Niederländiſche Bibliothek. Ja Sechster Band. Vlän Hendrik Conſcience. Jakob von Artevelde. Sechster Band. — α Leipzig Verlag non Carl B. 4orck.. v 1849. Hendrik Conſcience. k. Jakob von Artevelde. Hiſtoriſcher Roman aus dem Vlämiſchen unter Mitwirkung des Verfaſſers von O. f. B. Wolff. de. Sechster Band. — 00n—— Leipzig o r Kk. herlag von Carz B. or K⸗ 1849. Auf newye einem ſtehen ein R ganzen über d hauen großen verſan b V gering gen ihr wie es den O Reihe „0 erzürnt 7 5 ihnen! fen, we Jakob XVII. Auf dem Kornmarkte angelangt, ſahen Ser van Vaer⸗ newyck und Artevelde von ferne Ghelnoot van Lens von einem verwirrten Haufen bewaffneter Bürger umringt ſtehen, mit den Füßen ſtampfend und ſich überhaupt wie ein Raſender geberdend. Seine Stimme ſchallte über den ganzen Markt, und er ſchwang wüthend ſein Schwert über dem Kopfe, als wolle er ſeine eigenen Leute nieder⸗ hauen. Näher kommend, bemerkte Artevelde zu ſeinem großen Schmerze, daß nicht mehr als funfzig Bürger dort verſammelt waren, und daß ſelbſt dieſe, ungeachtet ihrer geringen Anzahl, ſich obendrein im vollen Aufſtande ge⸗ gen ihren Hauptmann befanden, ihn bedrohten und ihm, wie es ſchien, den Dienſt verweigerten. Sobald ſie jedoch den Oberhauptmann ſahen, ſtellten ſie ſich ſchweigend in Reihe und Glied. „Ruhig, Freund Ghelnoot!“ ſagte Artevelde.„Was erzürnt Euch denn ſo ſehr?“ „Bei Sanct Lieven!“ rief Mher van Lens;„ich will ihnen lehren, meine Befehle zu verachten und wegzulau⸗ fen, wenn ich ihnen gebiete, ſtehen zu bleiben! Habe ich Jakob von Artevelde. VI. 1 Jakob von Artevelde. ſie gebeten, mich zu ihrem Hauptmann zu ernennen? Sie haben mich gewählt;— jetzt ſollen ſie mir gehor⸗ chen, oder ich haue dem Erſten Beſten den Kopf von den Schultern. Glauben ſie mit Ghelnoot van Lens Spott zu treiben?“ „Ihr habt alſo nur funfzig Männer finden können?“ fragte der Oberhauptmann. „Funfzig?“ rief Ghelnoot.„Ich hatte hier beinahe vierhundert beiſammen, hundert und funfzig aus dem Sanct Janskirchſpiele und faſt zweihundert aus Sanct Nicolaes. Da kommen plötzlich die Zunftleute mit gro⸗ ßem Geſchrei von dem Freitagsmarkte gelaufen und heu⸗ len und plärren, es gäbe Kampf. Meine Leute, als ob der Teufel in ſie gefahren wäre, fangen an, auf das Heftigſte zu rufen: Zu den Waffen! zu den Waffen! ich bin Weber! ich bin Walkmüller! ich bin Schmied! und damit laſſen ſie mich ſtehen und laufen weg. Hier dieſe Geſellen muß ich mit Gewalt zuſammenhalten; ſie ſchwö⸗ ren, daß ſie ihrer Zunft helfen wollen; aber es ſoll mir noch ein Einziger den Fuß rühren!“ „Und wo iſt Mher van Caudenhove?“ „Ja, ihm iſt nicht ein Einziger geblieben, und er ſucht Euch auf, um ſich von Euch Raths zu erholen.“ „Laßt ſehen,“ ſagte Artevelde zu den Bürgern,„wer will mir helfen unſere Mitbrüder vor Blutvergießen zu bewahren, wenn es möglich iſt? Die andern koͤnnen frei gehen, ich gebe ihnen die Erlaubniß.“ Zehn Männer verließen den Haufen und liefen vom Markte fort. „folg Beiſt und Mitt Zuiv geno geger den? aufh focht Ein Rach Rufe Vern nicht faſt ſich d in w went einer theil der? ſich ſpür uner und C nennen? r gehor⸗ von den 1s Spott oͤnnen?“ beinahe aus dem 1s Sanct mit gro⸗ und heu⸗ , als ob auf das affen! ich nied! und Bier dieſe ſte ſchwö⸗ ſoll mir , und er polen.“ ern,„wer gießen zu önnen frei iefen vom Jakob von Artevelde. „Wohl,“ ſagte der Oberhauptmann zu den andern, „folgt mir zu dem Sanct Janskirchſpiel, wir wollen uns Beiſtand ſuchen.“ Hierauf wandte er ſich nach der Ecke der Corte Munte und verſchwand mit ſeinen Mannen in der Donkerſtege.— Mittlerweile bot der Freitagsmarkt längſt der Seite der Zuivelſtege ein gräßliches Schauſpiel dar. Viele Zunft⸗ genoſſen hatten ſich hier aufeinander geſtürzt und hieben gegenſeitig ſo raſend ein, daß das Blut ſtromweiſe auf den Boden floß. Die angrenzenden Straßen ſpieen un⸗ aufhörlich Hunderte von neuen Kämpfern aus und bald focht man ebenſo wüthend in allen Theilen des Marktes. Ein ſchreckliches Geheul erfüllte die Luft und donnerndes Rachegeſchrei übertönte das Klirren der Waffen und das Rufen der Zünfte. Die Leichen wurden zertreten, die Verwundeten von den Füßen ihrer eigenen Freunde ver⸗ nichtet, endlich, nachdem einige Augenblicke verfloſſen und faſt alle Zunftgenoſſen herbeigeſtrömt waren, geſtaltete ſich der Kampf zu einem entſetzlichen verwirrten Haufen, in welchem man weder Freund noch Feind erkennen konnte, wenn nicht die wehenden Fahnen der Gilden die Stellung einer jeden angedeutet hätten. Unmöglich war es zu ur⸗ theilen, für wen ſich der Sieg entſcheiden würde, denn der Menſchenſchwarm, der hier in ungeheurer Unordnung ſich gegenſeitig mordete, ließ keine andere Bewegung ſpüren, als ein unaufhörliches Wogen wie von einem unermeßlichen Meerbuſen, welcher geht und kommt, ſteigt und ſinkt, ſich wälzt und rollt..... Die Weber ſchienen jedoch, wenn auch nicht in größe⸗ Jakob von Artevelde. rer Zahl, wenigſtens in feſteren und minder verwirrten Schaaren zu kämpfen; ſie gehorchten nur einem einzigen Oberhaupt und fanden in dieſer Uebereinſtimmung eine Macht, welche den anderen Zünften zu fehlen ſchien. Geeraert Denys, ihr Führer, feuerte ſie durch ſein un⸗ aufhörliches Rachegeſchrei an und focht ſelbſt mit einem großen Schlachtſchwerte, ihnen ein Vorbild des Muthes und der Unverzagtheit gebend. Ohne Zweifel würden die Weber ihre vertheilten Feinde unmittelbar vernichtet haben, aber vor ihnen ſtan⸗ den die rieſigen Schmiede, Jan Bake und ſeine drei Söhne, welche ſich in ihrem Blute badeten und jeden, der ihnen zu nahe kam, zu Boden ſchlugen. Nachdem er einige Zeit wie ein unbeweglicher Felſen dem Andrange Widerſtand geleiſtet hatte, ſprang Jan Bake vorwärts durch eine Oeffnung, welche ſein Schwert in den Reihen der Feinde gemacht hatte, und trieb die Weber mit Gewalt nach der Seite des Hochhauſes. In ſeinem blinden Eifer vielleicht durch die glückliche Wendung des Streites verführt, drang er ſo weit in die Mitte der Weber ein, daß er plötzlich eingeſchloſſen und von ſeinen Söhnen getrennt wurde. In dieſer gefährlichen Lage ſchwang er ſein Schwert furchtbar in die Runde und ſtand ſehr bald in einem Kreiſe von Leichen und Sterbenden. Die Zahl Derjeni⸗ gen, die ihn auf allen Seiten mit Wuth angriffen, war jedoch ſo groß, daß er bereits erſchöpft und überall be⸗ drängt unvermeidlich erliegen mußte, wenn ihm keine Hülfe ward. Er fühlte das ſelbſt und wandte das Haupt nach ſeinen Söhnen, dieſe durch einen lauten Nothruf zum ſetzte hieb unter öffnen 9 aus d ſo un ohne fen u wurd berau wo d vernie ter V gefüh furcht ſterbe Zähn Mark mit z hackte wäre. ruf de der V furchtl herrſc vor A J. Jakob von Artevelde. 9 wirrten zum Beiſtand auffordernd.— In dieſem Augenblick ver⸗ inzigen ſetzte ihm ein Weber einen ſolchen gewaltigen Schwert⸗ ng eine hieb in den Hals, daß ihm der rechte Arm am Leibe her⸗ ſchien. E unterſank; wie ein Strom ſtürzte ſein Blut aus der ge⸗ ein un- öffneten Bruſt und er fiel heulend zu Boden. einem Nach Jan Bake's Fall ſtieg ein langer Siegesruf Muthes aus den Schaaren der Weber empor; ſie ſtürzten ſich mit ſo unwiderſtehlicher Macht vorwärts, daß Bake's Söhne, thheilten ohne verwundet zu ſein, zurückwichen, zu Boden gewor⸗ n ſtan⸗ fen und von den Webern auf gräßliche Weiſe ermordet Söhne, wurden. Die kleinen Zünfte, ihrer muthigen Anführer r ihnen beraubt, zogen ſich nach der Mitte des Marktes zurück, ige Zeit wo die Walkmüller einen andern Theil der Weber faſt derſtand 3 vernichtet hatten. Hier ward der Streit mit verdoppel⸗ cch eine* ter Wuth fortgeſetzt; die Walkmüller, welche ein Vor⸗ Feinde gefühl von ihrer Niederlage hatten, entbrannten in einem rach der furchtbaren Zorn, der ſie ſo weit trieb, verwundet und dielleicht ſterbend aus Mangel an Waffen ihren Feinden mit den ,drang Zähnen das Fleiſch von den Beinen zu reißen. Der plötzlich Markt war bedeckt mit Klumpen geronnenen Blutes, wurde. mit zertretenen Leichen, zerriſſenen Fahnen und abge⸗ Schwert hackten Gliedern, als ob der jüngſte Tag eingebrochen neinem wäre. Das Todesgeſchrei der Verwundeten, der Jubel⸗ derjeni⸗ ruf der Sieger, das Klirren der Schwerter, das Heulen n, war der Weiber, dies Alles bildete über dem Markt einen ſo b rall be⸗ furchtbaren Lärm, daß er alle Viertel der Stadt be⸗ m keine herrſchte und die friedlichen Einwohner in ihren Häuſern 3 Haupt vor Angſt und Schrecken zitterten..... 3 Nothruf In dieſem Augenblicke kam Artevelde mit ungefähr — —————— 10 Jakob von Artevelde. hundert bewaffneten Bürgern aus der Wandelſtege und erſchien auf dem Freitagsmarkte. Er erblaßte bei dem Anblick des Kampfes und ließ ſeine Leute ſtill ſtehen, während er ſprachlos und in äußerſter Verzweiflung dem gräßlichen Morden eine Zeit lang zuſah. „Umſonſt, umſonſt,“ rief Maes van Vaernewyck, die Hände gen Himmel hebend;„es iſt igeſchehen!“ Ghelnoot van Lens ſtemmte die Spitze ſeines Schwertes auf die Erde, ſetzte den Fuß auf die Klinge und brach vaſſelbe entzwei, die Stücke verzweifelnd auf den Markt werfend.„Ein Anderer gebiete den Mördern und wilden Raubthieren,“ rief er. „Aber, Oberhauptmann!“ rief ein Bürger,„ſeid Ihr Willens, uns in dieſes Gefecht zu führen? Was können wir unter dieſen Tauſenden von wüthenden Men⸗ ſchen ausrichten, als höchſtens vergeblich noch mehr Blut vergießen?“ Artevelde antwortete ihm nur mit einer abwehren⸗ den Bewegung des Kopfes und richtete ſeine Blicke ſu⸗ chend auf den Markt, als ob er ſich nach einer Hülfe um⸗ ſehe. Plötzlich erheiterte ſich ſein Antlitz, wie von einem Strahl von Hoffnung erleuchtet; er wandte ſich zu ſeinen Mannen und ſagte: „Kommt mit mir, Freunde, der Himmel hat mich erleuchtet, möge es glücken.“ Er ſchritt mit Ser Maes van Vaernewyck und mit der Wache den St. Jakobskirchhof hinauf und klopfte an die Thüre der Pfarrei, wo er augenblicklich eingelaſſen wurde. D auch läuten feierli eilend derſte Antli Hand ſchrill heul war genen Aller und nung Arter Man Unge abgel 8 zu be müll verzr treib lagen ſtüm Kam er de ge und ei dem ſtehen, ig dem tewyck, ehen!“ wertes brach Markt wilden „ſeid Was Men⸗ ſr Blut vehren⸗ icke ſu⸗ lfe um- neinem n ſeinen at mich ind mit ppfte an gelaſſen Jakob von Artevelde. 11 Wenige Augenblicke waren verfloſſen, da begann auch ſchon die Thurmglocke wie zu einer Hofmeſſe zu läuten; die Kirchenthür öffnete ſich und zwei Prieſter im feierlichen Gewande traten aus derſelben und wandten eilend ihre Schritte der kämpfenden Menge zu. Der vor⸗ derſte Prieſter war jung, auf ſeinem ſchönen und edlen Antlitz zeigten ſich Muth und Kraft; er trug eine ſchwere Handglocke und klingelte ſo eifrig mit derſelben, daß der ſchrille Ton wie ein ſchneidendes Pfeifen das Kampfge⸗ heul vorherrſchend durchbohrte.— Der zweite Prieſter war ein uralter Greis mit ſchneeweißem Haar und gebo⸗ genem Rücken; dieſer trug mit ſeinen beiden Händen das Allerheiligſte, das er von dem Altar genommen hatte und wie ein Zeichen des Friedens und der Verſöh⸗ nung ſeinen wüthenden Mitbürgern entgegen brachte. Artevelde hatte ihm angeboten, ihn mit ſeinen hundert Mannen zu begleiten, um ihn im Nothfall gegen jedes Ungemach zu beſchützen, aber der Greis hatte die Wache abgelehnt. Ach, die Aufforderung der Prieſter, die Gemüther zu beruhigen, kam zu ſpät; die Weber hatten die Walk⸗ müller beſiegt und waren jetzt damit beſchäftigt, ihre verzweifelnden, aber unbeugſamen Feinde in die Leije zu treiben oder gänzlich zu vernichten. Fünfhundert Leichen lagen zwiſchen mehr als tauſend verwundeten und ver⸗ ſtümmelten Zunftgenoſſen in dem vergoſſenen Blute. Als der Prieſter ſich dem Platze näherte, wo der Kampf noch in ſeiner ganzen Heftigkeit fortdauerte, zeigte er den Streitern den Leichnam des Herrn und ging ruhig Jakob von Artevelde. und unerſchrocken unter ſie, indem er ſie bei den bittern Leiden des Heilandes beſchwor, dieſem Morden ein Ende zu machen, und ſie mit Gottes Fluch bedrohte, falls ſie in ihren Miſſethaten fortführen. Erſchreckt und zitternd ließen die Zunftgenoſſen die Prieſter frei durch und wichen ſeufzend und wie beſchämt mit ihren Waffen auf die Seite oder zogen ſich zurück, um ſich von ihren Feinden zu entfernen. Je weiter die Prieſter vordrangen, deſto mehr ſah man den Streit auf⸗ hören und die Handwerker je nach ihrer Partei ſich nach beiden Seiten des Marktes zurückziehen oder ihre ver⸗ wundeten Freunde unter den Leichen aufſuchen. Einige bedrohten ſich zwar noch mit Geberden und Worten, es wagte aber keiner wieder vorzugehen und ſeine Feinde anzugreifen; ſie gehorchten, als ob die Stimme Gottes ihnen zugerufen habe: Haltet inne oder ſeid verflucht! Es währte ziemlich lange, ehe die Prieſter den gan⸗ zen Markt durchſchritten hatten und das Blinken des letz⸗ ten Schwertes verſchwunden war. Sobald der Streit ſichtlich in allen Ecken der Ebene ein Ende genommen hatte, änderte ſich plötzlich das Schauſpiel, um eine vielleicht noch häßlichere Seite zu zeigen. Eine Wolke von armen Frauen, welche aus den angrenzenden Straßen den Kampf mit ihrem Geheul be⸗ gleitet hatten, verbreiteten ſich nun über den Markt mit jammernden Geberden, riſſen ihre Männer oder Söhne, Leichen oder Verwundete aus dem Blute und ſchrieen mit fliegenden Haaren: Wehe, wehe! über der unermeßlichen Schlachtbank....! ‚.... D nem g kannte im Ka er, da verzag mehr ſtand; Arteve und V Unmöt würde, laſſen, Ge genthei änderli verſieh⸗ Haß d kühlt Seite Die m Gefecht man ſei wollte und me als die So bittern n Ende s ſie in ſen die eſchämt zurück, ter die it auf⸗ ch nach re ver⸗ Einige en, es Feinde Gottes icht! n gan⸗ es letz⸗ Ebene h das eite zu us den eul be⸗ rkt mit Söhne, en mit ßlichen Jakob von Artevelde. 13 Der Sieg der Weber hatte Geergert Denys mit ei⸗ nem grenzenloſen Hochmuthe erfüllt. Er war das aner⸗ kannte Oberhaupt der ſiegenden Partei und hatte dieſe im Kampfe mit Wort und That angeführt. Jetzt wähnte er, daß ihn Jeder fürchte und bewundere als einen un⸗ verzagten und erfahrenen Kriegshelden, daß Niemand mehr wagen würde, ſeinem mächtigen Willen Wider⸗ ſtand zu leiſten, ja er ſchmeichelte ſich ſogar, daß er jetzt Artevelde nicht mehr um den Ruhm der Tapferkeit und Weisheit zu beneiden brauche, und daß dieſer, die Unmöglichkeit einſehend, mit ihm zu ringen, ſich beeilen würde, ſeine Aemter niederzulegen und das Land zu ver⸗ laſſen, um einem noch ſchlimmeren Looſe zu entgehen. Geeraert Denys täuſchte ſich jedoch, er mußte im Ge⸗ gentheil ſeinerſeits erfahren, daß der Volksgeiſt ſehr ver⸗ änderlich iſt und ſich umwendet, noch ehe man ſich deſſen verſieht. Kaum waren die Schlachtopfer begraben, ſo ſah man die allgemeine Stimme ſich gegen ihn erheben. Da der Haß der Weber ſich in Strömen von Bruderblut abge⸗ kühlt hatte, ſo entſank dem Oberdechanten auf dieſer Seite die Stütze, auf welcher ſeine Scheinmacht ruhte. Die meiſten Mitglieder der Weberzunft betrauerten das Gefecht und ſchämten ſich der ſchrecklichen Greuelthat, welche man ſeit dieſer Zeit den böͤſen Mondtag nannte. Niemand wollte einen Theil der Verantwortlichkeit auf ſich nehmen und man klagte erſt heimlich und dann öffentlich Denys als die einzige Urſache dieſes unglücklichen Streites an. So ſah der Oberdechant ſehr bald die Mehrzahl der 14 Jakob von Artevelde. Weber ſich mit Abſcheu oder ſchlecht verhehlter Verach⸗ tung von ihm abwenden. In ſeiner eigenen Zunft blieb ihm Niemand mehr treu, als eine Anzahl der ärmſten und beſchränkteſten Leute, deren aufgeregte Leidenſchaften auch nach dem Kampfe fortloderten und die den Ober⸗ dechanten als Führer betrachteten, weil er ein angeſehe⸗ ner Mann war und ihren Wühlereien Nahrung und Belohnung verſprach. Die Walkmüller und kleinen Gilden auf der andern Seite dürſteten nach Rache über ihre Erniedrigung, und obwohl ſie jetzt ohnmächtig waren, ſo prophezeiten ſie doch, daß binnen kurzem noch mehr Blut ſtrömen ſolle und Denys früh oder ſpät ſeiner verdienten Strafe nicht entgehen würde. Einige drohten ſogar, ihn zu überfal⸗ len und zu tödten, wenn das zweite Gefecht zu lange auf ſich warten laſſe. Da man jeden Morgen in abgelegenen Gängen und Straßen trotz der ſtrengſten Wache Leichen von ermorde⸗ ten Webern fand, ſo hatte ſich ein tiefer Schrecken des Oberdechanten bemächtigt und er wagte nicht mehr, des Abends ohne Begleitung auszugehn. Im Schöffenrathe hatte ebenfalls eine merkwürdige Wendung der Gemüther zu ſeinem Nachtheile ſtattgefun⸗ den. Ser Maes van Vaernewyck warf ihm mit den ſtrengſten Worten die Rolle vor, die er in dieſer Ange⸗ legenheit geſpielt, und als der Oberdechant trotzig ant⸗ wortete, ſah er zu ſeinem größten Verdruſſe einen Theil ſeiner Freunde ſich gegen ihn erheben und die Verweiſe gut heißen, die ihm gegeben wurden. 3 Zünf wiede wodu ſich derns ſchäf einig über! Rück wie die l So Angt war abſch ſeine ein C nen ſchah um ſo ſch than aus! ten, ihn: ( dem von Verach⸗ uft blieb ärmſten nſchaften n Ober⸗ ungeſehe⸗ ung und r andern ing, und zeiten ſie men ſolle rafe nicht überfal⸗ lange auf ngen und ermorde⸗ recken des nehr, des rkwürdige tattgefun⸗ mit den ſer Ange⸗ otzig ant⸗ inen Theil Verweiſe 15 Jakob von Artevelde. Artevelde hatte dagegen nach dieſem Blutbade der Zünfte plötzlich ſeinen ganzen Muth und ſeinen Stolz wiedergefunden, ohne daß Jemand vermuthen konnte, wodurch ſolche Veränderung entſtanden war. Indem er ſich mehr mit den allgemeinen Angelegenheiten Flan⸗ derns und mit dem Kampf gegen die äußern Feinde be⸗ ſchäftigte, hatte er die Regierung der Stadt Gent auf einige Zeit der Schöffenbank und ſeinen Amtsgenoſſen überlaſſen. Er erſchien jetzt ſehr ſelten im Rathe, ohne Rückhalt als Grund angebend, daß er mit einem Manne, wie Denys, nur dann in Berührung kommen wolle, wenn die höchſten Intereſſen der Gemeinde ihn dazu zwängen. So lange der Oberhauptmann dem Oberdechanten nur Angriffe, die ihn perſönlich angingen, vorzuwerfen hatte, war er leicht darüber weggegangen, jetzt aber, wo Denys' abſcheuliche Leidenſchaften ein ſo entſetzliches Unglück über ſeine Vaterſtadt gebracht, machte Artevelde Niemandem ein Geheimniß daraus, daß er den Oberdechanten als ei⸗ nen ſchlechten und ſchädlichen Menſchen verabſcheue. Ge⸗ ſchah es, daß der Oberhauptmann ſich im Rathe zeigte, um einen Vorſchlag zu unterſtützen oder zu bekämpfen, ſo ſchonte er ſeinen Gegner nicht mehr, wie er früher ge⸗ than hatte. Im Gegentheil mit ruhiger Beredſamkeit, aus der jedoch Verachtung und Geringſchätzung leuchte⸗ ten, drückte er den Oberdechanten zu Boden und machte ihn nicht ſelten vor Scham oder Wuth erröthen. So ſproß für Geeraert Denys aus dem Gefechte und dem Siege gerade das Gegentheil von dem, das er da⸗ von erwartet hatte; die größere Hälfte der Bürger haßte Jakob von Artevelde. ihn, ſeine vorigen Anhänger begannen ihn zu vermeiden, die Walkmüller warteten drohend auf eine Gelegenheit, um ſich zu rächen, und die Mitglieder der kleinen Gilden zeigten ſich bereit, die Hand zu bieten zu Allem, was ſei⸗ nen Fall herbeiführen konnte. Durch die öffentliche Meinung über ihn plötzlich nie⸗ dergedrückt, in demſelben Augenblicke, wo er ſich der Alleinherrſchaft zu bemächtigen wähnte, verzehrten Rach⸗ ſucht und Neid gegen den Oberhauptmann Geeraert De⸗ nys' Inneres, und er war zu ſeinen urſprünglichen Plä⸗ nen, dieſen zu vernichten, zurückgekehrt. Es blieb ihm ein Anhang von Leuten, welche nichts mehr verlangten, als Unordnung und Gewaltthätigkeit. Er konnte durch ihre Hülfe noch einen Anſchlag gegen Artevelde wagen und ihn bei einem wohlberechneten Aufſtande ermorden. Dieſer Gedanke zog ihm oft durch die Seele und lächelte ihn an, ſeinen Feind durch einen entſcheidenden Schlag auf immer aus dem Wege zu räumen. Er hielt jedoch dies Mittel nicht für ſicher genug und verhehlte ſich eben⸗ falls nicht, daß es für ihn äußerſt gefährlich ſei. Wohl kam es ihm mitunter in den Sinn, daß ein bezahlter Dolch ihn bequemer von ſeinem Gegner befreien würde und er nicht offenbar Theil an der Handlung zu nehmen brauche, aber er konnte dies Niemandem vertrauen, als dem Ribaudenkönige, und dieſer hatte ihm bereits meh⸗ rere Male ſeinen Abſcheu und Zorn hinſichtlich ſeiner An⸗ ſpielungen dieſen Mord betreffend zu erkennen gegeben. In ſeinem finſteren Haſſe entwarf Denys mehrere Pläne der Rache, deren Ausführung er nur aus Mangel an ein legenh C um ſe demge von 1 gern wenn Unter! ner H den C und d ſetzten zu ſchi freut des H ſandte Punkt Feind genoſſ abhän 8 de’s 2 decken lens ſe Hülfe den e andere in der Jakob meiden, genheit, Gilden vas ſei⸗ ich nie⸗ ſich der Rach⸗ ert De⸗ en Plä⸗ ieb ihm angten, te durch wagen morden. lächelte Schlag tt jedoch ch eben⸗ Wohl bezahlter n würde nehmen ten, als its meh⸗ ner An⸗ gegeben. mehrere Mangel Jakob von Artevelde. 17 an einem willfährigen Werkzeuge für eine günſtigere Ge⸗ legenheit aufſchob. Es trafen noch mehrere andere Umſtände zuſammen, um ſeine Furcht vor Artevelde's ſteigendem Einfluß und demgemäß auch ſeinen Haß zu vermehren. Der Herzog von Brabant hatte auf Frankreichs Rath den Vlämin⸗ gern gedroht, das niederdeutſche Bündniß zu brechen, wenn ſie nicht mit ihrem Fürſten Ludwig von Nevers in Unterhandlung träten, um ihn in den vollen Genuß ſei⸗ ner Herrſchaft einzuſetzen; er hatte ferner ſeinen Fürſten, den Grafen von Flandern, an ſeinem Hofe empfangen und die vlämiſchen Städte aufgefordert, zu einer feſtge⸗ ſetzten Tagefahrt bevollmächtigte Geſandte nach Brüſſel zu ſchicken. Artevelde hatte ſich über dieſen Aufruhr er⸗ freut gezeigt und den Städten angerathen, dem Geſuche des Herzogs zu willfahren. Obendrein hatte er den Ge⸗ ſandten den Auftrag gegeben, ſich hinſichtlich geringerer Punkte nachgiebig zu zeigen, ſobald Fürſt Ludwig ſeine Feindſchaft gegen England fahren laſſe, um die Bundes⸗ genoſſenſchaft anzunehmen, auf welcher Flanderns Un⸗ abhängigkeit und Wohlfahrt beruhten. Denys glaubte bei ſeinem Mistrauen über Artevel⸗ de's Abſichten in dieſer Nachgiebigkeit eine Liſt zu ent⸗ decken; er meinte nämlich, daß der Oberhauptmann Wil⸗ lens ſei, den Grafen zurückkehren zu laſſen und ſich der Hülfe des Fürſten zu bedienen, um über ſeine Gegner den entſcheidenden Sieg davon zu tragen. Von einer anderen Seite her hatte er vernommen, daß Artevelde in der größten Eile ein Schiff nach England; geſandt habe, Jakob von Artevelde. VI. 2 Jakob von Artevelde. um dem König Eduard gewiſſe geheime Berichte zu über⸗ bringen. Er ſchloß daraus, daß der Oberhauptmann in derſelben Abſicht an den engliſchen Fürſten ſich wenden würde, falls die Unterhandlungen mit dem Grafen mis⸗ glückten. Welchen Ausgang dieſe Beſtrebungen auch nehmen mochten, Denys ſah in ihnen ſeinen Fall und die Er⸗ hebung ſeines Feindes. Dieſes Vorgefühl quälte ihn ſchrecklich und ließ ihn weder Tag noch Nacht Ruhe fin⸗ den. Obendrein nahm der Haß der Bürger gegen ihn täglich einen entſchiedenern Ausdruck an, und man be⸗ gann ſchon öffentlich in der Stadt davon zu reden, daß man ihm die Regierung von Gent nehmen müſſe. Es hatte ihm ſogar Jemand im Vertrauen geſagt, daß Ser Maes van Vaernewyck nächſter Tage im Schhöffenrathe auf ſeine Abſetzung antragen würde; ob dies auf Wahr⸗ heit beruhte oder nicht, ihm galt es gleich; es trieb ſeine Wuth auf das Aeußerſte, und mit fieberhafter Ungeduld ſah er ſich nach Mitteln um, den drohenden Schlag ab⸗ zuwenden und ſich auf eine entſcheidende Weiſe an ſeinem ſiegreichen Feinde zu rächen. Sein Sohn Lieven dagegen hatte gewiß den Kampf zwiſchen den Zünften beklagt und heimlich Thränen über das Betragen ſeines Vaters vergoſſen. Da jedoch der Jüngling nach ſolchen unſäglichen Leiden einem glückliche⸗ ren Looſe entgegen ſah und ſich binnen kurzem mit ſeiner theuern Veerle vermählen ſollte, ſo trug er einen Schatz von Hoffnungen in ſeiner Bruſt. Die Welt war ihm wieder ſchön und poetiſch geworden, und wenn ſie ihn auch mi ſtoßende jetzt Kr gen vor Ein Arteveld de, weil um kurz ſuchen. jedoch n zauberha öffnete er über der gen die f kel, dichte faſt unfü Vor Janskirch zer Klum Dunkelhe ſeinen Au ruhte. A genomme und die 4 bares Ge⸗ Trotz des Jüng Jakob von Artevelde. 30 üben⸗ auch mitunter zwang, einen Blick auf ihre düſtere, ab⸗ mann ni ſtoßende Seite zu werfen, ſſo hatte doch ſeine Phantaſie zdenten jetzt Kraft genug, um auf der Stelle heitere Grſcheinun⸗ ſen mig⸗ 1 gen vor ſeinen Augen heraufzuzaubern. nehmen—— die Er⸗ Eines Abends war Lieven ſchon ziemlich ſpät aus nilte Vhn Artevelde’'s Wohnung zurückgekehrt, außer ſich vor Freu⸗ duhe fin⸗ de, weil der Arzt geſagt hatte, Veerle ſei nun ſtark genug, egen ihn um kurze Spaziergänge in der warmen Lenzſonne zu ver⸗ nnan be⸗ ſuchen.— Er wollte ſich Anfangs zu Bette legen, fühlte denn, daß jedoch nicht die mindeſte Luſt zu ſchlafen, weil allerlei üſſe. Cs zauberhafte Glücksbilder vor ihm aufſtiegen. Demzufolge daß Ser öffnete er das Fenſter ſeines Gemachs, welches ſich dicht ffenrathe über der Hausthür befand, und athmete mit langen Zü⸗ 3 Wahr⸗ gen die friſche Nachtluft ein. Draußen war es ſehr dun⸗ rieb ſeine kel, dichte Wolken bedeckten ganz den Himmel und feiner, Ungeduld faſt unfühlbarer Regen fiel auf die Erde. chlag ab⸗ 3 Vor dem Auge des Jünglings erhob ſich die Sanct Janskirche mit ihren ſtattlichen Thürmen wie ein ſchwar⸗ zer Klumpen, der ſich allein durch ſeine undurchdringliche an ſeinem n Kampf Dunkelheit von der Luft ablöſte. Vor ihm und unter inen über ſeinen Augen lag der Kirchhof, wo ſeine ſelige Mutter ledoch der ruhte. Alles in der Natur war ſtill und ſchweigend, aus⸗ glückliche⸗ genommen die Eulen, welche in den Thürmen krächzten, mit ſeiner und die Hunde, die in den Straßen mitunter ein furcht⸗ en Schatz bares Gebell erhoben. war ihm Trotz der grauenvollen Dunkelheit klopfte das Herz n ſie ihn des Jünglings von Liebe und Hoffnung. Er überdachte 2* * 20 Jakob von Artevelde. zum hundertſten Male die verlockenden Pläne, die er täg⸗ lich mit ſeiner geliebten Veerle entwarf, wie ſie in tiefem Frieden ſich ihrer Häuslichkeit erfreuen und in grenzen⸗ loſer Neigung zu einander den Schmerzenskelch vergeſſen wollten, den ſie beide ſo viele Jahre hatten leeren müſſen. Dieſe Pläne liefen immer auf das hinaus, was Artevelde in ſeinem Kerker ihnen mit ſo viel Eifer geſchildert hatte: ſie ſollten die Stadt verlaſſen, auf einem abgelegenen Dorfe ein einſames Haus bewohnen, Blumen ziehen, in den Wäldern luſtwandeln und ferne von dem vergiften⸗ den Pfuhl der menſchlichen Leidenſchaften leben, um auf Erden einen ſtillen Himmel in ſüßer Liebe und verborge⸗ ner Tugend zu finden. Noch mehr in der Ferne ſah Lieven eine Frau ihren Säugling an das Herz drücken und mit glänzenden Au⸗ gen ſich in ſeinem zarten Antlitze baden; es ſchien ihm, als wenn das Kind, obwohl noch ſo jung, ihm bereits ähnlich ſähe, und als ob die Frau es deshalb mit ſo gro⸗ ßer Liebe betrachtete. Ein heiteres Lächeln überſtrahlte ſein Antlitz und er zitterte vor Glück, bis ſein Auge in der Dunkelheit die Stelle traf, wo der Grabſtein ſeiner ſeligen Mutter lag. Etwas fehlte ſeinem bezaubernden Traume; er verſiel nun auf eine Weile in trübes Sin⸗ nen und Thränen quollen aus ſeinen Augen. Sein be⸗ weglicher Geiſt wandte ſich indeß auch von dieſem Schmer⸗ zensbilde bald wieder ab, um von Neuem ſich das gelobte Leben als ein lachendes Gemälde vor die Sinne zu zaubern. So von wechſelnden Rührungen ergriffen blieb der Jüngling lange im Fenſter liegen.— Plötzlich ward er aus ſer Geräuf merkte langſan einande nun, n / L Uhr an Al einen ein Sc Glasfer getroffe klirrten ſchwan Ei verſchen lange i ſeit ein man ſo in der mußte wandel und gi ſeines Jakob von Artevelde. die er täg⸗ in tiefem grenzen⸗ aus ſeinen Träumen geweckt durch das faſt unhörbare Geräuſch von Menſchenſchritten in der Straße. Er be⸗ hvergeſſen merkte zwei ſchwache Schatten, welche ſchleichend oder ſehr in müſſen. langſam gehend ſich ſeiner Wohnung näherten und dort Artevelde eeinander etwas in die Ohren raunend ſtehen blieben. Es war Lieven nicht möglich, die Geſtalten dieſer bei⸗ dert hatte: 1 3— bgelegenen den Nachtwandler zu unterſcheiden, aber er hörte gleich ziehen, in darauf, daß die eine dieſer Stimmen etwas lauter wurde. vergiften⸗ Mit geſpannter Aufmerkſamkeit horchend, verſtand Lieven 1, um auf nun, wie der Eine zum Andern ſagte: dn borge⸗„Seid ruhig, mein Dolch ſoll nicht lügen, um ein Uhr an St. Baefs⸗Leije.“ Als er dieſe Worte vernahm, die ihm ſchon wieder einen Mord anzukündigen ſchienen, überlief den Jüngling ein Schauer der Betrübniß und des Unwillens. Das Glasfenſter, durch eine Bewegung ſeines Ellenbogens getroffen, drehte ſich in ſeinen Angeln lund die Scheiben klirrten hörbar im Blei, die beiden Menſchenſchatten ver⸗ ſchwanden eilig hinter dem Giebel der Kirche. Ein Gefühl der Trauer hatte Lieven's goldenen Traum verſcheucht und die Böſes verheißende Erſcheinung übte Frau ihren eenden Au⸗ ſchien ihm, hm bereits mit ſo gro⸗ überſtrahlte in Auge in ſtein ſeiner denbenden lange ihren Eindruck auf ihn; ein Mord war allerdings Sein be⸗ ſeit einiger Zeit in Gent kein ſo ſeltener Vorfall, daß :m Schmer⸗ man ſo ſehr darüber erſchrecken konnte, aber dieſe mitten das gelobte in der Nacht von Unbekannten gemachte Verkündigung zu zaubern. mußte Lieven tief erſchüttern. Er verließ das Fenſter, wandelte noch einige Male in ſeinem Zimmer auf und ab und ging dann hinunter, wo noch Licht brannte, um ſeines Vaters Heimkehr zu erwarten. en blieb der lich ward er Jakob von Arteveldt. Er hatte kaum einige Augenblicke neben dem Kamine Platz genommen, als die Thür ſich öffnete und der Ober⸗ dechant in das Gemach trat, wo Lieven ſich befand. Geeraert Denys lächelte bei ſeinem Eintritt und ſchien ſehr heiter; ſeit langer Zeit hatten ſeine Blicke nicht ſolche Zufriedenheit verrathen, man hätte ſagen können, daß ihm ein großes Glück widerfahren ſein müſſe. „Noch nicht zu Bett, Lieven?“ fragte er.„Das Träumen von Deiner Heirath hindert Dich zu ſchlafen; wann wird die Trauung ſein? Der Jüngling erſtaunte über die Aufgeräumtheit ſei⸗ nes Vaters. Es freute ihn, die Verzweiflung und den Zorn aus deſſen Antlitz verſchwunden zu ſehn; er ant⸗ wortete ganz vergnügt: „O, Vater! Jungfrau Veerle iſt beinahe geneſen; ſie kann ſchon morgen ausgehn, wenn die Sonne ſcheint; ich ſoll ſie ſpazieren führen, die Hochzeitsfeierlichkeit wird ſie gewiß ſehr ergreifen, darum darf man jetzt noch nicht daran denken. Da nun Eure freundliche Einwilligung uns vor jedem neuen Hinderniß ſchützt, ſo ſind wir glück⸗ lich genug in dieſer Sicherheit, um mit Dankbarkeit ge⸗ gen Gott und unſere Eltern den erſehnten Augenblick zu erwarten.“ Geeraert Denys ſetzte ſich und ſagte mit ſonderbarem Lächeln: „Du wirſt doch eilen müſſen, Lieven; denn ich fürchte, daß ſich ſonſt Dinge ereignen könnten, welche die Aus⸗ führung Eurer ſchönen Pläne für lange Zeit unmöglich machen würden.“ — Vat ſeine End ſoll Du und Sch ſcho das zu l verl der beus dern Rü⸗ Vor hau in ſ zu, für m Kamine der Ober⸗ and. und ſchien nicht ſolche mnen, daß r.„Das ſchlafen; ntheit ſei⸗ g und den n; er ant⸗ geneſen; ne ſcheint; hkeit wird noch nicht willigung wir glück⸗ darkeit ge⸗ genblick zu nderbarem ich fürchte, die Aus⸗ unmöglich Jakob von Artevelde. 23 „Du erſchreckſt mich, was willſt Du damit ſagen, Vater?“ „Ich will ſagen, daß mir Artevelde Gefahr läuft, ſeinen Kopf zu verſpielen.“ „Schon wieder,“ rief Lieven.„Hat das noch kein Ende?“ „Ein Ende,“ murmelte Denys ſcherzend,„ein Ende ſoll es bekommen, aber vielleicht nicht das Ende, was Du wünſcheſt oder vorausſiehſt.“ „Das ich wünſche, ach! ich wünſche nichts, als Friede und Freundſchaft.“ „Frieden mit ſolchem Tyrannen, der kaum einen Schein von Einfluß wieder bekommen hat, als er auch ſchon wie Herr und Meiſter über Flandern verfügt und das Land ſeiner Herrſchſucht opfert, um unſern Fürſten zu hindern, wieder in ſeine Grafſchaft zurückzukehren; verlangt er doch von ihm eine ganze Reihe erniedrigen⸗ der Zugeſtändniſſe und verhöhnt ihn durch ſeinen un⸗ beugſamen Trotz. Es giebt doch kein Mittel, um Flan⸗ dern von einer gänzlichen Auflöſung zu retten, als die Rückkehr des Fürſten.“ Auf Lievens Antlitz zeigte ſich eine peinliche Ungeduld. „Aber, Vater!“ ſprach er,„ich begreife Dich nicht. Vor wenigen Tagen warſt Du wüthend auf den Ober⸗ hauptmann, weil er, wie Du ſagteſt, den Fürſten wieder in ſeine Herrſchaft einſetzen wollte, und Du fügteſt hin⸗ zu, daß Du die Rückkehr des Grafen als den Todesſtreich für unſere Freiheiten anſähſt.“ „Seine Rückkehr auf erniedrigende Bedingungen, ja. — 24 Jakob von Artevelde. Die ſehe ich allerdings als die Aufgabe unſerer Freihei⸗ ten und die Annahme einer ſchändlichen Sklaverei an; aber wenn der Fürſt ſich nachgiebig zeigt und uns unſere Freiheiten ſichert, warum ſollten wir denn länger in be⸗ ſtändigem Aufruhr leben?“ „Alſo würdeſt Du annehmen, was der Oberhaupt⸗ mann verwirft?“ „Das ſag' ich nicht.“ „Du würdeſt das Bündniß mit England brechen und zum Vortheile Frankreichs gegen König Eduard ſtreiten? In eine neue Knechtſchaft und in die Vernichtung unſerer Induſtrie einwilligen, die Hungersnoth über Flandern hereinrufen?“ „Durchaus nicht.“ „Das iſt ja eben das, was Artevelde ebenfalls ver⸗ wirft. Du ſtimmſt mit ihm in der Sache ganz überein; ich begreife wirklich nicht, Vater, wie Du ſo zornig gegen ihn ausfallen kannſt, während er Deine eigenen Gedan⸗ ken vertheidigt und ausführt.“ Schaam und Aerger entſtellten Denys bei dieſem unwiderleglichen Einwurf ſeines Sohnes; da er jedoch in dieſem Geſpräche einen Zweck erreichen wollte, ſo be⸗ zwang er ſich und ſagte mit erheuchelter Kälte: „Ich will nicht behaupten, Lieven, daß ich die Be⸗ dingungen, welche der Oberhauptmann verwirft, anneh⸗ men würde. Als ich Dir ſagte, daß ſich Artevelde ein ſchlimmes Ende bereite, wollte ich Dich blos auf die Ge⸗ ſinnung aufmerkſam machen, welche im Volke vorherrſcht. Es möge ſein, wie es wolle, Eins iſt gewiß, die Bürger⸗ Freihei⸗ verei an; 1s unſere er in be⸗ derhaupt⸗ echen und ſtreiten? g unſerer Flandern falls ver⸗ überein; nig gegen Gedan⸗ ei dieſem er jedoch e, ſo be⸗ h die Be⸗ t, anneh⸗ evelde ein if die Ge⸗ orherrſcht. Bürger⸗ Jakob von Arttvelde. 25 ſchaft iſt ſehr aufgebracht über die Unbeugſamkeit des Oberhauptmanns, und ſchreit, daß ſie ihren Fürſten rächen wolle wegen des Hohnes, den ihm dieſer hoch⸗ müthige Tyrann angethan. Glaube mir, Artevelde's Le⸗ ben iſt in Gefahr, und da ſeine Macht nicht zuläßt, daß man ihn öffentlich bekämpfe, ſo würde es mich nicht wundern, wenn ein geheimer Schlag ihn unerwartet zu Boden ſtreckte.“ „Nein, nein Vater!“ rief Lieven betrübt,„ſage mir nicht dergleichen. Der Oberhauptmann iſt ſo lange ge⸗ läſtert und verfolgt worden, zu einer ſo entſetzlichen Miſſe⸗ that werden ſeine Feinde ihre Zuflucht nicht nehmen, jetzt, da ihr Haß ſich zu vermindern ſcheint.“ Geeraert Denys warf einen forſchenden Blick auf ſei⸗ nen Sohn und ſagte: „Du glaubſt es nicht? Man ſagt, daß ſich heute eine Anzahl Leligerds aus Dendermonde heimlich in die Stadt geſchlichen haben und daß ſie gekommen ſeien, um Artevelde zu überfallen und zu todten. Der Graf ſoll Demjenigen eine anſehnliche Belohnung verſprochen ha⸗ ben, der ihn von dem Tyrannen befreit. Was würdeſt Du nun ſagen, wenn Du morgen erführſt, daß Artevelde hier oder dort ermordet gefunden worden ſei?“ Der Jüngling zitterte, als er dieſe ſchreckliche Mit⸗ theilung vernahm, während ſein Vater die Augen unbe⸗ weglich auf ihn gerichtet hielt. „Iſt das wahr, was Du da ſagſt?“ rief Lieven. „Ich weiß es nicht, es iſt eine Neuigkeit, die ich ſo eben von einem Bürger gehört habe, und es kam mir 26 Jakob von Artevelde. unterwegs in der Dunkelheit wirklich vor, als ob ich Männer mit ſchleichendem Gange und heimlichen Abſich⸗ ten bemerkte. Nicht weit von hier, hinter dem Giebel der Kirche, ſtanden zwei in einer Ecke, gewiß es waren Diebe, Mörder oder Frauenräuber.“ „Du haſt ſie auch geſehen?“ fragte Lieven verwundert. „Ich verſtehe Dich nicht,“ antwortete Denys.„Haſt Du ſie denn geſehen?“ „Ach ja!“ ſagte der Jüngling aufſtehend und ſeine Kappe nehmend, als wolle er ſich anſchicken, das Haus zu verlaſſen.„Ich ſah in meinem Schlafzimmer aus dem Fenſter, als dieſe beiden Böſewichter vor der Thüre ſte⸗ hen blieben und davon ſprachen, Jemanden um ein Uhr bei St. Baefs⸗Leije mit einem Dolche niederzuſtoßen; es iſt ſchrecklich, Gent gleicht einer Mörderhöhle, Haß und Neid haben das Blut der Bürger vergiftet.“ „Du hätteſt beſſer horchen ſollen, Lieven; vielleicht hätteſt Du die Stimmen der Mörder erkennen oder min⸗ deſtens vernehmen können, gegen wen ihr Anſchlag ge⸗ richtet war.“ „Sie ſprachen zu leiſe, Vater.“ „Wo willſt Du denn hin?“ fragte Denys, als er ſah, daß Lieven ſeine Kappe aufſetzte. „Das kannſt Du wohl rathen,“ antwortete der Jüng⸗ ling;„ich laufe zu dem Oberhauptmann, um ihm Kunde zu geben von dem, was Du mir geſagt haſt.“ „Und Du glaubſt, daß er es nicht ſo gut wiſſe, wie wir?“ „Das iſt möglich, aber ich könnte nicht ruhen, hätte ich ihn ehe Di D welche worau gleichg 7/ 5 gehn, Straße preisge Der Vater l „J Dingen und dan Hauſe u daß mo auszuric Bette un nug ſein Liev früh aus Der Lieven ein Im erſten Der Vate Jakob von Artevelde. 27 ich ihn nicht gewarnt. Ich laufe raſch und komme wieder, ehe Du zu Bette biſt, Vater!“ Denys ſtand auf und ging nach der Vorderthür, welche er zuſchloß und den Schlüſſel in die Taſche ſteckte, worauf er zu Lieven, der ihm gefolgt war, mit ſcheinbar gleichgültigem Tone ſagte: „Nein, nein Lieven, Du ſollſt jetzt nicht mehr aus⸗ gehn, es wird viel zu ſpät und es iſt gefährlich auf der Straße, darum weiß ich nicht, weshalb Du Dich nutzlos preisgeben willſt; das darf ich nicht dulden.“ Der Jüngling bat ihn, die Thür zu öffnen, aber ſein Vater blieb unerbittlich und ſagte endlich: „Ich glaube, Du biſt wahnſinnig, Lieven; von zwei Dingen eins, entweder der Oberhauptmann iſt zu Hauſe und dann hat er nichts zu fürchten, oder er iſt nicht zu Hauſe und dann kannſt Du ihm Nichts melden. Du ſiehſt, daß morgen früh noch Zeit genug iſt, Deine Botſchaft auszurichten. Wie Du es auch betrachteſt, ich gehe zu Bette und Du ebenfalls. Hoffe nicht, daß ich thöricht ge⸗ nug ſein werde, Dich herauszulaſſen.“ Lieven ſah wohl, daß ſein Vater unbeugſam bleiben würde, um ſo mehr, als ſeine Gründe haltbar ſchienen. Er ſagte daher unterwürfig: „Du haſt ſehr recht, Vater; ich werde morgen ſehr früh ausgehen und den Oberhauptmann warnen.“ Der Oberdechant ſteckte zwei kleine Kerzen an, gab Lieven eine davon und ging vor ihm die Treppe hinauf. Im erſten Stockwerk wünſchten ſie einander gute Nacht. Der Vater begab ſich in einen Gang, welcher nach dem — 28 Jakob von Artevelde. hinterſten Theil des Hauſes führte, während Lieven die Thür ſeines Schlafgemaches öffnete und hineintrat. Lie⸗ ven ſetzte ſein Licht auf den Tiſch und warf ſich, von einer quälenden Ahnung geplagt, auf einen Stuhl. Er wußte nicht, warum ihm in der Einſamkeit ſein Herz ſo heftig klopfte, und bemühte ſich mit Gewalt, die Schreckbilder, die ihn verfolgten, zu verſcheuchen. Er überdachte ſeines Vaters Worte und die Erſcheinung der beiden Mörder, und wie ſehr er ſich auch bemühte, dieſe beiden Dinge von einander zu trennen, ſeine Phantaſie brachte ſie im⸗ mer wieder zuſammen. Es ſchien dem zitternden Jüng⸗ ling, daß er an St. Baefs⸗Leije Artevelde's Leiche liegen ſehe, in ihrem Blute ſchwimmend und noch im letzten Todeskampfe röchelnd...... Als er ſich eine Zeit lang bewußtlos dieſem ſchrecklichen Geſichte hingegeben, ſuchte er ſich zu überzeugen, daß er ſich vergeblich quäle, da der Oberhauptmann keinen Grund haben könne, in der Nacht auf ſolchen abgelegenen und einſamen Wegen zu gehen. Plötzlich aber ging ihm ein ſchreckliches Licht auf und er ſtieß einen Schrei der Verzweiflung aus. Der Abt von Sanct Baefs, des Oberhauptmanns Freund, lag täglich krank; Artevelde hatte ihn ſchon zweimal am Tage beſucht, weil er unaufhörlich nach ihm gerufen und ſeine Anweſenheit verlangt hatte. Wenn der Kranke nun einen neuen Anfall bekommen und Je⸗ mand abgeſandt worden wäre, um den Oberhauptmann zu holen, oder wenn die Möͤrder ihn durch einen falſchen Boten hätten rufen laſſen? Während dieſe Gedanken ihm durch den Kopf fuhren, befe nah Na ſtein das Str bei den aus gan der ihn den Lens wog man treffe Wie Nach ren? even die at. Lie⸗ on einer r wußte ſo heftig eckbilder, te ſeines Mörder, n Dinge ſie im⸗ n Jüng⸗ he liegen m letzten Zeit lang n, ſuchte e, da der der Nacht zu gehen. f und er ptmanns hn ſchon nach ihm 2. Wenn und Je⸗ ,uptmann n falſchen pf fuhren, Jakob von Artevelde. befeſtigte er raſch einen großen Dolch an ſeinem Gürtel, nahm einen Strick, der in ſeiner Kammer an einem Nagel hing, und knüpfte das eine Ende deſſelben an den ſteinernen Fenſterpfoſten. Dann öffnete er mit Vorſicht das Fenſter, ließ ſich an dem Stricke langſam auf die Straße gleiten und lief nun an der St. Janskirche vor⸗ bei nach dem Calanderberge. Er klopfte heftig an Artevelde's Haus an und fragte den ihm öffnenden Diener: „Iſt der Oberhauptmann zu Hauſe?“ „Nein, er iſt eben mit Mher Ghelnoot van Lens ausgegangen.“ „Gott, Gott!“ rief Lieven,„und wohin iſt er ge⸗ gangen?“ „Man hat ihn zu dem Abt von St. Baeſs gerufen, der im Sterben liegt.“ „Und welchen Weg hat er eingeſchlagen?“ „Ich glaube, daß er in die Kruisſtraße einbog.“ Ohne dem Diener noch irgend etwas zu ſagen oder ihn zu befragen, eilte Lieven fort und nahm ebenfalls den Weg durch die Kruisſtraße. Es freute ihn anfangs, zu wiſſen, daß Ghelnoot van Lens den Oberhauptmann begleitete. Ebenſo raſch er⸗ wog er jedoch, daß ein Meuchelmörder den Oberhaupt⸗ mann gleich bequem unter ſeinen Freunden wie allein treffen könne. Vielleicht waren die Böſewichter zahlreich. Wie konnten in ſolchem Falle zwei Männer in dunkler Nacht die Dolchſtöße ihrer unſichtbaren Feinde abweh⸗ ren?— Dieſe Gedanken trieben ihn an, ſeinen Lauf noch 30 Jakob von Artevelde. zu beſchleunigen. Er hoffte, Mher Artevelde einholen und vor der Gefahr, die ihn bedrohte, warnen zu können, oder, wenn er ſich ſchon am unglücklichen Orte befand, ihm beizuſtehen. Das einzige Stadtthor, durch welches Artevelde ohne großen Umweg ſich nach St. Baefsſtede begeben konnte, war der rothe Thurm. Dort draußen lag eine breite Bahn, an deren rechter Seite die Leije nach der Schelde zu ſtrömte, während längs der anderen Seite ſich eine hohe Mauer erhob. Hinter dieſer Mauer dehnten ſich einſame Weiden in die Ferne. Am anderen Ufer des Fluſſes, nach dem Waſſer zu, erhoben ſich einige Woh⸗ nungen. Außer dieſen konnte man auf tauſend Schritte in der Runde kein einziges Haus mehr finden. Lieven wunderte ſich nicht, daß die Mörder ſich dieſen abgelegenen Ort für ihren Plan ausgeſucht hatten. Um eine heimliche Miſſethat auszuführen, konnte man rings um die ganze Stadt keinen günſtigeren Platz finden, wo während der Nacht eine ungeſtörte Stille herrſchte und Alles in den Todesſchlaf der Einſamkeit und Dunkelheit verſenkt ſchien. Sobald der Jüngling ſich außerhalb des rothen Thur⸗ mes befand, blieb er ſtehen und bückte ſich tief, um längs dem Boden hinzuſehen, ob er Niemanden auf der Bahn nach St. Baefsſtede zu höre oder bemerke. Nach dieſer Unterſuchung, während welcher er weder ein Geräuſch noch eine Bewegung merkte, war er überzeugt, daß er Artevelde vorausgeeilt ſei und nichts Beſſeres thun könne, als ihn einige Zeit zu erwarten, da man auf keinen Fall St. 2 zu gel konnte zu erk men ſ NY ter ein deren ſtreckter dem ſie ſchaute. nißvoll „ weilig; zwei.. Er melte de / E Noch ein Mantel behagt. freundlic durch un iſt unmö Es iſt, Augen ſ mache un kommt er Plötz len und können, befand, de ohne konnte, ebreite Schelde ich eine ten ſich ffer des Woh⸗ Schritte h dieſen n. Um m rings den, wo hte und inkelheit n Thur⸗ m längs er Bahn ch dieſer Geräuſch daß er n koͤnne, nen Fall Jakob von Artevelde. St. Baefsſtede erreichen konnte, ohne über dieſen Platz zu gehen. Wenn die beſtimmte Stunde verfloſſen war, konnte er ſich nach Sanct Baefs⸗Abtei begeben, um ſich zu erkundigen, ob der Oberhauptmann wirklich gekom⸗ men ſei. Mittlerweile ſtand einige hundert Schritte weiter hin⸗ ter einem Vorſprung der Mauer eine dunkle Geſtalt, in deren Händen ein Dolch blinkte und welche mit vorge⸗ ſtrecktem Kopfe die Dunkelheit zu durchbohren ſuchte, in⸗m dem ſie den Weg nach dem rothen Thurme ſpähend über⸗ ſchaute. Mit dumpfer Stimme murmelte dieſe geheim⸗ nißvolle Figur: „Nal wird er nun kommen? Es fängt mir an lang⸗ weilig zu werden. Ich gucke mir faſt die Glotzaugen ent⸗ 3wei..... Der Wein giebt Geduld; noch einen Zug!“ 2 Er ſetzte eine Korbflaſche an den Mund und mur⸗ melte dann von Neuem: „Es wird Zeit, daß er erſcheint, oder ich ſchlafe ein. Noch einen Mund voll, und dann iſt's wieder alle! Mein Mantel iſt glücklicher, als ich. Er trinkt mehr, als mir behagt. Der Regen thut, als fiel er Einem recht ſüß und freundlich auf den Leib; aber am Ende dringt er doch durch und macht Einen klappern vor Kälte..... Es iſt unmöglich, etwas in der dichten Dunkelheit zu ſehen. Es iſt, als ob der Teufel mir ſelbſt eine Mauer vor die Augen ſchöbe. Wenn ich nur keinen dummen Streich mache und den Knecht ſtatt des Herrn treffe. Vielleicht kommt er allein; er iſt keck genug dazu 4 Plützlich erſtarb ihm das Wort im Munde; er bog 7 ———— Jakob von Artevelde. ſich vorwärts und ſchlich wie ein kriechender Fuchs längs der Mauer hin, zu ſich ſelbſt ſagend: „Dort iſt er! Allein! Ich täuſche mich nicht!“ Einige Schritte von dort näherte ſich allerdings ein einſamer Wanderer; aber dieſer merkte den Schatten, der längs der Mauer hinglitt, und hielt ſich zur Verthei⸗ digung bereit. Plötzlich warf ſich der Mörder mit gezück⸗ tem Dolche auf den Kommenden; dieſer aber, Solches er⸗ wartend, ſprang zur Seite und ſtieß ſeine Waffe bis an den Griff dem unbekannten Feinde in die Seite. Mit einem entſetzlichen Schrei ſtürzte der Letztere zu Boden, während er mit der Hand kräftig die Wunde drückte, um das hervorſtrömende Blut zurückzuhalten. „Wehe mir! Schändlicher Mörder! Ich ſterbe!... Das Blut entfließt mir, wie der Wein einem geborſtenen Faſſe! Muß das meine Belohnung ſein?“ „Seid Ihr es, Muggelyn?“ ſeufzte Lieven erſchreckt. „Belohnung? Himmel! Was thatet Ihr hier?“ „Ach!“ murrte der Ribaudenkönig, während er vor Schmerz zuckte.„Ich kam, um das Leben des Ober⸗ hauptmanns zu vertheidigen, und glaubte in Euch einen ſeiner Mörder zu ſehen. Ihr habt mich unrechtmäßig getödtet.“ „Gott, Gott!“ rief der Jüngling verzweifelt.„Es iſt vielleicht noch möglich, Euch zu retten. Laßt ſehen! Ich werde Eure Wunde verſtopfen und Euch nach der Abtei tragen.“ Bei dieſen Worten öffnete Lieven raſch die Kleider des Ribaudenkönigs und ſuchte mit einem leinenen Taſchen⸗ tuche bald Rett eine daß Dend wiede Geſic welche könig es wif Seitj Miſſet ſtoß ge dung dort, Vater der au verderl damm: Ende! Jakob Fuchs längs nicht!“ lerdings ein n Schatten, ur Verthei⸗ mit gezück⸗ Solches er⸗ Laffe bis an Seite. Mit 2 zu Boden, drückte, um h ſterbe!... geborſtenen den erſchreckt. hier?“ hrend er vor n des Ober⸗ n Euch einen unrechtmäßig veifelt.„Es Laßt ſehen! uch nach der ie Kleider des enen Taſchen⸗ Jakob von Artevelde. tuche das Blut zu hemmen. Muggelyn fühlte jedoch ſehr bald an der Ohnmacht, die ihn überfiel, daß er keine Rettung mehr zu hoffen habe. Nun brach er plötzlich in eine finſtere Wuth aus und ſchrie mit einer ſolchen Kraft, daß es durch die Dunkelheit hallte: „Verdammniß! Gott hat es gewollt! Ihr, Lieven Denys! Ihr mußtet der ſein, der mich ermorden ſollte!“ Er griff darauf mit der Hand in die Taſche, zog ſie wieder heraus, warf dem Jünglinge einige Goldſtücke in's Geſicht, und fuhr fort: „Möge dieſes Gold Euch die Stirn verſengen! Euer Vater! Euer Vater, Geeraert Denys, gab es mir, um dem Oberhauptmann hier aufzulauern und ihn zu tödten.“ „Schweigt, o Freund! Schwiigt!“ bat Lieven zit⸗ ternd.„Man möchte Euch hören!“ „O, wäre die ganze Welt hier, um zu vernehmen, welcher Böſewicht Euch gezeugt hat!“ rief der Ribauden⸗ könig mit noch größerer Kraft.„Ihr wenigſtens ſollt es wiſſen. Euer Vater iſt kein Menſch, er iſt ein Teufel! Seit ſechs Jahren iſt jeder Gedanke in ſeinem Kopfe eine Miſſethat..... jedes Wort in ſeinem Munde ein Dolch⸗ ſtoß gegen Alles, was edel und groß iſt! Keine Verleum⸗ dung wird in Gent ausgebrütet, kein Haß entflammt dort, kein Blut wird dort vergoſſen, Euer ſchändlicher Vater iſt allein Schuld daran. Er iſt ein böſer Geiſt, der aus dem Abgrunde kam, um Gent und Flandern zu verderben.— O, Geeraert Denys! Durch Dich ver⸗ dammt! Durch Deinen Sohn ermordet! Ein würdiges Ende!“ Jakob von Artevelde. VI. 3 34 Jakob von Artevelde. Lieven legte dem raſenden Muggelyn die Hand auf den Mund und wollte ihn hindern, mit den lauten Be⸗ ſchuldigungen gegen ſeinen Vater fortzufahren. Er bat und flehte ihn an, ſich zu beruhigen, und ſuchte ihm Hoffnung auf Rettung einzuſprechen. Aber der Ri⸗ baudenkönig zog den Kopf weg und rief, mit Lieven ringend: „Er hat Jahre lang Jungfrau Veerle verleumden laſſen und mich bezahlt, um ſie als eine Buhle Mher Ghelnoot's van Lens auszuſchreien;— er hat mich be⸗ zahlt, um ſie zu rauben, zu entehren und zu ermorden! Ich habe ſie mit Ehrfurcht behandelt und nicht getödtet! Ich war ein Engel von Güte neben Eurem ſchnöden Va⸗ ter, der den Lucifer ſelber beſchämen würde! Er hat mich bezahlt, bezahlt, um Artevelde zu erdolchen! Er hat funf⸗ zig Andere bezahlt, um den Oberhauptmann und ſeine Freunde bei der erſten Gelegenheit zu überfallen und zu ermorden...... Das iſt Geeraert Denys!— Cuer Dolch würde beſſer in ſeiner Bruſt ſtecken, als in der meinen. Gott möge ihn verfluchen!..... Bringt ihm von meinem Blute! Spritzt es ihm in's Antlitz, damit es ihm auf ſeiner hölliſchen Seele brenne! Vergiftet ihn, damit er berſte, ehe er..... Ach! ach! Ich fühle, daß ich ſterbe!— Mich packt der letzte Krampf. Ich verzeihe Euch, Lieven! Ihr habt keine Schuld an meinem Tode.— Seht neben mir.... eine Flaſche.... Sie wird mei⸗ nen Schmerz lindern. Ach! raſch!“ Beſtürzt und wie von Sinnen begriff der Jüngling kaum, was der Sterbende zu ihm ſagte. Sein Vater ein ſolcher maßen und il N Li Mugg⸗ Kehle per; ſer Glieder mehr ü Ei Körper, königs deſſelben verzweif ihm alle Entſetzer Lichtfunk von Arte der als L giftigen; Er hatte nes zu er Bosheit, dieſe vern Lieven m welche Mi zitterte un Hand auf auten Be⸗ 1. Er bat uchte ihm der Ri⸗ nit Lieven erleumden ahle Mher mich be⸗ ermorden! getödtet! Löden Va⸗ r hat mich hat funf⸗ und ſeine en und zu — Euer ls in der ringt ihm itz, damit giftet ihn, ühle, daß h verzeihe Tode.— vird mei⸗ Jüngling Vater ein Jakob von Artevelde. 35 ſolcher Böſewicht! Dieſer Gedanke zerſchmetterte ihn der⸗ maßen, daß er wie verſteinert neben Muggelyn kniete und ihn wie bewußtlos anhörte. Mit ſchwacher Stimme ſeufzte der Ribaudenkönig: „Wein! Wein!“ Lieven gab ihm die Flaſche in die Hand; doch ehe Muggelyn ſie an den Mund führen konnte, begann ſeine Kehle heftig zu röcheln; ein Zittern durchlief ſeinen Kör⸗ per; ſein Arm ſank mit der Flaſche machtlos nieder; ſeine Glieder ſtreckten ſich aus:— es blieb nichts von ihm mehr übrig, als eine ſeelenloſe Leiche. Einige Augenblicke noch rüttelte der Jüngling an dem Körper, ehe er ſich gänzlich von dem Tode des Ribauden⸗ königs überzeugt hatte. Die ſchrecklichen Mittheilungen deſſelben hatten ihn ſo erſchüttert, daß eine Fluth von verzweifelten Gedanken ihm durch den Kopf ſtrömte und ihm alles Bewußtſein raubte. Mit dem Ausdrucke des Entſetzens ſtarrte er die Goldſtücke an, welche als kleine Lichtfunken im Graſe glänzten. Dies Geld, der Blutpreis von Artevelde's Leben, war von ſeinem Vater dem Mör⸗ der als Lohn eingehändigt. Sein Vater war es, der die giftigen Verleumdungen gegen Veerle ausgeſtreut hatte. Er hatte Muggelyn bezahlt, um die Braut ſeines Soh⸗ nes zu ermorden! zu entehren! Alles in ihm war alſo Bosheit, Falſchheit, Blutgier und Luſt am Böſen. O, dieſe vernichtende Ueberzeugung erfüllte den unglücklichen Lieven mit noch größeren Schmerzen, als die waren, welche Muggelyn's Todeskampf begleitet hatten. Auch er zitterte und rang die Arme in äußerſter Verzweiflung; 3* 36 Jakob von Artevelde. auch er fühlte ſein Herz von Ermattung ergriffen, bis. plötzlich ein fernes Geräuſch ſein Ohr berührte. Es ſchien ihm, als ob er in der Ferne, längs der Seite der Abtei, mehrere Perſonen kommen hörte. Gleich darauf erkannte er die Stimme Ghelnoot's van Lens, welcher rief: „Hieher, hieher, Oberhauptmann! Ihr lauft in die Leije!“ Die Annäherung von Menſchen an dem Orte, wo er ſich befand, erſchreckte den Jüngling und weckte ihn ge⸗ waltſam aus ſeiner Beſtürzung.— Wenn man ihn bei der Leiche überraſchte, ſo mußte er ohne Zweifel vor den Schöffen des Gedeele erſcheinen, auf ſtrenge Fragen zu antworten haben und Erklärungen ſeiner Handlungsweiſe geben. Dann lief aber das Geheimniß von ſeines Vaters Miſſethaten Gefahr, entdeckt zu werden. Sollte er, Lie⸗ ven, der Ankläger deſſen werden, deſſen Blut durch ſeine Adern floß? Mochte ſie nun gegründet ſein oder nicht, ſo wirkte doch dieſe Furcht mächtig genug auf das Gemüth des Jünglings, um ihn mit Angſt zu erfüllen. Er ſprang auf und floh an dem rothen Thurme vorüber, von wo er rechts in der tiefſten Dunkelheit nach den Weiden zu⸗ lief. Es ſchien ihm, als höre er hinter ſich ein Geräuſch von Schritten, und ſich verfolgt wähnend, beeilte er ſei⸗ nen Lauf, ſo weit der Moorgrund es ihm geſtattete. Mitunter ſtürzte er in Pfützen oder Gräben und arbeitete ſich dann mit keuchender Bruſt und auf ungebahnten We⸗ gen durch Schlamm und Waſſer fort, bis er plötzlich mit dem K den ſa N ſeines Geräuf ein Gr kleben ſei. Di der vor auf die felnd ge ſie mit ein raſt Wuth 1 2 ich werd was Di Du mei unſer Lo der Haf Ich wer! zurufen, Vor De ich je der Ach! ach Trunken. möglich! unerhört glaublich riffen, bis. e. längs der örte. Gleich van Lens, lauft in die Orte, wo ckte ihn ge⸗ ian ihn bei ffel vor den Fragen zu dlungsweiſe nes Vaters lte er, Lie⸗ durch ſeine , ſo wirkte zemüth des Er ſprang r, von wo Weiden zu⸗ in Geräuſch eeilte er ſei⸗ t geſtattete. nd arbeitete ahnten We⸗ plötzlich mit Jakob von Artevelde. 37 dem Kopfe an einen Baum prallte und betäubt zu Bo⸗ den ſank. Nach einiger Zeit legte ſich das ſchreckliche Pochen ſeines Herzens. Ringsum vernahm er nicht das mindeſte Geräuſch; Alles war ſtill; die Dunkelheit umgab ihn wie ein Grab. Er fühlte, daß ſeine Hand an ſeinen Kleidern kleben blieb und er mit dem Blute des Ribauden bedeckt ſei. Dies rief das volle Bewußtſein des Geſchehenen wie⸗ der vor ſeine Sinne und ſpannte ſeinen Geiſt von Neuem auf die Folter der furchtbarſten Ueberzeugung. Verzwei⸗ felnd griff er in ſeine Bruſt und ſeufzte keuchend, als wäre ſie mit ſchweren Steinen beladen worden. Endlich ſchien ein raſendes Fieber ihn zu packen. Er brach in ſinnloſe Wuth aus und murmelte dumpf: „Welche giftige Schlage zernagt mir das Herz? Ja, ich werde den böſen Muth haben und Dir vorwerfen, was Du gethan haſt! Dir ſagen, was ich gelitten, wie Du meine unſchuldige Veerle zu Tode gemartert, wie Du unſer Leben vergiftet haſt! wie der ſchändlichſte Neid und der Haß Dich zum Henker und zum Mörder machten! Ich werde Dir das Blut zeigen, das mich beſchmutzt, Dir zurufen, daß ich den Augenblick meiner Geburt verfluche! Vor Deinen Augen werde ich ſterben aus Schaam, daß ich ie den Vaterkuß von Deinen giftigen Lippen empfing! Ach! ach! Du haſt Geld gegeben, damit ein unedler Trunkenbold meine Braut entehren ſollte! O! es iſt nicht möglich! Die Teufel ſelbſt würden erſchrecken vor ſolcher unerhörten Schändlichkeit! Und dennoch iſt es wahr! un⸗ glaublich! und doch wahr! Du haſt noch funfzig Moͤrder ————=— 1 38 Jakob von Artevelde. im Sold! funfzig Dolche, welche die Bruſt des großen Bürgers, des Befreiers von Flandern ſuchen! Um Dir den Genuß einer Miſſethat zu geben, damit zwiſchen Dei⸗ nem Sohne und ſeiner Braut eine Pfütze unſchuldigen Heldenblutes vergoſſen werde! damit er, ſinnlos vernich⸗ tet und die Welt haſſend, ſich der Hölle weihe durch einen ſchuldvollen Selbſtmord! Aber nein! nein! Ich werde Dich zur Rechenſchaft ziehen über mein unglückliches Le⸗ ben, über den Märtyrertod meiner Geliebten, über Deine abſcheulichen Anſchläge gegen den Oberhauptmann, über alles Blut, das Du ſchon vergoſſen haſt oder noch zu vergießen beabſichtigſt! Du ſollſt vor meiner Stimme er⸗ zittern, Böſewicht..... 4 Bei dieſen Worten ſprang Lieven auf und eilte über die Weiden, ohne zu wiſſen, wohin ſein Weg ging. Die Verzweiflung hatte ihn faſt ſinnlos gemacht. Schreckliche Gedanken und Bilder wälzten ſich in ſeinem Kopfe; ſeine Adern waren geſpannt; ſein Herz pochte hörbar; ſeine Stirne brannte, als ob Feuer unter ſeinem Schädel glühe. Lange lief er ſo fort, durch Moraſt und Gebüſch, ohne auf etwas zu achten, und ſich an den Dornen oder an einſam ſtehenden Bäumen verwundend, bis ſeine Kräfte allmählig ermatteten und das Fieber ihn verließ. Gleich darauf erinnerte er ſich voll Schrecken, welche ent⸗ ſetzliche Worte er in ſeiner Verirrung ausgeſtoßen habe. Zitternd blieb er ſtehen, bedeckte ſein Antlitz mit den Händen und rief mit ſchneidendem Wehelaut: „Ach, nein! nein! Er iſt doch mein Vater! Er ſoll mich nie wiederſehen! Sein unglückliches Kind ſoll ſter⸗ ben r Veerle Du w ſüße S ſein! über 1 Vr Jüngli ſank kr über ſe En beraubt kämpfte wußtlos es großen Um Dir ſchen Dei⸗ ſchuldigen s vernich⸗ urch einen Ich werde kliches Le⸗ ber Deine ann, über r noch zu timme er⸗ eilte über ling. Die Schreckliche pfe; ſeine ar; ſeine del glühe. Gebüſch, rnen oder bis ſeine n verließ. belche ent⸗ ßen habe. mit den ! Er ſoll ſoll ſter⸗ Jakob von Artevelde. 39 ben mit dem ſchrecklichen Geheimniß im Herzen. O, Veerle! Veerle! Du wirſt auch in das Grab ſinken.... Du wirſt mich rufen..... und ſterben! O, lebe wohl, ſüße Schweſter! Auf Wiederſehen in einem anderen Da⸗ ſein! Der Tod, der Engel Gottes, breite ſein Leichentuch über uns 45 Von einer unbezwinglichen Trauer beſtegt, fühlte der Jüngling, wie das Pochen ſeines Herzens aufhörte, und ſank kraftlos auf die Kniee, während eine Thränenfluth über ſeine Wangen ſtrömte. Endlich, durch das bittere Leiden ſeiner letzten Kräfte beraubt, ſchien er ſich mit Mühe aufrecht zu erhalten und kämpfte gegen eine wirkliche Ohnmacht, bis er zuletzt be⸗ wußtlos auf den naſſen Boden hinſank. Jakob von Artevelde. XVIII. Die Mehrzahl der Bewohner von Gent hatte den ge⸗ waltfamen Tod des Ribaudenkönigs ohne Erſtaunen ver⸗ nommen und als das natürliche Ende ſeines wüſten und zügelloſen Lebens betrachtet. Da er auf St. Baefsſtede nichts zu thun hatte und ſein Dienſt ihn im Gegentheil verpflichtete, innerhalb des Weichbildes der Stadt zu blei⸗ ben, ſo war er augenſcheinlich in jener Nacht mit freiem Willen aus dem rothen Thurme hinaus gegangen, und dies konnte nach der allgemeinen Anſicht nur geſchehen ſein, um in Folge einer Herausforderung einen Zwei⸗ kampf mit dem Dolche zu entſcheiden. In den Schenken trauerte man noch am Längſten über den Verluſt des fröhlichen Muggelyn; die wichtigen Ereigniſſe indeſſen, welche alle Geiſter beſchäftigten, vertilgten ziemlich raſch das Andenken des Ribauden, und binnen Kurzem ſprach Niemand mehr von ihm, als der Wirth im Hirſch unter dem Glockenthurme, wo Muggelyn ein entſetzlich belaſte⸗ tes Kerbhölzchen zurückgelaſſen hatte. Geergert Denys vermuthete allein mit einiger Ge⸗ wißheit, wer ſeinen Vertrauten getödtet haben müſſe. Der Strick, den er am andern Tage an dem Fenſter des Zimmers gefunden, und vor Allem die fortwährende Ab⸗ weſenheit Lieven's, der ſeit dem Morde nicht wieder im Hauſe erſchienen war, ließen ihm keinen Zweifel darüber. Für die Flucht ſeines Sohnes konnte er keinen andern Grun Anſch müſſe Dieſer Angft zu erf lens, Zwan wiſſen fall d verſich frucht Liever zur N ſern l dechan um ſe richt i 5 das g edlen beruh und li M ſucht Schich Feind Wenn mußte den ge⸗ inen ver⸗ üſten und Zaefsſtede zegentheil t zu blei⸗ nit freiem gen, und geſchehen en Zwei⸗ Schenken rluſt des indeſſen, alich raſch em ſprach rſch unter h belaſte⸗ niger Ge⸗ en müſſe. enſter des rende Ab⸗ vieder im darüber. n andern Jakob von Artevelde. 41 Grund finden, als daß dieſer ſeine Theilnahme an dem Anſchlage gegen Artevelde errathen oder entdeckt haben müſſe;— vielleicht hatte Muggelyn ihm Alles offenbart. Dieſer letztere Gedanke erfüllte den Oberdechanten mit Angſt und Schrecken. Er gab ſich die größte Mühe, um zu erfahren, wo ſein Sohn ſich aufhielt, und war Wil⸗ lens, ihn entweder auf freundliche Weiſe oder durch Zwang zur Rückkehr zu nöthigen, um mindeſtens zu wiſſen, was er von ihm zu fürchten habe, und im Noth⸗ fall durch unfehlbare Mittel ſich ſeines Schweigens zu verſichern. Alle ſeine Nachforſchungen blieben jedoch fruchtlos. Mitunter meldete man ihm wohl, daß man Lieven in dem einen oder anderen abgelegenen Viertel zur Nachtzeit wie einen irrenden Schatten neben den Häu⸗ ſern habe hinſchleichen ſehen; ſobald indeſſen der Ober⸗ dechant nach dieſer Seite der Stadt Männer ausſandte, um ſeinen Sohn aufzuſuchen, konnte ihm Niemand Be⸗ richt über denſelben geben. Da er nun nach einiger Zeit bemerkte, daß auch nicht das geringſte Gerücht ihn anklagte, erinnerte er ſich des edlen Charakters und der tiefen Ehrfurcht ſeines Sohnes, beruhigte ſich über die Folgen der gefürchteten Eröffnung und ließ nicht mehr nach Lieven ſuchen. Mittlerweile gaben die Zeitverhältniſſe ſeiner Herrſch⸗ ſucht und ſeiner Misgunſt neue Nahrung. Ueber das Schickſal Flanderns und zwiſchen Artevelde und ſeinen Feinden ſollte ein entſcheidender Beſchluß gefaßt werden. Wenn Denys diesmal nicht den Sieg davontrug, ſo mußte er für immer weichen, ohnmächtig beneiden und 42 Jakob von Artevelde. im Dunkeln verſchwinden. Er fühlte das wohl, ſtrengte daher auch alle ſeine Argliſt und Thätigkeit an und legte ſeine Schlingen ſo heimlich, daß Niemand ſeine Pläne weder vermuthen noch vereiteln konnte. Flandern war noch immer im bedenklichſten Zuſtande. Frankreich ſammelte ein Heer an den Grenzen; Dender⸗ monde hatte ſich den Leliaerds übergeben und war der Mittelpunkt des Aufſtandes gegen die drei Glieder des Landes geworden. Täglich empfing dieſe feſte Stadt feind⸗ liche Hülfstruppen in ihren Mauern, und Alles deutete an, daß binnen Kurzem von dort eine bedeutende Heeres⸗ macht gegen Gent ausrücken würde, während der fran⸗ zöſiſche König die ſüdlichen Grenzen angriff. Der Graf von Hennegau zeigte ſich geneigt, von der Bundesgenoſ⸗ ſenſchaft zurückzutreten und den Franzoſen Beiſtand zu leiſten. Der Herzog von Brabant hatte ſich bereits ſchon in der That gegen Flandern erklärt und deſſen entſchie⸗ denſte Feinde an ſeinem Hofe empfangen. Nichts deſto⸗ weniger dauerte unter den meiſten patriotiſchen Vlämin⸗ gern ſelbſt der Zwiſt über die Weberei unaustilgbar fort, und die Städte und Gemeinen zogen mit den Waffen in der Hand gegen einander zu Felde. Artevelde begriff die Größe der Gefahr, in der ſein Vaterland ſich befand, und bemühte ſich, Mittel zu fin⸗ den, um es vor Sklaverei und Armuth zu retten. In ſeiner Unterſuchung über die Urſachen der Zügelloſigkeit Flanderns erkannte er, daß dieſes unbeſiegliche Uebel hauptſächlich aus der Natur der Macht, mit der er ſelbſt bekleidet war, entſprieße. Wirklich maßte ſich auch jetzt, nachde Zweif hatten zu beu Anſich Sein welche jenige, cip bet zu eine Jeder D nicht u mehr dern ge Er Hand Vaterl Rückke übrige zu mac derzuge leiſten; auf die die Reg tevelde giebigke des Va halten ſtrengte und legte te Pläne zuſtande. Dender⸗ war der eder des dt feind⸗ deutete Heeres⸗ er fran⸗ er Graf Sgenoſ⸗ and zu s ſchon ntſchie⸗ deſto⸗ lämin⸗ ir fort, ffen in er ſein zu fin⸗ . In ſigkeit Uebel ſelbſt jetzt, Jakob von Artevelde. 43 nachdem die langen Anfechtungen ſeiner Feinde dem Volke Zweifel über die Geſetzlichkeit ſeines Anſehens eingeflößt hatten, Jeder das Recht an, ſeine Befehle zu unterſuchen, zu beurtheilen und zu verwerfen, wenn ſie nicht mit der Anſicht deſſen, der ſie ausführen mußte, übereinſtimmte. Sein Anſehen hatte daher die erſte Eigenſchaft verloren, welche eine wirkliche Obrigkeit haben muß, nämlich die⸗ jenige, als ein zuſammenfaſſendes geſellſchaftliches Prin⸗ cip betrachtet zu werden, in welchem der Wille Aller ſich zu einer und derſelben Richtung verſchmilzt, und dem ein Jeder ohne perſönliche Unterſuchung gehorchen muß. Der Oberhauptmann verhehlte ſich die Wahrheit nicht und beſchloß, einer Macht zu entſagen, welche nicht mehr genügte, um die Parteien zu beherrſchen und Flan⸗ dern gegen ſeine vielen Feinde zu beſchützen. Er war jedoch zu groß und edel geſinnt, um ſeine Hand vom Steuerruder abzuziehen, ehe er das Schiff des Vaterlandes in einen ſicheren Hafen geführt hatte. Die Rückkehr des geſetzlichen Fürſten ſchien ihm das einzige übrige Mittel, den Parteiungen in Flandern ein Ende zu machen und dem Lande auf's Neue die Einigkeit wie⸗ derzugeben, um den heranziehenden Stürmen Widerſtand leiſten zu können. Bis jetzt hatte der Graf ſich geweigert, auf die von den Gemeinen vorgeſchlagenen Bedingungen die Regierung wieder in die Hand zu nehmen; aber Ar⸗ tevelde beſchloß, dieſes Mal die Verſoͤhnung durch Nach⸗ giebigkeit zu erleichtern, wenn nur die Unabhängigkeit des Vaterlandes und deſſen Gewerbfleiß gerettet und er⸗ halten würden. Um dieſen Zweck zu erreichen, ließ er ———. 44 Jakob von Artevelde. durch die vlämiſchen Städte auf der Tagefahrt zu Brüſſel vorſtellen, daß man den Fürſten in voller Liebe empfan⸗ gen und ihm alle mögliche Genugthuung geben werde, wenn er als Graf von Flandern ſich unabhängig von allen anderen Mächten, ſowohl von Frankreich wie von England erklären wolle, in Folge des letzten Waffenſtill⸗ ſtandes, durch welchen dieſe Unabhängigkeit von Frank⸗ reich und England ſelbſt anerkannt worden war. Da man außer dieſem Hauptpunkte dem Grafen noch viele andere Zugeſtändniſſe anbot und ihm eine glän⸗ zende geſetzliche Huldigung verſprach, ſo zweifelte Nie⸗ mand, daß Ludwig von Nevers ſich beeilen würde, die neuen Vorſchläge der Gemeinen anzunehmen. Man täuſchte ſich jedoch. Der Graf, von Philipp von Valois berathen, ſtritt ſich mit ihnen über die Be⸗ dingungen der Verſöhnung und machte endlich kein Hehl daraus, daß er Flandern Frankreich unterworfen ſehen wolle und nicht eher zurückkehren werde, als bis ihm auch die Macht gegeben ſei, die Vläminger in das franzöſiſche Heer gegen England zu führen. Er zeigte ſich trotzig und unbeugſam und ließ die vlämiſchen Städte Geſandte auf Geſandte an ihn ſchicken, ohne ſie einer freundlichen Ant⸗ wort zu würdigen. Früher würden Philipp von Valois und Ludwig von Nevers das freundliche Anerbieten der Vläminger gewiß mit Freude angenommen haben; jetzt aber glaubten ſie gewiß zu ſein, daß Flandern, durch Zwieſpalt, Unord⸗ nung und Zügelloſigkeit gelähmt, bald ſich von ſelbſt ih⸗ nen überliefern würde, und ſie dann nach Wohlgefallen die R leiten Vlän Wille die B nichte nichfa der in weis ſeine wig il auf de 8 betrül zwung Hoffn gegebe dertjäl tödtlich wahr! chen C die W letzten Unabh Ein A vernich Herz i liche S ſo woll 94 zu Brüſſel eempfan⸗ en werde, ngig von ) wie von gaffenſtill⸗ ain Frank⸗ rafen noch ine glän⸗ felte Nie⸗ ürde, die Philipp die Be⸗ kein Hehl fen ſehen ihm auch anzöſiſche otzig und andte auf hhen Ant⸗ dwig von ger gewiß ubten ſie Unord⸗ ſelbſt ih⸗ lgefallen Jakob von Artevelde. 45 die Regierung und die politiſche Richtung der Grafſchaft leiten könnten. In ihrer Verblendung hofften ſie, die Vläminger würden endlich einſtimmen, ſich Frankreichs Willen zu unterwerfen, viele ihrer Freiheiten aufzugeben, die Bürgerſchaft zu entwaffnen und ihre Induſtrie zu ver⸗ nichten. Die ehrerbietigen Vorſtellungen und die man⸗ nichfaltigen Bemühungen der Städte, ihren Fürſten wie⸗ der in Flandern zu haben, betrachteten ſie als einen Be⸗ weis von Schwäche und dringender Noth; anſtatt daher ſeine Unterthanen gütig zu empfangen, wies Graf Lud⸗ wig ihre Bitte trotzig zurück und verletzte die Gemüther auf das Tiefſte. Der ſchlechte Ausgang dieſes entſcheidenden Verſuches betrübte Artevelde über die Maßen. Er ſah ſich jetzt ge⸗ zwungen, zwiſchen zwei Uebeln zu wählen. Die einzige Hoffnung auf Verſoöhnung mit dem Fürſten mußte auf⸗ gegeben werden, oder Flandern ſich wieder mit dreihun⸗ dertjährigen Ketten belaſten und das Haupt unter dem tödtlichen Einfluſſe des franzöſiſchen Hofes beugen. Für⸗ wahr! Artevelde's Heldenſeele würde niemals einer ſol⸗ chen Erniedrigung ſeine Zuſtimmung geben, und wenn die Welt gedroht hätte, auf ihn einzuſtürzen. Bis zum letzten Athemzuge wollte er mannhaft kämpfen für die Unabhängigkeit und die Wohlfahrt ſeines Vaterlandes. Ein Meuchelmord konnte ihn treffen, ein Aufſtand ihn vernichten, ein Heer ihn zerſchmettern; aber ſo lange ein Herz in ſeinem Buſen klopfte, ſollte Flandern die ſchänd⸗ liche Sklaverei nicht erdulden, und ſollte er einſt erliegen, ſo wollte er fallen und ſterben mit der Freiheit des Landes. —.———— Jakob von Artevelde. Damals faßte Artevelde einen äußerſt wichtigen Ent⸗ ſchluß und legte ſein Haupt mit vollem Bewußtſein für Flanderns Unabhängigkeit in die Wagſchaale. Der König von England war auf Erſuchen des Ober⸗ hauptmanns mit einer mächtigen Flotte vor Sluis er⸗ ſchienen und hatte nach allen vlämiſchen Städten Boten geſandt, mit der Aufforderung, daß Flandern ihm auf's Neue als König von Frankreich huldige. Der Anerken⸗ nungseid ward willig erneuert; aber einer anderen For⸗ derung konnte ſo leicht nicht genügt werden. König Eduard machte auf Artevelde's Rath den Städten begreiflich, der bedenkliche Zuſtand Flanderns werde allein dadurch ver⸗ anlaßt, daß der Fürſt und ſeine Unterthanen Jedes einer verſchiedenen Richtung folgten und einen andern Ober⸗ herrn anerkennten. Als Bedingung ſeiner Freundſchaft drückte er den Willen aus, daß Graf Ludwig gezwungen werde, ihn gleichfalls als König von Frankreich anzuer⸗ kennen, oder daß die Vläminger durch eine feierliche Er⸗ klärung ſich von ihrem Fürſten trennten. Artevelde hatte bereits ſchon mehr als ein Mal er⸗ fahren, daß Ludwig's ſchwaches Gemüth allein durch Furcht zu rühren und zu leiten ſei. Seit der Ankunft der engliſchen Flotte hatten ſich die Verhältniſſe geändert. Jetzt wenigſtens durfte Philipp von Valois nicht hoffen, Flandern weder durch Macht der Waffen, noch durch Liſt, noch durch Aufſtand in ſeine Macht zu bekommen. Die Gegenwart des Königs von England an der Spitze eines beträchtlichen Heeres reichte hin, alle Anſchläge augen⸗ blicklich zu vereiteln. D ſtig, u reich lo ſchaft wirken ihm al⸗ Erhaltt Ar fentlicht eine fei ihm zu nig von und mit Valois die gräf les, Edr Dief und viel ſein moch erbung d Fürſten. wartet. und bere dem Tod⸗ Zu2 entſcheiden in der Vo ſolcher rül dern könn en Ent⸗ ſein für 8 Ober⸗ luis er⸗ Boten m auf's lnerken⸗ en For⸗ Eduard flich, der irch ver⸗ des einer n Ober- undſchaft zwungen anzuer⸗ liche Er⸗ Mal er⸗ in durch kunft der geändert. dt hoffen, urch Liſt, nen. Die itze eines e augen⸗ Jakob von Artevelde. Der Oberhauptmann hielt die Gelegenheit für gün⸗ ſtig, um den Grafen öffentlich und auf immer von Frank⸗ reich loszureißen, und hoffte, daß die Furcht, ſeine Graf⸗ ſchaft zu verlieren, mächtig genug auf Ludwig's Gemüth wirken würde, um ihn zu einer That zu bewegen, welche ihm allerdings ſchwer fallen mußte, von der jedoch die Erhaltung und Freiheit des Vaterlandes abhing. Artevelde ſandte plötzlich und mit der größten Oef⸗ fentlichkeit an die drei Hauptſtädte Flanderns den Antrag, eine feierliche Botſchaft zu dem Grafen zu ſchicken, um ihm zu ſagen, daß Flandern ihn erſuchen laſſe, dem Kö⸗ nig von England als König von Frankreich zu huldigen und mit den Gemeinen ein Bündniß gegen Philipp von Valois zu ſchließen. Wolle er das nicht, ſo würde man die gräfliche Krone von Flandern dem Prinzen von Wa⸗ les, Eduard's Sohne, anbieten. Dieſer Vorſchlag regte natürlich das Land ſehr auf, und viele Leute, ſo wenig ſie auch ſonſt franzöſiſch geſinnt ſein mochten, erhoben ſich gegen den Gedanken einer Ent⸗ erbung des geſetzlichen Nachkommen der alten vlämiſchen Fürſten. Artevelde hatte einen ſolchen Widerſtand er⸗ wartet. Er verkannte das Gefährliche ſeiner That nicht und bereitete ſich vor, ſeine kühne Vaterlandsliebe mit dem Tode zu büßen, wenn ſein Entwurf misglückte. Zu Brügge, wo man zuerſt über ſeinen Vorſchlag entſcheiden ſollte, fand er Anfangs großen Widerſtand; in der Verſammlung der Gemeine bewies er jedoch mit ſolcher rührenden und überzeugenden Beredtſamkeit, Flan⸗ dern koͤnne nur durch das gewaltſame Zerreißen der Bande, ———— 48 Jakob von Artevelde. die es an Frankreich feſſelten, gerettet werden, und man müſſe in der äußerſten Noth des Vaterlandes auch außer⸗ meiſte! ordentliche Heilmittel anwenden, daß die Verſammlung Denys ſich faſt einſtimmig bereit erklärte, ſeinen Vorſchlag aus⸗ Theile zuführen. ſchlim Von dort reiſte er nach Ypern, der dritten Haupt⸗ Gemür ſtadt Flanderns, wo er gleichfalls ſeine Pläne unwider⸗ noch e leglich rechtfertigte und die ganze Bevölkerung überredete, dem K ſeinen Vorſchlag gut zu heißen. ſelben Gent allein mußte noch ſeine Zuſtimmung geben und Gent a ſollte binnen wenigen Tagen eine allgemeine Verſamm⸗ nes kül lung der Schöffen, Dechanten und Aelterleute berufen, ſche Ge um über die mögliche Abſetzung Ludwig's von Nevers Se ” und die Erhebung des Prinzen von Wales zum Grafen mehr a von Flandern einen Beſchluß zu faſſen. überfal Mittlerweile war Artevelde nach Sluis zurückgekehrt, den vor um ſich dort mit dem Könige von England über die Be⸗ von Sl dingungen der Annahme der Grafſchaft durch den jungen mann ſ Fürſten zu verſtändigen, im Falle Ludwig die verlangte nung, i Huldigung noch fortwährend verweigerte. Es wurde dem velde w Oberhauptmann ſchwer, ſich mit dem Könige zu einigen ohne vo über die Freiheiten, in deren Genuß Flandern bleiben Da ſolle, und vorzüglich über die vollſtändige Unabhängig⸗ drohend keit der Grafſchaft ſelbſt von der Krone England. Er ſeiner R mochte dennoch damals nicht länger in Sluis bleiben und der Str ſah ſich gezwungen, die Unterhandlungen abzubrechen und gleiten, nach Gent zu reiſen, wo man binnen drei Tagen über An ſeinen Vorſchlag entſcheiden ſollte. Diener Es war Artevelde nicht unbekannt, daß er hier die warteten würde. Jakob v. und man uch außer⸗ ſammlung ſchlag aus⸗ ten Haupt⸗ e unwider⸗ überredete, geben und Verſamm⸗ tte berufen, von Nevers zum Grafen rrückgekehrt, ber die Be⸗ den jungen ie verlangte z wurde dem ge zu einigen dern bleiben Inabhängig⸗ ngland. Er bleiben und ubrechen und Tagen über ß er hier die Jakob von Artevelde. 49 meiſten Gegner fände, da die Leliaerds von Geeraert Denys' Anhängern und vielleicht von einem großen Theile der Weberzunft unterſtützt würden. Ihm waren ſchlimme Gerüchte über die ungünſtige Stimmung der Gemüther in Gent zugekommen. Darum beſchloß er, noch ehe er die Vorrechte und Freiheiten Flanderns mit dem Könige hatte feſtſtellen können, Abſchied von dem⸗ ſelben zu nehmen, um die Schöffen und Dechanten von Gent aufzuklären über die dringende Nothwendigkeit ei⸗ nes kühnen Entſchluſſes, wie ſehr demſelben auch vlämi⸗ ſche Gemüther widerſtreben mochten. Seit er ſeinen Vorſchlag veröffentlicht hatte, waren mehr als jemals Leute ausgeſandt worden, um ihn zu überfallen und zu tödten. Es begannen ſogar ganze Ban⸗ den von Landſtreichern und Leliaerden die Umgegenden von Sluis und die Städte, in welchen der Oberhaupt⸗ mann ſich befinden mochte, zu durchziehen, mit der Hoff⸗ nung, ihn irgendwo in einen Hinterhalt zu locken. Arte⸗ velde wußte dies Alles ſehr wohl und reiſte daher nie, ohne von einer anſehnlichen Leibwache begleitet zu ſein. Da dieſe Gefahr allmählig größer und jetzt bereits drohend geworden war, hatte der König dem Obriſten ſeiner Reiterei, Lord William Sturin, befohlen, ihn auf der Straße nach Gent mit einer ſtarken Schaar zu be⸗ gleiten, ſoweit es der Oberhauptmann für nöthig hielte. An einem Sonntage Nachmittag hielten Artevelde's Diener ſein Pferd geſattelt und zur Reiſe bereit, und warteten, bis er das Schiff des Königs verlaſſen haben würde. Mehrere Schritte weiter ertheilte der Obriſt der Jakob von Artevelde. VI. 4 50 Jakob von Artevelde. Reiterei Befehle an diejenigen, welche das Geleit des Oberhauptmanns bilden ſollten. Einige Augenblicke ſpä⸗ ter ſahen ſie Artevelde mit dem Koͤnige auf dem Verdeck des Schiffes erſcheinen und mit einem freundlichen Hände⸗ druck des Fürſten in das Boot treten. Jeder machte ſich nun raſch zur Abreiſe fertig. Als der Oberhauptmann den Wall erreichte, ſchwang er ſich auf's Pferd und ſchlug mit ſeinem ganzen Gefolge den Weg nach Gent ein. Unterweges verkürzte er ſich die Zeit durch ein Geſpräch mit Lord William Sturin über die Einrichtungen und die ſich bildenden Gemeinen Eng⸗ lands, und da der Obriſt der Reiterei ein verſtändiger Mann und ein tapferer Ritter war, ſo fand derſelbe gro⸗ ßes Behagen an den vernünftigen Anſichten des Genti⸗ ſchen Bürgers. So hatten ſie, behaglich plaudernd, geraume Zeit ih⸗ ren Weg fortgeſetzt, als ſie plötzlich in der Ferne einen Haufen Reiterei in vollem Trabe ankommen ſahen, ohne denſelben näher erkennen zu können. Lord Sturin ließ ſeine Leute ſich ſchlagfertig halten und langſamer reiten, indem er ſich ihnen mit dem Ober⸗ hauptmann näherte. Gleich darauf bemerkte Artevelde, daß die ankom⸗ menden Reiter Genter Bürger ſeien, und erkannte ſelbſt die drei Vorderſten als ſeine Freunde, Maes van Vaer⸗ newyck, Ghelnoot van Lens und Pieter Zoetaerde. Zwan⸗ zig bewaffnete Zunftgenoſſen begleiteten ſie. Ihre Roſſe wa⸗ ren mit Schweiß bedeckt, und ſie ſelbſt ſchienen ſehr ermü⸗ det von dem harten Traben in der brennenden Sonnenhitze. ſeinen rer ha wir ſel eicht 31 die Leli Gent? braucht dieſe K Furcht! Di ſchmerz Ghelno hängen los ſtill rung, Geleit des blicke ſpä⸗ m Verdeck en Hände⸗ machte ſich e, ſchwang en Gefolge er ſich die urin über inen Eng⸗ rſtändiger eſelbe gro⸗ des Genti⸗ ee Zeit ih⸗ erne einen hen, ohne tig halten em Ober⸗ ee ankom⸗ unte ſelbſt an Vaer⸗ e. Zwan⸗ Roſſe wa⸗ ehr ermü⸗ nnenhitze. Jakob von Artevelde. Artevelde ritt ihnen mit freundlichem Lächeln entge⸗ gen, ſah aber bei dem erſten Blicke den Ausdruck tiefer Betrübniß auf ihren Geſichtern. Dies ließ ihn ſchlechte Nachrichten ahnen. Er wollte deswegen eine Frage an den Oberſchöffen richten. Dieſer aber, gleichſam verwundert über Artevelde's heiteres Ausſehen, rief ihm zu: „Oberhauptmann, habt Ihr einen Boten aus Gent empfangen?“ „Wann?“ fragte Artevelde. „Geſtern Abend! Dieſen Morgen!“ „Mir iſt kein Bote zugekommen, Oberſchöffe!“ „Seht Ihr,“ ſagte Ser van Vaernewyck, ſich zu ſeinen beiden Reiſegefährten wendend.„Die Wegelage⸗ rer haben den Boten aufgehoben. Gott ſei gelobt, daß wir ſelbſt auf den Gedanken kamen, die traurige Nach⸗ richt zu überbringen!“ „Was für eine ſchreckliche Nachricht bringt Ihr mir denn, Freunde?“ fingte Artevelde.„Laßt hören! Sind die Leligaerds von Dendermonde vielleicht im Anzuge nach Gent? Haben ſie unſere Leute geſchlagen? Darum braucht man noch nicht betrübt zu ſein; man wird ihnen dieſe Keckheit ſchon wieder bezahlen! Hegt nur keine Furcht!“ Die Worte des Oberhauptmanns ſchienen einen ſchmerzlichen Eindruck auf ſeine Freunde zu machen; denn Ghelnoot van Lens und Pieter Zoetaerde ließen den Kopf hängen und hielten, mit niedergeſchlagenen Augen, ſprach⸗ los ſtill. Der Oberſchöffe allein wurde Herr ſeiner Rüh⸗ rung, und bat Artevelde, ihm nach einem Hauſe zu fol⸗ 7 ———* 52 Jakob von Artevelde. gen, das einige Bogenſchüſſe weiter an der Straße lag. Nachdem er einige Worte mit Lord Sturin gewechſelt hatte, ritt Artevelde mit ſeinen Freunden nach dem be⸗ zeichneten Gebäude. Hier erſuchte der Oberſchöffe die Leute des Hauſes, ſie einige Augenblicke allein zu laſſen. Sobald dieſe eingewilligt hatten, ſagte er mit Nachdruck zu dem Oberhauptmann: „Fteund Jakob! wir bringen Euch eine Nachricht, die Ihr ſicher nicht erwartet. Geſtern Morgen hat man in Gent über Cuern Vorſchlag entſchieden. Er iſt ver⸗ worfen worden.“ Ein düſterer Schatten der Unzufriedenheit bedeckte plötzlich Artevelde's Antlitz. „Geſtern?“ fragte er.„Hatte nicht die Schöffen⸗ bank ſelbſt beſtimmt, daß man übermorgen erſt über die Sache berathſchlagen und entſcheiden ſolle? Ach! ich ver⸗ muthe den Grund dieſer Beſchleunigung. Immer ſchwä⸗ cher gegen Umtriebe! Nun, wie iſt der Beſchluß aus⸗ gefallen?“ „Mit großer Stimmenmehrheit hat man erklärt, daß die Gemeine von Gent niemals ihren rechtmäßigen Fürſten verlaſſen werde, gleichviel, unter welchem Vor⸗ wande man ſie auch darum erſuchen werde. Euer Vor⸗ ſchlag, Oberhauptmann, iſt abgewieſen, getadelt und mit heftigem Zorne von der Obrigkeit und dem Volke ver⸗ worfen worden. Es iſt vielleicht ein großes Unglück für Flandern; aber wir müſſen es ertragen und geduldig das Haupt beugen unter dieſem neuen Schlage.“ „Eine Verſammlung ohne mein Wiſſen, durch Ueber⸗ 3 „ 8 rump ſchlag iſt un doch ander Gott! den v C tiefgef 1 Jakob nehmt waren über ſamm und d terleut warten meiſten die B ſie übe lerweit niß ei ihn ar die No ſich in durch ſchrei; ken w raße lag. gewechſelt dem be⸗ höffe die zu laſſen. Nachdruck Nachricht, hat man iſt ver⸗ bedeckte Schöffen⸗ über die Uich ver⸗ er ſchwä⸗ luß aus⸗ erklärt, tmäßigen em Vor⸗ ner Vor⸗ und mit olke ver⸗ glück für ildig das ch Ueber⸗ Jakob von Artevelde. 53 rumpelung berufen!“ ſeufzte Artevelde.„Mein Vor⸗ ſchlag von der Obrigkeit und dem Volke verworfen! Es iſt unbegreiflich! Die Mehrzahl der Schöffenbank theilte doch meine Anſichten und ſah mit mir ein, daß es kein anderes Mittel zur Rettung des Vaterlandes giebt. Gott! Gott! muß ich denn zuletzt noch von meinen beſten Freun⸗ den verrathen werden! Unglückliches Flandern!“ Der Oberſchöffe ergriff ſeine Hand und ſagte mit tiefgefühltem Unmuthe: „Unglückliches Flandern! in der That! Aber, Mher Jakob! ehe Ihr Eure Freunde beſchuldigt, hört und ver⸗ nehmt die Urſache deſſen, was ſich zugetragen hat. Wir waren mit Euch übereingekommen, daß man am Dienſtag über Cuern Vorſchlag berathſchlagen ſolle. Die Ver⸗ ſammlung war ſeit länger als zehn Tagen angekündigt, und die Gilden ſind ſchon von ihren Dechanten und Ael⸗ terleuten über ihre Anſichten befragt worden. Jeder er⸗ wartete vertrauensvoll den Tag der Verſammlung; die meiſten Zünfte und ihre Dechanten wollten erſt von Euch die Beweggründe für Euern Vorſchlag vernehmen, ehe ſie über die Art ihrer Abſtimmung entſchieden.— Mitt⸗ lerweile waren Fure Feinde thätig, im tiefſten Geheim⸗ niß einen wohlberechneten Plan auszuführen. Wie ſie ihn anlegten, iſt nicht zu ergründen. Freitag Abend, als die Nachricht, daß Ypern Euern Vorſchlag angenommen, ſich in Gent verbreitete, liefen plötzlich viele Zunftgenoſſen durch die Straßen der Stadt und erhoben ein Rachege⸗ ſchrei gegen Euch und Euern Vorſchlag. In den Schen⸗ ken ward Geld in Menge unter das Volk ausgeſtreut. 54 Jakob von Artevelde. Man raſte und wüthete über Verrath und Beſtechlichkeit; Euer Name ward verflucht und die ganze Gemeine in Aufruhr gebracht. An dieſem Abende fanden wir die Bürger noch treu genug. Wir ſandten Wachen aus, und es glückte uns, die öffentliche Ruhe herzuſtellen. Aber am andern Morgen, bei Tagesanbruch, liefen mehr als ſechshundert Geſellen bewaffnet auf den Freitagsmarkt, und riefen, es müſſe noch an demſelben Tage eine Ent⸗ ſcheidung über Euern Vorſchlag gefaßt werden, oder ſie würden das Schöffenhaus beſetzen und die Obrigkeit ver⸗ jagen. Wir wußten wohl, was das bedeutete. Es war eine Verſchwörung der Leliaerds mit Euren Feinden, welche ſich verſtändigt hatten, Euch zu hindern, der Ver⸗ ſammlung beizuwohnen, vorherſehend, daß Ihr durch Euer mächtiges Wort ihre Intriguen vereiteln würdet. Was konnten wir thun? Geergert Denys hielt es mit den Aufrührern; obwohl er es leugnete, merkte man es doch deutlich an dem Geſchrei der bewaffneten Geſellen, welches ihn eben ſo hoch in den Himmel hob, als es Euren Namen mit Schmach und Verwünſchungen belud. Wir haben alle Mittel erſchöpft; guter Rath, Drohun⸗ gen, nichts half bei Männern, die ein vorgeſtecktes Ziel erreichen wollten. Gewalt konnten wir nicht anwenden. Der Oberdechant, der den Befehl über die Macht der Gemeine hat, würde ſich unfehlbar zu den Meuterern ge⸗ ſchlagen haben. Eine totale Umwälzung hätte jetzt ſchon in Gent ſtattgefunden, und jedenfalls wäre das Blut in Stroömen gefloſſen. Die Erinnerung an den böſen Mon⸗ tag hat die Schöffenbank abgeſchreckt. Sie ließ die Col⸗ latie willig rathen lung? ſpielt Anhä berecht bank; Wolk gegen Raths glücke gung andere die W zweiten ten wi durch fährlich wendig in Gen ſeine 2 würde würde De denken Dann „. than; lichkeit; eine in vir die 1s, und Aber ehr als zmarkt, te Ent⸗ oder ſie eit ver⸗ s war einden, r Ver⸗ durch würdet. es mit nan es eſellen, als es belud. vohun⸗ es Ziel enden. ht der rn ge⸗ ſchon Gut in Mon⸗ Col⸗ Jakob von Artevelde. 55 latie der Dechanten und Aelterleute zuſammenrufen und willigte ein, unmittelbar über Euern Vorſchlag zu be⸗ rathen. Was ſoll ich Euch ſagen über dieſe Verſamm⸗ lung? Geeraert Denys hat dort ſeine falſche Rolle ge⸗ ſpielt und die Gemüther gegen Euch aufgehetzt. Seine Anhänger überſchrien einen Jeden, und während dieſe berechnete Gewaltthätigkeit die Mehrheit der Schöffen⸗ bank zum Schweigen zwang, ſtand auf der Straße eine Wolke von Zunftgeſellen, welche Drohungen von Mord gegen Euch und Eure Freunde verſtändlich bis in den Rathsſaal hineinſchrieen. Aus Furcht vor größerem Un⸗ glücke haben wir den Raſenden die verlangte Befriedi⸗ gung gegeben und Euern Vorſchlag verworfen. Kein anderes Mittel blieb uns übrig, um ſie dazu zu bringen, die Waffen niederzulegen und die Gemeine vor einem zweiten Blutbade zu beſchützen. Urtheilt jetzt ſelbſt! Konn⸗ ten wir, umgeben von Verrath und Intriguen, machtlos durch das Benehmen des Oberdechanten, in dieſem ge⸗ fährlichen Zuſtande etwas Anderes thun, als der Noth⸗ wendigkeit weichen? Wenn der böſe Geeraert Denys jetzt in Gent Herr wäre, wenn er die Obrigkeit erneuert und ſeine Anhänger auf das Schöffenhaus gebracht hätte, würde das vortheilhafter für Flandern geweſen ſein? würde das Eure Pläne beſſer unterſtützt haben?“ Der Oberhauptmann ging einige Male tief im Nach⸗ denken auf und ab, ungeduldig den Kopf ſchüttelnd. Dann antwortete er: „Es konnte nicht anders ſein! Ihr habt Recht ge⸗ than; aber damit iſt nichts entſchieden. Ich gehe nach Jakob von Artevelde. Gent. Wir wollen doch ſehen, ob eine Verſchwörung von ſchlechten Menſchen und Leligerds die Mehrzahl der Bürger meiner Vaterſtadt gewaltſam beherrſchen und durch Ueberrumpelung über Flanderns Schickſal entſchei⸗ den ſoll! Laßt uns gehen! Je mehr wir Zeit verlieren, deſto ſchlimmer kann der Stand der Sachen dort werden.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich nach der Thüre; aber als er ſah, daß die Anderen keinen Schritt thaten, um ihm zu folgen, fragte er verwundert: „Was bedrückt Euch denn das Herz, Freunde? Habt Ihr mir noch etwas zu ſagen? Oder dürft Ihr nicht nach Gent zurückkehren? Ihr erſchreckt mich wahrlich; es iſt mehr geſchehen, als Ihr mir mitgetheilt habt. Jetzt be⸗ greife ich Mher van Lens' und Mher Zoetaerde's trauri⸗ ges Schweigen. Sprecht doch offen! Glaubt Ihr, Jakob von Artevelde wiſſe nicht, daß für ihn ſowohl wie für Flandern Alles in der Wagſchaale liegt?“ Der Oberſchöffe führte Artevelde in die Mitte des Zimmers zurück und ſagte: „Unſere Sendung iſt nicht vollbracht. Wir ſind zu Euch gekommen, Oberhauptmann, um Euch zu beſchwö⸗ ren, Euern Vorſchlag zurückzunehmen und augenblicklich mit uns nach Gent zu gehen, um dort ſelbſt zu ver⸗ kündigen, daß Ihr nicht mehr Willens ſeid, den recht⸗ mäßigen Grafen mit einer Abſetzung zu bedrohen. Es iſt das einzige Mittel, eine Revolution in Gent zu ver⸗ hindern.“ Ein Lächeln bitteren Mitleidens zeigte ſich auf Arte⸗ velde's Antlitz vorſich gebt il 3 ſuchte zu ihre 7r Ihr de verlang velde zu Tod dr kämpfe! welcher reich at Pflicht nicht ſel iſt zu ku zu ſtreit 7 O nicht nac „K mir erklaͤ Euch bey wörung zahl der den und entſchei⸗ erlieren, derden.“ Thüre; thaten, 2 Habt cht nach ; es iſt getzt be⸗ trauri⸗ Jakob vie für ttte des ſind zu ſchwö⸗ blicklich u ver⸗ recht⸗ n. Es u ver⸗ Arte⸗ Jakob von Artevelde. 57 Ghelnoot van Lens faßte ihn bei beiden Händen und ſagte flehend: „O, Mher Jakob! befolgt doch dieſen guten Rath! Die Gefahr iſt größer, als wir Euch mittheilen dürfen.“ „Ihr habt Euch durch gute Abſichten leiten laſſen,“ fügte der alte Pieter Zoetaerde hinzu;„aber zweifelt nicht daran, Oberhauptmann, Euer Vorſchlag war eine un⸗ vorſichtige Handlung. Gebt ihn auf! um Gotteswillen, gebt ihn auf!“ Zweifelhaft betrachtete Artevelde ſeine Freunde und ſuchte ihr Inneres zu durchſchauen, um das Räthſelwort zu ihrem Betragen zu finden. „Ich begreife Euch nicht, Genoſſen!“ ſagte er.„Habt Ihr denn vergeſſen, daß Flanderns Unabhängigkeit es verlangt? Und glaubt Ihr denn, daß Jakob von Arte⸗ velde zurückweichen wird, ſelbſt wenn ihm unfehlbar der Tod droht? Nein, nein! ohne mich zu beugen, will ich kämpfen bis zum Schluß. Beſteht in Gent ein Anhang, welcher boshaft oder unwiſſend das Vaterland an Frank⸗ reich auszuliefern ſucht, ſo werde ich mindeſtens meiner Pflicht treu bleiben und Flandern retten, wenn Gott es nicht ſelbſt zur Sklaverei verurtheilt hat..... Die Zeit iſt zu kurz, Freunde, um über dieſen Punkt hier länger zu ſtreiten. Wir müſſen fort.“ „O nein, nein!“ rief Ghelnoot erſchreckt.„Geht nicht nach Gent in ſolcher Abſicht!“ „Kommt!“ ſagte Artevelde.„Unterweges ſollt Ihr mir erklären, was Euch ſo furchtſam macht, und ich werde Euch beweiſen, daß ich meinen Plan nicht aufgeben kann. 58 Jakob von Artevelde. Könnt Ihr mich vom Gegentheil überzeugen, ſo wird es noch immer Zeit ſein, den Entſchluß zu ändern und zu thun, was Ihr verlangt. Das Nothwendigſte iſt, daß ich ſobald wie möglich nach Gent gelange, und wäre es auch, um zu verkündigen, daß Flandern mit meiner Zuſtim⸗ mung auf ewig durch dieſelbe Sklavenkette an Frankreich gefeſſelt bleiben ſoll.“ Von ſeinen ſchweigenden Freunden begleitet, hatte er bereits die Thüre erreicht. Alle ſchwangen ſich auf die Pferde und ſprengten den engliſchen Reitern voraus. Sobald das ganze Geleit aufgeſeſſen war und man die Reiſe fortſetzte, ſagte der Oberſchöffe zu Artevelde: „Wundert Euch nicht, Oberhauptmann, über unſere Angſt und über die Aenderung, die Ihr in meinen und Mher van Lens' Anſichten wahrzunehmen ſcheint. Der wahre Stand der Sachen iſt dieſer: Eure Feinde haben Euren nothwendigen Vorſchlag benutzt, um den alten Haß vieler Bürger gegen Euch wieder anzufachen. Ihre Anhänger erkühnten ſich, zwei Tage lang Mord zu rufen gegen denjenigen, der, wie ſie ſagen, den geſetzlichen Für⸗ ſten enterben will. Sie ſelbſt ſind die heftigſten Feinde unſeres Grafen und haben Euch verfolgt, weil Ihr Euch ſo lange weigertet, ihn gewaltſam ſeiner Rechte zu be⸗ rauben. Dies hilft Euch aber nichts; denn wenn die Menge vom Aufruhrfieber gepackt wird, ſo nimmt ſie ohne Unterſchied alle Gründe an, welche ihren Leiden⸗ ſchaften einen Schein des Rechtes geben können. So kommt es auch, daß man jetzt wieder der Mehrzahl des Genter Volkes weiß gemacht hat, Ihr hättet Flandern für ein, die Ein Vermöt dieſe Er abſichtli und hat zum De unmöglt Diejenig gen, ſind lichkeit z hat ſich! Kommt Euern A lich nichte zufrieden aber die raert Der dieſe Fra⸗ in Gent gerufen h kühlen. auch ſelbſt Fürwahr Unterwerf nähern zu größeres! den einzige muth und vird es ind zu daß ich 3 auch, uſtim⸗ nkreich atte er auf die us. d man lde: unſere en und .Der haben nalten Ihre mrufen n Für⸗ Feinde r Euch zu be⸗ nn die imt ſie Leiden⸗ . So ahl des andern Jakob von Artevelde. für eine Summe Geldes an König Eduard verkauft und die Einkünfte des Grafen an Euch gezogen, um Euer Vermögen zu vergrößern. Ser Simon van Hale, der dieſe Einkünfte regelmäßig empfängt, iſt, als ob er es abſichtlich gethan hätte, ſeit ſechs Wochen verſchwunden, und hat das Gerücht zurückgelaſſen, daß er nicht länger zum Deckmantel Eurer Betrügerei dienen wolle. Es iſt unmöglich, die thörichten Leute darüber zu belehren. Diejenigen, die die Wahrheit ſagen und Euch rechtferti⸗ gen, ſind Eure Freunde. Dies reicht hin, um ihre Red⸗ lichkeit zu verdächtigen. Während der drei letzten Tage hat ſich daher eine wüthende Partei gegen Euch gebildet. Kommt Ihr nun nach Gent, mit der Erklärung, daß Ihr Euern Antrag zurückgenommen habt, ſo wird wahrſchein⸗ lich nichts Arges geſchehen, da die größte Urſache zur Un⸗ zufriedenheit dadurch weggeräumt worden iſt. Wenn Ihr aber die ſiegenden Leligerds und die Anhänger von Gee⸗ raert Denys herausfordert zu einem neuen Streite über dieſe Frage, ſo wird ganz gewiß ein furchtbarer Aufruhr in Gent ausbrechen. Eure Feinde werden thun, was ſie gerufen haben, und ihren Neid und Haß in Eurem Blute kühlen. Das darf nicht geſchehen, und wolltet Ihr es auch ſelbſt, ſo müſſen Eure Freunde Euch daran hindern. Fürwahr! es iſt ein großes Unglück für Flandern, ſeine Unterwerfung an Frankreich mit ſo raſchen Schritten ſich nähern zu ſehen. Wir meinen jedoch, es ſei noch ein weit größeres Unglück für das bedrohte Vaterland, wenn es den einzigen Mann verlieren müßte, der allein Helden⸗ muth und Geiſt genug beſitzt, um es durch alle Stürme 60 Jakob von Artevelde. der ungeſtümen See der Freiheit und der Volksmacht ſind, hindurchzuführen und zu erhalten. Wir ſind nicht allein ihnen! dieſer Meinung. Im Auftrage einer großen Zahl Schöf⸗ Was n fen und getreuer Freunde kamen wir zu Euch. Ehe wir wenn ſie verließen, gaben wir unſer Wort, daß Ihr nicht nach für me Gent zurückkehren ſollt, als nur mit dem Entſchluſſe, den Al gefährlichen Antrag zurückzunehmen.“ und gl „Ihr würdet Unrecht thun, Oberhauptmann,“ ſagte kennen Pieter Zoetaerde,„wenn Ihr noch bei Eurem Vorhaben bei ihn beharrtet. Wenn man es ruhig betrachtet, muß man Aber doch bekennen, daß die Genter wohl Gründe haben, die erſchint Abſetzung ihres rechtmäßigen Fürſten abzuſchlagen. Solche 72 Thaten können einem Volke kein Glück bringen, und Gott Genoſſ weiß, welche Folgen es nach ſich ziehen würde. Es iſt ein ſelbſt d Antrag, den mein Herz mit ganzer Kraft verwirft; nicht läßt, n daß ich die Redlichkeit Eurer Abſichten verkennte; Ihr mittelb wißt es, Pieter Zoetaerde iſt Euer treuer Freund geblie⸗ find vis ben im Glück und Unglück; er iſt es noch; glaubt ihm den ſie aber auch jetzt und weiſt ſeine Bitte nicht zurück; folgt Stiw in unſerm Rathe und laßt Euer Vorhaben fahren. 4 thäte, „Ach, Mher Jakob!“ ſeufzte Ghelnoot;„warum ſung n Euer Leben gewagt für Undankbare? Lieben ſie die Skla⸗ Willen verei, ſo mögen ſie die Ketten tragen. Habt Ihr Euch Unabhi noch nicht genug gequält und gelitten für Leute, die Euch Ich wei verkennen und Euch haſſen, zum Lohn für Eure großen leicht te Thaten? Warum wollt Ihr gegen ihren Willen ihr und Me Wohlthäter bleiben? Gönnt ihnen die Freude nicht, Cuch heit ſei noch mehr Böſes zu thun. Laßt ſie ſich die Speiſen ko⸗ uun 5 chen, wie ſie ſie eſſen wollen, und da ſie zu engherzig 2 —————— 4 ksmacht t allein Schöf⸗ Ehe wir iccht nach iſſe, den ,“ ſagte orhaben uß man ben, die 1. Solche und Gott Es iſt ein eft; nicht nte; Ihr id geblie⸗ aubt ihm ück; folgt „warum die Skla⸗ Ihr Euch „die Euch re großen Lillen ihr ncht, Euch peiſen ko⸗ engherzig Jakob von Artevelde. ſind, um etwas Großes begreifen zu können, gewährt ihnen das Vergnügen, und laßt ſie ſo engherzig bleiben. Was mich betrifft, von Morgen an verlaſſe ich Gent, und wenn ich je wieder ein Amt annehme, ſo möge Gott mich für meine Thorheit ſtrafen!“ Alle betrachteten Artevelde mit geſpannten Mienen und glaubten in ſeinem ruhigen Stillſchweigen zu er⸗ kennen, daß das Gefühl der Nothwendigkeit den Sieg bei ihm davongetragen habe und er einwilligen werde. Aber der Oberhauptmann war nicht von ihren Reden erſchüttert und ſagte nach einer Pauſe endlich: „Ich danke Euch für Eure Zuneigung, meine lieben Genoſſen! Es iſt Eure Freundſchaft für mich, die Euch ſelbſt die Intereſſen des Vaterlandes zur Seite ſchieben läßt, weil Ihr glaubt, daß ein großes Unglück mich un⸗ mittelbar treffen könne. Dieſe perſoͤnlichen Beweggründe ſind vielleicht edel und lobenswerth an Euch; an mir wür⸗ den ſie nichts ſein, als ſelbſtſüchtige Feigheit. Ihr rathet mir, meinen Plan aufzugeben? Unmöglich! Wenn ich es thäte, ſo würde ich zur ſelben Zeit die ewige Unterwer⸗ fung meines Vaterlandes unter den freiheitshaſſenden Willen des franzöſiſchen Hofes, die Aufopferung unſerer Unabhängigkeit, den Tod unſerer Induſtrie beſiegeln.— Ich weiß es, Irren iſt dem Menſchen eigenthümlich. Viel⸗ leicht täuſche ich mich. Dennoch aber, da meine Seele und mein Gewiſſen mir ſagen, daß mein Gedanke Wahr⸗ heit ſei, darf ich mich durch nichts zurückhalten laſſen, und wenn meine Freunde ſelbſt gegen mich aufſtän⸗ den.“ Jakob von Artevelde. „Wenn Ihr Euch nun aber wirklich dennoch getäuſcht hättet,“ ſagte Pieter Zoetaerde,„würdet Ihr da nicht Eure That Euer ganzes Leben lang betrauern? Denn in dieſem Falle wäre das Vaterland nicht gerettet und Ihr hättet Euren rechtmäßigen Fürſten enterbt.“ „Ich bekenne, daß es ein äußerſt wichtiger Beſchluß iſt, ſeinen Fürſten ſeiner Rechte zu berauben,“ antwortete der Oberhauptmann.„Ihr, die Ihr meine Freunde ſeid, und mein Herz bis in ſeine geheimſten Falten kennt, Ihr wißt, welche tiefe Ehrfurcht es vor allem geſetzlichen Rechte hegt und wie mächtig es ſich immer gegen alle Gewalt erhob. Aber Alles hat ſeine Grenzen. Ich, der ich ſo oft mein Leben für das allgemeine Beſte wagte und ihm Alles opferte, Ruhe, Familie, Blut und Ehre, ich habe das Recht, als eine Grundregel meines Betragens anzu⸗ nehmen, daß, wo ein Volk mit Sklaverei und Untergang bedroht wird, alle perſönlichen Intereſſen, wie heilig und großartig ſie auch ſein mögen, weichen müſſen für die Erhaltung des Vaterlandes in ſeiner Unabhängigkeit. Bedenket Flanderns Schickſal ſeit zweihundert Jahren, und Ihr werdet mit mir überzeugt ſein, daß die Noth⸗ wendigkeit ſelbſt uns zu dem äußerſten Schritte, den ich wagen will, unwiderruflich geführt habe. Giebt es wohl auf Erden ein Volk, das ſo unaufhörlich hat kämpfen müſſen, um ſeine Freiheit gegen immer erneute Anſchläge zu vertheidigen? Hunderte von Aufſtänden, Feldſchlach⸗ ten, Siege, unſchätzbare Geldopfer, Vernunft, Arbeit, nichts hat geholfen. Wenige Jahre nach der glorreichen Schlacht der goldenen Sporen, obgleich wir dort den ſchöͤnſte Sklave freiung hafte U tigkeite mit Bu weiter, durften ſtand w Reichth wichtige ſagen, ren Un Frankre herrſcht nicht a Knechtſ Art ſeine F mit geſ teten ni 7,3 „daß C wieder liche Kr müthige und Me erlöſen, vorhand Jakob von Artevelde. 63 getäuſcht ſchönſten Sieg davontrugen, waren wir noch tiefer in da nicht Sklaverei verſunken als zuvor. Seit Gent den Be⸗ Denn in freiungsruf über Flandern ausſandte, haben wir rieſen⸗ t und Ihr hafte Unternehmungen vollbracht. Das Glück, die Strei⸗ tigkeiten zwiſchen dem König, die Bundesgenoſſenſchaft r Beſchluß mit Brabant, Alles begünſtigte uns. Wir brachten es antwortete weiter, als unſere Vorfahren je von der Zukunft hoffen eunde ſeid, durften: ein regelmäßiges Heer von ſechszigtauſend Mann kennt, Ihr ſtand wie eine feſte Schutzmauer auf vlämiſchem Boden. ſcchen Rechte Reichthum, Ruhm und Einfluß erhoben uns zu einem lle Gewalt wichtigen Volke. Und dennoch, wer von Euch wagt zu der ich ſo ſagen, daß wir jetzt einen Schritt weiter zu unſerer wah⸗ te und ihm ren Unabhängigkeit gefördert ſind, als in jener Zeit, wo e, ich habe Frankreich durch unſere Grafen gebieteriſch über uns gens anzu⸗ herrſchte? Wer von Euch wagt zu behaupten, daß wir ‚Untergang nicht augenſcheinlich und unvermeidlich in eine neue eheilig und Knechtſchaft gerathen werden?“ ſſen für die Artevelde ſchwieg einen Augenblick und betrachtete bhängigkeit. ſeine Freunde mit fragenden Blicken. Sie ſaßen aber dert Jahren, mit geſenktem Haupte auf ihren Pferden und antwor⸗ 6 die Noth⸗ teten nicht. itte, den ich„„Ich weiß wohl,“ fuhr der Oberhauptmann fort, iebt es wohl„daß Euch die Ketten vor Augen ſchweben, die Flandern hat kämpfen wieder feſſeln werden. Nun denn! wenn ſo viele erſtaun⸗ ite Anſchläge liche Kraftäußerungen, wenn zweihundert Jahre helden⸗ Feldſchlach⸗ müthigen Blutvergießens, wenn Siege, Standhaftigkeit 1 ift, Arbeit, und Macht nicht hinreichen, ein freigeborenes Volk zu r glorreichen erlöſen, ſo muß außerhalb dieſes Volkes eine Urſache vir dort den vorhanden ſein, welche die Macht hat, ſeine Bemühun⸗ 64 Jakob von Artevelde. gen ewig zu vereiteln und nutzlos zu machen. Dieſe Ur⸗ ſache liegt in der Unterwerfung unſerer Fürſten unter Frankreichs Willen. Ihre Unterthänigkeit iſt das Band, das durch unſere Geſchichte hindurch wie eine unzerbrech⸗ liche Sklavenkette gewebt iſt;— denn was hilft es uns, zu kämpfen und uns frei zu ringen, wenn unſer eigener Graf als Unterthan und Diener unſerer Feinde ſich im⸗ mer bemüht, uns zu ihrem Vortheile anzugreifen und uns zu rauben, was wir gewonnen haben? Verkennt doch nicht, was dreihundert Jahre ſchmerzlicher Erfah⸗ rung uns lehrten! Wenn unſere Fürſten die Sklaven Frankreichs bleiben, wie ſie es jetzt ſind, ſo möge Flan⸗ dern in Zukunft verſuchen, was es wolle, möge ſiegen und ſich auf den Gipfel des Ruhmes und der Macht chwingen, immer wird es entkräftet wieder zurückfallen in dieſelbe Dienſtbarkeit. Es möge hundert Mal von Neuem wähnen, ſeine Bande zu zerreißen, ein Band bleibt doch außer ſeinem Bereiche, und aus dieſem einzi⸗ gen müſſen immer alle anderen wieder entſtehen. Iſt das nicht unwiderleglich? Was waren die hennegauiſchen Baudewyns? Was Ferrand, Gwyde, Robrecht? Was iſt unſer gegenwärtiger Graf Ludwig? Was wird ſein Nachfolger ſein? Unterthanen Frankreichs! Lehensleute des Fremdlings! Gehorſame Diener des franzöſiſchen Thrones! Was nützt es uns alſo, unſer Blut, unſern Geiſt, unſer Leben zu vergeuden, um einem unmöglichen Ziele nachzujagen? Nichts! Frankreich hat mit außer⸗ ordentlich kluger Politik den vlämiſchen Leu an eine Kette gebunden, die außen von Silber zu ſein ſcheint und in⸗ wendig kes Be der Löß aber in Knechtt daß de gegen genug Halsba nicht z1 denjeni durch jauchze Dann feſt an Stricke daß er Untern trachten leiden, und m zureiße lichen? Als vo von TW Recht in das die ho Boden Jakob dieſe Ur⸗ en unter s Band, zerbrech⸗ tes uns, er eigener ſich im⸗ eifen und Verkennt er Erfah⸗ Sklaven öͤge Flan⸗ öge ſiegen der Macht nrückfallen Mal von ein Band eſem einzi⸗ tehen. Iſt negauiſchen icht? Was 3 wird ſein Lehensleute ranzöſiſchen lut, unſern mmöglichen mit außer⸗ n eine Kette int und in⸗ Jakob von Artevelde. 65 wendig von Stahl iſt; eine Kette, die durch des Vol⸗ kes Beſtrebungen ſo weit ausgedehnt werden kann, daß der Löwe ſich frei und unüberwindlich wähnt, die ſich aber immer wieder zuſammenzieht zu einem Bande der Knechtſchaft und Machtloſigkeit. Glaubt Ihr vielleicht, daß der vlämiſche Heldenſtamm ſich eigne, unaufhörlich gegen den ſüdlichen Rieſen zu kämpfen, und ſtets Kraft genug haben werde, ſiegreich aufzuſtehen, wenn das Halsband ihn zu erwürgen droht? O, Freunde! hofft nicht zu viel von einem Volke! Es kommen Zeiten, gleich denjenigen, die wir erleben, wo der muthigſte Mann, durch Zwieſpalt und Anarchie gelähmt, niederſinkt und jauchzend die Sklaverei als eine Erlöſung annimmt. Dann geſchieht es, daß ſeine Feinde die Schellen ſo feſt an ſeine Füße ſchmieden und ihn ſo ſehr mit den Stricken moraliſcher und wirklicher Knechtſchaft knebeln, daß er die Begier nach Freiheit ſelbſt verliert und die Unterwerfung unter den Fremdling als eine Tugend be⸗ trachtet. Dieſes Schickſal wird Flandern unfehlbar er⸗ leiden, wenn uns der Muth fehlt, uns durch Kühnheit und männlichen Willen für immer von Frankreich los⸗ zureißen.— Betrachtet den Zuſtand und ſeine mög⸗ lichen Folgen noch von einem anderen Geſichtspunkte aus. Als vor einigen Jahren unſer Fürſt auf Befehl Philipps von Valois die engliſchen Kaufleute in Flandern ohne Recht und Grund angriff, da verſanken unſere Gewerbe in das äußerſte Elend; eine lange Hungersnoth ſchlug die hoffnungsloſen Zunftgenoſſen wie eine Geißel zu Boden; eine anſehnliche Zahl unſerer beſten und mu⸗ Jakob von Artevelde. VI. 5 66 thigſten Arbeiter verließ das Vaterland und kehrte nicht wieder; die Meiſten ſuchten einen Schutzort und Brod in England. Dieſe Auswanderung entging zuerſt unſe⸗ rer Aufmerkſamkeit, und doch konnte Flandern kein grö⸗ ßeres Unglück widerfahren. Unſere vertriebenen Brüder lehrten andern Nationen unſere Art, das Tuch zu be⸗ reiten; durch ihr Vorbild weckten ſie die Luſt zur Arbeit in ihnen und theilten ihnen die Früchte der Erfahrung von Jahrhunderten mit. In England wohnt auch ein vernünftiger und fleißiger Volksſtamm; dieſer hat die vlämiſchen Auswanderer jauchzend in ſeinem Schooße aufgenommen und mit Wohlthaten überſchüttet; Web⸗ ſtühle entſtehen jetzt zu Hunderten in England; binnen wenigen Jahren wird das engliſche Tuch gleichfalls auf dem Feſtlande von Europa erſcheinen, und wer ſagt uns, daß Flandern der ſiegreiche Boden des Gewerbfleißes bleiben wird, wenn wir die Augen vor ſo offenbarem Unrecht ſchließen? In Frankreich bemüht man ſich, un⸗ ſere Tücher durch eigene Erzeugniſſe zu erſetzen. In ſol⸗ chen Verhältniſſen müſſen wir die Volksarbeit Flanderns ſchützen vor der geringſten Schwächung und Verkürzung, oder Alles iſt verloren. Hungersnoth, Peſt und Seu⸗ chen würden bald weggerafft haben, was der Gewerb⸗ fleiß ſich weigert zu ernähren.— Nun denn! was wird geſchehen, wenn die Vläminger die Gefahr nicht ab⸗ wenden durch eine äußerſte, aber nothwendige That? Es iſt uns unmöglich, noch länger unſere Freiheit gegen Frankreich, gegen den Grafen, gegen die Leliaerds zu vertheidigen, und vor Allem gegen die inneren Zwiſtig⸗ Jakob von Artevelde. keiten, Jeder f Feinde nachgebe rückkehre land zerr ſtand zu uns und ſtehen. daß die? vlämiſche rufen; T Lebewohl Willkür Flandern ohne Unc Sklavenſt ner ander terſprache, ſeine Verſ Und dies Ich ſollte die Sonne erhalten, ſ Mögt Ihr man meine lichen Ende zu retten ſi ner Bruſt rte nicht d Brod ſt unſe⸗ ein grö⸗ Brüder zu be⸗ Arbeit fahrung auch ein hat die Schooße Web⸗ binnen ills auf gt uns, bfleißes nbarem ch, un⸗ In ſol⸗ inderns ürzung, d Seu⸗ hewerb⸗ s wird cht ab⸗ That? t gegen erds zu wiſtig⸗ — Jakob von Artevelde. 67 keiten, die überall das Anſehen der Obrigkeit zerſtören. Jeder fühlt das; Jeder iſt davon überzeugt, unſere Feinde ſowohl, wie wir ſelbſt. Wir müſſen demgemäß nachgeben und unter Frankreichs drückenden Einfluß zu⸗ rückkehren. Unſer Graf wird das Bündniß mit Eng⸗ land zerreißen und uns zwingen, Eduard's Feinden Bei⸗ ſtand zu leiſten. Das Verbot der Wolleneinfuhr wird uns unmittelbar treffen; alle Webſtühle werden ſtill ſtehen. Die anderen Nationen, die jetzt gelernt haben, daß die Tuchbereitung kein unbewegliches Eigenthum des vlämiſchen Bodens iſt, werden unſere Arbeiter zu ſich rufen; Tauſende ziehen fort und ſagen einem Boden Lebewohl, wo die Arbeit keinen Schutz findet gegen Willkür und fremde Gewalt. Ach! was wird dann aus Flandern geworden ſein! Ein Land ohne Volksfreiheit, ohne Unabhängigkeit, ohne Gewerbfleiß! Ein elender Sklavenſtamm, der mit aufgehobenen Armen fleht, ei⸗ ner andern Nation einverleibt zu werden; der ſeine Mut⸗ terſprache, ſeine Sitten, ſeinen Urſprung verleugnet, um ſeine Verſchmelzung mit anderen Völkern zu beeilen.... Und dies ſollte die Zukunft meines Vaterlandes ſein? Ich ſollte dieſe ſchreckliche Nacht ſich nähern ſehen und die Sonne der Freiheit nicht mit Gewalt am Himmel erhalten, ſo lange es in meiner Macht ſteht? Nein, nein! Mögt Ihr ſagen, was Ihr wollt, lieben Freunde! Möge man meinen Namen verfluchen und mir mit einem ſchreck⸗ lichen Ende drohen, ich werde unſer theures Flandern zu retten ſuchen, ſo lange noch ein Lebensfunke in mei⸗ ner Bruſt glimmt.— Ich ziehe meinen Antrag nicht 5* * Jakob von Artevelde. 68 zurück und will nach Gent gehen, um einen entſcheiden⸗ den Verſuch zu machen. Mein Gewiſſen ſagt mir, daß ich es thun müſſe, und ich werde es thun..... 43 Die mächtigen Gründe des Oberhauptmanns hatten einen tiefen Eindruck auf ſeine Freunde ausgeübt. Eine große Veränderung ſchien in dem Gemüthe Ghelnoot's van Lens vorgegangen zu ſein. Er betrachtete ſeit eini⸗ ger Zeit den redenden Artevelde mit Augen, die vor Bewunderung ſtrahlten. Ein heiteres Lachen des Mu⸗ thes und der Freude ſchwebte auf ſeinem Antlitz. Sich auf ſeinem Roſſe dem Oberhauptmann nähernd, ergriff er deſſen Hand gerührt und ſagte: „Wahrlich, Ihr habt Recht, Mher Jakob! Nicht weichen, nicht zurückgehen! Flandern retten oder ſterben! Das iſt wenigſtens eine Sprache, die unſerer würdig iſt; ſie ſchwellt uns das Herz an und erinnert uns, daß wir Vläminger ſind. Da unſer Blut dem Vaterlande ge⸗ hört, ſo fließe es im Fall der Noth auch bis auf den letzten Tropfen! Nein! Ihr ſollt Euern Antrag nicht aufgeben.“ Der Oberſchöffe ſchüttelte das Haupt in trüber Ver⸗ zweiflung und ſagte: „Ach, Freund Jakob! ich bekenne es Euch, Eure Gründe ſind unwiderleglich. Alles, was Ihr ſagt, iſt die vollſte Wahrheit. Aber ſeid Ihr verpflichtet, Eure eigene Erhaltung ganz aus den Augen zu laſſen, ſo lange es noch andere Mittel giebt, Euer Ziel zu erreichen? Ge⸗ ſtattet Eure unbegreiflich tiefe Vaterlandsliebe Euch nicht, Euer L führun Freund Artevel fluß ſin nothwe wohl ſe erliegt läßt? als ein Blutver ſoll die von de Freund Flander Auf Er ſem hei 2 Oberſch geſſe! der Vo die Zuſ Pläne die men dieſen 2 daß die Wochen Nachthe Jakob von Artevelde. tſcheiden⸗ Euer Vorhaben aufzugeben, ſo verſchiebt doch die Aus⸗ mir, daß führung auf eine günſtigere Zeit.“ .7„Warten? Warten? Nein! das darf nicht ſein, ns hatten Freunde!“ antwortete der Oberhauptmann.„Jakob von ibt. Eine Artevelde's Zeit geht zu Ende; ſein Name und ſein Ein⸗ helnoot's fluß ſind abgenutzt. Er weiß, daß ſeine Laufbahn ſich“ ſeit eini⸗ nothwendig ſchließen muß. Soll er nun der Macht Lebe⸗ „die vor wohl ſagen, wie ein entkräfteter Arbeiter, der ſeiner Laſt des Mu⸗ erliegt und ſie zerſchmettert von ſeiner Schulter fallen litz. Sich läßt? Soll mein Beſtreben Nichts hervorgebracht haben, d, ergriff als ein vorübergehendes Gedeihen und viel nutzloſes Blutvergießen? Nein! mein letzter Gruß an Flandern bI Nicht ſoll die Zuſicherung von des Landes künftiger Größe, 1 ſterben! von des Landes unvertilgbarer Unabhängigkeit ſein. Freund Vaernewyck! Ihr wißt es, ich habe geſchworen, Flanderns Ruhm und Freiheit Alles, Alles aufzuopfern. Auf Erden kenne ich nur eine Macht, die mich von die⸗ ſem heiligen Eide entbinden könne: der Tod!“ „Wir haben es zuſammen geſchworen,“ ſagte der 4 Oberſchöffe.„Es gefalle Gott nicht, daß ich es je ver⸗ geſſe! Aber die Kraft des Gemüthes iſt keine Feindin bürdig iſt; ,daß wir klande ge⸗ 3 auf den trag nicht über Ver⸗ der Vorſicht. Wer ſagt uns, daß binnen einem Monate die Zuſtände nicht günſtiger für die Ausführung unſerer b uch, Eure Pläne geworden ſeien? Straft das Schickſal nicht oft r ſagt, iſt die menſchliche Erwartung Lügen? Nun denn! laßt uns gtet, Eure dieſen Monat Zeit zu gewinnen ſuchen. Ich glaube nicht, /, ſo lange daß die Abſetzung des Fürſten ſo dringend ſei, daß einige ichen? Ge⸗ Wochen Aufſchub und Ueberlegung unwiederbringlichen Euch nicht, Nachtheil verurſachen könnten.“ 3 70 Jakob von Artevelde. „Es ſind wenige Gründe nöthig, Freund Vaerne⸗ wyck, um Euch auf andere Anſichten zu bringen,“ ant⸗ wortete der Oberhauptmann.„Was hindert Philipp von Valois, der in Atrecht(Arras) mit ſeinem Heere liegt, in unſer Land einzufallen? Was hindert ferner das zerſtörende Ungewitter des Aufruhrs, in Flandern loszubrechen? Allein die Gegenwart König Eduard's zu Sluis. Deſſen ſeid Ihr gewiß mit mir überzeugt. So⸗ bald daher das engliſche Heer ſich von unſeren Küſten entfernte, würden unſere äußeren wie unſere inneren Feinde augenblicklich aufſtehen und durch eine einzige Kraftäußerung unſer Vaterland in die Sklaverei zurück⸗ ſtürzen, aus der wir es gerettet zu haben glauben. Je⸗ der, und Ihr, meine Freunde, ſowohl als ich, hat die Ueberzeugung, daß Flandern ſich ſelbſt nicht mehr retten kann, weil das Volk nicht mehr ſeinen Willen dem Wil⸗ len ſeiner Regierung unterwirft. Was ich bin, werde ich allein durch die Wahl meiner Landesgenoſſen; meine Macht gehört mir nicht; ſie vergeht, ſobald das öffent⸗ liche Vertrauen, aus dem ſie entſproß, angegriffen oder geſchwächt wird. Ich erfahre das Schickſal aller Volks⸗ anführer; meine Befehle verwunden und erniedrigen, weil der Menſch nur zu gewiſſen Zeiten, und dann auch nicht lange, ſich von ſeinem eigenen Werke beherrſchen läßt. Was Flandern haben muß, iſt ein Fürſt, deſſen Recht zu gebieten aus einer höheren Quelle entſpringt, und dem man gehorcht, nicht als einem beſonderen Men⸗ ſchen, ſondern als einem Princip natürlicher Obrigkeit. Die Sklaverei mit Ludwig von Nevers zurückzurufen und das iſ von T Freun an, di Flande des K ausger zu her Meine teiung, allen C Flande Englan einflöß es als von K augenb hebe u bis wir Fremdl ſein Ge men w Alles er in der? genblick unſerem würden wachen. Vaerne⸗ 41— „“ ant⸗ Philipp n Heere tt ferner FKlandern ard's zu gt. So⸗ Küſten inneren einzige zurück⸗ hen. Je⸗ hat die or retten m Wil⸗ verde ich meine öffent⸗ fen oder Volks⸗ edrigen, nn auch eerrſchen „deſſen ſpringt, n Men⸗ brigkeit. zurufen Jakob von Artevelde. 71 und uns den Feinden der Volksfreiheit unterwerfen, das iſt unmöglich. Nehmen wir daher mit dem Prinzen von Wales die Unabhängigkeit unſeres Landes und die Freundſchaft einer mächtigen freiheitsliebenden Nation an, die uns ſtammverwandt iſt und dieſelbe Bahn, wie Flandern, durchwandeln muß. Sobald wir den Sohn des Köͤnigs von England in allen Städten als Grafen ausgerufen haben, wird er auch bald die nöthige Macht zu herrſchen finden. Eine ſtarke Einigkeit wird ſich bilden. Meine Erhebung, die Urſache des Neides und der Par⸗ teiung, verletzt Niemanden mehr, da ich alle Würde und allen Einfluß in die Hände des Fürſten niederlegen werde. Flandern wird ſich mit neuer Kraft erheben und, von England unterſtützt, Allen denen Ehrfurcht und Achtung einflößen, welche im Süden ſeinen Fall abwarten, um es als eine lange belauerte Beute zu zerreißen. Die erſte von König Eduard einzugehende Bedingung iſt, daß er augenblicklich den Waffenſtillſtand mit Frankreich auf⸗ hebe und ohne Raſt mit uns unter den Waffen bleibe, bis wir unſere Städte, Ryſſel, Douai und Orchies, dem Fremdling entriſſen haben. Flanderns Heil, ſein Ruhm, ſein Gedeihen gebieten uns, nicht zu zögern; denn neh⸗ men wir zum Aufſchub unſere Zuflucht, ſo kann uns Alles entgehen. Die geringſte Niederlage der Engländer in der Bretagne würde den König Eduard zwingen, au⸗ genblicklich mit ſeiner Flotte in See zu ſtechen und uns unſerem Schickſale zu überlaſſen. Am nächſten Tage würden wir erſchreckt in Sklaverei und Dienſtbarkeit er⸗ wachen. Jeder Tag kann uns daher die Ketten der Un⸗ 72 Jakob von Artevelde. terwerfung und die Geißel der Volksarmuth bringen. Es wäre nicht allein eine Unvorſichtigkeit, ſondern ſogar eine Miſſethat, wenn man nicht weiß, welcher Tag den Untergang von Flandern beſcheinen kann..... Nun denn, Freunde! ſeid Ihr noch der Meinung, daß ich mei⸗ nen Anſchlag aufgeben müſſe?“ Anfangs antwortete Niemand auf dieſe Frage. Der Oberſchöffe hielt ſeinen Blick unbeweglich auf die Mähne ſeines Pferdes gerichtet und ſchien in tiefes Nachdenken verſunken. Nach einem Augenblicke ſeufzte Pieter Zoetaerde: „Das alte vlämiſche Grafenblut verſtoßen und ver⸗— laſſen, um einen fremden Fürſten auf den Thron zu heben? Das iſt ein Gedanke, bei dem ſich mein Ge⸗ wiſſen wider meinen Willen gegen die trübe Nothwen⸗ digkeit empört.“ „In der That!“ bemerkte Artevelde,„dieſer Ge⸗ danke würde veranlaſſen, daß man meinen Vorſchlag einſtimmig abwieſe. Ich weiß, welche Neigung die Vlä⸗ minger mit den Nachkommen der alten Grafen, den Vätern und Schützern unſerer Freiheit verbindet. Aber fließt nicht eben ſoviel von dieſem edlen Blute durch die Adern des Prinzen von Wales, wie durch die Ludwig's von Nevers? Iſt er nicht der Sohn Philippinens von Hennegau, der Nachkomme unſerer Gräfin Margaretha von Konſtantinopel? Ja, das alte vlämiſche Für⸗ ſtenblut füllt auch ſein Herz, und was ihn in meinen Augen erhöht, dieſes Blut iſt nicht durch den ver⸗ derblichen Einfluß des franzöſtſchen Hofes ausgeartet. Kanntet Zoetaer Pie manns zu ſein. der Obe und ſag „ I Waͤ ten, hol „W derniß fi erreicht e ben, iſt, Oberhau zuſetzen, wir müf machen, Seht, w kommen, nach alle ſich Dien Bericht d zu Brügg worfenen richte ein können, ſetzlichkeit und iſt e bringen. ern ſogar Tag den Nun ich mei⸗ ige. Der e Mähne achdenken raerde: und ver⸗ hron zu ein Ge⸗ tothwen⸗ eſer Ge⸗ Borſchlag die Vlä⸗ en, den t. Aber durch die eudwig's ens von garetha he Für⸗ meinen een ver⸗ ggeartet. — Vʒ—;——ſ9 Jakob von Artevelde. 73 Kanntet Ihr ſeine vlämiſche Abkunft nicht, Mher Zoetaerde?“ Pieter Zoetaerde ſchien ganz durch des Oberhaupt⸗ manns letzte Worte aus ſeinem Trübſinne herausgeriſſen zu ſein. Er wollte etwas antworten. Aber jetzt erhob der Oberſchöffe plötzlich mit heiterem Antlitz das Haupt und ſagte: „Ich glaube, daß ich ein Mittel gefunden habe.“ Während ſeine Freunde ihn mit Neugier betrachte⸗ ten, hob er an: „Wer auf ſeinem Wege ein unüberſteigliches Hin⸗ derniß findet, der ſucht ſeitwärts vorbeizukommen und erreicht eben ſo gut ſein Ziel. Was wir zu fürchten ha⸗ ben, iſt, daß man in Gent ausbreiten werde, daß der Oberhauptmann zurückkehrt, um ſeinen Antrag durch⸗ zuſetzen, trotz der Abſtimmung von geſtern. Nun denn! wir müſſen dem Feinde zuvorkommen und ihn glauben machen, daß man ſeinen Sieg nicht angreifen wolle. Seht, was wir thun können! Sobald wir in Gent an⸗ kommen, laſſe ich unmittelbar die Stadttrompeter ſich nach allen Vierteln begeben, um zu verkünden, daß man ſich Dienſtag um neun Uhr verſammeln ſolle, um den Bericht des Oberhauptmanns über die Verſammlungen zu Brügge und zu Ypern hinſichtlich des zu Gent ver⸗ worfenen Antrages zu vernehmen. Ich werde dem Be⸗ richte eine Form geben, an der man nicht ſoll merken können, daß der Oberhauptmann Willens ſei, die Ge⸗ ſetzlichkeit des geſtern gefaßten Beſchluſſes anzugreifen, und iſt es nöthig, ſo wende ich andere Mittel an, um Jakob von Artevelde. die Leligerds und Eure Feinde glauben zu machen, daß man den Vorſchlag der Abſetzung ganz aufgegeben habe. Ueberlaßt mir das und haltet unſere Abſichten geheim. Auf dieſe Weiſe hat Mher Artevelde nichts zu fürchten, ehe er ſich vor der Gemeine erklärt hat. Wir werden in⸗ zwiſchen noch andere Maßregeln der Sicherheit treffen. Stimmt Ihr damit überein, Oberhauptmann? Werdet Ihr aller Erklärung aus dem Wege gehen bis zum Tage der Verſammlung?“ „Das Mittel iſt gering,“ antwortete Artevelde; „aber wenn Ihr meint, Freund Maes, daß dadurch der gute Erfolg unſeres Strebens weſentlich erleichtert werde, ſo habe ich nichts dagegen und will Euern Rath be⸗ folgen.“ „Das iſt genug! Laßt mich nur gewähren!“ er⸗ wiederte der Oberſchöffe.„Heute noch ſoll ſich die Er⸗ bitterung gegen den Oberhauptmann in Gent gelegt haben. Wir wollen heute Abend mit unſeren vertrau⸗ teſten Freunden in Mher Jakob's Hauſe zuſammenkom⸗ men und berathen, was noch geſchehen könne..... Hier ſind wir bei Wandelghem. Es wäre unvorſichtig, die engliſche Reiterei noch weiter mit uns zu nehmen. Die Genter Bürger könnten aus der Annäherung dieſer fremden Schaar Argwohn ſchöpfen. Oberhauptmann! wollt Ihr ſie nicht verabſchieden?“ „Sie wiſſen, daß ich ſie hier verlaſſen muß,“ ant⸗ wortete Artevelde.„Ich will dem Obriſten für ſeine gute Begleitung danken. Reitet Ihr nach dem goldenen Lö⸗ wen! Dort wird Lord Sturin übernachten.“ V 1 Art begleitet vor der fen nach Arteveld ließ und Begleitu Als bereits ſ Natur n Thürme Gürtel: und gläu Gruße de Gleic Getrappe auf die S Oberhauß mit Vern Straßen Zunſtgeſe worte und ten ſogar, zu Dreien tung Arte Dieſer Mitleid ar an ſeine: und Pieten ſchen, daß eben habe. n geheim.. i fürchten, verden in⸗ eit treffen. 2 Werdet zum Tage Artevelde; adurch der tert werde, Rath be⸗ ren!“ er⸗ ch die Er⸗ ent gelegt nvertrau⸗ nmenkom⸗ une..... worſichtig, nnehmen. ung dieſer uptmann! uß,“ ant⸗ ſeine gute denen Lö⸗ 1 Artevelde wartete, bis der engliſche Ritter kam, und begleitete ihn bis in das Dorf, wo er ſeine Freunde ſchon vor der Herberge fand. Die Reiter ſtiegen ab und rie⸗ fen nach Erfriſchungen für ſich und ihre Pferde, während Artevelde mit herzlichem Händedruck den Obriſten ver⸗ ließ und dann raſch mit ſeinen drei Genoſſen und ihrer Begleitung in Gent einritt. Als ſie ſich der Stadt näherten, ſtand die Sonne bereits ſehr tief am Horizonte. Der Abend umhüllte die Natur mit dem goldenen Nebelſchleier; die Mauern und Thürme von Gent ſchienen von Weitem ein purpurner Gürtel mit goldenen Edelſteinen zu ſein: Alles funkelte und glänzte in ſtiller prächtiger Ruhe bei dem letzten Gruße des ſinkenden Tageslichts..... Gleich darauf ritten ſie durch das Muidethor. Das Getrappel der Pferde rief die Bürger aus ihren Häuſern auf die Straße; Jeder ſchien erſtaunt bei dem Anblick des Oberhauptmanns; die Meiſten betrachteten ihn jedoch nur mit Verwunderung oder Neugier. In den volkreicheren Straßen dagegen, im Inneren von Gent, ſtießen ſie auf Zunſtgeſellen, welche mit großer Unverſchämtheit Schimpf⸗ worte und höhnende Vorwürfe hören ließen. Einige ſteck⸗ ten ſogar, als Zeichen von blutigem Spott, ihre Köpfe zu Dreien unter eine Kappe und ſchrien in ſolcher Hal⸗ tung Artevelde Drohungen zu. Dieſer ſetzte, mit einem merklichen Ausdrucke von Mitleid auf dem Geſichte, ruhig ſeinen Weg fort, bis an ſeine Wohnung, wo Ser Maes van Vaernewyck und Pieter Zoetaerde ihn verließen, um ſich nach dem Jakob von Artcvelde. 75 ——— 76 Jakob von Artevelde. Schöffenhauſe zu begeben. Ghelnoot van Lens ſprach noch eine Weile mit ihm, um ihm zu beweiſen, daß die Knappen von Sanct Jan gerufen werden müßten, wor⸗ auf er ſich ebenfalls entfernte, um den Oberſten der Wache zu benachrichtigen, ſein Pferd fortzubringen und ſeine Reiſekleider abzulegen. Der Oberhauptmann lenkte in den Paddenhoek ein, wo Frau Artevelde, Veerle und der kleine Philipp ihn an der Hinterthüre erwarteten. Mit ängſtlicher Freude wurde er von ſeiner Gemahlin und ſeiner Tochter em⸗ pfangen. Er hob ſeinen fünfjährigen Sohn vom Boden auf und trug das jauchzende Kind unter zärtlichen Um⸗ armungen hinein................... In Sanct Pietersdorf, nach der Klauſe von Sanct Quinten zu, ſtand ein kleines Haus, welches die arme Wittwe eines Walkmüllers bewohnte. Hier ſaß in ei⸗ nem Kämmerchen unter dem Dache ein Jungling, wel⸗ cher mit tiefgeſenktem Haupt auf den Boden blickte. Seine Kleider, obwohl von früherer Pracht zeugend, waren unanſehnlich und verſchoſſen, hier und da ſogar mit einem großen Flecken beſetzt. Sein Geſicht, durch den ſchwachen Schein einer thönernen Lampe erleuchtet, zeigte die äußerſte Magerkeit und trug die unverkenn⸗ baren Spuren eines verzehrenden Seelenſchmerzes. Wäh⸗ rend tiefe Falten ein peinliches Lächeln rings um ſeinen Mund zeichneten, glühten ſeine Augen in ihren tiefen Hoͤhlen ten mach Gerippe chen in Der tung ſit leiſeſte ein fiel Hände das und heiſerer „” könnteſt ſammen das He nen Me Miſſeth nen, da ließ.. fräulich mer un Der T ſudelt Du der Deines des M Es wi Tod be lieben! s ſprach daß die en, wor⸗ erſten der ngen und thoek ein, jilipp ihn eer Freude ſchter em- om Boden ichen Um⸗ von Sanct s die arme ſaß in ei⸗ ling, wel⸗ blickte. cht zeugend, ad da ſogar ſicht, durch e erleuchtet, unverkenn⸗ erzes. Wäh⸗ s um ſeinen ihren tiefen Jakob von Artevelde. 77 Höhlen wie von wahnſinnigem Feuer; die Hände ruh⸗ ten machtlos und ſchlaff auf den Knien; ſie ſchienen einem Gerippe zu gehören, ſo deutlich konnte man jeden Kno⸗ chen in ihnen ſehen. Der kranke Jüngling blieb lange in derſelben Hal⸗ tung ſitzen, ohne daß die mindeſte Bewegung oder der leiſeſte Seufzer Leben an ihm verrieth. Endlich durchlief ein fieberhaftes Zittern ſeine Glieder; er drückte beide Hände an die Stirn, als wolle er ein Feuer erſticken, das unter ſeinem Schädel brannte. Dann ſagte er mit heiſerer Stimme: „Vater, Vater! könnteſt Du ſehen, was ich leide! könnteſt Du fühlen, was mein Inneres krampfhaft zu⸗ ſammenſchnürt und wie der Wurm der Verzweiflung mir das Herz Faſer für Faſer zernagt! O, möge Gott mei⸗ nen Märtyrertod in der Waage des Gerichtes für Deine Miſſethaten aufwiegen laſſen! Ich würde ihn noch ſeg— nen, daß er mich dieſen ekelhaften vergifteten Kelch leeren ließ...... Veerle, Veerle! Du gabſt mir Dein jung⸗ fräuliches Leben...... Ich habe es zerſtört, mit Jam— mer und Unglück durchwebt! Belohnung Deiner Liebe!... Der Traualtar? Man nähert ſich ihm nicht. Blut be⸗ ſudelt die Flur des Tempels.— Fort! fort! Empfängſt Du den feierlichen Segen, die Füße im rauchenden Blute Deines Vaters? Schenkſt Du Deine Hand dem Sohne des Mörders? Ach! das Grab öffnet ſeinen Schlund! Es wird Henker und Schlachtopfer verſchlingen! Der Tod bereitet das ewige Hochzeitbette...... Jung ſein! lieben! geliebt werden! den Schandflecken ſeiner Geburt ———— 78 Jakob von Artevelde. wie ein Brandmal der Hölle auf ſeiner Seele fühlen! ſeinen Vater verdammt wiſſen..... Ach! ach! wie lebt lichkeit zurück. Er blieb noch lange ſo in gräßliche Träume verſun⸗ ken, bis Glockengeläute ſein Ohr berührte. Nun ſtand er langſam auf, ging an das Fenſter und legte das Ant⸗ litz an die Scheiben, um hinausz ſehen. Gleich darauf wandte er ſich um und ſagte, indem er einen Dolch vom Bette nahm und ihn an ſeinen Gür⸗ tel befeſtigte: „Es iſt dunkel,..... die Straßen ſind einſam und ſtilt.... Der Nachtrabe kann ſein Verſteck verlaſſen... herumſtreifen, neues Futter ſuchen für meine bitteren Schmerzen..... Ihren Fußtritten folgen, kämpfen mit ſchmerzlichen Erinnerungen, Thränen vergießen auf einem theuren Grabe, und ohnmächtig werden, den Blick auf das Haus gerichtet, wo meine Wiege ſtand,...... wo mein Vater...... O, könnte ich dort ſterben, ſo nahe bei meiner Mutter!“ Er ſchwieg eine Weile und ſchien in Bewußtloſigkeit zu verfallen; plöͤtzlich aber, wie Jemand, der aufwacht, den Kopf erhebend, gab er ſeinem Geſichte einen ganz gleichgültigen Ausdruck und verließ die Kammer. Als er unten angekommen war, grüßte er im Vor⸗ beigehen eine alte Frau, welche in einem Winkel bei dem Heerde v öffnen, o das Rad „Ihr Oberhauf würde ich Der näherte ſi „Arn nicht, wa vergißt D tief in die hört, wie „Ich denn, da hauptman „Mö „Ihr wi Schatz vor das Land verkaufte? Ein L ſich auf d ein Seufz, „Ach. dung iſt e für Tropf ſind Erfin⸗ „Ihr Jakob von Artevelde. 79 fühlen! Heerde vor einem Spinnrade ſaß. Er wollte die Thür wie lebt öffnen, ohne ein Wort an ſie zu richten; ſie hielt aber 88 das Rad an und ſagte zu ihm: lählig in„Ihr geht aus, Jan? Wißt Ihr die Neuigkeit? Der 4 n wieder Oberhauptmann iſt in der Stadt. An Eurer Stelle 1 inbeweg⸗ würde ich heute Abend zu Hauſe bleiben.“ Der Jüngling ließ den Griff der Thüre los und verſun⸗ näherte ſich der Frau, ſie fragend anſehend. un ſtand„Armer Junge!“ antwortete ſie;„Du weißt auch das Ant⸗ nicht, was geſchieht, und ſagt man Dir auch etwas, ſo vergißt Du es gleich wieder. Du biſt geſtern doch bis e, indem tief in die Nacht ausgeblieben; haſt Du denn nicht ge⸗ nen Gür⸗ hbört, wie man dem Oberhauptmann den Tod ſchwur?“ „Ich habe es gehört,“ ſeufzte er;„aber glaubt Ihr iſam und denn, daß die Mörder es wagen würden, den Ober⸗ fffen..... hauptmann anzutaſten?“ ebitteren„Mörder? Mörder?“ rief die Wittwe verwundert. npfen mit„Ihr wißt alſo nicht, daß der Oberhauptmann den auf einem Schatz von Flandern nach England geſandt hat? daß er Blick auf das Land gegen klingende Münze an König Eduard . wo verkaufte?“ ,ſo nahe Ein Lachen des Mitleidens und der Verachtung zeigte ſich auf dem mageren Antlitz des Jünglings, während ßtloſigkeit ein Seufzer des Unwillens ſeiner Bruſt entſtieg. aufwacht,„Ach!“ rief er verzweiflungsvoll;„die Verleum⸗ inen ganz dung iſt eine ſchreckliche Macht, ein Gift, das ſich Tropfen . für Tropfen ſelbſt in dem reinſten Herzen ſammelt. Es im Vor⸗ ſind Erfindungen des Teufels, arme Frau!“ el bei dem„Ihr glaubt es ſchon wieder nicht?“ fragte die 80 Jakob von Artevelde. Wittwe.„Nun, Gent iſt von einem engliſchen Heere umringt, das der Oberhauptmann mit ſich gebracht hat, um Jeden, der über ſeine Unredlichkeit zu klagen wagt, zu ermorden. Man ſagt, er wolle die Stadt plündern laſſen. Das ſoll unſere Strafe ſein, weil wir das Land, das er ſo treulos verkauft hat, nicht ausliefern wollen.— Aber es ſoll ihm nicht glücken. Mher Geeraert Denys ſoll ihn ſchon daran hindern und uns erlöſen von ſeiner böſen Gewalt!...... Ja, Ihr mögt wohl zittern, Jan! Dunkeln ſo viele Männer heimlich vorüber— hier, wo gewöhnlich um dieſe Stunde keine lebende Seele zu fin⸗ den iſt! Wer weiß, was da draußen vor Sanct Pieters gebraut wird! Nein, geht nicht aus, lieber Junge! Bei einem Auflauf kennt man weder Freund noch Feind. Euch könnte etwas Schlimmes widerfahren.“ Seit die Frau Geeraert Denys Namen ausgeſpro⸗ chen hatte, ſtand der Jüngling mit niedergeſchlagenen Augen vor ihr, zitternd wie ein Miſſethäter, der ſeine Anklage aus dem Munde des Richters hört. Sie ſtand vom Stuhle auf, und ihn mitleidig bei der Hand faſſend, ſagte ſie: „Nun, Janl erſchreckt doch nicht ſo! Die Hütte einer armen Wittwe iſt der ſicherſte Schutzort, wenn es ſtürmt. Hieher kommen ſie nicht; bleibt zu Hauſe! ſetzt Euch zu mir! Wir wollen mit einander ſchwatzen und uns ruhig auf Gott verlaſſen, ſelbſt wenn in dieſer Nacht das Haupt des Tyrannen fiele.”“ D Jüngl. ten, zu por. ſeine? über zu ihr Friede S verlief „ muthi T Sanc der I weiter gen 4 Dunk Heuv inner kamer mitl genw zu Z ler au gen ſi daß Jako hen Heere bracht hat, gen wagt, plündern das Land, wollen.— nert Denys von ſeiner ttern, Jan! ird! Seht chleichen im — hier, wo eele zu fin⸗ net Pieters zunge! Bei noch Feind. ausgeſpro⸗ geſchlagenen r, der ſeine Sie ſtand and faſſend, Hütte einer n es ſtürmt. ſetzt Euch zu d uns ruhig ſt das Haupt Jakob von Artevelde. 81 Dieſe Worte waren nicht geeignet, die Angſt des Jünglings zu ſtillen. Als ob ſie ihn tief getroffen hät⸗ ten, zog er ſeine Hand zurück und richtete ſich ſtolz em⸗ por. Ein drohendes Feuer glänzte in ſeinen Augen und ſeine Zähne ſchloſſen ſich knirſchend. Während die Wittwe über dieſen Ausdruck ſeiner Züge erſtaunte, ſagte er zu ihr: „Habt Dank! Aber ich muß gehen. Verweilt in Frieden!“ Dieſes ſprechend, ſchritt er raſch auf die Thüre zu und verließ das Haus. „Armer Wahnſinniger!“ ſeufzte die Frau, miß⸗ muthig den Kopf ſchüttelnd. Mit raſchen Schritten bog der Jüngling um die Sanct Quintenklauſe und blieb verwundert an der Ecke der Mauer ſtehen. Die tiefſte Stille herrſchte auf der weiten Ebene vor Sanct Pietersabtei, und dennoch zo⸗ gen Hunderte von Menſchenſchatten langſam durch die Dunkelheit und verſchwanden nach der Richtung des Heuvelthores. Aus den beiden Straßen, welche von der inneren Stadt nach dieſer einſamen Vorſtadt führten, kamen unaufhörlich ſchweigende Männer gelaufen, welche mit leiſem Schritte über die Ebene eilten, um ihre Ge⸗ genwart durch kein Geräuſch zu verrathen. Von Zeit zu Zeit gingen auch einige dieſer heimlichen Nachtwand⸗ ler an dem Orte vorbei, wo der Jüngling halb verbor⸗ gen ſie belauſchte. Dann bemerkte er mit ſteigender Angſt, daß Viele Beile, Hämmer oder Schwerter trugen. Es Jakob von Artevelde. VI. 6 82 Zakob von Artevelde. ſchien ihm zugleich, als ob er Brandfackeln in den Hän⸗ den Einiger erkannt habe. Was mochte dieſer finſtere Zug zu bedeuten haben? Beile! Hämmer! Fackeln! Man wollte alſo Blut ver⸗ gießen, zerſtͤren, vertilgen durch Feuer und Schwert! War die Furcht der Wittwe gegründet? Würden Ver⸗ leumdung, Neid und Rachſucht endlich ihr Opfer ver⸗ Es waren abſcheuliche Gedanken, welche den Jüng⸗ ling zittern machten wie ein Schilfrohr, und ihn zwan⸗ gen, die Hand an die Mauer zu legen, um eine Stütze zu finden. Er hielt mittlerweile ſein Auge mit geſpann⸗ ter Aufmerkſamkeit auf die dunkle Ebene gerichtet, um zu erſpähen, was ſich zutrage, und horchte genau, ob kein Geräuſch, keine Stimme ihm deutlich mache, was der Zweck dieſer ſchleichenden Männer ſein möge. In dieſem Augenblicke erſchienen vier oder fünf Per⸗ ſonen am Ende der Frauenſtraße. Die Ebene betretend, näherten ſie ſich allmählig der Mauer der Sanct Quin⸗ tenklauſe und gingen dort, leiſe ſprechend, langſam vor⸗ bei. Der Jüngling zog ploͤtzlich voll Abſcheu den Kopf zurück, bedeckte das Antlitz mit den Händen und ſeufzte mit erſtickter Stimme: „O, Jammer! Mein Vater! Er dabei? Es ſind Mörder! Ich will es wiſſen...... es verhindern...... ihm die ſchnöde Miſſethat noch erſparen! Vielleicht! O, Gott! ſteh' mir bei!“ Mit dieſen Worten verließ er ſeinen Zufluchtsort und wollte ſeinem Vater nacheilen; er ſah jedoch Nichts als vie gingen Jeman er glei hinauf zu hal A auf de Er ha Schoo Mit d ſeine ſpreche barkeit dieſe 6 flamm antriel um ſie Wollte wende Dein Märty D n Hän⸗ haben? zut ver⸗ ſchwert! en Ver⸗ fer ver⸗ Jüng⸗ zwan⸗ Stütze eſpann⸗ tet, um rau, ob he, was inf Per⸗ etretend, Quin⸗ am vor⸗ en Kopf dſeufzte uchtsort h Nichts Jakob von Artevelde. als viele andere ſchweigende Perſonen, die über die Ebene gingen und unter denen es ihm unmöglich geweſen wäre, Jemanden zu unterſcheiden. Dennoch that er, als habe er gleichfalls Urſache, leiſe zu gehen und ſchritt die Ebene hinauf, in der Richtung, welche ſein Vater genommen zu haben ſchien.................... ............................. Artevelde ſaß mit dem Ausdrucke unendlicher Trauer auf dem Antlitze im Hintergemache ſeiner Wohnung. Er hatte ſein fünfjähriges Söhnchen Philipp auf dem Schooße und ſuchte es durch Liebkoſungen zu tröſten. Mit durchdringendem Blicke ſah er ihm in die Augen; ſeine Seele ſchien zu der Seele des bangen Kindes zu ſprechen und es waffnen zu wollen gegen die Undank⸗ barkeit der Menſchen. Das Knäbchen verſtand vielleicht dieſe Sprache...... Oder war es ein Fünkchen auf⸗ flammenden angeborenen Heldenmuthes, welches daſſelbe antrieb, ſeines Vaters Dolch aus der Scheide zu ziehen, um ſich lachend in dem blinkenden Stahle zu ſpiegeln? Wollte es ſagen: Ich werde Dich rächen? Sein Vater, heftig ergriffen, verſtand es ſo und küßte den kleinen Philipp mit ſchmerzlicher Liebe, bei dem Kuſſe murmelnd: „Armes Kind! armes Kind! Ach, ſtill! ſtill! Gott wende dieſe Gedanken von Deinem Geiſte! Vergiß, was Dein Vater war. Dieſe Bahn führt zu dem bitterſten Märtyrertode...... 15 Das Knäbchen lehnte ſich froh an ſeine Bruſt; doch 6 3 84 Jakob von Artevelde. griff es, als ob es von einem geheimen Triebe fortge⸗ zogen würde, gleich wieder nach dem Dolche und fragte, als der Oberhauptmann ſeine Hand abwendete: „Wann werden die Franzoſen nun kommen, Vater? Kann man ihrer viele mit ſolchem Dolche todtſtechen?“ Artevelde legte die Hand auf den Mund des Kindes und ſagte: „Sei ſtill, Philipp! Schweſter Veerle iſt ſo krank.“ Nicht weit davon ſaß die Gemahlin des Oberhaupt⸗ manns. Ihre Augen waren roth und zeugten von bitte⸗ rem Schmerze. Sie hielt ihren Blick mit einem uner⸗ klärlichen Ausdrucke des Stolzes und der Furcht auf Artevelde gerichtet und ſchien tief zu leiden bei dem An⸗ blicke ſeiner ängſtlichen Liebe zu dem Kinde. Auf ihrem Schooße ruhte Veerle's Kopf, welche mit abgewandtem Angeſichte hörbar ſchluchzte. Der Oberhauptmann mußte mit ſeiner Gattin ein langes und rührendes Geſpräch gehabt haben. An der tödtlichen Stille, die jetzt im Gemache herrſchte, merkte man deutlich, daß Alle daſelbſt von tiefem Wehe erfüllt waren und den Brunnen des Troſtes bis auf den Grund erſchöpft hatten. Nach einiger Zeit ward die Frau auf's Neue erſchreckt durch ein Wort des Kindes. Thränen entſtrömten ihren Angen. Zugleich hörte man an der Vorderthüre einige Stimmen, unter denen man die des Oberſchöffen erken⸗ nen konnte. „Jakob, da ſind Deine Freunde!“ ſagte die be⸗ trübte Frau. Ar abſteig nen A ſagte: 2 zerriſſe nicht a patrion Fland wird Und d Vater Du al ſagen: ſinken nicht S als w ſeine wendi Tröſt armen dem Eine genbl fortge⸗ fragte, Vater? teechen?“ Kindes krank.“ erhaupt⸗ on bitte⸗ m uner⸗ rcht auf dem An⸗ uf ihrem wandtem attin ein An der , merkte he erfüllt n Grund erſchreckt ten ihren ire einige en erken— e die be⸗ Jakob von Artevelde. 85 Artevelde ließ das Knäbchen von ſeinem Knie her⸗ abſteigen und ging zu ſeiner Gemahlin. Er ſchlang ſei⸗ nen Arm um ihren Hals, küßte ſie auf die Stirn und ſagte: „Edles Weib! Du leideſt!— Dein Mutterherz wird zerriſſen...... Und doch willſt Du Jakob ſeiner Pflicht nicht abwendig machen. Du giebſt ihm den Muth, ſein patriotiſches Werk auszuführen. Wird unſer theures Flandern von Sklaverei und Verderben gerettet,— ſo wird man ſagen, daß ich dieſes Rieſenwerk ausführte.... Und doch biſt Du es allein, wunderbare Heldin, der das Vaterland ſeine Freiheit zu verdanken haben wird; denn Du allein, Mutter meiner Kinder, hatteſt das Recht zu ſagen: Halte ein! laß das Vaterland in den Abgrund ſinken! rette ein Leben, das Dir nicht gehört! Du haſt das nicht geſagt, ſei geſegnet! Dank, Dank Dir, Cathelyne!“ Seine Gattin ſah ihn mit ſchmerzlichem Lächeln an, als wollte ſie ihm noch mehr Kraft geben, und drückte ſeine Hand, obwohl ihr Mund ſich weigerte, die noth⸗ wendige Zuſtimmung zu beſtätigen. „Cathelyne!“ ſagte der Oberhauptmann,„ vergrö⸗ ßere Deinen Schmerz nicht durch peinliche Betrachtungen. Noch drei Tage trennen uns von dem feierlichen Augen⸗ blicke. Gott kann viele Wunder thun in ſo kurzer Zeit. Tröſte Dich mit dieſem Gedanken; mache ihn unſerer armen Veerle klar. Ich verſichere Dir, mir kann vor dem Tage der Verſammlung nichts Böſes geſchehen. Eine unüberwindliche Angſt macht Dich in dieſem Au⸗ genblicke zittern. Ich weiß es, aber Du haſt Unrecht, 86 Jakob von Artevelde. Cathelyne. Alles iſt ruhig und ſtill in der Stadt. Die Ankündigung, daß ich öffentliche Erklärungen geben wolle, hat die Gemüther beſänftigt. Meine Freunde ſind bereits hinaufgegangen; ſie bringen mir gute Nachrichten. Sei wohlgemuth und ohne Angſt, bis ich wiederkomme.“... Ein vor Eile keuchender Mann jagte in vollem Laufe den Sanct Pietersberg hinab. Der Schweiß ſtrömte von ſeiner Stirne; er ſtreckte die beiden Hände klagend aus, wie Jemand, der ein großes Unglück zu verkünden hat; von Zeit zu Zeit blieb er jedoch plötzlich ſtehen und wandte das Geſicht dem Berge zu, von wo ihm aus der Ferne eine röthliche Gluth, wie ein ſchrecklicher Brand, entgegenſtrahlte. Dann ſetzte er mit ſeltſamem Heulen ſeinen Lauf nach dem Wallthore fort und fiel plöͤtzlich mitten in die Mannen von Sanct Jan hinein, die vor Artevelde's Hauſe Wache hielten. Ohne ſich um die Ge⸗ genwart derſelben zu bekümmern, eilte er nach der Thüre und wollte anpochen. Man riß ihn jedoch gewaltſam von derſelben fort. „Um Gottes Willen hindert mich nicht! Erkennt mich doch, Freunde! Ich bin es, Lieven, Lieven Denys! Ich muß, ich muß den Oberhauptmann ſehen! Raſch! raſch!“ An dem Klange ſeiner Stimme erkannte man ihn, und beeilte ſich, ihm die Thür zu öffnen. Er drang wie der Blitz in das Gemach, wo Frau Artevelde und ihre Tochter noch wie früher ſaßen. — „ Oberl Auger erſchie ihr le retten willſt werde A mann van L zu, n einem t. Die wolle, bereits n. Sei 2.5 n Laufe unte von ad aus, en hat; en und aus der Brand, Heulen plötzlich die vor die Ge⸗ rThüre valtſam unt mich bs! Ich raſch!“ an ihn, ang wie nd ihre — Jakob von Artevelde. 87 „O, fliehet, fliehet!“ ſchrie er.„Da ſind ſie! Der Oberhauptmann! Feuer! Schwert! Mörder!“ Frau Artevelde ſprang erſchreckt auf und nahm ih⸗ ren Knaben in die Arme, den keuchenden Lieven voll Angſt anſchauend, als ob ſie von ſeinem Wahnſinne das angekündigte Unglück erwartete. Veerle ſtand zitternd da und betrachtete mit ſtarren Augen das fleiſchloſe Gerippe, das ſo plötzlich vor ihr erſchien. Sie konnte nicht glauben, daß dieſes Geſpenſt ihr lebender Geliebter ſei, und floh ihn ſchreiend. Aber er, von Geißeln der Angſt getrieben, lief ihr nach, faßte ſie um den Leib und riß ſie mit eiferſüchtiger Gewalt nach der Thüre, während er Frau Artevelde zurief: „Raſch den Oberhauptmann! Er fliehe! er fliehe! O, Freundin!“ ſagte er nun zu Veerle, die ihm heftig Widerſtand leiſtete,„komm, folge mir! Ich will Dich retten, Dich erlöſen. O, Gott! Du weigerſt Dich? Du willſt ſterben? im Blute...... vom Feuer verzehrt werden? Ach! ach!“ Als er dieſen Lärm vernahm, kam der Operhaupt⸗ mann mit ungefähr zehn Freunden herab. Ghelnoot van Lens lief mit drohenden Geberden auf Denjenigen zu, welcher Veerle entführen wollte, und ſchlug ihn mit einem Hiebe zu Boden. „Gott!“ rief er,„es iſt Lieven!“ Der Jüngling mußte ſich ſtark verletzt haben; den⸗ noch ſprang er aber wieder in die Höhe und ſtürzte kniend und mit aufgehobenen Armen vor Artevelde nieder, die⸗ ſem zurufend: 88 Jakob von Artevelde. „O, Mher Jakob! hört mich an, um Gottes Willen! Auf dem Sanct Pietersberge iſt eine gräßliche Verſchwö⸗ rung. Vierhundert Mörder! Sie kommen! Fliehet! Ach, rettet Euer theures Leben!“ Dann wieder mit fieberhafter Eile aufſtehend, lief er nach dem Kamine und ſagte: „Horcht! Hört dort oben in der Luft das Geheul! Es nähert ſich! da ſind ſie!“ Zuerſt hatte die Ueberraſchung faſt Jeden beſtürzt gemacht; jetzt aber, wo die ſchreckliche Wahrheit nicht länger zu verkennen war, begannen ſie mit großer Angſt ſich nach Mitteln umzuſehen, um die Gefahr ſogleich zu beſchwören. Ghelnoot van Lens verließ mit fünf oder ſechs An⸗ deren das Gemach und rief, daß man die Thüren mit Balken verſperren ſolle. Ser van Vaernewyck, Jakob Maſch und Willem van Huſe bemühten ſich, mit Thränen in den Augen, den Oberhauptmann zur Flucht zu bewegen; allein ihr Bitten und ihr Flehen waren vergeblich. Artevelde wies ihren Rath mit kühler Dankbarkeit zurück und antwor⸗ tete ihnen nur mit dem Geſuch, ſie möchten ſeine Gattin und ſeine Kinder in Sicherheit bringen. Die Freunde des Oberhauptmanns, überzeugt, daß er den Platz nicht verlaſſen werde und unwiderruflich be⸗ ſchloſſen habe, zu dem wüthenden Volke zu reden, woll⸗ ten Frau Artevelde und ihre Tochter mit Gewalt aus dem Zimmer führen; aber jetzt geſtaltete ſich ein ſchmerz⸗ liches Schauſpiel der Verzweiflung und der Liebe. Die mahls 1 rend Ve der Har „L fliehe! für ſie! Ein ſtimmer St velde ſe Söhnch Eit Gemachl liche Le Ar welches ſchlug. Frau Al Beſchn mit de die Fr geführ / verzeil A der K Willen! rſchwoͤ⸗ t. Ach, nd, lief Geheul! beſtürzt iit nicht r Angſt Zleich zu chs An⸗ ren mit Willem Augen, llein ihr lde wies antwor⸗ Gattin igt, daß flich be⸗ 7, woll⸗ alt aus ſchmerz⸗ Jakob von Artevelde. 89 Die erſchreckte Frau umfaßte die Kniee ihres Ge⸗ mahls und rief ihm mit durchdringendem Tone zu, wäh⸗ rend Veerle in äußerſter Verzweiflung ſchreiend ihn an der Hand riß: „O, Jakob! Jakob! erbarme Dich meiner! Komm, fliehe! Bedenke Deine Kinder! Ach, Gnade, Gnade für ſie!“ Ein Lärm, wie von hundert wüthenden Menſchen⸗ ſtimmen, hallte aus der Ferne über die Häuſer hin. Stumm und unter entſetzlichen Qualen küßte Arte⸗ velde ſeine Frau, ſeine Tochter und ſein unſchuldiges Söhnchen. Ein abſcheulicher Blutſchein ſchlug von Außen in das Gemach und erleuchtete plötzlich dieſes feierliche und gräß⸗ liche Lebewohl. Artevelde warf einen Blick auf das Fenſter, durch welches der Glanz ſich nähernder Fackeln ihm entgegen⸗ ſchlug. „O, das Unglück! das Unglück! Da ſind ſie!“ ſchrie Frau Artevelde.„Jakob! Jakob!“ Aber der Oberhauptmann entriß ſich den Bitten und Beſchwörungen der Seinen und ging zitternd, die Augen mit den Händen bedeckt, in die Kammer zurück, während die Frauen und ſein Sohn bereits über den Gang fort⸗ geführt wurden. „Cathelyne! Veerle! Philipp! mein Kind! Ach! verzeiht mir! verzeiht mir!“ Wie zerſchmettert blieb der Oberhauptmann in der Kammer ſtehen, bis ein furchtbares Mordgeſchrei —————— 90 vor ſeiner Wohnung aufſtieg, bis die Gluth der Fackeln Alles mit blendendem Scheine erleuchtete und das Rache⸗ geheul ihm verſtändlich in die Ohren drang. „Das Blut des Verräthers! Sein Haupt! Der Schurke, der den Schatz von Flandern ſtahl! Der feige Tyrann! der Landverkäufer! er muß ermordet werden! zerſchmettert! todtgeſchlagen! todtgeſchlagen!“ Jetzt hob Artevelde wieder das Haupt empor, und ein Ausdruck des Trotzes, mit einem tiefen Gefühle von Mitleiden vermiſcht, zeigte ſich auf ſeinem Antlitze. Nach dem Fenſter blickend, ſeufzte er: „Unglückliches Volk! ewiger Spielball in der Hand der Böſen! Könnte mein Blut das Sühnopfer ſein, um Flandern zu retten! Aber nein! Ihr mordet Euer Va⸗ terland!— Arme Blinde! Gott verzeihe Euch, was Ihr thut!“ In dieſem Augenblicke kam Ghelnoot van Lens mit einigen anderen Freunden in das Gemach und warf mit großer Kraftanſtrengung Kaſten und Tiſche auf den Gang, zu dem Oberhauptmann ſagend: „Die Wölfe mögen draußen heulen, ſo viel ſie wol⸗ len; aber bei Sanct Lieven, ſie ſind noch nicht drinnen! Will man unſer Leben haben, ſo ſoll man es uns ſchreck⸗ lich theuer bezahlen! Es muß erſt manche Leiche zertre⸗ ten werden, bis man zu Euch gelangt, Oberhauptmann! Seid ohne Kummer!............... Jakob von Artevelde. — Auf Oberhau thende 8 daß ſie durch die Mord au Alle Dolchen Fackeln einen Bl Die ſtanden! die Men zuſtoßen den Bod es geſche Thür nä Bei raert D das beal gebend, Schlacht könne. welche er langer, ihm abn beil in dem Ha geheule. Fackeln 3 Rache⸗ t! Der der feige werden! or, und ühle von ee. Nach er Hand ſin, um ner Va⸗ h, was kens mit varf mit Gang, ſie wol⸗ drinnen! ſchreck⸗ zertre⸗ ptmann! Jakob von Artevelde. 91 Auf dem Calanderberge, vor der Wohnung des Oberhauptmanns, ſtanden ungefähr vierhundert wü⸗ thende Zunftgenoſſen, welche wie wahnſinnig ſchrien, daß ſie Artevelde's Kopf haben wollten, und einander durch die ſchrecklichſten Verwünſchungen zu Raſerei und Mord aufhetzten. Alle waren mit Beilen, Hämmern, Schwertern oder Dolchen bewaffnet. Eine große Anzahl trug brennende Fackeln in der Hand, deren flackerndes Licht Alles in einen Blutſchein hüllte. Die achtundzwanzig Männer aus St. Janskirchſpiel ſtanden kampffertig vor Artevelde's Hausthür. Da aber die Menge ſich darauf beſchränkte, ein Rachegeſchrei aus⸗ zuſtoßen und mit den Hämmern und Schwertern auf den Boden zu ſchlagen, ſo ließ die ſchwache Mannſchaft es geſchehen, nur dafür ſorgend, daß Niemand ſich der Thür näherte. Bei der Linde, mitten auf dem Markte, ſtand Gee⸗ raert Denys, Jeden mit heiterem Lachen anſpornend, das beabſichtigte Werk der Rache auszuführen, und an⸗ gebend, wie man den Sturm beginnen ſolle, damit das Schlachtopfer ſeines ſchändlichen Neides nicht entfliehen könne. Es war etwas ſo abſcheulich Boͤſes in der Freude, welche er jetzt zu haben ſchien, daß ſein dummer Hand⸗ langer, Calevoet, ſelbſt das Geſicht mit Schauder von ihm abwandte. Der Oberdechant hielt ein kurzes Kriegs⸗ beil in der Hand und ſchwenkte daſſelbe jauchzend über dem Haupte, wie ein Zeichen zu wüthenderem Mord⸗ geheule. 92 Jakob von Artevelde. Vielleicht hätte man die bedrohte Wohnung augen⸗ blicklich erſtürmt; aber ein heftiger Zwiſt, der ſich ploͤtz⸗ lich vor der Taberne zum Fuchs erhob, ließ Alle dort⸗ hin eilen, um zu ſehen, was da vorginge. Es war der Blaufärber Lieven Comyne, der mit ungefähr zehn un⸗ bewaffneten Geſellen den böswilligen Anhängern Denys' ſchwere Vorwürfe machte und ihnen in's Geſicht ſagte, ſie ſeien feige Mörder, Leliaerds und verächtliche Schelme. Einige wollten ihm an den Leib und würden ihn ohne Zweifel getödtet haben, hätte ſich nicht unerwartet im Schooße der Schaar ein entſetzliches Geſchrei erhoben, ein Ausbruch der abſcheulichſten Verwünſchungen, von denen man allein den Ruf:„der Oberhauptmann! der Oberhauptmann!“ verſtehen konnte. Ein Fenſter im großen Stocke von Artevelde's Hauſe hatte ſich geöffnet. Dort ſtand der weiſe Mann jetzt ſelbſt, ſich über die eiſerne Brüſtung beugend und mit der Hand das Zeichen gebend, daß er ſprechen wolle. Von dem hellen Fackelſcheine beleuchtet, konnte man den geringſten Zug auf ſeinem Geſichte unterſcheiden. Weder Angſt noch Furcht zeigte ſich auf demſelben, nur ſtille Betruͤb⸗ niß und inniges Mitleid. Anfangs war es ihm unmöglich, die Stimme ver⸗ ſtändlich zu erheben; denn die Menge ſtrömte von allen Seiten heulend zuſammen und hob drohend Fackeln und Waffen empor. Endlich legte ſich der Lärm und Artevelde ſagte: „Männer! was wollt Ihr bei mir? Was erbittert Euch ſo gegen mich? Sagt mir, was ich verbrochen ha⸗ ben könn machen.“ „Al den Ihr „M velde.„ nicht ein nach Ha Tage w Rechenſe Ihr wer „N Lachen, Rechenſe raubt u habt. 2 ben, La „C „K mehr vr ihm zu. Se entgegn L „ Ihr Eu und me Eure T Ihr jet mir bei augen⸗ h plöt⸗ le dort⸗ war der ehn un⸗ Denys' zt ſagte, Schelme. yn ohne artet im erhoben, en, von nn! der s Hauſe zt ſelbſt, er Hand bon dem eringſten r Angſt Betrüb⸗ me ver⸗ on allen keln und gte: erbittert chen ha⸗ Jakob von Artevelde. 93 ben koͤnne; ich werde es nach beſten Kräften wieder gut machen.“ „Abrechnung über den großen Schatz von Flandern, den Ihr geſtohlen, müſſen wir haben.“ „Man betrügt Euch, Geſellen!“ antwortete Arte⸗ velde.„Aus dem Schatze von Flandern habe ich auch nicht einen einzigen Groot genommen. Geht in Frieden nach Hauſe, ich bitte Euch! Kommt morgen am hellen Tage wieder. Ich werde Euch zu Eurer Zufriedenheit Rechenſchaft über Alles ablegen, was Ihr begehren könnt. Ihr werdet ſehen, daß man Euch irre führte.“ „Nein, nein!“ rief Geeraert Denys mit ſcheußlichem Lachen, Artevelde drohend.„Augenblicklich müſſen wir Rechenſchaft haben; wir wiſſen, daß Ihr den Schatz ge⸗ raubt und wie ein ſchnöder Dieb nach England geſandt habt. Ihr ſollt uns ſo nicht entwiſchen; Ihr müßt ſter⸗ ben, Landesverräther!“ „Er muß ſterben!“ heulten ſeine Anhänger ihm nach. „Kommt herunter von dort oben und ſprecht nicht mehr von ſolcher Höhe zu uns!“ ſchrie ein anderer Haufe ihm zu. Seiner Stimme mehr Kraft und Nachdruck gebend, entgegnete Artevelde: „O, Geſellen! Ihr verlangt meinen Tod. Erinnert Ihr Euch denn nicht, daß ich meine Ruhe, mein Gut und mein Leben Preis gab für Flanderns Erlöſung und Eure Wohlfahrt, daß Ihr hier an demſelben Orte, wo Ihr jetzt mein Blut vergießen wollt, geſchworen habt, mir beizuſtehen und mich zu vertheidigen bis zum Tode? ———— —————n—g—— 94 Jakob von Artevelde. Seid Ihr es nicht, die mich mit emporgeſtreckten Händen anflehten, Euch Freiheit und Nahrung zu verſchaffen? Hat Gott meine kühnen Bemühungen nicht geſegnet? O, bekennt es, Geſellen! ich wenigſtens habe mein Wort gehalten; ich habe Flandern von der Hungersnoth ge⸗ rettet, von dem Drucke befreit und ihm Gedeihen, Ruhm und Größe gegeben...... Und nun wollt Ihr mich ſchändlich ermorden? Eure Hände in meinem unſchuldi⸗ gen Blute baden? Schlechter Lohn für alles das Gute, das ich zu thun ſtrebte und mit Gottes Hülfe gethan habe!— Mein Leben könnt Ihr nehmen; ich bin nur ein einzelner Menſch gegen Euch Alle; aber ich beſchwöre Euch, Geſellen! ehe Ihr Euch mit dieſer Miſſethat be⸗ ſudelt, überlegt, wem Ihr unwiſſend als Werkzeug dient! Erkennt, daß die Feinde unſerer Freiheit Euch geblendet haben, um Flanderns eigene Eingeweide zu zerreißen, damit es machtlos niederſinke und geſchwächt den Nacken beuge unter das ſchändlichſte Joch! Seid Ihr denn nicht mehr Flanderns Söhne? Hat Eure Wiege nicht in Gent geſtanden, daß Ihr Vaterland, Freiheit und Ruhm ver⸗ laßt, um Euch im Bruderblute zu baden? Nein! nein! Ihr ſollt mich noch anhören; der Nothruf des ſterbenden Flanderns ſoll aus meinem Munde noch in Eurem Her⸗ zen wiederhallen, Euch den Schleier von den Augen rei⸗ ßen und Euch zu Eurer heiligſten Pflicht zurückrufen. Wehe! Wehel über uns, Geſellen, wenn Ihr taub blie⸗ bet gegen dieſen feierlichen Ruf.„.......... Artev merkſamke ſiegreich z Ein b ſicht, der nahe dara bemüht, hindern, „Laßt ihr Winkeln! dieſes Mit ward ſein erhellt. C geſellen u Viele verl unter die ungefähr jedoch leiſ ges zu ſin mit einem Geera und ſagte gend nach Liever wegung, ſich raſch einige ſein Bei d gelangt, e Händen ſchaffen? eſegnet? n Wort oth ge⸗ Ruhm hr mich ſchuldi⸗ s Gute, gethan bin nur eſchwoͤre hat be⸗ g dient! eblendet rreißen, Nacken nn nicht in Gent hm ver⸗ i! nein! rbenden m Her⸗ gen rei⸗ ickrufen. ub blie⸗ Jakob von Artevelde. 95 Artevelde's mächtiges Wort begann bereits die Auf⸗ merkſamkeit der Menge zu feſſeln und die Leidenſchaften ſiegreich zu beruhigen. Ein bitterer Aerger überwolkte Geeraert Denys' Ge⸗ ſicht, der in finſterer Wuth bemerkte, daß ſein Opfer nahe daran war, ihm zu entgehen. Er hatte ſich bereits bemüht, durch wüſtes Geſchrei den Oberhauptmann zu hindern, in ſeiner Rede fortzufahren; aber der Ruf: „Laßt ihn reden! laßt ihn reden!“ der ihm aus allen Winkeln des Marktes drohend entgegenſcholl, zwang ihn, dieſes Mittel als vergeblich fahren zu laſſen.— Plötzlich ward ſein Antlitz auf's Neue von einer giftigen Freude erhellt. Er miſchte ſich haſtig unter die horchenden Zunft⸗ geſellen und ſchien geheime Befehle auszutheilen; denn Viele verließen darauf ihren Standplatz und begaben ſich unter die Linde. Nach einigen Augenblicken waren dort ungefähr funfzig Männer verſammelt; ſie ſprachen eifrig, jedoch leiſe mit einander, und ſchienen auf etwas Bluti⸗ ges zu ſinnen; denn ſie betrachteten ihre Beile und Dolche mit einem gräßlichen Ausdrucke wahnſinniger Freude. Geeraert Denys geſellte ſich bald darauf zu ihnen und ſagte ihnen einige Worte, worauf er ſie ſtillſchwei⸗ gend nach dem Paddenhoek führte. Lieven Comyne bemerkte dieſe Böſes bedeutende Be⸗ wegung, deren Zweck er leicht errathen konnte. Er begab ſich raſch zur Menge zurück und ſammelte dort in Eile einige ſeiner Freunde. Bei der Hinterthüre von Artevelde's Wohnung an⸗ gelangt, erhob Denys mit ſeinen Verbündeten ein wildes 96 Jakob von Artevelde. Geſchrei, und ſie beſtürmten mit Hämmern und Beilen die ſchwache Thür. Der Lärm dieſes Angriffes und die hohlen Schläge der Hämmer hallten wohl an die Häuſer des Marktes; ſie waren aber entfernt genug, um den Oberhauptmann nicht zu hindern, verſtändlich zu ſeinen beherrſchten und bereits beruhigten Zuhörern zu reden. In dem Gemache, deſſen Thür auf den Gang nach dem Paddenhoek führte, ſen nden Artevelde's Freunde bereit, mit den Waffen in de Sans für ſeine Verthei⸗ digung zu ſterben. Ghelnoot van Lens hielt ein großes Schwert zum tödtlichen Hiebe emporgehoben. Neben ihm auf der ei⸗ nen Seite befand ſich der alte Pieter Zoetaerde, und auf der anderen Lieven Denys, beide mit einem Dolche be⸗ waffnet. Hinter ihnen, kampffertig der Thüre zugewandt, ſtanden Goſſyn Alyp und Bodyn Wenemaer, die tapfe⸗ ren Häupter der weißen Kaproenen, Pieter van den Ho⸗ vene, Jan van den Boſche, Pieter van Caudenhove, Jan Zelle, Willem Yoens und einige Hausdiener des Ober⸗ hauptmanns. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit und einander Mury zuſprechend, horchten ſie auf die donnernden Hammer⸗ ſchläge und das Geheul, das ſo furchtbar von der Außen⸗ thüre im Paddenhoek zu ihnen drang. — End ſtrömten ihren He. aus ihre ſank dien ließ den Ghe Lieven's ſo ſchnel cpopfer, oder ſech . Bei zurück. Dreien; ehe ſie i zu mache ihnen in wiſſen I dringen aber tiei welche ſt mit unbe⸗ zender e ohne es maächtigt In wie wüt die Hät mit Doll Jakob v — und Beilen hlen Schläge es Marktes; rhauptmann errſchten und Gang nach e's Freunde ine Verthei⸗ Schwert zum auf der ei⸗ de, und auf n Dolche be⸗ e zugewandt, r, die tapfe⸗ van den Ho⸗ denhove, Jan er des Ober⸗ rander Mury en Hammer⸗ n der Außen⸗ Jakob von Artevelde. 97 Endlich hatten die Mörder die Thür zerſchmettert und ſtrömten ſiegreich in den Gang. Jetzt begannen ſie mit ihren Hämmern die Thür des Gemaches anzugreifen und aus ihren Angeln zu heben. Es währte nicht lange, ſo ſank dieſer ſchwache Schutz und ſchlug zu Boden, und ließ den wüthenden Stürmern den Eingang frei. Ghelnoot's Schwert zerſpaltete dem Erſten den Kopf, Lieven's Dolch durchbohrte dem Zweiten die Bruſt; eben ſo ſchnell wählte ſich jeder ihrer Freunde ein Schlacht⸗ opfer, und in demſelben Augenblicke ſchwammen fünf oder ſechs Mörder in ihrem Blute. Bei dieſem Anblicke wichen die Anderen gewaltſam zurück. Da ſie in dem engen Gange nur zu Zweien oder Dreien zugleich vortreten konnten und getroffen wurden, ehe ſie im Stande waren, von ihren Waffen Gebrauch zu machen, ſo ſahen ſte wohl ein, daß nur Wenige von ihnen in die Kammer dringen würden und einem ge⸗ wiſſen Tode entgegengingen, ohne zu Artevelde durch⸗ dringen zu können. Sie wollten daher zurückkehren; aber tiefer im Gange heulte eine vordringende Menge, welche ſich plötzlich in ihrem Laufe gehemmt fühlte und mit unbewinglicher Gewalt die Vorderſten wie ein ſtür⸗ zender Strom zur Kammer hineintrieb, wodurch ſie, ohne es zu wiſſen, ſich dieſes gefährlichen Ganges be⸗ mächtigten. In der That, obwohl Ghelnoot und ſeine Genoſſen wie wüthend die erſten Feinde zu Boden ſchlugen, ihnen die Häupter mit Schwertern ſpalteten oder die Bruſt mit Dolchen durchſtießen, war doch die Zahl der Angrei⸗ Fakob von Artevelde. VI. 7 —————= —— 98 Jakob von Artevelde. fer zu groß, um dem Andrange derſelben auf die Länge Widerſtand leiſten zu können. Artevelde's Freunde wur⸗ den zurückgetrieben und mußten ihren günſtigen Stand⸗ ort verlaſſen. Gleich darauf war das Gemach mit Mördern ange⸗ füllt. Ghelnvot und ſeine Freunde, auf allen Seiten umringt, überrumpelt und an die Mauer gedrängt, ver⸗ theidigten ſich wie wüthende Löwen, obwohl das Blut ihnen ſchon aus vielen Wunden floß. Mher van Lens verſuchte mit ſeinem Schlachtſchwerte ſich einen Weg durch die Feinde zu bahnen und wurde dadurch von ſeinen Freunden entfernt. Sein Schwert zerſprang in dieſem äußerſten Augenblicke und ein Beil ſchwebte über ſeinem Haupte. Lieven bemerkte die To⸗ desgefahr ſeines Freundes und ſprang mit aufgehobenem Dolche auf ihn zu, um den, der das Beil trug, zu er⸗ ſtechen. Er kam zu ſpät; der tapfere Ghelnoot lag ſter⸗ bend in ſeinem Blute. Dennoch zückte der Jüngling ſei⸗ nen Dolch auf die Bruſt des Mörders, die durch die Be⸗ wegung des Beiles entblößt war und ihm eine unfehl⸗ bare Rache darbot. Schon berührte ſein Stahl die Bruſt..... da erkannte Lieven ſeinen Vater! Ein herzzerreißender Schrei entfuhr ihm, und mit dieſem Schrei das Leben. Er ſtürzte zu den Füßen der Käm⸗ pfer nieder, wo ſein Leichnam, zertreten und zerſchmet⸗ tert, bald unkenntlich wurde.— Entſetzlich, abſcheulich war dies raſende Gefecht. Mehr als dreißig Leichen lagen auf dem Boden, verſtümmelt, zerhackt, mit zerſpaltenem Schädel, mit geöffneter Bruſt... Stromn namen dort gle Kampf niederwe ſäet wur Die getödtet Treppe, ſich befa ſchlag 2 niederge Mörder nichten. Plu lautem ſchienen ſchwerer an ſeine „L levoet? eindring fiel der und ſei Währe ſeiner Dolch Leiche! W f die Länge eunde wur⸗ gen Stand⸗ rdern ange⸗ llen Seiten rängt, ver⸗ ol das Blut lachtſchwerte und wurde in Schwert nd ein Beil kte die To⸗ ifgehobenem rug, zu er⸗ ot lag ſter⸗ üngling ſei⸗ urch die Be⸗ eine unfehl⸗ Stahl die Vater! Ein mit dieſem n der Käm⸗ ĩd zerſchmet⸗ hefecht. Mehr verſtümmelt, eter Bruſt... Jakob von Artevelde. 99 Stromweiſe floß das Blut zwiſchen den todten Leich⸗ namen nach dem tieferen Ende des Gemaches und bildete vort gleichſam einen rauchenden See, in welchem ſich der Kampf hin⸗ und hertrieb und die Fechtenden auf⸗ und niederwadeten, ſo daß die Mauer mit Blutflecken über⸗ ſäet wurde. Die Freunde des Oberhauptmanns waren faſt alle getödtet; nur vier oder fünf wehrten ſich noch vor der Treppe, welche nach dem Zimmer führte, wo Artevelde ſich befand. Dieſe Letzten erlagen ebenfalls; ein Schwert⸗ ſchlag Jan Calevoet's hatte den alten Pieter Zoetaerde niedergeſtreckt, und mit neuem Geheule ſprangen die Mörder jetzt hinzu, um die Uebrigen ebenfalls zu ver⸗ nichten. Plötzlich drangen zwölf andere Zunftgenoſſen mit lautem Geſchrei durch den Gang in das Gemach. Sie ſchienen von einem jungen Manne angeführt, der einen ſchweren Eichenholzbalken als Waffe trug und den man an ſeinen blauen Händen als einen Färber erkannte. „Lieven Comyne, Ihr müßt ſterben!“ rief Jan Ca⸗ levoet dem Jünglinge zu, mit ſeinem Schwerte auf ihn eindringend; ehe er ihm jedoch den Hieb verſetzen konnke, fiel der Balken zerſchmetternd auf ſeinen Schädel herab, und ſein Gehirn ſpritzte gegen die Mauer......... Während jedoch Lieven Comyne ſelbſt durch das Gewicht ſeiner Waffe ſich vorn überbeugte, durchbohrte ihm ein Dolch die Lende, und er ſtürzte ſeufzend auf Calevoet's Leiche nieder. Wüthend begann der Streit von Neuem, und man 7* 1 100 Jakob von Artevelde. drängte ſich noch mehr in die Ecke, wo das ſtrömende Füße Blut ſich geſammelt hatte. thige Die übrigen Freunde und Diener Artevelde's, als 8 ſie ſahen, daß ihnen Hülfe ward, verließen die Treppe Neid und griffen die Mörder von hinten an; allein wie helden⸗ Mör 6 müthig ſie auch kämpften, ſo durften ſie doch nicht auf ſo, 1 den Sieg hoffen; die Zahl der Feinde war zu groß. Mit ſiegreicher Freude hatte Geeraert Denys bemerkt, Leich daß der Zugang zur Treppe frei geworden ſei. Das Ge⸗ die I fecht verlaſſend, wandte er ſich nach dieſer Seite und rief:— „Nach oben! nach oben!“ ein; Dann eilte er vor den Seinigen die Treppe hinauf. begri In das Gemach tretend, ſah er Artevelde noch am Miſſ B Fenſter ſtehen und zum Volke reden. Abſe Ein entſetzliches Schnauben, wie von einem Tiger, un der die zuckende Beute in ſeinem Krallen hält, raſſelte Scht aus ſeiner Kehle; das wilde Lachen eines Teufels be⸗ leuchtete ſein Antlitz wie mit dem Glanze der Hölle.... tnn V Jauchzend ſprang er mit dem Beile auf Artevelde zu und. verſetzte ihm einen ſolchen wüthenden Hieb, daß dieſer, mit geſpaltenem Haupte auf die eiſerne Brüſtung ſtürzte b unß und ſein unſchuldiges Blut aus der weiten Wunde in Dun Strahlen auf die horchende Menge ſpritzte. „Volkl...... Gent...... Flandern!“ war der letzte Seufzer des weiſen Mannes. Sein böſer Feind, nicht zufrieden geſtellt mit ſeinem das Tode, ſchleppte die Leiche vom Fenſter weg und zertrat ihr den Schädel, mit giftiger Freude ſiegreich murrend: ſchaf „Ich habe geſagt, daß ich Dir das Haupt mit den Sieg ſtroͤmende Ade's, als die Treppe vie helden⸗ ) nicht auf groß. '-s bemerkt, Das Ge⸗ e und rief: ppe hinauf. de noch am nem Tiger, ilt, raſſelte Teufels be⸗ Hölle.... elde zu und daß dieſer tung ſtürzte Wunde in !“ war der mit ſeinem und zertrat h murrend: upt mit den Jakob von Artevelde. 101 Füßen zertreten würde; da liegſt Du nun, Hochmü⸗ thiger!“ Während er ſo mit Hohn und Schmach ſeinen feigen Neid an der Leiche des Helden ausließ, kühlten andere Mörder ebenfalls ihren Haß an ihr und zerhackten ſie ſo, daß ſie faſt die menſchliche Geſtalt verlor. Endlich, zum Uebermaß des Greuels, banden ſie dem Leichname einen Strick um den Hals und ſchleppten ihn die Treppe hinunter auf die Straße. Bei dem Anblicke des blutigen Schlachtopfers erfaßte ein plötzlicher Schrecken die meiſten Zunftgenoſſen; ſie begriffen jetzt erſt, welches unauslöſchliche Brandmal dieſe Miſſethat auf ihre Stirn prägte, und entfernten ſich mit Abſcheu von der Leiche oder drohten, augenblicklich Rache zu nehmen wegen einer That, an der ſie leider Alle gleiche Schuld hatten. Die Mörder ließen jedoch der Menge nicht die Zeit, um ihre Genehmigung oder ihren Unwillen zu bezeugen; ſie ſchleifften den Todten raſch hinter den Winkel der Lange Meere, zogen ihn eine Weile durch den Koth fort und verſchwanden mit ihm in der undurchdringlichen Dunkelheit............... ............................ Das war das Ende des weiſen Mannes von Gent! das war der Lohn für ſein ruhmreiches Heldenleben! Ach! für den niederen Neid, für gemeine Leiden⸗ ſchaften, für engherzige Herrſchſucht muß es ein ſchöner Sieg geweſen ſein, bei dem Falle Jakob's von Artevelde —-——— 102 Jakob von Artevelde. 2 „ haben jauchzen zu können. Wie ſchienen ſie groß, dieſe Zwerge, jetzt, da der Rieſe zerſchmettert war! In der That, der Leuchtwurm kann nicht glänzen, ſo lange die herrliche Sonne am Himmel prangt; aber wenn die Dunkelheit kömmt, ſo funkelt ſelbſt faules Holz in un⸗ ſeren Augen, als wäre es von Sternenlicht beſeelt. velde ihn: tigke Buch deſſe Soh ſchich rathe nicht vläm nicht zu b aller wurd Den Schi das ß, dieſe In der ——— 3 velde.“ Der fleißige und gewiſſenhafte Conſcience hat ihn überall mit Anmerkungen begleitet, welche die Rich⸗ tigkeit ſeiner hiſtoriſchen Darſtellung beurkunden, und das b Buch am Schluſſe noch mit einer hiſtoriſchen Ueberſicht deſſen, was ſich bis zum Tode Philipp's von Artevelde, des unge die di. eun die Nachſchrift des Ueberſetzers. Ain un⸗. ſeelt. b Hier endet der hiſtoriſche Roman„Jakob von Arte⸗ Sohnes unſeres Helden, geſtaltete, ſowie mit einigen ge⸗ ſchichtlichen Urkunden verſehen. Wir hielten es für ge⸗ rathen, dieſe wegzulaſſen, da ſie für den deutſchen Leſer nicht das Intereſſe haben können, welches ſie für das vlämiſche Publicum haben müſſen, und wir dieſes Werk nicht unnöthig vertheuern wollten. Es wird genügen, zu bemerken, daß Geeraert Denys und ſeine Freunde allerdings mit den Aemtern von Artevelde's bekleidet wurden, ſie indeſſen kaum ein Jahr behielten. Geeraert Denys kam ſpäter auf ähnliche Weiſe, jedoch durch ſeine Schuld, bei einem durch ihn veranlaßten Aufruhr um das Leben. Ende. S — S . = .2 — 8 8 — — Druck von F. —— ——