—— E 4———— ' 0 9 9 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur † Eduard Oktmann in Gießen, † Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Teſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 3 ( 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von„ jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme bin Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe G hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet„ zwird. 8 · 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 5—————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 0 2 7—„ 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt b der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ felben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 2——y— „ kur zu Fsnutzung im Lesesaal —— Niederländiſche Bibliothek. ZJa Vierter Band. Vlän Hendrik Conſeience. Jakob von Artevelde. Vierter Band. —— Leipzig Nerlag non Carl Z. Lorch. 1849. Hendrik Conſcience. k. Jahkob von Artevelde. Hiſtoriſcher Roman aus dem Vlämiſchen unter Mitwirkung des Verfaſſers von O. f. B. Wolff. Vierter Band. — e— Lei pzig Verlag von Carl B. Lorch. 1849. In weiſe Belage Bande Willki ſtillſtaꝛ nen zie und d Ausder Wohlſ Flande alle W Volk! Es man a 5 vergän ſchon dern u mächti⸗ des ver Jakob X. In Folge des entſcheidenden Sieges, welchen Artevelde's weiſe Standhaftigkeit über die franzöſiſche Politik bei der Belagerung von Doornik davongetragen, waren alle Bande gelöſt, welche Flandern Jahrhunderte lang an die Willkür Frankreichs gefeſſelt hatten. Da der Waffen⸗ ſtillſtand mehrere Male erneut wurde, ſo genoß man ei⸗ nen ziemlich langen Frieden; der Handel mit England und den verbündeten Landen erhielt eine erſtaunliche Ausdehnung, und es bildete ſich raſch ein öffentlicher Wohlſtand, wie man ihn noch nie vorher gekannt hatte. Flandern hatte Unabhängigkeit, Macht, Reichthum, kurz alle Wohlthaten, die ein fleißiges und freiheitliebendes Volk wünſchen kann, erlangt. Es ließ ſich vermuthen, daß man dem Helden, dem man alles dieſes verdankte, unbegrenzte Liebe und un⸗ vergängliche Erkenntlichkeit zollte, denn hatte man ihn ſchon geliebt, als er ſein Leben unaufhörlich für Flan⸗ dern wagte, hatte man ihn bewundert, während ſein mächtiger Geiſt alle argliſtigen Beſtrebungen des Fein⸗ des vereitelte, um wie viel mehr mußte man ihn jetzt lie⸗ Jakob von Artevelde. IV. 1 6 Jakob von Artevelde. ben und bewundern, wo der Erfolg bewies, daß er ſich in ſeinen großen Entwürfen nicht getäuſcht habe! Aber freie Völker ſind wankelmüthiger Art. Wenn man auch oft erſtaunt über die heldenmüthigen Kraft⸗ anſtrengungen, deren ſie ſich fähig zeigen, ſo möchte man noch öfter mitleidig lächeln über die kindiſche Grillen⸗ haftigkeit und weibiſche Schwäche, in die ſie verfallen. So lange die Zuchtruthe der Furcht vor ihren Augen erhoben bleibt, laſſen ſie ihre inneren Streitigkeiten fah⸗ ren, um die allgemeine Gefahr zu bekämpfen; jeder ſcheint zu fühlen, was er kann und was er nicht kann; die Herr⸗ ſchaft ſchlummert in den kleinen Seelen, und wer nicht geſchaffen iſt zu befehlen, bietet ſich ſelbſt an, um ſich be⸗ fehlen zu laſſen. Dann ſchreit das Volk nach Häuptern und Führern, und gewöhnlich wählt man mit wunder⸗ barem Scharfſinne die Muthigſten und Geſchickteſten da⸗ 3u1.... Sobald aber der Friede eintritt, ſobald die Gefahr verſchwindet und mit ihr die Zuchtruthe— augenblicklich richten die Gemüther alle ihre Kräfte nach Innen, um ſich Beſchäftigung in den unbedeutendſten Zwiſtigkeiten zu ſuchen: Parteiſucht, Neid, Haß und Verleumdung entbrennen plöͤtzlich; man ſteht auf gegen eine Obrigkeit, der man ſich bloß aus Nothwendigkeit unterworfen zu haben ſcheint und die man vernichten will, weil man ſie für unnütz hält; man verkennt die erwieſenen Dienſte und ſcheint die Dankbarkeit ſelbſt als eine neue Sklaverei zu betrachten. In ſolchen Zeiten ge⸗ winnt die kleinlichſte Herrſchſucht wieder Raum; die dümmſte Unzufriedenheit, die ungeſetzlichſte Ehrſucht fin⸗ 2— —— den nach verlo der Fein anbi gar derje mind Leich gekä dem an neue feig ſen die terle doch ſicht den alle und eine von 4 Jakob von Artevelde. den plötzlich zahlreiche Anhänger; man fragt nicht mehr aß er ſich— de! nach Fähigkeit, nach Verſtand oder Muth. Was man t. Wenn verlangt, iſt Beſchäftigung für den ungeduldigen Geiſt, en Kraft⸗ der ſich gegen die Ruhe des Friedens wie gegen eine chte man Feindin auflehnt. Wer dem Volke ſolche Beſchäftigung Grillen⸗ anbietet, und wäre ſein Zweck auch eine Thorheit, ja ſo⸗ verfallen. gar eine Schlechtigkeit, findet Gehör bei der Menge, und i Augen derjenige, der in Zeiten der Gefahr nicht fähig war, das iten fah⸗ mindeſte Gute zu ſtiften, erhält durch den allgemeinen er ſcheint Leichtſinn die Macht, das Aergſte auszuführen. die Herr⸗——— ver nicht— 1 Artevelde hatte mit Glück gegen Flanderns Feinde ſich be⸗ Aur 4 Säuptern gekämpft und ſie endlich ganz beſiegt. Dieſer Streit, in wunder⸗ 4 dem Alles groß und rieſenhaft war, fand ihn mächtig eſten da⸗ an Geiſt und Herz;— jetzt ſtand er aber vor einem bald die neuen Kampfe, in welchem Alles gemein, kleinlich und uthe— feig war, und doch fühlte er ſich minder ſtark gegen die⸗ ifte nach ſen Angriff der verächtlichſten Leidenſchaften, als gegen itendſten die ſchrecklichen Stürme, welche Frankreich über ſein Va⸗ Haß und terland heraufbeſchworen hatte. uf gegen Obſchon der Waffenſtillſtand lange fortwährte, war endigkeit doch der Zwiſt zwiſchen Frankreich und England hin⸗ ernichten ſichtlich des Beſitzes der franzöſiſchen Krone nicht entſchie⸗ ennt die 4 den worden. Die beiden Fürſten thaten im Gegentheil elbſt als 8. alles Mögliche, um neue Bundesgenoſſen zu gewinnen,. eiten ge⸗ und waren Willens, den Krieg fortzuſetzen, ſobald ſie im; die eine günſtige Gelegenheit dazu finden würden. Philipp ucht fin⸗ von Valois ſparte mittlerweile weder Geld noch Be⸗ 1 † ——— 8 Jakob von Artevelde. ſtechungen, um Flandern von dem Bündniſſe mit Eng⸗ land abzuziehen und es für ſich zu gewinnen. Durch den Grafen Ludwig von Nevers unterſtützt, hatte er die mei⸗ ſten Edelleute des platten Landes in Flandern dahin ge⸗ bracht, ſich zu ſeinen Gunſten gegen die Gemeinen zu erklären und ihm in ſeinen geheimen Unternehmungen behülflich zu ſein. Der große Bürger von Gent durchſchaute alle dieſe liſtigen Handlungen wohl, und fürchtete mit Recht, daß ihre Anſchläge den Feinden ſeines Vaterlandes glücken würden, während das Volk, jetzt gänzlich beruhigt über die Gefahr, ſich mit unbegreiflicher Blindheit aufregen und irre leiten ließ. Er gebrauchte täglich ſeine ganze Beredtſamkeit, um den Behörden und ſelbſt der Menge begreiflich zu machen, daß der Kampf gegen Frankreichs Liſt nicht aufgehört habe und daß der herrſchende Leicht⸗ ſinn Flanderns Fall vorbereiten könne. Man erkannte, daß er die Wahrheit ſpreche; man ſchenkte ſeinen Worten Glauben; aber da das allgemeine Band der Furcht zer⸗ riſſen war und die Bürger ihre beſonderen Anſichten nicht mehr auf dem Altare des Vaterlandes opfern woll⸗ ten, ſo blieben die Parteien, wie ſie waren. Da Artevelde den Wohlſtand, deſſen ſich Flandern erfreute, geſchaffen, und das Bündniß mit England als das einzige Mittel des Gedeihens des Handels und der Macht gegen Frankreich geſchloſſen hatte, ſo war er noch immer der Grundſtein, auf welchem Flanderns Fortbe⸗ ſtehen ruhte. Daher richteten ſich auch alle L eidenſchaften und alle Beſtrebungen nach Ve ränderungen gegen ihn; 2 — — ͦ— — OQ— jeder zufr dem Dad ſchät däch liche rung denk ſchlä noch hinr Sie zu b Frar halfe punk und Flan den hatte Emp müd des Herr würd dazu ren 1 lit Eng⸗ urch den die mei⸗ ihin ge⸗ inen zu mungen lle dieſe ht, daß glücken gt über ufregen ganze Menge rkreichs Leicht⸗ kannte, Vorten ht zer⸗ iſichten woll⸗ indern id der r noch ortbe⸗ haften ihn; — — Jakob von Artevelde. 9 jeder Unzufriedene, wie klein auch die Urſache ſeiner Un⸗ zufriedenheit ſein mochte, ſchrieb ihm die Urſache zu von dem, worüber er Grund zur Klage zu haben glaubte. Dadurch wurde es Artevelde's Feinden äußerſt leicht, die ſchändlichſten Anſchuldigungen und die abſcheulichſten Ver⸗ dächtigungen gegen ihn auszuſtreuen. Seine außerordent⸗ liche Thätigkeit, ſein unerſchütterlicher Muth, die Erinne⸗ rung an ſeine großen Thaten, welche noch in dem An⸗ denken der größeren Menge fortlebte, vereitelten die An⸗ ſchläge ſeiner feigen Verleumder, und er blieb wenigſtens noch immer der mächtige Bürger, deſſen Wink allein hinreichte, das Ungethüm zum Schweigen zu bringen. Sie gaben es daher auf, ihn auf dem Wege des Rechts zu bekämpfen, und verbanden ſich mit den Emiſſären Frankreichs, dieſen Feinden ihrer eigenen Gedanken, und halfen ihnen das Feuer des Aufruhrs ſchüren über Frag⸗ punkte inländiſcher Regierung und Urſachen des Zwiſtes und der Eiferſucht zwiſchen den verſchiedenen Theilen Flanderns. Zufolge des Angriffsplanes gegen den weiſen Mann, den ſie von den Anhängern Frankreichs angenommen hatten, mußte man das reiche Flandern durch Aufruhr, Empörungen, Zwiſt und Parteien erſchopfen und er⸗ müden, indem man die Schuld des Blutvergießens und des Verfalls des Handels und Gewerbfleißes Artevelde's Herrſchaft zur Laſt legen ſollte. Allmählig, hofften ſie, würde dann das Volk durch zweckmäßige Aufhetzungen dazu gebracht, ſich gegen den Oberhauptmann zu erklä⸗ ren und eine Veränderung der Regierung zu verlangen. 10 Jakob von Artevelde. Dieſe Regierungsveränderung beſtand für die Leligerds Ra oder Franzöſiſchgeſinnten in einer Unterwerfung Flan⸗ ſchl derns unter Frankreichs Willen, für die Neider von Ar⸗ tevelde's Größe dagegen in dem Sturze des Helden. Dieſe wollten dann ſich ſeines Einfluſſes und ſeiner Herrſchaft Zei b bemächtigen, ohne jedoch etwas an ſeinen Plänen oder abe an ſeiner Politik zu ändern. der Man glaube jedoch nicht, daß ganz Flandern ſo raſch wo⸗ † die großen Verdienſte vergeſſen hatte, die der weiſe Mann Bü 3 ſeinem Vaterlande geleiſtet; im Gegentheil, drei Viertel der der Bevölkerung betrachteten ihn fortwährend als den mei Erlöſer und den einzigen fähigen Beſchützer der Freiheit übe und der Wohlfahrt Flanderns, und bewieſen ihm die die innigſte Anhänglichkeit; aber das letzte Viertel, aus Un⸗ 4 ruhigen und Ehrgeizigen beſtehend, borgte von der Bos⸗ 3 ſein heit ſeiner Abſichten ein Feuer und eine Stärke, die den bez friedlichen Freunden Artevelde's zu mangeln ſchien. So fluf geht es gewöhnlich; man möchte ſagen, daß das Gute, jetz wenn man es einmal errungen hat, Einem keine Kräfte unt zur Vertheidigung übrig läßt, und daß die Macht allein her denen gehört, die nach Veränderung ſtreben, müßte ſelbſt ſolche Veränderung das Volk offenbar in Elend und Er⸗ und niedrigung zurückſtürzen. En Die Gemüther waren in dieſer beklagenswerthen für Stimmung; täglich entſtanden Empörungen und Auf⸗ fen ruhr, welche durch Gewalt unterdrückt werden mußten. 4 ein Flandern glich einem Vulkane, der über kurz oder lang Ve ausbrechen mußte, ohne daß man vorherſagen konnte, 1 Gr was das Ende ſein würde, als Graf Ludwig, auf den eligerds Flan⸗ on Ar- Dieſe rrſchaft n oder o raſch Mann Viertel ls den Freiheit hm die us Un⸗ Bos⸗ die den . So Gute, Kräfte allein ſelbſt 1d Er⸗ erthen Auf⸗ ußten. r lang onnte, if den Jakob von Artevelde. 11 Rath Philipp's von Valois, den Gemeinen den Vor⸗ ſchlag machen ließ, unter gewiſſen Bedingungen wieder nach Flandern zurückzukehren und ſeine Herrſchaft wieder hergeſtellt zu ſehen. Der Graf verlangte, daß zu gleicher Zeit mit ihm alle Verbannten wiederkehren möchten; aber da dieſer letzte Punkt den Geſetzen und Vorrechten der Gemeinen zuwider lief, ſo ward die Bedingung ver⸗ worfen. Des Grafen einziger Zweck war jedoch, das Bündniß mit England zu löſen; er gab daher dieſe For⸗ derung auf und verſöhnte ſich zum Schein mit den Ge⸗ meinen. Demgemäß kam er nach Flandern und ward überall mit Pracht und Freude empfangen, worauf er die feſte Stadt Damme zu ſeinem Aufenthalt wählte. Die Anhänglichkeit und Liebe, welche man ihm bei ſeiner Reiſe durch Flandern überall ſo laut und redlich bezeigt hatte, täuſchten ihn über die Größe ſeines Ein⸗ fluſſes auf das vlämiſche Volk. Er glaubte, die Zeit ſei jetzt gekommen, unverhüllt ſeine Wünſche auszuſprechen und Flandern unter den Druck von Frankreichs Ober⸗ herrſchaft zuruͤckzuführen. Er berief einen Landtag der Gemeinen nach Damme und machte dort Vorſtellungen gegen das Bündniß mit England, welche die Abgeordneten erſchreckten und Jeden fürchten ließen, daß man ſich über die Abſichten des Gra⸗ fen getäuſcht habe und er, trotz ſeinen Verſprechungen, ein Werkzeug Philipp's von Valois geblieben ſei. Die Verſammlung ging misvergnügt auseinander und der Graf ſah ſich auf's Neue allen Einfluſſes beraubt und von ſeinen Unterthanen mit Mistrauen betrachtet. 12 Jakob von Artevelde. Die Anhänger Frankreichs beſchworen indeſſen ein lich 1 anderes Ungewitter herauf. Seit Jahrhunderten waren leg die großen Städte Flanderns im Beſitze des Alleinhan⸗ ſtin dels mit wollenen Tuchen; nach den beſtehenden Privi⸗ ger legien durften die Gemeinen auf dem platten Lande und Linn die kleinen Städte kein Tuch weben, oder höchſtens nur Sc ſchmale und grobe Sorten bereiten. Da nun aber die 1 Ausbreitung des Außenhandels mehr Arbeit forderte, Nel 4½ als man in den großen Städten liefern konnte, ſo hatte der 1 man dieſe Vorrechte eine Zeit lang nicht beachtet und es gen gab faſt keine Gemeine in Flandern mehr, wo man nicht ſ— unaufhörlich das Klappern der Webeſtühle hörte und ſich ſich nicht erkühnte, jede Art von Tuch nachzumachen. den Obwohl die Vernichtung der Lakenwebereien in klei⸗ die nen Gemeinen damals keine Nothwendigkeit war, ſo d wußte man doch durch heimliches Hetzen die Eiferſucht 1 der Gilden in den großen Städten ſo aufzuregen, daß len ſie in ganz Flandern das Geſchrei erhoben, ihr verletztes Recht müßte wieder hergeſtellt und die Tuchweberei auf piu dem platten Lande aufgehoben werden. Die That zu den ui Worten fügend, ſandten ſie bewaffnete Schaaren aus d und ließen die Webeſtühle der kleinen Gemeinen mit Ge⸗ Un walt zerſtören oder verbrennen, ſich auf ihre Privilegien berufend, welche ihnen allerdings dazu die Macht und. ſet das Recht verliehen. In vielen Gemeinen vertheidigten Pr die Angeſeſſenen ihr Eigenthum, und nicht ſelten floß der auf beiden Seiten Blut. Was auch Artevelde thun mochte, um durch ſeine nuß Vermittelung dieſen allgemeinen Kampf des Volkes fried⸗ ſch en ein waren inhan⸗ Privi⸗ de und s nur der die rderte, hatte und es nicht nd ſich mklei⸗ d, ſo rſucht daß letztes i auf u den aus — Ge⸗ egien und igten floß ſeine ried⸗ Jakob von Artevelde. 13 lich beizulegen und die Städte zu bewegen, ihre Privi⸗ legien nicht ſo ſtreng auszuüben, es glückte ihm nicht; ſeine Feinde ſchürten den Haß ſo ſehr, daß die Vlämin⸗ ger im Begriff ſchienen, ſich in langem Kampfe unter einander zu ermorden. Da der Oberhauptmann in Allem dem Willen der Schöffen von Gent unterworfen war und er ſich in kei⸗ nem Falle der Ausführung eines geſetzlichen Rechtes wi⸗ derſetzen konnte, ſo ſah er ſich genöthigt, den Forderun⸗ gen der großen Städte nachzugeben, und fühlte ſich um ſo mehr dazu angetrieben, weil die Franzöſiſchgeſinnten ſich mit den Unzufriedenen der kleinen Gemeinen verbun⸗ den hatten und ſich anſchickten, unter dem Vorwande dieſes gewerblichen Streites einen allgemeinen Aufſtand zum Vortheile der franzöſiſchen Politik herbeizuführen. Da die hochſte Gefahr drohte und deren Abwehrung ei⸗ nen ſtarken Willen forderte, ſo ſandte er ſeinen Haupt⸗ leuten in Weſtflandern, wo die Unruhen ihren Mittel⸗ punkt hatten, die ſtrengſten Befehle, jeden Aufruhr un⸗ mittelbar zu unterdrücken und ohne Anſehen der Perſon diejenigen zu beſtrafen, welche man mit den Waffen in der Hand antreffen würde. Binnen Kurzem wurden viele Unzufriedene und Aufhetzer erſchlagen oder gefangen ge⸗ ſetzt und durch die gewöhnlichen Gerichtshöfe zur Ver⸗ bannung verurtheilt; die Hauptleute in den weſtlichen Provinzen vollzogen Artevelde's Gebot mit einem Eifer, der vielleicht noch über ſeine Wünſche hinausging; denn man beſchuldigte ihn öffentlich der Grauſamkeit. Wahr⸗ ſcheinlich war dieſer Vorwurf eine neue Liſt der Feinde 14 Jakob von Artevelde. des Oberhauptmanns. Wie dem auch ſein mochte, ein lich er Theil des Volkes ſchenkte demſelben Glauben und be⸗. ger v⸗ klagte ſehr das Schickſal der Empörer, die man als die tet hä Schlachtopfer von Artevelde's Strenge betrachtete. gen foͤ Um dieſe Zeit erhielt der Schöffenrath von Gent ei⸗ zahlre nen geheimen Bericht, in welchem demſelben gemeldet ſahen, wurde, daß ſich in Weſtflandern eine große Verſchwö⸗ ternel rung gebildet habe zwiſchen den Leligerds und den Un⸗ ſeiner zufriedenen der Gemeinen, um ſich gemeinſchaftlich gegen dem? die drei Hauptſtädte Flanderns zu erheben, die Vorrechte einer der Wollenweberei zu vernichten, dem Grafen eine un⸗ 2 beſchränkte Herrſchaft zu ſichern, die Oberhoheit Frank⸗ wigs reichs anzuerkennen und das Bündniß mit England zu ßen d löſen. Dieſe Verſchwörung, welche innerhalb acht Ta⸗ Grün gen ausbrechen ſollte, hatte bereits vierzehn Fähnlein mit G Bewaffneter heimlich organiſirt. Ein vornehmer Ritter Wenit von Ardenburg, Ser Pieter Lammens, war der Führer zahl d und das anerkannte Oberhaupt derſelben. ſchriee Sobald der Schöffenrath dieſe wichtige Nachricht er⸗ ren al halten, wurde Artevelde der Befehl, mit einigen Ban⸗ hinder den Genter Bürger nach Ardenburg zu ziehen, um die Verſu Verſchworenen anzugreifen und zu vernichten. S Als ſie in Ardenburg anlangten, zogen die Genter geliehe gerades Weges nach Pieter Lammens' Wohnung und tete, erſchlugen ihn vor derſelben. Seine Freunde entflohen Aufſch und verbreiteten in der ganzen Stadt die traurige Kunde, angeb Pieter Lammens ſei grauſam vor ſeiner Thüre ermordet ihm g worden. Das Volk rottete ſich bei der Leiche zuſammen ſethäte und ſtieß Drohungen gegen die Genter aus, ſie ſämmt— dabei⸗ e, ein d be⸗ ls die nt ei⸗ neldet hwö⸗ —Un⸗ gegen rechte un⸗ rank⸗ id zu Ta⸗ nlein titter ihrer t er⸗ Zan⸗ die enter und ohen nde, rdet men mt⸗ 15 Jakob von Artevelde. lich ermorden zu wollen, weil ſie einen unſchuldigen Bür⸗ ger von Ardenburg auf eine unmenſchliche Weiſe getöd⸗ tet hätten. Die Genter ließen es auch nicht an Drohun⸗ gen fehlen, und das zuſammenſtrömende Volk ward ſo zahlreich und ſo wüthend, daß dieſe, die ſich bedrängt ſahen, bereits einen Angriff zu ihrer Vertheidigung un⸗ ternehmen wollten. Da trat aber Artevelde mit einigen ſeiner Begleiter aus Ser Lammens' Hauſe und zeigte dem Volke die Banne des Aufſtandes, welche man nebſt einer großen Menge Kriegswaffen dort gefunden hatte. Auf dieſen Fähnlein war das gräfliche Wappen Lud⸗ wigs und die franzöſiſchen Lilien eingewirkt, und ſie lie⸗ ßen daher nicht den mindeſten Zweifel übrig über die Gründe, weshalb man die Wohnung von Ser Lammens mit Gewalt durchſucht habe. Die Verſchwörung war nur Wenigen im Volke bekannt; deshalb billigte die Mehr⸗ zahl die Strafe, und obwohl noch viele Stimmen Rache ſchrieen und die Menge gegen Artevelde und deſſen Schaa⸗ ren aufzuhetzen ſuchten, ließ man doch die Genter unge⸗ hindert fortziehen, um auch in anderen Gemeinen die Verſuche zum Aufruhr zu unterdrücken. Sei es nun, daß Graf Ludwig von Nevers die Hand geliehen hatte zu dieſer Verſchwörung, oder daß er fürch⸗ tete, in dieſelbe verwickelt zu werden; er verließ ohne Aufſchub Flandern und zog nach Frankreich, als Grund angebend, daß man ihm Gewalt anthue und es hinreiche, ihm geneigt zu ſein, um von den Gemeinen als ein Miſ⸗ ſethäter behandelt zu werden. Die Leliaerds verſäumten dabei nicht, über Artevelde's Herrſchſucht zu klagen, und ———— — ——B:— 16 Jakob von Artevelde. die Neider des Oberhauptmanns hörten ebenfalls nicht auf, Betrübniß über den Abzug des geſetzlichen Fürſten zu heucheln und ſelbſt die ruhigen Bürger gegen Arte⸗ velde aufzureizen. Da nun auf der andern Seite der Oberhauptmann bei den Regierungen der Städte darauf antrug, ſie möch⸗ ten wenigſtens in dieſer Zeit etwas von der ganzen ſtren⸗ gen Ausübung ihrer Privilegien hinſichtlich des Mono⸗ pols der Weberei ablaſſen, ſo wurden ihm auch viele reiche Bürger feindlich geſinnt und es bildete ſich ſelbſt im Schöffenrath zu Gent eine Partei gegen ihn. Kaum hatte er daher den drohenden Aufruhr im weſtlichen Flandern unterdrückt, als auch ſchon ſeine Feinde und Neider die Zeit für günſtig hielten, einen Verſuch gegen ihn zu machen. Die Erfahrung hatte ih⸗ nen gezeigt, daß Artevelde unbeſiegbar bliebe, ſo lange er von dem Schöffenrathe der mächtigen Stadt Gent un⸗ terſtützt würde. Deshalb wollten ſie ihn jetzt im Schooß deſſelben angreifen und den Schöffenrath ſelbſt gegen ihn aufwiegeln. Dies war kein leichtes Unternehmen, weil die Schöffen faſt ſämmtlich an den großen Thaten des Oberhauptmanns Theil genommen hatten. Bei Einigen jedoch wirkte bereits der Neid im Herzen über ſeinen un⸗ begrenzten Einfluß; Andere hatte man durch Verſpre⸗ chungen höherer Aemter und fürſtlicher Gunſt verleitet; wieder Andere, die zur Weberei gehörten, begannen zu fürchten, daß er den kleinen Gemeinen gegen die Städte Vorſchub leiſten und daher ihnen einen bedeutenden Schaden zufügen würde. ——— Diej⸗ ten, mit deten ind Schlag n Viele, d würden, überzeug. bald, ſo⸗ Geer gekomme Ser van Feind A wiſſen, 1 Oberhau Verſchwo Seir fluß bei ihm Ma⸗ ſie dahin ten. Ge wider ſei man vor ohne ſein auf imm die Mach drein ſchi Artevelde Man hat der Notk Jakob vo s nicht Fürſten n Arte⸗ ptmann ie möch⸗ n ſtren⸗ Mono⸗ ich viele ch ſelbſt uhr im n ſeine „einen atte ih⸗ d lange ent un- Schooß gen ihn n, weil ten des Einigen ien un⸗ erſpre⸗ erleitet; inen zu Städte utenden 17 Jakob von Artevelde. Diejenigen, welche daher eine Urſache zu haben glaub⸗ ten, mit dem Oberhauptmanne unzufrieden zu ſein, bil⸗ deten indeſſen die Minderzahl und konnten allein den Schlag nicht mit Sicherheit wagen; aber ſie hofften, daß Viele, die jetzt noch zweifelten, ſich zu ihnen ſchlagen würden, ſobald man ſie durch einen kräftigen Streich überzeugte, daß Artevelde's Einfluß wanke, und daß er bald, ſo wie das Volk gegen ihn aufſtehe, ſtürzen würde. Geeraert Denys behauptete, die Zeit ſei noch nicht gekommen, um dieſen entſcheidenden Streich zu wagen; Ser van Steenbeeke dagegen, der muthigſte und redlichſte Feind Artevelde's, wollte von keinem Aufſchube mehr wiſſen, und erklärte, daß er allein den Kampf gegen den Oberhauptmann beginnen würde, wenn die anderen Verſchworenen ihm ihre Hülfe verweigerten. Seine Stellung als Schöffe und Ritter und ſein Ein⸗ fluß bei dem Grafen, deſſen Günſtling er war, gaben ihm Macht genug über die Anhänger des Fürſten, um ſie dahin zu bringen, daß ſie ſeinem Rathe Folge leiſte⸗ ten. Geeraert Denys ſah ſich demgemäß gezwungen, wider ſeinen Willen an dem gefährlichen Verſuche, den man vorhatte, Theil zu nehmen; denn glückte derſelbe ohne ſeine Mitwirkung, ſo blieb ſein glühender Ehrgeiz auf immer unbefriedigt, da ein Anderer in dieſem Falle die Macht des Oberhauptmanns erben würde. Oben⸗ drein ſchienen ſeit einigen Tagen die Angelegenheiten für Artevelde's Feinde eine günſtigere Wendung zu nehmen. Man hatte noch drei Schöffen gewonnen, welche im Fall der Noth ſich gegen die Herrſchaft des Oberhauptmanns Jakob von Artevelde. IV. 2 18 Jakob von Artevelde. erklären würden, und der Hauptmann von St. Jakobs, Willem van Vaernewyck, ſchwankte und würde gewiß, ſobald ſich die mindeſte Hoffnung eines günſtigen Er⸗ folges zeigte, zu den Verſchworenen übergehen. Außer⸗ dem deuteten die Nachrichten, welche die ausgeſandten Spione über den in den verſchiedenen Vierteln der Stadt vorherrſchenden Geiſt brachten, auf ſo außerordentlich viele Anhänger, daß man faſt des Sieges ſicher ſein konnte. So gern auch der herrſchſüchtige Geeraert Denys ſich öffentlich an die Spitze der Verſchwörung geſtellt hätte, um ſich alle Früchte derſelben zueignen zu können, ſo hielt ihn doch ſeine ſchlaue Vorſicht zurück, da er nicht gewiß wußte, welchen Ausgang die Sache nehmen könnte. Er bediente ſich alſo wieder ſeiner gewöhnlichen Ver⸗ ſtellung, um Freund und Feind zu täuſchen und zu machen, daß im Fall eines guten Erfolges Vortheil und Ehre ihm allein zukämen, während alle Verantwortlich⸗ keit auf ſeine Verbündeten fiel, wenn Artevelde den Auf⸗ ſtand unterdrückte. Durch die Vermittelung des Königs der Ribauden wollte er der Verſchwörung beträchtlichen Beiſtand verſchaffen, um ſich nach gewonnener Sache den größten Antheil am Siege zueignen zu koͤnnen. Alles war bereit, um am andern Tage den Schlag zu wagen; die Häupter der Verſchwörung ſollten an die⸗ ſem Abende noch eine geheime Zuſammenkunft haben. Eine Stunde vor der beſtimmten Zeit hüllte Gee⸗ raert Denys ſich in einen dicken Mantel, zog die Kappe — Jakobs, gewiß, een Er⸗ Außer⸗ ſandten r Stadt ich viele konnte. nys ſich t hätte, ien, ſo er nicht könnte. n Ver⸗ und zu heil und vortlich⸗ en Auf⸗ Königs ichtlichen ache den Schlag an die⸗ aben. te Gee⸗ e Kappe „ Jakob von Artevelde. 19 tief in's Geſicht und verließ ſeine Wohnung, um den König der Ribauden nochmals außzuſuchen, ehe er ſich zur Verſammlung begab. Mit ſchnellen Schritten eilte er über den Kirchhof von Sanct Jan, durch die Ober⸗ ſcheldeſtraße, und ſtand bald darauf unter dem dunklen Gewölbe des Wallthores, wo ihm ſogleich geöffnet und er mit einer gewiſſen Ehrfurcht empfangen wurde. In Muggelyn's Gemach tretend, fand er dieſen mit zweien ſeiner Ribauden bei dem Würfelſpiele; Jeder von ihnen hatte eine ziemliche Anzahl ſilberne Geldſtücke vor ſich liegen, und ſie waren ſo in das Spiel vertieft, daß ſie den Oberdechant nicht eher bemerkten, als bis dieſer ſei⸗ nen Gruß ſehr laut wiederholte. Die Ribauden ſtrichen raſch ihr Geld ein und ver⸗ beugten ſich tief und erſchrocken vor dem Kommenden, als ob dieſer ihr Herr ſei und ſie auf einem Diebſtahle ertappt habe. Geergert Denys blieb verwundert ſtehen, als er die ehrfurchtsvolle Haltung der Ribauden ſah, und warf einen fragenden Blick auf Muggelyn; aber dieſer rief ſchlau: „Was, Burſchen? Ihr wollt gehen, weil unſer Freund Mher Denys uns mit einem Beſuche beehrt? Ihr ſeid verteufelt pfiffig! Weil ich bei dem erſten Wurfe ſechzehn Augen hatte, wollt Ihr das Spiel unterbrechen! Kommt, noch einen Wurf!“ „Ich verlange Euch allein zu ſprechen, Muggelyn!“ ſagte der Oberdechant, mit einem Tone, welcher unter⸗ drückten Zorn vermuthen ließ. 2* 20 Jakob von Artevelde. „Aber Ihr täuſcht Euch, Mher Denys!“ antwortete der Ribaud.„Es ſind ſehr wackere Geſellen, die auch zu den Unſrigen gehören und auf Euren Befehl durch's Feuer gehen würden, wenn es nöthig wäre. Nicht wahr, Jan? Nicht wahr, Steven? Leben und Blut ſtellt Ihr unſerem edelmüthigen Freunde und Herrn Mher Denys zur Verfügung!“ Die beiden Ribauden bezeugten dem Oberdechanten ihre Ergebenheit mit mehr als gewöhnlichem Eifer, und ſagten Worte, welche, obſchon äußerſt ſchmeichelhaft und demüthig, Mher Denys plötzlich erbleichen und vor Angſt und Zorn zittern machten. In der größten Unruhe wie⸗ derholte er als einen entſchiedenen Befehl, daß er mit dem Ribaudenkönige allein ſein wolle. Muggelyn gab ſeinen Leuten ein Zeichen fortzugehen. Denys folgte ihnen bis zu der Thür, die er hinter ih⸗ nen zuſchloß, worauf er wüthend zu dem Könige der Ribauden zurückkehrte und ihm mit erſtickter Stimme zurief: „Elender! Ihr habt alſo meinen Namen verrathen; Ihr habt zu Euren Ribauden geſagt, daß ich, der Ober⸗ dechant der Gilden von Gent, das Haupt des Aufſtandes ſei. Habt Ihr denn vergeſſen, Unglücklicher! daß ſeit Monaten ein muthiger Dolch bezahlt iſt, um Euch heim⸗ lich zu ermorden bei dem mindeſten Verrath?“ „Ha, ha!“ ſpottete der Ribaud, aufſtehend.„Mug⸗ gelyn lacht über Euren Dolch ebenſo, wie über Euer thörichtes Aufbrauſen. Euch iſt auch nicht unbewußt, Mher Denys, daß man dem Ribaudenkönige ſo leicht vortete e auch durch's wahr, Ult Ihr Denys hanten r, und ift und Angſt he wie⸗ er mit ugehen. ater ih⸗ ige der Stimme rrathen; r Ober⸗ fſtandes daß ſeit ch heim⸗ „Mug⸗ er Euer abewußt, ſo leicht Jakob von Artevelde. nicht an den Leib kann, und daß, wenn Cuer bezahlter Dolch dieſem nur eine Schramme in's Geſicht machte, er am andern Tage in die Hölle fahren würde, wohin Ihr um Eurer großen Tugend willen gehört.“ Der Oberdechant zitterte bei dieſen Worten ſo ſehr vor Zorn und Angſt, daß er ſich mit der Hand an einen Stuhl lehnen mußte. „Verräther!“ rief er,„Eure falſche Zunge hat alſo mein Haupt auf die Wagſchale gelegt! Ihr habt Euren feierlichen Eid gebrochen. Was wird die Folge ſein, wenn unſer Anſchlag nicht glückt? Ich werde durch Henkershand vielleicht enthauptet, oder mit den Meini⸗ gen verbannt, entehrt, für immer vernichtet. Euch trifft unfehlbar daſſelbe Schickſal. Ach! hättet Ihr dieſe Un⸗ treue nicht an mir verübt, ſo konnten wir noch oft ohne Gefahr den Kampf wagen, mit der Gewißheit, doch am Ende den Sieg zu gewinnen. Jetzt iſt meine Macht ver⸗ nichtet. Wenn der Anſchlag morgen nicht vollkommen glückt, wird der Oberhauptmann Hand an uns legen, und das Geheimniß, das Ihr ſo ſchändlich ausgeplaudert habt, erfahren und alle ſeine Feinde treffen. Dann wird ſich ihm kein Hinderniß mehr auf ſeiner Bahn entgegen⸗ ſtellen und er ruhig den Fuß auf den Nacken des Volks ſetzen; denn die Vertheidiger der Freiheit werden zer⸗ ſchmettert ſein. Gott, Gott! vielleicht wird er dann in der That Graf von Flandern.“ Bei dieſen Worten ließ der Oberdechant das Haupt langſam auf die Bruſt ſinken, und obwohl der bitterſte Neid und der feurigſte Zorn ſein Antlitz noch entſtellten, 22 Jakob von Artevelde. ſo ſah man doch deutlich, daß Betrübniß und Verzweif⸗ lung ſtrebten, ſich ſeiner zu bemeiſtern. Der König der Ribauden hatte halb lächelnd und mit einer Art ſcherzhafter Verwunderung die Klagen des Oberdechanten angehört. Er ſchien ſich ſogar an deſſen Entſetzen zu erluſtigen und fiel ihm nun in die Rede: „Nun, Meiſter! flößt der morgende Verſuch Euch ſo viel Schrecken ein, um Eure Sinne zu verwirren? Oder iſt die Sache bereits misglückt? Um deſto beſſer; denn mir gefiel ſie doch nicht ganz. Wißt Ihr wohl, Mher Denys, daß ſehr viele Ameiſen dazu gehören, um einen Löwen aufzufreſſen?“ „Mich verrathen! Mein Leben Männern anver⸗ trauen, die man mit einem Kruge Wein erkaufen kann!“ ſeufzte der Oberdechant.„Ach, Muggelyn! ſoll das der Lohn für meine Güte ſein?“ „Der Teufel mag wiſſen, auf welche Schlange Ihr tratet, Mher Denys! Ihr haltet mir da einen Sermon über Schaffot und Galgen, weil ich Euren Namen ver⸗ rathen haben ſoll! Aber ich möchte doch wiſſen, welche Läſterzunge Euch das geſagt hat. Sie ſollte nicht lange in dem lügenhaften Munde bleiben.“ „Höre ich nicht aus Eurem eigenen Munde und dem Eurer Leute, daß Ihr ihnen geſagt habt, was wir mor⸗ gen vornehmen wolltet? Und habt Ihr mich nicht ge⸗ nannt als Theilnehmer an der Verſchwörung? 44 „Iſt das die Urſache Eurer Betrübniß, Meiſter?“ fragte Muggelyn mit erheuchelter Verwunderung.„Ich habe einigen meiner muthigſten Leute, und vorzüglich Jan und viel( beloht willen zielter treue Ande welche 2 ſchwa ſein ſich r täuſch felſpie das i 7* lich, dieſe Ihr uns Zähr ſagte weif⸗ und n des deſſen e: Euch rren? eſſer; wohl, „ um nver⸗ inn!“ s der e Ihr rmon nver⸗ welche lange d dem mor⸗ ht ge⸗ ſter?“ „Ich zhüglich Jakob von Artevelde. 23 Jan und Steven, geſagt, daß Ihr einer der reichſten und edelmüthigſten Bürger von Gent wäret, daß Ihr viel Einfluß hättet und die geringſten Dienſte reichlich belohnt, daß ſchnode Feinde Euch um Eurer Tugenden willen beneiden!, und noch andere Gründe, welche dahin zielten, Euren guten Namen zu vergrößern und Euch treue Anhänger zu gewinnen, wenn man ſie braucht. Anders wiſſen ſie nichts. So lautet doch die Lection, welche Ihr mir täglich aufgebt, nicht wahr?“ Während die Furcht aus des Oberdechanten Bruſt ſchwand, erfüllte bitterer Zorn ihn gänzlich. Jetzt, da ſein Schrecken ſich verminderte, ſah er klar ein, daß er ſich wieder durch den loſen Spott des Ribauden hatte täuſchen laſſen und dieſer ihn abſichtlich erſchreckt habe, um ſich an ſeiner Angſt zu weiden. Er fragte mit ſtren⸗ gem Tone: 3 „Als ich in dies Gemach trat, wart Ihr mit Wür⸗ felſpiel beſchäftigt, Muggelyn; woher kommt das Geld, das ich in den Händen Eurer Geſellen ſah?“ „Ich dachte es wohl,“ lachte Muggelyn.„Wahr⸗ lich, Ihr kennt Euer Geld am Geruch. In der That, dieſe lieben Scheibchen kommen aus Eurer Taſche, wenn Ihr ſie nicht von einem Andern empfangen habt, um ſie uns zu geben.“ „Unverſchämter!“ murrte der Oberdechant, mit den Zähnen knirſchend. „Nun, nun! werdet nur nicht wieder böſe, Meiſter!“ ſagte Muggelyn.„Ich weiß, was Cuch ärgert. Ihr —— Jakob von Artevelde. glaubt, daß ich Eure Befehle nicht vollzoen und Euer Geld zum größten Theil verſpielt habe.“ „Ich bin davon überzeugt,“ fuhr ihn der Ober⸗ dechant an;„es würde ja das nicht das erſte Mal ſein. Aber dieſes Mal.....!“ „Ho, hol nur keine ungerechten Drohungen, Mher Denys!“ fiel ihm Muggelyn in die Rede.„Ich habe mehr gethan, als Eure Befehle vollbracht. Statt fünf und zwanzig Mann werden wohl zweihundert uner⸗ ſchrockene Geſellen gegenwärtig ſein.“ „Zweihundert? Betrügt Ihr mich nicht?“ fragte Denys mit froher Verwunderung. „Das heißt, zweihundert, wenn ich ihnen die ver⸗ ſprochene Belohnung geben kann; ſonſt noch nicht funfzig.“ „Aber ich gab Euch geſtern zehn Pfund; wo iſt die beträchtliche Summe geblieben?“ „Die Rechnung iſt leicht, Mher Denys! Ich habe mir überlegt, daß ich meinen Kopf bei dieſem gefähr⸗ lichen Spiele wagen würde, und da es zu ſpät wäre, eine Belohnung zu fordern, wenn ich es verloren, ſo habe ich von den zehn Pfund fünf für mich genommen. Muggelyn's Haupt iſt doch fünf Pfund werth? oder ich müßte mich ſehr täuſchen. Fünf von zehn bleibt fünf. Iſt es ſo oder nicht?“ „Und wem habt Ihr denn die übrigen fünf Pfund gegeben?“ fragte der Oberdechant, vor Ungeduld auf⸗ ſtehend. „Einen Augenblick! Bleibt doch ſitzen, Meiſter!“ antwortete der unerſchütterliche Muggelyn.„Ich habe ———õ—:——e)— — H —,— ſie 9 daß koͤnn habe ſetzte habt den Euck zurü und dann den Gol gely wuß doch ſich ſchör fahr über wie zu b zig zufr Euer Ober⸗ Il ſein. Mher h habe tt fünf uner⸗ fragte ie ver⸗ nfzig.“ iſt die h habe gefähr⸗ wäre, ten, ſo pmmen. oder ich t fünf. Pfund ld auf⸗ eiſter!“ ch habe — Jakob von Artevelde. 25 ſie Niemanden gegeben. Ihr glaubt doch nicht, hoffe ich, daß ich mit fünf Pfund zweihundert Mann erkaufen könne? Nun denn! um Niemanden neidiſch zu machen, habe ich warten wollen, bis Ihr mich in den Stand ſetztet, alle unſere Leute zu gleicher Zeit zu befriedigen.“ „Mag es ſein!“ ſeufzte Denys mismuthig.„Ihr habt alſo noch fünf Pfund!“ „Drei Pfund, Meiſter! drei Pfund! Ich habe außer den fünf Pfund, die mir zukamen, noch zwei Pfund von Euch geliehen; aber fürchtet nichts, ich werde ſie Euch zurückgeben, ſobald Ihr Oberhauptmann von Gent ſeid und ich meine große Belohnung erhalte. Ihr könnt ſie dann ſelbſt davon abziehen.“ Der Oberdechant ſah ein, daß der König der Ribau⸗ den nicht ablaſſen würde, bis er ihm noch einen Haufen Goldes aus der Taſche gelockt habe. Da er jedoch Mug— gelyn's Hülfe nicht entbehren konnte und aus Erfahrung wußte, daß er trotz allen dieſen Schalksſtreichen am Ende doch thue, was man von ihm verlange, ſo bezwang er ſich und ſagte mit ſcheinbar ruhigem Tone: „Eure Dienſte koſten mir ſchon den Preis eines ſchönen Hauſes, Muggelyn! In Betracht jedoch der Ge⸗ fahr, welcher wir entgegengehen, will ich nicht länger über Eure Vergeudung Worte verlieren. Laßt hören, wie viel verlangt Ihr noch, um die zweihundert Mann zu befriedigen?“ „Nun, mich dünkt, daß, wenn Ihr mir noch zwan⸗ zig Pfund gebt, ich mit großer Sparſamkeit Jeden werde zufrieden ſtellen koͤnnen.“ Jakob von Artevelde. „Aber kann ich mich darauf verlaſſen, daß Ihr wirk⸗„ lich zweihundert Mann anführen werdet?“ Vernt „Das heißt, Pieter Taggelinck von dem Waterwyck mehr wird ſie anführen. Ihr begreift wohl, daß ich nicht gleich 4 ſichern anfangs mich an die Spitze ſtellen kann; man würde weiß augenblicklich merken, daß der Wagen verkehrt läuft. 44 ders „Ihr antwortet mir nicht,“ entgegnete der Ober⸗„ dechant.„Es würde mir angenehm ſein, zu wiſſen, wo bauder Ihr dieſe zweihundert Mann gefunden habt.“ noch ſ Der Ribaudenkönig ließ ſich durch dieſe überraſchende Ander Frage nicht ſtören und ſagte raſch, während er an den 3 haft; Fingern zu zählen ſchien: keit zu „Jan de Bruyne, hinter der Magiſterſchule, auf— Sanct Baeſſtede, hat mir vierzig Mann verſprochen, die Seſſel auf das erſte Wort mit verborgenen Waffen bereit ſtehen heute ſollen, wo ich es haben will; Joris Varinckr von Joer⸗ D ſchelde dreißig; Sies Wittebroot von Royghen und Ka⸗ 9 rel Overmeire von Sanct Pieters, jeder zwanzig; Lieven wälzu de Snagger von Anderbergen funßzehn; Pieter Tagge⸗ 6 daß de linck vierzig, und Maes de Corte von op't Meirhem 3 i*ſt der zwanzig;— das macht zuſammen...... Wie viel ſind ſelbſt das, Oberdechant?“ dieſes „Zuſammen einhundert fünf und achtzig,“ antwor⸗ zu Hü tete Denys, der aufmerkſam der Angabe des Ribauden genug gefolgt war. 4 Wenn „Achl es iſt wahr, ich vergaß noch Marten de Pyn⸗„ Lauf l der von auf dem Poortacker, der mit zwanzig Mann 5 gen h kommen wird.“ fen zu „Und was wiſſen dieſe Leute über mich?“ unter wirk⸗ (rwyck gleich würde iuft.“ Ober⸗ n, wo chende in den „ auf n, die ſtohen oer-⸗ d Ka⸗ Lieven Lagge⸗ eirhem el ſind ntwor⸗ dauden Pyn⸗ Mann Jakob von. Arte velde. „Daß Ihr ein muthiger Mann ſeid, ungemein mit Vernunft und Verſtand begabt; daß Niemand in Gent mehr dazu geeignet iſt, das Glück der Gemeinde zu ſichern, als Ihr. Weiter nichts. Pieter Taggelinck allein weiß Alles über Euch und mich.— Das war nicht an⸗ ders möglich und geſchah ja mit Eurer Zuſtimmung.“ „Es iſt gut, Muggelyn!“ ſprach Denys, dem Ri⸗ bauden vergnügt die Hand drückend.„Heute Abend noch ſollt Ihr die zwanzig Pfund haben. Jetzt von etwas Anderem! Was ich Euch nun ſagen werdo, iſt ſehr ernſt⸗ haft; ich erſuche Euch alſo, mir Eure ganze Aufmerkſam⸗ keit zu ſchenken und nicht zu ſpaßen; es iſt zu wichtig!“ „Ich höre,“ ſagte der Ribaudenkönig, ſich in den Seſſel zurücklehnend;„und wenn ich lache, zieht mir heute Abend zwei Schellinge an den zwanzig Pfund ab.“ Der Oberdechant ſchob ſeinen Seſſel näher und ſprach: „Es reicht nicht hin, Muggelyn, daß wir eine Um⸗ wälzung machen; es muß auch dafür geſorgt werden, daß dieſe zu unſerem Vortheile ſei. Ser van Steenbeeke iſt der Führer und das Haupt der Verſchwörung; ich ſelbſt thue, als erkennte ich ihn dafür an, weil wir durch dieſes Mittel alle Anhänger des Königs von Frankreich zu Hülfsgenoſſen bekommen und ohne ſie nicht mächtig genug ſein würden, einen gewaltigen Anſchlag zu wagen. Wenn wir nun unvorſichtig der Sache ihren natürlichen Lauf ließen, ſo würde die Umwälzung ganz andere Fol⸗ gen haben, als wir wünſchen. Man würde den Gra⸗ fen zurückrufen, das Bündniß mit England brechen und unter Frankreichs Herrſchaft ſtellen, die Bürgerſchaft ent⸗ Jakob von Artevelde. waffnen und die Hauptleute der Städte vernichten. Ser van Steenbeeke, der ſeit einigen Tagen zum Rath des Grafen ernannt iſt, wird in alle dieſe Bedingungen ein⸗ willigen, weil ſein Ehrgeiz auf keine andere Weiſe be⸗ friedigt werden kann; aber wir dürfen nicht leiden, daß das Vaterland von Neuem in Bande geſchlagen werde, und müſſen Mittel finden, um Ser van Steenbeeke und ſeine Leligerds zu täuſchen. Ich könnte mich wohl durch einen kühnen Streich gleich zu Anfange an die Spitze der Aufrührer ſtellen; doch darf ich nicht ſo unbeſonnen Alles mit einem Wurf auf das Spiel ſetzen. Obwohl wir des Sieges beinahe gewiß ſind, ſo iſt es doch auf die eine oder andere Weiſe möglich, daß wir eine Niederlage erleiden. Wirft ſich nun Ser van Steenbeeke mit den Leligerds vor und beginnt den Kampf, ſo können wir ihn ſtecken laſſen, ſobald derſelbe ein böſes Ende nimmt; er mag ſich dann allein die Hände verbrennen.— Er⸗ fahrt nun, was Ihr zu thun habt. Ihr laſſet Pieter Taggelinck, der ein treuer und zuverläſſiger Mann iſt, mit ſeinen Geſellen Ser van Steenbeeke behülflich ſein. Da ſie von mir nichts wiſſen, ſo werden ſie ſchreien, was man will. Im Anfange kommt nichts darauf an. So⸗ bald Ihr aber mit ſcharſſehendem Blicke bemerkt, daß der Aufſtand die Oberhand gewinnt, ſo ſtellt Euch an die Spitze von Taggelinck's Leuten und ruft mit aller Macht: Heil Denys! Heil dem Oberdechanten! Ihr müßt alle unſere Leute dies und andere ähnliche Dinge rufen laſſen; das Volk wird bald einſtimmen; denn es will von den Leligerds nichts hören, und wie Ser van Steenbeeke ge⸗ ſinnt Auger mich Glock Währ Aufri hauſe gefan abgeſ rechne Ober Einen noch Scha⸗ Fland Nun, 4 Trau Path Ihr Mug dem! Rede gebüt nicht Anſie n. Ser ath des gen ein⸗ eiſe be⸗ en, daß werde, eeke und hl durch 2 Spitze deſonnen Obwohl hauf die iederlage mit den men wir nimmt; — Er⸗ et Pieter gann iſt, Klich ſein. eien, was an. So⸗ , daß der ch an die er Macht: nüßt alle en laſſen; von den nbeeke ge⸗ Jakob von Artevelde. 29 ſinnt iſt, das weiß es ſchon lange durch uns. In dem Augenblicke alſo, wo die Menge mit wiederholtem Rufe mich verlangt, werde ich erſcheinen. Wir laufen in den Glockenthurm und lauten Sturm mit der Rolandsglocke. Während man durch dieſes Mittel die ganze Stadt in Aufruhr bringt, begeben wir uns nach dem Schöffen⸗ hauſe und nehmen dort Artevelde mit ſeinen Anhängern gefangen. Augenblicklich erklären wir den Magiſtrat für abgeſetzt und ſtellen Männer an, auf deren Treue wir rechnen können...... Und iſt es Euch möglich, den Oberhauptmann in der Verwirrung zu treffen oder durch Einen Eurer Leute niederhauen zu laſſen, ſo wäre das noch beſſer. Dann brauchen wir ihn nicht auf dem Schaffot ſterben zu laſſen.... ein Schauſpiel, das in Flandern die Gemüther zu ſehr erſchrecken würde.... Nun, Muggelyn! habt Ihr Alles wohl begriffen?“ „Wunderbar!“ rief der Ribaud, wie aus einem Traume auffahrend.„Wenn der Teufel nicht Euer Pathe geweſen iſt, ſo war er doch nicht weit davon, als Ihr geboren wurdet.“ „Ihr habt mir verſprochen, keinen Spaß zu machen, Muggelyn!“ „Ich meine, Mher Denys, daß Ihr nöthigenfalls dem Teufel ſelbſt Unterricht geben könnt. Es iſt nur eine Redensart, um Euch das Lob zu ertheilen, das Euch gebührt.“ „Nun, Muggelyn, ich will Euch in Euren Späßen nicht mehr ſtören. Im Ernſt geſprochen: was iſt Eure Anſicht über meinen Plan?“ Jakob von Artevelde. „Der Oberhauptmann wird diesmal gewiß nicht bald ſeinem Schickſale entgehen; das Netz iſt zu ſicher um ihn zum L her ausgeſpannt. Was Ser van Steenbeeke betrifft, ſo„ iſt er viel zu redlich, um ſich nicht blindlings durch Euch„ täuſchen zu laſſen. Alſo werde ich bald meinen Hof zum noch a welche Wallthore verlaſſen, um mit meinen Ribauden in einem Steen zu wohnen? Ihr habt es mir verſprochen— ein doppeltes Jahrgeld und vier und zwanzig Mann mehr.“ „Das Alles ſollt Ihr haben, vielleicht ſchon über⸗„ morgen. Aber um es zu erlangen, bedarf es des Mu⸗ ich, ſe thes und beſonders der Vorſicht. Ihr werdet meinen breiten Plan ganz genau ausführen, nicht wahr, ich kann auf„ Euch bauen?“ ſprach „Wie auf Euch ſelbſt, Mher Denys! Seid ruhig; um ne ich werde Euch zeigen, was Muggelyn kann, beſonders„ wenn es ihm ſo großen Nutzen bringt.“„ „Ich habe noch eine Bitte an Euch, und ich hätte kunft ſie beinahe vergeſſen.— Mein Sohn Lieven iſt durch den E die Artevelde's verführt worden und wir müſſen dafür beeke's ſorgen, daß er nach dem Falle des Oberhauptmanns.„s handel nicht verdächtig bleibe.“ „Das wird ſchwer werden,“ antwortete der Ribau⸗„ denkönig.„Jedermann weiß nur zu gut, daß er Mher len.. Artevelde unauflöslich zugethan iſt und ſeine Bewunde⸗ ſchen d rung für denſelben keine Grenzen hat. Er verbirgt es werdet auch nirgends und vertheidigt den Oberhauptmann wie ich Eu ein Raſender überall, wo ſich irgend Jemand auch nur ſagen, ein Wort gegen denſelben erlaubt.“ Das in Fri „Er wird von ſeiner Verirrung zurückkommen, ſo⸗ —— e“ 3 nicht um ihn ifft, ſo ch Euch of zum einem — ein mehr.“ über⸗ s Mu⸗ meinen inn auf ruhig; ſonders ch hätte ſt durch n dafur tmanns Ribau⸗ er Mher wunde⸗ birgt es ann wie uch nur nen, ſo⸗ Jakob von Artevelde. 31 bald Artevelde nicht mehr iſt. Ich bin Willens, ihn zum Stadtſchreiber von Gent zu machen, Muggelyn.“ „Und das Mittel dazu?“ „Das Mittel iſt, daß Ihr und Eure Vertrauten noch am Tage des Sieges viel Aufhebens davon machen, welche unendlichen Verdienſte mein Sohn Lieven bei dem Aufſtande geleiſtet habe. Sonſt verlange ich nichts von Euch; das Uebrige will ich ſchon ſelbſt beſorgen.“ „Ich werde es thun, Oberdechant; Ihr wißt, daß ich, ſeit ich Euch kenne, Meiſter geworden bin im Ver⸗ breiten von Gerüchten und Nachrichten.“ „Muggelyn, Freund, gute Hoffnung für morgen!“ ſprach Denys, der ſich anſchickte fortzugehen.„Ich muß um neun Uhr noch der letzten Verſammlung beiwohnen.“ „Um neun Uhr? Es iſt bereits halb zehn.“ „Ich weiß es wohl und hoffe, daß bei meiner An⸗ kunft ſchon Alles abgemacht ſein wird. So entgehe ich den Erklärungen, zu denen die Worte Ser van Steen⸗ beeke’'s mich zwingen könnten.“ „Aber dann wißt Ihr auch nicht, was man ver⸗ handelt hat.“ „Mher Calevoet iſt da, um mir Alles mitzuthei⸗ len.... Nun, Muggelyn, findet Euch um eilf Uhr zwi⸗ ſchen den Waſſermühlen und der Nieuwbrugge ein; Ihr werdet mich dort auf⸗ und abgehen finden. Dort werde ich Euch Näheres über Zeit und Ort angeben und Euch ſagen, ob man etwas an dem Plane verändert hat. Das Geld werde ich Euch auch einhändigen. Verweilt in Frieden!“ Jakob von Artevelde. Der Oberdechant verließ das Wallthor und ging den Kauter hinauf. Trotzdem, daß es ein ſehr düſterer Abend war und Niemand ihn erkennen konnte, verbarg er doch ſein Geſicht in der Kappe und ging mit raſchem Schritt über die Fremineurenbrücke bis in die Wagenaers⸗ ſtraße, wo ein dunkler Menſchenſchatten unbeweglich vor einer Thür ſtand. Der Oberdechant ging gerade auf den Schatten zu und ſagte mit leiſer Stimme: „Erlöſung mit Gottes Hülfe!“ Bei dieſem Worten ſteckte der ſtumme Wächter einen Schlüſſel in die Thür und ließ den Oberdechanten eintreten. Dieſes Haus ſchien Geeraert Denys nicht unbekannt zu ſein; denn er ſchritt ohne Zögerung durch einen dun⸗ keln Gang, bis in einen kleinen Hof. Dort änderte er ſeine Richtung und klopfte etwas weiter zur Linken an eine Art von Hinterhaus, deſſen Thür ihm ſogleich ge⸗ öffnet wurde. Ungefähr zwanzig Männer ſaßen hier in einem ziem⸗ lich geräumigen Gemach um einen Tiſch. Eine einzige Lampe hing von der Decke herunter, bei deren Scheine man die Anweſenden nicht würde haben erkennen kön⸗ nen, hätte nicht das Feuer, das in dem weiten Kamine flammte, das Zimmer und Alles, was ſich darin befand, mit einer eigenthümlichen rothen Gluth erleuchtet. In dem Augenblicke, als der Oberdechant eintrat, ſchien die Berathung bereits geſchloſſen zu ſein; denn Viele gaben ihren Unwillen zu erkennen, als ſie Mher Denys erſcheinen ſahen. Seine Freunde ſtanden auf und drückte! und ſei zunickte „2 mit erl hier, u „C beeke h „6 mich in Sache Platze und V. / hier ge von un noch ei alſo, Oberde Morge lung a muß A Streiti tragen. ihn vo Rechts werde bringen Zweifel Sakob d ging düſterer verbarg raſchem genaers⸗ glich vor auf den Wächter dechanten nbekannt nen dun- nderte er einken an gleich ge⸗ iem ziem⸗ ne einzige n Scheine anen kön⸗ n Kamine in befand, tet. at eintrat, ein; denn ſie Mher in auf und Jakob von Artevelde. 33 drückten ihm die Hand, während Ser van Steenbeeke und ſeine Anhänger ihm wie zornig einen kurzen Gruß zunickten. „Was iſt das, meine Herren?“ rief der Oberdechant mit erheuchelter Verwunderung.„Ihr ſeid ſchon Alle hier, und ich hatte geglaubt der Erſte zu ſein?“ „Es iſt beinahe zehn Uhr!“ bemerkte Ser van Steen⸗ beeke halb ſcherzend. „Sollte das wahr ſein?“ ſagte Denys.„Ich habe mich in der Stunde getäuſcht. Nun denn! bleibt die Sache auf morgen beſchloſſen? Wird Jeder auf ſeinem Platze ſtehen und ſein Leben muthig wagen für Freiheit und Vaterland?“ „Es iſt uns unmöglich, Alles zu wiederholen, was hier geſagt iſt,“ bemerkte Ser van Steenbeeke.„Jeder von uns hat ſich auf morgen vorzubereiten und heute noch einige treue Freunde zu benachrichtigen. Erlaubt alſo, meine Herren, daß ich mit kurzen Worten dem Oberdechanten mittheile, was hier beſchloſſen wurde. Morgen um zehn Uhr wird die große Schöffenverſamm⸗ lung auf dem Stadthauſe eröffnet. Nach dem Berichte muß Artevelde ein äußerſt ſtrenges Geſetz über Aufruhr, Streitigkeiten, Verwundungen und Ermordungen vor⸗ tragen. Ich werde dieſe Gelegenheit wahrnehmen, um ihn vor dem Schöffenrathe der angemaßten Gewalt, Rechtsverdrehung und der Tyrannei zu beſchuldigen, und werde das mit Worten thun, die ihn wohl in Wuth bringen ſollen, wie vorſichtig er auch ſein mͤge. Ohne Zweifel wird er nun gegen mich ausfallen und mich Fakob von Artevelde. IV. 3 “ —— 34 Jakob von Artevelde. ſelbſt anklagen, da er weiß, daß ich ſeiner verderblichen Politik entgegenarbeite und unſerem geſetzlichen Fürſten wieder zu ſeinem alten Anſehen verholfen wiſſen will. In dem Augenblicke nun, in welchem er mir Dinge zur Laſt legt, welche er nicht das Recht hat einem Schöffen der Gemeine zu ſagen, werde ich aufſtehen, das Stadt⸗ haus verlaſſen und laut rufen: man entkräfte das An⸗ ſehen der Schöffen und thue der Obrigkeit Gewalt an. Unſere Leute, die unten ſtehen, in Folge des Planes, den wir ſo eben entworfen haben, ſchreien dann mit aller Macht nach Rache. Der größte Theil unſerer Man⸗ nen, die unterdeſſen auf dem Freitagsmarkte das Volk aufzuhetzen ſuchen, eilt bei dem Lärm herbei; wir über⸗ wältigen das Stadthaus, nehmen den Oberhauptmann und die bösgeſinnten Schöffen gefangen und halten auf der Stelle in Gegenwart des Volks ein peinliches Ge⸗ richt, und verurtheilen alle Landesverräther und Tyran⸗ nen zum Tode. Der Graf kehrt unmittelbar darauf zu⸗ rück, und mit ſeiner Genehmigung geben wir der Ge⸗ meinde ihre rechtmäßige Einrichtung. Dies iſt in der Kürze der ganze Entwurf, den Ihr übrigens, wenige Aenderungen abgerechnet, bereits ſeit drei Tagen kennt.“ „Und wie groß iſt die Macht, über die wir mit Sicherheit verfügen können, Ser van Steenbeeke, wenn ich es wiſſen darf?“ fragte Denys. „Sie beträgt zuſammen an vierhundert Mann, nach der Angabe jedes dieſer Herren. Es iſt nicht viel; aber wir rechnen auf das Volk, das uns Beiſtand leiſten wird, ſobald die Bewegung durch uns in Gang gebracht iſt. Ah! ie von dr ten hat Di jungen dechante er ihn geſehen heimen gelaſſen Antlitz „ N für ſein Kühnhe antwort levoet n erſticken. Verthei Die gefallen that er, A gen Beiz Ihr für „Jae Herren, heute No Dieſ derblichen Fürſten ſen will. dinge zur Schöffen s Stadt⸗ das An⸗ walt an. Planes, dann mit ter Man⸗ das Volk vir über⸗ auptmann alten auf iches Ge⸗ d Tyran⸗ arauf zu⸗ der Ge⸗ iſt in der , wenige n kennt.“ wir mit eke, wenn ann, nach diel; aber ſten wird, bracht iſt. Jakob von Artevelde. 35 Ah! ich vergaß, daß dieſer kühne Geſelle uns die Hülfe von dreißig Mitgliedern der Sanct Jorisgilde angebo⸗ ten hat.“ Dies ſagend, wies Ser van Steenbeeke auf einen jungen Mann, der neben ihm ſtand und dem Ober dechanten nicht weiter bekannt war, ausgenommen daß er ihn einige Male im St. Jorishofe unter den Schützen geſehen hatte. Es misfiel ihm, daß man in dieſer ge⸗ heimen Verſammlung ſo leichtſinnig einen Neuling zu⸗ gelaſſen habe. Ser van Steenbeeke, der es auf ſeinem Antlitz las, zuckte die Achſeln und ſagte: „Mher Calevoet hat ihn eingeführt und ſteht uns für ſeine Treue. Er hat übrigens den Eid mit muthiger Kühnheit abgelegt.“ „O, ich bin ganz beruhigt über den jungen Mann,“ antwortete Denys.„Das Wort meines Freundes Ca⸗ levvet war nicht nöthig, um allen Argwohn in mir zu erſticken. Ich leſe in ſeinen feurigen Augen, daß er ein Vertheidiger der wahren Freiheit ſein wird.“ Dieſe Worte ſchienen Ser van Steenbeeke nicht zu gefallen; ſie hatten für ihn einen drohenden Sinn; doch that er, als ob er ſie nicht verſtanden habe, und fragte: „Aber Ihr, Mher Denys, der Ihr uns ſo gewichti⸗ gen Beiſtand verſprochen habt, wie viele Leute beſorgt Ihr für die gute Sache?“ „Ich bringe hundert und funfzig Mann, meine Herren, ohne diejenigen, welche meine Sendlinge noch heute Nachmittag gefunden haben mögen.“ Dieſe Zahl mußte den Verſchworenen bedeutend er— 3 ¾ 3 ——— ſZo“ 36 Jakob von Artevelde. ſcheinen; denn ein Ausdruck froher Ueberraſchung zeigte ſich auf ihren Geſichtern. Einige drückten ſogar dem Oberdechanten die Hand. Dieſer fuhr fort: „Meine Herren! das iſt Alles noch nichts; mein Sohn Lieven wird funfzig muthige Männer aus dem Nieuwland anführen.“ „Euer Sohn! Sein Sohn!“ rief Jeder ungläubig und erſtaunt.— Der junge Mann von St. Joris lachte mit frohem Ausdruck, als ob dieſe Mittheilung für ihn noch eine beſondere Bedeutung habe. „Ich weiß, warum Euch dieſe Nachricht in Verwun⸗ derung ſetzt, meine Herren!“ entgegnete Geeraert Denys mit erheuchelter Rechtlichkeit.„Aber wäre es nicht mög⸗ lich, daß mein Sohn nie aufgehört hätte, der Sache ſei⸗ nes Vaterlandes unbekannt und unbelohnt zu dienen? Es giebt Opfer, die ſo weit über das gewöhnliche Maaß menſchlicher Kräfte hinausgehen, daß man nicht leicht daran glaubt. Zweifelt an der Wahrheit meiner Worte, wenn Ihr wollt; aber ich hoffe, Ihr werdet morgen von den Thaten der Hülfsbande von Nieuwland hören.“ „Wir wollen uns jetzt von einander trennen,“ ſagte Ser van Steenbeeke.„Ich erinnere Euch, meine Her⸗ ren, daß wir uns feierlich geſchworen haben, Gut und Blut für unſer Vaterland zu wagen, um uns von dem Drucke zu befreien. Was uns auch geſchehen möge, ſollte ſelbſt unſer Haupt auf dem Schaffotte fallen, nie wird Einer von uns den Namen unſerer Mitverbündeten of⸗ fenbaren. Wer das thäte, der würde dadurch Jedem der Uebrigen das geſetzliche Recht geben, ihn durch Gewalt oder L nicht le Einer Ge mit lei Calevo der, bi zuletzt warf u denken lag.. ſcheldeſt Jemand Nachtw kennen „S Der fragte n „2 „K ren Ger „A Der Raſſegh zu ihm Jakob von Artevelde. 37 ng zeigte oder Liſt des Lebens zu berauben. Kommt! zögern wir ggar dem nicht länger! Es wird zu ſpätl! ich gehe zuerſt.“ ts; mein aus dem Zufolge ihrer Abrede verließen die Verſchworenen das Haus nicht zu gleicher Zeit, ſondern immer nur igläubig. Einer nach dem Andern oder höchſtens zwei zuſammen. ris lachte Geeraert Denys fliſterte einigen ſeiner Anhänger g für ihn mit leiſer Stimme etwas in das Ohr, worauf er mit Calevoet im Hofe verſchwand.— So folgten ſie einan⸗ Verwun⸗ der, bis endlich der junge Geſelle, der aus Ehrfurcht bis ert Denys zuletzt geblieben war, gleichfalls Kappe und Mantel um⸗ icht mög— warf und durch die einſamen Straßen in tiefem Nach⸗ Sache ſei⸗ denken nach ſeiner Wohnung ging, die jenſeits der Schelde t dienen? lag. Als er vom Calanderberge aus ſich der Opper⸗ che Maaß ſcheldeſtraße näherte, holte er durch ſeinen ſchnellen Gang icht leicht Jemanden ein, der vor ihm her ſchritt. Er glaubte dieſen e1 Worte, Nachtwandler trotz der Dunkelheit an der Figur zu er⸗ orgen von kennen und ſagte geheimnißvoll zu ihm: zren.“„Seid Ihr es, Lieven?“ en,“ ſagte 3 Der Angeredete blieb ſtehen, wandte ſich um, und eine Her⸗ fragte mistrauiſch: Gut und„Wer ſeid Ihr, der mich ruft?“ von dom„Kennt Ihr denn Jan Sporrelinck nicht mehr, Eu⸗ öge, ſollte. ren Genoſſen von Sanct Joris?“ nie wird„Ach, gewiß! Wie geht es, Freund Jan?“ deten of⸗ Der junge Mann führte ihn an die Mauer von Jedem der Raſſeghem'sſteen und ſagte mit unterdrückter Stimme ch Gewalt zu ihm: — ——y 38 Jakob von Artevelde. „Ihr kommt gewiß vom Oberhauptmann? Er ver⸗ muthet doch nichts von unſerer Sache morgen?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete Lieven gleichgültig, und ohne irgend etwas Böſes zu argwohnen. „Wo müßt Ihr mit Euren Mannen ſtehen, Lieven? Begebt Euch auf die Hoogpoort; ich werde mich in der Saeiſtege halten. So können wir einander helfen, wenn der Kampf zu heiß wird, und auch am beſten ſehen, wenn Ser van Steenbeeke das Zeichen giebt, um den Aufſtand zu beginnen. Kommt etwas früher als um zehn Uhr; wir ſind die Jüngſten und müſſen uns daher als die erſten zeigen! Vor eilf Uhr wird indeſſen das Spiel nicht in Gang kommen; denn die Beſchuldigung kann wohl eine Weile dauern.“ Lieven wußte nicht, was er aus Jan Sporrelinck's Worten machen ſollte, und horchte ihm wie verwirrt zu, ohne zu antworten. „Hat man Euch vielleicht einen andern Platz ange⸗ wieſen?“ fragte dieſer. „Ich weiß gar nicht, was Ihr ſagen wollt,“ ſprach Lieven verwundert.„Ein Kampf? ein Aufſtand? mor⸗ gen? um zehn Uhr? bei der Hoogpoort?“ „Aber, Lieven, gegen mich braucht Ihr Euch ja nicht zu verſtellen!“ „Ich weiß von nichts,“ wiederholte der junge Denys. „Nun, nun! Es iſt bekannt genug, daß Ihr aus einer vorſichtigen und ſchlauen Familie ſtammt, Lieven. Uebrigens ſcheint es mir unnütz, daß Ihr Euch weigert, mit mir, als Eurem Genoſſen, ein Wort über die Sache zu we ſpreche 7 nicht.“ 71 hätte, aus de / ich we deutlic mich d , unterd ben? ſchweig wollen wird. Li und b gelehn linck il dete, außero tropfen M wen? er, Lie Mann auch n Er ver⸗ 4 ichguͤltig, „Lieven? ich in der en, wenn en, wenn Aufſtand eehn Uhr; rals die das Spiel ung kann orrelinck's rwirrt zu, latz ange⸗ „“ ſprach nd? mor⸗ ch ja nicht ge Denys. Ihr aus t, Lieven. h weigert, die Sache Jakob von Artevelde. 39 zu wechſeln; Niemand kann uns hier hören, und wir ſprechen ja ganz leiſe.“ „Was ſoll ich Euch ſagen, Jan? Ich begreife Euch nicht.“ „Seht! als ob nicht Euer Vater ſelbſt mir geſagt hätte, daß Ihr funßzig tapfere Geſellen anführen werdet aus dem Nieuwland!“ „Ihr macht mich verſtummen; bei meinem Worte! ich weiß von der ganzen Sache nichts. Legt mir doch deutlicher aus, wovon Ihr redet; vielleicht erinnere ich mich daran!“ „Nun, bei Sanct Makarius!“ murrte Jan, mit unterdrücktem Aerger;„wollt Ihr mich zum Beſten ha⸗ ben? Dazu iſt es zu ſpät; Ihr habt vielleicht Grund zu ſchweigen; Ihr traut mir nicht. Nun, es iſt gut! wir wollen morgen ſehen, wer ſich am tapferſten zeigen wird.... Gute Nacht!“ Lieven blieb wohl noch eine Viertelſtunde verſtummt und bewegungslos an die Mauer des Raſſeghem'sſteen gelehnt ſtehen, nachdenkend über das, was Jan Sporre⸗ linck ihm geſagt hatte. Je mehr er deſſen Worte ergrün⸗ dete, um deſto mehr breitete ſich in der Dunkelheit eine außerordentliche Bläſſe über ſein Antlitz, und Schweiß⸗ tropfen rollten von ſeiner Stirn herunter. Man wollte einen blutigen Aufſtand wagen! Gegen wen? Gegen Arteveldes Sein Vater hatte geſagt, daß er, Lieven, funfzig M anführen ſolle, um den weiſen Mann verjagen, vielleicht ermorden zu helfen! Es konnte auch wohl Lüge oder Spott von Jan Sporrelinck ſein. — 40 Jakob von Artevelde. Einige Worte, welche Lieven ſich erinnerte aus ſeines u—— Vaters Munde gehört zu haben, füllten plötzlich ſeinen Geiſt mit Schreck und Abſcheu, und während dieſer Ge⸗ danke einen Schrei des Schmerzes aus ſeiner Bruſt lockte, 5 lief er über den Calanderberg, durch die Volderyſtraße, Da in die Feldſtraße, wo er an einem ziemlich großen Hauſe haus anklopfte. nem Nach einiger Zeit fragte ihn Jemand oben aus dem groß ¹ Fenſter, was er wolle. der 1„Iſt der Hauptmann von St. Nikolaes zu Hauſe?“ Pfor war Lieven's Antwort. war. Ein anderer Kopf erſchien am Fenſter. den „Nun, Freund Lieven!“ rief man von oben herab; durch „hat ſich ein Unglück zugetragen, daß Ihr ſo ſpät noch weitl bei mir anpocht?“ ſchwe „Mher Ghelnoot! Mher Ghelnoot!“ ſprach Lieven ewig mit ängſtlich dumpfer Stimme.„Raſch! öffnet Eure ware Thür; ich muß Euch etwas Wichtiges melden.“ Bau Die Thür ward geöffnet und Lieven verſchwand in mein der Wohnung Mher Ghelnoot's van Lens. Thur erhol gen Fenf —— klein Hau ſchen 4 wölb wo einer us ſeines ch ſeinen tleſer Ge⸗ uſt lockte, ryſtraße, en Hauſe aus dem Hauſe?“ n herab; pät noch h Lieven net Eure wand in Jakob von Artevelde. XI. Das alte Stadthaus, das man damals das Schöffen⸗ haus der Keure und des Gedeele nannte, ſtand mit ſei⸗ nem Giebel auf der Hoogpoort. Es war ein ungemein großer Steen, mit einem vorſpringenden Thurme an je⸗ der Seite, und man ging durch eine ziemlich niedrige Pforte hinein, deren Flur nicht höher als die Straße war. Uebrigens unterſchied ſich das Schöffenhaus von den gewöhnlichen Steenen der edlen Geſchlechter nur durch ſeine Größe. Einige Schritte davon ſtreckte der weitberühmte Belfroot(Glockenthurm) von Gent ſeinen ſchweren Rumpf himmelwärts und beherrſchte wie ein ewig wachender Rieſe die ganze Stadt. Eigenthümlich waren die rohen Formen dieſes Ehrfurcht gebietenden Baues, deſſen Beſtimmung die Einwohner freier Ge⸗ meinen allein begreifen konnten. Ein breiter viereckiger Thurm, ohne irgend ein dazu gehöriges Nebengebäude, erhob ſich pfeilrecht aus dem Boden. In den felſenarti⸗ gen Mauern hatte man nur hier und da einige kleine Fenſter oder ein Guckloch aufgeſpart, während die ſehr kleine Eingangsthür vermuthen ließ, daß dieſes ſteinerne Haus nicht zu einem gewöhnlichen Wohnplatz der Men⸗ ſchen diene. In ſeinem Innerſten war ein ſtarkes über⸗ wölbtes Gemach, welches man das Geheim nannte, und wo die Urkunden der Stadtfreiheiten und Vorrechte in einer eiſernen Kiſte bewahrt wurden. Die Thür dieſes “ ——— Jakob von Artevelde. Gewölbes ebenſo wie die Kiſte ward mit drei Schlüſſeln verſchloſſen, von denen die Dechanten der Weberei, der Walkerei und der kleinen Zünfte jeder einen hatte, ſo daß man niemals die Privilegien der Stadt ſehen konnte, ohne daß dieſe Drei gleichzeitig dabei geweſen wären. Wer in dieſes Heiligthum der Gentiſchen Freiheit ohne Erlaubniß der Gemeinde zu treten wagte, oder welcher Dechant Jemanden ungeſetzlich hineinließ, der ward ohne Gnade und Aufſchub mit dem Tode beſtraft. Unter dem Dache des Thurmes hing der gefürchtete Roland oder die Sturmglocke, bei welcher Tag und Nacht gewacht wurde. Ihre mächtigen Klänge, durch welche ſie ankündigte, daß die Freiheit oder die Unabhängigkeit be⸗ droht werde, ließen alle Bürger raſch zu den Waffen greifen und nach dem Freitagsmarkte eilen, um ſich zu dem Fähnlein ihrer Gilde zu geſellen. Oben auf dem Thurme wachten die Stadttrompeter, die nach allen Seiten hinausblickten, um auf den Fel⸗ dern zu entdecken, ob ſich nicht gewaffnete Banden der Stadt näherten. Jede freie Gemeinde beſaß ſolchen Wachtthurm, nicht allein als Bewahrungsort für ihre Privilegien, ſondern auch als ein Denkmal ihrer Befreiung und einen Beweis ihrer Unabhängigkeit. Gab es gleich wenige Städte, die einen Belfroot aufzeigen konnten, ſo groß und ſo trotzig wie der Belfroot von Gent, ſo gab es auch keine, die ſich neben ihr ſolcher Freiheiten, ſolcher Macht und ſolches Reichthums rühmen durften. 2 ſchwo bereit und Schö größe zehn ſtraß Stan 3 gefäl an d ſchein lehnt 3 ein die r verm von Auft im? weld hegt den, grof len, der hab⸗ leihe glüſſeln ei, der tte, ſo konnte, wären. t ohne welcher d ohne irchtete Nacht lche ſie feit be⸗ Waffen ſich zu npeter, n Fel⸗ en der —, nicht ondern Beweis dte, die trotzig die ſich ſolches Jakob von Artevelde. 43 Am Tage nach der letzten Zuſammenkunft der Ver⸗ ſchworenen, lange vor der beſtimmten Stunde, ſtanden bereits kleine Haufen Zunftgenoſſen bei dem Belfroot und weiter den Botermarkt hinauf, in der Richtung des Schöffenhauſes. Je näher die Stunde heranrückte, deſto größer ward der Zufluß des Volkes. Ungefähr um halb zehn Uhr füllten ſich die Hoogpoort, die Sanct Jans⸗ ſtraße und die Stege⸗ten⸗Putte mit Bürgern jedes Standes und Alters. Der Ribaudenkönig ging hin und wieder, mit un⸗ gefähr zehn ſeiner Mannen, und hielt ſich vorzugsweiſe an der Seite des Nederpolders, wo Pieter Taggelinck, ſcheinbar gleichgültig, an die Ecke des Zandberges ge⸗ lehnt ſtand. Man konnte auf allen Geſichtern leſen, daß Jeder ein wichtiges Ereigniß vorher ſah, obwohl ſehr Wenige die wahre Urſache von dieſem Zuſammenlauf des Volkes vermuthen konnten. Allerdings hatte die Ankündigung von Artevelde's Vortrage über Zuſammenrottungen, Aufruhr, Zwiſtigkeit und Mord eine gewiſſe Aufregung im Volke hervorgebracht, erſtlich, weil die Zunftgenoſſen, welche ganze Tage in den Tabernen zubrachten, die Furcht hegten, bei dem mindeſten Zanke ſtreng beſtraft zu wer⸗ den, und zweitens, weil man durch Aufhetzung einen großen Theil der Einwohner hatte glauben machen wol⸗ len, daß dieſes neue und ſehr harte Geſetz der Freiheit der Bürger Abbruch thäte und keinen anderen Zweck habe, als Artevelde eine unbeſchränkte Macht zu ver⸗ leihen, um Jeden, der nicht in Gunſt bei ihm ſtand, 44 Jakob von Artevelde. ſicher treffen zu können. Doch waren dieſe Gründe an ſich ſelbſt noch nicht wichtig genug, um glauben zu laſſen, daß das Volk hier mit der Abſicht zum Aufruhr verſam⸗ melt ſei. Etwas Anderes ließ einen Theil der Bürger Unheil und Gewalt fürchten. Die eigenthümliche Haltung vieler der verſammelten Zunftgenoſſen— welche ſtillſchweigend in kleinen Hau⸗ fen ſtanden und geheimnißvoll nach den angrenzenden Straßen blickten, und ſich ſtumm von einander entfern⸗ ten, ſobald ſich Jemand unerwartet zu ihnen geſellte; der Anblick von dem Griffe eines Dolches oder von dem Kreuze eines Meſſers, welche zufällig dann und wann unter einem Mantel hervorblickten; die ſchlauen Blicke, welche die Vorübergehenden einander zuwarfen— dies Alles ließ viele Zuſchauer ſich mit Kummer und Angſt fragen, was es doch geben möge, und mancher fried⸗ liebende Mann verließ den Platz, um nach ſeiner Woh⸗ nung zurückzukehren. Die Anderen gingen von einem Haufen zum andern, um eine Erklärung zu erhalten oder zu erlauſchen; doch konnten ſie nichts vernehmen, einige Beſchuldigungen gegen Artevelde abgerechnet. Mittlerweile nahte ſich die Stunde der Verſamm⸗ lung; mehr als die Hälfte der Schöffen war ſchon in das Stadthaus gegangen, und unaufhaltſam kamen die Uebri⸗ gen aus allen Straßen herbeigeſchritten, ohne bei ihrem Durchgange durch das Volk etwas Anderes als eine ge⸗ wöhnliche Verwunderung zu zeigen. Die Verſchworenen freuten ſich innerlich an der Ge⸗ wißheit, daß ihr Plan nicht verrathen worden ſei, indem außer Haup Mach 2 van 4 Tag; Abſicl bei ſo drein laes, hier e C Schri ermeſ Eidge liche gung faſt f diesn Jeden gen i ging fernu fung blick ner oͤ wo d 45 Jakob von Artevelde. ünde an außer den Ribauden und den ſechszehn Knappen des ulaſſen, Hauptmanns von Sanct Jakob ſich keine gewaffnete ſam⸗ Macht zeigte. Bürger Man hatte wohl vernommen, daß Mher Ghelnoot van Lens einige Mannen ſeines Kirchſpiels für dieſen H Tag zuſammengerufen; doch ſah man darin keine andere i Dau⸗ Abſicht, als eine kleine Schutzwehr zu bilden, was man nmelten zeüden bei ſolchen Gelegenheiten immer zu thun pflegte. Oben⸗ ntfern⸗ drein war die Reihe an den Männern von Sanct Niko⸗ dineß laes, und nichts natürlicher, als daß ſie in geringer Zahl on dem hier erſchienen, um für die öffentliche Ruhe zu ſorgen. wann Geeraert Denys hatte bereits ſchon mit ſchnellem Blicke, Schritte alle umliegenden Straßen durchſchritten, um zu = dies ermeſſen, wie weit man auf die verſprochene Hülfe der Angſt Eidgenoſſen bauen könne. Da er überall eine anſehn⸗ fried⸗ liche Menge fand und nicht ſelten eine laute Beſchuldi⸗ Woh⸗ gung gegen Artevelde ſein Ohr traf, ſo hielt er den Sieg einem faſt für gewiß und begann ſeinen Gang von Neuem, n oder diesmal mit offenem Antlitz und freundlichem Lachen einige Jedem die Hand drückend und doppelſinnige Worte ge⸗ gen den Oberhauptmann ausſtreuend. amm⸗ Nachdem er ſich ſo jedem Volkshaufen gezeigt hatte, n das ging er den Nederpolder hinunter, um in geringer Ent⸗ lebri⸗ fernung von dem Stadthauſe in der einſamen Vertie⸗ ihrem fung unbemerkt auf⸗ und abzuſchreiten, bis der Augen⸗ e ge⸗ blick ſeines Erſcheinens nahe. Seit einer Viertelſtunde waren Aller Augen mit ei⸗ nöi ner ängſtlichen Neugier nach dem Belfroot gerichtet, von dem wo der Oberhauptmann herkommen mußte. Während 46 Jakob von Artevelde. noch die Verſchworenen ſich über ſein langes Ausbleiben wunderten und zu fürchten begannen, daß ihre Beute ihnen entſchlüpfen möge, erſchien Artevelde mit den zwei und zwanzig Knappen des Sanct Janskirchſpiels, welche ihn als Hauptmann bei öffentlichen Angelegenheiten ſtets begleiteten. Bei ſeiner Ankunft hörte man in einigen Volkshaufen ein dumpfes Murren des Haſſes; wo je⸗ doch der Oberhauptmann vorüberſchritt, da traten ſeine grimmigſten Feinde ſchüchtern und ſtillſchweigend zurück, um den Helden nicht grüßen zu müſſen, deſſen Ruhm und rechtmäßige Herrſchaft ſie noch zur Verehrung zwang. Die anderen Bürger verbeugten ſich ehrerbietig vor ihm und ließen ihm einen breiten Raum zum Durchgehen frei. Der Oberhauptmann war kaum durch die Pforte des Schöffenhauſes verſchwunden, als die Verſchworenen, wie von einer furchtbaren Erſcheinung befreit, weiter auf den Markt traten, und lauter und mit verſtändlicheren Worten zeigten, daß ſie Willens ſeien, ſich gewaltſam Artevelde's Vorſchlage zu widerſetzen. Im vollen Ver⸗ trauen auf den guten Ausgang ihres Unternehmens wa⸗ ren ſie damit beſchäftigt, das Volk aufzuhetzen, als plötz⸗ lich Mher Ghelnoot van Lens, der Hauptmann von St. Nikolaes, mit mehr als zweihundert gewaffneten Zunſt⸗ genoſſen ſich unter dem Belfroot zeigte, über den Boter⸗ markt ſchritt und das Stadthaus beſetzte, ſo daß Nie⸗ mand weder hinein noch hinzu konnte. Dieſe Macht wäre gewißlich nicht hinreichend gewe⸗ ſen, um einen Aufſtand zu verhindern, wenn derſelbe wirklich in den Abſichten des Volkes gelegen hätte. Den⸗ noch ſ die V gewiſſ auch a des S waren ihres! Lens, lächeln er um muthe ehrt n ſucht! ihm d flößte, C weis lebte, Jetzt Mien haus und Wort dem? dem Er ge fenver kündi Zeich sbleiben e Beute den zwei welche ten ſtets einigen wo je⸗ en ſeine zurück, Ruhm zwang. vor ihm hen frei. Pforte vorenen, eiter auf dlicheren waltſam en Ver⸗ ens wa⸗ s plötz⸗ von St. Zunft⸗ Boter⸗ aß Nie⸗ d gewe⸗ derſelbe Den⸗ Jakob von Artevelde. 47 noch ſchien die Ankunft der Männer von St. Nikolaes die Verſchworenen ſo ſehr zu überraſchen, daß ſie ſich gewiſſermaßen einander furchtſam anſahen, und einige auch allmählig den Muth verloren und ſich aus der Nähe des Schöffenhauſes entfernten. Die zweihundert Mann waren es eigentlich nicht, welche ſie um den guten Erfolg ihres Unternehmens beſorgt machten; aber Ghelnoot van Lens, der unerſchrockene Hauptmann, der jetzt ſpöttiſch lächelnd einen Blick auf die Unzufriedenen warf, als wiſſe er um ihr Vorhaben; Ghelnoot, der um ſeines Helden⸗ muthes willen von ſeinen Leuten mit blinder Liebe ver⸗ ehrt ward und wahrſcheinlich die Unverzagteſten ausge⸗ ſucht hatte— Ghelnoot war es, der ſie jetzt zwang, vor ihm die Augen niederzuſchlagen, und ihnen Zweifel ein⸗ flößte, ob man die Ausführung wagen ſolle, oder nicht. Es war die höchſte Zeit, daß Jemand durch den Be⸗ weis einer großen Kühnheit ihren Muth auf's Neue be⸗ lebte, ſonſt wäre der ganze Aufſtand ſicher unterblieben. Jetzt aber erſchien Ser van Steenbeeke mit ſiegreicher Miene auf dem Botermarkte. Ehe er in das Schöffen⸗ haus eintrat, ging er zu den Haufen der Verſchworenen und klagte überall mit hörbarer Stimme und zornigen Worten über die Gewalt, welche man der Obrigkeit und dem Volke anthue, indem man den Rath zwinge, unter dem Drucke einer gewaffneten Macht ſich zu verſammeln. Er gab deutlich genug zu verſtehen, daß er in der Schöf⸗ fenverſammlung deshalb Rechenſchaft verlangen, und kündigte ſelbſt an, daß er binnen einer Stunde das Zeichen geben werde zur Befreiung des Volkes. —— 8 48 Jakob von Artevelde. Als er auf dieſe Weiſe zu einem der groͤßten Haufen auf dem Botermarkte geredet hatte, näherte ſich ein Blau⸗ färbergeſelle mit eiligen Schritten Ghelnoot van Lens, und ſagte dieſem, was er aus dem Munde Ser van Steenbeeke's vernommen, zugleich bemerkend, er verlaſſe den Platz, um ſeine Waffen zu holen und ſeine Freunde zur Vertheidigung des Oberhauptmanns zu verſammeln. Ghelnoot ſandte einen ſeiner Zehntner nach dem Schöf⸗ fenhauſe zu Artevelde, um dieſem zu melden, was der Geſelle Lieven Comyne ihm berichtet habe. Ser van Steenbeeke begab ſich nun, in der Meinung, die Gemüther hinreichend zum Aufſtand angefeuert zu ha⸗ ben, gleichfalls nach dem Schöffenhauſe, und trat in die Verſammlung zu derſelben Zeit, als der Oberſchöffe, Maes van Vaernewyck, die Leſung von des Oberhaupt⸗ manns Vortrage endete. Die dreizehn Schöffen der Keure und die dreizehn Schöffen des Gedeele waren ſämmtlich gegenwärtig und ſaßen rund um eine lange Tafel. Zwei Stadtſchreiber, Meiſter Auguſtyn und Jan van Loven, hatten ihre Plätze zu beiden Seiten des Oberſchöffen und führten das Protokoll. Nach der Leſung des Vortrages entſtand eine gewiſſe Unordnung unter den Mitgliedern der Verſammlung. Während Viele ſich bereit zeigten, das Geſetz zu geneh⸗ migen, riefen Andere zornig, daß man dadurch die all⸗ gemeine Freiheit vernichten und das Land unter den Zwang eines Alleinherrſchers ſtellen wolle. Für das Erſte beſchränkte ſich jedoch dieſer Streit auf einzelne Ausrufungen und heftige Zankreden. Nac nem S Stille d „N gezwung nigſtens verkürzt nen hab die Not bitte ſie Erhaltu ſich nich daß jede ſeinem; „V Dejonck mann z Die kümmer „N heit, al nicht du verhinde jedem 2 nach ſei und wie der Ge was ich vollen? Jakob r Haufen n Blau- n Lens, Ser van verlaſſe Freunde ammeln. Schöf⸗ was der teinung, t zu ha⸗ at in die rſchöffe, erhaupt⸗ dreizehn rtig und ſchreiber, Plätze zu rotokoll. gewiſſe nmlung. mgeneh⸗ die all⸗ ater den Für das einzelne Jakob von Artevelde. 49 Nach einigen Augenblicken ſtand Artevelde von ſei⸗ nem Seſſel auf. Die Verſammlung wandte in tiefer Stille die Augen auf ihn. Er ſprach mit ruhigem Tone: „Meine Herren Schöffen! Nur ungern ſehe ich mich gezwungen, Euch heute ein Geſetz vorzulegen, das, we⸗ nigſtens dem Scheine nach, die unbeſchränkte Freiheit verkürzt, welche wir auf Koſten unſeres Blutes gewon⸗ nen haben. Vielleicht werden Einige unter Euch mit mir die Nothwendigkeit dieſes Geſetzes bedauern; aber ich bitte ſie zu bedenken, daß man in Zeiten der Gefahr die Erhaltung des Vaterlandes über Alles ſtellen muß und ſich nicht zurückhalten laſſen darf durch den Gedanken, daß jeder einzelne Bürger für dieſe Erhaltung etwas von ſeinem perſönlichen Rechte aufzugeben habe.“ „Von welcher Gefahr redet Ihr denn?“ rief Willem Dejonckere, ein Leliaerd, abſichtlich um den Oberhaupt⸗ mann zu unterbrechen. Dieſer fuhr fort, ohne ſich um die Unterbrechung zu kümmern: „Nichts, meine Herren, iſt gefährlicher für die Frei⸗ heit, als die Ausübung der Freiheit ſelbſt, wenn dieſe nicht durch Geſetze geregelt wird, die ihren Misbrauch verhindern können. Ich verlange nicht die Macht, um jedem Bürger zu wehren, für ſein eigenes Intereſſe und nach ſeinem eigenen Gutdünken zu thun, was er wolle und wie er es wolle, ſo lange ſeine Handlungen nicht der Gemeine oder dem Vaterlande Schaden bringen; was ich Euch vorſchlage, iſt nicht die Verkürzung der vollen Freiheit, zu thun, was gut und vortheilhaft iſt, Jakob von Artevelde. IV. 4 3 50 Jakob von Artevelde. es iſt nur die Beſchränkung der Freiheit, Böſes zu thun und durch ſchlechte Anſchläge die Gemeine und Flandern in das Verderben zu ſtürzen.— Man fragt mich, von welcher Gefahr ich rede? Hat Mher Dejonckere die Ab⸗ ſicht, mich zu erſuchen, ich ſolle klarer ausdrücken, was Jeder weiß und vor Augen ſieht, ſo bin ich bereit, ihm zu genügen.— Wir haben mit Heldenmuth gekämpft und keine Opfer geſcheut, um uns von dem Drucke der Herrſchaft Frankreichs zu befreien. So lange dieſer ruhmreiche Streit dauerte, waren wir Alle von demſel⸗ ben Verlangen beſeelt: Befreiung des Landes, Wieder⸗ erweckung des Gewerbfleißes und des Handels, Freiheit für jeden Bürger nach den Rechten und dem Herkommen ſeiner Gemeine. Allein es ſcheint, als ob die Völker nach einer großen Anſtrengung ihrer Kräfte, die durch einen vollen Sieg gekrönt wird, Eile hätten, ihr eigenes Werk zu verderben oder mindeſtens durch Unſchlüſſigkeit verderben zu laſſen. Die Zeit des Ueberganges, meine Herren, iſt gefährlicher, als der Kampf ſelbſt, da er die Muthigſten unvorbereitet findet gegen die Anſchläge des Feindes. Dann müſſen aber diejenigen, deren Vorſorge die Erhaltung der Früchte des Sieges anvertraut iſt, zei⸗ gen, daß ſie mindeſtens wachſam bleiben und daß ihre Kraft hinreicht, das Böſe zu treffen, ſelbſt wenn es ſich mit dem Schilde der Geſetzlichkeit deckt.“ „Das ſind Gründe eines Tyrannen!“ rief Willem Dejonckere von Neuem.„Es war wohl der Mühe werth, ſo viel Blut zu vergießen, um minder frei zu ſein, als wir es unter Frankreichs Einfluß waren?“ ruhige Anhät den in Bünd niß m Fland ger ei die öf die Bu Fremd Verder warten ben, nicht 1 meine mag d zu thun landern ch, von die Ab⸗ n, was it, ihm gekämpft ucke der e dieſer demſel⸗ Wieder⸗ Freiheit kommen Völker ie durch eigenes lüſſigkeit , meine da er die läge des Vorſorge iſt, zei⸗ daß ihre n es ſich Willem de werth, ſein, als Jakob von Artevelde. 51 „Ich widerſetze mich einer ſolchen Art der Berath⸗ ſchlagung, wie gegen eine ungeſetzliche Gewalt!“ fiel der alte Pieter Zoetaerde dem wüthenden Dejonckere in die Rede.„Der Oberhauptmann, von uns ſelbſt zum Raths⸗ herrn der Schöffenbank ernannt, hat das Recht, hier un⸗ geſtört zu ſprechen; man iſt verpflichtet, ihn bis zum Schluſſe anzuhören.“ „Es iſt wahr,“ bemerkte der Oberſchöffe;„ich er⸗ ſuche Mher Dejonckere, ſeine Unterbrechungen einzuſtel⸗ len. Verlangt er zu reden, ſo geſchehe es nicht eher, als bis der Oberhauptmann ſeinen Vorſchlag ganz erklärt und ausgelegt hat.“. „Seht, meine Herren!“ fuhr Artevelde in eben ſo ruhigem Tone fort,„was in Flandern geſchieht. Die Anhänger Frankreichs ſtreuen das Geld mit vollen Hän⸗ den in den Gemeinen aus, um das Volk gegen das Bündniß mit England aufzuwiegeln— gegen das Bünd⸗ niß mit England, dem wir den Reichthum und die Macht Flanderns verdanken!— Und weil dieſe Anhänger Bür⸗ ger einer vlämiſchen Gemeine ſind, ſollen wir unthätig die öffentliche Verführung dulden und, die Arme über die Bruſt gekreuzt, eine Umwälzung zum Vortheile des Fremden vorbereiten ſehen! Wir ſollen geduldig das Verderben und die Sklaverei unſeres Vaterlandes ab⸗ warten, weil die Geſetze jedem Bürger die Freiheit ge⸗ ben, zu thun und zu ſagen, was er will, ſo lange er nicht mit gewaffneter Hand und offenbar gegen die Ge⸗ meine aufſteht! In gewöhnlichen Zeiten, meine Herren, mag der volle Gebrauch dieſer Freiheit, wenn gleich nicht 4* 2— — 5² Jakob von Artevelde. ohne Gefahr, doch mindeſtens neben der Erhaltung des allgemeinen Friedens und der Wohlfahrt des Landes be⸗ ſtehen können. Aber in Zeiten der Verführung, wo, wie es jetzt geſchieht, die Volksrechte eine gefährliche Waffe werden in den Händen der Feinde der Volksrechte ſelbſt, wo es ſich fr das Vaterland darum handelt, ob es er⸗ halten werden oder zu Grunde gehen ſoll, dann müffen die Geſetzgeber Kraft genug beſitzen, um Jeden auf ſeine Pflicht aufmerkſam zu machen und die Bosheit zu zügeln, ſelbſt auf die Gefahr hin, ſich dadurch den Haß von ei⸗ nem Theile des Volkes zuzuziehen.— Ich begreife wohl, daß Einige von Euch vor einer Handlung ſich zurückzie⸗ hen, welche ſie als gewaltſam betrachten, weil ſie nicht von der Wahrheit durchdrungen ſind, daß die Nothwen⸗ digkeit ein eiſernes Geſetz iſt, welches alle anderen Geſetze aufhebt. Dieſen ſage ich: Seht, im ganzen Flandern reizt man zum Aufruhr; man bereitet einen allgemeinen Aufſtand gegen die großen Städte vor, ſcheinbar um die Vorrechte der Weberei zu vernichten, wirklich aber um uns geſchwächt und machtlos Frankreichs Herrſchſucht preiszugeben; überall wird Haß und Zwiſt geſäet; keine Woche vergeht, in der nicht funfzig Mordthaten auf Flanderns Boden begangen werden, in Folge von Strei⸗ tigkeiten über die Verhältniſſe des Landes; ganze Ge⸗ meinen ergreifen die Waffen und führen blutige Fehden mit einander; überall verachtet man die Obrigkeit und die Geſetze; ganz Flandern ſcheint ſich aufzulöſen, um die Ankunft eines Zwingherrn, um eine neue Unter⸗ jochung des Vaterlandes vorzubereiten und unvermeid⸗ lich zu dern n vorgeſe Eurer offen z ausſtre pörung Strafe Fern ſ zudring lich zu es verr um die hänger Anſchle Ueberz in dieſ kungsa ren; 8 die Ind gersno Untern liſchen dern r welches es dem Gefahr in Kra in der ig des des be⸗ do, wie Waffe ſelbſt, es er⸗ müſſen if ſeine zügeln, von ei⸗ ewohl, rückzie⸗ ie nicht thwen⸗ Geſetze landern emeinen um die ber um rſchſucht t; keine ten auf 1 Strei⸗ nze Ge— Fehden keit und ſen, um Unter⸗ vermeid⸗ Jakob von Artevelde. 53 lich zu machen. Nichts kann nach meiner Meinung Flan⸗ dern noch retten, als die Annahme des von mir Euch vorgeſchlagenen Geſetzes. Es giebt mir, als Ausführer Eurer Befehle, die Macht, diejenigen feſtzunehmen, welche offen zu einer Umwälzung in Flandern rathen, oder Geld ausſtreuen, um die niedrigſte Klaſſe des Volkes zur Em⸗ pörung zu beſtechen. Obendrein verhängt es ſchwere Strafen über Aufruhr, Empörung, Streit und Mord. Fern ſei von mir der Gedanke, Euch dieſes Geſetz auf⸗ zudringen; ich erſuche Euch im Gegentheil, es ſehr reif⸗ lich zu erwägen, und beſchwöre Euch, im Fall Ihr glaubt, es verwerfen zu müſſen, ſuchet andere Mittel zu finden, um die offenbare Geſetzloſigkeit zu zügeln und den An⸗ hängern Frankreichs zu wehren, ungehindert in ihren Anſchlägen fortzufahren. Ich ſage es Euch mit voller Ueberzeugung, meine Herren, wenn Euer Geiſt ſich in dieſem Augenblicke nicht über die gewöhnliche Den⸗ kungsart der Menge erheben kann, iſt Flandern verlo⸗ ren; Frankreich gewinnt ſeine tödtende Macht über uns; die Induſtrie geht von Neuem zu Grunde, und die Hun⸗ gersnoth folgt unfehlbar; denn die erſte Folge unſerer Unterwerfung unter Frankreich wird das Verbot der eng⸗ liſchen Wolle ſein. Mein Herz ſagt mir, daß Ihr Flan⸗ dern retten werdet durch die Annahme eines Geſetzes, welches man nur als vorübergehend betrachten muß, da es dem Schöffenrathe frei ſteht, es aufzuheben, ſobald die Gefahr beſiegt iſt, und müßte es auch nur vierzehn Tage in Kraft bleiben. Es iſt eine Prüfung, eine gewaltige, in der That! Aber Ihr, die Ihr ſo mannhaft den Feind —— 54 Jakob von Artevelde. bekämpft habt, als ſeine Macht uns zerſchmettern zu wol⸗ len ſchien, werdet Ihr jetzt zurückweichen vor einem noth⸗ wendigen Unternehmen, weil Ihr fürchtet, daß ein Theil des Volkes anderer Meinung ſein wird? Ach, meine Herren! der Held iſt groß, der einen Kampf wagt, in welchem kein anderer Ruhm zu gewinnen iſt, als die Ueberzeugung, ſeine Pflicht gethan zu haben, und in wel⸗ chem er um der Erhaltung des Vaterlandes willen ſelbſt den Haß ſeiner Brüder als einzigen Lohn davonträgt; ja, er iſt größer, als der Krieger, der, bei der Nieder⸗ lage wie bei dem Siege, doch auf das Lob und die Liebe ſeiner Brüder rechnen darf.— Ihr waret meine Kampf⸗ genoſſen und Freunde gegen die äußeren Feinde; ich bin überzeugt, meine Herren! daß Ihr eben ſo muthig mir beiſtehen werdet in dem Kampfe gegen die gefährlicheren inneren Feinde, für die Vertheidigung und Erhaltung unſeres theuren Flanderns. Ich bitte Gott, daß er in dieſem wichtigen Augenblicke Euren Geiſt erleuchte!“ Kaum hatte Artevelde ſeine Rede geendet, ſo ſprang Ser van Steenbeeke auf und ſprach mit beißendem Tone: „Meine Herren! es wundert mich, es foltert mein Gemüth, zu ſehen, daß die Geſetzgeber Gents ſolchen Vorſchlag anhören können, ohne ihn augenblicklich mit allgemeinem Unwillen, was ſage ich? mit endloſer Ver⸗ achtung zu verwerfen! Wie? iſt es nicht genug, daß das vlämiſche Volk ſeit acht Monaten gebeugt geht unter der Willkür des Oberhauptmanns? Nicht genug, daß ein Tyrann alle Geſetze mit Füßen tritt, um ſeine Günſt⸗ linge zu befördern und diejenigen zu treffen, welche es wagen Nein! heit de preisg behand noch 2 ſich ge Blindl den A führen fremd ten, n alle d fluß 3 eine u daß d lichen S die eir jetzt v einem ſolche und n dagege was vorgef anthät beinal Male Jakob von Artevelde. 55 wagen, gegen dieſe Bedrückung ihre Klage zu erheben? luere Nein! wir ſollen ſeine Mitſchuldigen werden! Die Frei⸗ Theil heit des Volkes, unſere eigene Freiheit ſollen wir ihm meine 5 preisgeben, damit er das ganze Land nach ſeinem Willen gt, in behandeln könne und ungehindert Jeden vernichten, der als die noch Vaterlandsliebe und Bürgerſtolz genug beſitzt, um i wel⸗ ſich gegen ſo ſchändliche Gewalt aufzulehnen! Welche ſelbſt Blindheit hat uns geſchlagen, meine Herren, daß wir nträgt; den Abgrund nicht ſehen, zu welchem ſolche Politik uns Nieder⸗ führen muß? Alles Gefühl des eigenen Werthes iſt uns e Liebe fremd geworden, und wir laſſen uns von der Furcht lei⸗ dampf⸗ ten, wie unwiſſende Kinder! Seht Ihr denn nicht, daß ich bin alle dieſe Gewalt nur angewandt wird, um einen Ein⸗ ig mir fluß zu erhalten, den das Volk haßt und verachtet, um licheren. eine ungeſetzliche Obrigkeit zu erhalten? Seht Ihr nicht, zaltung daß das Vaterland geopfert wird, um einem ſchmäh⸗ er in lichen Ehrgeize zu fröhnen?“ tel“ Schon von Anfang an hatte ein ſteigendes Murren ſprang die einzelnen Worte des Ser van Steenbeeke begleitet; Tone: jetzt ward er plötzlich in ſeiner Rede unterbrochen von t mein einem Theile der Schöffen, welche erzürnt riefen, daß ſolchen ſolche Sprache eine Schmach ſei für die Verſammlung, lich mit und nicht geduldet werden dürfe. Ein anderer Theil ſchrie er Ver⸗ dagegen, daß jeder Schöffe die Freiheit genieße, zu ſagen, daß das was und wie er es wolle, und daß die Anfänger des nter der. vorgeſchlagenen Geſetzes ihren Gegnern ſichtbar Gewalt daß ein anthäten. Ser van Steenbeeke konnte ſich vor Wuth Günſt⸗ beinahe nicht mehr bezwingen und verſuchte mehrere zelche es Male das Wort zu ergreifen. Seine Stimme ward je⸗ Jakob von Artevelde. doch immer durch das anhaltende Geſchrei übertäubt, bis endlich Artevelde aufſtand und ſagte: „Meine Herren, ich bitte Euch, laßt Ser van Steen⸗ beeke in ſeinen Beſchuldigungen gegen mich fortfahren. Er hat dazu ein geſetzliches Recht, das ihm nicht genom⸗ men werden darf. Obendrein nähre ich die Hoffnung, daß aus ſeinen Worten ſelbſt die Nothwendigkeit eines ſchleunigen Rettungsmittels für Flandern ſich unwider⸗ leglich erweiſen werde.“ „Aus meinen Worten wird ſich erweiſen,“ rief Ser van Steenbeeke,„daß Ihr ein herrſchſuchtiger, ein un⸗ rechtlicher Tyrann ſeid! O, Ihr heuchelt kalt zu bleiben bei meinen Beſchuldigungen; Ihr hofft, daß das Volk, durch Euer voriges Glück geblendet, ſeine Ketten noch nicht zu zerbrechen wagen wird, daß Ihr ihm noch lange Euren Fuß auf den Nacken ſetzen werdet. Thorheit! Man nehme nur Euer Sklavengeſetz an, und morgen ſchon werdet Ihr das Feuer des Aufſtandes in ganz Flandern entbrennen ſehen; morgen bereits wird das Volk Rechenſchaft von Euch verlangen für ſeine vernich⸗ tete Freiheit..... 6 „Das ſind ja aber lauter leere Worte!“ rief ein Schöffe ungeduldig.„Wenn Ser van Steenbeeke den Oberhauptmann beſchuldigen will, ſo thue er es mit Thatſachen!“ „Man verlangt Thatſachen?“ fuhr Ser van Steen⸗ beeke fort.„Als ob jeder Vläminger ſie nicht kennte und nicht ſchon ſeit langer Zeit deswegen nach Rache ſchriee! Wohl denn! ich ſage, wenn Flandern verzehrt ſcheit Geſe hauf Ver! ſtellt jede tert; Land Vor bluti aufh verh den worf der Leide dern in Ver achtt eiſer Feue zwir Schi uns Sche Bür gen ibt, bis Steen⸗ ffahren. genom⸗ ffnung, it eines nwider⸗ rief Ser ein un⸗ bleiben s Volk, en noch ch lange horheit! morgen in ganz ird das vernich⸗ rief ein eeke den es mit Steen⸗ t kennte ) Rache verzehrt Jakob von Artevelde. 57 ſcheint durch den Haß, wenn Jeder unzufrieden iſt, wenn Geſetzloſigkeit und Aufruhr herrſchen, ſo trägt der Ober⸗ hauptmann allein die Schuld, daß das Vaterland dem Verderben zueilt. Dadurch, daß er ſich über das Geſetz ſtellt und ſeine Hauptleute in Weſtflandern ungeſtraft jede Willkür ausüben läßt, hat er die Gemüther erbit⸗ tert; dadurch, daß er den Gemeinen auf dem platten Lande Lerſprach, er wolle ihnen gegen die großen Städte Vorſchub leiſten, hat er ihnen den Muth gegeben, einen blutigen Aufſtand zu wagen; dadurch, daß er das Volk aufhetzte gegen unſern geſetzlichen Fürſten und dieſen verhaßt machte, hat er Flandern in einen immerwähren⸗ den Zuſtand der Umwälzung gebracht und es niederge⸗ worfen unter ſeinen hochmüthigen Willen. Er iſt es alſo, der ſelbſt all das Böſe gebraut hat, welches uns dieſe Leiden verurſacht und uns mit dem Untergange Flan⸗ derns bedroht. Wunderlicher Wahn! Er ſtürzt das Land in Geſetzloſigkeit, ruft ein allgemeines Verlangen nach Veränderung hervor, zieht ſich den Haß und die Ver⸗ achtung des Volkes zu— und nun, da er ſieht, daß der eiſerne Scepter ihm entſchlüpfen will und daß er das Feuer, welches er ſelbſt entzündet hat, nicht länger be⸗ zwingen kann, wagt er es in der Verſammlung der Schöffen von Gent, das Opfer des einzigen Gutes, das uns noch bleibt, zu verlangen, das Opfer des letzten Scheines unſerer Freiheit! Wozu? Um den vlämiſchen Bürger ſo tief in den Staub zu treten, daß deſſen Kla⸗ gen unhörbar werden?— Ja, meine Herren! es iſt wahr, Flandern kann nur durch ein gewaltiges Mittel 58 Jakob von Artevelde. gerettet werden; aber man täuſcht Euch, wenn man Euch als ſolches ein Geſetz vorſchlägt, das nichts iſt als eine Vermehrung des allgemeinen Elendes. Das Volk ver⸗ langt erlöſt zu werden von dem tyranniſchen Arme, der erdrückend auf Flandern laſtet. Wollt Ihr das Vater⸗ land retten? Wohlan, ſo brecht ſeine Sklavenfeſſeln! Nehmt dem Oberhauptmanne ſeine Herrſchaft durch einen raſchen Entſchluß! Dieſer Vorſchlag ſcheint Euch zu er⸗ ſchrecken. Ihr fürchtet Euch, ich weiß es wohl, Ihr beugt auch das Haupt unter ſeiner Macht.... Ihr habt den Muth nicht mehr, um dem Tyrannen die Herrſchaft ſtrei⸗ tig zu machen; Ihr kriecht vor..... 4 Ein Sturm des Unwillens brach bei dieſen Worten aus; alle Schöffen ſtanden zugleich auf; ein Theil der⸗ ſelben that es, um ſeinen Zorn über van Steenbeeke's höhnende Worte auszuſprechen, der andere, um durch den Ruf:„Er hat Recht! es iſt wahr, wir werden un⸗ terdrückt, wir kriechen!“ die Beſchuldigung gegen Arte⸗ velde zu unterſtützen. „Es iſt eine Schande!“ rief ein Schöffe plötzlich dem Oberhauptmanne zu.„Ihr ſprecht immer von Liebe zum Vaterlande, und jetzt, da Euer Abtreten allein es retten kann, opfert Ihr es, um Euch Eure Macht zu erhalten. Wenn die Herrſchſucht Euch nicht verblendete, ſo würdet Ihr freiwillig ein Amt niederlegen, das Ihr doch verlie⸗ ren müßt. Reicht Eure Entlaſſung ein, wenn noch ein Funke Edelmuth unverlöͤſcht in Eurem Herzen ſich findet!“ Ein ſtilles Lächeln war die Antwort des Oberhaupt⸗ manns; aber in dieſem Lächeln zeigte ſich ſo viel Ruhe des( es w und 8 ſamn ren, er ei wolle noch heftit auf l ger i ligter die O / könn Schr Soll ſchän Eure 4 beeke Ehe heute Wor Der Euch s eine k ver⸗ e, der Vater⸗ feſſeln! heinen zu er⸗ beugt bt den ſtrei⸗ Vorten il der⸗ beeke's durch en un— Arte⸗ ich dem be zum retten halten. würdet verlie⸗ och ein indet!“ haupt⸗ I Ruhe Jakob von Artevelde. 59 des Geiſtes, ſo viel Stolz und ſo viel Verachtung, daß es wie ein Dolch das Herz des Schmähenden durchbohrte und ſeine Augen vor Wuth glühten. Welche Mühe der Oberſchöffe ſich auch gab, die Ver⸗ ſammlung zu der geziemenden Gelaſſenheit zurückzufüh⸗ ren, es glückte ihm nicht, dieſen Zweck zu erreichen, bis er endlich drohte, die Sitzung augenblicklich ſchließen zu wollen. Es ſchien, als ob dies weder van Steenbeeke noch ſeinen Anhängern gefalle; denn ſie beklagten ſich heftig über die Ungeſetzlichkeit dieſer Weiſe, welche dar⸗ auf hinausgehe, den Oberhauptmann und ſeine Anhän⸗ ger ihrer Beſchuldigung zu entziehen. Endlich aber wil⸗ ligten ſte ein, ihre Plätze wieder einzunehmen, obwohl die Ruhe noch bei Weitem nicht hergeſtellt war. „Aber, Oberhauptmann!“ rief ein Schöffe,„wie könnt Ihr nur ſo gelaſſen bleiben bei der blutigen Schmach, die Euch und uns Allen zugefügt wird? Sollte Euer Wort die Macht nicht mehr haben, um die ſchändliche Verleumdung zu erſticken unter dem Gewichte Eures Unwillens?“ Artevelde trat vor und ſprach mit der größten Ruhe: „Meine Herren! die Sprache, die Ser van Steen⸗ beeke gegen mich führt, wundert mich durchaus nicht. Ehe ich in dieſe Verſammlung kam, wußte ich, was er heute ſagen und thun würde.....“ Ser van Steenbeeke erbleichte ſichtbar bei dieſen Worten und ſeine Freunde ſahen einander beſtürzt an. Der Oberhauptmann fuhr fort: „Wozu würde es dienen, daß ich mich gegen unge⸗ 60 Jakob von Artevelde. gründete Beſchuldigungen vertheidigte vor Euch, Schöf⸗ fen von Gent, deren Befehle die ſtete Richtſchnur meiner Thaten geweſen ſind? Man ſagt, ich habe die Gemüther verbittert, den Fürſten verhaßt gemacht, die Gemeinen zum offenen Aufſtande gegen die Städte angefeuert, das allgemeine Beſte geopfert, um mir meine Macht zu er⸗ halten! Cuch, meine Herren, frage ich, wann ich etwas gethan habe, das mehr geweſen ſei, als die Ausführung Eurer Beſchlüſſe. Und wenn auch mitunter der erſte Ge⸗ danke eines Unternehmens oder eines Beſchluſſes von mir ausging, nie folgte die That, ehe ſie Eure freiwillige Genehmigung erhalten hatte. Man ſagt, ich hätte die Gemüther erbittert, weil ich auf Euren Befehl die An⸗ ſchläge der Leligerds vereitelte und Gewalt anwendete, wo das Geſetz und die Gefahr des Vaterlandes es mir zur Pflicht machte?— Ich ſoll Schuld ſein, daß das Volk unſern geſetzlichen Fürſten haßt? Wer, meine Herren, hat mehr als ich ſich Mühe gegeben und ſich Gefahren ausgeſetzt, um unſern gnädigen Herrn Ludwig mit ſeinen Unterthanen zu verſöhnen? Wer hat mehr als ich, ihn mit Ehrerbietung und Liebe umgeben, ſo lange er ein Vläminger ſchien und aufhörte Franzoſe zu ſein? Wer verlangt, daß man noch täglich Verſuche mache, dem Fürſten ſeine geſetzliche Herrſchaft wieder zu verſchaffen, wenn dies nicht unſere Unterwerfung unter Frankreich mit ſich führt?“ „Scheinheiliger!“ ſchrie van Steenbeeke, der Graf hat mir ſelbſt zehnmal bekannt, daß Ihr das einzige Hinderniß ſeiner Rückkehr ſeid.“ iſt wo geſtem ſolcher meine ſollte darin, walt ren; bigkeiꝛ ſuchte. Und kann mich i ſetzen. Meine Abſetz ich m gegen einzig werde Schöͤf⸗ neiner nüther neinen t, das zu er⸗ etwas ihrung te Ge⸗ 's von willige tte die ie An⸗ hendete, es mir aß das meine ind ſich Ludwig tt mehr ben, ſo zoſe zu Verſuche ieder zu g unter er Graf einzige Jakob von Artevelde. 61 „Seiner Rückkehr als Sendling Frankreichs, das iſt wahr,“ ſagte Artevelde.„Ich habe mich dagegen geſtemmt, und ſo lange ich lebe, werde ich ein Hinderniß ſolcher Erniedrigung ſein.— Ich hätte die kleinen Ge⸗ meinen gegen die Städte aufgewiegelt? Und weshalb ſollte ich das gethan haben? Meine Miſſethat beſteht darin, daß ich die kleinen Gemeinen mit geſetzlicher Ge⸗ walt gezwungen habe, die Vorrechte der Städte zu eh⸗ ren; aber daß ich zugleich auch die Städte zur Nachgie⸗ bigkeit, zur Eintracht und zum Edelmuthe zu bewegen ſuchte.— Ich ſoll ein Tyrann, ein Zwingherr ſein? Und ein einfacher Beſchluß der Schöffenbank von Gent kann mich aller Macht, alles Einfluſſes berauben und mich in die Einſamkeit des häuslichen Lebens zurückver⸗ ſetzen. Ein ſolcher Beſchluß würde mich gehorſam finden. Meine Feinde ſelbſt wiſſen es wohl, ſobald ſie meine Abſetzung verlangen, mit der vollen Ueberzeugung, daß ich mein Urtheil mit Ehrfurcht und ohne Murren ent⸗ gegennehmen werde. Meine Macht hängt von einem einzigen Worte ab, das zu jeder Stunde ausgeſprochen werden kann. Und man nennt mich einen Tyrannen, einen Zwingherrn!“ „Ein Tyrann, ein Zwingherr ſeid Ihr!“ fiel Mher Dejonckere ihm in die Rede.„Ja, wir können Euch ab⸗ ſetzen; aber Eure Gewaltthaten haben den Meiſten un⸗ ter uns Furcht vor Eurer Macht eingejagt; Ihr habt Euch durch Begünſtigungen und Schmeicheleien in ganz Flandern ſo viele Tauſende Anhänger erworben, daß uns nur ein Schein von Herrſchaft bleibt. Wäre das 62 Jakob von Artevelde. nicht der Fall, ſo würdet Ihr heute noch Eures Amtes beraubt werden; aber Ihr wollt Flandern in Feuer und Flammen ſetzen, nicht wahr? Ihr werdet die Schöffen von Gent ſtrafen für ihre Kühnheit!“ „Wie?“ rief van Steenbeeke,„Ihr wagt es, Cuch hinter den Schöffenrath von Gent zu verſtecken, uns ver⸗ antwortlich zu machen für den Druck, den Ihr dem Volke auferlegt? Habt Ihr nicht alle Macht an Euch geriſſen und in Eure Hände genommen? Ihr ſeid Alles, Land, Fürſt, Feldherr, Herr, Beſchließer nnd Ausführer. Wird das geringſte Wort, das Curen Hochmuth höhnt, nicht beſtraft, wie ein Anſchlag gegen Flanderns Beſtehen ſelbſt? Tretet Ihr nicht alle Geſetze mit Füßen? Und wer ſoll das Vaterland rächen für ſolche Ueberwältigung? Niemand kann es thun, Niemand, als das Volk ſelbſt! Bald, bald werdet Ihr es erfahren, Tyrann!“ „Es ekelt mich,“ fuhr Artevelde immer mit gleicher Ruhe fort,„auf Beſchuldigungen zu antworten, die ich ſelbſt zu gering achte, um ihnen irgend Werth beizulegen. Ich laſſe die Verleumdung auf die zurückfallen, welche wiſſentlich die Wahrheit entſtellen, um ein Ziel zu er⸗ reichen, das ſie ſich ſelbſt zu bekennen ſchämen.— Was Flandern beunruhigt hat, i*ſt wahrlich nicht offenbares Unglück; denn nie herrſchte daſelbſt mehr Reichthum und Gewerbfleiß, als jetzt. Es iſt auch nicht Sklaverei oder Bedrückung; denn Jeder genießt einer ſo unbegrenzten, unumſchränkten Freiheit, daß ſie ſelbſt geſtattet, Böſes zu thun und dem Lande offen zu ſchaden. Woraus ent⸗ ſpringt denn das drohende Fieber, die Sucht nach Auf⸗ ruhr völker! der fro Löwen ſchnoͤd einen unerſch Ihr, d det ha die fra thätig bild al heiten Dieſes Interen ten— ben zu ner nie durch wahrli „ reich es Flande Arteve geände miniren Amtes er und hhöffen Euch s ver⸗ Volke geriſſen Land, Wird , nicht eeſtehen 2 Und igung? ſelbſt! gleicher die ich zulegen. welche zu er⸗ — Was fenbares um und rei oder grenzten, „Böſes aus ent⸗ ach Auf⸗ Jakob von Artevelde. 63 ruhr und nach Veränderung, welche einen Theil der Be⸗ völkerung ergriffen zu haben ſcheint? Ach, meine Herren! der franzöſiſche Hof hat ſich beugen müſſen vor unſerem Löwenmuthe,; er ſah ſich die Früchte dreihundertjähriger ſchnöder Liſt entreißen; er ſah das freie Flandern ſich auf einen feſten Boden ſtellen, gleich einem Felſen, der fortan unerſchütterlich gegen alle Gewalt daſtehen wird. Glaubt Ihr, daß Philipp von Valois dieſe Erniedrigung erdul⸗ det habe ohne Hoffnung auf Rache? Glaubt Ihr, daß die franzöſiſche Ritterſchaft den Streit aufgiebt und un⸗ thätig leidet, daß Flandern durch ſein glänzendes Vor⸗ bild alle Völker Europa's zur Freiheit aufruft?“ „Aber es iſt eine abſcheuliche Politik,“ rief ein Schöffe;„ſo beſtändig den Haß anzufachen gegen ein Land, welches aufgehört hat, ſich um unſere Angelegen⸗ heiten zu bekümmern, und unſere Freundſchaft ſucht! Dieſes Mittel war begreiflich, als die Waffen über die Intereſſen Frankreichs und Flanderns entſcheiden muß⸗ ten— aber jetzt? Es iſt eine ſchändliche Liſt, um glau⸗ ben zu machen, daß man ohne gewiſſe ehrſüchtige Män⸗ ner nicht vorwärts könne. Meint man uns noch länger durch dieſes Schreckbild zu täuſchen, ſo irrt man ſich wahrlich!“ „Wähnt Mher de Witte in der That, daß Frank⸗ reich es für immer aufgegeben habe, ſeine Anſchläge auf Flanderns Unabhängigkeit auszuführen?“ entgegnete Artevelde.„Nein, nein! bloß die Angriffsweiſe hat es geändert. Die franzöſiſche Politik lehrt, daß man unter⸗ miniren müſſe, wo man nicht mit Gewalt umwerfen ““ 8— —— Jakob von Artevelde. kann, und Philipp's Räthe wiſſen es nur zu wohl, daß der Friede die Eintracht der Völker löſt und den Grund legt zur Verführung und Parteiung. Ferner, was hat der franzöſiſche Hof gethan, um uns den theuer erkauf⸗ ten Sieg zu rauben, um uns zu ſchwächen und durch Haß und Aufruhr zu erſchöpfen, damit es ihm dann möglich würde, uns zu zwingen, daß wir das ſchändliche Joch wieder aufnehmen, welches wir ſo mannhaft abge⸗ ſchüttelt haben? Frankreich hat ſeine Schätze geöffnet und ein unſichtbares Heer von Verführern in unſer Land ge⸗ ſandt; es hat ganz Flandern durchwühlt, um zu erfah⸗ ren, wo Haß, Neid oder Parteiungen ſich bilden können, und hat dort dieſe Leidenſchaften angefacht. Es hat die öffentlichſte Verleumdung eingeführt und täglich die ſchändlichſten Gerüchte verbreiten laſſen, um die Gemü⸗ ther aufzuregen und einen Aufſtand zu ſeinem Vortheile zu veranlaſſen. Philipp von Valois, ich ſage es mit Beſchämung, hat in Flandern Männer gefunden, die für die Verſprechungen großer Gunſtbezeigung oder aus Neid gegen einige ihrer Brüder die Hand leihen, das Vaterland zu verkaufen. Dieſe Männer tragen alle Schuld, wenn Flandern unter dem Sturme, welcher es bedroht, erliegen muß; dann wird der rechte Fluch der kommenden Geſchlechter ihre Namen treffen; jede Thräne, welche das verarmte, unterdrückte Volk vergießt, wird eine Verwünſchung ihres Gedächtniſſes ſein....“ „Unverſchämter!“ ſchrie Ser van Steenbeeke wü⸗ thend,„Ihr wagt es, den Schöffen in voller Raths⸗ verſammlung den Hohn in's Angeſicht zu ſpeien?“ 3 mann zum und ſe zeigen. beeke Oberh jener Wie ſe Herr Schöff hauptt zu blin Wort ſahen Ar fortgef an den ter den keit nie ferner, aus v. Frankr niß m Hunge Ihr C beugen geſicht Jakob „daß Brund as hat rkauf⸗ durch dann ndliche abge⸗ et und nd ge⸗ erfah⸗ önnen, hat die ich die Gemuͤ⸗ ortheile es mit en, die der aus en, das gen alle elcher es Jakob von Arttvelde. 65 Wie ſehr man es auch verſuchte, den Oberhaupt⸗ mann durch ſolche Unterbrechungen zur Ungeduld oder zum Zorne zu reizen, er that, als ob er ſie nicht höre, und ſetzte ſeine Rede fort, ohne die mindeſte Unruhe zu zeigen. Dieſe unerſchütterliche Kälte quälte van Steen⸗ beeke und ſeine Anhänger ſehr, da die Haltung des Oberhauptmanns ihnen nicht geſtattete, ihren Plan mit jener Eile, die in ihren Wünſchen lag, auszuführen. Wie ſollte man über Gewalt klagen, ſo lange Artevelde Herr ſeiner ſelbſt blieb! Wie ſollte man die anderen Schöffen zum Wanken bringen, ſo lange man den Ober⸗ hauptmann nicht tief genug beleidigen konnte, um ihn zu blindem Zorne zu reizen! Obendrein beherrſchte das Wort des unbeſieglichen Redners ſie gleichfalls, und ſie ſahen ſich wider Willen zur Aufmerkſamkeit gezwungen. Artevelde hatte, ohne eine Pauſe zu machen, alſo fortgefahren: „Dieſe Baſtarde haben jetzt unſer theures Flandern an den Rand eines bodenloſen Abgrundes geführt. Un⸗ ter dem Schutze unſerer freiſinnigen Geſetze iſt die Obrig⸗ keit nicht mächtig genug, das Böſe zu verhüten. Und ferner, meine Herren, ich beſchwöre Euch, antwortet mir aus vollem Gemüthe: Wollt Ihr zurückkehren unter Frankreichs erdrückende Macht? Wollt Ihr das Bünd⸗ niß mit England gebrochen ſehen und die ſchreckliche Hungersnoth wieder über Flandern hereinrufen? Wollt Ihr Eure Freiheit aufgeben und Euch in den Staub beugen vor dem Fremdling? Willigt Ihr ein im An⸗ geſicht der Völker die Hand zu küſſen, die Euch Ketten Jakob von Artevelde. IV. 5 66 Jakob von Artevelde. anbietet? Nein! nicht wahr? Solche Schande muß von Flandern abgewehrt werden.— Aus Gent, aus dieſer Verſammlung ſoll zum zweiten Male das Licht der Be⸗ freiung, das Wort der Erlöſung hervorgehen, und noch⸗ mals ſoll das Vaterland unſere ruhmreiche Stadt ſegnen als die Wiege der vlämiſchen Größe! Ich habe Wochen lang auf ein Mittel geſonnen, um dem drohenden Un⸗ heile einer Umwälzung vorzubeugen. Die Nothwendig⸗ keit zwang mich, einzuſehen, daß uns nichts retten kann, als die Annahme eines Geſetzes, welches der öffentlichen Macht das Recht zuerkennt, Jeden feſtzunehmen, der das Volk zur Empörung aufwiegelt, oder offenbar zu Frank⸗ reichs Vortheile heimliche Pläne ſchmiedet.... Selbſt, meine Herren, wenn es auch Schöffen oder andere Ma⸗ giſtratsperſonen gilt, ſobald dieſe augenſcheinlich ihr An— ſehen misbrauchen, um den Fremdling in ſeinen An⸗ ſchlägen zu unterſtützen..... 41 „Hal ich verſtehe Eure Drohung!“ ſchrie Ser van Steenbeeke, während ſeine Anhänger die Fäuſte gegen Artevelde ballten und ihn zähneknirſchend betrachteten. „Ihr habt dieſe Verſammlung mit Bewaffneten um⸗ ringt, damit die Furcht uns hindere, uns Euren böſen Anſchlägen entgegenzuſtellen, damit die Angſt vor dem Gefängniſſe oder dem Tode den Muth in unſerer Bruſt erſticke. Und Ihr wagt zu ſagen, daß Ihr kein Tyrann ſeid? Ihr, der Ihr auf bloßen Verdacht hin verlangt, Schöffen von Gent feſtnehmen zu dürfen? Was mich betrifft, ſo kann mich nichts Eurer verhaßten Gewalt un⸗ terwerfen, und ich erkläre Euch hier, daß, wenn Ihr, der Ihr a genbli nieder keit ge vergof chen, nem2 wo da ſtürzen müſſen ſchlage thun ſtimm wurde entehr Seele daß, gen n rufen anzutl der wu gehet. um ei Gent zu ver Recher Ich be das C iß von dieſer er Be⸗ noch⸗ ſegnen Vochen en Un⸗ pendig⸗ kann, ntlichen der das Frank⸗ Selbſt, re Ma⸗ hr An⸗ en An- Ser van e gegen achteten. en um- n böſen vor dem er Bruſt Tyrann derlangt, gas mich valt un⸗ Ihr, der Jakob von Artevelde. 67 Ihr allein der Grund aller Streitigkeiten ſeid, nicht au⸗ genblicklich Euren Antrag zurücknehmt und Euer Amt niederlegt, ich das Volk aufrufen werde, um ſeine Obrig⸗ keit gegen Euch zu vertheidigen. Müſſen Ströme Blutes vergoſſen werden, um das Recht und die Freiheit zu rä⸗ chen, nun denn, ſo fallen ſie auf Euer ſchuldiges Haupt.“ „Mein Amt niederlegen?“ ſagte Artevelde mit ei⸗ nem Ausdrucke des Stolzes.„In dieſem Augenblicke, wo das Vaterland nahe daran iſt, in einen Abgrund zu ſtürzen, um wieder die Kniee vor Frankreich beugen zu müſſen? Nein, nein! ich werde meine von mir einge⸗ ſchlagene Bahn wandeln bis an das Ende, meine Pflicht thun bis an den Rand des Grabes. Iſt es meine Be⸗ ſtimmung, zu ſterben, ehe Flandern auf immer gerettet wurde, ſo ſoll mindeſtens keine Feigheit meinen Namen entehren, kein Gewiſſensbiß die ewige Ruhe meiner Seele ſtören. Euch aber, Ser van Steenbeeke, ſage ich, daß, wenn ich auch mein Amt niederlegte, ich bis mor⸗ gen warten würde; denn heute werde ich vielleicht ge⸗ rufen werden, um der ſchnödeſten Miſſethat ihr Recht anzuthun. Ich erwarte Euer Unternehmen, damit Ihr der wohlverdienten Strafe Eurer Schlechtigkeit nicht ent⸗ gehet. Geht, gebt denen, die unten warten, das Zeichen, um einen blutigen Aufſtand gegen die Obrigkeit von Gent zu beginnen und den Bürgerkrieg über Flandern zu verbreiten. Geht, bereitet Euch auch außerdem vor, Rechenſchaft über Euren ſchändlichen Anſchlag abzulegen. Ich beſchuldige Euch des Hochverraths; ich verlange, daß das Geſetz Euch für Eure Schändlichkeit beſtrafe.— 2 — —— 68 Jakob von Artevelde. Ihr ſeid es, der das franzöſiſche Geld ausſtreut; Ihr ſeid es, der, um Gunſtbezeugung und Ehrenämter zu erlangen, ſich an den Fremdling verkauft hat; Ihr ſeid es, der es unternommen hat, heute, ja noch dieſen Mor⸗ gen, das Land Philipp von Valois auszuliefern!“ Während ein ungeſtümes Gewühl auf dieſe Beſchul⸗ digung folgte, rief Ser van Steenbeeke: „Es iſt Lüge, Falſchheit, was Ihr da ausbrütet, Unverſchämter! Ihr ſchleudert mir eine Herausforderung zu? Ihr vernichtet das Schöffenrecht? Die Schwäche dieſer Verſammlung iſt Eure einzige Macht, nicht wahr? Nun denn, das Volk ſoll entſcheiden zwiſchen uns! Euer Reich iſt zu Ende; der Aufſtand wird Euch vernichten!“ Bei dieſen Worten lief Ser van Steenbeeke die Treppe hinunter.— Artevelde folgte ihm, während der Oberſchöffe die Thüren ſchließen ließ und die Schöffen beſchwor, den Saal in einem ſo wichtigen Augenblicke nicht zu verlaſſen. Unten angelangt, begab ſich Ser van Steenbeeke mitten unter das Volk und begann laut um Rache zu rufen. Als ob die Menge durch eine Zauberruthe be⸗ rührt worden wäre, ſo wogten die Haufen Volkes plötz⸗ lich furchtbar unter einander, und hier und da ſtieg ein raſendes Rachegeſchrei gen Himmel. Mittlerweile ſtröm⸗ ten aber große Schaaren von Männern aus den nahe liegenden Straßen nach dem Botermarkte, wo van Steen⸗ beeke ſich befand. Man ſah deutlich, daß ſich die Ver⸗ ſchworenen über den Geiſt der Genter Bürger getäuſcht hatten; denn die Mehrzahl zeigte Erſtaunen über das Vor! rern ein 4 nen Lelia C gedro ihr§ in de ſahen gen. dem häng mehr unter Blut; 5 Schoͤ tunge nun, Steel unmi rühre hen. des E die S mit h zu der t, Ihr nter zu Ihr ſeid Mor⸗ 77 Beſchul⸗ sbrütet, rderung Schwäche t wahr? s8! Euer ichten!“ eeke die rend der Schöffen genblicke teenbeeke Rache zu uthe be⸗ kes plötz⸗ ſtieg ein le ſtroͤm⸗ den nahe n Steen⸗ die Ver⸗ getäuſcht über das Jakob von Artevelde. 69 Vorgefallene und nicht die geringſte Luſt, den Aufrüh⸗ rern zu helfen. In der Nähe der Hoogpoort ſtand ſelbſt ein Haufen Zunftgeſellen, welche bei Artevelde's Erſchei⸗ nen die Straße von dem Rufe wiederhallen ließen: „Heil, Heil dem Oberhauptmanne! Fort mit den Leligerds! Fort mit den Leliaerds!“ Die Verbündeten waren durch die dicht zuſammen⸗ gedrängten Bürger ſo ſehr von einander entfernt, daß ihr Kriegsgeſchrei und ihr Rufen nach Rache ſich beinahe in dem allgemeinen Lärme verlor, und ſie kein Mittel ſahen, das Volk zu der beabſichtigten Bewegung zu brin⸗ gen. Diejenigen, welche mit Ser van Steenbeeke auf dem Botermarkte ſtanden, begannen wie raſend ihre An⸗ hänger auf allen Seiten zu ſich zu rufen; ihre Zahl ver⸗ mehrte ſich raſch, und bereits zogen Einige ihre Waffen unter dem Mantel hervor und ſchwenkten ſie wie ein Blutzeichen über ihren Häuptern. Artevelde war während eines Augenblicks bei dem Schöffenhauſe ſtehen geblieben und hatte nach allen Rich⸗ tungen hin einen flüchtigen Blick geſandt. Er bemerkte nun, daß die Verſchworenen ſich rings um Ser van Steenbeeke zu verſammeln ſuchten. Es ſchien ihm eine unmittelbare Dazwiſchenkunft nothwendig, um den Auf⸗ rührern die Zeit zu rauben, mehr Kräfte an ſich zu zie⸗ hen. Daher befahl er Ghelnoot van Lens, die Pforte des Schöffenhauſes beſetzt zu halten, ſtellte ſich ſelbſt an die Spitze der halben Wache von St. Nikolaes und ſchritt mit hundert Mann queer durch die erſtaunte Menge, bis zu der Stelle, wo Ser van Steenbeeke beſchäftigt war, die 70 Jakob von Artevelde. Verſchworenen zum Angriff aufzuwiegeln. Der Schöffe, welcher ſich überraſcht ſah, ehe ſeine Anhänger in hin⸗ reichender Zahl verſammelt waren, um einen Kampf ge⸗ gen die Wache von St. Nikolaes wagen zu dürfen, konnte ſich wohl denken, daß der Oberhauptmann ihn feſtneh⸗ men würde. Er wartete daher nicht ab, bis Artevelde ihn erreichte, und drang am Belfroot vorüber durch das Volk, um ſich ſeine Freiheit zu ſichern. Seine Abſicht war höchſt wahrſcheinlich, ſich durch andere Straßen nach dem Freitagsmarkte zu begeben, wo eine anſehnliche Zahl ſeiner Anhänger auf den Befehl warteten, am Gefecht Theil zu nehmen. Da er ſich jedoch dicht auf den Ferſen von Artevelde und einem großen Haufen Zunftgeſellen verfolgt ſah, welche nicht aufhörten zu rufen:„Fort mit dem Leligerd! Schlagt den Verräther todt!“ befiel ihn Furcht, und er eilte, ſo viel er konnte, dem Oberhaupt⸗ mann zuvorzukommen und ſich in ſeinen ſtarken Steen in der Oberſcheldeſtraße zu retten, bis er von ſeinen An⸗ hängern befreit werden würde. Mittlerweile währte die gefährliche Verwirrung auf dem Botermarkte fort. Ser van Steenbeeke's Flucht hatte jedoch den Muth ſeiner Anhänger beträchtlich vermindert. Die Waffen waren wieder unter den Mänteln verſchwun⸗ den und man bemühte ſich unter einander durch Aus⸗ rufungen nach Rache bis zur Raſerei aufzuregen. Die Einheit der Bewegung hatte unter den Verſchworenen aufgehört. Umringt von einer Menge von Bürgern, deren Gedanken und Abſichten ſie nicht kannten, und von dem Volke ſelbſt fortwährend bedroht, wußten ſie nicht, 4 was her, und es m für x berge polde derſc . nys, ſchlech denn 1 ſproc unerf uns wir . mehr verde ſchöffe, n hin⸗ pf ge⸗ konnte eſtneh⸗ tevelde ich das Abſicht en nach e Zahl Gefecht Ferſen geſellen ort mit iel ihn haupt⸗ Steen en An⸗ ng auf ſt hatte nindert. chwun⸗ Aus⸗ Die orenen urgern, nd von e nicht, Jakob von Artevelde. 71 was ſie beginnen ſollten, und blickten hoffnungslos um⸗ her, ob Niemand komme, ſich an ihre Spitze zu ſtellen und den Befehl zu führen. Sobald der König der Ribauden bemerkte, wie ſchlecht es mit dem Aufſtande ausſah, und als er das Unternehmen für verunglückt hielt, verließ er ſeine Leute beim Zand⸗ berge und ging weiter hinunter nach der Tiefe des Neder⸗ polders, wo er Geeraert Denys todtenbleich bei der Nie⸗ derſchelde fand. „Feiglinge! niederträchtige Feiglinge!“ ſeufzte De⸗ nys, während er vor Wuth mit den Füßen ſtampfte. „Nun, Meiſter!“ ſagte Muggelyn,„ich finde die Zeit ſchlecht gewählt, um zu ſchelten. Von wem ſprecht Ihr denn? Oder macht Ihr Euch vielleicht ſelbſt Vorwürfe?“ „Wo ſind nun die zweihundert Mann, die Ihr ver⸗ ſprochen habt?“ „Sie ſtehen dort fern!“ antwortete der Ribauden⸗ könig mit einer fröhlichen Gleichgültigkeit, welche Mher Denys zum hoͤchſten Zorne reizte. „Sie ſtehen dort fern!“ wiederholte der Oberdechant. „Haben ſie deshalb ſo viel Geld bekommen, um zitternd ſtehen zu bleiben im Augenblicke der Gefahr?“ „Sie machen es wie Ihr, Meiſter: ſie warten mit unerſchrockenem Löwenmuthe. Aber ich glaube, unter uns geſagt, daß ſie noch lange warten müſſen,— und wir auch!“ „Iſt die Sache denn ganz verloren? keine Hoffnung mehr auf Sieg? Schon wieder Artevelde! Verdammt! verdammt!“ ————— Jakob von Artevelde. „Es iſt lächerlich!“ ſagte Muggelyn;„wenn man weder Muth noch Vorſicht hat, um ein ſolches Schiff zu führen, ſo läßt man ſeine Hände vom Steuer. Man verſteht einander nicht. Die Einen rufen: Es lebe der Graf! fort mit dem Engländer! Die Anderen ſchreien: Fort mit dem Oberhauptmanne! fort mit den Leliaerds! fort mit dem Grafen! fort mit den Franzoſen! Glaubt Ihr, Mher Denys, daß ein Wagen, vor welchen man ein Pferd und einen Eſel neben einander geſpannt hat, ſchnell und richtig fahren kann? Das Geheimniß iſt auch gut bewahrt, bei meinem Worte! Ihr verbergt Euch im dunkelſten Dunkel, um den Plan zu dem Aufſtande zu entwerfen, und nach Eurer Ausſage ſollte man glauben, Alles ſei ſo ſicher und ſo wohl verwahrt, wie im Grabe. Und nun, wo der Augenblick da iſt, ſcheint der Ober⸗ hauptmann beſſer zu wiſſen, als Ihr Leute, was Ihr thun wollt und was Ihr beſchloſſen habt. Ser van Steenbeeke läuft wie eine blinde Katze mit dem Kopfe voraus in den Sack und will den Aufruhr anfangen laſſen in Gegenwart des Oberhauptmanns, des Mher Ghelnoot, und von zweihundert und funfzig Mann von St. Nikolges!“ „Man hat uns verrathen; wer konnte das denken!“ „Nun, Meiſter! glaubt Ihr denn, daß wir allein betrügen können?“ „Ol ich werde den Schuft ſchon erfahren und ihn ſtrafen mit einem gräßlichen Martertod..... Warum bleibt Ihr hier, Muggelyn? Kehrt zurück! Flößt Euren Leuten Muth ein! Seht, ob nichts unternommen werden — kann leicht todte Ober teufe Mhe aus, trifft ſibt, läuft ( Auge griffe ſelche 1 doch vor ſamn 4 Steeꝛ nach man hiff zu Man be der reien: gerds! Glaubt man t hat, ſt auch uch im ade zu auben, Grabe. Ober⸗ 1s Ihr er van Kopfe fangen Mher in von ken!“ allein id ihn Barum Euren verden Jakob von Artevelde. 73 kann, um den Aufſtand doch ausbrechen zu laſſen! Viel⸗ leicht iſt noch nicht Alles verloren.“ „Es wäre beſſer,“ lachte der Ribaud,„daß Ihr dies todte Kalb los zu werden ſuchtet; ſonſt ſteckt uns der Oberhauptmann ganz gewiß noch in den Ser Geergerts⸗ teufelsſteen. Ein gefangener Vogel lernt raſch plappern, Mher Denys. Ich fürchte, unſere Freunde ſagen mehr aus, als uns Vergnügen machen wird. Was mich be⸗ trifft, ſo finde ich, daß man im Leeuw⸗ten Putte beſſer ſitzt, als im Teufelsſteen, beſonders wenn man Gefahr läuft, ohne Kopf wieder herauszukommen..... 44 Geergert Denys ſah dem Ribaudenkönige tief in die Augen und ſchien plötzlich von einer großen Furcht er⸗ griffen. „Glaubt Ihr wirklich, Muggelyn,“ ſprach er,„daß ſolche Gefahr uns bedroht?“ Der Ribaudenkönig hob ſeinen Mantel auf und zeigte dem Oberdechanten ein Brod und einen Weinkrug, die an ſeinem Gürtel hingen, während er zu gleicher Zeit ein Würfelſpiel aus der Taſche nahm. „Was ſoll die Thorheit?“ fragte Denys verwundert. „Seht Ihr, Meiſter!“ ſpottete Muggelyn,„ich bin doch ſicher, daß ich im Teufelsſteen weder vor Hunger noch vor Durſt ſterben werde; und geſchieht es, daß wir zu⸗ ſammen da ſitzen, ſo verſpiele ich fünf Pfund gegen Euch.“ „Aber was thun, um der Gefahr zu entgehen?“ „Was thun? Ihr habt es ſelbſt geſagt. Ser van Steenbeeke mit ſeinen Leliaerds im Koth ſtecken laſſen, nach dem Botermarkte gehen und dort mit doppelſinni⸗ Jakob von Artevelde. 74 gen Worten gegen den Aufruhr zu wirken ſcheinen, im Beiſein von Perſonen, die wir als Freunde des Ober⸗ hauptmanns kennen. Ihr Zeugniß ſoll uns retten, wenn Jemand uns verräth, oder man uns für verdächtig hält. Das iſt es, was ich thun werde. Gehen wir aber vor Allem vorſichtig zu Werke....“ Plötzlich hörte man in der Richtung des Schöffen⸗ hauſes ein anhaltendes Geſchrei, einen verwirrten Lärm, welcher das Beginnen des Aufſtandes oder mindeſtens ein Gefecht anzukündigen ſchien. Geeraert Denys' Augen funkelten vor Hoffnung; ein heiteres Lächeln überzog ſein Geſicht, und er ſagte eilig: „Kommt, kommt, Muggelyn! die Sache iſt im Gange; Ihr habt Euch getäuſcht; der Sieg iſt unſer.“ „Beachtet wohl, was Ihr thun wollt!“ lachte der Ribaud, ihm folgend.„Unſere Hunde bellen wohl, aber ſie wagen nicht zu beißen. Mir beweiſt der Lärm, daß Alles auf Schreien hinausläuft, bis Mher Ghelnoot van Lens es müde wird und die Schreier beim Kopfe nimmt.“ „Kommt, kommt!“ wiederholte der Oberdechant. Die Leliaerds, welche auf dem Freitagsmarkte in großer Zahl verſammelt waren, hatten unterdeſſen die Nachricht bekommen, daß Artevelde ihren Anführer, Ser van Steenbeeke, in deſſen eigenem Hauſe gefangen halte. Da ſie nicht hofften, den Oberhauptmann mit Gewalt von dort vertreiben zu können, ſo waren ſie, von Ser Gilliſſe van Gavere geleitet, nach dem Schöffenhauſe ge⸗ zogen Niko man Unre Gent boten er ſe zu m wie ſchrie 1 ( 2 nun währ ſamn Man wund plötzl hauſe zur I 9 fen, 1 mitzu daß d auch broche 3 1, im Ober⸗ wenn hält. er vor öffen⸗ Lärm, eeſtens Augen g ſein iſt im nſer. te der „aber daß öt van nmt.“ ant. kte in en die „ Ser halte. zewalt n Ser ſe ge⸗ Jakob von Artevelde. 75 zogen und ſtanden nun dort vor der Wache von Sanct Nikolaes, den Schöffen zurufend, daß ſie den Oberhaupt⸗ mann abſetzen ſollten, und aus allen Kräften über das Unrecht klagend, welches einer obrigkeitlichen Perſon von Gent zugefügt würde. Ser van Gavere ließ unterdeſſen durch einen Stadt⸗ boten um Einlaß in den Schöffenrath bitten, um, wie er ſagte, dieſen mit den Wünſchen des Volkes bekannt zu machen. Als ihm dies verweigert wurde, ſprang er wie ein Raſender zurück, ſchwang ſeinen Dolch, und ſchrie laut: „Es iſt Zeit; wer mich liebt, folge mir!“ Die erſte Reihe der Wache von St. Nikolaes ſpannte nun ihre Kreuzbogen und legte die eiſernen Bolzen auf, während die Leligerds ihre Waffen ergriffen und ſich zu⸗ ſammendrängten, um ſich der Wache zu nähern. Ein Angriff ſchien unvermeidlich. Schon war ein Mann der Wache durch einen heimlichen Dolchſtich ver⸗ wundet und zwei Leliaerds durch Bolzen getroffen, als plötzlich der ganze Schöffenrath in der Pforte des Stadt⸗ hauſes erſchien und ein lauter Trompetenſchall die Maſſe zur Aufmerkſamkeit aufforderte. Von allen Seiten kam man nun raſch herbeigelau⸗ fen, um zu vernehmen, was der Schöffenrath dem Volke mitzutheilen habe. Der Zudrang ward plötzlich ſo groß, daß an keinen Kampf mehr zu denken war, ſelbſt wenn auch die Neugier der Aufrührer den Angriff nicht unter⸗ brochen hätte. Der Oberſchöffe, Maes van Vaernewyck, näherte Jakob von Artevelde. ſich dem Hauptmann van Lens und ſagte ihm mit thrä⸗ nenden Augen einige Worte, über die derſelbe zuerſt vor Wuth mit den Füßen ſtampfte, dann aber mit dem Kopfe nickte, zum Zeichen, daß er zufrieden ſei, und Ser Maes mit trauriger Dankbarkeit die Hand drückte. Eine gewiſſe Stille herrſchte vor dem Schöffenhauſe, als der Stadtſchreiber, Meiſter Jan van Loven, ein Per⸗ gament mit dem Schöffenſiegel entfaltete und folgenden Beſchluß ablas: „Es wird hiedurch männiglich bekannt gemacht, daß der Schöffenrath von Gent, in Erwägung der großen Unruhe, welche entſprungen iſt aus einem Streite zwi⸗ ſchen Mher Jakob von Artevelde, Oberhauptmann, und Ser van Steenbeeke, Ritter und Schöffen dieſer Stadt; „Wollend männiglich Recht thun nach Verlangen und Geſetz, und diejenigen ſtrafen, welche Urſache zu dieſem Auflauf gegeben haben mögen; beſchloſſen hat: Mher Jakob von Artevelde und Ser van Steenbeeke, vorbenannt, vor die Schöffenbank zu fordern, um ein Urtheil zu fällen über den obſchwebenden Streit. „Befiehlt, daß der Oberhauptmann ſeines Amtes enthoben werde, bis die Sache unterſucht und geſetzlich über dieſelbe entſchieden worden iſt. „Befiehlt, daß Mher Jakob von Artevelde feſtge⸗ nommen und in Ser Geeraerts Teufelsſteen in Gefäng⸗ niß geſetzt, und daß Ser van Steenbeeke gleichfalls ge⸗ fangen genommen und in den Gravenſteen geſetzt werde, bis die Schöffenbank ihren Ausſpruch gefüllt hat. „Trägt Mher Maes van Vaernewyck, Oberſchöffen thrä⸗ eſt vor Kopfe Maes Per⸗ genden t, daß großen zwi⸗ , und Stadt; angen che zu hat: beeke, m ein Amtes etlich feſtge⸗ fäng⸗ s ge⸗ Jakob von Artevelde. 77 der Keure, die Ausführung dieſes Beſchluſſes auf und gebietet allen Hauptleuten und Obriſten der Zünfte und Gilden, ihm dabei behülflich zu ſein.“ Lauter Jubel erhob ſich aus den Reihen der Feinde des Oberhauptmanns, die freudig mit den Händen wink⸗ ten. Die große Mehrzahl des Volkes ſenkte indeſſen mur⸗ rend das Haupt, als ob ein ſchwerer Schlag jeden patrio⸗ tiſchen Bürger getroffen habe. Wie tief betrübt auch die meiſten Bürger waren, als ſie einen Beſchluß verkündigen hörten, durch welchen der Oberhauptmann wie ein ſchuldiger Verbrecher vor die Schöffenbank gefordert wurde, ſo zeigten ſie doch nicht die geringſte Abſicht, Widerſtand zu leiſten. Alle die⸗ jenigen, welche der Politik des Oberhauptmanns anhin⸗ gen, gehörten zu jenem Theile des Volkes, welcher aus uneigennütziger Liebe zum Vaterlande und zu friedlicher Thätigkeit große Ehrfurcht vor Geſetz und Recht nährt. Solche Menſchen ſind erſt dann zu einem Aufſtande ge⸗ gen die angeſtellte Obrigkeit geeignet, wenn ſie nach lan⸗ gem Drucke alle Hoffnung auf rechtliche Genugthuung verloren haben. Jetzt auch ließen ſie in ſtiller Muthloſig⸗ keit, und gleichſam zerſchmettert von der unerwarteten Nachricht, die Verſchworenen ungehindert jubeln über den Fall des Oberhauptmanns. Gleich nach der Leſung des wichtigen Beſchluſſes wandte ſich Maes van Vaernewyck mit den anderen Schöffen um die Ecke des Botermarkts und gebot Ghel⸗ noot van Lens, die Wache von Sanct Nikolaes folgen zu laſſen. 78 Jakob von Artevelde. Mher Ghelnoot war bleich vor Schrecken und gewiß ganz entmuthigt; denn er ſchritt mit niedergeſchlagenen Augen, wie beſchämt, vor ſeinen Leuten her. Eine Wolke Menſchen folgte den Schöffen, welche ſich augenſcheinlich nach der Oberſcheldeſtraße begeben, um den Beſchluß vor ihren Augen ausführen zu laſſen. Man ſtritt unterweges heftig über die Frage, ob Arte⸗ velde ſich gefangen nehmen laſſen würde oder nicht. Viele behaupteten, er würde Widerſtand leiſten und die Schöffen ſelbſt in Ser Geeraerts Teufelsſteen ſperren; Andere wollten viel Geld wetten, daß er ohne Wider⸗ ſpruch ſich dem Befehle der Schöffenbank unterwürfe. Geeraert Denys lief raſch dem Haufen nach, um das Schauſpiel von Artevelde's Erniedrigung ungeſtört ge⸗ nießen zu können. Seine Augen glänzten vor Freude; ſein Herz klopfte vor Entzücken, und ein Gefühl von Glück hatte ſich ſo ſehr ſeiner bemächtigt, daß er in die⸗ ſem Augenblicke ſich ſelbſt und ſeine Herrſchaft vergaß und an nichts dachte, als an den Zorn und die Schmach des Oberhauptmanns. Gleich darauf erreichten die Schöffen die Oberſchelde⸗ ſtraße, wo Artevelde mit ſeinen Mannen die Wohnung des Ser van Steenbeeke eng eingeſchloſſen hielt. Der Oberſchöffe ging zu dem Oberhauptmanne und zeigte ihm mit ſichtbarer Betrübniß das Pergament, welches den Befehl der Schöffenbank enthielt. Er erklärte ihm zugleich, daß er ſelbſt dieſe Maßregel erſonnen und vor⸗ geſchlagen habe, als ein letztes Mittel, um einen blutigen Aufſtand zu vermeiden und den Anhängern Frankreichs einen Noth Ober zu re 2 dieſen Gürt dem Euren Hand ruhig, nen 6 deſſen V kolaes O ſich A um ſich Ir herbeig die Na und er bedeckte gewiß genen welche geben, aſſen. Arte⸗ nicht. id die erren; zider⸗ fe. n das t ge⸗ eude; von die⸗ ergaß hmach helde⸗ nung Der zeigte elches ihm vor⸗ ttigen reichs Jakob von Artevelde. 79 einen ſicheren Sieg zu entreißen, ſowie ferner, daß er der Nothwendigkeit gehorcht habe, um ſich ſelbſt und den Oberhauptmann mit allen ſeinen Freunden vor Mord zu retten. Artevelde, der zuerſt ein wenig verwundert war über dieſen unerwarteten Befehl, zog ſein Schwert aus dem Gürtel und überreichte es dem Oberſchöffen. Da er Mher van Lens bebend vor ſich ſtehen ſah, ſagte er zu ihm: „Alſo Ihr ſeid es, lieber Freund, der mich nach dem Ser Geeraertsſteen führen wird? Habt Dank für Euren Muth, dieſe trübe Bruderpflicht zu erfüllen!“ Ghelnoot warf einen flammenden Blick in Artevel⸗ de's Augen und ſchien mit unterdrückter Wuth eine Frage an ihn zu richten. „Nein, nein!“ antwortete der Oberhauptmann, ſeine Hand faſſend.„Man hat mich der Tyrannei beſchuldigt; ruhig, mein Freund! gebt meinen Feinden auch nicht ei⸗ nen Schein des Rechts. Das Geſetz befiehlt; ich bin deſſen erſter Diener; ich muß und will gehorchen!“ Verzweifelnd bedeckte der Hauptmann von St. Ni⸗ kolaes ſein Geſicht mit den Händen. Ohne eine fernere Aufforderung abzuwarten, ſtellte ſich Artevelde zwiſchen die bewaffneten Zunftgenoſſen, um ſich nach Ser Geeraerts Teufelsſteen führen zu laſſen. In dieſem Augenblicke kam der junge Denys eilig herbeigelaufen. Er hatte eben erſt in ſeiner Wohnung die Nachricht von dem Befehle der Schöffenbank erhalten, und erſchien nun, bleich vor Betrübniß und mit ſchweiß⸗ bedeckter Stirn, in der Oberſcheldeſtraße. Als er ſtehen 80 Jakob von Artevelde. blieb und ſeine gerührten Blicke von dem gefangenen Oberhauptmann auf die Menge fallen ließ, ſah er ploͤtz⸗ lich einen Mann, deſſen Antlitz eine teufliſche Freude offen⸗ barte und der im Innern über Artevelde's Unglück zu jubeln ſchien, indem er ihn von Zeit zu Zeit mit einem höhnenden Lächeln betrachtete. Tief verwundet und wie zerſchmettert wandte ſich der arme Lieven nach der ande⸗ ren Seite der Straße, um dieſer abſcheulichen Erſcheinung zu entfliehen. Er wagte nicht einmal mehr nach Artevelde zu ſehen, aus Furcht, das gräßliche Antlitz ſeines Vaters nochmals zu erblicken. Indem er das Haupt an die Mauer eines Hauſes lehnte, blieb er dort wie bewußtlos ſtehen. Unterdeſſen war Meiſter Jan van Loven damit be⸗ ſchäftigt, im Namen der Stadt Ser van Steenbeeke auf⸗ zufordern, ſeine Wohnung zu verlaſſen. Da dieſer von einem Thurme herab geſehen hatte, was vorgegangen war, ſo machte er keine Schwierigkeit, zu gehorchen, und ließ ſogleich die Pforte ſeines Steens öffnen. Auf der Straße erſcheinend, ward er von dem Oberſchöffen ange⸗ halten und einem Theile der Wache überliefert. Ser van Vaernewyck gab Befehl, die zwei Gefange⸗ nen fortzuführen. Mher Ghelnoot entfernte ſich mit dem Oberhauptmann nach der Richtung der Niederſchelde, während Ser van Steenbeeke die Sanct Jansſtraße hin⸗ aufgeleitet wurde. Das Volk theilte ſich in zwei große Schaaren;— jeder Theil folgte einem Gefangenen, bis die Thür des Kerkers ſich hinter Beiden geſchloſſen hatte. — Eini Deny⸗ ſeligen C beherr durch Beinh zuſtarr die B Kelche Die tie die Kr gendes ein lät den V M Grabſt Traum hatte id leichter! aber, er ſich durch d in Ser Jakob Jakob von Artevelde. fangenen er plötz⸗— de offen⸗ XII. glück zu it einem Einige Tage ſpäter am frühen Morgen kniete Lieven und wie Denys hinter der Kirchhofsmauer vor dem Grabe ſeiner er ande⸗ ſeligen Mutter. ſcheinung Einſam und ſchauerlich war der heilige Ruheort, Artevelde beherrſcht von dem Bilde des Gekreuzigten, überſchaut Vaters durch die hohlen Blicke der Schädel, welche aus dem e Mauer Beinhauſe den betenden Jüngling trübe und peinlich an⸗ s ſtehen. zuſtarren ſchienen. Kein Lüftchen beugte die Grashalme; nmit be⸗ die Bienen ſummten friedlich auf den Blumen, deren eeke auf⸗ Kelche über den Gebeinen vergeſſener Todter blühten. jeſer von Die tiefſte Stille herrſchte zwiſchen den Gräbern, obwohl gegangen die Krähen oben rund um den Thurm einander ihr kla⸗ den, und gendes Geſchrei zuſandten und über der ganzen Stadt Auf der ein lärmendes Brauſen hing, wie von einem wühlen— en ange⸗ den Volksſchwarme. Mit geſenktem Haupte, die Augen ſtarr auf den Gefange⸗ Grabſtein gerichtet, kniete Lieven dort, in einen düſteren mit dem Traum der Verzweiflung verſenkt. Sein gequälter Geiſt erſchelde, hatte ihn an dieſen Ort geführt, um zu beten und Er⸗ aße hin⸗ leichterung zu ſuchen für das Leid, das ihn verzehrte; aber, unter der Laſt des Schmerzes faſt erliegend, hatte ren;— er ſich hinreißen laſſen durch ein peinliches Nachſinnen, hür des durch das er gänzlich vergaß, wo er ſich befand. Es waren zwölf Tage vergangen, ſeit man Artevelde in Ser Geeraerts Teufelsſteen eingeſperrt hatte. Wäh⸗ Jakob von Artevelde. IV. 6 82 Jakob von Artevelde. rend dieſer ganzen Zeit war das Leben des Jünglings eine unerträgliche Folterqual geweſen. Saß er bei Veerle, ſo mußte er ihre Thränen wie einen Brunnen fließen ſehen, ihre herzzerreißenden Klagen anhören, ohne daß er ihre Leiden nur einigermaßen zu mildern vermochte. Er mußte ſie anſchauen, während ſie mit einem gräß⸗ lichen Fieber kämpfte, und indem er verzweifelnd ihr bleiches Antlitz, ihre rothgeweinten Augen betrachtete, raubte ihm der eigene Schmerz die Kraft, ihr anderen Troſt zu ſpenden, als daß er mit ihr über dieſen ſchreck⸗ lichen Schlag des Schickſals trauerte. Abgemattet und in der Seele weinend kehrte er dann nach Hauſe, ängſtlich und beklommen über die Qualen, die ihn dort ſtets erwarteten. Sein Vater jubelte in ſei⸗ ner Gegenwart über den Fall des Oberhauptmanns, ſchüttete Verleumdung und Gift auf den Namen des Helden, prophezeihte ihm Verfolgung, Tod und Schande, und öffnete dem erſchreckten Lieven ein Inneres, welches von der Galle der Misgunſt und des Haſſes angefüllt war. Wie ſehr der liebende Sohn auch mit ſeinem Ge⸗ wiſſen kämpfte, um eine Entſchuldigung für ſolche Bos⸗ heit zu finden, welche Gewalt er auch anwendete, um das Gefühl der Liebe für ſeinen Vater zu vertheidigen und unverletzt zu erhalten: es half ihm nichts; die Ueberzeugung einer unbeſtreitbaren Wahrheit ſank wie ein tödtendes Gift in ſein Herz. Ach! ſein Vater, der Mann, den ſeine Seele ihm befahl, nächſt Gott auf die⸗ ſer Erde zu ehren und zu lieben, dieſer Mann ward ver⸗ zehrt von den ſchändlichſten Leidenſchaften. Haß, Mis⸗ gunf ſeine gefan ließe rühr dung grun woll an di ger⸗ Liebe fen. habe gen gung alle vielle Liebe — ſeit wuß ter g ande ſich ſüße und ter n gewi hatte nglings Veerle, fließen hne daß mochte. i gräß⸗ Ind ihr rachtete, anderen ſchreck⸗ er dann Aualen, in ſei⸗ manns, nen des Schande, welches ngefüllt tem Ge⸗ he Bos⸗ ate, um heidigen ſts; die ank wie ter, der auf die⸗ ard ver⸗ 3, Mis⸗ 83 Jakob von Artevelde. gunſt und Rachſucht ſchienen die einzigen Triebfedern ſeiner Thaten zu ſein. Jetzt, wo der Oberhauptmann gefangen war und ſeine meiſten Freunde denſelben ver⸗ ließen, hatte Lievens Vater die Maske abgeworfen, und rühmte ſich, Falſchheit, Verleumdung und Ehrenſchän⸗ dung angewandt zu haben, um Artevelde in den Ab⸗ grund zu ſtürzen, um deſſen Platz einzunehmen! Und er wollte, daß ſein Sohn an dieſer ſchnöden Undankbarkeit, an dieſer ſchändlichen Verrätherei gegen den großen Bür⸗ ger Theil nehme! Er hatte ihm ſelbſt gerathen, Veerle's Liebe zu misbrauchen, um ihren Vater verderben zu hel⸗ fen. Wie würde der unglückliche Lieven Gott gedankt haben, wäre es ihm verſtattet geweſen, für das Betra⸗ gen ſeines Vaters auch nur einen Schein der Entſchuldi⸗ gung zu finden! Aber er hörte und ſah jetzt täglich, daß alle Hoffnung ihm verſagt war und ſein blutendes Herz vielleicht auf immer das heilige Gefühl der kindlichen Liebe verlieren würde. Es war dieſes ſchreckliche Unglück, über welches er ſeit einer Stunde nachſann, während ſeine Augen be⸗ wußtlos die Buchſtaben auf dem Grabſteine ſeiner Mut⸗ ter anſtarrten. Allmählig führte ihm ſein Geiſt noch andere Urſachen zur Verzweiflung vorüber. Er erinnerte ſich der ſeligen Tage ſeiner erſten Jugend, als Veerle's ſüße Liebe ſeinen Lebenspfad mit Blumen des Entzückens und der Freude beſtreute, als die Liebe ſeiner guten Mut⸗ ter wie ein immer blauer Himmel ihn ſchützte gegen Un⸗ gewitter und Schmerzen, als ihm noch nichts verkündet hatte, daß ſein Vater abſichtlich ſchlecht zu handeln ver⸗ 6* 84 Jakob von Artevelde. möchte, als der Engel der Poeſie und der Begeiſterung ihn an der Hand führte, um Allem auf Erden zauberi⸗ ſche Farben und tröſtende Stimmen zu verleihen. Dann, dieſe peinliche Erinnerung verſcheuchend, erwog er, was die bittere Wirklichkeit ihm gelaſſen hatte. Veerle ſchmach⸗ tete dahin an einem unbeſieglichen Leiden des Herzens. Verleumdung und Verfolgung hatten ſie wie eine arme Blume auf ihrem Stengel geknickt. Sie war bleich, ma⸗ ger und hinſterbend. Seine Liebe hatte ihr nur Jammer gebracht. Was auch Artevelde's Schickſal ſein mochte; ihr Leben mußte fortan ohne Zweck und Beſtimmung bleiben. Sie war zu einer ewigen Jungfrauſchaft ver⸗ dammt; denn niemals würde ihr Vater in ihre Ver⸗ mählung willigen. Schon waren für beide Liebende die ſchönſten Jahre ihres Lebens vorüber— das Alter mußte ſie unvermählt finden; der Tod konnte vielleicht ſeine Senſe zwiſchen ſie legen, ehe der Segen eines Prieſters ihre Belohnung ward für ſo viele Standhaftigkeit, für ſo unausſprechliches Leiden. Endlich war nun der Tag erſchienen, an welchem die Schöffenbank ihre Entſcheidung zwiſchen dem Oberhaupt⸗ manne und deſſen Feinden abgeben ſollte. Lieven hatte auf dem Grabe ſeiner Mutter gebetet, um Gott ſeine Angſt zu klagen und ihn um Hülfe für den unſchuldigen Helden anzuflehen. Aber was auch der Beſchluß der höch⸗ ſten Weisheit ſein mochte, für den unglücklichen Jüng⸗ ling blieb doch nichts übrig, als Schmerz und Leid. Sein Vater hatte ſich offen gegen den Oberhauptmann erklärt, und wie er ſich gegen ſeinen Sohn rühmte, war er das Hau Ste Sieg befre als muß ſeine oder nen ſen lief und Mitt der regel von ren G trate ten, zurü⸗ tete, Seuf ter!“ ließ! 1 9 über rung beri⸗ dann, was nach⸗ zens. arme ma⸗ nmer öchte; nung ver⸗ Ver⸗ e die nußte ſeine eſters ür ſo n die aupt⸗ hatte ſeine digen höͤch⸗ üng⸗ Sein klärt, das Jakob von Artevelde. 85 Haupt und die Seele des Aufſtandes, und Ser van Steenbeeke nur ein unwiſſendes Werkzeug in ſeiner Hand. Siegte alſo Artevelde, und wurde Veerle von der Angſt befreit, welche ſie zu tödten drohte, ſo wurde ſein Vater als des Hochverraths ſchuldig gefangen genommen und mußte vielleicht das Schaffot betreten. Glückte dagegen ſeines Vaters Anſchlag, ſo wurde Artevelde verbannt oder ermordet und Veerle mußte ſterben. Der arme Lieven! Solche Gedanken zogen durch ſei⸗ nen Geiſt während der ganzen Zeit, wo er auf dem Ra⸗ ſen des einſamen Kirchhofes kniete. Dann und wann lief ein Haufen Volkes an der Kirchhofsmauer vorüber und machte die Luft wiederhallen von lautem Rufen. Mitunter zog eine andere jauchzende Bande mit flattern⸗ der Fahne vorbei, oder die Kerkſtraße hallte unter dem regelmäßigen Schritte gewaffneter Zunftgenoſſen. Nichts von dem Allen aber vermochte Lieven aus ſeinem düſte⸗ ren Nachſinnen zu wecken. Erſt als einige ſchwatzende Frauen in den Kirchhof traten und auf der Bank vor dem Beinhauſe niederknie⸗ ten, ward er durch ihre Gegenwart in das Bewußtſein zurückgerufen und erinnerte ſich, daß Veerle ihn erwar⸗ tete, damit ſie zuſammen eine traurige Pflicht erfüllten. Er ſchlug die Augen gen Himmel, ſtieß einige leiſe Seufzer aus, zwiſchen denen das Wort„Mutter! Mut⸗ ter!“ ſich hörbarer unterſcheiden ließ, ſtand auf und ver⸗ ließ den Kirchhof. Kaum war er an dem Vordergiebel der Kirche vor⸗ über, als er bei dem Eingange in die Kruisſtraße ſich 86 Jakob von Artevelde. aufgehalten ſah von einer Schaar junger Männer, welche Grube unter dem lauten Rufe:„Heil Mher Jakob! Heil dem kommt Oberhauptmanne!“ daherkamen, den jungen Denys um⸗ D ringten und ihn baten, mit ihnen zu gehen. f zu der „Kommt, kommt!“ ſprach Lieven Comyne, der vor⸗ ihm n auslief.„Ihr müßt mit uns. Wir gehen nach dem ſuchen Waelthore, um die Leute von Brügge zu empfangen; Hand, die Klauwaerds von Yperen, von Dendermonde und von— —— Cortryk langten ſchon an; die von Audengerde und von Jakob Dixmude ſind ſeit geſtern in der Stadt. Binnen einer D halben Stunde werden die Aelſtenaers und die Männer und L vom Waeslande auch hier ſein, und noch alle Anderen. reicher Man hat die Thore ſchließen wollen, als ob die Vlämin⸗ Häuſe ger aus anderen Provinzen des Landes Feinde von Gent und 1 wären; aber wir haben die Stadt weit geöffnet; ſie ſollen heiten nur wagen, Mher Jakob ein Haar auf ſeinem Haupte rere d zu krümmen, und fünfhundert von ihnen ſpazieren in den C die andere Welt. Die verfluchten Leligerds! Sie haben d uns da unverſehens einen Kuchen gebacken; aber ſie Freum ſollen ihn ſelbſt eſſen, er möge ihnen ſchmecken oder Stral nicht! 1 gierig „Wenn es nach dem Rechte ginge, müßte ſein Vater Wii wohl das größte Stück bekommen,“ bemerkte ein Ge⸗ ſam! ſelle ſpitzig. „Was hat ſein Vater mit den Leliaerds gemein?“ che au fragte Lieven Comyne, welcher ſah, daß dieſe Worte ei⸗ eifrig nen ſchmerzlichen Eindruck auf den jungen Denys mach⸗ 1 ten.„Es iſt Ser van Steenbeeke, mit ſeinen franzöſiſch Wnid tollen Anhängern, welche ſchuldig ſind. Sie haben die velche dem um⸗ vor⸗ dem igen; von dvon einer inner deren. imin⸗ Gent ſollen aupte en in haben der ſie oder Vater Ge⸗ ein?“ rte ei⸗ mach⸗ zöſiſch en die Jakob von Artevelde. 87 gT Grube gegraben; ſie müſſen hineingeſtürzt werden. Nun, kommt, Lieven! geht mit uns....“. Der junge Denys ſprach einige vertrauliche Worte zu dem Blaufärbergeſellen und bedeutete ihn, daß er ihm nicht folgen konne, weil er den Oberhauptmann be⸗ ſuchen müſſe. Lieven Comyne drückte ihm freundlich die Hand, wandte ſich zu ſeinen Genoſſen und rief: „Vorwärts! nach dem Waelthore! Es lebe Mher Jakob, unſer Oberhauptmann!“ Die Schaar verſchwand in der Sanct Jansſtraße, und Lieven Denys beeilte ſich, den Calanderberg zu er⸗ reichen. Kaum zwanzig Schritte weiter ſah er neben den Häuſern einen Haufen Bürger ſtehen, welche ſich heftig und mit ausdrucksvollen Geberden über die Angelegen⸗ heiten der Gemeine zu ſtreiten ſchienen. Er erkannte meh⸗ rere der umherſtehenden Perſonen, und unter Anderen den Dechanten der Zwillichweber, Mher Calevoet. Die Worte Lieven Comyne's und die Ankunft der Freunde Artevelde's aus allen Provinzen hatten einen Strahl der Hoffnung in ſeine Bruſt geſandt und ihn be⸗ gierig gemacht, die Beſtätigung der guten Nachricht auch von anderen Bürgern zu erhalten. Er näherte ſich lang⸗ ſam dieſer Geſellſchaft, blieb ſtehen und horchte. Ein wohlbeleibter Bürger, den man an ſeiner Spra⸗ che augenblicklich als einen Brügger erkannte, antwortete eifrig auf Etwas, was eben ein Genter geſagt hatte: „Ja, ja! ich wiederhole es, ich ſchäme mich über die Stadt Gent. Solche Undankbarkeit! Es iſt unerhört! Ein Bürger wagt es, ſein Leben in die Wagſchale zu ——— Jakob von Artevelde. legen, da ganz Flandern, von Hungersnoth erſchöpft, hoffnungslos vor den Fremden im Staube liegt; er bricht durch Muth und Weisheit die Ketten ſeines Va⸗ terlandes und ruft einen unbekannten Reichthum hervor; er opfert ſein Leben in Arbeit und Verdruß, um uns die Wohlthaten zu erhalten, die er uns ſchenkte..... und in dem Augenblicke, wo ſein Werk vollendet ſcheint, leiht die Stadt Gent ſeinen ſchändlichen Feinden die Hand, leiht ſie den Leligerds! Unter dem Scheine des Rechts erniedrigt ſie den Mann, der ihr Macht verlieh vor allen anderen Städten Flanderns, und wagt es, ſein Leben, ſeine Freiheit auf das Spiel zu ſetzen gegen einen van Steenbeeke, der niemals etwas für das Land gethan hat. Es iſt eine Schande, ſage ich, eine verächtliche Schlech⸗ tigkeit!“ „Er hat Recht!“ bemerkte ein Schmied.„Mir däucht, daß unſer Schöffenrath ein gefährliches Spiel ſpielt. Laßt die Franzoſen nur kommen, wie man ſagt, daß ſie Willens ſeien, es zu thun, dann werden ſie noch oft genug nach Mher Jakob rufen; aber dann wird es zu ſpät ſein. Und bekommen wir dann die Ruthe, und ſchlägt ſie uns ſelbſt blutig, ſo werde ich doch ſtets ſagen: wir haben es verdient.“ „Was?“ rief Calevoet dem Brügger zu,„Arte⸗ velde ſoll die Urſache ſein, daß Gent ſich über alle ande⸗ ren vlämiſchen Städte erhoben hat?“ „Und wer ſonſt?“ antwortete der Brügger.„Bil⸗ det Euch doch nicht ein, daß die Stadt Gent das Recht habe, ſich höher zu achten als Brügge und Yperen, welche eben gewi ſtadt Mau welch und auf geht länge Stad 4 Gent Sach Yper barke Euch lange ſcheul will. Geſch nicht Lande rath ſchänd 7. ſtroͤm Schöt ſchöpft, gt; er es Va⸗ jervor; ins die . und t, leiht Hand, Rechts r allen Leben, en van in hat. Schlech⸗ „Mir Spiel n ſagt, ie noch dird es , und ſagen: „ Arte⸗ ande⸗ „Bil⸗ Recht welche Jakob von Artevelde. eben ſowohl Glieder von Flandern ſind. Haben wir ein⸗ gewilligt, Gent eine Zeit lang als eine Art von Haupt⸗ ſtadt anzuerkennen, ſo geſchah es nur, weil in ihren Mauern der Befreier des Vaterlandes wohnte, ein Mann, welcher würdig war, durch ſeinen hervorragenden Muth und ſeine Weisheit ganz Flandern den Weg zu zeigen auf der Bahn der Freiheit und der Größe. Aber das geht zu Ende, Freunde! Es gefalle Gott nicht, daß wir länger unſere Rechte abtreten ſollen zum Vortheile einer Stadt, deren Einwohner ſich blindlings zu der ſchändlich⸗ ſten Feigheit verführen laſſen und bereit zu ſein ſcheinen, denjenigen zu ermorden, der ſich für ihr Glück opferte.“ „Fahrt nur fort zu ſchelten!“ ſagte Calevoet.„Die Genter lachen Euch doch aus und werden ruhig über die Sache entſcheiden, ohne zu fragen, was Brügge oder Pperen dazu meinen. Ihr ſeid es, die man der Undank⸗ barkeit beſchuldigen kann. Ihr müßt uns ſagen, daß wir Euch befreien von einem Tyrannen, der uns ſchon ſo lange mit ſeinem Hochmuthe bedrückt und in ſeiner ab⸗ ſcheulichen Herrſchſucht unſere letzte Freiheit vernichten will. Deshalb ſollen Eure ganze Beredtſamkeit und das Geſchrei der Anhänger des Oberhauptmanns uns doch nicht hindern, ihn binnen wenigen Stunden aus dem Lande zu verbannen— und wer weiß, ob der Schöffen⸗ rath ihn nicht auf das Schaffot ſenden wird für ſeine ſchändliche Tyrannei!“ „Das verhüte Gott, oder es wird noch mehr Blut ſtröͤmen!“ ſeufzte der Brügger.„Ich weiß, daß Euer Schöffenrath beabſichtigt, den Oberhauptmann zu ver⸗ — 4— 8 “ 4. 8“— Jakob von Artevelde. urtheilen; aber glaubt mir, damit iſt nichts abgethan; es wird hier wiſſentlich und willentlich mit Feuer ge⸗ ſpielt.“ „Ha, ha!“ lachte Calevoet;„darum wimmelt wohl die ganze Stadt von Brüggelingen, Dendermondenern, Yperlingen und Anderen. Sie kommen, um den Ober⸗ hauptmann gegen den Schöffenrath zu vertheidigen und ihn zu befreien; aber es iſt eben ſo möglich, hier Etwas auszurichten, wie den Glockenthurm auf Eurem Rücken davonzutragen. Seht nur die Gilden nach dem Schöffen⸗ hauſe ziehen; wenn dort einige tauſend Geſellen unter den Waffen ſtehen, ſo werdet Ihr ſtillſchweigend Alles geſchehen laſſen, oder Wenige von Euch Leuten werden zurückkehren, wie Ihr gekommen ſeid.“ „Ich weiß nicht,“ fiel der Schmied ihm in die Rede; „aber Ihr ſprecht, als ob das Urtheil ſchon gefällt wäre. Mir hat eben ein Schöffe geſagt, daß viele ſeiner Amts⸗ genoſſen anderen Sinnes geworden ſind.“ „Und warum?“ fragte Calevoet ſcherzend.„Nein, nein! das Gegentheil iſt geſchehen. Jetzt, da Mher Arte⸗ velde gefangen ſitzt, ſind ſie meiſt Alle von ihm abge— fallen.“ „Die Feigheit macht ihnen große Ehre!“ murrte der Brüggeling. „Warum?“ entgegnete der Schmied.„Weil die Unterſuchung bewieſen hat, daß Ser van Steenbeeke fal⸗ ſches Spiel ſpielt und Mher Jakob unſchuldig befunden iſt.“ „Das macht Anderen weiß!“ antwortete Calevoet. „Ich weiß wohl, daß man Liſt genug angewandt hat, um die wird N geben dem O lange c Tyram dort dr Gemüt daß die irrt me anthun Urtheil 58 Kinder und Fl lichen? / ganze nug, u ner M aufſteh verdien „ Metzge Calevo Ihr! Er wer für die Ihr! 1 than; r ge⸗ wohl enern, Ober⸗ n und Etwas Rücken öffen⸗ unter Alles verden Rede; wäre. Amts⸗ Nein, Arte⸗ abge⸗ rte der beil die kke fal⸗ en iſt.“ alevoet. dt hat, Jakob von Artevelde. 91 um die Schöffen zu betrügen und zu erſchrecken; darüber wird Mher Maes van Baernewyck auch Rechenſchaft zu geben haben, wenn er heute nicht denſelben Weg mit dem Oberhauptmanne geht. Man hat das Urtheil ſo lange aufgeſchoben, in der Abſicht, den Anhängern des Tyrannen Zeit zu geben, um nach Gent zu kommen, und dort durch großes Bellen und Schreien Eindruck auf das Gemüth der Schöffen auszuüben. Wenn man aber glaubt, daß die Genter ein ſolches bischen Geräuſch erſchrickt, ſo irrt man ſich. Gerade weil man der Gemeine Gewalt anthun will, werden die Schöffen durch ein ſtrengeres Urtheil zeigen, was ſie ſind und was ſie thun dürfen.“ „Wir werden ſehen, welches Ende dieſes abſcheuliche Kinderſpiel nehmen wird. Soll ganz Flandern in Feuer und Flammen ſtehen, um das Recht an einigen ſchänd⸗ 477 lichen Verleumdern zu rächen, nun denn... „Einige Verleumder!“ rief Calevoet.„Nein, das ganze Gentiſche Volk! Und ſind die Schöffen feige ge⸗ nug, um den Oberhauptmann nicht nach dem Maaße ſei⸗ ner Miſſethaten zu ſtrafen, ſo werden die Genter ſelbſt aufſtehen und Mher Artevelde den Lohn geben, den er verdient.“ „Hat das nun lange genug gedauert?“ ſchrie ein Metzger, der ſich mit geballten Fäuſten und wüthend vor Calevoet ſtellt.„Das Gentiſche Volk ſollte denken wie Ihr! Nein! das Gentiſche Volk iſt für Mher Jakob. Er weiß, was er gethan hat für unſere Wohlfahrt und für die Freiheit des Vaterlandes. Ihr läſtert die Genter, Ihr! und wenn es darauf ankommt, werdet Ihr ſehen, Jakob von Artevelde. daß ſie nicht undankbar ſind. Wer iſt hier gegen Mher Jakob? Leliaerds und Läſtermäuler, welche den Ober⸗ hauptmann beneiden, weil ſie in ihrer Nichtigkeit noch nicht bis an ſeine Knie reichen koͤnnen und er ihnen die Augen ausſticht durch ſeine Tugend und Größe. Ihr ſolltet Euch lieber verbergen und vor Schaam verſtecken. Ihr wagt es, mit Verachtung von Mher Jakob zu ſpre⸗ chen? Wer ſeid Ihr denn? Was habt Ihr denn je in Eurem Leben ausgeführt? Geläſtert und Euer Herz auf⸗ gefreſſen aus Misgunſt, nicht wahr? Achl es iſt das erſte Mal nicht, daß ich Euch ſprechen höre, Dechant der Zwillichweber! Wir kennen Euch; an Euch wird auch die Reihe kommen.“ Calevoet wollte im Zorne den Metzger angreifen; aber plöͤtzlich kam ein Mann in voller Haſt herbeigelau⸗ fen, und in den Haufen fallend ſagte derſelbe ganz außer Athem: „Geſellen, wißt Ihr die Neuigkeit? Es iſt ein Bote von Doornik auf das Schöffenhaus gekommen. Man ſagt, daß die Franzoſen mit einem mächtigen Heere an unſeren Grenzen erſchienen ſind und unſer Land angrei⸗ fen wollen. Ha, hal jetzt wird man ſicher den Ober⸗ hauptmann loslaſſen; denn wer ſoll uns zum Kampfe führen und den Franzoſen mit Glück Widerſtand leiſten, wenn Mher Jakob im Gefängniſſe bliebe! Es iſt, wie ich Euch ſage; geht nur nach dem Botermarkte..... 5 Mit dieſen Worten verließ er den Haufen und lief in der Richtung der Sanct Janskirche, gewiß um die Nachricht weiter zu tragen. „K Schöffer laſſen, nicht mi ſtelle nn und wir bemerke „N ner! S Sol bemerkte er den« überdend Hoffnun können, ſich nich Ausruft des Vol nen Fal allen an Männer Mher I im Scho den Obe urtheilun Gerüchte Ankunft Zuverſich warten n Mher Ober⸗ eit noch nen die r. Ihr rſtecken. zu ſpre⸗ n je in erz auf⸗ iſt das ant der rd auch greifen; eigelau⸗ z außer in Bote Man eere an angrei⸗ Ober⸗ Kampfe leiſten, ſt, wie w... 4 ind lief um die Jakob von Artevelde. 93 „Kindiſche Liſt!“ rief Calevoet.„Sie meinen, die Schöffen werden ſich in ſolchen dummen Stricken fangen laſſen, und geſetzt auch, dem wäre ſo, haben wir in Gent nicht muthige Männer genug, um uns anzuführen? Man ſtelle nur einmal den Oberdechanten an unſere Spitze, und wir werden die Abweſenheit von Artevelde gar nicht bemerken!“ „Mher Denys!“ ſpottete der Fleiſcher.„Noch ſchö⸗ ner! Seit wann iſt der denn ein Kriegsheld geworden?“ Sobald Lieven den Namen ſeines Vaters hörte und bemerkte, daß Viele die Augen auf ihn richteten, verließ er den Haufen und ſetzte ſeinen Weg fort, das Gehörte überdenkend. Wie ſehr er auch wünſchte, ſich ſelbſt einige Hoffnung hinſichtlich Artevelde's Befreiung machen zu können, ſo mußte er ſich doch im Herzen bekennen, daß ſich nichts verändert habe. Wohl bemerkte er an den Ausrufungen der Zunftgenoſſen, daß der größte Theil des Volkes dem Oberhauptmanne zugethan ſei und ſei⸗ nen Fall beklage; wohl ſah er mit Freuden, daß aus allen anderen Städten Flanderns große Schaaren von Männern gekommen waren, um ihre Anhänglichkeit an Mher Jakob zu bezeigen; aber er wußte gleichfalls, daß im Schooße des Schöffenrathes viele Stimmen ſich gegen den Oberhauptmann erklärt hatten, und daß ſeine Ver⸗ urtheilung unfehlbar ſei, wenn man dem allgemeinen Gerüchte Glauben ſchenken dürfe. Die Nachricht von der Ankunft der Franzoſen allein war im Stande, ihm einige Zuverſicht zu geben, da er aus gegründeten Urſachen er⸗ warten konnte, daß man Artevelde bitten würde, ſein —— Jakob von Artevelde. mächtiges Schwert noch einmal zur Vertheidigung des Vaterlandes zu erheben. Es liefen jedoch ſeit einigen Tagen ſo viele falſche Gerüchte umher, bald für, bald gegen Artevelde, daß er es auch nicht wagte, dieſer Nach⸗ richt Glauben zu ſchenken. Mit ſolchen Gedanken kam er auf dem Calanderberge an und trat in die Wohnung des Oberhauptmanns. Er fand Frau Artevelde und Veerle bereit auszu⸗ gehen. Jaquemyne, die Magd, hatte den kleinen Philipp ſchon auf dem Arme. Das Kind ſchlief und war mit einem Tuche zugedeckt.— Als Denys im Zimmer erſchien, ſagte Veerle mit klagender Stimme: „Ach! Du thuſt nicht wohl daran, Lieven, daß Du ſo lange wegbleibſt! Wärſt Du nicht unſer guter Freund, ſo glaubte ich beinahe, Du hätteſt den armen Gefange⸗ nen vergeſſen.“ „Aber die Stunde iſt noch nicht da, Veerle; Deine Ungeduld hat Dich betrogen,“ antwortete der Jüngling. „Ach!“ ſeufzte Veerle,„Du haſt uns nun acht Tage lang nach dem Gefängniſſe begleitet; warum zählſt Du denn die Stunden jetzt, da die Entſcheidung ſeines Schickſals da iſt?“ Lieven ergriff die Hand der Jungfrau und ſagte freundlich zu ihr:. „Nun, Veerle, ſei in Deiner bitteren Betrübniß nicht ungerecht gegen mich. Ich bin unterweges ſtehen geblie⸗ ben, um zu horchen, ob ich nichts vernähme, das Dich tröſten könnte.”“ 77 froher „/ beſtürz weiß, iſt, die ich wei ſei an Oberhe aber es — 1234 1 fen?“ Lie nicht, „1 gehört, ſagen, erklären Zn und ſie bergen. Lie⸗ noch blo Widerſt Schauſſ wartet ſ verſamn ing des einigen r, bald r Nach⸗ derberge uns. auszu⸗ Philipp var mit erle mit daß Du Freund, Befange⸗ 3 Deine üngling. nun acht im zählſt i ſeines nd ſagte dniß nicht n geblie⸗ das Dich Jakob von Artevelde. 95 „Du ſcheinſt guten Muthes, Lieven,“ ſagte Veerle mit froher Haſt.„Gott ſei Dank! Du weißt gute Neuigkeiten?“ „Gute Neuigkeiten?“ wiederholte der Jüngling ganz beſtürzt über die plötzliche Freude ſeiner Geliebten.„Ich weiß, daß die Stadt voll von Freunden Deines Vaters iſt, die aus allen Provinzen Flanderns gekommen ſind; ich weiß, daß die Kunde umläuft, ein franzöſiſches Heer ſei an unſeren Grenzen erſchienen und man werde den Oberhauptmann freilaſſen, um Flandern zu vertheidigen; aber es iſt nur ein Gerücht..... 4 „Und was ſagt man über die Stimmung der Schöf⸗ fen?“ fragte Frau Artevelde. Lieven, durch dieſe Frage überraſcht, wußte zuerſt nicht, was er antworten ſollte, und ſagte endlich: „Ueber die Stimmung der Schöffen habe ich nichts gehört, das der Aufmerkſamkeit werth ſei.... Einige ſagen, die Mehrzahl werde ſich für den Oberhauptmann erklären; Andere behaupten das Gegentheil.“ Zwei Thränen rollten aus den Augen der Jungfrau und ſie wendete ihr Haupt, um ihren Schmerz zu ver⸗ bergen. Lieven wollte ihr einige troſtreiche Worte ſagen; aber Frau Artevelde ſprach: „Veerle, mein Kind, ſammle allen Muth, der Dir noch bleibt; leiſte noch einige Stunden Deinem Schmerze Widerſtand; gieb den Feinden Deines Vaters nicht das Schauſpiel Deiner Verzweiflung. Komm! der Gefangene wartet ſchon zu lange auf uns; die Stunde der Schöffen⸗ verſammlung iſt nicht fern.“ 8 96 Jakob von Artevelde. Veerle trocknete ihre Thränen und ſtellte ſich gelaſſen wie ein geduldiges Schlachtopfer neben Lieven, deſſen Arm ſie zur Stütze nahm. So folgte ſie ihrer Mutter, welche mit der Magd bereits das Haus verlaſſen hatte. Beide Frauen waren zum Zeichen der Trauer in Sammt und Seide von düſteren Farben gekleidet. Veer⸗ le's Antlitz, noch weißer als ihre Haube, ſtach eigenthüm⸗ lich gegen ihren ſchwarzen Samaer ab, und obwohl ſie den Kopf ſenkte und ihr Antlitz faſt gänzlich verbarg, ſo blieb doch noch genug von ihren bleichen Wangen ſicht⸗ bar, um die Augen aller Vorübergehenden mit Neugier und Mitleid zu feſſeln. Jedermann, wenigſtens diejeni⸗ gen, die der Haß gegen ihren Vater nicht verblendete, beklagten das Schickſal der verwelkten Blume, die noch kürzlich unter den Genter Jungfrauen wie eine pracht⸗ volle Roſe ſtrahlte und von den Schönſten beneidet wurde. Jetzt ſchritt ſie ſchwankend einher, von geiſtigem Schmerze verzehrt, von der Verleumdung befleckt, von Angſt nie⸗ dergedrückt, und ſchamvoll wie eine Schuldige, welche nicht wagt, von ihrem Wege aufzublicken. Wohl konnte man auf dem Geſicht der Frau Arte⸗ velde leſen, daß ein tiefer Schmerz ihren Buſen durch⸗ wühlte; aber dennoch ſenkte ſie nicht das Haupt. Ohne den Blicken der Vorübergehenden ſich trotzig entgegen⸗ zuſtellen, wich ſie ihnen doch nicht aus und wandelte mit ſtolzer Geduld und ungeſtört zwiſchen den Bürgern hin⸗ durch, wie Jemand, der in dem vollen Gefühle ſeiner Würde die Quelle eines unbeugſamen Muthes findet. Mochte das, was ſie hörte und ſah, ſie verwunden oder tröſten, ſchütteru was da zu Zeit myne, d Liev Worte z warteten genau da welchen manns v beleidigen Er g ungegrün cheln der ſandt wu Reihen v Ehrerbiet In de in der Ob welche oh das Geld ten ſie A. aller Mac „For Tyrannen verräther! Sich d Artevelde, Jakob von gelaſſen deſſen Mutter, n hatte. auer in Veer⸗ nthüm⸗ vohl ſie barg, ſo en ſicht⸗ Neugier diejeni⸗ blendete, die noch pracht⸗ wurde. Schmerze gſt nie⸗ „welche u Arte⸗ durch⸗ Ohne atgegen⸗ helte mit ern hin⸗ e ſeiner findet. den oder Jakob von Artevelde. 97 tröſten, ihr ruhiges Antlitz ließ nicht die geringſte Er⸗ ſchütterung blicken, und ſie benahm ſich, als ob Alles, was da geſchah, ſie allein nichts angehe. Nur von Zeit zu Zeit warf ſie einen kummervollen Blick auf Jaque⸗ myne, die ihr mit dem Kinde folgte. Lieven ſprach unterweges Veerlen ſtille tröͤſtende Worte zu und ſuchte ihr die Hoffnung auf einen uner⸗ warteten Ausgang einzuflößen. Mittlerweile achtete er genau darauf, diejenigen Volkshaufen zu vermeiden, in welchen er an einigen Zeichen Feinde des Oberhaupt⸗ manns vermuthete, und ſo die Frauen davor zu ſchützen, beleidigende oder entmuthigende Worte hören zu müſſen. Er gab ſich ſchon der Hoffnung hin, daß ſeine Furcht ungegründet ſei, obwohl hier und da ein boshaftes Lä⸗ cheln der Gattin des Oberhauptmanns von fern zuge⸗ ſandt wurde. Die meiſten Bürger öffneten jedoch ihre Reihen vor ihr und verbeugten ſich mit Beweiſen der Ehrerbietung bei ihrem Durchgange. In der Nähe der Wohnung des Ser van Steenbeeke in der Oberſcheldeſtraße ſtand ein Haufen Zunftgenoſſen, welche ohne Zweifel zu denjenigen gehörten, die durch das Geld der Leliaerds erkauft waren; denn kaum hat⸗ ten ſie Artevelde's Familie bemerkt, ſo ſchrieen ſie mit aller Macht: „Fort mit dem Oberhauptmanne! Fort mit dem Tyrannen! Er muß verbannt werden, der Landes⸗ verräther!“ Sich damit nicht begnügend, ſtellten ſie ſich vor Frau Artevelde, als ob ſie ihr den Weg abſchneiden wollten. FJakob von Artevelde. IV. 7 98 Jakob von Artevelde. Ein Trunkenbold trat aus dem Haufen hervor und ſagte ſpottend zu ihr: „Nun, Frau! das kommt davon, die Königin zu ſpielen und ſo hoch auf die Genter herabzuſehen! Das ſchöne Wetter iſt vorüber. An Jeden kommt die Reihe. Habt Ihr Eure Kiſte ſchon gepackt, um mit Mher Jakob eine funfzigjährige Vergnügungsreiſe außerhalb Flan⸗ derns anzutreten? Die Luftveränderung wird Eure bleiche Tochter erquicken. Ich wünſche Euch Lebewohl und viel Vergnügen.“ Vor Wuth zitternd, hatte Lieven ſeinen Dolch er⸗ griffen und würde ſicher den Spötter niedergeſtoßen ha⸗ ben; Frau Artevelde faßte ihn aber bei dem Arme und ſagte ihm ſo kräftige Worte in das Ohr, daß er die Waffe losließ und bittend zu den umherſtehenden Zunft⸗ genoſſen ſagte: „Um Gottes willen, Geſellen! ehrt doch dieſe Frauen. Welche Verblendung hat Euch ergriffen, daß Ihr auf eine ſo grauſame Weiſe Euch ergötzt an dem Schmerze von Leuten, die ſich gegen Eure Beleidigung nicht ver⸗ theidigen können! O, es iſt eine Schande, welche mich erröthen macht, daß ich auch den Namen eines Genters führe.“ Frau Artevelde hatte unterdeſſen ihr ſchlafendes Kind der Magd aus den Armen genommen. Sei es nun, daß der Anblick dieſer Handlung oder ein Gefühl der Schaam einige der Zunftgenoſſen zur Erkenntniß brachte, wie feig es ſei, wehrloſe Frauen zu verfolgen, ſie gaben Lieven Recht und wollten die Anderen aus dem Wege ſchieben. Aber die M Lieven ſucht L velde l tern n laſſen doch de ner Ge bleiben zähnek pört, d unüber Di unglück blicke, der St. näherte trug, ſ fragte den Zu 7 L müller 41 2 uns doe milie de „ ellig.„ und das und ſagte Lönigin zu hen! Das die Reihe. ther Jakob dalb Flan⸗ Fure bleiche l und viel Dolch er⸗ ſtoßen ha⸗ Arme und daß er die den Zunft⸗ eſe Frauen. ß Ihr auf Schmerze nicht ver⸗ velche mich es Genters endes Kind s nun, daß der Schaam te, wie feig aiben Lieven ge ſchieben. Jakob von Artevelde. 99 Aber der Trunkenbold fuhr fort zu ſpotten und brachte die Meiſten durch ſeine Reden zum Lachen. Es wäre Lieven unmöglich geweſen, länger ſeiner glühenden Rach⸗ ſucht Widerſtand zu leiſten, hätte ihm nicht Frau Arte⸗ velde bemerklich gemacht, daß er ſie unter dieſen Spöt⸗ tern mit ihrem Kinde und der kranken Veerle nicht ver⸗ laſſen dürfe, um einen Streit zu beginnen, bei dem er doch den Kürzeren ziehen würde. Die flehende Bitte ſei⸗ ner Geliebten, welche ihn weinend ermahnte, ruhig zu bleiben, hielt ihn ebenfalls zurück und ließ ihn endlich, zähneknirſchend und im Innerſten auf das Heftigſte em⸗ pört, das Haupt beugen, wie Jemand, der ſich durch eine unüberwindliche Nothwendigkeit zerſchmettert fühlt. Die unangenehme Lage, in welcher ſich Artevelde's unglückliche Familie befand, währte bereits einige Augen⸗ blicke, als ploͤtzlich ein anderer Haufen Zunftgenoſſen aus der St. Jansſtraße kam undſich neugierig den Leliaerds näherte. Kaum hatten ſie vernommen, was ſich hier zu⸗ trug, ſo ſprang auch ſchon ein kräftiger Geſelle vor und fragte Lieven, während er wie raſend ſeine Blicke auf den Zuſchauern umherirren ließ: „Was? Was iſt das? Wagt der verlaufene Walk⸗ müller Frau Artevelde zu höhnen?“ „Ach! Freund Comyne!“ ſeufzte Lieven,„erlöſt uns doch von dieſen böſen Spöttern; ſie fügen der Fa⸗ milie des Oberhauptmanns blutige Schmach zu.“ „Nun, geht nur fort von hier!“ antwortete Comyne eilig.„Ich will einigen dieſer Schelme den Hals brechen, und das iſt Einer davon.“ * 7 —— 100 Jakob von Artevelde. Bei dieſen Worten ſchlug er dem Walkmüller ſo ge⸗ waltig mit der Fauſt in das Angeſicht, daß dieſem das Blut aus der Naſe ſprang und er rücklings auf ſeine Genoſſen ſtürzte. Dieſe griffen dagegen mit dem Ge⸗ ſchrei nach Rache Lieven Comyne wieder an. Er wehrte ſich jedoch wie ein Löwe, bis ſeine Freunde ebenfalls an dem Streite Theil nahmen. Es ward nun ein allgemei⸗ nes Gefecht daraus, in welchem man jedoch keine Dolche blinken ſah, da ſie ſich damit begnügten, einander gräß⸗ lich mit den Fäuſten zu zerbläuen. Lieven Denys hatte unterdeſſen raſch die Frauen fort⸗ geführt; voll Schrecken eilten ſte ſprachlos nach dem Ge⸗ fängniſſe und erreichten daſſelbe in wenigen Augenblicken, da es nicht fern lag. Der kleine Philipp war jetzt erſt aufgewacht und lachte lallend über die bunten Kleider der bewaffneten Zunſtgenoſſen, welche er in der Ferne einherſchreiten ſah. Ehe ſie ſich der Wache näherten, die vor Ser Gee⸗ raerts Teufelsſteen unter den Waffen ſtand, ſagte Frau Artevelde: „Veerle, mein Kind, verbirg Deine Angſt, ich bitte Dich; ſage von dieſem Hohne Deinem Vater nichts; es würde ihn mehr betrüben, als Alles, was er bis jetzt gelitten hat. Und Du auch, Lieven, laß nicht merken, daß verirrte Menſchen uns ſolche Schmach zugefügt haben.“ Sie näherte ſich darauf Pieter van den Hovene, dem Hauptmanne der Wache, und zeigte ihm ein Stück Per⸗ gament mit dem Stadtſiegel. Er führte ſie in den Steen und ließ alle Pforten vor ihr öffnen, bis ſie mit Veerle und L ſich m Thüre kehrte. D fangen hinaus ker bei brannt theilt, fangen des Ol war il milie u Letztere gung r ſich an Auf die Zoetaer und die rungen ging. beſchrän Oberha Vaerne deſto me nach all Oberſch manns er ſo ge⸗ eſem das auf ſeine dem Ge⸗ er wehrte afalls an allgemei⸗ ne Dolche der gräß⸗ uen fort⸗ dem Ge⸗ enblicken, acht und waffneten eiten ſah. Ser Gee⸗ igte Frau ‚ich bitte nichts; es bis jetzt erken, daß t haben.“ vene, dem ſtück Per⸗ den Steen nit Veerle Jakob von Artevelde. und Lieven in Artevelde's Kerker getreten war, wo er ſich mit beſcheidener Ehrfurcht von ihr beurlaubte, die Thüren draußen ſchloß und zu ſeiner Wache zurück⸗ kehrte. Das Gemach, in welchem der Oberhauptmann ge⸗ fangen ſaß, ging mit zwei Fenſtern auf die Niederſchelde hinaus und erhielt Licht genug, um nicht als ein Ker⸗ ker betrachtet zu werden. Auf dem großen Heerdſteine brannte Feuer; Tiſche und Stühle ſtanden überall ver⸗ theilt, und alle Bequemlichkeiten, welche man einem Ge⸗ fangenen gewähren kann, waren hier durch die Fürſorge des Oberſchöffen zu Artevelde's Verfügung geſtellt. Es war ihm gleichfalls verſtattet worden, täglich ſeine Fa⸗ milie und einige vertraute Freunde zu empfangen, dieſe Letzteren unter dem Vorwande, daß er ſeine Vertheidi⸗ gung mit denjenigen Mitgliedern bereden ſolle, welche ſich angeboten hatten, für ihn das Wort zu führen. Auf die Bitte des Oberſchöffen hatte er den alten Pieter Zoetaerde gewählt, um gegen ſeine Ankläger aufzutreten, und dieſem demgemäß alle Aufzeichnungen und Erläute⸗ rungen mitgetheilt, aus welchen ſeine Unſchuld hervor⸗ ging. Seine Vertheidigung ſollte ſich aber nicht darauf beſchränken; der vornehmſte Redner zu Gunſten des Oberhauptmanns ſollte ſein treuer Freund, Maes van Vaernewyck ſelber ſein, und um deſſen Beredtſamkeit deſto mehr Kraft zu geben, derſelbe als Vorſitzender erſt nach allen anderen Rednern auftreten. So hatte der Oberſchöffe den Plan der Vertheidigung des Oberhaupt⸗ manns entworfen. 102 Jakob von Artevelde. Als ſeine Familie in ſein Gefängniß trat, war Arte⸗ velde damit beſchäftigt, an einer Tafel etwas auf ein Pergamentblatt zu ſchreiben. Er ſchien ganz in ſeine Arbeit verſunken zu ſein; denn er hörte die Thüre nicht öffnen und ſprang erſt auf, als Veerle ihm das ſüße Wort„Vater“ von fern zurief. Ein heller Ausdruck der Freude überſtrahlte das Geſicht des Oberhauptmanns. Er drückte ſeine Tochter an die Bruſt und ihr einen langen väterlichen Kuß auf beide Wangen. Dann küßte er ſeine Gemahlin auf die Stirn, ergriff Lievens Hand mit dankbarer Rührung und ſchob eilig einige Stühle ſo zuſammen, daß er vor dem Feuer zwiſchen ſeiner Frau und ſeiner Tochter ſitzen konnte. Lieven ſetzte ſich neben Veerle, etwas dem Ober⸗ hauptmann zugewandt. Artevelde hatte ſein Söhnchen aus den Armen der Magd genommen und auf ſeine Kniee geſetzt, wo er es küßte und ſtreichelte. Schon bei ihrem Eintritte hatte Veerle begonnen, ſtille Thränen zu weinen, und jetzt rollten dieſe fort⸗ während in glänzenden Tropfen von ihren Wangen her⸗ ab, obwohl ſie ihre Augen mit ſichtbarer Freude auf das Antlitz ihres Vaters gerichtet hielt. An ſie wandte Artevelde zuerſt ſein troſtreiches Wort, während der kleine Philipp ihm mit den Händchen im Geſicht ſpielte: „Stets ſo betrübt, meine arme Veerle! Ich begreife es: Du vergießeſt Thränen, weil Du mich ſo zärtlich liebſt, nicht wahr? Du beklagſt das Geſchick Deines Vaters willen, Glaube lungsvr geſchehe Ve mit frol „T Vater? O, da zur Lin⸗ meine „ wortete Sicherh ſein wir werden „8 2,4 aus me laſſen, „ 144 2 Veerle wieſe. Dein 2 nicht d die So ner Fa ar Arte⸗ auf ein in ſeine ire nicht das ſüße hlte das Tochter Kuß auf auf die Rührung ß er vor tter ſitzen m Ober⸗ rmen der wo er es begonnen, ieſe fort⸗ ngen her- e auf das hes Wort, ndchen im ch begreife ſo zärtlich ck Deines Jakob von Artevelde. Vaters? Habe Dank, liebes Kind! aber um Gottes willen, verſcheuche dieſes Bangen aus Deiner Bruſt. Glaube mir, wir haben keine Urſache, ſo verzweif⸗ lungsvoll zu trauern über das, was geſchehen iſt und geſchehen kann.“ Veerle lachte plötzlich in ihren Thränen und fragte mit froher Ueberraſchung: „Wirſt Du denn über Deine böſen Feinde ſtegen, Vater? Wirſt Du wieder Oberhauptmann werden? O, dann würde ich gewiß zu Unſerer Lieben Frau zur Linde wallfahrten und ihrem gnadenvollen Kindlein meine goldenen Ketten um den Hals hängen.“ „Ich will Dich nicht hintergehen, liebes Kind,“ ant⸗ wortete Artevelde.„Es iſt mir unmöglich, mit einiger Sicherheit zu errathen, was der Beſchluß der Schöffen ſein wird; aber wie der Ausſpruch auch ſich geſtalte, befreit werden wir jedenfalls und uns erwarten noch frohe Tage.“ „Ich begreife Dich nicht, Vater!“ ſagte Veerle. „Denke Dir,“ war die Antwort,„daß man mich aus meinem Vaterlande verbanne. Gott kann das zu⸗ laſſen, mein Kind.“ „Wehe! Wehe!“ ſeufzte die Jungfrau. „Ach, nein!“ fuhr Artevelde fort,„Du irrſt Dich, Veerle; es würde eine Wohlthat ſein, die man uns er⸗ wieſe. Was für ein Leben führen wir hier in Gent! Dein Vater iſt oft Wochen lang auf Reiſen, und ihm nicht die Zeit vergonnt, einige Stunden jeden Monat die Sorgen der Regierung in der ſüßen Geſellſchaft ſei⸗ ner Familie zu vergeſſen. Er kämpft gegen Aufruhr und —— Jakob von Artevelde. Intriguen; er arbeitet raſtlos, wie ein Sklave, der zu ewiger Thätigkeit verdammt iſt; niemals iſt es ihm ver⸗ gönnt, einen Augenblick für ſich ſelbſt oder die Seinigen zu leben; und zum Lohne ſchändet man ſeinen Namen und verleumdet Alles, was ihm theuer iſt— ſelbſt Dich, meine gute, unſchuldige Veerle! Iſt dieſes Loos denn ſo ſchön, daß man klagen ſollte, wenn man hoffen kann, es werde ſich ändern?“ „Aber die Schande, Vater!“ rief Veerle ſchmerzlich; „die Schande der Verbannung!“ „Schande, mein Kind?“ ſagte Artevelde lächelnd. „Was iſt Schande oder Beſchämung? Es iſt das Ge⸗ fühl, daß man ſchuldig iſt; das Gefühl, daß man den Haß oder die Verachtung ſeiner Brüder verdient. Kann ſolches Gefühl uns treffen? Wir, die wir wiſſen, daß Liebe, Recht und Pflicht die einzigen Sterne ſind, welche uns auf unſerer Bahn vorleuchteten! Ach! wenn Du nichts Anderes fürchteſt, Kind, ſo laß alle Betrübniß fahren. Schande und Beſchämung werden nie das Herz Deines Vaters erſchrecken.“ „Gent verlaſſen! auf fremder Erde leben! Das iſt doch ein zu grauſamer Lohn für ſolche Arbeit und Auf⸗ opferung!“ ſeufzte Frau Artevelde bitterlich. „In Wahrheit!“ ſagte Artevelde,„es iſt ſchmerz⸗ lich, ſeinem Vaterlande Lebewohl ſagen zu müſſen, wenn man es liebt, wie wir es lieben. Aber man kann das Lebensglück aus mehr als einem Brunnen ſchöpfen, wenn man ſich geduldig beugt vor Gottes Willen. In dieſem Augenblicke iſt man damit beſchäftigt, über mein Schhick⸗ ſal zu mir? habe eine 2 Veerle Brüſſe Regier Meine unſeren den fri ren S ſpielen und G nicht u dung u um nich vorüber ſich nich Theuer Himme doch ein mein K Eure H ten aus dern. Gott; will; d träumt Art ,der zu ihm ver⸗ Seinigen Namen bſt Dich, denn ſo en kann, merzlich; lächelnd. das Ge⸗ man den t. Kann en, daß , welche enn Du etrübniß das Herz Das iſt nd Auf⸗ ſchmerz⸗ n, wenn ann das n, wenn i dieſem Schick⸗ Jakob von Artevelde. ſal zu entſcheiden. Seht Ihr Betrübniß oder Furcht an mir? Nein, es iſt eher Freude in meinem Buſen! Ich habe ſeit geſtern für uns Alle ein Glück geträumt, das eine Verurtheilung allein uns gewähren kann. Höre, Veerle, und Du, meine gute Katelyne! wir wollen bei Brüſſel auf einem ſchönen Gute wohnen; erlöſt von allen Regierungsſorgen, werde ich den ganzen Tag bei den Meinen ſein; wir werden unſern kleinen Philipp unter unſeren Augen ſpielen und heranwachſen ſehen; wir wer⸗ den friedlich in ungeſtörter Liebe leben, unter der heite⸗ ren Sonne zwiſchen Blumen und Vögeln; wir werden ſpielen, jagen, luſtwandeln, Sprüche leſen, Lieder ſingen, und Gott danken, daß er ſeine milde Natur wenigſtens nicht undankbar gemacht hat. Dort wird die Verleum⸗ dung uns nicht mehr ſuchen können; denn man wird uns um nichts mehr zu beneiden haben; unſere Tage werden vorüberziehen in ſpiegelklarem Genuſſe; unſere Welt wird ſich nicht wetter erſtrecken, als in dem Kreiſe, der unſer Theuerſtes umfaßt; und müſſen wir mitunter den ſtillen Himmel unſeres Familienlebens verlaſſen, um auf Erden doch eine Pflicht zu erfüllen, ſo geſchehe es nur, o Veerle, mein Kind! o Katelyne, meine treue Freundin! um durch Eure Hände einen Theil unſerer Habe rings in den Hüt⸗ ten auszuſtreuen, um die Leiden unſerer Nächſten zu lin⸗ dern. So wird doch unſer Name geſegnet werden vor Gott; dies iſt der einzige Ruhm, den ich noch beachten will; dies iſt das Paradies, das ich für uns Alle ge⸗ träumt habe!“ Artevelde hatte dieſes Bild mit Begeiſterung vor Jakob von Artevelde. ſeiner Familie entrollt, und ſeine ſchöne, eindringliche Stimme dazu ihren ſüßeſten Laut angenommen, ſo daß ſie den Ohren ſeiner Frau und ſeiner Tochter wie Har⸗ fentöne klang. Beide ſchienen an ſeinen Lippen zu hän⸗ gen, während ſie mit ſtrahlenden Augen ihn anſahen und ihre Herzen bei ſeinen Worten von ſüßer Hoffnung klopften. Namentlich war die gefühlvolle und leicht er⸗ regbare Veerle ganz hingeriſſen von der Betrachtung des verſprochenen Lebens. „Gott, Gott!“ rief ſie,„wie iſt das ſchön, was Du da ſagſt, Vater! Und ich ſoll Blumen pflegen und Turteltauben aufziehen! die Mutter Gottes kleiden, die Kranken beſuchen!— und die armen Kinder beten leh⸗ ren! und Mutter ſein von Allem, was rings um uns leidet! Wann denn, Vater?“ Bei dieſer Frage fiel ihr Blick plötzlich auf den jun⸗ gen Denys, der ganz verwundert zuhorchte. „Wehe mir!“ ſeufzte ſie.„Und was wird aus Lieven?“ „Ich folge Euch, wohin Ihr geht, wenn es mir er⸗ laubt wird,“ ſprach der Jüngling. Veerle ergriff gerührt ſeine Hand und ſagte: „Ahl ſo iſt es gut! Dann werden wir Alle zuſam⸗ men glücklich ſein.“ Gleich darauf ſenkte ſie verſchämt das Haupt, da die Röthe, welche Lievens Stirn bei ihren Worten bedeckte, ſie daran erinnerte, daß er das ſchöne Gut nicht mit ihr bewohnen könne. Artevelde bemerkte ihre Verlegenheit und ſagte lächelnd: „N wenn es bannun⸗ rigkeiten der. Vi ten und von Ha werden. zwiſchen keiten ar niß; do ſein, wi lich ſein Die ſchweige hörbarer Mit ken verſ zuzuſeher ſtreichelt verſtand eine ern als ihr „ goldenen „ wortete mir däuf unwider ingliche ſo daß ie Har⸗ zu hän⸗ anſahen offnung eicht er⸗ ung des n, was gen und den, die eten leh⸗ um uns den jun⸗ ird aus mir er⸗ e zuſam⸗ t, da die bedeckte, t mit ihr lächelnd: Jakob von Artevelde. „Fürchtet Euch nicht! Nach meiner Verurtheilung, wenn es wahr iſt, daß das Schickſal mich in die Ver⸗ bannung verweiſt, wird Mher Denys geringere Schwie⸗ rigkeiten machen, in Eure Ehe zu willigen, meine Kin⸗ der. Viele Wünſche, die bis jetzt unerfüllt bleiben muß⸗ ten und die Urſache waren von großem Aerger, vielleicht von Haß, müſſen nun durch meinen Wegzug befriedigt werden. Ich weiß auf jeden Fall ein Mittel, durch Da⸗ zwiſchenkunft des Herzogs von Brabant alle Schwierig⸗ keiten aus dem Wege zu räumen. Es iſt mein Geheim⸗ niß; doch bitte ich Euch, habt guten Muth. Es wird ſein, wie Du ſagſt, Veerle; wir werden allzumal glück⸗ lich ſein und auf dem Gute leben.“ Die beiden Liebenden ſahen einander eine Zeit lang ſchweigend in die Augen und begannen dann mit faſt un⸗ hörbarer Stimme über das verſprochene Glück zu reden. Mittlerweile war Frau Artevelde in tiefes Nachden⸗ ken verſunken; ſie ſchien mit Freuden ihrem Söhnchen zuzuſehen, das die Wangen und das Haar ſeines Vaters ſtreichelte und einige Worte lallte, welche nur ſie allein verſtand. Aber ihre Aufmerkſamkeit war abgelenkt durch eine ernſthafte Ueberlegung, aus der ſie erſt erwachte, als ihr Gatte ſie fragte: „Und Du, Katelyne, ſagſt Du nichts über meinen goldenen Traum?“ „Ich habe reiflich darüber nachgedacht, Jakob,“ ant⸗ wortete Frau Artevelde mit ernſthaftem Antlitz;„aber mir däucht, daß wir wohl thun würden, von nun an unwiderruflich zu beſchließen, daß wir Deinen glückſeli⸗ —— 108 gen Plan ausführen, ſelbſt wenn die Schöffenbank durch ein gerechtes Urtheil Dich in Deine ganze vorige Macht wieder einſetzte.— Wie ſchön würde es dann nicht ſein! Wir würden in Flandern wohnen bleiben.“ „Unmöglich!“ ſeufzte Artevelde mit einem Gefuhle der Trauer. „Aber was bindet Dich denn ſo feſt an das allge⸗ Jakob von Artevelde. meine Weſen? Wenn man Dir Dein Amt ſtreitig macht und Dich verleumdet, ſo überlaſſe es einem Anderen, zu ſchmecken, was es heißt, aus dem Kelche der Volksliebe zu trinken. Lebe nun auch ein wenig für uns, für Dich ſelbſt.“ Artevelde ſtand auf, wie wenn er ſich durch die Worte ſeiner Frau verletzt fühlte, drückte noch einen Kuß auf die Lippen ſeines Kindes, übergab es Jaquemyne und ſagte dann mit Lebhaftigkeit: „Was mich bindet, Katelyne? Pflicht und Ehrge⸗ fühl! Liebe zu meinem Vaterlande! Ach! an dem Him⸗ mel des häuslichen Lebens würde doch eine ſchwarze Wolke mich immer verfolgen. Ich würde unſer theures Flandern Frankreich überliefert und erniedrigt ſehen; ſehen, wie die Hungersnoth von Neuem meine Brüder wegrafft und der ewige Feind der deutſchen Völker die Klaue öffnet, um endlich nach dreihundert Jahren der Liſt und des Betruges ſeine Beute zu packen und zu zer⸗ reißen!— Verdammt die Schöffenbank mich zur Unthä⸗ thigkeit, verbannt man mich an andere Orte, ſo werde ich fortziehen und in der Seele trauern über das Schick⸗ ſal unſerer Heimath; doch zugleich auch Troſt finden in dem Gede than habe kann: lel habe an wie ich ko bank meit Hülfe ver droht... ſtreben un des Feind der vor H leumdung haſſen... entſteht, ſt Boden der unſerer T faſſen ſoll Nein, neir Macht nier ſtimmung ten auferle Jakob von er ſich we derns Fein wurden.— in meinem auf Erden Bei di ſeine Bruſt Jakob von Artevelde. 109 bank durch rige Macht nicht ſein! dem Gedanken, daß ich bis zum letzten Augenblicke ge⸗ than habe, was Flandern von einem Vläminger fordern kann: leben in der Ueberzeugung, daß ich keine Schuld habe an dem Falle meines Geſchlechtes, und handelte, wie ich konnte und mußte. Aber wenn mir die Schöffen⸗ bank mein Schwert zurückgiebt und auf's Neue meine das allge⸗ Hülfe verlangt, um die Gefahr abzuwenden, die uns be⸗ eitig macht droht....2 Ich werde das Kreuz auf mich nehmen, nderen, zu ſtreben und leiden; aber auch die ſchnöden Bemühungen m Gefuͤhle Volksliebe des Feindes vereiteln, Flandern retten und meine Brü⸗ „für Dich der vor Hungersnoth und Sklaverei ſchützen. Die Ver⸗ . leumdung möge mich verfolgen, das Volk möge mich die Worte haffen.... das macht nichts; über dem Volke, welches Kuß auf entſteht, ſich ändert, aufſteigt und vergeht, erhebt ſich der myne und Boden des Vaterlandes— der Grund, der die Gebeine unſerer Väter neben den Gebeinen unſerer Söhne um⸗ nd Chrge⸗ faſſen ſoll,— das Vaterland, das allein ewig bleibt. dem Him⸗ Nein, nein, Katelyne! gehört Muth dazu, Anſehen und 1 ſchwarze Macht niederzulegen, ſo iſt es auch Feigheit, ſeiner Be⸗ er theures ſtimmung zu entfliehen, wenn dieſe uns ſchwere Pflich⸗ igt ſehen; ten auferlegt. Niemals, niemals ſoll man ſagen, daß ne Brüder Jakob von Artevelde zurückſchritt auf ſeiner Bahn, daß Völker die er ſich weigerte, das Schwert zu führen gegen Flan⸗ hahren der derns Feinde, weil Schmach und Verleumdung ſein Lohn nd zu zer⸗ wurden.— Mein Lohn! er iſt hier in meinem Herzen, ur Unthä⸗ in meinem Gewiſſen,— die Stimme Gottes, die allein ſo werde auf Erden mich richten und verurtheilen kann.“ as Schick⸗ Bei dieſen letzten Worten ſchlug Artevelde kräftig an finden in ſeine Bruſt; ſeine Augen glühten von edlem Stolze; es 110 Jakob von Artevelde. war in ſeiner ganzen Haltung etwas Großes, etwas Ehr⸗ furchtgebietendes, in ſeinen Worten etwas Mächtiges, das ſeine Gattin in Erſtaunen ſetzte und ihr Herz mit Freude füllte; denn ſie war eine Frau, geſchaffen, eine ſolche Heldenſeele zu begreifen. Sie antwortete nicht, aber ſie faltete die Hände und richtete die Augen gen Himmel, als wollte ſie Gott für eine Wohlthat danken. Artevelde näherte ſich ihr, und ihre Hände löſend, ergriff er eine derſelben und ſagte: „Und Du auch, Katelyne, Du, die wahre Hälfte meines Seins, Du, die ſtets das Feuer der Vaterlands⸗ liebe in meiner Bruſt anfachte....“ Ein Geräuſch an der Thüre des Kerkers unterbrach ſeine Rede. Seine Gattin, Veerle und Lieven ſprangen mit einem Schrei der Ueberraſchung auf und ſtarrten zitternd auf den Eingang, in der Meinung, daß ſie den Erfolg der Schöffenverſammlung vernehmen würden. Ghelnoot van Lens kam in den Kerker geeilt, und nachdem er ſich verſichert hatte, daß die Thür hinter ihm geſchloſſen ſei, ſagte er entſetzt und haſtig zu Arte⸗ velde: „Was ich Euch zu ſagen habe, Oberhauptmann, ſoll kurz ſein. Mher Zoetaerde hat mich eben auf der Hoogpoort aufgeſucht. Er hatte bereits eine Stunde plaidirt; aber es hat nichts geholfen. Mher van Vaer⸗ newyck hatte begonnen; doch ſcheint es, als ob man von dieſem Verſuche auch nichts erwarten darf. Eure Feinde ſind zahlreich und werden wahrſcheinlich die Mehrzahl haben; Ihr werdet verurtheilt werden..... 4 Arten 7 Lieve gen L die U Vater Man Gente wage einzig Teufe geben tern iſt da 2 mit g Euch würde neigt, vergof ich nie außer as Ehr⸗ ächtiges, Herz mit en, eine te nicht, gen gen danken. löſend, te Hälfte erlands⸗ nterbrach prangen ſtarrten ß ſie den rden. ilt, und nter ihm u Arte⸗ ptmann, auf der Stunde n Vaer⸗ nan von e Feinde Nehrzahl Jakob von Artevelde. 111 „Nun denn, ſei dem ſo, guter Freund!“ fiel ihm Artevelde in die Rede. „Was!“ rief Ghelnoot,„ſei dem ſo! Bei Sanct Lieven's Gebeinen, dem ſoll nicht ſo ſein! Wie! die fei— gen Leliaerds, die niederträchtige Brut ſoll ſiegen über die Unſchuld! über Mher Jakob, den Befreier meines Vaterlandes! Nein, nein! es ſind mehr als dreitauſend Mann aus allen Provinzen Flanderns in der Stadt; die Genter ſelbſt ſchäumen vor Wuth.— Ich durfte es nicht wagen, ohne Eure Erlaubniß; aber ſagt ein Wort, ein einziges Wort, und die Mauern von Ser Geeraerts Teufelsſteen ſollen ſich öffnen, um Euch die Freiheit zu geben! Das Volk wird Eure ſchnöden Feinde zerſchmet⸗ tern unter ſeinem Zorne..... Sprecht! raſch! Vielleicht iſt das Urtheil ſchon gefällt.“ Artevelde ergriff Ghelnoot's Hand und antwortete mit gelaſſenem Lächeln: „Ich danke Euch, Ghelnoot! Aber ich bitte Euch, ich beſchwöre Euch, beweiſt mir noch dieſen Freundſchafts⸗ dienſt: laßt mich das Geſetz ehren bis an's Ende! Machte Euch Eure grenzenloſe Neigung zu mir nicht blind, ſo würdet Ihr nicht wähnen, Jakob von Artevelde ſei ge⸗ neigt, einzuwilligen, daß Ströme Blutes um ſeinetwillen vergoſſen werden. Das Wort, das Ihr verlangt, werde ich nicht geben; im Gegentheil, wenn Ihr Euer Vor⸗ haben ausführt, werde ich ſagen, daß Ihr meinen Na⸗ men entehrt habt.“ „Es muß, es muß ſein!“ rief Ghelnoot ganz außer ſich. —— 112 Jakob von Artevelde. „Niemals!“ wiederholte Artevelde, als ein ſtilles, doch unwiderrufliches Urtheil. Ghelnoot rannte wie verzweifelt umher und wand krampfhaft die Arme. „Gott, Gott!“ ſchrie er, ging dann plötllich bleich und zitternd auf den Oberhauptmann zu, zog ihn in einen fernen Winkel des Kerkers und ſprach dann mit gedämpfter Stimme: „Ach! Ihr wollt das Wort nicht geben, und wenn Eure Gattin, Eure Tochter, Euer Sohn Philipp allein auf Erden zurückbleiben ſollten? Wenn heute noch ein Grab ſich öffnen müßte zwiſchen Euch und Eurer un⸗ glücklichen Familie? Wenn Euer Blut noch heute auf die Straße ſpritzen müßte?“ Der Oberhauptmann legte die Hand auf Ghelnoot's Mund und flüſterte ihm erſchreckt in das Ohr: „Schweigt, ſchweigt, daß man Euch nicht hört! Ach! was habt Ihr geſagt!“ „Man will Euer Haupt! Ein Schaffot! Der Hen⸗ ker!.... Nun denn, man muß wählen zwiſchen ſchlech⸗ tem Blute und edlem Blute!....“ „Ich kann es nicht glauben.“ „Es iſt ſo, ſage ich Euch.“ „Gottes Wille geſchehe! Mein Blut ſoll fließen, wenn es verlangt wird.“ 3 „Unerbittlich! Wehe, wehe!“ ſchrie Ghelnoot, wäh⸗ rend er in eine Ecke lief und dort ſich wie raſend die Haare ausraufte. Frau Artevelde, Veerle und Lieven zitterten vor Angſt zen da. noot 3 ein, da Sobalt Gattin den He Aber g der Me eine W ten ihr Stirn Seele! del des Tochter blieb ſo Pl Höhe u dem Fi 5, 4 Jakob, Ar That ei von M herabbr auf ſei ſagte e „2 ſoll ble Jakob in ſtilles, nd wand ich bleich g ihn in ann mit nd wenn pp allein noch ein irer un⸗ eute auf helnoot's ht hört! der Hen⸗ ſchlech⸗ fließen, zt, wäh⸗ ſend die ten vor Jakob von Artevelde. 113 Angſt und Schrecken, und ſtanden mit pochendem Her⸗ zen da. Obwohl ſie nicht verſtehen konnten, was Ghel⸗ noot zu dem Oberhauptmann ſagte, ſo ſahen ſie doch ein, daß er eine ſchlimme Nachricht gebracht haben müſſe. Sobald Artevelde daher auf ſie zuſchritt, fielen ſeine Gattin und ſeine Tochter ihm weinend und klagend um den Hals und fragten ihn, was Ghelnoot geſagt habe. Aber ganz verwirrt, antwortete er ihnen nicht und winkte der Magd, ihm ſeinen Sohn zu reichen. Er betrachtete eine Weile nachdenklich das Kind. Zwei Thränen roll⸗ ten ihm aus den Augen und fielen glänzend auf die Stirn des jungen Philipp, als ob mit denſelben die Seele des Vaters ausgezogen ſei, um unter dem Schä⸗ del des Kindes fortan zu wohnen. Dann ſchloß er die Tochter, die Gattin und den Freund in die Arme und blieb ſo ſprachlos ſitzen. Plötzlich ſprang Ghelnoot van Lens wieder in die Höhe und rief mit ſchneidender Stimme, während er mit dem Finger nach oben zeigte: „Horcht, da ſind ſie ſchon, Oberhauptmann! Mher Jakob, Mher Jakob! um Gottes willen!“ Artevelde richtete das Haupt empor und hörte in der That ein fernes Geräuſch, wie von einer wüthenden See von Menſchen, deren hohle Wogen nach ſeinem Kerker herabbrauſten. Er warf nochmals die betrübten Blicke auf ſeine jammernde Familie und auf ſein Kind; dann ſagte er: „Ach! die Verſuchung iſt groß; aber doch, Artevelde ſoll bleiben, was er iſt!“— Jakob von Artevelde. IV. 8 Jakob von Artevelde. „Was ſoll er ſein?“ fiel ihm Ghelnoot in die Rede. „Held oder Märtyrer?“ „Nun, Märtyrer!“ antwortete Artevelde gelaſſen. Ghelnoot warf ſich jetzt wie ſinnlos auf einen Stuhl und begann bitterlich zu weinen. Doch faßte er noch ein⸗ mal alle ſeine Kraft zuſammen und murmelte: „Ach, ach! das Opfer iſt gebracht!“ Kaum ſaß Ghelnoot da, ſo hörte man das Geſchrei und Geheul des Volkes vor Ser Geeraerts Teufelsſteen mit entſetzlichem Lärm aufſteigen. Die Thür des Ker⸗ kers ward aufgeriſſen. Maes van Vaernewyck, Pieter Zoetaerde und ungefähr zehn andere Schöffen kamen jauchzend auf den Oberhauptmann zugelaufen, riſſen ihn aus ſeiner Familie heraus und fielen ihm unter allerlei Glückwünſchen um den Hals. „Aber, lieben Freunde!“ fragte Artevelde,„was bringt Ihr mir denn?“ Der alte Pieter Zoetaerde wollte reden; aber eine Thränenfluth ſtürzte ihm aus den Augen und er konnte kein Wort vorbringen. „Heil, Heil!“ rief Maes van Vaernewyck mit lau⸗ ter Stimme.„Van Steenbeeke und achtzig andere Le⸗ ligaerds ſind aus dem Lande verbannt! Mher IJakob, unſer Oberhauptmann, iſt unſchuldig, frei, verehrt!”“ Bis jetzt waren Frau Artevelde, Lieven und Ghel⸗ noot wie verſteinert vor Erſtaunen mit vorgeſtrecktem Halſe und weit aufgeriſſenen Augen ſtehen geblieben. Als ſie aber jetzt die Verkündigung von des Oberhaupt⸗ manns Unſchuld aus dem Munde des Oberſchöffen ge hört l Schlag Schöff und bl vor R. hauptr und de Freude täubte belgeſch W ſeiner bergen der Th Wache gewalti aufhörl „ haben! En kermeiſt und eit Spitze, in das dieſen hauptm geſchwo velde ſi dem fro Rede. aſſen. Stuhl h ein⸗ eſchrei sſteen Ker⸗ Pieter kamen en ihn ellerlei „was r eine konnte t lau⸗ re Le Jakob, 11⸗ Ghel⸗ ecktem lieben haupt⸗ en ge Jakob von Artevelde. 115 hört hatten, war es, als ob ſie von einem gewaltigen Schlage erwachten. Veerle und ihre Mutter ſtießen die Schöffen von Artevelde weg, fielen ihm um den Hals und blieben dort hängen, wie von Freude gelähmt und vor Rührung ohnmächtig. Lieven ſtand neben dem Ober⸗ hauptmanne und weinte in der Stille Thränen der Liebe und des Glückes. Ghelnoot ward faſt wahnſinnig vor Freude; er lief jubelnd im Gemache umher und über⸗ täubte jedes andere Geräuſch durch ſein gewaltiges Ju⸗ belgeſchrei. Während die Schöffen die Blicke von Artevelde und ſeiner Familie abwendeten, um ihre Rührung zu ver⸗ bergen, hörte man plötzlich Hunderte von Stimmen vor der Thür des Kerkers ſchreien. Das Volk hatte die Wache von dem Steen weggedrängt und war wie eine gewaltige Fluth in das Gefängniß hineingeſtrömt, un⸗ aufhörlich rufend: „Mher Jakob, unſern Oberhauptmann, müſſen wir haben! Heil, Heil Artevelde! Mher Jakob! Mher Jakob!“ Endlich zwang ein Haufen Zunftgenoſſen den Ker⸗ kermeiſter, ihnen die Thür des Gefängniſſes zu öffnen, und eine Wolke von Männern, Lieven Comyne an der Spitze, drang wie wahnſinnig hinein und kam jauchzend in das Gemach. Weder Befehlen noch Bitten half bei dieſen Geſellen; ſie ſollten und müßten den Ober hauptmann haben, ſagten ſie; ſie hätten auf der Straße geſchworen, daß ſie ihn mitbringen wollten. Wie Arte⸗ velde ſich auch entſchuldigte und bat, er mußte zuletzt dem frohen Andringen des Volkes nachgeben und ward 116 Jakob von Artevelde. mit allen Schöffen feierlich aus dem Kerker heraus⸗ geführt. Ghelnoot und Lieven hatten es übernommen, die Frauen augenblicklich nach Hauſe zu bringen. Vor Ser Geergerts Teufelsſteen und in allen an— grenzenden Straßen, ſo weit das Auge nur reichen konnte, ſtand die Menge dicht gedrängt und ſchrie und jauchzte, daß die Häuſer bebten. Hunderte von Bannern und Standarten entfalteten ihre Gildezeichen über dieſem Meere von Menſchenköpfen; Dächer, Fenſter und Brun⸗ nen, Alles war bedeckt und voll von jubelndem Volke. Artevelde ſchritt mit ruhigem Antlitz am Arme des Oberſchöffen durch den Strom hindurch, der ihm in den Straßen vorausrollte und die ganze Stadt mit ſeiner brauſenden Freude überdeckte. Bald darauf erreichte der Oberhauptmann ſeine Wohnung und trat mit einigen Freunden in dieſelbe. Das Volksgewühl, das Jauchzen, die Geſänge und die Glückwünſche dauerten fort bis tief in die Nacht. Nicht ein einziges Wort wurde an dieſem Tage mehr gegen Artevelde geſprochen.— Wo waren die Verleum⸗ der und Neider denn geblieben? Wo bleibt die feige Mis⸗ gunſt, wenn ſie ihre Ohnmacht erkennt? Macht ſie es nicht wie ihr Ebenbild, die Schlange, welche ſich in das Dunkel verkriecht, bis neues Gift ihre Zähne gefüllt hat? Ende des vierten Bandes. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. en an— reichen rie und hannern dieſem Brun⸗ Volke. me des in den t ſeiner n ſeine dieſelbe. ige und dacht. ge mehr erleum⸗ ge Mis⸗ es nicht Dunkel 2