietet und die edlen Getränke ſtrömen hin, die Sn werden ausgeſchüttet, die Damen fallen in Ohnmacht, die Flammen erlöſchen; eine Fluth von kölniſchem Waſſer; allgemeine Auferſtehung, man troͤſtet ſich und bekommt Durſt; noch iſt Gefrornes da, es kühlt, es erfriſcht, es erquickt; man erklärt ſich, man wünſcht einander Glück; die Geſpenſtergeſchichte und der Trauungsakt klären ſich auf; erſtere iſt Fiction, letzterer Wirklichkeit; Braut und Bräutigam werden vorgeſtellt, erkannt und beglückwünſcht; allgemeine Freundlichkeit und Munterkeit. Nur zwiſchen Baron H. und Fräulein Mar⸗ garethe hat die doppelte Bettflaſchſcene eine Atmoſphäre à la glace erzeugt, die ein Eismeer zwiſchen ihnen zu begründen droht. 228 Der Schlaf unſerer Freunde und Freundinnen war nach dieſen Auftritten nicht der allerruhigſte, und in ihren Träumen riefen ſie häufig: Feuer! Feuer! Waſſer! Waſſer! Letzte Probe. Nach Rauſch— Kopfweh; nach Studium— Mattigkeit; nach der Geliebten— Frau. Der Wachthurm in Koatven. Nach Sturm— Ruhe; nach Sündfluth— Oelzweig; nach Prüfung— Gewißheit; nach Schmaus— Verdauung; nach Mittag— Abend. Hier bleiben wir ſtehen. Es iſt Abend. Fräulein Margarethe ſaß in einer Laube von blühenden Linden. Sie war allein und beſchäftigte ſich damit, Apfelſinen zu zerſchneiden und einzuzuckern, um Klara, die ſie von einer Partie nach Höganäs zurück⸗ erwartete, damit zu bewirthen. Der groͤßere Theil der Badgeſellſchaft hatte einen Ausflug dahin gemacht. Fräu⸗ lein Margarethe, die das Wetter zu warm findet und ſich überdieß um ein Vergnügen nicht abmühen mag, iſt zu Hauſe geblieben. Die zum Untergang ſich neigende Sonne ſenkt einige Goldſtrahlen herab und beleuchtet die herrlichen Früchte und die ſchönen weißen Hände, die ſich mit ihnen beſchäftigen. Fräulein Margarethe freut ſich darüber, ſie freut ſich des ſchoͤnen Abends und preist ſchweigend„den Herrn, der Alles wohlgemacht.“ Erinnerungen an die neulich beſtandenen Abenteuer fahren ihr durch den Kopf. Bald ziehen ſich ihre Augenbrauen leicht zuſammen, bald aber ſpielt wieder ein Lächeln voll Schalkhaftigkeit und Güte auf den feinen Lippen. Ganz unerwartet trat Baron H. in die Laube, aber mit einem ſo ungewöhnlich ernſthaften Geſichte, daß aller munterer Scherz auf Fräulein Margarethens Lippen er⸗ — 229 ſtarb. Der Baron ſetzte ſich auf dieſelbe Bank, wo Fräu⸗ lein Margarethe ſaß, aber ſo weit als möglich von ihr weg, und ſchwieg beharrlich. Fräulein Margarethe gerieth dadurch Etwas in Verlegenheit und begann einige ſchnelle, gleichgültige Fragen, die kurz und gleichgültig beantwortet wurden, ſo daß ſogleich wieder Sritle eintrat. Am Ende ſagte der Baron:„Ich reiſe morgen ab.“ „So?“ ſagte Fräulein Margarethe. „Ich habe,“ fuhr der Baron fort,„zum letztenmal es verſucht, Klara zur Veränderung ihrer Anſichten über das Leben und die Ehe zu vermögen; allein es iſt verge⸗ bens: wenigſtens bin ich nicht derjenige, dem die Macht verliehen iſt, ihr eine andere Ueberzeugung beizubringen, unn geſtehe, daß ich mir ſchon längere Zeit darüber ar bin.“ „Das hat Niemand ahnen koͤnnen,“ dachte Fräulein Margarethe. „Und jetzt, da ich vollkommene Gewißheit darüber habe, wünſche ich ſo bald als möglich einen Ort zu ver⸗ laſſen, wo ſich ſowohl alte Freunde, als die Elemente verſchworen zu haben ſcheinen, mich mit Prüfungen zu plagen, denen ich mich nicht länger unterwerfen mag, und denen vermuthlich gleich Anfangs die Abſicht zu Grunde lag, mich zu verſcheuchen.“ Der Baron ſah hiebei Fräulein Margarethe ſcharf an. Dieſe zuckerte eifrig ein paar Apfelſinen ein und bot ſie dem Baron, der ſie indeß mit einem Nicken des Kopfes ausſchlug und alſo fortfuhr: „Inzwiſchen habe ich für Klara eine ſo wirkliche Freundſchaft, eine, wenn ich ſagen darf, väterliche Zunei⸗ gung gefaßt, daß ich unmöglich den Plan aufgeben kann, mit dieſem reinen und guten Weſen in irgend ein näheres Verhältniß zu treten.“ „Wo will das hinaus?“ dachte Fräulein Margarethe. „Will er jetzt vielleicht für Filius freien?“ „Ich habe„ich wünſche... fuhr der Baron in ſchüchterner Verwirrung fort,„ich beabſichtige, auf * 230 Klaras Namen ein kleines Kapital anzulegen, deſſen Zin⸗ ſen ſie von heute an jährlich genießen, und das ihr die Mittel an die Hand geben ſoll, vollkommen unabhängig zu leben. Bei meinem Tod ſoll ihr das Recht zufallen, nach Gutdünken über das Kapital zu verfügen. Bis da⸗ hin wünſchte ich ihr Vormünder zu ſein, und ich kann ihr verſprechen, daß ſie nicht leicht einen beſſeren und er⸗ oobeneren finden könnte. Nun moͤchte ich Sie bitten, ihr zuzuſprechen, daß ſie mich die Gefühle, die ich für ſie hege, wenigſtens auf dieſe Art befriedigen läßt. Bitten Sie Klara, die Güter, welche die Vorſehung mir beſcheert hat, dadurch zu ſegnen, daß ſie ſichs gefallen läßt, ſie mit mir zu theilen. Bitten Sie ſie, dieß um meinetwillen, oder um Gotteswillen, welchen Ausdruck Sie nun für den wirkſameren halten, anzunehmen. Bitten Sie ſie, dafür blos mit einiger Freundſchaft an mich zu den⸗ ken, mich nur ein wenig lieb zu haben— doch nein— ſagen Sie das nicht— das muß werden, wie es kann und will — aber bitten Sie ſie..5 „Ich kann unmöglich ſo viele Bitten behalten, Baron,“ ſagte Fräulein Margarethe, ſchnell einfallend;„ſte ſind ja länger als ein Vaterunſer.“ „Nun gut, ſagen Sie ihr bloß, daß ſie ſich nicht weigern ſoll, einem aufrichtigen Freund einen kleinen Ge⸗ fallen zu erweiſen, und daß ich, wenn ſie meinen Wunſch, meine Bitte abſchlage, glauben werde, ſie haſſe mich.“ Baron H. zog ſein Nastuch hervor. Der kleine hochtothe Rand, der feucht um Fräulein Margarethens Augen glänzte, und der Ausdruck in den⸗ ſelben kontraſtirte auffallend mit dem Ton, in welchem ſie ſagte: „Sagen Sie mir, Baron, fürchten Sie im Ernſt, ich werde Klara verhungern laſſen?“ „Gott bewahre mich,“ rief Baron H. ſehr erſchrocken. „Ich bin überzeugt, daß Klara bei Ihnen ſo gut auf⸗ gehoben iſt, wie in ihrer Mutter Haus, oder vielmehr nach Allem, was ich von ihrer Mutter gehört habe, noch 231 beſſer. Aber wer kann alle möglichen Fälle, Verheiratung, Todesfall u. ſ. w. vorausſehen und dann.. „Meinen Sie vielleicht meine Verheirachung, mei⸗ nen Tod, Baron? Meinen Tod?“ „Gott bewahre Sie und uns alle vor dieſem Un⸗ glück! Aber. aber „Gut, Baron. Aber trauen Sie mir nicht ſo viel geſunden Verſtand zu, duß ich ſelbſt daran gedacht und Klaras Zukunft geſichert habe?“ „Dieß mag wohl ſein, kann mich aber doch nicht veranlaſſen, von meinem Wunſche abzuſtehen; zwei Sicher⸗ heiten ſind beſſer als eine.“ Fräulein Margarethe ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann freundlich, aber ernſt:„Aufrichtig geſtanden, Baron, ich glaube, daß Ihr Edelmuth überfläſſig iſt, und halte es für beſſer, wenn Klara von mir allein abhängt.“ „Das iſt Egoismus, Fräulein Margarethe.“ „Mag wohl ſein, Baron. Allein es iſt nun einmal mein Gefühl, und— ich ſage es Ihnen offen, daß ich weder Ihre Bitten an Klara überbringen, noch ihr ſagen werde, ſie handle klug, wenn ſie auf Ihren Wunſch ein⸗ gehe.“ „Dieß iſt Etwas hart und ſehr ſonderbar,“ ſagte Baron H. erröthend und mit ſtarkem Verdruß.„Sie haben mich lange Zeit Ihren Freund genannt, und doch haben Sie ſchon lange wie eine wirkliche Feindin Alles gethan, um mein Glück und meinen Frieden zu verhindern.“ „Dieſe Beſchuldigung iſt ſtreng, Baron,“ erwiederte Fräulein Margarethe ernſtlich bewegt,„und ſie könnte mir nahe gehen, wenn ich fühlen würde, daß ſie Grund ätte.“ „Sie haben,“ fuhr der Baron immer eifriger fort, „meine Verbindung mit der einzigen Dame verhindert, die ich jemals wirklich liebte....“ „Und dieſe iſt?“ unterbrach ihn Fräulein Margarethe ſchnell. 232 „Sie ſelbſt!“ ſagte der Baron mit ſteigender Bewegung. „Sie haben ferner— wenigſtens bin ich es überzeugt— meiner Verbindung mit einer jungen Perſon entgegenge⸗ arbeitet, die ich von ganzem Herzen hochſchätzte und deren Hand mich glücklich gemacht hätte. Sie mißgönnen mir in dieſem Augenblick die Befriedigung, die mir eine unei⸗ gennützige Verfügung für Klaras Wohl gewähren würde. Sie haben ſich ſeit zehn Jahren in allen Fällen als meine wirkliche Feindin bewieſen, ſich auf jede Weiſe meinen Planen, meinem Glücke entgegengeſetzt, und doch wollen ſie gewiß auch jetzt nicht. „Fahren Sie nur fort, Baron, und doch wollen Sie gewiß auch jetzt nicht..“ „Wollen gewiß auch jetzt nicht die Sorge dafür in Ihre eigene Hand nehmen?“ „O ja,“ antwortete Fräulein Margarethe lakoniſch, indem ſie eine neue Apfelſine ſchälte. „Wie?“ „Ja, ſage ich.“ „Höre ich recht?“ „Ja.“ „Sie wollten?“ „Ja!“ „Meine Frau werden?“ „Ja!“ es Ernſt 2 „Wenn Sie noch länger daran zweifeln, ſo fange ich an, Nein zu ſagen.“ „Gütiger Gott!“ rief der Baron, ganz bleich und mit Thränen in den Augen, indem er ihre Hand mit ſeinen beiden faßte—„iſt's nicht ein Traum? Kann ich wirklich ſo glücklich ſein? Koͤnnen Sie mich lieben?“ „Baron,“ ſagte Fräulein Margarethe mild und ſogar weich,„ich habe Sie ſchon länger geliebt, als als ich nur ſagen mag.“ „Und Sie wollen meine Frau werden!“ rief der entzückte Baron, indem er vor Freude auf und in die ir i⸗ e. ne en en ie ür h, nd it ar ls er ie ——— —— —— — 223 Höhe ſprang.„Sie wollen meine Gattin werden, meine Freundin für das ganze Leben, und bald, in einem Monat?“ „Nicht ſo ſchnell, Baron. Ueberdieß habe ich noch nicht Alles geſagt. Horen Sie und bedenken Sie ſich. Meine Einwilligung hängt an zwei Bevingungen.“ „Sprechen Sie, ſprechen Sie!“ „Erſtens, daß ich Klara immer bei mir behalten darf, wie jetzt;— wenigſtens ſo lange ſie es ſelbſt wünſcht.“ „Ja gewiß, gewiß! Das verſteht ſich! Sie ſoll unſer Kind werden! Ich will ſie lieben...5 „Nur nicht gar zu ſehr, wenn ich bitten darf. Gut, jetzt meine zweite Bedingung.“ „Nun?“ „Ich will wiſſen, wer Filius Eltern find?“ Baron H. ſah erſchrocken und beinahe verzweifelnd aus.„Nie— niemals,“ ſtammelte er. „Ich will es wiſſen, Baron.“ „Das kann nicht Ihr Ernſt ſein. Sie können auf eine ſo gleichgültige Sache kein ſo großes Gewicht legen.“ „Ich will es wiſſen, Baron!“ „Margarethe!“ „Guſtav! Ich will es wiſſen.“ „Nie! rief der Baron heftig und ſtürzte aus der Laube. Fräulein Margarethe ſaß lange ſchweigend da, den Kopf auf die Hand geſtützt und in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken. Ein leiſes Rauſchen im Laube, eine Bewegung, wie von einem kühlen Winde, ein dunkler Körper, der zwiſchen Fräulein Margarethe und dem Ausgang der Laube ſtand, veranlaßte ſie, die Augen aufzuſchlagen. Sie war erſtaunt und es wurde ihr ſogar unheimlich zu Muthe, als ſie die ſchwarzgekleidete, ſchattengleiche Dame vor ſich erblickte, die ſchon früher einmal vor ihr erſchie⸗ nen, aber wieder verſchwunden war, und damals ihre, noch mehr jedoch Baron H's. Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen 234 hatte. Sie ſtand jetzt unbeweglich da„eine ganz eigen⸗ thümliche Erſcheinung; zwei große ſchwindſuchthelle Augen glänzten in einem abgemagerten Geſichte, bleiche Grabes⸗ roſen ſchimmerten auf den eingefallenen Wangen, und um den verdorrten Mund hatte langwieriges Leiden ſeine vü⸗ ſtern Züge eingezeichnet. Die ganze Geſtalt ſchien nahe daran zu ſein, zuſammenzuſinken. Fräulein Margarethe dachte unwillkührlich an die Ahnfrau in Grillparzers Schauerſtück deſſelben Namen, und war im Begriff zu ſagen: „Was hefteſt du den ſtarren Blick auf mich?“ als die düſtere Geſtalt, die beinahe durchſichtige Hand an die keuchende eingeſunkene Bruſt gelegt, näher zu ihr trat und ſagte:„Kennen Sie mich noch?“ „Nein,“ antwortete Fräulein Margarethe ver⸗ wundert. „Sie haben mich früher geſehen...3 aber es iſt ſchon viele Jahre her. Ich bin Baron H's Schweſtertochter. Leo iſt ſollte es aber nicht ſein.... mein Sohn.“ „Fräulein Margarethe betrachtete ſie ſtumm und ſuchte ſich ihre Züge ins Gedächtniß zurückzurufen. Sie fuhr in kurzen, mühſam ausgeſprochenen Sätzen alſo fort: „Der Vater des Knaben ruht im Grabe. Ich werde ihm bald nachfolgen. Mein Oheim hat Alles gethan, um meinen Fehler zu verdvecken, und er iſt meinem Sohne Vater geworden. So gleicht menſchliche Barmherzigkeit menſchliche Fehler aus! Ich wollte meinen Sohn. meinen Oheim noch einmal ſehen, bevor ich ſterbe. Deß⸗ wegen bin ich aus fremdem Lande hieher gekommen. Ich werde wieder abreiſen nach der Heimath, vie ſeine Für⸗ ſorge mir bereitet hat, ohne einen von ihnen an meine Bruſt gedrückt zu haben. Ich verdiene es nicht. Der Zufall hat mich hören laſſen, was ſoeben zwiſchen mei⸗ nem Oheim und Ihnen vorging. Er, der Treffliche, ſoll meinetwegen nicht leiden. Deßhalb ſtehe ich jetzt hier uud erzähle meine Schande. Leben Sie wohl! Ma⸗ chen Sie ihn glücklich und ſchweigen Sie.. ſchwei⸗ ⸗ n 8. m i⸗ he ie 6 ie E 235 gen Sie über Alles, was Sie geſehen, was Sie gehört haben. Laſſen Sie ihn nie ahnen, daß die unglückliche Cäcilie ihm ſo nahe geweſen, laſſen Sie ihn nie wiſſen, daß mein Geheimniß Ihnen bekannt iſt.. es würde ſeine Ruhe ſtören. Leben Sie wohl auf immer!“ So ſprechend winkte ſie mit der Hand und zog ſich zurück. Fräulein Margarethe ſtand ſchnell auf und folgte ihr nach. „Werde ich Sie nie wieder ſehen?“ fragte ſie.„Auf Erden niemals!“ antwortete die Schwarzgekleidete.„In einer Stunde bin ich weit von hier. Folgen Sie mir nicht. Leben Sie wohl!“ Ein älteres Frauenzimmer kam jetzt auf ſie zu und gab ihr den Arm; ſie entfernten ſich langſam. Fräulein Margarethe folgte ihnen mit den Au⸗ gen, bis ſie hinter den Bäumen verſchwanden. Es war ihr jetzt ganz zu Muthe, als hätte ſie eine Geiſtererſcheinung gehabt; indeß war der unheimliche und traurige Eindruck ſtark mit einem angenehmen vermiſcht, der einen Glorienſchein um Baron H's Haupt verbreitete. Uebrigens konnte ſie ſich ihren Betrachtungen nicht lange hingeben, denn ſie wurde auf's Neue geſtört. Der kleine Filius war es, der nach ſeinem Vater fragte. Fräulein Margarethe rief den Knaben zu ſich. Filius blickte miß⸗ trauiſch zu ihr hinauf, allein Fräulein Margarethe ſah ſo freundlich aus, daß er Muth faßte und zu ihr ging. Sie nahm ihn zwiſchen ihre Kniee, ſpielte mit ſeinen hellen Locken und liebkoste ihn freundlich unter allerhand ange⸗ nehmen Gedanken zu Gunſten des Knaben und ſeines Pflegevaters. Filius ſchielte nach den Apfelſinen. In dieſem Augenblick kam Baron H. zurück, führte ſie auf die Seite und ſagte ſehr aufgeregt: „Es kann unmöglich Ihr Ernſt ſein! Sie können unmoglich mein Glück, das nach meiner Ueberzeugung von dem Ihrigen nicht getrennt ſein darf, einer Laune auf⸗ opfern, einer eitlen Neugierde, einer Kinderei...“ „Laune, Neugierde, Kinderei oder nicht, ſagen Sie mir, ob es Ihr voller Ernſt iſt, lieber auf die Verbin⸗ dung mit mir zu verzichten, als dieſe Kinderei zu befrie⸗ 236 at⸗ und mir zu ſagen, wer die Eltern des Knaben 5 „Das kann und werde ich nicht ſagen, es koſte, was es wolle,“ ſagte Baron H. niedergeſchlagen, aber feſt. „Nun gut,“ ſagte Fräulein Margarethe, mit einer würdevollen Herzlichkeit, die ihr unendlich ſchön ſtand, „wenn Sie mir nicht ſagen wollen, wer die Mutter ge⸗ weſen iſt, ſo will ich Ihnen zeigen, wer ſie von nun an ſein wird.“ Mit dieſen Worten hob ſie Filius auf und umarmte und küßte ihn mit einer Innigkeit, die der Junge unmittelbar erwiederte. Der vor Freude weinende Baron ſchlang ſeine Arme um die beiden Geliebten. „Der Vorhang fällt!“ heißt es gewöhnlich im Drama, wenn es dem Dichter gelungen iſt, ſeine Per⸗ ſonen in eine Umarmung zuſammenzubringen, und ſo heißt es jetzt auch hier, denn die höchſte Freude des Men⸗ ſchen wie auch ſein höchſter Schmerz iſt nur für die Blicke der Engel. Aber wenn wir den Vorhang auch für einen Augenblick fallen laſſen, ſo ziehen wir ihn bald wieder in die Höhe, denn es folgt jetzt ein kleines Nach⸗ ſpiel, betitelt: Früulein Margarethens Beklemmung. Das Stück ſpielt am Abend deſſelben Tags und zwar in Fräulein Margarethens Schlafzimmer. Fräulein Margarethe iſt gegen ihren Willen und Vorſatz in großer Verlegenheit. Sie will Klara bekennen, was vorge⸗ fallen iſt, allein ſie weiß nicht, wie ſie es anfangen ſoll und noch viel weniger, wie ſie es ungeſchehen laſſen könnte. Schon das Wort Bekenntniß als anwendbar auf eine Hanvlung von ihr, peinigt ſie und will ihr nicht recht behagen. Zum erſtenmal in ihrem Leben fühlt ſie ſich verlegen und heinahe muthlos, Sie putzt das Licht, huſtet, legt die Sachen in Unordnung, iſt haſtig und un⸗ ſicher in allen ihren Bewegungen. Klara ſcheint Nichts zu bemerken. Eine ungewoͤhnliche Freudigkeit belebt ihr und lein ßer ge⸗ ſoll ſſen bar icht ſie cht, un⸗ hts ihr 237 ganzes Weſen. Sie hat ſich vorgenommen, unaufhörlich von Baron H. zu ſprechen, was Fräulein Margarethe in eine grauſame Angſt verſetzt, weil ſie glaubt, Klara habe angefangen, ſich zu ihm und zur Ehe zu bekehren. Klara. So viel iſt gewiß, und ich glaube, man ſieht es mit jedem Tage deutlicher ein— es gibt unendlich viel Gu⸗ tes in der Welt. Fräulein Margarethe. O ja. ja, aber es gibt ſowohl Gutes als Bö⸗ ſes, Klara. Klara. Wohl, aber das Gute ſchlägt unendlich vor. Je mehr man die Menſchen kennen lernt, um ſo mehr über⸗ zeugt man ſich, daß jedes ſein Gutes und ſeine Vorzüge hat, wodurch er achtungswerth wird. Gewiß hat jeder ſein Pfund Himmelsgut. Dieſes Pfund, dieſes Gute im Menſchen kommt mir vor, wie ſein guter Engel, der ihn beſtändig zu Gott hinauflockt. Baron H. hat mich ge⸗ lehrt, vor allen oberflächlichen Urtheilen wohl auf der Hut zu ſein. Ich glaubte lange, er ſei boshaft und einzig und allein darauf erpicht, die Fehler ſeiner Mitmenſchen auf⸗ zufinden und zu verſpotten. Jetzt ſehe ich, daß er witzig iſt, aber doch noch mehr gutmüthig, als witzig. Er liebt die Menſchen, obgleich er ihre Fehler ſieht. Er möchte, wenn er könnte, Jedem Gutes thun. Außerdem lacht er über ſich ſelbſt ſo gut, als über Andere, und in ſeiner Seele liegt viel ſchöner Ernſt. Fräulein Margarethe. Hm! Klara. Ich bin überzeugt, daß Baron H. die achtungswür⸗ digſten Eigenſchaften mit ſeiner guten Laune verbindet. Er ſcheint mir einer von den wenigen zu ſein, mit denen man ſich ſicher auf die Reiſe durchs Leben wagen könnte. Fräulein Margarethe. Hm, Hm! 238 Klara. Ich bin überzeugt, daß er die Frau recht glücklich machen würde, die ſich gehörig auf ihn verſtände Fräulein Margarethe. Hu, es iſt entſetzlich heiß. Klara. Und es muß eine wahre Freude ſein, zum Glück ei⸗ nes ſo guten und liebenswürdigen Menſchen beitragen zu können. Fräulein Margarethe(bei Seite). Um Gotteswillen, das wird zu toll!(laut). Ja, wenn man überhaupt überzeugt ſein darf, Jemanden auf dieſer Welt glücklich machen zu koͤnnen. Klara. Manchmal kann man dieß wohl hoffen. Und wenn ich eine Freundin hätte, die der Baron H. liebte und ſie liebte ihn, ſo würde ich ihnen rathen, alsbald Hochzeit zu halten, und würde mich in ihrem Glücke glücklich fühlen. Fräulein Margarethe(herausbrechend). Klara, um Gotteswillen, ſage mir, biſt du in den Menſchen verliebt 2 Klara. Ih nicht aber ber Fräu lein Margarethe. Nun was? aber„aber kannſt du nicht ſprechen, Kind? Klara(die Arme um ihren Hals ſchlingend). Aber ich bin überzeugt, daß du es ein Bischen biſt und Fräulein Margarethe. So erwürge mich nur nicht deßwegen!.. Klara verzeih! Aber ich bin reizbar. Verzeih mir, Klara, aber ich bin in Angſt und du. du treibſt Scherz damit! Klara. Laß mich meinen Satz ſchließen und dich umarmen. 239 Fräuleii Margarethe(mit Thränen in den klich„Augen). Thue, was du willſt, Klara. Klara. Nun gut denn. Ich ſchloß damit— und ich bin überzeugt, daß— oder vielmehr, ich weiß, daß Baron ei⸗ H. dich wieder liebt, daß er dich ſchon lange liebt. nzu Fräulein Margarethe. Das war gut geſprochen, Klara! Und du biſt über⸗ zeugt davon, Klara? Und biſt erfreut darüber, Klara? Ja, Klara. auf Ja, von ganzem Herzen. Denn er und du, ihr ſeid beide einander würdig und müßt einander glücklich ma⸗ chen. Ich wünſchte euch beiden bloß ein wenig mehr enn Klarheit über eure Gefühle. ſie Fräulein Margarethe. zeit Ich kann mir in meinen Jahren die Beſchuldigung lich der Unklarheit über mich ſelbſt und der Unkenntniß mei⸗ ner Gefühle nicht gefallen laſſen. Um dir nun das Ge⸗ gentheil zu beweiſen„ um dir zu zeigen, wie unge⸗ den recht du biſt, wünſche mir ſogleich Glück, Klara. Ich bin mit dem Baron verlobt. Ich bitte dich. ſieh nicht ſo wie vom Donner gerührt aus. Hänge die Arme nicht, wie wenn ſie von Blei wären! Lege ſie jetzt um meinen Hals— dieß paßt jetzt beſſer als vorhin icht iſt das liebſte Halsband, das ich je gehabt habe oder h ben werde. Sieh' ſo! So iſt es recht! Denn ſiehſt du, meine Klara, mein boͤſes Mädchen, wenn es dir jemals biſt einfallen ſollte, mich wegen dieſer Verbindung weniger zu lieben, oder dich weniger gut in meinem Hauſe zu befin⸗ den— ſiehe, ſo geht ſie ſogleich in Rauch auf. ara Klara. ber Nein, nein, nein! fürchte das nicht! Ich werde t! glücklich ſein in dem Glück und der Seligkeit des Barons. Ich werde ihn lieb haben.. 240 Fräuleiu Margarethe(einfallend). Nur ſachte, ſachte! Von allen dieſen Gelübden, ein⸗ under ſo entſetzlich lieb zu haben, dispenſire ich von vorn⸗ herein, ſowohl dich als den Baron. Ich bin vollkommen zufrieden, wenn ihr mit einander übereinkommt, mich lieb zu haben. Ich für meinen Theil denke mein Möglichſtes zu thun, um euch zu dieſer Pflicht anzuhalten. Sage mir, Klara, daß du ſie nicht ſchwer findeſt. Klara(aus der Fülle des Herzens). Sie iſt die beſte, die freudigſte meines Lebens. Der Vorhang fällt. Bilder. Die Jungfrau ging im Walde, Im Buchenhain. Hier ſingt eine Nachtigall für unſre Jungfrau. Schwediſches Volkslied. Dieſe, mein Leſer, ſind nicht prachtvoll, nicht ſchön, nicht denen gleich, die im Verlauf des Winters Stadt und Hof erfreut haben. Ueberdieß habe ich jetzt keine Luſt zu ſcherzen und, glaube mir, nur mit tiefem Wider⸗ willen zünde ich meine Lampe an, und beleuchte ſie zur Steuer der Wahrheit. Meine Seele iſt betrübt. So auch die der Natur. Es iſt ein heißer Som⸗ mertag. Qualm heißt ſein Athem, drückende Schwüle ſein Leben. Ein von Sonnenrauch verfinſterter Himmel hängt über einer vor Dürre vergelbten Erde. Alles ſo ſtill auf den Bäumen, ſo ſtill im Reiche der Sänger, ſo ſtill auf den Wellen. Alles ſo matt, ſo matt! Matt ſummt die Mücke, matt erhebt ſich die Blume im Graſe, matt hängt das keuchende Thier den Kopf gegen die Erde. Still c— SGS — — 8+— chön, tadt keine ider⸗ zur om⸗ wüle nmel ſtill ſtill mmt matt Still 241 nagen die Raupen an den ſaftloſen Blättern. Glühend und matt blickt die Sonne durch den Nebel und brennt noch im Untergehen. Die Badgeſellſchaft ißt ſaure Milch in Pilshult. Nina iſt allein zu Hauſe. Sie hat Kopfweh, und auf ihre Bitte hat man ſie allein gelaſſen. Gegen Abend fühlt ſie ſich beſſer und geht aus, um Kühlung zu ſuchen. Eine wehmüthige Betäubung umwölkt ihre Sinne und matt iſt ihr Gang in der dunſterfüllten Gegend. Das Rauſchen eines kleinen Waſſerfalls leitet ihre Schritte. Inſtinktmäßig geht ſie ſeinem Geſange nach, um Er⸗ quickung zu ſucheu. Friſch ſchäumen die Silberwogen. Saftgrün und blumengeſchmückt iſt das Ufer. Nina legt ſich auf das weiche Sammtbett, ihre Hand ſpielt mit der Welle und ihr Auge folgt ihrem Laufe. Sie ſieht, wie dieſe dahin⸗ fahren muß, raſtlos, nothwendig, ohne zu wiſſen, von wannen ſie kommt und wohin ſie fährt. Dunkle Gefühle und Gedanken gehen vom Leben der Natur in das ihrige über. Ihre Seele ſchaukelt, wie eine wurzelloſe Blume auf der Welle(eine mißliche Art zu reiſen); ſie läßt ſie ſchaukeln, ſie fühlt ſich beſſer; die Luft hier hat einige Friſche; der Schleier der Schwüle iſt gehoben; Thränen wehmüthigen Vergnügens zittern in Nina's Augen; das Verlangen, das mächtige, nach Leben und Glück ſchwellt ihre Bruſt. Da hört ſie in ihrer Nähe den Klang einer Cither. Der Sänger iſt vom Laub verdeckt, aber Nina erkennt Don Juans melodiſche Stimme. Nina! fliehe, fliehe! Warum fliehſt du nicht, du Unvorſichtige? Ninas erſtes Gefühl iſt aufzuſtehen und ſich zu entfernen, allein ein un⸗ willkührlicher Zauber lähmt ihre Sinne und ihr Wille er⸗ mangelt der Kraft, dieſe Unmacht zu beſiegen. Sie bleibt und er fingt in lieblichen, ſchmelzenden Tönen: Liebe haucht den lebensfriſchen Athem hin durch die Natur;z Bremer, Nina. 16 242 Blumendüfte ſich vermiſchen Liebend auf der bunten Flur. Siehſt du nicht den Vogel koſen Mit dem Weibchen auf dem Baum? Und es ſpielen dort die loſen Wellen an des Ufers Saum. Siehſt du ſich zuſammenwinden Gräſer in des Windes Tanz, Wie ſie zärtlich ſich verbinden In der ew'gen Liebe Kranz? Wie der Sonnengott ſich ſchließet An die Erde liebewarm, Und mit Himmelsfreud' begießet Seine Braut in ſeinem Arm? Hörſt du in des Fluſſes Brauſen Töne herber Liebesqual, Hörſt du in des Waldes Sauſen Stiller Liebesſeufzer Zahl? Ueberall im ganzen Raume Hör' ich Stimmen minniglich; Und fie flüſtern, wie im Traume: Einzige, ich liebe dich! Engel flüſtert ſo zum Engel, Menſch zum Menſchen ſehnſuchtweich; Und von Stengel und zu Stengel Hallt es nach im Blumenreich. Balſamvoll die Nacht ſich gießet Auf die Erd' in ſel'ger Ruh, Herz dem Herzen ſich erſchließet Aug' dem Auge lächelt zu. 243 Ach wenn alle Weſen trinken Aus dem Quell der Seligkeit; Soll nur dir vergebens winken, Mädchen, jene Himmelsfreud? Willſt du weinen und entſagen In der Zeit der Jugendluſt? Trink, des Lebens dunkle Fragen Löſen ſich an Freundes Bruſt. Liebe wird auch deinem Leben Licht und Luſt und Troſt im Schmerz Und des Himmels Zauber geben; Oeffn' ihr dein verſchloßnes Herz. Der Geſang verſtummt. Warum flieht Nina nicht? Der Sänger liegt zu ihren Füßen. Er gießt ſeine Liebe in brennenden Seufzern aus. Das Feurigſte, was das Gefühl, das Schönſte, was die Sprache hat, muß ihm ſeine Worte leihen. Tief und gewaltſam ergreifen ſie Nina's Seele. Sie ſieht ſich angebetet, ſie glaubt ſich geliebt; die Entzückungen des Lebens umſchweben ſie ſchimmernd, blendend, bezaubernd, aber ſie fürchtet ihr Gefühl; ſie will fliehen. Don Juan hält ſie zurück.„Laß uns lieben! Laß uns lieben!“ flüſterte er in abgebrochenen, leidenſchaftlichen, berauſchten Tönen—„laß uns glücklich ſein. Das Leben iſt kurz und düſter. Laß uns in den Armen des Genuſſes ſterben.“ Er hat das Wort geſprochen, das ſtill in der Tiefe ihrer Seele lag. Ein unendliches Beben, eine an Ver⸗ zweiflung gränzende Schwachheit erfüllt ihr Herz, Gott und Himmel verſchwinden, ſie begehrt zu lieben und zu ſterben. Noch betet in ihr ihr guter Engel, ſie ruft einen Retter vor ihrer eigenen Schwachheit an, ihre Lippen ſtammeln den Namen Edla. Seht ihr dieſes häßliche, bleiche, abſchreckende Geſicht, das ſich Nemeſisähnlich über beiden erhebt? Mit einem 244 Schrei der Freude und des Entſetzens zugleich ruft Nina: „Edla!“ Sie ſinkt zu ihren Füßen, ſie umfaßt ihre Kniee, und die barmherzige Natur wirft einen Schleier über ihre Seele und ihre Sinne. Sie fällt in Ohnmacht, Edla nimmt ſie in ihre Arme, wirft einen vernichtenden Blick auf den wie vom Donner gerührten Verführer, und trägt die lebloſe Nina fort. Wuth im Herzen ſteht Don Juan da, ſein Schickſal verfluchend. Sein Fuß ſtampft auf die Erde, und ſeine geballte Hand erhebt ſich gegen den Himmel. Er iſt im Begriff, den murmelnden Bach zu verlaſſen, als er Schritte nahen hört. Klara iſt es, die bei Don Juans Anblick ſchnell ſtehen bleibt, und bloß bemerkt:„Man hat mir geſagt, ich werde Nina hier treffen?“ Klara hatte Etwas in ihrem Geſichte und ganzen Weſen, was mit einer ruhigen und klaren Sommernacht verglichen werden kann. Der wollüſtige Don Juan hat ſich bereits davon angezogen gefühlt. Im gegenwärtigen Augenblick empfindet er dieſen Reiz mit verdoppelter Stärke. Das Sinnenfieber, das noch andauert, und eine Rach⸗ gierde, die vas ganze weibliche Geſchlecht treffen ſoll, gibt ihm einen teufliſchen Plan ein.„Die Heiligen,“ denkt er,„ſind eben ſo leicht gefangen, wie die Kinder der Welt; nur muß man das Netz aus ihrem eigenen Garn flechten.“ Allein er verhehlt ſeine Abſicht mit Schlangen⸗ liſt. Auf Klaras Frage nach Nina antwortete er; „Sie kommt bald zurück. Ach bleiben Sie einen Augen⸗ blick! Der Abend iſt ſo mild; kann Ihr Herz es weniger ſein? Wollen Sie kein Wort, keinen Blick des Troſtes demjenigen ſchenken, deſſen Herz von Unruhe verzehrt wird?“ Klara blieb ſtill ſtehen und ſagte mit einer Stimme, welche Theilnahme verrieth:„Was kann ich für Sie thun? ſagen ſie es ſchnell! Ich muß gehen.“ Don Juan iſt nahe getreten und ſucht ihre Hand zu faſſen, die Klara aber zurückzieht.„Sagen Sie mir —„—— — — „— — — c— 245 nur,“ bittet er,„daß Sie mich nicht haſſen, daß Sie einiges Wohlwollen für denjenigen haben, der gerne ſein Leben dafür hingäbe, rein und gut zu ſein, wie Sie, und an Ihrer Hand in den Himmel zu wandeln. Bleiben Sie, ach bleiben Sie! Ihre Nähe heiligt ſelbſt die Luft um mich herum und erfüllt mein Herz mit einer reinen Sehnſucht. Liebliche, Heilige! Sagen Sie mir, daß der Himmel, den Sie kennen, mich nicht verworfen hat.“ „Der Himmel verwirft Niemand, der ihn mit Ernſt ſucht,“ antwortete die ſtille Klara ſanft:„Suchen Sie ihn ſo, und Sie werden ihn finden. Leben Sie wohl!“ Sie, himmliſche Klara! Fürchten Sie m ch. „Warum ſollte ich Sie fürchten?“ ſagte Klara, in⸗ dem ſie ſtehen blieb, und ihn mit einer Verwunderung voll einfacher Würde anſah. „So bleiben Sie, ach bleiben Sie bei demjenigen, dem Ihre Nähe Leben gibt.“ „Ich kann nicht! Sie können mich, wenn Sie wollen, bei Gräfin G. ſprechen. Adieu!“ „O Klara, das iſt hart! Sie ſagen, daß der Him⸗ mel Niemand verwerfe.— Seien Sie nicht ſelbſt ſtrenger. Stoßen Sie einen Irrenden nicht zurück! Zeigen Sie mir den Weg zur Seligkeit, holder Engel! Erretten Sie eine Seele! O Klara, laſſen Sie mich anfaſſen, laſſen Sie mich an mein Herz drücken dieſe Hand, die.. Aber er greift blos in die leere Luft. Klaras guter Engel hat ſie gewarnt, und ſie hat ſeine Stimme gehört und iſt ſeinem Winke gefolgt, denn keine Eitelkeit, weder geiſtliche, noch weltliche, wohnt in ihrer Seele. Gleich einem Schatten iſt ſie verſchwunden, und hat ſich in die Nacht des Waldes verborgen. Mit einem Fluch wilden Zornes folgt Don Juan ihr nach. Aber freundliche Sterne wachen über Klara, und ſie findet ihren Weg. Und als ſie die Schritte ihres Verfolgers näher hinter ſich hört, als Angſt und Müdig⸗ 246 keit ihre Füße lähmen, da finkt ſie gerettet in die Arme ihrer Freundin, die ihr entgegen gegangen iſt. Don Juan hat ſich ſchnell hinter einen Baum zurück⸗ gezogen. Auf dem Baum iſt ein Elſternneſt, und die jungen Elſtern lachen ihn aus, während er flucht. — Und jetzt ſollen wir uns an das Bett begeben, in welchem Nina ruht, während Evla ſich über ſie hin⸗ neigt? Sollen wir die Schlummernde erwachen ſehen? Wir wollen nicht. Wir wenden unſere Blicke ab von dieſem Zuſammentreffen. O gewiß iſt es eine bittere, bittere Sache, Augen, die uns früher ſo ſanft, ſo liebend gefolgt waren, jetzt ſtreng und mißbilligend auf uns blicken, oder ſich mit ſchmerzlich gefühlter Verachtung abwenden, ja vielleicht gar mit Thränen der Demüthigung über unſere Schwach⸗ heit füllen zu ſehen! Gewiß iſt es bitter, gewiß iſt es zermalmend, und dennoch geſegneteThräne, geſegnetes Strafurtheil in einem geliebten Auge! Brenne, brenne in des Gefallenen Seele— brenne, denn du reinigſt! Liebe! Freundſchaft! Wer wollte ſich nicht beugen vor eurer ſtrafenden Hand, nicht demüthig eurem prüfenden, eurem urtheilenden Blicke ſein Inneres erſchließen? Wehe dem, der es nicht will, der ſein Inneres hier verſchließen könnte! Er iſt auf immer verloren! Drei Tage lang nach dem Abend, da Edla zurück⸗ gekehrt, lag Nina an einem heftigen Fieber. Evla ſelbſt gebot ihr Stillſchweigen, und weilte, eine treue Wärterin, bei ihr;— aber die Zärtlichkeit, aber die Vertraulichkeit war dahin. Edla war ſchweigſam, aber ihre bleiche Wange zeugte von dem tiefen Leiden ihrer Seele. Eines Abends, als Edla glaubte, Nina ſchlafe, ſtrich ſie ſanft eine Locke weg, welche die Stirne bedeckte, die ſie ſo ſehr zu betrachten liebte. Nina fühlte es, ergriff ſchnell die 247 magere Hand und führte ſie an ihre Lippen. Edla zog ſie nicht zurück. Nina drückte Kuß um Kuß darauf und badete ſie mit ihren Thränen.„Sprich mit mir,“ bat ſie,„ſage mir ein freunvliches Wort!“ Edla beugte ſich über ſie und ſagte zärtlich:„Mein armes Kind, ich liebe dich noch immer!“ Eine heiße Thräne fiel auf Ninas Arm; Nina küßte ſie auf.„Jetzt werde ich bald wieder beſſer werden,“ ſagte ſie mit ge⸗ troſtetem Herzen. Ein yaar Tage darauf war ſie ſo weit wieder her⸗ geſtellt, daß ſie aufſitzen konnte, und Edla hinderte nun nicht länger eine Mittheilung, nach welcher beide verlang⸗ ten. Nina öffnete ihr jetzt ihre ganze Seele. Edla forſchte darin frei, ſie forſchte genau, unbeweglich, aber zärtlich. Nina gab ſich ſo voll, ſo ganz, wie nur eine Menſchenſeele ſich einer andern geben kann. Sie fühlte Linderung; ach! ſie fühlte ſich von zärtlichen und geſchickten Händen behandelt. Göttliches Vertrauen, erfriſchende Hingebung an einen Freund! Stärkende Demuth! Lieb⸗ liche Bitterkeit! Ruhe nach dem Streit! Schön ſagt Jean Paul darüber: „Wenn der Menſch nicht mehr ſein eigener Freund iſt, ſo geht er zu ſeinem Bruder, der es noch iſt, damit dieſer mild mit ihm ſprechen und ihm das Leben wieder geben moͤge.“ Und nicht blos die milden Worte, nein, auch die ſtrengen, ja ſelbſt das Strafurtheil nimmt man gerne von den geliebten Lippen. Das Strafurtheil? Wunderſt du dich? Nein, du ſchauſt tiefer in dein Herz; du erkennſt, daß es ſo iſt. Der Seele heiligſtes Myſterium— Gott wohnt in deinem Innerſten! Edla fand Ninas Willen rein. Hoch ſchlug ihr enges Herz vor Freude darüber, aber ſie erſchrak über den Seelenzuſtand, über die Schwäche, die Erſchlaffung aller hoͤheren Kräfte, die Nina ſo nahe ans Verderben geführt hatten. 248 Mit der ganzen Kraft ihres klaren Blickes, ijres überlegenen Verſtandes ſprach Edla jetzt zu ihr, und zeigte ihr ihre Lage, ihren Fehler in dem durchdringenden Lchte, das zugleich demüthigt und aufrichtet. Sie machte Nina mit ſich ſelbſt bekannt. Sie ließ ſie fühlen, wie tief ſie anter die wahre Frauenwürde herabgeſunken ſei, und weckte in ihr ein inniges Verlangen, es wieder zu gewirnen. Zuerſt eine Thräne der Reue, dann ein Gefet, dann eine Handlung, dieß iſt die Ordnung der Bekehrung. „Du mußt,“ ſagte Edla,„dieſes träumeriche, träge Leben aufgeben. Du mußt handeln, mußt chätig ſein, und du wirſt in einer nützlichen Wirkſamkeit für deine Mitmenſchen dein Glück erkennen lernen. Nina, du mußt einen edlen Mann glücklich machen und dir ſelbſt eine Stütze, einen Führer im Leben geben. Kannſt du jetzt ruhig anhören, was ich dir zu ſagen habe, oder wollen wir noch warten?“ „Nein, jetzt, jetzt Edla! Es iſt beſſer, ich erfahre Alles. Schone mich nicht, Edla. Verdiene ich es denn 2“ „Nun gut! Es haben ſich unangenehme Gerüchte über das Verhältniß zwiſchen dir und Don Juan verbreitet. Erbleiche nicht darüber, Ninaz erbleiche darüber, daß du Veranlaſſung dazu gegeben haſt. Ein Scherz, den ſich Don Juan über dich und mich erlaubte, gab ihnen einiges Gewicht; Graf Ludwig hat ihn gezwungen, zu widerrufen. Sie haben ſich duellirt. Don Juan hat in einem Sä⸗ Sei⸗ über die Stirne ſeine wohlverdiente Strafe er⸗ alten.“ „Gütiger Gott! Und ich bin an allem dem Schuld, ich Unglückliche! Und iſt dieß auch Alles? Iſt Nichts noch Schlimmeres geſchehen? Steht kein Leben in Ge⸗ fahr?“ fragte Nina außer ſich vor Schreck, „Mein, ſei ruhig. Don Juan iſt abgereist. Seine Wunde iſt nicht im Mindeſten gefährlich, und wird wahr⸗ ſcheinlich nur eine tiefe Narbe zurücklaſſen. Graf Lud⸗ res gte te, ina ſie te nn ige in, ine ßt ine etzt len e⸗ ine r⸗ d⸗ 249 wig iſt es gelungen, ohne Schaden ihn zu beſtrafen und dich zu beſchützen. Er hat dieſe Gelegenheit benützt, um ſeine Gefühle für dich zu erklären. Er hat beim Vater um deine Hand angehalten.“ „Er iſt edel! O er iſt gut!“ ſagte die todesbleiche und tiefbewegte Nina.„O wie wenig verdiene ich alles dieſes. Könnte ich ihm doch recht danken! Hier iſt meine Hand, Edla! Nimm ſie in die deinige. Beſtimme darüber, wie du es für gut findeſt. Ich habe meine Freiheit, mei⸗ nen eignen Willen ſo ſchlecht benützt! Ich übergebe ſie dir. Sprich nur, und ich will in Allem gehorchen, und gerne gehorchen.“ „Dein eigener Wunſch, Nina, deine eigene wieder erwachte Kenntniß des Richtigſten und Beſten ſoll uns beſtimmen. Aber darüber kannſt du in dieſem aufgeregten Augenblick nicht urtheilen. Morgen, wenn die Ruhe einer Nacht deine Kräfte noch mehr geſtärkt hat, wollen wir wieder davon ſprechen.“ Und am Abend dieſes Tages, als Nina in Edlas Fürſorge mehr Zärtlichkeit wahrnahm, als ſie in ihren Zügen Spuren eines erleichterten Herzens ſah; als wie in den Tagen ihrer Kindheit die Schweſter gleich einem wachenden, ſtärkenden Engel neben ihrem Bette ſaß; als ſie ſpielen die hübſchen Blümchen, die ſie für ſie ge⸗ pflückt, auf Ninas Decke ausbreitete und ihre weißen Arme damit ſchmückte, da fühlte Nina, daß Edla ihr Schickſal beſtimmen werde, daß ſie Alles thun könnte, um ihre Achtung, ihr Vertrauen wieder zu gewinnen, ⸗ langentbehrte Ruhe verbreitete ſich über ihre eele Am Morgen, als der Wind die freundlichen Blumen erweckte, und ein Strom von Luft, Geſang und Wohl⸗ geruch durch das geöffnete Fenſter hereindrang, da er⸗ wachte auch Nina zu einem neuen und ſtärkeren Leben. Bleich, aber ſtill gefaßt und entſchloſſen ſtand ſie auf. Vielleicht war ſie nie ſchöner geweſen, als in dieſem Augenblick, wo Demuth und Kraft ihr Weſen gleichſam 250 geheiligt hatten, und Reſignation ihre ſchöne Stirne mit Himmelsglanz übergoß. Zwiſchen den beiden Schweſtern entſpann ſich jetzt ein Geſpräch, ſo wie es zwiſchen Mutter und Tochter ſchon oft ſtattgefunden hat, und ſich noch oft wieder erneuern wird. Die Tochter wird einwilligen in das, was die Mutter wünſcht; ſie wird ihren Willen als den klügſten, den beſten finden; ſie wird nur leiſe über Mangel an Liebe zu dem Freier klagen, ſie wird Achtung, vielleicht Freundſchaft für ihn fühlen, aber.. aber... Die Mutter wird von der Feſtigkeit einer auf den Fels Achtung gegründeten Verbindung ſprechen; von dem Glück eines wirkſamen und nützlichen Lebens für diejenigen, die uns theuer ſind; von der Nothwendigkeit, ein Intereſſe, einen Zweck im Leben zu haben; von dem Frieden, der auf gut erfüllte Pflichten folgt, u. ſ. w. Ich weiß nur ſoviel, daß Edlas Worte nicht die eines dürftigen Verſtandes waren. Sie entſprangen aus der tiefen Ueberzeugung, daß Graf Ludwig der edelſte Mann ſei und daß Nina nur in der Verbindung mit ihm die Kraft und die Thätigkeit entwickeln könne, ohne welche alles Leben nur armſelig iſt. Nina wiederholte nur, was ſie am Abend zuvor ge⸗ ſagt hatte.„Urtheile, beſchließe für mich, Edla,“ war ihre Bitte.„Ich traue mir ſelbſt nicht mehr, ich bin ängſtlich gegen mich geworden. Was du glaubſt, das glaube ich auch; was du willſt, will ich auch. Ich werde Graf Ludwig für das, was er für mich gethan, für ſeine, treue Ergebenheit nach beſten Kräften danken. Ich will verſuchen, ihm eine würdige Gattin zu ſein. Ich will die allgemeine Achtung wieder gewinnen und Alle glücklich machen, ſoweit es mir möglich iſt. Dann werde gewiß auch ich das wirkliche Glück kennen lernen.“ Edla umarmte Nina, und dieſe war ſo glücklich über die wiedergeſchenkte Zärtlichkeit der Schweſter, daß ſie ſich mit einem Gefühl wahrer Befriedigung von Edla zu ihrem Vater führen ließ, um ſeiner Entſcheidung die Verfügung 251 über die Hand der Tochter anheimzuſtellen. Ehe wir indeß den Vorhang von der Scene wegziehen, die den Schweſtern im Zimmer des Präſidenten bevorſtand, müſſen wir den Leſer zu einem andern Bilde führen, das am vergan⸗ genen Abend von noch mehr Leuten, als von mir geſehen worden iſt. Zum Präſidenten nämlich, der baarhauptig mit Hut und Leib ſeine Gemahlin vor einem heftigen Regen⸗ ſchauer zu ſchützen ſucht; zum Präſidenten, der ſeine Galoſchen auszieht, um ſie der Gräfin zu überlaſſen, und ſo an ihrer Seite die Pfützen auf dem Wege austappt. Dieß mag erklären, wie es kam, daß die beiden Schweſtern ihren Vater in ſeinem Lehnſtuhl ſitzend trafen, ſprachlos, mit entſtelltem Geſicht und außer Stands, ſich zu bewegen. Der Präfident hatte einen ſtarken Nerven⸗ ſchlag bekommen. Gräfin Natalie promenirte im Brunnen⸗ ſaale, umgeben von ihren Bekannten und Freunden. Durch ſchleunige Anwendung paſſender Mittel war der Präſident nach einer Woche ſoweit wieder hergeſtellt, daß er ſprechen und ſich ein wenig bewegen konnte. Allein ſein Bewußtſein war ſchwach, ſein Geſicht noch entſtellt und die linke Seite gelähmt. Mehrere herbeigerufene Aerzte erklärten einſtimmig, nur der Einfluß eines wärmeren Klimas koͤnne ihn vollkommen wieder herſtellen. Man rieth zu einer Reiſe nach Nizza. Wenn Gefahr droht, wenn irgend eine große Er⸗ ſchütterung durch das Leben des Menſchen geht, dann hört die Macht flüchtiger Neigungen auf und die Ge⸗ fühle, die in ſeinem beſſeren Ich, in ſeinem innerſten Weſen Wurzel gefaßt haben, werfen dann ihren Schleier weg und treten ans Tageslicht hervor. Dann ſchlägt die Siegesſtunde der treuen, der wahrhaft liebenden Freundſchaft. So erging es dem Präſidenten. Als er die mächtige Hand der Krankheit über ſich fühlte, als ihm die Noth⸗ wendigkeit einer noch in ſeinem geſchwächten Zuſtand zu 252 unternehmenden Reiſe und eines längeren Aufenthaltes in fremdem Lande verkündigt wurde, da wandte er ſich von ſeiner glänzenden Gemahlin und ihrer gemachten Zärtlich⸗ keit ab, ſtreckte die Arme gegen ſeine Tochter aus und ſtammelte:„Edla!“ Er ſchien nicht ohne ſie leben zu können, und war ruhig, wenn er ſie nur in ſeiner Nähe ſah. Edlas Entſchluß, den Vater zu begleiten, war in demſelben Augenblick gefaßt, da ſie von der Reiſe ſprechen hörte, und Gräfin Natalie durfte es für eine wirkliche Gunſt des Schickſals anſehen, daß ſie durch eine be⸗ deutende Fußverrenkung zu ihrer wirklichen Verzweiflung, wie ſie Jedermann verſicherte, von der Mitreiſe ent⸗ bunden wurde. Evla wünſchte ſehr, Nina verlobt zu ſehen, bevor ſie aufs Neue genöthigt würde, ſie zu verlaſſen. Nina ließ ſich blind von Edla leiten. Gräfin Natalie, die auf einmal auffallend kalt gegen Nina geworden, und gegen Edla die Steifheit ſelber war, behauptete eine neutrale Stellung und führte bloß das Wort pienséance öfter als gewöhnlich im Munde. Graf Ludwig drang nicht vhne Anſprüche auf die Erfüllung ſeines Wunſches.— Wer ums Himmelswillen widerſetzte ſich denn jetzt? Niemand anders, als der arme, gute, kranke, geiſtesſchwache Prä⸗ fident ſelbſt. Er ſchien ſich in ſeiner Unklarheit in den Kopf geſetzt zu haben, Verlobung und Heirath ſei Eins, und wenn Edla über Ninas Verlobung mit ihm ſprach, antwortete er immer:„Ueber's Jahr, wenn ich zurück⸗ komme.“ Vergebens ſuchte ihm Edla die Sache ruhig auseinanderzuſetzen, er blieb bei ſeinem Spruche:„Ueber's Jahr, wenn ich zurüchkomme.“ Endlich wurde er böſe und ſagte:„Meinſt du denn, eine luſtige Hochzeit und mein Zuſtand paßten gut zuſammen? Nein, über's Jahr u. ſ. w.“ Edla entſagte nun allen weiteren Ueberredungs⸗ verſuchen, und zugleich der Hoffnung, noch vor ihrer Abreiſe Nina mit dem Manne verbunden zu ſehen, den ſie ſo hoch achtete. „Nimm mich mit,“ bat Nina innig;„laß mich die 253 Pflege unſeres Vaters mit dir theilen.“ Edla konnte nicht ja ſagen. Sie fürchtete für Ninas Geſundheit bei beſtändiger Beſchäftigung mit einem Kranken, und wollte überdieß ganz fret ſein, um alle ihre Gedanken, alle ihre Kräfte dem Vater widmen zu können. Auch hielt ſie es nicht für gut. Nina und Graf Ludwig jetzt zu trennen. Es wurde daher beſchloſſen, die Zeit abzuwarten, und wenn nach Verfluß eines Jahres die Geſundheit und die Geiſteskräfte des Präſidenten ſich nicht gebeſſert hätten, dann deſſenungeachtet die Verlobung des jungen Paares ſtattfinden zu laſſen. Unterdeſſen ſolle Nina bei ihrer Stiefmutter bleiben, welche erklärte, ſie beabſichtige, ſich während der Abweſenheit des Präfidenten ganz und gar von der Welt zurückzuziehen, und auf eines ſeiner Güter weit oben in Norrland zu verbannen. Dort ſollte auch Graf Ludwig in Ninas Geſellſchaft den kommenden Frühling und Sommer zubringen. Edla war überzeugt, eine nähere Bekanntſchaft mit ihm werde inzwiſchen bei Nina die Neigung hervorrufen, die er ſo wohl verdiene. Nina war im Stillen ſehr erfreut über dieſen Auf⸗ ſchub der Entſcheidung ihres Schickſals, wagte es aber kaum, ſich ſelbſt dieſen innern Streit gegen Edlas Wünſche zu geſtehen. Es war Abend. Am nächſten Tag ſollten Edla und der Präſident abreiſen. Nina hatte mehrere Tage gemein⸗ ſchaftlich mit Edla im Krankenzimmer ihres Vaters zu⸗ gebracht, und ging jetzt auf die Bitte ihrer Schweſter hinaus, um ein wenig friſche Luft zu ſchöpfen. Fräulein Margarethe befand ſich nebſt Klara und dem Baron H., ſowie der ganzen übrigen Badgeſellſchaft auf einer Luſt⸗ partie, und die Alleen am Brunnen waren beinahe leer. Nur hin und wieder ſchleppte ein Siechling, der nicht im Stande war, eine größere Wanderung zu unterneh⸗ men, ſeine matten Schritte hin. Nina blieb auf dem Grasplatz vor ihres Vaters Hauſe ſtehen und athmete die reine liebliche Luft ein. Die Sonne ging klar unter, und kleine goldne und rothe Blümchen beugten ſich nickend 254 und koſend um Ninas Füße. Die Bäume ſtanden ruhig in herrlicher Vergoldung da und ertönten vom Geſange der Vögel. Nina ſah voll Vergnügen um ſich;— es war ein liebliches Gemälde: ſie ſelbſt das ſchönſte Bild darin— aber ſie ſah dieß nicht. Sie blickte liebevoll zur Sonne hinauf, küßte koſend ihre Strahlen, die auf ihre marmorweißen Hände fielen, und die Sonne beleuch⸗ tete die ſchöne Tochter mit mütterlichem Liebesblick. Bald ſah Nina, wie eine, ihrem Anſehen nach dem Handwerks⸗ ſtande angehoͤrige Familie langſam unter dem Schatten der Bäume hervorkam und ſich endlich nicht weit von ihr auf eine Bank ſetzte. Der Mann und das Weib hatten gutmüthige, redliche Geſichter, aber vom Kummer ge⸗ furcht. Die Kinder waren bleich und ſtill. Man ſah, daß ſie Kinder der Armuth waren. Ein Livreebedienter mit einem Korb voll der ausgeſuchteſten Früchte ging an ihnen vorbei, und der Mann fragte ihn in einiger Ver⸗ legenheit, ob er nicht ein Paar von dieſen Früchten kau⸗ fen könnte. Der Bediente antwortete, es gehe nicht an, denn ſie ſeien ein Geſchenk an Fräulein Nina G., die ſchöne Tochter Sr. Ercellenz. In dieſem Augenblick be⸗ merkte er Nina, trat zu ihr hin und übergab ihr mit einer tiefen Verbeugung den ſaftreichen Korb. Nina gab dem Boten viele Dankſagungen an die Gräfin Nordſtjerna auf, und nachdem ſie einige ſchöne Trauben für ihren Vater und Evla zurückgelegt, nahm ſie den Korb, ging erröthend zu der Handwerkerfamilie und bat auf die ver⸗ bindlichſte Art, man möchte die ſchoͤne Gabe mit ihr theilen. Ninas unbeſchreibliche Anmuth, ihre rührende Güte und das Wohlwollen, das ſich auf ihrem Geſichte malte, machte auf die bleiche Familie vielleicht einen noch angenehmern Eindruck, als die angebotenen Früchte. Das ſichtbare Vergnügen, das ihre Gabe hervorbrachte, er⸗ freute Nina. Sie nahm ſelbſt das jüngſte Kind auf ihren Schooß und gab ihm von dem Obſte, das ſie unter nochmaligen herzlichen Ermahnungen, zuzugreifen, auf dem Tiſch ausbreitete. Als ſie nun alle um ſich herum hoch erfr gni rein em] chio güt zh der Ve Ble geb Kre ſie her ſtar ſich lich der Elt ger paſ als Ni es des tie ger ſtat ſag die nel Pl 255 erfreut ſah, und das Kleine auf ihrem Schvoß vor Ver⸗ gnügen über den Schmaus zappelte, da empfand ſie ein reines Wohlbehagen, wie ſie nur ſelten in dieſem Maße empfunden hatte. Die guten Leute wurden bald geſprä⸗ chig, und Nina hörte mit Theilnahme— was den Be⸗ güterten der Erde zu hören immer gut iſt— die Er⸗ zählung von Leiden, welche hauptſächlich die Bewohner der Hütten heimſuchen. Doch war hier keine Klage, keine Verzweiflung, ſondern fromme Hoffnung ſchlug ihre friſchen Blätter über das Leben aus, welches Noth und Krankheit gebleicht hatte. Nina befand ſich wohl in dieſem kleinen Kreiſe, wo augenſcheinlich gegenſeitige Liebe zu Hauſe war; ſie fühlte ſich heimiſch unter dieſen Leuten und liebkoste herzlich den Kleinen, den ſie auf ihrem Schooße hatte. Auf einmal ſah ſie Graf Ludwig vor ſich, der mit einem ſtarken Ausvruck der Mißbilligung in ſeinem ſtrengen Ge⸗ ſichte die Scenen anſah. Sogleich verſchwand ihr behag⸗ liches Gefühl, und ein gewiſſer Zwang verbreitete ſich bei der Handwerkerfamilie. Die Kinder rückten näher zu ihren Eltern, und die Eltern hörten auf, von den Früchten zu genießen. Graf Ludwig trat zu Nina und ſagte mit ſtarker Betonung zu ihr:„Sollte es für Fräulein G. nicht beſſer paſſen, ein wenig in den Alleen auf und ab zu gehen, als hier zu ſitzen? Der Abend fängt an kühl zu werden!“ Nina hatte dieß bisher nicht empfunden, aber jetzt ſchien es ihr wirklich kühl zu ſein. Sie erfüllte indeß den Wunſch des Grafen und ſtand auf, nachdem ſie den kleinen gar⸗ ſtigen Jungen noch einmal geküßt hatte, der ſich nur un⸗ gern von ihr zu trennen ſchien. Die Handwerkerfamilie ſtand ebenfalls auf, und wandte ſich mit warmen Dank⸗ ſagungen an Nina. Graf Ludwig geſtattete ihr kaum, dieſelben mit ihrer gewöhnlichen Anmuth entgegenzu⸗ nehmen und zu heantworten; er zog ſie beinahe von dem Platze und ſagte nachläſſig:„Schon gut, ihr lieben Leute! Die Kinder können das Uebrige mitnehmen.“ „Kennen Sie dieſe Leute, mit denen Sie ſo eben 256 en famille waren?“ fragte er Nina, als ſie ſich ent⸗ fernten. „Nein,“ antwortete dieſe, indem ſie ihn mit einiger Unruhe anſah. „Ich auch nicht,“ ſagte er gleichgültig.„Vielleicht ehrliche Leute, vielleicht auch Galgenvögel.“ „Laſſen Sie uns das Beſte glauben,“ ſagte Nina mild.„Ich glaube nicht bloß, ſondern bin auch durch das ganze Ausſehen und Geſpräch dieſer Leute überzeugt worden, daß ſie redlich und ehrlich ſind.“ „Das Räthlichſte bleibt indeß immer, ſo ſchnellen und intimen Freundſchaften, namentlich mit Menſchen dieſer Art, aus dem Wege zu gehen. Dieß iſt das Beſte für uns und für ſie.“ Nina ließ ſich durch die Herbheit in Graf Ludwigs Ausdruck nicht irre machen, ſondern erzählte einfach und freundlich, wie die Bekanntſchaft ſich entſponnen hatte. Graf Ludwig verzog ſarkaſtiſch den Mund, und ſagte: „Ich gebe zu, daß nach dieſer Darſtellung etwas mehr Romantik in der Sache liegt— ja, Sie dürfen ſogar hoffen, die ganze Scene dereinſt in einem Roman paradiren zu ſehen.“ „Sie dürfen mir glauben, daß ich daran nicht ge⸗ dacht habe,“ ſagte Nina etwas aufgeregt. „Ganz anders und vermuthlich ganz matt,“ fuhr Graf Ludwig fort,„wäre das Ding ausgefallen, wenn Sie es einfach und verſtändig behandelt hätten, d. h. wenn Sie dieſer Handwerkerfamilie die Früchte durch Ihren Be⸗ dienten hätten zuſtellen laſſen. Ich ſtehe dafür, daß ſie ihnen eben ſo gut geſchmeckt haben würden.“ „Das mochte ich doch nicht behaupten,“ ſagte Nina etwas eifrig,„denn wie leicht hätte ſich ihr Zartgefühl dadurch verletzt finden können? Ueberdieß warum ſollte meine Art zu handeln nicht die einfachſte geweſen ſein, wenn man den Ort und die Umſtände bedenkt? Iſt nicht gerade das unnatürlich, wenn der Menſch im alltäglichen Leben ſich immer in einer Art Vertheidigungszuſtand gegen⸗ 257 über von ſeinem Mitmenſchen befindet? Im Himmel, wo Alles in ſeiner Ordnung iſt, werden ſich die Leute gewiß auch ganz anders und weit herzlicher begegnen, als hier gewöhnlich geſchieht.“ „Laſſen Sie uns ſolche Begegnungen bis dorthin auf⸗ ſparen,“ ſagte Graf Ludwig trocken.„Wir leben jetzt auf der Erde, und welch unangenehme Folgen aus un⸗ vorſichtigen Vekanntſchaften entſpringen können, haben wir oft Gelegenheit zu ſehen.“ O, meine junge Leſerin, ich ſehe im Geiſte, wie hier deine Augen blitzen, und wie du an Ninas Stelle ſtolz dein Köpfchen erhoben und geantwortet hätteſt: „Wenn der Herr Graf der Anſicht ſind, meine Un⸗ vorſichtigkeiten könnten unangenehme Folgen für ihn ha⸗ ben, ſo will ich ihn dieſen nicht ausſetzen, und es iſt das Beſte, wir trennen uns auf immer.“ Wie liebe ich dieſe Sinnesart bei dir und deine Ant⸗ wort, du Gute! denn daß du ſo denken und antworten kannſt, iſt mir ein ſicheres Zeichen, daß dein Herz und dein Wandel rein ſind, und du dir Nichts vorzuwerſen aſt. So ſtand es aber nicht um Nina. Sie hatte ſich große Schwachheit, große Unvorſichtigkeit vorzuwerfen, und deßwegen antwortete ſie nicht auf dieſe Weiſe. Nina ſchwieg, obgleich die Härte in Graf Ludwigs Anſpielung ihr Herz ſchwellen machte und Thränen in ihre Augen drängte; allein ihre natürliche Demuth, das Bewußtſein, gefehlt zu haben, die Erinnerung an des Grafen Beneh⸗ men in der letztverfloſſenen Zeit, Alles dieß ließ keine Spur von Aerger in ihr aufkommen; ſie ſchwieg bloß tief nie⸗ dergeſchlagen, während ſie am Arme des ſtrengen Liebha⸗ hers unter den dichtbelaubten Bäumen hinging. Graf Ludwig brach das Stillſchweigen mit folgenden Worten: „Wenn ich vorhin zu eifrig oder zu hart über dieſe Sache geſprochen habe, ſo nehmen Sie es mir nicht übel. Die Natur hat mir eine geſchmeidige und ſchmeichelnde Zunge verſagt, und ich weiß, daß es mir ſchwer iſt, den Damen Bremer, NRina. 17 — 258 zu gefallen. Dieß iſt mein Unglück, aber glauben Sie mir, ich meine es gut.“ „Das glaube und weiß ich,“ ſagte Nina mit Wärme, gerührt von dem Tone, mit dem er die letzten Worte ausgeſprochen hatte, und ſie drückte leicht ſeine Hand, als er die ihrige an die Lippen führte. Schweigend ſpazier⸗ ten ſie weiter, und Nina erging es wie oft in Graf Lud⸗ wigs Nähe, d. h. ein Geiſt des Schweigens ſchien über ſie gekommen zu ſein. Sie fand keine Worte, um ſich auszuſprechen, und auch ihre Gefühle und Gedanken wa⸗ ren gleichſam gefeſſelt. Zwei ganz ungleiche Empfindun⸗ gen können dieſen Zuſtand hervorbringen— die Liebe und die Furcht. Ninas Empfindung war nicht Liebe. Als ſie umkehrten, war es finſter geworden. Die Luft war feucht, und kühle Nebel ſtanden zwiſchen ihnen und ihrer Heimath. Ein Schauer durchfuhr Ninas zarte Geſtalt.„Sind Sie unwohl?“ fragte Graf Ludwig mit Theilnahme.„Nein,“ antwortete ſie,„aber ich friere.“ Sie gingen ſchneller. Dieſe Wanderung an Ludwigs Seite bedrückte Nina. Sie kam ihr wie ein Bild ihres künftigen Lebens vor. Alles ſo ſtumm, ſo kühl und dun⸗ kel. Sie gingen an dem Tiſche vorbei, an welchem die Handwerkerfamilie geſeſſen hatte. Er befand ſich in dem⸗ ſelben Zuſtand, wie vorher, und die Früchte waren nicht mitgenommen worden. Graf Ludwig murmelte etwas von „dummem Hochmuth“ zwiſchen den Zähnen. Nina dachte an ein anderes Wort, ſprach aber Nichts. Sie eilte, um an Edlas Seite, in ihrer Geſellſchaft den unfreundlichen Eindruck, den ſie empfangen hatte, zu vergeſſen. Es war ein eigenthümlicher, unglücklicher Umſtand, daß Evla bei⸗ nahe nie, Nina dagegen oft bei Graf Ludwig dieſe Cha⸗ rakterzüge und Launen wahrnahm, aus welchen man er⸗ ſehen kann, was der Menſch in ſeinem Hausweſen, in ſeinem Alltagsleben und für ſeine Umgebung iſt. Viel⸗ leicht ſah auch Edla gar zu ausſchließlich auf das, was den Staatsmann und Staatsbürger auszeichnet. Nina da⸗ gegen hatte mehr Gefühl für die Tugenden, welche das 25⁵9 Glück des Familienlebens begründen. Gleichwohl hatte ſie jetzt allen eigenen Willen dermaßen unterdrückt, daß ſie ihren Gedanken nicht erlaubte, bei dem zu verweilen, was ſie an Graf Ludwig verletzte und kalt machte. Sie richtete ſich nach ſeinen Wünſchen, dachte an ſeine ausge⸗ zeichneten Eigenſchaften, achtete ſie und verſuchte es, in allem Ernſt ihn zu lieben. Ein Verſuch zu lieben iſt eine Siſyphusarbeit. Edla reiste mit ihrem Vater ab, der ſich wie ein Kind ganz ihrer Leitung überließ, und tief erſchütternd war dieſe Trennung für die durch Gemüthsbewegungen bereits ſehr geſchwächte Nina. Was Edla betrifft, ſo ſchien ſie ruhilg, und nur ihr auffallendes Zittern am ganzen Leibe verrieth den ſchmerzhaften Streit, der in ihrem Innern vorging. Sie hielt Nina lange an ihre Bruſt gedrückt, gleich als wollte ſie ihr die Kraft mit⸗ theilen, die darin wohnte; ſodann legte ſie ihre Hand in die des Grafen Ludwig, und ſah beide mit einem un⸗ beſchreiblichen Blick an, konnte aber nicht ſprechen. Wir können unmöglich von all dem Gerede, all den Erzählungen, Ausrufungen und Anekdötchen Notiz neh⸗ men, welche die Ereigniſſe in der Go'ſchen Familie bei der Badegeſellſchaft hervorriefen. Sie waren eine uner⸗ ſchöpfliche Quelle für Geſpräche, Zuflüſterungen und Muthmaßungen, die Quinteſſenz davon verdichtete ſich meiſtens in dem Ausruf:„Die arme Gräfin! O das iſt ihr theuer zu ſtehen gekommen!“ und in der moraliſchen Schlußfolgerung:„Was ſind wir doch, wir arme Men⸗ ſchen? Heute friſch und geſund, morgen am Rande des Grabes. Das Beſte iſt, man hält ſich ſtets bereit.“ Nach Edlas Abreiſe ſchien Nina allmählig wieder in ihre frühere farbloſe Gleichgültigkeit zu verfallen, allein ſie kämpfte ſichtbar dagegen. Ein ſtiller, milder Ernſt, eine unbeſchreiblich anziehende Liebenswürdigkeit gegen Alle breitete eine Art Zauber über ſie und ihre Umge⸗ bung aus. Auch Graf Ludwig fühlte den Einfluß deſ⸗ ſelben immer mehr, und wurde in deren Nähe milder. 260 Er hatte die Empfindung, ſie ſei das einzige Weib für ihn; er fühlte ſich von Tag zu Tag mehr zu ihr hinge⸗ zogen; ſie wurde ihm immer nothwendiger, und er nahm es beinahe als ein Unglück auf, als ihm durch den Tod eines gleichgültigen Verwandten ein großes Erbe in Frank⸗ reich zufiel, deſſen Ueberwachung ſeine perſönliche Anwe⸗ ſenheit erforderte. Kurz nach Edlas Abreiſe mußte auch er ſich von Nina trennen. Er that es mit aufrichtiger und tiefer Bekümmerniß, und konnte nicht einmal die Zeit des Wie⸗ derſehens mit Gewißheit beſtimmen. Wie viel leichter Nina nach ſeiner Abreiſe das Leben und ſogar die Luft um ſich her fühlte, davon hatte Graf Ludwig keine Vor⸗ ſtellung. Er glaubte, ſie habe ſich feſt an ihn gekettet, als an ihre künftige Stütze im Leben, und wir wollen nicht läugnen, daß dieſer Gedanke an eine Stütze allein ſchon manches ſchwache weibliche Weſen beſtimmt hat, ſich mit Hingebung an eine harte, ja, ſogar eine Felſennatur anzuſchließen. So war es indeß nicht bei Nina; was ſie bedurfte, war eine von innen heraus belebende Kraft, war eine Sonne. Graf Ludwig glaubte, ſie ſehe zu ihm als zu einer Art höherem Weſen hinauf, und dieß war wirk⸗ lich die Art von Ergebenheit, die ſeine herrſchſüchtige Seele am liebſten wünſchte. Kurz nach Edlas Abreiſe erhielt Nina von ihr fol⸗ gende Zeilen: „Wenn wir von denen, die wir lieben, entfernt ſind, geſchieht es oft, daß ein Wort, eine Handlung uns in's Gedächtniß zurückkehrt, begleitet von dem ſtillen Vorwurf: du warſt nicht mild, nicht ſchonend genug. Auch ich, liebe Nina, habe ſolche Erinnerungen, und möchte ſo gern den Eindruck manchen Augenblicks von unſerm letzten Zuſam⸗ menſein bei dir verwiſchen. „Ich bin fern von dir, und kann nicht mit dir ſprechen, muß alſo ſchreiben. Meine gute Schweſter, bewahre dieſe meine innige Bitte in deinem Herzen: — c 8— für ge⸗ hm Tod nk⸗ we⸗ von efer Bie⸗ hter Luft or⸗ tet, llen lein ſich tur ſie war als irk⸗ tige fol⸗ nd, in's f: ebe den im⸗ dir ler, en: 261 „Sei nicht zu ſtreng gegen dich ſelbſt; beurtheile dich ſelbſt nicht zu hart, und laß dich vor Allem durch das Ereigniß, das einen Schatten auf deinen Ruf geworfen hat, nicht gar zu tief in deinen eigenen Gevanken herab⸗ ſetzen. Die wirkliche, vollbrachte That iſt es, die uns in den Augen der Geſellſchaft herabſetzt, aber der eigentliche Fall geſchieht nicht durch dieſe. Er iſt lange vorher in uns ſelbſt vorgegangen. Der erſte Gedanke, Nina, das erſte unreine Gefühl, vas muß gefürchtet, das muß be⸗ kämpft werden. Wache über die Bewegungen in deiner Seele, meine Schweſter; ſie ſind es, die geordnet und geheiligt, allmählig den Werth deines Weſens ſchaffen; ſie ſind es, die ungeordnet deine Seele allmählig in das Niedrige, in das Verächtliche hinabziehen, und dieß auch, wenn keine That den Blicken der Menſchen deine Schwach⸗ heit verrathen hat. Unſer geordnetes Staatsweſen, unſere geſellſchaftlichen Verhältniſſe, die Vorſchriften welt⸗ licher Klugheit verhindern manche äußere Unordnung. Aber wie wenig Menſchen ſind aus reiner Liebe zur Tugend tugendhaft, wie wenige bemühen ſich, auch vor den Blicken des Schöpfers rein zu erſcheinen, und doch iſt dieß die einzige wahre Tugend, die einzige reine Reinheit. Wenn die Liebe zu ihr, wenn das Streben nach ihr in des Menſchen Seele erliſcht, dann iſt er geſunken. Wenn ſie wieder belebt werden, dann richtet ſich der Menſch auf und kommt Gott näher, auch wenn er in den Augen ſeiner Mit⸗ menſchen tief geſunken iſt. Aber der Bund mit dem Hei⸗ ligen führt meiſtens auch zur Verſöhnung mit der Geſell⸗ ſchaft, und auf dieſem Wege gewonnen, muß ſie uns koſtbar ſein. Aber, Nina, keine Verwandlung geſchieht auf einmal. Auch in der Puppe arbeiten unabläßig die Kräfte, welche ſpäter die ſtrahlenden Flügel des Schmet⸗ terlings entwickeln. Unſere tägliche Beſchäftigung, unſere Geſellſchaft, unſere Geſpräche und Lektüre, unſere Ge⸗ danken und unſere Gefühle ſind Fäden, die in unmerk⸗ lichem, aber innigem Zuſammenhang das Gewebe unſeres Lebens bilden. Der Augenblick bereitet die Ewigkeit. Wir 262 verſchleudern den erſten, und wie können wir dann die Fülle der letztern gewinnen? Die Minute geht mit der Stunde ſchwanger, die Stunde mit dem Tag, der Tag mit dem Monat, der Monat mit tem Jahr, das Jahr mit dem ganzen Leben des Menſchen; dächten wir voft daran, wie weit beſſer würden wir dann nicht denken! „Mein gutes Kind, erkenne vor Allem, was du jetzt zu thun haſt: denke an die venfloſſene Zeit, hauptſächlich um daraus Licht für die zukünftige zu ſchöpfen; denke an den Weg nach Oben, den du zu wandern haſt, und wenn deine Seele ſich gereinigt, wenn dein Wille ſich liebevoll unter den Willen des göttlichen geordnet hat, dann wird dein Herz ruhig werden, dann wirſt du des edelſten Man⸗ nes würdig ſein, und glücklich machen veine 6„Edla.“ Ende des erſten Theils. die der Tag zahr oft jetzt lich an enn voll vird an⸗ Nina. Zweiter Theil. Heut zu Tage reist alle Welt. Der Weg des Le⸗ bens iſt zur Hälfte eine Landſtraße. Die Individuen ſpringen um einander herum„zum Nachbar,“ die Na⸗ tionen ſpielen das große Spiel:„Feuer leihen.“) Es iſt zur Modeſache geworden. Die Perſonen in meiner Ge⸗ ſchichte ſind zum groößern Theil Leute von gutem Ton; man wundere ſich daher nicht, daß ſie unaufhörlich reiſen. Mancher wird, hoffe ich, nicht ungern dahin folgen, wo⸗ hin ich ihn jetzt führe, nämlich oſtwärts, nach dem Paradies. und des Landes Gold war köſtlich. 1. Buch. Moſe. Sind ſie nicht göttlich dieſe Wieſen? S götilich, göttlich! Bellmann. Paradies hieß das kleine Gut, das Baron H. von ſeinen Vätern ererbt hatte. Es liegt in dem ſonnebe⸗ glänzten, gaſtfreundlichen Schonen. *)„Zum Rachbar,“ und„Feuer leihen“ ſchwediſche Geſellſchafts⸗ ſplele. Anm. des Ueberſ. 264 „Kennſt du das Land? 4 Es iſt ein herrliches Land! Reiche Erndten wiegen ſich auf ſeinen Ebenen. Das Herz wird dort warm, warm von der ſüdlichen Sonne, warm von der Güte und Freude, welche die Bruſt der Einwohner belebt. Unter ihnen fließt das Leben leicht dahin. Der Fremdling bewahrt ewig in dankbarer Erinnerung die Güte und Gafffreundſchaft, die ihm in ihren Kreiſen zu Theil geworden. In ſolchem Lande liegt Paradies. Baron H, reiste dahin ab, nachdem er ſich in aller Stille mit Fräulein Margarethe hatte trauen laſſen. Ihnen folgte die gute und glückliche Klara. In Kurzem ſollten zur Feier der Nachhochzeit auch Gräfin Natalie, Nina und eine Menge andere Bekannte und Freunde dort eintreffen. Fräulein Margar ich wollte ſagen, die Va⸗ ronin H., war unterwegs äußerſt neugierig auf Paradies, welchen Namen ſie ſich angelegen ſein ließ mit der Idee von Schweinen, Hühnern und andern unparadieſiſchen Thieren zuſammenzuſtellen— wenigſtens nehme ich mir, mit gütiger Erlaubniß der Gelehrten, die Freiheit, dieß zu vermuthen*)— und worüber ſie häufig ſcherzte, ohne indeß das mindeſte Wölkchen auf der Stirne ihres Ge⸗ mahls heraufbeſchwören zu können. So viel iſt wahr, daß der Name Paradies und be⸗ ſagte vierfüßige Thiere, die ſo deutlich an Schinken er⸗ innern, in ſeiner Seele keine ganz entgegengeſetzten Vor⸗ ſtellungen erweckten. Laß dir jetzt auch ſagen, mein Leſer, daß eine ver⸗ gnügtere Nachhochzeit, als auf Paradies gefeiert wurde, 7 Biſchof Spegel nennt zwar in ſeinem großen Werk:„von den Werken und der Ruhe Gottes⸗ unter den Thieren im Paradies auch das unſaubere Schwein; da indeß gelehrte Alterthumsfor⸗ ſcher uns von der Unzulänglichkeit der Traditivn überhaupt und der Unzulänglichleit aller Beſtimmungen über dieſen wichtigen Punkt insbeſondere überzeugt haben, ſo ſind wir ſo frei, dieſen Ausſpruch des Biſchofs Spegel als eine poetiſche Licenz zu be⸗ trachten. ——-— — e 3 fl u —— 8 en es nd en en 265 wohl ſelten auf der grünen Erde ſtattgefunden hat. Es iſt rein unmöglich, ſich köſtlichere Feſtſchmäuſe, einen beſſeren und glücklicheren Mann, eine aufgeräumtere und zuvor⸗ kommendere Frau, eine theilnehmendere, geliebtere und liebenswürdigere Freundin zu denken. In letzterer Be⸗ ziehung ſiehe Klara. Wir dürfen auch nicht anzuführen vergeſſen, wie Fi⸗ lius während dieſer ganzen wichtigen Periode ſich höchſt anſtändig benahm, und verſchiedene Skizzen zu Familien⸗ ſcenen entwarf, in welchem ſein Pflegvater und ſeine neue Pflegemutter immer die Hauptrollen hatten. Nachdem man eine Zeit lang zuſammen geſchmaust, gelacht, und alle Schönheiten von Paradies— zu denen, die Baronin hauptſächlich auch den Viehhof rechnete— gehoͤrig ins Auge gefaßt, nachdem man getanzt und ſich amüſirt, zuletzt auch ein Bischen mit einander gegähnt hatte, fingen die Gäſte an aufzubrechen. Gräfin Natalie begab ſich mit Nina nach dem Norden, allwo Baron H. mit ſeiner Familie ſie auf den Winter zu beſuchen und die Weihnachten in Norrland bei ihr zu feiern verſpro⸗ chen hatte. Wie der Baron und ſeine Frau jetzt ihr Paradies cultivirten, wie ſie daſelbſt— mit Gottes Hülfe gleich jedem jungen Paare— auf ihre eigene Weiſe die lieb⸗ liche, goldene Sage von der Liebe und Glückſeligkeit des erſten Paradieſes erneuten; wie die Baronin im Gegenſatz zu der ſeligen Eva ihren Mann und ſeinen geliebten Filius fleißig vor dem Apfeleſſen warnte, und wie ſie ſich unter unzähligen, luſtigen Scherzen in ihrer Welt orientirte, wie Menſchen und Thiere ſie angafften, und wie ſie in Alles Ordnung und Heiterkeit brachte, dieß gäbe gewiß eine erbauliche und lehrreiche Geſchichte zu erzählen und zu leſen; beſonders gerne mochte ich berichten, wie glück⸗ lich Klara war, wie thätig und wie geliebt von ihren Freunden; welchen Genuß ſie an den Wieſen und tiefen Wäldern des Paradieſes fand, ſo daß man wohl hätte 266 ſagen können, Engel leiſten hier, wie in den erſten Tagen der Welt, den Menſchenkindern Geſellſchaft;— Alles dieß möchte ich gerne erzählen, aber die Glücklichen ſorgen ſelbſt ſo vortrefflich für ſich, und es verlangt mich, nach der bleichen Nina zu ſehen und zu forſchen, ob nicht das Leben ein Elirir beſitzt, um ihr Leben zu ſtärken und zu verſchönen, das— wir bekennen es— bisher wenig dem einer Heldin geglichen, und mehr ein Intereſſe des Mitleids, als der Liebe verdient hat. Ich eile daher unter einem tiefen und ehrfurchtsvollen Bückling vor allen guten Hausfrauen und Hauswirthinnen— die Baronin H. mit inbegriffen— über die arbeitſame Periode der Nüſſe, des Einmachens, Einpockelns und Eintrocknens hinweg. Schon heult der Novemberſturm vor den Fenſtern; der Himmel iſt grau, die Erde iſt grau, die Luft iſt grau, die Vögel verſtummen, die Blätter verwelken. Jetzt färbt ſich die Naſe des Nordländers blau, jetzt erhenkt ſich der Engländer, jetzt bleibt man auf den Straßen ſtecken: jetzt erfriert die Seele des Dichters und das letzte Vergißmeinnicht der Bergkluft. Jetzt bedarf es eines warmen Hauſes und freunvlicher Seelen. Feuer! überall Feuer! November, du biſt ein garſtiger, alter Griesgram, voll Grobheiten und Froſt. Aber du gehſt, und noch finſterer und ſtrenger kommt der December. Jetzt ſammeln ſich des Himmels Nebelſchaaren, und um die Häßlichkeit der Erde zu ver⸗ bergen und die Hoffnungen des Sommers zu ſchützen, fällt der„leichte, flockige Schnee“ und breitet ſeine weiße Decke aus über See und Land. Jetzt ſpanne ich Baron H.'s bedeckten Schlitten an, und führe ihn nebſt ſeiner Familie mit Poſtpferden und klingenden Schellen nach Norrland, um dort zu betrachten Dunkel und Licht. Es iſt Weihnachten! Es iſt Weihnachten Die Kinder. Wie kalt, wie vunkel es iſt! Eis bedeckt die Fenſter⸗ uten ſcheiben. Die Morgendämmerung geht düſter dahin, um mit ſich mit der Abenddämmerung zu vermählen, und bald des baut die Nacht ihr Grabgewölbe über den ganzen Tag. chon In Norrland hat die Mittagsſtunde noch einige lichte Augen⸗ mel blicke, die Sonne noch einige matte Strahlen, aber ſie ögel verfinken bald wieder, und es wird finſter. Weiter hinauf die weiß man Nichts mehr vom Tage. Die Nacht dauert der, Monate lang. die„Die Natur ſchläft,“ ſagt man im Norden;z aber der dieſer Schlaf gleicht dem Tode, er iſt kalt und unheim⸗ und lich, wie dieſer, und würde des Menſchen Herz verfinſtern, ber, wenn nicht zur gleichen Zeit ein anderes Licht aufginge, eiten ein warmer Schooß ſich ihm öffnete und es mit ſeinem nger Leben belebte. In Schweden kennt man es ſehr gut, und mels wenn in der Natur Alles verſtummt, ſich verfinſtert und ver⸗ hinſtirbt, ſo beginnen in allen Häuſern alle Herzen und fällt Hände ſich zu rühren, um ein Feſt zu bereiten. Ihr wißt ecke davon, ihr ſinnreichen Töchter des Hauſes, die ihr unter H.s Nachtwachen und Scherzen bei langdochtigen Lichtern eure nilie Finger und Augen anſtrengt, um enre Geſchenke fertig zu and, machen. Ihr wißt davon, Ihr Söhne des Hauſes, die ihr euch die Nägel zerkaut, um zu erſinnen, was in aller Welt ihr zu Weihnachtsgeſchenken auswählen ſollt. Du weißt es, fröhliches, kleines Kind, das keine Sorge hat, als die weniger ernſte, der Weihnachtsbock möchte fehlgehen und ſich nicht in deinem Hauſe einfinden. Ihr wißt davon, ihr Väter und Mütter, mit leeren Beuteln und freudevollen Herzen. Ihr Tanten und Couſinen von dem unſterblichen 268 Stickerei⸗ und Tapiſſeriegeſchlechte, ihr verzogenen und ver⸗ zichenden Onkel, ihr wißt es wohl und kennt dieſe Zeit der geheimnißvollen Geſichter, des verrätheriſchen Gelächters und der fröhlichen Sorgen! Im Hauſe des reichen Mannes bereitet man fette Braten, den wunderlichen Laugenfiſch; die Würſte ſchäumen, die Torten ſchwellen, und es findet ſich keine ſo arme Hütte, in der nicht um dieſe Zeit ein kleines Ferkel herumhüpfte und quiekte, das, ein ſichten⸗ reisgenährtes Opfer, ſich meiſtens von ſeinem guten Humor mäſten muß. Ganz anders ſteht es um dieſe Zeit mit den Elementen. Der Geiſt der Kälte hat ſich zum Deſpoten gemacht, er hält jedes Leben in der Natur gefeſſelt, hemmt jedes Auf⸗ wallen der Meeresbruſt, erſtickt jedes aufſprießende Hälm⸗ chen, verbietet den Geſang der Vögel und den Tanz der Mücken, und nur ſein Miniſter, der gewaltige Nordwind, donnert frei in dem graugewordenen Raum und ſieht darauf, daß Alles ſich ſtumm und todt hält. Nur die Spatzen— die kleinen Optimiſten der Luft— bleiben munter und ſcheinen mit ihrem Gezwitſcher das Nahen beſſerer Zeiten verkünden zu wollen. Jetzt kommt die finſterſte Zeit des Jahres, die Mitternachtsſtunde der Natur, und mit einem Male ſtrahlen Lichter aus allen Wohnungen und wetteifern mit den Sternen des Himmels. Die Kirche öffnet ihren Schooß voll Klarheit und Lobgeſang, die Kinder erheben ihre Stimmen mit dem Freudenruf:„Es iſt Weihnach⸗ ten! Es iſt Weihnachten!“ Die Erde ſendet ihr Halleluja empor. Und warum dieſe Lichter, dieſe Freuden, dieſe Lob⸗ geſänge?„Ein Kind iſt geboren!“ Ein Kind? In nächtlicher Stunde, in niedriger Krippe iſt es geboren worden, und Engel haben dazu geſungen:„Friede auf Erden!“ Dieß iſt das Feſt, das gefeiert wird. Und wohl moͤgt ihr, ihr kleinen geliebten Kinder, euer Freuden⸗ geſchrei ertönen laſſen. Begrüßet, wenn auch unbewußt, die Stunde, da euch dieſer Freund, dieſer Bruder gebo⸗ 269 ren worden, der euch durch das Erdenleben führen und Beit ſelbſt im Tode vor euren Blicken Licht machen wird, der ters allen euren ſchönen Kindheitsträumen dereinſt Wirklichkeit nes verleihen, der euch Armuth, Dunkelheit und Sorgen ver⸗ ch; klären und die tiefſten Fragen des Lebens löſen helfen det wird. Jubelt ihr glücklichen Kleinen, die er geſegnet hat! ein Jubelt und folget ihm nach! Er iſt gekommen, um euch en⸗ und uns Alle zu Gott zu führen. mor Es gibt Gedanken, unerſchoͤpfliche, liebliche, wunder⸗ bare, entzückende Gedanken, in welche zu verſinken man ten. nicht müde wird. In dieſen badet ſich die kranke Seele er wie in einem Bethesda und findet Geneſung; die geſunde luf⸗ findet varin ein erhöhtes Leben. Von dieſer Art ſind die lm⸗ Gedanken über dieſes Kind, dieſe Armuth, dieſe Niedrig⸗ der keit und dieſe Herrlichkeit. ind, Schön und weiſe iſt die Einrichtung, daß das Leben auf, der Kirche ſich am reichſten in der Zeit entwickelt, wo die S Natur todt iſt! Habe Dank auch für dieſe Sorge, gů⸗ und tiger Vater! iten So dachte die ſtille Klara, als ſie mit ihren Freun⸗ des den langſam die Hügel hinanfuhr, die durch finſtere Fich⸗ nem tenwälder zu der Höhe führten, wo von Gräfin Nataliens fern dermaliger Reſidenz Lichter ſtrahlten. Wir nennen ſie hren Umenäs. Klara blickte in die graukalte Dämmerung ben hinaus, die alle Gegenſtände einhüllte. In dieſer Finſter⸗ 2 niß erſcheinen die Lichter auf der Höhe doppelt angenehm, luja und Klaras Augen hefteten ſich unwillkürlich darauf, während freundliche Gefühle ihre Seele belebten. Sie Lob⸗ freute ſich, Nina wieder zu ſehen, für welche ſie immer In eine herzliche Theilnahme gehegt hatte. Sie fragte un⸗ oren willkürlich:„Hat auch dein Leben einiges Licht erhalten, auf wodurch es erwärmt und erleuchtet wird, du blei⸗ vohl ches, ſchönes, gutes, ſo reich begabtes Mädchen? warum di ſollſt du weniger glücklich ſein, als die unbedeutende ußt, Klara?“ „Kaffee!“ rief Baron H. im Schlafe. 270 ſyu„Sogleich!“ antwortete ſeine Gemahlin, die nicht ef. „Was?“ fragte der Baron erwachend. „Wir ſind bald an Ort und Stelle.“ „Unmöglich!“ „Gewiß!“ „Unmöglich!“ „Aber, mein beſter Freund, ich verſichere dich.“ „Aber, meine beſte Freundin, ich glaube es dir nicht.“ „Wir ſehen ſchon Licht!“ „Ich ſehe kein Licht!“ „Ja, das glaube ich; wenn man ſchläft „Man ſchläft nicht, man ſieht blos keine Erſcheinun⸗ gen! Man hat blos hellere Angen, als Andere!“ „Es iſt mir unbegreiflich,“ ſagte die Baronin etwas hitzig,„wie du in der Schlaftrunkenheit beſtreiten willſt, was zwei wachende Menſchen ſehen. Der Nebel auf dem Fenſter macht dich blind. Sieh jetzt einmal!“ Und ſie ſtreckte die Hand aus, um das Fenſter herabzulaſſen, allein dieſe wurde im Vorbeikommen von dem Baron confiscirt, der ſie hielt, herzlich küßte, an ſeine Augen drückte und verſicherte, er ſehe jetzt Licht, auch wo Andere keines ſehen. Die Baronin disputirte jetzt nicht mehr, und im zärtlich⸗ ſten Frieden oder Streit— denn es iſt merkwürdig, wie dieſe beiden Gegenſätze manchmal Eins ſind— hielten die Reiſenden bald darauf vor der Thüre des Gebäudes an, welches die Baronin ein Haus nannte, Gräfin Natalie aber Schloß genannt wiſſen wollte. Wir moͤchten jetzt gerne über den Zuſtand daſelbſt Bericht abſtatten, allein wir erblicken eine Feder in der Hand der Baronin H., und finden es angenehmer, dem Leſer einen Auszug aus dem Briefe zu geben, den ſie einige Tage nach ihrer Ankunft auf Umenäs an eine ver⸗ traute Freundin ſchrieb. „ Doch genug jetzt von der Reiſe und ihren matten Abenteuern. Die Ankunft war ſehr ange⸗ neh diſe 271 nehm. Es ſah in Nataliens Haus keineswegs lapplän⸗ diſch aus. Ein ſchöner, hübſchbeleuchteter Salon, neue Möbel, Teppiche, Kaminfeuer! Es wird Natalie ſchwer, fich und andern Leuten weiß zu machen, daß ſie hier das Leben eines entſagenden Eremiten führe. Und die Leute in dieſer prachtvollen Eremitage? Du weißt, daß ich im Allgemeinen überall zuerſt nach den Menſchen ſehe. Na⸗ talie, von Pracht umgeben, ſcheint auf ihrem Bergſchloß die Rolle einer Fee ſpielen zu wollen. Sie hat ſich ver⸗ jüngt, ſie kleidet ſich elegant, ſpielt die Harfe, und will alle Welt entzücken. Ich bin überzeugt, daß es ihr ge⸗ lingt. Ninas Anblick hat mir wahre Freude gemacht; ſie hat ſich erſtaunlich verſchönt, und fängt endlich an, wie ein Menſch mit Fleiſch und Blut auszuſehen.„Das kommt von der hieſigen Luft!“ ſagte Natalie. Es muß eine wahre Zauberkraft in dieſer Norrlandsluft liegen, daß ſie die Menſchen verjüngen und verſchönen kann. Es iſt mir deßwegen recht lieb, daß ich hieher gekommen bin; ich wäre gar nicht abgeneigt, meinem guten H. zu liebe auch ein Bischen jünger und ſchöner zu werden. Als ich vor etwa vier Monaten Nina zum letztenmal ſah, da glich ſie einer Taube, der man die Flügel abgeſchoſſen hat, ſo krei⸗ deweiß und matt ſah ſie aus: jetzt iſt Leben und Farbe in ſie gekommen. Gott weiß übrigens, ob an dieſem Allem nur die Luft ſchuldig iſt. Ich habe meine eigenen Gedan⸗ ken. Du weißt, daß ich nicht diejenige bin, die ſich Ideale vormacht und im Leben Engel und Gottheiten ſieht; im Gegentheile ſehe ich die Menſchen ſo ziemlich, wie ſie wirklich ſind;— deßwegen wirſt du vielleicht ein wenig über die Beſchreibung ſtaunen, die ich jetzt zu machen im Begriff bin, allein du darſſt mich keiner Exaltation zeihen, denn dies kann ich nicht ertragen, und es wäre auch hoͤchſt ungerecht. Doch zur Sache!“ „An dem Abend, da wir nach Umenäs kamen, tra⸗ fen wir einige Herren im Salon bei Ratalie. Ich hef⸗ tete die Augen ſogleich auf einen von ihnen und konnte ſie nachher kaum mehr von ihm abwenden. Nicht, daß 272 er ſo ausgezeichnet ſchön wäre oder eine glänzende Rolle geſpielt hätte, nein, aber er war ſo ganz eigenthümlich. Etwas Einfacheres und Liebenswürdigeres erinnere ich mich nicht jemals in der Männerwelt geſehen zu haben. Das iſt eine Stirn und Augen, die du malen ſollteſt. Seine Geſichtsfarbe iſt ungewöhnlich braun, aber klar und friſch. In ſeinem Weſen liegt die angenehmſte Vereini⸗ gung von Ruhe und Lebhaftigkeit, von Milde und Kraft. Er hat Etwas von Johannes und Paulus zugleich. Ich erinnere mich nicht, je ſo ſchnell mit einem Menſchen be⸗ kannt geworden zu ſein und mich ſo ſehr über eine Be⸗ kanntſchaft gefreut zu haben. Natalie ſprach lang und viel zu ſeinem Lob und ſagte, er ſpiele die Harfe, wie Koͤnig David ſelbſt. Ich ſehe, daß du anfängſt, etwas ungeduldig über meine Beſchreibung zu werden und zu fragen:„Aber wer iſt denn dieſer Phönix? was iſt er? wie heißt er?“ Dieſer herrliche Mann iſt Paſtor der hieſigen Gemeinde und heißt Eduard Hervey. Iſt das nicht ein ächter Romanname? Was ſeine Augen, ſeine Worte und ſein Harfenſpiel außer der Landluft zur Auferweckung Ninas von den Todten beigetragen haben mögen, laſſe ich dahingeſtellt ſein.“ „Glaube vor allen Dingen nicht, daß ich damit im Mindeſten etwas Boͤſes meine. Es iſt ja eine Gnade und ein Segen des Herrn, daß die Menſchen einander zur Er⸗ weckung und zum Heile dienen konnen. Man braucht nicht gleich an Entführungen und heimliche Vermählungen zu denken. Dieß paßt nicht für unſere Zeit. Auch ſieht Paſtor Hervey ſchlechterdings nicht wie ein Romanenheld, ſondern wie ein ſehr ernſthafter, aber dabei heiterer Mann aus. Meiner Anſicht nach kann man dieß ſehr gut von ihm ſagen. Ich muß dir auch berichten, daß, wenn ſeine Augen ſehr oft wie zwei klare Wächter über Nina leuchteten, ſie auch meine ſtille Klara aufmerkſam betrachteten, und dies geſiel mir gar nicht übel. Ich habe nie ſo ſchwarze Augen mit einem ſo milden Aus⸗ druck geſehen— mitunter etwas melancholiſch— doch 273 lle iſt eine gewiſſe ſtrahlende Klarheit des Vorherrſchenden— ſch.— aber ich bin, glaube ich, in dieſe Augen vernarrt! ich Ich muß mich zerſtreuen. Ich will jetzt die meinigen um⸗ en. herwerfen und dir ſagen, was ſie außer dem Hauſe er⸗ eſt. blicken, denn ich ſitze eben am Fenſter und kann die Gegend nd in der Nähe und Ferne überſchauen. Abſcheulich häßlich! ni⸗ Kohlſchwarze Wälder, hohe Berge— lauter Wildniß. aft. Weiterhin das Meer, deſſen Brauſen man hört, wenn es Ich ſtürmt. Zur Linken der Umefluß, der ſich ins Meer er⸗ be⸗ gießt— dort ſoll ein ſchönes Thal ſein. Ich habe es Be⸗ noch nicht geſehen und gedenke es auch nicht ſo bald in und Augenſchein zu nehmen, denn es gelüſtet mich ganz und wie gar nicht, im Winter auszugehen. Das Haus liegt auf was einem Berge, und alle Winde heulen rings herum. Es zu iſt merkwürdig, wie es drinnen ſo angenehm ſein kann. er? Wir feuern aber auch unaufhörlich. Daher kommt es, der daß die Ausſicht auf den Wald nicht ſo ganz unintereſſant Iſt iſt. Im Meer liegen wunderliche Klippen, ſämmtlich mit gen, wunderlichen Namen; eine heißt der Bauer, oder der zur ſchwarze Mann und ſieht ganz geſpenſterhaft ſchauerlich aben aus. „Jetzt wirſt du wohl auch etwas von einem gewiſſen tim neuvermählten Paare wiſſen wollen? Dieß ſoll dir werden. und Mann und Frau befinden ſich im Ganzen recht gut bei⸗ Er⸗ ſammen. Die Frau iſt mitunter etwas herb, ſo daß der ucht Mann ſeinen Augen kaum traut. Sie hat große Luſt, die ngen Herrſchaft im Hauſe zu behalten, allein ſie fürchtet von ſieht Tag zu Tag mehr, daß der Mann mit ſeiner ausgezeich⸗ held, neten Güte und ſeinem unbegreiflichen Verſtand ihre Macht terer gänzlich vernichten und ſie ſo zahm und nachgiebig machen ſehr werde, wie ein andres Menſchenkind. Indeß haben die daß, beiven Gatten einen Schutzengel, den ſie auf ihren Händen über tragen, und ſtimmen in Nichts ſo vollkommen überein, kſam als darin, daß ſie die heilige Klara lieben und auf ihren Ich Rath achten. Mit ihrer Hülfe iſt gute Hoffnung vorhanden, Aus⸗ daß ſie den Weg in den Himmel nicht verfehlen werden. doch Bremer, Nina. 18 274 Inzwiſchen wandeln wir vor der Hand noch auf der Erde, um ſüße Grütze zu eſſen und die Weihnachten zu feiern. Ich freue mich wirklich auf Eduard Herveys Predigt. Er muß da ausſehen wie ein Apoſtel. Ich habe noch hin⸗ zuzufügen, daß mein guter H. eben ſo ſehr von ihm ein⸗ genommen iſt, wie ich.“ Vielleicht bleiben wir länger hier, als wir im An⸗ fang beabſichtigt hatten. Natalie möchte uns gerne den ganzen Winter behalten; mein Mann erkundigte ſich mit wäſſerndem Munde nach den hier gebräuchlichen Jagdpartieen und ich werde mich als gute Hausfrau wohl nach ſeinen Vergnügungen einrichten müſſen. Ich müßte lügen, wenn ich ſagen wollte, daß es mir in dieſem Falle ſauer an⸗ komme, aber das kleine Paradies war auch ein herrliches Plätzchen. „Ich muß dich jetzt verlaſſen, denn mein Mann ruft mich, um die Weihnachtsfreude zu theilen.“ So viel aus dem Briefe der Baronin H. Die Weihnacht hat ihre Friedens⸗ und Freudenge⸗ ſänge ertönen laſſen, und jetzt iſt Freude auf Erden, und Tanz und Spiel und Licht in den Wohnungen der Men⸗ ſchen. Man tanzt im Schloß bei Wachskerzen und rau⸗ ſchender Muſik; man tanzt in der Hütte und Scheune beim Schein von Oellämpchen und dem Getöne der Geige. Prachtvolle Schlittenzüge mit klingelnden Glocken, mit Damen und Herren fliegen durch die Städte, und das ſtattliche Spiel nachahmend, ſieht man den zerlumpten Knaben den glatten Hügel hinab auf ſeinem Bergſchlitten ſeine kleine baarfüßige Dame fahren und zuweilen auch umwerfen. Auf Umenäs iſt es dieß Jahr lebhafter, als ſeit Menſchengevenken. Die Gräfin läßt illuminiren und ſpielen und tanzen, vaß es eine Luſt iſt. Sie würde mit ihren Geſchenken und Veranſtaltungen auch in den Hütten der Bauern Lurus einführen, wenn ſich nicht Hervey ſo be⸗ ſtimmt und ernſt dagegen ſetzte. e, Fr n⸗ n⸗ en tit en en nn n⸗ es e⸗ nd n⸗ U⸗ ne e. it as en en ch eit en en er 2 275 „Sie haben keine Mittel,“ ſagt er,„ſich mehr Licht und beſſere Muſik anzuſchaffen. Man mache ſie nicht lüſtern nach dem, was ſie jetzt nicht vermiſſen, und ſie ſind auch ohne dieß vergnügt. Dieſe Lichter bewahre man ihnen zu Nachtwachen bei Kranken auf— dann werden ſie man⸗ chen finſteren Schatten verſcheuchen.“ Inzwiſchen ſchritt der Winter in lauter Behaglichkeit und Heiterkeit vorwärts. Die Gräfin und die Baronin H. erklärten, nie einen vergnügteren erlebt zu haben. Nina war es zu Muthe, als finge ſie jetzt erſt an zu leben. Dieſe angenehme Stimmung, dieſes vergnügte Leben im ganzen Orte verdankte man hauptſächiich einem Manne. Wir wollen ihn etwas näher ins Auge faſſen. Eduard Hervey. Ein reiner und ſicherer Verſtand; ein ſtarkes und gutes Herz; Geſundheit und Glück.— Das iſt der Werth des Menſchen. Thorild. Willſt du den Paſtor unter ſeinen Pfarrkindern ſehen? Nichts war ſchöner. Er war oft unter ihnen; er liebte es, ſie fröhlich zu ſehen; er nahm zuweilen an ihren Tänzen Theil und führte ihre Spiele an. Für die Bauern war kein Feſt vollkommen, wenn Hervey fehlte. Seine Gegenwart führte nicht den mindeſten Zwang herbei und verhinderte dennoch jede Ausſchweifung. Bei der gering⸗ ſten Anwandlung von Rohheit oder Gewaltthätigkeit ſpürte der Fehlende Herveys Hand auf ſeiner Schulter, und vor ſeinem Blicke und ſeinem freundlichen, aber ernſt warnenden: „Sachte, mein Sohn!“ legte ſich ſogleich der unbändige Sinn. 276 Hervey war der Liebling des Kirchſpiels. Der Eine pries ſeine richtigen Anſichten und ſeine Wirkſamkeit für das Beſie des Ortes, der Andere ſeine herrlichen Predigten, der Dritte ſeine Sorge für die Greiſe und ſeine Bemühun⸗ gen für die Erziehung der Kinder, der Vierte ſeine Ge⸗ lehrſamkeit und Bereitwilligkeit, ſie mitzutheilen, der Fünfte ſein angenehmes Weſen, ſeine Milde und ſeine Lebhaftig⸗ keit. Es hieß von ihm überall, was man früher von Ans⸗ garius ſagte, man habe nie einen ſo guten Men⸗ ſchen geſehen. Die natürliche Folge davon war, daß man auch noch nie Jemand geſehen hatte, der mehr geliebt und verehrt worden wäre. Alle, Hohe und Niedrige, Reiche und Arme, wandten ſich an ihn um Rath und Troſt. Und er hatte für Alle Beſcheid und Liebe. Nie wies er Jemand zurück, nie drückte er einen Fehlenden nieder, nie erſtickte er eine keimende Anlage. Seine reiche Seele vermochte Alles aufzurichten, zu beleben, zu umfaſſen. Er riß die Leute unwillkürlich hin, denn ſein Blick war klar, ſein Wandel unſträflich, ſein Wille ſtark und ſein Herz das eines Engels. In den ſechs Jahren, die Hervey in dieſer Gegend gelebt und gewirkt, hatten ſich Boden und Menſchen be⸗ deutend verändert. Ein Geiſt der Kultur und höheren Lebens machte aus dem Schvoße des erſteren Aehren und Gräſer, in der Bruſt ver letzteren friſche Gefühle und Ge⸗ vanken emporſprießen. Saure Wieſen und kleinmüthiges Verzagen, Moräſte und Roheit verſchwanden immer mehr⸗ Geſchmack für Literatur, Sinn für Kunſt, Lucerne und Klee wurzelten allmählig feſt. Was Fenelon lehrte, was Oberlin that, das lehrte und that auch Eduard Hervey. Der Erſte an Tugend, an Kenntniſſen und Arbeitſamkeit war er in der ganzen ſchönen Bedeutung des Wortes der Hirte ſeiner Gemeinde. Was Herveh ganz beſonders Allen ſo lieb machte, war der Werth und die Wichtigkeit, die der Menſch an ſich für ihn hatte. Was ſeine Aufmerkſamkeit am Al⸗ S—— 277 lermeiſten feſſelte, war das rein Menſchliche in jedem Menſchenleben. Wie liebevoll betrachtete er nicht die Wirkung der Religion in dem ſtillen Leben, das ſeine Tage unbemerkt in einem Winkel der Welt dahinwebt. Die ſcheinbar unbedeutendſten, die am meiſten in Schatten geſtellten Bilder des Lebens betrachtete er eben ſo gern, eben ſo forſchend wie die glanzbeleuchtetſten. Er liebte es, ſie im Geſpräche hervorzuziehen und in ihr rechtes Licht zu ſtellen. Wie mancher bedeutungsvolle Zug, wie man⸗ cher himmliſche Ausdruck kam nicht da zum Vorſchein! Wie groß erſchien nicht das Leben oft in dem Kleinen, in dem von der Welt Ueberſehenen! Hervey gehörte der romantiſchen Schule an. Dieſe entſtand in dem Augenblick, wo Gott in einem Stalle geboren wurde. Geſchichten und Romane führen dieſes wunderbare Thema in unendlichen Variatio⸗ nen aus. Wenn dabei zuweilen einige Ungeheuerlichkeiten mit unterlaufen, ſo iſt dies blos ein menſchlicher Fehler. Hervey verfiel nicht in denſelben. Seine Seele war klar und er liebte es, das Rechte zu thun. Seine ungewöhnlich einnehmende Perſonlichkeit, das unbeſchreiblich Milde und Wohlthuende ſeines Blicks, ſein ſchones Lächeln, die Beſtimmtheit, Klarheit und Friſche in ſeinem Wort und Weſen, Alles dies trug dazu bei, ſeinen Einfluß zu vermehren. Seine Ueberlegenheit würde imponirt haben, wenn auch nicht ſeine Güte alle Herzen gewonnen hätte. Und doch wurde er gefürchtet, aber ge⸗ fürchtet, wie es ein Mann Gotles ſein ſoll. Man ſcheute einen ſtrengen Blick, ein ſtrafendes Wort von ihm, wie ein Unglück. Haſt du je in deinem Leben Jemand getroffen, in deſſen Anweſenheit ein unnennbares Wohlbehagen ſich deiner Seele bemächtigte und ein beſeeligendes Gefühl von Sicherheit und Behaglichkeit durch dein Weſen ſtrömte; der machte, daß du dich gut, zufrieden mit Gott, mit dem Leben, mit deinen Mitmenſchen fühlteſt; ein Weſen, zu welchem du unwillkürlich auf liebliche Art hingezogen 278 wurdeſt, wie die Blume zum Lichte, wie der Menſch zu einer ſtarken und milden Engelsnatur? Dann haſt du erfahren, welches Gefühl Hervey den meiſten Menſchen einflößte. Es ging gleichſam ein holder Sonnenſchein von ſeinem wohlwollenden Herzen aus. Wer kann ſagen, wie dieſes Leben und Weſen Her⸗ vehs auf Nina wirkte? Eine große Veränderung begann mit ihr vorzugehen. Sie war nicht mehr die matte, bei⸗ nahe lebloſe Schönheit, die traumähnliche Geſtalt. Eine Ader von Leben und Freude ſchien durch ihr ganzes Weſen zu ſpielen. Wie ein aus tiefem Schlafe erwachtes Kind ſah ſie klar und lächelnd ins Leben hinaus. Sie ſtrahlte wie eine Morgenröthe. Aber auf der andern Seite wirkte ſie mit unwider⸗ ſtehlichem Zauber auf ihn. Eine geheime Anziehungs⸗ kraft führte ſie zu einander und ließ ſie ſchon in ihrem gegenſeitigen Anblick, in ihrer gegenſeitigen Nähe Selig⸗ keit empfinden. Der Worte bedurfte es nicht. Und den⸗ noch, wie lieblich wurden ſie nicht zwiſchen ihnen gewechſelt! Wie voll, wie gut verſtand ſie ihn nicht! Wie ſchön faßte er ſie nicht auf! Er war die Sonne über ihrer Erde, ſie der milde Thau auf der ſeinigen. Sie thaten einander gegenſeitlg wohl; doch empfing ſie am reichlichſten. Es war mehr als das Leben, oder vielmehr es war das eigentliche Leben. So lebten ſie glücklich, ſo lebten ſie ruhig, denn Niemand, ſelbſt der Warner in ihrer eigenen Bruſt nicht, dachte noch daran, ſie zu beunruhigen. Sogar die ſcharf⸗ ſinnige Baronin H. wurde allmählig ſicher, denn Hervey und Nina waren ſo offen, ſo freimüthig gegen einander und die ſtille Klara war beinahe immer bei ihnen und theilte Herveys Aufmerkſamkeit mit Nina. Daß dieſer Nina bewunderte, daß ſie Wohlgefallen an ihm fand, war bloß natürlich und nothwendig. Die Baronin H. hielt es übrigens für vernunftgemäß, daß Paſtor Hervey ſich eher an Klara, als an die ſchöne Tochter S. Ercel⸗ lenz machen ſollte und wollte ihm nicht das Unrecht an⸗ v w 8 S 8 8 v — S S—* 279 thun, etwas Anderes zu vermuthen. Sie lernte ihn bald in ſeinem Werthe ſchätzen und je mehr ſie mit ihm be⸗ kannt wurde, um ſo lebhafter ſtieg in ihr der Wunſch auf, daß Klara und Hervey ihre Herzen austauſchen moͤchten und ſie ſelbſt in den Stand geſetzt werde, zum Glücke beider beizutragen. Die Gräfin war über Herveys ungewöhnlichen Cha⸗ rakter und Bildung zuerſt verwundert und dann gänzlich davon eingenommen. Sie ſuchte ihn ihrerſeits gleichfalls anzuziehen und ſein Intereſſe ausſchließlich zu feſſeln. Indeſſen merkte ſie bald, daß er die Geſellſchaft Ninas, ja ſogar die der originellen Baronin H. und der ſtillen Klara der ihrigen vorzog. Etwas beleidigt dadurch, wandte ſie ihre Aufmerkſamkeit von ihm ab und einem großen, ſchönen Oberſten zu, der ſeinerſeits ſeiner hüb⸗ ſchen Nachbarin mit etwas mehr als bloßer Bewunderung huldigte. Hervey war an den Winterabenden oft auf Umenäs. Seine Gegenwart gab jederzeit Allen eine erhöhte Leben⸗ digkeit. Augenblicke von Schwermuth, die zuweilen über ihn zogen, wie Gewitterwolken über einen klaren Him⸗ mel, ſtörten dieſen Einfluß nicht. Sie waren bald zer⸗ ſtreut. Ein Blick von Nina, der Laut ihrer Stimme machte ſie verſchwinden, und erſchien doppelt liebenswür⸗ dig unter dem Schatten von Wehmuth, den der entflohene Augenblick zurückließ. Oft war er auch vergnügt wie ein Kind und ſogar tändelnd. Dann mußten alle Herzen unwiderſtehlich mit ihm fröhlich werden. Wenn Nina ihn unter den Freunden ſah, die ſich oft in dem Salon der Gräfin verſammelten, ſo hatte ſie nur wenigen Genuß von ſeiner Geſellſchaft. Dann ſammelten ſich alle Männer um ihn, alle Hände ſtreckten ſich aus, um die ſeinige zu drücken, Aller Blicke ſchienen ſich an den ſeinigen erfriſchen zu wollen. Jeder hatte ihm etwas zu ſagen, ihn über etwas zu Rathe zu ziehen. Mit Recht nannte man ihn den Freunde⸗ und Friedebeglückten. An Ninas Seite ſaß gewöhnlich der junge Kapitän 280 S., deſſen Grafentitel und großes Vermögen gar menche Muthmaßung und Prophezelung veranlaßte, die der Leſer wohl errathen wird. Ninas halbe Verlobung mit Graf Ludwig war nämlich ein Familiengeheimniß geblieben und Niemand im Orte hatte eine Ahnung davon. Auch ſchien ihr Benehmen den Prophezeiungen nicht zu widerſprechen. Sie hörte den jungen Kapitän ſo gerne, ſo freundlich und ſo aufmerkſam an, und ſeine ſtattliche Figur ſowie ſein ſchönes Geſicht machten es auch denen ganz erklärlich, die nicht wußten, wovon die Rede war. Und wovon war wohl die Rede? Wovon glaubt wohl der Leſer, daß der junge Mann mit dem ſchönen jungen Mädchen geſprochen habe? Von ſeinem Freunde, von Eduard Herbey, von ſeinem Charakter, ſeinen Handlungen, ſeiner Vortrefflich⸗ keit. Er ſprach aus ſeines Herzens Fülle, ohne zu ahnen, warum man ihn ſo gerne anhörte. Der junge S. gehörte zu den liebenswürdigen Charakteren, die ihr eigenes Ich über einem vortrefflicheren vergeſſen, und ſich dabei glück⸗ lich fühlen. Und jetzt— nach allen dieſen Lobpreiſungen eines Menſchen— laßt uns auch ein Wortchen von der Menſch⸗ heit ſelbſt ſagen. Man hat es ſchon oft geſagt, aber es iſt ſo ange⸗ nehm zu wiederholen, wenn man tief fühlt, vaß es ſo iſt: man findet bei den Menſchen einen allgemeinen Hang, nach oben zu blicken, zu bewundern und das Bewunderte zu lieben und wenn es Augenblicke gibt, wo ein gemein⸗ ſames Gefühl der Brüderſchaft durch die Menſchheit geht, ſo ſind es ſolche, in denen eine große That, oder ein edles Genie ſich der Welt offenbart. Dann erhebt ſich die Welt wie ein Mann und huldigt. Dieſe Huldigung iſt eine Brüderſchaft, die Alle Allen aus derſelben un⸗ ſterblichen Quelle zutrinken, und worin ſie ſich als Kin⸗ der deſſelben Vaters erkennen. Mein Feind, wozu dient es, daß wir ſo bitter mit einander ſtreiten? Wir müſſen ja doch übereinkommen, wenn wir einmal Gott ſchauen dürfen. 281 Der Wald und der Coloniſt. Es rauſcht und braust über Stock und Stein, Der Hexe tanzt auf der Haide. Der Köhlerknabe. Die Eisblumen ſchmolzen auf den Fenſterſcheiben. Die Sonne ſchien in das Wohnzimmer, wo ſich die Ge⸗ r ſellſchaft zum Frühſtück verſammelt hatte. Der Zucker en zerging in den vergoldeten Taſſen, der Butter auf den geröſteten Brodſchnitten. Um den Tiſch herum ſaßen ver⸗ gnügte Gäſte und ließen es ſich wohl ſchmecken. Das Kaminfeuer verkohlte. Es hatte ſeinen Glanz verloren e und ſchien zu ſchmollen, als die Sonne hereindrang. Ach ch die Schwachheiten der Menſchen ſpielen auch in den Ele⸗ . menten. Die drei kleinen Hunde der Gräfin fraßen Zwie⸗ back auf dem Teppiche, und von ſeinem Stab im hohen 6 Käfig herab rief der Papagei ein keckes„guten Morgen!“ h⸗ Und gut war der Morgen, friſch und klar, wie ein Ge⸗ danke von Geijer. Nina trat ans Fenſter. Am Himmel e⸗ ſchwebten Roſen und goldfarbene Wolken, der Wald zuckte ſo noch grün aus ſeiner Winterdecke hervor, das Eis glitzerte g, in Millionen Diamanten und die kleinen Sperlinge ſpielten te auf dem Schnee. n⸗„Ein ſchöner Tag!“ rief Nina vergnügt.„Klara, t, wir müſſen ausgehen! Wir wellen den Bergkönig und in die Heren in ihrem Morgenſchlafe überraſchen und die h kleinen Kobolde aus ihren Betten jagen. Wir wollen 9 uns in die Wälder vertiefen und umherirren.“ Nina hatte 5 jetzt Gedanken, wie andere junge Mädchen, ſchön, friſch, Klara war gerne bereit. Die älteren Freundinnen riethen ihnen bloß, nicht zu weit zu gehen. Die Baroſin 5 beſonders warnte ſie vor der Liſt des Bergkönigs, pro⸗ hezeite ihnen, ihre Vermeſſenheit werde beſtraft werden, ⸗ unverſtändig. Sie fing an, jung zu ſein. 282 und fie ein recht gefährliches Abenteuer erleben. Die Prophezeiung belebte nur noch den Muth der jungen Mädchen. Sie kleideten ſich an und gingen fort. Der Schnee krachte unter ihren Füßen. Der Froſt war ſcharf, aber die Luft ſo rein und klar, daß die Kälte ihren Be⸗ wegungen nur eine vermehrte Lebendigkeit und größere Schnellkraft verlieh. Elaſtiſch, leicht und frohlich, mit roſigen Wangen und ſtrahlenden Augen eilten fie dahin. Sie wurden bald warm. Die Bewegung, die friſche Luft, die prachtvolle Winterlandſchaft, die im blendenden Son⸗ nenglanz um ſie herum lag, ließen ſie den Genuß des Daſeins empfinden. Ninas ſchönes Geſicht ſtrahlte von Jugendleben und Freude. Klara betrachtete ſie mit Be⸗ wunderung und mit der Freude, die das Herz eines En⸗ gels immer empfindet, wenn es das Lächeln des Glücks auf den Lippen eines Menſchen wahrnimmt. „Nun, Nina,“ ſagte Klara,„ſind wir hier nicht glücklicher als diejenigen, die heute wahrſcheinlich in gro⸗ ßer Menge auf den Promenaden Stockholms einherwan⸗ deln, um in den Augen der Leute zu glänzen, um zu gaf⸗ fen, und ſich begaffen zu laſſen? Sie führen ihre Eitel⸗ keit hinaus in die Sonne, und dieß hindert ſie, Gottes Sonne zu ſehen.“ „Ja gewiß, mein lieber kleiner Prediger,“ antwortete Nina heiter;„denn überall, wo ſich Anſprüche finden, läuft es auch nicht ohne Unruhe ab. Wenn ſich unſer Blick zu ſehr auf uns ſelbſt richtet, ſo hindert er uns, in die Welt hinaus zu ſehen. Gleichwohl dürfen wir dieſe Bemerkung nicht auf den größten Theil der Spaziergän⸗ ger in den Städten ausdehnen. Vielen iſt es bloß um Luft und Geſundheit zu thun.“ „Allerdings,“ verſetzte Klara.„Du z. B. haſt das Vergnügen, das befriedigte Eitelkeit gewährt, in reichli⸗ chem Maße genießen zu können. Wenn du auf der Kö⸗ niginſtraße gingeſt, oder in dem prachtvollen Wagen dei⸗ nes Vaters daher fuhreſt, mit deinem grünen Sammt⸗ pelz und dem Strohhut mit den ſchoͤnen Blumen, da 283 war kein Auge, das vich nicht mit Bewunderung verfolgt hätte, und doch ſahſt du nie ſo glücklich aus, wie jetzt.“ „Ich war es auch nicht,“ erwiederte Nina.„Die Aufmerkſamkeit, die man mir erwies, und der eitle Bei⸗ fall, den ich erwarb, machte mir mitunter Spaß, aber glücklich machte mich dieſes nicht.“ „Glücklich,“ fuhr Klara fort,„kann es auch nur auf Augenblicke machen. Und dieſe Augenblicke laſſen nur Leere zurück. O, ich wollte, die Menſchen verſtänden es, glücklich zu ſein. Sie würden dann die Städte verlaſſen und auf dem Lande in der Natur leben, ſie würden ſich umſehen und in der Friſche derſelben ihren Genuß finden lernen. Um jedoch Gott in der Natur recht zu lieben, müſſen wir uns auch von unſerer ſchwerfälligen Selbſt⸗ ſucht befreien. Wir müſſen alles Kleinliche, alle gering⸗ fügige Eigenliebe, alle engherzigen Sorgen in uns aus⸗ gerottet haben, müſſen mit klaren Augen und reinem Herzen in die Schoͤpfung hinausſehen. Auch hier kann es heißen: Wer ſein Leben um Gotteswillen verliert, der wird es zu höherem Leben wieder empfangen.“ Nina antwortete nicht. Sie dachte an einen gött⸗ lichen Menſchen. Sie ſah zum Himmel auf und machte Klara auf ſeinen ungewoͤhnlichen Glanz aufmerkſam. Eine Thräne der Anbetung zitterte lieblich in Klaras Augen. „Wie ſchön! Wie herrlich!“ riefen die Mädchen. Sie merkten nicht, daß ein dunkles Gewölke immer höher am Horizont heraufzog. Sie bogen auf einem Nebenwege in den Wald ein. Der Haſe ſprang aus ſeinem Verſteck hervor, blieb aber in einer kleinen Entfernung von ihnen ſtehen und ſetzte ſich beinahe ohne Furcht, um die fried⸗ lichen Spaziergängerinnen zu betrachten. Der Auerhahn flatterte ſchwerfällig zwiſchen den Bäumen und warf den Schnee in ſchimmernden Flocken von den Wipfeln der Fichten herab. Wunderliche, ungewiſſe, aber angenehme Töne rauſchten durch die Luft; mitunter ſchien ſelbſt der Schnee auf dem Boden ſich zu beleben, Geſtalt und Flü⸗ 284 gel anzunehmen, und— das weiße Schneehuhn flog be⸗ bend auf. Die jungen Mädchen freuten ſich ihres Lebens in der Einſamkeit. Es war für ſie ſo neu, ſo eigenthüm⸗ lich. Sie kamen von einem Fußweg auf den andern, und ſchritten mit einem Gefühl von Ehrfurcht in einem wil⸗ den, hohen Fichtenwald. Nina und Klara ſetzten ſich auf eine umgefallene Fichte, um auszuruhen. Die pfeilerge⸗ raden Stämme waren mit einem leichten Schneegas beklei⸗ det, das ſich ihnen in ſchimmernden Falten anſchmiegte. Hoch über den Köpfen der Freundinnen und rings um ſie her ſäuſelte der unermeßliche, majeſtätiſche Wald. „Wie groß, wie feierlich!“ ſagte Klara, während ihr Auge gedankenvoll umherblickte,„hier glaube ich das Le⸗ ben der nordiſchen Vorzeit zu verſtehen. Der Bodeu war nicht angebaut; die Natur düſter und geheimnißvoll. Der in ihrem Schooße großgezogene Menſch wurde düſter und hoch, wie ſie, gewaltſam in ſeinen Thaten, denn es war unklar in ſeinem Innern. Indeß war er groß und herr⸗ lich in ſeiner rohen Kraft. Ich weiß nicht, welches Ge⸗ fühl unheimlichen Wohlbehagens, wunderlichen Vergnügens mich ergreift, wenn ich an dieſe Zeit und ihr wunderba⸗ res Weſen denke; an ihre Titanen, Zwerge und Zauber⸗ geiſter, ihre Prophezeiungs⸗ und Verſchworungskräfte. Ich gäbe viel darum, wenn ich einen Augenblick dieſe Sagen⸗ welt um uns herum auftreten ſehen, und mit ihren Rie⸗ ſen und Kobolden Bekanntſchaft machen könnte.“ „Ich nicht, ich nicht!“ ſagte Nina mit einer ab⸗ wehrenden Bewegung der Hand.„Ich empfinde bloß Furcht vor dieſen unheimlichen, unbegreiflichen Geſtalten. Laß uns dieſelben nicht mit unſeren Wünſchen herauf⸗ beſchwören. Laß uns dankbar ſein, daß wir in einer Zeit leben, wo menſchlicher Fleiß die Erde gelichtet, wo Ordnung und Güte ſie zu einer ruhigen, behaglichen Heimath umgeſchaffen haben. Wir wollen die Zeit der Titanen nicht zurückwünſchen; ihre Kraft war mehr grob, als Stu die Jah Dick Rel goſſ ſtehe allte „Un Har die Got geſt „un als 285 als groß und ächt! Ach laß uns glücklich ſein, daß die Stunde des Menſchen geſchlagen hat. Oft wenn ich die gegenwärtige Zeit im Vergleich zu den verfloſſenen Jahrhunderten herabſetzen hörte, fielen mir die Worte des Dichters Shelley ein, deren Sinn der iſt:„Der Geiſt der Religion und Poeſie hat ſich in das allgemeine Herz er⸗ goſſen und durchdringt ſelbſt die Granitmaſſen; es ent⸗ ſtehen Weſen, die weniger mächtig ſind, aber milder. Auch alltägliche Handlungen werden ſchon durch die Liebe.“ „Und gewiß, Klara,“ fuhr Nina fort, indem ſie ihre Hand ergriff,„gewiß iſt der reine liebevolle Menſch und die Welt, die er um ſich her ſchafft, der wahre und ſchöne Gottesſpiegel. Erinnerſt du dich noch, wie Hervey dieß geſtern Abend ſagte?“ „Ja, ich erinnere mich wohl,“ antwortete Klara, zund ich denke ganz wie du und er. Glaube mir,“ fügte ſie hinzu,„ich wünſche keineswegs zu den Zeiten der Gygi und Starkadder*) gelebt zu haben; doch möchte ich mich einen Augenblick mit einem uuſerer Väter aus der Hei⸗ denzeit beſprechen, um zu erfahren, was ſie vom Leben dachten. Wenn ſie nur Gott recht empfanden und ver⸗ ſtanden, ſo glaube ich, daß ſie glücklicher geweſen ſind, als die meiſten Menſchen der jetzigen Zeit.“ „Glücklicher! und warum?“ ſragte Nina verwundert. „Weil ſie,“ antwortete Klara,„mehr mit ſich ſelbſt und der Natur allein waren. Die Erde hatte damals mehr Wälder als Menſchen. Es fehlte nicht an Raum, um ſich zu hewegen, und friſche Winde wehten durch das Leben. Die Geſellſchaftswelt beſtand noch nicht mit ihrer Kleinlichkeit, ihren kleinen Vergnügungen und kleinen *) Gygi, eine berühmte Rieſin in der nordiſchen Mythologie, wohnte im Walde Jarnvida(Eiſenwald) und war Mutter vie⸗ ler Rieſen, ſämmtlich in Wolfsgeſtalt. Starkadder oder Starkadur iſt einer der berühmteſten Hel⸗ den in den nordiſchen Sagen. Anm. des Ueberſ. 286 Plagen, welche zahlreich, verzehrend und verödend ſind, wie Pharaos Heuſchrecken. Der Menſch konnte nicht ſehr unglücklich ſein. Er ſtarb oft eines gewaltſamen Todes, verzehrte ſich aber nicht langſam, wie jetzt. Er war freier, hatte mehr Raum zum Athmen... „Mehr Raum zum Athmen!“ rief Nina,„aber keine Luft, keine Atmoſphäre von Milde und Liebe. O Klara! Ohne Liebe, ohne eine Menſchenbruſt, um baran zu ruhen und in ihr zu leben, iſt der ausgedehnteſte Raum nur eine Leere, die Freiheit nur ein Zuſtand der Auflöſung, nur eine Bürde. Auch die Natur, Klara, auch der Him⸗ mel kommen uns nicht nahe und werden nicht lebendig in uns, außer durch. Hier wurden ſie durch ein gelles Pfeifen ganz in ihrer Nähe unterbrochen. Die Mädchen ſprangen nicht ohne Schrecken auf. Das Pfeifen wiederholte ſich meh⸗ rere Male ſcharf, eintönig und anhaltend. „Wir haben einen Waldgeiſt aufgeregt,“ ſagte Nina ſcherzend. „Oder den Geiſt irgend eines heidniſchen Zwerges,“ verſetzte Klara ebenſo,„der unſere vermeſſenen Betrachtun⸗ gen über die Zeit, da er groß geweſen, auspfeift.“ „Es iſt,“ ſagte Nina,„die Bergdroſſel oder der Unglücksvogel, wie man ihn hier nennt. Ich habe ſein gellendes Geſchrei ſchon früher gehört. Sieh dort fliegt er über unſern Köpfen. Laß uns nach Hauſe gehen, liebe Klara. Es iſt unheimlich hier im Walde. Höre, wie wunderlich es rauſcht.“ Wirklich erfüllte ein heftiges Rauſchen und Brauſen den Wald. Es war das Getoſe eines heranziehenden Sturmes. Es knackte in der hohen Fichte, und der Un⸗ glücksvogel ließ dazwiſchen hinein ſein unheimliches Ge⸗ ſchrei vernehmen. Beinahe in demſelben Augenblick be⸗ deckte ſich der Himmel mit grauen, ſchnell ſegelnden Wolken, und es begann zu ſchneien. Die jungen Freun⸗ dinnen machten ſich eilenden Schrittes auf den Heimweg. Abe und Wel ein, ſich thiſe um Der ten Zue aber bere in d ihr anzu klag Kält hätt letzt hohl beſte mac und ohnr Kla denn genl wild Wal oder Eine Kop frag ina s, un⸗ der ſein egt ebe wie ſen den Un⸗ He⸗ be⸗ den un⸗ eg. 287 Aber die Berg⸗ und Walbgeiſter waren jetzt losgelaſſen und trieben ihr wildes Spiel. Die Mädchen verloren den Weg im Walde. Sie ſahen es und ſchlugen einen andern ein, dann wieder einen anderen und ſo fort. Alle verloren ſich unbemerkt und führten ſie nur tiefer in das labyrin⸗ thiſche Gehoͤlze hinein. Der Schnee wirbelte in Schauern um ſie her und verſchüttete bald jede Spur eines Weges. Der Orkan nahm mit jedem Augenblicke zu, Bäume ſtürz⸗ ten von ſeinen Stößen. Das Unwetter war vollkommen. Zuerſt lachten die Freundinnen in ihrer Verlegenheit, dann aber wurden ſie ſtill, endlich kam ihnen die Angſt und ſie bereuten ihre Unvorſichtigkeit. Sie irrten lange umher, in der Hoffnung, irgend eine Hütte zu finden, oder durch ihr Rufen die Aufmerkſamkeit irgend eines Waldbewohners anzuregen. Die ſchwache Nina folgte der ſtärkeren Klara klaglos, aber mit immer matteren Schritten. So gingen ſie mehrere Stunden lang. Glücklicherweiſe hatte die Kälte während des Schneegeſtöbers nachgelaſſen, ſonſt hätten wir unſere jungen Freundinnen ohne Zweifel zum letzten Male begleitet. Es ſing an zu dunkeln“, als ſie an den Fuß eines hohlen, kahlen Berges gelangten. Sie beſchloſſen, ihn zu beſteigen, um von dort aus die Gegend zu überſehen, ſich wo möglich zu orientiren und einen Rückweg ausfindig zu machen. Aber kaum hatten ſie, umwirbelt von Sturm und Schnee, einige Schritte gemacht, als Nina beinahe ohnmächtig niederſank, und ungeachtet ihrer eigenen und Klaras Bemühungen ſich nicht mehr aufrichten, geſchweige denn einen Schritt weiter gehen konnte. In dieſem Au⸗ genblick raste der Sturm am Wildeſten. Es war eine wilde Muſik von diſſonirenden Tönen, ein wilder Tanz des Waldes und der Wolken, ein wildes Geheul aufgeſchreckter oder fliehender Thiere. Die ganze Matur war im Aufruhr. Nina war weder an Seele, noch an Körper ſtark. Eine unbeſchreibliche Angſt erfaßte ſie. Sie lehnte ihren Kopf an Klaras Bruſt:„Werden wir hier umkommen?“ fragte ſie unter Thränen. 288— „Nein,“ antwortete Klara mit feſtem Vertrauen. „Gott wird uns Hilfe ſenden.“ Und ſie drückte Nina in ihre Arme und ſuchte ſie an ihrer Bruſt zu erwärmen. „Es ſind ſchon öfter Leute im Walde erfroren oder den wilden Thieren zum Raub geworden,“ ſagte Nina mit matter Stimme.„Warum ſollte die Vorſehung für uns mehr Rückſicht haben, als für dieſe?“ „Nun gut,“ erwiederte Klara mit ihrem himmliſchen Muthe,„wenn wir hier wirklich ſterben ſollen, ſo ent⸗ ſchlafen wir doch in Vaterarmen.“ Nina weinte.„Ich bin noch ſo jung.....“ flüſterte ſie; ich habe ſo wenig Freude gehabt! Edla!.. Herv...“ der Name erſtarb auf ihren bleichen Lippen. „Du wirſt leben, Du wirſt glücklich werden, tröſtete Klara eifrig, aber voll Angſt.„Ich will rufen.“ „Wer kann deine Stimme horen? der Sturm„ der Sturm!. In dieſem Augenblick ertönte ein wunderbarer Geſang über den Köpfen der Freundinnen. Eine rauhe und ſtarke Stimme, ohne Wohllaut, aber voll wilder Kraft ſang folgende Worte, die den Sturm zu beherrſchen ſchienen, denn ſeine Wuth verwandelte ſich während des Geſangs in ein dumpfes, gleichſam ſcheltendes Gemurmel. So ſang die Stimme auf dem Berge: In ergrauender Nacht, Im ſteigenden Sturm, Auf des Schneeberges Höh' Ein Wanderer ſteht; Sieht Maſtbäume fallen, Sieht Schneeſchauer wallen, Hört der Zerſtörung Luſt, Aber ruhig iſt ſeine Bruſt. Schauerlich ächzt es im Wald, Wild heults in der Luft, 289 auen. Jammer und Klagelaut tönt a in Bon Fels zu Fels. en. Aber der Wandrer iſt ſtille, oder Nicht Weh, nicht irrender Wille mit Trüben ſeinen Sinn: uns Er weiß, wohin. ſchen Hör'! laut ſchreiend entflieht ent⸗ Der Thiere geängſtigt Heer, Alles beugt ſich und zagt ſterte Vor dem wilden Orkan. Aber der Wandrer nicht bebet; Sein Auge er hebet ſtete Hinauf zur höhern Macht, Die ſeiner wacht. der Allgewaltigſter du! ſang In ſtürmender Nacht tarke Will ich ſingen dein Lob, ſang Will preiſen deine Macht. nen, Dein Wink wird gebieten, ng Daß die Stürme nicht mehr wüthen, So Und das heulende Gebraus Wird ein flüſternd Geſaus.* Kenn' deinen Herrn, Titan! Er wird zähmen deinen Muth! Erkenn', o Menſchenbruſt, Den Allberuhiger. Er ſtillt alle Schmerzen; Getroſt, ihr zagenden Herzen! Wer auf ihn nur gebaut, In Sturmnacht nicht graut. Beim erſten Ton des Geſanges ſprang Klara auf. Ein augenblickliches Leuchten in den Wolken geſtattete ihr 19 Bremer, Rina. 290 mitten im Schneewirbel, der um die Bergſpitze tanzte, eine Geſtalt zu erblicken, die mehr einem zottigen Kobold, als einem Menſchen glich. Sie ſtand in Pelzwerk gekleidet auf dem Gipfel des Berges und begleitete ihren wilden Geſang mit gebieteriſchen Geberden. Klara rief laut; allein der wilde Sänger ſchien nicht zu hören. Jetzt bedachte ſie ſich keinen Augenblick länger, und nachdem ſie Nina einige Worte der Aufmunterung zugeflüſtert, fing ſie an, raſch den Berg hinanzuklimmen. Nina hatte im Anfang, ohne zu wiſſen, was ſie that, Klara zurückzuhalten geſucht, aber jetzt, als ſie ſich allein ſah, wurde ihre Seele von einer unbeſchreiblichen Angſt ergriffen. Der Geſang verſtummte; ſie hörte einen Schreckensruf. Der Sturm raste aufs Neue mit ver⸗ mehrter Wuth, Bäume ſtürzten in ihrer Nähe zu Boden; ſie hoͤrte keine menſchliche Stimme mehr, ſondern blos noch das Geheul der wilden Thiere; entſetzliche Geſtalten ſchimmerten vor ihren Blicken; bald wirbelte Alles in einem unermeßlichen Chaos; ſie fühlte eine unbeſchreib⸗ liche Laſt auf ihrer Bruſt und verlor die Beſinnung. Schon ſchlug der Tod ſeine kühlen Schwingen über Ninas Haupt, aber ein Engel trat zwiſchen ihn und ſie. Auf einmal begann ſie zu träumen, dunkel, aber an⸗ genehm. Sie hörte melodiſche Töne und Worte. Sie verſtand dieſelben nicht, aber ſie thaten ihr gut. Sie fühlte ſich von der Erde erhoben und wie von Engels⸗ flügeln fortgetragen. Eine angenehme Wärme drang durch ihre Bruſt und machte ihr Herz ſchlagen. Sie fühlte keinen Druck, keinen Sturm, keinen Winter mehr. Paradieſiſche Gegenden ſchienen ſich vor ihren Blicken eröffnen zu wollen, unbeſchreibliches Wohlbehagen be⸗ mächtigte ſich ihrer Seele immer mehr;— ſie fürchtete nur zu erwachen. Wir wollen einen Augenblick zu Klara zurückkehren. Die Textesworte des Geſanges, der an ihr Ohr ſchlug, belebten ihren Muth, und ſie ſtieg unter lautem Hülfe⸗ rufen eifrig den Berg hinan. Allein der zottige Sänger e—— 291 war zu ſehr mit ſeiner eigenen Stimme beſchäftigt, um eine andere zu hören. Erſt als Klara, beinahe zu Boden ſinkend vor Mattigkeit, am Gipfel des Berges angelangt war, hörte er ihr Rufen und wandte ſich zu ihr um. Allein ſein Ausſehen wurde auf einmal ſo verwirrt, ſeine Geberden ſo wild, daß Klara einen Wahnſinnigen vor ſich zu haben glaubte, als er ihr entgegenſprang. In dieſem Augenblick ſtürzte ein Mann hervor, der den Zottigen kräftig zurückſtieß und die niederſinkende Klara in ſeinen Armen auffing. Mit einem Ruf des Schreckens, der Ver⸗ wunderung und der Freude erkannte Klara— Hervey. Der Zottige wollte ihn von ihr wegreißen. Hervey ſetzte ſich zur Gegenwehr, und nun entſtand ein wilder Kampf zwiſchen Beiven. Sie kämpften wie die Bären Auf ihrem Berg von Schnee; Wie Adler ſie ſich wehren Ueber hochbewegter See. Endlich gelang es Hervey, ſeinen Gegner zu Boden zu werfen. Dieſer ſagte auf einmal ganz kurz:„Halt ein, es iſt genug!“—„Knut!“ rief Hervey verwundert, als er die Stimme erkannte.—„Paſtor Hervey!“ ſchrie der Zottige,„ſind Sie es, der ſo übel mit mir verfahren iſt?“ Und der Kampf löste ſich in einen Händedruck auf. „Wo wo iſt Fräulein G.?“ fragte Hervey mit ſichtbarer Angſt die vor Schrecken bleiche Klara, die ihm nur mit Mühe antworten konnte.„Meine Hütte iſt in der Nähe,“ ſagte der Zottige und wies mit der Hand nach einer Gegend, derjenigen entgegengeſetzt, von welcher Klara gekommen war.„Bleiben Sie hier ruhig,“ bat Hervey die ermattete Klara,„und Sie,“ ſagte er zu dem Zottigen,„wachen Sie über das Fräulein. Ich bin in einem Augenblick zurück.“ Und in wenigen Sekunden war er ihnen aus den Augen. Der Zottige ſah ihm vergnügten 292 Blickes nach.„Er hüpft und ſpringt trotz einer Ziege auf den Bergen herum,“ ſagte er zu ſich ſelbſt. Jetzt wandte er ſeinen Blick auf Klara. Er betrachtete ſie immer ernſter, immer inniger, immer ruhiger. Er faltete ſeine Hände und Thränen ſtiegen ihm in die Augen. Man hätte ihn für einen Faun halten können, der eine Hamadryade anbetet. Allein die Hamadryade wurde immer ängſtlicher, und hätte Hervey gerne zu Nina begleitet, wenn nicht Müdigkeit ihre Füße geſeſſelt hätte Auf dem Schnee liegend, und ſo weiß und kalt, wie dieſer, fand Hervey Nina. Ein Stich ging ihm durch das Herz. Er nahm ſie in ſeine Arme und erwärmte ſie an ſeiner Bruſt. Die koſtbare Laſt an ſein klopfendes Herz gedrückt, nahte er ſich Klara und ihrem wunderlichen Anbeter. Hier ruhte er einen Augenblick. Hier war es, daß Nina erwachte, daß ſie Eduard Herveys Augen über ſie ſtrahlen ſah, daß ſie ſich von ſeinen Armen getragen fand, den Kopf an ſeiner Bruſt ruhend. Es war ihr als ſähe ſie einen Engel, und kraftlos, aber glücklich ſchloß ſie ihre Augen wieder. Warum ihre bleiche Wange ſich färbte? Sah Jemand die Perle, die aus dem männ⸗ lichen Auge fiel? Die Nacht verbarg ſie, aber Nina fühlte auf ihren Lippen dit warme Liebes⸗ und Freuden⸗ thräne, und nie wirkte lieblicher Thau erfriſchender auf eine welke Blume. Der Weg auf der andern Seite des Berges war weniger ſteil. Dennoch mußte Klara trotz aller Furcht, ihrem zottigen Anbeter erlauben, ſie zu tragen; denn ſie war erſchöpft und konnte während der zunehmenden Dunkel⸗ heit nirgends feſten Fuß faſſen. Knut ging mit ihr vor⸗ aus; ihnen folgte Herveh mit Nina, beide glücklich in der finſtern, ſtürmiſchen Nacht. Es währte nicht lange, ſo kamen ſie an eine kleine Colonie. Ein freundliches, helles Feuer leuchtete durch die Fenſter der Hütte zwiſchen den ſchwankenden Zweigen der Fichten. Der Zottige ſtieß einen Schrei aus, welcher ſogleich von mehreren Thierſtimmen erwiedert wurde. 293 Hunde bellten, Kühe brüllten, Schafe blöckten, Hühner gluckten, aber alle dieſe Laute wurden übertoönt von einer gellenden, beinahe pfeifenden Stimme, die man weder einem Thiere, noch einem Menſchen zuſchreiben konnte. Der Zottige rief:„Beckaſin!“ und in der Thüre der Hütte er⸗ ſchien mit einer brennenden Kienfackel in der Hand ein Zwerg, deſſen ſchmaler, dünner Leib, ſo wie ſeine trie⸗ fenden, eingeſunkenen Augen nicht im Mindeſten an einen Herrn der Schöpfung erinnerten. Mit einem albernen Ausvruck im Geſichte begaffte er die Ankommenden, aber ein Schimmer von Freude glänzte in ſeinen Augen, als der Zottige die Hand auf ſeinen Kopf legte und zu ihm ſagte:„Beckaſin, du mußt fliegen. Zünde die Laterne an und halte dich fertig.“ In der reinlichen und geräumigen Hütte wurde Nina auf ein Bett von Rennthierfellen gelegt, über welche der Zottige eine Decke ausbreitete. Hervey hatte inzwiſchen mit Beckafins Hülfe einen ſtärkenden Trank bereitet, den er an Ninas Lippen führte.„Er iſt bitter,“ ſagte er, „aber wohlthuend!“ Sie nahm ihn lächelnd ein.„Er iſt nicht bitter,“ ſagte ſie leiſe. Hervey trank den Reſt an derſelben Stelle des Gefäßes, die ihre Lippen berührt hat⸗ ten, und Amor, der Chemikus, mag erklären, wie ſich der herbe Trank ſchnell in lieblichen Nektar verwandelte. Klara mußte ihre Lebenselirir aus des Zottigen eignen Händen entgegennehmen. Es lag in ſeinem Weſen ein wunderliches Gemiſche von Schüchternheit und Dreiſtig⸗ keit, von Verworrenheit und Beſtimmtheit, von kindiſcher Unbeholfenheit und Würde. Indeß war letztere Eigen⸗ ſchaft die vorſchlagende. Seine Geſichtszüge waren ſchön, ſeine Geſtalt kräftig. Er machte einen wunderlichen, aber durchaus nicht unbehaglichen Eindruck. Nachdem ſie den ſtärkenden Trank eingenommen, wurde Nina in Klaras Pflege übergeben, die, wieder belebt und rüſtig, ihre er⸗ ſtarrten Glieder mit Schnee rieb. Der Coloniſt hatte ſein zottiges Kleid abgeworfen, und erſchien jetzt in der groben Tracht der Bauern dieſer Gegend. Er beſchäftigte 294 ſich mit Bereitung eines Abendeſſens, indeß Herveh hin⸗ ausging und drei Schüſſe abfeuerte— ein Signal, das er mit den nach allen Richtungen zur Anſchaffung der Verirrten ausgeſandten Leuten verabredet hatte. Dieſes Signal, das je nach zehn Minuten wiederholt wurde, führte die Suchenden bald an die Colonie. Sturm auf ihrer Stirne, eine Laterne in der Hand, erſchien die Ba⸗ ronin H. in eigener Perſon an der Spitze einer Maſſe Volks. Allein ihr Zorn verwandelte ſich, als Klara ſie weinend in ihre Arme ſchloß, und ſie fand jetzt keine Worte mehr, um zu ſchelten, ſondern hatte ebenfalls bloß noch Thränen der Freude, ſo daß ſie die ganze Nacht ihren gewöhnlichen Humor nicht wieder erhielt. Es wur⸗ den jetzt uuter Beckaſins Anführung Leute zur Gräfin ge⸗ ſchickt, um ſie vom Stande der Dinge zu unterrichten. Die Baronin wollte die Nacht bei ihren jungen Freun⸗ dinnen hier zubringen, und am folgenden Tag mit Eduard Hervey die„verlorenen Schafe“ nach Umenäs zurückfüh⸗ ren. Eduard ſandte einen Boten an ſeine Mutter, und nachdem dieß Alles beſorgt war, verbreitete ſich eine be⸗ hagliche Ruhe in der ſo eben noch ſo unruhevollen Ge⸗ ſellſchaft. Die Baronin ſetzte ſich an Ninas Bett, und Klara ging hinaus, um dem Coloniſten das Abendeſſen bereiten zu helfen. Er wurde etwas verwirrt durch ihre Ankunft, und es war große Gefahr vorhanden, daß die Eier ganz und gar zerliefen und die Ochſenzunge eine nähere Bekanntſchaft mit der Milch machte, als für beide Theile zuträglich geweſen wäre; auch die Kartoffeln wur⸗ den an alle moglichen Orte gelegt, nur nicht an den, wel⸗ chen Menſchenvernunft vorgezeichnet hatte. Aber Klaras ruhiges und beſonnenes Weſen, ſo wie ihre Vertrautheit mit den Angelegenheiten der Küche brachte ſchnell Alles in Ordnung und in rechten Gang. Sie ſcherzte bald ganz unbefangen mit dem Koche über ſeine Verwirrung, und ſie wurden immer vergnügter beiſammen. Indeß kam es auch an Klara roth zu werden und eine Unordnung hin⸗ das der ieſes urde, auf Ba⸗ Raſſe ſie keine bloß acht wur⸗ ge⸗ ten. eun⸗ uard füh⸗ und be⸗ Ge⸗ und ſſen hre die eine ide ur⸗ el⸗ ras eit les d g, m ng 295 zu machen, als ſie Herbeys aufmerkſame und gutmüthig ſchalkhafte Blicke bemerkte. Das Eſſen wurde aufgetragen und ausgezeichnet ge⸗ funden. Die lebhafte Aufmerkſamkeit der Herren erſetzte ihre Ungeübtheit im Serviren. Ninas Augen füllten ſich mit Thränen, als ſie den Sturm um die Hütte raſen hoͤrte, und drinnen beim freundlichen Feuer alle ihre Lie⸗ ben in Sicherheit und zärtlich mit ihr beſchäftigt ſah. Ihr Herz war voll Dank. Bei einer andern Gelegenheit würde dieſe Mahlzeit mit allen ihren Mängeln an Meſ⸗ ſern, Gabeln u. ſ. w. und den daraus entſtehenden luſtigen Entwicklungen gewiß ſehr heiter geweſen ſein, allein die ausgeſtandene Angſt hatte die Scherz⸗ und Lachmuskeln gelähmt. Die Baronin ſaß ſtumm da, und Klara konnte ſie nicht anſehen und an die Gefahr denken, der ſie ſich um ihretwillen ausgeſetzt hatte, ohne daß ihr große Thrä⸗ nen in die milden Augen traten. Die Baronin hatte nämlich ganz offen zu ihr geſagt:„Du darſſt nicht glau⸗ ben, daß ich blos um Ninas willen wie eine Närrin in der kohlſchwarzen Nacht herumgeſprungen bin. Ich bin nur froh, daß mein Mann nicht zu Hauſe war. Er hätte mich gewiß zurückhalten wollen, und dieß hätte unſern erſten ehelichen Streit veranlaßt.“ Bald nach der Mahl⸗ zeit wurden die Damen allein gelaſſen, um die Ruhe zu genießen, deren ſie ſo ſehr bedurften. Für Hervey und ſich bereitete der Coloniſt in einem Nebenzimmer ein Strohlager. Hervey, den ſein neuer Bekannter intereſſirte, rich⸗ tete, ſobald ſie allein waren, einige Fragen über ſein früheres und gegenwärtiges Leben an ihn. Der Coloniſt antwortete: „Ich kann Ihnen hierüber mündlich keinen Aufſchluß geben. Wenn Sie es übrigens wünſchen, ſo will ich Ihnen meine ſchriftlichen Bekenntniſſe einhändigen.“ Hervey machte ihm freundliche Vorwürfe über ſein einſames und für ſeine Mitmenſchen nutzloſes Leben. Der Coloniſt erwiederte darauf mit einem wehmüthigen Kopf⸗ 296 ſchütteln bloß:„Ich habe ihnen am beſten dadurch ge⸗ dient, daß ich ihnen aus dem Wege ging. Ganz nutz⸗ los iſt indeß mein Leben nicht. Ich beglücke die Thiere, die mich umgeben, den armen Beckaſin mit inbegriffen.“ „Ein Paradies für Thiere?“ ſagte Hervey und deu⸗ tete fragend auf verſchiedene Fragmente einſt lebendiger Thiere, die appetitlich wie in einem Metzgerladen unter der Decke hingen. „Darauf werde ich Ihnen morgen früh antworten,“ ſagte der Coloniſt. Und als der Morgen kam, führte er Hervey in ſeinen Viehhof. Hier fand nun der Paſtor zu ſeiner großen Verwunderung in einem abgeſonderten Raume zwei Guillotinen aufgeſtellt, eine für groͤßere, die andere für kleinere Thiere. „Die Thiere müſſen ſterben,“ ſagte der Coloniſt, „aber die Natur wird ihnen ſelten einen ſo milden, ſo ſchmerzloſen Tod geben, als ſie hier finden. Wenn ihr Stündlein geſchlagen hat, kommen ſie hieher und genie⸗ ßen noch einen Augenblick ihr Lieblingsfutter, dann fällt das Beil und trennt ſie ohne Kampf und ohne Schmerz von einem Leben, das ſie ſo vollkommen genoſſen haben, als es überhaupt Thieren moͤglich iſt, wo ihnen Futter, Obdach, Gelegenheit zu ihren Spielen und Liebkoſungen von ihres Herrn Hand zu Theil geworden ſind.“ Ein wohlgefälliges Lächeln verbreitete ſich über Her⸗ veys Züge.„Das iſt ſehr ſchön,“ ſagte er,„umd ich werde hierin Ihrem Beiſpiel folgen. Wir ſind häufig noch roh und barbariſch in Behandlung der Thiere, die uns dienen und ernähren. Wie angelegen ſollte man es ſich nicht ſein laſſen, ſie von allen Leiden zu befreien, da auf ihr irdiſches Leben kein unſierbliches folgt; wenigſtens nicht für die Individuen ihres Geſchlechtes.“ „Sie glauben alſo an die Unſterblichkeit des Geſchlechtes?“ fragte der Coloniſt lebhaft. „Ja,“ antwortete Herveh;„ich glaube an einen ngten Himmel und an eine neue Erde, an ein verklärtes enſchenleben und eine verklärte Natur. Ich glaube mit ge⸗ nutz⸗ iere, 1.5 deu⸗ iger nter en,“ eber rzu ume dere niſt, ihr nie⸗ ällt erz en, ter, gen er⸗ och uns ſich auf icht es nen tes mit 297 Paulus an die Erlöſung der Kreatur. Der Menſch und die Natur ſind mit einander gefallen, ſie werden auch mit einander der Verſöhnung theilhaftig werden.“ „Das freut mich,“ ſagte der Coloniſt und Thränen füllten ſeine Augen.„Ich liebe die Thiere, die Blumen, die Berge. Ich habe mich in ihrer Geſellſchaft glückli⸗ cher befunden, als in der menſchlichen. Ich erkenne mein Weſen in dem ihrigen, ihr Weſen in dem meinigen. Sie ſind Theile meines Lebens.“ Hier ſtreckte er ſeine Arme aus gegen die wilde Naturſcene, die ihn umgab.. Wolken und Winde ſchienen im Begriff, ſich nach ihrem nächtlichen Kampfe zu trennen. Erſtere zogen ſich in ſchneeſchweren Maſſen weſtlich; letztere ſeufzten und brummten noch dumpf im Walde, der immer ſanfter ſeine Baumwipfel bewegte. Der Coloniſt lockte ſeine Thiere heraus. Sie ſammelten ſich um ihn, zahm, munter und ſchmeichelnd. Hervey betrachtete dieſe Scene mit dem ihm eigenen ſtillen Lächeln. Der Coloniſt ſprach bald mit ſeinen Thieren, wie mit Kindern, bald beantwortete er Herveys Fragen über die moraliſche und phyſiſche Be⸗ handlung der Thiere. Hervey glich darin dem Grufen im Titan, daß er überall nach den Gräſern und Blumen der Wißſenſchaft botaniſirte. Kein Feld war für ihn ganz öde. Als die Sonne aus dem Thore des Oſtens trat, und ihre Feuerſtrahlen über die Gegend auswarf, wandte Herveh unwillkürlich ſeinen Blick nach der Hütte, und ſiehe in der Thüre deſſelben ſtand ſchöner als die Sonne — die ſchoͤne Nina, lieblich wie ein Maimorgen. Bald war Hervey ihr zur Seite. Sie reichte ihm ihre Hand, er vrückte ſie an ſeine Lippen und behielt ſie in der ſeinigen, und rings um ſie her war ein Geſäuſel fröhli⸗ chen Lebens. Die Bäume neigten ihre feuerfarbigen Wipfel über ihnen und die blaue Decke des Himmels breitete ſich ſonnebeglänzt und klar aus. Hervey betrach⸗ tete zuerſt Nina, dann blickte er um ſich und zuletzt zum 298 Himmel empor. Ihr Blick folgte dem ſeinigen. Es war bei der Morgenandacht;— eine ſchweigende Ver⸗ mählung der Seelen mit der Natur, mit einander und mit Gott. Glücklich die Herzen, die einander in Frömmigkeit und Klarheit finden! Ihren Bund wird kein irdiſches Schickſal zerreißen. Aber wer ſtand an der Seite des Coloniſten? Klara. Sie fütterte und ſtreichelte die Thiere um die Wette mit ihrem Herrn, oder vielmehr an ſeiner Stelle, denn er vergaß jetzt Alles, nur um ſie anzuſehen. Hervey und Nina kamen bald zu ihnen und hatten ihre Freude an den ſchönen zahmen Thieren, die im Frieden des goldenen Zeitalters mit einander lebten. Nun erſchien auch die Baronin mit einer Stirne, klar wie der Himmel: Becka⸗ ſins Kaffee fand die Geſellſchaft in der allervortrefflichſten Laune, und wurde von der Baronin nach Verdienſt geprie⸗ ſen und gewürdigt. Eine Menge Leute, welche die Gräfin ausgeſchickt hatte, um einen Fahrweg bis zur Colonie zu ſchaufeln, hielten jetzt ihren geräuſchvollen Einzug in dieſem fried⸗ lichen Winkel zwiſchen Klippen und Wälvdern. Die Grä⸗ fin hatte ihnen Wägen, Pelzwerk und alle nur erdenkli⸗ chen Bequemlichkeiten mitgegeben. Die Geſellſchaft mußte ſich jetzt von ihrem gaſtlichen Wirthe trennen, nach vielen freundlichen Einladungen zum Gegenbeſuch beſonders von Herveys Seite. Der Coloniſt antwortete Nichts darauf, und als ſeine Gäſte ſich entfernten, warf er bloß Klara einen Blick zu, welcher zu klagen ſchien:„Und ich bleibe allein 1“ Die Abenteuer dieſes Tags blieben indeß nicht ohne üble Folgen für die jungen Freundinnen: beſonders Nina litt mehrere Wochen. Die Baronin H. predigte heftig gegen alle Kreuzzüge. Ob Hervey wohl den Coloniſten an ſein Verſprechen in Beziehung auf die ſchriftliche Mittheilung erinnerte? Ob der Coloniſt es hielt? Und ob der Leſer eben ſo leibe ohne Nina eftig chen rte? ſo 299 begierig iſt, wie Hervey, Näheres über ſein Leben und ſeine Schickſale zu erfahren? Wir nehmen uns die Freiheit, alle dieſe Fragen mit Ja zu beantworten. Proteſtirt vielleicht ein Leſer für ſeine Perſon, ſo bleibt es ihm unbenommen, die nächſten Blätter zu überſchlagen. Aber in dem Augenblick, da ich die Feder ergreife, um lange verborgene Leiden an's Licht zu ziehen, Leiden, die glücklicherweiſe Viele gar nicht begreifen werden, in dieſem Augenblick höre ich eine Geiſterſtimme, welche ſanft warnt: „Ein ſtolzer und kraftvoller Menſch wird ſchwerlich mitten unter dreißigjährigen Kriegen— Gerichtstagen— wandernden Völkern— zerſplitterten Sonnenſyſtemen ſein Gewand aufreißen und ſich ſelbſt oder der Welt den Blut⸗ adler auf ſeiner Bruſt zeigen.“ Schatten eines großen Mannes, herrlicher Jean Paul! verzeih wenn eines der kleinen Erdengeſchöpfe es wagt, dir zu antworten: „Der Kampf iſt nicht deßwegen wild, weil er unter Maſſen gekämpft wird, das Unglück nicht deßwegen groß, weil es Weltſyſtemen gilt. Es iſt möglich, daß der drei⸗ ßigjährige Krieg mit allen ſeinen Greueln keine ſo ſchauer⸗ liche, ſo fortgeſetzt düſtere Tragödie aufzuweiſen vermag, wie diejenige, die in friedlichen Zeiten, in blühenden Um⸗ gebungen in einer Menſchenbruſt vor ſich geht. Es iſt ein Gott, der in den kämpfenden Zeiten wirkt; ein Gott ij es auch, der in der Bruſt des leidenden Menſchen utet. Nichts iſt klein und Nichts iſt groß vor des Ewigen Augen, Denn in der Schale der Form ſchau'n ſie den Kern nur allein; Schauen bedeutungsvoll das Kleinſte ſowohl, als das . Größte*). *) Mellin. 300 Deßhalb, unglücklicher, wer du auch ſein magſt, tritt hin vor das Univerſum! Aller Sphärengeſang ſoll deine Worte nicht übertönen. Doch erwarte ich dich nicht in der Stunde des wilden Schmerzes, nicht in der Stunde des Jammers; und ſollteſt du auf Erden keine andere erleben, ſo klage nicht; dulde ſchweigend, preiſe Gott und ſtirb. Aber haſt du Erlöſung gefunden, iſt aus der dunk⸗ len Stunde Licht für dich hervorgegangen— o dann tritt hervor; ſage uns, was du gelitten, was du gelebt haſt, damit einige Tropfen aus der Quelle, die deine Wunde geheilt, auch für uns fließen mögen. Der Unglückliche. An einem ſchönen Morgen zu Anfang Juni fand ich mich draußen auf dem Felde. Ich fand mich wirk⸗ lich, denn ich hatte mich verloren, hatte Gefühl, Gedan⸗ ken, Bewußtſein, Alles verloren. Von unausſprechlicher Unruhe, von dem Bedürfniß, einer unbeſchreiblichen Qual zu entfliehen, umhergejagt, hatte ich den Abend zuvor mein Haus in der Stadt verlaſſen und war die ganze Nacht herumgeirrt, bis jetzt ein friſcher Morgenwind— ein Blumenduft— ein Herzſtich— ich weiß ſelbſt nicht was mich wieder zur Beſinnung weckte. Ich blickte auf, ſah um mich und begriff, was ich ſah. Ach es war herrlich um mich her! Die Wieſe glänzte von Blumen und Thautropfen, und in dieſen glänzte die Sonne. Der Wald, noch in ſeine Schatten eingehüllt, ſäuſelte ſachte und ermunterte ſich gleichſam aus dem Schlafe. Auf zitternden Schwingen zu den Purpurwolken empor⸗ ſchwebend ſang die Lerche in jubelnden Trillern die un⸗ endliche Luſt des Lebens, das Alles in der Natur zu empfinden ſchien. Ja, Alles— nur ich nicht. Finſter und unglücklich ſtand ich allein in der fröhlichen Licht⸗ welt. Und mein Unglück? Wohl dir, wenn du es nicht verſtehſt! Wohl dir, wenn du ſagen kannſt: ich kenne es nicht! Denn du haſt nie gefühlt, was es heißt, ſein 9 2 „ G 301 Auge niemals aufſchlagen und getroſt in eines Freundes Antlitz ſehen zu dürfen— was es heißt, den Freund ſein Antlitz von dir wegwenden zu ſehen. Du weiß nicht, wie es thut, wenn dein Herz ſich zuſammenzieht, wenn Blei ſich auf deine Zunge und deine Augenlider legt, ſo⸗ bald Menſchen freundlich und theilnehmend dir entgegen⸗ kommen, und wenn du deßhalb die Menſchen allmählig ſcheu aus deinem Wege gehen ſiehſt. Du weißt nicht, wie es thut, wenn man liebt, glühend liebt, und keine Worte findet, um ſeine Liebe auszudrücken; wenn man ſich zittern fühlt, wo man mit männlicher Entſchloſſenheit handeln und ſiegen ſollte. Du weißt nicht, was es heißt, die Geliebte für dich erröthen, ſie von dem verſchloſſenen Himmelreich deiner Liebe ſich abwenden und ihr Herz, ihre Hand einem Kühnern geben zu ſehen, der nicht lieben kann, wie du, aber ſprechen. Du weißt nicht, wie es thut, wenn man mit ſeinen Leiden bloß Gelächter oder Wiverwillen erregt, wenn man mit einem reinen Willen nur Verachtung gewinnt. Wohl dir, wenn du dieß nicht verſtehſt! Ich liebte die Menſchen, und ich floh ſie, denn der Umgang mit ihnen war mir eine Plage. Nie konnte ich die Theilnahme, die ich empfand, äußern, oder an den Freuden, die ſie hatten, Theil nehmen. Nie, wenn ich ſie weinen ſah, nie kam eine Thräne, um meine brennenden geſenkten Augenlider zu erfriſchen, nie fand meine Zunge ein Wort des Troſtes. Mit einer Welt von Gefühlen in meiner Bruſt war ich zu ſtummem Schweigen verurtheilt. Wie Prometheus lag ich an den Felſen geſchmiedet, indeß der Geier mein Herz zerfleiſchte. Das Gelächter, das mein Weſen unwillkürlich erweckte, ziſchte gleich Schlan⸗ gen um meine Ohren. Ich wußte, daß ich es verdiente, und doch, o mein Gott! war ich unſchuldig, war ein guter Menſch. Kein niedriges Gefühl fand ſich in meiner Bruſt. Ich wäre mit Freuden für die Menſchheit am Kreuze geſtorben, und war verurtheilt, als Märtyrer des Geſellſchaftslebens zu leben. 302 Glücklich, dreifach glücklich biſt du, wenn du nicht weißt, was Verlegenheit heißt, dieſer Alp der Seele, der ſich auf die Bruſt des Menſchen ſetzt, und durch krampfhaftes Erfaſſen das freie Spiel ihrer Nerven ver⸗ hindert; der mit ſcharfen Klauen beſtändig darin reißt und wühlt, und alle Ruhe, alle Veſinnung verſcheucht. Wohl dir! Es gibt ohne Zweifel Wenige, die nicht einmal in ihrem Leben einen Flügelſchlag von dieſer Nachteule der Hölle bekommen haben, aber es find auch Wenige— Gott ſei Dank, unendlich Wenige, in deren Bruſt ſie beſtändig ihre Klauen einhackt. Ich war indeß nicht immer ſo geweſen. Als ich ein Kind war, war ich freimüthig, wie ein Kind, und mein Blick erhob ſich frei und klar gegen Andere. Ich erinnere mich deſſen mit Entzücken und beinahe mit Verwunderung. Bei meinem erſten Eintritte in die große Welt be⸗ gegnete mir etwas an ſich Unbedeutendes. Ich beging in einer großen Geſellſchaft eine Ungeſchicklichkeit— eine von denen, die bei Neulingen in der Welt oft vorkommen, worüber man lacht und ſie dann vergißt. Aber der Spott, den ich auf mich zog, das Gelächter, das um mich herum erſchallte, erweckte ein mir bisher ganz unbekanntes Ge⸗ fühl in meiner Bruſt. Ich habe dieſe Stunde nie ver⸗ geſſen, und dieſes Gefühl wich nicht mehr von mir. Es verzauberte gleichſam mein Weſen und meine Handlungen. Meine Tage wurden eine Reihenfolge der lächerlichſten Auftritte und des bitterſten Leidens. Alle Verſuche, dieſen Dämon zu überwinden und zu entfernen, dienten bloß dazu, mich tiefer unter ſeine Gewalt zu beugen. Ich raste gegen ihn, ich verfluchte ihn, und er umſchloß mich nur um ſo feſter. Je groͤßer mein Entſetzen, je heftiger mein Kampf gegen dieſen unſichtbaren Feind wurde, um ſo mehr Gewalt bekam er über mich. O wie habe ich nicht in ſtillen, ſchlafloſen Nächten mit den Waffen des Gebets und der Philoſophie gegen dieſes gräßliche Geſpenſt ge⸗ kämpft und es überwunden zu haben geglaubt, aber wenn der ich behe ſond Jah Kan meit und blint ihne ihre Aug letzt. und hätt eine denn inne Unb Aus Ja, von der Leic wen der ſunt dazi in t rett hiev Me zehr ein 303 der Tag kam, und das Licht und die Menſchen, ſo lag ich mehr als je in ſeinen eiſigen Armen gefangen. Es beherrſchte nicht bloß meine Bewegungen, meine Glieder, ſondern auch meine Gefühle und Gedanken. Jahre um Jahre brachte ich in dieſem unſeligen und fruchtloſen Kampfe zu. Immer finſterer, immer unheimlicher wurde mein Inneres. Ich ſagte zur Freude:„Was willſt du?“ und zum Lachen:„Du biſt Narrheit!“ Ich wünſchte mir blind zu ſein. Glücklich die Blinden! Ihr Unglück neigt ihnen das Herz des Menſchen zu. Ihre Verlegenheit, ihre kleinen Mißgeſchicke werden nicht verhöhnt. Ihre Augen werden nie von den ſtrahlenden Augen Anderer ver⸗ letzt. O wenn die ewige Nacht die meinigen verſiegelt, und auf immer ihren unſichern, wilden Blick ausgeloͤſcht hätte, dann— dann hätte ich gewiß Frieden gefunden. Es gibt die ſonderbarſten Leiden auf Erden, aber eines allein iſt unleidlich, ja beinahe ganz unausſtehlich; denn es frißt das Mark der Menſchenkraft; ich meine jene. innere Zerriſſenheit, die den Menſchen zu einer lebendigen Unbehaglichkeit für ſich ſelbſt und die Andern macht. Ausſatz bei Seelenſtärke iſt kaum ein Unglück zu nennen. Ja, ich könnte mich von einem ſtinkenden Krebſe zernagt, von den Tröſtern Hiobs umgeben denken, oder einſam in der Wildniß, umſchwirrt von Raubvögeln, die auf meine Leiche warten, und ich könnte doch nicht unglücklich ſein, wenn ich dabei nur meine Nerven und meinen Blick in der Macht meines Willens behielte. Aber gebt mir Ge⸗ ſundheit, Reichthum, Schoͤnheit und dieſe Schwachheit dazu, dieſe nervöſe Unruhe, dieſe Verwirrung, dieſen Haſen in der Herzgrube, und ihr macht mich beiſpiellos, ja un⸗ rettbar unglücklich. Unrettbar, wofern nicht..— doch hievon ſpäter. Ich hatte von einer Perſon gehört, die immer ein Menſchenſkelett vor ſich ſah, und, von dieſem Anblick ver⸗ zehrt, langſam ins Grab ſank. Dieſes Geſicht ſchien mir eine angenehme Täuſchung gegen die Wirklichkeit, die wie 304 ein Fluch über mir lag. Ein großes Unglück wäre mir eine Erquickung geweſen. Mitunter dachte ich, ein Ver⸗ brechen, ein Mord würde mir wohl thun: Blut und gräß⸗ liches Geſchrei würde mich aus meinem Traume wecken. Entſetzlich! Entſetzlich! Hätte ich in Zeiten des Kampfes gelebt, wo Opfer und Märtyrer nöthig waren— ich hätte mich dazu her⸗ gegeben, hätte im Ringen um dieſe Kronen den Dämon meines Lebens getödtet und mich ſelbſt wieder gefunden. Aber Alles war Friede, Alles war Freude um mich her. Ich ſah höchſtens dann und wann ein Leiden glanzlos und verachtet, wie das meinige, hervordämmern. Eine Lichtgeſtalt trat in meinen Weg. Ein ſchönes und gutes Weſen ſprach mit Engelszunge zu mir. Der Himmelsfriede in ihrem Auge lockte das meinige in die Höhe. Ich vermochte ſie anzuſehen. Ich konnte mich in dem Blicke eines Menſchen ſonnen. Gott, welche Wolluſt! Ich verlor die Geliebte durch meinen eigenen Fehler, oder vielmehr durch den Einfluß der unſeligen Macht, die mich beherrſchte, und wie von Furien gejagt, verließ ich meine, verließ ihre Heimath. etzt in der friſchen Morgenſtunde, frei von den Blicken der Menſchen, ungeſtört von ihren Worten, warf ich einen langen, einen tiefen Blick in mein Herz hinab und auf mein verfloſſenes Leben. Einige meiner Freunde hatten mir geſagt, Hochmuth, oder allzugroße und leicht verletzte Eigenliebe ſei vie Urſache des Zuſtandes, in dem ich mich befand. War ich denn hochmüthig? War meine Eigenliebe ſo groß? Ach mein Gott! die kleine Veronika zu meinen Füßen, die ihr blaues Auge mit dem Tag aufſchloß, die die ſich in unbewußtem Behagen ſo zwanglos und frei auf ihrem Stengel im Winde ſchaukelte— ſchien mir mehr zu ſein, als ich. Ich beneidete ihr Leben. Und der Baum, der ſich majeſtätiſch über mich erhob, ſo ſtolz, ſo ruhig, als wäre er ſich der Kraft bewußt, womit er den Winden und Stürmen getrotzt, und der jetzt e mir Ver⸗ gräß⸗ ecken. Opfer her⸗ ämon unden. h her. s und choönes Der 305 Millionen Blätter trieb, um dem Wanderer und den Voögeln Schutz zu verleihen, dieſer herrliche Baum! O welch ein vom Wetter herumgetriebenes Wrack fühlte ich mich neben ihm! Ich ging weiter und eine Menge oft unterdrückte, aber immer mit erneuerter Kraft wieder⸗ kehrende Gedanken ſtiegen in meiner Seele auf. Ich hatte viele Menſchen geſehen, deren Leben von Laſtern und Verbrechen befleckt und deren Blick dennoch klar und feſt, ſo wie ihr ganzes Weſen voll Sicherheit war. Sie er⸗ freuten ſich des Wohlwollens der Menſchen und ach! ſie genoſſen die himmliſchen Freuden der Liebe! Sie wurden geliebt, ja angebetet von holden, engelreinen Weſen. Ich hatte Andere geſehen— und zu dieſen gehorte ich ſelbſt — die rein von Herzen und Wandel waren und gleich⸗ wohl auch nicht eine einzige Broſame von dieſem Him⸗ melsbrod ſich erwerben konnten, das die Glücklichen des Lebens in reichlichem Maße verſchlangen. Warum das — dachte ich— in einer Welt, wo Gott regiert? Gott, der doch in ſeinem Wort die Guten zu ſeiner Rechten und die Schlechten zu ſeiner Linken geſetzt hat? Die Widverſprüche des Lebens, ſeine widerſtreitende Erſchei⸗ nungen, ſeine unbeantworteten Warum ſtiegen in einem wimmelnden Chaos vor meinen Blicken empor. Meine Seele ſchwindelte. In dieſem Augenblick ſtand ich auf einem Felſen. Unter mir rauſchte ein Waſſerfall. Ungeheure Waſſer⸗ maſſen ſtürzten unaufhörlich hinter einander in die Tiefe hinab, wo ſie ſich wild tummelten und wie in ſinnloſer Raſerei ſchäumten. Ich ſah den Naturrieſen wüthen. Ich lauſchte die⸗ ſem betäubenden wilden Getöſe. Es wurde mir wunder⸗ lich zu Muth— meine Bruſt erweiterte ſich; eine wilde Kampfluſt regte ſich darin. Ein wunderbarer Zug, eine unbeſchreibliche Sehnſucht nach der Tiefe ergriff mich. Es war nicht der Tod, was ich wollte; ich hatte ein dunk⸗ les, aber heftiges Verlangen, in dieſer Pſe gleichſam 2 Bremer, Rina. 306 den Geiſt des Abgrundes, der mich beherrſchte, zu er⸗ tränken, mich ſeiner auf Ewig zu entledigen und zu einem neuen Leben geboren zu werden. Hier in dieſer ſtürmenden Tiefe wollte ich mit ihm ringen, ihn um⸗ armen, ihn zerdrücken, wieder zur Beſinnung und zu Athem kommen. Ha, wie tief, wie herrlich wollte ich athmen! Ich empfand Raſerei, ich empfand Freude, Wahnſinn! unter einem verzweifelten Jubelgeſchrei ſtürzte ich mich mit ausgeſtreckten Armen hinab. Es ziſchte um mich her. Ich ſchwindelte. Der Naturrieſe erfaßte mich, ich erfaßte ihn. Es wirbelte um mich, in mir, es don⸗ nerte, es raste; Alles war Chaos— dann wurde Alles Eis und— ſtille. Als ich wieder zum Bewußtſein kam, lag ich am Eingang einer Grotte auf dem Boden. Ein wunderlicher kleiner Greis in grauen Kleidern ſtand über mich ge⸗ beugt. Er war beinahe eben ſo breit als lang, und hatte einen ungewöhnlich großen Kopf. Seine großen, grauen Augen ſtierten mich faſt unverwandt an. Der hohe Scheitel war kahl und von den Streifen ſchneeweißen Haares, die um den Kopf hingen, trof Waſſer. Dieſe eigenthümliche Geſtalt, der Platz, wo ich lag und das Getöſe des Waſſerfalles, das ich ganz nahe hoͤrte, brach⸗ ten mich auf wunderliche Gedanken, wie im Traume. Ich meinte dunkel, ein Flußgott habe mich ergriffen, und ich befinde mich in ſeiner Gewalt. Während ich meine Gedanken zu ordnen ſuchte, verbreitete ſich ein ſarkaſti⸗ ſches Lächeln über die groben Geſichtszüge des Alten und er brüllte mich mit tiefer Baßſtimme an:„So, ſo! Er fängt an, wieder zu ſich zu kommen! eine ſchöne Geſchichte! Ein ſchöner Spectakel das, alte Leute zum Baden zu zwingen! Ja, ja, uf!“ und er ſing an, ſeinen Rockſchoß auszuwinden. Ich wollte eine Entſchuldigung ſtammeln, denn ich ſah jetzt deutlich, daß ich es nicht mit einem Flußgott, ſondern mit einem Menſchen zu thun hatte, der vielieicht dieſer um⸗ d zu te ich eude, ürzte um nich, don⸗ Alles am icher ge⸗ hatte auen hohe ißen ieſe das ach⸗ me. und eine aſti⸗ und ſo! höne zum inen ich ott, eicht 307 ſein Leben für mich gewagt; allein er unterbrach mich indem er wie vorhin mit grober Baßſtimme brüllte: „He da, will Er ſchweigen! Wir werden ſchon dar⸗ auf zu ſprechen kommen! Es iſt jetzt wichtiger, das Waſſer, als Worte aus deinem Munde zu bekommen! uf!“ und ohne weitere Umſtände nahm er mich mit Her⸗ kulesſtärke am Bein und ſchaukelte mich auf und ab. Unfähig, irgend einen Widerſtand zu leiſten, ſiel ich unter der medieiniſchen Behandlung des Alten abermals in Ohnmacht und glaubte einen Augenblick, der Dämon, der meine Seele ſo lange geplagt, habe jetzt Fleiſch und Blut angenommen und werde dieſen Verſuch, mich von ihm zu befreien, handgreiflich rächen wollen. Auf andere Gedanken jedoch kam ich in den paar Tagen, die ich in einem Zuſtand großer Entkräftung auf einer Streu in der Grotte zubrachte, wo der Alte mich verpflegte. Zwar war ſeine Stimme grob und ſeine Worte oft nicht die ſanfteſten, aber in ſeinen Handlungen und der ganzen Art, wie er ſich meiner annahm, lag eben ſo viel Güte, als Weisheit. Der Alte ſchien ſich häue⸗ lich in der Grotte niedergelaſſen zu haben, welche trocken und bequem eingerichtet war. Unſere einfachen Mahle bereitete er ſelbſt. Abends las er mir aus den klaſſiſchen Schriftſtellern der Vorzeit vor und wählte hauptſächlich ſolche, die dazu beitragen konnten, einer ſchwachen Seele Kraft einzufloͤßen— Beiſpiele von Standhaftigkeit und ſtoiſcher Reſignation. Noch öfter erquickte er meine Seele mit dem Evangelium. Er ſprach viel mit mir vom Erlöſer der Welt. Mein Herz war ihm bereits zugeneigt. Ich war un⸗ glücklich und der Tröſter aller Leidenden konnte mir alſo nicht unbekannt ſein; aber ſein Bild war mir noch nicht klar geworden. Jetzt bekam ich eine deutlichere Anſchauung. Ich lernte ihn begreifen, ich lernte ihn lieben. Mein hochſter Wunſch war, in der Zeit gelebt zu haben, wo er auf Erden wandeite. Ich dachte un⸗ aufhörlich daran, wie ich mich auf dem Weg, den er 308 kam, unter die Blinden, die Lahmen, die Ausſätzigen gedrängt und ſelbſt unglücklicher, als alle dieſe, mit durchdringender Stimme ihn angerufen haben würde: „Jeſu, Gottes Sohn, erbarme dich meiner! Herr, ſo du willſt, kannſt du mich wohl befreien!“ Ich horte mich rufen, ich ſah ihn ſtehen bleiben und ſich zu mir wenden. Ich ſah ſeinen Blick! Liebesſtark, mild, majeſtätiſch ruhte er auf mir; er drang mir durchs Herz; ich fühlte, wie er die Bande löste, in die mein Blick und meine Seele geſchlagen war. Schauer durchrieſelte mich. Mein Gott und mein Heiland! Es war kein eitles Spiel der Ein⸗ bildungskraft; ſo, ſo haſt du geblickt, ſo, ſo wurde es empfunden in der Seele des Erlösten, als du den Geiſt austriebſt, der ihn gequält, als er geheilt und glückſelig zu deinen Füßen ſank! Aber ach, dieſe Befreiung ſchon auf Erden ſollte mir nicht zu Theil werden. Ich war 2000 Jahre zu ſpät auf die Welt gekommen, in einer ſeltſamen Zeit, wo kein Wunder geſchah, außer mecha⸗ niſche. Dieſe halfen mir nicht. Ich war geneſen. Der Alte bat mich, einige Zeit bei ihm zu bleiben. Ich willigte gern ein. Das Leben, vas ich mit ihm führte, und noch mehr ſeine Perſon fing an mir ſehr zu gefallen. Ich ſandte meinen Eltern einen Brief, der ſie über mein plötzliches Verſchwinden beruhigte, und worin eine Jagdpartie, ein Aufenthalt bei Bekannten u. ſ. w. als Grund für mein fortgeſetztes Ausbleiben angegeben war. Meine gefährliche Taufe hatte eine Art Revolution in mir hervorgebracht. Mein verfloſſenes Leben lag wie ein Traum voll quälender, unklarer Bilder hinter mir. Der Dämon, der die Plage meines Lebens ausmachte, lebte zwar noch in mir, aber abgeſchieden von den Men⸗ ſchen und dem Geſellſchaftsleben empfand ich ſeine Macht weniger, und es war mir ein inniger Genuß, keine Menſchen mehr zu ſehen, und nicht mehr von ihnen ge⸗ ſehen zu werden. Der Alte war mir ein eigentliches Räthſel. Sein zigen mit irde: o du mich den. uhte wie Seele Gott Ein⸗ e es eiſt ſelig chon war iner cha⸗ Zeit ben, rſon tern den halt tztes tion wie mir. hte, den⸗ acht eine ge⸗ ein 309 Ausſehen und ganzes Weſen ließ eher an einen Berggeiſt, als an einen Menſchen denken, und ſeine Zuverſichtlich⸗ keit, ſeine wirkliche Zärtlichkeit, ſowie die überlegene Weisheit, die ich jeden Augenblick bei ihm wahrnahm, gaben ihm eine Macht über mich, die wohlthätig auf mich wirkte. Das neue Leben, das ich führte, erfriſchte mir Leib und Seele. Ich half dem Alten bei ſeiner Fiſcherei, begleitete ihn auf ſeinen langen Wanderungen durch die Gegend und war beſtändig beſchäftigt. Ich war ungemein neugierig, Näheres über ihn zu erfahren, allein er ſprach nie von ſich ſelbſt, und ſo wagte ichs nicht, ihn zu fragen. Ich nannte ihn„Alter,“ er ſagte zu mir„Junge,“ und unſer Verhältniß geſtaltete ſich von Tag zu Tag mehr, wie ein Verhältuiß zwiſchen Vater und Sohn. Ich hatte mir ſchon lange vorgenom⸗ men, mit ihm über meine Seelenkrankheit und die Urſache meiner gewaltſamen Handlung gegen mein eigenes Leben zu ſprechen. Eines Tags faßte ich wirklich Muth, meinen Vorſatz auszuführen; allein gleich Anfangs in der Be⸗ ſchreibung meines Zuſtandes unterbrach mich der Alte mit den Worten:„Ja, ja, ich weiß das, ich habe es bereits gemerkt!“ Hierauf fing er an, ſelbſt zu fragen und forſchte nach den kleinſten Theilen meines Lebens, nach allen meinen Gedanken und Gefühlen. Ich ſtand Märtyrerqual aus während dieſer Unterredung, allein ich unterwarf mich geduldig dem anatomiſchen Meſſer, welches das Innerſte meines Weſes zerlegte. Ich ahnte, daß es zu meinem Beſten diene, und bekämpfte glücklich mein falſches Schamgefühl. „Junge,“ ſagte der Alte endlich, nachdem er lange gefragt und ich geantwortet,„du ſchilderſt mit der Wahr⸗ heit einer tiefen Erfahrung einen Zuſtand, dem ich ſelbſt nicht fremd bin. Etwas Aehnliches hat auch mich zu dem Leben getrieben, das ich jetzt... doch es iſt über⸗ flüſſig, davon zu ſchwatzen. Es iſt ein wunderlich und 310 ſonderbar Ding um dieſe Krankheit!“ fuhr er fort, in⸗ dem er mit ſeiner groben Hand ſeine Augen bedeckte— ves iſt wunderlich, zu ſehen, aus wie ungleichen Urſachen ſie entſtehen kann und bei wie ungleichen Individuen ſie Wurzel ſchlägt. Addiſon und Cooper, die ſchönſten Geiſter ihrer Zeit, leiden unter dieſem Alp ſo gut wie mancher Dummrian; mächtige Monarchen ſo gut als arme Stüm⸗ per, wie du und ich! Ja, wie Manche gibt es nicht in dieſem alltäglichen Geſellſchaftsleben, die heimlich an die⸗ ſer Krankheit leiden? Wie Manches erſcheint nicht als Hochmuth, was im Grunde blos Blödigkeit iſt; wie Manches als Dummdreiſtigkeit und Unbedachtſamkeit, was blos eine Maske iſt, um den Mangel an Ruhe und Faſſung zu verbergen! Wie oft ſollte man bemitleiden, wo man ſich ärgert!“ Der Alte ſchwieg und fuhr nach einer kleinen Weile fort;„Ich will nicht, wie vielleicht Manche, zu dir ſagen, durch einen feſten Willen laſſe ſich Alles überwinden, man müſſe nur Muth faſſen u. ſ. w. Allerdings gibt es viele Seelenkrankheiten, welche feſter Wille und Klugheit zu heben vermag. Allein es gibt auch Gemüthskrank⸗ heiten, die allen unſern Bemühungen trotzen und uns bis ins Grab folgen. Gleichwohl darf uns dieß nicht zur Verzweiflung bringen, oder uns die ſchöne Gottesgabe, das Leben, verleiden. Wenn wir unſere Krankheit auch nicht überwinden können, ſo gibt es doch Miltel, die ihr allen ihren Schmerz benehmen und uns in den Stand ſetzen, die mannigfachen Freuden der Erde ſo gut und ſo vollſtändig zu genießen, wie diejenigen, welche Natur und Glück mit ihren Gaben überſchüttet haben. Dieſe Mittel wollen wir in Betracht ziehen. Doch halt, Junge, wir wollen jetzt lieber ans Abendbrod denken. Nachher, wenn wir die Weltkörper über unſre Häupter hinziehen ſehen, wollen wir weiter von unſern Bekümmer⸗ niſſen ſprechen.“ Als die Sterne ihre Lichter angezündet hatten und auch das letzte Vogelgezwitſcher verhallt war, ſetzten wir 4 5 m 2 w 6 h v 311 uns auf den mooſigen Fels vor der Gotte. Das Feuer, das noch immer brannte, warf einen ungewiſſen Schein auf das Haivekraut und das Tannengebüſch um uns her. Die Grillen ſangen Discant zu dem groben Baß des Waſſerfalls, aber hoͤher und gebietend übertönten die tiefe Stimme und die kräftig ausgeſprochenen Worte des Alten das Ganze. Neben ihm ſaß auf dem Haidekraut eine hungrige Seele, die begierig jedes Wort von ſeinen Lippen einſog. „In früheren Zeiten,“ ſagte der Alte,„war es Mode⸗ ſache, Eremit zu werden und die Menſchen zu fliehen, um ſich dadurch zum Himmel vorzubereiten. Heutzutage ſcheint man keinen Weg zum Glücke zu kennen, als den durch das Geſellſchaftsleben. Namentlich wenn man einiges Vermögen hat, wenn man aus einer ſogenannten guten Familie ſtammt, ſo iſt man zur Sklaverei des Umgangs mit den Menſchen ſo gut als verurtheilt. Und doch wie Manchen gibt es nicht, der, man mag mit ihm anfangen, was man will, niemals dazu taugt? Und warum die Sphäre für menſchliche Nützlichkeit und menſchliche Ge⸗ nüſſe ſo eng begrenzen? Auch hier auf Erden gibt es viele Wohnungen, viele verſchiedene Arten von Leben und Wirkſamkeit für verſchiedene Menſchennaturen.“ „Philoktet mit ſeiner ekelerregenden Wunde am Bein fand auf den einſamen Klippen von Lemnos, umgeben von Thieren, die ihn liebten, und ſein Brod im Schweiße ſei⸗ nes Angeſichts gewinnend, einen Lebensgenuß, der ihm unter den Menſchen verſagt war. Allein mit ſich ſelbſt und mit der Natur, vor Allem aber mit dem großen Weltgeiſt, deſſen Leben Alles durchſtrömt, fühlte er aufs Neue die friſche Fluth des Lebens für ſich fließen und er liebte das Leben. Und wer möchte wohl läugnen, daß es für den, der eine unheilbare Wunde hat— dieſe mag nun am Herzen oder am Leibe ſein— daß es für ihn gut iſt, den Blicken und Troͤſtungen der Menſchen aus⸗ zuweichen und ſeinen Troſt in der Natur und den ewigen Sonnen dort oben zu ſuchen?“ 312 Der Alte ſah mit ſtiller Rührung zu den ſtrahlen⸗ den, wandernden Welten über uns empor und faltete ſeine Hände. „Es liegt,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe,„in dieſem Sternenhimmel über uns, in dieſer unermeßlichen Ausſicht, die uns ſeine Unendlichkeit eröffnet, ein gewiſſes Etwas, das uns unſere Sorgen und Bekümmerniſſe als ſehr klein, ſehr unbedeutend erſcheinen läßt, und das iſt gut. Es iſt ſehr gut,“ wiederholte er, indem er mit feuch⸗ ten Augen zu den Himmelslichtern hinaufblickte. „Lebe mit der Natur, lebe in ihrer lebensvollen Ein⸗ ſamkeit,“ fuhr der Greis fort.„Das iſt ein Balſam für Seele und Leib, das iſt ein glückliches Leben. Deßhalb braucht man für Andere nicht unnütz zu ſein. Sammle wie Philoktet Thiere um dich, die dich lieben, und die du glücklich machſt. Biſt du reich an Gold und Geiſt, ſo werde ein unbekannter Wohlthäter der Menſchen. Und haſt du auf Erden auch blos dein eigen Herz geläutert und veredelt, ſo haſt du ſicherlich nicht ohne Nutzen für den Himmel und ſeine Gäſte gelebt.“ „Kannſt du die Geſellſchaft von deinesgleichen nicht ertragen, ſo lebe dennoch mit ihnen und lerne ſie lieben in ihren Dolmetſchern, den Büchern. Es iſt eine herrliche Sache, mit den erhabenſten Geiſtern der Erde leben und denken, ihnen auf ihrer Wanderung durch die verſchloſſenſten Tiefen des Lebens und hinauf zu den ewigen Lichtern des Himmels folgen zu können. Es iſt ſchön, in der Nacht des Lebens von ihren Blitzen beleuchtet zu werden, an denſelben unſer eigenes Licht anzünden zu können, und die Welt und uns ſelbſt in einer höheren Klarheit zu ſehen; ſchon hier im Leben das Bewußtſein zu haben, daß man in der Morgenröthe einer beſſern Welt ſteht.“ „Was unſrem möglichen Glück meiſtens im Wege ſteht, iſt der Eigenſinn, womit wir es in dem für uns Unmoͤglichen ſuchen. Hat unſre Neigung, unſte Be⸗ 313 gierde ſich einmal in Etwas feſt gerannt, und wäre es ſo unerrreichbar, als das Nordlicht für meine Hand iſt, ſo wollen wir es, ſo ſtreben wir darnach und erblicken in der ganzen Welt nichts Schätzens⸗- und Suchenswerthes, außer dieß allein. Wir lecken gegen den Stachel, bis er uns durchbohrt hat. Die kühne, die glückliche Kraft, die trotzen und ſiegen kann, mag den Kampf wagen; aber Mancher würde wohl daran thun, bei Zeiten zu reſigniren und ſein Ziel— Freiheit und Glück auf einem andren Wege zu erſtreben. Wir müſſen wohl bedenken, daß es kein neidiſcher Feind, ſondern ſehr oft Gottes weiſer Wille iſt, den wir bekämpfen, wenn wir hartnäckig darauf be⸗ ſtehen, unſer Glück in Etwas zu ſuchen, was uns einmal vermöge unſrer Stellung in der Welt oder unſrer natür⸗ lichen Anlagen unerreichbar iſt. Es wäre weit klüger, in ſolchen Hinderniſſen Winke der väterlichen Hand der Vor⸗ ſehung zu erblicken und zu folgen, wohin ſie uns leitet, ſollte es auch vom erſten Gegenſtand unſres Sehnens weit abliegen. Es gibt einen Hafen, einen ſchoönen und ſturm⸗ freien Hafen, dorthin... Wie? Was? Will Er Weib und Kinder haben? Ei Junge, man laſſe es unterwegs an eine Frau zu denken, wenn man nicht freien kann. Ohne Entſagung, mein Junge, gibt es keinen hoͤheren Genuß. Und hat man nicht den Muth zu entſagen, nun ſo iſt und bleibt man ein armer, unglücklicher Menſch.“ Ich verbarg mein Geſicht mit den Händen und der Alte fuhr in einem weichern Ton fort:„Ich gebe zu, es iſt nicht leicht, ja, es iſt ſogar ein großes Opfer. Es erfordert Stärke und Feſtigkeit. Es iſt etwas Schönes um ein Weib ein Weib, das ſich an meine Bruſt lehnt... mit roſigen Wangen, mit lieblicher Stimme — ein Weib mit einem Kinde auf dem Armez;.. Meine Frau, mein Kind!“ Der Alte hatte, hingeriſſen von Gefühl und bitter⸗ ſüßer Erinnerung, dieſe letzten Worte gleichſam für ſich ſelbſt geſprochen, raffte ſich aber ſchnell auf mit einem: 314 „He! Hel ich glaube gar, du weinſt, Junge, pfui! Komm, lege dich jetzt! Es iſt ſpät. Komm!“ Und er ging brummend in die Grotte zurück. Nach dieſem Geſpräche war der Alte ein paar Tage lang ungewoͤhnlich ſchweigſam und ernſt. Das Ende vom Auguſt nahte heran und brachte kühle Nächte und kürzere Tage mit ſich. „Es wird für mich Zeit zu wandern,“ ſagte es eines Tags;„wohin? das mußt du mich nicht fragen, Junge. Aber komm und ſuche mich nächſten Sommer hier auf — doch nicht ſo, daß ich wieder meinen grauen Rock aus⸗ winden muß. Das verbitte ich mir! Komm vielmehr und beſuche mich wie ein vernünftiger Menſch. Wenn ich noch auf Erden lebe, ſo wirſt du mich yier finden.“ Wir ſaßen auf einer Klippe über dem Waſſerfall. Die untergehende Sonne verwandelte ſeine ſchäumenden Wogen in glitzerndes Silber. Ich hatte mich zu den Füßen des Alten niedergelaſſen. Es war mir dieſen Abend leicht und frei zu Muth, und ich betrachtete mit Vergnügen und Verehrung das breite, kraftvolle Geſicht des Alten und ſeine hohe, von Silberhaar umkränzte Stirne, während er mit frommem Ausdruck nach der Seite hin⸗ ſah, wo die Sonne unterging. Er legte ſeine große braune Hand auf meinen Kopf und ſagte mit einer Miſchung von Luſtigkeit und Rührung:„He!l Junge, obgleich du ein Landſtreicher biſt, ſo ſollſt du mich doch morgen verlaſſen und hübſch ordentlich wieder nach Hauſe gehen. Aber ich ſage Ihm, Junge, halt Er Sein Maul über den Alten, und Alles, was ihn betrifft, ſonſt ſoll Ihn der Teufel holen!“ Der Alte ſprach dieſe Worte mit ſo donnernder Stimme und ſo wildſtierenden Augen, daß ich ihn voll Verwunderung anſah.„Nun, nun!“ fuhr er milder und mit ſeinem komiſchen Lächeln fort,„ſo gefährlich iſt die Sache denn doch nicht; wenn Er nur ſchweigt, ſo wird Ihm nichts Böſes widerfahren.“ Und nun begann er, mir ſeinen väterlichen Rath für meine Zukunft zu ertheilen. Er meinte, ich ſollte auf l⸗ t 315 längere Zeit die Stäbte und das Geſellſchaftsleben meiden, meinen Aufenthalt auf dem Lande nehmen, mir ſtarke Bewegung machen, mich unaufhörlich beſchäftigen u. ſ. w. „Die beſte Art,“ fuhr er fort,„dieſe Dämonen: Verle⸗ genheit und falſche Scham, zu erſticken, iſt die, wenn man ſie mit der äußerſten Verachtung behandelt und ihnen um keinen Preis geſtattet, unſre Seelenruhe zu ſtören. Es gibt— glaube das einem geprüften Freunde— manche Geſpenſter, die den Despoten gegen uns ſpielen und unſre Plaggeiſter ſind, bis wir ſie ſcharf und entſchloſſen ins Auge faſſen, mit Gottes Licht in unſern Herzen und der Vernunft beleuchten und fragen: Was ſeid ihr? Dann werden wir ſie bald als ſeelenloſe Dunſtbilder erkennen, als Phantome ohne allen Beſtand, die nur eine kleine Zeit mit unſrem Leben Spott treiben dürfen, als Diſſo⸗ nanzen, welche aufhören, ſo bald der Menſch aufhört ein Sklave der Natur zu ſein, ſo bald er einmal die Macht erhält, auch außer ſich das zu erſchaffen, was er in ſeiner eigenen Bruſt gebildet hat. Der Erlöſer hat uns gezeigt, wie und wodurch. Wenn du ihm folgen wiliſt, Junge, ſo wiſſe, es iſt kein illuſoriſcher Glaube, es iſt der Wie⸗ derſchein einer ewigen Wahrheit, der dir Freiheit verſpricht, der dir Glück verheißt und dir ſagt, daß dein Auge dereinſt ſtrahlen, deine Zunge Alles ausſprechen wird, was dein Herz gut und warm empfindet. Und wenn dieß eine ewige Gewißheit iſt— Wahrheit von Gottes Wahrheit, Wahrheit, wie ſeine Offenbarung in Jeſu, ſo können wir die augenblicklichen Hemmniſſe geduldig ertragen, welche die Feſſeln unſres Organismus den Aeußerungen unſtes Lebens anlegen. Wenn die drückenden Bande ſich empfind⸗ lich machen, ſo werden wir zu uns ſagen: Was thut dieß? Welches wirkliche Böſe liegt darin? Bin ich deßwegen weniger gut, weniger Gott angenehm? Und wenn ich mir alle dieſe Fragen mit Nein beantworten, wenn ich mir ſagen muß, daß es nichts wirklich Böſes gibt, als die Sünde gegen Gott und ſeinen heiligen Willen, 316 ſo werde ich ſtille mein Haupt unter das Joch beugen, werde es weniger ſchwer empfinden und deßhalb auch weniger in ſeiner Gewalt ſein. Ich weiß ja, daß die Stunde der Befreiung kommen wird! Glaube an Jeſum!“ Dieß waren die letzten Ermahnungen des Alten. Tags darauf trennten wir uns. Ein Jahr nachher ſuchte ich ihn. Schlangen krochen in der Grotte; ihr freund⸗ licher Genius war nicht da. Ich hatte mich nach meiner Trennung von dem Alten zu meiner Familie zurückbegeben, ohne irgend einen feſten Plan für die Zukunft entworfen zu haben. Ich kam mir beſſer vor; ich glaubte mich wieder ſtark. Ich liebte das Familienleben, ich liebte die Menſchen. Ich war den Meinigen allen von ganzem Herzen zugethan; nur ungern hätte ich mich von ihnen getrennt; ich wollte noch einen Verſuch machen. Aber kaum befand ich mich in meinen früheren Umgebungen, als meine ganze Krankheit, meine ganze Plage ſich wieder einſtellte. Ich wurde aufs Neue mir ſelbſt und meiner Umgebung zur Laſt. Meine Nächte waren ſchlaflos und mein kurzer Schlummer von qual⸗ vollen Träumen beunruhigt. Meine Körperkraft ſchwand dahin. Schauerliche Geſtalten ſchwebten mir vor und jagten mich gleichſam durch Feuer und Waſſer. Sie concentrirten ſich endlich in eine einzige fire Idee. Wa⸗ chend oder ſchlafend, arbeitend oder ruhend ſah ich unauf⸗ hörlich ein Paar unheimlich flammende, hoͤlliſch durch⸗ dringende Augen vor mir, die mich unausgeſetzt firirten mit dem Blick und der Kraft, welche man der Schlange der Wüſte gegenüber von einem Menſchen zuſchreibt, den ſie ſich zum Raube auserſehen hat. Ich fürchtete ein Narr zu werden. Furcht iſt jedoch nicht das rechte Wort. Ich war zu unglücklich, um etwas zu fürchten, am Allerwenigſten die Bewußtloſigkeit. Ich erinnerte mich zwar der Worte des Alten und ſeiner Vorſchriften, allein es fehlte mir an Kraft, um darnach zu handeln. Bei jedem Schritt glaubte ich, es eröffnen ſich Abgründe zu meinen Seiten. Ich hatte 317 einen jungen Bruder, gut und ſchön, wie ein Engel. Er liebte mich. Ich war ſein Lehrer geweſen. Ich konnte es nicht mehr ſein, aber er ſuchte mich dennoch. Ich ſteckte ihn an., Er ſah auf mich und ſein Weſen ſog all⸗ mälig die Unſicherheit des meinigen ein. Ich ſah dieß. Ich wollte ſterben, aber ich konnte nicht! Ich wollte gehen, aber ich konnte nicht! Jener Dämon war über mich gekommen, den Göthe im zweiten Theil ſeines Fauſt alſo ſprechen läßt: Wen ich einmal mir beſitze, Dem iſt alle Welt nichts nütze, Ewiges Düſter ſteigt herunter, Sonne geht nicht auf, noch unter; Bei vollkommnen äußern Sinnen Wohnen Finſterniſſe drinnen. Und er weiß von allen Schätzen Sich nicht in Beſitz zu ſetzen, Glück und Unglück wird zur Grille, Er verhungert in der Fülle; Sei es Wonne, ſei es Plage, Schiebt er's zu dem andern Tage, Iſt der Zukunft nur gewärtig, Und ſo wird er niemals fertig. Soll er gehen, ſoll er kommen? Der Entſchluß iſt ihm genommen; Auf gebahnten Weges Mitte Wankt er taſtend halbe Schritte. Er verliert ſich immer tiefer, Siehet alle Dinge ſchiefer. Sich und Andre läſtig drückend; Athem holend und erſtickend; Nicht erſtickt und ohne Leben, Nicht verzweifelnd, nicht ergeben. So ein unaufhaltſam Rollen, Schmerzlich Laſſen, widrig Sollen, 318 Bald Befreien, bald Erdrücken, Halber Schlaf und ſchlecht Erquicken Heftet ihn an ſeine Stelle Und bereitet ihn zur Hölle.“ „Unſelige Geſpenſter!“ konnte ich mit Fauſt aus⸗ rufen. Wehe, daß ich nicht, wie er in dem Augenblick, da er durch den Anhauch des Dämons erblindet ſagen konnte: Die Nacht ſcheint tiefer, tief hereinzudringen, Allein im Innern leuchtet helles Licht; Was ich gedacht, ich eil' es zu vollbringen! Eines Abends, als ich in die tiefſte Düſterkeit ver⸗ ſunken da ſaß, fiel mir, ich weiß nicht mehr wie, eine Legende vom St. Rochus in die Hände. Ich will ihren Inhalt mit wenig Worten berichten. Der heilige Rochus wurde in Montpellier geboren, und zeichnete ſich früh durch Gottesfurcht, reine Sitten und fleißiges Studium aus. Nach dem Tode ſeiner El⸗ tern ſchenkte er ſein bedeutendes Vermögen einem armen Verwandten, nahm den Wanderſtab in die Hand und be⸗ gab ſich nach Florenz, wo die Peſt wüthete. Hier ver⸗ richtete er Wunder und machte durch Gebet und Hände⸗ auflegung Viele geſund. Endlich wurde er ſelbſt von der Seuche ergriffen und litt ſo grauſame Schmerzen, daß er ſich nicht enthalten konnte laut zu ſchreien. Als er aber merkte, daß er dadurch die Kranken im Hoſpital ſtörte, ſchlich er ſich unbemerkt hinaus und ſetzte ſich vor das Thor. Die Vorübergehenden hielten ihn für wahn⸗ finnig und er wurde aus der Stavt getrieben. Ermattet und elend fiel er unter einem Buchsbaum zuſammen. Hier ſprang eine Quelle aus der Erde, an der er ſeinen Durſt löſchte. Auf einem Landgut nicht weit davon bemerkten eines Tags die Leute im Haus, daß der Hofhund mit einem großen Stück Brod fort ſprang. Beſtraft wegen ſeines Diebſtahls beging er ihn gleichwohl in ven folgenden —————— 38„—c„—„ ren, tten El⸗ men be⸗ ver⸗ we⸗ der daß ital vor hn⸗ ttet ier rſt ten nit en 319 Tagen wieder. Man fand die Sache auffallend und ſetzte den Gutsbeſitzer davon in Kenntniß. Dieſer beſchloß ſie zu unterſuchen und verfolgte eines Tags mit mehreren Leuten die Spur des Hundes. So kamen ſie an den Baum, unter welchem Rochus lag. Als dieſer ſie kom⸗ men ſah, rief er ihnen laut zu, ſie ſollen fern von ihm bleiben, denn er habe die Peſt und werde ſie ſicherlich an⸗ ſtecken. Der Gutsherr, Gianozzo mit Namen, ließ ſich hievon nicht abſchrecken. Er ließ Rochus in ſein Haus tragen und verpflegte ihn, bis er vollkommen wieder her⸗ geſtellt war. Hierauf begaben ſich Beide nach Florenz, wo Rochus nach wie vor die Kranken heilte. Dort weihte er auch Gianozzo in die Strenge des Eremiten⸗ lebens ein. Nach vieljähriger Entſagung und Uebung der Barm⸗ herzigkeit wandelte ihn die Sehnſucht an, ſeinen Geburts⸗ ort wieder zu ſehen. Er kehrte dahin zurück, während Krieg im Lande war. Man hielt ihn für einen Spion; er wurde feſtgenommen und in ein hartes Gefängniß ge⸗ worfen. Aber Rochus pries Gott für ſein Leiden und blieb ruhig und freudig in Ihm. Nachdem er fünf Jahre in einem finſtern, abſcheulichen, unterirdiſchen Loch zuge⸗ bracht, fühlte er, daß ſein Tod nahte, und verlangte mit einem Prieſter ſprechen zu dürfen. Als dieſer in ſein Ge⸗ fängniß trat, ſah er es von einem hellen Schein erleuch⸗ tet, und über Rochus Geſicht lag ein göttlicher Glanz, der den Prieſter ſo beſtürzt machte, daß er ſogleich zur Erde fiel. Sodann eilte er fort, um dem Regenten von dem heiligen Mann zu berichten, den er ſo grauſam miß⸗ handelte. Bald verbreitete ſich das Gerücht unter dem Volke und eine zahlloſe Menſchenmenge ſtröͤmte nach dem Thurm, wo Rochus lag. Aber er hatte bereits ſeinen Geiſt aufgegeben.“ Was an dieſer einfachen Erzählung den größten Eindruck auf mich machte, war das Benehmen des hei⸗ ligen Mannes während ſeiner Krankheit. Er verließ fein Lager, die Bequemlichkeiten, die Pflege, die er genoß, 325 und ging aus dem Hauſe, um Andere nicht durch ſein Leiden zu ſtören. Allein und von vielfachen Schmerzen heimgeſucht, ſuchte er dennoch diejenigen, die ihm zu Hülfe kommen wollten, von ſich zurückzuhalten, weil er fürchtete, ihnen zu ſchaden. Ich las dieſe Stelle zu wie⸗ derholten Malen und wie?— War ich nicht ſelbſt gleich ihm von einer unglückſeligen Krankheit ergriffen? Wirkte ich nicht peinlich auf diejenigen, die mich zunächſt um⸗ gaben? Störte ich nicht die Ruhe derer, die mir wohl wollten? Er ging aus dem Hauſe, er litt Noth, um Andere zu ſchonen, er machte ſich aus dem Wege, um ihnen Ruhe zu verſchaffen. Warum ſollte ich nicht das Gleiche thun? Wie handelten in früheren Zeiten die Aus⸗ ſätzigen? Mußten ſie nicht auch die Menſchen fliehen und waren doch bloß krank, bloß unglücklich? Auch ich war unrettbar krank— ich ſteckte Andere an— ich mußte fliehen. Ja ich wollte es! Das Bewußtſein, meinen Lie⸗ ben eine Wohlthat zu erweiſen, ſtärkte mich zu einem Entſchluß, wozu bloße Klugheit mich niemals vermocht hätte. Ich wollte gehen— ach es geſchah ja, um mein Haus zu ſegnen! Ich wollte meine Lieben befreien— mochte aus mir werden, was Gott gefiel. Ich ſchrieb meinen Eltern, ſetzte ihnen meinen Zu⸗ ſtand und meinen Entſchluß auseinander und verſprach, einſtens zu ihnen zurückzukehren. Ehe ſie meinen Brief erhielten, war ich ſchon weit weg. Ich nahm einen an⸗ dern Namen an und verheimlichte meinen Weg. Ich kam in dieſe Gegend. Sie gefiel mir, denn ſie war einſam und wild. Ich baute mir hier mit geringen Mitteln eine Wohnung. Was ich beſitze, was ich angepflanzt, haben Sie geſehen. Alles iſt meine eigene und Beckaſins Arbeit. Er war mein einziger Freund und Diener. Ich lebte von meiner Hände Arbeit. Sie ſtärkte mich und zwang meine Gedanken, aus ihrem finſtern Verſteck hervorzukommen. Mein Leben, meine Einſamkeit wurden mir lieb. Ich hörte die Stimme der Wüſte, den gewaltigen Sturm— einen bewußtloſen Ton aus der Bruſt des Allmächtigen. 8 E ſe ſe A C ð n n b e—— 324 Sein Geſang machte meine Bruſt ſich erweitern. Ich ſah über mir das blaue Auge des Himmels ſo groß, ſo ſchön— es forſchte nicht, es ſpionirte nicht, wie das des Menſchen. Ich las Gottes Wort in den Blumen, in den Gräslein;— ſie fragten nicht, ſie beleivigten nicht! Die Felſen ſtanden ſo hoch und ruhig um mich her. Ich wanderte in den tiefen Wäldern und ihr Sauſen wiegte meine Seele zur Ruhe. Alles war groß, friſch und un⸗ bekümmert um mich her; Alles lebte ſein eigenes, ſtilles, ungeſtörtes, kräftiges Leben. Es durchdrang mich mit ſeiner Friſche. Meine Seele richtete ſich auf und athmete! Ich ging in die Kirche, um den vortrefflichen Herbey zu hoͤren. Ein Zufall ließ mich ſeine perſoͤnliche Bekannt⸗ ſchaft machen. Er hat ſehr wohlthuend auf mich ge⸗ wirkt. An ſeiner Seite befand ich mich wohl und alle Unſicherheit verſchwand. Ich empfand das Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden. Ich ſammelte Thiere um mich her. Ihre Blicke ſtörten mich nicht und ſie wurden von den meinigen nicht geſtört. Sie empfingen ihr Futter aus meiner Hand und leckten ſie dankbar. Sie freuten ſich, wenn ſie meine Stimme horten. Meine Seele wurde von ihren Spielen erquickt. Ich lehrte ſie Verträglich⸗ keit, machte ihr Leben glücklich und ihren Tod kurz und ſanft. Ich theilte meine Zeit zwiſchen die Verpflegung dieſer Geſchöpfe, und meine Arbeit; bald gewann ich auch wieder Seelenruhe genug, um mich mit Lectüre beſchäfti⸗ gen zu können. Allmälig fühlte ich— o welche Wonne! — daß der Dämon, der meine Plage geweſen war, von mir wich, und an ſeiner Stelle beſuchte mich ein holder, ein freundlicher Geiſt, der die Schönheit der Natur für mich erhohte, und meine Einſamkeit mit ſeinem Reichthum erfüllte. In Geſellſchaft mit der Natur, ihre friſchen Quellen trinkend, von ihrem mächtigen Leben erwärmt, fühlte ich mich Dichter. Mit dem Sturm, mit dem Ge⸗ ſange der Vögel und dem Geſumme der Inſekten ſtiegen Gefühle, Gedanken und Bilder in mir aufz ſie kleideten Bremer, Rina. 21 322 ſich in Worte und aus der Tiefe der Wüſte erhob ſich die Stimme eines vor Kurzem noch ſo Unglückſeligen, um in ſeinem und der Natur Namen in Lobgeſängen den Schöpfer für die Gabe des Lebens zu preiſen. Nie habe ich Gott ſo geliebt, ſo angebetet, wie in dieſer Einſamkeit. Sieben Winter und ſieben Sommer waren verfloſ⸗ ſen, ſeit ich in meine geliebte Einſiedelei eingezogen. Meine Seele war geſtärkt, mein Verſtand hatte ſich in pieſer Zeit mit einigen Kenntniſſen bereichert. Eine lieb⸗ liche Ruhe war über mich gekommen. Mitunter empfand ich eine Sehnſucht nach der Geſellſchaft gebildeter Men⸗ ſchen. Ich ahnte, daß ich eines Tags würde unter ſie zu⸗ rückkehren konnen, ohne ein ſtörender Geiſt zu ſein. Es ſchimmerte mir eine freundliche Hoffnuug vor, daß auch ich eines Tags eine Gattin und Freunde beſitzen könnte. Ein Zufall führte vor kurzer Zeit ein Weib in meine Hütte;— ſeit dieſem Augenblick kann ich nur noch an ſie denken. Nicht ſie war es, die göttlich Schöne, die man wie eine Unſterbliche anbeten möchte; die Andre war es mit dem Frieden auf ihrem Geſichte und in ihrem ganzen Weſen, die ohne Schönheit gleichwohl alle Sinne entzückte, die das Herz ſo ruhig und ſanft ſchlagen machte, die Alles zu heiligen ſchien, was ſie berührte! deren Blick ſo mild, deren Worte ſo gut waren; die freundlich war gegen mich; die mir beim Abendeſſen half; die es nicht verſchmähte, auf der Matte zu ruhen, welche ich ausbrei⸗ tete. Sie iſt es! Mein Herz geräth in Unruhe bei dem Gedanken an ſie. Ich empfinde eine unausſprechliche Zärt⸗ lichkeit für ſie. O könnte, o wollte ſie meine Gattin wer⸗ den! An ihrer Hand würde ich mich nicht fürchten, wie⸗ der in die Welt zu treten— ſie würde mein guter Engel ſein. Mit ihr würde es mir darin nicht mehr ſein, als befände ich mich in einer Wüſte. Mit ihr, bei ihr, über⸗ all an ihrer Seite würde ich mich heimiſch und glücklich f d r b c 1 6 sbrei⸗ i dem Zärt⸗ nwer⸗ „wie⸗ Engel „ als über⸗ ücklich 323 fühlen. Ich, habe Ruhe in ihr— eine Ruhe, die da macht, daß ich fern von ihr nur Unruhe habe; daß meine Hütte mir arm und leer erſcheint, und die Thiere um mich her beinahe wie gewoͤhnliches Vieh. Wie ſchoͤn, wie liebens⸗ würdig iſt nicht neben ihnen der Menſch! Ich bin nicht arm. Ich kann meiner Gattin eine behagliche Stellung im Leben anbieten. Ich weiß, was ich thun will. Mor⸗ gen verlaſſe ich meine Hütte, ich will zu meiner Familie zurückkehren, will mich wieder unter den Menſchen verſu⸗ chen, will meine Kraft prüfen. Sollte ich mich wieder unglücklich fühlen, wie früher, dann will ich in meine Einſamkeit zurückkehren, meine Thiere pflegen, Gott prei⸗ ſen und dort ſterben. Fühle ich aber, daß ich meine Krankheit überwunden habe, oder daß ich die Macht be⸗ ſitze, ſie zu beherrſchen, o dann will ich zu ihr, die ich liebe, gehen und ſagen:„Klara!“ Ich habe dich ſo nen⸗ nen gehoͤrt und wie gut paßt nicht vieſer Name für dich! Holde, gute Klara, werde meine Gattin. Ich werde mein Leben dazu weihen, dich glücklich zu machen.“ Wie tief errötheten nicht Klaras Wangen, als ſie die⸗ ſen Schluß las, der ſie eben ſo überraſchte, als rührte! Hervey hatte das Manuſcript der Familie auf Umenäs übergeben, und nächſt Klara las es Niemand mit ſo viel Intereſſe, als die Baronin H.„Nun Klara,“ ſagte ſie, als ſie es wieder zuſammengelegt;„was hälſt du von dieſem letzten Einfall?“ Klara ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann lächelnd:„Wir wollen die Sache mit einander in Berathung ziehen, wenn er wieder kommt. Einen guten Menſchen glücklich zu machen, iſt wirklich eine Sache, über die man ſich wohl befinnen darf.“ „Doch wollen wir uns lange, recht lang auf dieſe Handlung der Wohlthätigkeit beſinnen,“ verſetzte die Ba⸗ ronin, die ganz andere Pläne mit Klara hatte und an der Liebeserklärung des Koloniſten kein beſonderes Wohl⸗ 324 gefallen fand. Etwas gereizt fuhr fie fort:„Was iſt auf einmal aus deiner Angſt vor der Ehe geworden, Klara 2 Haſt du ſie im Walde droben gelaſſen?“ „Nein, aber du haſt ſie mir genommen. Warum haſt du mich ſeit einem Jahre das Erdenleben ſo ſchön und gut ſinden laſſen, daß ich keine ſo große Furcht mehr habe, mich darin häuslich niederzulaſſen?“ „Klara, meine gute, liebe Klara! Heirathe, wen du willſt, aber verſprich mir nur, daß deine Nieverlaſſung in meiner Nähe ſein wird, ſonſt laufe ich meinem Manne davon; das ſage ich dir und das will ich auch ihm ſagen.“ * Maitage. Der Herr des Himmels ſchritt mit der Schöpfung der Dinge vorwärts und offenbarte ſich im vollen Frühling. Konfucius. Und der Winter ging und der Frühling kam— vielleicht bemerkt Jemand, daß dieſes abſonderliche Er⸗ eigniß in jedem Büchlein aus dem Alltagsleben wieder⸗ kehrt. Aber darf man ſich darüber wundern? Es iſt etwas ſo Liebenswürdiges um den Frühling. Die Erde wird ſeines Beſuches nicht überdrüſſig; werde es der Le⸗ ſer auch meiner Beſchreibung nicht. In der Tiefe der Erde gähren die Säfte. Die Ele⸗ mentargeiſter fahren darüber hin, locken, winken und mahnen. Es verlangt ſie, in irdiſcher Geſtalt zu blühen und jeder in ſeiner Art ihr ſchönes Leben auszuſprechen. Die Sonne, die Ewige, lächelt über den Spielen des Erdenlebens und ſegnet und begießt jedes Weſen mit ihrer Fluth von Licht und Wärme. Und die Säfte ſtei⸗ gen liebeswarm gegen das Licht auf, um ſich von den Geiſtern bilden zu laſſen, und weben ſtille ihre herrlichen der und Fr⸗ er⸗ iſt rde Le⸗ le⸗ ind hen en. des nit tei⸗ den hen 325 Geſtalten— ſtille, ohne Mühe, ohne Unruhe:— ſo webt, ſo bildet auch das Genie ſeine ſchönſten Erzeugniſſe. Der Augenblick iſt da und die Natur ſchlägt ihren Kranz von ſtillen Wundern aus. Da ſprießt das Laub hervor, vollendet bis in ſeine kleinſten Theile, ein Kunſtwerk ſo gut, als die größte der Welten. Aus dem Schooß des harten Felſen ſchwellen Mooſe auf und machen ihn weich. Das Blümchen öffnet ſeinen Kelch; ein Myſterium von Schönheit, unergründlich für den Blick ves Menſchen, wie ſein Schöpfer. Summend breiten die Inſekten ihre Purpurſchwingen aus in dem freien Raum— ſie ſind die Freigebornen der Natur und darum fingen ſie. Alles ſo groß, ſo ſchon im Allerkleinſten. Jeder einzelne Theil ſo Lollendet und das Ganze der Reichthum, die Mannigfaltigkeit, die Harmonie, die Herrlichkeit des Lebens— wer kann ſie faſſen? Wer kann ſie ver⸗ ſehyn Unſterblicher Thorild, lehre mich wenigſtens ſie preiſen! Berrlicher Glanz der Natur! O Gottes Seligkeit! O das ewig ſich ergießende Leben! Heilige! in dir Wimmeln Geſchöpfe, Begierden, unergründlich lebt lles Lebet der Ewige! Ach, ergieße, Quelle der Schönheit, Ueber die Welt veinen Glanz, deines Weſens leuchtenden Ausvruck! Allbelebender Geiſt! Hauch Gottes, in mir und um mich! Hauch des Herrn, und Leben der Roſ' und Freude des Lichtes, Und des Staubes belebende Kraft! Allherrlicher, Guter! Jedes Geſchöpf hat den eigenen Kreis von Güte und Schönheit, Iſ im Staube ſelbſt Gott! So zieht es Alles zu ſich hin, Schafft eine Welt um ſich, eine eigene Ordnung der Dinge, 326 Eigene Ordnung des Guten, Vollkommenen, ſteigender Schonheit Für ſein ſchimmerndes, flüchtiges Weſen. Wirket und e ſchaffet Nach ſeiner Faſſungskraft ſein Selbſt, ſeines fühlenden Sinnes Leben, Genuß und Wohl! O Harmonien ohn' Endel Eine iſt ewig und wahr, die: Gottes, des Großen, des Ganzen!“ Das find gotttrunkene Worte. Verdolmetſchen ſie das Leben, verdolmetſchen ſie das Gefühl vollkom⸗ men? Ach! Der Frühling im Norden iſt nicht, wie in ſüdlicheren Ländern, ein langſames Erwachen aus einem tiefen Schlaf. Er bricht auf einmal aus wie ein jugendvliches, friſches Lachen. Geſtern lag noch die Schneedecke über dem Bo⸗ den, heute iſt ſie verſchwunden, und das Gras ſteht grün und die Bäume belaubt. Wie die Schneehühner lachen in den dampfenden Wäldern, wie die Auerhähne ſpielen, wie die Droſſeln ſingen, wie die Birken duften! Die Thä⸗ ler füllen ſich mit einfachen Roſen und Linneen, die Berge kleiden ſich mit Bergveilchen, weiße Waſſerroſen ſchaukeln ſich auf den Wogen, die Goldweide ſchmückt ſich mit goldgelben Blumenknöpfen. Der Himmel ſchwimmt in einem Meer von Licht. Die Sonne will nicht untergehen, die Nacht zeigt ihr Antlitz nur auf einen Augenblick und verſchwindet. In dieſen Dämmerungsſtunden flammen die Spitzen der Schneeberge und beglänzen die Thäler mit wunderbarer Klarheit. ²) Ein inneres Entzücken durchbebt die Natur. Es iſt ein ſprühendes Leben von Licht, Wärme und Wohlgeruch, worin alle Weſen, vom Menſchen bis zum Inſekte, mit wolluſtvoller Freude athmen. In dieſer düftereichen Welt, in dieſer Luft voll Geſang, unter dieſem Himmel von Licht ſtand Nina. *) Siehe die Einleitung in die Geſchichte des ſchwediſchen Reichs.„ 327 Nina, die Sonnentochter, die Licht und Wärme Begeh⸗ rende, ſtand verwundert und entzückt da über dieſes ſtarke, wunderbare Leben, und ihr Weſen oͤffnete ſich blumenähn⸗ lich, um es entgegenzunehmen. Zu ihrer Seite ſtand Her⸗ vey. O wie dieſer Augenblick des Lebens für Beide ſchön war! Sie liebten ſo tief, ſo innig, und ſchweigend und warm liebte und lebte mit ihnen die Natur. Alles war ein hoher, harmoniſcher Akkord. Sie ſprachen nicht von dem, was ſie für einander fühlten; ſie gaben ſich ſelbſt keine Rechenſchaft davon. Ein Wort hätte ihre himmel⸗ reine Seligkeit vielleicht gelöſcht. Sie waren einander nahe, ſie waren beiſammen, das war ihnen genug. Oft ging ſie ſtill und trunken von der lieblichen Fülle ihrer Gefühle dahin; oft ließ aber auch Hervey ſeiner natür⸗ lichen Beredtſamkeit, die ſeine Liebe zu Nina noch reicher machte, freien Lauf. Wie warm, wie voll umfaßte nicht Hervey Alles! Wie bedeutungsvoll wurden nicht die Gegen⸗ ſtände, die er berührte! Der Fels erſchloß ſeine Schätze, das Brauſen des Meeres erhielt Bedeutung, die Bahnen der Sterne, die Wege der Menſchen und das ſtille Leben der Korallen, Alles kam geordnet, hell und ſinnvoll aus ſeiner klaren Seele. Sein Blick lag wie ein Sonnenſchein über dem Leben. Und jenes tiefe, ewige Thema zu allen Variationen der Schöpfung— Gott! Ihn ſah Hervey ſie Alle durchdringen; von ihm gingen ſie aus, zu ihm gingen ſie zurück, reiche und liebevolle Offenbarungen vom Leben des Ewigen. An Ninas Seite, von ihr begei⸗ ſtert wurde Hervey der Skalde, der Verherrlicher der Natur. Und ſie? Entzückt und ſelig ging ſie an ſeiner Seite und lauſchte ſeiner Stimme, ſeinen Worten. Wie ſchön zerſtreute nicht das Licht in ſeinem Blick die Nebel in ihrer Welt! Wie klar, wie freunvlich wurde ſie nicht! Es ward ihr ſo warm, ſo lieblich, ſo unendlich wohl um das junge Herz. Es ſchlug hoch in bisher ungekannter Wonne und Lebensluſt. In ſolchen Augenblicken entwickelte Ninas ganzes Weſen ſeine Blüthe. Die Farben der Roſe 328 ſchlugen auf ihren Wangen aus; ihr Auge vertauſchte ſeinen dunkeln Blick gegen eine Flarheit, wie die des Frühlingshimmels über ihr; ihr Wuchs, ihre Formen be⸗ kamen eine ſchöne Fülle. Eine entzückende Heiterkeit be⸗ lebte ihre Bewegungen und Worte. Sie war ein leben⸗ 2 Bild der Glückſeligkeit. Ebenſo Hervey an ihrer eite. Und wenn dieſe Blüthenzeit des Lebens auch nur einen Morgen währte, ſo iſt es doch ſchön, ſie genoſſen, ſeine Bruſt in Frühling und Liebe gebadet, die Herrlichkeit ves Lebens verſtanden zu haben. Dieſe ſtrahlende Morgenröthe wirft einen Zauber auf das ganze übrige Leben. Man erträgt ſeinen erdenſchweren Tag beſſer, wenn man die Fülle einer Stunde gehabt hat, wenn das Herz ſich ein einziges Mal mit Freuden geſättigt, wenn es ein einziges Mal genug gehabt hat. Vielleicht denkſt du nicht ſo, du, der du nach einem Leben der Entſagung beim ſtillen Ster⸗ nenlicht eines Abendhimmels dahinziehſt und einem Mor⸗ gen entgegengehſt, deſſen Klarheit nicht erbleichen wird. Und du haſt vielleicht Recht. Ich bin geneigt, es zu glauben. In einem ſüdlicheren Lande wäre eine Liebe, wie die Herveys und Ninas, bald in Flammen ausgebrochen. Sie hätte mit vulkaniſcher Kraſt alle Feſſeln, vielleicht auch heilige Bande geſprengt und die Hochzeitsfackel oder den Scheiterhaufen angezündet. In dem ſtillen, ernſten Norden, wo ſie entſtand und ſich entwickelte, nahm ſie eine andere Geſtaltung an. Haſt du zuweilen Bäume un⸗ gleicher Art geſehen, die aus verſchiedenen Wurzeln em⸗ porgeſproſſen, gleichſam von einer unwiderſtehlichen An⸗ ziehungskraft getrieben, ihre Stämme an einander drücken, immer dichter und inniger, bis Eine Rinde Beide um⸗ ſchließt, und man kaum mehr die Stelle erkennt, wo ſie zuſammen gewachſen ſind? Die zwei ſind Eins und keine menſchliche Macht kann ſie mehr trennen, ohne zugleich auch ihr Leben zu zerſtören. Mit einander ſaugen ſie die Säfte der Erde ein, ihre Zweige find zu einer 329 gemeinſchaftlichen Krone verflochten, dieſelbe Schneedecke bedeckt ſie in der Nacht des Winters, dieſelbe Sonne be⸗ freit ſie wieder davon, derſelbe Wind ſchüttelt ihre Wipfel und dieſelben Sänger ſuchen Schutz unter ihrem Laub⸗ werk. Erkennen ſich glückliche Eheleute wieder in dieſer Schilderung? Mögen ihrer Viele ſein! Mogen ſie lange leben auf Erden! Sie gewähren einen Anblick, welcher lieblich iſt in den Augen Gottes und der Menſchen. So tief, ſo ſtill, ſo innig war das Gefühl, das Hervey und Nina vereinigte. Und eben, weil es ſo tief war, blieb es lange Beiden ein Geheimniß. Es kam nicht über ſie, wie ein fremdartiges Gefühl, es ſtieg auf, wie die Wirklichkeit und Verklärung ihres Lebens, wie die innerſte Wahrheit ihres Weſens. Nina gab ſich blind einem Gefühle hin, welches ihr das Leben ſelbſt war und den Himmel öffnete. Die Er⸗ innerung an frühere Verbindungen erloſch gleichſam in ihrer Seele; ſie wußte Nichts davon, ſie dachte nicht daran. Hervey war ihre Welt, ihr Leben, ihr Schickſal, ihr Alles. Aber ſie dachte das Wort Liebe nicht. Und als Hervey es dachte, als es ihm klar wurde, welches Gefühl ſein Herz erfüllte, da faßte er bloß den feſten Entſchluß, ihren Frieden nie zu ſtören. Er fühlte Kraft genug in ſich, um die Leidenſchaft in ſeiner eignen Bruſt zu beſiegen, wenn er ihr nur nahe ſein, ſie ſtützen und ihre Welt erleuchten durfte. Er konnte für die Macht, die er über ſie ausübte, nicht blind ſein, aber er nannte ihr Gefühl nicht Liebe. Auch war es nicht Liebe, was er bei ihr zu erwecken wünſchte; er konnte nicht wün⸗ ſchen, ihr Leben mit dem ſeinigen zu vereinigen, an wel⸗ ches ſich ein düſterer Schatten angehängt hatte, ein un⸗ abweislicher, undurchdringlicher Schatten, der fürchterlich hervortreten würde in dem Augenblick, da er Nina und mit ihr die Seligkeit ſuchte. Er wies dieſen Gedanken weit, weit von ſich. Aber er fühlte das Bedürfniß, ihr wohlzuthun, ſie mit dem Beſten, was er beſaß, zu ſegnen, 330 mit ſeinen Kenntniſſen, mit ſeinem Herzen. Er wollte ihr Alles geben, und begehrte Nichts dagegen. Ihre Zuneigung war ihm angenehm, angenehmer und nothwenviger viel⸗ leicht, als er ſich ſelbſt geſtand. Es lag in Herveys Seele ein ſo tiefes Bedürfniß, glücklich zu machen, daß ſchon die Befriedigung dieſes ſeinem Herzen genug war. Deß⸗ halb dachte er ſo wenig an das, was man ihm zurückgab, deßhalb las er das Wort Liebe nicht, das dreifach ge⸗ ſchrieben ſtand in dem himmliſchen Lächeln, welches Ninas Lippen bei ſeiner Ankunft theilte, in ihrem ſtrahlenden Blick, in dem Glanz der Wonne und Seligkeit, der ſich dann über ihr ganzes Weſen ergoß. Aber er kam jeden Abend, um dieſen Anblick zu ge⸗ nießen, wie der Hirſch nach der Hitze des Tages nach der friſchen Quelle verlangt, wie der Erdenpilger ſich nach ſeinem Himmel ſehnt, wenn ſein Arbeitstag ſich zu Ende neigt. Mit freundlicher Ungeduld mahnte er ſeine Schwe⸗ ſter Marie, ſich fertig zu machen, und legte dann eilen⸗ den Schrittes den Weg von Tärna nach Umenäs zurück. Bei Ninas Anblick wurde er ruhig. Klara und ſie wa⸗ ren meiſtens ſchon bereit zu einer Wanderung in die wilde, aber romantiſch ſchoͤne Gegend, wo Herveh jeden Weg und Steg kannte. Sie gingen alſo zuſammen. Bald theilte ſich die kleine Geſellſchaft. Ninas Arm ruhte in dem Herveys. Sie gingen voraus, während irgend etwas Beſonderes Klaras Schritte lähmte. Sie blieb mit Marie zurück und lauſchte mit einem milden melancholiſchen Lächeln dem Thema, das beſtändig mit ſo inniger Liebe über Mariens Lippen kam,— ihren Geſprächen über den geliebten Bruder, ſeine Worte, ſeine Handlungen, ſeine Zärtlichkeit, ſeine Beſorgtheit, ſo wie die Liebe und das Vertrauen, das ihm Jedermann ſchenkte. Nina liebte es, mit Hervey von Edla zu ſprechen. Sie ſchilderte dieſelbe als ein hoheres Weſen, unerreich⸗ bar für die Freuden und Leiden der Erde; ſtreng und doch mild; tief, aber klar; ihre guten Handlungen ver; — ——„n— — 331 bergend, wie Andere ihre ſchlechten; einfach, aber unge⸗ wöhnlich; mit Niemand vergleichbar, als mit ſich ſelbſt. Sie ſprach von ihrer früheſten fröhlichen Kindheit an der Seite der geliebten kleinen Schweſter, von ihrem lang⸗ jährigen geſchwächten Zuſtande nach dem Tode derſelben, von Edlas Einfluß auf ſie. Ihre Lippen weigerten ſich jedoch das auszuſprechen, was ihre Seele mit tauſend Stimmen wiederholte, daß ſie jetzt erſt des Lebens Schön⸗ heit verſtehe, jetzt erſt jung und glücklich ſei, jetzt erſt von ganzem Herzen den allgütigen Geber des Lebens liebe und das Gute, die Tugend, die ihm gefiel. Hervey hörte ihr mit ſtillem Vergnügen zu und freute ſich über ihre ſchöne Seele, die offen vor ihm lag, wie ein klarer Spie⸗ gel. Er lauſchte mit Entzücken dieſer melodiſchen Stimme, dieſer reinen und doch ſo einfachen Sprache. O wie ſeine Seele ſie liebte! Oft führte er Nina in die neuen Anlagen, die er machte, oder zu deren Ausführung er andere aufmunterte. Es war ihm, als bedürfte das neugepflügte Land, die neuangelegten Waideplätze und Blumenpflanzungen der ſegnenden Blicke Ninas ſo nothwendig zu ihrem Gedeihen, wie der Sonne des Himmels. Mancher erblickt die Größe des Lebens und Gottes Kraft nur in den großen Auf⸗ tritten der Geſchichte, die Herrlichkeit der Natur nur in feſtlichen Scenen, in ihren blendenden Erſcheinungen. Hervey ſah nichts Höheres im menſchlichen Leben, als was auch die Hütte aufweiſen kann; er erblickte auch in der Entwickelung der Inſectenlarve, in dem keimenden und reifenden Saatkorn die ganze Kraft und Ordnung der Natur, ihr tiefes, ihr göttliches Leben. Er machte Nina aufmerkſam darauf, und lehrte ſie einſehen, wie groß der Schöpfer auch im Allerkleinſten iſt, wie klar und doch wie unergründlich. Er theilte ihr ſeine Plane für die Kultivirung der Gegend und ihre Bewohner mit; er fragte um ihre Anfichten, und wollte ihren Rath hören. Ninas Blick für das praktiſche Leben ward mit jedem Tage umfaſſen⸗ der und ſicherer. Sie wurde belebt von Herveys Leben, und intereſſirte ſich für ſeine Unternehmungen, ſo wie für alle Diejenigen, welche die Grundeigenthümer der Gegend nach ſeinem Beiſpiele ausführten. Gott ſei Dank! Tu⸗ gend und Fleiß ſind noch anſteckender, als die Peſt und vas Laſter. Das Leben eines evlen Baumes kann hundert wilden eingeimpft werden, und veredelt ſie alle. Durch Herveh bekam Nina dieſes lebendige Intereſſe für Men⸗ ſchenwohl, das der edelſte Charakterzug des Menſchen iſt. Oft machten ſich die jungen Freundinnen vas Ver⸗ gnügen, bei den neuen Anlagen zum Schmuck der wilden Umgegend von Umenäs mitzuarbeiten. Es wurde ein Fußſteig in ein ſchones Thal hinab gemacht und vort am Fuß eines Felſen, nicht weit vom Hafen, eine Raſenbank angelegt. Eine hohe Goldweide verlieh ihr Schatten, eine klare Quelle rieſelte in ihrer Nähe und üppige Hecken von wilden Roſen zogen ſich auf beiden Seiten an den Felſenwänden hin. Dieſes Plätzchen, das Nina beſonders liebte, wurde Ninasruh genannt. Hie und da bemerkte Nina, daß eine ſcheinbar un⸗ bedeutende Frage oder Bemerkung Herveys Ruhe ftörte. Ein Ausdruck des Schmerzes breitete ſich dann über ſein Geſicht. Er ſchwieg lange und ſchien nur mühſam ſeine frühere Stimmung wieder zu erringen. Nina nahm ſich vor, mit ihren Worten recht behutſam zu ſein; da ſie aber dieſen leidenden Ausdruck, der ſie ſo tief ſchmerzte, hervorrief, wenn ſie es am wenigſten ahnte, ſo beſchloß ſie, offen mit ihm darüber zu ſprechen. „Es begegnet mir oft,“ ſagte ſie ihm eines Tages, „daß ich etwas ſage, was Ihnen wehe thut und eine ſchmerzliche Erinnerung bei Ihnen zu erwecken ſcheint. Ich bitte Sie, lehren Sie mich dieß vermeiden.“ Er fah ſie liebevoll an und ſagte dann:„Das kön⸗ nen Sie nicht, und kann überhaupt Niemand. Ich muß dieſe Worte oft hören und unter ihrem Eindrucke leiden. Nur eine Bitte geſtatten Sie mir,“— und er blickte 333 ſie mit tiefem Ernſte an—„reden Sie nie mit mir von meinem früheren Leben, fragen Sie nie etwas über meine Perſon. Sie rufen ſonſt leicht einen Schatten herauf, der auch Gottes herrlichen Tag vor meinen Blicken ver⸗ dunkelt.“ .„Gütiger Gott!“ rief Nina mit erbleichenden Wan⸗ gen, indem ſie unwillkürlich ihre gefalteten Hände zu ihm emporhob. „Seien Sie ruhig,“ ſagte Hervey wieder mit ſeiner klaren Freunblichkeit;„es iſt ein Schmerz, aber kein bitterer, und ich weiß, mit welchen Worten dieſer Schat⸗ ten ſich beſchwören läßt. Indeſſen erfüllen Sie meine Bitte.“ „Das verſpreche ich Ihnen,“ antwortete Nina er⸗ geben; aber ihr Herz fragte:„Welcher finſtere Schatten kann wohl ſeinen Tag verdunkeln? O daß ich ihn ver⸗ jagen, daß ich mich zwiſchen ihn und Hervey ſtellen könnte! Ich wollte mein Leben für ſein Glück dahin⸗ geben.“ . Und was ſagten wohl die Gräfin Natalie und die . Baronin H. zu allen dieſen Spaziergängen und Unter⸗ n redungen? Gräfin Natalie hatte zwei große Zerſtreuungen: e erſtens ihre großen Parkanlagen, und zweitens den Ober⸗ h ſten Kugel, der ihr dieſelben ausführen half, und Steine e aus der Erde und Seufzer aus ſeinem Herzen wälzte, , Alles der ſchönen Beſitzerin zu Liebe. Der Oberſt war ß ein großer, ſchöner Mann, kräftig wie ein Löwe, naiv, böſe und gut, wie die Natur, ohne zu raiſonniren und 3, ohne Raiſon anzunehmen, eine Art Herkules, der, nach⸗ e dem er in ſehnigen Armen den nemeiſchen Löwen erdrückt, ch wohl zu den Füßen eines ſchoͤnen Weibes ſitzen und ſpinnen konnte. Die Gräfin betrachtete ihn zuerſt mit artiſtiſchem ⸗ Sinn, als eine Art Titan, dann aber mit wärmerem ß Intereſſe.„Dieſe großen Kinder,“ ſagte ſie,„ſind ſo n. erfriſchend! In unſerer erkünſtelten und übercivilifirten te Welt ſtehen ſie gleichſam als etwas Urſprüngliches und Unverfälſchtes da.“ 334 Die Gräfin ließ den Oberſten merken, daß ſie ihn erfriſchend fand; er wurde dadurch ganz belebt und aus lauter Entzücken über ihren guten Geſchmack verliebte er ſich am Ende ernſtlich in ſie. Sie nahm ſich vor, ihn zu bilden. Sie überzeugte ihn, daß er große Anlagen zum Philoſophen beſitze, und ermahnte ihn, verſchiedene Bücher zu ſtudiren, die ſie ihm lieferte. Der Oberſt ſtand alle Morgen um halb vier Uhr auf, ſtudirte und ſchrieb unter vielem Schnaufen, und ſpann lange Ideenfäden aus. Herkules hatte leichtere Arbeit bei ſeinem weichen Flachs. Die Gräfin verſtand es aber auch, den Oberſten für ſeine Mühe zu belohnen. Sie gehörte zu denjenigen Frauen, die eine wirkliche Ausſchweifung ſcheuen, aber ſich Viel erlauben, was daran grenzt. Geſchmeichelt, in ihrem Alter noch eine Leidenſchaft einzuflößen, ließ ſie ſich die Belebung und Unterhaltung derſelben mit einem Eifer angelegen ſein, der bald ihr Herz mit ins Spiel zog. Der Oberſt wurde ihr intereſſanter, als alle Werke von der Welt; allein ſie beſaß Weltliſt, der Oberſt war nicht ohne Kriegsliſt, auch im Umgang mit den Damen; Jedes wollte ſich des An⸗ dern verſichern, ohne gleichwohl ſich ſelbſt preiszugeben, und ſo brachten ſie die Tage damit zu, Kreuz⸗ und Quer⸗ wege in doppelter Beziehung anzulegen. Bei ſo bewandten Umſtänden war es der Gräfin lieb, alle Zeugen entfernen zu konnen, und ſie ſchenkte daher den Wanderungen ihren lebhaften Beifall. Nun müſſen wir zu dem Bekenntniß ſchreiten, daß auch die Baronin H. ihre Zerſtreuungen hatte. Sie waren indeß anderer Natur als die der Gräfin. Die erſte war ihr Mann. Ich frage, wer etwas dagegen einzuwenden oder daran zu tadeln findet, daß die beiden Eheleute jetzt noch weit mehr in einander verliebt waren, als vor der Hochzeit? Die zweite war ein noch ungebornes Weſen, ein künftiger Erbe von Paradies, deſſen Vorausſichtlichkeit den Baron in wirkliches Entzücken verſetzte und unſere weiland Fräulein Margarethe mit Rührung die tiefen Freuden des Muttergefühls ahnen ließ.„Aber dieſe Zer⸗ die 335 ſtreuungen werden wohl ihr Herz von Klara, von ihrer Freundin abwenden!“ höre ich eine Leſerin mißvergnügt rufen. Nein, du Gute! gewiß nicht. Sie hinderten ſie blos, Klara wie früher zu begleiten, und zogen ihre Auf⸗ merkſamkeit ein wenig von dem ab, was um fie herum vorging. Ueberdieß war Klara ruhiger und zärtlicher als je, und dachte an das Kind ihrer Freundin als wäre es ein eigenes. Klara befand ſich in Herveys Geſellſchaft auf Entdeckungsreiſen in der Umgegend. Die Baronin glaubte, Alles ſtehe ganz gut und ſei in der Ordnung. Mit der Gräfin und ihren Anlagen war ſie weniger zufrieden und ließ es nicht an recht ernſten Andeutungen darüber fehlen, die aber ſämmtlich auf ſteiniges Land fielen. Obgleich indeß die Geſellſchaft auf Umenäs meiſtens zerſtreut iſt, ſo folgt daraus nicht, daß ſie niemals zu⸗ ſammen eine Promenade gemacht hätte, und wir wollen ſie jetzt begleiten auf einen Spaziergang. Freude und Tugend Befeuern einander. Franzén. Es iſt ein ſchöner Sonnabend Nachmittag. Leicht weht der Wind, fröhlich ſingt der Vogel, lieblich duftet die Blume. Die Kuh verhüllt den Leib im Rohr, Verwickelt in dem Sumpfe, Der braune Ochſe wirft empor Die Wogen im Triumphe. Die Wieſe iſt ein Blüthenmeer, Durchtönt von Heerdenglocken,* Das Roß ſpringt munter hin und her, Das Schwein geht in den Roggen. 336 Wer möchte da zu Hauſe ſitzen? Die Gräfin Na⸗ talie nicht. Sie beſtimmt dieſen Tag zu ihrem erſten Beſuch im Pfarrhauſe zu Tärna, bei Herveys alter Mut⸗ ter. Die ganze Familie, den Oberſten mit inbegriffen, ſoll mitgehen. Der Hinweg ſoll zu Fuß, der Rückweg zu Wagen gemacht werden. Alles iſt in der beſten Laune. Der Oberſt ſchwitzt und pflückt Blumen für die Gräfin, die ihm dankbare Blicke zuwirft. Die Baronin wirft ihr einige ſcharfe zu, wird aber angenehm zerſtreut durch ihren Mann, der die liebenswürdigſte Aufmerkſamkeit für ſie an den Tag legt, ſeine Pfeife raucht, und ſo herzlich gut und vergnügt ausſieht. Filius. guter Gott, was haben wir aus Filius gemacht 2 Ach, es iſt wahr, wir haben es vergeſſen und bitten unſere Leſer ſehr um Ver⸗ zeihung, wir haben vergeſſen, daß er vor Baron H.'s Abreiſe von Paradies in eine vortreffliche Schule in der nächſten Stadt gegeben worden iſt, wo er zugleich Privat⸗ unterricht im Zeichnen genießt, und alle Gelegenheiten hat, ſein Talent ſowohl in großen, als in kleinen Compoſitionen zu entwickeln. Daß ihm durchaus Nichts abgeht und daß er nicht nur Nichts vom Herzen ſeines Pflegvaters ver⸗ loren, ſondern auch das ſeiner Pflegmutter noch überdieß gewonnen hat, das wagen wir allen geneigten Gönnern ſeiner Perſon und ſeiner Freskomalerei zu verſichern. Nina und Klara ſind frohlich wie die Kinder und fühlen wie Schweſtern mit und für einander. Die Gräfin unterſucht, wie es mit der philoſophiſchen Kultur im Kopfe des Ober⸗ ſten ausſieht. Sie ſpricht von Pascal, ſpricht von Coufin; der Oberſt geht auf alle ihre Iveen ein, denkt ganz ebenſo, findet ſublim und tief, was ſie ſublim und tief findet, und macht Rieſenſchritte in der— Gunſt ſeiner Lehrerin. Dort erheben ſich Tärnas grünende Hügel. Behag⸗ lich und ſchön liegt das Pfarrhaus auf einem derſelben. Ein Garten mit jungen Gebüſchen und Bäumen grünt an ſeiner ſüdlichen Seite. Die ganze Gegend umher liegt im Zuſtand der Verwandlung daz überall haben Art, 337 Spaten und Pflug ihr ordnendes Werk begonnen. Aus dem Tannenwald erhebt ſich der ſpitzige Thurm der Ka⸗ pelle und zeigt nach dem Hiimel. Eduard Hervey iſt mit ſeinem jungen Freund, Capitän S., in ſeinem Gar⸗ ten. Unter heiterem Geſpräch beſchäftigen ſie ſich mit der Pflege der jungen Bäume, unter deren Schatten, wie Hervey hofft, ſeine Mutter und Schweſter bald bie Som⸗ merabende genießen werden. So lange der kleine Platz noch von ſumpfigen Moräſten umgeben war, wollte kein neu gepflanzter Baum gedeihen. Jetzt ſind dieſe meiſt ausgetrocknet und in furchtbaren Boden umgeſchaffen. Die Kälte hat in Folge davon abgenommen und das Laubwerk ſchießt luſtig empor. Als Hervey die Ankommenden bemerkt, wirft er ſeine Sichel weg und eilt mit ſeinem Freunde, ſchön von Ar⸗ beitseifer, ſchoͤn ſelbſt von der Nachläſſigkeit ſeiner Klei⸗ dung, ſchön insbeſondere von der Freude und dem Wohl⸗ wollen, die ſich in ſeinen Zügen malen, ihnen entgegen. Nina dachte dabei an die Worte— ich glaube von Sterne— „Sein Geſicht iſt wie ein Segen.“ Mild und ruhig wie immer führte Hervey ſeine Gäſte zu ſeiner Mutter. Im Hauſe ſah es aus, wie ein ſtiller Feſttag. Alles ſo blank geſcheuert, ſo geputzt, ſo zierlich, obwohl einfach. Ein fröhlicher, ordnender Geiſt hatte dieſem Hauſe ſeinen Stempel aufgedrückt. Das Wach⸗ holderreis auf dem Boden des Saales genirt zwar die Baronin ein wenig, gefällt aber den jungen Mädchen ganz gut. Man geht aus dem Saale in die andern Zim⸗ mer und mit Verwunderung bemerkte die Gräfin die ein⸗ fache, aber wirkliche Eleganz, die in den Möbeln herrſcht. Baronin H. bleibt ganz entzückt vor einer großen und ſchönen Bibliothek ſtehen, die in einem großen und heitern Zimmer die Wände einnimmt. Hier war auch ein Piano⸗ forte und eine Harfe. Letzteres iſt Herveys Lieblingsinſtru⸗ ment. Ein Reichthum von ſchönen und gut gepflegten Bremer, Nina. 22 338 Blumen duftet im Fenſter. Eine von Eduard gebrochene Heliotrope duſtet bald in Ninas weißer Hand. Zahme Tauben mit glänzenden Federn fliegen in den Saal her⸗ ein und empfangen ihr Futter aus Herveys, bald auch aus Ninas Hand. Ein inniges Behagen hat ſich Ninas bemächtigt; ſo heimiſch, ſo freundlich, ſo wohl hat ſie ſich noch nie auf der Erde gefühlt. Es iſt ihr, als blick⸗ ten aus jedem Winkel lächelnde Engel des Friedens her⸗ vor und flüſterten ihr zu:„Hier iſt gut ſein.“ Ach! ſie fühlte von ganzem Herzen, daß es ſo ſein müßte. Herveys Blick, Herveys Geiſt hat hier Alles geheiligt und geſegnet. Wollt ihr einen lebendigen Feſttag ſehen? Seht da die alte Frau, Herveys Mutter. In den ſchönen, reinen Zügen wohnen Ernſt und Milde beiſammen und auf dem Munde weilt oft noch ein Lächeln, welches an das ihres Sohnes erinnert. Still, weißgekleidet, einfach in Tracht und Weſen fehlt es ihr doch nicht an natürlicher Würde, die der ſchönen Alten ſo wohl anſteht. Das Silberhaar theilt ſich über der klaren Stirne, um in gleichen Wogen die Schläfe zu bedecken und in den Falten der Florhaube wieder zu verſchwinden. Bei der Ankunft der hohen Gäſte legt ſie ihr Andachtsbuch und ihre doppelte Brille weg und bewillkommt ſie mit ungekünſtelter Herzlichkeit. Die Gräfin hatte ſich vorgenommen, herablaſſend zu ſein, ungefähr wie die Gräfin in Frau Lenngrens witzigem Schauſpiel; aber— es ging nicht an. Tugend und Un⸗ glück, eine ſtarke und fromme Seele hatte Herveys Mut⸗ ter den Adel, die ächte Vornehmheit gegeben, welcher Weltbildung nur wenig hinzufügen, ein niedriges Dach und dürftige Umſtände aber nichts nehmen können. Viel⸗ leicht rührke ihr ruhiges und unabhängiges Weſen auch mitunter von dem Stolz her, welchen ihr ihr Sohn ein⸗ flößte. Sie hatte nicht Viel in der Welt geſehen; ſie glaubte nicht, daß es etwas Höheres und Beſſeres unter den Menſchen gebe, als Eduard Hervey. „—— 8 ne me er⸗ as ſie ck⸗ er⸗ te. igt nen em res cht rde, aar gen ube hen ille keit. ein, gem Un⸗ tut⸗ cher ach Jiel⸗ auch ein⸗ ſie mter 339 An der Seite dieſer Frau und etwas überraſcht, ihrer Vorſtellung ſo wenig entſprochen zu ſehen, überkam die ſchöne, reiche und weltgewohnte Gräfin Natalie ein ganz eigenthümliches Gefühl. Sie fühlte ſich ihrem Elemente entrückt, mit einem Wort nicht ganz an ihrer Stelle und fand zu ihrer eigenen großen Verwunderung Nichts zu ſagen. Die Baronin dagegen war bald hei⸗ miſch, wo ſie mit ihrem feinen Takt Natur und wahre Menſchenwürde entdeckte und in Bälde hatte ſich ein an⸗ genehmes Geſpräch zwiſchen ihr und der Pfarrerin ent⸗ ſponnen. Mittlerweile geht die übrige Geſellſchaft in's Mufik⸗ zimmer hinaus. Auf die Bitte der Gräfin ſetzt ſich Her⸗ veh an die Harfe und ſeine Finger fahren feurig über die klangvollen Saiten. Aus einer wilden, melancholi⸗ ſchen und gleichwohl unausſprechlich lieblichen Phantaſie geht er mit der Kunſt des Meiſters zu den einfachen und tiefen Akkorden über, welche die Einleitung zu der herr⸗ lichen Romanze:„der Seeheld“ bilden und mit einem ſchönen Baryton ſtimmt er dieſen nordiſchen Geſang an, ſtark, aber melodiſch, in wechſelndem, ſteigendem, hinrei⸗ ßendem Leben, ſo wie es in dem Gedichte ſelbſt lebt. Das Leben der Vorzeit geht in all ſeiner jugendlichen, wun⸗ derbaren Kraft auf. Es weht wie friſche Winde durch die Seele der Zuhörer. Es däucht ihnen „So lieblich der Wellen Geſang Die da brauſen im ſchäumenden Meer.“ 1 „Sie kommen von fernem, fernem Strand, Nicht halten ſie Feſſeln, ſie kennen kein Band Im Meer.“ Philipps Augen blitzen bei Eduards Geſang. Auch Klaras frommer Blick glänzt von ungewöhnlichem Ge⸗ fühl. Nina hat ihre Augenlider geſenkt und die langen dunkeln Wimper verſchleiern den Ausdruck ihres Blicksz 340 ſie iſt ſtill, aber gewaltig greift der Geſang in ihre Seele. Doch nicht, wie früher einmal. Ein wunderſames Gefühl beherrſcht ſie, aber es iſt wohlthuend. Wo haben wir Marie?— Ich ſchäme mich in dieſem Augenblick ein wenig für ſie, denn Nichts kann weniger einem Feier⸗ tag gleichen, als ſie gegenwärtig. Sie will blos für an⸗ dere arbeiten und hat ſich ſeibſt vergeſſen. Rußig und warm ſteht ſie am Ofen und backt Brod. Die größte Beſtürzung iſt auf ihrem Geſichte zu leſen, während ſie angſtvoll laut für ſich hinſagt:„Und die Mädchen ſind fort! Das Haus voller Fremden!„. Die Gräfin! Das Abendeſſen!. Ich hier!.. Das Brod muß gebacken werden! Und beidve Mädchen fort!“ Ich wette mein Eremplar von Shakeſpeare gegen einen Pfenningpfefferkuchen, daß keine meiner Leſerinnen dies leſen wird, ohne innige Theilnahme für Marie zu empfinden und aus ſchöner reiner Sympathie auch ein Bißchen Angſt um die Herzgrube zu bekommen; um dieſe jedoch wieder los zu werden, bitte ich ſie bloß, mich wei⸗ ter zu begleiten. Marie wäre zwiſchen ihrer Angſt und dem Ofen ver⸗ gangen, hätte ſich nicht bald ihr Bruder als ein Engel des Troſtes an ihre Seite geſtellt und mit guten Worten, thätiger Unterſtützung und fröhlichem Scherzen ihr auf einmal allen Schreck benommen. Marie ſchöpft wieder Muth;— es kann Alles noch gut gehen!— auch wird ihre Backerei vom Glück begünſtigt und wahrhaftig, wenn die Brodlaibe im Ofen ſchwellen, ſo ſchwillt auch das Herz der Hausfrau vor Freude. Marie iſt ſehr vergnügt, vaß ſie mit ihrem friſchen Weißbrod ihre Gäſte bewirthen varf und beſonders die ſchöne Nina, der ſie mit ächtem Mädchenenthuſiasmus Bewunderung zollt. Für ſie wird ein beſonderes Küchlein gebacken. Bald trägt Marie im Saale das ländliche Mahl auf. Der Bruder ermuntert und unterſtützt ſie, ſchneivet ſelbſt Brod, ſtellt die Schüſſel mit der ſauren Milch in Ordnung und ſie wird ruhig und munter⸗ e es en ick er⸗ n⸗ nd ßte ſie ind n rod gen nen zu ein ieſe vei⸗ er igel ten, auf der ird enn das ügt, then tem vird kahl idet in 341 Wollt Ihr Marie ſehen? Sie gleicht tauſend An⸗ dern: weiß, blond, blauäugig, unbedeutende Züge, ein gutmüthiger Ausdruck; Haut und Kleider benützt, aber noch lange nicht abgenützt; ſtarker Knochenbau, wenig Anmuth, warmes Herz und guter Verſtand, worin Freunde, Haushaltung und der Himmel alle Stübchen beſetzt halten; fleißig, beſorgt, liebevoll, unermüblich, vie Erſte auf, die Letzte im Bett;— mit Einem Wort, du erblickſt in ihr eine von den Vielen, die nur für Andre leben, eine, die vielleicht dann zum erſtenmal an ſich ſelbſt denkt, wenn der Herr aller Welten zu ihr ſpricht:„Du gute und getreue Magd, du biſt über Weniges getreu ge⸗ weſen! Gehe ein zu deines Herrn Freude.“ Aber was ſollte wohl dieſe Freude für ſie anders ſein, als daß ſie freier für diejenigen, die ſie liebt, leben und wirken kann! Doch wir verſpäten uns;— nicht ſo Marie; ſie hat den kalten Braten, die dampfenden Kartoffeln, die kern⸗ friſche Butter auf den Tiſch geſtellt; ſie hat die Geſell⸗ ſchaft in das Speiſezimmer geführt und ladet ſie jetzt freundlich und warm, ſogar ein wenig ſchreiend zu ihrem Mahle ein. Auch hier fand die Gräfin keine ihrer Vorſtellungen verwirklicht und ſah nicht das Mindeſte, worüber fie hätte lachen können. Es war Alles zu anſpruchslos und zu gut, zu vergnügt und zu ungezwungen. Das Mahl glich mehr einem idylliſchen Feſte als der Mahlzeit in„der Gräfin Beſuch.“ Um die Wahrheit zu ſagen, die vor⸗ treffliche Milch mit der leckern Sahne ſchmeckte ihr, ſo wie allen Andern ſo gut nach dem warmen Spaziergang, daß ſie ihrer Schuſſel wirklich eine thätige Aufmerkſamkeit wid⸗ mete. Gleichwohl entging ihr die ungewöhnliche Heiterkeit und Herzlichkeit ihres Wirthes nicht. Seine Aügen liefen im Kreiſe herum, als wollten ſie Alle ſegnen. Während indeß die Geſellſchaft ißt, plaudert und lacht, will ich kleinen Ausflug machen und ein Wörtchen ſprechen mit den 342 Hausvätern. Du, der du gleich einer mit Unwetter geladenen Wolke an deinem Tiſche ſitzeſt, auf die Speiſen, deine Frau und die Köchin ſchiltſt, ſo daß deiner Frau und deinen Kindern die Biſſen im Halſe ſtecken bleiben; der du dieſen das Leben verbitterſt und der Bedienung Angſt ein⸗ jagſt; der du aus deiner Galle zu jedem Gerücht eine bittere Sauce machſt— Schande und Unverdaulichkeit über dich! Aber Ehre und langes Leben, guten Magen und alles Gute dir, der du oben an deinem Tiſche ſitzeſt, klar wie eine Sonne, der du um dich ſchauſt, um den Genuß der Deinigen zu ſegnen, der du mit deinem freundlichen Blick, deinen gütigen Worten, Scherze und guten Appetit hervorlockſt und den Gottesgaben eine köſtlichere Kraft, einen höheren Geſchmack gibſt, als die hochſte Kochkunſt zu Stande bringen kann. Ehre ſei dir! Vergnügen haſt du ohnehin. Möge Wohlſtand jeder Zeit deinen Tiſch decken und freundliche Geſichter zu deinen guten Gerüchten lächeln! Ehre und Freude über dich! Und jetzt zu meiner Geſellſchaft zurück. Baron H. iſt ungewöhnlich aufgeräumt und ſtimmt auf einmal zum allgemeinen Schreck ein Lied an, ſo daß Alle zuſammen lachen, nur ſeine Frau nicht, die ſich die Ohren zuhält. Nachdem er ausgeſungen, verneigte er ſich gravitätiſch vor dem ſchallenden Bravorufen und bittet ſofort Nina, auch ein Lied zum Beſten zu geben. Nina erröthet und will es ausſchlagen, aber aufgemuntert von der Gräfin, die zufällig heißer iſt, weil der Baron mit ſeinem Geſuch ſich nicht zuerſt an ſie gewandt hat, und von allen Seiten mit Bitten beſtürmt, willigt ſie endlich ein und ſtimmt nach einigem Zögern mit li er, aber zitternder Stimme das Lied von Franzén an: * 1e d u n⸗ ne it 343 „Sorg' nicht dem kommenden Tag voraus!“ Hervey fiel mit ſeinem ſchönen Tenor ein, im An⸗ fang, wie es ſchien, nur um Nina zu unterſtützen. Sie dankte ihm mit einer Neigung des Kopfes. Ihr Geſang wurde ſicherer, ihre Wangen färbten ſich, ihre Augen ſtrahlten von Freude. Hervey begleitete oder vielmehr er⸗ hob ſie; eine ſchönere Harmonie hat man nie gehört. Alle Herzen wurden belebt. Unwillkürlich begann die eine und andre Stimme mitzufingen, und hätte die Baronin ihren Mann nicht ſo nachdrücklich in den Arm gezwickt, ſo hätte er ſich nicht abhalten laſſen, aus vollem Hals in die Worte miteinzuſtimmen: „Freude und Tugend Sind ewig verbunden, Mit Epheu umwunden Schlürfet die Weisheit vom Tranke der Jugend.“ Beim letzten Vers wurde die Verſuchung ganz unwi⸗ derſtehlich. Alle Ehrfurcht vor der ſchönen Kunſt ward von dem innigen Gefühl der friſchen gegenwärtigen Wirk⸗ lichkeit verſchlungen und bei den Worten: „Nach einem Abend“ kniff die Baronin vergebens ihren Mann in den Arm; er ſchrie um ſo lauter: „Mäßig genoſſen;“ und nun entſchloß auch ſie ſich, wiewohl nur mit leiſer Stimme, mitzufingen. Der Oberſt brüllte in einem gro⸗ ben, aber guten Baß und die ganze Geſellſchaft ſtimmte in den Chor ein: „Herzlich geſchloſſen, Winkt dir die Ruhe erquickend und labend.“ Wie fröhlich und herzlich man nachher einander beim Abſchied die Hände ſchüttelte, braucht nicht beſchrieben zu werden. Doch müſſen wir ein Wort ſagen von Ninas Abſchied bei Herveys Mutter; denn dieß war eine jener 314 ſtummen Scenen, welche beſſer als alle Worte die Men⸗ ſchen zu einander führen. Wir haben bereits geſagt, daß die verehrungswürdige Alte wenig Werth auf bloß äußere Vorzüge legte; aber für Schoͤnheit, zumal wenn ſie als Ausdruck einer ſchönen Seele erſchien, war ſie ſogar ſchwach, und Ninas Ausſehen, ihr ganzes Weſen und ihr Geſang hatte dieſen Abend den lieblichſten Eindruck auf ſie gemacht. Als Nina ihr nahte, um Abſchied zu neh⸗ men, ſchlang die gute Alte ſanft ihren Arm um ſie, führte ſie ein paar Schritte näher zum Fenſter und be⸗ trachtete ſie aufmerkſam mit einem Ausdruck des lebhafte⸗ ſten Intereſſes. Ninas beſcheidene Wangen färbten ſich roth, und als die Alte mit einem ernſten und beinahe mütterlichen Ausdruck ſie auf die Stirne küßte, da wurde ſie von einem wunderſamen, weichen und ehrfurchtsvollen Gefühl ergriffen. Die ſchöne Tochter Sr. Ercellenz beugte ſich ſchnell und berührte die Hand der alten Frau mit ihren Lippen. Dieß war eine Huldigung, von der Jugend dem Alter, vielleicht auch von Nina der Mutter Eduard Her⸗ veys dargebracht. Und ſo ſchnell ging dieſer kleine Auf⸗ tritt vor ſich, daß Niemand ihn ſah, außer Hervey. Ein Blitz flammte in ſeinem dunkeln Auge— dann zog gleich⸗ ſam eine Wolke darüber. Er blieb mit dem Shawl der Baronin in ſeinen Händen ſtehen und vergaß, daß die Beſitzerin deſſelben ihn um ihre Schultern gelegt zu wiſſen wünſchte, bis ſie ſich ſelbſt umwandte und ſcherzend zu ihm ſagte:„Wenn der Herr Paſtor ſich vielleicht ſelbſt des Shawls bedienen will, ſo ſteht er mit Vergnügen zu Dienſten. Ich bitte mir dann nur Ihren Rock dagegen aus.“ Hervey lächelte, legte ihr den Shawl um, blieb aber ſtill und gedankenvoll, während er ſeine Gäſte hin⸗ ausbegleitete. Der Abend war ungewöhnlich ſchön, und die Gräfin machte den Vorſchlag, auch einen Theil des Heimwegs zu Fuße zu machen. Die ganze Geſellſchaft war damit zu⸗ frieden, Hervey begleitete ſie, wie es ſchien, ohne recht er die ſen zu bſt zu en ieb in⸗ fin zu . cht 345 dabei zu ſein. Die Baronin ſuchte die ſchlummernde Eiferſucht ihres Mannes davurch zu wecken, daß ſie ihn auf Herveys verändertes Weſen aufmerkſam machte und verſicherte, dieſe Veränderung habe ihren Anfang in dem Augenblick genommen, da er ihren Shawl in ſeinen Hän⸗ den gehabt. Der Baron verſprach ihn ernſtlich vor einer ſo unglücklichen Leidenſchaft zu warnen, und im Fall dieß nichts fruchten ſollte, ſich auf eine Forderung zu beſinnen. Nina war ſtill und gedankenvoll, wie Hervey. Kapitän S. hatte ihr ſeinen Arm angeboten und ſuchte jetzt ver⸗ gebens ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Die Geſellſchaft ging an einem hübſchen mit Blumen geſchmückten Häus⸗ chen vorüber.„Wer wohnt hier?“ fragte die Baronin. „Eine beſcheidene alte Närrin,“ war die Antwort der Gräfin. In dieſem Augenblick erſchien die Bewohnerin unter der Thüre; eine hoͤfliche, abſonderliche, freundliche, ſich verneigende und grinſende Geſtalt. Die Geſellſchaft grüßte und ging vorüber. „Dieſe Frau,“ ſagte die Gräfin,„hat mir neulich eine unerträgliche Morgenſtunde verſchafft, aber dennoch einige gute Gedanken eingetragen. Sie ſprach mit einem ſo aberwitzigen Enthuſtasmus von ihrer Religion, von ihrem Vertrauen auf Gottes Gnade, ohne welche der Menſch Nichts ſei. Sie beſchrieb mit einem ſo hohen Entzücken ihre Glückſeligkeit, die hauptſächlich in, dem Alleinbeſitze eines Stübchens, in einer Haushaltung, wo ſie für ſechs Schillinge des Tags ihre Nahrung bekommt, ſo wie in den Geſchenken, die ſie zuweilen von ihren Gönnern erhält und hie und da in einer freundlichen Ein⸗ ladung zu einem Mittageſſen u. ſ. w. beſteht. Sie ſchloß damit, daß ſie ſich unter warmen Freudenthränen für den glücklichſten Menſchen auf Erden erklärte. „Als ſie fort war, konnte ich nicht umhin, eine Art Mitleid für vieſen glucklichſten Menſchen auf Erden zu empfinden und kam zu der Ueberzeugung, daß ich weit lieber in Folge eines großen und edlen Unglücks leiden, als in dieſem armſeligen Glücke meln hoͤchſtes Gut finden 346 möchte. Nie war es mir ſo klar, daß vas, was der beſſere Menſch im Leben ſucht, nicht Glückſeligkeit iſt, ſo⸗ fern man darunter den Genuß des Bequemen und Ange⸗ nehmen verſteht. Das Glück, das eine Seele ſucht, iſt Vollendung, iſt Entwicklung ihres edleren Lebens, iſt das Gute, iſt Gott*). Dieſes Glück ſchließt ein Leiden nicht aus. Freude und Schmerz ſind das Flügelpaar der Seele; vurch beide erhebt ſie ſich zur Veredlung. Irdiſche Ge⸗ nüſſe ſind für eine ſolche Seele Nichts und gegenüber von ihrem Leben erſcheint das Glück der Frau L. als bloße Armſeligkeit! Hervey erwachte aus ſeinen Gedan⸗ ken, denn er konnte keine Ungerechtigkeit ertragen, ſelbſt nicht gegen das geringſte Geſchöpf. „Ich glaube,“ ſagte er ſanft,„daß Sie zu ſtreng gegen die Alte ſind. Ein ſo unſchuldiges Glück, wie das ihrige, das ſich, wie Sie ſelbſt ſagen, hauptſächlich auf Gottesfurcht gründet, verdient wahrhaftig keine Verach⸗ tung. Ihre Vergnügſamkeit bei einem ſo geringen Looſe kann bloß von denjenigen verſtanden werden, die den grö⸗ ßeren Theil ihres Lebens mit Mangel und Noth gekämpft haben. Und wie? Iſt es nicht vielleicht der Wille des Allgütigen, daß wir uns auch auf Erden glücklich finden und in jeder Beziehung heimiſch fühlen ſollen? Ja, wie ſoll⸗ ten wir uns dieſes Gefühls erwehren können, wenn wir in Allem dem göttlichen Gebot gegenſeitiger Liebe nach⸗ leben, deren Frucht Friede und Freude nicht bloß im Her⸗ zen, ſondern auch in der Hütte iſt, die himmliſches und irdiſches Leben mit einander verſohnt? Wenn in dem ein⸗ ſamen Stübchen, wo ein einfältiges, aber frommes Men⸗ ſchenkind ſein ſtilles Leben abnützt, ein hereindringender Sonnenſtrahl, oder eine Taſſe Kaffee ſchon einen Feiertag macht, ſo iſt dieſer Lebensgenuß nicht minder gut, als die Freude deſſen, der beim Zauber von Liebesliedern Trau⸗ *) Junger Leſer! Wunderſt du dich vielleicht, daß Gräfin Natalie eine ſolche Sprache führt; Wunderlichkeiten dieſer Art werden dir noch ſo oft in der Welt vorkommen. ben geli Ert der wick ſes wir prei ich beſr beke jede ſole ma nie ihre ſtell blie wol lang 347 benſaft trinkt oder aus wolluſtvoller Seligkeit an einer geliebten Bruſt weint. Die Weiſeſten und Beſten der Erde haben dieſe Genüſſe nicht verſchmäht. Hauptſächlich der Grad des zeitlichen Genuſſes und ſein Verhältniß zu wichtigeren Beziehungen iſt es, was ſein Gutes oder Bö⸗ ſes beſtimmt; nur wenn er ein hoͤheres Leben verzehrt, wird er niedrig und verächtlich. Wenn ich zu lange ge⸗ predigt habe,“ ſchloß Hervey lächelnd,„ſo verzeihen Sie.“ „Die Predigt war gut,“ ſagte die Baronin,„und ich für meinen Theil werde mich wohl daran erinnern, beſonders, wenn ich Frau L. nächſtens wieder zu Geſicht bekomme. Aber lieber Paſtor, verſchonen Sie mich mit jeder weitern, als chriſtlichen Freundſchaft gegenüber von ſolchen beſcheidenen Leiden, für die Sie den Fürſprecher machen. Ich ſage Ihnen ehrlich und offen, daß ich mich nie mit der Geſellſchaft von Leuten beläſtigen werde, die ihre Beſcheidenheit ſo unerträglich macht.“ Hervey und auch ihr Mann machten ihr allerhand freundliche Vor⸗ ſtellungen über dieſe Unduldſamkeit. Die Baronin ver⸗ blieb heftig bei ihrer Weigerung nachzugeben, ja, ſie wolle ſogar auf den Himmel verzichten, wenn die Engel langweilig ſeien. Hervey lachte und bat ſie deßhalb ruhig zu ſein. „Der feine, der holde Scherz,“ ſagte er,„der den Mund zur Wärme des Herzens lächeln läßt, die milde lebendige Satyre des Lebens iſt gewiß nirgends ſo heimiſch als auf den Lippen eines Engels.“ „Das freut mich, Paſtor, auch finde ich es ganz klug,“ ſagte die Baronin und ohne es zu ahnen, lächelte ſie ſelbſt ſo milde, wie je ein Himmelskind. Klara nahm die Hand ihrer Freundin und ſagte lä⸗ chelnd:„Biſt du in deinem Haß gegen die Langweiligen jederzeit ſo beſtändig geweſen?“ „Ja, allerdings,“ antwortete die Baronin beſtimmt, „nur ein einzigesmal war ich kurzſichtig und irrte mich in der Perſon. Langweiliges Mädchen, du weißt, daß 348 ich mich noch nie mit Jemand ſo gut amüſirt habe, wie mit dir.“ Baron H. huſtete ein wenig fragend. „Und mit Guſtav,“ fügte die Baronin hinzu, indem ſie auch ihrem Manne herzlich die Hand reichte. Die Baronin war jetzt des Gehens müde. Man er⸗ wartete die Wagen. Hervey half den Damen einſteigen und nahm Abſchied. Sich glücklich fühlen, ſich auch auf der Erde im Leben heimiſch fühlen, dachte Nina, o wie göttlich ſchön muß das nicht ſein! Schnell rollten die Wagen dahin, ſchnell fuhr Nina vurch die bald freundliche, bald wilde Gegend. Es kam ihr vor, als ſollte ihr Leben auch ſo dahinfliehen und ſie ſich nie heimiſch fühlen auf ver Erde. Philipp S. bückte ſich und pflückte ein Blümchen, das ſich langſam emporrichtete, nachdem Ninas leichter Fuß es verlaſſen hatte. Er küßte es und verbarg es in ſeiner Bruſt. Die beiden Freunde gingen jetzt zurück und ſchlugen der Nähe wegen einen Fußweg über eine Wieſe ein. Philipp ſprach mit Hervey von ſeiner Zukunft, von ſeiner bevorſtehenden Reiſe nach Stockholm, wo er das reiche Erbe ſeines Oheims in Empfang nehmen werde. Das Rollen eines Wagens unterbrach das Geſpräch und veranlaßte die Freunde, nach der Landſtraße hin zu ſehen, wo ein Reiſender in einer leichten Kaleſche ſchnell vahin⸗ rollte. Er ſchien die Fußgänger ebenfalls bemerkt zu haben. Er ließ anhalten, ſprang heraus und ging den beiden Freunden entgegen. „Ach!“ ſagte Philipp lebhaft,„das iſt ja Freund Loöſpenheim, der neue Gutsbeſitzer hier in der Gegenv. Er hat verſprochen, einige Tage bei mir zuzubringen. Komm, Eduard, ich muß euch mit einander bekannt machen.“ Eduard hatte inzwiſchen den Ankömmling ſcherf in's Auge gefaßt und ſagte haſtig:„Jetzt nicht! Ein an⸗ 8 der lip lich ihn fra did des frů mei ſten an irrt geſ den ein Se er kam in eine von her Ein vor kon Kir nen gen betr es heir ruh e m en im ön na im ſie en, ter ind eſe on das und en, in⸗ den und env. gen. innt herf an⸗ 349 vermal! Gute Nacht.“ Er machte ſeinen Arm aus Phi⸗ lipps Arme los, wandte ſich um und ging. Etwas verwundert über dieſe ungewöhnliche Unfreund⸗ lichkeit ging Philipp Loͤſpenheim entgegen und bewillkommte ihn herzlich. Nach den erſten Freundſchaftsbezeugungen fragte dieſer: „Wer war der Mann, der ſo eben mit dir ging und vich ſo haſtig verließ? Sein Gang, ein gewiſſes Werfen des Kopfes erinnert mich merkwürdig an Jemand, den ich früher ſehr gut kannte.“ Philipp nannte Eduard Hervey und ergoß, wie im⸗ mer, wenn die Rede auf ihn kam, ſein Herz in den wärm⸗ ſten Lobſprüchen auf ihn. Löfvenheim hörte ihn ſchweigend an und ſagte dann bloß:„Dann habe ich mich wohl ge⸗ irrt. Es ſoll mich freuen, ihn noch mehr zu ſehen.“ In dieſem Augenblick hörte man ein heftiges Kinder⸗ geſchrei und bald darauf den Ruf:„Hülfe! Hülfe! Rettet den Knaben! Ach! er kommt um! Das Mühlrad! „Es iſt am Waſſerfalle,“ rief Philipp;„gewiß iſt ein Kind hineingeſtürzt.“ Sie ſprangen beide nach der Seite hin. Die Weiber riefen:„Ach, er wird zermalmt, er wird zermalmt! Gott ſteh' ihm bei!“ Die Freunde kamen gerade in dem Augenblick an, wo Eduard Hervey in augenſcheinlicher Lebensgefahr mit dem Strom kämpfend einen kleinen Knaben ergriff, der eben im Begriff war, vom Mühlrad zermalmt zu werden. Zwei Minuten nach⸗ her ſtand er am Ufer triefend und keuchend, aber glücklich. Ein ältlicher kleiner Mann von gelber Geſichtsfarbe ſtand vor ihm. Der Mann war außer ſich vor Angſt und Freude und konnte kaum die Worte ſtammeln:„Mein Kind! Mein Kind!“ Evuard nahm den noch lebloſen Knaben auf ſei⸗ nen Schooß und rieb ihm mit der Hand Bruſt und Ma⸗ gen, während er aufmerkſam ſein todtenbleiches Geſicht betrachtete. Während dieſer Zeit war Eduard ſelbſt, ohne es zu wiſſen, einer ſcharfen Prüfung ausgeſetzt. Löfven⸗ heim, deſſen Weſen und Blick ſich durch ſeinen kalten, ruhigen, beobachtenden Charakter auszeichnete, heftete un⸗ 350 abläſſig und forſchend ſeine dunkeln, grauen Augen auf ihn. Eduard hatte, bevor er ſich in den Strom geſtürzt, ſeinen Rock abgeworfen. Seine Bruſt war ganz offen, eine große tiefe Narbe zeigte ſich darauf. Löſvenheims Blicke ſchweiften von Eduards Geſicht auf ſeine Bruſt herab und hefteten ſich wie ſcharſe, durchbohrende Pfeile auf die Narbe.„Ex iſts,“ ſagte er halblaut vor ſich hin,„ja er iſts!“ Inzwiſchen war es Eduard gelungen, das Kind in's Leben zurückzurufen. Ein Strom Waſſer lief ihm aus dem Munde, ſeine Bruſt hob ſich gewaltſam und es öff⸗ neten ſich ſchöne, blaue Augen. Mit einem Freudenſchrei ſtürzte der Vater vor dem Knaben auf die Kniee. Eduard übergab ihm das gerettete Kind, nebſt einigen Ermahnun⸗ gen in Betreff ſeiner weitern Verpflegung. Der Mann hob nun ſeine Augen von dem Kind zu ſeinem Retter auf, ſchien aber die Worte, die dieſer ſprach, nicht zu ver⸗ ſtehen und der Dank erſtarb auf ſeinen Lippenz ſeine Blicke wurden ſtier, während ſie forſchend auf Herveys Geſicht geheftet waren; eine noch todtenähnlichere Bläfſe, als vorher, verbreitete ſich über ſein mageres Geſichtz confulſiviſche Zuckungen verzogen ihm Mund und Wangen. Hervey mußte jetzt ſeinem Freund Philipp einige Aufmerkſamkeit ſchenken, der ihn mit Thränen in den Augen feurig in ſeine Arme ſchloß und zu ihm ſagte; „Gott ſei Dank! du haſt gerettet und du biſt gerettet! Eduard, erlaube mir, dich mit meinem Freund, Karl Löfvenheim, bekannt zu machen. Er wünſcht ſehr, dich kennen zu lernen.“ „Es freut mich, Herr Paſtor, Zeuge Ihrer helden⸗ müthigen That geweſen zu ſein,“ ſagte Löfvenheim mit kaltem Blick und Ton, indem er ſich verbeugte. „Ich that bloß, was Sie an meiner Stelle auch gethan haben würden,“ antwortete Hervey einfach und freundlich, ſich ebenfalls verbeugend; ſodann warf er ſchnell ſeinen Rock über ſich. tig N fre der ent „C 351 auf„Eduard, iß morgen mit uns zu Mittag,“ bat rzt, Philipp herzlich. fen,„Danke, Philipp, ich kann morgen nicht. Ein wich⸗ ims tiges Geſchäft! Ein andermal! Gute Nacht, gute ruſt Nacht!“ Er reichte Philipp die Hand, grüßte Löfvenheim eile freundlich und ging. Er ſah ſich noch einmal nach dem ſich Kind und ſeinem Vater umz allein ſie waren verſchwun⸗ 3 den. Der Mann hatte ſich mit allen Zeichen des Schrecks in's entfernt, indem er in aufgeregtem Tone vor ſich hinſagte: aus„Er iſts! Ja er iſts!“ öff⸗ hrei Das Schickſal. ann P auf, am ſchönſten die Dichtung⸗ ver⸗ Dieweil ſie ruhet ſeine Still in des Skalden veys Glühendem Buſen; Am reinſten die Liebe, äſſe, Bevor ſie redet; icht; Das Leiden am ſchönſten, und Wenn es nicht klaget, Wenn es ſchweigt und ſtirbt. Nicander. inige per Wind auf dem Meere, Luft auf den Bergen, Sau⸗ gte ſen in den tiefen Wäldern, friſche, friſche Geiſter der tteti Natur, Verſcheucher der Sorgen, Beleber des Lebens, Karl euch preiſe ich! Wer iſt je aus dem Kummer der Sor⸗ dich gen, aus dem Dunſt des Salons, aus dem Lärm der Geſchäfte, aus dem Staube der Bücher zu euch heraus⸗ lden⸗ gegangen und hat ſich nicht von euch geſtärkt und erhoben mit gefühlt, ja gekräftigt um euretwillen zu leben! Wunder⸗ bares, ſtarkes, ſorgloſes Leben, in der Luft, im Waſſer, auch in der Erdez mächtige Naturkraft! wie liebe ich dich und unt möchte dir alle Herzen zuwenden! Im Streit mit dir ent⸗ f er flieht des Lebens Schwere; im Frieden mit dir ahnt man die Ruhe Edens. Deine Stürme durchrauſchten Oſſians 352 und Byrons unſterbliche Harfen; in des Vikings Ge⸗ ſang, in der nordiſchen Romanze athmet dein Leben! Dir verdankt die fühlende Bruſt ihre friſcheſten, ihre beſten Gevanken. Auch der Schreiberin dieſer Zeilen haſt du erneutes Leben geſchenkt. Ihre Seele war krank zum Tod und ſie warf ſich in deinen Schooß. Du rich⸗ ſie auf und ſie erhielt Kraft, ſich zu Gott zu er⸗ eben. Donnernd zogen Gewitter über eine der wildeſten Gegenden Norrlands; über die Scheitel der Felſen, über vie Tiefe der Thäler rollten ſchwer ihre finſtern Wolken⸗ wagen. Zwei Wanderer ſah man raſchen Schritts durch die wilde Gegend ſtreifen. Der Eine war ein Mann in ſeiner vollen Kraft und ſchön, beſonders durch das friſche Leben und die Vereinigung von Milde und Stärke, die ſich in ſeinem Geſichte und ganzen Weſen ausdrückte. Es ſchien ihm Vergnügen zu machen, unter den vrohenden Wolken durch die öde Gegend zu ziehen und den Wind in ſeinen vunkelbraunen, lockigen Haaren zu ſpüren. Ein lebensvolles Lächeln öffnete die wohlge⸗ bildeten Lippen und ſeine Augen blickten friſch und klar umher. Der Andere ſchritt ſchwerfällig und finſter an ſeiner Seite. Die Gewitterluft ſchien ihn niederzu⸗ vrücken, ſein jugenvlich ſchöner, blonder Kopf war gleich⸗ ſam von ſchweren Gedanken darniedergebeugt. „So düſter, Philipp?“ ſagte Eduard zu ſeinem Freunde. „So heiter, Eduard?“ antwortete dieſer. „Ja,“ antwortete Eduard,„ich bin heiter, ich leugne es nicht; es freut mich, daß ich den Bauernaufruhr ohne Anwendung von Gewalt dämpfen konnte. Auch iſt es mir immer wohl ums Herz, wenn ich auf einer län⸗ geren Wanverung begriffen bin. Wie viel Genuß und Lebenskraft liegt nicht in ver freien Luft! Sie iſt ver beſte Labetrank für den Menſchen. Ueberdieß hat vieſe düſterſchöne Natur einen eigenthümlichen Reiz für . — e⸗ n! hre len nk er⸗ ſten ber en⸗ uch vas rke, ckte. den und zu lge⸗ und nſter rzu⸗ eich⸗ inem ugne fruhr h iſt län⸗ und e iſt hat für 353 mich. Schweben nicht Oſſians Geiſter auf dieſen Wol⸗ ken? War es nicht dieſe wüſte Haide, wo Fingal ſang und die Schatten der gefallenen Helden um ſich ſammelte?“ „Du biſt poetiſch, Eduard! Mir ſchweben melan⸗ choliſchere Bilder vor. Die Gegend erinnert mich an die Oede des Lebens. Wie leicht kann nicht des Menſchen Bruſt dieſem Felſenboden gleichen, wenn Liebe und Glaube daraus entfliehen und ſie wüſt liegen laſſen. Die Ge⸗ witter ſind Gottes Gerichte über dem Haupt des Ver⸗ brechers, oder Donnerſchläge des Schickſals über dem Haupte des Unſchuldigen. Wohl dem, der weder Reue, noch Furcht kennt!“ Evuard ſchwieg. Sein klarer Blick verfinſterte ſich. Nach einer Weile ſagte Philipp:„Wir haben nicht mehr weit; ich ſehe bereits unſere Berge, die Berge um Ume⸗ näs.“ Dann fuhr er ſeufzend fort:„Meine Reiſe nach Stockholm iſt auf morgen früh feſtgeſetzt. Ich werde wohl ein Jahr ausbleiben. Ich muß dir heute Abend noch Lebewohl ſagen... „So ſchnell!“ ſagte Eduard unangenehm überraſcht und fügte dann mit großer Herzlichkeit hinzu:„Philipp, ich werde dich ſehr vermiſſen.“ „Eduard, du weißt— ich bin reich. Ich habe einflußreiche Verwandte und Freunde;—— ſag' mir, kann ich dir auf irgend eine Weiſe dienen?“ Dieſe Worte wurden mit einer gewiſſen Kälte aus⸗ geſprochen, und mit einer Kälte ſagte auch Eduard: „Ich danke dir. Ich brauche Nichts, außer was ich mir ſelbſt erwerben kann.“ „In einer höhern Stellung könnteſt du mit deinen großen Gaben dem Vaterlande beſſer nützen— einen lobenswerthen Ehrgeiz befriedigen„ „Ich bin hier zufrieden,“ unterbrach ihn Eduard. „Wenn ich nur den Forderungen meines Berufs recht nachkommen kann!“ Brem er, Nina. 23 354 „Du führſt aber doch ein einförmiges Leben und dein Wirkungskreis iſt beſchränkt. Du— den die Na⸗ tur ſo reich ausgeſtattet, du— den Jedermann ſo lieb hat, konnteſt mehr, könnteſt beſſer leben. reicher „Lieben, arbeiten und beten, das heißt leben; Frei⸗ heit und Friede, das iſt Glückſeligkeit!“ antwortete Eduard warm.„Und wer— wenn er auch nur ſeine Pflichten als Menſch erfüllt— kann ſagen, daß ſein Kreis eng, daß er beſchränkt ſey? Jede reine Thätigkeit hat eine unberechenbare Wirkung und Ausdehnnng.“ Aber doch gibt es höhere und niedrigere Stellungen, engere und freiere Kreiſe in der Geſellſchaft,“ verſetzte Philipp ungeduldig.„Was wäre aus Orenſtjernas, aus Cannings weltbeglückender Wirkſamkeit geworden, wenn der Eine ſtill auf ſeinen Gütern gelebt, der Andere ſeinen Kopf darauf geſetzt hätte, ein einfacher Advokat zu blei⸗ ben? Evuard, du kannſt einer edlen Ehrbegierde nicht ganz fremd ſein.“ „Nein, Philipp, nein. Auch ich habe geträumt auch ich habe gewünſcht.. es gab eine Zeit„laß uns jedoch nicht davon ſprechen,“ unterbrach er ſich haſtig und fügte dann ruhiger hinzu:„Die Hand der Vorſehung leitet uns beſſer, als unſere eignen vermeſſenen Wünſche. Sie hat mir hier meinen Platz angewieſen, und hier will ich bleiben.“ Herveys beſtimmter Ton ſchien alle weiteren Verſuche in dieſer Richtung abzuſchneiden. Es entſtand eine Pauſe. Endlich ſagte Philipp: „Ich kann alſo Nichts für dich thun?“ „Ja, du kannſt,“ ſagte Hervey, indem er lebhaft auf ihn zutrat und ſeinen Arm um ihn ſchlang,„du kannſt! Gib mir meinen Freund wieder! Gib mir den oſſenen, heiteren, herzlichen Philipp wieder! Seit einigen Tagen erkenne ich ihn nicht mehr; und heute Abend— alle deine Anerbietungen von Protektion und dieſer kalte Ton. wahthaſiig, Phlüpp, ſie haten mich ſchudern genſcht mi da Al er und Na⸗ ſo rei⸗ rard hten eng, eine gen, ſetzte aus wenn einen blei⸗ nicht aß haſtig ehung nſche. r will rſuche Pauſe. aft auf annſt! ſſenen, Tagen e deine macht 355 Was kommt dich an? Philipp, mein Freund! haben wir aufgehört, einander zu verſtehen?“ „Eduard!“ ſagte Philipp mit einem Ausdruck, der die peinlichſten Gefühle verrieth,„ich geſtehe es, ſeit einigen Tagen bin ich verändert, ſeit einigen Tagen bin ich unglücklich.“ „Philipp! und ich bin dein Freund, und du haſt es mir verſchwiegen?“ „Ich werde es nicht länger thun, Eduard. Ich fühle, daß es mir unmöglich wäre, von dir zu ſcheiden, ohne dir Alles geſagt, ohne dich gehoͤrt zu haben. Eruard,“ fügte er weich und beinahe mit Schmerz hinzu,„du weißt, daß ich dich geliebt habe.“ „Philipp!“ Eduard ſah ihn fragend und mit ge⸗ ſpannter Erwartung an. „Ja,“ fuhr Philipp ſehr aufgeregt fort,„ich habe dich von meinem ganzen Herzen, mit meiner ganzen Kraft geliebt; denn ich habe nie einen vortrefflicheren, einen liebenswürdigeren. hindere mich nicht, Eduard! Heute Abend will ich ausſprechen. Ja— ich habe an dich ge⸗ glaubt— wie an Gott! Ich war ein wilder Menſch und hatte Luſt, mein Leben zu vertoben; da erhieltſt du Macht über mich. Ich lernte dich lieben und durch dich die ſtarken ſtillen Tugenden, welche das Glück des Ge⸗ ſellſchaftslebens ausmachen. Mein Glaube an dich war mehrere Jahre lang mein Gewiſſen, war die Kraft, durch welche ich mich ſelbſt zügelte. Ich war glücklich in dieſem Glauben; ich wäre dir mit Freuden in den Tod gefolgt, mit Freuden für dich geſtorben. Evuard, Eduard, es iſt eine ſchreckliche Sache, wenn ein geliebtes Bild im Herzen des Menſchen zerſtört wird;— damit wird auch das Beſte ſeines Lebens zerſtört.“ Philipp bedeckte ſein Geſicht mit beiden Händen und ſetzte ſich auf den Stamm eines umgefallenen Baumes. Eduard blieb vor ihm ſtehen und betrachtete ihn mit Un⸗ ruhe und tiefer Theilnahme. Nach einer Weile fuhr Philipp fort:„Seit einigen Tagen ſcheint mir Alles um 356 mich herum und in mir verwandelt zu ſein. Es iſt mir, als wanke die Welt, als bebe die Erde unter meinen Füßen— aber was wirklich wankt, Eduard, iſt— mein Glaube an dich.“ Philipp ſenkte die Augen; ein unausſprechlicher Schmerz wüthete in ſeiner Seele. Eduard war bleich. Er hatte ſich Philipp gegenüber auf einen mooſigen Stein geſetzt und ſah ſeinen Freund mit einem klaren, durchvringenden Blicke an.„Nun?“ ſagte er nach einer Pauſe, als dieſer, in qualvolle Gefühle verſenkt, noch ſchwieg. „Nun, Eduard! Es iſt ein Mann zu mir gekommen, der behauptet, er kenne dich, der es wagt, dich zu beſchul⸗ digen, du führſt nicht nur einen erdichteten Namen, ſon⸗ dern auch dein Charakter ſei unwahr und erdichtet;— er beſchuldigt dich, du verbergeſt unter einer liebenswürdigen Maske ein laſterhaftes Herz— er wagt zu behaupten, du — du, Eduard, habeſt in deiner Jugend die gemeinſten und gröbſten Verbrechen begangen.“ „Philipp!“ ſagte Eduard mit ſchmerzlichem Ernſt, „du haſt mir dieſes verſchwiegen, du haſt es alſo ge⸗ glaubt?“ „Nicht geglaubt, Eduard! Nein, bei Gott, ſo un⸗ glücklich war ich nicht! Du ſäheſt mich ſonſt nicht hier. Aber ein unglücklicher Zweifel hat Wurzel in meiner Seele gefaßt, Eduard! Wenn meine Ruhe und mein beſſeres Leben dir theuer iſt, ſo reiße dieſen Zweifel aus meiner Seele. Sprich mit mir, oͤffne dein Herz, beweiſe, daß du unſchuldig biſt; beweiſe mir, daß dein Wandel rein iſt, wie dein Blick; gib mir das Recht, mit dem Schwert in der Hand— wie ich gedroht habe— den Lügner zum Widerruf zu zwingen. Eduard, mein Freund! Du kannſt es, du wirſt es!“ Aber Evuards klarer Blick hatte ſich zur Erde geſenkt, ein Ausvruck tiefen Leidens zog ſeine dunkeln Augenbrauen zuſammen, während die bleichen vippen langſam und be⸗ ſtimmt ſagten:„Philipp, ich kann es nicht!“ Der junge S. ſah ſeinen Himmel einſtürzen. vle⸗ ke ſei 357 cher als Eduard rief er heftig!„Du kannſt es nicht! Du biſt alſo ein Verbrecher!“ Den Blick zur Erde geſenkt und mit gekreuzten Ar⸗ men ſagte Evuard, wie für ſich „Es war mir ein lieber Traum, daß man um mei⸗ ner ſelbſt willen an mich glaube, daß mein gegenwärtiger Wandel die Schatten der Vergangenheit bannen werde. Es war mir ein ſchöner Glaube, einen Freund zu beſitzen, der mich wirklich kenne, den weder Verläumdung noch Argwohn von mir abſpenſtig zu machen vermöge, der mir mehr glaube, als den Anklagen eines Fremven. ja aber es war ein Traum!— Er iſt dahin!“ „Evuard! war dein früherer, dein rechter Name D.?“ „Ja,“ antwortete Eduard mit feſter Stimme. „Warſt du der Lehrer von Graf Rs. jüngſtem S der Freund des älteren?“ „Ja.“ „Evuard, haſt du die Tochter aus ihres Vaters Hauſe geraubt?“ „Ja, das that ich.“ „Eduard, biſt du ein Verbrecher?“ „Nein!“ „Um Gotteswillen beweiſe es mir, rechtfertige dich!“ Hervey warf einen langen und vorwurfsvollen Blick auf ſeinen Freund.„Vor dir!“ ſagte er nicht ohne Stolz.„Philipp, ich läugne das Verbrechen und du mich ſeit ſechs Jahren. Dies muß dir genug ein.“ „Haſt du mir nichts mehr zu ſagen?“ „Nein,“ antwortete Eduard kalt. „Eduard! iſt dieß dein letztes Wort?“ Eduard ſchwieg. „Leb wohl, Eduard! Ich glaube an keinen Menſchen mehr!“ Philipp ſtand auf und wandte ſich, um zu gehen. „Philipp!“ ſagte Eduard leiſe. Philipp drehte ſich um und ſah ſeinen Freund anz 358 Eduard ſtand auf und ſtreckte ihm ſeine Arme entgegen. Mit angſtvollen und heftigen Thränen ſtürzte Philipp an ſeine Bruſt, wie zum letzten Abſchied. Hierauf wollte er ſich losreißen, aber Eduard hielt ihn feſt an ſich gedrückt und ſagte:„Bleibe, Philipp. Ich war übermüthig, du warſt zu raſch; bleib, wir dürfen uns ſo nicht trennen.“ „Eduard!“ ſagte Philipp im hoͤchſten Affect,„gib mir den Tod— aber gib mir meinen Glauben an dich wieder!“ „Philipp!“ ſagte Hervey mit wehmüthigem Ernſt, „ich habe nur wenig zu ſagen. Beweiſen kann ich meine Unſchuld nicht. Ein wunderliches Dunkel hängt über meinem Leben, meine Geſchichte iſt einfach, aber— un⸗ begreiflich. Ich ſage ſie nicht gern. Ich habe ſie ein⸗ mal erzählt und da— glaubte man mir nicht, und der mein Freund geweſen, wurde mein Feind. Und haſt du meinen Worten und meinem Herzen nicht geglaubt, Phi⸗ lipp— warum ſollteſt du an die Erzählung unerklärter Begebenheiten mehr glauben?“ „Sprich, Eduard! Kläre mich auf! Mein Herz ſagt mir, daß aller Zweifel verſchwinden, daß ich in die⸗ ſem Dunkel Licht ſehen und dich wieder lieben, wieder an dich glauben werde, wie früher.“ Evuard ſchwieg einen Augenblick, als wollte er ſeine Gedanken ſammeln; ſein Blick hatte ſich inveß feſt auf die Gewitterwolken geheftet, die ſich jetzt in zer⸗ ſtreuten und dichten Maſſen am Horizont herabgeſenkt hatten, wo ſie gleichſam eine Ehrenpforte bildeten, aus deren Mitte die königliche Sonne klar und herrlich ſtrahlte. Das Gemälde lieferte auch ein treffendes Bild vom Auge des Allſehenden. Der Ernſt auf Herveys Stirne klärte ſich immer mehr auf; ein ſchönes, mildes Lächeln öffnete ſeine Lippen, und nach Weſten deutend, ſagte er zu Phi⸗ lipp:„Siehſt du dieſe Wolken, die ſo eben gewitter⸗ ſchwer über unſern Häuptern rollten? jetzt haben ſie ſich zertheilt, jetzt ſind ſie von der Sonne beglänzt und der en. an er ückt du n.“ gib dich eine iber un⸗ ein⸗ der du zhi⸗ rter erz die⸗ an er feſt zer⸗ enkt aus te. uge ärte nete Bhi⸗ ter⸗ ſich der 359 Abend dieſes ſtürmiſchen Tages iſt ſchön und klar. Dies iſt das Bild eines Glaubens, der mich durchs Leben be⸗ gleitet, der meine düſterſten Stunden erhellt hat. Ja, Philipp, ich glaube an eine klare Abendſonne, an ein Licht, das die Wolken zerſtreuen wird, an Ruhe nach den Stürmen des Tages. Das Tragiſchſte des Lebens iſt mir nahe getreten; ich war zur Schande und zum Tod von Henkers Hand verurtheilt— und dieſe Sonne, dieſe letzte Verklärung des Lebens, hat durch die dunkle Scene geglänzt. Sie iſt ein lebendes Bild in meiner Seele. Ueber dem Drama der Weltgeſchichte und des Menſchen⸗ lebens, ſo finſter, ſo ſtürmiſch, ſo wunderlich auch ſein Tag dahin gehen mag, ſteht immer dieſer ruhige, herr⸗ liche Abend vor meinen Augen. Er iſt ein Segen des Chriſtenthums, denn er iſt der Glaube an den großen Meiſter, der in ſeiner liebevollen Bruſt die Entwicklung und Vollendung des Dramas trägt, deſſen kunſterfahrne Hände es kräftig und weiſe ausführen. Freundliches Bild!“ fuhr Hervey fort, indem ſein Auge thränend und mit ſtrahlendem Ernſt auf der prachtvollen Abendſcene ruhte,„weiche nie aus meiner Seele! Möge mein irdi⸗ ſches Leben in Schatten gehüllt ſein, wenn nur dieſe ſtille Klarheit in mir ſtrahlt!“ Hervey ſchwieg einen Augenblick in Gedanken ver⸗ tieft, dann begann er: „Ich war noch ſehr jung und hatte eben erſt meine Studien vollendet, als ich in Graf R's. Haus trat. Die Freundſchaft ſeines älteſten Sohnes, des Grafen Ludwig, führte mich dahin. Er glaubte, ich würde dort einiges Gute ſtiften. Ich glaubte es ebenfalls in dem Uebermuthe, der in meinen Jahren ſelten fehlt. Es war ein düſteres Haus. Stürmiſche und finſtere Leidenſchaf⸗ ten hatten lange darin gewüthet. Das Aeußere war ein getreues Bild des Innern. Düſter und verfallen lag das alte Schloß auf der äußerſten Bergſpitze von Schonen. Die Wogen des Sundes ſchlugen an ſeine Mauern. Ich 360 traf einen Sohn durch die wilde Härte des Vaters in ge der Blüthe ſeines Alters in Blödſinn geängſtigt. Die ge Mutter war vor Kurzem geſtorben. Die Tochter war wi mit vierzehn Jahren beinahe noch ein Kind, allein der Er Wille des Vaters keimte bereits in ihrer Bruſt; wie che eine junge Eiche kämpfte ſie gegen den Sturm und die be Unterdrückung rief die Spannkraft ihres jungen Weſens S nur um ſo kräftiger hervor. Es war ein ſchönes, wildes, ver aber warmherziges Kind— beſtimmt zu großen Wer⸗ wa ken in Gutem oder Böſem. Trotz ihrer jungen Jahre wa war ſie durch den Willen des Vaters bereits mit einem vor reichen, abgelebten Mann verlobt, der dieſer friſchen, An ſchönen Roſenknospe in jeder Beziehung unwürdig war. wi Sie ließ ſich verloben, weil ſie gedankenlos wie ein Kind ſtel in der Ehe bloß eine luſtige Hochzeit erblickte, und ſich un aus ihres Vaters Hauſe fortwünſchte. Der Vater— ret wahrhaftig, es iſt eine düſtere Erſcheinung um einen mu Menſchen, der ſo gänzlich alles Göttliche in ſeiner Seele bef ausgerottet hat, daß nur der freche, grauſame Egoismus ein darin zurückbleibt. Für eine ſolche Seele iſt Nichts ich heilig— ſie iſt zu Allem fähig, um ihren Willen oder jun ihre Laune zu befriedigen; ja ſie findet Vergnügen darin, den ein Plaggeiſt zu ſein. Um an die Wirklichkeit der Hölle Na zu glauben, braucht man nur einen ſolchen Menſchen mei gekannt zu haben— und ein ſolcher war Graf Ludwigs Ich Vater. Ich verabſcheute ihn bald, blieb aber dennoch mit im Hauſe, um ſein Kind zu beſchützen. Elfride war ſow bereits ausgerufen und die Hochzeit ſollte vor ſich gehen, nen als auf einmal in der Seele des jungen Mädchens ein Bri Wiverwille dagegen erwachte und mit ihm zugleich ein Ueb unerſchütterlicher Widerſtand.„Ich will nicht!“ war wer ihre einzige Antwort auf Vorſtellungen und Befehle. Ste Sie weigerte ſich, den Baron N. zu heirathen.„Sie können mich tödten,“ ſagte ſie entſchloſſen,„aber nicht abet zu ſeiner Frau machen.“ Jetzt fielen einige ſchauder⸗ doas hafte Scenen vor. Ich ſah eines Tages Elfride blutend dem vor ihrem unbarmherzigen Vater an den Haaren herum⸗ zwi — 361 geſchleppt, und in dieſem Augenblicke ſetzte ich Gewalt gegen Gewalt, drohte ihm und befreite ſie. Graf Lud⸗ wig war weit weg in fremden Landen. Der erſchreckte Emil bat die Schweſter bloß, um Gotteswillen zu gehor⸗ chen; ich ſtand allein dem muthigen Kinde zur Seite und beſchloß, ſie mit eigener Lebensgefahr zu ſchützen. Die Stunde des Kampfes kam bald. Graf R. hatte im Ein⸗ verſtändniß mit ſeinem würdigeu Schwiegerſohne eine ge⸗ waltſame, nächtliche Vermählung beſchloſſen; ein Prieſter war gedungen; Elfride ſollte geopfert werden. Am Abend vor dieſer finſtern That wurde der Plan Elfriden von ihrer Amme entdeckt, die, obgleich vom Grafen für ihre Mit⸗ wirkung bezahlt, dennoch ihren Gewiſſensbiſſen nicht wider⸗ ſtehen konnte. Elfride kam zu mir, eroͤffnete mir Alles und beſchwor mich mit der Angſt der Verzweiflung, ſie zu retten. Die Gefahr war dringend und die Zeit kurz; ich mußte ſchleunig einen Beſchluß faſſen, wenn ich Elfride befreien wollte. Graf R. hatte eine Schweſter, die in einem Kloſter in Seeland Aebtiſſin war. Zu ihr beſchloß ich Elfride zu führen und ihr den Schutz des unglücklichen, jungen Mädchens anzuvertrauen, Um jedoch der drohen⸗ den Gefahr zu entgehen, mußte Elfride noch in dieſer Nacht über den Sund gebracht werden. Ich theilte ihr meinen Plan mit und ſie gab ſich ganz in meinen Schutz. Ich ſchrieb einen Brief an den Grafen R., worin ich ihm mit wenigen Worten die Entdeckung, die ich gemacht, ſowie meinen Vorſatz eröffnete, ohne jedoch den Ort zu nennen, wohin ich Elfride zu führen gedachte. Dieſen Brief ließ ich verſiegelt auf meinem Tiſche liegen, in der Ueberzeugung, er werde nach meiner Flucht bald entdeckt werden, eine Verfolgung aber während der Nacht nicht Statt finden.“ „Es war ein finſterer und ſtürmiſcher Sepfember⸗ abend, als ich in dem Boote, das ich mir verſchafft und das an der Schloßmauer lag, Elfride erwortete. Mit dem verabredeten Glockenſchlag ſah ich ihre weiße Geſtalt zwiſchen den Bäumen hervorſchimmern und verſchwinden 362 — denn in der Finſterniß und Eile war ihr Fuß ge⸗ ſtrauchelt und ſie mit einem matten Rufe zu Boden ge⸗ fallen. Ich ſprang zu ihr hin, nahm ſie in meine Arme und trug ſie ans Ufer. Ich war nahe daran, es zu er⸗ reichen, als mich Jemand gewaltſam im Genick faßte. Ich ſtellte Elfride auf den Boden, um mich zu verthei⸗ digen. Sie ſprang entſchloſſen ins Boot. Ich warf mei⸗ nen Gegner, der mich unter wilden Flüchen und Be⸗ ſchimpfungen feſtzuhalten ſuchte, zu Boden, ſprang zu Elfride hinein und ſtieß ab vom Lande. Beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick blitzte es am Ufer; es ſiel ein Schuß; ein wildes Durcheinander von heftigem Geſchrei und Flu⸗ chen ſchlug an unſte Ohren, allein bald wurde das ganze Getöſe vom Rauſchen des Sturmes und der Wogen über⸗ tönt. Es war eine ſchreckliche Nacht. Mein Plan war, ſobald ich Elfride in Sicherheit gebracht hätte, zu Graf R. zurückzukehren und ihm für meine That Rede zu ſtehen; und ſo kühn das Unternehmen war, zur Nachtzeit wäh⸗ rend eines Sturmes auf einem ſo kleinen Boote die Ueber⸗ fahrt über den Sund zu verſuchen, ſo wagte ich es den⸗ noch im Vertrauen auf meine Jugendkraft und meine Kenntniß des Fahrwaſſers, ſowie beider Ufer, einen glück⸗ lichen Ausgang zu hoffen. Allein in der Finſterniß und im Sturm wurde ich irre geführt. Eine Strömung trieb uns ins Meer hinaus; ich merkte es, kämpfte aber ver⸗ gebens entgegen. Elftide, heldenmüthig und ruhig, pries in der ſtürmiſchen Nacht den Himmel für ihre Rettung. Nie werde ich dieſe Racht vergeſſen. Um mich herum ein Meer in Aufruhr, über mir ein Himmel voll ſchwarzer drohender Wolken— ein Sturm, der mit ſchrecklichem Gedonner einherbrauste,— mitunter einige blaſſe Blitze, welche die nächtliche Scene und die Finſterniß nur um ſo grauſenhafter erſcheinen ließen, und vor mir in weißen Kleidern dieſes Kind, dieſes heldenmüthige Mädchen, vieſer Engel, der nur die lieblichſten Worte des Troſtes, der Hoffnung und der Dankbarkeit vernehmen ließ. Ich ruderte die ganze Nacht, ohne einem Ufer zu nahen; ₰ 363 ich wußte jetzt nicht mehr, wo wir waren, und ſtand die grauſamſte Angſt um Elfride aus. Mit Tagesanbruch nahm der Sturm auf eine entſetzliche Weiſe zu. Ein Windſtoß warf uns an einige Klippen und ich pries mich glücklich, als ich mit Elfride ſchwimmend und gegen die Brandung kämpfend das Ufer erreichen konnte.“ „Wir waren auf eine kleine Inſel weit ins Meer hinaus verſchlagen worden. Nur von einer Seite und in großer Entfernung konnten wir feſtes Land entdecken. Es glich beinahe einem Wunder, daß unſer kleines Fahr⸗ zeug uns bis hieher getragen hatte; jetzt lag es zerſchellt zwiſchen den Klippen und die Bretter trieben auf den Wogen.“ „Schäumende Brandungen erhoben ſich hoch um uns. Meervögel flogen ſchreiend über unſre Häupter hin. Gelbe und weiße Blümchen wuchſen zwiſchen den Steinen auf dem Strand und wurden vom Winde gebeugt; es iſt mir, als erblickte ich ſie noch und ſähe, wie Elfride ſie pflückte.“ „Die Inſel beſtand aus einigen Felſen, die mit Tannen und niedrigen Birken bewachſen waren. Eine verfallene und verlaſſene Fiſcherhütte bewies, daß früher Menſchen hier gehaust hatten.“ „Wir waren allein im weiten Meere; Gefahren mancherlei Art umgaben uns; wir litten Mangel an Allem und doch— ſo iſt die Jugend, ſo iſt das ſlarke und glückliche Leben der Gefühle zur Zeit, da das Herz blüͤht, daß wir uns in dieſer Lage beinahe glücklich prieſen.“ „Elfride ſchien ſchnell aus einem Kinde Jungfrau ge⸗ worden zu ſein; ſie kam mir größer vor, ihr Geſicht, ihr Weſen drückte eine erwachte Seele aus und ich fühlte jetzt für ſie, was ich bisher nicht gefühlt hatte.... wir waren allein auf der Welt.... wir Beide waren ganz allein. kurzes, entzückendes, furchtbares Gedicht von Liebe und Tod!“ 364 „Du liebteſt ſie?“ fragte Philipp tief aufgeregt. „Ja wie man mit zwanzig Jahren in dieſer Lage, in dieſen Verhältniſſen liebt. Ja, ich liebte ſie. Ich machte ein Feuer auf in der Hütte. Elfride ſchmückte ſie mit Laub und Blumen. Wir genoſſen etwas Brod und Wein, was ich für ſie mitgenommen hatte. Die lieblichſte Heiterkeit belebte Elfride. So hatte ich ſie noch nie geſehen. Unter der Unruhe und dem Drucke im väterlichen Haufe war ihr Frohſinn wie eine fluchtige Paſſionsblume geweſen. Auf einmal in ein wunverbares Element der Freiheit und Liebe ver⸗ ſetzt, lebte ſie in der reinſten, freieſten Freude auf, vie zwar auf Augenblicke etwas von der Wildheit ihrer Gemüthsart annahm. Die wilde Scene um uns her ſteigerte ihre Lebensgeiſter. Wie ein mit den Wundern der Natur vertrautes Feenkind ſprang ſie auf den Felſen umher, ließ ſich trotzig und vergnügt vom Schaum des Meercs benetzen und vom Raſen des Sturmes liebkoſen. Ich mußte ſie mit Gewalt von dieſen gefährlichen Spielen wegreißen und zwingen, im Schutz der Bäume und Felſen zu bleiben, wo ſich das wilde Kind ſchnell in die holveſte Grazie verwandelte. Sie ſpielte mit den Blumen um ſich her und ſchmüctte den, den ſie liebte, damit. Ihre Lippen ſprachen meloviſche Verſe aus. Ihr Geſicht ſtrahlte von entzückendem Lächeln. Bald ein folgſames Kind, bald eine eigenwillige Herrſcherin, im⸗ mer lieblich und hinreißend, feurig und ſchön erſchien ſie wie eines jener Weſen, von denen die Fabel erzählt, die halb göttliche, halb Naturweſen, einen wunderbaren Einfluß auf Alles, was ſie umgibt, ausüben. Ich blieb immer um ſie und war entzückt und beinahe bezaubert von ihr. Aber während ich Elfride anſah, während ich, in ihren Anblick verloren, den Becher einer reinen und überirdiſchen Liebe trank, den ſie mir reichte, ver⸗ wanvelte ſie ſich aufs Neue. Die Farbe ihrer Wangen wurde tiefer, der Glanz ihrer Augen unnatürlich, die lieblichen, harmoniſchen Worte verworren, und als eſer ſie. ride ſſen men So und ſinn lin ver⸗ die hrer her ern elſen des oſen. ichen 865 ich ihre Hände in die meinigeu drückte, fühlte ich, daß ihre Pulſe von einem verzehrenden Fieber gejagt wurden. „Der Sturm wüthete fort. Ich hatte mein Nastuch an den Wipfel einer Fichte gebunden; aber kein Fahrzeug ließ ſich ſehen, weder nah noch ferne. Das Meer war furchtbar unruhig. So vergingen drei Tage. Jetzt fing Verzweiflung an, mein Herz zu zernagen. Schweigend lag Elfride, ſtill wie ein Lamm, unter der mächtigen Hand der Krankheit da, und ſtill, aber unabläſſig raste das Fieber, das ihr junges Leben verzehrte. Sie dürſtete, und ich vermochte ihre Lippen mit keinem Tropfen Waſſer zu erfriſchen. Das war ein Leiden. Sie klagte nicht, ſondern ſprach dann und wann ein Wort des Troſtes und ſah mitunter mit einem Engelsblick zum Himmel auf. Sie lächelte und erbleichte ſie pries ſich glücklich und die Stimme erloſch. „Am Abend des fünften Tages hielt ich eine Leiche in meinen Armen. Ich hatte meine Bruſt aufgeſchlitzt und das Blut rann warm über ihre vertrockneten Lippen. Vergebens!. ſie bewegten ſich nicht mehr.“ Hervey hielt inne. Große Thränen rollten über ſeine bleichen Wangen hinab. Nach einer Weile fuhr er fort: „Sie litt nicht viel und ſie ſtarb glücklich, denn ſie liebte und ſah ſich geliebt;— das war mein Troſt und iſt es noch jetzt.“ „Sie war nicht mehr, und die Natur ſchien aus⸗ getobt zu haben. Sturm und Wogen legten ſich. Ich ſah ein Bobt nahen; das Leben winkte mir, aber das Le⸗ ben war mir in dieſem Augenblick verhaßt. Doch— der Gedanke an meine Mutter, an Marie, die Hoffnung, einen aſcheulichen Verdacht von mir abwälzen zu können, ermahnten mich, zu leben. Mit Elfridens Leiche in den Armen ließ ich mich an den Strand führen, wo ich vor wenigen Tagen den geretteten Engel in Freundesſchutz übergeben zu können gehofft hatte. Ich wurde jetzt mit dem Entſetzen empfangen, das man vor einem Mörder empfindet, und lernte die neuen Beſchuldigungen kennen, 366 die ſich gegen mich gehäuft hatten. Graf R. war blutend an dem Ufer gefallen, von dem aus ich mit Elfride floh; ein Piſtolenſchuß hatte ihn gefährlich verwundet. In der⸗ ſelben Nacht war ihm eine anſehnliche Geldſumme ge⸗ ſtohlen worden— und auf mich fiel der Verdacht wegen dieſer niedrigen finſteren Thaten.“ „Graf Ludwig war zurückgekommen. Nicht mehr als Freund, ſondern als Feind ſtand er jetzt vor mir. Ich ſagte ihm, was ich jetzt dir ſage, und er— glaubte mir nicht. Ein Keim des Argwohns war von jeher in ſeiner Seele gelegen. Er konnte die Sprache des Wahr⸗ heit von der des Betrugs nicht unterſcheiden. Doch ich verzeihe ihm hier auf dieſer Stelle— er war ſchmerzlich verletzt worden— denn er liebte ſeine Schweſter. Viel ſprach gegen mich;— der Engel, den ich retten wollte, hatte für immer ſeine Lippen geſchloſſen, und den ſchwarzen Mordverſuch auf ſeinen Vater konnte ich nicht erklären. Mit Haß wandte er ſich von mir. Die ganze Welt wandte ſich von mir. Ich ſtand allein da. Biülder von Schaffot und Henker wurden mir vor die Augen geführt— und ich war unſchuldig! In dieſem Gefühl und von dem Wunſche beſeelt, gegen alle Welt anzukämpfen, verlangte ich laut nach einer Unterſuchung.“ „Ruhig ſah ich mich ins Gefängniß eingeſchloſſen. Mein jugendlicher Muth, mein Unſchuldsbewußtſein ließ mich blos einen glücklichen und ehrenvollen Ausgang voraus⸗ ſehen. Aber bald verdunkelte ſich meine Hoffnung. Starke Wahrſcheinlichkeiten ſprachen für mein Verbrechen; Nichts ſprach für meine Unſchuld. Um Elfridens Entführung zu erklären, berief ich mich auf meinen Brief an Graf R., und der Brief— fand ſich nicht. Der Mörder war nicht entdeckt worden. Ein Schreiber des Grafen, ein Menſch, den ich kaum geſehen hatte, trat als Ankläger gegen mich auf und wußte durch Vermengung von Falſchem und Wahrem meinem Verhältniß zu dem Grafen und ſeiner Tochter während meines ganzen Aufenthalts im Hauſe die ſchwärzeſte Färbung zu geben. Die Unmöglichkeit, mich die der des pur Zei mei Me von dan ruh ſche run ſtar Leb des mei Abe Gei ſtür den ſam Ma auf mal eine gew mein mich theid mich war achti end oh; e⸗ ge⸗ gen als Ich bte r in ahr⸗ ich zlich Viel ollte, arzen ären. 367 zu rechtfertigen, wenn nicht irgend ein glücklicher Zufall die Wahrheit an den Tag bringe, wurde mir immer deutlicher.“ „Während dieſer Zeit öffnete ſich mancher Abgrund des Lebens vor meinen Blicken; allein auch mancher Licht⸗ punkt ſtieg wolkenfrei aus der dunkeln Welt empor. Die Hölle kam mir nahe, aber auch der Himmel. In dieſer Zeit, einer Zeit von wenigen Monaten, entwickelte ſich mein Charakter und ich wurde damals, was ich jetzt bin. Meine Philoſophie, meine Anſicht vom Menſchenleben, von der Geſchichte, von der ewigen Ordnung ſtellte ſich damals feſt. Ich wurde klar in meiner Seele und ſah ruhig dem Tod entgegen. Von der Zeit meiner Gefangen⸗ ſchaft habe ich mir beinahe blos eine angenehme Erinne⸗ rung bewahrt— ja, denn ich wurde während derſelben ſtark und ruhig in mir ſelbſt. Das Bitterſte, was das Leben hat, brach hier ſeinen Stachel an meiner Bruſt ab, — göttliche Gnade, Dank ſei dir! Wäre nicht das Bild des weißen Engels geweſen— des Heldenkindes, das in meinen Armen erbleichte!... Oft, oft in einſamen Abenden, in langen Nächten ſtand dieſes Bild wie eine Geiſtererſcheinung vor mir. Ich ſah das aufgeregte ſtürmiſche Meer; ich ſah die weiße, feine Geſtalt auf den Wogen ſchweben, langſam erbleichen, langſam zu⸗ ſammenſinken.— Elffride! holdes, unglückliches Kind! Manchmal in meinem wirkſamen Leben hat dieſes Bild auf Augenblicke meine wirkſame Kraft gelähmt, manch⸗ mal in friedlichen Umgebungen, in der Stunde der Freude einen Schatten über alles Liebliche und Schöne im Leben geworfen.“ „Die Zeit rückte herbei, wo öffentliche Verhoöre meiner Verurtheilung vorangehen ſollten. Ich bereitete mich darauf vor. Ich wollte ſelbſt allein mein Ver⸗ theidiger ſein. Ich wollte den äußerſten Verſuch machen, mich zu rechtfertigen. Im Fall es nicht gelingen ſollte, war ich vollkommen reſignirt. Die Achtung oder Ver⸗ achtung der Geſellſchaft verliert viel von ihrem Gewicht, 368 ſobald man eingeſehen hat, doß ſie mehr nach Schein, als nach Wirklichkeit ertheilt wird, daß das Auge des Menſchen nicht bis zur Quelle der Handlungen dringen kann. Dagegen erhebt ſich dann mit verdoppelter Macht die Gewißheit, unter einem höheren Auge zu ſtehen— die irdiſchen Bande löſen ſich, die himmliſchen knüpfen ſich feſt.“ „Aber theure Bande feſſelten mich noch an die Erde. Meine Mutter und Marie waren zu mir geeilt und theil⸗ ten mein Gefängniß. Die Geliebten hatten nicht gezweifelt. Sie erfreuten meine Seele, und der Gedanke, ſie zu ver⸗ laſſen, war mir bitter.“ „Graf Ludwig ſah ich in meinem Gefängniſſe nicht; vagegen beſuchten mich zwei von meinen künftigen Richtern öfter. Es war mir eine Freude, zu wiſſen, daß ich das Herz dieſer vortrefflichen Männer gewonnen hatte, daß ſie an meine Unſchuld glaubten.“ „Der Tag des erſten Verhörs rückte näher. In der Nacht vorher ſah ich auf einmal die Thüre meines Ge⸗ fängniſſes ſich öffnen, und man ſagte mir, ich könne fliehen. Ich weigerte mich, den Glauben an mein Ver⸗ brechen dadurch zu bekräftigen. Da erklärte mir ein Mann, den ich nicht nennen werde, der Ausgang meines Prozeſſes ſei unzweifelhaft, ich werde zum Tode oder zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilt werden; allein Perſonen, die moraliſch von meiner Unſchuld überzeugt ſeien, haben Mittel zu meiner Flucht ausfindig gemacht und mit ihrer Hilfe könne ich ins Ausland gelangen. Meine Mutter und meine Schweſter ſchloſſen mich in ihre Arme und beſchworen mich, mich und ſie zu retten⸗ Ich überlegte mir die Sache. Der poſitive Werth der Achtung der Geſellſchaft war in Folge der Reflexionen, wozu meine Lage mich veranlaßte, in meinen Augen bereits geſunken. Durch meinen Tod gewann ich Nichts für meine Ehre;z er mußte ebenſo nutzlos als ent⸗ ehrend ſein. Der Gedanke an lebenslängliches Ge⸗ fängniß war mir ſchrecklich. Hier ſtanden meine Mutter . 369 und meine Schweſter, welche mein Tod nicht nur in Schande, ſondern auch in Dürftigkeit ſtürzen mußte. Wem und was konnte wohl meine Flucht ſchaden? Man bot mir Leben und Freiheit an, und Leben und Freiheit flamm⸗ ten entzückend auf vor meiner Seele. Die Welt iſt groß, dachte ich; ich werde ſchon ein Plätzchen für mich und die Meinigen finden, wohin Verläumdung und Haß nicht dringen werden. Ich werde ſchon mein Brod ver⸗ dienen und über mir iſt Gott!“ „Ich folgte dem Rath, den man mir ertheilte, und floh mit den Meinigen. Unerwartete Hilfsmittel, die ich unterwegs traf, erleichterten meine Flucht nach England. Bald darauf reiste ich nach Indien, wo ich Arbeit und Brod fand. Eine Schrift von mir, die bald nach meiner Flucht in Schweden herauskam, machte einen mir gün⸗ ſtigen Eindruck. Der Glaube an mein Verbrechen begann zu wanken. Der Sturm, der ſich über mich erhoben hatte, legte ſich allmählig zu einem ſchwankenden Säuſeln. Jahre verſtrichen. Neue Ereigniſſe, neue Verbrechen nah⸗ men die Aufmerkſamkeit des Publikums in Anſpruch. Man vergaß allmählig mich und meine Sache. Graf R. genas von ſeiner Wunde, ſtarb aber einige Zeit nachher in Folge eines Sturzes vom Pferde. Mein armer Emil war nach der Heimath gegangen, wo keine harten Worte ihn mehr erreichen, wo nur milde Liebesſtimmen ſeine erſchreckte Seele aus ihrem Verſteck hervorlocken werden. Armer Emil! Armes Kind!“ „Mittlerweile nahm mein Leben in Indien eine un⸗ erwartete Wendung. Ich war ſo glücklich, einen alten Herrn aus Räuberhänden zu befreien. Von dieſer Stunde an behandelte er mich wie einen Sohn und vermachte mir ein nicht unbedeutendes Vermogen mit der einzigen ausdrücklichen Bedingung, daß ich ſeinen Familienamen — Hervey annehmen ſolle. Der liebenswürdige alte Mann war mir theuer; fein Anerbieten kränkte Nieman⸗ dens Rechte, denn er ſtand allein im Leben da und war der Schoͤpfer ſeines eigenen Glücks geweſen; ich wies ſeine Bremer, Nina. 24 370 Güte nicht von mir, machte ihn aber, bevor ich ſein An⸗ erbieten annahm, mit meiner Geſchichte bekannt. Der Alte glaubte mir; er der Fremdling that, was mein Ju⸗ gendfreund verweigert hatte— er glaubte meinem Wort. Er wurde mein Vater und ich wurde ſein Sohn. Meine Mutter und Marie pflegten und erheiterten ſein Alter. Mich ergriff ein unruhiges Verlangen zu reiſen, die Welt zu ſehen und düſtere Erinnerungen zu zerſtreuen. Ich wanderte als Miſſionär durch mehrere Theile Aſiens und drang bis ins Innerſte von China. Die wiſſenſchaftlichen Schätze des Orients öffneten ihre reichen Quellen für meine Seele, und nicht minder erquicklich war mir die immer genauere Bekanntſchaft, die ich mit der Menſchen⸗ natur und der Kraft der Religion machte. Es war ein Leben voll von Mühen und oft auch Gefahren, aber voll Intereſſe. Nach einigen Jahren ſolcher Wanderungen kehrte ich zu den Meinigen zurück— ach, um den letzten Stufzer meines Wohlthäters zu empfangen.“ „Ich wollte mich nun nicht mehr von meiner Mutter und Marie trennen. Es verlangte mich nach einem ſtil⸗ leren Leben, nach einer geordneteren Wirkſamkeit. Einige wiſſenſchaftliche Schriften hatten meinen Namen vortheil⸗ haft bekannt gemacht, und ich hätte in einer blühenden Natur, in einem Kreis von liebenswürdigen Menſchen ruhig leben können, aber nun ergriff mich ein Gefühl, das tiefer, unwiverſtehlicher vielleicht iſt, als alle, welche auf Erden eine Menſchenbruſt verzehren voder erſchüttern — das Heimweh oder vielmehr die Heimkrankheit, denn das Herz erkrankt in der Sehnſucht nach der Hei⸗ math und verwelkt, wenn ſein Begehren unerfüllt bleibt. Geheimnißvolles, mächtiges, wunderbares Gefühl, über⸗ wältigende Anziehungskraft!— wer kann dich beſchreiben? und wer dir widerſtehen? Die Herzwurzeln des Menſchen haften in der heimathlichen Erde; ſie ſaugen ihr Leben ein von dem Edelſten und Eigenſten, was dieſe in Hel⸗ denthat und ſittlicher Schoͤnheit, in Geſchichte und All⸗ 371 tagsleben, in Natur und Kunſt hat— ach! die Jahre der Kindheit, der Kindheit Freuden und der Kindheit Thränen— das Ufer, wo du geſpielt, der Wind, der dich geliebkost, die erſte Liebe, die erſte Wiſſenſchaft, Alles feſſelt, alles bindet dich, unauflöslich an dieſelbe.“ „Ich hatte Viel im Leben ausgeſtanden, ich hatte mit Vielem ſowohl in als außer mir gekämpft und ge⸗ ſiegt— nun aber war ich im Begriff, unter dieſem Ge⸗ fühl zu erliegen, das mich verzehrte wie ein brennender Durſt, wie ein verödender Samum. Wir haben von einem Lappländer gehoͤrt, der, nach dem Süden geführt, das Heimweh bekam und unter allen Herrlichkeiten der Kunſt und Natur einzig und allein nach einem Bischen Schnee begehrte, um ſein Haupt darauf zu legen. Die⸗ ſem glich ich. Das Wilde, das Winterige des Nordens zog mich mit Zaubermacht an ſich. Ich verbarg meine Gefühle vor Mutter und Schweſter; ich wollte ſie nicht beunruhigen und nicht den Gefahren ausſetzen, die uns im Vaterlande bedrohen würden; allein ich wurde heim⸗ lich verzehrt, meine Seele wurde ſchwach. Gleich dem verbrannten Foscari verlangte es mich nach Hauſe, ſelbſt bei Gefahr, einem ſchimpflichen Tode entgegen zu gehen!“ „Ich ſah bald, daß ich nicht allein von dieſer Sehn⸗ ſucht gequält war. Marie, jung und fröhlich lebte friſch in der Gegenwart, aber meine Mutter fiel allmählig zu⸗ ſammen und ſchien alle Lebensluſt zu verlieren. Meine Zärtlichkeit, die Kunſt der geſchickteſten Aerzte richtete Nichts aus; ſchweigend und melancholiſch verbarg ſie ſich vor ihrem Sohne. Eines Tages überraſchte ich ſie in Thränen. Ich ſchloß ſie in meine Arme, ich umfaßte ihre Kniee und beſchwor ſie, mir ihr Herz zu oͤffnen; da kam langſam und ſchmerzlich über ihre bleichen Lippen das Wort„Schweden!“—„Schweden!“ wiederholte ich mit unbeſchreiblicher Liebe. Wir vermiſchten unſte Thränen, wir nannten wohl hundertmal vieſes Wort, das ſchon 372 lange aus unſeren Geſprächen verbannt geweſen war. Es war ein Wahnſinn, es war eine Wolluſt.„O mein Sohn,“ ſagte ſie,„ich muß Schweden wieder ſehen, oder ich werde ſterben.“ „Wir wollen hin, meine Mutter,“ antwortete ich auf einmal beſtimmt und ruhig,„wir wollen dort leben und ſterben.“ Von dieſem Augenblick an war es mir, als ſei jede Laſt von meinem Leben genommen. Ich brachte mein kleines Vermögen zuſammen. Wir reisten ab. Das Glück begünſtigte uns. Wir ſahen die Vatererde wieder.“ Hervey ſchwieg. Seine Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen und er beugte ſich nieder auf den bemoosten Fels. Er küßte ihn. Nach einer Weile fuhr er fort:„Ich war ſehr verändert, ſowohl durch die Jahre, als durch meinen Aufenthalt unter Indiens Sonne; man kannte mich nicht mehr. Auch wich ich meinen früheren Be⸗ kannten aus. Aber zu einem der Männer, die mir wäh⸗ rend meiner Gefangenſchaft Theilnahme bewieſen hatten, ging ich und entdeckte mich ihm. Er war noch derſelbe. Ich fand in ihm einen Freund und Beſchützer. Er ſagte mir, es beginne ſich einige Ausſicht zu meiner Rechtferti⸗ gung zu zeigen. Man hatte ſtarken Verdacht auf eben den Schreiber des Grafen R. gefaßt, der als mein An⸗ kläger aufgetreten war. Man wollte ſich ſeiner verſichern, allein er verſchwand plotzlich, und bis jetzt haben ſich alle Nachforſchungen fruchtlos erwieſen. Inzwiſchen verſprach man mir, dieſelben ſollen jetzt mit verdoppeltem Eifer fortgeſetzt werden.“ „Ich ſuchte mir einen Zufluchtsort, fern von der Gegend, wo ich meine Jugend zugebracht, und wählte abſichtlich dieſen wilden, einſamen und wenig beſuchten Landſtrich. Meine Mutter, die im nördlichen Finnmarken geboren iſt, freute ſich, die Luft ihrer Kindheit wieder zu athmen. Marie war überall glücklich, wo es uns wohl ging.“ „Ich kaufte mir ein kleines Gut in dieſer Gegend, die dure und für ten, ſchw wär öffer kleid von auch wuß eindt lang ausg ſollte weiſe geger mein mich Freu brech erhot ſehr Auße Winl den. Kreiſ hier über klärt große verdä ich ſe leben. 373 die mich auch dadurch lockte, daß es viel zu thun gab; durch Arbeit und Anbau konnte dieſe Wildniß in urbares und glückliches Land umgeſchaffen werden. Ich gab mich für einen Engländer aus, wofür mich die Leute auch hiel⸗ ten, und erwarb mir unter meinem neuen Namen das ſchwediſche Staatsbürger- und Unterthanenrecht.“ „Umſtände, deren Auseinanderſetzung zu weitläufig wäre, machten, daß ich aus dem Privatleben bald in das öffentliche trat und das Amt annahm, das ich jetzt be⸗ kleide. Ich trug ein wahres Verlangen nach dieſer Art von Wirkſamkeit. Ich liebte die Menſchen, ich fühlte mich auch im Beſitz auter Worte, um ſie ihnen zu ſagen, und wußte, daß es mir nicht an der Gabe fehle, ſie ihnen eindringlich zu machen. Ich empfand ein inniges Ver⸗ langen, Gutes für die Geſellſchaft zu wirken, die mich ausgeſtoßen; ich wünſchte, mein gegenwärtiges Leben ſollte meinen Mitbürgern die Unſchuld des verfloſſenen be⸗ weiſen, im Fall die finſtere Beſchuldigung noch einmal gegen mich erhoben würde, wo nicht, ſo wollte ich in meiner Todesſtunde die Gemeinde, für die ich gelebt, um mich ſammeln und zu ihr ſagen:„Ich bin Eduard D... Freunde, die ihr mich kennet, urtheilt, ob ich ein Ver⸗ brecher bin!“ „Ich hatte mich über das Urtheil der Geſellſchaft erhoben, als es ungerecht werden mußte, aber es lag mir ſehr viel daran, ihre gerechte Anerkennung zu verdienen. Außerdem konnte der ſtille Lehrer und Anſiedler in dieſem Winkel der Welt in weiteren Kreiſen wenig bekannt wer⸗ den. Verborgen vor der übrigen Welt und bloß in dieſem Kreiſe wirkſam und bekannt ſchien mir meine Stellung hier die wünſchenswertheſte, ſo lange das Geheimniß, das über meinem Leben ruhte, ſich nicht vollkommen aufge⸗ klärt haben würde. Die Nachforſchungen, auf die ich große Hoffnung gegründet, blieben zwar ohne Erfolg, der verdächtige Verbrecher wurde nicht gefunden, doch konnte ich ſelbſt ſicher vor allem Argwohn und vor Verfolgung leben. Ich wurde immer zuverſichtlicher, immer hoff⸗ 374 nungsvoller, immer glücklicher; manchmal habe ich wäh⸗ rend dieſes geſchäftsvollen Lebens in der Geſellſchaft mit den guten Menſchen um mich her die ganze Heiterkeit mei⸗ ner Jugend wieder aufleben gefühlt, habe die Vergangen⸗ heit vergeſſen und ſorgenfrei in die Zukunft geblickt. Jahre vergingen; ich ſah meine Mutter auf's Neue jung werden, ich ſah Marie gedeihen, Freunde ſammelten ſich um uns;— ich fing an zu hoffen, meine Tage un⸗ geſtört verleben zu können. Das Zuſammentreffen mit Löſvenheim beunruhigte mich; ich hätte gewünſcht, ihm ausweichen zu können. Ich hatte ihn in meiner Jugend gut gekannt. Er war Graf Ludwigs Freund und ich hatte ſeinen ſcharfen, beobachtenden Blick nicht vergeſſen. Doch tröſtete ich mich mit meinem veränderten Aeußern und dem Umſtand, daß mich bis jetzt keiner von meinen früheren Bekannten wieder erkannt hatte. Daß ich mich getäuſcht, hat mich dieſer Abend ſchmerzlich empfinden laſſen. Löfvenheim war nie mein Freund, ich habe von ihm Alles zu fürchten. Indeß werde ich ihm und dem Schickſal, das mich zu erwarten ſcheint, nicht mehr aus⸗ zuweichen ſuchen. Ich will ruhig den drohenden Augen⸗ blick erwarten und wenn er kommt, den Kampf aus⸗ kämpfen.“ „Eduard, Eduard!“ rief Philipp düſter,„du biſt alſo unſchuldig und kannſt dich nicht rechtfertigen vor der Welt! Du biſt unſchuldig und mußt dem finſterſten Arg⸗ wohn ausgeſetzt bleiben! Was ſoll man da von der Vor⸗ ſehung denken?“ „Vorſehung?“ wiederholte Hervey mit mildem Ernft. „Das Reich der Vorſehung wird von den Wirren dieſer Welt nicht geſtört. In ewiger Klarheit ſteht es über den⸗ ſelben und ruft früher oder ſpäter Alles zur ewigen Ord⸗ nung zurück. Wiverſprüche, Gewaltthätigkeiten, Ver⸗ brechen, Dunkel und Wirren wird es jederzeit auf Erden geben— aber jenſeits dieſer Welt iſt eine andre, jenſeits des Grabes— die Auferſtehung! das iſt die Loſung des Räthſels, vas Geheimniß der Vorſehung. Und wir 375 haben es ja geoffenbaret geſehen! Hat nicht das Hei⸗ ligſte auf Erden geblutet und iſt zwiſchen Miſſethätern geſtorben? Iſt es nicht auferſtunden und hat ſich die Welt unterworfen? Mögen diejenigen, die dem Göͤtt⸗ lichen auf dem finſtern kurzen Wege nachfolgen, auf ihn ſehen und nicht klagen! Und wenn des Henkers Hand ihnen die Augen verbindet, mögen ſie auch dann Gott preiſen; denn die Binde zerreißt und die Vorſehung lebt.“ „Eduardl ich habe an dir gezweifelt— kannſt du mir verzeihen?“ Cduard reichte ihm die Hand. Philipp drückte ſie feurig an ſeine Bruſt und ſagte:„Dank, Eduard, Dank für deine Güte, dein Vertrauen! Was ich für dich fühle, will ich durch meine Thaten beweiſen. Von heute an werde ich mir keine Ruhe mehr gönnen, bis du gerecht⸗ fertigt vor der Welt daſtehſt. Fürchte Nichts wegen Lof⸗ venheims. Er wird ſchweigen; ſowohl ſeine Ehre, als ſein Intereſſe bürgen mir dafür: ich habe beides in An⸗ ſpruch genommen. Löſpenheim bedarf meiner Unterſtützung. Eduard, mein Herz ſagt mir, daß ich den Verbrecher ausfindig machen werdez du wirſt gerechtfertigt daſtehen und Nichts wird deine Seligkeit hindern, du wirſt dann das Schönſte und Liebenswürdigſte auf Erden gewinnen können.. „Was willſt du damit ſagen?“ fragte Hervey ver⸗ wundert. „Eduard, du mußt Alles wiſſen! Ich habe die Ver⸗ einigung von himmliſcher Schönheit und Güte nicht ſehen können, ohne zu lieben, ohne anzubeten. aber ich ver⸗ ſtand meine Gefühle für Nina nicht, ohne noch vorher einzuſehen, daß ſie dich liebt.“ „Mich? Mich!“ rief Eduard heftig und beinahe ent⸗ ſetzt:„mich? Unglücklicher! Es iſt nicht wahr, es iſt nicht möglich!“ „Ich ſuchte ſie eines Tages auf und traf ſie im Schatten der Goldweide ſitzend. Sie glaubte ſich allein. 376 Ich näherte mich ſchweigend, denn ich hörte ſie ſprechen, aber die Worte, welche ſie in Tönen, die Engel beneiden dürften, ausſprach, waren, Eduard— vein Name!“ Hervey war heftig erſchüttert.„Nein, nein, es iſt unmöglich, unmöglich!“ wieverholte er, indem er ſeine Augen mit der Hand bedeckte, als wären ſie geblendet worden. „Sie liebt dich, Eduard! Der himmliſch holdſelige Engel liebt dich, und du kannſt nicht anders, als ſie wie⸗ der lieben. Du biſt ihrer würdig, dir wird es beſchieden ſein, ſie zu gewinnen.“ „Sie zu gewinnen!“ wiederholte Eduard. Himmel und Höͤlle ſtritten in ſeiner Seele. Er legke ſein flam⸗ mendes Geſicht in ſeine Hände und verblieb einen Augen⸗ blick ſchweigend ſo. Endlich ſagte er mit ſcheinbarer Ruhe:„Ich bin überzeugt, Philipp, du haſt dich geirrt. Außerdem beveutet das zufällige Nennen meines Namens gar nichts. Es wäre lächerlich von mir, eine Hoffnung darauf bauen zu wollen. Ich bitte vich, laß uns nicht davon ſprechen. Schon die Hoffnung, ein Plätzchen in ihrem Herzen zu heſitzen, erweckt Tantalus⸗Qualen in dem meinigen. Fort mit dieſem entzückenden, verwirrenden Gedanken! Sage mir, Philipp, hat Löfvenheim auch gegen Andre, als gegen dich geäußert, was er von mir zu wiſſen glaubte?“ „Nein und er wird es auch nicht thun. Ich habe ſein Verſprechen und kann mich darauf verlaſſen. Ueber⸗ dieß werde ich ihn auf meiner Reiſe noch einmal ſehen und ſeine Zunge noch ſtrenger binden, ſowohl mit guten als böſen Worten. Wehe ihm, wenn er ſie über dieſe Sache löst! Edurd, du kannſt vollkommen ruhig ſein.“ Die Sonne war untergegangen.„Laß uns nach Hauſe gehen!“ ſagte Eduard,„es wird ſpät.“ Sie gin⸗ gen ſchweigend. Als ſie an den Platz kamen, wo der Weg nach Philipps Gut einbog, blieb er ſtehen und ſagte weich: „Eduard, ich muß dich verlaſſen. Sage mir noch en, en ine det ige ie⸗ en nel m⸗ en⸗ rer rt. ens ing cht in em den gen abe er⸗ hen ten ieſe ach in⸗ der und och 377 einmal, daß du meinen unwürdigen Zweifel verzeihſt, daß du mich noch deinen Freund nennen willſt?“ Eduard öffnete ihm ſeine Arme und drückte ihn an ſeine Bruſt. Tief gerührt ſagte Philipp:„Im Leben und im Tod verlaß dich auf mich! O könnte ich dieſen Augenblick zurückkaufen könnte ich dich meine Schwachheit, mei⸗ nen Zweifel vergeſſen machen!“ „Philipp,“ ſagte Eduard warm,„ich kenne dich! Glaube mir, wenn ich eines Freundes bedarf— ſo werde ich zu dir gehen.“ Noch ein herzlicher Händedruck und die beiden Freunde ſchieden. Hervey kam bald auf eine Anhöhe, von wo aus man Umenäs erblickte. Die Abendroͤthe ſchien auf die Fenſter der Facade. Hervey blieb unwillkürlich ſtehen und ſein Auge heftete ſich auf die Fenſter in Ninas Zim⸗ mer. Bitterſüße Gefühle erfüllten ſeine Bruſt, ſein Herz brannte von inniger Liebe zu ihr. Er war heftig er⸗ ſchüttert geweſen, jetzt beruhigte ſich ſeine Seele in einer innigen Segnung über ſie. „Friede ſei über dich, du angebeteter Engel!“ ſagte er leiſe;„Friede und Freude mit dir! Möge kein gifti⸗ ger, kein ſtörender Hauch deinem Herzen nahen, du ſchö⸗ nes liebliches Weſen! Ich kann entſagen— ſogar dir — um deinetwillen. Ich habe gelitten, ohne zu klagen, ich kann auch lieben, ohne es zu verrathen. Göttlich ſchön müßte es ſein für dich zu leben; o wie wonnevoll auch für dich zu ſterben! Bitter iſt es dir zu entſagen. Das iſt mein Loos; aber ich will aus der Ferne über dich wachen. Von nun an werde ich dich ſelten ſehen. Stille ſtürmendes Herz, ſtille!“ 378 Schattenſpiel. Von der Schatten banger Klage Dumpf die Unterwelt erdröhnt, Aeolus verſchluckt ſein Heulen, Charons Pfeife ſchrill ertönt. Hilfe! in des Hades Reiche Hallt ein ſchreckliches Gebraus! Finſterniß umhüllt die Räume, Und der letzte Stern liſcht aus. Bellman. Eines Abends verſammelten ſich auf Umenäs die Nachbarn von nah und fern zu einem jener Feſte, bei welchen gewöhnlich die Seele ſaſtet. Die Gräfin hatte inzwiſchen kein ſolches beabſichtigt; ſie wollte, daß es recht munter, ungezwungen und luſtig zugehen ſollte. „Die vielen Umſtände und koſtbaren Anſtalten,“ ſagte ſie, „ſind es, die unſere Geſellſchaften langweilig und eklig machen. Wir ſollten es weit natürlicher, leichter und einfacher zugehen laſſen, dann würde Alles beſſer ablau⸗ fen.“ Zu dieſer Natürlichkeit und Leichtigkeit nun wollte ſie jetzt den Ton angeben und die Bewohner der Umge⸗ gend darin einweihen. Man ſollte meiſtens Nationaltänze entweder nach dem Piano, oder nach der Muſik der eige⸗ nen Stimmen tanzen. Dies, dachte die Gräfin, würde Leben in die Verſammlung bringen. Man ſollte bloß einige wenige Lichter haben, denn die Gräfin hatte von Tänzen in einer Scheune bei zwei Talglichtern gehört, die heiterer geweſen, als je ein Hoffeſt. Beim Souper ſollte Alles ganz ungezwungen ſein. Kein großer, ſchwer⸗ fälliger Tiſch, wo man ſtundenlang ſitzen mußte, dagegen ein Buffet mit leichten Gerüchten; man ſollte umhergehen und die Herren ſollten die Damen bedienen. Die Gräfin hoffte davurch Artigkeit im Umgang, ſo wie eine lebhafte und leichte Converſation zu befördern. Die Baronin H. lachte zwar und machte allerhand warnende Bemerkungen über dieſe Leichtigkeit bei ſchwerfälligen Leuten und dieſe ie ei tte es te. ie, lig nd u⸗ lte ge⸗ nze ge⸗ rde loß von ört, per er⸗ gen hen äfin afte H. gen ieſe —— 379 Dürftigkeit in einem prächtigen Salon, allein die Gräfin war einmal von ihren Einfachheitsideen entzückt und hatte ihren Kopf darauf geſetzt, ſich populär zu machen. Mit einer kleinen heimlichen Schadenfreude ſah die Baronin H. dem Ausgang des Feſtes entgegen. Die Gäſte kamen. Sie kamen, Einer um den An⸗ dern, ſo ſchwerfällig, ſo gleichförmig, ſo gleichgültig und machten das Zimmer eng und die Luft qualmig. Nina ſuchte mit wolkenumhüllten Augen den guten, den lieb⸗ reichen Blick, der ihr Leben gab. Er zeigte ſich nicht hier und Alles erſchien ihr dunkel. Sie hatte Hervey mehrere Tage nicht geſehen. Sie hatte ihn jeden Abend erwartet und er war nicht gekommen. Eine ihr bisher unbekannte peinliche Unruhe bemächtigte ſich ihrer Bruſt. Sie erinnerte ſich ſeines ungewöhnlichen Ernſtes in den letzten Augenblicken des Abends in Tärna und fragte ſich angſtvoll, was wohl dieſe Veränderung verurſacht habe. O wie verlangte es ſie, ihn wieder ruhig und heiter zu wiſſen! Die Geſellſchaft tanzte, der Boden ſchwankte. Die Fenſter überzogen ſich mit Schweiß. Die Sonne war bereits in unbemerkter Herrlichkeit hinter die Berge hin⸗ abgeſtiegen. Im Salon war es trübe und drückend heiß. „Jetzt fängt die Leichtigkeit an,“ dachte die Baronin H. Sie beſah ſich die ewigen Figuren, die ſich mit langwei⸗ ligen Geſichtern und ohne das mindeſte Zeichen von Ver⸗ gnügen hin und her bewegten unter einem unharmoniſch hervorgemurmelten: „So weben wir Wallmar So ſchlagen wir zuſammen*).“ Die Gräfin und der Oberſt, die mit hohen Lebens⸗ ²) Dies iſt der Text zu einem ſehr beliebten Rationaltanz. Wall⸗ mar iſt eigentlich ein grobes Tuch, das von den Bauern ge⸗ ſponnen wird. 380 geiſtern den Tanz begonnen hatten, wurden allmählig müde und fingen an, ſich ſtill mithinzuſchleppen. Die Baronin H. wollte bei den Luſtbarkeiten des Tages nicht unthätig ſein und hatte überdieß der Gräfin verſprochen ſich der Unterhaltung anzunehmen. Sie ver⸗ ſuchte es mit mehreren Gegenſtänden bei ihren Nachbarin⸗ nen; da ſie aber außer Apfelſouflé nichts Leichtes fand, was recht anſchlug und Intereſſe erregte, ſo fügte ſie ſich in die Umſtände und fing an bloß von Ferkeln und Kar⸗ toffeln zu ſprechen, was nebſt verſchiedenen Anekdoten vom Viehhof im Paradies eine ſehr gute Wirkung hervorbrachte. Noch größere Senſation gelang es ihr dadurch hervorzu⸗ bringen, daß ſie die Fräulein Y. mit dem Doktor in Umenäs neckte*). Nachdem ſie ein paarmal herumgetanzt, bittet Nina ihren Kavalier um Entſchuldigung und verläßt den Tanz, der ſie in dieſem Augenblick unbeſchreiblich ermüdet. Sie ſtand jetzt ſtill an ein Fenſter gelehnt da und beſah ſich die Figuren, die an den Wänden ſaßen. Die trüben, gleichgültigen Blicke, die oft grämlichen Geſichter thaten ihr weh. Sie dachte an ihn, deſſen Blick und Worte ſo wohlthuend auf Jedermann wirkten; an dieſes reiche Herz, dieſe friſche Kraft, dieſen überlegenen Geiſt. Wunderliche und mächtige Gefühle ſchwellten ihre Bruſt.„Wann werde ich ihn wiederſehen? Werde ich ihn überhaupt je wiederſehen?“ Dieſe Fragen ſtiegen heftig und unwill⸗ kürlich in ihr auf. Es ſchien ihr, als würde es ihr wohl thun, wenn ſie nur einen Schimmer von dem Kirch⸗ thurm bei Hervehs Haus ſehen könnte. Sie trocknete den Schweiß vom Fenſter und ſah hinaus. Allein die Abenddämmerung hüllte die Wipfel der Fichten und *) Die Verfaſſerin iſt nie in Norrland geweſen. Sie hält es für möglich, daß die Frauenzimmer dort leicht ſind wie Elfen, Y. intereſſant wie Corrina, die Herren vollkommen wie Gran⸗ diſſon. Sie ſchildert nicht, wie es dort zugeht, fondern bloß wie man es an manchen Orten, gleichviel wo, antrifft. 381 den Kirchthurm ein. Alles war dunkel in der blauenden Ferne. Auf einmal kam es Nina vor, als könnte ihr ganzes Leben ſchnell verdunkeln und zu Nacht werden, als ſei ihr ganzes liebliches Lichtleben in der letzten Zeit bloß ein Traum. Sie ſah auf die hüpfenden, ſchwer⸗ fälligen, ſchattengleichen Geſtalten. Sie ſprangen auf und ab, ſchwerfällig, einförmig, unaufhörlich; und un⸗ aufhörlich und dumpf und erlahmend tönte auch der Ge⸗ ſang dazu; „So weben wir Wallmar, So ſchlagen wir zuſammen! Weben Wallmar, Schlagen zuſammen, Und laſſen die Kämme gehn, gehn.“ Ein unbeſchreibliches Gefühl der Beklemmung erfaßte Nina. Sie verlangte hinaus von den hüpfenden Schatten, hinaus aus dem trüben, dunſtigen Zimmer, ſie bedurfte Luft, Leben! Es kam ein Schwindel und eine große Mat⸗ tigkeit über ſie. Sie erhob ſich und ging ſchnell an den Wallmarwebern vorbei, die auf und niederhupften und gleichſam höhnend ihr ewiges Gehn, Gehn ihr nachtonen ließen. Klara, die ſich mit Ergebenheit im Tanz abarbeitete, warf der fliehenden Nina, deren Stimmung ſie zu ahnen ſchien, einen Blick voll zärtlicher Theilnahme nach, und ſelbſt gut und ſchon lange gewöhnt, ihren Willen unter⸗ zuordnen, fuhr ſie fort, ihre eigenen Gefühle zu vergeſſen, um zur Brfriedigung fremder beizutragen. Nina warf ſich einen Tüllſhawl über Kopf und Schultern, ſchlich mit ungewiſſen Schritten die Treppe hinab und befand ſich ſchnell in der freien Luft. Ach! es war ſchön da draußen. Das Mondlicht, das Sternen⸗ licht und der bepurpurte Abendglanz ſtrömte über ſie. Kriſtallklar und voll Wohlgerüchen floß die Luft um ſie her. Des Thaues Silberwolken lagen über Bäumen und 382 Wieſen. Alles war ſtill, voll von Ruhe, voll von Ge⸗ nuß; Alles ſo lieblich, ſo paradieſiſch ſchoͤn. Nina athmete tief, athmete leicht, ſog die Luft ein, die ſo voll Friſche, ſah zum Himmel empor, der ſo voll Licht war. Das Leben ſtrömte in vollen Fluthen wieder in ihrer Bruſt. Die Bürde, die ſie ſo eben niederge⸗ drückt, war verſchwunden.„O, mein Gott, deine Welt iſt ſchön!“ flüſterte ſie und ſtreckte ihre Arme aus gegen das Leben und die Natur. Ein paar Thränen rollten über ihre Wangen. Sie trocknete ſie mit ihrem Schleier ab. Sie dachte an Hervey und ein inniges Gefühl von Lebensluſt, von wehmüthiger Freude durchbebte ſie. Leicht wie eine Hindin eilte ſie den Fußweg hinab ins Thal. Hier berührte ihr Kleid eine thauſchwere Blume, dort weckte ſie einen kleinen Vogel aus ſeinem Schlummer und wurde von ihm mit lieblichem Gezwitſcher begrüßt. Wenn man die Tänzer im Salon mit den Schatten im Erebus vergleichen konnte, ſo konnte man mit noch mehr Recht Nina mit einem ſeligen Schatten in den elyſiſchen Gefilden vergleichen; ſo weiß, ſo luftig und leicht, ſo ſchön ſchwebte ſie in der von des Frühlings Fülle trun⸗ kenen Natur dahin. Bei Ninasruh machte ſie Halt. Die Goldweiden hatten den Thau aufgefangen. Die Gras⸗ bank unter ihnen war trocken. Nina ſetzte ſich dar⸗ auf. Die Roſenhecken, die in buſchigen Maſſen die Fel⸗ ſenwand bekleideten, ſtanden in voller Blüthe da und athmeten die herrlichſten Gerüche aus. Die Hummeln ſausten dumpf darüber hin und tranken ihren Abend⸗ rauſch aus den Kelchen der Blumen. Eine kleine Quelle rieſelte ſtill ſpielend, ſo ähnlich einem fröhlichen Kindes⸗ leben, hervor, und alle Lichter des Himmels zurückſpie⸗ gelnd lag in majeſtätiſcher Ruhe das unendliche Meer da, einer ruhenden Rieſenkraft gleich, tief, klar, aber unvurch⸗ ſchaubar. O wie oft hatte nicht Nina hier an Herveys Seite geſeſſen, hatte ſeinen Worten gelauſcht und dann das Leben ſchön und voll empfunden! Sie rief ſich ſeine 383 Ge⸗ Stimme, ſeinen Blick in's Gedächtniß zurück, und es ſchien ihr, als klängen meloviſche Töne zu dieſen Erin⸗ ein, nerungen. Es kam ihr vor, als athmeten Harmonien voll in den Winden der Luft. Im Anfang hielt ſie es für eder ein Spiel ihrer Phantaſie, aber bei einem lebhafteren rge⸗ Windzuge wurden die Töne vollkommen deutlich für ihr Lelt Ohr. Sie ſchienen aus den wehenden Zweigen der Gold⸗ gen weide zu kommen. Bald entdeckte Nina eine an denſelben lten befeſtigte Aeolsharfe. Sie erinnerte ſich jetzt, daß ſie leier eines Abends gegen Hervey den Wunſch geäußert, dieſe von ihr noch fremden Töne zu hören, und Thraͤnen der Dank⸗ eicht barkeit ſtiegen ihr nun in die Angen. Sie dachte an ihn, hal. an ſeine Freundſchaft, lieblicher als Roſenduft, als der dort Harfe Geſang im Winde; wohlthuender, als die Friſche mer der Wellen, als das Licht des Himmels. Auf einmal üßt. ſtand Graf Ludwigs Bild vor ihrer Seele. Eine eiſige im Kühle zog ihr Herz zuſammen, ſie wandte ſchleunig ihren nehr Blick weg. Sie richtete ihn wieder auf Hervey, und chen Alles war gut.„Ach wäre er mein Bruder!“ ſeufzte ſo ſie. In dieſem Augenblicke kam es ihr vor, als würde run⸗ ein Schatten über ihre Bruſt und über ihre Arme ge⸗ Die worfen, die weichruhend über einander lagen. Mit ras⸗ Schmerz dachte ſie an den, der Herveys Leben verdunkelte. dar⸗ Spielend öffnete ſie ihre Arme und ſchloß ſie wieder, als Fel⸗ wollte ſie den Schatten feſthalten, indem ſie ſagte:„Ich und will dich von ſeinem Leben wegnehmen, ich will dich ge⸗ meln fangen halten, du ſollſt ſeinen Tag nicht mehr verdüſtern.“ end⸗ Aber die Geſtalt, deren Schatten Nina umſchloß, bog uelle einen Zweig der Roſenhecke zurück und Eduard Hervey des⸗ ſtand vor ihr. Sie ſprang mit einem ſchwachen Freu⸗ ſpie⸗ denrufe auf. Er trat ſchnell zurück und fragte:„Störte da, ich vielleicht? ſoll ich mich entfernen?“„O nein, nein,“ urch⸗ antwortete Nina und ſtand zitternd da, blickte ihn aber mit einer Freude und einem Vertrauen an, die ſein Herz mit Seite der reinſten Wolluſt durchdrang. Sie wußten ſelbſt nicht, vas wie es ſich fügte, aber unwillkürlich war er an ihrer Seite ſeine und ihr Arm ruhte in dem ſeinigen, wie früher ſo oft. 384 Sie gingen mit einander an den Meeresſtrand hinab. Er ſah, daß ihr Geſicht bleich war und Spuren von Leiden trug. Er empfand ein unendliches Verlangen, ihr wohl⸗ zuthun, und ſeine Worte erſchienen ihr lieblicher, inniger, als je zuvor. Sie hörte ihn mit einem Lächeln voll Glückſeligkeit an. O wie gluͤcklich waren ſie in dieſem Augenblick, wie liebten ihre Herzen einander! Bald ſtanden ſie am Meeresſtrande— ſie beide allein in dem unendlichen Raume. Schweigen herrſchte über der Tiefe, Schweigen in dem unermeßlichen Ge⸗ wölbe über ihnen. Schweigend ſtanden auch ſie da. Aber ihre Herzen ſchlugen. Aus der Tiefe des Waldes und des Meeres ſtiegen Düfte auf, wunderliche, wilde, reizende, wolluſtvolle, ähnlich den phantaſtiſchen Geſtal⸗ ten, womit die Einbildungskraft ſie ehedem bevölkert, In Herveys Bruſt war Unruhe, aber über Ninas Seele war die liebliche Ruhe gekommen, die ſie jederzeit in ſei⸗ ner Nähe empfand. Der Anblick, der ſich ihnen jetzt er⸗ offnete, hatte immer einen beinahe übermächtigen Eindruck auf ſie gemacht; auch in dieſem Augenblick war ihr Herz bedrückt, jedoch nicht ſchmerzlich, wie früher. Leiſe und mit beinahe bebender Stimme ſagte ſie, indem ſie gegen den Sternenraum emporblickte:„Welche Unendlichkeit! Welche Macht! Sie drückt mich nieder! Sehen Sie dieſe Millionen Millionen Welten über uns und jenſeits derſelben andere für unſer bloßes Auge un⸗ ſichtbaren Millionen dort, dort, wohin die Ahnung nicht dringt, wohin der Gedanke nicht reicht, dort in dem Un⸗ erſchaulichen werden ſie gezeugt, wandern ſie aus einer Unendlichkeit in die andere. Unergründliche Schopfung! Ihre Betrachtung verzehrt beinahe meinen Geiſt! Was iſt der Menſch, dieſe Erdenmaſſe, vor dem Herrn der Un⸗ endlichkeit! Sieht er auf ihn* Kann er uns bemerken?“ Und Nina beugte den Kopf nieder und bedeckte mit der Hand ihre geblendeten Augen. „Wollen Sie eine Gränze ſetzen ſeiner Schoͤpfung, ein ent end beſt füh We auck an keit, nen betu im und groͤf Mer gew den hl⸗ er voli ſem eide chte Ge⸗ des lde, tal⸗ ert. eele ſei⸗ er⸗ ruck er ie, lche er uns un⸗ icht Un⸗ iner ng! Las Un⸗ 2 der ng, eine Gränze ſeiner Liebe, ſeiner Macht zu erheben, zu entwickeln, zu beglücken?“ fragte Hervey.„Ach, dieſe Un⸗ endlichkeit der Schöpfung iſt des Herzens, der Vernunft beſte Beruhigung.“ „Beruhigung?“ wiederholte Nina leiſe fragend. „Beruhigung in Gott!“ fuhr Hervey mit tiefem Ge⸗ fühl fort; nach einer Pauſe ſetzte er hinzu:„Alle dieſe Welten leben für einander, wirken auf einander, wenn auch in unſichtbaren Verhältniſſen; ſtill wirken ſie alle an dem Gewebe von Schönheit und heiliger Glückſelig⸗ keit, das der Allgütige von Cwigkeit zu Ewigkeit vor ſei⸗ nen Weſen entfalten will. Groß iſt der Schöpfer, an⸗ betungswürdig, ja! Aber gerade deßhalb, weil er auch im Allerkleinſten lebt, weil das geringſte ſeiner fühlenden und denkenden Geſchöpfe ihm ſo viel werth iſt, wie die groͤßte der Sonnen. Ueber die Erde, wo Gott mit den Menſchen liebte und litt, hat er ſeinen Sternenhimmel gewolbt, damit ſeine Kinder ſehen mögen, daß er eben ſo mächtig iſt, als reich an Liebe. Ach, ſehen Sie auf, ſehen Sie frei und ruhig auf zu dieſem vollen Himmel und ſagen Sie mit demüthiger Freude zu ſich, daß er auch für Sie gemacht iſt.“ „Ich glaube das, o ich will es glauben!“ ſagte Nina, indem ſie ihre thränengefüllten Augen wieder gegen den ſtrahlenden Raum aufſchlug.„Evla hat mir auch Aehnliches geſagt, und doch wird es mir zuweilen ſchwer, dieſen Anblick zu ertragen. Es hat Zeiten gegeben, wo es mir bei einem Blick gegen den Himmel war, als müßte ich in die Erde ſinken. Ach! lange Zeit machten auch die Gegenſtände um mich her bloß einen fremden und be⸗ ängſtigenden Eindruck auf mich, lange kam ich mir ſelbſt nur wie ein irrender Schatten vor. Es war oft eine un⸗ endliche Oede außer und in mir. Jetzt iſt es beſſer— viel beſſer! Das Leben iſt mir leichter, klarer, ſeit. ſie hielt inne.. „Seit?“ wiederholte Herveh, dürſtend nach den Worten, die da kommen ſollten. Bremer, Nina. 25 386 „Sie haben mir ſehr wohlgethan,“ fuhr Nina mit Innigkeit, aber Ruhe fort.„Seit ich Sie kennen lernte, bin ich glücklicher, beſſer.“ „Gott iſt gütig!“ ſagte Hervey mit tiefer Rührung. „Ja, Sie haben unendlich gut auf mich gewirkt!“ fuhr Nina fort, hingeriſſen von dem Gefühle, das uns zuweilen ſprechen läßt, als wären wir bereits Bewohner der freien Säle des Himmels.„Ach, in dieſem Augen⸗ blick, wo ich mit Ihnen vor dem Gränzenloſen ſtehe, fühlte ich, daß es mich nicht ſo erfaßt, wie früher. Ich fühle mich ſtärker, da Sie bei mir ſind. Ich habe nie einen Bruder gehabt— ich denke, das würde mich glück⸗ lich gemacht haben! Laſſen Sie mich Ihnen ſagen, daß ich oft gewünſcht habe, Sie wären mein Bruder! Ich möchte Ihre Schweſter ſein, wie Marie. Ich habe ſchon oft empfunden, wie ruhig ich an ihrer Hand durchs Er⸗ denleben und ſodann durch die Unendlichkeit wandern und mich nicht mehr fürchten, nicht mehr beben würde.*). Er blickte ſie mit unſäglicher Liebe an, und mäch⸗ tige, leidenſchaftliche Gefühle erhoben ſich in ſeiner Bruſt. Er ſah ſie ſo ſchön, ſo lieblich, ſo ergebungsvoll neben ſich; jetzt glaubte er an ihre Liebe, und es war ihm, als müßte ſie die ſeinige werden. Er brannte vor Verlangen, ſie als Gattin auf ewig an ſeine Brüſt zu ſchließen, ſchützend, wachend, liebend ſie durch die Un⸗ envlichkeiten hindurch auf ſeinen Armen zu tragen, Herz an Herz, Auge gegen Auge, von Welt zu Welt, von Ent⸗ wicklung zu Entwicklung. Unausſprechliche Seligkeit! Schon offneten ſich unwillkürlich ſeine Arme, ſchon woll⸗ ten ſeine Lippen die heilige Bitte um eine ewige Ver⸗ einigung ausſprechen— da erfaßte ihn mit entſetzlichem *) O wenn Jemand glaubt, Nina ſpreche bier nicht aus engel⸗ reinem Herzen; wenn Jemand glaubt, ſie ſpiele hier blos die Rolle einer gewöhnlichen Agnes den möchte ich möchte ich„„todtſchlagen. ein geh daß glü bitt chen jedr von nit te, ng. t1“ ins ner en⸗ he, nie ick⸗ daß hon Er⸗ und ich⸗ uſt. ben war ante ruſt Un⸗ an Fnt⸗ eit! oll⸗ ger⸗ hem ngel⸗ die 387 Schmerz das Gefühl deſſen, was ſie von einander ſchied — des Schattens, der über ſeinem verfloſſenem Leben lag. Mit unbeſchreiblicher Qual wandte er ſich ab und ſagte heftig bloß: „Mein Leben wollte ich hingeben, um zu Ihrem Glück beizutragen— wenn ich Glück geben könnte; — aber— ich bin arm— bin verurtheilt, zu ent⸗ ſagen! „Sie leiden!“ ſagte Nina, indem ſie ſich ihm mit ſchmerzlichem Ausdruck in ihrem Geſichte nahte.—„Sie, ein ſo guter Mann! Sagen Sie mir, kann dem nicht ab⸗ geholfen, kann es nicht gut gemacht werden? Sagen Sie, daß es moglich iſt— oder ſagen Sie, daß Sie nicht un⸗ glücklich find.“ „Ich kann dieß jetzt nicht ſagen! Ich empfinde jetzt bitter mein Unglück. In meiner Jugend haben ſich Sa⸗ chen ereignet, die mein Leben verdüſtert haben, am Meiſten jedoch in dieſem Augenblick, wo ich fühle, daß ſie mich von Ihnen trennen.“ „Warum von mir?“ ſagte Nina verwundert und ängſtlich,„Laſſen Sie das nicht geſchehen!... Seien Sie wie bisher mein Freund, mein brüderlicher Freund! Warum ſollte uns etwas trennen?“ „Können Sie das Geſchehene ungeſchehen machen? Können die Todten aus dem Grabe ſteigen und die Wahr⸗ heit bezeugen? Können Sie, Engel, die Schlangenzunge der Lüge verhindern zu ſtechen, wenn ich wünſche.. können Sie mir Ruhe geben vor.... nein, nein, das Glück iſt nicht für mich! Und doch.. doch. er ſchwieg, beinahe überwältigt von ſeinem heftigen, auf⸗ geregten Gefühle. Nina verſtand ihn nicht, aber ſchmerzlich bewegt von ſeinen Worten, und von dem Wunſche beſeelt, die heftige Spannung in ſeinem Gemüthe zu mildern, ſagte ſie mit weiblicher Feinheit: „Vielleicht kann ich es! Wer weiß? Die Vor⸗ 388 ſhuigehat ſchon in manche ſchwache Hand Wunderkräfte gelegt. „Iſt Hoffnung vorhanden? Wäre es moͤglich? Gibt es eine Ausſicht?“ ſagte Hervey wie für ſich.„Doch nein, Alles iſt finſter in der Zukunft! Nein, Engel, du 5 nicht;— ich werde es nicht begehren. nie, nie Sie gingen ſchweigend einen Augenblick neben ein⸗ ander. Eine prächtige Sternſchnuppe brach mit ihrem Strahl durch die Stille des Himmels und ſpann ihren leuchtenden Faden über ihren Koͤpfen hin. Dieſes kleine Ereigniß, das Nina prophetiſch ſchien, lockte in ihr eine Regung voll übermüthigen Lebens hervor.„Weg mit den Zweifeln, hinab mit den Schatten! in's Reich der Schatten! Sie ſind die Feinde des Lebens!“ ſagte ſie. „Hat nicht das Leben auch jetzt, wie früher, Orakel, welche Aufſchlüſſe geben über die Schickſale des Menſchen und das Wort manches dunkeln Räthſels ausſprechen* Ich will ſie fragen in dieſer ſtillen Nacht— ich will ſie für uns beide fragen;— auch ich will einmal in meinem Leben klar ſehen.“ Sie ſprang ſchnell einige Schritte weg, nahm ſcherz⸗ haft etliche Steinchen in die Hand und wandte ſich gegen das Meer, phantaſtiſch anmuthsvoll und ſchön, mit zuruͤck⸗ geworfenem Schleier und das himmliſche Geſicht vom Licht der Sterne beſtrahlt. Wunderſam reizend ertönte in der Stille die ſilberklingende Stimme, die langſam und mit ſpielendem Ernſt folgende Worte ſprach: „Unſichtbare Macht, die du deine Zeichen in den Sternen, in den Thieren, ja, zuweilen in lebloſen Dingen gibſt!— geheimnißvolle Stimme, die du zuweilen ſprichſt, wenn die menſchliche Weisheit verſtummt! Geiſt, Engel oder Dämon! Du, der du den Sterblichen zuflüſterſt, was du vom Rathſchluſſe des Ewigen vernommen, — hoͤre in dieſer Stunde mein Bitten! Antworte auf die Frage in unſerer Bruſt! Gib Klarheit über 389 unfre künftigen Schickſale! Sage uns, was kommen wird! Gib uns ein Zeichen über... Ninas Stimme war unwillkürlich ernſt und zuletzt zitternd geworden bei der Kühnheit ihrer eigenen Worte. Sie unterbrach ſich ſchnell und warf die Steine, die ſie in der Hand hielt, ins Meer. Hervey erhob in demſelben Augenblick ſeinen Arm, als wollte er den ihrigen zurück⸗ haltenz allein es war zu ſpät; er ließ ihn daher wieder fallen, mit einem Ausdruck, der ſagen zu wollen ſchien: „Ach, Kindereien!“ Und die Steine fielen leiſe plätſchernd ins Waſſer, das Ringe um ſie ſchlug, und Alles wurde wieder ſchweigſam und die Sterne brannten ſtille und keine Stimme erhob ſich, um Ninas Frage zu beantwor⸗ ten. Aber auf einmal kam hinter dem Felſen, welcher der ſchwarze Mann, oder der Bauer genannt wird, wie aus des Meeres Tiefe ein weißes Geſpenſt herauf, das einem Menſchen im Leichenkleide glich. Langſam ſchritt es auf dem Waoſſer her und auf die am Ufer Stehenden zu;— kalte Winde wehten ihnen entgegen. Hervey un⸗ terdrückte den Schauder, den vieſer Anblick ihm verur⸗ ſachte. Die Arme gekreuzt, betrachtete er unverwandt die wunderliche Geſtalt mit einem mehr ſtieren, als ruhigen Blick. Auf Nina war die Wirkung heftiger. Mit einem ſchwachen Ruf:„Ach, entſetzlich! Weh mir!“ barg ſie ihr Geſicht in ihren Händen. „Glauben Sie mir,“ ſagte Herveh düſter,„dieſe Erſcheinung gilt nicht Ihnen!“ Nina hörte ihn nicht.„Ach, ich weiß, ich weiß, was ſie zu bedeuten hat,“ ſagte ſie ſchaudernd;„ſehen Sie, das iſt der Nebel, die Kälte, die Finſterniß, die Feinde mei⸗ nes Lebens, welche kommen, um mich wieder zu ergreifen und mein Herz auszukühlen. Sie hatten dieſelben aus meinem Leben verbannt—— ich habe ſie wiever herauf⸗ beſchworen;— ich werde ihnen wieder angehören. O welche Antwort auf meine Frage!“ Mittlerweile hatte das Geſpenſt im Leichentuche ſeine Geſtalt verändert und wieß ſich als eine bloße Nebelmaſſe 390 aus. Es führte gleichſam im Schlepptau ein Heer von formloſen Geſtalten mit ſich, die immer dichter, immer haſtiger hinter dem ſchwarzen Mann herkamen. Der Ho⸗ rizont war in einem Augenblick finſter geworden und das Mrer mit Nebelmaſſen überdeckt. Hervey ſah unverwandt auf die bleichen Dunſtmaſſen und wiederholte gleichſam ſi ſi„Alſo Nebel! Bloß Nebel! Ach, Kinderei, Kin⸗ erei!“ „Sprechen Sie nicht ſo,“ bat Nina mit traurigem Ernſt.„Ach, dieſe Nebel ſind, fürchte ich, das Wirk⸗ lichſte in meinem Leben. Und dieſe Geſtalt!„ ſie ſagt mir. ſie erinnert mich an....“ „An was?“ fragte Hervey verwundert und unruhig, indem er näher zu ihr trat. „An ihn„ an denjenigen, mit dem mein Schick⸗ ſal verknüpft iſt..„ an ihn, den ich nicht liebe und ich angehören werde! O dieſes kalte, fürchterliche ild!“ Hervey heftete einen Blick, ſtarr von namenloſem Entſetzen, auf ſie. „Ich hätte es früher ſagen ſollen,“ fuhr die zitternde Nina fort.„Ich habe auch gewollt.. aber es war mir nicht möglich; ach ich hätte es gerne vor mir ſelbſt verhehlt! Aber ſo iſt es— Evlas und meines Baters Wunſch, ſo wie meine eigene Schwachheit haben über mein Schickſal beſtimmt, mein Verſprechen iſt gegeben...“ Hervey erfaßte mit convulſiviſcher Heftigkeit ihren Arm und wiederholte mit erſtickter Stimme:„Nina ver⸗ lobt? Und jetzt, jetzt erſt erfahre ich es!“ Und er ſah ſie wild und hart an. Es war dieß das erſtemal; ſein ſtrenger Blick zer⸗ ſchmetterte ſie; ſie konnte einen ſchwachen Ruf und die Worte:„Ach, Sie thun mir weh!“ nicht zurückhalten. Er ließ ſchnell ihren Arm los und legte die Hand über ſeine Augen.„Verzeihen Sie mir!“ ſagte er dumpf. „Ich weiß nicht, was ich thue.“ on ner o⸗ das ndt am in⸗ em irk⸗ agt ig, ick⸗ und che nde mir ters ber ten er⸗ ſte zer⸗ die ten. ber yf. 391 „Sie haben mir wehe gethan!“ wiederholte ſie mit einer Miſchung von Schmerz und liebevoller Freude, wäh⸗ rend ſie ihm die Flecke auf dem Arme zeigte, den er ſo hart gedrückt hatte. Sie küßte dieſelben. Sie wußte nicht, was ſie that; aber junges Mädchen, mach du es nicht, wie ſie. Hervey blickte ſie an, indem er mit dem wilden Sturm kämpfte, der in ſeiner Seele raste. Plötzlich be⸗ meiſterte er ihn, warf einen Liebesblick auf ſie und ſagte mit einer Stimme, deren Ausdruck ich vergebens zu be⸗ ſchreiben ſuchen würde:„Lebe wohl!“ und haſtig ver⸗ ſchwand er zwiſchen den Bergen und Nebeln. Die Nebel umwirbelten Nina mit ihren Dunſtge⸗ ſtalten und wehten leer und kühl um ſie. War ſie ſelbſt etwas Wirklicheres, als dieſe? Sie wußte es kaum. Das ganze Leben, der Auftritt ſo eben, ihr eigenes We⸗ ſen, Alles war ihr finſter, undeutlich, unbegreiflich. Sich an eine Felswand lehnend, ſah ſie ſtille in die Nebelwelt hinaus und wiederbolte leiſe für ſich, vhne ſie zu verſtehen, Herveys letzte Worte: „Lebwohl! Lebwohl!“ ſeufzte ſie ſtille und traurig. Jetzt hörte ſie ihren Namen rufen. Sie erkannte Klaras Stimme; aber erſt als die Stimme ihr nahe kam, hatte ſie die Kraft zu antworten. Klara umgab ſie bald mit ihrer klugen Zärtlichkeit und Fürſorge. Sie hullte ſie in einen wärmeren Shawl ein, ſie richtete keine Fragen an ſie, ſondern ſorgte für ſie, wie für ein krankes Kind und führte ſie ſchweigend nach Hauſe zurück. Nina ließ ſie gewähren.„Lehne dich an mich! Stütze dich an mir,“ bat Klara, indem ſie ihren Arm um Ninas weichen Leib ſcluns, während dieſe die ihrigen ſanft auf ihre Schultern egte. „Du thuſt mir wohl!“ ſagte Nina ſchwach, aber herzlich. Und es gibt wirklich Weſen, deren ſtille Sorg⸗ falt, deren bloße Nähe unendlich wohlthuend wirkt. — 392 Büffets n. ſ. w⸗ Ach mehr! Ach mehr! Liebhaber. Gebet doch den kleinen Mamſellen Zwetſchgen, Wein und Karamellen. Bellman. Auf Umenäs puſtete man nach einer ſchwerfälligen Polonaiſe. Die Baronin H. bat die Gräfin, die Pein abzukürzen und das Souper auftragen zu laſſen. Sie rieth ihr auch, das kleine Mahl mit einigem guten Champagner zu krönen. Die Gräfin willigte ein, ob⸗ gleich es nicht mehr als 11 Uhr war, denn ſie hoffte, nachher würde es um ſo munterer zugehen. Die Baronin hoffte es auch. Die Gräfin gab Befehl zu ſerviren. Nach und nach verſchwanden ſämmtliche Herren aus dem Salon. Die Damen ſaßen ſchweigend und geduldig da, in Erwartung deſſen, was kommen ſollte. Aber lange ſchien Nichts zu kommen. Die Gräfin wurde un⸗ ruhig. Endlich ging ſie ſelbſt hinaus, um die Herrn auf⸗ zufordern, gleich Schmetterlingen mit allerhand Lecker⸗ biſſen die Damen zu unflattern. Aber, o Jupiter!— oder vielmehr, o Saturn und Minotaurus!— Denn dieſe waren, wie Jedermänniglich weiß, Gourmands— welches Bild zeigte ſich ihren Blicken! Die Herren ſtürm⸗ ten das Büffet— junge Hühner und Butterſchnitten, Salate und Backwerk verſchwanden, wie eine Wolke, in ihren weitgeöffneten Mäulern. Eine betrübte Ausſicht für die Bewirthung der Damen! In voller Verzweiflung eilte ſie, den Baron H. aufzuſuchen, dem das Geſchäft zugewieſen worden war, die Herren in die Leichtig⸗ keiten und Artigkeiten, welche die Gräfin im Umgang einführen wollte, einzuleiten und dabei ſelbſt mit gutem Veiſpiel voranzugehen. Er war nicht im Salon. Der Sünder! Wo war er denn? Die Gräfin ſtürzte beinahe ath ihn von wor mitl rori die( der ſchw ſchat Grä getri zu r keine Gew aber ſeine ſchne und ſich zenlo Kung von etwa nahn Es h wirkl durch ten Z ſiez beſchl unter den Baro den Schü llen len. en ng äft ig⸗ ng em er he 393 athemlos in das Zimmer der Baronin und dort traf ſie ihn ängſtlich und zärtlich um ſeine Frau beſchäftigt, die von der Hitze und Arbeit in der Converſation unwohl ge⸗ worden war. Die ſchreckliche Neuigkeit, welche die Gräfin mitbrachte, hatte die Wirkung, die Kranke in einen Pa⸗ rorismus eines ſo unmäßigen Gelächters zu verſetzen, daß die Gräfin es beinahe übel nahm, und der Baron zwiſchen der Luſt, ſeiner Frau Geſellſchaft zu leiſten, und der Angſt ſchwebte, ſie möchte ſich durch dieſe übertriebene Luſtigkeit ſchaden. Indeß machte er ſich, gerührt von der Angſt der Gräfin und von ſeiner Frau beinahe mit Gewalt hinaus⸗ getrieben, doch auf den Weg, um zu retten, was noch zu retten war. Baron H. dachte bei ſich, es ſei doch keineswegs eine leichte Sache, in den Büffets und alten Gewohnheiten eine Revolution zu veranſtalten, beſchloß aber ſein Beſtes zu thun, um wieder gut zu machen, was ſeine Verſäumniß verſchuldet hatte. Er verſchaffte ſich ſchnell Gehör im Büffet und trug auf eine ganz gute und muntere Art den Vorſchlag der Gräfin vor, wobei er ſich nur zuſammennehmen mußte, um nicht über die grän⸗ zenloſe Verwunderung und ſogar Beſtürzung, welche die Kunde ſichtlich hervorbrachte, laut aufzuiachen. Einige von den Herrn ſchienen geneigt, gegen dieſe Nekerung als etwas ganz Conſtitutionswidriges zu proteſtiren. Andere nahmen die Sache luſtiger auf. Was war zu machen? Es handelte ſich hier nicht bloß um Artigkeit, ſondern um wirkliche Menſchenliebe, und obgleich Eva dem Adam durch ihre freigebige Theilung des Apfels einen ſchlech⸗ ten Dienſt erwies, ſo hat man doch nie gehört, daß er ſie zur Strafe dafür habe verhungern laſſen. Die Herren beſchloſſen alſo, den Damen unter allen Umſtänden etwas unter die Zähne zu verſchaffen. Man kam überein, mit den Reſten im Büffet eine Auswanderung zu veranſtalten. Baron H. führte mit einem Teller voll Butterſchnitten den Zug anz der Gutsbeſitzer P. P. folgte mit einem Schüſſelchen Citroneneréme, der Doctor von U. hatte ſich 394 des Salats angenommen, der königliche Steuereinnehmer hatte ein Hühnchen, der Diſtriksrichter trug die Sauce dazu. Es ging auf alle Arten zu, nur nicht leicht und nett: Madame R. machte den Anfang mit der Citronen⸗ eréme. Madame P. bekam gar nichts davon zu ſchmecken: die Fräulein Y. aßen an einem fort nur Salat; die Gräfin wollte verzweifeln; die Damen, die das Souper ganz und gar verkehrt bekamen, waren ſchlecht zufrieden, die noma⸗ diſirenden Herrn wollten am Liebſten ſelbſt weiden und be⸗ nahmen ſich nichts weniger als zephyriſch; die Verwirrung nahm zu; Püffe und Aerger, verſchüttete Saucen, zerbro⸗ chene Gläſer, großes Durcheinander und allgemeine Er⸗ bitterung! Aber Puff! Paff! Puff! Die Champagner⸗ pfroͤpfe fliegen. Die Baronin H. kommt mit dem Glas in der Hand herein und bringt die Geſundheit des Königs aus. Die Lebensgeiſter der Geſellſchaft fangen an wieder munter zu werden und in der Tiefe der Gläſer ſchoͤpft man wieder friſchen Muth und gute Laune. Man trinkt, man bringt Toaſte aus, man lächelt, man wird zuvor⸗ kommend gegen einander, es wird aufgeſpielt und hei! wie der Mühlentanz wieder beginnt, aber jetzt con amore. Schade, daß es unterbrochen wird;— doch nein, nicht Schade, denn die Unterbrechung iſt pikant. Reiſende kommen mitten in der Nacht in Umenäs an und die Ge⸗ ſellſchaft ſieht ſich mit einem Franzoſen, einem Deutſchen und einem engliſchen Lord nebſt ſeiner Lady verſtärkt, die ſämmtlich nach Tornea hinaufreiſen, um die Mitternachts⸗ ſonne zu ſehen. Sie hatten Empfehlungen an Gräfin Natalie, die auf ihren Reiſen im Ausland mit ihren Eltern, Onkeln oder Tanten Bekanntſchaft gemacht hatte. Die Gräfin liebte es, Fremde zu empfangen, um ihre Jugenderinnerungen wieder auffriſchen zu können. Auch die übrige Geſellſchaft auf Umenäs fand ſich recht gut in die Ankunft der neuen Gäſte, theils weil ſie ihnen ein Ertraſchauſpiel gaben, beſonders Lady Louiſa, deren Klei⸗ dung und Weſen nicht genug betrachtet und begafft wer⸗ den am nat Lad Der zu! Nor ſow dun fälli eifer blick geze und Gra nen Cun theil nom und zu i das hmer auce und nmen⸗ cken: räfin und oma⸗ d be⸗ rung rbro⸗ Er⸗ gner⸗ Glas znigs ieder hopft rinkt, wor⸗ hei! Ore. nein, ſende Ge⸗ ſcher „ die chts⸗ räſin ihren hatte. ihre Auch t gut nein Klei⸗ wer⸗ 395 den konnte, theils auch, weil zwei von den Herren bald am Tanze Theil nahmen. Obgleich nun der Franzoſe„la charmante danse nationale valvà vallmär tout-A fait piquante!“ fand, Lady Louiſa ihn für„a very pretty dance“ und der Deutſche für herrlich erklärte, ſo ging man doch bald zu Anglaiſen und Walzern über, in denen die Bewohner Norrlands eben ſo zu Hauſe waren, wie die Ausländer, ſowie zu den Francaiſes, deren Schwingungen und Win⸗ dungen der Franzoſe mit unglaublicher Mühe einer ſchwer⸗ fälligen Schönheit aus Pitea beizubringen ſuchte. Der Oberſt Kugel allein war unglücklich. Er war eiferſüchtig auf Lord Cummin, der gleich vom erſten Augen⸗ blick an die Aufmerkſamkeit ſeiner ſchönen Wirthin in aus⸗ gezeichnetem Grade für ſich in Anſpruch genommen hatte, und er ſchoß auf den eleganten Lord alle Bomben und Granaten des Regiments Weſtmanland los, die unter ſei⸗ nen dunkeln, buſchigen Augenbrauen hervorblitzten. Lord Cummin fand ihn„aà very amusing fellowle« Man war theils vom Souper, theils vom Tanz, theils auch von den Fremden dermaßen in Anſpruch ge⸗ nommen, daß man Ninas Abweſenheit kaum bemerkte, und als Klara eine kleine Unpäßlichkeit als Urſache der⸗ ſelben vorſchützte, wurde es ihr erlaſſen, ſich wieder in der Geſellſchaft zu zeigen. Gräfin Natalie hatte den Troſt, ihr Feſt ganz munter ſchließen zu ſehen, als aber Alle fort waren, ſagte die Baronin H. ſehr ernſthaft zu ihr: Natalie, ſtelle doch nie mehr auf dieſe Art das Leichte und das Schwerfällige zuſammen. Das heißt Gott verſuchen. Alles hat ſeine Zeit, ſagt Salomo, und deßhalb jetzt gute Nacht.“ Gräfin Natalie wurde nicht ſowohl durch das ver⸗ unglückte leichte Feſt, als vielmehr durch neue Pläne in ihrem Schlafe geſtört. Sie hatte ſchon lange gewünſcht, während ihrer Verbannung in den Norden auch eines ſeiner Prachtbilder und zwar die Mitternachtsſonne zu 396 ſehen. Sie beſchloß daher, den fremden Reiſenden Ge⸗ ſellſchaft zu leiſten und ſie bis Tornea zu begleiten, auch ſämmtlichen Mitgliedern der Familie freizuſtellen, ob ſie den kleinen Ausflug mitmachen wollten over nicht. Am Morgen nach dem„leichten Feſt,“ wie die Baronin H. es immer nannte, machte ſie beim Frühſtück ihren Vor⸗ ſchlag in dieſer Richtung und ſiehe da, er fand allgemei⸗ nen Beifall. Auch die Baronin wollte die Mitternachts⸗ ſonne ſehen. Die Fremden, beſonders Lord Cummin, waren äußerſt vergnügt über dieſen Zuwachs zu ihrer Reiſegeſellſchaft. Der Aufbruch wurde auf den dritten Tag feſtgeſetzt. Oberſt Kugel nahm ſämmtliche ökono⸗ miſche Geſchäfte der Reiſe, als Poſt, Poſtillone, Trink⸗ gelder u. ſ. w. auf ſich. Die Gräfin und die Baronin, welche wußten, daß Hervey dieſe Gegenden ſehr gut kannte und ſelbſt ſchon ſo weit in den Norden hinaufgereist war, als es ſich auf dieſer Seite überhaupt thun ließ, wünſch⸗ ten beide ſehr, ihn bei der Partie zu ſehen und die ganze Reiſe unter ſeine Leitung zu ſtellen. Man ſchickte daher einen Boten zu ihm, allein dieſer brachte die Antwort zurück, Paſtor Hervey ſei heute früh abgereist und man wiſſe nicht, wann er zurückkommen werde. Dieſer Um⸗ ſtand war unangenehm, indeß konnte die Reiſe nicht auf⸗ geſchoben werden und man mußte ſich zum ganz beſondern Leidweſen der Baronin H. entſchließen, ſie ohne Herve) zu unternehmen. In der kurzen Zeit, die man noch vor der Abreiſe hatte, war die Gräfin zu ſehr von tauſenderlei Sorgen und namentlich von ihrem eiferſüchtigem Oberſten be⸗ ſchäftigt, um Ninas ungewoͤhnliche Bläſſe und tiefe Nievergeſchlagenheit zu bemerken, die ſie mehr einer Marmorſtatue, als einem lebendigen Weſen ähnlich machte. Der Franzoſe war im hoͤchſten Grade erſtaunt über ihre Schönheit und immobilité und fand eine ſchlagende Aehnlichkeit zwiſchen ihr und dem Schnee des Nordens. Er wiederholte dieß oft, und da die ſchel⸗ miſche Baronin ihm mittheilte, statue de glace heiße Sch man Blic fehle mack weiß dieſe ande verm leicht ging nicht entfe ſein wolk⸗ grün entſe auch Hant wurd kame geſeh Leben Herv wiede Alles komn einen lich, ſung und! Nina mitzu wette fand Ge⸗ auch b ſie Am H. Vor⸗ mei⸗ chts⸗ min, ihrer itten ono⸗ rink⸗ onin, nnte war, nſch⸗ anze aher wort man Um⸗ auf⸗ dern rve reiſe rgen be⸗ tiefe einer nlich aunt eine des chel⸗ heiße 397 Schneemann, ſo nannte er ſie beſtäudig la pelle Schnee⸗ mann. Ninas verändertes Weſen entging dem ſcharfen Blick der Baronin nicht und ſie fragte Klara, was ihr fehle.„Mir,“ ſagte ſie zu ihr,„mußt du nicht weiß machen wollen, daß es Erkältung oder Fieber, oder Gott weiß, was ſonſt ſei, was Natalie vielleicht glaubt;— dieſe Geſichtsfarbe und dieſe Miene kommt von einer ganz andern Krankheit, als einer körperlichen her.“ Allein Klarg vermochte ihrer Freundin keinen Aufſchluß zu geben. Viel⸗ leicht ahnte ſie ſelbſt etwas von dem, was in Nina vor⸗ ging, und ſie näherte ſich ihr mit ſtiller Theilnahme, nichts fragend und nicht belehrend, ſondern blos Alles zu entfernen ſuchend, was für Nina ſtörend oder unangenehm ſein könnte. Gute Klara! Nina war ſtill und verſchloß ſich ſchweigend in ihre wolkenumhüllte Welt. Mitunter ſchienen hrennende Ab⸗ gründe aus derſelben hervorzugaffen; aber Nina wandte entſetzt ihre Blicke ab und träumte wieder. Mitunter ſtand auch Edlas ſlille, hohe Geſtalt vor ihr und ſchien ihr die Hand zu reichen; allein dieſes Bild verſchwand. Dann wurde es ſo kalt, ſo eiſig um ſie herum und in ihr; Nebel kamen, wie in der Nacht, da ſie Hervey zum letztenmal geſehen, nahmen ſie in ihre feuchten Arme und kühlten ihr Leben aus;— dann brach ein Lichtſtrahl dazwiſchen und Herveys letzter Blick ſtand vor ihrer Seele: es wurde wieder warm in ihrer Bruſt und ſie fand Ruhe. Für Alles um ſie herum war ſie in dieſem Zeitpunkte voll⸗ kommen gleichgültig. Ohne Willen und beinahe ohne einen Wunſch ließ ſie ſich von Andern führen, that freund⸗ lich, was ſie wollten, ging mit, wohin man ſie bat, und ſang auf den Wunſch der Gäſte. Allein Alles war leblos und beinahe unheimlich. Klara glaubte, die Reiſe würde Ninas betäubte Sinne wieder beleben; ſie bat ſie daher mitzugehen, und Nina ging. Die Reiſe wurde bei einem herrlichen Mittſommer⸗ wetter begonnen und der größere Theil der Geſellſchaft be⸗ fand ſich in der gllerheiterſten Laune. Mylord und Mylady 398 Cummin waren der Anſicht, die Mitternachtsſonne ſolle ihrer Sammlung von Erinnerungen nordiſcher Denkwür⸗ digkeiten die Krone aufſetzen. Sie hatten in Stockholm die königliche Familie und das königliche Schloß geſehen. In Upſala hatten ſie die Bibliothek, die Domkirche, die Statue Linnés beaugenſcheinigt, ein Stück aus dem Baume geſchnittten,„den er ſelbſt gepflanzt“ und in einiger Ent⸗ fernung„the hilloces of Old Upsala“ geſehen. Jetzt blieb ihnen nur noch übrig,„Lapponia““ und„the midnightsun“ zu beſchauen, auf ihrer Rückreiſe nach England einen Blick auf Polhems Schleußen zu werfen, ſich vom Trollhätta beſpritzen zu laſſen, und hatten dann genug von Scandinavien. Mylord Cummin hätte zwar noch einen Wunſch für ſich allein gehabt, einen lebhaften und warmen Wunſch, nämlich Bären zu ſehen und— ſo Gott wollte— ein Paar zu ſchießen. Der Franzoſe be⸗ nützte jede Gelegenheit, welche die Raſtſtunden während der Reiſe gewährten, um mit der Lorgnette am Auge in den Wald hineinzublinzeln und bedenklich gegen Lord Cum⸗ min zu äußern:„Es iſt mir, als ſähe ich da drinnen etwas Graues.“ Manchmal rief er auch mit mehr Leb⸗ haftigkeit:„parbleu! dort ſpaziert wahrhaftig eine Bärin mit einem halben Dutzend Jungen!“ Oder ſagte er mit unheimlicher Stimme:„Ich höre ein ganz ſonder⸗ bares Gebrülle!“ Mehr bedurfte es nicht, um den Eng⸗ länder in Feuer und Flammen zu verſetzen, ſo daß er, trotz alles Achſelzuckens und der wiederholten„my dear!“ von Lady Louiſa aus dem Wagen ſprang und nach ſeinem Bedienten, ſeiner Büchſe u. ſ. w. rief. Der Franzoſe ſeinerſeits ſpähte eifrig nach den Originalen zu Victor Hugo's Nordmännern: Han d'lslande, Oglypiglap, Culbusulsum, Spiagudry u. ſ. w., und verwunderte ſich über die Maßen, die Leute auch ebenſo zu finden, wie ſie faſt überall ſind, und zwar mit Namen, die nicht die mindeſte Verwandtſchaft mit denen von Victor Hugos Helden hatten. Nur der Oberſt Kugel entſprach einiger⸗ maßen ſeinen Vorſtellungen von einem Sohne Nordlands und beine zoge verſt „Sch glan; über erha Torn Dort Scha herun ländi ſtröm gehen ſich; zu te keine doch kleine willig und heit g mager in die des R Sprac zur ei voulo der E ſchreib ſolle wür⸗ holm ehen. „die aume Ent⸗ Jttzt „the nach erfen, dann zwar aften — ſo e be⸗ hrend ge in Cum⸗ innen Leb⸗ eine ſagte nder⸗ Eng⸗ ß er, ar!“ einem nzoſe ictor lap, derte nden, nicht uges iger⸗ lands 399 und er nannte ihn„Derſtrombildes,“ hätte ſich aber beinahe dadurch ein Duell mit dem Oberſten zuge⸗ zogen, der ſich auf Namen à la Victor Hugo nicht verſtand. Der Deutſche, der im Begriff war, eine Reiſe durch „Schweden und Norwegen“ voll Romantik und Nordlicht⸗ glanz herauszugeben, war entzückt über die Natur, wie über die Menſchen und fand Alles„herrlich! groß! erhaben! außerordentlich!“ Bei Mattaränge, im Kirchſpiel Tortula, unweit Tornea, hatten die Reiſenden Zimmer für ſich beſtellt. Dort wollten ſie von einem Berge herab das feierliche Schauſpiel genießen. Die Gegend um das Wirthshaus herum war mit Zelten überdeckt. Schaaren von lapp⸗ ländiſchen Familien, halbwilde Horden aus Finnmarken ſtrömen jeden Mittſommer hieher, um bei der nie unter⸗ gehenden Sonne drei Tage lang zu ſchmauſen, zu baden, ſich zu ſchmücken, in die Kirche zu geben, zu ſpielen und zu tanzen. Hier ſah der Franzoſe mit Entzücken zwar keine Originale zu Victor Hugos Nordmännern, aber doch originelle Geſtalten, wild, geputzt, eigenthümlich, mit kleinen blitzenden Augen und breiter, bloßer Bruſt, eigen⸗ willige Kinder der Mühe und Grütze, deren Kulturgrad und inneres Leben noch kein Romanſchreiber mit Wahr⸗ heit geſchildert hat, vermuthlich deßwegen, weil der Roman mager würde, wenn er ſeine Nahrung aus der Wirklichkeit in dieſem Kreiſe ſchöpfte, weil die Liebe— dieſer Kern des Romanes— hier kein edleres Streben, keine ſchönere Sprache kennt, als diejenige, welche Helbetius vergebens zur eigentlichen dieſer Leidenſchaft machen wollte:„Moi vouloir coucher avec vous!“ und weil das Leben der Ehegatten hier ſich vollkommen mit den Worten be⸗ ſchreiben läßt: „Und ſo lebten ſie zuſammen Und brieten Würſte in den Flammen.“ Der Erdgeiſt hält dieſe Leute gefeſſelt und gleich 400 Maulwürfen arbeiten ſie nur im Boden um die Wurzeln des Lebensbaumes herum. Manchmal jedoch in ihren klaren Winternächten, beim unbegreiflichen, wunderbaren Glanz des Schnees und der Sterne, wenn ſie auf Schlitt⸗ ſchuhen laufend dem Bären und Rennthiere nachjagen, da erwacht das höhere Saitenſpiel des Lebens in ihrer Bruſt, da athmen ſie tiefe, liebliche Gefühle in wehmüthi⸗ gen Melodien, in einfachen, ſchönen Liebesgeſängen aus. Aber bald verſinken ſie wieder in die Nacht der Lappen⸗ hütte. Inzwiſchen war der Deutſche im dritten Himmel über dieſen Anblick und dieſen grellen Abſtich gegen die civiliſirte Welt. Lady Louiſa fand alles dieſes„rather curious“ und machte Bemerkungen in ihr Tagebuch. Das Wetter begünſtigte— was ſelten genug iſt— ſämmtliche Plane der Geſellſchaft. Der Himmel war klar und eine ruhige Mitternacht ſah unſre Reiſenden im fröh⸗ lichen Sonnenlicht auf der grünen Hohe verſammelt. Langſam ſank die Sonne den Horizont hinab, Strahl um Strahl löſchend. Aller Blicke folgten ihr. Noch ſank ſie, noch noch.. jetzt! ſtand ſie ſtille, wie von einer unſichtbaren Hand aufgehalten. Die Reiſenden hielten ihren Athem an ſich. Die Natur ſchien, wie ſie, in geſpannter Erwartung zu ſein; kein Inſekt rührte ſeine ſchwirrenden Flügel; Alles war ſtill, eine Grabesruhe herrſchte, während die Sonne glühendroth einen düſtern, wunderlichen Schein über die Gegend warf! O Allmacht! O Wunderbarer! Jetzt fing ſie wieder an langſam zu ſteigen, ihre Strahlen wieder zu ſich nehmend, gleich einem neuerwachten Ge⸗ nius, gleich einem geläuterten und verſöhnten Geiſte. Ein Hauchi und die Natur athmete und die Vögel jubelten wieder. „„O!“ ſagte Lord Cummin lakoniſch und nahm eine Priſe aus ſeiner goldenen Doſe. Lady Louiſa zeichnete eifrig die Sonne, die Gegend und die Gruppe auf der Höhe auf ein Blatt in ihrem Album. Der Franzos verſicherte mehreremal, es ſei„très imposant, très ma. Der Gre feuc da, ſten fein fron wel Arn Sor wirt nich gnůü gen zunc daſe nen Sie und rzeln ihren aren litt⸗ agen, ihrer üthi⸗ aus. ppen⸗ mmel n die ther m k ſie, einer ihren annter renden hrend Schein arer! rahlen n Ge⸗ . Ein belten n eine ichnete uf der ranzos tres 401 majestueux!“ einige Schritte hinter den Andern lag der Deutſche in einem Wachholderbuſch auf den Knieen. Gräfin Natalie genoß das eigenthümliche Schauſpiel mit feuchtem Auge und wirklichem Gefühl. Der Oberſt ſtand da, wie der Gott Thor, und den Arm in die Seite ge⸗ ſtemmt ſah er der Sonne ins Angeſicht, als wäre ſie eine feindliche Batterie. Baron H. hatte unwillkürlich und mit frommem Ernſt die Hände über den Stock gefaltet, lauf welchen er ſich ſtützte. Klara lehnte ſich an Nina, deren Arm in dem ihrigen ruhte, und ſagte leiſe:„Siehſt du! Die Sonne finkt nicht unter! Sie ſteigt wieder herauf. Es wird nicht Nacht— es drohte bloß„ Nina dankte ihr mit einem Blick, antwortete aber nicht. Die Baronin ſah mit einem Ausdruck innigen Ver⸗ gnügens bald die Sonne, bald ihren Mann und die jun⸗ gen Mädchen an. Als die Sonne immer höher ſtieg und die Wärme zunahm, begab ſich die Geſellſchaft ins Wirthshaus, um daſelbſt einige Ruhe zu genießen. Die Horden von Fin⸗ nen und Lappen waren in voller Bewegung auf dem Felde. Sie kochten, ſie kleideten ſich an und putzten ſich; Bruſt und Kopf ſchmückten ſie mit goldnen und ſilbernen Zier⸗ rathen. Ein kleiner, wunderlicher, alter Lappe näherte ſich mit abſonverlichem Gebärdenſpiel der Geſellſchaft. Er trug eine ſpitzige, mit klingenden Schellen umhan⸗ gene Mütze von Rennthierfell und bunte Zierrathen waren da und dort ohne Geſchmack an Bruſt und Schultern an⸗ gebracht. Das rabenſchwarze Haar hing in dünnen Strei⸗ fen um ſeinen Kopf. Aus ſeinen Zeichen merkte man leicht, daß er ein Wahrſager war und den Fremden ihre künftigen Schickſale prophezeien wolle. Man ging gern darauf ein und er ſagte in ziemlich radegebrochenem Schwediſch jedem, der ihm ſeine Hand zum Beſchauen hinhielt, einige Worte im Verstact. Die Baronin fand es durchaus nicht ſonderbar und nahm es auch nicht übel auf, daß er ihr einen Sohn verkündigte, der ein großer Bremer, Nina. 26 402 Mann werden ſolle. Die Gräfin konnte ſich bei der Prophezeiung, die ihr zu Theil wurde, einer verlegenen Röthe nicht erwehren; ſie war indeß ſo leiſe geſprochen, daß Niemand außer ihr ſie hören konnte. Auf einmal wehrte der Greis die Hände, die ihm noch entgegen⸗ geſtreckt waren, ab, brach ſich durch die Umſtehenden Bahn und ging gerade auf Nina zu, die in einiger Ent⸗ fernung von den Uebrigen ſtand. Mit ſeinen kleinen, ſchwarzen, klugen Augen ſah er ſie lange voll Verwun⸗ derung an, ergriff ſofort beinahe mit Gewalt ihre wider⸗ ſtrebende Hand, betrachtete ſie und ſprach mit vielem Nachvruck Worte, die alles Dunkle und Wunderliche eines Orakelſpruches hatten und ungefähr alſo lauteten: Wenn du ins Todtenreich wirſt ſteigen, Wird des Lebens Räthſel klar ſich zeigen; Wenn ſchwer dich drückt des Lebens Plage, So nahen ſich deine beſſern Tage, Die Kälte wird dir Wärme bringen, Die Wüſte wird dir Antwort fingen. Nach dieſer Prophezeiung, in welcher er ſeine ganze Wahrſagerkraft erſchöpft zu haben ſchien, wollte der Alte keinen Spruch mehr thunz er ſtreckte zwar die Hand noch aus, aber bloß um Geld einzuſammeln. Unter Geſprächen über die Sonne und den Propheten gingen die Reiſenden in das Wirthshaus zurück und begaben ſich auf ihre ver⸗ ſchiedenen Zimmer. Die Worte des Alten machten einen wunderlichen Eindruck auf Nina und erweckten eine dunkle Unruhe in ihrer Bruſt. Aber über dieſelben und über Alles in ihr legte ſich jetzt ein Schleier von Bewußtloſigkeit und ein tiefer Schlaf— bei Nina, der gewöhnliche Begleiter dieſes Zuſtandes von moraliſcher Mattigkeit— führte ſie bald zu dem ſtillen Lethe, in deſſen Wogen es ſich ſo an⸗ genehm ausruht, träumt und vergißt. klar eine mit, mor Loui gehe Wel ris, den mack des Dan meh Meit ſchör Scht Welt Nort dys zu g entzü Schr Eiefl Stra nnd mitzt chelte gnüg zeugt ihres Geſe abzu dieſe der enen chen, mal gen⸗ nden Ent⸗ inen, wun⸗ ider⸗ elem eines ganze Alte noch ächen enden ver⸗ lichen he in nihr d ein leiter te ſie an⸗ 403 Auf den Schlaf der übrigen Geſellſchaft wirkte das klare Tageslicht etwas ſtörend. Lady Louiſa erwachte mit einer kühnen Idee und theilte ſie alsbald ihrem Manne mit, dem ſie gleichfalls als;„a very good idea! a fa- mous idea!“ einleuchtete. Sie ſeien hier ſo nahe am Nordpol, meinte Lady Louiſa, warum nicht vollends bis zur Schneegränze gehen? Sie haben Alles gehort und geſehen, was die Welt Reſches, Prachtvolles und Anziehendes beſitze. Pa⸗ ris, London, die Sprünge der Taglioni, Talmas Spiel, den Geſang der Malibran und der Paſta, Paganini, All⸗ macks u. ſ. w.; aber wie? Wenn ſie nun auch das Reich des Todes, den ewigen Schnee am Nordpol beſuchten! Dann könnten ſie erſt ſagen, daß die Erde nichts Neues mehr für ſie beſitze und ſie mehr geſehen haben, als die Meiſten ihrer vielgereisten Landsleute. In Lady Cummins ſchönem Kopfe lag eine dunkle Vorſtellung, daß die Schneegebirge in Norrland die Gränze der lebendigen Welt ausmachen und jenſeits derſelben die ewige Eiſe des Nordpols beginnen. Obgleich nun Lord Cummin Myla⸗ dys ſchmeichelnde Hoffnung, ſo ſchnell ans Ende der Welt zu gelangen, nicht theilen konnte, ſo war er doch höchſt entzückt über den Gedanken, mitten im Sommer im Schnee herumzuſtampfen und die unermeßlichen, ewigen Eisflächen zu ſehen, in denen der Nordſtern ſeinen ſtillen Strahl ſpiegelt.- Voll Vergnügen über dieſe Ausſicht eilten Mylord und Mylady Cummin, der Gräfin Natalie ihren Plan mitzutheilen. Die Seltenheit des Unternehmens ſchmei⸗ chelte auch ihrer Phantaſie, und ſie erklärte, mit Ver⸗ gnügen bei der Parthie zu ſein. Auch die Baronin be⸗ zeugte Luſt mitzugehen, gab indeß den Vorſtellungen ihres Mannes und Kiaras nach und verſprach, in ihrer Geſellſchaft zu Tornea die Rückkehr der Gebirgsreiſenden abzuwarten. Sie wollte auch Nina zurückhalten, allein dieſe, von einer geheimen Unruhe getrieben, fing an, die 404 Ruhe zu fürchten und verlangte fort.„fort.. wohin, wußte ſie ſelbſt nicht. „Dann mußt du auch mitgehen, meine gute Klara,“ ſagte die Baronin;„du mußt Kopf und Hand für Ning ſein, die nicht recht zu wiſſen ſcheint, was ſie thut. Ich kann es vor Edla nicht auf mein Gewiſſen nehmen, ihr Täubchen ſo ſchlecht zu ſchützen und in die Wildniß hinaus fliegen zu laſſen. Natalie iſt jetzt von ihren eigenen Ideen in Anſpruch genommen; die Cummin iſt— mit Verlaub— ein Gänschen, und die Herren ſind ſammt und ſonders ein Bischen verrückt. Du, Klara, biſt die einzige Vernünftige in der ganzen Geſellſchaft. Du allein kannſt Nina unter deine Flügel nehmen und bei Kraft erhalten. Willſt du, meine Klara? Ich ginge am liebſten ſelbſt mit, um nach dir zu ſehen, wenn mich nicht mein Mann, dieſer Tyrann, feſthielte.“ Klara hatte ihrer Freundin ungefähr daſſelbe über die Geſellſchaft ſagen und ſich zur Beſchützerin Ninas anerbieten wollen. Die Sache war alſo ſchnell abgemacht. Die fremden Herren hatten keinen hohern Wunſch, als in guter Geſellſchaft bis ans Ende der Welt reiſen zu kön⸗ nen. In Tornea fanden ſich zwei Männer, die es auf ſich nahmen, die Wegweiſer zu machen und die Geſell⸗ ſchaft bis an die Schneegränze zu führen. Man verſah ſich hier mit Kleidungsſtücken, Eßwaaren und Allem, was auf der Reiſe nöthig werden konnte. Die Gräfin ließ für ſich und Nina hoͤchſt maleriſche und reich mit Biber⸗ fellen beſetzte Anzüge machen. Sie verbannte die Hüte und erſetzte ſie mit phantaſtiſchen, aber geſchmackvollen Mützen. In dieſem Anzuge, auf dem ſchönen, blonden Kopfe eine Mütze von dunkelrothem Sammt, mit gol⸗ denen Treſſen und Hermelin verziert, erinnerte Nina an das Entzückendſte, was die Sagenwelt hervorgezau⸗ bert. Der Deutſche nannte ſie die Göttin Freia. Nina aber verblieb ſtumm und war gleichgültig, ſowohl gegen ihre eigene Schönheit, als gegen das Lob der An⸗ dern. Die Gräfin und Lady Louiſa dagegen ge⸗ noſſe ihret feine Mü mit den chen aus, ſellſ den war geiſt trap frül halk an, lorg dere kurz mit folg in! als gell wo rück Ra Cur und in 1 nen ohin, ara,“ Nina Ich ihr inaus genen mit ammt ſt die allein Kraft ebſten mein über Ninas macht. als in kön⸗ s auf Heſell⸗ verſah „was n ließ Biber⸗ Hüte kvollen londen t gol⸗ Nina gezau⸗ Nina gegen r An⸗ n ge⸗ 405 noſſen ihre erhöhten Reize und die erhöhte Bewunderung ihrer Bewunderer in vollem Maaße. Es wurden auch feine Masken angeſchafft, welche die Damen vor den Mücken und der Schärfe der Luft ſchützen ſollten. Außer den Wegweiſern gingen noch mehrere Bauern mit Stöcken und Stricken mit, die dazu beitragen ſollten, den Reiſenden ihren Weg ſo bequem als möglich zu ma⸗ chen. Einer ging ein gutes Stück vor den Andern vor⸗ aus, um den Weg auſ's Sicherſte zu beſtimmen; die Ge⸗ ſellſchaft folgte auf kleinen, lebhaften, aber zahmen Pfer⸗ den nach, die daran gewöhnt waren, ſich zwiſchen den Bergen und Moräſten Bahn zu brechen. Die Reiſenden waren zum großen Theile bei ungewöhnlich heitern Lebens⸗ geiſtern, und der Franzoſe that l'imposible, um la belle Schneemann aufzumuntern. Aber ſchon der erſte Morgen drohte der Reiſe ein tragiſches Ende zu machen. Man hatte geraſtet, um zu frühſtücken. Während die Damen mit weißen Händen halbe Birkhühner und Käſe austheilten, fing der Franzoſe an, wieder nach etwas Grauem in den Wald hinein zu lorgnettiren, was, wie er betheuerte, unmöglich etwas An⸗ deres ſein könne, als ein leibhaftiger Bär. Der etwas kurzſichtige Lord ſah nun auch„the fellow,“ und eilte mit geladener Flinte ſeiner Spur nach. Der Franzoſe folgte ihm heimlich lachend. Der Lord verlor ſich ſchnell in den Wald. Der Franzoſe ſuchte ihn etwas unruhig, als er auf einmal einen Schuß und bald darauf einen gellenden Nothſchrei hoͤrte. Er eilte nach der Stelle, von wo derſelbe kam, und ſah mit Entſetzen ſeinen Freund rücklings auf dem Boden liegen, während ein blutiger Bär die Tatzen auf ſeiner Bruſt hielt und ſeinen wilden Rachen über ſein todtenbleiches Geſicht aufſperrte. Lord Cummins Ende ſchien unvermeidlich, als auf einmal ein Schuß von der Seite her den Bären in die Schläfe traf und unter gräulichem Geheul zu Boden ſtreckte. Beinahe in demſelben Augenblicke ſprang ein Mann aus dem Tan⸗ nenwalde heraus, warf ſeine Flinte von ſich, eilte auf den 406 unglücklichen Lord zu, und zog ihn mit Hülfe des Franzo⸗ ſen unter dem ſterbenden Bären hervor, der mit dem halben Leibe über ihm lag. Lord Cummin ſchien ſelbſt in keinem beſſern Zuſtande zu ſein; er war mit Blut be⸗ deckt und leichenblaß. In der Nähe befand ſich eine Grube mit Waſſer. Der Fremde ſchöpfte ſeine Mütze voll und goß ſie über den Lord aus, den dieſes Douche⸗ bad wieder zur Beſinnung brachte. Bald gewahrte man, daß das Blut, das ihn bedeckte, bloß dem von ihm ver⸗ wundeten Bären angehört hatte. Als Lord Cummin ſich davon überzeugt hatte, und ſeinen Feind todt ſah, kam er ſchnell wieder zu Kräften, und es zeigte ſich, daß er außer einem ziemlich ſtarken Druck auf der Bruſt nicht den min⸗ deſten Schaden genommen hatte. Er umarmte ſeinen Ret⸗ ter und war äußerſt glücklich über ſeine Beute, auf welche ihm dieſer ſogleich alle ſeine Anſprüche abtrat. Der Un⸗ bekannte, der zur Verwunderung der Reiſenden ihre eigne Sprache mit Leichtigkeit ſprach, erfragte und erfuhr nun bald das Ziel ihrer Erpedition, ſowie die Namen der Geſellſchaft. Bei einigen davon zeigte er etwas wie Be⸗ ſtürzung und ſchüttelte zu dem Unternehmen ſelbſt den Kopf. Nach einem augenblicklichen Bedenken ſagte er: „Ich bin ein Freund der Gräfin G., und wünſchte die Partie mitzumachen, um ſie vor den Ungelegenheiten und auch Gefahren zu ſchützen, denen ſie auf dieſer Reiſe aus⸗ geſetzt iſt. Allein ich wünſche, ohne ihr Wiſſen mitzuge⸗ hen. Wollten Sie rielleicht einen Augenblick auf mich warten?“ Sie willigten gern ein, und ſahen verwundert ihrem neuen Reiſegeſellſchafter nach, der etwa fünfzig Schritte von ihnen in eine kleine Lappenhütte ging. Nach einer Weile kam er in Lappländertracht und ſo verändert heraus, daß ſie ihn erſt an der Stimme wieder erkannten, als er zu ihnen ſagte:„Verſprechen Sie mir, Nieman⸗ den von der Geſellſchaft etwas von dem zu entdecken, was Sie geſehen oder gehört haben. Sagen Sie bloß, Sie haben einen Waldlappen gefunden, der die Reiſe mitma⸗ chen Ich renj gen dieſ Rot wöh frül ruh lich übe wen ſuch ſein abe ſein einf ihm Han ſie ſein dere die Geſ war nun min ſpre zu die über Laic dajr nzo⸗ dem elbſt be⸗ eine ütze che⸗ nan, ver⸗ ſich ner ußer nin⸗ Ret⸗ elche Un⸗ igne nun der Be⸗ den er: die und aus⸗ uge⸗ nich dert fzig kach dert ten, ſan⸗ was Sie ma⸗ 407 chen wolle, und ſie früher ſchon einmal gemacht habe. Ich verſpreche Ihnen dagegen, die Geſchichte von der Bä⸗ renjagd zu verſchweigen, die ohnehin die Damen beunruhi⸗ gen könnte.“ Lord Cummin ſtreckte beide Hände aus zu dieſem Vertrage. Der Franzoſe war entzückt von dem Romantiſchen der Reiſe. Alle drei halfen jetzt den unge⸗ wöhnlich großen Bären an den Platz ſchleppen, wo ge⸗ frühſtückt wurde. Die Damen waren wirklich ſehr un⸗ ruhig und empfingen jetzt Lord Cummin als einen wirk⸗ lichen Helden. Der Bär wurde wie ein geachteter, aber überwundener Feind gefeiert. Von dem Lappen nahm man wenig Notiz, ungeachtet der Franzoſe ihn vorzuſtellen ver⸗ ſuchte, wobei er ſich taubſtumm ſtellte. Bald jedoch wurde ſeine Rolle bedeutender und Niemand wußte, wie es kam, aber unwillkürlich ſtellte ſich die ganze Karavane unter ſeine Leitung. Er ſprach indeß beinahe Nichts, und bloß einſilbige Worte kamen unter ſeinem Halstuche heraus, das ihm bis über den Mund reichte; aber ſeine Winke, ſeine Handgriffe gaben einen Impuls, dem Alle folgten, weil ſie die Kenntniſſe und Sicherheit verriethen. Mit dem Wegweiſer ſprach er zuweilen leiſe, und hatte im Uebrigen ſeinen Poſten zwiſchen der Gräfin und Nina eingenommen, deren Pferde er oft am Zügel nahm und vorſichtig über die ſchwierigſten Stellen führte. Die Erlegung des Bären hatte der guten Laune der Geſellſchaft ein erhöhtes Leben gegeben. Sehr merklich war indeß, daß von Seite des Franzoſen die„Erſchei⸗ nungen von etwas Grauem“ und damit auch Lord Cum⸗ mins Bärenjagdluſt ganz und gar aufgehört hatte. Er ſprach jetzt nur noch davon, Haſel- und Schneehühner zu ſchießen. Lady Louiſa ſchrieb die Namen aller Orte, die ſie nennen hörte, in ihr Tagebuch, und war entzückt über den Wohlklang der Worte:„Walli, Almajalos, Laian, Silbojock, Kamajocks⸗dal, Karvek, Tjorris, Kas⸗ dajvo, Sulitelma? u. ſ. w. Die Reiſe wurde immer beſchwerlicher und gefahr⸗ 408 voller— man mußte bald auf Booten überſetzen, bald doch wir geben hier keine Reiſebeſchreibung und fühlen uns überdieß, wie auch die Reiſenden ſelbſt, ſicher unter der Leitung und wirkſamen Vorſorge des geheim⸗ nißvollen Lappländers. Auch war die gute Laune der Geſellſchaft der Art, daß ſie ſogar den Muͤhſeligkeiten eine ergötzliche Seite abzugewinnen wußte. Nach und nach wurde ſie jedoch weniger laut und endlich ganz und gar herabgeſtimmt. Je weiter die Reiſenden gegen die Fjällen vorſchritten, um ſo mehr wurden ſie von einem gewiſſen drückenden Gefühl ergriffen. Sie ſchwiegen und jeder hielt nur mit ſeinen eigenen Betrachtungen Zwieſprache. Aus Gräfin Nataliens, aus Lady Louiſas und beſonders aus des Deutſchen Reiſeerinnerungen könnte ich die Urſache dieſer Aenderung leicht entnehmen und mittheilen, allein ich ziehe es vor, ſie aus den Blättern nachzuweiſen, wor⸗ auf eine weit kraftvollere und in Schweden wohlbekannte Feder mit folgenden Worten die Geſchichte des Thier⸗ lebens und der Vegetation während ihrer letzten Seufzer und ihres Kampfes mit den Geiſtern der Kälte und Stürme verzeichnet hat. „Wenn man ſich ſo nördlich als möglich den Fjällen nähert, erreicht man zuerſt die Linie, wo die Tanne auf⸗ hört zu wachſen. Sie hat ſchon vorher ein ungewöhnliches Ausſehen angenommen; vom Boden an mit ſchwärzlichen Aeſten beſetzt und mit gleichſam verbranntem Gipfel ge⸗ währt ſie ein trübſeliges Schauſpiel in den öden Wäldern. Auch die Ackerbeere hat aufgehört zu reifen; die letzten Biberhäuschen erſcheinen an den Bächen; der Hecht und die Barſche verſchwinden aus den Seen; die Gränz⸗ linie der Tannen liegt in den Lappenmarken, 3200 Fuß unter der Gränze des ewigen Schnees. Nun iſt noch Fichtenwald übrig, aber nicht rieſig, wie gewöhnlich, ſondern mit niederem Stamme und groben, weit aus⸗ geſtreckten Aeſten, die Jahrhunderte erfordern, um auch nur eine mittelmäßige Höhe zu erreichen; die Sümpfe haben ein höchſt ödes Ausſehen; Schwegel und Aeſche den und die zen. Bei niede nem Fjäl die( Noc liche höhe der die wäch Felſe Sch dieſe es a der zwiſ noch hört bald und cher im⸗ der eine ach gar llen ſſen eder Aus aus ache lein or⸗ inte ier⸗ fzer rme llen auf⸗ ches hen ge⸗ ern. zten echt inz⸗ Fuß och ich, us⸗ uch pfe ſche 409 finden ſich nicht mehr in den Waſſern. Die Heidelbeeren kommen nicht wohl fort. Höher geht der Bär nicht. Das Korn hat aufgehört zu reifen, aber kleine Höfe, deren Bewohner vom Fiſchfang und Viehzucht leben, fin⸗ den ſich noch bis 2600 F. dieſſeits der Schneegränze. Die Fichte hört 2800 F. unterhalb dieſer Gränze auf, und die Birke bildet nunmehr allein den niedrigen Wald. Mit kurzem, knorrigem Stamme und ſtarren, knotigen Aeſten ſcheint ſie ſich gegen den heftigen Fjällenwind zur Wehr zu ſetzen. Ihre hellgrüne, lebhafte Farbe thut zwar noch dem Auge wohl, iſt aber zugleich ein Beweis von der Unmacht der Vegetation. Bald wird dieſer Wald ſo niedrig, daß man ihn von der kleinſten Anhöhe ganz und gar überſchauen kann. Er wird immer dünner und dünner, und da ſomit die Sonnewärme ungehindert auf die Seiten der Fjällen wirken kann, ſo findet man auf denſelben häuſig einen großen Reichthum von Felſenpflan⸗ zen. Die trockenen Felder bedeckt das Rennthiermoos. Bei 200 Fuß unterhalb der Schneegränze hört auch der niedere Birkenwald auf, und weiter hinauf gibt es in kei⸗ nem Waſſer mehr Fiſche. Der Lachs iſt der letzte. Fjällen nennt man eigentlich alle Berge, welche über die Gränze hinaufreichen, wo kein Baum mehr wächst. Noch 400 F. weiter hinauf gibt es Geſträuche, ſchwärz⸗ liche Reiſer der Zwergbirken; die Moltebeere reift noch; höher aber nicht. Pieſe hohen Gegenden beſucht noch der Vielfraß. Dann hören aber auch alle Gebüſche auf; die Hügel ſind von mehr braunen, als grünen Fjällge⸗ wächſen bedeckt; die einzige Beere, die noch reift, iſt die Felſenſtrauchbeere. Höher als 800 F. unterhalb der Schneelinie ſchlägt der Lappe, der wandernde Bewohner dieſer Wildniß, nicht gern ſein Zelt auf, denn nun fehlt es auch für das Rennthier an Waide.— Jetzt beginnt der ewige Schnee, den Boden zuerſt in Flecken bedeckend, zwiſchen welchen aus der braunen, ſchwammartigen Erde noch ſpärliche Fjällgewächſe emporſchießen. Nun aber hört alle Vegetation auf. Der Schneefink iſt vas einzige 41⁰ lebendige Weſen, das ſich ſo hoch hinauf verliert. End⸗ lich wird dieſer Schnee niemals von einem Regen⸗ tropfen befeuchtet und nie von den Strahlen der Sonne erwärmt.. So arm, ſo öde, ſo düſter breitet ſich hier die Natur aus;— einförmig— aber groß!— groß, den ſie iſt ewig, ohne Wechſel, ohne Unruhe. Stolz und unbeweglich, in ihrer Armuth verwirft ſie allen Fleiß des Menſchen, alle Schätze der Kultur; weist alle Freude, aber auch alle Feſſeln von ſich. Sie wendet ihr Antlitz vom Leben ab, zieht die Schleier des Leichentuches um ſich und ſcheint genug zu haben im Schooße der ewigen Ruhe. grauenhafter wurde es den Reiſenden zu Muthe, mancher Seufzer nach dem Leben entſtieg ihrer Bruſt. Aengſtliche Ahnungen— die einzigen Gäſte auf von dieſem wüſten Feld— umſchwebten ſie, wie vormals die ſich Schatten des Hades die Lebendigen umſchwebten, die in meßl das Reich des Todes einzudringen wagten. Der Abend faßt nahte und mit ihm das Ziel der Reiſe. kalte Inſei „Ein ige S ſphä Der ewige Schnee. weit Hu empe Reiſender. tigen Ha, Ha, ha! mive Amor in Geſtalt eines Schneehuhns. bung Die Reiſenden waren dem Gipfel der Fjällen nahe. ſchei Der Himmel lag klar und kalt darüber. Eiſesluft lag über dem Felde und bedrückte die Bruſt der Wanderer. Kält Man rraſtete eine Weile, ehe man weiter hinauſſtieg. dieſe Unbemerkt von den Uebrigen verſchwindet Nina und eilt und allein vorwärts. Wie die Wolke, gejagt von Winden, ſie d die man auf der Erde nicht kennt, wie der Menſch, wenn zen! er ſeinem Schickſal entgegen gehen will, rennt Nina Fnd⸗ gen⸗ onne die denn und des eude, ntlitz 41¹¹ blind vorwärts! Nur der Unbekannte bemerkte ihre ge⸗ fährliche Fahrt und wie ein Blitz iſt er an ihrer Seite. Treu und ſtill, wie der Schatten, wachſam, wie der Engel über ſeinem Schützling, folgt er ihren Schritten. Bald haben ſie die Andern weit hinter ſich gelaſſen. Höhen und Vertiefungen liegen zwiſchen ihnen. Man fieht einander nicht mehr. Eine übernatürliche Kraft ſcheint Nina zu führen und zu tragen. Mit des Rennthiers Sicherheit und Schnelligkeit klettert ſie zwiſchen den Felſen und weist ſchweigend die bald zurückhaltende, bald leitende Hand des Unbekannten ab. Auf einmal bleibt ſie ſtehen;— eine unermeßliche Ausſicht eroͤffnet ſich;— vor ihr liegt der ewige Schnee. Nicht ein Fleck, nicht ein Berggipfel, ſchön anzuſehen gegen den blauen Himmel, ſondern ein Schneemeer, im Anfang noch von einzelnen grauen Felsſpitzen durchbrochen, dann aber ſich immer gleichmäßiger, immer weißer, immer uner⸗ meßlicher, immer ſchauerlicher ausdehnend!— Es um⸗ faßt den ganzen Horizont, es ſchließt ſich dem dunkeln kalten Himmel an. Kein Wind athmet, kein Vogel, kein Inſekt rührt ſeine Flügel. Man kann mit Alfierie ſagen: „Eine gewiſſe unnennbare Stille herrſcht in dieſer Atmo⸗ ſphäre, in welcher man ſich gleichſam dem Erdkreiſe ent⸗ rückt glaubt.“ Nur von dem hohen Sulitelma, der nicht weit davon ſeine ſchneebedeckten Gipfel gegen die Wolken emporſtreckt, hört man gleich den Donnern des Allmäch⸗ tigen ein dumpfes Krachen und Toſen, denn die Eispyra⸗ miden der Gletſcher ſtürzen beſtändig über die tiefen Woͤl⸗ bungen herab, welche Oeffnungen in die Unterwelt zu ſein ſcheinen. Nina betrachtete dieſes unheimliche Gemälde von Kälte und Tod;— dieſe Erde im ewigen Leichenkleid, dieſen Himmel ohne Wärme, dieſe Stille, dieſe Leere— und das auf ewig ſo. Tief, tief in ihrer Bruſt fühlte ſie die Wirklichkeit des Lebens, fühlte, daß es im Her⸗ zen des Menſchen Etwas gebe, was dieſem Gemälde ent⸗ 412 ſprechen könne— eine Kälte, einen Tod, der doch lebe und fühle— und dieß auf ewig ſo. Sie nahm ihre Maske ab, ſie bedurfte friſcher Luft. Es war ihr, als müſſe ſie erſticken. Ein unendliches Leidensgefühl, ein unnennbares Weh erfaßte ſie. Es war ihr zu Muthe, als hätte ſie hier das Looſungswort, die Prophezeiung ihres Lebens geſchaut: einen ewigen Schnee! Mit tiefer Angſt faltete ſie ihre Hände, unverwandt den wüſten Raum betrachtend, und ihre Thränen floßen, ohne daß ſie ſelbſt wußte, warum. Ein ſtilles, ergebungs⸗ volles, aber hoffnungsloſes Elend lag in ihrem ſchönen, bleichen Geſichte ausgedrückt.„Siehe da“, ſagte ſie laut vor ſich hin,„ſiehe da, das Bild meines Lebens 3 Erden— kalt, leer, todt, ohne Freude, ohne Le „Ohne Liebe?“ wiederholte neben ihr eine Stimme, deren geliebter Klang ihr durchs Herz ging. Sie wandte ſich um. Der Unbekannte hatte ſeine entſtellende Kopf⸗ bedeckung abgeworfen und mit flammenden Blicken und hochrothen Wangen ſtand Eduard Hervey anbetend vor ihr. O war es wohl zu verwundern, wenn er im Ange⸗ ſichte des ewigen Todes dieſes ewige Liebesleben in ſeiner Bruſt übermächtig gefühlt, wenn er das geliebte Weſen, das feindliche Mächte erfaſſen wollten, damit umſchloß? War es wohl zu verwundern, wenn er hier zu ihr ſagte, daß er ſie liebe, daß er ſein Leben ihr widmen wolle? war es zu verwundern, wenn er all die unendliche Liebe, die er für ſie trug, wie einen Lichtſtrom über ſie ergoß? Die Worte, welche er ſprach, gab ſie zurück. Er ſchloß ſie an ſein Herz. Ihre Seelen floßen in einander, unter Thränen der Seligkeit ſagten ſie ſich Worte wahn⸗ finniger, goͤttlicher Liebe. Sie wiederholten ſie tauſend⸗ und aber tauſendmal, gleichſam dem Tode und der Kälte um ſie her zum Trotze. Eine der älteſten Mythen ſagt, als es im Chaos 413 getagt, ſei die Erde mit der Liebe einſam daraus hervor⸗ geſtiegen. Wie lieblich! Hier war die Dichtung zur Wirklichkeit geworden. Die Erde war wüſt und leer, aber der Geiſt Gottes ſchwebte darüber und nie hat göttlichere, glückſeligere Liebe zwei Weſen vereinigt, als hier Nina und Hervey. Laßt mich aufhören!.. Worte ſind zu arm— das Lieblichſte, was die Muſik, das Entzückendſte, was die Blume, das Reinſte, was der Aether hat, Melodie, Duft, Farbe, Licht — kann die ſelige Liebe eher ahnen laſſen, als Worte. Die Worte nehmen den Glanzſtaub von den Flügeln der Gottheit. Einſtens vielleicht, in einer höheren Ordnung, wenn der Romanſchreiber ſeine Feder aus den Flügeln eines Engels ziehen darf, dann vielleicht wird der Him⸗ mel auch aus ſeinen Worten athmen!„ Dann mag er den Verſuch wagen. Aber kurz war auf Erden der Augenblick der Ent⸗ zückung für die zwei Liebenden. Herannahende Tritte und Stimmen führten ſie in die Welt der Wirklichkeit zurück, die ſie einen Augenblick vergeſſen hatten. Dem erſten Wegweiſer auf der Ferſe nach eilte die bleiche und angſt⸗ volle Klara herbei, Ninas Namen rufend. Bei Herveys Anblick verſtummte ſie. Die Gräfin war kaum weniger erſtaunt und zudem entzückt über den überraſchenden Anblick des Freundes, der ſich jetzt nicht mehr zu verbergen ſuchte und es Jedermann freiſtellte, von ſeinem romantiſchen Un⸗ ternehmen zu denken, was er wollte. Während er mit einer Geiſtesgegenwart, welche die Baronin H. bewundert haben würde, der Gräfin in munterem Tone die Sache deutlich oder undeutlich zu machen ſuchte, ſetzte Nina ihren ſeligen Traum fort und wußte wenig von dem, was um ſie her vorging. Dieſe Wiedererkennungsſcene war für Mehrere von der Geſellſchaft eine ſtarke Zerſtreuung nach dem Eindruck, den der ewige Schnee auf ſie gemacht hatte. wandte ſich die Aufmerkſamkeit bald wieder m zu. Beim Anblick des Schneereiches ſagte Lord Cummin 414 wieder bloß ſein lakoniſchrs:„O!“ Lady Louiſa fand die Ausſicht„frightful!“ Dem Franzoſen däuchte„le paysage un peu monotone!“ Der Deutſche war blaß von Kälte und erhabenen Gedanken. Die Sonne war hinter den Fjällen verſchwunden. Das Schauſpiel ward immer bleicher; ſo auch der Ein⸗ druck auf die Seelen der Zuſchauer. Für Eduard und Nina war es gar nicht vorhanden. Was war ihnen das Starre und Todte? Brannten nicht die Flammen des Lebens und der Liebe hoch und himmliſch in ihrer Bruſt? Sie ergoßen einen verklärten Schein über die Welt. Die übrige Geſellſchaft fing an ein wenig zu frieren, und der Gedanke, daß die Verwandlung des ewigen Schnees in kochendes Theewaſſer etwas hoͤchſt Angenehmes ſein würde, drängte ſich faſt Allen auf. Als der Franzoſe die Idee laut äußerte, fand er allgemeinen Anklang, ganz be⸗ ſonders bei Lord Cummin, und man machte ſich auf den Ruckweg das Gebirge hinab an den Ort, wo man die Zelte für das Nachtlager aufgeſchlagen hatte. Es war dieß mitten unter den Felſen. Auf einer Seite hatte man freie Ausſicht über die Gegend, die übrigen waren durch hohe Felſenwände gegen den Gebirgswind geſchützt. Da und dort wuchs Rennthiermoos und einige grüne Fjäll⸗ pflanzen, und von den Felſen herab ertoͤnte das fröhliche Gezwitſcher des Schneefinken. Gräfin Natalie lud die Geſellſchaft zum Abendeſſen in ihr Zelt ein, und Kälte und Wildniß wurden als vor⸗ treffliche Reizmittel für Appetit, Scherze und Lachen be⸗ funden. Bald vermißte man Hervey in dem fröhlichen Kreiſe. Seine und Ninas Freude war in dieſem Augen⸗ blick ganz anderer Art. Sein Herz war voll, er bedurfte der Einſamkeit. Er ging hinaus, und als er den freien Raum um ſich her erblickte und den Nachtwind kühlend auf ſeinen Wangen ſpürte, da wurde es ihm wohl zu Muthe. Seltſam war das Gemälde, das in dieſem Augen⸗ d die 415 blick vor ihm lag. Gleich einem Meer im Aufruhr, das plötzlich erſtarrte, breiteten ſich die unendlichen Fjällen nach allen Seiten hin; ihre weißen, unregelmä⸗ ßigen, gigantiſchen Maſſen erhoben ſich ſtrebend gegen den Himmel, der dunkelblau und klar, ruhig auf ſie niederſah. Kein Leben regte ſich in dem unermeßlichen Raume. Flü⸗ gellahm fuhr der Wind über die Gegend. Noch flammten die Spitzen der Schneeberge in der blauenden Luft. Dieſe Bilder ewiger Stille, unerſchütterlicher Ruhe waren es, die in den Jugendtagen der Erde die Söhne des Südens ſo unwiderſtehlich nach dem Norden zogen. Unter den Feuerſtrichen des Mittags brannte die Sonne heiß, die Erde bebte unter ihren Füßen, Feuer raste in den Bergen und wilde Begierden in den Seelen der Men⸗ ſchen;— da oben bei den„Hyperboräern“ ſtanden ſelbſt die Sterne ſtille, die Erde war kühl und die Wälder tief und ſchweigend. Vom Norden her glänzten in der Tiefe der Nächte wunderbare Klarheiten, welche die Heimath von Göttern, ein nie untergehendes Licht zu verkündigen ſchien, und eine unendliche Sehnſucht ergriff die gequälten Leute, ſie wanderten aus ihrer glühenden Heimath herauf in den Norden, um dort einen Frieden zu finden, den man vergebens auf der Erde ſucht. Eduard hatte den Schnee auf Indiens Himalaya be⸗ treten, er hatte die Sonne in den Thälern an der Linie alle Kräfte der Erde herauflocken geſehen, er hatte ge⸗ ſehen, wie ihre verzehrende Gluth das Leben im Sande der Wüſten verbrannte; er dachte an die wechſelnden Seenen der Erde, dachte, wie ſie ſelbſt ſich im Tanze der Jahrhunderte unter unzähligen Planeten und unzähligen Sonnen herumdrehte, und doch— unter dieſen wechſeln⸗ den Scenen, auf dieſer wandernden Erde konnte ein Leben aufgehen, das keine Verwandlung fürchtete, konnten ſich zwei Weſen in einem glückſeligen Gefühl in einander er⸗ gießen und die Worte ausſprechen;„auf ewig!“ Warum ſchlug bei dieſen Gedanken Eduards Herz? 416 Glückſelig und anbetend ſtand er auf der ſchneeigen Höhe vor dem großen und gütigen Schöpfer. Die Spitzen der Schneeberge ergrauten immer mehr; die Sterne traten ſtrahlend aus der geheimnißvollen Tiefe, der Wind legte ſich, Alles wurde ſtiller, dunkler: Oeſtlich am Elivag kommt Des reifkalten Rieſen Schlafthurm ſo mächtig, Wonmit jede Düſtere Mitternacht Schlägt das Volk alles Im herrlichen Midgard. Da ſchlafen die Thaten, Die Hände ſinken, Schlummer befällt Schwerdtgott, den weißen. Kni Schlafſchwindel ſtöret ſtalt Des Rieſenweibs Freude, YNor Nachſinnenden Geiſt an Und wachſame Rache. dieſe So ſingt die Edda vom Schlaf, wenn die Nacht ſich zur Erde ſinkt. Aber in dieſem Augenblick ſchien eine geheime Macht plötzlich den Fortſchritt der Nacht aufzuhalten. Mitternacht war nicht fern, und die Ge⸗ gend verdunkelte ſich nicht, ſondern ſie hellte ſich auf. Ein wunderbarer Glanz fuhr über den Himmel und ſpie⸗ gelte ſich im Schnee der Fjällen. Es ſchien, als wäre der ſchlummernde Genius dieſer Gegenden von den Stim⸗ men und Blicken der zwei Liebenden erweckt worden und gäbe jetzt ein Echo dieſes kurzen Liebesdramas— des erſten, das in ſeinem Reiche aufgeführt worden. Bleiche Flammen begannen in wechſelnden Geſtalten am Horizont zu tanzen. Bald jlogen ſie klar dahin, wie Lichtblicke öhe ehr; iefe, 417 aus dem Auge des Menſchen, bald wurden an dem dun⸗ keln Himmel leuchtende mit Regenbogenfarben beſchriebene Blätter aufgerollt. Strahlen ſchoßen unaufhörlich gegen die Mitte des Himmels empor; ſie wurden immer klarer, immer dichter, erſtreckten ſich immer weiter umher, ſtiegen zuletzt von allen Seiten des Horizontes auf, und vie Aurora borealis umfaßte Himmel und Erde mit ihrer Glorie. Hervey ſah ſich in dieſem Augenblick von der Reiſe⸗ geſellſchaft umgeben, die ſich, durch die wunderbare Klar⸗ heit der Nacht aus dem Zelte gelockt, unter Ausrufungen der Bewunderung über dieſes ſchöne Schauſpiel auf der Höhe um ihn ſammelte. Er blickte Nina an. Wie eine Himmelsflamme klar und warm drang der Blick in ihre Seele. Sie ſtanden jetzt neben einander und über ihnen woben die Lichtelfen der Luft eine Krone der Herrlichkeit. Der Deutſche lag in dem ewigen Schnee auf den Knieen und glaubte, dieſe Scene ſei eigens dazu veran⸗ ſtaltet worden, um ſeiner Reiſe durch Schweden und Norwegen Glanz zu verleihen. Die Gräfin wandte ſich an Hervey, und riß ihn durch Fragen um die Urſache dieſer Naturerſcheinung aus der ſtillen Entzückung, in die er an Ninas Seite verſunken war. Was Hervey über einen electriſchen und magnetiſchen Luftſtrom zu ihr geſagt, wagen wir nicht zu wiederholen, aus Ehrfurcht vor den Männern der Wiſſenſchaft, die ſolche Notizen aus den Erinnerungen von ungelehrten Menſchenkindern nicht gut⸗ heißen dürften. Lady Cummin ſchrieb Herveys Worte in ihr Tagebuch. Beim Licht der tanzenden, allmählig aber wieder erblaſſenden Flammen kehrte die Geſellſchaft in das Zelt zurück. Die Gräfin, die Unrath zu merken ſchien, be⸗ wachte Nina mit Argusaugen, dies that ſie auch auf der Weiterreiſe am andern Tag, und Hervey erhielt trotz ſeines brennenden Verlangens keine Gelegenheit, allein mit Nina zu ſprechen. Doch war er ihr nahe und umgab Bremer, Nina. 27 418 ſie mit jenen kleinen, zarten Aufmerkſamkeiten, die zu erweiſen und zu empfangen ſo wonnevoll iſt, wenn man einander liebt, allein ſein ganzes Weſen verrieth Unruhe und eine Art Fieber verzehrte ihn. Mit ungeduldiger Haſt, die ſonſt nicht in ſeiner Art lag, trieb er zur Be⸗ ſchleunigung der Reiſe. Am letztgenannten Tage nahm die Geſellſchaft ihr Nachtlager in einem Thal am Fuße des Gardaffjälls. Hier war es, wo die zwiſchen Qual und Seligkeit ſchwe⸗ bende Nina Gelegenheit fand, ſich von der Geſellſchaft zu entfernen und auf einen Augenblick die Einſamkeit zu ſuchen. Sie ging tiefer in das Thal hinein, das voll von einer reichen Vegetation war. Rings um ſie her erhob der Gardafjäll ſeine gigantiſchen Figuren, Kuben und Konen. Ihre ſchneeigen Spitzen flammten in den Strahlen der ſinkenden Sonne und ſtanden wie angezün⸗ dete Fackeln um das ſchattige Thal herum. Die Jo⸗ hannisblume mit ihren prachtvollen Blüthenknöpfen, die Bergneſſel, die Pantoffelblume, die Linnea und tauſend andere blühende kleine Pflanzen bekleideten den Boden mit einer unbeſchreiblichen Pracht; Sylphien und Buchfinken ſeine ſangen in den wilden Roſenbüſchen. Hier blieb Nina fuhr ſtehen, denn hier war es ſchönz ſie ſetzte ſich auf ein be⸗ ihre moostes Felsſtück, und die Ruhe um ſie her fächelte auch zu ihrer Seele Ruhe zu. Hier traf Hervey ſie, hier ſagte zens er mit dem ganzen Feuer und Ernſt ſeiner tiefen und Mit liebenden Seele zu ihr: verp „Es ſind Worte zwiſchen uns gefallen, auf welche nur noch eines folgen kann:„Auf ewig Dein! Auf ewig nah mein!“ Und er hielt ihre Hände zwiſchen den ſeinigen und abe S ſah ſie mit dem ſtarken Blick unſterblicher Liebe an, welcher Gre die Macht hat, ſich die Seele eines Andern zuzuwenden. nac Auch antwortete Nina ohne Kampf, leiſe, aber mit kün tiefer Ueberzeugung:„Ja, Dein, oder des Todes!“ auf Jetzt beſchwor Hervey, ihm Alles zu eröffnen, was ſie betreffe. Er verlangte zu wiſſen, mit welchen Hinder⸗ 4¹9 niſſen er zu kämpfen habe; Hinderniſſe ſollten es für ihn keine mehr ſein. Er wollte Alles, was ihn von ihr trennen könnte, mit Leichtigkeit überwinden. Die Feſſel, die ſein eigenes Leben gehemmt, ſollte zerbrechen. Sie liebte ihn, und dies gab ihm Macht zu Allem. Offen und einfach erzählte Nina den ganzen Stand der Dinge. Ihre Lipppen hatten den Namen Graf Lud⸗ wigs ausgeſprochen, und Todesbläſſe verbreitete ſich über Herveys Züge. „Alſo er!. Er!“ ſtammelte er und lehnte die Stirne an ſeine Hand. „Ja, er!. Ach warum biſt Du ſo blaß?“ „Fr war mein Freund!— Ich war der ſeinige. Ereigniſſe trennten uns auf immer! Weder er, noch ich war Schuld daran. Doch dieſe neue Wunde von meiner Hand hätte ich ihm gerne erſpart.. indeß muß es ge⸗ ſchehen!“ fügte er mit Feſtigkeit hinzu,„Du kannſt ihm nicht angehören. Nina kann nur mir angehören. Sie iſt mein, mein für die Ewigkeit!“ Ninas Hand ruhte in der ſeinigen, ihr Auge auf ſeinem Auge und ſchien ſeine Worte zu bekräftigen. Nina fuhr nun in ihrer Erzählung fort. Ihre Zunge bebte, aber ihre Worte verbargen Nichts, als ſie auf Don Juan zu ſprechen kam;— ſie vermochte das Innere ihres Her⸗ zens vor Hervey ſo wenig zu verbergen, als vor Gott. Mit der Erkenntlichkeit, zu der ſie ſich gegen Graf Ludwig verpflichtet fühlte, erzählte ſie ſein Benehmen bei dieſer Gelegenheit. Mit tauſend gemiſchten Gefühlen und bei⸗ nahe athemlos vor Unruhe hoͤrte Herbey ſie an, als ſie aber an die Umſtände kam, welche ihre Verlobung mit Graf Ludwig aufſchoben, als ſie ihm erzählte, daß er nach einer bloß mündlichen Uebereinkunft, Behufs einer künftigen Verbindung, abgereist ſei— da athmete er hoch auf und bedeckte ihre Hände mit Küſſen und Freudethränen. „Alſo nicht Braut! Alſo noch frei!“ rief er.„Gott ſei gelobt! Wie leicht, wie angenehm wird mir der —— 420 Kampf um Dich werden! Aber höre mich, Nina. Höre mich, angebeteter Engel. Noch feſſeln mich Bande, die bloß Deine geliebte Hand zu löſen vermag. Sage mir, Nina, wenn mein Name befleckt wäre, wenn der Ver⸗ dacht eines abſcheulichen Verbrechens auf mir ruhte, wenn wunderliche Umſtände mir verböten, dieſen Schatten von mir abzuwälzen, wenn ich während meines Erdenlebens dem Argwohn, vielleicht ſogar der Verfolgung meiner Mit⸗ menſchen ausgeſetzt ſein müßte, ſage, Nina, würdeſt Du mich auch dann noch lieben, würdeſt du auch dann noch Dein Schickſal mit dem meinigen verbinden wollen?“ Herveys Geſicht war blaß, wie der Tod, aber ſeine Blicke flammten. „Ich liebe Dich!“ antwortete Nina. Ihre ganze Seele, ihr Glaube, ihre Hoffnung, ihre Zukunft, ihr Himmel, die Loſung ihres ganzen Lebens lag in dieſen Worten. „Und wenn ich, um mich gegen etwas Unverdientes zu ſchützen, um einer Geſellſchaft, in der ich mich nicht rechtfertigen kann, nicht Trotz bieten zu müſſen, immer in dieſem Winkel der Welt verborgen leben müßte, wo die Natur ſtreng und der Vergnügungen des Lebens nur wenige ſind würdeſt Du auch hier mit mir leben wollen?“ „Ich liebe Dich!“ antwortete Nina. „Und wenn mich der Haß hier aufſucht und erreicht, wenn ich gezwungen werde, im fremden Lande eine Frei⸗ ſtatt zu ſuchen— wirſt Du mir dann folgen?“ „Ich liebe Dich!“ antwortete Nina.„O Eduard: Wo immer Deine Heimath ſein mag, da iſt auch die meinige. An Deiner Seite fürchte ich Nichts!“ Innige Glückſeligkeit einer vollkommenen Liebe! Vor Dir fallen alle Schranken, alle Feſſeln, ſchwindet alle Laſt und aller Zweifel des Lebens dahin; dir gelten die Worte: „Tod, wo iſt dein Stachel? Hölle, wo iſt dein Sieg?“ Das Gefühl, der Welt trotzen zu können, ſchwellte 421 5öre Herveys Bruſt mit Götterſeligkeit. Eine tiefe, unbe⸗ die ſchreibliche Bewegung der Freude, der Dankbarkeit und mir, flammenden Liebe bemächtigte ſich ſeines ganzen Weſens. Per⸗ Er ſah Nina mit anbetenden, ſeligen, liebetrunkenen enn Blicken an.„Du mein eigen!“ ſagte er mit einer von Stimme, innig und ſtark, wie ſein Geſühl. Er wollte bens ſie in ſeine Arme nehmen, er begehrte ſie an ſeine Bruſt Mit⸗ zu ſchließen. Aber Nina drängte ihn ſachte weg, ſtand Du auf, legte ihre Hände bittend zuſammen und mit unend⸗ noch licher Lieblichkeit, mit jener Art milder, heiliger Würde, die nur einem Himmelskinde angehören kann, ſagte ſie ſeine zu Hervey die Worte: „Und jetzt höre meine Bitte! Du weißt meine Liebe, anze du kennſt meine Schwäche, o Eduard, ſei du mein guter ihr Engel! Begehre kein Verſprechen von mir! Binde mich ieſen nicht; laß mich frei, bis Edla kommt;— keine Wolke auf deine Stirne, Geliebter!— Du haſt ja mein ntes herz gebunden, auf ewig gebunden! Aber höre meine nicht Bitte!— Aus Barmherzigkeit ſprich nicht mehr von dei⸗ mer ner Liebe, bis Edla kommt! Sie allein kann das Ver⸗ wo ſprechen löſen, das mich an einen Andern feſſelt! ſie allein nur kann meine Hand vergeben;— ſie allein hat das Recht, eben über mich zu beſtimmen. Gegen Evlas Willen handeln, hieße mein ganzes Leben mit Reue belaſten— es wäre ſchreckliche Undankbarkeit! Eduaid! Geliebter Eduard icht, Hervey! Wende dich nicht ab, ſieh mich an, höre mich. Frei⸗ Ich werde dir angehören, oder ſonſt ſoll mich nur der Tod ſeine Braut nennen!— Aber Evla muß für mich ard über Leben und Tod beſtimmen. Sie gab mir das Leben, die Eduard! Sie gab mir mehr, ſie bildete die Seele, mit der ich dich liebe. Es muß ſo ſein;— o Evduard ſage, Vor daß du es auch einſiehſt! Geliebter, Geliebter, ſtärke mich Laſt gegen meine eigene Schwachheit. Du weißt es— ge⸗ rte: gen deinen Willen hat der meinige keine Kraft.— Ach 87 Eduard, erkenne deine Macht— du mußt ſür uns beide ellte Rechenſchaft geben! Aber entferne dich nicht! Ich könnte das nicht ertragen. Sei meine Stütze, ſei meine Stär⸗ 422 Ach, bleib mir nahe, bleib mir nahe, wie früher... „Nina, Nina! Du weißt nicht, was du begehrſt!“ rief Hervey heftig aufgeregt, indem er ſich wegwandte, ſeine Hand hart gegen die brennende Stirne gedrückt. „O ich weiß es,“ ſagte ſie voll himmliſchen Ver⸗ trauens und übermenſchlicher Liebe.„Biſt du nicht ein Engel? Habe ich dich nicht deßwegen ſo innig geliebt, weil du ſo hoch im Leben daſtehſt und nur das Rechte und Gute willſt, dich ſelbſt und Andere beherrſchendl Sieh, Geliebter, die Ruhe meines Lebens, den Frieden meines Gewiſſens, mein Alles lege ich in deine Hände. O bewahre mich frei von Reue, frei vor Scham vor Ed⸗ las Blicken, vor meinem eigenen Gewiſſen— ach, auch vor deinen Augen;— denn wie konnteſt du, Vortreff⸗ licher, meine Handlungen mißbilligen und mich dennoch lieben 2.. Möge dieſer Augenblick der letzte Zeuge von Liebesworten zwiſchen uns ſein, bis unſte Liebe von Epla geſegnet wird. O dann, dann und das ganze Leben hin⸗ durch werde ich dir danken! Geliebter, ewig Geliebter, erfülle meine Bitte!“ Und die Bittende lag zu Herveys Füßen, ihre thrä⸗ nenvollen Augen zu ihm erhoben und die Hände ausge⸗ ſtreckt. Hervey trat in ihren Anblick verloren zurück. „Schones Weib!“ ſprach ſeine glühende Lippe, aber dieſe Worte waren der letzte Sieg der Leidenſchaft in ſeiner Seele. Langſam führte er die Hand über ſeine Augen, als wollte er einen verwirrenden Eindruck zerſtreuen, und bleich, aber wieder ſtark, trat er auf Nina zu, hob ſie auf und ſagte mit gebrochener Stimme:„Sei ruhig, Nina. Deine Bitte, dein Wille werden mir heilig ſein. Du ſollſt die Qualen nicht ſehen, die ſie mich koſten!“ Er beugte ſich tief, er küßte den Saum ihres Klei⸗ des;— in dieſem Augenblick vernahm man leichte Tritte. kung in dieſer Zeit der Erwartung, der Ungewißheit. — Klara war es, die bleich und mit zitternder Stimme ſagte;„Man erwartet Euch zum Abendeſſen.“ heit. ſt!“ dte, Ver⸗ ein iebt, echte endl teden nde. Ed⸗ auch treff⸗ noch von Fpla hin⸗ bter, thrä⸗ usge⸗ rück. dieſe einer ugen, und b ſie uhig, ſein. 1 Klei⸗ ritte. mme 4²3 Schweigend und gedankenvoll kehrten alle drei zu⸗ ſammen zurück. In Hervey war eine große Veränderung vorgegan⸗ gen. Nach dem Auftritt zwiſchen ihm und Nina, nach⸗ dem er ihre Liebe geſehen, war er zu Allem fähig, nur nicht ihr zu entſagen. In ſeiner kraftvollen Seele lag jetzt der feſte Wille, ſie trotz aller Hinderniſſe zu gewin⸗ nen. Stille in ſich verſunken und mit glühendem Blick entwarf er den Plan für ſeine Zukunft. Die Hoffnung, öffentlich gerechtfertigt und freigeſprochen zu werden, lebte wieder in ſeiner Seele auf. Ein Brief von Philipp gab ihm Veranlaſſung dazu. Man glaubte dem Schuldigen auf der Spur zu ſein. Ging dieſe Hoffnung in Erfüllung, ſo konnte Hervey offen um Ninas Hand anſuchen. Die Zeit der Vorurtheile war vorbei, wo man über eine ſolche Verbindung als eine messalliance den Stab brechen konnte. Schlug ſeine Hoffnung fehl, ſo blieb ihm immer noch, Evla für ſich gewinnen und ihre Einwilligung er⸗ langen zu können; und dann wollte er ſein Amt nieder⸗ legen und mit Nina und ſeiner Familie abermals— we⸗ nigſtens auf einige Zeit— ein andres Vaterland ſuchen. Eduard hatte im Kampfe mit der Welt erfahren, wie viel einem feſten Willen möglich iſt. Wie früher einmal, ſagte er auch jetzt im kräftigen Verlangen nach dem Leben: „Die Welt iſt groß! Ich werde eine Freiſtatt für mich und die meinigen finden— und Gott iſt über uns.“ Die Gräfin warf einen ſcharfen Blick auf die An⸗ kommenden; dieſe aber, von ihren eigenen Gefühlen in Anſpruch genommen, bemerkten ihn nicht. Die Geſellſchaft aß Erdbeeren und Milch— aber, was fragten unſere Freunde, was fragen wir ſelbſt jetzt nach Erdbeeren und Milch? 424 Bilder aus dem Leben des Herzens. „Es war einmal eine Kranke, deren ganze Krankheit darin beſtand, keine Freude zu beſitzen.————— Sie konnte durch eine große Freude geſund werden. Azouras von Almqpiſt. „Ich lernte lieben und zu gleicher Zeit lernte ich auch leben.“ Atterbom. Warum war Klara ſo blaß? Woher die Wehmuth in ihrem milden Auge? Nina fühlte das Bedürfniß, ſie darum zu fragen. Sie wünſchte ihr durch rückhaltloſe Anvertrauung deſſen, was ſie ſelbſt betraf, ihren Dank für ihre zärtliche Theilnahme zu bezeugen und ſich dadurch zugleich den Weg zu ihrem Herzen zu bahnen. Ueberdieß war Ninas Seele jetzt ſo übervoll. Sie verlangte nach einer Freundin, einer Schweſter, der fie ſich mittheilen, bei der ſie ſich Raths erholen, an deren treuer Bruſt ſie ruhen und eine Stütze für kommende Kämpfe gewinnen könnte. Am Tag nach ihrer Rückkehr auf Umenäs ſuchte ſie Klara auf, ſo bald die Geſellſchaft Abends ſich ge⸗ trennt hatte. Die Baronin H. hatte ſich vorgenommen, die Gräfin ernſtlich vor den Salven aus dem Augengeſchütz des Oberſten, ſo wie vor ihrer eigenen Koketterie zu war⸗ nen. Klara war allein auf ihrem Zimmer, als Nina leiſe herein ſchlich. Nina fand ſie auf ihrem Bette ſitzend, den Kopf auf die Hand geſtützt und das Geſicht ein wenig abge⸗ wandt. Sie ging auf ſie zu, ſetzte ſich neben ſie aufs Bette und küßte ſie auf die Wangen, indem ſie flü⸗ ſterte;„Klara!“ Die Wange war naß von Thränen und auf nicht kei Linn men Kar Ecke mir Ma meh meit „un Vor war es( es i klär Sie ſtert den Ich hab nur dier mel cher mei unt 425 und Thränen ſtanden in den Augen, welche Klara mild auf Nina richtete. „Klara!“ wiederholte Nina mit Schmerz,„du biſt nicht glücklich? du leideſt?“ „Und was liegt daran, ob ein Menſch erem leidet?“ ſagte Klara ruhig, indem ſie ſorgfältig ihr eine Linnoshalstuch, das ſie eben abgenommen hatte, zuſam⸗ roße menfaltete. „Klara!“ ſagte Nina,„ſage mir, warum du leideſt. Kann ich helfen, kann ich lindern?“ „Glaube mir,“ verſetzte Klara, indem ſie mit den 8et Ecken ihres Halstuches ihre Thränen trocknete—„glaube mir, es thut nicht ſo wehe. Man wird beſſer davon. Man leidet zwar— aber man liebt dann nur um ſo uth ehr. Man lernt ſich ſelbſt vergeſſen—— Es iſt Alles ſie meine Schuld,“ fuhr ſie nach einer kurzen Pauſe fort, loſe„und darf Niemand anders zugerechnet werden; doch es ank iſt eigentlich gar keine Schuld. Muß man nicht das uch Vortreffliche, das Göttliche lieben? Wenn das Herz zu warm davon wird.... wenn es ſo heftig ſchlägt, daß Sie es Schmerzen davon empfindet— ſo ſchadet dieß Nichts, fie es iſt im Gegentheil recht gut,“ fügte ſie mit einem ver⸗ ren klärten Lächeln hinzu. ude Ein ſchmerzliches Licht rach durch Ninas Stele. Sie verhüllte ihr Geſicht in ihre Hände.„Klara!“ flü⸗ chte ſterte ſie—„um wie viel beſſer biſt du als ich!“ ge⸗„Sage das nicht,“ bat Klara;„es iſt nicht ſo; en, denn du kannſt ihn glücklich machen. Ich kann es nicht. üitz Ich habe nie Anſprüche nie die Vermeſſenheit ge⸗ ar⸗ habt, zu glauben. ich fühle meine Geringfügigkeit ina nur zu gut. Ich habe bloß gewünſcht, ihm und dir dienen zu können— euch Beiden! Aber laß uns nicht opf mehr von mir ſprechen! Laß uns von dir, von ihm ſpre⸗ ge⸗ chen— ich weiß, daß ihr Beide jetzt nur noch ein ge⸗ ufs meinſames Intereſſe habt.“ lů⸗ Das Geſpräch der Freundinnen wurde hier ſchnell nen unterbrochen. Die Baronin trat herein und ihr miß⸗ 426 vergnügtes Geſicht, ihre heftigen Bewegungen zeugten von dem minder glücklichen Erfolg ihrer Bemühungen. Nina blieb noch einen Augenblick, allein die Baronin war kalt gegen ſie und die Unterhaltung wurde ſo gezwungen, daß Nina, obwohl ungern und mit bevrücktem Gemüthe, ſich entfernen mußte. Klara ging jetzt ans Fenſter, um ihre Aufregung zu verbergen, allein die Baronin folgte ihr leiſe, nahm ihren Kopf in beide Hände, drehte das Ge⸗ ſicht gegen ſich und fragte, indem ſie ſie treuherzig und forſchend anſah: „Was fehlt dir, Klara? Seit dem ewigen Schnee biſt du dir nicht mehr ähnlich. Und du verbirgſt dich vor mir! das iſt nicht recht, das iſt nicht brav. Klara.“ Klara konnte dieſem Blick und dieſem Ton nicht widerſtehen. Sie öffnete der Freundin ihre ganze Seele. Die ſtille Nacht ſah die ſchönſte und ergebenſte Seele mit der Schwachheit der phyſiſchen Kraft kämpfend, ein frommes, entſagendes Herz und einen von Convulſionen erſchütterten Körper. Sie ſah auch das Schönſte und Stärkendſte, was die Freundſchaft hat, und endlich den Sieg der guten Geiſter. Am folgenden Tag ſtanden die Baronin H. und ihr Mann reiſefertig da. Sie erklärten, wichtige Geſchäfte erheiſchen ihre Anweſenheit auf Paradies und reisten noch Vormittags mit Klara ab. Kurz vorher ſetzte ſich die Baronin nieder, um einen Brief an Hervey zu ſchreiben. Aber nach den erſten Zeilen hielt ſie ein und ſagte:„Soll ich dieſen Mann die zehn Gebote lehren? Ich müßte mich ſehr irren, wenn er ſie nicht beſſer kennt, als ich ſelbſt. Sie zerriß den Brief. Jetzt beſann ſie ſich auf's Neue und begann ein Billet an die Gräfin, unterbrach ſich aber mit den Worten:„Spionin und Angeberin. Ich mag jetzt nicht mit dieſer Rolle anfangen.“ Das Billet wurde ebenfalls zerriſſen. Jetzt nahm ſie eine Epiſtel an Nina vor. Auch hier unterbrach ſie ſich, zerriß, was ſie angefangen und ſagte zu Klara;„Klara, ich hätte heute Luſt Nick Sie zu e fühl mei ihr Sc viel Fri dir Nin die iſt. Gl ſchr die ſelb von unt euc 427 Luſt, auf alle Menſchen zu ſchelten, allein es taugt jetzt Nichts, weder für mich, noch für die Sache. Schreib du an Nina, was dir dein Engelsgemüth eingibt, und mach, daß wir bald wegkommen. Dieß wird das Beſte ſein.“ Sie küßte Klara und ging hinaus. Klara, die ſich nach den Erſchütterungen der Nacht zu einer mündlichen Mittheilung gegen Nina zu ſchwach fühlte, ſchrieb folgende Worte an ſie: „Ich mochte ihm, ich möchte dir dienen; dieß iſt mein iunigſter Wunſch. Ihr ſeid für einander geſchaffen; ihr werdet einander unendlich glücklich machen. Kann ich etwas thun— mit etwas dienen, o ſo ſprich, ſprich! Schreibe mir, gute Nina, ſage mir Alles, ſage mir recht viel von ihm. Sage mir eure Pläne für die Zukunft. Fräulein Edla! Graf Ludwig! Soll ich zu dir kommen, um die Zeit, da du ſie zurückerwarteſt? Du darfſt bloß ein Wort ſagen.“ „Sei wegen meiner nicht unruhig, liebenswürdige Nina. Ich habe Frieden und ich habe eine Freundin, die Gottes beſtes Geſchenk an mich, ſein ſchwaches Kind iſt. O wie gut iſt er nicht! Vollkommen glücklich werde ich erſt dann ſein, wenn ich wegen deiner und Herveys Glückſeligkeit vollkommen ſicher bin. Wenn du an mich ſchreibſt, ſo rede mit mir nicht von mir;— gewähre mir dieſe Bitte. Es iſt mir jetzt mehr, als je, Bedürfniß, mich ſelbſt zu vergeſſen. Ach es thut ſo gut. Dagegen ſprich von dir, von deinem ganzen Leben, von Allem, was ihn und dich betrifft. Ich ſehne mich darnach. Ich trenne nicht mehr in meinen Gedanken. Ich bete für euch Beide: „Stille Seligkeiten breiten Ihre Schwingen über euch!“ 428 Mina an Klara. „Haſt du eine Schweſter gehabt, Klara? Eine Schweſter, dir gleich an Jahren, mit der du von Geburt an Alles getheilt— Mutterbruſt, Wiege, Spiele, Lieb⸗ koſungen, Unterricht,— und iſt ſie dir frühe entriſſen wor⸗ den, und hat ſich dann Oede über dein Leben und dein Herz gelagert? O dann weißt du auch meiner Kindheit Seligkeit und Schmerz.“ „Ich kann mir kein ſchöneres Leben denken, als das zweier Schweſtern, die Hand in Hand durch's Leben gehen; die mit einander für ſeine Genüſſe erwachen, die ihre Ge⸗ fühle, ihre Gedanken theilen; die bei demſelben Schmerz weinen und ſich über daſſelbe Feſt freuen, ſei es nun ein Mittſommerfeſt oder ein heiliges Abendmahl. Sie ſtehen beiſammen im Leben, wie zwei junge Bäume, und jeder neue Frühling, jedes neue Laub verflicht ihre Zweige feſter mit einander. Die Glücklichen! Wie innig müſſen ſie nicht mit einander bekannt werden! Wie gut müſſen ſie einander verſtehen und in einander ſchauen können, wie in klare Spiegel! Kann das Leben je finſter und leer für eine von ihnen werden? Wenn die eine leidet, ſo hat ja die andere den Schlüſſel zu ihrem Herzen;— ſie kann in ihre Trauerkammer hineingehen— ſie kennt jeden Win⸗ kel darin und kann den verſchloſſenen Raum den Strahlen des Tages öffnen.“ „Auch ich hatte eine Schweſter— eine Zwillings⸗ ſchweſter— eine kleine, geliebte Freundin. Wir theilten Leben und Spiele. Wir hatten bloß ein Herz, einen Ge⸗ danken, einen Willen. Sieben Jahre waren wir glück⸗ lich beiſammen geweſen, da bleichte ſie hin und ſtarb von mir weg. Dieß war mein erſter Kummer;— doch empfand ich ihn nicht, wie einen Kummer. Es war ein betäubender Schlag. Es war mir, als ſei die Hälfte meines Lebens weggenommen— ich zehrte ab und ſchwand dahin— endlich folgte ich ihr— ja, ich ſtarb— ſtarb dem eigenen Gefühle nach, ſtarb auch nach der Meinung aller nißvr und alleit einen ich r Sche und tief einen Auge nnd gefüt zum her. Ich geſeh ich, ſprec am mein zehre ſo er und mein werd Kält nicht derli kann wurt ich e ine urt eb⸗ or⸗ ein heit das en; ge⸗ erz ein hen der ige ſſen ſſen wie für ja un in⸗ len g5⸗ ten He⸗ ick⸗ arb och ein lfte and arb ung 429 aller Andern;— was— wer— mich auf der geheim⸗ nißvollen Gränze aufhielt und mir befahl, umzukehren und zu vollenden, weiß ich nicht:— o mein Gott, du allein weißt es! Ich ſchien todt;— man legte mich in einen kleinen Sarg. Die heiße Zeit nahte heran und ich wurde in ein finſteres und kühles Zimmer gebracht. „Höre jetzt, Klara, was ich noch heute nicht ohne Schauder erzählen kann! „Ich lag in meinem Sarge und Alles war finſter und leer und ſtill um mich herum, und ich ſchlief tief, tief— wie die Todten ſchlafen. Auf einmal fühlte ich einen Froſt, eine Qual; es war das Leben! Meine Augenlider waren ſchwer; mühſam ſchlug ich ſie auf— und ſah bloß die Nacht. Ich hatte immer das Dunkel gefürchtet und auch jetzt ſchreckte es mich ſo, daß ich mehr zum Bewußtſein kam. Meine kleinen Hände taſteten um⸗ her. Sie fühlten das Silberbeſchläge an dem Sarge. Ich hatte ein ſolches an der Bahre meiner kleinen Schweſter geſehen. Ich lauſchte; Alles war ſtille;— da glaubte ich, ich wohne im Grabe. Die Kraft zu rufen oder zu ſprechen fehlte mir ganz und gar. Ich hoörte die Ratte am Fuße des Sarges nagen;— es kroch etwas über mein Geſicht, ich dachte an die Würmer, die mich ver⸗ zehren würden. Ach ſo klein und ſo ſchwach ich war, ſo empfand ich doch in dieſem Augenblick ein Entſetzen und eine Qual, die keine Jahre und keine Seligkeit aus meiner Erinnerung zu tilgen vermögen. Ich glaubte, ich werde ſo im Grabe fortleben, in der Finſterniß, in der Kälte und.. Doch lange empfand ich dieſe Qual nicht— ich wurde betäubt und ſchlief wieder ein. „Höre jetzt, Klara, an was ich nie ohne eine wun⸗ derliche Miſchung von Freude und Schmerz zurückdenken kann. „Ich gewahrte einen Schein, der ſtärker und ſtärker wurde; ich hörte eine Bewegung— ſie kam mir näher; ich empfand eine Wärme— ſie wurde immer inniger, 430 ſie machte mein Herz ſchlagen. Heiße Thränen ſielen auf mein Geſicht, ach ſie riefen mich in's Leben zurück. Ich erwachte, ich ſchlug meine Augen auf. Sie begegneten denen Edlas, die über mir weinten. Ich lag an Evlas Bruſt— dort ſchoͤpfte die meinige Wärme und Leben. „Der Tag nach dieſer Nacht war zu meiner Beer⸗ digung feſtgeſetzt;— Evla hatte in der Nacht der kleinen, dahingegangenen Schweſter noch einen Abſchiedsbeſuch machen wollen;— ſie tung mich auf ihren Armen aus dem Bette des Todes und in ihr Zimmer, das ich nicht mehr verließ. „Bon der Zeit, die zunächſt auf dieſes Ereigniß folgte, weiß ich nicht viel. Man hat mir geſagt, ich ſei gegen zwei Jahre lang verwelkt und matt in meinem Bette gelegen, mehr dahin ſiechend, als lebend. Ich hatte den Sarg meiner kleinen Schweſter geſehen und meinen weinenden Vater ſagen gehört:„„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobt.“ Ich hatte ſelbſt den Tod in der Nähe ge⸗ ſehen und ſeine Schauder, ſeine Entſetzen empfunden. Dieſer Anblick, dieſer Eindruck und dieſe Worte ſchweb⸗ ten mir beſtändig vor der Seele; vergebens ſuchte man mir fröhlichere Gefühle beizubringen, vergebens verſuchte man es, mir in einer kleinen Geſpielin meine Minna zurückzugeben. Ich konnte nicht das geringſte Geräuſch, die geringſte Unruhe um mich her ertragen, die kleine Fremde war mir bloß zur Laſt und mußte wieder ent⸗ fernt werden. Eine Art Todesfroſt hatte mein Leben ergriffen, und während ich in meiner langen Erſtarrung da lag, erinnere ich mich deutlich nur eines einzigen bleibenden Eindrucks vom Leben. Ich kam mir ſelbſt wie ein Schatten, wie ein Traum vorz— ich konnte mich nicht als etwas Wirkliches begreifen und die Ge⸗ genſtände um mich her hatten nicht mehr viel Wirk⸗ lichkeit für mich. Alles war ſo neblicht, ſo dunkel, ſo leblos. Es war mir, als floße Alles wie ein langſamer 431 Strom dahin— und ich läge in einem Sarge und flöße mit hinab zu einem grenzenloſen Meere, in welchem Alles ſich verlor. Dieſes:„„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen,““ hatte für mich bloß eine dunkle und düſtere Bedeutung— und frühe ſchon ahnte ich den Schöpfer als eine unendliche Tiefe, von welcher Alles aus⸗ gehe und in welche Alles zurückkehre; dies jedoch nicht im Sinne der chriſtlichen Lehre. Ueber meiner Kindheit ſchwebte dieſelbe Erſcheinung, wie über der Wiege des Menſchen⸗ geſchlechtes— die einer blinden, Alles hervorbringenden, Alles verzehrenden Macht. „Aber Edla ſaß an meinem Krankenlager. Ich horte täglich ihre ſichere milde Stimme, ſah ihren ruhigen Blick, ihr ſtilles Weſen, ihre ordnende Wirkſamkeit; ich genoß ihrer Pflege, ihrer ſtärkenden Nähe. Nach und nach empfand ich die Wirkung davon; meine Augen, meine Gedanken hefteten ſich auf ſie; ich fing gleichſam durch ſie an zu leben; ein Tropfen vou ihrer Kraft floß leiſe durch meine Adern; ich erwachte, ich erhob mich an Leib und Seele. Ich war ein verzärteltes, eigenfinniges Kind geweſen. Edla lehrte mich gehorchen und ich wandte mich bald nicht mehr ab von den Arzneien und den Speiſen, die ihre Hand mir bot. Edla war nie ſtreng gegen mich, weder in Wort noch That, aber ſie hat eine wunderbare Macht über mich ausgeübt. Es iſt mir nie eingefallen, daß man ihrem Willen nicht gehorchen könne. Die erſten Aeußerungen meines neugeweckten Lebens waren eine über⸗ mäßige Reizbarkeit des Gefühls. Die geringſte Gemüths⸗ bewegung, die geringſte Freude, die geringſte Wider⸗ wärtigkeit entlockte mir Ströme von Thränen;— ja ſie ſtrömten oft ohne alle Urſachen. Mein Leben hätte ſich, glaube ich, in Thränen auflöſen können— aber jedes⸗ mal, ſo oft ich zu weinen anfing, ging Edla von mir weg und aus dem Zimmer. Kein Rufen, kein Bitten konnte ſie zurückhalten und dieſes ſtrafende Weggehen vermochte ich nicht zu ertragen. Um Evla bei mir zu erhalten, unter⸗ 432 vrückte ich meine Thränen und die convulſiviſchen Er⸗ ſchütterungen, welche dieſe Bemühungen oft in meinem ganzen Koͤrper hervorbrachten. „Die Weichheit, die Wärme meines Herzens äußerte ſich in einem großen Bedürfniß zu liebkoſen. Ich näherte meine Lippen denen Edlas— ich hätte ganze Stunden damit zubringen können, ihre Hand zu küſſen; aber ſie er⸗ laubte es nicht— ſie küßte mich nie. Ach warum that ſie es nicht? Es war ſo bitter für das kindliche Herz, ſeine Zärtlichkeit verſchmäht zu ſehen. Ich kann nicht beſchreiben, wie Edla auf mich wirkte. Sie war mein Geſetz, mein Glaube, meine Vorſehung, mein Alles. Ich lebte bloß vurch ſie— ich wollte nur für ſie leben. O hätte Edla es erlaubt— hätte ſie mir erlaubt, ſie zu lieben— hätte ſie meiner Zärtlichkeit bedurft, ich wäre glücklich geweſen! Edla war mir eine Mutter und doch weiß ich nicht, ob ſie mich liebt— ja ich zweifle beinahe daran. Ach die liebenswürdigen Schwachheiten der Erde ſind nicht für Edla;— ein Menſch gilt wenig für ſie; ſie liebt nur die Tugend, nur das Unſterbliche; ihre große Seele um⸗ faßt die Welt, umſchließt die Menſchheit. „Mit erwachter Kraft und hungernd nach Zärtlich⸗ keit lag ich in meinem Bette;— da bot mir Evla eine andere Nahrung an, und ich griff begierig dar⸗ nach;— ich empfand Leere, ich verlangte Fülle. Edla wurde meine Lehrerin; ſie gab mir Kenntniſſe, und ich ſog ihre Worte ein und folgte ihren Winken. So lebte ich Jahre lang an ihrer Seite.„„Lehre! Lehre!““ war meine einzige Bitte;— mein beſter Lohn war Edlas Zufriedenheit. Dieſe Beſchäftigungen, der Umgang mit Fdla, ihre Geſpräche, Bewegung in der freien Luft, Alles dies ſtärkte mich nach und nach an Seele und Leib. Freude hatte ich eigentlich nicht an dem, was ich lernte; es war mir immer, als verſtände ich die Bedeutung der Worte und Dinge nicht, und nie fühlte ich den der Jugend ſo eigenthümlichen Genuß— den Genuß zu rte rte den er⸗ hat eine ben, nein bloß Fdla ätte ſen! ob die für nur um⸗ tlich⸗ Evla dar⸗ Edla d ich lebte war Fdlas mit Luft, Leib. ernte; g der der ß zu 433 leben. Zuweilen durchfuhr mich ein wunderliches Gefühl, einem Blitze ähnlich;— es war eine bebende Ahnung von Leben und Freude, eine Ahnung, daß auch ich ein⸗ mal die Welt von einer andern Seite auffaſſen und das Glück des Daſeins verſtehen werde. Allein dieß waren nur Augenblicke, dann wurde Alles wieder trübe und neblig. Es begegnete mir oft, daß ich mit Verwunderung meine Hand, meinen Fuß, oder mein Geſicht im Spiegel betrachtete, und fragte, ob es wirklich mir gehöre, ob dieß wirklich Ich ſei? Ach, mein Herz verſtand ich noch we⸗ niger. Oft legte ich die Hand auf meine Bruſt und ver⸗ wunderte mich, was ſich ſo unruhig darin bewege. Zu⸗ weilen ergriff mich eine unausſprechliche Wehmuth und mit derſelben eine Sehnſucht, die ich unmöglich beſchreiben kann, nach meiner kleinen, dahingegangenen Schweſter. Ich hätte gerne zu ihr gehen mögen, nur nicht durch den Tod. Meine ſonderbare Bekanntſchaft mit dem finſtern Engel hatte mir einen Schrecken vor Tod und Grab ein⸗ gefloßt, wovon ich noch nicht frei bin— doch weiß ich jetzt, wie er vergehen kann.— Dieſe Wehmuth war von ängſtlichen Ahnungen wegen meines künftigen Lebens, ſowie von einer Mattigkeit und Gleichgültigkeit begleitet, die ſich über Alles um mich her ausbreitete. Mein Zu⸗ ſtand beunruhigte Edla und ſie hörte nie gerne, was ich von meinen ängſtlichen Ahnungen und meinen ſtillen Qua⸗ len äußerte;— ſie ſchien dieſelben als Ausgeburten einer ſchwachen Seele, einer krankhaften Phantaſie zu verachten. Dieß gab mir Kraft, ſie zu unterdrücken, d. h. zu ver⸗ bergen; denn frei war ich nie davon;— und noch jetzt, Klara, noch jetzt, da ſich ſo Vieles in mir verändert und ein neues Leben ſich meiner Seele eröffnet hat— noch jetzt kehren dieſe Gefühle, dieſe Ahnungen manchmal ſo mächtig zurück;— dann kommt es mir vor, als lebe ich hier bloß ein Scheinleben, und eine geheime Stimme ſagt mir, daß ich hienieden niemals glücklich werden und daß mein Leben auf Erden nicht von langer Dauer ſein werde. Bremer, Nina. 28 434 aus meiner Seele. Herveys heller Blick hat die Macht, alle Nachtgedanken zu verſcheuchen. „Der Religionsunterricht wirkte wohlthuend auf mich; er erhob meine Seele und gab mir einen Gegen⸗ ſtand zum Lieben— Gott. O Klara, bin ich würdig, ſo zu ſagen?— Konnte ich den Allvollkommenen lieben, konnte ich ihn verſtehen? Ich konnte es nicht. Mein Gefühl war ein Seufzer zu ihm empor; mehr nicht: doch war auch dieſes gut. Durch Edla blickte ich zu ihm hin⸗ auf. Durch Evla lernte ich die Tugend bewundern, das Laſter und die Schwachheit verabſcheuen— Alles nur durch ſie. Graf Ludwig wirkte nicht gut auf mich: er ließ mir die Tugend hart erſcheinen, in ihm lernte ich ſie beinahe fürchten. Durch Edla hatte ich ſie bewundern, verehren gelernt; Hervey allein hat mich ſie lieben ge⸗ lehrt. Ich bewunderte Edla— wer konnte umhin, es zu thun, wenn er ihre ſtille, ununterbrochene Wirkſam⸗ keit ſah, ihre Entſagung, die Wohlthaten, die ſie in der Stille ausführte, und die Sorgfalt, womit ſie Alles ver⸗ ſchwieg, was ihr von ihren Mitmenſchen Lob hätte ein⸗ tragen können? Edlas Inneres war ein ſtrenges Heilig⸗ thum. „Ich war neunzehn Jahre alt, als mein Vater ſich mit der Gräfin M. vermählte. Unſer ſtilles Haus, wo ich lange unter Edlas Händen Ordnung und Behagen hatte blühen geſehen, ward wie durch einen Zauberſchlag umgewandelt. „Eine gewiſſe Schwäche, die auf meinen kränklichen Zuſtand gefolgt war, hatte es mir viele Jahre lang un⸗ moglich gemacht, das Geſellſchaftsleben zu ertragen. Das Getöſe von Stimmen, die vielen Leuten, die Lichter und die Bewegung verurſachte mir eine ſchmerzliche Qual und oft heftiges Kopfweh. Ich befand mich am beſten allein mit Edla. Allmälig verſchwand jedoch dieſe Schwäche immer mehr, und zur Zeit, da mein Vater zum zweiten Doch verſchwinden dieſe Ahnungen jetzt ſchneller wieder † — — 435 Mal heirathete, war ich beinahe frei davon. Ach, dieſe Heirath hatte nicht bloß äußere, ſondern auch innere Ver⸗ änderungen zur Folge, die mich tief ſchmerzten. Man er⸗ laubte mir nicht mehr, viel bei Edla zu ſein, und ich glaubte, Edla werde kalt gegen mich. Sie äußerte jedoch nie einen Wunſch, daß es anders ſein möchte, und wid⸗ mete ſich mit Eifer den ernſten Beſchäftigungen, von denen ich wußte, daß ſie ihr lieb waren. Vielleicht war Epla nicht unzufrieden über meine Entfernung; ſie gewann da⸗ durch mehr Zeit für ſich ſelbſt;— ach ich weiß nicht— aber über dieſen Beſchäftigungen ſchien ſie mich zu ver⸗ geſſen. Es that mir wehe, allein ich wagte nicht zu kla⸗ gen. Auch kann ich nicht läugnen, daß das neue Leben, das ich führte, mir ſchmeichelte und viel Vergnügen machte, und ich ſuchte Edlas Zurückhaltuug und Kälte darin zu vergeſſen. Einige Zeit nach der Vermählung meines Vaters verließ uns Edla. „Warum that ſie das? Warum ließ ſie mich ſo jung und ſo unerfahren allein in einer Welt voll Ver⸗ führung? Vielleicht wollte Edla mich prüfen. Ach, ſie glaubte mich ſtärker, als ich war. Mit ihr war meine Kraft dahin. Ich blieb jetzt in der Geſellſchaft meiner Stiefmutter und ganz ihrer Leitung überlaſſen. Dn weißt es, Klara, du haſt ſelbſt eine Zeit lang all das Entzückende erfahren, was in ihrem Weſen und in ihrer Zärtlichkeit liegen Lann. Sie bewies mir eine große und lebhafte Zärtlichkeit; und nicht bloß ſie, ſondern auch ihre ganze Umgebung widmete mir eine Art Verehrung. Es war mir angenehm, mich geliebt zu ſehen, mich loben zu hören; — ich war einen Augenblick wie berauſcht von dieſem neuen Genuſſe. Meine Tage wurden eitlen Vergnügungen und nichtigen Genüſſen gewidmet. „Pracht und Eleganz herrſchte in meiner Stiefmut⸗ ter Haus. Ihre Zirkel beſtanden aus Künſtlern, Kunſt⸗ liebhabern, und aus dem Glänzendſten und Angenehmſten, was die Hauptſtadt beſaßz Schönheit, Geiſt, Talente fan⸗ 436 den hier ihren Sammelplatz. Ich ſah mich den Mit⸗ telpunkt in dieſem entzückenven Kreiſe: ſah mich den Ge⸗ genſtand aller Blicke, aller Lobpreiſungen. Ich ließ mich vom Strome hinreißen und genoß. Ich kann zwar nicht ſagen, daß ich mein Leben wirklicher fühlte, als früher, aber mein Traum war jetzt ſo angenehm. Ich überließ mich dem müßigen Leben, das meine Mutter mir aus Zärtlichkeit bereitete; ich las eine Menge von den neueren Romanen. Sie entzückten mich, riefen aber unklare und wilde Phantaſien in mir hervor. Die Leute, die ich um mich ſah, trugen noch mehr dazu bei, meine gar zu ſchwache Seele zu verwirren. Wenn ich ſie betrachtete, erkannte ich die charakteriſtiſchen Merkzeichen von Tugend und La⸗ ſter nicht mehr; Alles ſchien mir unklar, zuſammenge⸗ worfen. Was war wirklich, was war wahr und beſtän⸗ dig? Hätte ich einen Satan geſehen und er hätte mich verſucht, ſo hätte ich die Kraft gehabt, zu ihm zu ſagen: „Hebe dich weg von mir!“ Allein ich ſah bloß gute, lie⸗ benswürdige, angenehme Menſchen um mich herz— zwar Alle voll Fehler— ja, ich wußte, daß Viele von ihnen ein höchſt unordentliches Leben führten; allein ſie geſtan⸗ den ihre Fehler ſelbſt ein— und dieſe hinderten ſie nicht, gut zu ſein, ſich vom Schönen entzücken zu laſſen, ſchöne Handlungen zu verrichten, liebenswürdig zu ſein und ge⸗ liebt zu werden. Sie ſelbſt ertrugen die Fehler Anderer, ohne ſie zu tadeln. Man hatte alſo kein Recht, ſtrenge gegen ſie zu ſein. Ueberhaupt herrſchte in dieſem Kreiſe eine Art angenehmer, dem Anſcheine nach harmloſer Leicht⸗ ſinn; eine Milde in der Beurtheilung aller Menſchen und aller menſchlichen Fehler. Der Marktſtein zwiſchen dem Guten und Böſen wurde mir immer undeutlicher. „Edla hatte mir das Boͤſe und Gute in deutlich ausgeſprochenen Geſtalten gezeigt; ſie hatte mich die beiden Pole des Lebens kennen gelehrt. Die unzähligen Grade dazwiſchen hatte ſie mich nicht gelehrt und hätte es auch nicht können; dieß kann nur das Leben ſelbſt 437 und der Umgang mit Menſchen. Ich hatte bisher Tag und Nacht betrachtet, nicht aber die Dämmerung; ich hatte ein Gemälde ohne Zwiſchennnüancen geſehen. Jetzt aber war ich in dieſen gefangen, und in dem unklaren Spiel von Schatten und Licht verlor ich meinen Weg. „Und welche Grundſätze horte ich nicht täglich aus⸗ ſprechen! Es waren die einer bis zur Schlaffheit getriebe⸗ nen Toleranz und einer durchgängigen Zweifelſucht. Ich hörte Alles in Frage ſtellen, was ich als heilig zu be⸗ trachten gelernt hatte. Witz und Spott flogen wie Pfeile darüber hin und her. Es war kein beſtimmt verneinender Geiſt; nein, eher eine lächelnde Anerkennung, ein ſeuf⸗ zender Zweifel, eine leichte Ironie, oft auch eine flüchtige Huldigung— und dann lebte Jeder wieder für den Augen⸗ blick, für ſein Vergnügen, ſeine Luſt, oder ſeinen Eigen⸗ nutz. Ein großes Entſetzen hegte man in dieſem Kreiſe vor Allem, was man Schwärmer nannte, oder vor den Menſchen, welche Syſteme idealiſcher Vortrefflichkeit aufſtellen, denen man unmöglich nachleben könne. Ich hörte, wie man Edvla flüſternd als eine dieſer enthufiaſti⸗ ſchen Seelen bezeichnete, die in der Welt der Phantaſie leben und für das wirkliche Leben nicht taugen. „Das wirkliche Leben— was iſt es denn? So fragte ich mich. Sollte die Wirklichkeit nichts Anderes ſein, als jene ſonderbare Miſchung von Schwäche und Güte, von Tugenden und Fehlern, von Freude und Leid, von allen Meinungen, allen Möglichkeiten, allen Ver⸗ irrungen, die ich um mich her erblickte? War nichts Gewiſſes, nichts Vortreffliches im Leben? War Alles bloß zufällig, bloß vergleichungsweiſe gut? Man ſagte mir das. Man wiederholte mir bis zum Ueberdruß, jede Zeit habe ihr Gutes und ihr Boͤſes; eben ſo auch jeder Menſch; dieß hänge von der Natur und von Zufällig⸗ keiten ab;— Gott verurtheile Niemand deßhalb: es gebe keine Hölle u. ſ. w.z lauter Worte und Begriffe eben ſo halb, eben ſo unklar, wie meine Seele. Dieſe Anſichten und 438 dieſe Menſchen machten einen wunderlichen, verwirrenden Eindruck auf mich. Indeß faßte ich dieſen Eindruck da⸗ mals nicht ſo klar auf; wie jetzt. Ich vermochte mir ihn nicht deutlich zu machen, und meine angeborene Träg⸗ heit machte, daß ich mich ſcheute, meine Gedanken darüber anzuſtrengen. Ich wandte meinen Blick von den ſchwerſten Fragen ab und ſank tiefer in mein Leben hinein. Ein gewiſſes Verlangen nach Genuß, nach einer Fülle des Daſeins, welcher Art es auch ſein möchte, bemächtigte ſich meiner Seele immer ſtärker. Ich war gleichſam auf der Inſel der Kalypſo und wurde immer mehr bezaubert und immer ſchwächer, ohne ſelbſt zu wiſſen, wie. Evla ſchrieb oft, immer zärtlich, klug, warnend. Aber eine Verblendung lag über meinen Augen, und Edlas Worte thaten nicht ihre gewöhnliche Wirkung. „Wie kam es, Klara, daß ich mich in dieſer Zeit Dir nicht näherte? Ich erinnere mich doch noch ſo deutlich des milden Eindrucks, den Dein ruhiges, heiligengleiches Weſen auf mich gemacht, und wie Du ſo ruhig, ſo ab⸗ geſchloſſen, ſo gleichgültig gegen das wilde und weiche Leben um Dich her daſaßeſt. Aber damals ſtanden ſo Viele zwiſchen uns, und ich verdiente Deine Freundſchaft nicht. „Ich ſah täglich Graf Ludwig. Ich wußte, daß er eine Verbtndung mit mir wünſchte, wußte, daß dieſe Verbindung Edlas höchſter Wunſch war. Ach, ihretwegen hätte ich gewünſcht, ihn lieben zu können! Aber ſeine Nähe hatte für mich immer einen Zwang, einen Froſt im Herzen zur Folge. In ſeinen Worten verrieth ſich oft eine bittre Verachtung gegen die Menſchen, ja ſelbſt gegen ihre Tugenden. Man begegnete ihm allge⸗ mein mit ausgezeichneter Hochachtung; geliebt ſchien er nicht zu ſein. Ich ſah Manchen ſich tief vor ihm ver⸗ beugen;— nie ſah ich Jemand offen und herzlich ihm die Hand reichen. Er ſchien mir hoch und kalt, wie ein ſchneebedeckter Alpenberg; mich fror in ſeiner Nähe. Ich wußte viel Gutes von ihm— ich kannte Evlas 439 innige Freundſchaft für ihn, und deßhalb machte ich mir die Gefühle, die ich gegen meinen Willen hegte, zum Vorwurf. „Klara, jetzt komme ich auf eine Zeit, an die ich nicht ohne Scham und Schmerz denken kann. Laß mich uns Beide dadurch ſchonen, daß ich ſie nur flüchtig be⸗ rühre. Du weißt das Meiſte. Du kennſt die Art von Macht, die ſich ein Unwürdiger über meine geſchwächte Seele eewarb— aber Du weißt nicht, wie nahe mich meine ſtrafbare Unvorſichtigkeit zur Erniedrigung führte. Ich liebte ihn nicht, mein Wille war rein— und doch ließ ich ihn meine Seele und meine Sinne mit ſeiner un⸗ reinen Liebe, mit ſeinen Tönen entzücken!... Bitter habe ich dieſe Zeit meines Lebens beweint, wo ich Herveys, wo ich Edlas ſo unwürdig war. „Edla kam zurück. Entſetzliche, geſegnete Stunde! Entſetzlich, denn ich war tief geſunken— geſegnet, denn ſie rettete mich!— Aber wie wurde es mir erſt, als ich die reine, hohe Edla mich verachten, als ich ſie über mich weinen ſah, und ich mein Auge nicht zu ihr erheben und ſagen konnte: Ich bin unſchuldig! Nein, das konnte ich nicht. Aber mich demüthigen, erkennen, bereuen, das konnte ich, und das that ich. Es war mein Heil, daß ich meine Schwachheit noch zu verachten, und das Gute, das Reine, von dem ich abgefallen war, zu erkennen vermochte. Mit Edla kehrte mein beſſeres Selbſt, mit ihr meine Liebe, meine Bewunderung zurück. Sie ſchien mir beſſer und edler, als je. Um ihr ſtilles Weſen hatte die Tugend ihre Glorie gebreitet. Ach, ſie verbreitete auch über mich Gefallene ihren reinigenden Glanz, und ich ſehnte mich zu Edlas klarem Himmel hinauf. Ich fühlte das tiefe Bedürfniß, mich von ihr leiten zu laſſen, mich in Allem ihrem Willen, ihrem Beſchluſſe zu unterwerfen. Edlas Macht über mich wurde ausſchließlicher, als je. Wäre ſie bei mir geblieben, hätte ich in ihrer Nähe und unter ihrem Einfluſſe leben dürfen, dann hätten vielleicht keine neuen 440⁰ Erſchütterungen meine Seele getroffen, ſie hätte ſich durch ihre Kraft geordnet, und ich hätte, wenn auch nicht Glück⸗ ſeligkeit, doch wenigſtens Ruhe gewonnen. Aber eine hohere Macht beſchloß es anders. Du kennſt Graf Lud⸗ wigs edles Benehmen in Ramlöſa, und wie er meine Hand begehrte zu einer Zeit, wo mein Ruf— und mit Recht — durch zweideutiges Gerede gelitten hatte. Du weißt auch, was hernach erfolgte— meine Einwilligung, die Erkrankung meines Vaters und den Aufſchub meiner Ver⸗ lobung. Edla reiste ab; Oede ergriff abermals mein Leben, aber um Eplas Willen, aus Pflichtgefühl und um meine eigene Achtung wieder zu gewinnen, ſchloß ich mich freundlich an Graf Ludwig an, und ergab mich in mein Schickſal. Aber auch er verließ mich. Ich empfand Freude darüber. Ach, damals fühlte ich, daß ich ihn nie würde lieben können. Und dieſes Gefühl machte mich unglücklich. „Ich folgte meiner Mutter in dieſe Gegend, wo ſie ein Jahr zuzubringen beſchloſſen hatte. Ich war froh darüber. Ich wollte es verſuchen, mich in der Einſam⸗ keit zu ſammeln, und wo möglich mehr Klarheit, mehr Ruhe zu gewinnen. „NRuhe und Klarheit wurde mir nicht zu Theil. Ein tiefer Unfriede keimte in meiner Bruſt. Mit Edla war meine Stärke dahin. Die Spannkraft, die ſie in meiner Seele hervorgerufen, wollte wieder erſchlaffen. Ich beſchwor die geliebten Bilder aus früherer Zeit wie⸗ der herauf— allein der Spiegel meiner Seele war ge⸗ trübt worden, er gab nichts mit Klarheit zurück. O, es iſt ſchwer, den einmal befleckten wieder zu reinigen. Ich empfand eine Art Selbſtüberdruß; ich däuchte mir ſo ohne allen eigenen Werth. Ich hatte das Intereſſe an meinem Leben verloren. Wenn ich morgen ſtärbe, wer würde dadurch ärmer werden? Ich war ſo gering und fühlte mich ohne Zukunft. Es lag gleichſam ein Schleier über mir und meiner Welt. „Das Düſtere iu der Jahreszeit und der Natur um ner und Ge uns blic ger dah alle 441 mich her vermehrte noch dieſe Gemüthsſtimmung. Die finſteren, unendlichen Nadelwälder, die Felſen, das brau⸗ ſende Meer, der Nordwind, der beſtändig darüber hin⸗ ſauste, die kurzen, trüben Tage— die Finſterniß, die Kälte!— meine Bruſt war beklemmt, meine Geſundheit litt. Edla liebte das Große und Kraftvolle im Leben und in der Natur. Bei einer weiten Ausſicht, beim Anblick des Meeres, unter dem offenen Sternengewölbe, hatte ich ihren Blick oft ſich gleichſam erweitern und vor Freude ſtrahlen geſehen. Sie liebte auch die wilden Scenen der Natur, die Gewitter, die Stürme; ja, denn ſie gaben ihren ſtarken Flügeln erhohten Schwung. Wie ganz an⸗ ders empfand nicht ich! Alles Große, Starke und Grän⸗ zenloſe war eine Art Qual für mich. Das Meer mit ſeinen unendlichen Wogen, die ſich in der Unendlichkeit verloren, glich für mich einem Abgrunde; Augen und Gefühl fanden keine Ruhe darin. Ich verlangte nach einem Ufer;— mein Lebenskahn war dazu gemacht, ſei⸗ nen ruhigen Buchten zu folgen. Es war mir Bedürfniß, das Leben innig, warm, zärtlich zu fühlen, beſchränkt, aber ſchön. Ach! Sonne, Ruhe, Blumen, Vogelgeſang, ein ſtilles Haus und Liebe darinnen, das war meine Welt! Ich war von Kindheit an eine Tochter der Nebel. Nur unter einem beſtändigen und milden Sonnenſchein konnte ich wieder Leben erhalten! „An einem kalten Novembertage fuhr ich mit mei⸗ ner Mutter zur Kirche. Ein Reif bedeckte den Boden und die Bäume; ein dicker Nebel lag über der ganzen Gegend. Schnell raſſelte der Wagen hindurch, und Bäume und Berge und Hütten flogen geſpenſterartig an uns vorbei. Stärker als je ergriff mich in dieſem Augen⸗ blick das Gefühl, das in der Tiefe meines ganzen Lebens geruht hatte. „Wie Alles dahinfährt— dachte ich— wie Alles dahinfließt, gleich einem Strom, gleich einem Schatten! Tage, Jahre, Ereigniſſe, Dinge, alle Gefühle, alle Gedanken, fahren und fließen wie Nebel dahin— 442 das Leben iſt der große Traum, der Alles trägt. Ach, es fährt dahin, wie ein ſauſender Wind, wie eine Woge, und die Menſchen alle, große und kleine, gute und böſe, folgen nach; ſie ſteigen, ſie ſinken mit ſeiner brauſenden Welle— ſie werden aus Nebeln geboren und verſchwin⸗ den im Nebel. Wer kennt ſich ſelbſt? Wer den Andern? Wir gehen an einander vorbei, vorbei;— ach, das iſt ſo kalt! Wer kann an ſein, wer an eines Andern Herz glauben? Wer kann an ſein Leben glauben, wer kann von ſeiner Zukunft ſagen:„Es wird ſo werden!“ Wir ſehen durch den Nebel, wir gehen durch den Nebel.. wie es fließt— wie es dahtnfährt!... Und es iſt ſo kühl und dunkel. Aber ſchlafen thut gut— ich will ſchlafen! „Eine unendliche, unbeſchreibliche Gleichgültigkeit gegen das Leben hatte mich erfaßt. Die Worte Morgen, Freude, Leben, Freunde, Gott, waren für mich nicht mehr. Es war mir, als ob alle Wünſche, alle Gefühle in meiner Seele erloſchen, und ich ſelbſt wie ein Nebel hinſchwebte— und mich wie ein Dunſt im Raume ver⸗ löre. Eine große Mattigkeit überkam mich. Ich legte meinen Kopf in die Wagenecke. Alles ſchwindelte vor meinen Sinnen; Alles verlor ſich in einen tiefen, finſtern Nebel— aber eine Art Friede war in meiner Seele, und meine Zunge ſuchte die Worte auszuſprechen:„Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn ſei gelobet!“ „Die Bemühungen meiner Mutter riefen mich zum Bewußtſein zurück. Ich war in Ohnmacht gefallen. Die Luft, die kalt und ſcharf durch die herabgelaſſenen Wagen⸗ fenſter hereinſtrömte, brachte mich wieder zur Beſinnung. unruhig über meinen Zuſtand, wollte meine Mutter nach Hauſe zurückfahren, allein ich vermochte ſie, davon abzu⸗ ſtehen. Wir waren ganz nahe bei der Kirche. Mit be⸗ täubten Sinnen ſtieg ich aus dem Wagen und ging in unſern Stuhl hinein. Er ſtand einige Schritte von der Kanzel und dem Altare gerade gegenuber. Das Altarge⸗ * mäl Ste lend auf zu 1 den chen hätt auf liche abge Sch Knie aber Aug dich die Kirc über Herbv Kan fing, ich v hatte Allen der f und ohne das zeigte jeden Klar Men zu A * 443 mälde ſtellte die Auferſtehung vor; Engel hoben den Stein vom Grabe hinweg, aus welchem der Erloſer ſtrah⸗ lend ſtieg; die Morgenröthe färbte den Horizont und ſchien auf Golgatha. Ich ſah das ſchöne Gemälde an, ohne es zu verſtehen. Meine Sinne waren todt; die Sonne, die den Nebel durchbrochen hatte, ſchien jetzt durch die Kir⸗ chenfenſter und beleuchtete die Auferſtehungsſcene, als hätte ſie ſagen wollen:„Schaue!“ Ein Strahl ruhte auch auf mir. Ich fühlte ihn nicht. Man ſang das Lied; ich ſang mit, ohne daran zu denken. Eine unbeſchreib⸗ liche Laſt lag auf mir. Als aber das Sündenbekenntniß abgeleſen wurde, durchdrang mich ein tiefes Gefühl meiner Schwäche, meines Nichts. Ich ſank mit Thränen auf die Knie, ich betete nicht— wenigſtens nicht mit Worten— aber meine ganze Seele, mein ganzer Zuſtand in dieſem Augenblicke war nichts Anderes, als ein:„Herr erbarme dich meiner.“ Es wurde ſtille. Ein leiſes Geſäuſel ging über die Bäume auf dem Kirchhof und wurde auch in der Kirche gehbrt. Es war mir, als ginge dieſer Hauch über meine Seele. Ich ſchlug die Augen auf. Eduard Hervey ſtand mit ernſtem und ſtrahlendem Blick auf der Kanzel. Von dem Augenblick an, wo er zu reden an⸗ fing, hing meine Seele an ſeinen Lippen. Ich lauſchte, ich verſtand, wie ich noch nie gelauſcht und verſtanden atte. „Er ſprach von dem Leben, das der Urgrund von Allem iſt, worin alle Geſchöpfe einander in Freude wie⸗ der finden; von dem Leben, das die Welt und das Leben und Sterben jedes Menſchen verklärt; von dem Leben, ohne welches Alles finſter und krank iſt; von dem Leben, das Alles vereinigt und erleuchtet;— von der Liebe! Er zeigte auf ſie, als auf das Erſte und Letzte, bildend in jedem Keime, duftend in jeder Blume, die Schoͤnheit und Klarheit von Allem. Mit einem Feuerblick ſah er in's Menſchenherz hinab, und ſprach zu jedem Einzelnen und zu Allen. Er ſtrafte die Schlaffheit, die Alles duldet, 444 wie die Härte, die Alles verurtheilt. Er forderte Alle der zur Reinigung, zur Klarheit, zur innern Heiligung auf;z Fre zu der Kraft, welche die Güte bildet, zu der Güte, welche die Kraft heiligt; er forderte Alle auf, in der eigenen Go Bruſt Verſoͤhnung mit dem Himmel zu ſchließen; dann den würden die Menſchen bald in einem heiligen Staate, in wir einer verklärten Welt leben. uns „Glaubet nicht— ſagte er— glaubet nicht, meine beſſ Freunde, daß die Erde ein Jammerthal ſei. Glaubet klär nicht, daß dieſe Welt nur ein Ort der Prüfung und glů Qualen ſei. Gott will es nicht ſo. Hat nicht die un⸗ eina endliche Liebe ſelbſt ſie zu einer Wohnung für ſich einge⸗ ſein weiht und darin das Geheimniß ihres Reiches, die Fülle als ihres Weſens geoffenbart? Laſſet uns unter einander lie⸗ unſt ben, gleich wie Er uns geliebet hat, und wir werden die dieſes Geheimniß, dieſe Fülle verſtehen. Laſſet uns Gott, ter, laſſet uns einander lieben, und wir werden ſehen, wie lieb das Leben erglänzt, wie die Mühen leicht werden, wie auf lieblich es wird, zu leben; Sorgen, Krankheiten und Ich Tod werden nur wie Wolken über unſern Himmel dahin⸗ Lieb ſchweben,— und wir werden nicht unglücklich ſein kön⸗ meit nen auf der Erde. Möge Jeder ſich fragen, was ſein kung bitterſtes Leiden verſchuldet hat, und er wird es in wah dem Mangel an Liebe bei ſich ſelbſt, oder bei den wert Andern finden. Im Boden der Liebloſigkeit keimen Neid, Groll, Haß, Rache— die bitterſten Giftpflanzen Wor des Lebens;— hier beginnt die Holle. Aber heilige niſe dein Streben in Liebe, erkenne liebevoll das der Andern. Mat Es gibt keine Kraſt, die nicht an ſich gut iſt; kein den Pfund, das nicht Freude und Nutzen gewähren kann. Um⸗ Wor faſſe Alles mit Theilnahme, laß allem Guten Ehre wi⸗ derfahren. Lege keiner reinen menſchlichen Anlage Zwang veys an. Laß jedes ſich in Liebe entwickeln. Das Leben hat ſies Raum für Alle und bedarf Aller. Dann, meine Freunde, Tiefe wird allmählig Freude und Friede in den Hütten der eine Sterblichen herrſchen. So wollte es Gott. Der Gott und Alle uf; lche nen ann in eine ubet und un⸗ nge⸗ Fülle lie⸗ erden Hott, wie wie der Liebe iſt auch der Gott der Freude; denn Liebe iſt Freude, iſt unendliche Seligkeit. „Ich wiederhole es; Laſſet uns einander lieben, wie Gott uns geliebt hat; und es wird Freude ſein auf Er⸗ den, und Freund wird ſich an Freund ſchließen, Niemand wird allein daſtehen im Leben, und das Leben wird für uns Alle gut werdenz die ſchöne, ärndtenreiche Erde wird beſſer genoſſen werden; denn alle Werke der Natur ver⸗ klären ſich in dem reinen Auge, in dem liebenden und glücklichen Herzen. So laßt uns leben, ſo laßt uns mit einander wandern durch den Tag der Erde, und wenn ſein Abend kommt, ſo laßt uns die Felder ſegnen, wo wir als Kinder der Unſterblichkeit geſpielt haben; wir haben unſre Stunden dort geſchloſſen und indem wir der Stimme, die uns abruft, gehorchen, werden wir ſagen:„O Va⸗ ter, Geber alles Guten und aller Freude, mächtiger, liebevoller Gott! Ich preiſe dich für das Glück, das ich auf der Erde genoſſen habe. Du rufſt mich von ihr ab. Ich komme freudig, mein Vater. Ich weiß, daß deine Liebe ewig iſt, wie du, und die Gaben, die von dir ſind, meine unſchuldige Freude, meinen Freund, meinen Wir⸗ kungskreis, haſt du mir in der ſchönen Heimath aufbe⸗ wahrt, wo ich dich noch beſſer kennen und lieben lernen werde.“ „Schwach— ich weiß es— habe ich die ſchönen Worte wieder gegeben, wie ſie noch in meinem Gedächt⸗ niſſe ſtehen. Aber welche Beſchreibung vermoͤchte die Macht der Stimme und des Blickes wieder zu geben und den Ausdruck des durchdrungenen Herzens, das in jedes Wort einen lebendigen Geiſt legte! „Ach dieſe Lehre der Liebe und Freude, ſo von Her⸗ veys Lippen ausgeſprochen, von einer Seele, deren inner⸗ ſtes Weſen ſie war, erfaßte die meinige in ihrer innerſten Tiefe. Ein wunderbares Licht durchdrang mein Herz; eine noch nie gefühlte Freude ſchwebte über meiner Seele und in dieſer welcher Friede, welches Leben, welche un⸗ 446 nennbare Seligkeit! So tagt einmal der Morgen des ewigen Lebens für die auferſtandenen Kinder der Erde, Ich ſenkte meinen Kopf in meine Hände und ließ meine Thränen fließen. Noch nie waren ſie von einem ſo ſüßen Schmerze gefloſſen. Es war die Hoffnung eines neuen Lebens, es war die Ahnung einer nicht gekannten Selig⸗ keit, es war Anbetung in meinen Thränen. Ich ſaß gleich⸗ ſam in dieſe Gefühle verloren da, als über mir ein Hal⸗ leluja emporſtieg, ſo lieblich, ſo ſtark, als hätte es eines Engels Stimme geſungen. Hervey ſtand vor dem Altare und pries Gott. Der Himmel lächelte blau und klar durch die hohen Kirchenfenſter herein. Die Engel auf dem Altargemälde ſchienen gegen mich zu lächeln und Freude! Freude! zu flüſtern. Und freudig ſtand ich mit der Verſammlung auf, um zu danken und zu preiſen. Meine ganze Seele war ein Halleluja! Als ich mich wieder gebeugt hatte und Herveys Stimme mich und Alle ſegnen horte, da fühlte ich mich in Wahrheit geſegnet, fühlte, daß der Herr ſein Angeſicht über mich hatte leuch⸗ ten laſſen. „Von dieſem Tage an ging eine große Veränderung in mir vor. Die ganze Welt war gleichſam vor meinen Blicken verwandeit. Es war nicht bloß die tiefe Bewe⸗ gung, die ein Augenblick hervorgerufen hatte; Herveys Gegenwart, ſeine Rede, ſein Einfluß war es, was dieß bewirkte. Das Leben, die Welt klärte ſich mir auf— meine Seele bekam Leben und Licht. Ich erwachte aus meinem langen Traume, um zu lieben und anzubeten. Zu lieben— ja!— ich liebte Hervey und durch ihn Gott, die Natur und das Leben. Aber es währte lange, bis ich begriff, daß die Liebe zu ihm es war, was meine Welt verſchonte, was mein Inneres aufklärte. Dieſes Gefühl ging in mir auf, wie vas Leben ſelbſt. Ich wünſchte, er wäre mein Bruder und ich ein Mitglied ſeines Hauſes geweſen— dieſes Hauſes, wo ich ihn ſo geliebt, ſo an⸗ gebetet ſah; dieſes Hauſes, wo Frömmigkeit, Kenntniſſe und Freude das Leben ſo reich machten, wo jeder Tag voll des trau Mer wäh 447 ſeine Bedeutung, ſeinen freundlichen Sonnenſchein hatte und Morgen und Abend wie ſeine heiligen Wächter ruhig anbetend daſtanden. O dieſes ſtille, einfache, heilige und ſo freudige Leben, das war es, was meine Seele bedurfte, das war die rechte Heimathluft meines Weſens. „Ich will nicht bei der Beſchreibung der wechſelnden Gefühle verweilen, die meine Seele beherrſchten bis zu dem Augenblick, da es mir klar wurde, daß unſre Weſen nur Eines ausmachen, daß wir ewig einander angehören. Ich habe zwiſchen der tiefſten Verzweiflung und hoöchſten Seligkeit gezittert— jetzt bin ich ruhiger— denn ich weiß doch Eines— und in dieſem Einen liegt Ruhe und Klarheit und Seligkeit genug;— ich weiß, daß er mich liebt und daß keine Trennung, kein Tod unſre Herzen ſcheiden wird. Evla wird mein Schickſal beſtimmen. Sowohl Hervey als ich haben beſchloſſen, vor ihrer Rückkehr und ohne ihren Beifall uns durch kein Verſprechen zu binden. Aber kein Anderer als Hervey ſoll mich Gattin nennen. Graf Ludwig iſt mir Nichts mehr, ich kann ihm Nichts ſein, er wird in mir bloß ein halblebendiges Weſen, bloß einen Schatten von Nina haben. Hervey hat mein Leben her⸗ vorgerufen, ihm gehört es an. Ach, ich fühle, daß es mehr ſein, als mein iſt. O, Klara! mit ihm und durch ihn würde ich ein Gott angenehmes und meinen Mit⸗ menſchen nützliches Weſen werden. Ich würde gleich ihm die Herzen der Menſchen fröhlich machen, würde an den Schmerzenslagern der Kranken ſitzen, würde die kleinen Kinder lehren gut zu ſein und die ewige Liebe zu lieben, die ſte und Alle umfaßt; die Arbeit würde mir angenehm, die Mühe leicht ſein; Sorgen und Noth würde ich kraft⸗ voll ertragen;— Alles um ſeinetwillen, für ein Wort des Beifalls, für einen Blick von ihm. Mein nebliges, traumgleiches Leben würde dann verſchwinden; ich würde Menſchenwerth gewinnen. „Hervey ſoll die bürgerliche Stellung, die er ſich er⸗ wählt hat, nicht aufgeben. Er hat ſie aus Neigung ge⸗ 448 wählt und liebt ſie. Ihn auf dieſem Weg zu begleiten iſt das einzige Loos, das ich wünſche— ach, das beſte, das höchſte. Kein Rang, keine Stellung iſt höher, als die, ihm eine würdige Gattin zu ſein. Wie lieblich, einen An⸗ hang ſeines Lebens zu bilden! Wie gerne möchte ich nur die Lampe ſein, die ſeine Arbeit beleuchtet, nur der Wind, der ſeine Stirne erfriſcht! Was werde ich an Herveys Seite vermiſſen können? Er hat Liebe und Weisheit ge⸗ nug, um eine ganze Welt glücklich zu machen! Sein Haus, mein Haus, die täglichen, ihm und ſeinen Geliebten theuren Beſchäftigungen darin— wie lieblich werden ſie nicht meine Tage ausfüllen! Weh' mir, wenn ich bei einem ſolchen Leben Mangel empfinden konnte, wenn nicht jeder Abend, jeder Morgen, den er geſegnet, ein warmes Dankopfer meines Herzens für den Reichthum meines Loo⸗ ſes hervorrufen ſollte! Moget ihr dann dahinrollen, Tage und Jahre des Lebens! Was für Prüfungen, was für Sorgen ihr bringen könnet, ich fürchte ſie nicht! Er wird mir nahe ſein, wird mich lieben und mir den Him⸗ mel zeigen. Wenn er an meinem Sterbelager ſteht und mir mit ſeinem Blicke leuchtet, dann fürchte ich keinen finſtern Gedanken. Ich werde ihn ſehen und den Gott, den er ſieht. Er wird mein Grab ſegnen— und ich fürchte nicht mehr ſeine düſtre Umhüllung; mit ihm iſt Licht und Leben, mit ihm der Himmel! Ewigkeit! Unend⸗ lichkeit! Vor deiner Tiefe ſchwindle ich nicht mehr; mich tragen ſeine Schwingen, mich ſchützt ſeine Bruſt „Doch halt! was habe ich geſagt? Wohin führt nicht der Seligkeitstraum? Edla! Meine hohe, reine Edla, wirſt du mich daraus erwecken? wirſt du dein Kind unglücklich machen? O nein, Edla, das kannſt, das wirſt du nicht thun. Klara! Edla weiß noch nichts von meiner Liebe. Ich habe es nicht gewagt, ihr davon zu ſchreiben. Edla hat mich ſo ſchwach geſehen, ſie würde mich und meine Gefühle jetzt nicht verſtehen. Edla muß Hervey kennen lernen. Dann wird ſie ihn lieben. Ihre wen glat könr wol blof über Wo Her ſtehſ dich hart des dann Seelen ſind dazu geſchaffen einander zu verſtehen. Edla wird unſer Glück wollen. Sollte ſie nicht!... Gütiger Gott! Meine Hand zittert, mein Auge wird trübe bei dem Gedanken, daß Edla nicht wollen koͤnnte. Klaral Ich fühle mitunter ein Bedürfniß nach Liebe und Glück, ein unbeſchreibliches Verlangen, das Leben ſo zu leben, wie ich weiß, daß ich es leben könnte. Aber wenn es ſich bloß darum handelte, dieſem zu entſagen, wenn es ſich bloß um mein eigenes Glück handelte, ſo glaube ich, ich könnte mich darein ergeben und mit dir ſprechen: „Was thut's denn auch, wenn ein Menſch leidet?“ Aber Hervey! Hervey! O wie iſt es mir, als riefen mir tau⸗ ſend Stimmen dieſen geliebten Namen zu! Hervey liebt mich! Es handelt ſich auch um ſein Glück. Mein Herz bebt bei dem Gedanken an einen Kampf gegen Evlas Willen, aber Eduard Hervey kann ich nicht entſagen. Allmächtiger Gott! Leite mich und neige Edlas Herz ihm zu, der mein Leben iſt. Vielleicht naht der Augenblick ſchnell, wo Alles ſich entſcheiden ſoll— Leben oder Tod für mich. Aber ich kann die Hoffnung nicht aufgeben, wenigſtens jetzt nicht, da ich Hervey noch ſehe. Ich muß glauben, muß auf Leben und Glückſeligkeit hoffen. Wer konnte Eduard Hervey nicht lieben? Edla wird mein Glück wollen. „Ich habe deinen Wunſch erfüllt, Klara, ich habe bloß von ihm und von mir geſprochen; ich habe nicht über dich mit dir geſprochen. Laß mich aber doch ein Wort ſagen— es kommt aus dem Innerſten meines Herzens. Ich fühle, daß du hoch, ſehr hoch über mir ſtehſt und dies ſtärkt meine Seele, es thut mir wohl an dich zu denken. O Klara, du Gute, Holde. Sollte ich hart geprüft, ſollte ich verurtheilt werden, allen Freuden des Lebens und Daſeins zu entſagen— wrillſt du mich dann ſtützen? Willſt Du dann kommen zu deiner Nina?“ Bremer, Rina. 29 450 Noch mehr Briefe. Es ruhet in des Menſchen Herzen Ein wunderſames Saitenſpiel. Geijer. Etwa um dieſelbe Zeit, da die beiden jungen Freun⸗ dinnen mit einander correſpondirten, erhielt auch Graf Ludwig von einem Freunde einen Brief, aus welchem wir ſolgende Zeilen entnehmen: „Ich möchte dich nicht gern unruhig machen; allein eine Warnung muß ich dir geben. Suche ſo ſchnell als möglich nach Hauſe zu kommen. Deine Braut dürfte ſonſt für dich verloren gehen. Ein gewiſſer Eduard Hervey, der, ehe er ein gewiſſes Verbrechen beging, Eduard D. hieß, droht deine Anſprüche ſtreitig zu machen. Ich erkannte ihn wieder, obgleich er ſich ſehr verändert hat. Doch du weißt, daß mein Blick ziemlich ſicher iſt. Ueberdies bekam ich Lurch einen Zufall eine Narbe auf ſeiner Bruſt zu ſehen, an deren Entſtehung du dich gewiß eben ſo gut erinnerſt, als ich. Dieſer Eduard D. iſt gegenwärtig Pfarrer in der Gemeinde, in welcher Gräfin G. wohnt. Er lebt hier— unbegreiflich genug— als ein Geheimniß für Alle, und Niemand weiß, was auf ſeinem früheren Leben laſtet. Er iſt allgemein geliebt und hat großen Einfluß im Orte. Man ſagt, er habe Fräulein Nina G's. Herz zu gewinnen geſucht und— es ſei ihm geglückt! Da ich etwas entfernt von der Gräfin G. wohne, ſo habe ich bloß ein einziges Mal Gelegenheit gehabt, Fräulein Nina und den genann⸗ ten Mann beiſammen zu ſehen. Ich ſah Nichts, was zu gewiſſen Gerüchten Anlaß geben könnte, aber gleich⸗ wohl genug, um dir zur Beſchleunigung der Rückkehr zu rathen. Es herrſcht zwar keine Vertraulichkeit zwiſchen ihnen, aber ein gewiſſes Etwas, das wirklicher Liebe ſehr ähnlich ſieht. Fräulein Nina iſt ſchön, wie die Gottin der von er: quie Oft vert herf Die kran gew mach mein Vate Aber hind⸗ mehr war Blüt Ich 451 Liebe, und dieſer Eduard Hervey iſt wirklich ein unge⸗ wöhnlich intereſſanter Mann.“ Wir wiſſen jetzt genug von dem Funken, der in eine bereits fertige Mine fiel. Edlas Briefe meldeten ſeit einiger Zeit nur von den abnehmenden Kräften ihres Vaters.„Sein Zuſtand iſt ſchmerzenfrei,“ ſchrieb ſie;„ſeine Laune milder und freund⸗ licher als je; allein er wird täglich matter, ſein Gedächt⸗ niß iſt verworren und ſein Bewußtſein von der Gegenwart oft äußerſt ſchwach. Ich habe eine hübſche, kleine Villa in der Nähe der Stadt gemiethet. Mein Vater kann hier die friſche Luft genießen und der Arzt kann ihn alle Tage beſuchen. Er iſt auch, Gott ſei Dank! noch nicht ohne Genußfähigkeit. Sein Leben iſt ruhig und freundlich. Er geht an meinem Arm in den Garten, pflückt Orangen von den Bäumen und freut ſich über die ſchoͤne Frucht; er raucht im Schatten der Bäume ſeine Pfeife und er⸗ quickt ſich an der Lieblichkeit der Luft. Er iſt glücklich. Oft nennt er Ninas Namen, glaubt ſie mit Graf Ludwig vermählt und freut ſich darüber. „Man macht mir keine Hoffnung auf ſeine Wieder⸗ herſtellung, allein ich kann ſie immer noch nicht aufgeben. Dieſes göttliche Klima hat ſchon auf manchen, der ſo krank und ſchwach war, wie mein Vater, wiederbelebend gewirkt. Wie es Gott gefällt! Seine Tage angenehm zu machen, mögen ihrer nun noch viele oder wenige ſein, iſt meine liebe, meine theure Pflicht.“ Der Gedanke an das wahrſcheinliche Hinſcheiden ihres Vaters verbreitete eine ſtille Traurigkeit über Ninas Seele. Aber Herveys Gegenwart, ſein Leben, ſeine Fürſorge ver⸗ hinderten ſie, ſich niederſchlagenden Gedanken hinzugeben;— mehr als je war er ihr Alles— Geſetz und Evangelium. Mittlerweile war es Sommer geworden, die Natur war herrlich, die Ernten reiften, das Leben ſtand in der Blüthe und unſere Liebenden ſahen einander alle Tage. Ich ſehe, meine Leſerin, was du erwarteſt, ich ſehe, 45⁵² worauf du hoffſt— Liebesqual und Kämpfe, Schmerz, Wahnſinn, Verſöhnung, Entzücken, Sturm, Leidenſchaft, zu guter Letzt einen kleinen Mord oder eine heimliche Vermählung Ehre ſei der Tugend und der wahren Kraft. Ich habe nichts Derartiges zu berichten. Hervey wollte Nina nicht durch Liſt gewinnen; er wollte ſie durch offenes Handeln von denen gewinnen, die das Recht hatten, über ſie zu verfügen. Er kannte ihr Herz, er hatte ihre Bitte gehört, deßhalb feſſelte er ſie durch kein Verſpre⸗ chen, durch keine Ausbrüche der Liebe und des Schmerzes, den er empfand. Er wollte, daß ſie klaren Geiſtes und ohne Reue ihrem Schickſal entgegen gehen ſollte. Deß⸗ halb wachte er über ſich mit der Strenge eines Anacho⸗ reten; über ſie mit der himmliſchen Liebe eines Engels. Entſchloſſen, das Aeußerſte für ihren Beſitz zu wagen, erwartete er mit tiefer Ungeduld den Augenblick, wo er handeln durfte, die Rückkehr Evlas und des Grafen Ludwig. Inzwiſchen war Nina glücklicher und das war Alles, was Hervey verlangte. Er breitete einen unauf⸗ hörlichen Frühling um ſie her und nie verfinſterte das kleinſte Wölkchen zwiſchen ihnen die Tage der Seligkeit. Durch ſeine Liebe, durch ſeine Lehren ſtärkte und erhob er ihre Seele, und wenn ſeine feurigen Gefühle die Bande ſprengen wollten, die er ihnen angelegt, dann verließ et ſie und ſuchte Arbeit und Mühe, um wieder Kraft und Gemüthsruhe zu gewinnen. Da kam er wieder zu ihr, gleich einem Segen des Himmels. Vermochte er zuweilen den Kampf oder die Düſterkeit in ſeiner Seele nicht zu verbergen und ihr zärtlicher, fragender Blick ſuchte in den ſeinigen zu leſen, dann ſagte er:„Nina, du weißt warum.“ Sie wußte es, ſie reichte ihm die Hand und ſie verſtanden einander. Die Gräfin war außerordentlich viel mit dem Ober⸗ ſten beſchäftigt, und drückte zu dieſem Verhältniß zwi⸗ ſchen Hervey und Nina, das ſie nothwendig bemerken mußte, abſichtlich ein Auge zu. Sie wollte ſich damit 4⁵3 Nachſicht für ihre eigene Leidenſchaft erwerben, auch ſah ſie vielleicht nicht ungern eine Klippe in Evlas Wege ſich bilden. Eine gewiſſe Kälte und Entfremdung, die ſie ſtets gegen Evla empfunden hatte, war allmälig in wirklichen Haß ausgeartet. Wir wollen ſehen, wie dies zuging. 1 Die Gräfin war ſich bewußt, daß Edla ſeit den Scenen in Ramlöſa keine Achtung vor ihr hatte. Evla hatte, ohne ihren Rath einzuholen, die Verlobung mit Graf Ludwig veranſtaltet, und ſie ſeit der Krankheit des Präſidenten ſowohl mündlich als ſchriftlich mit Kälte be⸗ handelt. Die Gräfin wußte wohl, daß ſie es nicht beſſer verdiente, allein dies hinderte ſie nicht, einen heimlichen Groll auf Evla zu faſſen. Er wurde noch vurch Folgen⸗ des geſteigert: Die Welt iſt wie ein Menſch, ſie geräth über eine Sache in Entzücken, erhebt, preist ſie, wird ihrer dann überdrüſſig, dreht ihr den Rücken, wendet ſich ſogar feind⸗ lich gegen ſie, und zieht oft in den Staub, was ſie früher zum Himmel erhoben hat. So entſtehen, ſo fallen zuweilen große Namen, ſowohl im Staate, als in der Geſellſchaft. Oft iſt der Fall verdient, oft auch nicht. Wohl dem, der ſich im klaren Auge eines treuen Freundes ſieht! Er iſt ſtark und hat genug von Gott. Die Gräfin war früher der erklärte Abgott jener großen Coterie geweſen, die in Schweden faſt aus allen gebildeten Menſchen ſowohl vom Norden, als vom Süden des Landes beſteht. Um dieſe Zeit wurde von Edvla nicht geſprochen, außer wenn man das Häßlichſte und Widerwärtigſte von der Welt bezeich⸗ nen wollte. Jetzt war der Stern der Gräfin untergegangen, der Evlas hatte ſchon längſt angefangen emporzuſteigen, und ſtand bald in ſeinem Zenith. Reiſende Schweden, die den Präſidenten in Nizza beſucht hatten, fanden kaum Wort, um Evlas aufopfernde Zärtlichkeit zu rühmen und die Klugheit zu preiſen, die ſie in der Verpflegung des ſchwachen und reizbaren Vaters an den Tag legte. Ihr 454 Benehmen fing an, allmälig Gegenſtand des allgemeinen Geſprächs und namentlich gegenüber von dem der Gräfin ſehr hervorgehoben zu werden. Man gab Evla den Bei⸗ namen Antigone und pries neben ihren kindlichen Tugenden ihre hohe Bildung, ihre Beſcheidenheit, ihren vortrefflichen und reinen Charakter. Die Gräfin wurde von ihren zahl⸗ reichen Correſpondenten mit unaufhörlichen Lobpreiſun⸗ gen der Edla⸗Antigone ermüdet, wobei häufig nicht undeutliche Stiche auf die Rolle mitunterliefen, welche die Gräfin als Gattin des Präſiventen im Vergleich mit ihrer Tochter gegenwärtig ſpielte. Einige in Um⸗ lauf kommende Gerüchte über den ſchönen Herkules von einem Oberſten gaben dieſen Stichen ein gewiſſes Salz, das die Gräfin in ſeiner ganzen Schärfe fühlte. Sie rächte ſich dadurch, daß ſie Edla verabſcheute und vor ihren eigenen Augen als ein ſtolzes und herrſchſüch⸗ tiges Weſen darſtellte, das über ſie zu triumphiren ſuche. Der Oberſt reiste auf kurze Zeit fort. Während ſeiner Abweſenheit ſchien die Gräfin wieder Etwas von ihrer früheren Zärtlichkeit gegen Nina zu gewinnen. Allein ſelbſt in ihrer Zärtlichkeit lag Egoismus. Sie wollte mit dem Gegenſtande derſelben gleichſam ſich ſelbſt ſchmücken. Sie war ſchon lange neidiſch geweſen auf die Bewunde⸗ rung, welche Nina für Evla hegte, und jetzt, da ſie Evlas baldige Rückkehr ahnte, fing ſie an darauf hinzu⸗ arbeiten, ihr ein Herz abzulocken, das ihr ſo theuer war. Sie ſprach oft mit Nina von Evla und lobte ſie auf eine Art, die heimlich darauf hinzielte, Ninas Herz gegen ſie zu erkälten. „Sie iſt ein höchſt ungewöhnliches Weſen,“ ſagte ſie zu ihr;—„ſo ſtark, ſo ruhig, ſo ſicher! Glücklich die⸗ jenige, die nicht mit einem ſchwachen und weichen Herzen zu kämpfen hat!“ Und ein andermal;„Edla gehört mehr dem Him⸗ mel als der Erde an. Sie bedarf nichts von dem, 45⁵ was das Glück anderer Menſchen ausmacht. Sie iſt ſich ſelbſt genug.“ Dann wieder;„Edla liebt die Menſchheit; ein ein⸗ ziger Menſch gilt ihr nichts. Sie wäre Jederzeit bereit, das Wohl des Individuums dem zu opfern, was ſie als das Wohl des großen Ganzen betrachtet.“ „Edla hätte ſollen König oder Miniſter werden,“ ſagte ſie mitunter,„denn ſie beſitzt einen ſtarken und beſtimmken Willen; ſie fragt bei Ausführung eines großen Planes nicht nach den Opfern, die er koſtet. Es ſteckt Etwas von Karl XI. in ihr.“ Nach und nach fing die Gräfin an, von ihrem eige⸗ nen Widerwillen gegen den Grafen Ludwig zu ſprechen und ihre Verwunderung über Edlas große Reigung zu ihm auszudrücken, auch ließ ſie eine Ahnung durchſchim⸗ mern, daß vielleicht Gefühle zarterer Natur ſie für ſeine Gebrechen blind machen. Dabei warf ſie einen zärtlich beklagenden Blick auf Nina. In Ninas gegenwärtiger Stellung und in dem Zuſtand zwiſchen Furcht und Hoffnung, worin ihre Seele ſchwebte, konnten die Worte der Gräfin nicht alle Wirkung ver⸗ fehlen. Sie kamen überdieß der Wahrheit oft nahe und leiteten auf dieſe Art langſam einen vergiftenden Saft in Ninas Gefühle. Ach es iſt ſchwer, dem beſtändig wieder⸗ kehrenden, beſtändig fallenden Tropfen zu widerſtehen— er dringt unvermerkt, aber ſicher ſelbſt durch die ſtärkſte Mauer. Ninas Gefühle für Edla bekamen immer mehr eine Beimiſchung von Furcht. Edlas Bild verſchmolz gleichſam mit dem des Grafen Ludwig; ihre Seele wurde durch eine unwiderſtehliche Macht von ihr abgewandt und ſchloß ſich immer inniger, immer kräftiger an Hervey an, den Milden, Starken und Liebevollen. An Edlas und Graf Ludwigs Seite erſchien ihr das Leben ſo kalt, ſo freudlos, ſo bleich! Bei Hervey— ach! da war das Leben ſelbſt, das warme, ſonnenbeglänzte, liebliche Leben voll Liebe und Freude. Ohne daß Nina es merkte, kam ihr Wille 456 in Widerſpruch gegen den Edlas. Sie glaubte ſich ihr unterwürfig, während ſie es in der That bereits nicht mehr war. Die Sonne war ungewöhnlich heiß und trocken. Man befand ſich im Anfang des Monats Auguſt. Die Gräfin, die ſich auf jede Art populär zu machen ſuchte, und als eine freudeſpendende Gottheit vermißt und betrauert zu werden wünſchte, wenn ſie auf den Herbſt die Gegend verließ, hatte beſchloſſen, den Leuten auf ihrem Gute und allen Nachbarn in der Runde ein höchſt vriginelles Ernte⸗ feſt zu geben. Sie beabſichtigte zugleich, Sonntagstänze für die Bauern einzuführen, und hatte zu dem Ende auf der Ebene nicht weit vom Umefluß eine ſchöne Rotunde erbauen laſſen, deren oberes Stockwerk aus einem großen Tanzſaal und das Parterre aus einigen hübſchen Wohn⸗ zimmern beſtand. Dieſes leichte und angenehme Gebäude war von jungen Birken umgeben, die ihm Schatten ver⸗ liehen. Die Gräfin bezog es kurz vor Abhaltung des Feſtes mit Nina, theils wie ſie ſagte, um Alles vorzu⸗ bereiten, theils weil man hier eine Kühlung fand, die man auf der kahlen Höhe, wo das Hauptgebäude lag, ver⸗ gebens ſuchte. Die Gräfin dürfte wohl noch einen andern Plan in Petto gehabt haben, den wir indeß nicht lange ausplaudern wollen. Alles war bereit zum ländlichen Feſte, Alles ver⸗ ſprach es glänzend zu machen, als eine Trauerpoſt es vereitelte. Zwei Briefe von Edla trafen zugleich ein; ſchon ſeit einem Monate hatte man keine Nachrichten von ihr erhalten;— der eine und älteſte meldete den Tod des Präſidenten.„Er iſt ſanft eingeſchlummert,“ ſchrieb Edla,„ohne Schmerz, ohne bitteren Vorgeſchmack von ſeiner Auflöſung. Ich glaube nicht, daß man leich⸗ ter ſterben kann, und ich danke Gott für dieſes ſein ruhiges Hinſcheiden. Wenige Stunden vor ſeinem Tod wiri Zwe hint entſt Ste 457 aß er noch mit Vergnügen Obſt. Er war bis zum letz⸗ ten Augenblick gut und freundlich gegen Alle und kurz vor dem Tode kam er wieder zum völligen Bewußtſein. Er hat mir freunvliche Grüße an alle aufgegeben, die ihm lieb waren. Für Nina bringe ich einen ganz beſon⸗ dern mit. Ich habe den unbeſchreiblichen Troſt gehabt, in den letzten Tagen die Pflege meines Vaters mit Graf Ludwig zu theilen. Für ſeine wirklich kindliche Sorgfalt hat ihm mein Vater mit den Worten gedankt:„Nina wird dir für mich danken: moͤge ſie dir Alles werden, was ich wünſche.“ Der andere Brief war vierzehn Tage ſpäter geſchrie⸗ ben. Edla ſprach darin von der Beerdigung ihres Vaters und ihrer baldigen eigenen Rückkehr ins Vaterland.„Es verlangt mich,“ ſchrieb ſie,„die alten theuern Gebirge wieder zu ſehen; es verlangt mich, Nina wieder zu ſehenz und ſie mit einem ihr würdigen Mann vereinigt zu er⸗ blicken. Ich komme nicht allein zurück. Graf Ludwig folgt mir auf dem Fuße nach.“ In einer Nachſchrift ſprach Eola einige Worte von ſich: „Ich habe,“ ſchrieb ſie,„während der langen Nächte, die ich am Krankenlager meines Vaters durchwacht, den Plan zu einem kleinen Werke entworfen, wozu die Mate⸗ rialien ſchon lange in meiner Seele geſammelt waren. Es betrifft die intellectuelle Bildung meines Geſchlechts. Die darin enthaltenen Lehren ſind Kinder meiner eigenen Erfahrung, meiner eigenen Leiden und nur deßwegen wage ich es zu hoffen, daß unter ſo vielen Büchern über dieſen Gegenſtand auch das meinige noch einigen Werth haben wird. Ich habe einen Proſpect davon dem Profeſſer A. geſchickt. Er wird mir ſagen, ob meine Arbeit ihren Zweck erreichen kann.“ Aus einigen am Schluſſe dieſes Poſtſeripts nachläſſig hingeworfenen Reflexionen, die aus der Tiefe des Herzens entſprungen zu ſein ſcheinen, wollen wir nur folgende Stellen ausziehen; 45⁵8 „Der Fehler iſt jetzt nicht, daß wir nicht denken; ſondern es handelt ſich darum, vaß wir aus dem grübeln⸗ den und unklaren Denken zu dem einfachen und klaren gelangen 4 „Tauſend Unannehmlichkeiten, tauſend peinliche Klei⸗ nigkeiten zernagen und beunruhigen das Gemüth, wenn man in der Welt dahingeht, wie einer, der im Finſtern tappt„ „Ein Gefühl unbeſchreiblichen Wohlbehagens, großer und wonniger Ruhe zieht in die Seele ein, wenn man in und außer ſich klar ſieht. Rechtthun! Was iſt gott⸗ licher? Jede Kraft, jede Gabe zu erkennen und zu wür⸗ digen— welch ein mannigfaltiges Intereſſe, welchen Reichthum reiner Genüſſe verleiht dieß nicht unſerem Leben? Welch ein mächtiges Mittel zur Veredlung des Erdendaſeins unſerer Mitmenſchen? Aber eben deßhalb muß man verſtehen lernen und zwar nicht oberfläch⸗ lich, ſondern innig— und im Zuſammenhange. Man muß das Einzelne im Allgemeinen, das Allgemeine im Einzelnen ſehen. Dann ordnet ſich die Welt, dann füllt ſich die Seele mit würdigen Gedanken. Dann wird das Leben bereichert und veredelt.“ „Die Reichen mögen immerhin für ihre Vergnügun⸗ gen leben— nur ſollen die Vergnügungen eine ſolche Richtung haben, daß ſie auch zum allgemeinen Beſten dienen. Laß ſie in Liebe zur Wiſſenſchaft, Kunſt und Li⸗ teratur emporblühen; laß frühe und wahre Kenntniſſe ächte Kenner, ächte Kunſtliebhaber bilden und bald wird eine Ader höheren Lebens alle Kreiſe der Geſellſchaft durch⸗ laufen. Des Forſchers Blick würde dann, nicht länger von irdiſchen Kümmerniſſen verhüllt, frei ſich erheben dür⸗ fen zur ewigen Vernunft und ihre Geſetze den Menſchen verdolmetſchen. Die Arbeiten der induſtriellen Klaſſen würden ſich in größerer Maſſe das Ziel ſetzen, die intel⸗ lectuellen Kapitaliſten, die ihre Welt beleuchten und ver⸗ edeln, mit den Behaglichkeiten des Lebens zu verſehen. Ein eitler Lurus würde verſchwinden, ſobald eine größere Menge wirklicher Bedürfniſſe Befriedigung finden könnte. Mir iſt, als fühle ich das Weſen einer immer reineren Humanität, eines freieren Gedankens, eines friſcheren Le⸗ bens und zunehmenden Wohlbehagens, das ſich dann durch die ganze Geſellſchaft ziehen würde— und woher? Von den Vergnügungen, von dem Gelde der Reichen! Und wer genoͤße dabei reicheren Segen, als eben dieſe ſoge⸗ nannten Glücklichen der Erde— die oft ihre ärmſten Kinder ſind! Gütiger Gott! durch ſolche veredelte Ver⸗ gnügungen könnten ſie ſelbſt ſo reich werden und ſo un⸗ endlich viel Gutes wirken. Sie möchten es wohl— und ſie geben Schmäuſe und Almoſen.“—————— „Es gibt Geſchöpfe im Leben, die ich ihres eigenen Glückes wegen mehr als alle Anderen verlaſſen moͤchte, ſich die Kenntniß vom Leben und den Dingen zu verſchaf⸗ fen, welche gut und klar macht. Ich will hier von den Einſamen reden.“ „Ich bin ſelbſt einige Zeit die Einſame geweſen; ich habe Ruhe gefunden auf dem Wege, auf den ich Andere weiſe; ja, mehr als Ruhe— die reinſte Freude und ein Intereſſe im Leben, das jeden Augenblick reich macht. Einſam auf meinem engen Stübchen, allein mit meinen Büchern habe ich Stunden des Genuſſes und Reichthumes gehabt, die von keiner Glückſeligkeit überwogen werden können— und ich bin kein Genie. Ich ſage das mit Vergnügen, denn ich weiß jetzt, daß keine beſondere und ungewöhnliche Gabe mein Glück begründet. Die meiſten Menſchen können, wenn ſie nur wollen, glücklich und reich ſein, wie ich. Meine Jugend iſt dahin— und jetzt erſt iſt mein Herz recht jung, das Leben iſt mir unendlich reich und ich ſpreche aus dem Innerſten meiner Seele:„Es iſt ſchön zu leben!“ Still und zärtlich beweinte Nina ihren Vater. Aber dieſer lang vorhergeſehene Kummer war nicht bitter. 460 Eine tiefere mit Furcht vermiſchte Qual bemächtigte ſich nach dieſen Briefen ihrer Seele. Edla reiste zurück voll Gedanken und Planen, die dem Glücke Ninas theils fremd, theils entgegen waren. Nina, ſo voll von Liebe, von Verlangen nach einem Glück, wovon Edla keinen Begriff hatte, empfand in dieſem Au⸗ genblick bloß Furcht vor Edlas Himmel. Sie wünſchte ihre Rückkehr und bebte davor, denn Edla beſaß eine Macht über Ninas Seele, die keine Furcht und kein Zwei⸗ fel an Evlas Zärtlichkeit verringern konnte. Ahnungen. „Es weht ein Leichenhauch durchs Menſchenleben.“ Tegnér. Man erwartete Edla, wußte aber den Tag ihrer An⸗ kunft noch nicht. Herveys ſcheinbare Ruhe und die Liebe zu ihm hielt Ninas ſchwankende Kraft aufrecht. Sie fühlte immer tiefer, daß ſie Alles wagen könne, nur nicht ihm entſagen. Eines Abends war eine kleine Geſellſchaft bei der Gräfin verſammelt. Die Nachbarn lobten das ſchöne Feſt⸗ haus, tranken Limonade, ſaßen auf den Bänken im Schat⸗ ten der Birken, politiſirten in aller Ruhe und befanden ſich wohlbehaglich. Eduard Hervey allein glich ſich an dieſem Abend nicht. Er war ſchweigſam und ging un⸗ ruhig auf und ab. Mit einiger Ungeduld brach er die Geſpräche ab, die hin und wieder einer der Gäſte mit ihm anknüpfen wollte und über ſeinem gewöhnlich ſo freundlichen und unklaren Blick lag ein Schatten von Düſterkeit. Endlich knüpfte er ſelbſt mit einem wohlbe⸗ . vergnügſamen Herrn an, indem er ihn etwas kurz ragte: — nung Ein einige horte Brut War ſcheit ren, ihre ohne ben traut Eine bens lebte ängſ Gru zu b dere 461 ſich„Glaubſt du an Ahnungen?“ „Ich geſtehe, Bruderherz, daß ich nachdem, was die mir oder vielmehr meiner Frau begegnet iſt, nicht umhin ren. kann, ſowohl an Ahnungen, als namentlich auch an ück, Träume zu glauben.“ Au⸗„Nun, was denn?“ chte„Ja, im vorigen Sommer— oder halt... nein, im eine Sommer vor zwei Jahren träumte es meiner Frau bei vei⸗ Nacht, drei unſerer beſten Kühe haben den Milzbrand be⸗ kommen und ſeien geſtorben. Sie erzählte mir ihren Traum. Es war ein Mittwoch Morgen— nein, ein Donnerſtag Morgen war es. Zwei Tage darauf, am Samſtag Abend, waren die drei Kühe wirklich am Milz⸗ brand krepirt. Was ſagſt du davon, Bruderherz?“ „Ich für meine Perſon,“ ſagte ein Anderer von der Geſellſchaft, der Herveys Frage gehoͤrt hatte,„ich glaube, daß man zu viele Beweiſe von der Bedeutſamkeit der Ah⸗ nungen und Träume hat, um daran zweifeln zu können. Ein allgemein bekanntes Faktum iſt, daß Heinrich 1IV. An⸗ einige Zeit vor ſeinem Tode ein beſtändiges Grabgeläute iebe hoͤrte, das ihn mit eigentlicher Unruhe erfüllte. Des Sie Brutus Geiſt vor der Schlacht bei Philippi, Napoleons icht Warner in Aegypten und mehrere Beiſpiele dieſer Art ſcheinen mir zu derſelben Familie der Ahnungen zu gehö⸗ der ren, deren myſtiſche Entſtehung eben ſo unerklärlich, als ſt⸗ ihre wirkliche Macht unläugbar iſt.“ hat⸗„Was mich betrifft,“ ſagte die Gräfin,„ſo bin ich den ohne die mindeſte Bekanntſchaft mit Ahnungen durch's Le⸗ an ben gegangen. Doch habe ich ſie, und zwar recht oſt, un⸗ traurig auf Perſonen in meiner Umgebung wirken geſehen. die Eine nahe Verwandte von mir, eine junge, heitere, lie⸗ mit benswürdige Frau, die mit dem beſten Manne glücklich ſo lebte, wurde ein Jahr nach ihrer Verheirathung von einer von ängſtlichen Unglücksahnung ergriffen, ohne dafür einen lb⸗ Grund angeben zu können, oder irgend eine Veranlaſſung urz zu beſitzen. Vergebens ſuchten, ſowohl ſie ſelbſt, als An⸗ dere, durch Vernunftgründe und Zerſtreuungen dieſes 462 traurige, unheimliche Gefühl zu überwinden, es begleitete ſie überall hin. Ueber den klarſten Tag, über die ſchönſte Natur wirft es ſeinen Trauerflor; in der heiterſten Tanz⸗ muſik hört ſie nur Klagelaute, ſogar Freude und Lachen werden ihr grauenhaft. Ganz verzweifelt über dieſe Ge⸗ müthsſtimmung, und in der Hoffnung, durch Geſellſchaft von Freunden und neue Umgebungen ihre Schwermuth zu verſcheuchen, machte ihr Mann eine Reiſe mit ihr zu Ver⸗ wandten, die ſie zärtlich liebte. Seine Hoffnungen ſchei⸗ nen in Erfüllung zu gehen; er dankt ihr dafür mit ver⸗ doppelter Zärtlichkeit. Alles bemüht ſich, ſie aufzuheitern und zu beleben. Mitten unter dieſen guten und fröhlichen Leuten müſſen am Ende die Eingebungen der Nacht flie⸗ hen. Das junge Paar hatte mehrere Wochen über Weih⸗ nachten und Neujahr in der heiterſten und liebenswürdig⸗ ſten Geſellſchaft auf dem Lande zugebracht, und Roſinens Gemüths⸗ und Geſundheitsumſtände hatten ſich ſichtlich gebeſſert. Alle ängſtliche Ahnungen ſchienen verſchwunden zu ſein. Eines Tags war Roſine mit ihrem Mann über den See zu Nachbarn gefahren, bei denen ſie Mittags und Abends ſpeisten. Der Plan war, im Mondſchein wieder heimzufahren. Kurz vor der Abreiſe war Roſine einen Augenblick allein. Da hörte ſie auf einmal eine unbeſchreibliche ſchöne Muſik vor dem Fenſter. Sie lauſcht und überzeugt ſich, daß es ein Grablied iſt. Zitternd geht ſie an's Fenſter und zieht das Rouleau in die Höhe. Ein ſchoͤnes Kind ſteht draußen ſtrahlend im Winterabend und fingt lieblich, aber traurig. Bei ihrer Ankunft verſchwin⸗ det es plotzlich. Der Strahl erliſcht und die Töne ver⸗ klingen in Seufzern. Von Schreck ergriffen und auf's Neue von einer unausſprechlichen, grauenhaften Ahnung befallen, eilt Roſine bleich zu ihrem Mann und ſagt ihm die Erſcheinung und ihre Angſt; ſie beſchwört ihn, nicht in den finſtern Winterabend hinauszufahren. Die freund⸗ lichen Nachbarn vereinigten ihre Bitten mit denen der jungen Frau, aber vergebens. Aeußerſt verſtimmt über dieſen Rückfall ihrer Gemüthskrankheit, und entſchloſſen, die Ti Arm. haben. A te, Gefüh E 4 Erzäh mung ander rungen milie, ſieht deutet. 463 dieſen geſpenſtiſchen Einflüſſen auf ein Mal männlichen Ernſt entgegenzuſetzen, beharrt Roſinens Mann auf ſeinem Vorſatz, zurückzufahren. Zum erſten Mal iſt er taub für ihre Bitten und Thränen. Er führt ſie an den Wagen, ſetzt ſich neben ſie und drückt ſie feſt an ſeine Bruſt. Sie ſchmiegt jich ergebungsvoll an ihn an, ſagt traurig zu denen, die den Wagen umſtehen: Lebt wohl! lebt wohll und in den Armen ihres Mannes ruhend, erwartet ſie ſtille, was da kommen ſoll.“ „Dicke Wolken waren am Himmel und verfinſterten den eben aufgegangenen Mond. Der Kutſcher war nicht nüchtern, und zum Unglück hatte dieß Niemand bemerkt. Eine mitgenommene Laterne wurde bald vom Winde aus⸗ gelöſcht. In dem geſchloſſenen Wagen war Alles finſter und ſtill, allein die Pferde ſprangen munter über die Eis⸗ fläche hin, und die Glöckchen erklangen luſtig. Auf einmal verſtummen ſie! Das Eis kracht, die Fenſter zerſpringen, das Waſſer ſtrömt herein, der Wagen verſinkt in eine große Oeffnung. Kurz war der Kampf, ſchnell der Tod unter dem Eis; denn in wenigen Minuten war Alles in die Tiefe geſunken. Man fand die beiden Gatten Arm in Arm. Der Tod ſchien ſie bloß noch inniger vereinigt zu aben.“ Ninas Thränen floßen.„Dieſer Tod war nicht bit⸗ ter,“ ſagte ſie leiſe,„und hätte nicht von ſo ängſtlichen Gefühlen verkündet werden ſollen.“ Hervey ſah ſie mit einem unausſprechlichen Blicke an. Die Geſellſchaft ſchwieg einen Augenblick, denn die Erzählung der Gräfin hatte eine gewiſſe traurige Stim⸗ mung herbeigeführt, doch fing man bald wieder an, ein⸗ ander noch mehrere, theils eigene, theils fremde Erfah⸗ rungen mitzutheilen. „Ich kenne,“ ſagte Jemand,„ganz genau eine Fa⸗ milie, worin ein Schein, den der Hausvater bei Nacht ſieht, jedesmal den Tod irgend eines Mitgliedes be⸗ deutet.“ 464 „Aber mit dem Glauben an ſolche Scheine, Er⸗ ſcheinungen, Geſänge und Vorboten,“ ſagte jetzt eifrig einer von den Hertn,„haben wir dem Aberglauben aller Art und den ungereimteſten Einbildungen Thüre und Thor geöffnet. Ich bin überzeugt, daß keines Menſchen Ahnun⸗ gen in Beziehung auf Kraft mit der verglichen werden können, die ich als Knabe hatte, nämlich von einem Löwen zerriſſen zu werden;— und jetzt ſtehe ich hier und habe meiner Lebtage noch keinen Löwen geſehen, außer auf Kupferſtichen, hege auch die Hoffnung, ganz ruhig in meinem Bett ſterben zu dürfen. Meine Schweſter, welche die Romane der Miß Radecliff las, hatte eben⸗ falls eine ſtarke Ahnung, ſie werde von einem Räuber⸗ hauptmann entführt und zur Sultanin in der Türkei ge⸗ macht werden. Indeß iſt ſie fünfzig Jahre alt geworden, und es hat ſich noch immer kein Liebhaber gezeigt. Ernſt⸗ lich geſprochen, ich glaube, man kann mit Gewißheit ſagen, daß von zwanzig merkwürdigen Ahnungen hochſtens eine oder zwei von ungeföhr eintreffen, und daß es auch dafür ganz natürliche und gute Gründe gibt. Z. B. die ſchoͤne Gefühle und Gedanken haben ſich lange mit einem gewiſſen und v Gegenſtande beſchäftigt, die Einbildungskraft wird erhitzt ſeinen und ſpiegelt Erſcheinungen vorz in unſerer wechſelreichen thörick Zeit iſt es ſchwer, kein Ereigniß zu finden, das auf die komm Erſcheinung paßt, und die Phantaſie, die ſie hervorge⸗ die S rufen, arbeitet weiter, um ſie auf die Wirklichkeit anzu⸗ Himm wenden. Eine große Menge Ahnungen kommen auch erſt müßte nach den Ereigniſſen.“ „Zugegeben,“ antwortete Herveh;—„und boch ſeellt, bleibt noch unenvlich viel übrig, was ſich nicht erklären In G läßt. Eine Erfahrung, welche ſich durch die ganze Ge⸗ der ſe ſchichte zieht, deutet darauf hin, daß es eine düſtre, eine wälzte myſtiſche Seite des Daſeins gebe, die ſcheinbar keiner deſſen Ordnung und keinem beſtimmten Geſetz folgt, aber uns leſen erkennen läßt, daß der Menſch von einer Geiſterwelt um⸗. geben iſt, die eine gewiſſe Macht hat, auſ ſein Leben Reiſe einzuwirken. So unmöglich es uns iſt, dieſe Phäno⸗ Bre 465 mene zu erklären, eben ſo unmöglich iſt es auch, ihr Daſein zu leugnen. Wahrſcheinlich bilden ſie ein nothwendiges Glied in der weiſen Ordnung, die wir erſt jenſeits dieſer Welt vollkommen begreifen können. Der Allgütige würde uns die Qualen, die ſolche un⸗ begreifliche Eindrücke zuweilen verurſachen, erſpart ha⸗ ben, wenn ſein ewiges Ordnungsgeſetz es geſtattet hätte!“ In dem Ton, womit Hervey dies ſprach, lag eine ſolche Niedergeſchlagenheit, daß Ninas Augen ſich voll Zärtlichkeit und tiefer Unruhe auf ihn hefteten. Mit vornehmer Miene und abſprechendem Ton ſagte Herr N.:„Ich war immer der Meinung, die Zeiten ſeien längſt vorüber, wo man auf Geiſtererſcheinungen und andern Aberglauben der Art Gewicht legte, und ich muß geſtehen, mein lieber Paſtor, ich hätte Sie für verſtän⸗ diger gehalten.“ Hervey lächelte. Er lächelte, wie wohl zuweilen ein Engel über unſere eingebildete Weisheit lächelt. Ninas ſchoͤnes und liebevolles Auge war dem ſeinigen begegnet und verklärte es unwillkürlich. Er wandte ſich gegen ſeinen Nachbar und ſagte freundlich:„Es wäre allerdings thöricht, ſolche dunkle Eingebungen Gewalt über uns be⸗ kommen zu laſſen; übrigens iſt dafür geſorgt; dazu iſt die Sonne am Himmel und im Auge des Menſchen ein Himmel von Güte und Schönheit. Welche Schatten müßten nicht da fliehen?“ In dieſem Augenblick wurde Hervey ein Brief zuge⸗ ſtellt, den er haſtig erbrach, indem er bei Seite ging. In Gedanken verſunken ging Nina an den Fluß hinab, der ſeine unruhigen Wogen heftiger als gewöhnlich wälzte. Hier wurde ſie von Hervey aufgeſucht, auf deſſen Geſicht eine ſtarke und unruhige Spannung zu leſen ſtand. „Ich muß dich verlaſſen,“ ſagte er,„ich muß eine Reiſe machen!“ Und er übergab ihr einen Brief, der Bremer, Nina. 30 466 von zitternder Hand geſchriebene Zeilen ent⸗ ielt: „Wenn Sie die Gewiſſensqualen eines Sterbenden zu lindern, und ein wichtiges Geheimniß aufgedeckt zu ſehen wünſchen, ſo reiſen Sie ſogleich nach W. Fragen Sie im Wirthshaus nach einem Mann Namens Erik B. Er wird Sie zu Demjenigen führen, der dieſe Zeilen ſchreibt. Reiſen Sie aber Tag und Nacht, denn ich bin ſchwach, und die Stunden meines Lebens ſind gezählt.“ Bleich gab Nina den Brief zurück und ſagte zu ihm: fort! Nur ſchnell, ſchnell! o der Unglück⸗ iche!“ Eine lebhafte Hoffnung, das angedeutete Geheimniß möchte ihn ſelbſt betreffen und die Feſſel von ſeinem Leben nehmen, blitzte in Herveys Seele; aber die Freude darüber wurde in dieſem Augenblick von dem Gedanken aufgewogen, Nina verlaſſen zu müſſen. Der Briefſteller wohnt in weiter Ferne in einer andern Provinz. Herveys Abweſen⸗ heit wird mehrere Tage währen. In dieſer kurzen Zeit kann Evla zurückkommen;... Graf Ludwig. und Nina ſind allein! Dieſer Gedanke war für Hervey eine unerträg⸗ liche Qual. Er konnte ſeine Unruhe, ſeine tiefe Gemüths⸗ bewegung nicht verbergen. Nina war jetzt die mild trö⸗ ſtende und aufrichtende Freundin. Aber er hörte ſie lange nicht an. Er ging und kam, er ſchien ſprechen zu wollen, ſchwieg aber wieder. Auf einmal ergriff er heftig ihre Hand und rief:„Verſprich mir. verſprich mir.. nein!“ unterbrach er ſich ſelbſt, indem er von ihr wegging —„nein! Kein Verſprechen!“ Er kam wieder und ſah ſie mit unaus ſprechlicher Liebe an.„Nina,“ ſagte er lang⸗ ſam und ſtark,„ich kann und will dich nicht verlieren!“ Er nahm ihre Hände in die ſeinigen, beugte ſein Geſicht varüber, und Nina fühlte ſeine brennenden Thränen. Nina weinte auch, fand aber doch Worte, um zu tröſten und zu ſtärken. „Was ſollte uns zu trennen vermoͤgen?“ ſagte ſie 467 mit einer Innigkeit, die ſich prophetiſch der Zukunft zu bemächtigen ſchien.„Kann ich nicht frei ſprechen und handeln? Glaube mir, Edla kann und wird uns nicht trennen. Ach, Evuard! du biſt mir mehr werth, als ſie, als die ganze Welt. Seit ich dich liebe, bin ich nicht mehr ſchwach. Ich habe Kraft, Vielem zu widerſtehen— ja ich fühle es, ſogar dem Willen Eplas. Aber Edla wird einſehen, Edla wird begreifen, daß es für mich kein Leben, keine Freude auf Erden, keine Seligkeit im Himmel gibt— außer durch dich, Eouard! Ich will ſie bitten, ich will ſie bitten„ ach ich fühle es, ich werde ſie erweichen. Sie wird mich nicht von dir trennen!“ So ſprach Nina lange, innig und voll Holvſeligkeit. Hervey hörte ſie an und betrachtete ſie. Ein heftiges Verlangen, ſie an ſein Herz zu drücken, ſie Braut zu nennen, brannte in ſeiner Seele. Er wollte damit gleich⸗ ſam die unheimlichen Ahnungen beſchwören, die in ſeiner Bruſt von Trennung ſprachen, und Nina für ewig an ſich feſſeln. Flammend von Liebe und Schmerz nahte er ſich ihr;— da erblickte er Furcht in ihrem Geſichte, er wurde einen Augenblick ungerecht:„Nina?“ fragte er mit flammendem Blick: „Geliebter,“ antwortete leiſe die bleiche, trauerum⸗ hüllte Geſtalt—„es ſteht in deiner Macht, mich glück⸗ lich oder aber zur Verbrecherin zu machen. Siehſt du die Wellen zu meinen Füßen?— Wirf mich hinab in ihre Tiefe, und ich werde ſtill ſein, werde nicht klagen— ich werde weniger davor beben, als wenn du meine Bitte und dein Verſprechen vergeſſen ſollteſt. Eduard, gib mir lieber den Tod! Ach von deiner geliebten Hand würde er mir ſüß ſein.“ Bei dieſen Worten, bei dieſen Tönen legte ſich die wilde Wallung in Herveys Bruſt. Er beugte ſeine Kniee vor dem geliebten Weſen, und drückte ihre Hand an ſeine brennende Stirne.„Nina, ver⸗ zeihe mir!“ ſagte er mit bebender Stimme—„aber 468 vergiß nicht, das Wohl und Weh meines Lebens liegt in deinen Händen!“ Mit dieſen Worten riß er ſich von ihr los und verſchwand. Zitternd ſank Nina zwiſchen den Felſen am Ufer nieder. So aufgeregt, ſo heftig hatte ſie Hervey noch nie geſehen. Thränen über ihn, Liebesworte an ihn, Gebete für ihn beruhigten endlich ihre Geſühle. Ihre Seele war nur ein Gedanke für ihn, ein Gefühl ür ihn. Kurz nach dieſem Abſchied brachte Nina einen Tag bei Hervehs Mutter zu. Es war ihr Bevürfniß, bei der guten und weiſen Alten Stärkung und Ruhe zu holen. Es war ihr Bedürfniß, Marie von ihrem Bruder ſprechen zu hören. Herveys Mutter empfing Nina mit offenen Armen und vrückte ſie mütterlich an ihre Bruſt. Zum Erſtenmale ſprach ſie mit Nina von ihres Sohnes und und ihren eigenen Hoffnungen. Sie war zu ſtolz auf ihn, um auf ſeine Geliebte ſtolz ſein zu können. Sie fand es ſo natürlich, ſo nothwendig, daß man ihn liebte und ſich glücklich fühlte, ihm anzugehören: dabei bewies ſie ein ſo inniges Verlangen, ihn glücklich zu ſehen, und eine ſo mütterliche Zärtlichkeit für Nina, daß Ninas Herz davon durchdrungen wurde, und ſich unwillkürlich lieblichen Ge⸗ fühlen und lichten Hoffnungen oͤffnete. Marie war glück⸗ lich und heiter, ſie ſetzte ihr das Beſte vor, was das Haus vermochte,— und dies war, Dank ihrer Geſchick⸗ lichkeit, nichts Geringes. Nina ſang lieblich und ent⸗ lockte ihren Zuhorerinnen Thränen. Welche warme, ſchoͤne Worte wurden nicht über Eduard Herveh geſprochen! Nina lauſchte ihnen mit entzückten Gefühlen. Dieſer Tag war lieblich und klar, wie es nur ein Tag zwiſchen guten und gebildeten Menſchen ſein kann, die ein gemeinſames, inniges Intereſſe haben. Marie begleitete gegen Abend Nina nach Hauſe. Der Himmel war trübe und die Luft ſchwer, allein die Freundinnen merkten es nicht. Nina ſang unterwegs 469 Marie einige Liedchen, die dieſe entzückten. Marie flocht für Nina einen Kranz von großen Vergißmeinnicht. Nina ſah entzückend aus mit der himmelblauen Glorie um ihr madonnenſchoͤnes Geſicht. Bei Ninasruh nahm Marie Abſchied, umarmte ſie ſchweſterlich zärtlich und kehrte um. Nina ſtand am Spiegel der Quelle und ſah darin ihr Geſicht. Es blickte ſo himmliſch aus dem blauen Kranze und zwiſchen dem leichten Laub der Roſenhecke hervor. Nina fand ſich ſchön; ſie fühlte es mit Freude, denn ihre Schoͤnheit war für Hervey; mit ihr, mit Allem, was ſie an Anmuth, an Gaben des Glücks und der Bildung be⸗ ſaß, wollte ſie zu ihm gehen, und ſich wie eine Blumen⸗ ranke um ſein Leben ſchlingen. In dieſem Augenblicke war Ninas Seele nur von Verheißungen des Glücks, nur vom Bilde des Geliebten erfüllt. Auf einmal fühlte ſie ſich leiſe und zärtlich umfaßt. Sie ſah ſich um und war in Evlas Armen. Ein Schau⸗ der durchrieſelte Nina. Sie fühlte ſich von ihrem Schick⸗ ſal erfaßt, und in der tiefen Trauertracht ſchien Edlas Ge⸗ ſicht mehr als gewöhnlich bleich und ſtreng. Aber Strenge war jetzt nicht in Edlas Herzen; ſie war nie zärtlicher geweſen, und bald lag Nina mit Thränen und kindlicher Ergebenheit am Hals der Schweſter. Nach den Ergie⸗ ßungen des erſten Augenblicks trat Edla zurück und be⸗ trachtete Nina mit freudvoller Verwunderung. Ninas Schönheit hatte ihre vollſtändige Entwicklung erreicht und war wirklich bezaubernd. Sie war nicht mehr das blaſſe, weiche Mädchen, das ein Hauch toͤdten zu können ſchien. Sie war eine blühende Hebe, voll Geſundheit und Leben. Thränen der Freude feuchteten Edlas Augen und ſie drückte die geliebte Schweſter auf's Neue an ihre Bruſt. Ninas Schweigen und ihre Thränen, ſo wie ihre mit ſichtbarer Angſt gemiſchte Zärtlichkeit beunruhigten Edlas Seele, doch ließ ſie es ſich nicht anmerken; ſie ſetzte ſich ſtill neben Nina auf die Raſenbank und ſprach mit ihr von ihrem Vater und ſeinen letzten Tagen auf eine Art, die 470 wohl berechnet war, Ninas aufgeregte Gefühle zu beruhi⸗ gen. Dieß gelang ihr auch, denn Nichts iſt ſo geeignet, des Herzens unruhiges Pochen für irdiſches Wohl oder Weh zu beſchwichtigen, als der Gedanke an den Augen⸗ blick, wo Beides aufhören, wo Alles um uns her ſich ver⸗ wandeln wird. Auch lag in Evlas Stimme und Weſen eine ungewöhnliche Milde, die Nina wohl that. Unwill⸗ kürlich ſchöpfte ſie Hoffnung für die Zukunft und ihre Bruſt athmete leichter. „Und jetzt,“— ſo ſchloß Edla—„habe ich eine Bitte an dich. Komm mit mir, begleite mich auf mein Zimmer und bleibe bei mir. Ich habe dir viel zu ſagen, und— ich erwarte heute Abend noch einen Beſuch; er gilt eigentlich dir und wird dir nicht unerwartet kommen. Nina! Graf Ludwig folgt mir auf dem Fuße. Es iſt ein Jahr vergangen, ſeit ihr euch getrennt habt. Nina, ich bringe dir deines Vaters Segen zu deiner bevorſtehen⸗ den Verbindung mit. In den lichten Augenblicken, die er noch vor ſeinem Tode hatte, ſprach er beinahe bloß von deiner Vermählung mit Graf Ludwig und ſandte ſeinem Liebling die Bitte zu, den edelſten Mann glücklich zu ma⸗ chen. Komm, Nina! Die Mutter wird mir in dieſem Augenblick die Bitte nicht abſchlagen, dich allein bei mir zu haben— komm, damit ich deine Hand in die des red⸗ lichſten Mannes lege.“ Nina war gewohnt, Edla in ihrer Seele leſen zu laſſen; in dieſem entſcheidenden Augenblicke konnte ſie ihr ihr Herz nicht verſchließen, ohne falſch zu ſein. Die Klug⸗ heit würde ihr zwar gerathen haben, die fürchterliche Er⸗ klärung wo moglich aufzuſchieben und mit einem Bekennt⸗ niſſe zu zögern. Allein die Ueberraſchung des Augenblicks, die Einfachheit in Ninas Seele, ihr altgewohntes Ver⸗ trauen und ein tiefes Bedürfniß, offen gegen Edla zu ſein, beſchleunigten die gefährliche Erklärung. Mit bleichen Lippen und einem Zittern, das durch ihr ganzes Weſen ging, ſtammelte Nina:„Edla!„ GEdla! Ich kann nicht„kann dir jetzt nicht folgen.“ — 8 471 Auch Evla erbleichte und legte die Hand auf ihre Bruſt, wie wenn darin ein heftiger Schmerz tobte. Doch überwand ſie ſich und ſagte mit einer beinahe bittenden Stimme, die immer inniger wurde:„Und warum jetzt nicht? Warum jetzt nicht? Auf dieſes Jetzt habe ich ſo lange, ſo ungeduldig gewartet. Ich habe mich ſo ſehr auf dieſes Jetzt gefreut, wo ich meine Nina, das Kind meines Herzens, wiederſehen würde, wo ſie ſich willig fin⸗ den ließe, mir zu folgen und die letzte Bitte ihres Vaters zu erfüllen. Warum jetzt nicht?“ „Edla, Evla! Ach! ſprich nicht ſo!“ bat die tiefer⸗ ſchütterte Nina. „Und warum nicht ſo?“ fragte Edla ernſthafter. „Was ſollen dieſe Ausrufungen, dieſe heftigen Thränen? Nina! Was machſt du?“ „Edla, laß mich hier zu deinen Füßen liegen! Laß mich mein ganzes Herz dir öffnen!“ bat Nina, indem ſie der Schweſter zu Füßen ſank und ihr Geſicht in ihren Händen barg.„ Evla, blicke mich nicht ſo ſtreng an! Meine Schweſter—— meine Pfleg⸗ mutter. „Nun wohlan,“ unterbrach ſie Edla mit einer flüch⸗ tigen Bewegung der Ungeduld. „Nun wohlan, Edla! Ich kann Graf Ludwig nicht wieder ſehen, ohne ihm und dir zu erklären... daß ich ihm nicht angehören kann... daß ich von ganzer Seele, von ganzem Herzen einen Andern liebe.“ Evla wandte ihr Geſicht ab. Mit tiefem Schmerz ſagte ſie:„So iſt es alſo wahr, was man mir geſagt hat— was ich zu glauben verweigerte was Nina ihrer Schweſter bisher nicht zu eröffnen wagte. Nina, Rina! Denk an Don Juan!“ Nina erhob ſich. Demüthig, aber mit Selbſtgefühl und glühenden Wangen ſagte ſie: „Ich will an ihn denken, Edla, aber um ihn und das ſchwache Geſchöpf, das ich damals war, zu verab⸗ 472 ſcheuen; ich will an ihn denken, um veſto inniger Eduard Hervey zu bewundern und zu lieben.“ „Eduard Herveh!“ brach Edla beinahe mit einem Schreckensrufe aus.„Eduard Hervey iſt alſo ſein Name! Alſo auch das iſt wahr! O mein Gott! Unglückliche, be⸗ trogene Nina!“ Nina betrachtete Evla mit ſtiller Faſſung. „Nina!“ fuhr Edla fort—„wenn ich dir ſage, daß der Mann, den du liebſt, es nicht verdient, daß er dich betrogen hat, daß ſein einnehmendes Aeußere eine falſche Seele, ſeine Güte wollüſtige Schwäche verbirgt, daß er ſeinen Freund und Wohlthäter betrogen, daß er die Schwe⸗ ſter dieſes Freundes verführt und ihren Tod verurſacht hat— daß er die heiligſten Pflichten verletzt hat, wirſt du ihn auch dann noch lieben, Nina?“ „Edla,“ antwortete Nina ruhig,„ich weiß, daß ein düſteres Geheimniß über ſeinem Leben liegt, ich weiß, daß man ihn einer Sache geziehen hat, an der er unſchuldig iſt. Er wird ſich eines Tages rechtfertigen und ſollte er es nicht können— ſo iſt er doch unſchuldig; ich weiß, daß er es iſt.“ „Und wenn ich einen Zeugen für die Wahrheit her⸗ beiführen könnte, die du mir auf mein Wort nicht glauben willſt— wenn Graf Ludwig eben der Freund wäre, den er betrogen, deſſen Schweſter er unglücklich gemacht at!“ 5„So würde ich es doch nicht glauben! Weder ihm, noch ſonſt einem Menſchen, der Schlechtes von Eduard Hervey bezeugt. Mein Leben will ich für ſeine Unſchuld wagen.“ Edla ſah Ninas heftige Spannung. Sie gebot ſich ſelbſt Ruhe, nahm der Schweſter Hand und zog ſie ſanft zu ſich auf die Grasbank.„Höre mich ruhig an, Nina,“ bat ſie,„und laß dein beſſeres Gefühl, deinen Verſtand zwiſchen uns urtheilen. Deine Verbindung mit Graf Ludwig iſt lange mein Lieblingsgedanke geweſen, das geſtehe ich gerne zu. Ich kenne ihn ſeit ſeiner Ju⸗ * 473 gend und habe ihn jederzeit edel, gerecht und feſt in allem Guten geſehen. Ich glaube ihn dazu gemacht, deine Stütze und dein Führer zu werden; ich glaubte dich dazu geſchaffen, ſein Leben zu verſchönern und das gar zu Strenge in ſeinem Weſen zu mildern. Ich ſah euch tu⸗ gendhaft und glücklich mit einander durch das Leben gehen. Ach ich ſah noch mehr! O Nina! Ich träumte ſo ſchön; ich muß davon erzählen. Ich ſah Graf Ludwig, durch dich milde gemacht und glücklich, weit um ſich herum einen wohlthätigen Einfluß verbreiten. Ich ſah— o es war ein herrliches Bild!— durch eure vereinte Wirkſam⸗ keit manche Kraft geweckt werden, manches Licht aufflam⸗ men, das dem Vaterlande Segen bringen konnte. Es war mir, als ſähe ich durch euch die Menſchenwürde gefeſſelt, das Menſchenglück geſichert. Ich glaubte, manche Seg⸗ nungen über euch zu hören, glaubte, des Himmels Gnade dein geliebtes Haupt beſtrahlen zu ſehen; ſage mir, Nina, hat ein ſolches Leben, eine ſolche Wirkſamkeit keinen Werth für dich? Iſt die Zeit vorbei, da dein Herz warm dafür ſchlug? Gilt dir dein eigenes kleines Glück mehr, als das Wohl Vieler?“ „O nein, nein!“ rief Nina mit Thränen.„Aber Evla. „Höre mich weiter,“ unterbrach ſie Edla;„ich habe dir noch einige Worte zu ſagen. Dann will ich dich gleichfalls anhören. Nina! Mit dieſen Gedanken, mit dieſer lange genährten theuern Hoffnung komme ich zu⸗ rück; Graf Ludwig hat ſich neue Rechte auf die Erfül⸗ lung des ihm gegebenen Verſprechens erworben; deines Vaters letzter Gruß iſt eine Bitte an dich und zugleich ein Segen für dieſe Verbindung;— und du weigerſt dich, Nina! Alle dieſe Gründe gelten dir Nichts. Du liebſt einen Andern! Dein eigenes Glück oder die Befriedigung deines Wunſches iſt dir das Höchſte— alles Andere— Nichts! Nina!— Wenn es ſich bloß darum handelte, daß ich meine eigenen, meine theuerſten Wünſche, meines Lebens Freude und Hoffnung für dein Glück aufgeben . — 474 müßte— und dieſes Glück wäre ein wirkliches, ein edles — wenn der Mann, den du liebſt, es verdiente— dann wollte ich Nichts dagegen einwenden, wenn er auch arm und von geringem Stande wäre, wenn er einen beſchränk⸗ ten Wirkungskreis hätte, und die Blume, deren Schön⸗ heit mich ſo entzuckte, in einer Hütte verbergen würde— denn ich könnte dann glauben, ſie werde für Manchen ein Segen werden;— ja, Nina, meines Herzens liebſte Hoffnung, mein Leben wollte ich für dein Glück, dein wirkliches Glück opfern! Aber der Mann, den du liebſt, iſt unwürdig.„ „Er iſt es nicht!“ rief die gewaltſam aufgeregte Nina.„Evla ſieh ihn! Hoͤre ihn, lerne ihn kennen, be⸗ vor du über ihn und mich urtheilſt. Betrachte ſeine Wirk⸗ ſamkeit, ſeine Menſchenliebe; hoͤre die allgemeine Stimme über ihn in der ganzen Gegend. Du wirſt dich überzeu⸗ gen, daß man ihn wie einen Engel verehrt. Ach, Edla! Meine Seele war ſo kraftlos, mein Leben ſo ohne Werth, als ich ihn kennen lernte. Er hat mir Stärke, Freude und Leben gegeben; durch ihn habe ich alles Gute wärmer lieben gelernt. Durch ihn habe ich Kraft erhalten, das Gute zu wollen und dafür zu wirken. Was du, Edla, mich bewundern und lieben gelehrt haſt, das bewundere und liebe ich an ihm. Trenne uns nicht, Edla. Wenn unſer Vater Hervey gekannt hätte, er hätte uns nicht ge⸗ trennt. Lerne ihn kennen und du wirſt ihn lieben und an ihn glauben lernen. Noch vereinigen uns keine heiligen Gelübde. Du allein wirſt über unſer Schickſal beſtimmen. Ich wollte es ſo und er fügte ſich darein. Aber trenne uns nicht, Edla, ich könnte es nicht ertragen— Trenne nicht die Blume von ihrem Stamme, ihrer Wurzel;— Hervey iſt mein Stamm, meine Wurzel;— von ihm ge⸗ trennt würde mein Leben verdorren, dahinſchwinden. Graf Ludwig— täuſche dich nicht, Edla!— mit ihm verbun⸗ den hätte ich nie erfüllen können, was du erwarteſt. Ohne Liebe, ohne Glückſeligkeit hätte ich nur matt, wie früher, kraft⸗ und freudlos das Leben dahingeträumt. edles dann arm ränk⸗ chon⸗ G— ein iebſte dein ebſt, regte be⸗ mme rzeu⸗ dla! 475 Hervey beſitzt mein Herz, meine Kraft, mein Leben! Edla, höre mich! Laß mich dich bitten! O, laß dich er⸗ weichen! Trenne uns nicht; oder ſoll ich ſagen: Warum tratſt du zwiſchen mich und den Tod, als er mich in mei⸗ nen jungen Jahren wegnehmen wollte? Ich hätte dann nie die Schwere des Daſeins, hätte nicht den Himmel der Liebe und des Lebens kennen gelernt, hätte nicht ge⸗ kämpft, mich nicht vergebens geſehnt, wäre nicht flehend vor dir geſtanden, und hätte nicht um Glückſeligkeit ge⸗ bettelt. O, wenn du dieſes Licht der Erde, das du mir in jener Nacht aufgehen ließeſt, nicht für immer aus⸗ löſchen, wenn du dieſe Bruſt, die du an der deinigen ge⸗ wärmt, nicht auf immer von Kälte erſtarren laſſen willſt — Edla, o, ſo gib mir das Leben aufs Neue! Gib mir es zum zweitenmal;— verdamme meine Liebe nicht; ſegne den, den ich liebe— trenne uns nicht. „Du ſagſt, er habe heilige Pflichten gebrochen. Die Verläumdung mag ihn anſchwärzen, Edla! Vielleicht, daß er ſich nie von dem Schatten befreien kann, den ein un⸗ freundliches Schickſal auf ſein reines Leben geworfen hat. Er hat mich das ſelbſt ahnen laſſen. Mag es ſein! Was thut es denn, meine Edla? Gott fieht ja auf das Herz! —— und das Erdenleben iſt nicht ſo lang. Ich will ſein Schickſal theilen; ich will ſeine Schande tragen, wenn Schande auf ihm laſten ſoll. Leben und Tod, Sorge und Noth, Alles iſt mir lieb an ſeiner Seite. Eine höhere Macht hat unſere Seelen auf immer vereinigt. Evla, trenne uns nicht!“ Edlas Thränen floßen:„So viel Liebe,“ ſagte ſie wie für ſich,„und für einen Betrüger!“ „Er iſt nicht ſchuldig!“ betheuerte Nina mit innig⸗ ſter Ueberzeugung.„Wie ich an Gottes ewige Güte und Wahrheit glaube, ſo glaube ich auch an die Herveys, ſeines edelſten Werkes. Iſt er ein Verbrecher in deinen Augen, Evla, ſo bin ich es auch. Du kannſt ihn nicht verſtoßen, ohne auch mich zu verſtoßen. Evla, bin ich 476 in deinen Augen ſo geſunken, vaß du keinen Glauben, kein Vertrauen mehr zu mir haſt? Edla, nimm meinen Eid zum Bürgen ſeiner Unſchuld.“ Edla wandte ihr Geſicht ab, bedeckte ihre Augen mit der Hand, und ſagte mit tiefem Schmerz: „Ich glaube dir nicht, Beklagenswerthe! Du liebſt einen Unwürdigen!“ Nur Ungerechtigkeit gegen Hervey konnte in Ninas Seele einen wirklichen Aufruhr erregen. In dieſem Augenblick verbitterte ſich ihr Herz und wandte ſich von Edla ab. Mit ſtiller Verzweiflung, die aber wie Ruhe ausſah, ſagte ſie:„Alſo verachteſt, alſo verwirfſt du mich! Wohlan, ich werde mich an eine Bruſt lehnen, die es nicht thut. Edla, ich ſehe jetzt— was ich geahnt— daß du mich nie geliebt haſt;— und es wird mir fortan möglich werden, auch ohne deine Achtung zu leben!“ Sie ſtand auf und wollte gehen. Mit einer aufflammenden Heftigkeit, die Nina zum erſtenmal bei ihr ſah, rief Edla:„Du weißt nicht, was du ſagſt, was du thuſt! Leidenſchaft verblendet dich. Ich muß dich wider deinen Willen retten. Folge mir.“ Evdla faßte Ninas Hand mit dem befehlenden Blick, mit der ſichern Haltung, die früher ſo große Macht über ſie gehabt hatte. Auch jetzt fühlte ſie ſich unvermögend, zu widerſtehen. Aber ein Schauder durchzuckte ſie; ſie glaubte, Graf Ludwig nahen zu ſehen, ſie ſah Edla ihre Hand in die ſeinige legen, und ihre Blicke verdunkelten ſich, ihre Kniee ſchwankten, ihr Geſicht wurde todtes⸗ bleich, und ſie wäre zur Erde geſunken, hätte nicht die Gräfin, die in dieſem Augenblicke dazu kam, ſie in ihre Arme aufgefangen. Nina zog ihre Hand aus der Evlas, legte ſie um den Hals der Gräſin und flüſterte matt: „Verlaß mich nicht!“ Edla hörte die Worte. Es war für ſie ein Augen⸗ blick unſäglicher Bitterkeit. Sie ſah ſich verlaſſen, ver⸗ kunnt, gefürchtet von dem Weſen, daß ſie am zärtlichſten auf Ran in G tra ſüßeſ Beſi und „Ni ſie i in R ausd treffe ſelbſt forſc Geſit ſie C wegg Herz ins ſah, halb hinat im und Beſu kunft Hau 6 ſie ie 477 auf Erden liebte, und dieſes geliebte Weſen ſelbſt am Rande eines Abgrunds. Heftiger Schmerz und Etwas, wie Neid, brannte in Edlas Seele, während ſie Nina und die Gräfin be⸗ trachtete, die unter den zärtlichſten Liebkoſungen und den ſüßeſten Benennungen ſie in ihren Armen hielt und zur Beſinnung zurückzurufen ſuchte. Evla näherte ſich wieder langſam, nahm Ninas Hand, und ſagte mit einer von Schmerz gebrochenen Stimme: „Nina, meine Schweſter, folge mir.“ „Nein, nein!“ war Ninas kurze Antwort, indem ſie ihre Hand wegzog. „Laß ſie in Frieden! Laß ſie heute Nacht bei mir in Ruhe bleiben,“ ſagte die Gräfin mit einem Protectors⸗ ausdruck.„Morgen können wir uns ja im Schloß oben treffen. Jetzt bedarf ſie der Ruhe. Du ſiehſt, daß ſie ſelbſt bei mir zu bleiben wünſcht.“ „Fürchteſt du mich?“ fragte Edla wieder mit einem forſchenden Blick auf Ninas Geſicht. Nina antwortete nicht. Sie wandte bloß ihr bleiches Geſicht gegen die Bruſt der Gräfin, und vielleicht horte ſie Edlas Frage nicht einmal. Aber Edla hörte in dieſem Schweigen, in dieſem weggewandten Geſichte eine Antwort. Den Tod im Herzen und ſtumm entfernte ſie ſich. Die Gräfin führte Nina auf ihr Zimmer, half ihr ins Bett, gab ihr beruhigende Tropfen ein, und als ſie ſah, daß ein wohlthätiger Schlaf im Begriffe war, die halb Bewußtloſe in ſeine Arme zu nehmen, ging ſie hinaus, verſchloß Ninas Thüre, ließ die zwei Mägde, die im Hauſe waren, zu einem Tanz ins nächſte Dorf gehen, und begab ſich ſelbſt in den oberen Stock, um dort den Beſuch des Oberſten zu einer langverſprochenen Zuſammen⸗ kunft zu erwarten. Mit langſamen Schritten wandte ſich Edla nach Hauſe. Ihr Haupt war niedergebeugt, ihre Arme hingen 478 kraftlos herab, ihr Gang war unſicher, ihr Weſen ent⸗ behrte ſeiner gewöhnlich ſo ruhigen Haltung— es war in ihrer Bruſt Etwas zerriſſen worden. Arme Edla! Ein feuchter Wind ſauste ſtoßweiſe in den Tannen; dazwiſchen hinein herrſchte eine Todtenruhe. Regentropfen fielen ſchwer und in langen Zwiſchenräumen. Dumpf brauste hinter ihr das Meer. Sie ging langſam den Weg hinan zwiſchen den Bergen. Die Grille ſang im Graſe und das Johanniswürmchen ſchlug dort ſeinen kleinen klaren Ring, aber Edla bemerkte es nicht. Ihr Weg ſchien ihr ſchwer und lang. Auf ihrem Zimmer angekommen ſchien ihr die Luft erſtickend zu ſein. Sie riß die Fenſter auf, ſah in den weiten Raum hinaus und athmete tief. Alles düſter rings umher. Das Meer war ſtürmiſch und ſchwarz. Schwer, formlos, zerriſſen, häßlich, ſchwarz⸗ grau hingegen die Wolken darüber und bedeckten das ganze Himmelsgewölbe. Nur am Horizont zog ſich ein ſchmaler, blutrother Gürtel hin, aber ohne Glanz und ohne Klarheit. Allmälig verdunkelte er ſich und verſank in die Nacht, und Alles war öde in der Gegend, aber ein unruhiger Geiſt ſchien darüber zu ſchweben und ſeine un⸗ ſichtbaren, unheilwehenden Schwingen zu bewegen. Still ſtand die hohe Edla da und betrachtete die nächtliche Welt, die in dieſem Augenblick ein treues Bild ihres Innern war. Ein Gefühl von der Schwere des Lebens, von der Bitterkeit des Schmerzes, das Ge⸗ fühl, das ihr in der Jugend ſo wohl bekannt geweſen und das ſie ſchon lange von ſich entfernt gehalten, kehrte in dieſem Augenblick mit Bleigewicht in ihre Bruſt zurück. Sie dachte an die vielen Menſchenleben auf Erden, die ohne Freude dahinſchwinden; an die langen Abende und Nächte der Betrübten. Sie dachte an Nationen, deren Leben Jahrhunderte lang dieſer Nacht geglichen;— ihr Leben eine Nachtwanderung, ihr einziges Licht ein blu⸗ tiges, ihre Ruhe— Schwüle, ihr Athmen— Sturmes⸗ ent⸗ war en; fen mpf beg raſe ren ihr uft den iſh rz⸗ das ein und ank ein un⸗ die ues ere He⸗ und ick. die und ren ihr lu⸗ es⸗ 479 brauſen. Edla ſah zum Himmel hinauf, aber keine Sterne leuchteten an demſelben; Alles war finſter und wolken⸗ verhüllt. Sie dachte an Nina und ihr Herz blutete und ihre Seele war betrübt bis in den Tod. Und es ſchien ihr, als ob nichts Schönes und Gutes im Leben Beſtand habe, als ob keine Freundſchaft, keine Liebe die Probe der Zeit oder Verſuchung auszuhalten vermöchte. Hatte nicht Ninas Herz ſich von ihr gewandt? Wie ein bleiches Geſpenſt ſchaute das Leben aus dieſer finſtern Nacht her⸗ vor und der einzige lebendige Zug in ſeinem Geſichte— war Schmerz. Aber nur einen Augenblick konnte Edla ſo fühlen, ſo denken. Die Ebbe der Kraft währte nicht lange in dieſer Bruſt. Mit der Macht ihres Willens, mit ihren lichten Gedanken rief ſie ihre Fluth zurück und ihre Seele rich⸗ tete ſich wieder auf. Wie klare Sternbilder ſtiegen in ihr die Erinnerungen an die Worte der Weiſen, an die Thaten der Guten auf. Sie dachte an die Irrgänge des Lebens, an die ewige Liebe, an den Auferſtandenen, an den Getreuen; ſie prüfte ihr eigenes Herz; eine Thräne der Freude fiel auf ſeine Wunde— und ſie wurde ruhig. Noch einmal glänzte der Blick ihrer Gedanken über die unterdrückten Völker, über die Leiden der Menſchen, die am Herzen Schiffbrüchigen, die Verarmten; ſie verſenkte ſich gleichſam in die Leiden Aller; ſie verſtand ſie Alle und ſie drückte die Hände hart an ihre Bruſt und ſprach für Alle, wie für ſich, mit tiefer und ſtiller Kraft die Worte aus:„Glaube! Dulde!“ Und als ſie ihren ruhigen Blick wieder zum Him⸗ mel erhob, ſiehe da theilten ſich die Wolken und die Sterne blinkten freundlich und klar aus dem tiefen Blau über ihr Haupt herab. Evla fühlte ſich belebt und geſtärkt. Stille betrachtete ſie die geliebte Him⸗ melslichter, bis ſie auf's Neue von Wolken überzogen wurden. Dann ging ſie, um einige Anordnungen für Graf Ludwigs Empfang zu treffen, und nie war 480 ihr Weſen ruhiger, ihre Worte freundlicher, ihr Blick klarer geweſen. Auf ihr ſtilles Zimmer zurückgekehrt, lauſchte ſie dem wachſenden Sturm, dem Regen, der an die Fenſter ſchlug, dem dumpfen, tiefen Brauſen des Meeres; aber auf ihrem Tiſch brannte das Licht klar, obgleich flackernd. Edla betrachtete es mit Vergnügen; in ihrer Bruſt wohnte zu⸗ gleich tiefe Wehmuth und hohe Ruhe. Sie ergriff ihre Feder und ſchrieb an dieſem Abend Folgendes unter ihre „Bemerkungen:“ „Um was handelt es ſich in dieſem kleinen Theile des unendlichen Lebens? Um irdiſches Glück? Weg da⸗ mit! Die Tugendhafteſten, die groͤßten haben Dornen⸗ kronen getragen.“ „Handelt es ſich um Entwicklung, um Selbſtvervoll⸗ kommnung in einem höhern Licht, in einer höhern Kraft? Ja! Des Geiſtes Leben und Verklärung, das muß, muß gewonnen werden!— Sie ſinkt vor dem Kampfe zurück. Ja er iſt bitter, ich weiß es wohl, und ſie iſt jung und ſchwach, aber mein Arm wird ſie feſthalten, wird für ſie kämpfen. Sie darf nicht ſinken; an meiner blutenden Bruſt will ich ſie tragen, bis ihre letzte Kraft erſchöpft iſt. Sie ſoll dieſem Mann nicht angehören. Nein! nie. Ihr Herz wird bluten;— was thut das? dieſes Bluthat ſtärkt. Das meinige wird noch mehr für ſie bluten. O könnte es allein leiden und Alles für ſie tragen! dann würde es glücklich ſein!“ „Einſam ſein!„. Allein ſein? von Niemanden geliebt, zu Niemandens Glück nothwendig, von keiner Thräne, von keinem Seufzer ins Grab begleitet werden! warum erſcheint dieſer Gedanke den meiſten Menſchen ſo ſchrecklich, ſo geſpenſterhaft ſchauerlich;— den Ein⸗ ſamen bangt es vor ſich ſelbſt. unſer würd und dank den aller aller wie man varf ben heit. hör eine mit auf die Sch mer wie run *— 8 481 „Einſam ſein? Hätten wir nie innig geliebt, nie unſer Herz feſt mit einem Menſchen verknüpft— dann würde es, deucht mich, nicht ſchwer ſein, einſam zu leben und einſam durchs unendliche Leben zu wandern, in den Ge⸗ danken über den Myſterien der Schöpfung ſchweifend und den Großen, Einzigen dort oben anbetend, den Himmel aller Sonnen, den Gedanken aller Gedanken, die Löſung aller Geheimniſſe, aller Räthſel. Ja, dieß iſt ein Leben, wie ich es mir gewünſcht. Aber von dem Augenblick, wo man ausſchließend einen ſeiner Mitmenſchen liebt, da be⸗ darf man ſeiner Gegenliebe, oder man empfindet das Le⸗ ben oͤde und leer— doch iſt dieß eine traurige Schwach⸗ heit.“ „Leere und Qualen müſſen ertragen werden. Sie hören auf. Dieß zu wiſſen, dieß zu denken iſt ſchon eine Ruhe, eine Kraft.“ „Wenn das Gefühl der Leiden von Millionen ſich mit unſerem eigenen vereinigt und mit erſtickender Schwere auf uns fällt, ſo gibt es einen tröſtenden Gedanken. Durch die Maſſe der leidenden Geſchöpfe wird die Summe des Schmerzens nicht vermehrt. In dieſer Million leidet im⸗ mer nur ein Individuum, ein Men ſch und dieſer— wie lange?“ Eine Nacht. Die Sterne blinken Hernieder auf die öde Bahn, Die Sterne winken Den Wanderer zu ſich heran. Das Sternlied. Nina lag auf dem Bette. Die heftige Erſchütte⸗ rung ihrer Gefühle hatte einer Art Betäubung Platz Bremer, Nina. 3¹ 482 gemacht und ſo ſank ſie immer tiefer in einen unruhigen Schlaf oder vielmehr in eine träumeriſche Bewußtloſigkeit. Auf einmal war es ihr, als verſchwänden die Wände und die Decke ihres Zimmers und es öffnete ſich vor ihr eine unermeßliche Oede. In der Tiefe rollte das gränzenloſe Meer, darüberhin zog im leeren, finſtern Raume eine aſch⸗ graue Wolke. Eine mächtige, aber ſchreckliche Geſtalt mit dem Geſicht eines zürnenden Gottes lag ruhig auf der Wolke und ſchleuderte Blitze um ſich her. Ihr Blick blitzte auf Nina herab, ihre Lippen donnerten die Worte:„Ent⸗ ſage der Liebe, entſage der Seligkeit, entſage Eduard Hervey!“ Und es war Nina, als ob ihr Herz gewaltſam auf⸗ geregt ſich weigerte, aber eine unwiderſtehliche Macht ihre Lippen zwänge, Ja zu ſagen. Sie horte ſich ſelbſt dieſes refignirende Ja ſagen und ſie ſchauderte. Da erhob ſich die Wolke mit der Schreckensgeſtalt höher in die Luft und verſchwand aus ihrem Geſichtskreis. Die Scene verwan⸗ delte ſich und das Meer war weg. Die Luft war qual⸗ mig und ſchwer. Auf einer kahlen Anhöhe ſah ſie eine ſtille Geſtalt ſtehen, und die Anhohe kam ihr näher und die Geſtalt wurde ihr deutlicher, und ſie erkannte wiederum ihn, den ſie ſo innig, ſo unausſprechlich, ſo über Alles liebte. Sie ſtreckte ihm ihre Arme entgegen. Da blieb die Anhöhe, von einer unſichtbaren Hand angehalten, ſtehen und die Geſtalt ſtand ebenfalls ſtille, hielt die Hand aufs Herz und heftete aus den dunkelbrennenden Augen einen langen, trauervollen Blick auf ſie. Um den Mund zog ſich ein mattes Lächeln voll von unendlichem Schmerz. Sie bat ihn, mit ihr zu ſprechen.„O ſage mir, ſage mir—“ bat ſie—„daß du noch an meine Liebe glaubſt, daß du mir verzeihſt!“ Da ſank ſeine Hand langſam vom Herzen herab, aber an der Stelle, wo dieſes geweſen, zeigte ſich bloß eine blutige, weit klaffende Wunde und ſeine Augen ſahen ſie mit erlöſchendem Blicke an, ſo trau⸗ rig, ſo vorwurfsvoll!— Nina glaubte zu ſterben. Aber ——— auf Gef ſagt mit nem ben⸗ aus ihm zerſ tent gin Sie So eine und alle terk war ihre ihre zen⸗ ten Jar dra voll füh ner zwi eine Erſ gen Jet beſe Fer Zin S——*„ 8 S — S— 8—„ v r ———— auf einmal durchvrang ſie ein ſtarkes und hoffnungsvolles Gefühl: ſie fühlte, daß es die Kraft der Liebe war und ſagte:„Mit meinen Küſſen will ich die Wunde heilen, mit meinem Herzen will ich deine Bruſt füllen, mit mei⸗ nem Liebesblick will ich aufs Neue die Strahlen des Le⸗ bens in deinen Augen entzünden!“ Sie ſtreckte ihre Arme aus und fühlte ſich von einer unſichtbaren Macht langſam ihm entgegengeführt. Sein Blick leuchtete und ihr Herz zerſchmolz in Wonne. Da trat eine hohe Geſtalt gebie⸗ tend zwiſchen ſie. Es war Edla. Eine eiskalte Hand ging über Ninas Bruſt und ihre Glieder waren gelähmt. Sie ſah Eduard nicht mehr. Sie ſah bloß Edla an ihrem Kopfkiſſen ſtehen. Evlas Blick war ſtreng, und ſie hielt einen Becher in der Hand, den ſie an Ninas Lippen führte und ihr befahl, ihn zu leeren. Nina wollte gehorchen, allein der Trank war bitter; ſie fühlte, daß es die Bit⸗ terkeit des Lebens war, und mit unbeſchreiblichem Abſcheu wandte ſie ſich weg und ſagte:„Nein!“ Aber Edla hob ihren Kopf in die Höhe, näherte den Kelch auf's Neue ihrem Munde und zwang ſie. Nina fühlte den Schmer⸗ zenstrank über ihre Lippen und in ihrer Bruſt hinabglei⸗ ten; es war ihr, als tränke ſie den Tod. Ein verworrenes Geſchrei von Menſchenſtimmen, voll Jammer und Entſetzen, ein Brauſen, ein heftiges Krachen drang jetzt zu Ninas Ohr und weckte ſie aus dem qual⸗ vollen Traume— aber nur zu neuen Schrecken. Sie fühlte die Erde beben. Ein dumpfes, ſchreckliches Don⸗ nern füllte die Luft und der Sturm pfiff furchtbar da⸗ zwiſchen; nein, es war keine Einbildung, kein Traum— eine kalte, bittre Welle ſchlug wirklich über Ninas Lippen. Erſchreckt richtete ſie ſich auf und griff um ſich her. Wo⸗ gen kreisten um ihr Bett und hoben es in die Hohe. Jetzt ſchien der Mond durch Sturmwolken herein. Er beſchien ein Meer draußen, das durch die zertrümmerten Fenſter ſeine heftigen Wogen immer höher und höher ins Zimmer wälzte. Dem Haus ſchien der Einſturz zu drohen; 484 und Verzweiflungsgeſchrei hörte man von mehreren eiten. Nina erinnerte ſich, von Ueberſchwemmungen gehört zu haben, welche hie und da dieſe Gegenden heimgeſucht*), und begriff ihre Gefahr. Sie ſuchte ſich zu faſſen, um beurtheilen zu können, was ſie zu thun habe. Sie ſtand auf, und indem ſie ſich an der Wand gegen den Wogen⸗ ſchwall aufrecht erhielt, gelangte ſie mit Mühe an die Thüre. Dieſe aber war von außen verſchloſſen und ſie konnte ſie nicht öffnen. Sie rief um Hülfe, aber beinahe ohne Hoffnung, in der allgemeinen Verwirrung gehört zu werden. Sie ſteuerte jetzt auf das Fenſter zu und ſah von da überall Zerſtörung in ihrer ganzen Schrecklichkeit; finſter, gewaltſam und ſtürmiſch bedeckte die Fluth Alles, Bäume wurden umgeriſſen, Trümmer von Häuſern treiben auf den Wogen umher, ſchwimmende Thiere hoben heulend die Köpfe empor und ſchienen um Hülfe zu rufen. Des Mondes ſtiller Strahl lag zuweilen über der Gegend, zeigte aber keinen Retter, die Fluth ſchien Alle überraſcht zu haben, wie Nina. Als Ninas Hülferuf bloß von andern Nothrufen beantwortet wurde, als die Wogen immer höher und höher ſtiegen, da fühlte ſie, daß es ſich jetzt um's Sterben handle. Dieſer Gedanke war ihr bitter, und mit ſchauerlicher Deutlichkeit ging ein Vorgeſchmack von ihrer letzten Stunde durch ihre Seele. Sie fühlte, wie die Fluth bald über ihre Lippen ſteigen und ihr Geſchrei und ihre Bitten erſticken würde; wie ſie die Thränen aus ihren Augen trinken und dieſe zwingen würde, ſich für immer zu ſchließen. Und keine Hand ſollte in dieſer Stunde die ihrige drücken, kein liebender Blick ihr Troſt und Kraft ge⸗ währen!... Nina weinte, und die heißen Thränen ver⸗ ſchwanden in den Wellen. Um ihr Leben ſo lang als mög⸗ lich zu ſichern, ſtieg ſie auf das Geſimſe hinauf. Hier *) Siehe Hülphers Beſchreibung von Norrland. 485 reichten ihr die Wogen noch nicht weit über die Kniee, ſie ſchlang ihre ſchneeweißen Arme um das Fenſterkreuz und verblieb ruhig in dieſer Stellung, während der Wind und die Wellen in ihren Haaren und ihren weißen Kleidern wühlten. Nina dachte an Edla. Ein unausſprechliches Gefühl von Reue und Schmerz durchdrang ſie, es ver⸗ langte ſie, ihre Hand zu küſſen, ihre Verzeihung zu er⸗ langen, bevor ſie ſterbe. Sie dachte an Hervey; ſie fühlte, wie unendlich theuer er ihr war; wie bitter es war, von der Welt zu ſcheiden, wo er lebte. Das himmliſche Ge⸗ ſicht gegen die ſtürmiſchen Wolken gewandt, betete ſie für ihn, betete ſie um Erbarmen für ſich ſelbſt. Hoͤher und höher ſchlugen die Wogen, die Fluth ſtieg mit fürchterlicher Schnelligkeit; Ninas herabgefallenes, reiches helles Haar war von den Wellen gebadet; ſie ſchlugen kalt und mordend über ihrer ſchneeweißen Bruſt zuſammen.„Er kommt, er kommt, der bittere Tod!“ dachte das bebende Opfer.„O meine Pflegmutter! Könn⸗ teſt du mich jetzt ſehen— du würdeſt deinem Kinde ver⸗ zeihen! O Eduard! O Edla!“ und mit einem Ruf der Sehnſucht und des Schmerzens ſtreckte ſie ihre Arme aus, wie zum Abſchied von ihnen, die noch im Tode ihre ganze Liebe beſaßen. Ein dunkler Punkt bewegte ſich auf den Wellen, ſchien aber nicht von u getrieben zu werden, ſondern ſie vielmehr zu beherrſchen. Nina ſah ihn bebend vor Hoffnung. Er ſank, er ſtieg mit den Wogen, kam aber immer wieder zum Vorſchein, und immer näher und näher. Durch das verworrene Brauſen einſtürzender Häuſer, rufender Stimmen und wilder Wellen glaubte Nina den ruhigen, taktmäßigen Schlag von Rudern zu vernehmen, und als ſie ahnungsvoll und außer ſich rief: „Eduard! Edla!“ da nahte dumpf, aber ſicher, der Hall ihres eigenen Namens ihrem Ohr. Bald wurde er deut⸗ licher.„Nina! Nina!“ rief durch Sturm und Nacht eine wohlbekannte und geliebte Stimme. Wieder ſchien 486 der Mond über die wilde, nächtliche Scene. Hoch aus den Wellen ſtieg ein Boot hervor und theilte die ſchäu⸗ menden Wogen. In demſelben waren zwei Perſonen. Eine weibliche Geſtalt lag im Vordertheile auf den Knieen. Es war Edla. Jetzt gelangte das Boot ans Fenſter. Edla ſtreckte ihre Arme aus und umfaßte Nina; Nina umfaßte ſie. Im nächſten Augenblick lag die Gerettete auf einer weichen Decke im Boot. Edla beugte ſich wie ein ſchützendes Dach über ſie. Noch einen Augenblick hielt der Ruderer am Hauſe, denn verzweifelte Stimmen riefen von Oben herab;„Rettet uns, rettet uns!“—„Rettet, rettet!“ rief auch Edla, aber eben ſo bewußtlos und ohne aufzuſehen— ſie ſah auf Nina.„Fort mit uns! Das Haus ſtürzt ein!“ ſchrie der Mann am Ruder. Das Dachwerk gab nach. Ein Stein löste ſich vom Dache, fiel ins Boot herab und zerſchmetterte Edlas Schulter. Sie ſank nach einer Seite nieder, beugte ſich aber immer noch, wie bisher, ſchützend über Nina. Mit verzweifel⸗ ten Anſtrengungen gegen die herantreibenden Wogen ge⸗ lang es dem Ruderer endlich das Boot von dem ſtürzen⸗ den Hauſe abzuſtoßen. Aber vergebens ſchienen ſie gegen den Untergang zu kämpfen. Der Tod ſchwebte über ihnen. „Wir ſind verloren!“ rief der Ruderer dumpf. Evla ſah auf. Ein vom Falle des Daches geſchleuderter Balken ſchoß über ſie dahin und drohte ihr Fahrzeug unter ſeiner Laſt zu begraben. Edla ſtellte ſich vor Nina auf, erhob abwehrend ihren noch geſunden Arm und bot dem blinden Mörder ihre Bruſt. Er ſchlug gegen ſie an, wurde aber von einer erſtaunlichen Armeskraft nach der Seite des Bootes geſchleudert. Heftig ſtürzte er hinab, die Welle ſchlug hoch empor und über das Boot herein, das voll war von Blut, von Angſt und Liebe. In dieſem Augenblick ruderte ein anderes Boot vorbei und auf das ſtürzende Haus zu. Baron H's. Stimme ertoͤnte ruhig und feſt aus dem Fahrzeug, und man hörte ſie ſeine Richtung beſtimmen.„Wen habt ihr gerettet?“ rief er im Vor⸗ * —— — e 6 6 487 beifahren.„Nina!“ antwortete eine Stimme, die dem Grafen Ludwig gehoͤrte.„Gut!“ rief Baron H. ſchon weit fortgetrieben. Und die Wogen rollten und der Sturm heulte, der Regen ſtrömte herab, und durch das Getoſe und die Zerſtörung machte ſich Menſchenſchmerz laut. Durchdringendes Geſchrei von Liebe und Verzweiflung durchſchnitt die Luft, wie ſcharfe Schwerter das Herz. Die Worte:„Meine Frau! meine Kinder! Mutter! Bruder!“ wurden im Sturme hin und her geworfen. Aus halb überſchwemmten Hütten hoͤrte man angſtvolle Bitten um Rettung. Die Mütter ſtreckten ihre ſchreienden Kinder zum Fenſter hinaus. Aber Graf Ludwig war taub für ihre Klagen. Er wachte unermüvlich nur über ſein Fahr⸗ zeug. Und ſicher ſchoß es dahin, und es war ſtille darin, ſtill wie der Tod. Mit großen Tropfen des Angſtſchweißes auf ſeiner todesblaſſen Stirne ſaß der Ruderer ſtill und bewegte ſeine Ruder mit kräftigen Armen. Wenn irgend ein Hinderniß das Boot aufhielt, ſo ſah man ihn bis an den Hals im Waſſer watend arbeiten, um es frei zu ma⸗ chen. Im nächſten Augenblick ruderte er wieder aus allen Kräften, und ſah ſich immer näher und näher den An⸗ höhen. Dort ſchimmerten Lichter, dort wurden Stimmen gehört, dort wurden Thränen geweint, dort wurden Ge⸗ bete geſtammelt. Dort landete er endlich. Die letzte Stunde. „Laßt die Gedanken uns erheben.“ Thorild. Matt ſchien die Sonne aus graugelben Wolken am Tag nach dieſer ſchrecklichen Nacht. Matt ſchienen ihre Strahlen auf Evlas Lager und auf ihr Geſicht, in welches * 488 8 der Tod ſein deutliches, unerbittliches„du biſt mein!“ gezeichnet hatte. Eine tiefe Stille herrſchte im Zimmer, nur von leiſe ausgeſprochenen Gebeten unterbrochen. Mit dem filber⸗ nen Kelch in der zitternden Hand entfernte ſich ein alter Prieſter von Edlas Bette. Er hatte ihr die heilige Speiſe gereicht, hatte ſtill ſeine Gebete mit den ihrigen vereinigt und zog ſich jetzt ſchweigend zurück, wohl fühlend, daß ſeine Stimme hier nicht zu ſtärken und zu tröſten brauchte. Am Fuße des Bettes ſtand Profeſſor A., den das Verlangen, Edla wieder zu ſehen, nach Umenäs getrieben hatte, ach! in demſelben Augenblick, wo ſie die Schwingen erhob, um die Erde zu verlaſſen. Mit dem Schmerz eines Menſchen und der Ruhe eines Denkers betrachtete er jetzt ſeine Freundin, und war zufrieden, ihr in dieſem feierlichen Augenblick nahe ſein zu können. Neben ihm ſtand mirt ſtiller Faſſung Graf Ludwig, und an Edvlas Kopfkiſſen Klara und Edlas Freund, der betrübte Arzt. Beide die Blicke auf ihr Geſicht geheftet, wo eine immer hohere Ruhe, eine immer ſteigende Klarheit ſich über die von Schmerz entſtellten Züge auszubreiten anfing. Nina war nicht anweſend. Sie hatte ſeit dem Augenblick, da ſie ſich von Edlas Blut überſpritzt ſah, beſinnungslos dagelegen. Erſt ſeit wenigen Minuten war ihr Bewußt⸗ ſein zurückgekehrt, und ſie trat jetzt geſtützt auf den Arm der Baronin H. herein. Bleich und zitternd, wie ein Geſpenſt, das aus dem Grabe heraufgerufen worden, um noch einmal das Licht der Erde zu ſchauen, ſchritt Nina vor, ſchön anzuſehen, aber ſchauerlich. Ihre Hände waren zuſammen gelegt, ihre Augen von Thränen umhüllt, ihr Athem tief und con⸗ vulſiviſch. Ein innerliches Entſetzen ſchüttelte ihr ganzes Weſen. Die weißen Lippen konnten nur flüſtern:„Edla! Edla!“ WMit unendlicher Klarheit, mit unausſprechlicher Zärtlichkeit ſtrahlte Eplas Blick ſie an, und als ſie an ——— ihre den das Lieb ihre auf erla dieſ Thr Au⸗ Abe ſie vol ſche Art we des ihrem Lager auf die Kniee ſank, legte Edla ihren geſun⸗ den Arm um ihren Hals und beugte ſanft ihr Geſicht auf das der Schweſter. „Kind meines Herzens! Mein geretteles Kind! Mein Liebling!“ ſo ſprach Edla in den ſanfteſten Tönen, und ihre kalten Lippen ruhten zum erſtenmal innig liebkoſend auf Ninas Mund und Augen. Jetzt konnte ſie ſich dieß erlauben. Das Harte in Ninas Schmerz loͤste ſich unter dieſen Zärtlichkeitsbezeugungen auf, und ſie bedeckte mit Thränen die Bruſt, die für ſie geblutet. Ach, in dieſem Augenblick fühlten die beiden Schweſtern noch mit Freude, daß ſie einander lieben und von einander geliebt wurden. Aber Evla unterbrach bald dieſe Ergießungen, und, indem ſie Nina ſanft zurückdrängte, fragte ſie mit einer Stimme voll tiefen Ernſtes: „Willſt du meinen letzten Augenblicken Ruhe ſchenken?“ „Verlange, gebiete über mich!“ ſagte Nina mit einer Art innerem Drang, ſich aufzuopfern, zu leiden. „Lege deine Hand auf meine Bruſt,“ ſagte Edla. Nina that es. „Gelobe mir, nie Eduard Herveys Gattin zu werden!“ „Ich gelobe es!“ antwortete Nina. Die Donner des Schickſals rollten über ſie hin. „Gelobe mir, ſeinen Anblick zu meiden!“ „Ich gelobe es!“ antwortete die gänzlich willenloſe und unterwürſige Nina. „Ich danke dir!“ ſagte Edla. Aber noch war keine Ruhe in ihrem Geſichte. Ihre Blicke ſchweiften von Nina auf Ludwig, von Ludwig auf Nina, aber ihre Lippen ſprachen kein Wort. Nina ſah ſie lange an und reichte endlich Graf Ludwig ihre Hand. Sie fühlte ein Bedürf⸗ niß, ſich für Edla zu opfern, für ſie zu ſterben.„Ge⸗ horſam wrill ich geloben!“ ſagte Nina zu Graf Lud⸗ wig. Er drückte ihre Hand feſt in die ſeinige. Edlas Augen füllten ſich mit Thränen. Sie ſah die Größe des 490 Opfers, aber ſie nahm es an. Nina allein, unbeſchützt in einer Welt zu laſſen, wo Hervey lebte, wo die Gräfin Natalie das nächſte Recht hatte, über ſie zu verfügen, war Edla ein Höllengedanke. Lange, prüfend und durch⸗ dringend betrachtete ſie Nina und Graf Ludwig. Eine ungewöhnliche Milde verſchönerte in dieſem Augenblick die Entſchloſſenheit in ihren Zügen— eine wunderbare Kraft hatte Ninas Weſen aufgerichtet;— ruhig und gefaßt, wie Iphigenie in der Opferſtunde, ſtand ſie bereit, den Schlag zu empfangen, der ſie vom Leben trennte. Evla ſah in dieſer Ruhe nicht die Kraft der Verzweiflung, ſon⸗ dern die Macht eines höheren Lebens, die Prophezeiung künftiger Wahrheit und Friedens für ein Geſchopf, das lange geſchwankt.— Eine ſtrahlende Hoffnung verklärte ihr Geſicht, während ſie ihre Hand auf Ninas und Lud⸗ wigs vereinigte Hände legte, und zur Verwunderung Aller richtete ſie ſich zur Hälfte auf und ſprach mit der Klar⸗ heit höherer Eingebung: „Die Tugend vereinigt euch! Gott wird euch ſegnen! Geliebte! Geliebte! Lebt für das ewig Gute, lebt für vas Wohl des Vaterlandes! O ich ſehe die beſſeren Tage kom⸗ men! Habe Dank! Innigen Dank, du Kind meines Her⸗ zens! Du, das Theuerſte, was ich auf Erden beſaß! Jetzt bin ich ruhig, jetzt kann ich im Frieden von bannen ge⸗ hen!“ Edla ſank matt auf ihr Bett zurück. Die Ver⸗ lobten gingen weg. Nina ſetzte ſich auf einen Schemel zu Edlas Füßen und lehnte ihren Kopf gegen das Bett. Alle Freuden der Welt waren für ſie dahin. Aber auf den Schwingen des Todes ſchien Edlas Geiſt ſich zu erheben, und höher und freier zu athmen. Iſt es nicht mit vielen Sterbenden ſo? So hat man mir geſagt, und ich habe es ſelbſt geſehen. Bei der An⸗ näherung des Todes erhebt ſich mancher im Leben nieder⸗ geſchlagene Blick und wirft eine wunderbare Flamme, be⸗ vor er auf immer erliſcht; manche gebundene Zunge löst ſich und ſpricht evangeliſch ſchoͤne Worte. Manche Bruſt athmet auf dem Todtenbett zum erſtenmal ihre Liebe aus. Es der Vog gibt anfa Blu Hoff ſich ſo v ihrer bequ ſehr bart lichk mich ſchie alle zu ſ liebl meir bitte ihr ſitze ſenkt ſer ihn des Sie ger ſind Stu nich heit, han fin n, h⸗ ne ie ft t, en 491 Es war ſo ſtill darin— und man glaubte ſie öde, aber der Befreier naht, und jetzt hoͤrt man den himmliſchen Vogel ſingen, der ſtumm darin gefangen ſaß. Ach, es gibt Menſchen, die erſt in der Todesſtunde recht zu leben anfangen. Evlas zerſchmetterte Bruſt und Schulter, ihr ſtarker Blutverluſt, ihre ſchnell abnehmenden Kräfte verboten alle Hoffnung, ja, ſogar jeden Verſuch zu retten. Sie war ſich ihres Zuſtandes klar bewußt, und bat den Arzt, ſie ſo viel als möglich in Ruhe zu laſſen. Er fügte ſich in ihren Wunſch, und ließ ſie nach dem Verbande in eine bequemere Lage in ihr Bett legen. Sie ſah ſehr ruhig, ſehr klar aus. Nur wenn ihr Auge auf Nina fiel, offen⸗ barte ſich darin ein Ausbruck von Schmerz. „Meine lieben Freunde!“ ſagte ſie mit inniger Herz⸗ lichkeit zu den Umſtehenden,„ſeid nicht betrübt. Stärkt mich in dieſem Augenblick durch eure Ruhe. Was ge⸗ ſchieht denn auch hier mehr, als was überall, alle Tage, alle Stunden geſchieht? Ein Kind der Erde geht heim zu ſeinem himmliſchen Vater; es iſt ja ein einfacher, ein lieblicher Weg, und den wir Alle wandeln müſſen. A., mein guter Freund!..“ und Evlas Blick entfernte bittend die Andern, während ſie Profeſſor A. näher an ihr Kopfkiſſen winkte. Nina allein blieb an ihrem Bette ſitzen, die Uebrigen zerſtreuten ſich im Zimmer. Mit ge⸗ ſenkter Stimme fuhr Edla gegen A. fort:„Warum die⸗ ſer tief betrübte Blck, mein Freund? Ach, laſſen Sie ihn nicht den lichten Tag trüben, der mir durch die Nacht des Todes bereits ſeine Strahlen zuwirft. Ich moͤchte Sie gerne ja, es iſt mir ein Bedürfniß, Sie ruhi⸗ ger zu ſehen. Iſt es jetzt ſo finſter in Ihnen, oder— ſind Sie unzufrieden mit mir? Verbergen Sie in dieſer Stunde keinen Gedanken vor Ihrer Freundin.“ „Edla!“ ſagte der Profeſſor A.,„was wollte ich nicht geben, was wollte ich nicht leiden für die Gewiß⸗ heit, daß der Tag, den Sie ſchauen wollen, wirklich vor⸗ handen iſt— daß er nicht bloß ein Wiederſchein des — 492 Sonnenglanzes der Erde iſt, der noch Ihre letzten Augen⸗ blicke barmherzig— aber trügeriſch blendet! Ich bekenne es— ich kann mich mit dem Gedanken an Ihren Tod nicht verſohnen. Ich habe Menſchen dahingehen ſehen, die ihr volles Leben in Wiſſenſchaft oder in Liebe gelebt haben— um dieſe klage ich nicht. Aber Sie, Edla, Sie waren erſt in Ihrem Anfang, Sie waren noch bloß eine Suchende, eine Dürſtende warum? Sie wer⸗ den hingehen: die Quelle, der Sie Ihre Lippen näherten, wird aufhören, für Sie zu fließen. Die Erde mit ihren reichen Schätzen wird vor Ihren Blicken verſchwinden— das Grab iſt da, Edla! Was iſt Ihnen in dieſem Augen⸗ blick die Wiſſenſchaft? Was der Durſt darnach?“ „Was ſie mir ſind?“ rief Edla mit hoher Lebendig⸗ keit—„was ſie mir immer waren, Leben, Freude! Glauben Sie mir, dieſer Durſt iſt nicht gelöſcht. Er iſt jetzt vielleicht ſtärker, als je, und iſt mir eine Verheißung höherer Quellen. Ich gehe dahin, ja! Es iſt ein wun⸗ derbarer Gang! Es wirbelt um meine Sinne. Aber glauben Sie nicht, daß in dieſem Augenblick eine geheime und wundervolle Freude in mir zittert bei der Gewißheit, daß ich bald über dieſe nebelumhüllte Gränze hinausſehen, daß ich bald in dieſes unbekannte Land eindringen werde? Ja, mein Freund— ich geſtehe es— mein Geiſt iſt ungeduldig; wie ein Kind jitzt er vor dem Vorhang und ſehnt ſich, ihn aufgezogen zu ſehen.“ „Kindiſche Neugierde an des Grabes Rand!“ ſagte Profeſſor A. in verwerfendem Tone.„Iſt dieß Ihrer würdig, Edla?“ „Ich glaube—“ ſagte Edla mit ſanfter Rührung, —„daß ich ein reineres Gefühl habe. O mein Freund! Meine Seele iſt ſo erfreut darüber, daß ich—— Gott! bald verſtehen werde!(und Edla faltete anbetend ihre Hände).„Ich werde die Räthſel, die mich hier gequält haben, gelöst ſehen, ich werde Seine Weisheit beſſer faſſen, Seine Liebe beſſer fühlen, Ihn beſſer anbeten 493 koͤnnen. Des Erdenlebens tiefſtes Myſterium iſt der Tod. Aber in den Myſterien wurde man ja einſt zu höherem Lichte eingeweiht, mein Freund. Meine Einweihungs⸗ ſtunde iſt gekommen. Ich begrüße ſie freudig. Ich glaube, daß ſie mich dem Urgrund alles Lichtes und aller Selig⸗ keit näher führen wird. Ich fühle, daß meine Seele Le⸗ ben und Entzücken daraus ſaugen wird. Auf welche Art, durch welche Organe, das überlaſſe ich getroſt der Hand des großen Künſtlers, der meine irdiſche Hütte gebaut hat. Er wird es wohl machen. Er wird mich in den Stand ſetzen, Ihn zu vernehmen, und Seine Werke zu bewundern. Ja, ich fühle, daß ich befreit von der Hälle 3 der Materie mich ſelbſt beſſer verſtehen und euch Alle beſſer kennen und lieben werde.“ „Warum?“ fuhr der murrende A. fort zu fragen, „warum wurde Ihre Bahn unterbrochen, als Ihre Be⸗ ſtrebungen eben Früchte für Ihre Mitmenſchen zu tragen verhießen? Ihre begonnene Arbeit, Edla!— das, wor⸗ auf ich mich ſehr gefreut— ſoll jetzt unvollendet, un⸗ fruchtbar daliegen... „Dieſer Gedanke—“ antwortete Edla—„iſt mir auch ſchwer geworden, ich geſtehe es. Ich glaubte. ach, kindiſche Thorheit! Ich will nicht davon ſprechen. Es iſt vorbei. Große Werke von den weiſeſten Männern der Vorzeit find verloren gegangen— und ich ſollte mich vermeſſen, um meine kleine Arbeit— um dieſen Tropfen zu klagen! Kraftvollere Geiſter werden ausfüh⸗ ren, was ich begonnen habe. Ich weiß das, und es freut mich“ „Und was macht Sie Ihrer Sache ſo gewiß, Evla?“ „Die ewige Vernunft, die ununterbrochen ihre Of⸗ fenbarung in der Menſchheit fortſetzt“ antwortete Edla. „Die Worte, die ich vernahm, werden auch in den Ohren Anderer erklingen, und vielleicht von einer beredteren Zunge, als die meinige, ausgeſprochen werden. Auch mein Funke Kraft wird von ihm, der ihn entzündet, bewahrt werden, und fortfahren, ſeiner Art gemäß zu wirken. 8S** —— S——— 8————„ 8 v——„ * X 494 Und vielleicht—“ fügte ſie heiter ſcherzend hinzu,„viel⸗ leicht werde ich mein Buch auf dem ſchönen Sterne vol⸗ lends ausſchreiben, der dort zu blinken beginnt.“ „Wir können uns,“ ſagte Profeſſor A.,„ohne Schwierigkeit ganz nach Belieben allerhand Phantaſien von unſerem Zuſtand jenſeits machen. Die Hauptfrage bleibt jedoch immer, auf welchem Grund beruhen ſie? Eine ſolche willkürliche und grundloſe Phantaſte, beſte Edla, iſt gewiß Ihr Gedanke, ein Buch zu ſchreiben, während ihre Hand im Grabe modert.“ „Ich ſcherzte,“ erwiederte Edla,„und doch muß ich glauben, daß die Kunſt ewig iſt, wie die Menſchennatur. Gibt es einmal im Leben eine Kraft, ſo muß ſie auch ihre Bahn finden oder bilden. Von einem kleinen Werke hier habe ich Abſchied genommen; meine Hand überlaſſe ich bald der Erde; aber meine denkende, meine bildende Kraft nehme ich mit mir; ſie iſt ein Theil meines Gei⸗ ſtes. Ich habe hier meine Schule begonnen; jetzt bin ich im Begriff, die Univerſität zu beziehen und höhere Lehren zu ſtudiren. Es iſt mein Glaube und meine Freude, daß mein rechter Arbeitstag jetzt erſt beginnen ſoll.“ „Die Engel forſchen und grübeln nicht,“ ſagte Pro⸗ feſſor A.,„ſie ſchauen Gott. Selbſt das Chriſtenthum ſtellt uns nach dem Tode keinen andern Zuſtand in Aus⸗ ſicht. Aber dieſer Zuſtand abſtrakter und unthätiger Be⸗ trachtung, mag er auch mit Geſang und Harfenſpiel ver⸗ ſchönert werden, wird voch für eine Seele, wie die Edlas— ich muß das Wort ausſprechen— lang⸗ weilig.“ „Gott ſchauen!“ wiederholte Edla leiſe, und eine wunderbare Verklärung leuchtete aus ihren eingeſunkenen Augen,„Gott ſchauen! Und was iſt wohl alles höhere Leben, jeder reine Aufſchwung der Seele, jede wahre Begeiſterung anders, als ein Schauen Gottes, ein Ver⸗ nehmen Seiner, der Wirklichkeit aller Wirklichkeit, der Wahrheit aller Wahrheiten, des Urgrundes der Schön⸗ heit? Was iſt alles kräftige Leben, jede reine Handlung, bereite die S ach, Freun Waru ja du ihrer gebens wurde täubu in ſeit zog fi Dämr der 2 herrli ( Dieß jedes ſchöͤne Werk anders, als ein Ausſprechen dieſer Anſchauung?— Gott ſchauen, heißt mit Gedanken und That in Gott leben.“ „Und werden wir dieſe Seligkeit mit der warmen Wirklichkeit fühlen, die hier auf Erden unſer Reichthum iſt?“ ſagte Profeſſor A. tief aufgeregt.„Werden wir das Leben ſtark und gewiß, wie jetzt, an unſer Herz drücken? Edla! Werde ich Sie wieder ſehen, Sie wieder erkennen? Werden Sie der Stimme Ihres Freundes lau⸗ ſchen, wie Sie hier gethan? Werde ich dort Ihre Hand vrücken dürfen?„. Er ſchwieg, denn ſeine Stimme bebte. „Was ſoll ich darüber ſagen?“ antwortete Edla. „Haben Sie nicht von einem Todten und Begrabenen ge⸗ hört, wie er aufſtand von den Todten und ſeine Freunde bei Namen rief, ſie liebte, wie früher, ihnen Frieden ſchenkte und ſie ſegnete? Ueber dieſe Klarheit weiß ich keine— und die Erde auch nicht. Aber ich fühle— ſo wird es ſein. Erſt Nacht... die Schatten nahen mir bereits.. Nacht— dann dämmert der Morgen. Und die Schlafenden erwachen. ſie ermuntern ſich. ach, wie ſchön. Der Freund ruft dem Freund! Der Freund antwortet dem Freunde! So tagt der Himmel... Warum fragen, fürchten? Es iſt ja Alles klar! Er hat ja durchgedrungen. Aber das Licht der Erde erloſch für Edla während ihrer himmliſchen Viſionen. Ihre ſtarke Seele ſuchte ver⸗ gebens die Hinfälligkeit der Natur zu bekämpfen. Sie wurde ohnmächtig und erwachte aus der todtähnlichen Be⸗ täubung erſt ſpät Abends, als bereits der Sternenhimmel in ſeiner ganzen Pracht über der Erde ſtand. Langſam zog ſich die Fluth wieder in ihre Ufer zurück. Die Dämmerung warf ihren Schleier über die Verwüſtung, der Wind ſchwieg ſtille, der Abend war ruhig und herrlich. Edla bat, man möchte ihr Bett an's Fenſter tragen. Dieß geſchah, und ſie blickte mit ſtillem Entzücken zu den geliebten Himmelslichtern empor und ſagte:„Bald werde ich euch näher ſein!“ Sie ſah Nina an, winkte ſie zu ſich und küßte die Thränen von ihren Wangen weg. Jetzt er⸗ blickte ſie auch die, die in Profeſſor A's. Auge ſtanden. Sie reichte ihm die Hand und ſagte: „Wenn Sie wüßten, mein Freund, welche ſüße Hoff⸗ nung, welche freundliche Erſcheinungen mich in dieſem Augenblick umgeben— Dank ſei es der ewigen Liebe, die den Tod mit ihrem Lichte durchdrungen hat!— Sie würden ſich mit mir freuen.“ Profeſſor A. ſchwieg, und Evla fuhr nach einer kur⸗ zen Pauſe fort:„Ich habe ſagen gehört, daß wir hier auf Erden nur den zwanzigſten Theil des Lichtes ſehen, das über der Atmoſphäre der Erde iſt. Dieſer Gedanke macht mir eine ganz beſondere Freude. Mein Freund! Iſt es wohl eine vermeſſene Hoffnung, daß, wenn wir den Dunſtkreis dieſer Erde verlaſſen, das Blatt der unſterb⸗ lichen Lehre, auf welche wir liebevoll unſere Blicke ge⸗ heſtet, von einem höheren Licht beſtrahlt und ſeine Be⸗ deutung uns deutlicher ſein werde? Sie wenden ſich ab— Sie ſind mißvergnügt— A., mein werther Freund, ſagen Sie mir, warum?“ „Ich will es Ihnen ſagen, Edla,“ antwortete Pro⸗ feſſor A.„Jeder Ihrer Gedanken, jedes Ihrer Gefühle iſt mir in dieſem Augenblick von unendlicher Wichtigkeit, und ich thäte Unrecht, wenn ich Anſtand nähme, auch mit einem harten Worte die Klarheit derſelben hervorzu⸗ rufen. Edla!— Dieſes Jubiliren in der Todesſtunde iſt mir zuwider. Die Lehre, zu der Sie ſich bekennen, for⸗ dert meines Erachtens mehr Demuth. Auf was baut der Chriſt, der ſeine Religion nicht mißverſteht, ſeine Hoff⸗ nung, auf höhere Freiheit und Freude* Iſt es nicht auf die Gewißheit, daß keine Sünde in ſeinem Herzen iſt, keine Finſterniß in ſeiner Seele, die ihn von dem Heiligen trennen könnte? Evla, ich wünſche Ihnen Glück— zu dieſer Sicherheit!“ Edla ſchwieg lange, und als ſie antwortete, ging m e, ie r⸗ er n, ke en b⸗ e⸗ e⸗ d⸗ le it, ch u⸗ r⸗ er ff⸗ 25 497 ein Zittern über ihre Lippen.„Ihr Vorwurf iſt ſtreng,“ ſagte ſie,„aber ich danke Ihnen. Und doch— ich habe ja Ihn von ganzem Herzen geliebt, den Heiligen, den Allgütigen! Ich habe den Weg zu gehen geſucht, den Er zeigt. Warum ſollte ich da nicht hoffen, nicht freudig ſein?..“ Edla ſchwieg auf's Neue, rief aber bald wieder mit hohem Leben und verklärtem Ausdruck: „Und wäre es auch ſo— wäre meine Hoffnung ver⸗ meſſen— ſollte ich mich über mich ſelbſt getäuſcht haben — ſollte ich bei einem höheren Licht mein Herz und mei⸗ nen Wandel anders beleuchtet ſehen, als jetzt, o ſo ſei mir das Licht willkommen, das mir meine Finſterniß zeigt! Willkommen die heilige Gerechtigkeit, die meine Fehler beſtraft! Ewige, heilige, herrliche Wahrheit, willkommen! ſei es auch mir zur Demüthigung. Dich will ich— dich liebe ich— dich ſuche ich allein! Die tiefſte Qual iſt mir erwünſcht, wenn ſie mich gereinigt zu dir führen kann. O mein Freund! Laſſen Sie mich fröhlich ſein, laſſen Sie mich mit Jubel meine Stimme erheben! Meine Hoffnung und meine Freude beruhten ja auf dem Glauben an Ihn, den Allmächtigen, den Getreuen, auf meinen Glauben, daß er durch Freude und Leid, im Guten und im Boͤſen alle Seelen zu ſich führen, daß Alle ihn und ſeine Wahrheit werden erkennen dürfen.“ „Edla, verzeihen Sie mir!“ ſagte Profeſſor A., und ſeine Wange wurde bleicher, während ſein Blick die Klar⸗ heit in dem ihrigen ſah. Aber freundliche Bilder und Hoffnungen ſchienen Edlas Seele ganz und gar einzunehmen. Sie wandte ſich mit einem heitern Lächeln an A. und ſagte: „Iſt es nicht merkwürdig, mein Freund, wie Philo⸗ ſophie und Religion ſich vereinigen, um in einem für unſer Herz ſo wichtigen Punkte Licht über unſer zukünf⸗ tiges Leben zu werfen? Die Forſchungen der Vernunft zeigen uns, daß Zeit und Ewigkeit nicht— wie man ge⸗ woͤhnlich glaubt— zwei getrennte Welten oder Leben Bremer, Rina. 32 498 ſind. Sie ſagen uns, daß beide zugleich eriſtiren, daß ſie in einander leben und anders nicht leben können. Das Zeitliche ohne das Ewige wäre eben ſo leer, wie das Ewige ohne das Zeitliche. Der Menſch gehört zwei Welten an. Sein Leben iſt zugleich vergänglich und un⸗ vergänglich. Es iſt ein fortgeſetztes Ein⸗ und Ausgehen in und aus dem zeitlichen Leben; lebt aber dieſes ewige Leben, d. h. Gottes Leben, Gottes Reich rein in ſeiner Seele, ſo kann Nichts ſie gefangen nehmen oder verfin⸗ ſtern. Unter allen Wechſeln eines unendlichen Lebens bleibt ſie frei, klar und ſelig, ein vernünftiges und liebevolles Organ für den Willen der ewigen Liebe, im innigen und harmoniſchen Verhältniß zur Natur, zur menſchlichen Ge⸗ ſellſchaft und zu Gott. „So die von der Vernunft des Ewigen aufgeklärte Menſchenvernunft— und die Offenbarung? Was lehrt der Gottgeſandte? „Ich,“ ſpricht er,„bin das Thor für die Schafe. Wer durch mich eingeht, der wird ſelig werden, er wird ein⸗ und ausgehen und Waide finden. „Wie klar und wie einfach iſt hier die tiefe Lehre! Der durch Jeſus zur Liebe und Heiligung neugeborne Geiſt wird unter allen Entwicklungen des Lebens jeder⸗ zeit ſich ſelbſt, ſeine Fraunde, ſeine reine Liebe, ſeinen Wirkungskreis, die Nahrung ſeines Lebens wieder finden. „Er wird aus⸗ und eingehen und Waide finden. „O du!“ fuhr Edla mit unendlicher Klarheit und Innigkeit fort, indem ſie ihren Arm um den Hals der knieenden Nina legte,„du, die du meinem Herzen ſo lieb, ſo unbeſchreiblich theuer biſt.„auch dein ſchönes, ge⸗ liebtes Geſicht werde ich in einer ſchöneren Heimath wieder ſehen. Laß mich es wieder ſehen als ein getreues Bild derſelben lieblichen Seele, aber auch einer höhern und ſtärkeren. Mein letztes Gebet für dich iſt nicht um irdiſche Glückſeligkeit, ſondern um Veredlung und Vortrefflichkeit. Uund jetzt. fügte ſie hinzu, indem der Ausdruck hef⸗ r ⸗ r d e ⸗ 499 tigen Schmerzes ſich in ihren Zügentkund gab—„3etzt ſpreche ich nicht mehr viele Worte mit dir... denn ich fühle, daß der Tod ſeine Arbeit mit mir begonnen hat. Ich will ihn ruhig wirken laſſen und ſtill fühlen, wie er die irdiſchen Bande löst. Gehe nicht fort. Kannſt du meinen Todeskampf ſehen, ſo wünſche ich es. Der Menſch darf ſeinen Blick nicht von den menſchlichen Schmerzen abwenden;... Alles muß ertragen, geſchaut, verſtanden werden man ſoll von Allem lernen— das Leben vom Tode! A.! Gib mir deine Hand. Dank für treue Freundſchaft. Nina, die deine. auf meine Lipppen!... Edla verlor die Sprache und ſchien große Schmerzen zu leiden, aber ihre Augen behielten ihren ruhigen Glanz und waren unverwandt auf Nina gerichtet, ſie ſtärkend und ſegnend. Sie verdunkelten ſich immer mehr, ſahen aber dennoch auf ſie und behielten dieſe Richtung auch, als ſie nicht mehr ſahen. Nicht jeder Gute ſtirbt wie ein Blumenduft; nicht jeder Schlechte an Waſſerſcheuqualen. Es geſchieht oft das Gegentheil. Die Disharmonie des äußern und innern Lebens ſollten wir nie fürchten feſten Blicks anzuſchauen. Sie ſind kräftige Prophezeihungen eines verſöhnenden Accords nach dem Orgelpunkt des Grabes. Edlas Todeskampf war lang und ſchwer. Die Le⸗ benskraft war ſtark in ihrer Bruſt. Sie lebte noch drei Tage, ohne Zeichen von Bewußtſein zu geben. Als am Morgen des vierten Nina ſchön und bleich, wie wir uns den Todesengel des Kindes denken, über Evla gebeugt da⸗ ſtand und die Schweißtropfen von ihrer Stirne trocknete, ſchlug ſie noch einmal ihre Augen auf, ſah Nina groß und ſtark an und ſagte mit einem Ausvruck von Freude: „Ach, du biſts!“ Sie lächelte, ſchloß die Augen wieder und wenige Minuten darauf ſtand die keuchende Bruſt ſtille. Nina drückte ihr die Augenlider zu. „Eine ſchöne, eine redliche Kraft iſt von der Erde gegangen!“ ſagte Profeſſor A. mit gebrochener Stimme, 500 indem er ſeine Lippen auf Evlas kalte Hand drückte.„Lebe wohl, du edles, du ſtarkes Weib! Evla, leb' wohl! Du haſt mich arm zurückgelaſſen!“ So fühlten Alle im tiefbetrübten Herzen. Baron H. und Klara trugen Nina von dem Sterbebette weg. „Schreib an Eduard Hervey,“ bat die Arme nachher die Baronin H.,„ſchreib ihm, was vorgefallen iſt, was. ich gelobt habe. Ich vermag es nicht.“ Die Baronin verſprach es. Seit Edla todt war und die Gräfin, nach der Ueberſchwemmungsnacht erkrankt, nur nach ſich ſelbſt fragte, nahm ſie ſich Ninas wahr⸗ haftig mütterlich an. Edla ſtarb das Geſicht gegen das Fenſter und den Himmel gewandt. Die Sterne blickten freundlich ſtrah⸗ lend auf die erblaßten Züge, und wachten über ſie in der ſtillen Nacht. Das Verbrechen. „Ich habe tief bereut und Viel gelitten bei dieſer Reue! Möge das Sie erweichen.“ Unſere Leſer werden fragen:„Wie und woher kamen Baron H's. ſo auf einmal in die Ueberſchwemmungsnacht? Zur Erklärung dieſes Umſtandes wollen wir ihnen berich⸗ ten, daß ſie auf einem Ausflug vom Paradies unvermuthet. mit Graf Ludwig zuſammentrafen, der auf ſeiner Reiſe nach Norrland begriffen war, und ſo gleich den Entſchluß faßten, zu gleicher Zeit mit ihm dort zu ſein: in welcher Ab⸗ ſicht und auf weſſen Wunſch, wird der Leſer leicht errathen. Sie führten ihren Plan aus und kamen um zu retten, um zu tröſten, aber ohne die Schläge des Unglücks abwehren zu können, die mehr als eine Bruſt zermalmten. Auf Ninas Bitte ſchrieb jetzt die Baronin an Her⸗ 501 vey. Mit treuer Genauigkeit erzählte ſie Alles, was vor⸗ gefallen war, und ſchloß ihren Brief mit folgenden Worten: „Sie ſehen ſo gut als ich, was jetzt zu thun iſt. Es ſcheint mir für Ninas Ruhe wichtig, mit Ihnen nicht mehr zuſammenzutreffen; es iſt auch ihr eigener Wunſch, ihre Bitte an Sie. Eine Begegnung mit Ihnen könnte ihr nur die grauſamſten Qualen verurſachen. Der letzte Wille der dahingegangenen Edla, das ihr gegebene Ver⸗ ſprechen ſoll und muß ihr heilig ſein. Gott der Allmäch⸗ tige ſtärke ſie! Und möge Ihre Kraft zu entſagen eine Stütze und ein Vorbild für ſie ſein! Seit Edlas Tod liegt ſie in einem beſtändigen Schlummer und ich danke Gott dafür, denn ſie bedarf der Ruhe nach dem, was vorge⸗ fallen iſt; ſie muß Kräfte ſammeln für das, was ihr be⸗ vorſteht. Ich kenne Sie und ich verlaſſe mich auf Sie. Noch einmal! Nina darf Sie nicht wieder ſehen! Glauben Sie mir, daß ich mit Ihnen fühle. Ich hätte gewünſcht, durch die That beweiſen zu können, wie ſehr ich von ganzer Seele bin Ihre aufrichtige Freundin M. H.“ Am Schluſſe des Briefes ſtand von Ninas zitternder Hand geſchrieben: „O Eduard! Lebe wohl! Verzeih'!.. Leb' wohl auf immer!“ Ehe jedoch dieſer Brief in Herveys Hände gelangt, müſſen wir ihn beſuchen und uns daher um einige Tage zurüͤckverſetzen. Ein Gefühl, wie vasjenige, das ihn beim Abſchied von Nina zerriß, hatte Eduard Hervey noch nie gehabt. Es wäre ihm leichter geweſen, vom Leben zu ſcheiden und ſein ſanguiniſches Temperament, ſowie ſein tief religiöſes Gemüth waren dießmal nicht mächtig genug, eine unbe⸗ greifliche Qual, die während der ganzen Reiſe wie eine 502 Unglücksahnung auf ſeiner Seele lag, zu entfernen. End⸗ lich erreichte Eduard das Ziel ſeiner Reiſe. Ein hübſches Häuschen am Ufer des Wenerſees, von Laubgehölz um⸗ geben, zeigte ſich vor ſeinem Blicke Es ſieht freundlich aus, als ob Tugend und Wohlbehagen varinnen wohnten. Eduard wird von ſeinem Führer in ein Zimmer gewieſen, deſſen zugezogene Gardinen nur ein ſpärliches Licht her⸗ einlaſſen. Ein Mann mit der Feder in der Hand ſitzt an einem mit Papieren bedeckten Tiſche; neben ihm ſteht ein Geiſtlicher. „Nun, iſt es fertig?“ fragte eine hohle Stimme, die aus einem Bett mit zurückgezogenen Gardinen kam. „Ja,“ antwortete der Schreibende mit ſtrengem Ernſt. —„Es fehlt bloß noch Ihre Unterſchrift.“ — „Iſt noch Niemand gekommen?“ fragte die Stimme mit Unruhe und Ungeduld. In dieſem Augenblick trat Eduard Herveh hervor. Im Bette wurde eine convulſi⸗ viſche Bewegung gemacht. Ein bleichgelbes, unheimliches, mehr von Leidenſchaften als von Leiden entſtelltes Ge⸗ ſicht ſtarrte aus den Gardinen hervor und die wilden, weit geöffneten Augen ſahen ſpähend in Eduards Geſicht⸗ „Er iſt's, ja, er iſt's!“ ſagte der Kranke, wie für ſich; „er, der mein Kind rettete! Ihr Name iſt Eduard Hervey?“ „Ja,“ antwortete Eduard. „Haben Sie immer ſo geheißen?“ „Wozu dieſe Frage?“ ſagte Eduard, der ſeinerſeits den Kranken aufmerkſam betrachtete. „Erkennen Sie mich?“ „Sie ſind es, deſſen Knabe auf der Tärnaer Haide in den Strom fiel„ „Und den Sie mit eigener Lebensgefahr retteten... Ja, aber Sie haben mich früher geſehen, früher„ Eduard betrachtete ihn lange.„Es ſcheint mir auch,“ ſagte er,„aber ich kann mich nicht erinnern, wann und wo.“ „Herr Eduard D.! Ich war Schreiber beim Gra⸗ d⸗ es „—2 503 fen R. zur ſelben Zeit, als Sie dort waren. Mein Name iſt Chriſtian Malm.“ Eduard machte eine heftige Bewegung, allein der Kranke winkte mit der Hand unn ſagte:„Warten Sie: Sie Alles hören! Leſen Sie, mein Herr, leſen Sie laut!“ Der Diſtriktsrichter las mit lauter Stimme: „Auf meinem Sterbebette und im Begriff, vor den Richterſtuhl des Allmächtigen zu treten, bezeuge und be⸗ theure ich vor Gott dem Allerhöchſten und vor den Men⸗ ſchen auf Erden, daß der Herr Eduard D. unſchuldig iſt an den Verbrechen, deren man ihn gegen den Grafen Ru⸗ volph R. angeklagt hat, und daß ich allein der Schuldige bin. Ich war es, der an jenem Abend am ufer auf den Grafen ſchoß; ich war es, der ſein Geld ſtahl. Ich war es auch, der den Verdacht wegen dieſer Verbrechen auf Eduard D. lenkte, indem ich allerhand Gerüchte über ihn und ſein Benehmen ausſtreute; nicht aus Haß gegen ihn, ſondern um die Aufmerkſamkeit von mir abzuleiten. Was Fräulein Elfridas Entführung betrifft, ſo bin ich über⸗ zeugt, daß Eduard D. hiebei mit guten Abſichten handelte, daß er als ein ehrlicher Mann die Tochter nur von den niedrigen und hinterliſtigen Nachſtellungen des Vaters retten wollte; Alles, was ich ſelbſt ſah und horte, läßt mich dieſes glauben, und man bedenke wohl, daß dieß die Worte und Ver⸗ ſicherungen eines Sterbenden ſind. Noch groͤßere Gewißheit darüber kann vermuthlich aus Herrn D's. eigenhändigem Brief an Graf R. gewonnen werden, den ich nach ſeiner Flucht verſiegelt auf ſeinem Tiſche fand und für mich be⸗ hielt. Er liegt hier unerbrochen bei. Daß dies Wahrheit und aus vollem Bewußtſein und freiem Willen von mir bekannt worden iſt, betheure ich vor Gott, vor deſſen Rich⸗ terſtuhl ich bald ſtehen werde, und will es mit eigener Hand unterſchreiben.“ „So iſt es recht,“ ſagte der Kranke mit ſchwacher Stimme,„geben Sie her.“ Man gab ihm das Papier 50¹ und eine Feder, und mit ſichtbarer Anſtrengung unter⸗ zeichnete er ſeinen Namen. Dann ſank er ermattet auf ſeine Kiſſen zurück. Eduard trat näher an's Bett. Auf ſeinem ſchönen männlichen Geſichte las man eine tiefe Gemüthsbewegung. „Chriſtian Malm!“ ſagte er:„was habe ich dir gethan, daß du ſo gegen mich handeln konnteſt?“ „Nichts, auf der Welt Nichts! Allein ſehen Sie, ich fürchtete mich vor dem Tode und der Teufel flüſterte mir zu, alle Schuld auf Sie zu ſchieben— da es ſich ſo leicht machen ließ.“ „Und was veranlaßte Sie zum Mordverſuch auf den Grafen R. 2“ „Rache, Herr! Rache! Er hatte mich miß handelt, mit den Füßen getreten, mich einen Schurken genannt — und das vor den Augen der ganzen Dienerſchaft! Und ich wurde, was er mich ſchalt— ein Schurke! wurde es, weil er mich entehrt hatte, weil es mir Bedürf⸗ niß war, mich zu rächen. Aber ich verbarg mich unter einer demüthigen Maske, bis die Gelegenheit kam; ich wurde glatt und weich, wie eine Schlange, bis der Augenblick kam, wo ich ſtechen konnte. Er kam; be⸗ günſtigt durch das Dunkel und die Verwirrung konnte ich ohne Gefahr entdeckt zu werden, auf ihn ſchießen und ihn dann berauben. Ich bereue nicht, was ich damals that. Er verdiente es, der Grauſame, der Nieder⸗ trächtige.“ „Still!“ unterbrach ihn Herbey mit Strenge. „Unglücklicher, denk' an dich ſelbſt und an das, was dich erwartet. Denke ans Verzeihen, nicht an's Fluchen.“ „Die Zeit des Heuchelns iſt vorbei, Herr,“ antwor⸗ tete der Sterbende mit ſchwacher, röchelnder Stimme. „Ich habe viel gelogen. Jetzt will ich wahr ſein. Was ich gegen Graf R. that, kann ich nicht bereuen. Gott ver⸗ zeihe es mir— wenn er kann. Aber was ich gegen Sie beging, das habe ich bereut, ſo daß ich von mei⸗ w B fo ter⸗ auf nen 505 nen unrechtmäßigen Gütern keinen Genuß haben konnte, ſo daß ich an Leib und Seele vergilbt und verwelket bin. Seit Sie mit Gefahr Ihres Lebens mein Kind retteten, von dieſem Augenblicke an hat die Hölle in meiner Bruſt gewohnt und ich beſchloß, Ihnen vor meinem Tode Gerechtigkeit wiederfahren zu laſſen. Ich habe tief bereut und Viel gelitten bei dieſer Reue, möge das Sie erweichen. Wenn Sie können, ſchenken Sie mir Ihre Verzeihung! Sie würden meinen Tod weniger bitter machen. Ach, Sie ſehen gut aus, Herr! Gut und ernſt, wie ein Engel des Herrn. verzeihen Sie mir.“ „Ich verzeihe dir!“ ſprach Hervey und legte ſeine Hand auf das Haupt des Sterbenden. „Danke, danke!...“ ſagte dieſer mit erlöſchender Stimme.„Beten Sie für mich! Mein Kind lebt in Ihrer Nähe... ſehen Sie nach dem Kinde! Retter meines Kindes beten Sie für mich Er führte Eduards Hand an ſeine Lippen; ſeine Augen waren gebrochen. Betend beugte Hervey das Knie am Bette des Sterbenden. Der Geiſtliche, der zugegen war, folgte ſeinem Beiſpiel. Es ſchien finſter zu werden im Zimmer, die Schatten des Todes ſchwebten darin. Ein Vierter ſtand in der Nähe und betrachtete die Scene auf⸗ merkſam. Er ſah auf des Sterbenden unheimliches Ge⸗ ſicht, er ſah Herveys ſtarken, tiefen Ausdruck der innigſten Andacht, er lauſchte ſeinem begeiſterten, halblaut geſpro⸗ chenen Gebete und er dachte bei ſich: „Nein, es iſt keine leere Form, keine bloße Cere⸗ monie. Hier geht wirklich etwas Schoͤnes, etwas Wich⸗ tiges vor. Und wie— wenn die kämpfende unglückliche Seele ihre Hülle verläßt und Alles in und außer ihr finſter iſt, ſollten wohl in einem ſolchen Augenblicke die Gebete der Guten nicht von Gewicht ſein? Ja, ſie umgeben den Kämpfenden als gute Engel, ſie finden den Weg zu ſeinem Herzen und bereiten es zur Ver⸗ 506 ſöhnung vor, ſie folgen ihm auf dem Wege in das un⸗ bekannte Land, ſie beugen mit ihm die Kniee vor dem Throne des Königs und helfen ihm beten... nein, es iſt kein eitles Thun..“ und als der ſtrenge weltliche Richter den Schwerbeleidigten ſo glühend an der Seite ſeines Feindes beten, für ſein Wohl beten ſah, da führte er die Hand an ſeine Augen und wiſchte einen Fremdling darin— eine Thräne weg. Einige Stunden ſpäter ſtand Hervey reiſefertig da; das Entſetzen des ſo eben erlebten Auftrittes hatte in ſeiner Seele dem übermächtigen Eindruck der Glückſeligkeit wei⸗ chen müſſen, ſich vor der Welt gerechtfertigt und das weſentlichſte Hinderniß ſeiner Verbindung mit Nina ge⸗ hoben zu ſehen, ſein Herz glühte von Dankbarkeit gegen die Vorſehung und von unbeſchreiblicher Sehnſucht, Nina wieder zu ſehen, über ſie zu wachen, ſie zu gewinnen. Er reiste Tag und Nacht. Das Vorgefallene, das noch Bevorſtehende, Hoffnung, Liebe, ungeduldige Erwartung, Alles trug dazu bei, ihn in eine Art Fieber zu verſetzen, und raſtlos jagie er vorwärts, vorwärts. Und er kam in die bekannten Gegenden; da vernahm er ſchreckliche Ge⸗ rüchte. Er eilte nach Hauſe und dort empfing er den Brief der Baronin H. Mondſchein. Stille, v Stille, Schlafe vor Sturm und Schnee, Einſam verlaßne Maid. Jetzt iſt's zu ſterben Zeit! Kalt iſt rings Thal und See; Stille, o ſtille! Schweige denn, ſchweige, Hauche die Seele aus, Freudig und ſehnſuchtsvoll Sag der Welt Lebewohl, Arme! und gehe nach Haus, Schweige denn, ſchweige. Spanhaits Geſang. Atterbom. Die Liebe macht Alles möglich. Lamenais.. Es gibt auch einen Mondſchein im menſchlichen Leben, einen Mondſchein im Herzen des Menſchen. Er kommt gerne nach einem unruhigen und ſtürmiſchen Tag. Es iſt eine Verſöhnung zwiſchen Licht und Schatten, eine klare Dämmerung, eine ſtille Wehmuth, ein Schlummer der Gefühle, ein Weh, aber auch ein Wohl,— dann fallen ſtille Thränen mild wie der Thau auf verbrannte Wieſen Aber oft dauert es lange, bis dieſe Ruhe, dieſer Himmelsſchein ins Herz herniederſteigt;— oft ſtürmt es noch ſo lange darin! Ein entſetzlicher Tag war vorüber. Nina hatte zum Erſtenmal recht erfahren, was ein Seelenſturm iſt. Sie lag jetzt auf ihrem Sopha. Die Thüren zum Saal ſtan⸗ den offen und von dem Sopha aus ſah ſie in das große düſtere Zimmer, wo eben noch Edlas Leiche gelegen. Der Mond ſchien durch die Fenſter. Die Freunde waren an Edlas Grab, und Nina war allein. Sie hatte es 508 ſich als eine Gunſt ausgebeten. Alles war jetzt ſtill um ſie her, und nur das Brauſen des Meeres ließ ſich ein⸗ tönig und dumpf vernehmen. Nina hatte die Fenſter ge⸗ oͤffnet, aber die Abendluft brachte ihrer Bruſt jetzt keine Kühlung. Der Gedanke an Hervey ſtand mit unend⸗ licher Qual vor ihrer Seele; ſie fühlte ſich ſo ſchuldig gegen ihn: ſie klagte ſich an, ihn unglücklich gemacht zu haben.„Wird er mir verzeihen können?“ fragte ie ſich. Wenn ſie bedachte, daß ſein geliebtes Auge mit Schmerz und ſtillem Vorwurf auf ſie blicken müſſe— o wie ſehnte ſie ſich da zu ſeinen Füßen zu ſinken!— aber dann ſah ſie Edlas verbietende, blutende Geſtalt— und jetzt wollte ſie derjenigen zu Liebe, die für ſie ge⸗ ſtorben, wieder Allem entſagen— aber Hervey! Warum ſollte er durch ſie leiden? So wurde ihre Seele zwiſchen ſtreitenden Gefühlen, Zweifeln und Fragen hin und her geworfen. Sie wußte nicht mehr, was ſie thun ſollte, was recht und und unrecht ſei. Sie klagte ſich als Urſache alles Unglücks an; ſie haßte ihr eigenes Leben. Und dann. o theurer Leſer! Haſt du je einen Freund ver⸗ loren, der dir lieb war, wie das Leben, und hat ein Un⸗ recht von dir eure Trennung trübe gemacht;— haſt du brennende Reue empfunden und gewußt, daß du ſie nie⸗ mals dem Verlornen ſagen darfſt? Haſt Du Augen⸗ blicke gehabt, wo dein Herz nach ihm oder ihr verlangte, ſo ſo, daß deine Seele zerriſſen war— daß du gerne das Leben— ach! deine ewige Seligkeit ge⸗ geben hätteſt, um den Verlornen einen Augenblick wiver⸗ zuſehen, um die treue Hand zu drücken, um dich an die geliebte Bruſt zu lehnen und zu weinen„zu weinen.. Haſt du je ſo gefühlt?.. o dann wirſt du Nina verſtehen, verſtehen, wie ſie fühlte, als ſie unwillkürlich mit gewaltſam klopfendem Herzen, mit ausgeſtreckten Armen ausrief:„Eduard! Eduard!“ ihre ich lich ihr ſich ſch dur du 509 Die Thüre im Hintergrunde des Saales ging lang⸗ ſam auf. Ein ſchwarzgekleideter Mann ſtand darin. Bei ſeinem Anblick durchzuckte Nina ein Schauer des Schreckens und der Freude. Mit einem ſchwachen Ruf richtete ſie ſich auf. Der ſchwarzgekleidete Mann trat bis an die Thüre ihres Zimmers. Hier blieb er ſtehen, lehnte ſich an den Thürpfoſten und betrachtete Nina unverwandt mit einem unausſprechlichen Blicke; aber ſein Geſicht war bleich und voll Gram. Ach, es war der Blick, den Nina im Traume geſehen hatte, es waren die geliebten Züge;— die Hand lag auf dem Herzen— geſchah dieß, um die blutige Wunde zu verbergen? Nina hörte ſein ſchweres Athmen. Zuerſt war es ihr, als müßte ſie in ſeine Arme ſtürzen, ihren Kopf an ſeine Bruſt zu verbergen; dann meinte ſie, ſie ſollte in den finſterſten Theil des Zimmers fliehen und gleichſam ſich ſelbſt verbergen.„Eduard, Eduard!“ rief ſie,„warum kommſt du? Ach, weißt du wohl. daß wir getrennt ſind daß ich dir entſagt abe 2“ „Ich weiß Alles,“ ſagte Hervey. „Verzeih mir!“ bat Nina verzweifelnd und fiel auf ihre Kniee wieder. „Ich komme nicht, um Vorwürfe zu machen— ich komme, um dich zu ſegnen,“ ſagte Hervey mit gött⸗ licher Milde in Stimme und Blick. Sofort trat er zu ihr, richtete ſie auf, führte ſie an den Sopha und ſetzte ſich neben ſie darauf. Er hielt ihre gefalteten Hände zwi⸗ ſchen den ſeinigen und ſah ſie mit einem ernſten, aber vurchdringenden Blicke an. „Du haſt nicht an mir gezweifelt?“ ſagte er. „O nein, nein!“ war Alles, was ſie zu antworten vermochte. „Ich auch nicht an dir!“ ſagte er, und ſein Geſicht verklärte ſich zu einem himmliſchen Lächeln.„Nun wohl⸗ an, Geliebte, wir find nicht getrennt— nicht für die 510 Ewigkeit getrennt. Nur auf Erden, auf eine kurze Zeit von einander entfernt, werden wir uns jenſeits in der Liebe deſſelben Himmels, in demſelben feſten Glauben wieder vereinigen. Unſere Seelen trennen ſich nicht.— Innig Geliebte! Gottesgabe an meine Seele! Habe Frie⸗ den— Frieden mit dir ſelbſt, Frieden mit der ewigen Macht, die unſere Schickſale regiert! Du haſt recht gethan. Du konnteſt nicht anders handeln. Ein höherer Wille hat geſprochen. Wir müſſen gehorchen!“ „Wir müſſen gehorchen!“ wiederholte Nina matt. Sie hatte ihr Haupt gebeugt und neigte ihre Stirne gegen ihre vereinigten Hände. „Werde ruhig— werde glücklich, auch auf Erden! Ich werde dann— nicht unglucklich ſein.“ „Nicht unglücklich?“ ſagte Nina nach. „Glaube an den ewig Guten! Er iſt mit dir!“ ſoß„Mit dir!“ wiederholte Nina und ihre Thränen oßen. Herveh ſtand auf. Seine Stimme zitterte.„Ich wollte dich ſehen,“ ſagie er—„ich mußte dich noch ein⸗ mal hören— ich wollte dir danken! Deine Liebe hat mich unausſprechlich glücklich gemacht; die Erinne⸗ rung daran wird mein ganzes Leben erhellen, wird mich freudig dem Land entgegen eilen laſſen, wo wir uns wie⸗ der vereinigen. Friede über dich, du Engel! du Ge⸗ liebte!„ Erfülle deine Pflichten; lebe, wie es Gott gefällig iſt.“ Auch Nina ſtand auf. Sie wußte nicht, was in ihr vorging. Und er ſegnete ſie mit ſo mächtigen, ſo lieblichen Worten und Tönen, daß eine wunderbare Freude ihre Bruſt erfüllte. Sie lauſchte ihm, wie der Stimme der Gottheit. Und als er ſie an ſein Herz ſchloß, als er zum erſten und letzten Mal ſeinen Mund auf den ihrigen drückte, da bin ich gewiß, daß Engel unſichtbar um ſie her ſtanden und ihre unſichtbaren Scheitel ſenkten in Bewunderung zweier liebenden und leidenden Sterb⸗ lichen. fort. fühlte küßte ſagte — e beteni da ſa ihrer goſſe wollu kraftv weckt Kraf ſes ſt und Nina. ſeine klagte verla Er it er en e⸗ n t 3 51¹ Nina erwachte wie aus einem Traume. Er war fort. Sie fuhr mit der Hand über ihre Stirne, und fühlte Thränen im Haare, das ſich über ihr theilte. Sie küßte ſie von ihrer Hand weg.„Er hat mich geſegnet!“ ſagte ſie, und es war hell in ihr. Und wie ſie daſtand — eine auferſtandene Leiche!— bebend, ahnend, an⸗ betend, das Geſicht nach dem klaren Himmel gewandt. da ſah ſie wie früher einmal das Bild des Kreuzes über ihrer Bruſt liegen, und ſie war mit Himmelsglanz über⸗ goſſen. Jetzt war das Räthſel ihres Lebens erklärt. Keine wolluſtvollen Töne lockten mehr draußen, ſondern ein kraftvoller Geſang ertönte in ihrer eigenen Bruſt und weckte darin einen immer höheren und hoͤheren Himmel. Aber Er? Nachdem er ihr Frieden gegeben, da ſchwankte die Kraft in ſeiner Bruſt. In der Thüre ſeines ſtillen Hau⸗ ſes ſtand er einſam, ſah in die wilde Gegend hinaus und betrachtete ſein zerſtörtes Glück, ſein Leben ohne Nina. Eine noch nie gefühlte Verdüſterung kam über ſeine Seele, und mit dem göͤttlichen Dulder am Kreuze klagte er:„Mein Gott, mein Gott, warum haſt du mich verlaſſen?“ Pas Lied des Rümpfenden. Erblaſſe, Wang, doch ſtärke dich mein Herz. Verfalle, Leib, doch Seele habe Frieden; Heil dir, du Prüfer, Heil dir, bitterer Schmerz, Durch dich iſt mir des Glaubens Kraft beſchieden. Du Sünde, die geſchmeckt mein Erdenſinn, Du Lahmheit, die des Geiſtes Kraft geſchlagen, Ihr eitlen Erdenſorgen fahret hin, Und freudig werd' ich meine Leiden tragen. 512 Die Augen auf! Das heilige Gebot Des ew'gen Himmels ſollt ihr gläubig leſen, Erheb dein Herz zum allerhöchſten Gott Und vpfere ihm dein ganzes Sein und Weſen. Die Schwachheit, die den Geiſt in Feſſeln ſchlug, Beſiege und erheb den Arm, den matten, Erwache zu der Andacht hohem Flug, Eh' dich ereilt der finſtre Todesſchatten. Wach auf!— Von Angeſicht zu Angeſicht Sollſt du beglückt den ewgen Vater ſchauen, Der an Sündern übt ein gnädiges Gericht, Und ſie erloſet von der Hölle Grauen. „Wozu dieſes Lied?“ wird der Leſer ſagen. Es paßt für eine bußfertige Sünderin, für eine angehende Nonne, für einen Märtyrer, nicht für die weiche und bald bräutlich geſchmückte Nina. Ja, auch für ſie, aber nicht bloß für ſie, ſondern für Alle, die da kämpfen und nach Verklärung ſtreben. Sie werden es empfinden;— es hat Töne und Worte aus ihrer Bruſt. Trauung. Wiege. Grab „Weint nicht um mich, ob auch vor meinem Sommer, Vor meinem Herbſt ich ſtarb.⸗ Tégner. Wir kleiden uns in Blumen zu der erſten Feier, in tiefe Trauergewänder, wenn die letzte Wohnung ſich einem der Unſern öfnet. Es könnte jedoch mit Recht das Gegentheil ſtattfinden. Aber es iſt ſchön— eine junge Braut und ihr Anblick lockt das Herz unwill⸗ Es nde und ber und mer, in echt eine vill⸗ 51¹3 kürlich zur Freude. Die feſtliche Kleidung, der Mhrthen⸗ kranz um die jungfräuliche Stirne, die liebevollen Blicke Aller, die ſie zu ſchmücken und zu verſchönen ſcheinen, die Ahnungen und die Zukunft, welche ihr lachend entgegen⸗ tritt— Alles entzückt. Mit ihr, durch ſie ſieht man wieder ein Haus ſich bilden auf der Erde, eine Arche Noä auf der wilden Fluth der Welt, wo die weiße Friedens⸗ taube wohnen und bauen wird; und ſchoöne Kinder werden dort ſein, holde Liebkoſungen, freudige Blicke, liebeswarme Herzen und Freude werden unter dem gaftfreien Dache wohnen; manche Wirkſamkeit, manche ſchöne Gabe wird ihren Mittelpunkt dort finden und Segen im Leben ver⸗ breiten. Da ſteht ſie, die junge Braut, die Schöpferin von dieſem Allem, Hoffnungen und Freude begleiten ihre Schritte. An Leiden denkt man an einem Hochzeittage nicht. Und wenn die Augenlider der Braut ſchwer erſcheinen von den zurückgehaltenen Thränen, wenn ihre Wange blaß iſt, wenn ihr Weſen bei Annäherung des Bräutigams mehr Furcht als Schüchternheit verräth, ſo will man doch nicht an Unglück glauben. Tanten und Baſen winken einander zu und flüſtern:„Ich war auch ſo an meinem Hochzeittage;— das vergeht mit der Zeit!“ Und wenn ein gefühlvolleres oder ſchwerer geprüftes Herz ſchweigend einen Seufzer für die Braut ausſtößt, ſo tröſtet es ſich, um ſeine Hochzeitfreude nicht zu ſtören, mit der Betrach⸗ tung:„Es iſt einmal der Gang der Welt ſo!“ So tröſtete ſich bei Ninas Hochzeit, ohne jedoch eini⸗ gen Troſt darin zu finden, die Baronin H. Sie wieder⸗ holte wohl hundertmal dieſe wohlweiſe Phraſe für ſich, aber ſo oft ſie Nina anſah, mußte ſie die Augen ſenken, um hervorquellende Thränen zu zerdrücken. Baron H. ſah dieß. Er ging zu ihr und nahm ihre Hand.„Der Knabe ſchläft ſüß,“ ſagte er;„Klara ſitzt bei der Wiege und will nicht weg davon. Die Baronin drückte ihrem Manne die Hand,„Nina kann Mutter werden,“ dachte ſie und ward ruhiger um ſie. Bremer, Nina. 33 gegen. An ihrer Bruſt, in ihren Armen lag Nina auch am Abend kalt und beinahe bewußtlos. „Ich werde ſelbſt für meine Tochter Sorge tragen,“ ſagte die Gräfin Natalie; überlaſſe ſie mir.“ „Ich laſſe ſie heute Abend nicht aus meinen Armen, mag kommen, wer da will,“ ſagte die Baronin H. mit feſter Beſtimmtheit und ſah den hereintretenden Bräutigam herausfordernd an. Die Gräfin ging ihm ſchnell ent⸗ Etwa ein Jahr nach dieſem Tage ſah ich Nina wie⸗ der und nie vergeſſe ich ihren Anblick. Bleich von über⸗ ſtandenen Leiden lag ſie in einem ſchneeweißen Bette. Eine weiße Binde ſchloß ſich dicht an ihre Stirne und bedeckte ihr Haar. Die Spitzen der Tüllhaube fielen dar⸗ über und ſpielten um ihre zarte Wange. Alles, was ſie umgab, war blendend weiß; ſie ſelbſt glich einem friſch⸗ gefallenen Schnee, der von einigen Sonnenſtrahlen, von einigen blaſſen Roſenblättern beglänzt wird. An ihrer Seite lag in ihrem erſten Morgenſchlummer ihre kleine Tochter. Ich ſah, daß Nina Mutterfreude fühlte. Es war ſchön, dieß herrliche Auge ſtrahlen zu ſehen, dieſe holvſeligen Lippen ſagen zu hoͤren: „O man weiß nicht, was es iſt, bis man es ſelbſt erfährt;— auf einmal von allen Schmerzen frei zu ſein und das Kind geboren zu wiſſen;— ſeine Hand auszu⸗ ſtrecken und es dann neben ſich zu fühlen.“ Und ihre weiße matte Hand ſtrich liebkoſend die Kleine, die es vergnügt zu fühlen ſchien.„Sie ſoll Edla heißen.“ fuhr Nina mit holder Innigkeit fort—„ich will ihr einen Schutzengel geben. Möge ſie der himmliſchen gleichen!„. Ich verließ Nina mit dem zuverſichtlichen Glauben, 6 515 daß ihr Leben nicht freudlos ſein werde. Allein das Bild der bleichen, jungen Mutter ſtand betrübend vor meiner Seele. Ich hatte nie einen lebenden Menſchen ſo bleich eſehen. 4 Einige Jahre ſpäter ſah ich ſie noch bleicher; aber das war natürlich. Sie lag in ihrem Sarge und war noch ſchön. Ihre kleine Tochter war vorausgegangen und ſie folgte. Ich ſah den harten Ludwig bei der Leiche. Er weinte über derſelben wie ein Kind. Als Nina die Annäherung ihres Todes fühlte, ſchrieb ſie an Hervey folgende Worte: „Ich habe gelebt— weil du es wollteſt. Weil du mich ſegneteſt, habe ich Kraft bekommen, fern von dir Menſchen glücklich zu machen— und ich bin ſelbſt nicht unglücklich geweſen. Ich habe Mutterfreude, aber auch Mutterſchmerz empfunden. Ich ſterbe, und ich danke Gott. Wenn ich in meinem Leben dich hoͤher geliebt habe, als alles Andere, ſo wird der Allgütige mich nicht verdam⸗ men. Es war meine Kraft, es war meine Tugend. In dieſem Augenblick, wo die Welt um mich her dunkel und mein Blick trübe iſt, in dieſem Augenblick iſt meine Seele noch hell und feſt und hoffnungsvoll durch dich. O, wie ein klarer Lichtſtrahl brachſt du durch mein nebligtes Le⸗ ben und gabſt ihm Wärme und Farbe. Ach!— und ich verdunkelte das deinige;— aber es wird auch für mich die Stunde kommen, dich zu erfreuen. Höre mich! Mein Geiſt flieht... Nimm ſeinen letzten Seufzer, ſeine letzte freudige Hoffnung— hoͤre! In deiner Todesſtunde werde ich dir erſcheinen! Wenn es Abend für dich wird, wenn dein klarer Blick zu dämmern anfängt und die kühlen Nebel der Erde um dich aufſteigen— dann, dann wird es mir vergoͤnnt ſein, zu dir zu kommen und dich in jene lichtere Welt abzuholen, wohin Evla vorausgegangen, wo ſie dich kennen und lieben lernen, wo wir ewig bei⸗ ſammen ſein werden, du mein, ich dein. Ich klage nicht darüber, daß wir auf Erden getrennt wurden, ich war deiner nicht würdig. Gott wollte mich prüfen und läutern, um mich dir näher zu führen. Edla! Ich komme! Wann war ich deinem Willen ungehorſam, Evla Eduard! Geliebter! O, Gott ſegne dich und ſei mir um deinetwillen gnädig! Gott ſegne, Gott ſegne dich! Nina.“ Ein Chriſt. Der du durchſchauſt die Tiefen meines Herzens, Nimm meines Willens Opfer gnädig hin, Aus Liebe reichſt du mir den Kelch des Schmerzens, Ich trink ihn aus mit liebevollem Sinn. Vitalis. Wenn ein Herz unter der Laſt tiefer Sorgen bricht, wenn Krankheit in der Wunde, die der Schmerz geöffnet, Wurzel ſchlägt und am Leben zehrt, bis es ſtirbt— dann wird Niemand von uns ſagen, das ſorgenbeladene Herz hätte nicht brechen ſollen, die Kraft hätte ſich friſch er⸗ halten können, das Leiden hätte getragen werden müſſen; nein, wir wollen kein Wort des Tadels ausſprechen über die Hinſinkenden, die ſich nicht aufrichten— außer in der Auferſtehung jenſeits des Grabes. Aber ſchön, aber ſtärkend, aber herrlich iſt der An⸗ blick des Mannes, der den Giftpfeilen des Lebens eine muthige und geduldige Bruſt entgegenhält, der ohne Trotz und ohne Schwachheit unerſchütterlich ſeinen Weg weiter geht, der leidet und nicht klagt, deſſen liebſte Hoffnungen das Schickſal geraubt, und der doch Freude um ſich ver⸗ breitet, der nur lebt, um glücklich zu machen. Ach, wie ſchön iſt der Anblick deſſen, der ſeine Dornenkrone trägt und ſie zur Verklärung trägt! Ich habe mehr als einen ſo königlich Leidenden geſehen, und dahei immer innig empfunden;„O ich — 2 n —* 8 8— v— — M8 — möchte lieber dieſer ſein, als irgend ein bloß weltlich Glücklicher.“ Ich muß jedoch einen Unterſchied machen. Es gibt Unglücksfälle, in welchen wir eine höhere Hand, eine un⸗ abwendbare Schickung erblicken; ſie ſind wie der Donner⸗ ſchlag aus den Wolken. Es gibt auch Leiden anderer Art, die mit der Tortur unausgeſetzter Nadelſtiche verglichen werden können. Sie werden von Menſchen verurſacht und kommen am häufigſten in Familien vor, wo Gatten, Eltern und Kinder mit und für einander gleichſam nur leben, um ſich im Hauſe die ſchlimmſte aller Höllen zu ſchaffen;— da gibt es Plagegeiſter und Geplagte, von denen ſchwer zu ſagen iſt, welche am Meiſten zu beklagen ſind.— Die Unglückſeligen! Die erſte Art von Unglück iſt am Leichteſten zu ertragen. Es iſt viel, viel leichter unter Gottes, als unter der Menſchen Hand zu leiden. Der Blitz aus der Höhe gibt entweder den Tod, oder ein Licht, eine Kraft. Die Stiche von Menſchenhand verzehren die Kraft wie ein langſamer Krebs. So wird das Herz verbittert, und Bitterkeit iſt der Samum des Lebens;— wo er weht, da entſteht eine Wüſte. Doch gibt es auch hier Rettungsmittel. Es gibt eine Engels⸗ geduld, die jede verwundende Spitze abſtumpft, die den Leidenden unter der Qual ſich ſelbſt und zuletzt auch die Andern heiligen läßt. Es gibt auch einen ſokratiſchen Muth, der alle Sturzbäder Kantippes in ſtärkende Regen verwandelt;— es gibt auch einen Heldenmuth, der die Ketten bricht, die ihm zu ſchwer zu tragen ſind. Jeder ſo Gequälte prüfe ſich ſelbſt— allein er prüfe ſich vor einem höhern Auge— er wähle und laſſe ſein Herz nicht verwittern oder verbittern, denn dieß thut Niemanden gut. Betrachte dieſe Gegend, wo man ſonſt nur unfrucht⸗ bare Sümpfe und endloſe Wälder und Haiden ſah. Sie iſt nicht mehr dieſelbe. Behagliche Bauernhöfe ſind in Menge darüber zerſtreut im Thale und auf den Höhen. Das Himalayakorn wiegt ſeine langen Aehren über aus⸗ gedehnte Felder. Zahlreiche Heerden bedecken die fetten Waiden. Alles zeugt von einem angebauten Lande, wo man ſein gutes Auskommen hat, von einem Volke, das Ordnung und milde Sitten liebt. Wer hat dieß Alles bewirkt? Ein Mann, deſſen Lebensfreuden das Schick⸗ ſal zertrümmert hat, der kein Glück in der Welt kannte, außer das er Andern bereitete; Eduard Hervey hat dieß bewirkt. Aus dem Gram, der in ſein Leben griff, rettete er ſich nur durch die angeſtrengteſte Thätigkeit des Leibes und der Seele. So überwand er, und von dem Augenblick an, da er Nina todt wußte, wurde es iym leichter. Glänzend gerechtfertigt vor den Augen der Welt, wurde Hervey bald ver Gegenſtand allgemeiner und ehren⸗ der Auszeichnung. Ehre und Anſehen ſuchten ihn; allein er lehnte ſie ſchweigend ab. Sie hatten jetzt alle Macht über ſeine Seele verloren. Er blieb in dem Kreiſe, wo er bereits gekannt und geliebt war, und vollendete darin ſein begonnenes Werk. Er kultivirte die Gegend und ord⸗ nete die Geſellſchaft, die ſich unter ſeinen Augen bildete. Er gab ihr die Wurzel in Ordnung und Fleiß, er gab ihr die Krone im Lichte Gottes. Sein freunvücher Blick, ſein weiſer Rath, ſeine kräftige Hand war für Alle da. Heiter war er ſeiten, aber ruhig und klar immer; er liebte die Menſchen, er verehrte alles Gute und ſah mit Liebe auf das Schöne, was die Erde beſitzt. Sein Alter war wie ſeine Jugend. Sein Leben war ein Gottes⸗ dienſt. Und könnten wir, meine leidenden Freunde, das Leben nicht beſſer ertragen, wenn wir mit kräftigem Vor⸗ ſatz den Gedanken von dem, was uns quält, ablenkten und auf etwas Liebliches oder etwas Hohes richteten 2 Fehlt es etwa varan auf Erden 2 Ach, es gibt ſo viel Gutes, ſo viel Eoles bei den Menſchen, ſo viel Friſches in der Natur, ſo viel Ruhe bei den Büchern, ſo viele Hoffnung über den Sternen, und vor Allem ſo viel erneuernde Kraft in allem Schöpferiſchen, in allem — — 8 5 5 „ 8— 8—— „ 5¹9 Schaffenden. Wer impft einen Fruchtbanm, ohne daß er ſich für die wachſenden Zweige intereſſirt, ohne daß er gerne ſeine Frucht koſten möchte Der Leſer wird mich hier erinnern, daß ich die tiefſte, die großte, ja die einzige Quelle des Troſtes und der Freude vergeſſen habe... aber warum wiederholen, was wir Alle wohl wiſſen? neberdieß— wäre dieſe Quelle nicht— was lohnte es ſich dann, überhaupt von irgend einer zu ſprechen? Was ihnen allen Leben gibt, iſt ein Tropfen vom Ewigen. Aber die Zeit eilt. Der Tog unſerer Geſchichte neigt ſich ſeinem Ende zu. Es iſt Abend. Nebel ſteigen um Tärnas Hügel auf. Sie ſteigen auf, wie winkende, fliehende Geiſter. Sie fahren hin und ſinken und ſteigen wieder. Sie hauchen kühl und feucht über die Erde. Leiſe breiten ſie den Leichenſchleier über die Wieſe; ſie ſoll darunter ſchlafen. Wo ſie hingehen, gibt es Thränen. Der Wind ſeufzt ſterbend in den Bäu⸗ men. Es iſt Abend. Nebel ſteigen um Herveys Wohnung auf; ſie ziehen ſich dämmernd um ſeine Fenſter und verhüllen vor ihm die freundliche Erde. Sie ſcheinen ihn abholen zu wollen, und rollen mit leichten, luftigen Dunſtwagen dahin. Sie ſcheinen zu ahnen, daß ſeine letzte Stunde gekommen, daß er fertig iſt abzureiſen. Werdet ihr euch wundern, meine freundlichen Leſer, wenn diejenige, die ihrer Feder die Beſtimmung gegeben hat, euch Vergnügen zu machen, euch jetzt von Sterbe⸗ bett zu Sterbebett führt, wenn das Alltagsleben gleichſam eine Leichenproceſſion geworden iſt? Aber fürchtet euch nicht und folgt mir willig noch dieſen kurzen Weg, ihr ſollt keinem düſtern Bild mehr begegnen. Fröhliches, junges Mädchen, fürchte dich nicht! Was ich dir zeigen will, iſt nur Freude, klare, hinreißende Freude. Laß dich nicht ſtören von dem Gevanken, daß dieſe Skizze nur Fik⸗ tion ſei; ich verſichere dich, ſie iſt reine Wahr⸗ heit. Am Fenſter im bequemen Lehnſtuhl ſaß der redliche 520 Dulder, von dem unſere Geſchichte erzählt hat. An die weißen Kiſſen lehnt er ſein Haupt ſo kraftlos, aber ſo ſtille. Auf dem abgezehrten Geſicht ruht eine wunderbare Klarheit; über die himmelklare hohe Stirne fallen einige dunkle, aber grauende Locken herab. Er iſt nicht einſam. Die Mutter ruht jn der ſtillen Erde, aber Marie ſteht treu an ſeiner Seit Nur ſie will er in dieſer Stunde um ſich haben. W die Flamme des Lebens noch flackert, bevor ſie erliſcht! Sie ſinkt und ſteigt, wird trübe und wiever klar und will die Hütte nicht verlaſſen, in der ſie lange gewohnt. Hervey verſinkt zuweilen in einen Schlum⸗ mer, der einer Todesbetäubung gleicht⸗ aber er erwacht wieder, um ſeine Hände zuſammenzulegen, und mit einer Freude, die keinem irdiſchen Entzücken gleicht, zu rufen: „Ach, welche Wonne! Iſt's möglich, daß ich noch auf ver Erde lebe? Kann ſo viele Seligkeit hier Platz haben? Gott, mein Gott! Welche Himmelsluſt! Bin ich noch derſelbe? Iſt's möglich, daß Eduard Hervey auf Erden dieſe Freude empfinden kann? Jeſus! Liebreicher! Dieß iſt dein Leben. Ewige Liebe! Ja, das Maaß, das du gibſt, iſt gerüttelt voll!.„ Die Nacht geht hin, der Morgen graut. Noch weilt Hervey auf Erden, umſchmeichelt von Seligkeitslüften. Da brach ein Strahl der aufgehenden Sonne durch die Nebel und lag auf dem Geſichte des Sterbenden. Ein verklärtes Leben färbte Herveys Wange. Seine Augen ſtrahlten, er richtete ſich ſchnell auf, ſtreckte die Arme aus und rief mit einem noch nie gehorten Tone von Liebe und über⸗ irdiſcher Freude: „Nina!“ Er ſank zurück— eine Leiche. Sein Geiſt war ent⸗ ſchwunden. Sie hatte ihn abgeholt. Ende.. Un die er ſo erbare einige nſam. ſteht Stunde ackert, e und er ſie hlum⸗ wacht einer rufen: nch Plas Bin y auf icher! „das weilt De Nebel lärtes en, er d rief über⸗ ent⸗ ——