Niederländiſche Bibliothek. Fünkter Band. ———— Hendrik Conſcience. Jakob von Artevelde. Fünfter Band. —en— Leipzig Verlag von Carl B. Korck. 1849. Vlo Hendrik Conſcience. k. Jahkob von Artevelde. Hiſtoriſcher Roman aus dem b Vlämiſchen unter Mitwirkung des Verfaſſers V von O. g. B. Wolf. b, * Fünfter Band. . Leipzig K. Derlag von Carl B. Korch. 1849. XIII. Der Schöffenſpruch, durch welchen Ser van Steenbeeke nebſt achtzig der vornehmſten Leliaerds auf funfzig Jahre aus dem Lande Flandern verbannt worden, wurde au⸗ genblicklich ausgeführt, und Artevelde als Oberhaupt⸗ mann wieder in ſeine vorige Macht und Würde einge⸗ ſetzt. Da ganz Flandern ihm zujauchzte, ſo ſah er ſich bei dieſer Wendung ſeines Schickſals plötzlich im Beſitze eines Einfluſſes und Anſehens, deſſen Grenzen nicht mehr zu unterſcheiden waren. Es wäre ihm in dieſem Augenblicke ein Leichtes geworden, ſeine ſchändlichen Nei⸗ der und Verleumder zu ſtrafen und das Land von der abſcheulichen Brut zu ſäubern, welche alle ſeine Schritte hinderte, die er zu Flanderns Größe und gänzlicher Be⸗ freiung unternahm. Aber es lag nicht in ſeinem Cha⸗ rakter, Gewalt zu gebrauchen, ſo lange noch irgend ein ſanfteres Mittel ihm die Hoffnung gab, ſeinen edlen Zweck auf eine andere Weife zu erreichen. Obſchon er wohl wußte, welchen Antheil mehrere ſeiner Neider an dem Aufſtande der Leligaerds genommen hatten, ſo ließ er doch dem Schöffenrathe nichts davon merken, in der Jakob von Artevelde. V. 1 ————— 6 Jakob von Artevelde. Erwartung, daß van Steenbeeke's Tücke ihnen genug Furcht einfloͤßen würde, um ſie auf beſſere Gedanken zu bringen. Seine Herzensgüte blendete ihn ſo ſehr, daß ſie ihn glauben machte, der Neid ſei eine Leidenſchaft, welche aus dem Herzen, in dem ſie einmal Wurzel geſchlagen, ausgerottet werden könne; daß die Verleumdung durch Edelmuth oder durch Tugend ſich beſiegen laſſe, da es doch Tugend, Edelmuth und Gröͤße allein ſind, welche Neid und Verleumdung erzeugen. Sich ſelbſt nochmals vergeſſend, um ausſchließlich für das Heil ſeines Vaterlandes zu wirken, begann er ſich nach Mitteln umzuſehen, die ſeine eigene Macht verringerten und Flandern eine Einrichtung gaben, wel⸗ che endlich deſſen Fortbeſtehen eine feſte Grundlage zu verleihen im Stande waren. Er ſchlug nämlich vor, das Land in drei unzertrenn⸗ liche Gebiete zu theilen und für jedes einen Oberhaupt⸗ mann zu wählen, bekleidet mit derſelben Macht, wie ſie ihm über Gent eingeräumt war. Brügge ſollte über die Striche gebieten, welche man Het Vrye, Ooſt, Weſt und Noord mit deren dazu gehörigen Gemeinen nannte. Das ganze Weſtviertel mit dem Leikant ſollte unter Ypern ſtehen, während die vier Ambachten, das Land von Waes, Audenaerde und Kortryk zu dem Grundge⸗ biete der Stadt Gent gezogen wurden. Nichts Wichti⸗ ges, die gemeinen Dinge des Landes betreffend, ſollte künftig unternommen werden ohne die Zuſtimmung der drei Hauptgebiete von Flandern, ſo daß, wenn zwei Glieder beſchlöſſen, das dritte Glied ſich dieſem Beſchluſſe unter geſetz der d übric öffen Krie richtt die und Hau geno Frer Bur tevel ihm Pro van den und weit van wäl Pier und nack und genug ten zu aß ſie welche lagen, durch da es welche eeßlich nn er Macht wel⸗ ge zu renn⸗ aupt⸗ vie ſie über Weſt annte. unter Land ndge⸗ Zichti⸗ ſollte g der zwei hluſſe Jakob von Artevelde. unterwerfen müßte, ſelbſt wenn es auch ganz entgegen⸗ geſetzt geſtimmt hätte. Im Kriege ſollte jede Gemeine der Fahne ihres Hauptgebietes folgen, deren Regierung übrigens verantwortlich blieb für die Ausführung der öffentlichen Geſetze, die Aufbringung der beſtimmten Zahl Krieger und den Kriegsvorrath. In Folge dieſer Ein⸗ richtung ſollte den Gemeinen und Gebieten außerdem die volle Freiheit bleiben, ſich nach ihren Privilegien und eigenen Gebräuchen zu regieren, ohne daß die drei Hauptgebiete dieſe Freiheit je beſchränken durften, aus⸗ genommen in Zeiten großer Gefahr. Dieſer Vorſchlag ward durchgängig mit großer Freude angenommen und Flandern erhielt dadurch eine Bundesgenoſſenſchaft. Brügge und Ypern erkannten Ar⸗ tevelde als allgemeinen Oberhauptmann an und trugen ihm auf, ſelbſt die beiden Oberhauptleute der anderen Provinzen zu ernennen. Er erwählte für Brügge Gillis van Coudenbrouck, einen verſtändigen und wohlhaben⸗ den Bürger, und für Ypern den tapferen Edelmann und Ritter Ser Jan van Houtkercke. Der Magiſtrat von Gent erlitt keine Veränderung weiter, ausgenommen daß die beiden Hauptleute, Pieter van den Hovene und Willem van Huſe, zu Schöffen ge⸗ wählt wurden, und man ſtatt ihrer Ioos Apace und Pieter van Caudenhove zu Hauptleuten von St. Michiels und von St. Maertens⸗Ackerghen ernannte. Mittlerweile kam Graf Ludwig von Nevers wieder nach Flandern und ſah ſich wie gewöhnlich ehrfurchtsvoll und mit Jubel empfangen. Auf allen Seiten machte ——— 8 Jakob von Artevelde. man bei dieſem Fürſten den Verſuch, um ihn von der wol Seite des Königs von Frankreich abzuziehen und ihm glüt dadurch zum ruhigen Genuſſe ſeiner Herrſchaft zu ver⸗ nen helfen. Wie ſehr man ſich indeſſen auch bemühte, Alles zuri blieb vergeblich. Was konnte man denn auch von dem ver! verirrten Ludwig hoffen? Hatte er nicht ſeine eigene Me Schweſter, Margaretha von Bretagne, von dem fran⸗ und zöſiſchen Könige angreifen, verfolgen und in gräßliches ſter Unglück ſtürzen laſſen, ohne Muth noch Willen, ihr zu Flo Hülfe zu konnnen? Hatte er nicht die Stimme des Blu⸗ En tes verläugnet zum Vortheile Frankreichs? Es ließ ſich ho⸗ denken, daß dieſer Fürſt ſo blind Philipp von Valois rü⸗ ergeben blieb, aus Furcht, ſeine Grafſchaften Rethel und 4 ſei Nevers, die in Frankreich lagen, zu verlieren. Aber 4 zw Ludwig's Gemüth war zu edel, um ſich bloß von dem loi eigenen Intereſſe leiten zu laſſen. Die wahre Urſache lag or darin, daß er, ſeit ſeiner Kindheit am franzöſiſchen Hofe V erzogen, in der Anſicht herangewachſen war, die Volks⸗ D freiheit ſei etwas Unrechtmäßiges, und jeder Ritter vor w Gott verpflichtet, aus allen Kräften die Erhebung der d Gemeinen zu bekämpfen, als einen Aufſtand gegen die ni Cultur und gegen alles geſetzliche Recht. Er war mit 31 der Tochter eines franzöſiſchen Königs vermählt, und dies er trug wahrſcheinlich nicht wenig dazu bei, ihn in ſeiner e antivlämiſchen Denkart unwandelbar zu beſtärken. 1 r Während der Oberhauptmannſchaft Artevelde's war Graf Ludwig manches Mal nach Flandern gekommen, d ohne daß je die Einwohner noch die Obrigkeit ihm die 1 ſchuldige Ehrerbietung verweigert hätten. Nie jedoch z on der d ihm u ver⸗ Alles n dem eigene fran⸗ ißliches ihr zu s Blu⸗ ließ ſich Valois hel und Aber on dem ache lag een Hofe Volks⸗ itter vor ung der egen die war mit und dies in ſeiner n. lde's war kommen, ihm die iie jedoch 4f Jakob von Artevelde. 9 wollten ihm ſeine Forderungen zum Beſten Frankreichs glücken; hinſichtlich dieſes Punktes fand er die Gemei⸗ nen ſo ſtandhaft, und ſie wieſen ſein Verlangen ſo kühl zurück, daß er jedes Mal nach kurzem Aufenthalte un⸗ verrichteter Sache wieder nach Frankreich zurückkehrte. Mehr als ein Mal hatte ſich Artevelde zu ihm begeben und ſeine ganze Beredſamkeit angewandt, um dem Für⸗ ſten begreiflich zu machen, wie mächtig und geliebt er in Flandern ſein könne, wenn er redlich das Bündniß mit England auch für ſich ſelbſt annehmen wolle. Wieder⸗ holt bat er ihn, Flandern ſeinen geſetzlichen Grafen zu⸗ rückzugeben, und verſprach ihm in dieſem Falle, Alles ſeinem Dienſte zu weihen. Ludwig blieb jedoch unbe⸗ zwinglich in ſeiner Anhänglichkeit an Philipp von Va⸗ lois. Er erkannte zwar oft an, daß Artevelde mit außer⸗ ordentlicher geiſtiger Kraft begabt ſei und für einen Bürger eine faſt wunderbare Kenntniß von politiſchen Dingen beſitze; er ſah wohl ein, daß die Politik des weiſen Mannes Flandern auf den Gipfel der Macht und des Reichthums gehoben habe; aber dies Alles reichte nicht hin, um ihn den franzöſiſchen Intereſſen abwendig zu machen; er blieb dem Fremdling ergeben und erklärte endlich, daß er eher auf immer ſeinem väterlichen Erbe entſagen, als ſich mit den Feinden des Koͤnigs von Frank⸗ reich verbünden würde. Die Leligerds und anderen Unzufriedenen ſahen nach der glänzenden Wiederherſtellung von Artevelde’'s Ehre und Einfluß kein Mittel mehr, um den Oberhauptmann zu bekämpfen. Viele gaben den Streit ganz auf und 10 Jakob von Artevelde. geſellten ſich allmählig den Freunden v deihen und Unabhängigkeit zu; die Uebrigen warteten mit erbittertem Gemüthe, bis neue Begebenheiten ihnen die Gelegenheit an die Hand geben würden, den Ober⸗ hauptmann mit einiger Hoffnung auf guten Erfolg öf⸗ fentlich angreifen zu können. Die Verleumdung hörte jedoch mittlerweile nicht auf, Alles anzuwenden, um Artevelde als Menſch wie als Staatsmann wenigſtens in einem zweifelhaften Lichte erſcheinen zu laſſen. Dieſe Bemühungen trugen indeß ſo ſehr den Stempel der Furcht und Schüchternheit, daß ſie damals den Einfluß des Oberhauptmanns durchaus nicht ſchwächten. Die Entmuthigung dieſer böſen Beſtrebungen ſchenkte Flandern eine lange Ruhe, während welcher die Ent⸗ wickelung der Gewerbe und des Handels faſt die Gren⸗ zen des Möglichen überſchritt und der höchſte Wohlſtand ſich bis in die geringſte Hütte des Landmanns verbreitete. Ohne daß man vermuthen konnte, welche verborgene Hand die vergeſſene Brandfackel des Gewerbſtreites von Neuem unter das Volk geſchleudert hatte, entſtand plötz⸗ lich in verſchiedenen Provinzen des Landes eine furcht⸗ bare Gährung der Gemüther über die unentſchieden ge⸗ bliebenen Streitpunkte hinſichtlich der Wollenweberei, deren Alleinhandel die großen Städte behalten wollten. Die Einwohner von Poperinghe hatten eine große Anzahl Webeſtühle eingerichtet, um das berühmte Ypern“⸗ ſche feine Tuch nachzumachen, und dies war ihnen ſo ſehr geglückt, daß ſie vielleicht binnen Kurzem die Ypern'ſchen Arbeiter übertroffen haben würden. Die Schöffenbank on Flanderns Ge⸗ der Pri nich Bür reit, Hier hau Cor gen Stã gem einer ganz auf Schl und gens! über Geme mann ſer S konnt entſche C freiere neren rechte damal 1s Ge⸗ arteten ihnen Ober⸗ lg öf⸗ hörte um gſtens Dieſe der afluß enkte Ent⸗ ren⸗ and teete. ene von tz⸗ ht⸗ e⸗ Jakob von Artevelde. 11 der Stadt Ypern befahl nun den Poperinghern, ihre Privilegien zu ehren und die neuen Webeſtühle zu ver⸗ nichten. Aber dieſen Befehl nicht achtend, ergriffen die Bürger von Poperinghe die Waffen und zeigten ſich be⸗ reit, ihre Induſtrie gegen jegliche Gewalt zu vertheidigen. Hierauf befahl die Schöffenhank von Ypern dem Ober⸗ hauptmanne, Ser Jan van Houtkercke, mit einem kleinen Corps nach Poperinghe zu ziehen. Nach einigen bluti⸗ gen Scharmützeln wurden die Männer der eiferſüchtigen Städte in einem ſchrecklichen Gefechte mit einander hand⸗ gemein. Der Hauptmann der Poperingher wurde mit einer anſehnlichen Zahl der Seinigen erſchlagen und ganze Banden Gefangener nach Ypern gebracht. Dar⸗ auf wurden Langemark und Rennighelſt nebſt dem Schloſſe zu Rennighe von den Pperlingen verwüſtet und in Aſche gelegt. In anderen Städten entſprangen gleichfalls bekla⸗ genswerthe Blutvergießen aus dieſem Zwiſte, welcher über ganz Flandern zwiſchen den großen und kleinen Gemeinen fortherrſchte. Die Feinde des Oberhaupt⸗ manns ſahen in dieſem Streite ein Mittel, ihn von die⸗ ſer Seite anzugreifen, und fachten das Feuer, wo ſie konnten, an, indem ſie hofften, daß es zuletzt in einen entſcheidenden Bürgerkrieg ausbrechen würde. Es glückte jedoch Artevelde, einige Städte zu einer freieren Auffaſſung ihrer Privilegien und viele der klei⸗ neren Gemeinen zur Anerkennung der beſtehenden Vor⸗ rechte zu überreden, ſo daß das drohende Ungewitter für damals, wenn auch nicht ganz abgewehrt, doch größten⸗ 12 Sakob von Artevelde. theils beruhigt wurde. Dies ließ die Leligerds und die Feinde des weiſen Mannes wieder auf eine Zeit lang im Dunkeln verſchwinden. Geeraert Denys, durch das Urtheil der Schöffenbank machtlos gegen Artevelde geworden, der im Herzen ein⸗ räumen mußte, daß ſeine Rachſucht, wie jetzt die Sachen ſtanden, lange nicht befriedigt werden würde, war mit ſeiner dunkeln Seele in den Abgrund eines grenzenloſen Leides verſunken. Das Feuer der Misgunſt brannte in ſeinem Herzen und verzehrte ſein Fleiſch; er ward mager; ſeine Augen ſanken in ihren Höhlen ein; eine gelbe Farbe breitete ſich über ſein Antlitz und ein beſtändiges Lächeln voll Gift zuckte krampfhaft um ſeine Lippen, während ſeine Stimme einen ſchrillen Ton bekam, welcher den Zuhörer ſchaudern machte, gleichſam als ob dieſer erra⸗ then könne, daß ſie aus einer zerriſſenen Bruſt aufſteige. Sehr ſelten verließ der Oberdechant ſeine Wohnung; ganze Tage ſaß er, das Haupt auf die Hand geſtützt, neben dem Kamine, ſtumm in die Aſche blickend und einigen Troſt in den wildeſten Träumen der Rache und der Bosheit ſuchend. Begab er ſich mitunter auf die Straße, ſo geſchah dies meiſt des Abends, um mit Muggelyn und anderen verborgenen Werkzeugen ſeines Haſſes ſich in Schmähungen gegen den Oberhauptmann zu ergehen und ſchändliche Verleumdungen gegen den⸗ ſelben zu brauen. Mit ſeinem Sohne Lieven war Denys über die Maßen rauh, wenn dieſer ihn anſprach; etwas, das jetzt ſehr ſelten geſchah. Da er den armen Jüngling gral ſo n im Urſa Soh lebte einan 4 Hauß der und nach pfund Muh nate als 2 zu ve Geſun 3 nur e Artev Nachn er ſei länger Beggt er zu welche zwiſche es gel und die it lang fenbank en ein⸗ Sachen dar mit enloſen inte in mager; Farbe Lächeln ährend er den r erra⸗ fſteige. dnung; eſtützt, d und he und uf die n mit ſeines tmann den⸗ er die , das ngling Jakob von Artevelde. grauſam zurückſtieß, ſo oft derſelbe ihn zu tröſten ſuchte, ſo ward dieſer endlich von Furcht erfüllt und trauerte im Stillen über das Leiden ſeines Vaters, deſſen wahre Urſache er nicht verkennen konnte. Zwiſchen Vater und Sohn trat nun eine ſprachloſe Entfernung ein, und ſie lebten in derſelben Wohnung mit einander, als ob ſie einander fremd geworden wären. Noch eine andere Urſache des Schmerzes drückte das Haupt des guten Lieven nieder: Veerle hatte während der Gefangenſchaft ihres Vaters die beſtändige Angſt und Sorge um denſelben mit ſcheinbarer Kraft ertragen; nach ſeiner Befreiung war ſie jedoch ſo ſehr in Erſchö⸗ pfung verſunken, daß ſie auf die anhaltende Bitte ihrer Muhme und mit Lieven's Zuſtimmung auf einige Mo⸗ nate in den großen Beggynhof gezogen war, um dort als Beggyne fern von der Welt und im Dienſte Gottes zu verſuchen, ob die Ruhe und Stille ihr die verlorene Geſundheit zurückgeben würden. Jetzt konnte Lieven ſeine geliebte Veerle wöchentlich nur einmal am Sonntage beſuchen, wenn er mit Frau Artevelde oder mit dem Oberhauptmanne ſelbſt den Nachmittag im Beggynhofe zubrachte. Mitunter, wenn er ſeiner Sehnſucht nach der Nähe der Geliebten nicht länger Widerſtand leiſten konnte, begab er ſich nach dem Beggynhofe, um dort die Meſſe zu hören. Dann konnte er zu Zeiten einen flüchtigen Blick auf Veerle werfen, welche mit gebeugtem Haupte in der Tiefe der Kirche zwiſchen den anderen Beggynen ſaß und betete; oder es gelang ihm, am Ende der Meſſe bei dem Heraus⸗ 14 Jakob von Artevelde. gehen ein ſüßes Lächeln auf ihren Lippen zu über⸗ raſchen. An einem Nachmittage, als Lieven gerade im Be⸗ griff war, das Haus zu verlaſſen und nach ſeiner Ge⸗ wohnheit längs der Niederſchelde ſpazieren zu gehen und zu träumen, ward die Vorderthür gewaltſam aufgeriſſen, und ſein Vater erſchien in dem Gemache mit dem Aus⸗ drucke äußerſter Wuth auf ſeinem Antlitz. Er ſchloß beide Thüren, ging mit glühenden Augen auf Lieven zu, drohte ihm mit der Fauſt und ſagte: „So iſt es alſo wahr, daß ich eine Schlange in mei⸗ nem Buſen erwärmt habe! Von meinem eigenen Sohne muß ich den Todesſtoß bekommen! Vertrocknet das Feuer des Aergers mein Blut, öffnet ſich ein Grab zu meinen Füßen, Du, Du mußt es ſein, der dieſe Flamme in meinem Buſen anzündete, der dies Grab öffnete. Aber Dich kann meine Rache wenigſtens zerſchmetternd treffen....... Auf dem Sterbebette ſelbſt ſoll mein Mund noch Kraft genug behalten, um einen entarteten Sohn zu verfluchen..... 4 Lieven ſprang erſchreckt vom Stuhle auf und trat zitternd zurück. Das verzerrte Antlitz ſeines Vaters er⸗ füllte ihn mit nicht geringerem Schauder, als die ſchreck⸗ liche Drohung, die wie ein Donnerſchlag ihm in das Ohr drang. Flehend hob er die Hände auf und ſprach: „O, Vater! man hat Dich betrogen! Wahrlich, ich that nie Etwas, das Deinen Zorn rechtfertigt. Gnade, Gnade! höre mich, ehe Du fortfährſt!“ 71 get an d auf den iſt ſe Rech geſa hobe ihn tung mich ich v⸗ daß recht würf iſt un ihm: len ſe Dich gen! zu S 7 ihm über⸗ im Be⸗ ler Ge⸗ ſen und eeriſſen, n Aus⸗ ſchloß Lieven in mei⸗ Sohne iet das Prab zu Flamme öffnete. netternd I mein tarteten ind trat ters er⸗ ſchreck⸗ as Ohr h: lich, ich Gnade, Jakob von Artevelde. 15 „Scheinheilige Natter!“ entgegnete der Oberdechant, „geeignet, um in der Stille das Haupt Deines Vaters an den Tyrannen zu verkaufen, geeignet, um ihn ſelbſt auf das Schaffot zu führen und ſein Blut ſeinen Fein⸗ den Preis zu geben!“ „Höre auf, höre auf!“ rief Lieven,„was Du ſagſt, iſt ſchändlich..... Selbſt mein Vater hat nicht das Recht, mich ſo blutig zu höhnen! Wer Dir ſolche Dinge geſagt hat, iſt ein verächtlicher Verleumder!“ Bei dieſen Worten hatte Lieven den Kopf emporge⸗ hoben. Das Uebermaaß von ſeines Vaters Unwillen riß ihn aus ſeiner Angſt empor; er nahm eine ſtolzere Hal⸗ tung an, trat entſchloſſen auf ſeinen Vater zu und ſagte: „Nun denn! wenn ich ſchuldig bin, ſo verurtheile mich! Aber erſt ſollſt Du mir doch deutlich ſagen, was ich verbrochen habe, und wenn ich Dir beweiſen kann, daß man Dich betrogen hat, ſo hoffe ich, wirſt Du ge⸗ recht genug ſein, mein Haupt von den ſchrecklichen Vor⸗ würfen zu entlaſten, mit denen Du es beladen haſt.“ „Ha!“ rief Denys,„weil Dein Vater unglücklich iſt und leidet, darum wagſt Du es, ſo unerſchrocken mit ihm zu reden und ihm Lehren zu geben! Aber wir wol⸗ len ſehen, Ausgearteter, was Du vorbringen kannſt, um Dich wegen des allerſchnödeſten Verrathes zu entſchuldi⸗ gen! Kennſt Du Jan Sporrelynck?“ „Ich kenne ihn! Er war mein Freund, ehe er ſich zu Schlechtigkeiten verleiten ließ.“ „Mich lieben iſt Schlechtigkeit, nicht wahr?“ fiel ihm der Oberdechant mit neuem Zorne in die Rede. Jakob von Artevelde. „Mich bekämpfen und dem Tyrannen anhängen, das allein iſt Tugend; mich verrathen und verkaufen, wie Du es gethan haſt, das iſt Heldenmuth und Vaterlands⸗ liebe! Es iſt ſchon lange her, und Du haſt bis jetzt dar⸗ über ſchweigen und heucheln koͤnnen! Ein abſonderlicher Zufall mußte mir Deine Falſchheit offenbaren!— Du biſt es alſo, der dem Oberhauptmanne Kenntniß von unſerem Plane gegeben hat, in dem Augenblicke, wo wir das Volk befreien wollten von der ſchändlichen Skla⸗ verei! Wahrſcheinlich haſt Du da auch geſagt, daß Dein Vater der vornehmſte Anführer des Aufſtandes war! Du haſt ihn verrathen und ihn den Händen ſeines Erz⸗ feindes überliefert.— Und er, er hat mir Gnade be⸗ wieſen.... bis es ihm gefällt, mein Haupt auf das Schaffot rollen zu laſſen..... Ach! dieſer Gedanke frißt mir das Herz ab und jagt mir das Blut flammend durch die Adern! Welche Strafe würde groß genug ſein, um Dich für Deinen Vatermord büßen zu laſſen? Der Tod? Nein, der Tod allein wäre zu ſüß; meinen Fluch haſt Du verdient!“ „Ach, um Gottes willen, Vater, höre mich,“ fiel Lieven ihm in die Rede,„und urtheile dann! Es iſt wahr, ich habe das Geheimniß der Verſchwörung durch Zufall im Munde von Jan Sporrelynck überraſcht und es Mher Ghelnoot van Lens mitgetheilt, damit er Maß⸗ regeln träfe, um den Anſchlag gegen Mher Artevelde und gegen das Heil Flanderns zu vereiteln. Aber nie⸗ mals iſt der Name meines Vaters über meine Lippen gekommen, um Etwas zu ſagen, das ihm hätte Nach⸗ theil viel meine noch Wie aus n Du ir zu be⸗ die H daß ie in Er Bewu Gott ſchlag indem erfülle digt,1 cher K Gedan belader drohſt. gerecht W Gelaſſe ſprach, und al entgehe ſanfte darbot Jakob n, das n, wie rlands⸗ tzt dar⸗ derlicher — Du nß von ke, wo n Skla⸗ aß Dein s war! hes Erz⸗ rade be⸗ auf das nke frißt nd durch ein, um der Tod? luch haſt ch,“ fiel Es iſt ng durch iſcht und er Maß⸗ Artevelde lber nie⸗ ie Lippen tte Nach⸗ Jakob von Artevelde. 17 theil bringen können. Ich habe viel gehört und geſehen, viel gelitten und ausgeſtanden, und doch niemals über meinen Vater geklagt, weder gegen Mher Artevelde, noch gegen Veerle, noch gegen irgend Jemand ſonſt. Wie ſehr ich mich auch bemühe, alle Erinnerung davon aus meinem Geiſte zu verbannen, ich bin überzeugt, daß Du irrſt. Mir kommt es jedoch nicht zu, meinen Vater zu beurtheilen; ich ehre ſeinen Irrthum. Aber daß ich die Hände leihen ſollte zum Falle meines Vaterlandes, daß ich den Helden nicht beſchütze, deſſen Größe Jeden in Erſtaunen ſetzt, deſſen edelmüthige Güte mich mit Bewunderung erfüllt,— ſo ſehr kann ich die Seele, die Gott mir ſchenkte, nicht verläugnen. Ich habe den An⸗ ſchlag dem Hauptmanne von Sanct Nikolges entdeckt; indem ich dies that, glaubte ich eine heilige Pflicht zu erfüllen. Dich aber, mein Vater, habe ich ſtets entſchul⸗ digt, wenn der Verdacht ſich gegen Dich erhob. Um ſol⸗ cher Handlungen willen, obgleich ſie vielleicht Deinen Gedanken entgegengeſetzt ſind, kannſt Du mich doch nicht beladen mit der ſchrecklichen Strafe, mit der Du mir drohſt. Der oberſte Richter iſt Gott; er würde Dein un⸗ gerechtes Urtheil aufheben.“ Während Lieven mit würdiger, doch ehrfurchtsvoller Gelaſſenheit und mit freundlicher Stimme dieſe Worte ſprach, lief der Oberdechant murrend im Zimmer auf und ab, wie Jemand, der einer läſtigen Ueberzeugung entgehen will. Er fühlte ſich tief verwundet durch die ſanfte Rede ſeines Sohnes, welche ihm nicht die Mittel darbot, wie er es gewünſcht hatte, in heftige Vorwürfe Jakob von Artevelde. V. 2 18. Jakob von Artevelde. und Verfluchungen auszubrechen, und durch welche ſich Lieven wahrlich über ſeinen Vater erhob, ſo hoch nam⸗ lich die gelaſſene Rede über der blinden Leidenſchaft ſteht. Nachdem er eine Zeit lang ſtumm im Gemache auf⸗ und abgewandelt war, blieb Geergert Denys vor ſeinem Sohne ſtehen und ſagte mit ganz anderem Tone: „Nun denn! der Verrath iſt einmal geſchehen, und im Nothfall könnte ich dieſe Handlung vergeſſen; aber unſer gegenſeitiges Verhältniß kann nicht ſo bleiben. Meine Freunde fliehen und fürchten mich; ich verliere alle Achtung und Einfluß, weil man mich im Verdacht hat, ich wolle mich durch Dich mit Artevelde verſoͤhnen...“ „Achl wie würde ich Gott danken, wenn dieſer Ver⸗ dacht gegründet wäre,“ rief Lieven eifrig. „Mich mit Artevelde verſöhnen!“ ſpottete der Ober⸗ dechant bitter;„mit ihm, der mich meines Rechtes be⸗ raubt hat, mit ihm, der mich unter ſeinem Hochmuth gebeugt hält! Cher riſſe ich mir das eigene Herz aus der Bruſt, um es zwiſchen zwei Steinen zu zerſchmettern. Nein, nein! Der Streit zwiſchen mir und dem Tyrannen iſt nicht zu Ende; ſo lange mir noch ein Tropfen warmes Blut durch die Adern fließt, ſoll er wiſſen und fühlen, daß ich lebe. Fortuna's Rad hat mich niedergeworfen; aber dieſes Rad dreht ſich immer und bringt ſelbſt die Schwächſten wieder empor. Er fürchte die Wendung; er ſoll erkennen, wie ſie ſchmeckt, die Galle, die jetzt Jahre lang ſich in meiner zuſammengepreßten Bruſt geſammelt hat; er ſoll zu meinen Füßen kriechen, vergeblich um Gnade flehen für ſich ſelbſt, für Alles, was ihm theuer che ſich h naͤm⸗ ft ſteht. he auf⸗ ſeinem n, und i; aber bleiben. verliere Verdacht hnen..“ er Ver⸗ r Ober⸗ htes be⸗ ochmuth aus der mettern. yrannen warmes fühlen, worfen; ſelbſt die bendung; tzt Jahre eſammelt blich um m theuer Jakob von Artevelde. iſt, für Alle, die ihn zu achten und zu lieben wagten. Ich werde ſein Geſchlecht vernichten, ſeinen Namen ver⸗ ſchwinden laſſen aus der Welt, oder ihn der Geſchichte überliefern, beladen mit ewiger Verachtung und Schande. Und muß meine Rache in einem Blutbade gekühlt wer⸗ den, ſo werde ich unerbittlich ſein und das Schwert wie eine Senſe über Flandern fahren laſſen....“ Lieven legte zitternd die Hand auf ſeines Vaters Mund und unterbrach ſo deſſen abſcheuliche racheath⸗ mende Rede. „Ach! habe Mitleid mit mir!“ bat er flehend; „Deine Worte durchbohren meine Seele und erſchrecken mich zum Tode. Biſt Du es nur, Vater, der ſo ſpricht? Iſt nicht ein böſer Geiſt zwiſchen uns Beide getreten, um dies Gemach durch unerhörte Verwünſchungen zu beflecken? Siehe, ich zittere und bebe, wie wenn Deine Stimme einen Teufel aus der Hölle vor meinen Augen heraufbeſchworen hätte. Erbarme Dich meiner, Vater! Laß mich glauben, daß der Zorn allein Dir dieſe Worte eingab! Reiße nicht ſo grauſam das letzte Gefühl der Liebe aus meinem bekümmerten Herzen! Ich bitte Dich, befreie mich von dem ſchrecklichen Gedanken, der mich quält; widerrufe, was Du geſagt haſt!“ „Widerrufen?“ wiederholte Denys mit dumpfer Stimme.„Nein, für uns Beide iſt auf Erden nicht Platz; er oder ich muß verſchwinden. Du ſcheinſt er⸗ ſtaunt über meine gerechte Racheluſt! Wüßteſt Du, was ich ſeit Jahren leide, fühlteſt Du das tödtliche Nagen des Wurmes, der in meinem Herzen wühlt, verzehrte das 2* 2 — ——.y— Jakob von Artevelde. Feuer der Hölle auch Dein Gehirn, o grauſamer Sohn, ſo würdeſt Du den feigen Tyrannen verfluchen, der Dei⸗ nen unglücklichen Vater unterdrückt und tödtet; Du wür⸗ deſt gleichfalls von dem Himmel verlangen, ſein verhaß⸗ tes Blut fließen zu ſehen, als Racheopfer für das Böſe, das er mir, ſeinen Brüdern, dem Vaterlande zugefügt hat.— Aber Du biſt blind, Du beteſt meinen ſchänd⸗ lichen Mörder an.... Ha! Du weinſt, Lieven, Du fühlſt Reue über Deine abſcheuliche Neigung zu dem ſchnödeſten aller Menſchen....“ „Ach, ach! wohin bin ich gekommen!“ ſeufzte Lie⸗ ven mit Thränen in den Augen.„O, Vater, warum zwingſt Du mich mit Gewalt, Dich zu beurtheilen? Warum haſt Du Dein Inneres vor mir bloßgelegt? Selbſt wenn ich mich auch freiwillig täuſchen wollte, ſo kann ich doch keine Entſchuldigung für Dich mehr finden. Muß ich denn die ſchrecklichſte aller Pflichten erfüllen? Soll ich Dir in dieſer feierlichen Stunde die Wahr⸗ heit ſagen?“ „Wahrheit oder Lügen! ſprich, ich gebiete es Dir!“ rief Denys mit drohender Stimme. „O, möge Gott einen Lichtſtrahl in Deinen Geiſt ſenden, Vater!“ entgegnete Lieven.„Mögeſt Du mein kühnes, doch ehrerbietiges Wort geduldig anhören! Viel⸗ leicht kehrt dann noch die Ruhe in Dein gefoltertes Ge⸗ müth, und das wohlthätige Gefühl der kindlichen Liebe in mein blutendes Herz zurück. Du nährſt gegen Mher Artevelde einen glühenden Haß, Du rühmſt Dich deſſen ſogar. Dieſe ſtets verwerfliche Leidenſchaft kann einiger⸗ maf ſcher land ohn, Dei⸗ vür⸗ haß⸗ Zöſe, efügt änd⸗ Du dem Lie⸗ arum eilen? elegt? e, ſo nden. llen? Jahr⸗ dir!“⸗ Geiſt mein Viel⸗ 3 Ge⸗ Liebe Mher deſſen niger⸗ Jakob von Artevelde. 21 maßen Entſchuldigung finden vor Gott und vor Men⸗ ſchen, wenn eine große Schlechtigkeit ſie hervorrief und ſie nährt; aber ſage mir doch, was hat Dir der Ober⸗ hauptmann je Böſes gethan? War ſeine erſte That nicht, Dich aus der Verbannung zurückzurufen? Er weiß, daß Du ſeitdem ihm feindſelig geſinnt biſt. Wahrſcheinlich iſt es ihm nicht unbewußt, daß Du ſeinen Fall als die Aufgabe Deines Lebens betrachteſt. Und dennoch, Du kannſt es nicht läugnen, Vater! wenn geſtraft werden mußte, hat er Dich jederzeit verſchont, obwohl er wußte, daß Du doch nicht aufhörteſt, zu ſeinem Nachtheile wirk⸗ ſam zu ſein. Und während Du ihn tadelteſt, während Du ſeinen Namen verwünſchteſt, kam niemals ein Wort gegen Dich über ſeine Lippen, nicht einmal eine Klage über Dein Unrecht. Du ſagſt, Du haſſeſt ihn aus Liebe zum Vaterlande? Was war Flandern, als ſeine Hand es emporhob aus der Gruft der Erniedrigung und des Elends? Die Hungersnoth mähete unſere abgezehrten Brüder von der Erde weg; wir waren die muthloſen Sklaven des Fremden; Handel, Gewerbe, Wohlfahrt, Gedeihen, alle Gaben, welche Gott unſerer milden Hei⸗ math geſchenkt, waren dahingeſchmachtet unter dem Un⸗ rechte und der Unterdrückung..... Und jetzt, jetzt hat ſich Flandern uͤber alle umliegenden Lande in Macht, Freiheit und Reichthum erhoben; jetzt iſt die bleierne Sargdecke von Frankreichs Einfluß auf immer wegge⸗ nommen und vernichtet; Ueberfluß ſtrömt über unſern Boden, und die Nationen der Erde rühmen unſer Vater⸗ land als den Brennpunkt der Volksbildung und Volks⸗ 22 Jakob von Artevelde. größe. Das iſt das glanzreiche Werk des weiſen Man⸗ nes. Und Du willſt ihn haſſen im Namen des Vater⸗ landes ſelbſt? Fürchteſt Du denn nicht, o Vater, daß minder edle Leidenſchaften ohne Dein Wiſſen Beſitz von Deinem Herzen genommen haben?..... Ich mag nicht fortfahren; die Ehrfurcht verbietet es mir; aber glaube mir, Vater, Du haſſeſt ohne Urſache; es giebt Etwas, das Dich verblendet, vielleicht ein Gefühl, deſſen Namen Du ſelbſt nicht ohne Erröthen ausſprechen würdeſt.— Du leideſt, ſagſt Du? Ach! Du leideſt nicht allein. Könnteſt Du in meinem Buſen leſen, welche Schmerzen mein Innerſtes ſchon ſo lange durchwühlen; könnteſt Du meſſen die Tiefe der Pein, die ich über Deinen Irrthum empfinde!..... Soll unſer Leben denn bis an ſein aus Deinem Herzen! Laß die Hand Deines Sohnes das feierliche Band der Verſoͤhnung werden zwiſchen Dir und dem weiſen Manne! Gehe zu Mher Artevelde; fordere ſeine Freundſchaft! Er wird Dich mit offenen Armen empfangen, wie einen Bruder, der zu ihm zurückkehrt..“ Geeraert Denys hatte mit abſcheulichem Grinſen und mit ſpöttiſcher Geduld die Rede ſeines Sohnes angehört. Gegen das Ende hatte er jedoch ſeinem Antlitz eine ge⸗ machte Ruhe gegeben und that nun, als ob er ſich zu gemäßigteren Gefühlen habe überreden laſſen. Dennoch hatte rer( licher man Ohn grau mit eindt ausf Wor mich laſſe recht über um verg zen genn Dir Wo ben als Jun mar und nem dt Nan⸗ dater⸗ daß von nicht laube twas, amen nerzen ſt Du rthum n ſein ihrend ß und imme, lamme haften es das ir und fordere Armen 11 en und gehort. ine ge⸗ ſich zu dennoch Jakob von Artevelde. 23 hatten aber vielleicht niemals Haß und Zorn mit größe⸗ rer Gewalt in ſeinem Buſen gelodert. An dem entſetz⸗ lichen Lächeln, welches jetzt ſeine Lippen überzog, konnte man den Vorboten einer größeren Bosheit erkennen. Ohne Zweifel hatte er das Mittel gefunden, ſeinen Sohn graufam zu beſtrafen. Er ging auf ihn zu, nahm ihn mit falſcher Freundlichkeit bei der Hand und ſagte mit eindringlichem Tone zu ihm: „Wahrlich, Lieven! was die Leidenſchaft mich eben ausſtoßen ließ, liegt nicht ſo in meinem Herzen. Deine Worte, wenn auch ungegründet oder übertrieben, haben mich gerührt. Du kennſt Deinen Vater nicht recht. Ich laſſe mich zwar leicht fortreißen; aber ich treibe meine rechtmäßige Rache nicht ſo weit, und ſiegte ich wirklich über meine Feinde, ſo würde ich großmüthig genug ſein, um das Böſe, das ſie mir gethan, zu vergeben und zu vergeſſen. Was mich mitunter in Worten über die Gren⸗ zen der Mäßigung hinaustreibt, iſt kein Gefühl des Ei⸗ gennutzes, ſondern der Unwille über den Hohn, den man Dir zufügt gerade in dem Hauſe desjenigen, für deſſen Wohlſein Du Alles opferſt, auch die Ehre und das Le⸗ ben Deines Vaters. Du haſt mir nicht Glauben geſchenkt, als ich Dir ſagte, daß Mher Ghelnoot van Lens und Jungfrau Veerle übereinſtimmen, um Dich zum Deck⸗ mantel ihrer ſchändlichen Buhlſchaft zu machen..... 4 „Vater, Vater! Gnade!“ ſchrie Lieven voll Pein und Schrecken.„Zerreiße die letzte Ader nicht in mei— nem Herzen; laß mich fliehen!..... Rede nicht mehr! Du würdeſt mich zur größten Miſſethat verdammen; ich 5 24 Jakob von Artevelde. würde meinen Vater haſſen und von Gott ſelbſt als ein unmenſchliches Geſchöpf verflucht werden!....“ „Nun!“ ſagte Denys mit ſiegreicher Kälte;„gehe aus dem Hauſe und beruhige Deine Sinne. Ich will Dich nicht daran hindern, da ich ſehr wohl weiß, daß Du binnen weniger Zeit ſelbſt bekennen wirſt, Mher Ghel⸗ noot und Veerle betrügen Dich ſchändlich.....“ Ehe dieſe Worte geſprochen waren, hatte Lieven be⸗ reits das Haus verlaſſen. Er irrte eine Zeit lang wie ein Verjagter durch die Straßen, bis er endlich, ohne es zu wiſſen, bei den Waſſermühlen ſtand, und dort, mit den Armen auf den Steinen ruhend, bewußtlos in die brauſende Fluth hin⸗ abſtarrte. Gleichſam von einem geiſtigen Schlafe befangen, blieb er hier ungefähr eine halbe Stunde in die Betrach⸗ tung ſeines traurigen Schickſals verſunken, bis ſeine gei⸗ ſtige Abſpannung ihn wieder in die trübe Wirklichkeit zurückführte. Er verließ nun die Niederſchelde und ging die Brabantſtraße hinauf. Bei dem Steen von Papeghem begegnete er Mher Ghelnoot van Lens, der auf ihn zuging und ihn ge⸗ heimnißvoll bei Seite führte. Er ſteckte die Hand in die Taſche, zog ein Pergament aus derſelben, zeigte es dem Jünglinge und fragte ihn: „Beſieh' Dir dieſe Schrift einmal genau! Erkennſt Du ſie?“ Es ſcheint mir die Hand des Oberhauptmanns!“ 7, entgegnete Lieven;„doch iſt etwas Fremdes darin, das ich 1 mach ſtabe jetzt nicht / dann / blickl reiſe verbe / heit. wo e und nung ſolche mitte als ein „gehe h will aß Du Ghel⸗ den be— arch die bei den auf den th hin⸗ fangen, zetrach⸗ ne gei⸗ klichkeit ud ging Mher hn ge⸗ din die es dem Erkennſt anns!“ in, das Jakob von Artevelde. 25 ich nicht gut angehen kann. Vielleicht iſt ſie nachge⸗ macht?“ „Vielleicht? Betrachte doch einmal genau dieſe Buch⸗ ſtaben! So ſchreibt der Oberhauptmann doch nicht!“ „In der That!“ ſagte Lieven;„die Schrift iſt falſch; jetzt bin ich ganz davon überzeugt. Das Siegel ſelbſt iſt nicht geſtempelt; es iſt mit der Hand nachgemacht.“ „Lies doch einmal den Inhalt, Lieven!“ Der junge Denys las die Schrift durch und ſagte dann verwundert: „Ein Befehl von Mher Artevelde, der Dich augen⸗ blicklich nach Veurne ruft, und Dich erſucht, Deine Ab⸗ reiſe durchaus geheim zu halten. Was mag darunter verborgen liegen?“ „Ach! immer daſſelbe, Lieven: Hinterliſt und Bos⸗ heit. Ich bilde mir ein, daß man mir unterwegs irgend⸗ wo einen Hinterhalt gelegt hat, um mich zu uberfallen und zu ermorden, wenn es möglich iſt. Es iſt die Rech⸗ nung von dem misglückten Aufruhr, die man mir auf ſolche Weiſe ausgleichen will. Siehſt Du! heute Nach⸗ mittag läßt man mir dieſen Befehl zukommen, damit ich in der Nacht reiſen muß, und man verlangt, daß ich die Reiſe geheim halte, damit Niemand vermuthe, daß mich Genter überfallen.“ „Du wirſt doch nicht nach Veurne gehen?“ fragte Lieven. „Das heißt,“ lachte Ghelnoot,„ich bin ſeit einer halben Stunde damit beſchäftigt, ein Mittel auszudenken, um ſelbſt die Woͤlfe zu fangen. Es iſt indeſſen ein Bis⸗ chen weit. Ich bin jetzt auf dem Wege, um mit Mher Jakob von Artevelde. Maes van Vaernewyck die Sache zu bereden. Er wird mir rathen, was ich thun ſoll. Sprich unterdeſſen nicht davon, und findeſt Du mich heute Abend um acht Uhr nicht zu Hauſe, ſo denke, ich ſei nach Veurne auf die Jagd gegangen. Auf Wiederſehen! Ich will die Zeit nicht verlieren; es wird ſonſt zu ſpät.“ Lieven blieb noch einen Augenblick an dem Orte ſtehen. Er vergaß bald, was Ghelnoot ihm geſagt hatte, und gab ſich ganz dem größeren Verdruſſe und dem tie⸗ feren Schrecken hin, die ihn ſeit den Verwünſchungen ſeines Vaters ergriffen hatten. Von den peinlichſten Gedanken verfolgt, durchſchritt er langſamen Ganges die ganze Stadt, blieb hier und dort auf den Brücken ſtehen, um in das fließende Waſſer zu blicken, und befand ſich gegen Abend vor der Pforte des großen Beggynenhofes, ohne zu wiſſen, wie er dorthin gekommen war. Die Thurmglocke läutete zur Vesper, und viele Bürger und Frauen aus der Nachbarſchaft traten in den Hof, um dem Gottesdienſte beizuwohnen. Drinnen auf dem Plane ſah man in der halben Dunkelheit die Beggynen aus ih⸗ ren Wohnungen treten und nach der Kirche eilen. Lieven ſtand dort eine Zeit lang regungslos vor der Pforte, jeder Beggyne mit den Blicken folgend, während das Herz ihm in der beunruhigten Bruſt heftig pochte. Fortgezogen von einer unwiderſtehlichen Begierde, Veerle zu ſehen und in ihrem Anblicke Troſt und Erleuchtung zu finden, trat er endlich mit ſchüchternem Schritte in die Kirche und kam dort an, als der Abendgeſang bereits begonnen war. D etwas war v herrſch als zu Mauer bilder, ſchwar und ko rend i ohne 6 bedeckr eine un vermut undure Eine e von Z Prieſte wie da heit ar Lie der Kit wohnt den Bl Und d unaufh keln Ko lich ſei, nen. 2 wird nicht bt Uhr nuf die 2 Zeit Orte hatte, m tie⸗ ungen ichſten ges die ſtehen, nd ſich mhofes, Die er und f, um Plane us ih⸗ vor der ährend pochte. Veerle ung zu in die bereits Jakob von Artevelde. Das Innere des Gotteshauſes hatte um dieſe Stunde etwas Heimliches, ja ſelbſt Schauerliches. Nur der Altar war von einigen Wachskerzen erhellt; in den Stühlen herrſchte dagegen eine Dunkelheit, in welcher man nichts als zweifelhafte Formen unterſcheiden konnte. Längs der Mauer zu beiden Seiten ſaßen die Beggynen wie Stein⸗ bilder, regungslos und ſtumm, in Reihen geordnet. Ihre ſchwarzen Gewänder verſchwammen in der Dunkelheit und konnten nicht von dem Auge gefaßt werden, wäh⸗ rend ihre weiße Kopfbedeckung allein ſichtbar blieb und ohne Stütze in der Luft zu ſchweben ſchien. Dieſe Kopf⸗ bedeckung bildete durch ihre weit vorſpringenden Falten eine undurchdringliche Tiefe für das Antlitz, welche kaum vermuthen ließ, daß ein menſchliches Haupt hinter dieſer undurchdringlichen Finſterniß verborgen liegen koͤnne. Eine ehrfurchterregende Stille füllte die Kirche. Nur von Zeit zu Zeit hörte man die murmelnde Stimme des Prieſters vor dem Altare oder ein fernes Huſten, das wie das Gekrächze eines Nachtraben aus der Dunkel⸗ heit aufſtieg. Lieven, der wohl am Tage, doch nie am Abende in der Kirche des Beggynenhofes dem Gottesdienſte beige⸗ wohnt hatte, war nicht im Stande, ohne innere Angſt den Blick auf dieſe geiſterhafte Verſammlung zu richten. Und doch ward durch dieſe Rührung ſelbſt ſein Auge unaufhaltſam vom Altare weggezogen, um in die dun⸗ keln Kopfbedeckungen einzudringen und, wenn es mög⸗ lich ſei, das bleiche, aber ſüße Antlitz Veerle's zu erken- nen. Jedes Mal wandte er jedoch entſetzt den Blick wie⸗ Jakob von Artevelde. der ab, und es faßte ihn eine unbegreifliche Angſt. Von ſeiner aufgeregten Phantaſie fortgeriſſen, gab ſein Auge dem, was er nicht ſah, Geſtalten; er wähnte unter den Kopfhüllen grinſende Schädel zu unterſcheiden, und die⸗ ſen einen Körper hinzufügend, entdeckte er in der Dun⸗ kelheit eine Anzahl entfleiſchter Gerippe. Sich allmählig ganz dieſem tollen Traume hingebend, wähnte er ſich in das Reich der Todten verſetzt und fühlte, wie es ihm die Bruſt zuſammenzog und das Herz beengte. Hörte er nun hier oder da das Knarren eines Stuhles, oder un⸗ terſchied er ein ſchwereres Athmen, ſo erzitterte er, wie wenn das Klappern eines Gerippes oder das Wehklagen einer leidenden Seele ſein Ohr getroffen habe. Plötzlich ſtieg von der Höhe ein himmliſcher Geſang herab und verbreitete ſich in langſam wallenden Tönen durch das Gotteshaus. Es waren Stimmen von Engeln oder von Frauen, deren hinreißender Klang in einem vielſtimmigen Chor ſtieg und ſank, wie die ſüßen ſtillen Rührungen des jungfräulichen Gemüthes. Entzückt hob Lieven das Haupt empor und begrüßte lächelnd die ſchmeichelnden Töne. Aber die Sängerinnen blieben ſeinen begierigen Blicken unſichtbar. Nur ein ein⸗ ziges Wachslicht, hinter einem wiederſtrahlenden Leuch⸗ ter, ließ vermuthen, daß der Geſang aus der Tiefe des Chores aufſtieg und ſich von dort wie in Weihrauchs⸗ woͤlkchen bis nach dem Altare verbreitete. Hatte Lieven bei der Todesſtille ſich in einen unter⸗ irdiſchen Aufenthalt geträumt, ſo hatte ſeine reizbare Ein⸗ bildungskraft gewiß jetzt Grund, zu wähnen, daß der Himme nen de miſchte ſpiele. am klat es mitu tropfen auf das des Tro die Vo liebte 2 Lar zückens ſanges gen, bi abgelöſt träumte Gottes vereinig Seele m bis der und auf Der hoffte n men. 2 das Lied Als Prieſters knieete e Von n Auge ter den ind die⸗ r Dun⸗ lmählig ſich in ihm die öörte er der un⸗ r, wie hklagen Geſang Tönen Engeln einem ſtillen egrüßte erinnen ein ein- Leuch⸗ iefe des rauchs⸗ unter⸗ re Ein⸗ daß der Jakob von Artevelde. 29 Himmel ſich über den harrenden Geiſtern öffne und ih⸗ nen den Willkommengruß der Erlöſung zuſende. Hier miſchte ſich jedoch eine ſelige Wirklichkeit zu dem Gaukel⸗ ſpiele. Die ſüßeſte Stimme, diejenige, welche ihre Töne am klangreichſten und kräftigſten zu Gott ſandte, ſo daß es mitunter ſchien, als ob ſie zitternd wie glänzende Thau⸗ tropfen niederſänken,— dieſe Stimme rührte ſein Herz auf das Tiefſte und goß mit vollen Zügen den Balſam des Troſtes in daſſelbe. Er konnte ſie nicht verkennen: die Vorſängerin des heiligen Lobliedes war ſeine ge⸗ liebte Veerle. Lange blickte er ſo mit dem heiteren Lächeln des Ent⸗ zückens in die Tiefe der Kirche, um jeden Klang des Ge⸗ ſanges bei ſeinem Entſtehen aufzufaſſen und ihm zu fol⸗ gen, bis derſelbe verhallte oder von einem anderen Tone abgelöſt wurde; lange lauſchte er ſo bewußtlos und träumte von einer Himmelsſeligkeit, in welcher er vor Gottes Throne ſeine Stimme mit der Stimme Veerle's vereinigte, in welcher dieſelbe Flamme ewiger Liebe ſeine Seele mit der Seele der theuren Schweſter vermiſchte... bis der Geſang plötzlich in einem langen Tone erſtarb und aufhörte. 3 Der entzückte Jüngling rührte ſich zuerſt nicht und hoffte noch immer neue Klänge vom Chore zu verneh⸗ men. Die Töne zitterten noch ſo in ihm nach, daß ſie das Lied in ſeinem Innerſten eine Weile fortſetzten. Als er jedoch gleich darauf an den Bewegungen des Prieſters merkte, daß der Gottesdienſt zu Ende gehe, knieete er vor dem Altare nieder und ſandte ein feuriges —— — Jakob von Artevelde. Gebet zu Gott, dem er dankte, daß er ihn an dieſen Ort geführt habe, um ihn aus dem Abgrunde tödtender Ver⸗ zweiflung zu retten. Er fühlte jetzt ſein Gemüth erleich⸗ tert; ihm waren Kräfte geſchenkt worden, um ſein end⸗ loſes Weh geduldig zu tragen; es war ihm vergönnt worden, Troſt und Labſal zu finden in der Aufwallung der Seele ſeiner Geliebten zu dem Herrn. Kaum hatte er einige Augenblicke dort geſeſſen, ſo benachrichtigte ihn ein allgemeines Geräuſch mit den Stühlen und das Aufſtehen der Beggynen, daß der Abendgottesdienſt zu Ende ſei. Er ſtand ebenfalls vom Betſchemel auf und blickte eine Zeit lang auf die Beggy⸗ nen, welche ſämmtlich ihre Kopfbedeckung abnahmen, ſie in eine neue Form legten und wie ein langes herabhängen⸗ des Tuch um den Kopf befeſtigten, ohne diesmal ihr Ant⸗ litz zu verbergen. Als ſie dies gethan hatten, näherten ſie ſich, eine nach der anderen, dem Weihkeſſel, wo Lie⸗ ven ſtand, und verließen dann die Kirche. Zuletzt ſtrahlte auch Veerle's liebreicher Blick aus der Ferne dem Jünglinge entgegen. Sie näherte ſich mit der Röthe der Schaam auf der Stirn und ſah ihn heiter und durchdringend an, während ſie Weihwaſſer nahm. „Ach, Veerle! wie ſingſt Du ſchön!“ ſeufzte Lieven. „Mein Herz zittert noch vor Bewunderung.“ Die Jungfrau beugte das Haupt und ſagte, beinahe unhörbar: „Sonntag, Lieven, komme recht frͤh!“ Sie ging nun raſch aus der Kirche, gleichſam als fühle ſie Reue, die Regel der Beggynen verletzt und in dem( zu ha D wenigf gleiten konnte ling, ihn bis anderen fünf od Kirche gen An großes dige N geſtört von Li Erſte, ſammen 7 Kirchen „4 denn?“ / 2 Schweſ een Ort er Ver⸗ erleich⸗ in end⸗ ergönnt vallung ſen, ſo nit den daß der ls vom Beggy⸗ n, ſie in ängen⸗ hr Ant⸗ äherten vo Lie⸗ aus der mit der ter und Lieven. beinahe am als und in Jakob von Artevelde. 31 dem Gotteshauſe ſelbſt mit einem Manne geſprochen zu haben. Der Jüngling folgte ihr nach dem Plane, um ſie wenigſtens, ſo lange er konnte, mit den Augen zu be⸗ gleiten. In der Dunkelheit, welche ringsum herrſchte, konnte er aber nichts mehr gewahren, als einige ſchwarze Schatten, welche in verſchiedenen Richtungen nach einan⸗ der in den Winkeln der kleinen Wohnhäuſer verſchwanden. Gleich nach Lieven's Ausgange hatte die Küſterin die Kirche geſchloſſen und wollte ebenfalls die Vorderpforte des Hofes verrammeln. Sie benachrichtigte den Jüng⸗ ling, daß er das Stift verlaſſen müßte, und begleitete ihn bis an die Pforte. Da erhob ſich plötzlich an dem anderen Ende des Planes ein furchtbares Geſchrei, und fünf oder ſechs Beggynen kamen nach Hülfe rufend auf die Kirche zu. Die Küſterin gab ihnen mit lautem Wehkla⸗ gen Antwort; denn ſie zweifelte nicht daran, daß ſich ein großes Unglück zugetragen haben müſſe, weil die beſtän⸗ dige Nachtruhe des Hofes auf eine ſo furchtbare Weiſe geſtört wurde. Ohne zu wiſſen, wem es gelte, lief ſie, von Lieven begleitet, ihren Genoſſinnen entgegen. Die Erſte, welche ſie erkannte, rief mit über dem Haupte zu⸗ ſammengeſchlagenen Händen: „Gott bewahre uns Alle, Schweſter Begga! Welche Kirchenſchändung! Welches Unglück!“ „Himmel! Ihr tödtet mich vor Angſt! Was iſt denn?“ fragte die Küſterin mit ſteigender Furcht. „Ach!“ rief die Erſte,„wir kamen mit unſerer alten Schweſter von Artevelde zu unſerer Wohnung und woll⸗ ——— 32 Jakob von Artevelde. ten die Thür aufſchließen, als plötzlich Schweſter Veerle von uns fortgeriſſen und auf einer Leiter über die Mauern entführt wurde. Sie wehrte ſich und ſchrie, daß es uns das Herz zerriß; aber es waren zu viele Männer; die Leiter verſchwand hinter der Mauer.... Wir ſind gelaufen.... Ach! die Arme! die Arme! die Unglückliche!.... in Händen von Räubern!.... Was wird mit ihr geſchehen!....“ Lieven wartete das Ende dieſer Ausrufungen nicht ab. Ein gellender Schrei entfuhr ſeiner Bruſt; er zog ſeinen Dolch, und mit der anderen Hand den Arm der Beggynen ergreifend, ſagte er haſtig: „Kommt, kommt! zeigt mir den Platz, daß ich ſie befreie! Ihr wagt es nicht? Gott! was iſt zu thun?“ „Ich will mit Euch gehen!“ ſprach eine Andere, während ſie vorauslief und ihn nach der Mauer brachte, wo die Entführung ſtattgefunden hatte. Hier fand Lieven eine Anzahl Beggynen, die mit unaufhörlichem Geſchrei das Schickſal ihrer unglücklichen Schweſter beklagten, von den Räubern und von Veerle jedoch nicht die geringſte Spur mehr. Es war hinter der Mauer ſo ſtumm und ſo dunkel, wie im Grabe. Wie vom Fieberwahnſinn gejagt und mit der äußer⸗ ſten Verzweiflung eilte der junge Denys zum Beggynen⸗ hofe hinaus, wandte ſich um die Mauer und lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit, ob er nichts vernehme. Er ſuchte mit den Blicken die Dunkelheit zu durchdringen; aber alle ſeine Mühe war vergeblich. Mit zerſchmetter⸗ tem Herzen und die Augen voll Thränen kehrte er nach dem 2 aus de B deren um do Außen ſie ver haben D Thrän dung Jakob Veerle ber die ſchrie, u viele ur ne! die Was n nicht er zog rm der ich ſie hun?“ Undere, prachte, die mit cklichen Veerle tter der äußer⸗ gynen⸗ hte mit ie. Er ingen; netter⸗ r nach Jakob von Artevelde. 33 dem Beggynenhofe zurück, wo er viel Volks fand, das aus der Nachbarſchaft bei der Kunde herbeigeſtrömt war. Bald darauf kam auch Ghelnoot van Lens mit an⸗ deren Freunden Artevelde's herbei. Sie vertheilten ſich, um das Rabot, die Stadtwallthürme, und ſelbſt die Außenfelder zu durchſuchen; aber ſie fanden nichts, das ſie vermuthen ließ, wohin man die arme Veerle entführt haben könne. Die aufſteigende Sonne fand Lieven unter heißen Thränen vor dem Wallthore. Er erlag faſt der Ermü⸗ dung und Verzweiflung. Jakob von Artevelde. V. — ——— — Jakob von Artevelde. XIV. In dem Winkel der Waiſtege an der Leije ſtand ein altes Haus, welches Geeraert Denys zugehörte und ſchon ſeit einiger Zeit unbewohnt geblieben war, wahrſcheinlich wegen ſeiner einſamen Lage. Es lag auf allen Seiten von den anderen Häuſern abgeſondert und war nur mit ſeinem Hofe durch hohe Ringmauern verbunden; ſein Fuß badete ſich in der Leije, und während der Regenzeit, wo der Strom mit raſcherem Laufe vorbeifloß, konnte man in den inneren Gemächern das Brauſen des Waſ⸗ ſers hören, welches durch einen überwölbten Gang ſelbſt zum Theil unter der abgelegenen Wohnung dahinfloß. Drei oder vier Tage nach der Entführung der un⸗ glücklichen Veerle befand ſich der Ribaudenkönig zu nächt⸗ licher Zeit in einem ziemlich großen Gemache im erſten Stock dieſes Hauſes. Eine tragbare Lampe brannte mit zweifelhaftem Scheine auf dem Tiſche, neben welchem Muggelyn ſaß. Um deſto ſicherer zu verhindern, daß we⸗ der Neugierige noch Späher bemerkten, es halte ſich Je⸗ mand in der leeren Wohnung auf, hatte man die Fen⸗ ſter, außer ihren hölzernen Schirmen, mit langen Lappen zerriſſener Teppiche behängt, und obwohl es einigermaßen rauhes Wetter war, ſo brannte doch kein Holzfeuer in dem Gemache, ſondern ein breiter Ziegelſtein mit glim⸗ menden Kohlen ſtand unter der Eſſe und rauchte. In falls n eine ſch Au Becher ſchwarz Der nicht. L beim er nicht oh wöhnlich In liche Sti ſchen ſch Weiſe b und ſpra ob ein ur Auch hie Um ſeine maßen z Hand he Jeder hat die rechte Vergeſſen beinahe 2 „Ma Teufel ar mit dem Plötzl nd ein ſchon einlich Seiten ur mit ; ſein enzeit, konnte Waſ⸗ ſelbſt nfloß. r un⸗ nächt⸗ erſten te mit elchem ß we⸗ h Je⸗ Fen⸗ appen naßen ter in glim⸗ Jakob von Artevelde. 35 In einem Winkel auf der nackten Erde lagen gleich⸗ falls mehrere Stücke Teppich auf einander und bildeten eine ſchlechte Lagerſtätte. Auf der Tafel, neben einem Weinkruge mit dem Becher und vielen ſilbernen Münzen, lag eine große ſchwarze Maske und neben dieſer ein Dolch. Der Ribaudenkönig trug ſeine gewohnte Kleidung nicht. Wie er ſich jetzt zeigte, würde man ihn ſchwerlich beim erſten Blicke erkannt haben. Es war auch wohl nicht ohne Abſicht geſchehen, daß er ſich auf ſo unge⸗ wöhnliche Weiſe angekleidet hatte. In dieſer nächtlichen Einſamkeit, während eine ängſt⸗ liche Stille ringsum und über der ganzen Stadt zu herr⸗ ſchen ſchien, hielt ſich Muggelyn auf eine ſonderbare Weiſe beſchäftigt. Er warf unaufhoͤrlich mit Würfeln und ſprach und zankte dabei mit eben ſolchem Eifer, als ob ein unſichtbarer Spielgenoſſe neben ihm geſeſſen hätte. Auch hierin brauchte man nichts Unnatürliches zu ſuchen. Um ſeiner Leidenſchaft für das Spiel wenigſtens einiger⸗ maßen zu froͤhnen, hatte der Ribaudenkönig ſeine linke Hand herausgefordert, gegen ſeine rechte zu würfeln. Jeder hatte er die Hälfte ſeines Geldes gegeben, und jetzt die rechte Hand als ſich ſelbſt anſehend, ſpielte er in tiefer Vergeſſenheit und mit Zorn gegen ſeine Linke, die ihm beinahe Alles abgewonnen hatte. „Man hat wohl Recht,“ rief er,„zu ſagen, daß der Teufel an der linken Seite ſteht; denn wenn Du nicht mit dem Teufel umgehſt, da weiß ich nicht, wie es iſt!“ Plötzlich hörte Muggelyn ein fremdartiges Geräuſch 3* 36 Jakob von Artevelde. in der Kammer, wie wenn ein ſchwerer Seufzer aus ei⸗ ner beklemmten Bruſt emporſtiege. Wahrſcheinlich war es nichts Anderes, als ein Windſtoß in der Eſſe oder ein unverſchloſſener Fenſterrahmen, welcher knarrte. Doch erbleichte er und ſah ängſtlich umher. Nachdem er eine Weile mit geſpannter Aufmerkſamkeit gehorcht hatte, ſagte er murrend: „Es iſt wunderbar! Seit ich träumte, daß ich meine Mutter vor dem Bette ſtehen ſah, bin ich wie von Spuk und Geiſtern heimgeſucht. Es iſt etwas in meinem Leibe, das von ſelbſt zu beben anfängt, wenn ich um Mitter⸗ nacht allein in einer dunklen Kammer bin. Ich muß da auch noch vom Teufel reden! Aber nur gerade heraus⸗ geſagt, was ſoll der Böſe mit mir anfangen? Ich bin doch wahrlich der Mühe nicht werth, daß er um meinet⸗ wegen einen Umweg macht.... Es war auch nichts! Nun denn! ich ſpiele quitt oder doppelt in drei Würfen! Warſt Du es? Ja! Nun denn! paß auf! es geht!— Vierzehn! zehn! Sollte man das Spiel nicht verwün⸗ ſchen? Wie wird der Wirth aus dem Hirſch unter dem Belfroot zanken und raſen, wenn ich verliere und ihn wieder mit krummen Sprüngen bezahlen muß! Nun, nun! ſei nur nicht ſo eilig! wir haben ja noch Zeit! Da! nun der letzte Wurf! Ha, ha! drei Sechſer! das macht zuſammen zwei und vierzig! Wirf einmal dagegen! Was! Du wagſt zu ſagen, daß ich die Würfel naß mache? daß ich Dich betrüge? Was hindert mich, daß ich Dir nicht ſtehenden Fußes den Hals breche! Das wäre Dir aber wohl haſt v Na, r und n verlor C Geld über „ beſcher C doch 2 Wein Er tre gen 2 lich! ſem angefe haben glückt Stoß ſelig 1 und n Knopf gleichf ihrer Verlel ſte ein aus ei⸗ lich war oder ein Doch ner eine ht hatte, ich meine on Spuk em Leibe, Mitter⸗ muß da heraus⸗ Ich bin meinet⸗ verwün⸗ inter dem und ihn ß! Nun, Zeit! Da! das macht en! Was! ache? daß Dir nicht Dir aber Jakob von Artevelde. 37 wohl recht? Da ginge das Spiel nicht fort! Denn Du haſt verloren. Ha! Du bekennſt, daß es ehrlich zugeht? Na, wirf! Wie! achtzehn! Der Teufel! Ach! nur ſieben und neun! Mir gehört der ganze Gewinnſt! Du haſt verloren, Kamerad!“ Er ſcharrte mit großer Freude die beiden Haufen Geld in die Taſche und ſprach, während er die Kanne über den Becher hob: „Komm', ich will Dich mit einem guten Schluck beſchenken!“ Eine Art von verdrießlichem Erſtaunen überzog je⸗ doch Muggelyn's Geſicht, als er bemerkte, daß kaum noch Wein genug übrig ſei, um den Becher halb zu füllen. Er trank dies Wenige langſam aus, warf einen trauri⸗ gen Blick auf die Kanne und ſagte zu ſich ſelbſt: „Leer.... Es wird mir hier ſchrecklich verdrieß⸗ lich! Schon drei Nächte! Und wo jetzt geblieben mit die⸗ ſem betrunkenen Kalbe? Das Spiel war doch dumm angefangen, obwohl man die Seele des Oberdechanten haben muß, um ſolche Dinge auszufinden. Wäre es ge⸗ glückt, ſo hätte es dem Oberhauptmanne einen harten Stoß verſetzt. Die Jungfrau aufzuheben war ſo müh⸗ ſelig nicht. Sie wiegt nicht ſchwerer als eine Flaumfeder und wurde zu rechter Zeit ohnmächtig. Aber da lag der Knopf nicht! Mher Ghelnoot van Lens mußten wir gleichfalls haben, um glauben zu machen, daß er ſie mit ihrer Zuſtimmung entführt habe. Unterdeſſen wäre die Verleumdung ihren Weg gegangen, und nachdem man ſte einige Wochen in Weſtflandern zurückgehalten, hätte ——— — Jakob von Artevelde. man ſie Beide an einem abgelegenen Orte verlaſſen. Dann wären ſie gewiß zuſammen nach Hauſe zurückge⸗ kehrt. Furwahr! ſie möͤchten Himmel und Erde als Zeu⸗ gen ihrer Unſchuld aufgerufen haben, ſie hätten doch die Flecken der Verleumdung nicht abgewiſcht, ſobald dieſe erſt einige Tage an ihnen feſtklebten.— Sollte es wahr ſein, daß die Zunge einer Natter das ſtärkſte Gift ent⸗ hält? Mir dünkt, die Zunge der Menſchen tödtet mit weit größerer Sicherheit..... Der Oberhauptmann, der die Ehre über Alles ſchätzt und ſeine Tochter mit unendlicher Neigung liebt, würde an der Tugend ſeines Kindes und ſeines Buſenfreundes gezweifelt haben. Dies mußte man erreichen! Ich begreife, welche Verzweiflung, welches ſchreckliche Leid ihm dies verurſacht hätte; aber ich begreife noch beſſer, daß ich, der Schelm, Trunkenbold und Spieler, doch noch nicht ſchlecht genug bin, um ſolche Pläne auszuſinnen. Wirklich, wenn ich darüber nach⸗ denke, ſo fange ich an zu glauben, daß ich noch ein gutes Herz habe; denn ich ſage es gerade heraus, ich möchte nicht in Mher Denys' Haut ſtecken! Wenn der nicht ein⸗ mal in der tiefſten Tiefe der Hölle braten muß, ſo habe ich auch noch einmal Hoffnung, in den Himmel zu kom⸗ men, obwohl es mir ſcheint, als ob dies für jetzt noch ſehr zweifelhaft wäre. Wer weiß? Uebrigens bin ich doch neugierig, zu wiſſen, wo man mit der Jungfrau bleiben ſoll, und es wundert mich, daß der Oberdechant noch keine neue Bosheit ausgefunden hat, um ſich von dieſer Laſt zu befreien. Wäre es eine Andere, ſo hätte ich ihr ſchon längſt einen Gnadenſtoß gegeben und ſie in irgen ches mal! chelnd daß i etwas mes daß mich Furch dechar Verlo haupt derba Herr velde, Oberd ſer S koſtet aber? die W fluchte in Sc lange mein! ſorgt. ſchreck Waſſe vergäf verlaſſen. urückge⸗ als Zeu⸗ doch die ald dieſe es wahr Bift ent⸗ diet mit ptmann, hter mit d ſeines n. Dies veiflung, te; aber nkenbold m ſolche er nach⸗ in gutes moͤchte icht ein⸗ ſo habe zu kom⸗ ezt noch bin ich ungfrau rdechant ſich von o hätte d ſie in Jakob von Artevelde. 39 irgend einer Straße ausgelegt; aber ich weiß nicht, wel⸗ ches ſonderbare Gefühl der Schwäche mich ergreift, jedes⸗ mal wann ich ſie ſehe. Ihre Stimme iſt ſo ſüß, ſo ſchmei⸗ chelnd; ſie ſpricht ſo ganz ohne Zorn und ſo ſchöne Worte, daß ich wahrlich die Kraft nicht in mir fühle, dem Lamme etwas Böſes zuzufügen. Es muß irgend etwas Gehei⸗ mes ſie beſchützen, da ich, der ich gar keinen Begriff habe, daß ein Mann Ehrfurcht vor einer Frau hegen könne, mich dieſem wehrloſen Geſchöpfe nie nähere, als mit Furcht und Reſpect.... Warum muß auch der Ober⸗ dechant ſeine Rache an einer Frau ausüben?.... an der Verlobten ſeines eigenen Sohnes? Weil er kein Ober⸗ hauptmann iſt und es nie werden wird? Es würde ſon⸗ derbar zugehen in Gent, wenn dieſer eingefleiſchte Teufel Herr davon würde! Ich begreife nicht, wie Mher Arte⸗ velde, der doch wohl Etwas weiß von dem Haſſe des Oberdechanten und vielleicht von deſſen Anſchlägen, die⸗ ſer Schlange nicht ſchon den Kopf zerſchmettert hat. Es koſtet ihm ja nur ein Zeichen mit der Hand!.... Ja, aber Muggelyn, wo bleiben dann die Pfunde Grote und die Weinkannen, und das luſtige Würfelſpiel? Das ver⸗ fluchte Geld!— Was ſage ich da? Nal ich falle noch in Schlaf von dem ernſthaften Denken..... Es muß lange Mitternacht ſein; ich werde mich bis Morgen auf mein Neſt legen; die Jungfrau iſt ja doch mit Allem ver⸗ ſorgt. Wenn ich nur werde ſchlafen können! ich habe ſchrecklich wenig getrunken. Oder thut der Betrüger Waſſer in den Wein, aus Furcht, daß ich mich vielleicht vergäße und ſeine Miſſethaten an den Tag brächte?“ ——— — 40 Jakob von Artevelde. Während er dieſe letzten Worte ſprach, ſtand Mug⸗ gelyn vom Tiſche auf und warf ſich ganz angekleidet auf das Lager hin. Eben verſuchte er, die Augen zu ſchließen und einzuſchlafen, als plötzlich ein Geräuſch im unteren Gange des Hauſes wiederhallte. „Was mag das ſein?“ murrte der Ribaudenkönig aufſpringend.„Sollte man entdeckt haben, wohin die Wölfe das Schaf brachten? Da kann ich nichts Beſſeres thun, als raſch unter das Gewölbe in die Leije zu ſteigen und nach der Sluyzekenbrücke zu ſchwimmen.“ Er lauſchte unterdeſſen aufmerkſam und hörte dies⸗ mal deutlich, daß man dreimal leiſe an die Außenthür pochte. „Der Oberdechant!“ rief er erſtaunt,„der um Mitternacht zurückkehrt! Das hat nichts Gutes zu be⸗ deuten! Nun, ich will ihm öffnen; er bringt vielleicht eine neue Kanne.“ Er ergriff die Lampe, ging die Treppe hinab, öffnete die Thüre und ſagte leiſe zu Geeraert Denys: „Nun, Meiſter! es iſt nicht Recht von Euch, daß Ihr mich ſo ſpät weckt; ich träumte gerade, daß wir zu⸗ ſammen zur Hölle führen. Es war eine wunderbare Reiſe, das verſichere ich Euch!“ Der Oberdechant ſchloß die Thür mit unvorſichtiger Eile und ohne zu antworten, während Muggelyn ihm das Licht vor die Augen hielt und verwundert rief: „Ihr zittert, Meiſter? Der Schweiß tropft Euch von der Stirn herab? Iſt Euch vielleicht unterweges der Geiſt Eurer ſeligen Frau begegnet? Es geht Euch am Ende jetzt ſe 7 Deny⸗ E zwang hinaue einen / bis m rienlat der Er Männ daß ir dem 2 daß d müſſe. den T Lieve Ihr ki ſchlage Mug⸗ det auf ſchließen unteren enkönig hin die Beſſeres ſteigen te dies⸗ ßenthür der um zu be⸗ vielleicht öͤffnete ch, daß wir zu⸗ nderbare ſichtiger lyn ihm f. ft Euch eges der Fuch am Jakob von Artevelde. 41 Ende gleich mir: ich habe den Teufel nicht geſehen, aber jetzt ſehe ich ihn doch.“ „Schweig'! bei Deinem Leben, ſchweig'!“ polterte Denys, vor Wuth oder Angſt zitternd. Er packte dem Ribaudenkönig bei dem Arme und zwang ihn, trotz ſeinem Spotte, mit ihm die Treppe hinauf zu ſteigen. Oben angekommen, warf er ſich in einen Seſſel und ſprach mit der größten Angſt: „Muggelyn! wir ſind verloren, wenn die Jungfrau bis morgen noch hier bleibt! Ein Einwohner von Ma⸗ rienland hat dem Oberſchöffen erklärt, daß er am Abende der Entführung ein Boot, in welchem einige ſchweigende Männer ſaßen, die Lieve habe hinabfahren ſehen, und daß in der Dunkelheit etwas ſehr Weißes mitten auf dem Boote gelegen habe. Man hat daraus geſchloſſen, daß dies Weiße die Kappe der Beggyne geweſen ſein müſſe. Man giebt nun den dienſthabenden Zehntnern den Befehl, mit Tagesanbruch alle Häuſer längs der Lieve und Leije von unten bis oben zu durchſuchen, und Ihr könnt wohl denken, daß man dieſes Haus nicht über⸗ ſchlagen wird. Entdeckt man die Jungfrau, ſo harrt un⸗ ſerer das Schaffot; auf Frauenraub ſteht Enthauptung, Ihr wißt es wohl!“ „Ja? Ich habe keine Luſt, ſo hoch zu ſterben; Ihr könnt ſehen, daß Ihr Euch ſelbſt rettet. Was mich be⸗ trifft, ſo ziehe ich hier aus, nach meinem Hofe im Wall⸗ thore. Findet man die Jungfrau, ſo iſt es deſto beſſer!“ „WasN? deſto beſſer?“ rief Denys raſend;„in ei⸗ 5 17 nem Hauſe, das mir zugehört? wo ich nun ſeit drei Ta⸗ — 42 Jakob von Artevelde. gen ſo oft ein- und ausgehe? Ihr wollt mich ohne Hülfe dem Büttel überliefern, Undankbarer?“ „Undankbarer?“ murrte Muggelyn.„Als ob ein kleiner Schelm einem großen Schelme Dankbarkeit ſchul⸗ dig ſein könne! Aber laßt ſehen! Ihr wäret im Stande, mich zu verrathen, wenn man Euch bekäme. Ihr wollt nicht, daß man die Jungfrau hier finde? Nun denn! ſetzt ſie auf die Straße und laßt ſie laufen!“ „Um Gottes willen, Muggelyn! Hört auf zu ſpot⸗ ten; die Gefahr iſt größer, als Ihr denkt.“ „Ich ſpotte nicht.“ „Und wird die Jungfrau nicht erkennen, welchen Weg ſie genommen hat, und das Haus zeigen, wo man ſie eingeſchloſſen hielt?“ „So meine ich es nicht, Oberdechant! Ich meine, daß man ihr die Augen verbindet und ſie hindert, zu ſchreien. Man kann ſie ja in ein anderes Stadtviertel tragen und dort liegen laſſen.“ „Aber, Unbeſonnener! wenn der Nachtwächter, oder nur ein einzelner Bürger ſie antrifft, ſo ſind wir ja ver⸗ rathen!“ „Ja, wirklich! Nun, dann ſagt Ihr, was geſche⸗ hen ſoll.“ Der Oberdechant näherte ſich dem Ribaudenkönige, der nicht fern von ihm ſaß, faßte ihn bei der Hand und ſagte: „Ach, Muggelyn! ſeid Ihr denn ſo alt geworden, ohne zu wiſſen, daß ein vorſichtiger Arzt den Stahl ge⸗ braucht, wo die gewöhnlichen Mittel nicht hinreichen, eine W Herzen ſchließe Mal, befreit? M Augen G „ dunkle krumm Ihr es bis mo Ge ſich jede „ 6 als wer die Tod „2 den To Kopf? hat mar „F wollt m Augenb Nun der frau ern „ „Die Il e Hülfe ob ein t ſchul⸗ Stande, r wollt denn! u ſpot⸗ welchen o man meine, ert, zu tviertel r, oder ja ver⸗ geſche⸗ könige, Hand vorden, ahl ge⸗ reichen, Jakob von Artevelde. 43 eine Wunde zu heilen? Findet Ihr in Eurem muthigen Herzen nicht Kraft genug, um die einzige That zu be⸗ ſchließen, die uns retten kann? Wäre es denn das erſte Mal, daß Euer Dolch Euch von einem läſtigen Zeugen befreit?“ Muggelyn ſah dem Oberdechanten erſtaunt in die Augen und ſagte mit halbem Grinſen: „Ihr meint wohl, ich habe Latein gelernt, um dies dunkle Geplapper zu verſtehen? Ihr wollt wieder auf krummen Wegen Cuer Ziel erreichen, Meiſter! Wenn Ihr es aber nicht beſſer anlegt, ſo könnt Ihr fortfahren bis morgen, und ich begreife Euch doch nicht.“ Geeraert Denys zitterte vor Ungeduld und Aerger 3 ſich jedoch bezwingend, fuhr er fort: „Ein Geheimniß iſt nie beſſer verwahrt, Muggelyn, als wenn es unter einem Grabdeckel verſchloſſen liegt; die Todten allein bleiben auf immer ſtumm.“ „Aber, Meiſter! was hat denn unſer Zuſtand mit den Todten zu thun? Wähnt Ihr Euch bereits ohne Kopf? Ich bin ſo weit noch nicht. So lange man lebt, hat man auch Ausſicht, leben zu bleiben.“ „Falſcher Heuchler!“ murrte der Oberdechant.„Ihr wollt mich nicht verſtehen; ſelbſt in dieſem entſcheidenden Augenblicke könnt Ihr Euer Spotten nicht laſſen.— Nun denn! ich ſpreche klar genug: Ihr müßt die Jung⸗ frau ermorden!“ „Wie? was ſagt Ihr da?“ rief der Ribaudenkönig. „Die Jungfrau ermorden?“ 44 Jakob von Artevelde. Er wollte aufſpringen; Denys hielt ihn aber mit Gewalt auf ſeinem Stuhle feſt und fuhr fort: „Sie ermorden, ſage ich! Ihre Leiche bis an die Minnemeerſchbrücke führen! ſie mit einem Steine be⸗ ſchweren und in die Leije verſenken?“ Diesmal entriß Muggelyn ſeinen Arm der geſchloſſe⸗ nen Hand des Oberdechanten, ſprang mit wahrem Ab⸗ ſcheu empor und rief: „Nimmermehr!“ „Ha, ha!“ lachte Denys mit bitterem Scherze;„das wollen wir ſehen! Euer kindiſches Auffahren würde mich wundern, wenn ich nicht wüßte, wie viele Mordthaten Ihr ſchon auf der Seele liegen habt. Geld iſt's, viel Geld, das Ihr haben müßt, nicht wahr? Ihr fühlt, daß die Gelegenheit günſtig ſei, mir wieder einen kleinen Schatz zu entreißen. Fürchtet doch nichts! Einen großen Schatz werde ich Euch geben.“ Dieſe letzten Worte ſchienen einen tiefen Eindruck auf Muggelyn's Gemüth zu machen. Es war, als ob ſie ihm einen plötzlichen Schrecken einjagten und ihm gänzlich den Muth nähmen. Er ſetzte ſich wieder hin und ſagte mit ernſthaftem Tone: „Meiſter, Meiſter! Ihr wißt ſehr gut, von wo die Verſuchung kommen muß. Aber ehrlich heraus: ich bitte Euch, behaltet diesmal Euer Geld und zwingt mich nicht zu einer That, bei der ich zum erſten Male in meinem Leben Abſcheu vor dem Blutvergießen fühle und die mich daran erinnert, daß wir droben doch einſt Rechenſchaft ablegen müſſen.“ Der und ſag 7„ F haft ſeit gangen anvertr „T ſie denn „Ihr, Oberha oder ſch ling ſeit 7 3 Euch m. Eurige doch un Ihr Eu daß die Eure S „ S hören, entgegn ich bin? „ Eure S Jedenfa fehlt die Ihr ver Nun de der mit an die ine be⸗ ſchloſſe⸗ :m Ab⸗ 2;„das de mich dthaten s, viel Dlt, daß kleinen großen ruck auf ſie ihm llich den gte mit wo die ich bitte ich nicht meinem die mich henſchaft Jakob von Artevelde. 45 Denys warf einen verächtlichen Blick auf Muggelyn und ſagte: „Feigling! hätte ich früher gewußt, daß Ihr ſo zag⸗ haft ſeid, ſo wäre ich mit Verachtung an Euch vorbeige⸗ gangen und hätte meine Rache einem kühneren Manne anvertraut.“ „Wenn Ihr ſo muthig ſeid, warum ermordet Ihr ſte denn nicht ſelbſt?“ rief der Ribaudenkönig zornig. „Ihr, der Ihr ſolchen Durſt habt nach dem Blute des Oberhauptmanns und der Seinen, vergießt es ſelbſt, oder ſchweigt von Feigheit und von Blut! Der Feig⸗ ling ſeid Ihr.“ „Jedem ſein Beruf, Muggelyn! Der Meine iſt, Euch mit Schätzen und mit Genuß zu überladen; der Eurige aber, was ich verlange, auszuführen. Das iſt doch unſere Uebereinkunft.— Und ich begreife nicht, wie Ihr Euch einbilden könnt, ſie leben zu laſſen. Ihr meint, daß dieſe Maske Euch unkenntlich genug mache? Und Eure Stimme, wird ſie die nicht wieder erkennen?“ „Sie hat mich in ihrem ganzen Leben nicht reden hören, als allein in dieſer verfluchten Mörderhöhle,“ entgegnete der Ribaud.„Wie will ſie denn rathen, wer ich bin?“ „Und ſpäter, wenn ſie Euch einmal begegnet, und Cure Sprache ihr Ohr trifft? Das kann ſich zutragen... Jedenfalls dauert der Streit ſchon zu lange, und mir fehlt die Zeit, um das Lob Eurer Tugend zu vernehmen. Ihr vergeßt, daß wir hier mit unſerem Leben ſpielen. Nun denn! Ihr mögt wählen: zwanzig Pfund Beloh⸗ Jakob von Artevelde. nung, oder das Schwert des Henkers! Denn wenn Ihr dieſe Nacht meinen Willen nicht erfüllt, ſo laſſe ich Euch ſelbſt verklagen durch die Männer, die Euch geholfen ha⸗ ben. Sie kennen mich nicht, aber ich kenne ſie wohl. Ihr wißt aus eigener Erfahrung, was man mit Geld erlan⸗ gen kann. Ich habe meine Maßregeln getroffen, um dem Gerichte zu entgehen und Alles auf Euch zu laden; und müßte ich einen muthigeren Kerl bezahlen, als Ihr ſeid, um Euch mit einem Dolchſtoße den Mund zu ſtopfen, ſo würde ich nicht zurückweichen, das wißt Ihr.“ „Die Hölle hat Euch ausgebrütet!“ rief Muggelyn betrübt.„An mir iſt gewiß nicht viel gelegen; aber Wehe dem, der mit Euch in Berührung kommt! Seine arme Seele möge wohl fahren! Wäret Ihr ein Send⸗ ling Lucifers ſelbſt, Ihr koͤnntet Eure Pflicht nicht beſſer erfüllen.“ „Ich rathe Euch ſehr, mir einen Sermon zu halten,“ ſpottete Denys mit verächtlichem Lachen.„Die Zeit iſt ſehr günſtig dazu, und Ihr könnt ihn nachher deſto beſſer auf dem Schaffot wiederholen! Ich ſchäme mich über CEure Schwäche; wahrlich, Muggelyn, ich erkenne Euch nicht mehr in dem ohnmächtigen Kinde, das ich vor mir ſehe. Seid Ihr denn ſo ſehr verändert, daß ein Haufen Silber, daß zwanzig Pfund nichts mehr auf Euer Ge⸗ müth vermögen? Wandelt Euch ein Lüſtchen an, Euch zu beſſern? Da könnte man ja ſagen, der Teufel wäre Mönch geworden! Armer Muggelyn! ich habe wahr⸗ lich Mitleid mit Euch!“ „Zwanzig Pfund! Es iſt außerordentlich viel!“ ſeufzte 2 kommen „M ſichtbarer beeilt un 71 Ich Meiſter, „Nl Pfund, ſ gehalt vo mer ein allein iſt winden, durch das ten Dolch was ſagt kindiſche ärgert mi und ich ge 7 Es gelyn,„d zen ſolltet Leiche bei wie Ihr es „So k nen einer l wart mehr Geheimniß „Ich tl nn Ihr h Euch fen ha⸗ hl. Ihr erlan⸗ im dem 1; und hr ſeid, fen, ſo iggelyn ; aber Seine Send⸗ t beſſer alten,“ Zeit iſt beſſer h über e Euch or mir Haufen er Ge⸗ Euch l wäre wahr⸗ viel!“ Jakob von Artevelde. ſeufzte Muggelyn.„Und wann ſoll ich den Schatz be⸗ kommen?“ „Morgen ſchon!“ antwortete der Oberdechant mit ſichtbarer Freude.„Ja, noch dieſe Nacht, wenn Ihr Euch beeilt und die Sache muthig und vorſichtig abmacht!“ „Ich weiß nicht, was mich befängt; glaubt mir, Meiſter, ich zittere, wenn ich an dieſen Mord denke.“ „Nun hörtl ich ſchenke Euch nicht allein zwanzig Pfund, ſondern ich verſpreche Euch auch noch einen Jahr⸗ gehalt von eben ſo viel, und verbinde mich, Euch auf im⸗ mer ein beneidenswerthes Leben zu ſichern. Thorheit allein iſt Eure Furcht; Ihr werdet dieſelbe leicht über⸗ wie Ihr es geſagt habt.“ „So kann ich mich alſo darauf verlaſſen, daß bin⸗ nen einer halben Stunde keine Spur von ihrer Gegen⸗ wart mehr in dieſem Hauſe ſein wird? Daß der Tod das Geheimniß ihrer Bewahrung empfangen haben werde?“ „Ich thue es mit Widerwillen und mit Abſcheu; ich Jakob von Artevelde. erkläre es nochmals,“ antwortete Muggelyn;„aber kehrt ruhig nach Eurer Wohnung zurück; ich verſpreche Euch, daß die Leiche der Jungfrau bald im Schooß der Leije begraben liegen ſoll. Mein Wort werde ich halten, Ihr kennt mich.“ „O, ich wußte es wohl!“ entgegnete der Oberdechant, vor Freude lachend.„Es ſind Grillen, die Euch mitun⸗ ter durch den Kopf fahren; im Grunde ſeid Ihr aber der muthigſte Mann, den ich kenne. Alſo, Muggelyn: Eile und Vorſicht!„Beſchwert die Leiche mit einem guten Steine; ſchafft die Blutſpuren ſorgfältig wieder fort, ehe Ihr von hinnen geht, und legt Alles wieder ſo hin, wie es ſich vor der Entführung befand. Ich brauche Euch das nicht zu ſagen; Euer eigenes Leben hängt davon ab. Beeilet Euch! ich werde Euch in meiner Wohnung er⸗ warten. Bleibt mit dem Lichte da; ich will die Thür ſchon ſchließen.“ Indem er dies ſagte, drückte er dem Ribaudenkönige die Hand und verließ das Gemach, mit raſchen Schritten in dem dunklen Gange verſchwindend. Der Ribaudenkönig blieb eine Weile ſprachlos ſitzen, und blickte ſtarr vor ſich hin. Allmählig zeigte ſich ein wildes Lächeln auf ſeinem Antlitze, und er ſagte zu ſich ſelbſt: „Wahrlich! der Oberdechant hat Recht, es iſt eine Dummheit. Da es ſein muß, kann ich es nicht ändern. Sie oder wir müſſen ſterben. Es iſt ja alſo nur eine geſetzliche Vertheidigung meines Lebens— und dann, iſt denn das Blut einer Frau köſtlicher, als das Blut eines 9 raſcher Ind Tiſche u mines, „C ſo ſehr rührt ſie thut nich Gle zeuges Tiſche n „Ei noch anl ſie mich alle Kra Sie ſchlä Stoß gel Ein Sche Mitt bunden Hand un dem Gen durch zwe liche Thüt lich tief h er nun g den Fußſ Gefangen Jakob von „aber kehrt preche Euch, ß der Leije dalten, Ihr derdechant, kuch mitun⸗ ir aber der gelyn: Eile inem guten wieder fort, eder ſo hin, prauche Euch t davon ab. ohnung er⸗ ll die Thuͤr audenkönige en Schritten achlos ſitzen, igte ſich ein ſagte zu ſich „es iſt eine nicht ändern. lſo nur eine und dann, ls das Blut Jakob von Artevelde. 49 eines Mannes? Nun denn! je raſcher abgethan, deſto raſcher vergeſſen!“ Indem er dies ſagte, nahm er ſeinen Dolch von dem Tiſche und ſchliff ihn knieend an den Backſteinen des Ka⸗ mines, in ſeinen Betrachtungen fortfahrend. „Es iſt wohl überflüſſig,“ murrte er,„den Dolch ſo ſehr zu ſchleifen..... Ein einziger Stoß, und ſie rührt ſich nicht mehr! Nun denn! ein ſcharfer Dolch aber thut nicht ſehr weh. Warum ſie noch nutzlos quälen?“ Gleich darauf verſuchte er die Spitze des Mordwerk⸗ zeuges an der Hand und ſagte, während er ſich dem Tiſche nahte: „Eine wahre Nadel! Soll ich die läſtige Maske noch anlegen? Warum nicht? Ich will doch nicht, daß ſie mich vor ihrem Tode erkenne; es würde mir vielleicht alle Kraft nehmen. Nun vorwärts! mit leiſem Tritte! Sie ſchläft wahrſcheinlich. Es iſt beſſer, daß ich ihr den Stoß gebe, ohne ſie zu wecken. Dann fühlt ſie nichts.... Ein Schlaf ohne Ende? Das iſt der ſüßeſte Tod....“ Mittlerweile hatte er die Maske vor das Geſicht ge⸗ bunden und ſchritt nun, mit dem Dolche in der einen Hand und der Lampe in der andern, faſt unhörbar aus dem Gemache. Als er unten angelangt war, ging er durch zwei oder drei Kammern, bis er endlich eine heim⸗ liche Thür aufſchloß und auf einer ſteinernen Treppe ziem⸗ lich tief hinunterſtieg. Mit der größten Vorſicht öffnete er nun gleichfalls die Thür eines Kellers und trat auf den Fußſpitzen hinein, den Schein der Lampe auf die Gefangene fallen laſſend, und ſeinen Dolch bereit hal⸗ Jakob von Artevelde. v. 4 Jakob von Artevelde. tend, um ihr den Todesſtoß zu geben. Was er jedoch ſah, hielt ihn plötzlich zurück und ließ ihn den Stahl hinter dem Rücken verbergen. Veerle knieete auf dem Stroh ihres Lagers mit ge⸗ falteten Händen. Ein Ausdruck des Troſtes, wenn nicht gar der Freude, belebte ihr bleiches Antlitz, welches ihre Kopfbedeckung noch an Weiße übertraf. Als der Ribau⸗ denkönig eintrat, ließ ſie die Arme ſinken und lächelte ihn freundlich an, wie wenn ſie ſich über ſein Kommen freue. „Ach, Freund!“ ſprach ſie,„ich habe für Euch ge⸗ betet.“ „Für mich?“ rief der Ribaud verwundert;„ſür mich? und warum?“ „Ich dankte Gott, daß er in meinem Elende mir ei⸗ nen guten Menſchen zum Wächter gegeben hat,“ ant⸗ wortete ſie mit ſüßem Tone.„Ich ſehe wohl, wer Ihr auch ſein mögt, daß Bosheit nicht in Eurem Herzen wohnt. Habt Ihr mich nicht mitleidig behandelt? Habt Ihr mein Unglück nicht geehrt? Ach, ja! ich fühle es, Ihr ſeid ein Werkzeug in den Händen meiner Verfolger; aber ich bin Euch dankbar für den Schutz, den Ihr einer unglücklichen Magd geſchenkt habt. Es iſt eine Wohl⸗ that, für die ich den Segen des Himmels auf Euch her⸗ abgefleht habe.“ Muggeloyn erſchrak bei dieſen Worten; er ſenkte den Kopf und blieb ſprachlos in tiefem Nachſinnen ſtehen. „Ihr ſeid betrübt?“ fuhr Veerle theilnehmend fort. „Iſt Euch etwas widerfahren, das Euch Schmerz macht, Freund?“ D den ni einzuſp der ein wie ſel ſchütter Nach ei Furcht dem die Dolch z 1 3 den; J reden, alſo wir gerung. Schmer; „M Kerkers / E Stimme gen, ſſo geuden.“ „Ac dem Mö Mutter g tem Blu⸗ „Meo baud, ſe meiner T s er jedoch den Stahl rs mit ge⸗ wenn nicht velches ihre der Ribau⸗ lächelte ihn imen freue. ur Euch ge⸗ dert;„für nde mir ei⸗ hat,“ ant⸗ l, wer Ihr rem Herzen delt? Habt ch fühle es, Verfolger; n Ihr einer eine Wohl⸗ f Euch her⸗ r ſenkte den nſtehen. hmend fort. merz macht, Jakob von Artevelde. 51 Der Ribaud antwortete ihr nicht; er ſuchte ſich ſelbſt den nöthigen Muth zur Ausführung ſeiner Miſſethat einzuſprechen und ſich die Ueberzeugung zu geben, daß der einmal gefaßte Entſchluß unabänderlich ſein müſſe, wie ſehr auch die liebevolle Rede der Jungfrau ihn er⸗ ſchütterte und mit nie gekannten Rührungen durchbebte. Nach einem ziemlich langen Kampfe beſiegte er jedoch alle Furcht und alles Mitleid, und ſagte mit einem Tone, vor dem die Jungfrau erzitterte, während er ihr den blanken Dolch zeigte: „Jungfrau! ich bin gekommen, um Euch zu ermor⸗ den; Ihr mögt ſagen, was Ihr wollt, und noch ſo ſchön reden, es wird Euch doch nichts helfen. Wenn Ihr mir alſo wirklich dankbar ſeid, ſo unterwerft Euch ohne Wei⸗ gerung. Bietet mir Eure Bruſt; ich werde Euch wenig Schmerz machen.“ „Mich tödten?“ rief Veerle, in die fernſte Ecke des Kerkers flüchtend.„Ach! das iſt nicht möglich.“ „Es muß ſein!“ murrte der Ribaud mit dumpfer Stimme.„Habt Ihr dem Himmel noch etwas zu ſa⸗ gen, ſſo thut es raſch; denn ich will nicht viel Zeit ver⸗ geuden.“ „Ach, ach!“ jammerte Veerle, während ſie knieend dem Mörder entgegenkroch.„Ihr habt alſo nie Eure Mutter gekannt, daß Ihr eine unſchuldige Frau mit kal⸗ tem Blute tödten könnt?“ „Meine Mutter? ſie iſt lange todt!“ ſeufzte der Ri⸗ baud, ſeinen Dolch zurückziehend.„Nun fängt ſied meiner Mutter zu reden an! Es iſt, als ob es ihr ein⸗ 4* 52 Jakob von Artevelde. gegeben würde, mich zu quälen! Aber es iſt zu ſpät, um es ungeſchehen zu machen.“ „Ach! der Name Eurer Mutter hält Eure Hand zu⸗ rück!“ ſprach Veerle voll Hoffnung.„Ihr liebt ihr An⸗ denken; Ihr könnt kein Böſewicht, kein Mörder ſein!“ „Ihr müßt ſterben, ſogleich!“ ſprach der Ribaud, als ein kaltes, aber unumſtößliches Urtheil. „Nein, nein!“ rief die Jungfrau;„der Geiſt Eurer Mutter beſchützt mich. Ach! ich beſchwöre Euch bei ihrer ſüßen Liebe, bei ihrem Andenken! Erbarmt Euch mei⸗ 74 Der Ribaud antwortete nicht, ſondern ſtand unbe⸗ weglich, aber ſichtbar zitternd da. Veerle hob flehend die Hände zu ihm empor und jammerte mit ſchneidender Stimme: „Gnade! Gnade! O, Freund, laßt mich leben! Ihr tödtet auch meine Mutter, meinen Vater! Warum mein Blut vergießen? Ich habe nie Jemanden auf der Welt etwas gethan..... Gott ſieht uns in dieſem Kerker;... er iſt der Rächer der Unſchuld.... Seht, ich umfaſſe Eure Kniee, ich krieche zu Euren Füßen..... Nein, nein! Ihr werdet es nicht thun..... 15 Muggelyn fühlte, daß ihm aller Muth entſank; es ſchien ihm wirklich, als ob derſelbe unfaßbare Schatten ſeiner Mutter vor der Jungfrau ſchwebe, der ihm einſt im Traume erſchienen war. Während Veerle mit ſprach⸗ loſer Angſt ſeine Kniee umſchlungen hielt und ſeine Füße mit ihren Thränen benetzte, war der Ribaud einem hef⸗ tigen Streite des Geiſtes und des Herzens preisgegeben. ſich ihn! Ende frau ziehe zu er ſpran eine rem Riba gen der L 4 rückli 3 murn für la Leiche Sache wonn ſpät, um Hand zu⸗ ihr An⸗ r. ſein!“ Ribaud, iſt Eurer bei ihrer uch mei⸗ nd unbe⸗ por und den! Ihr um mein der Welt erker;... umfaſſe Nein, ſank; es Schatten hm einſt t ſprach⸗ ine Füße nem hef⸗ ggegeben. Jakob von Artevelde. 53 Endlich entbrannte er in einer Art von Wuth, und ſich ermannend gegen die unbekannten Rührungen, die ihn beherrſchten, beſchloß er, dieſem Zuſtande raſch ein Ende zu machen. Heiſer murmelnd packte er die Jung⸗ frau bei dem Haupte und wollte ſie rückwärts nieder⸗ ziehen, um ſie durch einen einzigen Stoß in die Bruſt zu ermorden. Sie aber, ſeine Abſicht durchfühlend, ent⸗ ſprang ihm und lief nach ihrem Lager, ihm von dort als eine Hoffnung auf Rettung das Kreuz, das an ih⸗ rem Gürtel hing, entgegenhaltend. Als ſie nun den Ribauden mit aufgehobenem Dolche und glühenden Au⸗ gen auf ſich zukommen ſah, ſtieß ſie einen letzten Schrei der Verzweiflung aus: „Vater! Mutter! Lieven! ach, lebt wohl!“ Dann fiel ſie unbeweglich, wie ein ſteinernes Bild, rücklings auf das Stroh. Der Ribaud beleuchtete ſie mit der Lampe und murmelte: „Wenn ſie todt wäre! Es iſt wohl möglich; ſie ſieht aus, als ob ſie mir hätte einen Mord ſparen wollen.“ Er hob nun die Leiche vom Boden auf und ließ ſie geradezu wieder niederfallen. Da er keine Bewegung in derſelben verſpürte, ſo ſagte er freudig: „Sie hat in der That die Güte gehabt, zu ſterben! Oder ſchläft ſie, dann ſcheint ſie doch keine Luſt zu haben, für lange Zeit wieder aufzuwachen. Und nun raſch! die Leiche in die Leije verſenkt! Das iſt eine abgemachte Sache, und es werden zwanzig Pfund dabei ge⸗ wonnen!“ hhhhZ 54 Jakob von Artevelde. Während dieſer Worte hatte er die Jungfrau auf die Schulter gelegt und war in der tiefen Dunkelheit die ſteinerne Treppe mit ihr hinaufgeſtiegen, bis nach dem Gange, den er durch eine Hinterthür verließ und dann wieder einige Treppen hinabſtieg, die ihn unter das Ge⸗ wölbe und zu dem langſam fließenden Waſſer führten. Er legte ſeine Laſt auf die Stufen, und nachdem er unter dem Gewölbe einen großen Stein gefunden hatte, zog er mit der Hand ein Boot herbei und legte die Jungfrau hinein, in der Abſicht, ſelbſt mit ihr hinauszufahren. Plötzlich hörte er in einem Hauſe, das gerade gegen⸗ über am Fluſſe lag, einiges Geräuſch von Menſchenſtim⸗ men, und ihm ſchien, als ob er in der Dunkelheit einen Kopf entdeckte, der ſich aus einem Fenſter über das Waſſer bog. Der Ribaud bebte vor Angſt und wartete rathlos, bis das Geräuſch vorüber ſein möchte. Er wußte nicht, was er thun ſollte. Fuhr er mit der Jungfrau die Leije hinab, ſo konnte man ihn leicht ertappen; daran hatte er zuvor nicht einmal gedacht. Jetzt aber, da Geeraert Denys ihm ſo viele Angſt vor dem Schaffot eingeflößt hatte, fühlte er durchaus nicht die Luſt, ſich unvorſichtig bloßzuſtellen, noch dazu in einem Augenblicke, wo man die Nachtwachen merklich vermehrt hatte. Endlich wähnte er ſich aus der Verlegenheit gerettet und ſagte mit dumpfer Stimme zu ſich ſelbſt: „Ich glaube, die Jungfrau hat mich bezaubert. Wahrhaftig, Muggelyn! Du verlierſt Deine Sinne! Giebt es wohl etwas Einfältigeres? Ich ſtoße das Boot in die Leije nemee hinun ihr d ſo ha Leben ja mit jeden Wied C ohne ſogleie dann Mask und v Y und lo Als er den m ablöſe meerſe an der nach d dicht unbeke O Brück⸗ kelheit rau auf lheit die ach dem nd dann das Ge⸗ führten. er unter „zog er ungfrau hren. egegen⸗ henſtim⸗ eit einen ber das rathlos, te nicht, die Leije an hatte Geeraert ngeflößt oorſichtig wo man gerettet zaubert. Sinne! as Boot Jakob von Artevelde. 55 in die Mitte des Stroms; dann wird es ſchon allein die Leije hinabfahren. Ich warte auf daſſelbe bei der Min⸗ nemeerſchbrücke und laſſe mich an den Pfählen in daſſelbe hinunter. Dort, unter der Brücke verborgen, binde ich ihr den Stein um die Lenden, und entdeckt man mich, ſo habe ich noch das Verdienſt eines Mannes, der ſein Leben wagt, um Jemanden zu retten. Der Zufall hat ja mich eben ſowohl an dieſen Ort führen können, wie jeden anderen Bürger. Aha! das iſt das Rechte! Auf Wiederſehen denn, Jungfrau!“ Er ſtieß das Boot mit dem Fuße in den Strom, und ohne demſelben mit den Blicken zu folgen, lief er nun ſogleich nach dem Keller, wo er die Lampe ergriff und dann nach ſeiner Kammer hinaufſtieg. Hier warf er die Maske ab, zog in großer Eile ſeine Ribaudentracht an und verließ das Haus. Mit raſchen Schritten ging er über den Garenmarkt und längs der Goudſtraße, um das Boot zu erwarten. Als er ſich der Leije näherte, ſah er in der Ferne gegen den minder düſteren Himmel ſich eine ſchwarze Geſtalt ablöſen, wie von Jemanden, der ſich auf der Minne⸗ meerſchbrücke ſelbſt befand. Der Ribaud bückte ſich dicht an den Häuſern und ſchlich nun, wie ein lauernder Fuchs, nach dem Minnemeerſch, wo ein abgelegenes Gebäude faſt dicht an der Brücke ſtand, und beobachtete von dort den unbekannten Nachtwandler. Derjenige, der in dieſer einſamen Stunde von der Brücke herab in das Waſſer blickte, obwohl in der Dun⸗ kelheit ſich kaum einige trübe glänzende Furchen auf der 56 Jakob von Artevelde. Fluth zeigten, war Niemand anders, als Lieven Denys, welcher, von unſäglichem Schmerze verfolgt, ſeinem La⸗ ger entflohen war, um in der kühlen Nacht einige Lin⸗ derung für ſein brennendes Gehirn zu finden. Was er dort that, wußte er ſelbſt nicht; denn ihm fehlte das Be⸗ wußtſein ſeiner Handlungen. Unter dem dunklen Him⸗ mel ſowohl, wie in ſeiner Wohnung blieb er ſtets in ſchreckliche Träume verſunken, welche ihm ſeine arme Veerle darſtellten, wie ſie gegen Entehrung und Mord kämpfte und in ihrem letzten Athemzuge noch ſeinen Na⸗ men rief. Er ſah ihre Leiche, blutig und verſtümmelt, dort in der Dunkelheit vor ſich liegen und weinte in tief⸗ ſter Seele Thränen der Verzweiflung. Seit der Ent⸗ führung hatte er mit Ghelnoot van Lens und von Lieven Comyne begleitet Tag und Nacht die Straßen der Stadt durchkreuzt und die umliegenden Felder und Gemeinden durchſucht. Aber es war ihnen auch nicht geglückt, die geringſte Spur der betrauerten Freundin zu entdecken. Die Stille des Grabes hing über dieſer entſetzlichen That, als ob das Schlachtopfer die Erde ohne Lebewohl auf ewig verlaſſen habe. Der unglückliche Lieven hatte nun wieder einen Theil der Stadt durchwandelt und befand ſich ſeit einer halben Stunde auf der Minnemeerſchbrücke, unbeweglich und ohne Zweck dortſtehend, das Antlitz dem Sanct Joris⸗ thore zugewandt. Plötzlich ward er aus ſeinem düſteren Sinnen aufgeweckt durch die Erſchütterung, mit welcher Etwas an die Pfähle der Brücke ſtieß. Mit größerer Aufmerkſamkeit in das Waſſer blickend, ſah er gleich dara hina decku entfl lief Hier Aug und und Gleie mit erreit an d leblo das Blick kelhen warf ſeufzt die e Lippe bin e liebte noch zuſan 4 fleiſch den Denys, nem La⸗ lige Lin⸗ Was er das Be⸗ en Him⸗ ſtets in ie arme d Mord nen Na⸗ ümmelt, in tief⸗ eer Ent⸗ n Lieven er Stadt meinden ickt, die ntdecken. en That, vohl auf hen Theil r halben lich und t Joris⸗ düſteren welcher größerer er gleich Jakob von Artevelde. 57 darauf ein Boot vor ſeinen Augen langſam den Strom hinabgleiten. Kaum hatte er an der weißen Kopfbe⸗ deckung die Form eines Beggynengewandes erkannt, ſo entflog ein Schrei ſeiner Bruſt, und vor Schreck zitternd, lief er an dem Ribauden vorüber nach dem Minnemeerſch. Hier, an dem niedrigen Rande der Leije, ſtarrte er einen Augenblick mit ausgeſtreckten Armen nach dem Boote und ging mit verzweifelnder Ungeduld einige Male auf und ab, als ob er ſich nach einem Werkzeuge umſähe. Gleich darauf glitt er in das Waſſer hinab und ſchwamm mit aller Kraft durch den Strom, ſo daß er das Boot erreichte. In ſeiner Haſt zog er daſſelbe ſchwimmend bis an den Rand, ſtieg aus dem Waſſer und ſchleuderte die lebloſe Leiche in das Gras auf der Weide. Das Waſſer, das ihm vom Antlitz niedertroff, hinderte zuerſt ſeine Blicke. Kaum hatte er aber, trotz der nächtlichen Dun⸗ kelheit, durch Hand und Auge die Geliebte erkannt, ſo warf er ſich in äußerſter Verzweiflung neben ihr hin und ſeufzte unter heißen Thränen, während er dann und wann die eiskalte Stirn der Jungfrau mit ſeinen brennenden Lippen berührte: „Veerle! Veerle! gute Schweſter! höre mich! Ich bin es, Dein Freund, Dein Verlobter! Erwache, Ge⸗ liebte! Ach! noch einen einzigen Blick Deiner Augen, noch einen Klang Deiner Stimme..... und wir gehen zuſammen zu Gott!— Ach, ach! todt! ſie iſt todt!“ Verzweifelnd raufte er ſich die Haare aus und zer⸗ fleiſchte ſich die Bruſt mit den Nägeln, als ob er ſich den Buſen aufreißen wollte. Gleich darauf rief er von 58 Jakob von Artevelde. Neuem, wie Jemand, der einen äußerſten Entſchluß ge⸗ faßt hat: „Veerle! Veerle! leben ohne Dich? Nein, nein! der Schlag, der Dich getroffen hat, muß auch mein Herz zer⸗ ſchmettern. Welt! ſchnöde, böſe Welt! leb' wohl!“ Bei dieſen Worten drückte er ſeine Lippen auf den Mund der Jungfrau und gab ihr einen langen Abſchieds⸗ kuß. Ein fühlbares Zittern durchlief bei dem glühenden Kuſſe die Glieder der Jungfrau. „Sie lebt! ſie lebt!“ rief Lieven, freudig die Hände emporhebend.„Sei geſegnet, o Gott!“ Mit kräftigem Eifer nahm er die Jungfrau auf die Schulter und lief jauchzend den Minnemeerſch hinunter, als habe er dem böſen Feinde eine unſchätzbare Beute entführt. Sobald der ſiegreiche Jüngling mit ſeiner theuren Laſt über dem Struivelbrückchen in der Dunkelheit ver⸗ ſchwunden war, verließ der Ribaudenkönig ſein Verſteck und ſchlich neben dem Rande der Leije fort, bis er das Boot an einem vorſpringenden Weidenpfahle liegend fand. Er zog es langſam am Stricke längs den Minnemeerſch fort, bis nach der Brücke hin, wo er hineintrat und vor⸗ ſichtig ſtromauf fuhr. Dazwiſchen murmelte er bei ſich ſelbſt: „Na, Muggelyn! Freund! träumſt Du? oder be⸗ müht ſich der Teufel in der That mit Dir? Du haſt Dich da ſchön anführen laſſen! Ein anderes Mal wirſt Du der Ohnmacht der Frauen nicht ſo viel Glauben mehr ſchen⸗ ken! Sie ſpielen die Todten, als ob ſie es gelernt hätten. Die. lebend wer l Minn ſie hä gen! die In mir k Blut bebett wiede höhle bin ich entdee Ausg geben weiger droher ſich be wenig kenner Luſt, bringe T einſan len G luß ge⸗ ein! der erz zer⸗ 77 nuf den ſchieds⸗ ihenden Hände auf die nunter, Beute theuren eit ver⸗ Verſteck er das nd fand. meerſch nd vor⸗ bei ſich der be⸗ iſt Dich Du der r ſchen⸗ hätten. Jakob von Artevelde. 59 Die Jungfrau hat auch Sorge dafür getragen, wieder lebendig zu werden, gerade als es Zeit war!.... Aber wer hatte denn den Sohn des Oberdechanten nach der Minnemeerſchbrücke geſandt? Man mochte faſt ſagen, ſie hätten es abgeredet, um mich in dem Stricke zu fan⸗ gen! Alles iſt jedoch zum Beſten abgelaufen, und da die Jungfrau lebt, ſo wünſche ich, ſie möge lange leben; mir kann es gleich ſein, und ich freue mich, daß ich ihr Blut nicht vergeſſen habe! Ich würde auf meinem Ster⸗ bebette daran gedacht haben.— Wenn ich nun das Boot wieder an ſeinen Platz gebracht und dort in der Mord⸗ höhle von Mher Denys Alles wieder geordnet habe, ſo bin ich doch neugierig, zu wiſſen, wie man irgend Etwas entdecken ſoll! Der Oberdechant muß ſich ja über den Ausgang freuen und wird mir gleich die zwanzig Pfund geben! Aber wenn der Schelm mir die Belohnung ver⸗ weigerte? O, dann käme die Reihe an mich, ihn zu be⸗ drohen und ihn zittern zu machen. Nein, nein! er wird ſich beeilen, mich zufrieden zu ſtellen; denn er hat eben ſo wenig, wie Muggelyn, Luſt, den Henker in der Nähe kennen zu lernen.... Und bei meinem Wortel ich habe Luſt, den Böſewicht zu verrathen und auf das Schaffot zu bringen, und müßte ich ihm ſelbſt Geſellſchaft leiſten!...“ Bei dieſen Worten hatte ſich der Ribaudenkönig dem einſamen Hauſe genähert und verſchwand in dem dunk⸗ len Gewölbe. Jakob von Artevelde. XV. Einige Tage ſpäter befand ſich Artevelde neben dem Bette ſeiner kranken Tochter. Er ſtarrte mit traurigem Blicke auf das bleiche und magere Antlitz der ſchlafenden Jungfrau und hielt eine ihrer Hände mit unfühlbarem Drucke in der ſeinigen. Unbeweglich und ſtill ſaß er da, aus Furcht, daß das mindeſte Geräuſch die leidende Veerle wecken könne; in dieſer Unbeweglichkeit des Körpers ver⸗ doppelte ſich jedoch das Leben ſeines Geiſtes, und er ver⸗ ſank mit ſeinen Gedanken in die Betrachtung ſeines trü⸗ ben, aber wunderlichen Schickſals. Es waren nun einige Jahre verſchwunden, ſeit er, vom Volke darum erſucht, das häusliche Leben verlaſſen und ſeinen Frieden aufgeopfert hatte, um die Befreiung und die Größe des Vaterlandes zu unternehmen. Gott hatte ſeine Beſtrebungen geſegnet. Er hatte Flandern eine mächtige Einheit geſchenkt, ein Handelsbündniß und ein Bündniß gemeinſchaftlicher Vertheidigung mit Bra⸗ bant und dem Hennegau geſchloſſen, die Hungersnoth vertrieben, die Induſtrie bis zur höchſten Blüthe geführt, das Land von Frankreichs Obrigkeit und erdrückendem Einfluſſe auf immer befreit, Flanderns Feinde erniedrigt und mit Achtung vor dem dietſchen Stamme erfüllt. Unermüdlich ſtrebte er darnach, die Städte Ryſſel, Douai und Orchies wieder zu gewinnen und eine allgemeine Bunde bilden, ſtadt, deutſch großen für die laſſen, Leidens lohnun ſo viel dung Kindes ſelbſt Alles, lin, T anf Al men ſeͤ des Z W arbeitſe ermord den mi vollen Nachſit von N Fürſt Beſtrel Spitze daſſelbe den dem aurigem lafenden hlbarem ßer da, e Veerle ers ver⸗ er ver⸗ ies trüͤ⸗ ſeit er, erlaſſen freiung . Gott landern niß und it Bra⸗ ersnoth geführt, kendem niedrigt erfüllt. Douai gemeine Jakob von Artevelde. 61 Bundesgenoſſenſchaft aller niederdeutſchen Stämme zu bilden, wobei er den Traum liebkoſte, daß ſeine Geburts⸗ ſtadt, das theure Gent, die Hauptſtadt dieſes mächtigen deutſchen Reiches werden ſolle. Der Ausführung dieſer großen Entwürfe hatte er ſein ganzes Leben gewidmet; für dieſelben hatte er ſeine Familie vergeſſen und ver⸗ laſſen, ſeine Habe vermindert und den bittern Kelch des Leidens angenommen..... Und nun fand er als Be⸗ lohnung für ſo viele Opfer, für ſo viele Gefahren, für ſo vielen Verdruß, nichts als Verfolgung, Verleum⸗ dung und Haß. Sogar den Mord ſeines unglücklichen Kindes hatte man beſchließen können, in der Hoffnung ſelbſt durch dieſe ſchnöde Rache ſein Leben zu vergiften. Alles, was ihm theuer war, hatte man beſudelt, Gemah⸗ lin, Tochter, Freunde, die Verleumdung hatte ihr Gift anf Alle geſpritzt. Seine eigene Ehre und ſeinen Na⸗ men ſchleifte man durch den Koth der Verdächtigung und des Zweifels. Was konnte nun die Frucht ſeiner mühſeligen und arbeitſamen Laufbahn ſein? Eine entehrte Gattin, eine ermordete Tochter, verfolgte Freunde, und er ſelbſt bela⸗ den mit dem unredlichſten Haſſe, vielleicht einem ſchmach⸗ vollen Tode geweiht.— In dieſem Augenblicke trüben Nachſinnens ſchwirrten die ſchrecklichen Worte Ludwigs von Nevers wie eine Prophezeihung an ſein Ohr. Der Fürſt hatte zu ihm im Anfange ſeiner vaterländiſchen Beſtrebungen geſagt:„Das Schickſal ſtellt Euch an die Spitze der aufrühreriſchen und unruhigen Menge, bis daſſelbe veränderliche Volk Euch durch den Koth ſchleiſt 62 Jakob von Artevelde. und wie einen tollen Hund erſchlägt. Denn iſt dies nicht ſtets das Loos der Abgötter des Volkes?“ Das Haupt tiefer beugend, verſank Artevelde in eine finſtere Muthloſigkeit und blieb wie in Verzweiflung ver⸗ ſunken, bis ihm ſein Geiſt als eine unfehlbare Befreiung die Aufgabe ſeiner Aemter und ſeiner Macht anrieth. Bei dieſem Gedanken hob jedoch der weiſe Mann raſch das Haupt wieder empor. Aus ſeinem Auge ſchoß ein Blitzſtrahl des Unwillens; ſein Mund verzog ſich verächt⸗ lich und ſein ganzer Körper rückte ſich ſtolz im Seſſel zu⸗ recht, wie wenn er ſeinen Feinden eine Herausforderung zuwürfe. Dies geſchah, weil er im dunklen Hintergrunde ſein Vaterland wieder zu Frankreichs Füßen niederge⸗ worfen ſah, die Freiheit vernichtet, den Gewerbfleiß ge⸗ lähmt, die Armuth herrſchend, den Bürgerkrieg lodernd, und Flandern von allen ſeinen Bundesgenoſſen getrennt, erniedrigt und unterdrückt kämpfend gegen ſeine gänzliche Einverleibung in das Land, das ſchon ſeit Jahrhunderten auf die verlangte Beute gelauert. Bei dieſer quälenden Betrachtung begann das Herz des weiſen Mannes mäch⸗ tig zu pochen; ſeine Stirn färbte ſich mit dem Roth des Zornes; ſeine Augen glühten von edlem Stolze und ſeine Lippen bewegten ſich, um das muthige:„Es ſoll nicht ſein!“ zu ſprechen, während er dieſe Worte mit einer kräftigen Bewegung der Hand begleitete. Sich gleich darauf ganz dem Schickſale hingebend, das ihn beherrſchte, verjagte er alle Verzweiflung aus der vollen Bruſt und ſtählte ſeinen männlichen Muth mit der Ueberzeugung, daß nichts ihn ſeiner Beſtimmung untreu an da müßte der K und u gel we Werk ten ſeit N ſanften Gattin ſchöffe Oberh. nach de wyck il 31 „iſt me , der Ob ſen, w nichts e Räthſel „ 1 anderen Weh zu „ Vermur nach der Mher dies nicht de in eine ung ver⸗ Zefreiung anrieth. unn raſch ſchoß ein verächt⸗ Seſſel zu⸗ orderung ergrunde niederge⸗ pfleiß ge⸗ lodernd, getrennt, gänzliche underten uälenden es mäch— Koth des und ſeine ſoll nicht nit einer ngebend, ung aus n Muth immung Jakob von Artevelde. 63 untreu machen dürfe, und er dieſelbe erfüllen müſſe bis an das Ende,— was auch daraus komme,— und müßte auch die Ehre und der Ruhm ſeines Geſchlechtes der Kaufpreis werden von Flanderns Unabhängigkeit, und müßte auch ſein und ſeiner Familie Blut das Sie⸗ gel werden von Flanderns Macht und Größe..... ſein Werk ſollte er vollführen! Gott und die Nachwelt ſoll⸗ ten ſeine Richter ſein! Nachdem Artevelde einige Zeit lang ſeinen Blick mit ſanftem Mitleid auf Veerle gerichtet hatte, trat ſeine Gattin in das Gemach und ſagte ihm leiſe, der Ober⸗ ſchöffe ſei gekommen, um mit ihm zu ſprechen. Der Oberhauptmann ſtand auf und ging mit leiſen Schritten nach dem hinteren Zimmer, wo Ser Maes van Vaerne⸗ wyck ihn erwartete. „Nun?“ fragte er, dem Freunde die Hand drückend, „iſt man den Mördern auf die Spur?“ „Nicht im Mindeſten, Oberhauptmann!“ antwortete der Oberſchöffe muthlos.„Vielleicht wird man nie wiſ⸗ ſen, wer die feige Miſſethat beging. Bis jetzt hat man nichts entdeckt, das uns die Auflöſung dieſes ſchrecklichen Räthſels hoffen läßt.“ „Und Ihr glaubt in der That, daß man dabei keinen anderen Zweck hatte, als mir das Herz mit endloſem Weh zu füllen?“ „Ich glaube es; und was mich um ſo mehr in dieſer Vermuthung beſtärkt, iſt, daß man ſchon am Morgen nach der Entführung unter dem Volke das Gerücht fand, Mher Ghelnoot van Lens ſei der Miſſethat nicht fremd —— ——— 64 Jakob von Artevelde. geblieben. Immer dieſelbe Politik, Oberhauptmann! Euch anzugreifen durch alle niedrigen Mittel, und Jeden, welchen Bande des Bluts oder der Freundſchaft an Euch knüpfen, zu verleumden und zu beflecken!— Aber ge⸗ ſtattet mir, in dieſem Augenblicke von ſehr ernſten Din⸗ gen mit Euch zu reden, die ſelbſt trotz Eurer Betrübniß Eure unmittelbare Aufmerkſamkeit verdienen. Unſere Leute kommen ſo eben von Audenagerde zurück und brin⸗ gen Perſemier und ſeine Eidgenoſſen gefangen nach Gent. Die anderen Leliaerds ſind von den Bürgern von Aude⸗ naerde im Gefecht erſchlagen. Nach den Ausſagen Eini⸗ ger der Gefangenen ſoll dieſer nächtliche Anfall zum Zweck gehabt haben, ſich durch Verrath zum Herrn einer Feſtung zu machen, um einen Mittelpunkt für Aufruhr und Bürgerkrieg zu gewinnen. Es ſcheint nach ihren Reden, daß man in Frankreich einen neuen Entwurf gemacht hat, um Flandern ſeine Freiheit zu rauben und es unter fremden Einfluß zu bringen. Der Graf ſelbſt ſoll dies Mal alle ſeine Kräfte anwenden, um ſelbſt mit gewaffneter Hand die Vläminger zu einer Bundesge⸗ noſſenſchaft mit Frankreich gegen England zu zwingen. Etwas Wahres muß an dieſen trüben Reden wohl ſein; denn man hat mir unter der Hand mitgetheilt, daß ſich in Dendermonde eine Partei bildet, welche die Abſicht hat, die Stadt durch Verrath den Leligerds in die Hände zu liefern, den Grafen in ihre Mauern zu rufen und unter ſeinem Befehle einen Krieg gegen Gent zu beginnen. Wenn die Feinde von Flanderns Unabhängigkeit es ſo weit bringen könnten, daß ſie die ſtarke Stadt Dender⸗ monde werden, Art „ Leligerd wandt handel gen, ſo punkt. auch die ligerds! bar und Flander letzte M mir wo dern au verbinde und ich Krieges England „Ei Oberſcht ſchen Fr erhalten kannt w nicht ver Krone z Fürſorge belohnt? Jakob vo ptmann! d Jeden, an Euch Aber ge⸗ ten Din⸗ getrübniß Unſere ind brin⸗ ach Gent. on Aude⸗ ten Eini⸗ fall zum ern einer Aufruhr ach ihren Entwurf uben und raf ſelbſt ſelbſt mit undesge⸗ zwingen. vohl ſein; daß ſich bſicht hat, Hände zu und unter beginnen. keit es ſo Dender⸗ Jakob von Artevelde. 65 monde in ihre Hände bekämen, ſo würde die Gefahr groß werden, Oberhauptmanu!“ Artevelde antwortete nach kurzer Ueberlegung: „Die größte Gefahr droht uns nicht von Seiten der Leligerds, Oberſchöffe! Alle unſere Sorgfalt muß ange⸗ wandt werden, um die Streitigkeiten über den Allein⸗ handel der Weberei zu ſtillen. Muß Flandern unterlie⸗ gen, ſo geſchieht es durch dieſen unauflösbaren Frage⸗ punkt. Ich habe die Hoffnung, daß wir mit Gottes Hülfe auch dieſes Uebel beſiegen werden, wie ſehr auch die Le⸗ liaerds den Zwieſpalt ſchüren. Daß unſer Graf ſich offen⸗ bar und mit gewaffneter Hand gegen die Gemeinen von Flandern erklären werde, glaube ich nicht. Als ich das letzte Mal in Kortryk bei ihm vorgelaſſen wurde, ſagte er mir wohl, daß er lieber die gräfliche Krone von Flan⸗ dern aufgeben, als ſich je mit den Feinden Frankreichs verbinden würde. Aber ſein Zorn ſchien nicht ſo groß, und ich glaubte zu verſtehen, daß er bis zum Ende des Krieges zwiſchen Philipp von Valois und Eduard von England unthätig bleiben werde.“ „Eitle Hoffnung, Oberhauptmann!“ fiel ihm der Oberſchöffe in die Rede.„Bei dem letzten Vertrage zwi⸗ ſchen Frankreich und England haben wir verlangt und erhalten, daß unſer Graf als unabhängiger Fürſt aner⸗ kannt würde, mit königlicher Macht bekleidet und fortan nicht verpflichtet, irgend Jemanden auf Erden für ſeine Krone zu huldigen. Wie hat er dieſen Beweis unſerer Fürſorge für den Ruhm und die Größe unſeres Fürſten belohnt? Damit, daß er die Hand lieh, uns zu Sklaven Jakob von Artevelde. V. 5 Jakob von Artevelde. zu machen und zu erniedrigen! Vergeßt doch nicht, Freund Jakob, daß er ſeine eigene Schweſter, die heldenmüthige Margaretha, hülflos durch den König von Frankreich hat verfolgen und unterdrücken laſſen! Könnt Ihr bei ſolcher unbegreiflichen Schwäche ſicher annehmen, daß der Graf den Rath Philipps von Valois nicht bis auf das Aeußer⸗ ſte befolgen werde? Nein, nein! ich fürchte dies Mal ſein Kommen ſehr, und habe ein geheimes Vorgefühl, daß uns eine große Gefahr drohe. Und was mir dieſes Ge⸗ fühl unwiderſtehlich einprägt, i*ſt die Keckheit, mit der alle böſen Leidenſchaften das Haupt wieder emporheben. Sie bereiten ſich zu einem entſcheidenden Kampfe vor, das läßt ſich gar nicht verkennen. Es müſſen Mittel ge⸗ funden werden, um dies Uebel ohnmächtig zu machen; denn bei meinem Worte, es geht zu weit! Wißt Ihr, wie man in Gent die Gemüther gegen Euch aufhetzt durch die ſchnödeſten Beſchuldigungen?“ „Was kann man gegen geheime Verleumder thun, Oberſchöffe?“ fragte Artevelde.„Die Ehrenſchändung iſt wie ein Schatten, den man wohl ſieht und deſſen Gegenwart man wohl fühlt, den man aber nicht faſſen kann. Geraden Weges auf ſeiner Bahn fortwandeln und geſchehen laſſen..... 1. „Geſchehen laſſen?“ wiederholte Ser van Vaerne⸗ wyck.„Nein, nein! es muß dieſer Bosheit, koſte es, was es wolle, ein Ende gemacht werden, nicht allein um Eurer Ruhe willen, Oberhauptmann, ſondern auch um der Erhaltung Flanderns willen, deſſen ſtärkſte Bruſt⸗ wehr Ihr ſeid.— Ich begreife Eure Kälte. Ihr wißt nicht, Name Vertre gen ſe lichſten verdien auch d mich, von E für da Euren ehe es 722 rung. meinen wandt Erdicht Glaube verdien ſo raſch hauptm Hovene licher F beklagt Hochmt H 7 ger Ung Freund müthige kreich hat ei ſolcher der Graf Aeußer⸗ Mal ſein ühl, daß ieſes Ge⸗ mit der porheben. npfe vor, Mittel ge⸗ machen; Vißt Ihr, hetzt durch dder thun, ſchändung und deſſen nicht faſſen andeln und n Vaerne⸗ „koſte es, allein um n auch um kſte Bruſt⸗ Ihr wißt Jakob von Artevelde. 67 nicht, wie weit die Verleumdung in Gent ſchon Euren Namen des Glanzes beraubt hat, der ihn umgab, des Vertrauens, das Euch nöthig iſt, um das Vaterland ge⸗ gen ſeine mannichfachen Feinde zu ſchützen. Eure red⸗ lichſten Freunde ſelbſt beginnen zu zweifeln, ob Ihr wohl verdient, an der Spitze Flanderns zu ſtehen, ob Ihr auch der allgemeinen Achtung werth ſeid. Es ſchmerzt mich, Euch dies erklären zu müſſen; die Ueberzeugung von Eurer Redlichkeit und Eure grenzenloſe Ergebenheit für das allgemeine Beſte ſind gleich einer Binde vor Euren Augen; ich fühle mich verpflichtet, ſie abzureißen, ehe es zu ſpät wird.“ „Meine Freunde?“ ſagte Artevelde mit Verwunde⸗ rung.„Kennen ſie mich denn nicht genug, daß ſie von meinen Feinden vernehmen müſſen, wer ich bin?“ „Ach! es iſt eine Schande für die Menſchheit!“ ſeufzte der Oberſchöffe.„Aber das Böſe ſcheint ſo ver⸗ wandt mit unſerer ſchwachen Natur, daß der lächerlichſten Erdichtung gegen den würdigſten Bürger unmittelbar Glauben geſchenkt und ſie verbreitet wird, während man verdientes Lob mit Widerwillen aufnimmt und es eben ſo raſch wieder vergißt. Was mich erſchreckt hat, Ober⸗ hauptmann, iſt, daß mein eigener Neffe, Jan van den Hovene, der an allen Euren Beſtrebungen als ein red⸗ licher Freund Theil genommen hat, ſich jetzt gegen mich beklagt über Euer Betragen, über Euren grenzenloſen Hochmuth, wie er es nennt.“ „Hochmuth? Hochmuth?“ rief Artevelde mit zorni⸗ ger Ungeduld.„Was wollen ſie denn? Daß der Ober⸗ 5* 68 Jakob von Artevelde. hauptmann der Stadt Gent in den Tavernen lebe? daß er trinke, ſinge und ſpiele, wie Jemand, der die Zeit nicht anders hinzubringen weiß?“ „Nein, das iſt es nicht!“ fuhr der Oberſchöffe fort. „Man hat Jan van den Hovene erzählt,— und er be⸗ hauptet, es von Perſonen zu wiſſen, an deren Redlich⸗ keit er nicht zweifeln darf,— Ihr hättet zu Kortryk den Grafen blutig gehöhnt, und ihm geſchworen, ſo lange Ihr lebtet, ſolle er nie über Flandern gebieten.“ „Wie? Was iſt das für eine Niederträchtigkeit? Der Graf hat mir bei dem Abſchiede die Hand gedrückt, und mir gedankt für die Beweiſe guten Willens, die ich ihm gegeben.“ „Mir braucht Ihr das nicht zu ſagen, Mher Jakob; unſere Beſtrebungen bei dem Fürſten ſind ja die Folge eines Beſchluſſes der Schöffenbank, und thun wir nicht alles Mögliche, um den Grafen als Freund des Volkes nach Flandern zurückkehren zu laſſen? Aber es reicht hin, dieſe Verleumdung unter dem Volke zu verbreiten, um ihr alle Macht einer Wahrheit zu geben. Wie ſoll man es nun anfangen, den Zweifel oder den Verdacht aus tauſend Gemüthern herauszureißen, während man nicht weiß, worauf ſie beruhen, und gewöhnlich dieſelben nicht entdeckt, als bei Perſonen, die uns feindlich ſind und ſelbſt ihren Vortheil darin finden, die ſchnödeſten Be⸗ ſchuldigungen zu glauben?— Das iſt jedoch noch das Aergſte nicht. Diejenigen, die den Grafen haſſen, be⸗ haupten, daß Ihr das Amt eines Marſchalls von Flan⸗ dern heimlich angenommen habt und Willens ſeid, das Land! des Die ei dern, andere Volke große ſoll au zurückt die Ei willigꝛ augenf ſcheulic ſten K Gemeit ihre un Trunke übernit ſchweig ſagen; . 77 6 nig auf man ſo kindiſch führt i der niet Achtung wenigſt „ G de? daß Jakob von Artevelde. 69 eit nicht Land Frankreich zu überliefern, aus Rache über den Trotz des Volkes, das Euch nicht blindlings gehorchen will. ffe fort. Die eine Erdichtung iſt gerade das Gegentheil der an⸗ d er be⸗ dern, und doch finden ſie beide Glauben, jede bei einem Redlich⸗ anderen Theile der Bürgerſchaft. Unter dem kleinen tryk den Volke verbreitet man allmählich den Verdacht, daß Ihr ſo lange große Schätze nach England geſandt habt. Dieſes Geld ſoll aus den Einkünften des Grafen herrühren, die Ihr chtigkeit? zurückhaltet. Es iſt bekannt genug, daß die Gemeinen gedrückt, die Einkünfte des Fürſten mit deſſen ſchriftlicher Ein⸗ z, die ich willigung Ser Simon van Hale aushändigen; aber dieſe augenſcheinliche Falſchheit hindert nicht, daß eine ſo ab⸗ r Jakob; ſcheuliche Erdichtung doch Glauben findet bei der niedrig⸗ ie zuihe ſten Klaſſe der Bürger. Andere ſagen noch, daß Ihr die wir ni Gemeine beſtehlt; ja, ſo weit treibt die Verleumdung ihre unbegreifliche Keckheit, daß man Euch für einen Trunkenbold ausgiebt, der ſich beinahe täglich im Weine übernimmt und ein ſchändliches Leben führt. Ich ver⸗ ſchweige dabei, was man wagt, von Eurer Familie zu ſagen; mein Freundesherz weigert ſich deſſen.“ „Es iſt abſcheulich!“ rief der Oberhauptmann, zor⸗ nig aufſtehend.„Und es iſt Jakob von Artevelde, den es Volkes reicht hin, liten, um ſoll man dacht aus man nicht elben nicht ſind und man ſo zu höhnen wagt? Von mir glaubt man ſolche deſten Be⸗ kindiſche Schlechtigkeiten? Hab' ich denn nichts ausge⸗ noch das führt in meinem Leben, daß ſelbſt der unbedeutendſte, aſſen, be⸗ der niedrigſte Menſch meinen Namen beflecken darf, ohne von Flan⸗ Achtung, ohne Ehrfurcht, wenn auch nicht vor mir, doch ſeid, das wenigſtens vor meinen Handlungen?“ „Eure großen Thaten, Eure Vernunft, Eure Weis⸗ —— 70 Jakob von Artevelde. heit ſind die einzigen Urſachen der Verfolgung Eurer Neider, Oberhauptmann! Werdet klein; verliert, was Gott Euch ſo mild vor Anderen gab; ſteigt hernieder und werdet gleich Euren Verleumdern, und ſie werden Euch liebkoſen und vertheidigen!“ Artevelde war einige Male ungeduldig im Zimmer auf⸗ und abgeſchritten, wie Jemand, den peinliche Ge⸗ danken verfolgen. Gleich darauf ſetzte er ſich jedoch wie⸗ der und ſagte mit bitterem Lächeln: „Ein ehrlicher Mann hat nur eine einzige Waffe gegen die Verleumdung: die Verachtung! Ich fühle mich ohnmächtig, auf eine andere Weiſe gegen dieſes Unge⸗ thüm zu kämpfen. In ſolchem Streite iſt Alles niedrig, klein und elend. Gott hat mich geſchaffen, um mit dem Schwerte oder mit dem Geiſte größere Siege zu errin⸗ gen; aber, um gegen Nadelſtiche oder giftige Beſprützun⸗ gen zu fechten, hat er mich zu einem ohnmächtigen Zwerge gemacht, und wäre ich auch geneigt, die Vernichtung die⸗ ſer Schlangenbrut zu verſuchen, ich würde es doch nicht können. Hier iſt der Mund die Waffe, welche Pfeile ſchießt, die ſich im Fliegen vervielfältigen. Sprechen meine Feinde viel, warum vertheidigen meine Freunde da meinen Namen nicht mit derſelben Thätigkeit?“ „Freunde?“ antwortete Ser van Vaernewock mit ei⸗ nem trüben Lächeln.„Freunde ſind ſtets ſchwach und träge. Macht Feinde daraus, und Ihr ſollt ſehen, welche Kraft, welche Gluth der Thãätigkeit dies Gefühl in ihnen entwickelt!“ „Die menſchliche Natur iſt ein ſchreckliches Räthſel!“ murmelte Artevelde. 7 ſicher e fung o iſt köſt ſchöffe. ten; u mächtig verthei dung l „¹ Artever mir et würdet nicht ſ Blicken haben Sorgfe 0 1½ van V liche P Jakob, wart, das der und m ſeren e Beſte thun,] 14 velde. Eurer tt, was der und en Euch Zimmer iche Ge⸗ och wie⸗ e Waffe ähle mich 's Unge⸗ niedrig, mit dem zu errin⸗ prützun⸗ Zwerge tung die⸗ doch nicht he Pfeile Sprechen Freunde eit?“ ſck mit ei⸗ und träge. che Kraft, twickelt!“ Räthſel!“ 71 Jakob von Artevelde. „Ein Freund, der uns im Unglücke treu bleibt, iſt ſicher ein köſtlicher Schatz; aber ein Freund, der die Prü⸗ fung auf dem Probirſteine der Verleumdung aufhält, iſt koͤſtlicher, als das feinſte Gold!“ entgegnete der Ober⸗ ſchöffe.„Täuſcht Euch nicht, Mher Jakob! ſie ſind ſel⸗ ten; und wären ſie ſelbſt zahlreich, ſie würden doch nicht mächtig gegen Eure Verfolger ſein. Die Freundſchaft vertheidigt nie ſo laut, noch ſo kräftig, wie die Verleum⸗ dung beſchuldigt!“ „Laßt uns dieſe trübe Betrachtung endigen!“ fiel Artevelde ihm in die Rede.„Ich ſehe voraus, daß Ihr mir etwas Anderes zu ſagen habt. Wäre das nicht, ſo würdet Ihr, der Ihr mein treueſter Freund ſeid, doch nicht ſo mild die Bosheiten meiner Feinde vor meinen Blicken entrollt haben. Eure Sendung oder Euer Vor⸗ haben muß wichtig und mühſam ſein, Ser Maes; Eure Sorgfalt läßt mich das wenigſtens vermuthen.“ „In der That, Ihr habt es gerathen!“ ſeufzte Ser van Vaernewyck mit Rührung.„Ich erfülle eine pein⸗ liche Pflicht. Vielleicht verletze ich Euer edles Herz; aber, Jakob, Freund! wir dürfen es ſagen in Gottes Gegen⸗ wart, niemals wandten wir uns ab von einem Opfer, das dem Vaterlande Nutzen bringen konnte; heute auch, und müßten wir uns erniedrigen, und müßten wir un⸗ ſeren eigenen Werth ſelbſt opfern: wenn das allgemeine Beſte es verlangt, werden wir es thun; wir werden es thun, nicht wahr?“ „Erklärt Euch deutlicher, Oberſchöffe!“ ſagte Arte⸗ velde.„Sich erniedrigen? ſich herabwürdigen? Welche 72 Jakob von Artevelde. nothwendige That wollt Ihr denn von meiner Vater⸗ landsliebe fordern?“ „Nun denn! hört mich mit Ruhe an, Oberhaupt⸗ mann! Während Eurer Abweſenheit hat ſich zwiſchen den Webern und den Walkmüllern ein Streit entſpon⸗ nen, deſſen ganze Gefährlichkeit Ihr nicht kennt. Die Walkmüller werden aufgehetzt und verlangen vier Grote Erhöhung des Werklohnes für jedes gewalkte Stück Tuch. Man hetzt die Leidenſchaft der Zunftgenoſſen auf und bildet ihnen ein, ſie müßten die genannte Erhöhung be⸗ kommen, wäre es auch durch Gewalt. Auf der anderen Seite hält Geeraert Denys in den Verſammlungen der Weber Reden, in welchen er die Walkmüller abſichtlich höhnt und herausfordert. Es ſcheint ein verabredetes Spiel zu ſein, um die Einwohner von Gent in zwei wüthende Parteien zu zerſpalten und einen blutigen Zu⸗ ſammenſtoß zwiſchen beiden zu veranlaſſen. Dies iſt un⸗ fehlbar die Abſicht dieſer Umtriebe; denn meine freund⸗ liche Vermittelung ward zornig abgelehnt. Sich auf ihre geſetzlichen Privilegien ſtützend, weigern ſich die Weber, die Collatie der Dechanten über das Verlangen der Walk⸗ müller berathſchlagen zu laſſen, und beſtreiten der Schöf⸗ fenbank das Recht, ſich um ihren Zwiſt zu bekümmern. Die Walkmüller, ebenfalls unbeugſam, verwerfen allen guten Rath und raſen von Gewalt und Rache. Bis jetzt i*ſt weiter nichts daraus entſprungen, als einige Schläge⸗ reien in den Tavernen. Aber glaubt mir, wie gering auch dieſe Frage an und für ſich ſelbſt ſcheine, für Gent iſt ſie ein ſchwangerer Vulkan, der binnen Kurzem los⸗ „Ich friede will i leicht Zwiſt mir wolle zu mi Euch Ihr d werde den T der W Jahrh Zünft die Ei ten de theidig legenh Nein, Euer wie da muth: Eure? berkraf r Vater⸗ erhaupt⸗ zwiſchen entſpon⸗ nt. Die er Grote ück Tuch. auf und hung be⸗ anderen ngen der abſichtlich abredetes in zwei igen Zu⸗ s iſt un⸗ freund⸗ auf ihre Weber, er Walk⸗ r Schöf⸗ ümmern. fen allen Bis jetzt Schläge⸗ ie gering für Gent zem los⸗ Jakob von Artevelde. 73 brechen wird, wenn nicht ein großes Opfer von unſerer Seite die Gefahr beſchwört.“ „Ich habe die Sache unterſucht,“ bemerkte Artevelde. „Ich erkenne, daß ſie wichtig iſt und ſchwerlich zur Zu⸗ friedenheit jeder Partei ſich löſen läßt. Von morgen an will ich mich damit bemühen. Ich werde die beiden Zünfte leicht überreden, daß jede Etwas nachgiebt und wir den Zwiſt in Liebe beilegen. Die Weber und Walkmüller ſind mir von alten Zeiten her zugethan und werden wohl⸗ wollend auf meinen Rath hören.“ „Ach! es thut mir Leid, Freund Jakob, Euch ſagen zu müſſen, daß Ihr Euch täuſcht. Die Verleumdung iſt Euch auch dort vorangeeilt. Die Weber glauben, daß Ihr die Walkmüller in ihren Forderungen unterſtützen werdet; die Walkmüller dagegen ſind überzeugt, daß Ihr den Webern helft, um, wie ſie ſagen, das arme Volk der Walkmüller zu unterdrücken. Vergeßt nicht, daß ſeit Jahrhunderten der glühendſte Haß zwiſchen den beiden Zünften vorherrſcht, und daß, wo es den Vortheil oder die Eiferſucht von Genoſſenſchaften gilt, die Leidenſchaf⸗ ten deſto blinder und unbeſieglicher ſind, wo ſie die Ver⸗ theidigung eines Grundſatzes oder einer Gemeineange⸗ legenheit zur Entſchuldigung oder zur Urſache nehmen. Nein, Freund! verkennt Euren Zuſtand nicht länger. Euer Einfluß iſt grenzenlos in ganz Flandern, eben ſo wie das Vertrauen, welches das Volk in Euren Helden⸗ muth und Eure hohe Weisheit ſetzt. Aber in Gent iſt Eure Macht gebrochen und hat Euer Name ſeine Zau⸗ berkraft verloren. Bedenkt, wenn eine große Gefahr das — 74 Jakob von Artevelde. Vaterland bedrohte, und Gent ließe Euch im Stiche oder wendete ſich gegen Euch: was würdet Ihr thun können? Flandern würde unterliegen!“ „Wie?“ rief Artevelde mit Entrüſtung aus.„Wollt Ihr mich glauben machen, Freund Maes, daß das Gen⸗ ter Volk mich haſſe? Ich weiß, daß einige böſe Menſchen mich verleumden; aber ich will meinen Mitbürgern die Schmach nicht anthun, zu denken, daß ſie mir ungerecht ihr Vertrauen entziehen!“ „Es iſt wahr, Oberhauptmann! Wenn Ihr die Genter Bürgerſchaft in ſechs Theile zerfallen ließet, ſo würdet Ihr fünf finden, die Euch im Grunde des Her⸗ zens geneigt ſind; aber der ſechste haßt Euch und ver⸗ langt Euren Fall. Diejenigen, die Euch lieben, ſind friedliche Leute, welche ruhig und arglos die Früchte Eu⸗ rer Beſtrebungen genießen. Der andere Theil, der Euch feindlich iſt, umfaßt alle Herrſchſüchtigen, Neidiſchen, Ungeduldigen oder Böſen und hat zu Springfedern ſei⸗ ner unwiderſtehlichen Kraft die glühendſten Leidenſchaf⸗ ten, die in den Herzen der Menſchen lodern. Die guten Leute ſchlafen auf dem Bette der Zufriedenheit; die Bö⸗ ſen wachen und werden aufgeſtachelt von unbefriedigten Begierden und ruheloſer Mißgunſt..... Und nun das Mittel, um dieſes Alles zu ändern und zu beſſern, nicht wahr?— Eure Feinde erkennen als Haupt und Führer Mher Geeraert Denys an. In allen ihren Reden deuten ſie auf den Oberdechanten als den Mann, der am beſten die Intereſſen der Gemeine begreift. Ich bin überzeugt, daß Denys viel zu der Verleumdung gegen Euch beiträgt, obwoh ſchläge den H ſelbſt ſucht i wir m mit Y Regier wortlie anvertt wyck u „ Maes! Ihr ihr vorſicht Regier durch 1 ten, ſe 0 1 Gefahr Die gr werden ihrem: „ tief; d Flander he oder önnen? „Wollt s Gen⸗ tenſchen gern die ngerecht Ihr die eßet, ſo ees Her⸗ ind ver⸗ en, ſind chte Eu⸗ der Euch eidiſchen, dern ſei⸗ denſchaf⸗ die guten die Bö⸗ riedigten nun das rn, nicht d Führer en deuten im beſten berzeugt, beiträgt, Jakob von Arteyelde. 75 obwohl ich nicht weiß, wie groß ſein Antheil an den An⸗ ſchlägen unſerer Feinde iſt. Er verbirgt vor Niemanden den Haß, den er ſeit Jahren gegen Euch nährt. Jeder, ſelbſt ſeine Anhänger erkennen, daß Neid und Herrſch⸗ ſucht ihn verzehren.— Nun denn, Oberhauptmann! wir müſſen dieſe Herrſchſucht ſättigen, den Oberdechanten mit Macht bekleiden, ihm einen Antheil geben an der Regierung der Gemeine, und ſomit auch an der Verant⸗ wortlichkeit für die Erhaltung deſſen, das ſeiner Sorge anvertraut iſt! Dadurch ziehen wir auch ſeine Freunde an uns und lähmen in jedem Falle die Wähler auf lange Zeit.“ Der Oberhauptmann betrachtete Ser van Vaerne⸗ wyck mit Verwunderung und Betrübniß, und ſagte: „Habt Ihr dieſen Plan reiflich überlegt, Freund Maes? Weil der Wolf Euch von Außen droht, wollt Ihr ihn in den Schafſtall laſſen? Ich zweifele, daß das vorſichtig ſei. Wenn der Oberdechant ſeinen Haß in die Regierung der Gemeine mitbringt, wird er dann nicht durch unſere furchtſame Nachgiebigkeit die Macht erhal⸗ ten, ſeine ſchändlichen Pläne auszuführen?“ „Ich weiß es, Oberhauptmann! auch dort droht Gefahr; aber es iſt von zwei Uebeln das geringſte. Die größere Gefahr muß durch die kleinere beſchworen werden. Die Nothwendigkeit beherrſcht uns; wir können ihrem unerbittlichen Geſetze nicht entgehen.“ „So ſei es!“ ſprach Artevelde.„Es betrübt mich tief; doch widerſetze ich mich demſelben nicht, wenn es Flandern Nutzen bringen kann. Aber wie wollt Ihr ihm 76 Jakob von Artevelde. ſeinen Antheil an der Regierung der Gemeine geben? Schöffe kann er nun doch nicht werden?“ „Nein!— und das Amt eines Schöffen würde ihm auch nicht genügen; ſeine Ehrſucht verlangt mehr. Mein Plan iſt, ihn zu Eurem Amtsgenoſſen zu machen und ihm zu gleicher Zeit mit Euch die Leitung der Stadt zu übergeben.“ Ein eigenthümliches Lächeln bitterer Muthloſigkeit umzog das Antlitz des Oberhauptmanns. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Ich ſollte täglich mit Mher Denys in Beziehung und in Streit ſein? meine Zeit in unbedeutenden Zwi⸗ ſtigkeiten verlieren? O, Gott! Es iſt alſo beſchloſſen! Ich muß klein werden, meinen Geiſt an Nichtigkeiten ab⸗ ſtumpfen, zur Belohnung und als Frucht meiner Arbeit verpflichtet ſein, zu lernen, wie man mit Gewürmen kämpft!— Nun, nun ich werde dieſe Erniedrigung er⸗ dulden, da es ſein muß. Aber wird die Schöffenbank auch einſtimmen in eine ſo ſchreiende Amtsgenoſſenſchaft?“ „Ohne Zweifel, Oberhauptmann! Diejenigen Mit⸗ glieder, welche uns zugethan ſind, werden unſerem Rathe folgen, und die anderen werden mit Freuden ihre Stimme hergeben zur Erhebung des Oberdechanten. Nur muß man in dieſer Sache vermeiden, unſeren Feinden das Mittel zu laſſen, Mher Denys' Ernennung durchzuſetzen, als ein Zeichen des Widerſtandes gegen Euch. Leicht könnte man aus dieſem außergewöhnlichen und uner⸗ warteten Beſchluſſe ableiten, daß die Schöffenbank kein Vertrauen mehr zu Euch hegt, weil ſie Euch Euren Feind an die Gedan baren und Er ſer Ha dechant jeden F andere Obexhe wunden Mher? zu ihm mit der St Artevel eine pei zuckte. Ser / H Freund Kelch d gleich de auf den lande, höchſten „u pringen Schmeic flehen?“ geben? de ihm Mein en und tadt zu loſigkeit chüttelte ziehung n Zwi⸗ hloſſen! iten ab⸗ Arbeit würmen ung er⸗ unk auch aft?“ en Mit⸗ n Rathe Stimme ur muß den das zuſetzen, Leicht d uner⸗ ank kein en Feind Jakob von Artevelde. 77 an die Seite ſtellt. Um dem zuvorzukommen, muß der Gedanke von Euch ausgehen, damit Jeder in dieſer ſchein⸗ baren Verſöhnung einen Beweis Eurer Nachgiebigkeit und Eures Edelmuthes ſehe. Wer weiß, ob Ihr in die⸗ ſer Handlung nicht das Mittel findet, um den Ober⸗ dechanten zu Eurem redlichen Freunde zu machen! Auf jeden Fall darf er nicht denken, daß ſeine Erhebung eine andere Urſache habe, als Euren Willen.— Deshalb, Oberhauptmann, wie tief mein Vorſchlag Euch auch ver⸗ wunden möge, ich bleibe dabei, Ihr allein müßt mit Mher Denys von dieſer Angelegenheit reden; Ihr müßt zu ihm gehen und ihn zu einer Verſöhnung überreden, mit der das Heil Flanderns unabweislich verknüpft iſt.“ Statt in Unwillen oder in Wuth auszubrechen, ſah Artevelde dem Oberſchöffen tief in die Augen, während eine peinliche Erſchütterung ſeine Lippen krampfhaft um⸗ zuckte. Ser van Vaernewyck ergriff ſeine Hand und ſagte: „Habt Muth in dieſem elenden Streite, armer Freund! Es liegt auch etwas Heldenhaftes darin, den Kelch der Erniedrigung anzunehmen; und wenn Euch gleich das Opfer ſchwer wird, vergeßt nicht, daß Ihr es auf den Altar des Vaterlandes legt. Gebt Eurem Vater⸗ lande, gebt der Unabhängigkeit Flanderns noch dieſen höchſten Beweis Eurer Liebe!“ „Unmöglich! niemals!“ rief Artevelde erzürnt auf⸗ pringend.„Was ich ſollte mich herabwürdigen zum Schmeichler des Oberdechanten? ihn bitten? ihn an⸗ flehen?“ ——— Jakob von Artevelde. „Ihr müßt es thun, Mher Jakob!“ ſagte Ser van Vaernewyck betrübt, aber mit feſter Ruhe.„ Euer Herz empört ſich mit Abſcheu gegen dieſe Handlung, aber Euer Edelmuth wird Euch an dieſer Verſöhnung eine andere Seite zeigen und Euch ſagen, daß es ſchön iſt, das er⸗ littene Unrecht zu vergeſſen und zu vergeben.“ Artevelde hob die Hand und wies mit bitterem La⸗ chen auf das Gemach, wo ſeine kranke Tochter ſchlief. „Ich verſtehe Euch,“ antwortete der Oberſchöffen das Haupt wie beſiegt ſenkend. „Nun denn!“ ſagte Artevelde,„ich werde thun, was Ihr von mir verlangt; ich werde es thun, wenn Ihr vor Gott erklären könnt, daß er keinen Antheil hatte an der greulichen Miſſethat.“ „Ich will mein Geſuch fahren laſſen, wenn Ihr vor Gott zu erklären wagt, daß er Theil daran genommen habe,“ antwortete Ser van Vaernewyck. „In der That, ich weiß nichts!“ rief Artevelde ver⸗ zweifelt.„Aber das Gefühl, das mein Vaterherz erfüllt, die Flamme des Haſſes, die zum erſten Male in meinem Leben in meiner Bruſt entbrennt, ſollte das kein Licht⸗ ſtrahl von oben, keine Wahrheit ſein?“ „Es iſt möglich,“ ſagte der Oberſchöffe,„daß Mher Denys durch ſeine Aufhetzungen die Haupturſache der Anſchläge iſt, welche gegen Euch gerichtet werden; doch glaube ich nicht, daß er geradezu Theil an ſolcher ſchnö⸗ den Miſſethat habe nehmen können. Deshalb, Freund Jakob, wie wir uns auch gegen die Nothwendigkeit ſtem⸗ men, es giebt kein Mittel, ihr zu entgehen. Wenn Ihr nicht it es ſich Flande Gemüt es muf Ar auf un zu dem „2 ein Mi vielleich chen. zu ſein ich dage der Laf und Ein ich Euch zuziehen mir an mindeſte „I. Oberſch⸗ der Gen in dieſen Willen! um die Verlang dert es z Erlöſers ber van er Herz er Euer andere das er⸗ em La⸗ lief. ffen das e thun, „wenn eil hatte Ihr vor nommen lde ver⸗ erfüllt, meinem in Licht⸗ ß Mher ache der en; doch r ſchnoͤ⸗ Freund eit ſtem⸗ enn Ihr Jakob von Artevelde. nicht in das einwilligt, was ich Euch vorſchlage, ſo wird es ſich von ſelbſt verwirklichen: Eure langen Reiſen durch Flandern haben Euch nicht geſtattet, der Aenderung der Gemüther in Gent zu folgen. Ich wiederhole es Euch: es muß geſchehen!“ Artevelde ging einige Male ſprachlos im Zimmer auf und nieder; dann ſetzte er ſich mit ruhigerer Miene zu dem Oberſchöffen und ſagte ernſt zu ihm: „Aber, Ser Maes, Ihr habt vergeſſen, daß es noch ein Mittel giebt, dieſer Erniedrigung zu entgehen und vielleicht allem Zwiſte mit einem Male ein Ende zu ma⸗ chen. Ich ſcheine ein Hinderniß des Friedens geworden zu ſein; meine Feinde gewinnen an Kraft und Stärke; ich dagegen fühle mich niedergedrückt, zerſchmettert von der Laſt der Regierung; meine Seele dürſtet nach Ruhe und Einſamkeit: nun denn! als Freund, als Bruder bitte ich Euch, helft mir, mich von der Oeffentlichkeit zurück⸗ zuziehen; laßt mich die Aemter niederlegen, die das Volk mir anvertraute; gönnt mir und meiner Familie zum mindeſten einen geringen Theil meines Lebens.“ „Ihr heißt Jakob von Artevelde!“ antwortete der Oberſchöffe, den Kopf ſchüttelnd.„Die Unabhängigkeit, der Gewerbfleiß und die Volksfreiheit Flanderns liegen in dieſem Namen enthalten. Als Gott in ſeinem heiligen Willen unſere Befreiung ausſprach, nahm er Euer Leben, um die Säule von Flanderns Größe darauf zu bauen. Verlangt Ihr einen Theil Eures Lebens für Euch, for⸗ dert es zurück von Gott, der Euch die Beſtimmung eines Erlöſers und Märtyrers gab!“ Jakob von Artevelde. Bei dieſen feierlichen Worten des Oberſchöffen ſenkte Artevelde das Haupt tief auf die Bruſt, wie Jemand, der ſich in ein unumſtößliches Urtheil ergiebt. Ser van Vaernewyck fuhr mit ſteigender Kraft und in rührendem Tone fort: „Jakob von Artevelde hat das Kreuz von ſeinen Schultern geworfen! Geeraert Denys iſt der Oberhaupt⸗ mann von Flandern! Von dieſem Augenblicke an wen⸗ den ſich die eigenen Freunde des Oberdechanten gegen ihn; denn der Neid verfolgt immer den Hochſtehenden. Die friedlichen Leute, welche jetzt Kraft gefunden haben, weil es zu bekämpfen und nicht zu vertheidigen gilt, er⸗ heben ſich gegen dieſen neuen Führer; dieſer ſieht ſich verlaſſen und ſucht in Gewalt und Rache, was ihm an Vernunft mangelt. Der Bürgerkrieg entzündet ſich wie ein verheerendes Feuer in allen Provinzen Flanderns; kein Wille leitet, kein Befehl zwingt, kein Heldenmuth rettet; Alles geräth in Verwirrung, die Gemüther wie die Dinge. Dann kommt Frankreich! Es ſendet unſern Grafen als Werkzeug ſeiner Abſichten; Dendermonde empfängt die Leligerds; die allgemeine Unzufriedenheit vermehrt das Heer der Freiheitsfeinde. In jeder Stadt bilden ſich zwei Parteien, die einander blutig gegenüber ſtehen, und den Fremden vergeſſen, um in thörichten Streitigkeiten Zeit und Muth zu zerſplittern. Man wird ermüdet, gelähmt, erſchöpft, und wenn der Ruf: Flan⸗ dern den Löwen! ſich wie ein Schrei der Todesgefahr über das kraftloſe Flandern erſtreckt, ſo antwortet auch nicht eine einzige Stimme auf den Nothſchrei des Vater⸗ landes gelegt. Traum deſſen Ach! d einſam und ſä trübnif theures Freihei muth w tern na beit, V geworde ſenwerk Andenke Wind d iſt Jako vorwärt den Ba Schlußfe Arte ſaß ſtum geendet! des Obe ſichtlich. Dann er „Ja den Tage Jakob vo en ſenkte Jemand, raft und en ſeinen derhaupt⸗ an wen⸗ en gegen tehenden. en haben, gilt, er⸗ ſieht ſich s ihm an t ſich wie landerns; ldenmuth üther wie det unſern dermonde riedenheit der Stadt gegenüber thörichten Man wird uf: Flan⸗ ddesgefahr ortet auch es Vater⸗ Jakob von Artevelde. 81 landes. Frankreichs Feſſeln werden von Neuem uns an⸗ gelegt. Flanderns Größe iſt ein Traum geworden, ein Traum, der wohl Spuren im Geiſte zurückläßt, aber deſſen Andenken wie ein Gaukelſpiel langſam vergeht.... Ach! dort weilt ein Mann mit geſenktem Haupte in dem einſamen Gehölz! Er ſchlägt verzweifelnd an die Bruſt und ſäet Thränen auf ſeiner Bahn! Warum die Be⸗ trübniß, die Verzweiflung? Ach! er ſieht von Ferne ſein theures Flandern erniedrigt vor Frankreich knien, die Freiheit ſeiner Brüder in Sklaverei verwandelt, die Ar⸗ muth wie ein Krebsgeſchwür an den vlämiſchen Geſchlech⸗ tern nagen, das niederländiſche Bündniß gebrochen; Ar⸗ beit, Vernunft, Heldenmuth, Leiden, Alles iſt nutzlos geworden, Alles, Alles verloren! Und von ſeinem Rie⸗ ſenwerke nichts, nichts mehr, als Staub, der, ohne ein Andenken zu hinterlaſſen, durch die Hand der Zeit in den Wind der Vergeſſenheit geworfen wird. Dieſer Mann iſt Jakob von Artevelde! Gott rief ihm zu: Vorwärts! vorwärts! aber er entlief ſeiner Beſtimmung und gab den Bau der Größe ſeines Vaterlandes auf, ehe der Schlußſtein des Gewölbes gelegt war..... 1 Artevelde hatte die Augen mit der Hand bedeckt und ſaß ſtumm da, ſelbſt als Ser van Vaernewyck ſeine Rede geendet hatte. Stille Thränen rollten von den Wangen des Oberhauptmanns herab, und ſeine Glieder zitterten ſichtlich. Der Oberſchöffe ehrte eine Weile ſeinen Schmerz. Dann ergriff er ſeine Hand und fragte ihn: „Jakob, erinnert Ihr Euch wohl noch, daß wir in den Tagen der Hungersnoth und der Sklaverei, die Hand Jakob von Artevelde. V. 6 ——jy— 82 Jakob von Artevelde. auf dem Kreuze, geſchworen haben, nicht zu ruhen, ehe Flandern im vollen Beſitze ſeines Rechtes und ſeiner Un⸗ abhängigkeit ſei? Erinnert Ihr Euch, daß wir in Got⸗ tes Gegenwart gelobten, Alles für das Vaterland zu opfern.... Alles, Alles?“ „Nein, nein!“ rief Artevelde, raſch aufſtehend und die Augen trocknend;„das Schreckliche, das Ihr mir da geſchildert habt, ſoll ſich nicht verwirklichen! Ich ſollte gleichgültig die Sklaverei meines Vaterlandes anſehen, und leben? Nun dennl! es iſt beſchloſſen: was Ihr ver⸗ langt, will ich thun. Ich muß meine Würde als Menſch, mein Gefühl als Vater opfern, meinem Feinde die Waffe in die Hand geben, die mich vielleicht tödtet.— Für Flandern! für Flandern! Dieſer Gedanke heiligt auch die Erniedrigung.“ Der Oberſchöffe umarmte gerührt den Oberhaupt⸗ mann und ſeufzte bei dem Bruderkuſſe. Während Artevelde, von tiefer Rührung ergriffen, ſprachlos ſtehen blieb, ſagte Ser van Vaernewyck: „Nun, Mher Jakob, vergebt mir die Mittel, die ich anwandte, um über den Stolz Eures edlen Gemüthes den Sieg davonzutragen. Ich gehorche dem unwider⸗ ſtehlichen Drange der Ereigniſſe und leide ſelbſt bei der Erfüllung meiner Pflichten. Kaum iſt hier meine trübe Sendung geendet, ſo muß ich nach dem Schöffenrathe eilen, um dort abſcheuliche Beſtrebungen zu bekämpfen. Muth und Vertrauen, Freund! Dereinſt wollen wir freudig auf unſere Laufbahn zurückſehen und uns mit Stolz deſſen erinnern, was wir für unſer theures Vater⸗ land opfern dem in d nigſt ihn begel 4 geſchl auf d ſinnen bewu ruhte, der, ſ Antlit ſüßes ſeine In der einem nun n niedrig dechand Feindſ Lieven Kind, konnte und fre gute Lit ihen, ehe einer Un⸗ in Got⸗ erland zu ehend und hr mir da Ich ſollte anſehen, ‚Ihr ver⸗ 1s Menſch, die Waffe — Für eiligt auch bberhaupt⸗ ergriffen, vyck: Nittel, die Gemüthes unwider⸗ bſt bei der neine trübe höffenrathe bekämpfen. vollen wir d uns mit res Vater⸗ Jakob von Artevelde. 83 land gethan, was wir für deſſen Ruhm und Größe ge⸗ opfert haben.“ Artevelde ſprach noch einige freundliche Worte, um dem Oberſchöffen zu verſichern, daß er ſeinen Entſchluß in dieſer Sache gefaßt und denſelben auf das Schleu⸗ nigſte ausführen wolle. Ser van Vaernewyck verließ ihn gleich darauf, um ſich nach dem Schöffenrathe zu begeben. Der weiſe Mann ſtand lange mit über die Bruſt geſchlagenen Armen in tiefem Nachdenken und ſchaute auf den Boden. Endlich ſich aus dieſem finſteren Nach⸗ ſinnen aufreißend, ging er mit langſamen Schritten wie bewußtlos nach dem Zimmer, in welchem ſeine Tochter ruhte, und ſetzte ſich ſtill zu Häupten ihres Lagers nie⸗ der, ſeine Hand leiſe auf die ihre legend und ihr bleiches Antlitz kummervoll betrachtend. Allmählig zeigte ſich ein ſüßes Lächeln der Hoffnung auf ſeinem Geſichte, und ſeine Augen ſchienen von froher Rührung zu funkeln. In der That, ſein Vaterherz war ergriffen worden von einem plötzlichen Gedanken, und vielleicht betrauerte er nun nicht mehr, daß das Schickſal ihm eine ſolche Er⸗ niedrigung auferlegte. Wenn es ihm glückte, den Ober⸗ dechanten zu überreden, daß er ſeinem Haſſe und ſeiner Feindſchaft entſagte, dann wurde die Vermählung von Lieven und Veerle der Preis dieſer Verſöhnung. Sein Kind, durch dieſes unerwartete Glück geſtärkt, genas und konnte noch glückliche Tage erleben; ſeine Gemahlin jubelte und freute ſich an der Freude ihrer Tochter, und Lieven, der gute Lieven empfing die Belohnung ſeiner erprobten Treue. 6* 84 Jakob von Artevelde. Dieſer tröſtende Traum bemächtigte ſich gewaltſam ſeines Geiſtes und beherrſchte ihn, bis er aufſtehend das Gemach wieder verließ und nach dem Hinterſaale ging. Hier warf er den Mantel um und ſetzte die Kappe auf; dann wechſelte er einige Worte mit ſeiner Gattin und ging darauf langſam über den Calanderberg nach der St. Janskirche zu. Seine neuen Hoffnungen hatten ſeine Gedanken ſchon ſehr gemildert, und es ſchmerzte ihn faſt nicht mehr, daß er Geeraert Denys aufſuchen mußte. Unterweges ver⸗ größerten ſich dieſe Hoffnungen noch, und er fühlte gleich darauf keinen Haß mehr gegen ſeinen Neider. Der Wunſch nach Freundſchaft mit ihm blieb in ſeiner Bruſt zurück Als er jedoch die Wohnung des Oberdechanten erblickte, warnte ihn eine innere Stimme und ermahnte ihn zur Vorſicht, indem ſie ihn daran erinnerte, welche Geſin⸗ nung der Mann hatte, den er beſuchen wollte. Der Ober⸗ hauptmann faßte die Verhältniſſe genau in's Auge. Sein Antlitz nahm einen würdigen Ausdruck an, ſeine Blicke etwas Kühnes, und er trat ſtolz in das Haus des Ober⸗ dechanten, dem Diener ſagend, daß er Mher Denys zu ſprechen verlange. Dieſer, vor Verwunderung faſt verſtummend, ver⸗ beugte ſich und öffnete eine Thür, welche nach dem Zim⸗ mer führte, wo ſein Herr ſich befand. Bei Artevelde's Eintreten ſaß Geergert Denys bei dem Kamin, den Rücken nach der Thür gekehrt. Sein Sohn Lieven ſtand in einem anderen Winkel bei einem Leſepulte und bemerkte jetzt erſt Mher Jakob's Ankunft. Erſt hielt die der! das ten plötz hätte ſchän deche gab druck des Dend habe, allein Unten Ober einige altſam tehend ging. he auf; n und ich der n ſchon r, daß es ver⸗ e gleich Wunſch zurück rblickte, ihn zur Geſin⸗ Ober⸗ 2. Sein e Blicke 3 Ober⸗ enys zu d, ver⸗ m Zim⸗ nys bei t. Sein ei einem Ankunft. Jakob von Artevelde. 85 Erſtaunt ließ er das Pergament, das er in der Hand hielt, zu Boden fallen, und rief unwillig: „Gott! der Oberhauptmann hier!““ Bei dieſem Rufe ſprang Geeraert Denys plötzlich in die Höhe und ſah den Eintretenden wüthend an; aber der ruhige Blick, welchen Artevelde auf ihn richtete, und das edle, würdige Lächeln, mit dem er ihn begrüßte, üb⸗ ten einen unwiderſtehlichen Eindruck auf ihn. Nach der plötzlichen Veränderung ſeiner Geſichtszüge zu urtheilen, hätte man glauben können, daß Ehrerbietung und Be⸗ ſchämung ihn mit Schüchternheit erfüllten. Der Ober⸗ dechant wurde jedoch raſch wieder Herr ſeiner ſelbſt und gab ebenfalls ſeinem Geſichte einen gleichgültigen Aus⸗ druck, obwohl ſein Herz von der flammenden Leidenſchaft des Haſſes heftig klopfte. „Es wundert Euch ſicher, mich hier zu ſehen, Mher Denys!“ ſprach Artevelde.„Was ich Euch zu ſagen habe, muß wichtig ſein, fürwahr! Ich wünſche, mit Euch allein zu ſein. Gönnt mir einige Augenblicke ungeſtörter Unterhaltung mit Euch.“ Der Oberdechant gab ſeinem Sohne ein Zeichen. Dieſer ſtand auf, um das Zimmer zu verlaſſen, richtete jedoch im Vorübergehen an Artevelde die Frage: „Und Veerle?“ „Es geht ihr beſſer,“ antwortete Artevelde, ihm freundlich die Hand drückend. Nachdem Lieven hinausgegangen war, ſagte der Oberhauptmann zu Mher Denys, während er ſich in einiger Entfernung von ihm niederſetzte: —— Jakob von Artevelde. „Oberdechant, ich komme, Euch zu bitten, mir mit Geduld zuzuhören. Ihr könnt nachher frei urtheilen über das, was ich Euch vortragen will.“ „Nun, dieſe Umſchweife ſind überflüſſig,“ antwortete Denys barſch.„Laßt hören, was Ihr mir zu ſagen habt!“ Artevelde fühlte, daß die Röthe des Zornes ſeine Stirn bedeckte; doch unterdrückte er ſeinen Aerger und ſagte zu Denys, der ihn gleichſam mit einem Ausdrucke des Scherzes betrachtete: „Oberdechant, wir kennen einander ſchon ſehr lange. Es gab ſelbſt eine Zeit, wo unſere Sehnſucht nach Flan⸗ derns Freiheit uns, wo nicht zu wahren Freunden, doch zu Kampfgenoſſen gemacht hat. Seitdem ſind Gefühle und Leidenſchaften zwiſchen uns getreten, die ich hier nicht unterſuchen will.“ „Ihr thut wohl daran,“ fiel ihm der Oberdechant in die Rede;„denn Ihr ſeid gewiß nicht gekommen, um mir Beichte abzulegen.“ Ein Schauer überlief Artevelde's Glieder. Er ſchwieg einen Augenblick und fuhr dann in einem Tone fort, in welchem ſich ſeine Ungeduld zeigte: „Mher Denys, die Leliaerds heben überall das Haupt empor; ſie vervielfältigen ihre Anſchläge; ſie fachen in allen Gemeinen das verzehrende Feuer des Bürgerzwiſtes an. Frankreich bereitet ſich, um, durch unſern Zwieſpalt unterſtützt, ſich unwiderſtehlich auf Flandern zu ſtürzen. Wenn diejenigen, die Einfluß auf das Volk haben, wenn diejenigen, die das Vaterland lieben, in dieſem äußerſten Augenblicke ſich nicht die Hand reichen derns ſpiel, daß F Nein! land den T unſer als F Freihe weiche ich ind Macht durcha Haß z Zwieſt Feinde mit ni über das ur vernich 4 erwart veracht da ma ir mit rüber vortete habt!“ ſeine r und zdrucke lange. Flan⸗ n, doch zefühle ch hier dechant mmen, ſchwieg ort, in ll das ge; ſie ier des „ durch ich auf luß auf aterland ie Hand Jakob von Artevelde. 87 reichen, ſo ſind die Unabhängigkeit und die Freiheit Flan⸗ derns unrettbar verloren. Es iſt ein trauriges Schau⸗ ſpiel, das wir unſerer Vaterſtadt geben. Verlangt Ihr, daß Frankreich uns wieder erdrücke durch ſeinen Einfluß? Nein!— Fordert Ihr, daß wir das Bündniß mit Eng⸗ land aufgeben und dem Gewerbfleiß auf unſerem Boden den Todesſtoß verſetzen? Nein!— Wünſcht Ihr, daß unſer Graf zurückkehre als Werkzeug des Fremdlings, als Feldherr unſerer Feinde, als Sendling gegen unſere Freiheit und Rechte?“ „Der Graf? Was redet Ihr mir von dem Grafen?“ rief Denys ſpottend.„Wenn der jemals zurückkehrt, ſo geſchieht es gewiß nicht mit meinem Willen.“ „Unſere Anſichten mögen etwas von einander ab⸗ weichen,“ fuhr Artevelde fort;„in der Hauptſache will ich indeſſen, was Ihr wollt: Freiheit, Unabhängigkeit, Macht und Wohlfahrt für Flandern. Iſt es daher nicht durchaus thöricht, daß wir einander durch heimlichen Haß zu ſchwächen ſuchen und dem Volke das Vorbild des Zwieſpaltes geben? daß wir, zur großen Freude der Feinde unſeres Vaterlandes, Zeit und Kraft verſplittern mit nichtigen Zwiſtigkeiten, während das Ungewitter ſich über unſerem Haupte zuſammenzieht, ein Ungewitter, das uns eben ſowohl, wie die Urſache unſeres Streites vernichten muß?“ „Aha!“ rief Denys mit ſiegreichem Lachen,„das erwartete ich. So lange man glaubte, mich ungehindert verachten zu können, ließ man mich ſeitwärts; jetzt aber, da man ſieht, daß Vielen die Augen aufgehen und das Jakob von Artevelde. Volk ſich zu mir wendet, will man mich verlocken, mei⸗ nen Einfluß aufzugeben, um ihn zur Erhaltung derjeni⸗ gen zu benutzen, die mich verachtet haben. Aber Geeraert Denys iſt kein Kind, Oberhauptmann! Was er ſich vorgenommen hat, wird er ausführen, mögen diejenigen, die ſich groß achteten vor allen Anderen, und wähnten, ſie könnten die Welt allein auf ihren Schultern tragen, dagegen ſein oder nicht. Und kommt Flandern in Ge⸗ fahr, Gott Lob! ſo werden noch Männer gefunden wer⸗ den, um es zu vertheidigen und zu rächen, vielleicht mit noch größerem Muthe. Haha! Oberhauptmann! End⸗ lich erkennt man doch auch an, daß Geeraert Denys noch etwas in Gent gilt.“ Mit würdiger Ruhe antwortete Artevelde: „Oberdechant, ich bin nicht hierher gekommen, um zu ſtreiten, oder anzuklagen, oder zu verlocken. Ich will nicht beachten, was in Euren Worten Höhnendes für mich liegen möge. Ich muß bekennen, daß Euer Einfluß in Gent bedeutend genug iſt, um es mir zur Pflicht zu machen, Eure Mitwirkung für das gemeine Beſte zu verlangen. Was auch die Urſachen dieſes Einfluſſes ſein mögen, welche Gefühle uns auch von einander entfernen: ich bin gezwungen, bei Euch eine Sendung auszuführen, welche die Gefahr des Vaterlandes mir auferlegt. Es wird Euch wahrſcheinlich wundern; denn ich komme, Euch vorzuſchlagen, mein Amtsgenoſſe zu werden, die Regie⸗ rung der Stadt mit mir zu theilen und als Rathsherr neben mir im Schöffenrathe zu ſitzen. Da ich wegen meiner Oberhauptmannſchaft faſt immer auf Reiſen bin, ſ Euch l G blick m ohne 3 denken ſchaftli allmäl ſchaft es ein zweifele zwiſche dies zu des Vo lichen d antreib uns be die Me einande dergleie denn, dingun Urtheil freien Quelle n, mei⸗ derjeni⸗ Geeraert 3 er ſich ejenigen, vähnten, tragen, in Ge⸗ den wer⸗ eicht mit ! End⸗ nys noch nen, um Ich will ndes für Einfluß Pflicht zu Beſte zu iſſes ſein atfernen: zuführen, egt. Es me, Euch e Regie⸗ athsherr ch wegen f Reiſen Jakob von Artevelde. 89 bin, ſo begreift Ihr wohl, daß die Regierung von Gent Euch beinahe ausſchließlich anvertraut werden wird.“ Geergert Denys betrachtete Artevelde einen Augen⸗ blick mit Erſtaunen und Unglauben. Darauf wandte er, ohne zu antworten, das Haupt ab und verſank in Nach⸗ denken. Bald darauf erſchien jedoch ein Lächeln auf ſei⸗ nem Antlitze, ein finſterer Ausdruck giftiger Freude, gleich dem eines Tigers, der ſeine Beute angrinſt. Der Oberhauptmann bemerkte es nicht und fuhr fort: „Wenn wir in der Ausführung unſerer gemein⸗ ſchaftlichen Pflichten Beweggründe finden könnten, um allmählig ein Gefühl gegenſeitiger Achtung oder Freund⸗ ſchaft für einander in unſeren Herzen zuzulaſſen, ſo wäre es ein großes Glück für Gent und für Flandern. Ich zweifele jedoch, daß eine aufrichtige Verſoͤhnung für's Erſte zwiſchen uns möglich ſei, und es ſcheint mir unnöthig, dies zu leugnen. Laßt uns wenigſtens vor den Augen des Volkes Freunde ſein, damit unſer Vorbild den öffent⸗ lichen Frieden wieder herſtellen möge, und die Gemüther antreibe, ihren Haß und Zwiſt fahren zu laſſen. Was uns betrifft, wir werden in der Größe unſerer Sendung die Macht finden, um die Leidenſchaften, die uns von einander entfernt halten, zu bezwingen, wenn überhaupt dergleichen noch unter uns vorherrſchen wird.— Nun denn, Oberdechant! ſagt mir, ob Ihr unter ſolchen Be⸗ dingungen Theil nehmen wollt an Flanderns Erhebung. Urtheilt in voller Freiheit; beſchließt aus Eurem eigenen freien Willen: denn wenn dieſe Amtsgenoſſenſchaft eine OQuelle von größerem Haſſe und größerer Trennung —— — Jakob von Artevelde. werden ſollte, ſo wäre es beſſer, ſie als die großte Ge⸗ fahr, die unſere Freiheit bedrohen kann, zu verwerfen.“ Noch ehe der Oberdechant ſein Antlitz Artevelde wie⸗ der zuwandte, war das falſche Lächeln daraus verſchwun⸗ den, und er fragte in minder gehäſſigem Tone: „Macht Ihr mir dieſes Anerbieten in redlicher Ab⸗ ſicht?“ „Ich habe nie geheuchelt,“ war die Antwort. „Aber die Schöffenbank, wird ſie einwilligen?“ „Sie beſteht aus meinen und Euren Freunden. Die meinigen werden es nicht abſchlagen, um des Friedens im Lande willen; die Euren werden ſich freuen, Euch als Haupt der Gemeine zu ſehen.“ „Nun denn, Oberhauptmann! ich nehme Euren Vorſchlag an,“ ſagte Denys. „Und nun frage ich Euch auch, Oberdechant, in red⸗ licher Abſicht?“ „In redlichſter Abſicht.“ „Darf ich hoffen, daß Ihr Euch bemühen wollt, zu vergeſſen, daß Ihr mich gehaßt und unaufhörlich ange⸗ fehdet habt?“ „Es ſoll von Euch abhängen, Mher Jakob! Wenn ich in Euch einen Mann finde, der wirklich geneigt iſt, Jedem zu laſſen, was ihm gebührt, ſo ſoll die Feind— ſchaft gewiß nicht durch mich verurſacht oder genährt werden. Selbſt von jetzt an biete ich Euch als Amts⸗ genoſſen meine volle Freundſchaft an. Ihr ſeht, daß ich nicht zögere, den erſten Schritt zur Verſöhnung zu thun.“ Bei dem Ok herzlich „A „J antwort er mit g „. Mher I / J merkte? „B „Unſere Oberdec uns her⸗ wir ihre für ihre chen kör dung n ſo fällt aufgerich daß unſ ſiegelt w Euerem gefeiert des Zeie „Je ich hätte befragten ßte Ge⸗ erfen.“ de wie⸗ ſchwun⸗ her Ab⸗ ctt. n?““ en. Die Friedens FEuch als 2 Euren in red⸗ vollt, zu ch ange⸗ Wenn neigt iſt, e Feind⸗ genährt Amts⸗ ht, daß ſöhnung Jakob von Artevelde. 91 Bei dieſen Worten reichte er mit freundlichem Lächeln dem Oberhauptmanne die Hand, der ſte annahm und herzlich drückte. „Alſo wir ſind Freunde,“ ſagte Denys. „Ich bitte Gott, daß wir es ewig bleiben mögen,“ antwortete Artevelde.— Nach einem Augenblicke ſprach er mit größerer Offenheit: „Ich habe noch ein beſonderes Geſuch an Euch, Mher Denys!“ „Ich ſehe voraus, wovon Ihr ſprechen wollt,“ be⸗ merkte Denys lachend. „Wahrſcheinlich!“ entgegnete der Oberhauptmann. „Unſere Kinder lieben einander ſchon ſeit vielen Jahren, Oberdechant. Sie haben von der Feindſchaft, die unter uns herrſchte, außerordentlich gelitten. Es iſt Zeit, daß wir ihrem Schmerze ein Ende machen und ſie belohnen für ihre Standhaftigkeit, die nichts in der Welt ſchwä⸗ chen könnte, weder Rath noch Befehl, weder Verleum⸗ dung noch Unglück. Wenn wir wirklich Freunde ſind, ſo fällt die Scheidewand, die zwiſchen unſeren Kindern aufgerichtet war, von ſelbſt fort. Ich wünſche feurig, daß unſere Verſöhnung durch ein Band des Blutes be⸗ ſiegelt werde. Willigt Ihr ein, daß die Hochzeit zwiſchen Euerem Sohne und meiner Tochter ſobald wie möglich gefeiert werde? Die Genter werden darin ein glänzen⸗ des Zeichen unſerer Freundſchaft ſehen.“ „Ich weiß nicht,“ antwortete Geeraert Denys;„aber ich hätte gewünſcht, daß Ihr mich jetzt noch nicht darum befragtet. Ich bin Vater, Oberhauptmann, und ich muß 92 Jakob von Artevelde. ₰2 die Ehre meines Sohnes bewahren ſelbſt vor dem Scheine einer Schändung.“ „Was wollt Ihr damit ſagen?“ fragte Artevelde mit flammendem Blicke. „Erzürnt Euch nicht, Oberhauptmann!“ antwortete Denys lächelnd.„Meine Abſicht war nicht, Euch zu beleidigen; aber Ihr wißt, was die Welt ſtets redet über eine Tochter, welche entführt worden iſt. Lieven hat mir die Begebenheit erzählt, und es iſt zwar ein Unglück fuͤr die arme Veerle; wer kann aber ſtraflos gegen den Strom der öffentlichen Meinung anſchwimmen?“ „Ihr weigert Euch alſo, unſere Kinder mit einander zu vermählen? Und iſt das der Grund, den Ihr angebt? Wo bleibt denn die Freundſchaft, die Ihr mir anbotet?“ Der Oberdechant that, als ob er ſich einen Augen⸗ blick bedächte, und antwortete dann: „Nun dennl ich will mich über Alles wegſetzen, ob⸗ wohl es ein großes Opfer iſt. Nun wohl! Ich gebe meine Einwilligung zu der Heirath.“ „Iſt das ein feſtes Wort, Mher Denys?“ „Die Welt mag ſagen und denken, was ſie willll Mein Entſchluß iſt gefaßt, und Ihr könnt mit vollem Vertrauen annehmen, daß ich mein Wort halte.“ „Wann ſoll die Hochzeit ſtattfinden?“ „Ach! das müßt Ihr ſelbſt am beſten wiſſen. Jung⸗ frau Veerle iſt gefährlich krank; das würde ich vollkom⸗ men an Lieven's Betrübniß merken, wenn er auch nicht unaufhörlich es Himmel und Erde klagte.“ . wiederge Veerle! G hauptm ſie zuvon „E Amtsge blicke a⸗ gehen n Zwieſpa wie mög Webern 7/ Ir daß die Walkmi 7 N müller einen hi Beſchlüſ den iſt; ſolche un ten, wie gen Ant „u Handel: Walkmü ihre Tüc müller n m Scheine Artevelde antwortete „Euch zu redet über en hat mir unglück fuͤr gegen den en?“ rit einander ihr angebt? anbotet?“ nen Augen- gſetzen, ob⸗ ¹ Ich gebe x2 as ſie willil mit vollem halte.“ iſſen. Jung⸗ ich vollkom⸗ er auch nicht Jakob von Artevelde. 93 „Die gute Nachricht wird ihr raſch die Geſundheit wiedergeben, Mher Denys. Es bleibt alſo dabei, ſobald Veerle hergeſtellt iſt, haben wir Hochzeit.“ „Gewiß werdet Ihr dann Zeit genug haben, Ober⸗ hauptmann, um die Schöffenbank zu veranlaſſen, daß ſie zuvor einen Beſchluß über Euren Vorſchlag faßt.“ „Che acht Tage vorüber ſind, werdet Ihr mein Amtsgenoſſe ſein.— Und nun, da von dieſem Augen⸗ blicke an unſere gemeinſchaftlichen Bemühungen dahin gehen müſſen, die Gemüther zu beruhigen und allem Zwieſpalte ein Ende zu machen, ſo bitte ich Euch, ſobald wie möglich thätig zu ſein und den Streit zwiſchen den Webern und den Walkmüllern in Liebe beizulegen.“ „In Liebe? Wie verſteht Ihr das? Wollt Ihr denn, daß die Weber ſich den ungegründeten Forderungen der Walkmüller unterwerfen?“ „Nein, Oberdechant! Ich gebe zu, daß die Walk⸗ müller kein Recht haben, durch Gewalt und Drohung einen höheren Tagelohn zu fordern, als ihnen nach den Beſchlüſſen der Schiedsmänner von Alters her zugeſtan⸗ den iſt; aber ich glaube auch nicht, daß der Tagelohn eine ſolche unveränderliche Sache ſei und man in guten Zei⸗ ten, wie die jetzigen, den Handwerkern einen rechtmäßi⸗ gen Antheil an dem Gewinnſte weigern könne.“ „Und wer hat denn während des Stillſtandes von Handel und Gewerbe den Verluſt erlitten? Sind es die Walkmüller geweſen? Nein! es waren die Weber, die ihre Tücher nicht verkaufen konnten, während die Walk⸗ müller nichts dabei verloren.“ Jakob von Artevelde. „Und verlieren ſie nicht ihr einziges Eigenthum, die Arbeit? Hat die Hungersnoth ſie nicht bei Hunderten weggerafft, Oberdechant? Ich meine nicht, daß die Weberzunft ihre übertriebenen Forderungen ganz be⸗ friedigen ſolle; das wäre eben ſo gefährlich, wie eine entſchiedene Weigerung. In dieſer Streitfrage liegt eine große Gefahr für Gent und für Flandern. Man muß auf beiden Seiten etwas opfern, um die Verſöhnung herbeizuführen. So ſehe ich es an, und ich rathe Euch, wenn Ihr Eurem Vaterlande einen großen Dienſt er⸗ weiſen wollt, ſo bringt Eure Zunft dahin, nachzugeben. Dann wird es ein Leichtes ſein, dieſen drohenden Zwiſt in Freundſchaft zu verwandeln. 14 „Nun denn!l ich will es verſuchen,“ ſagte Denys. „Glücklicher Weiſe iſt mein Einfluß auf die Weber groß; ſonſt wäre es unnütz, dieſe Saite zu berühren; ſie ſind zu ſehr gegen die Walkmüller aufgebracht.“ „Ein wackerer Verſuch, Oberdechant! und Ihr wer⸗ det einen ſchönen Sieg davon tragen. Ich meinerſeits will die Schiedsmänner und Dechanten der Walkmüller zu mäßigeren Forderungen anregen.— Ehe ich Euch verlaſſe, wünſche ich jedoch Eurem Sohne die frohe Nachricht mitzutheilen, und wenn Ihr nichts dagegen habt, mit ihm nach meiner Wohnung zurückzukehren.“ Der Oberdechant ging hinaus und rief ſeinen Sohn. Er kam dann zu Artevelde zurück, faßte ihn bei der Hand und ſagte: „Alſo, in Freundſchaft! was geſagt iſt, bleibt geſagt, in vollſter Redlichkeit!“ Li als er Hand Antlitz teten C 8 23 Scherz Oberh es ja! C 775 ſamme er dem giebſt Trieb: liger C Se Blick a Hand. „8 eine tri in Eur möglich De 7 ja, daß ithum, die Hunderten daß die ganz be⸗ „wie eine eliegt eine Man muß gerſoͤhnung rathe Euch, Dienſt er⸗ achzugeben. nden Zwiſt gte Denys. Veber groß; en; ſie ſind d Ihr wer⸗ meinerſeits Walkmüller he ich Euch ie die frohe hts dagegen ckzukehren.“ einen Sohn. bei der Hand bleibt geſagt, ja, daß wir gute Freunde geworden ſind.“ Jakob von Artevelde. 95 Lieven trat in dieſem Augenblicke in das Gemach; als er jedoch ſeinen Vater und den Oberhauptmann Hand in Hand überraſchte, und ein Lächeln auf beider Antlitz glänzen ſah, blieb er, wie von einem unerwar⸗ teten Schlage getroffen, plötzlich ſtehen. „Nun, nun!“ ſprach ſein Vater mit freundlichem Scherze;„was überraſcht Dich ſo ſehr, Lieven? Der Oberhauptmann iſt mein Freund geworden, Du ſiehſt es ja!“ „Iſt es wahr? o Gott!“ rief Lieven, die Hände zu⸗ ſammenſchlagend.„Und Du, Vater? Du?“ „Ich bin ihm eben ſo befreundet,“ antwortete Denys. „Dank! Dank!“ rief der Jüngling freudig, während er dem Oberdechanten um den Hals fiel.„Dank! Du giebſt mir einen Vater zurück! Der ſchönſte, der heiligſte Trieb meines Herzens entzündet ſich von Neuem mit hei⸗ liger Gluth. Geſegnet ſei dieſer Tag in meinem Leben!“ Seinen Vater verlaſſend, richtete er ſeinen feuchten Blick auf den Oberhauptmann und faßte zitternd deſſen Hand. Artevelde ſagte gerührt zu ihm: „Lieven, Du gehſt mit mir, um der kranken Veerle eine tröſtende Nachricht zu bringen. Dein Vater willigt in Eure Vermählung und verlangt, daß ſie ſobald wie möglich vollzogen werde. Es iſt ein feſtes Wort.“ Der Jüngling betrachtete ungläubig ſeinen Vater. „Es iſt wahr,“ ſagte der Oberdechant.„Du ſiehſt 96 Jakob von Artevelde. Eine heftige Erſchütterung ergriff Lieven. Er fand nicht die Kraft zu reden, ſondern lehnte ſich mit dem Haupte an die Bruſt ſeines Vaters, während Thränen der Dankbarkeit und der Freude aus ſeinen Augen rollten. Nach einer kurzen Pauſe ſagte Artevelde: „Lieven! wollen wir die arme Veerle länger auf die gute Nachricht warten laſſen?“ „O, nein! nein!“ rief der Jüngling gerührt. „Kommt, kommt!“— Sich dann wieder zu ſeinem Vater wendend, ſagte er mit liebevollem Blicke: „Vater, ich kehre gleich wieder, um Dir, wie es ſich gebührt, für dieſe unerwartete Wohlthat zu danken. Aber Veerle, Veerle muß erſt getröſtet und erfreut werden.“ Mit dieſen Worten zog er den Oberhauptmann nach der Thür. Nachdem Artevelde noch einen freundlichen Gruß mit dem Oberdechanten gewechſelt hatte, folgte er dem un⸗ geduldigen Lieven und verließ das Haus. Geergert Denys ſah ihnen eine Zeit lang nach und kehrte dann in ſein Zimmer zurück, wo er mit ſpötti⸗ ſchem Lächeln auf und ab wandelte und endlich zu ſich ſelbſt ſagte: „Ha, ha! man meint mich in ſolchen dummen Stri⸗ cken zu fangen. Als man mich ſchwach wähnte, blickte man hochmüthig auf mich herab. Jetzt, da man meine Macht nicht mehr leugnen kann, ſucht man mich durch —— — —— Falſchhe an, um Und ma um mir fluſſes g um die! daß ich 1 um Fur Schwäch allein ge meint, es ten gethe Schilde Reihe an Deines Verſtand mir in d len? und Platz gen Ich ſoll heit! Di daß es ei ich ſollte zu verder Nein, ne werden, Gnade f lernen; d einfloͤßen Jakob vo Er fand nit dem hränen Augen ger auf gerührt. ſeinem e es ſich danken. erfreut unn nach zruß mit dem un⸗ nach und t ſpötti⸗ h zu ſich en Stri⸗ e, blickte an meine ich durch Jakob von Artevelde. 97 Falſchheit irre zu führen. Man bietet mir Freundſchaft an, um mich von denen abzuziehen, die mir anhängen.... Und man glaubt, daß ich unbeſonnen genug ſein werde, um mir auf dieſe Weiſe die Vernichtung meines Ein⸗ fluſſes gefallen zu laſſen? daß ich einwilligen werde, mich um die Uebermacht zu bringen, jetzt, da ſie mir winkt? daß ich meine Rache aufgebe, jetzt, da ich ſtark genug bin, um Furcht einzujagen und zu ſtrafen? Nein, nein! keine Schwäche! Ich muß ihn unterdrücken, ihn zertreten und allein gebieten. Ha, Jakob von Artevelde! Du haſt ge⸗ meint, es ſei genug, Verſtand zu beſitzen und große Tha⸗ ten gethan zu haben, um ewig von dem Volke auf dem Schilde getragen zu werden! Thorheit! Jetzt kommt die Reihe an mich. Schon verblendet Dich das Vorgefühl Deines Falles.— Wo iſt nun Deine Weisheit, Dein Verſtand? Wie ein unvorſichtiges Kind lieferſt Du Dich mir in die Hände. Du willſt Deine Macht mit mir thei⸗ len? und wähnſt, daß auf dem Schöffenhauſe von Gent Platz genug für uns Beide ſei? Das wollen wir ſehen! Ich ſoll die Weber zur Nachgiebigkeit ermahnen! Thor⸗ heit! Dieſer Zwiſt macht Dich zittern. Du ſiehſt voraus, daß es ein Feuer iſt, welches Dich verzehren muß. Und ich ſollte Waſſer gießen in die Flamme, die meinen Feind zu verderben droht? Wer glaubſt Du denn, daß ich ſei? Nein, nein! Du ſollſt zu Boden ſtürzen und zerſchmettert werden, und zu mir noch die Hände ausſtrecken und um Gnade flehen! Dann ſollſt Du Geeraert Denys kennen lernen; dann wird er Tropfen für Tropfen Dir die Galle einflͤßen, die Du in ſeinem Innern geſammelt haſt. 7 Jakob von Artevelde. V. 98 Jakob von Artevelde. Ha, Jakob! kein Mittel mehr, um mir zu entfliehen. Du haſt Dein eigenes Todesurtheil unterzeichnet. Und nun keine Zeit verloren! Es giebt Männer, die ſich mit mir theilen müſſen in das Werk der Rache.“ Nach dieſen Worten warf er raſch den Mantel um, ſetzte die Kappe auf und verließ mit giftigem Lachen das Haus. Die I ſchlag, betreffe fühlte, ſo war ten, me wahre; die Sto ſchen de werden kaum h gewohn Gegenn Thaten Gewalt oder vo Mann um All indem bräuche ungerech atfliehen. net. Und ſich mit ntel um, Lachen Jakob von Artevelde. XVI. Die Mehrzahl der Schöffenbank hatte Artevelde's Vor⸗ ſchlag, Denys' Ernennung zum Mitregenten von Gent betreffend, mit Freude angenommen. Obwohl Jeder fühlte, daß in dieſer Ernennung eine große Gefahr liege, ſo war man doch über alle Bedenklichkeiten weggeſchrit⸗ ten, mit der Hoffnung, daß dies Mittel allmählig eine wahre Verſöhnung zwiſchen den beiden Parteien, welche die Stadt ſpalteten, herbeiführen, und der Streit zwi⸗ ſchen den Webern und Walkmüllern friedlich beigelegt werden könne. Sehr bald bemerkte jedoch die Schöffenbank, zu wel⸗ cher beklagenswerthen Unvorſichtigkeit ſie ſich durch den Drang der Zeitumſtände hatte verleiten laſſen. Denn kaum hatte der Oberdechant einigen ihrer Sitzungen bei⸗ gewohnt, ſo begann er zu zeigen, was man von ſeiner Gegenwart im Rathe zu erwarten habe. Alles an ihm, Thaten, Worte, Geberden war Leidenſchaft, Haß und Gewalt. Um ſeiner ungeduldigen Ehrſucht zu fröhnen, oder von ſich reden zu machen und als ein erfinderiſcher Mann zu erſcheinen, machte er unaufhörlich Vorſchläge, um Alles in der Regierung der Gemeine zu verändern, indem er mit hohltönenden Redensarten gegen Mis⸗ bräuche zu Felde zog, die er durch Unmöglichkeiten und ungerechten Zwang erſetzt ſehen wollte. Gelang es ihm — — 100 Jakob von Artevelde. nicht, die anderen obrigkeitlichen Perſonen zu überzeu⸗ gen, ſo ſuchte er ſie durch eine Fluth von Worten zu gewinnen, und überſchrie Jeden, indem er Niemanden die Gelegenheit ließ, ſeine Anſichten frei zu äußern. Wenn ein unabhängiger Schöffe ſich erkühnte, ihm in der Verſammlung die Schädlichkeit ſeiner Vorſchläge oder die Grundloſigkeit ſeiner Behauptungen zu beweiſen, ſo machte er perſönliche Ausfälle gegen ihn und beleidigte faſt täglich einige der Beiſitzenden. So war der Schöffenrath ſelbſt die Bühne ewiger Zwiſtigkeiten und Spaltungen geworden. Wohl ver⸗ warf die Mehrzahl faſt immer Denys Vorſchläge, als verderblich für das Heil und die Eintracht der Gemeine; da er ſich aber durch eine parteiliche Minorität unterſtützt ſah und wohl wußte, daß die Verhältniſſe in der Stadt den Schöffenrath kraftlos machten, fuhr er unverſchämt in ſeinen ſichtbaren Beſtrebungen fort, eine Art von ge⸗ waltſamer Alleinherrſchaft zu gewinnen. Dazu verbrei⸗ teten ſeine Anhänger allerlei falſche Gerüchte über das⸗ jenige, was ſich im Schöffenrathe zutrug oder dort ge⸗ ſagt wurde, ſo daß ſehr bald einige der friedlichſten Bei⸗ ſitzer unter dem Vorwande der Krankheit oder aus an⸗ deren Urſachen nicht mehr in die Verſammlung kamen. Nie hatte der Haß gegen Artevelde heftiger in der Bruſt des Oberdechanten gewüthet, als jetzt, wo er faſt unaufhörlich mit ihm zuſammenſtoßen mußte. Sobald nämlich Denys im Rathe einen unbeſonnenen Vorſchlag machte und denſelben mit Eifer und böſen Reden den Schöffen zur Genehmigung aufdringen wollte, bedurfte es nur gen z den A ſich ſte den O beſchät ſah zu umfaſt des O Wie w forder ärgerl niema Gefül zurück mann währe und ſi erfüllt Artev ſein A Blut haupt den C Majo ſüchtig durch als ei ſtellen überzeu⸗ orten zu emanden äußern. ihm in läge oder eiſen, ſo beleidigte e ewiger ohl ver⸗ ige, als Gemeine; nterſtützt er Stadt verſchämt von ge⸗ verbrei⸗ ber das⸗ dort ge⸗ ten Bei⸗ aus an⸗ g kamen. r in der do er faſt Sobald Vorſchlag eden den bedurfte 101 Jakob von Artevelde. es nur einiger Worte Artevelde's, um ſeine Bemühun⸗ gen zu vereiteln und die Majorität dahin zu bringen, den Antrag zu verwerfen. Obwohl der Oberhauptmann ſich ſtets gemäßigt äußerte, und nie etwas ſagte, das den Oberdechanten verletzen konnte, fühlte dieſer ſich doch beſchämt durch den Vergleich, welchen er ſich gezwungen ſah zwiſchen ſeiner Unzulänglichkeit und Artevelde's Alles umfaſſender Klugheit zu ziehen. Die unbezwingliche Ruhe des Oberhauptmanns trieb Denys' Wuth auf den Gipfel. Wie oft er auch in höhnende Anſpielungen oder heraus⸗ fordernde Vorwürfe ausbrach, um Artevelde zu einem ärgerlichen Wortſtreite zu verlocken, es glückte ihm doch niemals. Freundlich rief ihn der weiſe Mann oft zu dem Gefühl der Würde der Verſammlung und zur Ruhe zurück. Der unwiderſtehliche Einfluß des Oberhaupt⸗ manns wirkte wie eine bleierne Decke, welche ſich fort⸗ während auf Denys' glühende Leidenſchaften niederſenkte und ſie hinderte, nach Luſt zu entbrennen. Dieſer Zwang erfüllte den Oberdechanten mit dem tiefſten Neide gegen Artevelde. Er konnte ihn nicht ſehen, ohne daß der Zorn ſein Antlitz röthete, ihn nicht reden hoͤren, ohne daß das Blut in ſeinen Adern aufwallte. Er nannte des Ober⸗ hauptmanns Mäßigung Heuchelei und Scheinheiligkeit, den Einfluß ſeines Wortes Gewalt und Tyrannei, die Majorität der Schöffenbank eine Verſchwörung von ehr⸗ ſüchtigen Leuten, die ihn unterdrückten.— So wußte er durch ſeine Anhänger ſich bei einem Theile des Volkes als ein Schlachtopfer von Artevelde's Herrſchſucht darzu⸗ ſtellen und beſchuldigte den Oberhauptmann und ſeine 10² Jakob von Artevelde. Freunde gerade derſelben Leidenſchaften und Abſichten, von welchen er fühlte, daß man ſie ihm mit Recht vor⸗ werfen könne. Durch dieſe Parteiungen war mittlerweile alle ge⸗ ſetzliche Macht in Gent vernichtet worden. Obwohl Ar⸗ tevelde, von der Majorität der Schöffenbank unterſtützt, noch das wahre Haupt der Gemeine war, ſo herrſchte doch unter dem Volke eine ſolche Gleichgültigkeit oder ſo ſchlechter Wille, daß es beinahe unmöglich geworden war, irgend eine Maßregel auszuführen. Jeder hatte das Vor⸗ gefühl, daß in Gent eine große Umänderung ſtattfinden müſſe. Viele ſahen ſchreckliche Ereigniſſe vorher; Alle aber betrachteten mit Furcht die allgemeine Verwirrung und Anarchie, welche ſich unverkennbar ankündigte. Artevelde, welcher ohnmächtig geworden war durch die tauſend Hinderniſſe, die ſich ihm überall entgegen⸗ ſtellten, wußte nicht mehr, was er beſchließen ſolle, um ſeine Vaterſtadt vor einer verderblichen Umwälzung zu bewahren. Er ſah dieſe Umwälzung augenſcheinlich ſich nähern; aber ſo weit war in Gent ſchon alle Leitung und Regierung unmöglich geworden, daß die Obrigkeit ſich darauf beſchränken mußte, von der Zeit eine glückliche Aenderung zu hoffen und mittlerweile Alles, ſelbſt die geſetzlichſten Zwangsmittel, zu vermeiden, um dem Auf⸗ ſtande keine Urſache zum Ausbruche zu geben. Hinſichtlich der Heirath Lieven's und Veerle's hatte Denys ſein Wort nicht zurückgezogen, und er ſprach ſelbſt mitunter davon, wie von einer abgemachten Sache, welche unabhängig von ſeinen Streitigkeiten mit dem Ober⸗ — haupt ſehr; eine l liebten beina zutru 5 hatte zwiſa gehal theil Crhe neue Web neigt mehr lunge beug tereſſ ( zeugt ſchaf Zeit ſchür wußt den Rach ſein fen, Abſichten, echt vor⸗ alle ge⸗ vohl Ar— nterſtützt, herrſchte t oder ſo den war, das Vor⸗ tattfinden der; Alle rwirrung gte. dar durch entgegen⸗ olle, um lzung zu nlich ſich tung und gkeit ſich glückliche ſelbſt die dem Auf⸗ le's hatte ach ſelbſt de, welche m Ober⸗ Jakob von Artevelde. 103 hauptmanne bleiben ſolle. Veerle kränkelte zwar noch ſehr; doch kehrte ihre Geſundheit raſch genug zurück, um eine baldige Herſtellung hoffen zu laſſen. Die beiden Ge⸗ liebten lebten daher in ſüßer Erwartung und vergaßen beinahe, was ſich außerhalb des Kreiſes ihrer Neigung zutrug, um ſich ganz ihren heiteren Ausſichten hinzugeben. Denys' Ernennung zum Mitregenten der Gemeine hatte Anfangs einen gewiſſen Stillſtand in dem Zwiſte zwiſchen den Webern und den Walkmüllern zur Folge gehabt. Nicht als ob die Walkmüller darin einen Vor⸗ theil oder eine Genugthuung geſehen; im Gegentheil, die Erhebung des Oberdechanten der Weberzünfte war eine neue Erniedrigung für die anderen Gilden; aber die Weber hatten ſich zum Scheine zu einer Uebereinkunft ge⸗ neigt erwieſen und in Unterhandlungen über die Ver⸗ mehrung des Tagelohnes eingewilligt. Beide Verſamm⸗ lungen blieben jedoch in ihren Zuſammenkünften ſo un⸗ beugſam, daß die Unterſuchung ihrer gegenſeitigen In⸗ tereſſen den Riß zwiſchen ihnen noch vergrößerte. Geeraert Denys, der ſich nach einigen Monaten über⸗ zeugte, daß er auf dem geſetzlichen Wege die Alleinherr⸗ ſchaft in Gent nicht erlangen würde, hatte ſeit geraumer Zeit den Haß zwiſchen den Gilden von Neuem ange⸗ ſchürt und die Unterhandlungen abbrechen laſſen. Er wußte, daß Artevelde ſich vorgenommen, dieſen drohen⸗ den Zwiſt auszugleichen, und ſah darin ein Mittel zur Rache an dem Oberhauptmanne. Dies war jedoch nicht ſein einziger Beweggrund. Er hatte den Plan entwor⸗ fen, ſich ausſchließlich auf die mächtige Gilde der Weber — —— 104 Jakob von Artevelde. zu ſtützen und deren zahlreiche Mitglieder, indem er ih⸗ rem Hochmuthe ſchmeichelte, ſämmtlich zu ſeinen An⸗ hängern zu machen. Konnte er dieſes Ziel erreichen, ſo durfte er ſich als Herr in Gent betrachten und ſeiner Herrſchſucht und Rachbegierde die Zügel ſchießen laſ⸗ ſen.— Dies glückte ihm vollkommen; denn während Artevelde Niemanden ganz Recht gab und Jeden zur Nachgiebigkeit ermahnte, alſo Alle gegen ſich aufbrachte, ſchrie Denys überall und in allen Tonarten, daß die Walker nicht das mindeſte Recht hätten in ihren Forde⸗ rungen, und es eine Feigheit ſein würde, ihnen eine Er⸗ höhung des Tagelohnes zuzugeſtehen, wobei er prahle⸗ riſch auspoſaunte, daß die Weber die erſte Zunft in Gent ſeien und das Recht hätten, über allen anderen zu ſtehen. Dies Letztere war im Grunde wahr; die Weberzunft umfaßte in ihrem Schooße alle Tuchhändler und außer⸗ dem noch ſechsundzwanzig anſehnliche Stielen(Zweige), welche ſich mit dem Bereiten der Wolle oder dem Weben der Tuche beſchäftigten. Seit der Wiederbelebung der In⸗ duſtrie waren die Erzeugniſſe der Weber ſehr im Preiſe geſtiegen und dieſe Gilde ungemein reich geworden. Obendrein hatte ſie nach Geſetz und Herkommen den Vorrang vor den beiden anderen Gliedern der Gemeine, namentlich vor den Walkmüllern und den kleinen Zünf⸗ ten, und ihr Dechant war rechtmäßig Oberdechant von Gent. In ruhigeren Zeiten würde Niemand daran gedacht haben, das moraliſche Uebergewicht der Weber zu be⸗ ſtreiten, als vielleicht hier und da ein alter Walkmüller, der der Gei ring liche rede und ten hit die dief Ta mit äuf St ten rer! alle gen gie kan obr wa noc ner der der m er ih⸗ nen An⸗ ſchen, ſo ad ſeiner ßen laſ⸗ während jden zur fbrachte, daß die Forde⸗ eine Er⸗ prahle⸗ in Gent u ſtehen. berzunft d außer⸗ Zweige), Weben der In⸗ n Preiſe worden. nen den Bemeine, n Zünf⸗ ant von gedacht zu be⸗ kmüller, 105 Jakob von Artevelde. der ſich ärgerlich erinnerte, daß ſeine Zunft ehemals an der Spitze der Gilden geſtanden habe. Da aber jetzt die Geiſter durch lange Aufregung bereit waren, bei der ge⸗ ringſten Reibung Feuer zu fangen, war nichts gefähr⸗ licher, als Denys' und ſeiner Anhänger höhnende Spott⸗ reden. Die hochmüthigen Herausforderungen der Weber und das Pochen auf ihre Macht und ihren Vorrang hat⸗ ten endlich die Gemüther der anderen Gilden ſo ſehr er⸗ hitzt, daß die achtzig Stielen der kleinen Gilden ſich auf die Seite der Walkmüller ſchlugen und eben ſo laut wie dieſe zu fordern begannen, die verlangte Erhöhung des Tagelohnes müſſe entweder auf friedlichem Wege oder mit Gewalt durchgeſetzt werden. Dieſe unerwartete Hülfe machte die Walkmüller äußerſt kühn, nicht ſowohl wegen des Beiſtandes der Stielen, ſondern weil ſie dadurch Jan Bake, den Dechan⸗ ten der kleinen Gilden, und ſeine drei Söhne zu Anfüh: rern erhielten. Bis hieher waren die Walkmüller trotz allem Aufhetzen noch nicht zu Gewaltthaten übergegan⸗ gen, weil ihr Dechant, Seger Boele, ſich vor Blutver⸗ gießen ſcheute. Jan Bake dagegen war in der Stadt be⸗ kannt als einer der heftigſten und ſtärkſten Männer, und obwohl er Dechant der Schmiede und der kleinen Gilden war, ſo nahm er doch keinen Anſtand, ſeine Löwenkräfte noch oft anzuwenden, um zwiſchen ſich und ſeinem Geg⸗ ner mit Fauſtſchlägen zu entſcheiden. Unter der Anführung dieſer Männer und in Folge der unaufhörlichen Herausforderungen der Weber war der Haß zwiſchen beiden Parteien bald ſo unverſöhnlich, 106 Jakob von Artevelde. daß faſt täglich blutige Kämpfe in den Schenken vorfielen und man einander aus Eiferſucht in buchſtäblichem Sinne todtſchlug. Dieſer Zuſtand betrübte Artevelde auf das Höchſte. Er vervielfältigte ſich gleichſam und arbeitete Tag und Nacht, ohne Raſt und Ruhe, um ſeine Vaterſtadt zu beſchützen vor dem Unglücke, das ſie bedrohte, und zu gleicher Zeit die Anſchläge der Leligerds in den anderen Gebieten Flanderns zu vereiteln. So lange die kleinen Gilden ſich von dem Zwiſte fern gehalten hatten, war es ihm gelungen, durch Hülfe der anderen Bürger einen entſcheidenden Zuſammenſtoß zwiſchen den Webern und Walkmüllern zu verhindern; als aber nun das dritte Glied der Gemeine ſich auch mit Wuth gegen die Weber erklärt hatte, ſchwand der letzte Schein von Macht oder Anſehen, welches die Obrigkeit der Gemeine ſich noch erhalten. Alle Bürger von Gent ohne Ausnahme ge⸗ hörten zu einer der Gilden, mochten ſie ſelbſt Kaufleute oder Handwerker ſein, oder, um die Vorrechte derſelben zu genießen, ſich in die eine oder andere haben aufneh⸗ men laſſen. Demzufolge hatte der herrſchende Haß die Gemüther aller Einwohner angeſteckt. Jeder hielt es für Pflicht, ſeine Zunft eifrig zu vertheidigen, und Niemand wollte mehr auf die Stimme der Regierung horchen. Endlich war es ſo weit gekommen, daß man öffent⸗ lich in der Stadt von einem bevorſtehenden Aufruhre der Walkmüller zu ſprechen begann, welche nichts Geringeres drohten, als die Häuſer der Weber zu plündern und, wer ihnen Widerſtand leiſtete, zu ermorden. Bereits ſah man Wal fen! nach blut für lich Sta den Frei Str ratl ten Ver mar wol zu! Sit ſch übe den reg und lach daf luſt rfielen Sinne öchſte. g und adt zu nd zu nderen leinen war einen n und dritte Weber t oder noch le ge⸗ ifleute ſelben ifneh⸗ iß die es für mand n. fffent⸗ re der igeres , wer man 7 Jakob von Artevelde. 107 Walkmüller und Mitglieder der kleinen Gilden mit Waf⸗ fen durch die Straßen laufen, und Jan Bake ſelbſt hatte, nach der Ausſage einiger Bürger, angekündigt, daß das blutige Spiel am andern Tage gewagt werden ſolle. Als letztes Mittel, um das Blutvergießen wenigſtens für dieſen Tag noch zu verhindern und, wenn es mög⸗ lich wäre, den Streit beizulegen, ließ Artevelde durch den Stadttrompeter ausrufen, daß die Dechanten aller Gil⸗ den am andern Morgen um neun Uhr im Hochhauſe am Freitagsmarkte ſich verſammeln und entſcheidend über die Streitfrage der Walkmüller wegen des Tagelohnes be⸗ rathen ſollten. Dieſe Verkündigung, da ſie etwas erwar⸗ ten ließ und eine Löſung der Frage verſprach, räumte die Veranlaſſung zu unmittelbarem Streite aus dem Wege; man ſchob alſo alles gewaltſame Unternehmen auf, ob⸗ wohl jede Zunft ſich bereitete, Rache an ihren Gegnern zu nehmen, im Fall die Entſcheidung nicht nach ihrem Sinne ausfalle. Der folgende Tag war ein ſchöner Maitag; die ſchwüle Lenzſonne goß ihr glänzendes Licht in Strömen über Häuſer und Straßen aus; die Luft, als ob ſie in den Feldern mit Balſamdüften erfüllt worden, verbreitete reges Lebensgefühl in der Bruſt; Alles ſtrahlte von Gluth und Pracht, ſowohl der blaue Himmel droben, als die lachende Natur hier unten. Man hätte ſagen mögen, daß dieſer friſche Tag nichts beſcheinen könne als Lebens luſt und Freude. Ach! in Gent beſchien das junge Lenz — 1 ———— 108 Jakob von Artevelde. licht jedoch eine gährende Menge, welche, Haß und Eifer⸗ ſucht im Herzen, Zorn und Rachſucht in der Bruſt, wie ein kochender Vulkan, die ſchrecklichſte Exploſion der Lei⸗ denſchaften des Volkes anzukündigen ſchien! Die ganze Stadt war von einem abſcheulichen Vor⸗ gefühl ergriffen. Auf jedem Antlitze konnte man Angſt oder Wuth leſen. Man ſah die Zunftleute, Meiſter wie Geſellen, mit geſenktem Haupte und zu Boden geſchlage⸗ nen Blicken nach dem Freitagsmarkte eilen, zuweilen ein⸗ ander von fern die Fauſt zeigend oder ſich gegenſeitig zur Unverſöhnlichkeit ermahnend. Selbſt uralte Greiſe, deren Rücken ſchon über das Grab gebogen ſchien, ſchleppten ihre ſteifen Glieder nach dem Verſammlungsorte, wo man über den Werth oder die Erniedrigung ihrer Zunft entſcheiden ſollte. In ihren trüben Augen glänzte noch ein Funken Feuer; der Haß ſchien ihre letzten Lebens⸗ kräfte für dieſen Tag geſammelt zu haben. Mittlerweile ſtanden die Frauen und Jungfrauen haufenweiſe bleich und bebend vor den Thüren und rie⸗ fen Ach und Weh zum Himmel über das Unglück, das die Gemeine bedrohte, oder ſie nahmen auch Theil an dem Zwiſte und ſandten ſich mit einer großen Fluth von Worten und Vorwürfen die höhnendſten Herausforde⸗ rungen zu. Aus den ärmeren Stadtvierteln folgten ſelbſt Frauen ihren Männern auf den Freitagsmarkt und ver⸗ langten noch lauter als dieſe ſelbſt, ſie ſollten, um die Ehre der Zunft zu ſchützen, ſogar den Tod nicht ſcheuen. Der Freitagsmarkt bot einen eigenthümlichen Anblick dar, namentlich kurze Zeit vor der Stunde der Verſamm⸗ lung. der E genof Durc dort Zahl lende hier konn jede! geſon meid 3 um ſ einzu lich l Wer man der g beige ter ei oder unter bend den lung dies in ei Jakob von Artevelde. 109 Eifer⸗ lung. Dieſe ausgedehnte Fläche, ſowohl vor als hinter ſt, wie der Sanct Jakobskirche, war mit großen Haufen Zunft⸗ er Lei⸗ genoſſen bedeckt, zwiſchen welchen man abſichtlich freie Durchgänge gelaſſen zu haben ſchien. Wie die Menge Vor⸗ dort vertheilt ſtand, glich ſie im Ganzen einer unendlichen Angſt Zahl kleiner Inſeln, zwiſchen denen ſich ein Fluß in ſpie⸗ ter wie lenden Wendungen hinſchlängelte. Alle Zünfte waren chlage⸗ hier durch eine gewiſſe Anzahl Mitglieder vertreten; man en ein⸗ konnte aber keine Vermiſchung derſelben ſpüren; denn tig zur jede war von den anderen durch einen Zwiſchenraum ab⸗ deren geſondert, groß genug, um jeden Zuſammenſtoß zu ver⸗ leppten meiden. e, wo— Da die meiſten Geſellen ihre Arbeit verlaſſen hatten, Zunft um ſich vor der neunten Stunde auf dem Freitagsmarkte e noch einzufinden, ſo waren ſie alle gekleidet, wie ſie gewöhn⸗ lebens⸗ lich bei ihrer Arbeit ſtanden, und viele trugen noch ihre Werkzeuge an der Hand oder am Gürtel. Daher konnte frauen man auf den erſten Blick erkennen, zu welcher Zunft Je⸗ id rie⸗ der gehörte, und dieſer beſondere Fall hatte wohl etwas , das beigetragen zu der engeren Abgrenzung der Stielen un beil an ter einander. th von In jedem dieſer Haufen, in deſſen Mitte der Dechant fforde⸗ oder ein Sprecher ſich befand, ſtritt man heftig und mit⸗ ſelbſt unter mit häßlichen Verwünſchungen über den obſchwe⸗ d ver⸗ benden Zwiſt, und handelte im Voraus den Zweck und um die den möglichen Ausgang der angekündigten Verſamm heuen. lung ab. All' dieſes Rufen, alle dieſe Stimmen und Anblick dies Geräuſch verſchmolzen ſich in ein dumpfen Brauſen, ſamm⸗ in ein verwirrtes Summen, wie von einem unermeß⸗ 110 Jakob von Artevelde. lichen Bienenkorbe, der ſich bereitet, einen zahlloſen Schwarm auszuſenden. Von dem Mannekens⸗Aerd bis an das Toreken hatten die ſiebenundzwanzig Stielen der Weberei ſich ausgebrei⸗ tet; ſie bedeckten demgemäß beinahe die Hälfte des Mark⸗ tes bis zur Südſeite. Außer den Tuchhändlern, die ſich in großer Anzahl vor dem Hochhauſe befanden, konnte man in dieſer mächtigen Schaar die Weber, Spinner und Tuchſcheerer erkennen. Unter den verſchiedenen Thei⸗ len der Weberei bemerkte man dieſelbe Abgränzung, wie unter den anderen. Dieſe Zunft bildete einen großen Kör⸗ per, der durch ſeine Zahl in der That bedeutend genug ſchien, um den übrigen Stielen Furcht einzuflößen und ſie nöthigenfalls zu vernichten. Auf dem Antlitze der Weber konnte man leſen, daß ſie ſich ihrer Macht nicht unbewußt waren; ſie zeigten ſich minder wühleriſch und über ihrer Schaar hörte man das verwirrte Geräuſch nicht, das über allen anderen Theilen des Marktes ſo drohend herrſchte; aber ein Lächeln der Verachtung ver⸗ rieth den Hochmuth, der ihre Herzen füllte, und ihre ſcheinbar gleichgültige Handlung bezeigte, daß ſie ſich wenig um das Geſchrei der anderen Zünfte kümmerten. Geeraert Denys lief hier hin und wieder, Jedem die Hand drückend und giftige Worte ſäend, um auch den letzten Verſuch Artevelde's ſcheitern zu machen. Es wurde ihm äußerſt leicht, die Mitglieder ſeiner Zunft dahin zu bringen, daß ſie Nichts, nicht einmal zum Scheine, nach⸗ gäben. Dies war auch bereits unter den Webern ſowohl wie unter den anderen Zünften beſchloſſen. Die Streit⸗ frage nen X delt. niedr G an de ſtüme um Was die ſ riſſen nicht der a Geſie Verr Web als Män Hagr die L Schr bloß⸗ gen, war. Kopf wie hielt die d hlloſen hatten gebrei⸗ Mark⸗ die ſich konnte pinner Thei⸗ g, wie Kör⸗ genug n und de der nicht ) und räuſch tes ſo ver⸗ dihre e ſich erten. m die h den vurde in zu nach⸗ wohl treit⸗ Jakob von Artevelde. 111 frage um die Erhöhung des Tagelohnes hatte ſich in ei⸗ nen Zwiſt der Eigenliebe und des Hochmuthes verwan⸗ delt. Es kam nun nur darauf an, wer ſeine Gegner er⸗ niedrigen würde. Den Webern gegenüber, von dem Utenhoveſteen bis an die Wolveſtege, bildeten die Walkmüller eine unge⸗ ſtüme Schaar, welche ſich in verſchiedenen Haufen rund um eine Anzahl wüthender Sprecher zerbröckelt hatte. Was dieſe Zunft vor allen anderen kenntlich machte, war die ſichtliche Armuth der meiſten Mitglieder, deren zer⸗ riſſene Kleider und elendes Aeußere bezeugten, daß ſie nicht in gleichem Maße mit den Anderen Theil hatten an der allgemeinen Wohlfahrt. Auch hier brannte auf allen Geſichtern der Zorn. Hier hörte man die ſcheußlichſten Verwünſchungen, die ſchrecklichſten Drohungen gegen die Weber zum Himmel ſteigen. Eine Menge Weiber, die als abſcheuliche Geiſter des Haſſes und der Rache die Männer zur Raſerei aufregten, liefen mit verwirrten Haaren unter dieſer Zunſt umher und erfüllten mitunter die Luft mit ſchneidendem Mordgeheul. In der Ecke, an der Minnemanſtege, ſtanden die Schmiede, mit ihren Schurzfellen vor der Bruſt, mit bloßen Armen, ſchwarzen Geſichtern und glühenden Au⸗ gen, wie ein Haufen Teufel, der aus der Hölle gekommen war. Jan Bake, der Dechant, beinahe eines Halſes und Kopfes länger, als der größte ſeiner Geſellen, und gebaut wie ein Rieſe, befand ſich in der Mitte ſeiner Zunft und hielt dort eine Rede, über welche ſeine Leute vor Wuth die Fäuſte ballten, und welche ganz geeignet war, um 112 Jakob von Artevelde. den blutigen Streit unmittelbar beginnen zu laſſen, wenn nicht Jeder verlangt hätte, erſt den Ausgang der Ver⸗ ſammlung im Hochhauſe zu erfahren. Neben Jan Bake ſtanden ſeine drei Söhne, eben ſo mächtig von Gliedern, wie ihr Vater, und nicht minder racheluſtig. Etwas ferner den Markt hinauf und in allen an⸗ grenzenden Straßen bemerkte man die meiſten anderen Stielen, obwohl in kleinerer Zahl: die Fleiſcher, mit ih⸗ rem Wetzſtahle am Gürtel; die Bäcker, ganz mit Mehl beſtäubt; die Schiffer, mit ihren ſchweren Regenkleidern; die Ausläder, mit ihren Laſthaken in der Hand; die Brauer, mit rothem, geſchwollenem Geſicht; die Loh⸗ gerber, die Corduangerber, die Maurer, die Zimmerleute und mehrere andere. Unter den kleinen Zünften, die hinter der Sanct Jakobskirche ausgebreitet ſtanden, herrſchte nicht ſolche Heftigkeit, wie auf dem Vormarkte, wo die beiden Feinde ſich einander gegenüber befanden und ihre Wuth ſich da⸗ durch auf das Aeußerſte geſteigert hatte. Bei Sanct Jan⸗ten⸗Dulle bemerkte man jedoch eine Gilde, die ſehr zahlreich war und ſich durch beſondere Unruhe auszeich⸗ nete. An den blauen Händen der Geſellen, welche ſich hier verſammelt hatten, konnte man leicht die Zunft erken⸗ nen, zu welcher der muthige Lieven Comyne gehörte. Der Lärm, der ſich vernehmen ließ, entſprang aus einer Rede, die der Dechant gehalten hatte und die von den Zunft⸗ genoſſen mit langem Zujauchzen und Gelübden der Un⸗ beugſamkeit beantwortet worden war. Der Dechant hatte ſie überzeugt, daß man den Webern nichts zugeſtehen und de ſchiede jeden zu ver Webe. A trübt ſämm den! Vortl ſter A Ihr ſe werde „daß bring geſetzt Tuch geben Tagel en, wenn der Ver⸗ han Bake Gliedern, llen an⸗ anderen mit ih⸗ nit Mehl kleidern; nd; die die Loh⸗ merleute r Sanct ht ſolche n Feinde ſich da⸗ i Sanct die ſehr auszeich⸗ elche ſich ft erken⸗ tte. Der er Rede, Zunft⸗ der Un⸗ ant hatte geſtehen Jakob von Artevelde. 113 und der Streit ganz zum Vortheile der Walkmüller ent⸗ ſchieden werden müſſe. Geſchehe das nicht, ſo ſei es für jeden Blaufärber eine Pflicht, ſich mit den Walkmüllern zu verbinden, um die hochmüthigen und aufgeblaſenen Weber zu bezwingen und zu demüthigen. Als das Geſchrei aufhörte, rief Lieven Comyne be⸗ trübt und ungeduldig: „Aber wie iſt das nur möglich? Haben die Genter denn ihren Menſchenverſtand verloren, oder ſind ſie ſämmtlich vom Teufel beſeſſen? Fechten, einander mor⸗ den! das iſt Alles, was man hört. Das wird großen Vortheil bringen, bei meinem Worte! Und Ihr, Mei⸗ ſter Ablyn, Ihr, gewöhnlich ſo reif an Urtheil und Rath, Ihr ſeid jetzt ebenfalls der Meinung, daß Blut vergoſſen werden müſſe? Ich verſtehe das wahrlich nicht!“ „Und was iſt denn Eure Meinung?“ fragte ein Geſelle ſpottend. „Meine Meinung iſt,“ antwortete Lieven Comyne, „daß man nicht Feuer und Flammen über die Stadt bringen müſſe, weil die Walkmüller es ſich in den Kopf geſetzt haben, vier Grote mehr für jedes Stück gewalktes Tuch zu verlangen. Da könnte es ja alle Tage Aufruhr geben, wenn es jeder Zunft frei ſtände, ihren eigenen Tagelohn mit Gewalt zu erhöhen.“ „Aber, Lieven!“ ſagte der Dechant,„Ihr verſteht die Sache nicht recht. Meint Ihr denn, daß das Verlan⸗ gen der Walkmüller ungegründet ſei?“ „Das ſage ich nicht, Mher Ablyn! Ich bekenne im Gegentheil, daß ſie nicht genug gewinnen; aber vier Jakob von Artevelde. V. 8 —— 114 Grote iſt viel. Jedenfalls muß man nicht auf dieſe Weiſe über dergleichen Dinge entſcheiden. Die Dechanten und Schiedsmänner ſind da, um ſich in Liebe über die Zwi⸗ ſtigkeiten zwiſchen den Zünften zu verſtändigen. Was man Jahrhunderte lang gethan hat, kann man noch thun.“ „Ha, ha!“ lachte ein Zunftgenoſſe,„die Dechanten haben nun ſchon ſeit Monaten die Sache in den Händen. Die Weber meinen, daß ſie mit Verachtung auf alle an⸗ deren Bürger herabblicken können. Sie ſpeien uns täg⸗ lich ihren Hohn in's Geſicht, und ſchwören, daß ſie nichts zugeſtehen würden, und wenn auch alle übrigen Zünfte ſie zwingen wollten. Wir wollen doch ſehen, ob die ver⸗ fluchten Weber uns zu Grunde richten ſollen mit ihrem Hochmuthe!“ „Kurzes Spiel mit ihnen machen!“ ſchrie ein ande⸗ rer Geſelle.„Sie in die Leije jagen und ertränken!“ „Ich ſehe wohl, daß keine Salbe dagegen hilft,“ antwortete Lieven Comyne entmuthigt.„Fahrt alſo nur fort in Eurer Thorheit; laßt die eine Hälfte der Stadt die andere Hälfte morden; laßt Gent ſein Glück und ſein Gedeihen opfern, ſich erſchöpfen und Flandern das Vor⸗ bild des Zwieſpaltes und Bürgerkrieges geben! Aber gebt Acht: der Franzoſe ſteht mit der Ruthe hinter der Thüre. Wenn wir unter fremdem Zwange ſeußzen wer⸗ den, ohne Handel, ohne Arbeit und ohne Brod, dann werden wir uns die Finger benagen und mit Scham be⸗ trauern, was wir gethan haben. Aber dann wird die Klage zu ſpät kommen.“ „Nun, nun! wir wiſſen wohl, wo Ihr die ſchönen Jakob von Artevelde. Reden ob der ſchwatze geſunge * wagt e Ihr, de Hand v daß Ihr ſei auch zu ſein blendet landes Ei bern hu trotzig und ſag Die Ar ſucht es Me ſellen z Andere⸗ noſſen: 22 darum. gegen d ich ihm Tage di ieſe Weiſe unten und die Zwi⸗ Was man thun.“ Dechanten Händen. f alle an⸗ uns täg⸗ ſie nichts en Zünfte b die ver⸗ nit ihrem ein ande⸗ nken!“ en hilft,“ talſo nur der Stadt und ſein das Vor⸗ n! Aber dinter der fzen wer⸗ bd, dann ſcham be⸗ wird die e ſchönen Jakob von Artevelde. 115 Reden gelernt habt,“ bemerkte ein Geſelle.„Es iſt, als ob der Oberhauptmann Euch bezahlte, um ihm nachzu⸗ ſchwatzen; aber das Liedchen dieſes Herrn iſt längſt ab⸗ geſungen in Gent.“ „Lump!“ antwortete Lieven zornig.„Was? Ihr wagt es, unehrerbietig von Mher Jakob zu ſprechen? Ihr, der Ihr kaum Verſtand genug habt, um Eure rechte Hand von Eurer linken zu unterſcheiden? Ich danke Gott, daß Ihr mir vorwerft, der Gedanke des Oberhauptmanns ſei auch der meinige! Ich habe mehr Recht, darauf ſtolz zu ſein, als Ihr Alle, die Ihr wie Kinder raſt und ver⸗ blendet ſeid durch die Hetzereien der Feinde Eures Vater⸗ landes und Eures Wohlergehens.“ Ein Murren der Wuth ließ ſich unter den Blaufär⸗ bern hören und Viele drohten Lieven mit der Fauſt; aber trotzig ſtreifte er die Aermel ſeines Kollers in die Höhe und ſagte mit herausforderndem Tone: „Ja, droht nur, Geſellen! Ihr kennt Lieven Comyne! Die Arme ſitzen ihm auch nicht verkehrt am Leibe. Ver⸗ ſucht es nur einmal!“ Meiſter Ablyn ſprang dazwiſchen und brachte die Ge⸗ ſellen zur Ruhe. Lieven Comyne war ſchwerer als die Anderen zu beſänftigen und ſagte endlich zu ſeinen Ge⸗ noſſen: „Nun, thut was Ihr wollt! Ich kümmere mich nicht darum. Aber wenn ſich noch Einer ein einziges Wort gegen den Oberhauptmann zu ſprechen erlaubt, ſo lege ich ihm meine fünf Finger in's Geſicht, daß er am hellen Tage die Sterne ſehen ſoll.“ 8* 116 Jakob von Artevelde. Wahrſcheinlich würde dieſer Zwiſt doch noch zu einer Schlägerei geführt haben; allein jetzt kam der Ribauden⸗ könig mit ſeinen Leuten her und rief ſcherzend den Blau⸗ färbern zu: „Sa, Geſellen! keine Schlägerei, oder wir waſchen unſere Hände im Teufelsſteen!“ „Es wäre beſſer,“ antwortete ein Geſelle,„Ihr führtet Eure Ribauden nach dem goldenen Schwane und gäbt ihnen etwas zu trinken; denn ſie ſcheinen ſchrecklich von der Sonne ausgedorrt und jappen wie Fiſche in ei⸗ nem leeren Weiher.“ „He, Muggelyn!“ rief ein Anderer,„ſagt uns doch, mit wem Ihr es haltet! Für wen ſeid Ihr?“ „Ich? Ich bin für den Baas im Hirſch unter dem Glockenthurme,“ antwortete der Ribaudenkönig mit ge⸗ machtem Ernſte, welcher Jeden, ſelbſt Lieven Comyne, zum Lachen reizte. „Ja, ſo meine ich es nicht!“ entgegnete der Geſelle. „Ich wollte, fragen: mit welcher Zunft haltet Ihr es? mit den Webern, oder mit den Walkmüllern?“ „Nun, das wißt Ihr doch ſchon lange,“ rief Mugge⸗ lyn, mit ſeinen Leuten weiter den Markt hinaufſchreitend. „Ich ändere meine Geſinnung nicht, und halte es, wie früher, mit der Gilde der Weinſchenken.“ Während die Leidenſchaften auf dem Markte durch heimliche Aufregung immer mehr und mehr angefacht wurden, ſtand Artevelde hinter dem Fenſter des Ver⸗ ſammlung gem Blich engt, ſein Verdruß, dern ſpra Der daß er in ſtern auf in ſeinen geslieder einen Ru der Brud land, we Genter zu wimmel armunge Trinken, früheren Jetzt ſelbe Vo Blutbad Arteveld zwiſchen Kraft ur von Ge die Arn rathloſer Nich hauſes; u einer auden⸗ Blau⸗ waſchen „Ihr ine und hrecklich e in ei⸗ ns doch, ter dem mit ge⸗ Lomyne, Geſelle. Ihr es? Mugge⸗ Freitend. es, wie te durch ngefacht es Ver⸗ Jakob von Artevelde. 117 ſammlungsſaales im Hochhauſe und ſchaute mit trauri⸗ gem Blicke auf die Menge hinab. Seine Bruſt war be⸗ engt, ſeine Wangen bleich, ſein Blick ermüdet. Ein tiefer Verdruß, ein inniges Mitleiden mit ſeinen verirrten Brü⸗ dern ſprach ſich auf ſeinem Antlitz aus. Der weiſe Mann erinnerte ſich mit Verzweiflung, daß er in glücklicheren Tagen auch einſt aus dieſen Fen⸗ ſtern auf das Volk hinabgeſchaut und Thränen der Freude in ſeinen Augen gefühlt habe. Er hörte noch die Sie⸗ geslieder der entzückten Menge, welche ſeinen Namen als einen Ruf des Heiles gen Himmel ſandte, und die Eide der Bruderliebe und endloſer Treue gegen das Vater⸗ land, welche mit lautem Jubelrufe aus dem Schooße der Genter zu Gott aufſtiegen. Er ſah noch das bunte Ge⸗ wimmel der geſchmückten Frauen und Kinder, die Um⸗ armungen der entzückten Zunftgeſellen, das Tanzen, das Trinken, das Singen...... Verlockendes Schauſpiel früheren Ruhmes und früherer Größe! Jetzt kochte der Haß in Aller Bruſt; jetzt vergaß daſ⸗ ſelbe Volk die Gefahr des Vaterlandes, um ſich ſelbſt ein Blutbad zu bereiten; jetzt war die Stimme Jakob's von Artevelde machtlos, ſein Name war wie eine Brandfackel zwiſchen Brüdern geworden, und er, in der Fülle ſeiner Kraft und ſeines Heldenmuthes, mußte den Untergang von Gent und vielleicht von ganz Flandern erwarten, die Arme auf der Bruſt zuſammengeſchlagen, wie ein rathloſer Zwerg. Nicht lange befand er ſich allein im Saale des Hoch⸗ hauſes; gleich darauf kam der Oberſchöffe, Maes van 118 Jakob von Artevelde. Vaernewyck, zu ihm, grüßte ihn mit einem Ausdrucke der Angſt auf dem Geſichte und ſagte: „Gott behüte das unglückliche Gent! Wißt Ihr, was ſich vorbereitet, Oberhauptmann?“ „Ich ſehe es nur zu wohl, Freund Maes! Wenn uns die Vermittelung nicht alsbald glückt, ſo kann dieſer Tag ein unglückliches Blatt in der Geſchichte der Volks⸗ verirrungen werden.“ „Es ſcheint, als ob die Walkmüller Willens ſeien, die Waffen zu ergreifen, wenn ihnen heute nicht voll⸗ ſtändige Befriedigung wird. Käme es ſo weit, Ober⸗ hauptmann, daß die Zünfte handgemein würden, ſo wäre es doch unſere Pflicht, dazwiſchen zu treten und das Blutvergießen zu hindern.“ „Fürwahr, Ser Maes!] es iſt eine traurige Pflicht; aber werden wir ſie erfüllen können? Ich habe bereits den Hauptleuten der Kirchſpiele meine Befehle ertheilt, ſo viele bewaffnete Bürger wie möglich gegen jeden Vor⸗ fall zu verſammeln. Wißt Ihr, was Euer eigener Bru⸗ der Willem, der Hauptmann von Sanct Jakobs, mir geantwortet hat?— Daß er zur Weberei gehört, und lieber ſein Amt niederlegt, als ſich der Gefahr ausſetzt, in dieſer Sache etwas gegen die Weber unternehmen zu müſſen. Er hat ſich geweigert, die Männer ſeines Kirch⸗ ſpieles zu den Waffen zu rufen, unter dem Vorwande, daß ſie ſämmtlich auf dem Markte ſtänden. Joos Apare, der Hauptmann von Sanct Michiels, iſt dem Vorbilde Mher Willem's gefolgt und hat ſich ebenfalls geweigert, meinen Befehl auszuführen, als Grund angebend, daß er nicht der erm „ ſchöffe. Seuche hat. E „ C fuhr A in ihren und ſie zu halte zuſamn die beid ten. D geben r lung zu nes Un Stadt rend n vergeuf Die ar riſche einem von B Frankt Vaterl von de Ich ha usdrucke hr, was Wenn in dieſer Volks⸗ ss ſeien, ht voll⸗ Ober⸗ den, ſo ten und Pflicht; bereits ertheilt, en Vor⸗ er Bru⸗ bs, mir ört, und ausſetzt, hmen zu 8 Kirch⸗ rwande, 3 Apare, Vorbilde weigert, nd, daß Jakob von Artevelde. 119 er nicht Hauptmann geworden ſei, um ſeine eigenen Brü⸗ der ermorden zu helfen.“ „Mein Bruder, mein Bruder!“ ſeufzte der Ober⸗ ſchöffe.„Ach, Oberhauptmann! es iſt eine anſteckende Seuche, die ſelbſt die Beſten und Redlichſten ergriffen hat. Es iſt Jeder in Gent mit Wahnſinn geſchlagen.“ „Ghelnoot van Lens und Pieter van Caudenhove,“ fuhr Artevelde fort,„werden ihr Beſtes thun, um in ihren Kirchſpielen eine Anzahl Männer zu ſammeln und ſie auf dem Kornmarkte zu unſerer Verfügung bereit zu halten. Wenn es ihnen glückt, eine genügende Macht zuſammenzubringen, ſo wird es jedenfalls möglich ſein, die beiden Parteien bis zum Abende auseinander zu hal⸗ ten. Daß es hier und da in anderen Stadtvierteln Todte geben wird, wenn unſer letzter Verſuch keine Vermitte⸗ lung zur Folge hat, iſt gewiß. Aber das wäre ein klei⸗ nes Unglück im Vergleich mit dem Clende, das unſere Stadt treffen kann.“ „Wehe! Wehe!“ rief Ser van Vaernewyck.„Wäh⸗ rend wir hier mit gehäſſigen Bürgerzwiſten unſere Zeit vergeuden, gehen die Intriguen der Leligerds ihren Gang. Die anderen Glieder Flanderns bedrohen das aufrühre⸗ riſche Gent mit einer Trennung und im Nothfalle mit einem Kriege. Unſer Graf iſt in Brüſſel, um den Herzog von Brabant zu bewegen, das Bündniß zu brechen, und Frankreich bereitet ſich mit Ruhe vor, unſer zerriſſenes Vaterland anzugreifen. Gott! Gott! was wird das Ende von dem Allem ſein! Verzweiflung füllt meine Seele. Ich habe keinen Glauben mehr an Flanderns Zukunft; ——————ÿ 120 Jakob von Artevelde. wir ſind geboren, um Sklaven zu ſein, Sklaven des Fremden oder Sklaven unſerer eigenen zügelloſen Lei⸗ denſchaft. Nun denn. lieber dann noch die freiwillige Unterwerfung; wenn ſie auch weder Ruhm noch Größe verleiht, ſo ſchenkt ſie doch Ruhe und entſchuldigt die Erniedrigung.“ Artevelde lächelte trüb zu den verzweifelten Ausru⸗ fungen ſeines Freundes. Er faßte deſſen Hand und ſagte: „Wir ſind geboren, um frei und unabhängig zu ſein. Flandern kann irren, ſich verlieren, ſeine eigene Bruſt zerrreißen; aber ſterben, vergehen niemals! Es iſt zu viel Lebenskraft in dem niederdeutſchen Blute, zu viel Trotz in den Herzen der Vläminger. Ach, Freund Maes! es iſt möglich, daß wir damit beſchäftigt ſind, unſerem Vaterlande eine neue Knechtſchaft zu bereiten; aber laßt im Laufe der Jahrhunderte zwanzig Sklavereien Flan⸗ dern bedrücken, dennoch wird der Löwe ſeine Ketten zer⸗ brechen, dennoch das vlämiſche Heldengeſchlecht aufſtehen und Europa das Vorbild der Freiheit und Volksmacht geben!“ „Ach!“ ſeufzte Ser van Vaernewyck,„Ihr bekennt alſo, daß Flanderns Ruhm und Größe ſich verdunkeln, daß eine neue Dienſtbarkeit die Frucht unſeres Treibens werden muß, daß uns nichts übrig bleibt, als die Hoff⸗ nung, unſer Vaterland werde in der Zukunft einſt ſich erheben gegen die Feinde ſeiner Unabhängigkeit und ſei⸗ ner Freiheit. Aber jetzt? Jetzt Sklaverei und Erniedri⸗ dung, nicht wahr?“ „Habt Muth, mein Freund!“ ſagte Artevelde. aven des )ſen Lei⸗ reiwillige ch Größe Ildigt die Ausru⸗ nd ſagte: gzu ſein. ne Bruſt Ls iſt zu zu viel d Maes! unſerem aber laßt Flan⸗ etten zer⸗ aufſtehen olksmacht rbekennt dunkeln, Treibens die Hoff⸗ einſt ſich und ſei⸗ Erniedri⸗ Ertevelde. Jakob von Artevelde. 121 „Vielleicht glückt unſer Verſuch noch.... Und dann? bleibt uns nicht die Ueberzeugung, daß wir unſere Pflicht gethan haben? Fehlt uns die Macht, unſerem Vater⸗ lande, wie es die Umſtände verlangen, zu dienen, an Willen dazu hat es uns nicht gefehlt. Jetzt, wo das Schickſal uns beherrſcht und auf dem Strome der Er⸗ eigniſſe uns fortreißt wie entwurzelte Bäume, müſſen wir uns forttreiben laſſen, bis die Fluth uns irgendwo⸗ hin führt, wo wir etwas für Flandern thun können. Gott allein weiß, was geſchehen wird; vielleicht rettet uns eine unerwartete Hülfe; die Leidenſchaften des Vol⸗ kes ſind veränderlich und wetterwendiſch..... 4 Artevelde ward plötzlich in ſeiner Rede durch die An⸗ kunft von Geeraert Denys unterbrochen, der mit ſehr unfreundlichem Tone zu ihm ſagte: „Nun, Mher von Artevelde! Vergeßt Ihr denn, weshalb Ihr hierher gekommen ſeid? Zwar werden Euch alle Eure Verſuche nichts nützen, indeſſen wenn man Oberhauptmann iſt, darf man doch die Dechanten der Gilden nicht warten laſſen, ſobald man ſie berufen hat. Der Stadttrompeter ſteht bereits eine Stunde un⸗ ten mit der Trompete am Munde.“ Artevelde antwortete ihm nicht, ſondern ging an die Thür, wo er dem Knappen einen Befehl gab. Unmittel⸗ bar darauf hörte man den Stadttrompeter einige ſchal⸗ lende Töne blaſen, und gleich hernach kamen alle De⸗ chanten der Gilden nach einander in den Saal. Zuerſt die ſiebenundzwanzig Dechanten der Tuchweberei, die ſich längs der rechten Seite einer Tafel auf drei Reihen von 122 Jakob von Artevelde. Stühlen niederließen;— darauf die Dechanten der an⸗ dern Zünfte, Jan Bake und Seger Boele an der Spitze, welche auf der linken Seite Platz nahmen, doch aus Mangel an Stühlen zum Theil ſtehen bleiben mußten. Beide Parteien, auch hier durch ein Gefühl des Haſ⸗ ſes von einander geſchieden, wechſelten funkelnde heraus⸗ fordernde Blicke mit einander oder lächelten einander ver⸗ ächtlich an, ſo daß man auf den erſten Blick ſehen konnte, die Hoffnung auf Verſöhnung könne nicht eben groß ſein; dennoch redeten ſie nicht, ſondern zeigten nur in ihren Mienen, daß das Feuer der Rache in ihrem Herzen loderte. Artevelde bemerkte dieſe ungünſtige Stimmung und erſuchte den Oberſchöffen, die Sitzung unmittelbar zu eröffnen, worauf er aufſtand und zuerſt mit trübem Ton, doch allmählig mit ſteigendem Nachdruck und Eifer fol⸗ gendermaßen zu den Dechanten ſprach: „Genoſſen und Freunde! Ich weiß, daß Ihr hier er⸗ ſcheint mit dem feſten Entſchluſſe, Vorſtellungen zu Ver⸗ mittelungen und Verträgen kein Gehör zu geben; ich weiß auch, daß mein Wort auf Eure Gemüther keine Macht übt. Hätte ich meine Schwäche allein betrachtet, ſo wäre ich zurückgewichen vor einem nutzloſen Verſuche; aber etwas Anderes hat mir Muth und Hoffnung gege⸗ ben, daß in dieſem wichtigen Augenblicke dennoch meine Stimme Eure Herzen erſchüttern werde. Ihr ſeid Gen⸗ ter! Ich habe mich erinnert, daß unſer theures Flandern einſt danieder lag unter dem Drucke fremder Tyrannei, daß Hungersnoth und Sklaverei das Blut in den Adern der Voll ich h Erlö Brü ihren Koſt ſchen Klan ker v bei Neue wenn word Ohr lande heit rufe nen ſchree ſich deutf zu w auf d rer 1 fen; theil Part webe der an⸗ r Spitze, voch aus mußten. des Haſ⸗ heraus⸗ der ver⸗ konnte, oß ſein; in ihren Herzen ng und lbar zu m Ton, fer fol⸗ hier er⸗ u Ver⸗ hen; ich er keine rachtet, erſuche; g gege⸗ meine d Gen⸗ andern rannei, Adern 123 Jakob von Artevelde. der Vläminger verdarb und verzehrte, daß das kraftloſe Volk auf ewig zur Knechtſchaft verdammt ſchien...... ich habe mich auch erinnert, daß aus Gent der Ruf der Erlöſung über Flandern dahinhallte, daß Ihr es waret, Brüder, die mit unverzagtem Löwenmuth das Joch von ihren Schultern abwarfen, die das ganze Vaterland auf Koſten ihres Gutes und Blutes retteten, die dem vlämi⸗ ſchen Namen als dem Zeichen der Befreiung einen guten Klang in der Welt verſchafften— die Fürſten und Völ⸗ ker vor der Macht ihrer Einigkeit verſtummen machten... bei dieſem Gedanken füllten Hoffnung und Stolz von Neuem meine Bruſt. Ich habe zu mir ſelbſt geſagt, daß, wenn Jakob von Artevelde's Stimme auch machtlos ge⸗ worden iſt, Ihr Häupter der tapferen Genter doch das Ohr nicht ſchließen werdet vor dem Nothruf dieſes Vater⸗ landes, das Eurer Liebe und Eurem Muthe ſeine Frei⸗ heit und ſein Gedeihen verdankt.... nun denn hört, ich rufe im Namen des Vaterlandes!— Werft mit mir ei⸗ nen Blick auf Flanderns Zuſtand, und Ihr werdet er⸗ ſchrecken vor der Größe der Gefahr. In Brabant läßt ſich der Herzog von unſern Feinden rathen, das nieder⸗ deutſche Bündniß zu brechen und ſeine Waffen gegen uns zu wenden. In Frankreich wartet Philipp von Valois auf die ſich nähernde Gelegenheit, uns zur Strafe unſe⸗ rer Uneinigkeit die Sklavenketten über den Hals zu wer⸗ fen; in Dendermonde bricht ein Aufruhr los zum Vor⸗ theil unſerer Feinde; in allen Städten herrſchen Haß, Parteiungen und Unruhen über die Vorrechte der Tuch⸗ weberei; in ganz Flandern Unzufriedenheit und Drohung 124 Jakob von Artevelde. mit Krieg gegen das wühlende Gent; in ganz Flandern ferner ungehinderte Intriguen der Leligerds und furcht⸗ bare Fortſchritte der Feinde unſerer Unabhängigkeit!— Ihr ſeht es, Brüder! Gedeihen, Reichthum, Freiheit, Ruhm, Alles liegt in der Wagſchaale. Das Vaterland i*ſt in Gefahr, es bedarf der vereinigten Kräfte aller ſei⸗ ner Söhne, ſeine Erhaltung verlangt, daß ihm die Strei⸗ tigkeiten zum Opfer gebracht werden ,es ſteht am Rande des Abgrundes, wehklagend ruft es uns zu, daß unſer Haß und unſere Zwietracht es vielleicht ſchon morgen ge⸗ feſſelt der ſchrecklichſten Sklaverei überliefern.... einer wohlverdienten Sklaverei! O verkennt es nicht, die Wahr⸗ heit ſelbſt kann nicht heller ſein!— Wohl wußt ich's zu⸗ vor, daß ſich Verwirrungen bilden würden, ſie ſind un⸗ zertrennlich von jeder großen Volksbewegung, und oft⸗ mals die Folge der Wohlfahrt ſelbſt; aber in meinem Stolze als Genter wagte ich zu hoffen, daß das Herz Flanderns, daß unſere Vaterſtadt nie ihre Beſtimmung verleugnen würde, daß ſie nie vergäße, Gott habe ſie zwiſchen ihre Schweſterſtädte geſtellt, um wie ein Stern vorzuleuchten, wie eine Löwin zu wachen und zu rächen. Ach, ich habe mich betrogen; die Genter geben Flandern das Beiſpiel des Zwieſpaltes, des Haſſes und der Eng⸗ herzigkeit; ſie vergeuden den vlämiſchen Heldenmuth in elenden Zwiſtigkeiten; ſie dürſten nach Blut, nach Bru⸗ derblut! Und während ſie mit Leib und Seele verſenkt ſind in einen feigen Kampf der Eiferſucht, ſammeln ſich die Wolken über ihren Häuptern und zuckt der warnende Blitz unbemerkt vor ihrem Auge.— Wann werdet Ihr Euch Wen Heim Skla fleiß wenn herrſ die F der erſt Schu Zwie nein, 1 8 terbr 5 Feue ſchen Glar ſchüt Dech alle erkar ſelbſt ( fallen 1 an u nicht landern furcht⸗ keit!— Freiheit, nterland ller ſei⸗ Strei⸗ Rande 3 unſer gen ge⸗ . einer Wahr⸗ ch's zu⸗ nd un- nd oft⸗ neinem s Herz nmung abe ſie Stern rächen. andern Eng⸗ uth in Bru⸗ erſenkt An ſich rnende et Ihr 125 Jakob von Artevelde. Euch losreißen aus Eurer unerklärlichen Verblendung? Wenn Frankreich unwiderſtehlich und ſiegreich unſern Heimathsboden überſchreitet? wenn die Fußſchellen der Sklaverei Euere Schritte hemmen? wenn der Gewerb⸗ fleiß und der Handel den Todesſtoß empfangen haben? wenn Elend, Hungersnoth, Verderben und Schande hier herrſchen werden? wenn die Völker der Erde in Euch die Freiheit haſſen als einen Brunnen der Zügelloſigkeit, der Thorheit und des Unterganges? Werdet Ihr dann erſt erwachen, wenn Euer Vaterland, befleckt von dem Schmutz der Feigheit, ermordet von dem Schwerte der Zwietracht, unter Euch in den letzten Zügen liegt? Nein, nein, Ihr habt Euch verirrt..... Hier ward Artevelde durch einen Ausruf Denys' un⸗ terbrochen. Der Oberhauptmann hatte allmählig mit mehr Feuer und endlich mit hinreißenden Feuer und herr⸗ ſchender Kraft geredet. Es war noch immer im vollen Glanze, in Tiefe und Kraft das bezaubernde, ſeelener⸗ ſchütternde Wort des weiſen Mannes; auch waren viele Dechanten beider Parteien gerührt und erſchüttert. Faſt alle hatten bewundernd dem edlen Aufruf zugehorcht und erkannten im Grunde ihres Herzens, daß die Wahrheit ſelbſt durch den Mund Artevelde's rede. Geeraert Denys, dem Oberhauptmanne in die Rede fallend, ſagte: „Nun, nun, es ſei ſo; Ihr ſeht die Sache ſehr ſchwarz an und man köͤnnte viel dagegen ſagen. Aber wir ſind nicht hierher gekommen, weder von Frankreich, noch von 126 Jakob von Artevelde. Brabant, noch von den Leliaerds zu ſprechen. Was hier abgehandelt werden muß, iſt der ſchwebende Streit; un⸗ ſere Gilden ſtehen unten und hoͤren alle die ſchönen Worte nicht; ich bitte den Oberhauptmann, uns ohne ſo viel Umſchweife zu erklären, was er uns vorzulegen hat.“ Während der Oberdechant der Weber dies ſagte, riefen einige Walkmüller wüthend: „Schweigt, ſchweigt, laßt den Oberhauptmann re⸗ den;“ aber Geeraert Denys ſchrie lauter als ſie, bis er mit ſeinen Unterbrechungen nach ſeinem Willen zu Ende war. Artevelde blieb mit unverändertem Antliitz ſtehen, ließ den Lärm ſich beruhigen und fuhr dann fort: „Freunde, ich ſah Eure Augen vor Unwillen glühen, als ich ſo eben zu Euch von Sklaverei und Erniedrigung des Vaterlandes redete; dieſer Anblick hat mich erfreut; es giebt noch Saiten in Euren Herzen, die für die Größe beſtimmt ſind. Ihr fühltet, ihr erkanntet, daß Flandern Gefahr läuft und daß es wünſchenswerth ſei, die Ein⸗ tracht könne wieder hergeſtellt werden, und müßte auch jeder von uns dazu etwas von ſeiner Eigenliebe oder ſei⸗ nen Intereſſen zum Opfer bringen; ich wage daher, Euch mit größerem Vertrauen meine Anſichten über den Streit, der Euch trennt, mitzutheilen.— Euch, ihr Walkmüller, ſage ich, Euer Schickſal iſt durch das Zunehmen des all⸗ gemeinen Wohlſtandes wenig verbeſſert, Ihr arbeitet vom Morgen bis zum Abend und eßt keinen Biſſen Brodes, ohne zu wiſſen, wie viel Schweiß er Euch gekoſtet hat; Eure Frauen und Kinder finden kaum ſo viel in den Früchten Eurer Arbeit, um nicht Mangel zu leiden, alle Tage ſchaffe Wohl mäßig den ar welcher iſt, ſo kläre i des To ſie dur daß, n täglich dem ſi wäre n ſchen il müßte aber d iſt, da zu verr ben, il erwähle in Frie vermöch ten und über di „ 6 bern he man ab wiegen, as hier 1t, un⸗ Worte ſo viel 11. nn re⸗ der mit e war. ſtehen, lühen, rigung rfreut; Größe undern Ein⸗ e auch er ſei⸗ Euch Streit, üller, s all⸗ t vom odes, hat; den alle Jakob von Artevelde. 127 Tage ſind gleich für Euch und die Eurigen, Ihr müßt ſchaffen und arbeiten ohne Ende, Ihr genießt von der Wohlfahrt des Handels nicht jenen Theil, der Euch recht⸗ mäßig zukommt, und ich ſehe es als eine Pflicht für Je⸗ den an, der es zu thun vermag, dieſe Ungleichheit, an welcher allein ein Zuſammenfluß von Umſtänden Schuld iſt, ſo viel wie möglich zu vermindern. Zugleich aber er⸗ kläre ich Euch, daß nichts Euch berechtigt, eine Erhoͤhung des Tagelohns mit Gewalt zu fordern oder zu verſuchen, ſie durch Aufſtand zu erhalten; Ihr könnt leicht begreifen, daß, wenn das als ein Recht betrachtet würde, jede Zunft täglich in Streit gerathen müßte mit denjenigen, von dem ſie ihren Lohn empfüngt. Wenn die Arbeit frei wäre und jeder beſonders arbeiten könnte nach dem zwi⸗ ſchen ihm und dem Kaufmann feſtgeſtellten Preiſe, dann müßte jeder fordern, was er zu verdienen glaubt; da aber die Arbeit in Flandern durch feſte Geſetze geregelt i*ſt, da der Kaufmann nicht die Freiheit hat, Euern Lohn zu vermindern, ſo könnt Ihr auch nicht die Freiheit ha⸗ ben, ihn nach Willkür zu erhöhen. Die von Euch ſelbſt erwählten Schiedsmänner ſind da, um über ſolche Sachen in Frieden zu vermitteln, und im Falle dieſe es nicht vermöchten, ſo würde die allgemeine Collatie der Dechan⸗ ten und Aeltermänner in letzter Inſtanz einen Ausſpruch über die Zwiſtigkeiten der Zünſte fällen.“ „Es ließ ſich vorausſehen, daß Ihr es mit den We⸗ bern halten würdet,“ rief Jan Bake ärgerlich;„meint man aber uns hier mit ſchönen Worten in den Schlaf zu wiegen, ſo irrt man ſehr.“ 128 Jakob von Artevelde. „Laßt mich fortfahren, Mher Bake,“ ſagte Artevelde, „und erzürnt Euch nicht, eh' Ihr wißt, was ich vorſchla⸗ gen werde. Wenn Ihr glaubt, daß ich es mit irgend Jemanden halten wolle oder könne, ſo täuſcht Ihr Euch. Ich gehöre in der That zur Zunft der Weber, aber ich bin Oberhauptmann von Gent, ich kenne daher allein nur das Geſetz und nehme es zur alleinigen Richtſchnur. Brechen die Weber das Geſetz, ſo werde ich ſie bekämpfen und ſtrafen, wie ich kann; nehmen die Walkmüller ihre Zuflucht zu ungeſetzlicher Gewalt, ſo greife ich ſie an und bezwinge ſie, ſo weit es meine Macht geſtattet. Ihr habt mich durch freie Wahl über Eure traurigen Zwieſtigkei⸗ ten erhoben; ich blicke mit Trauer, aber mit Unparteilich⸗ keit auf dieſelben herab.... Euch, ihr Mitglieder der Weberei, ſage ich: kein Geſetz zwingt Euch, irgend eine Erhöhung des Tagelohnes zuzugeſtehen, ehe nicht die Collatie der Gilden einen Ausſpruch darüber gefällt hat. Was es auch für Gründe ſein mögen, welche dieſen Aus⸗ ſpruch unmöglich machen, bis jetzt bleibt Ihr innerhalb der Grenzen des geſchriebenen Rechts; aber meint Ihr denn, daß das Geſetz hinreicht, wo die Bruderliebe fehlt? Meint Ihr, die geſellſchaftlichen Einrichtungen ſeien ſo vollkommen, daß der Geiſt der Nachgiebigkeit und Ein⸗ tracht auch nur einen einzigen Tag aufhören dürfe, ſie zu durchdringen und zu befruchten, und würdet Ihr in Eurem menſchlichen Gefühl, in den Lehren des heiligen Glaubens keine Beweggründe finden, um zu thun, was gut und recht iſt, ohne daß ein ſchriftliches Geſetz Euch dazu zwingen müſſe?— Der Tuchhandel hat ſich in wenige zeugnij Geldes Flande bers iſt Lebenst weigert höhern ſie könn bereiten den ſchl als die Gilden Tuchhät Geld, d Sind di Ihr, de dern kör O, beke ſen, wo ſie iſt de Richtſcht Gee reden, Gewalt rend die wüthend „It danken i Jakob ve Jakob von Artevelde. Artevelde, wenigen Jahren außerordentlich ausgebreitet, ſeine Er⸗ vorſchla⸗ zeugniſſe ſind hoch im Preiſe geſtiegen, große Summen nit irgend Geldes ſtrömen aus allen umliegenden Ländern nach Ihr Euch. Flandern, der Werth des gemünzten Goldes und Sil⸗ aber ich bers iſt dadurch bei uns merklich geſunken, während die her allein Lebensmittel dadurch immer theurer geworden ſind. Nun ichtſchnur. weigert Ihr Euch, den Arbeitern der Walkerei einen bekämpfen höhern Lohn für jedes gewalkte Stück Tuch zu geben; nüller ihre ſte können doch täglich nur eine gewiſſe Anzahl Stücke ſie an und bereiten, demzufolge gewinnen ſie jetzt nicht mehr als in Ihr habt den ſchlimmſten Zeiten und müſſen nun ſo viel darben, wieſtigkei⸗ als die Lebensmittel im Preiſe geſtiegen ſind; die andern parteilich⸗ Gilden haben ihren Wohlſtand ſich vergrößern ſehen; die glieder der Tuchhändler und Weber gewinnen außerordentlich viel rgend eine Geld, das könnt Ihr nicht leugnen, iſt das wohl recht? enicht die Sind die Walkmüller nicht auch unſere Brüder? Wollt gefällt hat. Ihr, da Ihr durch ein kleines Opfer ihr Elend vermin⸗ ieſen Aus⸗ dern könnt, taub bleiben für ihre gegründeten Klagen? innerhalb O, bekennt es, die chriſtliche Bruderliebe muß ſich erwei⸗ meint Ihr ſen, wo die menſchlichen Einrichtungen mangelhaft ſind, liebe fehlt? ſie iſt das Geſetz der Geſetze, von Gott ſelbſt als ewige en ſeien ſo Richtſchnur angedeutet..... 4 t und Ein⸗ Geeraert Denys fuhr plötzlich zornig auf und wollte dürfe, ſie reden, einige Dechanten der Weber hielten ihn aber mit det Ihr in Gewalt zurück und zwangen ihn, ſich niederzuſetzen, wäh⸗ es heiligen rend die Walkmüller und die kleinen Gilden laut und thun, was wüthend über dieſe Störung zürnten. Geſetz Euch„Ihr werdet nun begriffen haben, was meine Ge⸗ hat ſich in danken über den Streit ſelbſt ſind,“ fuhr Artevelde fort. — Jakob von Artevelde. V. 3 9 130 Jakob von Artevelde. „Ihr ſeht, daß ich Niemandem, wer es auch ſei, Recht oder Unrecht gebe, weil ich gezwungen bin, als Ober⸗ hauptmann zu bekennen, daß das Geſetz für die Weber pricht, und weil ich als Menſch und als Chriſt der Ueber⸗ zeugung lebe, daß die Walkmüller Recht haben hinſichtlich ihrer Forderung. Mein Vorſchlag fließt daher aus die⸗ ſer doppelten Ueberzeugung: vier Grote Erhöhung iſt zu viel; die Erfahrung ſagt mir, daß eine ſo anſehnliche Er⸗ höhung des Arbeitslohnes dem vlämiſchen Handel ſcha⸗ den würde, aber wenn Ihr auf meinen Rath hören wollt, ſo theilt den Unterſchied, bewilligt den Walkmüllern zwei Grote, das wird den Handel unmerklich belaſten und für Eure Brüder eine wohlthätige Erleichterung ſein, und Ihr, Walkmüller, begnügt Euch mit dieſer rechtlichen Er⸗ höhung, es iſt auf beiden Seiten ein kleines Opfer, das ich Euch flehe auf dem Altare der Eintracht und Bruder⸗ liebe niederzulegen. Glaubt mir, ſpäter werdet Ihr Euch dieſer That mit Stolz und Freude erinnern; ich über⸗ laſſe meinen Vorſchlag Eurer freien Erwägung. Che ich ſchließe, beſchwöre ich Euch indeſſen, Freunde und Ge⸗ noſſen, verbannt allen Haß aus Eurem Herzen und be⸗ urtheilt die Sache wie vernünftige Männer. Bedenkt wohl, was Ihr thut; wählt:— Verſöhnung und die Macht, Euer Vaterland und Eure Freiheit zu vertheidi⸗ gen oder Blutvergießen, Flanderns Fall, den Tod des Handels und der Gewerbfreiheit, Schande und Skla⸗ verei.“ Artevelde's Worte hatten auf die Verſammlung einen tieferen Eindruck gemacht, als er ſelbſt gehofft hatte; es folgte faſt a geneig heftig und l ſte ſich Nachg erhobe Wort Halsſt Seite Jan 2 wiſſen ten gl N von de und w 144. gelegt drigt n macht. landsli ſuchte ſagte u müller! lange; minder linge, Es iſt Jakob von Artevelde. 131 i, Recht folgten heftige Berathſchlagungen zwiſchen den Dechanten, s Ober⸗ faſt alle zeigten ſich einer Vermittelung auf dieſe Weiſe e Weber geneigt, Geeraert Denys ausgenommen, der ſich in einen r Ueber⸗ heftigen Streit mit den Dechanten der Weberei verwickelte inſichtlich und laut gegen ſie anſchrie, daß ſie feige handelten, wenn aus die⸗ ſte ſich durch ſolche ſchöne prahleriſche Redensarten zur ng iſt zu Nachgiebigkeit verleiten ließen. Einige ſeiner Genoſſen lliche Er⸗ erhoben ſich gegen ihn und wollten ihn hindern, das del ſcha⸗ Wort zu führen, indem ſie ihm vorwarfen, daß ſeine en wollt, Halsſtarrigkeit an Allem Schuld ſei. An der anderen Seite der Tafel ſtritt man nicht minder ungeſtüm mit Jan Bake, der ebenfalls von keinem Vertrage etwas wiſſen wollte, jedoch auf den Rath der anderen Dechan⸗ lern zwei ſten und ſein, und ichen Er⸗ ten gleich darauf eine beſſere Anſicht zu faſſen ſchien. ffer, das Nach einigen Augenblicken riß Geeraert Denys ſich Bruder⸗ von den Webern los und rief mit ungeduldigem Eifer Ihr Euch und wüthenden Mienen: ich über⸗„O es iſt eine ſchändliche Falle, die man uns hier Che ich gelegt hat; die Walker ſollten ſiegen, die Weber ernie⸗ und Ge⸗ drigt werden, das war im Voraus beſchloſſen und abge⸗ und be⸗ macht. Zuerſt erſchreckte man uns, rief unſere Vater⸗ Bedenkt landsliebe an, ſprach von Geſetz, Recht und Religion, und die ſuchte uns zu rühren und zu blenden..... und dann vertheidi⸗ ſagte man zum Schluß: Ergebt Euch, ſchenkt den Walk⸗ Tod des müllern zur Belohnung des Hohnes, den ſie Euch ſo nd Skla⸗ lange zugefügt haben, was ſie verlangen, oder wenig minder; beſchmuzt, entehrt Eure Zunft; werdet Feig⸗ ung einen linge, unfähig, das Recht zu erhalten und zu rächen. hatte; es Es iſt möglich, daß Einige durch eine ſchlau berechnete 1„ 9** Jakob von Artevelde. Rede ſich haben verführen laſſen; aber, und wenn ich auch allein übrig bliebe, um die Würde der Weberei zu vertheidigen, ſo werde ich dieſe Pflicht mit Unerſchrocken⸗ Rit erfüllen. Was hier vorgeſchlagen wurde, iſt unmög⸗ lich. Wir wiſſen, was uns die Meiſter und Geſellen, die dort unten ſtehen, aufgetragen haben. Nichts, nichts dürfen wir zugeben; es würde doch durch die Zunft ver⸗ worfen werden. Alſo keine Feigheit, Genoſſen! Befleckt Euch nicht dadurch, daß Ihr Euch den thörichten Walk⸗ müllern unterwerft. Komme, was da wolle, die Ehre der Weberei geht über Alles.“ „Alſo Ihr wollt, daß Blut vergoſſen werde?“ fragte Artevelde betrübt. „Blut! Blut!“ rief Denys mit wildem Tone. „Weicht ein Genter zurück bei dem Anblick von Blut, 77 Er wollte in ſeinen Einwürfen fortfahren; aber jetzt ſprang Jan Bake, der rieſenhafte Dechant der Schmiede, auf und ſprach, faſt wahnſinnig vor Zorn: „Ha! Ihr glaubt, daß wir das dulden werden? Wenn wir bereit ſind, zu thun, was der Oberhauptmann ſagt, ſo wollt Ihr hier uns ſchimpfen und uns in's An⸗ geſicht ſpeien, daß wir thörichte Leute ſeien? Ihr bietet uns alſo Streit an?“ „Nein, nein!“ riefen die meiſten Dechanten der We⸗ berei;„wir wollen Frieden, Verſoͤhnung; wir billigen den Vorſchlag.“ „So bringt Euren Oberdechanten zum Schweigen!“ polterte Jan Bake.„Und daß er mit Ehrfurcht von den Walkn um zu D raert? den hi ken, do zeugt l wenn hinder! 7/ hofft d Weber gen er wenn Gildei zu eine müller komme ſie etw nem Y fen und Ar gegen Gilden drohten rend Je Tiſchble er Den T venn ich berei zu hrocken⸗ unmög⸗ llen, die , nichts inft ver⸗ Befleckt Walk⸗ die Ehre “" fragte n Tone. on Blut, aber jetzt Schmiede, werden? uptmann in's An⸗ Ihr bietet der We⸗ billigen weigen!“ von den Jakob von Artevelde. 133 Walkmüllern ſpreche, oder Ihr ſollt nicht lange warten, um zu ſehen, mit wem Ihr es zu thun habt.“ Die Mitglieder der Weberzunft bemühten ſich, Gee⸗ raert Denys zur Ruhe zu bringen. Dieſer hatte aber den höchſten Punkt der Wuth erreicht durch den Gedan⸗ ken, daß der Oberhauptmann ſeine eigenen Freunde über⸗ zeugt habe und einen ſchönen Sieg davon tragen würde, wenn er dies nicht durch einen entſcheidenden Schlag hinderte. „Schweigen? ich ſchweigen?“ ſchrie er.„Nein! hofft das nicht! Ich ſpreche hier im Namen der ganzen Weberzunft, deren Ehre ich vertheidige. Eure Drohun⸗ gen erſchrecken mich nicht. Ich wiederhole es Euch, und wenn auch Einige vor Aerger darüber berſten: unſere Gilde iſt das erſte Glied der Gemeine und kann ſich nicht zu einer abgezwungenen Uebereinkunft mit den Walk⸗ müllern vereinigen. Dieſe Schmach ſoll nie über ſie kommen. Geht hinunter und fragt unſere Geſellen, ob ſie etwas bewilligen wollen. Sie werden, wie aus ei⸗ nem Munde, Euer Verlangen mit Verachtung verwer⸗ fen und, gleich mir, rufen: niemals! niemals!“ Artevelde ſtreckte ſeine Hände der Verſammlung ent⸗ gegen und wollte reden; aber die Dechanten der kleinen Gilden und die Walkmüller ſprangen zugleich auf und drohten Geeraert Denys mit verwirrtem Geſchrei, wäh⸗ rend Jan Bake auf die Tafel ſchlug, daß ein Stück des Tiſchblattes abbrach und auf die Erde fiel. Dann ſtreckte er Denys beide Fäuſte entgegen und ſchrie ihn an: „Du forderſt uns heraus, hochmüthiger Weber? 134 Jakob von Artevelde. Wohl denn! das Blut falle auf Dein Haupt zurück! Wir wollen ſehen, ob Dein Muth Deinem trotzigen Wahne gleich kommt. Wer mich liebt, folge mir! Zu den Waffen! zu den Waffen!“ Während er dieſe ſchrecklichen Worte ſprach, warf er die Stühle um und eilte nach der Treppe, von allen Dechanten ſeiner Partei begleitet. Bei dem Rufe:„Zu den Waffen!“ der eben ſo raſch auf dem Markte wieder⸗ hallte, begriffen die Dechanten der Weberei, welche Ge⸗ fahr ihnen drohe, und eilten ebenfalls aus dem Saale, indem ſie riefen:„Zu den Waffen! zu den Waffen!“ Mit gebeugtem Haupte und ſchweigend die Thränen in ſeinen Augen trocknend, ging Artevelde ſtumm hinun⸗ ter und betrachtete mit trübem Blicke die Bewegung der Menge. Die Dechanten konnten noch nicht einmal den Platz erreicht haben, wo ihre Zünfte ſtanden, als auch ſchon ein furchtbares Geheul, gleich einem rollenden Donner⸗ ſchlage, aus dem Schooß der Schaaren emporſtieg.„Zu den Waffen! zu den Waffen!“ klang es über den Häu⸗ ſern, wie wenn ein rieſenhafter Wiederhall den bluti⸗ gen Ruf wiederhole.— Unmittelbar darauf wühlte der Volksſchwarm verwirrt durcheinander; der Freitagsmarkt glich einem überſtrömenden See, und die Menge ſtürzte ſich, wie eben ſo viele Bäche, aus ihm in alle angrenzen⸗ den Straßen. Jeder lief in vollſter Eile nach Hauſe, um ſeine Waffen zu holen. Der ſchreckliche Ruf erſtarb in den fernſten Vierteln der Stadt, und gleich darauf war auf de als die Waare „ ſchöffe, dieſes t „ Schritte Mher wollen noſſen i pfen we ßen geſe Schickſa zum Sc „N nung, flehend. ſind. 2 Verwirr koſtbar. verloren. Lens un führen, Sta mit eine t zurück! trotzigen mir! Zu warf er on allen fe:„Zu e wieder⸗ elche Ge⸗ n Saale, fen!“ Thränen n hinun⸗ gung der den Platz ich ſchon Donner⸗ g.„Zu en Häu⸗ n bluti⸗ öhlte der gsmarkt e ſtürzte grenzen⸗ luſe, um ſtarb in auf war Jakob von Artevelde. 135 auf der todten Ebene keine lebende Seele mehr ſichtbar, als die ängſtlichen Bürger, die mit zitternder Haſt ihre Waaren hineintrugen und ihre Läden ſchloſſen. „Gott! was ſoll nun geſchehen?“ ſeufzte der Ober⸗ ſchöffe, der neben dem Oberhauptmann ſtand und zitternd dieſes trübe Schauſpiel anſah. „Kommt, kommt!“ ſagte Artevelde, mit raſchen Schritten nach der Lange⸗Munte zugehend.„Wenn Mher Ghelnoot eine gute Wache zuſammengebracht hat, wollen wir den Freitagsmarkt beſetzen, ehe die Zunftge⸗ noſſen in größerer Zahl bewaffnet herankommen. Käm⸗ pfen werden ſie unfehlbar; wenn es aber in den Stra⸗ ßen geſchehen muß, ſo wird es minder blutig ſein. Das Schickſal hat entſchieden; thun wir unſere Pflicht bis zum Schluß!“ „Nein, nein! ich bitte Euch, geht nach Eurer Woh⸗ nung, Oberhauptmann!“ ſprach Ser van Vaernewyck flehend.„Ihr wißt, daß viele Leute auf Euch erbittert ſind. Wie leicht könnten Eure Feinde Euch in dieſer Verwirrung treffen und Euch tödten. Euer Leben iſt zu koſtbar. Geſchähe ein ſolches Unglück, ſo wäre Alles verloren. Laßt mich gehen! Ich werde mit Mher van Lens und Mher van Caudenhove die Maßregeln aus⸗ führen, die Ihr eben angedeutet habt.“ Statt aller Antwort blickte Artevelde ſeinem Freunde mit einem eigenthümlichen Lächeln in die Augen und ——y—— 136 Jakob von Artevelde. ſagte dann zu ihm, als ab er ſeinen Rath nicht verſtan⸗ den habe: „Kommt ſchneller, Oberſchöffe! Jenſeits der Grafen⸗ brücke laufen die Fiſchhändler bereits nach dem Freitags⸗ markte. Die Sache verlangt Eile.“ Ende des fünften Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. t verſtan⸗ r Grafen⸗ Freitags⸗