— * S=—— S—— Se— S 2 S. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdunard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih- und geſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat:— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 3— ð 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei folchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——————— ———————— & — — —— N — ——————————— — 2 c. ſ. 7 Die Uachbarn.* Skizze aus dem Alltagsleben von Friederike Bremer. ————————————— Aus dem Schweviſchen überſetzt von G. Fink. 6 Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1843. Die Nachbarn. Franziske W. an Marie M. Roſenvik den 1. Juni 18... Hier bin ich nun, meine liebe Marie, unter eige⸗ nem Dach und Fach, an meinem eigenen Schreibtiſch, bei meinem eigenen Bären.„Und wer iſt denn dieſer Bär?“ fragſt du wohl. Wer wird es anders ſein, als mein Mann? Ich nenne ihn Bär, weil— es ſich eben nicht anders trifft. Ich ſitze am Fenſter. Die Sonne geht unter. Zwei Schwanen ſchwimmen im See und durchfurchen ſeinen klaren Spiegel. Drei Kühe — meine Kühe— ſtehen am grünen Ufer, ſtill, fett, bedächtig und denken gewiß an Nichts. Wie prächtig ſie find! Jetzt kommt die Magd mit dem Schemel und dem Milcheimer. Die herrliche Milch auf dem Lande! Aber was iſt nicht gut auf dem Lande! Luft und Men⸗ ſchen, Speiſen und Gefühle, Erde und Himmel, Alles iſt da friſch und belebend. Jetzt muß ich dich in meine Wohnung führen. Nein! Ich muß weiter vorn anfan⸗ gen, oben von dem Hügel, von dem aus ich zum er⸗ ſtenmal das Thal ſah, wo Roſenvik liegt. Der Hügel liegt einige Meilen in Smaland drinnen. Siehſt du einen ſtaubbedeckten Wagen auf der Anhöhe? Darinnen ſitzt Bär und ſeine Frau. Die Frau guckt fürwitzig hinaus, denn vor ihr liegt in der Abendruhe ein gar ſchönes Thal. Da unten ſtehen grüne Haine und um⸗ ſchließen klare See'n; Saatfelder ziehen ſich in ſeidenen Wogen um graue Berge und zwiſchen den Bäumen ſchimmern freunvliche weiße Gebäude hervor⸗ Rund umher von den waldbewachſenen Höhen ſteigen Rauch⸗ ſäulen gerade binauf an den klaren Abendhimmel. Es ſieht aus, wie Vulkane, iſt aber bloß friedliches Schwen⸗ deland. Gleichviel; es iſt ſchön und ich bin entzückt, neige mich vor, denke Etwas von einer glücklichen Na⸗ turfamilie, vom Paradies, von Adam und Eva, als auf einmal Bär ſeine großen Tatzen um mich legt und mich dergeſtalt preßt, daß ich nahe daran bin, den Geiſt aufzugeben, während er mich küßt und bittet, es mir hier wohl gefallen zu laſſen. Ich war ein wenig böſe; als ich aber die Herzensmeinung in dieſer Umarmung ſah, mußte ich mich zufrieden geben. Hier im Thal war alfo meine künftige Heimath; hier lebte meine neue Familie; hier lag Roſenvik; hier ſollte ich mit meinem Bären leben. Wir kamen den Hügel herab und der Wagen rollte raſch auf der ebenen Straße weiter. Bär nannie mir die verſchiedenen Güter, die wir in der Nähe und Ferne ſahen. Ich hörte ihn wie im Traume an, wurde aber plötzlich aus meinen Gedanken erweckt, als Bär mit einem gewiſſen Accente ſagte:„Hier wohnt ma chéère mére!“ und der Wagen in einen Hof hineinfuhr, allwo er vor einem großen, ſchönen, ſteinernen Hauſe ſtehen blieb.„Was? Werden wir hier ausſteigen?“—„Ja, mein Schatz.⸗ Dieß war für mich eine keineswegs angenehme Ueberraſchung. Ich wäre gerne zuerſt in mein eigenes Haus gefah⸗ ren und hälte mich dort auf die Zuſammenkunft mit der Stiefmutter meines Mannes etwas vorbereitet, vor der mir nach allerhand Erzählungen, die mir zu Ohren gekommen waren und nach dem Reſpekt, den, ——.—————— — 7 wie ich wußte, Bär vor ihr hatte, ein Bischen bange war. Dieſer Beſuch ſchien mir ganz mal à propos⸗ allein Bär hatte ſeine eigenen Ideen und ich ſah ihm an, daß es jetzt nutzlos ſein würde, mich dagegen zu ſträuben. Es war Sonntag, und als der Wagen anhielt, hörte ich die Muſik einer Geige.„Aha!“ ſagte Bär,„um ſo beſſer!“ Er hüpfte ſchwerfällig aus dem Wagen und hob mich heraus. An Schachteln und Pakete war nicht zu denken. Bär nahm mich bei der Hand, führte mich die Treppe hinauf in den prächtigen Vorſaal und zog mich nach der Thüre, von wo man Muſik und Tanz hörte.„Sieh da!“ vachte ich,„nun ſoll ich wohl gar in dieſem Aufzuge tanzen.“ Ich wollte irgendwo hin⸗ eingehen, wo ich den Staub von Naſe und Hut ab⸗ waſchen und mich wenigſtens im Spiegel ſehen könnte. Unmöglich! Bär, der mich fortwährend am Arm führte, verſicherte mich, ich ſehe allerliebſt aus und ſagte, ich fönnte mich ja in ſeinen Augen ſpiegeln. Ich mußte ſo unhöflich ſein, ihm zu ſagen, daß ſie zu klein ſeien. Er verſicherte, ſie ſeien dafür um ſo klarer und öffnete die Thüre in den Ballſaal. In einer Art luſtiger Ver⸗ zweiflung ſagte ich zu ihm:„Nun, da du mich auf den Ball führſt, ſo ſollſt du auch mit mir tanzen, du Bär!“ —„Von Herzen gern!“ ſchrie Bär, und in demſelben Augenblick waren wir im Saal. Mein Schrecken verminderte ſich bald, als ich in dem großen Zimmer bloß eine Menge geputzte Mägde und Knechte erblickte, die ſich luſtig mit einander herum⸗ ſchwangen. Sie waren von ihrem Tanze ſo in Anſpruch genommen, daß ſie uns kaum bemerkten. Bär führte mich an's obere Ende des Zimmers und dort ſah ich, auf einem hohen Sitze thronend, ein ſehr großes und ſtarkes Frauenzimmer von etwa fünfzig Jahren, das mit einem gewiſſen Ernſt und Eifer auf einer großen Vio⸗ line ſpielte und kräftig den Takt dazu ſtampfte. Auf dem Kopf hatte ſie eine ganz eigenthümliche hohe Mütze von ſchwarzem Sammt, die ich Helm nennen will, weil mir im Augenblick kein anderes Wort einfiel und ich auch jetzt noch kein beſſeres weiß. Sie ſah gut, aber ſonderbar aus. Dieß war die Generalin Mansfelt, die Stiefmutter meines Mannes und ma chéère mére. Sie warf bald ihre großen dunkelbraunen Augen auf uns, hörte ſogleich auf zu ſpielen, legte Geige und Bogen weg und ſtand mit ſtolzer Haltung, aber fröhlicher und offener Miene auf. Bär führte mich vor. Ich zitterte ein wenig, verneigte mich tief und küßte ma chère mère die Hand. Sie küßte mich auf die Stirne und ſah mich eine Weile ſo ſcharf an, daß ich die Augen niederſchlagen mußte, worauf ſie mich auf's Neue ſehr herzlich auf Mund und Stirne küßte und faſt eben ſo derb, als Bär ſelbſt umarmte. Jetzt kam die Reihe an Bär; er küßte ehrfurchtsvoll ma chére mére's Hand, ſie reichte ihm die Wange hin und Beide ſahen recht freundlich aus.„Seid willkommen, meine lieben Freunde!“ ſagte ma chére mère mit lauter, männlicher Stimme,„das iſt ſchön von euch, daß ihr zu mir kommt, ehe ihr in euer Haus ginget. Ich danke euch dafür. Ich hätte euch wohl beſſer empfangen, wenn ich Nachrichten gehabt hätte, jedenfalls aber weiß ich, daß „Willkommen“ das beſte Gericht iſt. Ich hoffe, meine Freunde, daß ihr zum Nachteſſen dableibt.“ Bär entſchuldigte uns und ſagte: wir wünſchen bald nach Hauſe zu kommen, ich ſei müde von der Reiſe, indeß haben wir nicht an Carlsfors vorbeifahren wollen, ohne ma chére möre unſere Ehrfurcht zu bezeugen. „Das iſt ſchön,“ ſagte ma chère méère vergnügt; „wir wollen ſogleich drinnen weiter davon ſprechen, aber vorerſt muß ich mit den Leuten hier ein paar Wörtchen reden.„Hört mich an, gute Freunde!“ Und ma chére möère klopfte mit dem Bogen auf den Rücken der Geige, bis eine allgemeine Stille im Saale entſtand.„Meine Kinder!“ fuhr ſie feierlich fort,„ich habe euch zu ſagen — zum Henker! willſt du ſtill ſein dort?— Ich habe ————————— —————„———„—— n———— S——— euch zu ſagen, daß mein lieber Sohn Lars Anders Werner jetzt dieſe Franziska Buren, die ihr hier an ſeiner Seite ſeht, als Frau heimführt. Die Ehen wer⸗ den im Himmel geſchloſſen, meine Kinder, und wir wollen den Himmel bitten, ſein Werk an dieſem Paare zu ſegnen. Wir wollen heute Abend Alle mit einander ein Glas auf ihre Geſundheit trinken. So, jetzt könnt ihr weiter tanzen, Kinder. Olof! komm her, nimm die Geige und ſpiele ſo gut du kannſt.“ Während die Verſammlung jubelnd Glück wünſchte, nahm ma chére mère mich bei der Hand und fübrte mich nebſt Bär in ein anderes Zimmer. Hier befahl ſie Punſch und Gläſer. Dabei ſtemmte ſie beide Ellen⸗ bogen auf den Tiſch, hielt die geballten Fäuſte unter das Kinn und ſah mich mit einem mehr düſtern als freundlichen Blicke ſtarr an. Bär, der ſah, daß dieſe Muſterung mich in Verlegenheit brachte, fing an, von der Erndte und ſonſtigen ländlichen Angelegenheiten zu ſprechen. Ma chére mére ſeufzte ein paar Mal ſo tief, daß es einem Stöhnen glich, worauf ſie ſich Gewalt anzuthun ſchien, Bär's Fragen beantwortete, und als der Punſch kam, uns zutrank, indem ſie mit ernſtem Blick und Ton ſagte:„Sohn und Söhnerin, eure Ge⸗ ſundheit!“ Sodann wurde ſie freundlicher und ſagte in einem ſcherzenden Ton, der ihr ſehr gut ſtand:„Lars Anders, ich glaube nicht, daß man ſagen kann, du habeſt eine Katze im Sack gekauft. Deine Frau ſieht gar nicht übel aus und hat ein paar Augen, mit denen man Fiſche fangen könnte. Klein iſt ſie, ſehr klein, das iſt wahr, aber klein und keck ſticht oft den Großen weg!“ Ich lachte, ma chère mére auch; ich fing an, mich in ihre Art und Weiſe zu finden. Wir plauderten eine Weile munter mit einander und ich erzählte einige kleine Reiſeabenteuer, die ma chère meére ſehr beluſtig⸗ ten. Nach einer Stunde ſtanden wir auf, um Abſchied zu nehmen und ma chéère mére ſagte mit einem ſehr 10 gütigen Lächeln:„Ich will euch heute Abend nicht auf⸗ halten, ſo lieb es mir iſt, euch zu ſehen. Ich kann mir wohl denken, daß es euch nach Hauſe zieht. Bleibt morgen daheim, wenn ihr wollt, aber übermorgen kom⸗ met und eſſet mit mir zu Mittag. Im Uebrigen wißt ihr wohl, daß ihr jederzeit willkommen ſeid. Füllet jetzt eure Gläſer, kommet und trinket den Leuten zu. Den Kummer mag man für ſich behalten, die Freude aber ſoll man gemeinſchaftlich genießen.“ Wir gingen mit gefüllten Gläſern und ma cheère möre als Herold in den Tanzſaal. Man erwartete uns gleichfalls mit gefüllten Gläſern und ma chére mére hielt folgende Anrede an ihre Leute:„Man ſoll nicht Juchhe rufen, ehe man über den Bach iſt, aber wenn man ſich mit Gottesfurcht und Klugheit in das Fahr⸗ zeug der Ehe geſetzt hat, ſo gilt das Sprüchwort: Gut begonnen iſt halb gewonnen, und darauf, meine Freunde, wollen wir dieſem Ehepaar, das ihr vor euch ſeht, eine Geſundheit zutrinken und wünſchen, daß ſie beide, ſo wie ihre Nachkommen, jederzeit im Kohlgarten unſeres Herrn ſitzen mögen. Proſit!“ „Proſit, Proſit!“ ertönte es von allen Seiten; Bär und ich leerten unſere Gläſer, dann gingen wir herum und ſchüttelten eine Menge Leute die Hände, bis es mir ganz ſchwindlich im Kopfe wurde. Als die⸗ ſes vorbei und wir reiſefertig waren, kam uns ma chére mère mit einem Paket in der Hand auf die Treppe nach und ſagte freundlich:„Nehmet dieſen Kalbsbraten da auf Morgen zum Frühſtück mit, Kinder. Später könnt ihr eure eigenen Kälber mäſten und eſſen. Aber bedenke Sie wohl, Tochter, daß ich meine Serviette wiever haben will. Nein, Sie ſoll es nicht tragen, liebe Freundin, Sie hat genug mit Ihrem Beutel und Ihrem Mantel zu thun. Lars Anders ſoll den Kalbsbraten tragen.“ Und ſie legte ihm, wie einem kleinen Knaben, das Päckchen auf den Arm, zeigte ihm, wie er es tra⸗ gen ſolle, und Bär— that, wie ſie ſagte. Ihre letzten ——üz——‧——— c— 8 8 8 8 —— e— 11 Worte waren:„Vergeſſe Sie nicht, daß ich meine Ser⸗ viette wieder bekomme. Ich ſah Bär etwas verwundert anz er lächelte und hob mich in den Wagen. Jetzt war es mir recht angenehm, die Bekanntſchaft ma chère mère's ſo aus dem Stegreif gemacht zu haben. Ich fühlte, daß wenn dieß etwas vorbereiteter und feierlicher geſchehen wäre, ihre Haltung und ihr Blick nieder⸗ drückend auf mich gewirkt haben würden. Recht froh war ich über den Kalbsbraten, denn ich wußte nicht, wie es mit den Vorrathskammern in Roſenvik ausſah. Auch freute ich mich ſehr, endlich nach Hauſe zu kommen und das Geſicht einer Magd und ein gemachtes Bett anzutreffen, denn wir hatten an dieſem Tage zehn Meilen gemacht und ich war ſehr müde. Ich ſchlummerte ein wenig während der Vier⸗ telmeile von Carlsfors nach Roſenvik. Es war Abends 11 Uhr, als wir ankamen, und ſo dunkel, daß ich nicht ſehen konnte, wie mein Eden ausſah. Das Haus ſchien mir etwas grau und etwas klein im Vergleich mit dem, von welchem wir ſo eben kamen. Das machte indeß Nichts; Bär war ſo herzlich gut und ich ſo herzlich ſchläfrig. Auf einmal wurde ich ganz wach, denn es ging mir, wie es in den Feenmährchen zu gehen pflegt. Ich trat in ein ſchönes, wohlbeleuchtetes Zimmer und erblickte mitten in demſelben einen gedeckten Theetiſch, ſchimmernd von Silber und Porzellan, und an demſelben ein allerliebſtes kleines Dienſtmädchen in der ſchönen Feiertracht, wie ſie den Bauernmädchen in dieſer Gegend eigen iſt. Ich that einen Ruf des Entzückens und aller Schlaf fuhr mir aus dem Leibe. Binnen einer Viertel⸗ ſtunde ſaß ich, wie es ſich gebührt, als die Wirthin am Theetiſch, bewunderte den ſchönen Teppich, die Theekanne, die Taſſen, die Theelöffel, auf denen ich die Anfangsbuchſtaben zu Bär's und meinem Namen las, und fervirte meinem Bären, der herzinniglich ver⸗ gnügt ſchien, Thee. Und es ward aus Abend und Morgen der erſte Tag. ———————— ————— 2 3 12 Als ich am Morgen meine Augen aufſchlug, ſah. ich, daß mein Adam bereits hell wachte und ſeinen Blick do mit einem gewiſſen andächtigen Ausdruck nach dem Fen⸗ ſter richtete, wo ein Sonnenſtrahl durch eine Oeffnung in den blaugeſtreiften Rouleauxr ſeinen Einzug hielt. Eine Katze miaute.*. „Mein geliebter Gemahl!“ begann ich feierlich,„ich kö danke dir für die ſchöne Muſik, die du zu meinem Will⸗ komm beſtellt haſt. Vermuthlich haſt du auch eine Schaar m weißgekleidete junge Landmädchen beordert, um Tannen⸗ reis vor meine Füße zu ſtrenen. Ich werde bald bereit ſein, ſie zu empfangen. ur „Ich habe etwas Beſſeres beſtellt, als dieſen alt⸗ de modiſchen Aufzug,“ ſagte Bär munter.„Gemeinſchaft⸗ ſo lich mit einem großen Künſtler habe ich ein Panorama angeordnet, das dir zeigen ſoll, wie es ausſieht im ich wüſten Arabien. Du brauchſt bloß dieſe Gardine auf⸗ ſ⸗ zuziehen.“ Du kannſt dir vorſtellen, daß ich bald am Fenſter war und mit heimlichem Schreck den Vorhang aufzog. ſo Ach, Marie, da lag im Morgenglanz ein ſpiegelklarer See vor mir, rings herum grüne Wieſen und Haine und mitten im See ein Inſelchen mit einer hohen Eiche darauf, und die Sonne ſchien klar über dieſes Alles. bö Alles war ſo ruhig, ſo paradieſiſch ſchön! Ich ward P von dieſem Anblick ſo dahingeriſſen, daß ich im Anfang D kein Wort ſagen konnte. Ich legte bloß meine Hände Le zuſammen und Thränen füllten meine Augen. V „Werde glücklich hier!“ flüſterte Bär und ſchloß de mich an ſein Herz. de „Ich bin glücklich... zu glücklich;“ ſagte ich tief de gerührt und dankbar. be „Siehſt du die Inſel— die kleine Schwaneninſel? R Dorthin werde ich dich Sommers oſt rudern. Wir wer⸗ 3 den unſer Abendbrod mitnebmen und es dort verzehren.“ e „Warum nicht das Frühſtück?“ rief ich plötzlich begeiſtert aus.„Warum trinken wir nicht gleich heute —zͤ——————— —— 8 —— — 13 — in dieſer ſo ſchönen Morgenſtunde— unſern Kaffee dort? Ich will ſogleich..“ „Nein, Morgens nicht,“ ſagte Bär zu meinem Eifer lächelnd.„Da muß ich in die Stadt und nach meinen Patienten ſehen.“ „Ach, daß die Leute ſich auch nicht geſund halten können!“ rief ich verdrießlich. „Und was ſollte dann ich anfangen?“ ſagte Bär mit komiſchem Schreck. „Mit mir auf die Schwaneninſel fahren!“ „Ich komme um drei Uhr zum Mittageſſen zurück und auf den Abend können.... wir das verdammte Loch d oben! Ich hätte nicht geglaubt, daß die Vorhänge o zerl „Das Loch ſoll bleiben, ſo lange ich da bin!“ rief ich eifrig.„Ich werde nie vergeſſen, daß ich durch die⸗ ſes zum erſtenmal die Sonne auf Roſenvik ſah. Aber ſage mir, was iſt das für eine alte Feſte dort, die ſo grau über den See herüber ſchimmert— wo der Wald ſo ſchwarz iſt?“ „Das iſt Ramm. Ein großes Herrengut.“ „Und wer wohnt dort?“ „Gegenwärtig Niemand. Vor fünfzehn Jahren ge⸗ hörte es ma chére mére; allein ſie befand ſich nicht gut dort, zog daher nach Carlsfors und verkauſte Ramm. Das Gut wurde von Bauern gekauft, die zwar das Land anbauen, das ſchöne Haus und den Park aber in Verfall gerathen laſſen. Jetzt ſagt man, dieſe ſeien für den Sommer von einem Ausländer gemiethet, der in der Gegend jagen wolle. Er hat ſchöne Gelegenheit dazu im Walde ſelbſt, der über eine Meile im Umkreis hat und wo das Wild ſich ſchon lange in ungeſtörter Ruhe vermehren durfte. Wir werden uns von Zeit zu Zeit dort umſeben. Aber jetzt, mein liebes Weibchen, muß ich mein Frühſtück haben und dir dann auf einige Stunden Lebewohl ſagen.“ Als der Kaffe getrunken war und Bär in ſeinem 14 Cabriolet ſaß, fing ich an, mich in meiner kleinen Welt zu orientiren. Doch von Haus und Umgebung ſpäter; zuerſt muß ich vom Herrn des Hauſes ſprechen; denn du kennſt ja meinen Bären noch nicht, Marie. Ich habe deinen Brief vor mir liegen, deinen lieben Brief, den ich einige Tage nach meiner Hochzeit erhielt. Meinen beſten Dank, gute, geliebte Marie, für alle herzlichen Worte und weiſen Rathſchläge! Sie ſind wohlverwahrt an einem Orte, wo ſie nicht vergeſſen werden ſollen. Und jetzt zu deinen Fragen, die ich recht ordentlich zu beantworten ſuchen will. Vor Allem zu Bär. Hier haſt du ſein Portrait. Mittlerer Größe, jedoch keineswegs zu klein— gar nicht unangenehm— dick und breit. Schöne, hellgelockte Perücke, von unſers Herrgotts eige⸗ ner Hand gemacht. Großes Geſicht, couleur de rose, blonde Augenwimpern und kleine hellgraue Augen, mit einem gewiſſen durchdringenden Blick, unter tüchtigen Büſchen graugelber Augenbraunen. Naſe hübſch, wie⸗ wohl etwas dick. Mund groß und mit guten, aber— o Herzeleid! vom Rauch gebräunten Zähnen verſehen; große Tatzen, übrigens ſchön geformt und gut gepflegt; große Füße; bärenartiger Gang— trotz all dem aber bekommſt du noch keinen rechten Begriff von ſeinem Aus⸗ ſehen, wenn du nicht den guten, offenen, freundlichen Ausdruck ſeines Geſichtes ſiehſt, der gleich auf den er⸗ ſten Blick ein frohes Vertrauen einflößt. Es ſpricht, wenn der Mund ſchweigt, was ſeine Gewohnheit iſt. Die Stirne iſt klar, die Haltung des Kopfes, ſo wie man es ſich bei einem Aſtronomen denkt, die Stimme ein grober Baß, der ſich im Geſang gar nicht übel aus⸗ nimmt. Da haſt du Bär's Aeußeres; das Innere— beſte Marie, muß ich ſelbſt noch ſtudiren. Seit zwei Monaten Braut, ſeit 14 Tagen Frau, habe ich bei einem Manne, der ſehr wenig Worte macht, und den ich nicht über ein halb Jahr kannte, noch nicht ganz auf den Grund kommen können. Indeß hoffe und glaube ich alles Gute⸗ ————„——.— ——„—„——.— ————-—.— us⸗ wei em auf ube 15 Du fragſt, ob ich Liebe, wirkliche Liebe für ihn habe, und gibſt mir halb im Ernſt, halb im Scherz höchſt wunderliche Zeichen an, worin ich dieß prüfen könne. „Ob ich eine unerträgliche Leere empfinde, wenn er fort iſt? Ob ich, wie Frau L., bleich und befangen werde, wenn er in eine Geſellſchaft komme, in der ich mich vorher befinde? Ob er irgend einen Fehler, irgend eine Untugend habe, die mir bei einem Andern unangenehm wäre, bei ihm aber gefalle?“ Nein, Marie, von all dieſen Empfindungen weiß ich Nichts. Liebe Marie„ſiehſt du— er gefiel mir, ich fand ihn angenehm, ſonſt hätte ich ihn nicht geheirathet; aber Liebe hm Zuerſt und vor Allem iſt er weit älter als ich. Er iſt nahe an den Fünfzigen und ich habe noch drei Jahre zu dreißig. Dann iſt er lange Junggeſell geweſen; er hat ſeine guten und üblen Ge⸗ wohnheiten und letztere finde ich ganz und gar nicht ſchön. Indeß ſollen ſie unſer häusliches Glück nicht ſtören, das habe ich mir vorgenommen. An einige von ihnen werde ich mich gewöhnen, andere aber werde ich ibm abgewöhnen. Zum Betſpiel erſtens hat er die Gewohnheit, überall hinzuſpucken, ſowohl auf ſchöne Tep⸗ piche, als auf den grauen Boden. Das ſoll er ſich ab⸗ gewöhnen, aber er ſoll in alle Zimmer Spucknäpfe be⸗ kommen. Zweitens raucht er viel Tabak. Daran werde ich mich gewöhnén, denn ich weiß, wie nothwendig und lieb die Pfeife demjenigen iſt, der ſie lange als Geſellſchafterin auf dem Lebenswege gehabt hat. Uebri⸗ gens wollen wir einen Contract folgenden Inhalts mit einander abſchließen; ich werde gerne die brennende Pfeife ſehen, aber nur ſelten im Geſellſchaftszimmer und nie⸗ mals im Schlafzimmer. Bär kann ja auf ſeiner eige⸗ nen Stube und im Saale nach Herzensluſt dampfen. Drittens hat Bär die wunderliche Gewohnheit, wäh⸗ rend er ſchweigt, die furchtbarſten Grimaſſen theils zu ſeinen eigenen Gedanken, theils zu den Worten Anderer zu ſchneiden. Auch in dieſer Beziehung werden wir 3 5 3 5 8* meine Brüder und führte Wohlſtand in das früher ſo arme Haus. Sollte ich ihn nicht lieben und nach beſten Kräften glücklich zu machen ſuchen? Ach ja, das will, das werde ich; bei ſeinen Tugenden und ſeinen Un⸗ tugenden, im Scherz und im Ernſt, im Guten und im Böſen will ich ihn glücklich machen, und eine Stimme in mir ſagt, daß es mir gelingen wird. Dienſiag Morgen den 3. Juni. Wir arme Menſchen! was ſind unſere guten Vor⸗ ſätze, wenn wir nicht Macht über uns ſelbſt haben? Vor⸗ geſtern ſaß ich da und rühmte mich, wie glücklich ich meinen Mann machen wolle; geſtern zu meiner eigenen Strafe will ich Dir Alles erzäblen. Ich verſetze mich in den vorgeſtrigen Abend zurück, wo ich mit mir ſelbſt ſo zufrieden war. Bär war damals auf einem Krankenbeſuch in der Nachbarſchaft und ich ſchrieb; als er zurückkam, ſchrieb ich nicht mehr, ſondern unterhielt mich mit ihm in Ernſt und Scherz; wir trafen ver⸗ ſchiedene kleine häusliche Anordnungen, und in Ernſt und Scherz wurde der Contract während des Rauchens aufgeſetzt und unterſchrieben; ſo weit ging Alles gut und ſo ging der Tag zu Ende. Am andern Tag, alſo geſtern, ſollten wir bei ma chère mére zu Mittag eſſen. Ich hatte ein wenig Kopf⸗ weh und wie ich auch die Haube ſetzte und die Locken ordnete, ſie paßten nicht, und es kam mir vor, als ſähe ich alt und zuſammengefallen aus. Bär dachte, glaubte ich, auch ſo, wiewohl er mich anſah, ohne ein Wort zu ſprechen. Dieß machte mich muthlos; ich fürchtete, ma chère meère nicht gefallen zu können, und doch wußte ich wohl, wie ſehr Bär dieß wünſchte. Das Wetter war unangenehm und kalt, ich hatte eine gewaltige Luſt, daheim zu bleiben. Als ich aber nur eine kleine An⸗ ſpielung in dieſer Richtung machte, ſchnitt Bär eine ſo ſchreckliche Grimaſſe, daß ich ſogleich von allen Ver⸗ ſuchen abſtand. Ich war überdieß mehr mißgelaunt, Bremer, die Nachbarn. 2 ——— als unwohl. Wir fuhren unter einem Staubregen mit aufgeſpanntem Schirm im Cabriolet. Ma chère mére empfing uns freundlich, ſchien in⸗ deſſen nicht in der roſenfarbenſten Laune zu ſein. Es waren Fremde beim Eſſen: einige alte Herrn und Damen, die mir äußerſt ſchwerfällig vorkamen. Das Eſſen war prächtig, allein ich vermochte Nichts zu genießen. Gleich nach dem Kaffee ging Bär mit den Herren in's Billardzimmer. Ich blieb zurück bei ma chére mèére, den alten Damen, die meiſtens unter ſich ſprachen und einem gewiſſen Landrichter Hök, einem vieljährigen alten Freund von ma chère mére, der neben ihr ſaß und ſchnupfte. Ma chère mére ſchwieg, legte patience und fah ernſt aus. Ich ſprach hie und da ein Wort, wurde aber immer ſchweigſamer, denn der Kopf that mir weh, der Regen ſchlug an die Fenſter und die Wahrheit zu ſagen, ich war mißvergnügt über Bär, der nach meiner Anſicht in dem langen Nachmittag wohl ein wenig nach ſeinem Weibchen hätte ſehen können, und ſich nicht ganz und gar ſeinen alten garſtigen Junggeſellengewohnheiten, dem Billardſpielen, dem Rauchen und Trinken hätte überlaſſen ſollen. In dieſer trüben Stimmung ver⸗ ging der Nachmittag. Um die Theezeit bat mich ma chère mère, ein Bischen Muſik zu machen. Ich ſetzte mich an's Klavier, präludirte und fing an das ſchöne Lied von der Jugend zu ſingen. Allein Hitze, Kopfweh und Mißmuth hatten mich gänzlich verſtimmt. Ich ſang zuerſt zitternd, dann falſch, endlich verlor ich ganz und gar das Concept bei einem Stücke, das ich ſchon hun⸗ dertmal geſungen hatte. Es war todesſtill im Zimmer, und ich ſtand im Begriff zu weinen, doch wollte ich in meinem Alter nicht ſo kindiſch erſcheinen. Ich griff ein paar Schlußakkorde und verließ das Piano mit einer Entſchuldigung und ein paar Worten über mein Kopf⸗ weh. Jetzt erwies ſich ma chére mère herzlich gut gegen mich, faß zu mir auf den Sopha, ließ mir eine große Taſſe ſtarken Thee geben und mich ganz, nit in⸗ Es en, ar ren re, ind ten ind und rde eh zu ner anz en, itte er⸗ mä tzte öne veh ang und un⸗ ier, in ein ner opf⸗ gen oße nz, 19 wie man ein krankes Kind behandelt. Ich war aber in der unglückſeligſten Stimmung, denn auch dieß, ſo⸗ wie die Artigkeit des guten Landrichters Hök, war mir unbehaglich. Es erſchien mir als eine Vollendung der jämmerlichen Rolle, die ich den ganzen Tag geſpielt, und ich dachte, ma chère mére werde in ihrem Innern die Wahl ihres Sohnes höchlich mißbilligen, der eine alte und zugleich kindiſche, alberne und kränkliche Perſon heimgeführt habe. Ich war recht unglücklich. Endlich kam Bär und wir fuhren nach Hauſe. Das Wetter war ſchön geworden und der Thee hatte meinem Kopfe gut gethan, allein das Böſe hatte ſich mir in die Seele geſetzt. Ich war verdrießlich über mich ſelbſt, über Bär, über die ganze Welt. Bär ſaß den ganzen Weg über ſchweigend da und bekümmerte ſich nicht im Min⸗ deſten um mein Kopfweh. Er fragte:„Wie geht's?“ Ich antwortete:„Beſſer,“ und dieß war Alles, was wir unterwegs ſprachen. Als wir nach Hauſe kamen, hatte ich mich ein wenig in der Küche umzuſehen, und als ich wieder in's Zimmer trat, ſiehe, da hatte ſich Bär auf dem Sopha aufgepflanzt, blies in langen Wirbeln Tabaksrauch vor ſich her und las die Zeitung. Er hatte juſt nicht den günſtigſten Augenblick ſür ſeinen Contractsbruch gewählt. Ich ſchlug jetzt Lärm zwar in einem muntern Tone, aber im Grunde doch ärgerlich. Ich hatte eine Art böſe Luſt, Bär die lange Weile, die ich ausgeſtanden, entgelten zu laſſen. Bär rief munter: Pardon! wollte aber gleichwohl mit ſeiner Pſeife ſitzen bleiben. Das wollte ich nicht zugeben, und erklärte, der alte Jung⸗ geſell habe den ganzen Nachmittag frei genug graſſiren können. Bär bat bloß für dießmal um Pfeifenfrieden im Wohnzimmer, allein ich wollte von keiner Unter⸗ handlung wiſſen, ſondern drohte, wenn die Pfeife nicht fogleich weggelegt werde, ſo ſetze ich mich den ganzen Abend hinaus in den Saal. Bär hatte im Anfang ſcherzend um Ruhe gebeten; jetzt wurde er ernſthafter: er bat mich innig, herzlich, bat mich„ihm zu Liebe.“ Ich ſah, daß er mich prüfen wollte, ſah, daß er wirk⸗ lich von Herzen wünſchte, ich möchte dießmal nachgeben, und ich— garſtiges Geſchöpf— that es nicht; ich be⸗ harrte entſchieden, wiewohl in einem heitern Tone, auf meinem Vorſatz und nahm endlich meine Arbeit, um zu gehen. Da legte Bär ſeine Pfeife weg. Wäre er nur böſe und ſchnauzig geweſen, ja wäre er mit der Pfeife im Mund, ſtolz wie ein Nabob, hinausmarſchirt, hätte die Thüre hinter ſich zugeſchlagen, und ſich den ganzen Abend nicht mehr ſehen laſſen, dann wäre für mich noch ein Aufkommen, ein Troſt, die Rechnung wäre mir be⸗ zahlt geweſen und ich hätte die fatale Geſchichte auf ſich beruhen laſſen können. Allein er that Nichts von all dem. Er legte die Pfeife weg und blieb ſchweigend ſitzen, ich aber bekam ſogleich Gewiſſensbiſſe. Er machte auch keine Grimaſſen, ſondern ſah mit einer gewiſſen ernſthaften ſtillen Miene in die Zeitung hinein, ſo daß es mir zu Herzen ging. Ich bat ihn, laut zu leſen: er that es, allein es war Etwas in ſeiner Stimme, was ich unmöglich anhören konnte. In einer Art erſtickender Erbitterung über mich ſelbſt, wurde ich noch tyranniſcher gegen ihn. Ich riß ihm das Blatt aus der Hand— es ſollte Scherz ſein, verſtehſt du— und ſagte, ich wolle es ſelbſt leſen. Er ſah mich an und ließ mich gewähren. Ich begann jetzt in einem kräftigen und heitern Tone eine Debatte im engliſchen Unterhaus vor⸗ zuleſen; allein lange hielt ich es nicht aus, ich brach in Thränen aus, ſchlich mich zu Bär hin, nahm ihn um den Hals und bat ihn mir meine üble Laune und Ab⸗ geſchmacktheit zu verzeihen. Ohne zu antworten, hielt er mich bloß ſtille an ſich gedrückt, ſo zärtlich, ſo ver⸗ zeihend. Ich ſah ein paar Thränen ganz langſam über ſeine Wangen herabfließen. So habe ich Bär nie ge⸗ liebt, wie in dieſem Augenblick; in dieſem Augenblick fühlte ich wirkliche Liebe für ihn. Ich wollte eine kleine Erklärung beginnen, allein Bär hielt mir den Mund n.„„ „—, 21 zu. Jetzt bat ich ihn, wenn er mich lieb habe, ſeine Pfeife auf's Neue anzuzünden und hier an meiner Seite auszurauchen. Er wollte nicht, aber ich bat ſo lange und innig, bat es mir als ein Zeichen ſeiner Verzeihung aus, daß er es endlich that. Ich hielt meine Naſe ſo⸗ viel als möglich im Rauche. Es war für mich der Opferduft der Verſöhnung. Einmal war ich nahe daran zu huſten, allein ich verwandelte es in einen Seufzer und ſagte:„Ach, mein Bär, deine Frau wäre nicht ſo garſtig geweſen, wenn du ſie nicht den ganzen Tag ver⸗ geſſen hätteſt. Sie verlor die Geduld aus Sehnſucht nach dir.“ Bär nahm die Pfeife aus dem Mund, ſah mich freundlich, aber halb vorwurfsvoll an und ſagte: „Ich hatte dich nicht vergeſſen, Fanny, ſondern ich war an einem ſchmerzvollen Todtenbette im nächſten Bauern⸗ hofe. Dieß hinderte mich, bei dir zu ſein.“ Ich hielt die Hände vor's Geſicht und ſchämte mich in die Seele binein. Ich, die ein ſo ſchlechtes und falſches Miß⸗ trauen gegen ihn hegte und mich in der Thorheit ge⸗ rächt hatte— ich Unwürdige! Ich, die ich meinen Bär ſo glücklich machen ſollte— welche ſüße Erquickung hatte ich jetzt dem müden und betrübten Manne bereitet? Der Gedanke an meine Abgeſchmacktheit quält mich noch in dieſem Augenblicke und mein einziger Troſt iſt das Bewußtſein, daß Bär und ich einander nach dieſer Scene noch inniger lieben als vorher. Geliebter, guter Bär! Ehe ich dir wieder einen verdrießlichen Augenblick verurſache, magſt du alle Tage im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, ja im Bette ſelbſt, wenn du willſt, rau⸗ chen. Doch bitte ich zu Goit, daß dich dieſe Luſt nicht anwandeln möge. Und jetzt kehre ich zu deinem Brief zurück und zu der Frage, ob ich dir als verheirathet eben ſo gern und eben ſo offenherzig ſchreiben werde, wie in meinem ledigen Stande? Ja, meine Marie, du darfſt es überzeugt ſein, und ich kann ſchon nicht anders. Es ſind ſieben Jahre, daß ich dich kennen lernte, und von dieſem Augenblick an warſt Du mein Gewiſſen, mein beſſeres Ich. Du warſt der reine Spiegel, worin ich mich ſo erblickte, wie ich war; du warſt jederzeit aufrichtig, wiewohl gütig gegen mich und obgleich ſeit zwei Jahren durchs Meer von mir getrennt, biſt du immer dieſelbe geblieben. O bleibe es doch, Marie! Ich fürchte ſonſt mich ſelbſt zu verlieren. Unter deinen Augen und mit deiner Hülfe wurde ich erſt ein wahrer Menſch; unter deinen Augen und mit deinem Rath will ich mich auch zu einer guten Gattin ausbilden. Es iſt mir ein ſo freundlicher Gedanke, es macht mein Leben reicher, es vor dir und ſo zu ſagen mit dir leben u dürfen, obgleich Länder und Meere uns trennen. eberdieß gehört Bär nicht zu den Männern, die auf die Freunde oder Freundinnen ihrer Frauen eiferſüchtig ſind; er meint nicht, daß man einem Freunde entſagen müſſe, wenn man einmal einen Mann oder eine Frau habe. Bär will Nichts, was das Herz verengt, er iſt zu gut, zu geſcheidt dazu. Ich glaube, daß er gerne die Worte eines geliebten Lehrers, der mich in der Re⸗ ligion unterrichtete, unterſchreiben wird:„Es verhält ſich mit dem Herzen, wie mit dem Himmel; je mehr Engel, je mehr Raum.“ Ah! Sieh da mein Bär. Lies was ich geſchrieben habe und unterzeichne är. Freltag den 6. Juni. Gott ſey Dank, es macht ſich gut mit ma chère mère und mir. Wie kann doch ein Tag dem andern ſo unähnlich ſein! Am Dienſtag ſo langweilig geſtimmt, geſtern ſo vergnügt. Ich ſchlug Bär vor, Nachmittags einen Beſuch bei ma chére mére zu machen. Er war mit großem Vergnügen bereit. Unterwegs erzählte ich ihm, wie ungeſchickt ich mich das letzte Mal aufgeführt und ſagte, ich möchte gern den Eindruck verwiſchen, den ich damals gemacht haben müſſe. Bär lachte, ſchnitt Geſichter, ſah freundlich aus und— wir kamen an Ort und Stelle. Es war große Unruhe im Hauſe. Sämmt⸗ ére ern mt, g6 var ich hrt den nitt Ort mnt⸗ 23 liche Dienſtleute waren auf den Beinen und ma chére more die Feder und das Triebrad der Bewegung. Sie war im Begriff, Zimmer für ihre beiden rechten Stief⸗ ſöhne— Bär iſt es nur halb— und ihre jungen Frauen einrichten zu laſſen, die binnen Kurzem erwartet wurden, und das eine Paar auf etliche Wochen, das andere auf immer im Hauſe wohnen ſollen. Ma chére mére em⸗ pfing uns ſehr freundlich, verſah Bär mit Virginiatabak und Zeitung und ernannte mich zu ihrer Gehülfin für den Nachmittag. Ich war froh und willig und es ge⸗ lang mir ſehr gut, ma chère mére Alles zu Danke zu machen. Die Möbel wurden an den rechten Platz ge⸗ ſtellt, die Vorhänge aufgemacht; Alles ging flink und gut unter ma chère mére's Commando und meiner Hülfeleiſtung von Statten. Wir brachten eine Menge Arbeiten zu Stande und waren dabei ſehr luſtig. Ich machte einige Witze, die ma chére mére gut gefielen. Sie klopfte mich auf die Backen, tniff mich in die Ohren, lachte und antwortete vergnügt. Ich hatte eine große Freude an ihr. Ihre Gemüthsart und ihr ganzes Weſen hat etwas höchſt Eigenthümliches und viel Friſches. Sie beſitzt ohne Frage einen guten Verſtand und viel Mutter⸗ witz. Ihre Dienftleute behandelt ſie zugleich wie Sklaven und wie Kinder, ſtreng und doch zärtlich; es kam mir wunderlich vor. Indeß ſchienen Alle ihr ſehr ergeben zu ſein und gehorchten auf jeden Wink. Ein einziges Mal kam es beinahe zu einem Unfrieden zwiſchen ma chère mère und mir. Es handelte ſich um die Toiletten⸗ tiſche der jungen Frauen, die ich etwas weniger dürftig haben wollte. Machére mère wurde vöſe, fing an über den verdammten Lurus, über die Prätentionen der jun⸗ gen Frauen loszuziehen, und erklärte, die Toilettentiſche ſollen ſtehen bleiben, wie ſie ſelbſt ſie geſtellt habe, mit denſelben Teppichen und denſelben Spiegeln, ſie ſeien gut genug u. ſ. w. Da ich dazu ſchwieg, wurde Alles bald wieder gut und ich bin nicht gewiß, ob die Teppiche nicht dennoch umgetauſcht wurden, denn ma chéère méère ging bald darauf an ihren Leinwandſchrank. Auf dieſe Anordnung in den Zimmern folgten verſchiedene gröbere Haushaltungsgeſchäfte, bei denen mich ma chöre mére zur Theilnahme einlud;„denn es kann Ihr gut thun, kleine Freundin, zu ſehen, wie es in einem ordentlichen Hauſe hergeht, es kann Ihr nöthig ſein, Eines oder das Andere in der Haushaltung zu lernen. Es fliegen einem keine gebratene Tauben in's Maul, man muß da⸗ für ſorgen, daß ſich Etwas im Keller vorfindet, wenn man Etwas auf den Tiſch haben will u. ſ. w.“ Ich begleitete ma chére mére in den Keller, wohin ſie mit einem großen Stück rother Kreide ging, und allerhand für mich etwas kabbaliſtiſche Striche und Zeichnungen auf Härings⸗ und Strömlingstonnen machte. Indeß erklärte mir ma chére mèére Alles und ließ mich in jeden Winkel des unterirdiſchen und wohl ausgeſtatteten Gewölbes ſehen; ſodann gingen wir auf den Boden hinauf; hier half ich Brodkiſten revidiren, Anatheme über Ratten ſchleudern und verſchiedene Mehlſäcke wägen. Endlich mußte ich mich ſelbſt wägen laſſen und ma chère mére lachte mich ordentlich aus, als es ſich zeigte, daß ich nicht volle achtzig Pfund wog. Zugleich verſicherte ſie mich, zu Karl XI. Zeiten wäre jede Frau, die man ſo leicht befunden hätte, als Hexe verbrannt worden. Ich nahm Alles dieſes ganz philoſophiſch auf und unterließ es nicht, mich in Bewunderung über ma chöre mére's Haushaltung und Ordnung zu ergießen. Dieſe Bewunderung ging mir wirklich von Herzen. In der That ein ſolches vollkommen ausgerüſtetes und vom Größten bis zum Kleinſten geordnetes Haus, wo Alles ſeinen beſtimmten Platz und ſeine beſtimmte Nummer bat, eine ſolche kleine Welt verdient betrachtet und be⸗ wundert zu werden und ebenſo die Hausmutter, die das lebendige Verzeichniß von dieſem Allem iſt und ihre Sachen ſo gut kennt, wie nur irgend ein General ſeine Streitkräfte. Als wir mit dem Aufräumen fertig waren, ſetzten —— er——— — eſe ere n, en er en d⸗ nun nit nd en eß in en ne n. na ch wir uns auf einen Sopha und ma chöre mére hielt folgende Rede an mich: „Es geſchieht nur dann und wann, meine liebe Franziske, daß ich eine ſolche Muſterung im Hauſe vor⸗ nehme. Dieß ſetzt die Leute in Reſpekt und bringt die Sachen in Ordnung. Wenn man die Uhr zur rechten Zeit aufzieht, ſo geht ſie dann von ſelber und man draucht nicht ſelbſt berumzugehen, wie ein Pendel. Merk Sie ſich das, meine liebe Franziske. Einige Frauen wollen ſich ein wichtiges Anſehen geben und thun gar eifrig mit dem Schlüſſelbund und ſpringen in der Küche und Speiſekammer herum, allein dieß iſt Alles Larifari und heißt das Pferd am Schwanze aufzäumen. Eine Frau ſoll ihr Haus mit dem Kopfe beſtellen und nicht mit den Füßen; der Mann befindet ſich am Beſten da⸗ bei, und geſchieht dieß nicht, ſo iſt er ein Dummkopf und die Frau muß ihm dann in Gottes Namen mit dem Schlüſſelbund in den Ohren raſſeln. Einige Frauen ſitzen ihren Dienſtboten immer auf dem Nacken. Das taugt Nichts. Die Knechte und Mägde müſſen auch ihre Freiyeit und Ruhe haben. Du ſollſt dem Ochſen, der da driſcht, das Maul nicht verbinden. Laß deine Leute Rechenſchaft ablegen über das, was ſie thun. Dieß iſt ſowohl für ſie als für die Hausfrau gut. Halte ſie feſt am Herzen oder an der Ehre und gib ihnen das, was ihnen gebührt, reichlich. Der Arbeiter iſt ſeines Lohnes werth. Aber drei oder viermal im Jahre zu unbeſtimmten Zeiten komme über ſie, wie das jüngſte Gericht, unterſuche alle Winkel und prüfe alle Herzen und Nieren, lärme wie eine Donnerwolke und ſchlage zur rechten Zeit da und dort dazwiſchen!— das reinigt das Haus auf viele Wochen: wenn die Gewitter nicht wären, ſo hätte man vor allerhand böſen Geiſtern keine Ruhe.“ Dieß war ma chère möre's Haushaltungstheorie. Sodann brachte ſie das Geſpräch auf Bär und ſagte: „Ja Sie darf wohl ſagen, meine liebe Franziske, daß 26 Sie einen rechten Kerl zum Mann bekommen hat: er iſt aber auch recht eigenſinnig auf ſeine Weiſe und Sie wird viel mit ihm zu ſchaffen haben, wie es mir auch gegangen iſt. Nun, wir wollen ſehen, wie Sie ſich da⸗ bei benimmt. Klein iſt Sie, aber ich ſehe, daß Sie ſich zu betragen weiß, und das ſage ich Ihr, wie Sie auch nun mit ihrem Manne umgehen mag, ſo wird Sie immer einen Ehrenmann an ihm finden, und deßhalb will ich Ihr nur dieſen einzigen Rath geben, gebrauche Sie nie eine, wenn auch noch ſo kleine Unwahrheit gegen ihn und wenn die Verlegenheit, aus der Sie da⸗ durch kommen will, auch noch ſo groß iſt. Jede Un⸗ wahrheit führt noch größere nach ſich, denn ſie jagt das Vertrauen aus dem Hauſe.“ Ich äußerte meine Gedanken in dieſer Beziehung mit vieler Lebendigkeit, und ganz zufrieden mit einander, gingen wir in das Wohnzimmer hinaus, wo Bär ſaß und über ſeine Zeitungen gähnte. Mamſell Tutten— von ma chére mére Adjutant Tutten genannt— ordnete den Theetiſch. Ma chéère mére bat mich, zu ſingen,(ſie hatte alſo mein letztes Meiſterſtück gänzlich vergeſſen) und ich ſang— ich fühlte ſelbſt, daß es gut ging. Ma chère mére lachte herzlich über einige luſtige Liedchen und ich ſah Bär's Augen ganz vergnügt über ſeine Zei⸗ tung zu mir herüberſtarren. Nach dem Thee machten wir nebſt Tutten mit ma chére mére eine Boſtonparthie; eine der vergnügteſten, denen ich je angewohnt habe. Beſonders munter waren ma chére mère und Bär, ſie machten ſich luſtig über mich, ſo oft ich Dummheiten im Spiel beging. Allein dieß war beſſer für mich, als wenn ich wie ein Meiſter geſpielt hätte, und wir lachten und lärmten wie Kinder. Als wir nach dem Abendeſſen Abſchied nahmen, klopfte mich ma chére mére tüchtig auf die Schulter, küßte mich und dankte mir für den vergnügten Tag. Als wir auf die Treppe kamen, war das Wetter ſo ſchön, daß wir beſchloſſen, einen Theil des Wegs zu Fuße zu — machen und das Cabriolet bis auf eine gewiſſe Station vorauszuſchicken. Der Spaziergang war ſehr munter und nach allerhand kleinen Poſſen, gelang es mir endlich, Bär in einen Graben zu bringen. Ich muß noch lachen, wenn ich daran denke. Er glich ſo ſehr einem wirklichen Bären, als er mit allen Vieren ausgeſtreckt da lag⸗ (Unter uns geſagt, ich bin nicht ganz überzeugt, ob er ſich nicht abſichtlich umwerfen ließ.) Guter Bär! Aber ich will nicht ewig vom Bären und ſeinem Weibchen mit dir reden. Du mußt auch Etwas vom Gute und der Familie erfahren. Aus letzterer klug zu werden, iſt nicht ohne Schwierigkeit. Verſuche es ein⸗ mal, gute Marie, zu begreifen, was ich dir zu erklären verſuchen will. General Mansfelt's erſte Frau war eine Wittwe, die ihm zwei Stiefſöhne zubrachte. Der älteſte war mein Bär, der andere— Adolph Werner— iſt vor einigen Jahren geſtorben. Von dieſer Frau bekam der General zwei eigene Söhne, die noch leben, Jean Jacques und Peter Mansfelt. Sie waren noch Kinder, als ihre Mutter ſtarb. Ein Jahr darauf vermählte ſich der General mit dem reichen und ſtolzen Fräulein Barbara B., unſerer noch lebenden ma chèére mére. Bär, der damals 13 Jahre alt war, bezeugte keine beſondere Freude über eine zwanzigjährige Stiefmutter. Dieſe ließ ſich indeß exemplariſch an und wurde eine vortreffliche, obſchon ſtrenge Mutter für die vier Stiefſöhne, deren Liebe und Verehrung ſie ſich bald erwarb, obgleich ſie ſie etwas knapp und ſparſam hielt. Letzteres hatte ſeinen Grund in der Verſchwendung des Generals, wodurch ſeine An⸗ gelegenheiten in die größte Unordnung gebracht waren, und nur durch einen Vertrag gelang es ma chére mère, ihr eigenes Vermögen zu retten. Von dieſem beſtritt ſie die Koſten für die Erziehung der Söhne und ſparte bei Nichts. Die Söhne wurden im elterlichen Hauſe in ſtrengem Reſpekt erhalten. Man brachte ihnen eine gewiſſe pünktliche Artigkeit und franzöſiſche Redensarten ———— 28 bei. Jeden Morgen mußten ſie zu einer beſtimmten Stunde zu den Eltern gehen, ihnen die Hand küſſen und ſagen: bon jour, mon chére pére, bon jour, ma chöére mére; deßgleichen mußten ſie jeden Abend zu einer be⸗ ſtimmten Stunde den Handkuß ablegen und ſagen: bon soir, mon chéère pére, bon soir, ma chére more. Da⸗ her ſtammte die Benennung ma chére mére, die im Munde der Söhne eine ſtehende geblieben iſt. Dieſer Handkuß iſt noch jetzt gebräuchlich, ſo oft die Söhne und die Mutter zuſammenkommen, nur der franzöſiſche Gruß iſt weggefallen. Im Uebrigen ließ die ſonſt ſtrenge Mutter den Söhnen viel Zeit und Freiheit zu Spielen und körper⸗ lichen Uebungen, zur Bewegung in der freien Luft u. ſ. w. Sie ſorgte dafür, daß Leib und Seele zugleich gekräftigt wurden, und die Söhne hatten im Ganzen eine fröhliche Jugend. General Mansfelt war ein ſchöner Mann und tapferer Soldat, im Uebrigen aber gewaltthätig und liederlich; er fragte wenig nach ſeinen Kindern und ver⸗ ſchleuderte ſein Vermögen. Ma chére mere's Ehe mit ihm war nicht ſehr glücklich. Als er ſtarb, hatten ſeine Söhne Nichts. Ma chére mére that jetzt, ohne viel Lärm zu machen, eine ſehr edle That. Ohne einen Unterſchied zwiſchen den Söhnen und Stieſſöhnen ihres Mannes gelten zu laſſen, machte ſie ſich anheiſchig, jedem von ihnen, ſobald er mündig geworden, eine gewiſſe bedeutende Jahresrente auszubezahlen, indeß ſie ſeibſt die Verwaltung ihrer großen, aber ſchuldenbelaſteten Güter übernahm. Bär, der bereits ſeinen Weg gemacht und ſich durch Geſchicklichkeit und Thätigkeit eine ehrenvolle Stellung erworben hatte, lehnte in aller Ehrfurcht das angebotene Geſchenk ab, denn er wollte von Niemand abhängig ſein und am Allerwenigſten von ma chére mére, deren despotiſcher Sinn ſich nicht wohl mit ſeiner Luſt zur Selbſiſtändigkeit vertrug. Dieſem Umſtand, ſo wie einigen tüchtigen Auftritten, die er bei verſchiedenen Gelegenheiten mit ma chère mere hatte, verdankt es Bär, daß er ganz unabhängig iſt und auf einem ſehr —— 29 auten Fuße mit ihr ſteht, während hie andern Söhne ſich mehr oder weniger vor ihrem Willen kuſchen müſſen. Bär und ſie fürchten einander gleichſam ein wenig, ſind ſich aber ſichtlich mit der größten Achtung zugethan. Gleichwohl hat ſie erklärt, ſie wolle ihn nie als Doctor bei ſich ſehen; ſie wünſcht alle Arzneien und Doctoren in's Pfefferland, will nie mit dergleichen zu thun haben und hält ſich an das Sprichwort:„Es wird keiner ein guter Arzt, bevor er einen Kirchhof gefüllt hat.“ Nachdem ich ma chére mére's Geſchichte zu ſchreiben angefangen habe, will ich auch ihr Porträt zeichnen. Du ſiehſt eine ſehr große Frau, von ſtarkem, aber ſchönem Wuchs, deren Formen noch die Kraft und Rundung der Jugend behalten haben, bolzgerade, etwas ſteif, faſt mit der Miene und Haltung eines Generals. Das Geſicht könnte man ſchön nennen, wenn nicht die Züge zu ſtark und die Farbe etwas zu grau wäre; auch iſt das Kinn zu groß und hervorſtehend. Um den mit großen weißen Zähnen verſehenen Mund ſpielt oft ein gutmäthiges, freundliches Lächeln, aber bei weniger ſanften Empfin⸗ dungen erhebt ſich die untere Lippe über die obere und bildet einen Zug ſtrenger Entſchloſſenheit, der— bei einem Weibe nicht gefällt. Ma chére mére iſt aber auch etwas ganz Beſonderes. Ihr Haar iſt ganz grau und ragt zuweilen unter der Kopfbedeckung hervor, die, wie ich jetzt erfahren habe, von ma chère méère Slurka getauft iſt. Keine Locken. Die Slurka thront einſam über der ſtrengen, hohen, oft wolkenumhüllten Stirne. Im ganzen Anzug kein Schmuck, keine Zierrath, aber diel Sauberkeit, etwas ausnehmend Paſſendes und Be⸗ quemes. Ma chöre méère ſchnürt ſich nicht.(In Paren⸗ theſe geſagt, möchte ich wiſſen, ob das Schnüren nicht zu den Sachen gehört, die uns weniger angenehm machen; die Seele kann nie recht frei ſein, wenn der Körper ein⸗ geklemmt iſt.) Sie trägt meiſtens ein braunes oder graues Seidenkleid. Vormittags bedeckt ein weißes Hals⸗ tuch den noch ſchönen Hals, wird aber Nachmittags mit 30 einem Stehkragen vertauſcht. Die Hände ſind groß, ſchön geformt, weiß, aber grob, und ſollen nicht immer zu friedlichen Geſchäften gebraucht werden. Ma chère mère hat eine grobe Stimme, ſpricht ſtark und deutlich, bedient ſich oft ſonderbarer Redensarten und hat eine Menge Sprichwörter auf der Zunge; ſie macht große Schrüte, geht oft in Stiefeln, ſchlenkert mit den Armen, kann aber, wenn ſie will, ſehr artig und höflich ſein. Man ſagt ihr nach, ſie ſei geizig, ſie miſche ſich in fremde Angelegenheiten und frage Nichts nach den Regeln der Convenienz. Man erzählt viele Geſchichten von ihr. Nichtsdeſtoweniger hat man in der ganzen Gegend tüchtig Reſpect vor ihr, uvd ihre Worte gelten wie Königs⸗ worte. Man hält ſie allgemein für eine kluge, tadel⸗ loſe Frau und zuverläſſige Freundin. Dieß iſt gewiß ſchön. Sie erinnert mich an Götz von Berlichingen. Zuweilen aber kommt es mir vor, als ob auch zärt⸗ lichere Gefühle unter dieſem ſtrengeren Aeußeren wohnen könnten, und dann meine ich, ich könnte ſie ſogar lieb⸗ gewinnen. Bisher hat ſie ihre Güter allein verwaltet und dabei ihre Angelegenheiten vortrefflich in Ordnung gebracht, jetzt aber wünſcht ſie, daß Jean Jacques ihr helfen ſolle. Er hat die Landwirthſchaft im Auslande ſtudirt, vor kurzer Zeit geheirathet, und wird ſich mit ſeiner jungen Frau in Carlsfors niederlaſſen. Bär ſchüttelt den Kopf zu der Compagniefirma ma cheère mère et Jean Jacques. Ich kann unmöglich von ma chére meère reden, ohne auch ihrer Magd Elſe zu gedenken. Dieſe zwei leben ſeit vierzig Jahren beiſammen und ſcheinen nicht ohne einander exiffiren zu können. Elſe iſt zugleich die Sklavin und die Tyrannin von ma chèére mére. Sie iſt ſo geizig, daß ſie es ihrer Herrin kaum gönnt, ihre eigenen Kleider zu tragen, und ſie murrt bei jedem weißen Schnupftuch, daß ſie hergeben ſoll. Aber in Beziehung auf Ordnung, Reinlichkeit und Treue hat ſie nicht Ihresgleichen und deßwegen hegt ma chére mére 31 einen gewiſſen Reſpect vor ihr, ſo daß Elſens Wille bei manchen Streilfragen die Oberhand gewinnt. Da⸗ bei arbeitet ſie für mä chère mére, wenn(6 noth thut, Tag und Nacht. Ma chère wére iſt ihr Schickſal, ma chère mére's Zimmer ihr Wirkungskreis, ma chère meère's Wort ihr Geſetz, ma chère mére's Perſon ihr wirkliches Icb. Ohne ihre Gebieterin iſt Elſe Nichts. Einmal erhielt ſie Erlaubniß, ihre Familie zu beſuchen und acht Tage auszubleiben. Ehe noch zwei verfloſſen waren, kam Elſe ſchon wieder zu ihrer Gebieterin zu⸗ rück, weil ſie es ohne ſie nicht aushalten konnte! Man ſagt, ſie habe noch an demſelben Abend von ma cheère more wegen irgend einer Nachläſſigkeit bei ihrer Toi⸗ lette Ohrfeigen bekemmen. Elſe nahm ſie ſchweigend hin und entfernte ſich nie mehr nach dieſem Verſuche. Sie iſt dürr und ſteif, und hat die eckigſten Formen von der Welt. Man ſagt, ſie wiſſe mehr von mä chére mére, als irgend ein anderer Sterblicher, aber Elſe iſt ſchweigſam wie eine Mumie, ſie verdient einbalſamirt zu werden. Schatten des Schattens, tritt hervor Tutten! Elſe iſt ein Rembrand'ſcher Schatten, Tutten einer von den unbeſtimmten, die ohne eigenen Charakter doch keine beſtimmte Geſtalt von einem andern annehmen. Elſens kraftvolle Treue iſt ihre Schönheit. Tutten ſagt immer: „die Generalin ſagt, die Generalin meint, die Generalin will,“ aber ſie verläumdet ſie dabei in der Stille und gehorcht ihr ohne Ergebenheit. Manchmal bis zur Selbſt⸗ erniedrigung demüthig, möchte ſie ſich hie und da gerne über die Maßen erheben, wenn nicht ma chére mére's kräftige Hand ſie im Zügel hielte, indem ſie ſie zu gleicher Zeit zwingt, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und vermöge ihrer Haushaltungstalente aus ihrem Dunkel hervorzu⸗ treten. Bei einem Glas ihres vortrefflichen Bieres bin ich beinahe bereit, ein Hoch auf Tutten auszubringen. Aber wie wird ſie einmal in einer Welt leben, wo nicht mehr gebacken und gebraut wird, wo kein Bierglas 32 ſchäumt und kein Kuchen aufgeht, wie wird ſie da ihre Gedanken ſammeln können?— Doch Frieden mit Tut⸗ ten und der Seelenwanderung. Ich will nicht ſo weit von meinem Hauſe wegwandern. Von meinem geliebten Hauſe, meinem kleinen Ro⸗ ſenvik mußt du jetzt auch eine kleine Zeichnung haben. Roſenvik iſt ein Pachtgut unterhalb Carlsfors und liegt eine gute halbe Meile von W., wo Bär der angeſehenſte und beliebteſte Arzt iſt. Er bat das Gütchen von ma chére mére gepachtet, da er, wie auch ich, das Land ſehr liebt. Wir baben alſo Roſenvik mehr zum Ver⸗ gnügen als zum Nutzen. Indeß habe ich meine Spe⸗ eulationen auf den Garten, aus dem man viel machen kann, obgleich er bis jetzt beinahe eine Wildniß iſt. Dieſer Garten, ein Birkenwäldchen und eine Wieſe, wo⸗ rauf drei Kühe und ein Pferd weiden, gehören zu Roſen⸗ vit. Woher der Name Roſenvik(Roſenbucht) kommt, tann ich nicht begreifen. Es liegt zwar an einer Bucht des Helgaſee's, allein man findet hier keinen einzigen Roſenbuſch, wohl aber eine Menge Bſop und Flieder. Letzteres ſoll man beibehalten, aber auch das Andere nicht verſäumen, und ich hoffe, Roſenvik ſoll ſeinem Namen noch Ehre machen. Indeß ſoll das Rützliche nicht durch das Schöne verdrängt werden. Ich werde Stachelbeeren, Erbſen und Bohnen in Menge pflanzen. Im Ganzen iſt es mir lieber, daß ich an einen Ort gekommen bin, wo man Etwas zu thun hat, als wenn Alles ſchon fertig und vollendet wäre. Meine Gemüthsart und mein Tem⸗ perament erfordern viele Beſchäftigung, und ich weiß, wie lieb einem das wird, wofür man arbeitet. Das Haus iſt klein, aber behaglich eingerichtet. Wir haben vier Zimmer und eine Küche zur ebenen Erde. Bär hat ſie ſehr hübſch möblirt. Beſonders iſt das Geſell⸗ ſchaftszimmer mit ſeinen Möbeln in blauen Cattun⸗ überzügen und den weißen Mouſſelinvorhängen allerliebſt. Im obern Stock ſind zwei hübſche Gaſtzimmer. Küche und Vorrathskammer waren ſchlecht ausgerüſtet, aber en en, en in, tig m⸗ iß, as en är ell⸗ un⸗ iche ber 33 dafür finvet ſich, Gott ſei Dank, Rath. In Beziehung auf das Geld hat Bär eine Einrichtung getroffen, die mir zugleich Vergnügen und eine gewiſſe Unruhe macht. Er legt all ſein Geld in eine Schatulle, wozu er zwei Schlüſſel machen ließ. Den einen hat er, den andern ich, und ich bin bevollmächtigt, zu jeder Zeit jede be⸗ liebige Summe aus der Schatulle zu nehmen, ohne ihm Rechenſchaft abzulegen. Dieſer Beweis eines vollkom⸗ menen Vertrauens auf meine Klugheit freut mich, allein ein ſolches Vertrauen iſt zugleich ein ſtrengeres Band, als wenn er geizig wäre. Ich fürchte immer zu viel zu nehmen, nicht gut genug hauszuhalten, und ſcheue mich bei kleinen und außerordentlichen Ausgaben, mein Herz und meine Laune zu befriedigen, denn ich ſelbſt habe keinen Heller in die Schatulle eingelegt; Alles, was ſich darin befindet, gehört Bär und iſt der Lohn für ſeine Bemühungen. Ich glaube, ich würde freiere Hand haben und es wäre beſſer, wenn er mir monatlich eine beſtimmte Summe ausſetzte. Ich machte ihm eines Tages dieſen Porſchlag, indem ich ihm mit einer Thräne im Auge meine Bedenklichkeiten eröffnete, allein er' wollte nicht darauf hören.„Sind wir denn nicht Eins?“ ſagte er,„und ich habe ſchon geſehen, daß du ein geſchickter Rechenmeiſter biſt.“ In Beziehung auf meine Skrupel verſicherte er mich, ſie werden ſich ſchon geben, wenn wir einmal beſſer mit einander bekannt ſeien, und ich werde dann finden, daß zwiſchen uns von keinem Mein und Dein die Rede ſein könne. Ich bin beinahe geneigt, an die Prophezeiung des guten Mannes zu glauben, indeß gedenke ich dennoch, ſowohl meiner eigenen Gewiſſensruhe, als auch der Ordnung zu Liebe, genaue Rechnung über meine ſämmtlichen Ausgaben zu führen. Eine herzliche Freude macht mir die kleine Magd, die mir Bär beſorgt hat und die ich ausſchließlich zu meinem eigenen Dienſte beftimmen will. Sie iſt ein Bremer, die Nachbarn. 3 34 junges Bauernmädchen von ſo fröhlichem, unſchuldsvol⸗ lem und ſogar ſchönem Ausſehen, daß es einem ordentlich wohlthut, ſie anzublicken. Sie iſt ſtill und fleißig, hat ihren guten Verſtand und ein gutes Herz, und ich will mir ein Vergnügen daraus machen, ſie zu erzieben. Wenn Goit mir Kinder ſchenkt, ſo ſoll Siſſa ſie hüten. Ich will ſie zu einer tüchtigen Bonne für ſie heranbilden, ſo daß ich ihretwegen beruhigt ſein kann, wenn ſie auch nicht in meinen Armen ſind. Meine eigenen Erinnerun⸗ gen aus der Kindheit ſagen mir, wie wichtig dieſe erſten Eindrücke ſind. Reinheit, Güte, Verſtand ſollen an meiner Kinder Wiege wachen, ſie ſollen dort ſchon an⸗ fangen, ſich in ihren Seelen anzufiedeln. Man wird nicht leicht kalt für die Freude ſeiner Kindheit. Ich ſpreche von Heranbildung eines Mädchens, aber glaube mir, liebe Marie, daß ich es nicht vergeſſen werde, mich ſelbſt zu bilden. Warum erliſcht die Flamme auf dem Alkare der Ehe ſo leicht? Weil die Gattin es vergaß, das Feuer zu ſchüren. Man muß ſich mit dem Leben entwickeln und ausbilden; dann wird das Leben ſelbſt eine Entwicklung von Liebe und Glück. Mein erſtes Anliegen iſt jetzt, mein Haus zu ord⸗ nen, ſo daß Behaglichkeit und Ruhe darinnen wohnen können. Ich will eine kluge Geſetzgeberin in meiner kleinen— aber nicht geringen Welt zu ſein ſuchen. Und weißt du, welches Geſetz ich vor allen andern zu er⸗ laſſen und mit ſtrenger Genauigkeit zu handhaben ge⸗ denke? Ein Geſetz für die Behandlung der Thiere. Es ſoll folgende Artikel enthalten: 5 „Alle Thiere auf dem Gute ſollen mit der größten Sorgfalt gepflegt und freundlich und liebreich behandelt werden. Sie ſollen glücklich leben.“ „Das Schlachten ſoll ſo vor ſich gehen, daß die Thiere ſo wenig als möglich Schmerzen haben.“. „Kein Thier darf in der Küche gemartert, kein giſch lebendig gereinigt werden, oder in der Pfanne ird ber de, me tin mit das rd⸗ nen ner Ind er⸗ ge⸗ ere. ten delt die kein nne 35 zappeln, kein Vogel halb todt au einem Nagel hängend flattern. Ein Meſſerſtich ſoll ihnen ſogleich den Tod geben und ſie von der Tortur befreien.“ Dieſe und noch einige andere ausführlichere Vor⸗ ſchriften ſoll mein Geſetz enthalten. Wie viel unnöthige Grauſamkeit wird nicht alle Tage verübt, vloß weil man nicht daran denkt, was man thut? Und wie un⸗ verſtändig, wie unwürdig iſt nicht Grauſamkeit gegen Thiere! Iſt es nicht genug, daß ſie bei der damaligen Weltordnung verurtheilt find, uns während ihres Lebens zu dienen und nach iyhrem Tode uns zu ernähren? Sol⸗ len wir dieſes ſtrenge Loos noch mehr verbittern? Wir ſind in manchen Fällen gezwungen, feindſelig gegen die Thiere zu verfahren: aber grauſame Feinde brauchen wir nicht zu ſein. Wie unendlich weniger würden ſie nicht leiden, wenn wir ſie in allen den Fällen, die fie mit den Menſchen gemein haben, menſchlich behandelten, wenn wir für ihre Schwachheit im Alter, für ihren Schmerz in Krankheit und Tod Sorge trügen! In der alten Welt gab es Geſetze, welche Milde gegen die Thiere zur heiligen Pflicht machten und ihre Uebertretung ſtreng beſtraften. Und wir, Marie, wir, die wir uns zur Religion der Liebe bekennen, ſollten wir ſchlimmer gegen die Thiere verfahren, als die Heiden? Sagt nicht Er, der das Reich der Liebe auf Erden geſtiftet, daß kein Sperling zur Erde falle, ohne daß es vom Vater im Himmel bemerkt werde?(Merke dir, Marie, er ſagt nicht, der Sperling dürfe nicht fallen, ſondern bloß, er werde vom Vaterauge geſehen.) Ja, bemerkt werden die unnöthigen Leiden, welche Uepyigkeit, Leichtſinn oder Grauſamkeit der Menſchen den Thieren zufügen; gehört wird ihr Jammergeſchrei und ihr Ge⸗ ächze. Wird jenſeits dieſer Welt nicht ein rächender Wiederhall derſelben die Hölle noch um eine Qual ver⸗ mehren und ſelbſt im Himmel der Menſchen den Frie⸗ den ſtören?* O Marie, laß uns Frauen und Hausmütter dieſe Strafe nicht verdienen. Laß uns, wenn wir vor den Richterſtuhl des Allvaters treten, rein ſein von Undank⸗ barkeit und Mißhandlung gegen die lebendigen Weſen, vie er geſchaffen hat. Laß uns verdienen, in einer beſſern Welt veredelte Thiergeſchlechter um uns zu ſehen und dort mit ihnen in dem liebevollen Verhältniſſe zu leben, das wir ſchon auf Erden begonnen haben. Hier kommt Bär und bereitet mich auf die Nothwen⸗ digkeit baldiger Beſuche bei unſern zahlreichen Nachbarn vor; auch verſichert er, es gebe Leute, die ſich darnach ſehnen, mich zu ſehen, ſehr gute und verſtändige Leute. verſichert er. Mach dich alſo darauf gefaßt, Marie, bald neue Bekanntſchaften zu machen. Auch Schwäger und Schwägerinnen werde ich dir demnächſt vorſtellen können. Ich freue mich auf ihre Ankunft; beſonders bin ich be⸗ gierig, Bärs liebſten Bruder, Peter Mansfelt kennen zu lernen, der ein höchſt liebenswürdiger Charakter und ein ausgezeichneter Juriſt ſein ſoll. In einem Monat erwar⸗ ten auch wir auf Roſenvik einen Gaſt. Unter ſolchen Ausſichten und beſonders an Bärs Seite, ſehe ich einem heitern und glücklichen Leben entgegen. Ich könnte Luſt bekommen, einen Roman darüber zu ſchreiben. Die Ro⸗ mane endigen gewöhnlich mit einer Heirath. Sollte nicht der eigentliche Roman des Menſchenlebens damit an⸗ fangen? Im Ganzen betrachtet, iſt wohl das Leben des Menſchen ein Roman, eine kleine Epiſode in dem gro⸗ den Roman, genannt das Buch des Lebens, der von dem originellen Verfaſſer der„Welt“ geſchrieben wird. Nimm alſo an, Marie, daß ich dir einen kleinen Roman ſchreibe. Laß ihn, meine gute, holde Leſerin einen Platz in deinem Herzen finden. Heiter oder traurig— mag er nun werden, wie er will, wenn er nur nicht von dir verworfen wird. Lebe wohl und denke freundlich an deine romanhaft geſtimmte, treuergebene Franziske. —— —— — n n er ir n 37 Zweiter Brief. Roſenvik den 9. Juni. Geſtern Morgen war klares, friſches Wetter. Ich ſetzte mich zu Bär in's Cabriolet, als er wie gewöhn⸗ lich, um acht Uhr Morgens in die Stadt fuhr. In Carlsfors verließ er mich und verſprach, mich auf dem Heimweg abzuholen,„im Fall er es nicht vergeſſe.“ „Es vergeſſen? Abſcheulicher Bär!“ Mit dieſem Reiſe⸗ paß fuhr er ab. Ich ging die lange ſchöne Allee hinab, die zum Hauptgebäude führt. Auf dem Hofe ſtand eine hohe, wunderliche Figur. Sie trug einen weiten grauen Mantel, ein grünes Kaskett und ſchlug mit etwas, das einem Zauberſtabe glich, um ſich, während ſie mit ſtarker Stimme rief:„Fahret vor— hört ihr, fahrt vor mit dem Himmelswagen!“ Ich blickte unwillkürlich gen Him⸗ mel und der Gedanke an den Wagen des Propheten Elias fuhr in mich hinein, aber ſogleich wieder aus mir heraus, als ich in der Ruſerin mit dem grauen Mantel ina chère more erkannte. Als ich näher kam, hörte ich heftig auf einen Stallknecht ſchimpfen, weil der Haber ſchon aus ſei, und ſie begleitete ihre Moralpredigt mit kräftigen Peitſchenhieben— wiewohl nur in die Luft. Sobald ſie mich erblickte, veränderte ſich ihr Geſicht: ſie ergriff lebhaft meine Hand, drückte ſie und ſagte freundlich:„Ei, ſieh da, guten Tag, meine liebe Fran⸗ ziske! Sie kommt zur rechten Stunde. Ich habe heute meinen Januarius angezogen,(ſie zeigte auf den Man⸗ tel) denn es kam mir kalt vor. Meine Grauen mit dem Himmelswagen werden bald ankommen, wir wollen ein Bischen mit einander herumrutſchen.“ In dieſem Augen⸗ blick fuhren vier Pferde an einer merkwürdigen Equi⸗ page mit einem auf vier Pfeilern ruhenden Himmel in den Hof. Es war der Himmelswagen. Ma chère mère hieß mich einſteigen, kletterte ſelbſt nach und nahm die Zügel in die Hand. Hinten ſtand ein Be⸗ dienter. Ma chère mére that einen fürchterlichen Knall und wir fuhren ab. Im Anfang hatte ich Angſt, denn es ging in geſtreckter Fahrt und der Himmelswagen lief nichts weniger als himmliſch. Einmal wurden die Pferde widerſpenſtig. Ma chére mére ſtand im Wagen auf und ließ ſie die Peitſche fühlen, bis ſie zum Ge⸗ horſam zurückkehrten. Mit einem vergnügten:„der Henker hole mich, wenn ich ſie nicht in Ordnung halte!“ ſetzte ſie ſich dann wieder. Als ſie mich ganz bleich ſah, lachte ſie, fuhr aber dennoch nachher langſamer und unterhielt ſich dazwiſchen recht heiter mit mir, auch mußte ich ihr von meinen Haushaltungs⸗Angelegen⸗ heiten auf Roſenvik erzählen. Nachdem ich mich über⸗ zeugt hatte, daß ma chère mére ein vortrefflicher Kutſcher war, wurde es mir wieder ganz ruhig und vergnügt zu Muth und ich überließ mich dem Vergnü⸗ gen, das ich immer unwillkürlich in ihrer Nähe em⸗ pfinde. Wir beſahen eine Menge Höfe, Neubrüche, Aus⸗ teichungen u. ſ. w. Ma chéère moére unterhielt ſich mit mehreren Perſonen, ſchalt einige, lobte andere; über⸗ haupt ſchien mir das Verhältniß zwiſchen der Guts⸗ veſitzerin und ihren Untergebenen ſehr gut zu ſein und ſie einander recht wohl zu verſtehen, indem ſie ſich Sprichwort um Sprichwort zuriefen. Auf unſerer Fahrt waren wir nahe daran, den Land⸗ richter Hök umzuwerfen, der in ſeinem Desobligeant ſich einherbewegte und deſſen Kutſcher beim Anblick des Himmelswagens ſo verblüfft wurde, daß er Rechts und Links verwechſelte und auf dieſelbe Seite auswich, wie dieſer. Um ein Kleines wäre der Desobligeant über den Haufen geworfen worden.„Wie zum Henker fahren Sie denn, Landrichter? ſchrie ma chère möére mit don⸗ nernder Stimme, während ihre kräftige Hand die Pferde zurückhielt und durch eine ſchleunige Wendung auf die Seite alles Unglück verhütete. Bald ſtanden Himmels⸗ wagen und Desobligeant ganz vertraulich neben einander e⸗ all nn en die zen e⸗ der e ich ner en⸗ e her und nü⸗ em⸗ us⸗ mit ber⸗ uts⸗ und ſich nd⸗ ſich des und wie über hren don⸗ erde die els⸗ nder 39 und ma chère mére, deren gute Laune ſich wieder ein⸗ geſtellt hatte, ſagte lachend und ſcherzend zu dem Land⸗ richter, der ganz beſtürzt aus ſeinen grünen Vorhängen bervorguckte:„Lieber Landrichter, Sie ſtecken ihren Futſcher mit Ihren poetiſchen Phantaſieen an, ſo daß er die Wegverordnung confundirti“—„Landrichter Hök und poetiſche Phantaſien!“ dachte ich,„das vaßt unmöglich zuſammen.“—„Wenn ein Himmelswagen kommt,“ ſagte der Landrichter, poetiſcher, als ich ihm zugetraut hätte, „wer kann da noch an die Weggeſetze der Erde denken?“ So ſcherzten ma chère mère und Landrichter Hök einen Augenblick, worauf Himmelswagen und Desobligeant wieder ihres Wegs weiter fuhren. Als wir nach Hauſe kamen, war ma chöre mère in der heiterſten Laune, und wir geriethen in ein eifriges Geſpräch über Männer, Frauen und Ehe. Ma chére mere's Grundſätze für Frauen waren in der That teine Koketterielehren. Sie konnten in folgende Worte zuſammengefaßt werden:„Handle ſo, daß dein Mann und alle Männer Achtung vor dir haben, ſo haſt du Frieden in deinem Hauſe und Ehre in deinem Leben.“ (Achtung und Anſehen ſind für ma chère meère die höchſten Güter des Lebens.) Ihre Verhaltungsregeln in Beziehung auf den Umgang junger Frauen mit Männern, mögen im Allgemeinen etwas zu ſtreng ſein. Sie erinnerten mich an ein Lied, das ich in meiner Kindheit oft von einer Jungfer Regine gehört habe und wovon mir noch folgende Worte in den Ohren geblieben ſind: „Kommt ein junger Herr und bietet dir den Arm, So verneige dich und ſprich: „Nein, danke ergebenſt, ich gehe allein.“ Und kommt ein junger Herr und ladet dich zum Walzen ein, So verneige dich und ſprich: „Rein, danke ergebenſt, ich walze allein.“ Ich ſagte ma chère mére dieſes Liedchen. Sie lachte, bemertte aber ernſthaft:„Das Lied iſt wahrhaftig nicht ſo toll, meine kleine Freundin. Ich will zwar nicht ganz ſo ſprechen, aber ebenſo viel will ich ſagen, daß ein Spaziergang und ein Tanz mit einem andern Mann, als dem eigenen, ſeine ganz bunten Seiten hat. Eine junge Frau— merke Sie ſich das wohl!— kann in ihrem Benehmen nicht vorſichtig genug ſein, damit ſie ſich keine Blöße gibt. Sie mag ſich vorſehen, meine liebe Franziske, Sie mag ſich vorſehen! Ich behaupte zwar, daß unſere gegenwärtige Zeit moraliſcher iſt, als in meiner Jugend, wo König Buſtav III., höchſtſeligen Angedenkens, franzöſiſche Mode und franzöſiſche Sitten in unſerem Lande einführte, und ich glaube, daß es jetzt weit weniger Gottesläugner und Asmodi in der Welt gibt. Aber— wie geſagt— Sie mag ſich vorſehen, Franziske. Der Verſucher mag auch zu Ihr kommen, wie er zu mancher Anderen gekommen iſt. Nicht weil Sie ſo ſchön iſt, denn Sie iſt gar nicht ſchön und ſehr klein iſt Sie, aber Ihr Aprilgeſicht hat doch ſeine kleinen Reize und dann ſingt Sie ganz niedlich— wie geſagt, Sie hat Ihre kleinen Partien. Kommt daher eines Tags ſo ein Junker Gelbſchnabel und will vor ihr figu⸗ riren, ſo hörd Sie auf meinen Rath— halte Sie ihn in Diſtance, halte Sie ihn in Diſtance durch würdiges Benehmen. Will er ſich aber nicht daran kehren, kommt er näher und ſpricht ſchlechte verführeriſche Worte, da ſoll Sie ihn mit höchſt verwundertem Geſichte anſehen und zu ihm ſagen:„Mein Herr, Sie irren ſich, es kann nicht ſein, daß Sie mich meinen.“ Läßt er ſich auch dadurch nicht berichten, ſondern kommt noch einmal, dann gehe Sie geradezu zu Ihrem Mann und ſage zu ihm:„Mein Freund, fo und ſo ſtebt's: ſo und ſo habe ich's gemacht. Thu du jetzt, was du für gut findeſt.“ Und verlaſſe Sie ſich darauf, meine liebe Franziske, daß der Korydon dann bald merkt, wie viel Uhr es ge⸗ ſchlagen hat und mit Schande ſeines Weges ziehen muß ⸗ n 41 Aber Sie wird Ehre und keine Schande von der Sache haben, und wird in Ihrem Innern fühlen, daß ein gutes Gewiſſen ein fröbliches Geſicht, daß ein gutes Gewiſſen das beſte Confekt iſt. Na chére meère's gute Rathſchläge ergötzten mich ungemein. Unglücklicherweiſe hatte ſie zwei arme, alte Fräuleins zum Eſſen geladen, die zum Theil von ihren Geſchenken lebten. Sie kamen, als ma chère méère und ich gerade im beſten Plaudern waren⸗ Die eine von ihnen hatte zwei Reiben gefaltelte Streifen als Garnirung an ihrem Kleide. Ma chère mere's Geſicht verfinſterte ſich dei dieſem Anblicke, und taum hatte das Unglücks⸗ fräulein gegrüßt und ſich geſetzt, als ma chère mére ſie ſehr ſcharf über dieſe zwei Garnirungen anließ. „Eine Garnirung,“ ſagte ma chère mère,„war ſchon unnöthig, aber zwei ſind unverzeihlich.“ Das arme Fräulein wurde entſetzlich ausgezankt. Vergebens ſuchte ſie ſich damit zu entſchuldigen, die obere Reche ſei nur angeſetzt, um eine Naht zu verbergen.„Ich will Ihr nur ſagen, meine liebe Freundin,“ ſchrie ma chère mère,„daß, wenn man nicht zu gut iſt, um Almoſen anzunehmen, ſo iſt man auch nicht zu gut, um eine Raht zu zeigen. Ja, ja, das muß ich Ihr ſagen: Ar⸗ muth iſt keine Schande— nicht Jeder iſt mit dem ſilbernen Löffel im Munde geboren— aber Hoffarth in der Armuth, das iſt der Teufel im Hauſe. Nun, nun, hänge Sie deßwegen nicht das Maul. Verweiſe ſind keine Mühlſteine und veißen nicht bis auf's Bein. Trenne Sie ihre zwei Garnirungen los und ich will dafür ſorgen, daß Sie ein Kleid bekommt, woran man keine Naht ſieht.“ Das alte Fräulein ſah vollkommen getröſtet aus, ma cheère möre wurde wieder ausge⸗ zeichnet gut, und als ich das Cabriolet rollen hörte und aufſtand, um Abſchied zu nebmen, ſagte ſie ſehr freund⸗ lich:„Ja, ja, jetzt geht Sie wieder, Franziske. Ich kann mir wohl denken, daß es jetzt nicht paſſen würde, Sie und Ihren Mann zum Mittageſſen einzuladen; nun, nun, fahre Sie in Gottes Namen fort, aber komm Sie bald wieder, denn ſieht Sie, meine Kleine, Sie hat mir ſogleich gefallen und Sie kann nicht zu oft kommen. So, ſo, gehe Sie jetzt nur. Ich kann es nicht leiden, wenn die Leute ſo lange hinſtehen und Ab⸗ ſchied nehmen. Adieu, Adieu!“ Ich machte, daß ich fortkam, ſprang lachend meines Weges, und jetzt ſage auch ich Adieu, Adieu! denn ich muß meinem nach Hauſe kommenden Bär guten Tag Ich darf ihn jetzt einige Tage bei mir be⸗ alten. Den 11. Hier ſitze ich wieder mit meiner Feder und mit einer gewiſſen Schreibluſt, habe aber durchaus nichts Beſonderes mitzutheilen. Alles in Ordnung im Haus und der Haushaltung. In der Küche werden kleine Paſteten gebacken. Das Wetter iſt ſchwül; Laub und Vögel ſind matt. Die Hühner liegen im Sande vor dem Fenſter. Der Hahn ſteht einſam auf einem Fuße und ſieht ſich mit der Miene eines ſchläfrigen Sultans in ſeinem Harem um. Bär ſitzt in ſeinem Zimmer und ſchreibt Briefe; die Thüre in das meinige iſt offen. Ich böre ihn gähnen, das ſteckt an. O, o, ich muß tinen kleinen Streit mit Bär anfangen, um uns beide munter zu machen. Ich brauche gerade jetzt einen Bogen Papier, um Confekt darauf zu backen. Bär iſt abſcheulich ſchäbig mit ſeinem Papier und deßhalb muß er jetzt davon hergeben. Später. Alles fertig! Ein vollkommener Streit und wir veide wurden außerordentlich munter dadurch. Du, Marie, mußt auch Theil daran haben, damit du ſiehſt, wie es zwiſchen Eheleuten zugehen kann. Ich ging zu Bär und ſagte ganz ſanftmüthig: „Mein Engelsbär, du mußt ſo gut ſein und mir einen um Sie oft b⸗ nes ag be⸗ mit chts aus ine und dem und zin und fen. nuß eide nen muß wir Du, ehſt, hig: inen 43 Bogen von deinem Schreibpapier geben, damit ich Con⸗ fekt darauf backen kann.“ Bär(ſehr verblüfft).„Einen Bogen von meinem Schreibpapier?“ 4„Ja, mein ſüßer Freund; von deinem aller⸗ ſeinſten Schreibpapier.“ „Vom feinſten Schreibpapier? Biſt du toll?“ Ich.„Gewiß nicht, aber ich glaube, daß du ein Bischen verrückt biſt.“ Bär.„Habſüchtige Meerkatze, höre auf, in meinem Papier zu wühlen. Du bekommſt Nichts von meinem Papier.“ Ich.„Geizige Beſtie, ich will und muß das Papier haben.“ Bär.„Ich muß! Ei, ei! nun, wir wollen doch ſeben, ob du deinen Willen ausführſt.“(Und der grobe Bär hielt meine beiden kleinen Händchen zwiſchen ſeinen großen Tatzen feſt.) Ich.„Du garſtiger Bär! Du biſt noch ſchlimmer als alle vierfüßigen Thiere. Laß ſogleich meine Hände los. Laß los, ſage ich, ſonſt beiße ich!“ Und als er nicht los ließ, biß ich, ja, Marie, ich biß ihn wirklich in die Hand. Er aber hohnlächelte bloß und ſagte: „Ja, ja, mein Weibchen, ſo geht es allen denen, die trotzen, ohne die Macht zu veſitzen. Nimm jetzt das Papier, nimm's.“ „Ach, laß mich los, laß mich los.“ „Bitte ſchön.“ „Süßer Bär.“ „Bekenne deine Unmacht.“ „Id. „Bitte um Verzeibung.“ „Ach, verzeihe mir.“ „Gelobe Beſſerung.“ „Ach ja, ich will mich beſſern.“ „Nun— ich begnadige dich. Keine ſaure Miene jetzt, mein Weibchen, ſondern nimm mich in den Arm und küſſe mich.“ ch gab ihm— eine kleine Ohrfeige, raubte einen Bogen Schreibpapier und entfloh laut jubelnd. Bär verfolgte mich, ſchrecklich brummend, bis in die Küche, dort aber wandte ich mich gegen ihn um, wohl bewaff⸗ net mit zwei leckern Paſteten, die gegen ſeinen Mund gerichtet waren und darin verſchwanden. Bär wurde darauf ganz ſtill, der Bogen Papier ward vergeſſen und die Verſöhnung abgeſchloſſen. Ich ſage dir, Marie, es gibt kein beſſeres Mittel, den Mund dieſer Herren der Schöpfung zum Schweigen zu bringen, als wenn man einen guten Biſſen hineinſtopft. Auf den Nachmittag wollen wir mit unſeren Be⸗ ſuchen in der Nachbarſchaft anfangen. Ich werde mich ſchön kleiden— ich habe einen kleinen Strohhut mit Syringen darauf, der ſich recht hübſch ausnimmt— und werde wohl darauf achten, mit welcher Zufriedenheit Bär„meine Frau! meine Frau!“ vorſtellen wird. Er ſagt dieſes„meine Frau“ mit einem ganz eigenthüm⸗ lichen und vergnügten Tone. Aber jetzt darf„meine Frau“ nicht länger ſchwatzen. Sie muß beim Mittag⸗ eſſen ihrem Manne aufwarten. Nachmittags. SSchon wieder ein kleiner Streit. Es iſt gefährlich, den ſchlafenden Löwen zu wecken. Die Scene iſt bei den Waffeln. „Meine liebe Freundin, welchen Hut gedenkſt du heute Nachmittag aufzuſetzen?“ „Meinen kleinen Strohhut mit den Syringen.“ „Den? Ach nein! Nimm lieber den weißen Florhut, der iſt ſo ſchön.“ „Was? Meinen einzigen Staats⸗ und Feſthut! Was denkſt du, mein Engel? Mit dieſem im Cabriolet ſitzen, im Staube— und vielleicht regnet es auch.“ „Nun, dann ſtäubt es wenigſtens nicht.“ „ S 4⁵ „Wie du ſo witzig biſt! aber meinem Hut iſt damit nicht geholfen.“ „Meine liebe Fanny, es würde mir Vergnügen machen, wenn du dieſen Hut nähmeſt.“ „Nun, dann will ich es auch thun, mein theurer Si und wenn es zu gleicher Zeit ſtäuben und regnen ollte.“ Und jetzt gehe ich, den weißen Hut aufzuſetzen; was würde jetzt Frau Volker ſagen, wenn ſie ihn in einem Cabriolet auf der Landſtraße ſähe? Der kleine Garten⸗ junge tritt dießmal in grauer Jacke und grünem Sammt⸗ kragen als Bedienter auf. Freitag den 12. „Aber du biſt zu hübſch in dem Hute?“ rief Bär. als er geſtern ſeine Frau im Viſitenanzuge erblickte. Ma chere mère muß dich nothwendig darin ſehen. Wir müſſen ein Bischen in Karlsfors einſprechen, ehe wir weiter fabren. Er iſt wirklich gar zu niedlich.“ „So? gefällt er dir? Nun, wie du willſt, mein lieber Freund, nur kommen wir dann zu ſpät an die andern Orte.“ „Das mag gehen, wie es will. Ma chère mère muß heute mein Weibchen ſehen.“ Siehe jetzt das Weibchen mit dem kleinen Hute in dem kleinen Cabriolet ſchaukelnd und unruhige, beinahe pittende Blicke zum Himmel hinaufwerfend, welcher recht finſter über ihren kleinen Hut herabblickt. Inzwiſchen kamen wir nach Karlsfors, ohne einen Tropfen Regen bekommen zu haben. Im Salon trafen wir Beſuche. Ma chère möre kam uns vergnügt und freundlich ent⸗ gegen, küßte mich, ſah mich an, klopfte mich auf die Wange und ſagte, ich ſehe aus wie ein Röschen. Zu Bär ſagte ſie:„Du haſt eine kleine Frau, Lars Anders, aber man kann von ihr ſagen:„Klein und gut.“ Bär blickte vergnügt drein.(Es ärgert mich ein wenig, daß ma chéère mére mich ſo ſchrecklich klein findet. Es fieht zuweilen aus, als ob ſie mich kaum für einen vollkom⸗ menen Menſchen hielte und das bin ich doch.) Ein neuer Beſuch kam und ich ſetzte mich, um die Geſellſchaft zu vetrachten. Bald hefteten ſich meine Augen auf eine kleine junge Dame(ſicherlich noch kleiner als ich), deren ganzes Weſen eine außerordentliche Lebhaftigkeit zu erkennen gab. Sie hatte eine dunkle Geſichtsfarbe, lebhafte braune Angen, eine etwas große und gebogene Naſe, ein etwas vorſtehendes Kinn; ſie war nicht ſchön, hatte aber etwas Pikantes und ihre moderne, aber etwas zu elegante Klei⸗ dung paßte recht gut für die kleine, lebhafte Figur. Bär und ſie reichten einander ſehr freundlich die Hand, und ihre feurigen ſcharfen Augen hefteten ſich ſogleich auf mich. Bär machte eine Bewegung, als ob er uns gegenſeitig vorſtellen wollte, aber in demſelben Augen⸗ blick wurde ich von ma chére mère erfaßt, die mich ſchnell umdrehte und an's Fortepiano führte, wo ich jetzt der Geſellſchaft etwas ſingen mußte. Nachdem ich dieſe Schuldigkeit erfüllt, kam die lebhafte junge Dame und ſetzte ſich neben mich. Sie ſah mich durchdringend, aber freundlich, und beinahe bekannt an, fragte, wie lange ich in der Gegend ſei und ob ich das Volk hier, im Ver⸗ gleich mit den Bewohnern von Stockholm, nicht horribel arrierirt finde. Als ich ihr munter geantwortet, ſagte ſie, indem ſie mich beſtändig forſchend anſah:„Sie ſehen Ihrer Mutter ſehr ähnlich;— eine vortreffliche Frau— — ich habe ſie früher oft geſehen— und kenne auch Sie ganz gut, Madame Werner, obgleich ich Sie früher nie von Perſon geſehen habe.“ Ich blickte ſie fragend an und ſchon lag es mir auf der Zunge:„Mit wem habe ich die Ehre u. ſ. w.?“ Allein ſie kam mir zuvor und fragte, ob ich ſchon mehrere von meinen Nachbarn beſucht habe? Ich antwortete, ich ſei eben im Begriff, Beſuche zu machen. „Nun,“ ſagte ſie,„dann werden Sie allerhand cu⸗ rioſe Jiguren kennen lernen. Einige von der Waſſer⸗ u⸗ er ne es ab. me as s lei⸗ är nd, eich ins en⸗ nell der ieſe und ber zer⸗ ibel agte hen u— auch üher auf v. 7* rere ſuche cCu⸗ ſſer⸗ 47 ſuppen⸗, andere von der Meerrettignatur. Es wäre Sünde und Schade, wenn Sie nicht jetzt ſchon einen fleinen Vorſchmack von dem bekämen, was Sie erwartet. Wenn Sie zu v. P's, den neugebackenen Edelleuten auf Holma kommen, ſo ſprechen Sie von Bildung und Funſt;— nennen Sie im Vorbeigehen die vornehmen Bekanntſchaften, die Sie haben— NB. wenn Sie ſich gut mit Ihnen zu ſtellen wünſchen. Iſt es Ihnen auch ſchon begegnet, daß Sie nach einem mehrſtündigen Zu⸗ ſammenſein mit gewiſſen Wenſchen ſich gleichſam ein⸗ gewäſſert, oder, wenn ich ſo ſagen darf, ausgemoſtet fühlten?“ „O ja,“ ſagte ich lachend. „So geben Sie darauf Acht, wie Sie ſich befinden, wenn Sie v. P's zurückkommen. Sprechen Sie nicht über Kunſt bei Major Stalmarks auf Adamsruh, NB. wenn Sie ſich dort gut angeſchrieben zu ſehen wünſchen. Natur, Freiheit, Einfachheit iſt dort die Loſung. Meine gute Freundin, die Majorin will von nichts Anderem, als von Knechten und Mägden und Haushaltungs⸗ gegenſtänden reden; der Major iſt eitel geſunde Ver⸗ nunft und friſche Kraft. Ich bin ſehr begierig, ſpäter zu erfahren, ob Sie ſich davon ſehr ergquickt fühlen. Es gibt Kraftgerichte, die nicht ſtärken. Aber ſehen Sie ſich wohl vor, daß die kleinen Adamiten Ihnen nicht irgend einen recht unparadieſiſchen Poſſen ſpielen. Die großen halten ſich vermuthlich im Stalle.“ „Ich rathe Ihnen, als gute Freundin, nicht bei dem alten Fräulein Hellevy Hausgiebel vorbeizufahren, die in der Nähe der Stadt auf ihrem Vogelneſt ſitzt; denn ſie würde es ſehr übel aufnehmen. Mit ihrer artigen Figur und ihrer ſcharfen Zunge erinnert ſie zu⸗ gleich an einen Specht und an einen Pfefferkuchen:— doch vielleicht kennen Sie dieß Original ſchon?“ „Nein, aber ich habe ſagen hören, ſie ſei etwas boshaft und dabei abgeſchmackt.“ „Boshafi? abgeſchmackt?“ wiederholte meine Nach⸗ barin zögernd,„hm!.. Gott weiß, ob dieß nicht zu viel geſagt iſt. Boshaft? Sie ſagt ſo ziemlich ihre Meinung über die Leute, aber ſie thut dieß mit Offen⸗ heit und tritt dabei Niemanden zu nahe. Abgeſchmackt? Nun ja, ja, das mag wahr ſein. Sie hat ihre Mängel, wie manche Andere, ja vielleicht noch mehr. Aber das Gleichniß werden Sie gewiß in allen Fällen treffend finden.“ „Ich möchte wohl wiſſen,“ ſagte ich, beluſtigt durch dieſen Einfall, der in ihrem Munde weniger boshaft klang, als er auf dem Papier erſcheinen dürfte, ich möchte wohl wiſſen, was Sie von meinem Manne und von mir ſagen und womit Sie uns vergleichen?“ „Wer kann den guten Doctor Werner ſehen, ohne“ an Plumpudding zu denken? und Sie, meine gute Ma⸗ dame, ſind die ſüße, brennende Sauce dazu, ohne welche er nicht halb ſo ſchmackhaft ſein würde. Aber— in Beziehung auf Ihre künftigen Bekannten wollte ich nur noch hinzufügen, daß Sie nie etwas recht Ehrwürdiges geſehen haben, bevor Sie die alten Dahl's ſehen, und daß Sie keinen klaren Begriff von Liebenswürdigkeit bekommen, bis Sie ihre Enkelin Serena, die Blume des Thals, wie ſie in doppelter Beziehung genannt wird, kennen gelernt haben.“ „Serena?“ wiederholte ich;„das iſt ein wunder⸗ licher Name.“ „So werden Sie nicht mehr denken, wenn Sie das Mädchen ſehen. Unſer Herrgott ſcheint ſie ſelbſt ge⸗ tauft zu haben. Aber jetzt muß ich Sie verlaſſen und weiter fahren. Wenn Sie nun nach dieſem Geſpräch mich für verrückt oder für boshaft erklären wollen, ſo will ich Ihnen zum Voraus ſagen, daß ich mich Nichts darum bekümmere. Jedenfalls gefallen Sie mir, und ich hoffe, Sie bald wieder zu ſehen.“ Hiemit drückte ſie mir ſehr freundlich die Hand, ſtand auf und nahm leicht und ſchnell Abſchied von Allen. Als ſie hinausging, merkte ich, daß ſie etwas t zu ihre ffen⸗ ckt? gel, das fend urch haft wchte von ohne Ma⸗ che in nur iges und gkeit ume annt der⸗ das ge⸗ und rãch chts und von was 49 ſchief war und ſich auch nicht die Mühe zu nehmen ſchien, dieß zu verbergen. „Wer iſt ſie? wer iſt ſie?“ fragte ich, ſobald ſie draußen war. „Ei, ei, Franziske, ſagte ma chére mére,„kennt Sie das Fräulein Hellevy Hausgiebel nicht? Nun da habe ich eine Dummheit begangen, euch einander nicht vorzuſtellen?“ Ich ſtand wie vom Donner gerührt da.„Fräulein Hellevy Hausgiebel?“ rief ich endlich.„Aber Fräulein Hausgiebel ſoll ja alt ſein!“ „Das ſind ihre eigenen Geſchichten,“ ſagte ma chère mère,„ſie hat ihre eigenen Narrheiten im Kopfe und läßt es ſich eben ſo angelegen ſein, ſich alt zu machen, wie Andere jung zu erſcheinen. Sie gibt ſich für eine Vierzigerin aus und iſt gewiß noch keine 35 Jahre alt. Ich halte keine große Stuͤcke von ihrem Vogelneſt, denn ich verſtehe mich nicht auf all die Schnecken, Würmer und Schwämme, die ſie dort ſammelt, im Uebrigen iſt ſie eine geſcheidte und achtungswürdige Perſon, von der ich eine ganz gute Meinung habe.“ „Aber welche wird ſie wohl von mir haben?“ dachte ich, indem ich mich, verlegen über meine Unvorſichtigkeit nebſt Bär in's Cabriolet zurückbegab. Mein Hut hatte wenig Aufſehen gemacht und ich hatte eine Dummheit begangen. Der Anfang unſerer Fahrt war nicht glänzend. „Bah,“ tröſtete ich mich.„Fräulein Hausgiebel iſt eine verſtändige Perſon. Ich bin im Ganzen nicht dumm. Wir werden die Sache ſchon in's Reine bringen. La Bruyère ſagt ja: Le sot ne se retire jamais du ridi- cule, c'est son caractère: l'on y entre quelquefois avec de l'esprit, mais['on en sort.“— Und luſtig rollte der Wagen fort auf Adamsruh, die Reſidenz des Majors Stalmark los. Nicht weit davon ritt ein junges Mäd⸗ chen von etwa vierzehn Jahren auf einem ungeſattelten öländiſchen Pferde uns entgegen, ihr Haar war röth⸗ lich und ihr ganzer Anzug in großer Unordnung.„Guten Bremer, die Nachbarn. 4 50 Tag, Fräulein Malle!“ rief Bär der kleinen Amazone zu,“ ſind Papa und Mama zu Hauſe?“—„Ja wohl!“ rief ſie zurück,„ich reite Purte auf die Waide.“ Sie ritt fort, wir fuhren weiter.„Gott ſteh mir bei,“ rief ich,„ſoll das ein Fräulein ſein?“—„Ja,“ antwortete Bär lakonuch. Wir kamen am Gute an. Dort war ein gewaltiger Lärm. Drei junge Herren in Jagd⸗ kleidern rasten mit wenigaſtens zehn Hunden herum. Beim Anblick Bärs und ſeiner Bärin, wandte ſich die ganze tobende Geſellſchaft gegen unſere unſchuldige Equi⸗ page, wurde aber zum Glück für meinen und meines Geltebten Heldenmuth von den jungen Herren zurück⸗ gelockt und der muntere, aber unharmoniſche Chor zog ſich weiter weg.„Dieſer Ort ſollte Adams⸗Unruh heißen,“ dachte ich. Wäbrend ich durch den Vorſaal gina, kam mir etwas zwiſchen die Füße, ſo daß ich beinabe umfiel. Ich bemerkte, daß es ein Stück Holz war und entdeckte ſofort in einem Winkel des Vorge⸗ machs zwei kleine, boshaft grinzende Figuren, die ſich be⸗ reit machten. die friedlichen Gäſte auf's Neue zu dom⸗ bardiren. Ich drobte ihnen mit dem Holz und batte eine unbeſchreibliche Luſt, die kleinen Wilden eine nävere Bekanntſchaft damit machen zu laſſen. Aber Bär, der bereits im Zimmer war, rief mich und ich mußte ihm nachfolgen, um mich vor— Gott weiß was— zu flüchten, das mit großem Gepolter mir auf den Ferſen nachfolgte. Ich war ärgerlich, mußte aber dennoch lachen. Bär wurde böſe, als er hörte, was mir begegnet war; er öffnete die Tyür in den Vorſaal wieder, ballte die Fauſt gegen die Adamiten und verſprach ihnen— ich glaube ein Klyſtier, wenn ſie die Leute nicht in Ruhe laſſen. Nachdem wir uns erholt, Bär ausgebrummt und ich genug gelacht hatte, gingen wir weiter und trafen in einem hübſchen Zimmer zwei Perſonen von dem Ausſehen, das gerne einen gewiſſen Rang und ein gewiſſes Vermögen begleitet. Ich möchte es reputirlich nennen. Es waren der Major und die Majorin. Der 51 Major, ein ältlicher, aber noch ſchöner Mann, hatte ein freundliches und artiges Weſen. Die Majorin war eine ſehr dicke, noch junge, aber nicht ſchöne Frau und ihr Ausſehen hatte etwas ausnehmend Offenes und Gerades. Bär präſentirte„meine Frau,“ und„meine Frau“ wurde beinahe ebenſo freundſchaftlich aufgenom⸗ men, wie mein Bär. Die Herren gingen im Zimmer auf und ab und plauderten; die Majorin und ich ſollten auf dem Sopha nähere Bekanntſchaft machen. Sie ſah mich an und ich ſie. Ihr Geſicht kam mir bekannt vor, ihre Stimme noch mehr und letztere, die einen finni⸗ ſchen Accent hatte, machte einen ganz beſondern Ein⸗ druck auf mich. Ich konnte meine Augen nicht von ihr abwenden, ich ſah an ihrem Hals eine kleine Narbe und— auf einmal fiel mir eine ganze Epiſode aus meinem ſrüheren Leben ein: ich erlebte noch einmal, was du mit mir erleben mußt, wenn du das jetzt Fol⸗ gende begreifen willſt. Begleite mich vor Allem zu meinen Großthaten in den Sälen der Gymnaſtik, begleite mich in eine Zeit, wo ich noch ſehr jung war, wo mein Blut nicht ſo ruhig floß, wie jetzt(obgleich Bär verſichert, es könnte ohne Schaden noch rubiger fließen), in eine Zeit, wo ich es ſo herzlich überdrüſſig war, immer dieſelben Geſichter zu ſehen, wo ich mir um jeden Preis Abenteuer wünſchte, wo eine Feuersbrunſt, ein Auflauf für mich wahre Er⸗ quickungen, wo die Schlacht bei Prag und die Schlacht bei Fleury meine liebſten Muſikſtücke waren, wo ich darüber weinte, daß ich kein Mann geworden und nicht in den Krieg ziehen konnte, wo ich aus einer Art Be⸗ dürfniß Exceſſe zu begehen einmal fünf Taſſen wäſſerigen Thee bei dem Kämmerer Arbels trank, deſſen Frau in einer Art wohlwollender Raſerei mir noch die ſechste aufdrängen wollte. Ich war damals ſechszehn Jahre alt und zum Glück für meine unruhige Gemüthsart, begann um dieſe Zeit meine rechte Schulter ein wenig herrotin 52 Die Gymnaſtik war in der Mode als ein Heilmittel für alle Arten von Gebrechen, und meine Eltern be⸗ ſchloſſen, auch mich turnen zu laſſen. In garnirten Beinkleidern, einem grünen Oberrock und einem Tüll⸗ häubchen mit Roſabändern auf dem Kopf trat ich eines ſchönen Tags unter einen Haufen von 30— 40 ungefähr ebenſo gekleideter Figuren, die luſtig in einem großen Saal voll Seilen, Leitern und Stangen herumſchwärm⸗ ten. Es ſah wunderlich und beinahe unheimlich aus. Am erſten Tage verhielt ich mich rubig und ließ mir von einer Lehrerin Rückenbiegung, ſowie Arm- und Beinbewegungen beibringen. Am zweiten Tage ſchmol⸗ lirte ich mit einigen von den Mädchen, am dritten wett⸗ eiferte ich mit ihnen auf Seilen und Leitern; vor dem Ende der zweiten Woche führte ich die zweite Rotte an und fing an ſie zu allerhand Unternehmungen aufzu⸗ muntern. Ich las damals die griechiſche Geſchichte. Ihre Helden und deren Großthaten umſchwebten mich in den Sälen der Gymnaſtik. Ich ſchlug meiner Rotte vor, antike Männernamen anzunehmen und einander an dieſem Orte fortan nur:„Agamemnon, Epaminondas, Pelopidas u. ſ. w. zu nennen. Für mich wählte ich den Namen Oreſtes und meine beſte Freundin in der Rotte nannte ich Pylades. Ein großes mageres Mädchen mit finniſchem Accent, das mir beſonders wegen ſeiner unehrerbietigen Unabhängigkeit von mir und meinen Ideen, die es jederzeit zu erkennen gab, zuwider war, hatte die Frechheit, ſich über dieſe Namensveränderung luſtig zu machen und nannte lachend mich und meine Freundin, die wir beide klein waren, Orre und Pylle. Dieß verdroß mich tief, beſonders weil es der ganzen Schaar den griechiſchen Geiſt nahm, den ich ihr ein⸗ flößen wollte. Meine lange Feindin erklärte, durchaus keinen andern Namen, als Brita Kajſa führen zu wollen; ich aber fuhr deßungeachtet fort, ſie Darius zu nennen. Es kamen noch neue Veranlaſſungen zu Streitigkeiten hinzu. So ſehr ich in die griechiſche Geſchichte verliebt wa ein 89 06 war, ſo war ich doch nicht minder für die ſchwediſche eingenommen. Karl XII. war mein Abgott, und oft unterhielt ich meine Freundinnen mit ſeinen Großthaten, wobei ich vom glühendſten Enthuſiasmus entflammt wurde. Wie ein kaltes Waſſer kam Darius eines Tags darüber und ſtellte ſich mit der Behauptung entgegen, Czar Peter I. ſei ein weit größerer Mann geweſen, als Karl Xll. Ich nahm die Herausforderung mit blindem Eifer und innerer Raſerei auf. Meine Geg⸗ nerin führte mit Kälte und Sachkenntniß eine Menge Thatſachen für ihren Satz an und ſo oft ich darauf eingehen und meine Helden ſiegreich zum Himmel er⸗ heben wollte, wurde mir jedesmal Pultawa in den Weg geworfen. O Pultawa, Pultawa! Manche Thrä⸗ nen find über deine blutige Wahlſtatt gefloſſen, aber keine bitterern, als ich in der Stille vergoß, wenn ich wie weiland König Karl dort eine Niederlage erlitt. Sie waren voll von einem Schmerz, den ich jetzt nicht mehr begreife. Meine Gegnerin wurde mir wirklich verhaßt. Ich haßte ſie wie Czar Peter ſelbſt und das Volk. deſſen Herr er war. Noch ein dritter Funke und die Flamme brach aus. Ein junges, hübſches Mädchen, das die männliche Klei⸗ dung nicht weniger weiblich und ſchüchtern zu machen vermochte, erwarb ſich meine chevalereske Neigung und ich erklärte mich für ihren Ritter. Eines Tags, als ich im Begriffe war, ihr Verſe von Racine vorzudeklamiren, ſtand auf einmal der abſcheuliche Darius an meiner Seite und ſagte ſpöttiſch:„Ich bin dein Rival.“ Ich warf einen vernichtenden Blick auf ihn und ſagte ver⸗ ächtlich:„Brita Kajſa, bleib du bei deiner Nähnadel.“ Dieß ärgerte Brita Kajſa; ſie wurde roth, während meine ganze Partei ein ſchallendes Gelächter aufſchlug. Bald darauf ſaß ich auf der Leiter und betrachtete von meiner Höhe herab die unter mir wimmelnde Menge, als ich auf einmal meinen einen Fuß von einer ſtarken Hand angefaßt fühlte und meine lange Feindin erblickte, 54 die ihren Arm emporgeſtreckt hatte und mich feſthielt, indem ſie höhniſch rief:„Holla dort oben! Hilf dir jetzt, wie Oreftes, oder bleibe vielmebr auf der Sproſſe ſitzen und gluckſe uns vor wie eine Orre.“*) Was Oreſtes in meiner Lage gethan haben würde, weiß ich nicht, aber mein Zorn und meine Geberden erinnerten vermuthlich mehr an einen in der Schlinge feſtſitzenden Vogel, als an einen gefangenen Helden, denn rings um mich her erhob ſich ein unbeſchreibliches Gelächter und machte mich vollkommen wüthend. Mit lauter Stimme rief ich Pylades um Hülfe an. Pylades ſah aus, wie ein Feig⸗ ling; er machte meiner Feindin einige Vorſtellungen, aber ohne alle Kraft.„Ich fordere dich heraus, ich verlange Satisfaction!“ ſchrie ich Darius zu, allein dieſer lachte bloß und ſagte:„Bravo, Orre, bravo! Siehe, gerade ſo hielt Czar Peter den großen Karl Xll. in Bender feſt.“ Ich war auf dem Sprung, eine ver⸗ zweifelte That zu begehen, als eine der Lehrerinnen kam, dem Auftritt ein ſchnelles Ende machte und mich befreite. In meinem Innern kochte es voll Bitterkeit. Ich ging zu Pylades und ſagte:„Du haſt dich wie ein Elender benommen, Pylades. Foige mir auf der Stelle, ich will dieſe Prahlerin herausfordern; ſie hat mich beſchimpft, du ſollſt mein Sekundant ſein.“ Pylades ſah furchtſam aus, wie ein Haſe, wagte es aber nicht, nein zu ſagen. (Du bemerkſt vermuthlich, beſte Marie, daß ich von denſelben Perſonen bald per er, bald per ſie ſpreche, allein halte mir dieſ⸗ Verwirrung zu gute, ſie charak⸗ teriſirt den ganzen Auftritt, ſo wie den Wirrwarr, der damals in meinem Hirn herrſchte.) Ich ſuchte jetzt Darius auf, der mit kränkender Kaltblütigkeit an eine Wand gelehnt daſtand und etwas vor ſich hin ſang. Mit gerunzelten Augenbrauen trat ich vor ſie und fragte:„Was meinteſt du ſo eben?“ ielt, etzt, tzen ſtes er lich als her chte ich eig⸗ en, lein vo! I. er⸗ nen lich eit. ein lle, tich des cht, on he, ak⸗ der der s rat 22 55 Brita Kaiſa maß mich mit einem ſtolzen Blick und antwortete nachläſſig:„Was ich meinte? Nichts anders, als was ich ſagte.“„Dann habe ich ein Wort mit dir zu ſprechen,“ rief ich ergrimmt.„Du haſt mich un⸗ würdig beleidigt und ich verlange, daß du mich in Gegenwart der ganzen Rotte um Verzeihung bitteſt, und zugeſtehſt, daß Karl KlI. ein größerer Mann war, als Czar Peter, oder daß du dich mit mir ſchlägſt, wenn du Ehre im Leibe haſt und keine Memme biſt.“ Brita Kajſa wurde roth, ſagte aber mit einer abſcheulichen Kälte:„Um Verzeihung bitten? Nein, das fällt mir nicht im Schlafe ein. Mich ſchlagen? nun ja! Aber wo und mit was, etwa mit Stecknadeln oder.— „Auf Degen, wenn du keine Memme biſt— und hier. Wir können eine halbe Stunde vor den Andern da ſein. Die Waffen werde ich mitbringen. Pylades iſt mein Sekundant; wähle du dir gleichfalls einen.“ Ich ſagte dieß mit großem Stolz. „Das wird nicht nöthig ſein,“ antwortete Brita Kajſa mit unerträglichem Uebermuth;„ich nehme euch beide auf mich.“ „Du mubt einen Sekundanten haben!“ rief ich, mit meinem kleinen Fuße ſtampfend.„So verlangt es die Regel.“ „Nun gut, Grönvall! komm ein Bischen hieher.“ Eliſabeih Grönvall war gleichfalls ein großes Mäd⸗ chen, dumm und tappig, mit hängenden Lippen und von mir im Scherze Neſtor genannt.— Sie kam, ließ ſich auseinanderſetzen, um was es ſich handle und erklärte ſich ſogleich mit einer ſehr wichtigen Miene bereit, die Sekundantin meiner Gegnerin zu ſein. „Morgen früh um neun uhr!“ ſagte ich⸗ indem ich mich entfernte.. „Um neun Uhr,“ wiederholte Brita Kajſa mit einem Hohnlächeln. Auf dem Heimweg veſchäftigte ich mich damit, Py⸗ lades Muth einzureden und mit guten und böſen Worten klich enge „zu ich nich eine ich, lite. nen und en! ine wie bar nen on as en 57 Glücks und begab mich, die Waffen unter dem Mantel, in den Turnſaal. Du kannſt dir vorſtellen, daß ich nichts von der Fechtkunſt verſtand. Allein das bekümmerte mich wenig, Blind darauf loszugehen ſchien mir eben ſo einfach, als leicht. Im Uebrigen geſtehe ich, daß ich auf dem Wege zum Kampfplatz ſo wenig als möglich dachte. Als ich in den großen Saal kam, waren mein Feind und ſein Sekundant bereits da. Pylades ließ ſich nicht blicken. Ich fluchte heimlich auf ihn. Darius und ich grüßten tinander ſtolz und ſehr kurz. Ich ließ ihn zwiſchen den Degen wählen. Er nahm einen und handhabte ihn ſo leicht und fertig, als wäre es ihm etwas Alltägliches. Ich ſah mich im Geiſte ſchon durchbohrt. Jetzt kam Pylades, ſo bleich, ſo angſtvoll! Ich warf ihm einen erzürnten Blick zu und verriegelte die Thüre. „Um Gotteswillen!“ rief er jetzt,„mordet euch nichti Es iſt ja eine Tollheit.“ „Schweig!“ rief ich im Zorn und ſagte, gegen Da⸗ rius gewendet:„Du veharrſt alſo dabei, dein Unrecht nicht eingeſtehen und mich nicht um Verzeihung bitten zu wollen?“ „Ja!“ ſagte Darius, indem er mit beiſpielloſer Kaltblütigkeit ſeinen Degen prüfend am Boden bog— „Czar Peter war ein großer Mann!“ „Tod über ihn! Es lebe Karl XII.!“ rief ich auf⸗ flammend und ſtellte mich in eine Art Poſition. Darius that daſſelbe. „Wartet, wartet!“ ſchrie Pylades angſtvoll,„wartet, ich muß ja das Signal geben!“ „So gib es ſogleich!“ „Wartet, wartet! mir fällt etwas ein.. wartet!“ „Ich warte nicht!“ rief ich.„Ruſſenfreund, ich zähle auf drei und wir ſchlagen uns! Eins, zwei, dre Unſere Degen ſchlugen zuſammen und in demſelben 58 Augenblick war ich entwaffnet und zu Boden geworfen. Darius ſtand über mir und ich glaubte, mein letztes Stündlein ſei gekommen. Wie erſtaunte ich nicht, als meine Feindin die Waffe wegwarf, meine Hand ergriff, mich aufhob und luſtig rief:„Nun, da haſt du Satis⸗ faction. Laß uns gute Freundinnen werden. Du biſt eine tapfere, kleine Perſon!“ Pylades lag einer Ohnmacht nahe auf den Knieen. Reſtor ſaß auf der Leiter und ſchrie jämmerlich. Ich war ganz aus dem Concept und ſtarrte meine vor⸗ malige Feindin an, die aus einer Wunde am Hals ſtark blutete. „Du bluteſt!“ rief ich endlich,„ich habe dich ge⸗ ödtet!“ „Ah bah! es iſt nur ein kleiner Ritz, der bald wieder heilen wird. Im Uebrigen will ich dir nur ſagen, vaß ich die Ruſſen eben ſo wenig leiden kann, als du, ich ſtellte mich nur ſo, um....“ ſie erbleichte, ſtotterte und mußte ſich ſetzen. „Was habe ich gethan, ich Unglückliche!“ rief ich außer mir, warf mich nieder und wälzte mich neben der Blutenden auf dem Boden.„Verzeih,—— o ver⸗ zeih mir!“ In demſelben Augenblicke hörte man ein ſchreckliches Gepolter an der Thüre. Pylades ſchleppte ſich hin, öffnete und hereinſtürzte der Fechtmeiſter, nebſt drei Lehrerinnen. Ich verlor das Bewußtſein. Erſt mehrere Wochen nachher erfuhr ich, daß Py⸗ lades mich verrathen und noch an demſelben Morgen eine der Lehrerinnen ſchriftlich gebeten hatte, mein thö⸗ richtes Vorhaben zu verhindern. Das Billet war indeß zu ſpät angekommen und ſomit auch die erſchreckte Lehrerin erſt nach dem Duell. Brita Kaiſa— denn nachher taufte ich die Leute nicht mehr um— wurde wirklich binnen Kurzem voll⸗ kommen hergeſtellt. Ich aber lag über ein Vierteljahr gefährlich krank darnieder. Dieſe Krankbeit that mir jedoch Temp ich, 2 in Fi Kran geäuf den 1 vollk ich ih aber ſtänd geſch Arbe lich, ich v und früh hatt Mer ſtan —¹ jetzt und gut ſaß, Ge von Wo Ha kan wa ſchi Ge Ge ich fen. tztes als riff, tis⸗ biſt een. bor⸗ als ge⸗ a gen, du, erte ich der ver⸗ ches hin, drei Py⸗ en thö⸗ weß eckte eute ol⸗ jahr mir 59 jedoch gut; denn ſie kühlte wohlthätig mein heftiges Temperament ab. Als ich wieder geneſen war, erfubr ich, Brita Kajſa ſei mit ihren Eltern nach ihrem Wohnſitz in Finnland gereist: ſie habe mich während meiner Krankheit mehrere Male beſucht und großes Bedauern geäußert, daß ſie mich gereizt, und daß ſie jetzt Schwe⸗ den verlaſſen müſſe, bevor ich wieder geſund und wir vollkommen verſöhnt ſeien. Auch mir that es leid, daß ich ihr kein freundliches Abſchiedswort batte ſagen können, aber mein hitziaes Fieber, während deſſen ich faſt be⸗ ſtändig phantaſirte, hatte die alten Eindrücke bedeutend geſchwächt und jetzt kamen eine Menge neue, Tod, Noth, Arbeit um's liebe Brod und Vieles, was zwar ſchmerz⸗ lich, aber doch gut auf meinen Charakter wirkte;— ich vergaß das Vergangene und deßwegen genug davon und jetzt zur Gegenwart zurück. Zwölf Jahre waren vergangen. Ich hatte meinen früheren Feind ganz aus dem Geſichte verloren: ich batte meine frühere Tapferkeit vergeſſen; ich war ein Menſch geworden, der den Czar Peter zu ſchätzen ver⸗ ſtand und allen Menſchen, auch den Ruſſen wohl wollte, — ich war Bär's fromme Gattin geworden und fuhr jetzt mit ihm im Cabriolet auf Beſuche, ſo anſtändig und ſtill, wie die leibbaftige Göttin Prudentia. Nun gut, Marie! Die Majorin, auf deren Sovpha ich jetzt ſaß, die wohlbeleibte Frau mit dem ernſten, aber offenen Geſicht, das mir ſo bekannt und doch ſo unbekannt war — wer war ſie anders, als meine frühere magere Feindin vom Turnplatz ber, Darius, Czar Peter, mit Einem Wort Brita Kajſa! Ihre Stimme und ihre Narbe am Hals ließen ſie mich vollkommen wieder erkennen. Ich kann dir nicht ſagen, wie wunderſam es mir zu Muthe war. Ich war beſchämt, ich war gerührt, die vorherr⸗ ſchendſte Empfindung aber war eine Luſtigkeit, die in Geſchrei und Gelächter auszubrechen verlanate. Der Geiſt der Poſſen bekam auſ's Neue Macht über mich, ich nahm eine Stricknadel, die auf dem Tiſche lag, 60 pflanzte mich in martialiſcher Stellung vor der Majorin auf und rief:„Es lebe Karl AII.! Wir ſchlagen uns! Eins, zwei, drei.. Die Majorin ſah mich einen Augenblick an, als ob ſie mich für verrückt hielte, rief aber in der nächſten Minute:„Czar Peter war ein großer Mann!“ nahm gleichfalls eine Stricknadel und ſtellte ſich mir in Fechter⸗ ballung gegenüber. Nun ließen wir auf einmal die Waffen fallen und fielen ſelbſt, laut lachend— einander in die Arme. Stelle dir einmal— allein ich wette was du willſt, du kannſt es nicht— die Verwunderung Bär's und des Majors vor bei dieſem Auftritt. Die Fragen aber, die Ausrufungen, die Erklärungen, die erſtaunten Geſichter und das Gelächter, das darauf folgte, wirſt du dir leicht denken können. Brita Kajſa und ich betrachteten einander auf's eu e. „Ei der Tauſend!“ rief ſie,„du haſt dich ſehr alt gemacht ſeit dieſer Zeit.“ „Und du nicht iiebenswürdiger,“ dachte ich, ſagte aber:„Du biſt dagegen dem Ausſehen nach jünger ge⸗ worden“ Uund dieß verhielt ſich wirklich ſo; die weiße, corpulente Frau war viel hübſcher, als das braune magere Mädchen. Nachdem wir lange genug uns gewundert, erzählt und gelacht, kamen wir auf das Kapitel von den Ver⸗ gnügungen und Tollheiten der Kindheit im Allgemeinen. Die Herren wurden lebhaft bei der Erzählung ihrer Abenteuer. Brita Kajſa erklärte, ſie ſei nie ſo luſtig geweſen, wie in ihrer Kindheit. Alle drei kamen darin überein, dieſe Tage als das goldene Zeitalter des Lebens zu betrachten. „Ja, ja,“ ſagte endlich Bär mit einem Seufzer, „es war eine gute Zeit. Sie kehrt nicht wieder.“ „Ei, mein Lieber,“ verſetzte ich etwas unwirſch über dieſe Kindheitsbegeiſterung,„bilde dir nur nicht jorin uns! 8 ob hſten nahm hter⸗ die inder illſt, d des „ die chter udir auf's r alt ſagte r ge⸗ eiße, aune zählt Ver⸗ inen. ihrer luſtig darin ebens ufzer, virſch nicht 61 ein, daß ſie übermäßig gut geweſen ſei. Iſt nicht die Kindheit für den erwachſenen Menſchen gleich einer, in der Perſpective geſebenen Landſchaft? Sie ſieht bloß derwperſo ſchön aus, weil ſie joweit entferntiſ. 3 bin überzeugt, daß du als Kind manche ſchwere Stunden mit Lectionen, Verweiſen, Strafarbeiten, Hausarreſt und allerhand derartigen Sachen gehabt haſt, deren du jetzt überhoben biſt.(Bär lachte.) Ich für meinen Theil werde die Tage der Kindheit nicht preiſen. Dieſe ganze Zeit war für mich ein fortgeſetztes Ach, groß zu werden. Ach, wie herrlich groß zu ſein und nicht mehr ausgezankt zu werden, wenn ich meine Kleider zerreiße! Ach wenn ich nur einmal groß wäre und alle Tage Kaffee trinken dürfte! Ach welch ein Glück, groß zu ſein und im Flor⸗ kleid mit Blumen auf den Ball fahren zu dürfen, wie Mama! Ach wenn ich nur einmal groß wäre, daß ich Romane leſen dürfte! Ach, ach, wenn ich doch groß wäre! Ich bin überzeugt, daß alle Kinder, jedes in ſeiner Art, ſolche Ach und Weh haben. Wenn wir auch zu⸗ weilen recht glücklich ſind, nun⸗ was iſt denn wohl dieſes Glück? Ein flüchtiges, nur halb bewußtloſes und deß⸗ wegen auch nur halb genießbares. Und wenn wir end⸗ lich das Ziel unſerer Kindheitsſeufzer erreichen, wenn wir groß werden, Kaffe trinken, Romane leſen und auf Bälle fahren, ach da hat ſich das Ach erſt recht in's Herz ſelbſt feſtgewurzelt und man iſt viel zu unruhig, um recht Ruhe haben zu können. Da haben wir das geprieſene Glück der Kindheit und der Jugend.“ „Madame Werner hat mein Seel nicht ſo Un⸗ recht“ ſagte der Major ernſt.„Und jedes Alter hat wohl ſeine Unannehmlichkeiten. Das von der Perſpec⸗ tive war verdammt gut geſagt. Ja, ja, es iſt etwas Wahres daran.“ Aber Bär ſah mich halb verwundert, halb kummer⸗ voll an und ſagte:„Du haſt alſo deine erſte Jugend nicht genoſſen, Franziske?“ „Nein, wahrhaftig nicht,“ antwortete ich,„ich war 62 viel zu unruhig, zu unvernünftig dazu; und ohne Ver⸗ nunft und Ruhe gibt es doch kein wabres Glück.“ „Sehr gut, ſehr gut,“ ſagte der Major. Der Thee kam und zu gleicher Zeit die jungen Herren, drei raſche, lebhafte, junge Männer, die nur gar zu ländlich ausſahen. Sie waren Beide Kajſa's Stieſſöhne. Die jungen Herren ſprachen von der Jagd, von Haſen, Pferden und Hunden, ſodann kam die Rede auf den neuen Bewohner von Ramm. Es hieß, er ſei Amerikaner und— fügte einer von den Söhnen hinzu — man ſagt, er ſei ſehr reich und habe Schickſale ge⸗ habt, wie ein wirklicher Romanheld. „Ja, gewiß,“ ſagte die Majorin die Achſeln zuckend. Ich bin überzeugt, daß er gerade iſt, wie andere Leute. Aber du, mein lieber Robert, übertreibſt immer Alles.“ Robert wurde rotb, als bätte er etwas ganz Un⸗ paſſendes geſagt. In diefem Augenblickkamen die Adami⸗ ten wie ein paar Bremſen hereingeſchwärmt, warfen ſich über den Theetiſch her und ſuchten alles Eßbare an ſich zu reißen. Die Majorin machte einen Verſuch, ſie durch gute Worte zur Ordnung zu bringen, allein die Kleinen kehrten ſich wenig daran und wurden nicht ſtille, bis man alle ihre Forderungen gewährt batte. Ich wünſchte nur, Bär hätte dieß geſeben: allein er war mit dem Herrn in einem andern Zimmer.„Man muß die Kinder nicht unterdrücken,“ ſagte die Majorin zu mir,„ſondern ihnen ihre Freiheit laſſen. Dadurch werden ſie ſpäter natürlich und nicht, wie ſo viele Andere, affectirt und fünſtlich. Haſt du die von P'ſchen Mädchen geſehen? Mein Gott, wie närriſch ſie mir vor⸗ kommen, wenn ſie in ihren weißen Handſchuhen daſitzen, die Mäuler verzteben und ſich dann ungemein prächtig und vornehm dünken.“ Jetzt wurde die Thüre aufgeſchloſſen und hereintrat eine Figur, der man wenigſtens keine Affectirtheit vor⸗ werfen konnte. Haltung, Haar und Kleider, Alles ſchien vom Sturm zuſammengeblaſen zu ſein. Die Majorin —— ———— S„—— er e er— c — c——— — „Ver⸗ ungen e nur aiſa's Jagd, Rede er ſei hinzu e ge⸗ kend. eute. les.“ Un⸗ ami⸗ irfen e an „ſie die ille, Ich war nuß zu urch iele hen 0T en, ſtig rat 0T⸗ ien rin 63 rief:„Komm her, Mally,“ und ſtellte mir ihre Tochter (Stieftochter) vor. Mally machte mürriſch und unbe⸗ holfen einen Knix und wandte ſich ſofort, wie ihre jün⸗ geren Geſcwiſter, an den Theetiſch, wo ſie bald alle drei mit einander zu zanken anfingen und ich die lieb⸗ lichen Ausdrücke hörte:„Pfui, ſchäme dich doch! Willſt du mir meinen Zwieback laſſen? Du Saurüſſel, du garſtiges, unverſchämtes Ding! Ich werde es Mama erzählen!“ Und jetzt entſtand ein gewaltiges Geſchrei: „Mama, Mama, Mama!“ Aber Mama bekümmerte ſich nicht darum; die Herren kamen herein, und während die Adamiten aßen und einander ſchimpften, und wir daher hoffen konnten, mit heiler Haut und ganzen Glie⸗ dern aus dem Hauſe zu kommen, nahm Bär und ich Abſchied. Brita Kajſa und ich gaben einander recht freundſchaftlich die Hand und wünſchten uns gegenſeitig Glück zur Nachbarſchaft. Im Sullen aber nahm ich mir vor, mich nicht ſo bald wieder der Gefabr auszuſetzen, von Holzſtucken todtgeſchlagen zu werden, und dem Ver⸗ gnügen, Complimente über mein altes Ausſehen anzu⸗ hören. Der Major begleitete mich bis an den Wagen, oder vielmehr das Cabriolet, ſollte ich ſagen. Er war ſehr artig und ſchien großes Wohlaefallen an mir zu haben. Ich war im Ganzen wohl zufrieden mit dieſem Beſuche, doch verließ ich das Haus mit zwer kleinen Stacheln im Herzen. Willſt du wiſſen, was dieſe waren? Erſtens ſtach es mich ein wenia, daß Bär geſagt hatte, er ſei in ſeiner Kindbeit ſo abſcheulich glücklich geweſen, und daß er dabei geſeufzt hatte, als läge ſein gegenwär⸗ tiges Leben bleiſchwer auf ihm. Zweitens fürchtete ich zu viel und mit zu großem Eifer an einem Orte ge⸗ ſprochen zu haben, wo ich zum erſten Mal war. Ich be⸗ ſorgte, Bär könnte mit mir unzufrieden ſein und Luſt haben, dem„ſehr gut, ſehr gut,“ des Majors ſein: „Nicht gut, nicht gut,“ entgegenzuſetzen. Ich hätte um's Leben gern gewußt, wie es ſich damit verhielte, allein jetzt ſaß der gute Menſch ganz verſtockt ſtill neben mir und ſah bloß auf ſeine Zügel. Ich muß es aber dennoch wiſſen, dachte ich und beſann mich, wie ich die 64 The rage an ihn einleiten ſollte; als ich aber den Mund öffnen wollte, begann Bär auf einmal:„Es thut mir leid, Fanny, b daß du in deiner Kindheit nicht glücklich geweſen biſt.“ 1 „Und mir thut es noch mehr leid,“ rief ich, halb Sh dem Weinen nahe,„daß du in der deinigen ſo erſchreck⸗ iſt. Ja ſogar ſo, daß du dich unt der dun ſchwerfällig finden mußt. Du haſt an deinem Ball mehr Vergnügen gehabt, als an deiner Frau.“ Bär ſah mich mit die mich ſogleich beruhigte.„Du kleine När 8 einer Lerwunderten Miene an, 5 rin,“ ſagte Em er,„das glanbſt du ſelbſt nicht. Du kannſt mich nicht für ſo verrückt halten. Zeit, aber die jetzige iſt „Gott ſei gelobt!“ int Ja, gewiß war es eine gute 5 doch beſſer.“ ſagte ich leiſe, aber dankbar. abe „Und gleichwohl,“ fuhr Bär fort,„ſind gewiß wenig Kinder glücklicher geweſen, als ich Wenn ich daran denke, wie mir die ganze Welt damals entgegenlachte, wenn ich daran denke, citit wie es mir um's Herz war, wenn ich im Graſe lag, zum Himmel hinaufſah und wal das Säuſeln im Walde hörle— wenn i wie ich ſpäter in den ch daran denke, und Wäldern von Ramm herum⸗ ſtreifte und Alles um mich her Leben und Luſt war— ik Fannp, möchte ich nur wünſchen, auch du hätteſt ogelüblt, auch du hätteſt eine ſo giluhe Kindheit ein und Jugend gehabt.“ „Aber das Leben, Bär, hat wie das Jahr, zuweilen einen Nachſommer und ich fühle, i gonnen hat.“ guck daß der meinige be⸗ kom 65 Tbal. Wo ſind wir denn? Hier iſt ja Richts als Berg und Wald.“ „Wir ſind nahe bei Ramm,“ erwiederte Bär.„Ich habe abſichtlich dieſen Weg genommen, damit du den Ort ſehen kannſt, wo ich meine Jugend zugebracht. Ohnehin iſt das Haus ſchon an und für ſich ſehenswerth und ebenſo der Park. Es freut mich, daß es bald wie⸗ der bewohnt wird. Es iſt eine unangenehme Empfin⸗ dung, Orte, wo Menſchen leben und das Leben genießen könnten, öde zu ſehen.“ „Wer kann hier das Leben recht genießen, Bär? Es iſt ja Alles ſo ſchwarz und ſo düſter? Dieſe lange Allee iſt finſter, wie ein Grabgewölbe. Und dort am Ende iſt dieß das Haus? Hu! Es ſieht aus, wie eine uralte Burg, wo Geſpenſter hauſen.“ „Und doch war hier viele Freude, viel Glück— aber— es iſt wahr— auch viel Kummer... „Iſt ein Unglück geſchehen?“ „Ja— ein Unglück— wie Alles verwachſen iſt.“ „Wie die Narbe wächst über geſchloſſene Wunden,“ citirte ich. „Es iſt wahr,“ ſagte Bär,„Gott ſei Dank, es iſt wahr. Ich bin manches Jahr nicht mehr da geweſen und finde mich kaum wieder zurecht. Und das Haus wie es ſo ſchwarz geworden iſt!“ „Ich verſichere dich, daß es hier ſpukt! Ich ſah ein kleines, graues Männchen zu einem Fenſter heraus⸗ „Vielleicht iſt der neue Bewohner ſchon ange⸗ kommen.“ „Iſt er nicht munterer als der Ort, ſo.. Das Cabriolet hielt und wir ſtiegen aus. Mit einem gewiſſen Gefühl der Ehrerbietung und Furcht ſah ich zu dem prächtigen, düſteren Hauſe hinauf, das mit ſeiner großen, drei Stock hohen Fagade nebſt ſchwarzem Thurm und zwei mit der Fagade zuſammengebauten Bremer, die Nachbarn. 5 großen Flügeln einer auf Raub lauernden Eule glich. Hohe Eichen wuchſen dicht um daſſelbe her und eine Menge jüngere Kinder des Waldes, Sperberbäume, Pap⸗ peln und Weiden hatten ſich um die Mauern herum bis an die Fenſter gedrängt, wie das Volk, das einen kö⸗ niglichen Schmaus mit anſehen will. Zur Linken ſah ich eine Silberfluth zwiſchen den Bäumen hervorſchim⸗ mern. Es war der Helgaſee, daſſelbe Gewäſſer, an welchem das kleine Roſenvik ſo anmuthig liegt. Auf dem Burghof wuchs Unkraut in Menge; in der Mitte war ein gepflaſtertes Rondel, wo ein invalider, von etwas moosumrandetem Waſſer umgebener Neptun ver⸗ kündet, daß hier früher eine Waſſerkunſt geweſen ſei. Alles ſah verfallen und unglücklich aus. Im Hauſe aber regie es ſich, und zwar, wie wir bald erfuhren, nicht von Geſpenſtern. Das große Thor war offen und ein herauskommender Arbeiter erzäblte uns, daß man im Begriff ſei, Alles für den neuen Bewohner in Ordnung zu bringen, der binnen Kurzem erwartet werde. Wir gingen in's Haus hinein und ich war überraſcht von der Größe der Zimmer, ſo wie von der Ausſicht auf der andern Seite des Gebäudes: beinahe hätte ich wie ein gewiſſes Frauenzimmer ausgerufen:„Ach, wie göttlich ſchön iſt's da! Bäume hier und Freier dort!“ Indeß begnügte ich mich dennoch, die freie Ausſicht über eine große in der Ferne von waldbewachſenen Höhen umgebene Wieſe zu betrachten. Vom linken Flügel aus ſieht man den Helgaſee; ja der See geht beinahe bis an den Fuß der Mauer, die hier auf einer niedrigen, von Erlenbüſchen umkränzten Klippe ruht. Die Wellen ſchlagen mit lieb⸗ licher Muſik an die Klippe. In einem der ſchönſten Zim⸗ mer auf dieſer Seite überraſchte mich der Anblick einer großen, prachtvollen Orgel, die vor Kurzem hieher ge⸗ bracht worden zu ſein ſcheint. „Herr Romilly iſt ein großer Mufikfreund,“ ſagte der Vorſteher der Arbeit, der uns mit vieler Artigkeit durch die Zimmer begleitete.„Was für ein Lands⸗ in ſer — 2—— 67 ich. mann?“ fragte Bär.„Portugieſe,“ lautete die Ant⸗ ine wort;„er war auf Don Miguel's Partei, beerbte ſpäter ap⸗ einen Oheim in Weſtindien und will, ſagt man, ſein bis bedeutendes Vermögen in unſerem Lande verzehren, das kö⸗ jetzt das einzige ruhige und ſichere in der ganzen Welt ſah iſt.“—„Wenn das Glück will,“ dachte ich,„ſo be⸗ im⸗ kommen wir noch Don Migurl ſelbſt zum Nachbar auf an Ramm.“ Auf Ich konnte mich nicht enthalten, die Orgel zu pro⸗ itte biren, die einen göttlichen, obſchon beinahe gar zu ſtarken von Ton hat. Er bezauberte mich gleichſam und ich ſäße viel⸗ ver⸗ leicht noch dort, wenn mich nicht Bär erinnert hätte, ſei. daß es Abend werde. auſe„Nun, das einzige Angenehme von dieſem Hauſe,“ ren, ſagte ich,„wäre für mich die Orgel und dann die Aus⸗ und ſicht auf Roſenvik. Ich möchte um Alles in der Welt nim nicht da wohnen. Aber an einem Herbſtabend im Mond⸗ ung ſchein möchte ich wohl— wenn du dabei wärſt, Bär Wir— im Hauſe herumſtreifen und ſehen, ob es hier nicht, der wie in alten Schlöſſern, von denen ich geleſen habe, der bewegliche Wände, geſpenſtige Schatten, unvertilgbare ein Blutflecken gibt, Bindfadenknäuel, die ſich einem auf tlich den Ferſen nachwälzen und endlich einen blutigen Dolch ndeß aufrollen...“ Hier hielt ich plötzlich inne, denn Bär eine ſeufzte und ich erblickte auf ſeinem ſonſt ſo ruhigen, bene freundlichen Geſichte einen ſo finſtern Ausdruck, daß ich man zuſammenſchauderte und mich unwillkürlich umſah, ob Fuß nicht irgend ein Bindfadenknäuel im Anzug ſei. Aber ſchen Gott ſei Dank, ich ſah Nichts, und mit heimlicher Eil⸗ lieb⸗ fertigkeit folgte ich Bär aus dem Hauſe. Als wir auf Zim⸗ die Treppe kamen, flog eine Maſſe Dohlen mit großem einer Geſchrei aus dem Thurme über unſere Köpfe hin und ge⸗ in den Wald hinein. „Und hier war es einſt ſo fröhlich, ſo ſchön!“ ſagte ſeufzte Bär.„Es war eine Heimath der Jugend, der gkeit Spiele und des Lebens.“ Er ſeufzte zum zweiten Mal. nds⸗„Und warum iſt es ſo ganz anders geworden?⸗ fragte ich:„warum hat ma chère mére eine Wohnung verlaſſen, die weit prachtvoller iſt, als Carlsfors und wie du ſagſt, früher ſo fröhlich war und munterere Gäſte hatte, als Dohlen?“ „Weil weil. ſie hier einen großen Kum⸗ mer erlebte. Sprich nicht von Ramm mit ihr, Fanny; ſage ihr nicht, daß wir hier waren. Ich will dir ein andermal auseinanderſetzen, weßhalb ich dich darum bitte. Siehſt du den Park? Dieſer ganze ſchöne Wald von beinahe vier Meilen im Umkreis iſt, oder war viel⸗ mehr ein Park. Jetzt ſind wobl die Gänge verwachſen. Wir wollen uns manchmal hier umſehen.“ „Es iſt ſehr düſter hier,“ ſagte ich. In dieſem Augenblick brach ein Strahl der untergehenden Sonne hervor und warf einen goldenen Schein auf das dunkle Haus und die Wipfel des düſtern Waldes. Ich weiß nicht, warum mir gerade jetzt der Name Serena einfiel, gleichſam wie eine buchſtäbliche Deutung dieſes Sonnen⸗ ſtrahls, der indeß bald in Finſterniß erloſch. „So, ja gerade ſo,“ ſagte Bär, gleichſam für ſich, indem er melancholiſch lächelnd das ſo even beleuchtete und jetzt wieder verfinſterte Haus betrachtete. Ich ſah eine Thräne in ſeinem Auge. Schweigend ſetzten wir uns in's Cabriolet und ſchweigend fuhren wir unſerem Hauſe zu⸗ Ich athmete leichter, als wir in lichtere Gegenden kamen. Als es mir endlich däuchte, wir haben lange genug zur Er⸗ innerung an das alte Dohlen⸗ und Unglücksneſt geſchwie⸗ gen, erhob ich meine Stimme und fragte:„Bär, wo iſt Serena zu finden 2“ Jetzt kam über Bär's Geſicht ein Lächeln gleich dem Sonnenſchein im Walde und er ſagte:„Ja ſie iſt ſehr lieb.“ „Das glaube ich gerne, aber wo kann man ſie ſehen?“ 3 „Sie wohnt in der Stadt und iſt das ſchönſte und veſte Mädchen in der ganzen Gegend.“ 69 ng„Aber Bär, du haſt mir noch nie von ihr ge⸗ ſagt.“ nd„Ich halte es für's Beſte, Menſchen und Sachen ſte für ſich ſelbſt ſprechen zu laſſei. Du wirſt ſie bald zu ſehen bekommen. Wir wollen dieſer Tage bei den alten Dahls einen Beſuch machen.“ 9 Ich wollte weiter fragen, allein ein großer Regen⸗ S tropfon ſchlug mich auf die Naſe, dann kam ein zweiter um und dritter und auf einmal entſtand ein vollſtändiger ald Regenſchauer. Wir forſchten nach dem Schirm; er el⸗ war vergeſſen und jetzt fuhren Nastücher und Shawle en⸗ hervor, um meinen Hut zu bedecken, aber auch verge⸗ bens! Mein Flor⸗, Staats⸗ und Feſthut war, als wir em nach Hauſe kamen, ganz und gar ruinirt. Form, Farbe, ne Friſche, Gace und Blumen, Alles erſäuft und entſtellt. ile Aber die einzige ſaure Miene, die dieſes Mißgeſchick eiß hervorrief, kam von—— iel⸗ Bär. em So endete der erſte Viſitentag. ſich, 1 2 Der zweite Piſitentag. ſah Wie macht es der Zugvogel? Er zieht aus in die Welt und ſucht unruhig nach einem Plätzchen, wo er und nete ſich eine Heimath gründen, wo er bauen und wohnen fann. Er findet keine Ruhe— und wer fände ſie 2— es Er⸗ bevor er ein Haus, eine eigene kleine Welt gefunden, wo er nach ſeiner Arbeit in Freiheit und Ruhe wirken kann. Und wenn er den Strand, den Baum gefunden hat, auf welchem er ruhen will, dann trägt er Laub, leich Wolle und Stroh zuſammen und macht ſich ein Neſt e iſt und ein Lager. Dann wird er ruhig, er ſitzt in ſeinem Neſte, betrachtet ſich von da aus die Welt und fingt. ſie So bis zur nächſten Wanderung. Nach dieſem kleinen Vorwort verſetze ich dich ſo⸗ z gleich nach Vogelneſt zu Fräulein Hellevy Hausgiebel. Es war mir eben nicht federleicht um's Herz, als ich 70 die Treppe hinaufging. Die Worte„boshaft und ab⸗ geſchmackt“ lagen ſchwer auf meinem Gewiſſen, aber von der oberſten Stufe herab flog Fräulein Hausgiebel mir entgegen, umarmte mich lachend und ich erwiederte ihre Umarmung zärtlich und dachte:„Fräulein Haus⸗ giebel iſt eine geſcheidte Perſon.“ Und je mehr ich mich in ihrem Vogelneſt orientirte, um ſo mehr überzeugte ich mich davon. Das hübſche Häuschen war ein vollkommenes klei⸗ nes Muſeum. Vortreffliche Kupferſtiche nach Gemälden großer Meiſter ſchmückten die Wände, ſchöne Gips⸗ und Broncebüſten waren mit Geſchmack aufgeſtellt; in einem Zimmer bekam man eine Bibliothek, in einem andern Sammlungen von Muſcheln, Mineralien und eine Menge Naturſeltenheiten unter Glas zu ſehen. Alles war friſch und geordnet; wohin man ſab, traf man auf Gegen⸗ ſtände, welche Gedanken und Gefühl belebten, und die kleine lebhafte Hausgiebel, die uns hüpfend umherführte und Alles vortrefflich erklärte, war nicht das Unintereſſan⸗ teſte in der Sammlung. Ich wurde ganz heiter und erfriſcht.„Aber hier iſt's göttlich!“ rief ich aus.„Wie kann man hier je Langeweile haben?“ „Sehen Sie, meine liebe Madame Werner,“ ant⸗ wortete Fräulein Hellevy lebhaft,“ jetzt machen Sie mir ein großes Vergnügen. Mein höchſter Wunſch iſt der, dieſen widrigen Feind, die Langeweile mit ihrem Ge⸗ folge von Gähnen und Vapeurs ſo weit als möglich zu verbannen. Alles, was ich ſeit zehn Jahren auf Vogelneſt geſammelt habe, iſt lediglich und allein dar⸗ auf berechnet, daß meine Freunde und vor Allem ich ſelbſt— keine Langeweile haben, und meine tägliche Be⸗ ſchäftigung beſteht darin, immer einen neuen Strohhalm in mein Neſt zu bringen und es noch beſſer zu möbli⸗ ren. Sehen Sie dieſen Kupferſtich bier nach Domini⸗ chinos„Johannes“ und hier dieſer Venuskopf in Gips — ich erhielt ſie geſtern und bin heute ganz glücklich ab⸗ ber bel rte us⸗ ich gte lei⸗ den und rem ern nge riſch en⸗ die hrte hier r je ant⸗ mir der, Ge⸗ glich auf dar⸗ ich Be⸗ halm öbli⸗ nini⸗ Gips cklich 71 dadurch. Ich bin nicht reich genug, um mir die Meiſter⸗ werke im Original anzuſchaffen; allein Copien kann ich ſchon bekommen und mit geringem Aufwand die Ideen großer Künſtler in mein Neſt einführen. „Aber dieſe Meiſterſtücke ſind doch Originale!“ ſagte ich, indem wir in das kleine Naturalienkabinet traten. „Ja,“ antwortete Fräulein Hausgiebel,„und deß⸗ halb ſind ſie mir auch das Liebſte, was ich beſitze. Der große Künſtler, unſer Herrgott, hält es damit wie in Allem en grand seigneur; er ſtreut ſeine unnachahm⸗ lichen Meiſterwerke über Land und Ufer, in Wüſteneien und auf die Tiefe des Meeres aus. Die Erde iſt voll davon; der Menſch braucht bloß hinzugehen und zu ſammeln.“ Dieſe Rede kam mir etwas unerwartet:„O Fräu⸗ lein Hausgiebel,“ ſagte ich,„Sie haben Recht, die Welt iſt reich und wie viel reicher könnte nicht das Leben ſein, wenn wir als Sammler ausgingen und Jeder jeden Tag auf ſeiner Wieſe einen Strohhalm, wie Sie es nen⸗ nen, heimzubringen ſuchte? Aber wir gehen ſehr häufig wie Blinde herum und ſehen Nichts. „Ja, das iſt das Unglück. Könnten die Doctoren dieſe Art von Staar kuriren „Dieß allein würde Nichts helfen,“ ſagte Bär;„es bedarf noch einer andern Art von Overation.“ „Mein Gott, was meinen Sie damit, Herr Doctor?“ „Daß gar Manchem eine gewiſſe Trägheit, eine Schwerfälligkeit des Gemüths anklebt, die„ „Ich haſſe das Schwerfällige!“ rief Fräulein Haus⸗ giebel, indem ſie wie ein aufgeſcheuchter Vogel aufflog; „es liegt mir wie Blei auf dem Herzen, wenn ich das Wort nur höre. Ich habe mich eifrig beſtrebt, dieſem Uebel zu entgehen; aus Angſt davor bin ich in das Vogelneſt heraufgeflogen; aber auch hier muß ich leider Gottes erfahren, daß es in der Welt ein Geſetz gibt, welches das Geſetz der Schwere heißt, und daß der Körper in Folge deſſelben an der Erde kleben muß. Aber ich habe meine Seele zu befreien geſtrebt und deßhalb ſammle ich Gegenſtände um mich, die ſie gleich einem Vogel in der Welt herumfliegen und aus allen Blumen etwas Thau trinken laſſen. Wäre ich eine Corinna oder Frau von Stasl, ſo würde ich dieß Alles vielleicht ſein laſſen und an meinen eigenen Eingebun⸗ gen genug haben; ich würde mich allein auf's Vogel⸗ neſt ſetzen, mit der Leier in der Hand und wie eine Nachtigall bloß mit meinen eigenen Tönen meine Freunde entzücken. Allein ich bin bloß die an Seele und Leib notbdürftig ausgerüſtete Hellevy Hausgiebel, und da ich gleichwohl wünſche, daß die Leute es bei mir ange⸗ nehm finden, ſo habe ich dieſe Kinder der Natur und Kunſt zu meiner Hülfe gerufen. Wenn meine Gäſte ſich dabei langweilen, ſo beſtehe ich darauf, daß es ihre eigene Schuld iſt.“ So ſprach das lebhafte Fräulein, während ſie uns in den Garten hinabfüprte, wo wir in blühende Wein⸗ pflanzungen und duftende Ifirſichbäuſer kamen und eine Menge ſchöne und ſeltene Gewächſe ſahen, die Fräulein Hellevy pflegt und ihre Kinder nennt. Vogelneſt beſteht nur aus dem Haus und dem Garten, welcher groß und mit Bäumen, Hecken und Blumen reichlich verſehen iſt. In einem kleinen pübſchen Pavillon verzehrten wir ein ausgeſuchtes Veſperbrod. Während wir damit beſchäf⸗ tigt waren, kamen mehrere Beſuche aus der Stadt, unter Andern der Landrichter Hök, der von Fräulein Hausgiebel mit ganz beſonderet Herzlichkeit empfangen wurde. Das Geſpräch wurde allgemein und kam bald auf den künftigen Nachbar in Ramm. Die widerſpre⸗ chendſten Gerüchte und Vermuthungen waren über ihn im Umlauf. Er ſollte allen Nationen, einer um die andere, angehören, und ſeine Reiſe hieher wurde den verſchie⸗ denſten Deutungen unterworfen. Man blieb endlich bei der Vermuthung, er ſei ein Spion, nur wußte Niemand zu mar endl mei 73 . zu ſagen, was er eigentlich ſpioniren könne und ſo fing man an, auf allerhand luſtige Dinge zu rathen, bis ch endlich Fräulein Hausgiebel ſagte:„Wiſſen Sie was, 3 meine Herrſchaften? Ich wette, unſer berüchtigter Nach⸗ bar iſt ganz einfach nur ein anſtändiger Mann, der ſich 56 in ſeinem Vaterlande gelangweilt hat, und ſich jetzt in Schweden damit zerſtreuen will, daß er einige Haſen 6 und Rehe ſchießt. Ich ſitze jetzt zehn Jahre auf Vogel⸗ „ neſt und habe noch nie weder Spione noch Renegaten, 6 noch Romanhelden geſehen. Ich glaube, dieſe Sorte von ib Menſchen nimmt immer mehr ab in der Welt. Dagegen 5 habe ich eine Menge Leute geſehen, die von der Lang⸗ ich weile geplagt werden und die Schwere des Lebens auf ge⸗ jede mögliche Art zu zerſtreuen ſuchen. Gott gebe, daß nd dieſe Sorte einmal ausgeht. Ich habe inzwiſchen durch⸗ iſte aus Richts dagegen, wenn unſer neuer Nachbar ein hre Mann von erſterem Schlage iſt, ja ich wünſche es 1 ſogar. Es würde die ganze Gegend beleben und viel⸗ leicht gar einen intereſſanten Roman veranlaſſen.“ n Die Geſellſchaft fuhr noch lange mit dieſem Kapitel ine fort und war recht munter. Fräulein Hausgiebel iſt ein eine der ziemlich ſeltenen Perſonen, die ein Geſpräch zu tebt beleben und auch aus andern Leuten Gutes herauszulocken und verſtehen. Ich war ganz verwundert, Bär ſo witig zu iſt. hören; er und Fräulein Hausgiebel rieben ſich beſtändig ein an einander und beſpöttelten ſich gegenſeitig wie zwei äf⸗ alte gute Freunde. Als wir aufbrechen wollten, ließ abt, Fräulein Hellevy die Kaleſche vor die Gartenthüre fahren lein und begleitete uus bis dahin. Ich hatte große Luſt, ihr gen ein eniſchuldigendes Wort wegen der Ausdrücke zu ſagen, ald die ich bei unſerer letzten Zuſammenkunft in der Dumm⸗ pre⸗ beit gebraucht hatte, und ich glaube, ſie ſah mir meine ihn Abſicht in den Augen an, denn ſie nahm mich bei der ere, Hand und ſagte ſehr freundlich:„Meine beſte Frau chie⸗ Doctorin, Sie werden mich doch recht oft auf Vogelneſt bei veſuchen? Ich frage nichts darnach, wenn auch die Leute tand ſagen:„Das alte Fräulein Hellevy Hausgiebel ſei eine abgeſchmackte und boshafte Perſon— es iſt mir auch ſchon zu Ohren gekommen— ſoll mir aber keine grauen Haare machen— zu denen, welche ich bereits habe— aber Ihnen, Madame Werner, möchte das alte Fräulein gern in einem andern Lichte erſcheinen und deßwegen iſt es ſo frech, Sie zu bitten— daß Sie recht oft wieder⸗ kommen: und Doctor Werner wird hoffentlich ſeine Frau begleiten, ich fühle mich geſunder, wenn ich ihn nur ſehe. Aber bedenken Sie wohl— ich will nicht auf⸗ dringlich ſein; ich haſſe allen Zwang im Geſellſchafts⸗ leben, und ſollten Sie, meine beſte Madame Werner, einmal zum Doctor ſagen: Ach, mein Lieber, wir ſollten das alte Fräulein Hellevy Hausgiebel wieder einmal heimſuchen, es iſt zwar eine harte Zumuthung, aber ſie hat uns ſo dringend gebeten— dann bitte ich Sie um Gotteswillen, bleiben Sie zu Hauſe. Und ſollten Sie nie mehr zum Fräulein Hellevy Hausgiebel kommen, ſo wird ſie nichtsdeſtoweniger ſagen: Doctor Werner's ſind herzensliebe Leute und es würde mir eine rechte Freude ſein, ſie oft zu ſehen.“ „Aber,“ ſagte ich,„Doctor Werner's ſind nicht ſo liberal; ſie beſtehen mit aller Gewalt darauf, Sie in Roſenvik zu ſehen und würden Ihnen Böſes nachreden, wenn Sie nicht recht bald kämen.“ „Iſt's möglich? Nun dann komme ich bei der näch⸗ ſten Gelegenheit!“ Und die lebbafte kleine Perſon küßte uns die Hand und flog fort. Fräulein Hausgiebel hat merkwürdig viel Aehnlichkeit mit einem Vogel; alle ihre Bewegungen ſind ſchnell, aber zu eckig, um anmuthig zu erſcheinen. Während das Cabriolet in dem ruhigen ſchönen Sommerabend langſam mit uns dahinrollte, ſuchte ich mir die Eindrücke klar zu machen, die ich von Vogelneſt und ſeiner Beſitzerin mitgenommen. Ich hatte mich amüſirt; Fräulein Hausgiebel gefiel mir nicht übel, erſtens, we unt phi ein geg ſich ſtre hin eſſe we liee ga eine uch uen lein niſt der⸗ rau nur auf⸗ fts⸗ ner lten mal r ſie um Sie 1, ſo ſind eude t ſo ein den, näch⸗ küßte lhat ihre uthig önen e ich elneſt mich ſtens, 75 weil ſie mir ſo freundlich meine Dummheit verziehen hatte, und dann wegen ihres Vogelneſtes und ihrer Lebens⸗ philoſophie; indeß war ich doch nicht ganz zufrieden; ein Aber um das andere drängte ſich in meine Seele gegen Vogelneſt auf; dann kamen andere Aber, die ſich gegen dieſe erhoben, und um mich aus dieſem Aber⸗ ſtreit herauszuwickeln, beſchloß ich, Bär in denſelben hineinzuführen. „Pogelneſt,“ begann ich,„iſt recht hübſch und inter⸗ eſſant, aber...“ „Nun aber?“ „Aber ich vermiſſe etwas an dieſem kleinen Muſeum, wenn ich es mir als ein Haus denke. Ich meine, es liege doch etwas Trockenes, etwas Egoiſtiſches in der ganzen Einrichtung.“ „Wie ſo?“ fragte Bär und wurde aufmerkſam. „Was ſoll ich ſagen?... Bei der Liebe zu den Schnecken, ſcheint es mir, müſſe das Herz austrocknen; .. Wen macht Fräulein Hausgiebel mit ihren Ein⸗ richtungen und ihrem ganzen Weſen glücklich? Wem nützt ſie damit?“ „Meine kleine Fanny,“ ſagte Bär,„wir müſſen uns wohl hüten, zu ſtreng zu urtheilen und das Wort „nützen“ zu einſeitig zu nehmen. Es iſt wahr, Fräulein Hausgiebel führt ein angenehmes Leben für ſich ſelbſt, aber ſie theilt es auch mit ihren Freunden. Ohne Fräu⸗ lein Hellevy und ihr Vogelneſt hätte dieſe Gegend weit weniger Bildung und Vergnügen. Fräulein Hausgie⸗ bel's Mittwochſoireen ſind ſowohl luſtig, als intereſſant; wir wollen ſie hie und da beſuchen.“ „Nun ja, Bär— es iſt ſchön von ihr, wenn ſie den Leuten Vergnügen macht; es iſt ſehr gut, wenn Jemand dieſe Mühe auf ſich nimmt; aber ich meine doch, Vogelneſt wäre doch doppelt ſo anziehend, wenn es ein— wie ſoll ich doch ſagen— ein menſchliches, ein herzliches Intereſſe hätte.“ „Auch daran fehlt es nicht, obſchon es verbor⸗ gen iſt.“ „Wie ſo?“ „Fräulein Hausgiebel hat eine jüngere Schweſter, die eine ſchlechte Partie gemacht hat und in Folge davon ſehr unglücklich war. Nachdem ſie Wittwe geworden und ihr Vermögen zu Grunde gegangen war, nahm Fräulein Hausgiebel ſie nebſt ihrer Tochter zu ſich und ward ihr eine Stütze und eine vortreffliche Freundin. Dieſe Frau, die eine achtungswerthe Mutter iſt, wurde durch ihr Unglück äußerſt menſchenſchen. Wenn du ein⸗ mal in das obere Stockwerk des Hauſes kommſt, ſo wirſt du dort ein Stillleben ſehen, das ein nicht minder in⸗ tereſſantes Bild vom Leben gibt, als Fräulein Hellevy ſelbſt und ihr Muſeum ſind. Man kann einander nicht mehr lieben, als die beiden Schweſtern.“ „Wenn es ſolche Eier im Vogelneſt gibt, ſo bin ich vollkommen damit zufrieden. Siehſt du, mein lieber Bär, ohne liebende Menſchenherzen kann ich mir keine glückliche Wohnung denken und wäre ſie auch voll von Kunſtwerken und Edelſteinen. Es lebe jetzt Fräulein Hellevy Hausgiebel und Vogelneſt!“ Der dritte Piſitentag. Ein magerer Tag in einem reichen Hauſe. Das Haus will prächtig ſein und iſt bloß geputzt. Der Herr will einen grand seigneur vorſtellen und prahlt mit Leuchtern und franzöſiſchen Taveten. Die Frau will den beſten Ton und die intereſſanteſte Converſation haben und daraus entſtebt ein wunderlicher Miſchmaſch. Die Töchter wollen gebildet, talentvoll, degagirt ſein und haben eine Art Jargon, in welchem ſich große Geiſtes⸗ armuth verräty. Der Sohn will ſich wichtig machen und iſt ein kleines blondes Herrchen mit nicht zum Beſten gebrannten Haaren. Die ganzt Familie iſt eine Muſter⸗ karte von verunglückten Anſprüchen. Das Herr t mit will haben Die und eiſtes⸗ tachen Beſten uſter⸗ 77 Eine große Erbſchaft, ein Adelsdiplom(KB. Herr von P. ſagt, er habe bloß ſeinen deutſchen Adel in den ſchwediſchen aufgenommen) eine Reiſe nach Paris haben die Familie von P.— in ihren eigenen Gedanken— hoch emporgebracht in der Welt. Vor zwei Jahren ließ ſie ſich in Briteberg nieder, hielt ſich des Sommers dort auf, richtete ſich ein prächtiges Haus ein, wollte den Adler unter den kleinen Vögeln ſpielen, mußte aber mit Verwunderung ſehen, daß ma chére mére auf ſie herabblickte. Frau von P. war indeß eine recht artige Dame, aber ein gewiſſer Zug herablaſſender Freundlichkeit zer⸗ ſtörte für mich den Reiz ihrer Artigkeit. Es waren einige junge Herren auf Beſuch da und ſchwatzten und lachten viel mit den Fräuleins Emilie und Adele, die in höchſt eleganten Toiletten mit franzöſiſchen Hand⸗ ſchuben daſaßen und ihre Köpfe bewegten, wie wenn ſie auf Drähten ſäßen. Frau von P. fragte mich ſogleich nach der Generalin Mansfelt und ſtellte über meine Verwandiſchaft mit ihr ein Examen an, deſſen Reſultat war, daß ich mit ma chère mére gar nicht verwandt ſei. Daran hatte ich vorber nicht gedacht und es that mir beinahe leid, es einzuſehen. Sodann fingen wir an von Stockholm und bekannten Perſonen dort zu ſpre⸗ chen und ſiehe da, alle Bekannten und intimen Freunde der Frau von P. waren Grafen und Gräfinnen. Be⸗ ſonders mußte ich Viel von Graf Ls hören. Graf L6 waren neulich in Briteberg geweſen. Von Ps waren eingeladen, einen Theil des Sommers bei Graf Ls auf H näs zuzubringen. Von Ps hatten im vorigen Sommer mit Graf Ls eine Partie nach Udevalla gemacht und auf Guſtavsberg zuſammengewohnt. Die Gräfin L. war eine ungemein charmante Perſon und liebte Frau von P. wie eine Schweſter. Die gnädigen Fräuleins waren allerliebſte und gebildete junge Damen tout-à-fait comme il faut. „Kennen Sie Graf Ls, Madame Werner?“ „Nein.“ Madame Werner mußte ihre Unbekannt⸗ ſchaft eingeſtehen. „Bei Graf Ls ſieht man die beſte Societät in Stockholm; dort wurde ich mit Baron Ns liirt. Viel⸗ leicht kennen Sie dieſe?“ „Nein. „Nicht? Sie ſind von ſehr gutem Tone. Aber es ſoll mich ſehr wundern, wenn ich Sie nicht eines Abends bei Graf Ls geſehen hätte.. „Das iſt nicht möglich, denn ich war nie dort.“ „Aber es ſcheint mir doch präcis ſo;. verzeihen Sie, Madame Werner, darf ich Sie vielleicht nach Ihrem Familiennamen fragen?“ „Buren.“ „Buren„Buren.. eine alte adelige Familie, glaube ich?“. „Ich weiß nicht. ich glaube. Gch errö⸗ thete, denn ich wußte, daß meine Familie nicht von Avel war, aber eine elende kleine Schwachheit war über mich gekommen.) „Ja, ja,“ fuhr Frau von P. tröſtend fort,„es iſt ganz gewiß ein adeliger Name, denn in unſern un⸗ ruhigen Zeiten wird alles leicht confundirt. Unſere Fa⸗ milie zum Exempel, die von einer alten deutſchen Adels⸗ familie abſtammt— es hat ſogar Fürſten und Reichs⸗ grafen dieſes Namens gegeben— unſere Familie, will ich ſagen, hatte gleichſam ihren Rang vergeſſen und ganz anonym in Schweden gelebt, bis Graf L. zu mei⸗ nem Manne ſagte:„Es geht nicht länger an, mein beſter Freund; Sie mit Ihrem großen Vermögen und Ihren Meriten müſſen Sitz und Stimme im Ritterhaus haben, und ſo ſagte Graf L. noch Vieles, was uns ver⸗ mochte, unſern alten Adel geltend zu machen. Die Sache iſt zwar an und für ſich ein Bagatell, beſonders in jetziger Zeit. Wer ein Bischen mit ſeiner Zeit vor⸗ anſchreitet, ſieht leicht ein, daß die Bildung jetzt die wahre Ariſtokratie und die Kunſt ſo gut iſt, wie ein Ade mei Gr Ra fro ein wit ma ger W. dat 5 nnt⸗ tin iel⸗ res ends ihen nach nilie, errö⸗ Adel mich tzt die ie ein 79 Adelsdiplom. Wir leben in einer aufgeklärten Zeit, meine beſte Madame Werner, und meine Freundin, die Gräfin L. hat immer geſagt:„Bildung gibt wirklichen Rang.“ Nun iſt es wahr, aber man darf immerhin froh ſein und Gott danken, daß man nicht Bäckſtröm, Wallqviſt, Löfgren, Sjögren oder ſo Etwas heißt;— einen ſchönen Namen zu haben iſt immer ein Glück, wie auch ein gewiſſes Vermögen zu beſitzen. Wenn man vom Schickſal auf eine gewiſſe Höhe geſtellt iſt, ſo kann man leichter ſeine Connaiſſancen wählen und in gewiſſe Cirkel kommen. Amalie Ls Schweſter, die Gräfin W., ſagte einmal... kennen Sie die Gräfin W., Ma⸗ dame Werner? „Nein ja ein wenig.“ „Nun, iſt ſie nicht gar zu lieb? Amalie ſagt ſelbſt: „ma soeur vaut mieux que moi.“ Es freut mich, Madame Werner, daß Sie eine diſtinguirte Dame ken⸗ nen. Ach, ſagen Sie mir doch mehr von Ihren Con⸗ naiſſancen in Stockholm. Vielleicht trifft es ſich, daß ſie auch die meinigen ſind.“ Ich geſtehe dir meine Schwachheit, Marie. Ich ſuchte in meinem Kopf nach Grafen und Gräfinnen. Es war, als hätte mich Frau von P. gebiſſen und mit ihrer krankhaften Vornehmthuerei angeſteckt. Endlich nannte ich die Baronin R. Frau von P. blickte geringſchätzig drein.„Kenne ſie nicht. ſagte ſie— vermuthlich retirée du monde. Bei Graf L. und uns ſieht man immer die allerbeſte Societät: das Corps diplomatique hat ſeine Niederlage bei Graf L. und bei uns.“ Auf einmal bemerkte ich Bär, der mich mit einer höchſt argliſtigen Grimaſſe aus ſeinen Augenwinkeln an⸗ ſchielte; dieſe und mein verunglückter Verſuch mit der Baronin R. trieb den Teufel der Vornehmthuerei aus mir heraus, und um mich mit einem Mal ganz offen und klar zu geben, nannte ich friſchweg unter meinen Be⸗ kanntſchaften in Stockholm die Familie Sr. Excellenz O. — — — „——— Frau von P. ſtutzte ein wenig.„So ſo,“ ſagte ſie langſam„„„nun, ich bin auch da geweſen.. ein paar Mal. „O ich war jede Woche zwei⸗ oder dreimal dort,“ ſagte ich lächelnd. „So— ſo„ ein höchſt diſtinguirtes Haus. Ohne Zweifel iſt die Gräfin O. eine Freundin von Ihnen, meine beſte Madame Werner?“ „Nein, ich ſah ſie nur höchſt ſelten. Ich gab Ihren Töchtern Muſikunterrricht.“ „Ah„Ja ſo als gute Bekannte vermuthlich.“ „Nein, für's Geld. Ich war arm und ernährte mich damit.“ rau von P. wurde roth und ſah höchſt verlegen aus: Bär lächelte und dadurch aufgemuntert, fuhr ich fort:„Mein Schwager Bergvall und meine Freundin Frau Wallqviſt verſchafften mir durch Mamſell R.⸗ Gouvernante bei ſeiner Excellenz O., die Stelle als Muſik⸗ lehrerin der Töchter in dieſer vortrefflichen Familie.“ „So ſo. ſo ſo. ſo ſo ſagte Frau von P. augenſcheinlich aus dem Concept gebracht, und um dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, fügte ſie hinzu:„Meine lieben Mädchen, wollt ihr mir nicht Etwas ſpielen und ſingen. Einige von den Stücken, die ihr mit den Comteſſen L. geſungen habt.“ Die Fräuleins rührten ſich erſt, als ein Paar von den jungen Herren Frau von Ps. Motion unterſtützten, und ſangen dann franzöſiſche und italieniſche Stücke, die ſie ſämmtlich durch ihre affectirten und geſchmackloſen Manie⸗ ren verdarben. Inzwiſchen ſprach Frau vonP. vom Kolorit, von Weber, Roſſini und Meyerbeer.„Weber,“ ſagte ſie, „iſt bizarr, Roſſini arm an Melodieen; Meyverbeer aber übertrifft beide. Er iſt in Wahrheit le prince de la musiquée. Sie dürfen nicht glauben, Madame Werner, daß ich nicht die Ausübung jeder Kunſt, welche ſie auch ſei, hochſchätze. Nach meiner Anſicht iſt es nur die Kunſt, die uns ein höheres Leben leben läßt, und deßhalb habe erhal in Kurz dari Par Pari: Kind ſchick höch ich j Ant ungl hän die von ſehr gebr Die wiel alle den auf Na in die 81 ich meinen Töchtern dieſelbe Erziehung gegeben, die ich erhalten habe; ſie verſtehen vier Sprachen, haben ſich in mehreren ſchönen Künſten ausgebildet und vor Kurzem ſind wir nach Paris gereist, damit ſie ſich darin vervollkommnen konnten. Waren Sie auch in Paris, Madame Werner?“ „Nein.“ „So reiſen Sie nur recht bald dahin. On vit à paris, mais l'on vegöte ailleurs. Adele, mein liebes Kind, fing jetzt noch das Liedchen, das der Graf B. ge⸗ ſchickt tei Kennen Sie Graf B., Madame Werner?“ „Nein.“ „Er kommt dieſen Sommer noch zu uns.. ein höchſt diſtinguirter junger Mann.“ „Kennen Euer Gnaden Großhändler Dahl's?“ fragte ich jetzt meinerſeits, denn ich war es müde, immer die Antwortende zu ſein. „Nein ein klein wenig Wir haben ſo ungleiche Zirkel. Artige, recht artige Leute, glaube ich. Ich habe ſie zufällig in Geſellſchaft geſehen. Groß⸗ händler. wie heißen ſie doch? Dall„ die Dahlers kommen hier wenig in die höhere Societät.“ „Weil ſie ſo alt find, vermuthlich. Ich habe viel von ihrer Enkelin, Fräulein Löfwen, gehört. Sie ſoll ſehr liebenswürdig ſein.“ „Das Mädchen iſt hübſch, aber ein armes, kleines, gebrechliches, kränkliches Geſchöpf; ſie lebt nicht lange. Die ganze Familie iſt ſchwächlich.“ „Ein kleines, gebrechliches, kränkliches Geſchöpf?“ wiederholte ich für mich ſelbſt, verwundert.„Was, in aller Welt.„ Ich hatte nicht lange Zeit mich zu verwundern, denn einer von den Herren nannte den neuen Nachbar auf Ramm(ich habe es nächſtens ſatt, von dem neuen RNachbar zu hören, und Frau von P., die ein Stocken in der Unterhaltung zu fürchten ſchien, warf ſich auf dieſen Gegenſtand, den ſie foigendermaßen bearbeitete: Bremer, die Nachbarn. 6 ————— 3 —. 82 „Ach, das ſoll ein intereſſanter Mann ſein, ein wirk⸗ licher héros du roman. Er heißt Romanus oder Ro⸗ mulus und iſt ein Italiener von fürſtlichem Geſchlecht. Er hat ſeine erſte Frau getödtet, dann eine ſchöne Eng⸗ länderin enlevirt und iſt mit ihr nach Amerika gereist. Dort duellirte er ſich mit ihrem Bruder, tödtete ihn, und ſeine Geliebte ſtarb aus Gram darüber. Jetzt reist er in der Welt umher, um ſeinen Kummer zu ver⸗ ſcheuchen und Gutes zu chun. Seine Wohlthätigkeit ſoll eben ſo groß ſein, wie ſein Vermögen.“ Ich ſperrte Maul und Augen auf. „Solche Ereigniſſe,“ fuhr Frau von P. mit großer Zierlichkeit fort,„gehören ſo durchaus unſern excentri⸗ ſchen und paſſionirten Zeiten an, daß man hier nicht nach den Geſetzen einer ſtrengen Moralität urtheilen darf. Tiefe, leidenſchaftliche, ich möchte faſt ſagen, Byron'ſche Naturen erfordern ihren eigenen Maßſtab. Auch auf das Klima muß man Rückſicht nehmen und von dem Mann unter der warmen Sonne des Südens nicht fordern, was man vom Mann in unſerm kalten Norden verlangt.“ Ich wunderte mich im Stillen über Frau von P's Reden und am Meiſten über ihren Ausdruck unſere „excentriſchen und paſſionirten Zeiten,“ merkte aber bald, daß ſie ihre Kenniniß der Zeit lediglich aus Romanen geſchöpft hatte. Merke dir wohl, gute Marie, daß ich hier abſichtlich ſage,„lediglich,“ denn das Romanleſen wirkt nur dann verwirrend, wenn es jede andere Lectüre ausſchließt. Sonſt aber ſollen die Romane, die Roman⸗ lectüre und die Romanſchreiber leben!— zumal da ich ſelbſt zu den Letztern gehöre. 7 Mais revenons à nos moutons! Die Fräuleins ſangen und trillerten und ſchienen ganz vergeſſen zu haben, daß es auch ein Wort gibt, daß Aufhören heißt. Ich ging zu ihnen hin und war boshaft genug, ſie zu ftagen, ob ſie nicht auch ſchwediſch ſingen, worauf ſie mit Rein antworteien. Sie ſprachen ſodann von irk⸗ Ro⸗ cht. ng⸗ ist. hn, etzt er⸗ keit ßer tri⸗ icht ilen gen, tab. und ens lten P's ſere ad, nen ich eſen türe nan⸗ ich eins zu ren nug⸗ rauf von 83 Paris, von Malibran, und— ſie ſprachen wirklich herzlich ſchlecht. Affectation, falſche Bildung, Dünkel, wie verabſcheue ich euch! und deßhalb fliehe ich jetzt aus dieſem Neſte der drei Eulenſchweſtern. Frau von P. nahm einen ſehr complimentereichen, aber kalten Abſchied und batmich nicht, wieder zu kom⸗ men. Vermuthlich haben meine Muſiklectionen, ſo wie meine Bekanntſchaften mit O viſt und Wall, Frau von P. zur Einſicht gebracht, daß ich nicht in ihren Kreis tauge. Nun— ſie kann Recht haben. Auf bem Heimweg trafen wir Frachtwägen mit Sachen für den neuen Nachbar. Wenn dieſer Mann nach Allem, was man von ihm ſpricht, bloß ein ganz gewöhnliches Menſchen⸗ kind iſt, ſo—— ärgert es mich. Den 14. Juni Geſtern Abend waren wir zu Hauſe und befanden uns recht gut dabei. Bär arbeitete wie ein Tiſchler von Profeſſion und ich las ihm vor, was ich von unſern Viſitentagen geſchrieben hatte. Er ergötzte ſich daran und lachte viel, tadelte aber, daß ich einige Perſonen ſo ſcharf mitgenommen und war ganz und gar nicht zufrieden mit meinem Urtheil über die Familie P.„Du nennſt ſie eine Muſterkarte von verunglückten Anſprüchen,“ ſagte er,„und haſt ſie doch bloß ein einziges Mal ge⸗ ſehen. Meine liebe Fanny, es bleibt auch nach einer langen Bekanntſchaft immerhin ſchwer, einen Menſchen zu beurtheilen, ganz unmöglich aber iſt es nach einem einzigen Beſuch. Ueberdieß zeigen die Menſchen bei verſchiedenen Gelegenheiten auch verſchiedene Seiten; ich babe Viele, die im Geſellſchaftleben affectirt und lächer⸗ lich waren, auf dem Krankenbette bewundern müſſen; ich habe Manche bei einer Gelegenheit widerwärtig und anſpruchsvoll, bei einer andern einfach und tadellos ge⸗ funden. Es gibt Leute, die zu einer Zeit 5. Sonder⸗ — — 4— —— barkeiten haben und dieſelben nachher gänzlich ablegen; mancher kehrt ſeine beſte Seite nach innen und verrichtet die ſchönſten Handlungen, während die Welt über die Narrenkappe lacht, die er aufſetzt. Mit dieſer Familie kann es ja eben ſo ſein.“ „Zugegeben, zugegeben, ſüßer Bär, und ich ver⸗ ſpreche dir, ſobald ich die ſchöne Seite ſehe, will ich ſie mit meinen beſten Farben malen.“ „Wäre es aber nicht beſſer, bis dahin ihre Fehler mehr im Schattten zu halten? Gerade durch ſolche übereilte Urtheile ſchadet man ſeinem Nächſten. Denn wer ſie hört, denkt nicht daran, daß ein Fehler nicht den ganzen Menſchen verdirbt.“ „Was willſt du, Bär?... Du machſt mich traurig! Soll ich die ganze Epiſtel in's Feuer werfen?“ „Nein, laß ſie nur am Leben. Deine Leſerin wird wahrſcheinlich auch das bedenken, was wir jetzt geſagt aben.“ „Zur größern Gewißheit, Bär, und um mein Ge⸗ wiſſen zu erleichtern, will ich ihr auch dieſes kleine Ge⸗ ſpräch mittheilen.“ Und das habe ich jetzt gethan, meine liebe Marie. Ach, ich bleibe wohl immer ein voreiliges Weſen, das nach dem erſten Eindruck urtheilt. Verzeih mir und behalte dennoch lieb deine Franziske. Dritter Brief. Den 16. Juni. Ich komme von einer beſſeren Welt; ich bin im Himmelreich geweſen! Willſt du wiſſen, wie es dort ausſah? Da war ein Patriarch und ſeine Gattin. n; tet ie lie r⸗ ich ler che nn cht ird gt e⸗ e⸗ ie. as ind im ort in. Schon der bloße Anblick dieſes verehrungswürdigen alten Paares könnte einem Herzen Frieden geben. Ruhe war ef ihrer Stirne, fröhliche Weisheit auf ihren Lippen, und in iören Blicken las man Liebe und Frieden. Um ſie herum ein Schaar von Engeln, theils blühende Jung⸗ frauen, theils noch ainder. Eine von den erſteren, die der Vorſtellung, welche ich wir von einem Seraph ge⸗ macht habe, vollkommen entſpricht, feſſelte meine Auf⸗ merkſamkeit ganz beſonders, nicht weil Alle ſie umgaben, nicht, weil ſie ſchön war— denn ſie war nicht ſchön,— ſondern weil ſie ſo rein und liebend ausſah und weil ſie für Alle da zu ſein ſchien. Bald war ſie um die Patriar⸗ chen beſchäftigt und gegenſeitige Liebe lächelte aus Blicken und Geberden, bald nahm ſie die Kinderengel auf ihre Arme, küßte und herzte ſie; bald ſprach ſie mit den Jung⸗ frauenengeln frohe und anmuthige Worte. Sie war ein freundliches himmliſches Weſen, das ſeine Seligkeit im Lieben zu haben ſchien. Sie gab einen Wink und Nektar und köſtliche Früchte wurden umhergetragen; ſie ſah ſelbſt darauf, daß die Kinder ſo viel bekamen, als ihre kleinen Händchen faſſen konnten. Auf ihrer weißen und leicht gewölbten Stirne ßrahlte ein Glanz von Unſchuld, der mich rührte und die Ahnung einer himmliſchen Er⸗ ſcheinung in mir erweckte. Der Blick des ſchönen blauen Auges war klar und fromm und hatte die ſchüchterne, ſtille Freimüthigkeit, die uns an Kindern ſo ſehr gefällt. Ich habe nie einen Blick geſehen, der eine innigere Güte ausgeſprochen hätte; mitunter ſtrahlte aus dem milden Auge auch etwas, das mir ſagte, daß ihre ganze Welt lauter Seligkeit ſei. Das Haar war lichtbraun, bei⸗ ſpiellos glänzend und ſchön, die Farbe weiß und durch⸗ ſichtig. Ich habe nie einen Körper geſehen, der mehr einer ſchönen Seele geglichen hätte, und nie eine Art zu ſein wahrgenommen, die ſo auffallend an Muſik er⸗ innerte. Man ſagte mir, das holde Mädchen heiße Serena und die Kinder haben ſich verſammelt, um ihren Geburtstag zu feiern. Alle ſchmiegten ſich an Serena an, Alle bedurften ihrer, Alle wollten ſie hören und von ihr gehört werden⸗ „Ach, Serena,“ ſagten die Jungfrauenengel, Fe uns doch die Blumenpflückerin, dieſes 1ue liebe S Liedchen.“ au „O, Serena,“ baten die Hiverengel,„ſpiele uns e E 57 auf, daß wir tanzen könnrn.“ „Ich will Alles thun, was ihr wollt,“ antwortete die freundliche Serena,„aber womit ſoll ich den Anfang machen? Ich muß, glaube ich, den Kindern gehorchen und zum Tanze aufſpielen. Dann wollen wir die fremde Dame bitten, das ſchöne Lied zu ſingen, denn ſie ſingt es gewiß beſſer, als ich.“ Und Serena ſetzte ſich, um zu ſpielen und die Jugend tanzte und die Alten lächelten, denn es war th tine Luſt, dieß anzuſehen⸗ w Nach dem Tanz wurden die Obſtkörbe wieder her⸗ umgegeben und Serena bat mich im Namen Aller, die do Blumenpflückerin zu ſingen. Ich ging an's Forte⸗ üt piano. Die ganze Schaar mit Apfelſinen in den Hän⸗ du den drängte ſich um mich; ihre roſigen Wangen und freudigen Blicke belebten meinen Geſang, und als ich ur zu Ende war, ertönte es von allen Seiten:„Ach, noch di einmal, noch einmal!“ B Und ich ſang noch einmal, ja noch zweimal; denn die Engel konnten ſich an der Blumenpflückerin nicht m ſatt hören. Die Patriarchen dankten mir eben ſo herz⸗ lich, wie die Engel für den Geſang, ich aber dankte w dem— Verfaſſer. de Serena brachte Spiele in Gang. Das war eine ih Freude und ein Lachen. Während des Spiels ſchlich ſich ein kleiner Engel, der noch eine etwas ſtarke Portion w irdiſcher Habſucht beſaß, in das Zimmer, wo ich mi u beſand, und eignete ſich etwas von den Erſparniſſen ihrer Schweſter zu. Serena, die in dieſem Augenblick at den Patriarchen Nektar einſchenkte, folgte dem Kinde m mit den Augen. Ganz leiſe ging ſie dann zu dem kleinen u nd ge be n8 te ng en de igt die ar er⸗ die te⸗ än⸗ ind och enn icht rz⸗ nkte ine tion nich ſſen lick inde nen 87 Mädchen hin, nahm ſie bei Seite, ſetzte ſie auf ihren Schooß und ſagte mit einem ernſten, wiewohl milden Blick:„Warum, Eychen, haſt du den Apfel deiner Schweſter genommen? War dieß auch recht, war dieß auch artig gehandelt?“ Evchen, erſchrocken und dem Weinen nahe, ſtottert: „Sie hatte zwei und ich gar keinen.“ „Weil du die deinigen gegeſſen hatteſt. Aber jeden⸗ falls hatteſt du kein Recht, von den Früchten deiner Schweſter zu nehmen.“ „Ich glaubte, Niemand ſehe es,“ antwortete die weinende Kleine. „Aber wenn dich auch Niemand anders ſah, ſo ſah dich doch Gott, und er liebt die Kinder nicht, welche thun, was unrecht iſt. Gehe jetzt und lege den Apfel wieder hin, Eychen.“ Eychen ging und ſtellte den Apfel zurück.(Hätte doch die große Eva daſſelbe gethan!) Thränen floſſen über ihr Geſicht, während ſie zu Serena ſagte:„Wirſt du mich jetzt nie mehr lieb haben?“ „Willſt du mir verſprechen, dieß nie mehr zu thun und nie ohne Erlaubniß etwas zu nehmen, was nicht ſagte Serena mit freundlich ernſtem icke. „Ach ja!“ ſchluchzte die Kleine,„ich will es nie mehr thun.“ „Dann will ich dich wieder lieb haben und du wirſt wieder mein liebes Evchen ſein,“ ſagte Serena, nahm das Kind wieder auf ihren Schooß und ließ es ſtill an ihrer Bruſt ausweinen. Dieſer kleine Auftritt, den ich verſtohlen beobachtete, während ich mit den Alten ſprach, gab mir ein Bild und eine Lehre, die ich nie vergeſſen werde. Auch bei Dahl's wurde von dem erwarteten Gaſt auf Ramm geſprochen, aber nicht mit vorwitzigen Ver⸗ muthungen, ſondern man erzählte von etwas Gutem und Edlem, das er auf Erden gethan haben ſollte— 85 „der Mann iſt gewiß nicht Don Miguel“— und es war Freude darüber im Himmelreich. Es war ein kleiner Sperling im Himmelreich, einen ähnlichen habe ich nie geſehen. Er war zahm und nicht menſchenſcheu. Die Kinderengel waren ganz beſonders von ihm entzückt. Das war ein Lachen, ein Geſchrei, eine Freude, wenn der Sperling um ihre kleinen Köpf⸗ chen herumflog und der Name Gullgull! Gullgull(gold⸗ gelb) wurde in jubelnden Chören wiederholt. So wurde der ganze Abend unter Spielen, Tanz⸗ Geſang und Lachen zugebracht. Einmal kam die Engel⸗ ſchaar, von Serena angeführt, und ſchloß tanzend einen Kreis um die Patriarchen; auch Bär und ſein Weibchen fanden ſich in den ſchönen fröhlichen Kreis eingeſchloſſen, tesſih unter Geſang wieder auflöste, um neue Gruppen zu bilden. So angenehm und ſchön es nun auch im Himmel⸗ reich war, ſo mußten wir dennoch an die Rückkehr in unſere kleine irdiſche Heimath denken, und nachdem wir mit den Engeln zu Nacht geſpeist, ſetzten wir uns wieder in unſer Cabriolet. Aber die würdigen Patriarchen und die ſchöne Serena baten uns ſo herzlich und dringend, bald wieder zu kommen und einen ganzen Tag bei ihnen zuzubringen, daß wir ihnen die Hand darauf geben mußten. Ich geſtehe, daß ich es von Herzen gern that. Ich konnte auf dem Heimweg von nichts Anderem, als don Serena ſprechen und ſchlief mit ihrem Heiligen⸗ bilde in der Seele ein. Vielleicht ſehe ich dieſes Haus einmal in einem proſaiſchen Lichte, und du ſollſt dann ein weniger poe⸗ tiſches Gemälde erhalten. Das Leben trägt öfter ſein Werktags⸗ als ſein Feſtgewand. Für jetzt weiß ich nur, daß ich eine himmliſche Erſcheinung gehabt habe. Den 18. Juni. Draußen mag es gut ſein, aber zu Hauſe iſt's doch am Beſten. Das habe ich hundertmal während ein paar nd en ei, d⸗ nz. el⸗ en en en, en el⸗ vir der ind nd, nen ben at. als en⸗ em e⸗ ſein ur, och gar 89 ſchönen Tagen gedacht, die ich ſtill in meinem Hauſe verlebte. Ich zähme meinen Bären und meine kleine⸗ ren Thiere. Es macht ſich recht brav. Sechs Hühner, drei Enten und zwei kalekutiſche Hähne ſind jetzt meine intimen Bekannten. Heute habe ich auch meine Kühe geliebkost und gefüttert. Die herzlichen Thiere! Die und ſchönſte habe ich Audumbla getauft, zum ndenken an die ſchöne nordiſche Mythe, von der ich in der Sinnbildslehre der Edda geleſen habe. Mein Bär iſt eine eigene Figur. Während ich ihm ſeine kleinen Untugenden abgewöhne, erwirbt er ſich— Gott weiß wie— eine immer größere Gewalt über mich. So viel iſt gewiß, daß er ſehr gut und vernünftig iſt. Geſtern Abend kam er mit der Pfeife im Mund in's Geſellſchaftszimmer, blieb aber in der Thüre ſtehen und machte eine ſchelmiſch fragende Grimaſſe, indem er mich anſah. Ich ſprang auf, nahm ihn und ſeine Pfeife in den Arm und zog ihn in's Zimmer herein. Ich war ſo glücklich darüber, daß ſeine Pfeife dieſe Stube nicht haßte. Aber. gar zu viel Freundſchaft. Den 19. Fräulein Hellevi Hausgiebel; Luſtigkeit bis zum Dach hinauf, Abendeſſen auf der Schwaneninſel— da haſt du den geſtrigen Nachmittag. Fräulein Hellevi iſt eine ſehr lebhafte und geſcheidte Perſon, beinahe zu leb⸗ haft für mich. Sie kommt mir vor, wie eingeſalzener Ingwer; wenn man ihn bloß hie und dazu ſich nimmt, ſo ſchmeckt er ſehr gut und man ruft: Delikat! Aber alle Tage will man ihn nicht haben. Bär! Komm her, mein Engel— was ſagſt du zu dieſem Gleichniß. „Daß es boshaft iſt und daß du ſelbſt Ingwer biſt, du Meerkatze.“ „Ingwer? Nein das biſt du, du Bär!“ Den 20. Die Schwägerinnen find angekommen. Geſtern Morgen, als Bär und ich gerade grob gegen einander als re. bei der olle rfes ann ihm ter⸗ ſens alle ann wir man bzu⸗ Die nere auf⸗ oße 91 Zungenbewegung:„Trallalla, trallalla, trall; trallalla, trallalla, träll! Dieſe Promenade, welche Trall ge⸗ nannt wird, währt eine halbe Stunde, worauf ma chère mére ſagt:„Jetzt, Landrichter, wollen wir uns ſetzen.“ Und nun ſetzen ſie ſich und fangen wieder an zu plaudern, aber nicht mehr von Geſchäften, ſondern von der guten, alten Zeit, von ausgezeichneten Per⸗ ſonen, die damals gelebt; ſie erzählen Anekdoten und trinken Thee dazu. So haben ſie bereits länger als zwanzig Jahre Spaziergänge mit einander gemacht, trallat und geſchwatzt. Mitunter zeigt ſich der Land⸗ richter Hök auf eine ſeltſame Art zerſtreut. Er geht z. B. hin, pflanzt ſich an einer Thüre oder einer Wand auf und bleibt viertelſtundenlang in Gedanken vertieft ſtehen, ohne ſich vom Fleck zu rühren! beim Eſſen, wenn er ſich Wein oder Waſſer einſchenken will, merkt er manchmal nicht, wenn das Glas voll iſt, ſondern gießt immer darauf los, ſo daß es auf das Tuch läuft. Rla chère möre findet, wie du dir wohl denken kannſt, kein beſonderes Wohlgefallen daran, ſagt aber nie deß⸗ wegen ein unfreundliches Wort zu dem Landrichter, ſondern ſcherzt mit ihm über ſeine poetiſchen Zerſtreuun⸗ gen. So bald ſie jedoch ſeine lange Hand nach einer Flaſche greifen ſieht, beeilt ſie ſich meiſtens, ihm zu⸗ vorzukommen. Doch ich laſſe meine Feder wie ein wildes Huhn von Einem zum Andern fliegen. Ich bleib bei dem Abend ſtehen, wo die Schwägerſchaft erwartet wurde. Na chére'mére hatte ſich ſelbſt und das Haus feſtlich berausgeputzt. Die Slurka ſaß hoch und ſtolz über ihrer ernſten Stirne und mit Generals⸗Miene und Hal⸗ tung marſchirte ſie an Landrichter Hök's Seite durch die großen Zimmer. Sie waren mit dem Trall be⸗ ſchäftigt. Alle Thüren ſtanden offen, auf den Treppen wimmelte es von Bedienten in Livree. Alles ſah äußerſt feſtlich aus. „Nun, willkommen, meine liebe Franziske,“ ſagte 9² ma chère möre mit ſtattlicher Haltung, indem ſie mir die Hand reichte. Jetzt kann Sie mit ihrer neuen Fa⸗ milie Bekanntſchaft machen. Wir wollen einmal ſehen, wie die jungen Frauenzimmer find. Wir wollen ihnen ſchon auf den Zahn füblen: ja, das wollen wir. Thue Sie inzwiſchen, was Sie will, mein liebes Kind, bis ich meinen Trall beendigt habe.“ Ich benützte dieſe Erlaubniß dazu, mich in den Zimmern der Schwägerinnen ein Bischen umzuſehen. Die groben Toiletteteppiche waren mit weit feineren vertauſcht. Das freute mich; es gefiel mir von ma chérc mére. Auch ſonſt waren die Zimmer vollkom⸗ men ausgerüſtet: Alles koſtbar, ſolid und hübſch; nur vermißte ich ein Fünkchen Poeſie, auch nur ein klein Wenig von dem Luxus des Lebens, ohne welchen Le⸗ ven und Haus nur nothdürftige Anſtalten find. Ma chere mère— dachte ich— will dieß den jungen Frauen ſelbſt überlaſſen, damit ſie ihre Welt nach ih⸗ rem eigenen Sinn verſchönern können. Obſchon ich nun einſah, daß dieß wohl das Beſte ſein dürfte, ſo fühlte ich doch einen unwiderſtehlichen Drang, meinen Schwägerinnen hierin ein wenig entgegenzukommen. Ich ging in den Garten, verſchaffte mir eine Menge Blumen, die im Ueberfluß vorhanden waren⸗ band ſchnell ein Paar Kränze zuſammen und hing ſie über die Toilettenſpiegel der jungen Frauen, ſtellte auch Blumen in die Gläſer und freute mich an dem freund⸗ lichen Anblick. Auf einmal hörte ich eine ſtrenge Stimme hinter mir ſagen:„So, ſo, meine Kleine, Sie läßt es ſich nur ſo einfallen, in meinem Garten zu wirthſchaften und unter meinen Blumen herumzugraſ⸗ ſiren! Was meint Sie, daß ich dazu ſagen werde?“ Ich wandte mich um und ſah mit Schrecken ma chére mére's grimmiges Geſicht, das ſich jedoch auf einmal veränderie; ſie klopfte mich lachend auf die Wange und ſagte dann:„Nun, nun, fehe Sie nur nicht ſo Sie raſ⸗ e?“ ere mal ne ſo 93 wie vom Himmel gefallen aus; ich will weiter nichts ſagen, als daß ſie poetiſch iſt, und wenn Sie mit un⸗ ſeres Herrgotts Blumen poetiſiren und die Zimmer Ihrer Schwägerinnen ſchmücken will, ſo iſt das Ihre Sache und nicht die meine;— die Geſchichte da ſieht übrigens recht niedlich aus; ich ſehe, daß Sie nicht ohne Geſchmack iſt, mein liebes Kind. Will Sie jetzt eine Taſſe Thee haben, ſo komme Sie heraus, denn mein Commandeur⸗Capitän(ſo nennt ma chére mére ihren Magen) hat keine Luſt, auf die jungen Herrſchaf⸗ ten zu warten. Hök hat ſich in einer ſeiner Phantafien in der Salonthüre feſtgepflanzt: aber wir wollen ſchon ſehen, daß wir ihn wecken.“ Ich folgte ma cheère mére und als ich in den Salon kam, hörte ich Bär's Schritte im andern Zim⸗ mer. Ich hatte bloß noch Zeit ma chère méère zuzu⸗ flüſtern:„Wenn er nach mir fragt, ſo ſagen Sie, Sie haben mich nicht geſehen,“ und ſchlich mich ſelbſt binter eine offenſtehende Thüre. Ma chère mére winkte meiner kleinen Liſt ihren Beifall zu, und Bär trat herein. Faſt im nämlichen Augenblick, wo er ma chère méère grüßte und ihr die Hand küßte, fragte er:„Wo iſt meine Frau?“—„Das weiß ich nicht,“ ſagte ma chère mére ſehr ernſthaft;„ich habe ſie gar nicht geſehen.“— „Herr, mein Gott, wo iſt ſie denn?“ rief Bär mit einer ſo verſtörten und beſtürzten Miene, daß es mir un⸗ möglich war, ihn ſo zu ſehen, und als er, nachdem er ſich nach allen Richtungen umgeſchaut, ſich eben um⸗ wandte, um aus dem Zimmer zu gehen, ſtürzte ich ihm nach und ſchloß ihn in meine Arme. Ach, wie wonne⸗ voll, ſich geliebt zu ſehen! Gott ſei Lob und Dank da⸗ für.„Ha, ha, ha!“ lachte ma chéère meère laut bei un⸗ ſerer Umarmung. Bär war ganz guter Dinge, daß er ſein Weibchen wieder gefunden hatte und nun bald ſeinen geliebten Bruder umarmen ſollte. Ma chère meére ſetzte ſich im ——— 94 Hintergrund des großen Salons in ihren großen Lehn⸗ ſtuhl von rothem Damaſt, hieß mich an ihrer Seite Platz nehmen und Bär, Landrichter Hök, ſowie Fräu⸗ lein Tutten mußten einen Halbkreis um ſie herum bilden. ah, daß ma chére more eine große Scene im Kopfe hatte und den jungen Frauen zu imponiren wünſchte. Um zu ihr zu gelangen, mußten ſie durch den gan⸗ zen langen Salon gehen. Ich verſichere dich, daß mein Herz ſchlug vor Theilnahme für ſie und ich pries in der Stille herzlich die Klugheit Bär's, der mich ſo ganz aus dem Stegreif mit ma chère mére bekannt gemacht und ſie dadurch verhindert hatte, meine Geiſtes⸗ gegenwart durch eine feierliche Vorſtellung, die mir ein Abſcheu und ein Stein des Anſtoßes iſt, auf die Probe zu ſtellen. Ma chére mére ſcheint ſich vermöge ihrer ſtarken Rerven keinen Begriff von ſolchen Gefühlen machen zu fönnen; ſie erzählte, während wir auf unſern Poſten ſaßen, mit vieler Lebhaftigkeit und Luſtigkeit ihre erſte Präſentation bei Hof, wie lange ſie ſich vorher vor fünf aufgeſtellten Stühlen in Bücklingen geübt habe und wie dieſe Bücklinge ſodann vor den gekrönten Häuptern aus⸗ geführt worden ſeien. Ma chéère mére beſchrieb dieſe ganze Scene und die Hauptperſonen dabei ſo lebhaft und kräftig, daß ich vergaß, wo und warum ich da ſaß. Endlich hörte man einen Wagen rollen; ma chère mère ſchwieg; ich wurde warm und ſtand auf. Bär eben⸗ ſalls. Ma chére möre legte verbietend eine ſchwere Hand auf meinen Arm und ſagte zu mir und Bär: „Bleibt ruhig ſitzen, die Alte ſoll die Erſte ſein, die ſie in ihrem Hauſe dewillkommt, und die Alte will ſie hier erwarten.“ Sie ſah feierlich aus und ich ſetzte mich wieder mit klopfendem Herzen. Bär machte ein zweifelhaftes Geſicht; als man aber im Vorſaal Tumult und Stimmen hörte, ſagte er:„das iſt Jean Jacques und ſetzte ſich ebenfalls wieder. Jetzt vernahm man Schritte und ein Bedienter meldete mit lauter Stimme:„Baron Jean Jacques und ſeine Gemahlin!“ Ein Seivenkleid rauſchte und hereintrat, begleitet von einem Herrn, eine Dame, etwa in meinem Alter, aber größer als ich. Sie ſah comme il faut aus, ging ſchnell und mit einer gewiſſen ſittſamen Sicherheit durch den Saal auf ma chére mère zu, die ſich majeſtätiſch aufrichtete, den Ankommenden drei Schritte entgegen⸗ ging, und höchſt imponirend ausſah. Die Schwägerin verneigte ſich ſehr tief und küßte ma chère meère's Hand, wie ich auch gethan hatte. Ma chére mére küßte die junge Frau auch, aber bloß auf die Stirne und umarmte fie, indem ſie ſie bat, willkommen zu ſein und es ſich in dieſem Hauſe gefallen zu laſſen. Sodann begrüßte ſie Jean Jacques auf dieſelbe Weiſe, wie damals Bär. Hier⸗ auf wurden wir und die neuen Verwandten einander vorgeſtellt. Ich ſetzte mich neben die Schwägerin. Wir waren im Anfang ein wenig aufgeregt, beruhigten uns aber bald, machten Du und Du, geriethen in ein recht angenehmes Geſpräch und Jean Marie gefiel mir gut, ſehr gut. Sie iſt nicht ſchön, hat aber etwas Diſtin⸗ guirtes in ihrer ganzen Erſcheinung und iſt vortrefflich gewachſen. Ihr ganzes Weſen und ihr Reden zeugen von Milde und Verſtand. Auch die Toilette war in jeder Beziehung paſſend: ein braunes Seidenkleid, dar⸗ über eine große goldene Kette mit einer Uhr nebſt Schlüſ⸗ ſel, eine einfache, aber moderne Haube mit hellblauen Bändern, die zu ihrem hellen Haar und Teint ſehr gut paßten. Ich liebe es ſehr, wenn ein Frauenzimmer ſich gut zu kleiden verſteht. Es iſt ein Zeichen von Ver⸗ ſtand und Geſchmack. „Aber wo iſt Peter?“ hatte Bär wohl ſiebenmal hinter einander geſchrieen, ehe noch die erſten Begrüßun⸗ gen vorüber waren. Endlich antwortete Jean Jacques: „Peter kommt erſt ſpäter, wenn er überhaupt heute Abend —— noch kommt. Ebba hat den Einfall gehabt, ſich in E., wo wir zu Mittag ſpeisten⸗ ſchlafen zu legen, und ſie wollte ſich um keinen Preis wecken laſſen. Peter lockte und pochte vergebens. Endlich mußte meine Frau und ich ſie verlaſſen, nur damit ma chère mére nicht ver⸗ gehens heute Abend auf uns wartete. Ebba hätte nach nieiner Anſicht ganz gut im Wagen ſchlafen können, ſie mag ohnehin das Land nicht anſehen und fitzt beſtän⸗ dig mit herabgelaſſener, doppelter Florhaube da.“ Ma chöre méère runzelte die Augenbraunen ein klein wenig. Bär aber zog die ſeinigen tief herab. Ich ſab Jean Narie an, ſie lächelte und zuckte leicht die Achſeln. Bei⸗ nahe in demſelben Augenblick hörten wir einen Wagen rollen und anhalten.. „Da iſt er!“ rief Bär, fuhr wie eine Bombe auf und fiürzte dem geliebten Bruder entgegen zur Thüre hinaus, ehe ma chére meère ihn zurückhalten konnte. Sie ſchüttelte den Kopf und ſah grimmig aus, ich aber liebte meinen Bär, weil er ſeinen Bruder ſo lieb hatte. Siehe jetzt Schwägerin Nr. 2. ½ Eine kleine Figur ſchwebt übermüthig aber anmuthig herein. Die Augen find halb geſchloſſen; der kleine Strohhut hängt am Arme; das Häubchen mit den Roſa⸗ bändern ſitzt auf dem einen Ohre und läßt auf der an⸗ dern gleichſam unverſehens einige Locken dunkelbraunen Haares hervorquillen. Ihr Mann folgt ihr mit den Augen, während er in der Thüre auf's Neue von Bär's Umarmung gefangen wird. Ma chère meère erhebt ſich majeſtätiſch, wie das erſte Mal und geht der kleinen Sylphide drei Schritte entgegen, allein zum unbeſchreib⸗ ſichen Erſtaunen von uns allen, ſchwebt dieſe, ohne aufzuſehen, an ihr vorbei und wirft ſich nachläſſig in den Lehnſtuhl, den ma chöre möére ſo eben verlaſſen hat, indem ſie ausruft:„Ach, ich bin ſo müde, ſo müde, ſo warm, ich könnte ſterben! Uhl Der kleine Seiden⸗ M W***— ———„ S T S* S— — 8S — te. eb 8 is ine ſa⸗ an⸗ nen den ir's nen eib⸗ hne g in iſſen üde, den⸗ 97 rock flog auf und zeigte ein feines weißes Linonkleid, das ſeinerſeits wieder die allerniedlichſten Füßchen und Knöchelchen ſehen ließ. ZJetzt hätteſt du ma chère meére ſehen ſollen. Sie ſtand wie vom Donner gerührt da, aber Peter ſürzte hervor, ergriff Ebba's Hand und ſuchte ſie vom Stußle aufzurichten, indem er ihr zuflüſterte:„Ebba, um Got⸗ teswillen, mir zu liebe bedenke doch! Ebba, es iſt ma chère meére.“ „Himmel!“ ſagte Ebba, wie aus einem Traume erwachend und ſah mit einem ſchönen, braunen Augen⸗ paar zu ma chère mére auf, ungefähr, wie man an einem Kirchthurm hinaufſieht. Ma chére meére ihrer⸗ ſeits näherte ſich ihr mit einer Miene, welche zu ſagen ſchien:„Was biſt du denn für ein kleines, wunder⸗ liches Geſchöpf?“ Als ma chére mére Ebba ganz nahe war, machte ſie ſchnell ibre Hand aus der Peier's los ſprang auf den Stuhl, warf beide Arme um ma chére mére's Hals und küßte ſie mit der Anmuth und Freibeit eines Kindes. Dieß ſchien einen eigenen Eindruck auf ma chère mére zu machen. Mit ihren beiden großen Händen umfaste ſie Ebva's feinen Leib, hob ſie in die Höhe, ſetzte ſie wie ein Kind auf ihren Arm, ging mit ihr unter den Kronleuchter, der jetzt in den Straplen der untergehen⸗ den Sonne ſchimmerte und betrachtete den von Licht umſtrahlten Cherubskopf. Ebba lachte, wir mußten Alle lachen und jetzt erſt erſchallte ma chère mére's grobes „ha, ha, ha,“ Alles übertönend. Sie klopfte und kniff das ſchöne, verzogene Kind in die Wange, bis es die feinen, dunkeln Augenbraunen runzelte und ungeduldig einmal um's andere ſagte:„Laß mich los!“ Aber ma chère mére, die ſie vielleicht ein wenig ſtrafen wollte, ſpazierte noch eine gute Weile mit ihr herum, ſcherzend, wie man mit einem Kinde ſcherzt; als jedoch Thränen in Ebba's Augen zu kommen anfingen, ſchüttelte ma Bremer, die Nachbarn. 7 ——— — — ————— küßte ſie auf die Stirne, ſtellte ſie auf den Boden und begrüßte jetzt Peter mit n Weib, den Worten: Mein lieber Sohn, züchtige dei chère mere ſie freundlich, ſonſt wird ſie dich züchtigen.“ Ebba machte vor mir einen höchſt ungraziöſen Knir, ſah Bär nicht einmal an, ſondern warf ſich mit den Füßen auf einen Sopha und blickte mit gleichgültiger Miene im Zimmer und unter uns umher. Ma e êre moère ließ dieß Alles geſchehen, ſah aber doch mit einer gewiſſen herben Miene darein, die meines Bedünkens ſagen wollte:„Wir werden dir ſchon den Kopf zurecht⸗ ſetzen, du kleiner Naſeweis.“ Inzwiſchen iſt Ebba vom Wirbel bis zur Zehe das allerniedlichſte Geſchöpfchen, das ich je geſeben habe. Sie gleicht mehr einem Feenkind, als ei Menſchen, aber ihr Geſicht wird von einem gewiſſen ſtörriſchen und naſeweiſen Zuge verunſtaltet, der beſonders um die aufgeſpannten Raſenflügel und das trotzige Münd⸗ chen ſpielt. Sie iſt freilich noch ſehr jung, ſcheint mir aber ein Kind zu ſein, das beſonders ſchwer zu ziehen iſt. Bär ſchien dieſelbe Anſicht zu haben und betrach⸗ tete ſie und Peter mit bekümmertem Geſichte. Peter iſt augenſcheinlich ſchrecklich in ſeine kleine, launiſche Frau verliebt, die ſich nicht viel aus ihm zu machen ſcheint. Indeß wundert es mich nicht, wenn er einem ſo jungen und tindiſchen Weſen keine Liebe einflößen kann. Er iſt häßlich, hat eine ſehr lange Naſe und graugelbe Haare, die nach allen Himmelsgegenden hin⸗ aufſtarren. Dabei iſt er ſchweigſam und verſchloſſen, aber ſeine Augen ſind ſchön und haben einen ſprechen⸗ den, ſeelenvollen Blick. Er ſaß den ganzen Abend wie in ſich verſunken da, drückte von Zeit zu Zeit Bär's Hand und ſah oft auf ſeine Frau, die auf dem Sopha liegend eingeſchlafen war. Ohne Jean Jacques wäre der Abend etwas langweilig geworden. Dieſer hatte vor Kurzem Reiſen in's Ausland gemacht uud erzählte uns allerhand recht intereſſante Sachen von induſtriellen em ßen und hin⸗ ſſen, hen⸗ wie är's pha väre atte ihlte ellen 99 und mechaniſchen Unternehmungen, von Eiſenbahnen, von dem Weg unter der Themſe u. ſ. w. Jean Jacques iſt hübſch, beſitzt die Gabe einer leichten Unterhaltung und ſcheint voll Leben zu ſein und viel gelernt zu haben. Ma chéère mére unterhielt ſich ſehr gut bei ſeinen Erzählungen und wir Alle hörten ihm mit großem Intereſſe zu; es that mir wirklich leid, als ſie durch die Anmeldung des Soupers unterbrochen wurden. Wir ſahen nach Ebba; ſie befand ſich im ſüßeſten Schlafe auf dem Sopha und war unbeſchreib⸗ lich niedlich, wie ſie ſo gleich einer Roſenknospe unter grünen Blättern dalag. Ich ſagte etwas Derartiges, als wir um ſie herumſtanden. Peter dankte mir mit einem ſchönen Blick. Er beugte ſich herab, küßte Ebba auf die Wange, um ſie zu wecken und ſagte:„Ebba! mein Engel, wache auf!“ „Kannſt du mich nicht in Ruhe laſſen? Du biſt unerträglich!“ war Ebba's liebliche Antwort und ſie würde auf's Neue eingeſchlafen ſein, hätte nicht ma chère meère ihre kräftige Stimme erhoben und geſagt: „Höre Sie, mein liebes Kind, wenn Sie nicht gleich im Augenblick mit uns zum Eſſen kommt, ſo gehen wir von Ihr fort und Sie bekommt gar Nichts. Sie darf nicht glauben, daß irgend Jemand Luſt hat, ſich Ihretwegen Mühe zu machen.“ Die Kleine ſchlug mit höchſt verwunderter Miene ihre braunen Augen auf, ſetzte ſich auf und ma chère méère nahm ſie ohne Weiteres bei der Hand und führte ſie in den Speiſeſaal. Ebba ließ ſich führen, aber mit dem Ausdruck einer unbeſchreiblichen Uebellaunigkeit. Ma chère méère war inzwiſchen zum Erſtaunen gütig gegen ſie, ließ ſie neben ſich ſitzen, und erwies ihr tau⸗ ſend kleine Aufmerkſamkeiten. Es liegt in ma chéère mère's Freundlichkeit etwas ſo unwiderſtehlich Aufhei⸗ terndes, daß auch Ebba dabei aufthaute und ſich wie eine Roſe vor den Strahlen der Sonne öffnete. Das ſauertöpfiſche Geſicht verſchwand und 6 einem fröhlichen und freundlichen Platz. Sie wurde dabei unendlich ſchön und ihr kleiner Amorskopf ſchien mir ein 3 wirklich entzückend. Sie aß, lachte und ſchwatzte mit vo ma chèére mére, die ſich viel mit ihr beſchäftigte. Peter de ſah ganz glückſelig aus. Jean Jacques unterhielt ſich me mit Tutten, die nicht minder glückſelig ausſah, über eu das ächte engliſche Roſtbeef und die franzöſiſche ome- de lette soulllée. Bär ſaß ſchweigend neben Peter und ſei ſchnitt Grimaſſen. Ich unterbielt mich beſtändig mit ſic 1 Jean Marie, deren verbindliches Weſen und angenehme de Geſpräche mir immer mehr gefielen. ka Am Schluß der Mahlzeit ließ ma chère meère eine Ti 1 Bowle dampfenden Punſch hereinbringen, füllte uns ne 1 Allen die Gläſer und winkte mit der Hand die Bedie⸗ N 1 nung hinaus. Wir verſtummten auf einmal Alle, als eu 1 erwarteten wir etwas Ungewöhnliches und ma chère fri 1 mere erhob, nachdem ſie durch allerhand Töne ihre Et 1 Gurgel geklärt hatte, ihre klangvolle Stimme und we 113 ſprach mit Kraft und Ernſt alſo: be „Meine Söhne und Töchter, ich will euch dieß ſa⸗ re gen, weil ich euch jetzt zum erſten Mal in meinem Hauſe no und an meinem Tiſche verſammelt ſebe; ich will euch m 1 dieß ſagen, meine Kinder, weil ich wünſche, euch oft ba als drei einige und glückliche Ehepaare bier zu erblicken. S i In einem alten Reglement für das Militär, das ſich Ti im Beſitz meines ſeligen Mannes, des Generals Mans⸗ be i felt, befand, hieß es, daß in dem Augenblick, wo die m Bataille losgehen ſollte, der Mannſchaft nur die Ordre w gegeben wurde:„Thut euer Beſtes!“ Dieſe Regel kann auch für Eheleute gelten. Erziebungsbücher, väterliche ge und mütterliche Ermahnungen, die Vorſchriften der Leh⸗ U 3 rer gehen bis zu Hymens Altar. Dort aber bleiben ve ſie ſtehen und ſagen zu den Getrauten bloß:„Thut euer zu Beſtes.“ Denn es iſt wabrhaftig nicht leicht, hier noch Vorſchriften zu geben. Jede Ehe hat ihre eigene Frei⸗ maurerloge, die allen andern unähnlich, und in welche de hineinzuſehen für keinen Uneingeweihten gut iſt. Aber ei ir it er er E— nd it ne n6 ie⸗ u8 re nd 101 einige gute Rathſchläge, meine Kinder, könnt ihr wohl von einer alten Frau anhören, die ein gutes Stück von der Welt geſehen und einen guten Theil in der Frei⸗ maurerloge der Ehe gearbeitet hat, und wenn ihr in eurer Ehe dieſe Ratbſchläge ad notam nehmet, ſo wer⸗ det ihr euch wohl dabei befinden. Wenn ihr glücklich ſein wollt, meine Kinder, ſo hütet euch vor ſauren Ge⸗ ſichtern und ungleichen Launen. Mit ſolchen lockt man den Satan in ſeine Haushaltung. Ein kleines Wölkchen kann Sonne und Mond verdecken. Ja, bütet euch, meine Töchter, vor dem, was man graues Wetter im Hauſe nennen kann, und ihr, meine Söhne, hütet euch, der Novemberſturm zu ſein, der es hervorruft. Erinnert euch, was das Sprichwort ſagt:„Friede ernährt, Un⸗ friede verzehrt.„Ich habe bei euch, meine Kinder, ſchon Etwas geſehen, was mir nicht gefällt, ja ich habe et⸗ was geſehen. Aber ich hoffe, daß es vergehen und ſich beſſern wird und deßhalb will ich nicht weiter davon reden. Lüget einander nichts vor, weder im Großen, noch im Kleinen. Eine einzige kleine Lüge hat ſchon manchmal eine ganze Ehe zerſtört. Eine kleine Urſache bat oft große Folgen. Legt die Hände nicht in den Schooß und ſitzet nicht müßig da.„Müßiggang iſt des Teufels Kopfliſſen.“ Lauft nicht viel außer dem Hauſe herum. Wer oft draußen iſt, wird zu Hauſe nicht ver⸗ mißt. Eigner Herd iſt Goldes werth. Bedenket wohl, wer da ſäet, der wird ernten.“ „Manche Ehe, meine Freunde, iſt wie eine Mor⸗ genröthe aufgegangen und abgefallen wie ein Schafpelz. Und warum, meine Freunde? Ja, weil die Gatten es verſäumten, einander nach der Hochzeit ebenſo gefällig zu ſein, wie vor derſelben. Suchet immer einander zu gefallen, meine Kinder, aber habt dabei Gott vor Augen. Verſchwendet nicht heute eure ganze Zärtlichkeit. Be⸗ denkt, daß die Ebe auch ein Morgen und Uebermorgen hat. Bewahret Feuerung für den Winter auf. Ueber⸗ legt wohl, meine Töchter, was das Wort„Hausfrau“ bedeuten will. Das Eheweib iſt des Mannes Haus⸗ glaube.*) Auf ſie muß er ſich verlaſſen können in Haus und Hof, ihr ſoll er den Schlüſſel ſeines Herzens und das Schloß ſeiner Vorrathskammer anvertrauen. Seine Ehre und ſein Haushalt find in ihrer Obhut, ſein Wohl in ihrer Hand. Bedenkt dieß wohl! Und ihr, meine Söhne, ſeid wahre Männer und gute Hausväter. Han⸗ delt ſo, daß eure Frauen euch achten und lieben kön⸗ nen.— Und was ſoll ich noch mehr ſagen, meine Kin⸗ der? Leſet fleißig Gottes Wort. Es wird euch aus Sturm und Windſtille führen und in den Hafen leiten. Und noch einmal:— Thut Euer Beſtes. Ich habe das Meinige gethan. Gott helfe und ſegne euch, meine Kinder, Alle mit einander.“ Ma chére mére breitete dabei ihre Arme, wie zum Segen über uns aus, machte eine feierlich grüßende Be⸗ wegung mit dem Kopfe und trank dann ihr Glas bis auf den Grund aus. Ebba war naſeweis genug, ein ganz vernehmliches Gähnen hören zu laſſen. Sie rührte ihr Glas nicht an, ſondern legte ſich in die Stuhllehne zurück und ſchloß die Augen. Jean Marie trank ihr Glas mit einer anſtän⸗ digen Miene aus. Ich hatte im Anfang der Rede viele Mühe gehabt, mich des Lachens über die garſtigen Gri⸗ maſſen zu enthalten, die Bär an Einem fort ſchnitt; nach und nach aber ergriff mich der Ernſt und die Kraft in ma cheére mere's Worten; auch Bär wurde ruhig und als die Rede zu Ende war, begegneten ſich unſere Augen und wir tranken herzlich einander und ma chére mére zu. Als die Geſundheit getrunken war, ſchlug ma chère mére mit dem Meſſer an ihr Glas. Die Bedienten kamen herein und mit ihrer ſteifen Generalsmiene ſtellte ſich ma chöre mére an Landrichter Hök's Arm auf und *) Ein unüberſetzbares Wortſpiel; hustru heißt Haus⸗ frau; hustro Hausglaube. A. d. Ueberſ. 18 us nd ne hl n⸗ R⸗ n⸗ be ne m 103 ließ uns alle paarweiſe vorbeimarſchiren, indem ſie uns gleichſam muſterte. Als ich vorbeikam, klopfte ſie mich auf die Schulter und ſagte:„Du biſt doch die Kleinſte.“ (Dieß iſt nicht wahr, denn ich habe mich mit Ebba ge⸗ meſſen und ich bin einen halben Kopf größer als ſie; ma chêre mére will mich nur necken.) Ebba allein wollte ſich nicht in ma chére mére's Anordnungen fü⸗ gen, ſie wollte allein gehen, und um ihrem Maänne zu entwiſchen, hüpfte ſie wie ein Vogel herum und zwi⸗ ſchen uns durch. Ma chére mére und Landrichter Hök ſchloſſen den Zug. Nach dem Souper ſchwatzten wir noch ein wenig, ſodann führte ma chère mére die jungen Paare in ihre Zimmer. Ich folgte und Bär ebenfalls, der ſich durch⸗ aus nicht ausſchließen laſſen wollte. Ebba's gute Laune war noch nicht verſchwunden, äußerte ſich aber jetzt in Gelächter und Hohn über die altmodiſchen Möbel. Ma chöre more hielt ihr dafür eine kleine Lection, die Ebba aufmerkſam anhörte, und als ſie fertig war, küßte ihr Ebba die Hand, verneigte ſich und dankte mit komiſcher Demuth. Sie iſt ein anmuthsvolles, aber ganz und gar verzogenes Kind und ſcheint für den ſtillen ernſten Peter durchaus nicht zur Frau zu taugen. Jean Marie dagegen zeigte ſich mit Allem vollkommen zufrieden, be⸗ merkte auch mit Vergnügen meine Blumen und bewies ſich durch ihr vernünftiges Benehmen und ihre feinen Manieren als das wahre Widerſpiel von der übermü⸗ thigen Ebba. Ma chèére mére war aufgeräumt und ſcherzte mit uns Allen, wenn auch nicht fein, doch wirk⸗ lich witzig. Sie hat etwas höchſt Eigenthümliches und Feſſelndes in ihrem Weſen. Ich bemerkte an dieſem Abend auch, wie ſie durch ihr beſtimmtes und offenes Benehmen ihrer ganzen Umgebung Wohlbehagen und Sicherheit einzuflößen verſteht. Sie weist jeden ſo⸗ gleich an ſeinen Platz. Man richtet ſich gerne nach ihr und befindet ſich wohl dabei. Ma chér mére bat mich und Bär, morgen„mit —————— ———— — — 104 der Familie“ zu Mittag zu eſſen. Ich nahm es gerne an, denn ich wünſchte die Familie mehr in der Nähe zu beſehen. Eine Ahnung ſagt mir, daß ich in Jean Marie eine Freundin gewinnen werde. Mein Herz be⸗ darf aber auch weiblicher Freunde. Seit du, Marie, ſo weit von mir gezogen biſt, habe ich eine große Leere in meinem Herzen verſpürt— denn das Schreiben iſt doch kein vollkommener Erſatz— und wenn ich Jean Marie liebgewinnen kann, ſo werde ich dich deßwegen doch nicht weniger innig lieben. Aber zurück zum letzten Abend, zu Bär, zu Roſen⸗ vik. Dort angekommen, theilte ich Bär alle meine Be⸗ merkungen über Schwäger und Schwägerinnen mit. Bär aber war in eine einzige Betrachtung vertieft und ant⸗ wortete auf Alles, was ich ſagte, nur mit einem Seuf⸗ zer:„Armer Peter!“ Etwas ungeduldig über das ewige „Arme Peter,“ ſagte ich endlich:„Nun gut, Peter ſoll es machen wie ein gewiſſer Bär; er ſoll ſeine Frau durch Verſtand und Güte zähmen, und ſich dann ihrer Tyrannei unterwerfen.“ Bär ſah mich freundlich an, ſagte mir ſchöne Sa⸗ chen, ſchloß aber auf's Neue mit einem„Armer Peter.“ Vor Ebba hat er ein gewiſſes Grauen, er nennt ſie eine Here und will nicht einmal zugeben, daß ſie ſchön iſt. Dagegen gefiel Jean Marie auch ihm ſehr. Und jetzt will ich mich zum Mittageſſen ankleiden. Ich ſchicke dir tauſend Küſſe und ſende meinen Brief ab. Vierter Brief. Roſenvik den 21. Juni. Der Mittag lief gut ab geſtern. Ma chére mére war vergnügt und freundlich; Ebba recht artig und ſchön, wie der Tag. Jean Marie war höchſt elegant und gut N—* —* —— ——— N Nv t 10⁵ gekleidet— nur hätte ich ihr Etwas mehr Ungezwun⸗ genheit und den großen Sevigns von der Stirne weg⸗ gewünſcht. Ich liebe Nichts, was die Stirne beſchattet. Jean Jacques unterhielt uns mit ſeinen intereſſanten Erzählungen. Landrichter Hök goß eine halbe Flaſche Waſſer auf den Tiſch und muß durch dieſes Ereigniß ſtark angegriffen worden ſein. Eine Weile nachher be⸗ ſchrieb ihm Jean Jacques mit großem Eifer einen ge⸗ flügelten Dampfwagen, mit dem man in der Luft fah⸗ ren könne. Der Landrichter hörte mit geſpannter Auf⸗ merkſamkeit zu; Jean Jacques, dadurch aufgemuntert, beſchrieb immer eifriger, immer ausführlicher, als ihn der Landrichter auf einmal unterbrach, indem er be⸗ kümmert ſagte:„Verzeihen Sie, verzeihen Sie von welcher Flaſche ſprechen Sie, Herr Baron?“ Ma chère mère lachte und Jean Jacques ſah ganz verblüfft aus. Jean Jaques ſpricht ſehr viel. Ich fand dieß heute etwas ermüdend, beſonders unmittelvar nach dem Eſſen. Am Ende hörte ich bloß noch eine Art unaufhörliches Brauſen, woraus die Worte:„Eiſenbahn, Mancheſter, Tunnel, Dampfmaſchine, Pfennigmagazin“ hervortön⸗ ten und mein Ohr trafen. Je mehr Jean Jacques be⸗ ſchrieb, je ſchläfriger wurde ich und endlich gab er die unwürdige Zuhörerin auf; bald nachher weckte mich in⸗ deß ein ſonderbares Ereigniß wieder. Ma cheère möre ſaß auf dem Sopha und hatte ihre abgenutzten Patience⸗ karten zur blocade de Copenhague gelegt. Neben ihr ſaß Landrichter Hök und ſchnupfte. Jean Marie hielt eine Predigt an Ebba, die es vielleicht wohl verdient batte, aber wenig darnach zu fragen ſchien. Ein junger Bevienter ging mit einigen Kaffeetaſſen durch das Zim⸗ mer und Jean Jacques rief:„Ei der Tauſend, wie gleicht er Bruno!“ In dieſem Augenblick bekam ma chöre mére's Patiencetiſch einen Stoß, ſo daß er ſammt der blocade de Copenhague umfiel, allein man konnte jetzt nur auf ma chère mere ſehen. Sie wurde zuerſt bleich, dann gelv. Ihre Naſe ſpitzte ſich, die Lippen wurden blau und ihr Athem klang wie ein ſchweres, ſtarkes Ziſchen; ſie erhob ſich, wie eine brauſende, furchtbare Welle, ſtreckte Jean Jacques drohend die geballte Fauſt entgegen, ihre Augen waren verwirrt und unheimlich hervorgetre⸗ ten, die Slurka ſchien ſich auf ihrem Kopfe emporzurich⸗ ten. Jean Jacques erbleichte ebenfalls und zog ſich zurück. Ma chöre mére war in der That furchtbar anzuſehen, und beinahe athemlos vor Schreck, erwartete ich irgend einen ſchauderhaften Ausbruch. Aber plötzlich ſchien ma chère mére in ihrer drohenden Stellung zu erſtarren; unbeweglich, ſtumm und grauenhaft, wie von einem ſchauderhaften Zauber erfaßt— gleich als wäre ein gräßliches Geſpenſt vor ihre Blicke heraufbeſchworen worden— ſiand ſie lange da und nur ihr ſchwer zi⸗ ſchender Athem zeugte von einer inneren— Angſt oder Wuth— ich weiß nicht, was es war. Während ſie ſo daſtand, verwandelte ſich mein Schreck in Herzensangſt und ich war im Begriff, zu ihr hinzuſpringen, allein Bär hielt mich beftig zurück, ſchlang ſeinen Arm um meinen Leib und blieb ſelbſt ganz ſtille ſitzen, indem er ſie aufmerkſam betrachtete. Es nahte ſich ihr auch ſonſt Niemand, und nach einer Weile gab ſich die fürchterliche Spannung von ſelbſt. Die geballte Fauſt ſank nieder, Lebensfarde kam wieder in's Geſicht und die erblauten Lippen, die Augen wurden milder. Sie athmete einige⸗ male tief, aber immer leiſer, gleichſam ſeufzend, und ohne ein Wort zu ſprechen oder ſich nach Jemand um⸗ zuſehen, ſchritt ſie langſam aus dem Zimmer und ſchlug die Thüre heftig hinter ſich zu. Deſſenungeachtet wollte ich ihr folgen, allein Bär verhinderte mich, und als er mich ſo unruhig und aufgeregt ſah, nahm er mich bei Seite und gab mir folgende Erklärung über dieſen wunderlich unheimlichen Auftritt: Ma chöre mére hat einen Sohn gehabt, der Bruno hieß und...“„Todt iſt?“ unterbrach ich ihn.„Ja.“ —„Und deßhalb wirkt ſein Name, das Andenken an ihn ſo auf ſie?“ fragte ich erſtaunt weiter.—„Nicht 107 bloß deßhalb; er hat ihr vielen Kummer gemacht und Alles, was an ihn erinnert, beſonders die Nennung ſei⸗ nes Namens erſchüttert ſie heftig. Aber man muß ſolche Ausbrüche nur nicht beachten; ſie liebt das nicht und ſie gehen am ſchnellſten vorüber, wenn man ſie gänzlich ſich ſelbſt überläßt.“— Aber was hat es denn eigentlich für eine Bewandtniß mit ihrem Sohn?“—„Das iſt eine lange Geſchichte, Fanny; ich will ſie dir ein ander⸗ mal erzählen.“—„Ein andermal iſt ein Schelm; ich haſſe das ein andermal. Ich kann nicht länger warten, Bär, als bis heute Abend.“—„Nun gut denn, alſo heute Abend! Jetzt dürfen wir aber nicht länger daſtehen blei⸗ ben und flüſtern.“ Wir gingen zu den Andern zurück. Landrichter Hök ſaß auf dem Sopha am Patience⸗ tiſch und ich ſah, daß er la plocade ungefähr wieder ſo zu legen ſuchte, wie ſie im Augenblick der Umwerfung des Tiſches gelegt war, damit ma chère meère bei ibrer Rücktunft in das Zimmer durch Nichts an das Vorge⸗ fallene erinnert werden möchte. Als es ihm gelungen war, die Karten wieder in Ordnung zu bringen, ſchnupfte er und nießte neunmal hinter einander, worüber Ebba ein ſchallendes Gelächter aufſchlug. Seine Beſorgtheit für ma chére mère rührte mich. So Etwas iſt liebens⸗ würdig. So ſollen Freunde für einander denken. Habe ich dir Landrichter Hök's Porträt ſchon gezeichnet? Ich glaube nicht. Sieh hier eine flüchtige Stizze. Er mag etwa ſechzig Jahre alt ſein, iſt mager und lang, hat lange Füße, lange Hände, einen langen Hals und ein langes Geſicht, in deſſen Blatternarben und Furchen du eitel Häßlichkeit findeſt, bis du über eine große Habichts⸗ naſe kommſt und ein Paar Augen triffſt, die unter ihrem tiefen Gewölbe einen ruhigen, guten und angenehmen Blick haben. Sie machen den Eindruck eines freundlichen Uchtes, das man an einem küblen Herbſtabend aus den Fenſtern der Herberge ſchimmern ſieht. Er ſcheint einen Pflock in jedem Glied zu haben, ich habe nie einen ſo langen und ſteifen Rücken geſehen und ſo oſt ich ihn —— —— —— 31¹ 3 108 anſchaue, muß ich mich nur wundern, daß ihn Jemand poetiſcher Phantaſien beſchuldigen kann. Aber ma chère meère ſcheint in dieſer Beziehung eine fire Idee zu haben. Im Uebrigen kann ich ihn vor der Hand noch nicht recht deurtheilen. Er ſpricht ſelten mit Jemand anders, als mit ma chère möre. Seine Stimme und ſein ganzes Be⸗ nehmen iſt ſanft, aber bei all ſeiner Schweigſamkeit und Stille kann man doch nie vergeſſen, daß er im Zimmer iſt. Er iſt gewiß ein guter Menſch, allein er ſchnupft ſo ſchrecklich, daß große Haufen Schnupftabak an dem Platz liegen, wo er einige Zeit geſeſſen hat. Nun, das iſt weiter nichts Böſes. Während Landrichter Hök die Patience in Ordnung legte, Jean Marie aber, Jan Jacques und ich über Muſik ſprachen, hatte Ebba Gelegenheit, ihre Artigkeiten kundzugeben. Nachdem ſie Stricknadeln aus meinem Strumpfe gezogen, Landrichter Hök's Schnupftabaksdoſe ausgeſchüttet und allerhand kleinen Unfug im Zimmer getrieben hatte, ſchlich ſie ſich hinter Peter und Bär, die in einer wichtigen Sache die Köpfe zuſammengeſteckt batten, und nähte ihre Rockſchöße zuſammen. Die guten Brüder dachten an nichts Böſes und ich ebenſo wenig, als ich in Anbetracht des ſchönen Wetters einen Spazier⸗ gang vorſchlug. Man willigte ein. Die beiden Brüder ſtanden auf und rick! rack! krachte es, als die Rockſchöße gewaltſam von einander geriſſen wurden. Bär machte einen verzweifelten Luftſprung und die allerfürchterlichſte Grimaſſe. Ich konnte mich unmöglich enthalten, laut aufzulachen und Ebba wälzte ſich in einem Parorismus kindiſcher Freude auf dem Sopha. Peter wußte nicht recht, wie er die Sache nehmen ſolle. Bär war zuerſt etwas ärgerlich auf Ebba, und ich glaube, auch auf mich, dann aber wetterte er luſtig und gutmüthig über uns beide. Jean Karie ſchüttelte den Kopf ein we⸗ nig, konnte ſich indeß gleichwobl eines Lächelns nicht enthalten. Als ſie aber an ihrer eigenen ſchönen Ta⸗ piſſeriearbeit ſah, daß Ebba auch darüber gekommen ber ve⸗ Ta⸗ nen 109 war und einige ganz verkehrte Stiche gemacht hatte, da warf ſie einen ſtrengen Blick auf ſie und ſagte ſehr bitter etwas von unverzeihlicher Naſeweisheit. Und gewiß iſt es ärgerlich, eine ſchöne Arbeit ſo verderbt zu ſehen. Ich konnte mich leichter über meine ausgezogenen Nadeln tröſten. Landrichter Hök ſaß ganz ſtille da und ſuchte ſeinen Schnupftabak zuſammen. Um dieſen Auftritt der Vergeſſenheit zu übergeben, drang ich wiederholt auf den Spaziergang. Alle waren bereit, nur Ebba nicht. Nach⸗ läſſig auf dem Sopha ſitzend, erklärte ſie, ſie werde, ſo lange ſie auf dem Lande ſei, den Fuß nicht über die Schwelle ſetzen, ſie verabſcheue das Land und den Staub auf den Straßen; das Grüne thue ihr in den Augen wehe u. ſ. w. Vergebens verſuchten wir ſie zu überreden, vergebens ſtellte ihr Jean Marie ihren kindiſchen Unver⸗ ſtand vor. Sie beharrte eigenſinnig auf ihrem Vorſatz, und Peter— blieb bei ihr zurück. Jetzt mußte auch ich im Stillen, wie Bär ſeufzen:„Armer Peter!“ Auch Landrichter Hök blieb ruhig auf ſeinem Platze ſitzen, ver⸗ muthlich um die Rückkehr ſeiner Freundin abzuwarten. Unter dem Vorwand, einen Shawl zu holen, ſchlich ich mich ganz leiſe an ma chére mere's Schlafzimmerthüre und lauſchte dort unter unruhiger Theilnahme. Ich hörte, daß ſie von heftigen Vapeurs und einem langen ſpasmodiſchen Gähnen befallen war, und um ein Be⸗ deutendes ruhiger geworden, folgte ich der Geſellſchaft auf den Spaziergang. Das Wetter war ſchön. Jean Jacques ſprach mit Bär von den neuen Einrichtungen, die er auf dem Gute machen wollte und tadelte ma chère mére's altmoviſche Anordnungen, wozu Bär allerhand Geſichter ſchnitt und gewaltige Rauchwolken aus ſeiner Pfeife bließ. Ich kam mit Jean Marie auf Bulwer's und Miß Martineau's vortreffliche Romane zu ſprechen und hörte ihr mit großem Vergnügen zu. Ich fand, daß ſie ſehr beleſen war, auch mehrere Sprachen verſtand, und wir machten mit einander aus, Dante's Commedia divina zuſammen 11⁰ zu leſen. Das muß göttlich werden! Während wir uns zum Voraus darauf freuten, gingen wir einen ſchönen Waldweg hinab auf eine Mühle zu, deren Waſſerfälle wir durch den Wald rauſchen hörten. Auf einmal erblickte ich Etwas, das mich veranlaßte, ſtehen zu bleiben und Bär am Arm zu zupfen, und ihn darauf aufmerkſam zu machen. Wir ſtanden Alle ſtill und ſahen ſchweigend nach Links, wo die Sonne einen offenen grünen Platz beleuchtete. Unter den Eichen dort ging ein Mann von kräftiger, beinahe athletiſcher Geſtalt in einer dunkeln, aber edlen Reitertracht. Er ging langſam, mit gekreuzten Armen, und den Kopf wie in tiefem Nachdenken geſenkt. Neben oder vielmehr hinter ihm ging ein ſchöner, glänzender Rappe, den Zaum reich mit weißen Schnecken beſetzt. Die Zügel hingen loſe, und der ſchöne Kopf beugte ſich bald zum Graſe herab, bald erhob er ſich liebkoſend über die Schultern ſeines Herrn, der daran gewöhnt zu ſein ſchien und ſeinem treuen Begleiter volle Freiheit ließ. Wir konnten bloß einen kleinen Theil vom Profil des Mannes ſehen, denn er hatte uns den Rücken zugekehrt, aber, was wir ſahen, ließ uns ein finſteres, düſteres Ge⸗ ſicht ahnen. So gingen Mann und Pferd in freundſchaft⸗ lichem Frieden mit einander tiefer in den Wald hinein und verſchwanden endlich vorunſern Blicken. Alleinunſere Muthmaßungen folgten ihnen und wir vereinigten uns bald dahin, daß wir jetzt den vielbeſprochenen und geheim⸗ nißvollen Nachbar auf Ramm geſehen haben. Und er mag nun Romulus oder Romanus heißen, dem Roman der Frau von P. entſprechen oder nicht, ſo viel iſt gewiß, daß ſein Auftreten vor uns eine wirklich romantiſche Färbung hatte und ſein Ausſehen ebenfalls. Ich geſtehe, daß ich ganz neugierig bin, etwas mehr von ihm zu ſehen; ich bin überzeugt, wenn ich ihn nur ein einziges Mal von Angeſicht zu ſehen bekomme, ſo werde ich ſo⸗ gleich ſagen können, ob er ein Spion iſt, oder bloß ein ehrlicher Kerl, den die Langeweile plagt, ob er ein Don Miguel oder ein Howard iſt, denn die Erzählung, ns en ir kte nd zu te. r, en en er zt. ch er in ß. es rt, E⸗ t⸗ in 18 . er n ß, E e, 6 0. 3, 111¹ die ich im Himmelreich hörte, deutete auf den letzteren Charakter. Nach einem Spaziergang von etwa einer Stunde kamen wir nach Hauſe. Im Geſellſchaftszimmer ſaß ma chère mére bei ihrem Patience, Landrichter Hök neben ihr. Man merkte durchaus nicht, daß etwas vor⸗ gefallen war. Nur war ma chére meère's Geſicht bleich und ungewöhnlich ernſt. Sie begrüßte uns freundlich, ſprach aber mit Niemand. Tutten ſervirte uns den Thee. Jean Marie ſetzte ſich an's Fortepiano und ſpielte ein ſchweres Stück von Herz; es kam mir mehr ſchwer vor, als ſchön. Aber ſie ſpielt vortrefflich, ja ſie iſt eine vollkommene Meiſterin auf dem Fortepiano. Nur Schade, daß ſie keine Stimme hat, wir würden ſonſt mit einander ſingen. Aber ſie ſoll mich accompagniren. Ich fühle mich glücklich, ſie zur Schwägerin zu haben. Welcher Unterſchied zwiſchen Jean Marie und Ebba! Doch war Ebba dieſen Abend liebenswürdig und verlangte bloß, Alles ſolle tanzen. Als Niemand wollte, fing ſie an für ſich allein im nächſten Zimmer zu tanzen und ſang ganz lieblich dazu. Peter verſchlang ſie beinahe mit den Augen. Kein Wunder; ſie iſt eine kleine Grazie, wenn ſie gut und vergnügt iſt. Halb ihr zu gefallen, halb von einer heimlichen Tanzluſt verführt, leiſtete ich ihr nach einer Weile Geſellſchaft. Jetzt verführten wir Jean Jacques, zuletzt Peter ſelbſt und tanzten eine Zeit lang in der Fröhlichkeit unſeres Herzens zu Ebba's un⸗ beſchreiblichem Vergnügen. Als aber die Herren müde uns verließen und Ebba in einer Sophaecke neben mich hingekauert von allen Bällen zu erzählen anfing, die ſie im verfloſſenen Winter zu Stockholm mitgemacht, wie ſie gekleidet geweſen, wie oft ſie jedesmal engagirt wor⸗ den und beſonders von dem und dem, da wurde ich von einer Gähnſucht überwältigt, die mich bald in die Arme des Schlafs geführt haben würde, wenn mir nicht ein überlautes Sprechen im Vorgemach Gelegenheit gegeben hätte, Ebba's Geſchwätz zu unterbrechen, um hineinzu⸗ ——————— 112 gehen. Ma chére more ſpielte mit Jean Marie, dem Landrichter Hök und Bär Boſton und zankte bitterböſe mit Jean Marie, die vermuthlich beſſer als ich ſpielte und auf irgend eine Weiſe ma chére mère béte gemacht hatte. Ich hörte bloß die Worte:„Wie kann es Ihr einfallen, nicht mitzuſpielen, wenn ſie mit vier Trüm⸗ pfen und dem Piquekönig in der Vorhand ſitzt?“—„Es fällt mir nicht ein, mitzuſpielen, wenn ich ſehe, daß ich mein Spiel nicht machen kann;“ antwortete Jean Ma- rie beleidigt.—„Nein und deßhalb ſoll ich béte wer⸗ den!“ ſagte ma chöre mére erzürnt, und ich hatte noch einen Renonce in Treff und Sie in Carreau. Beide waren recht böſe auf einander. Dieſe Scene wurde vom Buchbalter unterbrochen, der herein kam und über zwei Knechte klagte, die ſich im Stalle weigerten, ſeinen Be⸗ fehlen zu gehorchen. Ma chére mére fragte ibn aus⸗ führlich über die Beſchaffenheit der Befehle und der Wei⸗ gerung der Knechte, und als letztere offenbar grobe Wi⸗ derſpenſtigkeit verrieth, wurde ihr Geſicht finſter und ſie ſtand heftig auf. Jean Jacques erhob ſich ebenfalls, aber ma chére méère drückte ihn wieder mieder und ſagte: „Bleib' ſitzen,“ und zum Buchhalter:„Warten Sie.“ Dann ging ſie hinaus, kam im nächſten Augenblicke mit Januarius und Kaskett zurück und ging mit großen Schritten von dem Buchhalter begleitet in den Stall hinab. Nach zehn Minuten kehrte ſie, wie es ſchien, ganz erfriſcht von ihrer Verrichtung zurück. „Wie ging es?“ fragte Bär. „Wie ſollte es anders gehen, als gut?“ antwortete ma chéère mère munter.„Ich gab ihnen Worte und keine Lieder. Da erfahren ſie, wo ſie her ſind, und ich möchte wohl ſehen, wer ſich unterſtände, nicht ſchnell zu gehorchen. Wenn ich es haben will, bekommen ſie, hol' mich der Henker, Hände und Füße. Nun, ſo gefährlich war es nicht mit den Burſchen. Tannerſtröm war zu bequem, er hat es übrigens auch hören müſſen. Aber ſo iſt's; Alle wollen, daß die Achſe gehen ſoll und Nie⸗ em te cht hr Es la- er⸗ ide om vei Be⸗ us⸗ ei⸗ Pi⸗ ſie ber te: e mit en tall en, tete und zu hol lich zu ber tie⸗ 113³ mand will ſie am Schaft halten. Alle wollen die Herren ſein und Niemand will den Sack tragen. Man ſagte das Abendeſſen an und ma chére mere war wie gewöhnlich eine artige und muntere Wirthin an ihrem Tiſch. Alle Spuren von dem nachmittägigen Auftritt waren verſchwunden. Als Bär und ich ſpät Abends wieder in unſerem ſtillen kleinen Hauſe waren, gab er mir auf mein Ver⸗ langen eine Erklärung über die Ereigniſſe, die ma chére mére's Ruhe geſtört hatten, und hier haſt du ungefähr in denſelben Worten, wie Bär ſie mir gab, eine wunder⸗ liche und unheimliche Geſchichte. Ma chère mére hatte von General Mansfelt einen einzigen Sohn, der nach ſeinem Vater Bruno genannt wurde. Seine Geburt hatte die Mutter beinahe das Leben gekoſtet und der ſo theuer Erkaufte wurde ihr lieber, als das Leben ſelbſt. Mehr als einmal ſah man die Mutter an der Wiege des Sohnes knieen, als ob ſie ihn anbetete. Manche Nacht, wenn ein leichtes Un⸗ wohlſein ſeinen Schlaf unruhig machte, ſaß ſie an ſeinem Bette und wachte ſtill. Sie ſäugte das Kind ſelbſt; keine andere Perſon als ſie durfte es pflegen, ja kaum anrühren; ihr Buſen war ſeine Wiege, ihr Schooß ſein Stuhl, ihre Arme ſeine Welt und ſie umgab mit un⸗ endlicher Liebe den frühzeitig wilden und deſpotiſchen Knaben, der jedoch ſeinerſeits mit heftiger Zärtlichkeit an ihrem Halſe hing und nirgends als an ihrer Bruſt Ruhe zu finden ſchien. Es war ſchön, ſie beiſammen zu ſehen. Es war die Löwin und ihr Junges, die in einer Mi⸗ ſchung von wilder Kraft und tiefer Zärtlichkeit zugleich mit einander kämpfen und koſen. Deßungeachtet wurde das Verhältniß zwiſchen Mutter und Sohn ſchon von der Wiege an wunderlich und ſogar feindlich. Eines Tags legte ſie das neun Monate alte Kind an ihre Bruſt; der Knabe hungrig oder boshaft, biß heftig zu mit ſeinen jungen Zähnen. Gereizt vom Schmerz, gab die Mutter Bremer, die Nachbarn. 8 ———— ————— 1¹4 ihm einen Schlag. Das Kind ließ die Bruſt ſogleich n los und nahm ſie nie wieder. Man mußte es entwöh⸗ n nen, denn ſeiner Mutter war der Gedanke unerträglich, J daß eine fremde Amme ihm ihre Milch geben ſollte. ſe 1 Später einmal, als die Mutter dem achtjährigen Knaben g 1 eine wohlverdiente Strafe geben wollte, wandte er ſich g wie ein junger Löwe ſelbſt gegen ſie und— ſchlug ſie. n Aber zwiſchen dergleichen wilden Auftritten ſah man e auch ſolche, die von einer unbegrenzten Ergebenheit zeug⸗ ten. Sie warf ſich zwiſchen ihn und jede Gefahr; er küßte die Spuren ihrer Füße. Wenn ſie nach einer kur⸗ zen Trennung einander wieder ſahen, ſo geſchah es unter Ausbrüchen der heftigſten Liebe; der nächſte Augenblick aber konnte ſie wieder in Streit verwickeln. Dieß Ver⸗ hältniß nahm mit den Jahren zu; Beide hatten einen gewaltſamen und beſtimmten Willen. Sie ſchienen weder ohne, noch mit einander leben zu können. Es war unmöglich, einen ſchöneren Knaben zu ſehen, aber, obgleich die Mutter ihn in ihrem Herzen vergötterte hatte ſie doch ein ſo ſtrenges Gerechtigkeits⸗ gefühl, daß ſie ihn nie, ſelbſt im Geringſten nicht vor ſeinen Stiefbrüdern begünſtigte. Nie wurde er gegen⸗ i über von ihnen geſchont, wenn es ſich um Beſtrafung handelte, nie ihnen vorgezogen, wenn es Belohnungen und Vergnügungen galt. Er hatte Nichts vor ihnen voraus, als die Liebkoſungen der Mutter. Wir wurden im Hauſe alle ſtreng und in Bezie⸗ hung auf das Geld gar zu knapp gehalten. Ich hatte von jeher eine Neigung zur Sparſamkeit; deſſenungeach⸗ tet mußte ich oft zu einer unſchuldigen Induſtrie greifen, um mir Poſtgeld und die Mittel zu allerhand kleinen Ausgaben zu verſchaffen, die ma chöre mére für über⸗ flüſſig hielt. Da wurde ich insgeheim ein Tiſchler. Bruno war von Natur ein Verſchwender und zum Zer⸗ ſtören geneigt. Um ſeinen Hang zu Leckerbiſſen und zu Vergnügungen zu befriedigen, nahm er frühzeitig ſeine Zuflucht zu einer weniger unſchuldigen Induſtrie. Er —— G S — ——— c r—— nen zie⸗ atte ch⸗ fen, nen er⸗ ler. er⸗ ine 11⁵ mauste, was er nicht in Gutem erhielt, zuerſt von ſei⸗ nen Brüdern, dann von den Leuten im Hauſe. Aber Niemand wagte es, ihn dafür zu ſtrafen, oder die Sache ſeiner Mutter zu erzählen. Mit herkuliſcher Stärke be⸗ gabt, erwarb ſich der lebbafte und kräftige Knabe bald große Gewalt über ſeine Brüder und wurde von ihnen, wie von Allen im Hauſe, gefürchtet. Geliebt wurde er von Niemand, außer— von mir. Ich weiß nicht recht, was es war, das mich an ihn feſſelte. Ich be⸗ wunderte ſeine großen natürlichen Anlagen; ſeine wilden, aber witzigen Streiche lockten mir oft ein Lächeln ab, während ich ſie tadeln mußte, und was wohl am Meiſten wirkte, er.. war mir wirklich zugethan(dieß ſagte Bär mit gerührter Stimme und ſchwieg einen Augen⸗ blick, ſodann fuhr er fort): ich muß ihm die Gerech⸗ tigkeit widerfahren laſſen, zu ſagen, daß er nie unge⸗ berdig war, wenn man vernünftig und milde mit ihm ſprach, und mehr als einmal iſt er auf meine Bitten von gewaltſamen Handlungen abgeſtanden oder hat bei meinen ernſten Vorſtellungen heftig geweint und ſein unglückſeliges Beginnen auf dem Wege des Laſters er⸗ kannt. Aber ich war um dieſe Zeit ſelten zu Hauſe. Viel älter, als Bruno, hatte ich meine akademiſche Lauf⸗ bahn bereits geſchloſſen, als die ſeinige begann, und war faſt beſtändig auf meiner Praxis abweſend. Merkwürdig war die Gewalt, die von Bruno's drei⸗ zehntem bis ſechszehntem Jahr ein Kind— ein kleines Mädchen— über ihn erhielt. Es war dieſelbe Serena Löſven, die neulich in der Stadt dein ganzes Herz ſo ſchnell gewonnen hat. Sie war damals ein ſchönes, ſtilles, aber kränkliches Kind. Ma chère more, die je⸗ derzeit große Achtung vor Madame Dahl gehegt hat, vermochte ſie, drei Jahre lang jeden Sommer ein paar Monate auf Ramm zuzubringen, um durch Brunnen⸗ trinken und die friſche Landluft Serena's Geſundheit zu ſtärken. Der wilde Bruno war wie gefeſſelt von dem kleinen engelgleichen Kinde und es war e zu ſehen, welchem Zwang und welchen Entſagungen er ſich ihr zu Liebe unterwarf, wie er Alles im Stiche ließ, um ſie in den Wäldern bei Ramm herumzutragen, um mit ihr zu plaudern, oder neben ihr zu ſitzen, und ſie anzuſehen, wenn ſie ſchlief. An den Feiertagen, wenn Bruno Ferien hatte, pflegte er mit einem Korb Eß⸗ waaren in der Hand und Serena auf dem Arme Mor⸗ gens früh aus dem Hauſe zu wandern und dann ſah man ſie ſelten vor Abend wieder. Bei dieſer Lebensart kräf⸗ tigte ſich Serena's Geſundheit und Bruno wurde milder. Eine Bitte von Serena's kindlicher Stimme, ihre Thrä⸗ nen waren für Bruno eine wirkſamere Triebfeder, als alle Befehle ſeiner Mutter und ſeines Lehrers. Hätte man dieſen Hang Bruno's, der Strenge zu widerſtehen und der Güte nachzugeben, gehörig beachtet, und ihn darnach behandelt, ſo bin ich überzeugt, er würde ein braver und ausgezeichneter Mann geworden ſein und ſeiner Familie Ehre gemacht haben. Aber ſein Leh⸗ rer, ein Mann von rauhem, unbiegſamem Charakter, und noch mehr ſeine Mutter, ſchienen ſich vorgeſetzt zu haben, ſeinen wilden Sinn nur mit Gewalt zu bändigen. Ma chöre mére hatte inzwiſchen keine Ahnung von dem gefährlichen Weg, auf welchem ſich B. nun befand, und ich weiß Nichts, was ich in meinem ganzen Leben ſo ſehr gefürchtet hätte, als den Augenblick, wo ſie dieſe Entdeckung machen würde— ſie, ſo ſtolz, ſo kitzlig im Punkte der Ehre, ſo ſtreng in ihren Grundſätzen und ihrem ganzen moraliſchen Leben. Bruno's blühende Schönheit, ſeine großen Anlagen zur Wiſſenſchaft und Kunſt, ſeine Geſchicklichkeit in körperlichen Uebungen, feine Kühnheit, ja ſelbſt ſeine übermüthige Kraft waren der Stolz der Mutter, und ihre Augen blitzten von Freude, wenn ſie ihn ſah, oder nur ſeinen Namen nen⸗ nen hörte. Etwas Entehrendes von ihm zu vernehmen, mußte ein Todesſtoß für ſie werden. Auch Bruno beſaß Stolz und Ehrgefühl, es ging ihm Nichts über den Bei⸗ fall ſeiner Mutter, aber ſeine heftigen Leidenſchaften und B 8 5 — — /2 8S 8 m 117 ſein Unvermögen: ſie zu beherrſchen, zogen ihn immer wieder in verbrecheriſche Handlungen hinein. Doch kam jetzt eine Periode, wo es ſchien, als wür⸗ den ſie aufhören. Ich brachte ein paar Sommermonate auf Ramm zu. Bruno hatte im Frühling das heilige Abendmahl genoſſen. Ich fand ihn ungewöhnlich ruhig und beſonnen. Das Verhältniß zwiſchen ihm und ſei⸗ ner Mutter war friedlicher und liebevoller, als je. Ich hoffte, Bruno werde für immer von ſeinen Verirrungen zurückgekehrt ſein. Indeß merkte ich bald, daß er auch jetzt heimliche und weit größere Ausgaben hatte, als er hätte ſollen. Ich hatte mich ſeit einiger Zeit im Stande geſehen, Bruno mit Geld zu unterſtützen und hoffte ihn auch dadurch von jeder unrechtmäßigen Erwerbsweiſe abzuhalten. Auch ging er mich mehr als einmal an, und ich gab ihm, was ich konnte, allein eines Tages verlangte er eine ſo große Summe, daß ich ſie ihm verwundert und unwillig abſchlug(wie ich auch nicht anders konnte), und ihm ſeine Verſchwendung vorwarf. Bruno ſchwieg, knirſchte aber mit den Zähnen und ver⸗ ließ mich. Es war dieß am letzten Tage unſeres da⸗ maligen Aufenthaltes zu Hauſe. Tags darauf ſollten wir Beide abreiſen, er auf die Univerſität, ich nach S. Am Vormittag ritt Bruno in die Stadt, um von den alten Dahl's und ſeiner kleinen Braut, wie er Se⸗ rena nannte, Abſchied zu nehmen. Er wurde erſt auf den Abend zurückerwartet. Gleich nach dem Mittageſſen meldete der Buchhal⸗ ter mit großer Beſtürzung, eine bedeutende Geldſumme, die er am Morgen auf dem Comptoir gehabt habe, ſei verſchwunden, und er müſſe einen Hausdieb im Verdacht haben, da nur eine genau im Hauſe bekannte Perſon wiſſen könne, wo er die Gelder aufzubewahren pflege. Es war— ſo viel ma chere mère wußte— das erſte Mal, daß ſich ſo Etwas in ihrem Hauſe ereignete. Sie nahm die Sache mit der größten Heftigkeit auf und verordnete ſogleich eine Hausſuchung. Begleitet von dem 118 Buchhalter und zwei ihrer älteſten und treueſten Diener, ging ſie ſelbſt im Hauſe umher, durchſuchte jeden Winkel und viſitirte ihre Dienſtboten mit der größten Strenge; die alten Diener mußten ſich gleichfalls der Unterſuchung unterwerfen. Da ſich nirgends Etwas fand, was den mindeſten Grund zum Verdacht geben konnte, ſo gerieth ma chère méère auf den Gedanken, der Angeber möchte vielleicht ſelbſt der Dieb ſein und ſämmtliche Sachen des jungen Buchhalters, ja ſelbſt die Kleider, die er auf dem Leide trug, wurden mit noch größerer Genauigkeit durchſucht, als bei den Uebrigen der Fall geweſen war. Dieſer junge Mann war Bruno's perſönlicher Feind, und ſei es nun, daß er ihn wirklich im Verdacht hatte, oder daß er ſeiner Erbitterung über ma chére mére's Verfahren Luft machen wollte, genug er ſagte mit bit⸗ terem Unmuth:„Ihro Gnaden dürften das, was Sie ſuchen, näher bei ſich finden.“—„Wie meinen Sie das?“ fragte ma chère mère mit fürchterlichem Blick. „Ja,“ fuhr der Gereizte fort.„Ihro Gnaden können bei Ihrem eigenen Fleiſch und Blut das finden, weß⸗ wegen Ihro Gnaden ungerechterweiſe unſchuldige Men⸗ ſchen im Verdacht haben!“—„Menſch, du lügſt!“ ſagte ma chéère mére bleich vor Zorn, indem ſie ſeinen Arm faßte und ſchüttelte. Noch aufgebrachter und beinahe wild ſagte dieſer:„Ich will ein Lügner ſein, wenn nicht einer von Ihro Gnaden Söhnen ein Dieb iſt.“ „Folge mir!“ ſagte ma chéère mère und mit flam⸗ menden Blicken und bleichen Wangen ging ſie vom Buchhalter und den beiden Dienern gefolgt auf unſer Zimmer. Ich war ſo eben nach Hauſe gekommen und von dem ganzen Handel in Kenntniß geſetzt worden, als ma chère möre mit ihren Begleitern zu mir hereinkam. Ich kann nicht beſchreiben, welches Gefühl mich in die⸗ ſem Augenblick erfaßte; es durchzuckte mich eine Ah⸗ nung des wahren Sachbeſtandes; ich erbleichte und ſetzte mich unwillkürlich auf Bruno's Reiſekoffer, der neben dem meinigen gepackt im Zimmer ſtand. Ma chère ——— e e——— en te eit en ß⸗ en⸗ gte rm he cht m⸗ om ſer on als m. ie⸗ Ah⸗ ben ere 1¹9 mère ſah mich mit einem durchdringenden Blicke an, ſtutzte und wurde noch bleicher. Sodann ſagte ſie mit feſter Stimme zu mir und meinen Brüdern, die auch hereingekommen waren: „Meine Söhne! Ihr müßt euch um der Ehre des Hauſes willen der Ausſuchung unterwerfen, die alle Andern in meinem Hauſe heute beſtanden haben. Ich brauche euch nicht zu ſagen, daß es bloß zum Schein geſchieht und daß ich von eurer Unſchuld überzeugt bin.“ Hierauf richtete ſie einen mir damals unerklärlichen Blick auf mich, ging an meinem Koffer vorbei und unter⸗ ſuchte die Sachen meiner Brüder. Sodann kam ſie in's Zimmer zurück und nahm meinen gepackten Koffer vor. Er wurde bis auf den Boden aufgewühlt. Es fand fich Nichts darin, was man nicht hätte finden ſollen; mein Tiſchlerwerkzeug lag zu unterſt. Als Alles unter⸗ ſucht war, warf mir ma chère möére einen Blick voll Mutterzärtlichkeit und Freude zu. Ach, ſie hatte mich im Verdacht gehabt— den geſetzten Mann eher, als den wilden Jüngling; denn jetzt erhob ſie ihr Haupt und in ibrem kräftigen ausdrucksvollen Geſicht ſtand zu leſen:„Gottlob, jetzt bin ich ruhig!“ „Jetzt ſehlen nur noch die Sachen des jungen Herrn Barons,“ ſagte ehrfurchtsvoll einer der alten Diener.„Aber ſein Koffer iſt geſchloſſen und überdieß iſt es ja unnöthig... „Immerhin!“ rief ma chére mère,„er muß daſ⸗ ſelbe Loos haben, wie die Andern. Der Koffer muß aufgebrochen werden.“ „Aber der junge Herr Baron.. iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte der Diener ängſtlich,„wir können nicht!“ „Seine Mutter befiehlt es,“ erwiederte ma chére mere heftig. Es geſchah. Mit eigener Hand nahm die Mitter die Bücher und Kleidungsſtücke, die in großer Unerdnung hineingeworfen waren. Auf einmal zuckte ihreHand, als würde ſie mit glühendem Eiſen gebrannt; ſie var auf ein Päckchen Bankzettel geſtoßen. Es war ————— 120 — die vermißte Geldſumme. Sie nahm ſie auf, drehte ſie in der Hand hin und her, betrachtete ſie, als könnte ſie ihren Augen nicht trauen— und wurde immer blei⸗ cher und bleicher; endlich entwand ſich ein Schrei un⸗ ausſprechlichen Entſetzens und Jammers ihrer Bruſt. „Mein eigen Blut!“ rief ſie aus: mein eigen Fleiſch und Blut!“ und ſank ohne einen Seufzer wie todt auf den Boden. Wir trugen ſie fort und unſere Bemühun⸗ gen riefen endlich ihre Lebensgeiſter zurück. Ihr Er⸗ wachen war fürchterlich. Aber ſie vergoß keine Thräne, ſie äußerte kein Wort des Zorns oder der Klage; ſie ſchien kräftig und entſchloſſen. Sie ſchickte ſogleich einen Boten zu dem Pfarrer Rhehn, dem Kirchenhirten der Gemeinde. Es war dieß ein Mann von Eiſen, ſtreng, kraftvoll, bereit mit Mund und Hand für das Geſetz zu kämpfen und außerdem ein redlicher, treuer Freund von ma chöre mére. Ihm vertraute ſie ſich an und ver⸗ abredete mit ihm, was geſchehen ſollte. Ich ahnte ihre Abſicht und verſuchte es vergebens mit der Gewalt, die ich zuweilen über ma chére mére gehabt, um ſie zu einem weniger ſtrengen, oder wenigſtens minder hefti⸗ tigen Verfahren zu vermögen. Meine Vorſtellungen blieben fruchtlos. Ma chéère meére antwortete mir bloß: „Ungeſtrafte Schande lockt noch mehr hervor.— Bit⸗ teres muß mit Bitterem geheilt werden.“ Am Abend, zur Zeit, wo man Bruno zurückerwartete, wurden meine drei Brüder und ich, die alten Diener und der Buchhalter in ma chére mére's Zimmer gerufen. Es war bloß ſchwach beleuchtet und hier in dem düſtern, dän⸗ mernden Gemach, den Pfarrer Rhehn an ihrer Seite, ſaß in einem großen Lehnſtuhl Bruno's Mutter, in deren Geſicht man den Kummer leſen konnte, den ſie in ihrem Herzen trug. Aber Kummer, Scham und Zorn war von einer ſtrengen Entſchloſſenheit überherrſcht, wie ich ſie wch nie bei einem Menſchen geſehen habe. Hier war jetzt as kleine, aber furchtbare Gericht verſammelt, vor welhes Bruno geſtellt werden ſollte. Hier erwarteten wir ihn 12¹ in einer ſchrecklichen Stunde. Niemand ſprach. Beim ſchwachen Schimmer des Lichts ſah ich den kalten Schweiß auf der Stirne der unglücklichen Mutter perlen. Es war gegen Ende Septembers. Draußen ſtürmte es und der Wind ſchlug an die Fenſter, daß ſie zitter⸗ ten und klirrten. Einen Augenblick wurde es ſtille und in dieſem Augenblick hörte man auf dem Burghof feu⸗ rige Roſſeshufſchläge. Ich ſah ma chére mére zittern. Ich hatte dieß noch nie geſehen. Ich hörte ein un⸗ heimliches Klappern— es kam nicht von den Fenſtern, es waren die Zähne, die zuſammenſchlugen. Meine Brüder weinten. Die alten Diener ſtanden ſtumm mit niedergeſchlagenen Blicken da; auf dem Geſicht des Buch⸗ halters zeigte ſich ein Zug von Reue; ſelbſt der eiſen⸗ feſte Pfarrer Rhehn ſchien in dieſem Augenblick nach Luft zu ſuchen. Da wurde die Thüre raſch geöffnet und Bruno trat herein. Ich kann ihn noch ſehen, als ſtünde er in dieſem Augenblick vor mir. Er war warm vom Ritt und Sturm, voll Geſundheit und Feuer; ich hatte ihn nie ſchöner geſehen. Er kam zu ſeiner Mutter her⸗ ein; um ſich, wie gewöhnlich, nach der Trennung eines Tags in ihre Arme zu werfen. So trat er herein. Aber ſchon an der Thüre blieb er ſtehen, ſtutzte und warf einen erſchrockenen Blick auf ſeine Mutter. Sie be⸗ deckte ihr Geſicht mit beiden Händen. Bruno erblaßte, ſah unter uns umher und dann wieder auf ſeine Mut⸗ ter. Jetzt traf ihn ihr blitzender Blick und der ſeinige ſenkte ſich; ſein Kopf beugte ſich, er wurde immer blaſſer und ſtand da—— ein Verbrecher. Und jetzt erhob ſich, die Stimme ſeiner Mutter, unheimlich, ſtreng, und klagte ihn des Diebſtahls an; ſie deutete auf ſeinen aufgebro⸗ chenen Koffer, auf die darin gefundene Summe, auf die Zeugen, und verlangte ſein Bekenntniß. Mit unbegreiflichem, trotzigem Uebermuth bekannte ſich Bruno als ſchuldig. „Fall nieder auf deine Kniee und empfange deine Strafe,“ ſprach die ſtrenge Richterin. 122 Aber Bruno blieb unbeweglich ſtehen. Ein alle Kraft vernichtendes Bewußtſein ſchien ſich nach dem erſten Augenblick trotzigen Geſtändniſſes ſeiner bemäch⸗ tigt zu haben. Er war todesbleich, ſein Kopf auf die Bruſt herabgeſunken, die Augen auf den Boden gehef⸗ tet. Der Pfarrer Rhehn trat auf ihn zu. „Junger Mann,“ ſagte er mit gedämpfter Stimme zu Bruno:„Sie haben ſchwer geſündigt gegen Gottes heiliges Gebot und gegen Ihre Mutter. Bekennen Sie Ihr Verbrechen und unterwerfen Sie ſich unſerer Strafe.“ Bruno ſtand betäubt und ſtumm da. Der Pfarrer hielt ſein Stillſchweigen für Einwilligung und begann jetzt mit ſtarker feierlicher Stimme die bei der Kirchen⸗ buße üblichen Fragen vorzuleſen. Bruno ſtand noch un⸗ beweglich; offenbar war ihm Hören und Sehen vergan⸗ gen. Aber jetzt fragte der Pfarrer mit ſtrenger Stimme: „Erkennſt du, daß du mit deinem Verbrechen dich nicht allein gegen Gott ſchwer verſündigt, ſondern auch in ſeiner Gemeinde großes Aergerniß geſtiſtet haſt?“ Hier erwachte Bruno aus ſeiner Betäubung. Er richtete trotzig ſein Haupt empor, ein flammender Blick ſchoß aus ſeinen Augen und er antwortete Nichts. Noch einmal wurde die Frage wiederholt; noch einmal blieb Alles ſtill. Ma chere mére erhob ſich:„Auf deine Kniee, Sünder!“ rief ſie mit fürchterlicher Stimme. Bruno ſah ſie finſter und drohend an; ſie ihn gleich⸗ alls. „Ich will nicht,“ ſagte endlich Bruno trotzig.„Was hat dieſer Prieſter mit mir zu ſchaffen? Ich habe ihn nicht begehrt. Handelt es ſich um ein Sündenbekennt⸗ niß— ſo können Andere als ich in's Spiel kommen reizt mich nicht, oder.. „Schweig!“ ſagte ma chère mére finſter,„und antworte bloß auf das, was man dich fragt. Bekennſt du dich allein des vorliegenden Diebſtahls ſchuldig?“ Bruno ſchwieg und ſah ſeine Mutter düſter an. lle h⸗ ie f⸗ ne es ie nn n⸗ n⸗ n⸗ e ich Er ick eb ne ch⸗ as en nd . 123 „Antworte!“ ſagte ſie heftig.„Antworte! Theilt noch ein Anderer dieſe Schuld mit dir?“ Bruno warf abermals einen langen Blick auf ſeine Mutter; dann ſagte er mit feſter Stimme: „Nein, ich bin allein ſchuldig.“ „So beuge deine Kniee, Unglücklicher! Deine Mut⸗ ter, die du mit Schande bedeckt haſt, befiehlt dir, den Schimpf zu leiden, den du verdient haſt. Falle nieder.“ Bruno ſtampfte wild mit dem Fuße, ballte die Fauſt und warf trotzige, wilde Blicke um ſich her. Werft ihn nieder! Zu Boden mit ihm, ihr An⸗ dern!“ rief ma chère mere in fürchterlichem Zorn. „Prieſter, wenn du ein Mann biſt, ſo beuge den unge⸗ horſamen, entarteten Buben zur Erde. Laß ihn ſich demüthigen vor dem Geſetze des Herrn.“ Ich wollte dazwiſchen treten, aber bereits hatte der Pfarrer ſeine kräftige Hand auf Bruno's Schulter ge⸗ legt. Sie wurde jedoch in demſelben Augenblick mit ſolcher Heftigkeit weggeſchleudert, daß der Pfarrer eine vollkommene Frontveränderung machte. „Vergreifſt du dich am Diener des Herrn!“ ſchrie der Pfarrer in Zorneswuth und ſich vergeſſend, faßte er Bruno mit ſehnigen Armen an. Dieſer aber hatte die Spannkraft und Stärke eines Löwen und nach kur⸗ zem Kampf lag der Prieſter auf dem Boden. „Greift ihn! Haltet ihn!“ rief ma chéère mère außer ſich vor Zorn. Der Buchhalter und mein Bruder, die Hand an Bruno legten, lagen bald über den Pfarrer hingeworfen. Bruno ſprang ein paar Schritte zurück, ergriff einen in einer Ecke ſtehenden Stock, ſchwang ihn ſauſend über ſeinen Kopf und drohte mit wahnſinniger Raſerei in ſeinem Geſichte Jedem, der es wagen würde, ihm zu nahen. Niemand wagte es, außer— ſeine Mutter.„Bleibt ſtehen!“ ſagte ſie zu den Andern und mit feſtem Schritt und ruhiger Haltung ging ſie auf ihren Sobn zu, legte die Hand auf ſeinen Kopf, beugte ihn tief nieder und 124 fragte mit einer Stimme, die das Blut in meinen Adern erſtarren machte, ob er ſich ihrem Willen unterwerfen oder— ihren Fluch empfangen wolle. Mutter und Sohn ſahen einander in die trotzigen, flammenden Augen. So ſtanden ſie lang. Noch einmal wurde die Frage wiederholt und dann folgten von bei⸗ den Seiten ſchreckliche Worte. Hierauf wurde es ſtille. Die fluchenden Lippen erſtarrten, die trotzigen Blicke erloſchen. Mutter und Sohn verſanken beide in tiefe Ohnmacht. Man trug ſie in ihre Zimmer. Bär hielt inne.„O ſchrecklich, ſchrecklich!“ ſagte ich, indem ich ſchaudernd meinen Kopf an ſeine Schul⸗ ter lehnte. Bär war bleich und ſchwieg einen Augenblick, in⸗ dem er ſtarr vor ſich hinſah. Dann fuhr er fort: Beide kamen wieder zum Bewußtſein, ſahen aber einander dieſen Abend nicht wieder. Ich wollte mit Bruno ſprechen, allein er ſtellte ſich ſchlafend und end⸗ lich verfügte ich mich in mein Zimmer. In der Nacht, als Alles ſtill und finſter war, hörte man plötzlich in Bruno's Zimmer einen wilden, anhaltenden und durch⸗ dringenden Schrei. Ich ſprang auf und eilte hinein. Bruno's Mutter ſtand allein da mit fliegenden Haaren und wildem, verſtörtem Ausſehen;— Bruno war fort. Das geöffnete Fenſter ſchien anzudeuten, daß er durch vaſſelbe entflohen ſei, obwohl ein Sprung von dieſer Höhe hinab beinahe unglaublich ſchien. Dennoch war es ſo. Bruno war in dieſer Nacht aus dem mütterlichen Hauſe geflohen und— kehrte nie wieder. Wir hörten nie mehr von ihm. Alle Nachforſchungen waren vergebens. Bruno war fort, als wäre er aus der Liſte der Leben⸗ digen geſtrichen. Siebzehn Jahre ſind ſeit dieſer un⸗ glücklichen Stunde verfloſſen und wir haben nicht die mindeſte Spur von ſeinem Leben entdeckt. Wir haben deßhalb ſeinen Tod als gewiß angenommen. Bei ſeiner Flucht nahm Bruno nicht das Mindeſte mit ſich, außer die Kleider, die er trug und einige Pa⸗ 125 piere. Auf ſeinem Tiſch lag ein Papierſtreif, worauf m flüchtiger Eile folgende Worte an mich geſchrieben anden: „Der Härte habe ich Trotz, der Gewalt Gewalt entgegengeſetzt und dieß hat mich verbrecheriſcher erſchei⸗ nen laſſen, als ich bin. Aber vor dir, Bruder Lars, der du nie hart und unvernünftig gegen mich warſt, vor dir, von dem ich glaube, daß du mich lieb haſt, vor dir will ich nicht elender erſcheinen, als ich bin. Höre mich alſo— denn es iſt das letzte Mal— dieſer letzte Diebſtahl(und ich hatte geſchworen, daß es der letzte ſein ſollte) war nicht ganz ein Diebſtahl. Ueber⸗ morgen wäre das Geld zurückerſtattet worden. Sprich mit Herrn E. in W., wenn du dich davon überzeugen willſt. Das Geld war nicht ſür mich; es war für den unglücklichen. doch was thut dieß zur Sache? Meine Mutter ſchlug mir ein Anlehen ab;— ich nahm— von dem, was doch einſt mein Eigenthum geworden wäre — es wurde entdeckt und ſie. auf ſie fällt die Schuld deſſen, was geſchehen iſt und was noch geſchieht. Lebe wohl auf immer! Bruno.“ Ma chére mére riß mir das Papier aus der Hand und las es.„Er hat alſo mehrere Male geſtohlen!“ ſagte ſie heftig.„Ich habe alſo einen Dieb zur Welt gebracht,“ und ſie zerriß das Billet in tauſend Stücke. Von dieſem Augenblicke an ſprach ſie drei Jahre lang kein Wort mehr. Sie ſchloß ſich in ihre Zimmer ein und ließ ſie verdunkeln; ſie duldete weder Licht noch den Anblick der Menſchen, aß und trank wenig, ſchlief beinahe nicht, ſprach mit Niemand und Niemand durfte um ſie ſein, außer Elſe. Wenn Jemand von uns ſich erdreiſtete, gegen ihr Verbot zu ihr hineinzukommen, ſo gerieth ſie in heftigen Zorn und wies den Verwegenen hinaus, oder auch ſaß ſie unbeweglich mit den Händen vor dem Geſichte da, ſchwieg hartnäckig und blieb taub ——————— w.——— 6 ————— ———— 126 gegen alle Bitten.— Landrichter Hök und Pfarrer al Rhehn verwalteten indeſſen gemeinſchaftlich ihre Ange⸗ m legenheiten. In den Händen dieſer Ehrenmänner waren fr ſie ſicher. Ein geſchickter und lokalkundiger Inſpector w deſorgte die Güter unter ihrer Oberaufſicht. Da aber ih ma chére mére's hypochrondiſcher Zuſtand ſo lange lel währte und auf immer anzudauern drohte, ſo beſchloß L ich nach einer Verabredung mit dieſen Herren, ihre Fa⸗ ur milie zuſammenzuberufen, um in Gemeinſchaft mit der⸗ ve ſelben einen Beſchluß zu faſſen, wie man es für jetzt ha und für die Zukunft halten wolle. Dieſe Familienzu⸗ go ſammenkunft fand auf Ramm im Oktober 18— drei be Jahre nach Bruno's Flucht ſtatt. Eines Tags, als wir Alle im großen Saale ver⸗ wi ſammelt waren und uns eifrig berathſchlagten, ſpran⸗ ſie 3 gen plötzlich die Thüren auf und ma chèré méère trat ka herein, hoch, ruhig, beſonnen und ehrfurchtgebietender be als je. Sie redete die Verſammlung auf ihre gewöhn⸗ we liche feierliche und kräftige Weiſe an, ſagte, ſie kenne Pe ihren Zweck, billigte denſelben, ſoweit er durch ihren He 3 langen Krankheitszuſtand bedingt worden, erklärte aber al nunmehr den Congreß für aufgelöst, denn ſie ſei jetzt ab wieder hergeſtellt und fühle ſich vollkommen fähig, die ih 1 Sorge für ihr Eigenthum und ihre Familie ſelbſt zu m übernehmen. Sie ſdankte mit einem Ernſt, der Alle He 1 rührte, ihren Freunden für ihre Hülfe und ihre Geduld Et mit ihr, die der Herr hart geſchlagen. Dann hieß ſie freundlich alle ihre Verwandten willkommen, bat ſie, G noch lange dazubleiben und ſich, wie früher, vergnügte lie Tage auf Ramm zu machen. lit Es iſt ſchwer, den Eindruck zu beſchreiben, den be dieſer Auftritt auf die Verſammlung hervorbrachte. ſic Verwunderung, Hochachtung und Mitleid waren die Ur vorherrſchenden Gefühle; meine Empfindung war innige zie Freude, denn ich liebte ma chère méère aufrichtig. Ur Um ihrem Wunſche nachzukommen, verweilten de die Verwandten noch einige Tage auf Ramm. Aber ſa er⸗ an⸗ nne etzt die zu Alle u ſie ſie, igte den chte. die nige ilten Aber 127 alle Freude war jetzt aus Ramm verſchwunden und ma chère mére, obſchon kräftig und gebietend, wie früher, ging nur noch als ein Schatten deſſen umher, was ſie vordem geweſen. Ihre Farbe war verwandelt, ihr Haar ganz grau geworden, ihr ſchönes, vordem ſo lebensfriſches Geſicht trug Spuren des ſchrecklichſten Leidens, ihre früher ſo heitere Laune war jetzt düſter und trübe. Sie trug immer dunkelgraue Kleider und verſchmähte jeden Putz. Dazwiſchen hinein hatte ſie häufig Anfälle von tiefer Melancholie und ſaß dann ganze Stunden ſtumm da, ihr Geſicht mit den Händen bedeckend. Der erſte Gebrauch, den ma chère mére von ihrer wiedergewonnenen Selbſtbeherrſchung machte, war, daß ſie von Ramm nach Karlsfors zog. Bald darauf ver⸗ kaufte ſie erſteres Gut. Sie ſchien Bruno als todt zu betrachten, nannte nie ſeinen Namen und duldete Nichts, was an ihn erinnerte. Die alten Diener wurden mit Penſionen verabſchiedet: ſie erneuerte faſt ihr ganzes Haus. Elſe allein blieb zurück. Jahre gingen hin; allmählig nahm ma chére mére's düſtere Schwermuth ab und ſeit einigen Jahren hat ſie wieder viel von ihrem früheren lebensfriſchen Weſen angenommen. Man muß nur Alles vermeiden, was die Wunde in ihrem Sn berührt. Dieſe heilt wohl nie vollkommen auf Erden. Bruno's Flucht machte großes Aufſehen in der Gegend, aber ma chère meère war von ihrer ſämmt⸗ lichen Dienerſchaft ſo verehrt und geliebt, daß die ſchimpf⸗ liche Veranlaſſung derſelben dem Publikum gänzlich un⸗ bekannt blieb. Einige unbeſtimmte Gerüchte zerſchlugen ſich bald wieder und man blieb bei dem Glauben, die Unverträglichkeit zwiſchen Mutter und Sohn ſei die ein⸗ zige Urſache dieſer gewaltſamen Trennung geweſen. Und im Grunde war es wohl auch ſo. Bei einer an⸗ dern Behandlung von Kindheit an wäre Bruno's Schick⸗ ſal gewiß ein anderes geworden. Aber jetzt. — ———. 12²8 unglücklicher Bruno! Ich werde ihn immer bedauern und beklagen. So ſchloß Bär mit einer Thräne in ſeinen Augen und einem tiefen Seufzer. Mir wurde auf dieſe Ge⸗ ſchichte unheimlich und traurig zu Muthe, aber ich ge⸗ ſtehe, daß ſie ma chère mére ein erhöhtes Intereſſe in meinen Augen gab. Ich ſah jetzt ein in der Tiefe ſei⸗ nes Weſens verwundetes und blutendes Mutterherz und ihr Unglück war größer, als ihr Fehler. Ich fühlte mich ihr näher und es war mir, als ob ich ſie lieben könnte. Den 22. I†ch will jetzt dieſen Stoß Briefe abſchicken, muß dir aber vorher noch ſagen, daß ich gegenwärtig als Strohwittwe hier ſitze. Bär iſt mit Peter auf mebrere Tage verreist, um in G. einige Geldgeſchäfte in Ord⸗ nung zu bringen. Er hat ſich während ſeiner zwanzig⸗ jährigen Praxis ein artiges Vermögen zuſammengeſpart und will es jetzt auf Peter's Rath bei dem großen Handlungshaus E. anlegen. Inzwiſchen ſchalte und ge⸗ biete ich allein über Roſenvik, das Cabriolet und Polle. Bär hat mich gebeten, mich recht oft des letztern zu vedienen und nach Karlsfors zu fahren. Peter bat mich ſo freundlich, nach ſeiner kleinen Ebba zu ſehen. Ich will den Wünſchen beider nachkommen, obgleich ich jetzt am liebſten zu Hauſe in meinem geliebten kleinen Heim⸗ weſen bliebe und meine Erbſen blühen ſähe. Am Ende der nächſten Woche bekommen wir einen Beſuch auf Roſenvik, der mich ein wenig erſchreckt. Es iſt der junge Baron Stellan S., der Sohn von Lars Jugendfreund und Kameraden, dem verſtorbenen Hof⸗ marſchall. Bär war ſein Vormünder und liebt ihn des Vaters, ſo wie auch ſeiner ſelbſt wegen. Der junge Stellan S. iſt Kammerherr, reich, ſchön und talentvoll. Dieß Alles iſt zwar allerdings nicht zum Erſchrecken, allein Verſchiedenes, was ich ſchon von ſeiner Eleganz, ſeinem Ton, ſeiner Toilette gehört habe, macht mich rn en e⸗ e⸗ ei⸗ len ars of⸗ ich 129 wirklich bange, ich möchte in meinem geringen und dürftigen Hauſe einen ſolch feinen Herrn nicht würdig zu empfangen vermögen. Ich ſehe nicht, wie es ihm hier behagen ſoll, und doch wünſche ich, daß ein Freund von Bär ſich in ſeinem Hauſe recht wohl befinden möchte. Doch dieß kann ſich Alles noch machen— aber wie wird es mit meinem Roman gehen? Ich bekomme im⸗ mer noch keinen Knoten, keine Verwicklung, folglich auch keine Entwicklung; ich bekomme fortwährend bloß neue Perſonen. Wie ſoll ich mich mit dieſen Allen herausziehen, wie dieſe Fäden beiſammenbalten, ohne in einen gänzlichen Wirrwarr zu gerathen? Jetzt kom⸗ men wieder zwei neue Figuren, beide zu Romanenhelden geeignet; der glänzende Stellan S. und der geheimniß⸗ volle Romilly. Ich komme ganz außer Athem. Wie ſoll es da mit meinem Romane gehen? Aber wie es auch immer gehen mag, ſo verbleibe ich deine Franziske. Ein fremdes Frauenzimmer an den Leſer. Ich hoffe, werther Leſer, daß mein Schreiben dich bei guter Geſundheit und gutem Humor antrifft. Ich hoffe in Folge davon weiter, daß du es entſchuldigen wirſt, wenn ſich unter die Briefe einer jungen Frau zu⸗ weilen einer oder der andere von einem Herrn ein⸗ ſchleichen ſollte, und daß du es nicht übel aufnehmen wirſt, wenn ein paar Mal ein unverheirathetes Frauen⸗ zimmer die Feder ergreift, um mit dir zu ſprechen. Dieß Alles geſchieht bloß, um dir Mühe zu erſparen. und ich weiß wahrhaftig nicht, wie du, mein lieber Le⸗ ſer, und die junge Frau, euch außerdem aus den Nach⸗ barn herauswirren könntet. Bremer, die Nachbarn. 9 —— 130 Ich verbleibe, mein Leſer, mit aller Achtung für dich ein fremdes Frauenzimmer. Bruno Mansfeld an Antoniv von R. Ramm, Johannisabend 18.. Hier bin ich wieder, hier, wo ich geboren ward, wo ich als Kind, als Jüngling ſpielte und liebte. Zwi⸗ ſchen Damals und Jetzt liegt ein Meer, ein Meer voll von„Doch gleichviel!. Ich bin wieder hier. Die Eichen ſtehen noch eben ſo grün, der Gipfel des Berges ſteigt noch eben ſo hoch empor; die Wolken fah⸗ ren darüber hin, wie früher. Gefühle, Gedanken, Hand⸗ lungen ſind ja auch Wolken; ſie fahren, ſie fliehen, die Luft verſchlingt ſie;— verſchlingt? Nein, Etwas bleibt von ihnen zurück. Ich fühle es. Ich bin auf den Gipfel des Berges geſtiegen; ich habe dageſtanden, wie ich als Knabe ſtand; wo ich mit laut athmender Bruſt ſtand und die Wogen des Sees vor dem Winde ſchäumen, die blauen Berge hoch auf dem andern Ufer emporſteigen ſah, meine Ahnung, mein Streben, mein Sehnen jenſeits derſelben weit über ſie hinausgerichtet war. Ich ſtand an demſelben Tannen⸗ buſch; er war jetzt über mich hinausgewachſen, obgleich ſeine Wurzel auf dem Berge ruht. Ein Steinhaufe lag daneben. Ich war wohl bekannt mit ihm. Der Knabe errichtete eine Pyramide auf dem Gipfel des Berges und pflanzte hier ſeine Freiheitsfahne auf. Die Pyramide war eingeſtürzt und der Mann ſtand jetzt da und dachte an das Kinderwerk und lächelte— ein bit⸗ teres Lächeln. Ich bin im Walde, auf dem Felde, am Meeres⸗ ufer herumgewandert. Ich habe manchen Fleck, manche Stelle aufgeſucht, manche Erinnerung geweckt. Die ſtürmiſchen ſchienen mir ruhig, die verbrecheriſchen ich rd, ol ier. des ah⸗ nd⸗ en, as mit ees auf ein ſie en⸗ eich ufe der des Die bit⸗ es⸗ che Die hen 13¹ unſchuldig. Du kannſt begreifen, wie das kommt. Ich habe meinen ganzen Frühling wieder gelebt. Ich habe genoſſen, ich habe geweint; das war Wolluſt. Jetzt iſt es Abend und Alles iſt ruhig um mich her; auch ich habe einen Augenblick Ruhe. Wie früher weht das Laub der Eſche im Abendwind und ſchlägt leiſe an das Fenſter; wie früher ſchwebt der Falke über dem Wieſenplan. Der Nebel liegt weiß und dünn über dem grünen Boden und der ruhenden Creatur. Ich höre den einförmigen Geſang der Grasmücke— ich weiß nichts Schöneres. Bei dieſem Geſang ſchlummerte ich als Kind jeden Sommerabend ein, das Geſicht gegen den Abendhimmel gewandt, der roth war, wie jetzt, und ſah die Wolken ſich vergolden und klar ſtrahlen, wenn die Sonne tiefer hinabſank— gleich den Thaten Lebens, wenn dieſes in die Tiefe verſunken Und wenn meine Augenlider ſich ſchloſſen, wenn des Lebens Bilder ſich in Träume zu weben anfingen, da nahte ſich immer— jeden, ja jeden Abend Jemand meinem Bette und pflegende Hände hielten um Schul⸗ tern und Bruſt die Decke, die ich oft nachläſſig abge⸗ worfen;.. ein warmer, liebkoſender Hauch ging über meine Wange. Ich wußte wohl, wer mir nahe war; es war— meine Mutter. O wie zuckt und zittert nicht jede Fiber meiner Seele bei dieſem angebeteten und ſchrecklichen Namen. Meine Mutter!— ſie war eine ſchöne und edle Frau. Ich war ſtolz darauf, ihr Sohn genannt zu werden. Zuweilen warf ich plötzlich die Hülle ab, die ſie ſorgfältig um mich gelegt hatte, und mit einem Sprung war ich an ihrer Bruſt und umarmte und küßte ſie ſo, wie ich noch nie eine Geliebte geküßt habe. Und ſie ſchloß mich wieder in ihre Arme;— das — das war Liebe! Zuweilen blieb ich auch ruhig;— ſtellte mich ſchlafend und da ſah ich ſie an meinem Bette niederknieen. Sie betete— betete für mich!— wie iſt ihr Gebet erhört worden! 5. 132 Die Zimmer hier habe ich wieder in den Stand ſetzen und möbliren laſſen. Ich wollte nicht, daß ſie ſich gar zu ähnlich bleiben ſollten. Ich fürchtete, der Geiſt eines Kindes möchte hier in weißem Unſchuldsgewande ſpuken und— mich erſchrecken. Nur das Schlafzimmer meiner Mutter habe ich im alten Stande gelaſſen. Ich bin nicht darin geweſen. Ich konnte nicht. Es iſt jetzt verſchloſſen. Wirſt du mich an dieſem wieder erkennen? Wirſt du mich nicht beſchuldigen, ſchwach und kleinmüthig ge⸗ worden zu ſein? Höre! Es freut mich, daß ich noch menſchlich fühlen kann. Es freut mich, daß noch kein Mumienfrieden mein Herz erſtarrt hat. Aber verweich⸗ lichen, aber niederſchlagen ſoll mich kein Gefühl im Leben und käme es aus dem Abgrund; keine Freude und kein Schmerz. Ich weiß es nur zu gut; ich werde nie glücklich; ich bekomme nie Frieden— ich werde nie vergeſſen.. gleichviel, ich werde tragen. Allein will ich tragen, was ich allein verbrochen habe. Manchen Ton kann das Leben aus meiner Bruſt Locken— nie den des Jam⸗ mers. Ich biete dem Schmerz und der Welt Trotz. Man kann ja immer aufhören, wenn man des elenden Gaukelſpiels, genannt Leben, überdrüſſig iſt. Zuweilen habe ich gedacht:„Vielleicht wird's beſſer; vielleicht werden klare Tage die Schatten der verfloſſenen auswiſchen; vielleicht wird der Sturm ſich legen, ſich ein⸗ lullen laſſen— vielleicht werden dieſe klagenden und an⸗ klagenden Stimmen ſterben!“ Die Jahre, ländliche Ar⸗ beiten, Gewohnheit, vielleicht häusliches Glück.. Du lächelſt, Antonio; ich lächle auch, denn ich träumte kin⸗ diſch. Mag es ſo ſein, aber wachend ſuche ich in allen Fällen Etwas— vielleicht auch bloß einen Traum. Haſt du von einem Manne gehört, der ſeinen Schatten ſuchte?(Er hatte ihn verloren und ſeitdem war es ihm nicht wohl auf der Welt.) Ich bin dieſer n⸗ en rz n⸗ n⸗ u n⸗ en en er Mann. Ich ſuche meinen verlorenen Schatten. Ich ſuche Achtung, Anſehen an dem Orte, wo ich zuerſt die Geſetze der bürgerlichen Geſellſchaft verletzt habe. Ich will die Bürgerkrone verdienen und frühere Miſſe⸗ thaten durch Wohlthaten zu ſühnen ſuchen. Kann dieß geſchehen? Vor der Welt— ja— vor dem Richter in meiner eigenen Bruſt?... Ich will noch Eins, und wenn ich dieß nicht ge⸗ winne, iſt alles Andere— Nichts! Wird mir dieſes verſagt, ſo verlaſſe ich noch einmal die Heimath meiner Kindheit, gehe noch einmal hinaus in die weite wilde Welt und bin— ein Verdammter.— Warum ward Kain's Stirne vom Himmel gezeichnet, den Stempel ewiger Unruhe zu tragen? Er war von ſeiner Mut⸗ ter verflucht. Ich weiß, was Kain empfand. Auch ich bin von meiner Mutter verflucht und ohne Ruhe auf Erden. Und jetzt— auf dieſe Stirne, auf der ihr Fluch ſchwer ruht, begehre ich, will ich, daß ſie ihre Hände lege, ihren Fluch wegnehme und einen Segen darauf lege. O, erſt dann wird ihr Brand gekühlt wer⸗ den. Werde ich mein Haupt an dieſe Bruſt lehnen dürfen, die mir meine erſte Nahrung gab? Werde ich Verzeihung in dieſem ſtrengen Blicke ſehen? Werde ich noch einmal in Liebe die Lippen küſſen dürfen, die mir einſt geflucht? O ich dürſte, ich brenne, ſchmachte nach dieſer Wolluſt..... Kennſt du einen Namen, einen hohen, heiligen, ſüßen, furchtbaren Namen, einen Namen, der im Kampf zwiſchen Leben und Tod entſteht, einen Namen, den Gott ſelbſt in der menſchlichen Liebe und im menſch⸗ lichen Schmerz ausgeſprochen hat?— Dieſen Namen will ich ihr, die mich verſtoßen hat, in die Seele ru⸗ fen— Mutter, o Mutter! Mutter— meine Mutter! Wirſt du den verbre⸗ cheriſchen Sohn anerkennen wollen, wirſt du ihm ver⸗ zeihen? Ich wage es nicht, dafür zu bürgen— ich hoffe es kaum. Sie ſollte es aber. Sie hatte 134⁴ großen Theil an der Schuld. Hartes gegen Hartes, Bitteres gegen Bitteres— es konnte nicht gut gehen. Aber will ſie nur jetzt gütig ſein, will ſie nur jetzt verzeihen, ſo will ich Abbitte thun— zu ihren Füßen. Du kennſt meine Leidenſchaft für Muſik. Hier kann ich ihr etwas Angenehmes bereiten. In einem der Zimmer habe ich eine Orgel aufſchlagen laſſen. Ihr Ton iſt gut. Hier ſitze ich jeden Abend, ſobald die Dämmerung einbricht und ſpiele bis tief in die Nacht hinein. Je tiefer die Stille wird, je dunkler die Däm⸗ merung, deſto höher ſteigt der Sturm der Orgel. Er beruhigt mich. Er erhebt und erquickt meine Seele. In den Fluthen der Töne ertränke ich die wilden Er⸗ innerungen, die im Schooße der Nacht lebendig wer⸗ den. Die Muſik iſt eine herrliche Sache. Sie iſt ein Rauſch, eine Entzückung, eine Welt, in der man leben, kämpfen und ruhen kann— ein Meer ſchmerzvoller Wolluſt, unerfaßlich, gränzenlos, wie die Ewigkeit. In ſolchen Augenblicken habe ich zuweilen eine Vi⸗ ſion. Es ſcheint mir dann, als ob aus dieſer ſtürmi⸗ ſchen Welt, über dieſes Meer von brauſenden Tönen heraufſtiege— heraufſchwebte eine— wie ſoll ich ſie nennen?— eine Hoffnung, eine Schönheit, ein himm⸗ liſcher Geiſt, ein hold verſöhnender Genius, der aus den Strömen der Töne das Schönſte, das Aetheriſchſte an ſich zieht und ſich daraus ſeine reine Geſtalt webt. Ze tiefer die Fuge rast, je höher verklärt ſich dieſes Bild, gleich dem Stern in dunkelnder Nacht. Dann legt ſich der Sturm, dann beruhigt ſich meine Seele, alle Mißtöne, alle Qualen weichen und die himmliſche Geſtalt allein ſchwebt ſtrahlend über dem beruhigten Meer. Aber dann— erliſcht ſie auch und verſchwindet. Ich kann ſie nicht feſthalten. Sie ſteigt auf den Flügeln der Töne auf und ſinkt mit ihnen. Auch kann ich dieſe göttliche Erſcheinung nicht immer beraufbeſchwören und zuweilen iſt ſie bloß dunkel. Aber ich habe ein unbe⸗ ſchreibliches Verlangen, ſie zu ſchauen. Eine Wirklich⸗ ſie n⸗ us bt. es nn le, he en et. ln ſe nd e⸗ h⸗ 135 keit, ſo ſchön wie dieſe Viſion, hat mir das Leben noch in keinem Augenblick geſchenkt. Selten begebe ich mich zur Ruhe, bevor die erſten Sonnenſtrahlen auf dem Hel⸗ gaſee tanzen. Dann iſt meine Seele müde geworden vom Streit und der Entzückung der Nacht. Dann kann ich einige Stunden ruhen. Wird meiner Mutter Ohr einmal dem Geſange meines Herzens, dem Miſerere meiner Seele an ſie lau⸗ ſchen? Aber bevor ſie meine Stimme hört, will ich Boten ausſenden, die in freundlichen Melodien zu ihr von dem Fremdling ſprechen ſollen. Sie ſoll ihn preiſen und rühmen hören und wird ſich dann weniger entſetzen, ihren Sohn in ihm wieder zu erkennen. Aber— will ſie nicht— dann wirſt du, Antonio, bald bei Rouge et Noir wieder ſehen Deinen Freund. Franziske W. an Marie M. Fünfter Brief. Roſenvik 25. Juni. Abends. Hu! Ein ſtürmiſcher Tag, ein wahrer Unglückstag. Doch fing er gut an. Geſtern war ich zum Mittag⸗ eſſen und zum Zohannistag nach Karlsfors eingeladen, bekam aber mein Kopfweh und konnte nicht kommen. Ich ließ meine Mädchen zum Tanze gehen(außer Siſſa, die mich um keinen Preis verlaſſen wollte) und brachte den ſchönen Johannistag auf meinem Sopha liegend zu. Dieß war gerade nicht angenehm, allein es that mir wohl, an die Vielen zu denken, die ſich heut erfreu⸗ ten. Dieſen Morgen war ich wieder voll von ſprudeln⸗ dem Leben und Geſundheit. Ich hatte Luſt zu einem langen Spaziergang, nahm meinen Arbeitskorb unter 136 den Arm und wanderie Karlsfors zu. Das Wetter war ein wenig trübe, aber ruhig und angenehm. Die Land⸗ ſchaft ſtand in ihrer ganzen Pracht da. Noch war die Sichel nicht über das blumenreiche Gras gegangen; Schmetterlinge flogen mit ſchimmernden Flügeln darüber hin, die Vögel ſangen, auch ich ſang, als ich über die ſchöne Erde dahin ging, und fühlte mich glücklich, eines der kleinen Weſen zu ſein, die aus leichter und dank⸗ barer Bruſt ihre Stimme zum Lob des Schöpfers er⸗ heben dürfen. Einen ſolchen Spaziergang allein, ohne Geſellſchaft zu machen, iſt eine der größten Freuden, die ich kenne. Ich werde dann immer leicht und ſor⸗ genfrei, wie der Vogel, und vergeſſe über der Luft, den Blumen, den grünen Bäumen und blauen Wogen, alles Schwerfällige auf der Erde; das Leben der Natur wird das meinige. In Karlsfors angelangt, traf ich ma chéèére mére in voller Arbeit an ihrer Drechſelbank. Sie zeigte ſich erfreut, mich zu ſehen, umarmte mich herzlich, zankte über mein dummes Kopfweh und bald entſpann ſich ein rifriges, ſcherzhaftes Geſpräch, wobei ſie unausgeſetzt weiter arbeitete und ich ihre Kunſtfertigkeit bewunderte. Es iſt mir eine wahre Freude, zu fühlen, daß ma chére mére und ich einander immer näher kommen. Wir ha⸗ ben beide Etwas an uns, was zuſammen paßt. Ich liebe ſie und fühle mich in ihrer Nähe jederzeit frei und leichten Sinnes. Sie iſt eine kluge, zuverläſſige, wie⸗ wohl ſtrenge Frau und gehört zu den ſeltenen Menſchen, die immer wiſſen, was ſie wollen. Auf mich wirken ſolche Leute wohlthuend. Meine Queckſilbernatur fühlt ſich durch die ihrige gleichſam beruhigt und geordnet. Zwei⸗ oder dreimal während unſeres Geſprächs ſagte ma chére mére du zu mir, was in ihrem Munde etwas ganz beſonders Ernſtes und Anmuthiges hat Gewöhnlich ſpricht ma chére mére mit allen Frauen⸗ zimmern per ſie und Jean Marie heißt immer meine Söhnerin. Das kleine Du machte mir ein ganz beſon⸗ ie — 8 —— 137 deres Vergnügen; auch erfreute ſie mich mit einer ſchö⸗ nen gedrechſelten Doſe, die ma chére mére unter mei⸗ nen Augen fertig machte. Können wohl zwei Perſonen in der hieſigen Gegend mit einander ſprechen, ohne des neuen Nachbars auf Ramm zu erwähnen? Ich halte es für unmöglich. Auch ma chère mére ſprach heute von ihm. Der wunder⸗ liche Menſch ſoll ſeinen Einzug mit einem großen Ge⸗ ſchenk zur Errichtung einer Schule, die ſchon längſt ein Bedürfniß war, eröffnet haben. Der achtungswerthe und noch in ſeinem hohen Alter höchſt thätige Herr Dahl hat, ſagt man, nebſt dem Pfarrer D. in W. die Leitung dieſer Sache übernommen. Ma chère mére ſprach davon, auch Theil daran nehmen und zu den neuen Einrichtungen ſowohl mit Eichenholz, als gutem Rath behülflich ſein zu wollen. Einige Worte, die ma chöre mère aus Veranlaſſung der Schule über Erzie⸗ hung und Aufklärung fallen ließ, erfreuten mich wegen der geſunden und klaren Gedanken, die darin ausge⸗ ſprochen waren. So gingen wir im Sonnenſchein mit einander, aber Mittags zogen ſich Wolken zuſammen. Jean Marie war, wie gewöhnlich, äußerſt liebens⸗ würdig und zuvorkommend gegen mich, hatte aber ge⸗ gen Ebba einen vornehmen, ſchulmeiſternden Gouver⸗ nantenton angenommen, der ihr ebenſo wenig anſtand, als Ebba angenehm war. Was letztere betrifft, ſo war ſie bei einer ſo widerwärtigen Laune, daß kaum ein Liebhaber derſelben einen andern Namen hätte geben können. Nachläſſig in Kleidung und Haltung, lehnte ſie ſich mit ſauertöpfiſchem Geſicht in den Stuhl zurück, weigerte ſich, die Speiſen anzurühren, wollte dann wie⸗ der davon haben, ſchnitt Geſichter, warf Meſſer und Ga⸗ bel weg, belferte nach rechts und links und benahm ſich im höchſten Grade unſchicklich. Jean Marie zuckte und moraliſirte, aber vergebens. Ma chère mére ſagte Nichts, allein ich bemerkte an gewiſſen Blicken, daß ein Ungewitter nicht mehr ferne war. Einmal anwortete 138 Ebba ganz unhöflich auf eine Frage von ma chére mére und ein:„Nun, nun, meine kleine Freundin!“ wurde dem kleinen Trotzköpfchen mit ernſtlicher Warnung be⸗ deutet. Ich war ängſtlich wie bei jedem Unwetter im Hauſe und that, was ich konnte, um den drohenden Sturm abzuwenden. Jean Marie aber war höchſt ſon⸗ derbar. Es ſchien, als ob ſie Ebba's Fehler mehr merk⸗ lich zu machen als zu verdecken ſuchte. Ebba fing an, vor ſich hin zu ſummen.„Man ſingt nicht bei Tiſche, Ebba!“ ſagte Jean Marie lauter, als juſt nöthig war. Ma choère meère ſchien auf meine Seite treten und die Wolken zertheilen zu wollen. Sie redete auf einmal Ebba ganz freundlich und in ſcherzendem Tone an. Ebba ſchwieg und ſah ihr naſeweis in's Geſicht.„Ebba, es ſchickt ſich nicht, ma chére mére ſo anzuſehen,“ ſagte Jean Marie meiſternd. „Darf ja ſelbſt die Katze einen König anſehen,“ ſagte ma chére mére noch bei guter Laune, fügte aber mit einigem Ernſt hinzu, ſie habe ein vernünftiges Frauenzimmer und kein Kind am Tiſch zu haben geglaubt. Ebba fing auf's Neue an, eine Romanze zu ſummen. „Singe nicht, Ebba!“ ſagte Jean Marie,„ſondern höre zu, wenn ma chére mére ſpricht.“ „Ich ſehe nicht ein, warum?“ antwortete Ebba mit einer Naſeweisheit ohne Gleichen. „Weil es deine verfluchte Schuldigkeit iſt!“ don⸗ nerte auf einmal ma chère mére, indem ſie mit der geballten Fauſt auf den Tiſch ſchlug, ſo daß Gläſer und Flaſchen klirrten.„Und wenn du ſie nicht kennſt, ſo will ich ſie dich, hol' mich der Henker, ſchon lehren.“ Sie richtete ſich auf, ihre Naſe wurde ſpitzig und bleich, ihr Athem ziſchend. Inzwiſchen hätte dieſer Sturm wohl vorübergehen können, allein Ebba's Un⸗ ſchicklichkeit überſchritt alle Grenzen. Ich habe bemerkt, daß Jean Marie in Kleinigkeiten den Vorrang vor Ebba und mir haben will; ſie will gern zuerſt durch ba, gte n,“ ber ges bt. en. ern bba on⸗ der iſer nſt, hon und eſer Un⸗ rkt, vor urch 139 die Thüre gehen, zuerſt zu Tiſche gebeten werden u. ſ. w. Einmal hörte ich ſie zu der Dienerſchaft ſagen:„Ver⸗ geßt nicht, daß ihr mir jederzeit vor der Baronin Ebba zu ſerviren habt.“ Ich laſſe mir das gerne gefallen, denn Jean Marie beſitzt mehr Kenntniſſe, und iſt vor⸗ nehmeren Standes, als Ebba und ich, Ebba aber er⸗ greift jede Gelegenheit, ſich gegen Jean Marie's ange⸗ maßten Vorrang aufzulehnen. Ein Teller mit Milch, der unglücklicher Weiſe zwiſchen den beiden Schwä⸗ gerinnen ſervirt wurde, gab jetzt Anlaß zum Streit. Jean Marie wollte ihn ſich mit vornehmer Miene an⸗ eignen, als Ebba ihn ſo heftig an ſich riß, daß die Milch verſchüttet wurde und über Jean Marie's Mouſ⸗ ſelinkleid hinabfloß. Jetzt war Alles verloren. Jean Marie erhob einen Nothruf, ma chère mére aber rückte den Stuhl, ging ohne ein Wort zu ſagen zu Ebba hin, nahm ſie am Arm und führte ſie zum Speiſeſaal hinaus. Ich wurde ſchamroth über dieſen Auftritt und wünſchte mich in alle Fernen. Wir ſtanden nun ſämmtlich auf; Jean Marie ging, um ihr Kleid zu wechſeln, und wir verſammelten uns ſodann im Ge ſellſchaftszimmer, wohin nach einiger Zeit auch ma chéère mére kam, Ebba an der Hand führend, die ein ganz rothes Geſicht hatte und mühſam ihr Schluchzen unterdrückte. Ma chére mére führte ſie zu Jean Marie und buchſtabirte ihr eine Abbitte vor, welche Ebba nachbuchſtabirte, worauf beide Schwägerin⸗ nen einander umarmten, aber ohne alle Herzlichkeit. Ebba ſprang ſodann in ein anderes Zimmer, warf ſich auf einen Sopha und weinte ſich in den Schlaf. Nach dem Kaffee machte ma chére méère Jean Marie den Vorſchlag, ſich zu„evertüiren,“ und ein Stückchen zuſammen zu ſpielen. Jean Marie machte gegen mich eine halb ſpöttiſche Miene, denn ſie hat keine Ach⸗ tung vor ma chére mére's muſikaliſchem Talent, folgte jedoch der Aufforderung und ſpielte eine Mozart'ſche Sonate, die ma chére mére ihr vorlegte und zwar 140 mit ziemlicher Geſchicklichkeit, aber ohne beſondere An⸗ muth auf der Violine begleitete. Doch die Mozart'ſche ſin Muſik entzückt mich immer. Jean Marie will bloß von fa Herz und Czerny ſpielen; dieſe ſind mir zu bunt und te zu zierlich. Jean Marie's überlegenes Talent, ma chére meére's Eifer und Gewöhnung an„ihren Mozart,“ wie F ſie ihn nennt, machte, daß die Sonate recht gut von N Statten ging und ma chère mére rief ſelbſt„Bravo!“ de dach Jean Marie ſollte ich mich evertüiren; aber de theils war grande sonate par Steibelt avec accompag- E nement du violon mir gänzlich unbekannt, theils bin m ich gegen Jean Marie bloß eine Stümperin auf dem S Pianoforte und— die Sache fiel ſchlecht aus. Verge⸗ bens ſtampfte ma chére möre den Takt, vergebens that ſie ſolche Striche auf ihrer Violine, daß mir das Trom⸗ V melfell zerſpringen wollte, wir kamen jeden Augenblick aus dem Concept. Wir fingen auf's Neue an, wir E wiederholten, ſie wurde ungeduldig, ich wurde es auch V und wir endeten mit einem vollkommenen Charivari. ſc Ma chöre mére legte die Violine weg und nannte mich ſti ein Gänschen. ei „Da iſt es ganz anders,“ fügte ſie hinzu,„wenn ka Jean Marie und ich zuſammenkommen. Sehen Sie, ei das kann man Harmonie nennen.“ pe Die Harmonie zwiſchen ma chöre mére und Jean kl Marie wurde indeß bald geſtört. Sie kamen in einer ri Haushaltungsfrage an einander. Ma chère mére nahm R bei ihren großen Brauereien immer anderthalb Tonnen un Malz zu zwei Tonnen Dünnbier und einer halben Tonne at 1 gewöhnliches Bier. A 1 Jean Marie meinte, nach ihrer Methode könnte ic 4 man mit einem Drittel Malz weniger dieſelbe Quan⸗ at tität bekommen. ro Ma chère mére ſagte, dieß ſei rein unmöglich, NM entweder müſſe man zu einem ſolchen Gebräu mehr ni Malz nehmen oder werde das Bier ſchwächer. an mne nte n⸗ hr 14¹ Jean Marie blieb bei ihrer Behauptung und ſie ſtritten einige Zeit, bis endlich Jean Marie einen Wink fallen ließ, als ob ma chère mére Nichts von der rech⸗ ten Braukunſt verſtände. Dieß ſchlug übel an. „Will das Ei klüger ſein als die Henne?“ ſagte ma chére mére ganz bitterböſe. Ich bekümmere mich Nichts um eure neumodiſchen Kunſtbrauereien und Wun⸗ dererfindungen. Es mag wohl Kunſt dabei ſei, aber deſto weniger Saft. Wer Etwas verſucht hat, weiß Etwas und ich habe etliche Jahre und etliche Gebräue mehr geſehen, als Sie, Söhnerin Jean Marie. Merke Sie ſich das.“ Jean Marie nähte eifrig an ihrem Rahmen, wurde ſeuerroth, ſchwieg aber mit einer Miene überlegener Weisheit. Alles dieß war nicht mehr luſtig. Inzwiſchen war Ebba erwacht. Sie kam zu uns und ſah aus, wie ein Vogel nach einem Platzregen. Um ſie aufzumuntern, ſchlug ich ein luſtiges Spiel vor: ma chère mére ſtimmte lebhaft mit ein und wir ſetzten uns Alle an einen runden Tiſch. Aber gleich im Anfang des Spiels kamen Jean Marie und Ebba wegen einer Regel mit einander in Streit und zwar recht ernſtlich. Ebba ap⸗ vellirte an mich und ich— gab ihr Recht mit einem kleinen Scherz über Jean Marie's Meinung. Jean Ma- rie fühlte ſich beleidigt und gab mir eine beißende Rede. Goti weiß, wie es kam, daß mein Thermometer um mehrere Grade ſtieg; ich wurde heiß um die Ohren, antwortete etwas Scharfes und wir brauchten einen Augenblick recht tüchtig das Maul gegen einander, bis ich ma chere mére's große Augen ſehr aufmerkſam auf mich geheftet ſah. Da ſchämte ich mich, wurde roth und fuchte durch ein begütigendes Wort'gegen Jean Marie meine Uebereilung wieder gut zu machen. Aber nie war ein Spiel unluſtiger. Jean Marie ſaß da wie in der Kirche und ſetzte ma chöre mére's feineren und 142 gröberen Aufmunterungen eine eiſige Kälte entgegen. Ich war ſeelenfroh, als man mir meldete, daß mein Cabriolet gekommen ſei. Als ich von Jean Marie Abſchied nahm, entzog ſie ſich dem Kuſſe, den ich ſo herzlich auf ihre Lippen drücken wollte und berührte nur kalt und kaum meine Hand mit ihren Fingerſpitzen. Ich ſah, daß ſie noch ganz böſe auf mich war. Dieß that mir wehe. Ma chère mére begleitete mich in den Vorſaal hinaus und ſagte:„Meine liebe Franziske, wir ſind heute Alle recht langweilig geweſen.“ „Ach ja,“ antwortete ich von Herzensgrund, ſo daß ma chère mére zu lachen anfing, mich umarmte und mit einem ſcharfen Blick ſagte:„Ja, du biſt nicht beſſer geweſen, als die Andern, du Kind.“ „Und du Mutter auch nicht,“ ſagte ich ſchelmiſch, aber etwas erſchrocken über meine Verwegenheit, fügte ich herzlich hinzu:„Verzeihen Sie mir,“ und küßte ihre Hand. Sie gab mir einen leiſen Schlag auf die Wange, lachte und ſagte gütig:„Nun, komm' morgen wieder, ſo wollen wir verſuchen, ob wir uns nicht beſſer in einander ſchicken. Willſt du? Komm, mein Kind. Ich will dir den Norrköpingswagen ſchicken und dich auch wieder nach Hauſe führen. Die Pferde können eine kleine Motion brauchen.“ Dieſe kleine Vorſaalsſcene erleichterte mir mein Herz um ein Gutes. Ich fühle, daß ma chére möre immer mehr Reiz für mich gewinnt. Aber Jean Marie? Wie ſteht es wohl mit unſerer Freundſchaft und la commedia divina? Doch ich will von dieſem Tag noch keinen Schluß ziehen. Es gibt böſe Tage, wo Alles verſtimmt iſt, wie die Milch in der Milchkammer ſauer wird, wenn ein Gewitter in der Luft iſt. Ich ſelbſt — ja, wie ma chére mére ſagte, nicht beſſer als die ndern. u en. ein ſie en ine 0 Ma nd cht daß und ſſer ſch, igte ßte ige, der, in Ich uch eine nein ere rie 2 d la noch Ues auer elbſt die Worgen hoffe ich, daß zwiſchen Jean Marie und mir Alles wieder gut ſein wird. Den 26. Abends. Nein! Es war nicht Alles wieder gut zwiſchen Jean Marie und mir. Sonderbar! Wie man doch ſo lange wegen einer Kleinigkeit, wegen einer vorüberge⸗ benden Hitze, die überdieß noch beiderſeitig war, grollen kann! Ma chéère méère nahm mich geſtern noch herzlicher auf, als gewöhnlich. Jean Marie dagegen war kurz angebunden, gezwungen, unfreundlich; ſie ſprach Nichts mit mir und antwortete mir kaum, wenn ich ſie anre⸗ dete. Dieß preßte mir das Herz zuſammen. Auch Ebba that mir weh. Sie war bleich, niedergeſchlagen— ob⸗ gleich nicht bei böſer Laune— und ſah aus, als ob ſie mit ſich ſelbſt und dem Leben nicht recht in's Klare zu kommen wüßte. Sie ſchien mir einer Freundin zu be⸗ dürfen und ich beſchloß, es ihr nach beſten Kräften zu werden. Ich merkte auch, daß Jean Marie's Predigten nicht gut auf ſie wirkten und daß ihre ſo wie Jean Jac- que's beſtändige Ermahnungen, verſtändig zu ſein und ſpazieren zu gehen, ihr eigenfinniges kleines Gehirn nur in dem ſchon gefaßten Vorſatze beſtärkten, den Fuß nicht über die Schwelle zu ſetzen und ſo wenig als möglich verſtändig zu ſein. Ich paßte einen Augenblick ab, wo wir allein wa⸗ ren und ſagte zu Ebba:„Haſt du nicht Luſt, morgen früh auf meinem Hof kuhwarme Milch zu trinken? Ich habe eine Kuh mit Namen Audumbla, die die aller⸗ köſtlichſte Milch gibt und dabei ſo zahm iſt, daß ſie dir Brod aus der Hand frißt, wenn du ſie füttern willſt. Willſt du nicht?“ „Ach. ija!“ ſagte Ebba überraſcht, indem ſie ihre ſchönen Augen weit öffnete, die auf einmal ganz ſtrahlend wurden. 5 „Nun, dann komme ich und hole dich bei Zeiten ab. Aber kannſt du um ſechs Uhr ſchon auf ſein?“ ———— ————— 144 kUm fünf, um vier, wenn es nöthig iſt,“ ſagte Ebba eifrig. „Aber du kannſt nicht ſo weit gehen. Es iſt über eine Viertelmeile von hier nach Roſenvik. Nein— es iſt zu weit.“ „Nein, nein, gewiß nicht. Ich kann eine ganze Meile und noch mehr gehen. Ich bin ſtark. Ich kann ja eine ganze Nacht durch tanzen.“ „Nun dann komme ich, hole dich morgen früh um ſechs Uhr ab und behalte dich den ganzen Tag. Mit⸗ tags wollen wir ſelbſt unſere Pfannenkuchen backen und am Abend führe ich dich im Cabriolet wieder zurück. Polle iſt ſo gut, daß ich überzeugt bin, du kannſt ſelbſt mit ihm kutſchiren.“ „Ei das muß luſtig werden!“ rief Ebba entzückt. „Aber wir müſſen zuerſt Erlaubniß von ma chére mère haben, Ebba.“ 5 „Das verſteht ſich, das verſteht ſich, ich ſpringe ſogleich hin und ſpreche mit ihr.“ Und Ebba ſprang fort. Der Abſcheu vor dem Lande, der Vorſatz, nicht auszu⸗ gehen, Alles war vergeſſen über der Ausſicht, in einem Viehhof Milch zu trinken und mit Polle zu fahren. freute mich über meinen kleinen Sieg und daß ich Ebba einen Tag allein haben durfte. Es ſagt mir Etwas, daß ſie ein gutes Herz und auch Verſtand hat, wenn ſie nur auf eine angemeſſene Art hervorgerufen werden. Als ich einige Augenblicke darauf in ma chère more's Kabinet kam, fand ich Ebba auf ihrem Schooß; ſie ſchwatzte mit der fröhlichen Ungezwungenheit eines Kindes und gab ma chère mére's Slurka allerlei For⸗ men. Ma chèére mere lachte und ließ ſie gewähren. 4. herrſchte das allerbeſte Einverſtändniß zwiſchen ihnen. Ma chere more ſab mich freundlich an und rief: „Nun, meine liebe Franziske, ich höre, daß du mir mor⸗ gen Ebba entführen willſt, um mit den Kälbern in 88 Se8—— er — — — SS00 14⁵ deinem Hofe Milch zu trinken. Vermuthlich holſt du ſie in einem Luftballon ab. Denn du weißt, ſie kann ſtaubige Wege und grünes Gras nicht ausſtehen. „O das muß luſtig werden!“ rief Ebba in ihre Hände klatſchend und hüpfte aus dem Zimmer. „Es iſt nichts Böſes an ihr,“ ſagte ma chère mere, „aber ſie iſt ein verzogenes Kind und muß zur Ord⸗ nung gewieſen werden. Wäre dieß früber geſchehen, ſo wäre es jetzt nimmer nöthig. Wenn du Kinder bekommſt, Fransziske, ſo erinnere dich an Sirach's Worte:„Haſt du Kinder, ſo züchtige fie.“ Ich erwiederte, man könne auch bloß durch Ver⸗ nunft auf die Kinder wirken und ſie zu denkenden, guten Menſchen erziehen. „Jeder Weg führt nach Rom,“ ſagte ma chère mère, „aber auf dem Ruthenweg kommt man ſchneller zum Ziel, als auf dem Vernunftweg. Es verſteht ſich, daß man auch den erſtern mit Vernunft wandern muß. Aber mit Kindern Vernunft reden, das heißt ſich um⸗ ſonſt heiſer ſprechen. Lehre den Wolf das Paternoſter, er ſchreit doch immer: Lamm! Meines Schwager Rein⸗ hold's Kinder ſollten nach dieſer Vernunftmethode er⸗ zogen und ſo prächtig werden. Sie waren gar zu unaus⸗ ſtehlich. Die übermüthigen Inngen waren eine Peſt für alle Leute im Hauſe. Eines Tags waren Fremde bei meinem Schwager und die Kinder rasten und fuhren wie kleine Teufel im Hauſe herum. Einer von den Fremden ſagte etwas von„ſchwarz wie ein Rabe,“ und einer von Reinhold's Knaben ſchrie überlaut:„Der Rabe iſt weiß!“„Nein, mein Junge, der Rabe iſt ſchwarz,“ ſagte die Mutter.„Nein,“ ſchrie der Burſche abſcheulich,„der Rabe iſt weiß, der Rabe iſt weiß!“ —„Der Rabe iſt ſchwarz!“ ſagte die Mutter.„Der Rabe iſt weiß!“ ſchrie der Burſche. Nun, was ſollte man thun? Konnte man ſogleich einen Raben bei der Hand haben, um ſeine Vernunft zu überzeugen? Nein, und ſo durfte der Junge das letzte Wort behalten. Ich Bremer, die Rachbarn. 10 146 hätte ihn unter den Händen haben ſollen, ſo hätte er bald und das recht ordentlich gelernt, daß der Rabe nicht weiß iſt. Nein, meine Franziske, die Vernunft iſt eine ganz gute Sache, aber ſie reicht bei Kindern nicht aus. Wer Vater und Mutier nicht folgen will, muß dem Kalbfell folgen.“ Dieſe Erzählung und ma chère mére's Eifer mach⸗ ten mich herzlich lachen. Aber der Gedanke, wie un⸗ glücklich ma chére mére ihre Lehre bei ihrem eigenen Sohn angewandt, flößte mir ein trauriges Gefühl ein, und gedankenvoll ſagte ich Fs möchte wohl ſo ſein, daß verſchiedene Kinder eine verſchiedene Behandlung erfordern.“ „Mag ſein,“ ſagte ma chère möére und eine dunkle Woille legte ſich auf ihre Stirne, doch verſcheuchte ſie dieſelbe bald und ſagte wieder munter:„Inzwiſchen freut es mich, Franziske, daß du den ſchönen Wildfang Ebba ein wenig unter deine Obhut nimmſt. Bei ihren Jahren fallen kluge Worte ſelten vergebens. Was im Schnee ver⸗ ie wird, kommt beim Thauwetter wieder zum Vor⸗ chein.“ Der ſchöne Wildfang war den ganzen Tag äußerſt aufgeräumt und liebenswürdig. Jéan Marie dagegen war um ſo grämlicher, wenigſtens gegen mich und Ebba. Es ſah aus, als glaubte ſie, wir rotten uns gegen ſie zuſammen. Ich hatte große Luſt, ihr zu beweiſen, daß dem nicht ſo ſei und daß ich keinen ſehnlicheren Wunſch habe, als wieder gut Freund mit ihr zu werden; aber da ließ ſie mich einen Zug ſehen, der ihr mein Herz gänzlich entzog, denn er verrieth einen großen Mangel an Gutmüthigkeit und wahrer Bildung. Es war gegen Abend. Man ſprach von Bellini. Ebba war entzückt von ſeinen Romanzen. Jean Marie ſagte, er ſei zu einförmig und habe kein Leben in ſei⸗ nen Melodien.„O,“ rief Ebba,„da muß ich dir doch ein Stück von ihm vorſingen, das göttlich iſt und das ich vergangenen Winter bei Herrn B. lernte; du mußt es hören!“ Sie ſprang an's Fortepiano und ſang wirklich 147 mit vieler Anmuth ein kleines bezauberndes Stück von dieſem melodiſchen Meiſter. Ich lauſchte mit großem Vergnügen, aber als Ebba gerade mit Aufmerſamkeit ein ausdrucksvolles Movendo ausführte, rückte Jean Marie lärmend ihren Stuhl und ging aus dem Zimmer, in⸗ dem ſie die Thüre hart aufriß und zuwarf. Ebba wurde roth und ich auch; denn Jean Marie's Benehmen, war augenſcheinlich darauf berechnet, Ebba herabzuſetzen, und wirklich verletzend. Ich ſah an einem Blick von ma chère mère, daß ſie eben ſo dachte wie ich, und als Ebba mit Thränen in den Augen ihren Geſang ſchloß, dankte ihr ma chère mére und lobte ſie ungemein und ſicherlich mehr, als ſie gethan haben würde, wenn Jean Marie ſich nicht ſo unfreundlich bewieſen hätte. Jean Marie wird als eine Dame von ausgezeichneter Bil⸗ dung gerühmt.„Ach!“ dachte ich bei dieſem Auſftritte, „wie oberflächlich nimmt man nicht oft dieſes ſchöne und vielſagende Wort!“ und ich fühlte jetzt keine Luſt mehr, auf eine Verſöhnung mit Jean Marie hinzuarbei⸗ ten. Ich laſſe ſie ankommen, wenn ſie Luſt hat. WMer o, was brachte jetzt Freude und Entzücken in mein Haus? Ein Brief von dir, meine Marie, ſo ſchön, ſo voll von dem, was mich glücklich macht. Ob⸗ gleich es ſchon ſpät iſt, ſo kann ich doch nicht zu Bette gehen, ohne mich der Worte und Gefühle hier zu ent⸗ ledigen, die du in meinem Herzen hervorrufſt!.4*) *) Dieſe Gefühlsergießung erſcheint hier nicht. Man hat ſich die Freiheit genommen, aus dem Brief der jungen Frau Alles auszuſchließen, was bloß für Marie iſt, und man bittet den Leſer deßhalb — nicht um Entſchuldigung. Man hat größtentheils auch die Briefſchlüſſe weggelaſſen, die uns von allen Schlüſſen in der Welt am langweiligſten und am wenigſten lehrreich vraen ſind. „ ——— —— 1⁴8 Heute früh um fünf Uhr begab ich mich nach Karls⸗ fors, um Ebba abzuholen. Das Wetter war ſo ſchön, als ich mir nur wünſchen konnte. Um ſechs Uhr war ich an Ort und Stelle, und fand Ebba bereits geklei⸗ det und mich voll Eifer und Ungeduld erwartend. Außer der Dienerſchaft war Niemand auf, als Ebba. Wir machten uns auf den Weg. Im Anfang ſchwatzte Ebba, hüpfte, lachte, ſang und genoß ihr Leben, wie die Vöge⸗ lein; als wir aber auf dem halben Weg nach Roſen⸗ vik in einen großen, ſchönen Laubwald kamen, wurde ſie auf einmal ganz ſtill. Und wirklich war die Scene um uns her wohl geeignet, zugleich heitere und ernſte Gedanken einzuflößen. Es war vollkommen ruhig; große Thautropfen hingen an den Blättern der Bäume und mit goldenen Strahlen brach die Sonne durch den Wald und gab dem reichen Laubwerk mannigfaltige Abwechs⸗ lungen von Licht und Schatten. Die Luft war ſo rein und lieblich, daß ich es nicht beſchreiben kann. Un⸗ willkürlich ging Ebba immer langſamer und ich wan⸗ delte ſtill an ihrer Seite. Es war mir feierlich zu Muthe. Ich warf dann und wann einen Blick auf Ebba. Eine gewiſſe milde Bläſſe lag auf ihrem ſchönen jungen Geſicht, eine gewiſſe Ergriffenheit war darin zu leſen; große Thränen ſtanden in den Augen, die langſam um ſich herblickten, als ſähe ſie mit Verwun⸗ derung eine ganz unbekannte Welt. Da begann ein Vogel zu ſchlagen— wunderbar entzückende Töne— man hätte ſagen können, ſie ſeien von einer denkenden Seele belebt. „O, was iſt das?“ fragte Ebba verwundert, in⸗ dem ſie ſtehen blieb. „Eine Nachtigall!“ antwortete ich, ſelbſt mit einem kleinen Freudeſchauer über die geliebten, aber ſelten gehörten Töne. Ebba lauſchte lange und ſah lange lauſchend überall umher. Es war als hätte ſich vas Ohr ihrer Seele zum erſten Mal dem hohen Liede des Lebens geöffnet. — — —, — —— 149 „Mein Gott,“ flüſterte ſie,„wie feierlich das iſt, wie wunderbar, wie ſchön!“ Und halblaut ſprach ich die Worte Tegner's: „Wenn ſo viel Schönes jeder Art Sich in der Schöpfung offenbart, Wie herrlich muß nicht ſein die Quelle, Die ewig helle!“ Ebba warf ſich mit Thränen um meiney Hals und ich drückte ſie ſchweſterlich zärtlich an mich. „Ach, Franziske!“ ſagte ſie,„ich weiß nicht, wie mir iſt. Ich bin glücklich, und doch muß ich weinen. Es iſt ſo ſchön, ſo groß, ſo wunderbar um mich her. Sage mir, was gleicht dieſem?“ „Das Leben,“ antwortete ich. „Das Leben?“ wiederholte Ebba verwundert.„Aber das Leben hat gar mancherlei Arten, ſo manche ver⸗ ſchiedene Auftritte...“ „Ja, aber das, was wir in dieſem Augenblicke ſehen, gleicht der Wahrheit, der innerſten Wirklichkeit des Lebens, ernſt und doch froh.“ Ebba fuhr mit der Hand an ihre Stirne.„Ich verſtehe dich nicht recht,“ ſagte ſie,„aber ich glaube es zu ahnen... Gedanken durchzucken mich, aber ich kann nicht klar daraus werden.“ „Mit der Zeit, meine liebe Ebba, wirſt du ſfie beſſer verſtehen.“ „Und wenn ich den Ernſt des Lebens, wovon du ſprichſt, verſtehen werde,— werde ich dann auch fröh⸗ lich ſein, auch lachen dürfen, wie ich jetzt darf?“ „O ja, Ebba, dann wirſt du erſt recht fröhlich, recht glücklich ſein können. Dann wirſt du nicht, wie jetzt, oft üble Launen und langweilige Stunden haben.“ „Ich will den Ernſt des Lebens kennen lernen,“ ſagte Ebba lebhaft.„Aber wer wird es mich lehren? ——— 150 Jean Marie kann es nicht. Du kannſt es, aber ich reiſe bald weit von hier.“ „Weißt du, Ebba, mit was dieſe Waldſcene noch ferner Aehnlichkeit hat?“ „Mit was?“ „Mit deinem Mann!“ Ebba ſah mich an und ihre Augen blitzten.„ch glaube, du haſt Recht,“ ſagte ſie. „Ja, auch ſeine Seele iſt ernſt und doch hell. Und willſt du des Lebens Ernſt, des Lebens Schönheit ken⸗ nen lernen, ſo— lebe für ihn, Ebba! O, Ebba, werde wie eine Nachtigall in ſeiner häuslichen Welt, ſei für ihn, wie die Sonnenſtrahlen zwiſchen dieſen Bäumen; ſchließe dich innig an ihn, laß dich von ihm leiten, mache ihn glücklich, und du wirſt ſelbſt glücklich werden, wirſt verſtehen, was des Lebens beſtes Gut iſt, wirſt vor dir ſelbſt, vor Gott und den Menſchen Werth ge⸗ winnen.“ Ebba war blaß; ſie küßte meine Hand und weinte. Aber o wie ſchön waren nicht dieſe Thränen auf den jugendlichen Wangen! Sie verkündeten das Aufdämmern der Weiblichkeit in einem bisher nur kindiſchen Weſen. Ich überließ Ebba ihren Gedanken und ſchweigend ſetzten wir unſere Wanderung nach Roſenvik fort. Erſt bei unſerer Ankunft auf der Meierei erwachte ſie aus ihrer gedankenvollen Stille, und die ſchäumende Milch, die wir mit dem Glas aus dem Milcheimer nahmen, erſchien uns als ein wahrer Göttertrank. Es fiel Ebba nicht ein, zu glauben, daß Audumblas Milch von der gewöhnlichen Art ſein könne, und ich gab mir durchaus keine Mübe, ſie davon zu überführen. Mein Zuſammenſein mit Ebba den ganzen Tag hindurch beſtärkte mich in meinem Glauben an ſie. Es lagen viele ſchöne Anlagen in ihr, deren gehörige Pflege und Entwickelung ſie zu einer guten und liebenswür⸗ digen Perſon machen kann. Zwar hat ſie auch noch viel Kindiſches, allein dieß habe ich alle Urſache, ihren 151 fiebenzehn Jahren zu verzeihen, da ich ſelbſt mit ſieben⸗ undzwanzig Einen Augenblick verfiel Ebba in tiefe und, wie es ſchien, wehmüthige Gedanken. Ich fragte zärtlich, was ſie ſo bedrücke. „Ach,“ ſeufzte Ebba tief,„wenn er nur nicht Peter hieße!“ Ich mußte laut auflachen über dieſen Grund zur Bekümmerniß. Fbba aber fuhr mißmuthig fort: „Jean Marie iſt ebenfalls der Anſicht, daß Peter ein entſetzlich garſtiger Name ſei, und ſagt dagegen, wie Jean Jacques ſo herrlich klinge. Es iſt höchſt unan⸗ genehm, daß er gerade Peter heißen muß.“ Ich ſuchte ſie zu tröſten und ſtellte ihr alle die großen Männer vor, die dieſen Namen getragen hatten. Der Apoſtel Petrus that wenig Wirkung auf ſie, auch Czar Peter nicht. Dagegen ließ ihr der„Herr Peter“ im Volkslied den Namen ſchon poetiſcher erſcheinen und ſie ſöhnte ſich beinahe gänzlich damit aus, als ich ihr zu bedenken gab, daß Pevro und Peter daſſelbe ſei und daß ein kürzlich vorſtorbener Kaiſer und naher Verwandter unſeres Königshauſes dieſen Namen ge⸗ führt habe. Sie nahm ſich vor, ihren Mann Pedro zu nennen; ich ſchlug ihr allerhand Abkürzungen vor und am Ende lachten wir recht herzlich über die Sache und Ebba war mit dem Namen Peter ebenſo verſöhnt, wie ich es mit dem noch weit unpoetiſcheren Namen Lars Anders bin. Wir beſchloſſen den Tag damit, Seifenblaſen in die freie, ruhige Luft hinauszuwirbeln und zwar mit demſelben Eifer und Vergnügen, als wenn wir noch kleine Kinder wären. Sodann führte ich Ebba im Ca⸗ briolet nach Hauſe und überließ ihr zu ihrem großen Entzücken hie und da die Zügel. Ich war ſehr begierig, ob Jean Marie noch immer in ihrer Unfreundlichkeit beharre. Es ſchien mir un⸗ glaublich, allein ich merkte gleich beim erſten Gruße, daß es ſo war. Dieß betrübte mich ſehr, und meine ——————————————— 15² Hoffnung auf Freundſchaft und vergnügte Nachbarſchaft mit ihr war jetzt beinahe veroren, denn ich kann Nie⸗ mand lieben, der nicht billig und gutmüthig iſt. Eine ſolche Unfreundlichkeit(ſo paſſend mit dem garſtigen Namen Groll genannt) macht das Leben zu einem trü⸗ ben Herbſttage. Da ſind ma chère méré's Zornesaus⸗ brüche tauſendmal beſſer. Sie ſpricht ſich tüchtig aus, aber wenn es geſagt iſt, ſo iſt es, auch vorbei, ſie wird dann wieder vollkommen freundlich und ſchneidet gegen den, der ſie erzürnt hat, kein ſchiefes Geſicht mehr. Gleichwohl bin ich froh, daß ich mich nicht täglich vor ihrem Scepter zu„kuſchen“ brauche, und je mehr ich Bär mit Andern zuſammenhalte, um ſo mehr gleicht er einem Engel des Friedens. a chère mére war dieſen Abend ſehr mit dem neuen Nachbar auf Ramm beſchäſtigt. Sie hatte aller⸗ hand vortheilhafte Gerüchte über ihn vernommen und ſelbſt einen Beweis großer Artigkeit von ihm empfangen. Ma chére méère hatte vor einiger Zeit in einer Geſell⸗ ſchaft großes Verlangen nach einem Hirſchbraten geäußert und den Wunſch, ein paar Rehe zu bekommen, die ſie in ihren Park in Karlsfors ſetzen und ſich dort vermehren laſſen könnte.(Ma chére mére war vor ihrem Unglück eine große Jagdliebhaberin geweſen und hatte mit eigener Hand mehr als ein ſchnellfüßiges Reh erlegt.) Nun hatte der neue Nachbar auf Ramm ihr den köſtlichen Braten, einen jungen fetten Rehbock, den er geſchoſſen, ſo wie ein paar lebendige Exemplare dieſer Art, die er in Schlingen gefangen, zugeſchickt. Das Geſchenk war von einem äußerſt artigen, franzöſiſchen Schreiben be⸗ gleitet, des Inhalts, er habe zufällig den Wunſch der früheren Beſitzerin von Ramm erfahren und ſchätze ſich glücklich, ihn erfüllen zu können, zumal da er ſelbſt bin⸗ nen Kurzem Eigenthümer des Gutes ſein und dann kei⸗ nen höhern Wunſch kennen werde, als mit einer ſo all⸗ gemein verehrten Nachbarin in freundſchaftlichem Ver⸗ hältniſſe zu ſtehen. Als Unterpfand und Beweis dafür N— u— — W 153³ möchte ſie nun das Ueberſandte betrachten, welches erſt dadurch einen Werth in ſeinen Augen erhalten werde. Der Brief war unterzeichnet: Antonio von Romilly. Ma chère meère war entzückt über das franzöſiſche Schreiben, über die Rede und vor Allem über die Ar⸗ tigkeit des neuen Nachbars. „Seht, das heißt einmal savoir vivre!“ rief ſie, mit den Fingern ſchnalzend.„Ja, dieſe Südländer ſuchen hierin ihres Gleichen. Wir müſſen den Mann ſehen. Ich werde ihn zu meinem erſten großen Mittagsmahl einladen;— ja wenn er mir auch vorher keinen Be⸗ ſuch macht. Eine ſolche Artigkeit iſt mehr werth, als fieben Beſuche. Ich muß jetzt ſogleich ſeinen Brief beantworten und zwar auch auf Franzöſiſch. Franziske ſoll nachher mein Schreiben durchſehen. Gott ſei Dank, ich habe das Franzöſiſche grammatikaliſch gelernt und ſo gut als irgend Eine geſprochen und geſchrieben. Aber in den letzten Zeiten dürfte ich wohl ein Bischen da⸗ von verſchwitzt haben. ZJetzt freue ich mich darauf, mit dieſem Monsieur de Romilly mein Franzöſiſch wieder üben zu können. Es muß recht angenehm ſein, ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen.“ ch ſpreche, wie ma chère mére: Es muß recht angenehm ſein, ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen; denn ein Mann, von dem Jedermann ſpricht, ohne daß ihn Jemand ſieht, der Wohlthaten und Artigkeiten er⸗ weist und den doch Niemand kennt, iſt unläugbar eine ſeltene und intereſſante Erſcheinung. Ma chére mére arbeitete lange an ihrer franzö⸗ fiſchen Epiſtel. Als ich ſie durchlas, hatte ich alle mög⸗ liche Mühe, nicht zu lachen, ſo zierlich und altmodiſch war ſie. Aber theils war ſie ihr ſelbſt ſo ähnlich, theils durchgängig in einem ſo antiken Style abgefaßt, und drückte überdieß ſo deutlich ihre Geſinnung aus, daß ich es ſowohl für unmöglich, als auch für unnöthig hielt, etwas daran zu ändern. Ich ließ alſo die Aus⸗ drücke:„Monsieur et trés honnoré voisin, politesse 154 magnanime“ présent gentil et courtois“ und andere dergleichen etwas ſonderbare Redensarten ſtehen. Ich ſagte, der Brief ſei gut, und ma chére möre, die mich visher mit einiger Unruhe betrachtet hatte, ward jetzt ſehr zufrieden mit ſich ſelbſt, mit dem Briefe und auch mit mir. Den 30. Ach, ich athme wieder. Die Luft iſt endlich frei geworden zwiſchen Jean Marie und mir. Und der Süd⸗ wind, der den Nebel zertheilte, hieß— Schmeichelei! Vorgeſtern kam Bär nach Hauſe, zufrieden mit ſich ſelbſt, mit ſeinem Bruder, ſeiner Reiſe, ſeinen Ge⸗ ſchäften und vor Allem mit ſeinem Weibchen, das ſei⸗ nerſeits auch keineswegs mit ihm unzufrieden war. Geſtern Abend war Sonntagstanz auf Karlsfors. Ma chere mére hatte uns gebeten, demſelben anzuwohnen, weil ſie das Wohl der zwei zuletzt angekommenen neuen Ehepaare trinken und dabei eine Rede an ihre Leute halten wollte, was am Johannistag wegen der Abwe⸗ ſenheit Peter's und Bär' unterblieben war. Ma chére mére ſpielte faſt den ganzen Abend die Violine zum Tanz. Ebba tanzte nach Herzensluſt, ich deßgleichen. Jean Marie, die mit ihrem Manne Beſuch gemacht hatte, kam erſt ſpät zurück und ſah bloß zu. Ich ergoß einen Strom von Lobeserhebungen über ihre Toilette, die wirklich ſehr geſchmackvoll war, und endlich zerſtreute ſich das graue Gewölke, das zwiſchen uns hing, und Jean Marie wurde zu meiner unbeſchreiblichen Erquickung ſo freundlich, wie früher. Aber mit der Commedia divina unſerer Freundſchaft iſt es doch leider aus. Dieß thut mir wirklich ſehr leid. Ich möchte unter meinen vielen Nachbarinnen und Bekannten gar zu gern eine Freundin finden. Ebba iſt zu ſehr Kind; Fräulein Haus⸗ giebel zu ſehr Vogel; ma chére mère iſt— ma chére mère. Es wird auf die Länge ein ſchlechter Spaß, viele Nachbarn und keinen Freund zu haben. Nach dem Tanz ließ ma chére mére Punſchbowlen ute und ing dia ieß nen ine us⸗ ère aß, len 155 bringen und es wurden die Geſundheiten der Reuver⸗ mählten getrunken; auch hielt ſie eine mit kräftigen Sprichwörtern wohlgeſpickte Rede. Doch ſchien mir dieſe im Ganzen zu den am wenigſten gelungenen von ma chöre mére zu gehören. Bär wird meinen Brief mit in die Stadt nehmen, deßhalb ſchließe ich ihn jetzt in Eile. Es ſollte mich wun⸗ dern, wenn Jemand ſo lange Brieſe ſchriebe, wie ich. Aber deßwegen biſt du auch meine Marie und ich deine Franziske. Sechster Brief. Roſenvik, den 3. Juli. Wie eine Biene von Blume zu Blume fliegt, ſo fahre ich von Nachbar zu Nachbar und ſammle Honig für meine Zelle. Heute war die Ernte reich. Kein Wunder, ich war ja bei der Blume des Thals, bei der guten, bei der liebenswürdigen Serena. Bär erinnerte mich heute früh daran, daß wir den alten Dahl's verſprochen hatten, einen Tag bei ihnen zuzubringen. Er machte mir den Vorſchlag, Vormit⸗ tags mit ihm in die Stadt zu fahren, dort wollte er mich bei Dahl's abliefern und auf den Mittag, wenn er mit ſeinen Krankenbeſuchen fertig ſei, ebenfalls dort eintreffen. Ich erſchrack im Anfang über dieſes Pro⸗ ject und machte ihm Vorſtellungen, ich wolle mich nicht wie eine Pillenſchachtel oder eine andere Doctorswaare ſchon am frühen Morgen abliefern laſſen. Auch ſchien es mir nicht die feinſte Manier in der Welt zu ſein, fremde Leute ſo zu überfallen und ſich auf einen ganzen Tag in ihrem Hauſe einzuniſten, während ſie den un⸗ gebetenen Gaſt vielleicht nach Nova⸗Zembla wünſchen⸗ ——— 155 Indeß war Bär außerordentlich beredt in ſeinem La⸗ conismus und warf alle meine Gegengründe über den Haufen. Auch lockte mich insgeheim die Erinnerung an Serena und der Eindruck vom Himmelreiche. Ich kleidete mich einfach, aber hübſch nach Bär's Geſchmack und dahin rollte das Cabriolet mit Bär und ſeinem Weibchen. Ich wurde richtig an Ort und Stelle abgeliefert. Bär hatte es ſich in ſeinen eigenſinnigen Kopf geſetzt, nicht mit mir in's Haus zu gehen, ſondern ich ſollte ſelbſt für mich ſprechen. Vergebens ſtellte ich ihm vor, daß ich nicht einmal ſo glücklich ſei, wie ein Arznei⸗ kolben, der wenigſtens einen überſchriebenen Papier⸗ ſtreif bei ſich führe, woraus man ſehen könne, zu was er gut ſei, und daß man im Hauſe gar nicht wiſſen werde, was man mit mir anfangen ſolle. Bär bat mich, nur ſchön von ihm zu grüßen und verſicherte, dieß, ſo wie mein Geſichtchen werde die gewünſchte Wirkung hervorbringen. Belfernd trennten wir uns. Als ich allein die Treppe hinaufſtieg, kam ich mir ſo unbedeutend vor, wie Jemand, der Geld entlehnen will; aber kaum war ich an der Thüre, ſo hätte ich mich für die Sahne der Milch, oder für ein längſt er⸗ ſehntes Geſchenk halten können, ſo gefeiert, bewill⸗ kommt und umarmt wurde ich und ich, fühlte in meiner teieten Seele, daß Alles dieß auf Bär's Rechnung gehöre. Ich kam gerade zum Kaffee, aß, trank, ſchwatzte und fühlte mich binnen Kurzem wie ein Kind vom Hauſe. Und jetzt ſollſt du eine proſaiſche Beſchreibung der Familie bekommen, die ich dir früher einmal poetiſch beſchrieben habe. Sie verhält ſich, wie ein Werktag zum Feiertag— aber das Himmelreich iſt doch nahe⸗ Ich ſpreche jetzt nicht bloß aus eigener Inſpiration, ſondern nach Aufklärungen, die ich von Fräulein Hel⸗ levy Hausgiebel und ma chöre mére erhalten habe. d⸗ en ng ck m t, te r, i⸗ 16 en at 8 ir n — l⸗ 3 S* S 157 Das Haus. Mehr als ein halbes Jahrhundert haben die greiſen Gatten dieſes Haus, dieſelben Zimmer bewohnt. Hier wurden ſie getraut und hier werden ſie im nächſten Winter ihre goldene Hochzeit feiern. Die Zimmer find unverändert, die Möbel dieſelben, wie vor fünfzig Jahren und doch Alles hübſch, behaglich, freundlich, als wäre es erſt ein Jahr alt. Indeß iſt es einfacher, als die Wohnung unſerer Zeit. Ich weiß nicht, welcher Geiſt des Friedens und Wohlbehagens in dieſem Hauſe über mich kommt. Auch hier ſind fünfzig Jahre vorüberge⸗ gangen, wie ein ſchöner Tag, hier haben tugendhafte Gatten gelebt, geliebt und gewirkt. Manche reine Freude hat hier geblüht, und wenn der Kummer kam, war er nicht bitter. Gottesfurcht und Liebe haben die finſterſten Wolken erhellt. Von hier ging manche edle, manche wohl⸗ thuende Kraft aus. Hier wuchſen glückliche Kinder auf; ſie erſahen ſich Kraft aus dem Beiſpiel, die Eltern gingen in die Welt hinaus, bauten Häuſer wie ſie, ſie gedie⸗ hen, wurden gut und glücklich. Oft noch wandten ſie ſich mit Liebe und Freude nach dem elterlichen Hauſe, um zu ſegnen und Segen zu empfangen. Ach, meine Marie, ich fühle, daß ich wieder in den poetiſchen Ton verfalle. Aber was willſt du? Es gibt Bilder aus dem Alltagsleben, die immer in einem poetiſchen Glanze daſtehen, man mag ſie wenden und drehen wie man will. Indeß will ich mich mehr an die Erde zu halten ſuchen. Alſo die Kinder— drei Söhne und vier Töch⸗ ter— kommen faſt alljährlich einmal mit Schaaren von Enkeln, um die geliebten Eltern zu begrüßen und neues Leben in der Heimath ihrer Kindheit zu verbreiten. Das Haus iſt noch immer daſſelbe für ſie, noch immer gleich liebevoll, gleich gut. Es iſt nur ſtiller, friedlicher ge⸗ —— 158 worden; denn es iſt Abend darin und die Schatten des Grabes fangen an, um die verehrten Alten aufzuſteigen. Und jetzt einen Blick auf dieſe. Der alte Herr. Ein langes Leben voll Redlichkeit, Fleiß und Wohl⸗ thätigteit hat ſich auf ſeiner ſchönen Stirne, in ſeinem offenen und wohlwollenden Weſen gleichſam abgedrückt. Seine Geſtalt iſt noch kräftig und ſein Gang zittert nicht. Der hohe Scheitel iſt kahl, aber unter demſelben zieht ſich ein Kranz von ſilberweißen Locken um das ehrwür⸗ dige Haupt. Niemand in der Stadt ſieht dieſes Haupt, ohne in freunvlicher und ehrfurchtsvoller Begrüßung das ſeinige zu beugen. Die ganze Gegend, wie die Stadt, liebt ihn als ihren Wohlthäter und ehrt ihn als ihren Patriarchen. Er hat ſich ſein Glück ſelbſt geſchaffen, hat Viel für das allgemeine Beſte geopfert, und trotz mancher Wiverwärtigkeiten und Verluſte nie den Muth verloren. Sein Gemüth und ſeine Reden ſind noch leb⸗ haft, ſogar voll Scherz, aber ſeit einigen Jahren iſt fein Geſicht ſehr ſchwach geworden, auch ſtellt ſich zu⸗ weilen das Podagra ein und trübt ſeine gute Laune. Ach, die Proſa des Lebens!.. Aber um das Lager herum, auf das er vom Schmerz gefeſſelt iſt, bewegt ſich ein Engel. Seine Füße wer⸗ den von weißen, weichen Händen berührt und verbun⸗ den; das Krankenzimmer und auch der Blick des Grei⸗ ſes erhellt ſich vor Serena. Wir kommen nicht aus der Poeſie in dem Hauſe, wo ſie weilt. Die alte Dame. Ein altes Geſicht, ein gebeugter Rücken; du fiehſt eine alte Frau. Aber du zeigſt ihr etwas Schönes, du hl⸗ m t. ht. eht ir⸗ pt, as dt, ren en, otz 1h eb⸗ iſt zu⸗ ne. erz e un⸗ rei⸗ uſe, ehſt 159 ſprichſt von etwas Liebenswürdigem, und ihre Miene, ihr Lächeln ſtrahlt von der ewigen Jugend, welche un⸗ ſterblich in der fühlenden Seele wohnt. Unwillkürlich mußt du dann ausrufen:„Welch eine ſchöne alte Frau!“ Wenn du neben ihr ſitzeſt und die milden, from⸗ men Augen ſiehſt, ſo iſt es dir, als müßteſt du deine ganze Seele vor ihr öffnen und an ihre Worte glau⸗ ben, wie an das Evangelium. Sie hat viel erlebt, viel erfahren und doch ſagte ſie, daß ſie leben wolle, um zu lernen;— ach wahrhaftig, wir ſollten von ihr lernen. Ihr Thun und ihr ganzes Weſen verräth wahre Menſchenkenntniß. Sie hat ihre Töchter allein erzogen; noch lebt ſie mit Gedanken und That für Kinder und Kindeskinder, noch trägt ſie das ganze Haus auf ihren Schultern, doch ſtützt ſie ſich jetzt dabei auf Sereng. Seit dem Tod ihrer jüngſten Tochter iſt ſie ein wenig ſchwermüthig geworden. Man merkt es zwar nicht aus ihren Worten, aber ſie ſeufzt oft. Wie ihr Mann, iſt auch ſie allgemein verehrt und geliebt. Und Alles ſtimmt darin überein, eine vollkommenere Vereinigung, als zwiſchen dieſen Gatten, ſei nicht denkbar. Willſt du in einem kleinen Zug ein Miniaturbild vom Ganzen ſehen? Jeden Abend bratet der alte Herr ſelbſt zwei Aepfel; jeden Abend, wenn ſie fertig ſind, gibt er einen davon ſeiner„ſchönen Alten“ wie er ſeine Frau nennt. So haben ſie ſeit fünfzig Jahren Alles mit einander getheilt. Die gute Alte nannte mich ſogleich Franziske und ſagte„du“ mit einem guten, großmütterlichen Tone, der mir in der Seele wohlthat. Ma chére mére iſt mir lieb und werth, aber dieſe gute Alte könnte ich wirklich lieben. Und jetzt zur dritten Perſon, die das eigentliche Leben und die eigentliche Zierde dieſes Hauſes iſt. 62 160 Serena. Ihre Mutter hieß Benjamine und war, wie der Ben⸗ jamin in der Bibel, das jüngſte und geliebteſte Kind der Eltern. Kaum achtzehn Jahre alt, heirathete ſie einen jungen Mann, der ihre ganze Liebe beſaß und verdiente. Es war eine Verbindung, ſchön, wie ein Frühlingstag, wurde aber gar zu ſchnell abgebrochen. Die Tochter, die nach zwei Jahren die Frucht derſel⸗ ben ward, erhielt den Namen Serena. In ihr wurde ſie für die Erde vollendet. Die Mutter ſegnete ſie und ſtarb; der Vater folgte ihr nach wenigen Monaten. Sie konnten nicht lange getrennt ſein. Die Wiege der klei⸗ nen Mutter⸗ und Vaterloſen ward in's Haus der Groß⸗ ältern gebracht. Serena wurde ihr Troſt und bald auch ihre liebſte Freude. Aber nicht bloß ihnen, ſon⸗ dern auch ihren Freunden und Bekannten wurde Se⸗ rena lieb. Das ſchöne Leben ihrer Eltern, ihr früh⸗ zeitiger Tod, hatte über die Mutterloſe den Trauerflor geworfen, der ſo leicht eine theilnehmende Thräne in die Augen guter Menſchen lockt. Ihre Kindheit war leidend; eine Hüftkrankheit, die ſie lange gleichſam ge⸗ feſſelt hielt und von den Spielen der Kindheit trennte, bleichte ihre Wangen und führte frühzeitig das Lächeln ſtiller Wehmuth auf ihre Lippen, das zuweilen noch jetzt mit geheimer Zauberkraft dort verweilt. Dieſes Alles, verbunden mit ihrer ſtillen Geduld und der innigen Liebenswürdigkeit ihres ganzen Weſens, feſſelte die Theil⸗ nahme und die Herzen Aller an ſie. Es ſchien eine Zeit lang, als ſollte der ſchmachtende Engel ſeine Schwingen erheben und den Eltern auf ihrer Himmelfahrt folgen. Aber es war nicht ſo. Zärtliche und getreue Pfiege hielt ſie auf der Erde zurück. Wie eine Roſe im Sonnenſchein auf dem Grabe, wie eine junge Weinranke, die ihre zarten Zweige um feſtere, ältere Stämme ſchlingt, ſo wuchs Serena auf, beglänzt von den liebevollen Blicken der Freunde, zärtlich geſtützt en⸗ ind ſie ind ein en. el⸗ rde ind Sie ei⸗ oß⸗ ald on⸗ Se⸗ üh⸗ lor ar ge⸗ te, eln es, zen il⸗ de rer ßie ine re, nzt tzt 161 und geleitet von denen, welche die Stütze ihrer Eltern geweſen. Sie wurde geſund, lächelte, ſpielte, entwickelte ſich und reifte allmählig zu einem ſchönen und harmo⸗ niſchen Weſen heran. Sie lernte Alles mit einer gewiſſen Schwierigkeit, behielt aber, was ſie gelernt, in treuem Gedächtniß. Immer mit einer gewiſſen Scheu an eine Arbeit gehend, verließ ſie dieſelbe nie, bis ſie vollendet und zwar gut vollendet war. Ihre Lehrer waren im Anfang unge⸗ duldig, wurden aber zuletzt immer zufrieden. Serena war nicht reich begabt, aber ſie that das Ihrige ſo gut und dann— war ſie ſo gut, ſo aufrichtig, ſo voll Liebe. So wuchs ſie auf, entfaltete ſich und ward die Blume des Thals. Der Ernſt ihrer Seele, die Klar⸗ heit ihres Verſtandes machten ſie fröhlich, fröhlich in reiner, belebender, ſich mittheilender Engelsfreudigkeit. „Sieh Serena an,“ ſagte jede Mutter in der Ge⸗ gend zu ihrer Tochter. Und die Töchter ſahen und ſuchten ihr, die ſie lieben mußten, zu gleichen. Aber die Proſa in dieſer Zeichnung! Der irdiſche Zug an dieſem Engelsbilde? Ach, auch dieſer muß her⸗ aus. Serena iſt lendenlahm. Das Wort erſchreckt mich. Ich bin bereit, zu dem, was ich geſagt habe, nein zu rufen, und wenn du nun in Serena eine hinkende, lahme Figur ſiehſt, ſo rufe ich aus Leibeskräften:„Nein, nein, nein! Es iſt nicht ſo.“ Siehe eine anmuthige, vollkom⸗ men ſchöne Geſtalt, die durch eine kleine Biegung nach vorn, wenn ſie geht, nicht entſtellt wird. Es iſt eine ſanfte, wellenförmige Bewegung, die mehr einer an⸗ muthigen Ausnahme von der Regel, als einem wirkli⸗ chen Gebrechen gleicht. Iſt es die Erinnerung an ein Leiden, oder der Ton ihres ganzen Weſens, was dieſen Naturfehler ſo vollkommen überſchleiert? Genug, er flößt dem, der ſie ſieht, kein anderes Gefühl ein, als ein unwillkürliches Verlangen, ſie ſtützen zu dürfen. Serena's ſonſtiges Ausſehen kannſt du aus meiner Bremer, die Nachbarn⸗ 11 ——— —— 162 früheren Skizze von ihr entnehmen. Die Unſchuld auf ihrer Stirne, der klare Kindesblick mit dem Stern am blauen Himmel entzuckte mich, wie das erſte Mal und ich fand ſie beinahe noch ſchöner in der einfachen All⸗ tagstracht, als im Feiertagskleiv. Ich darf Gullgul nicht vergeſſen, der oft zwitſchernd ſeine ſchöne Herrin umflog. Auf meine Frage, wie das kleine Geſchöpf ſo zahm geworden, antwortete Madame Dahl:„In dem ſtrengen Winter vor zwei Jahren fand Serena eines Tags das Vögelchen halbtodt in der Hausflur. Sie nahm es zu ſich, pflegte und fütterte es. Der Sperling erholte ſich und ſchloß ſich an Se⸗ rena an, als verſtände er es wirklich, dankbar zu ſein. Es iſt wahr, Serena iſt zärtlich und freundlich gegen ihn, wie gegen Alles, was ſie in ihren Schutz nimmt.⸗ Gullgul flieat ſelbſt in ſeinen Käſig, um zu eſſen, iſt aber ſonſt bloß des Nachts eingeſperrt. Und jetzt zu mir— denn ich darf auch mich ſelbſt nicht vergeſſen. Madame Dahl bat mich zu fingen. (Es iſt doch recht angenehm, ein kleines Talent zu irgend Etwas zu beſitzen!) Ich gehorchte, machte meine Sache gut und erntete lebhaften Dank ein. Der alte Herr rief munter:„Jetzt muß Serena auch ein Stück⸗ chen ſingen.“ „Ach, Großvater,“ ſagte ſie erröthend,„wie würde ſich das ausnehmen, nach dem, was wir ſo eben ge⸗ hört haben?“ „Mein liebes Kind, erwiederte der Alte lächelnd, „bring' Madame Werner nicht auf den Glauben, daß du eitel ſeiſt.“ „Nein,“ antwortete Serena fröhlich,„und deßhalb ſoll Madame Werner auch meine ſchwache, heiſere Stimme hören.“ Sie ſetzte ſich ſogleich an's Inſtrument und ſang ein kleines, ſchönes, ächtes Lied von Lindeblad. Ihre Stimme war nicht heiſer, aber. und offenbar ungeübt. Aber ſie ſang mit ſo viel Seele, mit ſo viel — S c S 8 8 ————„———=— — ——„—.—,— rte ein. lbſt en. ine alte ück⸗ rde ge⸗ daß alb ſere ang hre bar iel 163 Ausdruck in Ton und Wort, daß ich meine innige Freude daran hatte. „Ja,“ ſagte der Greis, ſichtlich in innerſter Seele vergnügt,„das iſt mir lieber, als alle unſere Catalani, Mara, Dulcamara und wie die Künſßtlerinnen alle heißen mögen, die mehr Inſtrumente als Sängerinnen ſind. Dieſes hier begreife ich doch wenigſtens, ſowohl mit dem Herzen, als dem Verſtand. Hätte Serena nur Gelegenheit gehabt, zu lernen, ſo...“ Der alte Herr machte ein bedeutungsvolles Geſicht. „Gibt es denn keinen Geſanglehrer in der Stadt?“ fragte ich. „Keinen außer dem alten E., der erbärmlich falſch ſingt. Mehrere unſerer Angehörigen haben Serena nach Stockholm nehmen wollen, um dort ihre Talente aus⸗ bilden zu laſſen, aber ſie will uns nicht verlaſſen. Sie weiß wohl, daß wir uns ohne ſie nicht recht behelfen könnten. Deßhhalb iſt die Stimme in der Kehle ſtecken geblieben und ward noch überdieß heiſer, weil fie ſo viel Latein liest. Hier reichte der Alte Serena die Hand, die ihn mit kindlicher Herzlichkeit umarmte. Beide lachten. „Wenn du vom Geſang nicht müde biſt,“ fuhr der Greis fort,„ſo komm, mein gutes Kind, und lies mir ein Bischen Latein vor, in dem neuen Buche da, du weißt ſchon, von Victor... ich vergeſſe immer, wie der Kerl heißt. Willſt du, mein Kind?“ „Von Herzen gern,“ antwortete Serena und ſie gingen mit einander hinaus. „Liest Fräulein Löſoen wirklich Latein?“ fragte ich Madame Dahl etwas verwundert. Die gute Alte lächelte und antwortete:„Ach, es iſt bloß Spaß. Seit die Angen meines Alten ſo ſchwach geworden ſind, liest ihm Serena oft vor. Seine Lieb⸗ lingslektüre ſind Reiſebeſchreibungen und Romane, von welchen letzteren er ſagt, ſie erhalten ihn jung an der Seele. Nun kommen in dieſen v oft Stellen 1 3 164 vor, die Serena zum Vorleſen nicht ganz geeignet hielt und daher überhüpfte, oder wenn ſich das nicht wohl thun ließ, ſo ſagte ſie:„Da kommt etwas Lateiniſches.“ Mein Mann, der während des Leſens zuweilen halb ſchlummerte, ließ im Anfang die Entſchuldigung mit dem Latein gelten, obgleich er es ſonderbar fand, daß ſie ſich ſo oft wiederholte.„Das iſt doch eine ganz eigene Schreibart,“ ſagte er mitunter,„die unſere modernen Schriftſteller angenommen haben; es iſt eine verdammte Pedanterie“ u. ſ. w.; er war ganz böſe darüber. Aber eines Tags kam ſo viel Latein vor, daß mein Alter höchſt verwundert anfing, der Sache auf den Grund zu gehen. Sobald die Lektüre aus war und Serena ihn verlaſſen hatte, ſetzte er ſeine doppelte Brille auf und begann das vorgebliche Latein ſelbſt zu ſtudiren. Er entdeckte bald, wie es ſich damit verhielt, und das La⸗ tein wurde nun ein ſtehender Scherz mit Serena, die er allmählig überredete, es vor ihm mit den lateini⸗ ſchen Stücken weniger genau zu nehmen.“ Wir ſprachen noch Vieles von Serena und die gute Alte ſtrahlte von Vergnügen bei der Art, womit ich mich über ihren Liebling äußerte. Dann ſeufzte ſie und ſagte:„Sie iſt gegenwärtig weit weniger ſchön, als früher. Seit einem Jahre, meine ich, falle ſie ab, auch huſtet ſie zuweilen. Ich fürchte, das eingezogene Leben, das ſie bei uns führt, ſchadet ihr. Ihr Herr Gemahl hat ihr Landluft und Bewegung verordnet. Mehrere von unſern Bekannten haben die Güte gehabt, Serena auf ihre Landſitze einzuladen, allein ſie will uns nicht verlaſſen und wir wüßten wirklich nicht recht, wie wir ohne ſie leben ſollten. Beſonders mein Alter will durch⸗ aus Nichts davon hören, daß ſie uns verlaſſen ſoll. Wir haben daher daran gedacht, im nächſten Sommer ein kleines Landgut in der Nähe der Stadt zu miethen, wo Serena bei uns ſein und doch ihre Geſundheit pflegen kann. Inzwiſchen wird ſie jetzt ſo oft als möglich zu Pferd Touren auf's Land machen, und mein Alter und 165 ich wollen ſie zu Wagen begleiten. Wir gedenken, dieſe Kur in der nächſten Woche zu beginnen, wo Serena ein gutes und ſicheres Pferdchen erhält.“ Hier faßte ich die Alte und fragte eifrig, ob es nicht anginge, daß Serena ihre Spazierritte nach Ro⸗ ſenvik machte und hie und da einen Tag bei mir bliebe. Ich würde ſie dann ſo gut pflegen. Wir würden draußen in der friſchen Luft ſein, würden kuhwarme Milch trin⸗ ken, würden mit einanver ſingen, ſagte ich, und Gott weiß, was ich Alles noch ſagie, denn es kam eine Fluth von Beredtſamkeit über mich. Die liebe Alte dankte mir, ſah halb vergnügt, halb bekümmert aus, wußte nicht, ob es ſich werde machen laſſen, ſeufzte endlich und ſagte:„Will ſehen, was mein Alter ſagt, wir wollen mit ihm ſprechen.“ „Ich werde mit meinem Bär ſprechen„ dachte ich, „und bekomme ich ihn auf die Seite, wer wird dann widerſtehen können?“ Ich bekam den allergrößten Eifer, die Sache durchzuführen. Bär kam. Ich überrumpelte ihn gleich in der Thüre mit meinem Project. Mein ſüßer Bär, wenn du mich lieb haſt, ſo mußt du auf meine Seite treten und mit mir und für mich ſprechen, daß Serena nach Roſenvik kommen und einen Tag draußen bleiben darf. Siehſt du, ſie ſoll ausreiten, um ſich Bewegung zu machen— das haſt du ſelbſt verordnet, mein Engel.— Verordne nun auch, daß ſie zu uns reitet. Sag', es ſei noth⸗ wendig für ihre Geſundheit. Ich werde ſie pflegen, werde mit ihr ſingen. Sage dieß den Alten, ſprich mit ihnen und ſorge, daß es ſo wird. Du wünſcheſt es doch auch, mein herziges Bärlein?“ „Gott ſteh' mir bei! Welcher flux de bouche! Man tommt nicht zum Athem. Uf!... nun, ich ſehe, du haſt dich ſchon recht ordentlich eingewohnt im Hauſe, du Meerkatze.“ S„Alles mein eigenes Verdienſt und keines Andern, är.“ —— 166 Bär wurde von der Familie als ein ſehr lieber und geachteter Freund empfangen und bewillkommt. Er ſieht bei ſolchen Gelegenheiten immer ein wenig paſcha⸗ artig aus und nimmt alle Freundlichkeit und Ehre, die man ihm erweist, wie einen ſchuldigen Tribut auf. Auch mag es damit ſeine Richtigkeit haben. Da ich mich heute wirklich auf den proſaiſchen Standpunkt geſtellt, hatte ich beim Mittageſſen ein offe⸗ nes Auge für den Theil der häuslichen Einrichtung, ohne deſſen Vollſtändigkeit alle Poeſie des Lebens hier im Norden— wenigſtens in der Familie verdunſtet, wie Champagnerſchaum. Aber ich entdeckte hier bloß, daß ich noch recht viel von Serena zu lernen hatte, ſowohl im Kochen als im Anrichten und dergleichen. Seit einigen Jahren ſteht ſie dem innern Haushalt bei ihren Großeltern vor und ſcheint Alles vortrefflich zu machen. Das liebe Mädchen war eine aufmerkſame und angenehme Wirthin für den ganzen Tiſch, während ſie neben dem halbblinden Großvater ſitzend dieſem ihre beſtändige Sorgfalt widmete. Nach dem Eſſen fing ich an mit meinem Project auf Serena hervorzurücken. Bär warf ſich mit vieler Kraft und Vernunft auf daſſelbe Thema und wir ſetzten es glücklich durch. Der alte Dahl ſah im Anfang Etwas bedenklich aus; als ich ihm aber auseinanderſetzte, wie Serena und ich uns mit einander im Singen üben wol⸗ len, da willigte er vergnügt ein, ſchüttelte meine Hand und ſagte, das ſei ja ganz außerordentlich ſchön. Als Serena die herzliche Einwilligung ihrer Großeltern hörte, gab auch ſie ihre Freude über dieſen Plan zu erkennen, umarmte mich und ſagte mit einer Thräne im Auge, ich ſei doch gar zu gütig, daß ich mich ihrer und ihrer Stimme ſo annehmen wolle. Ich war ſeelenvergnügt, es war mir ganz leicht um's Herz und Alles ſchien mir entgegenzulachen. Der Nachmittag verfloß unter angenehmen Geſprächen. Herr Dahl ſprach lebhaft von Herrn von Romilly's —— 167 großer Schenkung und von all' den Vortheilen, die eine er Schuleinrichtung von der Art und dem Umfang, wie R. man ſie jetzt zu Stande bringen könne, der ganzen Ge⸗ ie gend verſchaffen müſſe. Der noch kräftige Greis war uf. bereits als Director in voller Wirkſamkeit für dieſelbe. Er ißt bei ſeinen ſiebzig Jahren noch ſo warm für Men⸗ ſchenwohl, als es nur je ein zwanzigjähriger Enthuſiaſt fe⸗ ſein kann. Wenn man ſo Etwas ſieht, bekommt man Luſt, lange zu leben. 6 Serena's Unterhaltung iſt unendlich anmuthig. et, Man kann zwar nicht ſagen, daß ihre Worte etwas ß Ausgezeichnetes enthielten, allein es geht von ihnen ein te⸗ gewiſſer Wohllaut der Seele aus, den ich— Weiblich⸗ keit nennen möchte. Ich wollte, ſie wäre meine Schwe⸗ bei ſter. Ach, könnte ich in ihr eine Freundin gewinnen! zu Dieſer Wunſch iſt lebhaft in mir erwacht. Sie iſt zwar me noch ſehr jung gegen mich und ſieht das Leben wohl nd anders an, als ich, allein ſie zieht mich mit unwider⸗ hre ſiehlicher Macht in ihre ſtille Engelswelt. Auf dem Heimweg ſprachen Bär und ich bloß von ect ihr. Bär war beredter, als er ſonſt bei irgend einem ler Thema zu ſein pflegt.„Sie iſt ein höchſt achtungswer⸗ thes junges Frauenzimmer„ſagte er unter Anderm;„es muß Jeden rühren, wenn er. ſieht, wie ſie ſich ſo ganz 5. für die alten Großeltern aufopfert und ihretwegen ſich i⸗ ſelbſt vergißt. Als Hausarzt habe ich ſchon gute Gele⸗ nd genheiten gehabt, mich davon zu überzeugen. Vier ganz As gute Heirathsanträge weiß ich genau, die ſie ausge⸗ ern ſchlagen hat— man ſpricht noch von mehrerenz immer zu unter dem Vorwand, ſie könne den, der um ſie ange⸗ äne holten, nicht lieben, aber der Hauptgrund iſt gewiß der, rer daß ſie die Alten nicht verlaſſen will. Sie zeigen gar zu deutlich, daß ſie nicht ohne ſie leben können. Vor icht zwri Jahren warb ein junger, äußerſt liebenswürdiger en. Enzländer um ſie, der ſterblich verliebt war. Er be⸗ en. kan einen Korb, wie die Andern, obgleich man glaubt, 's er ſei Serena nicht gleichgültig geweſen. Er machte ——— 168 auch kein Hehl aus ſeiner Verzweiflung, ſtürzte ſich in ein wildes Leben und nahm ein Jahr darauf ein un⸗ glückliches Ende. Man ſchrieb dieß der verzweifelten Lage ſeiner Verhältniſſe zu, allein gewiß war ſein ſchlech⸗ ter Erfolg in der Liebe die Haupturſache ſeines Unglücks. Dem ſei, wie ihm wolle, ſo viel bleibt wahr, daß dieſes Ereigniß einen ſtarken Eindruck auf Serena gemacht hat, daß ſie ſeitdem weniger vergnügt iſt und ihre Wan⸗ gen bläſſer geworden ſind. Aber ihre Ruhe und ihre Liebenswürdigkeit haben ſie dennoch nicht verlaſſen.“ „Möchte ſie auf Roſenvik Roſen und Freuden fin⸗ den!“ rief ich. Den 5. Juli. Ich habe ihn geſehen, ich habe ihn geſehen! den Waldmann, den Spion, Don Miguel, die perſonifizirte Artigkeit und Wohlthätigkeit, das Geheimniß, mit einem Wort, den Nachbar auf Ramm, Herrn von Romilly! Ich habe ihn geſehen und wenn ich noch fünfzig Jahre lebte und ihn nie mehr zu ſehen bekäme, ſo würde ich ihn doch nie vergeſſen. Iſt er denn ſo ſchön? Ich weiß nicht. Oder ſo häßlich? Ich weiß nicht. Oder ſo lie⸗ benswürdig? Ich weiß nicht. Wem ſieht er gleich? Ich weiß nicht. Iſt er ein Romanheld? Ich weiß nicht. Was iſt er denn? Ich weiß nicht. So hat mich Fräulein Hellevy Hausgiebel heute ge⸗ fragt, ſo habe ich geantwortet. Höre jetzt, meine Marie. Geſtern Nachmittag wurde ich angenehm durch ei⸗ nen Beſuch von meinen Schwägern und Schwägerinnen überraſcht. Ich hatte ſie ſchon alle möglichen Ent⸗ deckungsreiſen in meiner kleinen Welt machen laſſer, wir fingen bereits an, munter und heimlich zu werder, und entwarfen einen Plan, das Abendeſſen auf der Schwaneninſel einzunehmen, als auf einmal die Thöre geöffnet und von einer hohen, kräftigen und finſten Figur verdunkelt wurde. Ich erkannte auf den erften Anblick den Waldmann und ward ganz beklommen— in 1⸗ n ⸗ P ht n⸗ re n 169 ich begreife nicht, warum— und in mir rief es:„Sa⸗ miel! Samiel!“ Bär ging dem Ankömmling mit ſeiner gewöhnlichen offenen Freundlichkeit entgegen und hieß ihn willkommen. Der Fremde ſagte ſeinen Namen mit einer Stimme, die mir mißtönend erſchien. Bär ſtellte ihn mir vor und man ſetzte ſich. Es gibt keinen Menſchen in der Welt, der weniger fragt, als Bär, und Fremde beſonders können ewige Geheimniſſe für ihn ſein. Nicht ſo Jean Jacques. Er fragt die Leute ſogleich aus, wiewohl auf eine leichte Art, an der ſich Niemand ſtößt, wer nicht gar zu zart⸗ fühlend iſt. Nach einigen Minuten hatte er Herrn von Romilly gefragt, wie lange er ſchon in Schweden ſei, wie lange er hier zu bleiben gedenke, wie er ſich hier gefalle u. ſ. w. Man muß geſtehen, daß der Fremde ſeinen Frageeifer nicht aufmunterte, denn ich habe noch nie ſo kurze, unbeſtimmte und trockene Antworten geben hören. Deßungeachtet wurde ich von Jean Jaques gleich⸗ ſam angeſteckt und fragte auch— franzöſiſch wie die Andern— ob die ſchwediſche Sprache ſeinen Ohren nicht hart vorkomme. Zu meiner großen Verwunderung antwortete er auf Schwediſch, zwar mit ausländiſchem Accent, aber mit ganz veränderter melodiſcher Stimme: „Im Gegentheil, ſie ſcheint mir ſehr wohlklingend, be⸗ ſonders im Munde einer Dame.“ „Sie ſprechen Schwediſch!“ ſagte ich überraſcht. „Vor einigen Jahren,“ antwortete er in demſelben milden Tone,„brachte ich einen Winter in Schweden zu und lernte da Ihre ſchöne Sprache.“ Die Unterhaltung wurde nun auf Schwediſch fort⸗ geſetzt, aber Herr von Romilly nahm nur wenig Theil daran, obgleich Jean Jacques ſich alle Mühe gab, ihn in's Geſpräch zu ziehen, indem er Gegenſtände berührte, die dem Fremden bekannt ſein mußten; beſonders er⸗ zählte er ihm allerhand von Portugal, ſeinem Handel und ſeinen Kolonien. Hierauf kam das Geſpräch auf 17⁰ die Menſchenraeen, einen Gegenſtand, den Jean Jacques mit Sachtenntniß und Intereſſe abhandelte. Es ſchien mir jedoch, als ſei er ungerecht gegen die ſogenannte äthiopiſche Race, die er geradezu den Thieren gleich⸗ ſtellte und behauptete, die Neger ermangeln aller Fä⸗ higkeit zu einer höheren Kultur. Peter beſtritt dieſe Be⸗ hauptung zum Theil. Jetzt kam man auf den Sklaven⸗ handel. Zu meiner Verwunderung ſprach Jean Jacques für denſelben und behauptete, der Neger könne nur als Stlave des gebildeten Europäers eine Art Werth er⸗ halten und ein halbwegs beſtändiges Glück genießen. Peter bekämpfte dieſen Satz mit tiefen Gründen. Jean jacques führte Stellen aus Tarleton und Gascoyne für ſich an. Peter beantwortete ſie ſiegreich mit Aeuße⸗ rungen von Wilberforce und Canning. Bei dieſer gan⸗ zen Unterhaltung ſprach der Fremdling kein Wort, folgte jedoch dem Geſpräch ſichtbar mit dem allergrößten In⸗ tereſſe. Zuweilen ſchwebte eine Art höhniſches und bit⸗ teres Lächeln auf ſeinen Lippen, zuweilen blitzten ſeine dunkeln Augen von einem ganz beſondern Feuer. konnte meine Blicke nicht von ihm abwenden, allein ſeine Gedanken vermochte ich nicht zu ergründen. Doch ſchien es mir, als ob er mit größerem Vergnügen Jean Jac- ques anhörte, beſonders bei einer langen und eifrigen Rede, worin dieſer den niedrigen Standpunkt der Neger, beſonders in intellektueller Beziehung, mit einer Menge Beiſpiele zu belegen ſuchte und den Satz vertheidigte, die Ratur ſelbſt habe ihnen hier eine unüberſteigliche Gränze geſetzt.„Macht mit dem Reger, was ihr wollt“ — ſchloß Jean Jacques:„überſchüttet ihn mit Bildung und Aufklärung, ſein Verſtand wird jederzeit dem des Weißen als Sklave dienen; entwickelt alle ſeine Fertig⸗ feiten und er wird doch eine Maſchine in der Hand des Europäers bleiben. Er iſt von der Natur angewieſen, dieſem zu dienen.“ An Bär's Grimaſſen ſah ich, daß dieſe Rede ihm nicht gefiel, und als ſie zu Ende war, ſagte er mit ——, —————————— mit 171 Nachdruck„Ich weiß zwar nicht, ob der Reger eine hohe geiſtige Kraft entwickeln kann und weiß auch nicht, ob dieß der wichtigſte Punkt in der Menſchenbildung iſt— aber ich weiß, daß er ein Menſch iſt, und als ſolcher mein Bruder!„ „Bruder!“ rief Romilly mit einem Tone, der mich zuſammenfahren machte, ſo wunderlich, unheimlich und beinahe drohend klang er. „Ja, Bruder!“ brüllte Bär, der ſich immer mehr ereiferte,„und wer mit ſeiner Freiheit und ſei⸗ nem Leben Handel treibt, iſt ein Unthier, iſt ſchlimmer als ein Mörder.“ „Ein Mörder!“ wiederholte der Fremdling, mit ei⸗ nem krampfhaften Zucken der Augenbraunen und einer ſo düſtern Stirne, daß unwillkürlich ſich alle Blicke auf ihn hefteten. Der Ausdruck ſeines Geſichts veränderte ſich wieder, und ruhig, aber ernſt ſagte er zu Bär:„Mon- sieur, je pense entièrement comme vous.“ Hierauf ſchwieg er, ſaß ſtille in ſich verſenkt da und ſchien nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit mehr dem Geſpräche zu widmen, das Jean Jacques jetzt mit ſeiner gewöhnlichen Leichtigkeit auf andere Gegenſtände geführt hatte. Nach einer Weile erneuerte ich meinen Antrag wegen der Schwaneninſel und ſchlug vor, die Geſellſchaft ſolle ſich ſogleich dahin begeben, ich dagegen wolle etwas ſpä⸗ ter mit einem kleinen, noch zu bereitenden Abendbrode nachfolgen. Herr von Romilly muß an ſolchen Schäfer⸗ mahlzeiten keinen Geſchmack finden. Er entſchuldigte ſich, nahm Abſchied und als wir uns nach der Schwanen⸗ inſel in Bewegung ſetzten, ſahen wir ihn ſein ſchönes, ſchwarzes Roß beſteigen, und artig grüßend verſchwand er hinter den grünen Bäumen. Es wurde mir leichter um's Herz, als er weg war, und doch ſah ich ihm un⸗ willkürlich nach, mit dem Wunſche, noch einen Schimmer von dieſem düſter ſchönen Bilde zu erblicken. Wir fuhren nach der Schwaneninſel und verbrachten dort einen heitern Abend. Das grüne Gras gleicht alle Anſprüche 172 und Rangſtreitigkeiten aus. Jean Marie und Ebba tranken Milch aus einem und demſelben Glaſe. Doch ich kann jetzt von nichts Anderem, als von dem Fremd⸗ ling ſprechen, ich konnte den ganzen Abend nichts An⸗ deres denken(auch neckte mich Jean Marie wegen mei⸗ ner Zerſtreutheit). Ich kann mir ſein Bild nicht aus dem Sinne ſchlagen. Ich habe jetzt den vielbeſproche⸗ nen Nachbar von Angeſicht zu Angeſicht geſeben und weiß doch nicht, was ich von ihm ſagen ſoll. Der erſte Eindruck, den er macht, iſt der großer Einfachheit und zugleich großer Kraft. Aber dieſe Kraft empfindet man als etwas Drückendes. Er erinnert an eine ſchöne Donnerwolke. Er iſt ſehr groß, von ſtarkem Körperbau, eher dick, als mager. Sein Geſicht iſt kräftig und männ⸗ lich; die Farbe ſehr dunkel. Einige Narben, vermuth⸗ lich von Säbelhieben, entſtellen ihn nicht. Ueber dem Mund ſpielt zuweilen ein angenehmer Zug; was aber das ganze Geſicht verderbt und ihm etwas Unheimli⸗ ches, ja beinahe Häßliches gibt, iſt ſeine Gewohnheit, die großen, ſchwarzen Augenbraunen zuſammenzuziehen, die dann beinahe in einer geraden Linie über der Naſe aneinanderſtoßen. Wenn ſie wieder auseinandergehen, leuchtet das Geſicht, ſo daß man geneigt iſt, zu ſagen: „Es iſt ſchön.“ Unter dieſen Braunen liegt ein Paar Augen, auf die ich mich nicht verſtehe. Sie ſcheinen mir abwechſelnd in Schwarz und Brandgelb zu ſpielen. Mit⸗ unter ſehen ſie lange nicht auf, auch wenn der Mund ſpricht; manchmal aber heften ſie ſich mit einem ſo ſcharfen und durchdringenden Blicke feſt, daß man un⸗ willkürlich die ſeinigen niederſchlagen muß. Mitunter ſehen ſie auch wieder auf einmal mit einem Blicke auf, der einer Nacht gleicht, aus welcher Flammen blitzen. So blickten ſie, als er die Worte:„Bruder“ und„Mör⸗ der“ ſprach. Dieſe wunderlichen und haſtigen Abwechs⸗ lungen finden ſich auch in ſeiner Stimme, und es ſollte mich wundern, wenn ſie nicht noch tiefer gingen. Etwas an ihm ſcheint mir Unheil zu verkünden, denn ich habe it⸗ n⸗ ter uf, r⸗ ⸗ lte as be 173 dieſelbe Eigenheit ſchon bei einigen ſehr leidenſchaftlichen Menſchen bemerkt, nämlich eine Ader an ſeinem Schlafe, die vollkommen die Geſtalt eines Donnerkeiles hat, zu⸗ mal wenn ſie für einen Augenblick ſtark anſchwillt. Im Uebrigen gefiel mir ſein Weſen; es iſt durchaus ein⸗ fach, ohne eine Spur von Zwang oder irgend einen Anſpruch, und doch hat er nichts Offenes, nichts, was Vertrauen einflößt. Er ſcheint mir einer gewaltigen Naturkraft zu gleichen; ich weiß nicht, iſt ſie gut oder böſe, wird ſie zerſtören oder glücklich machen. Aber wenn dieſe wunderbaren Augen ſich in Liebe auf Jemand heften, wenn dieſe Stimme Worte der Liebe ſprechen würde— dann glaube ich, wären ſie gefährlich. Ueberhaupt habe ich nie Jemand geſehen, der ſo ſehr einem Geheimniſſe gleicht. Ich fühle große Luſt und doch zugleich eine ge⸗ wiſſe Scheu, ihm beſſer auf den Grund zu kommen. Aber Gott ſei Dank, daß mein Bär kein düſteres Geheimniß, daß ſeine Seele klar und offen iſt, wie Gottes Tag! Darauf beruht doch die Seligkeit des Zu⸗ ammenlebens und der Friede des Hauſes. Den 6. Juli. Morgen kommt Baron Stellan S. Ich kann nicht ſagen, daß ich mich auf ihn freue. Bär iſt von den Anſtalten zu ſeinem Empfange etwas in Anſpruch ge⸗ nommen. Es gibt kaum etwas im Hauſe, was koſtbar genug für ihn wäre. Er ſoll gehegt und gehätſchelt werden, wie eine gefallſüchtige kleine Gräfin. Es iſt eine mißliche Sache um die Bewirthung eines ſo feinen verzogenen Herrchens, beſonders auf dem ländlichen Ro⸗ ſenvik. Ja, ja, Bär, er ſoll deine türkiſchen Pantoffeln bekommen. Das ächte Porcellainwaſchbecken? Ja, ja, liebes Kind. Dein Goldjunge ſoll Alles haben. Ich wollte, der Kammerherr ſäße in Konſtantinopel. Aber Bär iſt ſo vergnügt. Er hat die Menſchen lieb, und ihm zu Liebe will ich jetzt auch menſchenfreundlich er⸗ ſcheinen. 174⁴ Den 10. Juli⸗ Baron Stellan iſt hier. Nun, der Vetter läßt ſich recht brav an. Er iſt artig, liebenswürdig, zeigt ſich mit Allem zufrieden, und man kommt unendlich leicht mit ihm aus. Er geht mit Bär ſpazieren, ſpricht mit ihm von Politik und Phyſik. Mir liest er vor, oder plaudert angenehm, während ich nähe. Man wird mit ihm bald ſo bekannt, als hätte man ihn ſchon vor meh⸗ reren Jahren geſehen. Es iſt wahr, das Leben auf dem Lande trägt viel dazu bei, beſonders wenn man ganze Tage beiſammen iſt. Bär hat mich gebeten, Venter Stellan zu Liebe daheim zu bleiben und dafür zu ſorgen, daß er Behaglichkeit und Vergnügen in unſerm Hauſe finde. Bär liebt ſeinen früheren Mündel wirklich von Herzen. Siebe hier ſein Porträt mit wenigen Federzü⸗ gen. Ich möchte ihn beinahe einen Gegenſatz zu Herrn von Romilly nennen. Dieſen verglich ich mit einer großen, aber wilden Naturſcene. Vetter Stellan möchte ich mit einem ſchönen, vollkommen geordneten, engliſchen Park vergleichen. Die feine Bildung hat Vetter Stellan abgeſchliffen und ihr Beſtes an ihm gethan. Seine ſchöne, angenehme Geſtalt präſentirt ſich leicht und gut. Die Ungezwungenheit in ſeinem Weſen läßt ſeine Natur⸗ gaben nur um ſo angenehmer hervortreten. Der Mund, über welchen zuweilen ein feines, etwas ſarkaſtiſches Lächeln ſchwebt. zeigt, wenn er ſich öffnet, die ſchönſten Zähne, deren Weiß durch das Dunkel des Schnurrbarts doch gehoben wird. Die Augen ſind nicht groß, haben aber einen ſchönen Blick, und über die weiße Stirne fällt das hellbraune Haar in anmuthigen Locken. Die Toi⸗ lette iſt äußerſt ſorgfältig und ſehr geſchmackvoll. Was ſoll ich noch mehr ſagen? Vetter Stellan beſitzt mehrere Talente, er zeichnet gut, ſingt gut, iſt ſehr angenehm in der Unterhaltung und verbindet mit Allem dieſem— wenigſtens auf dem Lande— eine Anſpruchslofigkeit in Ton und Weſen, die man ihm hoch anſchlagen muß, deſonders wenn man ſeine Stellung im Leben und ſeine — 8SSS SSSS — tit er nit = m ze ter n, ſe on er hte en ine ut. ur⸗ nd, es len rts en illt oi⸗ as ere in in uß, ine 17⁵ Ausſichten bedenkt. Die Toilette ſcheint ihn faſt zu ſehr zu beſchäftigen. Doch darin liegt nichts Böſes. Dieß iſt ſo natürlich, wenn man jung, reich und ſchön iſt. Den 12. Er iſt doch wunderlich, der werthe Vetter Stellan, und ich weiß nicht recht, was ich aus ihm machen ſoll. Für's Erſte ſehe ich, daß er kein guter Chriſt iſt. Geſtern Abend ſprach er viel von der mohammevaniſchen Reli⸗ gion; er nannte ſie die vernünſtigſte, die vorzüglichſte aller Religionen und pries den Koran als das weiſeſte Buch. Er geſtand ganz offen, er wünſchte von ganzem Herzen, als Türte oder Perſer geboren zu ſein und ſeine Tage in orientaliſcher Gemächlichkeit dahinzuleben, ein Serail zu haben u. ſ. w. Ich wurde ernſtlich böſe über dieſe Reden, ereiferte mich gegen den Koran, ohne viel von ſeinem Inhalt zu wiſſen und äußerte große Verach⸗ tung für alle dieſe türkiſchen Ideen. Vetter Stellan ließ ſich dadurch nicht ſtören. ſondern ſagte ſeine Gedanken über das höchſte menſchliche Glück gerade heraus. Es war nichts weniger als erbaulich, dieß anzuhören⸗ Ich wurde ein wenig böſe und ärgerte mich außerdem ſo⸗ wohl über meine eigene Hitze, als über Stellan's Kalt⸗ blütigkeit, namentlich aber auch über Bär, der nie ein Wort ſagte, ſondern bloß die abſcheulichſten Grimaſſen machte und dazu an ſeiner Schachkönigin ſchnitzelte. Das Geſpräch wurde durch das Nachteſſen unterbrochen und nachher nicht wieder aufgenommen. Ehe jedoch Bär ſich zur Ruhe begeben durfte, mußte er mir für die Moral ſeines Goldjungen Rede ſtehen. Ich muß ſagen, daß ich mit der Bär's auch nicht ganz zufrieden war, wenigſtens im gegebenen Falle nicht. Er nahm Stellan gar zu ſehr in ſeinen Schutz und verſicherte, daß er trotz ſeiner türkiſchen Jdeen der ehrenwertheſte Menſch ſei, der nie eine Schlechtigkeit begehen könne.„Sein einzi⸗ Er Fehler,“ ſagte Bär,„iſt ein wenig Leichtfinn in eziehung auf die Frauenzimmer, allein dieſer Fehler 176 findet ſich ſo allgemein bei jungen Männern, daß man ihn ihm nicht ſo ſtreng anrechnen darf.“ „Gut, mein Bär,“ ſagte ich,„ich will mir das hinter's Ohr ſchreiben, und wenn er in deiner Abweſen⸗ heit aus ein Bischen Leichtſinn mein Herz zu gewinnen ſucht, ſo will ich denken, dieß ſei eine ganz gewöhnliche Sache bei jungen Männern, und nicht gar zu ſtreng gegen ihn ſein.“ Bär ſah ſo verwundert, ſo verblüfft aus, daß ich herzlich lachen, ihn in den Arm nehmen und aus ſeinem Irrthum ziehen mußte. Zuletzt ſtimmte er mit mir voll⸗ kommen dahin überein, daß es ſehr gut wäre, wenn Stellan zu geſunderen Prinzipien käme, ſolid würde und eine gute Heirath machte. Seine Mutter und ſeine ganze übrige Familie wünſchen ſehr, daß er ſich ver⸗ mählen ſolle, allein Vetter Stellan zeigt nicht die min⸗ deſte Luſt dazu. Bär munterte mich zu wiederholten Malen auf, mit ihm vom Glück der Ehe zu ſprechen. Ich werde es wirklich nicht unterlaſſen und ihm dabei duch den Katechismus ein wenig verleſen. Er iſt noch kein Sultan und muß es ſich wohl gefallen laſſen, die Wahrheit zu hören. Den 13. Abends. Meine liebe Marie, ich beſitze gewiß mehrere Eigen⸗ ſchaften eines guten Predigers, Glauben, Ernſt, Eifer, aber leider nur nicht die Ueberzeugungsgabe. Willſt du jetzt, gute Marie, meine Predigten und ihren Erfolg hö⸗ ren? Bär war am Vormittag wie gewöhnlich bei ſeinen Patienten in der Stadt. Ich ſaß am offenen Fenſter und nähte. Mein Herz war leicht, ich ſang zu meiner Ar⸗ beit mit den Vögelein in den Syringenbüſchen in die Wette. Da kam Stellan herein, ſetzte ſich neben mich und fing an, einige ſchöne Monatsroſen, die in einem Glas auf dem Tiſche ſtanden, zu zerpflücken. Ich ge⸗ dachte, dieſe Gelegenheit wahrzunehmen und fühlte mich im Geiſte erweckt, ihm eine Vorleſung zu halten. Um n⸗ er, ö⸗ 177 das Geſprãch einzuleiten, fing ich— vielleicht nicht über⸗ mäßig geiſtreich— damit an, ihm freundliche Vorwürfe über die Zerſtörung der Blumen zu machen, welche auf⸗ bewahrt ihm mehr Vergnügen gewähren würden. Er antwortete, indem er mit ſeiner Arbeit fortfuhr:„Sie würden jedenfalls ſchnell verwelken. Gerade ihre Ver⸗ gänglichkeit macht ſie mir angenehm. Ich weiß keine langweiligeren Blumen als Eternellen.“ Du ſiehſt leicht, zu welchem Weg die Pforte jetzt geöffnet war. Ich lenkte raſch auf denſelben ein und führte das Geſpräch auf das Kapitel der Ehe. Ich ſtürmte gewaltig los über Stellan's Lieblingsideen und pries die wahrhaften und reinen Freuden des Lebens im Gegenſatz zu den flüchtigen Vergnügungen bei einem flatternden Schmetter⸗ lingsdaſein. Mit glühenden Farben, die ich aus meinem Herzen nahm, malte ich das ſchöne und unendliche Glück, das ſich aus einer glücklichen Ehe entwickele. Vetter Stellan antwortete mir Anfangs bloß aus⸗ weichend, bald mit einem kleinen Scherz, bald mit Artig⸗ keiten, wie z. B.:„Wenn alle Frauen Franzisken wären, ſo würde ich mich ſchnell zur Ehe bekehren. Wenn alle Ehen der Ihrigen glichen u. ſ. w. Ich ſtellte mich, als höre ich dieſes nicht und nahm in meinem Eifer, ihn zu verheirathen, ein ſchönes und artiges Mädchen nach dem andern vor. Aber Stellan fand an Allen Fehler. Die eine hatte zu große Hände, die andere ſchlechte Zähne, die dritte kleidete ſich ſchlecht, die vierte hatte einen zerriſſenen Teint, die fünfte eine ſchrillende Stimme u. ſ. w. Ich ärgerte mich zuletzt über alle dieſe Schwierigkeiten und fragte ihn, ob er denn ſich ſelbſt für ſo übertrieben prächtig halte.„Nein, Gott bewahre!“ antwortete er mit ſeinem angenehmen Schnarren in der Stimme. Ich ſah ihm jedoch an, daß er ſehr wohl mit ſich ſelbſt zufrieden war. Da ich nun nicht leugnen konnte, daß er ungemein ſchön und angenehm iſt, ſo begann ich von dem innern Menſchen Bremer, die Nachbarn. 12 178 zu reden, warf ihm ſeine Oberflächlichkeit vor, ſagte, wie äußere Vorzüge nur Staub ſeien und pries dage⸗ gen die Schönheit der Seele beſonders bei einem Paar von den Frauenzimmern, deren Hände und Zähne er getadelt hatte. Dabei ſagte ich die ſchönſten Sachen vom Familienleben und pries und rühmte es ſo eifrig, wie nur die ſelige Mamſell Rönnqviſt. Ich wurde ſelbſt ganz warm und gerührt bei meinen Schilderungen, aber Stellan kühlte mich ab durch ein affectirtes Gähnen und ein leiſes Summen nach der Melodie des„alten Noah.“ Zetzt wurde ich beinahe ärgerlich und ſagte ihm, er ſei tin Heide und ein Orangutang, unwürdig der Hand eines edlen Mädchens, und verdiene nicht, das höchſte und reinſte Glück auf Erden zu genießen. Auf einmal wurde Stellan ganz ernſthaft und ſagte: „Aber iſt denn das Glück, von dem Sie ſprechen, Fran⸗ ziske, wirklich vorhanden? Iſt es nicht wie der Vogel Phönix, bloß eine ſchöne Dichtung auf Erden? Fran⸗ ziske, Sie ſcheinen in der Sache ſo ſicher, ſo gut zu Hauſe zu ſein. Nun, ſo nennen Sie mir doch unter den Familien, die Sie kennen, eine einzige wirklich glück⸗ liche, wirklich einige, welche die Bande, die ſie zuſammen⸗ hält, ſegnet, aber nicht bloß in Augenblicken, ſondern unter allen Wechſeln ihres Lebens. Nennen Sie mir eine ſolche Familie, Franziske.“ Stellan ſah mich ſcharf und ernſt an und ich begann nachzudenken und zu ſuchen. Iſt es nicht äußerſt fatal, daß uns oft gerade die Worte, die Dinge, die wir brauchen, entfallen und ſich immer mehr verbergen, je mehr wir ſuchen? So ging es jetzt mir mit der glücklichen Familie. Ich meinte eine Menge ſolche zu kennen und konnte jetzt nicht eine einzige an⸗ führen. Ich ſuchte und ſuchte, ich ſprang bei allen mei⸗ nen Bekannten von Haus zu Haus herum und wurde endlich ängſtlich und warm, denn ich fand nirgends Alles, was ich ſuchte. Mit heimlicher Schadenfreude ſaß Stellan da, ſah mich an und wartete. Um mich und das Familienglück zu retten, gedachte ich mich jetzt — 8 ——————„——„—— c—.—— 3 D— 8S— ———— zu un 179 gegen Stellan's übertriebene Forderungen zu reſerviren und begann alſo:„Das vollkommene Glück findet ſich nirgends auf Erden...“ Stellan unterbrach mich und ſagte: „Sie haben Recht, Franziske, und am allerwenig⸗ ſten findet es ſich im Familienleben. Die Ephemere, Menſch genannt, kann auf Erden eine Freude, ein Glück nur unter der Bedingung genießen, daß ſie als Ephe⸗ mere lebt, daß ſie ſich gleich dem Schmetterling auf den Zweigen der Bäume ſchaukelt, den Saft der Blume ausſaugt und nicht wie dieſe ſich an die Erde feſſelt. Thut man das, ſo wird man ſchnell der Raub der Würmer und zu Staube; Alles, was das Leben Schwer⸗ fälliges und Unſchmackhaftes hat, ſeine dicke, langweilige Proſa kommt dann über uns. Die Flügel der Pſyche fallen ab, der Schmetterling wird zur Kohlraupe. Glau⸗ ben Sie mir, Franziske, ich habe mehr vom Familien⸗ leben geſehen, als Sie, und viel zu viel, um es preiſen und für mich ſelbſt die Rolle eines pére de famille wünſchenswerth finden zu können. Die Familie iſt ein Juſtrument, das nothwendig früher oder ſpäter ver⸗ ſtimmt wird; dieß liegt ſchon in der Natur der Saiten ſelbſt und in ihrem Verhältniß zu einander. Ich will Ihnen dieß an einigen Familien, die ich kenne, nach⸗ weiſen. Ich könnte mit meiner eigenen anfangen, denn auch ich, Franziske, habe Eltern und Geſchwiſter gehabt, auch ich habe eheliche Streitigkeiten mit angehört und mich ſelbſt mit meinem eigenen Fleiſch und Blut ärger⸗ lich herumgezankt. Aber jetzt iſt das vorbei; wir haben unſere Intereſſen getrennt, wohnen nicht beiſammen und ſind dadurch gute Bekannte geworden.“ „Ich will von A' reden. Sie brachten ſich, glaube ich, recht gut fort, bis ihre Kinder heranwuchſen. Dieſe hatten eine mangelhafte Erziehung erhalten. Sie ge⸗ riethen ſchlecht. Die Eltern ſitzen jetzt durch ſie in Sorge und Armuth da.“ 12* ——— 180 „B's ſchlugen einen andern Weg ein. Sie waren ſtreng und deſpotiſch. Zetzt ſitzen ſie allein. Die Kin⸗ der ſind aus dem Hauſe geflohen und ſcheuen es mehr als ein Gefängniß.“ „C's machten es zu ihrem wichtigſten Geſchäft, ihre Kinder gut zu erziehen. Sie ließen ſie Alles lernen, hielten ihnen Lehrer zu allem Möglichen, ſparten keine Koſten und ſahen eine Zeit lang ihre Luſt und ihren Stolz in den Fortſchritten ihrer Kinder. Die Kinder wurden geſchickt und ausgezeichnet und— verachteten ihre Eltern, die gegenüber von ihnen nur unwiſſende Menſchen waren. Still vergrämten ſich die Alten als Schatten neben ihren glänzenden Kindern.“ „Mit D's ſieht es beſſer aus. Sie haben keine Kinder und ſind reich. Sie geben prachtvolle Soupers noch jetzt, wie vor dreißig Jahren. Aber, wenn Sie ſie in der Nähe ſehen würden, wenn ſie die Leere, die Kälte in ihrem Leben kennten. hu! Die Speiſen auf ihrem Tiſche ſind das Einzige, was ſie noch er⸗ wärmt und zuſammenhält.“ „Bei Eis ging es lange recht munter zu. Sie waren heiter, freundlich, gaſtfrei. Ihre Töchter wurden die drei Grazien genannt. Das war ein Bankettiren und Courſchneiden. Die Jahre vergingen. Die Grazien wurden alt im elterlichen Hauſe. Sie verwelkten zu⸗ ſammen. Die Welt vergaß ſie. Sie blieben allein bei einander und vergrollen jetzt ihr armes Leben. Abends ſitzen ſie um einen runden Tiſch, zünden Licht an und warten auf Beſuche, aber— es kommt Niemand.“ „Ich will nicht von F's reden. Der Mann hat ſeinen eigenen Willen, die Frau deßgleichen; da iſt be⸗ ſtändig Unwetter. Die Kinder pflegen zu ſagen:„Wenn es nicht von Norden ſtürmt, ſo ſtürmt es von Süden, aber immer iſt es Nordwind.“ „Wenn man ſich nur auf's Ausgleichen verſteht, ſagte die gute Frau G., wenn ſie eine Breſche ausge⸗ glichen hatte, die ihr heftiger Mann in's Haus geſchoſſen. c P ————,——,„—— 8——— — [ un h, t, e⸗ n. 181 So hat ſich dieſe Familie fortwährend ausgeglichen und allmälig aus aller Behaglichkeit und aller Ordnung hinausgeglichen. Sie gleicht noch immer aus, hält noch zuſammen und vricht nicht. Sie iſt in einem Zuſtand beſtändiger Kurzathmigkeit, erſtickt nicht und lebt nicht.“ „Meine Mutter wollte, ich ſollte mir im H'ſchen Hauſe eine Frau ſuchen. Ich ging eines Abens hin. Es ſah recht brav aus. Die Töchter ſchön und gut gekleidet. Alles parfümirt und behaglich. Eines Vor⸗ mittags ging ich wieder hin. Ein paar— unreine Strümpfe lagen auf einem Stuhle im Salon. Ein infamer Geruch von ſaurem Kleiſter kam mir entgegen. Ich ging in ein anderes Zimmer. Die Fräuleins flo⸗ gen auf von den Webſtühlen.. Es iſt eine vortreff⸗ liche Sache um die Häuslichkeit, allein das Weben deran⸗ girt die Toilette ganz verzweifelt und der Geruch von ſaurem Kleiſter iſt nun einmal meine Antipathie. Sau⸗ rer Kleiſter und häusliches Glück reimt ſich nach mei⸗ nem Gefühle nie zuſammen.“ „Aber das iſt kindiſch!“ rief ich.„Mit einer ſolchen Ekeligkeit taugen ſie gar nicht zum Erdenleben.“ „Nun,“ erwiederte er,„ich gebe zu, daß dieß klein⸗ lich klingen mag. Allein ich geſtehe, daß es nun ein⸗ mal meine Natur iſt. Der ſaure Kleiſter der Häus⸗ lichkeit ſchreckt mich ab, Hausvater zu werden.“ „Mein Freund J. war ſeit vier Jahren verhei⸗ rathet und ich hatte ihn ſeither nicht geſehen. Vor eini⸗ ger Zeit reiste ich in die Gegend, wo er wohnt, und folgte einer Einladung in ſein„idylliſches Heimweſen.“ Im erſten Zimmer lagen zwei barfüßige Mägde und putzten. Im zweiten wäre ich beinahe umgefallen, in⸗ dem ich mich in eine Schnur verwickelte, mit der ein Webſtuhl an den Ofenfuß gebunden war. Vom dritten aus hörte ich gellendes Kindergeſchrei. Ich wartete einige Minuten, ob es nicht aufhören werde, endlich aber wurde es mir zu lange und ich machte mich halb ———— —— 182 taub mit einem Sprung über die Waſſerkübel aus die⸗ ſem„ivylliſchen Heimweſen“⸗ fort.“ „Sie wählen auch Ihre Beſuchszeiten ſehr ſchlecht,“ ſagte ich verdrießlich.„Soll man denn in ſeinem Hauſe nicht putzen laſſen? und müſſen kleine Kinder nicht m ſchreien? Soll man nicht Geduld mit ihnen aben?“ „Allerdings, Franziske. Aber gerade, weil ich dieſe ſchöne Geduld nicht habe und dieſe Familienfreuden nicht ſo beneidenswerth finde, deßwegen paſſe ich auch ganz und gar nicht für den Eheſtand. Indeſſen habe ich noch wichtigere Einwendungen gegen das häusliche Leben. Es liegt in den Menſchen Eiwas, was ſie ewig von einander abſtoßt. Je mehr die Individuen in nahe und dauernde Berührung gebracht werden, um ſo mehr fühlt man dieſe Steine des Anſtoßes, um ſo mehr verwunden dieſe Ecken und Zacken. Aeußere Umſtände tragen dazu bei; man drängt einander ſo leicht, man iſt ſich im Wege und die Rückſichten, die man für einander hat und haben muß, gleichen ebenſo vielen Bleigewichten für Freiheit und Genuß. Wenn Alle für einander leben ſollen, lebt eigentlich Keiner voll und glücklich für ſich. Ich leugne nicht, daß es in der Ehe und im Familien⸗ keben ein hohes und auch dauerndes Glück geben kann, allein ſolche Familienleben gehören zu den ſeltenen Ausnahmen, zu den Echo's, die noch von einem ver⸗ lorenen Paradies herüberklingen. Und da einmal davon die Rede iſt— was ſagen Sie von dem Apfel, der in der Geſchichte Adam's und Eva's vorkommt? Er hat ſich fortgeerbt, und die meiſten Familien auf Erden bekommen in einen Apfel zu beißen, aus welchem Zwietracht und Noth entſteht. Wollen Sie wiſſen, Franziske, wo der größte Mangel, der größte Ueber⸗ druß, der größte Neid, die größte Bitterkeit und der tiefſte gegenſeitige Haß zu Hauſe ſind; wollen Sie wiſſen wo ſich die thränenreichſten Augen, die bleich⸗ ſten Wangen, die freudeloſeſten, matteſten Herzen finden —1 183 ⸗— ich will Ihnen dieß Alles in der Ehe, im häuslichen Kreiſe, mit Einem Wort, im Familienleben zeigen.“ . Ich kann dir nicht ſagen, wie mir bei dieſen Schil⸗ e derungen Stellan's zu Muthe wurde. Ja, denn ich t mußte in Vielem die Wahrheit ſeiner Darſtellung an⸗ n erkennen und ovbgleich ich ſeinen Standpunkt einſeitig fand und über einige Züge, wie z. B. über den ſauren e Kleiſter, lachen mußte, ſo gaben mir doch andere wahre n Stiche in's Herz. Es graute mir bei dem Gedanken, h wie viel geiſtige Armuth, wie viel tiefes Elend mit dem h Familienleben verbunden iſt. Aber ich liebte die Idee 1. deſſelben, ich glaubte daran, ſie war gleichſam zuſam⸗ n mengewachſen mit dem Beſten, was ich in mir hatte. d Jetzt glaubte ich ſie von Stellan entheiligt, ich füblte lt Zorn, fühlte Angſt und Schmerz und tauſend gemiſchte n Befühle machten, daß ich in Thränen ausbrach und u beinahe ſchrie:„Aber ich bin glücklich, Bär iſt glück⸗ m lich, wir ſind glücklich!“ at„Ja, jetzt in den Flitterwochen, ein, zwei, vielleicht en drei Jahre,“ ſagte der unbarmherzige Stellan—„aber n laſſen Sie die Jahre, laſſen Sie Kinder, laſſen Sie h. die Sorgen kommen ₰3. B. Sie bekommen zehn ⸗ Mädchen;— was wollen Sie mit ihnen allen anfan⸗ n, gen? kein Geld, kein Liebhaber; die eine lahm, die an⸗ n dere ſerophulös.. r⸗„Zehn Mädchen!“ ich erſchrack, ich ſah ſie Alle n um mich her, groß, lang, fordernd, daß ich ihnen Glück er geben ſollte, wie ich ihnen das Leben gegeben; ich ſah Er die Eine gebrechlich, die Andere ſcrophulös— ich ſank en nieder unter dieſer Laſt, die mich überwältigte, und wäh⸗ m. rend ich weinte, ohne ein Wort ſagen zu können, ſtand n, Stellan auf, warf meine letzte Monatsroſe weg und r⸗ ging hinaus, der Abſcheuliche. Ich wünſchte beinahe, er ihn nie wieder zu ſehen. ie Zehn Mädchen! Ich konnte lange an nichts An⸗ h⸗ deres, als an dieſe Worte denken und weinen. Aber en 184 allmählig ſuchte ich mich zu beruhigen und fing an, ernſtlich und als gute Chriſtin die Sache zu überlegen. Und ſie bekam nach und nach ein ganz verändertes Aus⸗ ſehen. Ich erſchrack nicht mehr vor meinen zehn Mäd⸗ chen, ich wurde ganz vertraut mit ihnen. Ich wollte mich ihnen ganz widmen, wollte ſie zu gottesfürchtigen und fleißigen Menſchen heranbilden; ſie ſollten fröhlich und gut werden, ſollten einander lieb haben und ſich getroſten Muthes in der Welt ſehen laſſen. Je mehr ich mein Familiengemälde betrachtete, um ſo freundli⸗ cher wurde es. Ich fing ordentlich an, meine zehn Mädchen zu lieben und am meiſten die Lahme und die Scrophulöſe. Ich machte mir keine Täuſchungen vor, allein ich fühlte in meinem geſtärkten Herzen, daß es wirklich ſo kommen könnte, daß ich aber mit Gottes und Bär's Hülfe meine zehn Mädchen glücklich machen würde, und ich dachte daran, wie ich am jüngſten Tage ſo reich kommen und ſagen wollte:„Vater, bier bin ich mit den Kindern, die du mir gegeben haſt.“ So dachte, ſo fühlte ich, und ich wurde ruhig und fröhlich in meinem Ge⸗ müthe. Ich ging in den Birkenhain hinaus, um meine rothen Augen und Wangen abzukühlen; dann hatte ich etwas in der Küche und Speiſekammer nachzuſehen und über dieſen Beſchäftigungen meine zehn Mädchen beinahe vergeſſen; aber als Bär nach Hauſe kam, fie⸗ len ſie mir auf einmal wieder Alle ſehr ſchwer auf's Herz. Ich wurde wieder recht kindiſch. Als Bär kam, um mich zu küſſen, nahm ich ihn um den Hals und ſagte weinend und lachend zugleich:„Nicht wahr, Bär, du wirſt mich lieb haben und vergnügt ſein, und wir werden glücklich ſein, wenn wir auch zehn Mädchen be⸗ kommen und du wirſt ſie alle lieben, wenn ſie auch lahm und ſcrophu— Ich konnte mich nicht recht ausſprechen. Der gute Bär! Er machte eine ſchreck⸗ liche Grimaſſe und ſah aus, als hätte er bereits ſeine zehn Mädchen am Halſe. Als er mich aber ſo aufge⸗ regt ſah, wurde er wirklich unruhig, gab mir ein Glas ————„ cn Waſſer und bat mich, Schwediſch zu ſprechen.(Er meinte vermuthlich, die zehn Mädchen ſeien etwas He⸗ bräiſches.) Ich erklärte ihm die Sache auf gut Schwe⸗ viſch, und jetzt lachte er gutmüthig und verſicherte mich, wir werden immer glückiich ſein und er werde immer mich und alle die Kinder, die ich ihm ſchenke, lieben. In dieſem Augenblick trat Stellan ein. Er ſchien ver⸗ legen und betrübt, als er mich ſo aufgeregt ſah, aber in der Freude meines Herzens reichte ich ihm die Hand und rief:„Wir werden glücklich ſein, mein Bär und ich, wir werden glücklich ſein, auch mit zehn Mädchen und wenn ſie alleſammt mißgeſtaltet wären. Wir wer⸗ den einander und ſie lieben.“ Stellan wurde wirklich gerührt; er erröthete, küßte meine Hand und bat um Verzeihung wegen ſeines un⸗ artigen Scherzes. Bär war engelgut gegen mich und wollte ſich nicht zu Tiſche ſetzen, bis ich ruhig gewor⸗ den wäre. Ich beeilte mich damit, konnte aber doch keinen Biſſen recht hinabbringen. Ich glaube, meine zehn Mädchen ſaßen mir im Halſe. Ueberdieß ſchien es mir, als ob Bär mich zuweilen mit einer großen Be⸗ fangenheit anſehe. Zehn Mädchen! Das war gar zu viel. Doch ich will nicht mehr daran denken. Während Bär und Siellan einen Spaziergang machen und der Abend die Naturſcene mit Sepia und Tuſch malt, will ich noch einen Blick auf Vetter Stellan's Schauergemälde vom Familienleben werfen. Sind ſie denn wirklich wahr? In vielen einzelnen Fällen leider ja! Aber im Allge⸗ mneinen nein! o nein! Und wäre auch in irdiſchen Fami⸗ lien noch mehr Schatten, als Licht, allweiſer Künſtler, der du das große Gemälde des Lebens in ſo herrlichem Lichte gemalt haſt— du wirſt uns lehren, unſere Far⸗ ven beſſer aufzutragen. Doch du haſt uns bereits ge⸗ lehrt, großer Meiſter, und jetzt kommt es auf uns an. Arbeiten wir mit Ernſt und Wahrheit, ſo wird auch unſer Familiengemälde ſchön werden und würdig ſeines Platzes im Muſeum der Seligen. 186 „Es liegt,“ ſagt Stellan,„in den Menſchen Et⸗ was, das ſie ewig von einander abſtoßt.“ Ich gebe es zu; es findet ſich Neid, Anmaßung, Unbilligkeit, Widerwärtigkeit und tauſend größere und kleinere Steine des Anſtoßes, die bittere Gefühle verurſachen können. Ich gebe zu, daß ſie eben da am Herbſten empfunden werden, wo der Kreis am geſchloſſenſten iſt— im Fa⸗ milienleben. Aber wie? Gibt es denn nicht auch eine Kraft— eine milde und mächtige Kraft— deren Wirk⸗ ſamkeit darin beſteht, Alles auszugleichen und zu ver⸗ ſüßen, ja das Böſe in Gutes zu verwandeln? Wer muß dabei nicht an die Lehre des Apoſtels denken, wer hat ſie nicht tauſendmal in ſeinem Herzen geſegnet: „Die Liebe iſt geduldig und mild u. ſ. w.“ Ich will ein paar von den Familienſcenen, die Stellan ausmalte, näher betrachten. Ich laſſe die äußern Umſtände dahingeſtellt ſein, führe aber in's Innere der Familien die Geſchwiſterengel, Wahrheit und Liebe. Siehe, wie das Gemälde ſich verändert. Siehe, z. B. die Familie mit den talentvollen Kindern und den we⸗ niger gebildeten Eltern. Wahre Bildung, wahre Auf⸗ klärung hat die Kinder veredelt. Es fällt ihnen nicht ein, ihre guten und rechtſchaffenen Eltern zu verachten, weil ſie ihnen an Kenntniſſen überlegen ſind. Sie wiſſen, daß der ächte Menſchenwerth in der ſittlichen Güte, im rechtſchaffenen Wandel liegt. Sie umgeben die Alten mit Ehrfurcht und Dankbarkeit, und mit ihren Talenten beleben ſie das Haus derſelben und verſchönern ihre Tage. Und dann die Grazien! Wahrhaftig ein höchſt be⸗ trübtes Gemälde. Ich muß gähnen, wenn ich daran denke. Aber nicht das Familienband, ſondern die Putz⸗ ſucht, Eitelkeit und die innere Leere find es, was ſie in dieſen Puppenzuſtand verſetzt hat. Wenn Stellan das Glück aus den Familien hin⸗ ausvotirt, ſo möchte ich wohl wiſſen, wohin er es ver⸗ legt. Ich will ihn fragen, welche Menſchen und welche ———„— ———— „——„——— ——— rn——— — ——„— t⸗ 187 Lebensſtellung er ſelbſt für die glücklichſte halte. Etwa das Junggeſellenleben? Aber der müßte doch ein arger Egoiſt ſein, der alle Bande der Natur verläugnet. Ich beneide keinen um ein ſolches Glück; aber ich will Stel⸗ lan fragen, ob er ſelbſt glücklich iſt. Den 13. Ich habe Stellan gefragt. Er wollte zuerſt aus⸗ weichen, ſcherzte und war witzig, aber ohne Heiterkeit; als ich ihn jedoch immer ernſter fragte und bat, die Wahrheit zu ſagen, da wurde auch er ernſt und ſagte: „Ich bin nicht glücklich. Das Leben ſcheint mir arm und ich fühle oft eine beinahe unerträgliche Leere in mir ſelbſt.“ „Ach Gott ſei Dank!“ rief ich ganz entzückt und gerührt. Er ſah mich verwundert an.„Sie ſind alſo,“ fuhr ich fort,„kein unwürdiger Egoiſt und das müßten Sie ſein, wenn Sie ſich bei Ihrer Denkungsweiſe glück⸗ lich fühlen könnten. Sie haben mir das eheliche Leben vorgemalt, ſo daß man darob weinen könnte. Ich aber, Stellan, könnte Ihnen das Junggeſellenleben ſchildern und Sie würden es ſo elend, ſo trocken finden, daß Sie keine Priſe Tabak dafür geben möchten. Doch es iſt bei Ihnen nicht nöthig, Stellan. Sie ſind ein guter und denkender Menſch; Sie werden den wahren Werth des Lebens einſehen, Sie werden Ihren übertriebenen Anſprüchen und Ihrer übertriebenen Empfindlichkeit ent⸗ ſägen, Sie werden glücklich werden durch edle Beſchäf⸗ tigungen, durch eine liebenswürdige Gattin, durch ein häusliches, ein Familienleben.“ Er lächelte halb ſchwermüthig, ſchüttelte den Kopf, und ſagte etwas von„ſaurem Kleiſter.“ „Aber, Vetter Stellan,“ ſagte ich,„auch in meinem Hauſe gibt es Wirthſchaftsgeſchäfte,„auch hier wird gewoben, gekleiſtert und geputzt. Iſt es denn hier ſo unbehaglich?“ „Wenn alle Frauen wie Sie wären,„Franziske,“ 3 ₰ 3 1 3 ſagte Stellan wieder. Er nahm meine Hand, küßte ſie, ſagte etwas von„dieſer feinen, weißen Hand,“ küßte ſie zu wiederholten Malen, und warf mir einen wunder⸗ lichen Blick zu. Auch ich wurde roth, es war mir wun⸗ derlich zu Muthe, ich zog meine Hand zurück, fing an vom Wetter zu ſprechen und ging ſchnell in die Küche hinaus. Eine dumme Scene das im Ganzen. Sie darf nicht ſo unbeſprochen wiederkehren. Nein, ſo wahr mein Bär lebt und ich ſeine Fanny bin. Denke, wenn ma chére mére's Vorleſungen mir einmal wirklich zu Statten kämen, wenn ich wirklich Gelegenheit erhielte, zu ſagen:„Mein Herr, Sie irren ſich u. ſ. w.“ Aber geradewegs zu meinem Mann ginge ich doch in keinem Falle, um zu ihm zu ſagen:„Mein Freund, ſo und ſo ſteht's“ u. ſ. w. Eine Frau, die ihren Mann und ihre Pflicht liebt, muß ſich ſelbſt zu ſichern wiſſen. Man braucht ſich deßhalb nicht mit Gensdarmen zu umgeben. Aber vielleicht thue ich dieß in dieſem Augenblick, wo ich über eine ſo geringfügige Sache erſchrecke. Indeſſen habe ich eine Art Genugthuung in der Gewißheit, daß Stellan mit ſeiner Art zu denken und zu fühlen nicht glücklich iſt. Und hätte ich recht darüber nachgedacht, ſo hätte ich ihn nicht einmal darum zu fragen gebraucht. Stellan iſt bei ſeinen vielen guten Gaben doch ein ennuyé. Er ſchlägt ein Buch auf, liest ein wenig, gähnt, wirft es weg, nimmt eine Zeitung vor und macht es mit dieſer ebenſo, fängt eine Zeich⸗ nung an und läßt ſie unvollendet liegen. Er hat zu Nichts recht Luſt, für Nichts ein rechtes Intereſſe. Er iſt gern draußen in der freien Luft, liebt die Natur, die Blumen, wird aber ſo leicht von jeder Kleinigkeit geſtört. Bald iſt es zu kalt, bald zu warm. Mitunter ſtürmt es und er verabſcheut den Wind. Sonderbar! Dieſer im Alltagsleben ſo weiche Menſch iſt doch— nach dem, was ich von Bär gehört habe, in der Stunde der Gefahr ebenſo entſchloſſen, als kühn. Er hat einen guten Kopf, ſchöne Kenntniſſe und könnte vielleicht ein ScS 189 ausgezeichnteer Mann werden, wenn er ſich die Mübhe geben wollte, ernſtlich zu ſtudiren. Aber vermuthlich rtecht er auch in den Büchern ſauren Kleiſter. Und darin mag er in Beziehung recht haben. Den 14. Nein, ich hatte nicht ſo unrecht, von Gensdarmen zu ſprechen und auf meiner Hut zu ſein. Gerade bei Kleinigkeiten muß man Acht geben. Denn wahr iſt das Sprichwort:„Aus einem kleinen Funken entſteht oft ein großer Brand!“ Wie manche junge Frau bekam nicht, verdient oder unverdient, einen Flecken auf ihren Ruf, bloß weil ſie in Kleinigkeiten nicht vorfichtig war. Wir hatten den geſtrigen Nachmittag auf der Schwaneninſel zugebracht. Vetter Stellan war außeror⸗ dentlich munter und artig. Als wir ſpät Abends zurück⸗ kamen, forderte er Bär zum Ringwerfen auf. Ich ging eifrig auf den Vorſchlag ein und bald flogen die mit Roſabändern umwundenen Ringe zwiſchen den grünen Bäumen hin und flink und munter fingen wir ſie mit unſern Stöcken auf. Bär warf mehrere Male, wurde bald müde und warm, huſtete, wünſchte das anſtren⸗ gende Vergnügen zum Henker und ging in's Haus. Ich geſtehe meinen Fehler, Marie. Als vernünftige und pflichtgetreue Frau hätte ich meinem Manne folgen ſol⸗ len, allein das Spiel beluſtigte mich ſo herzlich, daß ich durchaus nicht aufhören wollte. Wir kamen dabei immer weiter vom Hauſe weg; es fing an zu dämmern, ſo daß wir die Richtung der Ringe nicht mehr beſtim⸗ men konnten, und Stellan's Ring blieb auf einer Birke hinter mir hängen. Ich ſprang hin und fing an, nach ihm hinaufzuhüpfen, als ich mich auf einmal ſanft von Stellan umfaßt fühlte, während ſeine Lippen nahe an meinen Locken flüſterten:„Fanny, liebe Fanny!“ Ich wurde warm von tauſend wunderlichen Gefühlen, aber in einem Nu machte ich mich los und ſagte— ſonder⸗ bar genug, gerade mit ma chére méère's Worten—: 190 „Baron S., Sie irren ſich! Dort auf dem Baume hängt Ihr Ring.“ Und ich ſagte dieß ſo ernſthaft, daß ich ſogleich verſtanden wurde.„Aha!“ ſagte Stellan— etwas verwirrt, wie mir ſchien— indem er den Ring herabholte.„Es wird jetzt kühl,“ verſetzte ich,„es iſt am Beſten, wir gehen heim.“ Und ohne Weiteres eilte ich ſogleich auf das Haus zu. Stellan folgte mir lang⸗ ſam, eine Arie aus Fra Diavolo ſummend. Erſt eine halbe Stunde nachher kam er herein. Ich ſaß neben meinem guten Bär und erzählte ihm, daß ich ihn lieb habe— welche vertrauliche Mittheilungen er mit ſeiner Paſchamiene entgegennahm— als Stellan in's Zimmer trat. Er hielt einen ſchönen Zweig wil⸗ der Roſen in der Hand und reichte mir ihn mit den Worten:„Ich habe alle Dornen weggenommen.“ „Danke ſchön,“ ſagte ich, nahm den Zweig und ſteckte ihn an— meine Bruſt. Nein, Marie, das glaubſt du nicht und es war auch nicht ſo. Ich ſteckte ihn in ein Knopfloch von Bär's Rock. Stellan ſummte auf's Neue ſeine Arie und kurz darauf trennten wir uns et⸗ was kalt. O nein, mein Bär! Dein Vertrauen ſoll nicht zu Schanden werden und ich werde es nie, auch in Klei⸗ nigkeiten nicht hintergehen. Meine zehn Mädchen ſollen von ihrer Mutter wenigſtens einen unbefleckten Ruf und ein gutes Beiſpiel erben. Aber was ſoll ich jetzt thun? Ich mag nicht mehr den ganzen Tag zu Hauſe ſitzen, um Vetter Stellan Geſellſchaft zu leiſten. Weglaufen kann ich auch nicht, da Bär mich ſo ausdrücklich gebeten hat, daheim zu bleiben. Noch weniger will ich geradewegs zu ihm gehen und ſagen:„Mein Freund, ſo und ſo ſteht's“ u. ſ. w. Denn das würde bloß ſeine Ruhe und ſein Verhältniß zu ſeinem jungen Freunde ſtören, und dieſer hat doch gewiß keine böſe Abſicht, ſondern iſt nur leichtſinnig. Jetzt weiß ich, wie ich es machen will. Heute früh haben wir Haushaltungsgeſchäfte, auf den Nachmittag 191 aber fahren wir nach Karlsfors und ſtellen den Herrn Vetter ma chére mére vor. Morgen kommt Serena zu mir und dann will ich Himmel und Erde aufrühren, damit ich ſie acht bis vierzehn Tage in Roſenvik be⸗ halten darf. Ich werde Bär zwingen, das ganze Dahl'⸗ ſche Haus zu tyranniſiren. Es iſt gut für Serena und für mich auch. Das muß ſchön werden. Den 15. Es iſt langweilig, daß Vetter Stellan gerade auf Jean Marie's Methode verfallen iſt, um ſeinen Unmuth zu äußern. Zwar beſteht einiger Unterſchied in der Art und Weiſe, denn Stellan grollt nicht geradezu, aber er affectirt eine Gleichgültigkeit und eine Kälte, die nichts weniger als angenehm ſind, und ſcheint mich überzeu⸗ gen zu wollen, daß ich diejenige Perſon ſei, nach der er am Wenigſten auf der Welt frage. Ich ſuche ihn zu überzeugen, daß ich es gar nicht merke. Indeß thut es mir immerhin ein wenig wehe, nicht mit allen Leu⸗ ten um mich her in vollkommen freundſchaftlichem Ver⸗ hältniſſe zu ſtehen. Gleichwohl bin ich jetzt kalt gegen S er könnte ſonſt glauben, ich wollte ihn zurück⸗ ocken. Den geſtrigen Nachmittag brachten wir auf Karls⸗ ors zu. Stellan wurde von ma chére méère auf eine eigen⸗ thümliche Weiſe empfangen. „Ich habe Ihren Vater gekannt, mein Baron,“ ſagte ſie,„er war ein braver Mann, aber ein bon- vivant. Man hat mir geſagt, der Sohn arte dem Va⸗ ter nach; und obgleich man den Baum ehren ſoll, von dem man Schatten hat, ſo muß ich doch geſtehen, daß Sie ein beſſeres Beiſpiel befolgen könnten. Nun, nun, Ihr Vater bekehrte ſich in den letzten Zeiten und ich hoffe, der Sohn wird es auch ſo machen und bei Zei⸗ ten durch eine Heirath geſegnet werden. Sie würden wohl daran thun, mein Baron, denn das Sprichwort 192 ſagt:„Jung gefreit, hat nie gereut,“ und„beſſer Ein Kuchen mit Ruhe, als zwei mit Unruhe.“ Stellan ſah bei dieſer unerwarteten Strafpredigt ganz verwundert und etwas beleidigt aus. Ma chere mẽre ſchien überhaupt nicht in der frievfertigſten Laune zu ſein und als wir uns recht umſahen, fanden wir das ganze Haus in Kampf verwickelt. Jeun Jacques war wegen einiger neuen Einrichtungen, die er auf dem Gute einführen, und alten Mißbräuchen, die er abſchaffen wollte, mit ma chére mére zuſammengerathen. Der Kampf zwiſchen dem Alten und Neuen war auf Karls⸗ fors ausgebrochen. Aber ma chére mére hielt feſt an den Zügeln der Regierung und Jean Jacques, der ſich zur Nachgiebigkeit genöthigt ſah, fand mit Recht ſeine Stellung auf Farlsfors hoͤchſt unbehaglich. Dieß Alles klagte er Bär. Jean Marie war in offener Fehde mit Ebba und erzählte mir mit Bitterkeit all' die Ungerech⸗ tigkeiten, die ſie zu erleiden habe, die indeß ſämmtlich ſo unbedeutender Natur waren, daß ich eher Luſt hatte, zu lachen, als zu weinen; denn es iſt wahrhaftig eben ſo lächerlich, als jammervoll, wenn Leute, die ſorgen⸗ frei leben könnten, einander durch unnöthige, ſelbſtge⸗ ſchaffene Plackereien das Daſein ſauer machen. ſuchte Jean Marie auf eine ſchonende Art darauf auf⸗ merkſam zu machen, allein dieß bekam mir ſchlecht. Jean Marie fühlte ſich beleidigt, daß man Sachen, die ihrer Würde zu nahe treten, als Kleinigkeiten anſehen könne, und gab mir zu verſtehen, daß ſie ſelbſt nur zu gut zu beurtheilen wiſſe, was unter ſolchen Umſtänden richtig ſei und was nicht. Ich hatte mir feſt vorgenommen, es nie mehr zu einem Hader mit Jean Marie kommen zu laſſen und fühlte überdieß jetzt das Bedürfniß einer Harmonie ſo lebhaft, daß ich auf Jean Marie's vornehme Miene und Sprache bloß antwortete:„Du haſt ganz recht, beſte Marie; aber deine Bildung und dein Verſtand ſtellen gt 193 dich meines Erachtens hoch genug über Ebba, daß du ihren kindiſchen Unverſtand überſehen könnteſt, ohne deine Güte von dir mißbrauchen zu laſſen.“ „Du kennſt Ebba nicht,“ ſagte Jean Marie etwas beſänftigt:„ſie iſt voll Eigenliebe, Anmaßung und Uebermuth. Sie würde mir auf der Naſe herumſpielen, wenn ich mich nicht ihr gegenüber auf das höchſte Pferd ſetzte.“ Es gab eine Zeit, wo ich glaubte, alle Menſchen haben einen überwiegenden Fonds von Billigkeit und geſunder Vernunft und hegen keinen höhern Wunſch, als aufgeklärt zu werden; wenn ſie nur die Wahrheit zu hören bekommen, ſo müſſen ſie dieſelbe erkennen, und wenn ſie zur Erkenntniß gelangt, ſo werden ſie ihre Fehler berichtigen und in Folge davon, eben vermöge ihrer Aufklärung, ſich glücklich fühlen. Damals ſagte ich Manchem die Wahrheit, ließ es nie an guten Rath⸗ ſchlägen fehlen und machte bei Streitigkeiten gerne den Friedensſtifter— aber ich fand höchſt ſelten, daß ich irgend Jemand und noch weniger, daß ich mir ſelbſt einen Dienſt damit erwies. Um die Wahrheit zu ſagen, haben die Gegendienſte dieſer Art, die mir einige gute Freunde erwieſen, mich hauptſächlich zur Ueberzeugung geleitet, daß die gar zu offenherzige Methode in ſolchen Fällen nicht eben die beſte iſt. In ſpäteren Zeiten wurde ich äußerſt vorſichtig darin, den Leuten die Wahrheit zu ſagen, ich bin ganz karg mit guten Ratbſchlägen, habe einen ordentlichen Schauder davor, bei Zwiſtig⸗ keiten irgend einer Art als Friedensmäkler aufzutreten oder mit andern Worten: mich darein zu legen. Wenn ich indeß ohne mein Verſchulden zu dieſem betrübten Amte komme, ſo verſchließe ich mit einem Seufzer das Herz in der Bruſt, ſuche mein Beſtes zu thun und gehe ſtets an der Hand der Erfahrung, die ich bei meinen ver⸗ unglückten Verſuchen gewonnen habe. Deßhalb ſagte ich jetzt nicht zu Jean Marie: Bremer, die Nachbarn. 13 194 „Meine beſte Jean Marie, du ſelbſt biſt die Hoch⸗ müthige und Anſpruchsvolle. Gerade deine Fehler ſind an denen Ebba's ſchuld. Wenn du dich vernünftiger aufführen würdeſt, ſo wäre auch ſie weniger ungezogen.“ Ich ſprach keinen von dieſen meinen Herzensgedanken aus, ſondern ſeufzte bloß und ſagte:„Das arme Kind! Sie hat gewiß eine recht ſchlechte Erziehung erhalten! Wer eine beſſere hatte, muß ſie entſchuldigen; eine mangelhafte Erziehung iſt ein wahres Unglück!“ „Ja, ein wahres Unglück!“ ſtimmte Jean Marie ein, wie es ſchien, milder geſtimmt gegen Ebba. Aber auch mit ma chère mére war Jean Marie in hohem Grade unzufrieden. Sie hatte geſtern den Himmels⸗ wagen anſpannen laſſen und zu Jean Marie und Ebba geſagt:„Eine von Euch kann mich begleiten.“ Als nun der Wagen vorgefahren war und ma chéère mére bereits darinnen ſaß, kamen beide, Jean Marie und Ebba, und wollten mitfahren. Nur für Eine von ihnen war Platz an ma chère mère's Seite und Beide hatten Luſt einzuſitzen. Da nun am Wagentritt ein ſehr hitziger Streit zwiſchen den Schwägerinnen entſtand, gab ma chéère meère plötzlich den Pferden die Peitſche und fuhr zum großen Erſtaunen und Verdruß der Zankenden allein davon. Als ich ſpäter mit Ebba im Parke ſpazieren ging — Ebba iſt nämlich ſeit der Morgenpromenade eine Liebhaberin vom Lande geworden— hörte ich von ihr bittere Klagen über Jean Marie. Jean Marie habe einen ſo unerträglich vornehmen Ton gegen ſie angenommen und ſie ein einfältiges Ding genannt. Sie wolle in Allem die Erſte ſein, wolle immer zuerſt durch die Thü⸗ ren gehen und bei Tiſch zuerſt bedient werden; ſie wolle Alles beſſer und prächtiger haben, als Ebba, habe Ebba's Kleider und Schmuckſachen für gewöhnlich und von ſim⸗ plem Geſchmack erklärt, finde jederzeit Fehler an ihr und Allem, was ſie habe, während ſie dagegen ihre eigenen Sachen bis an den Himmel erhebe und ſie ———„„——, 195 ausgeſucht, diſtinguirt und vortrefflich nenne. Die arme Ebba grämte ſich bitterlich über Alles dieſes. Auch mich kränkte es, aber auf andere Art. Wir ſtanden jetzt am Rande eines rauſchenden Fluſſes, deſſen Ufer reich mit Laubwerk und Blumen geſchmückt war. Alles war un⸗ gemein ſchön, friſch und ruhig um uns her. Ich wurde warm um's Herz und fühlte, daß ich mit Ebba anders ſprechen könne, als mit Jean Marie. Auf einmal ſchlang ich meine Arme um ſie und ſagte:„Meine liebe Ebba, möchteſt du gerne glücklich ſein?“ „Ja gewiß,“ antwortete Ebba, indem ſie mich ver⸗ wundert anſah. „Ach, meine kleine Ebba!“ fuhr ich mit Innigkeit fort,„dann hafte nie an ſolchen Kleinigkeiten und laß dich nicht davon ſtören. Sieh, wie herrlich, wie ſchön Alles um uns her iſt! du haſt es nicht genoſſen, ja kaum bemerkt, weil Jean Marie ein vornehmes Weſen und koſtbarere Sachen hat, als du. Meine liebe Ebba iſt es nicht jammervoll, wenn wir uns auf dieſe Art das viele Gute und Schöne, was das Leben hat, ver⸗ derben?“ Es wäre zu weitläufig, wenn ich Alles wiederholen wollte, was mir mein Eifer eingab; genug, ich fand bei Ebba ein williges Ohr und ſchilderte ihr die Abge⸗ ſchmacktheit ſolcher Streitigkeiten, ſowie die Qualen der daraus entſtehenden Bitterkeit ſo lebhaft, daß ſie zugleich weinte und lachte. Sie war allerliebſt und verſprach ſich zu fügen und mir zu Liebe Jean Marie alle die kleinen Vorrechte, nach denen ſie ſtrebte, in Frieden zu überlaſſen. Mittlerweile hatte auch Bär ſeinerſeits zwiſchen ma chère mére und Jeau Jacques das Mittleramt über⸗ nommen. Er hatte es durch ſeinen Einfluß dahin ge⸗ bracht, daß Jean Jacques verſprach, ma chère mére in Zukunft weniger heftig mit Reform⸗Planen zu beſtür⸗ men, ma chére meère aber ſich anheiſchig machte, Jean Jacques' Vorſchläge in Ueberlegung zu ehen Was 196 machte aber während dieſer ganzen Zeit Vetter Stellan? Er beſchäftigte ſich mit denen, die ſich nicht in den Streit gemengt hatten, ſpielte bei allen Damen, nur mich ausgenommen, den Angenehmen, und es gelang ihm, Allen, ja auch ma chöre mére gut zu gefallen. Letztere ſagte zu mir:„Beim Strahl, ein recht artiger Menſch⸗ dieſer Baron Stellan. Er vertheidigt ſeinen Teller ganz gut. Ein geſetzter junger Mann!“ Ich hatte dieſen Abend meine größte Freude an Ebba, denn ſie kam ihrem Verſprechen vollkommen nach, und ſtatt Jean Marie ihre geliebten Privilegien zu be⸗ ſtreiten, ging ſie ihr ſogar mehrere Male entgegen. Jean Marie ſah im Anfang aus, als ob ſie hinter dieſem Benehmen eine Kriegsliſt vermuthete, als ſie aber Ebba's freundlichen Ernſt bemerkte, wurde auch ſie ganz an⸗ ders und ſtieg bedeutend von ihrem hohen Pferde herab. Wir närriſche Menſchen! Wie wir einander und uns ſelbſt plagen! Und könnten doch oft das Gemälde ſo leicht vom Unfrieden in Frieden, von Unruhe in Ruhe verwandeln. Als Bär und ich nach Hauſe kamen, erzählten wir einander gegenſeitig unſere Geſchäfte und die Reſultate unſerer Vermittlung. Wir fühlten dabei mit Freude, daß nie Jemand es nöthig finden werde, bei uns die⸗ ſes Amt zu übernehmen. Jetzt erſt erhielt ich die Nachricht von Tante Ulla's Tod. Meine gute Marie! Ich konnte dabei nichts An⸗ deres ſagen, als:„Es iſt gut gegangen!“ beſonders als ich hörte, wie leicht ſie geſtorben iſt. Tante So⸗ phie, die es mir ſchrieb, fügte hinzu:„Jean Marie kann jetzt in ihr Zimmer ziehen, das weit bequemer und freundlicher iſt, als dasjenige, womit ſie ſich bis jetzt begnügen mußte. Es gibt Menſchen(harm⸗ und arg⸗ loſe Menſchen), deren Hingang gut iſt, hauptſächlich weil er Platz macht. Dieſer Gedanke hat etwas Be⸗ trübenves fuͤr mich. O, wenn ich je einmal einen Nebenmenſchen drängen, wenn Jemand unter ihnen nn ind etzt g⸗ lich Be⸗ nen nen meinen Platz einzunehmen wünſchen ſollte, ſo will ich fort, ſort! Hier ſitze ich und weine bei dieſer Vorſtel⸗ lung und dem Gedanken an meine zehn Mädchen⸗ Siebenter Brief. Roſenvik, 16. Juli. Geſtern begannen Serena und ich unſere Sing⸗ übungen. Vormittags um 10 Uhr tanzte ein hüvſches braunes Pferdchen mit einer leichten, anmuthigen Bürde vor meiner Thüre. Eine ſchwerfällige Kaleſche, antik, wie ihre Beſitzer, rollte mit den Patriarchen hinter der Amazone ver. Ich war hocherfreut, dieſes verehrungs⸗ würdige Paar bei mir zu ſehen, und glücklich, Serena, die, durch den Ritt und die Schönheit des Morgens velebt, bereits ein friſcheres Leben zu athmen ſchien, empfangen und behalten zu dürfen. Ich hatte ein kleines Frühſtück in Bereitſchaft und meine Eier, meine friſche Butter, meine ſchäumende Chocolade wurden nicht wenig geprieſen. Als die guten Alten gefrühſtückt und Roſenvik in Augenſchein genom⸗ men hatten, fuhren ſie wieder ab und ich behielt Serena auf den ganzen Tag. Ich vat und beſtand darauf, daß man ſie nicht vor neun Uhr Abends abhole und es wurde mir verſprochen. Die guten Großeltern umarmten zärt⸗ lich ihren Liebling, der ſie unter tauſend anmuthigen Aufmerkſamkeiten an den Wagen zurückbegleitete. Hier⸗ auf harten wir eine Singſtunde. Serena beſitzt eine ſchwache, aber reine Altſtimme. Unſere Uebungen wer⸗ den hauptſächlich der Stimme und dem Notenleſen gel⸗ ten, denn ihr Ausdruck und ihr Vortrag ſind wirklich vortrefflich. Ihre eigene Seele und ihr eigener Ge⸗ ſchmack hat ſie dieß beſſer gelehrt, als irgend ein Mei⸗ ſter hätte thun können. Es peinigte mich, mit Serena 198 per Fräulein zu ſprechen. Sie gehört zu denjenigen Weſen, bei denen man ein unwillkürliches Verlangen empfindet, ſie mit dem behaglichen Wörtchen Du an⸗ zureden. Ich bat ſie, ſo zu ihr ſagen zu dürfen und bot ihr an, mich Tante zu nennen(dieß iſt doch der langweiligſte Titel, den ich weiß!), da mein höheres Alter doch ein Bischen Reſpect gebiete. Serena weigerte ſich lachend, mich meines Alters wegen zu verehren und bat mich, wenn nichts Anderes als die Jahre im Wege lägen, zu mir auch Du ſagen zu dürfen. Ich willigte mit Vergnügen ein und fand zu meiner Verwunderung, daß mich bloß vier Jahre von ihr trennten. Serena iſt dreiundzwanzig Jahre alt, obgleich die Feinheit ihrer Farbe und Geſtalt dieß nicht erkennen läßt. Nachdem wir dieſe Angelegenheit abgemacht— lache nicht; das Du und Dumm⸗achen iſt in Schweden wirklich ein wichtiger Moment in einer Bekanntſchaft, ein großer Schritt vorwärts, zuweilen auch rückwärts— nahmen wir unſere Arbeit, gingen hinaus und ſetzten uns auf eine Bank im Schatten der Syringenbüſche und Linden. Serena, deren feine Finger in mehreren niedlichen Hand⸗ arbeiten außerordentlich geſchickt ſind, hatte einige Blu⸗ men gepflückt und übte ſich, ihre Samenkapſeln mit der größten Genauigkeit nachzumachen. Vetter Stellan war ſchon ſeit dem frühen Morgen mit den Gebrüdern Stal⸗ mark auf einer Jagdpartie. Es freute mich, mit Se⸗ rena allein ſein zu können. Ich war begierig, ſie von Bruno reden zu hören und lenkte bald das Geſpräch auf ihn. Bei ſeinem Namen ſeufzte ſie und auf meine Frage, ob ſie glanbe, daß Bruno ein ſchlechtes Herz habe, antwortete ſie lebhaft:„Nein, gewiß nicht! Ge⸗ wiß war ſein Herz gut und auch weich; warum wäre er ſonſt ſo unendlich freundlich gegen mich geweſen, die ich ein kleines, ſchwaches, kränkliches Kind war und An⸗ dern bloß zur Laſt ſein konnte? Sehen wir nicht Ramm da drüben über dem See? Ich erinnere mich noch ſo gut, wie Bruno mich in den Wäldern dort herumtrug en en n⸗ id er es nd ge te g, nd en 199 oder in meinem kleinen Wagen zog. Meine erſten Ge⸗ fühle von der Schönheit des Lebens und der Natur ſtam⸗ men aus dieſer Zeit. Ich erinnere mich noch, wie ich das Geſäuſel im Walde liebte und über die Blumen entzückt war, die er für mich pflückte. Wenn er ſang, ſo ſang ich mit und wenn er mit mir auf dem Arme von einer Bergkluft zur andern hüpfte, ſo empfand ich keine Furcht, ſondern bloß einen kleinen Schauder, worin mehr Behagen als Unruhe lag. Nie war er ungedul⸗ dig oder unfreundlich gegen mich, und ich werde nie vergeſſen, wie er einmal im Zorne einen ſeiner Brüder ſchlagen wollte, aber ſich mäßigte, als ich ihn bei Na⸗ men rief und zu weinen anfing. Warum war er ſo zärtlich gegen mich, außer weil ſein Herz im Grunde gut und voll Liebe war? Einmal rettete er auch mein Leben nicht ohne Gefahr für ſein eigenes. Es war im Parke bei Ramm. Staare hatten dort auf einer großen Eiche ihr Neſt gebaut und in kindiſchem Unverſtand verlangte ich die Eier. Bruno ſetzte mich in's Gras und kletterte den Baum hinauf, warf ſich aber auf einen Nothruf von mir ſogleich von einem der Zweige herab und erfaßte unter einem Schrei des Entſetzens eine Schlange, die ſich um meinen Hals gewunden hatte. Ich ſah ihn das Unthier erwürgen und ſeinen Kopf zertreten. Sodann nahm er mich in ſeine Arme und ich erinnere mich noch, daß er weinte, und daß ich es war, die ihn mit meinen kindlichen Liebkoſungen zu beruhigen ſuchte. Ach, man hat ihn gewiß nicht klug behandelt, man hat auf ſeine Kraft zu lieben nicht genug Rückſicht genom⸗ men. Er würde ſonſt ſeiner Mutter keinen Kummer ge⸗ macht haben und nicht aus dem elterlichen Hauſe und dem Vaterlande geflohen ſein.“ „Erinnerſt du dich noch, wie er ausſah?“ fragte ich. „Nicht klar, es iſt mir als ſähe ich durch einen Nebel einen ſchönen, rothwangigen Knaben mit großen, ſchönen Augen. Aber wenn ich das Bild deutlicher zu faſſen ſuche, ſo erblaßt es.“ 200 „Und weißt du, was ſeine Flucht aus dem elter⸗ lichen Hauſe veranlaßte?“ „Eine Uneinigkeit mit ſeiner Mutter, hat man mir geſagt, und eine harte Behandlung von ihrer Seite. Sie ſollen ſehr viele Aehnlichkeit in ihren Gemüthern gehabt haben und ſetzten beide Härte gegen Härte, Ge⸗ walt gegen Gewalt. Bruno ſoll im fremden Lande ge⸗ ſiorben ſein. Armer Bruno! Ich habe ſein Schickſal ſehr betrauert. Er war ſo gut gegen mich!“ Serena ſeufzte wieder mit dem wehmüthigen Zug in ihrem Geſichte; auch mich überkam eine traurige Stimmung. Ich lenkte das Geſpräch auf andere Per⸗ ſonen. Ich ſprach von ihren Goßeltern, und Serena wurde fröhlich und lebhaft, während wir dieſelben prieſen. Ueberhaupt ſcheint es mir, daß Dankbarkeit ein Gefühl iſt, das bei ihr in ungewöhnlichem Grade vorwaltet. Es ſcheint, als ob ſie von allen Erinnerungen nur diejeni⸗ gen beibehielte, die ihr Veranlaſſung geben, zu lieben. Auch wenn ſie von einem Buch ſprach, geſchah es mit einem Ausdruck von Erkenntlichkeit für das Gute, das ſie durch daſſelbe genoſſen. Und dann ihre Worte und ihr ganzes Weſen, wie einfach, wie anmuthsvoll! Ich liebte ſie, ſie machte einen ſehr wohlthätigen Eindruck auf mich. Ich wünſchte mich auch auf ein Blatt ihres Erinnerungsbuches einſchleichen zu können. Zu Mittag hatten wir Bär, gute Laune, guten Appetit und— ohne Prahlerei— auch gutes Eſſen. Nach Tiſch kam Vetter Stellan in dem Zuſtande, den ich nach Jagdpartien für den gewöhnlichſten halte, näm⸗ lich wildhungrig und ohne Wildpret. Nach dem Kaffee plauderten wir ein Weilchen angenehm und beſchloſſen dann eine Fahrt nach der Schwaneninſel zu machen und daſelbſt unſere Abendmahlzeit zu verzehren. Se⸗ rena und ich machten Butterbrode zurecht, füllten einige Flaſchen mit kalter Schale, legten ſie ſammt einem Stück kalten Braten in einen Korb und nun wanderte das muntere Geſellſchäftchen an das Ufer, allwo ein ——————„ r⸗ ir te. rn e⸗ al 19 e P ——— 201 kleiner, grün bemalter Kahn uns aufnahm. Stellan ruderte. Ein leichter Wind fächelte uns Kühlung zu und kräuſelte die Wellen. Serena und ich ſangen„la biondina.“ So kamen wir an Ort und Stelle. Unter der großen Eiche, auf dem friſchen Grashügel von weißem und rothem Klee ließen wir uns nieder, ich zwiſchen meinem Bär und meinem Speiſekorb, Stellan neben Serena, und als ich ſie ſo ſchön und fröhlich im grünen Graſe ſitzen ſah, während ſie fünfblätterigen Klee ſuchten und Sträußchen banden, ſtieg in mir der flüch⸗ tige— vielleicht ſündhafte— Gedanke an eine mög⸗ liche Verbindung zwiſchen ihnen beiden auf. Bär rauchte, auf der friſchen, duftenden Matte lie⸗ gend, ſeine Pfeife, blies langſam die Rauchwirbel gegen den blauen Himmel hinauf und hörte ſeiner Frau zu, die ihm Gott weiß was für Narrheiten vom Großmogul vorſchwatzte. Da erzitterte plötzlich die Luft und ein Brauſen wie von einem melodiſchen fernen Sturme ge⸗ langte an unſere Ohren. Dieſer feierlich düſtere, aber ſchöne Ton machte einen wunderlichen Eindruck auf uns. Wir ſchwiegen ſämmtlich und lauſchten. Einen Augen⸗ blick war Alles ſtill, aber nun kam wieder ein Wind und auf ſeinen Schwingen wieder ein zitternder, trau⸗ riger, aber unausſprechlich harmoniſcher Ton, der mir tief in's Herz drang. „Es iſt die Orgel von Ramm!“ rief ich.„Der Wind führt uns die Töne zu. O könnten wir ſie doch mehr in der Nähe hören! Still ſtill! Zetzt kommt es wieder.“ Wir lauſchten. Der melodiſche, brauſende Ton kam immer wieder mit ſedem von Ramm herüber wehen⸗ den Winde. Aber wir konnte Nichts im Zuſammen⸗ hange faſſen; die zitternden Töne ſtiegen und erſtarben. Sie glichen den Seufzern eines kummervollen Geiſtes, und als ich ihnen lauſchte, fühlte ich, was mancher Denker der Vorzeit gefühlt haben mag, wenn er auf die abgebrochenen, unbegriffenen Melodien des Daſeins 202 Acht gab und glaubte, des Schickſals Wind ſpiele mit den Saiten der Aeolsharfe des Lebens. Und es ergriff mich eine Sehnſucht, eine Qual, welche nur diejenigen begreifen, die meine Leivenſchaft für Muſik und Zuſammenhang theilen.„Ich muß es näher hören!“ rief ich voll Entſchloſſenheit,„Serena, wir beide wollen nach Ramm hinrudern und über dieſe Muſik klar zu werden ſuchen. Es könnte mich närriſch machen, wenn ich noch lange dieſe Töne anhöre, ohne ihre Bedeutung zu verſtehen. Bleib ruhig liegen, mein Bärchen, und rauche deine Pfeife im Frieden. Ich bitte dich, laß uns fahren. Bleiben Sie auch da, Vetter Stellan. Wir wollen allein ſein, Serena und ich. Wir werden bald zurückkommen und die Herren beim Abend⸗ eſſen bedienen; aber jetzt wollen wir uns eine Weile, jeder nach ſeiner Art amüſiren.“ Die Herren ſahen gar nicht amüſirt aus. Bär brummte, blieb aber ruhig lie⸗ gen. Stellan begleitete uns murrend bis an's Boot, Serena und ich fuhren fröhlich und eifrig von dannen. Ich ruderte ohne Mühe das leichte Boot. Die Fahrt war für mich entzückend, denn je weiter wir vorwärts kamen, um ſo deutlicher vernahmen wir die Muſik. Es ſchien mir, als ſchwämme der Kahn von ſelbſt; wie un⸗ ſichtbare Kräfte zogen uns die wunderbaren Töne vor⸗ wärts. Der Abend wurde ſtiller; die Sonnenſtrahlen zitterten in immer dunklerem Gold durch den Wald, immer höber ſtieg der melodiſche Sturm. Serena und ich genoſſen, aber auf eine ungleiche Art. Mein Herz klopfte heftig und Thränen drängten ſich mir in einer Art Verzückung in die Augen. Serena war ruhiger, ihre weiße Hand ſpielte mit den Wellen, und ihre klaren ſchönen Augen blickten ſtill und kindlich, aber mit einem Ausdruck des reinſten Genuſſes um ſich. Wir ſaßen beide ſchweigend da, aber vor lauter Verlangen, die be⸗ zaubernde Muſik immer noch deutlicher zu hören, kamen wir unvermerkt immer näher an Ramm. Was ſoll ich dir ſagen?— Frau Reugierde hatte jetzt eine ſolche ——————————„——— 8ꝛ f l, ft es a, ſe ſch ne in tte ter ir d⸗ le, ar 203 Uebermacht im Boote und über mich, daß Serena's war⸗ nende Stimme ſich vergebens erhob; der Kahn ſchwamm immer näher und näber an Ramms düſtere Mauer und legte ſich endlich ſchweigend, wie ein Schmugglerboot in den Schatten der Erlenbüſche, dicht unter einem ge⸗ öffneten Fenſter. Hier hörten wir in Tönen, die nicht von Menſchenhand zu kommen ſchienen, das geliebte Lied:„neckens polska“ in reiche Variationen einge⸗ flochten, die an Schönheit und Kraft Alles übertrafen, was ich bisber gehört oder mir auch nur vorgeſtellt hatte. Sie waren offenbar die Kinder einer mächtigen Begeiſte⸗ rung. Entzückt, hingeriſſen, neigte ich den Kopf in meine Hände, und träumte, der Meerkönig ſelbſt, begeiſtert von der Schönheit des Abends und der Natur, gieße ſein wunderbares Leben vor uns aus, das Leben, das er in dieſer geheimnißvollen Tiefe in dem Kryſtallſchloß auf dem Meeresgrunde lebe. Aber auf einmal ver⸗ ſtummten die Töne und ich erwachte aus meinen Träu⸗ men zum Gefühl der Gegenwart. Unwillkürlich ergriff ich die Ruder und mit einigen leiſen Schlägen lenkte ich den Kahn auf die Seite und vom Ufer weg, aber eben ſo unwillkürlich ſahen Serena und ich nach dem geöffneten Fenſter hinauf und ſogleich wieder hinweg, denn der finſtere Romilly ſtand dort in eigener, düſterer Perſon und ſeine Blicke richteten ſich auf uns. Wir errötheten, ergriffen beide ein Ruder und kamen, glaube ich, in kürzerer Zeit zurück, als wir zur Herfahrt ge⸗ braucht hatten, obgleich unſere Ruder jetzt den Takt ohne Muſikbegleitung ſchlugen. Dieſe hatte gänzlich aufge⸗ hört. Inzwiſchen waren wir nahe an zwei Stunden weggeweſen. Vetter Stellan ſchien ganz ſchläfrig. Bär war nicht ganz freundlich— und es wunderte mich nicht — wurde es aber bald wieder vollkommen, als ich ihn herzlich um Verzeihung bat; ich empfinde mitunter eine gewiſſe argliſtige Freude daran, auf Bär's Gnade hin⸗ zuſündigen und mir ſodann Ablaß zu erſchmeicheln. Wir verzehrten unſer Abendbrod in Frieden und 1 3 1 1 ——— 204⁴ Munterkeit, aber Serena, die an ihre Großältern dachte und abgeholt zu werden erwartete, wandte ihre Augen oft gegen Roſenvik. Der Wagen kam beinahe in dem⸗ ſelben Augenblick, wo unſer Boot an der Brücke lan⸗ dete und Serena verabſchiedete ſich, nachdem ich mit ihr verabredet hatte, daß der nächſte Singtag der Freitag ſein ſolle. Vetter Stellan begleitete ſie mit großer Artigkeit an den Wagen und bewies ihr mehrere ange⸗ nehme Aufmerkſamkeiten. Es iſt merkwürdig, wie ſchön dieß einem jungen Manne läßt.„Komm recht bald wie⸗ der!“ rief ich Serena nach und ihre freundlichen blauen Augen blickten aus dem kleinen Strohhute lächelnd ein freundliches Ja zurück, und mit der Hand grüßend, ver⸗ ſchwand ſie zwiſchen den grünen Bäumen. „Ein charmantes Mädchen!“ ſagte Stellan, der noch ein wenig im Erker bei mir blieb;„Schade, daß ſie ein Bischen hinkt.“ Ich lächelte und ſagte:„Für Sie, Vetter Stellan, hinkt ja Alles in der Welt.“ „Aber ich geſtehe,“ fuhr er fort,„daß ich beinahe nie einen kleineren Fehler bei einer Dame getroffen habe.“ „Ich denke ganz wie Sie, Velter Stellan, und es iſt ſogar möglich, daß das Auge unter gewiſſen Verhält⸗ niſſen in einem ſolchen Fehler eitel Schönheit ſieht.“ Er lächelte und machte eine Bewegung mit dem Kopfe, als fühlte er ſich getroffen. Ich war im Begriffe hineinzugehen, als Stellan mich aufhielt, indem er mit einem gewiſſen Ernſt in der Stimme ſagte: „Baſe Franziske, Sie ſind ſeit einigen Tagen nicht mehr ſo freunvlich gegen mich, wie früher. Habe ich Sie etwa beleidigt?“ „Ja,“ antwortete ich offen,„denn ich war nahe daran, zu glauben, daß Sie ſich Nichts um meine Ach⸗ tung bekümmern, und das hat mich gekränkt.“ „Verzeihen Sie mir,“ ſagte Stellan freundlich, aber ernſt,„und glauben Sie noch Gutes von mir. Ich möchte nicht gerne ohne Ihre Achtung leben, Franziske. hte gen m⸗ an⸗ ihr ag er ge⸗ ön ie⸗ en ein r P 205 Geben Sie mir die Hand darauf, daß Sie mir glau⸗ ben und nicht mehr böſe ſind.“ „Da,“ ſagte ich und reichte ihm fröhlich die Hand, ver⸗ hinderte aber, daß er ſie küßte, und ging zu meinem Bär hin⸗ ein, zufrieden, Stellan's Achtung, ſtatt ſeiner Höflichkeiten zu haben, und auch ein Bischen mit mir ſelbſt zufrieden. Morgen iſt großes Gaſtmahl bei ma chére mére. Die ganze Nachbarſchaft verſammelt ſich auf Karlsfors, auch Herr von Romilly iſt gebeten, obgleich er keinen Beſuch dort gemacht hat. Ich bin ſehr neugierig, dieſe räthſelhafte Perſon wieder zu ſehen. Seine Töne haben mich gut für ihn geſtimmt; wer ſolche Melodien her⸗ vorzaubern kann, muß tiefe und flarke Gefühle haben. Den 20. Ich habe mich in meiner Hoffnung, den düſtern Nachbar von Ramm näher betrachten zu können, betro⸗ gen. Er kam jedoch nach Karlsfors. Faſt die ganze Geſellſchaft war bereits verſammelt, und ſeine Erſchei⸗ nung machte einen gewiſſen Eindruck. Es durchzuckte mich ein unbehagliches Gefühl, als ich die hohe ſchwarz⸗ gekleidete Geſtalt ſah, die beim Hereintreten mit einem beinahe drohenden Ausdruck die Augenbraunen zuſammen⸗ zog. Ma chère mére, die in großer Galla war und wirklich ſehr gut ausſah, ging ihm majeſtätiſch entgegen und hielt auf Franzöſiſch eine eben ſo artige, als ſtattliche Anrede an ihn, die der Fremde jedoch ebenſowenig zu verſtehen ſchien, als wenn ſie Lappländiſch geſprochen hätte. Er ſtand unbeweglich mit niedergeſchlagenen Augen da, und als ſie zu Ende war, ſagte er mit leiſer Stimme ein paar Worte, die ich nicht hörte, verbeugte ſich tief und verließ ſie ſchnell. Ich glaube, ma chere mère war jetzt wenig erbaut von der ausländiſchen Artigkeit, die ſie vorher ſo ſehr geprieſen hatte, und gleichſam an⸗ geſteckt von Romilly, runzelte auch ſie die Augenbraunen, während ſie ihren Platz wieder einnahm. Einen Augen⸗ blick darauf entſtand eine ſonderbare Bewegung an einem 206 Ende des Zimmers. Die Herren drängten ſich dicht zuſammen, und als die Gruppe ſich öffnete, ſah ma Romilly todesbleich und beinahe bewußtlos, von zwei Perſonen unterſtützt, einen Verſuch machen, das Zimmer zu verlaſſen. Bär begleitete ſie hinaus und ma cheère meère ſtellte Alles, was das Haus vermochte, zur Ver⸗ fügung des Kranken. Nach einer Weile nahm ſie mich mit ſich und ging ſelbſt zu ihm hinein. Herr von Romilly ſaß in einer Sophaecke und ſchien fich erholt zu haben, bedeckte aber das Geſicht mit ſei⸗ nem Nastuch. Ma chèére meére's freundliche Fragen beantwortete er mit dumpfer Stimme, klagte über eine heftige Migraine und ſagte, er ſehe ſich genöthigt, nach Hauſe zu fahren, weil ſein Kopfweh ihn ganz und gar untauglich für die Geſellſchaft mache. Ma chére meére ſagte, was eine artige Wirthin in einem ſolchen Falle ſagen kann. Der Fremdling beugte nur in ſtummer Dankſagung das Haupt und wir verließen ihn, nachdem ma chère méère ihn Bär's Obhut empfohlen hatte. Bald darauf hörten wir ihn abfahren. Jetzt einige Worte über die Vergnügungen des Tags. Ich fange damit an, den Schmaus zu überhüpfen, der wie alle große Mittagsſchmäuſe etwas ſchwerfällig war. Ma chère mére war nicht bei friſcher Laune und dieß wirkte auf uns Alle. Alſo jetzt zum Nachmittag. Frau von P. hatte mir bei ihrer Ankunft ein kleines gnädiges Nicken geſchenkt, beſchäftigte ſich aber nicht weiter mit mir. Dagegen that ſie ſehr freundlich mit Jean Marie. Jean Marie ſpielte ihr ſchweres Stück von Herz⸗ Es iſt ihr cheval de bataille und ſtreithaft iſt es, das muß man bekennen, ſowie daß ſie ſich vortrefflich darauf verſteht. Als ſie fertig war, ſtürzte Frau von P. auf ſie zu und rief:„Charmant, charmant! Nur unſere mover⸗ nen Compoſiteurs können ſo Etwas ſchreiben. Welcher Effect! Welches Colorit! Ach! Weber iſt bizarr, Roſini iſt oft arm an Melodien, aber Meyerbeer übertrifft beide. Er iſt ſo zu ſagen le prince de la musique!“ chi vei ner ere èr⸗ ich ien ei⸗ zen ine ach zar ere lle ner em ald der P ieß nes iter rie. erz. das auf ſie er⸗ her ſini ide. 207 „Das Stück, das ich eben ſpielte, war von Herz,“ antwortete Jean Marie etwas trocken. Ja es iſt vortrefflich, vortrefflich!“ wiederholte Frau von P.,„und meine liebe Baronin, die Kunſt allein iſt es, was den Menſchen über das Tbier erhebt. Die Bildung iſt die rechte Ariſtokratie, die alle Ungleichheiten in Rang und Vermögen zwiſchen den Menſchen aus⸗ gleicht. Wir leben wirklich in einer aufgeklärten Zeit.“ Die Fräuleins Adele und Julie waren auf Serena losgeſtürzt und ſagten mit erkünſtelter Lebhaftigkeit und feinen, gezierten Stimmen zu ihr:„Ach, wie angenehm, dich zu ſehen, Serena! wie geht es dir, Serena? Thut dir deine Hüfte noch immer weh, arme Serena?“ Mit einiger Schalkhaftigkeit lächelnd, antwortete Se⸗ rena:„Danke, meine lieben Freundinnen, es iſt ſchon über fünfzehn Jahre, daß ſie mir weh that.“ „Nein, wirklich? Beim Himmel, ich glaubte, du ſeieſt immer noch kränklich. Du ſiehſt ſo bleich aus. Aber da ſind auch deine Kleider ſchuld daran. Was iſt das für ein Zeug? Wie? was? Levantin ſelig! Hilf, Himmel, du bift ſehr altmodiſch, Serenchen, recht ar⸗ rierirt.“ „Drum komme ich nicht von Paris.“ ſagte Serena mit der heitern Güte, die ſowohl im eigenen als in an⸗ dern Herzen keine Bitterkeit aufkommen läßt. Sie be⸗ trachtete die Kleider der tadelnden Fräuleins, rühmte fie, fragte über Paris und hörte mit ſichtbarem Ver⸗ anügen ihren Erzählungen zu. Ich meinte, die beiden Schweſtern ſeien angenehmer geworden, ſo lange ſie bei Serena ſtanden. Vetter Stellan trieb ſich herum; er hatte zuerſt ein lebhaftes Geſpräch mit den Fräuleins von P., das ihn jedoch bald zu ermüden ſchien, ſteuerte ſodann auf die Gebrüder Stalmark los, die ſich mit einigen anderen Herren in einer andern Ecke des Zimmers zuſammen⸗ geſetzt hatten, wo ſie ſich über Pferde und Hunde unter⸗ hielten, lavirte bald darauf zu einigen wohlhäbigen 208 Gutsbeſitzern, die über Branntweinzoll ſprachen, wurde auf ſeiner Wanderung von dieſen hinweg von Frau von P. aufgetrieben und mußte zur Buße ſeiner Sün⸗ den eine gute Weile dieſe über Kunſt und Bildung ſich ausbreiten hören. Endlich riß er ſich von ihr los und blieb bei Serena, in deren anmuthiger Geſellſchaft er zu denken ſchien:„Hier iſt gut ſein.“ Ich nahm inzwiſchen bei meiner Freundin Brita Kaiſa eine Lection über Haushaltung und Dienſtmägde, wurde ſchläfrig dabei und ſuchte die Patriarchen auf, bei denen ich mein großes Werk, Serena auf vierzehn Tage nach Roſenvik zu bekommen, einleitete. Es ſchien nicht unmöglich, es auszuführen. Es lebe die Beredtſamkeit! Fräulein Hellevy Hausgiebel war durch eine frühere Einladung verhindert, dem Karlsforſer Schmauſe an⸗ zuwohnen. Dieſer Umſtand, ſo wie ma chére mére's ernſte Stimmung und die große Hitze draußen und vrin⸗ nen machte, daß nicht viel Leben in der Geſellſchaft war. Als Serena mit ihren Großeltern wegfuhr, was früh genug geſchah, wurde es immer ſchwerfälliger und ſchwerfälliger und ich war froh, als ich mich wieder im Cabriolet bei meinem Bär befand auf dem Weg nach unſerem behaglichen Roſenvik. Den 19. O der Abgeſchmackte, Garſtige, Grauſame, Schänd⸗ liche, Abſcheuliche— du wirſt ſogleich hören, wer. Vetter Stellan hatte ſich geſtern Mittag in die Stadt begeben, um bei Dahl's einen Beſuch zu machen. Bär und ich waren froh, wieder einmal allein zu ſein. Bär hatte ſein Handwerkszeug hervorgeholt; ich hatte mein Nähtiſchchen an den Sopha geſtellt und den dritten Theil vom„Wachtthurm in Koatven“ aufgeſchlagen, den ich Bär vorleſe. Das Buch kommt mir abſcheulich vor und ich kann den Eindruck, den es macht, nicht beſſer bezeichnen, als mit Bär's Ausvruck, daß er erſtickend iſt. Die einzige gute Lehre, die ſich meiner Anſicht nach 209 daraus ſchöpfen läßt— ich habe es nämlich bis zum Ende durchgeblättert— iſt die, daß man lebhaft füolt, welche moraliſche Zweckwidrigkeit das Leben mancher Menſchen und gar viele Dinge hier in der Welt darbie⸗ ten würden, wenn wir nicht zur Löſung des Räthſels — zur Fortſetzung der Geſchichte— über das Grab hinausblickten. Ich für meinen Tbeil möchte das Buch gern in's Feuer werfen, allein Bär verlangt, es bis zum Schluſſe mit mir zu leſen. Ich glaube faſt, die Abſcheulichkeiten darin machen ihm Vergnügen. Aber zurück jetzt auf den Sopha, an den Tiſch und das Buch. Als ich eben mit dem Leſen anfangen wollte, fiel mein Auge auf das Fenſter. Das Laub der Syringen ſäu⸗ ſelte im Winde, die Schwanen ſchlugen ihre weißen Flü⸗ gel, die Wolken zogen ſich langſam gen Weſten, es war mir, als winkte und flüſterte Alles:„Komm heraus, komm heraus.“ Und mich ergriff ein unbegreifliches Verlangen in's Freie und Grüne hinaus. Ich nahm Bär am Obrläppchen und flüſterte ihm mein Begehren in's Ohr. Er knurrte ein wenig, ſtreckte ſich, ſtand aber nach einer Wei e doch auf und nahm ſeinen Hut. Guter Bär! Bald hatte ich mich mit Sdawl und Hut verſeben und nahm meinen Bär unter dem Arme. Als wir eben zur Thüre hinaus wollten, ſah er ſich mit einer gewiſſen langen Miene um, als ob er etwas ver⸗ geſſen hätte, und ich, die ich alle ſeine Mienen jetzt ſehr gut kenne, ſprang ſogleich fort, nahm ſeine Pfeife, ſtopfte ſie ſelbſt, ſchlug Feuer und zündete ſie zu Bär's großem Vergnügen an. Bär hatte Luſt, ſich den Park von Ramm anzuſehen. Wir verſchafften uns einen Ruderer und kühl und angenehm war die Fabrt über den ruhi⸗ gen See hin. Bär blies in langen Wirbeln den Rauch aus ſeiner Pfeife, ich ſang kleine Barkarolen; ſo leg⸗ ten wir, ohne es zu merken, beinahe eine Viertelmeile zurück uud ſtießen bei Ramm's ſchattigem Ufer an's Land. Wir ſtiegen ziemlich weit von dem Hauſe aus und gingen Arm in Arm in den düſter ſchönen Park hinein. Ich fühlte Bremer, die Rachbarn. 14 210 mich glücklich: glücklich in dem ſtillen Walde an Bär's Arm zu gehen, die friſche Luft in meinem Geſichte zu verſpüren, Bär ſo gut zu wiſſen und den Himmel ſo klar über uns zu ſehen. Auch er war glücklich, mit ſeinem Weibchen unter den Erinnerungen ſeiner Kind⸗ heit dahinzuwandeln: er ſah ſich um, athmete tief und ſagte ganz leiſe, indem er meinen Arm an ſich drückte: „Wie herrlich!“ Und weißt du, meine Marie, wenn Bär ein Wort ſagt, ſo hat es mehr Gewicht, als hun⸗ dert aus dem Munde eines Andern. So wanderten wir immer tiefer in den Park hinein. Die hohen, dicht belaubten Bäume, die Schatten, die Erinnerungen, die unter dieſen Schatten zu verweilen ſchienen, die Einſamkeit und das Bild des düſtern Ein⸗ ſiedlers auf Ramm, das unwillkührlich als der Genius des Ortes vor uns ſtand, Alles trug dazu bei, uns feierlich zu ſtimmen. Aber während wir langſam weiter gingen, hörten wir zuerſt dumpf, dann im⸗ mer deutlicher und deutlicher ein Treten und Stampfen, wie von wilden Pferden, die Jemand vergebens zu meiſtern ſuchte. Ich habe keine Leidenſchaft für unlenk⸗ ſame Pferde; aber meinem Bär muß ſie inwobnen, denn er beſchleunigte unſere Schritte nach der Seite hin, wo man das Geräuſch hörte. Wir kamen an einen offenen Platz und blieben ſtehen, wie gebannt durch den Anblick des wilden, aber ſchönen Schauſpiels. Denſelben Mann und daſſelbe Pferd, die wir frü⸗ her einſt in ſo idylliſchem Frieden mit einander wan⸗ deln geſehen hatten, erblickten wir auch jetzt wieder, aber im heftigſten Streite. Der Mann ſaß jetzt gebie⸗ teriſch auf dem Rücken des ſchönen Pferdes und wollte es zwingen, über einen breiten Graben zu ſetzen. Das ſchöne Thier bebte zurück, es warf ſich rechts, es warf ſich links, es bäumte ſich, es wollte nicht. Der Schaum flog von ſeinem ſchwarzglänzenden Leibe. Aber gleich einem unerſchütterlichen und despotiſchen Willen, ſaß der Mann ſeſt, mahnend, ſtrafend, zwingend. Das pyracht⸗ im⸗ ofen, s zu lenk⸗ nen, eite inen den frü⸗ van⸗ eder, ebie⸗ ollte Das warf aum leich der acht⸗ 2¹¹ volle Thier entwickelte in dieſem wilden Streit die ganze Schönheit ſeines Geſchlechtes; ſeine Augen funkelten, ſeine weit aufgeſpannten Naſenlöcher ſchienen Feuer zu ſprüben, wäbrend es mit ſeinen Hufen die Erde ſchlug und mit hundert kräftigen Sprüngen dem Sprunge auszuweichen ſuchte, den es nicht machen wollte. Mit unvergleichlicher Kunſt ſaß der Reiter feſt und beugte ſich nach den Bewegungen des Roſſes, während er ſie zu bemeiſtern ſuchte; aber immer und immer wieder wurde das widerſpenſtige Thier an dieſelbe Stelle ge⸗ führt, mit derſelben Forderung und immer wieder ent⸗ ſtand derſelbe Kampf. So ſtritten ſie gewiß eine Stunde mit einander. Da ſchien das Pferd zu ermüden; es wurde ruhiger, machte aber keinen Verſuch, dem Wil⸗ len ſeines Herrn nachzukommen: Blut rann aus ſeinen von den Sporen zerfleiſchten Seiten. Der Mann ſtieg ab und ließ die Zügel bängen, das Pferd ſand ſtill und ſah ſeinen Herrn an. Dieſer nahm Etwas aus ſeiner Bruſttaſche hervor und hielt es vor die Stirne des Thieres.„Es iſt das dritte Mal, daß wir ſtrei⸗ ten,“ ſagte er mit dumvfer Stimme,„leb wohl!“ Es blitzte vor der Stirne des Pferdes, ein Schuß brannte ab und das Pierd ſtürzte nieder zu den Füßen ſeines Herrn. Wir ſahen den ſterbenden Kopf ſich gleichſam zur vietkoſung dirſem hinſtrecken, wir hörten ein dum⸗ pfes Stöhnen, dann war Alles ftumm und ſtille. Mit einer Hefligkeit, die ich an Bär noch nie ge⸗ ſeben hatte, drückte er meinen Arm an ſich, ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirne und rief leiſe, indem er ſich zurückzog:„Es iſt Bruno! Herr, mein Gott! Ja, er iſt's!“ „Der Satan iſt's, der leibhaftige Satan,“ ſagte ich aufgebracht.„O Bär, laß uns gehen, weit weg von dieſem abſcheulichen Menſchen, ich will ihn nie mehr ſehen.“ Es iſt Bruno!“ wiederholte Bär, indem er mich in den Wald hineinführte.„Wo hatte r Augen, 6 8 2¹2 daß ich nicht früher... aber jetzt war er ſich wieder ſo ganz gleich, wild, ungeberdig gegen jeden Wider⸗ ſtand— und dieſer Zug über Stirne und Mund! Bruno lebt alſo, Bruno iſt hier!“ „Ich wollte, er wäre weit weg!“ ſagte ich heftig. „Er iſt ein abſcheulicher Menſch und wird uns Alle zu⸗ ſammen tödten, wenn wir nicht die Tollbeiten alle thun, die er will.“ Ich war beftig ergriffen und mußte mich nieder⸗ ſetzen. Auch Bär war bleich und wiederholte mit einer Miſchung von Unrube, Freude und Schmerz:„Bruno zurückgekommen, Bruno hier! Was! was wird ſeine Mutter machen?“ „Ach, ſie wird ibn wieder ziehen laſſen. Ich wollte, er ſäße in Botany Bay, wohin er gehört.“ „Das ſollteſt du nicht wünſchen, Fanny,“ ſagte Bär.„Bruno iſt nicht ſchlecht. Er hat ſeine wilden Augenblicke, aber wenn er ſich nur noch im Geringſten gleich iſt, ſo hat er auch ſeine guten. Milde und Liebe vermögen unendlich viel über ihn. Selbſt ſein Zurück⸗ kommen, ſein Aufenthalt hier ſpricht für ſein Herz.“ Noch ſelten hatte Bär mit ſo vielem Eifer ge⸗ ſprochen.„Und was ſoll jetzt daraus werden?“ fragte ich ganz unglücklich. „Er muß mit ſeiner Mutter verſöhnt werden;— er muß bei uns bleiben.“ „Der Bandit, der Mörder!“ „Wir wollen erſt ſehen, wir wollen warten.“ „Wir wollen weg von hier, mein Liebſter, ſonſt ſchießt er uns zuſammen, weil wir ihm in den Weg ſtehen; o laß uns zurückfahren in unſer liebes, ruhiges Roſenvik.“ Wir thaten ſo. Es war, als führen wir auf einem aufgeregten Meere, ſo verſtört und unruhig war ich. Nachdem wir heimgekommen, ſprachen wir(d. h. ich), hin und her über das, war geſcheben war, was geſchehen könne und was geſchehen ſolle. Bär ging S er S— r O— 213 mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab, während er nach Rechts und Links ausſpukte, ohne daß ich daran dachte, es ihm zu verwehren, und dabei beſtändig ausrief:„Hum, Hum!“ Endlich mußte ich mit ihm dabin übereinkommen, daß wir jetzt nichts anders tbun können, als die Entdeckung geheim halten und die Zeit abwarten. Bär konnte dieſe Nacht kein Auge zuthun; ich auch nicht; aber geaen Morgen ſchlum⸗ merte ich ein und träumte dann, Bruno ſtoße ſeiner Mutter einen Dolch in die Bruſt; ich hörte ihren durch⸗ dringenden Schrei:„Mrin Blut! Mein eigen Fleiſch und Blut!“ und ſah ſie in einen finſtern Abgrund hin⸗ abſinken. Als ich erwachte, war ich ſo erſchüttert, daß ich weinte. Und noch einmal mußte ich mir Luft machen, indem ich aus Herzensgrund rief:„O, der abgeſchmackte, garſtige, grauſame, abſcheuliche Menſch!“ Den 20. Nein, ich kann ihn doch nicht verabſcheuen. Bruno hat ein Herz, wenn er auch gegen Pferde grauſam iſt. Er kam geſtern Abend zu uns, und als er herein trat, erhob ſich mein Herz wie ein wildes Pferd gegen ihn und ich konnte ihm kein freundliches Wort ſagen. Der Beſuch begann mit einem beinahe allgemeinen Schwei⸗ gen; aber ich ſab Bär an, daß das Bruderderz in ſeiner Bruſt ſchwoll und ſich nicht lange halten werde. Vetter Stellan hatte kurz vorher angefangen uns ein Stück aus Spindler's„Juden“ vorzuleſen, den er als ein Meiſterſtück im Genre des Entſetzlichen rühmte. Bruno's Ankunft unterbrach die Lectüre und Stellan legte ſogleich das Buch weg. Bruno bemerkte dieß und bat, da wir eben mit Leſen beſchäftigt ſeien, auch zuhören zu dürfen. Vetter Stellan ſetzte ihm kurz auseinander, wovon die Stelle hanrelte und ſagte, wie der Jude Zodick, bereits auf dem Wege des Verbrechens eingewohnt, durch eine der ſcheußlichſten Gewaltthaten von einigen — 2¹4 chriſtlichen Rittern zu einer Reliaion, die er verab⸗ ſcheut, getauft, ſodann von denſelben barbariſch ver⸗ höhnt und verſpottet wurde; wie in dieſer Lage die ſchauderhafteſte Verzweiflung ſeine Seele ergreift; er fühlt ſich verworfen auf Eiden und im Himmel; alle Paradieſe ſind ihm verſchloſſen:„Muß ich denn ver⸗ flucht ſein?“ ruft er,„verruchte Gojim, ihr dabt mir meine Seele geſtohlen! Ich fluche euch! Ich gelobe euch Rache, vollgeltende Rache.“ Hier hatte Stellan aufgehört zu leſen; ſodann fuhr er fort: „Dieſer Gedanke belebte den Unſeligen, von Zwei⸗ fel und Muthloſigkeit Zerriſſenen, mit dem Funken, der nicht aus dem Himmel ſtammt, ſondern aus der Tiefe. Zodick raffte ſich zuſammen, blickte wild mit wehenden Haaren zu den jagenden Wolken auf, die vergebens ihre dichteſten Schneeflocken berniederſandten, das glü⸗ hende Molochgebilde abzukühlen.—„Der Bund iſt zer⸗ riſſen!“ ſchrie er gellend hinauf, das einzige lebende Weſen unter dem ſtillen eiſigen Regen:„Samael! Fürſt der Wildniß, Fürſt des Todes und Gatte der entſetz⸗ lichen Nachtfrau Lilis, der Gebärerin aller Schreckens⸗ geſpenſter und Sünden! Dir ergebe ich mich! Schütze mich vor dem Zorn unſeres Gottes! Berge mich vor der Wuth Edom's! Lehre mich das Schwert führen ge⸗ gen das Geſetz, das nicht mehr mein iſt! Erlaube mir Rache zu nehmen an Iſrael, wie an Eſau, bis du einſt meinen Geiſt dahinnimmſt in den Stürmen dei⸗ nes Grimmes!“ Die Erzählung ſpricht weiter, wie Zodick ſich in dem Geſüble der Hölle verhärtet, er wird rubiger, er ſieht ein, daß es dem für das andere Leben Verlorenen erlaubt fein muß, hienieden doppelt in eigener Freude und in den Leiden Anderer zu leben. Er erklärt alle Menſchen für vogelfrei, und trunken von wilder Freude bei den ſchrecklichen Bildern, die in ſeiner Seele auf⸗ ſteigen, dankt er dem Schickſal für das Ereigniß, das — 7—. — ———„.— ———— ab⸗ er⸗ die er alle e mir uhr vei⸗ der efe. den ens ü⸗ er⸗ nde ir n6⸗ ütze vor ge⸗ mir du ei⸗ in nen ude alle ude uf⸗ das 2¹5 ihm Kraft gibt, einen Durſt nach Rache zu löſchen und der Feind des ganzen Menſchengeſchlechts zu ſein. „Das iſt entſetzlich,“ ſagte ich, als Stellan auf⸗ gehört hatte,„aber iſt es auch natürlich, iſt es auch wahr? Iſt es nicht eines von den Schreckbildern, welche die Romane unſerer Zeit oft heraufbeſchwören. die aber kein Gegenbild in der Wirklichkeit beſitzen* Verbrechen und Verdrecher kann ich begreifen, nicht aber den ver⸗ pärteten Menſchenfeind, nicht einen Teufel in Men⸗ ſchengeſtalt.“ Vetter Stellan zuckte die Achſeln.„Jedenfalls,“ ſagte er, iſt die Darſtellung gelungen und effectvoll.“ „Und zwar eben, weil ſie durchaus wahr, durch⸗ aus natürlich iſt,“ ſagte Bruno mit Nachdruck.„Der Sünder wird zum Teufel, wenn— er keine Hoffnung mehr bat.“ „Aber wer braucht ſie ganz aufzugeben?“ ſagte Bär mit der Zuverſicht, die dem reinen Herzen ſo ſchön an⸗ ſieht,„wer kann, ja wer muß nicht hoffen*“ „Können Sie die Laſt der Reue oder des Schmerzes von einer Menſchenbruſt wälzen, ſo daß ſie ſich der Hoff⸗ nung erſchließt?“ fraate Bruno mit einem Tone des Vorwurfs;„können Sie die Leidenſchaften hindern, zu zerſchmettern, zu erbittern? Hoffen! Nehmen Sie aus der Welt Strafen weg, die zebnmal härter ſind, als der Sünder es verdient; nehmen Sie aus der Seele Worte weg, die, einmal geſagt, ewig darin brennen.“ Stellan wurde hier von den Brüdern Stalmark hinausgerufen, die in Jagdkleidern und mit einem Ge⸗ folge von Hunden über den Hof zogen. Er wollte ſich wieder Hunger auf der Jagd holen und verließ uns. Somit hörte er nicht, wie ich wegen des Pferdes und verſchiedener andern Sachen im Geiſte gegen Bruno entbrannte und ihm ziemlich bitter antwortete. „Nehmen Sie den Hochmuth, nehmen Sie den Zorn und den böſen Willen aus der Seele des Men⸗ ſchen und Sie werden ſehen, daß die Strafe beſſert, ——— 2¹6 daß das Unglück, daß der Schmerz reinigt und zur De⸗ muh und Hoffnuna führt.“ „Die Strafe!“ fiel Bruno mit webmüthiger Hef⸗ tiakeit ein;„glauben Sie mir, es gibt Sünder, welche Strafe nie beſſern kann. Es gibt Naturen, die durch Härte bloß verhärtet werden. Sie ſtürzen ſich immer tiefer in die Spitze, die man ihnen auf die Bruſt ſetzt. Wollen Sie einen Verbrecher dieſer Art vom Untergang und ewigen Verbrechen retten, wollen Sie das Herz in ſeiner Bruſt verwandeln, ſo reichen Sie ihm in Liebe die Hand, verzeihen Sie ihm, auch wenn er es nicht verdient— aber verſtoßen, verwerfen Sie ihn nicht! Lange kann ein Herz zwiſchen Gutem und Böſem ſchwan⸗ ken— lange kann es noch zu retten ſiin— aber die Stunde kommt, wo es für ewig ſich verſteinern kann. Wenn der einzige Buſen, nach dem es ſich in der Welt ſehnt, ihm verſchloſſen bleibt, dann— ſind ihm auch alle Paravieſe des Lebens verſperrt. Wenn eine ſchreckliche, unverſöhnte Erinnerung kommt, beſtändig wieder kommt, Tag und Nacht, jede Stunde, jeden Augenblick, wie ein Eisregen auf die Seele fällt, dann. ſchrecklich, ſchrecklich, ſchrecklich!“ Bruno legte die Stirne in ſeine Hände, er ſchien uns und Alles um ſich her vergeſſen zu haben. Der Donnerkeil auf ſeinem Schlafe war in ſcharfen Winkeln geſpannt. Nach einer Weile ſah er mit flammenden Blicken auf und fuhr fort:„Und unter ſolchen Umſtän⸗ den ſoll der Menſch ſich beſſern, gut werden und hoffen! (Er lachte bitter.) Ach, ihr guten, glücklichen Men⸗ ſchen! Gebt hinaus in die Welt, beſucht die Gefängniſſe, die Galeeren!— Seht in dieſe Herzen hinein, die noch mehr in Ketten geſchmiedet ſind, als die Leiber, und ſprecht dann noch von Beſſerung! es gibt Furien im Leben, im Herzen— die Sagen des Alterthums von ibnen ſind keine Dichtung— geht hinaus zu den von Furien Beſeſſenen und predigt— Hoffnung, wenn ihr den Muth dazu habt.“ —————, — — —— — ———— „— e⸗ ef⸗ he er t. ng 217 „Ei der tauſend!“ ſchrie Bär, wie im Zorn auf den Boden ſtampfend, obgleich er Thränen in den Au⸗ gen hatte:„Ja, Hoffnung will ich predigen und ſelbſt in Gefängniſſen, beides zu Land und zu Waſſer. Ich will es dem ſterbenden Miſſethäter in's Ohr ſchreien, will jenſeits des Todes, jenſeits des Grabes hinüber⸗ rufen, in die endloſe Ewigkeit will ich hinüberrufen: „Hoffet, hoffet.“ „Er führt etwas im Schilde, aber er bat Recht,“ dachte ich gerübrt und erfreut über meinen Bär. „Wollen Sie auch,“ ſagte Bruno langſam und ſeine Wange erbleichte, während er ſeinen Kopf in die Hand ſtützte,„wollen Sie auch demjenigen von Hoff⸗ nung reden, der ſeines Vaters oder ſeiner— Mutter Fluch erhalten und verdient hat?“ Seine Stimme wurde matt bei dieſen letzten Worten. „Ja, ſo wahr der Himmel iſt!“ rief Bär heftig und fuhr mit einem Tone und auf eine Art, wobei mir einen Auaenblick Hören und Sehen verging, fort: „Wozu dieſe Zweifel und Jeremiaden und dieſe jam⸗ mervolle Verzweiflung bei einem Mann und Cbriſten! Warum ſind Sie gekommen, uns mit ſolchen Dingen zu beunrubigen? Das Blut brauste in Bruno's Geſicht, während er einen fragenden Blick auf Bär warf. Bär ſah ganz wüthend und ergrimmt aus, indem er ſchrie:„Ich geſtehe, daß ich es ſehr ſonderbar finde, daß Sie als ein Fremder in mein friedliches Haus kommen und unſere Ruhe mit Reden von Gefängniſſen, Galeeren und Furien und mit abſcheulichen Raiſonne⸗ ments ſtören, von denen wir gar nichts wiſſen wollen.“ Bruno erhob ſich verwundert, verletzt und ſtolz und heftete ſeine wunderbar durchdringenden und flammen⸗ den Augen auf Bär. Dann ſenkte er ſie wieder und ſagte mit einer Stimme, die zugleich gedämpften Stolz und Schmerz verrieth:„Ich habe Ihre Ruhe geſtört? Ich will ſie nicht mehr ſtören! Leben Sie wohl!„Er — ——————— —— 218 verbeuate ſich gegen mich und ging auf die Thüre zu. Bär folgte ivm, noch lauter ſchreiend: „Ja, ich finde es höchſt ſonderbar, unerklärlich und beinahe unverzeihlich, daß Sie als ein Fremder kommen, und von Verzweiflung, von unheilbarem Unglück, von Verſtoßung ſprechen und das in— hier legte Bär plötz'ich ſeine Hand auf Bruno's Arme, als dieſer in der Thüre ſich umwandte mit einem Blick, als wollten alle Blitze der Welt aus ſeiner Seele flammen— in eines Bruders Hauſe, das auch Ihr Haus iſt, vor einem Freunde, der Alles thun will für... Bruno! Ja es iſt unverzeihlich!.. Bär hielt ihn in ſeinem Arme und drückte ihn an ſeine redliche Bruſt. Der Sturm ſchmolz in Liebes⸗ töne. Bruno war außer ſich; Bläſſe und Rötbe wech⸗ ſelten in ſeinem Geſichte mit tauſend ſtreitenden Ge⸗ füblen; envlich gingen ſie alle in das eine Gefühl über⸗ ſchwellender Zärtlichkeit über; er drückte den Bruder heftig an ſeine Bruſt, küßte und umarmte ihn zu wie⸗ derholten Malen, indem er ſtammelte:„Bruder— Bruder! Lars Anders Kannſt du dich meiner noch erinnern... willſt du mich noch anerkennen und lieben, wie früher?“ „Schweig,“ brüllte Bär, den Hals voll Weinen, „ſchweia mit deinen dummen Fragen. Komm, hier iſt meine Frau. Wir beide ſind Eins: umarme ſie. Ich geſtehe, daß der Schatten des Pferdes ganz aus meiner Seele geſchwunden war; ich ſaß weinend da bei der Umarmung der beiden Brüder, und als Bruno auf mich zutrat, reichte ich ihm meine Wange hin. Er küßte auch meine Hand und umarmte Bär auf's Neue. Das warme, liebende Herz leuchtete aus ſeinen Augen und ſeinem ganzen Weſen. Ich hatte ihn recht lieb in dieſem Augenblick. Wir hatten kaum an⸗ gefangen, uns etwas zu beruhigen, als man Vetter Stellan unvermuthet zurückkommen hörte.„Geheimniß!“ ſagte Bruno leiſe und mit Nachdruck. Bruno blieb — erer c98 — ———„——— 3 d e ir 8 1. T 2¹9 nach Stellan's Ankunft lange ſtumm! endlich ſaate er: „Einer meiner Leute iſt gefäbrlich krank auf Ramm, dürfte ich den Herrn Doctor Werner um einen Beſuch bitten— am liebſten heute Abend, oder wenn es ſein könnte, morgen früh.“ „Heute Abend,“ antwortete Bär,„und zwar je eher, je lieber, bevor es zu ſpät wird.“ Sie brachen ſogleich auf, und als Bär Abſchied von mir nahm, bat er mich leiſe, nicht unruhig zu ſein, im Fall er bis ſpät in die Nacht hinein ausbleiben ſollte. Ich blieb allein bei Vetter Stellan zurück, der in mir die langweiligſte Geſellſchaft von der Welt gefun⸗ den haben muß, denn ich war weit weg mit meinen Ge⸗ danken, und obgleich er viel von Seréena ſprach, blieb ich doch ſtumm und zerſtreut. Bär kam erſt gegen Mitternacht nach Hauſe und erzählte mir Folgendes: „Aus Bruno's Papieren, wie aus ſeinen eigenen Worten geht bervor, daß er einige Zeit in portugieſi⸗ ſchen Kriegsdienſten geſtanden iſt. Nach dem Friedens⸗ ſchluß nahm er ſeinen Abſchied, reiste nach Weſtindien, aſſocirte ſich mit einem Plantagebeſitzer und machte ſein Glück im Handel. Er wurde reich und führte viele Jahre lang, theils auf den Plantagen, theils auf Reiſen ein ſehr beweates, thätiges Leben, allein die Sehnſucht nach ſeinem Vaterlande, das Verlangen, ſich mit ſeiner Mutter auszuſöhnen, ergriff ihn immer heftiger und wurde zuletzt ſo mächtig, daß das Leben allen Werth für ihn verlor. Da beſchloß er einen Verſuch zu ma⸗ chen, ob er ſich von dem Fluche, der ihn furiengleich verfolgte, befreien könne. Er reiste unter ſeinem an⸗ genommenen Namen nach Schweden und kam nach Ramm. Hier zog er Erkundigungen über die Stimmung ſeiner Mutter ein. Er erfuhr ihren Zuſtand nach ſei⸗ ner Flucht, wie ſie ſeitdem alle Erinnerungen an ihn entfernt habe, und auch jetzt noch nicht einmal ſeinen Namen hören könne, und ſeine Seele wurde von grau⸗ 220 ſenbafter Verzweiflung ergriffen. Es ſchien Bruno äußerſt webe zu thun, darüber zu ſprechen und er unter⸗ brach ſich ſelbſt mit den Worten:„Gleichviel;— ein Verſuch muß gemacht werden; wann— weiß ich nicht; — laß uns bis auf Weiteres nicht davon ſprechen.“ Gelingt ihm ſein Vorhaben, ſo will er ſein großes Ver⸗ mögen nach Schweden ſchaffen, Ramm ankaufen und ſich da miederlaſſen. Gelingt es ihm nicht, ſo reist er nach Weſtindien zurück und will für Familie und Va⸗ terland abgeſtorben ſein.“ So ſtehen die Aktien. Wie wird es wohl gehen? „Hoffe!“ hatte Bär zu ſeinem Bruder geſagt, und doch kennt er die Charaktere ſowohl der Mutter, als des Sohnes zu gut, um wegen des Ausaangs der Sache nicht in größter Unruhe zu ſein. Gleichwohl iſt Bär ſeelenvergnügt über Bruno's Rückkehr, und daß er ſein Herz warm wieder gefunden dat, wie früher. „Aber ſagteſt du ihm nichts wegen des Pferdes?“ fragte ich. „Allerdings,“ antwortete Bär,„denn ich habe ihm geſagt, wann und an was ich ihn wieder erkannt habe. Bruno erröthete und ſagte: es war eine unglückliche Stunde. Ich hatte mir vorgenommen, in dieſem Sprung über den Graben eine Prophezeihung über die Entſchei⸗ dung meines Schickſals zu erblicken, und ich wollte, daß er geſchehen ſolle. Als der Widerſtand nicht zu beſiegen war, wurde ich erbittert; aber es reut mich, das gethan zu haben.“ „Dann iſt er doch wenigſtens ein Menſch, rief ich, obgleich kein vernünſtiger.“ Ach, meine gute Marie, was ſoll aus dem Allem werden? Ein wilder, unvernünftiger Sohn, eine un⸗ beugſame Mutter, die auch ihren Funken Wildheit in der Seele hat, und zwiſchen beiden ſolche Erinnerun⸗ gen! Wie wird das gehen? Was wird daraus wer⸗ den? Bär, der ſo viel vom Hoffen ſpricht, ſieht ſelbſt g0 21 ganz und gar nicht aus, wie die Hoffnung. Gott helfe uns Allen. Achter Brief. Roſenvik, den 28. Juli. Ich bin einige Tage her ſo in Anſpruch genom⸗ men, ſo aufgeregt und glücklich geweſen, daß ich Un⸗ ruhe, Angſt, drohende Zukunft und— verzeihe mir, liebe Marie!— beinahe auch die Feder vergaß. Ich habe gar zu voll in der Gegenwart gelebt und genoſſen. Ich habe Serena bei mir beſeſſen und beſitze ſie noch. Meine Pläne gelangen; ich tyranniſirte Bär, er ty⸗ ranniſirte die Patriarchen und ich erhielt Serena mit der Erlaubniß, ſie eine ganze Woche und vielleicht noch länger bei mir zu behalten. Wie froh war ich an dem Abend, als ſie ankam! Es war mir, als hätte ich eine liebe jüngere Schwe⸗ ſter in mein Haus bekommen, der ich Mutter ſein ſollte. Wie glücklich ich war, ihr von meinen Eiern, meiner Butter, meinem friſchgebackenen Roggenbrod vorzuſetzen und des Abends weiße, glänzende Vetttücher über ihr Lager auszubreiten, das ich in einem Zimmer neben der Wohnſtube aufgeſchlagen habe. Des Morgens ſtan⸗ den wir früh auf, tranken Milch von der Audumbla und gingen ſodann in den Birkenhain, wo Bär Schlan⸗ genwege hat machen laſſen, ſo daß er jetzt wie ein kleiner Park ausſieht; ich habe mit ihr Luft und Blu⸗ men genoſſen und ſie von Tag zu Tag friſcher und ſchöner werden ſehen. Wir haben mit einander geleſen, gearbeitet, geſungen und geplaudert, und Alles erhält bei Serena einen neuen, ſtets ſich erhöhenden Reiz. Am Mittwoch war Kaffee⸗ und Theegeſellſchaft auf Vogelneſt. Ein heiteres Feſt, lebhaft und munter, wie ——— —————— 222 die Wirthin, die Leib und Seele gleich angenehm trak⸗ tirte. Es iſt eine ſchöne Sache um ein Muſeum. Am Freitag darauf ging es luſtig zu bei Doctor Werner's. Roſenvik kann ſich mit Vogelneſt nicht meſ⸗ ſen, hat aber doch, wie ma chére mére über ſeine Wirthin zu äußern beliebte(verzeibe mir mein Prah⸗ len)„ſeine kleinen Reize.“ Da es das erſte Mal war, daß wir mehr Fremde bei uns hatten, ſo war ich etwas unruhig, ob auch Alles gut und in der Ordnung von Statten gehe, beſonders um Bär's willen, von dem ich wünſchte, daß er mit„meiner Frau“ recht zufrieden ſein möchte. Glücklicherweiſe machte ſich Alles vortreff⸗ lich; das einzige Unglück war, daß ich ſchon einige Tage vorher Bär darauf vorbereitet vatte, er werde bei die⸗ ſem Feſte mit einer Art Zuckerplätzchen traktirt werden, die förmlich im Munde zerſchmelzen ſollten. Zu allem Unſtern zerſchmolzen ſie ſchon im Ofen, ſo daß der Mund nicht das Geringſte davon zu ſchmecken bekam. Im Uebrigen war Alles aut und die Gäſte nahmen mit Artigkeit vorlieb. Jean Marie ſpielte das ſchwere Stück von Herz: ich ſang einige Sachen und dann tanzte man ein wenig nach dem Fortepiano. Alles war recht munter. Als die Gäſte ſich verabſchiedet hatten, gingen Bär und ich im Zimmer auf und ab und freuten uns, daß Alles ſo gut gegangen war, und daß man es ſo unge⸗ mein angenehm bei uns gefunden hatte. „Und wie die Limonade Allen ſchmeckte!“ rief ich. „Und die Zuckerplätzchen!“ rief Bär mit einer ab⸗ ſcheulichen Grimaſſe,„die im Munde ſo ſchmolzen, daß man gar Nichts davon ſpürte.“ Unglückſelige Zuckerplätzchen! Die fröhlichſten und angenehmſten Tage haben wir indeß allein auf Roſenvik verlebt und beinahe jedesmal auf der Schwaneninſel unſer Abendbrod verzehrt. Vetter Stellan iſt aux petits soins für Serena. Nun, nun, Vetter Stellan! rak⸗ tor neſ⸗ ine vas von den eff⸗ age ie⸗ en, der mit ück an är ß 3e⸗ b⸗ aß ir al er n, 223 Ein paar Abende haben wir auch auf Karlsfors zugebracht. (Seit ihrem Unglück nimmt ma chére meére nie mehr Einladungen an.) Ma chéère mére iſt ſehr gut und freundlich gegen mich. Sie nennt mich jetzt bei⸗ nahe immer„du“ und„Kind.“ Wenn wir ganz gut mit einander ſind, ſage ich Mutter zu ihr, was ihr Vergnügen zu machen ſcheint. Vertraulichkeit herrſcht jedoch nicht zwiſchen uns; dazu ladet ſie nicht ein, das Berlichingiſche an ihr läßt keinen Muth dazu aufkommen. Ebba reiste am Sonnabend mit ihrem Manne ab. Es ging mir nahe. Ich habe ſie wirklich in der letzten Zeit ſehr liebgewonnen. Sie hat ſehr viele natürliche Güte, und wenn Peter ſie klug behandelt, wird ſie ſich immer mehr entwickeln. Ihre Thränen bei unſerem Abſchied bewieſen mir, daß ich ihr auch nicht gleich⸗ gültig bin. Wir verabredeten ein Correſpondenz. Den 2. Auguſt. Ich darf Serena noch vierzehn Tage länger behal⸗ ten! Die guten alten Dahl's kamen geſtern hieher. Es war eine Freude, zu ſehen, wie Serena in ibre Arme flog und wie dieſe ſie in inniger Liebe umſchloſſen. Sie waren glücklich, Serena's blühende Wangen zu ſehen und ihre Fortſchritte im Geſange zu hören(ich prabhlte aber au chmit iyr, trotz der beſten Tante), und ſie ſelbſt überredeten das liebe Mädchen, Bär's Befehlen und meinen herzlichen Bitten nachzugeben. Es ſchien Se⸗ rena hart anzukommen, die Alten zu verlaſſen, aber doch ſügte ſie ſich endlich auf die Bitten Aller, und ſo ſtehen mir noch weitere vierzehn Freudentage bevor. Zwiſchen Jean Marie und mir iſt Alles wieder Harmonie. Ich unterhalte mich jeder Zeit ſehr gerne mit ihr, und ihr mufikaliſches Talent gehört wirklich zu den außerordentlichen. Auch finde ich ſie weit ange⸗ nehmer, ſeit Ebba abgereist iſt. Dieſe zwei konnten ſich nie recht vertragen. Es geht mit gewiſſen Menſchen, —— —.————————— —— 224 wie mit gewiſſen Zeugen. Jedes für ſich kann man ganz aut ſein, aber kommen ſie zuſammen, ſo ſtechen ſie einander aus und verlieren gegenſeitig an Farbe. Jean Marie wird immer artiger gegen ma chère moére und auch dieſe wird immer freundlicher gegen ſie, hält ſie aber doch namentlich in allen Haushaltungsangele⸗ genheiten in einer gewiſſen Entfernung. Wirkliches Ver⸗ dienſt hat Jean Marie als Gattin, ſie und Jean Jacques vertragen ſich vortrefflich mit einander. Bisher habe ich dir nur Sonnenſchein gegeben; jetzt kommt eine Wolke. Sie heißt Bruno. Bruno iſt Abends oft hier geweſen. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich werde ängſtlich, ſobald er hereintritt; es iſt mir, als wohne irgend eine böſe Macht in ihm und als werde er gewiß noch ein Unglück verurſachen. Der warme Sonnen⸗ ſtrahl, der ſo ſchön bei ihm hervorbrach, als er ſich von Bär erkannt und umarmt ſah, iſt mit dieſem Augenblicke verſchwunden. Die Donnerwolkennatur hat wieder die Oberhand bekommen, und Bruno iſt düſter und verſchloſ⸗ ſen. Dennoch übt dieſer wunderliche Menſch einen ge⸗ heimen Einfluß auf uns Alle aus. Ich fürchte, Serena empfindet denſelben tiefer, als mir lieb iſt, obgleich ich es nicht mit Gewißheit ſagen kann. Bruno dagegen ſcheint mir ſichtlich in ſie verliebt zu ſein. Er ſieht ſie an, er lauſcht Allem, was ſie ſagt, wie man einer Muſik lauſcht,⸗ von der man keinen einzigen Ton verleren will. Serena iſt gut und freundlich gegen ihn; aber ſo iſt ſie auch gegen Stellan und überhaupt gegen wen iſt ſie es nicht? Indeß habe ich zu bemerken geglaubt, daß ſie zuweilen gegenüber von Bruno eine Schüchternheit verräth, die ſie bei Stellan nicht hat und das— iſt kein gutes Zeichen. Vielleicht iſt es aber auch eine ganz natür⸗ liche Folge von den ungleichen Naturen und dem unglei⸗ chen Benehmen der beiden Männer. Auch ich bin nicht ganz unbefangen gegenüber von Bruno. Es gefällt mir keiner von beiden ganz recht als Mann für Se⸗ rena. Doch lieber noch Stellan, als Bruno. du hat den im unk er wir Leb her der küb All geb jetz der wü als flü ver un ſiel all ma da lar ba 25 man Den 5. Auguſt. chen Aha, Vetter Stellan, ſieht es ſo aus? Was glaubſt vbe. du wohl, meine beſte Marie, da iſt unſer früherer Ehe⸗ ere ſtandsverächter eine ganze Stunde lang hingeſeſſen und hält hat von dem Glück einer paſſenden Verbindung, von ele⸗ den Annehmlichkeiten und Freuden geſprochen, die man er⸗ im Familienleben finden könne.— Und dann Seufzer lues und melancholiſche Geſichter und Andeutungen, daß auch er es für das höchſte Glück halten würde, mit einem jetzt wirklich liebenswürdigen und gebildeten Weibe durch's nds Leben zu gehen, und ich, ich werfe ihm alle ſeine frü⸗ ber heren Schwierigkeiten in den Weg.„Aber, Vetter Stellan, als der ſaure Kleiſter?— Aber, Vetter Stellan, die Putz⸗ eer kübel? Ihre Frau muß doch putzen laſſen in ihrem en⸗ Hauſe— Aber Vetter Stellan, das Kindergeſchrei— von Alle kleinen Kinder ſchreien und wenn ſie von noch ſo licke gebildeten Eltern herkommen.— Und jener Apfel, der die fich in allen Familien findet! u. ſ. w.“ Stellan hatte loſ⸗ jetzt auf alles dieſes eine Antwort, deren Hauptgedanke ge⸗ der war, an der Seite einer wirklich klugen und liebens⸗ ena würdigen Gattin ſeien alle irdiſchen Unannehmlichkeiten ich als leichte, zerſtreute Wölkchen zu betrachten, die nur eint flüchtig am klaren Himmel erſcheinen und ſchnell wieder „er verſchwinden. Ich war vollkommen derſelben Anſicht ſcht, und ſagte ſie endlich auch.„Ja,“ meinte Stellan,„man ena ſieht dieß erſt dann vollkommen ein, wenn man eine uch Perſon findet, die durch ihr ſchönes, harmoniſches Weſen bt? allen ihren Umgebungen einen Reiz verleiht. Dann fühlt len man erſt, daß das Innere des Menſchen ſeine äußere die Welt bildet und daß er die Verhältniſſe beherrſchen kann.“ tes„Ja, ſo iſt es, Vetter Stellan, und ich geſtehe, ür⸗ daß ich dieſe Umwandlung in Ihren Anſichten ſchon lei⸗ lange geahnt habe!“ icht„Wie ſo?“ fragte Stellan erröthend. ällt„Geſtehen Sie, daß eine Perſon in unſerer Nach⸗ Se⸗ barſchaft beſonders dazu beigetragen hat, Sie das häus⸗ Bremer, die Nachbarn. 15 26 liche und eheliche Leben in einem helleren Lichte be⸗ trachten zu laſſen.“ „Hum nun ja, ich kann es nicht leugnen.“ „Ich habe es ſchon lange geſehen. Auch wundert es mich gar nicht, Vetter Stellan. Sie haben Fräulein Hellevy Hausgiebel und Vogelneſt nicht mit kaltem Blute ſehen können.“ „Was? wen? wie?“ Vetter Stellan ſprang ganz verwirrt auf und ſah mich mit Schrecken an. Stellan wurde böſe und ſagte:„Sie ſcherzen, Franziske, und das iſt nicht ſchön von Ihnen.“ „Verzeihen Sie mir, Stellan,“ ſagte ich,„aber geſtehen Sie, daß Vogelneſt nicht die mindeſte von all den Unannehmlichkeiten hat, die Sie ſo groß finden; es kann dort nie nach ſaurem Kleiſter riechen, es wird dort gewiß höchſtens einmal des Jahres geputzt, und über⸗ dieß iſt Fräulein Hellevy Hausgiebel— eine Perſon, mit der das Leben nie ſchwerfällig und langweilig wer⸗ den kann.“ „Gott bewahre uns! Ihre unaufhörliche Lebhaftig⸗ keit macht mir Fieber; ehe acht Tage vergingen, ſtürbe ich auf Vogelneſt an einer Entzündung; ſie könnte mich dann einbalſamiren und wäre vielleicht froh, eine Mu⸗ mie für ihr Muſeum an mir zu bekommen. Dank, Baſe Franziske! Nein, ſehen Sie ſich nach einer andern Gegend um.“ „Das habe ich auch gethan, Vetter Stellan, aber ein großes Aber iſt mir in den Weg getreten. Dieſe — Perſon iſt vortrefflich, aber ſie iſt lahm.“ „Die ſchöne und berühmte La Valliere war auch „Ja, das iſt wahr und verändert die Sache ſehr;“ (für Hofleute fügte ich in petto hinzu.) „Aber ſie ſcheint mir einen größeren Fehler zu einen Fehler, den ich bei einem Weibe verab⸗ cheue„ „Gott bewahre uns! Und der wäre?“ es a 8 e88 227 „Sie ſcheint mir kalten Herzens zu ſein;— ſie hat eine Ruhe in ihrem Weſen, die an Gleichgültigkeit gegen alles Gefallen grenzt;— dieß iſt ein großer Fehler an einem Frauenzimmer.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Stellan; ich habe an Serena nie etwas Kaltes bemerkt.“ „Ich glaube doch, daß es ſo iſt— aber es würde mich freuen, wenn ich Unrecht hätte; denn ſie iſt gewiß ein ganz vortreffliches Weſen, aber Eisnaturen kühlen auf die Länge doch ab.“ Vetter Stellan ſagte dieß mit einem ungezwungenen und ziemlich gleichgültigen Tone, indem er hinausging. Ja, ja, Vetter Stellan, Sie ſind fein, aber mir machen Sie kein A für ein U. Ich ſehe recht wohl, wie es ſteht. Stellan meint, ich ſoll Serena's Herz aus⸗ forſchen und ihm dann ſagen, ob es warm over kalt für ihn iſt. Im erſteren Falle tritt er mit Sicherheit auf, im letztern zieht er ſich hinter dieſen großen Fehler bei einem Frauenzimmer zurück und hat dann weder ſei⸗ ner Gemächlichkeit, noch ſeiner Würde Etwas vergeben. Aber— liebt man wirklich, wenn man ſo vorſichtig iſt? Jedenfalls iſt es luſtig, zu ſehen, wie der ſaure Kleiſter auf einmal ſüß werden kann, und ich will wirklich bei der nächſten beſten Gelegenheit zu ergründen ſuchen, ob Serena für meinen ſchönen Vetter warm oder kalt iſt. Es iſt dann noch ſehr die Frage, ob ich ihm etwas von meinen Entdeckungen mittheile. Den 6. Jetzt weiß ich, wie viel Uhr es iſt und du ſollſt es auch erfahren, meine Marie. O Serena, Serena! Ich war geſtern Nachmittag allein mit ihr, dachte an Stellan und fragte ſie ohne Umſchweif, was ſie von unſerem jungen Gaſte denke. Einigermaßen zu meiner Verwunderung glaubte ich zu finden, daß ſie nur ſehr wenig an ihn gedacht hatte. Sie gab hübſch, ———————————— — ————— 228 angenehm und talentvoll; allein ſie ſprach ihren Bei⸗ fall mit einer verzweifelten Gleichgültigkeit aus. Da begann ich, ihn ein wenig zu verläſtern.„Die Liebe,“ dachte ich„hat wunderliche Schlupfwinkel und oft, wenn man ſie nicht mit Zucker herauslocken kann, bekommt man ſie mit Salz heraus. Aber vergebens ſalzte ich meine Bemerkungen über Stellan's Trägheit, Leicht⸗ ſinn u. ſ. w. Ich konnte in Serena's Antworten auch nicht das geringſte Spitzchen aus dem Pfeilköcher der Liebe entdecken. Serena entſchuldigte ihn, wie die chriſt⸗ liche Liebe ſelbſt, während ſie ſeine Fehler zugab. „Du biſt ſehr mild gegen ihn, Serena,“ ſagte ich. „Wollteſt du dich nicht ſeiner Erziehung annehmen, z. B. als ſeine— Gattin?“ „Ach nein, nein!“ ſagte Serena lachend. „Warum, ach nein, nein, du gibſt ja zu, daß er viele gute Eigenſchaften hat und entſchuldigſt ſeine Feh⸗ ler mit allem Eifer.“ „Ja, aber es würde mir doch nie einfallen, ihn heirathen zu wollen.“ „Und warum nicht, Serena?“ „Was ſoll ich ſagen? Ich halte ihn zwar für recht artig und angenehm, aber, aber— ich glaube nicht, daß er irgend einen andern Menſchen oder überhaupt irgend etwas Anderes, als ſich ſelbſt recht lieben könnte.“ „Dann nähmeſt du wohl noch lieber meinen Bär, Serena.“ „O ja, er iſt ſo gut gegen Jedermann, ſo warm⸗ herzig, ſo thätig für Andere.“ „Es iſt nur gut, daß ich ihn ſelbſt in ſichere Ver⸗ wahrung genommen habe. Aber ſage mir, liebe Se⸗ rena— und verzeih, wenn ich mit meinen Fragen zu weit gehe— iſt es kein Anderer, der Stellan im Wege ſteht?— Denn ich meine wirklich, du ſollteſt ein Bis⸗ chen wärmer für ihn ſein— iſt dein Herz vielleicht ſchon gefeſſelt? Man hat mir von einem jungen Manne erzählt, der vor ein paar Jahren deine Hand begehrte?“ ger unt ihn ſo unt doe zu ihn für ern lãc Au ver fra Si Lie der bef Ve ab iſt, der te. är, rm⸗ zer⸗ Se⸗ zu zege is⸗ nne e?“ 229 Serena war beim Anfange meiner Frage feuerroth geworden; beim Schluß derſelben aber erbleichte ſie und antwortete nach kurzem Bedenken:„Nein, ich liebte ihn nicht, aber hätte ich vollkommen freie Hand gehabt, ſo wäre ich vermuthlich ſeine Gattin geworden.“ „Und warum das, wenn du ihn nicht liebteſt?“ „Weil ich glaube, daß er mich aufrichtig liebte, und daß ich ihn hätte glücklich machen können. Es iſt doch ſchön, einen Menſchen auf der Erde glücklich machen zu können.“ Aber du hatteſt ja mehrere Freier? Hat keiner von ihnen deinen Großeltern zugeſagt? Oder hatteſt du für ſie nicht daſſelde Erbarmen, wie für den Eben⸗ erwähnten?“ „Sie bedurften deſſen nicht,“ ſagte Serena und lächelte. „Wie ſo?— Sie liebten dich ja?“ „Ach, es gibt viele Arten von Liebe.“ „Das iſt wahr. Wir wollen ſie einmal muſtern. Auf den erſten Platz können wir die mäßige Liebe ſetzen. Sie ſpricht ungefähr ſo:„Sieh da, ein artiges und verſtändiges Mädchen. Sie wird eine ordentliche Haus⸗ frau werden und mich in keine großen Koſten ſtürzen. Sie wäre ganz recht zur Frau für mich.— Welcher Liebe wollen wir den zweiten Platz einräumen?“ „Dem Verliebtſein etwa?“ „Ganz recht, dem Verliebtſein, das eine Vinde vor den Augen hat und ſowohl über einen Fuß, als einen Schuh in Entzücken gerathen kann. Dieſe Liebe kann heftig ſein, wie der Frühlingsſturm oder zart, wie ein Veilchen und vergeht leicht, wie dieſe. Sie kann ſich aber auch, wie die mäßige Liebe, wenn das Glück gut iſt, zu einer innigeren erheben und nahe verwandt wer⸗ den mit einer Art Liebe, vor der ich alle Achtung hege; ich meine warme Freundſchaft.“ „O, die iſt ſchön,“ ſagte Serena:„ſie entwickelt 230 fich erſt während der Ehe ſelbſt vollkommen und ich habe zu Hauſe oft gehört, wie ſie redet, mehr noch in Thaten, als mit Worten.“ „Sage mir das, liebe Serena, denn auch ich möchte dieſe Sprache gerne in mein häusliches Leben einführen.“ Wenn jetzt ein Mann vor Serena geſtanden wäre, er hätte ſich ihr zu Füßen geworfen, ſo einnehmend, ſo von Grund der Seele aus liebenswürdig war ſie, in⸗ dem ſie ſagte: „Dein Wohl iſt das meinige, mein Wohl des dei⸗ nige. Möge auch ein noch ſo ſchreckliches Unglück her⸗ einbrechen, es kann mich nicht unglücklich machen, wenn ich nur dich behalte. Wenn ich gefehlt und wenn ich recht gehandelt habe, ſehe ich es an deinem Auge. Das iſt meine Strafe und das iſt meine Belohnung. Wohin ſollte ich mit meiner Freude, mit meinem Schmerze gehen, außer zu dir. Wohin ſollteſt du gehen, außer zu mir? Haben wir nicht Alles mit einander? Wenn du fehlſt, wenn du mitunter ungerecht biſt— was thut dieß? Ich ſchließe dich um ſo inniger an mein Herz, wir lieben einander nur um ſo mehr. An deiner Seite habe ich überall eine Stütze, eine Heimath und Freude. In der ganzen weiten Welt iſt Niemand, der mich ſo verſteht, ſo zu mir paßt, wie du.“ Ich trocknete eine Thräne und ſagte:„Aber was könnte die Liebe ſelbſt mehr ſagen, Serena— die höchſte Liebe?“ „Die höchſte Liebe?“ wiederholte Serena und eine milde Bläſſe verjagte den Purpur von ihren Wangen —„was ſie ſagen würde, weiß ich nicht, aber ich ahne, was ſie fühlen würde. Sie iſt ein höherer Pulsſchlag in den Adern der Freundſchaft, ſie iſt das göttliche Leben. Serena hielt inne, ihre Augen füllten ſich mit Thränen und der begeiſterungsvolle Blick vollendete den Gedanken, den die Zunge nicht ausſprechen konnte. „Und dieſes Weſen ſoll im Grunde kalt ſein?“ —— ich in chte . ire, ſo in⸗ dei⸗ er⸗ enn Jas hin rze ßer enn hut erz, eite de ſo vas hſte ine gen ne, lag iche ſich ete nte. 2 231 dachte ich.„Und du, Serena,“ ſagte ich nach einer Weile,„die du das höchſte Glück der Ehe ſo gut ver⸗ ſtehſt— wirſt du es nie koſten? Wirſt du unvermählt bleiben?“ „Ich glaube, ja,“ antwortete Serena wieder ruhig, „aber ich werde dennoch ebenſo innig meine Eltern, ih alle guten Menſchen lieben und dadurch glück⸗ lich ſein.“ „Meine liebe Serena, das geht wohl, ſo lange dein Herz frei iſt.“ Ein Zucken, ein Zittern durchfuhr die ſeine, warme Hand, die ich in der meinigen hielt. Es war, als ſei ein Herzſchlag durch Serena's Adern geflogen, und als ich ſie anſah, waren ihre Wangen von Röthe übergoſſen und ſie athmete haſtiger. Ich wollte eben fragen, wo⸗ her dieſe plötzliche Aufregung komme, als ich eine ſchmerz⸗ liche Aufklärung erhielt. Ich hörte den Schlag ſchneller Roſſeshufe und bald darauf ſtieg Bruno an der Pforte ab. Serena muß ſchon von weitem den Gang ſeines Pferdes erkannt haben. „Steht es ſo?“ dachte ich, und ein langſames, ängſtliches Schaudern fuhr mir, wie eine unglückliche Ahnung, durch Leib und Seele. Ich drückte Serena's Hand feſter, ich fühlte das Bedürfniß, ſie zu empfangen, ſie inniger an mich zu ſchließen, wurde aber durch Bru⸗ no's polternden Eintritt davon abgehalten. Er kommt immer wie ein Gewitter. Aber er ſchüttelte jetzt ſo herzlich meine Hand, warf einen ſo ſchönen Blick auf Serena, daß der unbehagliche Eindruck, den ich erfuhr, einigermaßen verſchwand. Serena nähte jetzt eifrig an ihrem Stickrahmen und Bruno's Augen ruhten auf ihren Fingern und den Blumen, die unter denſelben entſtanden.„Es iſt ein chöner Tag heute,“ ſagte ich zu Bruno.„Ja,“ ant⸗ vortete er mit melodiſcher Stimme,„aber ich fühle es etzt erſt.“ Wir ſchwiegen lange, und ich war froh, als ——— — —————— 232 unſer Trio durch Bär zum Quartett und bald darauf durch Stellan zum Quintett gemacht wurde. Aber dieß ſchien Bruno nicht zu behagen. Er ſtand. auf, und nachdem er ein paar Mal im Zimmer auf⸗ und abgegangen, ſetzte er ſich am andern Ende deſſelben an's Fortepiano, und leiſe, gleich mühſam zurückgehalte⸗ nen Gefühlen, ertönten ſeine Melodien in ihrem wunder⸗ baren, bedeutungsvollen Leben. Serena ſchien zu träu⸗ men, ſie nahm keinen Theil an der Unterhaltung, und erſt, als wir von der bevorſtehenden goldenen Hochzeit ihrer Großeltern zu reden anfingen, wurde ſie aufmerkſam. „Es muß doch ſchön ſein,“ ſagte ich warm,„von einem ſolchen Tage auf eine lange Reihe von Jahren zurückzublicken und nur reinen Erinnerungen und guten Thaten zu begegnen.“ Bruno machte eine Bewegung, die Töne verſtumm⸗ ten, er legte ſich über die Stuhllehne, und ich ſah, daß er zuhörte. Vetter Stellan ſeufzte und ſagte:„Ein ſolches Glück wird nur wenigen Sterblichen zu Theil.“ „Und warum, Vetter Stellan?“ erwiederte ich. „Eben weil nur Wenige dafür leben. Weil ſo Wenige ſich ſelbſt kennen lernen und beherrſchen wollen.“ „Und wer kennt ſich ſelbſt? Wer kann das thun?“ fragte Bruno, indem er aufſtand. „Hum ich hoffe, recht viele Leute,“ antwortete ich, etwas verblüfft über dieſe herbe Unterbrechung. „Ja, man glaubt es,“ fuhr Bruno mit düſterer Heftigkeit fort,„man glaubt ſich ſelbſt zu kennen, glaubt es aber bloß, weil man ungeprüft iſt, weil man nie in die Tiefe der Seele geſehen hat. Die Verhältniſſe ebnen den Weg, das Leben geht dahin, wie ein ſonniger Tag, und der ruhige Geiſt, den keine Stürme erſchüttern und keine Nacht verdunkelt, glaubt ſich ſelbſt feſt und klar. Der Blinde! Der Glückliche! Er weiß wenig vom Leben. Aber wer, den die Verſuchungen, die Qualen und Freu⸗ den der Welt geprüft, wer, der ſeine Seele von Leiden⸗ auf and. auf⸗ ben lte⸗ der⸗ räu⸗ erſt, hrer am. von hren uten nm⸗ daß ches ich. nige mn rtete terer aubt ie in bnen Tag, und klar. ben. re⸗ den⸗ 233 ſchaften aufgerüttelt gefühlt hat, wagt es zu ſagen, daß er ſich ſelbſt kenne, wagt es zu glauben, vaß er ſein und handeln könne, wie er wolle? Und wer iſt immer derſelbe? Sehen Sie die Geſchichte an. Beflecken nicht Laſter und Erbärmlichkeiten das Leben der größten Men⸗ ſchen? Kann nicht ein Miſſethäter edle Handlungen ver⸗ richten? Kann man nicht in einem Augenblick ein Pa⸗ radies von Liebe in ſeinem Herzen beſitzen, und im an⸗ dern iſt es kalt, arm und öde darin? Sich ſelbſt ken⸗ nen? Heißt es nicht, ſich als einen Tummelplatz aller Widerſprüche und als einen Spielball zwiſchen Himmel und Erde fühlen, mit welchem Engel und Teufel ihren Scherz treiben? Der Menſch kann Viel, nur nicht ſich gleich bleiben. Er kann das Größte, das Edelſte thun, aber nur für einen Augenblick; der andere zieht ihn wieder niederwärts. Sich ſelbſt ken⸗ nen, heißt ſeine Unmacht kennen.“ Gleich einem brauſenden Strom, der plötzlich über alle Ufer ſchwillt und alle Dämme durchbricht, ſtürzte Bruno's Rede hervor; und ich geſtehe, daß ich mich gleichſam davon überſchwemmt fühlte. In meinem eige⸗ nen, ſo oft wandelbaren und fehlenden Herzen, erhoben ſich bundert Zeugen für Bruno's traurige Lehre. Ich fühlte meinen Muth ſinken, aber Serena hatte das Steuer nicht verloren. Sie hielt ihren klaren Blick auf Bruno's Geſicht geheftet, der ihr gerade gegenüber ſtand, und als er ſchwieg, ſagte ſie mit inniger, troſt⸗ voller Milde: „Gewiß finden ſich Widerſprüche und Ungleichhei⸗ ten bei allen Menſchen, aber können wir nicht anneh⸗ men, daß ſie ſich in demſelben Maße vermindern, wie wir beſſer zu werden ſuchen?“ „So ſollte es ſein!“ ſagte Bruno langſam und ließ ſeine Augen gleichſam ausruhen auf ihrem himmel⸗ klaren Geſichte. „Und ſehen wir nicht in mannigfaltigen Beiſpielen, daß eine ſolche Veredlung wirklich vor ſich geht, wiſſen ————— 234 wir nicht, daß gefallene Weſen ſich emporgerichtet baben, deß Hartgeprüfte als Sieger aus dem Kampfe hervor⸗ gegangen ſind? Trägt nicht jeder Menſch ein geheimes Gottesbild in ſeiner Bruſt, das ſein Weſen verklären kann, das ihn zu einem höhern Leben zu erheben ſtrebt!“ „Ja, ſo iſt es, ich glaube das!“ ſagte Bruno mild, aber düſter. Er ſetzte ſich neben Serena. „Laſſen Sie uns denn für Alle hoffen!“ fuhr Se⸗ rena innig und gerührt fort.„Für gewiſſe Naturen mag der Weg ſchwieriger ſein, aber Er, der klar und gut und ewig ſich gleich iſt, wird gewiß auch ihnen einmal ſeine Stimme vernehmbar machen und ſie zum Licht und zur Harmonie erheben.“ „Amen, Amen! Möge es ſo geſchehen!“ ſagte Bruno, indem er die Stirne in ſeine Hand legte.„Mögen alle unruhigen Seelen Frieden erhalten!“ „Vor Allem einen guten Willen!“ dachte ich bei mir, wollte aber nach Serena's Engelſtimme nicht mit einem allgemeinen Spruch hervortreten. Wir ſaßen lange ſchweigend da, ſämmtlich mit un⸗ ſern eigenen Gedanken beſchäftigt. Sie verſchmolzen ſich zuletzt in Mozart's Don Juan, der von Stellan vorgeſchlagen wurde und wobei Bruno als Kapellmei⸗ ſter jedem Etwas von ſeiner mächtigen Begeiſterung einflößte. Er entzückte mich dieſen Abend wirklich. Ich glaube auch, daß Alle eben ſo entzückt waren, wie ich. Wir nahmen uns kaum Zeit, einen Biſſen zu eſſen, ſon⸗ dern hielten beinahe ununterbrochen bis eilf Uhr aus. Göttliche Kunſt! Herrlicher Mozart! Wir waren durch ihn Alle ſo gute Freunde gewor⸗ den, daß wir Bruno ein gutes Stück Weg begleiteten, als er fortging. Die Luft war mild und der Sternen⸗ himmel ſtand in ſtrahlendem Glanz in der tiefen Däm⸗ merung der Auguſtmitternacht. Wir ſahen unwillkürlich in ſtiller Bewunderung empor, und Stellan— der ſeit einigen Tagen Alles tiefer zu empfinden ſcheint— 235 Stellan ſagte:„Unter einem ſolchen Himmel muß der Menſch zum erſten Mal die Unſterblichkeit geahnt haben!“ —„Oder noch wahrſcheinlicher hat er ſeine Sterblich⸗ keit, ſeine Abhängigkeit von äußern Mächten zum erſten Mal recht begriffen,“ wandte Bruno ein.„Denn was ſagt Ihnen dieſes Gewimmel von Sternen, von ewigen Wanderern auf ewig denſelben Bahnen, die in ihrem Himmelsleben ſtumm ſind, wie die Trappiſten? Fremd unſeren Gefühlen, unſeren Qualen, unſeren Freuden, kreiſen ſie in ewiger Ruhe, und ſcheinen auf unſere Fra⸗ gen nur zu antworten: Armer Staub! Miß dich mit der Unſterblichkeit, und verſtumme. Unſterbliches Leben? Nein, dieſen großen Gedanken ſchöpfen Sie nie aus der gefühlloſen Höhe. Der Sternenhimmel drückt uns eher nieder, als daß er uns erhebt. Aber die Welt der Töne! — können Sie ſich in dieſe verſenken, ohne— wenigſtens auf einen Augenblick— die Größe des Lebens zu ahnen, ihre Harmonie und ihre Unendlichkeit zu begreifen? O (und Bruno's Stimme erhielt hier ihren tiefen melan⸗ choliſchen Klang), o wenn irgend ein großer Gedanke in dieſem Univerſum iſt, in dem Leben, das wir führen, ſo muß es derjenige ſein, den die Töne ausſprechen. Hören Sie die Fuge! Hören Sie, wie eine Sphäre der andern zuſingt, wie ein Gedanke dem andern ant⸗ wortet, wie mannigfaltig Alles iſt, und wie hoch ein Gedanke dieſe Mannigfaltigkeit in Kraft und Schönheit trägt. Die Fuge iſt das Werde des Schöpfers; ſo wie⸗ derholten unzählige Welten das erſte Wort. Hören Sie eine Symphonie von Beethoven an, wenn Sie eine Erklärung des Lebens finden wollen, lauſchen Sie den Tönen, wie ſie leben, leiden, lieben, ſich um einander ſchlingen und dabei alle unausſprechlichen Melodien des Daſeins bilden. Hören Sie endlich, wie die Diſſonan⸗ zen ſich in Harmonien zerſchmelzen, wie Stürme, Un⸗ ruhe, Qual, Freude, Haß und Liebe gleich den Strö⸗ men der Erde forteilen, um ſich in den Ocean zu ſtürzen, 236 wo Alles ſich auflöst, Alles ſich in einem accordvollen Wohllaut verſöhnt und Alles Frieden erhält!““ Ich war erſchüttert und hingeriſſen von Bruno's Ausdruck, wiewohl nicht vollkommen befriedigt von ſei⸗ nen Worten. Wir gingen jetzt langſam auf die Allee zu. Vetter Stellan ſprach mit mir, und ich glaube, daß ich auf einmal zwei paar Augen und Ohren bekam, denn ich hörte ihn und antwortete ihm, während ich aufmerkſam auf das Acht gab, was zwiſchen Bruno und Serena vorging, die ſich einige Schritte vor uns befanden. Bruno brach eine Blume, bot ſie Serena und ſagzte mit einer leiſen Stimme, die etwas unend⸗ lich Mildes und ſogar Weiches hatte:„Blumen und Glückwünſche werden zu gleicher Zeit gegeben. Wollen Sie jetzt dieſe von mir annehmen?— Mögen Sie im⸗ mer ſo friedvoll ſein, wie jetzt! Mögen Ihre bitterſten Sorgen dieſer Nacht gleichen, die voll himmliſcher Lich⸗ ter iſt! Mögen Sie ſo glücklich werden, wie Sie rein und gut ſind! Aber—“ und hier ſenkte ſich ſeine Stimme tiefer—„wenn Sie ſelbſt von guten Engeln auf den Händen getragen werden, ſo beten Sie für diejenigen, die keinen Frieden haben, die nicht rein ſind, wie Sie — beten Sie für dieſe und— beten Sie für mich!“ Dieſe letzten Worte ahnte ich mebr, als ich ſie hörte. Bruno beugte ſich in demſelben Augenblicke über Se⸗ rena's Hand und Vetter Stellan fing, wie es ſchien, auch an, zwei paar Augen und Ohren zu bekommen. Serena hatte ihr Geſicht Bruno zugewandt, aber ich konnte nicht hören, ob ſie ihm etwas antwortete. Bru⸗ no's Pferd wurde vorgeführt, er nahm einen haſtigen Abſchied von uns und verſchwand ſchnell aus unſeren Blicken. Bruno! Mit dieſer wunderlichen Seele kann man weder zurechtkommen, noch Frieden vor ihr haben. Und eben dieſe Widerſprüche bei ihm, dieſe ſchnellen Wech⸗ ſel, dieſer Schnee und Thau, Sturm und Ruhe, dieſe Nacht und dann der plötzliche Tag voll Leben und ollen mo's ſei⸗ Allee daß kam, dich runo uns rena end⸗ und ollen im⸗ rſten Lich⸗ rein mnme den gen, Sie ch!“ örte. Se⸗ hien, men. Bru⸗ igen eren man Und ech⸗ dieſe und 3 Wärme verleihen ihm ein zugleich unruhiges und mäch⸗ tiges Intereſſe; er ſtößt ab und er zieht an— letzteres hauptſächlich, weil er ſo vollkommen natürlich iſt. Aber ſchwer beunruhigt es mich, daß Senena ſich ihm zugewandt hat. Was ſoll die weiße Lilie auf der ſtürmiſchen Woge? Kann Bruno eine Gattin glück⸗ lich machen? Verdient er eine ſolche Gattin? Denke, wenn er ſelbſt einer von den Verbrechern wäre, deren Partei er ergreift? Was iſt er? Was will er? So frage ich mich, ſo frage ich Bär. Bär glaubt immer das Beſte und liebt Bruno wirklich. Er vermag mich indeſſen nicht vollkommen zu tröſten. Ich habe ängſit⸗ liche Ahnungen. Mit ſchwerem Herzen ſage ich bis auf Weiteres:„Lebe wohl, meine gute Marie.“ Neunter Brief. Roſenvik, 14. Augufi. Wieder ſind acht Tage ſeit meinem letzten Briefe an dich verfloſſen, meine Marie. Ueber dem Roman, der jetzt um mich herum geſpielt wird, vergeſſe ich, daß ich einen ſchreiben ſollte. Aber das Bedürfniß, vor deinen Augen zu leben, Marie, führt mich wieder zur Feder und zur Erzählung. Vetter Stellan iſt abgereist. Er muß ſich immer mehr überzeugt haben, daß Serena den Fehler hat, den er an einem Frauenzimmer am unverzeihlichſten fand; es wandelte ihn eine ſtarke Gähnluſt an, ſo oft Bruno nach Roſenvik kam. Er erhielt Briefe aus Stockholm, wichtige Geſchäfte, die ihn dahin riefen, und— reiste ab, begleitet von meinen aufrichtigen Glückwünſchen. Es thut mir doch leid, daß ſeine Bekehrung gleich im Anfang gehemmt worden iſt. Aber Serena und Bruno haben mich ſo ſehr be⸗ ſchäftigt, daß ich wenig Gedanken für andere Leute hatte, —————— 238 als für ſie. Bruno hat mein Haus zu dem ſeinigen gemacht. Bär ſieht es mit Freude, und ich kann bei aller Unruhe gegen dieſen wunderlichen Menſchen nicht gleichgültig ſein. Serena ſteht gleichſam unter einem heimlichen Zauber, und— was meinſt du wohl? Ich habe es noch nicht gewagt, ihn mit einem Worte zu brechen. Sie ſcheint ſo glücklich, ſo fröhlich, ſo inner⸗ lich ſicher, daß ich mich ſcheue, ein Wort zu ſprechen, das ſie ſtören oder vielleicht noch halb ſchlummernde Gefühle zum Bewußtſein wecken könnte. Ueberdieß blüht ſie dabei zu einem ſchöneren Leben auf; ihre Stimme hat die lieblichſten Töne entwickelt— aber Bruno iſt auch ein ganz anderer Meiſter, als ich;— nie hat ihr Geſicht, ihr Weſen eine anziehendere Lebendigkeit be⸗ ſeſſen. Und Bruno? Er iſt ſtill, aber man ſieht, daß er ganz und gar von ihr eingenommen iſt; er folgt ihr, wohin ſie geht; er ſetzt ſich überall neben ſie. Mit⸗ unter heftet er auf ſie einen der Blicke, die nicht ver⸗ gebens aus dem Auge eines Menſchen ausgehen. Ach, der Blick in dem ſeinigen! Er gefällt mir nicht. Er macht mich zuweilen erbeben. Man ſagt, wenn die Schlange ſich die Lerche zum Raub auserſehen habe, ſo erhebe ſie ſich und hefte ihren Blick auf ſie. Die Lerche ſieht ihr in die Augen und ein wunderlicher, ſchrecklicher Zauber ergreift ſie. Zit⸗ ternd auf ihren Flügeln fliegt ſie Ring auf Ring um ſie herum und ſingt und fingt; nie hat ſie ſo bezaubernd geſungen, nie haben ihre Schwingen in höherer Lebens⸗ freude gezittert, und ſo ſingt ſie und kreist um die Schlange herum, immer näher und näher, bis ſie in ihren Rachen ſinkt und— auf ewig verſtummt. Serena, Serena! Wahrhaftig, es geht nicht an, es darf nicht ſo fort gehen. Ich muß Serena warnen. Sie muß von dieſem gefährlichen Manne erfahren, was wir wiſſen. Ich muß mit Bär reden. igen bei nicht inem Ich te zu ner⸗ chen, ernde blüht mme o iſt t ihr be⸗ daß folgt Mit⸗ ver⸗ Ach, Er zum ihren und Zit⸗ gum bernd bens⸗ m die ie in ht ſo von iſſen. 239 Später. Hier unſer Geſpräch: „Aber, mein lieber Bär, es geht nicht an! Ich ver⸗ ſichere dich, es kann wohl etwas ganz Ernſthaftes dar⸗ aus entſtehen.“ „Nun, und wenn auch? Was kann man Beſſeres wünſchen? Ich wünſche, daß es Ernſt werden und zur Trauung kommen möchte. Ich glaube wirklich, dieſe Zwei würden ganz gut für einander paſſen.“ „Aber iſt er einer ſolchen Gattin würdig? Wiſſen wir auch, ob er nicht noch weit Schlimmeres gethan hat, als in ſeiner Jugend? Es iſt etwas an Bruno, was mir vor ihm bange macht. Ich traue ihm nicht. Manchmal ſcheint es mir, als ob er zum Schlimmſten fähig wäre. Denke, wenn er ein Mörder wäre... „Meine liebe Franziske,“ ſagte Bär beinahe böſe, „warum dich von deiner Phantaſie ſo hinreißen laſſen? Warum ohne die mindeſte Veranlaſſung ſo von einem Menſchen denken? ZJetzt biſt du unbillig, Franziske.“ „Verzeih mir, Engel, aber du— biſt du nicht gar zu mild? Keine Veranlaſſung? Wir wiſſen ja, daß er geſtohlen hat.“ „Und haſt du nie geſtohlen— als Kind?“ Ich ſtutzte, dachte nach, erröthete und ſchwieg. Aus meinen unſchuldsvollen Kinderjahren erhoben ſich Ge⸗ ſpenſter gleich einer Menge Zwiebacke, Zuckerchen, Sand⸗ ſtücke, eine gewiſſe kleine Perlmutterdoſe, und legten Zeugniß wider mich ab. Endlich ſagte ich:„Ja, Bär, ich habe geſtohlen und erkenne meine Sünden, aber— mit fünfzehn Jahren ſtahl ich nicht mehr.“ „Bedenke die Verhältuiſſe, unter welchen Bruno aufwuchs. Faſt alle Kinder ſtehlen ein wenig. Aber eine gute Erziehung und kluge Behandlung erſticken ſpäter den gefährlichen und doch ſo natürlichen Trieb, ſich eigenmächtig das zuzueignen, wozu man Luſt hat; Bruno wurde unklug behandelt und muß darnach be⸗ urtheilt werden. Jedenfalls bewieſen ſeine letzten Zeilen 240 an mich, daß er ſeinen Fehler einſah und davon ab⸗ laſſen wollte. Und gewiß hat die fürchterliche Lection, die ihm der letzte Auftritt mit ſeiner Mutter gab, ihn auf immer von dieſer Bahn weggetrieben.“ Ich ſeufzte und ſagte:„Jedenfalls haben wir ge⸗ ſehen, daß er denjenigen nieverſchießt, der nicht ſo will, wie er. Wer gegen Pferde ſo grauſam iſt, kann es auch gegen Menſchen ſein.“ „Da iſt noch ein ungeheurer Unterſchied, Fanny. Ich will Bruno's Fehler keineswegs vertheidigen. Ja, er iſt wild, zuweilen ſogar unvernünftig. Aber er iſt noch wie in den erſten Tagen ſeiner Jugend; es fehlt ihm an Geſetztheit, an Ruhe— böſe iſt er nicht. Im Gegentheil, ſein Herz iſt warm, und ich bin überzeugt, daß er gut werden wird. Gerade ein Engel, wie Se⸗ rena, kann Macht über ihn erhalten, ihn gut, vernünf⸗ tig und zugleich glücklich machen.“ „Mein liebes Bärchen, du ſprichſt ganz ſchön, aber ich bin noch gar nicht zufrieden. Sollten wir Serena nicht wenigſtens den Mann kennen lehren, zu dem ſie ſich ſo blind hinneigt? Sollte ſie nicht erfahren, was wir von ſeiner Jugend und von ſeinen Abteuern wiſſen?“ „Warum? wozu? Wenn ſie ihn liebt, ſo wird fie ſich dadurch nicht ihm entfremden laſſen. Aber als Gat⸗ tin könnte es ein quälendes Bewußtſein für ſie ſein, daß Bruno einmal die Verachtung ſeiner nächſten An⸗ gehörigen verdient habe. Wenigſtens ſoll Niemand an⸗ ders, als Bruno ſelbſt ſie davon in Kenntniß ſetzen. Auge gegen Auge, Herz an Herz, kann viel geſagt und verſöhnt werden.“ „Ach wenn man nur etwas mehr von Bruno's ſpä⸗ terem Leben wüßte!“ „Ich habe ja ſeine Erzählung gehört, ich habe ſeine Papiere geſehen. Alles iſt richtig und in Ord⸗ nung Ich habe Briefe von mehreren ausgezeichneten Leuten an ihn geſehen. Sie ſprechen durchaus zu ſeinem Vo hal nat ver Ta Ve lich Fa des dat hät der ver wi ab⸗ ion, ihn ge⸗ will, auch nny. Ja, r iſt fehlt Im ut, Se⸗ ünf⸗ aber rena n ſie was en?“ d fie Gat⸗ ſein, An⸗ an⸗ etzen. und ſpä⸗ habe Ord⸗ neten inem 241 Vortheil. Ueberdieß— wenn Bruno auch gefehlt haben ſollte— ſehen wir nicht deutlich das Verlangen nach dem Guten bei ihm? Der Herr wird ihn nicht verſtoßen— und du, Franziske, wollteſt es thun?“ „Ach, nein, nein, Bär; aber Serena„ „Denke an Bruno's warmes Herz, an ſeine großen Talente, ja ſein Genie und dann— an ſein großes Vermögen. Warum ſollte Serena nicht mit ihm glück⸗ lich ſein?“ „Ach, Bär! Was eine Frau glücklich, was ein Familienleben ſchön macht, das ſind nicht die Talente des Mannes, nicht ſein Vermögen, auch nicht einmal das Feuer in ſeiner Seele— dieſes kann auch den häuslichen Frieden in Brand ſtecken— nein, das Glück der Frau beſteht darin, daß der Mann rechtſchaffen, gut, vernünftig, billig und ordnungsliebend iſt— gerade wie du, Bär.“ Wir haderten nicht mehr. Bremer, die Rachbarn⸗ 16 242 Aus einem Brief von Bruno M. an Antonia von R. Ich näherte mich ihr ohne Abſicht. Ich wollte bloß die Schönheit ihres Angeſichts ſchauen, den Unſchuldsglanz, der gleich einem klaren Himmel darauf ruht; ich wollte bloß der Stimme, den Worten dieſer perſonifizirten Holdſeligkeit lauſchen. Was die Friſche der Wellen, was die Töne des Geſangs, was meiner Mutter Liebkoſungen mir einſt geweſen, das war mir jetzt ihre Nähe. Es wurde mir wohl zu Muthe bei ih⸗ rer Stimme; bei ihrem Blick legte ſich jedes peinliche Gefühl, jeder unheilige Gedanke— ich wurde beſſer. Nicht ſie, nicht ich, ſondern die Macht, die ein vulkaniſches Feuer in die Tiefe meines Weſens gelegt, iſt Schuld, daß dieſes Gefübl plötzlich zur verzehren⸗ den Flamme wurde. Aber ich liebe ſie nicht, wie ich früher geliebt habe. Bis jetzt ſtand keine Serena auf meinem nächtlichen Wege. Sie iſt meine erſte, reine Liebe. Eben deßhalb, weil ſie den Weibern, die ich bis⸗ her geſucht und gefunden habe, ſo unähnlich iſt, eben deßhalb iſt Serena ſo bezaubernd für mich. Ihre milde, jungfräuliche Würde, die ihrem Weſen und ihren Hand⸗ lungen den Stempel der ſchönſten Sittlichkeit aufdrückt, feſſelt mich wie mit Zauberkraft an ſie. Eben deßhalb⸗ weil alle Gefallſucht ihr ſo fremd iſt, habe ich Luſt, 243 das Knie zu beugen und ſie anzubeten. Meine Augen ruhen mit unbeſchreiblichem Entzücken auf dieſem Munde, den kein leichtfertiger Kuß entheiligt, kein Wort des Zorns oder der Lüge verunreinigt hat. Reinheit— ein Wort, das ich zu ſpät kennen gelernt— Reinheit iſt der Himmel, der auf ihrer Stirne ſtrahlt, der Geiſt, der von ihr ausgeht, und um ihrer Reinheit willen bete ich ſie an, ich, der ich ja ich kann es und das iſt mein Heil. Was iſt ſchön, was iſt göttlich, das nicht zugleich rein iſt? Licht, Tugend, Himmel— ewige Klarheiten! Finſter war mein Leben, aber in ihr liebe ich euch! Serena ſteht da— mit ihr alle Engel des Lebens, Ich ſie, die ich entheiligt und verachtet habe;— ſtille Tu⸗ den genden, Friede, Familienleben, heilige Bande, die ich rauf verkannt und verletzt habe, wie entzückend wirken ſie eſer mir durch ſie! iſche Sage nicht, daß es zu ſpät ſei. Ich habe mich iner mit des Lebens wilden Zaubergeſtalten herumgetummelt. mir Gleich Fauſt tanzte ich mit den Hexen des Blocksberges ih⸗ und der Leib der Einen, die ich umſchloß, war Aſche, liche aus dem Munde der Andern, die ich küßte, ſprang ein r. ekelhaftes Thier, die dritte verwandelte ſich in meinen ein Armen in eine Schlange und ſo ſtand ich auf dem ſtei⸗ legt, len Abhange meines Wegs und ſah mich um und Alles ren⸗ hinter mir war unheilvoll und finſter. In mir brannte noch daſſelbe raſtloſe Feuer, derſelbe Durſt, aber er ſuchte abe. andere Quellen. Ich mußte ſtark und voll leben. In der chen Schlacht, im Kampf mit den raſenden Elementen fühlte ich eine höhere Kraft, ein mächtiges Leben in mir; aber bis⸗ dann— Leere, Leere, Leere. Ich ahnte nicht, daß die eben Fülle des Lebens an einer Menſchenbruſt gefunden wer⸗ ilde, den könne. Eine Menſchenbruſt, groß, liebevoll, wie and⸗ der Himmel, treu, mild und rein— o das iſt eine ückt, Welt, um voll, ewig und ſchön darin zu leben. Da wird ab, das Feuer geläutert, ohne gedämpft zu werden, die Un⸗ Luſt, ruhe wird beſchwichtigt, die Kraft höher 244 Wenn eine Gattin mit einer ſo großen, ſo herr⸗ lichen Seele an meiner Seite ginge, wenn ihr himm⸗ liſcher Geiſt zu jeder Stunde des Tages wie ein Früh⸗ linaswind über meine Seele wehte, wenn ſie ihr reines und harmoniſches Leben in meine alltägliche Umgebung göſſe, wenn ich mich an ſie anlehnen könnte, wie— o mein Gott, ich kann nicht ſagen, wie an einer Mut⸗ ter Bruſt, denn die meinige hat mich verſtoßen! Aber könnte ich an mein Herz in feſter unauflöslicher Umar⸗ mung eine Gattin drücken und aus der Tiefe des Her⸗ zens ſagen:„Du biſt ein Engel und du biſt mein!“ O glaubſt du nicht, daß dann frühere Sünden verſöhnt, daß bittere Erinnerungen ausgewiſcht, daß das ſchwan⸗ kende Herz in höherer Liebe gefeſtigt werden, glanbſt du nicht, daß über dem verheerten Boden noch ein Pa⸗ radies aufblühen könnte? Ich blickte auf Serena und— ich muß es für mög⸗ lich halten. Ich habe mir geſagt:„Sie muß mein wer⸗ den, wenn ich auf Erden Frieden finden ſoll.“ Aber ſie, die Reine, Gute, Liebliche, wird ſie mich lieben können, wird ſie ihr Schickſal an das mei⸗ nige ketten wollen? Und ſie, die über ſie zu verfügen haben, ſie, die Reinheit des Charakters, bürgerliche und häusliche Tugend über Alles ſchätzen, werden fie das Schönſte und Koſtbarſte, was ſie beſitzen, einem Manne geben wollen, deſſen Ruf von den Tagen ſeiner Kindheit an befleckt, deſſen Leben in Dunkel gehüllt iſt? Ich hörte dich ſo fragen und meine Antwort iſt dieſe: Es gibt in mir— nenne mich übermüthig, hoch⸗ müthig, oder wie du willſt— aber ich weiß, es gibt Etwas in mir, dem Niemand leicht widerſteht; eine Kraft, einen Willen, der Eiſen zu brechen vermag; ein Feuer, das Alles verzehren kann, um in der Luft, die es ſucht, brennen zu können. Ich habe es oft erprobt, Niemand hat widerſtehen können,— als meine Mutter! 24⁵ Mein Blut rinnt auch in ihren Adern. Aber wir ha⸗ ben noch nicht ausgekämpft, Mutter! Ich habe meine Mutter geſehen. Sie erkannte mich nicht mehr und ich ſie kaum. Sie war eine ſchöne Frau. Jetzt iſt ſie ſehr verändert und wie mir ſcheint, nicht bloß durch das Alter. Ich wollte einen Verſuch machen, ſie zu ſehen; aber als ich wie ein Fremdling vor ihr ſtand, als ich die wohlbekannte Stimme hörte;— ich bielt es nicht aus. Ich weiß noch nicht, wann ich mich ihr endecken ſoll. Sie iſt noch nicht darauf vorbereitet und ich auch nicht. Es wallt heftig und peinlich in ih⸗ rer Gegenwart, deßhalb fliehe ich ſie— bis auf Wei⸗ teres. Ich liebe und fürchte, ich ſchmachte und fliehe. So ſtand ich in ſchmerzvollem Streite:— da kam Se⸗ rena daher; ich ſetzte mich an ihre Seite, ſeit dieſem Augenblick ward ich ruhiger. Eine Hoffnung, ein Licht⸗ ſtrahl ſchimmerte hervor. Wenn auch meine Mutter... meine Mutter nicht verzeihen ſollte... Kain hatte ein ſchwereres Verbrechen begangen, als ich, auf ihm ruhte der Fluch einer Mutter und doch— in die Wüſte, wo⸗ hin er wanderte, folgte ihm ſein Weib! Mit ihm ging ein Engel der Verſöhnung. Serena! Serena! Wenn ich dich nicht ſo innig liebte, ſo würde ich dich beklagen können, denn— ich füble es— es iſt nicht vergebens, daß ich meinen Blick auf dich geheftet habe. Aber ich will dich lieben, wie noch kein Weib geliebt worden iſt. Ich will dich mit allen Annehmlichkeiten des Lebens umgeben. Jeden Tag ſollſt du Glückliche machen, und dieſes edle Herz ſoll von Segen leben. Hagar muß ſich ihrem Schickſal unterwerfen. Sie hat ſchon lange aufgehört, etwas von mir zu fordern, und daß muß ſie auch jetzt unter⸗ laſſen, wenn wir beiſammen bleiben ſollen. Sie wird und muß mich ohne Murren mit einer Andern glücklich ſeben. Sie kennt mich, ſie wird nicht wagen Fluch über ſie, wenn ſie einen Giſfthauch athmet über die, welche... Aber ich werde wild, wenn ich an dieſes 246 Weib denke, und das will ich nicht ſein; gut, liebevoll will ich ſein— ſo wie Serena will. Es gibt etwas Gutes, etwas Zärtliches in mir, die Quelle iſt noch nicht unrettbar getrübt;— Sie hat keinen höheren Wunſch, als gereinigt zu werden— aber ein Engel muß das Waſſer berühren. Aber kann ein Engel ſich dem nahen, den der Fluch WMeine Mutter! Wenn ſie nicht verzeihen ſollte! Alles zerſtörender Gedanke! Raubvogel, der an meinem Herzen nagt, fort, fort mit dir! Bald wird Alles geſagt und Alles abgemacht ſein, denn meine Seele verlangt nach Gewißheit. Es wäre vielleicht klüger, zu zögern— die Zeit abzuwarten; aber ich kann undwill nicht. Ich habe mein Glück ſtets im Sturm erobert. So mag es auch jetzt geſchehen... Franziske W. an Marie L. Zehnter Brief. Roſenvik, 17. Auguſt. Geſtern war ein wunderlicher, reicher, unruhiger und doch verdrießlicher Tag. Wir brachten ihn auf Ramm zu, wohin wir nebſt mehreren Nachbarn ſchon ſeit einigen Tagen eingeladen waren. Ma chère mère war ebenfalls dazu gebeten, entſchuldigte ſich aber da⸗ mit, daß ſie ſeit vielen Jahren keine Einladung ange⸗ nommen habe und jetzt keine Ausnahme machen könne. Serena hatte den vorhergehenden Tag bei ihren Groß⸗ ältern zugebracht und ſollte ſie nach Ramm begleiten, wohin ſie von Bruno, der ſich wegen der neuen Schule und verſchiedener anderer Einrichtungen in ein nahes Verhältniß zum alten Dahl geſetzt hat, dringend ein⸗ geladen waren. 247 voll Bei unſerer Ankunft auf Ramm fanden wir dem was Aeußern nach Alles unverändert; die Bäume wuchſen noch wie früher wild und dicht um die ſchwarzen Mauern. eren Bruno kam auf vie Treppe heraus und empfing uns ngel mit ernſter Freundlichkeit. Er hat mitunter etwas ſo Anziehendes in ſeinem Geſichte. Bär war gerührt und luch bleich, als er dem Bruder die Hand ſchüttelte. Nie⸗ lite! mand von uns ſprach etwas und ſchweigend führte mich nem Bruno in die Zimmer, wo ich über die Pracht der Möbel erſtaunte. Aber meine liebe Serena nahm bald ſein, meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Ich glaubte väre ſie nie ſo ſchön geſehen zu haben. Das hellblaue Mouſſe⸗ aber linkleid, das Tüllhalstuch, das über ihren ſchneeweißen im Hals geworfen war, kleidete ſie ſo gut und ihr un⸗ 1 ſchuldvolles Geſicht ſtrahlte von Geſundheit und Freu⸗ digkeit. Ich und Roſenvik haben einigen Theil an die⸗ ſen Roſen, dachte ich ganz ſelbſtvergnügt. Die Patri⸗ archen ſagten mir auch die freundlichſten Worte darüber. Die Gäſte verſammelten ſich. Landrichter Hök und Fräulein Hellevy Hausgiebel kamen mit einander im Desobligeant. Als wir uns eben zu Tiſche ſetzen woll⸗ ten, hörte man auf dem Hofe ein Geräuſch, das noch einen Gaſt verkündigte und zu meiner Verwunderung erblickte ich ein mit einem Oeländer beſpanntes Cabrio⸗ iger let, kutſchirt von einem jungen Mädchen, die mit ihrer auf kleinen Equipage eine prächtige Schwenkung um den chon Hof machte, mit der Peitſche knallte und vor der Thüre nére Halt machte.„Hah, ha, das iſt Mally, meine kleine da⸗ Mally!“ lachte der Major, der mit mir am Fenſter nge⸗ ſtand.„Ja, ja, ſie macht ſich nicht übel. Sie hat große nne. Freude an den Pferden;. man muß den Kindern roß⸗ ihre Liebhabereien laſſen, Madame Werner, das macht iten, ſie lebensfriſch und kräftig. Jeder Zwang taugt nichts. chule Sie werden bald genug geſcheidt. Das weiß ich von ahes mir ſelbſt.“ Zetzt kam Mally herein, das Haar ver⸗ ein⸗ wildert, den Bauch vorgeſtreckt, der Gang zugleich übermüthig und täppiſch. Frau von P. warf auf ſie 248 und dann auf ihre Töchter einen Blick, der zu ſagen ſchien:„Gott ſei Dank, meine Töchter haben Erzie⸗ hung und Bildung erhalten.“ Meine gute Brita Kajſa wurde trotz ihrer Lieb⸗ haberei für das Natürliche roth beim Eintritt ihrer Tochter und ſah mißvergnügt aus.„Wie du ausſiehſt!“ ſagte ſie, indem ſie ihr etwas derb Haar und Kleider zurechtmachte.„Au, au, Mutter, du thuſt mir weh!“ rief Mally grinſend und ungeberdig. Bruno führte Madame Dahl zu Tiſche. Die Uebri⸗ gen folgten paarweiſe. Das Diner war prächtig. Bruno wird durch ſolche Beiſpiele von Luxus die einfachen Sit⸗ ten der Umgegend verderben. Ich werde ihm das ſa⸗ gen, ich. Bruno war ein angenehmer Wirth. Seine Aufmerkſamkeit für die alten Dahl's hatte etwas Ehr⸗ furchtsvolles und beinahe Kindliches, was ihm gut ſtand. Serena ſchien es mit Freuden zu bemerken. Nach Tiſch führte uns Bruno in den Garten, wo zwei große Zelte aufgeſchlagen waren. Für die Bequem⸗ lichkeit der Patriarchen ſchien die größte Sorge getra⸗ gen worden zu ſein. In dem einen Zelt ſtanden zwei prächtige Lehnſtühle für ſie, der Boden war mit koſt⸗ baren Teppichen belegt. Draußen warf ein Springbrun⸗ nen ſeinen friſchen, plätſchernden Strahl empor. In einiger Entfernung rings umher ſtanden Orangenbäume voll Blüthen und Früchte und jeder Lufthauch trug uns ihre balſamiſchen Düfte zu. Ich war entzückt über dieſe ganze Anordnung, die ſich bei der ungewöhnlichen Hitze des Tages noch behaglicher erwies. Meine Phantaſie verſetzte mich in eine ideale Welt; ich dachte mir ein Nomadenleben in einer ſolchen Natur, Hirtinnen, wie Serena, Patriarchen und Zelte, Orangenbäume und... da kam auf einmal Frau v. P. auf mich zugeſtürzt und rief:„Ach wie charmant dieſes Alles iſt, meine liebe Madame Werner! Gerade ſolche Zelte hatten Graf L. und wir auf Guſtavsberg. Den einen Tag waren ſie bei uns, den andern wir bei ihnen, tout lamiliérement. ind ebe ſie nt. 249 Es war außerordenilich luſtig! Ach es iſt gar zu char⸗ mant! L's. und wir gingen nur wenig mit der übrigen Societät um. Wir waren uns ſelbſt genug. Ach, wenn ich doch wüßte, wie unſere gemeinſchaftliche Freundin, die liebe Baronin H. ſich befände. Eine charmante Dame! Sie und ich amüſirten uns ſo köſtlich, wenn wir bei einander waren. Natürlich; wir haben einander viel in der großen Welt geſehen und beſitzen eine Menge gemeinſchaftliche Bekannte.“ „Es iſt ſehr warm hier,“ ſagte ich.(Es war an⸗ genehm kühl im Zelte, aber Frau von P's. Geſpräche machten es mir ſchwül.) Ich ſtand auf; meine Verfol⸗ gerin gleichfalls. Unmittelbar vor dem Zelt begegneten wir Bruno. Frau von P. ſtürzte über ihn her:„Ah mon chér monsieur Romilly, c'est charmant, c'est charmant! Ihr Park iſt göttlich! Welche Teinten auf dieſen Bäumen! Welche Gruppen! Welche Perſpective! Sehen Sie, meine beſte Madame Werner, dort durch den Brückenbogen, welcher Effect! Nein, Sie müſſen ſich noch ein Bischen mehr bücken, noch ein wenig, unter dieſem Zweige da... iſt es nicht gottvoll?(Ich brach beinahe das Genick); welches Enſemble! welcher Effect!“ Bruno verbeugte ſich bloß ernſt vor Frau von JP. und ging in's Zelt hinein. Ich dachte:„O, daß dieſe Unnatur im Menſchen auch Andern den Naturgenuß verkümmern kann!“ Frau von P's. Teinten und Effecte hatten mir die ganze ſchöne Ausſicht verdorben. In dieſem Augenblick hörte ich gellendes Geſchrei und als ich nach der Seite bineilte, von wo es kam, ſah ich die Adamiten, die Blumen und Früchte von den Oran⸗ genbäumen abgeriſſen hatten und ſich jetzt den hand⸗ greiflichen Hinderniſſen, welche ein paar junge Herren ihrer Raubgier in den Weg legten, widerſetzten. „Da haben wir den Naturzuſtand,“ dachte ich mit einem Seufzer. Brita Kajſa kam heraus und ſtiftete durch verſchiedene Stöße und Püffe Frieden, ſo daß wir den Kaffee und die darauf folgenden Leckerbiſſen in Ruhe genießen konnten. 250 Ein Weilchen ſpäter fuhren zwei offene Wagen vor. Bruno beantragte eine Spazierfahrt durch den Park. Die Wagen waren für die älteren Perſonen der Geſell⸗ ſchaft; die jüngeren ſollten den Weg unter die Füße nehmen. Bruno bot Serena ſeinen Arm. Die alten Dahl's, Bär und ich ſtiegen in den einen Wagen. Die Majorin, die mit Frau von P. im andern ſaß, wollte auch ihre Kinder mit hineinnehmen, allein die Adamiten ſchrieen und wollten nicht, und wurden daher während der Promenade der Auſſicht ihrer Schweſter Mally anvertraut. Das Wetter war ſchön und die Fahrt wäre mir angenehm geweſen, hätte ich nicht beſtändig an Bruno und Serena denken müſſen.„Wird er etwas zu ihr ſagen?“ dachte ich.„Was wird er zu ihr ſagen?“ Die Patriarchen machten ein Mittagsſchläfchen in dem ſanft ſchaukelnden Wagen. Bär ſaß ſtill und nachdenkend da. So fuhren wir etwa anderthalb Stunden. Als wir zurückkamen, ſahen wir auch die Fußgän⸗ ger in verſchiedenen Gruppen wiederkehren. Als Serena von Bruno begleitet in's Geſellſchaftszimmer trat, wurde ich unruhig; denn ich ſah ſogleich, daß etwas vorge⸗ fallen war. Serena war bleich und aufgeregt. Bru⸗ no's Geſicht und Blicke dagegen waren voll ſtrahlen⸗ den Lebens. Nachdem er uns begrüßt und ſich bei den Alten erkundigt hatte, ob die Fabrt ihnen gut zu⸗ geſchlagen habe, der Wagen nicht zu hart gegangen ſei und ſo weiter, ſetzte er ſich an die Orgel und ließ das gewaltige Inſtrument ertönen. Es war dieſelbe Kraft, daſſelbe Feuer, dieſelbe Begeiſterung, die mich am Abend auf dem See entzückt hatte und jetzt wie damals mein Innerſtes ergriff. Die Fräuleins von P. gingen Arm in Arm in das nächſte Zimmer, ſchwatzten und lachten unaufbörlich mit einigen Herren und waren augen⸗ ſcheinlich nur mit ſich ſelbſt beſchäftigt. Frau von P. hatte ſich mit Jean Marie in ein endloſes Geſchwätze eingelaſſen, und ich begreife nicht, wie meine Schwägerin, die doch vor. Park. eſell⸗ Füße alten Die ote niten rend dally mir runo ihr Die ſanft dä. gän⸗ rena urde rge⸗ Bru⸗ hlen⸗ bei t zu⸗ n ſei das raft, bend mein Arm chten gen⸗ hatte ſſen, doch 251 muſikaliſch iſt, bei dieſer Muſik daſitzen und Goit weiß was Alles plaudern konnte. Natürlicher war es, daß Fräulein Hausgiebel, die keinen Sinn für die Tonkunſt hat, ſich mit dem Landrichter Hök bei Betrachtung ei⸗ niger ſchönen Gemälde verweilte. Jedenfalls fehlte es Bruno nicht an andächtigen Zuhörern. Unter dieſe ge⸗ hörten Bär, die Patriarchen und Serena, die jetzt zwiſchen ihnen ſaß. Ich ſaß ſo, daß ich Bruno's Ge⸗ ſicht im Auge hatte. Es hatte in dieſem Augenblick et⸗ was Eigenthümliches, Kräftiges, und war voll von Kühnheit, Unglück und Liebe. Was ſich auf demſelben malte, das ergoß er in eine Phantaſie, worin alle Ge⸗ fühle, alle Kräfte, alle Leiden und Freuden mit einan⸗ der zu kämpfen ſchienen und der Kampf verzweiflungs⸗ voll wurde;— da machte Bruno einen wunderbaren, kühnen Uebergang und in Tönen, die an die Worte: „Es werde Licht!“ erinnerten, gerieth er in die herr⸗ liche Arie aus Haydn's Schöpfung, worin Text und Muſik gleich gut ausdrücken, wie die Elemente ſich un⸗ ter den Blicken des Schöpfers ordnen. Ich ſah Sexena an. Eine tiefe Bewegung, aber zugleich eine ſtille Ver⸗ klärung lag auf ihrem holdſeligen Geſichte. Ach, in ſolchen Augenblicken verſtehen wir die Fülle des Lebens, öffnet ſich der Himmel vor unſerer Seele. Sie ſteigt hinauf auf den Schwingen der Töne, umarmt alle En⸗ gel des Lebens, verſteht alle Liebe Gottes, alle Schön⸗ heit der Schöpfung und möchte ſterben vor Seligkeit. Bruno's Stimme iſt nicht, was man eigentlich ſchön nennt, aber ſtark, männlich, ausdrucksvoll. Sie zeugt von einem mächtigen Geiſte.„O Bruno!“ dachte ich, „haſt du ſo ſchöne Gaben empfangen, um ſie zu miß⸗ brauchen? Sollteſt du des Lebens reine Herrlichkeit ſo beſingen können und ſie nicht in deine Seele, in dein Leben einführen?“ Die Muſik hörte auf. Bruno's Zuhörer ſaßen ſchweigend mit Thränen in den Augen da. Auch Fräu⸗ lein Adele von P. ſtand überraſcht und gleichſam feſt⸗ 252 gezaubert in der Thüre. Da kam die unglückſelige Frau von P. und überſchüttete Bruno mit Betrachtun⸗ gen über ſeine Kunſt, ſowie über ältere und neuere Componiſten.„Weber,“ ſagte ſie,„iſt bizarr, Roffini arm an Melodien, Meyerbeer übertrifft beide; er iſt, wenn ich ſo ſagen darf, le prince de la musique!“ Anders bezeugte die alte Madame Dahl ihre Zu⸗ friedenheit. Sie drückte Bruno die Hand und ſagte herzlich:„Sie haben die Alte wieder jung gemacht. Ich habe ſeit langer Zeit keinen ſolchen Genuß gehabt und danke Ihnen von ganzem Herzen.“ „Sie machen mich glücklich,“ ſagte Bruno, küßte ehrfurchtsvoll ihre Hand und ſetzte ſich neben ſie. Jetzt hörte man draußen im Saal einen gewal⸗ tigen Lärm. Er rührte von den Adamiten her, die ſchmutzig, zerfetzt, aber voll Luſtigkeit aus dem Walde zu⸗ rückkehrten. Sie hatten Rehe aufgeſcheucht, eine Schlange getödtet und ein Eichhörnchen gefangen, das ſie jetzt im Triumphe bhereinführten. Brita Kajſa ſuchte dieſe ada⸗ mitiſche Freude zu dämpfen, allein es gelang ihr nur mit Mally einigermaßen. Die zwei jüngeren Kinder ſprangen ſchreiend und lärmend herum, kletterten mit ihren ſchmutzigen Füßen auf Stühle und Sopha's— ich wünſchte nur, ma chère mére hätte es geſehen!— wäh⸗ rend ſie ſich damit amüſirten, das unglückliche Eichhörn⸗ chen bald loszulaſſen, bald wieder anzubinden. Ihre Eltern bekümmerten ſich am Ende nichts mehr um ihr wildes Weſen, aber Serena undich warfen einander einen Blick zu und miſchten uns in die Sache. Das Reſultat war, daß ich das Eichhörnchen befreite, während Se⸗ rena halb mit Ernſt, halb mit Scherz die Kinder an ſich zog, und ſo glücklich war, ſie dadurch ſtill zu er⸗ halten, daß ſie ihnen aus Papier eine Menge Vögelchen und Figuren ſchnitt; die Kunſt erprobte auch hier ihre Macht, die wilde Natur zu zähmen. Das luſtige Fräulein Hellevy, das die Leute im⸗ mer gern in Bewegung erhalten will, ſchlug Spiele elige tn⸗ ere ſſini Zu⸗ agte acht. habt üßte wal⸗ die zu⸗ inge tim ada⸗ nur nder mit ich väh⸗ örn⸗ hre ihr inen tat Se⸗ an er⸗ chen ihre im⸗ iele 253 vor und brachte ein Pfänderſpiel in Gang, das bald recht munter wurde. Es wurden eine Menge Pfänder eingeſammelt und bei ihrer Auslöſung glänzte das Fräu⸗ lein Hellevy durch ihre heitern und witzigen Einfälle. Unbeſchreiblich luſtig war es, daß Bär tanzen mußte. Ich habe nie ſo herzlich gelacht. Du hätteſt ſeine ko⸗ miſche Gravität und ſeine Grimaſſen ſehen ſollen. „Was ſoll das Pfand thun, das ich in der Hand habe?“ hieß es jetzt.„Ein Geſchichtchen erzählen,“ ant⸗ wortete Fräulein Hausgiebel. Das Pfand gebörte mir, und ohne mich zu bedenken, fing ich an zu er⸗ zählen, was mir gerade einfiel. Es war folgende kleine Legende: „Zwei kleine Knaben gingen an einem Feiertag Abends an den Fluß hinab, nicht weit von ihres Vaters Wohnung. Da hörten ſie eine ſchöne Muſik und ſahen den Neck, der im Schatten der Erlen auf der blauen Welle ſaß, auf der Harfe ſpielte und nach Herzensluſt dazu ſang. Als die Knaben lange der Muſik zugehört hatten, riefen ſie:„„Wozu hilft es dir, Neck, daß du ſo ſchön ſingſt“ Du kannſt doch nie ſelig werden.“ Als der Neck dieſe Worte hörte, warf er die Harfe von ſich und ſank hinab in die Tiefe des Waſſers.“ Hier hielt ich inne, denn ich hatte zufällig auf Bruno geſehen, und ein Blick traf mich aus ſeinen Au⸗ gen, ſo durchdringend, finſter und kummervoll, daß ich eigentlich verſtummte. Es ſtand eine Weile an, bis ich fortfahren konnte: „Als die Knaben nach Hauſe kamen, erzählten ſie ihrem Vater die Geſchichte. Dieſer machte ibnen Jor⸗ würfe über ihre harte Sprache gegen den Neck, und ſagte: ſie haben Unrecht gehabt, denn auch der Neck könne einmal ſelig werden.“ „Am andern Abend gingen die Knaben wieder an den Fluß hinab. Sie hörten keine liebliche Muſik mehr, ſahen aber den Neck im Schatten der Erlen auf den Wogen ſitzen und weinen. Sie riefen ihm zu;„Weine 254 nicht, Neck! Unſer Vater ſagt, auch du könneſt einmal ſelig werden!“ Da weinte der Neck nicht mehr, ſondern nahm ſeine Harfe wieder und ſang und ſpielte wunder⸗ ſchön, bis tief in die Nacht.“ Ich ſah wieder zu Bruno auf. Er war bleich. Seine wunderlichen Augen waren, wie früher, auf mich geheftet. Aber ſie ſtanden voll Thränen. „Madame Werner ſoll ihr Pfand zurückbekommen und Ehre und Dank für die ſchöne Legende!“ ſagte Fräulein Hellevy. Es folgten mehrere Pfänder, die mit allerhand Poſſen eingelöst wurden. So kam eines, deſſen Beſitzer verurtheilt wurde, Etwas in Verſen oder Proſa zu declamiren. Es war ein ſeidnes Nastuch, bei deſſen Anblick Fräulein Hellevy ſagte:„Wie? ge⸗ hört es nicht unſrem Wirthe?“ „Ja,“ rief Mally Stalmark mit lauter Stimme; „aber ich nahm es, weil ich ſelbſt Nichts als Pfand zu geben hatte.“ „Mally macht ſich recht brav,“ dachte ich. „Die Geſetze des Spiels müſſen eingehalten wer⸗ den. Der Eigenthümer des Pfandes muß es auslöſen! Herr von Romilly! Sie haben den Urtheilsſpruch gehört.“ „Ich war nicht beim Spiele,“ antwortete er aus⸗ weichend. „Aber jetzt ſind Sie dabei,“ rief Fräulein Hellevy eifrig, und als auch Madame Dahl ſh t ihr ver⸗ einigte, Bruno um Erfüllung der Bedingung anzugehen, fügte er ſich freundlich. Er ſtand auf, machte keine lange Zurüſtungen, und war doch in einem Augenblick ganz verwandelt, als er hoch und ſchweigend, wie in düſteres Grübeln verſenkt, daſtand. Bei ſeiner erſten Geſte, bei ſeinen erſten Worten überlief mich ein Schau⸗ der. Die Scene war Wahrheit. Aus ſich ſelbſt, aus ſeinem eigenen, düſtern, wolkenumhüllten Innern her⸗ aus ſprach Bruno den berühmten Monolog Hamlet's: „Sein, oder nicht ſein, das iſt jetzt die Frage.“ In Wahrheit, Bruno iſt kein gewöhnlicher Menſch, mal dern der⸗ eich. auf men agte die nes, oder tuch, ge⸗ me; fand wer⸗ ſen! rt us⸗ levy ver⸗ hen, eine blick e in ſten au⸗ aus her⸗ 16 ſch, 255 er hat ungewöhnliche Gaben, und doch— wie viel höher ſteht nicht mein Bär gerade als Menſch.— Es blieb lange ſtill im Zimmer, nachdem Bruno aufgehört hatte zu ſprechen, und es ſchien Allen ſchwer, nach die⸗ ſem Blick in die finſtere Tiefe des Lebens zu ſeinen Spielen zurückzukehren. Mittlerweile war es ſpät geworden, und die alten Dahl's, die nicht beim Souper bleiben wollten, nah⸗ men Abſchied von ihrem Wirthe, dem ſie mit vieler Herzlichkeit für den angenehmen Tag dankten. Sie nahmen auch Serena mit, verſprachen aber, ſie auf Roſenvik richtig abzuliefern. Bruno begleitete ſie an den Wagen. Als ſie fort waren, ſchien mir Alles lang⸗ weilig, und um von dem ewigen Pfänderſpiel wegzu⸗ kommen, fragte ich Adele von P., die neben mir ſaß, ob ſie nicht mit mir in den Park hinab wolle. Sie willigte mit einem gewiſſen Eifer ein. Ich nahm ihren Arm und wir gingen. Der Abend war ſchön; die Däm⸗ merung, die Stille, Alles, was uns umgab, ſchien freund⸗ lich ernſte Gedanken hervorzurufen, welche durch Licht und Geſellſchaftsleben nur gar zu leicht zerſtreut werden. „Wie ſchön es hier iſt!“ ſagte ich. „Ja,“ antwortete Adele,„denn hier iſt Ernſt, Wahrheit.“ Ich ſtutzte ein wenig über den Ausdruck, mit dem dieſe Wortt geſprochen wurden, und ſah meine Be⸗ gleiterin an. Adele P. fuhr mit Rührung fort:„Madame Wer⸗ ner, Sie haben mich bisher wohl bloß für eine ober⸗ flächliche Thörin gehalten, und ich ſehe jetzt ein, daß ich es nicht beſſer verdiente. Aber heute iſt ein wun⸗ derliches Gefühl in mir erweckt worden, ich bin gede⸗ müthigt und zugleich erboben.. ich möchte wieder an⸗ fangen können zu leben und zu lernen... Ich möchte zur Natur und Wahrheit zurückkehren können!.. Sie möchten von der Künſtelei zur wahren Kunſt kommen, nicht wahr?“ ſagte ich;„Sie möchten die 256 Natur, das Leben in ihrer tiefen Bedeutung faſſen und wiedergeben?.. „Ja„ ſo denke ich. Ich habe zuweilen geahnt, daß meine Bildung nur eitles Geflimmer ſei, daß... Aber man machte mich ſo confus.. und jetzt— da ich es beſſer einſehe, jetzt iſt bereits ſo viele Zeit ver⸗ Gott weiß, ob ich noch zur Klarheit kommen ann!“ „Zweifeln Sie nicht daran!“ ſagte ich eifrig.„Hal⸗ ten Sie nur dieſen Eindruck feſt und behalten Sie dieſe Sehnſucht, die heute in Ihnen erweckt wurde.“ Jetzt hörte man eine ängſtliche, unruhige Stimme im Park:„Adele! Adele!“ rufen. Adele antwortete, und Frau von P. kam auf uns hergeſtürzt, indem ſie mit ſichtbarem Schrecken rief:„Adele, mein lieber En⸗ gel! Du da außen ohne Shawl und mit deinem Hu⸗ ſten? Und der Thau und die Nachtluft! Mein liebes Kind, wie kannſt du das thun? Komm herauf, ich bitte dich— aber du darfſt nicht ſo leicht gekleidet ge⸗ hen, da, nimm meinen Shawl, ich bedarf ſeiner we⸗ niger, als du!“ Und trotz der Weigerung der Tochter, legte die Mutter ihren eigenen Shawl um ſie und zog ihn beſorgt über ihre Bruſt; Mutter und Tochter küß⸗ ten einander herzlich und eilten zuſammen in's Haus. Hatte ich Frau von P. jemals lächerlich gefunden? In dieſem Augenblick vergaß ich es gänzlich; ich ſab bloß die zärtliche, liebenswürdige Mutter, und dachte: „Dieß iſt Waſſer auf Bär's Mühle! Wenn Frau von P. wüßte, wie wahrhaft poetiſch und intereſſant ſie ietzt war, ſie würde es verſchmähen, es auf eine an⸗ dere Art ſein zu wollen.“ Inzwiſchen war ich allein im Park geblieben, und während ich langſam zurückging, ſtieß ich auf den jun⸗ gen Robert Stalmark, der leiſe vor ſich hinſprechend, einherwandelte. Er leiſtete mir Geſellſchaft und ſagte nach einer Weile mit mißvergnügtem Geſichte: 257 „Es iſt doch dumm, gar keine Talente zu haben, Nichts zu verſtehen, Nichts zu können, was zu zu„ „Zu dem, was man höhere Bildung nennt, gehört?“ fragte ich fragend.(Ich fühlte dieſen Abend den Beruf in mir, den Leuten auf den Weg zu helfen.) „Nun ja,“ antwortete der junge Robert.„Ich höre ſo viel von Natur und wieder Natur ſprechen.. aber es wäre doch nicht unvernünftig, wenn man ihr mit ein Bischen Kunſt, ein Bischen Bildung aufhälſe!“ „Ja, wir müſſen einen Unterſchied machen zwiſchen der Natur in ihrer Armuth, in ihrer Rohheit und der Natur in ihrer Verklärung.“ Robert ſah mich mit einem jener lebhafteren, intelli⸗ genteren Blicke an, worin ſich ein klar gewordener Ge⸗ danke verräth. Aber gleich darauf ſagte er mit einem wehmüthigen Ausdruck: „Ja, wenn ich nicht ſchon ſo alt wäre;„aber jetzt iſt es wohl das Beſte, ich ſchlage mir alle dieſe Gedanken aus dem Sinn.“ „Welche Gedanken?“ fragte ich eifrig.„An ein Talent, oder an eine höhere Bildung? Mein beſter Herr Robert! Ein Talent für irgend eine ſchöne Kunſt zu be⸗ ſhen⸗ iſt vergleichungsweiſe etwas ſehr Unerhebliches; aber die Fähigkeit, das Schöne zu lieben und zu ſchätzen, die Fähigkeit, im Umgang mit gebildeten Menſchen Ge⸗ nuß zu finden ſich ein Leben voll von edlem Intereſſe zu ſchaffen, das iſt keine geringe Sache, und Sie ſind noch jung genug, um ſich dazu bilden zu können. Wei⸗ ſen Sie nicht der Mühſeligkeit wegen eine der reichſten Glücksquellen des Lebens von ſich. Wir waren jetzt oben auf der Treppe, und ich hörte Robert bloß gleichſam vor ſich hin ſagen:„Nein, nein, das werde ich nicht thun! Ich will Ernſt aus der Sache machen! Es muß noch anders werden!“ Dieſe zwei kleinen Auftritte machten mir Freude. Plötzlich und wunderbar werden manchmal die edeln Bremer, die Nachbarn. 17 258 Keime geweckt, die in der Menſchenſeele ſchlummern. Bruno's mächtiger Geiſt hat jetzt, wie mit Zauberkraft, zwei Weſen zu höherem Selbſtbewußtſein gerufen. So iſt die Offenbarung jeder Kraft ein Wache auf!l für die Seele des Menſchen. Aber zurück nach Ramm, zum Abendſchmauſe. Ich war froh, als er ein Ende nahm, und Bruno war es gewiß auch. Er glich dem Manne, der er im Verlauf des Tages geweſen, wie der November dem Mai. Seine Augbrauen hatten ſich tief herab und zuſammen⸗ gezogen, und Bruno ſchien Mühe zu haben, die Rolle des artigen Wirths zu Ende zu ſpielen. Wie wohl mir war, als unſer Cabriolet nach Roſenvik zurückrollte, und ich mich in Bär's Ohren all der Erzählungen ent⸗ laden konnte, die ich jetzt hier aufgezeichnet habe! Wir kamen im klaren Mondſchein nach Hauſe. Ich traf Serena im Vorgemach. Sie ſtand am offenen Fenſter, den Kopf gegen Ramm zugewendet. Ich ging leiſe zu ihr hin und legte meinen Arm um ſie. Sie lehnte ihren Kopf gegen den meinigen. Der Abendwind wehte kühl aber mild und führte melodiſche Töne mit ſich. Sie kamen von Ramm. Ich fühlte eine Thräne auf meine Bruſt fallen. Serena's Lippen berührten meine Wangen, indem ſie flüſterte:„Meine gute, liebe Fanny! Ich muß dich verlaſſen. Ich bin gar zu lange von Haus weg geweſen. Laß mich morgen zu meinen alten Eltern zurückfahren.“ „Serena, mein Engel!“ rief ich erſchreckt,„was gibt's? Was iſt vorgefallen? Warum?“ „Frage nicht!“ bat Serena, indem ſie ihre feine, fieberhetße Hand auf die meinige legte;„frage jetzt nicht. Ich werde dir ſpäter Alles ſagen; jetzt kann ich es nicht. Laß mich morgen früh mit deinem Manne zurückfahren.“ „Und was werden deine Großeltern ſagen, wenn...“ „Ich werde ihnen ſagen, wie es iſt, ich werde fie 259 ſchon zufriedenſtellen. Sei nicht unruhig, gute Fanny! Sie werden zufrieden ſein. „Sie ja! Daran zweifie ich gewiß nicht!“ unter⸗ brach ich ſie in einer ſchlechten Laune.„Sie, die Alles erfahren;— aber ich, die ich dich verliere und gar Nichts erfahre, ich—— du haſt kein Vertrauen zu mir, Serena. Du liebſt mich nicht!.„ Sy warf ihre Arme um meinen Hals und ſagte;„O Fanny, du thuſt mir wehe. Du weißt, daß ich nie eine Freundin gehabt habe, die ich ſo liebte, wie ich dich liebe! Was ich jetzt vor dir verberge, ſage ich jetzt auch noch keinem andern Menſchen. Später einmal werde ich vor denjenigen, die mir lieb ſind, kein Geheimniß mehr haben.“ „Ganz gut, meine liebe Serena! Ich war eben recht garſtig. Verzeih mir! Aber ſiehſt du, Serena. du biſt mir lieb geworden, wie eine Schweſter; dein Wohl liegt mir am Herzen, wie mein eigenes und und„ich fing an, wie ein Kind zu weinen, Serena ebenfalls. So traf uns Bär und ſchalt uns, daß wir das Fenſter offen hatten. Nachdem er es mit Lärm und Geräuſch zugemacht, nahm er meine und Serena's Hand und fragte mit freundlichem, aber bekümmertem Blicke, was es gebe. „Ach, ſie will fort von uns, Bär! Serena will morgen früh nach Hauſe fahren!“ Jetzt ſah Bär ſo beſtürzt aus, daß ich darüber ein wenig erſchrack und dachte:„Nun, nun, ein Staats⸗ unglück iſt es doch nicht, daß er den Schlag davon be⸗ kommen ſollte.“ Aber Bär's Geſicht verwandelte ſich wieder und mit ſeiner gewöhnlichen, gutmüthigen Ruhe ſagte er: „Nun, wenn ſie fort iſt, ſo kommt ſie wohl auch wieder.“ Dieſe Möglichkeit hatte ich in meiner Angſt beinahe vergeſſen und halb getröſtet rief ich:„Ach ja, Serena, du mußt bald, recht bald wieder kommen. Nicht wahr, du bleibſt nicht lange aus?“ 260 Doch ich will das Papier nicht damit verderben, daß ich die Reden und Antworten, die darüber fielen, beſchreibe, und wie ſchwer mich trotz aller Troſtgründe, die ich erhielt, der Abſchied von Serena ankam; denn ich ſah wohl ein, daß ich ſie für dieſes Jahr nicht mehr auf länger bekommen würde. Heute früh um ſieben Uhr fuhr ſie mit einem großen Blumenſtrauß in der Hand an Bär's Seite fort, der leiſe vor ſich hinfluchte über einen großen Korb voll Beeren, die er zwiſchen die Füße bekommen hatte. Es iſt ſo leer jetzt, ſeit Serena fort iſt. Ich ſuche dieß durch Schreiben zu vergeſſen, allein ich kann nicht. Du glaubſt gar nicht, welche Anmuth, welchen Früh⸗ ling ein Weſen wie ſie um ſich her verbreitet. Sie war immer ſo freundlich, ſo klar in ihrer Seele, ſo gut; der Umgang mit ihr machte mich beſſer. Durch ſie lernte ich auf vieles Gute, was um mich her und im Leben iſt, aufmerkſam werden. Jetzt wollen wir ein⸗ ander alle Tage ſchreiben. Es iſt immerhin Etwas. Bär wird der Poſtcourier. Ich freue mich, heute ein Billet durch ihn zu erhalten. Aber Serena's Geheim⸗ niß erfahre ich doch nicht. Das beunruhigt und quält mich. ————————————— Ein fremdes Frauenzimmer an den Leſer. Mein lieber, wißbegieriger Leſer! Indem ich mich auf meine frühere Entſchuldigung berufe und aus großem Mitleid mit der Qual, die du, mein Leſer, ohne Zweifel mit Madame Werner theilſt, will ich— die ich ſonderbar genug Eines und das Andere mehr weiß, als unſere gute Doctorin— dir unter vier Augen ein Wort von dem Geheimniſſe ſagen. Madame Werner fährt, wie ſie bereits erzählt hat, en, len, ide, enn ehr ben der chte die uche icht. üh⸗ war zut; ſie ein⸗ as. ein im⸗ ich. k⸗ ung ilſt, das dir gen. hat, 261 im Park bei Ramm. Wir— der Leſer und ich— begleiten in der Stille die Fußgänger. Wir bemerken dabei, daß die Fräulein von P. trotz ihrer zierlichen Vornehmheit ſich herablaſſen, mit den Gebrüdern Stal⸗ mark auf eine Art zu ſcherzen, die weder Feinheit noch Zartgefühl verräth. Wir erſehen hieraus, daß Verbil⸗ dung und Rohheit Hand in Hand gehen. Aber wir verweilen nicht lange bei dieſem Gemälde ohne An⸗ muth und Haltung. Wir ſehen lieber nach Bruno, der Serena mit einer Ehefurcht und Sorgfalt führt, die deinem Blick, klaräugiger Leſer, deutlich verräth, was ſie iſt und was ſie empfindet. Ihnen folgen die Adami⸗ ten hüpfend und lachend. „Lehnen Sie ſich mehr an meinen Arm,“ bittet Bruno mit leiſer melodiſcher Stimme.„Laſſen Sie mich Sie ſtützen, laſſen Sie mich— wenigſtens einen Augenblick glauben, daß ich Etwas für Sie ſei!“ Sie gingen ſchweigend weiter; ſtill ſäuſelte der Wald um ſie her und beugte über ihnen ſeine laubrei⸗ chen Kronen. Es war jetzt in Bruno's Seele— und er hat oft geſagt, daß gerade dieſes Gefühl ihn an Se⸗ rena's Seite ſo glücklich mache— ein Friede, den er nur ſelten genoß. Von ihrem milden und klaren Weſen ſchien Etwas in das ſeinige überzugeben; es war ihm, als umſchwebe ihn ſein guter Genius und der wohl⸗ thuende Schwung des Lebens, dieſe freundlichen Ge⸗ fühle, dieſe reinen Gedanken, dieſe unbeſtimmte und doch ſo mächtige Hoffnung auf eine ſchönere Zukunft, dieſe frohen Frühlingsahnungen, die keinem in einer Menſchenbruſt klopfenden Herzen ganz und gar fremd find— ſie kamen alle wie Engel und begrüßten ſeine Seele. Da erhob ſich in ihm eine Stimme— es war die Reue— welche rief:„Weine über das Verfloſſene, das Verlorene!“ Aber eine andere, lieblich und ſtark, wie die ewige Barmherzigkeit, rief noch lauter:„Ver⸗ zweifle nicht, denn ſie iſt dir nahe!“ Und nun ſah er ihr in's Angeſicht; es war ſo freundlich, ſo klar— und 262 er ſah nur ſie. Auf einmal erhoben die Adamiten ein ſchallendes Freudengeſchrei und ſprangen in den Wald hinein. Schweſter Mally rief ſie zurück, während ſie ſelbſt nacheilte. Ein Reh jagte ſcheu vor ihnen her. Alle verſchwanden. Bruno war allein mit Serena. Serena blieb unentſchloſſen ſtehen. Sie befanden ſich jetzt an einer hohen Eiche; um ihren Stamm herum zog ſich eine friſche Grasbank und rings herum waren Blumen gepflanzt; das Plätzchen ſchien mit Liebe ge⸗ pflegt zu ſein. „Wollen Sie hier nicht einen Augenblick ausruhen?“ fragte Bruno.„Wir können unſere kleinen Freunde da erwarten, die bald genug zurückkehren werden.“ Serena war es zufrieden und ſetzte ſich. Bruno ſtand vor ihr und folgte aufmerkſam ihren Blicken, die die betrachteten und erwachende Erinnerungen ver⸗ riethen. „Ich glaube, dieſes Plätzchen, dieſe Bäume wieder zu erkennen,“ ſagte ſie endlich.„Ja, ganz gewiß, hier war es, daß ich ſchon ſeit vielen Jahren in großer Ge⸗ fahr ſchwebte. Ich war damals noch ein kleines Kind, und ich meine, es ſei gerade unter dieſem Baume ge⸗ weſen. Eine Schlange hatte ſich um meinen Hals ge⸗ ringelt. Sie hätte mich vermuthlich erwürgt oder er⸗ ſtickt, wäre ich nicht durch den Muth und die Geiſtes⸗ gegenwart eines kleinen Knaben gerettet worden, der dabei ſelbſt in Gefahr kam.“ „Sie erinnern ſich dieſer Begebenheit noch?“ ſagte Bruno tief gerührt— er denkt auch noch daran.“ „Er? Was? Wer? Wie wiſſen Sie?... fragte Serena verwundert und haſtig. „Er iſt mein Freund. Er hat mir oft von dem Kinde erzählt, das er in den Wäldern von Ramm auf ſeinen Armen herumtrug.“ „O, lebt er noch?... Wo iſt er? Was wiſſen Sie von ihm?“ rief Serena lebhaft aufgeregt. „Er lebt. Vielleicht wäre es beſſer, er lebte nicht em auf ſſen icht 263 mehr. Sein Leben hat Niemanden Freude gemacht. Aber ſein unruhiges Herz erhält keinen Frieden, bevor es ein anderes, ein beſſeres Herz gefunden hat, dem es ſich anſchließen kann. Er hat frühe mit dem Unglück, auch mit dem Verbrechen Bekanntſchaft gemacht, er wurde— von ſeiner Mutter verſtoßen— taumelte dann lange in der Welt umher und kämpfte mit dem Leben, den Menſchen, mit ſich ſelbſt. Er ſuchte— er wußte ſelbſt nicht was— er hatte frühzeitig ſich ſelbſt verloren. Wer an der Bruſt einer Mutter oder einer Gattin ruht, wer eine geliebte Schweſter an der Hand hält, der weiß nicht, was es iſt, der verſteht die Leere, das Dunkel in der Seele deſſen nicht, der in der ganzen Welt Niemand hat, Niemand, der ihn in Liebe feſthält, der zärtlich ruft: „Komm zurück! Niemand, der den Reuigen an ſeine Bruſt drücken und ſagen will:„Ich verzeihe.“ Wer ſo verlaſſen iſt, iſt es ein Wunder, wenn er ſchiffbrüchig am Herzen vor Wind und Wogen einhertreibt und ſich verirrt?... Serena! Sie würden ihn nicht verdammen?“ „Ich? Ach, ich möchte über ihn weinen.“ „Weinen Sie über ihn, Serena. Er ſegnet dieſe Thränen und er iſt ihrer nicht unwürdig. Bruno ver⸗ irrte ſich, aber er ſank nicht. Eine unſichtbare Hand hielt ihn aufrecht. War es der Engel, der ihm heim⸗ lich von einer beſſern Welt zuflüſterte? Ich will es glau⸗ ben. Gewiß iſt, daß er ſie nie vergaß. In ſeinen ſchön⸗ ſten Erinnerungen, in ſeinen beſten Gefühlen, in der Tiefe ſeiner Seele ſtand ſie im Unſchuldsglanz. o Serena! Wenn er jetzt vor Ihnen ſtände und ſagte: Dieſe Zärtlichkeit der Kindheit iſt Liebe geworden, wahre, ewige Liebe; dieſe Erinnerungen ſind Wirklichkeit! Sie ſind mir theuer, Serena, theuer, wie die Verſöhnung mit meiner Mutter, wie die Hoffnung auf Gottes Gnade, theurer, tauſendmal theurer, als das Leben!.. Se⸗ rena! Es iſt Bruno, der Freund Ihrer Kindheit, der Sie hier anbetet(und in unenvlicher Liebe ſank Bruno vor der Hochgeliebten auf die Kniee)! es iſt Bruno, 264 der von Ihnen ſeinen Frieden, ſeine Seligkeit, ſein Leben begehrt! Serena, verſtoßen Sie mich?“ „O, mein Gott... Bruno!“ rief Serena in un⸗ beſchreiblicher Aufregung und reichte ihm ihre Hand. Er drückte ſie heftig zwiſchen der ſeinigen und fragte mit einem Blick, einer Stimme, welche die Macht zu haben ſchienen, Geheimniſſe, die in der Tiefe der Seele ruhen, mit Gewalt herauf zu beſchwören:„Iſt es Er⸗ barmen iſt es Liebe, was mir mit dieſer Hand gereicht wird?“ „Es iſt.. nicht Erbarmen.. ach, ſtehen Sie auf.“ Stimmen wurden gehört, Tritte nahten. Bruno drückte Serena's Hand hart an die Bruſt, indem er ſich erhob und ſagte:„Verwahren Sie mein Geheimniß! Der Augenblick iſt noch nicht gekommen...“ mehr konnte er nicht ſagen. Fräulein Hellevy Haus⸗ giebel an der Spitze einer muntern Schaar von Fuß⸗ gängern ſchloß ſich an ſie an und verließ ſie nicht mehr. Am Abend, als Bruno Serena an den Wagen führte, hielt er ſie einen Augenblick zurück und flüſterte, ſo daß nur ſie es hören konnte:„Ein Wort, ein Wort! Nicht Erbarmen— es war alſo ein ſchöneres Gefühl? Serena! Ein Wort, einen Blick!... Aber Serena ſagte kein Wort, gab keinen Blick zur Antwort. Sie zog ihre Hand aus der Bruno's, und ſcheu, wie der Vogel zu ſeinem Neſte flieht, eilte ſie zu den bejahrten Großeltern hinauf. Bruno ſah finſter dem fortrollenden Wagen nach. Und ich, mein Leſer, nehme jetzt freundlichen Ab⸗ ſchied von dir. ehr. gen rte, ort! lick o's, ilte ſah Ab⸗ 265 Franziske W. an Marie R. Eilfter Brief. Das Gewölke, das lange über uns hing, hat ſich tiefer herabgeſenkt. Ein Donnerwetter gibt es ganz gewiß. Gott laſſe es zum Segen, und nicht zur Zer⸗ ſtörung werden! Serena war fort, und mit ihr viele Freude, viele Annehmlichkeiten dahin. Niemand empfand es tiefer, als Bruno. Er kam, wie gewöbnlich Abends, war aber ſich ſelbſt nicht mehr gleich. Er kam, grüßte düſter, ſchwieg, ging unruhig auf und ab, oder ſetzte ſich nahe an das Plätzchen, wo Serena zu ſitzen gepflegt, und lehnte den Kopf an die Wand. So ſaß er lange ſchwei⸗ gend, und nur der Donnerkeil, der hoch auf ſeinem Schlafe ſchwoll, zeugte von dem Kampf in ſeiner Seele. Bär heftete oft den ſtillen, aufmerkſamen Blick des Arztes auf ihn, der den Gang des innern Streites zu prüfen und den Augenblick der Kriſis abzuwarten ſcheint. Ich war freundlich, ja ſchweſterlich freundlich gegen Bruno, denn ich ſah, daß er litt. daß er unglück⸗ lich war. Er ſchien zuweilen Etwas äußern zu wollen; es kam mir vor, als wollte er um Etwas bitten, oder Etwas vekennen, das ihm ſchwer auf dem Herzen lag; aber kein Wort gab uns Aufklärung darüber, und allen Geſprächen, die wir anknüpften, machte er durch kurze Antworten oder gänzliches Stillſchweigen ein Ende. Indeß muß ich ſagen, daß keine böſe Laune— dieſer Dämon, womit kleine Seelen oft ihre Umgebung tyran⸗ niſiren— ſich in Bruno's Art und Weiſe verrieth. Man ſah, daß es ein tiefer Schmerz war, der ihn taub und ſtumm für Alles machte, was um ihn her vorging. Wir beſchloſſen endlich, ihn ſich ſelbſt zu überlaſſen, und brach⸗ ten unſere Abende, wie gewöhnlich, wenn wir allein —— 266 waren, Bär mit ſeiner Tiſchlerarbeit, ich mit Vorleſen zu. Bruno konnte dann zuhören, wenn er wollte. Geſtern Abend kam er und war milder, als ge⸗ wöhnlich. Er nahm Bär's und meine Hand, drückte ſie und ſagte:„Ich bin kein angenehmer Gaſt für euch, meine Freunde; aber habt Nachſicht mit mir.. Er wandte ſich ab, verließ uns haſtig und ſetzte ſich an's Fortepiano, wo er jetzt ein lebhaftes und lärmendes Stück ſpielte. Der Thee kam. Ich machte die Anſtalten zum Trin⸗ ken und ſchenkte Bär einen großen Pokal ein;— er hat immer eine eigene Theetaſſe mit garſtigen, kleinen, blauen Amoretten, die ihm ungemein gefällt. Als ich ſie ihm jetzt reichte und er vergnügt meine Hand küßte, weiß ich nicht, wie es kam— aber es geht oft ſo— daß ich ihn ſo liebenswürdig, ſo gut, ſo vortrefflich fand, daß ich Taſſe und Semmelteller wegſetzte, ſeinen großen Kopf nahm und ihn in inniger Liebe an meine Bruſt drückte. Bär ſchlang ſeinen einen Arm um meinen Leib, aber— o weh!— den andern ſtreckte er nach dem Semmel⸗ teller aus. Ich war jetzt ſo gut auf ihn, daß ich ihm bloß zärtlich ſcherzend ſeine getheilte Liebe vorwarf. Bär antwortete in demſelben Tone, als ein Seufzer, tief, ſchmerzvoll, beinahe einem zurückgehaltenen Schrei ver⸗ gleichbar, uns beide zuſammenfahren machte; wir ſahen auf und unſere Blicke fielen auf Bruno, der bleich und mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck uns betrachtete. „O, mein Gott, mein Gott!“ ſagte er langſam, indem er wie in unſäglichem Schmerz die Hand an ſeine Stirne drückte, und jetzt floſſen, nein, es ſtürzten Thränen aus ſeinen Augen mit einer Heftigkeit, die mich zugleich überraſchte und erſchütterte. Bär ſtand auf, und von einem gemeinſchaftlichen Drange getrieben, näherten wir uns Bruno. Jetzt war der Schlagbaum von ſeinem Herzen weggenommen; er ſtreckte ſeine Arme nach uns aus und rief mit einer Stimme, die auf einmal von nem von 267 den gewaltſamſten Gefühlen erſtickt wurde:„Meine Mutter!. Verſöhnt mich mit meiner Mutter!“ Bär und ich gingen zu ihm, öffneten ihm unſere Arme und ſchloſſen ihn in dieſelben. Bruno war bei⸗ nabe außer ſich; er drückte uns mit wilder Heftigkeit an ſeine Bruſt und rief in abgebrochenen Sätzen, die aus ſeiner aufgeregten Seele gleichſam hervorſtürzten:„Han⸗ delt für mich!. ich kann nicht! Ich bin verflucht!... Sprecht, bereitet mir den Weg, ob ich kommen kann Macht, daß, wenn ich komme.. ſie mich nicht ver⸗ ſtößt. Sagt ihr, daß ich viel gelitten habe viel. laßt mich an ihrer Bruſt ruhen.„. Eher bekomme ich keine Ruhe... Meine Mutter...“ Unſere Thränen floſſen. Wir ſprachen zärtliche, beruhigende, tröſtende Worte zu Bruno; wir verſpra⸗ chen, für ihn zu handeln; wir ſagten ihm, Alles werde wieder gut werden. Aber der Sturm, der endlich los⸗ gebrochen war, konnte ſich nicht ſo ſchnell wieder legen. Bruno war auf's Gewaltſamſte erſchüttert, und nach⸗ dem er eine Weile heftig auf⸗ und abgegangen, ſagte er zu uns:„Ich muß euch jetzt verlaſſen. Verzeiht mir dieſen Auftritt. Denket an mich und für mich. Laßt mich wiſſen, was ihr unternehmet und— laßt ſchnell geſche⸗ hen, was geſchehen ſoll! Das Warten iſt die Hölle.“ Im Augenblick darauf ſaß er zu Pferde und verſchwand mit der Schnelligkeit des Blitzes. Da ſtanden jetzt Bär und ich einander gegenüber und ſahen aus, als ob das jüngſte Gericht vor der Thüre ſtände. Bär vergaß ſeinen Thee zu trinken. Ich habe ihn nie ſo unruhig geſehen. Ich mußte mich bei⸗ nahe darüber wundern, denn ich glaubte, daß die Sache, wenn ſie auch ſchwer einzuleiten ſei, doch nothwendig einen guten Ausgang haben und der verlorene Sohn wieder in das Haus der Mutter aufgenommen werden müſſe.„Wie iſt es denkbar,“ ſagte ich,„daß eine Mut⸗ ter nicht mit offenen Armen den wiederkehrenden, reue⸗ vollen Sohn empfangen ſollte?“ 268 „Ja. du kennſt ma chére mére noch nicht ganz!“ ſagte Bär grinſend und ſpuckend— welches Letztere ſich nur bei außerordentlichen Fällen ereignet.„In gewiſſen Ideen iſt ſie wie verſteinert, und dann ihre Gemütbs⸗ krankheit!. Ich hoffe, daß ſie ihren Sohn erkennen und wieder aufnehmen wird, wenn ſie ihn ſieht und ſeine Gemüthsſtimmung kennen lernt. Ich hoffe es. Aber wie dazu kommen? wie ſie vorbereiten, wenn ſchon die Nennung ſeines Namens ſie von Sinnen bringt? Ich bürge nicht dafür, daß ihre Gemüthskrank⸗ heit ſich wieder einſtellt. Menſchen wie ſie und ihr Sohn geben, in Folge der Heftigkeit ihrer Leidenſchaf⸗ ten, beſtändig auf dem Rand zum Abgrund des Wahn⸗ finns. Ein einziger Stoß kann ſie hinabwerſen.“ „Gott bewahre uns!“ rief ich. „In allen Fällen,“ fuhr Bär ruhiger fort,„muß der Verſöhnungsverſuch gemacht werden. Beſſer, Mut⸗ ter und Sohn ſterben in Wahnſinn, als in Feindſchaft. Aber wir müſſen vorſichtig zu Werke gehen. Wir müſ⸗ ſen Alles vorher genau auskundſchaften. Ma chére mére muß ſondirt werden, man muß ihr den Puls fühlen. Sie iſt kein leicht zu behandelnder Pattent.“ Wir überlegten jetzt hin und her, wie wir die Sache angreifen wollten. Eine Menge Pläne wurden entworſen und verworfen. Endlich blieben wir bei Folgendem ſtehen: Es iſt ſeit einiger Zeit auf Karlsfors der Brauch, zuweilen Romane oder andere leichte und unterhaltende Erzählungen vorzuleſen, wenn wir uns Abends dort verſammeln. Ich bin gewöhnlich die Vorleſerin, und ma chère meère, die außer dem Kochbuch und der Bibel nicht viel nach Büchern fragt, ſchien zuweilen mit Ver⸗ gnügen zuzuhören. Bär und ich beſchloſſen jetzt, am nächſten Abend, den wir auf Karlsfors zubringen woll⸗ ten, ein Stück vorzuſchlagen und dann eine Geſchichte in Bereitſchaft zu halten, die geeignet wäre, die Ge⸗ fühle einer Mutter zu erwecken und ma chére meére's nz!“ ſich iſſen tbs⸗ men und es. enn inen ank⸗ ihr haf⸗ hn⸗ nuß dut⸗ aft. nüſ⸗ ere len. die den bei ch, nde ort und bel er⸗ am oll⸗ hte ge⸗ e 269 Geſinnung gegen ihren Sohn zu erforſchen. Zeigte ſich dieſe günſtig, ſo könnte bald ein weiterer Schritt ge⸗ ſchehen. Wie dieſer beſchaffen ſein ſollte, darüber konn⸗ ten wir nicht einig werden. Ich wollte, Bruno ſollte ſelbſt an ſeine Mutter ſchreiben. Allein, dieß verwarf Bär als einen zu raſchen und auch unſichern Schritt. Bär ſchien lieber mir eine Art Mittleramt zwiſchen Mutter und Sohn anvertrauen zu wollen.„Sie hat die Eigenſchaft,“ ſagte er,„daß das, was ſie auf dem Papier liest, nie beſonders auf ihre Gefühle wirkt. Sie muß im Auge leſen, ſie muß die Stimme hören, wenn die Worte ihrem Herzen nahen ſollen, du, Fanny... „Danke, mein ſüßer Bär.. danke ſchön für deine gute Meinung! Aber enthebe mich, wenn es möglich iſt, dieſer Commiſſion! Ich fühle, daß ich nicht den Muth habe, zwiſchen dieſen zwei Gewaltigen zu ſtehen. Ich könnte leicht zerſchmettert werden. Weißt du noch die Fabel von dem irdenen Topfe?“ „Nun, nun, wir wollen ſehen! Es iſt auch noch Zeit, an den zweiten Schritt zu denken, wenn der erſte gethan iſt.“ „Und dazu will ich mich ſogleich vorbereiten. Mor⸗ gen, wenn du in der Stadt biſt, will ich irgend woher eine paſſende Geſchichte herausfinden, oder auch ſelbſt eine fabriciren.“ „Sehr gut. Dann haben wir alſo die Waffen be⸗ reit zur Stunde des Streites. Aber bedenke wohl, meine liebe Fanny, daß der Zweck nicht zu deutlich ſein darf. Wenn ma chére mére eine verborgene Abſicht ahnt, ſo wird ſie ſich ſogleich dagegen ſetzen.“ „Ich werde mein Beſtes thun, Bär. Zedenfalls ſollſt du die Geſchichte leſen und recenſiren, ehe ſie an ma chére mére verſucht wird.“ In der Nacht— man bekommt oft helle Ideen im Dunkeln— wurde es mir klar, welchen Tert ich wäh⸗ len ſollte, und als Bär am Morgen abgefahren war, nahm ich aus meinem Bücherſchrank— den Bär auf's 270 Honnetteſte ausgerüſtet hat— Fryrell's Erzählungen aus der ſchwediſchen Geſchichte und fing an, das Kapitel von Erik Stenbock und Malin Sture zu überleſen und zu überdenken. Je mehr ich darüber nachdachte, um ſo zufriedener wurde ich, und kaum hatte ich die Ge⸗ ſchichte zum zweiten Male durchgeleſen, als ein Bote von ma chére mére kam, mit der Einladung, den Abend auf Karlsfors zuzubringen, im Fall wir nichts Beſſeres zu thun hätten. Ich dankte und ſagte:„Wir werden kommen.“ Von dieſem Augenblick an habe ich gleich⸗ ſam ein Fieber gehabt und ſuchte meine innere Unruhe dadurch zu zerſtreuen, daß ich dieſes niederſchrieb. Bär ſchrieb ſchon heute ſrüh, ehe er wegfuhr, einige Zeilen an Bruno und theilte ihm unſern Plan mit. Die Antwort, die der Bote zurückbrachte, habe ich in Bär's Abweſen⸗ heit erbrochen. Sie enthielt bloß die Worte:„Thut, was ihr wollt. Bruno.“ Rachmittags. Bär hat die Geſchichte geleſen. Er iſt zufrieden damit. Wir werden jetzt ſogleich wegfahren. Ach, Ma⸗ rie, auf den Abend! Ich bin beklommen und voll Un⸗ ruhe. Ich ſtehe im Begriff, die Tiefe eines Herzens zu erforſchen, und auf dieſen Augenblick kommt viel an. Dieſer Gedanke wirkt auf Seele und Leib. Adieu, adieu! Den 23. Wir waren auf Karlsfors. Es war Abend ge⸗ worden. Die Lichter ſtanden auf dem grünen Tiſche im Geſellſchaftszimmer. Wir ſaßen rund herum. Der wichtige Augenblick der Prüfung war gekommen. Es war mir unheimlich zu Muthe, und alle Andern waren ungewöhnlich ſchweigſam und ſchwermüthig. Bär hatte ein Federmeſſer erwiſcht und ſchnitzelte, in Ermangelung eines Andern, am Tiſche. Ma chére meère ſchlug ihn auf die Finger und gab ihm dann einen Büſchel Schreib⸗ federn zu ſchneiden. Sodann ſetzte ſie ſich, um ein Fiſchernetz zu ſtricken, was ihre gewöhnliche Abendarbeit aus pitel und um Ge⸗ Bote bend ſeres rden eich⸗ ruhe Bär nan vort, ſen⸗ hut, eden Ma⸗ Un⸗ zens i! ge⸗ iſche Der Es aren ate lung ihn eib⸗ ein beit — N1 iſt; denn ihre Augen find nicht ſtark und geſtatten keine feinere. Zu mir ſagte ſie: „Nun, kleine Frau, leſe Sie Ihre Geſchichte vor. Aber laſſe Sie dieſelbe nur recht munter werden. Man hat in der Welt Kummer genug und braucht nicht auch noch über das zu weinen, was in Büchern ſteht.“ „Ich kann nicht verſprechen, daß ſie munter wird,“ antwortete ich.„Aber ich halte ſie für ſehr intereſſant, und außerdem iſt ſie durchaus hiſtoriſch wahr.“ Das iſt immer ein Verdienſt,“ ſagte ma chéère mere, unn man darf wohl den Mund nach dem Speiſekorbe richten. Ich fing an zu leſen: Von Erik Stenbock und Malin Sture. (Aus Malin's eigenhändigem Familienbuche.) Im Kirchſpiel Mörkö, in Südermannland, an einer tief einſchneidenden Bucht der Oſtſee liegt eine kleine dreieckige Inſel. Auf dieſer erhebt ſich ein neunzig Fuß hoher Fels, von wo aus man weithin über die Felder, die Scheren und die herumliegenden Fahrwaſſer ſchaut. Sie wurden daher ſchon frühe ein Aufenthaltsort für Wikinge, und noch jetzt zeigt man tiefe Berghöhlen, von denen man annimmt, ſie ſeien zu Wohnungen oder Ge⸗ fängniſſen benützt worden. Einige glauben, hier ſei es geweſen, daß zu Zeiten Ingiald Illradus der Fylkes⸗ könig Granmar von Südermannland den Seekönig Hiorward Alſing empfing, und Granmar's Tochter, die ſchöne Hildegund, dem König Hjorward die Geſundheit Rolf Krakes' zutrank. Die Stelle wird Sjimonsö ge⸗ nannt, was einige als Seemannsinſel erklären wollen. In ſpäteren Zeiten hat ſie von der Geſtalt der Inſel den 272 Namen Hörningsholm erhalten, und iſt in Folge von Zuſchwemmungen allmälig in eine Halbinſel verwan⸗ delt worden. Sie war nach einander im Beſitz der Ge⸗ ſchlechter der Folkunger, der Oernefotar, der Ulpver und der jüngeren Sture, hatte ſtarke Befeſtigungen, wurde oft belagert, eingenommen und zerſtört, zum letzten Mal zur Zeit Chriſtian's des Tyrannen. Svpante Sture, Sohn Sten Sture's des jüngeren, und vermählt mit Märtha Lejonhufvud, ließ ſpäter auf dem alten Grunde eine Burg aufführen, eben ſo prächtig in Beziehung auf Bauart, als ſtark durch ihre Lage und Befeſtigung. Auf mehrere Faden hohen Grundmauern ruht das Schloß, vier Stock hoch, und an den Ecken mit feſten Thürmen verſehen. Man kann ſich einen Be⸗ griff vom Reichthum Sture's und überhaupt des Adels in ſelbiger Zeit machen, wenn man liest, daß bei der Hochzeit Sigrid Sture's mit Thure Perſſon Bjelke im Jahre 1562 dreißig Eimer Wein, vier Tonnen Meth, zwölf Tonnen Kirſchentrank, ein und eine halbe Tonne Moſt, acht Fäſſer Pryſſing, 240 Tonnen Bier, 45 Ochſen, 200 Schafe, 21 Schweine, 17 Kälber, 443 Kannen Ho⸗ nig u. ſ. w. verzehrt wurden. Durch die Einziehung der Kirchengüter war nämlich eine große Menge Beſitz⸗ thümer dem Adel anheimgefallen, und beſonders Sture, dem einzigen Abkömmling ſo vieler einſt mächtigen Ge⸗ ſchlechter. Durch dieſe Reichthümer, ſowie durch den un⸗ befleckten Glanz des Namens Sture, die Schwägerſchaft mit Guſtav Waſa und die ausgezeichneten Eigenſchaften der vielen Kinder war das Hörningsholmiſche Haus bei weitem das vornehmſte im Reiche nach dem königlichen geworden, und eine Heimath für Ehre, Stolz und Freude. Die Freude verſchwand nach dem ſchauderhaf⸗ ten Sturemord 1567, aber Frau Märtha behielt den Stolz bei, denn das Geſchlecht hatte ſeine Ehre bewahrt. Zwei noch lebende Söhne und fünf Töchter verſprachen auch die Freude zurückzuführen. Während ihres Heran⸗ wachſens verwaltete Frau Märtha das Hörningsholmiſche 273 Haus und alle dazu gehörigen Güter mit dem Verſtand und der Kraft, die ihr den Zunamen König Märtha erwarben. Zugleich zeichnete ſie ſich durch Edelmuth aus. Erik XIV. hatte ihren Mann und zwei ihrer Söhne gemordet. Als nach der Thronveränderung ſeine Ge⸗ mahlin und ſeine Kinder ſchutz⸗ und vertheidigungslos im Lande umherirrten, nahm Frau Märtba die vier⸗ oder fünfjährige Sigrid Waſa auf und erzog ſie mit mütterlicher Zärtlichkeit und Sorgfalt. „Die Geſchichte gefällt mir,“ fiel hier ma chéère mére ein, als ich einen Augenblick anhielt;„ſie iſt gut!“ Ma chère mére richtete ſich ſtolz auf und ſah ſo aus, als wäre ſie ſelbſt König Märtha geweſen. Ich bin überzeugt, daß fſie ſich mit ihr verwandt fühlte. Ich fuhr fort: Erik Stenbock, Sohn des alten Guſtav Olſſon zu Torpa und der Brita Lejonhufvud, hielt ſich als naher Verwandter oft in Hörningsholm auf und verliebte ſich dabei heftig in Fräulein Malin, die zweite in der Reihe der Töchter. Sie erwiederte ſeine Neigung, aber Gräfin Märtha wollte der nahen Verwandtſchaft wegen nichts davon hören. Sie waren nämlich Geſchwiſterkinder. Stenbock verſuchte die gewöhnlichen Auswege. Er über⸗ häufte Mutter, Schweſtern und Dienerſchaft mit Ge⸗ ſchenken, aber vergebens. Viele ließen ſich erweichen, aber nicht die alte Gräfin. Sie hatte durch Briefe den Erzbiſchof Laurentius in Upſala um Rath gefragt. Die⸗ ſer hielt feſt an der Denkweiſe, die er bei der dritten Vermählung Guſtav Waſa's an den Tag gelegt; er rieth die Sache ab, und von nun an war es vergebens, mit der Gräfin darüber zu ſprechen. So verfloſſen mehrere Jahre. Die beiden Liebenden ſahen ihre Jugend dahin fliehen; Herr Erik hatte ſein vietundpreißigges⸗ Fräu⸗ lein Malin ihr dreiunddreißigſtes Jahr zurückgelegt. Gleichwohl war ihre gegenſeitige Neigung noch immer ſo lebhaft, wie im Anfang. Als alle Mittel, die Mutter zu überreden, mißlungen waren, beſchloſſen ſie endlich, PBremer, die Rachbarn. 18 274 zu fliehen. Stenbock vertraute ſeine Sache dem zwan⸗ zigjährigen Herzog Karl an, und erhielt von ihm zwei⸗ hundert Reiter zur Unterſtützung. Im Märzmonat 1573 reiste er mit ſeiner Schweſter Cäcilie(Gemahlin von Guſtav Roos) nach Hörningsholm, verbarg die Reiter in einiger Entfernung, und gab ihnen Befehl, was ſie thun ſollten. An demſelben Abend kam er mit Fräu⸗ lein Malin überein, daß ſie am nächſten Tage fliehen wollten. Sie brachte eine angſtvolle Nacht zu. Als ſie am Morgen allein in ihrem Zimmer war, warf ſie ſich in einem Fenſter auf die Kniee und fing an unter heißen Thränen zu beten. In dieſem Augenblick trat die ältere Schweſter, Frau Sigrid, herein.„Gott ſegne Euch, Ihr habt eine gute Handlung vor,“ ſagte ſie. „Wollte Gott, daß ſie gut wäre!“ antwortete Fräulein Malin.„Gewiß iſt es gut,“ ſagte Frau Sigrid mit Thränen,„zu Gott zu beten!“„Ach!“ brach Malin aus,„wenn auch die Meinigen Alle mich verſtoßen, ſo werdet doch Ihr Euer treues Herz nicht von mir wen⸗ den.“„Warum führt Ihr ſolche Reden?“ ſagte Frau Sigrid.„Es hat noch nie Jemand vom Geſchlechte der Sture etwas gethan, weßhalb wir unſere Herzen von ihm zu wenden brauchten.“ In dieſem Augenblick rief die alte Gräfin Frau Sigrid zu ſich; aber Fräulein Malin ging in ein anderes Zimmer. Sogleich trat auch Herr Erik dort ein, grüßte die Anweſenden und ſagie dann zu Malin:„Liebe Schweſter, wollt Ihr das Pferd ſehen, das ich Euch verehrt habe? Es ſteht un⸗ ten im Burghofe.“ Sie willigte ein und er nahm ſie beim Arm, um hinabzugehen. Als ſie durch die Haus⸗ flur kamen, ſaß dort Nils und Anna Sture's Amme, Frau Lucie. Fräulein Malin bat ſie, ihr zu folgen, was ſie auch that. Unten im Thorgewölbe ſtand das Pferd vor einen Schlitten geſpannt, in welchen das Fräulein mit ihrer Begleiterin geſetzt wurde. Stenbock ſtellte ſich hinten auf und fuhr hinaus, während viele von der Dienerſchaft zuſahen und meinten, es ſei eine an⸗ vei⸗ 573 von iter ſie räu⸗ hen Als f ſie nter trat ene lein mit alin „ſo ven⸗ rau echte rzen blick lein trat und das un⸗ nſie aus⸗ nme, gen, das das bock viele eine 275⁵ bloße Jagdpartie. Als aber die Amme merkte, daß Herr Erik den Weg nach der See zu nahm und ſo ſchnell fuhr, ahnte ſie Unrath und fing an zu rufrn:„Was thut Ihr, liebes Fräulein? Denkt, wie erzürnt Eure Mutter ſein wird, daß Ihr ſo allein reiſet.“ Aber Herr Erik zog eine kurze Flinte hervor, ſetzte ſie der Amme auf die Bruſt und ſagte:„Schweigt, ſonſt ſollt Ihr nie mehr reden!“ Unten an der See kamen die Reiter auf beiden Seiten hervor und umgaben den Schlitten, ſodann ging es ſo ſchnell, als die Pferde zu laufen ver⸗ mochten, bis nach Svpärdsbro. Dort waren allerhand koſtbare Zeuge und Schneider und Nähter, welche dem Fräulein das Maaß nahmen und anfingen, Kleider für ſie zu verfertigen. Inzwiſchen bewachten die Reiter das Haus, daß Niemand heraus oder herein kommen konnte. Als Herr Erik an die See hinabfuhr, kam Fräu⸗ lein Margarethe Sture zufällig an's Fenſter, ſah und begriff ihre Reiſe. Sie fing ſogleich an zu ſchreien: „Herr Erik entführt gewiß meine Schweſter Marie!“ Die alte Gräfin und Frau Sigrid ſprangen jetzt zuerſt an's Fenſter und dann in den Hof hinab. Aber auf der Treppe verlor die Mutter das Bewußtſein und ſank zuſammen. Als ſie ſich ein wenig erholt hatte, befahl ſie Frau Sigrid, ſogleich der Entflohenen nachzureiſen und Alles zu thun, um ſie zurückzubringen. Inzwiſchen ſaß Frau Märtha trauernd und klagend auf der Treppe und konnte nicht vollkommen zu Kräften kommen. Da kam Herrn Erik's Schweſter, die Gräfin Cäcilie, herbei⸗ geeilt und beklagte, daß Herr Erik Frau Märtha ſo ſehr zuwidergehandelt; ſie betheuerte, daß ſie ſelbſt Nichts davon gewußt, daß ſie aber nicht hätte glauben können, daß Frau Märtha die Sache ſo zornig aufnehmen würde. Dieſe wandte heftig den Kopf und antwortete:„Gott ſtrafe Euch und Euern Bruder, der mir mein Kind ge⸗ raubt hat! Zieht jetzt wenigſtens nach und bleibet bei ihr, damit ihr keine Schande geſchehe.“ Frau Cäcilie ſchwieg und reiste ab. 182 276 Als Frau Sigrid, welche die alte Mutter den Fliehenden auch nachgeſchickt hatte, nach Svärdsbro kam, durfte ſie bloß allein und nur mit Mühe in das Haus kommen. Sie fing nun an, ihrer Schweſter Malin von der Trauer und dem Kummer ihrer Mutter zu erzählen und ſie zur Rückkehr zu ermahnen, in welchem Fall die Mutter Verzeihung gelobt habe. Fräulein Malin ant⸗ wortete Nichts. Da begann Sigrid auf's Neue und noch lebhafter die Schweſter zu ermahnen und zu bitten, ſie würde ſonſt den Tod der Mutter verurſachen. Ma⸗ lin ſagte:„Wenn Ihr mich verſichern könnt, daß die Frau Mutter uns einander beſitzen läßt, ſo will ich gern zurückkehren.“—„Das kann ich nicht,“ antwortete Frau Sigrid.—„Dann,“ ſagte Malin,„iſt der erſte Betrug ärger als der letzte,“ und fing an bitterlich zu weinen. Als Frau Sigrid die Schweſter nicht überreden konnte, kehrte ſie zurück nach Hörningsholm, wo die Mutter unter Trauern und Wehklagen jetzt im Bette lag. Bei⸗ des wurde vermehrt, als Sigrid allein zurückkehrte. Zuerſt hatte das Unglück, aber jetzt auch die Schande ihr Haus getroffen. Sie ſah weder Troſt noch Hülfe, nicht einmal Hoffnung auf Rache. Sie war eine ein⸗ ſame Wittwe mit vielen Töchtern und die Söhne beinahe noch Kinder. Der Entführer dagegen war ein mächti⸗ ger Mann, dazu Bruder der verwittweten Königin Katharina, unterſtützt vom Herzog und in Gunſt bei dem Könige. Gleichwohl beſchloß Frau Märtha nicht nachzugeben. Fräulein Malin reiste inzwiſchen mit der Gräfin Cäcilie Roos und Herrn Erik zu deſſen Schwager Per Brahe auf Sundholm in Weſtgotbland. Dort verließ Erik ſie und eilte ſelbſt nach Stockholm. Aber vor ihm war Frau Märtha's Klagebrief angekommen. Als er anlangte, wurde er ſeiner Lehen und Aemter entſetzt und in Verwahrung gehalten. Jetzt entſtand ein un⸗ aufhörliches Vermitteln und Streiten zwiſchen den Fa⸗ milien Sture und Stenbock. Letztere brachte es endlich den m, us on len die nt⸗ und en, Na⸗ die ern rau rug en. nte, tter ei⸗ rte. nde lfe, in⸗ ahe hti⸗ gin bei icht äfin Per ließ ihm er 3 ſetzt lich 277 ſo weit, daß Herr Erik die Freiheit wieder erhielt. Er that alles Mögliche, um Fräulein Malin's Ver⸗ wandte zu gewinnen und es glückte ihm mit Allen außer der Mutter. Er ſchrieb an die lutheriſche Akademie in Roſtock, erhielt von ihr das Gutachten der Theologen, daß Ehen zwiſchen Geſchwiſterkindern erlaubt ſeien und ſandte es ihr zu, aber ſie achtete nicht darauf. Da ver⸗ zweifelte Herr Erik und Fräulein Malin an der Mög⸗ lichkeit, ſie zu erweichen; es war jetzt ein und ein vier⸗ tel Jahr nach ihrer Flucht. Sie reisten über die hol⸗ ländiſche Gränze, ließen ſich dort von einem däniſchen Prieſter trauen und kehrten an demſelben Tage nach Torpa zurück, wo die Hochzeit gefeiert wurde. Zugleich wurde veranſtaltet, daß König Johann, die verwitt⸗ wete Königin, Herzog Karl, die Prinzeſſinnen, die Reichsräthe und alle Verwandten Stenbock's an Frau Märtha ſchreiben und für Herrn Erik und ſeine Frau baten. Aber der Kummer und Gram der Mutter wurde durch die Nachricht von der Heirath, die ohne ihr Wiſſen geſchehen war, nur noch mehr aufgereizt. Trotz aller Fürbitten wollte ſie Nichts mehr weder von Toch⸗ ter noch Schwiegerſohn hören. Hier hielt ich einen Augenblick ein, um den Grund in ma chére mére's Herzen zu unterſuchen.„Iſt eine ſolche Hartnäckigkeit wohl möglich?“ ſagte ich.„Wie kann man ſo unbeugſam, ſo unverſöhnlich ſein?“ „Es iſt unvernünftig!“ ſagte Jean Jacques. „Es iſt unverſtändig!“ ſagte Jean Marie. „Es iſt unnatürlich!“ brummte Bär mit einer ab⸗ ſcheulichen Grimaſſe. „Es iſt recht!“ rief ma chère mére mit donnern⸗ der Stimme.„Es iſt nicht mehr als billig! Ich würde auch ſo gehandelt haben.“ „O nein, das würden Sie doch nicht, Mutter!“ ſagte ich, indem ich ſie bittend anſah. „Hol mich der Henker, wenn ich es nicht thäte!“ rief ſie noch heftiger und ſchlug mit der Fauſt auf den — 278 Tiſch, ſo daß die Lichter erbebten;„ja, das thäte ich, und wenn du ſelbſt, Franziske, die Sünderin wäreſt und ich deine rechte Mutter. Ja, ich würde dich ſo ſtrafen. Du vürfteſt mir nie mehr unter die Augen kommen. Nein, und wenn der König ſelbſt mir zu Füßen fiele und für dich bäte. Schwache Mütter, ſchlaffe Sitten. Strenge Mütter, reine Sitten.“ Mein Herz ſchwoll in mir. Ich fühlte das Ueber⸗ triebene in ma chère möre's Anſichten, aber ihre Worte: „Wenn du die Sünderin wäreſt und ich deine rechte Mutter,“ hatten einen eigenthümlichen Eindruck auf mich gemacht. Sie verleibten mich gleichſam der unglück⸗ lichen Malin ein und verſetzten mich in ihre Lage. Ich litt, ich bereute mit ihr; tief empfand ich all das Grauenvolle eines Mutterzorns und nur mit Mühe konnte ich Folgendes leſen. Der Zorn der Mutter ruhte indeß ſchwer auf dem Herzen der Tochter. Schon ſeit der Flucht von Hör⸗ ningsholm hatte Malin nie andere als ſchwarze Kleider getragen. Sie hatte von ihrem Mann eine Menge Edel⸗ ſieine erhalten, gebrauchte ſie aber nie. Sie ſchrieb beſtändig die kummervollſten Briefe an ihre nächſten Angehörigen und bat ſie um Gotteswillen um ihre Ver⸗ mittlung. Die unaufhörlichen Bitten der Schwieger⸗ ſöhne und Söhne und zuletzt der Fußfall ſämmtlicher Töchter erweichten endlich Frau Märtha und ſie gab e daß die beiden Verſtoßenen zurückkehren durften. Hier ließ ma chérc méère ihr Netz fallen, lehnte ſich in den Sopha zurück, kreuzte die Arme und neigte in tiefer Aufmerkſamkeit, wie mir ſchien, den Kopf auf die Bruſt herab. Ich ſah dieß Alles mit einem ſchnellen Blick und fuhr fort: Es waren jetzt anderthalb Jahre nach ihrer Ver⸗ heirathung, beinahe drei Jahre nach ihrer Flucht. Sie durften jedoch nicht ſogleich auf's Schloß kommen, ſon⸗ dern mußten einige Wochen im Badehaus warten. End⸗ ———„——„——— ich, ireſt fen. nen. fiele ten. ber⸗ rte: echte mich lück⸗ Ich das dühe dem Hör⸗ ider del⸗ rib hſten Ver⸗ ger⸗ icher gab hren hnte eigte auf ellen Ver⸗ Sie ſon⸗ End⸗ 29 lich wurde ihnen auf die Fürbitten der Schweſtern, ſo⸗ wie wegen der Annäherung des Winters und Malins Kränklichkeit erlaubt, in's Schloß zu ziehen. Malin wurde in den großen Saal geführt, wo Frau Märtha auf hohem Sitze ſaß und alle ihre Kinder um ſie her⸗ umſtanden. Als Malin ſich in der Thüre zeigte, rief die Mutter aus:„Ach, du unglückliches Kind!“ Da fiel Malin auf die Kniee und kroch ſo bis zur Mutter hin, ſie unter Thränen um Verzeihung bittend und ih⸗ ren Kopf zu ihren Knieen hinabbeugend. Ich hielt inne, denn meine Stimme war unſicher und Thränen nahe. Mein Herz weilte bei Malin. In dieſem Augenblicke ſtieß ma chére möére den Tiſch von ſich, ſtand mit bleichem Geſichte auf und ohne auf einen von uns einen Blick zu werfen, ging ſie mit großen Schritten zum Zimmer hinaus und ſchlug die Thüre hinter ſich zu. Wir ſaßen Alle zuſammen ſtumm und niederge⸗ ſchlagen da. Wir wußten nicht, was wir denken ſollten. War ma chére mére böſe oder war ſie gerührt. Ahnte ſie eine Abſicht oder... Bär und ich ſahen einander fragend an. Ich war böſe über mich ſelbſt und über die Rührung, die mich in einem ſo wichtigen Augen⸗ blicke die Lectüre unterbrechen gemacht hatte. Ma chère mère hatte dadurch Bedenkzeit erhalten und konnte jetzt das Beſte der Geſchichte, ihr ſchönes Ende nicht mehr hören. Ach! hätte ma chère mére es nur gehört! Sie hätte dann fühlen müſſen, wie ſchön es iſt, ſich zu ver⸗ föhnen und vielleicht hätte König Märtha's Beiſpiel auf ihr Herz gewirkt. Ich ſehnte mich unbeſchreiblich nach ihrer Rückkehr. Aber eine Viertelſtunde verfloß nach der andern und ma chéère mere zeigte ſich nicht. Sehr betrübt wurde ich, als man das Abendeſſen an⸗ ſagte und zugleich meldete, die Generalin werde nicht zu Tiſche kommen. Sie hatte Kopfweh, war zu Bette gegangen und ließ uns eine gute Mahlzeit und eine an⸗ genehme Nacht wünſchen. Ich war mißmuthig und 280 unruhig; Bär deßgleichen. Wir wußten nicht, wie wir daran waren. Gleich nach dem Eſſen verabſchiedeten wir uns von Jean Jacques und Jean Marie. Auf dem Heimwege wurden wir etwas weniger mißvergnügt über unſern Abend. Unſer Verſuch war doch nicht ganz und gar fehlgeſchlagen. Das vorgeleſene Stück hatte einen ſtarken Eindruck gemacht und die Aufregung, in die es ma chéöre mére zuletzt verſetzt hatte, konnte mit mehr Wahrſcheinlichkeit zum Guten, als zum Böſen gedeutet werden. Wir beſchloſſen, Bär ſolle am andern Tag unter dem Vorwande eines Geſchäftes mit Jean Jacques nach Karlsfors fahren und dann näher ausforſchen, wie es mit ma chére mere ſtehe. Wir ſprachen von den ſtrengen Grundſätzen, wozu ſie ſich bekannt. Ich erhob mich dagegen und ſagte: „Nicht unverſöhnliche Strenge, ſondern Weisheit und Liebe iſt es, was Tugend, Sittenreinheit und Frie⸗ den in den Familien ſtiftet.“ „Das iſt die ſchöne Lehre unſerer Zeit, Fanny,“ antwortete Bär.„Aber ma chére mére hängt noch einer Zeit an, wo die Beſſeren der unter der Menge über⸗ handnehmenden Erſchlaffung durch übertriebene Strenge einen Damm entgegenzuſetzen ſuchten. Sie wurde in ſtrengen Grundſätzen erzogen. Natur und Verhältniſſe haben dazu beigetragen, daß ſie darin verhärtet iſt. Der Hauptgedanke iſt rein, nur die einſeitige Auffaſ⸗ ſung und Anwend ei der tauſend ſind wir ſchon zu Hauſe?“ Heute reiste Bär unſerer Verabredung gemäß nach Karlsfors. Ma chöre mére war unſichtbar, hielt ſich in ihren Zimmern und ließ durch Elſe ſagen, ſie wolle Niemand ſehen. Was ſoll daraus werden? Bruno kommt gewiß auf den Abend zu uns. Ach, daß wir ihm fröhlichere Nachrichten zu geben hätten. um wir eten dem über und inen e es nehr utet nter nach e es ozu ₰ heit rie⸗ ny,“ noch ber⸗ enge in niſſe faſ⸗ zu ach ſich olle uno wir 281 Den 24. Auguſt. Ich habe dir ſeit einigen Tagen nicht geſchrieben. Ich war ſo unruhig. Keine Veränderung mit ma cheère mére ſeit meinem letzten Briefe. Jean Jacques, der mit Bruno's Genehmigung von Allem unterrichtet iſt, was ihn betrifft, ſchickt uns täglich Nachrichten. Ma chère mére will Niemand ſehen, bleibt in ihre Zimmer eingeſchloſſen, und da iſt es ſtille wie im Grabe. Elſe allein geht wie ein Schatten aus und ein und beant⸗ wortet alle Fragen mit Kopfſchütteln. Bruno hat uns in einer höchſt unglücklichen Stim⸗ mung alle Tage beſucht. Er kommt, wenn der Abend dämmert, macht dieſelbe Frage, erhält dieſelbe Antwort und entfernt ſich, den Donnerkeil auf dem Schlafe hoch⸗ geſpannt, die Augenbrauen tief zuſammengezogen und den düſtern Blick auf die Erde geheftet. Zuweilen höre ich bei Nacht, wenn der Wind von Ramm herkommt, die wildtraurigen und ſchönen Töne, die mich einſt auf der Schwaneninſel entzückten. Sie ſteigen, ſie ſterben, wie melodiſche Seufzer. Es kommt mir dann vor, als ſchwebe ein unſeliger Geiſt über dem Waſſer und wolle mich ſeine Qualen wiſſen laſſen. Ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß Serena dieſe Töne hörte; ſie greifen tief in's Herz. Um nicht darüber weinen zu müſſen, ziehe ich die Decke über die Ohren. Serena! Ach, ſie hat bereits mehr gehört, als für ihre Ruhe gut iſt. Aber was? weiß ich nicht. Es iſt merkwürdig, daß ich es nie ſoll erfahren können. Und Serena iſt doch Nichts weniger, als verſchloſſen. Sie kam geſtern Nachmittag mit ihren Großeltern zu uns. Die guten Alten kamen, um, wie ſie ſagten, für ſie zu danken. Ich dankte für ſie. Gullgul war mit und ſollte zuletzt auch danken, worüber wir heiter ſcherzten. Aber der kleine Schelm war nicht, wie gewöhnlich, treu um ſeine Gebieterin, ſondern flog unruhig über den Fen⸗ ſtern aus und ein, nahm zuletzt ſeinen Weg über den See nach der Schwaneninſel zu, und wir verloren ihn —————— 282 aus dem Geſicht. Wir warteten, ob er zurückkommen werde. Es wurde ſpät, und Serena unruhig um ihren Liebling, begab ſich ſelbſt nach der Schwaneninſel, um ihn zurückzulocken. Aber ſie blieb lange, gar zu lange aus. Wir wurden unruhig, ich am meiſten von Allen, denn ich weiß nicht, welche Ahnung mir ſagte, daß Bruno Theil an dieſer Verzögerung habe. Es war mir uner⸗ träglich, länger darüber in Ungewißheit zu ſein. Ich flüſterte Bär ein Wort zu, überließ ihm die Sorge für unſere verehrten Gäſte, ſprang an's Ufer, nahm ein klei⸗ nes Boot und ruderte fort, um Serena aufzuſuchen. Ich kam auf die Schwaneninſel gerade zur rechten Zeit, um Serena halbtodt in meinen Armen aufzufangen, und Bruno mehr einer Salzſäule, als einem lebendigen Men⸗ ſchen ähnlich, daſtehen zu ſehen. Ich führte Serena nach Hauſe. Unterwegs erbolte ſie ſich und die todähn⸗ liche Ruhe löste ſich in einer Fluth von Thränen auf. Sie weinte ſo herzlich und ſo bitterlich, daß ich ganz außer mich gerieth.„Hat dieſer Mann dich beleidigt, Serena,“ ſagte ich,„ſo will ich ihn verabſcheuen und Nichts mehr von ihm wiſſen.“—„O nein, nein!“ antworte Serena, „aber er iſt ſo unglücklich.“ Mehr konnte ich von der Tiefaufgeregten nicht erfahren. Gullgul flog zwitſchernd über uns. Ich war ärgerlich auf das kleine Thierchen. Ich ruderte abſichtlich etwas langſam, um Serena ruhig ausweinen zu laſſen. Es fing ſchon an zu dunkeln, als wir zurückkamen. Die Alten, erfreut über die Rück⸗ kehr ihres Lieblings, forſchten nicht nach den Gründen ihres langen Ausbleibens; Serena war ruhiger gewor⸗ den und die Dämmerung verhüllte ihre verweinten Augen. Heute bekam ich durch Bär ein kleines Billet von ihr, worin ſie mir ſagt, ſie ſei wieder ruhig, ich möchte es doch ihretwegen auch ſein, möchte jetzt nicht fragen, ſpäter werde ich Alles erfahren. Im Uebrigen ſchrieb ſie ſo gut, ſo herzlich. Ich konnte ihr nicht böſe ſein. Aber ſonderbar iſt, daß wir beide Geheimniſſe vor ein⸗ ander haben und beide in Beziehung auf Bruno. gin me dar che ſol 283 Später. So eben war Bruno hier und düſterer als je. Er ging mit wildem Blick und ſagte:„Ich komme nicht mehr. Tritt eine Veränderung ein, ſo— laßt mich darum wiſſen.“ Er verließ uns ohne Abſchied. Es ſind jetzt ſechs Tage ſeit dem Abend, wo ich von Erik Stenbock und Malin Sture vorlas und mit ma chère mére iſt es immer noch ganz daſſelbe. Ach, was ſoll aus dem Allem werden? Gott ſtehe uns bei! Ein fremdes Frauenzimmer an den Leſer, inſonderheit an die junge Leſerin. Du Jungfrau, die du bisher bloß auf dem Feld der Romane deine Welt⸗ und Menſchenkenntniß zuſam⸗ menbotaniſirt haſt und beim Eintritt in die Welt mit ſchauernder Freude erwarteſt, die Menſchen werden ſich um dich bemühen, entweder wie der Schmetterling um die Roſe, oder wie die Spinne um die Fliege, ein Wort an dich: Sei ruhig! Die Welt iſt nicht ſo gefährlich. Die Menſchen haben viel zu viel mit ihrem eigenen Haus⸗ halt zu thun. Du wirſt die Erfahrung machen, daß ſie nach dir ſo wenig fragen, wie nach dem Monde, zuwei⸗ len ſogar noch weniger. Du rüſteſt dich, mit deinen ſiebzehn Jahren den Stürmen des Lebens zu wider⸗ ſtehen; ach, du bekommſt wahrſcheinlich mehr mit ſeiner Windſtille zu ſchaffen. Aber laß dich dadurch nicht ent⸗ muthigen. Leben und Liebe findet ſich in reichem Maße auf Erden, nur nicht oft in der Form, worin der Ro⸗ man ſie größtentheils zeigt. Der Roman deſtillirt— — das Leben. Er macht aus zehn Jahren einen Tag, aus hundert Getreidekörnern einen Tropfen Spiritus. Das iſt ſein Handwerk. Die Wirklichkeit verfährt an⸗ ders. Die großen Ereigniſſe, die gewaltigen Liebesſcenen 284 find da ſelten. Sie gehören nicht zur Regel, ſondern zur Ausnahme im Alltagsleben. Deßhalb, du Gute, ſitze nicht hin, um ſie zu erwarten. Du bekommſt ſonſt Langeweile. Suche des Lebens Reichthum nicht außer dir. Schaffe ihn in der eigenen Bruſt. Liebe den Him⸗ mel, die Natur, die Weisheit, alle Guten um dich und dein Leben wird reich werden, ſein Luftſchiff wird ſich mit friſchen Winden füllen und ſo allmälig zur Hei⸗ math des Lichts und der Liebe emporſteigen. Warum ich dieß Alles ſage? Ja, weil ich, um Madame Werner mit ihrem Alltagsgeſchäfte weiter zu helfen(ſie hätte gern einen Roman zu Stande gebracht, aber das ward ihr nicht beſchieden!) jetzt eine dieſer Ausnahmsſcenen verzeichnen muß, die ſich häufiger in Büchern, als im Leben finden. Es war Abend und einer von denen, wo ein lieb⸗ licher Friede in der Natur athmet und der Menſch un⸗ willkührlich zur Ahnung der Tage geführt wird, da noch Alles gut war. Glühend und rein wölbte ſich der Himmel über der Erde und ſie ſtand gleich einer myr⸗ thenbekränzten, glücklichen Braut unter dem Brautdache, lächelnd, ruhig und voll Schönheit. Die Sonne ſchien auf vergilbende Aehren und ſich röthende Früchte. Lau⸗ big und ſtill ſpiegelten ſich die Bäume in dem klaren See. Leichte Nebel hüllten ſich wie Schleier um die Höhen. Hier erhob ſich ein Vogelgezwitſcher, dort der Geſang einer Kindesſtimme. Alles ſchien zu genießen. Damals war es, daß Serena's leichter Kahn— gleich einem Laub mit ſeiner Knoſpe— auf dem rubi⸗ gen Waſſer dahinglitt. Damals war es auch, daß von dem grauen Ramm her ein mit einem großen Fernrohr bewaffnetes Auge geſpannt und ſpähend nach dem ſchuld⸗ loſen Roſenvik gerichtet war. Bruno ſieht den kleinen Nachen vom Ufer abſtoßen, ahnt, wen er trägt und eine unausſprechliche Sehnſucht, ein mächtiges Verlan⸗ gen erfüllt ſeine Seele. Das ſtürmende Herz, das lange in wilder Unruhe gepo voll quic Afri ſehn der Sch quel dem den zu f haſt theil haſt pfer der lege zens Aug und ſtric lage bald dahe Lieb der ten verd auf rend 285 ndern gepocht, der vertrocknete Sinn, der ſich ſelbſt in qual⸗ Gute, vollen Tagen und Nächten verzehrt, verlangt nach Er⸗ ſonſt quickung, nach Ruhe. außer Es gibt einen Samum, brennender als der in Him⸗ Afrika's Wüſten; es gibt eine Quelle, belebender, er⸗ und ſehnter, als die in den Oaſen der Wüſte, Bruno iſt d ſich der von qualvollen Gefühlen ausgebrannte Pilger; die Hei⸗ Schwaneninſel iſt die Haſe, welche die friſche Lebens⸗ quelle in ihrem Schooße trägt. „um Denn ſie iſt dort, ſie mit dem reinen Herzen, mit er ze dem klaren himmliſchen Blick und bei ihr, bei dem mil⸗ racht, den Weibe, bei Serena verlangt Bruno Ruhe, Leben dieſer zu finden, er verlangt... und fährt ab. er in„Biſt du geweſen, da der Schnee herkommt? Oder haſt du geſehen, durch welchen Weg das Licht ſich lieb⸗ theilet?“ un⸗„Biſt du in den Grund des Meeres gekommen und „da haſt in den Fußſtapfen der Tiefen gewandelt?“ h der Wohl konnte er ſo fragen, der unerforſchliche Schö⸗ myr⸗ pfer ber Natur und des Menſchenherzens und wohl muß ache, der irdiſche Forſcher wie Hiob die Hand auf den Mund ſchien legen und ſchweigen. In der Tiefe des Menſchenher⸗ Lau⸗ zens mehr als in irgend einer andern ſieht nur das laren Auge des Ewigen, wie das Licht aufgeht, wie die Nacht n die und die Stürme kommen. t der Bruno glich dem Klima unter der Linie. Ein Feuer⸗ eßen. ſtrich ging durch ſeine Seele und unter deſſen Einfluß n— lagen alle ſeine Gefühle. Daher bald dieſe todte Ruhe, ruhi⸗ bald dieſer heftige Sturm mit ſeiner zerſtörenden Kraft, n daher auch dieſer Reichthum an Gefühl, Leben und nrohr Liebe, der mitunter ſiegeskräftig hervorbrach und gleich huld⸗ der üppigen Vegetation über einer von Lava verſeng⸗ einen ten Erde und gleich der Liebe ſelbſt als Uebertretungen und verdeckte. rlan⸗ Und ſo begab es ſich, daß an dem ſchönen Abend auf dem ruhigen Waſſer gegen die kleine Inſel zu fah⸗ wuhe rend, wo Güte und Friede jetzt ihre Heimath hatten, — 286 Bruno einen Sturm in ſeiner Seele ſich ſammeln und glühende Gefühle wie Wetterſtrahlen durch dieſelbe fahren fühlte. Ein heimlicher Zorn über Etwas, ein unendliches Verlangen nach Etwas, ein Fieber, eine Qual ſiedet in ſeiner Bruſt. Das ſind Worte, welche zermalmen, Flammen, welche beſeligen können—— gleich dem Geiſte des Vulkans ſteht er auf dem Ufer der ſtillen Inſel. Serena ſtand an der Eiche. Ueber dem ſchönen, lieblichen Seraphskopfe ſtreckten ſich freundlich ihre lau⸗ bigen Zweige. Eine Wolke von Wehmuth lag über ihrer unſchuldigen Stirne und traurig lächelnd ſah ſie auf Gullgul, der ſo eben auf ihr Locken von Zweig zu Zweig und dann auf ihre Hand herabgeflogen war. Aber plötzlich flog er erſchreckt auf und fort von ihr und Bruno's hohe, finſtere Geſtalt ſtand vor Serena. Sie erröthete, ſie zitterte, blieb aber ſtill und ſah mit dem klaren Madonnenblicke zu ihm auf. Bruno ſah in den⸗ ſelben und ſeine Seele wurde ruhiger; es verbreitete ſich in ihm die unnennbare Wonne, die er niemals empfand, außer in ihrer Nähe. Aber dieſes Gofühl fiel jetzt wie eine Roſe auf glübende Kohlen. Einen Augenblick gemildert, ſog das Feuer im nächſten Augen⸗ blick wieder Nahrung daraus. „Wollen auch Sie mich fliehen? Wollen auch Sie mich verſtoßen?“ fragte er, die dunkel flammenden Augen auf ſie geheftet, und als ſie ihn noch immer mit fragendem, kummervollem Blicke ſtill anſab, ſagte er: „Serena, ſagen Sie mir ein freundliches Wort. Meine Seele bedarf deſſen.“ „Freund meiner Kindheit!“ ſagte Serena mit einer Engelsſtimme und reichte ihm die Hand. „O Serena,“ ſagte er, ſie an ſeine Lippen führend, „hören Sie mich! Ich will mit Ihnen ſprechen. Setzen Sie ſich.— Sie wollen nicht? Wollen Sie dem Freund Ihrer Kindheit keinen Augenblick ſchenken?“ Es lag ſo viel Bittendes, ſo viel Schmerz in Blick rern der bre er ihr ger Zu liel un rie Zit He dei und be ein ine lche fer nen, au⸗ ber ſie zu lber und Sie dem den⸗ itete nals fühl inen gen⸗ Sie nden mit er: eine einer rend, etzen eund Blick 287 und Stimme. Serena widerſtand nicht. Sie ſetzte ſich auf einen bemoosten Stein. Er legte ſich vor ihr auf die Kniee. Es lag etwas Kindliches, etwas Zärtliches und Mildes in ſeinem ganzen Weſen. Er ſah ſie an und die Flammen in ſeinen Augen ſchmolzen in Gefüh⸗ len unausſprechlicher Zärtlichkeit, Thränen glänzten darin; er ſprach nicht, aber auf ſeinen ſchönen Lippen lagen feu⸗ rige, liebliche Gedanken. Sie öffneten ſich und baten: „Sage Du zu mir, Serena! O ſage Du, wie da⸗ mals, als wir Kinder waren— Kinder und glücklich, Bräutigam und Braut.“ Thränen feuchteten Serena's geſenkte Augenlider, aber ſie zögerte. „Sage Du!“ bat Bruno inniger, feuriger; Se⸗ rena, gute Serena, nenne mich Du.“ Serena zögerte noch. Sie empfand tief die Be⸗ deutung dieſes Wortes, dieſes Augenblicks. „Sie wollen nicht?“ brach Bruno aus und ſchon brannten düſtere Flammen an der Stelle der milden: er ſtand auf und rief mit Schmerz:„Serena, ich bin Ihnen alſo gleichgültig.“ „O nein, nein!“ ſagte Serena tief ergriffen. „Nicht?“ begann Bruno wieder feurig und faßte ihre Hand.„O, Serena, martern Sie mich nicht län⸗ ger; überlaſſen Sie mich nicht dieſem vernichtenden Zweifel. O, ſprechen Sie, wollen. können Sie mich lieben, Serena?“ Serena blickte ihn mit thränenerfüllten Augen an und ſagte:„Ja!“ Ihre ganze Seele lag in dieſer Antwort. „O, ſo mußt du mein werden, himmliſches Weſen!“ rief Bruno, mit leidenſchaftlicher Freude ihre Kniee umfaſſend.„Serena, du wirſt, du mußt mein werden. Zittere nicht, holder, angebeteter Engel; folge deinem Herzen, höre auf meine Liebe, und Glückſeligkeit wird dein Loos ſein auf Erden. Warum zitterſt du? Als —,— 288 du ein Kind warſt und ich dich auf meinen Armen in Ramms Wäldern umhertrug und mit dir über manchen Abgrund ſprang, da zitterteſt du nicht. O, wie in den Tagen deiner Kindheit will ich dich das ganze Leben hindurch auf meinen Armen tragen und dich ſicher an meiner Bruſt halten. Es verſchwinde in dieſem Augen⸗ blick alle Ungewißheit, aller Zweifel; mit unſerer Liebe wollen wir das Schickſal feſſeln. Serena, gib mir jetzt in dieſem Augenblick dein Wort, ſchwöre, mir anzugehören; ſchwöre, daß hinfort Nichts mehr uns trennen ſoll.“ „Bruno, Bruno!“ ſagte Serena erſchrocken über ſeine Heftigkett,„haben Sie vergeſſen.. Ihre Mut⸗ ter—— meine Eltern?“ „Vergeſſen? Nein, Serena, ich habe ſie nicht ver⸗ geſſen, auch nicht die Bräuche und Sitten, die das Le⸗ ben des Herzens feſſeln. Ich babe ſie nicht vergeſſen. Aber ſie binden mich nicht. Ich erkenne eine höhere Macht an, als die ihrige; ich weiß eine höhere Welt, als die, in der ſie binden und hemmen. Aber ich ver⸗ ſtehe deine Angſt. Gleich der Blume hier auf der In⸗ ſel biſt du aufgewachſen, und lebteſt in der Meinung, die Welt höre mit ihren Ufern auf. Aber die Welt iſt groß, Serena! Und für zwei Herzen, die gegen einan⸗ der ſchlagen, gibt es hundert offene Paradieſe. Es gibt ſchönere Himmelsſtriche, als der, unter welchem du ge⸗ boren biſt; andere Religionen, andere Sittenz aber Sonne und Liebe berrſchen überall. Ich habe dieſe ſchönere Welt geſehen, ich habe das Leben aller frei von Feſſeln geſehen— Millionen Weſen leben in die⸗ ſer Luft der Freiheit und gehorchen bloß dem Gebote des Herzens.“ „Und waren ſie glücklich, Bruno, waren ſie ruhig, dieſe Weſen, die allen Banden der Pflicht, allen Ge⸗ boten des Himmels abſagten? Waren Sie ſelbſt glück⸗ lich in dieſer Welt, die Sie preiſen?“ „Glücklich?—— glücklich war ich nicht, denn 289 in ich hatte Serena noch nicht gefunden. Aber jetzt— o! hen höre mich Serena und bedenke, daß mein Leben von den deiner Antwort abhängt. Wenn Alles ſich unſerer Ver⸗ ben einigung entgegenſetzt, willſt du dann nicht, Serena, an Allem zum Trotze die Meinige werden? Oder ſprich, en⸗ kann das Erdenleben dir Beſſeres bieten, als gränzen⸗ iebe loſe Liebe? Das Leben, Serena, iſt Armuth, iſt Elend, t in wenn nicht Liebe es erhebt. Das allmächtige Weſen, en; das uns das Bedürfniß nach Glückſeligkeit gab, hat uns nicht befohlen, ihr zu entſagen. Er, der unſern über Herzen die Liebe als Leitſtern im Leben gab, kann nicht Nut⸗ wollen, daß wir ihre Leitung verachten. Serena, ich liebe dich! Ich will meine Seele in deine Hand legen ver⸗ und ſagen;„Thue mit ihr, was du willſt, aber werde Le⸗ mein, mein auf ewig!“ O laß mich dich aus dieſem ſſen. engen Winkel der Welt führen, wo dein Leben dahin⸗ here ſchwinden und verwelken wird, laß mich dich in ein elt, Leben der Freiheit und Freude hinausführen. Gib ver⸗ mir deine Hand, wie du mir dein Herz gegeben; werde In⸗ in einem andern Lande, unter einem ſchöneren Himmel ung, meine Gattin. Dein Weg ſoll über Roſen gebahnt t iſt ſein, Reichthümer ſollen dir zu Gebote ſtehen, ſo oft nan⸗ du willſt, kannſt du deine Hand aufthun und Glückliche gibt machen und ich will dir für Alles danken mit einer ge⸗ Liebe, die auf Erden ihresgleichen nicht gehabt hat; aber aus Allem, was die Natur Schönes, was das Leben dieſe Gutes und Freudenreiches hat, will ich dir ein Para⸗ frei dies ſchaffen.— Serena, dort— was wirſt du dort die⸗ vermiſſen?“ ebote„Frieden!“ antwortete Serena, indem ſie aufſtand und ihre Bruſt ſich gewaltſam hob;„Frieden mit mir uhig, ſelbſt, Frieden mit dem Himmel.“ Ge⸗„So!“ ſagte Bruno langſam, indem auch er ſich lück⸗ erhob und ſeine flammenden Blicke mit einem unbe⸗ ſchreiblichen Ausdruck höhniſchen Vorwurfs auf Serena denn beftete.„Serena,“ fuhr er fort,„du biſt alſo auch eines dieſer gewöhnlichen Weiber. Deine Liebe iſt blos Bremer, die Nachbarn. 19 —— 290 eine Hauslampe— eine matte, blöde Flamme, die nur im verſchloſſenen, wohlverwahrten Zimmer brennen zann. Du willſt mich nicht glücklich machen, du willſt dem Gebote deines Herzens nicht folgen, denn— du fürchteſt für deine ewige Seligkeit! Du willſt nicht das geringſte Opfer für den bringen, der Alles für dich hingeben möchte. Und das heißt Tugend? O ſchwacher, armſeliger Eigennutz! Aber höre(und er näherte ſich ihr mit trotziger Wilvheit), ich will dich lehren, was Lebe, was wahre Liebe iſt!— Aber vielleicht verſtehſt du mich nicht, frommes Mädchen!— Weißt du, was der, der recht liebt, ohne Bevenken für die Geliebte opfert? Ja, eben ſeine ewige Seligkeit! O daß du in die tiefe, glühende Hölle hinab verdammt wäreſt, ich würde mich mit unendlicher Freude hinunterſtürzen, um mit dir verdammt zu ſein und dort mit dir, mit dir im Abgrund würde ich des Himmels Donner und des Himmels Seligkeit verachten. Aber— du verſtehſt mich nicht;— du weißt nicht, was Liebe iſt.“ Serena lehnte ihre Stirne in ihre Hände;— eine tiefe Erſchütterung ging durch ihre Seele. Nacht und Blitze wechſelten darin. Ach! Serena wußte, was wahre Liebe iſt und Bruno's Worte fanden ein Echo in ihrer Seele. Einen Augenblick ward ihre Klarheit verdunkelt und die höhere Bedeutung der Opferfrage war ihr nicht anz verſtändlich. In einem Gefühle unausſprechlicher Ungi erhob ſie ihre Augen und ihre gefalteten Hände gen Himmel und ſprach wie für ſich ſelbſt:„Sie würden Morgens aufſtehen und mich nicht finden, ſie t ſich mit Thränen über ihr Kind zu Bette egen„ Bruno ſah, was in ihr vorging. Dämoniſche Mächte herrſchten über ſeine Seele und jubelten, als ſie Serena ſchwanken ſahen; in ſeinem Blicke leuchteten Flammen und in ſeiner Stimme waren liebliche, kühne Töne— vor ſolchen ſind Engel gefallen. „O Serena!“ ſagte er,„laß dich nicht durch kin⸗ 291 diſche Schwachheit verleiten, dein eigenes Herz zu be⸗ lügen. Sei ſtark, ſei deiner Liebe getreu und— glaube an mich. Werde mein und ich will jeden Schmerz gut machen, will jeden Seufzer, der dich beunruhigt, in Seligkeit umwandeln. Fort mit kleinmüthiger Furcht! Siege, ſiege, meine Serena, über die gewöhnliche Schwäche deines Geſchlechts. Gib mir dein Verſprechen, deinen Eid, der mich über alle Wechſel des Glucks, über alle Drohungen des Schickſals erheben, oder dem Verbannten eine Heimath, dem Verfluchten Segen, der meinem Herzen Frieden geben wird. O, meine Serena, warum zögern, warum ſchwanken? Biſt du nicht be⸗ reits mein? Waren nicht von Kindheit an unſere See⸗ len vereinigt? Werden ſie jetzt nicht von derſelben Flamme erwärmt? Serena, wir ſind bereits Eins, Eins vor dem, der ſeine Liebe in unſere Herzen goß. Order glaubſt du, ſie könnten getrennt werden? Ver⸗ gebens! Serena, Ewiageliebte, du biſt mein, mein, mein!“ Er hatte ihre Hand ergriffen, und mit wonne⸗ voller, mächtiger Kraft zog er ſie näher an ſeine Bruſt. Es gibt plötzliche, wunderbare Eingebungen, wo⸗ durch der verſuchte, aber reine Geiſt Macht empfängt, auch das Theuerſte zu beſiegen. Eine ſolche war es, die in Serena's von Verzweiflung und göttlichem Licht erfüllter Seele aufging. Um Bruno's Macht über ſie zu widerſtehen, mußte ſie ſich losreißen und auf Bruno's Worte:„Du biſt mein, mein!“ antwortete ſie ſchau⸗ dernd:„Nein! Ich liebe Sie nicht!“ „Du möchteſt es gerne glauben,“ brach Bruno dämoniſch lächelnd aus,„aber du täuſcheſt dich.“ Er umfaßte ſie, drückte ſeine Hand an ihr Herz und fuhr mit unheimlichem, bebendem Ausvdruck fort:„Du liebſt mich, wie ich dich liebe. Beim Schlage dieſes Herzens ſchwöre ich, wenn du mir widerſtehſt, ſo wird deine Wange von dieſer Liebe erbleichen und mein Unglück das deinige werden. Vergebens widerſtrebſt du, ver⸗ gebens belügſt du dich ſelbſt. So.bein Herz 292 unter meiner Hand ſchlägt, ſo gewiß hat eine höhere Macht unſere Schickſale verflochten. Widerſtrebe ihr nicht. Es iſt vergebens, Serena. Du biſt mein!“ Serena ſtand unbeweglich da; ihre dunkeln Augen⸗ lieder ſenkten ſich gegen ihre bleichen Wangen herab, immer matter und matter ſchlug ihr Herz unter Bruno's brennender Hand, aber gleich einem Geiſterflüſtern, klar, leiſe, ſchauerlich und wunderbar eindringend gingen üver ihre Lippen die Worte:„Nein, ich liebe Sie nicht.“ Eiſeskälte fuhr durch Bruno's Adern. Eine Stimme wie dieſe, Worte, ſo ausgeſprochen, hatte er nie gehört, und Serena ſtand gleich einem Marmorbild an ſeiner Bruſt, ſo kalt, ſo ſtill, ſo todt! Er ließ ſie los, er betrachtete ſie mit ſchauerndem Erſtaunen! „Ich liebe Sie nicht!“ wiederholte Serena und wich einen Schritt zurück; immer bläſſer und bläſſer wurde ibre Wange, immer matter ſchlug ihr Herz. „Serena!“ rief Bruno mit einer Stimme, die einen Todten aus dem ewigen Schlaf hätte wecken können. Serena ſeufzte tief, tief.„Nein, ich liebe Sie nicht!“ ſagte ſie noch einmal mit noch feſterer, noch klarerer Stimme. Ihre Kniee ſchwankten, ſie wäre zu Boden geſunken, wäre nicht in dieſem Augenblick Fran⸗ ziske gekommen und hätte ſie in ihren Armen aufge⸗ ſangen. Bruno an Serena. Noch einmal dieſe Worte!.... Sagen Sie die⸗ ſelben noch einmal und kein Seufzer der Liebe und des Schmerzes von meiner Seite ſoll fortan mehr Ihren Frieden ſtören. Aber, Serena! Wenn Sie mich, wenn Sie ſich ſelbſt in dieſem Augenblick getäuſcht haben, wenn Ihr Herz die Worte abſchwört, die Ihre Lippen geſprochen, dann— hören Sie mich noch einmal. Meine 293 hr Heftigkeit tu Sie verletzt. Verzeiben Sie mir dieſelbe, Serena. Sie iſt jetzt vorüber, ich bin ruhig— und ene doch— dieſes unruhige, dieſes dürſtende Herz St ab nach dem Glauben, daß es nicht allein klopfe, und ob⸗ o's ſchon unwürdig, iſt es mir Bedürfniß, mich geliebt zu 6 glauben. Ich ſtehe an der Kriſis meines Lebens. Nur zen Liebe kann mich erretten. Ich habe eine Mutter; ich habe gegen ſie gefehlt und ſie hat mich verflucht. Ich ſüt hoffe nicht auf Verſöhnung mit ihr, obgleich ich fie rt ſuche. Wird ſie mir verſagt— ſprechen Sie, Serena, ner ſoll ich dann verzweifeln? Wird keine liebe Hand mich er am Leben feſthalten? Wird kein Engel mir in die Wiüſte hinausfolgen? O Serena, liebſt du mich und und baſt du nicht den Muth, mein Schickſal zu theilen? ſer Siehe ich will unſere Zukunft nicht ausſchmücken; ich will dir nicht anbieten, Glück und Freude zu theilen; S zur Ibeilau an Schmerz, an Tbränen will ich dich einladen. Vielleicht wird unſere Zukunft dunkel, viel⸗ ie leicht wird auch an meiner Bruſt deinem Herzen kein och Friede zu Theil; vielleicht werden deine Wangen auch u unter meinen Küſſen erbleichen— aber dennoch frage ich dich, Serena— haſt du nicht Muth, nicht Liebe genug, mit mir, für mich zu leiden? Serena! es gibt ge⸗ Leiden, Leiden bis zum Tode, die nicht bitter ſind, ja, die ihren großen, wunderbaren Genuß haben. Groß iſt die Macht der Liebe, auch in der Nacht des Schmerzes zu beglücken. Wenn an deiner Seite der Verſtoßene ruhiger athmen, wenn ſein Auge durch dich zum Him⸗ mel ſich emporheben würde, wo das Erbarmen und die Liebe zu Hauſe ſind, wenn dieſes Auge dann mit unend⸗ lichem Dank und Segen über dir ruhen würde— Se⸗ e rena! würdeſt du dann unglücklich ſein? Und wenn auch ren deine Wange erbleichte, wenn du dein Haupt an eine enn Bruſt lehnteſt, die nur von dir erfüllt wäre, wenn im eit, Tode dein Blick einem Blicke unausſprechlicher Liebe begegnete, der nur durch dich leben, mit dem deinigen ine erlöſchen und beim Wiedererwachen nur dich ſehen 294 würde— O Serena! Zuſammen athmen, zuſammen leben, leiden, genießen und ſterben, hier und jenſeits Eins ſein— das war mein Traum, als ich dich ſah. War es ein Traum? O Serena! war das ein Traum, was ich als meines Weſens Wahrheit, als die Löſung ſeines bisher unbegriffenen Rätbſels erkannt habe? Serena! antworte mir mit der Wahrheit, die früher ſo ſchön auf deinen Kindeslippen gelebt— ich frage zum letzten Mal, war es ein Traum? Sage nein und werde die Meinige. Oder— wiederholen Sie Ihre letzten Worte. Serena an Bruno. Nein, Bruno! ich werde ſie nicht wiederholen dieſe Worte! Sie waren nicht Wahrheit. Die Furcht vor meiner eigenen Schwäche hat ſie hervorgerufen. Kann es Ihnen wohlthun, Bruno, kann es Ihrem Herzen Troſt gewähren, ſo empfangen Sie die Verſicherung: Ich liebe Sie! Leid und Leben mit Ihnen zu theilen, wäre Seligkeit für mich. Aber hören Sie auch dieſes mein letztes Wort, Bruno! Ich ſchreibe Jonen am Bette meiner Großeltern, ſie ſchlummern ſanft. Meine Stimme hat ſie zur Ruhe eingewiegt. Der Schein der Lampe fällt auf ihre ehrwürdigen Häupter und beleuchtet ihre grauen Haare— Bruno! hier iſt mein Poſten. Ich werde ihn nicht verlaſſen, was auch mein Herz dabei leiden mag. Den beiden bejahrten Eltern, die meine Kindheit und mein ganzes Leben hindurch ge⸗ pflegt, das Leben ruhig und heiter zu machen, das iſt mein Beruf, meine theure Pflicht. Die Lampe, die ihren Lebensabend erhellt, hat die Vorſehung in meine Hand gegeben. Ich will ſie bis zu meinem letzten Seufzer getreu hüten. O Bruno, wenn Sie mich ge⸗ winnen wollen, ſo gewinnen Sie meine Eltern. Nur wenn ſie mit Freuden meine Hand in die Ihrige legen, en its h. m, ng e um nd hre eſe or nn zen g: en, ſes am ine der tet en. erz die ge⸗ die ine ten ge⸗ kur en, 295 kann ich mit Freude und Gewiſſensfrieden Ihnen ange⸗ hören. Der Weg zu mir muß durch ſie geben. Und wenn dieß ein Abſchied ſein muß— ſo leben Sie wohl, Bruno, Gott ſegne Sie. Wohin Ihr Weg auch führen mag, denken Sie, daß ein treues Herz Ibnen mit Theilnahme, mit Segnungen und Gebeten olgt. sBrot Freund meiner Kindheit! ich möchte Ihnen ein Wort ſagen, das Sie mit mir ver⸗ ſöbnte. Ich fürchte, daß Sie mich gleichgültig, kalt finden!„das thut mir webe. Aber ich weiß— es gibt eine andere, eine beſſere Welt. Dort werden Sie beſſer in meinem Herzen leſen; dort werden Sie ver⸗ zeihen Ihrer Serena. Franziske W. an Marie L. Zwölfter Brief. Roſenvik, den 31. Auguſt. Noch zwei Tage ſeit meinem letzten Briefe war⸗ teten wir in großer Unrube: aber als ſich noch nicht die geringſte Aenderung in ma chère mere's Zuſtand zeigte, fuhr Bär nach Karlsfors und brachte Elſe durch Angſt zum Sprechen. Sie geſtand jetzt, die Generalin ſei beinahe ganz ſo, wie einſt vor fünfzehn Jabren. Sie ſchlafe nicht bei Nacht, ſpreche nicht, eſſe und trinke beinahe Nichts. Sie habe ihre Zimmer verdunkeln laſſen, ſitze beſtändig mit dem Geſicht auf die Hände geſtützt da und ſeufze zuweilen, als ob ihr das Herz brechen wolle. Im Uebrigen habe ſie ihr verboten, mit irgend einem Menſchen ein Wort über ſie zu ſprechen. 296 „Das geht nicht länger an!“ rief Bär, nachdem er mir dieß erzählt hatte.„Sie könnte in ihre frühere Krankheit zurückfallen. Wir müſſen auf irgend eine Weiſe dieſen Zauber brechen, dieß muß geſchehen und zwar durch dich, Fanny.“ „Durch mich!“ rief ich zurückbebend. Ich bin über⸗ zeugt, daß ich ganz blaß wurde. „Ja, durch dich. Du weißt recht gut, du Meer⸗ katze, daß Niemand bei ma chère méère ſo wohl ange⸗ ſchrieben iſt, wie du. Niemand hat ſo viel Einfluß auf ihr Herz. Gebrauche ihn jetzt. Du mußt durch ihre Tbüre und ihr Herz einbrechen. Ja, du mußt es, und due ſo vorſichtig und kühn ſein, wie der Dieb in der a 40 „Aber die Dietriche, Bär, die Dietriche? Wie ſoll ich durch ihre verſchloſſenen Thüren kommen und wie in ihr jetzt verſchloſſenes Herz?“ „Durch ihre Thüre? Elſe muß ſie offen laſſen. Ich habe bereits mit ihr deßwegen geſprochen. Und wie in ihr Herz? Laß dein eigenes Herz warm werden und deine Zunge wird ſchon Worte finden, die durch Mark und Bein gehen.“ „Ach Bär!“ „Und du darfſt dich nicht durch einige heftige Aus⸗ drücke oder zornige Blicke abſchrecken laſſen. Habe Muth, ſei ſtandhaft, ſtark und zärtlich. Denke an Bruno. Denke an eine Verſöhnung zwiſchen Mutter und Sohn.— Ja, gerade ſo mußt du ausſehen, gerade ſo mußt du fühlen und du wirſt etwas Gutes zu Stande bringen, Fanny, oder dieſen düſteren Schmerz wenigſtens zum Erguſſe zwingen, der, wenn man ihn ſo fortdauern läßt, wieder zum Wahnſinn führen wird.“ Lieblich iſt die Stimme der Schmeichelei, zumal, wenn ſie von der Ehehälfte kommt. Ich ließ mich überreden, den Verſuch zu wagen. Aber muthig war ich dabei nicht. Gegen ma chére mére's ausdrückliches 297 ner Verbot in ihr Zimmer zu dringen und vor ihr zu er⸗ ere ſcheinen hu! eine Wir beſchloſſen ferner, Bruno ſolle ſich während und meiner Verhandlung mit ma chére mére in Jean Jacques Zimmer aufhalten, vamit er, wenn ſie eine glückliche er⸗ Wendung nehme, ſich ſeiner Mutter ſogleich zu Füßen werfen könne. Man dürfe ihrem möglicher Weiſe auf⸗ er⸗ thauenden Gefühl keine Zeit laſſen, wieder zu erkalten, ge⸗ mau müſſe das Eiſen ſchmieden, ſo lange es warm ſei. auf Bär theilte dieſen Vorſchlag Bruno ſchriftlich mit, hre und dieſer antwortete bloß:„Ich bin es zufrieden und und werde mich einfinden.“ der Der folgende Tag war zu dem gefürchteten Ge⸗ ſpräche beſtimmt. Ich konnte in dieſer Nacht kein Auge ſoll zuthun und war einmal im Begriff, meinen ſchlafenden wie Bär zu wecken und ihm zu ſagen, daß ich nicht den Muth habe, in dieſer Sache das Mittleramt zu über⸗ Ich nehmen. Aber da hörte ich wieder die wunderbar in traurigen Töne von dem unglücklichen Einſiedler auf und Ramm. Sie klangen flehend; ich erinnerte mich an ark Bruno's Thränen und ſeine Bitte:„Verſöhnt mich mit meiner Mutter,“ und ich faßte den feſten Beſchluß, mich dem Wunſche Bär's zu unterwerfen. Indeß war ich us⸗ in tauſend Aengſten, wie ich die Sache angreifen ſollte. abe Ich ſolle ſagen, was mir mein Herz eingebe, ſagte an Bär. Aber mein Kopf wollte auch mit im Spiele ſein, ter er wollte den Vormund des Herzens machen, er ver⸗ ade warf deſſen etwas unbeſtimmte Plane und ſagte ibm zu Reden vor, von denen wiederum das Herz Nichts wiſſen erz wollte. So disputirten ſie bis zur Stunde, da wir an abreiſen ſollten. Meine Lage war nicht ſehr beneidens⸗ ren werth. Aber ich ſagte Nichts zu Bär: ich wollte ihn nicht mit meiner Unruhe beunruhigen. al, Wir fubren fort. Es war Sonntag. Die Glocken ich ertönten ſo freundlich ernſt durch die ruhige Luft. Feſt⸗ ar lich gekleidete Landleute mit Geſangbüchern in den Hän⸗ es den begegneten uns auf dem Wege. Sie ſahen ſo ruhig, ——— 298 ſo friedlich aus, als ſie nach dem Tempel des Herrn wandelten. Ich beneidete ſie, und je näher wir an Karlsfors kamen, um ſo weiter wünſchte ich mich weg. Als Bär meine Hand nahm, um mir aus dem Kabriolet zu helfen, zitterte ich wie Eſpenlaub. Der gute Bär fragte Nichts, ſondern drückte blos feſt meine Hand. Bruno war bereits bei Jean Jacques. Ich erſchrack über ſeine Bläſſe und ſein verändertes Ausſehen, ſagte aber Nichts. Er ſchwieg ebenfalls. Jean Marie war, glaube ich, etwas beleidigt, daß man mir mehr Ver⸗ trauen geſchenkt, als ihr, und ſie ließ etwas von„ſich zu viel zutrauen“ fallen. Ach, mein Gott, das that ich jetzt gewiß nicht. Ich wäre lieber in Meſopotamien geſeſſen und hätte Schafe gehütet, als daß ich jetzt als Mittlerin vor ma chéère méère auftrat. Nachdem wir eine Weile und mit langen Pauſen über Nichis geſprochen, heftete Bär ſeinen ſtillen, ernſten Blick auf mich. Es war mir, als ginge es an den Opferaltar. Zitternd that ich einige Schritte gegen die Thüre zu. Auf ein⸗ mal befand ich mich in Bruno's Armen, der mit ſeinem tiefen, mächtig ergreifenden Tone ſagte: „Geſegnet ſei deine Wanderung; geſegnet ſeien die Worte des Friedens auf deinen Lippen! Mein Leben hängt von ihnen ab.“ Und der wunderliche Menſch drückte mich heftig an ſeine Bruſt, und ſeine Thränen fielen auf meine Stirne. Erſchrocken und gerührt ſtand ich da, als Bär mich an ſich zog, mich küßte und leiſe, aber innig ſagte: „Gott ſegne dich.“ Er that es. Von dieſem Augenblick an wich alle Furcht, alle Zaghaftigkeit von mir. Ich war wie um⸗ gewandelt. Mein Herz wurde ſtark, und mit ſicherem, leichtem Schritt ging ich auf die Zimmer zu, wo ma chére meère in ihrem Dunkel ſaß. Ich machte mir teinen Plan mehr, was ich ſagen und thun wollte, ich überließ Alles der Eingebung des Augenblicks. Vor der Kabinetsthüre ſtand Elſe, ſchweigend, un⸗ fra nal kan Au ſie ver vorn etw alle geg ché Hy reil wel 299 beweglich, mumiengleich. Sie gab mir ein Zeichen, daß ſie meine Abſicht verſtehe und mir Glück wünſche. Die Thüre hatte ſie angelehnt gelaſſen und ich ſchlich mich in's Kabinet hinein. Es war leer und finſter darin. Die Gardinen waren herabgelaſſen. Leiſe ſchloß ich die Thüre zur Schlafſtube auf, und als ich in das große, düſtere Zimmer trat, erſchrack ich ſehr, ma chére mére mit dem Geſicht auf den Boden liegen zu ſehen. Bei meinem Eintritt richtete ſie ſich zur Hälfte auf und ſah mich mit einem ſo wilden und verwirrten Blick an, daß ich zuſammenſchauderte. Gleichwohl ging ich ein paar Schritte näher auf ſie zu und ſagte mit zärtlicher Unruhe:„Iſt ma chère mére krank?“ Sie ſtand jetzt ganz auf und die Slurke ſchien ſich auf ihrem Kopfe emporzurichten. Sie ging auf mich zu mit ſpitziger, bleicher Naſe, pfeifendem Athem und einer ſo drohenden Haltung, daß ſie eine weniger tapfere Perſon, als ich in dieſem Augenblick war, zurückge⸗ ſchreckt haben würde. „Wie kannſt du es wagen, in mein Zimmer ein⸗ zubrechen? Wie kannſt du es wagen, mich zu ſtören?“ fragte ſie mit ſtrengem und wildem Blick, indem ſie nahe zu mir hintrat. „Ich fand machére mére nicht draußen, deßwegen kam ich herein,“ ſagte ich ſo ruhig als möglich und ohne einen Schritt zurückzuweichen. Sie ſah mich einen Augenblick an, indem ſie ſich zu faſſen ſchien, worauf ſie ruhiger und wie vor ſich hin ſagte:„Ich hatte wohl vergeſſen, die Thüre zu ſchließen.. dumm!“ Sie ging von mir hinweg, öffnete eine Schranklade und ſchien etwas hineinlegen zu wollen, das ſie in der Hand hielt, allein es rollte ihr aus der Hand auf den Boden und gegen mich zu. Ich bückte mich und hob es auf. Ma chère mére näherte ſich mir mit dem Ausſehen einer Hyäne und wollte es mir, glaube ich, aus der Hand reißen; allein ich betrachtete das kleine Medaillon, auf welches ein ſchöner Kindskopf gemalt war, und ſagte 300 mit einer Verwegenheit, die ich jetzt kaum begreife: „Welch ein ſchönes Kind!“ Ma chere mére blieb ſtehen. Sie ſchien gewalt⸗ ſam aufgeregt, aber weicheren Gemüths zu werden. Sie nahm das Medaillon ſanft aus meiner Hand, hielt es aber ſo, daß ich es mit ihr betrachten konnte.„Ja,“ ſagte ſie,„ja, in Wahrheit ein ſchönes Kind! Ha! eine Krone unter den Knaben! Weißt Du des Knaben Na⸗ men, Franziske— weißt du ſeinen Namen? Weißt du, weſſen Kind er war? Sprich! Weißt du es? Weißt du es?“ Sie ſah mir eifrig und forſchend in's Geſicht. Ich mußte vor ihren durchdringenden Blicken meine Augen niederſchlagen. Nein,“ antwortete ich der Wahrheit gemäß, obgleich ich es errieth. „Er hieß Bruno!“ begann ma chére mere auf's Neue.„Er war mein einziger Sohn! Mein, mein, mein Sohn!..“ und ma chére mére drückte dabei meine Schultern mit ihren Händen, ſo daß ich glaubte, ſie preſſe ſie aus einander. „Er war mein... mein einziger Sohn!“ fuhr ſie fort, indem ſie von mir abließ und ihre gefalteten Hände gen Himmel erhob.„Am heutigen Tage habe ich ihn geboren.“ Sie ſchwieg und ſetzte dann, wie für ſich ſelbſt und mit einem Ausdruck, der mir die Seele zerſchnitt, hin⸗ zu:„Heute vor dreiunddreißig Jahren habe ich ibn geboren. In Todesqualen gab ich ihm das Leben. O, daß ich in dieſem Aogenblick geſtorben wäre— ich oder er! O! aber er wurde mein Stolz... meine ſtolze Freude, mein Hochmuth, meine Hoffnung, mein Alles... er war mir mehr, als Gott! O!... Der Herr hat meinen Stolz geſchlagen... nein, nicht er, ſondern der Teufel! Der Teufel ſchlug meine Kraft und nahm mein Kind O!„ Kinder gehen vom Herzen wieder zum Herzen, im Leben oder Tod. Das meinige gab mir Schlimmeres, als den Tod.“ Hier kreuzte ſie die lebe ſied wen wür eine möc des ſehe o!. ten, lich⸗ 301 Arme über ihre Bruſt und ſenkte ihren Kopf tief, wie von Kummer zu Boden gedrückt. Als ſie ſich wieder erhob, wandte ſie ſich mit einem ſcharfen und durchdringenden Blick zu mir und ſagte: „Du weißt, was geſchehen iſt, Franziske;— du weißt Alles von ihm. Läugne es nicht! Dein Mann weiß es; und Mann und Weib ſind Eins. Du weißt es— ich ſehe es in deine Seele hinein.“ Ich läugnete es nicht. Mein Blick ſprach für mich. Ich trat ma chère mère näher. Mein Herz war warm für ſie. Sie legte die Hand auf meine Schulter und ſagte: „Gott behüte dich, Franziske, daß du nie leideſt, was ich gelitten habe, daß du nie fühlſt, was ich ge⸗ fühlt pabe, ja noch jetzt oft fühle! Gott behüte dich davor! „Kind, Kind! es iſt nicht gut, wenn das Herz einer Mutter ſich wendet, um zu haſſen, was einmal unter dieſem Herzen gelegen hat; wenn ihre Bruſt ver⸗ ſtoßen muß, was die Milch aus dieſer Bruſt getrunken hat. Ich ſage dir— es iſt nicht gut! Was wünſcht die glückliche Mutter für ihre Kinder? Daß ſie lange leben mögen auf Erden; daß ſie ſich in ihrer Nähe an⸗ ſiedeln und niederlaſſen mögen, daß ſie ihren letzten Seufzer empfangen und ihre Augenlieder zudrücken, wenn ihr letztes Stündlein geſchlagen hat. Ja, das wünſcht ſie. Aber was wünſche ich für meinen einzi⸗ gen Sohn? Ja, daß“— und hier nahm ihr Geſicht einen furchtbaren Ausdruck an—„daß er todt ſein möge! Daß er tief in der Erde oder auf dem Grunde des Meeres liegen möge; daß dieſe Augen ihn nie mehr ſehen, dieſe Ohren nie mehr ſeine Stimme hören.. o!. daß er todt wäre, todt. todt!“ Mich ſchauderte bei den wilden, verzweifelten Wor⸗ ten, und in der höchſten Aufregung fuhr die unglück⸗ liche Mutter fort: „Wenn der Sohn aus dem Vaterhauſe in die weite 302 Welt hinaus gebt, was gibt ihm die Mutter mit auf die lange Fahrt? Ihren Segen gibt ſie ihm; das Beſte, was das Haus hat, gibt ſie ihm mit, und folgt ihm ſelbſt bis an die Thüre mit Thränen, Küſſen und Lie⸗ besworten. Ja, das thut ſie. Aber ich gab meinem einzigen Sohn— meinen Fluch. Das war Alles, außer dem Leben, was er von mir in die weite wilde Welt mit hinaus genommen hat. Meinen einzigen Sohn verfluchte ich! Siehſt du“— fuhr ſie mit immer ſtei⸗ gender Wildheit fort—„ich hatte auf ſein Haupt meine ganze Liebe, meine Ehre, meinen Stolz gelegt und er — legte Schande auf das meinige. Schande legte er auf ſeiner Mutter Haupt. Sieh!“— und ſie riß die Slurka vom Kopfe und warf ſie heftig zu Boden; das graue, beinahe weiße Haar fiel in Wogen auf ihre Schultern herab—„Siey! da hat Gram Aſche auf mein Haar geſtreut. Früher war es ſchwarz, aber in einer einzigen Nacht fiel Schnee darauf— und es wurde weiß. Der Sohn hat das Haupt ſeiner Mutter bleich gemacht; er machte, daß die Leute mit Fingern auf ſie deuteten und ſagten, ſie ſei Mutter eines Diebs. Sollte ſie ihn nicht verfluchen?“ „Ach, er war noch ſo jung„ er ſtam⸗ melte ich. Ich konnte kaum ſprechen. Ma cheère mère hörte mich nicht an, ſondern fuhr mehr für ſich, als zu mir redend fort:„Ja, das Haar ergraute; aber was ergraute nicht? Meine Farbe, meine Seele, die ganze Welt! Als der Fluch geſprochen und der Verfluchte fort war, und Niemand wußte, wohin„ da kam eine wunderliche Zeit. Es wurde dunkel in mir und ich ſaß im Dunkeln, und Tage, Monate und Jahre vergingen, und ich wußte blos, daß Alles finſter war— finſter wie das Verbrechen und der Fluch. Ich dachte, der Lebens⸗ funke werde im Dunkel erlöſchen, aber— er war füär⸗ ker, als das Dunkel, als der Gram und ich ging hinaus aus dem Dunkel und ſah das Licht wieder. Ich auf Zeſte, ihm Lie⸗ inem ußer Welt Sohn ſtei⸗ neine d er te er ß die das ihre au er in d es uter gern ebs. ſtam⸗ mere ls zu was ganze e fort eine ſaß ngen, erwie bens⸗ ſtär⸗ ging Ich 303 lernte es wenigſtens ertragen. Ich ſuchte ihn zu ver⸗ geſſen; ich dachte: Er iſt todt.“ Meine Thränen floſſen, meine ganze Seele war aufgeregt, und ich rief:„O, der Unglückliche! Er wan⸗ derte verſtoßen umher, fand vielleicht kein Brod und keine Heimath! Er ſtarb vielleicht auf fremder Erde und dachte an ſeine Mutter, ſehnte ſich, ihre Hand an ſeine Lippen zu drücken und Verzeihung zu erflehen und ſie! o der Arme!“ Ma chère meère war todesbleich und zitterte hef⸗ tig; ſie ſchien mühſam zu athmen.„Franziske,“ ſagte ſie endlich mit ſtarker Stimme,„Franziske, laß dein unnö⸗ thiges Jammern. Brod— brauchte er nicht zu ent⸗ behren. Er konnte arbeiten; er war ein Mann, und ſchon in ſeinen Jugendjahren ſtark wie ein Löwe. Die Heimath— ſuchte er nicht. Sein Sinn ſtand nach der wilden Welt, und dieſe hat ihm wohl genug gegeben. Aber den Fluch“— hier näherte ſie ſich mir mit Thrä⸗ nen, die in den großen Augen zitterten, und legte die Hand auf meinen Kopf—„den Fluch hat mein Herz von ihm genommen. Als er ausgeſprochen war, dürſtete ich darnach, ihn zurückzunehmen, und ich hätte es gethan, Franziske, ich hätte es gethan, wenn er ſich geduldig der Strafe unterworfen und die Buße gethan hätte, die ſein Verbrechen erheiſchte. Deßhalb ſuchte ich ihn in der Nacht— aber er war fort. Er lief davon vor der Ver⸗ zeihung; er wollte ſie nicht verdienen; aber— auf ſein Grab habe ich ſie niedergelegt; da weilt ſie mit der Sonne, mit den Blumen und gibt ihm Frieden. Noch jetzt, wenn Erinnerung und Schmerz mich erfaßt, ſo daß meine Bruſt zerſpringen will, und es in meinem Hirn wirbelt und ich nicht weiß, was ich thue noch jetzt fluche ich ihm manchmal aber dann ſegne ich. Oder was glaubſt du, daß ich that, als ich wie ein Wurm vor dem Herrn im Staube lag, mit dem Bild meines Sohnes an der Bruſt? Glaubſt du, daß ich ihm fluchte? Friede, Friede ſei mit ſeiner Aſche! 304 „Und wenn er noch athmele....“ ſagte ich mit einem Gefühl, das ich nicht beſchreiben kann—„wenn er noch lebte, und durch vieles Leiden geſühnt hätte, was er in ſeiner Jugend verbrach; wenn es ihm über alle Ehre der Welt ginge, die Verzeibung ſeiner Mut⸗ ter zu erhalten, ſie noch einmal an ſeine Bruſt zu drücken?“ Ma chère mere trat ſteif und bleich zurück, ihre Augen flammten fürchterlich, ſie machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung und ſagte: „Wäre es ſo, Franziske.. haſt du gehört, daß er lebt“— und ihre Stimme zitterte—„weißt du, was er will und ſucht— ſo ſage ihm, daß er ſich nicht nach dem Lande wende, das ſich ſeiner ſchämen würde, daß er nicht den Namen tragen ſoll, den er verunehrt hat; daß er es nicht wagen ſoll, vor die Mutter zu treten, die er mit Schande bedeckt hat. Aber aber ſage ihm auch, daß ich den Fluch weggenommen häbe— ich will ihm mein halbes Vermögen in's fremde Land ſchicken, er kann mir ſchreiben und begehren, was er will, ich will ihm ſenden, was er will, aber— über meine Schwelle ſetze er den Fuß nicht.“ Ich beugte meine Kniee und umfaßte die ihrigen. „Mutter, Mutter!“ rief ich beinahe außer mir,„iſt das chriſtlich? Iſt das recht?“ „Stehe auf!“ ſagte ſie heftig.„Kein Wort mehr. Niemand kann mich in dieſer Sache beurtheilen. Was ich geſagt habe, das habe ich geſagt. Ich verbiete dir, noch weiter mit mir davon zu ſprechen. Sprich nicht von ihm, wenn du nicht willſt...„Glaubſt du, daß hier um Aepfel und Birnen geſpielt werde? Ich ſage dir, es wird hier um Vernunft und Wahnfinn geſpielt. Reize den böſen Geiſt in mir nicht auf. Fort mit die⸗ ſen Erinnerungen, dieſen Gedanken, fort, fort!“ Ich ſtand auf. Mein Herz ſchwoll von wider⸗ ſträubenden Gefühlen. Aber mä chère mère's wildes 305 mit Ausſeben und ihre Geberden bewieſen mir, daß es jetzt enn nicht Zeit war, ihnen Luft zu machen. Geeichwohl wollte itte, ich noch nicht alle Hoffnung aufgeben. Ich ſah ſie bit⸗ iber tend mit zuſammengelegten Händen an, aber ſie wandte dut⸗ ſich weg.„Geh!“ ſagte ſie ſtreng.„Wir haben ausge⸗ zu redet. Ich will allein ſein. Geh! Ich verlange es!“ Ich ging— die Seele voll bittern Schmerzes. Ma ihre chére mére verriegelte hinter mir die Tbüre. Als ich an in's Kabinet hinauskam. ſah ich einen Mann dort ſte⸗ hen, die Stirne an die Wand gelehnt. Es war Bruno. daß Erſchrocken ging ich zu ihm hin und faßte ihn am Arme. was„Um Gotteswillen, Bruno,“ ſagte ich leiſe,„was thun nach Sie hier? So nahe. Bruno wandte mir langſam daß ſein Geſicht zu. Er war bleich, wie der Tod, kalter hatz Schweiß ſtand auf ſeiner Stirne; ſein Blick war ver⸗ eten, wirrt, er ſah mich finſter und gleichgültig an. Aber ſage plötzlich faßte er ſich und ftürzte, die Hand vor der i Stirne, aus dem Zimmer. Ich folgte ihm und dankte Land Gott, als ich ſab, wie Vär ihm enigegen kam, ſeinen s er Arm ergriff und ihn vermochte, ſich zu faſſen, damit über die Dienerſchaft keinen Argwohn ſchöpfen möchte. Schein⸗ bar ruhig verließen ſie mit einander das Haus. igen. Ich ging inzwiſchen zu Jean Jaques. Ich wollte das den beiden Gatten nicht Alles erzählen, was vorgefallen war. Ich ſagte ihnen bloß, es ſei mir nicht gelungen; nehr. ich habe es nicht gewagt, ma chère mère ahnen zu Was laſſen, wie nahe ihr Sohn ſei, denn ſie habe ſich beim dir, Gedanken an ihn nicht recht bei Sinnen erhalten kön⸗ nicht nen. Jean Jacqnes ſteckte die Hände in die Fracktaſche, daß ging auf und ab und ſagte:„Verdammt! Verdammtt ſage Wie kann man ſo unvernünftig ſein? Und dann Bruno! pielt. Ich ſprach mit ihm und bat ihn, ſich ruhig zu verhal⸗ die⸗ ten. Aber, als er die Stimme ſeiner Mutter hörte, die einen Augenblick bis hieher tönte— da war er wie be⸗ ider⸗ ſeſſen. Er riß ſich von Lars Anders, der ihn zurück⸗ ildes halten wollte, los und ſtürmte fort. Es iſt nur gut, Bremer, die Nachbarn. 20 306 daß er nicht bis zu ma chère meère hineinkam. Das hätte eine ſchöne Geſchichte gegeben. Jean Marie konnte auch nicht begreifen, wie man ſo wenig Herr ſeiner Vernunft bleiben könne, ſagte aber, ſie habe geahnt, wie die Sache ablaufen werde, und habe dieſem Verſuch zum Voraus keinen guten Er⸗ folg verſprochen. Die beiden Gatten ſprachen nicht nach meinem Sinn. Ich ſehnte mich nach Bär. Nur von ihm er⸗ wartete ich Troſt und Stütze. Endlich kam er. Er war erhitzt, aufgeregt und ſah betrübt aus. Ich warf mich an ſeinen Hals und weinte. Ich konnte nicht anders. Er drückte mich an ſeine Bruſt und ſagte bloß:„Wir dürfen den Muth nicht ſinken laſſen, und noch nicht Alles verloren geben. Die Eiche fällt nicht auf den erſten Streich.“ „Ach, was ſollen wir thun?“ ſagte ich mit einem tiefen Seufzer. „Für jetzt nach Hauſe fahren,“ antwortete er: „dann wollen wir weiter darüber ſprechen. Das Ca⸗ briolet ſteht unten. Adieu, Jean Jacques! Adieu, Schwä⸗ gerin! Komm, Fanny. Im Cabriolet erzählte ich Bär Alles, was zwiſchen ma chere mère und mir vorgefallen war. Er ſagte bloß:„Hm!„Hm! dann ſaßen wir ſtumm da. Aber ich wußte, daß er mit mir über die Sache nach⸗ dachte, und klüger als ich, Es that mir gut, ſtille an ſeiner Seite durch den ſauſenden Wald zu fahren. Das Wetter harmonirte mit meiner Stimmung. Es war finſter geworden, und die Zweige der Tannen und Fich⸗ ten bewegten ſich in einer Art wehmüthiger Unruhe. „Inzwiſchen,“ ſagte Bär tröſtend, als wir zu Hauſe waren,„inzwiſchen iſt doch Etwas gewonnen⸗ Dieſer gefährliche apathiſche Zuſtand iſt gebrochen und wird dießmal wohl nicht wieverkehren. Dieß iſt ein Sieg, der den Weg zu einem andern bereiten kann. Laß uns nicht verzweifeln. Ich werde Bruno morgen ſehen.“ „— 18—— G Se SS S — 307 „Inzwiſchen“ bin ich beklommen an Seele und Herz und— weiß Nichts mehr zu ſagen. Fragment eines Briefs von Bruno an Antoniv. Was heißt leben? Bedeutungsloſe Tage ohne In⸗ tereſſe und Luſt dahinſchleppen, und gleich einem von innen verfaulten Gebäude allmälig zuſammenſinken? Nein! Lieben, wünſchen, einer Zukunft, wenigſtens einem Morgen entgegenblicken— das heißt leben! Einem Mor⸗ en!— Mir wird wahrſcheinlich keiner mehr aufaehen. Des Lebens Ströme haben ſich von mir weggewandt. Warum ſoll ich in der Wüſte ſehen bleiben und dürſten? Mutter, Mutter! die du mich verſtößeſt, du biſt es, die meine Welt, mein Herz austrocknet. Aber noch in die⸗ ſer Nacht will ich mich befreien, will— Rache trinken. Meine Mutter! Iſt es Liebe, iſt es Haß gegen ſie, was mich treibt? Ich weiß es nicht;z aber noch heute Nacht will ich vor ihr ſtehen und die Eisrinde um ihr Herz ſprengen oder— mein Gehirn zerſprengen und ſie mit meinem Blute beſpritzen. Ich will— Reue in ihrer Bruſt erwecken. Ich will in ihr Auge eine Thräne rufen, die nie verſiegen ſoll!. Sie will nicht verzechen;— nun gut, ſie ſoll weinen! Warum ſollte ich leben? Für wen? Für was? Des Lebens wilde Luſt habe ich ge⸗ trunken. Sie ekelt mich an. Zur reineren, beſſeren iſt mir der Weg verſperrt— verſperrt von meiner Mutter. Bitteres, fluchbringendes Gefühl! Verſchloſſen iſt die Mutterbruſt— verſchloſſen iſt mir alſo auch der Himmel — Gottes Schooß; ja, es muß ſo ſein, denn alle Bit⸗ terkeit der Welt hat ſich in meinem Herzen geſammelt. Ich will Rache nehmen an meiner Mutter! Und dennoch in dieſem finſtern Augenblick ſchleicht ſich ein mildes, troſtvolles S in meine 308 Seele. Serena! Ihr liebes Andenken erweckt es. Sie verſtieß mich, aber ich kann ihr nicht zürnen. Sie ent⸗ ſagte meiner Liebe, der Pflicht wegen; ſie ließ mich allein, aber meine Seele iſt mild für ſie geſtimmt. Die⸗ ſes Gefühl thut mir wohl. Ich will ihr nicht wehe thun. Aber als ich ſie ſo feſt, ſo ſtark ſah, da— zog ſie ſich noch weiter von mir hinweg. Wie der Stern in einem höhern Lichte erbleicht, ſo erbleichte ſie für mich, als ſie den Engeln näher kam. Sie kann mich nicht zurückhal⸗ ten;— der Abſtand iſt zu groß zwiſchen uns. Und ſolite mein Tod ſie auch ſchmerzen, in ihr weißes Unſchulds⸗ kleid, in ihren heiligen Tugendſchmuck hüllt ſie ſich ein und bleibt feſt und ruhig. Gott iſt mit ihr. Reiner En⸗ gel, Frieden über dich! Ich durfte dich nicht an meine glühende Bruſt drücken— aber vom Himmel, der dein Erbtheil iſt, und von welchem ich verbannt bin, wirſt du vielleicht mit deinen klaren ſchönen Augen auf mich her⸗ abſehen und mein Herz tröſten— denn Niemand hat dieſe Macht ſo wie du. Lebe wohl! Jetzt ſcheiden ſich unſere Wege auf immer. Der meinige geht hinab in die finſtere Tiefe, der deinige aufwärts zu lichten Höhen. Lebe wohl! Lebet wohl, meine Träume!... Ihr lieben Träume von einem ſchöneren Leben, von Verſöhnung und Liebe — lebt auch ihr wohl, milde, liebende Gefühle in meiner Seele, die ich als einen beſſern Theil meiner ſelbſt ge⸗ liebt und gepflegt habe! Und ihr Töne, die mich ſo manche Nacht geweckt, um auf die Fragen meiner Seele zu antworten, um ihre Qual zu beſchwichtigen, ſchlum⸗ mert, ſchlummert! Ich werde euch nicht mehr lauſchen. Als ich euch hervorlockte, da hatte ich noch Hoffnung. Jetzt habe ich keine mehr. Nein, Antonio, ich habe keine Hoffnung! Ver⸗ zweiflung liegt in der Tiefe der Frage, die ich noch einmal an das Schickſal ſtellen will. Antonio, lebe wohl! Dank für deine Freundſchaft; Dank dir, daß du mich trotz aller meiner Fehler liebteſt. Verzeih, was Sie nt⸗ tich ie⸗ un. ſich em ſie al⸗ lite ds⸗ ein En⸗ ine ein er hat ſich in en. me ebe ner ge⸗ ele m⸗ en. ig. er⸗ be du as 309 ich verbrochen habe— habe Frieden mit mir, wie ich ihn mit dir habe. Aber du, meine Mutter! Mit dir noch keinen Frie⸗ den. In dieſer Nacht noch will ich auf deine bleichen Lippen einen Kuß drücken... den Kuß des Lebens oder des Todes. Vergebens entziehſt du dich— du wirſt ihm nicht entgehen. Höhere Mächte ſind mit mir.. heute Nacht! Franziske W. an Marie L. Dreizehnter Brief. Den 4.—5. September. O Marie, meine geliebte Marie, welche Auftritte, welche Verwandlung welche Ereigniſſe, Wie eine Nacht Alles verändern kann.. doch ich muß dir von vorn herein erzählen.— Ich habe den Tod in der Nähe ge⸗ ſehen, Marie, den Tod ſchauerlich und ſchrecklich.— Ach, er iſt ja noch nahe! Doch ich muß Ordnung in meine Seele und mein Concept bringen. Zwei Tage lang nach meiner letzten Unterredung mit ma chére méère hörten wir Nichts von ihr. Am dritten fuhr Bär nach Karlsfors, um ſich zu erkundigen, wie es ſtehe. Man ſagte ihm, ma chére mére ſei in einer höchſt aufgeregten und unruhigen Stimmung ge⸗ weſen. Bei Nacht hatte man ſie beinahe unaufhörlich in ihrem Zimmer auf⸗ und abgehen gehört; bei Tag hatte ſie oft heftig geweint und Nervenzufälle gehabt. Zetzt war ſie indeß viel ruhiger; ſie empfing Bär freund⸗ lich, fragte, was ſeine Frau mache, erſchien zum Thee im Geſellſchaftszimmer und ſchien allmälig in iht ge⸗ wöhnliches Weſen zurückzukommen. Die Erzählung von ma chére möre's Leiden rührte mich. Ich ſehnte mich beinahe, ſie wieder zu ſehen und 310 ein freundliches Wort von ihr zu hören, und es machte mir eine wirkliche Freude, als ich am andern Morgen — es war am dritten September— ein freundliches Billetchen von ihr erhielt, worin ſie uns zu wiſſen that, ſie beabſichtige, dieſen Vormittag in die Stadt zu fah⸗ ren, um allerhand Kleinigkeiten einzukaufen; ob ich ihr nicht Geſellſchaft leiſten wolle. Wenn ich Ja ſage, wolle ſie kommen, um mich abzuholen, und mich dann auf den Abend in mein Haus zurückbringen. Ich brauchte gerade drei Trichter, ein Sieb und einen kleinen Durchſchlag, und nahm daher aus vollem Herzen den Vorſchlag an, nachdem ich ein paar Wörtchen zu Bär geſagt und ihm ein gutes Mittageſſen verſpro⸗ chen hatte, obgleich ich dabei nicht zugegen ſein werde. Bär ſah nichts weniger als verzweifelt aus, umarmte mich und fuhr wie gewöhnlich im Cabriolet nach der Stadt, wo wir einander treffen wollten. Nicht ohne einige Unruhe und Verlegenheit dachte ich jetzt daran, daß ich ma chèére mére wieder ſehen ſollte. Wie ſollen wir uns nach dem letzten gewaltſamen Auftritt gegen einander gebärden? Was ſoll ich ſagen? Wie ſoll ich ausſehen? Aus dieſer Ungewißheit wurde ich ſchnell befreit, als ma chère mère kam. Sie ging indeſſen nicht aus dem Wagen, aber als ich zu ihr hin⸗ einſtieg, reichte ſie mir mit ernſter, jedoch offener Miene die Hand, zog mich an ſich, drückte meinen Hut hinauf und küßte mich mit großer Herzlichkeit auf Stirne und Mund. Dieß that mir wohl, und von dieſem Augen⸗ blick an fühlte ich allen Zwang verſchwunden. Aber ich war traurig geſtimmt. Ma chére mére war ſchweigſam, der Himmel trübe, die Luft ſchwer. Niemand kann un⸗ ſere Fahrt eine vergnügte nennen. An der Stelle, wo der Weg nach Ramm führt, wandte ma chére mére den Kopf nach der andern Seite. Das Herz regte ſich in mir bei dieſem Zeichen von Unverſöhnlichkeit, aber als ma chère mére eine Weile darauf ſich mit einer unbedeutenden Frage gegen mich wandte, da erſchrack chte gen hes hat, ah⸗ 311 ich ob ihrer geiſterhaften Bläſſe und konnte ihr nicht böſe ſein, wurde aber ſo betrübt, daß mir das Weinen nahe ſtand. So kamen wir in die Stadt. „Du wirſt an der Pfarrerin Rhehn ein wahres Muſter von einer Hausfrau kennen lernen,“ ſagte ma chere mere zu mir, als wir durch das Stadtthor fuhren. Wir ſtiegen bei der genannten Pfarrerin ab, wo ma chére mére eine Art Herberge hat, ſo oft ſie in die Stadt kommt. Man kann die Pfarrerin Rhehn nicht ſeben, ohne ſich ſogleich zu überzeugen, daß ſie die Freund⸗ lichkeit, Gaſtfreiheit und Geſchwätzigkeit ſelbſt iſt, und ihre Tochter Renette kann man nicht ſehen, ohne zu denken:„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“ Man kann ferner die Geſchäftigkeit beider um ma chéère mère nicht ſehen, ohne ſich zu vergewiſſern, daß dieſe für ſie eine große„Macht“ iſt, die ſie zugleich fürchten und lieben. Ihretwegen wurde auch ich mit eifriger Herz⸗ lichkeit empfangen, und die gute Renette hätte mich bei⸗ nahe erwürgt, als ſie mir mit Gewalt den Mantel ab⸗ ziehen wollte, deſſen Bänder ich ungeſchickterweiſe in einen Knoten zuſammengezogen hatte. Die Pfarrerin Rhehn war eine Art Haushälterin bei ma chére mère geweſen, die ſie ausgeſteuert und mit dem Pfarrer Rhehn verheirathet hatte, der ſich hierin von ma chére mére führen ließ, wie von ſeinem Schick⸗ ſal. Ob er es zu bereuen gehabt hat, weiß ich nicht. Die Pfarrerin war jetzt eine wohlhabende Wittwe, die ihre Ehre und Freude darein ſetzte, von Zeit zu Zeit die„gnädige Frau Generalin“ bewirthen zu dürfen, welche ſchlechtweg Rhehn zu ihr ſagte. Die Freundlichkeit der Pfarrerin und ihrer Tochter, die hübſchen reinlichen Zimmer, zwei ſchöne kleine Ge⸗ mälde, Kinder vorſtellend, die mit zahmen Thieren ſpie⸗ len, machten einen behaglichen Eindruck auf mich. Der ſchöne Smaländerkäs und ein Glas Malaga, was uns bald auf einem ſchneeweißen Tuche vorgeſetzt wurde, 312 mundete vortrefflich. Nach dem Frühſtück gingen ma chère meère und ich auf unſere Handelsgeſchäfte aus. Das Wetter hatte ſich aufgehellt, die Luft war ange⸗ nehm, und auch in mir klärte es ſich immer mehr⸗ Es erwachte in meiner Seele, ich weiß nicht, welche frohe Hoffnung, und als die Sonne durch die Wolken brach, da war es mir, als könne es kein unheilbares Unglück und keine unverſöhnliche Herzen auf Erden geben; ich glaubte zuverſichtlich, es werde Alles gut werden. Ich bin nun einmal, meine liebe Marie, ſo eine Art Sai⸗ tenſpiel, das ſich vielleicht nur gar zu leicht anſchlagen läßt. Liebe du mich ſo, wie ich bin. Ich liebe Byron, weil er das Herz„a pendulum betwixt a smile and tear“ nennt. In der Stadt war viel Leben und Bewegung. Es war Markttag, und der große Marktplatz voll von Wa⸗ gen, Karren und Leuten. Es ergötzte mich, das fröhliche Gewimmel zu ſehen, ich freute mich, daß ich Bär in der Stadt treffen ſollte, ich dachte einen Augenblick Zeit zu bekommen, um Serena zu begrüßen. Alles kam mir vehaglich und belebend vor. Friſches Heu duftete von den Bauernwagen herab. Hier hob ein Bauersmann ſeinen geräucherten Schinken einem geneigten Liebhaber vor die Naſe, dort pries ein Mütterchen ihre friſche Butter, hier wurden die Mohrrüben von den rothen Rüben abgeſondert, neben denen ſie kameradſchaftlich im Gemüſekorb gelegen, dort verkaufte man Birnen, das Stück um einen Stüber. Es war ein Geſumſe von fröhlichen Stimmen, von Geplauder und Gelächter, und zwiſchen den Menſchen, Pferden und Wagen ſchwärm⸗ ten luſtige Sperlinge zwitſchernd da und dort über den Markt hinab, pickten da verſchüttete Manna weg, flogen in einem Hui auf, wenn ein ſchwerfüßiger Menſch unter ihre leichte Schaar hineintrat, und ließen ſich dann ge⸗ troſt auf's Neue herab. Kräftige Weiber ſaßen reihen⸗ weiſe längs den Häuſern vor ihren Mehlkäſten, ihren großen Broden, ihren Körben mit Beeren und Backwerk, und vorb arter ſucht hübſt Reick einer Netz darit Zuck ſelbft ſie d lang nen an e Kopf nicht dem mich Ma Pfer ſchör Pfur das laſſe verk ihrer Sch ma herz Ich End zurü — vN * — n⸗ 313 und ſchmähten tüchtig auf die Gaſſenbuben, die an ihnen vorbeizogen und ſich zuweilen durch naſeweiſe Redens⸗ arten für ihren Mangel an Geld ſchadlos zu halten ſuchten. Ein Geiſt des Muthwillens kam über mich. Vor mir ſtand ein kleiner zerlumpter Junge mit einem hübſchen Geſichte, der mit philoſophiſchem Gepfeife die Reichthümer des Marktes betrachtete. Hinter ihm auf einer Treppe ſtand ſein leerer Korb, über welchen ein Netz geworfen war, woraus ich erſah, daß ſich Hühner darin befunden hatten. Der Korb wurde ſchnell mit Zuckerbirnen gefüllt, und die Alte, die ſie verkaufte, hob ſelbſt geſchäftig das Netz auf und winkte mir zu, daß ſie den Kniff merke. Der kleine Junge wird ſich noch lange wundern und den Kopf zerbrechen, wie die Bir⸗ nen hineingekommen ſind. Weiter weg ſtand ein Pferd an einen Fenſterladen gebunden und ſtreckte den magern Kopf nach einigen Halmen Heu aus, konnte ſie aber nicht erreichen. Ich nahm eine tüchtige Handvoll aus dem Karren und gab ſie dem Klepper, während ich mich etwas erſchrocken nach dem Eigenthümer umſah. Ma chère méère lachte, gab auch eine Handvoll, das Pferd fraß. „Mütterchen, warum führſt du mich mit deinen ſchönen Pflaumen in Verſuchung? Ich muß ein halb Pfund haben. Lege ſie bier in mein Taſchentuch. Aber das Geld? Ja ſo, ich habe kein kleines.“ Die Alte mußte in einen Laden gehen und wechſeln laſſen; aber wer wird inzwiſchen Birnen und Pflaumen verkaufen?„Ich!“ Die Alte geht, ich ſetze mich auf ihren Stuhl, verkaufe eine Menge Obſt und nehme Scheidemünze dafür ein. Mein ſchlimmſter Kunde iſt ma chère mére, die Viel haben will, aber unbarm⸗ herzig feilſcht und über mich und meine Waare loszieht. Ich antwortete ſo gut und unverſchämt, als ich kann. Endlich kommt die Alte mit ihrem gewechſelten Geld zurück, und iſt mit meiner Verwaltung ihres Eigenthums 3¹4 ſo wohl zufrieden, daß ich ein Viertel Pflaumen in den Kauf bekomme. Du wunderſt dich über ma chère mére's Geduld vei All dieſem. Aber ſo Etwas ergötzt ſie, und zu den Eigenſchaften, die ſie mir ſo angenehm machen, gehört auch ihre gute luſtige Art, auf jeden unſchuldigen Scherz einzugehen. Aber die Zeit verſtrich. Die Kirchthurmuhr ſchlug zwölf. Wir mußten eilen, wenn wir noch vor Mittag mit unſerm Handel fertig werden wollten. Ich ſpähte nach allen Thüren und Straßenecken, um Bär ausfindig zu machen, aber vergebens. Wir gingen in einige Lä⸗ den, ſahen Verſchiedenes, kauften aber Nichts. Ma chere mère las den Kaufleuten wegen ihrer ſchlechten Waa⸗ ren den Text. Sie verſuchten die Stimme zu ihrer Vertheidigung zu erheben, aber ſie überſchrie Alle. Mitt⸗ lerweile ſchlug es Eins. Ma chére mére ſagte:„Wir dürfen der Rhehn Suppe nicht kalt werden laſſen.“ Wir vegaben uns auf den Rückweg, ich ganz verdrießlich, daß ich Bär nicht getroffen. Aber als wir durch die R. Straße hinabziehen, was erblickte ich da an der Straßenecke, mir tauſendmal lieber als Zauberſchlöſſer und mildthätige Feen— einen breiten grauen Rücken, unverkennbar den Bär's. Ich ſprang leiſe hin, hielt ihn feſt und ſagte:„Du kommſt mir nicht los, du Bär. Jetzt nehme ich dich feſt. Du kommſt mit mir.“ „Und iſſeſt mit uns bei der Pfarrerin Rbehn zu Mittag und fährſt erſt nach Tiſch hinaus,“ fügte ma chère méère hinzu. Bär war nicht ſchwer zu überreden; er nahm ſeine kleine Frau unter dem Arm und ſpazierte mit ihr zur Pfarrerin Rhehn unter Moralpredigten über ihre An⸗ maßung, die Polizei zu ſpielen. Aber obgleich er ſcherzte, merkte ich doch, daß er nicht vergnügt war. Die Rhehn und Renette ſprangen um den Mittags⸗ tiſch herum, als wir hereintraten. Als ſie Bär erblickten, ſtürzten ſie entzückt auf ihn los, und die Freude ſchlug bis Leu vor ſpr. viel 315⁵ vis an's Dach hinauf bei den zwei guten, herzlichen Leutchen. Wir ſetzten uns zu Tiſche. Das Eſſen war vortrefflich, mein Appetit gleichfalls, die Wirthinnen ge⸗ ſprächig und nöthigend; ich hatte mich den Vormittag vielfach beluſtigt, und wäre auch jetzt gerne fröblich ge⸗ weſen, aber Bär ſaß mit einem ſo ernſthaften Geſichte da, daß es mich ganz beklommen machte. Ich ſah, daß er Bruno im Kopf und Herzen batte. Er ſtellte ſich jetzt auch bei mir ein, und dahin war meine heitere Laune, ja ich machte mir Vorwürfe, ſie gehabt zu haben. Bär ſah oft aufmerkſam und durchdringend ma chére meère an, und ich merkte, daß ſie ſeinem Blicke aus⸗ zuweichen ſuchte. Es machte mir Vergnügen, daß er dieſe Gewalt über ſie hatte. Aber auf einmal warf ſie ihm mit ihren großen finſtern Augen ſo fürchterliche Blicke zu, daß er ſeine kleinen, grauen Augen nieder⸗ ſchlagen, und ich im Stillen über dieſes Augenſchar⸗ mützel lächeln mußte. Gleich nach dem Kaffee verließ uns Bär, um noch einige Patienten zu beſuchen, ſodann wollte er nach Roſenvik hinausfahren. Ich begleitete ihn auf den Oehrn hinaus, denn im Zimmer konnte man vor der Rhehn und Renette keine Ruhe finden.„Bär, du biſt verdrüß⸗ lich, biſt unruhig!“ ſagte ich traurig und nahm ſeine Hand.„Ich habe Bruno heute geſehen,“ antwortete er. „Ich fürchte ſehr, die Sache kann ein unglückliches Ende nehmen.“—„Gütiger Gott!“ rief ich.„Ja er mag helfen!“ ſagte Bär,„denn hier kann ſonſt Niemand helfen. Bruno ſcheint einen verzweifelten Verſuch ma⸗ chen zu wollen. Was er im Sinne hat, konnte ich nicht ausforſchen. Auch wollte ich ihn nicht mehr ab⸗ halten, ſeine Sache ſelbſt auszufechten. Was man nicht biegen kann, muß man zuweilen brechen. Aber gehe hinein, Franziske, gehe hinein.—— Auf den Abend ſehe ich dich wieder.“ Bär's Worte halten meine Seele im Innerſten aufgeregt, und meine Gefühle mußten ſich wohl auf 316 meinem Geſichte ausdrücken, denn ma chére mère fragte mich lebhaft, ob ich unwohl ſei, und meine Wirthin⸗ nen riefen, ich ſehe ſo blaß aus, ſo blaß! Ich klagte über etwas Schwindel, und in der That ging Alles rund um mich her. Die Pfarrerin Rhehn klopfte an's Fenſter, öffnete es und rief:„Frau! Frau!“ Zwei Herren ſahen ſich um und ein Knabe kam an's Fenſter.„Frau!“ rief die Pfarrerin noch lauter.„Frau Al!.. ja ſo, es iſt Frau Follin.. höre Sie, liebe Frau, da iſt ein Zweithalerſtück, nebme Sie es hübſch und ſpringe Sie zu Bergſtröms und laſſe ſich eine Flaſche von ihrem beſten Eau de cologne für die Pfarrerin Rhehn geben. Einen Thaler und vierundzwanzig be⸗ komme ich zurück. Danke ſchön, liebes Frauchen.“ Meine Wirthinnen überſchütteten mich jetzt mit Güte, mit Liqueuren und Riechwaſſern, und baten mich, an's Fenſter zu ſitzen, auf die Straße hinaus und die Leute anzuſehen, und mich dadurch zu zerſtreuen.(Es war jetzt keine einzige Seele auf der Straße, außer ein Hund.) Ich dankte ihnen für ihre gute Meinung, ſagte aber, die friſche Luft würde mich wohl am Leich⸗ teſten wieder munter machen. Ma chére mére ſtand ſogleich auf und wir gingen hinaus. Wir brachten über zwei Stunden in Läden zu. Ma chère mére machte mir ein Geſchenk, das gar zu präch⸗ tig für mich iſt, aber die Herzlichkeit ihrer Abſicht und ihrer Art und Weiſe machte es mir theuer. Ich kaufte für Bär einige Kleinigkeiten, die er bedurfte, aber im⸗ mer anzuſchaffen vergaß. Wir hatten verſprochen, den Thee bei der Pfarrerin zu trinken. Ra chère meére wollte mich ihn nicht verſäumen laſſen, und ich ſah zu meinem Leidweſen, daß ich keine Zeit haben würde, Se⸗ rena zu ſehen. Auf dem Rückweg zu der Pfarrerin gingen wir über den großen Markt, der am Vormittag ſo lebhaft geweſen war. ZJetzt war er öde und bloß mit Abfällen vom Handel und den Kindern der Luſt bedeckt. gte hin⸗ igte lles nete n's rau ebe bſch ſche rin be⸗ mit ich, die Es ßer ng, ich⸗ ind Ma ch⸗ ind fte m⸗ den ere Se⸗ rin tag nit ckt. 317 Ma chére mére war böſe darüber, daß keine Beſen in Bewegung waren, und erklärte, mit dem Bürgermeiſter deßhalb ſprechen zu wollen. Ein einziger Wagen ſtand noch in einer Ecke des Marktes, und um dieſen hatte ſich eine Maſſe Volks verſammelt. Ma chère mére blieb ſtehen und fragte eine Perſon, die des Weges kam, was man dort habe.„Einen großen Wolf, der heute ge⸗ ſchoſſen wurde,“ war die Antwort.„Den müſſen wir ſehen!“ ſagte ma chére mére, ging hin und fing an, ſich einen Weg zu bahnen durch die Leute, die, als ſie ſie erkannten, ſogleich Platz machten. Die Männer lüpften die Hüte. Ich folgte ihr, wie ein kleiner Nachen auf der Furche einer Fregatte nachzieht. Als wir an den Wagen kamen, erblickten wir darauf einen ungewöhnlich großen und ſchönen Wolf. Es war ein großes Gedränge um uns her, aber ma chére meére legte ſchützend ihren kräftigen Arm um mich, und wandte ſich zuweilen an die Menge mit den Worten:„Drängt nicht ſo!“ die ſogleich von mehreren Stimmen wiederholt wurden und uns etwas freieren Raum verſchafften. Der Bauer, dem der Wagen gehörte, erzählte auf ma chére mére's Fragen, er ſei zur Morgenſtunde früh mit ſeiner Büchſe ausgegangen und habe am Rande des Waldes zwei junge Wölfe unter einer Tanne in der Sonne liegen ſehen. Er ging näher und legte auf ſie an. In dem⸗ ſelben Augenblick ſprang mit großem Geheul ihrt Mutter aus dem Walde heraus und flellte ſich vor ſie hin. Der Schuß ging los, ſie fiel. und die Jungen ſprangen in den Wald hinein. Der Jäger eilte auf die Wölfin zu, die mit dem Tode rang; ein zweiter Schuß endete ihren Kampf, und froh trug er ſeine Beute heim. Ich ſah, daß die Zunge des Thieres auf der einen Seite weit heraushing, und als ich Etwas darüber bemerkte, zeigte mir der Bauer, daß ſie beinahe ganz abgebiſſen war.„Sie hat es wohl in der Todesangſt gethan,“ fügte er hinzu. Zum erſten Mal fühlte ich Mitleiden mit einem Wolf. Ich konnte mich nicht enthalten, lieb⸗ 318 koſend den Kopf des ſchönen Thieres zu ftreicheln, indem ich leiſe ſagte:„Gute Mutter!“—„Komm Franziske!“ ſagte ma chèére mére unfreunvlich, und wir traten unſern Rückzug auf dieſelbe Weiſe an, wie wir herge⸗ kommen waren. Ma chéère meére ſah finſter aus, und als wir über den Markt gingen, konnte ich es nicht unterlaſſen, aus gerührtem Herzen zu ſagen:„Welche ſchöne Gefühle liegen nicht in den Thieren, die der Menſch als ſo tief unter ſich ſtehend betrachtet! Eine Wölfin ſtirbt für ihre Jungen.“ „Die Jungen der Wölfin,“ ſagte ma chére mére mit einem bittern Ausdruck,„hatten ihrer Mutter keinen Kummer gemacht. Sie ſtarb in ihrem Stolze auf ſie. Beſſer mit zerbiſſener Zunge ſterben, als mit zerriſſe⸗ nem Herzen leben.“ Wir ſchwiegen hierauf beide. Weiterhin kamen wir an einen kleinen grünen Platz, worauf ſchöne Pappeln ihre zitternden Phramiden erhoben. Die untergehende Sonne vergoldete ſie, und eine Menge Vöaelein erfüllten ſie mit Geſang. An den Schranken des Platzes ſtanden Bänke, damit auch der fremde Wanderer den Schatten der Bäume genießen könne. Auf einer der Bänke ſaßen zwei Perſonen, die unſere Aufmerkſamkeit auf ſich zogen. Die eine war ein älteres Frauenzimmer von gefälligem Ausſehen, dürftig, aber ausgezeichnet reinlich gekleivet. Reben ihr ſaß ein ebenfalls ſauber gekleideter Mann mit einem langen, bleichen Geſichte, hängenden Lippen und dem Ausſehen eines Blödſinnigen. Ma chére mére, die eine gute Doſis Neugierde befitt, ging auf ſie zu. Als wir näher traten, ſahen wir, daß der Mann blind war. „Iſt dieß Ibr Bruder, gute Frau?“ fragte ma chéère mére.—„Mein Sohn,“ antwortete die Frau ſeufzend. —„Ihr Sohn? Wie alt iſt er?“—„Jünf und zwan⸗ zig Jahre.“(Er ſah aus wie ein Fünfziger.)„Er iſt blind, und, glaube ich, auch taub,“ fuhr ma chére mére fort.—„Blind, taub und ſtumm,“ antwortete die Mut⸗ ter.—„Wie lange iſt er in dieſem Zuſtand?“ dem ke aten rge⸗ und nicht elche der Eine nere inen ſie. iſſe⸗ wir peln ende Uten nden atten aßen en igem idet. nmit und , die Als war. here zend. wan⸗ Fr iſt mére Mut⸗ 3¹9 „Seit ſeiner Geburt.“—„Hat er irgend einen Begriff?“ —„Das iſt ſchwer zu bemerken; man muß ihn führen, füttern, pflegen und hüten, wie ein kleines Kind. Aber manchmal weint er und manchmal lacht er.“—„Was bringt ihn zum Lachen?“—„Wenn er in die freie Luft hinauskommt, wird er vergnügt und lacht, auch wenn ich ihn lange liebkoſe. Gott ſei Dank, er kennt mich!“ Zugleich fing ſie an, freundlich mit der Hand die Wange des Sohnes zu ſtreichen und ihn auf die Schulter zu klopfen. Er lächelte dabei immer lebendiger, immer fröhlicher, und ſein Geſicht erhielt einen beinahe ver⸗ nünftigen Ausdruck.„Iſt er zuweilen böſe?“ fragte ich.— „Ja, oft, und dann wird er ganz wahnſinnig. Aber er hat dennoch ein gutes Herz. Er ſchläft ſelten bei Nacht, und dann pflegt er an den Betten ſeiner Schwe⸗ ſterkinder herum zu wanken und zu unterſuchen, ob ſie Alle gut zugedeckt ſind. Haben ſie ihre Decken abge⸗ worfen, ſo breitet er ſie vorſichtig über ſie aus. Be⸗ ſonders iſt er um ſeine kleine Nichte beſorgt, und wenn er merken kann, daß ſie weint, geräth er außer ſich.“ „Sie müſſen alſo mehr auf ihn Acht geben, als auf die andern Kinder?“ „Ja, das verſteht ſich. Sie haben Vernunſt, er aber hat nur mich. Ich kann ſelten von ihm gehen.“ In dieſem Augenblick ließ der Taubſtumme widrige Töne vernehmen. Es war eine Art Gebrüll, aber das Geheul der wilden Thiere iſt ſicherlich Muſik im Ver⸗ gleich zu dieſem. Thränen ſtürzten aus den blinden Augen und benetzten das Geſicht, das im Uebrigen keinen Kummer ausdrückte. Der Arme trocknete ſie mit ſeinen Händen ab. „Und dieß hat fünfundzwanzig Jahre gewährt und kann noch länger währen,“ ſagte ma chère mere mit einer Stimme, die zu erkennen gab, wie tief es ihre Seele ergriff.„Wird Sie nicht müde, liebe Frau?“ „Nein.„Mit Gottes Hülfe werde ich bei meinem Kinde nicht müde, ſondern warte geduldig auf den 320 Augenblick, wo es dem Herrn gefallen wird, uns zu erlöͤſen. Möchte ich nur nicht vor ihm ſterben!“ „Wie heißt Sie, liebe Frau?“ „Margarethe Beck, Wiltwe des Schreiners Beck.“ „Guten Abend, Frau Beck, Gott ſegne Sie! Wir treffen uns wieder.“ Ma cbre möre ging, während ſie halblaut vor fich hinſagte:„Fünf und zwanzig Jahre.“ Ich ſagte Nichts, hoffte aber, dieſe Begegnung werde nicht ohne Wirkung auf ihr Herz ſein. Wir gingen eine Weile ſchweigend und langſam weiter, als ma chére meère plötzlich auffah, ſich Etwas aus dem Sinne ſchlagen zu wollen ſchien, und halb vorwerfenv, halb munter ſagte:„Du gehſt ja wie eine Schildkröte, Franziske, und auf dieſe Art verträumen wir unſere Zeit. Wir müſſen jetzt zur Rhehn eilen und ſchnell unſern Thee trinken, damit wir nicht im Finſtern nach Hauſe zu fahren brauchen.“ Aber von der Pfarrerin und ihrem Thee ſchnell fort⸗ zukommen war unmöglich. Das Zuſprechen und Auf⸗ quälen von Zwiebacken, Ringen, Theebrödchen und Pfef⸗ ferkuchen nahm kein Ende, und jetzt fing die Pfarrerin gar an vom Nachteſſen zu ſprechen, und wie ſie blos deßwegen einen fetten welſchen Hahn gekauft habe, in der Hoffnung, die Frau Generalin werde verlieb nehmen und ihr nicht den Kummer machen, ihr Gericht zu ver⸗ ſchmähen. Ich erwartete, wa chéère möre werde es rund abſchlagen, aber zu meiner großen Verwunderung antwortete ſie weder Ja noch Nein, und als die Pfar⸗ rerin in ihrem Eifer von hellen Abenden, von Mond⸗ ſchein und ich glaube gar auch von Sonnenſchein und Nordlicht ſprach, ſagte ma chère mère am Ende gleich⸗ gültig:„Nun, nun, wir wollen ſehen.“ Die Pfarrerin betrachtete dieß als Einwilligung, gab Renette einen Wink und eilte mit ihr in die Küche hinaus. Ich wollte mich gerade mit meiner Furcht vor dem Dunkel und der — .“ ßir oor ng Lir als em nd, öte, ere nell ach rt⸗ luf⸗ fef⸗ rin los nen oer⸗ es ung far⸗ n⸗ und ich⸗ erin inen llte der 321 Heimreiſe an ma chére mére wenden, ſab aber jetzt, wie ſie die Ellenbogen auf den Tiſch geſtemmt und das Geſicht in beide Hände gelegt, in einem jener Anfälle von Melancholie da ſaß, von denen ich wohl gehört, die ich aber noch nie ſelbſt geſehen hatte. Ich hatte weder Luſt noch Muth, ſie zu ſtören, und wir ſaßen beide ſtille und ſchweigend da, bis die Pfarrerin mit Licht hereinkam, gefolgt von Renette, die auf einer Platte Kuchen und eingemachte Kirſchen hereinbrachte. Ma chére meére veränderte ihre Stellung, blieb aber düſter und ſchweigſam. Auch ich war nicht ſehr red⸗ ſelig, aber die muntere Pfarrerin fragte nicht darnach. Sie und die Tochter ſprachen ſelbſt unaufhörlich, erzähl⸗ ten, fielen einander in die Rede und überſchrieen ſich gegenſeitig. Alle Klatſchereien und kleinlichen Intriken der Stadt wurden aufgerührt und in langen Geſchich⸗ ten ausgeführt. Ich konnte nicht umhin, einige davon luſtig zu finden, und mußte mehr als einmal, ſowohl über die Erzählung, als über den immer zunehmen⸗ den Eifer der Erzählenden lachen. Ich weiß nicht, ob ma chère möére von All dem etwas hörte. Ihre Sinne ſchienen mir nach innen gerichtet zu ſein. Ich wunderte mich, daß ſie beim Eſſen dem welſchen Hahne ſo gut zuſprechen und endlich ſogar mit einigen i die ganze Anrichtung der Rhehn loben onnte. Ich war müde vom Eſſen und Schwatzen; ich hatte ein unbeſchreibliches Heimweh nach meinem Bär und ſagte:„Gott Lob und Dank!“ als wir uns in den Wagen ſetzten. Mittlerweile war es ſehr finſter ge⸗ worden, und ſtatt uns einige von den Lichtern und Scheinen zu ſchenken, welche die Pfarrerin verſprochen hatte, hatte der Himmel einen grauen Wolkenmantel über ſich gezogen, der nicht den geringſten Sternen⸗ ſchimmer durchließ. Dagegen blitzte es gegen Weſten ſtark und oft, obgleich ohne Donner. Es war ein ſoge⸗ Bremer, die Rachbarn. 21¹ 322 nanntes Wetterleuchten. Ma chère moère nahm die Zügel von dem kleinen Lakaien, der ſich hinten auf den Wagen ſetzte, wo wir ihn bald ſchnarchen hörten. Der Abend war warm und unruhig, und dieſe Fahrt beim Licht der Blitze wäre mir nicht unangenehm geweſen; allein ich war zum Voraus ängſtlich geſtimmt und ein wenig bang, denn es war dazwiſchen hinein ſo dunkel, daß man den Weg nicht erkennen konnte, und ich vermißte bei ma chére mére ihre gewöhnliche Aufmerkſamkeit. Sie ſchien aufgeregten Gemüthes zu ſein und führte oft das Nastuch vor's Geſicht. Dieſe Bewegung machte mir Freude, zugleich aber auch Angſt um unſere Fahrt. Inzwiſchen ging dieſe ſicher, wie⸗ wohl äußerſt langſam von Statten, und trotz meiner Furcht, trotz meiner unruhigen und ängßtlichen Gedanken wurde ich dei dem langſamen Fahren und dem leiſen Geſchaukel des Wagens ſchläfrig. Ich nickte ein und träumte, ich weiß nicht, wie lange, wurde aber plötzlich durch einen heftigen Stoß geweckt, den der Wagen an irgend einem Stock oder Stein erhielt. Ich ſah mich um. Wir fuhren in einem finſtern und dichten Walde. Es war mir unheimlich zu Muthe; ich dachte, wir ſeien lange genug gefahren, um endlich zu Hauſe ſein zu können. „Wir werden doch auf dem rechten Wege ſein?“ ſagte ich etwas zweifelnd.„Ich meine, wir ſeien ſchon ſo lange gefahren. Wenn wir verirrt wären!“ Ma chère meère ſchien wie aus einem Traume zu erwachen und ſagte ſchnell und etwas beleidigt:„Sie darf ohne Sorgen ſein, meine liebe kleine Freundin, wenn ich fabre. Sollten ich und meine Roſſe“— ſetzte ſie freundlicher hinzu—„den Weg nicht wiſſen, auf dem wir uns ſchon ſo oft abgearbeitet haben? Wir ſind ſchon fünfzehn Jahre lang gefahren und haben uns noch nie verirrt.“ Sie gab den Pferden die Peitſche und ſie liefen ſchneller. Ich war ängſtlich und meinte, beim Licht des d etw ſehe end „Je ſo Ka ſag ſpe dop zwe me wit unt die den ieſe ehm nmt lein nte, iche ieſe ngſt vie⸗ iner ken iſen und lich nich de. ſein n?“ chon e zu Sie din, etzte auf Wir uns efen des d 323 etwas klar gewordenen Himmels, Alles um uns her ſehe etwas fremd und wunderlich aus. „Ich kann nicht begreifen, wo wir ſind,“ ſagte ich endlich, außer Standes, meine Unruhe zu verbergen. „Ich vermag mich hier nicht wieder zu erkennen. Einen ſo dicken und hohen Wald gibt es in der Nähe von Karlsfors nicht.“ „Schwatze Sie mir nicht ſo albern, Franziske,“ ſagte ma chére mére böſe,„und ſehe Sie nicht Ge⸗ ſpenſter, wo keine ſind. Bei Racht ſcheint der Wald doppelt ſo hoch und ſo dick, als bei Tage. Ich ſehe zwar auch nicht genau, wo wir ſind, aber ich ſebe es meinen Thieren an, daß ſie das Haus und den Stall wittern. So laufen ſie nie, außer nahe bei Karlsfors, und höre Sie nur, wie ſie ſchnauben. Siehe da, ſind wir nicht in der großen Allee? Ja, ja, wir ſind jetzt gleich zu Hauſe. Ich meine, ich ſehe das Haus dort vorſchimmern.“ Wir waren jetzt wirklich in einer Allee; ma chéère mere trieb die Pferde noch mehr an und ſie flogen mit jeder Minute ſchneller vorwärts. ZJetzt kam ein großer, großer Blitz, der mehrere Sekundén anhielt, und wie ein gigantiſches Bild erhob ſich aus der Nacht ein großes, düſteres Haus auf, nicht Karlsfors, ſondern— Ramm. Ramm mit ſeiner finſtern Fagade, ſeinen gro⸗ ßen Flügeln im Blitzes ſchein vor uns. Es ſtreckte uns gleichſam drohend die Arme entgegen und mit jedem Augenblick wurden wir näher und näher hingezogen. Ich ſah mit Schrecken auf ma chére mère. Sie ſaß wie verſteinert da; ihr Blick war ſtarr und ſtier. Die Hand, welche die Zügel hielt, ſank nieder. Zetzt war Alles wieder Racht, aber blos auf wenige Sekun⸗ den. Auf einmal kam wieder ein Blitz, ſo groß, ſo ſtark, daß Bäume, Gebüſch und Haus in Flammen ſtanden. In dieſem Augenblick ſtand eine hohe, finſtere Geſtalt plötzlich vor uns. Die Pferde ſcheu und von keiner lenkenden Hand mehr ierſr ſich 324 rechts und links und flogen über Stock und Stein gegen den See hinab, der beim Blitzesſcheine klar zwiſchen den Bäumen ſchimmerte. Mit convulſiviſcher Heftigkeit ſuchte ma chère mére die Zügel an ſich zu reißen, die ihrer Hand entfallen waren.„Hülfe! Hülfe!“ ſchrie ich mit allen Kräften meiner Verzweiflung. Da ſtürzte Jemand vor die Pferde und griff in die Zügel; ich ſah ſie ſich bäumen, ſah einen Mann mit ihnen ringen, und beim Licht unaufhörlicher Blitze erkannte ich Bruno. Ich ſah ihn von den Pferden niedergeworfen werden, ich meinte, ſie gehen über ſeinen Leib. Mehr ſah ich nicht;— ich verlor das Bewußtſein. Als ich wieder erwachte, fand ich mich in ma chöère mére's Armen; ich ſah ihr bleiches Geſicht über mir; es hatte einen Ausdruck von Angſt und Zärtlichkeit, den ich nie vergeſſen werde.„Gott ſei gelobt, ſie kommt zu ſich!“ ſagte ma chére möre und drückte einen müt⸗ terlichen Kuß auf meine Stirne. Eine hohe Rotunde wölbte ſich über uns, von oben herab durch eine Lampe erhellt. Ein großes und ſehr ſchwarzes Frauenzimmer, das ich noch nie geſehen hatte, war ebenfalls um mich und reichte mir ein ſtarkes Riechwaſſer. Meine Sinne waren nicht recht klar, und ich konnte mir nicht genau in's Gedächtniß zurückrufen, was ſo eben geſchehen war, aber dunkel ſuchte ich mit Gedanken und Blick Bruno. Im finſterſten Theile des Zimmers ſtand.. war es ein blutiges Geſpenſt, das meine erſchreckte Einbildungskraft heraufbeſchworen? war es eine wirk⸗ liche Menſchengeſtalt? Meine Augen ſtierten forſchend darauf hin. Die Geſtalt trat vor— es war Bruno: aber mein Gott, wie ſah er aus? Blut floß über ſeine Stirne und auf ſeine entblößte Bruſt hinab, die Kleider waren zerfetzt, die Wangen todesbleich, wilde Unruhe brannte in den Augen, in den zuſammengezogenen Augenbrauen ſchienen ſich Blitze zu bergen und feſte Entſchloſſenheit hatte die Lippen zuſammengepreßt. Er 325 tein nabte ſich uns. Auf einen Wink von ibm entfernte ſich klar das fremde Frauenzimmer, und wir drei waren jetzt allein. Ich machte mich los aus ma chère mére's ere Armen und ſetzte mich aufrecht auf den Sopha. Mein len ganzes Bewußtſein war zurückgekehrt; meine Seele be⸗ ften fand ſich in der heftigſten Spannuna und mit unbe⸗ die ſchreibiicher Angſt betrachtete ich Mutter und Sohn, nen, die jetzt Angeſicht gegen Angeſicht vor einander ſtanden. icht Einen Augenblick ſchwiegen ſie beide. Ihre Blicke ihn ſchienen einander durchdringen zu wollen. Ma chére inte, mére war wie von einem grauenhaften Staunen erfaßt; ich— ſie wich einen Schritt zurück. Bruno ging einen Schritt vorwärts und ſprach langſam und gleichſam mit höre erſtarrter Zunge:„Ihr ſeid gerettet. Gott ſei Dank! nir; Und mir bleibt nur noch übria zu ſterben oder„ den Verzechung zu gewinnen. Mutter! Meine Mutter!“ mmt rief er auf einmal mit einer Stimme, als hätte ein müt⸗ Engel Gefüble und Zunae gelöst, indem er mit einem unde herzzerſchneidenden Ausvruck niederſank und ihre Kniee mpe umfaßte.„Mutter! willſt du nicht verzeihen, willſt du mer, nicht deinen Sohn ſegnen? Nimm ihn, nimm ihn weg, mich den Fluch von meiner Stirne! Mutter! Ich habe ſo inne viel gelitten. Ich bin friedlos umhergeirrt, friedlos enau bin ich noch jetzt, friedlos auf Ewig, wenn von deiner ehen Bruſt verſtoßen. Ich habe gelitten, ich habe bereut.. Blick ich kann, ich will verſöhnen. Aber dann mußt du verzeihen, mußt mich ſegnen, meine Mutter, nimm den teckte Fluch weg! du weißt nicht, wie er brennt. Lege einen virk⸗ Segen auf mein Haupt. Mutter! willſt du vas Blut hend nicht ſtillen, das deinetwegen ſtrömt? Siebſt du, meine uno! WMutter!— und Bruno erhob ſeine blutigen Locken, ſeine durch welche hindurch tiefe Wunden, aus denen das eider Blut floß, ſichtbar wurden— ſiehſt du, meine Mutter, ruhe wenn du nicht hieher ſegnend deine Hand legen willſt, enen ſo ſchwöre ich bei Gott, daß dieſer Blutſtrom nie auf⸗ feſte hören ſoll, bevor er mit meinem Leben dahingefloſſen Er iſt und mich in das Grab geſenkt hat, auf welches * 326 allein du deine Verzeibung niederlegen willſt. Dort — dort erſt werde ich Frieden erhalten. O Mutter! War denn ein Fehler, in jungen, wilden Jahren be⸗ gangen, ſo unverzeihlich? Kann ein ſpäteres Leben in Tugend und Liebe nicht verſöhnen? Mutter.... verſtoße mich nicht! Laß deines Sohnes Stimme zu deinem Herzen dringen. Schenke ihm Verzeihung, volle Verzeihung!“ Ueberwältigt von meinen Gefühlen warf ich mich neben Bruno auf die Knie und rief:„Verzeihung, Verzeihung!“ Was während dieſer Zeit in ma chère mére vor⸗ ging, weiß ich nicht. Es ſah aus wie ein Kampf zwi⸗ ſchen Leben und Tod. Sie rührte ſich nicht; mit einem ſtarren, unbeweglichen Blick ſah ſie auf den Knienden und Zuckungen flogen über ihre bleichen Lippen. Aber als ſeine Stimme verſtummte, da erhob ſie die Hand und drückte ſie heftig gegen ihr Herz.„Mein Sohn?! Ol O!... ſagte ſie mit dumpfer Stimme. Sie ſtieß einen tiefen, tiefen Seufzer aus, ihr Geſicht wurde gelb, ihre Augen ſchloſſen ſich, ſie wankte und wäre zu Boden geſunken, hätte ſich nicht Bruno ſchnell aufge⸗ richtet und ſie in ſeinen Armen aufgefangen. Er ſtand einen Augenblick ſtille, die Mutter an ſeine Bruſt gedrückt und blickte auf ihr Geſicht, über welches der Tod ſeine unheimliche Ruhe ausgegoſſen zu haben ſchien.„So iſt es dennoch geſchehen,“ ſagte er in ſtiller Verwirrung,„iſt es dennoch geſchehen,“ daß wir vereint ſind, meine Mutter;— daß du an der Bruſt deines Sohnes ruhſt und er an der deinigen! Du biſt bleich, meine Mutter!.... Aber ruhig und gut ſiehſt du aus— gut wie Sotz Verſöhnung. So ſah ich dich das letzte Mal nicht. Aber die Stunde des Zorns iſt vorüber. Iſt's nicht ſo, meine Mutter? Das Grab hat ſich geöffnet und wir gehen beide dort ein, verſöhnt, Herz an Herz; Eins in meiner letzten Stunde, wie wir Eins waren bei meinem erſten Seufzer!...“ —„—c ———— ort ter! be⸗ ben zu ung, mich ung, vor⸗ zwi⸗ nem den lber an n! Sie 327 Und er küßte itre bleichen Lippen und Wangen mit heftiger Zärtlichkeit. „Bruno! Bruno!“ ſagte ich bittend und griff wei⸗ nend an ſeinen Arm.„Bruno, Sie tödten Ihre Mutter und ſich ſelbſt, wenn Sie auf dieſe Weiſe fortfahren. Kommen Sie, wir wollen ſie auf ein Bett legen; wir müſſen ihre Beſinnung zurückzurufen ſuchen und Sie verbinden.“ Bruno antwortete Nichts, ſondern nahm die Mutter in ſeine Arme und trug ſie in ein anderes Zimmer, wo er ſie ſanft auf ein Bett legte.„Hagar!“ rief er und das lange, dunkle Frauenzimmer kam ſchnell herein. Sie warf ſich ihm zu Füßen, küßte weinend ſeine Hände und ſprach heftig und bittend zu ihm in einer Sprache, die ich nicht verſtand. Er ſtieß ſie mit Härte von ſich, und ich begriff nun, daß er ihr befahl, ſich mit ma chère mère zu beſchäftigen. Sie gehorchte ſchluchzend⸗ Ich ſah, daß Bruno wankte und ſich an die Wand lehnte. Ich ging zu ihm. „Bruno!“ ſagte ich,„um Ihrer Mutter willen denken Sie an ſich ſelbſt! Sie müſſen ſich niederleen, Sie müſſen ſich verbinden laſſen.“ Er ergriff einen leichten Sopha und zog ihn ſo hervor, daß er dem Bette, worauf ſeine Mutter lag, erade gegenüber ſtand; dann warf er ſich auf den⸗ elben nieder. Sein Kopf lag auf derſelben Seite, wie der ihrige, und ſein Blick war feſt auf ſie geheftet. Hagar und ich ſtanden zwiſchen ihnen. Auf gebrochen Schwediſch und in heftiger Gemüthsbewegung ſagte Hagar zu mir:„Verbinden Sie ihn, verbinden Sie ihn, ſonſt ſtirbt er.“ Ich legte mein Nastuch zuſammen, befeuchtete es mit kaltem Waſſer und ſagte zu Bruno:„Um Ihrer Mutter willen, laſſen Sie ſich verbinden, ſo gut ich kann. Sie verbluten ſonſt.“ Ich wollte meinen Wor⸗ ten Rraft geben, aber er hielt meine Hand zurück und ſagte mit einem Tone, deſſen Strenges ſo ſehr an die 328 Mutter erinnerte:„Es darf nicht geſchehen. Sie hat noch nicht verziehen, mich nicht geſegnet, das Blut darf eher nicht geſtillt werden. Ich habe es geſchworen.“ Bruno überreden zu können war nicht denkbar. Ich verwandte daher alle meine Sorge auf ma chére mère. Aber lange waren alle Bemühungen, ſie zum Bewußtſein zurückzurufen, vergebens. Es waren Augen⸗ blicke unbeſchreiblicher Angſt. Ich fürchtete jetzt wirk⸗ lich, Mutter und Sohn werden einander in's Grab nachfolgen. „Wenn man ihr doch zur Ader laſſen könnte!“ ſagte ich.„Das kann geſchehen,“ ſagte Hagar und ſprang hinaus. Faſt in demſelben Aogenblick ſchlug ma chère mére klar ihre Augen auf und heftete ſie ſcharf auf mich.„Wo iſt er?“ fragte ſie heftig.„Ich habe nicht geträumt.“ Hier iſt er,“ antwortete ich,„ganz in der Nähe; er verblutet, indem er auf den Segen ſeiner Mutter wartet.“ „Wo iſt er?“ fragte ſie noch einmal. Ich ſtand an ihrem Kopfkiſſen; ich ſtand zwiſchen Mutter und Sohn; ſtatt auf ihre Frage zu antworten, zog ich mich zurück und ihre Blicke begegneten ſich. Ein Strahl göttlichen Lichtes brach aus ihnen hervor.— In ihm ſchmolzen ibre Seelen zuſammen. Sie richtete ſich ſchnell auf und ſtreckte ihre Hand aus, indem ſie mit dem vollen Ausdruck des Mutter⸗ gefühls ſagte: „Komm her, mein Sohn! Ich will dich ſegnen!“ Er ſtand auf. Der große, rieſenbafte Mann ſchwankte wie ein Kind und fiel neben der Mutter Bett auf die Kniee. Sie legte die Hände auf ſein blutiges Haupt und ſagte mit ſtarker Stimme und tiefer Feierlichkeit: „Ich nehme den Fluch weg, den ich einſt auf mei⸗ nes Sohnes Haupt gelegt habe. Ich ſchenke ihm meine volle Verzeihung. Mag der Mann verſöhnen, was der Jüngling verbrochen. Das Verfloſſene ſei, als wäre na rf be e; er nd nd ſch hl m — 329 es nicht geſchehen. Ich erkenne, daß ich jetzt meinem Sohne mein Leben zu danken babe, und ich bete zu Gott dem Allmächtigen, daß er dich, meinen Sohn Bruno Mansfelt, ſegne, gleich wie ich es jetzt thue. Amen!“ Und jetzt öffnete ſie ihre Arme, er warf die ſeinigen um ſie; Bruſt ſchloß ſich an Bruſt, Lippe drückte ſich auf Lippe; ſie hielten einander in langer, feſter Um⸗ armung. Jeder Athemzug ſchien voll von Verſöhnung, von Liebe, von Seligkeit zu ſein. Fünfzehn Jabre bitterer Qual waren in dieſem Augenblick vergeſſen und gut gemacht. Ich ſtand neben ihnen und weinte vor Freude und Dankbarkeit. Hagar's Zurückkunft unterbrach dieſen Augenblick reiner Entzückung. Bruno küßte noch einmal mit tiefer Liebe ſeiner Muiter Hände, dann richtete er ſich auf und rief freudig:„Verbinde mich jetzt! Stille das Blut. Ich bin geſegnet von meiner Mutter.“ Er ſetzte ſich auf den Sopha, ließ mit ſich thun, was man wollte und war gut und ſtill, wie ein freund⸗ liches Kind. Hagar pflegte ihn mit großer Geſchicklich⸗ keit und es gelang ihr, dem Bluifluß einigermaßen Einhalt zu thun. Mittlerweile verſchaffte ich mir Schreibmaterialien und ſchrieb eilig ein Billet an Bär, um ihn von dem Vorgeſallenen zu unterrichten. Das ganze Haus war jetzt in Bewegung und es wurde mir leicht, einen Boten zu n der ſich ſogleich zur See nach Roſenvik machte. Sodann ging ich zu den Verſöhnten zurück. Bruno war verbunden. Er war ſehr bleich, aber ſtill, und ſein Geſicht hatte einen Ausdruck von Ruhe und Selig⸗ keit, den ich zum erſten Mal bei ihm ſah. Ma chère meère dagegen ſchien gewaltſam aufgeregt, obgleich ſie ſich Mühe gab, ruhig zu ſein. Ibr ganzer Leib ſchau⸗ derte, wie von einem gewaltigen Froſt, aber die Augen waren mild und zärtlich. Sie wandte den Blick bei⸗ nahe nicht von ihrem Sohne ab. . 3 8 1 i „Hören Sie jetzt, um was ich Sie bitten will,“ ſagte ich zu beiden;„wenn Sie für einander leben wollen, ſo müſſen ſie ſich jetzt auf kurze Zeit trennen und jedes für ſich einige Ruhe zu genießen ſuchen. Bruno, wollen Sie ſich nicht in's nächſte Zimmer be⸗ gleiten laſſen? Ma chére möre, wollen Sie nicht den Wunſch Ihrer Franziske erfüllen?“ Aber ma chere mére antwortete:„Wer weiß, wie lange Mutter und Sohn noch zu leben haben? es kann bald abgethan ſein— trenne uns nicht!“ „Trenne uns nicht!“ wiederholte Bruno mit matter Stimme. „Wenigſtens müſſen Sie etwas Stillendes einneh⸗ men. Warum wollen Sie nicht für einander leben?“ Hagar gab mir eine Flaſche Opium in die Hand. Ma chère meére weigerte ſich, etwas zu nehmen. Bruno aber nahm ſelbſt die Flaſche aus meiner Hand, ſetzte ſie an den Mund und that einen großen Zug. Er muß an dies betäubende Mittel gewöhnt ſein. „Ich wünſche mit meinem Sohne allein zu ſein,“ ſagte ma chére mére;„wenn er ſchläft, will ich über ihm wachen. Ich habe es früher gethan und in dieſem nämlichen Zimmer. Du, Franziske, bedarfſt der Ruhe. Gehe, mein Kind, und ſuche zu ſchlafen. Aber höre! laß vorher nachſehen, ob meine Braunen gut gepflegt werden. Einen größeren Dienſt als heute Nacht haben ſie mir in dieſen fünfzehn Jahren nicht erwie⸗ ſen. Erkundige dich auch nach dem Laſſe. Thue es, Franziske.“ Ich ging hinaus und that, was ma chére mére anbefohlen hatte. Die Pferde fraßen Hafer im Stalle; der kleine Laſſe ſaß in der Küche mit einem großen Stück Butterbrod in Hand und Mund. Er machte mir einen langen und undeutlichen Bericht, wie der Wagen nahe daran geweſen, im See unterzugehen, wie übel der fremde Herr von den Pferden zerſchlagen worden ſei, wie er gleichwohl Macht über ſie erhalten, wie ma ———— e c, 331 chère möre mich in's Haus hinaufgetragen, während der Herr die Pferde gehalten, wie er ſelbſt nicht gewußt habe, ob er lebe oder todt ſei u. ſ. w. Nachdem ich dieß Alles vernommen, ließ ich mir eine Taſſe Kaffee geben und bat, man möchte auch ma chére mére eine bringen, da ſie dieß Getränke ſehr liebt. Sehr erquickt durch den warmen, belebenden Trank ging ich— nicht zur Ruhe, nein! dazu war ich zu aufgeregt, zu unruhig, und ich hegte ein unbeſchreib⸗ liches Verlangen, friſche Luft zu athmen, Gottes Him⸗ mel zu ſehen. Ich ſah ihn. Es war mir, als hätte ich ihn nie ſo ſchön geſehen. Ach! er wölbte ſich jetzt über ver⸗ ſöhnten und glücklichen Herzen. Er war trübe, aber durch die dünner werdenden Wolken leuchtete das freundliche Blau hervor und die Luft war unbeſchreib⸗ lich rein und mild. Ich ſetzte mich auf eine Stufe der großen ſteinernen Trepve, ſah den Morgen heranbrechen und dachte an die Verſöhnten. Rothe Flammen flogen vom Horizont auf und färbten die grauen Wolken; dieſe ſpiegelten ſich erröthend im See und in dem düſtern Hauſe illuminirte ſich Fenſter um Fenſter wie mit blutgefärbtem Lichte, beim Brand der Morgenröthe. Ein lauer Wind fuhr ſäuſelnd durch die hohen Eichen und beugte ihre Wipfel. Im Uebrigen war Alles ſtill. So ſaß ich lange, hatte großen Genuß, dachte viel und durchlebte viel in dieſen Augenblicken. Noch nie war mir das Leben ſo ſchön und bedeutungs⸗ voll erſchienen, nie hatte ich inniger geliebt, feſter an die Wirkſamkeit göttlicher Kräfte im Leben geglaubt; nie habe ich höher gelebt, als in dieſer Stunde. Ich werde ſie nie vergeſſen. Ich dachte an Bär voll Zärt⸗ lichkeit und Stolz. Ich fühlte mich glücklich, für ihn zu leben. Ich dachte an die Zukunft und wunderbare Gefühle— Ahnungen voll Freude und Schmerz— ſtiegen in meiner Seele auf... ſpäter werde ich vielleicht mehr von ihnen ſagen. 332 Ich hörte Schritte auf der Treppe hinter mir, wandte mich um und ſah Hagar, die mit einem Aus⸗ druck großer Angſt und die Hände über die Bruſt ge⸗ kreuzt ſich mir näherte und mich heftig in ihrem ge⸗ brochenen Schwediſch fragte:„Was glauben Sie, wird er wobl leben? Sagen Sie, o ſagen Sie, vaß er leben wird.“ „Ich hoffe und glaube es,“ antwortete ich.„Mein Mann iſt Arzt, er kommt bald hieher und wird ihn pflegen.“ Hagar ging von mir weg, warf ihre nackten Arme um einen der Granitpfeiler in der Säulenhalle und drückte ihre Stirne gegen denſelben. Nachdem ſie einen Augenlick ſo dageſtanden, erhob ſie den Kopf und ſah nach Oſten, wo die Morgenröthe jetzt in aller ihrer Pracht flammte. Ich hatte ſie vorher nicht aufmerkſam betrachtet; jetzt that ich es und ſtaunte über ihre Schönbeit. Sie war nicht mehr jung und die Züge zu ſtark, aber von der reinſten Form; die üppigen, großen Lippen erinnerten nur gar zu ſehr an den cha⸗ rakteriſtiſchen und nach meinem Geſchmack unangeneh⸗ men Zug der hebräiſchen Geſichtsbildung. Ihre dunkle Geſichtsfarbe war jetzt verklärt von den Flammen des Morgenhimmels; das ſchwarze, unkedeckte Haar fiel nachläſſig über den Nacken herab. Ich vergaß einen Augenblick alles Andere über die Betrachtung dieſer Geſtalt, die mit dem Granitpfeiler zuſammengewachſen zu ſein ſchien. Der Ausdruck des Geſichts war voll Leidenſchaft und Schmerz. Nach einigen Minuten verließ Hagar ihre Stellung und näherte ſich mir.„Glauben Sie,“ fragte ſie, in⸗ dem ſie ihren Arm gegen Oſſen ausſtreckte,„glauben Sie, daß der, welcher das Licht aufgehen läßt, auch die Gebete der Menſchen hört?“ „Ja, das glaube ich,“ antwortete ich mit ruhiger Zuverſicht. „Und ſie erfüllt?“ ir, us⸗ ge⸗ ge⸗ Wenn ſie von reinem Herzen kommen und er es in ſeiner Weisheit gut findet?“ Hagar ſchwieg einen Augenblick, beugte das Haupt und ſagte dann;„Wenn Sie ein reines Herz haben, ſo beten Sie für ihn, der innen blutet! Beten Sie, daß er leben möge!“ „Sie hegen warme Theilnahme für ihn,“ ſagte ich nicht ohne Neugierde—„Sie ſind vielleicht nahe ver⸗ wandt mit ihm, oder....“ Sie warf einen durchdringenden Blick auf mich und ſagte dann mit einem Ausdruck von Stolz und Schmerz:„Hagar war eine Dienſtmagd. Eine Zeit⸗ lang wurde ſie von ihrem Herrn geliebt und fie ver⸗ ließ ſeinetwegen Alles und zog mit ihm in fremde kalte Länder— dann verſtieß er ſie um eines andern Weibes willen, aber ihr Herz blieb ihm treu, und in der Wüſte, wohin ſie ausgeſtoßen wurde, betete ſie für ihn zum Herrn der Himmel.“ „Hagar,“ begann ich wieder,„war nicht allein in der Wüſte. Als ſie ſich in ihrem Kummer an Gott wandte, ließ er eine Quelle lebendigen Waſſers für ſie hervorſpringen.“ Hagar ſchüttelte traurig zweifelnd den Kopf, legte die Finger auf den Mund, indem ſie mit der andern Hand auf das Haus zeigte, und verließ mich ſchnell. Ich war im Begriff ihr zu folgen, denn ich ſpürte, daß es kühler zu werden anfing, blieb aber ſtehen, denn — was glaubſt du wohl, daß ich in der Allee auf keuchendem Klepper einherhumpeln ſah, gleich einer großmüthigen Fledermaus durch den Wald flatternd2 — Meinen lieben, guten, längſt erſehnten Bär. Ich wagte kaum, meinen Augen zu trauen, denn unmöglich konnte der Bote ſchon angelangt ſein, und warum kam er ſo elendiglich geritten und nicht ganz ruhig auf einem Boot über den See? Ich war nahe daran, das Zeugniß meiner eigenen Augen zu verleugnen, aber er kam immer näher, ich konnte unmöglich mehr 334 zweifeln; er ſtieg ab und ich flog ihm entgegen, wie er mir. „Biſt du wirklich mein Bär und keine Fledermaus?“ rief ich, indem ich ihn entzückt umarmte. „Biſt du wirklich meine Frau und keine halbver⸗ rückte Mondſcheinprinzeſſin, die da ſitzt?“ „Ach Bär, wir haben jetzt keine Zeit zu ſcherzen. Sage, wie kommſt du hieher? Weißt du, was ge⸗ ſchehen iſt?“ Haſt du mein Billet erhalten? Aber warum zu Pferde? Wie du ſo warm biſt! Ach, komm herein, Bär, dann will ich dir Alles ſagen und Alles von dir hören.“ „Meine ſüße Freundin— du haſt manchmal einen ſo ſchrecklichen flux de bouche— nun Gott ſei Dank, daß du lebſt und eine Zunge im Munde haſt!“ und mit Thränen in ſeinen redlichen Augen hielt mich der gute Mann lange an ſeine Bruſt gevrückt. Beim Hinaufgehen erzählte ich kurz, wie es hier ſtand, und erfuhr von Bär, wie er gekommen war. Er war über mein langes Ausbleiben unruhig gewor⸗ den, fürchtete ein Unglück und da das Cabriolet zer⸗ brochen war, ſetzte er ſich, ein zweiter Ritter Don Quixote, zu Pferd und ritt der Stadt zu, um ſeine Duleinea aufzuſuchen. Unterwegs begegnete er einem Knecht vom Schloſſe Ramm, der auch ein Geſchäft in der Stadt hatte, und erfuhr von dieſem, daß ma chère meère ſich hier befand und daß auch noch ein gewiſſes anderes Frauenzimmer hier und bei Leben ſei. Mehr hörte ich nicht,“ ſo ſchloß Bär ſeine Erzählung,„ich gab dem Grauen die Peitſche und jetzt— bin ich hier.“ Wir umarmten einander auf's Neue in der Freude über dieſe doppelte Wiedervereinigung, und Bär ging zu den Kranken hinein. Ich folgte ihm nicht, ſondern ſah mich in der Küche um, um für meinen Bär ein ſtärkendes Frühſtück zu bereiten. Die guten Leute fanden ſich recht wohl darin, mir zu gehorchen, und binnen einer halben 335 wie Stunde hatte ich im Saal einen Tiſch gedeckt mit warmem Kaffee, Butter und Brod, nebſt einer Platte s2“ mit vortrefflich dampfendem Beefſteak. Der Mund wäſſerte mir für Bär. er⸗ Während ich mich am Tiſche beſchäftigte, kam der gute Mann mit einem blaſſen, ernſten, aber dennoch en ztfrieenen Geſichte herein. ge⸗„Nun, wie ſteht's?“ fragte ich athemlos ihm ent⸗ ber gegenlaufend,„doch nein!— ſprich Nichts, ſetze dich nm zuerſt und iß, nur ein Wort: ſteht es gut oder lles ſchlecht?“ „Mit Bruno— gut, hoffe ich. Der Blutverluſt nen iſt groß, die Wunden tief, aber ſo viel ich bis jetzt nk, wahrnehmen kann, nicht gefährlich. Mit ma chere mit meère ſteht es— nicht gut, wenigſtens jetzt nicht. Aber ute es kann ſich geben. Ich glaube, du kannſt hineingehen, Fanny. Ich will inzwiſchen einen Boten in die Stadt ier ſchicken, um Verſchiedenes holen zu laſſen.“ ar.„Und der Kaffee? Und das Beeſſteak?“ rief ich or⸗ beſtürzt. er⸗„Davon kann jetzt keine Rede ſein,“ rief Bär und o0n eilte in's Zimmer mit einem Blick auf das Beef⸗ ine ſteak, als hätte der Satan ſelbſt in ihm Fleiſch und em Blut angenommen, um ihn zu verſuchen. Ich deckte in ſeufzend das arme Beefſteak zu und ging zu ma chere Ere meére hinein. ſſes Jetzt ſah ich mit Verwunderung, wie Bär hier ehr graſſirt hatte. Was meine Bitten vergebens auszu⸗ ich wirken geſucht, das hatte Bär jetzt eigenmächtig ver⸗ r.“ anſtaltet. Bruno war in das nächſt angränzende Zim⸗ de mer gebracht worden. Hagar war bei ihm. Die Thüre ing zwiſchen beiden Zimmern ſtand offen. Ma chere mère lag allein. Als ich hinein kam, reichte ſie mir die der Hand, zog mich an ſich und umarmte mich mit einer ück Zärtlichkeit, die mich tief rührte.„Franziske,“ ſagte ohl ſie,„der Herr hat mein Herz verwandelt; früher war en es ſo finſter, ſo wunderlich darin, jetzt empfindet es ſo 336 lieblich und hell. Wunderbar ſind die Wege des Herrn. Wer erforſchet ſie? Wer dringt hinauf in Gottes Rathskammer? Ich habe alſo wieder einen Sohn, Franziske! Ich bin nicht kinderlos. Bruno wird ver⸗ ſöhnen, was er verbrochen hat. Er wird ſeiner Mutter und ſeinem Lande noch Ehre machen. Die Bibel hat Recht: Ein Menſch kann ſiebenmal fallen und wieder aufſtehen, Franziske! Und er war mir lange Zeit ſo nahe und ich wußte es nicht. Meine Sinne waren verblendet und mein Herz verſperrt. Aber die Hand des Herrn hat die Schleuße geöffnet. Dein Mann, Franziske, hat hier ſeine Tyrannei getrieben und ich babe ihn gewähren laſſen, weil er ſagte, er könne ſonſt nicht für Bruno's Leben ſtehen. Aber heute noch will ich meinen Sohn ſehen. Niemand denke daran, es zu verhindern. Ich will ihn ſehen. Wer weiß, wie lange ich ihn hier auf Erden noch ſehen darf?“ „Lange, recht lange, hoffe ich, wenn ma chère mére nur Alles thun will, was Bär vorſchreibt.“ „Ei ſeht doch, wie die gute Frau ihren Mann rühmt und ihn für allmächtig hält. Der Herr thut doch, wie es ihm gefällt, Franziske.“ „Fühlen Sie ſich krank, Mutter?“ fragte ich zärtlich und unruhig. „Nein—— nicht krank; aber— ich habe eine ſo ſonderbare Empfindung. Ich habe keine Kraft in den Beinen—— kann nicht aufſtehen. Es iſt ein Kampf, eine Bewegung in mir;— es kommt mir vor, als ſollte es zum Tode gehen. Des Herrn Wille geſchehe! Ich habe doch meinen Sohn ſegnen dürfen und er wird meine Augenlieder zudrücken. Ich kann im Frie⸗ den ſterben.“ „Nein, nein, Sie werden nicht ſterben, Mutter!“ rief ich eifrig;„befolgen Sie nur in allen Dingen Bär's Vorſchriften.“ Ma chère méère machte lächelnd eine Art verächt⸗ liche Bewegung mit der Hand und lag jetzt ſchweigend da, geri ſtim heitt lag ihre ihr war ſich mér Sch! als zuſa und gewi loſer das lehn gehe Arm Pro ſeine dern chér ren, ſie a über ſchlie merk mich B es zu ange mere Pann thut rtlich ne ſo den mpf, 337 da, die Augen nach der Thüre in Bruno's Zimmer gerichtet. So erfreut ich über ma chére mére's Gemüths⸗ ſtimmung war, ſo ſehr beunruhigte mich ihr Geſund⸗ heits zuſtand. Sie ſchien mir ſehr Fieber zu haben, es lag etwas ganz beſonders Stierendes und Trockenes in ihrem Blicke. Die heftigen Thränenausbrüche, die bei ihr auf ſtarke Gemüthserſchütterungen zu folgen pflegen, waren dießmal ganz ausgeblieben. Der Sturm hatte ſich gänzlich nach innen gezogen. „Geh und ſieh, ob er ſchläft,“ ſagte ma chére mére, auf Bruno's Zimmer deutend. ch ging. Bruno lag wirklich in einem ſtillen Schlummer. Er war ſehr bleich, ſchien mir aber ſchöner, als ich je für möglich gehalten hätte. Die ſo häufig zuſammengezogenen Augenbrauen hatten ſich geſondert und zogen in ſanften Linien über die großen Augen⸗ gewölbe. Eine Thräne glänzte klar auf ſeiner farb⸗ loſen Wange. Ihm gerade gegenüber, den Arm auf das Kopfbrett geſtützt und den Kopf in die Hand ge⸗ lehnt, ſtand Hagar, den Blick unabläſſig auf ſein Geſicht geheftet. Die reichen ſchwarzen Locken fielen über ihren Arm hinab und ließen mich nur einen Schimmer vom Profil ihres Geſichtes ſehen. Noch einmal mußte ich ſeine orientaliſche und regelmäßige Schönheit bewun⸗ dern. Hagar ſah mich nicht und leiſe kehrte ich zu ma chère mére zurück. „Er ſchläft,“ ſagte ich. Der Himmel ſegne ſeinen Schlaf!“ erwiederte ſie. Nach einer Weile hörte ich Etwas im Saale ſchar⸗ ren, und da ich an Bär dachte, bat ich ma chére méère, ſie auf einen Augenblick verlaſſen zu dürfen. Richtig traf ich meinen Bär im Saale, der ſich über das Frühſtück hergemacht hatte, aber nicht ſo aus⸗ ſchließlich damit beſchäftigt war, um mich nicht zu be⸗ merken und mir herzlich die Hand zu reichen. Ich ſetzte mich neben den guten Mann, ſah ihn ſein Frühſtück Bremer, die Nachbarn. 22 338 verzehren und freute mich über ſeinen köſtlichen Appetit. Als der erſte Eifer geſtillt war, fing ich an, ihm etwas ausführlicher die Ereigniſſe der Nacht zu erzählen. Die Wahrheit zu ſagen, es ſchien mir, als hätte ich mich heute Nacht in manchen Stücken wie eine halbe Heldin benommen und ich wollte, daß Bär dieß recht deutlich einſehen ſollte; auch war es mir Bedürfniß, mich ein Bischen von ihm loben zu hören. Allein er war verzweifelt ſtumm und machte bloß zuweilen abſcheu⸗ liche Grimaſſen, die nach meiner Anſicht als Bollwerke dienen ſollten, um Thränen nicht hervorbrechen zu laſſen. Seit der Verſöhnungsſcene wurden ſie aber dennoch ge⸗ ſprengt. Zwei große Thränen fielen herab und ver⸗ dünnten die Beefſteakſauce. Ich bielt dazwiſchen immer ein wenig ein, um dem guten Mann Gelegenheit zu geben, über ſeine Frau in Extaſe zu gerathen. Ich hörte jedoch Nichts. Als ich aber auf meine Opiumeingebung kam, brach er plötzlich los: „Nun, das war das Tollſte von Allem zuſammen! Opium einem Menſchen, der vor Mattigkeit ſtirbt!“ Ich war wie aus den Wolken gefallen. Ich ſaß mit offenem Munde da und konnte nicht ſprechen. „Nein, doch nicht das Tollſte,“ brummte Bär wei⸗ ter;„das Allerbeſeſſenſte iſt, daß ein verheirathetes dreißigjähriges Frauenzimmer, dem man mehr Vernunft zutrauen ſollte, mitten in der Nacht hergeht und ſich auf eine ſteinerne Treppe in der freien Luft ſetzt, wie ein toller Menſch... „Du allerabſcheulichſter aller Bären!“ unterbrach ich ihn endlich und bekam meine Sprache wieder. Jedes Wort, was du ſagſt, iſt erlogen. Für's Erſte bin ich kein dreißigjäbriges Frauenzimmer, für's Zweite. „Für's Zweite, Dritte und Letzte,“ ſchrie Bär, in⸗ dem er mich umarmte,„biſt du meine Frau und ich verſpreche dir, daß, wenn du dich noch einmal ſo un⸗ vernünftig aufführſt, ſo werde ich ernſtlich böſe.“ Haſt du je ſo Etwas gehört, Marie? Ich für meit ſolch daß ein und weit inzn Anſt hore maſ des woh Thi Fre lebe ſich Här um con Er bun zu Lie Leu für Jac ant dal wa ge — 339 meinen Theil war dermaßen überraſcht, über einen ſolchen Niederſchlag aller meiner Hoffnungen auf Lob, daß ich ganz das Concept verlor und ſtille ſchwieg, wie ein gutes Schaf. Dieß gefiel natürlich meinem Herrn und Bär ganz gut, und jetzt tyranniſirte er mich noch weiter und zwang mich, zu Bette zu gehen; er wolle inzwiſchen nach den Kranken ſehen und alle nöthigen Anſtalten treffen. Was war zu thun? Ich mußte ge⸗ horchen und ich geſtehe, daß ich mich wohl dabei befand. In einem kleinen, ſchönen, mit rothem und weißen Da⸗ maſt ausgeſchlagenen Cabinet, das auf der andern Seite des Saales lag, genoß ich einige Stunden lang einen wohlthuenden Schlaf. Als ich erwachte, ſah ich Hagar's Kopf durch die Thüre hereingucken. Ihr Geſicht ſtrahlte von einer Freude, die an Wildheit zu grenzen ſchien.„Er wird leben! Er wird leben!“ rief ſie mir zu. Sie beugte ſich über mich und küßte mehrere Male heftig meine Hände, richtete ſich dann wieder auf, ging im Zimmer umber, ſchlug die Hände zuſammen und lachte beinahe convulſiviſch, indem ſie wiederholte:„Er wird leben! Er wird leben!“ Sie machte einen eigentbümlichen Eindruck auf mich. Das Wilde und Leidenſchaftliche in iyrem Weſen, ver⸗ bunden mit dem Gedanken, den ich über ihr Verhältniß zu Bruno hegte, erweckte Widerwillen, wäbrend ihre Liebe und Schönheit mich unwillkürlich zu ihr hinzog. Als ich in den Saal hinauskam, war er voll von Leuten. Da war Elſe mit einer ganzen Ladung Sachen für ihre Gebieterin; da war Tutten, da waren Jean Jacques und Jean Marie. Bär ſtand wie ein Paſcha— wenn ein Paſcha jemals ſteht— mitten im Saale, hier antwortend, dort befehlend, hin⸗ und herſchickend. Zu meiner Verwunderung und Freude hörte ich, daß man ma chère mere zur Ader gelaſſen hatte. Sie war willig auf Bär's Vorſchlag in dieſer Richtung ein⸗ gegangen. Sonderbar genug hegt ſie zur 340 Chirurgie, aber das allergrößte Mißtrauen gegen die Medicin und will um keinen Preis Medicamente ein⸗ nehmen. Nach dem Aderlaß hatte ſie zwar mehr Ruhe erhalten, aber noch keinen Schlaf. ch mußte jetzt Jean Marie und Jean Jacques den ganzen Hergang erzählen. Die Art, wie ſie die Sache aufnahmen, freute mich herzlich. Sie waren beide ge⸗ rührt und wirklich erfreut über die Verſöhnung, ob⸗ gleich ibre eigenen Ausſichten gewiß weſentlich dadurch verändert werden. Elſe unterbrach unſer Geſpräch, indem ſie kam und mich zu ma chére mére rief. Ich fand Bär bei ihr. „Er will, daß ich ſchlafen ſoll,“ ſagte ma chére mere nicht ohne Harm zu mir,„er will, meine Augen ſollen ſich in Ruhe ſchließen, und ich habe doch meinen einzigen Sohn noch nicht beim Tageslicht geſehen, ihn, der ſo eben ſein Leben gewagt hat, um das meinige zu retten. Aber ich ſage euch, bevor ich ihn geſehen habe, bekomme ich keine Ruhe an Seele oder Leib, und hätte ich einige Kraft in meinen Beinen, ſo würde ich— hol mich der Henker! Niemand um Erlaubniß bitten.“ „Bär,“ ſagte ich bei Seite zu ihm,„hindere ſie nicht, laß ihr ihren Willen. Des Menſchen Wille iſt ſein Himmelreich.“ „Bleib mir vom Leib mit deinen Himmelreichen,“ ſagte Bär mit einer grimmigen Grimaſſe, indem er ſich am Kopf kratzte,„ſolche Himmelreiche können zur Hölle führen oder wenigſtens zum Tode, wenn ſie zur unrechten Zeit gegeben werden.“ Aber du ſiehſi ſelbſt, daß hier gewiß kein Himmel⸗ reich wird, wenn man ma cheère meère nicht ihren Wil⸗ len läßt und es iſt ja auch ganz natürlich. Ich würde an ihrer Stelle nicht anders ſein. Laß ſie ihren Sohn ſehen, Bruno kann ja zu ihr hereinkommen.“ „Nein, zum Teufel! Er darf ſich heute nicht vom Flecke rühren; da iſt's beſſer, man führt ſie zu ihm die ein⸗ Ruhe den ache ge⸗ ob⸗ urch und ere igen inen ihn, e zu abe, ätte hol ſie iſt zur zur nel⸗ il⸗ rde ohn om hm 341 hinaus, wenn ſie einander nothwendig ſehen und aufre⸗ gen müſſen. Unbegreiflich, daß die Leute nicht.. „Steht nicht da und ſchwatzt!“ ſagte ma chère mere heftig,„ſondern kommt her und wenn ihr Ver⸗ nunft und Gefühl habt, ſo helft mir zu meinem Sohne hinein. Ich verſpreche, daß der Beſuch kurz ſein ſoll und daß wir nicht reden wollen.“ Bär weigerte ſich nicht mehr. Er ſtützte ſie auf der einen Seite, Elſe und ich auf der andern und ſo wurde ſie zu Bruno hineingeführt und in einen großen Lehnſtuhl neben ſeinem Bette geſetzt. Es war eine ſtumme, aber rührende Scene. Mutter und Sohn um⸗ armten ſich ſchweigend. Sodann ſaß ſie lange da, ſeine Hand haltend und ihn anſchauend. Man ſah Beiven an, wie innig die Verſöhnung war. Als ma chère mére etwa zehn Minuten ſo geſeſſen, legte ſie ihre Hand, wie ſegnend, auf Bruno's Stirne und Bruſt. Er wollte etwas ſagen, aber ſie legte verbietend die Hand auf ſeine Lippen; er hielt ſie lange an denſelben zurück. Eine Thräne benetzte ſeine Wange; o wie verlangte es mich, in den Augen der Mutter welche zu ſehen! aber ſie blieben trocken, obgleich ſie voll Zärtlichkeit waren. Sie machte uns ein Zeichen, daß ſie ſich ent⸗ fernen wolle, und es war hohe Zeit, denn ſie war heftig angegriffen und todesblaß. Als ſie wieder in ihrem Bette war, lag ſie eine Weile ganz ſtill und mit gefalteten Händen. Sie ſchien zu beten. Sodann winkte ſie mich zu ſich und ſagte mit ſtolzer Freude:„Was er groß geworden iſt! Ein ſchö⸗ ner Mann, Franziske! Zetzt ſehe ich erſt, wie ſehr er meinem ſeligen Mann gleicht. Ein wahrer Herkules! Nun, nun, er hatte auch nichts Kleinem oder Häßlichem nachzuarten, weder von väterlicher noch mütterlicher Seite. Aber Alles das iſt eitel,“ fügte ſie mit einem Seufzer, der demüthig ſein wollte, hinzu,„und macht den Werth des Menſchen nicht aus.“ Ma chèére mère ließ ſofort Jean Marie und Jean 342 Jacques hereinkommen und war ſehr freundlich gegen ſie. Als Jean Marie erfuhr, daß ich ſo lange, wie ma chéère mére ſelbſt auf Ramm bleiben ſolle, wurde ſie ganz kurz gegen mich und nahm einen kalten Ab⸗ ſchied. Dieß that mir wehe. Was mich betrifft, ſo habe ich mich einrichten müſ⸗ ſen, um über die ganze Dauer von ma cheère mére's Krankheit hier zu bleiben. Sie und Bär wünſchen es und ich nicht weniger. Ich könnte ſie nicht verlaſſen, ſo lange ihr Zuſtand bedenklich iſt.„Wenn ſie nur ein⸗ mal ſchlafen kann,“ ſagte Bär,„ſo iſt alle Gefahr vor⸗ über.“ Aber gerade der Schlaf flieht ihre Augen und eine innere Unruhe erſchültert ſie. Ich habe dieß in den zwei Tagen geſchrieben, die ich hier zubrachte. Wäh⸗ rend dieſer ganzen Zeit hat ſie kein Auge zugethan und iſt hartnäckig auf ihrer eigenſinnigen Weigerung, etwas einzunehmen, beſtanden. Selbſt Bruno's Bitten vermögen hierin Nichts über ſie. Sie ſagt: Medicamente ſeien jederzeit Gift für ſie geweſen. Ich habe meinen Schreib⸗ tiſch in ihrem Zimmer. Sie liebt das leiſe Gekritzel meiner Feder. Es beruhige ſie, ſagte ſie. Bruno iſt beſſer, darf aber noch nicht aufſtehen und beinahe Nichts ſprechen. Bär iſt wahrhaftig ein ſtrenger Doctor, das ſehe ich. Ich glaube nicht, daß ich ihn für mich an⸗ nehmen würde. Ich ſagte ihm das. Er machte bloß eine höhniſche Grimaſſe und erwiederte:„Das wollen wir ſchon ſehen. Ich begreife ſelbſt nicht, wie ich ſo munter ſchreiben kann; ma chère more's Zuſtand be⸗ unruhigt mich tief— aber ich habe ſo viele Zerſtreuun⸗ gen; überdieß iſt ma chére mére ſelbſt bei einer ſo friſchen und glücklichen Laune, daß man nicht anders, als fröhlich darüber ſein kann. Gott gebe nur, daß die Sache keinen traurigen Ausgang nimmt! Möchte ich im nächſten Brief ſagen können, daß Alles hier auch ſo fröhlich iſt, wie es jetzt gut iſt! een wie ure Ab⸗ müſ⸗ ére's nes ſſen, ein⸗ vor⸗ und ß in ßäh⸗ und was ögen eien eib⸗ itzel chts das an⸗ oß llen ſo be⸗ un⸗ ers, daß chte uch 343 Vierzehnter Brief. Ramm, 6. Aprll. Ich bin ganz überſchwemmt von Nachfragen⸗ Bil⸗ leten, Viſiten. Die Gerüchte von dem Vorgefallenen laufen überall umher und verwandeln die ganze Gegend in ein Frage⸗Comité. Alles ſtrömt herbei. Man fragt und wundert ſich, man hofft und gratulirt. Ma chère mère ſcheint die höchſte Notabilität der Gegend zu ſein. Auch der Bürgermeiſter und die Rathsherren der Stadt haben ſich nach ihrem Befinden erkundigt. Ma chère more hat ſich allmälig das Anſehen einer halben Ma⸗ giſtratsperſon zu verſchaffen gewußt, weil ſie ſo nach⸗ drücklich gegen Alles, was Unordnung heißt, eifert und Bürgermeiſter und Rathsherren zuweilen einen guten Mittagsſchmaus bereitet. Ma chöre mére's Zuſtand iſt leider noch immer derſelbe. Es iſt jetzt der dritte Tag, daß ſie nicht ge⸗ ſchlaſen hat. Bär iſt ſehr mißmuthig, was ich jedoch mehr ſehe, als höre. So eben erhalte ich ein Billet von Serena, das ich für dich abſchreibe. „Liebe Franziske! ſage mir doch ein Wort und wo möglich ein gutes, ein tröſtendes. Es gehen hier ſo wunderliche Gerüchte. Man ſagt, die Generalin Mans⸗ felt ſei in großer Gefahr geweſen. Herr—— du weißt ſchon, wen ich meine— habe ſie daraus errettet; ſie habe in ihm ihren Sohn wieder erkannt, ſie ſeien ver⸗ föhnt, aber beide—— dem Tode nahe. Man ſagt, daß auch dein Leben in Gefahr geweſen ſei; man er⸗ zählt ſo viel und ſo verworren. Ich ſuchte dich geſtern auf Roſenvik— aber du warſt nicht da. Du ſeieſt auf Ramm, ſagte mir deine Siſſa. Deine Blumen ſahen muthlos aus. Ich verſuchte es, ſie mit friſchem Waſſer 344 zu beleben. Das half. Aber auch ich, Fanny, bin muth⸗ los und ſeit geſtern iſt Alles, was ich meinem Großvater vorleſe, Latein für mich. Meine gute, liebe Fannp, ſchenke doch ein aufmunterndes Wort deiner Serena.“ Ja, Serena, nicht bloß ein Wort, viele ſollſt du haben. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich deinem Wunſch nicht zuvorgekommen bin. Gutes Herz, wer möchte dich nicht gerne tröſten? Ich verlaſſe dich jetzt einen Augenblick, meine Marie, um an Serena zu ſchreiben. Den 8. Immer daſſelbe und daſſelbe! Kein Schlaf, keine Ruhe Ein ſtarres Wachen, eine unaufhörliche, innere Unruhe, welche für ma chère mére's Umgebung etwas unbeſchreiblich Peinliches hat. Sie ſelbſt iſt jetzt über⸗ zeugt, daß ſie ſterben wird und hat heute ihr Teſtament aufſetzen laſſen. Ich war dabei zugegen und mußte wirklich ihr unbeugſames Rechtsgefühl bewundern, ſo wie die gewiſſenhafte Treue, womit ſie Alles umfaßt, was auf irgend eine Art unter ihrer Obbut ſteht. Merk⸗ würdig iſt auch ihre Kenntniß ſelbſt in den geringſten Sachen, ſowie die Genauiakeit und Klarheit, womit ſie darüber ihre Verordnungen trifft. Es iſt eine Art eiſerne Ordnung, die jedoch in's Kleinliche geht. Aber beim Abſchied von dem Irdiſchen iſt dieß achtungswerth. Ma chére meère zeigte ſich auch hier, wie ſie in ihrem gan⸗ zen Leben geweſen war— ſtreng rechtlich und ordnungs⸗ liebend, wohlthuend, ohne alle Prahlerei, eine beſtän⸗ dige Freundin und dankbar. Ich kann mich inzwiſchen nicht darein finden, daß ſie ſterben ſoll. Bär ſcheint eher für ihren Verſtand zu fürchten. Er ſpekulirt darauf, ihr einen Schlaftrunk zu bereiten; aber wie man ſie vermögen ſoll, denſelben zu trinken, das iſt eine andere Sache. Ma chére mére will Nichts von einem Wieder⸗ nuth⸗ vater chenke ſt du unſch öchte inen ben. eine nere was ber⸗ nent ußte aßt, erk⸗ ſten ſie rne im Ma an⸗ g⸗ in⸗ ink en 345 aufkommen hören. Sie hat, wie ſie ſagt, jetzt ihre Partie genommen und ſich mit vollem Ernſt auf's Ster⸗ ben gelegt; auch denkt ſie jetzt nur daran, ſich gut dazu fertig und bereit zu machen. Den 9. Ein ſonderbarer Auftritt! Welche wunderlichen Ideen ſich doch in einem Menſchenkopfe vorfinden können. Ma chère mere hatte ſich auf heute früh einen Tiſchler beſtellt— Niemand konnte begreifen, wozu. Als er kam, hieß ſie ihn in ihr Zimmer treten und ihr Maß nehmen zum— Sarge. Darauf gab ſie ſehr genaue Vorſchriften über die Zierratben an demſelben und hieß mich aufſchreiben, was auf die Platten geſetzt werden ſolle.(KB. Die Thüre zu Bruno's Zimmer war während dieſes Auf⸗ trittes verſchloſſen.) „Nun, Meiſter Svenſſon!“ ſagte ſie, als Alles in Ordnung war,„was ſoll mein Sarg koſten?“ Verlegen und verwundert beſann ſich der Tiſchler einen Augenblick und ſagte endlich:„Fünfzig Reichs⸗ thaler Banco, Euer Gnaden.“ „Seid Ihr toll, Meiſter Svenſſon?“ ſagte ma chéère meère heftig,„fünfzig Reichsthaler Banco? Alſo fünf⸗ undzwanzig Reichsthaler mehr, als Ibr für den Sarg meines ſeligen Mannes verlangtet? Beſinnet Euch doch, was Ihr ſprecht. Ich kann Euch noch die Rechnung von des Generals Sarg zeigen, Meiſter.“ „Das Eichenholz, Euer Gnaden iſt ſeitdem ſo theuer geworden...“ „Und wer zum Henker heißt Euch Eichenholz neh⸗ men? Meinetwegen könnt Ihr Birkenholz nehmen oder Fichten⸗, oder Tannen⸗, oder was für Holz Ihr wollt. Der elende Leib wird doch zu Staub, denke ich, ob er in einem eichenen oder ſichtenen Sarge liegt. Arm und reich, im Tode gleich. Ich bin zwar von altem adeligem 346 Geſchlechte und ſo war es auch mein Mann, der ſelige General Mansfelt. Aber was iſt's denn, Meiſter Svenſſon: Als Adam pflügte, Eva ſpann? Wo war denn da ein Edelmann? Und wo iſt er, wenn der Körper im Grabe liegt? Nehmt Fichten⸗ oder lieber Birkenholz zu meinem Sarge, lieber Svenſſon, und laßt ihn mir zu fünfzig Reichsthaler Reichsgeld.“ „Sechzig Reichsthaler, Euer Gnaden.“ „Fünfzig Reichsthaler, Meiſter Svenſſon! Mehr gebe ich nicht und Ihr könnt Euch darnach richten. Fünfzig Reichsthaler Reichsgeld, ſage ich. Keinen Schil⸗ ling mehr. Aber ich lade Euch zu dem Schmauſe ein, den meine Leute bei meinem Leichenbegängniſſe bekom⸗ men. Erinnere dich, Franziske, daß Meiſter Svenſſon nicht vergeſſen wird, oder— ich will ſelbſt daran denken, wenn ich das Begräbniß anordne. Adieu, mein lieber Meiſter. Es bleibt bei der Abrede. Großen Dank, Meiſter. Adieu!“ So viel Eigenheiten ich ſchon von ma chére mère geſehen hatte, ſo muß ich doch geſtehen, daß dieſer Auf⸗ tritt mich ſehr in Erſtaunen ſetzte. Ich ſah indeß klar ein, daß kein Haſchen nach Originalität, ſondern bloß eine unbarmherzige Ordnungsliebe ſie veranlaßte, ihren eigenen Sarg zu beſtellen und um den Preis zu mark⸗ ten. Ma chére mére ſchien die Sache ganz natürlich zu finden und ſagte zu mir, als der Tiſchler fort war: „Dieſe Handwerksleute ſind doch gefräßige Thiere. Man muß ihnen genau auf die Finger ſehen. Aber ihr Fuchs beißt meine Gans nicht.“ Hierauf traf ma chére mère Anordnungen wegen ihres Leichenbegängniſſes. Sie dictirte und ich ſchrieb, wie es dabei zugehen ſollte, wie viele Pfund Confect gekauft werden ſollen u. ſ. w. Sie ließ einen Boten an — er c——— elige iſter egt? nem fzig dehr ten. chil⸗ ein, om⸗ ſſon ken, eber ank, re luf⸗ klar loß ren ark⸗ lich ar: Nan chs gen ieb, fect un 347 den Pfarrer des Kirchſpiels abſchicken, mit dem Ge⸗ ſuche, er möchte folgenden Tag nach Ramm kommen. „Ich will,“ fagte ma chère mére,„ſterben“, wie es einem Chriſten anſteht und zukömmt.“ Nachdem dieß Alles in Ordnung war, äußerte ſie viele Zufriedenheit, daß ſie ſich jetzt gebörig vorbereitet habe, und bat mich, ihr etwas zu trinken zu geben. „Der alten Suppe,“ ſagte ſie,„bin ich nachgerade herz⸗ lich überdrüſſig. Ich möchte etwas Anderes haben, aber— ich weiß nicht was.“ Ein glücklicher Gedanke fuhr mir durch den Kopf und ich ſagte ſchnell:„Ich habe ein Recept zu einer Art Lmonade— eigentlich eine Art Brodwaſſer— mit einem Wort, zu einem ſehr erfriſchenden und wohl⸗ thuenden Getränke. Ich möchte es gerne für ma chere meère bereiten.“ „Thue das, Franziske. Du biſt nie rathlos, du. Es fällt dir immer etwas ein und das iſt eine glück⸗ liche Natur. Beſſer brodlos, als rathlos.“ Ich eilte zu Bär und tbeilte ihm meinen Vorſchlag mit. Er war ſehr zufrieden mit meiner Erfindſamkeit und fing ſogleich an, ſeinen Schlaftrunk und mein Brod⸗ waſſer zu brauen, denn dieſe beiden ſind Eins. Bruno befindet ſich inzwiſchen in einer unruhigen und düſtern Stimmung und phantaſirt zuweilen. Er liebt ſeine Mutter wirklich innig und will nicht, daß ſie ſterben ſoll. Bär ſucht ihn mit guten Worten und Hoffnungen zu beruhigen. Hagar iſt viel um ihn, aber dieß ſcheint ihn zu guälen. Er begegnet ihr oft hart, wie mir's ſcheint, allein ſie erträgt Alles mit ſtlaviſcher Unterwürfigkeit. Gewiß muß das Weib auf irgend eine Weiſe tief geſunken ſein, das ſich ſo behandeln läßt und gleich dem Hunde den Fuß küßt, der ſie wegſtößt. Wie himmelweit verſchieden von dieſem Knechtſinne iſt nicht die freie Demuth, die ein geachtetes und geliebtes Weib dem Gegenſtande ihrer reinen Ergebenheit wohl wid⸗ men kann! Unglückliche Hagar! 348 Ma chére mère hat eine Abneigung gegen Hagar und dieſe weicht ihrem ſcharfen, durchdringenden Blicke aus.„Sie iſt gewiß ſeine Duleinea,“ ſagte ma chère mére geſtern zu mir.„Ich will mit Bruno darüber ſprechen. Ich liebe ſo etwas nicht.“ Zetzt iſt der Schlaftrunk fertig und ich ſoll ihn ihr bringen. Gott helfe mir! Es iſt mir zu Muthe, als ſpielte ich eine betrügliche Rolle gegen ma chére mére und dieß peinigt mich. Später. Es iſt geſchehen! Es glückte, aber um ein Haar wäre Alles verloren geweſen. Als ich den Becher mit dem Schlaftrunk aus Bär's Händen empfing, ſagte ich mit einiger Angſt:„Bär, du biſt doch ſicher, daß dieß ſie nicht zum Tode ein⸗ ſchläfert.“ „Hältſt du mich für einen Quackſalber, Fanny?“ „Gott bewahre! Du biſt Aeskulap ſelbſt. Aber... aber ach Bär, es fällt mir ſchwer, ſie zu täuſchen. „Willſt du lieber, daß ſie den Verſtand verliert oder einen Schlag bekommt? Meine liebe Fanny, es geht nicht an, länger zu zaudern. Ze ſchneller du die Sache abmachſt, um ſo beſſer geht es. Mit Gottes Hülfe wird dieſer Trank ſie retten.“ Ich ging zu ma chère mére hinein, reichte ihr den Becher und ſagte ſo zuverſichtlich, als mir möglich war: „Hier, ma chére meère, iſt mein Labetrunk.“ „Nun, das iſt ja prächtig,“ ſagte ſie, ſetzte ſich auf, koſtete den Trank, ſtutzte und verzog das Geſicht.„Was iſt das für ein verdammter Gallimathias, den du da zuſammengerührt haſt, Franziske!“ rief ſie aus; es ſchmeckt ja ganz giftig!“ Dabei heftete ſie einen ihrer ſchärfſten Blicke auf mich. Hätte ich wirklich einen Giftbecher in meiner un⸗ ſchuldigen Hand gehabt, ſie hätte nicht mehr zittern gar licke 1ere iber ihr als ere 349 und ich nicht verbrecheriſcher ausſehen können.„Du un⸗ glückſeliger Bär!“ dachte ich, dem Weinen nahe.„Jetzt darf ich wahrſcheinlich den Becher ſelbſt trinken, um meine Unſchuld zu beweiſen, und wenn ich darauf bis zum jüngſten Tage ſchlafen ſollte.“ „Gnad' dir Gott,“ fuhr ma chère mère mit dem⸗ ſelben Blicke fort,„wenn du mit deinem Manne im Comploit ſtehſt, um mich zu hintergehen.“ „Und wenn es ſo wäre,“ ſagte ich, indem ich mei⸗ nen freien Arm um ihren Hals ſchlang, ſie küßte und ihre Wange mit Thränen benetzte, die theils von Zärt⸗ lichkeit, theils von Angſt ausgepreßt waren—„wenn es auch ſo wäre, Mutter, würden Sie nicht gut gegen Ihre Kinder ſein und ihnen zu Liebe einen Trank einnehmen wollen und glauben, daß er, wenn er auch ein Bischen übel ſchmeckt, Ihnen doch bloß gut thun wird?“ Ma chöre möre ſah mich eine Weile ernſt, aber freundlich an und ſagte dann:„Du biſt ein kluges Weib, Franziske, und ein gutes Kind, und verſtehſt dich wohl auf die Alte, und um dieſer drei Dinge willen hat ſie dich lieb und will dir jetzt zu Willen ſein, es entſtehe daraus, was da mag. Proſit, mein Kind!“ Und ſie leerte den Becher mit einem Zuge. Ich umarmte ſie. dankte ihr und weinte vor Freude. Sie Hopfte mich freundlich auf die Wange und es ſchien ihr Vergnügen zu machen, ſich geliebt zu ſehen. Triumphirend eilte ich zu Bär und zeigte ihm den geleerten Becher. „Ja, ja,“ ſagte er,„ich konnte mir's wohl denken, daß es ſo gehen und der Trank nicht ſo übel ſchmecken werde. Es war auch meiner Seele keine Kleinigkeit, ihn ſo zu bereiten.. „Du eigenliebiger Bär!“ unterbrach ich ihn.„Höre auf, deinen abſcheulichen Trank zu preiſen.“ Und jetzt erzählte ich ihm, wie es damit zugegangen war, und ich muß ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, hinzu⸗ 350 zuſetzen, daß er die Lobeserhebungen, die er ſeinem Ge⸗ tränke ſpenden wollte, jetzt auf mich übertrug. Ich hege eine ſtille Hoffnung, daß der Trank be⸗ reits wirkt. Ma chöre mére ſchläft zwar noch nicht, iſt aber ſehr ſtille. Es iſt neun Uhr. Ich werde heute Nacht bei ma cheère mére wachen. Um 11 Uhr. Jetzt ſchläft ſie. Gott ſei Dank, ſie ſchläft feſt und gut. Es iſt ein Genuß, ſie ſchlafen zu ſehen! Bär hat alle Leute im Hauſe zur Ruhe geängſtigt. Niemand darf ſich muckſen. Es iſt ſtill, wie im Grabe. Hu! wie kam dieſes Wort in meine Feder? Ich ſtreiche es aus. Ich wache in ma chére mére's Zimmer nebſt Elſe, deren unermüdlichen Eifer ich nicht anders als bewundern kann. Bär ſitzt drinnen bei Bruno, um ihn ſo rubig als möglich zu erhalten, wävrend ſie den Er⸗ folg dieſes Schlafes abwarten. Er hat die beſte Hoff⸗ nung. Um die größtmögliche Stille erpalten zu können, iſt die Thüre zwiſchen beiden Zimmern verſchloſſen, in⸗ deß ſind wir dahin übereingekommen, daß ich bei der gerinaſten Veränderung in ma cheère mére's Zuſtand Bär vermittelſt eines kleinen überſchriebenen Papier⸗ ſtreifens, den ich in's Schlüſſelloch ſtecke, ein Zeichen zu geben habe. Um mich inzwiſchen munter zu erhalten, werde ich Elſen's Profil abzeichnen, das ich jetzt auf dem ätheri⸗ ſchen Hintergrunde des Lampenſcheins gewahre, dunkel, ſcharf, wie in Stein gehauen und unverwandt nach der Schlafenden hinblickend. Um 2 Uhr. Ma chére mére ſchläft noch. Sie ſchläft tief und fängt an, ſtark zu ſchwitzen. Ich habe es Bär zu wiſſen getban.„Gutes Zeichen,“ ſchrieb er zurück.„Gott ſei Dank, jetzt boffe ich, daß Alles gut geht.“ 5 Elſe's Bild iſt gut geworden. Das Original ſitzt noc der hör wir Ge⸗ be⸗ icht, ute und hat and u! bſt als ibn Er⸗ en, in⸗ der nd en ich ri⸗ el, er nd * ſei 6 351 noch auf demſelben Platze und ſieht unverwandt nach derſelben Seite. um 4 uhr. So eben kam Elſe zu mir und flüſterte mit kaum hörbarer Stimme. „Glauben Sie, Madame, daß ſie davonkommen wird? Glauben Sie, daß ſie erwacht?“ „Ja, das glaube ich zuverſichtlich,“ „Wenn ſie ſtirbt, ſo will ich auch ſterben.“ „Warum das, liebe Elſe?“ „Was ſoll ich ohne ſie auf der Erde thun? Und dann— muß wohl die Generalin im Himmelreich auch eine Perſon haben, die ſie bevient und ihr Tag und Nacht zur Hand iſt.“ „Sie iſt dann bei Gottes Engeln, Elſe.“ „Ja, liebe Madame, dieſe können ſich nicht ſo ge⸗ nau in ihre Launen ſchicken, wie ich. Sie haben nicht vierzig Jahre mit ihr zuſammen gelebt. Elſe ging auf ihren Poſten zurück und nahm ihre frühere Stellung wieder ein. Ich ſah wieder das dunkle Profil auf dem lichten Hintergrund. Elſen's treue, vergfeſte Ergebenheit rührte mich tief und ich dachte an Goethe's Worte: „Nicht nur Verdienſt, auch Treue wahrt uns die Perſon.“ Um 6 Uhr. Noch ſchläft ma chère mére, ſchläft tief und beim hereinbrechenden Tageslicht ſieht ihr Geſicht ſo unheim⸗ lich blaß aus. Denke, wenn ſie ihren letzten Schlaf ſchliefe? Bär und ich haben über dieſen Schlaf einen lebhaften Schrif wechſel durch das Schlüſſelloch geführt. Willſt du ein Pröbchen davon haben? Mit der ganzen möchte ich wahrhaftig die Poſt nicht be⸗ weren. 352 1. Papierſtreif. Sie ſchläft, ſchläft, ſchläft. Ich fange an zu fürchten, Daß ſie nicht wieder erwacht. 2. Sie erwacht wieder. 3. Orakel haben ſich ſchon von jeher getäuſcht. 4. Aber jetzt nicht. 5. Weiſer Mann, Bär und Prophet, Sagend, daß er Alles verſteht, Wer iſt's der in ſtiller Nacht Dich ſein Licht nennt, ſeine Pracht? 6. O, ich weiß es ganz genau, Das iſt meine liebe Frau. 7. Weiſer Mann, Bär und Prophet, Sag Er, wenn Er Alles verſteht, Wer in dunkler Mitternacht Ueber Seinen Dünkel lacht? 8. Wer anders denn, als meine Frau, Ihre Sprach' kenn ich genau, Lies, ſtatt Dünkel, klar Geſicht. Doch zum Teufel ſolch Gedicht. Indeß genug von dieſen Kindereien. Um 9 Uhr. Fort mit Sarg, Confect und Begräbniß! Ma chère mére lebt und wird am Leben bleiben. Sie iſt erwacht, iſt ruhig, klar, fühlt ſich wohl, aber noch äußerſt matt. Bär ſteht jetzt für ihr Leben. Wir haben einan⸗ der Und umf lieb zu ſ ſah und Sie will ein ſeh kle nge Ma iſt erſt an⸗ 353 der aus Freude darüber nach Rechts und Links umarmt. Und Bruno! Ich mußte weinen, als ich ihn Bär's Kniee umfaſſen ſah. O, ich will Bruno lieben, denn er kann lieben. Ma chére mére ſcheint ſelbſt etwas verwundert zu ſein, iſt aber zufrieden und ruhig. So eben gab ich ihr Thee. Als ſie die Taſſe aus meiner Hand nahm, ſah ſie mich mit einer guten, ſchelmiſchen Miene an und gab mir einen leichten Schlag auf die Wange. Sie iſt wieder ganz ruhig eingeſchlummert und jetzt will ich auch ein wenig Ruhe genießen. Den 11. Alles geht gut, ſehr gut, und wir werden bald Alle zuſammen geſund, im Fall nicht ich aus lauter Heimweh nach meinem kleinen Roſenvik krank werde. Ma chére mère kommt ſchnell wieder zu Kräften, ſie kann ſchon wieder ein wenig auf ſein, will aber nicht von hier weggehen, bis Bruno ſo weit hergeſtellt iſt, daß er ſie nach Karlsfors begleiten kann, und früher darf auch ich nicht nach Hauſe fahren.„Geduld!“ ſagt Bär. Ein abſcheuliches Wort! Gerade wenn ich es böre, werde ich ungeduldig. Inzwiſchen ſende ich dieſen Brief ab, umarme dich, meine Marie, und danke Gott, daß es ſo ſteht! Fünfzehnter Brief. Ramm, den 16. September. Iſt es dir nicht ſchon begegnet, Marie, daß du einen Menſchen— gerade wie Robinſon Cruſoe ſeine Inſel— für einen rauhen, unfruchtbaren Boden ange⸗ ſehen haſt, und ganz plötzlich läßt dich ein Zufall, eine kleine Entdeckungsreiſe— wie beſagten Robinſon— eine ſchöne Gegend, reich an erquickenden Früchten, er⸗ Bremer, die Nachbarn. 23 354 kennen? Entdeckungsreiſen in der Welt, genannt Menſch, können zwar, wie anderwärts, auch ſchlimm ausfallen, und nicht ſelten bleibt man, wie Kapitän Roß, im Eiſe ſtecken; mich aber haben ſie doch öfter in freund⸗ liche Gegenden geführt. So auch heute. Willſt du mich auf eine Entdeckungsreiſe begleiten? Meine Inſel heißt jetzt— Landrichter Hök. Sieh ihn auf einen Seſſel hingepflanzt— wie eine Fichte auf einen Felſen— in ma chère mére's Zim⸗ mer auf Ramm. Siehe daſelbſt auch in einen großen Emma verſunken— gleich einem Vogel in ſeinem Neſte — das muntere Fräulein Hellevy Hausgiebel. Siehe ſtattlich und nur ſich ſelbſt vergleichbar ma chéère mére in eine Sophaecke zurückgelehnt, die Slurta wieder hoch auf der hohen Stirne; ſiehe Bruno— gleich einer ſchönen Nacht— die andere Sophaecke verdüſtern und verſchönern; ſiehe ferner ein paar Alltagsfiguren ge⸗ treu neben einander ſitzen, wie ein Taubenpaar, oder wie ein Bär und ſeine Bärin; ſiehe Wohlbehagen im Zimmer und Frieden auf den Geſichtern der Menſchen und höre, was in der Abenddämmerung leicht vom Herzen auf die Zunge rollt und von da an dein Ohr. Fräulein Hausgiebel.„Onkel Hök! Sie ſehen heute ſo fadengerade und vollkommen aus, daß es mich ganz beklommen macht. Es würde mich einigermaßen aufheitern, wenn Sie uns jetzt in der Dämmerung ir⸗ gend einen Fehler, irgend eine kleine Schwäche geſtehen wollten. Ich bin z. B. überzeugt, daß Sie bei irgend einer Sache einen kleinlichen Geiz haben. Jeder Menſch hat ſeinen Geiz, wenn er aufrichtig darnach ſehen will.“ Ma chére mére.„Fege zuerſt vor deiner eigenen Thüre, ehe du vor andern fegſt, ſagt das Sprüchwort. Fange nur bei dir ſelbſt an, Baſe Hausgiebel, und bekenne deine Sünden.“ Fräulein Hausgiebel.„Ich armer, ſündiger Menſch bekenne aus vollem Herzen, daß ich für Steck⸗ — nade grär Nich — mei eine mei da, ais gute Rec Ihr rali unſt es Gei ſche — erir ſpa ver kan die ſei ühr ſcht Dr uns denſch, fallen, im reund⸗ lſt du Inſel e eine Zim⸗ roßen Neſte Siehe mere vieder einer n und nge⸗ oder en im nſchen vom Ohr. ſehen mich taßen ir⸗ tehen rgend enmch will.“ enen wort. und diger Steck⸗ 355 nadeln und Makulatur eine Neigung habe, die an Geiz gränzt.“. Landrichter Hök(gravitätiſch).„Und ich weiß Richts auf Erden, was mir theurer wäre, als Flaſchen — ſeien ſie nun leer, oder voll— es wird mir ſchwer, meinem Bedienten keine Ohrfeige zu geben, wenn er eine leere Flaſche zerbrochen hat.“ Fräulein Hausgiebel.„Ha, göttlich, göttlich, mein ſüßer, vortrefflicher Onkel! Hört, ihr guten Leute da, ihr macht's wohl auch nicht beſſer oder ſchlimmer, als wir. Bekennet hübſch eure Sunden! Ihr Geiz, guter Doktor? Medicamente vielleicht?“ Bär(lakoniſch).„Papier.“ Fräulein Hausgiebel.„Gut, um ſo weniger Recepte. Aber wir können doch nicht oone ſie leben. Ihr Geiz, Madame Werner?“ Franziske.„Nähnadeln und Faden.“ Fräulein Hausgiebel.„Sie, Frau Gene⸗ ralin, wollen Sie uns nicht auch Ibren Beitrag zu unſerer kleinen Sammlung geben?“ Ma chére mére.„Warum nicht? Aber ich fürchte, es möchte gar zu viel werden, wenn ich allen meinen Geiz in die Waaſchale legen wollte. Nehmet inzwi⸗ ſchen mit dem vorlieb was ich ſonſt nicht gerne hergebe — näm ich mit Bandſtückchen und alter Leinwand. Aber erinnert euch, meine Freunde, wer einen Kreuzer nicht ſpart, wird's nicht zum Gulden bringen; wer mehr verderbt, als erwirbt, bekommt bald eine leere Speiſe⸗ kammer. Wer da ſammelt, der hat.“ Es entſtand eine kleine Pauſe. Jetzt kam an Bruno die Reihe, ſeine unſchuldigen Sünden zu bekennen, aber ſei es nun, daß er keine ſolche hatte— dieß klingt üvrigens abſcheulich— oder daß er auf unſer Ge⸗ ſchwätz nicht Acht gegeben, er zeigte durchaus keinen Drang, Bekenntniſſe abzulegen, und Niemand von uns hatte Luſt, eines von ihm zu verlangen. Er ſaß mit niedergeſchlagenen Augen ſtille in ſeſt da, 356 den verbundenen Kopf in die Hand geſtützt. Landrichter Hök unterbrach die etwas verlegene Stille, indem er auf ma chére mere's Rede antwortete: „Die Frau Generalin hat ganz Recht und wir müſſen jedes in ſeiner Art Sammler ſein.“ Fräulein Hausgiebel.„Nehmen Sie ſich wohl in Acht, Onkel Hök, daß Sie nicht unſere Sünden zu Tugenden machen. Sie wiſſen, es ſteht geſchrieben, wir ſollen uns Schätze ſammeln, wo keine Diebe nach⸗ graben, noch ſtehlen.“ Landrichter Hök(heiter).„Viel dort, aber auch ein wenig hier. Es verträgt ſich nicht gut zuſam⸗ men, wenn wir die Sache beim Lichte beſehen.“ Ma chère mére.„So meine ich auch.“ Franziske.„Was iſt das ganze Menſchenge⸗ ſchlecht anders, als eine große Proceſſion von Suchern und Sammlern? Aber ach, wie viele gibt es, die Nichts ſuchen und Nichts erhalten!“ Landrichter Hök.„Und zwar hauptſächlich, weil ſie ſich ſelbſt nicht geſucht und gefunden haben. Im Grunde ſucht doch jeder Menſch hauptſächlich Harmonie mit ſich ſelbſt;— aber Sie müſſen verſtehen, wie ich es meine.“ Franziske.„Geben Sie uns ein Beiſpiel, Herr Landrichter, wo möglich ein lebendiges, dann kommen wir ohne lange Umſchweife zum Begreifen.“ Fräulein Hausgiebel.„Sie z. B. mein wer⸗ ther Onkel, haben gewiß ſich ſelbſt gefunden, denn ich habe nie Jemand ſo ruhig, ſo ſicher, und ich darf wohl ſagen, ſo weiſe und gut geſehen. Sagen Sie uns, wie Sie ſich geſucht und wie Sie ſich gefunden haben?“ Franziske.„Ach ja, beſter Landrichter, ſagen Sie's uns.“ Landrichter Hök.„Wiſſen Sie auch, was Sie verlangen, meine Damen? Nichts Geringeres, als das Wichtigſte aus meiner Lebensgeſchichte.“ — ichter em er wir wohl en zu ieben, nach⸗ aber ſam⸗ enge⸗ chern weil Im nonie ie ich Herr nmen wer⸗ nich wohl wie en?“ ſagen Sie als 357 Fräulein Hausgiebel und Franziske.„Ach ja, ja. Erzählen Sie uns Ihre Lebensgeſchichte.“ Landrichter Hök.„Ich kann zwei ſo liebens⸗ würdigen Damen Nichts abſchlagen. Ich muß daher ſogleich mit den ſchwerſten Bekenntniſſen anfangen, denn Sie dürften vielleicht nicht wiſſen, daß derjenige, der mit Ihnen ſpricht— ein verunglückter Autor iſt. Nur gut, daß es ſo finſter iſt!— Jetzt, nachdem der erſte ſchwere Schritt gethan iſt, werden die andern leichter gehen. Mein Vater war ein verdienſtvoller Literat und erzog ſeinen Sohn dazu, daß er dieſelve Bahn betreten ſollte. Meine Anlagen ſchienen ſeinen Wünſchen ent⸗ gegen zu kommen. Ich ſchrieb frühzeitig Verſe und dramatiſche Stücke zu Namens⸗ und Geburtstagen, er⸗ hielt Confect und Lobeserhebungen und roch in der Ferne ſchon den Lorbeerkranz- In meiner Studirſtube war ich rechts und links von den Werken der Dichter umgeben. Ich las ſie durch und durch, bis ich ſie auswendig kcnnte und hielt dann ihre Gedanken für meine eigenen. Meine Eltern waren ehrgeizig und nährten mein bereits bren⸗ nendes Verlangen nach Auszeichnung beſtändig. Einige poetiſche Verſuche erhielteu Beifall beim Publikum, wur⸗ den ſogar in öffentlichen Blättern gelobt, und berauſcht davon, wie durch die Aufmunterung meiner Eltern und die Lobeserhebungen meiner Freunde(unter denen ſich beſonders ein ſanguiniſcher junger Mann, Namens Lerche, auszeichnete), beſchloß ich, mich wie Byron mit einem Sprung auf die Höhe des Parnaſſes der Mitzeit empor⸗ zuſchwingen. Ich ſchrieb eine fünfaktige Tragödie und —— warten Sie ein wenig, ich muß mich einen Augenblick bei dieſer Stunde ſcheinbarer Glückſeligkeit verweilen. Wahrhaft große Dichter beſitzen, glaube ich, eine gewiſſe beſonnene Ruhe ſelbſt im Augenblicke der Begeiſterung. Sie ſind ihrem Gegenſtande hingegeben und verleiben ſich ihm in heiligem Ernſte ein. Wenn ſie ihre Produkte betrachten, ſind ſie vielleicht mehr ge⸗ neigt, unzufrieden, als vergnügt darüber zu ſein. Dieß 358 itnmt daher, weil ſie die Größe des Lebens tief er⸗ feſen. Sben daß ſie ſo füblen, macht ſie groß. Kleine Geiſter hriftſteller, die über ſich ſelbſt und ihre Ar⸗ beiten ſe atzückt ſind, ſollten Angſt haben und an die Worte B au's denken: le sot aque vers soi-méme s'admire.“ Ich fürchtete Richts, als ich meine Tragödie ſchrieb. Ich war entzückt und hielt meine Begeiſterung für die de“ Publifums. Mit großen Schritten ging ich in mei— nem Zimmer auf und ab und deklamirte meine Verſe. Bei den effectvollen Stellen, d. h. bei ſolchen, die mir effectvoll ſchienen, blieb ich ſtehen und hörte das Bei⸗ fallklatſchen des Publikums. Es erhob mich; ich hüpfte hoch auf—— und kam wieder herab—— aber gleichwohl nicht zur Beſinnung. Die Parteilichkeit mei⸗ ner Eltern und Freunde that dieſem Rauſche allen Vorſchub.„Du wirſt boch ſteigen,“ ſagte Lerche. Ich glaubte es und ſab zwiſchen mir und unſterblicher Ehre nur eine einzige Vorſtellung. Sie hatte Statt. Meine Hoffnungen waren hoch aufgeſchraubt, meine Tragödie—— fiel durch. Kein einziges Händeklatſchen, Schweigen, Kälte, da und dort ein Gepfeife, ſogar Gelächter. Einige Tage darauf Kritiken in den öffentlichen Blättern, die kein gutes Haar an meinem„Chriſtiern II.“ ließen, und mich aller Hoff⸗ nungen berauben wollten, je ein einziges Lorbeerblättchen verdienen zu können. Indeß wußte ich gut, daß dieß Manchem widerfahren war, der ſich gleichwohl zu einem großen und berühmten Schriftſteller emporgeſchwungen, und ich beſchloß daher, mich nicht einſchüchtern zu laſſen. Aber vergebens ſuchte ich mich mit dem Gedanken an den Unverſtand der Recenſenten und den Erfahrungen großer Dichter zu tröſten; mein vernichtender Recenſent wurde das ganze Publikum, und was noch ſchlimmer war— ich ſelbſt.(Dieß bleibt doch immer das höchſte Gericht, von welchem keine Apellation mebr ſtattfindet.) Doch war ich im erſten Augenblick nach Chriſtiern's er⸗ eine Ar⸗ an ieb. die nei⸗ rfe. mir ei⸗ pfte ber nei⸗ llen Ich hre och ein ort auf aar off⸗ hen ieß em en, en. gen ent ner 359 Durchfall weit davon entfernt. Gebeugt, aber noch mehr gereizt, als gebeugt wollte ich mit meinem Recenſenten, ja mit dem ganzen Publikum den Kampf wagen; wollte die erſteren mit beißenden Repliken, letzteres mit einer neuen Tragödie ſtrafen. Aber da tra' mein« nie genug zu verehrende Freundin, die hier gege värtige Gene⸗ ralin Mansfett. zu mir und hiel mich mit der kräftigen, geſunden Vernunft, die ſie ſchon in jungen Jahren auszeichnete, zurück, „Mein Freund,“ ſagte ſie,„beſſer fliehen, als ſchlec fechten. Es iſt zu ſpät,„Halt ein“ zu rufen, wenn die Wurſt gegeſſen iſt. Es iſt unnöthig, Holz in den Wald zu tragen. Warum Butter in das Feuer werfen, das Sie brennt? Laſſen Sie die Leute ſchreien und ſehen Sie wohl zu, ob ſie nicht Recht vaben. Ich verſtehe mich nicht auf Ihr Stück und ſolche Dinge, aber ich ſage Ihnen, ich halte nicht viel darauf! Es kommt mir erkünſtelt vor. Habe aber ich und die andern Leute Unrecht, nun gut, ſo wird Ihr Stück wohl einmal Recht bekommen. Dieß iſt meines Erachtens ſchon oft, ſowohl mit Büchern, als mit Menſchen ſo gegangen. Finden Sie jedoch nach reiflicher Prüfung, daß die Leute Recht haben, nun ſo geben Sie Ihr Stück auf. Jeder Kampf dafür iſt unnütz. Ei Affe bleibt ein Affe, wie er ſich auch gebärden mag. Und haben Sie ein ſchlech⸗ tes Stück gemacht, nun gut, ſo können Sie ja ein beſ⸗ ſeres machen. Können Sie das aber nicht, taugen Sie überhaupt nicht zum Schriftſteller— was thut das? Sind Sie deshalb ein ſchlechterer Menſch? Stehen Ihnen nicht viele Wege offen, tüchtig und glücklich zu werden? Lieber Hök! ſorgen Sie nur, daß Ihnen die Augen bei Zeiten aufgehen. Der erſte Schaden ſchmerzt wie der letzte. Deßwegen nehmen Sie lieber gleich die bittere Lehre mit Dank auf.“ Ich nahm mir die Predigt meiner wertben Freun⸗ din zu Herzen, ging heim und ſann in aller Stille über meine verunglückte Tragödie nach. Da fiel es mir wie 360 Schuppen von den Augen. Ich war nicht klug genug ge⸗ weſen, mich vor dem Rauſche zu hüten, aber ich war auch nicht verrückt genug, um nicht wieder nüchtern zu wer⸗ den. Ich ſah deutlich, daß meine Tragödie der Schiller⸗ ſchen Muſe etwa ſo glich, wie der Affe dem Menſchen; ich warf ſie in's Feuer. Indeß war es nicht ſo leicht, einen Entſchluß zu faſſen. Ich hatte mich zu einer lite⸗ rariſchen Laufbahn vorbereitet, und mußte nun immer deutlicher meinen Mangel an ſchöpferiſcher Kraft und poetiſchen Gaben einſehen. Ich hatte keine Luſt zu einer andern Beſchäftigung, ich wußte nicht, was ich mir vor⸗ nehmen, was ich werden ſollte, ich hatte das Steuer verloren, mein Fahrzeug trieb vor Wind und Wellen hin. Hiezu kam noch der Mißmuth und die Betrübniß meiner Eltern, die langen Naſen meiner Freunde, ihr: „Armer Hök!“ Auch Lerche ſeufzte:„Armer Hök!“ Es war nicht auszuhalten. Da kam mir wieder meine vor⸗ treffliche Jugendfreundin zu Hülfe, und erwirkte mir von meinen Eltern Erlaubniß zu einer Reiſe in's Aus⸗ land, um mir, wie ſie ſagte, die Sache aus dem Sinne zu ſchlagen. Ich durchreiste— oft zu Fuß, denn ich war nicht bemittelt— einen großen Theil von Europa, blieb zwei Jahre aus, ſah das Leben in mannigfachen Geſtalten, dachte und verglich. Mein ſchlechter Erfolg in der Welt der Phantaſie hatte meinen Verſtand geſtärkt, und das Leiden, das ich ausgeſtanden, flößte mir meine dringende Begierde ein, das zu erreichen, was überall und in allen Lebensſtellungen bei einem gewiſſen Grad von Cultur, Frieden und Selbſtſtändigkeit verleiht. Unter manchen Bemerkungen, die ich machte, will ich blos eine anführen, die zwar trivial erſcheinen könnte, aber für mein Leben von großem Gewicht war, nämlich, daß die Welt reich iſt an Vortrefflichem und Schönen. Das Schöne recht zu begreifen, zu würdigen, zu bewundern, iſt ein großes Miüttel zur Veredlung, zur Ruhe und Glückſeligkeit. Wenn die eigenliebige Productionsluß, 3 ge⸗ auch wer⸗ Uer⸗ hen; icht, imer und iner vor⸗ euer llen bniß ihr: o0r⸗ mir us⸗ dem icht wei ten, elt das nde on ter los ber ß as rn, nd iſt, 361 die ſo manche lebhafte junge Seele beherrſcht, in Ver⸗ langen nach Einſicht, in die Kraft, das Schöne und Vortreffliche zu bewundern, umſchlüge, ſo würde ihre Unruhe ſich in Ruhe verwandeln, und die Welt bekäme nicht ſo viel verkrüppelte, unzufriedene Menſchen und ſchwache Kunſterzeugniſſe; die wirklich großen Talente erhielten mehr wahre Bewunderer und könnten eben da⸗ durch auch höher ſteigen. Künſtler und Kenner bedürfen einander und erheben ſich gegenſeitig. Die beſten, die glücklichſten Menſchen fand ich unter denen, die mit einer nützlichen und geordneten Wirkſamkeit im bürgerlichen Le⸗ ben ein erhöhtes Gefühl für das Schöne verbanden, und die Fähigkeit, die edelſten Erzeugniſſe der Kunſt zu genießen. Nach zweijährigen Reiſen und Betrachtungen kehrte ich friſch an Seele und Leib zurück und betrat eine noue Lebensbahn. Ich gab indeß die ſchöne Literatur nicht auf, im Gegentheil, je mehr meine Stellung ſich vefeſtigte, mit um ſo innigerer Liebe ſchloß ich mich an dieſe lebenſpendende Quelle an. Aber ich hatte mich ſelbſt kennen gelernt. Ich ſtrebte nie mehr nach des Künſtlers Ruhm, Lorbeeren und Dornenkronen; aber ich ließ es mir ernſtlich angelegen ſein, den aufgeklärten Kunſtliebhaber und Kenner in mir auszubilden. Ich wünſchte, wenn ich auch ſelbſt das Schöne nicht hervor⸗ zubringen vermöge, ſo ſoll mich doch Niemand übertreffen in der Fähigkeit, es von Herzen zu ſchätzen und zu genießen. Ich wage auch zu behaupten, daß mir dieß nicht gänzlich mißlungen iſt. Seit ich einem eitlen Streben abgeſagt und mein Pfund kennen ge⸗ lernt habe, bin ich ruhig und glücklich geworden⸗ Ich bin jetzt alt und jedes Jahr entfernt mich mehr von der Velt, nicht aber von dem ewig Schönen, das ſich unaufhörlich in wechſelnden Geſtalten darin erneuert. Ich hänge mit Liebe daran feſt, es macht mein Herz jung, es hindert meine Gedanken, mit meinen Haaren grau zu werden und läßt mich hoffen, daß ich dereinſt 362 kein unwürdiger Anbeter in der eigentlichen Heimath der Schöndeit ſein werde.“ So ſprach der alte Mann und aus ſeinen milden blauen Augen leuchtete ein heiterer Friede. Wir dank⸗ ten ihm herzlich und ich rief— Etwas vorlaut:„O, ich wollte, daß alle Menſchen, ſowohl die, welche ge— funden, als die, welche nicht gefunden haben, ehe ſie vom Schauplatz abtreten, ihre Befenntniſſe preisgäben. Ich bin überzeugt, daß kein Buch angenehmer und nütz⸗ licher wäre, als eine Sammlung ſolcher Selbſbiogra⸗ phieen. Sie wäre ein guter Wegweiſer für den Suchen⸗ den im Leben. Beſtes Fräulein Hausgiebel, wollten Sie nicht ſogleich ibren Beitrag dazu liefern? Ich nebme es auf mich, ihn aufzuzeichnen. Sie gehören ze zu denen, welche geſucht und bereits gefunden aben.“ „Ich kann es nicht ganz läugnen,“ antwortete Fräu⸗ lein Hellevy, obgleich mir noch viel zu einem vollkom⸗ menen Frieden mit mir ſelbſt fehlt. Aber das glaube ich, daß eine Katecheſe mir am Beſten dazu verhelfen wird. Ich habe immerhin ſchon weit mehr, als ich in meiner Jugend ahnte, in der Welt gefunden und wollen Sie, meine Herrſchaften, eine langweilige Geſchichte hören, ſo bin ich gerne bereit, ſie Ihnen zu erzählen.“ Ich habe keine großen Unglücksfälle erlebt, habe mich über keine großen Widerwärtigkeiten zu beklagen; ich bin ruhig durch die Welt gegangen, aber ich habe — lange Weile gehabt, unbarmherzige Langeweile und kann in ſo fern behaupten, die ſchwerſte Laſt des Lebens getragen zu haben. Mein Vater— haben Sie die Güte, meine Freunde, und merken Sie ſich dieſes Wort — mein Vater war ein Ehrenmann, rechtſchaffen, wahr⸗ baftig; alle Hausgiebel in gerade herabſteigender Linie ſind von dieſem Charakter geweſen; rechtlich bis zur Un⸗ beugſamkeit, gerade in Körperhaltung und Grundſätzen, weder rechts noch links weichend, und ich begreife nicht, wie es kam, daß ich ein ſo unwürdiger Sprößling en U⸗ n⸗ be en en te be be d 18 ie rt F= ie n, 363 meiner verehrungswürdigen Stammväter geworden bin. Mein Vater hatte, wie geſagt, einen moraliſch vor⸗ trefflichen Charakter— und deshalb iſt er jetzt ſelig im Himmelreich— aber er batte gar zu ſtrenge, gar zu altmodiſche Grundſätze über die Erziehung der Frauenzimmer. Er glaubte z. B., es ſei für junge Mädchen gut wenn ſie ſich langweilen, oder, wie er es nannte, wenn ſie gebändigt werden Er war ein geſchworner Feind alles veſſen, was er Eitelkeit nannte, — aber auf dieſer Liſte ſtand eine Menge unſchuldiger Freuden. Ebenſo veraßſcheute er pedantiſche Gelehr⸗ ſamkeit bei den Frauenzimmern, aber unter dieſer Rubrik wurden eine Menge nützliche und beglückende Kennt⸗ niſſe verbannt. Ueber Alles ſchätzte er väusliche Tu⸗ genden, dieſe aber waren auf einen ſebr engen Spielraum beſchränkt. Wir ſollten weben, ſpinnen, näben, nach der Küche und der Haushaltung ſehen, die Kajſa Warg ſtudiren(er ſah höchſt ungern ein anderes Buch in unſern Händen) und uns auf dieſe Art zu tüchtigen Weibern und Hausmüttern heranbilden. Er hielt ſelbſt ſtrenge Aufſicht über mich und meine fünf Schweſtern. Die Schweſtern woben, ich ſpann; jede batte ihre Kochwoche. Nun, der Tag ging vorüber; angenehm war er nicht. Ich beſonders fand ihn oft unerträglich lang, namentlich bei zunehmenden Jahren. Meine Spinnerei ſchien mir ganz unnütz, da ich wußte, daß wir vermögend waren. Die Jahre verſtrichen, Fremde wurden außer einigen alten Verwandten nie in unſerm Hauſe geſehen. Die Schweſtern woben und ich ſpann— ich geſtehe es, mit immer matterer Hand— die Leere meiner Seele und meines Lebens drückte mich. Ich hatte oft Nervenzu⸗ fälle und weinte— ich wußte ſelbſt nicht recht, warum. Die gute Tante Anna Stina, die Mutterſtelle an uns vertrat, war eine ächte Hausgiebel. Sie gehorchte in Allem dem Willen ihres Bruders, glaubte feſt an die Weisheit ſeiner Grundſätze, war aber ſonſt ſehr gut 364 gegen uns. Sie hatte beſtändig den„Rath an meine Tochter,“ auf der Zunge und predigte unaufhörlich: „Uns iſt der Haushalt Republik, Die Toilette Politik.“ Oder: „Das Mädchen ſoll die Wiſſenſchaft Als Kleinod nur betrachten.“ Wir wohnten auf einem einſam gelegenen Land⸗ gut. Das Leben auf dem Lande kann das reichſte auf Erden ſein, aber auch das ärmſte. Iſt das große Buch der Natur vor dem Blicke des Menſchen aufgeſchlagen und vom himmliſchen Lichte beſtrahlt, ſo kann er von ſeiner kleinen Scholle aus alle Herrlichkeit der Welt ſehen und genießen. Erblickt er in der Natur nur das Kartoffelfeld, das ihm Nahrung gibt, dann iſt die Gold⸗ ader der Natur für ihn verſtopft und er ſitzt ſelbſt wie die Kartoffel in der Erde feſt. Unſere Familie ſaß un⸗ gefähr ſo, wie die Kartoffelpflanze. Ich muß jedoch mich ausnehmen. Schon frühe erweckte die Ordnung der Natur meine Bewunderung und die Gegenſtände der⸗ ſelben meine Wißbegierde. Schon frübe ſammelite ich — obwohl ſo geheim als möglich— Pflanzen, Steine und Muſcheln. Auf den langen Wanderungen, die mein Vater zuweilen auf ſeinen Aeckern und Wieſen vornahm, um zu ſehen, wie ſie ſtanden, mußten wir ihn meiſtens begleiten. Es mag ein erbaulicher Anblick geweſen ſein, wie wir da gleich einem Strich Waldſchnepfen in Reih und Glied hintereinander herzogen, bald in der Sonnenhitze, bald in der Näſſe. Ich blieb meiſtens binter den Andern zurück in Betrachtung irgend einer Pflanze oder eines kleinen Inſektes verſunken. Hierüber, ſo wie über meine„Träumereien,“ wurde ich auf eine ——— uf ch en elt as d⸗ ie n„ ch ch ne in n8 en in 8 er e 365 Art geneckt, die, ſo ſanft ſie war, gleichwohl meine em⸗ pfindliche Ehrbegierde verletzte. Mein Vater machte ſich nämlich oft das Vergnügen, kleine Familiengemälde zu entwerfen, wie es künftig in unſerem Hauſe ausſehen werde. Da hieß es z. B. Anne Marie ſpult, Lotte webt, Liſe holt Zucker und Gewürz zum Mittageſſen, Joſephine ſpinnt, Margarethe füttert die Hühner, und am Schluß des Bildes kam jedesmal:„Und Hellevy ſitzt da und guckt in die Sonne“(oder irgend ein ähnliches, unnöthiges Vorvaben), was mich immer ſo tief ergriff, daß ich in Thränen ausbrach. Das einzige untaugliche Mitglied der Familie ſein, nein, das war gar zu uner⸗ träglich, gar zu demütyigend. Wenn nun meine Haus⸗ haltungswoche kam, raſſelte ich tüchtig mit meinen Schlüſſeln, um meinen Vater hören zu laſſen, wie eifrig ich mich des wichtigen Amtes annahm. Aber ach, es half Nichts. In der nächſten Familienſkizze hieß es dennoch wieder:„Und Hellevy ſitzt da und guckt in die Sonne.“ In meiner Familie wurde es zur ſtehenden:„Hellevy gibt nie eine tüchtige Hausfrau,“ (und wozu taugt ſie denn ſonſt2) In dieſem Glauben ſtarben mein Vater und meine Tante: in dieſem Glau⸗ ben leben meine Schweſtern noch heute. Ich habe erwähnt, wie wir unſere Tage zubrach⸗ ten; ich muß nun auch ein Wort von dem Abende ſagen. Um ſieben Uhr verſammelten wir uns regelmäßig in meines Vaters Zimmer. Da ſaßen wir, mit Sticke⸗ reien und andern Näharbeiten beſchäftigt, um einen großen, runden Tiſch herum, mit zwei Lichtern, um die wir immer in einen kleinen Streit geriethen.— Mein Vater ſaß etwas entfernt von uns an einem kleinen Tiſche, mit einem Lichtſchirm vor ſich, und las uns laut vor. Dieß hätte uns angenehm ſein können, allein theils war die franzöſiſche Geſchichte, die wir, ich weiß nicht wie lange, anhören mußten, von ſehr altem Stamm, theils war der Vortrag meines Vaters ganz beſonders langſam und eintönig. Wenn nun an Herbſt⸗ oder — —— 2 —— 366 Winterabenden Regen und Schnee an die Fenſter ſchmetterte und der Sturm draußen ſein unheimliches Lied zu den ſchwerfälligen, langgezogenen Worten, die drinnen ertönten, heulte, ſo wird ſich Niemand darüber wundern, daß der Geiſt des Schlafes mächtig in uns wurde und wir um die Wette über unſern Stickereien nickten. Wenn dann Eine von uns ſich geradezu dem Morpheus überließ, ſo winkte und blickte Tante Anna Stina ganz ſchelmiſch zu den Andern hinüber, als wollte ſie ſagen:„Da iſt der Schweſter N. N. ihr Lämpchen ausgegangen.“ Schlag neun Uhr wurden wir, ſowohl ſchlafende, als Einnickende, dadurch geweckt, daß unſer Vater mit ſeinem Stuhle rückte und dann zogen wir alle hinterein— ander— der Altersrang iſt im Hausgiebel'ſchen Ge⸗ ſchlechte jederzeit heilig gebalten worden— in den Speiſeſaal hinaus, um unſer Abendbrod zu verzehren. Dieß war mäßig und nahm nicht mehr als zehn Minuten weg. Sodann zogen wir auf's Neue in un⸗ ſeres Vaters Zimmer, wo wir ſitzen ſollten, bis die Glocke zehn geſchlagen hatte. Dieſe Zeit war nicht der Arbeit, ſondern lediglich der Unterhaltung gewidmet. Jede von uns hatte ibren beſtimmten Platz im Zimmer. Der meinige war am Ofen, wo die Wärme mich eini—⸗ germaßen für die froſtige Unterhaltung ſchadlos hielt. Denn alle Gegenſtände, die ihr ein etwas lebhafteres Intereſſe hätten geben können, waren ſtreng verbannt, und wenn ich mich mitunter auf ein verbotenes Gebiet wagte, erhielt ich ſogleich einen Verweis mit der Bemer⸗ kung, die Frauenzimmer haben ſich mit ſolchen Sachen nicht zu befaſſen. Unſer Thema ſollte ſich beſtändig in den Tagesangelegenheiten bewegen, am iebſten innerhalb des Hauſes ſelbſt, dann durfte noch ein wenig von Be⸗ kannten, von Familienregiſtern, ökonomiſchen Gegen⸗ ſtänden u. ſ. w. geſprochen werden. Daraus nun ent⸗ ſtand eine meinem Geſchmack nach ziemlich magere Suppe, und gerne hätte ich mich fern davon gehalten, ſter hes die ber uns ten em ina als ihr de, mit in⸗ Ze⸗ den ehn un⸗ die der et. er. ni⸗ elt. res nt, iet er⸗ en in alb Be⸗ en⸗ nt⸗ ere 367 allein wir durften in dieſer Unterhaltungsſtunde nicht ſchweigen, ſondern jede mußte immer Etwas zu ſagen haben. Um unſeren Vergnügungen eine Abwechslung zu geben, zog mein Vater zuweilen eine alte Schatulle hervor, worin eine Menge Antiquitäten lagen, die nach⸗ einander hervorgeholt und wohl zwanzigmal hin⸗ und hergewandt und beſehen wurden. Die Tochter war nicht ganz gut angeſchrieben, die nicht mit den Andern um den Tiſch herumſtand und den Inhalt der Schatulle be⸗ gaffte. Es war ein Unglück, daß unſer Vater es ſich nie abgewöhnen konnte, uns als kleine Kinder zu be⸗ trachten. Aber die kleinen Spangen und Ringe, die Silhouetten von Großvater und Großmutter, die kleine Doſe mit den Kanarienvogelfedern darin, die das neun⸗ jährige Mävchen entzückt, die Zauberlaterne, die ihre ganze Neugierde erregt batte, konnte unmöglich das fünfundzwanzigjährige Weib intereſſiren, das jetzt ge⸗ zwungen daſtand und die Koſtbarkeiten in der Scha⸗ tulle mit mattem, gleichgültigem Blicke anſab. Ich ſagte, daß wir in den Unterhaltungsſtunden immer etwas reden mußten, wenn auch gleich nicht das, worüber wir uns am Liebſten ausgelaſſen hätten. Dar⸗ aus entſtanden nun zuweilen ſonderbare Erbärmlichkei⸗ ten. Ein einziges Beiſpiel mag einen Begriff davon geben. Meine Schweſter und ich hatten eines Tags vom Fenſter aus mit angeſehen, wie eine kleine Heerde va⸗ gabundirender Ferkel in den Hof hereinſtrömte und von unſeren drei Hunden mit großem Eifer herumgejagt wurde. Dieſes koſtbare Ereigniß aus dem wirklichen Leben bewahrten wir den ganzen Tag über in treuem Gedächtniſſe, um die Abendunterhaltung damit zu wür⸗ ze Zufällig kamen wir dieſen Abend nicht in einer eihe, ſondern je nach einigen Pauſen hintereinander in unſeres Vaters Zimmer. Anne Marie, die Erſte, die ihren Platz einnahm, erzählte die Geſchichte von den Ferkeln und den Hunden; deßgleichen auch Lotte, die nach ihr kam; deßgleichen Joſephine, die nach ihr kam; 368 deßgleichen Liſe, die nach ihr kam; deßgleichen Marga⸗ rethe, die nach ihr kam. Als nun zu allerletzt ich her⸗ eintrat, meinen Platz am Ofen einnahm und die Ge⸗ ſchichte von den Ferkeln und Hunden zu erzählen an⸗ fing, unterbrach mich mein Vater und ſagte etwas ver⸗ drießlich:„Ja, dieſe Geſchichte höre ich jetzt zum ſechs⸗ ten Mal.“ Ich geſtehe, daß dieß einen ſtarken Eindruck auf mich machte und mir mehr als alles Andere über das Eingeſchränkte unſeres Kartoffelgeheges die Augen öffnete. Als mein Vater zwei Jahre ſpäter ſtarb und meine gute Tante es ganz natürlich fand, daß wir noch ganz auf dieſelbe Weiſe wie bisher leben ſollten, da ſah Hel⸗ levy wirklich zur Sonne auf und ſagte:„Nein, du ſchöne, Alles belebende Sonne, die Welt, die du beglänzeſt, kann nicht ſo eng, das Leben, das du belebſt, nicht ſo arm ſein. Die Quellen des Lebens und der Tugend entſpringen nicht bloß aus Küche und Keller. Nein, hinaus zu dir, hinaus in's Freie, in der Schönbeit gött⸗ liche Welt.“ Ich wußte bereits, was ich wollte, ich kannte mein Pfund und meinen Platz und ewiger Dank ſei dem redlichen Manne, dem guten und weiſen Vor⸗ münder geſagt, der mir die Hand reichte und mir trotz alles Widerſtandes, den mein Verlangen nach Selbſt⸗ ſtändigkeit im Hausgiebel'ſchen Geſchlechte erweckte, dazu verhalf. Ich war ſiebenundzwanzig Jahre alt, gab mich aber für dreißig aus, pachtete Vogelneſt und legte Alles ſo an, daß ich es in wenigen Jahren kaufen konnte. Wie ich mich dort eingerichtet, wißt ihr, meine Freunde. Seit zehn Jahren ſebe ich alle Tage zur Sonne auf, auch wenn ſie von Wolken verhüllt wird, und preiſe ſie und die herrliche, reiche Welt, die ſie beleuchtet— haben Sie Dank dafür, mein Vormund und vortrefflicher Onkel.“ Eine Thräne perlte in Fräulein Hellevy's leben⸗ digem Auge, während ſie dem Landrichter Hök ihre Hand reichte, der ſie herzlich drückte und küßte. „Und wenn man dieß Alles zuſammenhält,“ ſagte rga⸗ her⸗ Ge⸗ an⸗ ver⸗ chs⸗ auf nete. teine ganz öne, zeſt, t ſo gend kein, gött⸗ Dank Vor⸗ trotz lbſt⸗ dazu Alles Wie Seit auch und kel.“ ben⸗ ihre agte 369 ma chere mere,„ſo ergibt ſich, daß es nichts Schlim⸗ mes gibt, woraus nicht etwas Gutes entſtände, man muß die Sache nur auf die rechte Manier angreifen.“ Franziske.„Ja. Aber warum treffen ſo we⸗ nig Menſchen die rechte Manier? Sie möchten es doch Alle gern. Landrichter Hök.„Ueber die Urſachen dieſer Erſcheinung könnte man eine lange Litanei leſen. Vor Allem kann der Menſch ſein Mißgeſchick ſich ſelbſt zu⸗ ſchreiben, ſeinem eigenen Mangel an Muth, Mangel an Tapferkeit, in der Vedeutung, wie die Alten dieſes Wort nahmen. Man ahnt oft nicht, welche Kraft und Elaſticität der Schöpfer in die Menſchennatur gelegt hat. Man hat nicht den Muth, kraftvoll zu reſigniren, nicht den Muth, ſtandhaft hervorzubrechen; man will nicht capituliren, man will ſich nicht ſchlagen laſſen, und während dieſer Zeit hungert die Beſatzung aus oder es kommt der Feind Tod und nimmt die ganze Feſtung.“ „Verdammt gut geſagt!“ murmelte Bär. Hier erhob ſich der ſchweigende Bruno; Alle ſtan⸗ den auf; die Fremden bereiteten ſich zur Abfahrt. Fräulein Hellevy ſtand am ßenſter. Ich ging zu ihr und äußerte meine Verwunderung über den Land⸗ richter Hök.„Das iſt ja ein ganz liebenswürdiger und intereſſanter Mann,“ ſagte ich. „Was würden Sie erſt ſagen,“ antwortete Fräu⸗ lein Hausgiebel lebhaft,„wenn Sie ihn ſo kennten, wie ich, wenn Sie wüßten, wie wirkſam er für Men⸗ ſchenwohl iſt, wie er in der Stille talentvolle, aber arme Künſtler unterſtützt und ihren Arbeiten an's Tages⸗ licht verhilft. Er iſt gewiß einer der edelſten und beſten Menſchen.“ „Er kann eine von meinen zehn Töchtern in ſein Teſtament einſetzen,“ dachte ich. Ich hatte lange nicht Bremer, die Rachbarn. 24 370 an meine zehn Töchter gedacht, aber nach der Unter⸗ haltung dieſes Abends dachte ich viel an ſie. Den 18. Gott ſei Lob und Dank, ich habe Ausſicht, wieder nach Hauſe zu kommen. Man ſpricht von Morgen oder Uebermorgen. Es verlangt mich ſo herzlich nach meinem kleinen Roſenvik. Die Wohnung hier iſi groß und prächtig, allein ſie gefällt mir doch nicht. Sie iſt zu düſter und eine abſcheuliche Menge Dohlen ſchreit beſtändig von dem alten Thurm herab. Es wird mir unheimlich zu Muthe und ich meine, ich bekomme immer mehr Aehnlichkeit mit einem alten Familienporträt, das in meinem Zimmer hängt. Bruno und ma chére mére ſind viel beiſammen; ſie ſprechen wenig, ſcheinen aber glücklich zu ſein, wenn ſie einander nur anſehen und in demſelben Zimmer ſitzen. Bruno ſcheint ua chèére moére's Serupel in Beziehung auf Hagar beſchwichtigt zu haben, und Hagar zeigt ſich, ſeit Bruno beſſer iſt, nur wenig. Bruno gewinnt mein ganzes Herz durch ſeine großt Zärtlichkeit gegen ſeine Mutter. Sechszehnter Brief. Roſenvik, 20. September 18.„ Geſtern Abend kam ich hier an. Ich kann dir nicht ſagen, wie glücklich es mich macht, daß ich wieder da bin, wie meine Zimmer, meine Cattunmöbel mich ent⸗ zückten, mit welchem Vergnügen ich heute früh das Loch im Fenſtervorhang begrüßte und den Tag durch daſſelbe hereingucken ſah. In langen Zügen ſchlürfe ich meine Heimathluft; denn die Luft in der geliebten Heimath hat einen eigenthümlichen, zugleich erquickenden und rührenden Reiz. Ich bin den ganzen Tag wie eine 371 Feuerflamme berumgefahren, auf der Bühne und in dem Keller, im Hof und im Stalle, ich habe getadelt und habe gelobt. Mit Siſſa und mit Allem, was ſie in den Händen gehabt hat, bin ich ſehr zufrieden. Aber die Hausmagd weiß Nichts von einer Ordnung und hat es auch hören müſſen. Audumbla hat ein Kalb gewor⸗ fen, das ich gebührender Maßen Bär getauft habe; ein muthiges Thierchen! Ich habe meine Blumen begrüßt und wunderte mich, ſie ſo friſch und wohl geflegt zu finden. Mit wahrer Rührung erfuhr ich, daß Serena zweimal in der Woche da war und nach ihnen ſah. Gute, liebenswürdige Serena! Ich hatte meine Blu⸗ men lieb, ich küßte ſie; ſie waren ſo ſchön. Auf den Abend habe ich Blumenkohl geſchnitten. Es hat den Tag über ein wenig geregnet und Alles im Garten ſtand friſch und duftend da, obgleich der Froſt das eine und andere Blatt hatte gelb werden laſſen. Jetzt iſt es Abend und ich ſitze an meinem Schreibtiſch; ich habe die Schwanen den ruhigen See hinabrudern und nach ihrer Wobnung auf der Schwaneninſel ziehen ſehen; ich habe Ramms graue Mauern betrachtet, innerhalb deren ich neulich ſo Vieles erlebt. Ich bin glücklich und dankbar. Ich erwarte meinen Bär aus der Stadt zurück, wo er den ganzen Tag zubrachte und habe ein kleines Mal für ihn bereitet. Eine Ente vom Helgaſee ſoll in Lebensgröße auf unſerm kleinen Tiſche thronen und in ihrem Gefolge befindet ſich Blumenkohl, nebſt dem friſcheſten Salat. Pfannenkuchen und eingemachte Himbeeren werden ganz gemüthlich hinten nachkommen. Da es heute Abend etwas kalt iſt, ſo habe ich im Saale einheizen laſſen und Bär's gefütterten Rock nebſt ſeinen Pantoffeln gewärmt. Ich will ihn verziehen. Während ich jetzt den guten Mann erwarte, will ich dir Etwas von den Auftritten des geſtrigen Tages erzählen. Landrichter Hök kam nach Ramm, um ma cheère mére nach Karlsfors zu begleiten. Wir frühſtückten en kamille, worauf die Wagen vorfuhren. Wetter 372 war ſchön und wir alle heiter und wohlgemuth. Hagar half beim Einpacken, verßteckte ſich aber hinter die Leute, als ma chère mére mit ſteifer, ſtolzer Haltung auf die Treppe hinausſchritt. Bruno führte ſeine Mutter an ihren Wagen. Sie war noch nicht eingeſtiegen, als die Pferde ſcheuten(es find doch gar zu garſtige Thiere) und zwar vor einem mit ſchwarzem Tuch bedeckten Wa⸗ gen, der langſam auf den Hof hereinfuhr. Bruno rief heftig, er ſolle anhalten. Er hielt auch wirklich an und der Fuhrmann kam auf ma chére mére's Wagen zu. Es war Meiſter Svenſſon. Auf dem Wagen befand ſich der von ma chére mére beſtellte Sarg, den man ſonder⸗ bar genug ganz vergeſſen hatte abzubeſtellen. Dieſes ſeltſame Zuſammentreffen brachte uns alle ein wenig aus dem Concept. Ma chére mére faßte ſich zuerſt wieder und ſagte mit lauter Stimme zu dem Tiſchler: aLieber Meiſter, ich hatte dießmal, wie Ihr ſehet, die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Ich dachte, zu ſterben, aber es gefiel dem Herrn, mich am Leben zu erhalten. Sein Wille ſei gelobt. Aber aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben. Der Sarg kommt mir wohl ein andermal zu Statten. Jedenfalls bleibt es bei der Ab⸗ rede wegen des Preiſes und zum Schmaus— zu einem Freudenſchmaus, Meiſter Svenſſon, lade ich Euch auf nächſten Sonntag nach Karlsfors ein. Jetzt könnt Ihr den Sarg hübſch dorthin führen; ich bin eben auch auf dem Wege.“ Meiſter Svenſſon war in großer Verlegenheit. Sein war müde und überdieß hatte er in einer andern egend Geſchäfte.„Nun gut,“ ſagte ma chère mère, ſo laßt den Sarg bis auf Weiteres hier auf die Bühne ſtellen. Ich werde ihn dieſer Tage abholen laſſen.“ Bruno rief Hagar, ſagte einige Worte zu ihr und auf ſeinen Wink kamen einige Leute, die den Sarg vom Wagen hoben und nach Hagar's Anleitung in's Haus trugen;„Achten Sie auf meine Wortt,“ fagte Hagar, gar te, die die re) rief ind zu. ſich er⸗ Ue et, uf ein rn re, ne nd om us ar, 373 als ſie an mir vorbeiging,„es wird bald ein Unglück im Hauſe geſchehen. Dieſer Sarg wird nicht leer hin⸗ ausgetragen.“ Ich hätte Hagar gern ein freundliches Abſchieds⸗ wort geſagt, denn ſie war unglücklich und hatte ſich freundlich gegen mich bewieſen, allein dieſer Auftritt und ihre Worte verwirrten mich, und als ich meine Gedanken wieder geſammelt hatte, war ſie fort, auch rief mir ma chère meère ungeduldig zu, ich ſolle kommen. Landrichter Hök fuhr in ſeinem Desobligeant vor⸗ aus, um den Weg frei zu halten. Sodann kam ma chère mére mit Bruno in ihrem großen Familienwagen; ſie hatten Elſe auch darinnen. Bär und ich in unſerem Cabriolet ſchloſſen den Zug. Wir kamen glücklich an. Es war ſchön, in dem mit feſtlichem Laubwerk geſchmückten Thore Jean Jacques und Jean Marie in Feſtgewändern zum Empfang der Ankömmlinge bereit zu ſehen; es war ſchön, die Diener⸗ ſchaft und eine Menge von den Untergebenen in ſicht⸗ barer Freude und Ergebenheit um ma chére méère ſich ſammeln zu ſehen, als ſie aus dem Wagen ſtieg. Bei ihr ſelbſt ſchien tiefe Rührung und Freude die gewöhnliche ſtolze Haltung zu mildern, als ſie an der Hand ihres Sohnes die Treppe hinaufging, gefolgt von einer Menge Leute, welche glückwünſchend und ſegnend ihre Stimme erhoben. Oben auf der Treppe angekommen, blieb ma chère meére ſtehen, wandte ſich um und machte mit der Hand ein Zeichen, das Stillſchweigen gebot. Nachdem ſie, um ihre Stimme zu klären und ihre Rührung nie⸗ derzukämpfen, mehrere Male gehuſtet hatte, hielt ma chèére mére folgende Rede: „Meine lieben Freunde, Untergebene und Diener! Mit großer Freude ſehe ich euch um mich verſammelt, und will euch verkündigen, daß es dem Allmächtigen ge⸗ fallen hat, mir meinen lieben Sohn, Bruno Mansfelt, wieder zu ſchenken, der eine Zeitlang abweſend war und jetzt wieder gekommen iſt, und den ihr hier an meiner 5 1 6 1 3 1 3 1 6 3 * 13 3 5 5 7 3 374 rechten Hand ſehet. Er iſt es, der neulich mein Leben gerettet hat, mit Gefahr ſeines eigenen, ja mit Gefahr ſeines eigenen, als es dem Herrn gefiel, durch ſeine Blitze meine alten Pferde zu ſchrecken, durch welchen Umſtand mein Leben in Gefahr gerieth und von dieſem, meinem Sohne gerettet wurde, der dabei von den Pfer⸗ den übel geſchlagen wurde und daher eine Binde um ſeinen Kopf trägt, wie ihr ſehet, meine Freunde. Meine Freunde, Untergebene und Diener, ich ſage euch, daß ich dieſen Mann wahrhaft wieder erkannt habe als mei⸗ nen einzigen Sohn Bruno Mansfelt, und ich begehre und fordere von euch, meine Freunde und Diener, daß ihr euch darnach richtet und ihm in allen Stücken als meinem Sohne und rechtmäßigen Erben begegnet und in Allem die Ehrfurcht und den Gehorſam beweiſet, die ihr bisher mir ſelbſt erwieſen habt, wie ich auch hoffe und glaube, daß mein Sohn ſich deſſen würdig zeigen und euch ein gerechter und guter Herr ſein wird. Und nun bitte ich euch, meine lieben Freunde, daß ihr euch mit mir vereinigt, den Segen des Herrn über ſein Haupt herabzurufen.“ Ein herzliches„Es lebe Bruno Mansfelt!“ folgte auf dieſe Rede und man drängte ſich um ma chéère mére und Bruno, um ihnen die Hände zu ſchütteln; aber ma chére mére unterbrach klüglich dieſen gar zu er⸗ müdenden Auftritt, indem ſie ſagte:„Großen Dank, meine lieben Freunde! Aber jetzt müßt ihr meinen Sohn entſchuldigen, daß er nicht länger unter euch verweilt, denn er iſt noch ſchwach von ſeinen Wunden und be⸗ darf der Ruhe. Am Sonntag wollen wir länger mit einander plaudern; auf den Sonntag lade ich euch Alle zuſammen nach Karlsfors ein, um mit mir zu ſchmau⸗ ſen und fröhlich zu ſein. Bier und Wein ſoll fließen und Jeder, der an meiner Freude Theil nehmen und die Geſundheit meines Sohnes trinken will, iſt mir von Herzen willkommen! Adieu, Adieu, meine lieben —— ben fahr eine em, fer⸗ eine daß nei⸗ ehre daß als und iſet, uch dig ird. ihr ſein gte ère ber er⸗ ink, ilt, be⸗ mit Alle au⸗ ßen ind nir ben 375 Kinder!“ Hiermit nahm ma chère mére Bruno's Arm und ging in's Haus hinein. Bruno war wirklich müde und angegriffen und ma chère mère zeigte ſich unenvlich liebenswürdig in ihrer Zärtlichkeit und Sorge für ihn. Sie ſchien ihre Jugend wieder erhalten zu haben, während ſie Bruno's Zimmer ſelbſt in Ordnung brachte, ſelbſt ſein Bett bereitete; ſie war dabei fröhlich, wie eine glückliche junge Mutter. Bruno brachte einige Stunden allein auf ſeinem Zimmer zuz; als er zu uns herabkam, war er ſehr bleich, klärte ſich aber unter dem Einfluß der Freude ſeiner Mutter immer ſchöner auf. Dieſe wirkte aber auch wirk⸗ lich auf uns Alle belebend. Ma chère mère hatte Bär und mich ſo herzlich gebeten, veim Abendeſſen zu blei⸗ ben, daß wir ja ſagen mußten, aber wahrhaft glücklich fühlte ich mich erſt, als wir bei den Strahlen. des Mon⸗ des nach unſerm lieben Roſenvik rollten. Als ich mich endlich wieder daheim in meinem Zimmer befand, da hüpfte ich hoch auf vor Freude und umarmte und küßte meine kleine Siſſa, die es mir eifrig und herzlich er⸗ wiederte. Bär ſah zu und lachte. Heute früh fuhr Bär nach Karsfors, ehe er ſich in die Stadt begab und von dort aus ſchickte mir der gute Mann einen Boten mit folgenden Zeilen: „Zwei Worte ſind beſſer, als gar keines und ich wünſche, daß meine Fanny ſich mit mir darüber freut, daß Alles hier gut ſteht. Bruno iſt heute weit beſſer. Ma chère mère war in vielen Jahren nicht ſo lebens⸗ friſch und vergnügt. Auch ich din vergnügt, vergnügt über die Verſöhnten, über die Sonne, über meine Frau und bin in Zeit und Ewigkeit Dein Bär.“ p. S. Gehe heute Abend nicht aus, liebe Fanny. Ma chère meère ſagte, ſie wolle dich abholen; aber laß dich nicht abholen. Ich möchte gerne wieder einen Abend in Ruhe mit dir auf Roſenvik zubringen.“ — 376 Ausgehen? Nein, mein guter Bär, nicht, wie der König ſelbſt. Stl ein Wagen! Es iſt mein König, mein Bär! Den 22. Erinnerſt du dich, Marie, eines kleinen Lieds, deſſen Strophen ſo anfangen:„Glaub' nicht an's Leben, glaube nicht an Freuden!“ Das möchte ich heute ſingen, wenn ich auch nur die mindeſte Luſt zum Singen hätte; aber dieſe fehlt mir ganz. Abends warf ich ſo vergnügt die Feder weg und flog meinem Bär entgegen. Aber als ich ihn erblickte, wurde ich ganz ſtumm und ſtille. Er war bleich und ſah aufgeregt aus, obgleich er mir ſo herzlich als je ſeine liebe Hand entgegenßtreckte. „Was iſt's Bär? Biſt du krank? „Nein.“ 6 ein Unglück geſchehen? Ach, ſprich doch, was „Ich will es dir nachher ſagen.“ Das Nachher kam bald, denn Bär ſah meine Un⸗ ruhe und als wir im Zimmer allein waren, ſetzte er ſich auf den Sopha, zog mich an ſich, ſchlang ſeinen Arm um mich und ſagte mit Ruhe und Zärtlichkeit:„Es iſt im Ganzen nur eine weltliche Sache, meine Fannpz ein Unglück, von dem ich überzeugt bin, daß du es ſo gut, wo nicht beſſer, als ich, tragen wirſt. Siehe her! Lies ſelbſt!“ Und Bär legte einen Brief in meine Hände. Er war von Peter und in ſichtbarer Haſt und Aufre⸗ gung geſchrieben. Er enthielt die Nachricht, das Hand⸗ lungshaus L. und Comp., wo Bär auf Peter's Rath ſein ganzes Vermögen angelegt, habe Bankerott gemacht und zwar einen ſolchen, der den Gläubigern keine Hoff⸗ nung laſſe, auch nur das Geringſte zurückzuerhalten. Auch Peter's kleine Erſparniß war dabei verloren ge⸗ gangen. Was Bär mit zwanzigjährigen Bemühungen zuſammengebracht hatte, war mit einem Mal dahin. „Mein Bruder“— ſo ſchloß Peter ſeinen Brief— iſt der nig, ſſen ube enmn aber die als ſo 377 „mein geliebteſter Bruder! Was ich verloren habe, iſt gering und wohlverdient, weil ich nicht vorſichtiger war, aber du, du biſt unglücklich durch mich und das bringt mich zur Verzweiflung. Es iſt das bitterſte Gefühl, das ich in meinem Leben gehabt habe. Wäre ich nicht durch den W'ſchen Prozeß hieher geſeſſelt, ſo wäre ich ſelbſt ſtatt dieſes Briefes bei dir, um mich in deine Arme zu werfen und dich um Verzeihung zu bitten.“ Einige Zeilen, die noch folgten, waren höchſt undeutlich ge⸗ ſchrieben. Ein Fleck auf dem Papier, offenbar von einer Thräne, machte das letzte Wort unleſerlich. Auf dieſen Fleck ſtierten Bär's Augen.„Mein armer Peter!“ ſagte er, und große Thränen fingen an, über ſeine bleichen Wangen hinabzurollen. Er lehnte ſeinen Kopf an meine Bruſt und weinte einen Augen⸗ blick heftig. Ich ſagte Nichts, küßte aber ſeine Stirne und ließ ihn fühlen, daß ich ihn verſtehe und mit ihm empfinde! Er wurde ruhiger, und nach einer Weile fingen wir an, mit aller Gelaſſenbeit über das Ereig⸗ niß, das uns getroffen, und über unſere Stellung zu ſprechen. „Ich bin jetzt“ ſagte Bär,„auf demſelben Punkte, auf welchem ich mich vor zwanzig Jahren befand. Die Ausſicht auf ein ſorgenfreies Alter iſt verloren. Wegen meiner allein würde ich mich nicht grämen, wäre ich nur allein.. „Bär!“ rief ich,„möchteſt du ohne mich ſein?“ „Nicht für die ganze Welt,“ antwortete er,„aber ich wünſchte, daß du meinen Wohlſtand theilen ſollteſt und nicht meinen Mangel.“ „Freud und Leid, Bär! Haben wir nicht in unſerer Trauungsſtunde verſprochen, Freud und Leid mit ein⸗ ander zu theilen? Ach, begreife doch, lieber Menſch, daß es meine Luſt iſt, die Noth mit dir zu theilen, wenn ſie kommt, und daß es keine wirkliche Notb für mich gibt, ſo lange du mich liebſt, wie ich dich liebe.“ Ich theile dir nicht mehr von dieſer Unterhaltung 378 mit. Du wirſt dir die Fortſetzung leicht denken können, Marie. Ach, es iſt ja ſo natürlich, ſo leicht und ſo wonnevoll für eine Frau, bei ſolchen Gelegenheiten Troſt und Liebe ſtrömen zu laſſen. Schande über diejenige, die ſich ein Verdienſt daraus machen wollte! Genuß heißt das rechte Wort. Solche Augenblicke haben ihren großen Reichthum. Man liebt einander nie mehr, als da. Bär ſchien es auch zu fühlen, er verſtand meine Ergebenheit, verſtand, daß es an ſeiner Seite mir nie an Muth und Freude fehlen werde. Er war liebevoller gegen mich, als gewöhnlich; ja, er ſchien dankbar für meine Zärtlichkeit; aber ſeine Stirne klärte ſich noch immer nicht auf, ſie lag in tiefen Falten, während er mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf⸗ und abging.(Er ſpuckte übrigens nicht; dieſe Unart hat er fich gänzlich abgewöhnt.)„Armer Peter!“ ſeufzte er zuletzt tief,„ich begreife wohl, was er empfindet, und er kann nicht kommen!— O könnte ich doch... „Zu ihm fahren?“ fiel ich lebhaft ein, ahnend, was meinen Bär drückte;„aber wie kannſt du dich von dei⸗ nen Patienten entfernen?“ „Ich habe gegenwärtig nicht viele und keine gefähr⸗ liche. Mein Freund, Doktor O., würde ſie in meiner Abweſenheit behandeln. Sie kann ich jetzt wohl ver⸗ laſſen, nicht aber— meine Frau!“ „O, ſo geh nur, mein Bär. Deine Frau iſt nicht unvernünftig. Reiſe ab, beruhige Peter und befriedige dein eigenes Herz. Die Frau wird an dich denken, wird nach Haus und Hof ſehen. Sei ihretwegen ohne Sorgen, mein Bär; ſie wird weder unruhig, noch un⸗ geduldig ſein, ſie wird ihrem Manne Ehre machen.“ Bär ſtreckte die Arme nach mir aus; jetzt erſt klärte ſich ſeine Stirne auf. O der gute Menſch! Das Leiden des Bruders hat ihn mehr bedrückt, als ſein eigener Verluſt. Sobald die Reiſe beſchloſſen war, wurde er ruhig, und wir ſprachen bis tief in die Nacht hinein von unſern Angelegenheiten und wie wir uns in Zu⸗ nnen, nd ſo Troſt nige, ihren „als neine r nie er r für noch id er und at er te er „und was dei⸗ fähr⸗ einer ver⸗ nicht edige nken, ohne un⸗ i2 lärte eiden ener de er inein 379 kunft einrichten wollen. Daß die Freude meines kleinen Schmauſes in Rauch aufging, kannſt du dir wohl vor⸗ ſtellen. Zum erſten Mal ſeit unſerer Verheirathung vermochte Bär Nichts zu eſſen, und ich konnte gar nicht daran denken. Die Ente blieb unberührt, wurde aber insgeheim für den Eßkorb auf den folgenden Tag beſtimmt. Ehe wir einſchliefen, war Alles wieder ſo gut, ſo friedvoll in uns, als pätte kein Unglück uns betroffen, und wir beſchloſſen dieſen Tag, wie ſo manchen an⸗ nn Dankſagungen gegen den Allgütigen für unſer uct. Geſtern reiste Bär ab; zuerſt in die Stadt, um dort den Tag zuzubringen. Am Abend wollte er dann weiter reiſen. Er bleibt gegen vierzehn Tage aus. Das wird wohl lang werden. Jetzt ſitze ich als Stroh⸗ wittwe da und fühle, daß mein Muth nicht mehr ſo hoch ſteht, wie er im erſten Augenblicke des Unglücks ſtieg. Aber tief darf er nicht fallen. Das hab ich mir vorgenommen. Was mir bei der demnächſtigen Veränderung in unſern Lebensverhältniſſen am ſchwerſten fällt, iſt, daß wir das kleine Roſenvik verlaſſen und für immer in die Stadt ziehen müſſen. Unſere Mittel erlauben es uns jetzt nicht mehr, blos zum Vergnügen ein Landgut zu haben. Ich denke in der Stille auch daran, wieder Muſik⸗ lectionen anzufangen. O pfui über die Thräne, die hier auf's Papier fiel! Sie darf nicht wieder kommen. Ich weiß ja, daß Alles geht. und gut geht, wenn man Muth in der Seele, Frieden im Herzen und im Hauſe hat. Wie erbärmlich wäre es nicht von mir, wegen der Zukunft bange zu ſein, da mir eines der ſchönſten Looſe des Lebens, ein guter, achtungswürdiger Mann zu Theil geworden iſt. Bär wünſcht, daß unſer Unglück bis auf Weiteres in der Gegend unbekannt bleibe. Ich werde mich daher 380 wohl hüten, Jemand etwas davon ahnen zu laſſen. Ich will mein Verſprechen halten, das ich Bär gegeben habe, will ruhig ſein und in meiner Arbeit Zerftreuung ſuchen. Ich habe viel im Garten zu beſorgen. Ich werde eine Menge Roſenbüſche pflanzen. Und darf ich auch nicht ſelbſt an den Roſen riechen— nun gut, ſo werden ſie die Naſe eines Andern erfreuen. Den 23. Abends. Ich bin wie neu belebt durch meine Gartenarbeit. Serena hat den Tag hier zugebracht und mir gute Hülfe geleiſtet. Wir haben ein Erdbeerenbeet angelegt, haben Stachelbeeren⸗ und Roſenbüſche gepflanzt. Ich hoffe, ſie werden gedeihen. Wie eine ſolche Arbeit er⸗ friſchend iſt. Aber was mir wohler that, als alles Andere, iſt, daß Serena mir ihr Herz, dieſes gute, liebende, reine Herz geöffnet hat. Es iſt ganz ſo, wie ich geahnt habe. Serena liebt Bruno, Bruno liebt Serena. Doch ſcheint das Verhältniß zwiſchen ihnen jetzt abgebrochen zu ſein. Daß es ſo bleiben werde, glaube ich nicht. Aber ſoll ich eine Verbindung zwiſchen ihnen wünſchen? Ach, ich weiß es nicht. Serena iſt bleich. Man ſieht ihr an, daß ſie viel gelitten hat. Jetzt bereitet ſie unſern Thee und ſteht gedankenvoll und anmuthig am Tiſche mit dem wehmüthigen Zuge um ihren Mund. Ich habe ihr ausführlich Alles erzählt, was ſich in der letzten Zeit auf Ramm zugetragen, und ich ſah ſie erblaſſen, erröthen, weinen, leiden und in ſtrahlender Entzückung verklärt werden.—„Der Thee iſt fertig!“„Ich komme mein Engel!“ Guten Abend, liebe Marie! Ich denke heute Nacht gut zu ſchlafen. Morgen werde ich bei ma chére mére ſein. Ich ſchreibe alle Tage an einem Brief an Bär. Es gibt einen gan⸗ zen Band, lauter wichtiges Larifari. 381 Später. Ich bin erſchreckt worden, und noch iſt mir ganz unheimlich zu Muthe. Als Serena nach Haus fahren ſollte, begleitete ich ſie in den Hof hinab. Die Luft war für die ſpäte Jahreszeit ungewöhnlich mild und die Natur in ihrer herbſtlichen, halb wehmüthigen Schön⸗ heit ſtand ruhig um uns her, beglänzt von einer klaren Abendröthe. Serena ſchien dieſen Augenblick vollkom⸗ men zu genießen und ſagte, indem wir einige Schritte nach dem Garten hin thaten:„Glaubſt du nicht, Fanny, daß manchmal in der Luft etwas liegt, was man Güte nennen könnte, und was gleich dieſer auf das Herz wirkt? Man wird gut davon.“ „Du ſprichſt mir aus der Seele, Serena! Aber auf der andern Seite muß ich dich nun auch fragen, ob du nicht bei rauhem Herbſtwetter ſchon Neigung verſpürt haſt, auch am Gemüthe rauh zu werden?“ „Ach ja,“ antwortete Serena lächelnd,„aber wir müſſen dann eine höhere Frühlingsluft ſuchen.“ „Dieß iſt jedoch nicht immer leicht, und für Die⸗ jenigen, die nicht lieben, vielleicht geradezu unmöglich.“ „Ja, glücklich find Diejenigen, die auf Erden oder im Himmel etwas zu lieben haben! Aber wer— fügte ſie hinzu, indem ihr Blick inniger und gleichſam verklärt wurde—„wer braucht dieſes ganz zu miſſen? Iſt nicht die Welt voll von liebenswürdigen Gegen⸗ ſtänden? Kommt es nicht auf uns an, ob wir unſere Seelen derſelben öffnen wollen? Auch jetzt, Fanny“— und ſie ſah ſich in der ſchönen Landſchaft um—„find wir nicht auch hier von lebendigen und liebenswürdigen Weſen umgeben? Ach, es iſt mir oft, als ob von Bäumen und Blumen, von Thieren und Sternen Stim⸗ men ausgingen, die mit mir von dem großen und guten Schöpfer, und dem Leben, das ſie von ihm empfangen, ſprechen— überall begegnet mir eine Seele, die der meinigen gleicht, die ich verſtehen und lieben kann. Und wo, in welchen Verhältniſſen des Lebens ertönen 382 nicht ſolche Stimmen von Weſen und Dingen, die uns Wir brauchen Nichts, als ein offenes Ohr dafür.“ „Und ein reines Herz!“ fügte ich hinzu, indem ich ſie umarmte.„Ja, da könnte das ganze Menſchen⸗ leben ein fortgeſetztes Geſpräch mit Gott werden, und wir wüßten Nichts von Verdrießlichkeit und langer Weile. Aber...“ „Aber ich verliere ganz das Gedächtniß, während ich mit dir ſpreche,“ unterbrach mich Serena.„Der Wagen wartet ſchon eine gute Weile; ich muß abfahren. Adieu, liebſte Fanny, Adieu.“ Serena fuhr weg, und kaum hatte ich ſie aus dem Geſichte verloren, als mein Blick plötzlich auf ein paar Augen ſtieß, deren Ausdruck von dem in Serena's verſchieden war, wie Tag und Nacht. Sie glühten wie zwei Feuerkohlen aus der Syringenhecke, wo ihre Be⸗ ſitzerin ſich verſteckt zu haben ſchien. Ich ſtutzte, dachte an Lucifer und ſtierte auf die zwei brennenden Schlünde. Sie wurden jetzt gegen mich gerichtet und Hagar ſprang aus der Hecke hervor. Mit einem Geſicht, dem wilde Gefühle einen ſchrecklichen Ausdruck verliehen, kam ſie auf mich zu und fragte heftig:„War ſie es war ſie es, die er liebt?.. Sagen Sie, war ſie es?“ Ich wollte ihr ganz ruhig erklären, daß ich ſie nicht verſtehe, aber in demſelben Augenblick kam Jemand. Hagar ſtampfte heftig mit dem Fuß, rang wie unſinnig die Hände und murmelte zwiſchen den Zähnen:„Weh! Weh ihr und— mir!“ So ſtürzte ſie fort. Verſtimmt und erſchrocken ging ich in's Haus hin⸗ ein, indem ich zu mir ſelbſt ſagte:„Es iſt ein Unter⸗ ſchied zwiſchen Liebe und Liebe. Es iſt ein Unterſchied, was, wen und wie.. Dieſer Auftritt hat mich geſtört und beunruhigt. Wollte Gott, Bär wäre ſchon wieder glücklich zu Hauſe! uns Ohr nich chen⸗ und inger hren „Der hren. dem paar ena's wie Be⸗ achte ünde. rng wilde m ſie war es?“ nicht nand. innig Weh! hin⸗ nter⸗ higt. auſe! 383 Siebenzehnter Brief. Roſenvik, den 28. Sept. Es geht etwas Wunderliches mit ma chère meére vor ſeit dem Tage, da ſie nach Karlsfors zurückkam. Sie iſt ſich ſelbſt nicht mehr gleich. Sie iſt ſo ſonder⸗ par ſtill und wie in einen Traum verſunken. Ihre Schritte und Stimme ertönen nicht mehr durch die gro⸗ ßen Säle von Karlsfors. Man hört keinen Hausdonner, tein Schelten mehr, aber auch keine Sprüchwörter, kei⸗ nen friſchen, gemüthlichen Scherz. Mit jedem Tage ſcheint ſie weniger Antheil an dem zu nehmen, was um ſie her vorgeht. Inſpektor und Buchhalter kommen, um ſie in Angelegenheiten des Guts zu befragen; ſie weist ſie an Jean Jacques. Mägde kommen, um über ihr Geſchäft zu reden; ſie weist ſie an Tutten. Tutten ommt, um Rechenſchaft zu geben und Befehle zu em⸗ pfangen; ſie kann lange daſtehen, ſprechen und Verſchie⸗ denes vorſchlagen, ohne eine Antwort zu erhalten. Ma chère mére ſcheint am Ende zu vergeſſen, daß ſie im Zimmer iſt, und Tutten, nachdem ſie gehuſtet und fich derwundert, gefragt und geantwortet hat, entfernt ſich mit ängſtlichem Gemüthe, aber doch im Stillen entzückt über die Ausſicht, Alleinherrſcherin im Hauſe zu werden, ſtößt jedoch plötzlich auf Jean Marie, die ſie allmählig unter ihre Tyrannei nimmt. Auch gegen Bruno iſt ma chére mére verändert, und wenn er drinnen iſt, ſitzt ſie ſtumm da und ſieht ihn unverwandt an. Geſtern ſah ich, wie ſie die Augen auf ihn geheftet hielt und zwei große Thränen über ihre Wangen rollten. Es waren die erſten, die ich ma chöére meère vergießen ſah, ſeit ſie ihren Sohn wieder gefunden. Was mag doch in ihr vorgehen? Was ſoll dieſe Schweigſamkeit, dieſe ungewöhnliche Stille bedeuten? Wenn nur kein 384 Anfall von Hypochondrie oder etwas noch Schlimmerem auf dem Wege iſt! Ich bin ſehr unruhig. Auch Bruno ahnt Schlimmes. Er nahm mich geſtern bei Seite und hte unruhig, wie es denn mit ſeiner Mutter ehe Ich konnte ihm Nichts darauf antworten. Und Bär auf der Reiſe! Was ſollen wir ohne ihn thun? Ich habe ihm geſchrieben, wie es hier ausſieht, damit er wo möglich ſeine Rückreiſe beſchlennigt. Den 3. October. Geſtern habe ich einen Brief von Bär erhalten. Er iſt mit der Feder noch weniger ausführlich, als in münvlicher Rede, doch haben ſeine Worte immer etwas Saftiges. Ich konnte aus ſeinem Brief erſehen, obgleich es nicht mit Worten darin ſtand, daß Peter bei ſeiner Ankunft neu auflebte und ſeine Reiſe in mehreren Be⸗ i nützlich war. Ueber Ebba ſchrieb er:„Sie eht aus, wie ein Vögelchen, das, wenn die Nacht her⸗ einbricht, den Kopf unter die Flügel birgt. Nur gut, daß Peter jetzt der Flügel iſt.“ Im Ganzen war Bärs Brief unendlich gut und beruhigend. Er glaubt, bis zum ſechsten October wieder hier ſein zu können. Möchte er doch bald kommen! Seine Anweſenheit iſt im höch⸗ ſten Grade nöthig. Ich werde immer unruhiger über ma chèére mére. Ganz gewiß iſt irgend eine große Veränderung mit ihr im Anzuge, und jetzt, da ich ernſt⸗ lich für ſie fürchte, fühle ich immer mehr, wie ſehr ich ſie lieb habe. Sie iſt ſeit ein paar Tagen noch ſtiller, noch ſchweigſamer, als zuvor, und ſcheint eine gewiſſe innere Ruhe zu haben; aber in ihren Bewegungen, in Allem, was ſie thut und unternimmt, herrſcht eine Un⸗ gewißheit, eine Verwirrung und Ungeſchicktheit, die ihrer früheren ſo fichern und gewandten Art und Weiſe gänz⸗ lich ungleich iſt. Auch iſt ſie jetzt ſo ungewöhnlich mild und gut, daß die Dienerſchaft im Hauſe darüber ſtaunen muß und zugleich gerührt iſt. Die Leute ſehen einander rem uno eite tter Bär t er 385 an und ſchienen zu fragen:„Was iſt denn das?“ So frage auch ich. Den 7. October. Ach, Marie! Zetzt weiß ich Alles und du ſollſt es auch erfahren. Bär kam vorgeſtern Abend nach Hauſe. Ich empfing ihn, als wäre er der einzige Menſch auf der Welt, NB. außer mir ſelbſt. Was er mir von ſeiner Reiſe, von unſern Angelegenheiten, von Peter und Ebba ſagte, will ich dir ein andermal erzählen. Jetzt kann ich blos von dem ſprechen, was ſich geſtern zutrug. Es war Sonntag und wir waren über Tiſch auf Karlsfors. Bär's Augen waren forſchend auf ma chère mère gerichtet, und die Grimaſſen verriethen nichts Gutes, d. H. ſie blieben gänzlich aus, was bei ihm ein Zeichen von ernſter, ja trauriger Stimmung iſt. Bei Tiſche hatte ma chére mère Bär zu ihrer Rechten, Bruno zur Linken. Sie war ſchweigſam und ſtille, wie gewöhnlich ſeit einiger Zeit, aber ganz auffallend blaß. Auch die Haltung war nicht ſo ſtolz, die Toilette nicht ſo geordnet, wie ſonſt. Die Slurka ſaß ſchief und einige weiße Haare fielen über die graublaſſe Wange herab. Es that mir weh, wenn ich ſie anſah. Als wir die Suppe gegeſſen hatten, wollte ma chère mere Bruno Wein einſchenken. Der Wein rann in Strömen auf das Tiſchtuch, und ſie merkte es nicht. Bruno wollte die Flaſche aus ihrer Hand nehmen, in⸗ dem er leiſe ſagte:„Mutter, du ſchütteſt den Wein auf das Tiſchtuch.“ „Thue ich das?“ ſagte ſie mit unheimlicher Stimme; „nun, dann ſehe ich, daß es aus mit mir iſt; ſchenke dir ſelbſt ein, mein Sohn, deine Mutter wird es nicht mehr thun!“ Sie ſiellte die Flaſche auf den Tiſch, rückte den Stuhl und ſtand auf. Wir Alle erhoben uns zu gleicher Zeit.„Bleibt ſitzen!“ ſagte ma chere more mit ſtarkem, gebieteriſchem Tone,„bleibt ſitzen, Nie⸗ mand folge mir.“ Bremer, die Nachbarn. 25 386 Sie grüßte mit der Hand und ſchritt langſam und majeſtätiſch mitten durch die verwunderten Bedienten hinaus, ſtieß aber an die Thüre an, wobei Bär und Bruno heftig aufſprangen. Sie wandte ſich raſch um und rief:„Wer mir folgt, iſt mein Freund nicht! Bleibt Alle ruhig hier,“ fügte ſie ſanfter hinzu,„ich werde euch bald rufen laſſen.“ Wir kannten ma chère mère's Gemüthsart zu gut, um uns ihrem ſo ſtreng ausgeſprochenen Willen zu wi⸗ derſetzen, aber Du kannſt Dir kaum vorſtellen, in wel⸗ cher Spannung wir waren. Ueber eine Stunde brach⸗ ten wir in der peinlichſten Erwartung zu. Bruno's Leiden ging mir tief zu Herzen. Mit gerunzelten Aug⸗ braunen ging er heftig im Zimmer auf und ab und trocknete zuweilen den Angſiſchweiß von ſeiner bleichen Stirne. Envlich kam Elſe. Die ſonſt ſo ruhige Die⸗ nerin war ſich ſelbſt nicht gleich. Mit verwirrtem Aus⸗ ſehen und unſicherer Stimme bat ſie uns, zur Frau Generalin hineinzukommen. Bruno ſtürzte voraus, wir eilten ihm nach, und mit innerem Beben machte ich mich auf irgend etwas Schreckliches gefaßt. Aber nein, es war kein ſchreckli⸗ cher Anblick, was uns in ma chére mére's Zimmer wurde. Sie ſaß im Hintergrunde deſſelben in ihrem großen Lehnſtuhl, aufrecht und ruhig, aber ohne Gene⸗ ralsmiene, und nur auf dem blaſſen Geſichte, auf den rothen und geſchwollenen Augenlidern zeigten ſich Spu⸗ einer ſtarken, aber überſtandenen Gemüthserſchüt⸗ erung. „Seit Ihr alle hier?“ fragte ma chére mére mit feſter Stimme. Es wurde bejaht, und wir ſammelten uns um ſie. „Meine Kinder!“ begann ſie jetzt mit einer wun⸗ derlichen Miſchung von Kraft und Demuth,„ich habe einen Augenblick allein ſein wollen, um mich darauf vorzubereiten, ſo wie es einer Chriſtin anſteht, mit meinem jetzt offenbaren Unglück vor Euch zu erſcheinen. und nten und um leibt ee gut, wi⸗ wel⸗ rach⸗ mo's Aug⸗ und ichen Die⸗ Aus⸗ Frau und twas eckli⸗ nmer hrem ene⸗ f den Spu⸗ chüt⸗ mit elten wun⸗ habe rauf mit inen. 387 Der Gram hat ſich ſein Recht genommen; es iſt jetzt Zeit, daß die Vernunft das ihrige ſich zueigne. Meine ſieben Kinder, die Hand des Herrn ruht ſchwer über mir. Er hat meine Augen mit Finſterniß geſchlagen.“ Ein dumpfer Klageruf ließ ſich hören und das Echo deſſelben erhob ſich rund umher. Ich ergriff Bär's Hand und ſah ihm an, daß er die Sache geahnt hatte. „Meine lieben Kinder,“ begann ma chère mère auf's Neue.„Ihr ſollt Euch meinetwegen nicht härmen. Auch ich härme mich nicht mehr. Im Anfang, das ge⸗ ſtehe ich, war es mir ſchwer, und ich wollte es lange nicht glauben, daß es ſo mit mir ſtehe. Nein, ich wollte nicht darauf eingehen; ich weigerte mich, ich murrte in meinem Innern; ich wollte gegen den Strom ſchwim⸗ men. Ader es wurde dunkler und immer dunkler; das Unglück wurde immer gewiſſer und gewiſſer, heute wurde es mir vollkommen klar, und jetzt— habe ich mich ge⸗ demüthigt. Ach, meine Kinder, laßt uns für's Erfle bedenken, daß es unmöglich iſt, gegen den Herrn zu ſtreiten; wenn wir ihm kleine Steine zuwerfen, ſo wirft er uns große zurück. Für's Zweite ſind wir Alle kurzſichtige Menſchen, und wiſſen nur ſchlecht, was uns und Andern gut iſt, und deßhalb, meine Kinder, iſt Drittens gut für uns, uns unter die Hand des Herrn zu kuſchen und ihm unterthänig zu ſeyn; denn er weiß wohl, was er thut.“ Ich konnte nicht länger ruhig daſtehen. Weinend warf ich mich ma chère mére um den Hals und rief: „Bär wird ma chére mère helfen; er wird Ihnen das Geſicht wieder verſchaffen, Mutter.“ „Ich hoffe es wirklich zu können,“ ſagte Bär, in⸗ dem er näher trat, ihre Hand ergriff und ihr ſcharf in die Augen ſah.„Es iſt der graue Staar. Der kann kurirt werden. In einem oder zwei Jahren iſt er ver⸗ muthlich reif, ſo daß eine Operation vorgenommen wer⸗ den kann.“ „Lars Anders,“ ſagte ma cheère indem ſie * S —— 388 ſeine Hand drückte,„ich will an dich glauben, und in dieſem Glauben freudig leben. Ich werde geduldig war⸗ ten, bis der Tag kommt, da ich des Herrn Sonne wie⸗ der ſehen darf. Und wenn er mir hier auf Erden nicht mehr erſcheint, ſo werde ich dennoch ergebungsvoll in meinem Dunkel ſitzen, Ich habe früher in ſchlimmerer Finſterniß geſeſſen. Zetzt bin ich vergleichungsweiſe glücklich. Meine Augen haben ſich doch an einer großen Freude ſatt ſehen dürfen. Und wenn ich ihn auch jetzt nicht mehr ſehen kann, ſo kann ich doch hören, meinen Sohn— und Euch Alle!“ fügte ſie hinzu, als fürchtete ſie eine Ungerechtigkeit gegen uns zu begehen. Bruno ſtand über ſeine Mutter hingeneigt. Sein Kopf war gegen den ihrigen herabgebeugt, und ſie fühlte ſeinen Athem auf ihrer Stirne. Biſt du's, mein Sohn?“ ſagte ſie zärtlich und erhob die verdunkelten Augen ein wenig. „Ja, meine Mutter,“ antwortete er mit gerührter, melodiſcher Stimme. „So gib mir den Arm, mein Sohn, und führe mich in den Saal hinaus,“ ſagte ma chére méère.„Und Ihr, meine Kinder, folget Alle nach. Brund ſoll uns eines ſeiner ſchönen Stücke ſpielen und wir werden Alle ſein wie früher. Thut mir den Gefallen, meine Kin⸗ der; laßt Euch durch mein Unglück nicht ſtören, und glaubet nicht, daß Ihr mich beklagen müſſet. Keines von Euch ſoll mehr Mühe als vorher damit haben, mich zu pflegen und zu unterhalten. Ich werde mir ſchon ſelbſt helfen. Und bedarf ich zuweilen einer andern Hand, eines andern Auges, ſo werde ich darum bitten, und bin überzeugt, daß es mir nicht fehlen wird. Im Uebri⸗; gen wollen wir ſo wenig wie möglich aus dieſer Sache machen.„Es iſt ein Alterweibertroſt, zu jammern und zu winſeln,“ ſagt unſer großer König Guſtav Adolf, und ich ſage, daß es jedem vernünftigen Menſchen ge⸗ ziemt, Gott im Herzen zu haben und geduldig das Kreuz zu tragen, das er auflegt.“ tere bal Abe mè Iht tere hör d in war⸗ wie⸗ nicht U in nerer weiſe roßen jetzt einen chtete Sein d ſie mein kelten hrter, mich „Und uns Alle Kin⸗ und eines mich ſchon Hand, und lebri⸗ Sache mund ldolf, n ge⸗ Kreuz 389 Mit dieſen Worten ſtand ma chère mére auf und reichte Bruno ihren Arm; er aber legte den ſeinigen um ihren Leib, preßte mit unendlicher Zärtlichkeit ihre Hand an ſeine Lippen und führte ſie ſo aus dem Zim⸗ mer. Eine ſchwache Röthe flammte hiebei auf ma chère mere's bleicher Wange auf, und mit einem Lächeln, das man gewiß glückſelig nennen kann, lehnte ſie ihren Kopf an ſeine Schultern. So gingen ſie beide. Wir Andern folgten ihnen. Hierauf ſpielte Bruno, wie ſeine Mutter gewünſcht hatte, und ſpielte göttlich. Ich habe nie Jemand ſolche Töne einem Inſtrument entlocken hören. „Er ſpielt nicht wie ein Engel, ſondern wie ein Erzengel,“ ſagte ma chéère mére; aber als er in düſte⸗ rere Töne verfiel, ſagte ſie:„Höre, mein Lieber, ſpiele etwas Munteres, das iſt ſo ängſtlich.“ Wie die berühmte Königin Eliſabeth liebt ma chére mère eigentlich nur fröhliche und lärmende Muſik. Nach der Muſik unterhielt man ſich. Wir ſchloſſen einen Kreis um ma chéère mére, und gewiß that, trotz ihres Verbotes, jedes ſein Beſtes, um ſie zu zerſtreuen und aufzumuntern, denn noch nie iſt mir eine Conver⸗ ſation ſo belebt und unterhaltend vorgekommen, auch wurde ma chére meére dabei lebhafter und aufgeräum⸗ ter, als ich ſie je geſehen habe. Bruno glänzte in in⸗ tereſſanten und feurig vorgetragenen Erzählungen. Ma chère mére ſchrie zuweilen laut auf, bald vor Schreck, bald vor Ueberraſchung und Freude. Ich geſtehe, daß ich es auch ſo machte. Wundervoller, unbegreiflicher, intereſſanter Bruno! Unter ſolchen Geſprächen verging Nachmittag und Abend, man wußte nicht, wie. Wir wunderten uns Alle, als das Nachteſſen angeſagt wurde. Ma chére mére ſagte, als ſie aufſtand:„Meine lieben Kinder, Ihr ſeid heute Abend ſo ausnehmend luſtig und in⸗ tereſſant, daß ich die ganze Nacht daſitzen und Euch zu⸗ hören könnte. Aber wer aus dem Topfe ißt, hat Nichts 390 in der Schüſſel und man ſoll des Guten nicht zu vlel thun. Ich habe mich heute nicht ganz gut befunden, und thue wohl am Beſten daran, wenn ich jetzt zu Bette gehe. Ich danke Euch Allen, meine Kinder, für den vergnügten Abend, und wünſche eine geſegnete Mahl⸗ zeit und eine ruhige Nacht.“ Bruno führte ſeine Mutter in ihr Zimmer und blieb lange bei ihr. Als er zu uns zurückkam, war er ſtill und traurig, aber ſanft. Nach dem Eſſen ſprach er lange mit Bär über den Staar, und unterrichtete ſich genau über ſeine Art, ſeine Entwicklung, Operationu. ſ. w., was Alles der gute Doctor con amore beſchrieb. Bär hält es für wahrſcheinlich, daß ma chèére mé- re's Blindheit von ihrer heftigen Gemüthsbewegung bei der Wiedererkennung ihres Sohnes berkomme. Aber davon darf Bruno Richts ahnen. Sonderbar, daß dieſe Mutter und dieſer Sohn wie vom Schickſal dazu ge⸗ führt werden, einander Unglück zu bringen. Aber jetzt, ſeit das Dunkel eingebrochen iſt, muß wohl der Kampf aufhören und der Verſöhnungsengel, der in ihre See⸗ len hinabgeſtiegen, ſeine Schwingen auch über ihr Le⸗ ben ausbreiten⸗ „Aber wie wird es künftig mit ma chère mére gehen? Wird ſie ihre Gemüthsſtärke behaupten können? Wird ihre Kraft nicht ſinken? Was wird ſie künftig thun, was wird ſie ſich vornehmen? Sie, die beſtändig berrſchte und ſo unruhig war, wird ſie durch Unthätig⸗ keit nicht niedergedrückt, wird fie nicht milzſüchtig, zän⸗ kiſch, mürriſch, ſich ſelbſt und Andern zur Plage wer⸗ den? Sage einmal Bär, was glaubſt du?“ „Hm! Wir wollen ſehen.“ Den 9. Wir ſuchen jetzt unſere Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Es wird ſchwerer, als wir im Anfang glaubten. Bedeutende Schulden werden uns drücken. Bär's Wohlthätigkeit gegen arme Verwandte mütterlicher viel den, t zu für und r er prach ſich ſ. w., meè- gbei Aber dieſe u ge⸗ jetzt, ampf See⸗ r Le⸗ méère nen inftig ändig ätig⸗ zän⸗ wer⸗ nung nfang ücken. licher 391 Seits fällt jetzt wie eine ſchwere Laſt auf ihn zurück. Manche Einſchränkungen müſſen in unſerer Haushaltung vorgenommen werden, und bei All' dem ſebe ich den⸗ noch auf den nächſten Winter einem gänzlichen Geld⸗ mangel entgegen. Aber Bär iſt ein Mann von ſtarkem Geiſte und gutem Gemüth, und wenn ich in die Stadt tomme, werde ich ſogleich Muſiklectionen geben. Wir ziehen bald hin. Bär hat eine kleine Wohnung von drei Zimmern nebſt einer Küche gemiethet. Es thut mir weh, jetzt von ma chère meére ſchei⸗ den zu müſſen. Sie war ſeit unſerem letzten Zuſammen⸗ ſein beſtändig unwohl. Ich habe Zahnweh; mein Herz iſt ſchwer. Es gibt Zeiten, wo ſich Alles ſo verdrießlich macht. Aber wir wollen dann nur nicht vergeſſen, daß wir auch Freude gehabt haben, daß wir glücklich gewe⸗ ſen ſind. Ich werde es nicht thun und mir meine Welt nicht durch allzugroße Ungeduld ſchwer und langweilig machen. Schwerfälligkeit haſſe ich eben ſo ſehr, wie nur je Fräulein Hellevg Hausgiebel es thut. Es gibt, und das fühle ich jetzt, Schwerfälliges genug, Laſten, die man nicht abwenden kann und nicht abwenden will. Man muß ſich dann nur Mühe geben, ſie leicht zu tragen⸗ Den 14. Hoch lebe ma chére mère! Man kann ſich nicht veſſer und verſtändiger in ſein Unglück finden, als ſie; man kann ſich nicht mit mehr Würde unter die Hand des Herrn„kuſchen.“ Sie hat die ganze Verwaltung nach Außen Jean Jacques, die des Hauſes Jean Marie übertragen, und ſich nur vorbehalten, in gewiſſen Fällen um Rath gefragt zu werden. Bei dieſer Gelegenheit hat ſie eine große und ſtattliche Rede an ihre Unterge⸗ benen und Dienſtleute gehalten.(Tutten hat bis auf's Frühjahr aufgekündigt; ſie und Jean Marie find nicht die beſten Freundinnen.) Ferner hat ſich ma chère mére aus dem Be'ſchen Inſtitut in Stockholm eine Perſon verſchrieben, die ſie im Laufe des Winters unterrichten 392 ſoll, auch während ihrer Blindheit Allerhand zu thun, als ſchreiben, Karten ſpielen u. ſ. w. Mittlerweile ſtrickt ſie fleißig an ihrem großen Netze und übt ſich eifrig auf der Violine. Von Gemüth iſt ſie ruhig, freundlich und ſogar heiter. Ich muß auch ſagen, daß Jean Marie ſich vortrefflich gegen ſie benimmt, und Abends mit einer Selbſtverleugnung, die alle Achtung verdient, alle Sonaten von Steibelt und Pleyel„avec accompagnement de violon“ ſpielt, die ma chère more auf ihrer Violine auswendig kann. Auf der andern Seite iſt auch ma chère mére viel herzlicher gegen Jean Marie, und dieß ſcheint ihr wohlzuthun. Bruno iſt alle Tage auf Karlsfors. Ma chére meére erkennt ſchon von Ferne den Galopp ſeines Roſſes, erröthet dann und ruft:„Jetzt kommt er!“ Wenn er bei ihr iſt, herrſcht etwas weit Weiblicheres und Anmuthigeres in ihrem Weſen, als ſonſt. Bruno kauft Ramm und läßt ſich dort nieder. Den 15. Wir haben heute verſchiedene Zahlungen gemacht, die all unſer Geld wegnahmen. Ich glaubte, es ſei kein Stüber mehr übrig. Da entdeckte ich, daß wir noch ein Zwölfſchillingsſtück beſaßen. Ich wurde dar⸗ über ſo entzückt, daß ich über mich ſelbſt lachen mußte, dann aber weinte ich, endlich lachte ich wieder und um⸗ armte meinen Bär. Uebermorgen ziehen wir in die Stadt. Ich denke mit Freude daran, daß ich dort Serena und die vor⸗ trefflichen alten Dahls recht oft ſehen werde. Im Uebri⸗ gen werden wir keine neuen Bekanntſchaften machen, ſondern ſtille für uns leben. Im Winter wird es ſchon gehen, aber im Frühling!... Ach, im Frühling, wenn Alles ſo ſchön auf dem Lande iſt, wenn Luft und Blu⸗ men, und Schmetterlinge und Vogelgeſang nein, ich will mich nicht traurig machen. Ich will das nicht. Ich will auch Blumen in meinem Zimmer haben, und ſelbf meir un, eile fich ig, aß ind ing vec ere ern en mo nnt het ihr res ind te, 393 ſelbſt Schmetterling und Singvogel ſein für ſie und für meinen Bär. 6 Achtzehnter Brief. W. den 20. October. Seit drei Tagen find wir in der Stadt. Montag Morgen verließen wir Roſenvik— nicht ohne Thränen von meiner Seite, ich geſtehe es; aber ich hütete mich wohl, Bär dieſelben ſehen zu laſſen. Ach, ich ſollte alſo dieſes allerliebſte Plätzchen nicht mehr mein Haus nen⸗ nen dürfen. Der Morgen war grau und kühl. Schnee flog in der Luft. Der Weg war holprig vom Nacht⸗ froſte. Der arme Polle zog ſchwer an Bär und ſeiner Bärin. Wir frühſtückten auf Vogelneſt, einer ausdrück⸗ lichen Einladung von Fräulein Hellevy Hausgiebel zu⸗ folge. Ihr guter Kaffee nebſt den dazu gehörigen Lecker⸗ biſſen, ihr ſchönes Muſeum und einiges muntere Ge⸗ ſchwätz belebten mich auf's Neue, und ich war wieder guten Muths, als ich in die Stadt kam. Unſere drei kleinen Zimmer find hübſch und heiter, liegen aber nicht auf der Sonnenſeite, was mir durch⸗ aus nicht gefallen will, Lebt wohl, meine Blumen! Nun, man kann auch ohne ſie leben. Ich habe dieſe Tage viel herumgeſtöbert. Geſtern machte ich ſelbſt die Gardinen in unſern Zimmern auf. Serena war da und half mir. Wie intereſſant das Geſpräch hiebei war, kannſt du dir denken.„Mein Engel, gib mir dieſes Stück Mouſſelin!— Haſt du die Scheere?— Wo ſind die Stecknadeln?—„Hier!“—„Der Hammer?“— „Da!“—„Dieſer Nagel da, ſteckt ſchief.“—„Ja, ein wenig.“—„Das Stiftchen da iſt ſtumpf.“—„Hier haſt du ein anderes“ u. ſ. w., und dann ein wenig 394 Scherz und Gelächter. Mit Serena werden die Arbei⸗ ten zu Vergnügungen. Sie thut Alles leicht und gut. Bis Mittag haiten wir Alles in Ordnung, und als Bär nach Hauſe kam, führte ich ihn mit Stolz in ſein Zim⸗ mer, das er noch nie ſo zierlich geſehen hatte.“ „Ah, der Teufel!“ rief er aus Leibeskräften, gaf⸗ fend und Grimaſſen ſchneidend. Serena ſpeiste mit uns. Sie war heiter und ſcherzte mit Bär; das Eſſen war gut; ein recht angenehmes Schmäuschen. Als Serena gleich nach Tiſch uns ver⸗ laſſen hatte, gerieth Bär in eine Art Extaſe über ſie und rief aus: „Sie iſt ein wahrer Engel!“ „Ja, Bär. Und deßhalb würde ſie auch gar nicht für dich zur Frau paſſen.“ „Nicht im Geringſten; ſo wenig, als ich für ſie zum Mann. Für mich paßt blos eine und dieß iſt— meine Frau.“ „Nun, das lautet ja ganz vortrefflich!“ Alles iſt jetzt in Ordnung in meinem kleinen Hauſe. Hätte ich nur Sonne! Aber, Gott ſei Dank, ich habe die beſte Sonne des Hauſes, Frieden! Den 1. November. Unſer Unglück iſt allgemein bekannt. Weißt du auch, wie wir es zuerſt erfuhren? Dadurch, daß Bruno eines Morgens eifrig zu Bär kam, und ihm ſein hal⸗ bes Vermögen zur Verfügung ſtellte. Es that ihm weh, daß Bär Nichts annehmen wollte, außer einem kleinen Anlehen, und dieß nur, um eine Schuld, die ihn drückte, bezahlen zu können. Der gute Dahl kam eben⸗ falls ſelbſt zu Bär, um ihm ſeine Dienſte anzubieten. Alle unſere Bekannte haben ſich freundlich und theil⸗ nehmend gezeigt, mehrere von den Häuſern, wo Bär Arzt iſt, haben ihr gewöhnliches Honorar jetzt ſchon eingeſandt. Mit Allem dieſem iſt unſern gegenwärtigen bei⸗ gut. im⸗ gaf⸗ erzte mes ver⸗ r fie nicht r ſie . uſe. habe du runo hal⸗ ihm nem ihn ben⸗ eten. heil⸗ Bär chon igen 393 Sorgen zum größern Theil abgeholfen und ich bin ganz entzückt über die Güte der Menſchen. Kein Beſuch und keine Güte hat mich indeß mehr gerührt, als die ma chére mére's. Sie kam geſtern Nachmittag ſo freundlich und herzlich. Sie ließ ſich von mir überall in den Zimmern, der Küche und Speiſe⸗ kammer herumführen, fragte mich genau über alle meine Anordnungen, und beklagte blos, daß ſie meine Gar⸗ dinen nicht ſehen könne, die, wie das Gerücht ſage, mir ganz beſonders geglückt ſeien. Des Verluſtes, den wir erlitten, erwähnte ſie nicht, aber nach dem Thee ſagte ſie auf Einmal ſcheltend: „Höre, Lars Anders, was find das für Dumm⸗ deiten, die du, wie die Leute ſchwatzen, im Sinne ha⸗ ben ſollſt? Roſenvik verlaſſen? Das verbitte ich mir. Ich will gar Nichts davon hören. Und wenn du ein paar Jahre lang kein Pachtgeld bezahlen kannſt, ſo ſollſt du es, hol' mich der Henker! ohne Pachtgeld haben. Ja, das ſollſt du. Ich will kein Wort dagegen hören. Es iſt ſchon geſagt und beſchloſſen.“ Bär mit ſeiner ſchrecklichen Unabhängigkeit wollte gar viel dagegen ſagen, aber ich war ſo entzückt über ma chöère mére's Worte, daß ich ihr ſogleich Wangen, Hände und Kleider küßte, was ſeinem Widerſtand alle Kraft benahm. Er brummte jetzt blos noch vor ſich hin:„Es iſt zu viel!... Wir können nicht anneh⸗ men, was wir.. nicht vergelten können.“ Aber ma chère more unterbrach ihn heftig und ſagte, indem ſie mich auf ihrem Schooße hehielt: „Lieber Lars Anders, ſtehe nicht hin und brumme, wie ein Käfer in einem Faſſe. Zu Viel und zu Wenig verdirbt Alles. Unabhängig ſein und auf eigenen Füßen ſtehen iſt eine gute Sache. Aber von einem Freunde einen Dienſt nicht annehmen wollen, iſt Hochmuth und taugt zu Nichts. Du haſt einen Verluſt gehabt. Es war nicht dein Fehler. Nun gut, dann brauchſt du dich deßwegen auch nicht zu ſchämen. Nimm den Löffel 396 in die ſchöne Hand, Lars Anders, und richte dich nach den Umſtänden. Jedermann muß es thun, früher oder ſpäter; heute mir, morgen dir. Was von Herzen ge⸗ boten wird, darf nicht zurückgewieſen werden. Ueber⸗ dieß, meine Freunde, wenn ich euch einen Dienſt erweiſe, ſo erweiſe ich auch mir ſelbſt einen Dienſt, denn es iſt mir ſehr lieb, euch zu Nachbarn zu haben;— ich habe keine, die mir ſo lieb wären. Es bleibt alſo bei dem, wie ich geſagt habe. Behaltet Roſenvik auf fünf Jahre ohne Pachtgeld, ſpäter könnt ihr mich wieder bezahlen, wie früher. Es werden ſchon beſſere Zeiten bei euch kommen, Kinder, denn ihr ſeid fleißig und umſichtig, und nach dem Unwetter läßt Gott die Sonne ſcheinen. Sei nicht eigenſinnig, Lars Anders. Sei ein guter Mann. Sieh deine Frau an, ſie iſt viel verſtändiger, als du. Komm her und küſſe meine Hand und laß uns einig ſein.“ Und ſie reichte Bär die Hand hin, der ſie halb mürriſch, halb dankbar und zärtlich küßte und ſchüt⸗ telte. Die Sache war jetzt abgemacht, wurde nicht wei⸗ ter beſprochen, und ma chère méère fuhr freundlich und fröhlich, wie ſie gekommen war, nach Hauſe zurück. Ich war ſo in der innerſten Seele glücklich, mein Roſenvik wieder zu haben und den Frühling mit ſeinen Blumen und Vögeln dort zu genießen, daß Bär mit ſeiner unabhängigen Halsſtarrigkeit Nichts ausrichtete, ſondern mit mir glücklich wurde. So darf ich alſo dann wieder an meinen Roſen riechen, meine Stachel⸗ beeren pflücken, meinen Blumenkohl ſchneiden, meinen Garten anbauen und verſchönern. Das iſt göttlich! Den 14. Nobember. Seit anderthalb Wochen ertheile ich Muſiklectionen. Serena, der ich mich anvertraute, hat mir vier Schü⸗ lerinnen verſchafft. Sie kommen des Vormittags, ſo lange Bär fort iſt. Er weiß Nichts von meinem Trei⸗ ben und wird ſich zur Zeit verwundern, wie„zum T. l“ die Haushaltung beſteht und das Geld in der nach oder ber⸗ eiſe, iſt abe em, hre len, uch tig, en. uter ger, uns üt⸗ vei⸗ und ein nen mit ete, lſo hel⸗ nen ten. hü⸗ rei⸗ um der 397 Schatulle doch nicht abnimmt. Für einen ſo guten und ſo anſpruchsloſen Mann ſo etwas zu thun, iſt ein wahrer Genuß. Im entgegengeſetzten Fall wäre es eine Plage. Mit zwei Mufikſtunden geht es, und was ginge auch nicht, wenn man ernſtlich will? Angenehm ſind ſie freilich nicht. Drei von meinen Schülerinnen ſind ſehr träge und faſt ohne alle Vorkenntniſſe. Ich thue mein Möglichſtes, um ſie aufzumuntern. Wir dreſchen die bataille de Prague mit Schweiß und Mübhe durch. Meine vierte Schülerin iſt ein aufgewecktes Mädchen und macht mir Freude. Mit den alten Dahls komme ich in ein immer trau⸗ licheres Verhältniß. Sie behandeln mich wie das Kind vom Hauſe. In Serena habe ich die beſte, die lie⸗ benswürdigſte Freundin. Bär iſt ſo gut— ach, ich habe für ſo viel Gutes zu danken und dennoch, den⸗ noch„ iſt es mir ſchwer zu Muthe und es hängt eine Wolke über mir, die ſich nicht verziehen will. Auch bin ich nicht recht geſund; dann iſt es ſo finſter hier in der Stadt, und ſeit einer Woche liegt ein unaufhörli⸗ cher Nebel über derſelben, der mit Regen abwechſelt; — endlich— habe ich gewiſſe Gedanken, die Aber ich möchte wiſſen, was ma chére mère zu dieſer Jeremiade ſagen würde? Vielleicht:„wer ſingen will, findet immer ein Lied!“ Ma chére meère ſpielt auf ihrer Geige und iſt munter im Unglück. Wäre ich nur halb ſo vernünftig wie ſie! W. den 17. November. Wir ſind jetzt einen Monat in der Stadt. Der Nebel hier und dieſe trübe Jahreszeit bedrücken das Gemüth. Dann dieſer ewige Regen. Man kann keine Raſe voll friſche Luft ſchöpfen. Auch leidet Alles am Schnupfen und Bruſtfieber. Bär iſt ſo in Anſpruch ge⸗ nommen, daß ich ihn nur Mittags bei Tiſche und am ſpäten Abend zu ſehen bekomme. Der alte Dahl hat einen Anfall vom Podagra gehabt und Serena kann 398 ihn nicht verlaſſen. Ich bin nicht geſund genug, um viel ausgehen zu können und bekomme ſie daher nicht oft zu ſehen. Ich ſuche mich zu Hauſe zu beſchäftigen, aber es will nicht recht gelingen. So eben wollte ich mich mit dem ſchönen Geſang an die Sonne aufmun⸗ tern, hatte aber keine Stimme. So wollte ich ein klei⸗ nes Lied zuſammenſchreiben, konnte aber auf Herz keinen andern Reim finden, als Schmerz, ſo daß mir das Wei⸗ nen kam; dann wollte ich recht und ſchlecht darauf los⸗ nähen, allein die Arbeit ging weder recht noch ſchlecht. Endlich ſetzte ich mich an's Fenſter, um dir beim Geräuſche der Wagen auf der Gaſſe und dem Getöne der Dachtraufe von meiner üblen Laune zu erzählen. Meine kleinen Schülerinnen ſind mir auch läſtig. Wir kommen ſchlech⸗ terdings nicht weiter mit der bataille de Prague. Wir müſ⸗ ſen es mit etwas Anderem verſuchen. Sage mir, weißt du etwas Ermüdenderes, als unaufhörliches Dachträufeln? Den 19. Geſtern wollte ich Serena beſuchen; ich bedurfte ihres freundlichen Anblicks und ihrer Worte. Ich war mißmuthig über Vieles und beſonders über mich ſelbſt. Meine Schülerinnen hatten mich am Vormittag ſo ge⸗ quält, daß ich weinte, als ich allein war. Beim Mit⸗ tageſſen war die Suppe angebrannt. Bär mußte mich gleich nach Tiſche verlaſſen. Alles ſchien mir unerträg⸗ lich, und um die ſchlechte Laune aus dem Hauſe zu jagen, wanderte ich unter dem Regenſchirm in dem Schmutze zu Dahls. Ich traf ſie allein. Die kleine Familie war im Krankenzimmer des Alten verſammelt. Er ſaß in ſei⸗ nem großen Lehnſtuhl, die Füße mit Flanell umwickelt. Serena's Blick und Freundlichkeit würde mich aufge⸗ muntert haben, hätte mich nicht ihre Bläſſe erſchreckt und ahnen laſſen, daß es auch hier nicht zum Beſten ſtehe. Herr und Madame Dahl waren ebenfalls unge⸗ wöhnlich ſtill und ernſt. Ich ſah jedoch deutlich, daß das Nic mer kein das Verhältniß zwiſchen den Alten und ihrem Liebling Nichts an ſeiner Herzlichkeit verloren hatte. Nach dem Thee ging Madame Dahl in ihr Zim⸗ mer und bat mich, ſie zu begleiten, weil Serena ihrem Großvater vorleſen ſollte, der heute Abend nicht ſprechen könne. Als wir allein waren, wollte auch zwiſchen uns kein Geſpräch in Gang kommen: die gute Alte blieb gedankenvoll und ſtieß tiefe Seufzer aus. Ich forſchte zärtlich nach der Urſache und erfuhr ſie auch. Bruno hatte vor einigen Tagen bei Serena's Großeltern um ihre Hand angehalten. „Sein Wunſch,“ fuhr Madame Dahl fort,„that mir leid, und doppelt leid, weil er ihn ſo warm und ſo männlich vorbrachte; denn ich war Bruno immer gut und doch konnten wir aus manchen Gründen nicht an ihn als an Serena's Gatten denken, wenigſtens jetzt noch nicht, da wir ihn ſo wenig kennen. Es waren wunderliche Gerüchte über ſeine Jugend und die Ver⸗ anlaſſung zu ſeiner Flucht aus dem mütterlichen Hauſe im Umlauf. Dann hat man ſeit vielen Jahren Nichts von ihm gehört und auch jetzt ſpricht man zweideutig von ihm, namentlich in Beziehung auf ein Frauenzim⸗ mer, das er in ſeinem Hauſe hat. Mein Mann iſt ſtreng in ſeinen Anforderungen an die Ehre und den reinen Ruf eines Mannes, und wenn irgend Jemand das Recht dazu hat, ſo iſt es gewiß er. Er hat, wie auch ich, Bruno wirklich lieb und freut ſich herzlich über das Gute, das er jetzt will und bewirkt, aber er wünſcht ihn nicht Sohn zu nennen. Serena iſt ſein Auge, ſeine Freude, ſein Stolz— man darf ſich daher nicht ver⸗ wundern, wenn er ſie nicht einem Manne geben will, deſſen Leben und Charakter in Dunkel gehüllt find. Er nahm daher Bruno's Verlangen kalt auf und ohne ihn geradezu abzuweiſen, bat er ihn, vor der Hand nicht weiter daran zu denken, ſprach von der Zukunft, von nä⸗ herer Bekanntſchaft u. ſ. w. und um das nicht ſehr ange⸗ nehme Geſpräch freundlich zu ſchließen, fügte er ſcher⸗ 400 zend hinzu: Im Uebrigen, wenn, wie die Bibel erzählt, Jakob ſieben und abermal fieben Jahre um Rahel diente, ſo müſſen ſie es nicht unpaſſend finden, einige Jahre zu warten und ein Mädchen zu verdienen ſuchen, das ge⸗ wiß beſſer und ſchöner iſt, als die Schafhirtin im Lande Meſopotamien. Aber dieſer Scherz über Jakob und Rahel ſchien Bruno ganz und gar nicht zu gefallen. Mit einem düſtern Blick nahm er ſeinen Hut, verbeugte ſich und verließ uns, ohne ein einziges Wort zu ſagen. „Als er fort war, fühlten wir uns ganz verſtimmt und wir beſchloſſen, Serena den ganzen Vorgang zu eröffnen und zu hören, was ſie dazu ſprechen würde. Wir thaten es, und ihre tiefe Gemüthsbewegung dabei bekräftigte uns, was ich geahnt und was ſie auf unſere Frage auch offen zugeſtand— Serena liebt Bruno. Schon als Kind war ſie ihm mit einer ganz auffallend innigen Ergebenheit zugethan und dieſe iſt jetzt in Liebe ausgeſchlagen. Aber als mein Mann ihr die Gründe vorlegte, die ihn veranlaßt, Bruno eine ſo wenig auf⸗ munternde Antwort zu geben, ſo ſagte ſie— wiewohl unter Thränen— er habe ganz Recht. Und als er ge⸗ rührt hinzuſetzte, ſein Haupt würde ſich mit Kummer in das Grab legen, wenn Serena ſich mit einem ihr un⸗ würdigen Manne verbände, und daß er auch jetzt keine Ruhe haben könne, wenn Serena ſo an Bruno hänge, daß ſie ſich ohne eine Verbindung mit ihm unglücklich glaube; da warf Serena ihre Arme um ſeinen Hals, bat ihn ruhig zu ſein und verſicherte, ſie liebe uns mehr, als Bruno, ſie werde nie ohne unſere vollſtändige Zu⸗ ſtimmung ihre Hand zu vergeben wünſchen, ſie wolle immer bei uns bleiben, und ſagte ſo zärtliche Sachen, wie zufrieden ſie mit ihrer Lage ſei und wie glücklich unſere Zärtlichkeit ſie mache, daß es uns viel leichter um's Herz wurde. Seit der Zeit haben wir nicht mehr von der Sache geſprochen, aber— Gott weiß, wie es kommt— wir ſind Alle ein wenig verſtimmt. Ich ſehe Serena an, re z s ge⸗ Lande und allen. emt agen. immt g zu de. gung e auf runo. Ulend Liebe ründe auf⸗ wohl r ge⸗ er in run⸗ keine änge, cklich Hals, nehr, wolle chen, cklich chter ache wir an, daß es ihr ſchwer auf dem Herzen liegt, obgleich fie ſo freundlich iſt, wie nur je. Mein Mann ſtrengte ſich bei der Verhandlung über dieſe Sache zu ſehr an und ſeine Gicht hat ſich dadurch verſchlimmert. Auch hat man inzwiſchen Nichts mehr von Bruno gehört, der früher oft hier war. Vielleicht nimmt er den Aufſchub gar ſo übel auf, daß er nach Weſtindien zurückreist. „Dann mag er reiſen,“ ſagte ich.„Dann iſt er Serena nicht werth. Wahrhaftig, ich muß mit Herrn Dahl ſagen, ſie iſt ein Mädchen, wegen der man wohl warten und um ſie dienen darf. Im Uebrigen meine ich doch, daß ſieben und abermal ſieben Jahre wohl etwas zu viel ſind in der gegenwärtigen Zeit, wo die Menſchen nicht mehr halb ſo lang leben, wie die Pa⸗ triarchen.“ Madame Dahl lachte und ſagte:„Du weißt im⸗ mer ein munteres Wort zu ſprechen, meine liebe Fran⸗ ziske. Nun ja, eben das habe ich auch gedacht und geſagt; aber mein Mann, der in allem Andern ſo klug und vortrefflich iſt, iſt in Eheſachen etwas eigenſinnig. Es gefällt ihm überhaupt nicht, wenn Jemand um Se⸗ rena wirbt. Ach, Franziske, ich habe ſchon gedacht und geahnt, daß ſich in unſere Zärtlichkeit gegen Se⸗ rena einiger Eaoismus miſche, und daß wir vielleicht eben ſo ſehr fürchten, in Folge ihrer Verheirathung ihrer Pflege und Geſellſchaft beraubt zu werden, als: ſie möchte in ihrer Ehe nicht glücklich ſein. Es wird mir ſchwer,“ fügte ſie ſeufzend hinzu,„darüber mit mir ſelbſt in's Klare zu kommen. Ach, das Leben iſt ein Kampf bis an das Grab. Das Alter hat eben ſo gut Verſuchungen zu bekämpfen, ja vielleicht noch ſchwere⸗ rer Art, als die Jugend. Das alte Blut wird fo träge, „die Gefühle ſo ſtarr, die Kälte, die in den Körper ſchleicht, will auch die Seele zernagen. Man fühlt, daß man vieler Hülfe bevarf, und fänſt an Forderungen zu ma⸗ chen; man hat viele kleine Gebrechen und vergißt unter dieſen leicht, an den Leiden und Genüſſen Anderer Theil Premer, die Rachbarn. 26 402 zu nehmen. Wahrhaftig, es ſind ſchwere Verſuchungen und hätte man das Evangelium nicht, um ſich daran feſt zu halten und zu wärmen, ſo glaube ich gewiß, man ſänke unter. Und vielleicht läßt man ſich dennoch mehr feſſeln, als man ſelbſt weiß. Während wir uns ſo unterhielten, hatte es neun Uhr geſchlagen. Madame Dahl und ich verzehrten ein leichtes Abendbrod. Serena blieb drinnen bei ihrem Großvater. Nach dem Eſſen gingen auch wir zu ihm hinein, um dem Gebete beizuwohnen, das ſeit fünfzig Jahren jeden Abend in dieſem Hauſe geſprochen wird. Als ich an die Thüre kam, hörte ich Serena vorleſen. „Mein Gott,“ dachte ich,„ſie wird doch nicht dieſe ganze Zeit über, ſeit wir von ihnen weggingen, geleſen haben.“ Wir traten hinein, das Leſen hörte aufz die Dienſtleute verſammelten ſich in dem Zimmer und der alte Dahl verrichtete ſelbſt mit Würde und Andacht das kurze, aber ſchöne Abendgebet. Als es zu Ende war, gaben Herrſchaft und Dienerſchaft einander gegenſeitig die Hand zu einem freundlichen„Gute Nacht.“ Das Ganze war ein friedvoller Auftritt, der dem Herzen wohl that. Als wir wieder allein waren, merkte ich, daß Serena müde ausſah. Sie huſtete mehrere Male. Dieſer Huſten gefiel mir nicht; als ich ſie aber mit fragender Unruhe anſah, lächelte ſie mich ſo heiter und freundlich an, als wollte ſie dieſen Eindruck verwiſchen. Als ich Abſchied nahm und dem alten Dahl wohl zu ſchlafen wünſchte, ſaate er:„Der Schlaf iſt ſeit einiger Zeit nicht mein Freund, aber ich bin doch ſo glücklich, eine kleine Scheherezade an meinem Bette zu haben, die mir einen Theil der langen Nacht durch ihre Geſchichten verkürzt. Und dieß hat ſie wohl in mehr als in 1001 Nacht gethan. Aber vielleicht biſt du heute Abend müde, mein gutes Mädchen?“ fügte er mit einem Blick auf Serena hinzu. „Ich kann wohl noch eine Zeit lang leſen,“ ant⸗ wortete ſie herzlich⸗ übe bei daf ren ſag biſt ihn Tol ren ihre Ver gen her mic ruh bin ſeir Lau Set dar Ser — 403 ngen„Ich war im Begriff, mich mit einer Bemerkung aran über Serena's mattes Ausſehen darein zu legen, aber wiß, bei meinem erſten„aber“ legte Serena ſchnell ihre moch Hand auf die meinige, ſo verbietend und eindringend, daß ich meinen geöffneten Mund wieder ſchloß. neun Serena begleitete mich in den Saal hinaus.„Se⸗ mein rena,“ ſagte ich in vorwurfsvollem Tone zu ihr,„warum hrem ſagſt Du Deinem Großvater die Wahrheit nicht? Du ihm biſt wirklich müde; ich ſehe es. Meinſt Du, es werde nfzig ibn freuen, wenn Du Dich zu ſeinem Zeitvertreib zu vird. Tode lieſeſt? Dieß iſt unrecht, unverſtändig.“ eſen.„Still ſtill, du verſtändiger Menſch,“ ſagte Se⸗ dieſe rena lächelnd und liebkoſend, während eine Thräne in leſen ihrem Auge glänzte;„laß mich heute Abend meinem die Verſtand folgen; ein anderes Mal will ich dem deini⸗ der gen folgen. Der Großvater iſt unwohl und heute ſehr das herabgeſtimmt. Wenn er denken müßte, ich befände war, mich nicht vollkommen gut, ſo würde es ihn ſehr un⸗ eitig ruhig machen. Ich fühle mich auch nicht unwohl. Ich Das bin blos ein Bischen müde. Ich werde bald wieder erzen ſein wie ein Winterneumond.“ „Dann mußt du mich bald beſuchen, denn meine daß Laune iſt gegenwärtig ebenfalls im Abnehmen.“ ale.„Ach, ich habe es geahnt. Was iſt's denn? Fanny? mit Meine liebe Fannp, was iſt es, das dich bedrückt? und Setze dich doch. Laß mich deinen Pelz abnehmen. Kann, chen. darf ich jetzt Nichts davon wiſſen?“ wohl„Nein, nein, jetzt nicht. Aber komm bald zu mir, ſeit Serena. hſo„Sobald es mir möglich iſt.“ e zu Dahl's Bedienter leuchtete mir nach Hauſe. Es urch regnete und ſchwer, wie die Regentropfen, fielen meine l in Gedanken.„Soll Serena— ſo lauteten ſie— in ih⸗ du rer Jugend verwelken, weil ſie den Alten ſo lieb ge⸗ e er worden iſt und ſich ihnen ſo unentbehrlich gemacht hat? Ich wünſche, ſie würde entführt— ſonſt wird ſie noch ant⸗ in dieſes Leſen feſtgezaubert, Bruno ganz der 404 Mann zu einer ſolchen That. Aber Bruno?— Dieſer unruhige und nicht reine Geiſt— wird er ſie denn glücklich machen können? hieße das nicht aus der Aſche in das Feuer kommen? Meine arme, gute Serena! Wie die Waſſerlilie ſcheinſt du beſtimmt zu ſein, von Wellen, bald ruhigen, bald ſtürmiſchen, dahin getragen zu werden, um nur als Schmuck oder Raub derſelben zu leben. Den 22. Die Waſſerlilie hat jedoch ihre eigene Wurzel, ob⸗ gleich ſie von der Tiefe verborgen wird, und wenn ihre Blume ſich auch willig von den Wellen ſchaukeln läßt, ſo hat ſie doch ihr eigenes, feſtes Augenmerk und dieß iſt— der Himmel. Daher ſaugt ſie Kraft und Licht, und jetzt von der Blume der Wellen zur Blume des Thals, zur Blume des Dabl's— zu Serena. Heute am kühlen, trüben Morgen überraſchte ſie mich und— ich geſtehe es, überraſchte mich in Thränen. Ich ſchämte mich derſelben und konnte auf ihre zärt⸗ lichen Fragen und Liebkoſungen blos antworten: „Ach, kehre dich nicht daran, Serena. Ich bin heute Etwas ſchwach, du hätteſt ein ander Mal kom⸗ men ſollen; ich bin heute dumm, einfältig. „Nein⸗ gerade heute mußte ich tommen. ſagte Serena mit eifriger Herzlichkeit,„gerade heut freut es mich, daß ich hier bin. Ich habe keine Ruhe gehabt, ſeit ich dich zum letzten Male ſah und du ſo wehmü⸗ thig, ſo gar nicht dir ſelbſt ähnlich ſprachſt. Und jetzt bin ich hier und gehe nicht eher fort, bis du mir ge⸗ ſagt haſt, was dein Gemüth bedrückt.“ „Hüte dich vor Repreſſalien, Serena.“ „Ach, du biſt ſtreitluſtig, höre ich. Nun dann werde ich gleich ruhiger. Sieh, jetzt lachſt du; Gott ſei Dank, da wird noch Alles gut; aber ſage mir jetzt, meine liebe Fanny, ſage mir... Wir krochen in den Großvaterſtuhl, wir ſprachen, wir weinten, wir lachten zuſammen und Serena's zärt bede ergr du zieh dieſ ſpri nich ewi kom daß daß in wut ſie belt ſein ſchn ſeh ſehr ihn ent leid leit ſter unt nic ihn ieſer denn Aſche rena! von ragen elben „ob⸗ ibre läßt, dieß Licht, e des te ſie änen. zärt⸗ bin kom⸗ ſagte ut es habt, hmü⸗ jetzt r ge⸗ dann Gott jetzt, chen, ena's 405⁵ zärkliche und kluge Worte erleichterten mir mein Herz dedeutend. Aber als ich in mir ſelbſt ruhiger wurde, ergriff ich auf einmal die Offenſive und ſagte: „Jetzt iſt die Reihe an dir, Serena! Jetzt mußt du mir berichten. Nein, nein, du darfſt dich nicht ent⸗ ziehen, du darfſt mich nicht verlaſſen, bevor du mir dieſes Räthſel gelöst haſt. Du kommſt heute zu mir, ſprichſt mit mir und von mir, als ob man von gar nichts Anderem in der Welt ſprechen könnte. Du haſt Etwas in deinem Blick, was zu ſagen ſcheint, daß der ewige Friede in deiner Seele wohne. Sage mir, wie kommt das, wie kann das ſo ſein? Serena! Ich weiß, daß Bruno deine Hand begehrt hat. Ich weiß auch, daß ſie ihm, wenn auch nicht abgeſchlagen, doch in einer ſo zweifelhaften und fernen Perſpective gezeigt wurde, daß es höchſt unwahrſcheinlich erſcheint, ob er ſie je erreichen wird. Ich weiß auch, daß es ihn ſchwer hat... Kann dir dieſes Alles gleichgültig ein?“ „Nein... gleichgültig nicht.“ Es ſchien Serena ſchwer anzukommen, auf dieſen Gegenſtand einzugehen. „Liebſte Serena,“ rief ich,„verzeihe mir! Ich ſehe, daß ich dich quäle. Aber dießmal mußt du mich in dein Herz blicken laſſen. Ich weiß, daß Bruno dich ſehr liebt. Du haſt mir ſelbſt geſtanden, daß du für ihn empfindeſt. Kannſt du ihm denn ohne Schmerz entſagen?“ 3„Nicht ohne Schmerz.... aber ohne ſo ſehr zu eiden.“ „Betrügſt du nicht dich ſelbſt? Du ſagſt jetzt:„Ich leide nicht,“ und biſt doch ſo bleich. Du wirſt einmal ſterben und ſagen:„Ich ſterbe nicht.“ Serena lächelte wehmüthig, indem ſie erröthete und ſagte: „Nein! Fanny! An dieſem Schmerz ſterbe ich nicht. Ich habe mich ſelbſt geprüft und weiß, daß ich ihn ertragen kann. In einiger Zeit werde ich nicht 406 mehr bleich, in einiger Zeit werde ich wieder vollkom⸗ men ruhig und ſtark ſein. Meine Eltern haben mir die Gründe geſagt, die ſie veranlaßten, auf Bruno's Wünſche nicht einzugeben. Ich finde, daß ſie Recht haben, und daß ſie unmöglich anders denken und han⸗ deln können. Deßhalb habe ich meine eigenen Gefühle wieder gedämpft; ja, ich habe alle Gedanken an eine Verbindung mit Bruno aufgegeben. Ich will blos für meine alten Großeltern leben. So lange ſie mich lieben und durch meine Pflege glücklich ſind, werde ich mich nicht unglücklich fühlen.“ „Iſt denn dein Pflichtgefühl ſo ſtark, iſt deine Zärt⸗ lichkeit für ſie deinem Herzen ſo genügend, daß ſie alle Wünſche, alle bittere Sehnſucht, die du, wenn du liebſt, doch empfinden mußt, zu überſtimmen vermag?“ „Ja, wenn auch nicht immer, ſo iſt es doch im Ganzen ſo. Siehſt du, Fanny, mag auch den Tag über irgend eine Ungeduld, eine Sehnſucht, irgend ein Ach, wie du meinſt, im Herzen erwachen— wenn der Tag vorüber iſt und ich mich zur Ruhe begebe und ich mir ſagen kann, daß ſie, die meine Kindheit ſo zärt⸗ lich gepflegt, durch mich Behaglichkeit und Vergnügen gehabt haben, wenn ich denke, daß ſie jetzt zufrieden ruhen und ihr Kind ſegnen, dann, Fanny, wird es mir ſo wohl, ſo ruhig um's Herz; dann verſtummen gi Ach und ich bin zufrieden und dankbar für mein os.“ „Und wenn deine Eltern noch zehn oder zwanzig Jahre leben? Mit jedem Jahre werden ſie deiner Pflege mehr bedürfen und dann das Leſen... Serena, du wirſt vor der Zeit hinwelken, du wirſt in deinen beſten Jahren alt werden.“ „Und wenn die Wange zuſammenſchrumpft und das Auge matt wird— was iſt's denn auch, gute Fanny, wenn man ſich nur den Frieden des Herzens erwirbt? Ich habe auch ſchon an die Zukunft gedacht, von der du ſprichſt, und fürchte ſie nicht. Wenn Eltern om⸗ mir no's echt han⸗ ühle eine für eben mich ärt⸗ alle du g. im Tag ein der ärt⸗ igen den es men nein nzig iner na, nen und gute ens cht, tern 407 nicht ganz gut und achtungswerth ſind, dann mag es ſehr ſchwer fallen, blos für ſie zu leben, und das kann man mit Recht Aufopferung nennen. Aber wie ganz anders iſt es nicht hier! Wie manche Reize hat nicht mein Leben, die Niemand ahnt! Könnte ich je einen Wunſch äußern, den meine Eltern nicht zu befriedigen ſuchten? Iſt ihre Börſe nicht jeder Zeit offen für mich? Wie manche große Freude ſchenkt mir nicht ihre Güte und Freigebigkeit! Wahrhaftig, für ſo gute, ſo ver⸗ ehrungswürdige Eltern, wie die meinigen, zu leben, iſt ein ſchönes und edles Loos.“ „Du ſprichſt ganz ſchön und gut, Serena,“ ſagte ich verdrießlich,„Niemand kann deine Eltern mehr bewundern, als ich. Aber das will mir nicht gefallen, daß ſie nie einen Freier dulden, daß ſie ſich immer deiner Verheirathung wiederſetzen, und ich bin geneigt zu fragen, ob darin nicht eine gute Doſis Egoismus liegt. Sie gönnen dich keinem Andern, weil ſie dich vehalten wollen, weil du ſie pflegen, ihnen vorleſen, ihnen ſingen ſollſt, bis.. „Franziske!“ unterbrach mich Serena mit einer Art Schreck,„ſprich nicht ſo! Sind es nicht ſolche Ge⸗ danken, die Bitterkeit im Herzen wecken und alle Kraft, Gutes zu thun, lähmen? Meine liebe Fanny, ſie müſ⸗ ſen mit aller Macht ferne gehalten werden, wie der böſe Verſucher. Ueberdieß, wenn Eltern für ihre vie⸗ len Opfer etwas haben wollen, wenn ſie in ihrem Al⸗ ter Verlaſſenheit fürchten und das Kind, das ſie in Liebe erzogen und gepflegt haben, bei ſich zu haben wünſchen— iſt dieß ſo zu verwundern, iſt es nicht vielmehr ganz billig? Ach, ich möchte allen, die in derſelben Lage ſind, willig zurufen: Laßt uns dieß be⸗ denken und laßt uns unſere Kindespflicht lieben.“ „Und wenn dieſe Pflichten aufhören, wenn deine Eltern dahin ſind und der beſte Theil deines Lebens auch dahin, wird dir dann das Leben nicht leer vor⸗ tommen? Du haſt dich um ihretwillen von deinen 408 jungen Zeitgenoſſen und ihren Intereſſen abgeſondert, du haſt dich von dem fröhlichen und rührigen Leben losgeſagt, um das hinſterbende zu begleiten und zu lindern. Jetzt ſtehſt du auf einmal allein da. Wird nicht deine Seele auch eine Nonne geworden ſein, die in der Welt nur eine Wüſte ſieht und ſich ſtumm in ihre kühle Zelle zurückzieht?“ „Ich glaube das nicht,“ ſagte Serena, indem ſie aufſchaute; eine Thräne glänzte in ihrem Auge, ihre Bruſt hob ſich, als wollte ſie eine Laſt abwerfen, und ſie fuhr fort:„Das Leben iſt reich und ſchön; Gottes Güte gibt unaufhörlich; warum ſollte unſer Herz auf⸗ hören zu empfangen? Warum ſollte es verwelken, ſo lange noch reiche Quellen des Genuſſes fließen? Es müßte nur ſein eigener Fehler ſein. Es macht ſich ſo eng; es zieht ſich zuſammen und will ſich nicht öffnen, um ſich der Freude Anderer zu freuen, um das Schöne in der Welt zu bewundern. Ach, das iſt die Armuth der Seele. Meine liebe Fanny, ich verlange nicht dar⸗ nach. Ich will meine Seele offen erhalten; Frühling, Freundſchaft und Geſang leben ja ewig auf Erden. Schwere und kummervolle Zeiten können kommen, aber ſie werden auch wieder gehen. Und auch während der⸗ ſelben— ſollten wir nicht mehr auf die Sonnenſtrah⸗ len ſehen, die auf unſer Leben fallen, als auf die, die ſich von ihm abwenden? Eben deßhalb, beſte Fanny, laß uns nicht mehr von dem ſprechen, was uns drückt“ Laß mich jetzt die Sonne genießen, die uns nach man⸗ chen trüben Tagen begrüßt. Siebe, wie ſchön ſie auf dem ſchönen Tiſchteppich glänzt!(Und Serena legte ihre weiße Hand gleichſam liebkoſend in den Sonnenſchein.) Laß mich jetzt glücklich ſein wegen deiner und weil ich ſehe, daß du mich lieb haſt, wie ich dich.“ Und mit ſtillen Thränen auf ihrem verklärten Ge⸗ ſichte umarmte mich Serena und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. „Aber Bruno? Serena! Aber Bruno?“ Ich war wie „wä tp; ſein. berer Geſi z0g ruhi ſein. ich 1 eine wird dieſe und 409 wie ein Teufel; ich wollte ſie nicht im Frieden laſſen, „während du dich tröſteſt und das Leben genießeſt, wird ſe der nicht deine Stärke hat, einſam und unglücklich ein.“ Kaum hatte ich die harten Worte geſprochen, ſo bereute ich ſie. Der freundliche Glanz, der Serena's Geſicht belebte, erloſch plötzlich. Eine Wolke, ein Schmerz zog darüber. Aber ſie faßte ſich bald und ſagte mit ruhiger Innigkeit: „Nein, Fanny, nein. Bruno wird nicht unglücklich ſein. Nein, auch er wird Frieden erhalten.“ „Und wie?.. Und woher dieſe Gewißheit?“ ſagte ich verwundert. „Ach, ich weiß, wie es gehen wird ich habe eine Ahnung, einen Glauben, der mich nicht betrügen wird. Siehſt du, es wird eine Zeit vorübergehen— dieſe wird nicht fröhlich ſein, aber ſie wird vorübergehen— und dann wird Bruno wieder kommen. Dann wird er ſein, wie in meiner Kindheit und in ſeiner erſten Jugend. Wir werden wie Schweſter und Bruder ſein. Und dieſes Band wird uns beide glücklich machen. Dieß ſteht ſo gewiß und klar vor mir;— dieſer Glaube macht mich glücklich. Bruno wird ſich eine andere Gat⸗ tin wählen, aber ich werde immer ſeine Freundin, ſeine Schweſter bleiben. Du wirſt ſehen, daß es ſo geht. Meine Eltern, Bruno und dich zu lieben und für euch zu leben— Fanny, wie gut iſt Gott!“ Die Bären auf Spitzbergen fuhren nicht heftiger die Hütte der vier Matroſen an, als mein Bär jetzt die Zimmerthüre. Es war Mittag und Serena mußte mich ſchnell verlaſſen, um nach Hauſe zu eilen. Ich war zerſtreut beim Eſſen und wurde von Bär damit aufgezogen, beſtellte, um ihn zu tröſten, ein Extraeſſen, und während er blies und trank, ſetzte ich mich hin, um das Gedicht zu ſpielen, das ich über Tiſch verfaßt und komponirt hatte und dir hiemit ſende. 410 Die Waſſerlilie. Aus den klaren Wogen ſteiget Eine Blume, weiß und fein, Die das Haupt zur Sonne neiget, Ihrem Dienſte ſich zu weihn. Und aus ihrem Wellengrabe Blickt ſie gläubig himmelan; Sagt, welch rein're Opfergabe Man der Gottheit ſpenden kann? Fern von jedem eitlen Triebe, Wie ein Engel betend ruht, Schwebt ſie voll von ſtiller Liebe Ueber ihrer blauen Fluth. Wenn der Tiefe Gründe gähnen, Reißend iſt des Regens Fall, Wiegt die Lilie ſich in Thränen Ueber wildem Wogenſchwall. Und von ihrem Heimathſtrande Weicht ſie nimmermehr zurück, Hofft, daß bald vom Himmelslande Wieder lächeln wird das Glück. Purpurn ſteigt der Abend nieder, Thaubeglänzt, denn längſt verſöhnt Ruht des Sturmes ſchwarz Gefieder Und ein Saitenſpiel ertönt. Seine Harfe rührt der Necke m In der Tiefe Silberſaal, 411 Und der Sänger klagt, es wecke Ihm die Lilie Liebesaual: „Steig herab und alles Schöne, Was des Meeres Tiefe beut, Meiner Harfe reinſte Töne, Sind, o Holde, dir geweiht. 13 Komm herab zu einem Goite, Heller als die Sonne blinkt Meines Reichs kryſtallne Grotte, Wo dir ew'ge Liebe winkt.“ Doch die Lilie wiegt die Krone In des Aethers klarem Licht, Während ſie voll Himmelswonne Zu dem Sänger alſo ſpricht: „Einzig in des Lichtes Schooße, In dem goldnen Sonnenſchein, Richt im kalten Waſſerſchloſſe Kann ich dir Geliebte ſein. O wie herrlich iſt's da oben In des Tages heitrer Welt, Licht und Liebe hier zu loben Steig herauf, du Sängerheld.“ Wie aus einem ſüßen Schlummer Iſt der Necke jetzt erwacht, Da verzehrt ihn Liebeskummer, In der freudenleeren Nacht. Den 26. Immer daſſelbe Einerlei! Dieſes ewige Einerlei macht das Leben ſauer, zumal, wenn es in ewigem Nebel und Regenwetter beſteht. Nichts gedeiht in dieſer 412 Luft, als Krankheiten. Ich ſehe Bär kaum eine Stunde des Tags(und ein freundlicher Blick iſt doch jetzt mehr für mich, als die Sonne); er iſt jetzt höchſt unruhig wegen eines ſeiner Patienten, eines achtungswerthen Familienvaters, und wird heute Nacht bei ihm wachen. Wie verſchieden kann doch das Leben zu verſchiedenen Zeiten ausſehen! Mitunter ſo lächelnd, ſo klar und... da fiel eben eine arme Frau auf der Straße um und verdarb ihren Pelz. Dort wurde einem Herrn ſein Regenſchirm umgeblaſen; da wird ein Mädchen von einer vorbeifahrenden Chaiſe mit Koth beſpritzt. Alle drei ſehen unglücklich aus. Die kleinen Sperlinge zwit⸗ ſchern. Ich wollt, ich wär ein Sperling. Den 28. Bär iſt betrübt. Der Familienvater iſt geſtorben. Er war ein Mann in ſeinen beſten Jahren und hinter⸗ ließ eine Wittwe mit ſieben meiſt noch kleinen Kindern. Ihr einziges Subſiſtenzmittel war der Erwerb des Vaters. Sie ſind erſt neulich hieher gezogen und haben weder Verwandte, noch Bekannte, die ihnen helfen könnten. Die armen Kleinen. Es ſchneidet mir tief in's Herz, wenn ich an ſie denke. „Haſt du etwas Schwarzes zu Trauerkleidern für die Kleinen?“ „Gott ſteh uns bei, Bär, ich meine, es ſehe jetzt Alles ſchwarz aus— auch dieſes rothe Kleid da. Du ſagteſt, Serena ſei dageweſen, wie ſah ſie aus?“ „Freundlich und gut, wie ein Engel des Troſtes.“ „Gute Serena!“ Bruno läßt Richts von ſich hören. Vielleicht iſt wirklich ſein elender Hochmuth dermaßen beleidigt, daß er den Gedanken an Serena aufgibt. Er würde da⸗ durch ſehr in meiner Achtung verlieren. Und Serena? Iſt ſie ſo ſtark, wie ſie ſich das An⸗ ſehen geben will? Wird nicht dieſe Liebe, dieſer Schmerz wie ein heimlicher Wurm an ihrem Leben zehren? Alle ſehe Klet che niß kom les les, laſſ nur nde ehr hig hen en. nen ind ein on lUle it⸗ en. er⸗ rs. der en. rz, für etzt Du 6 aß dd⸗ ln⸗ erz Alles ſcheint mir traurig. Ich ſehe Serena erbleichen, ſehe Bruno ſich verfinſtern; ich denke an die vaterloſen Kleinen, denen es an Brod und Pflege mangelt. Ma chére more ſitzt im Dunkeln. Bär ſitzt in der Betrüb⸗ niß da und ich. Ach, es taucht ſo Vieles im Leben ſchnell berauf, tommt aber nicht zur Erſcheinung; es dämmert ſo Vie⸗ les heran, wird aber nicht hell; mian beginnt ſo Vie⸗ les, aber es wird nicht fertig! ja, man müßte bei die⸗ ſen Betrachtungen wahrhaftig muthlos die Hände finken laſſen, wäre nicht der tröſtende Gedanke:„Dieß iſt nur der Anfang.“ W. den l. Dezember. Du ſagſt, Marie, ich ſei mir ſelbſt nicht mehr gleich. Du findeſt etwas ſo Herabgeſtimmtes, ſo Schwer⸗ müthiges in meinen Ausdrücken. Du fragſt nach der Urſache. Ich kann deinen ſanften, zärtlichen Worten nicht widerſtehen und will dir Alles ſagen, ſollteſt du mich auch ſehr wunderlich und kindiſch finden. Es iſt wahr, ich habe ſeit einiger Zeit einen muth⸗ loſen Blick auf das Leben geworfen. Ich habe mich weder an Seele, noch an Leib wohl befunden und keine Lebensluſt in mir verſpürt. Ach, Marie! Ich fühle, daß ich— Mutter bin, und dieſes Gefühl macht mich krank. Es ſind auf einmal ſo viele wunderliche und ängſtliche Gedanken in mir erwacht. Ich habe gleich⸗ ſam mit einem ganz neuen Sinne in die Welt hinaus⸗ geblickt und entdecke darin tauſend Gefahren und Lei⸗ den, an die ich früher nicht gedacht, und die mir jetzt alle mein Kind zu bedrohen ſcheinen. Jeder Schritt in's Leben hinein däucht mich von Schlingen und Un⸗ glück umgeben. Gehen lernen, leſen lernen, denken lernen, ſich benehmen lernen, wie beſchwerlich, wie ſchwierig! Und dann alle die Leiden, vom erſten Zahn⸗ weh bis zur letzten Todesangſt, alle die Gefahren für Leib und Seele, das Fallen auf der Treppe, Liebesfall, 414 Sündenfall u. ſ. w., wie erſchreckend, wie betrübend ſind nicht dieſe Nachtgeſtalten in meiner Seele aufge⸗ ſtiegen! Und konnte ich nicht zu ihnen ſagen:„Entweicht, betrügliche Fantome;“ Denn ich blickte um mich im Leben und ſah, daß ſie wirkliche, alltägliche Gäſte in der Wohnung der Menſchen ſind. Und als ich das ſah, und der Himmel ſo finſter und trüb herabſchaute, da, Marie, legte ich die Arme über meine Leibesfrucht und wollte ſie vor der Welt, vor den Leiden verbergen. Ich fürchtete, ſie das Licht der Welt erblicken zu laſſen. Zum Theil iſt es mir geglückt, dieſe krankhaften ſchmerzlichen Gefühle zu bekämpfen, aber das Schlimmſte von Allem und was mich unaufhörlich quält, iſt die Beſorgniß, mein Kind möchte meinem Manne nicht willkommen ſein. Manche Zeichen ſcheinen mir darauf hinzudeuten. Er ſpricht nie von Kindern, äußert nie einen Wunſch, welche zu bekommen, und als einmal von Jemand die Rede war, der eine große Familie hat, warf er einen haſtigen Blick auf mich, der zu ſa⸗ gen ſchien:„Du wirſt mir wohl nicht mit ſo etwas kommen!“ Ach, Marie! Und doch komme ich jetzt mit ſo etwas. Bär weiß es noch nicht. Doch glaube ich, ſollte er es ahnen. Aber gerade, daß er nichts davon ſpricht, nimmt mir allen Muth, es ihm zu eröffnen. Ach, ich muß auch geſtehen, daß meine mißmuthige Stimmung dieſe Zeit über mich weniger freundlich ge⸗ gen ihn gemacht hat. Ich bin ihm ausgewichen, ich habe mich entzogen, wenn ſein Arm voll Zärtlichkeit mich umfaſſen wollte. Ich habe geſehen, daß es ihm wehe that, und habe dennoch mein Benehmen nicht ge⸗ ändert. Aber ich litt ſelbſt am meiſten dabei. Bär iſt nicht mehr jung. Er liebt zu Haus eine ungeſtörte Ruhe. Kein Wunder, wenn ihm da Kindergeſchrei und Lärm und alle die Mühen, die kleine Kinder verur⸗ ſachen, zuwider ſind. Und dann muß es ihm nach dem Verluſt ſeines Vermögens ein drückendes Gefühl ſein, neuen Ausgaben, neuen Sorgen entgegen zu ſehen, die forte tilie was mit ich, von nen. hige ge⸗ keit ihm ge⸗ iſt örte und ur⸗ dem ein, fortan nicht mehr abnehmen, ſondern immer ßleigen. Und wenn ich jetzt zwei Mädchen auf einmal bekäme und dann noch acht dazu(die Zahl, die Stellan pro⸗ phezeite) was würde er denken? wie würde ihm dieß gefallen? Du glaubſt gar nicht, Marie, wie dieſe Ge⸗ danken mich drücken. Mein armes, kleines Mädchen! Nicht genug, daß in der Welt manches Leiden, manche bittere Entbeh⸗ rung dein Loos ſein wird— vielleicht wird dein Va⸗ ter nicht einmal lächeln, wenn du zum erſtenmal in's Leben blickſt. Vielleicht wird er dich mit einem heim⸗ lichen Seufzer an ſeine Bruſt drücken. Und wenn du frühe deine Mutter verlieren ſollteſt— vielleicht gar bei der Geburt!(denn wie manche Frauen ſtarben nicht, während ſie Leben gaben? Und ich bin nicht ſtark.) Wer, mein kleines Mädchen, wird alsdann treu an deiner Wiege ſitzen? Wer wird deine Unruhe in Ruhe einlul⸗ len 2 Wer wird dich ſpäterhin in Wiverwärtigkeiten trö⸗ ſten? Wer wird dich Liebe und Verträglichkeit lehren? Wo wirſt du allezeit offene Arme finden? Meine Thrä⸗ nen ſtrömen und ich muß ſchließen. Den 5. Aber jetzt trockne ich meine Thränen und fahre fort. Geſtern Abend ſaß ich allein da und nähte an einem Kinderhäubchen. Mein Herz war ſchwer und das Weinen fleckte mir im Halſe. Bär war noch nicht zu Hauſe. Es ſtürmte ſtark und der Wind war mir unangenehm. Er machte auch, daß ich Bär's Rück⸗ kunft nicht eher hörte, als bis er mit ſeinem gewöhn⸗ lichen Gepolter die Thüre in das Zimmer öffnete, wo ich ſaß. Ich warf ſchnell meine Arbeit unter einen Shawl, erröthete und hatte kaum Zeit, ihm guten Abend zu ſagen. Bär ſah ungewöhnlich heiter aus und „Guten Abend, mein Weibchen! Wie geht es dir?“ „Ganz gut,“ antwortete ich, und um weiteren 416 Fragen auszuwetchen, fragte ich ſelbſt:„Waſtkhaſt du denn da in der Hand? „Blos eine ſchlechte Schachtel,“ antwortete Bär, „eine alte Frau plagte mich, bis ich ſie kaufte. Wir wollen ſehen, ob du ſie zu deinen Kämmen, Haar⸗ nadeln u. ſ. w. brauchen kannſt.“ Er ſellte jetzt die große vermeintliche Schachtel auf den Tiſch, band mit einer entſetzlichen Grimaſſe das Tuch auf, worein ſie gehüllt war, und vor meinen Augen lag ein Gemälde in prachtvollem, goldenem Rahmen. Zwei Figuren ſtiegen wie lebend aus demſelben hervor; die ſchönſte Mutter Gottes ſchwebte auf den Wolken mit dem Je⸗ ſuskinde auf den Armen. Es war eine Kopie von Raphael's Madonna Sixtina, in ſchwarzer Kreide aus⸗ geführt von dem geſchickten Fräulein Röhl. Ich ſah den himmliſchen Frieden auf Maria's Geſicht, ich ſah des Kindes Alles verklärenden Blick und es wurde mir ſo wohl, ſo himmliſch wohl zu Muthe; ich konnte nicht ſprechen, und ohne daß ich es wußte, rannen wonne⸗ volle, ſelige Thränen auf das Glas des Gemäldes. Ich hatte Alles um mich her vergeſſen, ich wußte nicht, war ich auf der Erde oder im Himmel, als ich mich auf einmal von Bär's Armen umfaßt fühlte und ihn mit zärlicher, gerührter, aber vorwurfsvoller Stimme ſagen hörte:„Fanny, warum ſoll ich nicht wiſſen, daß ich— Vater bin?“ In dieſem Augenblick regte es ſich gewaltig in mir. Es war, als ob das Kind in meinem Schooße ſich be⸗ wegte und gegen ſeinen Vater ausſtreckte. Ich lehnte meinen Kopf an ſeine Schulter und konnte blos ſtam⸗ ſu„O Bär, ich fürchtete, es möchte dich nicht reuen.“ Wie ward mir zu Muthe, Marie, als ich Bär auf ſeine beiden Kniee vor mir fallen ſah, als er meine Hände und Kleider küßte, während er mit gro⸗ ßen Thränen in den Augen und mit gebrocher Stimme rief: ne du Bär, Wir dar⸗ t die mit n fie älde uren önſte Ze⸗ von aus⸗ ſah ſah mir nicht onne⸗ ildes. mich d ihn imme „daß mir. ch be⸗ lehnte ſtam⸗ nicht Bär s eer tgro⸗ timme „Ich mich nicht freuen? Ich nicht glücklich ſein? Ich bin glücklich! Meine Fanny, meine Frau, mein n 7. So hatte ich ihn noch nie geſehen, und mein Herz löste ſich in unausſprechlicher Zärtlichkeit und Freude auf. Dieſer Augenblick war ſchön, war göttlich. Ein einziger ſolcher im Erdenleben und man kann zufrieden ſein. Man hat den Himmel kennen gelernt. Als unſere erſte, heftige Aufregung ſich gelegt hatte, ſetzte ſich Bär neben mich und ſtellte mich halb zärt⸗ lich ſcherzend, halb ernſt zur Rede über meine Auffüh⸗ rung, über meine ſonderbare Geheimnißkrämerei. Mein Herz war offen, er durfte darin leſen und Alles ſehen, was ſich in der letzten Zeit in demſelben bewegt hatte. Im Anfang lächelte er, dann wurde er ernſter und end⸗ lich ſagte er beinahe verdrießlich: „Aber das iſt ja ganz unvernünftig, Fanny! Was iſt aus deinem Vertrauen auf den Höchſten geworden? Ziemt ſich eine ſolche jammervolle Furcht auch für einen Menſchen, der an ihn und ſeine Güte glaubt?“ „Ach,“ ſeufzte ich,„ich glaube gewiß an ihn, aber doch fallen kleine Kinder die Treppe hinab, oder zum Fenſter hinaus und werden krüppelhaft oder blödſinnig ihr ganzes Leben hindurch.“ „Und was dann?“ ſagte Bär und ſah mir mit feſtem, klarem Blick in die Augen.(Ich hatte nicht ge⸗ glaubt, daß ſeine Augen ſo groß ſein könnten.) Ich ſchlug die meinigen nieder und ſagte leiſe: „Unſer Kind kann ja auch ſo unglücklich werden.“ was dann?“ rief Bär und ſah mich an wie vorher. „Was dann? Was dann?“ wiederholte ich unge⸗ duldig und im Begriff, mich zu ereifern, aber da be⸗ gegneie mir wieder ſein Blick und drang bis in's In⸗ nerſte meiner Seele. Ich verſtand ihn jetzt, verſtand Bremer, die Nachbarn. ——— 418 ſeine männliche Seelenſtärke, ſeine Liebe und Frömmig⸗ keit.„Bär,“ ſagte ich reuevoll,„ich will mit dir ver⸗ trauen und geſchehe, was da wolle, ich will nicht murren, nicht verzweifeln, ſondern feſt an den ewig Guten glauben.“ Bär drückte mich an ſeine Bruſt. Es war mir halb bange, nachher mit einer noch unerwähnten Befürchtung in Beziehung auf ihn hervor⸗ zurücken. Aber Bär hatte ſich jetzt einmal auf's Fragen gelegt und ließ nicht ab, bis er Alles wußte. Als ich ihm meine Zweifel wegen ſeiner mittheilte, wurde er beinahe böſe und ſagte:„Wie konnteſt du ſo ſchlecht von mir denken, Fanny? Wie konnteſt du mich für einen ſo elenden, ſo unnatürlichen Menſchen halten? Das allein kann dich entſchuldigen, daß du krank warſt.“ „Aber Bär—— jetzt da wir arm geworden find, wird es wahrhaftig kummervoll, Kinder zu ernähren und aufzuziehen, beſonders, wenn wir viele bekommen ſollten— wenn wir wirklich zehn Mädchen bekämen!“ Ich lachte dabei mit thränenvollen Augen. „Es wird ſich ſchon machen,“ ſagte Bär munter, „wir werden ſchon Rath dazu finden. Kinder, die in Liebe empfangen werden, bringen Segen mit ſich. Je mehr Kinder, deſto mehr Vaterunſer.“ „Aber die Erziehung,“ ſeufzte ich,„die Erziehung! Wie viele Schwierigkeiten find nicht damit verbunden, beſonders nach den Anforderungen der Neuzeit?“ „Ich frage den Teufel nach den Forderungen der Zeit, wenigſtens in manchen Beziehungen,“ brummte Bär und ſetzte dann mit Ernſt und inniger Güte hinzu: „Wir werden unſere Kinder lieben, Fanny! Wir werden ihnen eine klare und feſte Gottesfurcht beibrin⸗ gen, wir werden ſie Fleiß und Ordnung lehren. Was ſchöne Künſte und eine feinere Bildung betrifft, ſo ſoll ihnen hierin Nichts abgehen, wenn wir die Mittel dazu haben. Haben wir ſie nicht, ſo werden wir uns dar⸗ über nicht grämen. Die Hauptſache iſt, daß ſie gute ver⸗ icht wig noch vor⸗ agen e er von n ſo llein find, hren men en!“ nter, ie in Je ung! nden, der umte nzu: Wir brin⸗ ſoll dazu dar⸗ gute und tüchtige Menſchen werden. Sie werden ſchon ihren Weg ſowohl bei uns, als ſpäter wieder finden. Du, meine Fanny, wirſt ſie frühzeitig lehren, was in dem Liede ſteht, das du ſo gerne ſingſt: „Wer recht ſein Vaterunſer liest, Dem bangt vor Teufel nicht und Hexen. Bär's Worte und männlich milder Ausdruck ergrif⸗ fen und erhoben mein Herz.„Nein,“ rief ich,„ich will nicht mehr ängſtlich und bange ſein. Ich kann es an deiner Seite nicht ſein, mein Bär. Hinweg mit den ſchwarzen Zaubergeſtalten und du kleiner verbannter Pro⸗ phet(ich zog das Häubchen wieder hervor), tritt jetzt an's Licht hervor und ſprich offen von dem Geheimniſſe.“ Wie entzückt war nicht Bär über das Häubchen! Er hatte noch nie etwas ſo„Nievliches,“ ſo„Allerlieb⸗ ſies“ geſehen. Ich nähie jetzt vollends die kleinen Spitzen rund herum. Bär ſetzte es nachher auf ſeine dicke Fauſt und lächelte es an, als ſähe er es bereits den Kopf ſeines Kindes ſchmücken. Dieſer ganze Abend war eine Reihenfolge der lieb⸗ lichſten Scenen und Gefühle. Es wäre mir zu viel geworden, wenn nicht Bär Ordnung in die Sache ge⸗ bracht hätte. Er nöthigte mich, ein paar Taſſen Thee zu trinken und wollte mich auch mit Butterbrödchen erfreuen. Er ſelbſt genoß beinahe Nichts. Er ſah auf mich, auf das Häubchen und bekam oft Thränen in die Augen. Wir waren glücklich. Den 9. Wo iſt meine Melancholie, Marie? Wo mein Un⸗ wohlſein, meine ängſtlichen Ahnungen? Es iſt mir, als wären ſie mit Einemmale davongeflogen, um nie wie⸗ derzukehren. Das ſchöne Gemälde hängt in meiner Schlaffiube. Ich ſehe es oft den Tag über an, ich ver⸗ richte meine Morgen⸗ und Abendandacht demſelben. 420 Und es ſpricht zu mir, es ſagt mir Alles, was troſt⸗ voll, ſchön und göttlich iſt. Ach, jetzt ſchreibe ich vor demſelben und es iſt mir, als ob die Madonna und ta⸗ Jeſuskind mit ſegnenden Blicken auf mich herab⸗ ähen. O mein Kind! Du, das du noch unter meinem Herzen ſchlummerſt, deine Mutter wird deinetwegen nicht mehr in Sorgen ſein. Sie weiß, daß ſie nicht allein über dich wacht. Ein göttlicher Beſchützer, der gleich dir einmal im Schooße einer irdiſchen Mutter ſchlummerte, iſt mit mir, iſt mit dir: ſein Blick ruht über dir, gleichwie der Sonnenſtrahl über der noch ver⸗ ſchloſſenen Blumenknospe ruht. So wie er ewig iſt, biſt du ewig; wie er zu Gott ging, ſo wirſt auch du, von ihm geleitet, zum ewigen Vater gehen. So komme denn, mein Kindchen, komm an's Licht hervor! Was dir auf Erden auch beſcheert ſein mag, wir wollen nicht zweifeln, nicht verzagen, mein Kind. Wir wollen glau⸗ ben, daß er, der deinen Geiſt zum Sein berufen, auch früher oder ſpäter ihn entwickeln und zu ſich führen wird. O komm, mein Kind! Dein irdiſcher Vater wird dich mit Freuden an ſeine Bruſt drücken, deine Mutter wird leben, um dich glücklich zu machenz ſie wird deine Wiege mit Geſang und Freude umgeben. An ihrer Bruſt wirſt du deine erſte Nahrung empfangen und dort, mein Kind, wirſt du auch zuerſt die Liebe kennen lernen; dort wirſt du eingeweiht werden um dereinſt zu fühlen und zu verſtehen, wie Gott liebt. O, ich will dich ſo warm, ſo innig an mich ſchließen, daß keine kalte Winde des Lebens im Stande ſein ſollen, dich auszukühlen; daß du, ſelbſt wenn das Eis des Alters dein Blut erſtarren macht, noch warm werden ſollſt bei der Erinnerung an deiner Mutter Liebe. Wachſe, liebliche Himmelspflanze, wachſe in dem ſtillen Treib⸗ hauſe, wachſe in der ſtillen Nacht und wenn der Augen⸗ blick kommt, da du deine Augen zum Licht aufſchlagen oſt⸗ vor und ab⸗ nem gen icht der tter ruht ver⸗ iſt, du, nme Pas icht lau⸗ uch rn vird tter eine hrer wirſt, dann ſei willkommen! willkommen ſelbſt in Schmerzen, mein Kind, Gottes Kind! Einundzwanzigſter Brief. — W. den 13. December. So wie die Sache ſich gegenwärtig anläßt, könnte ich mich an einem ſchönen Vormittag ſelbſt in Bruno verlieben. Ja, man darf Pferde und auch Hunde er⸗ ſchießen, wenn man gegen die Menſchen gut iſt. Erinnerſt du dich, was ich von dieſer beklagenswerthen Familie ſagte— von der Wittwe mit den vielen Kleinen? Nun gut, ſie ſind getröſtet und aufgerichtet. Bruno hat der Wittwe ein Kapital geliehen, womit ſie ſich im Stande ſieht, ein lohnendes Handelsgeſchäft zu beginnen, und zwei von den Knaben hat er gänzlich zur Erziehung übernommen. Wie glücklich ſind nicht die Reichen, die ſo wirkſam helfen können! Bruno hat Alles in der größten Stille gethan und der Wittwe Schweigen an⸗ befohlen, ſie aber hat in ihrer Freude Serena Alles geſagt, und Serena, die mich geſtern früh beſuchte, er⸗ zählte es mir. Eine ſchöne Freude belebte ihr mildes Geſicht, als ſie berichtete, was Bruno gethan. So entzückt ich über die Sache ſelbſt war, ſo konnte ich doch die Bemerkung nicht unterlaſſen, daß es gerade keine ſo große That ſei, ſondern etwas ganz Natür⸗ liches bei einem reichen Manne. „Das iſt wahr,“ antwortete Serena,„und ähnliche Handlungen hat auch mein Großvater oft gethan, ſo lange er noch in beſſern Umſtänden war, als jetzt. Aber ich konnte Frau E's. Freude nicht ſehen, ohne mit ihr den zu ſegnen, der die Urſache derſelben war.“ ——— 4²2 In dieſem Augenblicke kam Jemand und unſer Ge⸗ ſpräch wurde unterbrochen. Serena ging. Der alte Dahl iſt beſſer. Gott ſei Dank, es wird jetzt Alles beſſer; das Wetter iſt beſſer, die Kranken werden beſſer; Bär iſt heiter; auch meine Schülerinnen beſſern ſich. In den Häuſern macht man Würſte auf Weihnachten. Auch ich mache Würſte und finge dazu Lieder mit Siſſa und Bengta. Ma chère mére lernt ſchreiben, Kartenſpielen, und ich bin glücklich über Bruno, der ſich vortrefflich mit ihr verträgt, im Uebrigen aber, wie Jean Jacques ſagt, düſter und abgezehrt ausſehen ſoll. Warum zehrt er ſich ab? Warum weicht er der⸗ jenigen aus, die ſeinem Herzen Frieden geben kann und will! Den 19. Geſtern Vormittag ging ich zu Dahl's. Serena war im Vorgemach mit zwei jungen Frauenzimmern beſchäftigt, die ſie in der ſchönen Kunſt, Blumen zu machen, unterrichtete. Ihre Wange hatte eine lebhaf⸗ tere Farbe, als ſeit einiger Zeit, und das freut mich. Sie umarmte mich und ſagte leiſe:„Du gehſt doch wohl einen Augenblick zur Großmutter hinein, während ich hier bleibe? Suche ſie aufzumuntern, beſte Fanny; ſprich von etwas Heiterem mit ihr; ſie iſt heute ſo niedergeſchlagen.“ Ich traf Madame Dahl in ihrem Schlafzimmer. Sie ſaß dort allein in ihrem großen Lehnſtuhl und ſtieß tiefe Seufzer aus. Sie empfing mich mit mütterlicher Güte, ſprach mit mir über mich, gab mir gute und kluge Rathſchläge, und verfiel ſodann wieder in ein kummervolles Schweigen, das ſie mit den Worten unterbrach: „Sage mir aufrichtig, liebe Franziske, ob du nicht auch glaubſt, daß Serena ſeit einiger Zeit ſehr ab⸗ fällt. Meinſt du nicht auch, daß ſie abgemagert und beinahe mit jedem Tage bläſſer wird?“ heu ſeh rten nicht ab⸗ und Ich antwortete, meiner Anſicht nach ſehe Serena heute geſünder aus, als wie ich ſie das letzte Mal ge⸗ ſehen habe. „Aber doch findeſt du ſie gewiß jedenfalls ſehr ver⸗ ändert gegen den Sommer? Jü ſie nicht beſonders ſeit einem Monat bedeutend abgefallen?“ Ich konnte nicht leugnen, daß es mir auch ſo vor⸗ tomme, fügte aber hinzu, ſie werde ſich vielleicht bald wieder erholen. Serena glaube es ſelbſt auch. „Ach mein liebes Kind,“ erwiederte Mavame Dahl, „das iſt kein Troſt für mich. Serena iſt ganz wie ihre ſelige Mutter, meine theure, geſegnete Benjamine. Gerade ſo fing ſie an vor ihrem Tode auszuſehen; ge⸗ rade ſolche bleiche Wangen, ganz dieſes Ueberirdiſche im Blicke. So lächelte ſie auch und ſagte zu uns:„Es iſt mir wohl,“ oder,„ich werde bald beſſer ſein.“ Und ſie klagte nie und wollte nie, daß Jemand ſich ihret⸗ wegen beunruhigen ſolle. So war ſie bis in ihre letzte Stunde. Ach, ach, Serena wird bald ihrer Mutter nachfolgen, wenn nicht Hülfe kommt.“ Mavame Dahl wiſchte ihre Thränen ab und ich gleichfalls. Dann ſagte ich: „Serena iſt nicht körperlich krank; nur ihre Seele, ihr Herz hat gelitten und wird ſie wohl nicht Kraft genug haben, dieſes Leiden zu überwinden und voll⸗ kommene Ruhe wieder zu gewinnen?“ „Ja, Kraft, klaglos zu leiden, vollkommen zu ent⸗ ſagen, aber nicht Kraft genug, um nicht zu ſterben. Ach, meine liebe Fanny, es iſt in dieſer Liebe von Kind⸗ heit auf Etwas, was tiefe Wurzeln im Herzen hat.⸗ Schon als Kind hing ſie ja mit ihrer kleinen Seele an dem wilden Knaben. Wenn er kam, lachte ſie und ſtreckte ihre Aermchen gegen ihn aus. Wenn er ging, wurde ſie betrübt und ſtille. Und ich habe gemerkt, daß ſie jetzt auf dieſelbe Weiſe für ihn fühlt, wie damals. Ich fürchte, dieſe Liebe iſt mit ihrem Leben verwachſen, und das habe ich heute auch meinem Manne geſagt. Aber 424 er will nichts davon hören. Es thut mir leid, daß ich ihn mißvergnügt gemacht habe, aber ich hatte keine Ruhe nach dem, was ich geſtern Abend ſah.“ 5 was ſahen Sie denn, meine gute Madame a „Wir hatten ſo eben den Thee getrunken. Serena war bei uns. Das liebe Kind ſah vermuthlich, daß ich unruhevoll die Augen auf ſie geheftet hatte; denn ſie wurde ſchnell geſprächiger und heiterer als gewöhnlich. Sie erzählte uns allerhand Sachen, worüber wir herz⸗ lich lachen mußten und ich vergaß bereits meine Unruhe und war geneigt zu glauben, wir Alle ſeien glücklich. Als wir etwa eine Stunde ſo geſchwatzt und gelacht batten, ging Serena hinaus und gleich darauf war es mir, als hätte Jemand zu mir geſagt:„Geh und ſieh nach ihr!“ Ich ging leiſe in ihr Zimmer und fand ſie dort mit der Stirne an's Fenſier gelehnt. Ich nahm ihren Kopf in meine Hände und zwang ſie, ihr liebes Geſicht mir zuzuwenden. Ach, Franziske! es war in Thränen gebadet. Sie wollte mir dieſelben Anfangs verbergen und als ſie dieß nicht konnte, ſchob ſie es auf ein Buch, das ſie ſehr gerührt habe. Ich that, als glaube ich ihr, aber ich verſtand jetzt, wie viel Uhr es war, und verließ ſie mit einem Herzen, ſchwerer, als es in der Todesſtunde ſein kann. Am Abend wollte ich mei⸗ nem Alten Nichts ſagen, um ſeine Nachtruhe zu ſtören; überdieß kam Serena bald wieder herein und fing an mit ihren rothen Augen vorzuleſen, als ob Nichts ge⸗ ſchehen wäre. Heute früh aber habe ich ihm geſagt, was ich fürchte. Er glaubte jedoch, nur meine Einbildung habe mir dieß vorgemalt. Ach, ſeine Augen ſind trüb und können nicht ſeben, was die meinigen ſehen.“ „Aber wenn Bruno ſich Serena's würdig zeigt, ſo werden ihre guten Eltern es doch nicht länger aufſchie⸗ ben, ſie und ihn glücklich zu machen?“ „Ja, wenn. Das iſt ein bedeutungsſchweres Wenn, mein liebes Kind. Es ſcheint mir recht ſonderbar von ihm war Ma tete ie⸗ n, on ihm, daß er ſeit dem Tage, da er ſich um Serena be⸗ warb, nicht ein einziges Mal hier war. Und mein Mann hatie doch ſo recht in dem, was er ihm antwor⸗ tete. Das mußte Bruno einſehen. Wenn er Serena wirklich von ganzem Herzen liebt, ſo hätte dieſe Ab⸗ weiſung ihn nicht von unſerem Hauſe entfernen ſollen. Es war eine ſchöne That von ihm, die gegen die Familie E beinahe Jedermann, den man trifft, nennt ihn mit Auszeichnung. ich habe ihn immer gut und ungemein intereſſant gefunden— aber ſo, wie die Sachen jetzt ſtehen, können und dürfen wir Nichts thun, um ihn zu uns zurückzurufen. Alles kommt jetzt auf ihn ſelbſt und ſein Benehmen an.“ In dieſem Augenblick kam Herr Dahl herein. Er grüßte mich freundlich, obwohl nicht ſo munter, wie gewöhnlich. Er ging zu ſeiner Frau und klopfte ſie auf die Schulter. Ich glaubte zu ſehen, daß er ihr etwas Angenehmes zu ſagen habe, und daß ſie gern allein ſein möchten. Ich ſagte daher, ich wolle Serena aufſuchen und verließ ſie. Inzwiſchen wollte ich den Rath der Blumiſtinnen im Vorgemach nicht ſtören, ſondern ging auf einem andern Weg in Serena's Zimmer, wo ich ſie zu er⸗ warten gedachte. Serena's Zimmer iſt hübſch und freundlich. Man ſieht, die zärtlichen Eltern haben Alles gethan, damit das geliebte Kind es behaglich haben ſoll und ich weiß nicht, welcher Duft des Friedens, der Ordnung und reinen Geſchmackes die hübſche Wohnung erfüllt und macht, daß es einem angenehm darin zu Muthe wird. Mehrere Gemälde ſchmücken die Wände. Einige von ihnen ſind Serena's Arbeit. Sie zeichnen ſich durch Einfachheit der Stoffe, ſo wie durch die Treue und Sorgfalt aus, womit ſie ausgeführt ſind. Nachdem ich ſie betrachtet hatte, wurde ich auf einen grünen Vorhang neugierig. Ich hob ihn auf und von wohl⸗ geordneten Bücherbrettern herab glänzten die Namen claſſiſcher Schriftſteller Schwedens und Dänemarks 426 (Dänemarks, arm an Leuten, aber reich an Talenten, klein an Raum, aber groß in ſeinem intellectuellem Streben!) Sie waren ſämmtlich alte Bekannte von mir und entzückt über das Zuſammentreffen berührte ich lieb⸗ koſend die theuren Bücher, indem ich bewegt ſagte: „Dank, o, habt Dank für alles Stärkende, alles Gute, allen himmliſchen Genuß, den ihr mir und Vie⸗ len geſchenkt habt.“ Auf dem Tiſch lag ein aufgeſchlagenes Buch. Es waren Kernell's Skizzen. Eine Bleifeder lag in dem geöffneten Buche; ich ſah ein Stück von dem Blatte unterſtrichen und las: „Licht muß das Leben werden, wenn es ſich nicht in lethargiſche Betäubung, in wirklichen Tod verwan⸗ deln ſoll. In dieſer düſtern Stimmung kann ſich der Menſch nicht auf die Unſterblichkeit vorbereiten; denn er verſteht ſie nicht und ſtrebt nicht darnach, ihrer wür⸗ dig zu ſein. Man erinnert ſich der entflohenen Augen⸗ blicke der Freude deutlicher, als der dahingeſchwundenen Stunden des Kummers. Dieß iſt ein Wink, daß man das Leben lieben muß. Der Tod ſoll nicht als eine Befreiung aus dem Gefängniſſe angeſehen werden; er iſt nur ein höherer Schritt, ein Schritt vom Thale auf den Berg hinauf, wo man eine ausgedehntere Ausſicht hat und leichter athmet—— vom Thale, wohin ja der Sonne Licht und Wärme auch drang, wo uns Gottes Liebe ja auch umſing. Lerne das Leben recht verſtehen und lieben, wenn du die Ewigkeit recht verſtehen und recht lieben willſt. Ein guter Chriſt muß ſchon auf Erden glücklich ſein— dieß iſt die Aufgabe des Lebens, die Jeder an ſeinem Ort zu löſen ſuchen muß: die ſchwere Aufgabe, deren Löſung ſo Wenige gefunden haben, die die meiſten Menſchen ſo vielen Kampf koſtet. Doch je mehr und je größer die Schwierigkeiten, um ſo ehrenvoller der Sieg. Man kann in ſeinen größten Lebenshoffnungen betrogen wer⸗ den und dennochnichtunglücklich ſein. Ich habe mir ieb⸗ lles Vie⸗ Es dem atte icht ban⸗ der enmn vür⸗ gen⸗ enen man eine er auf ſicht der ttes ehen und auf ens, die nden ſtet. nen er⸗ habe es lange geahnt und mit jedem Tage führt mich der Gang der Welt, ſo wie meine eigene innere Erfah⸗ rung mehr zu der Ueberzeugung, daß es kein wirkliches Unglück mehr gibt, als das einzige, Gott nicht zum Freunde zu haben.“ Auch ich unterſtrich die ſchönen, ſtärkenden Worte. Ich möchte ſie in goldenem Rahmen eingefaßt haben. Auf einem loſen Papierblättchen, das an dieſer Stelle im Buche lag, ſtanden einige Worte von Serena's eigener Hand. Ich konnte mir's nicht verſagen, ſie zu leſen; ſie lauteten: „Ja, Alles kann ertragen, Alles kann verklärt wer⸗ den, Alles im Herzen und im Leben kann gut werden durch Gebet und Arbeit.“ „Eine große Wahrheit, Serena!“ dachte ich,„über die ich weiter mit dir verhandeln muß.“ Aber Serena blieb gar zu lange aus. Ich wurde ungeduldig und ging, um ſie aufzuſuchen. Ich traf fie nicht vorn, aber im Schlafzimmer hörte ich Stim⸗ men; die Thüre zu demſelben ſtand angelehnt, und ich wurde Zeuge folgenden Auftrittes: Serena kniete auf dem Schemel zu den Füßen ihrer Großmutter und hatte ihren einen Arm um ihren Hals geſchlungen; der alte Dahl hielt ihre andere Hand und ſah ſie mit einem unbeſchreiblichen Ausdruck von Kummer und Zärtlichkeit in ſeinem würdigen Geſichte an, während ſie mit ruhiger Erhebung in Blick und Ton zu ihnen ſagte: „Seid nicht unruhig. Seid nicht bekümmert mei⸗ netwegen, meine guten, guten Eltern. Glaubt mir, ich bin ruhig, ich bin zufrieden, bin euer glückliches, euer dankbares Kind. Ich habe eine kurze Zeit gelit⸗ ten, das iſt wahr, und es konnte nicht verhindert wer⸗ den; aber ich bin bereits beſſer, und werde bald wiever vollkommen ſtark ſein. Seid nur ruhig und bekümmert euch nicht.“ 428 Leiſe ſchlich ich mich wieder hinweg; ich wollte nicht lauſchen, wollte dieſe Liebenden nicht ſtören. Ich ging in Serena's Zimmer zurück, ſtellte dort meine Betrachtungen an, nahm das von ihr beſchriebene Blatt wieder und hielt es noch in der Hand, als ſie eintrat. Serena erröthete, nannte mich neugierig, umarmte mich aber mit ſtiller Herzlichkeit.„Sei nicht böſe auf mich, Serena,“ ſagte ich,„du mußt im Gegentheile jetzt recht gut und demüthig ſein, denn ich ſtehe da mit dem Vorſatz, dich auszuſchelten.“ „Mich auszuſchelten?“ wiederholte Serena lächelnd, „nun laß einmal hören.“ „Du darfſt nicht ſo munter und ſicher drein blicken, Serena! Ich bin recht ernſtlich böſe auf dich.“ Und jetzt erzählte ich ihr, was Madame Dahl mir von dem Auftritt des geſtrigen Abends mitgetheilt, ſo wie das, was ich ſo eben mit eigenen Augen geſehen, und ſetzte eifrig hinzu:„Das iſt nicht aufrichtig, Serena; das iſt unnöthige, unvernünftige Selbſtaufopferung. Warum dich deinen Eltern anders zeigen, als du biſt? Warum ihnen eine falſche Sicherheit einflößen, während Schmerz dich verzehrt, und dieß um ſo tiefer, je mehr du ihn in dich ſelbſt verſchließeſt.“ „Und was willſt du denn, daß ich thun ſoll, gute Fanny?“ ſagte Serena, indem ſich Thränen in ihre Augen drängten.„Soll ich meine alten guten Eltern ein Leiden fühlen laſſen, wo ſie nicht abhelfen können? Soll ich durch meine Schwäche ihre Tage verbittern? Und würde mir das helfen! Würde es mir wohl thun? O nein, Fanny! Das kannſt du nicht wollen, das kannſt du nicht glauben. Ich bin überzeugt, daß ihre Hand⸗ lungsweiſe ſowohl recht als zärtlich iſt; ich bin auch überzeugt, daß von unſerer Seite jetzt Nichts gethan werden kann oder darf. Es iſt mir ſchwer gefallen, daß Bruno ſo lange von uns wegbleiben kann— es ſchien mir unfreundlich, ja hart von ihm—— aber ich habe mich jetzt daran gewöhnt, zu warten, und will Kir gef An mit der gef Ute eine latt künftig geduldig warten, denn einmal wird er doch wie⸗ der kommen! das fühle, das weiß ich aber Fanny, laß uns jetzt nicht davon ſprechen, kaß uns nicht an mich denken; lieber an alles Andere. Es gibt ietzt viel zu thun auf die goldene Hochzeit. Das wird ein großer und ſchöner Tag, Fanny. Denke nur, ein halbes Jahr⸗ hundert tugendhaften und glücklichen Zuſammenlebens. Zetzt haben wir auch bald Weihnachten. Du und dein guter Mann, ihr eßt doch die Weihnachtsgrütze bei uns. Die Kinder der Frau E. kommen auch dazu. Ich habe meine Eltern gebeten, ihnen eine kleine Weihnachts⸗ freude zu bereiten. Du wirſt doch auch dabei ſein? Es muß ſchön werden. Wollen wir ſogleich ausgehen und unſere Chriſtgeſchenke kaufen? Das Wetter iſt ſchön. Ich will deinen Caſſier machen.“ Wir gingen. Es war eine Luſt, die Leute auf dem Markte zu ſehen, und die Neugierde und Freude der Kinder, wie ſie an der Seite der Eltern auf dem friſch⸗ gefallenen Schnee einherhüpften. Serena freute ſich des Anblicks; wir theilten einander unſere Bemerkungen mit. Wir markteten; ich kaufte eine Attrape für Bär. Zwei angenehme Stunden verfloſſen. Serena ſchien in der Theilnahme, in der Wirkſamkeit für Andere ver⸗ geſſen zu haben, daß ſie ſelbſt nicht glücklich war. Weihnachten. Den angenehmen Weihnachtabend bei Dahl's, die Freude der Kinder bei ihren Bäumen, voll Lichter, Con⸗ fect und anderen Geſchenken, Serena's mütterliches Be⸗ nehmen gegen ſie, mein Vergnügen daran, die Weih⸗ nachtsgrütze, die Chriſtnacht— Alles das überhüpfe ich in Eile, um dahin zu kommen, wohin Serena und ich mit Bär zu gehen verabredeten, und wohin du, meine liebe Marie, mich jetzt begleiten mußt, nämlich in die 430 Weihnachtsfrühmeſſe. Wir ſind in der Kirche. Ihr großes, ſchönes Ge⸗ wölbe ſtrahlt von tauſend Lichtern. Altar, Pfeiler, Chor, Alles ſchimmert, Alles glänzt ſo herrlich und fröhlich. Die Orgel ertönt noch nicht. Es herrſcht eine feierliche Ruhe im Tempel, die durch das leiſe Geſäuſel der wogenden Menge eher vermehrt, als geſtört wird. Wir ſetzen uns im Chor. Eine Reihe von Lampen gerade gegenüber wirft einen ſtarken Schein auf uns. „Du ſiehſt ganz verklärt aus,“ ſagte Bär, als ich mich ſetzte. Ich dachte daſſelbe von Serena. Meine Seele war voll freudiger Andacht In unſerer Nähe, den Rücken an eine Säule ge⸗ lehnt und von derſelben beſchattet, ſtand eine hohe, fin⸗ ſtere Geſtalt, ſichtbar in tiefe Gedanken verſunken. Es war Bruno! Sein Profil war ſchön, ſchien mir aber ungewöhnlich bleich. Er ſah uns nicht; ſein Haupt war herabgebeugt. Die äußere Welt war für ihn nicht vorhanden. Aber beim erſten Ton der gewaltigen Or⸗ gel zuckte er zuſammen und ſah auf. Seine Augen begegneten denen Serena's. Er grüßte nicht, ſie grüßte nicht; ſie ſchienen gänzlich in den Anblick von einander verloren zu ſein und ich ſah ihnen zu. Sie kamen mir vor, wie Geiſter, die nach langen Leiden in einer ſeligen Welt ſich begegnen und wieder vereinigt werden. Ihre Geſichter waren blaß, aber ein unnennbarer Ausdruck von Liebe und eine Art ſeliger Schmerz beſtrahlte ſie gleichſam. Es war ein Blick tiefer, gegenſeitiger Wie⸗ dererkennung. Feucht von Thräneu ſenkten ſich Sere⸗ na's Augenlider. Bald war Bruno an ihrer Seite, und ſich an ihre Bank lehnend, ſagte er mit leiſer, aber nicht flüſternder Stimme:„Laſſen Sie mich mit Ihnen beten.“ Serena hielt ihr Buch ſo, daß er hineinſehen konnte. Als ihre Stimmen ſich erhoben und in einem ſchönen, tief harmoniſchen Ton vereinigten, da durchzuckte mick lich ſties Ge⸗ hor, lich. liche der npen 431 mich die Ahnung, daß dieſe Zwei für einander beſtimmt, daß ihre Vereinigung im Himmel beſchloſſen ſei, weil ſie ſich auf die Sympathie der Seelen gründet, welche die Bedingung und ſichere Bürgſchaft eines unſterb⸗ lichen Eheglückes iſt. Als dieſer Gedanke in mir auf⸗ ſtieg, folgte ihm ſogleich die Frage, ob Bär und ich auch ſympathiſiren. Ich bekam Luſt, ihn zu fragen, was er davon glaube, aber als ich zu ihm aufſah, wie er neben mir ſtand, ohne nach Rechts oder Links zu blicken, ohne zu ahnen, was in ſeiner Seele vorging, und wie er mit kräftiger Baßſtimme und aus Herzensgrunde ſeinen Lobgeſang ſang, da ſchämte ich mich meiner ab⸗ geſchmackten Gedanken und ſtimmte in ſeinen Geſang ein, innig fühlend, daß ich ihn von ganzem Herzen hochachte und liebe. Zwiſchen Bruno und Serena wurden jetzt weder Worie noch Blicke mehr gewechſelt, aber wenn fie ihr Haupt im Gebete beugte, beugte er das ſeinige; wenn ihr Finger ihm den Vers zeigte, der geſungen werden ſollte, ſo folgte er. Er ſchien glücklich, mit ihr beten zu dürfen. Ils wir aus der Kirche ingen, war er an ihrer Seite und bahnte uns den Weg durch die Maſſe. Er führte uns an den Wagen. Als dieſer am Dahl'ſchen Haus anhielt, ſtand er unter der Thüre und half uns ausſteigen. Sein Geſicht war vom Monde beſtrahlt und haite einen ſchönen Ausdruck eines milden und erhöhten Lebens.„Ich ſehe Sie bald wieder,“ ſagte er zu Serena, indem er ihre Hand küßte; dann drückte er Bär und mir die Hand und verſchwand. Ich habe ihn nie ſo fröhlich und freundlich geſehen. Wir tranken unſern zweiten Kaffee mit den alten Dahl's. Serena erzählte ihren Großeltern mit unge⸗ heuchelter Freude ihr Zuſammentreffen mit Bruno, ſo wie ſein Verſprechen, ſie bald zu beſuchen. Es ſchien den Alten Freude zu machen. „Welch ein Morgen!“ ſagte Serena zu mir, als wir einen Augenblick allein waren.„O Fanny, das 432 Leben hat ſchöne, wunderbare Stunden. Als ich ihn da ſah in dem klaren Scheine— als er mit mir ſang — ach, ich fürchtete nur, daß meine Andacht von dieſem Augenblick an nicht mehr rein war— alle meine Ge⸗ bete waren für ihn...“ Möge Niemand größere Sünden zu bereuen haben! Jetzt muß ich dich verlaſſen, Marie, denn der Wa⸗ gen iſt da, der uns zum Mittageſſen bei ma chère mere abholen ſoll. Den 2. Januar. Wir haben einen kleinen häuslichen Sturm gehabt, ich und mein Bär. Du erinnerſt dich meiner geheimen Muſikſtunden. Die Sache kam an den Tag. Bär kam einmal mitten in der bataille de Prague herein. Er wurde geſchlagen. Nach der bataille entſtand ein Allarm. Möchten alle ehelichen Streitigkeiten ſo anfangen und ſich endigen! Es würde dann öfter in den Familien ein Te Peum geſungen werden. Den 5. Der geſtrige Abend ſah einen kleinen ausgewählten Kreis verſammmelt und zu einem großen Genuſſe ver⸗ einigt. Und wer waren wohl die Auserwählten? Wer anders, als ich ſelbſt(es lebe die Beſcheidenheit!), mein anderes Ich, Bruno, Serena und die Patriarchen, in deren Haus wir uns befanden. Es war noch ein ſie⸗ benter Gaſt da(um das Sternbild vollſtändig zu machen), einer, der alle Andern zu ſeinem Himmel emporhob, und dieſer Gaſt hieß— Poeſie. Bruno las Axel vor, und dieſes herrliche, nie oft genug zu leſende Gedicht, jetzt von Bruno's ſeelenvoller Stimme vorgetragen, ſchien mir entzückender, als je. Serena's Nähnadel träumte in ihrer Hand; auch ihr Auge ſchien Ohr ge⸗ worden zu ſein. Und wir Alle, alt, jung und mittleren Alters wurden in unſeren Herzen verwandelt. Wir wur⸗ den ſanft, warm, liebend. Erhaben und ſchön iſt des gro die We in Ein einz bal jetz mit glü alle zeic und du, Eir im 433 ihn großen Dichters Loos. Seine Leier iſt die Welt und ſang die Saiten, auf denen er ſpielt, ſind die Menſchenſeelen. eſem Wenn er will, erklingen ihre Töne und verſchmelzen Ge⸗ in göttlicher Harmonie. So geſchah es auch in unſerem kleinen Kreiſe. ben! Ein wonniges, unnennbares Wohlbehagen verbreitete Wa⸗ ſich über denſelben. Wir machten Alle gleichſam eine hère einzige, glückliche und liebende Familie aus. Bruno's bald ſo düſtere, bald ſo flammende Blicke, ſtrahlten jetzt von gemildertem Glanze und ruhten auf Serena . mit einem Ausvrucke inniger Liebe. Serena war ſo at, glücklich, ſo beiter, ſo ſchön, daß es ſchien als müßten men alle Finſterniſſe der Welt ſich aufhellen, wo ſie ſich kam zeige. Sie ſchien in ihrem ſeligen Herzen alle lebendigen Er Weſen umſchlingen und ſegnen zu wollen. rm. Ehe ich ging, umarmte ſie mich mit Freudenthränen und und ſagte:„Siehſt du, daß er wieder kommt? Siebſt ilien du, daß Alles ſo wird, wie ich geſagt habe? Wir werden Eine Familie werden, einig, friedvoll und glücklich.“ „Ja,“ dachte ich,„wenn der heilige Geiſt ver Poeſie immer bei und in uns wäre, aber„ach!“ lten ver⸗ Wer nein Zweiundzwanzigſter Brief. in ſie⸗ o en, W. den 12. Januar. hob, Gott ſteh uns bei, welche ruheloſe Bewegung von vor, innen und außen! An allen Ecken und Enden rüſtet icht, man ſich bier zur goldenen Hochzeit.(Ich weiß nicht, gen, ob ich dir ſchon geſagt habe, daß der große Tag auf adel den 20. Januar fällt.) Die ganze Stadt, die ganze ge Gegend nimmt Theil daran. Es iſt, als ob die ge⸗ eren ſammte Einwohnerſchaft mit den alten, verehrunas⸗ vur⸗ würdigen Dahl's verwandt wäre. Ibre acht Kinder des nebſt Familien werden dieſer Tage hier erwartet. Auch Bremer, die Rachbarn. 28 434 ich bin in Bewegung wegen des Feſtes. Ich helfe Se⸗ rena in was ich kann und übe nebſt Bruno einen Chor ein, der am Feſte geſungen werden ſoll. Bruno hat ihn componirt. Er iſt ein wirklicher Meiſter, und es iſt eine wahre Freude, ſich von ihm leiten zu laſſen. Das Sängerperſonal verſammelt ſich zweimal in der Woche bei mir, und wird von dem ſtrengen Meiſter eingeübt, vor dem wir Alle ein wenig bang haben. Serena hat ſo viel zu thun, und für das Feſt, ſowie für die Onkel, Tanten und Baſen alle, die erwartet werden, ſo viet in Ordnung zu ſetzen, daß ſie ſich nur ſelten bei mir zeigt. Einmal kam ſie und ſang im Chor mit, aber da war alle Andacht aus der Lection ver⸗ ſchwunden. Bruno's Leib ſaß am Inſtrumente; ſeine Seele war bei ihr. Bruno iſt Abends oft bei Dahl's. Er ſucht die Alten zu gewinnen, und unterhält ſich mit ihnen, liest ihnen vor. Serena ruht aus; ſie glaubt einen Bruder gewonnen zu haben und iſt glücklich. Den 16. Die junge Brut langt von Oſt und Weſt an. Dahlen hier und Dahlen dort. Liebenswürdige Men⸗ ſchen, ſchöne Kinder! Wie doch einige Familien gedei⸗ hen! Ein Schwarm von Couſinen jeden Alters trifft bier zuſammen. Brüder⸗, Schweſter⸗ und Freundſchaf⸗ ten werden geſchloſſen. Die ganze Stadt iſt in Bewe⸗ aung. Es gibt eine Menge Bälle und Luſtbarkeiten in Folge der goldenen Hochzeit. Auch ma chére möre will ein großes Gaſtmahl geben. Ich werde wohl nicht viel von dieſer Herrlichkeit zu ſehen bekommen, denn ich muß mich ruhig verhalten; aber ich werde die fröhliche Zeſtzeit im Herzen bewahren. Bruno iſt bei abwechſelnder und düſterer Laune, und die Freude in Serena's Blicken iſt erloſchen. Ach! Fräulein Hellevy Hausgiebel iſt bei dieſer Gele⸗ genheit unſchätzbar für das Dahl'ſche Haus als Rath und Beiſtand. Sie hat die Anordnung von Tableaux ————— über den und unte zeug Abe lune Feſt den ten zu hier Rei getr wir beh den beke zett geh Gü häß ihr zu mei ma fei ein Se⸗ Chor hat d es aſſen. nder eiſter aben. ſowie artet nur Chor ver⸗ ſeine tdie liest ruder tan. Men⸗ edei⸗ trifft zewe⸗ en in will viel n ich liche aune, Gele⸗ Rath leaux ———— 435 übernommen, womit die alten Dahl's überraſcht wer⸗ den ſollen. Sie geht mit Landrichter Hök zu Rathe, und ſie drapiren, eclairiren, discutiren(disputiren mit⸗ unter ein wenig), arrangiren u. ſ. w., ſo daß ich über⸗ zeugt bin, wir bekommen etwas Schönes zu ſeben. Am Abend des großen Tages wird eine große Verſamm⸗ lung bei Dahl's ſtattfinden. So iſt es recht. Dieſes Feſt ſoll eben ſo öffentlich und feierlich begangen wer⸗ den, wie die erſte Hochzeit ſtill und beſcheiden abzuhal⸗ ten iſt. Da geht man an Bord, um über ein Meer zu ſegeln, wo Wind und Wogen oft ſtürmiſch ſind; hier dagegen(bei der goldenen Hochzeit) hat man die Reiſe vollendet, iſt im Hafen eingelaufen und kann getroſt die Siegesflagge aufpflanzen. Ma chère mére kommt auch zum Feſte, und mir wird die Freude zu Theil, ſie über Nacht bei mir zu behalten. Ich will jetzt ſelbſt Kaffee röſten, damit ſie den Trank, den ſie vor Allem liebt, ausgezeichnet gut bekommt. Ich hätte dir Verſchiedenes über die Dahl'ſchen Sprößlinge zu ſagen, ſpare es aber bis nach der Hoch⸗ zeit auf, wo ich beſſer Zeit haben werde. Im Vorbei⸗ geben muß ich jedoch erwähnen, daß ich mir einen Günſtling unter ihnen auserkohren habe. Sie heißt Mattea, iſt ein großes, zwanzigjähriges, von Herzen häßliches, von Herzen gutes Mädchen, und hat durch ihr fröhliches, freimüthiges Weſen, ihre naive Liebe zu Serena und ihr ſchönes Talent für's Fortepiano, mein Herz gewonnen. Den 21. Januar. Womit du dich auch im Augenblick beſchäftigen magſt, Marie, ſei es mit der letzten Maſche eines Strumpfes, oder dem erſten Worte eines Compliments, ſei es mit der Betrachtung eines Porträts, oder mit einem Bulwer'ſchen Roman, ſei es mit einem Geſpräch über die Unſterblichkeit mit B., oder Aufzug 436 eines Gewebes, ſei es mit der Bereitung einer Citro⸗ nencreme, oder mit der Beantwortung eines Freier⸗ briefs— laß ſogleich Alles zuſammen liegen und ſetze dich ganz andächtig hin, um das Capitel zu leſen, das 6 jetzt zu ſchreiben gedenke, und das die Aufſchrift rt: Die goldene Hochzeit. Wenn du die Schönheit und den Werth der Ehe kennen lernen willſt, wenn du ſehen willſt, was dieſe Verbindung für zwei Menſchenherzen und für das Le⸗ ben ſein kann, ſo betrachte die Gattin nicht in den Honigmonaten, nicht an der Wiege ihres erſten Kindes; nicht zu einer Zeit, wo Neuheit und Hoffnung einen Morgenglanz über die junge, neugeborene Welt des Familienlebens werfen. Betrachte ſie lieber weiter hin in den Mannesjahren, wenn ſie die Welt und einander geprüft, wenn ſie manchen Fehler und manche Verſu⸗ chungen überwunden haben, um ſich inniger an einan⸗ der zu ſchließen, wenn die Mühen, wenn die Kümmer⸗ niſſe da ſind, wenn ſie unter der Bürde des Tags, ſo wie in ſeinen Ruheſtunden ſich immer an einander ſtützen und an einander genug haben. Oder betrachte ſie noch weiter hinab(hinauf) im Leben; betrachte ſie in der Zeit, wo die bewegungsvolle, wechſelreiche Welt fern von ihnen dahinrollt, wo alle Gegenſtände um ſie her vor ihren Blicken trüber werden, wo ihr Haus ſtille — „— iſt, wo ſie allein da ſtehen, aber immer noch Hand in Hand, noch immer Zärtlichkeit einander in den Augen leſen, und mit denſelben Erinnerungen, denſelben Hoff⸗ nungen an der Gränze eines andern Lebens ſtehen, in welches ſie mit einander einzugehen bereit ſind, von allen Wünſchen des Lebens nur einen einzigen übrig behaltend, den, am ſelben Tage ſterben zu dürfen— — ja—— betrachte ſie da! Und deßhalb jetzt zu den Patriarchen, zu der goldenen Hochzeit. ich, derſe ſchne mich küßte Alter Sere geme taba friſc durc fried dem trug Alte Alte daß das die mer der here ſche nir wie hert ſehe Sti ſchl Kü Litro⸗ reier⸗ ſetze „ das ſchrift Ehe dieſe 6 Le⸗ den ndes; einen t des r hin ander zerſu⸗ inan⸗ nmer⸗ 8, ſo tützen „— noch n der fern e her ſtille nd in Augen Hoff⸗ n, in von übrig en— u den 437 „Da gibt es in der That Etwas zu feiern,“ dachte ich, als ich am Morgen erwachte. Die Sonne ſchien derſelben Meinung zu ſein, ſie ſtrahlte klar über das ſchneebedeckte Dach der betagten Gatten. Ich machte mich in aller Frühe auf, hüllte mich in meinen Mantel, küßte meinen Bär und trippelte fort, um den beiden Alten Glück zu wünſchen und zu ſehen, ob ich nicht Serena in Etwas helfen könne. Die alten Leutchen ſaßen feſtlich gekleidet im Vor⸗ gemach, jedes in ſeinem großen Lehnſtuhl. Zwei Schnupf⸗ tabaksdoſen, ein Geſangbuch und ein großes Bouquet friſcher Blumen lag auf dem Tiſche. Die Sonne ſchien durch ſchneeweiße Vorhänge herein. Es war heiter und friedvoll im Zimmer, und die Patriarchen ſaben in dem ſonnigen Lichte ganz verklärt aus. Mit Rührung trug ich meinen Glückwunſch vor, und wurde von den Alten, wie von Mutter und Vater umarmt. „Ein ſchöner Tag, Madame Werner,“ ſagte der Alte vergnügt, indem er nach dem Fenſter ſah. „Ja, wahrhaftig ſchön,“ antwortete ich,„ſo ſchön, daß Gottes Engel ſich darüber freuen müſſen. Es iſt das Feſt der Liebe und Treue auf Erden. Die beiden Gatten lächelten und reichten einander die Hand. Jetzt entſtand ein großes Getöſe im Zim⸗ mer. Es war die Schaar der Kinder und Kindeskin⸗ der, die mit feſtlichen Kleidern und mit fröhlichen Blicken hereinſtrömten, um den verehrten Eltern Glück zu wün⸗ ſchen. Es war ein köſtlicher Anblick, dieſe Gruppe ſchö⸗ nir Kinder ſich um die beiden Alten ranken zu ſehen, wie grünende Sprößlinge um ältere Stämme: es war berrlich, die kleinen Roſenmündchen ſich hinſtrecken zu fehen, um zu küſſen, die kleinen Arme, um zu umhal⸗ ſen, und das Getöſe liebender Worte und jubelnder Stimme zu hören. Ich benützte dieſen Augenblick, um mich hinaus zu ſchleichen und Serena aufzuſuchen. Ich traf ſie in der Küche, umringt von Leuten, denen fie Speiſen aus⸗ 438 theilte.(Im Dahl'ſchen Hauſe findet jedes Jahr an dieſem Tage eine große Speiſen⸗ und Geldaustheilung an die Armen Statt.) Serena begleitete die Gaben mit freundlichen Blicken und, Worten, und erntete da⸗ für Segnungen für ihre Eltern ein. Als die Austhei⸗ lung zu Ende war, begleitete ſie mich auf ihr Zimmer; dort ſah ich forſchend in ihr freundliches Geſicht und ſagte fröhlich:„Du ſiehſt heute glücklich aus, Serena.“ „Und wie kann es anders ſein?“ antwortete ſie; „Alles um mich her iſt heute glücklich. Meine geliebten alten Eltern ſcheinen heute ihre Jugend wieder erhalten zu haben. Und geſtern hätteſt du ſie hören ſollen, Fanny, wie ſie, vor dem abendlichen Feuer fitzend, ihr ganzes Leben durchgingen und von dem Bevorſtehenden ſprachen; es war ſo ſchön, ſo feierlich.“ Hier unterbrach uns Fräulein Hellevy Hausgiebel, und wir mußten ihr in den andern Stock folgen. Da war ein Getöſe, ein Lärm und Wirrwarr. In einem Saale wurde drapirt und Anordnungen zum Balle ge⸗ troffen, in andern bereitete man die Anſtalten zu den lebenden Bildern. Fräulein Hellevy, die im Geiſte vorausſah, wie Alles ſich ordnen werde, flog leicht, wie ein Vogel, zwiſchen Gerüſten, Seilern und tau⸗ ſenderlei Anftalten hindurch, indem'ſie ſagte: „Sehen Sie, meine liebe Madame Werner, dieß muß ſo und dieß muß ſo werden. Iſt's nicht recht ſo? Muß es nicht guten Effect machen?“ „Madame Werner!“ rief Landrichter Hök von einer Leiter herab, auf deren Gipfel er mit einer Quirotes⸗ miene ſtand,„wird ſich nicht dieſe Beleuchtung gegen die goldene Draperie vortrefflich ausnehmen?“ „Prächtig, prächtig!“ antwortete ich mit heimlicher Angſt.„Aber beſter Herr Landrichter, dieſer Kron⸗ leuchter fällt gewiß herab. Mein gutes Fräulein Haus⸗ giebel, das Gerüſte da ſtürzt ſicherlich zuſammen.“ Das leichte, muntere Fräulein vom Vogelneſt lachte über meinen ſichtbaren Schreck, und die Ohren von Han liche tik/ die ſten licht der dem 439 Hammerſchlägen umſaust, eilte ich aus dem unbehag⸗ lichen Fegfener hinaus, das zum Paradies der Aeſthe⸗ tik führte. Aber nichtsdeſtoweniger pries ich diejenigen, die ſich dort abmühten, obgleich ich die Roſe am lieb⸗ ſten genieße, ohne ihre Dornen kennen gelernt zu haben. Aber ehe ich ging, wurde ich Zeuge eines feier⸗ lichen Auftrittes. Eine Deputation von den Aelteſten der Stadt kam im Namen derſelben und überreichte dem verehrungswürdigen Paar eine große vergoldete Terrine als Beweis der Achtung und Dankbarkeit ih⸗ rer Mitbürger. Ich wünſchte nur, ma chère meère wäre der Bürgermeiſter geweſen. Welche ſtattliche Rede würde ſie nicht gehalten haben! Ich war ſehr vergnügt, bei Tiſch Bär von Allem dieſem vorplaudern zu können. Der Mund wäſſerte ihm darnach, ſelbſt goldene Hochzeit zu halten. So weit treiben wir's wohl nicht, aber wenn wir's auch nicht zum Golde bringen, ſo könnte es doch zum Sil⸗ ber reichen ach, ich bin nur begierig, ob dann zehn Mädchen um uns herumſtehen. Das gibt einen ſchönen Brautkranz. Siehe, da fielen ein paar Thrä⸗ nen auf ihn herab. Abends ſechs Uhr wanderten Bär und ſeine Bärin Arm in Arm in's Hochzeithaus. Auf der Straße, wo es lag, entzündete ſich jetzt Flamme um Flamme, Fen⸗ ſter um Fenſter ſtanden beleuchtet da, Marſchälle flamm⸗ ten an den Ecken, bald ſtand die ganze Straße im hell⸗ ſten Tageslicht da, und eine Menge Leute mit fröhlichen Geſichtern ſpazierten auf und ab in dem ruhigen, mil⸗ den Winterabend. Die Stadt illuminirte zu Ehren ihrer Patriarchen. Das Dahl'ſche Haus ſah finſter aus gegen die übrigen, aber dort war das Licht innen. Als wir eben zur Thüre hinein wollten, mitten unter einer Maſſe Volks, die ſich rings herum ver⸗ ſammelt hatte, um die Ankommenden zu ſehen, fielen meine Augen auf eine Figur, die unter den Andern ſtand. Sie war in einen großen, ſchwarzen Shawl ———— 440 gehüllt, aber die zwei großen, brennenden Augen, die darunter hervor flammten, machten, das ich ſtutzte und dachte:„Hagar!“ In demſelben Augenblick zog ſich die Geſtalt zurück, und ungewiß, ob ich recht gerathen, aber mit einer unheimlichen Ahnung trat ich in's Hoch⸗ zeithaus. In der Saalthüre begegnete mir Serena mit einem weißen Kranz in ihrem lichtbraunen Haare, und bei ihrem Anblick verſchwand jeder düſtere Gedanke. Ach wie lieblich war ſie nicht dieſen Abend in dem leichten, weißen Kleide mit den freundlichen blauen Augen, der reinen Stirne und den von einem himmliſchen Lächeln umſchwebten Lippen! Hätte ich ſie nur in dieſem Mo⸗ ment gemalt bekommen können! Wie jede Blume ihren Augenblick der höchſten Schönheit hat, ſo hat auch je⸗ der Menſch Augenblicke, wo ſein höchſtes und ſchönſtes Leben aufblüht, wo er auch ſcheint, was er wirklich iſt— was er in der Tiefe von Goites Gedanken iſt. Dieſe vorübergehende Offenbarung(denn es gibt nichts Bleibendes auf Erden) iſt es, was der wahre Künfiler feſtzuhalten ſucht, und deßhalb iſt es unrichtig, von einem gelungenen Porträt, zumal dem eines ſeelen⸗ vollen Menſchen, zu ſagen:„Man hat geſchmeichelt.“ Aber wohin gerathe ich? Ich wollte von Serena ſprechen. Sie war ſo freundlich, ſo liebenswürdig gegen Alle, und doch— ich wußte es— war ſie dieſen Abend für ſich ſelbſt nicht glücklich. Freunde und Verwandte ſam⸗ melten ſich. Das Zimmer wurde voll. Ma chére mére kam mit vielem Geräuſch. Sie wurde von Bruno ge⸗ führt, und, obgleich blind, war ſie ſo hoch und ſtatt⸗ lich, wie je. Sie grüßte das würdige Paar herzlich, indem ſie mit lauter Stimme ſagte: „Alte Freunde und alte Wege täuſchen nicht gerne, und deßwegen bin ich jetzt hier. Ich bin hier, um Euch, meine würdigen Freunde, an dieſem Eurem Ehrentag Glück zu wünſchen. Jeder iſt ſeines Glückes Schmied, ſagt das Sprichwort, und folglich wäre es, wenn man die und die hen, och⸗ nem bei Ach ten, der en Mo⸗ ren je⸗ ſtes lich chts ler von en⸗ lt.“ en. für m⸗ ere ge⸗ tt⸗ ich, ne, ch, ag ed, an in Abrede ſtellen wollte, ob Ihr zwei, meine geehrten Freunde, an dieſem Tage glücklich ſeid, es wäre, ſage ich, ganz daſſelbe, wie wenn man fragen wollte, ob der König ein Edelmann ſei. Es iſt ſo gewiß, wie das Amen in der Kirche. Gott ſegne Euch!“ Sie ſchüttelten ſich herzlich die Hände. Jean Marie war prächtig und liebenswürdig. Bruno war düſter. Seine finſtern Augen folgten beſtändig der leichten Serena, wurden aber dadurch nicht erhellt. Er war ſtill und verſchloſſen. Um acht Uhr waren alle Gäſte verſammelt. Man hatte Thee getrunken, Eis gegeſſen u. ſ w. Die bei⸗ den Alten nahmen zwei Lehnſtühle ein, die mitten im Saal auf einem reich geſtickten Teppich neben einander ſtanden. Ihre Kinder und Kindeskinder ſammelten ſich in einem Halbkreiſe um ſie. Ein Geiſtlicher von edlem Ausſehen trat vor ſie hin und hielt eine Rede über die Schönheit und Heiligkeit der Ehe. Er ſchloß mit der Bemerkung, das Leben dieſes verehrungswürdigen Paa⸗ res ſei eine beſſere Predigt über den Werth der Ehe, für Leben und Menſchenherzen, als ſeine Rede. Sein Vortrag war ſchön und ergreifend, Niemand in der Verſammlung hatte trockene Augen; Bär und ich ſchmieg⸗ ten uns an einander. Eine liebliche, feierliche Rüh⸗ rung hatte Alle ergriffen, und lange herrſchte in der zahtreichen Verſammlung eine große Stille, aber es war nicht die der langen Weile. Mittlerweile wurden Anſtalten zur zweiten Abthei⸗ lung des Feſtes getroffen, und als Alles in Ordnung war wurde die Geſellſchaft auf der mit Teppichen be⸗ legten Treppe in den obern Stock hinauf geführt. Jetzt kam's an die lebenden Bilder, deren Schönheit und An⸗ muth alle meine Erwartungen weit übertraf. Ich will ſie dir gelegentlich beſchreiben. Das letzte war eine ein⸗ zige große, aber vortrefflich geordnete Gruppe ſämmt⸗ licher Dahl'ſchen Sprößlinge. Dazu wurde der Chor geſungen und ging ſehr gut, beſonders das zweite Mal. 442 Dieſe ganze Vorſtellung machte allgemein großes Vergnügen. Als der Chor zum zweiten Mal geſungen und der Vorhang zum letzten Mal gefallen war, ſpran⸗ gen die Thüren zum Ballſaale auf; ein blendender Lichtſchein ſtrömte von demſelben aus, und eine lebhafte Tanzmuſik ſetzte die Herzen und Füße der Jugend in Bewegung. Und jetzt, Marie, hole eine Flaſche Eau de Co- logne hervor und bereite dich auf eine Kataſtrophe, die eben ſo überraſchend, als unäſthetiſch war. Die Wirk⸗ lichkeit iſt mitunter etwas proſaiſch. Der alte Dahl war an der Hand ſeiner Enkelin ſröhlich in den Tanzſaal hinausgewandelt; die Gäſte folgten unter munterem Geplauder, als ich auf einmal eine Bewegung an dem großen Kronleuchter gewabrte, der ſchon am Morgen meine Angſt rege gemacht hatte. Serena, die ihrem Großvater den Arm gab und mit einigen Umſtehenden ſprach, ſtand in dieſem Augenblick mitten unter ihm. Ich ſchrie:„Gebt Acht, die Krone fällt!“ Alles ſah erſchreckt hinauf, aber mit Blitzes⸗ ſchnelligkeit ſtürzte Bruno hervor und hob Serena aus der Gefahr, in demſelben Augenblick, wo der prächtige Kronleuchter mit ſeinen Lichtern und tauſend Kriſtallen unter einem betäubenden Geklirre zu Boden fiel. Bruno ſelbſt bekam einen heftigen Stoß auf den Kopf. Er erblaßte und wankte. „Bruno! Bruno!“ rief Serena mit dem unver⸗ kennbaren, herzzerreißenden Tone der Liebe, und ihre Arme umfaßten ihn, als er zu Boden ſank. Er ſchlang die ſeinigen um ſie, er drückte ſie an ſeine Bruſt— ein ſeliges Lächeln flog glänzend wie ein Sonnenſtrahl über ſein Angeſicht, während er zuſammenſank und das Bewußtſein verlor. Kein Wort von der Wirkung, welche dieß auf die Verſammlung hervorbrachte. In einer Minute Unglück, Liebeserklärung und Tod, oder, was ihm vollkommen glich— man kann von weniger von Sinnen kommen. ßes gen an⸗ der fte in 0 die irk⸗ lin äſte nal rte, tte. mit lick one es⸗ us ige len ino Er er⸗ hre ing ahl as die ück, ten 443 Ich geſtehe, daß ich nicht viel von dem weiß, was ſich nun zutrug, bis ich einen Augenblick ſpäter mich in — ſtillen und blos ſchwach beleuchteten Zimmer efand. Bruno lag auf einem Sopha. Man hatte ihm zur Ader gelaſſen; allein er war noch nicht aus ſeiner Betäubung erwacht. Bär ſtand bedenklich bei ihm und ſah ganz grimmig aus. Ma chöre mére hielt ſeinen Kopf auf ihren Knieen; ſie war ſtille, aber Thränen rannen aus ihren verdunkelten Augen und rollten lang⸗ ſam über ihre farbloſe Wange hinab. Nicht weit von ihnen ſaß Madame Dahl. Serena lag vor ihr auf den Knieen und barg ihr Geſicht an ihrer Bruſt; ſie hatten die Arme um einander geſchlungen. Daneben ſtand der Greis, die Augen auf ſein Kind geheftet; daneben ſtand auch ich, tröſtende Worte zu der beinahe bewußtloſen Serena ſprechend. „Wo iſt ſie?“ ſagte Bruno, indem er aus einer todähnlichen Ohnmacht erwachte, aber offenbar noch nicht ganz bei Beſinnung war—„ach, wo iſt ſie?“ Ich hielt ſie in meinen Armen ſie war mein. ts war ſo ſchön... laßt mich ſo ſterben... Serena!“ rief er heftiger,„wo biſt du? Meine Gattin. läſ⸗ ſeſt du die Welt uns trennen?.. Die Welt, die Menſchen... was ſind ſie für uns?.. Wir ſtehen ja im Chor des Tempels und die Engel Gottes ſingen den Segen des Höchſten über uns!„. Warum biſt du geflohen? O du haſt mein Herz mit dir genommen jetzt iſt meine Bruſt ſo leer... Serena, komm zurück gib mir das Leben wieder Serena!“ „O, das iſt eine Qual, eine Qual!“ flüſterte Se⸗ rena, umfaßte aber ſtärker die Stütze, deren Stütze ſie war. Bruno hatte ſich aufgerichtet, er ſah jetzt Serena und die Andern, und mit einer Heftigkeit, von der ich nicht wußte, ob ſie von einem Reſt von Sinnesver⸗ wirrung oder von ſeiner leidenſchaftlichen Natur her⸗ 444 die ſich zu ihrem Ziele durchbrechen wollte, rief er: „Ha, ich ſehe, ich ſehe, wie es iſt! Ihr wollt ſie verbergen, ihr wollt ſie von mir trennen. Aber warum wollt ihr das? Warum wollt ihr zwei Herzen trennen, die ſchon in der Kindheit vereinigt waren? Thut es nicht. Macht lieber dieſen Tag zu einem Tag des Se⸗ gens;—(Bruno war offenbar jetzt vollkommen wieder bei Beſinnung)— o gebt mir heute Serena zur Gattin.“ „Dieß iſt nicht der Augenblick von ſolchen Dingen zu reden,“ unterbrach ihn der Alte, halb böſe, halb gerührt,„ein ander Mal... „Und warum nicht jetzt?“ unterbrach ihn Bruno heftiger, inniger, unwiderſtehlicher.„Warum nicht heute Abend noch mir das Leben erhellen? Warum es auf⸗ ſchieben, einen Menſchen glücklich zu machen? Warum mich nicht heute mit ewiger Dankbarkeit an euch feſſeln? O heute, heute gebt mir Serena! Ich will euren Lieb⸗ ling nicht von euch trennen; laßt mein eigenes Haus das eurige werden; laßt mich die Pflege kures Alters mit ihr theilen. Gute Mutter!“ fuhr er fort, indem er Madame Dahl's Hand ergriff und mit einer Thräne benetzte,„verehrungswürdige Mutter, fürchten Sie Nichts für Ihr Kind! Und wenn Sie ſelbſt erfahren haben, daß die innige Liebe, Treue und Ehrfurcht des Gatten die Glückſeligkeit des Weibes ausmacht, o dann, gute Mutter, geben Sie mir, geben Sie mir heute Serena!“ Die beiden Alten ſahen einander und Serena an. Sie ſtand zwiſchen ihnen, weiß wie die Roſen in ihrem Kranze, mit niedergeſchlagenen Augen— ſichtbarlich von dem einzigen Wunſche beſeelt, niederzuknieen, zu opfern, aber an welchem Altare— das war die Frage. Eine Pauſe entſtand. Jetzt erhob ſich ma cbere mére, bleich, feierlich, aber nicht ſtolz, und ſprach alſo: „Ein Jeder richtet am Beſten in ſeiner eigenen Sache, und deßhalb ſollte ich mich vielleicht enthalten, in dieſer zu ſprechen. Aber als Mutter will ich doch —— r— c— S ſhSESeSS— —————— cr e ſie m es ⸗ lb 44⁵ jetzt ein Wort für meinen Sohn reden. Ich habe bis⸗ her wenig gethan, um ihn glücklich zu machen; ich kann auch fernerhin wenig thun, denn..“ ma chere méère, legte die Hand auf ihre Augen, ſichtbarlich mit ihrer Rührung kämpfend. Bald fuhr ſie jedoch mit feſter, wiewohl milder Stimme fort:„Ich ſpreche nicht, um euch zu überreden, meine geehrten Freunde und Nach⸗ barn; aber ich will euch nur ſagen, daß mein Sohn in dieſer letzten Zeit in reichem Maaße gut gemacht hat, was er in ſeiner Jugend gegen mich verbrach. Es iſt mein Glaube und meine Ueberzeugung, daß er ſeinem Lande Ehre machen wird, daß er die beſte Frau ver⸗ dient und in jeder Beziehung glücklich machen wird. Schon lange hat mein Sohn mir ſeine Liebe vertraut, und ſie hat meinen Beifall und meinen Segen erhalten. Alſo, meine lieben Freunde und Nachbarn, will ich euch nur ſagen, daß, wenn ihr es für gut findet, eure Enkelin meinem Sohne zu geben, ich dafür halte, daß ihr klug und wohl für ſie handelt. Und für das Glück, das meinem Sohne dadurch beſcheert wird, werde ich, ſeine Mutter, jederzeit dem Herrn danken, und nächſt dem Herrn— Euch.“ Na chère mére's Reden waren nie ohne Wirkung, und in dieſem Augenblick, wo ſie blind und beinahe bittend daſtand— denn dieſer Ausvruck lag wirklich in dem ſo ungewöhnlich milden Tone— in dieſem Augen⸗ blick machten ihre Worte einen tieferen Eindruck, als je. Noch ein anderer Umſtand mußte auf die alten Dahl's wirken. Serena hatte ein öffentliches, wiewohl unfreiwilliges Zeugniß von ihrer Liebe zu Bruno ab⸗ gelegt. Die Umarmung, die ſie vereinigt hatte, mußte natürlich gleich am nächſten Tage in der ganzen Stadt und Umgegend herumgetragen werden. Bruno hatte ſich einige Schritte zurückgezogen. Er ergriff die Hand ſeiner Mutter und führte ſie an ſeine Lippen. Die alten Dahl's umfaßten Serena und ſagten: 446 „Willſt du, wünſcheſt du ihm anzugehören, Serena? Willſt du heute, jetzt ihm deine Hand reichen?“ „Ja,“ flüſterten Serena's Lippen.„O meine El⸗ tern, wenn Ihr wollt, wenn Ihr es erlaubt.. „Nun denn, in Gottes Namen!“ rief der Alie. „Bruno Mansfelt, empfangen Sie die Hand Ihrer Braut!“ „Serena mein!“ rief Bruno mit einem Ton, der durch Mark und Bein drang, und ſtürzte zu ihr hin. Die Alten hielten ſie noch zurück. „So nimm ſie denn; mache ſie glücklich!..“ ſagten ſie mit Stimmen, welche die Rührung unſicher machte.„Sie iſt unſer jüngſtes, unſer geliebteſtes Kind die Freude unſeres Alters ſie handelte uns nie zuwider„(Thränen ſielen auf ihre verwelkten Wan⸗ gen und ihre zitternden Hände hielten ſie beſtändig um⸗ faßt.) Entferne ſie nicht weit von uns... Laß ſie un⸗ ſere Augen zudrücken!.. Sei ihrer würdig liebe ſie mache ſie.. mache ſie glücklich!“ „Glücklich!“ rief Bruno, indem er ſie beinahe mit Gewalt von ihren Eltern weg an ſeine Bruſt riß,„glück⸗ lich, ſo gewiß ich durch ſie auf Gottes Gnade hoffe!“ Bruno führte Serena zu ſeiner Mutter.„Segne uns, meine Mutter!“ ſagte er. Ma chère moére vergaß bei⸗ nahe ihre gewöhnliche, ſtattliche Feierlichkeit, und mit vor Rührung ſtammelnder Zunge ſegnete ſie ihre Kin⸗ der. Hierauf ſchloß Bruno ſie mit heftiger Zärtlichkeit in ſeine Arme und ließ einen Augenblick ſeinen Kopf an ihrer Bruſt ruhen. Es war ſchön, ſie ſo zu ſehen. Sofort gaben ma chéère mère und die alten Dahl's einander die Hände, und von beiden Seiten wurden einige herzliche Worte geſprochen. „Und jetzt zur Bekanntmachung!“ rief der Greis, der ſeine Gefühle zerſtreuen zu wollen ſchien.„Heute muß alle Freude gemeinſchaftlich ſein. Komm, Alte, kommt, meine Kinder! Hört zu, ihr guten Leute dort draußen, Freunde, Verwandte, hört!“ —————— Er trat in den Tanzſaal hinaus, Bruno und Se⸗ 7 rena an der Hand haltend. Bei ſeinem Rufen verwan⸗ El⸗ delte ſich die Beſtürzung der Geſellſchaft in Staunen und große Neugierde. „Meine Freunde!“ rief der Greis in heiterem Tone, lte.„ich habe Euch hiemit eine Verlobung zu verkündigen 1“ und bitte um Eure Glückwünſche für meine Enkelin der Serena und ihren Bräutigam Bruno Mansfelt.“ Es . war, als ſtürzte ein neuer Kronleuchter herab. Noch nie waren wohl die Bewohner der guten Stadt W. binnen einer Stunde dermaßen von Ueberraſchungen 3 her überhäuft worden. So eben Liebeserklärung und To⸗ ind desfall, jetzt Auferſtehung und Verlobung. nie Ein lautes Gemurmel der Ueberraſchung und Be⸗ ¹ an⸗ glückwünſchung erhob ſich unter der Menge. Aber ich m⸗ ſah, daß nicht alle Geſichter glückwünſchend waren, ich un⸗ ſah lange, ſah mißvergnügte Mienen. Ich glaube, daß iebe Bruno ſie auch bemerkte. Seine dunkeln Augen flamm⸗ ten einen Augenblick gleich zwei Blitzen forſchend in die mit Verſammlung; der Donnerkeil auf ſeinem Schlafe ſchärfte ſich, die Augenbrauen zogen ſich drohend zuſammen ück⸗ e“ under wechſelte die Farbe. Ma chère mére that einen ins, großen Schritt vorwärts und beabſichtigte, glaube ich, bei⸗ eine Rede zu halten; ich aber fühlte das Bedürfniß, mit Bruno und Serena davon zu befreien, ſprang vor und 1 kin⸗ rief dummdreiſt: eit„Nun, Gott ſei Dank, jetzt iſt doch Ausſicht auf opf eine neue goldene Hochzeit vorhanden, und ich hoffe, in hen. fünfzig Jahren Euch eben ſo herzlich Glück wünſchen zu b's iönnen, wie jetzt, Bruno und Serena.“ den Meine Dummdreiſtigkeit ſchlug gut aus. Ma cheère meère kam aus dem Concept, und jetzt wurden ſo viele eis, Gratulationen dazwiſchen hineingebracht, daß ſie es 1 eute nicht wieder bekam. lte, Inzwiſchen ſchlich ich mich weg.„Gott ſei Dank!“ hatte ich geſagt, aber ich falſche Seele dachte nicht ſo. 448 Ich fühlte mich aufgeregt, erſchreckt, voll unheimlicher Ahnungen. Ich ſuchte Bär, er ſuchte mich, und wir trafen uns. „Was haſt du? ſagte er, und ſah mich erſchro⸗ cken an. „Ach Bär, ich bin unruhig, unglücklich, krank! Zetzt ſind ſie ja verlobt! Ach ſchneide keine ſo abſcheu⸗ lichen Grimaſſen! Es iſt Nichts zum Lachen!“ „Ich lache nicht darüber, ſondern über...“ „üeber mich vielleicht? Es wäre beſſer, du gäbeſt mir ein Mittel gegen das Herzklopfen. Bär! Sie ſind verlobt! Sie, die Gute, Engelreine, und er, der Ach, es iſt doch nicht gut. Sie wird nicht glücklich. Wie wird es gehen? Bruno iſt ihrer gewiß nicht wür⸗ dig. Er iſt blos ein halber Menſch. Wird er je ein ganzer werden?“ Ohne zu antworten, führte mich Bär in das Ca⸗ binet, wo Bruno ſo eben Serena's Hand genommen hatte. Er ſetzte ſich gravitätiſch hin, riß ein Blatt aus ſeiner Schreibtafel, nahm ſein Bleiſtift, und ich ſagte: „Willſt du ein Gedicht machen? Dann vergehe ich vollends gar.“ „Ich ſchreibe ein Recept für dich,“ erwiederte Bär mit demſelben Phlegma. Er ſchrieb, und gab mir ſodann folgende Worte zu leſen: „Die Männer, die nicht an das Wort glauben, werden durch den Umgang mit Frauen ohne Wort ge⸗ wonnen werden.“ „Bär,“ ſagte ich, indem ich ihn umarmte,„du biſt der beſte und klügſte Doktor von der Welt.“ „Es iſt nie ſo weit zwiſchen den Bergen, daß die Hexen ſich nicht begegnen könnten!“ rief ma chère mère in der Thüre.„Hört, meine Kinder! Ihr habt mir noch nicht gratulirt, und ich meine doch, daß es ſich der Mühe verlohnte. Ich habe noch eine liebenswürdige cher wir hro⸗ ank! heu⸗ ibeſt ſind lich vür⸗ ein Ca⸗ men aus gte: ich Bär orte ben, ge⸗ biſt die nère der dige 449 Tochter bekommen;— ich bin eine glückliche Mutter. Setzet euch beide mir zur Seite und laßt uns von dem zukünftigen jungen Paare reden.“ Wir thaten es. Ma chéère mère drang mit ihren Planen weit in die Zukunſt, und ihre Bilder waren dell. Es ſchien ihr zu gehen, wie manchem Blinden: wenn das leibliche Auge verdunkelt wird, wird das geiſtige klarer und freundlicher. So ſaßen wir ver⸗ gnügt zuſammen bis zum Souper. Es wurde an mehreren kleinen Tiſchen in drei Zim⸗ mern ſervirt. An dem Tiſche, wo die Patriarchen ſaßen, befanden ſich auch Bruno und Serena, ma chèré moreè, Landrichter Hök, der Pfarrer, Bär, ich und noch einige Andere. Wir waren die meiſte Zeit über ziemlich ſtille, und ich fing ſchon an, zu glauben, das Feſt werde zu Ende gehen, ohne daß ma chère mère eine Rede zu ſeiner Ebre gehalten hätte. Aber nachdem der Trut⸗ hahn geſpeist war, erhob Landrichter Hök ſein Glas und vat um die Erlaubniß, eine Geſundheit trinken zu dürfen. Alle wurden aufmerkſam, und mit leiſer Stimme, den milden ſichern Blick auf die Patriarchen gerichtet, ſprach der Redner: „Leiern und Blumen waren in den Teppich ge⸗ wirkt, auf dem unſere verehrten Freunde heute Abend das Wort des Segens über ſich ausſprechen börten. Sie ſind Symbole der Harmonie und Glückſeliakeit, und dieſe ſind die Penaten des Hauſes und der Familie. Daß ſie Euch, verehrte Freunde, in dieſer feierlichen Stunde umgaben, können wir nicht als einen Zufall betrachten. Es war mir, als verſtände ich ihre ſtumme Sprache und hörte ſie zu Euch ſagen:„Wir ſind bier zu Hauſe; ihr habt uns während eurer Vereinigung ſo gut gepflegt, daß wir euch nicht mehr verlaſſen kön⸗ nen. Euer Alter ſoll ſein wie eure Jugend!“ Mit allgemeiner Freude wurde dieſe ſchöne Geſund⸗ heit auf die gerübrten, lächelnden Alten getrunken⸗ Bremer, die Nachbarn. 29 450⁰ „Nein, hört einmal den Hök,“ ſagte ma chère mère und hielt ſich jetzt nicht mehr. Wie von einem electriſchen Schlage getroffen, ſtieß ſie mich an den Arm und ſagte:„Fülle mein Glas!“ rückte ſodann lärmend mit dem Stuhl, huſtete unb ſprach mit lauter, lebhaf⸗ ter Stimme alſo: „Liebe iſt mehr als Pfeil und Spieß! Liebe dringt durch Panzer und Schild! Liebe findet überall den Weg! Sie führte das erſte Menſchenpaar zuſammen, ſie wird auch das letzte zuſammen führen. Denn die rechte Liebe iſt nicht deutſch, nicht franzöſiſch, noch ſchwediſch, ſie iſt nicht einmal irdiſch, ſie iſt himmliſch, und bietet uns hier die Hand, um uns dereinſt zur großen Hochzeit dort oben zu führen. Der Mann und das Weib, die hier getraut werden und in treuer Liebe dahin wandeln, werden dort neben einander ſitzen. Und wobl mag ich heute mit König Lemuel's Mutter ſagen:„Ach du, mei⸗ nes Lebens Sohn, welchem ein tugendhaft Weib be⸗ ſcheret iſt, ſie iſt viel edler, als die köſtlichſten Perlen. Sie erfreut ihn alle Tage ſeines Lebens.“ Meine Augen ſind finſter geworden, aber mein Herz ſieyt Licht in meines Sohnes Zukunft, und deßhalb jubilirt es in großer Freude, jetzt, da ich meines Sohnes und ſeiner Verlobten Geſundheit trinken darf, und zugleich die Geſundheit ſeiner künftigen Eltern, meiner geehrten Freunde und Nachbarn.“ Bruno ſieht gewöhnlich etwas beläſtigt aus, wenn ſeine Mutter Reden zu halten anfängt, aber jetzt wurde dieß Gefühl von einem andern überwogen, und er be⸗ trachtele ſeine Mutter mit einem jener Blicke voll Liebe, die ich noch nie ſo geſehen habe, wie in ſeinen Augen. „Was wird Bär ſagen?“ dachte ich, als wir ma chere meère's Geſundheit getrunken hatten.„Jetzt kommt die Reihe an ihn, und er iſt juſt kein Redner.“ Zu meiner großen Verwunderung ſagte er:„Zetzt iſt's an meiner Frau. Ich will den Schlußtoaſt aus⸗ bringen.“ ———„ c——— 1 — „Abſcheulicher Bär!“ dachte ich, ganz überraſcht, faßte mich aber augenblicklich und ſagte: „Die Liebe altert nicht. Eine Geſundheit auf das älteſte und jüngſte Paar in unſerem Kreiſe.“ „Bravo, Franziske!“ rief ma chère mére. Zetzt folgten die Toaſte ſo dicht und lebhaft auf einander, daß ich nicht mehr genau Acht geben konnte. Ich ſehnte mich blos darnach, bis die Reihe an Bär fäme, aber ſie kam nicht, denn jetzt ſtrömte von den anderen Tiſchen und Zimmern die Geſellſchaft nach und nach mit gefüllten Champagnerkelchen herein, und es wurden Reden gehalten, Toaſte getrunken, auch einige recht ſchöne Gelegenheitsgedichte geſungen, die den alten Dahl's große Freude machten, und über dem Allem wurde Bär und ſein Schlußtvaſt ergeſſen. Unter einem allgemeinen Hurrah ſtand mah om Tiſche auf. Ich machte ſpäter Bär Vorwürfe über die Art, wie er ſich ſeinem Toaſte entzogen, allein er verſicherte mich, er habe eine lange und ſehr poetiſche Rede in Bereitſchaft gehabt und ſie nur bis zum Schluß aufſparen wollen, um dem ßeſte damit gleichſam die Krone aufzuſetzen; er beklage ſehr, daß die Geſellſchaft und namentlich ich darum gekommen ſei. Ich bat ihn, mir wenigſtens den Anfang zu ſagen, allein er erwiederte, er yaſſe alles Anfangen, das keinen Schluß habe, überdieß reiche jetzt die Zeit dazu nicht hin, auch traue er mir nicht die nöthige Andacht zu, um ihn würdig anzuhören u. ſ. w. Unmittelbar nach dem Souper ſtand die Anglaiſe in Reibe und Glied. Sie war ſehr lebhaft und Nie⸗ mand tanzte ſo munter und leicht, wie Fräulein Hellevy Hausgiebel. Mit der Anglaiſe wurde in Folge Serena's kluger Anordnung der Tanz um Mitternacht beſchloſſen, denn ſie fürchtete, ein längeres Aufbleiben möchte ihre Großeltern ermüden. Die lange Ceremonie des Dank⸗ ſagens und Abſchiednehmens war mühſam genug für ſie, obgleich viele Herzlichkeit ſie belebte. In dem Augenblick, da der ganze Saal und Vorſaal gleich 452 Ameiſenhaufen voll von Leuten war, von Damen, die ſich in ihre Pelze hüllten, von Herren, die ihre Galo⸗ ſchen ſuchten, gerieth ma chére mère auf einen ihrer luſtigen Einfälle. Bereits in ihren Januarius gehüllt und mit ihren großen Wolfspelzſchuhen an den Füßen, verlangte ſie eine Geige und ſpielte raſch eine muntere Polka. Alles war überraſcht, aber im nächſten Augen⸗ blick kam eine Art Tanzwuth über ſämmtliche Anweſende. Man tanzte in Pelzen und Mänteln, man hüpfte unſer einander herum, es war ein Gelächter, eine Luſt. Man tanzte im Vorſaal, tanzte auf den Treppen, man hatte Mühe, auf der Straße aufzuhören. Während der allgemeinen Munterkeit und Verwir⸗ rung ſchlich ich mich weg, um nach Bruno und Serena zu ſehen, denn ſieen nicht unter den Andern. Ich ging von Ziner zu Zimmer und in einem der entlegenſten, wo das Getümmel des Tanzſaals nur wie ein fernes Sauſen gehört wurde, erblickte ich zwei Geſtalten, eine dunkle und eine lichte. Die dunkle— Bruno— kniete vor der lichten— Serena— und ſie neigte ſich leiſe zu ihm und ſagte:„Du.“ Du! Ein ſchönes Wort! Es war mir, als ver⸗ ſtände ich jetzt zum erſten Mal ſeine tiefe Harmonie, und ich mußte ſogleich weg eilen, um es Bär zu ſagen. Und ſo gut hatte ich Serena's Ton und Ausdruck ge⸗ troffen, daß er mich ſogleich verſtand und auch zu mir ſagte:„Du.“ Ma chère mére hatte das letzte Paar hinausgeſpielt und rief mir mit lauter Stimme zu, ich ſolle kommen. Als ich eben in den Vorſaal, der voller Leute war, hinausging, begegneten meine Blicke derſelben ſchwar⸗ zen Figur, mit denſelben düſter flammenden Augen, die mich beim Eintritt in's Haus erſchreckt hatten; aber ſie zog ſich wieder zurück, und als ich im Eifer des Augenblicks ſie verfolgen wollte, um mich zu verge⸗ wiſſern, ob ich recht gemuthmaßt, wurde ich von Bär verhindert, der um mich beſorgt iſt, wie die Iſraeliten mi ni bl ze m ⸗ die al⸗ hrer hüllt ßen, tere gen⸗ nde. ner Man ate wir⸗ rena nem nur zwei ſie ver⸗ nie, gen. mir ielt var, ar⸗ die ber des ge⸗ Bär iten 4⁵3 um ihre Bundeslade, und durchaus nicht will, daß ich mich unter die Philiſter hinausbegeben ſoll. Mit einem Ach im Herzen folgte ich wa chère mère an den Wa⸗ gen. Noch brannten die Lichter die Straße entlang⸗ noch flammten die Marſchälle. Ma chére mére konnte den Schein ſehen und war heiter und geſprächig. Man⸗ ches kernige Sprüchwort ging dem merkwürdigen Tage zu Ehren aus ihrem Munde. Sie ſchloß eine Lobrede auf die alten Dahl's mit folgenden drei: „Es iſt nicht ſo leicht in's Reich Gottes hinein zu ſpringen.“ „Wer die Roſen pflücken will, muß die Dornen nicht fürchten.“ „Wer Tugend ausſäet, der erntet einen guten Namen.“ — Dreiundzwanzigſter Brief. W. den 6. Februar. Geſtern war großer Ball auf dem Rathhauſe. Die Stadt hatte ihn für die Patriarchen veranſtaltet.„Du mußt auch hingehen,“ ſagte ich zu Bär.„Ich muß nicht hingehen,“ ſagte er.„Ich gedenke daheim zu bleiben und mit meiner Frau ein Pas de deux zu tan⸗ zen.“ Ich machte im Anfang allerhand Einwendungen, mußte ihm aber doch endlich Recht geben, und in der Munterkeit unſeres Herzens tanzten wir wirklich eine Menuet, wozu ich ſang und Bär den Baß brummte. Dann ſetzte ich mich, um kleine— Propheten zu nähen. Du verſtehſt wohl, was dieſer Name bedeuten ſoll. Bär öffnete ſeinen Sprachkaſten, was mich immer ſehr erfreut; und gab aus ſeinem reichen Vorrath von Lebens⸗ und Menſchenerfahrung manchen koſtbaren Biſſen zum Beſten. Ich habe einige ſeiner Erzählungen aufgezeich⸗ net und werde ſie dir ein ander Mal mittheilen. Es 45⁴ iſt ein großes Glück, Marie, in einem guten Mann auch einen angenehmen Geſellſchafter zu haben. Bei Dahl's rüſtet man ſich ſchon zur Hochzeit. Bruno treibt, treibt und treibt vorwärts mit ſeiner Liebe und ſeinem— argen Willen. Mag er mir den Ausdruck verzeihen! Es iſt jetzt beſchloſſen, daß die Hochzeit im Mai ſtattfinden und daß meine liebe Freun⸗ din Mattea an Serena's Stelle bei den alten Dahl's bleiben ſoll. Serena wird ſich abwechslungsweiſe auf Ramm und bei ihnen aufhalten. Serena iſt die liebenswürdigſte Braut und zugleich dieſelbe gute Freundin, dieſelbe vortreffliche Tochter und Hausfrau wie früher. Sie iſt daſſelbe ſchüchterne Weib, das ſie vor ihrer Verlobung war und wird wohl als Frau nicht anders werden. Dabei iſt ihr Beneh⸗ men gegen Bruno ſo anziehend, daß es ihn unwillkür⸗ lich zwingt, ſie anzubeten. Was ſoll ich im Uebrigen von Bruno ſagen? Er iſt gut und nicht gut, glücklich und nicht glücklich; Tag und Nacht, Sonnenſtrahlen und Gewitterwolken wechſeln beſtändig bei ihm. Er kommt mir vor, wie ein Menſch, welcher fühlt, daß er ſein Glück nicht verdient und deßhalb theils mit ſich ſelbſt uneins, theils beſtändig in Angſt iſt, es möchte ihm wie⸗ der entriſſen werden. Möchte ich hierin Unrecht haben! Dieſer Tage kam er in Serena's Zimmer, als ich, aber ſie nicht, darin war. Er ſprach einige Worte mit mir, ſchien aber bald zu vergeſſen, daß ich im Zimmer war. Mit einer Art ſchmerzlicher Zärtlichkeit betrach⸗ tete er Serena's Bücher, Gemälde, Nähzeug; er ſah ſich im Zimmer um und ſagte leiſe für ſich:„Unſchuld, Reinheit, Ruhe!“ Er nahm einen kleinen hellgrünen ſeidenen Shawl, den Serena oft trägt, küßte ihn und hüllte ſein Geſicht darein. Nach einer Weile ſtand er heftig auf und ging hinaus. Ich ſah den kleinen Shawl an;— er war feucht von Thränen. „Ruhe!“ ſagte Bruno, und er ſeufzte ſo tief, ſo ſchmerzlich. Ach, Ruhe hat er nicht. Er kann nicht zwe Liel e wil en ſitz — 8(S c—— e c ann eit. ner den die un⸗ hl's auf eich ter rne ohl eh⸗ ür⸗ gen len —— von Serena enitfernt, xann ihr aber auch nicht in Ruhe nahe ſein. Er kommt und geht und kommt wieder, zwei⸗ oder dreimal des Tages. Er beweist ihr eine Liebe, deren Heftigkeit er nur um ihretwillen gedämpft, er überſchüttet ſie mit Geſchenken, die ſie nur ſeinet⸗ willen annimmt, aber ſeine Unruhe thut ibr ſichtlich weh⸗ „Was zum Teufel iſt das für ein Toben und Fech⸗ ten? Ich weiß nicht, wozu es dienen ſoll?“ brummte Bär ebenſo mißvergnügt. „Nicht wahr, es iſt viel beſſer, ruhig zu Hauſe zu ſitzen und ſeine ſüße Grütze zu eſſen?“ ſagte ich, in⸗ dem ich eine dampfende Schüſſel Grütze auf den Tiſch ellte. „Ja, wenn man ſie mit ſeinem herzallerliebſten Weibchen verzehrt.“ war zufrieden mit der Artigkeit, obgleich ſie etwas Grützwärme enthielt. Aber auch dieſe Wärme muß gepflegt und geachtet werden. Der Myrthenbaum der Ehe gedeiht ohne ſie nicht hier im Norden. Den 12. Februar. Ein ſchreckliches Ereigniß im Dahl'ſchen Hauſe! Eine Nacht iſt inzwiſchen verfloſſen, aber noch zittert meine Hand ſo, daß ich die Feder nicht feſt halten kann. O meine Ahnung! Geſtern Abend waren Bär und ich bei unſeren Freunden. Bär ſaß bei den beiden Alten. Serena und Bruno waren im nächſten Zimmer. Ich war auch da; ich ſaß am Piano und ſpielte einige Choräle, die ich erſt neulich erhalten hatte. Allmälig ſpielte ich immer langſamer und machte lange Pauſen bei jedem Orgelpunkt, denn ich hörte Worte ſprechen, die meine ganze Aufmerkſamkeit feſſelten. Bruno war dieſen Abend ungewöhnlich düſter geweſen, und ich hörte, wie Se⸗ rena, die neben ihm auf dem Kanapee ſaß, ihn mit dem Tone inniger Zärtlichkeit, mit den ſüßen, zarten —— 456 Worten, welche nur die Liebe des Weibes hervorzubrin⸗ gen vermag, um die Urſache fragte. Bruno antwortete: „Ich habe heute Nacht einen böſen Traum gehabt — die Erinnerung daran quält mich noch jetzt.“ „Einen Traum, Bruno?“ „Za, einen Traum— poll ich ihn dir erzählen?“ „Ja, erzähle.“ „Nun gut, Serena. Ich träumte, du ſeieſt meine Gattin geweſen. Du warſt mein eigen, die Gefährtin meines Lebens, die Hälfte meines Ichs, meine Gattin, und ich— war nicht glücklich. Jahre waren dahin ge⸗ ſchwunden; du warſt mein; ich liebte dich wie jetzt und wo möglich noch mehr; wir hatten ßille Tage verlebt; wir hatten oft die Sonne untergehen und die Sterne über dem Helgaſee aufſteigen ſehen; bei dem Schatten der Nacht halte ich dich in meine Arme geſchloſſen, ich hatte an deiner Bruſt geruht, aber ich— war nicht glücklich. Ich träumte, es ſei jetzt wieder Abend. Die Sterne ſtiegen einer nach dem andern auf und ſpiegel⸗ ten ihre zitternden Strahlen in ruhigen Wellen; der Himmel war klar und der Wald um uns her ſchweig⸗ ſam und ſtille. Du warſt meine Galtin, du warſt in meinen Armen, aber ich hatte keinen Frieden. Es war in meinem Herzen ein dumpfer Schmerz, wie von einer eiternden Wunde— denn auch die Seele, Serena, kann ſolche Wunden haben, aber du kennſt ſie nicht,— um meinen Schmerz zu betäuben, drückte ich dich an mein Herz. Ach! Es ſchmerzte um ſo mehr;— ich meine, ich fühle es noch;— lege deine Hand hieher, Serena Bruno ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann ort: „Es ging eine Veränderung in meinem Traume vor. Ich befand mich allein im Parke bei Ramm. Ich jagte einen Hirſch und meine Hunde verfolgten ihn mit aufgeſperrtem, blutdürſtigem Rachen. Auch ich war durſtig, es kam mir vor, als dürſtete ich nach Blut. rin⸗ ete: at 2 ine rtin tin, ge⸗ ind bt; rne ten cht ie el⸗ er ig⸗ in ar er m in e, na un ne n t. 457 Ueber Berg und Thal, durch Wald und Wieſen ſtreifte raſtlos hin der Lärm. Es war eine wilde Jagd. Von Kluft zu Kluft, von Verſteck zu Verſteck verfolgte ich den fliehenden Hirſch. Stunden gingen dahin, der Hirſch floh, ich folgte, die Hunde heulten in raſtloſem Lauf; es war, als ſollte die Jagd kein Ende nehmen. Die Hunde wurden müde, aber ich ermüdete nicht; mein Pferd ließ nach, aber ich ſpornte es, ein Dämon jagte mich und ich jagte den Hirſch— immer brennender wurde mein Durſt.“ „Einen Augenblick ſchwieg der Lärm; ich hatte den Hirſch aus den Augen verloren, aber als ich aus einem Dickicht hervorritt, ſah ich ihn plötzlich keuchend an einem kleinen rinnenden Bächlein ſtehen. Er war nicht weit von mir, er ſah mich, aber Durſt und Müdig⸗ keit überwogen die Furcht. Er ſtand ſtille und trank. Ich ſchoß, er ſiel. Beim Knall des Schuſſes bekamen die Hunde neues Leben; ſie ſtürzten hervor und ihre blutigen Rachen ergriffen die Beine des Hirſches und zerrten an den feinen Aeſten ſeines Geweihes. Ich warf mich vom Pferde und eilte hin, um meinem Opfer den Todesſtoß zu geben. Schon hielt ich das Meſſer an ſeiner Kehle, da wendete er ſeine ſchönen ſterbenden Augen voll Thränen gegen mich und ſah mich mit einem traurigen, vorwurfsvollen Blicke an. Es ging mir wie ein Stich durch's Herz und ſtumm und düſter ſah ich in dieſe Augen, die mit jedem Augenblick menſchenähn⸗ licher wurden. Zuletzt— o entſetzlich— ſah ich, daß es — deine Augen waren, Serena;— du warſt es, die ich gemordet halte— du warſt es, die mich ſo anſah. All⸗ mächtiger Gott! Wenn je dein Blick.. „Bruno, Bruno!“ unterbrach ihn Serena, zärtlich und aufgeregt.“„Warum ſo ſprechen? Es war ja bloß ein Traum! Und ein garſtiger, unvernünftiger Traum! Sieh mich an, Bruno; nein, wende dich nicht ab! O ſieh mich an, ſieh, daß nie ein ſolcher Blick dir aus meinen Augen begegnen kann. Ach, daß du wüßteſt, 4⁵8 daß du recht fühlteſt, wie unmöglich das iſt! Höre, Bruno, auch ich habe dir einen Traum zu erzählen und einen von wahrerer Bedeutung als der deinige. Ich träumte, Bruno, die Welt ſei erſtarrt, zu Eis erſtarrt. Es gab keine Sonne mehr, kein Grün auf Erden, kei⸗ nen blauen Himmel; an ſeiner Stelle war ein ſchwar⸗ zer, leerer Raum. Prächtige Paläſte, Wälder und Berge ſtanden noch, waren aber in Eis verwandelt. Wunderliche, unheimliche Lichter, deren Urſprung man nicht ſah, und die keine Wärme verbreiteten, aber lange abſcheuliche Schatten von ſich warfen, irrten unter die⸗ ſen Eisgeſtalten herum. Alle lebendigen Weſen waren ausgeſtorben, nur zwei Menſchen athmeten noch mit klopfendem, warmem Herzen in dieſer Marmorwelt. Und dieſe zwei, Bruno, waren du und ich. Einſam ſchwebten wir durch lange Säulenreihen von Eis; wir hafteten nicht an der Erde, waren aber auch nicht im Stande, uns über ſie zu erheben. Unſer Schickſal ſollte ſein, langſam und zuletzt von allen lebenden Weſen zu erfrieren. „Dein Herz war bitter, o mein Freund, und deine Wange war bleich. Als die Lichter kamen und drohende Schatten gegen dich warfen, da erhob ſich dein Arm wie zum Streite und deine Stimme ſtieß ein wildes Geſchrei aus. Aber mitten in dieſer erſtarrten Welt, mitten in dieſer Nacht des Leidens und Todes fühlte ich in meinem Herzen eine Wärme, die mir kein Eis, keine Zeit kühten zu können ſchien. Es war darin gleichſam eine ſpringende Quelle des Lebens, die ſich über mein ganzes Weſen verbreitete und mir eine höhere Kraft gab, als ich während der ſonnigen Frühlingstage der Erde beſeſſen hatte. Ich liebte dich inniger als je, Bruno, es war meine Freude, mit dir, für dich zu leiden, und als dein Herz am meinigen ruhig und warm, als deine Wangen weniger blaß wurden, da wurde es mir gewiß, daß es mir vergönnt ſei, dir mein Leben zu geben, mit der Wärme meines Herzens dich gegen n 459 Kälte und die Schreckgeſtalten der Finſterniß zu ſchützen. Ich fühlte mich in dieſem Gedanken ſo glücklich, ſo ſelig, daß ich daran erwachte; mein Traum war aus, aber klar fühlte ich, was ich im Traum gefühlt und ich fühle es oft und auch jetzt, daß ich einen großen Schmerz für dich leiden möchte, Bruno, denn ich könnte dich dann beſſer empfinden laſſen, wie innig ich dich liebe.“ „O Gott!“ ſagte Bruno mit leiſer Stimme, aber mit dem Ausdrucke eines qualvollen Schmerzes,„o Gott! Wie wenig verdiene ich dieſe Liebe„ wie un⸗ würdig.. Serena, du holder Engel, du, die ich meine Gattin nennen ſoll... „Nie ſoll ſie es werden!“ rief eine ſchauerliche, gellende, durchdringende Stimme; Hagar, mehr einer Furie als einem Menſchen gleich, ſtürzte in's Zimmer herein, ein Dolch blinkte in ihrer Hand;— im nächſten Augenblick ſchien er Serena's Herz zu durchbohren. Aber mit Blitzes ſchnelligkeit hatte Bruno Hagar's Arm erfaßt, der Stoß wurde abgewandt und der Dolch ver⸗ wundete Serena bloß an der Schulter. Mit wüthender Geberde riß Bruno die Mordwaffe aus Hagar's Hand, ſtieß ſie heftig zurück, griff mit der einen Hand in ihr Haar und— der Stahl blinkte über ihrer Bruſt. „Elende!“ ſagte er mit dumpfer Stimme und blei⸗ chen Lippen,„Fluch meines Lebens.. du mußt ſterben!“ „Bruno! O mein Gott,“ rief Serena, indem ſie aufſprang und ſich an ſeinen Arm hing. Bruno mäßigte ſich, ſein wilder Blick wurde beſonnener, ſeine Lippen murmelten:„Ein Weib!“ Der Dolch entfiel ſeiner Hand! Er ſah auf Serena, ſah ihr Blut fließen, faßte ſie verzweiflungsvoll in ſeine Arme und trug ſie auf den Sopha. „Dein Wille geſchehe!“ rief Hagar wild.„Sieh hier dein Opfer, Bruno. Es wollte bloß zu deinen Füßen ſterben.“ Sie ſprang zu ihm hin, ſtieß den Dolch in ihre eigene Bruſt und ſank zuſammen, ſeine Füße in ihrem Blute badend.„Bruno für dich! für dich.. 460 ſtammelten ihre Lippen; dann wurde ſie ſtill und ihre Augen ſchloſſen ſich. Dieß Alles war das Werk weniger Secunden. Es war ein ſchrecklicher Augenblick, aber noch grauenvoller war der, der folgte. Bruno's Verzweiflung war düſter und ſtumm. Der alte Dahl zerraufte ſein graues Haar und rief:„Mein Kind! Mein Kind!“ Bär allein blieb ruhig; er allein brachte die Andern wieder zur Beſinnung und Ordnung. „Es iſt ja nur geritzt! Sie iſt, hol' mich der Teu⸗ fel! ſo wenig in Gefahr, als ich!“ ſchrie er den alten Großeltern zu, indem er ſich anſchickte, Serena zu ver⸗ binden. Aber ſie ſtieß ſeine Hand weg und ſagte, auf die unbeweglich liegende Hagar deutend:„Helfen Sie ihr, belfen Sie ihr! Sie bedarf es mehr, als ich!“ Bär jedoch verließ ſie nicht, bevor ſie verbunden war, dann bat er mich, ſie und die weinenden Alten in ein anderes Zimmer zu führen. Hagar, die man todt geglaubt hatte, zeigte bald Spuren von Leben, wurde in's Bett gebracht und in Bär's Obhut übergeben. Mit großer Geiſtesgegenwart ordnete Serena Alles an, was zu ihrer Bequemlichkeit erforderlich war, und ſchien vergeſſen zu haben, daß ſie ſelbſt gelitten hatte. Mit den zärtlichſten Worten ſuchte ſies die Alten zu beruhigen und verſchloß ihnen den Mund mit Küſſen, als ſie Vorwürfe gegen Bruno äußern wollten.„Wir wiſſen ja noch Nichts,“ ſagte ſie bittend und eindringend,“ wir können, wir dürfen nicht urtheilen! Laßt uns warten, bis die Zeit kommt. Bruno wird ſich erklären;„Alles kann noch gut werden.“ Darauf ging ſie zu Bruno, der in düſteres Grübeln verſunken daſtand, und bat:„Gehe heute Abend nach Ramm zurück, Bruno, und komm morgen wieder. Dann werden wir Alle ruhiger ſein. Und ſei heute Nacht nicht unruhig. Sie wird die beſte Pflege haben. Doctor Werner wird bei ihr bleiben. Mein lieber Freund, re 6 er Ir 1⸗ n f ie E 461 gehe jetzt, aber morgen— komm und beruhige meine Großeltern, wenn du kannſt, und uns Alle.“ „Serena und du? und du?...“ ſtammelte Bruno und ſtierte ſie ſchmerzvoll an. Serena wandte ihren Kopf weg, um das Leiden zu verbergen, deſſen Ausdruck ſie vergebens zu bezwingen geſtrebt hatte. Ich glaube an dich,“ ſagte ſie mild, „gute Nacht, Bruno!“ Und ſie bedeckte die Augen mit der einen Hand, während ſie ihm die andere reichte. „Du wendeſt dich ab von mir, du willſt mich nicht anſehen!“ ſagte Bruno mit düſterer Klage. Da wandte Serena ihm ihr Geſicht zu und wollte gegen ihn lächeln, aber ihre Augen ſtanden voll Thränen. Vielleicht ſah Bruno in dieſem Blick, was er in ſeinem Traume geſehen hatte, denn er wurde wie wild davon; er ſtieß einen Fluch über ſich ſelbſt aus, ſch'ug ſich heftig mit der geballten Fauſt vor die Stirne und ſtürzte fort. Bär und ich gingen in dieſer Nacht nicht nach Hauſe. Er ſaß drinnen bei Hagar, die heftig phan⸗ taſirte und bald in Liebe, bald in Raſerei Worte hervor⸗ ſtieß, die immer gleich wild waren und den Stempel einer ungeordneten, verzweifelnden Seele trugen. Ich blieb bei Serena, deren Schlafzimmer neben dem ihrer Großeltern liegt, und vermochte ſie, zu Bette zu gehrn und um ihretwillen Ruhe zu ſuchen. Sie willfahrte meinen Wünſchen, ſtellte ſich, als ſchliefe ſie, aber ich horte ſie oft leiſe weinen. Ich mußte mehrere Male in Hagar's Zimmer geben, um Serena Nachricht von ihrem Zuſtand zu bringen. Bär hält ihn nicht für tödtlich. Dazwiſchen hinein öffnete ich die Thüre im Schlafzimmer der Alten langſam. Aengſtliche Fragen wegen des geliebten Kindes wurden herausgeflüſtert und immer tröſtende Antworten ertbeilt. Bär war bei Allen, brummte über Alle her, ermunterte Alle und gab Allen ſtillende Tropfen. Dreimal in der Nacht kam Bruno, wollte aber nicht hineingehen, ſondern verlangte 462 und erhielt von Bär bloß Nachrichten über Serena's und Hagar's Zuſtand, worauf er wieder fortſtürzte, wie von Furien gejagt. Es war eine lange, eine qualvolle Nacht. Serena fragte oft:„Wird es nicht bald Morgen? Tagt es noch nicht?“ Ach, ſie verlangte nach dem Morgen, denn ſie glaubte, mit ihm werde Licht und Bruno kommen. Aber als der Morgen kam, kam Bruno nicht, ſondern nur ein Billet von ihm, das folgende wilde, unzuſam⸗ menhängende Zeilen enthielt: „Ich ſollte wieder kommen, ich ſollte erklären... ſo bateſt du mich. O, daß ein Wunſch von dir an mich je unerfüllt bleiben ſollte! Serena, ich kann Nichts erklären, ich kann nicht kommen!... Sie will ich nicht ſehen; dich kann ich nicht... dein Anblick verzehrt mich. Ich kann jetzt nichts erklären. Die Ehre gebie⸗ tet, aber die Ehre verbietet auch. lebe wohl, Ange⸗ betete„ Beklagenswerthe, ja, denn du liebſt mich. Ich kann nicht kommen. aber ich will dich unſicht⸗ bar, unſelig umgeben. War es nicht die Strafe der Verdammten, das Paradies nahe zu ſehen, aber durch ein flammendes Schwert davon ausgeſtoßen zu bleiben? Vergeltung, fürchterliche Vergeltung... bete für mich, Serena! denn die Hölle iſt in meinem Herzen!“ Nachdem Serena dieſe Zeilen geleſen, legte ſie den Kopf in ihre Hände und ſaß lange ſo da, wie der Welt entrückt. Aber gewiß muß ſie ſtill zu dem ewigen Tröſter gebetet, gewiß muß ihr Herz ſich zum Vater der Liebe erhoben haben, denn ſonſt hätte ihr Geſicht, als ſie das Haupt wieder aufrichtete, nicht mitten im Schmerz den Ausdruck einer ſo hohen, ſo milden Er⸗ gebung tragen können. Ihr erſter Gang war zu ihren alten Eltern; die erſten Worte, die ihre Lippen nach dieſem Schlage äußerten, waren eine Bitte an ſie, Geduld zu haben, um ihretwillen Geduld zu haben, Nichts zu übereilen, nicht zu urtheilen, den Augenblick abzuwarten, wo dieſes Dunkel ſich aufhellen und Bruno s zte, ena es enn en. ern m⸗ ter Er⸗ ren ach ſie, en, lick uno 463 in einem klareren Licht als jetzt vor ihnen ſiehen würde. Sie theilte ihnen Bruno's Brief mit, wußte die Aus⸗ vrücke zu ſeinem Vortheil zu deuten, gab einen Wink über die mögliche Löſung des Räthſels und— erreichte, was ſie ſuchte. Die Alten wurden ruhiger und über⸗ ließen es ihr, die ganze Sache zu leiten. O wie ſchön iſt nicht ein ſolches Vertrauen zwi⸗ ſchen Eltern und Kindern! Ich verließ Serena beim Frübſtück, das ſie mit der gewöhnlichen Sorgfalt für die Alten bereitete, wäh⸗ rend ſie dieſelben verſicherte, daß ſie keinen Schmerz von ihrer Wunde habe, daß ſie bald wieder ganz gut ſein werde. Ich ging heim, um zu ruhen. Ich bin müde, aber noch mehr unruhig und aufgeregt, als müde. Um mich zu beruhigen, habe ich dir geſchrirben, meine Marie, denn der Herzensfreundin ſich mitzutheilen, iſt ein wohl⸗ thuendes Opium für die Seele. Ich ſpüre bereits, daß es wirkt und will jetzt zu ſchlafen ſuchen. Bär und Serena haben beſchloſſen, Hagar ſoll im Dahl'ſchen Hauſe bleiben, bis ſie entweder ſtirbt oder geſund wird. Sie könnte nicht ohne Gefahr wegge⸗ bracht werden. Im Uebrigen wird man die abſcheu⸗ liche Geſchichte ſo geheim als möglich zu halten ſuchen und beſonders verbindern, daß ſie ma chère mére zu Ohren komme. Ach! wie wird ſich dieſes Alles wohl entwickeln? Mehr werde ich dir ſagen, Marie, wenn ich ſelbſt mehr weiß. 464 An den Leſer von einem fremden Frauen⸗ zimmer. —— Aber Madame Werner erfährt nur die Oberfläche der folgenden Entwicklung. Mich machte das Schickſal mit dem innern Weſen derſelben bekannt und ich will jetzt den Schleier von einigen der Scenen lüften, die ſich um dieſe Zeit in Hagar's Krankenzimmer ereigneten. Schattenbilder will ich ſie nennen, denn ſie ſind aus ſtarkem Dunkel in ſtarkem Licht entſtanden. Sie kön⸗ nen mit jenen Contourzeichnungen verglichen werden, die man beim Lichtſchein an den Winterabenden von den Schatten menſchlicher Geſichter nimmt. Sollte der Kenner der Kunſt und des Menſchen dieſe Skizzen gar zu flüchtig, gar zu wenig ausgeführt finden, um eine tiefere Aufmerkſamkeit zu verdienen, aber gleichwohl zu viele Züge von Wahrheit daran entdecken, um ver⸗ worſen zu werden, ſo bin ich zufrieden und beginne getroſt mit dem Erſten Schattenbild. Eiferſucht klopft' an meines Herzens Thuͤre Und rief:„Doͤdte, todte!“ Shakſpeare. In einem ſtillen Zimmer, deſſen Fenſter auf einen kleinen Garten ſah, wurde die kranke Verbrecherin Ha⸗ gar wie das geliebte Kind des Hauſes gepflegt. Ein paar Tage waren dahingegangen. Hagar raste bald im Fieberwahnſinn, bald mit Bewußtſein. Doctor Wer⸗ ner ſaß an ihrem Bette, beinahe mit Erſtaunen den Kampf von Leivenſchaften betrachtend, die ſeine Seele en e der mit jetzt ſich ten. kön⸗ den, von der gar eine vohl ver⸗ inne Lhre inen Ha⸗ Ein bald Wer⸗ den Seele 46⁵ niemals beunruhigt hatten. Außer ihm und einem Mäd⸗ chen, das ſie bediente, ſah Hagar Niemand; aber ein ihr unſichtbarer Genius wachte treu um ſie. Die Säfte, die ihre brennende Stirne erquickten, der Trank, der den Sf ihrer Wunde ſtillte, wurden von Serena gereicht. Eines Abends lag ſie in unruhigem Schlummer. Serena war allein bei ihr und ſchlich ſich langſam vor, um ſie einen Augenblick zu betrachten.„Gott ſei Dank,“ flüſterten ihre Lippen,„Gott ſei Dank, du ruhſt, Arme, Beklagenswerthe! Mein Glück haſt du zerſtört, aber wie weit unglücklicher biſt du ſelbſt!“ Hagar erwachte. Serena zog ſich ſchnell zurück, aber ſie war geſehen worden.„Wer iſt da?“ fragte Hagar heftig. Serena ſchwieg, in der Hoffnung, nicht erkannt worden zu ſein, aber Hagar fuhr fort:„Du antworteſt nicht, aber ich kenne dich. Ich habe dich ſchon früher um mein Bett ſchleichen ſehen, du bleiches Mädchen, um mein Herzblut zu ſaugen. Glaube nicht, daß du dich vor mir verſtellen kannſt. Ich weiß, daß ich in deiner Gewalt bin, und ich weiß, was duwillſt. Plagen willſt du mich, durch langſames Gift mir das Leben nehmen. Zur Strafe für mein Verbrechen ſoll ich allmälig aus Mangel an Lebensluft erſticken und deßhalb haſt du ihn von mir genommen, daß ich ihn nicht mehr ſehen, nicht mehr ſeine Stimme hören ſoll — denn das war meine Luft, mein Leben. Er ſelbſt hat mich in deine Gewalt überantwortet, um gepeinigt zu werden. Ja, und Alle haſſen mich und freuen ſich meines Elends, aber ich will ſie und Alle betrügen, ich will mich befreien!“ Und nun wollte Hagar den Verband von ihrer Wunde reißen. Aber Serena ſprang hinzu, ergriff ihre Hand und hielt ſie mit beinahe über⸗ natürlicher Kraft zurück. Hagar ſtarrte in das milde, von Thränen des Schmerzes und Mitleids bedeckte Ge⸗ ſicht und ſagte: Bremer, die Rachbarn. 30 466 „Wollen Sie mein Leben erhalten, um mich deſto langſamer ſterben zu laſſen?“ „O nein, nein, Hagar! Mißtrauen Sie mir nicht. Ich wünſche, daß Sie am Leben bleiben.“ „Das glaube ich nicht. Sie lieben ja ihn, den ich liebe, der mir gehört— ja, erbleiche, zittere— der mir gehört, ſage ich, denn ich habe ſein Verſprechen früher erhalten, als du; meine Rechte an ihn ſind älter, heiliger... Blut hat ſie beſiegelt! Hu! du wollteſt mir wohl, du? Hinweg, ich weiß, was Eiferſucht iſt, dieſe ſchwarze, ſchwarze Krankheit, die zu Mord und Wahn⸗ ſinn treibt.. die in einſamen Stunden, in der Stille der Nacht mit heiſerer, geſpenſtiſcher Stimme flüſterte: „Tödte! Tödte!“ Ha! weißes Mädchen, jetzt wirſt auch du ſchwarz und haſſeſt:——— Hu! Alles um mich her wird ſchwarz, ſchwarz, ſchwarz... Hagar fiel in Ohnmacht. Serena rief ihre Wär⸗ terin herein und eilte, außer ſich vor Schmerz, in ihr Zimmer. Dort warf ſie ſich auf ihre Knie und rief: „O mein Gott! Er wollte mich alſo betrügen!“ Alles war dunkel um ſie her; doch nicht lange. Zweites Schattenbild. Die Liebe iſt ſanftmüthig und geduldig. Hagar. Sie wollen alſo wirklich nicht meinen Tod? Serena. Rein, Hagar, möchten Sie geneſen und Ruhe ge⸗ winnen! Hagar. Aber wenn ich am Leben bleibe, werde ich Ihre glü vy ge⸗ Ruhe zerſtören. So lange ich lebe, werden Sie nie glücklich ſein! Serena(mit ſtiller Niedergeſchlagenheit). Ich habe dieſer Hoffnung bereits entſagt. Hagar. Seine Geliebte hätten Sie werden können. Sie wären dann geweſen, was ich, was viele Andere waren — aber ſeine Gattin— nie, nie, nie. Sara treibt Hagar aus dem Hauſe. Wollen Sie ſeine Geliebte werden? Serena(ruhig). Nein, Hagar. Hagar. Sie ſind zu ſtolz, es zu werden. (Serena ſchwieg.) Hagar. Sie lieben ihn nicht, Sie wollen ihm Richts opfern. Serena. Ach, ja. Mein Leben, mein irdiſches Glück gerne! Hagar. Das iſt wenig. Aber wiſſen Sie, was ich für ihn geopfert habe? Reichthum, Anſehen, Ehre, Vaterland, Vater, Seligkeit, Alles, Alles, Alles! In meines Vaters Hauſe konnte ich über tauſend Sklaven gebieten! ich verließ Alles und wurde ſeine— Sklavin. Und deß⸗ halb muß er mich lieben, deßhalb muß er der meinige bleiben... Wer ſtand an ſeiner Seite unter blutigen Gefahren wer trotzte mit ihm dem Geſetz und der Verdammung, als ich? Weißes Mädchen! Weiß und kalt wie der Schnee auf den Bergen b 468 glaubſt du, ihn mir entreißen zu können? Nein, er wird zu mir zurückkehren; mein Feuer ſtrömt auch in ſeinen Adern.. Schwache, fürchte ſeinen Kuß! Er verzehrt fliehe ihn, denn mein iſt er hier und jen⸗ ſeits o! meine Wunde! Gott, welche Schmerzen! Hülfe, Hülfe! Serena eilte zu ihr. Mit den lindernden Salben, die Doctor Werner bereitet hatte, mit ſanften und ge⸗ ſchickten Händen pflegte Serena die Kranke und ver⸗ band die Wunde. „Dank!“ ſagte Hagar erleichtert;„Dank Du biſt gut.“ „O Hagar! liebe ihn, aber haſſe mich nicht.“ „Nein, ich haſſe Sie nicht mehr. Wer kann Sie haſſen?“ Drittes Schattenbild. Wenn Jemand dich zu einer Meile nothigt, ſo gehe zwei mit ihm. Hagar Cheftig). „Wenn Sie wollen, daß ich leben ſoll, ſo machen Sie, daß er wieder kommt. Beſſer auf der Folterbank liegen und ſeinen Anblick genießen, als ohne ihn im Paradies zu leben. Sie vermögen viel über ihn, hat man mir geſagt. Machen Sie alſo, daß er wieder kommt und— wo möglich— daß er mir verzeibt. Eiferſucht machte mich wild— aber ſeinen Haß verdiene ich nicht wenigſtens nicht. Hagar ſchwieg in Gedanken verſunken. Seit einigen Tagen war ſie beſſer. Serena's unermüdliche Pflege und Milde wirkte wie ein heilender Balſam auf die Unglückliche. An demſelben Abend ſpäter ſaß Serena bei Hagar it, hen ank im nan nmt ucht icht gen lege die 469 drinnen und ſchrieb. Liebe und Wehmuth ſchwebten auf ihren Lippen, die ſich leiſe bewegten, als flüſterten ſie der Feder die Worte zu. Aber auf ihrer ſchönen Stirne war eine höhere Klarheit als gewöhnlich. Sie glich der Siegesruhe, der Tugend und Liebe. Hagar ſah es und ſagte in ihrer kecken, bitteren Weiſe plötzlich: „Sie ſind ganz gewiß ſehr mit ſich ſelbſt zufrie⸗ den.“ Serena erröthete, und Hagar fuhr fort: „Sie bilden ſich ſicherlich viel darauf ein, ſo rein und tugendhaft zu ſein; Sie meinen gewiß, hoch über einer Elenden zu ſtehen, wie ich.“ „Rein, wahrhaftig nicht, Hagar,“ ſagte Serena mit einer Thräne in ihrem Auge. „Sie würden auch Unrecht haben,“ fuhr dieſe fort, denn ſehr ungleich ſind die Gaben, und noch ungleicher die Verſuchungen.“ Das iſt wahr,“ antwortete Serena demüthig. „Weſſen hat ſich wohl diejenige zu rühmen, die nie verſucht worden iſt? Wäre ſie es worden— ſie wäre vielleicht nicht beſſer geweſen als manche Andere.“ Serena ſchwieg. „Glücklich diejenige, deren Bruſt nicht von Leiden⸗ ſchaften erſchüttert wird, deren Blut ruhig fließt, deren frühzeitige Umgebungen Tugend und Frieden heißen! Wenn ſie unbefleckt bleibt, wenn ſie nicht fällt— ihr Verdienſt iſt gering.“ „Sie haben Recht,“ ſagte Serena ſtille und de⸗ mühig, wie vorhin. Sie beugte den Kopf in ihre weiße Hand. „Das Schickſal beſtimmt, und die Welt richtet, beide gleich blind!“ fuhr die Erbitterte fort.„Deßhalb heißt der Weg des einen Menſchen Sieg und Ehre, des andern Fall und Verwerfung. „Aber Gott, der in's Verborgene ſieht,“ ſagte Se⸗ rena mit feſter Stimme,„Gott, welcher mächtiger iſt, als Schickſal und Welt, wird einſt ausgleichen, was — 470 hier ungleich war. Dann, Hagar, wird es oſt geſche⸗ hen, daß der, welcher nur in den letzten Stunden ge⸗ arbeitet hat, gleichen Lohn erhält mit dem, der ſchon in der erſten berufen ward.“ Hagar richtete ſich ein wenig auf und betrachtete Serena mit Verwunderung.„Welcher Gott lebt in deiner Seele?“ ſagte ſie,„und warum zu mir ſo milde Worte, zu mir, der Verhaßten, der Verworfenen?“ „Nicht verbaßt, nicht verworfen!“ ſagte Serena, indem ſie aufſtand und ſich dem Krankenbette näherte, „ach nein, Hagar! Sie haben ganz gewiß einen mil⸗ den Richter zu erwarten.“ Mit einem Ausdruck hoher Spannung ſtierte Ha⸗ gar's fragender Blick in das holde Geſicht, das jetzt bei ihrem Beite war und mit dem Erbarmen eines Engels auf ſie herniederſah. Serena fuhr fort: „Eiferſucht hat Sie zu einer finſtern That verführt, aber ihre Liebe iſt wahr und groß. Ich habe Ihnen gelauſcht, Hagar, als Ihre Seele Ihr innerſtes Leben erſchloß; ich habe Ihnen gelauſcht in Augenblicken der Dämmerung, in der Nacht, als Sie ſich allein glaub⸗ ten,— und ich habe begriffen, wie Sie lieben; keine niedrige Seele, kein gewöhnliches Weib kann ſo lieben! Leidenſchaft, Umſtände, das Dunkel in ihrer Seele, hat Sie irre geleitet— auch über Sie ſelbſt. Aber in klaren Stunden, auch jetzt, Hagar, ſteigen Sie in Ihr Herz hinab und fragen Sie ſich— gibt es Etwas, was Sie nicht für Bruno's Glück zu opfern bereit wären? Gibt es ein Leiden, das Sie nicht um ſeinetwillen gerne auf ſich nehmen würden? Iſt nicht die Liebe zu ihm Ihr ſtärkſtes, ja Ihres Herzens einziges, tiefſtes Gefühl?“ „Ja,“ rief Hagar,„ich habe ihn geliebt, brennend, unausſprechlich geliebt: ich liebe ihn noch, aber— dieſe Liebe hat mich zum Verbrechen geführt!“ „Und wenn Sie mein Herz getroffen hätten, Hagar, und wenn ich jetzt ſterbend neben Ihnen läge, ſo würde hon ich doch ſagen: das Werk des Augenblicks wird das Herz nicht verdammen, das treu liebt.“ Hagar ſchnappte nach Luft. Ein erfriſchendes Ge⸗ fühl ſtieg in das verzweifelte Herz und löſchte ſeinen bittern Grimm. Mit gefalteten Händen ſank ſie auf ihr Lager zurück.„Ja,“ flüſterte ſie matt,„ja, Sie haben Recht. Ach, es gibt alſo Jemand, der mich ver⸗ ſteht, der meinen Worten glauben kann! So höre mich denn, Serena, du, die du Engelsmilde und Engelsklar⸗ heit in deiner Seele haſt, höre: Ich wollte dich nicht tödten, nein! Ich wollte Bruno nichts ſo Böſes thun. Als ich allein in dem finſtern Walde ſaß und die Eifer⸗ ſucht Mordgedanken in meine Seele rief, da wies ich ſie mit Abſcheu zurück; als ich von Bruno's Verlobung hörte, als ich ſah, daß mein Schickſal unwiderruflich entſchieden war, da beſchloß ich, mich zu tödten. Und um Kraft dazu zu erhalten, mußte ich ihn mit Ihnen bei⸗ ſammen ſehen, mit Ihnen, ſeiner verlobten Braut... Ach! ſchon als ich Sie das erſte Mal ſah, da ging es wie ein kalter Stahl durch mein Herz; ich fühlte, daß er Sie anders lieben würde, als er Andere geliebt, ich fühlte, daß er auf immer für mich verloren war— und ich hatte doch ſeine erſte Liebe, ſein erſtes Ver⸗ ſprechen. Aber zur Sache! Ich kam eines Abends und ſah euch Beide beiſammen. Aber als ich Ibren Kopf an ſeine Schulter gelehnt ſah, als ich hörte, wie er Sie ſeine Gattin nannte, da zerriß eine Furie mein Herz und mein Gehirn. Es war die Eiferſucht. Meine Seele ward wild und mein Dolch dürſtete nach Ihrem Blut, bevor er ſich in dem meinigen kühlen ſollte. Ja, es war das Werk des Augenblicks, das Werk eines fin⸗ ſtern, finſtern Augenblicks, der bisher gewährt hat; aber jetzt, jetzt.. dringt ein Lichtſtrahl durch den Schleier der Nacht. Aber du, du, die ich tödten wollte und die du mir Leben gibſt— ſage, wer biſt du, wunderbares Mädchen? Biſt du ein Kind des Himmels, herabgeſandt, die Erde zu tröſten, und haſt nichts gemein mit ihren 472 Leidenſchaften und Schmerzen? Oder biſt du eines der Zauberbilder, von denen ich erzählen gehört habe, welche die Menſchen mit Silberſtimmen und feinen Worten locken— aber ſich dann ſchnell in Geſtalten des Ab⸗ grunds verwandeln und die Unglücklichen in das ewige Dunkel hinabziehen?“ Hagar's wilde und erhitzte Phantaſie ſchien ihr in dieſem Augenblick die ſchreckliche Verwandlung zu ver⸗ wirklichen. Mit irrem Blick ſah ſie auf Serena, die ruhig ſagte: „Ich bin bloß ein ſchwaches Weib, dem aber Gott die Gnade verliehen hat, die Leidenſchaft und den Schmerz ſeines Herzens zu beſiegen. Leſen Sie, Hagar, dieſe Zeilen, die denjenigen, den Sie lieben, bald zu Ihnen zurückführen werden; leſen Sie und mißtrauen Sie mir nicht mehr.“ Serena übergab Hagar den Brief, den Sie ſo eben geſchrieben hatte, und Hagar las: „Du fliehſt mich, Bruno, du meideſt mein Haus. Komm wieder, Bruno. Nicht bloß in meinem Namen und um meinetwillen bitte ich dich, ich bitte dich für eine, die leichter Licht und Leben entbehren zu können ſcheint, als deinen Anblick. Komm, Bruno, o komm zu der Beklagenswerthen. An ihrem Bette erwarte ich dich. Laß uns gemeinſchaftlich ſie zum Leben zurück⸗ rufen oder gemeinſchaftlich ihre letzten Augenblicke trö⸗ ſten. Laß uns zuſammen ſein, Bruno! O, mein Freund! In dem Dunkel, das mich in dieſem Augenblicke um⸗ gibt, weiß ich mit Klarheit doch Eines, und dieſes iſt, daß ich dich liebe, daß du mir theurer biſt, als mein Leben und daß Nichts, Nichts in der Welt dieſes Ge⸗ fühl aus meinem Herzen reißen kann. Wir können in dieſem Augenblick nicht über unſer zukünftiges Verhält⸗ niß beſtimmen. Wohlan denn, laß uns die Zeit abwar⸗ ten und Frieden mit einander haben. Und ſollte unſerer Vereinigung als Gatten ein Hinderniß im Wege ſtehen, o, ſo wird uns doch Nichts hindern, uns als Freunde „D ter dar abe unt nat m⸗ iſt, ein e⸗ ilt⸗ ar⸗ rer en, de 473 zu vereinigen. Hagar hat von Rechten geſprochen, die ſie an dich habe.. von früheren Banden, die dich an ſie feſſeln. Hat ſie die Wahrheit geſprochen, Bruno, ſo bleibt meine Bitte dennoch dieſelbe! Komm zurück, Bruno, zu mir, zu ihr! „Höre, Bruno! Laß uns auf's Neue Kinder ſein. Laß uns ſein, wie in den Tagen— den ſchönen Tagen! — da wir zuſammen in den Wäldern von Ramm die Morgenſonne begrüßten und die Schatten des Waldes uns noch dort beiſammen trafen, voll Frieden und Zu⸗ verſicht zu einander. Erinnerſt du dich eines Abends, als es im Walde finſter wurde und ich ſagte:„Fürch⸗ teſt du nicht, im Finſtern zu verirren?“ Du antworte⸗ teſt:„Mit dir iſt der Weg hell für mich.“ Und ich ſagte wieder:„Und mit dir fürchte ich mich nicht im Finſtern.“ O Freund meiner Kindheit! Kann es nicht werden, wie es damals war? Das Leben iſt der Wald und er kann finſter ſein— o, ich habe es ſeit einiger Zeit ſehr ge⸗ fühlt— laß uns zuſammengehen auf dem finſtern Wege, Bruno;— reiche mir die Hand als Freund, als Bru⸗ der— dann wird der Weg vielleicht noch für uns beide hell. Höre meine Bitte— ich bitte dich mit Thränen — komm wieder, Bruno, geliebter, ewiggeliebter Freund, komm wieder. Deine Serena.“ Mit zitternder Hand gab Hagar den Brief zurück. „Du liebſt ihn noch mehr als ich,“ ſagte ſie. Ein bit⸗ terer Ausdruck flog über ihr Geſicht und ſie zog die Decke über ihren Kopf. Serena ſandte ihren Brief ab. Wenige Stunden darauf war Bruno zu ihren Füßen. Sie ſprachen nicht, aber unwillkürlich ſchlangen ſie ihre Arme um einander, unwillkürlich ſchmolzen ihre Seelen wieder in einem namenloſen Gefühle zuſammen. Von dieſem Augenblick an ſaß Bruno oft an Ha⸗ gar's Krankenlager. Die kühne und wilde Hagar war 474 vor ihm nur ein ſchwaches, demüthiges Weib, das ſein bloßer Blick beherrſchte. Bruno's Verzeihung und An⸗ weſenheit, Serena's Güte und Zartheit, ihre treue und zärtliche Pflege wirkten wohlthätig auf die Kranke. Doctor Werner gab Hoffnung für ihr Lehen. Franziske kam zuweilen Abends, um ihre Freundin zu beſuchen. Zwiſchen Bruno und dieſen beiden gebildeten und lie⸗ benswürdigen Damen entſpannen ſich Geſpräche von hohem und edlem Intereſſe, die Hagar's feurige Seele mit Begierde einſog. Auch die alten Dahl's kamen und vereinigten ſich mit den Andern, und in dem Zimmer, in dem Kreiſe, wo ſich Stoff vorfand für das Unglück⸗ ſeligſte, was das Leben hat; in dieſem Kreiſe entſtand allmälig durch Serena's Einwirkung Friede, Intereſſe, ja ſogar Behagen, wenigſtens für Augenblicke, und ſelbſt das Ereigniß, das die Bande der Liebe und des Ver⸗ trauens zerreißen zu müſſen ſchien, diente nur dazu, ſie feſter zu knüpfen. Schöne Macht der Güte, die nur zu verſöhnen begehrt, der Weisheit, welche, gleich der Gottes, aller Spaltung und Trennung nur eine höhere Harmonie, nur eine tiefere Ordnung und Liebe entgegenſetzt! Was dieſe Geſpräche, was das tägliche Zuſam⸗ menſein mit Serena auf Hagar's Gemüth und Bruno's Seele wirkte, werden wir ſpäter ſehen. —.—— Viertes Schattenbild. Tropfenweis drinat ſiiller Regen Allmälig in des Felſen Bruſt. Nach Schiller. Draußen tobte der Sturm. Es nabte ſich eine jener Winternächte, wo die Sagen der Vorzeit über das ſche veri bein gen todt änd die nah trat an ſtill dar war Pfle eiſig des bra ſtim geh im So Vat Hal Sti wie gen Se: das Unweſen der Hexen ſich bewahrheiten zu wollen ſcheinen, wo der arme Wanderer im Norden ſich oft verirrt. Seine Frau oder eine alte Mutter vermißt ihn beim Abendfeuer der Hütte. Sie hofft auf den mor⸗ genden Tag, aber da wird erzählt:„Man fand ihn todt im Schnee, draußen im Walde.“ Hagar's Geſundheitszuſtand hatte eine neue Ver⸗ änderung erlitten. Die Steigerung ihrer Lebenskräfte, die einen Augenblick an Geneſung hatten glauben laſſen, nahm plötzlich ab und ein Zuſtand großer Schwäche trat ein.„Nicht ihre Wunde, ſondern ihre Seele zehrt an ihrem Leben,“ ſagte Doctor Werner. Es war jetzt ſtille im Krankenzimmer, Serena allein bewegte ſich darin, ſtille Leib und Seele pflegend. Auch die Kranke war jetzt ruhiger, indem ſie ſich ihrer treuen, milden Pflegerin gänzlich hingab. An die Fenſter des Krankenzimmers ſchlug der eiſige Schauer und der Sturm ſchüttelte die Zweige des Baumes, der vor demſelben ſtand. Aber drinnen brannte eine Lampe ſtill und klar und eine milde Frauen⸗ ſtimme las die Worte: „Ich will mich aufmachen, und zu meinem Vater gehen und zu ihm ſagen: Vater, ich habe geſündigt im Himmel und vor dir;“ „Und bin hinfort nicht mehr werth, daß ich dein Sohn heiße; mache mich zu einem deiner Taglöhner.“ „Und er machte ſich auf und kam zu ſeinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, ſabe ihn ſein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um ſeinen Hals und küſſete ihn.“ „Geſegnete, geſegnete Worte!“ rief bier eine matte Stimme vom Bette aus.„Und wenn ich heim ginge, wie der verlorene Sohn— ob ich wohl auch ſo empfan⸗ gen würde? Groß, groß iſt meine Schuld.“ „Aber Gottes Gnade iſt noch größer!“ antwortete Serena.„Der verlorene Sohn hatte ja ſein ganzes 476 Erbe verſchwendet, aber als er reuevoll zurückkehrte, wurde er mit Liebe empfangen.“ „Nun gut,“ ſagte die Kranke mit brennendem Her⸗ zen,„auch ich will umkehren. Zu einem irdiſchen Vater fönnte ich nicht gehen. Der würde bloß Flüche für mich haben. Ich will mich aufmachen und zu meinem himmliſchen Vater gehen.“ Fünftes Schattenbild. Liebe weiß von keinem Maß, Keiner Grenze, keinem Grab. Es war Nacht und der Mond ſchien klar. Die Erde lag von ſeinen Strahlen begoſſen ſo freundlich und ruhig da. Weg war jetzt die Schneedecke und ein Auferſtehungswind weckte die Schlummernden zum Leben. des Frühlings. Wir wollen den Strahlen der Himmelslampe bis in Hagar's Krankenzimmer hinein folgen und die Ge⸗ ſtalten betrachten, die von ihnen beleuchtet werden⸗ Sie fallen ſtark auf ein Profil, das ſchön geweſen iſt. Jetzt ſind die Züge hart und ſcharf, ſo wie Leiden⸗ ſchaft und Schmerz ſie mit ihren ſcharfen Meißeln ein⸗ zugraben pflegen. Der Blick, der gewöhnlich wild ge⸗ rollt, war jetzt ruhiger. Es war ein verklärter Ausdruck in dem abgezehrten Geſichte und die Hände waren wie zum Gebet gefaltet. Hagar ſaß aufrecht im Bette. Neben ihr und ſie ſtützend ſteht ein junges Mäd⸗ chen. Vielleicht machen die Strahlen des Mondes, daß ſie ſo ſchneeweiß ausſieht, während ſie gleich einer von Licht begoſſenen Lilie daſteht. Vielleicht iſt es auch Leiden, was die rothe Farbe aus ihrer Wange geſogen hat. Doch hat es die ruhige Anmuth ihres Weſens te, er⸗ ter für em Die lich ein ben bis Se⸗ ſen en⸗ ein⸗ ge⸗ ruck wie äd⸗ daß von auch gen nicht wegzunehmen, die feine, beinahe kindliche Rundung ihres Geſichtes, ihres Halſes und ihrer Arme nicht zu verwandeln vermocht. Sie iſt weich, weich, wie die Güte ſelbſt und einnehmend wie ſie. Ihr Blick iſt klar, mild, man könnte ſagen— heilig. „Lehnen Sie ſich beſſer an mich,“ flüſterte ſie Ha⸗ gar zu. Es iſt Serena. Im Schatten, und finſterer als dieſer, ſteht Bruno, den dunkelflammenden Blick unbeweglich auf die Beiden geheftet. Seine Bruſt hebt ſich langſam, aber ſtark. Gedanken kämpfen darin. In einiger Entfernung vom Bette, in einem mil⸗ den, grauen Dämmerlicht ſitzen zwei alte Geſtalten, ſtill, bleich, geſpenſtergleich. Sechs Wochen ſind vorüber ſeit dem Abend, da Hagar gewaltſame Hand an ihr eigenes Leben gelegt hat. Wie eine erlöſchende Flamme bald auflodert, bald ſinkt, ſo hatte ſie lange zwiſchen Leben und Tod ge⸗ ſchwebt. Aber die Schmerzen der letzten Tage wurden groß und ſie fühlte ihr Ende ſchnell nahen. Es war Nacht, als ſie aus einer langen Bewußtloſigkeit er⸗ wachend mit Serena's Großeltern zu ſprechen verlangte, aber als ſie kamen, war ſie lange nicht im Stande zu reden. An Serena's treue Bruſt geſtützt, von ihren Armen umfaßt, ſchöpfte ſie allmälig wieder einige Kraft. Auf ihre Bitten nahten ſich die Alten. In kurzen, aber ſchönen Ausdrücken dankte ihnen Hagar ſür die Pflege, die ſie ihr geſchenkt und bat, ihr die Unruhe, die ſie ihnen verurſacht, zu verzeihen.„Jetzt,“ fügte ſie hinzu, „jetzt werde ich Niemand mehr auf Erden beunruhigen — jetzt gehe ich meinem letzten Urtheilsſpruche entgegen. Aber bevor ich gehe, laßt mich der Wahrheit ein Opfer bringen; laßt mich etwas gut machen, von dem, was ich verbrochen habe. Höret das Bekenntniß einer Ster⸗ venden und ſetzet Glauben in meine letzten Worte. Ich habe Bruno Nichts vorzuwerfen. Ich habe 47 mein Schickſal ſelbſt geſchaffen. In meines Vaters Haus liebten wir einander und gelobten einander die Ehe. Ich war es, die das Gelübde brach— meine Aus⸗ ſchweifungen und Verbrechen erweckten ſeinen Abſcheu. Ich wollte ihn hinabziehen— er floh mich. Da ver⸗ ſolgte ich ihn, und es war mein Loos, von ihm ver⸗ achtet, verſtoßen, dennoch gezwungen zu ſein, ihn zu lieben, nicht athmen zu können, außer in dem Feuer, das mich verzehrte. Die Liebe zu ihm war meine Strafe. Sie hatte meine Seele gebeugt, aber gebeſſert. Bruno duldete mich um ſich— duldete den Sturmwind, der ſein Leben mit nie raſtender Unruhe umbrauste. Dieß gab mir Kraft zu leben, ja die Hoffnung, das Herz wieder gewinnen zu können, das ich verloren. Deß⸗ halb folgte ich ihm bis in dieſes Land— in deſſen Erde ich bald ruhen werde. Bruno feſſelte ſich an Serena und wollte mich los werden. Er bot mir reiche Gaben an und bat mich, in mein Vaterland zurück⸗ zukehren. Es lag nicht bloß Wunſch, es lag Befehl in ſeinen zermalmenden Worten. Ich ſtellte mich, als wollte ich gehorchen, beſchloß aber zu ſterben. Meine Gefühle waren wild. Kalt war der Winterabend, da ich meinem Leben ein Ende machen wollte. Bruno war bei ſeiner Braut, ich allein in dem finſtern Wald— kalt war der Winterabend und deßhalb war wohl mein Blut ſo ſtarr, meine Hand ſo betäubt— ſie wollte nicht gehorchen— da beſchloß ich, ihn und ſie zu ſehen — ich lief hieher— ich ſah ihn und ſie— da machte Eiferſucht mein Gehirn wild— das Uebrige wißt ihr. Roch einmal verzeihet, noch einmal höret die Worte: Ich habe Bruno Richts vorzuwerfen— aber ihn für Vieles um Verzeihung zu bitten. Er verdient eure Enkelin und in den unbekannten Räumen, wohin mein Geiſt geht, werde ich ihn und ſie ſegnen. Wenn ihr mir ver⸗ eihet, ſo reichet mir eure Hände, damit ich ſie an meine ippen drücke. Wenn ihr mir verzeihet, ſo ſaget mir, daß ihr die Verbindung nicht hindern wollt, die mein —,—— Verl Stet Hän auf ſchie mach ihre in d ren das verſt gefü Wur heili Gefi Pfor mir jetzt ſprec ſtand fürch den, inder Bru dir noch freut verze Brur als he. s⸗ 1 479 Verbrechen zu löſen drohte. Gebt der Reuevollen, der Sterbenden dieſen letzten Troſt.“ Hagar ſchwieg. Die beiden Alten reichten ihr die Hände und ſprachen Worte der Verſöhnung zu ihr. Hier⸗ auf entfernten ſie ſich leiſe, da Hagar ſehr matt zu ſein ſchien. Hagar wurde von einer augenblicklichen Ohn⸗ macht überwältigt, erwachte aber bald daraus, wandte ihre erlöſchenden Augen zu Serena und ſagte: „Und jetzt laß mich dir danken, du klare Quelle, in der Gottes Himmel ſich ſpiegelt. Für meine bitte⸗ ren Worte gabſt du mir gute zurück; für das Leiden, das ich dir zugefügt, haſt du das meinige gelindert und verſüßt. Erquickende Tränke haſt du an meine Lippen geführt und das Oel der Barmherzigkeit haſt du in die Wunde meines Herzens gegoſſen. Du haſt mir der Liebe heilige Lehre erklärt— du haſt gemacht, daß jetzt ſanfte Gefühle in meiner Seele herrſchen, daß ich noch an der Pforte des Todes hoffen kann Serena, Bruno, gebt mir eure Hände, damit ich, die ſie trennen wollte, ſie jetzt vereinen möge, damit ich einen Segen über ſie aus⸗ ſpreche, bevor meine Lippen auf ewig verſtummen.“ Stille weinend gab Serena ihre Hand, aber Bruno ſtand unbeweglich. „Er will nicht!“ rief Hagar mit Schmerz.„Er fürchtet den Segen, den meine Lippen ausſprechen wür⸗ den, er verabſcheut mich bis in den Tod!“ „Nein, es iſt nicht ſo, Hagar,“ ſagte Bruno mild, indem er ſeine Hand auf ihre gewaliſam arbeitende Bruſt legte;„habe Frieden mit mir, wie ich ihn mit dir habe.— Du biſt mir theuer geweſen und biſt es noch in dieſem Augenblick.“ „Habe ewig Dank für dieſe Worte!“ rief Hagar ſhi„o, ſage ſie noch einmal; ſage, daß du mir verzeihſt.“ „Wer bin ich, daß ich dir verzeihen ſollte?2“ ſagte Bruno düſter;„welches Recht habe ich, beſſer zu ſcheinen, als du? Wir haben Beide gefehlt, ſtehen Beide vor 480 dem Auge des Ewigen, gleich bedürftig der Verzeihung — der Gnade!“ „Nein, nicht gleich!“ rief Hagar;„war nicht ich es, die deine feurige, unbedachtſame Jugend zu Thaten verführte, woran dein Herz keinen Theil hatte? War nicht ich es, die ſich gleich einer Schlange um deinen Lebensbaum wand und Gift in ſeine Säfte goß? Du warſt es, der einen menſchlichen Funken in mir weckte; — was mich auf ewig an dich feſſelte, war nicht deine Schönheit, deine Kühnheit— es war die Flamme eines höheren Lebens, die immer und immer wieder aus der Gewitternacht deines Weſens hervorblitzte.— Vergebens wollte man deine Kraft zu Aſche verbrennen;— gleich dem Phönix erhobſt du dich vom Scheiterhaufen, ſchüt⸗ telteſt die Aſche von deinen Schwingen und drangeſt zum Lichte— ſo flogſt du von mir— und ich blieb zurück im Staube, aber jetzt— es wird ſo finſter— jetzt ſterbe ich vergnügt, denn ich weiß, mein Tod iſt gut für dich;— höre noch eine Bitte;— im Park von Ramm iſt eine Grotte— ich habe oft darin ge⸗ ruht— ſie iſt kühl und ſtille— dort laß mich begra⸗ ben; und höre— ein Sarg ſteht in deinem Hauſe; dieſes Holz hat die Luft eingeſogen in dem Hauſe, wo du athmeſt, lege mich in ihn. Ach, deine Hand thut mir wohl;— lege ſie da auf, bis das Herz ſtille ſteht! — Lebe wohl, Bruno! Ich verſinke in das Stille, in das Dunkle und mit mir— in die Vergangenheit. Sei ruhig— werde glücklich mit deiner jungen Gattin— mit mir iſt Alles—— vorbei.“ Hagar ſchwieg. Ihre Hände eniſanken denen Bru⸗ no's. Ihre Bruſt wurde ruhig, und des Lebens großes Schattenbild— der Tod— hüllte über ihr Geſicht den Schleier, den kein Menſch lüftet. Sie athmete nicht mehr. Die Strahlen des Mondes erblichen. Des Oſter⸗ morgens erſte Dämmerung verbreitete ihr ungewiſſes Lich übet um über ſtür auck Fre hier glůc ihr chen ſie ihre mich Himn Nie mit ihn und wür ich Bru Her Sch führ nich hend nen etze ſieh B hung ht ich haten War einen Du eckte; deine eines s der ebens gleich ſchüt⸗ ngeſt blieb er— od iſt Park nge⸗ egra⸗ auſe; „wo tht ſteht! le, in Sei in— Bru⸗ roßes t den nicht ſter⸗ viſſes Licht im Zimmer und ihr röthlicher Schimmer ſchwebte die Erblaßte. Feierliche Stille herrſchte lange um ſie. „Todt?“ rief endlich Bruno dumpf, während er, über Hagar hingebeugt, von angſtvollen Gefühlen be⸗ ſtürmt ſchien.„Todt! weil ſie mich liebte? Wer ward auch dadurch gluͤcklich, daß er mich liebte? Wem gab ich Freude? Meiner Mutter Leben habe ich verdunkelt— hier liegt die Verlobte meiner Ingend— und ihr, un⸗ glückliche Opfer, deren Leben ich vergeudet habe, auch ihr ſteiget auf, mich anzuklagen... Recht ſo! Ihr blei⸗ chen Schatten, kommt und ſtellt euch zwiſchen mich und ſie— die meine Gattin werden ſollte— denn ich bin ihrer nicht werth! Ich will ſie nicht betrügen— will mich nicht mit einer Lüge in ihr Herz ſtehlen und ihren Himmel vergiften— nein, Niemand ſoll mich lieben— Niemand mir folgen— außer dieſer Unglücksgeiſt, der mit mir durch's Leben geht. Ich glanbte, Serena würde ihn verjagen— ach, dieſer Engelsblick drückt mich nieder und ſtürzt mich noch tiefer. mein geraubter Himmel würde mein Fluch— nein, ich will fliehen— fliehen— ich will...“ Eine convulſiviſche Bewegung durchbebte Brunv, und das ſtierende Auge zeigte, daß er nicht mehr Herr ſeiner ſelbſt war. „Bruno! Bruno!“ rief Serena mit Zärtlichkeit und Schmerz, indem ſie zu ihm hintrat. „Weg!“ ſagte er hart und wild„weg! Meine Liebe führt Unglück mit ſich. Komm mit deinen Schwingen nicht an den Abgrundsrand. Fliehe— fliehe.“ „Bruno!“ ſagte Serena, indem ſie trotz ſeiner dro⸗ henden Geberde ſich ihm näherte und ihren Arm um ſei⸗ nen Hals ſchlang.„Sprich nicht ſo wild! ſei gut, ſei ſtill. Du biſt krank, Bruno; komm, beruhige dich;— ſetze dich hier an meine Seite— lehne dich an mich— ſieh mich an, mein Bruno! Ich bin ja deine Serena, Bremer, die Nachbarn. 31¹ 482 deine Gattin, die dich ſo innig liebt, die dir in Freud und Leid folgen will. Die Spannung in Bruno's Weſen gab nach, ſein Blick wurde milder, er athmete leichter:„Sprich, Engels⸗ ſtimme!“ ſagte er,„ſprich!“ „Du haſt zu viel gewacht; du haſt dich ermüdet,“ fuhr Serena zärtlich koſend fort,„jetzt ſollſt du ein we⸗ nig ruhen. Ich werde über dich wachen, während du ſchläſſt, und dann wollen wir zuſammen ausgehen und die Sonne ſehen, die ſchöne Frühlingsſonne, die Allem Leben und Freude gibt. Es wird ein ſchöner Tag, mein Bruno!“ Serena's kindlich liebliche Worte und Zärtlichkeits⸗ bezeugungen beſchworen den Dämon in Bruno's Seele. Er beruhigte ſich und ſchien aus einem qualvollen Traum zu erwachen. Mit einem Blick unausſprechlicher Liebe und unausſprechlichen Schmerzes betrachtete er Serena. „O,“ ſagte er mit thränenerfüllten Augen,„nie hat Da⸗ vid's liebliche Harfe den raſenden Geiſt mehr in Ruhe gezaubert. Aber Serena! ſage mir, was habe ich geſagt? Was habe ich gethan?— und ſprich, was haſt du dabei gedacht?“ „Du warſt krank, Bruno; aber Gott ſei Dank, jetzt biſt du wieder wohl und Alles iſt gut.“ „Nein, mit mir iſt nicht Alles gut, Serena— denn wiſſe, daß der Wabnſinn, deſſen Zeuge du ſo eben warſt, kein fremder Gaſt bei mir iſt. Während der Wirkſamkeit des Tags, in der Stille der Nacht über⸗ raſcht er mich und wird Herr über mich, bis ich wieder Herr über ihn werde;— ſiehſt du, in dem Augenblick, da meine Mutter den Fluch auf mein Haupt legte— in dieſem Augenblick brach Etwas hier innen, was noch nicht geheilt iſt— wilde Thaten und Erinnerungen haben dafür geſorgt. O, ſchon lange habe ich darnach ge⸗ ſchmachtet, zu deinen Füßen zu liegen und mit meinem ſurchtbaren Geheimniß— aber es fehlte mir an Kraft, 483 an der Kraft, vielleicht auf ewig doch jetzt iſt die Stunde gekommen! Wende deinen reinen Blick weg, Serena!“. 5 Bruno zeichnete jetzt in ſchnellen, aber ſtarken Zü⸗ gen ſeine erſten Verirrungen.„Meines Bruders männ⸗ liche Güte,“ fügte er hinzu,„riß mich aus meiner ge⸗ 4 ze⸗ fährlichen und vererflichen Bahn. Einen Augenblick 3 du glaubte ich ein neues, ein beſſeres Leben zu beginnen. 8 nd Vielleicht hätte ich es gethan, hätten mich nicht die Fol⸗ em gen meiner erſten Ausſchweifungen hinabgezogen. Ich in war früher insgeheim Spieler geweſen, ich hatte einen 3 jungen Mann aus meiner Kameradſchaft dazu verführt, ts⸗ ich wurde die Urſache ſeines Unglücks. Um ihn zu ret⸗ le. ten, griff ich auf's Neue zu verbotenen Mitteln. Mein um Diebſtahl wurde entdeckt— entdeckt von meiner Mutter. 3 ebe Sie wollte mich ſtrafen— ſtreng— zu ſtreng vielleicht — doch nein! Ich verdiente es. Aber ich wollte mich 6 a⸗ nicht unterwerfen, der Gewalt wurde mit Gewalt begeg⸗ he 3 ich trotzte meiner Mutter, und ſie— verfluchte 2 mich.“ e Bruno's Stimme zitterte bei dieſen Worten. Er ſchöpfte nach Athem und fuhr fort: etzt„Ich floh in derſelben Nacht, Furien in meiner Seele— ſie haben mich ſeither nicht verlaſſen. Ich — floh mein Haus und mein Vaterland. Ich hatte das ben Meer zwiſchen ihnen und mir, ich ging in fremde Kriegs⸗ der dienſte, erntete Wunden und einige Ehre. Nach Been⸗ er⸗ digung des Kriegs gerieth ich in Verbindungen, die mein der Herz feſſelten, und die Begriffe von Recht und Gut, die 3 ick, mir noch vom mütterlichen Hauſe her anklebten, verwirr⸗ 1 123„ ten. Belaſtet von meiner Mutter Fluch, ſuchte ich die och ungezügelten Leidenſchaften, die in meiner Bruſt rasten, 1 ben zu befriedigen, um das Vergangene zu vergeſſen, zu ver⸗ 3 ge⸗ geſſen, daß ich eine Heimath, ein Vaterland, eine Mutter em hatte; zu vergeſſen, daß ich verflucht war— ach, das 484 war das Eisgefühl in meinem Leben, das mich immer blin⸗ der in das Feuer des Abgrundes trieb. Ruhe habe ich nicht. Wirken, mich rächen, herrſchen wollte ich. Die Menſchen, die mich damals umgaben, Gewinnſucht, ja ſelbſt die Gefahr, die mit dem Unternehmen verknüpft war, trieb mich zu Etwas— das ich ewig bereuen werde. Ich wurde— Menſchenhändler— Seelenverkäufer. Ich riß die Kinder Afrika's aus ihren Hütten, riß gewaltſam Gatten von Gatten, Mütter von ihren Kindern, und führte ſie als Sklaven in die portugieſiſchen Colonieen. Menſchen— meine Brüder verkaufte ich für Gold. Die Perſonen, die damals Macht über meine Seele beſaßen, hatten mir dieſe Unglücklichen als Geſchöpfe ohne allen Menſchenwerth, ja, als ſelbſt unter den unvernünftigen Thieren ſtehend, vorgeſtellt. Ein ſchreckliches Ereigniß öffnete meine verblendeten Augen:— laß mich jetzt davon ſchweigen; ich könnte es nicht mit Ruhe erzählen. Genug, von dieſem Augenblick an gab ich mein blutiges auf. Auf's Neue vertauſchte ich Namen und and. „Vergeſſen und Genießen waren jetzt mehr als je die anſpornenden Triebfedern meines Lebens. Am Pha⸗ raotiſch verſuchte ich mein Glück, und das Glück war mir hold. Eines Abends gewann ich eine bedeutende Summe von einem ganz jungen Manne. Gold blitzte um mich her und verblendete meine Augen; aber die aſchgraue Verzweiflung, die das Geſicht meines Gegen⸗ ſpielers entfärbte, als er das Zimmer verließ, rief mich zur Beſinnung zurück. Vielleicht hatte er eine Mutter, die ich lief ihm nach. Ich wollte ihm ſeinen gan⸗ zen Verluſt zurückgeben. Ich eilte hinaus auf die dunkle Straße und rief den Namen des Unglücklichen, den ich zufällig wußte. Ein Blitz und ein Knall, ganz in mei⸗ ner Nähe, antwortete auf mein Rufen. Stücke vom Gehirn des Unglücklichen flogen mir zu Füßen. Er hatte n n E es nd = ar de te die n⸗ er, n⸗ kle ich ei⸗ om tte ſich erſchoſſen. Er war der einzige Sohn einer unbe⸗ mittelten Wittwe. „Ich verließ den Pharaotiſch. Ich ſuchte von dem Böſen, was ich verſchuldet, wieder Etwas gut zu machen. Ich ſuchte das Flend der Menſchenklaſſe zu lindern, ge⸗ gen die ich mich vergangen hatte. Aber was iſt die Wohlthätiakeit des Spielers? Sie iſt gleich dem Almo⸗ ſen des Räubers— ein Blutpfennig. Sie kann dem Herzen keine Verſöhnung erwerben. Ich empfand dieß. Da ſuchte ich Liebe. Liebe, dachte ich, werde mich Alles vergeſſen und Alles genießen laſſen. Ich warf mich, ich verſank in der Liebe— nein, heilige Flamme, verzeih, nicht in die deinigen!— in die Arme der Luſt verſank mein Leben. Ich glaubte mich geliebt; ich wurde betro⸗ gen; ich betrog wieder und taumelte von Verirrungen zu Verwirrungen aber wie die Welle vor Tantal's Lippen flieht, ſo floh Genuß und Unruhe von mir. In fünfzehn Jahren habe ich wohl Augenblicke wilder Freude gehabt, aber keine Stunde, zu der ich ſagen möchte: „Bleibe;“ keinen Tag, den ich bitten möchte:„Komm wieder!“ Eine unendliche Leere, die Nichts ausfüllen zu können ſchien, ein verzehrender Durſt nach Etwas— ich wußte ſelbſt nicht, was— herrſchte in meiner Seele vor. Mitunter— in ruhigeren Augenblicken, ja, wohl auch in denen des wildeſten Genuſſes, trat ein Bild vor meine Seele, deſſen Zauber und Qual für mein Herz ich nicht beſchreiben kann. Alles, was meine Kinderjahre Un⸗ ſchuldiges und Schönes, Alles, was meine erſte Jugend an Lebensglanz und Glück hatte, Alles, was ich zuweilen vom Himmel und ſeinem Frieden geträumt, ſchien in dieſen Augenblicken in ein einziges Bild zu verſchmelzen und dieſes Bild— trug deine Züge, Serena. Da ent⸗ ſtand in meiner Seele namenloſe Sehnſucht und Ver⸗ zweiflung. „Noch einmal raffte ich mich aus einem weichlichen und berauſchten Leben empor. In einer weit ausgedehnten 486 und geordneten Wirkſamkeit ſuchte ich mein Leben, das mich drückte, nützlich zu verwenden. Ich verſuchte mich in großen Handelsſpeculationen. Ich hatte Glück; ich wurde reich, ach, aber ich blieb doch arm und mitten im Ueberfluß hungerte meine Seele. Um dieſe Zeit führte mich eine Reiſe nach England. Ich hörte Canning, wie er vor den Vertretern eines edlen Volkes für die Ab⸗ ſchaffung des Negerhandels, für Freiheit und Menſchen⸗ wohl ſprach. Ich erblickte auf ſeiner Stirne den Glatz einer unſterblichen Schönheit. Zum erſten Mal begriff ich Menſchenwerth, Menſchenadel, und— die Elendigkeit meines frühern Lebens. O Serena, da grämte ich mich über vergeudete Tage und Kräfte. Doch ich war noch jung; noch konnte ich anfangen aber was? Ein verfluchter, ein von ſeiner Mutter verfluchter Sohn— wie kann er etwas Gutes beginnen, was den Segen von Oben hat? Ich war verflucht. Das war das Feuer⸗ zeichen, das auf meiner Stirne brannte; der Stein, der uber meinem Leben lag und es zu ewiger Finſterniß ver⸗ urtheilte. Welcher Engel vermöchte dieſen Stein abzu⸗ wälzen? O, lange Zeit kämpfte meine Seele in dum⸗ pfer Verzweiflung, denn meine Mutter iſt das einzige Menſchenkind, das ich gefürchtet hatte. Oft ſeit meiner Kindheit hatten unſere Seelen mit einander gerungen, aber ſie hatte geſiegt, ſie hatte die meinige geſchlagen. Geſchlagen iſt das rechte Wort, geſchlagen mit Fluch. Bitterkeit wuchs im Herzen, aber lange Jahre gingen darüber hin, und die Liebe kam wieder und wuchs über die Bitterkeit. Der Gedanke an eine Verſöhnung mit ihr wurde der einzige Gedanke in meiner Seele. Dieſe Verſöhnung wurde die Bedingung eines neuen, eines beſſern Lebens. Ohne ſie war mir die ganze Welt Nichts. Hoffnung hatte ich nicht, doch ich mußte wagen, wenn ich leben ſollte. So mächtig hatten dieſe Gefühle mein ganzes Weſen erfaßt, daß ich phyſiſch geſchwächt wurde. —z——— i bloßen Worte Mutter konnte ich weinen wie ein ind“. „Ich kam zurück. Ich ſah mein Vaterhaus wieder. Ich ſah auch dich, Serena. Das Paradies meiner Kind⸗ heit, mein Himmelsbild, die Wirklichkeit meiner Sehn⸗ ſucht, die Verklärung meines Lebens, meines Weſens— das Alles ſah ich in dir. Wundere dich nicht, daß ich ſehnſuchtsvoll meine Arme ausſtreckte, um dich an mich zu reißen; wundere dich nicht, daß ich, als ich den Mut⸗ rerbuſen verſchloſſen ſah, durch dich noch die Seligkeit des Lebens und der Liebe zu erobern ſuchte— daß ich einen Engel für meine kranke Seele zu gewinnen ſuchte! In dieſem Augenblick wurde mein Urtheil geſprochen. Es handelte ſich um mehr, als um Leben und Tod. Es handelte ſich um die Verſöhnung der Seele oder ewigen Fluch. Es lag eine Gewitterwolke über Herz und Ge⸗ hirn— ich ſah, ich fühlte Nichts klar. Da verſuchte ich dich, Serena. Du widerſtandeſt, und ich glaubte dich weniger zu lieben. Ich täuſchte mich. Du warſt nur tiefer in meine Seele gedrungen. Du warſt eins gewor⸗ den mit ihrem guten Genius. Aber das fühlte ich damals nicht. Meine Seele war finſter.“ „Ein Augenblick wilder Verzweiflung ging vorüber, und— ich wurde mit meiner Mutter verſohut; ich ließ mein Haupt an ihrer Bruſt ruhen; ich hörte ſie mich ſegnen. Allmächtiger, gnadenreicher Gott!— Wollteſt du dieſen Augenblick mit hundertjährigen Leiden auf⸗ wägen, ſo würde ich doch, wie jetzt, meine Hände erheben und dir danken; danken für dieſen Augenblick! Worte fönnen ſeine Macht nicht ausdrücken. Er hat mich zeit⸗ lich und ewig gerettet.“ „Was ſoll ich dir mehr ſagen, Serena? Verſöhnt mit meiner Mutter, ſie feuriger liebend, als je, fühlte ich doch nach den erſten Augenblicken himmliſcher Selig⸗ keit keine Ruhe in meinem Herzen. Dich, dich mußte ich gewinnen, du mußteſt meine Gattin werden, wenn 488 ich Frieden erhalten ſollte auf Erden. Ich ſuchte dich auf dem Wege zu gewinnen, den du mir ſelbſt gezeigt haſt. Ich wurde abgewieſen. Es war nicht verletzter Stolz, Serena, was mich veranlaßte, mich auf einige Zeit aus deinem Hauſe zu verbannen. Nein, ſondern ich ging in mich, und verſuchte es, dir zu entſagen. Ver⸗ gebens! Eine unnennbare, unwiderſtehliche Macht zog mich an dich. Es war ein Band zwiſchen uns, das mir von Gott dem Vater ſelbſt geknüpft zu ſein ſchien. Du wurdeſt mein. O Augenblick des Entzückens, der Götter⸗ ſeligkeit! Du warſt mein, und erneut war das Leben, vergeſſen alles Vergangene, Alles verſöhnt, verklärt! Ach, nur auf einen Augenblick! Bald erhoben ſich wie⸗ der die Furien in meiner Seele, der Erinnerung ſtrafende Göttinnen und deine Ergebenheit, Serena, dein reiner Blick, ſie wurden ſtachelnde Vorwürfe für mich. Ich war deiner nicht würdig, Serena— mit jedem Tag er⸗ kannte ich es mehr;— und doppelt unwürdig, wenn ich dich in ein Leben reißen wollte, deſſen Dunkel du nicht kannteſt. Denn vergebens würde ich mich bethören wol⸗ len— nie werde ich ruhig ſein, nie wird die Seligkeit eines reinen Herzens in meiner Bruſt wohnen. Das Geſchehene kann nicht ungeſchehen gemacht werden. Es gibt Begebenheiten in meinem Leben, die ich nie ver⸗ geſſen werde, Erinnerungen, die mich bis in's Grab ver⸗ folgen werden. Es ſind dunkle Spuren, wilde Gefühle in meiner Seele, die ſelbſt deine Engelsgüte, deine Klar⸗ heit nicht auszulöſchen im Stande iſt;— die Reue über das Vergangene wird mich auch an deiner Bruſt ver⸗ folgen!.. O Serena, deine unſchuldige Hand ſollte nicht in eine von ſo vielen Verbrechen befleckte gelegt, du, die Reine, Geſegnete, ſollteſt nicht mit dem vereinigt werden, auf dem der heimliche Fluch der bürgerlichen Geſellſchaft ruht; wenigſtens ſollteſt du nicht deine Ju⸗ gend, deine Schönheit, deine weibliche Tugend einem— Betrüger hingeben. Dieß iſt mir in dieſer letzten Zeit klar geworden. Es iſt mir klar geworden, daß, wenn ich 489 h dein Vertrauen mißbrauchte, wenn ich dich unglücklich t machte— und glücktich wird die Genoſſin meiner Tage er. und meiner Nächte nie— daß ich dann erſt ewige Ver⸗ e werfung verdiente. Lange vlagten mich dieſe Gedanken. h Hagar's Verbrechen und deine Tugend, dein Sieg über r⸗ mich und über ſie haben ſie zur Reife gebracht. Ich liebe g dich jetzt ſo hoch und heilig, Serena, wie ich dich einſt ir wild und egoiſtiſch liebte, und deßhalb habe ich meine Seele vor dir entſchleiert, wie vor ihrem ewigen Schöpfer. r⸗ Noch, Serena, noch hat der Altar uns nicht vereinigt— n, noch kannſt du dich von mir trennen und rein vor der t! Welt, wie du es in deiner eigenen Seele biſt, zurückziehen. e⸗ Du biſt in dieſem Augenblick frei. Wenn du mich auch de verſtoßeſt, ſoll kein Vorwurf, keine Klage von meinen er Lippen dich ſchmerzen. Wenn du dich auch von mir wen⸗ ch deſt, ſo werde ich dich dennoch ehren und lieben, und mei⸗ F⸗ nen einſamen, öden Weg dahinziehen— ſo gut ich kann. ch Du haſt von Freundſchaft geſprochen, von Bruder und ht Schweſter. Verzeih, wenn ich dieſe Illuſion eines engel⸗ ⸗. reinen Herzens zerſtöre. Es kann zwiſchen uns nicht ſo it werden. Gott ſchuf die Seelen von ungleicher Art. In as der meinigen lodern Flammen, die du nicht kennſt. Genug, 56 ich muß dich beſitzen, oder fliehen. Aber, wenn ich dich r⸗ auch fliehen muß, Serena, ſo werde ich doch dein Bild r⸗ in meiner Bruſt tragen. Es wird mich zu einem beſſe⸗ le ren Menſchen machen. Ich bin nicht einſam— ich habe r⸗ eine Mutter. Für ſie will ich leben, wenn auch ſelbſt er ohne Luſt, ohne Freude. Doch— laß mich jetzt ein ein⸗ r⸗ ziges Wort hinzufüͤgen. Ich habe gehofft, o Serena, du lte Einzige, die ich wahrhaft geliebt habe an deiner gt,„ Hand, an deinem Engelsherzen habe ich oft gehofft, ein igt neues Leben beginnen zu können. Ich dachte, die beſſeren en Keime in meiner Seele würden unter deiner Pflege auf⸗ u⸗ gehen, und— wer kann Alles ſagen, was das Herz ahnt? —— und wer mißt die Kraft der Liebe? Wer ſetzt der eit Gnade des Allgütigen eine Grenze? Mit dir, mit dir ich ſchien mir der Weg offen zur Verſöhnung und einem 490 beſſern Leben. ja, mit dir! Ohne dich.. doch ich habe genug geſagt. Du weißt jetzt Alles, Serena— richte über mich! Ich beuge mein Haupt vor dir— und will deine geliebte Hand küſſen, ſie mag mir Tod oder Leben geben.“ Als der Seraph Eloah(ſo ſagt der edle Sänger des Meſſtas) an der Seite des Erlöſers zur Hölle hinabſtieg und das Dunfel und Elend daſelbſt ſah— da erloſch ſein klarer Blick in Dämmerung. Ein Gefühl, gleich dem Eloah's hatte ſich Serena's bei Bruno's Bekennt⸗ niß bemächtigt— eine unbeſchreibliche Schwere hatte ſich auf ihr Herz gelegt und hemmte ſeine Schläge— aber ſie wurde hinweggenommen, ſie verſchwand— gleichwie der friſche Wind den Nebel zerſtreut, gleichwie der Stern in der finſtern Nacht klar leuchtet, gleichwie die Morgen⸗ röthe aufgeht und Alles beglänzt und erhellt, ſo ging in Serena's Herzen die ewige Liebe auf, ſtark, mächtig, be⸗ ſeligend und ſiegend. Es wurde in ihrer Seele lichter, freier, gewiſſer als je;— da war kein Zaudern, keine Unruhe mehr, und als Bruno mit ſeiner Rede zu Ende war, neigte ſie ſich mit ſtillen Liebesthränen zu ihm und ſagte: „Ich gehe mit dir, Bruno. O mein Freund, mein Gatte, es kann nicht anders werden. Zuſammen laß uns auf Erden wandeln, zuſammen einſt vor dem Throne des Allerbarmers knieen.“ Stumm ſchloß Bruno ſie an ſeine Bruſt. Licht brach herein. Ein Geſang erhob ſich, lieblich und feierlich und umſchloß die Vereinten mit melodiſchen Wogen. Es war die Hymne, die zur Feier des Aufer⸗ ſtandenen vom Tempel her erklang. rn n⸗ in e⸗ r, ne de m in ns es ch en r⸗ — Die Schattenbilder ſind zu Ende und mit ihnen mein Geſchäft. Herzlich gerne möchte ich jetzt die Feder wie⸗ der in Madame Werner's Hand zurückſtellen, aber wie wenn ſie etwas beleidigt wäre, daß ich ihr in die Rede gefallen bin, zeigt ſich gerade um die Zeit, nämlich un⸗ mittelbar nach Hagar's Tod, eine bedeutende Lücke in ihrem Briefwechſel, deren wahren Grund ich nicht an⸗ geben kann und die ich außer Stands bin zu füllen. Du mußt dich deßhalb zufrieden geben, werther Leſer, und— wenn es dir gefällig iſt— übergehen zum Vierundzwanzigſten Brief. Roſenvik, den 23. Mai. Wieder hier! Ich ſitze allein. Ich habe Bär nach Ramm gejagt, damit er ſich dort wohl umſehe und zuerſt ſich, ſodann mich mit den Ereigniſſen bei der Nachhoch⸗ zeit unterhalte. Ich befinde mich nicht wohl, bin träge und müde, ſehe Ramms graue Mauern an, denke an Se⸗ rena und habe das Heimweh nach Bär. Es geht gegen Abend, er muß wohl bald zurückkommen. Ich war ſeit Serena's Hochzeittag nicht mehr recht wohl. Ich wurde dabei gar zu ſehr aufgeregt. Bruno's Unruhe an die⸗ ſem Tage, ſeine beinahe wilden Fragen Vormittags an Serena:„Liebſt du mich? Willſt du mein werden in Freud und Leid, in Zeit und Ewigkeit?“ was bedeuten ſie wohl?„Ich will dir heute Abend antworten; komm auf den Abend wieder,“ ſagte Serena in ihrer lieblichen, in⸗ nigen Weiſe. Das beruhigte ihn. Und am Abend, als ſie getraut und der Segen über ſie geſprochen war, da war er verändert. Eine große Dankbarkeit ſchien ſein Weſen zu erheben und zu beruhigen. Ich ſah ihn Se⸗ rena in ſeine Arme ſchließen und— weinen. Ach, warum 492 dieſe Unruhe, warum dieſer Schmerz ſelbſt im Glücke, wenn ſein Gewiſſen rein wäre? Aber habe ich nicht unrecht, ſo ängſtlich und unruhig ihr zu ſein, da ich doch bei Bruno ſo viele wahre Liebe ge⸗ ſehen habe, da ich Serena im Beſitz einer Zärtlichkeit, Treue und Kraft weiß, die Alles veredeln und verklären in kann? In der Trauungsſtunde war Etwas an ihr, was ihren Bund über alle Macht des Unglücks und der Zu⸗ ie fälle zu erheben ſchien. Eine himmliſche Klarheit lag Si auf ihrer reinen Stirne; die Worte:„Dich zu lieben in Au Freud und Leid,“ ſprach ſie mit einer ſo ſchönen, ſo hohen Gewißheit aus, daß ich ſie unwillkürlich zu Bär nach⸗ du ſprach, als ich an ſeine Schulter gelehnt, von ſeinem mo treuen Arme umfaßt daſtand. Wie die Ereigniſſe des wa Tages jetzt an meiner Seele vorbeizogen! Sie ergriffen W mich ſtark, zu ſtark! Ich habe mich ſeitdem unwohl befun⸗ den. Wenn es nur für mein kleines Mädchen keine ſchäd⸗ Fi lichen Folgen hat! Wie Bär ſo lange ausbleibt! Die Schatten der Bäume ſind bereits lang und die Vögel gr beginnen ihren Abendgeſang. Gott laſſe nur kein Un⸗. ge glück auf Ramm geſchehen ſein. Das alte ſchwarze Haus ih ſieht doch aus, wie ein Unglücksneſt. Warum mußte Serena dahin kommen? Gottlob, jetzt ſehe ich Bär an⸗ V langen. Ich will ihm bis auf die Bruͤcke hinab ent⸗ ie gegengehen. A Den 2. Pruchſtück von unſerem Geſpräch geſtern Abend.„ „Nun Bär, es war ſchön, was du von Serena ſagſt, w daß ſie ſo liebenswürdig war und die Patriarchen ſo zu⸗ frieden. Sage mir jetzt, wie war ma chére mère?“ Superb, aber nicht munter.“ Pen — „Hielt ſie keine Rede?“ „Nein. Sie war ungewöhnlich ſtille, ſchien aber in ihrem Innern vergnügt und dankbar.⸗ „Und wie war Bruno gegen ſie?“ „Wie der zärtlichſte Sohn. Er iſt mir noch nie in einem ſo vortheilhaften Lichte erſchienen.“ „Und gegen Serena? Wie nannte er ſie? Sah er ſie viel an? Wie ſah er ſie an? War er viel um ſie? Sprach er Viel mit ihr? Hatte er viele Sorgfalt, viele Aufmerkſamkeit für ſie?“ „Meine liebe Freundin, es wäre ebenſo gut, wenn du eiwas weniger flux de bouche hätteſt, dann könnte man doch auch ein Bischen in Ordnung antworten. Wie war die erſte Frage? Ob Bruno gegen ſeine Frau ſeine Würde als Ehemann behauptete?“ „Ach, du biſt gar zu langweilig! Lag er zu ihren Füßen?“ „Das nicht gerade. Es hätte ſich auch in einer ſo großen Geſellſchaft nicht wohl geſchickt, aber im Ganzen genommen, ſchien ein recht gutes Einverſtändniß zwiſchen ihnen zu herrſchen.“ „Gutes Einverſtändniß? Du weißt doch deine Worte gar nicht zu wählen. Du meinſt am Ende gar, ich ſolle Gott danken, daß fie ſich nicht gezankt haben.“ „Das kannſt du nicht; denn ſie zankten ſich wirklich.“ „Mein Gott, warum?“ „Der Himmel weiß, was die Veranlaſſung war. Aber er ſagte zu ihr:„Meine liebe Serena, meine Frau, es ſoll ſo werden, wie du es haben willſt. Und ſie er⸗ klärte dagegen:„Nein, Bruno, laß es bei dem bewenden, wie du geſagt haſt; es iſt am Beſten ſo.“ „Nun, Gottlob! wie du mich erſchrecken kannſt! Und wie ſah Bruno aus, als er ſagte:„Meine Frau?“ „Wie?. Wie ein Mann. 6. „Der ſeine Frau anbetet?“ — 494 „Nun ja, und der fühlt, daß er in ihr das Beſte beſitzt, was das Leben hat.“ „Sieh, jetzt ſprichſt du ſchön, mein Bär. Und dann das Eſſen, Bär? Erzähle ein wenig vom Eſſen. Sage mir alle Gerichte der Reihe nach. Du erinnerſt dich nicht mehr? Es iſt doch ein rechter Jammer mit dir. Es wird dir doch noch etwas einfallen? Laß ſehen; das erſte Gericht zum Beiſpiel, das immer am beſten ſchmeckt, woraus beſtand es?“ „Ich glaube, aus— jungen Hühnern.“ „Junge Hühner? Unmöglich! Serena kann keine junge Hühner als Vorgericht haben, ſie müßte denn Schinken zum Braten haben. Es iſt unmöglich, zein unmöglich.“ Bär lachte über meinen Eifer, und nach einigen neuen, verunglückten Verſuchen, ein Bild von dem Eſſen zu bekommen, mußte ich geradezu davon abſtehen; aber ich ſagte Bär, er ſei ein unwürdiger Gaſt und ich werde es Serena erzählen. Um mich zu zerſtreuen und zu beſänftigen, zauberte Bär— ich weiß nicht wie— eine Flaſche Biſchof— und einen Korb ausgeſuchte eingemachte Früchte hervor, die er mir von Ramm mitgebracht hatte, wie er ſagte, mit Gewalt dazu gezwungen von Serena. Ich war ganz entzückt über das kleine Tractament, ſchaffte Gläſer herbei und wir ſetzten uns, um Geſund⸗ heiten zu trinken. Wir tranken die Geſundheit des jun⸗ gen Paares, wir tranken ma chère mère's Geſundheit, wir tranken unſere eigenen Geſundheiten, wir tranken die Geſundheit der kleinen Unſichtbaren, wir waren recht in Eifer gekommen mit den Geſundheiten. Sodann ſetz⸗ ten wir uns an's Fenſter. Es war ein ſchöner Abend und der Himmel lag klar über Ramm. Ein Strahl der untergehenden Sonne beleuchtete den finſtern Wald, und ich erinnerte mich, es früher einmal ſo geſehen und dabe früh der wur Aug dort mick Die hüll ſagt blei ſchi ſam Or frül gen lau Or uni vor iht ch dabei an Serena gedacht zu haben. Ich ſah auf den früher ſo düſtern, jetzt verklärten Strand, ich ſah auf Bär, der ſein Vollmondsgeſicht nicht von mir abwandte; es wurde mir warm um's Herz⸗ Thränen traten mir in die Augen, ich ſagte, auf Ramm zeigend:„Jetzt iſt es klar dort, Bär, jetzt ſind glückliche Herzen dort!“ „Nicht glücklicher, als hier,“ ſagte Bär, indem er mich zärtlich an ſich zog und auf ſeinen Knieen feſthielt, Die Sonnenſtrahlen ſtarben jetzt langſam hin, das Ufer hüllte ſich in Schatten, und mit einem tiefen Seufzer ſagte ich: „Ach, wer weiß doch, wie lange ſie dort glücklich bleiben! Gott weiß, ob Bruno— dieſer unruhige Geiſt — je einmal Friede finden kann.“ Ein melodiſches Zittern wallte durch die Luft und ſchien auf meinen Seufzer zu antworten. Ich fuhr zu⸗ ſammen und wir lauſchten am geöffneten Fenſter. Die Orgel auf Ramm brauste, aber nicht trauervoll, wie früher. Töne, gleich denen in Händel's Hallelujah gin⸗ gen von ihr aus. Ich lehnte meinen Kopf an den Bär's. So ſaßen wir lange in dem warmen Maiabend und lauſchten. Und tief in den Abend hinein erklang die Orgel immer ſchöner, immer friedvoller, wie mir ſchien, und ich erinnerte mich der letzten Worte aus der Legende vom Neck: „Da weinte der Neck nicht mehr, ſondern nahm ſeine Harfe wieder und ſpielte und ſang lieblich bis tief in die Nacht hinein.“ „Denn er wußte jetzt, daß er ſelig werden ſollte.“ Geſtern war Jean Marie bei mir. Sie war heiter und wußte viel zu erzählen. Ich erfuhr allerhand von ihr, und mitunter Dinge, die mich ſehr freuten. Ma chere mère wird immer ruhiger und milder, fährt oft in die Kirche und ihre Sprüchwörter werden immer 496 bibliſcher. Ihr Herz ſcheint jetzt mehr, als je, nach Be⸗ glückung Anderer zu verlangen; ſie ſchenkt viel an ihre Armen, namentlich auch alte Leinwand, und bereitet da⸗ mit, nach dem geiſtreichen Ausdruck einer liebenswürdigen jungen Frau, ihren Himmelspurpur. Jean Marie er⸗ zählle mir auch⸗einen kleinen Auftritt zwiſchen Elſe und ma chére mére, der mich freute. Ma chére mére hatte dieſer Tage ein paar Porcellan⸗Taſſen, die auf einem Tiſche ſtanden, umgeworfen und zerbrochen; ſie ärgerte ſich darüber(ſie will mitunter in Kleinigkeiten noch gar zu gern die Sehende ſpielen), und brach in der Hitze des Augenblickg mit dem Henfer und allerhand Fluchen über Elſe los, daß ſie die Sachen an den unrechten Ort geſtellt habe. Ma chère möre hatte Unrecht, aber Elſe, die früher immer mit einigen kräftigen Worten gegen jede Ungerechtigkeit proteſtirt hatte, gab jetzt ganz ſtill zu, daß ſie den Fehler gemacht habe. Eine Weile nach⸗ her ſaß ma chére mére an ihrem Netze und ließ ihre Nadel fallen. Sie kam unter den Sopha, und Elſe, die es immer ſo einzurichten weiß, daß ſie bei der Hand iſt, wenn man ihrer bedarf, kniete nieder, hob ſie auf und gab ſie zurück. Da legte ma cheère mére ſauft den Arm um die treue Dienerin und ſagte mit Rührung: „Meine liebe Elſe! Wie würde es mir ergehen, wenn ich dich nicht hätte?“ Eilſe legte die Stirne an die Kniee ihrer Gebieterin, umfaßte dieſelben, und eine Thräne der Liebe und Freude ſchlich ſich ihre knochige Wange herab. Jean Jacques ſchaltet und waltet frei auf Karlsfors, ſchafft alle Mißbräuche ab und macht manche nützliche Einrichtung. Er iſt ein thätiger, ein⸗ ſichtsvoller Mann, und ſpricht weniger, ſeit er mehr ar⸗ beitet. Er und Jean Marie gewinnen immer mehr Raum auf Karlsfors, während ma chère möre ſich den Ge⸗ ſchäften der Welt immer mehr zu entziehen ſcheint. Die Muſik macht ihr jetzt mehr Vergnügen, als je, und ſie hat einmal geſagi, ſie möchte beim Klange von Bru⸗ no's Tönen ſterben. Ma chère méère wird in der nächſten Woche den Neuvermählten ein großes Feſt geben. Auch Fräulein Hellevy Hausgiebel ſoll eine kleine ausgeſuchte Soirée für ſie veranſtalten. Man erzählt, Natur und Kunſt gedenken ſich in den Perſonen des jungen Robert Stalmarkund Adele's von P zu vermählen. Sie haben auf Fräulein Hausgiebel's oiréen im Laufe des Winters gegenſeitig ihre Vor⸗„ trefflichkeiten entdeckt, ſich in einander verliebt und da⸗ durch ſelbſt bedeutend an Liebenswürdigkeit gewonnene Landrichter Hök, der den Frühling über ſehr an* ſeiner Leberkrankheit leidet, war einigeZeit gezwungen⸗ das Haus zu hüten, und Nachbarn und Freunde haben ihn fleißig beſucht. Ma chere möre war jede Woche zweimal vei ihm. Auch ich habe manchmal eine Stunde dei dem intereſſanten, ſtillen Greis zugebracht. Geſtern — erzählte Jean Marie— ging er zum erſten Male wieder aus und kam nach Karisfors. Ma chére mére und er führten mit einander den Trall aus, wobei ſie ſich an eine Schnur hielt, die quer über den Saal ge⸗ ſpannt iſt. Es heißt, Vetter Stellan wolle dieſen Sommer nach Italien reiſen(ſeiner Geſundheit wegen ſicherlich⸗ um ſeine Langeweile zu zerſtreuen, aber ich fürchte, ſie folgt ihm nach). eter und Ebba werden auf den Herbſt hier er⸗ wartet. Ich freue mich, ſie wieder zu ſehen, und nament⸗ lich bin ich begierig, wie ſich die Schwägerinnen jetzt vertragen werden. Jean Marie erwartet Beſuch von einigen Bekannten aus Stockholm und verſpricht ſich einen vergnügten Sommer. Aber während Alles um mich her auflebt, liebt, tanzt, Gaſtmahle gibt u. ſ. w. gehe ich vielleicht ſchnellen Schrittes meiner letzten Stunde entgegen. Ich denkt Bremer, die Nachbarn. 32 2 1 498 jedoch nicht mehr mit Unruhe daran. Ich habe meine ſieben Sachen geordnet und mich auf Alles vorbereitet. An Bär habe ich einen Brief geſchrieben, der ihm, wenn ich ſterbe, ſagen ſoll, wie ſehr ich ihn liebte und wie glücklich er mich während unſerer kurzen Verbin⸗ dung gemacht hat. Mein armer, guter Bär! Er iſt jetzt ſo unruhig, ſo beſorgt um mich, daß es mir herz⸗ lich leid um ihn thut. Ich ſehe, daß er ganz und gar nicht zu meinem Doctor taugt. Ich muß jetzt Muth für uns Beide haben. Ich will dem Beiſpiele folgen, das mir einmal eine junge Freundin gab. Sie war in derſelben Lage, wie ich, dazu allein auf dem Lande und von Schneefeldern umgeben; allein ſie erhielt ſich dadurch bei gutem Muthe, daß ſie einige der ſchönſten Scenen aus Sheakſpeare überſetzte. Ich habe keinen Sheakſpeare bei der Hand, um ſo näher aber liegt mir der Gedanke an meine zehn Töchter. Ich will mich niederſetzen und eine Epiſtel ſchreiben An meine Cöchter. Vor Allem, meine Töchter, bedenket wohl, daß ihr Menſchen ſeid. Werdet gut, werdet wahr! Das Uebrige wird ſich ſchon finden. Seid ſo viel als möglich gut gegen jeden Men⸗ ſchen, freundlich gegen jedes Thier. Seid es ohne Empfindelei, ohne Affectation. Affectation iſt eine elende Kunſt, meine Töchter; verachtet ſie, wenn ihr Menſchen⸗ werth gewinnen wollt. Bildet euch Nichts ein, wenn ihr auch noch noch ſo viele Talente und Gaben beſitzet. Betrachtet das Leben und die Natur und ſeid demüthig.. Seid nicht verzagt, wenn ihr von der Natur ſtief⸗ mütterlich behandelt, wenn ihr verkrüppelt, bäblich ſeid u. ſ. w. Ihr könnt dennoch dem Allerhöchſten nahe mmen. Fordert nicht Viel von andern Menſchen, meine — — —— 499 Töchter, beſonders nicht viel von einander, ihr Schwe⸗ ſtern. Die Kunſt, mit ſich ſelbſt und Andern in Unfrie⸗ den zu kommen, heißt, Viel fordern, Wenig geben. Wird es euch eng auf der Erde, ſo blickt zum Him⸗ mel hinauf, aber nicht wie die Truthühner, ſondern wie gläubige Kinder. Fällt eine von euch, ſo denke ſie ſogleich daran, wieder aufzuſtehen. Es findet ſich für den Fehlenden, wie für den Unglücklichen, ſtets eine ausgeſtreckte Hand. Erfaſſet ſie. Ach, meine Töchter.. Was iſt aus meinen Töchtern geworden? Sie haben ſich in einen Sohn verwandelt, und der junge Herr war unhöflich genug, die Epiſtel an ſeine Schwe⸗ ſtern zu unterbrechen. Da liegt er jetzt in der neuen Korbwiege unter grünem Tafftgewölbe, majeſtätiſch, roth und fett. Und der große Bär liegt vor dem kleinen Bär auf den Knieen. Ich habe große Luſt, ihm in ſeiner Abgötterei Geſellſchaft zu leiſten. Aber Bär Vater findet es paſſender, daß der Sohn ſeiner Mutter auf⸗ warte. Ich bin ſtolz auf meinen kleinen Jungen, aber — der Menſch iſt nun einmal ſo— ich hatte ſo ge⸗ wiß ein Mädchen erwartet, daß es mir beinabe leid thut.„Aber aufgeſchoben iſt nicht aufgehoben,“ trö⸗ ſtete mich ma chéère mére. „Was ſoll ich mit meiner Epiſtel anfangen, Bär? Sie paßt nicht für den gnädigen Junker da.“ „Ich will ſie für unſere Mädchen aufbewahren. Schreib du eine andere für den Burſchen.“ „Glücklich die Frau, liebe Marie, die gleich mir Sohne von ganzem Herzem die Ermahnung geben ann: „Werde wie dein Vater!“ „Nein, Bär! du darfſt nicht ſehen, was ich ſchreibe, du darfſt mir das Papier nicht wegnehmen, du Tyrann, ich verſpreche, es kurz zu machen; nur noch einige Worte muß ich binzufügen.“ Dieſe guten Menſchen, meine Wa Von allen 500 Seiten haben ſie mir Blumen, Gelées und gute Sachen ugeſchickt. Serena hat mich die ganze Zeit über ſchwe⸗ erlich gepflegt. Sie iſt ruhig, gut, theilnehmend, mit einem Worte, ſich ſelbſt gleich, und ſcheint für Bruno eine Liebe zu hegen, die zu innig, zu tief iſt, um ſich in Worten äußern zu können. Meine Marie, ich bitte dich zu Gevatter bei dem kleinen Bär. Lars Peter ſoll er heißen. Ma chére mére will den Jungen ſelbſt über die Taufe halten. Sie war gleich am Tage nach ſeiner Geburt hier und legte ein ſchönes Geſchenk auf ſeine Wiege. Sie ſprach mit mir über das, was ich ausgeſtanden, und ſagte heiter:„Nun, es iſt damit wie mit dem Leben! Ende gut, Alles gut!“ „Rein, Bär! Mein Papier und meine Feder!.. ach, du garſtiger Bär... ——————— ——— —— ——— ——— —————— —..— 1 S — N