Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe hinterlegen, welche bei deſſen Zu wird.—— 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mk. „„„„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verp flichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. zur Em⸗ Morgens n bei Entgegennahme deſſelben entſprchende Summ rückgabe von mir zurückerſtattet 4 Bücher: 6 Bücher: 4—— — Sf. 1 N 30 Pf. 2 N. 3— 4 —— d e—— Bürger von Darlingen. Sittengemälde in zwei Zeitabſchnitten Hendrik Conſcience. Aus dem Flämiſchen von Dr. C. Büchele. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung⸗ 1862. Druck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. gart rſter Zeitabſchnitt. 1. Einige Stunden von Brüſſel, an der Eiſenbahn, liegt eine kleine Stadt, die wir, um allen Mißdeu⸗ tungen vorzubeugen, mit dem Namen Darlingen be⸗ zeichnen wollen. Sie z hlt über vierzehntauſend Seelen und beſitzt verſchiedene ſchöne Kirchen und Klöſter, deßgleichen ein Hoſpital oder Krankenhaus, welches um des Alters und reinen gothiſchen Styls ſeiner Façade willen die Aufmerkſamkeit der Kunſt⸗ freunde im höchſten Grade verdient. Stieg man vor etwa fünfzehn Jahren auf der Station von Darlingen ab, um ſich in die Stadt zu begeben, ſo bemerkte man zuerſt einige hohe, über ausgedehnten Fabrikgebäuden ſich erhebende Kamine. Man war darum geneigt, Darlingen für einen ge⸗ werbsfleißigen, handelsth tigen Platz anzuſehen; der Larm, die Bewegung, das Gewühl von Leuten, denen man in den Fabrikvierteln begegnete, verſtarkte noch dieſen günſtigen Eindruck. Aber kaum hatte man ein paar lange Straßen durchwandert, ſo fand ſich, 1 daß die Bewegung allmälig abnahm und, je mehr man gegen die Mitte der Stadt vordrang, in eine auffallende Stille überging. Es waren breite ſchone Straßen, mit vielen großen Häuſern, worin augenſcheinlich ſehr reiche Leute wohn⸗ ten. Die Facaden dieſer Hauſer, ſeit Jahren nicht angeſtrichen, ſahen grau⸗ und unſauber aus; die mei⸗ ſten Fenſter daran waren durch holzerne Laden ver⸗ ſchloſſen, und die Stufen waren mit Gras bewach⸗ ſen, das als dichter Raſen ſich bis mitten in die Straße ausdehnte. Nur dann und wann gewahrte man hier einen Vorübergehenden; es war ſo ſtill und öde, als ſchliefe Jedermann den Tag über. Nichts hörte man, als das Anſchlagen und Gelaute von Glocken, das zu gewiſſen Stunden aus allen Gegenden der Stadt ſich erhob. Außerhalb des Fabrikviertels, welches man das Armen⸗Quartier zu benennen pflegte, war es faſt überall eben ſo ſtill und einſam.— Auch genoß Darlingen des doppel⸗ ten Ruhmes, eine ungewöhnlich reiche, und zugleich eine ungewöhnlich langweilige Stadt zu ſein. Die Gründe davon ſind ſonderbar genug, um eine Erklärung zu verdienen. In Darlingen waren damals die wohlhabenden Leute in zwei Parteien getheilt, welche mit großer Eiferſucht einander gegen⸗ über ſtanden und ſich gegenſeitig haßten und ver⸗ achteten. Die eine Partei beſtand aus den Bewohnern der großen geſchloſſenen Häuſer. Obwohl von Eltern ſtammend, welche durch Handel mit Dungſtoffen, Eichenrinde, Getreide, Oel, oder durch Brauerei und Gerberei den Grund zu ihrem Reichthum gelegt hatten, dachten dieſe Leute ſich doch unendlich erhaben ehr eine ßen öhn⸗ nicht nei⸗ ver⸗ ach⸗ die hrte ſtill ber. aute allen des tier ſtill ppel⸗ gleich um Haren teien egen⸗ ver⸗ onern Eltern offen, i und gelegt haben 5 über alle andern Einwohner, aus dem einzigen Grunde, weil ſie ihr Vermögen geerbt hatten. Während in Darlingen kein Adel beſtand, glaubten ſie als die rechtmäßige Ariſtokratie betrachtet werden zu müſſen. Sie hatten jedoch weder die Eigenſchaften des Adels ſich anzueignen geſucht, noch deſſen Pflich⸗ ten auf ſich genommen; denn ſie waren der Mei⸗ nung, daß es ſelbſt bei dem Mangel aller ſittlichen Würde genügend ſei, ererbte Güter zu beſitzen, um ſich für auserwählt von Geſchlecht und Natur zu wähnen und mit Stolz auf Jedermann herabſehen zu dürfen. Dieſe Leute widmeten ihr ganzes Leben der Vermehrung ihres Vermögens, obgleich ſehr wenige derſelben Etwas in dem Handel zu wagen Willens waren oder den Muth hatten. Ihr Beſitz⸗ thum beſtand in Pachthöfen und Ländereien; die Berechnung der Mittel, das Einkommen derſelben beſtändig zu erhöhen und ſo wenig als möglich da⸗ von zu verzehren, war deren einzige Beſchäftigung. Sie hatten gewöhnlich nur wenige Kinder und gaben ſich alle Mühe, ſie vom Heirathen abwendig zu machen, um zu verhüten, daß das Vermögen der Familie allzu ſehr getheilt würde. Heirathete jedoch eines ihrer Kinder, ſo war eine ſolche Ehe nicht die Folge einer beſondern Neigung zwiſchen den jungen Leuten; dieſe Verbindung wurde nach gründlicher Schätzung des beiderſeitigen Vermögens von den Eltern projektirt und beſchloſſen, ohne darauf zu achten, ob die Verlobten einander kannten, haßten oder liebten. Welches Leben bisweilen aus ſolchen unnatürlichen Heirathen ſich ergeben mußte, ließ ſich nur vermuthen; denn es blieb meiſt immerdar Ge⸗ heimniß der Hausgenoſſen, über deren Unglück der Familienſtolz einen undurchdringlichen Schleier aus⸗ gebreitet hielt. Dieſe ſcheinedeln Beſitzer eines ererbten Ver⸗ mögens— durch Neid oder Mißachtung, je nach dem Maaße ihres bezüglichen Reichthums, ſelbſt unter einander geſpalten— nannten ſich die Altreichen, im Gegenſatz zu der andern Partei, welche ſie mit dem Spottnamen der Neureichen bezeichneten. Was man unter Neureichen verſtand, waren Leute, welche damals mit dem anfingen, was die Eltern der Altreichen gethan hatten, nämlich in Handel und Gewerbe die Mittel zur Erwerbung eines Vermögens ſuchten. Die Fabriken an der Eiſenbahnſtation ge⸗ hörten ſolchen gewerbſamen Bürgern; viele von ihnen beſaßen bereits Kapitalien, welche anſehnlicher waren, als das Vermögen der älteſten Reichen; aber es war genug, daß ſie ihren Wohlſtand durch eigenen Fleiß und eigene Arbeit gewonnen hatten, um von den erblichen Rentiers als Menſchen einer geringern Claſſe angeſehen zu werden. Ueberdieß trug noch die Unſicherheit der Kapitalien ſelbſt, welche in dem Handel oder Gewerbe angelegt wurden, dazu bei, daß jene von den Grundbeſitzern Darlingens gering geachtet wurden, als ob die ſittliche und materielle Unthätigkeit einen Anſpruch auf Vortrefflichkeit ge⸗ währen ſollte. Die Neureichen, welche vom Morgen bis zum Abend arbeiteten und ſorgten, und dadurch leicht und im Großen Geld verdienten, hätten wohl gern von Zeit zu Zeit nach der Arbeit einige Erholung und Freude ſich erlaubt. Sehr oft hatten die jungen Leute ger⸗ ach nter en, mit ute, tern und ens ge⸗ nen ren, war leiß den gern die dem bei, ring ielle ge⸗ zum und von und eute 7 dieſer Claſſe Muſik⸗ oder Tanzunterhaltungen, oder andere geſellige Zuſammenkünfte zu arrangiren ge⸗ ſucht. Sie wurden hiebei ſelbſt von einigen Söhnen der Reichen unterſtützt; und mit vereinten Kräften hatten ſie einen ſchönen Garten angekauft, große Ge⸗ bäude darin aufgeführt und eine vollſtändige Har⸗ monie zu Stande gebracht. Die Abneigung der alten Familien vereitelte jedoch alle ihre Mühe; und da ſie für ſich ſelbſt nicht ſtark genug waren, um eine genügende Geſellſchaft zu bilden, ging die Har⸗ monie ein, und der Park mit ſeinen ſchönen Spazier⸗ gängen wurde Unkraut und Diſteln überlaſſen. Die Altreichen von Darlingen weigerten ſich, an irgend einer Geſellſchaft Theil zu nehmen, und ver⸗ mieden es, mit ihren Angehörigen bei Zuſammen⸗ künften zu erſcheinen, aus Furcht, es möchten zwiſchen ihren Söhnen und Töchtern und zwiſchen den jungen Leuten der Neureichen Neigungen Wurzel faſſen, welche vielleicht zu Heirathen führen könnten, die ſie als entehrend für ihre Familie betrachteten. Da nun die Altreichen, ſei es aus Sparſamkeit, ſei es aus Mangel gegenſeitiger Anhänglichkeit, ſehr ſelten Freunde empfingen; und da die Neureichen ſich gezwungen ſahen, nach Brüſſel zu gehen, um einige Erholung zu ſuchen, ſo war Darlingen eine Stadt ohne Geſell⸗ ſchaft, ohne Unterhaltung, und ſelbſt ohne irgend eine merkliche Entwicklung. Im Jahr 1845 ſtand zu Darlingen, in der St. Jansſtraße, ein ſehr großes Haus, das nunmehr von einer neuerrichteten Zuckerfabrik eingenommen iſt. Es war damals von einem Altreichen, Namens Boni⸗ fgeius Romys, bewohnt. Die lange, ſeit zehn Jah⸗ 8 ren vielleicht nicht abgeputzte oder angeſtrichene Fa⸗ gade, die verſchloſſenen Fenſter, das Gras vor der Thüre, Alles gab ihm ein kaltes und verlaſſenes Ausſehen. An einem der erſten Sommertage des gemelde⸗ ten Jahres ſaß eine Frau einſam und ſchweigend, mit Stricken beſchäftigt, in einem großen, obern Zim⸗ mer dieſes Hauſes. Ihre Kleidung war beinahe ganz ſchwarz, ſo einfach und jeder Verzierung bar, daß ſie von großer Sparſamkeit, wo nicht von Nach⸗ läßigkeit zeugte. Auf ihrem Angeſicht lag ein An⸗ flug paſſiver Langerweile und ſtillen Verdruſſes; Etwas, das Herzensgüte, aber zugleich eine ausneh⸗ mende Muthloſigkeit anzudeuten ſchien. Die Frau mußte, obwohl ihre Wangen von Runzeln gefurcht waren und ihr Haupt grau zu werden begann, in ihrer Jugend ſchön geweſen ſein, denn ihre Züge waren regelmäßig und fein und bewahrten noch Spuren früherer Reize. Das Gemach, worin ſie ſich befand, war mit dunkelgrünen Papiertapeten ausgeſchlagen, deren große Blumen hie und da durch Alter oder Feuchtigkeit der Wände beinahe verblichen waren. Die Stuühle, ſchwer und wurmſtichig, trugen noch Zeichen früherer Vergoldung; der Utrechter Sammet, womit ſie über⸗ zogen waren, hatte keine erkenntliche Farbe mehr. Auf dem Kamingeſimſe ſtand zwiſchen zwei ſchweren Vaſen von buntem Porcellan eine kupferne Uhr, groß und häßlich von Form, aber ſehr alt. Zwei oder drei Gemälde ohne den mindeſten Kunſtwerth hingen an der Wand; Tiſch und Kommode waren von Eichenholz. ſchm gezo nur mög ein ganz nur ſamn enth 6 ſitzen mal gehe Kerk mehr dieſe denn ( auf höre. ( von und Fräu ſetzte dung Kind mußt ſehr 9 Das ganze Zimmer zeigte, daß bei ſeiner Aus⸗ ſchmückung keineswegs der gute Geſchmack zu Rath gezogen worden war; daß vielmehr ſeine Bewohner nur den Zweck vor Augen gehabt hatten, ſich auf möglichſt wohlfeile Weiſe mit Gegenſtänden, welche ein Anſehen von Alterthum hatten, zu umgeben. Da die dunkeln Rouleaux der Fenſter beinahe ganz herabgelaſſen waren, ſo drang das Tageslicht nur mit Mühe in das Gemach, und Alles wirkte zu⸗ ſammen, um es zu einem düſtern und traurigen Auf⸗ enthaltsort zu machen. Lange Zeit blieb die alte Frau an ihrer Arbeit ſitzen, ohne ſich von der Stelle zu rühren. Nur ein⸗ mal hatte ſie die Augen langſam im Zimmer herum⸗ gehen laſſen, gleich einem Gefangenen, der ſeinen Kerker abmißt, mit der Gewißheit, daß er ihn nie mehr verlaſſen wird; aber wahrſcheinlich war ſie bei dieſem matten Herumſtarren gedankenlos geblieben, denn ihr Geſicht verrieth keine Erregung. Es war ſo ſtill in dem Zimmer, in dem Hauſe, auf der Straße, daß man ein Mäuschen hätte laufen hören. Endlich krachte die Treppe unter den Schritten von Jemand, der in dieſes Stockwerk heraufſtieg, und in der That, die Thüre wurde geöffnet. Ein Fräulein trat ein, wandte ſich nach dem Fenſter und ſetzte ſich an einen Tiſch, der zum Theil mit Klei⸗ dungsſtücken beladen war, welche ohne Zweifel für Kinder, und wohl für arme Kinder beſtimmt ſein mußten; denn ſie waren von groben Stoffen und ſehr klein von Maaß. Eine wollene Jacke ergreifend, 10 begann ſie daran fortzunähen. Sie lächelte ſonder⸗ bar und ſchüttelte in Gedanken mißbilligend den Kopf. Das Fräulein mochte ungefähr achtundzwanzig Jahr alt ſein. Sie war lang von Geſtalt und etwas mager. Wären ihre Wangen nicht der Farbe be⸗ raubt geweſen, ſie hätte noch in den Augen mancher Männer für ſchön gelten können; aber ein matter, trockener Ton hatte von ihrem Geſicht die Blüthe der Jugend verſcheucht, und auf ihren Lippen war ein bitteres Lächeln ausgeprägt, das ihrem Ausdruck etwas Hartes, etwas Widriges gab. Sie war gleich der andern Frau in dunkle Farben gekleidet; aber die Einfachheit, welche bei der alten Frau einiger⸗ maßen natürlich ſcheinen konnte, war bei dem Fräu⸗ lein offenbar die Folge von Affectation und Mangel an Geſchmack. „Wie geht es mit des Schuhmachers Hannchen, Thereſe?“ fragte die Frau. „Das arme Lamm, es iſt noch ſo krank!“ ant⸗ wortete das Fräulein mit tiefem Mitleid in der Stimme,„aber es erholt ſich doch wohl. Ich habe verſprochen, ihm ſchöne und warme Kleider für den Winter zu machen.“ „Und es iſt gewiß darüber erfreut?“ „Die Hoffnung und die Freude tragen zu ſeiner Geneſung bei, Mutter. Es verdrießt mich, daß ich ſo grobe Stoffe dazu nehmen muß. Ich hätte die Klei⸗ der gern ein Bischen ſchöner gemacht, um das Kind glücklicher zu ſehen; aber der Vater hat ſich dagegen erklärt. Er hat Recht, das Geld der Familie ſorg⸗ fälti derch zeige ( verfi Läch ob f ſtand fragt lachf das kennf Ele Schu wohl Watt 2 genb das Phil⸗ Shau hat; und Pup⸗ darül Die der⸗ den nzig was be⸗ icher tter, üthe war druck leich aber iger⸗ Fräu⸗ ungel ichen, ant⸗ der habe rden ſeiner ich ſo Klei⸗ Kind gegen ſorg⸗ 11 fältig zu ſparen; aber für arme, unſchuldige Kin⸗ derchen dürfte er ſich wohl etwas edelmüthiger er⸗ zeigen. 8b herrſchte eine lange Stille. Das Fräulein verfiel in ihr früheres Nachdenken; ein ſcharfes Lächeln ſpielte auf ihren Lippen, und es ſchien, als ob ſie gegen irgend eine Perſon oder einen Gegen⸗ ſtand ihren Spott ausließe. Die alte Frau ſchaute ſie eine Weile an und fragte dann: „Du lachſt in Dich hinein, Thereſe? Worüber lachſt Du denn?“ „Wo es in der Welt gegenwärtig hinaus will, das weiß Gott!“ antwortete das Fräulein.„Du kennſt doch wohl die Tochter aus dem Gekrönten Elephanten, Nutter? die jüngſte, die eine hohe Schulter hat?“ „Ja, ich kenne Philomena wohl, aber es iſt ein wohlgeſtaltetes Mädchen und hat keine hohe Schulter.“ „Gewiß, Mutter; ſie ſtoppt ihre Kleider mit Watte aus, um es zu verbergen.“ „Iſt ihr etwas zugeſtoßen?“ „Das geht zu weit! Ich bin unten einen Au⸗ genblick in der Thüre geſtanden, während die Magd das Fleiſch von dem Metzger holte. Da ſah ich Philomena vorübergehen, mit einem ſchreienden Shawl, der ſicher ſeine dreihundert Francs gekoſtet hat; mit Blumen auf ihrem Hut, und mit Bändern und Schnüren an ihren Kleidern, gerade wie eine Puppe auf einem Jahrmarkte. Ach, ach, habe ich darüber gelacht; aber es iſt doch eine wahre Schande. Die Tochter aus einer Schenke!“ 12 „Aus einem Gaſthofe, Thereſe; die Leute aus— dem Gekrönten Elephanten beſitzen ein ziem⸗ ein liches Vermögen, und ſie haben die Mittel, um ihre ihre Kinder gut zu kleiden.“ geber „Aber ziemt ſich ſolche Tracht für kleine Bür⸗ hätte ) er, die recht betrachtet doch mehr die Diener von ohne 4 den Leuten ſind, welche dort ab⸗ und zugehen?“ ⸗ „Das iſt ihre eigene Sache, Thereſe. Warum Ding . ſollten wir uns darein miſchen?“ Dein „Ja, Du, Mutter,“ rief das Fräulein mit ärger⸗ 3 „ licher Ungeduld,„Du würdeſt gleichgültig bleiben, das und ginge die ganze Welt ihrem Verderben entge⸗ wend 1 gen. Iſt es nicht die Pflicht der tugendhaften Men⸗ ſie d 9 ſchen, das Schlimme zu tadeln und zu bekämpfen? ſephe Und ſollen die reichen Leute die Augen ſchließen und Jede — Alles nur zum Guten kehren, ſoll denn das Volk, E d 4 ſoll die Bürgerſchaft ohne Zügel und Rath der Ele Sittenloſigkeit, der Pracht und dem Hochmuth über⸗ verſte laſſen werden?“ mehr JS Die Frau zuckte leicht die Achſel und ſagte: gen: „Du könnteſt wohl im Allgemeinen ein wenig„ G Recht haben, mein Kind; aber daß die unſchuldige nes Philomena eine ſo harte Züchtigung verdient, glaube Rede ich doch nicht.“„ 1„Denke Dir einmal, ſie iſt im Begriff, einen Mutt 6 commis-voyageur zu heirathen!“ man „Unſere Magd hat geſtern ſagen hören, daß er ders ein Kaufmann ſei.“ ſchiel „Kaufmann? Ja, die Leute aus dem Gekrön⸗ und 8 ten Elephanten breiten das Gerücht aus, daß er Aber bei einem Handelshauſe in Antwerpen betheiligt iſt; undel aber er iſt ein armer Schlucker, und ſein Vater iſt 3 en. aus em⸗ ihre Zür⸗ von rrum eger⸗ iben, ntge⸗ Men⸗ pfen? und Volk, der über⸗ wenig uldige laube einen daß er krön⸗ daß er gt iſt; nter iſt 13 ein Barbier. Gewiß würden Philomena's Eltern ihre Tochter keinem ſo gemeinen Burſchen zur Frau geben, wenn ſie nicht ihre zwingenden Gründe dazu hätten. Es ſind graͤuliche Dinge, woran man nicht ohne Entrüſtung denken kann.“ „Ich bitte Dich, Thereſe, rede doch von ſolchen Dingen nicht,“ ſeufzte die Dame faſt flehend.„Wenn Dein Verdacht ungegründet ware!“ „Er iſt leider mehr als zu gegründet,“ entgegnete das Fräulein.„Madame Kwas, die ihr Leben daran wendet, die Familiengeheimniſſe auszuſpioniren, um ſie dann überall herumtragen zu konnen, hat es Jo⸗ ſepha, der Modiſtin, geſagt. Und dieſe erzahlte es Jedermann; wohl nur ſo im Dunkeln damit haltend — denn ſie arbeitet für die Leute im Gekronten Elephanten— aber doch deutlich genug, um verſtanden zu werden. Die Putzmacherin hat jedoch mehr Gründe, als wir haben, um von ſolchen Din⸗ gen zu ſchweigen...“ „Nun, Thereſe, laſſen wir Jedermann ſein eige⸗ nes Geſchick tragen und für ſeine Fehler büßen! Reden wir von etwas Anderem, mein Kind.“ „Ich finde Dich mehr und mehr unbegreiflich, Mutter!“ rief das Fräulein überraſcht.„Womit ſoll man ſich hier unterhalten, und wovon ſollte man an⸗ ders ſprechen, als von dem, was in der Stadt ge⸗ ſchieht? Darf man denn die Wahrheit nicht ſagen, und muß man das Schlimme nicht mißbilligen? Aber es iſt mit Dir nicht zu ſprechen, Mutter; Du tadelſt meine geringſten Worte; es iſt Dir zu viel, daß ich den Mund aufthue. Laß uns alſo ſchwei⸗ gen... und fahre dann nur fort mit Klagen, daß 14 es hier traurig und langweilig ſei, ſobald meine Schweſter Hermine, Dein verzogenes Kind, aus dem Hauſe gehe.“ Die Frau begann wieder zu ſtricken; das Fräu⸗ lein beugte mit einem Ausdruck zorniger Ungeduld den Kopf über ihre Näharbeit. Es blieb wieder eine geraume Zeit ſtill in dem Zimmer. Endlich fragte die alte Frau: „Thereſe, hat die Magd jetzt Alles in Hermina's Schlafzimmer in Ordnung gebracht? Sie kommt wohl ſicherlich morgen von Scherbeek zurück.“ „dch glaube ja,“ antwortete das Ir ulein.„Es iſt meine Sache nicht. Hermine wird wieder mit einer ganzen Ladung Pomadet pfe und Riechfla ſch⸗ chen, mit neuen Hüten, mit Kleiderſchachteln, Bon⸗ dern, Büchern, Noten und andern launenhaften Lap⸗ palien mehr anlangen. Was hilft das Einrichten ihres Zimmers, wenn ſie es ſogleich zu einem un⸗ ordentlichen Magazin umſchafft? Onkel Jan, der, unter uns geſagt, nicht viel Einſicht von dem hat, was ſich für ein junges Madchen ſchickt, wird meine Schweſter noch eitler gemacht haben als ſie bereits war. Gott weiß, wie viel Geld er wieder verſchwen⸗ det haben wird, um Hermine mit werthloſen Ge⸗ ſchenken zu überladen! Sein Vermögen gehort mir doch ebenſo gut, wie meiner Schweſter; denn wir müſſen beide gleich viel von ihm erben. Was er für Hermine verthut, iſt mir unrechtmäßig ge⸗ raubt.“ „Thereſe, mein Kind, wie kannſt Du doch ſo ver⸗ drießlich ſein?“ ſeufzte die Tame tadelnd.„Seit ſechs Wochen haſt Du Deine Schweſter nicht geſehen; ſoll zur gan wer zen ein zur die Brü daß der leich die Mut Auft man Deir ſchm⸗ fröhl ſich Freu boſe einfo rüſtu Ande dertr ( zu lo funke neine dem Fräu⸗ eduld dem ina's ommt „Es mit loſch⸗ Ban⸗ Lap⸗ ichten n un⸗ der, hat, meine ereits zwen⸗ Ge⸗ t mir 1 wir as er ver⸗ „Seit ehen; 1⁵ ſollteſt Du Dich nicht darüber freuen, daß ſie jetzt zurückkehrt?“ „Freuen?“ ſpottete Thereſe.„Ja wohl, daß im ganzen Hauſe wieder das Unterſte zu oberſt gekehrt werden ſoll, und daß den Nachbarn wieder den gan⸗ zen Tag durch ihr Schreien, Singen und ihren Lärm ein Aergerniß gegeben wird? Und daß ſie wieder zur Schande der Familie zur Kirche geht und durch die Straßen wandelt, gekleidet gleich einer windigen Brüßler Närrin? Es iſt ſicherlich recht angenehm, daß wir, die wir Alles thun, um dem übeln Gerede der Leute zu entgehen, der ganzen Stadt um des leichtfertigen Betragens meiner Schweſter willen durch die Mauler gehen ſollen? Könnteſt Du nur hören, Mutter, was man Alles von ihr ſagt, und wie ihr Auftreten und ihr flatterhaftes Weſen von Jeder⸗ mann getadelt wird!“. „Ach, wie iſt es doch möglich, daß Du alſo von Deiner Schweſter ſprichſt!“ klagte die Frau mit ſchmerzlicher Verwunderung.„Hermine, die gute, fröhliche Hermine! Jedermann, der ſie kennt, oder ſich ihr nur nahert, liebt ſie; wo ſie erſcheint, herrſcht Freundſchaft, Lebensluſt, Freude. Wie kannſt Du boſe genug ſein, um Uebles von ihr zu reden, die einfach und rein iſt wie eine Taube?“ „Du ſollteſt nur einmal heren, mit welcher Ent⸗ rüſtung von einigen unſerer Bekannten, und unter Andern von Madame Kwas über die alberne Klei⸗ dertracht meiner Schweſter Hermine geſprochen wird!“ Ein Zittern ſchien durch die Glieder der Frau zu laufen, und es war, als ob ſich plötzlich ein Feuer⸗ funke in ihren matten Augen entzündete. Sie be⸗ ——— 16 zwang jedoch ihre Erregung und ſprach in ruhigem, tiefem Ton: „Madame Kwas? Ach, es kann wohl geſchehen, daß in Darlingen ſelbſt ein Engel des Herrn der übeln Nachrede der Leute nicht entginge; aber The⸗ reſe, meinſt Du denn, die Schlange vermöge, auch wenn ſie all ihr Gift auf die Lilie ausſpeit, den Glanz der weißen Blume zu verdunkeln?“ „Bah, ſolche hochtrabenden Worte ſind keine Gründe, Mutter,“ antwortete das Fräulein mit einem leichten, ſpöttiſchen Lacheln.„Es handelt ſich nicht darum, daß man weiß, ob meine Schweſter Uebles thut oder Uebles denkt; wornach man trachten muß, iſt das, der Welt keine Urſache zur Mißbilligung oder Rüge zu geben; und in dieſer Hinſicht iſt das Betragen meiner Schweſter ſehr tadelnswerth.“ „Aber, Thereſe, ſei doch ein Bischen nachſichtig gegen die arme Hermine; ſie iſt noch ein Kind.“ „Ein Mdchen von ſiebzehn Jahren ein Kind? Es iſt hohe Zeit, daß man ihr, ſelbſt mit Gewalt, wenn es nöthig iſt, das Gefühl der Schicklichkeit einpräge und ihr begreiflich mache, was ſie dem guten Namen unſerer Familie ſchuldig iſt. Onkel Jan iſt die Urſache davon, daß meine Schweſter ſo weltlich und ſo luftig geworden. Auch werde ich dem Vater zureden, daß er ſie das nächſte Jahr nicht mehr auf ſo lange Zeit nach Schärbeek gehen läßt. Scharbeek liegt allzu nahe bei Brüſſel, und ſie kann dort Nichts, als ſchlechte Vorbilder ſinden. Wenn Du, Mutter, aus Verblendung Deiner Pflichten vergiſſeſt, ſo werde ich über den Ruf meiner Schweſter und über die Ehre unſerer Familie wachen.“ ſie iſt erzoge daß. Schär eigene Ankun was Tante, dieſen nicht ſ W ihre H „D irre,“ „Wi werde 2 Conſ uhigem, ſchehen, rrn der er The⸗ e, auch it, den Gründe, leichten, darum, ut oder iſt das, r Rüge etragen chſichtig nd.“ Kind? Gewalt, klichkeit n guten Jan iſt weltlich Vater ehr auf harbeek Nichts, Mutter, werde der die 1 17 Die Frau ſtieß einen Seufzer aus und ſchien er⸗ ſchrocken. Nach einigem Stillſchweigen ſagte ſie: „Hermina ſollte nicht mehr zu meinem guten Bruder gehen dürfen? Er iſt ihr Pathe, Thereſe; ſie iſt in ſeinem Hauſe bis zu ihrem vierzehnten Jahr erzogen worden. Wir ſind mit ihm übereingekommen, daß Hermina jedes Jahr ſechs Wochen bei ihm zu Schärbeek bleiben darf. Er hat ſie ſo lieb, wie ſein eigenes Kind; er wartet zehn Monate lang auf ihre Ankunft. Und Du wollteſt ihm nun Etwas entziehen, was er als ſein größtes Glück anſieht? Und ihre Tante, meine arme Schweſter Marie, wollteſt Du ihr dieſen Verdruß anthun? Ach, ich bitte Dich, ſei nicht ſo grauſam gegen Deine Schweſter!“ Während ſie dieſe Worte ausſprach, hatte ſie flehend ihre Hände zu der Tochter emporgehoben. „Deine übertriebene Liebe zu Hermina führt Dich irre,“ antwortete das Fräulein.„Müßte auch Etwas gethan werden, Mutter, was mir nur unangenehm ſein könnte, ſo ſollte es Dich doch nicht alſo erſchrecken. Der Vater, welcher mehr Einſicht hat, als wir, ſagte gleichfalls, Hermina ſollte nicht mehr nach Schärbeek gehen.“ „Hat er das geſagt?“ rief die Frau.„O, The⸗ reſe, die Du Alles über den Vater vermagſt, rede ihm doch dieſen Gedanken aus dem Kopfe!“ 5 Ein doppelter Laut der Glocke ertönte durch das Haus. „Da iſt der Vater,“ ſagte die Tochter. „Willſt Du zu Hermina's Gunſten ſprechen? Ich werde Dir dankbar dafür ſein,“ bat die Dame. Conſcience, Die Bürger v. Darlingen. 2 „Wir wollen ſehen,“ antwortete Thereſe.„Es wird von dem Betragen meiner Schweſter und von Deiner Strenge gegen ihren Leichtſinn abhängen.“ Man hörte unten eine rauhe Stimme ſich im Tone eines zornigen Ausbruchs erheben. Dieſe Stimme mußte einen mächtigen Eindruck auf die alte Frau machen; denn ſie erbleichte und begann zu zittern. Die Thüre des Zimmers wurde heftig aufgeriſſen; ein Mann erſchien auf der Schwelle und blieb eine lei Weile mit vorwurfsvollem Blick vor den Frauen ſtehen. Bonifacius Romys, der Herr des Hauſes, war von ziemlich hoher Geſtalt und noch kräftig für ſein Alter, obwohl ſeine Haare durch ihre ſchneeweiße Farbe Zeugniß ablegten, daß er in ſeinem Leben manche Sorge gehabt haben mußte. Sein Geſicht, blaß und matt, bot nichts Beſonderes in ſeinen Zügen, außer etwas dünne Lippen und kleine graue Augen, die gleich Feuerfunken zu leuchten ſchienen. Er trug ſehr feines und reinliches Weißzeug, eine große Dia⸗ mantnadel auf der Bruſt und einen Diamantring an der linken Hand. Das Uebrige ſeines Anzugs war faſt unſauber und ziemlich nachläſſig; ſein Hut war ſogar durch die Länge der Zeit roth und an der Krempe ſichtbar fettig geworden. Nachdem er einen zornigen Blick auf die Frauen geworfen hatte, fiel er mit wüthender Geberde gegen ſie aus. „Es iſt um aus der Haut zu fahren,“ rief er. „Was thut Ihr hier den ganzen Tag? Schwatzen und plappern, Kleider für Kinder von Leuten machen, welche ihren Taglohn im Wirthshauſe vertrinken!...“ andern .„T mige 2 Dienſt dann n zittern. eriſſen; eb eine Frauen 3, war ür ſein ſeeweiße Leben Geſicht, Zügen, Augen, Er trug ße Dia⸗ tring an igs war Hut war Krempe Frauen de gegen rief er. ſchwatzen machen, kken!...“ 19 „Ach! Die armen Kleinen! Was können ſie dafür?“ ſeufzte das Fräulein, beinahe entrüſtet. „Schweig'! Es wäre beſſer, Du gingeſt in die Küche, um zu ſehen, wie man dort auf greuliche Weiſe unſer Geld verſchleudert! Ich komme nach Hauſe, müde und abgeſpannt vom Marſche und von Sorgen... und überraſche die Magd mit einem Halbpfund Brod in der Hand, worauf ſie wohl einen Vierling Butter geſtrichen hat. Sie ſchält Kartoffeln: die Schelfen ſind wohl ſo dick wie ein Stüber!“ Die alte Frau wollte eine Erklärung wagen; aber ihr Ehegatte ſtampfte ungeduldig auf den Fußboden und ſchrie: „Schweig', wenn ich ſprechen will. Wie? Ich ſoll vom Morgen bis zum Abend mir den Kopf zer⸗ brechen und mich abmühen, um die Mittel zur Ver⸗ mehrung unſeres Einkommens zu finden? Ich ſoll meine Kraft erſchöpfen, um Euch ein ſchönes Erbtheil zu hinterlaſſen und unſere Familie über andere zu erheben? Und Ihr ſollt hier in Nichtsthun und Müſſiggang Alles nur zu Grunde gehen und ver⸗ ſchlingen laſſen? Die faule Magd muß fort von hier. Ich habe es ſchon lange genug beſchloſſen. Noch heute werde ich ihr den Dienſt aufkünden.“ „Aber, Bonifaz,“ bemerkte die Frau,„die arme Sophie dient uns nun getreulich ſeit zwanzig Jah⸗ ren. Sie wird alt und gebrechlich; ſie wird keinen andern Dienſt mehr finden.“. „Was geht uns das an?“ ſchnaubte der grim⸗ mige Mann.„Ich habe ſie gedungen, damit ſie ihren Dienſt nach Gebuͤhr thue; wird ſie dazu unbrauchbar, dann mag ſie ſehen, wie ſie zu ihrem Unterhalt kommt.“ 2 „Nein, Bonifaz, Du wirſt ſie nicht fortſchicken,“ ſagte die Frau in furchtſamem Tone. „Nicht fortſchicken?“ rief er.„Sollteſt Du viel⸗ leicht Dich widerſetzen? Ah, das wollte ich doch einmal ſehen!“ „Der Vater hat Recht,“ beſtätigte Thereſe.„Sophie iſt faſt zu gar Nichts mehr zu gebrauchen; ſie thut Alles verkehrt und außerdem verderbt ſie meine Schweſter. Es iſt Zeit, daß ſie das Haus verläßt.“ „Nun denn, wenn es ſein muß, ſo thue nach Deinem Willen, Bonifaz,“ feufzte die Frau, während ſie muthlos das Haupt auf die Bruſt ſinken ließ. Dieſe Unterwerfung ſchien den Mann einiger⸗ maßen zur Ruhe zu bringen; er wandte ſich zu ſei⸗ ner Tochter und gebot ihr: „Geh' in die Küche, Thereſe, und bleibe dort eine Weile: ich habe mit Deiner Mutter von ernſten Dingen zu ſprechen. Du ſollſt ebenfalls bald von der Sache hören.“ Das Fräulein verließ das Zimmer. Einen Stuhl nehmend, ſagte Herr Bonifacius Romys zu ſeiner Frau: „Setze Dich, Julia; ich will Dir eine wichtige Mittheilung machen; nicht um Deine Geſinnung darüber kennen zu lernen, oder Deinen Rath einzu⸗ holen, denn ich ſehe voraus, daß Du nach Deiner Gewohnheit ganz anders davon denken wirſt, als ich. Es iſt nur, weil dergleichen Dinge nicht ohne Dein Wiſſen, und ſelbſt nicht ohne Deine Zuſtimmung geſchehen können. Du verſtehſt wenig von dem, was nöthig iſt, um unſere Familie in der Welt zu er⸗ heben— und überdieß iſt mein Wille hier Geſetz.“ 6 nem Vern hunde anſeh wenn gehen tauſen Ich Kinde Fall ſein; Brude uns i ein 2 zu ve lingen hätten nung ſie iſt Ehe ge ganz e Zeit z1 der Ehe icken,“ viel⸗ doch Sophie e thut meine läßt.“ e nach äͤhrend ieß. iniger⸗ zu ſei⸗ 2 dort ernſten d von ffacius ichtige nnung einzu⸗ Deiner als ich. 2 Dein nmung 1, was zu er⸗ Heſetz.“ 21 Die Frau ſchaute ihn ſprachlos und mit ergebe⸗ nem Blicke an. „Die Sache iſt folgende,“ fuhr er fort.„Unſer Vermögen mag ſich jetzt wohl auf ungefähr fünfmal hunderttauſend Francs belaufen, denn die Güter ſind anſehnlich im Preiſe geſtiegen. Füge dazu, daß wenn Onkel Jan und Tante Marie mit Tod ab⸗ gehen, von da noch mehr als zweihundert fünfzig⸗ tauſend Francs an unſere Familie kommen werden. Ich hatte gedacht und gehofft, daß unſere beiden Kinder unverheirathet bleiben würden. In dieſem Fall würde unſer Vermögen nicht getheilt worden ſein; und ſo wir das Glück gehabt hätten, Deinen Bruder und Deine Schweſter zu überleben, wäre es uns in unſern alten Tagen gegönnt geweſen, über ein Beſitzthum von achtmal hunderttauſend Francs zu verfügen. Es gibt nur wenige Leute in Dar⸗ lingen, welche in ſolchem Fall ſich über die Romys hätten erheben dürfen. Dieß war lang meine Hoff⸗ nung und mein Ziel. Unſerer Thereſe war ich ſicher; ſie iſt ein verſtändiges Mädchen und begreift das Intereſſe der Familie ganz gut. Sie wird niemals ſich verheirathen, ſie haßt den Cheſtand und iſt von der Welt abgekehrt.“ „Es ſcheint ſo, aber im Grunde iſt es vielleicht anders,“ murmelte die Frau. „Bah, Du weißt nicht, was Du ſagſt, Julia. Hat Thereſe ein einziges Mal einige Neigung zur Che gezeigt? Was unſere Hermine betrifft, da iſt es ganz etwas Anderes. Ich bin ſchon ſeit geraumer Zeit zu der Ueberzeugung gelangt, daß man ſie von der Ehe nicht abhalten darf, beſonders da Onkel Jan ſich in den Kopf geſetzt hat, daß ſie keine Jung⸗ frau bleiben ſoll, wir mögen es wünſchen oder nicht. Hermina wird alſo heirathen, früher oder ſpäter. Ich habe darüber meinen Beſchluß gefaßt. Und um Onkel Jan abzuhalten, ſich mit dieſer Sache zu be⸗ faſſen, habe ich ſelbſt eine gute Partie für Hermine ausgeſucht...“ Seine Frau warf ihm einen ängſtlichen Blick zu. „Wie kindiſch!“ ſpottete er.„Da ſitzſt Du nun und zitterſt, als ob ich im Stande wäre, meine Tochter eine ſchlechte Heirath ſchließen zu laſſen. Fürchte Nichts; der Gatte, welchen ich ihr geben will, iſt beinahe ſo reich als wir, und obwohl er noch Handel treibt, iſt er doch von einer alten und geachteten Familie. Die Pottewals...“ „Pottewal, der Getreidehändler?“ rief die Frau erbleichend.„O Himmel, das iſt nicht möglich!“ „Nicht möglich? Warum? Seitdem der Vater Pottewal mit Tod abgegangen iſt, gebietet ſein ein⸗ ziger Sohn Franz über ein anſehnliches Vermögen.“ „Aber er iſt ſchon alt und kennt unſere Hermina vielleicht gar nicht,“ murmelte die Frau, vor Auf⸗ regung zitternd. „Achtunddreißig Jahr. Das iſt die Reife des Mannes. Dann erſt hat man Erfahrung; dann erſt lauft man keine Gefahr, ein Verſchwender zu werden, oder ſeine Angelegenheiten ſchlecht zu beſorgen.“ „Ach, Bonifaz, verheirathe mir meine Hermina nicht ohne Liebe!“ flehte die Frau.„Mach' ſie nicht ihr ganzes Leben lang unglücklich!“ „Unglücklich?“ wiederholte Herr Romys.„Wir haben gleichfalls geheirathet, beinahe ohne einander zu k Hind rung dami Was eine zur 2 Potte um geben Hand einen bauer naten mir j greifl beiden Jan's erſten ſich de *) mich m Jung⸗ nicht. päter. d um u be⸗ rmine ck zu. t nun meine aſſen. geben ohl er n und Frau 1 Vater n ein⸗ gen.“ rmina Auf⸗ e des n erſt erden, 4 rmina nicht „Wir nander 23 zu kennen. Sind wir unglücklich, und iſt das ein Hinderniß unſeres Wohlbefindens und der Vermeh⸗ rung unſerer Güter geweſen? Liebe? Geh' mir damit auf den Markt, um Butter zu kaufen). Was iſt die Che für diſtinguirte Leute anders, als eine Vereinigung des Vermögens, und ein Mittel zur Vergrößerung des Anſehens der Familie? Herr Pottewal verſteht es gleichfalls ſo. Er will heirathen, um eine Hausfrau zu haben; damit Jemand Acht geben kann, was bei ihm geſchieht, wenn er ſeiner Handelsgeſchäfte wegen auf der Reiſe iſt. Er hatte einen alten Oberknecht, auf den er wie auf ſich ſelbſt bauen konnte. Dieſer Oberknecht iſt vor drei Mo⸗ naten geſtorben. Jetzt iſt Pottewal allein. Er hat mir ſeine Noth geklagt, und ich habe ihm dann be⸗ greiflich gemacht, daß eine Verbindung zwiſchen unſern beiden Familien eben ſowohl für ihn, als für uns keine ſchlechte Sache ſein würde.“ „Ach, ach, Herr Pottewal hat eine Magd nöthig, und Du gibſt ihm Dein Kind!“ klagte die erſchrockene Mutter mit ſchwacher Stimme und ſich die Hände vor die Augen haltend. „Wie, eine Magd?“ ſchnaubte Bonifacius.„Biſt Du denn meine Magd? Ich weiß wohl, was Du in dem Kopf haſt: es iſt ſowohl Dein, als Onkel Jan's und Tante Mariens Wunſch, Hermina den erſten beſten jungen Springinsfeld von Brüſſel, der ſich darbietet, heirathen zu laſſen. Und ich will es *) Ein Sprichwort, das den Sinn haben mag: Verſchone mich mit ſo unnützen Redensarten. 4 1 . d. U. 24 gerade heraus ſagen, was mich zu ſolcher Eile an⸗ treibt. Ernſt de Cock, der nun genug zu wiſſen glaubt, um als Ingenieur bei öffentlichen Bauten in Brüſſel Beſchäftigung zu ſuchen, iſt im Begriff, aus England heimzukehren. Der Junge hat mir immer⸗ dar Mißtrauen eingeflößt. Er hat früher Gelegen⸗ heit gehabt, Hermina zu wiederholten Malen in Schärbeek zu ſehen. Sie ſpricht noch viel zu oft von ihm. Nicht, daß ich in Hermina etwas Anderes als einfache Freundſchaft für ihn entdeckt zu haben glaube; aber mir iſt bange, Onkel Jan und Tante Marie könnten auf gefährliche Plane gerathen. Ernſt de Cock iſt arm; ſein Vater hat ſchlechte Sachen gemacht und ihm keine dreißig tauſend Francs hinterlaſſen. Du begreifſt alſo wohl, daß es da nicht zu zögern gilt. Herr Pottewal ſieht ſich gezwungen, zu hei⸗ rathen; iſt es nicht mit Hermina, ſo iſt es mit der Tochter von Herrn Cortbeen, der ihm bereits durch Madame Kwas deßhalb den Puls fühlen ließ. Solche Gelegenheiten ſind allzu ſelten in Darlingen, um ſie ſich entſchlüpfen zu laſſen.“ Mit geſenktem Haupte und niedergeſchlagenen Augen ſaß die bedrückte Frau da, ohne ſich im Min⸗ deſten zu rühren. Ohne Zweifel war ſie durch die ſelbſtſüchtige Barſchheit ihres Gatten, unter welche ſie ſich bereits ſeit fünfunddreißig Jahren gebeugt hatte, „jeder ſittlichen Stärke beraubt worden und in eine krankhafte Muthloſigkeit verfallen. Jetzt fühlte ſie, daß weder ihre Bitten, noch ihre Thränen Etwas gegen ſeinen verhängnißvollen Beſchluß vermögen würden; und obwohl das Glück ihrer vielgeliebten Hermina in die Wagſchale gelegt wurde, fand ſie den zwi Bor dar wen was verg was werd wird oder wie es Wor weiß glau 8 . ./ faciu 7 das 7 antm ſein. heira e an⸗ viſſen en in aus nmer⸗ egen⸗ in in t von 8 als aube; Narie ſt de macht aſſen. ögern hei⸗ t der durch ließ. ngen, genen Min⸗ h die he ſie hatte, eine ſie, twas ögen ebten ſie 2⁵ dennoch keine Kraft in ihrem Gemüthe, um gegen den zwingenden Willen ihres Gatten ſich zu erheben. „Dein Widerſtreben überraſcht mich nicht,“ nahm Bonifacius Romys wieder das Wort;„ich habe mich darauf gefaßt gemacht. Es wäre wohl ein Wunder, wenn Du einmal in Deinem Leben das guthießeſt, was ich für nothwendig erachte. Du magſt Thränen vergießen, ſo viel Du willſt; aber gib Acht auf das, was ich ſage. Sobald Hermina nach Hauſe kommt, werde ich Herrn Pottewal davon benachrichtigen. Er wird hier den Café trinken. Wäreſt Du unvorſichtig oder thöricht genug, um ihn nicht ſo zu empfangen, wie es ſich gebührt, ſo ſollteſt Du Urſache bekommen, es zu bedauern. Sage Hermina ein ungünſtiges Wort und Du ſollſt ſehen, wie ich Herr zu bleiben weiß, Herr und König in meinem Hauſe! Ach! Du glaubſt, ich laſſe mich durch Onkel Jan...“ Man klopfte an die Thüre. „Vater, iſt's erlaubt?“ fragte man von außen. „Bah, komm' nur herein, Thereſe!“ rief Boni⸗ facius Romys. „Ei! Warum weint die Mutter wieder?“ fragte das Fräulein, in das Zimmer tretend. „Es iſt immerdar daſſelbe; Du weißt es wohl,“ antwortete ihr Vater.„Thereſe, Du wirſt geſcheidter ſein. Ich habe Deiner Mutter geſagt, daß Hermina heirathen ſoll.“ „Heirathen! Hermina heirathen?“ fiel ihm das Fräulein erbleichend in die Rede.„Aber was ſind das nun für Dinge? Du treibſt gewiß Deinen Scherz damit, Vater?“ „Nein, ich treibe keinen Scherz damit; es iſt be⸗ 26 ſchloſſen und es ſoll geſchehen. Franz Pottewal, der reiche Getreidehändler, wird Dein Schwager.“ „Man hat mich alſo ſeit meiner Kindheit un⸗ würdig betrogen?“ rief Thereſe mit bebenden Lippen, während ſie nichts weniger als ehrerbietig ihrem Vater in die Augen ſchaute.„Wie? man läßt mich ledig bleiben, damit das Vermögen der Familie nicht getheilt werde, und nun, da es vielleicht zu ſpät für mich geworden iſt, denkt man für meine Schweſter an eine glänzende Hochzeit?“ „Aber laß mich Dir doch begreiflich machen...“ „Begreiflich machen? Ich begreife es nur zu wohl,“ fuhr Thereſe mit geſteigertem Unwillen fort. „Wenn ich ſterbe, ſoll Hermina das ganze Vermögen der Familie erhalten; und ſtirbt ſie, ſo bekomme ich Nichts von ihrem Theil. So beſtiehlt man die arme Thereſe. Für Hermina Alles, für mich, die Ver⸗ ſtoßene, Nichts!“ „Biſt Du endlich fertig?“ fuhr ſie Romys an. „Du ſchwatzeſt wie eine Elſter, ohne zu wiſſen, was Du ſagſt. Höre zu, und Du wirſt erkennen, daß für Dich mehr als ein Vortheil bei dieſer Heirath heraus⸗ kommt: Jedermann kann ſterben. Wenn es nun ein⸗ mal geſchähe, daß Herr Pottewal und Deine Schweſter keine Kinder bekämen, und daß beide vor Dir aus dieſer Welt abſcheiden müßten, weißt Du, unbeſonne⸗ nes Mädchen, wie reich Du dann ſein würdeſt? Du würdeſt einzig und allein unſer Vermögen, das Ver⸗ mögen von Onkel Jan und das der Pottewals be⸗ ſitzen: zuſammen eine Million, viel mehr als eine Million!“ Die Ankündigung der Möglichkeit, einmal ſo aus⸗ 27 der nehmend reich zu werden, übte einen großen Eindruck auf den Geiſt des Fräuleins. Ihr Urtheil wurde un⸗ dadurch in der Schwebe gehalten, und ſie lächelte bei pen, dieſer verlockenden Hoffnung in ſich ſelbſt hinein; aber hrem unmittelbar darauf ſchien ihr ein ſchmerzliches Licht mich im Innern aufzugehen. nicht„Vater, Vater, Du ſuchſt mich zu verblenden,“ für ſagte ſie vorwurfsvoll.„O, ich ſehe wohl, was vor⸗ eſter geht. Hermina wird heirathen; ſie wird reich ſein; — ſie wird Kinder haben, die Glückliche! während .... ich einſam und verlaſſen hier mein Leben beſchließen r zu ſoll. Ich werde vor Hermina ſterben: ſie allein kann fort. einmal Alles beſitzen. Du machſt mich zum Schlacht⸗ ögen opfer meiner Schweſter!“ e ich„Unſinn! Unſinn allzumal! Du wirſt eben ſo arme unverſtändig, wie Deine Mutter, und es ſollte mich Ver⸗ nicht wundern, wenn Du auch zu weinen anfingeſt. Ich werde mich jedoch wenig darum kümmern. Die an. Heirath, welche ich beſchloſſen habe, iſt höchſt vortheil⸗ was haft für die Familie: das Wohlbefinden, die Er⸗ 6 für höhung und die Ehre der Familie gehen über Alles. raus⸗ Mag es Euch gefallen oder nicht, Hermina wird bin⸗ mein⸗ nen zwei Monaten Madame Pottewal ſein, oder ich veſter will nicht mehr Bonifacius Romys heißen. Man aus ſage Hermina kein Wort von dieſer Heirath, ehe ich onne⸗ ſelbſt mit ihr darüber geſprochen habe...“ Du Die Frau ſprang auf und hob die Hände zu ihrem Ver⸗ Gatten empor, während ſie bittend ausrief: s be⸗„O, Bonifaz, ſtehe ab von Deinem Vorſatz! Gönne eine unſerer Hermina zum Mindeſten einige Friſt. Laß uns erſt prüfen, ob ſie einige Neigung zu Herrn . Pottewal faſſen kann. Warte, um ſo unwiderruflich 28 über das Leben unſerer armen Tochter zu entſcheiden, bis ſie wenigſtens den Mann kennen lernt, welchen Du ihr beſtimmſt. Nein, nein, ſei gut und laß Dir wohl rathen; verkaufe mein Kind nicht ſo für eine Hand voll Goldes!“ Der Mann lachte ſpöttiſch und gedachte ohne Zweifel die traurige Bitte ſeiner Gattin mit bittern Worten zurückzuweiſen; aber plötzlich vernahm man im Hauſe das Geklirr zerbrechenden Porcellans, ſo heftig, als ob unten ein ganzer Stoß Teller zu Boden gefallen wäre. Herr Romys wurde denſelben Augenblick bleich und roth; er knirſchte mit den⸗ Zähnen, ſtampfte mit dem Fuß zur Erde und fuhr polternd heraus: „Vermaledeit! Da haſt Du es! Das ganze Ge⸗ ſchirr in Stücken. Ich breche Sophie den Hals, ich werfe ſie auf die Straße, ich laſſe ſie in's Gefängniß ſetzen, die Spitzbübin...“ Die weinende Frau eilte ihm nach, um ihn zu⸗ rückzuhalten; aber von Thereſe gefolgt, war er be⸗ reits die Treppe hinabgeſtürzt. Madame Romys blieb zitternd im Gemache ſtehen und horchte voll Angſt auf die Scheltworte, die von unten herauf ſich vernehmen ließen. Sie erhob lang⸗ ſam den Blick zum Himmel und ſeufzte: „O, Herr, Barmherzigkeit für mein Kind! Du haſt zugelaſſen, daß ich ohne Liebe mich verheirathete: ſiehe da mein Loos!“ en, chen Dir eine 29 II. Sophie, die Magd, ſaß in der Küche an einem Tiſche und war damit beſchäftigt, Rüben zu ſchaben. Von Zeit zu Zeit trat ihr eine Thräne in die Augen, und ſie blickte zuweilen in traurigen Gedanken zu Boden. Es war ſo ſtill in dem Hauſe, daß die Seufzer der alten Frau, obwohl ſehr leiſe ausge⸗ ſtoßen, ihr ſelbſt ſo vernehmlich wurden, als ob der beklemmte Buſen ſich in heftigem Schluchzen Luft gemacht hätte. Die Thüre ging ſachte auf und eine Frau trat herein. Sie ſtreckte den Kopf noch einmal in den Hausgang zurück, um zu ſehen, ob ihr Niemand ge⸗ folgt wäre, ſchloß hierauf die Thüre und ſprach mit gedämpfter Stimme zu der Magd: „Nun, Sophie, Du mußt nicht weinen. Der Zorn von Herrn Romys wird wohl vorübergehen— und Du kannſt immer noch bleiben.“ „Ja, Frau,“ antwortete die Magd,„ich kann wohl bleiben, aber der Herr zieht mir für das Zer⸗ brechen einer alten Suppenſchüſſel, die ſchon ſeit vie⸗ len Jahren zerſprungen war, fünfundzwanzig Francs ab. Ich werde zwei Monate lang gar keinen Lohn empfangen...“ „Er wird auch von dieſem Vorſatz zurückkommen, Sophie; ſei doch guten Muthes.“ „Ich wage es nicht zu hoffen,“ ſeufzte die Magd mit ſtillen Thränen;„der Herr hat mir erſt dieſen Morgen erklärt, daß Nichts auf der Welt ihn bewe⸗ gen könnte, meine Schuld um einen einzigen Franc zu vermindern. Ich würde mich um den Verluſt meines Lohnes nicht ſo ſehr betrüben, Frau, Sie wiſſen es wohl; aber was ſoll ich anfangen, o Him⸗ mel, um inzwiſchen den Unterhalt meiner armen blin⸗ den Schweſter zu bezahlen?“ Die Frau ſchüttelte mitleidig den Kopf; doch ant⸗ wortete ſie nur durch eine Klage. „Arme Sophie, Du biſt recht unglücklich!“ mur⸗ melte ſie. „Meines Bleibens wird hier nicht mehr lange ſein, Frau,“ fuhr die Magd fort.„Seit meinem letzten Unwohlſein ſind meine Kräfte ſehr geſchwächt; ich werde alt und gebrechlich, der Herr bemerkt es.. Gottes Wille geſchehe mit mir! er wird ſo barmher⸗ zig ſein, um die alte Sophie vor Krankheit zu be⸗ wahren. Vielleicht werde ich mit Arbeiten auf dem Lande noch einige Jahre das Brod für mich und meine Schweſter verdienen können; bisweilen kommt mir nun der Gedanke, ob ich nicht beſſer daran thäte, gleich meinen Dienſt aufzukünden.“ „Du könnteſt uns verlaſſen, Sophie?“ ſeufzte die Frau.„Ich bitte Dich, denke nicht daran. Hermina würde Deinen Verluſt ſo herzlich bedauern... und ich, Sophie?“ „Ich weiß es wohl, Frau. Hermina iſt liebevoll und edelmüthig gegen mich; und hinge es von Ihnen allein ab, ich würde den Himmel nur dafür zu ſeg⸗ nen haben, daß er mir eine ſo gute Herrſchaft ge⸗ geben hat. Auch werde ich, wenn ich dies Haus verlaſſen muß, noch oft mit Thränen in den Augen an das theure Kind gedenken, welches ich auf den thäte, zte die ermina . und ebevoll Ihnen zu ſeg⸗ aft ge⸗ Haus Augen uf den 31 Armen getragen habe, an Sie, Frau, an Sie und an Ihr bitteres Loos...“ „Du irrſt Dich, gute Sophie; ich bin zufrieden mit meinem Looſe,“ fiel die Frau ein.„Es iſt hier allerdings nicht immerdar heiter und vergnügt; aber das Sprichwort hat Recht, wenn es ſagt: ein jedes Haus hat ſein Kreuz; und es geht wahrſcheinlich anderwärts nicht einmal ſo gut wie bei uns. Nun, habe nur gute Hoffnung...“ „Ach, nein, Frau, da iſt keine Hoffnung mehr,“ ſagte die Magd ſchluchzend, während ſie ſich die Hände vor das Angeſicht hielt.„Fräulein Thereſe kann mich nicht mehr mit den Augen anſehen. Es iſt un⸗ begreiflich: ſie, ſo gut, ſo liebevoll gegen kleine Kin⸗ der, iſt ohne Herz für eine arme, ausgenützte Perſon!“ Auf dem Angeſicht der Frau gab ſich ein ſonder⸗ barer Ausdruck von Beſorgniß und Mitleid kund. Sie öffnete die Küchenthüre, verſicherte ſich, daß Nie⸗ mand auf dem Gange war, ſchloß ſie dann wieder und fragte: „Sophie, wenn Du den Leuten, welche Deine blinde Schweſter verpflegen, Etwas auf Abſchlag geben könnteſt, würden ſie dann nicht geneigt ſein, mit der vollen Bezahlung Deiner Schuld noch zu warten?“ „Vielleicht, Frau. Sie haben es ſelbſt ſo ſehr nöthig!“ Die Frau legte einige Silbermünzen der Magd in die Hand und ſagte: „Da, Sophie, da iſt ein Bischen Geld, auf Dei⸗ nen Lohn von dieſem Monat. Möge es Dich trö⸗ ſten in Deinem Kummer. Sage jedoch Thereſe Nichts davon; Herr Romys würde es dann erfahren! Sei nur wieder froh. Hermina kehrt dieſen Nachmittag zurück. Ich werde es ihr ſagen, daß Du Dich in einer traurigen Verlegenheit befindeſt. Sie wird Geld haben; ſie wird Dir helfen. Fürchte Nichts, Deine arme blinde Schweſter ſoll unter dem Unfall von geſtern nicht zu leiden haben. Mache nur ruhig an Deiner Arbeit fort; ich höre Thereſe droben auf⸗ ſtehen; ſie kommt vielleicht, um zu ſehen, wo ich ſo lange bleibe. Guten Muth, guten Muth...“ Sie war im Begriff, die Küche zu verlaſſen; aber plötzlich hörte man auf der Straße das Knarren rol⸗ lender Räder, welches der Hausthüre ſich zu nähern ſchien. Die Frau blieb betroffen ſtehen; die Magd richtete ſich auf mit einem Schimmer von Hoffnung, welcher durch ihre Thränen leuchtete. Die Glocke wiederhallte auf dem Gang. „Ach, da iſt ſie! Da iſt Hermina!“ rief die Magd, nach der Thüre laufend. Einen Augenblick darauf ſprang ein junges, rei⸗ zendes Mädchen der alten Frau an den Hals und begann ſie zu wiederholten Malen mit zärtlichen Ge⸗ fühlen und unter dem Ausrufe allerlei freudiger Worte zu küſſen. „Ah, da ſind Thränen in Deinen Augen, liebe Mutter!“ rief ſie,„Thränen der Liebe für mich. Du biſt bewegt vor Freude, weil Deine Hermina heim⸗ kehrt! Geſegnet ſei Gott, der mir das Glück ſchenkt, meine gute Mutter wieder in die Arme drücken zu können... Den liebevollſten Gruß von Onkel Jan und Tante Marie! Sie werden Dich beſuchen. Ich habe ein Geſchenk für Dich, und eines für meine Schr Mut Freu neue ſind denkt ganz 1 entge tiefge unwil murm neine 33 Schweſter Thereſe; allerlei ſchöne und prächtige Dinge. — Vo iſt der Vater? Iſt er nicht zu Hauſe? O, Mutter, trockne Deine Thränen; wir werden viel Freude haben. Onkel Jan hat mir alle die ſchönſten neuen Muſikalien gekauft, die in Brüſſel zu finden ſind... Und unſere brave Sophie, die nur daran denkt, mein Reiſegepäck zu beſorgen. Ich habe ſie ganz vergeſſen!“ Und mit dieſen Worten ſprang ſie der alten Magd entgegen und umhalste ſie unter Bezeugung einer tiefgefühlten Freundſchaft. Dieſen Augenblick kam Thereſe von der Treppe in den Gang herab; ſie näherte ſich mit haſtigem Schritte und verſtörtem Geſichte ihrer Schweſter, faßte ſie am Arm und wollte ſie von der Magd wegziehen, indem ſie zornig ſagte: „Was ſind das für Manieren? Achte Dich ſelbſt. Kaum zu Hauſe, beginnſt Du ſchon wieder mit Dei⸗ nen Unſchicklichkeiten. Der Vater ſoll es erfahren!“ „Ach, Thereſe, Thereſe, guten Tag! Nun, gib mir doch den Willkommsgruß!“ Sie öffnete die Arme, um von ihrer Schweſter den Kuß der Freude erwiedert zu ſehen; aber das unwillige Mädchen gab ſich nur halb zu dieſer Zärt⸗ lichkeitsäͤußerung her und trat dann unter dem Ge⸗ murmel mißbilligender Worte zurück. „Allzeit ſchlechter Laune!“ lachte Hermine.„Doch Du ſollſt bald vergnügt werden. Thereſe, ich habe ein Geſchenk von Onkel Jan für Dich: etwas ſehr Schönes und Koſtbares, nach dem allerneuſten und beſten Geſchmack... Aber wie geht es mit meinen Conſcience, Die Bürger v. Darlingen. 3 Blumen, mit meinen Goldfiſchen und meinen Vögeln? Ich bin ungeduldig, ſie zu ſehen. Hat man ſie wohl verſorgt, Schweſter? Leben ſie noch alle?“ „Was weiß ich davon?“ brummte Thereſe.„Ich habe mich mit ſolchen Kindereien nicht abgegeben.“ „Sei deßhalb unbekümmert, Hermine,“ ſagte die Mutter.„Sophie hat dafür geſorgt, wie eine Mutter für ihre Kinder.“ „Dank, Dank, Sophie!“ rief das Mädchen.„Ich habe auch Etwas für Dich mitgebracht, weil Du ſo gut gegen mich biſt. Laß uns nun in den Garten gehen, Mutter. Was müſſen die Jungen von mei⸗ nen Turteltauben groß geworden ſein!“ Sie lief voraus in den Gang. Ehe man ihr folgen konnte, war ſie bereits gleich einem flinken Reh in den geräumigen Garten hineingeſprungen und hüpfte nun unter Ausrufen der Freude und Verwun⸗ derung auf den Pfaden dahin, um ihre Blumen und die Thierchen, welche ihr ſo lieb waren, zu ſehen und zu begrüßen.. Hermine war ein ſchönes, herrliches Mädchen, mit weichen blonden Haarlocken und blauen Augen. Sie war von minder hohem Wuchſe, als ihre Schwe⸗ ſter Thereſe, und äußerſt fein und graziös von Glie⸗ dern. Auf ihren Wangen prangte die ſüße Blüthe der Jugend und Geſundheit; in ihrem offenen Blicke erglänzten Hoffnung, Muth, Freude, die Perlen des Lebens. Ihre Kleidung ſtimmte zu ihren ſiebzehn Jahren: einfache und gefällige leichte Stoffe und helle Farben, worin das Roth der Roſen leuchtend mit dem Weiß der Lilien gepaart war. Ein Shawl von durchſichtigen Spitzen hing ihr uͤber die Schul⸗ Papo weiße kann Mutt welch ſein. ebenf Mutt 1 einige daß ſ 2 3⁵ ter und wallte im Winde hinter ihr her, während ſie mit lauter Freude auf den Wegen im Garten herumſprang. Wahrlich, ein Künſtler, welcher den ſchönen Lenz des Lebens in einer menſchlichen Ge⸗ ſtalt zu perſonificiren gewünſcht hätte, würde kein getreueres Bild davon, als dieſes fröhliche Mädchen zu finden vermocht haben. Als ſie in Eile alle ihre Blumen und Vögel ge⸗ ſehen hatte, faßte ſie wieder den Arm der alten Frau und ſprach mit Begeiſterung: „Mutter, ich bin ſo oft mit Onkel Jan und Tante Marie im Zoologiſchen Garten von Brüſſel herumgewandelt. Da gibt es alle Arten wilder Thiere. Wenn Du die närriſchen Poſſen der Affen anſäheſt, würdeſt ſelbſt Du zuweilen dadurch zu einem Lächeln bewogen. Da ſind ſo ſchöne Vögel, daß man wahr⸗ haftig glauben ſollte, ſie ſeien mit Farben bemalt worden. Am ſchönſten jedoch ſind die kleinen, lieben Papageichen, ſo grün, ſo ſauber grün, wie das junge Gras im Maimonat. Onkel Jan will zwei ſolche Papageichen fuir mich kaufen, und dazu noch einen weißen Kakadu, mit einem Buſch auf dem Kopf; der kann ſprechen. Ich werde ihn lehren, Mutter, liebe Mutter' zu ſagen; und Du ſollſt denken, ich ſei es, welche Dich allzeit ruft. Ach, ach, das wird hübſch ſein. Aber Du ſiehſt ſo traurig aus, und Sophie ebenfalls! Was umnebelt Deinen Geiſt ſo ſehr, liebe Mutter?“ Madame Romys ſuchte zu lächeln und murmelte einige Worte, um ihre Tochter glauben zu machen, daß ſie keinen Kummer habe. „Gott ſei Dank, ich irrte mich!“ jubelte Hermine. 3* „Komm', Mutter, ich werde Dich ermüden; laß uns hinauf gehen. Die gute Sophie ſoll die zwei vier⸗ eckigen Schachteln bringen; ich will Dir und meiner Schweſter die Geſchenke von Onkel Jan zur Hand ſtellen.“ Einen Augenblick nachdem man in den obern Stock gelangt und in das Zimmer getreten war, brachte die Magd die zwei verlangten Schachteln. Hermina öffnete eine davon, nahm ein paar Gegen⸗ ſtände heraus und ſagte: „Sieh', Mutter, das iſt für Dich: eine ſchöne Spitzenhaube aus dem reichſten Magazin der Mag⸗ dalenenſtraße. Ein prächtiges Stück! Und noch ein Kopfputz von ſchwarzem und rothem Sammet, den Du tragen kannſt, wenn wir einmal Abends Beſuch empfangen, oder in Geſellſchaft gehen. Der Kopf⸗ putz iſt von Onkel Jan, und die Haube von Tante Marie. Sie wünſchen, daß ihr Geſchenk Deinen Beifall finde, und laſſen Dir Alles Freundliche und Liebevolle ſagen. Sei doch fröhlich, Mutter, Du wirſt mich wahrhaftig denken laſſen, daß Du Kum⸗ mer haſt.“ „O, mein gutes Kind, ich bin ſo glücklich, nur daß ich Dich ſehe und höre!“ antwortete die Frau. „Ich bin höchſt zufrieden mit den ſchönen Geſchenken meines Bruders und meiner Schweſter.“ „Jetzt kommt die Reihe an Dich, Thereſe!“ rief das Mädchen, einen andern Gegenſtand aus der Schachtel nehmend und vor ihr entfaltend.„Was ſagſt Du davon? Eine ſeidene Mantille von grünem Grunde mit goldenem Widerſchein, mit Einfaſſung von ächten Spitzen, eine Arbeit nach der neueſten uns vier⸗ einer Hand bern war, teln. egen⸗ höne Mag⸗ h ein den heſuch Kopf⸗ Tante einen und Du Kum nur Frau. denken rief 8 der „Was rünem nſſung ueſten 37 Mode. Es iſt ein köſtliches Kleidungsſtück. Komm', laß mich es Dir einmal über die Schulter hängen; du wirſt ſehen, wie ſchön es Dir ſteht.“ „Die Komödie iſt nicht nöthig,“ brummte Thereſe, indem ſie die Mantille auf den Tiſch warf.„Was ſoll ich damit anfangen? Meinſt Du, ich werde auf den Straßen herumlaufen, mit Farben an meinem Leibe, gleich einem Diſtelfinken? Es wäre beſſer, Onkel Jan ſparte ſein Geld mehr, anſtatt das Erbe der Familie an ſolche Nichtigkeiten zu verſchleudern.“ „Ja, Schweſter, ich habe ihm auch geſagt, Du ſeheſt Schwarz lieber; aber Du weißt, er hat die hellen Farben gerner. Er glaubt es damit recht zu machen, und deine Mantille iſt doch wahrhaftig ſchön.“ „Für eine ſolche Thörin wie Du!“ fuhr die bittere Thereſe ſie an. „Ich danke Dir, Schweſter, für Deine freundlichen Worte,“ lachte Hermina, ohne ſich im Mindeſten da⸗ durch, wie es ſchien, außer Faſſung bringen zu laſſen. Und als ob ſie den harten Spott augenblicklich wieder vergeſſen hätte, öffnete ſie die andere Schachtel und ſagte zu der Magd: „Du wirſt noch die Froheſte von Allen ſein, Sophie. Ich wußte wohl, daß Du meine Blumen und meine Vögel gut verſorgt haben würdeſt, und bat deßhalb Onkel Jan, Dich nicht zu vergeſſen. Sieh hier einige Ellen franzöſiſchen Merino, um Dir ein Sonntagskleid machen zu laſſen... Und wüßteſt Du erſt, Sophie, was ich noch in der Schachtel habe, wiewohl es nicht für Dich iſt, ſo würden Dir die Thränen gleich in die Augen ſchießen, denn mir iſt wohl bekannt, was Du am liebſten haſt. Sieh, da iſt ein Stück Zitz von zwölf Ellen. Damit kann man eine Frau neu vom Kopf bis zu Fuß klei⸗ den. Sophie, es iſt ein Geſchenk für Deine blinde Schweſter...“ Wie Hermina vorausgeſagt hatte, ſprangen Thränen der Rührung und Dankbarkeit der alten Dienſtmagd über die Wangen. Kaum vermochte ſie, einige erkenntliche Worte zu ſtammeln. „Da, meine gute Sophie,“ ſagte das Mädchen, „nimm die ganze Schachtel. Es iſt noch Etwas darin. Mein Onkel Jan, der niemals Etwas halb thut, wenn er Jemand eine Freude machen will, hat auf den Boden der großen Schachtel ein ſehr kleines Schächtelchen geſtellt. Darin wirſt Du das nöthige Geld finden, um die Kleider machen zu laſſen.“ Tief bewegt, beſonders durch dieſe letzte Gabe, welche es ihr vielleicht möglich machte, den Unter⸗ halt ihrer blinden Schweſter zu bezahlen, küßte So⸗ phie Hermina's Hände und verließ dann, in Folge ihrer Erregung mit wankenden Schritten, das Zim⸗ mer mit der ganzen Schachtel unter dem Arme. „Was wird der Vater ſagen, wenn er die unbe⸗ greifliche Geldverſchwendung erfährt!“ brummte The⸗ reſe in ſich hinein.„Es iſt eine Schande. So thö⸗ richt, ſo leichtſinnig mit dem Erbgut der Familie umzuſpringen!“ Madame Romys trat, gerührt durch die Freude der Dienſtmagd, auf Hermina zu und umarmte ſie. „Nun, mein liebes Kind,“ ſprach ſie,„ſage uns, wie haſt Du Dich während der ſechs langen Wochen Deiner Abweſenheit unterhalten? Ich war unruhig, weil Du die Zeit Deiner Rückkehr auf vier Tage kann klei⸗ linde ngen alten e ſie, dchen, twas halb „hat eines thige Gabe, Unter⸗ So⸗ Folge Zim⸗ unbe⸗ The⸗ thö⸗ amilie Freude ſie. 2 uns, Vochen rruhig, Tage 39 früher, als es beſtimmt war, ankündigteſt. Iſt dort Etwas vorgefallen?“ „Ganz und gar nicht, Mutter. Onkel Jan hat mir geſagt, Du wäreſt es, die mich nach Hauſe zu kommen aufforderte.“ „Ich?“ rief die Frau verwundert.„Nein, Her⸗ mine, ich möchte die fröhlichen Tage Deines Aufent⸗ halts bei meinem Bruder und meiner Schweſter nicht verkürzen.“ „Sieh, ſieh, warum ſollte Onkel Jan mich ge⸗ täuſcht haben?“ murmelte das Mädchen in Gedanken. „Vielleicht hat der Vater ihm geſagt, ich müſſe nach Hauſe kommen. Das gilt gleich, ich bin nicht min⸗ der glücklich, Mutter, Dich wieder zu ſehen. Doch wäre ich gerne einige Tage länger geblieben. Ernſt de Cock kehrt aus England zurück. Ich war ſo neugierig, ihn zu ſehen! Vielleicht wäre er ſo ver⸗ ändert geweſen, daß ich ihn mit Mühe noch erkannt hätte. Er wird ſeinen Aufenthalt in Brüſſel nehmen. Er iſt Civilingenieur, und Onkel Jan ſagt, er ſei ungemein geſchickt in ſeinem Fache; denn, Mutter, er iſt Jahre lang einer der vornehmſten Schüler des berühmten Stephenſon geweſen und hat coloſſale Werke ausführen helfen. In ſeinen Briefen an Onkel Jan ſchreibt er dabei, als ob er gewiß wäre, ein ſehr reicher Mann zu werden. Ich möchte es ihm wohl gönnen. Der gute Ernſt, ich werde in meinen Gebeten an ihn denken und zu Gott flehen, da er ihn ſo glücklich werden läßt, wie er es ver⸗ ient.“ Die alte Frau ſchien unter dem Eindruck dieſer Worte zu zittern; Thränen ſchoſſen ihr in die Augen und ſie erhob den Blick mit einem tiefen Seufzer zum Himmel. „Ja, bitte Gott, meine arme Hermine,“ ſprach ſie,„denn ſchon heute vielleicht...“ Aber Thereſe warf ihrer Mutter einen drohenden Blick zu und be⸗ wirkte damit, daß deren Klage ihr auf den Lippen erſtarb. „Was iſt das, liebe Mutter, was willſt Du ſagen?“ fragte Hermina.„Du ſcheinſt erſchrocken?“ „Nein, mein Kind, es iſt Nichts,“ war die ruhige Antwort. Die Hausglocke wurde zweimal angezogen. „Da iſt der Vater!“ rief Thereſe mit triumphi⸗ rendem Lächeln.„Ich bin neugierig, zu erfahren, was er über die ſchändliche Geldverſchwendung von Onkel Jan ſagen wird.“ „Ach, da iſt mein Vater!“ wiederholte Hermina, indem ſie eilig die Treppe hinabſprang. Ihre Stimme erklang durch das Haus; man hörte ſie rufen: „Vater, lieber Vater, hier iſt Deine Hermina! Guten Tag, guten Tag!“ Noch als ſie beide in das Zimmer traten, hielt das Mädchen den Arm um ihres Vaters Hals ge⸗ ſchlungen, und er ſagte halb freundlich, halb unge⸗ duldig zu ihr: „Nun, nun, es iſt gut. Laß ab, um Gottes⸗ willen, mit all dieſen Umarmungen. Möchte man nicht ſagen, Du ſeieſt aus Amerika zurückgekehrt! Wie Du nun wieder gekleidet biſt! Gerade wie eine Brüſſeler Modepuppe. Nun, nun, ſprechen wir jetzt nicht davon. Ich brauche mich nicht länger damit ufzer drach ereſe )be⸗ ppen Du en?“ uhige nphi⸗ ihren, von mina, man mina! hielt ls ge⸗ unge⸗ Hottes⸗ man ekehrt! ie eine ir jetzt damit 41 zu bemühen. Du wirſt eine erwachſene Frau und biſt groß genug, um zu wiſſen, was Du zu thun haſt.“ Hermina öffnete die Schachtel, die auf dem Tiſche ſtehen geblieben war, und überreichte ihrem Vater eine ſchöne lederne Brieftaſche als Andenken von Onkel Jan. Bonifacius Romys zeigte ſich zufrieden mit dieſem Geſchenke, beſonders da ſeine gewöhnliche Brieftaſche von allzu langem Gebrauch faſt aus ein⸗ ander fiel, und er jetzt nicht nöthig hatte, eine neue zu kaufen. Er ſchien in guter Stimmung zu ſein; denn als Thereſe gegen Onkel Jan auszufahren be⸗ gann und mit einer Fluth von Worten auseinander⸗ ſetzte, welche koſtbaren Nichtigkeiten ihre Schweſter ſelbſt für die Magd und deren blinde Schweſter mitgebracht hätte, da that Herr Romys ihrem Tadel Einhalt, indem er ſagte, es wäre jetzt keine Zeit, um darüber zu ſprechen. Eine Zeit lang hörte er noch mit ſcheinbarem Vergnügen auf das, was Hermina von Brüſſel er⸗ zählte, von Onkel Jan, von Tante Marie und von all dem Vergnügen, welches ſie genoſſen hatte. Er war jedoch ſichtbar zerſtreut und ſchien zuweilen ſich in Gedanken zu verlieren. Als endlich das Geſpräch an Lebendigkeit nachzulaſſen ſchien, nachdem Hermina alle Neuigkeiten, die ſie wußte, erzählt hatte, ſtand Herr Romys von ſeinem Stuhle auf, ſchaute mit einer Art warnender Strenge ſeine Frau an, warf Thereſe gleichfalls einen befehlenden Blick zu und ſprach dann zu Hermina:„ „Laß uns jetzt von ernſten und wichtigen Dingen reden, mein Kind. Es iſt wohl gerechtfertigt, wenn ich, da ich eine gute Botſchaft für Dich habe, nicht länger warte, um ſie Dir mitzutheilen und Dich da⸗ mit zu erfreuen. Du biſt nun in die Jahre des Verſtandes gekommen, und da Dein Naturell nicht daran denken läßt, daß Du ledig zu bleiben wünſcheſt, ſo iſt es Pflicht Deiner Eltern, an eine geziemende Partie für Dich zu denken.“ „Aber, Vater, Du erſchreckſt mich,“ ſtammelte das Mädchen,„ich bin...“ „Laß mich fortfahren und fall' mir nicht in die Rede!“ unterbrach ſie ihr Vater in kurzem Ton. „Urtheile nicht vorſchnell. Du wirſt erfreut ſein, ſage ich Dir, ſobald Du erfährſt, was ich für Dich gethan habe. Für diſtinguirte Leute iſt es Geſetz, aus allen Kräften darnach zu trachten, das Anſehen und Vermögen ihrer Familie zu vergrößern, und wer ſich nicht gutwillig dieſem Geſetz unterwirft, iſt thö⸗ richt und unbeſonnen. Aber Du, Hermine, haſt ſicher nicht zu klagen, denn der Mann, welchen Du hei⸗ rathen wirſt...“ „Heirathen? Ich heirathen?“ rief das zitternde Mädchen.„Ach, Vater, ich bin viel zu jung!“ „Du biſt alt genug, mein Kind.“ „Aber ich will Euch nicht verlaſſen; ich will bei meiner guten Mutter bleiben.“ Bonifacius Romys faßte die zitternde Hand ſei⸗ ner Tochter und ſprach mit freudiger Begeiſterung: „Ungeduldiges Kind, höre und urtheile über das Glück, welches Deiner wartet. Dein Bräutigam iſt ein Mann, deſſen Vermögen ſich wohl auf viermal hunderttauſend Francs beläuft; er trägt einen der achtbarſten Namen von Darlingen! Es iſt Franz Pottewal, der Getreidehändler von Wandelveſt.“ ) da⸗ des nicht ſcheſt, nende te das n die Ton. ſein, Dich Geſetz, nſehen d wer ſt thö⸗ ſicher u hei⸗ tternde 43 „O, Himmel, ich kenne ihn nicht!“ ſeufzte Her⸗ mina. „Er iſt erſt achtunddreißig Jahre alt,“ ſagte Thereſe mit geheimem Spott. „Du kennſt ihn nicht? Deſto beſſer, mein Kind,“ bemerkte der Vater.„Liebſt Du vorderhand ihn nicht, ſo kannſt Du doch auch keine Abneigung gegen ihn fühlen.“ „Nein, nein, Vater, ich will nicht heirathen, ich will nicht heirathen. Bei Euch will ich bleiben.“ „Hermine!“ ſprach der Vater mit ſcharfer Stimme, deren bloßer Ton das Mädchen zittern machte.„Her⸗ mine, Du weißt, daß ich nicht leicht von einem ein⸗ mal gefaßten Beſchluß zurückkomme. Hier ſteht die Würde und Erhöhung unſerer Familie auf dem Spiel. Warum Dich ungehorſam zeigen und vergeblich gegen Etwas ſträuben, das, wie Du ſelbſt weißt, unwider⸗ ruflich iſt?“ Jetzt brach das Mädchen in einen Strom von Thränen aus und warf ſich ihrer Mutter um den Hals, während ſie ſchluchzend ausrief: „Mutter, hilf mir, hilf mir! Ich einen Menſchen heirathen, welchen ich nicht kenne? O, ich flehe Dich an, ſuche den grauſamen Spruch zu hintertreiben. Ich bin noch zu jung; der Gedanke an dieſe Heirath erfüllt mich mit tödtlichem Schrecken!“ Madame Romys war bleich und ihre Augen er⸗ glänzten von zurückgefallenen Thränen; unter dem drohenden Blick ihres Gatten ſchien ſie noch heftiger erſchrocken, als ihre Tochter. Sie flüſterte faſt un⸗ hörbar: „Hermine, meine arme Hermine, faſſe Muth, weine nicht ſo bitter. Gott wird über Dich wachen; er wird Dich in Deinem neuen Stande glücklich wer⸗ den laſſen.“ „Was ſoll das bedeuten, Julia?“ rief mit auf⸗ ſteigender Wuth ihr Mann, welcher glaubte, ſie be⸗ ſtärke Hermine in ihrer Widerſpenſtigkeit.„Sprich mit lauter Stimme! Ich hoffe, Du wirſt Dich wohl hüten, Deiner Tochter einen ſchlechten Rath zu geben?“ „Aber aus Barmherzigkeit, Bonifaz, laß ihr Zeit, ſich zu beruhigen. Sei nicht ſo gefühllos gegen ein armes, unſchuldiges Kind!“ flehte die Mutter.„Gibt es denn kein Mittel, um dieſe Heirath hinauszu⸗ ſchieben?“ „Was? Hinausſchieben?“ ſpottete der zornige Mann.„Du willſt mich böſe machen? Wohlan, ich ſage, Hermine ſoll ſich unterwerfen, gutwillig unter⸗ werfen, ſonſt ſollt Ihr beide erfahren, daß Nichts in meinem Hauſe mir zu widerſtehen vermag, das ich nicht im Augenblick mit Gewalt biege oder breche! Und gib wohl Acht, Julia, wenn ich noch länger mich über den Ungehorſam meiner Tochter erzürnen muß, ſo werde ich mit Recht die Schuld davon auf Dich wälzen. Sei verſichert, Du wirſt es zu bekla⸗ gen haben!“ Erſchrocken über die Drohungen, welche gegen ihre Mutter ausgeſtoßen wurden, ſprang das Mädchen in die Höhe, flog ihrem Vater an den Hals und rief, während ſie ihre Thränen an ſeiner Bruſt trock⸗ nete: „O, Vater, ſei nicht böſe gegen meine Mutter. Ich werde mich unterwerfen. Ich glaube, Du meinſt es gut mit Deinem Kinde. Vergebung, ich habe Un⸗ recht gen. 1 legte auf die ihre den hinei mög will im; weir ab Ich ger wird ſeuft bis aufg verſ kom Ver mili rigt fahr chen; wer⸗ auf⸗ e be⸗ prich wohl den?“ Zeit, n ein „Gibt luszu⸗ drnige n, ich unter⸗ hts in as ich dreche! länger zürnen n auf bekla⸗ en ihre hen in d rief, trock Nutter. meinſt abe Un⸗ 45 recht. Ich werde nicht mehr weinen, nicht mehr kla⸗ gen. Verfüge über mich nach Deinem Willen!“ „So iſt es recht; ſetze Dich,“ befahl Herr Romys. Hermina ließ ſich auf einen Stuhl fallen und legte ihre Hände vor die Augen. Sie athmete ſchwer auf und bange Seußzer entſtiegen ihrer Bruſt. Auch die Mutter weinte in der Stille. Thereſe betrachtete ihre Schweſter mit einem ſpottenden Ausdruck auf den Lippen und mit Achſelzucken, während ſie in ſich hinein murmelte: „Wie kindiſch! Eine glänzende Heirath, ein Ver⸗ mögen von viermal hunderttauſend Francs! Was will ſie denn noch haben?“ Der Vater ſchritt einige Augenblicke ungeduldig im Zimmer auf und ab. Plötzlich blieb er vor dem weinenden Mädchen ſtehen und ſprach: „Nun, hat es jetzt lang genug gedauert? Laß ab mit Weinen, ich will es! Und Du auch, Julia. Ich habe keine Zeit, um die vergebliche Komödie län⸗ ger mit anzuſehen.“ „Aber, Vater, Vater, was wird Onkel Jan, was wird Tante Marie zu Deinem Beſchluſſe ſagen?“ ſeufzte Hermina.„O, warte doch, ich flehe Dich an, bis ſie Kenntniß davon haben!“ „So, ſo, Du haſt noch immer die Hoffnung nicht aufgegeben, daß mein Vorſatz unwiderruflich iſt? Sei verſichert, ich werde die Gerechtmacher von Schärbeek kommen laſſen, um mir entgegen zu arbeiten und Verdruß zu machen. Ich weiß, daß Du unſere Fa⸗ milie lieber durch eine ungleiche Verbindung ernied⸗ rigt ſäheſt. Nein, nein, ſie ſollen Nichts davon er⸗ fahren, als bis es zu ſpät iſt, um den Lauf der Dinge hier noch zu verhindern. Laß hören, Hermina, willſt Du mir von Neuem böſes Blut machen? Muß ich Gewalt brauchen, oder biſt Du bereit, mir Ge⸗ horſam zu leiſten?“ „Gott wird Mitleid mit mir haben und mir Muth geben, mich zu unterwerfen, Vater,“ antwortete das Mädchen in trübem, ſchmerzlichem Ton, als bräche ihr das Herz im Buſen.„Ach, ich werde Dir ge⸗ horchen!“ „Ohne Hintergedanken? Mit gutem Willen?“ „Mit Geduld, mit gutem Willen, Vater.“ „Wohlan, ſo laßt uns dieſe langweilige Unter⸗ redung abkürzen,“ ſagte Bonifacius Romys in min⸗ der hartem Ton, welcher bezeugte, daß er mit der Ergebung ſeiner Tochter zufrieden war.„Merket alſo wohl auf, damit ich es nicht zweimal wiederholen muß, und prägt Eurem Gemüthe ein, daß ich es nicht vergeben werde, wenn Jemand unterläßt, ſich meinen Wünſchen gemäß zu betragen. Herr Pottewal wird übermorgen Nachmittag hier Café trinken. Hört nun, wie ich dieſen Beſuch, im Einverſtändniß mit ihm, eingeleitet habe. Er wird anklopfen und nach mir fragen, gleich Jemand, der zufällig über dieſe oder jene Sache mit mir zu ſprechen wünſcht. Mittler⸗ weile werdet Ihr am Tiſche ſitzen und den Café ein⸗ ſchenken und Euch überhaupt ſo geberden, als ob Ihr unverſehens überraſcht würdet. Ich werde ihn her⸗ einführen und ihn bitten, eine Taſſe Café mit uns zu trinken. Er wird annehmen. Ihr Alle ſollt ihn heiter empfangen, ihm ein freundliches Geſicht zeigen und ſehr artig gegen ihn ſein. Wir werden eine Zeit lang von unbedeutenden Dingen mit einander mina, Muß r Ge⸗ Muth e das bräche ir ge⸗ 12“ Unter⸗ min⸗ t der tt alſo rholen nicht neinen wird t nun, ihm, h mir oder ittler⸗ fé ein⸗ b Ihr n her⸗ t uns lt ihn zeigen eine nander 47 reden. Endlich werde ich mit der Mutter in den Garten gehen. Thereſe und Hermine werden allein bei Herrn Pottewal bleiben. Er wird alsdann ſeine Erklärung anbringen, und Hermine wird antworten, daß ſie in allen Fällen keinen andern Willen habe, als den ihres Vaters, aber ſich nunmehr gluͤcklich ſchätze über die ehrenvolle Verbindung unſerer beiden Familien u. ſ. w.; das wird von ſeinen eigenen Worten abhängen... Fängſt Du wieder zu weinen an? Nun, ſei es; die Thränen ändern doch Nichts an der Sache, wenn Du Dich übermorgen nur ge⸗ fügig zeigſt. Gib wohl Acht, Hermine, und Du gleichfalls, Julia. Ich will, hört Ihr, ich will. Herr Pottewal ſoll nicht im Mindeſten bemerken, daß er Euch unwillkommen iſt. Vor Allem keine Thränen, nicht eine einzige, oder ich werde Euch mit Gewalt zu einem ſchicklichen Benehmen zu zwingen wiſſen. Um Euch Stärke zu verleihen, könnt Ihr nichts Beſ⸗ ſeres thun, als Eurem Geiſte feſt einzuprägen, daß dieſe Heirath ſo unwiderruflich iſt, als ob Hermine bereits vor dem Geſetz und der Kirche getraut wäre. Genug; denkt daran und erſpart Euch ſelbſt viel nutz⸗ loſen Verdruß und mir den gerechten Zorn!“ Mit dieſen Worten verließ er das Zimmer und warf die Thüre hinter ſich zu. Hermina verbarg ihr Haupt unter einer Thränen⸗ fluth an der Bruſt ihrer Mutter, wührend ſie ſchmerz⸗ voll ſchluchzte: „Mutter, Mutter, ich zittere, ich bin vor Schrecken außer mir. Einen Mann heirathen, den ich noch nie geſehen habe! Ohne Neigung, ohne Liebe! Erbar⸗ men, o mein Gott!“ „Fahre nur ſo fort; ſtürze unſern armen Vater vor Kummer in den Tod!“ brummte Thereſe. III. In Schärbeek, einer der Vorſtädte Brüſſels, am Ende von einer der Straßen zwiſchen dem botaniſchen Garten und der St. Marienkirche, ſtand ein ſchönes, modernes Haus, das ſich nicht ſowohl durch ſeine Größe, als durch die Sauberkeit ſeines Bauſtyls und durch etwas Anlachendes in ſeinem Ausſehen hervor⸗ that. Auf jeder Seite der Facade befand ſich eine Thüre, und von derſelben lief eine niedrige Mauer mit eiſernem Gitter aus, über welches einige Akazien⸗ bäume ihr freundliches Grün fallen ließen. Die Bal⸗ kone über den beiden Thüren waren von geſchmiede⸗ tem Eiſen, grün bemalt und theilweiſe vergoldet. Es waren demzufolge zwei verſchiedene Wohnungen unter einem Dache, aber jede hatte den Genuß eines ab⸗ geſonderten Gartens. In einem großen Parterrezimmer des Hauſes, zur rechten Seite befand ſich dieſen Augenblick eine bejahrte Frau, welche mit einem Buch auf dem Schooße am Fenſter ſaß und ganz in ihre Lektüre verſunken zu ſein ſchien. Ihre Lippen bewegten ſich und ſie nickte billigend mit dem Kopfe bei den Worten des Buchs, welches auf ſeinen Blattſeiten die Ueberſchrift trug: Werke von Jakob Cats ⁷). *) Einer der berühmteſten niederländiſchen Dichter, geboren 1577 auf Schouven in Seeland, geſt. 1660. Sein Grab iſt in der Kloſterkirche zum Haag, ſein Denkmal in Gent. A. d. U. zater am ſchen önes, ſeine und vor⸗ eine rauer zien⸗ Bal⸗ iede⸗ Es unter ab⸗ uſes, eine dooße inken d ſie des chrift boren ab iſt u.: 49 Das Angeſicht dieſer Frau, obwohl vom Alter gefurcht, trug noch die friſche Farbe der Geſundheit des Körpers, und noch einen hellern Schein warf auf daſſelbe die Geſundheit des Herzens. waren ſanft, und alle ihre Züge ſchienen durch lange Gewohnheit den beharrlichen Ausdruck der Freund⸗ ſtimmung mit ihrem Alter war, hätte man doch bei einer genauern Prüfung darin eher ein Streben nach Schönheit, als eine Neigung zur Gleichgültigkeit ent⸗ deckt. Das Zimmer, worin ſie ſich befand, hatte ein ziemlich ſeltſames Ausſehen. Da waren ſchöne Stühle und Tiſche, prächtige Vorhänge, ein großes Piano und ein Mahagony⸗Sekretär von hohem Preiſe; aber eine Anzahl anderer Gegenſtände lagen auf Seſſeln und Tiſchen zerſtreut, oder hingen in ſcheinbarey Ver⸗ wirrung an den Wänden. Das Piano war mit einem Haufen Muſikalien beladen, über welchem ein Violoncell hing. Ein ähn⸗ liches Inſtrument ſtand gleichfalls rechts ober dem Schreibpult. Bücher von verſchiedener Form und Dicke waren auf Geſtellen gruppirt, oder lagen auf der Kaminplatte, oder auf den Fenſtergeſimſen um⸗ her. Die Wände waren mit Kupferſtichen und Ge⸗ mälden aller Größe, mit Käſtchen voll fremder Schmet⸗ terlinge und glänzender Käfer, voll Denkmünzen und andern kleinen Merkwürdigkeiten, bis zu einer, alle Marmorarten Italiens in ſich vereinigenden Moſaik, behangen. Man ſah hier aller Orten, wo Etwas zum Tragen ſich vorfand, kleine Gypsfiguren, floren⸗ Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. tiniſche Vaſen, ausgeſtopfte Vögel, Früchte von Wachs, Klumpen von metalliſchen Erzen, und wiſſenſchaft⸗ liche Gegenſtände, wie Hohlſpiegel, Vergrößerungs⸗ gläſer und Weltkugeln. Ein gewöhnlicher Beſucher hätte wahrſcheinlich dieſes Gemach für das Arbeitszimmer eines Mannes, der zugleich Künſtler und Gelehrter war, genommen; aber ein Kenner hätte augenblicklich bei ſich geſagt, er befinde ſich in der Wohnung von einem jener Leute, welche man mit dem Namen von Dilettanten be⸗ zeichnet. Nachdem die Frau eine Zeit lang in der Stille fortgeleſen hatte, richtete ſie den Kopf in die Höhe und blickte ſtarr vor ſich hin, als überdächte ſie, was das Buch ihr geſagt hatte. „Er ſpricht wohl die Wahrheit, der weiſe Dichter,“ murmelte ſie.„S'iſt ein Himmel auf der Erde, wo ſich ächte Minne paart. Noch unbezwei⸗ felter wäre jedoch der Sinn ſeiner Worte geweſen, hätte er geſagt: Siſt'ne Höll' auf dieſer Welt, wo man ohne Minne freit.“ Davon iſt wenigſtens meine arme Schweſter Julia, leider, der unwiderſprechlichſte Beweis. Sclavin, Märtyrerin, lebend wie ein Schatten, und ſeufzend vielleicht nach dem Grabe... und ſcheinbar zufrieden und dahin⸗ welkend ohne zu klagen, niedergedrückt durch das un⸗ erbittliche Gefühl der Pflicht... Arme Julia, hätten unſere Eltern gewußt, was ſie thaten! Ach, ſie hät⸗ ten Dich nicht verheirathen ſollen, ohne Liebe; ſie hätten Dich nicht zur Braut einem gefühlloſen Mann hingeben ſollen, der aus Selbſtſucht Dir die Rechte der Gattin verweigert und Dich nur als Dienſtmagd be⸗ aachs, chaft⸗ ungs⸗ inlich innes, men; eſagt, Leute, en be⸗ Stille ſe und 1s das chter,“ Erde, hezwei⸗ weſen, dieſer Davon leider, yrerin, ht nach dahin⸗ das un⸗ hätten ſie hät⸗ be; ſie Mann chte der agd be⸗ 51 trachtet, durch die Ehe ſelbſt dazu beſtimmt, der ge⸗ ſetzliche Vorwurf ſeiner Barſchheit zu ſein!— denken wir nicht länger an dieſe traurigen Dinge; es iſt ein Unglück ohne Hoffnung. Solche Ehe endigt nur mit dem Tode des Schlachtopfers, oder mit dem Tode des Tyrannen. Grauſames Verhängniß!“ Sie ſtand von ihrem Seſſel auf, blieb noch eine Weile nachdenklich und niedergeſchlagenen Blickes ſtehen, ſchüttelte dann lebhaft den Kopf, als wollte ſie die ſchmerzlichen Gedanken ernſtlich verbannen, und verließ das Zimmer langſamen Schrittes. Sie blieb an der Küchenthüre ſtehen und ſagte zu der Magd: „Katharine, haſt Du friſches Regenwaſſer hinauf⸗ gebracht? Denn Ernſt wird bald ankommen; er wird von der Reiſe ermüdet ſein und ſich wahrſchein⸗ lich Geſicht und Hände waſchen wollen.“ „Ja, Fräulein, Alles iſt oben in Ordnung.— Wird Herr Ernſt hier ſeine Wohnung nehmen?“ „Nein; aber er wird einige Tage, vielleicht einige Wochen bei uns bleiben, bis er in Brüſſel ein paſſendes Haus gefunden hat.“ „Ah, nun begreife ich, warum Herr Blondeel ſo ſehr auf Hermina's Abreiſe drang,“ ſagte die Magd. „In der That, Fräulein, Ernſt iſt ein flinker Junge; Hermina iſt ſchön wie eine Roſe. Von ſolchen jungen Lenn darf man wohl ſagen: die zwei machen ein Paar.“ „Das iſt ſehr wahr,“ antwortete die Dame mit einem beſtätigenden Lächeln.„Man kann nicht wiſſen, was Gott da oben beſchloſſen hat. Wir werden es binnen zwei oder drei Jahren ſehen.“„ 4 52 „So lang noch!“ rief die Magd verwundert. „Nun, nun, es läuft bis dahin noch ſo viel Waſſer die Senne hinunter! Wenn es auf mich ankäme, ich würde mich auf eine ſo lange Ünſicherheit nicht verlaſſen. Wenn Herr Romys einmal Hermina an den einen oder andern Altreichen zu Darlingen weg⸗ gäbe?“ Die Dame ſchien bei dem Gedanken an eine ſolche Heirath zu zittern; aber ſie bekam ihre Ruhe wieder und ſagte: „Ich glaube, Du haſt Recht, Katharine; es iſt auch mein Gefühl ſo, Du weißt es; aber mein Bru⸗ der hat darüber andere Anſichten. Hoffen wir, daß Alles noch zum Beſten gehen wird, und daß der gute Gott unſere Hermina vor ſolchem Unglück bewahrt. Ich weiß nicht, Katharina, ich ſollte mich über die Rückkehr Ernſts freuen; und ich bin traurig, als ob irgend etwas ſehr Unangenehmes mir über dem Haupte ſchwebte. Ich will ein Bischen im Garten auf⸗ und abgehen.“ Sie trat in einen, mit großen Bäumen bepflanz⸗ ten und längs der Mauern von Blumengparterres eingeſchloſſenen Garten. Nachdem ſie eine Weile in den Wegen herumgewandelt war, wollte ſie eben ihre Schritte nach einem ſchattigen Pavillon, welcher in der Tiefe des Gartens ſich erhob, lenken; aber der Klang der Hausglocke bewog ſie, den Kopf umzu⸗ drehen. Die Magd kam auf ſie zu und ſagte mit einer gewiſſen Verlegenheit: „Fräulein, Madame Kwas von Darlingen iſt da, welche Sie gern ſprechen möchte.“ dert. aſſer äme, nicht an weg⸗ olche ieder 3 iſt Bru⸗ daß gute ahrt. die 8 ob dem arten lanz⸗ erres le in ihre r in der mzu⸗ einer t da, 53 „Madame Kwas? Was will die Plaudertaſche von mir?“ murrte die Dame, ſichtbar verſtört.„Geh', Katharina, ſag', ich ſei nicht zu Hauſe.“ „Sie hat Sie durch das Gitter hindurch geſehen, Fräulein. Ich habe ſie in den kleinen Saal ge⸗ führt.“ „Es ſei ſo!“ ſeufzte die Frau.„Es gibt kein Mittel, ihr zu entſchlüpfen. Suchen wir ſchnell ihrer los zu werden.“ Sie ging in das Haus und öffnete die Thüre des Saales. Madame Kwas von Darlingen war eine Frau von mittlerer Geſtalt, ungefähr ſechzig Jahre alt, mit Gliedern und Zügen, die etwas Männliches hatten. Ihr Aeußeres war rauh und derb; auf ihrer Oberlippe zeigte ſich ein durchſichtiger Schatten, wie von einem keimenden Barte, und auf ihren hoppigen*) Wangen ſtand hier und da ein langes, krummes Härchen. Als Fräulein Marie erſchien, erhob ſie ſich und ſagte: „Ach, guten Tag, Fräulein Blondeel. Ich mußte hieher nach Schärbeek, um da unweit des Botaniſchen Gartens einen Zins von Herrn Stoffelaer einzu⸗ nehmen, Sie wiſſen wohl. Ich ſoll dieſen Nach⸗ mittag wieder kommen. Schaden, nur Schaden daran, Fräulein Blondeel. Windmachen ohne Geld. Sie begreifen, daß ich, in ſolcher Nähe bei Ihrer Woh⸗ *) Hobbelige, kommt auch bei uns in der Volksſprache von einem durch Hautauswüchſe entſtellten Geſichte vor. A. d. U. nung, nicht ſo unhöflich ſein konnte, Schärbeek zu verlaſſen, ohne Ihnen erſt einen Beſuch zu machen.“ „Ich danke Ihnen; zum Unglück habe ich heute Kopfſchmerz,“ erwiederte Fräulein Blondeel mit einer gewiſſen Ungeduld. „Kopfſchmerz?“ rief die Andere.„Gerade wie bei mir. Ich habe nur einmal im Jahre Kopf⸗ ſchmerz, aber er dauert von Oſtern bis zum Palm⸗ ſonntag— und Schmerz im Magen, und Schmerz im Herzen. Ich weiß nicht, wie es nur möglich iſt, diſ ich noch lebe. Hätte ich nicht meine Tabaks⸗ oſe... t Sie holte eine goldene Doſe aus ihrer Taſche, nahm immer fortſchnarrend eine gute Priſe und rief dann plötzlich, als ob ihr Etwas einfiele: „Ah ſo, Fräulein Marie, was ſagen Sie von Ihrer Nichte Thereſe? Hätten Sie je ſo Etwas von ihr glauben können?“ „Erklären Sie ſich, ich verſtehe nicht, wovon Sie ſprechen wollen.“ „Nun, nun, ſtellen Sie ſich nicht ſo verſchloſſen, Marie; Sie wiſſen, ich kenne alle Geheimniſſe von Darlingen, ſo ſehr man ſie auch zu verbergen ſucht. Warum alſo zurückhalten? Der arme Pottewal, ein lahmer Geldſack, der gern die Sünden ſeiner Jugend büßen möchte, und darum eine Frau nehmen will, ſo angenehm wie eine alte Roßmähne und ſo ſanft wie ein Stachelſchwein! Es iſt recht; man muß beken⸗ nen, der alte Romys iſt dem Teufel ſelbſt zu ſchlau und hat hier eine vortheilhafte Heirath einge⸗ fädelt...“ „Aber ich bitte Sie, belieben Sie deutlich zu ſpre der Bro entd Abe dere Heit Pot daß hat falls groß ließe ſterb in 2 Brü heire ganz ſehen Nan dam mit Spri mach beſit das ſprechen, Madame Kwas,“ ſagte Fräulein Blondeel, deren Neugierde aufs Höchſte geſpannt war. „Nun, wie viel wird Bonifaz ſeiner Tochter zum Brautſchatz mitgeben? Wann werden ſie heirathen?“ „Ich weiß von Nichts, ſage ich Ihnen.“ „So? Da ſteckt Etwas dahinter, das ich heute noch entdecken will. Die Romys halten die Sache geheim. Aber ich werde bald Alles bis in's Einzelnſte wiſſen.“ „Alſo, wenn ich Sie recht verſtehe,“ fiel die an⸗ dere Frau ihr in's Wort,„ſoll die Rede von einer Heirath zwiſchen meiner Nichte Thereſe und Franz Pottewal, dem Getreidehändler, ſein?“ „So iſt es, Marie. Es wundert mich höchlich, daß Romys zu der Heirath von einem ſeiner Kinder hat ſeine Zuſtimmung geben können. Er war gleich⸗ falls einer von denen, welche von dem Gedanken, ein großes Vermögen zu ſammeln, ſich dermaßen blenden ließen, daß es ihnen lieber war, ihr Geſchlecht aus⸗ ſterben, als ihre Güter getheilt zu ſehen. Es gibt in Darlingen wohl zwanzig reiche Häuſer, nur aus Brüdern und Schweſtern zuſammengeſetzt, die unver⸗ heirathet bleiben, um das Vermögen der Familie ganz beiſammen zu behalten. Thörichte Leute! Sie ſehen nicht voraus, daß nach ihrem Tode ſelbſt der Name ihrer Familie verſchwinden wird. Ha, ha, dann werden die Vetter und Nichten ſchon wieder mit ihrem Gelde ſpielen. Es iſt gerade, wie es im Sprichwort heißt, Marie: Wenn der Eſel todt iſt, macht man Flöten aus ſeinen Knochen!“ „Pottewal iſt eine gute Partie für Thereſe. Er beſitzt ein ſchönes Vermögen, nicht wahr?“ fragte das Fräulein. 56 „Ob er ſo reich iſt, wie man ſagt?“ antwor⸗ tete die alte Frau.„Ich müßte es ſehen, um es ſch zu glauben. Wiſſen Sie wohl, daß Franz viel Geld in Brüſſel verzehrt hat und noch verzehrt? Es ich ſind noch keine drei Monate her, daß er mit einem Haufen anderer leichtſinniger Leute in den Frères Pronvençaux bis über den Hals in Champagner ge⸗ Th ſeſſen iſt. Es war um NMitternacht, als ſie die Bal⸗ ſie thaſar⸗Tafel taumelnd verließen;— und wohin ſie dann gegangen ſind, wiſſen Sie das, Marie? Ich Bo auch nicht.“ deſ „Sind Sie wohl gewiß, daß meine Nichte Thereſe heirathen wird? Mir dünkt es unmöglich.“ Fr „Unmöglich? Romys läuft ſeit einem Monate dee täglich zwei bis drei Mal in Pottewals Haus, und wenn er herauskommt, lacht er und reibt ſich die da Pnde gleich einem Schacherer, der Jemand betrogen un at.“ „Aber das beweist noch Nichts. Sie mache die vielleicht Geſchäfte mit einander.“ b bin „Nein, nein, Romys macht keine Geſchäfte; und Si warum ſollte er bei dem Notar der Pottewals ge⸗ Si weſen ſein?— Warum ſollte er daſelbſt die weit⸗ mit läufigſten Erkundigungen angeſtellt haben, um ganz ger genau den Stand des Vermögens von Herrn Franz Si kennen zu lernen?“ ſol „Dieß Alles iſt jedoch nur eine Vermuthung, die und ungegründet ſein kann, und Nichts beweist, daß es ſich hier in der That um eine Heirath zwiſchen mei⸗ und ner Nichte Thereſe und Herrn Pottewal handelt.“ „Und wenn mir der Notar ſelbſt es geſagt ren hat?“. zu wor⸗ n es viel Es inem rères r ge⸗ Bal⸗ n ſie Ich hereſe onate und ) die rogen achen und s ge⸗ weit⸗ ganz Franz g, die aß es mei⸗ 4 geſagt 57 „In dieſem Fall muß ich Ihnen wohl Glauben ſchenken.“ „Nun, warum zweifeln Sie dann an dem, was ich ſage?“ Fräulein Blondeel zuckte die Achſeln und murmelte: „Alles recht betrachtet, was verſchlägt es mir, ob Thereſe heirathet, gleichviel wen? Ich wünſche, daß ſie glücklich ſein möge.“ „Wünſchen Sie dieß lieber ihrem künftigen Mann... Bah, da er ſein Fegfeuer auf Erden hat, läuft er deſto weniger Gefahr, nachher lang zu brennen.“ Beim Beginn dieſes Geſprächs hatten die beiden Frauen ſich niedergeſetzt. Jetzt ſtand Fräulein Blon⸗ deel von ihrem Seſſel auf und ſagte: „Nehmen Sie es mir nicht übel, Madame Kwas, daß ich Sie verlaſſe; ich habe dringende Geſchäfte, und dabei thut mir der Kopf ſchrecklich weh.“ „Nun, nun, noch einen kleinen Augenblick!“ rief die Andere, ſie mit der Hand zurückhaltend.„Ich bin ermüdet; laſſen Sie mich ausruhen und jagen Sie mich um Gottes willen nicht ſo weg. Setzen Sie ſich noch ein Bischen, ich bitte Sie. Sagen Sie mir einmal, Marie, warum hat man Sie ſeit ſo lan⸗ ger Zeit nicht mehr in Darlingen geſehen? Stehen Sie nicht gut mit Ihrem barſchen Schwager? Es ſollte mich nicht wundern: er bellt und beißt rechts und links wie ein wahrer Kettenhund.“ „Nein, das macht es nicht; aber es iſt ſo wenig unterhaltend in Darlingen.“ „Iſt dieß der Grund?“ rief Madame Kwas, wäh⸗ rend ſie eine neue Priſe nahm, als bereite ſie ſich zu einer wichtigen Erklärung vor.„Iſt dieß der 58 Grund, daß Sie nicht mehr nach Darlingen kommen? Bleiben Sie dann nur für immer weg. Es iſt gegen⸗ wärtig dort wie in einem Grabe, oder vielmehr wie in einer wahren Hölle. Die Menſchen ſchwellen da⸗ ſelbſt von Haß und Neid; der Eine ſieht dem An⸗ dern mit den Augen das Brod aus dem Munde heraus; wenn Jemand Glück hat und etwas Geld gewinnt, da möchten ſeine Nachbarn und Bekannten ihm wahrlich vergeben. Man hört Nichts als üble Nachrede; man ſieht Nichts als Argliſt, Scheinheilig⸗ keit und Selbſtſucht. Jedermann verſchließt ſein Haus; Jedermann weicht ſeinen Nebenmenſchen aus, um ſeine knauſerige Lebensweiſe zu verbergen und nicht in die Nothwendigkeit verſetzt zu werden, einige Francs aus⸗ zugeben. Man möchte ſagen, Darlingen ſei von einem Haufen Diebe oder Falſchmünzer bewohnt, welche be⸗ ſorgen, man könnte es ihnen auf dem Angeſicht leſen, wer oder was ſie ſind. Geizhälſe, Betrüger, dumme Leute...“ „Nun, Madame Kwas, ich habe keine Zeit, um eine ſolche Unterredung noch zu verlängern,“ fiel ihr Fräulein Marie, im Tone von Langerweile und Un⸗ geduld, in's Wort.„Es bekümmert mich wenig, wie die Einwohner von Darlingen ſich betragen, oder was ſie ſein mögen. Das iſt ihre Sache. Ich wünſche Ihnen guten Tag.“ Die alte Frau ſprang auf, faßte das Fräulein am Arm und ſagte halb verſtört: „Ich werde gehen. Da Sie Kopfſchmerz haben, will ich Sie nicht gegen Ihren Willen zurückhalten; aber erſt ſollen Sie doch die Beweiſe hören für das, was ich als wahr darthun kann. Sonſt möchten Sie 6 woh Aug laſſe ich: leich auch wiß, und Iſt tern ben ja 3 einzi Dar konn Ein dazu zahl um da; gab als auf Que lich Ein auf nich en? gen⸗ wie da⸗ An⸗ inde zeld aten üͤble lig⸗ us; eine die aus⸗ nem be⸗ eſen, me um ihr Un⸗ wie was iſche lein aben, lten; das, Sie 4 59 wohl gar mich für eine böſe Zunge halten. Einen Augenblick, noch einen kleinen, kurzen Augenblick; ich laſſe Sie nicht los.“ „Ich flehe Sie an, kommen Sie zu Ende, oder ich entlaufe Ihnen mit Gewalt!“ „Ah, Sie glauben mir nicht? Sie wollen viel⸗ leicht ſagen, daß es, unter den Altreichen wenigſtens, auch treffliche Leute geben müſſe? Die gibt es ge⸗ wiß, ausnahmsweiſe. Ich bin eine Altreiche, Marie, und dennoch kann ich nicht viel Gutes davon ſagen. Iſt es nicht ihr einziges Trachten, ihren armen Päch⸗ tern den letzten Schweißtropfen auszupreſſen, und trei⸗ ben ſie den Geiz nicht bis zur unedelſten Habſucht, ja zur Betrügerei? Sie ſchütteln den Kopf? Ein einziges Beiſpiel: es ſind zwei Monate; da war zu Darlingen ein Concert zum Beſten der Armen. Man konnte nicht in daſſelbe gehen, außer auf beſondere Einladung, und man hatte nur die reichſten Familien dazu aufgefordert. Man brauchte kein Entrée zu be⸗ zahlen; aber man wollte einen Teller herumtragen, um die Almoſen in Empfang zu nehmen. Ich war da; ich habe geſehen, däß Jedermann ein Silberſtück gab; es war kein Mittel, es anders zu machen. Nun, als man hernach das eingeſammelte Geld zählte, lagen auf dem Teller vier Stücke Kupfergeld, die man mit Queckſilber weiß gemacht hatte! Iſt das nicht ſchreck⸗ lich? Und ſagen zu müſſen, daß es die reichſten Einwohner von Darlingen ſind, die ſich nicht ſchämen, auf ſolche Weiſe den Armenkaſten zu betrügen!“ „Wenn es wahr iſt, kann man ſo Etwas gewiß nicht gutheißen. Nun, leben Sie wohl...“ Aber Madame Kwas ſtellte ſich vor die Thüre, 60 als wollte ſie den Ausgang verſperren, und fuhr mit großer Zungengeläufigkeit fort: „Ein zweites Beiſpiel: Sie kennen wohl Herrn Vikol, den geizigen Millionär. Der hat ſich ſein Leben lang geweigert, an Feſten und beſonders an Ban⸗ ketten Theil zu nehmen, ſelbſt wenn der König nach Darlingen kam. Er verſicherte, ſein Magen könne weder Wein noch mancherlei Speiſen ertragen, und entzog ſich ſo der Verpflichtung, einige Francs unter⸗ ſchreiben zu müſſen. Wiſſen Sie, wie der dumme Geldſack ſich ſelbſt gefangen hat? Er war zur Hoch⸗ zeit des jungen Grafen von Zwartſteen*) auf dem Schloß unweit Nineve, wo er viele Pächter hat, ge⸗ laden worden. Da hat der ſchmutzige Geizhals, da er nicht bezahlen durfte, ſo unbarmherzig viel gegeſſen und getrunken, daß man ihn halbtodt, gleich einem Schwein, wegtragen mußte... Aber es ſind nicht alle Einwohner von Darlingen, werden Sie ſagen, ſo knauſerig; es gibt auch Leute daſelbſt, welche leben und leben laſſen. Die Fabrikanten unter Andern? Bah, die ſind noch ärger. Sie ſchmauſen und trin⸗ ken, ſie verſchwenden ihr Geld in Liederlichkeit und betragen ſich, als wüßten ſie Nichts von Gott und ſeinen Geboten. Aufgeblaſen von Ehrgeiz, verblendet durch die Leichtigkeit, auf Koſten des Schweißes der armen Arbeiter Geld zu gewinnen, tragen ſie den Kopf hoch und glauben, durch ihre unſinnige Pracht uns vergeſſen zu machen, daß ſie mit ſehr Wenig oder gar Nichts angefangen haben... Noch eine kleine Minute! Ich bin fertig, Marie. Noch ein ein⸗ *) Schwarzenſtein. A. d. U. rmit Herrn deben Ban⸗ nach könne und unter⸗ umme 6* geſſen einem nicht ſagen, leben dern? trin⸗ it und tt und plendet es der ie den Pracht Wenig h eine ein ein⸗ d. U. 61 ziges Wort. Es iſt ein artiger Vorfall, der jetzt die vornehmſten Einwohner von Darlingen in Bewegung ſetzt. Sie kennen vielleicht Wilhelm Bollinx, den Rentier dort hinter dem Beguinenhof. Der hat ſeit einem Jahr insgeheim die Bureaux des Miniſteriums überlaufen und ſich dermaßen in Brüſſel geltend ge⸗ macht, daß ihm das Chrenkreuz verliehen wurde, weil er zur Zeit der Cholera ſich ſelbſt aufgeopfert haben wollte, um die armen Leute in ſeinem Viertel zu be⸗ ſuchen und Hülfe zu bringen. Die Andern, welche gleichfalls nach dieſem Ehrenzeichen trachteten, behaup⸗ ten nun, Wilhelm Bollinx ſei der Einzige geweſen, welcher während der Cholera aus Darlingen davon gelaufen. Es ſcheint, daß Herr Crulhaſt wirklich das Kreuz verdiente; aber deſſen Bruder hat einen be⸗ trügeriſchen Bankerott gemacht. Philipp Moſſels ſtand gleichfalls auf der Liſte; aber das Betragen ſeiner Frau.. „Hat dieſes Verläſtern nun lange genug gedauert?“ rief Fräulein Marie, zornig aufſpringend.„Verlaſſen Sie mein Haus auf der Stelle; und Sie werden mich verpflichten, Madame Kwas, wenn Sie fortan ver⸗ geſſen, wo ich wohne. Ich habe es Ihnen ſchon oft geſagt. Wollen Sie gegen meinen Willen hier blei⸗ ben, ſo wünſche ich Ihnen guten Tag und laſſe Sie ſtehen.“ „Ich gehe, ich gehe,“ ſagte die alte Frau.„Was ſind das nun für Sachen? Eine alte Freundin ſo barſch empfangen? Die Leute taugen in Brüſſel auch nicht viel: die Welt geht ihrem Ende zu. Nun, leben Sie wohl, Fräulein Marie.“ Auf den Gang getreten, drehte ſie ſich noch ein⸗ 62 mal um und rief dem ſich entfernenden Fräulein nach: 3 „Ei, ſagen Sie, die Tochter von Madame Stolk iſt in's Kloſter gegangen, weil Joſeph Ringels mit Adela Marol ſich verheirathet hat. Virginie aus dem Goldenen Roß hat ſich hintergehen laſſen...“ „Lieber Himmel, welche Elſter!“ rief die Magd, ihrer Herrin entgegen kommend.„Ich dachte, Sie wären auf den ganzen Morgen gefangen, Fräulein, und hatte wahrlich Mitleid mit Ihnen. Es ſcheint, ſie zieht ihren Mitbürgern ein hübſches Kleidchen an! Wenn es in Darlingen noch vier ſolcher Menſchen gibt, dann gebe ich ihr vollkommen recht.“ „Es iſt Verleumdung, Katharine. Gewiß, die Bürger von Darlingen ſind im Allgemeinen allzu ſehr⸗ Sclaven ihres Geldes; aber man findet auch brave und ehrliche Leute unter ihnen.“ „Die müſſen ſeltener ſein, als eine weiße Amſel, Fräulein, wenigſtens, wenn man Madame Kwas glau⸗ ben darf.“ „Haſt Du gehört, was ſie ſagte?“ „Warum nicht? Sie ſchreit wie eine Beſeſſene.“ „Das iſt eine unerwartete Kunde, nicht wahr? Meine Nichte Thereſe will heirathen?“ „Ja, Fräulein, es wird vielleicht gut für ſie ſein. Wenn ſie einen Mann bekommt, der Haar genug auf den Zähnen hat, um ſeine Frau nach ſeinem Willen thun zu laſſen, ſo kann ihr Charakter ſich noch zum Beſſern kehren. Ich habe es immer bei mir ſelbſt geſagt, ſie muß heirathen.“ „Zum Unglück iſt ihr künftiger Gatte ſo eine gute Schlarfe von einem Mann.“ dig kra dre We mit ver ord nac auf ein hin zur Git mit Lar lich Wo die nah Ha⸗ kon Gej Laſ zier nen Bli ließ zulein Stolk 8 mit 8 dem 44 Nagd, Sie ulein, heint, n an! nſchen , die u ſehr⸗ brave lmſel, glau⸗ ſene.“ bahr? ſein. ig auf Willen ) zum ſelbſt e gute 63 „Ja? Dann ſei der barmherzige Gott ihm gnä⸗ dig! Ich ſehe ihn bereits ſich hinter den Ohren kratzen und die Nägel abbeißen.“ „Mir iſt ganz ſchwindlig, Katharine; der Kopf dreht ſich mir noch von dieſer groben Klappermühle. Wenn man vor Ablauf einer halben Stunde nach mir fragt, ſo ſage, ich ſei nicht zu Hauſe. Ich werde verſuchen, in dem Garten meine Gedanken wieder zu ordnen.“ In den Garten tretend, wandte ſie ihre Schritte nach dem grünen Pavillon und ſetzte ſich nachdenklich auf eine Bank nieder. Sie war bereits eine Weile ſtill da geſeſſen, hatte einen kleinen Spaziergang an den Blumenparterres hin gemacht und war noch einmal in den Pavillon zurückgekehrt, als ein Herr durch die offenſtehende Gitterthüre in den Garten trat. Es mußte der Bruder des Fräuleins ſein, welches, mit dem Rücken gegen den Zaun gekehrt, in der Laube ſaß, denn es beſtand eine unverkennbare Aehn⸗ lichkeit zwiſchen den Zügen ihres Angeſichts. Die Wangen des Bruders waren jedoch noch friſcher, als die der Schweſter, von lebhafter Farbe, voll und bei⸗ nahe ohne Runzeln, obwohl ſeine gekräuſelten grauen Haare bezeugten, daß er nicht jünger als ſie ſein konnte. Daß dieſer Mann wenigſtens einer guten Geſundheit genoß und nicht gewohnt war, unter der Laſt von Sorgen gebückt zu gehen, dieß bewies ſein ziemlich runder Bauch und etwas Beſonderes in ſei⸗ nem ganzen Ausſehen, welches in ihm auf den erſten Vüdi einen ehrlichen Bürger von Brüſſel erkennen ieß. Er war mit Sorgfalt und einer gewiſſen Sauber⸗ keit gekleidet, trug einen leichten Frack von feinem ſchwarzem Tuche, eine gelbe Kaſimirweſte, lackirte Stie⸗ fel, glänzende Handſchuhe und ein prächtiges Rohr mit goldenem Knopfe als Spazierſtock. Wiewohl der Ausdruck ſeiner Lippen und die Offenheit ſeines Geſichtes errathen ließen, daß der Mann gewöhnlich heitern Sinnes war, ſchien er doch in dieſem Augenblick über irgend Etwas bekümmert, denn eine Falte lag auf ſeiner Stirne und ſeine Wan⸗ gen waren roth, wie bei Jemand, der von einem ſchnellen Gang erhitzt iſt. Als er ſich dem Pavillon näherte, drehte ſich das Fräulein um und fragte, aufſtehend, mit einiger Ver⸗ wunderung: „Wie? Du biſt allein? Wo iſt Ernſt?“ „Ernſt iſt nicht gekommen, Schweſter. Ich habe mir alle die Reiſenden genau betrachtet. Das Dampfboot iſt vielleicht von England zu ſpät in Antwerpen an⸗ gekommen.“ „Aber, Jan, warum haſt Du dann nicht auf den nächſten Zug gewartet? Es kommen deren wohl noch drei dieſen Morgen von Antwerpen an.“ „Ich weiß es, Schweſter; aber ich habe da Etwas erfahren, das mir wie ein Block Blei auf dem Herzen liegt. Ich glaube, Marie, daß ſehr traurige Dinge vorgehen— oder wenigſtens vorgehen könnten, wenn wir nicht ſo ſchnell als möglich einen Riegel vor⸗ ſchieben. Ich komme in aller Eile hergelaufen, um Dir zu ſagen, daß ich augenblicklich nach Darlingen „Und Ernſt?“ lber⸗ inem Stie⸗ Rohr die der doch mert, Wan⸗ einem h das Ver⸗ habe fboot n an⸗ f den noch twas derzen Dinge wenn vor⸗ , um ingen 6⁵ „Ja, der wird unſer Haus wohl finden. Ich kann nicht helfen. Denk' einmal, Marie, ich gedachte, wie Du ſagſt, auf den folgenden Zug zu warten, und ſpazierte in der Kölner Straße auf und ab. Da klopft mir Notar Cools unerwartet auf die Schulter und beginnt damit, mir zu erzählen, daß man von Darlingen aus Kunde von dem Stande unſeres Ver⸗ mögens eingezogen hat. Es geſchah wegen einer Heirath, welche zwiſchen dem dicken Franz Pottewal und einer unſerer Nichten im Werke iſt. Wie, wenn es Hermina's wegen wäre? Nun, ich reiſe nach Darlingen. Wir wollen ſehen, ob man mein Path⸗ chen unglücklich machen will oder nicht!“ „Aber, Jan, Du regſt Dich unnöthiger Weiſe auf,“ bemerkte das Fräulein.„Thereſe iſt es, welche heirathen ſoll. „Thereſe? Woher weißt Du dieß?“ „Madame Kwas von Darlingen iſt hier geweſen.“ „Trau' der lügenhaften Schwätzerin nicht! The⸗ reſe iſt eine geſchworene Feindin der Ehe.“ „Du meinſt ſo, Jan? Ich habe dagegen vor⸗ ausgeſehen, daß ſie endlich doch heirathen wird. Ihr ſcheinbarer Widerwille gegen die Ehe war nur eine Folge ihres Hochmuths und der Bitterkeit ihres Na⸗ turells; aber auf dem Grunde ihres Weſens liegt ein geheimes, jedoch ſtarkes Verlangen, den Namen der Mutter zu tragen. Hat ſie nicht allezeit eine beſon⸗ dere Liebe zu kleinen Kindern gezeigt? Sie, die allen andern Dingen gegenüber ſo lieblos iſt?“ „Das iſt gleich, Marie; ich werde keine Ruhe haben, ehe die Laſt von meinem Herzen iſt.“ Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 5 „Glaube mir, Bruder, es iſt Thereſe, die man verheirathen will. Pottewals Notar hat es Madame Kwas ſelbſt geſagt.“ „Ah, das gibt mir den Athem wieder!“ rief Jan Blondeel, während er lächelnd ſich auf eine Bank in dem Pavillon ſinken ließ.„Du kannſt gar nicht glauben, Schweſter, welche Angſt mich befallen hat, ſeitdem ich dem Notar begegnet bin. Er vermochte mir nicht zu ſagen, welche der beiden Töchter von Romys es wäre, die heirathen ſollte. Ich ſah be⸗ reits vor meinen Augen unſere gute Hermina zu dem⸗ ſelben Looſe, zu demſelben ſchrecklichen Leben, wie un⸗ ſere arme Schweſter Julia verurtheilt. Hätte ich unterwegs weinen dürfen, mir dünkt, ich hätte mitten auf der Straße Thränen vergoſſen. Denn, Marie, wenn der Tyrann Romys einmal beſchloſſen hat, ſeine Tochter Hermina ohne Liebe, ja ohne die geringſte Neigung, mit einem der andern groben Geldſäcke von Darlingen zu verheirathen, ſo könnten wir ſein Vor⸗ haben wohl hartnäckig bekämpſen; aber wer ſagt uns, daß wir über den ſtarrköpfigen Mann Meiſter würden?“ 1 „Ich wagte es ſelbſt nicht zu hoffen,“ antwortete das Fräulein mit einem Seufzer.„Mir dünkt, Bru⸗ der, wir würden ſehr weiſe daran thun, die Lehre nicht zu verkennen, welche uns durch des Himmels Fügung zu Theil geworden iſt. Die Heirath von Thereſe iſt, ohne uns in's Einvernehmen zu ziehen, beſchloſſen worden. So könnte es vielleicht gleichfalls gehen, wenn Herr Romys ſeine jüngſte Tochter ver⸗ heirathen wollte. Ihr Vater mißtraut uns wirklich. Nach Thereſe kommt natürlich die Reihe an Hermine. man idame rief Bank nicht n hat, mochte -von ah be⸗ n dem— die un⸗ tte ich mitten Marie, , ſeine ringſte cke von n Vor⸗ er ſagt Meiſter wortete t, Bru⸗ Lehre immels th von ziehen, eichfalls ter ver⸗ virklich. dermine. 67 Wer weiß, ob man nicht bereits deßhalb beſondere Abſichten hat?“ „Du erſchreckſt mich, Schweſter.“ „Es iſt Grund dazu vorhanden, Jan, Grund vorhanden.“ „Sieh, wenn davon die Rede wäre, ich würde es verhindern. tend müßte ich Schreckliches, Unerhörtes thun!“ „Du willſt meinen Rath nicht gutheißen, Bruder,“ fuhr das Fräulein in eindringlichem Tone fort.„Ich glaube jedoch, daß darin das einzige Mittel liegt, unſere gute Hermina vor ſolchem Unglück zu bewah⸗ ren. Du mußt dem drohenden Geſchick vorbeugen, nach Darlingen gehen und für Ernſt de Cock um die Hand von Hermina anhalten.“ „Aber ſie iſt noch viel zu jung, Maria.“ „Je jünger, deſto beſſer. Warum den Frühling des Lebens vorübergehen laſſen? Warum warten, bis das Herz zu kalt wird, um eine völlige und dauernde Neigung aufkommen zu laſſen?“ „Ja, ja, Schweſter, das iſt Alles recht; aber wenn man heirathet, muß man doch ein Fortkommen in der Welt haben. Daß es gerade großer Schätze bedarf, um in der Ehe glücklich zu ſein, das will ich nicht behaupten; aber der Mann muß doch wiſſen, wie er ſeine Frau mit Ehren ernähren kann. Ernſt de Cock..“ „Höre, was Vater Cats darüber ſchreibt,“ unter⸗ brach ihn das Fräulein.„Was gibt dem Gute ſeinen Werth? Süß iſt's, wenn man's ge⸗ meinſam mehrt!“ Und an einer andern Stelle: „Des Mann's Gewinn zeugt Freundes 5* 68 Sinn.“ Er hat Recht, Jan: kein ſüßeres Geld, als das, welches Mann und Frau durch vereinigte Sorge gewinnen. Ein ſolches Vermögen iſt ein anderes Band zwiſchen Ehegatten, als das blos ererbte Gut, deſſen beſondern Urſprung beide jederſeits ihr Leben lang im Gedächtniß behalten.“ „Ich habe großes Vertrauen auf Ernſts Zukunft,“ fuhr Jan Blondeel fort,„aber wie bringen wir Romys dazu, daß er einwilligt, ſeine Tochter einem jungen Mann ohne Vermögen zu geben? Er, der Nichts kennt, als Geld? Ich habe meine vormund⸗ ſchaftliche Rechnung für Ernſt geſtellt und kann trotz aller meiner Mühe nicht herausfinden, daß ihm mehr als zwanzigtauſend Francs übrig bleiben.“ „Muß es ſein, ſo ſage Romys, daß wir uns für Hermina's Glück verantwortlich machen. Im Noth⸗ fall werden wir Ernſt genügende Summen vor ſchießen, damit er ſein Geſchäft mit Ausſicht auf glücklichen Erfolg beginnen kann. Wir müſſen Alle Etwas thun, um die theure Hermina vor einem Leben voll Betrübniß und Schmerz zu behüten. Und Romys, der zu befürchten hat, daß wir aus Erbitte⸗ rung unſer Vermögen Jemand anders, als ſeiner Familie hinterlaſſen könnten, wird ſich wohl beu⸗ gen müſſen, wenn Du nur auf Deinem Kopfe be⸗ ſtehſt.“ Herr Blondeel ſtützte das Kinn in tiefem Nach⸗ denken auf den Knopf ſeines Stockes. Nach einer Weile ſagte er: „Du läufſt ſo ſchrecklich ſchnell, Marie. Wir wiſſen noch nicht einmal, ob die jungen Leute ein⸗ ander lieben.“ Dir Tas erſt dief ver tiſch ſelb und Und von and und reiſ Ma ſchö dem ung ſehe kom und wel Zuk als borge deres Gut, deben inft,“ wir inem der nund trotz mehr 3 für Noth⸗ vor auf Alle einem Und bitte⸗ ſeiner beu⸗ e be⸗ Nach einer Wir ein⸗ 69 „Ha, ha,“ lachte das Fräulein,„Du ſprichſt gegen Deine eigene Ueberzeugung.“ „Es iſt viel Schein dafür, ich geſtehe es; aber der Schein iſt noch keine Gewißheit.“ „Bekümmere Dich deßhalb nicht, Bruder. Soll ich Dir einmal Etwas ſagen? Sie lieben ſich ſeit dem Tage, da ſie hier in dieſem Garten einander zum erſten Mal geſehen haben. Die Frauen verſtehen dieß beſſer, als die Männer. Und was iſt daran zu verwundern? Beide jung, ſchön, gefühlvoll und poe⸗ tiſch von Gemüth. Iſt es nicht, als ob Gott ſie ſelbſt zuſammengeführt hätte, um eine auserwählte und glückliche CEhe daraus hervorgehen zu laſſen? Und ſiehe die Briefe von Ernſt, und höre die Sprache von Hermina. So lange Zeit ſie auch fern von ein⸗ ander ſind, ſo iſt ihre Erinnerung noch ſo lebendig und friſch, als den erſten Tag nach ſeiner Ab⸗ reiſe.“ „Es iſt etwas Wahres in dem, was Du ſagſt, Marie.“ „Nun, Bruder, war es nicht ſeit jener Zeit der ſchönſte Traum unſeres Lebens, unſere Hermina mit dem Sohne Deines beſten Freundes, des guten aber unglücklichen de Cock ſelig einſt verheirathet zu ſehen?“ „Gewiß, gewiß. Doch iſt die Zeit noch nicht ge⸗ kommen, dieſen Traum zu verwirklichen.“ „Du wirſt drei Glückliche machen, Jan. Hermina und Ernſt hienieden, und dort oben Deinen Freund, welcher im Himmel jubeln wird über die fröhliche Zukunft, die Du ſeinem einzigen Kinde erſchließeſt.“ Herr Blondeel ſchien gerührt und brachte den 70 Finger an das Auge. Nach einem kurzen Still⸗ auf ſchweigen ſagte er: zu „Da iſt noch Etwas, was mir ganz und gar He nicht beruhigend erſcheint, Marie. Seitdem Ernſt in London weilt, um daſelbſt ſeine Kenntniſſe in Bezug hal auf große öffentliche Bauten zu vervollkommnen, ath⸗. men ſeine Briefe eine ſo heftige Begierde nach Geld wil und Gut, und er ſpricht mit ſolcher Begeiſterung da⸗ ſeh 6 von, ſich ein Vermögen zu machen, daß ich zu zwei⸗ fre feln beginne, ob nicht Geldgeiz ein Trieb iſt, der in S ihm verborgen lag und ſich nun plötzlich mit unge⸗ ihr wöhnlicher Kraft entwickelt.“ che „Was denkſt Du, Bruder?“ kan „Und wenn nun das Vermögen von Hermina's mit Eltern der Neigung, welche Ernſt zu ihr kund gibt, Ro nicht fremd wäre?“ hol „Ei, Jan,“ lachte das Fräulein,„was ſetzeſt Du Sa Dir da für Grillen in den Kopf?*) Begreifſt Du aue nicht, was Ernſt die ſcheinbare Geldgier einflößt? ſere Iſt es nicht die Hoffnung, durch ſeine Arbeit und He durch ſeinen Fleiß eines der Mittel zu erlangen, um beſ das Hinderniß des Vermögens wegzuräumen, das ſo daß drohend zwiſchen ihm und Hermina ſich erhebt?“ mü⸗ „Ich nehme an, Marie, daß Du Dich wahrſchein⸗ die lich in Deiner Meinung nicht betrügſt. Dennoch will 3 und muß ich darüber meine Beruhigung haben. lei S Durch die Kunde von Thereſens bevorſtehender Hei⸗ ihr rath erregt, habe ich unterwegs über Ernſt und Her⸗ 9 mina nachgedacht. Ich habe mir vorgenommen, Ernſt 9 *) Im Texte: Welche Mänſeneſter ſetzeſt Du Dir in den ihr Kopf. A. d. U. der in unge⸗ nina's gibt, ſt Du ſt Du flößt? t und n, um das ſo 2 ſchein⸗ h will haben. - Hei⸗ ) Her⸗ Ernſt in den v. U. 71 auf die Probe zu ſtellen. Beſteht er dieſe Prüfung zu meiner Zufriedenheit, ſo werde ich ſogleich ſeine Heirath mit meinem Pathchen einzuleiten ſuchen.“ „Ha! Du wirſt um ihre Hand für Ernſt an⸗ halten?“ „Nein, ſo plötzlich nicht. Morgen Nachmittag will ich mich wohl nach Darlingen begeben, um zu ſehen, was dort vorgeht. Thereſe iſt allerdings nicht freundlich; aber ſie iſt auch das Kind unſerer armen Schweſter; und iſt ihr Charakter wunderlich, ſo trägt ihr Vater allein die Schuld daran. Das arme Mäd⸗ chen iſt eben ſo, wie man ſie gemacht hat. Vielleicht kann ich dort Etwas für ſie thun. Ich werde Ernſt mit nach Darlingen nehmen und ihn im Hauſe von Romys einführen. Es iſt ein Anfang; durch wieder⸗ holte Beſuche werde ich darnach trachten, unſern Schwager günſtig zu ſtimmen, und ich werde dann auch nach einiger Zeit ihm unſern Wunſch und un⸗ ſere Abſichten erklären. Du begreifſt, Schweſter? Herr Romys iſt doch Hermina's Vater, und es wäre beſſer, ich könnte ihm mit Sanftmuth beikommen, als daß ich zu Zwangsmitteln meine Zuflucht nehmen müßte. Es wird wohl gehen, denke ich, wenn Ernſt die Probe nur nach Gebühr beſteht.“ „Aber welche Probe denn, Bruder?“ rief Fräu⸗ lein Marie mit einem Ausdruck von Beſorgniß auf ihrem Angeſichte. „Ganz einfach, Marie; ich werde ihm auf einen Augenblick den Glauben beibringen, das Herr Romys ſchlechte Geſchäfte gemacht hat, und Hermina's Eltern ihr Vermögen verloren haben. Ich werde ihm in 72 die Augen ſehen und zu ergründen ſuchen, welchen Eindruck dieſe Botſchaft auf ſein Gemüth macht.“ „Du wirſt ihn unglücklich machen!“ rief das Fräulein. „Nein, nein; aber ich werde mit Gewißheit er⸗ fahren, wie weit das Vermögen der Romys an Ernſts Neigung zu Hermina Antheil hat. Es iſt nothwendig, Schweſter; und ich bitte Dich, willſt Du ihr Glück beſchleunigen, ſo hindere mich nicht an die⸗ ſer Probe. Wenn Ernſt nach Hermina fragt, oder von ihr ſpricht, ſage wenig, gib einige Betrübniß vor und laß mich machen. Wenn es Zeit iſt, werde ich ihn in den Saal führen und ihm die falſche Kunde mittheilen.“ Sie wechſelten noch einige Worte über dieſes ſon⸗ derbare Vorhaben. Herr Blondeel blieb ſo unbeug⸗ ſam bei ſeinem Entſchluſſe, daß ſeine Schweſter end⸗ lich verſprach, Nichts zu reden oder zu thun, was der Ausführung ſeiner Abſicht etwa hinderlich ſein könnte. Während ſie ſo mit einander redeten, kam, nicht fern von ihrer Wohnung, ein junger Mann die ſteile Straße heraufgeſtiegen. Es mußte ein Reiſender ſein, denn trotz des heißen Wetters trug er einen Ober⸗ rock über dem Arm, und einen Regenſchirm, in einem ledernen Futteral ſteckend, in der Hand. Auch ſein Anzug, obwohl gut ſtehend und von hübſchem Schnitt, hatte etwas Fremdes in Form und Stoffe. Selbſt ſein junger Backenbart, ſchwarz und ſanft gekräuſelt, ſchien durch ſeine Breite auf den Wangen anzudeu⸗ ten, daß er von jenſeits der See herkam. Kein Wun⸗ der alſo, daß die Vorübergehenden ihn für einen eng⸗ liſchen Gentleman aus angeſehenem Hauſe hielten, nnte. nicht ſteile ſein, Ober⸗ inem ſein hnitt, Selbſt uſelt, udeu⸗ Wun⸗ eng⸗ elten, 73³ denn es lag in der That auf ſeinem ſchönen Geſichte ein Anflug von Adel und Ernſt, welcher glauben ließ, daß Geiſt und Denkkraft dieſes hübſchen jungen Man⸗ nes mehr entwickelt waren, als die Zahl ſeiner Jahre mit ſich brachte. Vielleicht trugen ſeine großen ſchwar⸗ zen Augen, ſein dunkles Haar und ſein dicker Backen⸗ bart viel dazu bei, ihm dieſes Ausſehen zu geben, denn im Uebrigen war er von ſehr hohem Wuchſe, und ſeine Glieder hatten die zarte Anmuth der erſten Jugendblüthe. An der Wohnung Herrn Blondeels angelangt, blieb er vor dem Gitter ſtehen und richtete einen lan⸗ gen Blick nach dem Garten, während ein ſtilles, doch inniges Lächeln ſein Geſicht erhellte, als redete dieſer Ort eine ganz beſondere Sprache, welche ihn bis in das Innerſte des Herzens rührte. Plötzlich entſchlüpfte ihm ein Freudenruf und er eilte mit offenen Armen auf Perſonen zu, welche aus der Tiefe des Gartens ihm entgegen gelaufen kamen. „Herr Blondeel! Fräulein Marie! Der gute Ernſt! Willkommen! Gott ſei gelobt, daß er mich Sie ge⸗ ſund und wohl wieder ſehen läßt!“ ertönte zwiſchen den wiederholten Umarmungen. Aber kaum hatte man einige Glückwünſche ge⸗ wechſelt, ſo ſchaute Ernſt mit einem gewiſſen kum⸗ mervollen Verlangen im Garten herum und nach dem Hauſe, und ſah dann den Bruder und die Schweſter fragend an. „Ah!“ rief Jan Blondeel,„ich will eine Flaſche Morgenwein holen. Es muß ein gutes Glas auf Deine Rückkehr getrunken werden.“ Und als wollte er der Antwort auf die deut⸗ 74 liche Frage des Jünglings ausweichen, eilte er in das Haus, nachdem er noch durch ein Zeichen ſeine Schweſter zur Aufmerkſamkeit ermahnt hatte. Einige Augenblicke nachher kehrte er mit der Magd zurück, welche einen Korb auf den Tiſch des Pavillons ſtellte und dann vor Verwunderung die Hände zu⸗ ſammenſchlug und den Jüngling ſehr lebhaft begrüßte. Sie erkannte ihn nicht mehr; es war ein vollkomme⸗ ner Engländer, doch hatte er dabei Nichts verloren, denn ihr zufolge zeigte er nunmehr das Ausſehen von mindeſtens einem Baron, wo nicht von einem Prinzen. Sobald die Magd in das Haus zurückgekehrt war, ſchenkte Jan Blondeel die Gläſer ein und rief: „Nun, auf glückliches Wiederſehen und auf Dein Wohlergehen im Vaterlande! Aber, Ernſt, mein Junge, Du ſiehſt ſo nachdenklich aus. Biſt Du ſee⸗ krank geweſen?“ „Die See war ſo glatt wie ein Spiegel,“ ant⸗ wortete Ernſt.„Sie müſſen mir vergeben, Herr Blondeel: ich glaubte das Glück zu haben, Fräulein Hermina hier zu ſinden; es iſt ſchon lange her, daß ich ſie zum letzten Mal geſehen habe.“ „Sie iſt nicht hier. Ihre Eltern haben ſie un⸗ erwartet nach Hauſe kommen laſſen.“ „Mein Irrthum iſt natürlich und entſchuldbar, Herr Jan. Sie ſelbſt haben mich nach ihrem letzten Briefe glauben laſſen, daß ich ſie bei meiner Ankunft hier finden würde.“ „Ich?“ rief Blondeel.„Du täuſcheſt Dich: ich habe das nicht geſchrieben.“ Der Jüngling zog ſeine Brieftaſche hervor und ſagte, während er ein Blatt Papier entfaltete: ver min Die die Gla von Gef lein hör Ver und lein Her die her beq die er in ſeine Nagd llons zu⸗ rüßte. mme⸗ oren, von nzen. war, Dein mein ſee⸗ ant⸗ Herr ulein daß un⸗ dbar, etzten kunft : ich und 75 „Nein, nein, über ſo Etwas kann ich mich nicht täuſchen. Seit acht Tagen habe ich es wohl hundert⸗ mal geleſen. Die Nachricht von Deiner Rück⸗ kehr hat uns Alle überglücklich gemacht; meine Schweſter und Hermina haben vor Freude geweint. Sie war alſo hier, als Ihre Hand die lieben Worte dem Papier anvertraute?“ „Habe ich das geſchrieben, ſo kann ich es nicht läugnen,“ brummte Blondeel, indem er verlegen die Achſeln zuckte. „Es iſt wahr, Ernſt, wir haben Freudenthränen vergoſſen,“ ſagte das Fräulein.„Du weißt, daß Her⸗ mina Dir eine aufrichtige Freundſchaft widmet. Tröſte Dich über ihre Abweſenheit: Du wirſt ſie ſehen, ehe die Woche zu Ende iſt.“ „Nun, Herr Jan,“ ſprach der Jüngling, ſein Glas nehmend,„entſchuldigen Sie dieſen Augenblick von Verdruß. Er iſt vorüber. Ich trinke auf Ihre Geſundheit und auf die Geſundheit des guten Fräu⸗ leins Marie. Möge Gott meine feurigen Gebete er⸗ hören und den edelmüthigen Wohlthätern des armen Verwaisten ein langes, glückliches Leben gewähren!“ Ernſt hatte dieſe letzten Worte mit ſo innigem und wahrem Gefühle geſprochen, daß ihm das Fräu⸗ lein gerührt die Hand drückte. Wiederum brachte Herr Jan den Finger an die Augen, denn er hatte die Schwäche, in Bezug auf gewiſſe Dinge ſehr weich⸗ herzig und leicht erregbar zu ſein. Gegen ſeine Bewegung ankämpfend, ſetzte er ſich bequemer auf der Bank des Pavillons zurecht, ſtreckte die Füße aus und ſagte: „Nun, nun, laßt uns um Gotteswillen in der frohen Stunde Deiner Rückkehr nicht traurig werden. Haben wir über ernſtliche Dinge zu ſprechen, ſo wol⸗ len wir es auf ſpäter verſchieben. Nun, Ernſt, er⸗ zähle uns Etwas von Deiner Reiſe, oder lieber von Deinem Aufenthalt in England. Biſt Du dort glück⸗ lich geweſen?“ „So viel man glücklich ſein kann, fern von Per⸗ ſonen, die uns theuer ſind. Ja, Herr Jan, ſehr glücklich,“ antwortete der junge Mann.„Ich habe Grund zu hoffen, daß mein Aufenthalt in der Haupt⸗ ſtadt des gewerbſamſten Volkes der Erde mich mit den nöthigen Kenntniſſen und der nöthigen Erfahrung ausgerüſtet hat, nicht allein, um meinem Vaterlande nützlich zu werden, ſondern auch um reichlich das Vermögen zu gewinnen, welches das Schickſal mei⸗ nem unglücklichen Vater geraubt hat. Ich bin drei Jahre lang der vertraute Schüler und, ſo zu ſagen, der Freund des berühmten Stephenſon geweſen. Der Brief von dem guten Herrn Maſui hat ihn ſo günſtig für mich geſtimmt, daß er mich beinahe wie ſeinen eigenen Sohn behandelte. Er hat alle ſeine Ent⸗ würfe, alle ſeine Zeichnungen, alle ſeine Gedanken ſogar mir zur Verfügung geſtellt; er hat mich nach allen Orten geſandt, wo die Ausführung großer Werke zur Vollendung meiner Studien beitragen konnte. Ich habe ihn in unzählige Fabriken und gewerbliche Etabliſſements begleitet. Er hat mir nicht allein die Geheimniſſe von deren Einrichtungen in Hinſicht auf die Werkzeuge erklärt, ſondern ſich ſogar die Mühe gegeben, mich zu unterweiſen, wie man in finanzieller Beziehung die Mittel zur Ausführung der wichtig⸗ ſten Unternehmungen gewinnt... Und dieß Alles für erden. Hwol⸗ —, er⸗ r von glück⸗ Per⸗ ſehr habe daupt⸗ h mit hrung rlande h das l mei⸗ n drei ſagen, Der zünſtig ſeinen Ent⸗ danken ) nach Werke konnte. rbliche ein die ht auf Mühe zzieller bichtig⸗ les für 77 einen fremden Jüngling, welcher keinen andern An⸗ ſpruch auf Protektion, als einige Zuneigung beſaß, welche er dieſem edelmüthigen Engländer eingeflößt hatte.“ „O, Du mußt ihm dankbar bleiben, Ernſt,“ ſagte Jan Blondeel mit einer Stimme, welche erkennen ließ, daß er wiederum tief bewegt war. „Ihm dankbar bleiben?“ wiederholte Ernſt de Cock.„Es ſind drei Namen in mein Herz gegraben; ich werde ſie noch auf meinem Todtenbette mit mei⸗ nem letzten Gebete ausſprechen. Einer dieſer Namen iſt der Stephenſons; die andern ſind die Namen derer, welche mir Vater und Mutter zurückgaben, die ich leider ſo frühzeitig verloren habe.“ Fräulein Marie wandte den Kopf ab, um eine aufſteigende Thräne zu verbergen; Jan Blondeel zog ſein Taſchentuch und fuhr damit über Stirne und Augen, als hätte er ſich den Schweiß abgetrocknet. Dann ſprach er mit einer Stimme, welcher er einen leichten Ton zu geben ſich bemühte: „Wie heiß es heute iſt! Ich bin da zu ſchnell gegangen; ich glaube, es iſt mir auf das Gehirn ge⸗ fallen... Alſo, Ernſt, Du haſt gute Hoffnung, daß es Dir gelingen wird?“ „Ja, Herr Blondeel, ich bin deſſen faſt gewiß: an Muth ſoll es mir zum Nindeſten nicht fehlen. Bedenken Sie, daß ich ſehr viele Geheimniſſe von Fabrikgeſchäften kenne, welche hier noch mit ſehr un⸗ vollkommenen Werkzeugen oder nach veraltetem Sy⸗ ſtem betrieben werden. Ich werde die Einrichtungen verbeſſern; ich werde neue Etabliſſements aufführen; ich werde Acctiengeſellſchaften bei meinen Unterneh⸗ 78 mungen gründen. Ach, wenn ich nur die Ausfüh⸗ rung einer einzigen Eiſenbahn bekomme, bin ich auf einmal beinahe reich!“ „Ja aber, Ernſt, Deine Hoffnung kann Dich auch täuſchen. Es dürfte wohl viel langſamer gehen, als Du glaubſt.“ „Allerdings, Herr Jan, ich werde vielleicht Zeit bedürfen, um das Vertrauen der Leute zu gewinnen; ich kann Unglück haben, auf Oppoſition ſtoßen, ich weiß es; aber was macht dieß? Einmal wird es mir doch gelingen, das Vermögen zu erwerben, wel⸗ ches das Ziel aller meiner Beſtrebungen iſt.“ Ueber das Geſicht von Herrn Blondeel zog eine Wolke von Unzufriedenheit. „Du haſt alſo ein ſo großes Verlangen, Geld zu gewinnen?“ ſagte er.„Das Geld iſt doch nicht die einzige Quelle des Glücks.“ „Ich weiß nicht, wie Andere darüber denken,“ antwortete der junge Mann mit einer gewiſſen Be⸗ geiſterung.„Vielleicht habe ich Unrecht; aber in meinen Augen iſt das Geld, iſt das Vermögen eine wahre Macht, geſchickt um alle Hinderniſſe hinweg⸗ zuräumen, welche einen Menſchen in ſeiner Laufbahn aufhalten können. Es iſt eine Quelle der Zufrieden⸗ heit, der Erhebung und des Glücks auf dieſer Welt. O, daß ich einſt reich werden könnte, und ich werde Gott für dieſe höchſte Wohlthat preiſen!“ Jan Blondeel preßte die Lippen zuſammen und ſchien über die begeiſterte Rede des jungen Mannes verdrießlich. Er ſchüttelte eine Weile ſtillſchweigend den Kopf, und ſagte dann, von der Bank auf⸗ ſtehend: wal den mir den fühl Ma Beſ Kur nich leich raſe eine hegf Ern Das Sch in d Ver wor drin nes aber Vor wie eine er in eine weg fbahn teden Welt. werde und annes igend auf⸗ 79 „Ernſt, ich habe Dir Etwas zu ſagen, das Dich wahrſcheinlich betrüben wird; aber es verdüſtert mir den Geiſt und muß vom Herzen. Beliebt es Dir, mir zu folgen; ich möchte Dich gern allein ſprechen.“ Fräulein Marie warf ihrem Bruder einen flehen⸗ den Blick zu, als wollte ſie ihn bitten, Ernſts Ge⸗ fühle ſo ſehr als möglich zu ſchonen. Der junge Mann erhob ſich und folgte ſtillſchweigend ſeinem Beſchützer nach einem Zimmer des Hauſes. Hier ſetzte ſich Jan Blondeel. „Nimm Platz, Ernſt, ich habe Dir eine ſchlimme Kunde mitzutheilen; aber beunruhige Dich deßhalb nicht, denn ſie betrifft Dich in keinem Fall. Viel⸗ leicht wird es Dich aber dennoch ſchmerzlich über⸗ raſchen, da das Unglück, wovon ich ſprechen will, eine Perſon berührt, für welche Du dieſelbe Neigung hegſt, wie ſie für Dich empfindet.“ „O Himmel, was wollen Sie mir ſagen?“ rief Ernſt mit ängſtlicher Beklommenheit. „Bleib' ruhig und halte Dich ſtark, mein Freund. Das Unglück iſt folgendes. Herr Romys, mein Schwager, hat ſchlechte Geſchäfte gemacht, indem er in den Fonds ſpielte. Er hat beinahe ſein ganzes Vermögen verloren; Hermina iſt beinahe arm ge⸗ worden.“ Dieß ſagend, richtete er ſein Auge mit durch⸗ dringendem Blick auf das Geſicht des jungen Man⸗ nes, das eine Weile bewegungslos blieb, worauf aber bald ein ſeltſames Lächeln des Glückes zum Vorſchein kam. Dieſes Lächeln war jedoch flüchtig wie ein Blitzſtrahl und verging eben ſo ſchnell, um einem Ausdruck von Betrübniß Platz zu machen. 80 „Arme Hermina,“ ſeufzte Ernſt,„welchen Kum⸗ mer muß ſie haben!“ „Aber, aber, Du haſt gelacht?“ ſprach Jan Blon⸗ deel in ſtrengem Ton.„Was hat dieß zu bedeuten? Könnteſt Du gefühllos für das Unglück von Her⸗ mina's Eltern ſein?“ Der Jüngling erbleichte und murmelte in großer Verlegenheit einige undeutliche Entſchuldigungen. „Nun, ſprich. Warum lachteſt Du bei einem ſo traurigen Mißgeſchick?“ Ernſt blieb ſtill und ſchien nach einer unauffind⸗ baren Antwort zu ſuchen. „Das habe ich mir nicht denken können!“ mur⸗ melte Jan Blondeel in einem Ton bittern Tadels. Noch eine Weile blieb der junge Mann ſtumm; aber dann erhob er plötzlich den Kopf und ſprach ruhig, mit klarem, entſchloſſenem Blick: „Es ſei denn ſo. Ich bin kein Kind mehr; Sie ſind mein Wohlthäter; ich habe gegen Sie die Pflicht der Aufrichtigkeit zu erfüllen. Nun denn, Herr Blon⸗ deel, ich will mein Herz vor Ihnen eröffnen. Sie ſollen erfahren, welches der Grund des Verlangens nach Gelderwerb iſt, das Sie an mir ſo ſehr zu ver⸗ wundern ſcheint; und dann werden Sie zugleich wiſſen, wie es möglich war, daß ein Lächeln bei einer ſo verhängnißvollen Nachricht auf meine Lippen treten konnte. Ich war beſtimmt, die Rechte zu ſtu⸗ diren und Advokat zu werden, und hatte bereits in der Vorbereitung für dieſen Beruf einen ziemlichen Weg zurückgelegt. Erinnern Sie ſich, daß ich da⸗ mals das Glück oder Unglück hatte, einen ganzen Tag hier in Geſellſchaft von Hermina zuzubringen. Ich Herz Zukt mich jenig Ann Gem viell deel, neig woll ich land die mich deel ſteig Aug abm ſollt, Läch Unre der mine Jün nen C Kum⸗ Blon- iten? Her⸗ roßer 1. m ſo ffind mur els. mm; prach Sie Fflicht Blon⸗ Sie ngens ver⸗ gleich n bei ippen u ſtu⸗ its in lichen h da anzen ingen. 81 Ich war empfindſam; ich empfing eine Wunde im Herzen... ich war muthig, vertrauensvoll auf die Zukunft, und ich wagte zu träumen, es könnte für mich ein Mittel geben, um einmal die Hand der⸗ jenigen zu erlangen, deren Schönheit, deren ſüße Anmuth einen unauslöſchlichen Eindruck auf mein Gemüth gemacht hatte. Ich habe geglaubt, ich habe vielleicht irrthümlich geglaubt, daß Sie, Herr Blon⸗ deel, daß Ihre gute Schweſter meinen Wünſchen ge⸗ neigt wären. Können Sie über mich lachen? Ich wollte Hermina's würdig werden, mich zu ihr er⸗ heben, ein Vermögen ſchaffen, damit ſie ihre Neigung zu einem armen Geſchöpf nicht zu beklagen hätte; ich wollte mir das Recht erwerben, um mir von ihrem Vater deren Hand zu erbitten. Darum bin ich Ingenieur geworden; darum bin ich nach Eng⸗ land gegangen, darum regt ſich in mir ſo lebhaft die Begierde nach Geld. Anders hat das Geld für mich keinen Werth. Begreifen Sie nun, Herr Blon⸗ deel, warum aus meinem Herzen ein Lächeln auf⸗ ſteigen konnte? Alle Hinderniſſe fielen vor meinen Augen weg. Ich ſollte alſo für ſie arbeiten, mich abmühen und plagen können. Ihr Glück auf Erden ſollte mein Werk, mein Werk allein ſein. Ja das Lächeln auf meinen Lippen war eine Thorheit, ein Unrecht vielleicht; aber vergeben Sie die Regung der Selbſtſucht dem Feuer meiner Liebe zu Her⸗ mina!“ Statt aller Antwort ſprang Jan Blondeel dem Jüngling an den Hals und rief, während ihm Thrä⸗ nen aus den Augen rollten: Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 6 ——;—ᷣ—ᷣ—ꝛ—— — 82 „Du guter, edler Ernſt! Es iſt unwahr, was ich Dir ſagte. Ich wollte nur die Uneigennützigkeit Deiner Liebe auf die Probe ſtellen. Herr Romys hat Nichts verloren. Aber es iſt gleich; Hermina ſoll Deine Braut werden. Sie ſoll, ſie muß.“ Die Thüre des Zimmers wurde geöffnet, und Fräulein Marie rief herein: 3 I.Meine Herren, meine Herren, der Tiſch iſt ge⸗ eckt!“ Als ſie jedoch Ernſt von den Armen ihres Bru⸗ ders umſchloſſen ſah, entſchlüpfte ihr ein Freudenruf und ſie kam frohlockend in das Zimmer gelaufen. „Nun, nun?“ fragte ſie. „O, Marie, er hat die Probe ſo ſiegreich be⸗ ſtanden!“ jubelte Jan Blondeel.„Richte Deine Hochzeitgeſchenke, Schweſter; denn ehe ein halbes Jahr vergangen iſt, ſoll er der Gatte und Beſchützer unſerer Hermina ſein!“ Das alte Fräulein ſchlang dem Jünglingeaiten lautem Freudenrufe ihre Arme um die Schulterütd„ würde wahrſcheinlich die Bezeugung ihrer frohen Theilnahme noch länger fortgeſetzt haben, aber Jan Blondeel rief lachend aus: „Kommt, kommt, das iſt doch kein Grund, um das Eſſen kalt werden zu laſſen; man kann auch bei Tiſche ſprechen. Ha, da wollen wir bei dem Nach⸗ tiſche eine Flaſche von unſerem guten Hermitage daraufſetzen! Ein ſchöner Tag in meinem Leben!“ Dieß ſagend, ſchob er mit fröhlicher Gewalt ſeine Schweſter und Ernſt aus dem Zimmer in den Speiſeſaal. häng Han ſich unm zer blan die von lieh Wa⸗ hatt ihre dure was igkeit omys mina und ſt ge⸗ Bru⸗ enruf en. h be⸗ Deine albes hützer riti Lund ohen Jan um ) bei Nach⸗ age n!“ walt den 8³ IV Der gefürchtete Tag war gekommen, und der ver⸗ hängnißvolle Augenblick nahte. Hermina ſtand in ihrem Schlafzimmer, mit der Hand auf die Conſole ſich ſtützend, und unſicher vor ſich hinſtarrend. Von Zeit zu Zeit ſchüttelte ſie faſt unmerklich den Kopf und ſtieß einen dumpfen Seuf⸗ zer aus. Ihre Wangen waren bleich, ihre großen blauen Augen unſtet und glanzlos. Gewiß hatten die Drohungen ihres Vaters und die Ueberzeugung von ſeiner Unerbittlichkeit ihr die nöthige Stärke ver⸗ liehen, ihre Thränen zurückzuhalten; denn auf ihren Wangen war nichts davon zu ſehen, daß ſie geweint hatte. Waren aber dieſe Spuren des Schmerzes auf ihrem Geſichte nicht vorhanden, ſo zeugte es doch durch ſein bleiches Ausſehen und durch die Abſpan⸗ nunga ſeiner Züge von einer endloſen Verzweiflung und von tiefer Bangigkeit. Es war eine peinliche Arbeit, womit ſie eben fertig geworden: auf ihres Vaters Befehl hatte ſie ihre reichſten Kleider ange⸗ legt und ſich ſchön und reizend zu machen geſucht, um dem Manne zu gefallen, welcher in wenigen Augenblicken kommen und um ihre Hand anhalten ſollte. Während ſie ſo bewegungslos daſtand, dachte ſie mit klopfendem Herzen an Onkel Jan, an Tante Marie und an Ernſt. Ihre Lippen bebten; ein kon⸗ vulſiviſches Zittern lief über ihr Angeſicht. Es war ihr, als ob ſie in dieſem Augenblick ein letztes und feierliches Lebewohl den Freunden ihrer Jugend zu⸗ riefe und zugleich allem Troſt und allem Glück ent⸗ . 6* 84 ſagte. Strömten bei dieſen marternden Gedanken auch keine Thränen über ihre Wangen, ſo weinte das arme Mädchen dennoch viel und bitterlich in ihrem Innern. Sie wollte ſich unterwerfen, dem Willen ihres Vaters Gehorſam leiſten; aber ach, was koſtete ſie es nicht, ihr ganzes Sein zu opfern, zu vernichten, um die Genoſſin eines Mannes zu werden, welcher gefühllos genug ſchien, um die Heirath als ein Handelsgeſchäft anzuſehen. Es war in der That nur das Vermögen beider Familien, welches eine Verbindung unter ſich eingehen ſollte; ſie, die zärtliche, fröhliche Hermina war nur der Vorwand, das Mittel zu dieſer Ver⸗ bindung. Welches Leben ſtand ihr in Ausſicht, ihr, die geboren war, um zu lieben! Doch das Loos war gefallen; es gab keinen Ausweg mehr: das Schlachtopfer mußte demüthig den Hals beugen und auf jede Hoffnung verzichten. Während Hermina in ſolche düſtere Gedanken ver⸗ loren war, trat ihre Mutter in das Zimmer. Auf dem Geſichte der alten Frau war gleichfalls gänz⸗ liche, jedoch ſchmerzvolle Gelaſſenheit zu leſen. Mit tiefer Muthloſigkeit, welche ſie unter einem erheuchel⸗ ten Vertrauen zu verbergen ſich bemühte, ſprach ſie zu ihrer Tochter: „Sei nicht ſo ängſtlich, mein Kind; es wird beſſer gehen, als wir denken.“ „So jung ſein und bereits den letzten hellen Tag meines Lebens ſchauen,“ ſeufzte das Mädchen. „Nein, nein, Du ſiehſt die Sache zu ſchwarz an, meine arme Hermine. Ich habe im Gegentheil die feſte Hoffnung, das es glücklich ausfallen wird!“ „Glücklich!“ wiederholte Hermina mit ſchmerz⸗ danken te das ihrem ihres ſie es m die ühllos ſſchäft nögen er ſich rmina Ver⸗ ,ihr, Loos das und ver⸗ Auf gänz⸗ Mit uchel⸗ ch ſie wird Tag 3 an, l die 12 merz⸗ 8⁵ lichem Spotte.„Glücklich mit einem Manne, den ich nicht kenne? der keinen Werth auf meine Neigung legt und beſchließt, daß ich ſeine Frau werden ſoll, ohne zu wiſſen, ob ich ihn jemals werde lieben kön⸗ nen? O, mein Gott, es iſt mir, als würde ich ver⸗ kauft, um in ewiger Sclaverei zu leben.“ Es glänzte eine Thräne in ihren Augen. Die alte Frau faßte erſchrocken ihre Hand. „Hermine, ach, mein Kind, bezwinge Deinen Schmerz!“ bat ſie.„Wenn der Vater bemerkt, daß Du geweint haſt, ſo geräth er in Wuth und wird uns in Gegenwart von Herrn Pottewal erniedrigen! Er wird es uns nimmer vergeben!“ „Sei ruhig, Mutter,“ antwortete das Mädchen in einem gramvollen Ton der Unterwerfung.„Es iſt die letzte Thräne. Der Vater ſoll mit uns zu⸗ frieden ſein. Ich weiß, daß Nichts übrig bleibt, als zu gehorchen; ich bin völlig bereit... gleich einem armen, machtloſen Lamme, das man nach der Schlacht⸗ bank...“ „Nein, ſprich nicht ſo!“ rief die Frau, indem ſie ihr ängſtlich die Hand auf den Mund legte.„Ich gleichfalls, ich darf nicht weinen; warum alſo mein Herz ſo unbarmherzig zerreißen?“ Und den Ton ihrer Stimme mäßigend, ſprach ſie: „Hermine, Du haſt Unrecht, glaube mir. Als ich dieſen Morgen aus der Kirche zurückkehrte, bin ich bei Madame Kandels geweſen. Sie iſt die leibliche Nichte von Herrn Pottewal und ſie kennt all ſein Thun und Laſſen ſeit ihrer Kindheit. Ihr zufolge iſt Franz Pottewal ein einfacher, ſanftmüthiger Mann; er iſt nicht geizig und im Allgemeinen kein Feind 86 des Vergnügens. Er hat viele Freunde: böſe Men⸗ ſchen haben keine Freunde. Er iſt reich und edel⸗ müthig; er wird ſich beſtreben, Dir das Leben zu verſüßen, und Du wirſt ihn um ſeiner Güte willen lieb gewinnen.“ Das Mädchen ſchwieg; wahrſcheinlich waren ihre Gedanken anderswo, und ſie hörte nur zur Hälfte die tröſtenden Worte ihrer Mutter. „Komm', Hermine,“ fuhr die Frau fort,„es wird Zeit, daß wir hinunter gehen; der Café iſt bereit und man erwartet jeden Augenblick Herrn Pottewal. Halte Dich gut und muthvoll, der Vater iſt in übler Laune; er ſcheint zu fürchten, Du möchteſt ihm Grund zum Zorne geben... Aber, Kind, warum haſt Du Dein Haar nicht mit mehr Sorgfalt geordnet? Und Dein Halstuch, wie iſt es ſo zur Seite geworfen? Du mußt die ſchöne Broſche anſtecken, welche Onkel Jan Dir vergangenes Jahr gegeben hat.“ Mit dieſen Worten brachte ſie eilig Haar und Anzug ihrer Tochter mehr in Ordnung und heftete ihr das glänzende Juwel an die Bruſt. Hermina ließ ſie gewähren und antwortete nur durch bange Seufzer, die aus ihrem Buſen aufſtiegen. Der Klang der Hausglocke machte beide Frauen zittern und erbleichen. „O, da iſt er,“ rief das Mädchen, aus ihrem Traum erwachend. „Beeile Dich, komm', Hermine,“ rief die Frau, ihre Tochter an der Hand faſſend, um ſie aus dem Zimmer zu führen. „Noch einen Augenblick; laß mich ein Bischen Men⸗ edel⸗ en zu willen n ihre fte die wird bereit tewal. übler Grund ſt Du Und orfen? Onkel und heftete rmina bange Frauen Traum Frau, 8 dem zischen 87 Muth ſchöpfen; ich zittere, ich wanke auf meinen Beinen,“ flehte die beſtürzte Hermine. Am Fuß der Treppe erklangen die drohenden Töne einer ſcharfen Stimme; es war Thereſe, welche rief: i. Fernine, willſt Du ſogleich herunter kommen? Der Vater ruft Dich!“ „O Himmel, der Vater ruft Dich!“ wiederholte die Frau ängſtlich.„Er wird böſe werden. Ich flehe Dich an, mein Kind, wenn Du Deine Mutter lieb haſt, ſei ſtark und bezwinge Deine Betrübniß!“ „Es ſei denn ſo!“ ſeufzte das Mädchen.„Mein Loos iſt entſchieden. Fahre wohl, Du Traum des Lebens! Komm', Mutter, Du wirſt zufrieden mit mir ſein.“ Sie ſtiegen die Treppe hinab und begaben ſich in den Saal, wo ſie ſich der beſprochenen Ueberein⸗ kunft gemäß am Tiſche niederſetzten, um ſich zu ge⸗ berden, als ob ſie ſchon eine Weile am Cafétrinken wären. Thereſe hatte bereits ihren Platz eingenom⸗ men. Sie, die gewöhnlich mit wenig Sorgfalt gekleidet war, hatte ſich heute ungewöhnlich aufgeputzt, und zu dieſem Zweck alle die Geſchenke von Onkel Jan und Tante Marie aus dem Schranke geholt. Sie ſchien in aufgeräumter Stimmung und ihre Wangen waren nicht ſo farblos, wie ſonſt. Der Ausdruck ihres Angeſichtes, worauf ein undeutliches Lächeln ſchwebte, ſtach auffallend gegen die niedergeſchlagene und traurige Miene Hermina's ab. Sie äußerte einige bittere Scherze und Spöttereien über das, was ſie das kindiſche Weſen ihrer Schweſter nannte; aber dieſe gab keine Acht darauf, ganz verſunken, wie ſie war, in die Erwartung des feierlichen Erſcheinens von Herrn Pottewal, der ſich mit ihrem Vater in einem anſtoßenden Kabinete befand und deſſen Stimme man hinter der Wand des Saales murmeln hörte. Endlich ging die Thüre auf, und Franz Pottewal, von Herrn Romys geleitet, zeigte ſich unter dem Ein⸗ gang in den Saal. Die Frauen erhoben ſich ins⸗ geſammt, gleich Leuten, welche durch die Ankunft eines unerwarteten Beſuchs überraſcht worden ſind und ſich bereiten, denſelben nach Gebühr zu empfangen. Herr Pottewal hatte das Ausſehen eines Man⸗ nes, welcher bereits die vierzig Jahre paſſirt haben mußte, obwohl er noch nicht in dieſes Alter gelangt war. Sein Geſicht war weder ſchön noch häßlich; er hatte volle, runde Wangen, einen großen Mund und glanzloſe Augen. Ein einfältiges, beinahe alber nes Lächeln ſpielte auf ſeinen Lippen. Auf den erſten Blick ließ ſich über das Naturell und den Verſtand dieſes Mannes ein Urtheil fällen. Verriethen ſeine Züge Nichts von ſtarken Leidenſchaf⸗ ten, oder Feinheit des Geiſtes, ſo ließen ſie zugleich auf die Abweſenheit jeder Argliſt ſchließen und er⸗ regten den Gedanken, daß er zum Mindeſten gut müthig ſein müſſe. Sein Anzug vermochte wenig zu dieſem Urtheil beizutragen; denn es war augenſcheinlich, daß er ſich für dieſe Gelegenheit auf eine ihm ungewohnte Weiſe ausſtaffirt hatte. Sein ſchwarzes Feſtkleid ſchmiegte ſich ſeinem Körper nicht an; ſeine weiße Halsbinde ſchien ihn zu erwürgen, und die weiten, ſtrohfarbigen Handſchuhe warfen noch Falten über ſeinen dicken Fingern. 7 Rom anth 2 ¹ jüng lebh weh melt kom⸗ wär nicht mur „Ei verl Haur inens er in mme rre. ewal, Ein⸗ ins⸗ eines d ſich Man⸗ haben langt Blich; Nund llber turell allen. ſchaf⸗ gleich er⸗ gut ttheil r ſich Veiſe iegte binde bigen dicken 89 „Meine Damen, Herr Pottewal,“ ſagte Bonifacius Romys,„einer meiner Freunde, der uns die Ehre anthut, eine Taſſe Café mit uns zu trinken.“ Die Frauen verbeugten ſich tief. Hermina an der Hand faſſend, fuhr Romys fort: „Herr Pottewal, ich habe die Ehre, Ihnen meine jüngſte Tochter vorzuſtellen. Es iſt ein gutes und lebhaftes Kind; aber ſie hat ſeit einigen Tagen Kopf weh und iſt ein wenig unpäßlich.“ „Das Kopfweh herrſcht ſehr in der Stadt,“ mur⸗ melte Pottewal nicht ohne einige Verlegenheit.„Es kommt von der großen Hitze her, welche wir gegen⸗ wärtig haben. Ich hoffe, Ihre Unpäßlichkeit wird nicht von langer Dauer ſein.“ „Sie ſind ſehr gütig, ich danke Ihnen, mein Herr,“ murmelte das leidende Mädchen faſt unhörbar. „Das iſt meine Tochter Thereſe,“ ſprach Romys. „Ein Mädchen, auf das ich in ernſten Dingen mich verlaſſen kann; ſorgſam und pünktlich gleich der beſten Hausfrau.“ „Belieben Sie Platz zu nehmen, Herr Pottewal,“ ſagte Thereſe, einen Stuhl an den Tiſch ſchiebend. „Es iſt eine große Ehre für uns, daß Sie uns einen Beſuch machen. Seien Sie willkommen.“ Pottewal wandte ſich, ohne dieſer Einladung Folge zu leiſten, zu Madame Romys und begann einige freundliche Worte zu wechſeln; aber Bonifacius unter⸗ brach ihn und rief: „Nun, wahrlich, warum ſtehen bleiben? Kommt, ſetzt Euch nieder; wir können unter dem Cafétrinken ebenſo gut Bekanntſchaft mit einander machen.“ Man hatte bereits zwei oder drei Mal den warmen 90 Trank an die Lippen gebracht, ohne daß Jemand ein Wort geſprochen hatte. Pottewal hielt die Augen ſeitwärts auf Hermina gerichtet, welche unter ſeinem unbeſcheidenen Blick den Kopf gebückt hatte. Thereſe betrachtete dagegen den neuen Gaſt. Dieſes ſonder⸗ bare Stillſchweigen begann Romys nicht wenig zu verdrießen. „Ei, wie, hat man hier ſeine Zunge verloren?“ rief er.„Hermina, Du wirſt Dein Kopfweh damit nicht los werden, daß Du da alle Fäden des Tiſchtuches zählſt! Nun, Freund Pottewal, was ſagen Sie von dem Wetter?“ „Es iſt ſehr heiß,“ antwortete der Andere.„Wenn nur keine epidemiſchen Krankheiten ausbrechen. Vor⸗ geſtern verſicherte man auf der Börſe von Brüſſel, daß die Cholera in Antwerpen ſei.“ „O, mein Gott, die Cholera!“ rief Thereſe er⸗ ſchrocken. „Nun, es iſt heute kein Tag, um von ſolchen häß⸗ lichen Dingen zu ſprechen,“ fiel Romys ein.„Wie geht es gegenwärtig mit dem Getreidehandel?“ „Ziemlich gut; es herrſcht ein fortdauerndes Stei⸗ gen im Preiſe.“ 3„Und Sie kaufen gewiß viel? Es iſt eine günſtige Zeit.“ „Viel iſt das rechte Wort nicht; iſo Etwas, um den Handel in Gang zu halten. Ich bin kein Freund von großen Geſchäften. Es bringt zu viel Sorge und Bekümmerniß mit ſich.“ „Wäre ich an Ihrer Stelle, Freund Pottewal, ich ſteckte meine Magazine voll Getreide bis unter das Dach. Die Kartoffeln ſind durch die Krankheit 91 faſt ganz mißrathen. Warten Sie, bis der Vorrath der letzten Jahre verbraucht iſt, und Sie werden das Brod im Preiſe ſteigen ſehen, daß es nicht mehr zu kaufen iſt. Es ſind Millionen zu gewinnen!“ „Vielleicht haben Sie Recht, Herr; aber ich mache lieber meine Geſchäfte in Ruhe ab.“ Bonifacius Romys zuckte die Achſeln und biß die Lippen auf einander, als ob er ſich über den Unver⸗ ſtand Pottewals verwunderte. Es herrſchte wieder einen Augenblick Stille. Madame Romys hielt die Augen unwandelbar auf Hermina gerichtet; ſie durchſchaute das Leiden ihres armen Kindes und ſuchte durch die Süßigkeit ihrer mütterlichen Blicke ihr Troſt und die nöthige Stärke zu verleihen, damit ſie nicht unter der Laſt dieſes kritiſchen Zuſtandes unterliegen möchte. Um ihren Vater nicht zu erzürnen, hatte Hermina während des bisherigen Geſprächs den Kopf aufrecht und den Blick gerade zu halten geſucht; aber das gemeine und unbedeutende Ausſehen ihres künftigen Bräutigams flößte ihr eine endloſe Angſt ein, und wenn ſie bei ſich ſagte, daß ſie verurtheilt ſei, ihr Leben an der Seite dieſes Mannes zu beſchließen, dann bebte ihr das Herz und ſie mußte ſich ſogar Gewalt anthun, einem äußerlichen Zittern zu wehren. Nicht daß ſie einigen Haß gegen ihn empfand; im Gegentheil, ſeine Geſichtszüge, obwohl grob und ohne Ausdruck, ſchienen ihr Sanftmuth zu verheißen, und ſein Wort beſtätigte dieſe Vermuthung... aber ſeine dicken Backen und ſein großer Mund! So ſehr ſie ſich auch beſtrebte, die Aufwallung ihres Herzens zu verbergen, neben dieſem unbedeutenden Geſicht ſtieg vor ihrem Blicke ein anderes Antlitz auf: ein Antlitz, das von Adel, Schönheit und männlichem Muthe er⸗ glänzte. Dieſe Vergleichung flößte ihr Schrecken ein und verſenkte ſie in ſchmerzliches Nachſinnen. „Hermina!“ ſprach ihr Vater in einem Tone, deſſen verſtellte Leichtigkeit ſeinen aufflammenden Zorn verbarg,„Hermina, Du würdeſt mich ſehr erfreuen, wenn Du Dein Kopfweh ein Bischen vergeſſen woll⸗ teſt. Herr Pottewal wird wohl mit Unrecht denken, Du ſeieſt von Natur ſehr ſtill und verdrießlich. Komm, ſprich ein gutes Wort mit unſerem freundlichen Gaſte.“ Alſo unerwartet aufgerufen und durch ihres Va⸗ ters Befehl gezwungen, wußte das arme Mädchen nicht, was es ſagen ſollte und murmelte eine unver⸗ ſtändliche Entſchuldigung. Thereſe drehte ſich auf ihrem Stuhl hin und her und ſprach geringſchätzig: „Das iſt keine Art, die Freunde unſeres Vaters zu empfangen, wenn es ihnen beliebt, uns mit einem Beſuche zu beehren. Geben Sie keine Acht dar⸗ auf, Herr Pottewal; ſie hat immer ſolche unzeitige Grillen.“ Ein zorniger Blick ihres Vaters ſchloß ihr den Mund, und ſie begriff, daß es ihr verboten war, bei Pottewal eine ungünſtige Vorſtellung von ihrer Schweſter zu erregen. 3 „Nun, Hermina, faſſe Dich, Kind,“ murmelte Bonifacius Romys.„Laß hören, ſprich.“ Das Mädchen that ſich die äußerſte Gewalt an. „Ich bitte Herrn Pottewal, mich gütigſt zu ent⸗ ſchuldigen,“ ſagte ſie.„Ich bekenne, daß ich ſehr er regt bin. Obwohl ich mich gern aufgeräumt zeigen möch ſpree vorü 3 und Pott und komn mys Freu 7 ( Hern wählr ſamn 7 wird bier niſch ganz bezar Frär war dem Oper ſchm Ohre bleib Verr ntlitz, he er⸗ n ein Tone, Zorn eeuen, woll⸗ enken, omm, aſte.“ Va⸗ dchen nver⸗ d her aters einem dar⸗ eitige den war, ihrer melte t an. ent⸗ or er eigen 9³ möchte, fehlt es mir doch beinahe an der Kraft zu ſprechen. Vergeben Sie mir, mein Herr, es wird vorübergehen.“ Der ſchmerzliche Ton in des Mädchens Stimme und die ſüße Demuth ihrer Bitte ſchienen Herrn Pottewal zu rühren. Er ſuchte ſie zu beruhigen und verſicherte ſie, daß es ihm nicht in den Sinn komme, ihr Stillſchweigen übel zu deuten; aber Ro⸗ mys fiel ihm in's Wort und fragte: „Sie ſind gewiß ein Liebhaber von Muſik, mein Freund?“ „Ziemlich,“ antwortete Pottewal. Ein bedeutungsvoller Blick ihres Vaters machte Hermina begreiflich, daß man nur der Muſik er⸗ wähnte, um ſie in das Geſpräch hereinzuziehen; ſie ſammelte demnach all ihren Muth und ſagte: „Da der Herr ein Liebhaber der Muſik iſt, ſo wird er wahrſcheinlich auch bei der Oper: der Bar⸗ bier von Sevilla ſich einfinden, um den italie⸗ niſchen Sänger zu hören, welchem zulieb jeden Abend ganz Brüſſel in das königliche Theater ſtrömt? Welche bezaubernde Stimme, nicht wahr?“ „Ich bin nicht viel im Theater geweſen, mein Fräulein,“ antwortete Pottewal.„Als ich jünger war, haben meine Eltern mir es verwehrt. Außer⸗ dem ſehe ich, um die Wahrheit zu ſagen, nicht gern Opern. All dieß verwirrte Getrommel und Ge ſchmetter, wovon ich Nichts verſtehe, zerreißt mir die Ohren. Ich kann keine zwei Stunden im Theater bleiben, ſonſt ſchlafe ich ein.“ Dieſe Antwort brachte Hermina in die äußerſte Verwirrung und ſie wußte mit dem beſten Willen 94 von der Welt Nichts mehr zu ſagen. Ihr Vater ſtand vor ihr und ſah ſie mit verweiſendem Blicke an. „Der Herr iſt vielleicht ein Liebhaber von Ge⸗ mälden,“ fuhr ſie leiſe fort.„Die Ausſtellung iſt ſchön, nicht wahr?“ Er zuckte die Achſeln und ſprach: „Ich habe noch nie eine Ausſtellung geſehen. Ich verſtehe Nichts von Gemälden.“ „Dann leſen Sie vielleicht viel, mein Herr?“ Franz Pottewal fühlte ſein Unvermögen; ſeine Wangen wurden noch röther, und mit ſichtbarer Ver⸗ legenheit antwortete er: „Leſen? Die Getreidepreiſe im Anzeigeblatt von Darlingen. Ich weiß wohl, mein Fräulein, daß dieß Alles nicht zu meinem Vortheil ſpricht, und ich bin ſogar beſchämt darüber; aber es iſt die Schuld mei⸗ ner Eltern. Sie haben mich immer auf dem Glau⸗ ben gelaſſen, daß Jemand, der ein genügendes Ver⸗ mögen beſitzt, alle dieſe Dinge nicht zu wiſſen braucht. Sie haben mich in Nichts als dem Getreidehandel und in den Mitteln unterwieſen, ihr Vermögen un⸗ geſchmälert zu bewahren.“ „Da hatten Ihre Eltern ſehr Recht,“ ſagte The⸗ reſe.„Was bedeuten dieſe eiteln Beſchäftigungen, womit man nur ſeine koſtbare Zeit verſchwendet? Es kann immerhin gut ſein, ſo lang man noch ſehr jung iſt; aber tritt man einmal ernſtlich in das Leben ein und muß ſorgen, ſein Haus mit Ehren aufrecht zu erhalten, dann ſind ſolche Kenntniſſe und Neigungen eher nachtheilig, als vortheilhaft. Seien Sie Ihren Eltern dankbar, Herr Pottewal; was die⸗ ſelben Sie lehrten, iſt die einzige Kunſt, welche nicht auf zweck den 1 baren ſchme / , Sie hagt Thea⸗ Liebh tanzt. antwe Ton. reißeſt Vater ke an. n Ge⸗ ng iſt ſehen. 24 ſeine Ver⸗ t von 3 dieß h bin mei⸗ Glau⸗ Ver⸗ aucht. aandel n un⸗ The⸗ ingen, ndet? ſehr das Ehren und Seien die⸗ nicht 95⁵ auf Schein beruht. Derjenige, welcher ſein Vermögen zweckmäßig zu verwalten verſteht, verdient vor allen den Namen eines verſtändigen Mannes.“ Pottewal betrachtete Thereſe mit einer ſonder⸗ baren Aufmerkſamkeit; ſie, von dieſem Blick ge⸗ ſchmeichelt, lächelte ihm freundlich zu. „Ich begreife,“ ſagte Bonifacius Romys,„daß Sie die lärmende Opernmuſik nicht lieben. Mir be⸗ hagt ſie ſo wenig, daß ich zwanzig Jahre nicht im Theater geweſen bin; aber Sie ſind wahrſcheinlich Liebhaber von einer leichten Muſik?“ „Ja, ſo Etwas, wie eine Polka, Etwas, das tanzt. Solche Dinge höre ich noch immer gern,“ antwortete Pottewal. „Nun, ſo lang wir noch beim Cafs ſitzen blei⸗ ben, ſoll meine Tochter Ihnen auf ihrem Piano einen Walzer ſpielen. Du weißt wohl, Hermina, das hübſche Tänzchen von dem deutſchen...“ „Ja, den letzten Walzer von Strauß,“ ergänzte Thereſe.„Warum zögerſt Du, Schweſter? Könnteſt Du es verweigern, da Du weißt, daß Herrn Potte⸗ wal ein Gefallen damit geſchieht?“ „O, ich bitte Sie, verſchonen Sie mich!“ flehte das arme Mädchen.„Ich kann jetzt nicht ſpielen!“ „In der That, Romys, Du begreifſt wohl, ihr Kopfweh!“ flüſterte die Mutter mit aufgehobenen Händen ihrem Manne zu; aber ein drohender Zorn⸗ blick deſſelben bewirkte, daß ihr das Wort auf den Lippen erſtarb. „Du ſollſt ſpielen!“ befahl der Vater in barſchem Ton.„Wie? ein ganzes Jahr, Tag für Tag, zer⸗ reißeſt Du uns die Ohren mit dem ewigen Geklimper 96 auf dem Piano? Und jetzt, wenn wir einen Freund empfangen, wollteſt Du nicht ſpielen?“ Hermina, erſchreckt von dem Gedanken, vor Potte⸗ wal den fröhlichſten Walzer ſpielen zu müſſen, im Augenblick, da ihr ſelbſt das Herz im Buſen brechen wollte, ſtützte leidend den Kopf auf den Tiſch. „Wollen Sie mir ein Vergnügen machen, Herr Romys?“ ſagte Franz Pottewal.„Haben Sie dann die Güte, das Fräulein nicht länger zu drängen. Es wird beſſer gehen, ſobald wir nähere Bekannt⸗ ſchaft mit einander gemacht haben; und überdieß darf ich mit Wahrheit ſagen, daß ich gegenwärtig ſehr wenig Luſt habe, Muſik zu hören.“ „Es iſt gut,“ brummte Romys.„Sehen Sie dann, wie Sie die Zeit zubringen wollen. Ich muß mittlerweile bezüglich einer Sache, über welche einer meiner Pächter ſogleich Beſcheid einholen wird, einige Worte mit meiner Frau allein reden. Vergeben Sie mir dieſe kurze Abweſenheit, Herr Pottewal' ich laſſe Sie in guter Geſellſchaft. Wenn Sie ſich zufällig langweilen ſollten, was ich jedoch nicht befürchte, ſo werden Sie uns im Garten unter den Lindenbäumen finden.“ Dieß ſagend, winkte er ſeiner Frau, und beide verließen das Zimmer. Es war für Pottewal und Hermina ein ernſter Augenblick, als ſie die Eltern abgehen ſahen. Der Getreidehändler wußte nicht, wie er ſeine Erklärung beginnen ſollte, und fühlte, wie ihm der Schweiß auf die Stirne trat; Hermina erwartete ihr Urtheil und zitterte vor Schrecken. werde Co Freund Potte⸗ n, im brechen Herr dann ängen. kkannt⸗ eß darf g ſehr n Sie h muß einer einige en Sie h laſſe ufällig ſte, ſo äumen beide ernſter Der ärung eiß auf il und 97 Nach einigen Augenblicken läſtigen Stillſchweigens fragte Thereſe: „Sie haben gewiß einen ſchönen Garten an Ihrem Hauſe, mein Herr?“ „Ja, einen großen Garten,“ murmelte Pottewal, in Gedanken ſuchend, wie er die mühſame Unter⸗ haltung anknüpfen könnte. Hermina's ſichtbare Angſt beunruhigte ihn, und es fehlte nicht viel, ſo wäre er über die alberne Lage, in welche er ſich verſetzt ſah, verdrießlich geworden. „Es ſcheint, daß Sie meiner Schweſter Etwas ſagen wollen?“ bemerkte Thereſe.„Sprechen Sie offen, Herr, und achten Sie nicht auf die Erregtheit eines eigenſinnigen Kindes.“ Pottewal war Thereſe für dieſe Beihülfe dank⸗ bar und murmelte: „Sie haben ſehr Recht, mein Fräulein, in der That, ich möchte gern Ihrer Schweſter Etwas ſagen; aber ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich anfangen ſoll. Es iſt ein beſchwerliches Ding und ich bin kein Redner.“ „Ei, ei, mein Herr,“ lachte Thereſe,„das iſt ganz einfach! Erklären Sie gerade heraus, warum Sie hieher gekommen ſind. Es iſt nothwendig, und um es Ihnen bequemer zu machen, will ich Ihnen ſagen, daß wir den Grund Ihres Beſuchs bereits kennen.“ „Sie haben Recht, Fräulein; es iſt noch das Beſte, ohne Umwege auf die Sache ſelbſt loszugehen. Wenn Ihre Fräulein Schweſter mir einen Augen⸗ blick geneigtes Gehör ſchenken wollte, ſo würden wir beide ſchnell von dieſem läſtigen Zuſtande erlöst werden.“ Conſcience, Die Bürger v. Darlingen. 7 — Er wandte ſich jetzt zu Hermina, welche ihn mit ängſtlichem Blick anſchaute und ihm ein Angeſicht zeigte, welches ſcheinbar ruhig war, aber durch ſeine tödtliche Bläſſe einen unausſprechlichen Schmerz ver⸗ rieth. „Mein Fräulein,“ ſprach er,„ich würde niemals den Muth gehabt haben, zu einem ſolchen Zwecke mich hier einzufinden; aber Ihr Herr Vater hat mich hoffen laſſen, daß Ihnen ſo gut wie mir eine Ver⸗ bindung unſerer beiden Familien nur angenehm ſein würde. Sie ſind jung und ſchön; ich kann von mir ſelbſt ſolches nicht ſagen. Offenherzig muß ich be⸗ kennen, daß ich ſogar niemals an eine Heirath ge⸗ dacht haben würde, wenn ich nicht Jemand nöthig hätte, auf den ich mich ſicher verlaſſen kann, um in meinem Hauſe Wache zu halten, wenn meine Handelsgeſchäfte mich nöthigen, nach Antwerpen, Brüſſel oder Löwen zu reiſen. Es geſchieht alſo nicht aus Liebe, daß ich zu Ihnen komme; ich fordere gleichfalls keine Liebe von Ihnen; aber daß ich ein guter Junge bin und Alles thun werde, was in meinen Kräften ſteht, um Ihnen das Leben angenehm zu machen, daß ich Sie achten und ehren werde: davon dürfen Sie überzeugt ſein. Ich ſehe voraus, daß Ihre Neigungen nicht ſind, wie die meinigen. Ich bedaure es; aber wenn ich Ihnen volle Freiheit laſſe und Sie in Nichts behindere, ſo werden Sie dieſen Unterſchied nicht bemerken. Ich habe keinen andern Wunſch, als in Frieden zu leben und des Abends nach der Arbeit einige Stunden in dem Caféhauſe mit Freunden zubringen zu können. Was Sie betrifft, ſo ſollen Sie einen ſchönen Garten on mit geſicht ) ſeine ez ver⸗ iemals Zwecke at mich e Ver⸗ m ſein on mir ich be⸗ ath ge⸗ nöthig n, um meine verpen, ht alſo ne; ich er daß werde, Leben d ehren ſch ſehe vie die Ihnen 99 haben, einen Wagen, Muſikalien, Bücher: mit einem Worte, Alles, was Sie nur verlangen. Was ſagen Sie dazu?“ „Sie ſind allzu gütig, mein Herr,“ erwiederte Hermina ſehr leiſe und ſo klagend, daß der Ton ihrer Stimme allein genügte, ein gefühlvolles Herz zu zerreißen. Pottewal blieb einen Augenblick ſprachlos; dann ſagte er mit einem gewiſſen Mißmuth: „Mein Fräulein, ich bin nicht hieher gekommen, in der Abſicht, Sie zu betrüben, und viel weniger, Sie zu Etwas zu zwingen, das Ihnen unangenehm ſein könnte. Ich glaube zu bemerken, daß mein Vor⸗ ſchlag Ihnen nicht gefällt. Vergeben Sie mir meine Kühnheit: Ihr Vater hat mich getäuſcht...“ Dieſe letzten Worte riefen Hermina gewaltſam zu dem Bewußtſein ihres Zuſtandes zurück. „Glauben Sie mir, ich bitte Sie, mein Herr,“ ſeufzte ſie,„mein Vater hat Sie nicht getäuſcht; er hat Ihnen Nichts als die Wahrheit geſagt.“ „Es iſt mir unbegreiflich,“ entgegnete Pottewal kopfſchüttelnd.„Sie geben alſo Ihre Einwilligung, Fräulein, meine Gattin zu werden?“ „Ja, ja, mein Herr; der Wille meines Vaters iſt ein Geſetz, das ich ehre; ich werde gehorchen. Seien Sie ſo edelmüthig, auf meine Erregtheit nicht zu achten. Sie wird vorübergehen. Ich werde Ihre Braut; Sie haben ein gutes Herz; ich werde Gott bitten, daß er mir geſtatte, Sie glücklich zu machen!“ „Aber iſt Ihre Zuſtimmung auch gut gemeint, mein Fräulein?“ fragte Pottewal mit einem Aus⸗ druck von Mitleid und Zweifel.„Mir dünkt Ihrer 7 Sprache nach, daß Sie ſich nur einem ſchmerzlichen Zwang unterwerfen? Ich bedaure auf's Höchſte, hieher gekommen zu ſein. Gott bewahre mich vor dem Verlangen, daß ein ſchönes und unſchuldiges Kind wie Sie gegen ſeinen Willen ſich einem Manne ohne Verdienſte, gleich mir, verloben ſoll. Wohlan, es iſt Nichts geſchehen...“ Hermina, über dieſe Worte tödtlich erſchrocken, erhob die Hände bittend zu Pottewal und rief: „O, mein Herr, aus Güte, aus Mitleid, weiſen Sie mich nicht zurück! Vergeben Sie mir! Ich werde Ihnen für Ihren Edelmuth dankbar ſein!“ „Wahrhaftig, Fräulein, ich weiß nicht, was ich thun ſoll,“ murmelte Pottewal verlegen.„Ich wünſche nichts Beſſeres, als Ihnen angenehm ſein zu können.“ „Ich flehe Sie an, mein Herr, haben Sie Mit⸗ leid mit mir,“ wiederholte das Mädchen. „Faſſen Sie ſich doch, mein Fräulein,“ ſprach der Getreidehändler in ruhigem, ſanftem Tone.„Ich bin ein guter Junge und werde es Ihnen nicht übel auslegen, wenn Sie mir erklären, daß dieſe Heirath Ihren Beifall nicht hat. Ich fordere nicht viel Worte. Laſſen Sie mich Ihre Geſinnung nur durch eine Bewegung des Kopfes erkennen; dieß genügt mir vollkommen. Laſſen Sie hören, ſtimmen Sie zu, mit freiem Willen und ohne Betrübniß, die Frau von Franz Pottewal zu werden? Sagen Sie ja oder nein, wir werden auf alle Fälle dieſe peinliche Unterhaltung endigen. Nun wohlan?“ „Mit freiem Willen, ohne Betrübniß, ja, ja!“ ſtammelte Hermina. lichen öchſte, h vor diges ſanne ohlan, docken, veiſen Ich 101 Und als ob dieſe lügenhafte, dieſe grauſam ab⸗ gezwungene Zuſtimmung die letzte Kraft des armen Mädchens vernichtet hätte, brach ſie plötzlich in Thrä⸗ nen aus und begann laut zu ſchluchzen, während ſie ſich die Hände vor das Angeſicht hielt. Thereſe hatte während dieſer ganzen Unterredung ihre Blicke auf Hermina mit einem Ausdruck der Geringſchätzung und Selbſtzufriedenheit ruhen laſſen; man hätte denken ſollen, daß ſie ſich über den Kum⸗ mer und Widerſtand ihrer Schweſter innerlich freue. Pottewal dagegen war von Mitleid gerührt und be⸗ mühte ſich, das weinende Mädchen mit ſüßen Worten zu tröſten. Nach einer Weile ſtand Hermina von ihrem Seſſel auf und ſagte, während die Thränen ihr über die Wangen floßen: „O, vergeben Sie mir, mein Herr! Ich bin krank, ich werde unterliegen; ich kann nicht hier blei⸗ ben; der Kopf ſchwindelt, die Sinne vergehen mir. Laſſen Sie mich weggehen. Sie ſind ein edelmüthi⸗ ger Mann; ich flehe Sie an, gehen Sie zu meinem Vater; ſagen Sie ihm, daß ich meine Einwilligung gegeben habe, daß Sie zufrieden geſtellt ſind, daß unſere Heirath beſchloſſen iſt. Leben Sie wohl, mein Herr, leben Sie wohl!“ Sie ſchritt wankend nach der Thüre und mußte ſich an den Wänden halten, um nicht zu Boden zu ſinken. Sobald ſie verſchwunden war, ſagte Pottewal traurig zu Thereſe: „Ihr Herr Vater hat mich verſichert, mein Fräu⸗ lein, daß Ihre Schweſter meiner Ankunft mit un⸗ geduldiger Freude entgegenſehe und ich hier mit offenen Armen empfangen werde. Hätte ich dieſe Aufnahme vorausſehen können, ich würde es gewiß nicht ge⸗ wagt haben, ein ſo junges, ſchönes Fräulein zur Ehe zu begehren. Ich weiß nicht, es iſt nun beſchloſſen; aber ich fange zu fürchten an, daß ich nicht glücklich ſein werde.“ „Ich fürchte es gleichfalls, mein Herr,“ antwor⸗ tete Thereſe. „So? Darf ich die Gründe dieſes Gefühls wiſſen?“ „Die Gründe davon ſind einfach, mein Herr. Sie wollen ſich in die Che begeben, weil Sie eine Frau nöthig haben, welche Ihr Haus behüte und dafür ſorge, daß Alles ſeinen gehörigen Gang habe, ſo lang Sie in Ihren Handelsgeſchäften abweſend ſind. Meine Schweſter iſt noch ein unwiſſendes Kind, ohne alle Welterfahrung. Sie hat eine verkehrte Erziehung erhalten und träumt nur von ſchönen Kleidern, von Concerten, Spaziergängen und andern eiteln Dingen. Die Frau, welche Sie glücklich machen und Ihnen behülflich ſein könnte, Ihr Vermögen zu bewahren und zu vermehren, dürfte nicht ſo äußerſt jung ſein. Sieben⸗ oder achtundzwanzig Jahre wäre gewiß das vortheilhafteſte Alter; denn alsdann hat man noch alle die Friſche des Lebens im Verein mit der Er⸗ fahrung von den Dingen dieſer Welt, und man iſt nicht mehr den tauſend grillenhaften Lüſten unter⸗ than, welche nur zu Zeitverluſt und Geldverſchwen⸗ dung Anlaß geben. Hätten Sie eine ſolche Frau, mein Herr, ſeien Sie überzeugt, Monate lang könn⸗ ten Sie auf Reiſen ſein, ohne jemals über den pffenen nahme ht ge⸗ ir Ehe loſſen; ücklich atwor⸗ efühls Sie Frau dafür lang Meine alle ehung von ngen. Ihnen ahren ſein. 3 das noch r Er⸗ in iſt inter⸗ wen⸗ Frau, könn⸗ den 103 Gang Ihrer Angelegenheiten zu Hauſe ſich die ge⸗ ringſte Sorge machen zu müſſen, und würden bei Ihrer Rückkehr Alles in der vollkommenſten Ordnung finden. Sie wüßten, daß daſelbſt während Ihrer Abweſenheit eine ſorgfältige, eine zärtliche Mutter über Ihre lieben Kinder wachte. Ich begreife es, daß der Mann an ſeiner Gattin auch einige Reize verlangt; aber die Eigenſchaften einer guten Haus⸗ frau ſchließen darum eine gewiſſe Schönheit nicht aus.“ Während dieſer Rede, deren ſonderbarer Ton Pottewal überraſchte, hatte er ſeine Augen unabläſſig auf Thereſens Geſicht geheftet, und er ſchien dann und wann ſich in tiefes Nachdenken zu verlieren. Auf⸗ ſtehend murmelte er: „Sie haben viel Verſtand, Fräulein; was Sie da ſagen, iſt vielleicht ganz wahr, aber man kann nicht Alles gerade ſo haben, wie es ſein ſollte. Ihre Schweſter ſcheint mir einen ſanften Charakter und ein gutes Herz zu beſitzen. Das iſt ſchon ſehr viel. Nun, laſſen Sie uns jetzt zu Ihrem Herrn Vater gehen. Er wartet wahrſcheinlich mit Ungeduld dar⸗ auf, den Ausgang dieſer Zuſammenkunft zu er⸗ fahren.“ „Und was werden Sie ihm ſagen, mein Herr?“ fragte ſie mit bekümmerter Stimme. „Ich werde ihm ſagen, daß Ihre Schweſter ihre Einwilligung gegeben hat.“ Ein Seufzer wallte aus Thereſens Bruſt auf, während ſie dem Getreidehändler durch den Haus⸗ gang folgte. In dem Garten kamen Hermina's Eltern ihr ent⸗ gegen. Romys fragte lachend: 104 „Nun, Freund Pottewal, wie iſt die Sache ab⸗ gelaufen? Sind Sie zufrieden?“ „Fräulein Hermina hat ihre Einwilligung ge⸗ geben,“ war die Antwort. Die Mutter erbleichte, als wäre ihr noch die Hoffnung geblieben, Herr Pottewal würde noch immer einen Grund gefunden haben, die Heirath von der Hand zu weiſen. „Ha, dann wünſche ich Ihnen Proficiat*)!“ rief Bonifacius Romys, ſich die Hände reibend.„Nun, wir wollen hineingehen, um auf der Stelle Alles in's Reine zu bringen.“ „Nein, ich bitte Sie, mein Herr, laſſen Sie uns das bis morgen oder übermorgen verſchieben,“ ant⸗ wortete der Getreidehändler kopfſchüttelnd.„Ich be⸗ greife jetzt, daß es um die Ehe eine wichtige Sache iſt, worüber man wohl einige Stunden nachdenken darf. Seien Sie jedoch deßhalb unbekümmert, ich werde morgen wiederkehren, um mit Ihnen die Frage wegen dieſer Verbindung unſerer beiden Familien zum Abſchluß zu bringen. Geſtatten Sie mir nur, Sie zu verlaſſen. Leben Sie wohl bis morgen.“ Romys wollte den Getreidehändler zum Bleiben nöthigen; doch dieſer widerſtand ſeinen Bemühungen und begab ſich nach Hauſe. Hermina's Vater folgte Pottewal bis auf den Gang und ſuchte ihn zu einer Erklärung über die Urſache ſeines Bedenkens zu be⸗ wegen.— Vielleicht hatte er dieſelbe einigermaßen durchſchaut, denn als er in den Garten zurückkehrte, rief er in heftigem Zorn: *) Wohl bekomm's. A. d. U. L Cock auf d U raſche Schat Nachr an de A Weile wolke ſprach rung ſcheint langer Sollte iche ab⸗ ng ge⸗ och die immer on der !“ rief „Nun, 2s in's ie uns ant⸗ ſch be⸗ Sache denken t, ich Frage milien nur, 1. leiben ungen folgte einer u be⸗ naßen ehrte, 10⁵ „Wo iſt Hermina? Wo iſt Hermina?“ „Sie ſitzt auf ihrem Zimmer und weint,“ ſagte Thereſe. „Ho, ich dachte es mir wohl!“ polterte der er⸗ grimmte Mann.„Wir wollen es ſehen! Sie ſoll Pottewal heirathen; ſie ſoll heirathen, ſage ich, oder es ſollen hier furchtbare, ſchreckliche Dinge vor⸗ gehen!“ Und von ſeiner jammernden Frau gefolgt, eilte er wie wüthend in das Haus, um in Hermina's Zimmer hinaufzuſteigen. V. Herr Blondeel und ſein junger Freund Ernſt de Cock hatten die Eiſenbahn genommen und ſtiegen jetzt auf der Station von Darlingen ab. Unter fortdauerndem Geſpräche begaben ſie ſich raſchen Schrittes in die Stadt und hielten ſich im Schatten der Bäume; denn obgleich es ſchon ſpät am Nachmittag war, brannte die Sonne noch ſehr heiß an dem tiefblauen Himmel. Als ſie ſich der Stadt näherten, richtete Ernſt eine Weile den Blick auf die hohen Kamine, deren Rauch wolken beinahe ſenkrecht in die Luft aufſtiegen, und ſprach dann mit einer gewiſſen freudigen Verwunde⸗ rung zu ſeinem Begleiter: „Vier oder fünf neuerbaute Fabriken? Darlingen ſcheint endlich zum Gefühl ſeiner Beſtimmung zu ge⸗ langen. Ich habe oft in England daran gedacht. Sollten Sie wohl glauben, Herr Jan, daß keine Stadt 106 in Belgien beſſer als ſie alle die Eigenſchaften dar⸗ bietet, um der Mittelpunkt einer mächtigen Gewerbs⸗ thätigkeit zu werden? Reines und überflüſſiges Waſ⸗ ſer, viele Straßen nach allen Gegenden des Landes, ein Fluß, der ſich mit geringen Koſten ſchiffbar machen läßt; die Materialien in Menge am Platze, der Tag⸗ lohn wohlfeil... Warten Sie nur, ich werde in Darlingen ſchon Kapitalien finden, um damit nütz⸗ lichen und gewinnreichen Unternehmungen Vorſchub zu leiſten.“ Blondeel ſchüttelte mit verneinendem Zweifel den Kopf. „Hier, mein guter Ernſt, iſt nicht der Ort, wo Du das geträumte Vermögen finden wirſt,“ mur⸗ melte er. „Aber, Herr Jan, geſtatten Sie mir, Ihnen zu bemerken,“ fuhr der Jüngling fort,„die Induſtrie iſt die Zukunft der heutigen Civiliſation. Kein Volk, es müßte denn aus freiem Willen ſeinem Fall ent⸗ gegengehen, kann der Nothwendigkeit widerſtehen, in der Induſtrie und dem Handel der Bewegung der Welt zu folgen. Und wahrlich, unſer Vaterland iſt nicht dazu angethan, um zurückzubleiben. Zum Be⸗ weiſe dafür dient: das kleine Belgien erregt bereits das Erſtaunen der mächtigſten Völker durch die Man⸗ nigfaltigkeit ſeiner Etabliſſements und durch die rieſen⸗ hafte Entwicklung ſeiner Volksarbeit.“ „Du biſt ſehr beredt über dieſes Kapitel, ich weiß es,“ antwortete Herr Jan mit einem beifälligen Lä cheln.„Soweit Du unſer Land im Allgemeinen be⸗ trachteſt, gebe ich Dir Recht; aber was Darlingen betrifft, ſo ſage ich Dir voraus, daß Du Dich ge⸗ gründ nahe thum deren beſteht nuß u Habe Etwas Beſtre Pachto ken vo en dar⸗ werbs⸗ 8 Waſ⸗ Landes, machen er Tag⸗ erde in it nütz⸗ orſchub Zweifel ct, wo mur⸗ ien zu trie iſt Volk, all ent⸗ en, in ag der and iſt m Be⸗ bereits Man⸗ rieſen⸗ h weiß en Lä en be⸗ lingen ch ge⸗ 107 täuſcht finden wirſt. Das Geld mangelt hier der Gewerbsthätigkeit.“ „Das Geld? Darlingen iſt, ſagt man, eine un⸗ gemein reiche Stadt.“ „Sehr reich, viel zu reich, mein Junge.“ „Es müſſen demnach verfügbare Kapitalien da ſein?“ „Todte Kapitalien.“ „Aber man wird ſie, Herr Blondeel, durch die Zuſicherung großen Gewinns in's Leben rufen.“ „Unmöglich, mein Freund. Die Fabriken, welche wir ſo eben geſehen haben, ſind von Fremden ge⸗ gründet, nur drei oder vier von Darlingern, die bei⸗ nahe ohne Mittel angefangen haben. All der Reich⸗ thum der Stadt iſt in den Händen von Rentiers, deren Vermögen blos in Pachthöfen und Ländereien beſteht. Sie leben kärglich, verſagen ſich jeden Ge⸗ nuß und ſuchen durch übertriebene Sparſamkeit ihre Habe zu vermehren, ohne jedoch zu dieſem Zwecke Etwas auf's Spiel ſetzen zu wollen. Ihr einziges Beſtreben iſt, von dem erſparten Geld immer neue Pachtgüter anzukaufen. Jezt ſind wir an den Fabri⸗ ken vorüber. Schau vor Dich hin, in die lange ein⸗ ſame Straße hinab, bemerke die verſchloſſenen Häuſer, die Stille, das Gras, welches zwiſchen den Steinen hervorwächst; ſagen dieſe Zeichen der Bewegungs⸗ loſigkeit Dir nicht, daß Darlingen ſchlafen will, wäh⸗ rend Jedermann wacht und arbeitet?“ „Aber ich kann nicht begreifen, welches die Gründe davon ſein mögen,“ erwiederte der junge Mann mit einem Ausdruck des Zweifels.„Jedermann beurtheilt die Einwohner von Darlingen mit abſonderlicher 108 Strenge. Es war bereits ſo vor meiner Abreiſe nach England. Es müſſen hier doch auch verſtändige Leute wohnen, ſo gut als anderswo?“ „Gewiß, Ernſt, treffliche, verſtändige Leute, von edlem Herzen und geſundem Kopfe; aber die Andern machen die übergroße Mehrheit aus und zwingen Jedermann, ſich gleich dem großen Haufen zu be⸗ tragen, bei Strafe von Mißachtung und ſelbſt von Verfolgung. Daß Du wenig Gutes von den Dar⸗ lingern ſagen hörſt, kommt daher, weil ſie meiſtens immerdar von einander und folglich ſo auch von ſich ſelbſt Uebles reden.“ In dieſem Augenblick ließ ſich von der Straße aus ein plötzliches Geräuſch vernehmen. Herr Blon⸗ deel hatte gerade noch Zeit, um zur Seite zu ſprin⸗ gen, denn mit Windesſchnelligkeit flog an ihm eine prächtige offene Chaiſe vorüber, worin ein junger Mann mit einer Dame ſaß. „Der Unverſchämte!“ grollte Ernſt, roth vor Ent⸗ rüſtung.„Es fehlte kaum ein Bischen, ſo hätte er Sie überfahren, Herr Jan, ohne uns nur zuvor durch den geringſten Ruf zu warnen. Iſt der junge Mann ein Darlinger?“ „Ha, ha!“ rief Blondeel lachend,„ſo ſtraft Gott die Habgier. Der junge leichtſinnige Burſche iſt allerdings ein Darlinger. Siehſt Du dort einige Schritte von uns jenes große Haus mit ſeinen ſchwar⸗ zen Mauern? Dort wohnte ein alter Millionär, wel⸗ chen man nur unter dem Namen des Pfennig⸗ fuchſers kannte. Er lebte allein und war ſo geizig, daß er ſogar auf ſeinem Todtenbette Niemands Hülfe annehmen wollte, aus Furcht, man möchte ihn zur Ausge mußte Gewa mittel Alles geſtorl menge in den vier be zwanzie mals l und da ander deres wenn e *) S iſe nach ſe Leute e, von Andern wingen zu be⸗ bſt von n Dar⸗ reiſtens don ſich Straße Blon⸗ ſprin⸗ m eine junger or Ent⸗ ätte er r durch Mann t Gott che iſt einige ſchwar⸗ c, wel⸗ nnig⸗ geizig, Hülfe in zur 109 Ausgabe von einigen Stübern zwingen. Das Amt mußte die Thüre ſeiner Wohnung öffnen, und mit Gewalt wollte man ihn zum Gebrauch einiger Arznei⸗ mittel veranlaſſen. Er hat aus ängſtlichem Geize Alles verworfen und iſt buchſtäblich wie ein Hund geſtorben. Weißt Du, was nun mit ſeinem zuſam⸗ mengeſcharrten Vermögen geſchieht? Der junge Herr in dem prächtigen Wagen iſt ſein Vetter und einzi⸗ ger Erbe. Er hat eine Wohnung in Brüſſel bezogen und lebt dort, als ob die ganze Welt ihm gehörte. Die Hälfte des Erbguts iſt gewiß ſchon durchge⸗ bracht.“ „Iſt er verheirathet? Iſt das ſeine Frau, welche neben ihm in der Chaiſe ſaß?“ „Nein, nein, es iſt eine Dame, welche ihm das Vermögen des Pfennigfuchſers zu vergeuden hilft. Ah, Ernſt, Du kennſt Darlingen noch nicht. Es gibt da nicht wenig Perſonen von der Sorte, welche die Franzoſen mit dem Worte originaux*) bezeichnen. Sieh da, linker Hand, jenes Haus mit ſeiner hohen Jacade. Dort wohnen zwei Brüder und zwei Schwe⸗ ſtern, welche unverheirathet geblieben ſind, um ihr Vermögen nicht theilen zu müſſen. Sie ſind nun alle vier bereits ſehr alt. Kannſt Du glauben, daß ſeit zwanzig Jahren dieſe Brüder und Schweſtern nie⸗ mals beiſammen ſind, als am Tiſche, um zu eſſen, und daß ſie beinahe niemals, nein niemals mit ein⸗ ander ſprechen? Es beſteht zwiſchen ihnen kein an⸗ deres Band, als das gemeinſame Vermögen; denn wenn es wahr iſt, was ihre Dienſtmägde ſagen, haſ⸗ *) Sonderlinge. A. d. U. —— 110 ſen ſie einander und leben zuſammen gleich vier Wölfen in einem und demſelben Loche... Haſt Du das kleine Mädchen nicht bemerkt, hinter dem Fenſter, an welchem wir ſo eben vorübergingen? Sie iſt ſehr unglücklich. Ihre Eltern wurden ohne Liebe verheirathet; man hatte ſie aus Vermögens⸗ rückſichten vereinigt. In einem ſolchen Fall iſt ein Familienleben unmöglich, wenn es nicht einem der beiden Ehegatten gelingt, den andern zu ſeinem Scla⸗ ven zu machen. Hier jedoch fand der Mann eine Frau von unbeugſamer Hartnäckigkeit, und die Frau fand einen Mann von nicht geringerer Willenskraft. Ich getraue mir faſt nicht zu ſagen, was zwiſchen ihnen geſchah: es waren Leute von guter Geburt. Schon nach einigen Monaten gab es in dieſem Hauſe heftige Scenen, und endlich ſchlugen ſich die erbitter⸗ ten Eheleute beinahe täglich, ohne ſich vor den Nach⸗ barn zu ſchämen. Ihre Feindſchaft hatte bei ihnen ſelbſt das Gefühl der Schicklichkeit vertilgt. Der Muth des Mannes brach zuerſt; er hat im Trunke Vergeſſenheit ſeines traurigen Lebens geſucht. Eines Abends, als er heimkehrte, bekam ſeine Frau einen ſo heftigen Zornesanfall, daß ſie daran ſtarb. Was ihn betrifft, ſo erlag er bald hernach den Folgen ſei⸗ nes Hangs zur Trunkenheit. Sie haben ein Mäd⸗ chen von vier Jahren hinterlaſſen. Das arme Kind, das ſeine Eltern, ſo zu ſagen, nicht gekannt hat und nur als traurige Erinnerung an eine verhängnißvolle Heirath noch da iſt... Du ſagſt Nichts, Ernſt? Du ſcheinſt nachdenklich?“ „In der That, Herr Blondeel, dieſe traurigen Geſchichten verdüſtern mir den Geiſt.“ einige danke leichte gewo⸗ gewa anfän Deine Ich: noch halten tung nicht Nun, Stelle C die N hatte den 4 ch vier Haſt er dem gingen? n ohne nögens⸗ iſt ein nem der n Scla⸗ in eine e Frau nskraft. ziſchen Geburt. 1 Hauſe erbitter⸗ n Nach— i ihnen . Der Trunke Eines u einen Was gen ſei— 1 Mäd⸗ e Kind, hat und nißvolle Ernſt? aurigen 111 „O, ich könnte Dir noch viele andere erzählen. Wenn Du Gelegenheit hätteſt, nur einen einzigen Tag in Darlingen zu bleiben und in Geſellſchaft, be⸗ ſonders von Frauen, zu ſein, ſo müßteſt Du bald die Geſchichte aller Einwohner hören. Sobald man hier keine beſondern Gegenſtände abzuhandeln hat, ſpricht man von nichts Anderem als dem Leben und Trei⸗ ben ſeiner Mitbürger. Viel Gutes ſagt man nicht; dieß bringt kein Salz in das Geſpräch... Aber Du hörſt nicht, Ernſt? Ich begreife, wir nähern uns der Wohnung von Romys. Klopft Dir das Herz nicht ein Bischen, bei dem Gedanken, daß Du in einigen Augenblicken Hermina ſehen ſollſt?“ „Sie ſagen die Wahrheit, Herr Jan, der Ge⸗ danke daran regt mich auf,“ flüſterte Ernſt mit einer leichten Röthe auf der Stirne.„Wie muß ſie groß geworden ſein?“ „Nicht anders, mein Junge; ſie iſt eine aus⸗ gewachſene Frau. Du mußt Dir jedoch, beſonders anfänglich, Zwang anthun; denn wenn ihr Vater Deine Erregung bemerkte, würde er Verdacht ſchöpfen. Ich muß ihn allmälig zu gewinnen trachten. Heute noch nicht, aber nach einigen Beſuchen. Sei zurück⸗ haltend, ſprich von Gelderwerb und zeige viel Ach⸗ tung vor einem großen Vermögen. Es wird Dir nicht ſchwer fallen, da Du gerade ſolche Ideen hegſt. Nun, Herr über Dich ſelbſt: wir ſind an Ort und Stelle.“ Er war im Begriff, die Glocke zu ziehen; aber die Magd, welche ihn vom Fenſter aus ſchon geſehen hatte, öffnete die Thüre und rief, ſobald beide in den Hausgang getreten waren: 112 „Guten Tag, Herr Blondeel; o, ich danke Ihnen aus der Tiefe meines Herzens, im Namen meiner blinden Schweſter! Wir haben in unſern Gebeten Ihrer auf's Innigſte gedacht.“ „Nicht davon geſprochen, Sophie. Iſt Deine Herrſchaft zu Hauſe?“ „Sie werden dieſelbe im Garten finden, Herr,“ war die Antwort. Die Magd betrachtete den jungen Mann mit be⸗ ſonderer Aufmerkſamkeit und ſchien in ſeinen Zügen eine Aehnlichkeit zu ſuchen. „Du kennſt mich nicht mehr, Sophie?“ fragte er. „Du haſt mich doch öfters in Herrn Blondeels Gar⸗ ten geſehen, und ſelbſt zwei oder drei Mal in dieſem Hauſe.“ „Iſt es möglich?“ rief die Magd.„Die Stimme? Sie ſind Ernſt? Herr de Cock? Was muß ich alt werden! Ich habe Sie gekannt, da Sie noch keine ſieben Jahre alt waren. Meine blinde Schweſter iſt Magd bei Ihren Eltern ſelig geweſen. Ach, wie iſt Gott ſo gut, daß er Sie zu einem ſo ſchönen Mann heranwachſen ließ!“ Ernſt richtete einige freundliche Worte an ſie, um der alten Frau für dieſen Beweis ihrer Neigung zu danken; aber nun waren ſie an das Ende des Gangs gekommen. Blondeel öffnete die Gartenthüre, und die Magd kehrte in die Küche zurück. Herr Romys ging ungeduldig in den Garten⸗ wegen auf und ab; ſeine Frau ſaß an dem Tiſche und ſtrickte an ihrer Arbeit fort; Thereſe, noch im Feſtanzuge, hatte nicht weit von ihrer Mutter Platz genommen und ſchien in Gedanken verloren. Neigr Ihnen neiner ebeten Deine Herr,“ nit be⸗ Zügen Ite er. Gar⸗ dieſem imme? ich alt ) keine ſter iſt wie iſt Mann ie, um ung zu Gangs , und harten⸗ Tiſche dch im Platz 113 Als die unerwarteten Beſucher bemerkt wurden, rückte Romys dem Tiſche näher und gab ſeinem Ge⸗ ſicht einen leichten Ausdruck von Freundlichkeit. Die Frau ſprang mit einem Rufe freudiger Ueberraſchung auf; aber der ſtrenge Blick ihres Mannes bezwang ſogleich dieſe Bewegung. Thereſe erhob ſich langſam von ihrem Seſſel und warf den Kopf mit einer Art vornehmen Stolzes auf; ihre Lippen kniffen ſich zuſammen und ihr Geſicht nahm einen Anflug kalter Zurückhaltung an, gleich Jemand, der ſich vor der Hand gegen die mögliche Vertraulichkeit einer, geringern Perſon in Vertheidi⸗ gungsſtand ſetzt. Sie hatte demnach Ernſt erkannt. Zu dem Tiſche tretend, ſprach Jan Blondeel: „Wie ſteht es hier? Ziemlich gut, ſehe ich. Und meine Nichte Thereſe, wie ſie heute ſo ſchön iſt! Ich habe die Ehre, Euch unſern jungen Freund, Ernſt de Cock, vorzuſtellen, welcher aus England zurückgekehrt iſt und es nicht unterlaſſen konnte, Euch einen Be⸗ ſuch zu machen.“ Der junge Mann verbeugte ſich tief vor Romys und deſſen Tochter und ſprach in ruhigem Tone: „Mein Herr, Madame, mein Fräulein, ich erfülle eine angenehme Pflicht, indem ich Ihnen meine ehr⸗ erbietige Begrüßung darbringe, und danke Gott, wel cher mir geſtattet, Sie Alle in guter Geſundheit wie⸗ der zu ſehen.“ Thereſe antwortete durch eine faſt unſichtbare Neigung des Kopfes; Madame Romys ſchien einen Stuhl vorſchieben zu wollen, um dem jungen Mann einen Sitz neben ſich anzubieten; aber ihre Bewegung war ſo undeutlich, daß er ihre Abſicht nicht bemerkte. Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 8 114 „Es iſt verdrießlich, Blondeel, daß Ihr nicht ein wenig früher gekommen ſeid,“ murmelte Bonifa⸗ cius Romys.„Wir haben ſchon vor einer Stunde Café getrunken; ſonſt hättet Ihr eine Taſſe mit uns trinken können.“ „Bah, laß die Magd neuen Café machen,“ ent⸗ gegnete Herr Jan.„Das verurſacht keine große Mühe, und ich bekenne, daß ich mit Vergnügen ein Bischen warmen Getränkes zu mir nehmen möchte. Laß uns Platz nehmen, Ernſt; ſieh, meine Schweſter bietet Dir einen Stuhl neben ſich an.“ Dieſe Vertraulichkeit rief einen Ausdruck von Verdruß auf Thereſens Geſicht hervor. Romys mußte gleichfalls nicht ſehr befriedigt ſein; denn er begab ſich brummend in das Haus, wahrſcheinlich um der Magd zu befehlen, noch einmal den Topf außzuſetzen und für den unzeitigen Beſuch Café zu bereiten. „Ei nun, wo iſt Deine Schweſter Hermina?“ fragte Blondeel Thereſe. „Sie iſt auf ihrem Zimmer; ſie hat Kopfweh,“ antwortete das verſtörte Mädchen in kurzem Ton. „Ich verſtehe: eine Hochzeit in der Familie bringt immer einige Aufregung mit ſich, beſonders wenn man jung und gefühlvoll wie die gute Hermina iſt.“ „Du weißt alſo von dieſer Hochzeit, Bruder?“ rief Madame Romys mit Verwunderung.„Himmel, und Dir ſcheint wohl zu Muthe?“ „Warum nicht? Es iſt eine gute Partie.“ „Eine gute Partie!“ ſeufzte die beſtürzte Mutter. „Ach, meine arme Hermina!“ „Hermina wird ſich tröſten, Schweſter. Herr Pottewal iſt ein guter Junge, und ſein Vermögen nicht Zonifa⸗ Stunde it uns “ent⸗ große gen ein möchte. hweſter k von mußte begab uim der zuſetzen ten. nina?“ ofweh,“ Ton. bringt 8 wenn na iſt.“ ruder?“ Himmel, Mutter. Herr ermögen 115 noch ganz anſehnlich. Ich wünſche meiner Nichte Thereſe von Herzen Glück zu ihrer Heirath.“ „Aber nicht Thereſe wird heirathen,“ rief Ma⸗ dame Romys.„Hermina iſt es.“ „Hermina?“ wiederholte Herr Jan erbleichend, während er einen ängſtlichen Blick auf Ernſt warf, welchen ein Zittern zu befallen ſchien, und deſſen Augen einen plötzlichen Schrecken verriethen.„Her⸗ mina? Es iſt alſo Hermina, welche den dicken Potte⸗ wal heirathen ſoll?“ „Es iſt der Wille ihres Vaters,“ beſtätigte die Frau. „Und ſie, was ſagt ſie dazu?“ „Seit zwei Tagen ſchwimmt ſie in Thränen, Bruder.“ Blondeel beugte das Haupt, um über die uner⸗ wartete, die vernichtende Kunde nachzudenken. In⸗ zwiſchen ſchritt Thereſe langſam nach dem Hauſe zu und verſchwand in dem Gang. „Ha, das iſt ein Bischen zu ſtark!“ rief Blon⸗ deel, in vollem Zorne aufſpringend.„Man will alſo unbarmherzig dieſes gute, gefuͤhlvolle Kind ich weiß nicht welchen ſelbſtſüchtigen Berechnungen von Ver⸗ mögen aufopfern? Hermina ſoll ihr Leben lang un⸗ glücklich ſein? Wir wollen doch einmal ſehen! Wo iſt Romys? Wenn er einer ſolchen Grauſamkeit fähig wäre!..“ Er war im Begriff, nach dem Hauſe zu eilen; aber die alte Frau faßte ihn am Arm und ſagte: „Um Gottes willen, Bruder, beruhige Dich; wenn Du meinem Manne ſo zornig kommſt, ſo wird 8 k er nur noch unbarmherziger werden. Er wird es Hermina büßen laſſen.“ lü „Nein, das geht zu weit; ich fühle, wie mir das glut Blut in den Adern kocht!“ brummte Herr Jan, Mu bebend vor Entrüſtung. Wn „Ach, ich bitte Sie, bleiben Sie ruhig, Herr des Blondeel,“ flehte Ernſt, die Hände zu ihm erhebend. „Sieh, Bruder,“ fuhr Madame Romys fort,„in wah allen meinen Gebeten habe ich Gott angerufen, daß er Dir einen Engel ſenden möge, um Dich nach unte Darlingen zu rufen. Deine Ankunft war meine ein⸗ Auf zige Hoffnung, die einzige Hoffnung meiner armen, well bedrückten Hermina. Vielleicht kannſt Du noch Etwas hielt thun, um die verhängnißvolle Aufopferung meines freu Kindes zu verhindern; aber Du mußt meinem Mann mit Sanftmuth beikommen und ihn nicht bedrohen, will ſonſt iſt Alles ganz und gar verloren. Du kennſt ſcher ihn: ſobald er auf die Vermuthung geräth, daß 4 man ihm Widerſtand leiſten will, wird er unbiegſam Herr wie Eiſen. O, um des Glücks von Hermina, um Deines theuren Pathenkindes willen, bezwinge Deine Heir Aufregung!“ er Herr Jan ſchwieg einen Augenblick und ſchüttelte höreꝛ nachdenklich den Kopf. „Du haſt Recht, Schweſter,“ ſagte er,„ich laſſe erwa mich von einer gerechten Entrüſtung fortreißen. Ich bega muß meiner ſelbſt Meiſter bleiben. Sanftmuth iſt iſt n in der That das alleinige Mittel. Ich will mei⸗ Mint nen Schwager aufſuchen, um ein Geſpräch mit ihm geſetz anzuknüpfen. Sei ruhig und ſprich dem armen üͤber Ernſt ein Bischen Muth ein, denn er iſt todes⸗ 8 bleich und bebt an allen Gliedern. Er wird gleich⸗ faßte rd es ir das Jan, Herr ebend. t,„in „ daß nach e ein⸗ urmen, Ftwas neines Mann rohen, kennſt , daß iegſam 1, um Deine üttelte 117 falls ſein Leben lang trauern, wenn Hermina un⸗ glücklich würde.“ „Ich weiß es; ich danke ihm,“ flüſterte die Mutter, während ſie mit tiefem Gefühl die Hand des jungen Mannes faßte. „Nun, hoffet beide; ich weiß nun, welche Mittel man erproben muß. In Kurzem bin ich wieder da; wartet guten Muthes.“ Er ſchritt langſam durch den Garten, rieb ſich unterwegs die Stirne und öffnete die Hausthüre. Auf dem Gang begegnete er Bonifacius Romys, welcher in den Garten gehen wollte; aber Blondeel hielt ihn zurück und ſprach in ſehr ruhigem, ſelbſt freundlichem Tone: „Bruder, ich möchte gern allein mit Dir ſprechen; willſt Du die Güte haben, mir einige Augenblicke zu ſchenken?“ Romys öffnete die Thüre des Saales und bot Herrn Jan einen Stuhl an. „Du willſt mit mir wegen der bevorſtehenden Heirath meiner Tochter Hermina ſprechen?“ brummte er.„Setze Dich nieder: ich bin bereit, Dich zu hören.“ „Du wirſt leicht begreifen, Romys, daß dieſe un⸗ erwartete Kunde mich in Verwunderung geſetzt hat,“ begann er beinahe in furchtſamem Tone.„Hermina iſt mein Pathenkind; ich erwartete mit Recht, zum Mindeſten vorläufig von einem Plane in Kenntniß geſetzt zu werden, welcher, wenn er ſich verwirklicht, über ihr Leben entſcheiden wird.“ Hermina's Vater hütete mit einem liſtigen, ge⸗ faßten Blick Blondeels Auge; er hate ſich mit Ge⸗ 118 wißheit auf eine heftige Scene gefaßt gemacht und waffnete ſich mit ſcheinbarer Ruhe. „Ohne Zweifel, Bruder,“ antwortete er,„haſt Du das Recht anzuſprechen, daß Dir von dem Vor⸗ handenſein eines ſolchen Planes Mittheilung gemacht werde. Aber Du wirſt zugeben, daß man von ſol⸗ chen Dingen nicht ſpricht, ehe man des Erfolges dabei ſicher iſt: die Ehre der Familie ſteht dabei auf dem Spiele. Außerdem wäre ich morgen früh nach Brüſſel gegangen, um Dir die Kunde von dieſer glänzenden Heirath zu überbringen, in der Ueberzeugung, daß Du Dich mit mir darüber freuen würdeſt. Denke einmal, Herr Pottewal gebietet über ein Vermögen von mehr als vierhundert tauſend Francs; ich gebe Hermina hundert tauſend Francs. Das macht eine halbe Million. Pottewal treibt Handel; ſein Geld wird zum Mindeſten Fünf vom Hundert tragen. Alſo fünfundzwanzig tauſend Francs jährliches Ein⸗ kommen. Wie glücklich wird unſere Hermina ſein! Welche Ehre für die Familie, nicht wahr?“ „Dieſe Heirath iſt alſo bereits beſchloſſen?“ fragte Blondeel mit unterdrückter Aufregung. „Gewiß, wir haben einander das Jawort ge⸗ geben.“ „Und hat Hermina mit freiem Willen Herrn Pottewals Hand angenommen?“ „Ich muß glauben, ja. Auf alle Fälle ſteht nicht ihr, ſondern ſteht mir das Urtheil über Familien⸗ angelegenheiten zu.“ „Aber, Romys, ſie weint ſeit zwei Tagen unauf⸗ hörlich.“. freun allert zu be Pflic Leid zwan zwei brach deel noch ſchaft gleich Zaub ſie li leben nen. t und „haſt Vor⸗ emacht n ſol⸗ dabei f dem Brüſſel zenden „ daß Denke mögen ) gebe ht eine Geld ragen. 8 Ein⸗ ſein! ſſen?“ rt ge⸗ Herrn tt nicht milien⸗ unauf⸗ 119 Ein Funke des Zorns ſchoß aus den Augen von Hermina's Vater; doch blieb er ſeiner noch Herr und ſagte mit ſpottendem Lächeln: „So? Man hat Dir bereits davon geſagt? Weinen die Mädchen nicht immerdar vor ihrer Hoch⸗ zeit? Und wären die Thränen auch aufrichtig, die Sache iſt nun beſchloſſen; das gegenſeitige Wort iſt gegeben, und es ſteht deßhalb unwiderruflich ge⸗ ſchrieben, daß das Anſehen der Familie innerhalb ſechs Wochen um viermal hunderttauſend Francs vermehrt wird.“ Jan Blondeel faßte die Hand ſeines Schwagers und ſagte: „Romys, ich flehe Dich an, höre mir eine Weile freundlich zu. Du biſt Vater; dieſer Name gibt Dir allerdings das Recht, über das Loos Deines Kindes zu beſchließen; aber legt er Dir nicht gleichfalls die Pflicht auf, ihr künftiges Leben vor Kummer und Leid zu bewahren?“ „Leid? Mit einem Einkommen von fünfund⸗ zwanzig tauſend Franes? Kummer, wenn man alle zwei Jahre ein neues Pachtgut kaufen kann?“ unter⸗ brach ihn Bonifacius Romys. „Ich bitte Dich, laß mich ausreden,“ fuhr Blon⸗ deel mit aufſteigender Erregung fort.„Hermina iſt noch ſehr jung; ihr Herz ſehnt ſich nach Freund⸗ ſchaft, nach Zuneigung, nach Liebe. Sie umſtrahlen gleich einem jungfräulichen Kranze alle die ſüßeſten Zauber des Lebens. Sie iſt ſchön, ſie iſt fröhlich, ſie liebt die Künſte, ſie muß ihre Empfindungen in lebendiger, geiſtvoller Unterhaltung ausſtrömen kön⸗ nen. O, Romys, dieſen reinen Engel, dieſes zarte, 120 edle Kind willſt Du auf ewig und unwiderruflich und verbinden, mit wem? Mit einem Pottewal!“ erleſe „Einem Pottewal? Er iſt von einer ſehr alten ja, w Familie und beſitzt beinahe eine halbe Million.“ Schen „Es ſei, Romys; er iſt ſelbſt ein guter Junge mand — ich kenne ihn ſehr wohl, aber es ſind beinahe deſten vierzig Jahre über ſein Haupt hinweggegangen. Er würd hat nicht die mindeſte Erziehung genoſſen; er iſt lich es roh von Herz und Verſtand und weiß von Nichts allezei als von Getreide zu ſprechen. Sein einziges Ver⸗„ gnügen iſt, des Abends im Caféhauſe oder in der ſchöne Schenke zu ſitzen und ſich daſelbſt unter einem alber⸗ ren g nen Geſpräche ſo ſehr mit Bier anzufüllen, daß aller 2 Geiſt aus ſeinem Gehirn verdunſten müßte, hätte er kann jemals dergleichen beſeſſen... Und einem ſolchen Ich h. Manne willſt Du Deine Tochter Hermina geben?“ es ger „Fahre fort, fahre fort,“ murmelte ſpottend Herr ſchen Romys, dem einigermaßen die Geduld auszugehen werden ſchien.. Verdrr „Begreifſt Du nicht, Bruder, was das Loos Dei⸗ neigun nes Kindes ſein wird? Ich ſehe ſie hier ſitzen, die Opfer . arme, verlaſſene Frau, in einem großen Zimmer, ander allein mit ihren traurigen Gedanken, ſich abhärmend von ih und den Verluſt ihres Glaubens an das Leben be⸗ Sclave klagend. Denn wen ſoll ſie lieben? Mit wem ſoll Gott, ſie ſprechen? In weſſen Bruſt ſoll ſie die Empfin⸗ dieſes dungen ihrer dichteriſchen Seele ausſtrömen? Ihr Hermir Mann taugt nicht dazu; Alles was ſie fühlt, Alles Di was ſie denkt, iſt ihm fremd. Er begreift ſeine Arm⸗ und ſei ſeligkeit neben ihr; und dieſes große Stück Holz der ihr wird, wenn es ſich nicht davon ſchieben kann, neben Bo einer Frau einſchlafen, welche durch ihren Frohſinn ſagte e u, die mmer, mend in be⸗ n ſoll npfin⸗ Ihr Alles Arm⸗ Holz neben öhſinn 121 und ihre ſüße geiſtige Regſamkeit einer ganzen aus⸗ erleſenen Geſellſchaft Bewunderung abnöthigt. Ja, ja, während Pottewal auf der Reiſe iſt oder in der Schenke ſitzt, wird die arme Hermina vergeblich Je⸗ mand ſuchen, der ſie verſtehen könnte oder zum Min⸗ deſten die Schätze ihres Herzens einigermaßen zu würdigen wüßte. Begreifſt Du, Bruder, wie ſchreck⸗ lich es iſt, dieſe düſtere Einſamkeit der Seele? Allein, allezeit allein bis zum Ende ihres Lebens!“ „Bah, bah,“ brummte Romys,„ſie wird einen ſchönen Wagen, gute Pferde haben; ſie wird ſpazie⸗ ren gehen können, ſo viel ihr beliebt.“ „Spazieren gehen? Aber mit wem⸗ Ach, ich kann meine Angſt beinahe nicht bezwingen, Bruder. Ich habe die Wahrheit nicht ganz geſagt: ſo geht es gewöhnlich nicht. Außer dieſer Ungleichheit zwi⸗ ſchen Ehegatten entſpringt ein größeres Uebel. Beide werden unglücklich; beide fühlen, daß ſie Urſache des Verdruſſes für einander ſind. Dann kommt die Ab⸗ neigung, die Erbitterung, der Haß; dann ſtehen die Opfer einer verhängnißvollen Verbindung gegen ein⸗ ander auf und der Kampf dauert ſo lang, bis Eines von ihnen den Muth verliert und ſich als willenloſer Sclave dem Haſſe des Andern preisgibt. Mein Gott, ich zittere bei dem Gedanken, daß dieſer Sclave, dieſes verſchmachtete Weſen Deine gute, Deine ſüße Hermina ſein könnte!“ Die Thränen ſprangen Blondeel aus den Augen, und ſeine Stimme verlor ſich in einem dumpfen Ton, der ihn ſeine Rede zu unterbrechen zwang. Bonifacius Romys ſchwieg eine Weile, dann ſagte er mit einer eiskalten Ruhe: „Ich kenne Deine Gefühle über die Che ſeit langer Zeit, Freund Jan. Was Du mir ſagſt, iſt mir durchaus nicht neu. Es ſind Einbildungen von Jemand, der keine Familie hat und ohne Sorgen durch die Welt gegangen iſt. Hätteſt Du Kinder, Du würdeſt anders darüber denken und ſo wenig als ich die Gelegenheit vorbeilaſſen, wenn ſich eine halbe Million darbietet. Das geſchieht auf mein Wort nicht alle Tage.“ Blondeel hatte währſcheinlich auf dieſe Worte nicht gehört, denn er faßte beide Hände ſeines Schwa⸗ gers und ſagte flehend: „Nun, mein lieber Bonifaz, Du haſt ein Herz; Hermina iſt Dein Kind. Laß Dich erbitten, zwinge ſie nicht, dieſen groben Pottewal zu heirathen. Sie wird unglücklich ſein, glaube mir. Ach, habe doch Mitleiden mit ihr!“ „Du ſiehſt, Blondeel, ich habe Dich angehört,“ antwortete Romys mit unzerſtörbarer, ja triumphi⸗ render Kälte.„Es iſt vergeblich zwiſchen uns, über ſolche Dinge zu ſtreiten. Die Ehre der Familie iſt für mich das höchſte Geſetz. Was Dich betrifft, Du kennſt den Werth des Geldes nicht. Du haſt von Herrn Pottewal eine ſchlechte Meinung; aber glaube einem Mann von Erfahrung, eine halbe Million vergütet mehr Mängel, als ein ſchönes Geſicht oder noch ſo geiſtvolles Geſchwätz.“ Jan Blondeel wurde roth vor Zorn und bebte vor Verdruß; er that ſich indeſſen noch Gewalt an, um ſeinen heftiger aufſteigenden Groll zu bezwingen, und fragte: n kannſt e ſeit t, iſt n von orgen inder, wenig h eine mein Worte ſchwa⸗ Herz; winge Sie doch hört,“ mphi⸗ über lie iſt t, Du t von glaube Killion t oder bebte lt an, ingen, 123 „Es iſt alſo unwiderruflich beſchloſſen? Du läſſeſt Dich durch Nichts erbitten?“ „Da ich Recht habe, da ich einem meiner Kinder ſein Glück ſichern zu können glaube, warum ſollte ich gleich einem Thoren von meinem Beſchluſſe abgehen? Du weißt, Bruder, daß dieß auf alle Fälle meine Gewohnheit nicht iſt.“ „Dieß iſt alſo Dein letztes Wort? Hermina iſt verurtheilt, Madame Pottewal zu werden?“ „Es iſt Nichts mehr daran zu ändern; das Ja⸗ wort iſt gegeben.“. „Wohlan, es ſei ſo,“ rief Blondeel ſchneeweiß vor Grimm.„Werde der Henker von dem Glück Deines Kindes, wie Du der Henker Deiner Frau biſt! Gott wird Rechenſchaft für Deine eiſige Selbſt⸗ ſucht von Dir fordern...“ „Was willſt Du damit ſagen? Willſt Du mich verhöhnen?“ „Wage mir zu antworten, Menſch ohne Herz,“ fuhr Blondeel fort.„Was haſt Du aus meiner armen Schweſter gemacht? Sie war ſchön, liebreich, fröhlich. Du heiratheteſt ſie auch ohne Liebe; ihre Eltern glaubten gleichfalls, ſie werde glücklich ſein. Du, Du haſt ſie erdrückt, Du haſt ihr Leben vergif⸗ tet, ſie zur Märtyrerin Deiner Selbſtſucht gemacht. Was iſt nun von der anmuthigen Frau, dem Muſter der Freundlichkeit und Einſicht übrig? Nichts als ein entmuthigtes Weſen, halb ſinnlos, beinahe in kindiſchen Zuſtand verfallen. Ja, ja, Du haſt nicht nur ihre milde Natur unter Deiner Barſchheit ver⸗ nichtet, Du haſt ihren Geiſt abgetödtet; und Du kannſt jetzt ſelbſtzufrieden auf eine Sclavin nieder⸗ 124 ſehen, welche zittert, wenn ſie nur den Augen ihres Unterdrückers begegnet... eine Mutter, welche ſo ganz und gar vernichtet iſt, daß ſie ſelbſt ihr Kind nicht gegen den Henker zu vertheidigen wagt, der dahin geht, es auf dem Altar des Geldgötzen zu opfern!“ „Schweig', ſage ich!“ polterte Romys.„Du biſt in meinem Hauſe; ich verbiete Dir...“ „Ich werde ſprechen, ſprechen bis ich mein Herz entlaſtet habe,“ fuhr Blondeel mit beſchleunigter Hef⸗ tigkeit fort.„Es iſt doch das letzte Mal, daß Du mich ſiehſt. Ah, es iſt beſchloſſen? Hermina iſt zu demſelben Looſe verurtheilt, wie meine Schweſter? Wohlan, Du biſt Herr, ich gebe es zu; aber ich, Jan Blondeel, und meine Schweſter, wir ſind gleich⸗ falls Herren über das, was uns zugehört. Du rech⸗ neſt auf das Vermögen, welches wir hinterlaſſen werden; Du meinſt, daſſelbe komme von Rechtswegen Deiner Familie zu. Ich ſage Dir, Romys, wenn Hermina mit Pottewal ſich verheirathet, ſo ſollen Deine Kinder keinen Heller von uns erben. Und müßten wir Alles vorher verzehren und im Elende ſterben, es ſoll Nichts übrig bleiben, davon darfſt Du überzeugt ſeyn!“ Dieſe Drohung ſchien Romys einigen Schrecken einzuflößen; denn er wurde plötzlich ruhig, faßte den Arm ſeines erzürnten Schwagers und ſprach mit einem ſtrahlenden Lächeln: „Ei, Freund Jan, ſuche Dich zu beruhigen. Das iſt nur ſo ein eitler Gedanke, der Dir durch den Kopf fährt.“ „Wie? Du glaubſt mir nicht?“ murmelt „O, rer Stin noch der meine S ſie aufni an Leib hoffe nic Leben ſe Mit Rom er aber: nen Arm „Neit Entſchluß chen wir Tode an beſteht ke wohl!“ 12⁵ „Du biſt ſicherlich kein Menſch, um zwei oder drei hunderttauſend Francs zu verthun!“ „Dann vermachen wir es den Armen.“ „Nein, nein, Du haſt zu viel Liebe zu der Fa⸗ milie.“ „Ungläubiger Mann!“ rief Blondeel ungeduldig. „Ich gebe Dir mein Ehrenwort, es ſoll ſo geſchehen... Nun, der Du einen ſo hohen Werth auf das Geld ſetzeſt, kann der Verluſt von mehr als zweihundert⸗ fünfzigtauſend Francs Dich nicht zur Ueberlegung zwingen?“ „Pottewal bringt vier hunderttauſend Francs in die Familie. Du biſt zu gut und rechtſchaffen,“ murmelte Romys. „O, es iſt ſchrecklich!“ ſtieß Herr Jan mit heiſe⸗ rer Stimme aus.„Ich muß fort, ſonſt rührt mich noch der Schlag. Es ſei alſo entſchieden: martere meine Schweſter, bis ein Irrenhaus oder das Grab ſie aufnimmt; verkaufe Dein Kind an einen rohen, an Leib und Seele verdorbenen Menſchen. Aber hoffe nicht, daß Du mich noch jemals in Deinem Leben ſehen wirſt. Lebe wohl, lebe wohl auf immer!“ Mit dieſen Worten wandte er ſich nach der Thüre. Romys wollte ihn noch am Abgehen hindern; er aber widerſetzte ſich und rief noch, während er ſei⸗ nen Arm losriß, im Gehen: „Nein, nein, ſprich mir von Nichts mehr; mein Entſchluß iſt nun auch unveränderlich. Morgen ma⸗ chen wir ein Teſtament, und Alles ſoll nach unſerem Tode an das Armenhaus in Schärbeek fallen. Es beſteht keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen uns. Lebe wohl!“ Er eilte auf den Gang. Noch einmal bemühte ſich Romys, ihn daſelbſt aufzuhalten und ſprach bei⸗ nahe flehend: „Komm', Freund Jan, ſei vernünftig. Laß uns in den Saal zurückkehren. Ich werde Dir beweiſen, daß Du mit Unrecht gegen mich aufgebracht biſt...“ „Laß mich, ich kenne Dich nicht mehr!“ grollte Blondeel, in den Garten eilend. „Julie,“ ſagte er, die alte Frau mit Thränen in die Arme ſchließend,„es iſt das letzte Mal, daß Du mich ſiehſt. Das Schickſal hat ſeinen Spruch gethan; Hermina iſt verurtheilt. Gott beſchirme ſie . und Dich gleichfalls, meine arme Schweſter!“ Dann faßte er, gegen ſeinen Schmerz mit Gewalt ankämpfend, Ernſt bei der Hand und rief mit fieber⸗ hafter Ungeduld, während er ihn zum Aufſtehen nöthigte: „Komm, mein Freund, das iſt ein Haus des Un⸗ glücks. Ziehen wir ab!“ Madame Romys wollte ihren Bruder zurückhalten; Bonifacius ſelbſt bemühte ſich abermals, ihn zu be⸗ ſchwichtigen; aber er zog Ernſt mit Gewalt auf dem Gartenwege fort. Im Augenblick, da ſie vor dem Hauſe anlangten, erſchien Hermina auf der Schwelle einer Thüre in der Ecke des Gartens.. Ernſt warf dem zitternden Mädchen, welches die Arme nach ihm ausgeſtreckt hatte, einen langen, weh⸗ müthigen Blick zu. Seinem erregten Gefühle bei⸗ nahe unterliegend, machte er eine Bewegung, als wollte er auf ſie zueilen; aber Blondeel zog ihn auf den Hausgang und warf die Thüre hinter ſich zu. die O Komöt „) Magd wollen ihr da M vom 2 und di ſtill un fieber⸗ ufſtehen des Un⸗ khalten; zu be⸗ auf dem langten, hüre in lches die en, weh⸗ hle bei⸗ ng, als ihn auf ich zu. 127 „Ernſt! Ernſt!“ rief das arme Mädchen, mit ſol⸗ cher Verzweiflung, daß ihre Stimme gleich einem Todesſchrei durch den Garten ertönte.„Ernſt! O Gott, er geht fort, auch er verläßt mich!“ Und auf den Knieen wankend, ſuchte ſie ſich an einem Steine oder einem Fenſtergeſimſe zu halten; aber ehe ſie zu dem einen oder andern gelangen konnte, ſchwand ihr alle Kraft und ſie ſank bleiſchwer zur Erde nieder. 3 Madame Romys lief voll Schreckens und Jam⸗ mers herbei, beugte ſich über ihre Tochter nieder, nahm deren Kopf in ihre Arme und benetzte das bleiche Antlitz ihres Kindes mit ſchmerzlichen Thränen. Inzwiſchen ſtampfte Bonifacius Romys vor Un⸗ geduld und Verdruß mit den Füßen und verſicherte brummend, er werde ſich weder durch Geſchrei noch Geheul, und noch weniger durch eine lächerliche Ko⸗ mödie an der Ausführung deſſen, was im Intereſſe der Familie unabänderlich beſchloſſen wäre, hindern laſſen.— Er rief ſeiner älteſten Tochter und der Magd, welche unmittelbar im Garten erſchienen. Thereſe zuckte die Achſeln und ſchien gleichfalls die Ohnmacht ihrer Schweſter für eine erheuchelte Komödie anzuſehen.— „Nun, ein wenig ſchnell!“ befahl Romys der Magd.„Strecke Deine Hände aus, Sophie. Wir wollen ſie im Zimmer auf einen Stuhl ſetzen und ihr das Geſicht mit Eſſig reiben...“ Mit dieſen Worten hob er die arme Hermina vom Boden auf und trug ſie in's Haus. Die Mutter und die Schweſter folgten. Es wurde in dem Garten ſtill und einſam, als wäre Nichts daſelbſt geſchehen. VI. Es war noch ſehr früh am Morgen. Fräulein Marie Blondeel ſaß in dem kleinen Saal ihrer Woh⸗ nung vor einem Tiſche, worauf einige Taſſen und Teller für das Frühſtück zurechtgeſetzt waren. Sie ſchaute ſinnend vor ſich hin und ſchüttelte zuweilen in verdrießlichem Nachdenken den Kopf. Ihr Bruder trat, mit ebenſo trauriger Miene, dieſen Augenblick in den Saal und ließ ſich an dem Tiſche auf einen Stuhl niederſinken. „Nun, Marie, Du mußt Dich darüber tröſten,“ ſagte er. „Mich darüber tröſten?“ wiederholte das Fräu⸗ lein mit einem Seufzer.„Niemals, Bruder; dieſer Kummer bleibt mir bis auf mein Sterbebett!“ „Es iſt Nichts daran zu ändern. Man muß ſich mit Geduld in den Spruch des Schickſals fügen.“ „Wenn Du noch einmal nach Darlingen gingeſt?“ „Was würde das helfen, Schweſter? Was kann ich noch mehr, was noch Stärkeres ſagen? Romys wird ſtets unbeugſam bleiben; die vier hunderttauſend Francs von Pottewal ſtechen ihm in die Augen. Nach Darlingen gehe ich nicht mehr; es iſt vergeblich, und ich will mich nicht mehr der Gefahr ausſetzen, vor Zorn einen Schlag zu bekommen... Wo iſt Ernſt? Schläft er noch?“ „Schlafen, Jan? Du ſpotteſt. Wer weiß, ob der unglückliche Junge die ganze Nacht nur ein Auge geſchloſſen hat. Er geht in ſeinem Zimmer ſchon ſeit zwei Stunden auf und ab.“ Enter! Güte. überze führun Rath von e daß h Unglüͤ 76 einen Meinu ſeinen für ſei Con äulein Woh⸗ n und Sie weilen Miene, n dem öſten,“ Fräu⸗ dieſer uß ſich en.“ geſt?“ 3 kann Romys auſend Nach h, und n, vor Ernſt? iß, ob Auge on ſeit 129 „Seine Verzweiflung muß wohl groß ſein, Schweſter.“ „Unendlich, Bruder. Der arme Ernſt! So grau⸗ ſam den Traum ſeines ganzen Lebens vereitelt ſehen! Wiſſen, daß die Geliebte ſeines Herzens zu einem ſchmerzvollen Leben verurtheilt iſt!“ „O, der geldgierige Romys! Er ſoll ſich nicht unterſtehen, mir noch einmal unter die Augen zu kommen. Mir dünkt, ich wäre im Stande, mich ſelbſt zu vergeſſen!“. „Wirſt Du dieſen Morgen zu dem Notar gehen, Bruder?“ „Ich weiß nicht, wozu ich mich entſchließen ſoll,“ antwortete Blondeel zweifelnd.„Hermina trägt doch ſicherlich keine Schuld an ihres Vaters Starrköpfig⸗ keit. Sollte es recht ſein, wenn wir ſie dafür durch Enterbung ſtrafen ſollten?“ „Da biſt Du wieder mit Deiner übertriebenen Güte. Romys kennt Dich wohl und hält ſich für überzeugt, daß Du Deine Drohungen nicht in Aus⸗ führung bringen wirſt. Darum verachtet er Deinen Rath wie Deine Bitten. Hermina wird in Beſitz von einer halben Million kommen. Glaubſt Du, daß hunderttauſend Francs weniger oder mehr ihr Unglück verhüten werden?“ „Nein, aber es iſt doch unſerer Schweſter Kind.“ „Gewiß, Jan; und könnte unſer Erbgut ſie nur einen einzigen Tag tröſten, ſo würde ich derſelben Meinung mit Dir ſein; aber ſollen wir denn Romys ſeinen Triumph ſichern und ihn durch unſer Vermögen für ſeine ſeelenloſe Habſucht belohnen? Keine wei⸗ Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 9 13³⁰ tere Ueberlegung, Jan. Warum ſollen wir gutmüthig einwilligen, immerdar das Opfer ſchlechter Menſchen zu bleiben?“ „Aber, Schweſter, wem ſollen wir unſer Vermögen hinterlaſſen? Menſchen, die uns gewiß völlig fremd jind?“ ü„Höre, Jan, ich habe mir die Sache reiflich er⸗ wogen; und mich wundert es nur, daß wir nicht früher auf den Gedanken gekommen ſind, welcher da ganz unerwartet in meinem Geiſte aufgeſtiegen iſt. Iſt Hermina einmal verheirathet, ſo werden wir ganz allein ſein. Wir werden ſie zwar immer lieben, aber die Erinnerung an ſie wird uns Nichts als eine Quelle der Betrübniß ſein. Ich glaube das Mittel gefunden zu haben, um Etwas zu thun, was ſie in ihrem Unglück erfreuen und uns einen großen Troſt in unſern alten Tagen gewähren kann. Wie, wenn wir Ernſt de Cock als unſer Kind, als unſern Sohn, als unſern einzigen Erben annähmen?“ „Welcher Gedanke!“ rief Blondeel. „Der arme Junge iſt in düſtere Verzweiflung verſunken; er hat keine Eltern, keine Familie. Laß uns dem hinterbliebenen Sohne Deines Freundes ſelig einen Vater, eine Mutter und eine Familie geben. Vielleicht wird dieſer Beweis von Zuneigung ihm den verlorenen Muth wieder ſchenken...“ „Still, Schweſter, da höre ich Ernſt auf der Treppe. Dein Plan leuchtet mir ein; aber das iſt ein Ent⸗ ſchluß von höchſter Wichtigkeit. Wir werden noch darüber ſprechen.“ 3 Der junge Mann trat in das Zimmer und näherte ſich dem Tiſche, indem er einen leiſen Gruß flüſterte. Er bar Kun ſagte ſchon geher nomm hat di ſich j beküm Rechnr dankbe ken zu zweifel ic jet fragen ben, m wie w und ei nüthig enſchen mögen fremd lich er⸗ r nicht cher da gen iſt. ir ganz n, aber ls eine Mittel 3 ſie in n Troſt „ wenn Sohn, veiflung e. Laß des ſelig geben. ng ihm Treppe. ein Ent⸗ en noch näherte flüſterte. 131 Er war ſehr bleich, und ſeine Züge, obwohl ſchein⸗ bar ruhig, verriethen die Spuren des äußerſten Kummers. „Nun, nun, mein Junge, ein Bischen Muth,“ ſagte Blondeel.„Setze Dich nieder; wir warten ſchon eine Weile auf Dich, um an das Frühſtück zu gehen.“ „Ich habe keinen Hunger, Herr Jan,“ murmelte de Cock. „Aber man muß doch eſſen.“ „Ich wollte Sie Etwas fragen, Herr. Vielleicht werden Sie es ſeltſam finden, daß ich ſo zur Unzeit mit Ihnen von ernſten Dingen rede, aber ich habe Vertrauen zu Ihrer Güte. Sie werden wohl einſehen, daß ich unglücklich bin...“ „Nun, was iſt es? Du erſchreckſt mich!“ rief Jan Blondeel, indem er ihn verwundert anſchaute. „Sie haben, dem Andenken meines Vaters zulieb, edelmüthig die Vormundſchaft über eine Waiſe über nommen,“ fuhr Ernſt fort.„Der verwaiste Knabe hat die Wohlthaten ſeiner Beſchützer genoſſen, ohne ſich jemals um die Berechnung ſeines Erbguts zu bekümmern; der Vormund hat niemals einer ſolchen Rechnung erwähnt. Ich bin Ihnen dafür aufrichtig dankbar, Herr Jan; es war lange mein Stolz, den⸗ ken zu dürfen, daß Sie niemals an meinem Herzen zweifelten. Nun bitte ich Sie um Entſchuldigung: ich ſehe mich genöthigt, nach meiner Rechnung zu fragen. Viel kann nicht mehr von dem übrig blei⸗ ben, was meine Eltern mir hinterlaſſen haben; aber wie wenig es auch ſei, es wird mir zu einer Beihülfe und einem Rettungsmittel dienen.“ 9* — 13² „Ernſt, Ernſt, welche wunderlichen Gedanken gehen Dir durch den Kopf?“ rief das Fräulein mit einiger Bekümmerniß. „Deine Rechnung?“ wiederholte Blondeel.„Iſt jetzt der Augenblick, nach ſolchen Dingen zu fragen?“ „Mein Verlangen iſt nicht, eine umſtändliche Rechnung zu erhalten,“ ſagte der Jüngling in trau⸗ rigem Ton.„Ich erſuche Sie nur, die Gute zu ha⸗ ben, mir mit einem einzigen Worte zu ſagen, ob mir noch Etwas übrig bleibt.“ „Ob Dir noch Etwas übrig bleibt?“ antwortete Blondeel.„Deine Rechnung iſt leicht zu machen; ſie iſt gemacht. Zwanzigtauſend Francs bleiben Dir Ernſt ſchüttelte den Kopf und ſprach mit einem ſchmerzlichen Lächeln: „Nein, nein, ſeien Sie aufrichtig gegen mich. Ich habe nur dreißigtauſend Francs von meinen El⸗ tern geerbt. Mein Unterhalt, meine Erziehung ſeit meiner Kindheit, mein Aufenthalt in England müſſen nicht viel weniger gekoſtet haben. Alles, was ich zu hoffen wagte, war, daß mir vielleicht noch fünf⸗ oder ſechstauſend Francs bleiben würden. Ich ſegne Sie, Herr Blondeel, für Ihre edelmüthige Abſicht; aber eine ſolche Rechnung kann ich nicht annehmen.“ „Und ich liefere keine andere, mein Freund.“ Marie Blondeel ſprach mit ſanfter Theilnahme: „Armer Ernſt, Du biſt recht unglücklich! Tröſte Dich, dieſer bittere Kummer wird ſich in kurzer Zeit mildern. Du verlangſt Geld? Warum?“ „Ich will fort, weit fort von hier, nach Amerika.“ „Wie? über's Meer? Welcher Gedanke!“ ſo v ſprac Sie ſatz, erwo Sie 1 fange meine Luſt eine L gehen, großer Grenze Brüſſe ausgeſ zu beg Se trat ar Stimm „9 und w muß, den Tu geſtalt giftet? gehen einiger „Iſt gen?“ ndliche trau⸗ zu ha⸗ ob mir wortete nachen; en Dir einem m mich. nen El⸗ ng ſeit müſſen ich zu af⸗ oder ne Sie, aber 133 „Ja wohl, und ich ſoll Dir Geld geben zu einem ſo verzweifelten Thun?“ rief Blondeel erſchrocken. Ernſt ſetzte ſich auf einen Stuhl am Tiſch und ſprach mit überraſchender Ruhe: „Ich bitte Sie, meine edeln Beſchützer, zweifeln Sie nicht an dem Ernſt meiner Worte. Mein Vor⸗ ſatz, nach Amerika zu gehen, iſt meinerſeits ein ruhig erwogener und reiflich überdachter Entſchluß. Laſſen Sie uns aufrichtig ſein. Was ſoll ich hier noch an⸗ fangen? Hermina war die Quelle und der Grund meines Muthes. Von nun an würde es mir an Luſt und Willen gebrechen, mir durch eigene Kraft eine Laufbahn zu eröffnen. Soll ich nun nach Brüſſel gehen, um als Gehülfe bei dem einen oder andern großen Bauunternehmer in Dienſt zu treten?“— „Niemals, niemals, Ernſt,“ fiel das Fräulein ge⸗ rührt ihm in die Rede;„ſind wir nicht hier, um Dir Muth zu geben und zu helfen?“ „Es ſei; ich weiß, Fräulein, daß Ihre Güte ohne Grenzen iſt; aber bedenken Sie einmal: wenn ich in Brüſſel bleibe, werde ich der ſchrecklichen Prüfung ausgeſetzt ſein, ihr täglich vielleicht zu begegnen, ihr zu begegnen am Arm von...“ Sein Auge flammte; die Röthe des Zorns trat auf ſeine Stirne, und er fuhr mit zitternder Stimme fort: „O, mein Gott, und wenn er ſie unglücklich macht, und wenn ich die Verzweiflung in ihren Augen leſen muß, werde ich dann nicht, mitten auf der Straße, den Tyrannen in's Angeſicht ſchlagen, welcher ſolcher⸗ geſtalt aus Selbſtſucht das Leben eines Engels ver⸗ giftet? Werde ich ihn nicht verfolgen müſſen, bis er den Kampf annimmt? Soll Blut zwiſchen dem Henker und ſeinem unſchuldigen Schlachtopfer fließen?“ Bei dieſen Worten war Ernſt aufgeſprungen; er zitterte an allen Gliedern und ſchien mit krampfhaft geballter Fauſt einen unſichtbaren Feind zu bedrohen. Herr Blondeel faßte den aufgebrachten Jüngling um den Leib; Fräulein Marie legte ihren Arm auf ſeine Schulter, und beide ſuchten ihn zur Ruhe zu bringen. „Ich bin Mann,“ murmelte er;„ein Herz wie das meinige läßt ſich ſo nicht tödten. Ha, wenn ich nicht an ſeinem Muthe zweifelte! Wer weiß, er wird vielleicht zuſagen? Er oder ich! Sie wird er⸗ löst ſein... oder werde ich wenigſtens nicht mehr auf Erden ſein, um ihr Unglück mit anzuſehen!“ „Armer Junge! Er iſt ſinnlos!“ jammerte Marie mit Thränen in den Augen.„Ach, Blondeel, wehre ihm! Er bringt mir vor Schrecken beinahe den Tod... Ueber den Angſtruf der guten Marie betroffen, ließ ſich der Jüngling wieder auf ſeinen Stuhl fallen und ſchwieg ſtill, obwohl er noch ſichtbar bebte. „Nun, Ernſt, mein armer Freund,“ ſprach Jan Blondeel,„komm' zu Dir ſelbſt. Du haſt Unrecht, es iſt noch nicht alle Hoffnung verloren. Sechs Wochen, zwei Monate, es iſt ſo lang. Es können noch Umſtände eintreten, welche Hermina's Heirath. vereiteln.“ „Nein, nein,“ murmelte der Jüngling mit einem muthloſen Lächeln auf den Lippen.„Sie wollen mir nur aus Edelmuth, aus Mitleid dieſe Hoffnung ein⸗ flößen. Es iſt Alles verloren!“ n dem eßen?“ en; er npfhaft drohen. ungling om auf uhe zu erz wie enn ich eiß, er dird er⸗ ſt mehr n l4 Marie wehre he den etroffen, l fallen te. ſch Jan Unrecht, Sechs können Heirath t einem len mir ng ein⸗ 135 „Aber Du wirſt Dich krank machen, Ernſt. Be⸗ ruhige Dich, ich bitte.“ „Es iſt aus, Herr Jan,“ antwortete der junge Mann mit bitterem Spott in der Stimme.„Wahn⸗ ſinn, in der That. Was habe ich für Anſprüche, um mich einer Familie aufzudringen? Welches Recht ſteht mir zu, Etwas vertheidigen zu wollen, das einem Andern zugehört? Vergeben Sie dieſe Aufwallung des Bluts einem Jüngling, deſſen Seele ſich gegen ein ſo grauſames Loos erhebt! Aus dem Vater⸗ lande zu entfliehen, iſt das einzige Rettungsmittel: in Amerika werde ich vielleicht vergeſſen, was ich zu träumen gewagt habe. Sie am Arme von Pottewal ſehen? Nimmermehr, nimmermehr! Geben Sie mir, ich flehe Sie an, was mir von meinem Erbe übrig bleibt. Wenig oder viel, ich will mich nicht ſträuben gegen die Dankbarkeit, welche Ihre Wohlthaten mir auferlegen; aber helfen Sie mir und laſſen Sie mich fort!“ Fräulein Marie faßte Ernſts Hand und ſagte mit bewegter Stimme: „Du willſt fort, Ernſt? Fort aus dem theuren Vaterlande, um Dich in einem andern Erdtheile her⸗ umzutreiben? Muthlos dahin leben, ohne daß ein Freund Dir zur Seite ſteht und Dir Troſt zuſpricht? Bleibe; ſei nun uns allein, was Du ſo lang zuſam⸗ men mit Hermina geweſen biſt. Wir haben keine Kinder; unſere Familie verurſacht uns Nichts als Verdruß. Werde uns ein Sohn; wir werden Dich lieben und die Wunden Deines Herzens heilen.“ „Unmöglich, gute Marie,“ ſeufzte der Jüngling. „Haben Sie Mitleid mit mir: laſſen Sie mich ab⸗ reiſen!“ Und in eindringlicherem Tone und mit feuchten Augen fuhr das Fräulein fort: „Ernſt, ſei etwas nachgiebig gegen alte Leute, die Jemand haben müſſen, den ſie lieben können. Hermina iſt für uns verloren; Du allein kannſt noch Ziel und Gegenſtand unſerer Zuneigung ſein. Sieh', wir haben ſeit Deiner Kindheit über Dich gewacht, für Deine Zukunft geſorgt und von Deinem Glück geträumt, wie Vater und Mutter bei ihrem Kinde. Jetzt, da Hermina unſerer Liebe entriſſen wird, willſt Du gleichfalls fort? Uns allein laſſen? Was ſoll uns noch bleiben? Trauer über das Schickſal der armen Hermina, und Schrecken über die Unſicherheit Deines Geſchicks! O, Du haſt ein dankbares Herz; Du wirſt nicht ſo gefühllos ſein, um diejenigen unglücklich zu machen, welche Dir ſo viel Liebe erwieſen haben.“ „Unglücklich machen?“ murmelte der Jüngling. „Meine Abreiſe ſollte Sie unglücklich machen, Sie, meine Wohlthäter?“ „Gewiß, ganz gewiß,“ beſtätigte Blondeel mit dumpfer Stimme. Es herrſchte eine Weile Stille. „Nun denn, ich werde bleiben,“ ſprach Ernſt mit feſtem Ton.„Der Himmel gebe mir Kraft, gegen den Kummer anzukämpfen. Sie haben Hermina ge⸗ liebt, Sie lieben dieſelbe noch. Ein neues Ziel wird meinem Leben angewieſen. Ich werde mich beſtreben, ihre und meine Schuld abzutragen.“ Er ſtand auf und machte einige Schritte, um das Zimmer zu verlaſſen. Da er bemerkte, daß dieſe ſor küm von Ent blich mich Luft gend Frät ſchul Sohr unſer tröſte herzie uns hat. Ado läſtig denkl. an vi densr reden. ſehen. N Band zu ſei h ab⸗ uchten Leute, ynnen. t noch Sieh', wacht, Glück Kinde. willſt Ul uns armen 137 Bewegung bei ſeinen Beſchützern Erſtaunen oder Be⸗ ſorgniß erregte, ſo ſprach er ſehr ruhig: „Nein, ſeien Sie meinetwegen nicht länger be⸗ kümmert. Der Sturm iſt vorüber. Mir ſchwindelt von all den auf einander folgenden Gedanken und Entſchließungen der Kopf. Ich muß einige Augen⸗ blicke allein ſein, um Ruhe zu finden. Laſſen Sie mich ein Bischen in den Garten gehen; die friſche Luft wird mir gut thun.“ Blondeel und ſeine Schweſter ſahen ihm ſchwei⸗ gend nach. Sobald er verſchwunden war, ſagte das Fräulein: „Nun, Jan, willſt Du noch zögern? Kein Auf⸗ ſchub mehr; noch heute müſſen wir Ernſt zu unſerem Sohn annehmen. Dieſer unwiderſtehliche Beweis unſerer Zuneigung wird ihm Stärke geben und ihn tröſten. Du ſiehſt es, er iſt ſo dankbar und gut⸗ herzig, daß die bloße Vorſtellung, ſeine Abreiſe wüͤrde uns betrüben, ihn von ſeinem Entſchluß abgebracht hat. Du mußt ſogleich zu dem Notar gehen und die Adoptionsacte aufſetzen laſſen. Dann werden wir des läſtigen Kopfzerbrechens überhoben ſein.“ „Ja, aber, Marie,“ bemerkte der Bruder nach⸗ denklich,„die Adoption iſt, wenn ich mich nicht irre, an viele rechtliche Förmlichkeiten geknüpft. Der Frie⸗ densrichter und der Gerichtshof haben dabei mitzu⸗ zehen⸗ Ich will in dem Civilgeſetzbuch einmal nach⸗ ſehen.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf und holte einen Band aus ſeiner Bücherſammlung. Er trat damit zu ſeiner Schweſter, legte ihn auf den Tiſch und be⸗ gann ihn durchzublättern. Als er endlich das ge⸗ 138 ſuchte Kapitel gefunden hatte, las er einen Augen⸗ blick in der Stille und ſagte dann: „Was ſehe ich hier? Artikel 344. Niemand kann von verſchiedenen Perſonen, außer von zwei Ehegatten adoptirt werden. Alſo, Marie, können wir ihn nicht zuſammen als Sohn annehmen. Nur Eines von uns beiden kann es.“ „Das iſt recht ärgerlich,“ ſeufzte das Fräulein. „Warum hat man das in das Geſetz aufgenommen?“ „Ich weiß es nicht, Schweſter. Adoptire Du ihn.“ „Gewiß, ich würde es recht gern thun; aber eine Frau! Es iſt ſchicklicher, daß Du es thuſt, Blondeel. Dieß ſoll mich jedoch nicht hindern, ihn als unſer beiderſeitiges Kind anzuſehen.“ „Es ſei ſo, da es kein anderes Mittel gibt. Ich ſehe hier, wie ich Dir vorausſagte, daß wir unſere Erklärung zu allererſt vor dem Friedensrichter ab⸗ geben muͤſſen; hernach wird das Gericht durch einen Spruch die Adoption beſtätigen.“ „O, wie wird dieß Alles wieder ſo lang dauern, Bruder!“ „Allerdings, Marie, die Juſtiz hat ſchlechte Beine.“ Katharine, die Magd, trat in das Zimmer und ſagte mit einer Art Verwunderung: „Herr, Fräulein, ich ſtand vor der Thüre, um den kupfernen Handgriff zu putzen; da erblickte ich unten auf der Straße ihren Schwager, Herrn Romys.“ Nach dieſer Meldung entfernte ſie ſich wieder. „Romys? Was hat das zu bedeuten?“ riefen gleichzeitig Blondeel und ſeine Schweſter, während ſie einander überraſcht anſahen. „Iſt Etwas vorgefallen?“ gen tig Du kon dur Du Ich eine min wegr und Zwe lich keit Hern doch „ ugen⸗ rand ußer den. n als nes.“ ulein. ien?“ ihn.“ r eine ndeel. unſer Ich unſere r ab⸗ einen auern, eine.“ r und m den unten 4 der. riefen ihrend 139 „O Himmel, ſollte noch Hoffnung vorhanden ſein?“ „Laß mich allein mit ihm,“ ſagte Blondeel. „Nein, Bruder, dießmal werde ich Dein Verlan⸗ gen nicht erfüllen,“ antwortete das Fräulein bedäch⸗ tigen Tons.„Er iſt erſchreckt worden, und fürchtet, Du werdeſt Deine Drohung in Vollzug ſetzen. Er kommt jetzt, den Schlaukopf zu ſpielen, und will Dich durch liſtige Worte von Deinem Vorhaben abbringen. Du biſt viel zu gut und läſſeſt Dich leicht gewinnen. Ich werde hier bleiben, um Dir beizuſtehen. Mit einem Bischen Feſtigkeit werden wir die arme Her⸗ mina vielleicht noch retten. Wenn dieß noch möglich wäre, wie ſehr würde es Ernſt erfreuen!“ Die Hausglocke wurde angezogen, und kurz darauf erſchien Herr Romys im Zimmer. Er ſah ſehr trau⸗ rig aus, und ſelbſt ſeine Stimme verrieth, während er leiſe ſeine Begrüßung ausſprach, eine auffallende Niedergeſchlagenheit. Als er bemerkte, daß die An⸗ dern Stillſchweigen beobachteten und ihn mit einigem Mißfallen anſahen, ſprach er: „O Freunde, ſeid nicht mehr böſe auf mich. Her⸗ mina heirathet Pottewal nicht.“ Dieſe Nachricht verſetzte Blondeel in heftige Be⸗ wegung. Marie erhob ihre Hände zum Himmel und ſtieß einen Freudenruf aus; doch als ob der Zweifel an der Aufrichtigkeit von Romys ihr plötz⸗ lich ſchwer auf's Herz fiele, bezwang ſie ihre Fröhlich⸗ keit und fragte: „Dürfen wir es auch glauben? Feſt glauben? Hermina heirathet Pottewal nicht? Das haſt Du doch geſagt?“ „Ja, Marie, ſie heirathet nicht. Es beſteht alſo kein Grund zur Unzufriedenheit mehr zwiſchen uns, nicht wahr?“ Blondeel ergriff die Hand ſeines Schwagers, ſchüttelte ſie warm und rief: „Alles iſt vergeſſen; wir ſind wieder Freunde, gute Freunde.“ „Holla! Nicht ſo raſch, Jan,“ fiel das Fräulein ein.„Wir wollen es bald ſehen. Die Dinge ſind zu weit getrieben, als daß man ſie ſo leicht wieder in's Gleichgewicht bringen könnte. Ich will mich nicht der Gefahr ausſetzen, noch einmal einen ſolchen Ver⸗ druß erleben zu müſſen. Sag' uns einmal, Romys, was iſt geſchehen? Du ſiehſt ſo zerſchlagen aus, als hätte Dich ein Unglück betroffen.“ „Ach, Schweſter,“ klagte Romys,„ich bin der unglücklichſte Menſch auf Erden! Kein Auge habe ich die ganze Nacht geſchloſſen; ich habe mir das Haar aus dem Kopfe ausgerauft. Jetzt iſt es ein wenig beſſer; aber geſtern Abend wäre ich, dünkt mir, im Stande geweſen, mich in's Waſſer zu ſtürzen.“ „Und dieß Alles, weil Hermina nicht heirathet?“ „Deßhalb nicht allein, Schweſter. Es iſt jedoch an ſich ſchon ſchlimm genug. O, die Thereſe! Mit ihrer ſcheinbaren Zurückhaltung, mit ihrem abgefeim⸗ ten Geſichte hat ſie mehr Tücken im Leibe, als der ſchlauſte Advokat. Was ſie bei dem Getrögel mit dem dummen Pottewal davon getragen hat, weiß ich nicht. Ein Augenblick iſt ihr jedoch genug geweſen, um alle meine Plane über den Haufen zu werfen. Denke Dir einmal, ſie iſt es, welche Pottewal hei⸗ rathen wird!“ „Ah, ah, es iſt Thereſe!“ lachte Blondeel, ſeinem verſte ſo Et habe Brau geſtell der Z S mit T uns, gers, unde, ulein ſind ieder nicht Ver⸗ mys, aus, der habe das ein ünkt en.“ 212 doch Mit eim⸗ der mit ich eſen, cfen. hei⸗ nem 141 Schwager auf die Schulter klopfend.„Dann wünſche ich Dir Glück, Bonifaz. Sie bringt der Familie jedenfalls die vier hunderttauſend Francs, welche Dir in die Augen leuchten.“ „Du begreifſt mein Unglück nicht,“ fuhr Romys fort.„Sei überzeugt, es wird mir das Leben ver⸗ kürzen.“ „Aber wenn die Heirath von Thereſe Dich un⸗ glücklich macht, warum hinderſt Du ſie dann nicht?“ bemerkte Marie. „Hindern? Thereſe an Etwas hindern, Freunde? as hieße ſo viel, als wenn man mit dem Kopfe gegen die Wand rennen wollte. Du meinſt, ich ſei ſtarrköpfig? Sie iſt noch viel ſtarrköpfiger, als ich. Es iſt ſeit geſtern Nachmittag eine Hölle in meinem Hauſe geweſen! Hermina, die in Ohnmacht fällt; die Mutter, die heult und jammert... und zwiſchen dieſem Allem kommt Pottewal, um mir zu ſagen, daß er ſeinen Vorſatz geändert hat und lieber Thereſe heirathen will. Sie war gegenwärtig, als er dieß ſagte. Ich glaubte, ſie würde dieſen Antrag mit Entrüſtung verwerfen. Du weißt, ſie hat allezeit eine Abneigung, einen Abſcheu vor der Che gezeigt. Nun ja! die Schelmendirne hatte ſich mit Pottewal verſtändigt; ihre Worte berechtigten mich wenigſtens, ſo Etwas zu denken. Es war Nichts zu machen; ich habe mich vergeblich gewehrt: ſie hat ſelbſt ihren Brautſchatz auf hundertzwanzigtauſend Francs feſt⸗ geſtellt. Es iſt mein Untergang, der Untergang der Familie!“ Seine Zuhörer hatten während dieſes Ausfalls mit Verwunderung auf ſeine Worte gehört. Sie be⸗ griffen nicht, was er für ein Unglück in Thereſens Heirath ſehen konnte. „Aber, Romys,“ ſprach das Fräulein,„mir ſcheint, Du ſollteſt Dich über dieſe Veränderung eher freuen. Thereſe heirathet wenigſtens nach ihrer Neigung; Du brauchſt jetzt keines Deiner Kinder zu zwingen, eine Verbindung einzugehen, welche ſie unglücklich machen kann; und überdieß iſt die Gelegenheit, welche Dir ſo ſehr einleuchtet, nicht für die Familie verloren.“ „Und Du kannſt ſagen,“ brummte Romys,„daß ſie viele, ſehr viele Kinder bekommen wird. Viele Kinder! das Gut der Familie bis in's Unendliche zerſtückelt werden. Befürchten müſſen, daß meine Nachkommen arme Teufel werden können. Daß die Romys in Zukunft herabkommen, anſtatt ſich zu er⸗ heben! O, Schweſter, dann rechne Dein Leben lang und ſpare Dir das Brod für Deine Kinder am Munde ab!“ „Dieß Alles erklärt noch nicht, warum dieſe Heirath Dir ſo große Betrübniß macht.“ „Verſtehſt Du denn nicht, Schweſter? Thereſe wird die Frau Pottewals; ich muß ihr hundert zwanzig tauſend Francs mitgeben. Hermina wird niemals in eheloſem Stande bleiben. Wenn nun ihre kaltherzige Schweſter einen Mann nimmt und ihren Vater betrügt, um nur heirathen zu können, was läßt ſich, um Gottes willen, von Hermina er⸗ warten? Sie wird ſich gleichfalls verehlichen; und anſtatt eines Brautſchatzes werde ich nun zwei zu geben haben. Man zapft mir das Blut ab: ich bin ein ruinirter Mann!“ Noch verſuchten Blondeel und Fräulein Marie reſens cheint, reuen. ; Du „ eine nachen ſe Dir ten.“ „daß Viele abliche meine aß die zu er lang r am dieſe hereſe undert wird nun t und önnen, na er⸗ ; und dei zu ch bin Marie 143 einige Bemerkungen, um ihn zu einer vernünftigern Anſicht von dem Stande der Dinge zu bringen; aber Romys ſchien darauf gar nicht Acht zu geben und ſagte plötzlich: „Unter all dieſem Verdruß werde ich noch ganz vergeſſen, warum ich hieher gekommen bin. Meine Frau liegt krank zu Bette. Hermina iſt gleichfalls krank. Der Gedanke, daß ſie Dich nie mehr ſehen ſollen, erſchreckt ſie und preßt ihnen Thränen aus, daß es eine Qual iſt, es nur mit anzuſehen. Ver⸗ geblich habe ich mich bemüht, ſie zu verſichern, daß Du zu edelmüthig und gutherzig ſeiſt, um die Drohungen auszuführen, welche Du in einem Augen⸗ blick der Leidenſchaft ausgeſprochen haſt; ſie wollen Dich ſehen. Endlich habe ich ihrem Gejammer nach⸗ gegeben und bin hieher gekommen, um Dich in ihrem Namen zu erſuchen, mit mir nach Darlingen zu gehen. Da ſie krank ſind und ſich nach Deiner Gegenwart ſehnen, ſo wirſt Du gewiß ihre Bitte nicht ab⸗ ſchlagen?“ „Ich bin bereit, Dir zu folgen,“ ſagte Blondeel. „Und um ſo mehr, weil ich unterwegs mit Dir über gewiſſe Dinge, die mir am Herzen liegen, ſprechen kann.“ „Und Alles iſt vergeſſen, nicht wahr? Wir ſind wieder Freunde, wie zuvor?“ fragte Romys. 1 „Das verſteht ſich,“ beſtätigte Herr Jan.„Da ermina..“ „Nicht ſo ganz, wie Du meinſt, Jan,“ fiel ihm das Fräulein in's Wort.„Setze Dich noch ein Bis⸗ chen, Bonifaz. Du haſt nicht blos mit meinem Bru⸗ der zu thun. Ueberdieß haben wir einerlei Geſinnung. 144 durch honigſüße Worte verlocken laſſe, vielmehr das Eiſen ſchmiede, ſo lang es warm iſt. Er ſagt Dir, es ſei Alles vergeſſen. Nun, da irrt er ſich. Bis jetzt bleibt es unwiderruflich beſchloſſen, daß Deine Familie Nichts von unſerem Vermögen erben ſoll.“ „Ei, Schweſter, Du treibſt Deinen Spott,“ mur⸗ melte Romys. „Spott? Verlaß Dich darauf,“ wiederholte das Fräulein.„Geh' nur, und Du wirſt es ſehen!“ „Blondeel, Du haſt mir doch eben geſagt, es ſei Alles vergeben und vergeſſen?“ „Ja, aber, Bonifaz, meine Schweſter hat Recht. Es iſt noch eine Bedingung dabei; und gerade dar⸗ über wollte ich mit Dir unterwegs noch ſprechen.“ „Eine Bedingung? Und welche, wenn es Dir beliebt?“ fragte Romys mit ſichtbarer Furcht, als ſähe er voraus, was man von ihm verlangen würde. „Setz' Dich nieder, ich bitte,“ fuhr das Fräulein mit gebieteriſcher Ruhe fort,„die Sache iſt ernſter, als Du glaubſt. Ich könnte Dir ſagen, daß mein Vorſchlag von der Art iſt, um Dich wirklich zu er⸗ freuen, da das Leben Deines theuerſten Kindes durch Annahme deſſelben für alle Zeit geſichert ſein wird; aber ich kenne Dich, Bruder, und ſehe voraus, daß Du alsbald wieder Dein Steckenpferd von hundert⸗ tauſend Francs reiten wirſt. Es iſt der letzte Streit, welcher darüber zwiſchen uns ſich erheben kann; laß uns alſo vernünftig und aufrichtig ſein, gleich Leu⸗ ten, die ſich mit einander zu verſtändigen wünſchen.“ „Warum ſo viele Umwege, Marie?“ ſiel Romys mit erheuchelter Ruhe ein.„Sage einfach, was Du Der einzige Unterſchied iſt, daß ich mich nicht ſo leicht von wei zwe Frã ſchör wah gezei größt hätte „„ ein. rief „Soll wenn vielen 84 das z1 weißt ſie liel De baren „Ke Stimme hier au de Cock Ron in ein ſ Conſ leicht r das t Dir, Bis Deine ſoll.“ mur⸗ enſter, mein u er⸗ durch vird; daß nert⸗ treit, laß Leu⸗ hen.“ mys Du 145 von mir verlangſt; ich werde Dir mit weiſen, daß D zweifelſt.“ „Nun, wir werden es ſogleich ſehen,“ Fräulein.„Du kennſt Ernſt de Cock⸗ ſchöner und ausgezeichneter junger wahr?“ „Ja; er iſt nicht häßlich, ich bekenne es. Aus⸗ gezeichnet? Das wäre möglich, wenn er nicht das größte und unglücklichſte Gebrechen von der Welt hätte.“ „Er iſt arm, willſt Du ſagen?“ fiel Blondeel ein.„Nicht ſo arm, als Du denkſt...“ „Still, Bruder, laß mich machen, ich bitte Dich,“ rief das Fräulein, halb befehlend, halb flehend. „Sollte ich Dir wohl etwas Neues damit melden, wenn ich ſage, daß Ernſt de Cock und Hermina ſeit vielen Jahren einander innig zugethan ſind?“ „Bah, Freundſchaft zwiſchen Kindern, was hat das zu bedeuten?“ „Stelle Dich nicht ſo unſchuldig, Romys. Du weißt es beſſer. Es iſt mehr als bloße Freundſchaft; ſie lieben einander von Herzen.“ „Eine Liebelei; es iſt kein Ernſt dahinter.“ Dem Fräulein ging beim Anblick der unzerſtör⸗ baren Ruhe von Hermina's Vater die Geduld aus. „Kein Ernſt?“ wiederholte ſie mit erhobener Stimme.„Es iſt ſo viel Ernſt dahinter, daß wir hier auf der Stelle um Hermina's Hand für Herrn de Cock anhalten.“ Romys ſtellte ſich höchlich verwundert, brach dann in ein ſpöttiſches Lachen aus und rief: Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 10 Freuden be⸗ u mit Unrecht an meinem guten Willen ſprach das Es iſt ein Mann, nicht — 146 „ℳ „Ha, ha, die Hand meiner Tochter für Ernſt de Cock? Du willſt Dich nur luſtig machen, Schweſter. Ein junger Springinsfeld, ohne Vermögen und Stand. Es iſt Spaß, nicht wahr?“ „Bleibe gelaſſen, Jan!“ ſagte das Fräulein zu ihrem Bruder, der auf ſeinem Stuhle unruhig zu werden begann. Die Geringſchätzung, welche ſein Schwager gegen Ernſt an den Tag legte, hatte ihn verletzt; in dieſem Punkt war er äußerſt empfindlich. Seine Schweſter wandte ſich wieder zu Romys und fuhr fort: „Höre zu, hier ſind die Gründe, welche wir zu Gunſten dieſer Heirath geltend machen können. Ernſt und Hermina lieben einander aufrichtig; ſie ſind beide jung; die Natur hat ſie gleich gefühlvoll geſchaffen, hat ſie mit denſelben Neigungen, mit derſelben Liebe für Alles, was edel und ſchön iſt, begabt. Ernſt iſt arm, ſagſt Du? Er hat allerdings keine viermal hunderttauſend Francs; aber er iſt Civilingenieur, Schüler des berühmten Stephenſon und mit all der Wiſſenſchaft, all den Kenntniſſen ausgerüſtet, welche nothwendig ſind, um ein Vermögen zu ſammeln, welches unendlich größer, als dasjenige der Romys, werden kann. Im Uebrigen ſind wir da, um zu helfen. Herzensgüte, Edelmuth, Schönheit der Ge⸗ ſtalt, Kenntniſſe, Entſchloſſenheit... er beſitzt Alles, was einen Mann erheben kann. Wir ſind überzeugt, Hermina wird mit ihm glücklich ſein, ſo glücklich, als ein Menſch auf dieſer Welt es werden kann; wir ſind gewiß, daß ſie Dich, daß ſie uns ewig ſegnen werden, wenn wir durch dieſe Heirath den ſüßeſten, den einzigen Traum ihres Lebens verwirklichen.“ nſt de peſter. Stand. ein zu ig zu ſein te ihn nblich. 8 und vir zu Ernſt beide haffen, Liebe nſt iſt germal enieur, ill der welche mmeln, omys, m zu r Ge⸗ Alles, zeugt, ücklich, kann; ſegnen ßeſten, 147 „Schöne Worte,“ brummte Romys;„ich kann jedoch nicht glauben, daß Du im Ernſte ſprichſt. Denke nicht mehr an dieſe Heirath, Schweſter; es iſt etwas ganz Unmögliches. Ein junger Mann ohne Vermögen!“ „Aber er wird ein anſehnliches Vermögen er⸗ werben.“ „Ungelegte Eier geben ſehr unſichere Küchlein, Schweſter. Und gewänne er auch noch ſo viel Geld! Er wird doch nur ein Neureicher ſein. Die Romys ſind Altreiche; ſie verbinden ſich nicht mit Leuten, die von geſtern ſtammen...“ „Es iſt nicht mehr auszuhalten!“ fiel Jan Blon⸗ deel ein.„Du könnteſt den kühlſten Menſchen dazu bringen, daß er aus der Haut fahren möchte!... Sag' einmal, Bonifaz, Du, der Du alle Zeit mit dem Alter Deines Geſchlechtes prahlſt, haſt Du denn wirklich vergeſſen, daß Dein Großvater Arbeiter auf einer Lohmühle geweſen iſt?“ Romys zitterte und erbleichte, als hätte er un⸗ verſehens den Biß einer Schlange gefühlt. Er ſchwieg eine Weile und that ſich Gewalt an, um ſeiner Herr zu bleiben. Dann ſprach er mit einem herben Lächeln und unterdrückten Zorn: „Ich habe einen ſolchen Hohn von Ihrer Seite, Herr Blondeel, nicht erwartet. Sie ſprechen von Dingen, die ſchon ſehr lange her ſind; aber wäre ich auch der Enkel eines Arbeiters, ſo würde dieß doch noch kein Grund ſein, meine Tochter wegzugeben an einen jungen Mann ohne Vermögen und ohne Na⸗ men... und, da Sie mich herausfordern, darf ich es wohl ſagen: an den Sohn eines Bankerottirers!“ 10* 148 „Bankerottirers?“ ſchrie Herr Blondeel, welchen dieſes Wort im Herzen verwundet hatte.„Banke⸗ rottirer?“ Und der ergrimmte Mann ſtreckte ſeine zwei Fäuſte gegen ſeinen Schwager aus, als wollte er ihm zu Leibe gehen. Das Fräulein trat zwiſchen beide und verſuchte, ſie zu beruhigen, doch wiederholte er das Wort„Bankerottirer.“ „Du ſiehſt wohl, daß die Wahrheit nicht allezeit angenehm iſt,“ ſprach Romys in ruhigem, triumphi⸗ rendem Tone. „Ich muß mich zurückhalten, ſonſt laſſe ich mich noch zu argen Dingen verleiten,“ ſagte Blondeel. „Von meinem armen Freunde de Cock ſelig alſo ſprechen? Von einem edelmüthigen Menſchen, der mehr werth war, als alle Romys auf Erden? Er? Ein Kaufmann, der in ſeinem Handel Unglück gehabt hat? Der das Opfer unvorhergeſehener Zufälle ge⸗ worden iſt? Der ſein Vermögen größtentheils zu retten im Stande geweſen wäre, wenn er von den rechtlichen Befugniſſen ſeinen Gläubigern gegenüber hätte Gebrauch machen wollen? Und der im Gegen⸗ theil Alles, ſelbſt das Erbtheil ſeines einzigen Kindes aufopferte, um ein ehrlicher Mann, nicht allein vor der Welt, hörſt Du, Romys, ſondern auch vor ſeinem eigenen Gewiſſen und vor Gott zu bleiben! Ein Vater, der ſich zur Armuth bequemt, um ſeinem Sohn einen fleckenloſen Namen hinterlaſſen zu kön nen? Und er nennt einen ſolchen Mann einen Ban⸗ kerottirer?“ „Nun, nun, man hat mir die Sache anders er⸗ zählt,“ antwortete Romys, der ſich genugſam für ſcchen unke⸗ wei ihm deide e er ezeit phi⸗ mich deel. alſo der Er? habt ge⸗ 3 zu den über gen⸗ ndes vor inem Ein inem kön Ban⸗ 3 er⸗ für 149 den Ausfall Blondeels gerächt zu haben glaubte. „Laß uns darüber nicht ſtreiten, ich nehme das Wort zurück.“ „Hört,“ ſprach Fräulein Marie entſchloſſen,„ſo kann es nicht fortgehen. Es muß bei unſerem Zwiſte zu einem Ende kommen. Vernimm, Romys, was ich Dir, um es kurz zu machen, zu ſagen habe. Wir erſuchen Dich freundlich, Deine Zuſtimmung zu der Heirath zwiſchen Ernſt de Cock und Hermina zu geben.“ „Niemals, Schweſter; die Ehre der Familie allein...“ „So? Du biſt alſo freundſchaftlich nicht zu ge⸗ winnen? Wohlan, ich werde einen andern Grund geltend machen. Schlägſt Du unſere Bitte ab, ver⸗ weigerſt Du uns das Mittel, Hermina's Glück zu ſichern, das Mittel, ſie in Zukunft vor der Bewer⸗ bung eines andern Pottewal zu ſchützen, dann iſt Alles zwiſchen uns abgethan. Wir kennen Dich nicht mehr. Heute noch werden wir Ernſt de Cock zu un⸗ ſerem Sohn annehmen und ihn zum einzigen Erben unſeres Vermögens einſetzen. Zweifle nicht länger: das iſt ein letzter Entſchluß, der durch Nichts in der Welt umgeſtoßen werden kann.“ Romys betrachtete das Fräulein mit ſteigendem Schrecken; er wandte ſein Geſicht nach Blondeel, in der Hoffnung, auf deſſen Geſicht vielleicht eine ge⸗ wiſſe Bedenklichkeit zu entdecken; aber Herr Jan nickte beſtätigend und nachdrücklich mit dem Kopfe, ſo daß kein Zweifel übrig blieb, und murmelte ſtatt aller Antwort: „Es iſt beſchloſſen, unwiderruflich beſchloſſen!“ 150 „Liebe Freunde,“ ſeufzte Romys,„Ihr werdet mich bald glauben machen, daß Ihr im Stande wäret, Eure Familie, Euer eigenes Blut, zu Gunſten eines Fremdlings, zu vergeſſen? Aber Ihr ſeid edel⸗ müthig; Ihr ſcherzet nur für den Augenblick. Nein, Ihr werdet Eure Schweſter, Eure unſchuldigen Nich⸗ ten ſo grauſam nicht enterben wollen? Der Plan, Ernſt de Cock zu adoptiren, iſt ein bloßer Einfall, nicht wahr?“ „Einfall?“ wiederholte das Fräulein.„Wirf einmal einen Blick auf das offene Buch da, das vor Dir liegt, und ſieh, womit wir uns vor Deiner An⸗ kunft beſchäftigt haben.“ Romys beugte ſich über das angedeutete Buch und murmelte erbleichend: „Von der Adoption und deren Wirkun⸗ gen. Iſt es möglich? O, mein Gott, Alles ſtürzt auf mich nieder. Ein doppeltes Heirathsgut, zwan⸗ zig Kinder in Ausſicht, mein Vermögen zerſtückelt! Zu Hauſe Krankheit, Jammer, Doktor und Apothe⸗ ker!... und hier eines Erbguts beraubt, das mei⸗ ner Familie rechtlich zugehört! O, Freund Blondeel, gute Marie, habt ein Bischen Mitleid mit meinem Unglück!“ „Wir haben kein Recht, um Dir dieſe Heirath aufzudringen,“ antwortete das Fräulein.„Du biſt völlig Herr über Dein Kind, wie wir über unſer Vermögen. Du haſt die Wahl; aber laß alle Hoff⸗ nung fahren, daß wir unſer Vorhaben noch aufgeben können. Hermina's Glück hängt davon ab; wir werden nicht weichen.“ herdet tande nſten edel⸗ Nein, Nich⸗ Plan, nfall, Wirf vor An⸗ Buch kun⸗ ſtürzt wan⸗ ckelt! dothe⸗ mei⸗ ndeel, einem eirath biſt unſer Hoff⸗ geben wir 151 Romys ſchaute eine Weile zu Boden, wahrſchein⸗ lich auf ein Mittel ſinnend, um noch einer beſtimm⸗ ten Antwort zu entgehen. Endlich zuckte er traurig die Achſel und ſagte: „Ich werde viel thun, ſehr viel, um Euch zu be⸗ weiſen, welchen hohen Werth ich auf Eure Freund⸗ ſchaft ſetze. Laßt uns nicht weiter von dieſer Sache ſprechen. Ich werde daran denken. Es hat keine Eile, nicht wahr, da Hermina doch Pottewal nicht heirathet?“ „Nein, Bruder, es muß ſogleich entſchieden werden.“ „Auf der Stelle, Bonifaz, ſtehenden Fußes,“ be⸗ kräftigte Blondeel. „Aber Ihr thut mir Gewalt an, Ihr macht mich zum Opfer Eurer grauſamen Tyrannei,“ erwiederte Romys ängſtlich. „Im Gegentheil, Bruder,“ war die kalte Ant⸗ wort.„Du haſt freie Wahl. Willſt Du nicht zu⸗ ſtimmen, ſo ſtehe auf und kehre heim. Wir nehmen das Civilgeſetzbuch unter dem Kapitel Adoption wieder auf.“ „Marie, Marie, Du biſt unbarmherzig gegen mich! Ein doppeltes Heirathsgut, zwei Hochzeits⸗ feſte. Ich bin ganz und gar ruinirt...“ „Hermina braucht kein Heirathsgut,“ ſagte Blondeel. „Kein Heirathsgut?“ wiederholte Romys.„Herr de Cock begehrt kein Heirathsgut? Wovon ſoll er denn leben?“ 3 „Sind wir nicht hier, um ihm zu helfen, wenn es nöthig iſt?“ 15⁵² „Wehe, wehe! Und iſt Euer Vermögen nicht gleichfalls das Gut unſerer Familie?“ „Und was das Hochzeitsfeſt betrifft, ſo wollen wir es, wenn Du es erlaubſt, ganz auf unſere Koſten geben.“ Romys beugte das Haupt und blieb einige Augenblicke in tiefes Nachdenken verſunken; dann ſeufzte er: „Unſere Familie alſo erniedrigen! Mein Kind unglücklich machen! Ja, ja, denn es gibt kein Glück ohne Reichthum. Ihr fordert das Opfer? Wohlan, ſo bleibt Ihr auch verantwortlich für die Folgen dieſer verhängnißvollen Heirath!“ „Du willigſt alſo ein?“ rief Fräulein Marie freudig. „Ich bin gezwungen; Ihr martert mich!“ „Aber Du willigſt ein? Antwort, Romys!“ „Ja, ja, ich beuge mich unter die Gewalt.“ „Es iſt vollbracht!“ jubelte das Fräulein.„Ich will Ernſt im Garten aufſuchen. Er wird Dir ſo dankbar ſein! Laß ihn glauben, daß Du freiwillig ihn zu Deinem Sohne annimmſt.“ Romys ſtreckte die Hand aus, um ſeine Schwä⸗ gerin, welche aufgeſtanden war, zurückzuhalten; aber ſie achtete nicht auf ſein Bitten, ſprang zum Zimmer hinaus und lief durch den Garten nach dem Pa⸗ villon, wo ſie den jungen Mann, mit den Händen vor dem Geſichte, ſitzen ſah. Dieſe traurige Haltung bewirkte, daß ſie ſogleich in ihrem ſchnellen Laufe einhielt. Sie trat langſam näher, während ſie bei ſich ſelbſt ſagte: „Der arme Junge! Ich muß vorſichtig ſein; 2 mußt mir h Dir( große alle D Romy⸗ Hermi⸗ „2 meine rend e nicht ollen oſten inige dann Kind blück hlan, lgen tarie wä⸗ aber mer Pa⸗ den eich am in; 1⁵³ nach ſolcher Betrübniß könnte die Freude ihm ſchäd⸗ lich werden.“. „Ernſt, Ernſt,“ ſprach ſie,„ich habe gute, glück⸗ liche Neuigkeiten für Dich!“ Er erhob den Kopf und ſchaute ſie unglaubig an. „Hermina heirathet nicht!“ „O mein Gott!“ rief Ernſt aufſpringend.„Habe ich recht gehört? Täuſchen Sie mich nicht, gute Marie?“ „Ihr Vater iſt drinnen; er hat uns die Botſchaft gebracht, daß nicht ſie, ſondern Fräulein Thereſe ſich mit Pottewal verheirathen wird.“ Der gerührte Jüngling hob ſprachlos die Hände zum Himmel empor. „Komm, Ernſt,“ ſagte Fräulein Blondeel,„Du mußt Deine Freude ein Bischen mäßigen und mit mir hineingehen. Herr Romys will Dich ſehen und Dir Etwas ſagen, was Dir, wie ich überzeugt bin, große Freude machen wird. Aber wenn Du Dich nicht ruhig zeigſt, wird es einen ſchlechten Eindruck auf ihn machen.“ Er folgte ihr durch den Garten; ſie ging nur langſam und ſprach im Gehen weiter: „Siehſt Du, Ernſt, Du haſt gar keine Ahnung davon; aber es könnte möglich ſein, daß noch heute alle Deine Wünſche in Erfüllung gehen. Wenn Herr Romys ſeine Einwilligung zu Deiner Heirath mit Hermina...“ „Wie? Was, was ſagen Sie? Hermina könnte meine Braut werden?“ rief der Jüngling aus, wäh⸗ rend er die Hand des alten Fräuleins faßte, ſie mit 154 Gewalt zum Stehen brachte und ihr bebend in die Augen blickte. „Sieh, da wirſt Du plötzlich roth und bleich vor Erregung,“ bemerkte Marie mit verſtelltem Miß⸗ fallen.„Das habe ich nicht geſagt. Aber das iſt gewiß, daß Herr Romys günſtig geſtimmt ſcheint; er hat ſogar beinahe ſein Jawort gegeben. Nun komm, folge mir. Um des Glücks von Hermina willen, ſei ein Mann und zeige Dich ſtark!“ Dieſe Warnung und der Anruf des Namens der Geliebten bewirkten, daß Ernſt ſich rieſige Gewalt anthat, um die ungeſtümen Bewegungen ſeines Her⸗ zens zu bezwingen. In das Zimmer tretend, führte Marie den Jüng⸗ ling zu Herrn Romys, welcher aufgeſtanden war und mit zuſammengepreßten Lippen und mit verſtörtem Geſicht ſeinem künftigen Sohn entgegenſah. „Hier iſt Herr de Cock,“ ſagte das Fräulein, „der kommt, Dir dafür zu danken, daß Du ihm ſo edelmüthig die Hand ſeiner theuren Hermina zu⸗ ſagſt.“ „Sollte es wahr ſein, mein Herr?“ rief Ernſt mit Thränen in den Augen;„o, Gott ſegne Sie für dieſe höchſte Wohlthat!“ „Sparen Sie Ihre Dankesbezeugungen, ich bitte Sie, mein Herr,“ brummte Romys.„Ich bin es nicht, der Ihnen die Hand meiner Tochter ſchenkt. Es iſt Fräulein Marie; es iſt Ihr Vormund Blondeel.“ „Vielleicht zweifeln Sie, mein Herr, ob ich wohl würdig bin, Ihr Sohn zu werden?“ fuhr Ernſt fort.„Gott wird mir Muth und Kraft verleihen, genug viellei Heira gebe k dürfen „ in die ch vor Miß⸗ das iſt cheint; Nun ermina ns der Gewalt 8 Her⸗ Jüng⸗ ar und törtem äulein, ihm ſo na zu⸗ Ernſt Bie für h bitte bin es ſchenkt. rmund ) wohl Ernſt⸗ leihen, 155 um einſt Ihre Achtung, Ihre Freundſchaft, Ihre Zu⸗ neigung zu verdienen. O, glauben Sie mir, ich werde Ihr Kind glücklich machen!“ „Machen Sie dieſelbe lieber reich, wenn Sie können; das ſoll mich mehr freuen,“ entgegnete Romys mit bitterem Spott.„Es wird Ihnen ſchwer genug werden, mein Junge; denn Sie wiſſen es vielleicht noch nicht, ich gebe meiner Tochter kein Heirathgut mit.“ „Hermina, Hermina allein!“ jubelte der Jüng⸗ ling begeiſtert.„Ihr Glück muß mein Werk ſein. Um es zu ſichern, fuͤhle ich die Kraft in mir, Wun⸗ der zu thun!“ „Wir wollen es abwarten,“ war die Antwort. „Dieſes luſtige Liedchen wird bald in eine andere Tonart übergehen; aber prägen Sie ſich wohl ein, daß bei dem Schwiegervater Nichts zu holen iſt. Ich gebe keinen einzigen Franc, keinen Centime, davon dürfen Sie überzeugt ſein!“ „Ich begehre Nichts, als Hermina's Hand. Sie iſt für mich der größte Schatz der Erde.“ Romys zuckte mitleidig die Achſeln. „Worte, Worte, welche nicht viel verheißen,“ brummte er.„Wohl, heirathen Sie Hermina, und beſtreben Sie ſich, mich dieſe Heirath nicht bereuen zu laſſen.“ Sich zu Blondeel wendend, ſagte er: „Komm nun, Jan, gehen wir nach Darlingen. Dieſe Scene hat lang genug gedauert, und wir erufſtn noch Vormittags mit der Eiſenbahn ab⸗ gehen.“ „Laß Ernſt Dir auch Geſellſchaft leiſten, Romys,“ 15⁵6 flehte das Fräulein.„Es iſt ſchicklich, daß er zum Mindeſten ſeine Verlobte begrüße; und Du wirſt ſehen, ſein Erſcheinen in Deinem Hauſe wird Krank⸗ heit und Kummer wie mit einem Zauberſchlag ver⸗ treiben. Du haſt doch gewiß Nichts dagegen, daß Ernſt ſich mit Dir nach Darlingen begibt?“ „Es iſt nun doch ſo,“ ſeufzte Romys.„Mir iſt Alles einerlei.“ „Einen Augenblick, ich will nur einen andern Rock anziehen,“ rief Blondeel.„In einer Minute bin ich zurück.“ Romys eilte ihm nach, ohne Zweifel, um mit ihm allein ſprechen zu können. Sobald beide das Zimmer verlaſſen hatten, ſprang Ernſt dem alten Fräulein an den Hals und rief mit thränenden Augen aus: „Marie, gute Marie! Ihnen und Ihrem edeln Bruder, aber vornehmlich Ihnen habe ich dieſe un⸗ ermeßliche Wohlthat zuzuſchreiben. Dank, Dank, engel⸗ gleiche Seele; Sie laſſen mich vergeſſen, daß ich keine Mutter habe! O, was mir auch geſchehe, jeden Augenblick meines Lebens werde ich Ihren Namen ſegnen!“ „Nun, nun, werde mir nur nicht wahnwitzig; Du zerknitterſt mir meinen Kopfputz,“ entgegnete das Fräulein.„Mache Hermina glücklich: einen andern Lohn begehre ich nicht.“ „So, ſo! Das geht gut!“ rief Blondeel, mit Romys in das Zimmer tretend.„Komm, Ernſt, es iſt noch Zeit genug, meiner Schweſter Deine wohl verdiente Dankbarkeit auszudrücken. Nimm Deinen Hut, mein Junge, denke, daß Hermina noch Nichts melte Un den F mina, zu übe Es lich in Beſond Vor Volks! gierige man v bracht? nach de Frauen hauſes auch ge konnte: Wei Frauen das An ſie ſich und im eines de r zum wirſt Krank⸗ g ver⸗ n, daß Nir iſt andern Minute it ihm ſprang lef mit edeln ſe un⸗ engel⸗ hkeine jeden Ramen Du e das indern l, mit iſt, es wohl Heinen Nichts 157 weiß und noch immer ſich der Betrübniß hingibt. Hurtig; nicht geſäumt!“ Ernſt gehorchte;— noch im Hinausgehen mur⸗ melte er mit tiefem Gefühl: „Marie, gute Marie, habe Dank, habe Dank!“ Und eine halbe Stunde hernach flog Ernſt auf den Flügeln des Dampfes nach Darlingen, um Her⸗ mina, ſeiner theuern Verlobten, die frohe Botſchaft zu überbringen. VII. Es war nicht ſo einſam und ſo ſtill, wie gewöhn⸗ lich in Darlingen: es mußte dieſen Morgen etwas Beſonderes vorgefallen ſein. Vor dem Stadthauſe trieb ſich eine große Menge Volks herum, und man ſah noch immer weitere Neu⸗ gierige aus den langen Straßen herzulaufen. Hatte man vielleicht den Leichnam eines Ertrunkenen ge⸗ bracht? War ein berüchtigter Dieb eingefangen und nach dem Polizeibureau geführt worden? Aber die Frauen und Mädchen vor dem Portale des Stadt⸗ hauſes ſchwatzten laut und lachten unaufhörlich. Was auch geſchehen war oder noch geſchehen mochte, es konnte nichts Trauriges ſein. Weiterhin auf dem Markte weilten hie und da Frauen und Fräulein höhern Standes, welche ſich das Anſehen geben zu wollen ſchienen, als befänden ſie ſich nicht aus Neugierde, ſondern nur ſo zufällig und im Vorbeigehen an dieſem Orte. „Es iſt aber doch nur ein Neureicher,“ bemerkte eines der Fräulein im Tone tiefer Geringſchätzung. 158 „Ein Neureicher, Fräulein Loots? Er hat Nichts: weniger als Nichts! und Romys gibt Hermina kein Heirathgut mit. Wovon ſollen ſie leben?“ „Ich kenne ihn nicht,“ ſprach die jüngſte der Frauen mit gedämpfter Stimme;„aber wenn es wahr iſt, was man von ſeiner Familie ſagt... Ken⸗ I G nen Sie ſeine Familie, Madame Kwas?“ „Nun, nun, Madame Loots, ſtellen Sie ſich nur nicht ſo unſchuldig an; Sie wiſſen ſo gut wie ich, daß er ganz und gar keine Familie hat. Es iſt ein Menſch von Lauternichts.“ „Den umlaufenden Gerüchten zufolge ſoll ſein Vater ſehr ſchlechte Geſchäfte gemacht haben?“ „Bankerott ſpielen iſt gegenwärtig Mode.“ „Armer Romys!“ ſeufzte Madame Loots.„Dann will ich wohl glauben, daß er Verdruß hat.“ „Verdruß? Ich habe ihm vorgeſtern hier auf dem Markte zu der Doppelheirath ſeiner Töchter Glück gewünſcht, nur um zu hören, was er ſagen würde. Ich mußte mich ſchnell auf die Beine ma⸗ chen; denn er wollte mich beißen, gleich einem wüthen⸗ den Hunde.“ „Man ſagt, Thereſe Romys ſei gleichfalls ſehr aufgebracht.“ „Dazu hat ſie ſehr Recht,“ murmelte eines der Fräulein.„Wenn meine Schweſter unſere Familie durch eine ſchmachvolle Heirath entehren wollte, mich dünkt, ich könnte mich vor Herzeleid auf den Tod legen.“ „Daß Thereſe wüthend iſt, läßt ſich leicht errathen,“ ſagte Madame Kwas.„Sie iſt von Natur nicht freundlich und vergeht faſt vor Hochmuth. Sie wollte Nichts: ina kein gſte der denn es .. Ken⸗ ſich nur wie ich, 3 iſt ein oll ſein 2 77 „Dann hier auf Töchter r ſagen ine ma⸗ wüthen⸗ lls ſehr ies der Familie te, mich en Tod athen,“ p nicht wollte 159 ſich nicht an demſelben Tage mit ihrer Schweſter verehelichen, um nicht in Geſellſchaft ihres neuen Schwagers geſehen zu werden. Ihr Oheim Blondeel und ihr Vater haben ſie dazu gezwungen.“ „So daß wir ſie alſo zuſammen nach dem Stadt⸗ hauſe ziehen ſehen?“ „O nein. Thereſe und Pottewal werden zuerſt getraut. Eine Stunde hernach langt ihr Oheim Blon⸗ deel mit zwei Kutſchen von Schärbeek an, und dann kommt die Reihe an Hermina.“ „Woher wiſſen Sie das Alles ſo gut, Madame Kwas?“ „Ich weiß Alles. Nach der Hochzeit geht Her⸗ mina mit ihrem Oheim nach Schärbeek ab: ſo iſt die Sache ausgemacht. Ihre Hochzeit wird zu Schär⸗ beek gehalten, und ihr Oheim trägt die Koſten davon.“ „Sie hat es wohl verdient,“ murmelte eines der Fräulein.„So aus ihrer Eltern Hauſe weggejagt zu werden...“ „Nein, dieß iſt nicht der Grund. Es geſchieht, um Thereſe zufrieden zu ſtellen, welche im Stande wäre, ihrer Schweſter Bräutigam zu verhöhnen. Und Koerdie findet der Geiz von Romys ſeine Rechnung dabei.“ „Aber Hermina's Eltern werden doch ihrer Hoch⸗ zeit nicht beiwohnen? Welche Schande für ſie!“ „Dafür iſt gleichfalls geſorgt. Madame Romys geht mit nach Schärbeek... Höre ich nicht Wägen? Seht, das Volk drängt ſich gegen das Stadthaus. Da ſind ſie! Kommt, laßt uns weiter vorgehen. Ihr wollt nicht? Nun, ſo lebt wohl; ich muß in — ——— 160 der Nähe ſehen, was Thereſe für ein Geſicht ſchnei⸗ det... Vor dem Rathhauſe hielten dieſen Augenblick zwei Kutſchen. Frauen und Mädchen drängten ſich vor, um das Kleid der Braut ſehen zu können. Schon ſeit zwei Monaten ſprach man in der ganzen Stadt von dieſen Heirathen und machte viel Rühmens von dem Reichthum des Brautſtaates von Fräulein Thereſe. Da ſteigt ſie den Kutſchentritt herab. Ihr Kleid iſt von ſchwerer moirirter Seide und dunkelblauer Farbe; ſie trägt einen weißen Atlashut mit einigen Blumen, eine große Diamantbroſche, Diamantohrringe, goldene Armbänder, Alles reich und ſchwer, doch nicht von ſehr gutem Geſchmack. Nichts deſto weniger ſtechen die Diamanten den Zuſchauern in die Augen; die Mädchen unter dem Volke murmeln Worte der Bewunderung. Fräulein Thereſe bemerkte die beifällige Stim⸗ mung der Menge; ſie erhob den Kopf noch höher und ließ ihren Blick kalt und ſtolz über die Umſtehen⸗ den hinlaufen. Pottewal, ihr künftiger Gatte, iſt ſchwarz geklei⸗ det und trägt eine weiße Halsbinde und weiße Hand⸗ ſchuhe. Sein rothes, volles Angeſicht gibt ihm einige Aehnlichkeit mit einem aufgeputzten Bauern; aber er iſt vergnügt und lächelt dem Volke, das ihn anſchaut, freundlich zu. Während man einen Augenblick war⸗ tet, bis die Eltern und die Zeugen ausgeſtiegen ſind, nähert er ſich ſeiner Braut und macht ihr mit lauter Stimme eine Bemerkung, die er ſelbſt für ganz geiſt⸗ voll zu halten ſcheint. Thereſe wird roth vor Scham oder freu⸗ zurü 8 in d und tewa lache Potte ſagt dem A und beina E zu ſa ihre; N vor d Geſetz I den, wichti lobten Potten glänzt und 1 auf de Faſſur Pt ſie flü Con ſchnei⸗ genblick en ſich Schon Stadt is von räulein Kleid blauer einigen rringe, h nicht deniger lugen; rte der Stim⸗ höher ſtehen⸗ geklei⸗ Hand⸗ einige ber er ſchaut, k war⸗ n ſind, lauter geiſt⸗ Scham 161 oder Wuth und führt ihren Bräutigam mit wenig irrundlichen Worten zu dem Gefühl ſeiner Würde zurück. Von den Eltern und Zeugen gefolgt, treten ſie in das Stadthaus. Der Vorſaal iſt mit Neugierigen und Bekannten angefüllt. Einige rufen Herrn Pot⸗ tewal einen gutgemeinten Glückwunſch zu; Andere lachen oder erlauben ſich freundliche Scherzworte. Pottewal glaubt darauf erwiedern zu müſſen und ſagt zu einem ſeiner beſondern Freunde: „Ja, Jan, die Leiter wird hinweggezogen; mit dem Junggeſellenleben iſt's vorüber..“ Aber ſeine Braut wendet den Kopf nach ihm um und ſchaut ihn ſo verweiſend an, daß ihm das Wort beinahe im Munde ſtecken bleibt. Er erkennt bei ſich ſelbſt, daß er eine Dummheit zu ſagen im Begriff war, und iſt ihr dankbar für ihre Zurechtweiſung. Man erreicht den Trauungsſaal und ſtellt ſich vor der Tafel auf, wornach der Bürgermeiſter den Geſetzesartikel über die Ehe vorzuleſen beginnt. Je länger der Bürgermeiſter mit ſeiner näſeln⸗ den, nervenangreifenden Stimme fortfährt, ſeine ge⸗ wichtigen Worte, eins nach dem andern, den Ver⸗ lobten an's Herz zu legen, deſto gerührter wird Pottewal. In den Augen von Madame Romys glänzt eine Thräne. Thereſe allein ſcheint unbewegt und richtet ihren kalten Blick mit ſolcher Feſtigkeit auf den Bürgermeiſter, daß der dadurch faſt aus der Faſſung gebrachte Beamte zu ſtottern beginnt. Vottewal neigt ſich zu ſeiner Braut und fragt ſie flüſternd: Conſcience, Die Bürger v. Darlingen. 11 162 „Thereſe, meine Liebe, der feierliche Augenblick naht. Ich bin ganz gerührt— und Du?“ Sie blickt ihn mit einem bittern Lächeln an, und gibt keine Antwort. Der Bürgermeiſter fragt die Verlobten der Reihe nach, ob ſie einander als rechtmäßige Gatten anneh⸗ men wollen. Die Stimme des Bräutigams iſt dumpf und ſchwach; aus dem Munde der Braut ertönt das Jawort kurz, ſcharf und beinahe barſch. Sie müſſen ihre Namen unter den Ehevertrag ſchreiben; Pottewals Hand zittert ein wenig; The⸗ reſe unterzeichnet ohne Zögern und mit einem ein⸗ zigen Federzuge. Es iſt geſchehen; man entfernt ſich. Der Bräu⸗ tigam ſagt mit ſchmeichelnder, froher Stimme zu ſei⸗ ner Gattin: „Thereſe, meine liebe Frau, nun gehören wir einander für's Leben an. Hat Dir das Herz nicht ein Bischen geklopft, als Du das ewige Gelöbniß ausſpracheſt?“ „Wie biſt Du doch ſo widerwärtig,“ entgegnete ſie übler Laune.„Halte Dich, wie es ſich ziemt. Das Publikum ſieht auf uns. Wir ſind doch keine Kinder mehr. Und lache nicht ſo: erinnert Euch, Herr, daß wir diſtinguirte Leute ſind!“ Dcer arme Pottewal hätte gern durch freundliche Worte einige Freude in ſeiner Braut erweckt, aber ihre letzten Worte hatten ihm den Muth dazu ge⸗ nommen. Er führte nun ſtillſchweigend ſeine Frau zu der Kutſche... Die Pferde ſtampfen, die Peitſche knallt, ander Niem Stun meine tige 4 auf u unbeke tig zu Ar chen, machte der Ke merte Freude denn c Lächel! ſie ſo licher blüthen ein Sz Hülle und de etwas Ein der Br genblick m, und rReihe anneh⸗ of und nt das vertrag ; The⸗ em ein⸗ Bräu⸗ zu ſei⸗ en wir 3 nicht elöbniß gegnete ziemt. h keine Euch, ndliche , aber zu ge⸗ zu der knallt, 163 und das neuvermählte Paar verſchwindet an der Ecke der langen Kirchſtraße. Das Volk vor dem Stadthauſe läuft durch ein⸗ ander und unterhält ſich mit lauter Stimme; aber Niemand verläßt den Platz, obwohl mehr als eine Stunde vergeht, ohne daß etwas Neues die allge⸗ meine Aufmerkſamkeit erregt. „Horcht, da ſind ſie! Tie Kutſchen auf der Straße von Brüſſel!“ ruft man.„Sie holen die Braut und werden ſogleich hier ſein!“ Wirklich hielten kurz darauf wieder zwei präch⸗ tige Kutſchen vor dem Stadthauſe. Das Volk wogte auf und ab; Jedermann drängte ſich heran, um des unbekannten Bräutigams ganz in der Nähe anſich⸗ tig zu werden. Aus der erſten Kutſche ſtieg ein junges Mäd⸗ chen, deren Erſcheinung jedes Geräuſch verſtummen machte. Auf ihren Wangen erglühte die Schamröthe der Keuſchheit; in ihren großen blauen Augen ſchim⸗ merte der Stolz des Glücks. Es war, als ob die Freude ihrer Seele auf die Umſtehenden ausſtrahle; denn auf allen Geſichtern erweckte ſie daſſelbe ſtille Lächeln der Bewunderung und Theilnahme. Wie iſt ſie ſo ſchön, ſo herrlich in all dem Glanze jungfräu⸗ licher Anmuth! Ein Kranz von weißen Orange⸗ blüthen umgibt ihre Locken; von ihrem Haupte wallt ein Spitzenſchleier herab, der ſie mit einer duftigen Hülle umſchließt. Ihr Kleid iſt von weißem Atlas, und der Schimmer deſſelben durch ſchneeige Gaze etwas gemildert. Ein langes Gemurmel erhebt ſich unter dem Volk: der Bräutigam iſt aus der zweiten Kutſche ausge⸗ 11 — —— 164 ſtiegen. Man kann ihn ſo in der Nähe betrachten, den Mann, von welchem ſeit zwei Monaten ſo viel in Darlingen geſprochen worden iſt! Er iſt es alſo, der wohlgefällige junge Mann, mit ſeinem ſchönen Geſichte, mit ſeiner hohen Geſtalt, mit dem Stempel des Adels auf der breiten Stirne! Dieſes beifällige Gemurmel iſt die Aufwallung des Gedankens, daß er wahrhaftig es werth ſei, der Gatte der ſchönen Hermina zu werden. In dieſem Augenblick tadeln viele der Zuſchauer ſich ſelbſt darüber, daß ſie ſo viel Gift auf den Namen eines Mannes ausgeſpieen haben, deſſen Aeußeres ihnen jetzt Achtung und Zu⸗ neigung einflößt Ernſt de Cock wechſelt einen einzigen Blick mit ſeiner Braut; die Röthe der Rührung leuchtet auf Beider Stirne. Der Blick erregt den Umſtehenden unwillkürlich ein gewiſſes Zittern, und ſie ſchauen einander verwirrt an. Dieß kommt daher, weil in dieſem Blicke zwei Seelen erſchienen ſind, weil er das Volk in zwei gefühlvollen Herzen hat leſen laſſen. Ein Dankgebet zu Gott, ein Zeugniß einer unend⸗ lichen, einer ewigen Liebe! Herr Jan Blondeel läßt ſeine Augen über die Zuſchauer hinlaufen; er lacht, er iſt roth vor Ent⸗ zücken, und reibt ſich die Hände, als wollte er ſagen:„ſeht, ich habe gewonnen, ich werde glücklich ſein!“ Die Eltern und Zeugen ſind bereit; man tritt in den Vorſaal des Stadthauſes. Viele Bekannte wünſchen Hermina Glück; die Roſen jungfräulicher Scham erhöhen noch die Farbe ihrer Wangen; aber ſie lächelt ſo ſüß, und dankt ſo innig mit ihren glän ihren — verle Frar geſich 2 Verl Bürg kling und Als Gelie ihre liche Ihre trakt Es iſ Hals zen a E rachten, ſo viel es alſo, ſchönen Stempel eifällige 8, daß ſchönen tadeln ſie ſo geſpieen nd Zu⸗ lick mit tet auf ehenden ſchauen weil in weil er rlaſſen. unend⸗ ber die or Ent⸗ ollte er glücklich un tritt hekannte äulicher 1; aber t ihren 165 glänzenden Augen den Freunden, welchen ſie auf ihrem Durchgang begegnet. Herr Romys ſieht ſehr unwirſch aus und ſcheint verlegen und beſchämt über dieſe Heirath; ſeiner Frau dagegen ſtrahlt die Freude aus ihrem An⸗ geſichte. Auch dieſe Verlobten müſſen eine Zeit lang das Verleſen des Geſetzes mit anhören; während des Bürgermeiſters Stimme eintönig durch den Saal er⸗ klingt, ſieht man, wie Hermina's Buſen ſich hebt und ſenkt; ſie athmet ſichtbar ſchwer vor Bewegung. Als ſie das feierliche Jawort aus dem Munde des Geliebten fallen hört, ſpringen die Thränen über ihre Wangen, und ſie iſt kaum im Stande, die feier⸗ liche Frage des Bürgermeiſters zu beantworten... Ihre Mutter muß ihr behülflich ſein, den Checon⸗ trakt zu unterzeichnen; ſie zittert wie Eſpenlaub.— Es iſt geſchehen; ſie wirft ſich ihrer Mutter an den Hals und bricht an ihrer Bruſt in lautes Schluch⸗ zen aus. Ernſt de Cock nähert ſich. Jetzt iſt Hermina ſeine rechtmäßige Gattin; keine Macht auf Erden kann ſie ihm mehr entreißen, die theure Gefährtin ſeines Lebens. Sie gehört ihm zu. 3 Er bietet ihr ſeinen Arm; er iſt gleichfalls von Glückſeligkeit überwältigt und vermag nicht zu ſpre⸗ chen. Beide verlaſſen den Saal, ſchweigend, tief⸗ bewegt, mit niedergeſchlagenen Augen, als ob ſie von Kummer bedrückt würden. Im Vorſaal flüſtert Ernſt: „Meine theure Hermina, Du zitterſt ſo! Du 166 weinſt ſo heftig! Mir klopft gleichfalls das Herz im Buſen.“ „Sei ſtille, Ernſt; lieber Freund, laß mich Athem holen. Ich unterliege vor Glück. O, wie iſt Gott ſo gut!“ Mehr kann ſie nicht ſagen; und ſie muß wirklich eine Stütze am Arme ihres Gatten ſuchen, um nur die Kutſche zu erreichen. Die Peitſchen knallen wieder, und die Pferde eilen ſchnellen Laufes nach der Kirche, deren Thürme am Ende der langen Straße ſich erheben. In einem Saale mit dunkelgrünen Vorhängen, ſchlecht beleuchtet und traurig in ſeinem Aeußern, ſaßen etwa zwanzig Perſonen um einen Tiſch herum. Man hört in dieſem Augenblick Nichts als das Ge⸗ klirre von Meſſern und Gabeln, denn man hat die Kauwerkzeuge der Gäſte ein wenig lang ruhen laſſen, und jetzt iſt ein neues Gericht aufgetragen: Jeder⸗ mann ißt und in dem Geſpräche iſt eine Pauſe ein⸗ getreten. Herr Pottewal und ſeine Frau ſitzen in der Mitte an der Tafel. Romys befindet ſich an dem einen Ende der Tafel, ober ihnen; er ordnet den Dienſt an, überwacht Alles und gibt ſeine Befehle den vier gemietheten Tafeldienern, welche hin⸗ und herlaufen, oder gleich Bildſäulen hinter ihm ſtehen bleiben. Die übrigen Perſonen ſind Herren und Damen, alle alt und ſehr ernſt von Miene. Sie heißen in der Reihenfolge ihrer Plätze: Romys⸗Doover, Doover⸗Romys, Bollincz⸗Pottewal, Doover⸗Crulhaſt, Bollincz⸗Romys, Pottewal⸗Cortbeen, Romys⸗Crulhaſt, Cortl Potte und ihre keit daß er m Ein man ſchme mache S ſeine wollen aber! Der Zwiſe Präſe da, w — Ei und f hat e krön er ger ſten j Keller 3 Herz Athem t Gott virklich m nur Pferde hürme ängen, jußern, herum. s Ge⸗ at die laſſen, Jeder⸗ ſe ein⸗ Mitte einen Dienſt n vier aufen, en. damen, heißen oover, ulhaſt, ulhaſt, 167 Cortbeen⸗Doover, Cortbeen⸗Pottewal, Romys⸗Romys, Pottewal⸗Pottewal u. ſ. w.... Sie ſind alle nahe und faſt widernatürlich mit einander verwandt, und ihre Namen bezeugen, daß ſie der Bewegungsloſig⸗ keit ſelbſt im Geſchlechte und im Blute huldigen. Herr Romys gibt genau Acht; ſobald er bemerkt, daß der Teller von einem ſeiner Gäſte leer iſt, ruft er mit lauter Stimme den Dienern zu und ſagt: „Noch ein Bischen Truthahn für Madame dort! Ein Bischen Fülle fuͤr den Herrn dort! Nun, nun, man muß eſſen. Laſſen Sie mich nicht glauben, es ſchmecke Ihnen nicht. Noch Etwas, noch ein Wenig, machen Sie mir die Freude!“ So nöthigt Romys durch unaufhörliches Zureden ſeine Gäſte, mehr Speiſe zu ſich zu nehmen, als ſie wollen, obſchon es ihnen an Eßluſt nicht gebricht— aber mit dem Wein geht es nicht ſo verſchwenderiſch. Der freudebringende Trank wird nur nach langen Zwiſchenpauſen in einfachen Kelchgläſern und auf Präſentirtellern herumgereicht; und es ſind Gäſte da, welche aus Durſt oder aus Noth Waſſer trinken. — Ein Herr neigt ſich zu einer nebenſitzenden Dame und flüſtert ihr in's Ohr:„Die Lieferung der Speiſen hat er in der Hauptſache dem Wirth aus dem Ge⸗ krönten Elephanten übertragen; darum möchte er gern ſeine Gäſte von übermäßigem Eſſen ſelbſt ber⸗ ſten ſehen. Der Wein kommt aus ſeinem eigenen Keller; darum läßt er uns vor Durſt verſchmachten, der gemeine Geizhals!“ Die Meiſten der Genöthigten haben Nichts mehr auf ihrem Teller; noch einige alte Damen ſind im Rückſtande;— aber dieſe ſind nunmehr gleichfalls 168 fertig: das Geſpräch fängt in der Zwiſchenzeit wie⸗ der an und wird vielleicht lebendiger. „Ich eſſe gern Truthahn mit Trüffeln,“ ſagt ein Herr, deſſen Wangen vor Eßluſt glänzen. „Er iſt vortrefflich zubereitet; eine leckere Sauce,“ antwortete eine alte Dame. „Die unglücklichen Zähne,“ ſeufzt eine Zweite; „ich kann beinahe Nichts mehr beißen.“ „Das iſt ein Wetter, nicht wahr?“ ruft aus der Ferne Jemand, der witzig ſein wollte.„Jetzt ſind es nicht die Krähen allein, die auf den Bäumen ſitzen und Maulaffen feil haben: ich kann ſelbſt kaum mehr Athem holen.“ „Es wird ein Gewitter geben: die Fliegen ſtechen,“ bemerkt eine Dame. „Die Kartoffeln werden wieder krank, ſagt man. Die Hitze kann ihnen nicht gut thun.“ „Alles Grün in unſerem Garten welkt dahin.“ „Der Mangel an Regenwaſſer iſt noch das Schlimmſte; mein Mann will ſich mit Pumpbrun⸗ nenwaſſer nicht raſiren.“ „Ha, ha, ſo laſſe er ſeinen Bart wachſen; das wird Mode.“ „Ja; er hat es einmal probirt. Er iſt jetzt kein Cupido, aber dann ſieht er abſcheulich aus.“ „Ha, ha, Herr Cortheen mit einem Bart! Ich gäbe zehn Francs, wenn ich es ſehen könnte.“ „Sagt, wißt Ihr es ſchon, die öſterreichiſchen Metalliques ſind um ein Procent gefallen; ſie wer⸗ den noch tiefer ſinken.“ 8 „Die Kohlenminen ſteigen merklich...“ der nel ger lun Sie ſag ſpr Ha ſie nich Wo fält lich ihre ren kom ſich grü jede Her eine ſtell Pot wie Kele t wie⸗ gt ein auce,“ weite; us der zt ſind äumen kaum echen,“ man. hin.“ das pbrun⸗ ; das * 169 Und ſo geht es, immer hinkend, von Gericht zu Gericht bei dem fröhlichen Hochzeitmahle fort. Thereſe Romys, die Braut, ißt wenig; ſie hält den Kopf aufrecht und zeigt ein unbewegliches, vor⸗ nehmes Geſicht. Bisweilen wird das Wort an ſie gerichtet; denn neben ihrem Mann hat ein alter Herr ſeinen Platz, welcher durch ſcherzhafte Anſpie⸗ lungen ein Lächeln auf ihre Lippen zu locken ſucht. Sie ſchweigt und will nicht lachen: man könnte ſagen, ſie ſei unzufrieden. Pottewal redet manchmal ſeine Braut an und ſpricht von dem Glück, das ihn erwartet, von ſeinem Haushalte, und von den ſchönen Pferden, die er für ſie gekauft hat. Sie antwortet ihm beinahe gar nicht und tadelt ihn, daß er bei dem geringſten Worte, das geſprochen wird, ſo laut lacht. Der ein⸗ fältige Mann glaubt, ſeine Frau ſei von der Feier⸗ lichkeit des Tages noch allzu bewegt und entſchuldigt ihre Theilnahmloſigkeit. Sie iſt in der That wäh⸗ rend der zwei Monate ihrer Brautſchaft ſo zuvor⸗ kommend, ſo freundlich gegen ihn geweſen, daß er ſich nicht vorſtellen kann, die Heirath habe eine ſo gründliche Veränderung bei ihr hervorgebracht. Das Deſſert iſt aufgetragen, die Tiener ſchenken jedem der Gäſte ein Glas Schaumwein ein. Der Herr, welcher neben dem Bräutigam ſitzt, nimmt eine volle Flaſche aus den Händen eines Dieners, ſtellt ſie vor ſich auf den Tiſch hin und flüſtert Pottewal in's Ohr, er müſſe, um ſo fröhlich zu ſein, wie es für einen ſolchen Tag ſich gebühre, einige Kelche Champagner trinken. Romys bemerkt den an ſeinem Keller begangenen 170 Diebſtahl; er ſieht gar ſauer dazu und brummt in ſich hinein, aber er wagt ſeine Unzufriedenheit nicht auszulaſſen, denn der Herr iſt eine vornehme Perſon in der Familie. Pottewal trinkt in kurzer Zeit vier oder fünf Gläſer Champagner; er beginnt röther zu werden, und ſeine Augen bekommen einigen Glanz. Er ſteht auf und zieht ein Papier aus ſeiner Taſche, als wollte er Etwas vorleſen. „Nun, was ſoll das werden? Was willſt Du thun?“ murrt ſeine Braut beſtürzt. „Ich habe ein Stück Verſe auf unſere Hochzeit machen laſſen und will ſie vorleſen. Ich bitte die Geſellſchaft um Entſchuldigung, wenn ich ein Bischen ſtottere...“ „Komm, ſetz' Dich nieder; mach' Dich nicht lächer⸗ lich!“ befiehlt ſeine Frau unwillig. „Nein, nein, ich werde leſen,“ entgegnet er.„Es iſt hier ohnedieß wie bei einem Leichenbegängniß; und an einer Hochzeittafel darf man ſchon ein Bischen lachen.“ Thereſe wird vor Scham oder vor Wuth über den Widerſtand ihres Gatten roth bis hinter die Ohren. Sie ſchweigt und ſchlägt die Augen nieder. Pottewal entfaltet ſein Papier; er hat das Ge⸗ dicht auswendig gelernt und liest mit feſter Stimme: Das Lob der Ehe. Komiſches Lied in drei Gefängen. Irſter Geſang. „Es war zur Zeit, als all' die Thiere ſprachen, „Rein und unwiſſend in dem Paradies . iut in nicht berſon fünf erden, ſeiner ſt Ddu dchzeit te die chen ücher⸗ gniß; schen über die ieder. Ge⸗ nme: 171 „Der Herr noch unſere Eltern leben ließ; „Sie wußten noch kein Kleid aus Feigenblatt zu machen...“ Pottewal hielt im Leſen an und ſchaute ver⸗ wundert um ſich. Ein mißbilligendes Gemurmel läßt ſich hören; die Frauen wurden roth und ver⸗ bargen ihr Angeſicht; Thereſe ſtieß unverſtändliche Worte des Tadels aus. „Fahren Sie fort, Herr Pottewal, fahren Sie fort,“ ruft der Herr neben ihm.„Es iſt nichts Arges daran; wir wollen einmal lachen.“ Der Bräutigam begann wieder zu leſen: „Sie wußten noch kein Kleid aus Feigenblatt zu machen; „Doch mit der Unſchuld, ſo viel iſt gewiß, „War's aus, als Adam in den Apfel biß...“ Ein Sturm der Entrüſtung erfüllte den Feſtſaal; Thereſe nahm ihrem Bräutigam das Papier aus der Hand und zerriß es zornig in tauſend Stücke. Die Thränen ſtanden ihr in den Augen und ſie ſchaute den unglücklichen Leſer mit einem durchbohrenden Blick an, als wollte ſie ihn verſchlingen. „Welche Manieren! Iſt es möglich? Das iſt ſchändlich!“ brummte ſie mit bebenden Lippen. Pottewal begreift nicht, warum Jedermann ihn ſo zornig und mit Verachtung anſieht. Er will ſich entſchuldigen und erklärt, er habe in dem Gedichte Nichts als einen unſchuldigen Scherz zu ſehen ge⸗ glaubt; aber es ſcheine ihm jetzt, als ob ihm von dem Dichter ein Streich geſpielt worden wäre. Er bittet die Geſellſchaft und ſeine liebe Braut um ——— 172 Vergebung und ſetzt ſich ganz verblüfft und ent⸗ muthigt nieder. Es herrſcht eine lange Stille; die Frauen flüſtern einander in die Ohren. Dieſer Zuſtand wird für Pottewal peinlich und für Jedermann langweilig. Romys gibt endlich mit lauter Stimme einem Diener Befehl, die Wägen kommen zu laſſen. The⸗ reſe ſteht auf und nimmt mit einigen kühlen Worten Abſchied von ihren Blutsverwandten. Pottewal fühlt ſich, während er ſeinen Oheim und ſeine Tante um⸗ armt, im Herzen beklommen, und eine Thräne rollt ihm über die Wange. Jedermann wünſcht den Gatten eine glückliche Hochzeitreiſe, und ſie verſchwinden aus dem Saale, um die Kleider zu wechſeln und ſich für die fröhliche kleine Fahrt zu richten... Herr Jan Blondeel hat den Holzverſchlag zwi⸗ ſchen ſeinen zwei Sälen wegnehmen laſſen. Sie bilden jetzt einen einzigen großen Raum, erhellt von vielen breiten Fenſtern und mit duftenden Blumen⸗ guirlanden geſchmückt. Rund um eine lange Tafel ſitzen ungefähr vier⸗ zig Hochzeitgäſte; es ſind Bekannte von Blondeel und ſeiner Schweſter, Freunde von Ernſt de Cock, Freundinnen, welche Hermina kennen gelernt hat, als ſie noch zu Schärbeek wohnte, und die nicht auf⸗ gehört haben, ſie zu lieben. Neben jedem bejahrten Herrn ſitzt ein liebliches Fräulein; jede alte Dame hat einen jungen Mann zu ihrem Nachbar. Glück⸗ liche Miſchung der Jahre, welche die Ausbrüche der jugendlichen Per an mäßigt und in die gealterten 173 Herzen neue Jugend und neue Lebensfreude gießt. Köpfchen, mit Blumen bekränzt, Augen, von Begeiſte⸗ rung funkelnd, Lippen, auf welchen das Lächeln hei⸗ tern Frohſinns für immer ſeinen Sitz genommen zu haben ſcheint... Schon geraume Zeit dauert das ſchöne Feſt; das Deſſert wird aufgetragen. Der Saal iſt erfüllt von einem verwirrten Getöſe lauten Geplauders, von muntern Redensarten und von Glückwünſchen, welche man einander von dem fernſten Ende der Tafel zu⸗ ruft. Man lacht, man ſingt, es iſt wie in einem Bienenkorbe; man ſollte glauben, hundert Perſonen ſeien hier beiſammen. Der Wein wird nicht geſpart; jeden Augenblick hebt ein junger Mann ſein Glas in die Höhe und bringt mit begeiſterten Worten einen Trinkſpruch aus zu Ehren des neuen Ehepaars; man jubelt, man läßt die Gläſer erklingen, der Saal widerhallt und erdröhnt von Beifallklatſchen. Hermina, die ſchöne Braut, ſitzt an der Mitte der Tafel, zur Seite des Mannes, welcher der Gegen⸗ ſtand ihrer Liebe und ihres Stolzes iſt. Seltſam iſt der Ausdruck ihres Geſichtes; ſie treibt weit hinweg auf dem Strome ſüßer Gedanken und weiß gewiß nicht mehr, was rings um ſie herum geſchieht; aber ihre feuchten Augen erglänzen, und ihr Antlitz iſt verklärt durch den Schimmer einer unendlichen Freude. Wenn ſie den Blick zu ihrem Bräutigam erhebt, er⸗ zittert ſie ſichtbar vor Achtung und Liebe... Glückliches Kind, ihr Traum hat ſich verwirklicht; ſie kann es kaum glauben; das Zujauchzen, das fröhliche Händeklatſchen der Freunde bewegt ſie allzu tief und macht, daß ihr beinahe die Sinne vergehen. 174 Ernſt iſt nicht minder erregt; ein mildes Lächeln ſtrahlt von ſeinem Angeſichte, doch ſein Herz iſt allzu voll, ſo daß er faſt nicht ſprechen kann.„Hermina, liebe, theure,“ iſt Alles, was er flüſtert, während er ihr zärtlich die Hände drückt. Madame Romys ſitzt neben ihrer Tochter. Die gute Mutter! Vielleicht iſt ſie die glücklichſte von Allen, die hier gegenwärtig ſind. Wie die Freude doch den Menſchen verändert! Madame Romys iſt um zwanzig Jahre jünger geworden; ihre bleichen Wangen haben ſich roſenroth gefärbt; ihr Auge iſt heller, ihr Buſen hebt ſich mit verjüngter Kraft; ſie plaudert mit Luſt und iſt wieder die liebenswürdige, die lebhafte Julia Blondeel von ehedem geworden. Onkel Jan und Tante Marie ſitzen oberhalb der jungen Ehegatten. Sie feiern ihren Sieg, laſſen ihre Blicke mit freudigem Stolze über die Tafel ſchweifen und muntern Jedermann zu Heiterkeit und Frohſinn auf. Herr Jan reibt ſich die Hände und klopft ſich auf den Bauch, während er voll Rührung ſeiner Schweſter in's Ohr flüſtert: „O liebe Marie, was für ein ſchöner Tag, nicht wahr? Es thut mir gut, ich fühle es. Dieſe Hoch⸗ zeit iſt für mich wie zehn Jahre längeres Leben! Kann man in dem irdiſchen Paradieſe wohl glück⸗ licher geweſen ſein, als wir es jetzt ſind? Sieh Hermina an, ſie zerſchmilzt in Seligkeit. Und der arme Ernſt, wenn er mir nur nicht den Verſtand verliert!“ Ein ſchöner junger Mann, mit ſchwarzem Haare und geiſtvollem Blick, erhob ſich jetzt, um ein Lied zu Ehren der Neuvermählten vorzutragen. Er iſt wün nes die Es dem Gat ächeln t allzu mina, end er Die e von Freude ys iſt eichen ge iſt t; ſie rdige, den. b der laſſen Tafel und und rung nicht Hoch⸗ ben! lück⸗ Sieh der tand aare Lied iſt 175⁵ der Buſenfreund von Ernſt; er iſt Advokat und Dich⸗ ter. Das Geſchnatter der fröhlichen Gäſte legt ſich; Jedermann horcht. Mit gerührter Stimme, voll Gefühl und Aus⸗ druck ſingt der Advokat nach einer Melodie, welche allen Gäſten bekannt iſt und ihnen das Herz im Buſen klopfen macht: „Mein Ernſt, Du weißt, wie wir in frühern Jahren „Gleich Söhnen von deminſelben Vater waren. „Gemeinſam war uns Freude, Luſt und Müh', „Zwei treuergeb'nere Freunde gab es nie. „Dein Haupt umſtrahlt des höchſten Glückes Sonne, „Das Herz frohlockt mir bei des Bruders Wonne; „Die Bitt' entſtrömt ihm ſammt dem Jubellied: „Mög' Gott Dir ſchöne, zarte Kinder geben, „O, mögſt Du lang und unbekümmert leben „Mit Deiner lieben, ſüßen Hermina! „Viva! Viva! Viva!“ Dieſer aufmunternde Refrain wurde von all den lebhaft erregten Gäſten wiederholt; es war ein Stampfen mit den Füßen und ein Händeklatſchen, als wollte man das Haus zum Einſturz bringen. Und ſo ging es, ſo oft bei einer neuen Strophe des Liedes der Jubelruf:„Viva! Viva!“ die Geſell⸗ ſchaft zu einem neuen Ausbruch und zu neuen Glück⸗ wünſchen hinriß. Herr de Cock ſprang auf, eilte an die Seite ſei⸗ nes Freundes, des Dichter⸗Advokaten, ſchloß ihn in die Arme und drückte ihn kräftig an ſeine Bruſt. Es waren auch ſehr edle, ſchöne Worte, welche aus dem Munde des Sängers in das Herz des gerührten Gatten überfloßen. 176 Ernſt kehrte an ſeinen Platz zurück; aber er blieb aufrecht ſtehen und hob langſam ſein Glas in die Höhe. Er iſt erregt und ſcheint zu zittern; man ſieht, daß er ſprechen will; Jedermann ſtreckt den Kopf empor; Einige verlaſſen ſelbſt ihre Sitze. Herr de Cock ſchweigt eine Weile: er ſucht augen⸗ ſcheinlich ſeine Rührung zu bemeiſtern. Dann ſpricht er mit einer bebenden Stimme, deren ſcheinbare Ruhe zugleich das Herz mit Gewalt ergreift: „Freunde, ich ſollte nicht ſprechen: es gibt Augen⸗ blicke, wo das Uebermaß des Glücks die Sinne ver⸗ düſtert... aber meine Seele muß einen Ausweg finden für das Gefühl, wovon ſie überwallt. Füllt Eure Gläſer, meine lieben Freunde, und trinkt mit mir zu Ehren meiner Wohlthäter, zweier edeln Herzen, welche Gott mit einem reinen Strahl der himmliſchen Güte begabt hat. Ich war eine Waiſe ohne Fa⸗ milie, allein und verlaſſen auf der Welt, zu Kummer, vielleicht zu Elend beſtimmt. Zwei Engel haben die Flügel ihrer Liebe über das arme, unglückliche Kind eines Freundes ausgeſpannt; ſie haben es geliebt, bewacht, erzogen, es in dem Schatten ihrer zärtlichen Sorgfalt heranwachſen und es beinahe vergeſſen laſſen, daß es elternlos auf der Welt war. Wunder⸗ bare Seelen, deren Anhänglichkeit keine Grenzen kennt! Sie hatten es ſeit Jahren beſchloſſen: ihr Schützling ſollte glücklich werden unter den Glück⸗ lichſten der Erde. Während er in England Tag und Nacht darnach ſtrebte, derjenigen würdig zu werden, deren Bild ſeiner Seele eingeprägt war, arbeiteten ſie mit unausſprechlicher Aufopferung darauf hin, dereinſt den ſtolzen Traum des armen Waiſenknaben zur Fre Leb dee mei wie Her meit zu ihren die Erbt geni⸗ zutro dere⸗ gute freul gebe einzit anver Kum unwi nein, Herm G Blond von Brau Gäſte eine hörte Co⸗ r blieb in die man ckt den augen⸗ ſpricht Ruhe lugen⸗ ee ver⸗ usweg Füllt kt mit derzen, liſchen e Fa⸗ mmer, en die Kind eliebt, llichen geſſen inder⸗ tenzen : ihr Glück⸗ und erden, iteten hin, naben zur Wahrheit zu machen. Was Ihr hier ſeht, Freunde, all die Freude, all das Glück, ein ganzes Leben voll Seligkeit iſt ihr Werk... o, Herr Blon⸗ deel, o, Fräulein Marie, kann ich Worte finden, um meine Dankbarkeit auszudrücken, unendlich, grenzenlos wie Ihre Güte! Iſt meine Braut, iſt meine ſüße Hermina nicht das Geſchenk Ihrer Liebe? Ha! meine Kinder ſollen, wenn dieſelben ihr erſtes Gebet zu Gott ſtammeln, zugleich lernen, was Sie für ihren Vater gethan haben; die Erkenntlichkeit gegen die Wohlthäter des armen Waiſenknaben ſoll das Erbtheil meiner Söhne werden. Aber dieß iſt nicht genügend, um meine ſchwere Schuld gegen Sie ab⸗ zutragen, nicht wahr? Sie fordern noch etwas An⸗ deres von mir? Um Ihnen zu lohnen, muß ich Ihre gute Hermina glücklich machen? Theure Pflicht, er⸗ freuliche Aufgabe! Wohlan, edle Beſchützer, Gott gebe Ihnen ein langes Leben! Und ſo Sie einen einzigen Tag ſehen, daß ich den Engel, den Sie mir anvertraut haben, nicht ſelbſt gegen den Schein eines Kummers zu ſchützen weiß, ſo erklären Sie mich für unwürdig, niederträchtig und undankbar... aber nein, nein, nein, ich werde die Wohlthat vergelten: Hermina ſoll glücklich ſein!...“ Ernſt de Cock vergaß, auf die Geſundheit von Blondeel und ſeiner Schweſter zu trinken; er ſank, von Rührung übermannt, auf ſeinen Stuhl. Seine Braut verbarg ihr Angeſicht an ſeiner Bruſt. Allen Gäſten ſtanden Thränen in den Augen; es herrſchte eine ergreifende Stille im Saale; nur hie und da hörte man einen Seufzer oder ein leiſes Schluchzen. Conſcience, Die Bürger v. Darlingen. 12 178 Nach einer Weile jedoch begannen die Stimmen allmälig ſich wieder zu erheben; einige junge Leute ſuchten die Stille durch fröhliche Scherze und Freu⸗ denrufe zu vertreiben. Die Heiterkeit tritt wieder in ihre Rechte ein, und das verwirrte Geplauder erfüllt von Neuem den Feſtſaal. Der Tag beginnt ſich zu neigen. Fuhrwerke hal⸗ ten vor der Thüre; Bräutigam und Braut ſtehen auf. Die Stunde des Abſchieds iſt gekommen. Alle Freundinnen Hermina's kommen, ſie zu umhalſen; alle Freunde Ernſt's kommen, ihn in die Arme zu drücken. Die ganze Geſellſchaft weint und lacht zu gleicher Zeit. Glückwünſche miſchen ſich zwiſchen das herzliche Lebewohl, und noch einmal erdröhnt das Haus von wiederholten Nachrufen, während die jungen Eheleute mit ihrer Mutter und ihren Wohl⸗ thätern den Saal verlaſſen.... Bald hört man Peitſchenknallen und Pferde⸗ getrappel. Die ſchöne, die glückliche Hochzeitreiſe hat begonnen.... 3 Ende des erſten Zeitabſchnittes. ließ ling Ein rig blie und älte Sti immen Leute Freu⸗ der in erfüllt ke hal⸗ ſtehen .Alle halſen; rme zu acht zu hen das nt das nd die Wohl⸗ Pferde⸗ eiſe hat Zweiter Zeitabſchnitt. — T. An einem Nachmittage des Jahres 1847 ver⸗ ließen zwei Frauen die St. Johanniskirche zu Dar⸗ lingen, wo ſie dem Gottesdienſt angewohnt hatten. Eine derſelben ging gebückten Hauptes und ſah trau⸗ rig aus. Am Ende der langen Kirchſtraße angekommen, blieben ſie ſtehen, um einander Lebewohl zu ſagen und hernach verſchiedene Wege einzuſchlagen. Die ältere der beiden Frauen ſprach mit gedämpfter Stimme: „Sei guten Muths, Thereſe. Sicherlich irrſt Du Dich; Pottewal iſt ein guter Junge; er begehrt nichts Anderes, als ein Bischen Freundlichkeit von Dir.“ „Ach, wie bin ich doch ſo unglücklich!“ ſeufzte die Andere.„Selbſt bei meiner eigenen Mutter kann ich keinen Troſt finden. Pottewal iſt in Dei⸗ nen Augen ohne Fehler. Würdeſt Du ihn nur ein⸗ mal in der Nähe kennen lernen, Mutter! Er iſt 12* ——— 180 träg, gleichgültig, gefühllos wie ein Stück Holz, und er achtet auf mich ebenſo wenig, als ob ich ſeine Dienſtmagd wäre.“ „Aber das Alles iſt nur Einbildung von Dir,“ entgegnete die alte Frau.„Ein Menſch iſt ſo, wie er iſt. Wäre Pottewal von kräftigerem Geiſte, ſo würdeſt Du wahrſcheinlich Dich über ſein barſches Weſen beklagen; nun da er gutmüthig iſt, tadelſt Du ihn wegen ſeines Kaltſinns. Du biſt nicht ge⸗ recht, Thereſe.“ „Daß ich Dir doch mein Unglück nicht begreiflich machen kann!“ ſagte die Andere verdrießlich.„Denke einmal, Mutter, er bleibt Tage lang zu Brüſſel, zu Antwerpen, oder zu Löwen; ich ſitze allein in mei⸗ nem Zimmer, vergeſſen und verlaſſen; ich ſorge und ſpare, um unſer Vermögen zu vermehren; er macht wenige Geſchäfte und verſchwendet die koſtbare Zeit, ohne beinahe Etwas zu verdienen. Kommt er nach Hauſe, ſo iſt er noch keine halbe Stunde bei mir, da will er ſchon wieder in's Caféhaus, oder er gähnt vor Langerweile, oder legt ſich ſchlafen. Habe ich ein ſo bitteres Leben verdient?“ „Ich kann unmöglich wiſſen, Thereſe, wie weit Deine Klagen begründet ſind,“ antwortete die Mut⸗ ter,„aber wie dem nun ſei, ich kann nichts Ande⸗ res, als meinen Rath wiederholen. Zeige Deinem Mann bei ſeiner Heimkehr ſtets ein heiteres Ge⸗ ſicht; es liegt Etwas in ihm, was Dir nicht be⸗ hagt, gib es ihm mit Sanftmuth zu verſtehen; aber hüte Dich wohl, ihn barſch anzufahren, oder ihm grob zu begegnen, wenn er gut aufgeräumt iſt und ſich freundlich gegen Dich bezeigt. Dieß iſt „und ſeine Dir,“ „wie e, ſo rſches adelſt t ge⸗ eiflich Denke el, zu mei⸗ und macht Zeit, nach mir, gähnt be ich weit Mut⸗ Ande⸗ einem Ge⸗ ht be⸗ tehen; oder mt iſt eß iſt 181 nicht das Mittel, um glücklich zu ſein. Du kennſt Dich ſelbſt, Thereſe.“ „Hätte ich nur ein Kind, um meine Einſamkeit zu vergeſſen,“ ſagte die Andere in ſehr traurigem Ton.„Aber nein, ſelbſt dieſer Troſt wird mir ver⸗ ſagt. Ich werde kinderlos ſterben! Alles, Alles für meine Schweſter; Nichts für ein ſo armes, geplag⸗ tes Geſchöpf wie ich. O, Mutter, ich wollte, ich läge auf dem Kirchhofe!“ Die alte Frau faßte ihre Tochter bei der Hand, und ſagte mit Theilnahme, doch zugleich halb ver⸗ weiſend: „Nein, ſprich keine ſo abſcheulichen Dinge, mein Kind. Herr Pottewal wird mit dem Sechsuhrzuge nach Hauſe kommen, nicht wahr? Befolge einmal meinen Rath. Umarme ihn liebreich, umarme ihn...“ „Mutter, Mutter, glaubſt Du denn, daß wir noch Kinder ſind?“ fiel ihr Thereſe in's Wort. „Nun gut; umarme ihn nicht; drücke ihm freund⸗ lich die Hand, zeige Dich freundlich, rede von Din⸗ gen, die ihm angenehm ſein können; und Du wirſt ſehen, daß er nicht davon ſprechen wird, in das Caféhaus zu gehen, und daß er ſich an Deiner Seite nicht gelangweilt fühlen wird.“ „Aber hat denn Pottewal zufällig bei Dir über mich Klage geführt! Ich ſollte doch ſo Etwas er⸗ fahren müſſen!“ „Ganz und gar nicht, Thereſe; aber Du biſt mein Kind, und ich kenne Deinen Charakter. Es liegt viel Gutes auf dem Grunde Deines Herzens, aber Du wirſt nur zu leicht ärgerlich, und biſt von Natur nicht freundlich.“ 182 „Ach, ich werde künftig noch an meinem eigenen Unglück ſchuld ſein müſſen!“ „Was wagſt Du denn, wenn Du es einmal er⸗ probſt, ob mein Rath gut iſt oder nicht?“ „Soll ich etwa Pottewal ſchön thun und ſchmei⸗ cheln?“ „Nein, nicht ſchmeicheln; ihm nur ein Bischen Freundlichkeit bezeigen... Nun, Thereſe, lebe wohl, Dein Vater möchte ſonſt über mein langes Aus⸗ bleiben böſe werden. Gedenke der Worte Deiner Mutter!“ Sie nahm ihren Weg dem Beguinengarten zu; Thereſe entfernte ſich nach der entgegengeſetzten Richtung. Am Ende der Straße, die ſie eingeſchlagen hatte, ſtand eine alte Frau, mit dicken, finnigen Backen und grauen Haaren, Sie hatte Thereſe von fern kommen geſehen und ſchien auf ſie zu warten. Indem ſie auf ſie zutrat, ſprach die Alte mit klagendem Tone: „Arme Madame Pottewal! Wie bleich! Sie ſind leidend, nicht wahr? Meine Augen ſind nicht mehr gut; dennoch kann ich auf fünfzig Schritte be⸗ merken, daß Sie Kummer haben. Nun, ein Bischen Muth, meine Liebe; es wird mit der Zeit ſchon beſſer werden.“ „Sie irren ſich, Madame Kwas,“ ſagte die An⸗ dere,„ich bin zufrieden, ich habe keinen Kummer.“ „Ja, ja, Madame Pottewal, ſo ſpricht man alle⸗ zeit. Es iſt nicht genug, daß die Frauen dazu ge⸗ ſchaffen ſind, unter der Barſchheit der ſelbſtſüchtigen Männer ihr Leben lang zu Boden gedrückt zu wer⸗ den; die herzloſe Welt hat ihnen auch noch die Pflicht aufe küm Doc and liche Tur die ande iſt d an irdif Höl mur im eine Spr eine gebl geſe gefe wen: genen al er— chmei⸗ ischen wohl, Aus⸗ Heiner n zu; ſetzten hatte, n und mmen m ſie Tone: Sie nicht te be⸗ chen ſchon An⸗ er.“ alle⸗ u ge⸗ ttigen wer⸗ flicht 183 auferlegt, ohne Klage Alles zu dulden und zu ver⸗ kümmern. Sehen Sie einmal Herrn und Frau Doover⸗Cortbeen. Befinden ſie ſich in Gegenwart anderer Menſchen, ſo ſprechen ſie nichts als freund⸗ liche Worte und flattiren und liebkoſen einander wie Turteltauben; aber ſobald ſie wieder allein ſind, oder die Katze auf das Seil kommt*), werfen ſie ein⸗ ander die häßlichſten Scheltworte an den Kopf. Dieß iſt der Fall mit vielen Familien in Darlingen und an andern Orten: auf dem Aushängeſchild ſteht ein irdiſches Paradies abgebildet; inwendig iſt es eine Hölle, wo die Teufel ſelbſt davon laufen würden.“ „In der That, Madame Kwas, es iſt wohl ſo,“ murmelte die Andere.„Wer hätte vermuthet, was im Hauſe von Snek⸗Bollinck vorgeht?“ „Was geht da vor?“ fragte die alte Frau mit einem Funken freudiger Neugier in den Augen. „Arge Dinge.“ „Arge Dinge? Und ich weiß Nichts davon! Sprechen Sie ſchnell, Madame Pottewal. Ich habe eine Pique**) auf die Sneks; es ſind Neureiche, auf⸗ geblaſene Leute.“ „Madame Snek hat ein blaues Auge und ein geſchwollenes Geſicht...“ „Ah, das wußte ich: ſie iſt geſtern in den Keller gefallen.“ *) Ohne Zweifel nach dem Zuſammenhang ſo viel als: A. d. H. **½) Im Terte: tand= Zahn, etwa gleich dem franzöſiſchen A. d. U. wenn es zu einem Zank unter ihnen kommt. pique= Groll. 184 „O, die Einfalt, ja ihr Mann hat ihr ſeine Hand etwas ſchwer auf die Stirne gelegt.“ „Wiſſen Sie das gewiß, Madame Pottewal?“ „Ihre Magd hat es unſerer Magd als Geheim⸗ niß erzählt. Es ſcheint, daß dort nicht ſelten ſolche Scenen vorfallen.“ „Die Männer, die Männer!“ rief die alte Frau, den Blick zum Himmel gerichtet.„Es gibt keinen Einzigen, der nicht den Galgen verdient. Schein⸗ heilige Henker! Der beſte iſt noch ein Tyrann. Wahrhaftig, meine Liebe, ich habe Mitleid mit Ihrem Looſe!“ Dieſe letzten Worte ſchienen Madame Pottewal unangenehm zu berühren; in ihren Augen leuchtete ein Strahl gekränkten Stolzes. Sich bezwingend, ſprach ſie mit erheuchelter Gleichgültigkeit: „Mitleid mit mir? Warum? Es iſt nicht der mindeſte Grund dazu vorhanden.“ „Sie ſind alſo ganz zufrieden mit Ihrem Mann?“ „Ja wohl; Pottewal iſt der beſte Menſch von der Welt, und ich ſchätze mich höchſt glücklich in mei⸗ nem Hauſe. Ein Paradies auf Erden würde es ſein,“ fügte ſie ſeufzend hinzu,„wenn Gott meine Che nur mit einem geliebten Kinde ſegnete; aber ich hoffe noch immer auf ſeine Barmherzigkeit.“ Madame Kwas ſchüttelte zweifelnd den Kopf. „Arme Frau,“ ſagte ſie,„einfältig genug, um zu glauben, Ihr Mann beſchäftige ſich einzig mit ſeinen Handelsangelegenheiten, während Sie einſam daheim ſitzen und auf ihn warten. So ſind wir Alle. Dieſes blinde Vertrauen iſt unſer Unglück.“ dere „abe Ich mein macl wich zur dort fähr wenſ trifft plau eilig komr Sie Ihr Korr nicht 1 3 7 ſeine Hand 12⸗ eheim⸗ ſolche Frau, keinen Schein⸗ yrann. Ihrem ttewal uchtete ngend, ht der unn?“ h von mei⸗ de es meine aber pf. „ um g mit inſam wir ck.⸗ 18⁵ „Was wollen Sie damit ſagen?“ fragte die An⸗ dere erſchrocken. „Es iſt ſo gar ſchlimm nicht,“ war die Antwort, „aber die größten Uebel haben einen kleinen Anfang. Ich würde mich ſicherlich damit nicht befaſſen, wenn meine innige Neigung zu Ihnen mir nicht zur Pflicht machte, Sie zu warnen, ſo lange es noch Zeit iſt.“ „Nun, nun, was wiſſen Sie?“ „Ei, Madame Pottewal, es iſt hier nicht gut von wichtigen Dingen zu reden.“ „Gehen Sie mit mir nach Hauſe.“ „Nein, ich muß ſogleich zur Auction bei dem ſich zur Ruhe ſetzenden Fabrikanten Zavelman gehen; dort hört man Vieles, wovon man ſonſt Nichts er⸗ fährt. Laſſen Sie uns auf dem Bollwerk noch ein wenig unter den Bäumen auf⸗ und abgehen; dort trifft man kein Volk, und wir können ganz ungeſtört plaudern.“ Eine Nebenſtraße einſchlagend, begaben ſie ſich eiligen Schrittes nach der Promenade. Dort ange⸗ kommen, wiederholte die jüngere Frau ihre Frage: „Nun, nun, was haben Sie vernommen?“ „Sie ſollen es hören,“ war die Antwort.„Sagen Sie mir einmal, Madame Pottewal, wiſſen Sie, was Ihr Mann am Nittwoch in Brüſſel gethan hat?“ „Gewiß; er iſt nach ſeiner Gewohnheit auf der Kornbörſe geweſen.“ „Und er iſt ſehr ſpät nach Hauſe gekommen, nicht wahr?“. „Allerdings, mit dem letzten Zuge.“ „Hat er Ihnen Nichts von einem Schmauſe mit ſeinen Freunden geſagt?“ 186 „Nein.“ „Sehen Sie wohl? Sie ſind allzumal gleich ſcheinheilig. Weil ſie wiſſen, daß die Frau zu Hauſe vor Langerweile krank wird und verkümmert, ſtellen ſie ſich, als ob ſie an gar kein Vergnügen dächten. Herr Pottewal ſaß bereits am Morgen vor dem Caféhauſe Mille Colonnes*), um mit vielen luſtigen Geſellen zu trinken, zu ſchwatzen und laut aufzulachen. Ihr Schwager de Cock ſaß neben ihm; ſie ſcheinen ſehr gute Freunde zu ſein.“ „Was? Was?“ grollte Madame Pottewal mit unterdrückter Wuth.„Ernſt de Cock ſaß neben ihm und ſprach mit ihm auf der Straße? Oeffentlich? Er wird wiſſen, warum!“ „Sie haben ihm alſo verboten, mit ſeinem Schwa⸗ ger zu reden?“ „Ja, gewiß, ich habe es ihm verboten. Das ſind keine Leute für uns. Kann es nicht anders ſein, ſo muß er wohl einmal das Wort an ſie richten; aber auf der Straße, vor den Mille Colonnes, mitten auf dem Münzplatze!“ „Ich gebe Ihnen im Grunde Recht, Madame Pottewal; man muß mit ſolchen geringen Leuten nicht viel Gemeinſchaft haben, und wäre es nur, um ſich vor der Hand gegen den Augenblick zu verwah⸗ ren, da ſie Geld von Ihnen entlehnen wollen. Das iſt es jedoch nicht, wovon ich mit Ihnen ſprechen muß. Ihr Mann hat an jenem Tage mit etwa zehn Freunden bei Dubos dinirt. Daß der Wein nicht geſpart wurde, und daß man äußerſt luſtig geweſen 1 Tauſend Säulen. A. d. U. iſt, k Cham die C Einſa ſtrick den( Säcke N ſie m Mada kenntn entzie „ mein Wette welche mahl D auf d ihren Denn der R ( Ir wollen gleich Hauſe ſtellen ächten. r dem uſtigen lachen. cheinen al mit in ihm ntlich? Schwa⸗ as ſind ein, ſo aber en auf adame Leuten ir, um erwah⸗ Das wechen 1 zehn nicht weſen . U. 187 iſt, können Sie leicht errathen. Und während die Champagnerſtöpſel den ſelbſtſüchtigen Männern um die Ohren flogen, ſaßen ihre Frauen in trauriger Einſamkeit zu Hauſe, um die Maſchen an einem Ge⸗ ſtrick zu zählen, und dachten vielleicht mitleidig an den Gatten, der ſich draußen abmüht, um ein paar Säcke Getreide an den Mann zu bringen.“ Madame Pottewal ſchwieg einen Augenblick ſtill; ſie wehrte ſich noch gegen die Beſtrebungen von Madame Kwas und wollte dem demüthigenden Be⸗ kenntniß, daß ſie in ihrer Ehe nicht glücklich ſei, ſich entziehen. „Aber,“ ſagte ſie,„jetzt erinnere ich mich, daß mein Mann mir in der That Etwas von einer Wette erzählt hat, welche von einem Kaufmann aus Antwerpen verloren wurde. Die Wette galt ein Diner.“ „Einem Kaufmann aus Antwerpen?“ rief die Alte lachend.„Es iſt Franz Pottewal, Ihr Mann, welcher die Wette verloren und das köſtliche Mittags⸗ mahl allein bezahlt hat.“ Dieſe Entdeckung brachte eine gewaltige Wirkung auf die andere Frau hervor, welche nur mit Mühe ihren aufflammenden Zorn zu verbergen vermochte. Dennoch ſprach ſie nach einer Pauſe mit überraſchen⸗ der Ruhe: „Ich werde mir von Pottewal erklären laſſen, warum er mir den Verluſt dieſer Wette verſchwiegen hat; außerdem ſehe ich kein ſo großes Unrecht darin, wenn er ſich mit Freunden ein Bischen vergnügt.“ „Nun, es ſteht Ihnen zu, was Sie davon denken wollen, meine Liebe; ich habe Nichts dagegen, wenn 188 Sie zufrieden ſind. Dann will ich aber ſchweigen und Ihnen Nichts davon ſagen, wo Herr Pottewal den Nachmittag und wahrſcheinlich den Abend zuge⸗ bracht hat.“ „O Himmel! Vielleicht im Hauſe meiner Schwe⸗ ſter Hermine?“ „Nein, in Vauxhall, hinter dem Park. Kennen Sie Madame Dools von Darlingen, welche jetzt in Brüſſel wohnt?“ „Die hochmüthige Närrin?“ „Den aufgeblaſenen, prahlſüchtigen Pfau.“ „Und was wiſſen Sie davon?“ „Stunden lang ſaß Ihr Mann an demſelben Tiſche mit ihr in dem Garten.“ „Unmöglich!“ „Und er war ſehr geſprächig und ſchien viel Vergnügen in der Geſellſchaft der gefallſüchtigen Frau zu finden.“ „Ei, ei, das ſind ſchreckliche Dinge,“ rief Ma⸗ dame Pottewal in heiſerem Tone.„Es iſt unglaub⸗ lich!... aber, aber, war ſie allein mit ihm?“ „Nein, ihr Mann ſaß daneben; doch der horchte auf die Muſik und gab nicht Acht auf das eifrige Geſpräch.“ „Sie ſind eine böſe Zunge, Madame Kwas!“ fuhr die Andere ergrimmt gegen ſie auf.„Was iſt daran zu verwundern, wenn mein Mann mit Herrn und Frau Dools ſpricht, wenn er ihnen zufällig begegnet?“ „Böſe Zunge?“ entgegnete die Andere.„Die Wahrheit hat ſtets eine böſe Zunge. Wenn Alles ſo ganz einfach wäre, wie Sie meinen, warum ſollte Pottewal ſeine Gänge vor Ihnen geheim halten?“ gewaꝛ Genof N druß dame Vohl läſter! ſie zu die F Mann gegne ſich v war viele von öffent vertra dumm ſonen von d ihren gegen Vauxl dieß S hweigen ottewal d zuge⸗ Schwe⸗ Kennen jetzt in 1 nſelben n viel ichtigen horchte eifrige „ fuhr daran en und gnet?“ „Die lles ſo ſollte ten?“ 189 „Aber, um Gottes willen, was wollen Sie ſagen? Was denken Sie?“ „Ich will Nichts ſagen und ich denke Nichts, das iſt Ihre Sache.... Da ſchlägt es fünf Uhr; die Auction bei Zavelman wird beginnen; beurtheilen Sie ſelbſt, was Ihnen zu thun anſteht; ich habe Sie gewarnt, es war meine Pflicht.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich und ließ ihre Genoſſin mitten auf der Promenade ſtehen. Mit zur Erde geſenktem Blicke, bleich vor Ver⸗ druß und bebend vor innerer Beſtürzung, erwog Ma⸗ dame Pottewal die argliſtigen Worte der alten Frau. Wohl ſagte ihr die Vernunft, daß es Nichts als Ver⸗ läſterung war, auf bösliche Weiſe vorgetragen, um ſie zu betrüben und aufzuregen. Sie legte ſich ſelbſt die Frage vor, ob es nicht natürlich wäre, daß ihr Mann ſeine Bekannten anrede, wenn er ihnen be⸗ gegnete. In Bezug auf dieſen Punkt beruhigte ſie ſich völlig in ihrem Gemüthe; aber ihrem Naturell war Mißlaune und Bitterkeit genug beigemiſcht, um viele andere Urſachen zum Zorn in den Enthüllungen von Madame Kwas zu finden. Ihr Mann hatte öffentlich ſich neben Ernſt de Cock niedergelaſſen und vertraulich mit ihm geſprochen. Er hatte durch eine dumme Wette unbezweifelt ein Diner für zehn Per⸗ ſonen verloren. Vielleicht war Ernſt de Cock auch von der Geſellſchaft geweſen; vielleicht hatten ſie von ihren Familien geſprochen; vielleicht hatte Pottewal gegen Ernſt geklagt. Er hatte den Nachmittag in Vauxhall zugebracht— und ſich dabei vergnügt. Und dieß Alles hatte er ihr verſchwiegen! Sich umwendend, ging ſie eiligen Schritts ihrer 190 Wohnung zu; ihre Augen funkelten, ihre Lippen ver⸗ zogen ſich zu einer finſtern Grimaſſe und ſie mur⸗ melte feindſelige Worte in ſich hinein. Vor der Thüre ihres Hauſes war die Magd mit dem Ausklopfen eines Fußteppichs beſchäftigt. Die ergrimmte Frau riß ihr denſelben mit Gewalt aus der Hand und warf ihn auf den Gang. „Hinein! Schnell!“ rief ſie, indem ſie brummend der Magd in's Haus folgte.„Was ſoll das bedeu⸗ ten? Warum klopfſt Du den Teppich auf der Straße aus? Dumme Bäurin, die Du biſt!“ „Aber, Madame, Sie haben mir verboten, da⸗ mit in den Garten zu gehen,“ ſtammelte die Magd beſtürzt.„Wo ſoll ich dann das Zeug ausſchütteln? Doch nicht in den Zimmern?“ „Schweig', Unverſchämte! Gehorche ohne Wider⸗ rede, oder ich jage Dich fort!“ „Ich wünſche Nichts mehr, Madame, als zu thun, was Sie...“ „Schweig'! Nach Deiner Küche! Und laß mich in Ruhe: Deine Dummheiten zerreißen mir die Nerven!“ Sie öffnete die Thüre eines Zimmers, warf Shawl und Hut auf einen Tiſch und begann dann ſchnell in dem Gemach auf⸗ und abzulaufen, als ob ſie von fieberiſchem Zorn fortgeriſſen würde. Sie ſprach in ſich ſelbſt hinein, ſtreckte die Fauſt aus und ſchien mit Jemand im Streite begriffen zu ſein. Endlich verließ ſie das Zimmer und ſchritt über einen offenen Platz. Dort lagen drei Jagdhunde, jeder vor ſeiner Hütte, und ſchliefen. Sie gab dem nächſten beſten einen heftigen Tritt und rief: en ver⸗ e mur⸗ gd mit t. Die alt aus immend bedeu⸗ Straße en, da⸗ Magd ütteln? Wider⸗ u thun, aß mich nir die Shawl ſchnell ſie von wrach in ſchien tt über dhunde, ab dem 191 „Da, fauler Brodfreſſer, ſag' dieß deinem Herrn! Es wird nicht lang anſtehen, ſo ſollt ihr alle zuſam⸗ men nach dem Bollwerk!“ Und weiter über den Platz gehend, trat ſie in ein Magazin, wo zwei alte Taglöhner damit beſchäf⸗ tigt waren, einen Haufen Waizen umzukehren. Bei dem Geheul des Hundes hatten ſie jedoch die Köpfe gedreht und ihre Arbeit einen Augenblick unter⸗ brochen. „Ha, ſo arbeitet Ihr, ſobald Niemand auf den Ferſen iſt, um Euch zu bewachen?“ fuhr ſie aus. „Wir geben Euch das Brod, und Ihr beſtehlt uns, wahre Diebe, die Ihr ſeid!“ „Entſchuldigen Sie, Madame,“ ſagte der ältere der beiden Knechte.„Wir haben gut und redlich gearbeitet, aber wir glaubten zu hören, daß Sie uns... „Du wagſt zu widerſprechen?“ polterte ſie.„Du ſcheinheiliger Faullenzer, der meinem Mann ſo ſchlau den Pelz zu ſtreicheln weiß? Hinaus zur Thüre! Schnell! Da gibt's Nichts zu entſchuldigen... und hoffe nur nicht, daß Herr Pottewal Dich wieder kom⸗ men läßt. Es iſt aus und vorbei; Du kannſt an⸗ derswo ſuchen, wo man Tagdieben Koſt geben will. Haſt Du es gehört? Sollteſt Du Dich zu wider⸗ ſetzen wagen? Pack Dich fort, ſag' ich Dir!“ Der alte Arbeiter öffnete ſchweigend mit gebück⸗ tem Haupte und Thränen in den Augen die Thüre des Magazins und verſchwand auf der Straße. „Was Dich betrifft, Jakob,“ ſprach ſie zu dem Andern, der ſeine Arbeit wieder eilig aufgenom⸗ men hatte,„paß' auf! Wenn ich Dich noch einmal 192 unthätig überraſche, ſo wirſt Du augenblicklich den⸗ ſelben Weg einſchlagen!“ Sie kehrte in das Zimmer zurück, begann ihre ungeduldige Wanderung von Neuem und ließ ſich zuletzt auf einen Stuhl fallen. Ihr Auge funkelte, ihre Lippen waren zuſammengepreßt, und über ihr Geſicht zuckte es wie von einem bittern Hohngelächter. Die Magd ſteckte den Kopf durch die Thüre und ſagte: „Madame, ich ſehe Herrn Pottewal vom Ende der Straße herankommen.“ „Gut, bleib' in Deiner Küche!“ antwortete die Frau, ohne ſich zu rühren. Aber kaum war ſie allein, ſo ſtand ſie von ihrem Stuhle auf und hielt den Blick drohend nach der Thüre gerichtet. Schon auf dem Gang rief ihr Mann im Tone großer Freude: „Thereſe, liebe Thereſe, ich bringe Dir gute Neuigkeiten!“ Und auf der Schwelle des Zimmers erſcheinend, öffnete er die Arme, um ſeine theure Chehälfte zu umhalſen, während er ſagte: „Thereſe, ich bin ſo glücklich! Glücklich in dem Gedanken, daß Du Dich freuen wirſt. Ich habe heute zehn tauſend Francs gewonnen! Die Freude hat mir... 9 Er unterbrach ſeine Rede und blickte ſeine Frau mit plötzlicher Entmuthigung an. „Wehe!“ ſeufzte er in traurigem Ton,„es iſt alſo wieder daſſelbe! Mein Gott, werde ich denn hier niemals etwas Anderem begegnen, als flammen⸗ den Augen und ſauren Geſichtern?“ L Bruſt einem jedoch genhe T ſo ve Mitle Dein ſchäft von; mir gen, Gewi war Flüg ſchaft Schw nung ſei ei vor 2 der C das ner fleher ſprich könnt Co h den⸗ n ihre eß ſich ukkelte, der ihr Lächter. re und Ende tte die allein, lt den Tone gute einend, fte zu n dem heute he hat Frau ‚es iſt denn nmen⸗ 193 Seine Arme fielen nieder; der Kopf ſank auf die Bruſt. Thereſe ſah ihn mit bebenden Lippen und einem Lächeln voll drohenden Spottes an. Sie ſprach jedoch Nichts und ſchien ſich an ſeiner Niedergeſchla⸗ genheit zu ergötzen. Das Haupt wieder erhebend, ſagte Pottewal mit ſanfter, klagender Stimme: „Aber, meine Liebe, wie iſt es möglich, daß Du ſo verdrießlich ſein kannſt? Habe doch ein Bischen Mitleiden mit mir. Schau, welchen Schmerz mir Dein ſchlimmer Empfang verurſacht. Ein gutes Ge ſchäft hatte ſich mir dargeboten und einen Gewinn von zehntauſend Francs eingetragen; das Herz hüpfte mir vor Freude in der Bruſt, nicht des Geldes we⸗ gen, ſondern einzig bei dem Gedanken, daß dieſer Gewinn Dir Vergnügen machen würde. Der Dampf war nicht ſchnell genug für meine Ungeduld; ich hätte Flügel haben mögen, um Dir ſchnell die gute Bot⸗ ſchaft zu überbringen... und kaum betrete ich die Schwelle meiner Wohnung, ſo erſtirbt mir alle Hoff⸗ nung, alle Fröhlichkeit im Herzen! Komm', Thereſe, ſei ein Bischen gut gegen mich...“ „Scheinheiliger!“ ſchnaubte ſeine Frau, zitternd vor Wuth,„Scheinheiliger, der außer dem Hauſe ſich der Schlemmerei und Liederlichkeit ergibt, und hier das leidende Schaf ſpielen will und das Opfer ſei ner niederträchtigen Selbſtſucht um Mitleid anzu⸗ flehen wagt!“ „Aus Achtung vor unſerem Namen, Thereſe, ſprich nicht ſo laut,“ bat Pottewal.„Die Magd könnte uns hören.“ Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 1³3 194 „Was kümmere ich mich um Deinen Namen,“ rief ſie.„Gäbe Gott, ich hätte ihn niemals erfah⸗ ren, dieſen verhängnißvollen Namen, dann würde ich nicht hier ſitzen und trauern wie eine Verlaſſene, während Du in Geſellſchaft von ſchlechten Leuten trinkſt, lachſt und jubelſt. Es iſt wohl recht luſtig in Brüſſel, nicht wahr? Man trifft dort gute Freunde und muntere Frauen? Der Champagner iſt ein edles Getränke? Er bewirkt, daß man die verhaßte, lang weilige Gattin vergißt, und gibt dem dummſten Menſchen Geiſt, nicht wahr, herzloſer Betrüger?“ Pottewal erkannte in dieſen Worten, daß ſeine Frau wegen gewiſſer Dinge, die er errathen zu können glaubte, ſolche Vorwürfe und Anklagen gegen ihn ſchleudere. Dieß beruhigte ihn einigermaßen, ja er freute ſich ſogar in der Hoffnung, durch eine aufrich⸗ tige Erklärung den häuslichen Sturm beſchwören zu können. „Komm,, Thereſe,“ ſagte er,„laß uns mit offe⸗ nen Karten ſpielen. Es liegt Dir Etwas auf dem Herzen; ſprich Dich deutlich aus; habe ich Unrecht gethan, ſo will ich es redlich anerkennen und Dich um Entſchuldigung bitten!“ „Man möchte den Schlag davon bekommen!“ grollte Madame Pottewal, welche wirklich bei der Kaltblütigkeit ihres Mannes faſt vor Ungeduld ver⸗ ging. Was hätte ſie nicht darum gegeben, ihn zor⸗ nig zu ſehen! Aber nein, er beharrte bei ſeiner unzerſtörlichen Sanftmuth, einzig um ſie zu reizen, dünkte ihr. „Mann mit zwei Geſichtern!“ fuhr ſie fort,„es iſt recht angenehm, nicht wahr, einer armen, unſchul⸗ ſpare Du f einma hörſt daß T men,“ erfah⸗ de ich aſſene, Leuten luſtig eunde edles lang imſten 27 ſeine önnen nihn ja er ffrich⸗ en zu offe⸗ dem nrecht Dich nen!“ i der ver⸗ 1 zor⸗ ſeiner reizen, 1„es ſchul⸗ digen Frau allerlei Lügen weißzumachen, und dann in ſich ſelbſt hineinzulächeln und über ihre Leicht⸗ gläubigkeit zu ſpotten?“ „Ich warte, Thereſe, bis ich weiß, weſſen Du mich beſchuldigſt.“ „Es iſt ſchon lange her, nicht wahr, daß Du Ernſt de Cock geſehen haſt?“ ſtieß ſeine Frau heraus. „Vorgeſtern habe ich ihn geſehen und geſprochen.“ „Warum haſt Du es mir verborgen?“ „Um Dir Verdruß zu erſparen, Thereſe.“ „Heuchler! ha, ha, alſo um mir Verdruß zu er⸗ ſparen, bleibſt Du auf dem Münzplatze Stunden lang öffentlich mit ihm an demſelben Tiſche ſitzen?“ „Die Sache iſt ganz einfach, Thereſe. Ich be⸗ fand mich vor der Thüre des Caféhauſes, bei der Börſe, und ſprach mit einigen Kornhändlern, als Ernſt, über den Münzplatz gehend, mich bemerkte. Er kam zu mir heran und ſetzte ſich zu mir nieder, um ſich nach Deinem Beſinden und nach Neuigkeiten von unſern Eltern zu erkundigen.“ „Und Du haſt bei ihm ſicher über Deine Frau, und über den Kummer, den ſie Dir anthut, geklagt?“ „Welcher Gedanke! Ernſt iſt keine vier Minuten bei mir geblieben. Er ſprach mit mir von Deiner Schweſter und von ſeinem Kinde...“ „Die Leute haben ein Kind!“ rief Thereſe mit krampfhaft verzogenem Munde.„Sie kommen, um Dir davon zu ſprechen und Dich zu beſpötteln, und Du fühlſt es nicht. Ich will nicht, daß Du noch einmal öffentlich mit de Cock ein Wort wechſelſt, hörſt Du? Ich verbiete es Dir! Und merk' auf, daß Du niemals nach Schärbeek gehſt!“ 13* 196 „Nun, ich will Dir den Willen thun, Thereſe, ſo weit es mir möglich iſt, ohne mich lächerlich zu machen oder ungefällig zu zeigen. Sei alſo zufrie⸗ den und laß uns Freunde ſein.“ „Freunde?“ wiederholte die zornmüthige Frau mit bitterem Lachen.„Ha, Du meinſt, daß es damit fertig ſei? Nein, Betrüger, es ſtehen noch andere Dinge auf Deiner Rechnung. Willſt Du nicht wie⸗ der bei Dubos ein Diner einnehmen? Mußt Du nicht wieder in Champagner ſchwimmen? Singen, lachen, ſchlemmen mit einem Haufen liederlicher Ge ſellen? Und hundert Francs verſchwenden in einigen Stunden? Grauſamer Menſch, wenn ich Dich an⸗ treibe, die koſtbare Zeit Dir zu Nutzen zu machen und unſer Vermögen zu verdoppeln, nun es leicht angeht, da willſt Du nicht; da fürchteſt Du Dich vor großen Geſchäften, da gebricht es Dir an Muth und Luſt dazu; aber das Geld, das ich, Stüber für Stü⸗ ber erſpart habe, wüſte und unnütz zu verſchwelgen, und dann mit ſcheinheiligem Geſicht zu mir zu kom⸗ men und zu ſagen, Du habeſt auf Koſten eines Ant⸗ werpener Kaufmanns geſpeist, mich niederträchtig zu betrügen, dazu haſt Du Muth genug, nicht wahr?“ Pottewal ſchien geſchlagen und ſah ſehr traurig aus. Er ſchüttelte ſchmerzlich den Kopf und ſprach nach einigem Zögern: „Ich habe vielleicht nicht wohl daran gethan, in der That, Dir dieſe Sache nicht aufrichtig zu erklä⸗ ren; aber ſieh' doch nur ein, Thereſe, daß Du ſo ſchnell ärgerlich wirſt und Dir ſelbſt um der gering⸗ ſten Gründe willen Verdruß anthuſt. Die Beſorgniß, Dich zu betrüben, hat mich beſtimmt, Dir den Fall zu r beder einen dem ich Dub⸗ Geſe Wort verſte Dein hat d pagn Rechr ſie. ganze ſchwe zehnt giß, ächtli Wutl Freut reſe, ſo lich zu zufrie⸗ au mit damit andere t wie⸗ ßt Du singen, er Ge einigen ch an⸗ machen leicht ich vor th und r Stü⸗ velgen, u kom⸗ 8 Ant⸗ gtig zu bahr?“ traurig ſprach dan, in erklä⸗ Du ſo gering⸗ orgniß, in Fall zu verſchweigen. Er hat jedoch an ſich Nichts zu bedeuten. Ich war auf der Börſe und ſtritt mit einem Kaufmann über den Inhalt eines Artikels in dem Handelsgeſetzbuch. Mir entſchlüpften die Worte: zich wette darauf, was Sie wollen. ‚Ein Diner bei Dubos, mit zehn Freunden, wurde geantwortet. Das Geſetzbuch gab mir Unrecht. Konnte ich nun mein Wort zurückziehen und in Gegenwart ſo vieler Per⸗ ſonen zurückgehen? Solche Dinge nimmt man unter Kaufleuten ſehr ernſt.“ „So biſt Du! Wetten über Dinge, die Du nicht verſtehſt. Dich zum Beſten haben laſſen und durch Deine Einfalt Lachen zu erregen.... Und wie viel hat dieſes königliche Gaſtmahl und der Strom Cham⸗ pagner gekoſtet? Lüge nicht; denn ich kenne die Rechnung.“ „Aufrichtig, Thereſe, hundert und ſechzig Francs.“ „Hundert und ſechzig Francs, mein Gott!“ rief ſie.„Beinahe ſo viel, als die Haushaltung einen ganzen Monat koſtet, an einem einzigen Tage ver⸗ ſchwelgt!“ „Aber ich habe nun auch an einem einzigen Tage zehntauſend Francs gewonnen, Thereſe. Komm', ver⸗ giß, was geſchehen iſt; es iſt von keinem Belang.“ „Was haſt Du im Vaurhall zu thun gehabt, ver⸗ ächtlicher Landſtreicher?“ fragte ſie mit einem neuen Wuthanfall. „Nach dem Mittageſſen bin ich dort mit den Freunden ſpazieren gegangen.“ „Ha, das nennſt Du ſpazierengehen? Stunden lang neben einer Frau von ſchlechtem Rufe...“ „Eine Frau von ſchlechtem Rufe?“ wiederholte 198 Pottewal mit ſchmerzlicher Beſtürzung in den Augen. „Madame Dools von ſchlechtem Rufe? Die ange⸗ ſehenſten und achtungswürdigſten Leute von ganz...“ „Ja, ja,“ lachte Thereſe,„jetzt ſcheinſt Du wohl erregt, jetzt möchteſt Du wohl gar zornig werden? Ich habe die empfindliche Saite getroffen, nicht wahr? Das iſt abſcheulich!“ „Was iſt Abſcheuliches daran? Ich bin Herrn Dools im Vauxrhall begegnet und habe ihm als einem alten, guten Freunde die Hand gedrückt. Ver⸗ wundert es Dich, daß ich ſeine Gemahlin gleichfalls gegrüßt habe?“ „Stunden lang biſt Du mit ihr vertraulich, allzu vertraulich im Geſpräch geblieben!“ „Minuten!“ „Stunden lang!“ „Minuten, Madame Pottewal! Minuten! Und überdieß war es ihr Mann, mit dem ich ſprach. Dein bösartiger Argwohn macht mich zittern vor Entrüſtung!“ rief der tiefgekränkte Gatte. „Selbſtſüchtiger Betrüger!“ fuhr ſeine Frau fort. „Während ich hier ſorge und ſammle, und in ewiger Einſamkeit ſitzend denke, daß Du Dich Deinen Han⸗ delsgeſchäften widmeſt, ſuchſt Du Deine Luſt in Champagner; Du vergnügſt Dich, Du lachſt, Du ſingſt und vergiſſeſt niederträchtiger Weiſe, wer zu Hauſe ſein Leben ohne Genuß und Freude dahin⸗ ſchleppt. Aber dieß iſt noch nicht genug; Du gehſt nach Vauxrhall, und bei der erſten beſten Frau, die Dir zulächelt, ſetzeſt Du Dich nieder und ergötzeſt Dich an dem leichtſinnigen Geſchwätz einer gefall⸗ ſüchtigen Närrin. Pottewal, Pottewal, um Deines „wer Deine mahl, 4 ſchaut Auge erregt drückt Wahr „ ſprach ſollte zu To Ehe l fällig geſpär ich er wie e Hoffn zu loe und ſ Sie überg. belieb meine verkau ugen. ange⸗ ...7 wohl rden? nicht Herrn n als Ver⸗ hfalls allzu Und prach. n vor 1 fort. ewiger Han⸗ iſt in 5, Du ver zu dahin⸗ gehſt 1, die götzeſt gefall⸗ Deines Glückes willen, laß mich nicht das Aergſte denken, ſonſt könnteſt Du es noch ſchrecklich bereuen!“ „Es iſt nicht mehr auszuhalten; es geht über alles Maß: dieſem hölliſchen Leben muß ein Ende gemacht werden!“ brummte Pottewal. „Ja, bebe vor Angſt,“ ſagte Thereſe ſpottend, „werde roth vor Verdruß, weil ich die Hand auf Deine Wunde gelegt habe. Dein Zorn, Herr Ge⸗ mahl, iſt ein neuer, blutiger Hohn für mich!“ Pottewal kreuzte die Arme auf der Bruſt und ſchaute ſeiner Frau mit einem feſten Blick in die Augen. Es war ſichtbar, daß er von tiefem Zorn erregt wurde und ſich gefaßt machte, ſein ſchwer be⸗ drücktes Gemüth durch die Aeußerung einiger harten Wahrheiten zu entlaſten. „Ein Engel müßte dabei die Geduld verlieren,“ ſprach er mit düſterer Stimme.„Wie, Madame, ſollte es wahr ſein, daß Sie geſchworen haben, mich zu Tode zu ärgern? Von dem erſten Tage unſerer Che habe ich alles Mögliche gethan, um Ihnen ge⸗ fällig zu ſein. Ich habe in dem Blick Ihrer Augen geſpäht, um daſelbſt einen Wunſch zu entdecken, den ich erfüllen könnte. Ich habe mich Ihrem Willen wie ein demüthiges Kind unterworfen, einzig in der Hoffnung, ein Lächeln auf das Geſicht meiner Gattin zu locken. Nichts; Nichts; immerdar ſaure Geſichter und ſpitzige Worte!... Reden Sie, unterbrechen Sie mich, ſo viel Sie wollen; das Maß iſt nun übergelaufen; ich werde fortfahren, ſo lang es mir beliebt, ſage ich Ihnen!... Haben Sie nicht alle meine Freunde verjagt? Haben Sie nicht die Pferde verkaufen laſſen, ſobald Sie merkten, daß ich Wohl⸗ gefallen an denſelben zu finden begann? Iſt das Urtheil meiner armen Jagdhunde nicht bereits ge⸗ ſprochen?... Stinkende Beſtien, ſagen Sie, Ma dame? Sie ſtinken nur, weil Ihr Mann dieſelben liebt und eine Freude an ihnen hat, nicht wahr? Da iſt hinten in dem Magazin ein alter Arbeiter, der ſich in dem Dienſte meines Vaters abgemüht hat. Weil ich ihm wohlwolle, überhäuft man ihn mit Scheltworten und macht ihn krank, den Unglück⸗ lichen!“ „Ich habe ihn ſo eben fortgejagt,“ fiel ihm die Frau in's Wort. „Fortgejagt? Sie haben ihn fortgejagt?“ wie⸗ derholte Pottewal mit zuckenden Lippen.„Wir wollen doch ſehen!“ „Er ſoll nur noch einen Fuß über unſere Schwelle ſetzen! Lieber entlaufe ich ſelbſt für immer aus die⸗ ſem Hauſe.“ „Es mag ſein; Mangel leiden ſoll er jedoch darum niemals. Er hat das Vermögen meines Va⸗ ters gewinnen helfen, und er ſoll Brod, gutes Brod mit ſeinen Kindern eſſen, ſo lang ich lebe, und wahr⸗ ſcheinlich noch länger.“ „Habe ich recht verſtanden? Du wirſt wohl noch ein Teſtament zu Gunſten dieſes trägen Faulenzers machen? Was für ſchreckliche Dinge!“ Zum erſten Mal vielleicht in ſeinem Leben war Pottewal heftig erzürnt und fühlte ſich wirklich das Blut durch die Adern brauſen. Dieſe ſtarke Er⸗ regung übte einen merkwürdigen Einfluß auf ihn. Sie verlieh ſeinen Gedanken eine ungewöhnliche Klar⸗ heit. Unter der Eingebung der Leidenſchaft wurde er be wiſſe ſtren 4 er, verg⸗ Ihr nug und Sie einig auf denke den und dem liches mich zeugt Pott Etwe Ziel ſend blick es ſo Gehi t das 8 ge⸗ M ta elben hahr? veiter, müht n ihn glück⸗ m die wie⸗ vollen hwelle s die⸗ jedoch 3 Va⸗ Brod wahr⸗ l noch enzers n war h das e ſ fi aihi wurde 201 er beredt, und ſein Wort, gemüßiet durch eine ge⸗ wiſſe Macht, welche er über ſich ſelbſt behielt, war ſtreng und Achtun gebietend. „Es ſcheint Ihnen ſchrecklich, Madame,“ ſprach er,„daß ich die Dienſte eines alten Arbeiters nicht vergeſſen mag? Es iſt Nichts daran ſchrecklich, als Ihr Betragen gegen mich. Es iſt Ihnen nicht ge⸗ nug, mich zu einem Leben ohne Genuß, ohne Raſt und ohne Troſt verurtheilt zu haben, dadurch daß Sie mir Alles verboten oder entriſſen, woran ich einige Freude fand; Sie ſenden jetzt noch Späher auf meine Schritte. Von nun an werde ich alſo denken müſſen, daß Ihr Schatten mir immerdar auf den Ferſen folgt, um meine Worte zu belauſchen und mein Thun aufzuzeichnen. Geſchah es noch aus dem Grunde, daß Sie etwas Schlechtes oder Unehr⸗ liches von mir fürchteten? Aber nein, Sie kennen mich viel zu gut, Sie ſind überzeugt, innig über⸗ zeugt, Madame, daß der einfache, der friedliebende Pottewal nicht im Stande iſt, mit Wiſſen und Willen Etwas zu thun, was Tadel verdiente. Ihr einziges Ziel war, mein Daſein zu vergiften, mich mit tau⸗ ſend Kritteleien zu verfolgen, und mir keinen Augen⸗ blick Ruhe zu vergönnen... Schreien und raſen Sie, es ſoll mich nicht hindern, bis zum Ende zu ſprechen! Ihre Natur iſt unbegreiflich: der Friede, die Freundlichkeit, die Freude ſind Ihnen verhaßt; Sie ſind nur vergnügt, wenn Sie einen Grund fnden, ſich zu ärgern und Andere mit Aerger zu ſihl hlagen. So kann es nicht fortdauern. Ich fühle, daß mein Gehirn unter dieſem vernichten nden Druck I Ver⸗ wirrung geräth. Ich ſoll alſo krank werden? Wahn⸗ ſinnig vielleicht? Nein, Madame, nein!“ Seine Frau hatte während dieſer Anklage allerlei Worte und Ausrufe zwiſchen ſeine Reden hineinge⸗ worfen; aber ſo mächtig ſie ſich auch anſtrengte, Pottewal hatte ſich nicht unterbrechen laſſen. Bis auf dieſen Tag hatte ſie ihn allzeit zum Schweigen gebracht, indem ſie ſehr laut ſprach und ihm dadurch die Beſorgniß einflößte, die Magd könnte ihren Zank hören und verſtehen; aber nun ſchien er ſich ganz und gar nicht mehr darum zu kümmern und erhob ohne die mindeſte Rückſicht ſeine Stimme nur noch höher, als ſie, ſo oft ſie ihn zu überſchreien ver⸗ ſuchte. Jetzt, da er ſchwieg, um Athem zu holen, rief ſie aus: „Wütherich! Menſch ohne Seele! Anſtatt wegen Deines ſchlechten Betragens Dich zu entſchuldigen, klagſt Du Dein Schlachtopfer an! Biſt Du nun fer⸗ tig mit Deiner entſetzlichen Falſchheit?“ „Noch ein Wort, Madame!“ fuhr er fort.„Mer⸗ ken Sie wohl auf, denn ich will es Ihnen nur ein⸗ mal, aber ſehr deutlich ſagen. Wir haben gehei⸗ rathet ohne Kiebe⸗ ohne Neigung zu einander. Was mich betrifft, ich wünſche nichts Beſſeres, als Sie zu lieben, und ich bin noch nicht ganz unfähig dazu ge⸗ worden; aber Sie, Sie ſtoßen alle Freundſchaft von ſich und ſcheinen nur Vergnügen an Zwietracht und ewigem Zank zu finden. Wiſſen Sie, was das ein⸗ zige Mittel iſt, die Ruhe wieder hieher zurückzu⸗ führen? Eines von uns beiden muß hier herrſchen und gebieten als Meiſter über ſeinen Sclaven; der . 8 Ande Made ſchen ich n nachg ſeine wager ſo ne ſchrech viellei glänz beinal 8 „ Fuß vor T Henke gen k Verſto was Vater laſſen. auch Ihnen ziehen Es er ſollſt, Pkannſt zahn⸗ lerlei inge⸗ igte, Bis eigen durch Zank ganz erhob noch ver⸗ rief begen igen, fer⸗ Mer⸗ ein⸗ gehei⸗ Was ie zu ¹ ge⸗ von und ein⸗ ickzu⸗ ſſchen der Andere muß nachgeben, brechen, kriechen. Das iſt, Madame, das verhängnißvolle Gebot, das Sie zwi⸗ ſchen uns aufrichten. Nun wohl, ich bin der Mann; ich werde der Meiſter ſein. Gut, liebevoll, ſelbſt nachgiebig, wenn Sie wollen; unerbittlich, ſobald Sie ſeine rechtmäßige Oberherrſchaft noch zu mißkennen wagen!“ Madame Pottewal war bleich vor Beſtürzung und Wuth. Sie hatte noch niemals ihren Mann in ſo nachdrücklichem Tone ſprechen hören, und die ſchreckliche Beſorgniß drang ſich ihr auf, er möchte wielleicht Muth genug haben, ſeine Drohungen aus⸗ zuführen. Ihre Niederlage erfüllte ſie mit Scham und durchbohrte ihr das Herz. Mit Augen, worin zurückgehaltene Thränen zu glänzen begannen, und mit einer, durch die Angſt beinahe erſtickten Stimme ſprach ſie: „Ah, Du willſt mich zu Tode martern, mir den Fuß auf den Nacken ſetzen und mich wie einen Wurm vor Dir kriechen laſſen. Nein, nein, unbarmherziger Henker, dieß Vergnügen ſollſt Du nicht haben. Mor⸗ gen kehre ich zu meinen Eltern zurück, als arme Verſtoßene, die ich bin. Die ganze Stadt ſoll wiſſen, was für ein abſcheulicher Mörder Du biſt. Mein Vater wird ſein unglückliches Kind nicht ungerochen laſſen. Und muß es ſein, Herr, ſo ſchmachvoll es auch für unſere Familie wäre, ſo wird das Geſetz Ihnen förmlich jedes Recht über Ihre Gattin ent⸗ ziehen.— Nun beugſt Du das Haupt, nicht wahr? Es erſchreckt Dich, daß Du Niemand mehr haben ſollſt, den Du zum Opfer Deiner Selbſtſucht machen skannſt?“ 204 Dieſe Drohung ſchien in der That einen gewal⸗ tigen Eindruck auf Pottewal hervorzubringen. Er ſtand ſchweigend da, das Auge zu Boden geſchlagen und den Kopf in traurigem Zweifel ſchüttelnd. „Er fürchtet ſich, er zittert!“ ſpottete die Frau, welche ſich ihres Sieges gewiß glaubte. Aber Pottewal richtete ſich plötzlich auf, deutete mit ausgeſtrecktem Finger nach der Thüre und ſprach mit gebieteriſcher Kälte: „Ja, Madame, die Eheſcheidung, womit Sie mich bedrohen, wird zwar ein Unglück und eine große Schande für unſere Familie ſein; aber mein Beſchluß iſt gefaßt: ich beuge mich nicht mehr, ich bin uner⸗ bittlich geworden. Sie wollen zu Ihren Eltern zu⸗ rückkehren? Hier iſt die Thüre!“ „Himmel! er weist mir die Thüre! Er jagt mich fort!“ Ein ſchmerzlicher Schrei entſchlüpfte der Bruſt von Madame Pottewal, welche ſich mit den Händen vor den Augen auf einen Stuhl fallen ließ und in einen Thränenſtrom ausbrach. Ihr Mann blickte ſchweigend auf ſie nieder; die Gluth des Zorns verſchwand allmälig von ſeinem Angeſichte, um einem Ausdruck von Betrübniß, ja von Mitleiden Platz zu machen. Er rührte ſich je⸗ doch nicht von der Stelle... Aber bald bekam die weinende Frau Zuckungen, und hohle, ſchmerzliche Schluchzer entſtiegen ihrer krampfig verengten Kehle. Pottewal ſetzte ſich neben ſie und wollte ihre Hand faſſen; ſie zog dieſelbe mit convulſiviſcher Gewalt zurück, während die Worte:„Laß mich ſterbe pen „mac geſſer Ein ſelbſt was mein gemã gehrſ zu kö Dein Mitl und laß 1 C aber Abſie Rufe 2 Ich auf nen weile Schle tende G dem Schli 2 Weil eutete prach mich große ſchluß uner⸗ n zu⸗ jagt Bruſt änden nd in ; die einem ß, ja ich je⸗ m die rzliche Kehle. ihre viſcher mich ſterben, Henker, Mörder, Ungeheuer,“ über ihre Lip⸗ pen quollen. „Komm', meine arme Thereſe,“ ſagte Pottewal, „mache Dir nicht ſo viel Kummer. Laß Alles ver⸗ geſſen ſein. Ich bin etwas hart geweſen, nicht wahr? Ein Menſch bleibt nicht immerdar Meiſter über ſich ſelbſt. Man ſagt in der Leidenſchaft gar Vieles, was nicht ſo ernſtlich gemeint iſt. Weine nicht mehr, meine Liebe, ich werde mich ganz Deinen Wünſchen gemäß betragen und fortan Alles thun, was Du be gehrſt. Ich verlange nichts Beſſeres, als Dich lieben zu können, Thereſe; ich liebe Dich ſelbſt ſo ſehr, daß Deine Thränen mir das Herz zerreißen. Ach, aus Mitleiden mit meiner Angſt, komm' zu Dir ſelbſt und mache Dich nicht krank! Verzeihung, Thereſe, laß mich den Verſöhnungskuß Dir auf die Stirne...“ Er legte den Arm um den Hals ſeiner Gattin; aber die unbarmherzige Frau ſprang, ſobald ſie ſeine Abſicht merkte, auf und ſtieß ihn zurück mit dem Rufe: „Zurück, Unverſchämter! Rühre mich nicht an! Ich will Dich nicht länger mehr ſehen. Ich gehe auf mein Zimmer. Unterſtehe Dich nicht, mit Dei⸗ nen heuchleriſchen Schmeicheleien mich dort zu lang⸗ weilen oder zu verhöhnen. Wage nicht, meinen Schlaf zu ſtören, wenn ich unter einem ſo vernich tenden Kummer zu ruhen vermag! Weg, laß mich!“ Sie eilte nach einer Nebenthüre, verſchwand aus dem Zimmer und drehte hörbar zweimal einen Schlüſſel im Schloſſe herum. Der niedergeſchmetterte Gatte blieb eine lange Weile ſtumm und bewegungslos vor der Thüre 206 ſtehen. Dann hob er langſam die Augen zum Him⸗ mel und ſeufzte verzweiflungsvoll: „Mein Gott, wie, habe ich dieſes ſchreckliche Leben verdient? Eine ſolche Ehe, ohne Neigung, ohne Liebe, iſt vielleicht eine Miſſethat in Deinen Augen. O, Barmherzigkeit, ich bin allzu grauſam beſtraft!“ Und mit dieſem Ausrufe ſank er erſchöpft auf einen Stuhl nieder. II. Fräulein Marie Blondeel ſaß in einem Zimmer des erſten Stocks ihrer Wohnung, an einem Fenſter, deſſen Ausſicht in den Garten ging. Sie hatte ein Buch in der Hand, hielt aber jetzt mit einem Lächeln der Genugthuung den Blick nach der andern Seite des Zimmers gerichtet. Hier ſaß ihr Bruder Jan vor einem Notenpulte, mit einem Violoncell zwiſchen den Knieen, und ſpielte eines der ſchönſten Stücke von dem berühmten bel⸗ giſchen Meiſter Servais. Ob nun der alte Dilettant wirklich ein geſchickter Muſiker war, oder ob er ſein Stück mit vieler Mühe gelernt hatte, ſein Spiel war wenigſtens ſauber und voll Gefühls und machte Ein⸗ druck genug auf das Herz von Fräulein Marie, um ſie ihre Lectüre vergeſſen zu laſſen. Sie folgte mit ſichtbarem Vergnügen den vibrirenden Noten des klagenden Inſtruments und gab ihre beifällige Theil⸗ nahme dadurch, daß ſie mit dem Kopfe nickte und mit den Fingern den Takt ſchlug, zu erkennen. Der Ton einer Stimme, welche aus dem Garten zu dem Zimmer empordrang, zog ihre Aufmerkſam⸗ keit: durch gewa cheln Ather zende 3 Finge dings mühe ankäu beme gewa T Hand Wun habe er ül S und gleich ſich Kaun erreic lebha Jetzt zu ſp oder Him⸗ Leben „ohne Augen. raft!“ oft auf zimmer Fenſter, tte ein Lächeln Seite npulte, ſpielte n bel⸗ lettant er ſein el war te Ein⸗ le, um te mit n des Theil⸗ te und Garten rkſam⸗ keit von der Muſik ab, und ſie ſchaute zur Seite durch die Fenſterſcheiben. Was ſie in dem Garten gewahrte, rief auf ihrem Antlitz ein ſtrahlendes Lä⸗ cheln freudiger Verwunderung hervor; ſie hielt ihren Athem an und ſchaute bewegungslos und mit glän⸗ zenden Augen hinaus, ohne noch an ihren Bruder oder deſſen treffliches Spiel zu denken. Als Herr Jan Blondeel mit ſeinem Muſikſtück zu Ende war, ſagte er mit triumphirendem Tone: „Ein ſchweres Stück, Marie! Meine Arme und Finger ſind wie gebrochen. Ich ſollte mich aller⸗ dings an einem ſo heißen Sommertag nicht alſo ab⸗ mühen; aber ich will gegen die Schwäche des Alters ankämpfen, ſo lang es mir möglich bleibt. Haſt Du bemerken können, Marie, daß ich noch kräftig und gewandt bin?“ Das alte Fräulein ſchien ſeine Frage mit der Hand abzuwehren und gab keine Antwort. „Was geſchieht Dir? Was ſiehſt Du da ſo Wunderbares? Man möchte ſagen, der Himmel habe ſich vor Deinen Augen aufgethan!“ murmelte er überraſcht. Seine Schweſter winkte ihm, ohne zu ſprechen, und legte ſich den Finger auf den Mund, um ihm gleichfalls Stillſchweigen anzubefehlen. Er näherte ſich ihr und blickte gleichfalls durch das Fenſter. Kaum hatte ſein Blick den angedeuteten Gegenſtand erreicht, ſo kam auf ſeinem Angeſichte daſſelbe Lächeln lebhafter Verwunderung und Glückſeligkeit zu Tage. Jetzt ſahen ſie beide hinaus ohne ſich zu rühren oder zu ſprechen, als hätten ſie befürchtet, eine Bewegung oder ein Wort könnte ſie in dem ſüßen Genuſſe des 208 entzückenden Schauſpieles ſtören, und nur das wech⸗ ſelnde Spiel ihres Lächelns und der helle Strahl ihrer Augen waren die Zeichen der in ihrem Ge⸗ müthe vorgehenden Regungen. Endlich ſprach Jan Blondeel, als kehrte ihm jetzt erſt der Athem zurück: „Wie ſchön, wie bezaubernd!... Ein trauriger Philoſoph fragte mich geſtern noch: Was iſt das Glück? Könnte ich ihn einen einzigen Blick durch dieſes Fenſter werfen laſſen! Es iſt wirklich der Himmel, in den wir ſehen, nicht wahr, Marie?“ „Der Himmel und ſeine Engel. Gott ſei ge⸗ prieſen um ſeiner Güte willen,“ flüſterte das Fräu⸗ lein, ohne das Haupt abzuwenden. „Jetzt verſtehe ich die Heilige Jungfrau von Raphael. O, lebte der Meiſter noch und könnte neben uns am Fenſter ſtehen, welches neue Wunder würde er ſchaffen? Natur, Natur, Du biſt wohl die größte Künſtlerin!“ „Schweig', Jan,“ bat ſeine Schweſter,„laß mich dieſes Geſicht ungeſtört genießen... Sieh', ſieh', Ernſtchen macht einen Schritt, dünkt mir— nein, es iſt nicht geglückt. Noch einmal probirt! Es wird wohl gehen, es wird wohl gehen!“ In dem Garten, welcher durch eine niedrige Mauer von demjenigen Blondeels geſchieden war, ſaß eine Mutter, noch jung und anmuthig, wie ein Mädchen, an dem Wege auf einem Raſenplatze. In der vollen Vergeſſenheit des Glücks beſchäftigte ſie ſich mit einem Kinde, das ungefähr ein Jahr alt war, und ließ daſſelbe ſeine erſten Schritte probiren. Sie ſtellte den kleinen Wicht auf den Pfad, ließ ihn ganz mit auf ihn und Verſt Seite an il Kind chelte wirrt welch keiner Mutt Scho wirkl Schö konnt heftet dring zogen Läche ihre die d liches C ten i ſtehen zaube Co 3 wech⸗ Strahl m Ge⸗ im jetzt auriger iſt das durch ich der 2 ſei ge⸗ Fräu⸗ u von könnte Lunder ohl die ß mich ſieh’, ein, es wird iedrige war, vie ein e. In gte ſie hr alt obiren. eß ihn ganz los, umſchloß ihn jedoch mit ihren Armen wie mit einem ſchützenden Ring, und nöthigte ihn ſo, auf ſeinen eigenen Beinen zu ſtehen. Sie nannte ihn mit allerlei zärtlichen und liebkoſenden Namen und ſuchte ihm Feſtigkeit und Muth zu dem kecken Verſuche einzuſprechen; aber ſo oft das Kind den Fuß von dem Boden erhob, fiel es wankend zur Seite. Sie faßte es dann in ihre Arme, ſchloß es an ihre Bruſt und überhäufte es mit Küſſen. Das Kind hatte Luſt an dem Spiele; es lachte laut, ſtrei⸗ chelte die Sammetwangen ſeiner Mutter und ver⸗ wirrte mit ſchelmiſchem Vergnügen die blonden Locken, welche ſich auf ihrem Halſe wiegten. Herr Blondeel hatte ſich durch ſein Entzücken zu keiner Uebertreibung verleiten laſſen. Dieſe junge Mutter, wie ſie ſo daſaß mit dem Engelchen auf dem Schooße, und es liebkoste und mit ihm ſpielte, war wirklich das bezauberndſte, eindringlichſte Bild von Schönheit, von Glück und Liebe, das man ſehen konnte. In dem Blick, welchen ſie auf ihr Kind ge⸗ heftet hielt, leuchtete ein Funke, ſo hell und ſo durch⸗ dringend, als hätte ſich ihre Seele in die Augen ge⸗ zogen, um dem geliebten Weſen näher zu ſein; ihr Lächeln war die Zärtlichkeit, die Bewunderung ſelbſt; ihre Stimme hatte eine Süßigkeit, eine Innigkeit, die den härteſten Menſchen durch ein unwiderſteh⸗ liches Mitgefühl gerührt hätte. Ein Akazienbaum warf ſeinen durchſichtigen Schat⸗ ten über ſie; die Sonne, bereits tief im Weſten ſtehend, umgab ſie mit einem roſigen Lichte. Dieſer zauberiſche Duft, dieſe halben Tinten verbreiteten über Conſcience, Die Bürger v. Darlingen. 14 210 ſie und ihren kleinen Knaben alle die geheimnißvollen Farbentöne, welche ein von Liebe erfüllter und be⸗ geiſterter Künſtler irgend auf ſeiner Palette finden könnte. Das Kind hatte ausgeruht. Es mußte auf's Neue die beſchwerliche Probe wiederholen. „Nun, nun, mein kleines, liebes Schelmchen,“ ſagte die Mutter,„Du mußt Mamachens Haar nicht ganz ausreißen. Wir wollen noch einmal verſuchen, allein zu laufen. Gib wohl Acht, Ernſtchen; Du mußt zuerſt ein Füßchen vorſetzen und gut darauf ſtehen, ehe Du das andere Füßchen wieder aufhebſt. Ach, wenn Du einmal zwei oder drei Schritte machen könnteſt, welche Freude würde Dein Papachen haben! Nun merk' einmal wohl auf, Du ſchalkhafter Engel, der Du biſt!“ Das Kind lächelte und ſtreichelte ſeine Mutter, verſtand aber offenbar ihre Aufforderung nicht. Sie bückte ſich auf den Weg nieder, ſchlug ihn mit ihrem Taſchentuch ſauber, blies ſogar auf den Punkt, wo ihr Kind ſtehen ſollte, um das letzte Steinchen davon zu entfernen. Dann ſtellte ſie den kleinen Wicht auf den Weg, ließ ihn los und umringte ihn mit ihren Armen, während ſie die ſüßeſten Worte an ihn richtete, um ihm Muth einzuſprechen. Der erſte Verſuch mißglückte; auch der zweite und der dritte; aber bei dem vierten entſtieg aus dem Buſen der triumphirenden Mutter ein Ruf unſäg⸗ licher Freude. Sie erhob die Augen betend zum Himmel, als wollte ſie Gott für eine unſchätzbare Wohlthat danken, und drückte jubelnd das Kind an ihre Bruſt. Es mit Küſſen überhäufend, ſagte ſie: Schri könne Man Vater mal, der§ wiede in ſe zu vi S vor ihren ſucht nahm Lage weger mögli Vater vernã D ) 6§ ihr a⸗ auf il es la ihren Mutte gekom mein Dich werde wollen nd be⸗ finden auf's chen,“ nicht uchen, ; Du darauf fhebſt. rachen aben! Engel, zutter, t. n mit Lunkt, nchen einen e ihn te an 2 und dem nſäg⸗ zum zbare d an ſie: 211 „Ah, Ernſtchen, liebes Ernſtchen, Du haſt zwei Schritte gemacht! Jetzt wirſt Du bald allein laufen können. Jetzt wirſt Du ſchnell heranwachſen und ein Mann werden, ein ſchöner, ſtolzer Mann, wie Dein Vater, nicht wahr? Komm' mein Herzchen, noch ein⸗ mal, noch einmal probirt!“ Sie wurde in ihrer Hoffnung nicht getäuſcht: der Knabe machte wieder zwei Schritte— und nach wiederholten Bemühungen brachte er es manchmal, in ſeinem wankenden Laufe gegen die Mutter hin, zu vier Tritten, ehe er derſelben an den Buſen fiel. Sie war glücklich, ſie jubelte, ſie verging beinahe vor Entzücken; Thränen der Freude verdunkelten ihren liebevollen Blick. Dennoch wollte ſie aus Selbſt⸗ ſucht ihr ſüßes Engelchen nicht ermüden. Wieder nahm ſie es in die Arme, gab ihm eine bequeme Lage und begann, ihm in die Augen ſchauend, es wegen ſeiner Gelehrigkeit zu loben und ihm auf alle mögliche Weiſe begreiflich zu machen, wie ſehr ſein Vater ſich freuen würde, wenn er die glückliche Kunde vernähme. Das Kind blickte eine Weile mit feſtem Blicke zu ihr auf und ſchien mit wunderbarer Aufmerkſamkeit auf ihre ſüße Stimme zu horchen; aber dann ſchloß es langſam die Augen und ließ ſein Köpfchen auf ihren Arm fallen. „Ich habe ihn ermüdet, er ſchläft,“ ſagte die Mutter mit einem Lächeln.„Seine Stunde iſt doch gekommen; ich hätte es bald vergeſſen. Schlafe, ſchlafe, mein Kind; ich will indeſſen Gott danken, daß er Dich ſo geſund an Körper und ſo froh von Herzen werden ließ.“ 14* 212 Sie ging nach dem Pavillon und ſetzte ſich dort auf einen Stuhl nieder, ohne ihre Augen von dem Angeſichte des Kindes abzuwenden. Die Thüre in der Zwiſchenmauer wurde aufge⸗ riſſen und Herr und Fräulein Blondeel kamen ju⸗ belnd in den Garten gelaufen. „Wohl bekomm's, Hermina.— Ich wünſche Dir Glück, erfreute Mutter.— Ernſtchen iſt allein ge⸗ laufen. Hurra, Hurra!“ waren die Rufe, welche ſich bereits von ferne hören ließen. „Er ſchläft, weckt ihn nicht,“ antwortete Hermina mit dem Glanze mütterlichen Stolzes in den Augen. „Ihr habt es alſo geſehen? Er hat wohl vier Schritte gemacht!“ „Meine Schweſter verſichert, daß ſie fünf gezählt habe; ich ſage, daß ich wohl ſieben geſehen habe!“ „Nein, Onkel Jan, nur vier; es iſt ſicherlich ge⸗ nug für's erſte Mal.“ „Ach, was für ein liebes Kind!“ ſagte Jan Blondeel.„Was für roſige Wangen und wie rein ſein Geſicht!“ „Es iſt wie eine friſche Roſenknoſpe,“ murmelte das alte Fräulein. „Wie ein prächtiger Traum.“ „Wie ein wächſernes Chriſtuskind, Jan.“ „Wie ein eingeſchlummertes Engelchen, Schweſter. Darf ich ihm nicht einen Kuß auf das Stirnchen geben, Hermina?“ „Gewiß, Onkel Jan; könnte es von einem Kuß munter werden, das arme Lämmchen würde nie zum Schlafen gelangen.“ „In der That, Hermina, Du ſchonſt es in dieſer Hin es! ſein bekl hätt Glü in gefi eine man kant wie chen deel für Hin lege ich die rat daß liel ver eine rüc ble ten fra ich dort on dem aufge⸗ nen ju⸗ che Dir ein ge⸗ che ſich dermina Augen. hl vier gezählt abe!“ lich ge⸗ e Jan ie rein urmelte weſter. irnchen n Kuß ie zum dieſer 213 Hinſicht nicht. Es verrührt ſich nun auch nicht, aber es lacht in ſeinem ſüßen Schlafe, weil es die Lippen ſeiner Mutter zu fühlen geglaubt hat. Sieh', ich beklage mich nur über Eines in meinem Leben. Ich hätte Kinder haben mögen. Es iſt wohl ein großes Glück, nicht wahr, Hermina, wenn man ſich ſo ſelbſt in einem andern Weſen wieder aufleben ſieht?“ „Ein Glück?“ wiederholte Hermina voll Selbſt⸗ gefühls.„Dieß Wort iſt viel zu ſchwach: es iſt eine unausſprechliche Seligkeit... Dann erſt, wenn man Mutter iſt und ſich in ſeinem Kinde ſpiegeln kann, dann erſt begreift man Gottes unendliche Güte .Ja, Onkel Jan, Du hätteſt Kinder haben ſollen; wie würdeſt Du ſie lieben, da Du ſchon mein Ernſt⸗ chen ſo lieb haſt, als ob Du ſein Vater wäreſt!“ „Es iſt meiner Eltern Schuld,“ antwortete Blon⸗ deel mit einem Seufzer.„Sie träumten für mich und für meine Schweſter von einer Heirath, welche in Hinſicht des Vermögens vortheilhaft wäre. Die Ge⸗ legenheit hat allzu lang auf ſich warten laſſen. Als ich endlich mein eigener Herr geworden, da waren die Jünglingsjahre vorüber. Ich konnte noch hei⸗ rathen, aber ich begehrte Liebe und war überzeugt, daß ein junges Mädchen mich nicht mehr aufrichtig lieben würde. Eine Frau mit einem durch die Jahre verwelkten Herzen wollte ich gleichfalls nicht. Vor einer Heirath ohne wahre Zuneigung ſchreckte ich zu⸗ rück. Es war zu ſpät und ich mußte Junggeſelle bleiben oder Gefahr laufen, mir ein Loos zu berei⸗ ten, ſo traurig, wie das von dem armen Pottewal.“ „Haſt Du Nachrichten von meinem Schwager?“ fragte Hermina. 214 „Ja, das heißt, ich bin ihm heute zweimal in Brüſſel begegnet,“ erwiederte Blondeel.„Das erſte Mal ſah ich ihn von ferne in der Neuen Straße. Ich ging auf ihn zu; er aber, als erſchräcke er vor meiner Begegnung, ſchlug die Kohlenſtraße ein. Ich beeilte mich vergeblich, um ihn noch einzuholen; er mußte recht gelaufen ſein, denn als ich die Straßen⸗ ecke erreichte, war er bereits ſo weit, daß ich ihn beinahe nicht mehr ſehen konnte.“ „Er iſt vielleicht gegen uns erzürnt,“ bemerkte Marie. „Unmöglich, Schweſter; welchen Grund könnte er dazu haben?“ „Du weißt, Jan, daß die üble Nachrede in Dar⸗ lingen ſtets ihren Lauf hat.“ „Das zweite Mal lief ich beinahe auf ihn hin⸗ auf, in der Milchſtraße. Nun konnte er mir nicht mehr ausweichen; er mußte ſtehen bleiben. Ich er⸗ kundigte mich nach ſeiner Geſundheit und nach dem Befinden der Familie. Er wurde roth bis hinter die Ohren, ſchien verlegen wie ein Kind, ſtammelte undeutliche Worte und entfernte ſich unter dem Vor⸗ wande, es erwarte ihn Jemand auf dem Münzplatze. Er hatte ſichtbar Angſt vor mir.“ Hermina hörte nur zerſtreut auf die Erklärung von Herrn Jan, ſie heftete ihr Auge mit mütter⸗ licher Beſorgniß auf ihr Kind und küßte es von Zeit zu Zeit. Manchmal hob ſie jedoch den Blick zu Blondeel und ſeiner Schweſter empor, um ihnen zu zeigen, daß ſie dennoch Antheil an dem Geſpräche nahm. „Vielleicht hatte Herr Pottewal wirklich große Eile der ſteck gebi der drüc ſeine hat und ihre wor zähl liche die min ſein NaYc Jan auf halt drin war Ror zu trer mal in as erſte Straße. er vor n. Ich en; er traßen⸗ ich ihn emerkte inte er Dar⸗ hin⸗ nicht ſch er⸗ dem hinter umelte Vor⸗ platze. ärung ütter⸗ : Zeit ck zu en zu präche große 21⁵ Eile. Das Getreide iſt ſchrecklich theuer, ſagt man; der Handel geht ſtark...“ „Nein, Hermina, es muß etwas Anderes dahinter ſtecken. Pottewal iſt bleich und mager; er geht mit gebücktem Haupte einher; er ſtammelt gleich Jemand, der nicht ganz recht bei Sinnen iſt. Was auf ihn drückt, iſt eine Ehe ohne Liebe.“ „Du irrſt Dich wahrſcheinlich, Jan,“ bemerkte ſeine Schweſter.„Als ich letzthin zu Darlingen war, hat mir Herr Pottewal geſagt, er ſei ſehr zufrieden; und Thereſe hat mir viel Aufhebens von dem Glück ihres häuslichen Lebens gemacht.“ „Es iſt möglich, daß Pottewal krank iſt,“ ant⸗ wortete Blondeel achſelzuckend.„Die Darlinger er zählen jedoch allerlei artige Dinge von dieſer glück⸗ lichen Häuslichkeit; aber wer kann auf Gerüchte bauen, die dort herumgetragen werden?“ „Mein Engelchen iſt allein gelaufen!“ rief Her mina, in frohe Gedanken verſunken.„Ach, käme ſein Vater jetzt nur nach Hauſe, wie würde ihn dieſe Nachricht erfreuen! Wie viel Uhr iſt es, Onkel Jan?“ „Sieben Uhr, Hermina.“ „Sieben Uhr! Es iſt wunderbar: mit den Augen auf meinem Lämmchen, könnte ich die Zeit, Haus haltung und die ganze Welt vergeſſen. Ich muß da drinnen für das Abendeſſen ſorgen. Sophie! Sophie!“ Es erſchien eine ſehr alte Magd im Garten. Es war dieſelbe Frau, welche zwanzig Jahre bei Herrn Romys zu Darlingen gedient und welche Hermina zu ſich genommen hatte, wahrſcheinlich um ihrer treuen Amme ein glückliches Alter zu ſichern. 216 „Sophie, willſt Du die Wiege richten? Ernſtchen ſchläft,“ ſagte Hermina zu ihr. „Sie iſt ſchon gerichtet, Frau.“ „Da, nimm das Kind. Vorſichtig!“ „Vorſichtig, Frau? Das ſagen Sie Sophie? Es iſt, als trüge ich meine eigene Seele auf den Armen.“ „Ich weiß es, meine Gute; es iſt zum Lachen, daß ich ſo ſage.— Nun, Onkel Jan, Tante Marie, wollt Ihr nicht einige Minuten hereinkommen? Ich will Euch das ſchöne, goldene Armband bewundern laſſen, welches Ernſt dieſen Morgen für mich mitge⸗ bracht hat.“ „Es iſt für uns gleichfalls Zeit zum Abendeſſen,“ antwortete Marie.— „Nun, ich fliege hinein, ich will das Armband holen.“ Einen Augenblick nachher kehrte ſie zurück und zeigte ihnen mit kindlicher Freude ein ſchimmerndes Juwel an ihrem Arm. „Es iſt ſchön, nicht wahr?“ ſagte ſie.„Wie ge⸗ fällig, wie gut gewählt!“ „Er überhäuft Dich immerdar noch mit Geſchen⸗ ken?“ fragte Marie.„Man möchte ſagen, daß er an Nichts denkt, als an die Mittel, Dir Freude zu machen.“ „So iſt es, liebe Tante,“ lächelte Hermina.„Es iſt ſonderbar: er erräth aus meinen Augen, was mir Vergnügen machen kann; kein Wunſch kann in meinem Herzen auftauchen, ohne daß er denſelben Tag verwirklicht iſt.“ „Alle dieſe Geſchenke koſten ziemlich viel Geld,“ bemer zu vi Herm 8 holt, war d doch durch Glück ihm k runge Geſche ſtand Schw ihre: auf l Er he gehen D kleine rnſtchen bophie? auf den Lachen, Marie, ? Ich undern mitge⸗ eeſſen,“ mband k und erndes ie ge⸗ eſchen⸗ aß er de zu „Es was in in elben eld,“ 217 bemerkte Blondeel.„Der gute Ernſt könnte wohl zu viel thun. Du ſollteſt ihn ein Bischen ſchonen, Hermina.“ „Ach, ich habe es ihm ſchon hundertmal wieder⸗ holt, daß ich alle die ſchönen Dinge nicht begehre,“ war die Antwort;„aber er fleht mich dann an, ihm doch die ſüße Genugthuung nicht zu verſagen, mich durch Geſchenke erfreuen zu können. Es iſt ſein Glück, ſagt er.“ „Aber wozu ſollten dieſe Gegenſtände Dir dienen, Hermina? Nun da Du Mutter biſt, wirſt Du, die⸗ ſes Jahr wenigſtens, nicht viel in die Welt gehen, und die Mode ändert ſich in Allem.“ „Die Welt? Die Mode?“ lachte Hermina.„Du ſagſt ſo, weil ich ſtolz bin auf die Kleinodien und die prächtigen Kleider, welche er mir anſchaffte. Aber ſie haben nur Werth in meinen Augen, weil ſie von ihm kommen! Es ſind Erinnerungen, theure Erinne⸗ rungen. Wenn er nicht da iſt, betrachte ich ſeine Geſchenke, eines nach dem Andern; aus jedem Gegen⸗ ſtand duftet mir ſeine Liebe, ſeine Güte entgegen!“ „Ja, Hermina, erfreue Dich an den Geſchenken Deines Gatten,“ ſagte Fräulein Blondeel.„Es iſt ein edler Zweck, den er im Auge hat. Als wir das letzte Mal bei Deinem Vater waren, hatte Deine Schweſter Thereſe ein Ausſehen, als wollte ſie durch ihre Juwelen Dich demüthigen. Ernſt arbeitet dar⸗ auf hin, Dich gegen dieſen Hochmuth zu ſchützen. Er hat Recht... Komm', Jan, wir wollen hinein⸗ gehen. Guten Abend, Hermina.“ Der Onkel und die Tante verſchwanden durch die kleine Thüre in der Zwiſchenmauer. Frau de Cock 218 eilte zu der Wiege ihres Kindes, drückte einen Kuß auf deſſen Stirne, und ſagte dann frohlockend zu der Magd, welche es bewachte: „Sophie, Sophie, Du weißt es noch nicht, unſer Ernſtchen läuft allein!“ „Ei, Frau, kann das wahr ſein?“ murmelte die Magd mit Augen, die vor freudiger Verwunderung erglänzten. „Es iſt gewiß wahr, Sophie; ich hätte Dir ge⸗ rufen, um es Dich ſehen zu laſſen; aber das Schelm chen iſt plötzlich in Schlaf gefallen.“ „Nur einen einzigen Schritt?“ „Vier Schritte.“ „Vier Schritte? Iſt es möglich? Wohl, wohl, ach ich bin ſo erfreut! Mir dünkt, ich ſehe mich bereits in Brüſſel mit Ernſtchen an meiner Hand herumgehen. Wie werde ich ſo ſtolz ſein! Ich weiß es noch, Frau, wie ich damals mit Ihnen ſpazieren ging, da Sie noch ein kleines Kind waren. Schöne Jahre; ich war glücklich, wie jetzt...“ „Iſt das Abendeſſen bereit, Sophie? Denn Herr de Cock wird bald nach Hauſe kommen.“ „Ich war damit beſchäftigt, den Tiſch zu decken, wie Sie ſehen, bis Sie mich riefen, Frau; Alles iſt in der Küche gerichtet. Soll ich jetzt fortgehen?“ „Nein, bleib' bei der Wiege, Sophie: ich will den Tiſch beſtellen. Es iſt wohl das Geringſte, meine ich, was eine Hausfrau thun kann, wenn ſie das Abendeſſen für ihren Mann beſorgt.“ Sie verließ das Zimmer, kehrte wieder, öffnete einen Schrank, ſtellte Teller und Gläſer auf und plauderte dazwiſchen fröhlich mit der Magd über das Leben T ner geſch und 4 liche Dinge goniſt Lamp einer funkel Form welche fliegen Söhn D der mit g in de Endli blieb, Bekün Wieg⸗ Wieg⸗ gedach ren, 1 Schlü⸗ hoben en Kuß zu der , unſer elte die derung Dir ge⸗ Schelm wohl, e mich Hand h weiß zieren Schöne 1 Herr h will meine e das fffnete und über 219 das wichtige Ereigniß, welches dieſen Tag in dem Leben ihres Knaben kenzeichnete. Das Gemach, worin ſie ſich befand, war ein klei ner Saal, mit hübſchen Möbeln und bunten Tapeten geſchmückt. Alles athmete hier Friſche, Lebensluſt und Liebe zu der Wohnung, deren Dach das häus⸗ liche Glück beſchirmte. Hundert kleine namenloſe Dinge prangten auf dem Kamin oder auf Maha goniſtändern; die Fenſtergeſimſe, die Stühle, die Lampen, die Vaſen zeigten prächtige Stickereien, von einer Frauenhand aus buntfarbiger Wolle oder aus funkelnden Perlen gearbeitet; die Wiege hatte die Form eines kleinen Bootes und in die Spitzendecke, welche daneben hing, hatte eine liebevolle Mutter fliegende Engel geſtickt, als wollte ſie ihr theures Söhnchen mit Schutzgeiſtern umgeben... Der Tiſch ſtand ſchon geraume Zeit gedeckt und der Abend begann hereinzubrechen. Hermina horchte mit geſpanntem Ohr auf das Geräuſch der Straße, in der Erwartung, daß ihr Gatte kommen würde. Endlich verwunderte ſie ſich, daß er ſo lang aus⸗ blieb, und ihre frohe Ungeduld ging allmälig in Bekümmerniß über, jedoch ohne daß ihr klar wurde, was ſie beſorge.— Jetzt waren die Lampen ſchon angezündet und die Fenſterläden geſchloſſen. Hermina lief von der Wiege zur Hausthüre und von da wieder zu der Wiege, wie von ängſtlicher Ungeduld getrieben. Sie gedachte eben zum dritten Mal der Magd zu erklä ren, was ſie ſo unruhig machte, als ſie plötzlich einen Schlüſſel in der Thüre drehen hörte und mit aufge⸗ hobenen Armen ausrief: 220 „Da iſt er! Ernſt, Ernſt!“ Und ſchon auf der Schwelle des Zimmers hing ſie an ſeinem Halſe und jubelte mit Thränen in den Augen über ſeine Heimkehr, als hätte ſie ihn in ſehr langer Zeit nicht geſehen. Er drückte ſie an ſein Herz, flüſterte zärtlich ihren ſüßen Namen und ging dann gerade auf die Wiege zu, um ſeinem geliebten Sohne den Abendkuß zu geben... aber Hermina faßte ſeine beiden Hände und rief in triumphirendem Ton: „Ernſt, Ernſt, unſer Kind läuft allein. Du kannſt es gewiß kaum glauben? Es iſt jedoch vollkommen wahr. Wohl vier Schritte hinter einander kann er gehen; er hält ſich aufrecht, wie ein kleiner Mann. O, ich bin ſo froh! Jetzt wird er bald groß wer⸗ den, und wir wollen alle Tage im Parke ſpazieren gehen, unſer Kind zwiſchen uns beiden. Ich werde ſtolz ſein, wie eine Königin!“ Herr de Cock blickte ſeine hocherregte Frau mit Augen an, die vor Rührung feucht wurden. Was ſie ihm meldete, ſchien ihm noch außerordentlich, noch wunderbar; aber der helle Glanz des Glücks, welcher ihr ſchönes Geſicht beſtrahlte, machte, daß auch ſein Herz vor ſüßer Freude klopfte. „Ernſtchen läuft allein?“ ſagte er.„Ich begreife, liebe Hermina, daß Du darüber ganz entzückt biſt. Ah, das iſt eine gute Kunde, die Du mir mittheilſt. Lehre ihn nur ſchnell gehen; ich ſehne mich gleich⸗ falls nach dem Augenblick, wo ich mit meinem Sohn an der Hand und mit ſeiner Mutter an meiner Seite luſtwandeln kann. Ich weiß nicht, wer von uns bei⸗ den dann wohl am ſtolzeſten und glücklichſten ſein chen ſ allein auch zukom D' getrag derſell und b richten Mühe ſie ge getäuf doch wieder zählun und ſe ſähe Schau Glück de Co bezaul einem den O und ö tert u s hing in den in ſehr m ſein d ging liebten ermina rendem kannſt bommen nn er Mann. 3 wer⸗ azieren werde u mit Was „noch delcher h ſein greife, biſt. heilſt. gleich⸗ Sohn Seite bei⸗ ſein 221 wird.— Komm', laß uns zu Tiſche gehen, meine Liebe; ich muß noch arbeiten.“ „Arbeiten, Ernſt, jetzt noch arbeiten?“ fragte ſie in verweiſendem Tone. „Ein Bischen noch, ein halbes Stündchen. Setze Dich nieder, dicht zu mir her, Hermina, und erzähle mir einmal zwiſchen dem Eſſen, was unſerem Ernſt⸗ chen ſo plötzlich in den Kopf gekommen iſt, daß er allein läuft. Du mußſt mir Alles ſagen und mir auch meinen Antheil an Deiner Rührung und Freude zukommen laſſen.“ Die Magd ging, nachdem ſie die Speiſen auf⸗ getragen hatte, zu der Wiege und ſetzte ſich neben derſelben nieder. Hermina begann der Breite nach und bis in die unbedeutendſten Einzelnheiten zu be⸗ richten, wie ſie den ganzen Tag ſich alle mögliche Mühe gegeben, ihr Kind allein laufen zu lehren; wie ſie gehofft und gefürchtet hatte; wie ſie hundertmal getäuſcht worden; wie ihr endlich das große Werk doch geglückt war. Sie ſchilderte ihre Freude und wiederholte ihre Jubelrufe; und miſchte in ihre Er⸗ zählung lebhafte Scherze über ihre kindliche Einfalt und ſchloß damit, daß ſie in die Hände klatſchte, als ſähe ſie jetzt erſt vor ihren Augen das entzückende Schauſpiel, welches ihr Herz mit unausſprechlichem Glück erfüllt hatte. Auf dem Angeſicht von Herrn de Cock ſtrahlte ein helles Lächeln auf, und ſo ſehr bezauberte ihn die ſüße Stimme, welche ihm gleich einem Lobgeſang auf Mutterliebe und Mutterſtolz in den Ohren klang, daß er das Eſſen beinahe vergaß und öfters von ſeiner Gattin ſelbſt dazu aufgemun⸗ tert werden mußte. —⸗;’BVB—— 222 Er blieb jedoch ſtiller als gewöhnlich; und als der freudige Bericht vollendet war, ſchienen ſeine Ge⸗ danken manchmal weitab von dem Geſpräch zu ſchwei⸗ fen. Hermina bemerkte, daß Etwas ſeinen Geiſt um⸗ düſterte, und ſie befragte ihn durch einen Blick, welchen ſie ihm zuwarf. Er deutete mit einem Zeichen nach der Magd, welche noch an der Wiege ſaß; ſeine Frau verſtand ihn und ſagte: „Sophie, meine Liebe, geh' nun in die Küche; ich will das Kind hüten; und wenn ich Deiner be⸗ darf, werde ich Dich rufen.“ Die Magd gehorchte. Dann ſprach Hermina zu ihrem Gatten: „Du haſt Etwas auf dem Herzen, Ernſt. Ich glaubte zuerſt, Du wäreſt nur ermüdet; aber ich weiß nicht, man möchte ſagen, Du hätteſt Verdruß. Willſt Du jetzt Etwas vor mir geheim halten?“ „Ich habe in der That Verdruß,“ antwortete Herr de Cock,„wenn es wahr iſt, daß derjenige Ver⸗ druß haben kann, welchem Gott zwei ſeiner Engel zum Troſte gegeben hat. Aber Alles iſt unzuver⸗ läſſig im Leben der Menſchen; an dem ſchönſten Him⸗ mel treiben manchmal ſchwarze Wolken...“ „Du erſchreckſt mich, Ernſt. Iſt Dir etwas Schlim mes widerfahren?“ „Schlimmes? Für mich, ja. Bekümmere Dich jedoch nicht viel darum, das Uebel iſt nicht unheil⸗ bar. Du weißt, Hermina, daß ich für die Actien⸗ geſellſchaft, welche unter der Firma Williams und Ledoc gegründet werden ſollte, alle Zeichnungen und Plane zu einer Reisſchälerei mit Stärkefabrik gemacht habe. Ich ſollte mit der Ausführung dieſes großen Werks der u Dieſes Beſtim einen habe. nehmſt ſchaft; Arbeit winn i He ſchaute Geiſt: ten wie gangen 712 recht v das Zi Augen! ter hin „K doch g einer n es eine Pontiu nd als ine Ge⸗ ſchwei⸗ iſt um⸗ welchen n nach le Frau Küche; ner be⸗ ina zu⸗ Ich h weiß Willſt vortete ge Ver⸗ Engel zuver⸗ Him⸗ chlim Dich inheil⸗ letien⸗ und n und macht roßen 223 Werks beauftragt werden und hätte wohl als Erfin⸗ der und Erbauer einige tauſend Francs verdient. Dieſes Geld hatte in meinem Geiſte bereits ſeine Beſtimmung gefunden; ich bekenne, daß ich ſchon einen kleinen Theil davon vor der Hand gebraucht habe... da entſteht ein Zwieſpalt zwiſchen den vor⸗ nehmſten Geldlieferanten der projektirten Actiengeſell⸗ ſchaft; ſie wird nicht zu Stande kommen. Alle meine Arbeit und meine Hoffnung auf einen ſchönen Ge⸗ winn iſt nun gänzlich verloren.“ Hermina legte ihren Arm um ſeinen Hals und ſchaute ihm mit einem hellen Lächeln in die Augen. „Ernſt, Ernſt,“ ſagte ſie,„läſſeſt Du Dir den Geiſt von einer ſolchen Kleinigkeit verdüſtern? Hät⸗ ten wir hundertmal mehr Geld, als Dir jetzt ent⸗ gangen iſt, würden wir darum glücklicher ſein?“ „Nein, meine gute Hermina; aber es iſt doch recht verdrießlich für mich, daß ich ſo fortwährend das Ziel, welches ich mir vorgeſetzt habe, in dem Augenblick, da ich mich demſelben nahe glaubte, wei⸗ ter hinausgerückt ſehe.“ „Komm', komm', denke nicht mehr daran. Du haſt dieſes Jahr noch ſehr viel verdient. Es fehlt doch gewiß an Nichts? Und ſteht Dein Plan zu einer neuen Eiſenbahn nicht noch auf gutem Fuße?“ „Ach, das geht gleichfalls nicht zum Beſten,“ ſeufzte er kopfſchüttelnd.„Das Miniſterium zeigt ſich in der That günſtig, aber in den Bureau's gibt es einen geheimen Widerſtand. Man ſendet uns von Pontius zu Pilatus*); es ſind alle Tage dieſelben *) Im Tert: von Herodes zu Pilatus. A. d. U. 224 Verſprechungen, und Nichts geht vorwärts. Wenn dieſe Hoffnung auch getäuſcht würde!“ Hermina umarmte ihren Gatten, als wollte ſie den gehäſſigen Verdruß durch ſüße Schmeicheleien vertreiben, und rief mit froher Zuverſicht aus: „Dein Plan wird angenommen werden, glaube mir, Ernſt.“ „Vielleicht, meine Theure!“ „Ei, nimm einmal an, man verwerfe ihn. Was wäre es? Welchen Einfluß ſollte dieſe materielle Täuſchung auf unſer Glück haben? Ha, und ſollte ſelbſt Armuth, ſelbſt Elend uns treffen, ſo lang ich Dich ſehe, ſo lang ich Dein edles Herz an dem mei⸗ nen ſchlagen höre, werde ich Gott preiſen für die höchſte Gnade. Deine ſüße Liebe, Ernſt, macht mich zur reichſten Frau der Welt!“ „Dank, Dank, meine gute Hermina,“ ſagte de Cock, ihr die Hand drückend;„ich weiß wohl, daß ich im Grunde Unrecht habe; aber Du mußt mir ver⸗ geben. Es iſt nicht Selbſtſucht, was mich für das Mißgeſchick ſo empfindlich macht. Ich habe vor dem Altar, als der Prieſter unſere Ehe einſegnete, mir feierlich gelobt, daß ich Deine Eltern zwingen wolle, ſich über unſere Verbindung zu freuen; ich will Geld gewinnen, Dich reich machen, Dich über alle mögliche Demüthigung erheben; es iſt der Quell meines Muths, es iſt der Stern, der mir in der Zukunft entgegen⸗ leuchtet. Ich habe geglaubt, es werde leichter gehen. Schon zwei Jahre ſind verfloſſen, und kaum habe ich einen einzigen Schritt vorwärts gethan!“ Ein Seufzer entſchlüpfte ihm, obwohl ſeine Stimme heiterer war und keine Traurigkeit mehr verrieth. Si aufzuſ „S weiſen der Er böte, einer dieſes haben nes B hellem Leben Si berühr klopfer Arme ſicherte Looſes konnte ſeine ſpielte ſchwur ſeiner D und d Co⸗ Wenn ollte ſie icheleien 8: glaube Was aterielle id ſollte lang ich em mei⸗ für die cht mich gagte de daß ich nir ver⸗ für das vor dem te, mir n wolle, ill Geld nögliche Muths, atgegen⸗ gehen. habe ich Stimme ieth. 225 „Reichthum begehrſt Du alſo?“ ſagte Hermina mit einem begeiſterten Lächeln.„Ha, ſei zufrieden, Ernſt, ich beſitze einen Schatz von vielen Millionen. Komm,, ich will ihn Dir zeigen.“ Sie faßte die Hand ihres Gatten, nöthigte ihn aufzuſtehen und führte ihn zu der Wiege. „Sieh da!“ rief ſie, auf ihr ſchlafendes Kind weiſend.„Sage, Ernſt, wenn man Dir alles Geld der Erde für dieſes lebende Bild unſerer Liebe an⸗ böte, würdeſt Du es abtreten?“ „O nein, nein,“ antwortete Herr de Cock mit einer von Rührung halb erſtickten Stimme. „Und Du könnteſt traurig ſein bei der Wiege dieſes ſüßen Engels? Und Du könnteſt Kummer haben, da er uns hoffen läßt, daß er bald ein klei⸗ nes Brüderchen haben ſoll? Nein, Ernſt, ſchau' mit hellem Blick in die Zukunft; juble und lache, das Leben iſt ſo ſchön.“ Sie hatte die empfindlichſte Saite ſeines Herzens berührt und es von Hoffnung und väterlichem Stolze klopfen gemacht. Sie mit froher Begeiſterung in die Arme drückend, bekannte er ſein Unrecht und ver⸗ ſicherte ſie, daß alle Beſorgniß wegen ihres künftigen Looſes aus ſeinem Geiſte verſchwunden wäre. Sie konnte ihren Sieg wohl auf ſeinem Geſichte leſen: ſeine Augen glänzten von Freude, auf ſeinen Lippen ſpielte ein Lächeln voll Lebensluſt und Glück; ver⸗ ſchwunden war die Falte der tiefen Ueberlegung von ſeiner Stirne. Dann an der Wiege des Kindes ſich niederſetzend, und den Blick auf das reizende Weſen gerichtet, be⸗ Conſcience, Die Bürger v. Darlingen. 15 226 gannen ſie ein Geſpräch, ſo ſüß, ſo liebevoll, ſo ein⸗ fältig, als wären ſie ſelbſt Kinder geweſen. Zuerſt gab es einen Streit darüber, wem der kleine Wicht wohl gleich ſähe. Hermina behauptete, zwiſchen Ernſt⸗ chen und ſeinem Vater gebe es, außer dem Alter, ebenſo wenig einen Unterſchied, wie zwiſchen zwei Tropfen Waſſers. Das Kind hätte ſeine hohe Stirne, ſeine Lippen voll Ausdruck und ſein Lächeln voll Geiſt und zugleich voll Güte. Herr de Cock widerſprach und machte geltend, daß Ernſtchen blaue Augen und blonde Haare hätte, gleich ſeiner Mutter; aber ſie wollte das durchaus nicht aufkommen laſſen, denn für ſie war das Bild ihres Gatten die höchſte Voll⸗ kommenheit, welche ihr Geiſt zu faſſen vermochte. Nachdem dieſer heitere Streit beendet war und ſie noch eine Zeit lang mit einander ſich an der Er⸗ bauung von Luftſchlöſſern für die Zukunft des Kin⸗ es ergötzt hatten, äußerte Herr de Cock das Ver⸗ langen, ſich hinauf in ſein Arbeitszimmer zu begeben. Er erklärte, der Bankier und die Actionäre, welche ſeine projektirte Eiſenbahn zur Ausführung bringen wollten, würden morgen Vormittag eine Verſammlung halten, und er müßte ſehr frühe ſich zu dem Bankier mit gewiſſen neuen Berechnungen aufmachen, für den Fall, daß das Miniſterium oder die Kammer an der Richtung der Eiſenbahn Etwas ändern wollte. Hermina rief die Magd und ſagte ihr: „Sophie, decke den Tiſch ab; dann kannſt Du ſchlafen gehen. Mein Mann wird mir helfen, die Wiege hinaufzutragen.“ Ernſt faßte die Wiege am obern Handgriff; ſeine Frau hob ſie am untern Ende vom Boden auf... und ſe die Tu in we ſchmol Di tragen Carcel zu und pieren, Er begann Die 2 ten ſel eine 2 Das 2 einige Nachde waren Kopf und R Lächel ſen vo En faßte gen m Er der Tl räuſch Tiſche Arbeit Un Mappe „ ſo ein⸗ Zuerſt ne Wicht en Ernſt⸗ n Alter, hen zwei Stirne, oll Geiſt eerſprach gen und aber ſie , denn te Voll⸗ chte. ar und der Er⸗ es Kin⸗ Ver⸗ egeben. welche pringen mlung Zankier ür den an der ſt Du , die ſeine 227 und ſo ſtiegen ſie lachend und unterwegs ſcherzend die Treppe hinauf, beladen mit dem theuren Weſen, in welchem ihre Seelen ſich zur innigſten Einheit ver⸗ ſchmolzen hatten. Die Wiege wurde in Hermina's Schlafzimmer ge⸗ tragen. Ernſt allein kam wieder heraus mit einer Carcellampe in der Hand, zog die Thüre hinter ſich zu und trat an einen breiten Tiſch, welcher mit Pa⸗ pieren, mit Planen und Zeichnungen bedeckt war. Er ſetzte ſich nieder, öffnete ein großes Buch und begann daraus ganze Colonnen Zahlen abzuſchreiben. Die Berechnungen, welche er zu machen hatte, muß⸗ ten ſehr verwickelt ſein, denn er blieb manchmal wohl eine Viertelſtunde in tiefes Nachdenken verſunken. Das Werk ſchritt jedoch vorwärts; es waren bereits einige Blätter vollgeſchrieben und bei Seite gelegt. Nachdem die größten Schwierigkeiten überwunden waren, drehte Herr de Cock von Zeit zu Zeit den Kopf nach der Thüre um, hinter welcher all ſein Glück und Reichthum ruhten; und dann trat ein zäértliches Lächeln auf ſeine Lippen, als wären die theuern We⸗ ſen vor ſeinen Augen erſchienen. Endlich war die Berechnung fertig; Herr de Cock faßte alle Blätter zuſammen, ſo wie er ſie am Mor⸗ gen mitnehmen wollte, und lege ſie bei Seite. Er ſtand auf, näherte ſich mit leiſen Schritten der Thüre des Schlafzimmers, horchte, ob kein Ge⸗ räuſch ſich vernehmen ließe, und kehrte dann zu dem Tiſche zurück, als wollte er ſich zu einer geheimen Arbeit anſchicken. Unter einem großen Haufen Bücher zog er eine Mappe von Pappendeckel hervor, öffnete dieſelbe und 15* 228 ſetzte ſich vor ihr nieder, den Kopf mit beiden Hän⸗ den geſtützt und die Augen auf ein großes Blatt Papier geheftet. Was er hier ſah, mußte für ihn in hohem Grade erfreulich und entzückend ſein; denn ſein Angeſicht erglänzte von dem Lichte der Begeiſterung und er blieb lange Zeit bewegungslos ſitzen, gleichſam ver⸗ ſunken in die Betrachtung von Etwas, das wunder⸗ bar ſchön ſein mußte. Es war eine Zeichnung, mit ſchwarzer Kreide ausgeführt. In der Mitte ſaß eine Frau, jung, an⸗ muthig, mit Zügen gleich einer Madonna von Ra⸗ phael, und ſo ſelig lächelnd, daß ihr Anblick allein das Herz des Beſchauers rühren mußte. Auf jedem Knie hielt ſie ein Kind. Auf dem rechten ein Knäblein von ungefähr einem Jahr, mit einem blühenden Geſichtchen und lebhaften Augen; auf dem linken ein ſehr kleines Ding, ein Mädchen von einigen Monaten, das ſeinen Zügen nach im Klei⸗ nen das Abbild der Mutter zu ſein ſchien; aber ſo ſüß, ſo zart und ſo fein, daß der Urheber der Zeich⸗ nung ſicherlich ein Liebender und Künſtler und Vater ſein mußte, um ein ſo bezauberndes Kinderbild ſchaf⸗ fen zu können. Ueber dem Haupte eines jeden Kindes ſchwebte ein Schutzengel mit einem flatternden Bande in der Hand, worauf ein Name geſchrieben ſtand. Ueber dem Knäbchen ſtrahlte der Name„Ernſt“, über dem kleinen Mädchen„Hermina“. Nachdem Herr de Cock wohl eine halbe Stunde ſeiner ſelbſt vergeſſend und bewegungslos bei der Betrachtung dieſer Bilder verweilt hatte, holte er zimmer Schwe en Hän⸗ 3 Blatt n Grade Ingeſicht und er am ver⸗ wunder⸗ Kreide ng, an⸗ on Ra⸗ allein uf dem hr, mit Augen; tädchen m Klei⸗ aber ſo Zeich⸗ Vater ſchaf⸗ hwebte in der Ueber er dem Stunde ei der lte er 229 aus einer Schublade eine Reisfeder mit einem Stück ſchwarzer Kreide hervor und begann hier und da in der Zeichnung dem Schatten mehr Tiefe zu geben, und verbeſſerte deßgleichen Etwas an der Hand von einem der Kinder. In dieſem Augenblick wurde die Thüre des Schlaf⸗ zimmers langſam und ſehr leiſe geöffnet. Auf der Schwelle erſchien Hermina, in ein ſchneeweißes Nacht⸗ kleid gehüllt, welches ihr bis über die Füße herunter⸗ fiel. Hätte ihr Antlitz nicht von Glück und Freude geleuchtet, man wäre verſucht geweſen, ſie für einen Geiſt zu halten; ſo aber, mit dem ſüßen Lächeln auf den Lippen, glich ſie einem Engel, der von dem Him⸗ mel herniedergeſtiegen zu ſein ſchien. Schleichend wie ein Späher, trat ſie allmälig, Schritt für Schritt, vorwärts, bis ſie über die Schul⸗ ter ihres Gatten geneigt ſehen konnte, womit er eben beſchäftigt war. Aber kaum hatte ſie einen Blick auf die Zeichnung geworfen, ſo begann ſie zu zittern, und ein Schrei, den ſie nicht zurückhalten konnte, entſchlüpfte ihr. Herr de Cock ſprang überraſcht von ſeinem Stuhl auf, aber ehe er ein Wort ſprechen konnte, hing Her⸗ mina an ſeinem Halſe und rief liebkoſend aus: „Ernſt, mein Theurer, Du machſt, daß ich vor Glück ſterbe! Wie grenzenlos muß Deine Liebe ſein. Du ſiehſt es bereits leben, Du liebſt es bereits, das Kind, welches Gott uns verheißen hat. O, Dank, Dank!“ Und ſie ließ ihr Haupt an ſein Herz fallen, und Thränen unausſprechlich ſüßer Rührung träufelten auf ſeine Bruſt. 230 III. Unter den Linden im Garten von Herrn Romys ſtand ein Tiſch, worauf eine Anzahl Taſſen von fei⸗ nem Porcellan zur Einnahme des Nachmittagscafé's aufgeſtellt waren. Eine Kanne von getriebenem Sil⸗ ber und ein Milchtopf von demſelben Metall erglänz⸗ ten zwiſchen zwei Blumenvaſen und einigen Tellern mit ausgeſuchtem Backwerk. Madame Romys ſaß auf einem Stuhl und blickte ſelbſtzufrieden über die prächtige Tafel hin; ſie lächelte und rieb ſich die Hände, gleich Jemand, der ſich ſelbſt ein großes Vergnügen verſpricht— dann ſtand ſie wieder auf, ſtellte die Teller und Kannen anders, und trat einige Schritte zurück, um beſſer beurtheilen zu können, wie ſich dieſe neue Anordnung ausnähme. Es lag etwas Einfältiges, etwas Kind⸗ liches in der Freude, welche aus ihren Augen er⸗ glänzte, und in der Lebhaftigkeit ihrer Geberden. Ihr Mann trat in den Garten und näherte ſich ihr; er warf einen unzufriedenen Blick über die Tafel und ſagte: „Was bedeutet das, Julia? Suchſt Du wieder eine Veranlaſſung, mich böſe zu machen? Das ſchönſte Silberzeug, das koſtbarſte Porcellan! Sollte man nicht ſagen, Du erwarteſt einen Beſuch von dem König?“ „Ich bitte Dich, Bonifaz,“ antwortete die Frau in flehendem Tone,„laß mich doch einmal nach mei⸗ nem Willen thun! Da Hermina zum erſten Mal kommt, um nach ihrem Kirchgang uns ihr kleines Töchte zeug für ei res G. Beſuch „ 8 „„ dorben C Dinge welche ſpreche Tag 2 neuen einen „ mit b funden mals „8 angen 8 Herr tauſen dann hörſt ſonſt tige 2 ſeinen „ſei d Romys von fei⸗ ss café's em Sil⸗ rglänz⸗ Tellern blickte n; ſie nd, der dann Kannen beſſer dnung Kind⸗ en er— en. te ſich er die wieder Das Sollte ) von Frau mei⸗ Mal leines 231 Töchterchen zu zeigen, dürfen wir wohl das Silber⸗ zeug auf die Tafel bringen, nicht wahr? Für mich, für eine Großmutter, iſt dieſes Ereigniß kein geringe⸗ res Glück, als wenn der König ſelbſt uns mit einem Beſuch beehren wollte.“ „Kindereien, immerdar!“ „Das Silberzeug wird doch dadurch nicht ver⸗ dorben, Bonifaz?“ „Das will ich nicht ſagen. Man muß in ſolchen Dingen ſich nach dem Rang der Perſonen richten, welche man empfängt. Ernſt de Cock hat ſein Ver⸗ ſprechen nicht gehalten: er iſt noch ſo arm, als den Tag nach ſeiner Hochzeit.“ „Aber wenn es ihm mit ſeinem Entwurf zu der neuen Eiſenbahn glückt, dann wird er auf einmal einen großen Schritt zu Vermögen gemacht haben.“ „Eiſenbahn? Eiſenbahn?“ wiederholte Romys mit bitterem Spott.„Dieſer Plan ſcheint nur er⸗ funden, um uns für Narren zu halten; es wird nie⸗ mals Etwas daraus werden.“ „Mein Bruder Blondeel verſichert jedoch, daß er angenommen werde.“ „Nun, Julie, wenn dieß geſchehen iſt, und wenn Herr de Cock wirklich einen Gewinn von hundert tauſend Francs oder ſo etwas dabei gemacht hat, dann wollen wir das Silberzeug auf die Tafel ſetzen, hörſt Du? Jetzt will ich es nicht. De Cock möchte ſonſt wohl glauben, wir ſehen ihn für eine gewich⸗ tige Perſon an, während ich, auf mein Wort, über ſeinen Eintritt in unſere Familie noch beſchämt bin.“ „Bonifaz, Bonifaz,“ ſeufzte die Frau mißmuthig, „ſei doch nicht ſo ungerecht gegen den guten Ernſt. 232 Er macht Dein Kind glücklich; er liebt und ehrt ſchree Hermina im höchſten Grade; er arbeitet und müht anze ſich Tag und Nacht ab, um ihr das Leben zu ver⸗ hufs ſüßen. Wir ſind ihm dafür wohl einige Dankbarkeit Fam ſchuldig.“ Unſer „Es könnte allerdings noch ſchlimmer gehen,“ Frau antwortete Romys.„Ich ein Bischen achten könnte, wenn er nur nicht ohne Vermögen wäre; denn das iſt Etwas, Julie, das ich geſtehe, daß ich Ernſt wohl zu ſe Romt ihm nicht vergeben kann. Er iſt doch daran ſchuld,„ daß unſere Hermina keine drei⸗ oder vierhundert tau⸗ Haus ſend Francs in die Familie gebracht hat. Wer kann There es wiſſen? Schön, wie ſie iſt, hätte ſie vielleicht„ eine Million gefunden. Dieſe Ausſicht hat uns Ernſt„ geraubt.“„ „Darf ich das Silberzeug auf der Tafel ſtehen ein t laſſen, Bonifaz?“ „Nein; Du ſiehſt, daß ich in guter Laune bin; wal! mach' mich alſo nicht böſe durch Deinen Widerſtand.“ „Nun, Bonifaz, ich will es ſogleich durch die Frau Magd hineintragen laſſen. Ich hatte jedoch geglaubt, vermi daß der freudige Tag, an welchem Hermina uns ihr jetzt zweites Kind...“ zu di „Freudige Tag? Zweites Kind 2“ brummte Herr ſtände Romys verdrießlich.„Du haſt eine ſeltſame Rech⸗ den, nungsweiſe, Julie. Zwei Kinder in zwei Jahren; welcht wenn es ſo fortgeht, können ſie wohl noch ein Dutzend heben bekommen. Ich nehme an, Hermina wird nach unſerem richtig und Onkel Jans Tod vierhundert tauſend Francs als„ Vermögen bekommen. Von ihren Kindern würde dann noch jedes keine vierzig tauſend Francs erben. Zwölf Ich k arme Teufel in der Familie der Romys? Das iſt Liebe nd ehrt nd müht zu ver⸗ rkbarkeit gehen,“ ſt wohl ht ohne das ich ſchuld, ert tau⸗ er kann ielleicht s Ernſt ſtehen ee bin; ſtand.“ ich die glaubt, ns ihr e Herr Rech⸗ ahren; utzend ſerem s als dann Zwölf 1s iſt 233 ſchrecklich; ich denke Tag und Nacht daran. Ein ganzes Leben lang ſo geſpart zu haben und ſterben müſſen mit der furchtbaren Gewißheit, daß unſere Familie ſich endlich in lauter Habenichtſe verläuft! Unſere Tochter Thereſe, ſieh', das iſt eine muſterhafte Frau. Die ſcheint zum Vortheil der Familie geboren zu ſein; ihr Erbe wird nicht vertheilt werden.“ „Ach, Gott ſchenke ihr ein Kind,“ ſagte Madame Romys mit einem tiefen Seufzer. „Wie? Iſt es noch nicht genug, daß Hermina's Hausſtand ſich ſo drohend vermehrt? Du willſt, daß Thereſe...?“ „Das iſt es nicht, was ich ſagen wollte, Bonifaz.“ „Nun, was willſt Du denn ſagen?“ „Thereſe iſt nicht glücklich; Herr Pottewal hat ein trauriges Leben...“ „Laß mich in Ruhe mit dieſem dummen Potte⸗ wal!“ rief Romys faſt zornig.„Er iſt ein Schwach⸗ kopf, ein Feigling. Hätte er keine ſo verſtändige Frau, wie unſere Thereſe, er würde vielleicht noch vermögenslos ſterben. Bei dieſer theuren Zeit iſt jetzt Geld für ihn in Haufen zu gewinnen; er iſt zu dumm und hat zu wenig Muth, um aus den Um⸗ ſtänden, welche leider ſo bald nicht wiederkehren wer⸗ den, Nutzen zu ziehen. Ein Vermögen, eine Million, welche Einem vor den Füßen liegt und nur aufzu⸗ heben iſt, entſchlüpfen ſehen zu müſſen! Das iſt der richtige Grund von Thereſens Kummer.“ „Glaube mir, Bonifaz,“ ſagte die Frau,„es ſteckt noch ein anderer, noch ein beſonderer Grund dahinter. Ich kenne Thereſens Naturell. Sie hat niemals viel Liebe für Etwas, oder für Jemand gezeigt; aber 234 gegen kleine Kinder iſt ſie allezeit ſanft und liebreich ihr Leben lang geweſen. Hat ſie nicht, ſo lang ſie noch jünger war, Jahre lang Kleider für die armen Kinder der Nachbarſchaft gemacht? Hatte ſie nicht immerdar Leckereien in der Taſche, um ſie den Kin⸗ dern der Sonntagsſchule zu geben?“ „Aber dieß geſchah aus Mildthätigkeit.“ „Nein, Bonifaz, es war eine angeborene Herzens⸗ neigung. Wir Frauen, wir bemerken eine ſolche Neigung augenblicklich. Seitdem Thereſe verheirathet iſt, wird natürlich der Wunſch, Mutter zu werden, in ihr mit neuer Kraft entſtanden ſein. Pottewal ſelbſt hat mir geſagt, daß ſeine Frau viel Kummer habe, weil ihr keine Kinder geſchenkt werden. The⸗ reſe ihrerſeits verbirgt es mir nicht. Ich bin feſt überzeugt, Bonifaz, ſie könnten beide noch glücklich werden, wenn es Gott gefiele, ihre Ehe zu ſegnen. O, Du weißt nicht, welches Band, welche Quelle von Zuneigung ein Kind zwiſchen Cheleuten iſt!“ „Schweig', Julie,“ ſagte ihr Mann,„da tritt Pottewal in den Garten. Sieh' den Dummbart, er ſchneidet ein Geſicht, als ob er keine Drei zählen könnte...“ Romys ging ſeinem Schwiegerſohne entgegen, drückte ihm mit vielen Freundſchaftsbezeugungen die Hand und führte ihn zu dem Tiſche. „Sie ſind allein, Franz? Wo iſt Chereſe?“ fragte er. „Sie muß den Café bei Madame Doover⸗Cort⸗ been trinken,“ war die Antwort.„Sie kommt viel⸗ leicht bald nach.“ „Vielleicht?“ murmelte die alte Frau, halb trau⸗ rig, ſich fe kleines lich. zu me ſtamn 7 Worte darül E viel Geſich Betri triebe Hand zuflü⸗ ſpött einen Ther beme perſt Maf 9 ihr ſchaf breich ng ſie armen nicht Kin⸗ rzens⸗ ſolche rrathet derden, ttewal immer The⸗ in feſt ücklich egnen. le von tritt art, er zählen gegen, en die reſe?“ ⸗Cort⸗ t viel⸗ btrau⸗ 23⁵ rig, halb verdrießlich.„Sollte Thereſe es wagen, ſich ferne zu halten, wenn Hermina kommt, uns ihr kleines Töchterchen zu zeigen? Das wäre ſehr unziem⸗ lich. Haben Sie ihr das nicht begreiflich gemacht?“ „Ich habe mir erlaubt, darüber eine Bemerkung zu machen. Gäbe Gott, ich hätte es nicht gethan!“ ſtammelte Pottewal. 4 „Warum?“ „Thereſe iſt böſe geworden; ich kann keine harten Worte ertragen; ich bin noch ganz außer Faſſung darüber.“ Es lag in der Stimme von Herrn Pottewal ſo viel Muthloſigkeit; ſein abgemagertes und bleiches Geſicht trug ſo deutlich die Spuren langdauernder Betrübniß, daß Madame Romys, von Mitleid ge⸗ trieben, ihren Stuhl zu dem ſeinigen rückte und ſeine Hand faßte, indem ſie ihm einige tröſtende Worte zuſlüſterte. Romys zuckte die Achſeln und lächelte ſpöttiſch, als betrachte er Pottewals Kummer wie einen belachenswerthen Unſinn. „Es iſt alſo nicht ihrer Schweſter wegen, daß Thereſe ungern hieher kommt, ſagen Sie, Franz?“ bemerkte Romys.„Es betrifft Sie gleichfalls nicht perſönlich; warum betrübt es Sie dann ſo über die Maßen?“ Pottewals Bruſt entſchlüpfte ein tiefer Seufzer. „Sie ſollten eher die Beweggründe Ihrer Frau gutheißen,“ fuhr Romys fort.„Thereſe achtet ſich ſelbſt und hat den Stolz, der einer alten Familie gleich der unſern ziemt. Es iſt Ernſt de Cock, der ihr Widerwillen einflößt; ſie iſt nicht gern in Geſell⸗ ſchaft ſolcher Leute; und, um Alles gerade heraus 236 zu ſagen, ich begreife dieſe Abneigung wohl. Warum ſetzen Sie ſich ohne Grund den Gefühlen Ihrer Frau entgegen?“ Pottewal ſchüttelte ſchweigend den Kopf. „Ha ſo,“ ſprach Romys ärgerlich,„wenn Sie auf ſolche Weiſe ſich mit Thereſe unterhalten, dann wun⸗ dert es mich nicht, daß ihr das Blut manchmal in den Kopf ſteigt. Sie könnten den geduldigſten Men⸗ ſchen zum Wahnſinn bringen. Sind Sie ſtumm ge⸗ worden?“ „Sie täuſchen ſich über die Urſache von There⸗ ſens Weigerung, mit mir hieher zu kommen,“ ant⸗ wortete Pottewal, ohne ſich ſcheinbar über den groben Ton ſeines Schwiegervaters betroffen zu fühlen. „Aber geben Sie dann den Grund an.“ „Den Grund? Es ſind die Kinder ihrer Schwe⸗ ſter, die Thereſe nicht ſehen will.“ „Welcher Gedanke! Was thun ihr Hermina's Kinder? Sie muß dieſelben doch nicht großziehen. Es müßte denn ſein, daß Thereſe ſich im Grunde ihres Herzens über die unendliche Vertheilung unſeres Vermögens und die Erniedrigung der Familie be⸗ trübte; dieſes Gefühl iſt jedoch rechtmäßig und ach⸗ tungswerth, denken Sie nicht auch, Franz?“ „Das iſt es nicht,“ antwortete Pottewal.„So oft Thereſe von den Kindern ihrer Schweſter ſprechen hört, iſt ſie auf viele Tage unglücklich, und ſie weint ſo heftig, daß ich vor Mitleiden mit ihrem Kummer beinahe krank werde, obwohl ſie in ſolchen Augen⸗ blicken nicht freundlich gegen mich iſt.“ „Siehſt Du wohl, Bonifaz? Habe ich es Dir nicht geſagt?“ Warum r Frau Bie auf wun⸗ mal in Men⸗ im ge⸗ There⸗ ant⸗ groben 1. Schwe⸗ nina's iehen. runde nſeres e be⸗ — ach⸗ „So rechen weint mmer ugen⸗ Dir 237 „Alſo ſollte es doch wahr ſein? Thereſe wünſcht ſich noch immer, Kinder zu haben?“ „Ich gäbe die Hälfte meines Vermögens, wenn „Es geſchieht um Thereſens willen, daß ich es ſo innig wünſche,“ erwiederte Pottewal.„Ich bin bei⸗ nahe gewiß, daß mein Unglück... daß ſie glücklich wäre, wenn ſie Mutter wuͤrde. Wir könnten dann Etwas zuſammen lieben; das Kind würde unſern Neigungen, unſerem Geiſte eine Richtung, eine Be⸗ ſchäftigung geben. Wir würden nicht immerdar neben einander ſitzen, ohne zu wiſſen, was wir reden, woran wir denken ſollen.“ „In der That, Sie haben vielleicht Recht,“ mur⸗ melte Romys nachdenklich.„Kinder ſind jedoch nicht immerdar eine Quelle der Freude im Leben. Eins oder zwei, damit kommt man noch durch. Geben a die Hoffnung nicht auf, Franz, es iſt noch nicht zu ſpät.“ Es trat eine augenblickliche Stille ein. „Du vergiſſeſt das Silberzeug, Julie,“ ſagte Herr Romys. Die alte Frau nahm die Cafékanne und den Miichtopf von der Tafel und ging damit in das aus. Indem er ſich rings im Garten umſchaute, als bemerke er jetzt erſt, daß er von allen Eingeladenen noch allein gegenwärtig war, fragte Pottewal: „Wie viel Uhr iſt es?“ „Wiſſen Sie es nicht? Drei Uhr.“ „Meine Sinne ſind umdüſtert; ich glaubte, Sie ſchon Alle beiſammen am Cafétiſche zu finden. „Der zweite Nachmittagszug der Eiſenbahn kommt erſt um drei Uhr dreißig Minuten zu Darlingen an. Alſo noch eine halbe Stunde.“ „Ich will Ihnen nicht beſchwerlich fallen, Romys; ich werde noch einen Spaziergang unter den Bäumen auf dem Bollwerk machen.“ „Nein, bleiben Sie; laſſen Sie uns ein wenig von Handelsſachen ſprechen, Franz. Es iſt gegen⸗ wärtig Geld zu gewinnen, nicht wahr?“ „Viel Geld, für denjenigen, welcher die Kühnheit hat, ſein Vermögen daran zu wagen. Die Theurung gleicht beinahe einer Hungersnoth, beſonders in Flan dern. Was ſoll aus dem unglücklichen Volke den kommenden Winter werden? Man möchte Thränen vergießen, Romys, wenn man auf der Börſe erzäh⸗ len hört, wie ſchrecklich das Elend um ſich greift. In der Gegend von Thielt findet man Weber todt auf ihrem Webſtuhle liegen. Die armen Arbeiter laufen da verhungert in Banden von hundert Köpfen herum.“ „Das iſt unglücklich; aber was können wir, um Gottes willen, dabei thun? Die Verſtändigſten ſind diejenigen, welche aus der Theurung ihren Vortheil ziehen. Und, nun wir allein ſind, Pottewal, erlau⸗ ben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie ganz und gar nicht wohl daran thun, indem Sie die günſtigen Umſtände vorüber gehen laſſen. Es ſind Millionen zu gewinnen, glauben Sie mir. Haben Sie denn gar keinen Tropfen Blut in den Adern, nicht ein Gran von Muth, daß Sie Jedermann rund herum könn ſpor groß Pott 7 Ihre Ihr gen, zur nun ſchau 3 wort. ſehr, zornit und aber daß i Starr Unrec Gehöt gerun Sie ſ 5 antwo unehr! treides „2 7 17 ie G e, kommt gen an. lomys; däumen wenig gegen⸗ ühnheit eurung Flan ke den hränen erzäh⸗ greift. r todt rbeiter Köpfen ir, um n ſind ortheil erlau⸗ z und iſtigen lionen denn ht ein herum 239 können reich werden ſehen, ohne ſich dadurch ange⸗ ſpornt zu fühlen, ſich auch Ihren Theil von dem großen Kuchen hinwegzunehmen?“ „Muth habe ich allerdings nicht viel,“ ſeufzte Pottewal. „Und Sie wagen ſich darüber zu beklagen, daß Ihre Frau nicht mit Ihnen zufrieden iſt? Muß Ihr Betragen, Ihre Feigheit möchte ich beinahe ſa⸗ gen, ſie nicht mit Entrüſtung erfüllen? Sich nur zur Erde bücken dürfen, um Schätze aufzuraffen, und nun daneben ſtehen und gleich einem Dummkopf zu⸗ ſchauen, während Andere damit hinwegeilen!“ Pottewal zuckte die Achſeln, gab jedoch keine Ant⸗ wort. Dieſes Stillſchweigen erbitterte Romys ſo ſehr, daß er mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug und zornig ausrief: „Ich thue mir Gewalt an, um kühl zu bleiben und Ihnen aus Freundſchaft guten Rath zu geben; aber Sie könnten mich auf die Dauer dahin bringen, daß ich einen Schlag bekäme. Ihr unüberwindlicher Starrſinn iſt vorgefaßter Plan. Sie beſchuldigen mit Unrecht Ihre Frau; und Ihrer albernen Einbildung Gehör gebend, haſſen Sie dieſelbe. Durch Ihre Wei⸗ gerung, ein großes Vermögen zu erwerben, rächen Sie ſich an uns, nicht wahr?“ „Nein, Romys, urtheilen Sie nicht ſo ſtreng,“ antwortete Pottewal gelaſſen.„Es werden jetzt allerlei unehrliche Mittel angewendet, um den Preis des Ge⸗ treides in die Höhe zu treiben.“ „Nun, ſo machen Sie es gleich den Andern.“ D „Dann drückt man die Preiſe wieder merklich 240 herab. In dieſen Schwankungen liegt eine Unſicher⸗ heit, die mich erſchreckt.“ „Nun, nun, die Preiſe müſſen bis zu der näch⸗ ſten Ernte ſteigen: daran wird ein Kind nicht zweifeln.“ „Ja, aber die Hunderte von Schiffen, welche von Odeſſa, von der Oſtſee und von Amerika ankommen werden!“ „Was thut das? Es kann noch nicht genug für Frankreich allein kommen, und die Theurung herrſcht überall: die Kartoffeln ſind durch die Krankheit ganz verdorben. Ich wiederhole es Ihnen. Ich wieder⸗ hole es Ihnen, für Jemand, der mit Getreidehandel ſich abgibt, wie Sie, und ein ſchönes Kapital zu ſei⸗ ner Verfügung hat, ſind die Millionen ſo leicht zu faſſen, wie ich nach dieſer Taſſe greife. Sagen Sie, daß ich Unrecht habe, wenn Sie es wagen!“ „Sie haben vielleicht Recht, Romys; aber ich bin zu gefahrvollen Unternehmungen nicht geſchaffen. Ich ſehe jede Woche einige Kaufleute reich werden, aber ich ſehe ebenſo viele ihr Vermögen ganz verlieren. Ich habe meinem Vater auf ſeinem Sterbebette ge⸗ lobt, ſein Erbe unvermindert bewahren zu wollen; wir haben keine Kinder; wir ſind reich genug; ich werde mein Gelübde halten.“ „Sie bleiben alſo hartnäckig bei Ihrer Dumm⸗ heit? Es gibt kein Mittel, Ihnen begreiflich zu machen, was Ihre Pflicht gegen die Gattin und ge⸗ gen die Familie iſt?“ „Ich gewinne jährlich viel mehr Geld, als für meinen Haushalt nöthig iſt; mein Kapital werde ich niemals wagen. Es thut mir leid, Ihr Mißfallen erreger Beſchi mys; gekom es koſ Leute 9 ter ül macht Co nſicher⸗ r näch⸗ wnicht che von ommen nug für herrſcht it ganz wieder⸗ ehandel zu ſei⸗ eicht zu en Sie, ich bin en. Ich u, aber erlieren. ette ge⸗ wollen; ug; ich Dumm⸗ flich zu und ge⸗ als für derde ich Nißfallen 241 erregen zu müſſen, Romys; aber bei dieſem Vorſatz werde ich ſtreng beharren. Sollte mich ein großes Mißgeſchick treffen, wer würde mich tröſten? Ich ſtürbe in kurzer Zeit vor Kummer und Verzweiflung.“ Romys ſtampfte mit dem Fuß zur Erde: dabei fiel das Wort„Feigling“ von ſeinen Lippen, und er war im Begriff, ſeinen Schwiegerſohn mit zornigen Beſchimpfungen zu überhäufen; aber eben ließ ſich das Knarren von Rädern auf der Straße vernehmen und ein Fuhrwerk hielt in ſeinem ſchnellen Laufe vor der Hausthüre an. „Was ſoll das wieder bedeuten?“ brummte Ro⸗ mys;„ſollten ſie mit einer Kutſche nach Darlingen gekommen ſein? Das würde mich nicht wundern: es koſtet mehr, als die Fahrt mit der Eiſenbahn. Die Leute werfen das Geld nur ſo hinaus!“ Er war mit dieſer Betrachtung noch nicht ganz zu Ende, als die Thüre aufgeriſſen wurde, und vier oder fünf Perſonen unter Jubel und Freudenruſen in den Garten geſtürmt kamen. Es war Hermina, welche mit offenen Armen auf ihren Vater zueilte; Madame Romys, welche, gefolgt von der alten Magd Sophie mit einem kleinen Kind auf den Armen, triumphirend in den Garten gelau⸗ fen kam; Fräulein Marie Blondeel, die ein anderes Kind auf dem Arme trug; und ihr Bruder Jan, welcher in die Hände klatſchte und den Garten mit den lauten Ausbrüchen ſeiner Luſt erfüllte. Romys, durch die zärtliche Umarmung ſeiner Toch⸗ ter überraſcht, murmelte einige freundliche Worte und machte ihren Arm von ſeinem Halſe los. Da fiel Conſcience, Die Bürger v. Darlingen., 16 242 ſein Auge auf das kleine Kind, welches man ihm jetzt entgegen hielt, um ihn daſſelbe küſſen zu laſſen. „Es iſt ein ſchönes Kind,“ ſagte er, nachdem er es mit den Lippen berührt hatte„Noch ein ſolches, Hermina, und dann wird es genug ſein, nicht wahr?“ „Gib' ihm Deinen Segen, Vater, ich bitte Dich; es iſt das erſte Mal, daß Du meine kleine Hermina ſiehſt.“ Romys machte das Zeichen des Kreuzes auf der Stirne des Kindes. „Dank, Vater; Dein Segen wird es glücklich machen im Leben!“ rief die lebhaft erregte Mutter. Sie bemerkte jetzt erſt Herrn Pottewal, welchem Jan Blondeel die Hand gedrückt hatte. Mit einem Sprung war ſie bei ihm, legte ihm gleichfalls ihren Arm auf die Schulter und rief: „Ah, mein Schwager Franz! Ich habe ihn lange Zeit nicht geſehen. Wo iſt meine Schweſter? Ich bin ſo glücklich, daß ich die ganze Familie an's Herz drücken möchte!“ Pottewal ſtammelte eine Entſchuldigung und ſagte, ſeine Frau ſei noch auf eine Weile abgehalten, würde aber bald nachkommen. „Näher hieher, Ernſtchen,“ ſagte ſie, ihr Knäb⸗ chen an der Hand faſſend, nachdem es durch Fräu⸗ lein Marie auf den Boden geſtellt worden war.„Das iſt Dein guter Onkel Franz. Er hat Dich ſehr gern; gib ihm ein Küßchen, mein Junge.“ Das Kind ſtreckte ſeine Händchen zu Pottewal empor und lächelte ihm ſo liebevoll entgegen, daß er innig dadurch gerührt wurde. Er hob es von der Erde auf und küßte es mit wahrer Zärtlichkeit. nan ihm zu laſſen. chdem er m ſolches, wahr?“ tte Dich; Hermina auf der glücklich Mutter. welchem it einem lls ihren hn lange er? Ich n's Herz nd ſagte, n, würde hr Knäb⸗ ch Fräu⸗ r.„Das hr gern; Pottewal en, daß es von rtlichkeit. 243 „Aber iſt Dein Mann denn nicht mitgekommen?“ fragte Romys verwundert. „Es iſt unerwartet Etwas dazwiſchen getreten,“ antwortete Hermina.„Die Eiſenbahn macht ihm gegenwärtig ſo viel zu ſchaffen. Man hat ihn mit einem Wagen abgeholt, um ihn in aller Eile zu dem Bankier zu bringen.“ „Immer noch dieſe ewige Eiſenbahn?“ brummte ihr Vater.„Ich glaube nicht, daß jemals Einer von uns darauf fahren wird.“ „Und wie geht es zu Hauſe? Biſt Du noch immer glücklich, mein Kind?“ fiel Madame Ro⸗ mys ein. „Ich bin glücklich, die Eiſenbahn geht gut, Alles geht gut!“ antwortete Hermina mit Augen, die vor Freude glänzten. „Nun, nun, laßt uns jetzt Platz nehmen. Man bringe den Cafés! Adele, Adele, den Café!“ rief Herr Romys in's Haus hinein. Eine Magd erſchien und ſchenkte die Taſſen ein. Pottewal hatte bereits einen Stuhl genommen, um den kleinen Jungen auf ſeine Kniee zu nehmen. Während die Andern unter fröhlichem Schwatzen ſich um die Tafel ſetzten, war er damit beſchäftigt, dem Kinde Confekt zu geben, und redete zu ihm ſtille freundliche Worte und liebkoste es, ſeiner ſelbſt ver⸗ geſſend. Der kleine Ernſt ſchien eine beſondere Nei⸗ gung zu ſeinem Onkel Franz zu empfinden, denn er ſtrich mit ſeinem kleinen Händchen ihm über die Wangen und lächelte ihm ſo freundlich zu, als wäre er gewohnt, alle Tage auf deſſen Knieen zu ſitzen. 16* 244 Hermina war Pottewal dankbar für die Zärtlich⸗ keit, welche er ihrem Kinde bezeigte. „Nun, wie geht es Ihnen, Bruder Franz?“ fragte ſie.„Man hat mir geſagt, Sie wären krank. Gott ſei gelobt, ich finde Sie aber wohl.“ „Was für ein ſchönes, was für ein bezaubern⸗ des Kind!“ ſagte Pottewal.„Ich könnte einen gan⸗ zen Tag ſo mit meinen Augen in dieſe ſüßen, glän⸗ zenden Aeuglein ſchauen. Madame de Cock, wie glücklich müſſen Sie ſein!“ „Glücklich, Bruder! Ich habe noch nie gewußt, daß das menſchliche Leben ſo ſchön ſein kann.“ „Sie ſehen aber dennoch aus, Pottewal, als ob Sie unpäßlich geweſen wären,“ bemerkte Blondeel. „Nein, Herr Jan, ich bin geſund und zufrieden,“ war die Antwort.„O, was für ein liebes Kind!“ Sophie, die Magd, näherte ſich ihm, um den klei⸗ nen Jungen ihm abzunehmen; aber Ernſtchen ſchlang ſeine Arme um den Hals ſeines Oheims und bezeugte durch einen lauten Schrei, daß er auf ſeinen Knieen ſitzen bleiben wolle. Herr Pottewal, dem vielleicht ſeit langer Zeit keine aufrichtigen Beweiſe von Freundſchaft und Liebe zu Theil geworden waren, wurde durch di Zuneigung des unſchuldigen Kindes ſo tief gerührt, daß ſein Auge ſich befeuchtete und ein helles Lächeln auf ſeinen Lippen zum Vorſchein kam. Hermina nahm ihr kleines Töchterchen auf den Schooß und ſchickte Sophie in die Küche, um mit der andern Magd den Café zu trinken. Es begann nun eine lebhafte Unterhaltung, auf welche Hermina ihr Glück und ihre Seelenfreude in hellen unauf erheite Schwe ſaßen ihrer Geſpr ander dieſer günſti Romu nicht ohne merku antwe auf 8 des 7 nutzlo mina Wille nach Kinde Romꝛ und heiter P kleine volle die er ob es große ärtlich⸗ fragte Gott aubern⸗ n gan⸗ „glän⸗ , wie gewußt, als ob ndeel. ieden,“ ind!“ en klei⸗ ſchlang ezeugte Knieen er Zeit t und irch di gerührt, Lächeln auf den um mit ig, auf eude in 245 hellen Funken ausſtrahlen ließ und Jan Blondeel unaufhörlich durch muntere Einfälle einen gleichfalls erheiternden Einfluß ausübte. Die zwei bejahrten Schweſtern, Fräulein Marie und Madame Romy's, ſaßen Hand in Hand neben einander und nahmen ihrer ſelbſt vergeſſend und doch ſo herzlich an dem Geſpräch und Erzählen Antheil, als hätten ſie ein⸗ ander ſeit zwanzig Jahren nicht geſehen. Der Grund dieſer allgemeinen Heiterkeit war größtentheils der günſtigen Stimmung zuzuſchreiben, worin ſich Herr Romys augenſcheinlich befand. Es begegnete ihm nicht oft, daß er andere Perſonen fröhlich ſehen konnte, ohne ungeduldig zu werden und mit ſpitzigen Be⸗ merkungen außzutreten; jetzt lächelte er aufrichtig und antwortete wohl auch manchmal mit einem Scherz auf Jan Blondeel's Reden. Einmal jedoch hatte er des Fuhrwerks erwähnt und ſich tadelnd über dieſe nutzloſe Geldverſchwendung ausgeſprochen; aber Her⸗ mina hatte ihm erklärt, es ſei ſo ihres Mannes Wille geweſen, weil man auf der Eiſenbahn nicht nach Belieben ſtill halten könnte und man mit zwei Kindern Herr über ſeine Bewegungen bleiben müßte. Romys war nicht weiter auf die Sache eingegangen und hatte unmittelbar darauf das Geſpräch ſeinen heitern Ton wieder annehmen laſſen. Pottewal redete nicht viel; er ſpielte mit dem kleinen Ernſt und ſchien ganz verſunken in das liebe⸗ volle Lachen des unſchuldigen Engelchens, das ihm die empfangenen Leckerbiſſen in den Mund ſteckte, als ob es ſehen wollte, wie ſein Oheim mit einem ſo großen Munde eſſen könnte. Plötzlich wandelte Pottewal eine unerwartete Be⸗ 246 wegung an; er erbleichte, ſetzte in aller Eile das Kind auf den Boden und ſchaute dann ſtarr zur Erde, gleich Jemand, der auf einer böſen That ertappt worden iſt. Thereſe war im Garten erſchienen; ſie hatte ihren Mann mit dem Kinde ihrer Schweſter auf den Knieen geſehen. Ihr flammender, ihr drohender Blick hatte ihn zum Zittern gebracht. Bei den erſten Schritten auf dem Gartenweg hatte Thereſe alle die Perſonen ſich betrachtet, welche um den Tiſch herum ſaßen; ſie hatte ſich mit Sicherheit darauf gefaßt gemacht, Herrn de Cock mit zurück⸗ ſtoßender Kälte zu begrüßen. Da er jedoch nicht ge⸗ genwärtig war, bezwang ſie ſich und zeigte ein min⸗ der ſaures Geſicht. Sie ließ ſich ſogar gutwillig von ihrer Schweſter umarmen und ſetzte ſich neben ſie an den Tiſch. Hermina, welche ihr Töchterchen ihrer Mutter gegeben hatte, um Thereſe entgegen zu eilen, nahm es jetzt wieder und legte es ihrer Schweſter auf den Schooß, während ſie frohlockend ausrief: „Sieh', Thereſe, wie ſchön, wie lieb! Komm', gib ihm einen Kuß auf ſeine roſigen Lippchen; es ſieht Dich an und ſcheint ſeine Tante Thereſe bereits zu kennen!“ Madame Pottewal hielt bewegungslos wie ein Steinbild das Kind vor ihre Augen und betrachtete es mit einem unbegreiflich feſten Blick. Sonderbar und überraſchend war ihr Ausdruck. Ihre Augen ſchienen zu glühen, ihr Mund ſtand weit offen, und dennoch lächelte ſie freundlich, und Etwas wie der Schimmer einer ſeligen Rührung überſtrahlte ihr Angeſi iſt, il gleichen gebetet Hermin Th hielt e gedrück „C ängſtli fürchter Al⸗ daß ſie des ha vor Er mina's brach ihrer 5 griff ſ Nerver Al um W Potten „Helft ich hol Ab Ihre einiger von il Ar 247 le das Angeſicht. Sie glich einer Tigerin, welche im Begriff rr zur iſt, ihre Beute zu verſchlingen; aber ſie glich zu rtappt gleicher Zeit einer zärtlichen Mutter, welche ihr an⸗ gebetetes Kind liebkost und hätſchelt. ihren„Schweſter, gib ihm doch einen Kuß,“ flüſterte Knieen Hermina. hatte Thereſe beugte ſich traurig über das Kind und hielt eine lange Weile ihren Mund auf deſſen Stirne hatte gedrückt. he um„Genug, genug, Schweſter!“ rief Hermina in herheit ängſtlichem Ton, als hätte ſie irgend Etwas ge⸗ zurück⸗ fürchtet. ht ge⸗ Als Thereſe ihren Kopf erhob, bemerkte man, a min⸗ daß ſie heftig weinte;— ſelbſt das Geſicht des Kin⸗ ig von des hatte ſie mit ihren Thränen gebadet. Zitternd ſie an vor Erregung, legte ſie das kleine Mädchen auf Her⸗ mina's Schooß, ſchlug die Hände vor die Augen und Rutter brach in lautes Schluchzen aus. Nach dem Wogen nahm ihrer Bruſt hätte man ſagen können, daß ſie im Be⸗ if den griff ſei, einer geheimnißvollen, doch ſehr gewaltigen . Nervenerſchütterung zu unterliegen. omm, Alle ſprangen auf und umringten ſie; man rief n; es um Waſſer von den Mägden; Pottewal, der gute ereits Pottewal klagte und bezeugte großen Schrecken. „O, mein Gott, es wird ihr ſchwach!“ rief er. ie ein„Helft, helft ihr doch. Was thun? Einen Doctor, achtete ich hole einen Doctor!“ derbar Aber ſeine Frau nahm die Hände vom Geſicht. Augen Ihre Thränen hatten zu fließen aufgehört, und außer und einiger Röthe auf den Wangen war keine Spur mehr ie der von ihrer wunderlichen Aufregung zu bemerken. e ihr Auf die Fragen und Tröſtungen, welche von allen 248 Seiten an ſie gerichtet wurden, antwortete ſie mit einem ſcharfen Lächeln: „Macht nicht ſo viel Aufhebens, ich bitte Euch, aus einer vorübergehenden Unpäßlichkeit, welche Nichts zu bedeuten hat. Es ſind meine Nerven; ich habe oft ſolche Augenblicke, daß ich fühle, wie mir plöͤtz⸗ lich die Thränen aus den Augen ſpringen, ohne...“ „Du möchteſt wohl ein Kind haben, nicht wahr, Thereſe?“ fiel ihr Jan Blondeel in's Wort.„Es iſt noch kein Grund, um zu verzweifeln.“ Madame Pottewal warf ihrem Oheim einen ver⸗ ächtlichen Blick zu. „Ich ſage Ihnen, Herr Blondeel, daß es von meinen angegriffenen Nerven herkommt,“ wiederholte ſie.„Sie würden wohl daran thun, mir Glauben zu ſchenken, ohne in Ihrer Einbildung nach Schein⸗ gründen zu ſuchen.“ Blondeel zuckte ſchweigend die Achſeln. „Sag', Pottewal, iſt es nicht wahr, daß ich oft ſolche Nervenanfälle bekomme?“ fragte ſie mit unter⸗ drücktem Zorn ihren Mann.„So ſprich, iſt es nicht wahr?“ „Ja, ja, es iſt wahr, oft, alle Tage,“ ſtammelte Herr Pottewal, unter der Herrſchaft eines Blicks von ſeiner Frau. „Nun,“ rief ſie,„macht mir das Vergnügen, von dem, was geſchehen, nicht mehr zu reden, ſonſt gehe ich ſogleich nach Hauſe. Schenkt mir eine Taſſe Café ein; es wird voruͤbergehen. Auf alle Fälle muß ich Euch darauf aufmerkſam machen, daß ich nicht län⸗ ger, als eine halbe Stunde bleiben kann.“ Maꝛ ſeinen r Blondee zu brine Heiterke wichen. der Son ſter ent damit geſchah ſie ſo h bringe iſt ang Ein belruf 2 melte 3 von „von gehe Café uß ich län⸗ 249 Man erfüllte ihr Begehren, und Jedermann nahm ſeinen vorigen Platz an der Tafel wieder ein. Jan Blondeel verſuchte noch einmal, das Geſpräch in Gang zu bringen, aber alle ſeine Mühe blieb vergeblich: Heiterkeit und Freude waren aus der Geſellſchaft ge⸗ wichen. Hermina hatte ſich unter dem Vorwande, der Sonnenſchein beläſtige ihr Kind, von ihrer Schwe⸗ ſter entfernt und hielt auch den kleinen Ernſt zurück, damit er ſich Thereſe nicht nähern könnte. Es geſchah nicht aus Aerger, ſondern aus Mitleid, daß ſie ſo handelte, denn ſie hatte bemerkt, daß auf dem Geſichte ihrer Schweſter eine ſchmerzliche Bewegung ſich kund gab, ſo oft ihr Blick auf eines der Kin⸗ der fiel. Das Klingeln der Hausglocke ließ ſich durch den Gang vernehmen. „Da iſt Ernſt!“ rief Hermina. „Wirklich, ich habe die Lokomotive pfeifen hören,“ bemerkte Romys. Herr de Cock trat ſchnellen Schritts in den Gar⸗ ten; er lächelte; ſeine Augen erglänzten von inni⸗ ger Selbſtzufriedenheit. Ohne auf die Kälte und den Widerwillen von Herrn Romys zu achten, drückte er ihm freudig die Hände, umarmte ſeine Schwieger⸗ mutter, grüßte freundlich Herrn Pottewal und deſſen Frau, und rief dann begeiſtert aus: „Hermina, Herr Jan, Fräulein Blondeel, ich bringe gute Nachrichten. Mein Eiſenbahnentwurf iſt angenommen!“ Ein beifälliges Händeklatſchen und ein froher Ju⸗ belruf beantworteten dieſe Meldung. „Angenommen? Was will das heißen?“ brummte 250 Romys.„Von der Kammer doch noch nicht? Die Kammer iſt nicht verſammelt.“ „Nein, nein, vom Miniſterium. Das Minimum der Zinſen iſt feſtgeſtellt.“ „Nichts weiter? Ich dachte es wohl: Verſprechun⸗ gen, Schein! Immerfort Luftſchlöſſer!“ Thereſe, welche bei der erſten Meldung von dem Gelingen des Entwurfs gezittert hatte, erhob nun wieder den Blick und nickte lachend mit dem Kopf, um die Zweifel ihres Vaters zu beſtätigen. „Aber, Vater,“ fuhr Herr de Cock fort,„laſſen Sie mich Ihnen doch die Sache erklären; Sie wer⸗ den begreifen, daß ich mich nicht über ein eingebil⸗ detes Glück erfreue. Die Miniſter haben eine große Mehrheit in der Kammer; ſie haben beſchloſſen, viele öffentliche Werke ausführen zu laſſen, um dem armen Volk zu Hülfe zu kommen und daſſelbe ſo viel mög⸗ lich für den kommenden Winter gegen Hungersnoth zu ſchützen. Deßhalb iſt nicht zu bezweifeln, daß wenn mein Entwurf, von der Regierung ſelbſt vor⸗ geſchlagen, im November zur Abſtimmung kommt...“ „Unſicher, unſicher, der Vogel fliegt noch in wei⸗ ter Ferne!“ fiel Romys ein. „Dießmal täuſchen Sie ſich, Vater,“ ſagte Ernſt mit ruhigem Lächeln.„Es iſt eine Geſellſchaft eng⸗ liſcher Capitaliſten zuſammengetreten, welche den Entwurf ankauft; ich bekomme, als Erfinder und Bauführer, für hundert und zwanzigtauſend Francs Antheil an der Acctiengeſellſchaft.“ „Wenn nur Etwas daraus wird! Im Novem⸗ ber?“ murmelte Romys, welcher einigermaßen an den günſtigen Stand der Dinge zu glauben begann. „Es ſicherte welcher o heute h zahlen w Dieſe derung Ernſt legte dar und flüſt in's Ohr um ihn faßte ſei Freudenl gung er ten Glüc Auf ihr Aus⸗ zudem v traulichke wagte, „So „daß me angebote geweſen, „So um vier gen?( Geld nie „In wohl et ſich niet Die nimum rechun⸗ n dem b nun Kopf, „laſſen 2 wer⸗ ggebil⸗ große „viele armen Francs ovem⸗ en an egann. 251 „Es iſt ſchon Etwas daraus geworden,“ ver⸗ ſicherte Herr de Cock.„Der Brüſſeler Bankier, welcher an der Spitze der Geſellſchaft ſteht, hat mir heute hunterttauſend Francs für meinen Antheil zahlen wollen.“ Dieſer Umſtand erfüllte Jedermann mit Verwun⸗ derung und Freude. Ernſt lief auf ſeine Kinder zu, küßte ſie zärtlich, legte dann ſeinen Arm um den Hals ſeiner Gattin und flüſterte ihr feurige Worte von Sieg und Liebe in's Ohr. Jan Blondeel zog ihn von Hermina weg, um ihn an ſeine Bruſt zu drücken; Fräulein Marie faßte ſeine Hände; Pottewal ſelbſt, durch alle die Freudenbezeugungen und Beweiſe herzlicher Zunei⸗ gung erregt, wünſchte ihm mit tiefgefühlten Wor⸗ ten Glück. Auf Thereſens Lippen ſtand ein bitteres Lächeln; ihr Ausdruck verrieth Zweifel und Spott; ſie ſchien zudem verdrießlich darüber, daß Ihr Mann die Ver⸗ traulichkeit mit ſeinem Schwager ſo weit zu treiben wagte, um ihm jetzt gleichfalls die Hand zu drücken. „Sollte es wahr ſein, Ernſt,“ fragte Romys, „daß man Ihnen hunderttauſend Francs baares Geld angeboten hat? Warum ſind Sie ſo unbeſonnen geweſen, es abzulehnen?“ „Soll ich zwanzig tauſend Francs opfern, Vater, um vier Monate früher meinen Antheil zu empfan⸗ gen? Gott ſei Dank, ſo nöthig brauche ich das Geld nicht.“ „In der That, Ernſt, zwanzig tauſend Francs iſt wohl etwas viel zum Verlieren. Nun, ſetzen Sie ſich nieder, trinken Sie eine Taſſe Café! Ich will 25⁵² heute fröhlich ſein. Wir wollen eine Flaſche von meinem alten Burgunder ausſtechen.“ „Bravo, Vater, ſieh, das iſt einmal ſchön von Dir!“ rief Hermina.„Hätte ich mein Kind nicht auf dem Schooße, ich flöge Dir dafür an den Hals.“ „Ja, zwei Flaſchen!“ jubelte Blondeel, ſich die Hände reibend.„Wenn ich in meinem Leben Luſt gehabt habe, ein feines Gläschen zu trinken, ſo iſt es dieſen Augenblick.“ „Da iſt der Schlüſſel,“ ſagte Romys zu ſeiner Frau.„Hole zwei Flaſchen, Julie. Von hinten, aus der Tiefe des Kellers, wo die vielen Spinnge⸗ webe hängen.“ Und Ernſt's Hand faſſend, ſprach er in herz⸗ lichem Ton: „Sehen Sie, Herr de Cock, das iſt ein guter Anfang; wenn Sie ſo fortfahren, werden wir noch die beſten Freunde von der Welt. Sie ſind ein guter, arbeitſamer Junge. Sie können noch viel Geld erwerben: an Muth und Wiſſen fehlt es Ihnen nicht. Wer weiß, ob Sie unſerer Familie nicht mit der Zeit mehr und beſſer zu Ehren ver⸗ helfen, als Andere, die ihr Vermögen geerbt haben!“ Bei dieſen Worten warf er einen leicht verſtänd⸗ lichen Blick auf Pottewal: dieſer ſühlte den Stich und ſenkte beſchämt den Kopf zu Boden. Thereſe zitterte vor Neid und unterdrücktem Zorn. „Und was gedenken Sie mit dieſem Geld anzu⸗ fangen, wenn Sie es erhalten?“ fragte Romys. „Sie wollen ſich gewiß einen Meierhof kaufen, einen großen oder zwei kleinere?“ „Nein, Vater,“ antwortete Ernſt,„mein Vorhaben iſt ein meiner Her ſie dank „Fü ich Sta dar zu Geſellſch iu's Le eines ſamkeit Unterne Sie mi ſtig iſt, unter d Und bl kann ie wir do ſerer K Wä ſeine A vertrau ſche von hhön von nd nicht n Hals.“ ſich die ben Luſt ¹, ſo iſt zu ſeiner hinten, Spinnge⸗ in herz⸗ i guter wir noch ſind ein och viel fehlt es Familie ren ver⸗ haben!“ verſtänd⸗ en Stich Thereſe ld anzu⸗ Romys. n, einen dorhaben 25⁵³ iſt ein ganz anderes. Für's Erſte lege ich für jedes meiner Kinder zwanzig tauſend Francs an.“ Hermina faßte heimlich ſeine Hand und drückte ſie dankbar. „Für die übrigen achtzigtauſend Francs kaufe ich Staatspapiere, und halte ſo das Kapital immer⸗ dar zu meiner Verfügung, um an Etabliſſements und Geſellſchaften mich betheiligen zu können, welche ich iu's Leben zu rufen gedenke. So iſt das Leben eines Mannes, der in die große allgemeine Betrieb⸗ ſamkeit eingreifen will; er muß immerdar von einem Unternehmen zum andern vorwärts ſchreiten. Laſſen Sie mich nur machen, Vater; wenn Gott mir gün⸗ ſtig iſt, ſoll meine Hermina einmal ihren Kopf hoch unter den reichſten Frauen von Brüſſel tragen dürfen. Und bleibt dieſe ſtolze Hoffnung ein Traum, und kann ich es auch nicht ſo weit bringen, ſo werden wir doch ſicherlich genug haben, um das Glück un⸗ ſerer Kinder zu ſichern.“ Während Ernſt dieſe Worte ausſprach, leuchteten ſeine Augen von kühnem Eifer und heiterem Lebens⸗ vertrauen; es lag in ſeiner Stimme etwas Eindring⸗ liches und zugleich Gefälliges, was eine tiefe Wir⸗ kung auf Alle, die ihn anhörten, hervorbrachte. Es folgte eine kurze Stille; als aber Romys den Wein eingeſchenkt ſah, hob er ſein Glas empor und rief: „Nun, Freunde, luſtig ausgetrunken auf das Wohlergehen des Herrn de Cock! Möge das Glück ihm bei allen ſeinen Unternehmungen lächeln!“ Die Gläſer erklangen und Glückwünſche wieder⸗ hallten durch den Garten. 254 Thereſe ſtand auf und ſagte befehlend zu ihrem Gatten, welcher mit den Andern zu trinken im Be⸗ griff war: „Setze Dein Glas nieder und begleite mich nach Hauſe!“ Jedermann bezeugte ſeine Verwunderung und ſein Bedauern über dieſen unerwarteten Abgang, gerade in dem Augenblick, da man ſo heitere Stun⸗ den in der Familie zubringen ſollte; aber welche Mühe ſich auch Romys und Hermina gaben, Thereſe zurückzuhalten, ſie wies alle Bitten ab, unter dem Vorwande, ihre Nerven wären zu ſehr angegriffen, und ſie bedürfte zu ihrer Geneſung der Ruhe. Potte⸗ wal hatte gleichfalls ein flehendes Wort einzulegen gewagt, damit er noch eine halbe Stunde bleiben dürfte; aber die Augen ſeiner Frau hatten ihm allen Muth und alle Luſt zum Widerſtand benommen. Er folgte ihr alſo durch den Hausgang und trat mit ihr auf die Straße. Sie ſchritt ſchnell vorwärts und überhäufte unter⸗ wegs ihren ſchweigenden Gatten mit einer Fluth⸗ halb unterdrückten Tadels, bis ſie endlich die ein⸗ ſame Promenade auf dem Bollwerk erreicht hatten. Dann erhob Madame Pottewal ihre Stimme und ließ dem feurigen Neide, der ihr Herz verzehrte, und der Wuth, welche ſie ſo lange hatte bezwingen müſſen, freien Lauf. Sie ſprach von den Kindern ihrer Schweſter, als wäre die Exiſtenz dieſer kleinen Weſen eine blutige Anklage gegen ihren Mann; ſie warf ihm den Gewinn und das Glück Ernſt's in's Geſicht; ſie verglich den Muth und die Klugheit dieſer ge⸗ ringen verſtan Bauerr Po⸗ zu berr durch gefühlt Sturm angekät Als Wohnn „H das E Was 6 geben; wahr? bin ein ich mie mein L ſetzen. ſollen Verder mich l Gegen⸗ heit n. ich Ge mein iſt aus zu ihrem im Be⸗ nich nach ing und Abgang, re Stun⸗ r welche Thereſe nter dem gegriffen, 2. Potte⸗ nzulegen bleiben ten ihm nommen. und trat te unter⸗ er Fluth die ein⸗ t hatten. me und ſrte, und müſſen, en ihrer n Weſen ſie warf Geſicht; jeſer ge⸗ 25 ⁵ ringen Leute mit ſeiner Dummheit und ſeinem Un⸗ verſtande; ſie nannte ihn einen Einfaltspinſel, einen Bauern und Feigling...“ Pottewal hatte anfänglich ſie durch ſanfte Worte zu beruhigen geſucht; allein gleichwohl hatte er ſich durch ihren ſcharfen Tadel verletzt und erniedrigt gefühlt; er hatte geſchwiegen und lang gegen den Sturm, der in ſeinem Innern ſich zu erheben drohte, angekämpft. Als er ſich nur noch wenige Schritte von ſeiner Wohnung entfernt ſah und die letzten und härteſten Beſchuldigungen dem Munde ſeiner Frau entſtrömten, blieb er plötzlich ſtehen und ſagte todtenbleich und mit beinahe krächzender Stimme; „Ha, Madame, Sie ſind ungerecht genug, mich das Glück Anderer ſo grauſam entgelten zu laſſen. Was Sie verlangen, vermag Gott allein uns zu geben;— aber Sie wollen überdieß reich ſein, nicht wahr? ſehr reich: Millionen müſſen Sie haben? Ich bin ein Einfaltspinſel, ein Bauer, ein Feigling, weil ich mich weigere, mein Vermögen, meine Ruhe und mein Leben an die Erfüllung Ihres Begehrens zu ſetzen. Wohlan, mein Entſchluß iſt gefaßt. Sie ſollen ſie haben, die Millionen... Millionen des Verderbens, des Elendes! Nun, Madame, Sie ſollen mich keinen Feigling mehr nennen. Bitten Sie im Gegentheil Gott, daß er meinen Muth, meine Kühn⸗ heit mäßige. Morgen, morgen kaufe und verkaufe ich Getreide in ganzen Schiffsladungen! Möge mir mein Vater im Himmel vergeben: es iſt aus, es iſt aus!“ 2⁵6 Und gefolgt von ſeiner Frau lief er gleich einem Wahnſinnigen mit dem Kopf voraus durch die offen⸗ ſtehende Thüre ſeiner Wohnung. IV. Madame Pottewal ſaß ſeit ein paar Secunden an ihrem Strickzeug in dem großen Gemache, wo ſie gewöhnlich einſam und traurig ihre Tage verlebte. Eine völlige Stille umgab ſie; weder im Hauſe, noch auf der Straße ließ ſich das mindeſte Geräuſch vernehmen. Während ihre Hände in mechaniſcher Bewegung das Seiden⸗ und Wollgarn an den Nadeln auffaßten, war ihr Geiſt weit von der Arbeit hinweg, und allerlei Gedanken flutheten ihr durch den Kopf. Obwohl Kummer, Verdruß und Zorn wechſelsweiſe auf ihren Lippen ſich abzeichneten, war ihr Gemüth doch vorzugsweiſe von einer ſtets zurückkehrenden Bewegung der Freude beherrſcht, welche jedoch wie⸗ derum einer tiefern Muthloſigkeit Platz machte. So erhellte ſich oft ihr Geſicht von einem Ausdruck zwei⸗ felnder Freude, als ob ſie in ihrem Innerſten eine verlockende Hoffnung belächelte; ihre Augen erglänz⸗ ten und ihr Buſen hob ſich; aber nach einer Weile erſchlafften ihre Züge wieder. Dann ließ ſie ſeuf⸗ zend das Haupt auf die Bruſt fallen und ſtarrte mit einem Hohnlächeln ſchmerzlicher Täuſchung vor ſich hin. Endlich mußte der Zuſtand der Aufregung vor⸗ übergegangen ſein; denn ſie ſchien ruhig zu werden und ri welche in Ber Pl getroffe ſtieß e nicht d vorwät um da Sie hi hätte einen Do Sie ſp auf ur Geſicht aus ih keit; j in ihr Stimn habt 1 Dank ſoll M endlich Ich bi Augen Si bare( Möbel Con ich einem die offen⸗ Secunden 2, wo ſie verlebte. n Hauſe, Geräuſch dewegung nuffaßten, peg, und in Kopf. ſelsweiſe Gemüth kehrenden doch wie⸗ hte. So ruck zwei⸗ rſten eine erglänz⸗ ler Weile ſie ſeuf⸗ d ſtarrte hung vor ung vor⸗ u werden 257 und richtete den gedankenvollen Blick auf ihre Finger, welche mit verdoppelter Schnelligkeit die Nadeln in Bewegung ſetzten... Plötzlich, als hätte ein unſichtbarer Schlag ſie getroffen, ließ ſie ihr Strickzeug zu Boden fallen und ſtieß einen dumpfen Schrei aus. Sie ſtand jedoch nicht auf; im Gegentheil, ſie beugte ihren Körper vorwärts und legte ſich beide Hände auf das Herz, um das gewaltige Klopfen deſſelben zu unterdrücken. Sie hielt ihren Athem an und rührte ſich nicht, als hätte ſie alle Kraft ihrer Sinne geſammelt, um auf einen geheimnißvollen Laut zu horchen... Da trifft ſie ein zweiter und mächtigerer Schlag! Sie ſpringt mit einem Schrei wahnſinniger Freude auf und erhebt betend die Arme zum Himmel; ihr Geſicht ſcheint von einem plötzlichen Lichte verklärt; aus ihren Augen ſtrahlt eine unermeßliche Dankbar⸗ keit; ſie iſt ehrfurchterregend in ihrem Stolze, ſchön in ihrer Begeiſterung, während ſie mit zitternder Stimme ausruft: „O, ſei gelobt, mein Gott! Du haſt Mitleid ge⸗ habt mit dem armen, verſtoßenen Geſchöpf! Dank, Dank für dieſe höchſte Wohlthat! Mutter? Ich ſoll Mutter werden? Ja, ja, Mutter werden! Un⸗ endliches Glück, unendliche Seligkeit auf Erden... Ich bin dem Irrſinn nahe, mir wird düſter vor den Augen... ſollte ich träumen?“ Sie lief in leidenſchaftlicher Erregung von einer Seite des Zimmers nach der andern, machte ſonder⸗ bare Geberden, als wollte ſie den Wänden und den Möbeln begreiflich machen, was ſie ſo gewaltig er⸗ Conſeience, Die Bürger v. Darlingen 17 258 ſchütterte, blieb plötzlich mitten im Gemach ſtehen und flüſterte mit Schrecken: „Sollte es möglich ſein? Habe ich mich nicht durch eine trügeriſche Hoffnung bethören laſſen?“ Aber dann rief ſie jubelnd aus, während ſie wie⸗ der wie wahnſinnig durch das Zimmer zu laufen begann: „Nein, nein, es iſt Wahrheit. Gott hat es zu⸗ gelaſſen, daß mir mein Glück offenbar werde. Kein Zweifel mehr, ich werde Mutter ſein... Mutter, Mutter, Mutter!“ Und ſie wiederholte dieß Wort eine Weile mit unmäßiger Freude und immer ſteigender Begeiſterung. „Er komme nun!“ rief ſie.„O, mit welcher Liebe will ich ihn umfaſſen! Wie will ich ihn mit Freude überhäufen! Wie will ich ihn in meine Arme drücken, ihn, den Vater meines Kindes!“ Sie ließ ſich auf den nächſten Stuhl ſinken und blieb daſelbſt wie ermattet, tief Athem holend, eine Weile ſitzen. „Er wird noch nicht kommen,“ murmelte ſie; „noch eine Stunde zum Mindeſten, eine Ewigkeit peinlicher Erwartung! Ach, der arme Pottewal, ſo lang noch dieſes Glückes entbehren zu müſſen!“ Angetrieben von einer unwiderſtehlichen Ungeduld, trat ſie an das Fenſter, riß es auf, blickte über die Straße und die öffentliche Promenade, ſchloß dann das Fenſter wieder und rief mit einem Ausdruck der Verwirrung auf ihrem Angeſicht: „Mein Gott, was geht denn in mir vor? Wel⸗ ches Licht geht vor meinen Augen auf? Warum iſt Alles jetzt ſo ſchön, ſo prächtig, ſo ſtrahlend in un⸗ bekannt ganze 2 für mei dieſer T ſo bös⸗ ungerec nen gel Mit trat in ſchlagen zitternd Gebieter drückte lichkeit, „Nr trübt; ich wer Deinen Wander res Leb lich ſeir Die ſie mit in den daß ſie einen ſe aus ihr „Di liche Ur Außbeſſe ten Mu iſt es 1 h ſtehen ich nicht en?“ ſie wie⸗ laufen t es zu⸗ 2. Kein Mutter, eile mit iſterung. welcher ihn mit n meine 31“ kken und nd, eine elte ſie; Ewigkeit wal, ſo n!“ ngeduld, über die oß dann rruck der 2 Wel⸗ um iſt in un⸗ 259 bekanntem Glanze? Warum will meine Seele die ganze Natur umarmen, als wäre die Welt zu klein für meine Liebe? Ach, ich ſoll Mutter werden; in dieſer Welt wird mein Kind leben!... Und ich habe ſo bösartig ſein können? So eben habe ich noch ungerechter Weiſe ein armes Dienſtmädchen zu Thrä⸗ nen gebracht...“ Mit dieſen Worten lief ſie aus dem Zimmer und trat in die Küche. Die Magd ſaß ganz niederge⸗ ſchlagen da, ihr bitteres Loos zu bedenken, und ſprang zitternd auf bei der unerwarteten Erſcheinung ihrer Gebieterin; aber dieſe faßte ſie bei beiden Händen, drückte dieſelben mit einer Art fieberiſcher Freund⸗ lichkeit, während ſie haſtig ſprach: „Nun, mein gutes Hannchen, ſei nicht mehr be⸗ trübt; Du biſt ein braves Kind; Alles iſt vergeſſen; ich werde Dir ein neues Sonntagskleid kaufen und Deinen Lohn erhöhen. Und denk' nicht mehr an das Wandern; bleibe bei mir; es ſoll hier ein fröhliche⸗ res Leben beginnen; Du wirſt zufrieden und glück⸗ lich ſein, meine Liebe!“ Die Magd wich einen Schritt zurück und ſchaute ſie mit offenem Munde und Verwirrung und Schrecken in den Augen an. Es war in ihrer Miene zu leſen, daß ſie ihre Gebieterin für irrſinnig hielt; dieſe aber, einen ſolchen Gedanken vermuthend, zog einiges Geld aus ihrer Taſche und ſagte lächelnd: „Du glaubſt mir nicht, Hannchen? Dieſe plötz⸗ liche Umkehr verwundert Dich? Sieh, das iſt Deine Aufbeſſerung für den laufenden Monat. Bleibe gu⸗ ten Muthes und fröhlich, Kind, mit Deinem Kummer iſt es vorüber.“ 17* 260 Sie ließ das verblüffte Mädchen ſtehen, ging nach der Hinterthüre und ſchritt über den Hofraum. Unter⸗ wegs ſtreichelte ſie den einzigen Hund, der noch ver⸗ ſchont geblieben war. Das Thier leckte ihr die Hände; ſie ſprach zu ihm in freundlichem Ton und ſchien ſich an ſeiner Anhänglichkeit zu erfreuen. Weiter gehend, öffnete ſie die Thüre zum Magazin. Zwei Taglöh⸗ ner waren dort mit Umkehren des Getreides beſchäf⸗ tigt; ſie hatten die Thüre aufgehen gehört und arbei⸗ teten nun fort, ohne daß ſie, aus Furcht vor einem ſtrengen Tadel, aufzublicken wagten. „Setzt einen Augenblick aus, gute Leute,“ ſagte Madame Pottewal.„Ihr müßt wohl tüchtig arbei⸗ ten; aber Ihr dürft Euch nicht ſo abmatten. Ich will gleich der Magd ſagen, daß ſie Euch einen gu⸗ ten Krug Bier bringt. Ruht jetzt ein Bischen aus... Verſteht Ihr nicht, was ich ſage? Laßt die Arbeit auf einige Minuten ſtehen.“ Die Arbeiter, auf's Höchſte überraſcht, mehr noch durch die Weichheit ihrer Stimme, als den Sinn ihrer Worte, wandten ſich um und ſchauten ſie mit zweifeln⸗ den Augen an. Sie näherte ſich ihnen und fragter den Aelteſten: „Nun, mein guter, braver Jan, wie geht es mit Eurem Kinde? Iſt das arme Lämmchen noch nicht geneſen?“ „Ach nein, Frau,“ antwortete der Taglöhner.„Wir ſind recht unglücklich: mein kleinſtes Mädchen iſt gleichfalls krank geworden, und mit meinem Weibe geht es faſt zu Ende. Sie kann nur mit Mühe noch vor Schwäche auf den Beinen ſtehen.“ „Ihr habt zwei kranke Kinder?“ rief die Frau im To tet? der D haben De ſeufzte Thrän krank, rung. darf e will n Kinde Frau ſeinen will T nehme Faſſe u ing nach Unter⸗ och ver— Hände; hien ſich gehend, Taglöh⸗ beſchäf⸗ d arbei⸗ r einem “ ſagte g arbei⸗ n. Ich nen gu⸗ aus... Arbeit ehr noch un ihrer weifeln⸗ d fragte es mit dch nicht r.„Wir ccheen iſt n Weibe ihe noch ie Frau im Tone innigen Mitleids.„Eure Frau iſt entkräf⸗ tet? Wer beſorgt dann die armen Kleinen? Kommt der Doktor? Sie ſollten vielleicht ſtärkende Nahrung haben? Iſt wohl das Nöthige da, Jan?“ Der Taglöhner zuckte traurig die Achſel und ſeufzte: „Wir ſind zu Sieben, Frau; ich verdiene andert⸗ halb Francs täglich. Jedes einen Biſſen Brod...“ „Aber das iſt unmenſchlich!“ rief ſie mit einer Thräne im Auge aus.„Die armen Kinder, ſie ſind krank, ſie brauchen Arznei, gute Pflege, kräftige Nah⸗ rung... und ſie haben vielleicht Hunger! O, ſo darf es nicht bleiben. Komm', Jan, folge mir; ich will mit Dir in Dein Haus, ich will Deine Kinder ſehen, Ihnen Hülfe bringen, Deine Frau tröſten. Un⸗ glückliche Mutter, was muß ſie leiden!“ Mit derſelben Miene der Beſtürzung, wie die Magd, blieb der Taglöhner bewegungslos ſtehen, als begriffe er nicht, was geſchehe; aber die Frau faßte ihn bei der Hand und zog ihn nach der Thüre, auf die Straße, während ſie ausrief: „Komm', Du ſollſt Dich freuen; ich will Deinen Kindern die Geſundheit wieder geben; ich will Deine Frau glücklich machen. Du haſt meinem Mann und ſeinem Vater ſeit zwanzig Jahren treu gedient; ich will Dich belohnen, Deine Kinder unter meinen Schutz nehmen, das Elend aus Deinem Hauſe verbannen. Faſſe Vertrauen, Jan. Komm', komm'!“ Und ſie verſchwand mit dem alten Arbeiter auf der Straße. Der Andere ſah ihr nach und ſtarrte dann eine Weile nachdenklich vor ſich hin, ohne ſich zu rühren; 262 dann erhob er die Hände und ſchüttelte den Kopf, während er Worte des Zweifels und der Verwunde⸗ rung in ſich hinein murmelte. In das Magazin tretend, fragte die Magd mit geheimnißvollem Ton: „Habt Ihr ſie geſehen, Jakob? Wo iſt ſie?“ „Sie iſt mit Jan in ſein Haus gegangen, um ſeine Kinder zu beſuchen und ſeine Frau zu tröſten,“ antwortete der Andere, ſtammelnd vor Erſtaunen. „Was denkt Ihr davon, Jakob?“ „Ich wage es nicht auszuſprechen.“ „Ach, die Arme, ſollte ſie wirklich wahnſinnig ge⸗ worden ſein?“ „Sie iſt ganz weg, Hanne.“ „Was für ein ſchreckliches Unglück, nicht wahr?“ „Es iſt ſicherlich ein Unglück für ſie. Aber für die Andern? Für Herrn Pottewal vornehmlich? Viel⸗ leicht darf der gute Mann für ſeine alten Tage noch auf ein Bischen Ruhe hoffen.“ „Habt Ihr geſehen, Jakob, wie wild ihr die Augen in dem Kopfe ſtehen?“ „Nein, im Gegentheil; ich habe einen Augenblick geglaubt, ſie werde uns umarmen, ſo freundlich war ſie. Aber, Hannchen, hat ſie denn das Uebel ſo plötz⸗ lich befallen?“ „Plötzlich, wie ein Hammerſchlag! Sie war in dem Zimmer, das auf die Straße geht; ich hörte ſie laut mit ſich ſelbſt ſprechen, konnte aber nicht ver⸗ ſtehen, was ſie ſagte. Plötzlich rief ſie:„Mutter, Mutter, Mutter!“ gleich Jemand, der ausnehmend erfreut iſt. Ich wagte nicht nach ihr zu ſehen, aber kurz hernach kam ſie zu mir, faßte mich freundlich bei den Hä mir Ge und ich Der dann: „S ter in ſie ſelb der Stu Tage a „I gleichfa Kopf h ſie gut ſache. geſcholt „S erbleich „G Taglöh leicht g n Kopf, rwwunde⸗ agd mit ſie?“ en, um röſten,“ men. nig ge⸗ wahr?“ ber für 2 Viel⸗ ge noch ihr die genblick ich war ſo plötz⸗ war in örte ſie ht ver⸗ Mutter, lehmend i, aber gziich bei 263 den Händen, ſagte mir lauter ſüße Worte und gab mir Geld. Ihre Augen ſchienen jedoch zu flammen, und ich fürchtete mich vor ihr.“ Der Taglöhner beſann ſich eine Weile und ſagte dann: „Sie war doch ſeit ein paar Wochen etwas ſanf⸗ ter in ihrem Benehmen, kam es mir vor. Ich habe ſie ſelbſt vergangene Woche des Bäckers Kind auf der Straße küſſen ſehen. Ich glaubte von dieſem Tage an meinen Augen nicht mehr trauen zu dürfen.“ „Ja nun da Ihr es ſagt, Jakob, ſo habe ich gleichfalls bemerkt, daß ſie etwas Unbegreifliches im Kopf hatte und nicht war wie gewöhnlich. Jetzt war ſie gut und dann wieder böſe, ohne Grund und Ur⸗ ſache. Dieſen Mittag hat ſie mich noch ſo ſchrecklich geſcholten, daß ich eine halbe Stunde daſaß und wei⸗ nen mußte... Und was ſoll nun daraus werden, Jakob?“ „Man wird ſie in das Irrenhaus thun, Hanne.“ „Bis ſie wieder geneſen iſt?“ „Solche hochmüthige, ſchlimme Menſchen geneſen nicht mehr davon, Hanne. Mache ein Kreuz darüber; es iſt aus mit ihr. Wer weiß, ob ſie nicht bald ſo wild und raſend wird, daß man ſie binden muß?“ „Himmel, Ihr macht mich zittern, Jakob! Ich bin allzeit ſo allein mit ihr!“ Die Hausglocke wurde geläutet. „Da iſt ſie! Ach, da iſt ſie!“ ſeufzte die Magd erbleichend. „Geh', öffne ſchnell die Thüre, Hanne,“ ſagte der Taglöhner.„Laß ſie nicht warten; das wäre viel⸗ leicht genug, um ſie wüthend zu machen. Fürchte 264 Nichts: ich werde an der hintern Thüre ſtehen und horchen; einen einzigen Ruf, und ich eile Dir zu Hülfe.“ Traurig und angſterfüllt ſchritt die Magd durch den Gang bis zu der Thüre und fragte dann: „Wer hat geläutet?“ Da ſie hörte, daß es die Mutter ihrer Gebiete⸗ rin war, öffnete ſie eilig die Thüre. „Was ſoll das bedeuten?“ fragte Madame Ro mys lachend.„Fürchteſt Du Dich vor Dieben am hellen Tage? Biſt Du denn allein zu Hauſe, Hanne? Iſt meine Tochter ausgegangen?... Du gibſt keine Antwort? Was haſt Du?“ „Ach, Madame Romys, ich kann vor Angſt und Beſtürzung kaum noch auf meinen Beinen ſtehen. Meine Frau iſt mit Jan, dem Taglöhner, in ſein Haus gegangen, um ſeinen kranken Kindern zu hel⸗ fen und ſeine arme Frau zu tröſten!“ „Nun, das iſt ſchön von ihr. Warum verwun⸗ derſt Du Dich darüber? Gott ſei gelobt, daß er ihr einen ſo guten Gedanken eingegeben hat,“ ſagte Madame Romys erfreut. „Aber, aber ſie iſt leider ſelbſt krank, ſehr krank,“ ſtotterte das Mädchen. „Krank? Und ſie iſt fort, um Jans Kinder zu beſuchen? Wie meinſt Du das, Hanne?“ „Ich weiß es nicht, Madame, ich wage es nicht zu ſagen; ihre Sinne, ihr Gehirn...“ Und ſie griff an ihre Stirne, während ſie einen Seufzer ausſtieß. Madame Romys erbleichte und ſchaute die Magd mit einem ſtarren Blicke an.. „4 ſie kon Ka erſchien Freude merkte ſie der währer „2 komm frohe freudie Ir flog il ihr Ob einen Antlit M ihrer die A Zweif geprie Ar Hals ſchaftl hing an de Romy 8 77* Dich en und Dir zu ) durch bebiete⸗ ne Ro een am Hanne? ſt keine gſt und ſtehen. in ſein zu hel⸗ erwun⸗ daß er ſagte krank,“ nder zu s nicht eeinen Magd 265 „Horch! Da höre ich ihre Stimme. Sie kommt, ſie kommt!“ Kaum war dieſes Wort aus ihrem Munde, ſo erſchien Madame Pottewal auf der Thürſchwelle. Ein Freudenruf entſchlüpfte ihr, als ſie ihre Mutter be⸗ merkte. Ohne ihr Zeit zum Sprechen zu laſſen, faßte ſie deren Arm und ſagte in leidenſchaftlichem Tone, während ſie dieſelbe durch den Gang zog: „Mutter, liebe Mutter, ich bin ſo glücklich! Komm', komm', mein Herz geht mir über. Du ſollſt eine frohe Botſchaft vernehmen. Beeile Dich, lauf': das freudige Geheimniß brennt mir auf den Aingene In das Zimmer getreten, warf ſie die Thüre flog öhier Mutter an den Hals, legte den Mund an ihr O hr und flüſterte derſelben einige Worte zu, welche einen Strahl der Freude und Verwunderung auf das Antlitz der alten Frau riefen. Madame Pottewal trat dann ſchnell zurück, ſah ihrer Mutter mit einem triumphirenden Lächeln in die Augen und ſprach faſt athemlos: „Nun, nun, was ſagſt Du dazu?“ „Ach, iſt es wahr?“ rief die alte Frau.„Kein Zweifel mehr, Du wirſt Mutter werden! Gott ſei geprieſen um ſeiner Barmherzigkeit willen!“ Auf's Neue warf Madame Pottewal ſich an den Hals ihrer Mutter und küßte ſie mehrmals leiden⸗ ſchaftlich. Thränen glänzten in ihren Augen und ſie hing eine Weile, wie ihrer Bewegung unterliegend, an der Bruſt ihrer Mutter. Dann faßte Madame Romys ihrer Tochter Hand und ſagte: „Komm', mein Kind, laß uns ſitzen. Du mußt Dich nicht ſo gewaltſam aufregen; das iſt unvorſich⸗ 266 tig. Bezwinge Dich, ſuche Dich zu beruhigen; Du könnteſt Dir ſonſt ſelbſt wehe thun.“ „Wehe, Mutter? Kann die Freude Jemand Schaden thun?“ „Alle heftigen Gemüthsbewegungen ſind ſchädlich, Thereſe: die übermäßige Freude nicht minder, als die übermäßige Betrübniß. Thue Dir Gewalt an, um Deine Erregung zu überwinden.“ Madame Pottewal, zu dem Bewußtſein einer neuen Pflicht aufgerufen, ſetzte ſich auf einen Stuhl und antwortete mit wunderbarer Ruhe in ihrer Stimme:— „Du haſt Recht, liebe Mutter, ich will mich ſtille halten und mich ſelbſt beherrſchen. Sage mir Etwas, ſprich mir von andern Dingen, damit ich mein Glück einen Augenblick vergeſſen kann.“ „Wie wird dieſe Nachricht den guten Pottewal erfreuen!“ murmelte die alte Frau.„Er war ſehr erbittert auf Dich; aber das wird ihn auf beſſere Gedanken bringen. Sei gegen ihn nun gleichfalls ein Bischen freundlich; beherrſche die Reizbarkeit Deines Gemüths; vergiß nicht, daß er der Vater Deines Kindes iſt.“ „Himmel, was ſagſt Du da, Mutter?“ rief The⸗ reſe mit unbedachter Heftigkeit aus.„Aber ich muß ruhig bleiben und gelaſſen ſprechen. Gegen ihn freundlich ſein? Ihn? Pottewal? Meinen Gatten? Ach, könnte ein Engel des Herrn ihm die frohe Bot⸗ ſchaft in die Ohren flüſtern! Er komme nur; ich werde ihn auf den Knieen um Verzeihung bitten für all den Kummer, welchen ich ihm angethan habe; ich werde ihn lieben, umarmen, ich werde ihm dankbar die Hand d durch T Maß zung ih kündend ſchüttelt ihre G heit for „M Mutter frage m. Verände daß der Quell v zu öffne mir Gor Alles, liebensr mann lich bin „W dame 9 wußte zens Ed leicht n denken, „W men la Gewalt nehmun Seele bittert, emand Fädlich, als die , um einer Stuhl ihrer h ſtille Ftwas, Glück pttewal ur ſehr beſſere ichfalls barkeit Vater ef The⸗ h muß in ihn hatten? ſe Bot⸗ werde für all e; ich bar die 267 Hand drücken, ich werde ſein Leben durch Zuneigung, durch Demuth, durch Achtung vor ihm beglücken.“ Madame Romys betrachtete mit einiger Beſtür⸗ zung ihre Tochter; ſie erinnerte ſich der Unheil ver⸗ kündenden Worte von Hanne, der Dienſtmagd, und ſchüttelte zweifelnd den Kopf. Thereſe durchſchaute ihre Gedanken und fuhr mit größerer Gelaſſen⸗ heit fort: „Meine Aeußerungen ſetzen Dich in Erſtaunen, Mutter, nicht wahr? Bei mir iſt es ebenſo; ich frage mich ſelbſt nach dem Räthſel dieſer gründlichen Veränderung meiner Natur. Sollte es wahr ſein, daß der Muttername allein genügt, um einen milden Quell von Liebe und Güte in dem Herzen der Frau zu öffnen? Ja, ja, es muß wohl ſo ſein: ſeitdem mir Gott dieſe neue Beſtimmung offenbarte, liebe ich Alles, Menſchen und Dinge; Alles iſt ſchön und liebenswerth in meinen Augen; ich möchte Jeder⸗ mann glücklich ſehen, ſo wie ich ſelbſt nun glück⸗ lich bin!“ „Was für ſchöne Worte, Thereſe!“ ſagte Ma⸗ dame Romys, ihrer Tochter die Hand drückend.„Ich wußte es wohl, daß auf dem Grunde Deines Her⸗ zens Edelmuth und Wohlwollen verborgen lag. Viel⸗ leicht wird Pottewal voll Entzücken an eine Ehe denken, die ihn bis jetzt nicht glücklich gemacht hat.“ „Was habe ich mir gegen ihn zu Schulden kom⸗ men laſſen!“ ſeufzte Thereſe.„Ich habe ihn mit Gewalt zu gewagten, vom Zufall abhängigen Unter⸗ nehmungen gezwungen, ſeinen Geiſt aufgeregt, ſeine Seele mit Bekümmerniß erfüllt und ſein Leben ver⸗ bittert, aus bloßer Gier nach Reichthum, nach Geld. 268 Jetzt werde ich reich ſein! Jetzt ſoll er ruhen, jetzt ſol ſein Haus ihm nicht mehr zuwider ſein; er ſoll g bieten, er, das Haupt meiner Familie; ich, die Mor⸗ ter ſeiner Kinder, ich werde gehorchen, aus freiem Willen, mit unzerſtörbarer Liebe!“ „Seine Angelegenheiten ſtehen jedoch jetzt ſehr gut, Thereſe? Hat er nicht in kurzer Zeit hundert⸗ tauſend Francs gewonnen?“ „Aber, Mutter, was ſind hunderttauſend Francs ohne Frieden des Gemüths, ohne Lebensgenuß?“ „Wahrhaftig, Thereſe,“ ſprach die alte Frau, zich muß mich über Dich wundern! Nicht daß ich Deine Worte mißbilligte, das ſei ferne; aber ſo ge⸗ wiß ich auch zu wiſſ ſen glaubte, was der Mutter name bei einer Frau vermag, ſo hätte ich mir nie vorgeſtellt, daß ſein Einfluß ſo gar weit reiche.“ Madame Pottewal ſchwieg und ſchien mit ihren Gedanken von dem Geſpräch ſich weit hinweg ver⸗ irrt zu haben.— Plötzlich ſprach ſie mit funkelnden Augen: „Mutter, wenn es ein Knabe wäre?“ „Das iſt möglich, Kind.“ „Ha, er ſoll nicht in Darlingen bleiben; er ſoll Etwas lernen, auf die Univerſität gehen, Advokat, Künſtler, Gelehrter werden, gut zu Pferde ſitzen, Muſik verſtehen, edel von Geiſt und Herzen. Be⸗ hüte Gott, daß ich einen geldgierigen und mate⸗ riellen Intereſſen ergebenen Menſchen ohne ſitttliche Würde aus ihm machen ſollte! Nein, nein, er ſoll ausgerüſtet werden mit Allem, was nöthig iſt, um das Leben zu genießen und der Menſchheit Nutzen zu bringen.“ 8 „W möchte über hören. „, „meine ſie in nach H nicht gleiten Spielſ kaufen muß nieder den 2 bitten wiſſen, gangern „Scho Hinter bringe men! den; nen 8 um G ihn u dann ſein.“ M der T „ jetzt ſoll ſoll ge⸗ ie Mut⸗ freiem tzt ſehr zundert⸗ Francs 52“ e Frau, daß ich ſo ge⸗ Mutter⸗ mir nie he.“ it ihren deg ver⸗ nkelnden er ſoll Advokat, e ſitzen, n. Be⸗ dmate⸗ ſittliche „er ſoll iſt, um Nutzen 269 „Das iſt ſeltſam,“ murmelte die alte Frau,„man möchte ſagen, Du habeſt Deine Schweſter Hermina über die Zukunft ihres kleinen Ernſt ſprechen hören.“ „Hermina?“ wiederholte Madame Pottewal, „meine gute, liebe Schweſter? Wie ſehne ich mich, ſie in die Arme zu drücken! Wenn mein Mann nach Hauſe kommt, werde ich ihn fragen, ob er mich nicht morgen oder übermorgen nach Schärbeek be⸗ gleiten will. Ich will in Brüſſel allerlei ſchöne Spielſachen für die Kinder von meiner Schweſter kaufen. Das wundert Dich? Der Friede, die Liebe muß ſich zwiſchen zwei Schweſtern, zwei Müttern niederlaſſen. Fließt nicht von demſelben Blut in den Adern ihrer Kinder? Ich werde den Vater bitten, daß er mit uns geht; er muß gleichfalls wiſſen, daß ein neues Licht über der Familie aufge⸗ gangen iſt.“ „Der Vater?“ rief die Frau, nach der Uhr blickend. „Schon drei! Himmel, ich bin heimlich durch die Hinterthüre entſchlüpft, um Dir einen guten Tag zu bringen. Er iſt vielleicht ſchon nach Hauſe gekom⸗ men! Ich werde wieder recht ſtreng getadelt wer⸗ den; aber die gute Botſchaft wird wahrſcheinlich ſei⸗ nen Zorn abkühlen. Ich gehe, mein Kind... Nein, um Gotteswillen, halte mich nicht auf. Ich werde ihn um Erlaubniß bitten, Dich morgen zu beſuchen; dann wollen wir länger zuſammenplaudern und froh ſein.“— Madame Romys ſtand auf und wandte ſich nach der Thüre. 1 „Sag' Niemand Etwas davon,“ flehte Thereſe. 270 „Du begreifſt, daß mein Gatte die glückliche Bot⸗ ſchaft allein aus meinem Munde empfangen darf. Mit dem Vater kannſt Du wohl davon reden, aber Du mußt ihn bitten, daß er das Geheimniß bewahre, wenigſtens bis morgen, nicht wahr?“ „Ja, ja, lebe wohl, Thereſe,“ ſagte die alte Frau, indem ſie voll Beſorgniß durch den Gang eilte, um das Haus zu verlaſſen. Ihre Tochter ſah ihr nach, bis ſie in der Straße verſchwunden war, gab dann im Vorbeigehen der Magd einige Befehle und kehrte wieder in das Zim⸗ mer zurück. 1 Hier ließ ſie ſich auf einen Stuhl neben dem Tiſch nieder, hielt eine Weile den Blick in die Höhe, als richte ſie ein inniges Gebet zum Himmel, und ſchaute dann wieder in tiefen Gedanken zu Bo⸗ den. Sie lächelte hell,, murmelte undeutliche Worte und machte ſtille Geberden. Nachdem ſie eine Zeit lang ſich nicht von der Stelle gerührt hatte, ſtand ſie auf und ſchritt eilig zu einem hohen Schranke, welcher in einer Ecke des Zimmers ſtand. Sie nahm verſchiedene Stoffe heraus, betaſtete ſie, faltete ſie auseinander, wählte endlich ein Stück der feinſten Leinwand und breitete es über dem Tiſche aus. Geraume Zeit heftete ſie ihren Blick auf die Lein⸗ wand, als wäre ſie mit der Erwägung beſchäftigt, was ſie daraus machen ſollte. Sie legte ſie zwei⸗ und dreifach zuſammen, gleich Jemand, welcher das Maß und Verhältniß von Etwas berechnet. End⸗ lich griff ſie nach einer Scheere und ſchnitt und riß nach allen Richtungen durch den Zeug, bis derſelbe in viel war ſe in ihre ein dur Zeugni Ent und be einande vorrück annahn der Fr net wa zurück gerichte Wo Stückch war ei auf jed ließen ſehen. Die gefaltet baren von G ſchloß. Kräfte ken ver Hausth V in dem an ihr Da V Hohnla he Bot⸗ ei darf. u, aber ewahre, e Frau, te, um Straße hen der 1s Zim⸗ en dem e Höhe, l, und zu Bo⸗ Worte von der tt eilig jcke des heraus, endlich es über ie Lein⸗ chäftigt, e zwei⸗ her das End⸗ und riß derſelbe V 271 in viele große und kleine Stücke getheilt war. Sie war ſehr haſtig bei dieſer Arbeit, die Scheere zitterte in ihrer Hand, und ihrem Buſen entſtieg zuweilen ein dumpfer Laut, der von einer lebhaften Bewegung Zeugniß gab. Endlich räumte ſie eine Stelle des Tiſches ab und begann, die Stücke Leinwand über und neben einander zu ordnen. In dem Maße, als die Arbeit vorrückte und die Leinwand eine erkennbare Form annahm, ſchien eine immer heftigere Aufregung ſich der Frau zu bemächtigen... und als Alles geord⸗ net war, trat ſie mit einem Ruf der Bewunderung zurück und hielt zitternd das Auge auf ihr Werk gerichtet. Was ſie gemacht, oder richtiger, was ſie mit den Stückchen Leinwand auf dem Tiſche gezeichnet hatte, war ein Kinderkleidchen: die kleinen Aermel ragten auf jeder Seite hervor und mit Hülfe der Phantaſie ließen ſich die Aermchen des kleinen Weſens darin ſehen. Die entzückte Frau ſtand bewegungslos da, mit gefalteten Händen, in die Betrachtung dieſes ſonder⸗ baren Gegenſtandes vertieft, der eine ganze Zukunft von Glück und Mutterſeligkeit vor ihrem Blicke er⸗ ſchloß. Sie hatte die ganze Welt vergeſſen; alle die Kräfte ihrer Seele waren in einem einzigen Gedan⸗ ken verſchmolzen... Sie hörte nicht einmal, daß die Hausthüre geöffnet worden war, und erwachte erſt in dem Augenblick, als eine Art heiſeren Knurrens an ihr Ohr ſchlug. Da ſtand ihr Gatte im Zimmer, mit bitterem Hohnlachen auf dem Geſicht, mit bleichen Wangen, 272 wirren Haaren und übereinandergebiſſenen Zähnen! Sein Ausſehen war ſchrecklich: ein drohendes Feuer leuchtete in ſeinen Augen, und er ſchien ſeine Frau unter ſeinem anklagenden Blick vernichten zu wollen. Die Frau ſtieß einen ſchneidenden Angſtſchrei aus, ſprang empor und ſtreckte die Arme aus, um ihm an den Hals zu fliegen; aber er ſprach, mit geballter Fauſt ſie bedrohend, in finſterem Ton: „Zurück, giftige Schlange, die Du biſt! Ha, ha, Du wollteſt Dein Schlachtopfer umarmen? Ihm ſchön thun? Nun, nun es unterliegt? Falſche, heuchleriſche Frau, zurück, zurück, ſag' ich Dir! Horch', ich bringe Dir die Botſchaft von Deinem Siege. Es iſt das letzte Mal, daß Du Dich an meinem Kum⸗ mer erfreuen ſollſt...“ Die arme Frau erhob die zitternden Hände zu ihm und ſtammelte in der Verwirrung allerlei Bit ten, zwiſchen welchen das Wort Mutter mehr als einmal wiederholt wurde; aber das verzerrte Ge⸗ ſicht ihres Mannes, der Haß auf ſeinen Lippen, der Zorn in ſeinen funkelnden Augen flößten ihr ſolchen Schrecken und Schauder ein, daß ſie ſich auf einen Stuhl fallen ließ und von hier aus den beſtürzten Blick auf ihn richtete, während ſie der Meinung war, derſelbe ſei von einem wilden Irrſinn befallen. Die Magd erſchien unter der Thüre, aber Potte⸗ wal machte ihr mit dem Finger ein ſo gebieteriſches Zeichen, daß Hanne, von dem blitzenden Auge ge troffen, in die Küche zurückfloh. Er warf die Thüre zu, kreuzte die Arme auf der Bruſt, näherte ſich ſei⸗ ner Frau und ſprach mit bitterem Spott: „Endlich, Madame, iſt Ihr ſchönes Werk voll⸗ bracht. Verderl Die ge grauſan Das V Heirath meines boshaft Sie den au wehren, gen ge ſeinen walt ar Haſt ei lich mi Stelle Betrübr Die erfreut, ſchaute Augen. Er „M glücklich Trug b gegen es iſt; Sie umarm Worte von der Con ähnen! 3 Feuer le Frau wollen. rei aus, im ihm geballter Ha, ha, Ihm Falſche, Horch', ge. Es u Kum⸗ ände zu lei Bit tehr als rte Ge⸗ ven, der ſolchen if einen eſtürzten Keinung befallen. r Potte⸗ teriſches uge ge e Thüre ſich ſei⸗ erk voll⸗ 273 bracht. Er iſt zu Grunde gerichtet, der Mann, deſſen Verderben das Ziel Ihres Lebens zu ſein ſchien. Die gefährlichen Unternehmungen, wozu Sie mich ſo grauſam gezwungen, haben ihre Fruüchte getragen. Das Vermögen meiner Eltern, mein Gewinn, Ihr Heirathgut, Alles iſt verloren... ja ſogar die Ehre meines Namens!... Sehen Sie nun, wozu Ihre boshafte Natur mich getrieben hat...“ Sie ſtand auf und ſprang mit ausgeſtreckten Hän⸗ den auf ihn zu; er wich zurück und wollte ſie ab⸗ wehren, aber ſie drängte ſich gleich einer Wahnſinni⸗ gen gewaltſam zu ihm hin, ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals und hielt ihn mit unwiderſtehlicher Ge⸗ walt an ihr Herz gedrückt, während ſie ihm in aller Haſt einige Worte in's Ohr flüſterte, welche ihn plötz⸗ lich mit Lähmung zu ſchlagen ſchienen und an die Stelle des Zorns auf ſeinem Argeſicht eine tiefe Betrübniß und unendliche Muthloſigkeit ſetzten. Die Frau, über den Eindruck ihrer Offenbarung erfreut, zog ihre Arme von ſeinem Halſe zurück und ſchaute ihm mit einem bittenden Lächeln in die Augen. Er ſchwieg eine Weile ſtill und murmelte dann: „Mein Gott, iſt es möglich? Bin ich nicht un⸗ glücklich genug? Warum noch eine neue Folter? Trug oder Wahrheit, die Botſchaft vermag Nichts gegen das unerbittliche Vexhängniß. Es iſt zu ſpät, es iſt zu ſpät!“ 3 Sie ſuchte den ſchrecklichen Spruch zurückzuhalten, umarmte ihn von Neuem und richtete allerlei ſüße Worte an ihn; aber Herr Pottewal, wie betäubt von der Ueberzeugung, daß Nichts ihn vor dem Ver⸗ Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 274 derben und der Schande zu ſchützen vermöge, ſtarrte vor ſich hin und murmelte fortwährend im Tone der tiefſten Verzweiflung: „Es iſt zu ſpät, es iſt zu ſpät!“ Jetzt fiel die erſchrockene Frau vor ihm auf die Kniee und rief, die Hände zu ihm erhebend, unter Schluchzen aus: „Franz, mein guter Franz, komm zu Dir ſelbſt. Sieh, ich liege zu Deinen Füßen, ich krieche vor Dir unter Thränen. O, Gnade, Gnade für Dein Kind! Ich bin ſchuldig, ich habe Dir viel Leid angethan; wirf' Deinen Zorn, Deinen Haß auf mich, aber ich flehe Dich an, räche die Miſſethat der Muttter nicht an dem armen, unſchuldigen Weſen, welches Deinen Namen tragen ſoll! Franz, o Franz, höre mich an, ſei barmherzig!“ Ihr Gatte ſchaute mit traurigem Blick auf ſie nieder; er ſchien gerührt; in ſeinen Augen glänzte eine zurückgehaltene Thräne. „Dank, Dank!“ rief ſie, ohne aufzuſtehen.„Ver⸗ zeihung, ſchenke mir Deine Verzeihung; ich werde Dich ehren, werde leben, um meine Schuld gegen Dich zu büßen und abzutragen. Franz, ich bin die⸗ ſelbe Frau nicht mehr; ich werde Dich lieben, wie eine Mutter den Vater ihrer Kinder liebt. Und iſt dieß nicht genug, ſo fordere: ich werde Deine demüthige Sklävin ſein!“ Pottewal faßte ihre Hände, während er faſt un⸗ hörbar murmelte: „Thereſe, ach, ich vergebe Dir Alles. Möge Got Dich glücklich ſein laſſen auf Erden. Mit mir iſt es jedoch vorbei, mein Loos iſt beſchloſſen!“ U auf e weine S Arm Weile winne 27 Dein glückli ohne auf's die M zu er; nen. gung, zu ein Glaul bitter ganze Schul Muth Zukun über Austa thum iſt ein ſtarrig Guten den E Muth ,ſtarrte Tone der auf die d, unter ir ſelbſt. vor Dir n Kind! agethan; aber ich ter nicht Deinen mich an, auf ſie glänzte N„. 1.„Ver⸗ h werde d gegen bin die⸗ en, wie Und iſt rmüthige faſt un⸗ öge Gott nir iſt es V V 275 Und die Hände vor die Augen haltend, ſank er auf einen Stuhl nieder und begann bitterlich zu weinen. Seine Gattin ſetzte ſich neben ihn, legte ihren Arm um ſeine Schulter, ließ ſeinen Thränen eine Weile freien Lauf und ſprach dann, mit einer ge⸗ winnenden Süßigkeit in der Stimme: „Franz, mein Freund, verzweifle nicht. Wie groß Dein Verluſt auch ſei, er kann uns nicht ganz un⸗ glücklich machen. Wir haben Eltern, die uns nicht ohne Hülfe laſſen werden. Wenn wir den Handel auf's Neue und mit Vorſicht beginnen, können wir die Mittel aufbringen, um unſer Kind nach Gebühr zu erziehen. Wir werden ein kleineres Haus bewoh⸗ nen. Das Lächeln unſeres Kindes, unſere Zunei⸗ gung, unſere unzerſtörbare Liebe zu einander wird es zu einem Paradies von Freude und Frieden machen. Glaube nicht, daß jemals noch eine Klage oder ein bitteres Wort von meinen Lippen fallen wird. Mein ganzes Leben will ich an die Bezahlung meiner Schuld gegen Dich ſetzen. Komm', Freund, faſſe Muth, erhebe vertrauensvoll Dein Haupt: eine ſchöne Zukunft lächelt uns an. Betrübe Dich nicht ſo ſehr über den Verluſt unſeres Vermögens: uns wird im Austauſch dafür ein anderer, ein köſtlicherer Reich⸗ thum gewährt. Nein, fürchte Nichts: Deine Gattin iſt eine ſtarke Frau, Du weißt es. Sie war hals⸗ ſtarrig im Böſen; jetzt wird ſie mächtig ſein im Guten. Ja, ja, ſie wird Dich vertheidigen gegen den Schmerz, gegen die Erniedrigung, gegen die Muthloſigkeit...“ 18* 276 „Und gegen die Schande? Und gegen die Ent⸗ ehrung?“ murmelte Pottewal mit peinlichem Spott. „Sei aufrichtig, Franz,“ fuhr ſie fort,„ſprich deutlich; laß mich über den Umfang Deines Verluſtes urtheilen. Von nun an muß Alles gemeinſchaftlich zwiſchen uns ſein. Die Schande bedroht Dich, ſagſt Du? Das iſt unmöglich, Du biſt nicht im Stande, eine unehrliche Handlung zu begehen.“ „Meine Bücher ſind in Unordnung,“ ſeußzte er. „Ich war wahnſinnig geworden, Thereſe. Hundert Dinge zumal habe ich angefangen; ich ſchritt von einem Unternehmen zum andern, ich eilte mit ge⸗ ſchloſſenen Augen in mein Verderben, als ob ein endlicher, ein ſchrecklicher Fall das Ziel meiner auf⸗ geregten Sinne geweſen wäre... und ach, in den letzten Monaten habe ich Wenig oder Nichts aufge⸗ zeichnet. Wenn meine Gläubiger die Bücher nach⸗ ſchlagen und mich vor Gericht des Betrugs beſchul⸗ digen, werde ich nicht dann als ein falſcher Banke⸗ rottirer verurtheilt werden? Sieh. ſieh, dieß einzige Wort treibt mir den Angſtſchweiß auf die Stirne, Thereſe, ich habe Dich arm gemacht und den Namen Deines Kindes entehrt. O, ſchenke mir auch Ver⸗ zeihung!“ Statt aller Antwort drückte ſie ihn mit fieberiſcher Freude in ihre Arme. Pottewal weinte noch; aber ſein Schmerz war nicht mehr ſo ungeſtüm, und ſeine Thränen floßen in der Stille. „Aber, Franz,“ rief ſeine Gattin mit dem Schim⸗ mer der Hoffnung in den Augen,„wenn man Deine Gläubiger bezahlte oder Pfandverſchreibungen aus⸗ ſtellte, dann würden ſie doch Dich nicht verfolgen?“ Käufe ſend Auf zehn haben einget ich loren hunde bleich nats. Nun herun Auge C ſchwe „ uns und Ich einen Gefä e Ent⸗ Spott. „ſprich rluſtes daftlich „ſagſt ttande, zte er. undert tt von nit ge⸗ bb ein r auf⸗ in den aufge⸗ nach⸗ eſchul⸗ Banke⸗ einzige Stirne, ſtamen Ver⸗ riſcher aber ſeine Schim⸗ Deine aus⸗ gen?“ 277 „Unmöglich!“ ſeufzte Pottewal. „Nein, nein, das Geſchick iſt nicht unüberwindlich; mit Muth und Seelenſtärke trägt man überall den Sieg davon. Sage mir, ſage mir deutlich, was iſt geſchehen? Ich flehe Dich an, verbirg mir Nichts!“ „Die Sache iſt ſchrecklich, aber doch äußerſt ein⸗ fach,“ antwortete Pottewal.„Ich habe Schiffe mit Weizen gekauft, die noch unter Segel ſind; ich habe Käufe auf Termin geſchloſſen, für tauſend und tau⸗ ſend Hectoliter Roggen, die zu Amſterdam liegen. Auf dem Markte von Amſterdam iſt ein Abſchlag von zehn Francs per Hectoliter erfolgt. In Antwerpen haben bereits drei mächtige Häuſer ihre Zahlung eingeſtellt. An einem einzigen Tag, Thereſe, habe ich mehr als ſechshundert tauſend Francs ver⸗ loren...“ „Sechshundert tauſend Francs! Himmel, ſechs⸗ hundert tauſend Francs!“ wiederholte ſeine Frau, bleich vor Schrecken. „Ach, ja. Es iſt heute der letzte Tag des Mo⸗ nats. Morgen erfolgt die Abrechnung der Käufe. Nun laufen die glücklichen Speculanten wie wüthend herum, ſich ihres Gewinns zu verſichern. Keinen Augenblick Friſt wird man mir vergönnen.“ Es herrſchte eine Weile ein peinliches Still⸗ ſchweigen. „Komm, meine Liebe,“ fuhr Pottewal fort,„laß uns aufrichtig ſein. Verbannen wir alle Hoffnung und faſſen wir einen Entſchluß, ehe es zu ſpät iſt. Ich werde dieſe Nacht abreiſen, in andern Ländern einen Zufluchtsort ſuchen und ſo zum Mindeſten dem Gefängniß entgehen. Du wirſt Alles, Alles an meine 278 Gläubiger abtreten, nicht wahr? Nichts zurückbe⸗ halten, Nichts, auf daß mein Name doch unbefleckt bleibe, zum Mindeſten vor Dir und vor Gott? Deine Eltern werden Dich nicht verſtoßen; Du wirſt bei ihnen wohnen. Ach, ſei meinem Kinde eine gute, eine zärtliche Mutter; ich werde für Euch Beide immerdar beten und während meiner Verbannung im Geiſt und Herzen bei Euch ſein!“ Aus Thereſens Augen brach eine Thränenfluth; keuchend hob und ſenkte ſich ihre Bruſt und ſie ſchien in ihrem Innerſten gegen das grauſame Verhängniß anzukämpfen. Sich aufrichtend rief ſie: „Nein, nein, das ſoll nicht ſein! Viel eher folge ich Dir bis an's Ende der Erde. Aber es muß noch Mittel geben, dieſem ſchrecklichen Spruch vor⸗ zubeugen. Laß ſehen, Pottewal, wenn man einige hunterd tauſend Francs entlehnte, könnteſt Du da⸗ durch Deine Gläubiger nicht von einer Verfolgung abhalten?“ „Wer wird einem gefallenen Kaufmann ſo viel Geld leihen?“ „Wer? Mein Vater.“ „Dein Vater?“ wiederholte ihr Gatte mit bitte⸗ rem Unglauben. „Antworte mir um Gotteswillen!“ rief ſie.„Wie viel, wie viel mußt Du haben, um Zeit zu gewin⸗ nen, um ohne Gefahr, bis Alles geregelt iſt, im Lande bleiben zu können?“ „Dazu bedarf es ſo ſchrecklich viel nicht, Thereſe,“ war die gelaſſene Antwort,„aber es iſt gleichwohl nicht die mindeſte Hoffnung vorhanden, daß uns Jemand die nöthige Hülfe leiſten wird. Siehſt Du, das ſt ſcheinli rufen allgem ja zur Getrei gekauf ſo we ich da warten und v ganzer ſtändie Du pf erliege 8 „Was ich wi zweihr meine aber gleich oder dieſer dem Theil Und rrückbe⸗ befleckt Gott? a wirſt te gute, Beide innung nfluth; ſchien ängniß einige du da⸗ olgung ſo viel bitte⸗ „Wie gewin⸗ ſt, im hereſe,“ chwohl ß uns hſt Du, 279 das ſtarke, ſo plötzliche Sinken der Preiſe iſt wahr⸗ ſcheinlich durch die Liſt mächtiger Häuſer hervorge⸗ rufen worden. Daſſelbe wird wohl in Folge der allgemeinen Beſorgniß noch einige Zeit fortdauern, ja zunehmen. Muß nun die anſehnliche Quantität Getreide, welche ich vor deren Ankunft zur See an gekauft habe, unmittelbar zu Geld gemacht werden, ſo werde ich unendlich viel dabei verlieren. Kann ich dagegen das unfehlbare Steigen der Preiſe ab⸗ warten, dann wird mein Verluſt nicht ſo groß ſein, und vielleicht können wir durch Aufopferung unſeres ganzen Beſitzthums meinen Gläubigern noch voll⸗ ſtändige Genüge leiſten.“ „Aber wie viel, wie viel iſt nöthig? O, Franz, Du peinigſt mich unmenſchlich!“ rief die Frau, faſt erliegend vor Ungeduld. „Nein, hoffe Nichts, meine Liebe,“ ſeufzte er. „Was mir nöthig wäre, um Zeit zu gewinnen, wenn ich wirklich Hülfe finden könnte, iſt eine Summe von zweihundert tauſend Francs, um die Differenzen meiner auf Termin lautenden Ankäufe auszugleichen; aber dieſe zweihundert tauſend Francs müßte ich ſo⸗ gleich haben, dieſen Abend, morgen früh, in Geld oder in Banknoten. Wo können wir nur die Hälfte dieſer Summe auftreiben? Unterwerfen wir uns dem Schickſal...“ „Ach, mein Muth bricht nicht ſo leicht!“ rief Thereſe mit begeiſtertem Lächeln.„Mein Vater wird uns zu Hülfe kommen...“ „Dein Vater? Bitte ihn um den zwanzigſten Theil der Summe, er wird ſie unbarmherzig weigern. Und überdieß, Thereſe, hat er kein disponibles Geld.“ 280 „Es gibt Notare, Franz; es gibt Bankiers; man kann ſein Eigenthum verpfänden.“ Sie faßte ihn bei der Hand und ſagte ſehr ſchnell: „Nun, Franz, lieber Freund, laß mich machen. Ich gehe zu meinem Vater; und müßte ich Blut zu ſeinen Füßen weinen, er ſoll den Namen meines Kindes vor Unehre behüten! Verſprich mir, Dich ruhig zu verhalten, Vertrauen zu faſſen und unſer Haus vor meiner Rückkehr nicht zu verlaſſen Du verſprichſt mir das? Wohlan!“ Ihn in die Arme drückend, flüſterte ſie ihm noch einige zärtliche Worte in das Ohr und eilte dann aus dem Zimmer, während ſie noch mit fieberhafter Freude ihm zurief: „Laß die Hoffnung nicht fahren! O, ich habe Dir viel Kummer angethan; nun gibt mir Gott das Mittel in die Hand, mit dem Erſatz zu beginnen; ich werde Dich retten, ich werde Dich retten!“ V. „Julie, was bedeutet dieſe übermäßige Freude? Du haſt glückliche Nachrichten, ſagſt Du? Eine Kin⸗ derei gewiß? Hat vielleicht der dumme Pottewal eine halbe Million oder noch mehr gewonnen? Dann könnte ich Deine Erregung begreifen!“ So ſprach Romys zu ſeiner Frau, welche ihm bei ſeiner Heimkehr auf den Gang entgegen gelaufen und unter Bezeugungen großer Freude in den Saal gefolgt war. „Du wirſt Dich auch freuen, Bonifaz: Gott hat die El mit A von m „ Darun Wie ſe 7 armen halte und§ zwiſche zu Ste lich w rief R regend Dutzen reſe gl tröſten zu hal folgt 3 hin ſch Das i Begrei botſcha M ſinken 8; man ſchnell: machen. Blut zu meines r, Dich d unſer n )m noch e dann erhafter ich habe ott das ginnen; 1 Freude? ne Kin⸗ ottewal 2 Dann ihm bei gelaufen n Saal ott hat 281 die Ehe unſerer Tochter geſegnet!“ rief die alte Frau mit Augen, die vor Entzücken funkelten. „Was willſt Du ſagen?“ „Ah, ah, Thereſe wird Mutter werden!“ „So? Wer hat Dir das weiß gemacht?“ „Glaube mir, Bonifaz, es iſt durchaus nicht daran zu zweifeln. Ich bin davon ſo gewiß wie von meinem Leben überzeugt...“ „So? Und das nennſt Du eine gute Botſchaft? Darum biſt Du beinahe wahnſinnig vor Freude? Wie ſchlecht verſtehſt Du die Intereſſen der Familie!“ „Aber, Bonifaz, bedenke doch. Das Loos unſerer armen Thereſe war beklagenswerth; in ihrem Haus⸗ halte ſchien Nichts als Widerwillen, Haß, Verdruß und Hader zu leben. Es fehlte an einem Bande zwiſchen ihr und ihrem Mann, das Band wird nun zu Stande kommen. Sie werden Beide noch glück⸗ lich werden...“ „Ei, laß mich mit dieſen albernen Reden in Ruhe!“ rief Romys, durch ſeine eigenen Gedanken ſich auf⸗ regend.„Noch nicht genug, daß Hermina uns ein Dutzend kleine Kinder verheißt; da beginnt nun The⸗ reſe gleichfalls von ihrer Seite. Es iſt in der That tröſtend und ermunternd, zwanzig Erben in Ausſicht zu haben und von der ſchrecklichen Ueberzeugung ver⸗ folgt zu werden, daß unſere Familie, wenn wir da⸗ hin ſcheiden, aus einem Haufen Bettler beſtehen wird. Das iſt zum Verzweifeln! Thörin, die Du jubelſt! Begreifſt Du nicht, daß Du mir da eine Unglücks⸗ botſchaft bringſt?“ Madame Romys ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſchien durch die Art und Weiſe, wie ihr 282 Mann ihre Mittheilung aufgefaßt hatte, ganz entzaubert. Doch nahm ſie nach einem augenblick⸗ lichen Stillſchweigen wieder in flehendem Tone das Wort: „Nein, Bonifaz, übertreibe die Sache nicht. Der Haushalt von Thereſe wird ſich nicht in dem Maße, wie Du fürchteſt, vermehren. Du weißt, daß ich ſeit langer Zeit Gott um die Gnade angefleht habe, welche er unſerer Tochter nun gewährt. Ich war überzeugt, daß ſie nur unter dieſer Bedingung noch einiges Glück auf Erden zu erwarten hätte. Warum ſoll ich mich alſo nicht freuen, nun der innigſte Wunſch meines Mutterherzens in Erfüllung geht? Du haſt unſere Thereſe ganz beſonders gern, Bonifaz. Die Nachricht, daß ihr bitterer Kummer zu Ende geht, kann Dich alſo nicht ganz gefühllos laſſen!“ Herr Romys hörte nicht auf dieſe Worte; er rieb ſich brummend die Stirne und ſchien von pein⸗ licher Ungeduld ergriffen. Wie mit ſich ſelbſt ſpre⸗ chend, ſagte er voll Bitterkeit: „Müßte ein Stein aus dem Himmel fallen, er träfe mich gewiß flach auf den Kopf! Alles dreht ſich gegen mich. Der häßliche Dummbart, von ſeiner eigenen Bosheit verzehrt, bekam ein Ausſehen, als ginge er mit ſchnellen Schritten dem Grabe entgegen. Er zehrt ab, er wird zuſehends mager, er wird es nicht mehr lange treiben, das iſt gewiß. Hätte er die Welt ohne einen Erben verlaſſen, ſo wäre unſere Thereſe von ſeiner grauſamen Tyrannei erlöst ge⸗ weſen und überdieß in den Beſitz des ganzen Ver⸗ mögens der Pottewal gelangt. Sie hätte ſich zu verläßig zu einer zweiten Che nicht entſchloſſen. Demna haben; um ein jetzt iſt das Ki⸗ ein unb Familie Ma „Willſt bin nich 236 ſam, Bonifa; den To hindern tadelns Burſche glücklich Die blickte 2 ſagte 9 Mutter digſt D Dich de nicht wo wal nu ſeiner? den M ganz enblick⸗ ne das t. Der Maße, daß ich t habe, ch war ig noch eum ſoll Wunſch du haſt Die . de geht, rtes er n pein⸗ ſt ſpre⸗ len, er reht ſich ſeiner en, als atgegen. es nicht eer die unſere löst ge⸗ en Ver⸗ ſich zu ſchloſſen. 283 Demnach würde ſie ihre Wohnung bei uns genommen haben; unſer perſönliches Vermögen wäre dadurch um eine halbe Million vermehrt worden... Wehe, jetzt iſt es mit dieſer glänzenden Ausſicht vorüber: das Kind, über deſſen Ankunft Du Dich freueſt, iſt ein unheilvolles Hinderniß für die Erhebung unſerer Familie!“ Madame Romys wich mit einem Ausdruck, des Schreckens auf ihrem Angeſicht zurück. „Was ſoll das bedeuten?“ rief ihr Mann. „Willſt Du mich erzürnen? Merke Dir, Julie, ich bin nicht geneigt, viel Geduld zu üben!“ „Ich täuſche mich ſicherlich,“ murmelte ſie furcht⸗ ſam,„ſonſt würden Deine Worte entſetzlich ſein, Bonifaz. Nein, nein, es iſt unmöglich: Du kannſt den Tod des armen Pottewal nicht wünſchen.“ „Wenn er ſterben will, wie ſollte ich ihn daran hindern?“ entgegnete Romys.„Unbegreiflich und tadelnswerth iſt Dein Mitleid mit dem herzloſen Burſchen, der unſer Kind zu Boden drückt und un⸗ glücklich macht.“ Die Frau ſchlug beide Hände zuſammen und blickte ſprachlos zum Himmel. „Ich begreife, was Deine Geberden bedeuten,“ ſagte Romys, mehr und mehr erbittert.„Schlechte Mutter, die Du biſt! In Deinem Herzen beſchul⸗ digſt Du Deine eigene Tochter.— Pottewal iſt für Dich das Opfer von Thereſens bösartigem Naturell, nicht wahr? Seltſame Verblendung! Was thut Potte⸗ wal nun, ſeit drei Monaten? Er ſpricht niemals mit ſeiner Frau ein freundliches Wort, und er thut nur den Mund gegen ſie auf, wenn ſie ihn mit Gewalt 284 zum Sprechen zwingt. Er treibt Handel, großen Handel, ſagt man; aber weder ſeine Frau, noch ich, ſein Schwiegervater, vermag ein einziges Wort ihm abzulocken, damit man weiß, was er unternimmt, und was für Geſchäfte er macht. Er widerſteht unſeren Vorwürfen, unſeren Bitten mit der bornir⸗ teſten Halsſtarrigkeit. Ach, wenn er nicht wahnſinnig iſt, dann muß er die Bosheit und Falſchheit ſelbſt ſein. So verlauft die Zeit, ſo wird die Hungersnoth. in Flandern vorübergehen, ohne daß er einen einzigen merklichen Gewinn von der erſtaunlichen Theuerung des Getreides davon trägt. Nun ginge es mit Leichtigkeit! Wir wiſſen nicht, was er thut. Und fammer ich ſollte ihn nicht verachten, den Niederträchtigen, der unſere Familie vielleicht um mehr als eine Mil⸗ lion beſtiehlt? Ja, ja, beſtehlen iſt das rechte Wort: er braucht dieſe Million nur aufzuraffen! aber er, aus Haß gegen ſeine arme Frau und gegen uns, er will kein Geld gewinnen. Er würde uns damit zu große Freude machen!“ „Er hat bereits hundert tauſend Francs gewon⸗ nen,“ murmelte die Frau. „Ich glaube Nichts davon.“ „Es iſt aber doch wahr, Bonifaz.“ „Aber woher können wir es wiſſen? Er ver⸗ heimicht ſeine Geſchäfte ſelbſt vor ſeiner Frau!“ „Es hat einige gute Tage im Hauſe unſerer Tochter gegeben, Romys. So erfreut war Pottewal über dieſen anſehnlichen Gewinn, daß er allen vor⸗ angehenden Hader vergeſſen zu wollen ſchien. Er hat damals den Stand ſeiner Geſchäfte ſeiner Frau mitgetheilt und ihr bewieſen, daß er wirklich einen reinen macht „A ſagt D ſollte n unglück ſchäfte Heirath Sarg ſeit zw Schlaf gekomm ſeinigen Eiſenba Die M langem iſt Erni ſo weit wird a Francs ſein, n „Man wird de ringe V heit.. großen noch ich, Bort ihm ernimmt, biderſteht bornir⸗ ihnſinnig eit ſelbſt einzigen heuerung es mit ait. Und kammer zur Verhandlung. Da taucht neben dem Fächtigen, eine Mil⸗ te Wort: rer, aus ,er will amit zu 3 gewon⸗ au!“ unſerer Pottewal llen vor⸗ ien. Er ner Frau ich einen 285⁵ reinen Gewinn von hundert tauſend Francs ge⸗ macht hat.“ „Aber ſeitdem? Er iſt boshafter als je. Wer ſagt Dir, daß er nicht ebenſo viel verloren hat? Es ſollte mich nicht wundern, wenn er, nur um uns unglücklich zu machen, abſichtlich ſich in ſchlechte Ge⸗ ſchäfte einließe. Ach, ich habe es wohl geahnt: die (Heirath meiner Tochter ſollte der Nagel zu meinem gersnoth Sarg werden. Da iſt Ernſt de Cock, der mich ſeit zwei Jahren mit ſeinem Eiſenbahn⸗Entwurf in Schlaf wiegt. Nun iſt der entſcheidende Augenblick gekommen; ſein Entwurf gelangt in der Deputirten⸗ ſeinigen ein anderer Entwurf auf, welcher der Eiſenbahn eine ganz verſchiedene Richtung gibt. Die Mehrheit ſcheint ihm nicht günſtig. Nach ſo langem Hoffen, nach ſo langem Luftſchlöſſerbauen iſt Ernſt jetzt mit ſeiner Arbeit und ſeinen Opfern ſo weit gekommen. Sei verſichert, ſein Entwurf wird abgelehnt. Wieder hundertzwanzig tauſend Francs verloren!— Und ich ſoll lachen und froh ſein, weil die Zahl unſerer Erben zunimmt, wäh⸗ rend ſich unſere Mittel drohend vermindern? Mein Gott, was ſoll noch aus den Romys werden? Eine Er ver⸗ alte, reiche Familie, deren Abkömmlinge vielleicht zum Rang von Handwerkern herabſinken.“ Es wurde ſehr heftig an der Hausthüre geläutet. „Was für ein Lümmel iſt das?“ grollte Romys. „Man wird noch bald die Glocke herunterreißen. Es wird der Milchbauer ſein. Ich weiß nicht, das ge⸗ ringe Volk treibt es gegenwärtig zu einer Unverſchämt⸗ heit... Ei, was hat dieß nun wieder zu bedeuten? 286 Sollte Dein Mann Dich mißhandelt haben, Thereſe? Du biſt ſo bleich!“ Thereſe war in das Zimmer getreten; ihre Miene trug die Zeichen äußerſter Angſt, und ihre Bruſt hob ſich ſichtbar. Sie ſchwieg einen kurzen Augenblick, um ihre Kräfte zu ſammeln und ihren Schmerz zu bezwingen. „Nun, willſt Du wohl ſprechen?“ rief Romys. Ihm ihre Arme um den Hals legend, klagte The⸗ reſe mit bewegter Stimme, während ſie ihren Kopf an ſeine Bruſt fallen ließ: „O, Vater, habe Mitleiden mit mir! Ein ſchreck⸗ liches Unglück hat Pottewal betroffen; ich unterliege vor Angſt, vor Kummer...“ „So? Iſt er vielleicht todt?“ fiel ihr Romys mit einem Lächeln auf den Lippen in's Wort. „Du allein kannſt uns noch retten. Wenn Du meine Bitte verweigerſt, ſo ſind wir verloren; aber Dein Vaterherz wird Dir zureden; Du wirſt ſie nicht abſchlagen, um des Glücks Deiner Tochter, um der Ehre der Familie willen, einen Theil Deines Ver⸗ mögens zu opfern, nicht wahr?“ Ihr Vater wich ein paar Schritte zurück, blickte ſie zornig an und rief: „Was iſt das? Was ſagſt Du da? Einen Theil meines Vermögens aufopfern? Biſt Du wahnſinnig geworden, Thereſe? Hat Dein Mann ſchlechte Ge⸗ ſchäfte gemacht, ſo iſt es ſeine Sache. Es wird doch ſo arg nicht ſein, als Deine düſtern Worte uns bei⸗ nahe befürchten laſſen?“ „Arg? Ach, es iſt ein ſchreckliches Unglück!“ rief Thereſe, durch die entmuthigenden Worte ihres Vaters Getreit gefaller verlore Madan auf ein Th blick r ſtand l weit g und g faßte ſ „U hunder „N traurig glaubſt ſehr g⸗ nen, m Getreit hat au min ge Thereſe? te Miene ruſt hob genblick, merz zu domys. gte The⸗ ren Kopf n ſchreck⸗ nterliege Romys rt. Jenn Du en; aber ſie nicht um der nes Ver⸗ , blickte ien Theil ahnſinnig echte Ge⸗ vird doch uns bei⸗ inglück!“ rte ihres 287 Vaters mit Schrecken geſchlagen.„Der Preis des Getreides iſt heute um zehn Francs per Hectoliter gefallen. Pottewal hat ſechs hunderttauſend Francs verloren...“ „Sechs hunderttauſend Francs!“ wiederholte ihr Vater, bleich wie eine Leiche. „O Himmel, ſechs hunderttauſend Francs!“ klagte Madame Romys, mit den Händen vor den Augen auf einen Stuhl ſinkend. Thereſe zitterte und ſchien verſtummt beim An⸗ blick von ihres Vaters tödtlicher Beſtürzung. Er ſtand bewegungslos da gleich einem Steinbilde, mit weit geöffneten Augen, mit feſt geſchloſſenen Lippen und geſträubten Haaren.— Sie näherte ſich ihm, faßte ſeine Hand und ſagte: „Nun, lieber Vater, beruhige Dich; das Unglück iſt gewiß groß, aber mit Deiner Hülfe...“ „Und Dein Heirathgut? Dein Heirathgut?“ ſtieß er in dumpfem Ton hervor. „Verloren, Vater; Alles iſt verloren, wenn Du uns Deinen Beiſtand verweigerſt.“ „Beiſtand? Was für einen Beiſtand? Sechs hunderttauſend Francs? Der Mörder?“ „Nein, höre mich an, Vater; ich will Dir den traurigen Vorfall erklären. Es iſt nicht ſo, wie Du glaubſt. Du weißſt, daß Pottewal ſeit einiger Zeit ſehr große Geſchäfte machte, um Millionen zu gewin nen, wenn ihn das Glück begünſtigte. Er hat viele Getreideſchiffe gekauft, die noch unter Segel ſind; er hat auch einige Tauſend Hectoliter Roggen auf Ter⸗ min gekauft. Auf den Märkten von Amſterdam und 288 London iſt es plötzlich zu einem Abſchlag von zehn Francs gekommen. „Laß mich in R duhe: ich will Nichts hören,“ pol⸗ terte Romys, ſeine Tochter mit der Hand von ſich ſtoßend.„Du, Deine Schweſter, Deine Mutter, Ihr ſeid Alle mit einander zu meinem Unglück geboren. Mich wird der Schlag noch treffen! Sechs hundert⸗ tauſend Francs unſerer Familie geſtohlen! Es iſt, als ob mir das Blut aus allen Adern abgezapft würde; ich kann todt zu Euren Füßen niederfallen... und Du, unglückliches Kind, Du ſcheinſt nicht ver⸗ nichtet, Du kaanſt noch reden, ohne eine Thräne in den Augen! O, ich habe zu lang gelebt!“ Er warf ſich auf einen Seſſel und wandte ſeiner Tochter den Rücken zu. Dieſe ſtand völlig niederge⸗ ſchlagen da und kämpfte mit ſchmerzlicher Gewalt gegen die Entmuthigung; ihre Wangen, ihre Lippen zitterten; ihre Augen irrten von ihrem Vater zu ihrer Mutter, als ſuchte ſie eine Zuflucht gegen die Ver⸗ zweiflung, welche ſie zu überwältigen drohte; aber Dir geſ Segel Unterſch luſtes. lang ar könnte? nes Ver „Nu Romys. „De ferenz werden. ihn für nehmen, das Ausſehen der verſtummten Frau konnte ihr keine Hoffnung auf Beiſtand gewähren, denn ſie ſaß mit gebücktem Kopfe da und bebte ſichtbar vor Schrecken. Dur das Gefühl der Nothwendigkeit geſtärkt, raffte Thereſe allen ihren Muth zuſammen, näherte ſich ihrem Vater und ſagte: „Thränen? O, ich möchte weinen! Aber die Verzweiflung kann uns nicht retten. Das Schickſal ſteht vor uns, es bedroht uns mit Verderben und Schande; wir müſſen es bis zum Ende bekämpfen. Komm', Vater, höre mir zu, ich flehe Dich an! Ver⸗ ſteh' mich wohl: unter dem Verluſt, von dem ich der See Tages; Verderb Preiserl tauſend in Bank können unſern. helfen; Freunde großmüt Wohltho tauſend Ron der Bru auf den „Zw Conſ on zehn 1,“ pol⸗ von ſich er. Ihr geboren. hundert⸗ Es iſt, ogezapft Ulen... ht ver⸗ räne in e ſeiner iederge⸗ Gewalt Lippen zu ihrer ie Ver⸗ ; aber hr keine ſaß mit chrecken. geſtärkt, näherte ber die Schickſal den und impfen. ! Ver⸗ dem ich 289 Dir geſprochen habe, iſt der Abſchlag des noch unter Segel befindlichen Getreides mitbegriffen. Dieſer Unterſchied beträgt wohl die Hälfte des ganzen Ver luſtes. Ließe ſich der Verkauf dieſes Getreides ſo lang aufſchieben, bis die Preiſe wieder ſteigen, ſo könnte Pottewal vielleicht noch einen guten Theil ſei⸗ nes Vermögens retten.“ „Nun, ſo behalte er das Getreide!“ ſchnaubte Romys. „Dazu iſt Deine Hülfe nöthig, Vater. Die Dif ferenz der Käufe auf Termin muß morgen bezahlt werden. Bleibt Pottewal im Rückſtand, ſo wird man ihn für inſolvent erklären, ſeine Güter in Beſchlag nehmen, ſeine Bücher verſiegeln, und das noch auf der See befindliche Getreide zu dem Marktpreis des Tages zu Geld machen. Um uns vor dem gewiſſen Verderben zu bewahren, um uns zum Abwmarten einer Preiserhöhung Zeit zu gewähren, ſind zwei hundert⸗ tauſend Francs nothwendig, in baarem Gelde oder in Banknoten, ſpäteſtens morgen. Mit dieſem Opfer können wir uns vielleicht noch aufrecht halten und unſern Handel fortſetzen. Du, Vater, Du kannſt uns helfen; Du kannſt bei Bankiers, bei Notaren, bei Freunden Geld auf Dein Beſitzthum aufnehmen. Sei großmüthig, laß mich Deinen Namen für eine höchſte Wohlthat ſegnen: verſchaffe uns die zwei hundert tauſend Francs!“ Romys wandte ſich um, kreuzte die Arme auf der Bruſt und ſagte mit einem bittern Hohnlächeln auf den Lippen: „Zwei hunderttauſend Francs? Die ſoll ich Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 19 290 geben?... Du biſt wahnſinnig, und Deine Mutter nicht minder. Sieh dieſelbe mit ausgeſtreckten Hän⸗ den daſitzen! Sie würde gleichfalls thöricht genug ſein, zwei hunderttauſend Francs in einen Abgrund zu werfen, der bereits über eine halbe Million ver⸗ ſchlungen hat. Du willſt mich ſo auf Stroh betten? Du willſt einer alten, reichen Familie, wie die unſere, noch den Bettelſack an den Hals hängen? Wir ſind unglücklich genug; es iſt nicht nöthig, um mich zu ermorden, daß Du der Familie noch zwei hundert⸗ tauſend Francs raubſt.“ „Aber, Vater...“ „Nichts, ich gebe Nichts!“ „O mein Gott!“ rief Thereſe,„ſtärke meine Kräfte! Hilf mir, laß mich gefaßt bleiben... Va⸗ ter, es iſt noch Etwas, das Du nicht weißt, etwas Schrecklicheres noch, als der Verluſt unſeres Vermögens. Pottewal war wahnſinnig geworden; er hat in den letzten Monaten hunderterlei Dinge gethan, Geld gewonnen, Geld verloren, empfangen, ausgegeben, und Nichts in ſeinen Büchern aufgezeich⸗ net. Kann er morgen, weil es ihm an Hülfe ge⸗ bricht, nicht Zahlung leiſten, dann wird das Geſetz dazwiſchen treten, und mein armer Mann wird, ob⸗ wohl unſchuldig, auf Grund eines betrügeriſchen Bankerotts gefangen geſetzt und verurtheilt!“ Es herrſchte eine kurze Stille, welche nur durch das halberſtickte Schluchzen von Madame Romys un⸗ terbrochen wurde. „Betrügeriſcher Bankerott?“ murrte Romys mit krampfhaftem Lachen.„Ha, der verächtliche Schelm, .er hat ſeinen Zweck erreicht! Aber er iſt ſelbſt in die Grul kommt in Kettenſtr⸗ geſtohlen dient.. Ein tödtlichen Thränen Sie nen Hän barmher; ſoll Mu ſträfling mich ſter vor dieſ werden, ſchütze D „Nich Verräthe Romys Tochter auf, ohn brummern hin⸗ und Faſt außer ſie reſe zu d niederfal den. Tl aus ihre auf, als Mutter en Hän⸗ t genug Abgrund ion ver⸗ betten? e unſere, Vir ſind mich zu hundert⸗ 2 meine Va⸗ weißt, unſeres worden; i Dinge pfangen, 1 eich⸗ ülfe ge⸗ 8 Geſetz dird, ob⸗ geriſchen ur durch nys un⸗ nys mit Schelm, ſelbſt in 291 die Grube gefallen, welche er uns gegraben hat. Er kommt in das Gefängniß auf zwanzig Jahre; er wird Kettenſträfling; dieß wird er zum Mindeſten nicht geſtohlen haben; er hat noch viel Schlimmeres ver⸗ dient. Ein ſchneidender Schrei des Abſcheus und der tödtlichen Angſt entwand ſich Thereſens Bruſt. Die Thränen ſprangen ihr ſtromweiſe aus den Augen. Sie fiel auf die Kniee und flehte mit aufgehobe⸗ nen Händen: „O, Vater, öffne Dein Herz dem Mitleiden! Sei barmherzig gegen Deine unglückliche Tochter. Sie ſoll Mutter werden! Ihr Kind ſoll einen Ketten ſträfling zum Vater haben? Mein Gott, ich fühle mich ſterben! Vater, Vater, mupß unſern Namen vor dieſem ſchrecklichen Brandmal! Laß uns arm werden,„wenn es nöthig iſt; aber ſchütze Dein Kind, ſchütze Dich ſelbſt gegen dieſe blutige Entehrung!“ „Nichts, keinen Franc, keinen Stüber für den Verräther, den Niederträchtigen, den Böſewicht!“ ſtieß Romys grollend aus, während er die Arme ſeiner Tochter von ſeinen Kieen Jiöe— Er ſtand auf, ohne weiter auf ſie Acht zu geben, und begann brummend und auf den Bücen ſtampfend im Zimmer hin⸗ und herzumarſchiren.. Faſt vernichtet durch ſeine Unerbittlichkeit und außer ſich vor Schrecken und Ver rzweiflung, kroch The⸗ reſe zu dem nächſten Stuhl, ließ ſich auf denſelben niederfallen und verbarg ihr Angeſicht n den Hän⸗ den. Thränen träufelten von ihren Fingern, und aus ihrer keuchenden Bruſt ſtiegen ſchmer zliche Laute auf, als wollte ihr das Herz im Buſen brechen. 19* 292 Madame Romys, welche bisher aus Furcht vor dem Zorn ihres Mannes kein Wort auszuſprechen gewagt hatte, warf ſich nun zu ſeinen Füßen auf die Kniee und flehte um Mitleid für ihre unglückliche Tochter; er aber ſchaute eine Weile mit geringſchätzi gem Spott auf ſeine Gattin nieder, ließ ſie knieen und ſetzte ſeinen ungeſtümen Gang durch das Zim⸗ mer fort. Die bedrückte Mutter ſetzte ſich neben Thereſe, legte ihr den Arm um den Hals und ſuchte unter Thränen ſie durch ſanftmüthige Worte zu tröſten. Nachdem ein langes Stillſchweigen geherrſcht hatte und Romys wohl zwanzigmal mit Geberden des Zornes und der Verzweiflung auf⸗ und abgegan⸗ gen war, blieb er, ſcheinbar ruhiger, vor ſeiner Toch⸗ ter ſtehen und ſagte: „Ha, Thereſe, Du, die von Muth ſpricht, willſt Du ſo das Schickſal bekämpfen? Weine Dich aus. Es gibt ein Mittel, um noch Etwas, möglicher Weiſe viel zu retten. Laß Pottewal mit Einbruch der Nacht aus dem Lande entfliehen. Wir wollen ſeine An⸗ gelegenheiten hier vor dem Morgen aufs Beſte ord⸗ nen. Sein Vermögen beſtand großentheils in Staats⸗ papieren, induſtriellen Actien, Banknoten. Wenn wir nur Deine Mitgift für uns ſichern könnten; es wäre doch um ſo viel weniger verloren. Warum er ſchricſt Du über meine Worte? Willſt Du Dich nicht etwa in den verächtlichen Schelm verlieben, wel⸗ chen Du mit Recht bis auf dieſen Tag gehaßt haſt? Du biſt von ihm erlöst; das iſt zum Mindeſten ein Troſt in Deinem Unglück!“ Madame Pottewal wurde wie von einem plötz⸗ lichen Schlag betroffen; ſie richtete ſich auf, wiſchte ſich die mit ein „DI „De Pottew⸗ helfen.“ ten kön für mei unſchull „N wird ni käme„. der Eht ich das zurück; mann es kein The gegeben ſelben heftigen ungeſtü zu wol und rie „W daß ich ſame meines ohne il treiben. urcht vor uſprechen ißen auf glückliche ngſchätzi e knieen as Zim⸗ ch neben id ſuchte tröſten. geherrſcht Geberden abgegan⸗ ner Toch⸗ t, willſt ich aus. er Weiſe ſer Nacht ine An⸗ eſte ord⸗ Staats⸗ benn wir es wäre rrum er du Dich en, wel⸗ ßt haſt? aſten ein m plötz⸗ wiſchte 293 ſich die Thränen aus den Augen, ſah ihren Yater mit einem Blick voll Entrüſtung an und fragte: „Du venweigerſt mir lſ Deine Hülfe?“ „Das heißt, Geld gebe ich nicht; aber ich will Pottewals Angelegenheiten nach ſeiner Abreiſe ordnen helfen.“ „Du verweigerſt die zwei hunderttauſend Francs, welche das Leben und die Ehre meines Gatten ret⸗ ten können? Du wählſt die Schande für Dich ſelbſt, für meine Mutter, für meine Schweſter, für mein unſchuldiges Kind?“ „Nichts, ich gebe Nichts,“ war die Antwort.„Es wird nicht ſo ſchlimm ſein, wie Du meinſt; und be⸗ käme Pottewal auch ſeinen verdienten Lohn, zwiſchen der Ehre ohne Geld und dem Geld ohne Ehre wähle ich das Letztere. Mit Geld bekommt man die Ehre zurück; mit der Ehre allein wird man von Jeder⸗ mann mißachtet. So wie jetzt die Welt ſteht, gibt es keine größere Schande, als die Armuth.“ Thereſe hatte nur wenig auf dieſe Worte Acht gegeben, obſchon ſie den ſchmerzlichen Eindruck der ſelben wohl empfand. Sie war ſichtbar in einem heftigen Kampfe begriffen und ſchien mit Gewalt die ungeſtümen Bewegungen ihres Gemüths niederdrücken zu wollen. Plötzlich unterlag ſie in dieſem Streite und rief mit fieberiſcher Haſt aus: „Wehe, es ſei denn ſo! Gott iſt mein Zeuge, daß ich demüthig und achtungsvoll Dir meine grau⸗ ſame Noth geklagt habe. Ich ließ Dich den Namen meines Gatten mit Schimpf überladen; ich ließ Dich, ohne ihn zu vertheidigen, Spott mit ſeinem Unglück treiben. Ha, ich war thöricht genug, zu hoffen, daß 294 ein einziger Liebesfunke in dem Herzen meines Va⸗ ters verborgen liegen könnte! Nun, eiſerner Menſch, ſteinernes Herz, die verzweifelnde Mutter ſoll auf⸗ ſtehen gegen Dich, und den Vater ihres Kindes gegen Deine Ungerechtigkeit in Schutz nehmen. Höre die Wahrheit. Du, Du allein haſt ihn in's Verderben geſtürzt, den guten, den edelmüthigen Mann, den Du einen Niederträchtigen, einen Böſewicht und Verräther nennſt...“ „Ich? Ich?“ rief Romys lachend;„was für eine unerhörte Narrheit iſt das!“ „Du, Niemand anders, als Du, mein Vater!“ fuhr Thereſe leidenſchaftlich fort.„Von den erſten Tagen meiner Ehe an haſt Du mich gegen meinen Mann aufgehetzt; Du haſt mir unaufhörlich geſagt, daß er ein Feigling und Thor ſei; Du haſt Alles 2 ½3 4 ⸗ gethan, um ihn in meinen Augen verhaßt zu machen; Tag für Tag, Stunde für Stunde biſt Du ihm in den Ohren gelegen, um ihn zu zwingen, daß er ſich in große Geſchäfte einlaſſe und viel Geld gewinne. Mein Naturell war bitter und böſe genug; ich be⸗ durfte Deiner ewigen Rathſchläge nicht, um meinen armen Mann unglücklich zu machen. Was Du von ihm verlangteſt, widerſtritt ſeiner Natur und ging über die Kräfte ſeines ehrlichen Gemüths. Du haſt durch Dich ſelbſt und durch mich ſeinen Verſtand verwirrt und ihn zur Verzweiflung getrieben. Was jetzt geſchieht, iſt unſer Werk, und wir müſſen dafür Rechenſchaft geben vor Gott, welcher mit ſeinem all⸗ ſehenden Auge die Maske der Heuchelei durchdringt...“ „Schweig', ſchweig', Du machſt noch, daß ich ganz Ketten unſchu könnte ganz d angeth wir m Regle vor w wal 1 zurückl weg, nicht grauſe zu me R Theref Da ſt wie L ein ſe Schre würfe Seine Bruſt ſches glaub Ohnm C „ ines Va⸗ Menſch, ſoll auf⸗ es gegen Höre die Berderben „den Du Verräther was für Bater!“ en erſten meinen geſagt, aſt Alles machen; ihm in ß er ſich gewinne. ich be⸗ meinen Du von nd ging Du haſt Verſtand Was n dafür nem all⸗ ngt...“ ich ganz 295 außer mir komme!“ rief Romys mit heiſerer Stimme und bebend vor Zorn und Schrecken. Thereſe wehrte ihrer Mutter, welche ihr Einhalt zu thun ſuchte, ab und fuhr noch heftiger fort: „Wie? Mein Mann iſt ein Schelm, er verdient Kettenſtrafe? Nein, er iſt nichts Anderes, als das unſchuldige Opfer Deiner herzloſen Geldgier. Du könnteſt ihn retten; Du könnteſt theilweiſe, vielleicht ganz das Uebel wieder gut machen, welches Du ihm angethan haſt! Und Du weigerſt Dich! Wohlan, wir werden dieſen Abend aus dem Lande fliehen! Regle dann unſere Angelegenheiten auf eine Weiſe, vor welcher das ehrliche Gemüth des Schelmen Potte⸗ wal mit Abſcheu, als vor einem feigen Diebſtahl, zurückbeben würde. Ja, wir wollen abziehen, weit weg, nach dem andern Ende der Welt. Ich will nicht in den Augen meines Kindes mich wegen des grauſamen Menſchen zu ſchämen haben, welcher mir zu meinem Unglück das Leben gab!“ Romys war unter dem mächtigen Eindruck von Thereſens Worten bis zu der Wand zurückgewichen. Da ſtand er, ſich in den Haaren kratzend und weiß wie Leinwand. Zugleich grinzte auf ſeinen Lippen ein ſeltſames Lachen, und man wußte nicht, ob der Schrecken ihn entſtellte, oder ob er der blutigen Vor⸗ würfe, welche ihm in den Ohren klangen, ſpotte. Seine Frau ſaß an der Wand, den Kopf tief auf die Bruſt geſenkt. Wäre nicht zuweilen ein convulſivi⸗ ſches Zittern durch ihre Glieder gefahren, man hätte glauben können, ſie ſei unter der Laſt ihre Angſt in Ohnmacht gefallen. „Du lachſt, Vater?“ rief Thereſe wie wahnſinnig⸗ 296 „Du lachſt? Und der Tod und die Schmach ſtehen drohend zwiſchen uns!... O, ja, beſchuldige mich in Deinem Herzen der Pflichtvergeſſenheit, der unge heuerlichen Verletzung des Reſpekts, den ich Dir ſchul dig bin. Gott ſoll richten zwiſchen mir und dem jenigen, welcher dieſes Brandmal der Schande auf die Stirne meines Kindes drücken läßt; zwiſchen einer armen Mutter, welche durch Verzweiflung zum Wahn⸗ ſinn gebracht iſt, und zwiſchen einem unbarmherzigen Vater, welcher die Ehre ſeines ganzen Geſchlechtes für eine Summe Geldes verkauft!“ Herr Romys, unter den letzten Anſchuldigungen ſeiner Tochter wie zerſchmettert, ſank vor Erſchöpfung auf einen Stuhl, ſchlug ſich die Hände vor die Au⸗ gen und begann zu weinen. Der Anblick ſeiner Thränen entriß Thereſe einen Schrei der Verzweiflung; ſie ſank aufs Neue ihm zu Füßen, faßte ſeine Hände, bedeckte ſie mit Küſſen und Thränen und rief in herzzerreißendem Ton: „Vater, ach, lieber Vater, verzeihe mir! Ich weiß nicht, was ich ſage; ich bin wahnſinnig, es iſt fin⸗ ſter in meinem Geiſte. Erbarmen, Erbarmen, ſprich das Wort aus, das uns retten muß. Ich werde Dich ſegnen, Dich ehren, Dich lieben bis in's Grab!“ Madame Romys war gleichfalls herzugetreten; und während ihre Tochter auf dem Boden kniete und die Hände ihres Vaters fieberiſch drückte, hatte die alte Frau ihm den Arm um den Hals gelegt und flüſterte ihm eine innige Bitte von Mitleid in's Ohr. „Sprich, Vater,“ flehte Thereſe.„Iſt es Dir unmöglich, uns ganz zu retten, ſo ſag' doch, was Du opfern kannſt, um uns vor Schande zu bewah⸗ ren. ſei gu Irre „4 flamm blutig⸗ mehr: meine nicht rung, ſo wil abzube gute, M wollte ihr Ge Gewal W zur T ſinnig Beinen in wel blicken Bollwe den ur als ſu Vo Namen Verzwe h ſtehen ge mich r unge⸗ ir ſchul id dem nde auf en einer Wahn⸗ herzigen hlechtes gungen öpfung ie Au⸗ e einen ihm zu en und ch weiß iſt fin⸗ ſprich de Dich 17 treten; te und tte die gt und 3 Ohr. 8 Dir was hewah⸗ 297 ren. Ich werde noch andere Wege verſuchen. Komm', ſei gut; laß' mich nicht nach fremden Landen in die Irre gehen. Gib hunderttauſend Francs!“ „Hunderttauſend Francs?“ rief Romys, mit flammenden Augen aufſpringend.„Nach ſolchem blutigen Hohn? Fort, Du biſt meine Tochter nicht mehr: ich kenne Dich nicht!“ „Gnade, Gnade für mein Kind!“ „Keine Gnade: ich gebe Nichts, Nichts, Nichts!“ „Wohlan,“ ſchluchzte Thereſe,„ſo ſei Gott allein meine Hoffnung auf Erden. Ich werde meinen Mann nicht verlaſſen. Vermag Anhänglichkeit, Aufopfe⸗ rung, Liebe Etwas, um ſein Unglück zu verſüßen, ſo will ich verſuchen, Deine und meine Schuld ihm abzubezahlen. Lebe wohl, Vater! Lebe wohl, meine gute, meine zärtliche Mutter! Lebe wohl!“ Madame Romys ſtieß einen Angſtſchrei aus und wollte ihrer Tochter auf den Gang nacheilen; aber ihr Gatte faßte ſie um den Leib und hielt ſie mit Gewalt zurück. Während die bangen Rufe ihrer Mutter ihr bis zur Thüre hinaus folgten, lief Thereſe wie wahn ſinnig auf der Straße dahin; ſie wankte auf den Beinen und ſchien nicht zu wiſſen, was ſie that, noch in welcher Richtung ſie forteilte. In wenigen Augen blicken jedoch befand ſie ſich auf der Promenade des Bollwerks und ſchritt mit großer Haſt auf den Pfa⸗ den umher, welche von dem Hauptweg abzweigten, als ſuchte ſie etwas Verlorenes. Von Ferne hatte eine alte Frau ſie bei ihrem Namen gerufen; doch ſie hatte es, eine Beute der Verzweiflung, nicht gehört. 298 Endlich gelangte ſie an einen abgelegenen und ſehr ſchattigen Ort, wo eine Bank unter dem Schutze großer Syringenbüſche ſtand. Sie ließ ſich dort nie⸗ der, bückte den Kopf, ſchaute zu Boden und blieb ſo lange Zeit bewegungslos ſitzen, ohne daß ein einziger Seufzer, oder nur eine Geberde von ihrer Gemüths⸗ erregung Zeugniß gab. Eine ſehr alte Frau ſchritt lächelnd auf den ge⸗ wundenen Pfaden dem Orte zu, wo die bedrückte Thereſe ſaß. Sie mußte deren Spur verloren haben, denn ſie wandte den Kopf nach allen Seiten und ließ ihr Auge überall umherlaufen. Plötllich blieb ſie ſtehen; ſie hatte diejenige entdeckt, welche ſie ſuchte. Mit leiſen Schritten ſuchte ſie Madame Pottewal ſo nahe als möglich zu kommen und beobachtete ſie eine Zeit lang ſtill und mit einem Ausdruck liſtiger Freude in den Augen. „Flüchten? Und mein Kind?“ murmelte Thereſe faſt unhörbar bei ſich ſelbſt.„O Gott, wie gering iſt die Hoffnung! Mein Oheim Jan? Meine Schwe⸗ ſter Hermina? Die Eiſenbahn, er will abreiſen...“ „Arme Thereſe,“ ſagte in mitleidigem Ton die alte Frau,„hat Ihr Mann Sie mißhandelt, mein Kind? Tröſten Sie ſich, es iſt unſer Loos auf Er⸗ den.. 4 „Himmel, Madame Kwas!“ rief Thereſe mit einem dumpfen Schrei und an allen Gliedern bebend, als hätte ſie den aufgeriſſenen Rachen einer Schlange geſehen. „Was fehlt Ihnen, meine Liebe? Beruhigen Sie ſich, beruhigen Sie ſich. Er hat Sie doch nicht ge⸗ ſchlagen, gewiß?“ dem von, ſie m T aus währ ſich ſ wund vielle C auf e mit d ſchöne mit Schla ſich C unauf er at! erfreu Kind en und Schutze 8rt nie⸗ plieb ſo einziger müths⸗ den ge⸗ edrückte haben, ind ließ ieb ſie ſuchte. wal ſo ſie eine Freude Thereſe gering Schwe⸗ ſen... kon die mein iuf Er⸗ ſe mit bebend, chlange gen Sie icht ge⸗ 299 Aber Thereſe kam zum Bewußtſein, ſprang von dem Gebüſch hinweg und eilte mit blinder Haſt da⸗ von, um der Frau zu entfliehen, deren Erſcheinung ſie mit tödtlichem Schrecken erfüllt hatte. Dieſe ſchaute ihr beſtürzt nach, bis ſie ihr ganz aus dem Geſicht verſchwunden war, und murmelte, während ſie die Richtung nach der Stadt nahm, bei ſich ſelbſt: „Sie iſt wahnſinnig! Ich habe, auf mein Wort, gedacht, daß es ſo kommen werde. Das iſt eine Neuigkeit, worüber man ſchon ein Bischen in Ver⸗ wunderung gerathen wird. Beeilen wir uns, ich bin wielleicht die Erſte, welche es weiß!“ VI. Ein kleiner Junge von ungefähr drei Jahren ſaß auf einem hölzernen Pferde und ritt triumphirend, mit der Peitſche in der Hand, durch die Wege eines ſchönen Gartens zu Schärbeek. Ein dicker Mann, mit krauſen weißen Haaren und in einen bunten Schlafrock gehüllt, ſchob das Pferd vorwärts und that ſich Gewalt an, dem Kinde zu Willen zu ſein, welches unaufhörlich rief: „Schneller, ſchneller noch! Hi, Onkel Jan, hi, hi!“ Der Schweiß perlte auf des Greiſes Stirne und er athmete ſchwer; dennoch ſchien das Spiel ihn zu erfreuen, denn er lachte laut und richtete an das Kind während des Reitens allerlei lebhafte, ſchmeichelnde 300 Worte, bis er endlich nicht mehr Athem holen konnte und erſchöpft ſtehen blieb. „Hi, hi!“ gebot der kleine Junge ungeduldig. „Das Pferd iſt müde; hör' es ſchnaufen,“ ſeufzte Jan Blondeel.„Laß es ein wenig ausruhen, Ernſt chen; es kann nicht mehr laufen.“ „Dann Kätzchen, Kätzchen ſpielen!“ ſagte das Kind, zu Boden ſpringend.„Du hiſt die Katze, lieber Onkel, Du ſollſt mich nicht fangen!“ Und Herr Blondeel hoppelte dem Kinde mit kur zen Schritten nach und ſtellte ſich, als wäre er nicht im Stande es einzuholen. Dann war wieder Ernſt⸗ chen die Katze und lief dem Greiſe nach. So oft ſie einander griffen, ertönten Freudenrufe durch den Gar ten. Der alte Herr, auf's Neue ermüdet, ließ ſich auf das Gras niederfallen. Das Kind ſetzte ſich rittlings auf ſeine Bruſt, begann ihn zu küſſen und zu ſtreicheln, während es mit ſeinem ſüßen Stimmchen ihn„lieber Pathe“ und„guter Onkel“ nannte. Er hob den Kna⸗ ben in die Höhe, ließ ihn über ſeinem Kopfe bau⸗ meln, drückte ihn dazwiſchen hin und wieder an ſein Herz und küßte ihn mit einer Thräne zärtlicher Nei gung in den Augen. Wie war er glücklich, der Greis! Mit welcher Selbſtvergeſſenheit war er wie der zum Kinde geworden, er, der bereits dem Ende des Lebens ſich näherte und ſich nun verjüngt fühlte unter dem mächtigen Einfluß der Liebe! „Ein Schmetterling! Ein Schmetterling!“ rief der kleine Junge.„Schnell, lieber Onkel, fang' ihn! fang ihn!“ Und wiederum mußte Herr Blondeel, ſeinem Spielkameraden zuliebe, rings im Garten herumlau⸗ fen, b tet, nun und ſtreich 5 land war waren in da ein gr ein T gelang biſſen Da m und ſ der B Stein durfte Herzer der Ki vor de Pfeffe da fäl Ir merkſc 301 „Du gönnſt mir nicht einmal Zeit, um Athem zu it kur ſchöpfen.“ konnte fen, bis er, von den vergeblichen Bemühungen ermat⸗ tet, ſich in dem Pavillon niederſetzte. Das Kind. dig. nun gleichfalls ermüdet, kletterte ihm auf das Knie ſeufßte und ſagte bittend, während er ihm die Wangen 1 Ernſt ſtreichelte:. „Lieber Onkel, Du mußt mir von dem Schlaraffen e das land erzählen.“ ¹ lieber„Gut, Du Schelmchen,“ brummte der Greis, nicht„Nur zu, lieber Onkel, von Hannchen und Miek⸗ Ernſt⸗ V chen und von dem Zuckerberge!“.— oft ſie„Nun wohl, halt' Dich ſtill und höre zu: Es 1 Gar V war einmal ein Hannchen und ein Miekchen, die ch auf waren klug und folgſam geweſen; und ſie durften tlings in das chlaraffenland gehen; aber unterwegs ſtand icheln, ein großer zuckerner Berg, und hier mußten ſie ſich lieber ein Thor durchbeißen, um in das Schlaraffenland zu 1 Kna⸗ gelangen; und als ſie durch ein Thor ſich durchge⸗ bau⸗ biſſen hatten, waren ſie in dem Schlaraffenlande. n ſein Da war es gut. Ernſtchen! Das Waſſer war Milch Nei und ſüßer Wein; die Bäume waren von Schokolade, der der Boden von Streuzucker, das Gras Kandis, die ie Steine Marzipan.— Und Hannchen und Miekchen Ende durften von Allem eſſen, ſo viel ſie wollten, nach fühlte Herzensluſt. Und da ſtand ein großes Haus, worin der König vom Schlaraffenlande wohnte. Die Steine rief vor der Thüre waren von Mandelbrod, die Mauern von ihn! Pfefferkuchen, die Fenſter von Gerſtenzucker... Ei, da fällt der kleine Schalk in Schlaf!“ einem In der That hatte das Kind eine Weile mit auf⸗ mlau⸗ merkſamem Blick die Aufzählung von all den leckern 302 Dingen ſeinem Oheim am Munde abgeſehen, aber endlich, der Ermüdung unterliegend, die Augen ge⸗ ſchloſſen und ſein Köpfchen an die Bruſt des Greiſes fallen laſſen. Dieſer betrachtete es eine Weile in ſtiller Be⸗ wunderung und murmelte dann bei ſich: „Wie iſt der Menſch doch ſo ſchön! Wie rein ſeine Seele und ſeine Züge, ſo lang die Leidenſchaf⸗ ten und Lebensſorgen ihm noch Nichts von ſeinem angebornen Glauben und ſeiner angebornen Unſchuld geraubt haben! Es iſt ein Menſch, der auf meinen Knieen ruht... ein Engel. Was wird das Schick⸗ ſal, was wird die Welt aus ihm machen? Der gute Gott behüte Dich, mein Kind!“ Er gab ihm einen Kuß, ſtand vorſichtig auf und begab ſich, mit dem Kleinen auf den Armen, in's Haus. In ein Parterrezimmer der Wohnung von Herrn de Cock tretend, ſagte er mit einem fröhlichen Lächeln: „Sieh da Ernſtchen, der vom Schlaraffenlande träumt! Er wird nicht wenig ſchlecken in ſeinem Schlafe.“ „Komm', Bruder, gib mir Ernſtchen,“ rief Fräu⸗ lein Marie.„Du ſtehſt da, wie ein Kindsmädchen.“ „Sieh, ſieh, unſer kleines Herminchen ſtreckt Dir auch ſchon die beiden Händchen entgegen!“ lächelte Madame de Cock, die mit ihrem Töchterchen auf dem Schooße am Fenſter ſaß.„Es iſt wahrhaftig zum Verwundern, wie gern die armen Kinderchen Dich ſehen, Onkel Jan. Unſer Ernſtchen iſt ganz darauf verſeſſen, bei Dir zu ſein; ſobald Du aus dem Hauſe gehſt, Etwas „C Blonde „A fühlen, mit ſe Thräne währe — Fräule mina, rechnen Haush⸗ einmal 6 gegnete „Die K ſie Etn geſchiel wahr, He und di A aber en ge⸗ Breiſes r Be⸗ e rein nſchaf⸗ ſeinem nſchuld neinen Schick⸗ r gute f und in's Herrn cheln: llande einem Fräu⸗ hen.“ t Dir chelte dem zum Dich arauf Hauſe 303 gehſt, wird er traurig und ſucht überall, als ob er Etwas verloren hätte.“ „Es iſt in der That ſo, Hermine,“ antwortete Blondeel ſtolz;„ich begreife nicht, wie es kommt.“ „Ach, das geſchieht darum, weil ſie wiſſen und fühlen, daß Du ſie recht zärtlich liebſt.“ „Ob er ſie liebt!“ ſcherzte das alte Fräulein. „Er iſt wohl um zwanzig Jahre jünger geworden, ſeit dieſe Engelchen auf der Welt ſind. Ich wette, daß er alle Nacht von ihnen träumt.“ „Du redeſt nur im Spaße ſo, Schweſter; aber Du ſchießeſt nicht ſo weit daneben. Habe ich dieſe Nacht unſer Ernſtchen nicht nach Hauſe kommen ſehen, mit ſeinem Diplom als Doctor der Rechte? Die Thränen drangen mir vor Freude aus den Augen während ich ſchlief.“ „Das verwundert mich ganz und gar nicht,“ fiel Fräulein Marie ihm in's Wort.„Denk einmal, Her⸗ mina, mein Bruder thut gegenwärtig Nichts als rechnen, und er beſchnipfelt die Ausgaben in meiner Haushaltung und will ſparen und wird geizig. Rathe einmal, warum?“ „Ja, aber Du haſt gut ſpotten, Marie,“ ent⸗ gegnete Herr Blondeel mit einem ſonderbaren Ernſt; „Die Kinder werden groß, und man muß ſorgen, daß ſie Etwas haben, um in die Welt zu treten. Es geſchieht doch nur für die ſüßen Engelchen, nicht wahr, Schweſter?“ Hermina, die aufgeſtanden war, faßte ſeine Hand und drückte ſie in tiefer Rührung. „Wie kann ich Gott genug preiſen für ſeine Wohlthaten?“ flüſterte ſie.„Er ſchenkte mir einen 304 edeln, einen großmüthigen Gatten, ſchöne Kinder und gute, zärtliche Freunde, wie Ihr, um meine Liebe und mein Glück zu theilen! Und ich ſollte Kummer haben? O, nein, es wäre Undankbarkeit..“ „Kummer?“ wiederholte Blondeel.„Kummer in dem irdiſchen Paradieſe; denn, erkenn' es wohl, Hermine, es iſt hier ein wahres Paradies von Frie⸗ den, von Glück und Liebe. Nun, laßt uns Platz nehmen. Meine Schweſter gibt Dir zu viel nach. Wovon ſpracht Ihr bei meinem Eintritte? Wieder von dem Eiſenbahn⸗Entwurf, nicht wahr?“ „Allerdings, Onkel Jan,“ antwortete Hermina; „wir ſprachen von meinem Mann. Er iſt voll Be⸗ kümmerniß; er muß den ganzen Tag laufen, für Tagblätter ſchreiben, Zeichnungen für die Volksdepu⸗ tirten machen, welche ſeinen Entwurf vertheidigen wollen und, um ihn zur Annahme zu bringen, die geringſten Chancen berechnen. Dieſen Mittag war er beinahe muthlos!“ „Er thut Unrecht daran, Hermine. Sein Entwurf iſt geſtern an die Section der Kammer zu näherer Prüfung verwieſen worden. Er wird erſt kommende Woche wieder auf der Tagesordnung erſcheinen.“ „Aber die Majorität ſcheint gegen die Annahme ſein, Onkel Jan.“ „Ei, ei, das wird ſich wohl ändern. Hat Herr de Decker nicht den Entwurf mit überzeugender Be⸗ redtſamkeit vertheidigt? Hat Herr Rogier nicht das ganze Gewicht ſeines mächtigen Einfluſſes zu Gunſten des Entwurfs geltend gemacht? Ich begreife Ernſt nicht. Ich glaubte, er würde mehr Muth haben.“ „Muth? Ach, Onkel Jan, Du kennſt ihn noch 3u nicht,“ Herz, d wiß, e irgend beugte; dern a greifſt regt und Francs, ſeiner K ... Vi ſein M „Sp das alte ſeine B müths „Jc iſt es n mich, d graue 2 wäre es Ernſt ni gen da in belgi mit ſein zu Mole er für von Onk zweihund Herminch immer d „Duͦ Conſe der und e Liebe dummer 77 ummer z wohl, n Frie⸗ 8 Platz l nach. Wieder rmina; eidigen n, die g war ntwurf äherer mende 1.“ nahme Herr r Be⸗ ſt das unſten Ernſt tben.“ noch 305 nicht,“ rief Hermina begeiſtert aus.„Ernſt hat ein Herz, das wunderbar ſtark und muthig iſt; und ge⸗ wiß, er würde es nicht ſein, der das Haupt vor irgend einer Mühſeligkeit, welche es auch ſein mag, beugte; aber Du, der Du aus Liebe zu deſſen Kin⸗ dern auf Dein Vergnügen verzichten willſt, Du be⸗ greifſt wohl, nicht wahr, daß mein armer Ernſt er⸗ regt und bekümmert ſein muß? Hundertzwanzig tauſend Francs, wovon er einen guten Theil auf das Haupt ſeiner Kinder anlegen wollte, drohen ihm zu entgehen . Vielleicht iſt ſeine Liebe in der Thar größer als ſein Muth.“ „Sprich nicht alſo von Herrn de Cock, Bruder,“ ſagte das alte Fräulein.„Seine Gewinnſucht, ſeine Furcht, ſeine Bekümmerniß ſind nur Beweiſe eines edeln Ge⸗ müths und einer tiefen Zuneigung zu ſeiner Familie.“ „Ich weiß es wohl,“ antwortete Blondeel:„das iſt es nicht, was ich ſagen wollte; aber es verdrießt mich, daß dieſe Eiſenbahn unſern Frieden ſtört und graue Wolken an unſerem Himmel auftreibt. Was wäre es auch, wenn der Entwurf durchfiele? Stehen Ernſt nicht andere gute Geſchäfte in Ausſicht? Lie⸗ gen da nicht im Schranke für zehn tauſend Francs in belgiſchen Staatspapieren, welche er vorige Woche mit ſeinem Honorar für den Bau der neuen Fabrik zu Molenbeek gekauft hat? Und überdieß, was hat er für die Zukunft zu beſorgen? Das Nermögen von Onkel Jan und Tante Marie beträgt nahezu zweihundertfünfzig tauſend Francs. Ernſtchen und Herminchen, und wie viel noch kommen mögen, ſind immer durch dieſes Erbe gegen alle Noth geſichert!“ „Du mißverſtehſt Ernſt, lieber Onkel,“ ſagte Her⸗ Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 20 306 mina.„Er weiß das Alles ebenſo gut, und er ſeg⸗ net Dich um der Wohlthaten willen, welche Du ſeinen Kindern beſtimmſt; aber es iſt ſein Stolz, ſein edler Stolz, Etwas durch ſich ſelbſt für ſeine Familie erwerben zu können; die Arbeit, d⸗ Kampf auf dem Gebiete der Induſtrie gehört zu ſeiner Natur, zu ſeinem Leben. Sein Geiſt hat Bewegung nöthig; er iſt nie ſtärker und geſunder, als wenn er ein Ziel hat und für Erreichung deſſelben ſtreiten kann; aber glaube nicht, daß er darum minder zufrieden iſt. Ich bin überzeugt, daß keine Stunde vorüber geht, ohne daß mein Ernſt den Blick zum Himmel erhebt, um Gott für ſeine Güte zu danken. Laß ihn Geld verdienen, Onkel Jan. Wüßteſt Du nur, wie glücklich er iſt, wenn er mir die geringſte Frucht ſeiner Bemühungen einhändigen kann! Hätteſt Du nur geſehen, wie er die zehn tauſend Francs auf die Wiege ſeiner Kinder niederlegte, Du wäreſt zu Thränen gerührt worden vor Mitgefühl und Bewun⸗ derung. Ernſt? Mein Gatte? Er hat das Herz eines Engels und den Willen eines Rieſen!“ Hermina hatte dieſe Worte mit ſolcher Begeiſte⸗ rung ausgeſprochen, daß ihre Zuhörer ſichtbar be⸗ wegt wurden. „Nun, liebe Nichte,“ antwortete Blondeel,„Du bringſt mich wahrhaftig zu der Erkenntniß, var 10 vollkommen Unrecht habe. Wohlan, wir wollen Alle zuſammen für die Zukunft unſerer theuren Kinder ſorgen; aber laß uns doch niemals von Kummer reden. Es iſt nicht der mindeſte Grund dazu vor⸗ handen.“ Das kleine Töchterchen war nun gleichfalls auf dem Sc kurzen „He die Kint Servais wiederh „Wi von Ne⸗ „Ga Sonntag Stück ſij daß ich: und ich Herr den aus Tante Blondee ſeinem Als dem Pie laufen. „Wo uns bee wachen.“ „Wi ohne M deel, ind loncells auf den „Du ſol undzwan mich nich er ſeg⸗ b u ſeinen in edler Familie auf dem tur, zu nöthig; ein Ziel n; aber ufrieden vorüber Himmel Laß ihn ur, wie Frucht teſt Du auf die reſt zu Bewun⸗ s Herz eegeiſte⸗ Har be⸗ daß ich en Alle Kinder ummer zu vor⸗ lls auf 307 dem Schooße der Mutter eingeſchlafen.— Nach einer kurzen Stille ſagte Blondeel: „Hermine, wenn Du nur die Magd riefeſt und die Kinder ſchlafen legteſt! Du mußt das Stück von Servais noch einmal mit mir auf Deinem Piano wiederholen.“ „Wieder?“ rief Fräulein Marie.„Du wirſt noch von Neuem ein Muſiknarr werden.“ „Ganz und gar nicht; aber ich muß nächſten Sonntag in dem Armenconcert für Schärbeek mein Stück ſpielen. Es iſt wahrſcheinlich das letzte Mal, daß ich vor dem Publikum mich hören zu laſſen wage, und ich möchte nicht gern damit durchfallen, Schweſter.“ Hermina klingelte der Magd; die Kinder wur⸗ den aus dem Zimmer getragen, und Mutter und Tante gingen mit, um ſie ſchlafen zu legen. Herr Blondeel eilte inzwiſchen durch den Garten nach ſeinem Hauſe, um ſein Violoncell zu holen. Als er zurückkehrte, ſaß Hermina bereits vor dem Piano und ließ ihre Finger über das Klavier laufen. Sie ſagte lachend: „Wohlan, wohlan, fangen wir an. Wir müſſen uns beeilen, lieber Onkel; die Kinder könnten auf⸗ wachen.“ „Willſt Du wieder zu Pferde davon, Hermine, ohne Mitleid und Nachgiebigkeit?“ murmelte Blon⸗ deel, indem er ſich bemühte, die Saiten ſeines Vio⸗ loncells zu ſpannen und mit den Tönen, die ihm auf dem Piano angedeutet wurden, zu ſtimmen. „Du ſollteſt einſehen, daß ich keine Finger von fünf⸗ undzwanzig Jahren habe. Um Gottes willen, laß mich nicht ſo unbarmherzig ſchwitzen.“ 20* 308 „Es iſt gut; Du haſt den rechten Ton,“ fiel Hermina ein;„merk' auf, wir beginnen.“ Es ging ſehr gut zu Anfang und während des Andante. Wahr iſt es, der alte Dilettant ſchwitzte gewaltig, ſobald eine Anhäufung der Noten ihn zu einer ſchnellen Bewegung der Finger auf den Saiten zwang; aber er hielt Takt und ſpielte ziem⸗ lich, richtig. Dann ging es minder gut, als das Allegro eine Weile begonnen hatte und das Stüch einen raſcheren Gang nahm. Herr Blondeel rief zwiſchen hinein derjenigen, die ihn accompagnirte zu:„Es iſt zu ſchnell, es iſt zu ſchnell!“ aber ſie fuhr fort ohne Aufhalt, bis der Violoncelliſt, abge⸗ mattet und huſtend, mitten in dem Allegro ſtecken blieb. Der Schweiß träufelte ihm von der Stirne, und er keuchte gleich Jemand, der ſich außer Athem gelaufen hat. „Uf!“ ſeufzte er;„Du thuſt es mit Fleiß, Her⸗ mine; es iſt, als ob Du die Peitſche Dir auf den Beinen fühlteſt. Glaubſt Du denn, ich habe zwan zig Finger an meiner linken Hand?“ „Aber, lieber Oheim,“ antwortete Madame de Cock,„was kann ich dafür? So iſt einmal der Takt; das iſt der richtige Verlauf des Stücks.“ „Welcher Gedanke auch,“ bemerkte Fräulein Marie,„ein ſo mühſames Werk ausführen zu wollen! Die Muſiker zeichnen ſich gewiß nicht durch Demuth aus. Warum ſpielſt Du nicht lieber Etwas, das Du gut auswendig kannſt?“ „Es iſt wahr, Schweſter, aber für das letzte Mal, ſiehſt du? Ich wollte mit meinem Leibſtück auftreten. Es iſt Zeit, daß ich davon ablaſſe; das Herz mag b jung b es wol „N „Es ſi wollen ſpielen Es iſt Du all bedeute „W Noch e probirt. dießmal Da⸗ viel G Stell e zuſamm zeugten Freuden Beifalls Schwier worden, Schnelli Plöt thüre un „Fre Me „Th Aber folgt we Blon „ V zu Bode n,“ fiel während Dilettant er Noten auf den te ziem⸗ als das s Stück eel rief dagnirte aber ſie , abge⸗ o ſtecken Stirne, Athem ß, Her⸗ auf den 2 zwan ame de nal der 34 räulein wollen! Demuth das „ be Mal, ftreten. rz mag 309 jung bleiben, die Finger werden jedoch alt; ich fühle es wohl.“ „Nein, Du irrſt Dich, Onkel Jan,“ ſagte Hermina. „Es ſind noch fünf Tage bis zum Sonntage: wir wollen das Stück wiederholen, bis Du es vollkommen ſpielen kannſt. Zweifle nicht, es wird gut gehen. Es iſt im Allegro nur eine Schwierigkeit, bei welcher Du allezeit ſtecken bleibſt; aber es hat Nichts zu bedeuten: einmal darüber hinweg, und es iſt gethan.“ „Wohl, ich glaube, daß Du Recht haſt, Hermine. Noch einmal mit neuem Muthe und feſtem Willen probirt. Laß ſehen, ob ich über die Schwierigkeit dießmal Meiſter werde.“ Das Allegro wurde wieder begonnen und mit viel Glück fortgeführt. Als man der gedachten Stelle ſich näherte, ſchien Blondeel alle ſeine Kräfte zuſammenzunehmen und erbleichte und ſeine Augen zeugten von der lebhafteſten Aufmerkſamkeit. Ein Freudenſchrei entſchlüpfte ihm, und ein ermunternder Beifallsruf antwortete ihm von dem Piano. Die Schwierigkeit war ohne Straucheln überwunden worden, und er ſpielte mit erhöhter Kraft und Schnelligkeit weiter. Plötzlich erſchien die Magd unter der Zimmer thüre und ſagte: „Frau, Madame Pottewal, Ihre Schweſter, iſt da.“ „Meine Schweſter?“ rief Hermina. „Thereſe?“ murmelte Fräulein Marie erſtaunt. Aber Madame Pottewal, welche der Magd ge folgt war, trat in das Zimmer. Blondeel ließ vor Ueberraſchung ſein Violoncell zu Boden fallen. Er hatte mit einem flüchtigen 310 Blick geſehen, daß ſeine Nichte Thereſe tödtlich blaß war, und ihre Augen die Spuren von übermäßigem Weinen trugen. Hermina war mit einem Angſtſchrei ihrer Schwe ſter um den Hals gefallen, und während ſie dieſelbe alſo in die Arme geſchloſſen hielt, jammerte ſie: „Thereſe, liebe Thereſe, was fehlt Dir? Was hat Dich betroffen? Du zitterſt, Du biſt ſo bleich? Iſt zu Hauſe ein Unglück geſchehen? Sprich, Schwe⸗ ſter, ſprich!“ Thereſe antwortete anfänglich nicht und ſenkte den Kopf; aber noch einmal zu einer Erklärung aufgefordert, antwortete ſie mit einer Stimme, welche ſcheinbar ruhig, aber durch den Ton einer tiefen Niedergeſchlagenheit rührend war: „O, Schweſter, mein armer Mann hat ſein gan zes Vermögen verloren... und mehr noch: ſechs mal hundert tauſend Francs!“ Während ihre Zuhörer mit Beſtürzung und Schrecken dieſe verhängnißvolle Botſchaft wiederholten, oder ſie ſtumm anſahen, erklärte ſie mit einigen kurzen Worten, wie dieſer Schlag den unglücklichen Pottewal betroffen hatte. Hermina ſprang wieder auf ſie zu, unterbrach ihre Erzählung durch ſchmerzliches Jammern und richtete unter einem Strom von Thränen allerlei freundliche Worte an dieſelbe, um ſie zu tröſten: aber Thereſe ſchien, obwohl ſie ihrer Schweſter für ihr Mitleid dankte, nicht viel Acht auf ihre Tröſtun⸗ gen zu geben, ſondern betrachtete vielmehr mit einem Blick ängſtlicher Forſchung ihren Oheim Blondeel, deſſen gleich Fräule „A geliehe morgen unſeres finden, D Blonde Million „N verſtoße mir ni war di Vater, zu hoff unglück Schlag⸗ fühlt. haftig, zu verd Ein Bruſt. lade he Gegenſ Schweſt einige lich blaß deſſen Geſicht nicht allein von Mitleid, ſondern zu⸗ mäßigem gleich von tiefem Mißvergnügen zeugte. „Sechshundert tauſend Fenales verloren?“ ſprach Schwe⸗ Fräulein Marie.„Gänzlich verloren? Hoffnungs glos?“ dieſelbe„Ach, könnte ich nur zweihundert tauſend Francs ſie: geliehen bekommen!“ ſeufzte Thereſe,„heute oder 2² Was morgen früh, dann könnten wir noch einen Theil bleich? unſeres Vermögens retten; aber wo werde ich ſie 1 „Schwe⸗ finden, o Himmel!“ „Dein Vater wird ſie Dir geben,“ ſagte Jan d ſenkte Blondeel.„Er hat es; er iſt über eine halbe rklärung Milllion reich.“ , welche„Nein, nein, mein Vater hat mich unbarmherzig er tiefen verſtoßen. Und ſtürbe ich zu ſeinen Füßen, er gäbe mir nicht den zehnten Theil von dem, was zu un⸗ ein gan ſerer Rettung nithiendig iſt. 2 ): ſechs„Aber was willſt Du in dieſem Fall thun?⸗ „Ich weiß es nicht, in meinem Geiſt iſt's finſter,“ ng und war die Antwort.„Wehe, abgewieſen von meinem erholten, Vater, gejagt⸗ von der drohenden Schande, wagte ich einigen zu hoffen, daß ſich vielleicht hier noch Hülfe für eine ücklichen unglückliche Frau finden ließe, welche ſich unter dem Schlage des grauſamſten Verhängniſſes vernichtet tterbrach fühlt. Aber ich habe mich betrogen. Und wahr⸗ rn und haftig, was habe ich auch gethan, um Euer Mitleid allerlei zu verdienen?“ tröſten: Ein ſeltſamer Freudenruf entſchlüpfte Hermina's eſter für Bruſt. Sie eilte zu einem Schrank, zog eine Schub⸗ Tröſtun⸗ lade heraus, raffte mit fieberiſcher Bewegung einige it einem Gegenſtände zuſammen und kehrte damit zu ihrer glondeel, Schweſter zurück. Sie hielt ein Packet Papiere und einige Juwelenetuis in der Hand. 3 — E 312 „Da, nimm, Thereſe,“ ſagte ſie.„Alles, was ich beſitze. Zehntauſend Francs und meine Juwelen.“ Aber Madame Pottewal betrachtete mit trauri⸗ gem Blick die angebotenen Gegenſtände und ſchüttelte ſchmerzlich den Kopf. „Nein, meine gute Hermina,“ murmelte ſie,„Du biſt nicht reich, Du haſt Kinder. Was Du mir ſo edelmüthig geben willſt, kann uns doch nicht helfen.“ Sie ſchaute noch einmal mit beſonderer Aufmerk⸗ ſamkeit ihren Oheim an und ſchien in der Tiefe ſeines Herzens leſen zu wollen. Ein hohler Seufzer ſtieg aus ihrer Bruſt empor, und ſie ſank auf einen Stuhl nieder, als unterliege ſie einer völligen Muth⸗ loſigkeit. Hermina legte ihre Juwelen auf den Tiſch, ſetzte ſich zu ihrer Schweſter und ergriff deren Hände. „Komm, liebe Thereſe,“ ſagte ſie,„ſei nicht ſo hoffnungslos; Du wirſt nicht ohne Freunde, nicht ohne Hülfe auf der Welt bleiben. Mein Mann iſt ſo edelmüthig! Wir wollen Dir beiſtehen, Dich tröſten...“ „Tröſten! O mein Gott!“ rief Madame Potte⸗ wal.„Es gibt auf Erden keinen Troſt mehr für mich. Urtheile ſelbſt, Schweſter; Du kennſt mein Unglück noch nicht ganz. Mein Mann war krank geworden, ſeine Sinne waren in Verwirrung ge⸗ rathen. O, wie ſchuldig bin ich gegen ihn geweſen⸗ Er hat Monate lang Handelsgeſchäfte gemacht, ge⸗ kauft und verkauft, ohne in ſeinen Büchern Etwas aufzuzeichnen. Das Geſetz iſt unerbittlich. Der un⸗ glückliche Pottewal wird als ein betrügeriſcher Banke⸗ rottirer verfolgt werden; und vielleicht wird ein grauſa verurt Ei Zimme wl Stimn das G men, auf de Un glücklie ſie und Ire lung i flehend „I. ſere un, guten der He⸗ rechnen. Bruder tödtlich „G die Thr ſter, ge groß es hundert ganzes eine Se Wir ſin Du ſoll alten 2 was ich belen.“ trauri⸗ hüttelte e,„Du mir ſo helfen.“ ufmerk⸗ r Tiefe Seufzer f einen Muth⸗ ), ſetzte de. nicht ſo nicht ann iſt Dich Potte⸗ hr für tmein krank ig ge⸗ veſen? t, ge⸗ Etwas er un⸗ Banke⸗ id ein grauſamer Spruch ihn zu vieljährigem Gefängniß verurtheilen...“ Ein doppelter Angſtſchrei ertönte durch das Zimmer. „Und noch nicht genug,“ fuhr Thereſe mit hohler Stimme fort,„ich ſoll Mutter werden! Das Kind, das Gott mir beſcheeren will, wird zur Welt kom⸗ men, wehe, wehe, mit einem ſchrecklichen Brandmal auf der Stirne!“ Und ein Strom von Thränen ſtürzte der un⸗ glücklichen Frau aus den Augen. Hermina umarmte ſie und weinte mit dem Geſicht an ihrem Buſen. Fräulein Marie, von Thereſens letzter Enthül lung in tiefſtem Herzen getroffen, wandte ſich mit flehenden Händen zu ihrem Bruder. „Jan, Jan,“ rief ſie,„laß uns Etwas für un⸗ ſere unglückſelige Nichte chun. Müſſen wir auch einen guten Theil unſeres Vermögens abtreten, wohlan, der Herr des Himmels wird uns dieſes Opfer an⸗ rechnen. Du ſchüttelſt den Kopf? Du weigerſt Dich, Bruder? O, könnteſt Du gefühllos bleiben bei dem tödtlichen Schmerz einer armen Mutter?“ „Gefühllos?“ wiederholte Herr Blondeel, ſich die Thränen aus den Augen wiſchend;„nein, Schwe⸗ ſter, gefühllos gewiß nicht; aber mein Mitleid, wie groß es auch ſei, verblendet mich nicht ganz. Zwei hundert tauſend Francs? Es iſt beinahe unſer ganzes Vermögen. Ich habe auch Kinder, ich habe eine Schweſter, über deren Zukunft ich wachen muß. Wir ſind zu alt, um noch Geld verdienen zu können. Du ſollteſt arm ſein und Mangel leiden in Deinen alten Tagen, Marie? Die unſchuldigen Weſen, 314 welche dahinten ſchlafen, ſollten ihres Erbtheils be⸗ raubt werden? Ich ſollte für ihr künftiges Glück Nichts mehr thun können? Nein, nein, ich fühle nicht die Kraft zu einem ſo grauſamen Opfer in mir.“ „Sei edelmüthig, Jan!“ „Um edelmüthig zu ſein gegen diejenigen, welche uns niemals geliebt haben, muß ich diejenigen be⸗ rauben, welche uns allzeit Zuneigung und Liebe bewieſen haben.“ Hermina ſtreckte die Hände aus und flehte: „Habe Mitleid mit dem Looſe meiner armen Schweſter! Denk nicht an meine Kinder; mein Mann iſt noch jung; er wird für uns Alle zuſammen ar⸗ beiten!“ „Wohlan, ich will Etwas thun,“ antwortete Blondeel,„ich will fünfzig tauſend Francs geben.“ „Ah Dank!“ rief Hermina.„Schweſter, Schwe⸗ ſter, tröſte Dich! Onkel Jan gibt fünfzig tauſend Francs!“ „Nein, Hermine, ſuche mich nicht zu tröſten,“ ſagte Madame Pottewal mit ſchmerzlicher Unterwer⸗ fung.„Mein Loos iſt beſchloſſen, ich ſehe es wohl. Vergib mir, lieber Onkel, und Du gleichfalls, Marie, vergebt mir, daß ich hieher zu kommen wagte, mit der Hoffnung auf eine unmögliche Hülfe. Ich war wahnſinnig...“ „Aber Thereſe, Du irrſt Dich vielleicht,“ fiel Blondeel ein.„Meine Abſicht iſt, mit Dir nach Darlingen zu reiſen. In einer Stunde geht noch ein Eiſenbahnzug. Ich werde mit Dir zu Deinem Vater eilen und ihn überzeugen, daß er ſich nicht weigern kann, Dir hundertfünfzig tauſend Francs zu geben zu ein die El zu ret loſem Schlag ich di nutzlo⸗ gen. Franc⸗ Vater Nichts um m es ver Bische der ab Si verſand Weile Schwe und ſi einige wortete „4 zu Ve hat; 1 bei die armer dert E nicht n den ſol eils be⸗ Glück ) fühle n mir.“ welche gen be⸗ Liebe e: armen Mann ien ar⸗ wortete geben.“ Schwe⸗ auſend öͤſten,“ terwer⸗ wohl. Marie, , mit h war “ fiel nach noch deinem nicht ics zu geben, wenn ich, der nicht halb ſo reich iſt, als er, zu einem ſo beträchtlichen Opfer mich hergebe, um die Ehre ſeiner Tochter und die Ehre der Familie zu retten.“ „Ich danke Dir,“ antwortete Thereſe in muth⸗ loſem Ton;„Deine Güte kann den verhängnißvollen Schlag, der uns bedroht, nicht abwehren. Nähme ich die fünfzig tauſend Francs an, ſo würden ſie nutzlos in dem Abgrund unſeres Verluſtes verſchlun⸗ gen. Was ich haben muß, ſind zweihundert tauſend Franes Mein Vater? Du hoffſt auf meinen Vater? Sein Herz hat ſich über dem Geld geſchloſſen; Nichts vermag es zu öffnen, außer Geld... Es iſt um mich geſchehen. Gott hat mich geſtraft; ich habe es verdient. Laß mich noch ein Bischen weinen, ein Bischen ausruhen; ich werde mit dem Bahnzug wie⸗ der abreiſen...“ Sie beugte den Kopf tief auf die Bruſt und verſank in eine gränzenloſe Verzweiflung. Eine Weile ſchien ſie für die Bemühungen von ihrer Schweſter und Fräulein Marie, ihr Muth einzuflößen und ſie zu tröſten, gefühllos zu bleiben; aber auf einige undeutliche Worte von Herrn Blondeel ant⸗ wortete ſie mit einer Art fieberiſchen Leidenſchaft: „Pottewal iſt nicht ſchuldig; ich bin es, die ihn zu Verzweiflung und Geiſtesverwirrung getrieben hat; und Gott im Himmel weiß, wie mein Vater bei dieſem gottloſen Werke mir geholfen hat. Mein armer Mann iſt ein unſchuldiges Opfer. Ihr wun⸗ dert Euch über ſolche Redensarten? Ich bin dieſelbe nicht mehr; die Ueberzeugung, daß ich Mutter wer⸗ den ſoll, hat mir die Binde von den Augen gerückt.. — 316 Ha, ich will mit ihm nach fernen Landen ziehen, ihm folgen, wohin er geht, ihn ſtützen, ihn tröſten und, muß es ſein, mit meiner Hände Arbeit für ihn und mein Kind das Brod verdienen. Hier wird man ſeiner ſpotten und ihn verachten, als einen be trügeriſchen Bankerottirer; dort wird jedoch Jemand neben ihm ſtehen, der ihn vertheidigen, der ihn mit frommer Achtung, mit unendlicher Ergebenheit lieben wird... Aber, o Himmel, mein Kind! Das unaus⸗ löſchliche Brandmal der Schande an meinem armen Kinde!“ Blondeel wandte überraſcht den Kopf nach der Thüre; es kam ihm vor, als habe er einen Schlüſſel im Schloſſe an der Hausthüre drehen gehört. Die Frauen waren zu ſehr von Schmerz und Mitleid ergriffen, als daß irgend ein Geräuſch zu ihren Ohren gedrungen wäre. Eine freudige Stimme ertönte auf dem Gange; es war Ernſt de Cock, der im Tone der Begeiſterung ausrief: „Hermine, gute Hermine, mein Entwurf iſt an genommen! Ich bringe Dir hundertzwanzig tau⸗ ſend Francs! Für unſere Kinder, für unſere lieben Kinder...“ Ein von Banknoten ſchwellendes Portefeuillé tragend, ſtürzte er in das Zimmer herein und war im Begriff, auf ſeine Frau zuzueilen und ihr den theuer erworbenen Schatz einzuhändigen;— aber der Anblick der Thränen auf Hermina's Wangen ſchlug ihn mit plötzlichem Schrecken und er blieb mit ängſt lich fragendem Blick mitten im Zimmer ſtehen. „O, Gott ſei Dank, da iſt mein Ernſt!“ rief Hermit Schwe Un ſie mit „C wal he ſind in Banker zweime meine wird f Dieſes dieſes geben wahren meine He ſich in „B fängniß Jed pfender ſchien: — „ T plötzlich ſeinem zu errö iſt ein Her ziehen, tröſten ür ihn wird en be emand in mit lieben maus⸗ armen h der hlüſſel Die Kitleid Ohren ange; erung ſt an tau⸗ lieben feuille war r den r der ſchlug ingſt rief 317 Hermina.„Er wird der Retter meiner armen Schweſter werden!“ Und ihrem Gatten an den Hals fliegend, ſprach ſie mit großer Haſt in der Stimme: „Ernſt, Freund, höre und ſei großmüthig. Potte wal hat ſein ganzes Vermögen verloren; ſeine Bücher ſind in Unordnung; man wird ihn als betrügeriſchen Bankerottirer verfolgen; er wird verurtheilt werden; zweimal hundert tauſend Francs können ihn retten; meine arme Schweſter ſoll Mutter werden; ihr Kind wird für immer entehrt ſein; ſie wird ſterben... Dieſes Geld, das Du ſo glücklich biſt, mitzubringen, dieſes Geld kann meiner Schweſter das Leben zurück⸗ geben und unſere Familie vor ewiger Schmach be⸗ wahren. Ernſt, Du liebſt mich ſo zärtlich! Sie iſt meine Schweſter, die unglückliche Mutter i“ Herr de Cock trat einen Schritt zurück und rieb ſich in tiefem Nachdenken die Stirne. „Betrüglicher Bankerott?“ murmelte er.„Ge fängniß? Entehrung? Laß, laß mich überlegen!“ Jedermann betrachtete ihn bebend und mit klo pfendem Herzen. Blondeel war näher getreten und ſchien mit der Hand bereit, ihn zurückzuhalten. „Der Name meiner Hermina entehrt?“ rief Ernſt plötzlich, als ſtiege jetzt erſt ein ſchreckliches Licht in ſeinem Geiſte auf.„Sie ſollte über ihrer Schweſter zu erröthen haben? Nein, nein! Da, Hermine; es iſt ein ſchmerzliches Opfer für einen Vater; aber...“ Herr Blondeel, der wahrſcheinlich dieſen Entſchluß vorausgeſehen hatte, faßte Ernſt's Hand und hielt ihn in ſeiner Bewegung zurück. „Wie?“ ſprach er;„Du beſitzeſt noch Nichts, als 318 dieſe einzige Frucht Deiner Arbeit und Deiner jahre⸗ langen Kümmerniſſe, und ſollteſt alſo das Vermögen Deiner Kinder wegſchenken? Das ſoll nicht geſchehen; ich bin hier, um die armen Kleinen zu vertheidigen!“ „Meiner Kinder?“ wiederholte Ernſt mit ſelt ſamem Stolze in ſeinem Blick.„Bringe ich nicht um meiner Kinder willen dieſes Opfer? Ihr Ver⸗ mögen, ſagen Sie? Vermögen? Wenn der Name ihrer Mutter entehrt wäre? Nein, nein, o Himmel, kein Fleckchen auf der Stirne meiner Hermina! Das Vermögen kann man gewinnen und verlieren und wieder gewinnen; aber die verlorene Ehre bekommt man nimmer zurück. Ich habe Muth, ich bin ſtark, Gott wird mich beſchirmen. Da, Hermine, kann die⸗ ſes Geld Deine Schweſter retten, ſei glücklich; unſere Kinder werden zum Mindeſten mit aufrechtem Kopfe in der Welt gehen dürfen.“ Während Hermina mit der Brieftaſche zu ihrer Schweſter eilte, faßte Jan Blondeel die Hand von Herrn de Cock und ſagte mit Thränen in den Augen: „Ernſt, Freund, Du haſt ein beſſeres Herz als ich; Deinem Vorbilde will ich folgen. Das Geld, welches Du opferſt, um die Ehre unſerer Familie zu retten, reicht nicht aus: es fehlen noch achtzig tau⸗ ſend Francs. Ich werde ſie geben.“ „Mein Gott, mein Gott, iſt es möglich!“ rief Thereſe, beinahe wahnſinnig vor Glück.„Mein armer Mann, mein unſchuldiges Kind gerettet? Sie ſollen gerettet werden?“ Die erſchütterte Frau wollte ihrem Oheim an den Hals fliegen und ſtreckte bereits die Arme nach ihm aus, aber ſie hatte die Kraft nicht mehr, ſich aufzu richten kleine l keine. noch de nöthige aber a die Lie lige F müthig nes M ſegnet; er die laſſen: Oh „K. bar. 8 ſein!“ Her Schulte D geben? Mutter jahre⸗ rmögen chehen; igen!“ t ſelt ) nicht r Ver⸗ Name immel, Das n und kommt ſtark, i die⸗ unſere Kopfe ihrer d von lugen: rz als Geld, ilie zu g tau⸗ “ rief „Mein 2 Sie an den h ihm aufzu⸗ richten und fiel zitternd vor Rührung auf den Stuhl zurück. „Nun ſchnell!“ rief Jan Blondeel.„Noch eine kleine halbe Stunde, und der Zug geht ab, wir haben keine Zeit zu verlieren. Was mich betrifft, ich werde noch dieſen Abend zu meinem Notar gehen und das nöthige Geld erheben. Jetzt nach Darlingen!“ „Ich gehe mit,“ ſagte Hermina;„ich will meine gute Mutter ſehen. Was wird ſie gelitten haben!“ Jan Blondeel eilte in ein Kabinet, um ſeinen Schlafrock abzuwerfen. Plötzlich fiel Madame Pottewal vor ihrer Schwe⸗ ſter auf die Kniee und rief in rührendem Ton: „Hermine, Verzeihung, Verzeihung! Ich habe Dir in meinem Leben ſo viel Kummer angethan; aber ach, wüßteſt Du jetzt, wie die Dankbarkeit, wie die Liebe nun in meinem Buſen lodert als eine hei⸗ lige Flamme, welche niemals erlöſchen ſoll! Edel⸗ müthiges Herz, Dir bin ich die Ehre, das Leben mei⸗ nes Mannes und meines Kindes ſchuldig. Sei ge⸗ ſegnet; ich werde zu Gott beten, täglich beten, daß er die Kinder meiner Wohlthäter auf Erden glücklich laſſen werde.“ Oheim Blondeel trat in das Zimmer. „Kommt, kommt,“ ſagte er.„Die Zeit iſt koſt⸗ bar. Beeilt Euch, Freunde, oder es möchte zu ſpät ſein!“ Hermina warf Fräulein Marie die Arme um die Schulter und murmelte zwiſchen der Umhalſung: „Du wirſt auf Ernſtchen und Herminchen Acht geben? Du wirſt über ihnen wachen, wie eine zweite Mutter, nicht wahr?“ 320 Nach dieſen Worten lief ſie in aller Eile ihren Reiſegefährten nach, welche bereits auf der Straße verſchwunden waren. VII. Pottewal ſaß in ſeinem Comptoir, den Kopf auf die Hände geſtützt und den ſtarren Blick zu Boden gerichtet. Bewegungslos waren ſeine Glieder und bewegungslos war ſeine Miene, als hätten Schmerz und Schrecken ihn verſteinert. Auf dem Tiſche neben ihm lagen zwei Handels⸗ bücher und ein kleineres gedrucktes, deſſen geöffnete Blattſeite die 1 Ueberſchrift trug: „Kapitel II. Von dem betrügeriſchen Bankerott.“ Schon geraume Zeit mußte der Unglückliche in einen Abgrund finſterer Gedanken verſunken ſein, denn ſeine Züge waren ganz erſchlafft und ſeine Augen des Glanzes und Lebens beraubt. Auf ſei nen Lippen zeigte ſich zuweilen ein unveränderliches Lächeln, aber dieſer Ausdruck ſchien ſo ſchmerzlicher Art, wie das Verzerren des Mundes bei einem Ster⸗ benden, und zeugte von Verzweiflung ohne Ende. Noch eine ganze Stunde blieb Pottewal in die Betrachtung ſeines Unglücks verſunken. Dann traf plötzlich der Ton der Hausglocke ſein Ohr; er erhob langſam den Kopf und wandte den Blick nach der Thüre... aber ein hohler Seufzer entwand ſich ſei ner Bruſt und ein konvulſiviſches 8 Zittern lief durch ſeine Glieder, als ſein Giſehgeraittr im Zimmer erſchien. He aus: Jeman hängn fiel ich mir di vergoß hinweg ich auf daß es haben wohl dieſes . E wahr? abſolut ich kan den Vo minder A „„ J nicht h Etwas Con e ihren Straße pf auf Boden er und ſchmerz andels⸗ öffnete hen che in ſein, ſeine uf ſei rliches zlicher Ster⸗ nde. in die n traf erhob ch der ch ſei durch immer Herr Romys ſah gleichfalls ſehr niedergeſchlagen aus: er war bleich und roth um die Augen, gleich Jemand, der Stunden lang geweint hat. Eine Weile ſahen beide Männer einander an, ohne zu ſprechen. Dann ſagte Romys in klagendem Ton und ohne merklichen Zorn: „Entſetzliches Unglück! Arme Familie! Sechs⸗ hundert tauſend Francs an einem Tage verloren! Ich begreife Ihre tödtliche Verzweiflung, Franz. Wie ich noch lebe, iſt mir unerklärlich. Der ver⸗ hängnißvolle Schlag hat mich zerſchmettert. Dreimal fiel ich von einer Ohnmacht in die andere; ich raufte mir die Haare aus, ich zerfleiſchte mir die Bruſt, ich vergoß Ströme von Thränen... mein Geiſt war hinweg; mir drang ſich die Ueberzeugung auf, daß ich auf immer mit Wahnſinn geſchlagen wäre. Wehe, daß es doch ſo geweſen wäre! Die Wahnſinnigen haben kein Bewußtſein ihres Unglücks— aber gleich⸗ wohl wird es nicht lange mehr mit mir dauern: dieſes Unglück wird die Urſache meines frühen Todes ... Es ſind doch ſechshundert tauſend Francs, nicht wahr? Man hat mich nicht getäuſcht? Und ſie ſind abſolut verloren? Nun, antworten Sie mir, Franz; ich kann Ihnen vielleicht noch guten Rath geben, um den Verluſt der Familie um ein Weniges zu ver⸗ mindern.“ 1 „Wo iſt meine Frau?“ fragte Pottewal. „Ihre Frau?“ wiederholte Romys.„Iſt ſie nicht hier?“ „Sie iſt bei Ihnen geweſen; ſie wollte Sie um Etwas bitten.“ Conſeience, Die Bürger v. Darlingen. 21 322 „Allerdings. Ich begreife: ſie wird nach Schär⸗ beek gegangen ſein; aber es iſt eine thörichte Hoff⸗ nung, die ſie antreibt.“ „Sie haben alſo ihre Bitte abgeſchlagen?“ „Gewiß, und Sie müſſen mir Recht geben, Franz. Wäre es nicht eine verwerfliche Dummheit, zwei hun⸗ derttauſend Francs in den bodenloſen Abgrund eines Bankerotts werfen zu wollen?“ Es herrſchte eine Weile Stillſchweigen. Pottewal betrachtete ſeinen Schwiegervater mit einem bittern Hohnlächeln auf den Lippen. „Grauſamer Mann,“ murmelte er;„ohne Zweifel haben Sie Ihre arme Tochter durch Ihre Gefühl⸗ loſigkeit vernichtet. Weit entfernt, ſie zu tröſten oder ihr zu helfen, haben Sie ihr durch giftige Worte das Herz zerriſſen, nicht wahr?“ Herr Romys zitterte und ein Funke des Zorns leuchtete in ſeinen Augen; aber er bezwang ſich mit Gewalt, als hätte er einen beſondern Zweck, und ſagte in ruhigem Ton: „Das Unglück macht Sie ungerecht, Franz. Laſ⸗ ſen Sie unß aufrichtig ſein. Ihr Vermögen hat nun Schiffbruch gelitten; Klagen oder Beſchuldigungen können das Unglück nicht wieder gut machen. Es bleibt Ihnen jedoch eine heilige Pflicht zu erfüllen; Sie müſſen zu Gunſten Ihrer Frau und Ihres Kin⸗ des zu retten ſuchen, was noch zu retten iſt. Hier, in Ihrem Comptoir, in dieſer Kaſſe müſſen Bank⸗ noten, Staatspapiere, Werthobjekte und baares Geld liegen. Nun, geben Sie mir die Schlüſſel.“ „Die Schlüſſel? Warum?“ rief Pottewal er⸗ bleichend. Schär⸗ Hoff⸗ 4 Franz. ei hun⸗ d eines ottewal bittern Zweifel Gefühl⸗ n oder rte das Zorns iſch mit , und . Laſ⸗ at nun zungen 1. Es * 323 „Es iſt nutzlos, mich dieß ausſprechen zu laſſen,“ antwortete Romys,„Sie begreifen es doch wohl ſelbſt? Dieſen Abend werden Sie nach Holland ab⸗ reiſen, und von da nach London. Ich werde Ihre Angelegenheiten hier ehrlich arrangiren und vielleicht noch genug zu retten finden, um das Loos Ihrer armen Frau ein wenig zu erleichtern.“ „Habe ich Sie recht verſtanden?“ ſprach Potte⸗ wal ſtammelnd vor Entrüſtung.„Sie wollten nach meiner Abreiſe die Banknoten und das Geld aus dieſer Kaſſe wegnehmen und verbergen?“ „Wegnehmen?“ wiederholte Romys mit einem ſchlauen Lächeln.„Sie glauben vielleicht, daß ich dieſe Ueberbleibſel Ihres Vermögens nicht ehrlich für Ihre Frau und für Ihr Kind aufbewahren werde? Kommen Sie, geben Sie her, wir wollen es genau zählen.“ „Himmel, das iſt ſchrecklich!“ rief Pottewal.„Das iſt alſo die Hülfe, die Sie mir anbieten? Sie wol⸗ len mich zu einem feigen Diebſtahl verleiten?“ „Nein, nein, Franz. Das Geld hat keinen be⸗ kannten Herrn; und was die Banknoten anbelangt, ſo iſt es möglich, daß die Nummern davon in Ihrem Kaſſenbuch aufgezeichnet ſind; aber ich habe Ihnen Geld geliehen und Sie haben es mir zurückgegeben. Was iſt daran zu verwundern? Und auf alle Fälle kann man ja die Banknoten ein Jahr oder zwei zu⸗ rückbehalten... Sie ſehen wohl, daß Niemand Etwas von der Sache argwöhnen wird.“ „O, Sie flößen mir Abſcheu ein!“ grollte Potte⸗ wal.„Nicht genug, daß die menſchliche Gerechtig⸗ keit mich zu ewiger Schande verurtheilte, wollten Sie 21 324 mich auch vor meinem eigenen Gewiſſen und vor Gott ſchuldig machen?“ Romys bemerkte, daß der Schlüſſel in der Geld⸗ kaſſe ſteckte, und trat vor, um derſelben ſich zu nähern. Dieſe Bewegung ſchien Herrn Pottewal einen hef⸗ tigen Schrecken einzujagen. Er ſprang auf, ſtellte ſich mit geballten Fäuſten vor die Kaſſe und ſchrie mit heiſerer Stimme: „Zurück! Zurück! Dieſe Kaſſe enthält meine Ehre, meine Unſchuld, mein Leben. Ich werde ſie gegen Ihren verbrecheriſchen Anſchlag vertheidigen, und müßte ſelbſt Blut zwiſchen uns fließen!“ „Sie ſind verrückt!“ ſchnaubte Romys mit ent⸗ flammtem Zorn, jedoch zurückweichend.„Wie kann ein Menſch ſo böſe und doch ſo dumm ſein? An⸗ ſtatt ſeine Frau gegen Noth und Armuth zu ſchützen, überläßt er ihr Heirathgut lieber denjenigen, welche ſeine Thorheit benützt haben, um ihm ſein Vermögen wegzufiſchen. Es ſei ſo! Fügen Sie dieſe ſchnöde That noch zu den Niederträchtigkeiten Ihres ganzen Lebens. Ich will hingehen und Sie dem Schickſale überlaſſen, das Sie ſich ſelbſt bereitet haben... Geben Sie mir die Juwelen meiner Tochter.“ „Geben Sie mir die Juwelen meiner Tochter!“ wiederholte er mit zornigem Nachdruck. Pottewal bückte ſich zu der Kaſſe nieder; der Schlüſſel drehte ſich im Schloſſe. „Wie?“ fiel Romys ein,„die Juwelen ſind in dieſer Kaſſe? Sie ſchließen dieſelbe? Sollten Sie unverſchämt genug ſein, ſie mir zu verweigern? Ge⸗ hören ſie nicht meiner Tochter als volles Eigenthum zu? iſt e einer in 6. wim trag ihr gege unn wor ſuch alſo wie auf The thu mei ſein her 325 1 zu? Sie ſprechen von Ihrer Ehrlichkeit? Aber das d vor iſt ein Diebſtahl, das iſt ein Mord!“ Geld⸗ Einige Schritte vortretend, ſprach Pottewal mit ich zu einer überraſchenden Ruhe in der Stimme: „Die Juwelen gehören meiner Frau. Da wir n hef⸗ in Gütergemeinſchaft lebten und ſie an meinem Ge⸗ lte ſich winne Theil hatte, muß ſie auch meinen Verluſt mit⸗ ie mit: tragen.“ „Wütherich! Und wenn dieſelbe Sie anflehte, Ehre, ihr dieſes letzte Huͤlfsmittel zu laſſen, um ihr Kind gegen gegen das drohende Elend zu ſchützen, könnten Sie und unmenſchlich genug ſein, ihr dieſe Bitte abzuſchlagen?“ 1„Ich weiß nicht, was ich thäte; es iſt Etwas, it ent: worüber ich mit ihr ſprechen würde.“ kann„Wohlan, ſie hat mich ſelbſt auf den Knieen er⸗ An⸗ ſucht, Ihre Juwelen hier zu holen. Wollen Sie mir hützen, alſo dieſelben ohne längern Widerſtand einhändigen?“ welche„Was Sie da ſagen, iſt eine Unwahrheit,“ er⸗ mögen wiederte Pottewal.„Sie verläſtern Ihre Tochter chnöde auf eine ſchnöde Weiſe. Auf alle Fälle habe ich ganzen Thereſe verſprochen, vor Ihrer Rückkehr nichts zu ickſale thun oder zu beſchließen. Sie bleibt lang aus. Trotz meines Verſprechens ſollte ich ſchon lange abgereist 3 ſein; denn ich wußte wohl, daß Ihr Herz unbarm⸗ hter!“ herzig und gefühllos iſt wie Stahl; aber was nun geſchieht, habe ich vorhergeſehen und gefürchtet. Laſ⸗ ; der ſen Sie demnach alle Hoffnung fahren, Romys. Hier iſt Nichts zu retten. Ich werde bleiben, bis daß ich ind in mein Haus der Bewachung Ihrer Tochter anvertraut n Sie habe. Sie iſt eine ſtarke Frau; ſie wird meine Ehre 2 Ge⸗ und die Ehre ihres Kindes vertheidigen, ſelbſt ge⸗ 1 gen Sie.“ —ſſſ 326 Romys ſchien bei dieſen letzten Worten von der äußerſten Wuth zu entbrennen; er erblaßte ſchrecklich, ſank auf einen Stuhl und ſtieß von da mit bebenden Lippen, als wäre er vom Schlage bedroht, heraus: „Niederträchtiger, Dummkopf, feige Schlange, die ſich in mein Haus geſchlichen hat, um eine alte Fa⸗ milie mit ihrem Gift zu beſpritzen! Du biſt alſo geboren als ein Fluch des Herrn, um die Urſache meines Unglücks und meines Todes zu ſein? Schreck⸗ lich! Du biſt ſo ruhig wie ein Teufel, und Du ſcheinſt zu lachen bei der Verzweiflung eines unſchul⸗ digen Schlachtopfers. Gibt es denn keine Blitze mehr im Himmel, um ein ſolches Ungeheuer zu zer⸗ ſchmettern!“ Pottewal zitterte; ſeine Lippen verzogen ſich zu einem bittern Ausdruck und in ſeinen Augen fun⸗ kelte ein düſteres Licht. „Sie, Sie beſchuldigen mich?“ rief er.„Ha, müßten die Blitze des göttlichen Zorns hier ein Opfer ſuchen, ſie fielen nicht auf mein Haupt, ſondern auf das Ihrige. Die Schlange, die dahinſchleicht, die betrügt und mit ihrem Gift das Leben eines un⸗ ſchuldigen Mannes vergiftet, ſind Sie. Ich bin ſchwach geweſen, dumm und niederträchtig, allerdings: wie hätte ich mich ſonſt zu einer Ehe ohne Liebe verlei⸗ ten laſſen durch Ihre heuchleriſche Schmeichelei? Wie hätte ich nicht die Tyrannei zerſchmettern ſollen, die mich angetrieben hat, meine Ehre und mein Vermö⸗ gen auf's Spiel zu ſetzen? Ja, ja, Sie haben meine Einfalt und meine Gutherzigkeit mißbraucht. Mich werden die Menſchen verurtheilen; aber Sie, Sie werden verurtheilt werden von Gott! Bereits ſtraft in der ecklich, enden raus: e, die e Fa⸗ alſo rſache chreck⸗ d Du ſchul⸗ Blitze t zer⸗ ch zu fun⸗ „Ha, Dpfer auf die un⸗ wach wie erlei⸗ Wie die rmö⸗ reine Mich Sie rraft — 327 er Sie in der Leidenſchaft, die Sie vergeſſen läßt, daß Sie ein Menſch ſind; Ihre Seele war zu Geld geworden; Geld iſt es, viel Geld, das Ihnen ent⸗ riſſen wird. Das iſt gerecht: die Urſache und das Werkzeug liegen beide zu Grunde gerichtet.“ Romys ſank auf einen Stuhl, legte ſich mit einem Angſtſchrei die Hände vor die Augen und ſchien in Thränen auszubrechen. Lange Zeit ſah Pottewal mit wachſendem Mit⸗ leiden auf ihn nieder.— Endlich ſchwand ſeine Er⸗ bitterung gänzlich; er ſenkte den Kopf und ſchaute zu Boden; aus ſeinen Augen ſielen Thränen. Es herrſchte eine feierliche Stille in dem Zimmer. Es mußte wohl der Fall ſein, daß Romys trotz ſeiner Verzweiflung noch immer eine geheime Abſicht verfolgte; denn er blickte bisweilen durch ſeine Fin⸗ ger zur Seite auf ſeinen Schwiegerſohn, als wollte er ſeine Gemüthsbewegungen beobachten. Zu Romys tretend, ſprach Pottewal mit ſanfter, trauriger Stimme: „Nun, Vater, laſſen Sie uns nicht ſtreiten. Ich bin ſchuldig, wenigſtens einer wahnſinnigen Unvor⸗ ſichtigkeit ſchuldig. Ich bereue es tief; ich werde mich meiner Strafe unterwerfen und mein Loos tra⸗ gen, ohne Jemand der Ungerechtigkeit zu bezüchtigen. Unterwerfen Sie ſich gleichfalls dem Willen des Herrn und ſchenken Sie mir Ihre Vergebung für den Kum⸗ mer, welchen ich Ihnen verurſache.“ „Ich werde Ihnen Alles vergeben, Franz,“ ant⸗. wortete Romys mit dem Lichte der Hoffnung in den Augen;„aber ſeien Sie gerecht, und zeigen Sie eini⸗ ges Mitleid für Ihre Frau und für ihr armes Kind. 328 Kommen Sie, vertrauen Sie mir die Banknoten und das Geld an.“ „Niemals! Es kann nicht ſein,“ murmelte Pottewal. „Geben Sie mir zum Mindeſten die Juwelen meiner Tochter.“ „Nein, ich will warten, bis ſie heimgekehrt iſt.“ „Sie bleiben alſo unerbittlich, gleich einem Henker?“ „Mein Geywiſſen iſt unerbittlich.“ Romys ſprang auf, trat ein paar Schritte zurück und rief mit den Armen auf der Bruſt: „Iſt dieß Ihr letztes Wort, Mörder?“ „Gott ſieht uns,“ war die Antwort. „O, ſei verwünſcht!“ heulte Romys toll vor Ver⸗ druß und Zorn.„Und ich ſollte Dich nicht einen Niederträchtigen, ein Ungeheuer nennen? Wie? Du ſtiehlſt einer alten ehrbaren Familie ſechshundert tau⸗ ſend Francs? Du befleckſt den Namen Deiner Frau und ſchlägſt Dein Kind mit ewiger Schmach, ſelbſt ehe es noch zu athmen anfängt? Es fehlt Dir nicht allein an dem nöthigen Verſtand, um ihnen ein Stück Brod zu erhalten, ſondern Du biſt unmenſchlich und kleinmüthig genug, um Dich als betrügeriſchen Ban⸗ kerottirer verurtheilen zu laſſen, ohne ſelbſt zu erwä⸗ gen, ob es nicht noch ein Mittel gibt, um dieſem verhängnißvollen Spruch zu entgehen. Geh, Dein Herz iſt leer; Du haſt keine Seele!“ „Ein Mittel, um der Verurtheilung zu entgehen?“ wiederholte Pottewal. „Solch ein Mittel muß es geben; und wäreſt Du gefur chen Seel dann rief Frau mit Du wäre 4 in Lache war mit der mein ſchlie ich t aber ges Sie Ihne im 2 blind 329 Wund Du nicht zu dumm oder zu feig, Du würdeſt es bald gefunden haben.“ nelte„Aber welches Mittel? Um Gotteswillen, ſpre⸗ chen Sie!“ bat Pottewal, bebend vor Erregung. velen„Vergeblich,“ entgegnete Romys;„hätteſt Du Seelenſtärke genug, um Deine Pflicht zu erfüllen, iſt.. dann würdeſt Du von ſelbſt Deine Pflicht begreifen.“ inem„Aber Sie foltern mich unbarmherzig, Vater,“ rief Pottewal.„Um mein Kind, um meine arme Frau vor dieſem Brandmal zu bewahren, wollte ich urück mit Freuden zwanzigmal ſterben!“ „Sterben?“ murmelte Romys.„Gäbe Gott, daß Du bei der Nachricht von Deinem Fall geſtorben wäreſt... Die Todten verurtheilt man nicht.“ Ver⸗: Pottewal ſprang zurück, griff mit den Händen inen in ſeine Haare und blickte mit einem ſeltſamen Du Lachen ſeinem Schwiegervater in die Augen. Er tau⸗ war todesbleich; er zitterte und ſchien in der That frau mit Wahnſinn geſchlagen. elbſt„Welches Licht!“ murmelte er mit trockener Kehle. icht„Es ſollte wahr ſein? Der Name meines Vaters, tück der Name meines Kindes?... kein Brandmal auf und meinem Grabe? Das Gefängniß ſollte ſich nicht zan⸗. ſchließen hinter mir?... Ach, ach, mir ſchwindelt, wã⸗— ich träume, es iſt Nacht vor meinen Augen... aber, ſem aber, Dank Ihnen dennoch; es wird nur ein einzi⸗ dein ges Opfer geben. Leben Sie wohl, Romys, ſeien Sie der Vater meines Kindes... Gott wird es 12“ Ihnen lohnen!“ Indem er dieſe letzten Worte ausſprach, war er reſt im Begriff, das Zimmer zu verlaſſen und eilte mit blinder Haſt hinweg... aber die Thüre flog auf, 330 ehe er ſie erreicht hatte, und mit ausgeſtreckten Ar⸗ men ſprang ihm Thereſe, von andern Perſonen ge⸗ folgt, an den Hals. „Franz, mein guter Franz,“ rief ſie,„wir brin⸗ gen Dir zweihunderttauſend Francs! Kein Kummer mehr; ſei froh; Du biſt gerettet. Sieh, ſieh!“ Und ſie entfaltete vor ſeinen Augen ein ganzes Packet Banknoten. Das Zimmer erfüllte ſich mit Jubelrufen. Blon⸗ deel, Ernſt und Hermina hatten gleichfalls ihre Arme um Pottewals Schulter geſchlagen und ſo ſchloſſen ſie ihn Alle zuſammen in eine zärtliche Umarmung, während ihre Freude und ihre Freundſchaft ſich in verwirrten Worten ausſtrömte. Pottewal, der einen kleinen Augenblick verſtummt war, als könnte er an die Wirklichkeit dieſer unver⸗ hofften Hülfe nicht glauben, drückte nun ſeine Frau lebhaft an ſeine Bruſt und ſtammelte, während Freu⸗ denthränen ihm über die Wangen liefen, mit inniger Dankbarkeit: „Thereſe, meine liebe Frau, ich werde Gott für mein Unglück preiſen müſſen. Er ließ mich einen verborgenen Schatz von Hingebung und Stärke in Deinem Herzen entdecken. Er hat unſere Seelen durch das Band einer unzerſtörbaren Neigung ver⸗ einigt! Ach, Thereſe, wie werde ich Dich lieben!“ Mehr konnte er nicht ſagen; aber er hielt den ſtrahlenden Blick auf die milden Augen ſeiner Gattin gerichtet und war entzückt vor Bewunderung und Liebe... Herr Romys trat herzu. Sein Geſicht ſchien ver⸗ zerrt und ſeine Hände zitterten. Blondeel am Arme recht lieren wurde ſelbſt einem bald Ar⸗ n ge⸗ brin⸗ nmer unzes Zlon⸗ Arme oſſen nung, ch in mmt wer⸗ Frau Freu⸗ niger für inen in eelen ver⸗ 14 den tttin und ver⸗ rme 331 faſſend, fragte er mit einer Stimme, welche von ſei⸗ ner ſchrecklichen Aufregung Zeugniß gab: „Was? Was? Was höre ich? Ich habe nicht recht verſtanden; es kann nicht ſein. Zweihundert tauſend Francs? Woher? Von wem?“ „Von Ernſt,“ antwortete Blondeel,„von ſeiner Eiſenbahn, welche angenommen worden iſt; von mir und meiner Schweſter.“ „Aber, aber es iſt das Geld unſerer Familie!“ ſtammelte Romys, ſeiner gewaltigen Aufregung er⸗ liegend.„Achthundert tauſend Francs! Wehe, ich werde arm ſterben, im Elend, auf Stroh! Helft mir; ich falle; Ihr bringt mich um!“ Und er ſank auf einen Stuhl nieder. Hermina ſprang auf ihn zu, umſchlang ihn mit ihren Armen und ſagte in tröſtendem Ton: „Nein, Vater, ſei nicht traurig; Franz wird ſein Handelsgeſchäft fortſetzen. Mein Ernſt wird dazu behülflich ſein, wieder zu gewinnen, was wir ver⸗ lieren; faſſe Vertrauen zu ſeiner Kraft und ſeinem Glück; er wird die Ehre der Familie ſtützen und vermehren. Er wird die Freude Deiner alten Tage werden.. O, mein Gott!“ rief ſie plötzlich;„Hülfe, Hülfe! Waſſer, Waſſer! Der Vater fällt in Ohnmacht.“ Und ſie ſelbſt lief jammernd in die Küche und kam, ſchnell wie der Blitz, mit einem Krug Waſſer zurück. Sie befeuchtete eine Weile mit fieberiſcher Angſt die Stirne ihres ohnmächtigen Vaters und wurde in ihrer liebevollen Sorge von allen Andern, ſelbſt von Pottewal unterſtützt; denn die Furcht vor einem ſchrecklichen Unglück hatte ihrer Freude als⸗ bald ein Ziel geſetzt. 33²2 Die Magd trat mit einem Papier in der Hand herein und überreichte es ihrem Herrn. „Es hat Eile, Herr,“ ſagte ſie;„es kommt von dem Telegraphen.“ „Himmel! Iſt es möglich?“ rief Pottewal, die Botſchaft mit zitternder Hand vor ſein Auge haltend. „Ja, ja, Thereſe, es iſt wahr, Thereſe, liebe Thereſe, beſſere Neuigkeiten von London. Der Preis des Ge⸗ treides iſt zu Antwerpen bereits um fünf Francs geſtiegen. Die Hälfte unſeres Vermögens iſt ge⸗ rettet! Unſer Kind wird nicht arm ſein!“ Es antwortete Niemand auf dieſen Ausruf, ob⸗ gleich Alle dadurch lebhaft gerührt waren; man war noch immer ängſtlich damit beſchäftigt, Romys aus ſeiner Ohnmacht zu erwecken. „Vater, Vater, hör',“ rief Hermina ihm in's Ohr. „Es ſind gute Nachrichten da. Pottewal hat wieder dreihundert tauſend Francs zurückerhalten!“ Dieſe Ankündigung erklang bis in das Herz des Ohnmächtigen; er öffnete die Augen und ſah die Umſtehenden mit zweifelnder Verwirrung an. „Dreihundert tauſend Francs?“ murmelte er. „Zurückerhalten?“ „Ja, ja, das Getreide iſt geſtiegen,“ war die be⸗ ſtätigende Antwort. „Wir verlieren noch dreihundert tauſend Francs?“ ſeufzte er.„Genug, um davon den Tod zu haben...“ Pottewal wollte ſeine Hand faſſen; aber er ſtieß ihn wüthend zurück und ſchnaubte ihn mit verzerrten Lippen und mit Gift in den Augen an: „Bleibe verwünſcht, Niederträchtiger, der das Geld, das Blut einer armen Familie verſchwendet hat!“ Hand tvon , die ltend. ereſe, 3 Ge⸗ rancs t ge⸗ „ob⸗ war aus Ohr. dieder 3 des die — 333 Er ſtreckte die Arme nach Ernſt de Cock aus; dieſer aber wich zurück, als hätte die Umarmung in einem ſolchen Augenblick ihm Schrecken eingeflößt. Deſſen ungeachtet ſchloß ihn Romys in die Arme und ſagte: „Ernſt, Sie ſind meine einzige Hoffnung auf Erden. Werden Sie die Stütze und der Retter einer armen Familie. Erwerben Sie Geld, viel Geld; und ich werde das Schickſal ſegnen, das mir einen ſo würdigen Sohn gewährte.“ Hermina ſtieß einen Freudenruf aus und ſank ihrem Vater an die Bruſt. „Du ſegneſt meine Ehe? Du umarmſt meinen Gatten?“ jubelte ſie.„Ha, er hat ſein Ziel erreicht, er hat den Sieg davon getragen!“ Thereſe kniete nieder und rief, die Arme er⸗ hebend, aus: „O, mein Gott, wie unbegreiflich ſind Deine Wege, wie grenzenlos Deine Barmherzigkeit! Du haſt Mitleid gehabt mit den Opfern einer Ehe ohne Liebe; Du machſt das Unglück ſelbſt zum milden Quell Dei⸗ ner Gnade! Ach, vergib mir mein bisheriges Leben: ich werde gut ſein, ich werde lieben, ich werde wachen als ein Schutzengel über den Lebensfrieden des Man⸗ nes, deſſen Glück Du mir anvertraut haſt auf Erden! Dank! Dank!“ Und auf's Neue flog ſie an den Hals ihres Mannes, welcher in der Vorausſicht einer frohen Zu⸗ kunft beinahe verging vor Seligkeit... Ende. * 8 ——— —— —— 8