Aͤ 3= Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 4 Bun. d. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Jeih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 „3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: — für woͤchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 4 7 n 1—„—, 1— 11 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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V Be 4 Blick ar werfen, ten die Freiheit 4 ECheil d 1 noch eh bewohne Be Völkern den des liche Ut man in 4 nament ſich ber Belgier feſtem durch D hängigt tes bil ſelbſt, Ja, we Conſe ruckeret. Vorhang. (1793.) Belgien iſt die Heimath der Freiheit: wie tief der Blick auch ſein mag, den wir in unſere eigene Geſchichte werfen, wir finden doch immer ſelbſt in den fernſten Zei⸗ ten die Bewohner der belgiſchen Städte im Beſitze großer Freiheiten, die aus dem Volksrechte ſtammen, das einen Theil der Sitten und Gerechtſame unſerer Väter bildete, noch ehe dieſe in das Land eingewandert, das ſie jetzt bewohnen. Bei dem raſchen Gange der Civiliſation unter den Völkern deutſchen Stammes erhielten auch die Gemein⸗ den des platten Landes nach und nach ihre grundrecht⸗ liche Unabhängigkeit. Am Ende des Mittelalters, als man in vielen größeren Ländern, als man in Frankreich namentlich, noch zu ſehr unter dem Joche der Sklaverei ſich beugte, um an Freiheit denken zu können, ruhte in Belgien dieß Verhältniß zwiſchen Fürſt und Volk auf feſtem Grunde, und Pflichten und Rechte Beider waren durch geſchriebene Geſetze feſtgeſtellt. Daß der Drang nach freier Entwicklung und Unab⸗ hängigkeit einen Beſtandtheil unſeres vorväterlichen Blu⸗ tes bildete, davon zeugt unwiderſprechlich das Schickſal ſelbſt, das Belgien ſeit ſeinem Urſprung zu Theil wurde. Ja, was war das Leben unſerer Nation ſeit ihrem Ent⸗ Conſcience, Bauernkrieg. 1 2 ſtehen bis auf unſere Tage? War es nicht ein langer Streit, ein unnnterbrochener Kampf, ein unaufhörlich Blutvergießen, eine rieſenhafte Anſpannung aller Kräfte zur Vertheidigung der Freiheit? Trotz all des ſchweren Unglücks, von dem unſere Vorfahren im Verlauf der Jahrhunderte heimgeſucht wurden, und obgleich mehr als irgend ein anderes Volk der Erde geprüft, hatten die Belgen doch bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts ihre bürgerliche Unabhängig⸗ keit unverletzt erhalten. Das„Blyde intrede“ oder Grund⸗ geſetz des Landes beſtimmte die Pflichten und Rechte von Fürſt und Volk und wurde bei jeder Thronbeſteigung nach uralter Gewohnheit unter blauem Himmel feierlich beſchworen. Ungefähr um dieſe Zeit bereitete ſich auf franzöſi⸗ ſchem Boden ein Ungewitter vor, das ganz Europa bis in die innerſten Eingeweide erſchütterte. Die offenbare Sittenloſigkeit und ſchamloſe Unge⸗ rechtigkeit derjenigen, welche in Frankreich als geſetzmäßige Häupter des Volks dem Volk ein Vorbild hätten ſein ſollen, hatten in dieſem Lande die Gemüther für eine Lehre reif gemacht, die allem Anſehen Hohn ſprach und demzufolge den Quell der Willkühr und Tyrannei ver⸗ ſtopfen zu wollen ſchien. Stolze Geiſter, mit Wiſſenſchaft und Kunſt gewaff⸗ net, goßen langſam und mit berechnetem Fleiß das Gift des Zweifels in den Buſen des Volks. Sie erklärten den Menſchen zum Gott der Schöpfung und läugneten den Gott im Himmel; ſie ſchürten in jedem das Gefühl der menſchlichen Rechte an und löſchten den letzten Fun⸗ ken des Gefühls der Pflichten aus. Erfüllt von Haß gegen das, was ihre Väter aufge⸗ baut oder geachtet hatten, warfen ſie den Spott mit vollen Händen über Gottesfurcht und Sitte, über Ver⸗ trauen und Glauben; zu ungeſtüm und zu ſtolz, um den verfaulten Acker vom Unkraut zu reinigen, warfen ſie lieber d aufgewt ſie riefe und zeig nichts e früherer Boa und Un Unbekan fels her Po unter ſe barer 6. lichen T über Ff De warf, daß wiß Jahrhu Bilde und G Die Ur theuer. und wi I Jemap der Ty D Marra thronte gierige war di zu plün und ne 4 n langer ufhörlich r Kräfte n unſere mgeſucht tes Volk im Ende öhängig⸗ Grund⸗ echte von ſteigung feierlich franzöſi⸗ vopa bis Unge⸗ Bmäßige ten ſein für eine ach und nei ver⸗ gewaff⸗ as Gift rklärten ugneten Gefühl n Fun⸗ aufge⸗ ott mit er Ver⸗ im den fen ſie 3 lieber das Unterſte zu oberſt, um zu ſehen, was aus dem aufgewühlten Schooße emporkeime. Mit einem Worte, ſie riefen Fluch und Vernichtung über alles Beſtehende und zeigten dem franzöſiſchen Volke einen Weg, der durch nichts eingehegt war, als die zerſtreuten Schutthäufen früherer Generationen. Bald, als nichts mehr in den Herzen blieb, denn Haß und Unglaube, Rachſucht und blinder Drang nach dem Unbekannten, trat die Frucht an dem Baum des Zwei⸗ fels hervor. Paris, als hätte die Hölle ſelbſt ſeit Jahrhunderten unter ſeinem Boden gebrütet, explodirte plötzlich mit furcht⸗ barer Gewalt..... Der ſchwangere Vulkan der menſch⸗ lichen Begierden goß ſeine Lava in wilden Strömen weit über Frankreichs Grenzen hinaus.... Der Fremdling, der ſich als Weltreformator auf⸗ warf, bot uns ſeine Freiheit an, unter der Bedingung, daß wir die Ketten der Dienſtbarkeit an Frankreich bänden. Wir, die mit der Freiheit geboren waren und ſie ſeit Jahrhunderten beſeſſen, wir erkannten in dem beſchmutzten Bilde des Zweifelgeiſtes, des Mordes, der Zerſtörnng und Gewaltthat das Erbtheil unſerer Vordern nicht mehr. Die Unabhängigkeit des Landes war uns noch über alles theuer..... Wir weigerten deßhalb die Annahme und wurden durch die rohe Uebermacht zu Boden geworfen. Im November 1792 lieferte die Schlacht von Jemappes unſer Vaterland wehrlos in die Hände ſchnö⸗ der Tyrannei. Die Abgeſandten des Pariſer Clubbs, wo Danton, Marrat und Robespierre als Götter der Vernichtung thronten, überzogen ganz Belgien wie eine Wolke raub⸗ gieriger Raben. Nur vier Monate blieben ſie dießmal hier, und doch war die kurze Zeit hinreichend, um die ſchönſten Kirchen zu plündern, die herrlichſten Gefäße in Tonnen zu ſtampfen und nach Frankreich zu führen, die Gemeinden zu brand⸗ 4 ſchatzen, den Bürgern und Bauern gegen werthloſes „ Papier die Kramläden und Scheuern zu leeren..... Tünn 4 und ſo Geld und Gut auf unzähligen Wagen aus Bel⸗ In gien nach ihrer unerſättlichen Räuberhöhle, nach dem blut⸗ Dorf: d befleckten Paris zu ſchleppen. ſen, die Vor der furchtbaren Macht der Umwälzung ſich beu⸗ dem br⸗ 4 gend, ſah das belgiſche Volk der Vernichtung all' ſeiner noch er Freiheiten, ſeiner Wohlfahrt, ſeines Cultus, ſeiner ren: d Sitten mit ſtummer Niedergeſchlagenheit zu: und blieb ſtand n noch ein Funke von Hoffnung in einzelnen Herzen, ſo aber de war es das Vertrauen auf Gottes Allmacht und Gottes fer im Beiſtand. Alle menſchliche Hülfe ſchien nichtig und un⸗ die aus zureichend gegenüber dem rieſenhaften Andrängen der 31 1 wilden franzöſiſchen Horden. auf der 5 Und dennoch erſchien ein Tag der Erlöſung: die ſchien * Oeſtreicher ſchlugen das franzöſiſche Heer bei Neerwinden auf fr am 14. März 1793.— Der Fremde verließ unſern ſich rin 4 Boden. und die Unſer Vaterland holte wieder frei Athem. Geſetze, Gebirg Sitten, Sprache, Gottesdienſt, alles wurde in ſeiner frü⸗ A . hern Form wieder hergeſtellt; jeder ſah mit Vertrauen weih zu — in die Zukunft. Der Handel blühte wieder auf, die ver⸗ V 6 wüſteten oder verlaſſenen Felder wurden ſogleich wieder den all angebaut, die Zeichen der fremden Herrſchaft vernichtet, man d . die Kirchen auf's Neue geſchmückt; und überall— ſowohl Kräme 5 in den Geſichtern, als in den Herzen erhob ſich freudiger oder 2 . Dank für die unerwartete Erlöſung zu Gott. in der Was wir zu erzählen im Begriffe ſind, ſpielt in aufgeſ⸗ 2 einem Dorfe des brabant'ſchen Kempenlandes, dem wir ſaal zu aus wichtigen Gründen den Namen Waldeghem geben ter die wollen. 4. P' Dieß Dorf lag einige Bogenſchüſſe von einer großen ſollen, Landſtraße entſernt; der Ort, wo ſein niedrig Kirchlein und d ſtand, erſchien aus der Ferne wie ein Luſtwald von rig gel mächtigen Linden, über den nur das Kreuz auf dem T eerrthloſes us Bel— em blut⸗ ſich beu⸗ ll' ſeiner , ſeiner nd blieb zen, ſo Gottes und un⸗ gen der ng: die erwinden unſern Geſetze, ner frü⸗ ertrauen die ver⸗ ) wieder rnichtet, ſowohl reudiger ſpielt in em wir n geben großen eirchlein ald von uf dem 4 5 Thurme hervorſah, um anzudenten, daß hier eine Anzahl Menſchen unter dem Schatten des Gotteshauſes wohnen. In der Nähe war es ein heiteres und hübſches Dorf: die Dächer ſeiner Hütten waren mit Moos bewach⸗ ſen, die Giebel mit Weinranken umſchlungen oder unter dem breiten Schatten der Nußbäume halb verſteckt. Den⸗ noch erhoben ſich einige größere Bäume über die ande⸗ ren: das Pfarrhaus, durch das Nothglöcklein keuntlich, ſtand neben dem Kirchhof; in der Nähe die weniger große, aber doch ſchöne Wohnung des Küſter⸗Schulmeiſters; tie⸗ fer im Dorfe das hübſche Haus des Notars und jenſeits die ausgedehnte Brauerei mit ihren Ställen und Darren. Zwiſchen den Häuſern und Hütten, die der Zufall auf der andern Seite des Weges hingeſtreut zu haben ſchien, waren einzelne Lücken, die dem Auge den Blick auf fruchtbare Felder und fette Wieſen boten., während ſich rings um das Dorf undurchdringliche Wälder zogen, und die Gegend einem lieblichen Thale zwiſchen hohen Gebirgen ähnlich machten. An einem Sommertag des Jahres 1793 war Kirch⸗ weih zu Waldeghem. 1 Vor der Kirche unter den hohen Lindenbäumen ſtan⸗ den allerlei Buden, mit Leinwand überſpannt; aber was man darin verkaufte, konnte man nicht ſehen, da die Krämer, die Arme über der Bruſt gekreuzt, auf Kiſten oder Bänken ſaßen und vor ihren geſchloſſenen Schätzen in der Stille zu warten ſchienen. Vor einigen Herbergen waren Zelte von Segeltuch aufgeſpannt, ohne Zweifel, um den Bauern zum Tanz⸗ ſaal zu dienen. Ebenſo ſtill und öde war es jedoch un⸗ ter dieſen Zelten. Man häkte bei dem Anblick des Dorfweges glanben ſollen, geſtern ſei der letzte Tag der Kirchweihe geweſen und die ermüdete Bevölkerung habe aus Trägheit die üb⸗ rig gebliebenen Zeichen der Freude noch nicht weggenommen. Dieſe allgemeine Stille würde wunderbar erſchienen a 6 ſein, da es kaum drei Uhr Nachmittags war, wenn ein Blick in die Ferne nicht die Erklärung dieſes Räth⸗ ſels gegeben hätte. Auf den Fußpfaden, die aus dem dunkeln Walde ſich über Wieſen und Felder der Kirche zuſchlängelten, gingen zahlreiche Familien; Männer und Frauen und Kinder, alle mit einem Kirchbuch, einem Roſenkranz oder beiden zugleich in der Hand. Da die ſchmalen Pfade nur Raum für einen Men⸗ ſchen hatten, ſo gingen alle dicht hinter einander. Von Ferne ſchien der Gang dieſer Leute ſehr träg; und hätte nicht der bunte Putz der Frauen, mit ihrem Hochroth, Grün, Gelb und Weiß zwiſchen der dunkelbraunen Tracht der Männer geglänzt, und die Bewegung merken laſſen, man hätte bisweilen glauben können, die langen Reihen dieſer Leute ſtänden ganz bewegungslos in den Feldern. So ſtrömten von allen Seiten die Glieder der Ge⸗ meinde Waldeghem nach der Kirche, um dem feierlichen „Lobgeſang“ beizuwohnen, der bald beginnen ſollte. Wenn man eine ähnliche Bewegung im Dorfe ſelbſt noch nicht bemerkte, ſo trug daran die berechnende Ge⸗ wohnheit der Bauern ſchuld, welche um ſo ſpäter ihr Haus verließen, je näher ſie bei der Kirche wohnten, und ſo kommt es, daß die Bewegung der Dorfbewohner zuerſt an den fernſten Enden beginnt und nach und nach immer lebhafter wird, bis der Glockenſchlag die aller⸗ trägſten aus der Herberge treibt, um nicht beim Beginne des Gottesdienſtes zu fehlen. Und wahrlich deſſen wollte ſich dießmal gewiß Nie⸗ mand ſchuldig machen. Es mußte mit dieſem Lobgeſang eine beſondere Bewandtniß haben, die aller Neugierde rege machte.. Bruno, der Sohn des Notars, der bei den Augu⸗ ſtinern zu Antwerpen auf der lateiniſchen Schule ſtudirte, war in den Ferien, um die Zeit der Kirchweih auf dem Dorfe zuzubringen. Er hatte eine wunderbar ſchöne Stimm ſter hat den Se geſang Bruno S Gildebr ſem Lo lange zur Ki Ereign K mit N linken in der einem im rech heiter bunten Patrof Jüngl die be einnah cher J und h ſeiner tlitz er erinne zu Ze , wenn es Räth⸗ in Walde ängelten, nen und ranz oder en Men⸗ er. Von und hätte Hochroth, en Tracht en laſſen, n Reihen Feldern. der Ge⸗ eierlichen elte. rfe ſelbſt ende Ge⸗ päter ihr wohnten, bewohner und nach die aller⸗ Beginne wiß Nie⸗ obgeſang Reugierde Augu⸗ ſtudirte, auf dem ur ſchöne 7 Stimme und war in der Muſik ſehr erfahren. Der Kü⸗ ſter hatte deßhalb ſeit langer Zeit und mit großer Mühe den Sängern der St. Cäciliengilde einen feierlichen Lob⸗ geſang eingeübt, in welchem einige Solis vorkamen. Bruno ſollte dieſe Solis ſingen. 2 Seit drei Monaten hatten die Hausgenoſſen der Gildebrüder von St. Cäcilia von nichts gehört, als von die⸗ ſem Lobgeſang und Brunos ſchöner Stimme; und dieß lange Warten hatte ihre Neugierde ſo geſpannt, daß ſie zur Kirche eilten, als ſtände dort ein außerordentliches Ereigniß bevor. Kurze Zeit, ehe die Glocke drei ſchlug, war die Kirche mit Meuſchen angefüllt; die Frauen und Mädchen im linken Schiff, die kleinen Mädchen auf derſelben Seite in der Mitte der Kirche, rechts die jungen Männer mit einem Durchgang zwiſchen beiden; die älteren Männer im rechten Schiffe. Während die eine Seite der Kirche heiter und friſch im Schmucke ſchneeweißer Spitzen und bunten Putzes prangte, dunkelte die andere durch die ein⸗ färbige braune Kleidung der Bauern. Unter den Männern ſelbſt herrſchte noch eine beſon⸗ dere Ordnung nach Rang und Alter. Während die be⸗ jahrten Männer in der Mitte des Schiffes ſaßen, ſtanden die jungen Leute und die Männer im kräſtigen Alter mehr vorne bei dem Betaltar von St. Sebaſtian, dem Patron der Schützengilde. Von allen den mannbaren Jünglingen fehlten dort nur die Mitglieder der Cäcilia, die bereits ihren gewohnten Platz auf der Emporkirche einnahmen. Bei dem Betaltar des hl. Sebaſtian ſtand ein ſol⸗ cher Jüngling, den Ellbogen auf den Betſchemel geſtützt und halb nach dem Bilde des Heiligen gewandt. In ſeiner Haltung lag etwas Uebermüthiges, in ſeinem An⸗ tlitz etwas Hartes und Spottendes, er ſchien ſich nicht zu erinnern, daß er ſich in Gottes Wohnung befand. Von Zeit zu Zeit entfielen ihm Worte des Spottes über Bruno und 8 den gerühmten Lobgeſang. Dieſe Worte waren an einen ziemlich alten Mann mit gebeugtem Rücken und verwelk⸗ tem Geſichte gerichtet, der einige Schritte vor ihm an dem Pfeiler kniete. Was er ſagte, mußte den alten Mann tief entrüſten, denn er knirſchte zornig mit den Zähnen und fuhr ihn mit dem bitterſten Ausdruck der Verachtung an: „Schweig, gottloſer Menſch, Du biſt nicht werth, Bruno's Schuhe zu binden.“ Die Umſtehenden gaben mit ihren Blicken deutlich zu erkennen, daß ſie dem alten Manne beipflichteten; einige entfernten ſich ſogar mit Abſchen von dem trotzigen Jüng⸗ ling. Dieſer aber lachte ſpöttiſch, als er es ſah und zuckte mit den Achſeln. Er wollte gewiß den alten Mann auf's Neue kränken, als ſich plötzlich die Seitenthüre bfhee. und aller Aufmerkſamkeit ſich nach dieſem Punkte richtete. „Bruno!“ ſagte der alte Mann mit Freude. „Veva!“ murmelte der Spötter mit zornſprühendem Blicke. Ein Jüngling von hohem Wuchſe, angenehmer Ge⸗ ſichtsbildung und beſcheidenem Weſen trat mit einem großen Blumenſtrauße in die Kirche; mit ihm erſchien ein ſehr junges Mädchen, kaum den Kinderjahren ent⸗ wachſen, doch ſchon ein ſtattliches Frauenbild und ſo regelmäßig, ſo fein, ſo edel von Geſicht, daß ihr An⸗ blick jeden bezaubern und entzücken mußte. Es war Genoveva, die einzige Tochter des Kü⸗ ſterſchulmeiſters, der ſeinem angebeteten Kinde alle Liebe ſeines Herzens zugewandt und ihr ſo reiche Kenntniſſe beiebracht, daß ſie unter den Bauern für ein Wunder galt. Das Mädchen hielt gleichfalls einen Blumenſtrauß in der Hand und nahm auch den, welchen ihr Freund getragen.— Sie ging langſam über den Chor, ſtieg die Stufen des Al weg u Ehre ne ab und hielt. De ſich nac reits di B das R den ſee lichen; Mitbür an den ſchaft leuchtet das H ſeinen Pfeifer Geiſtlie D ben de deren mehr er doch ſeiner tung im Se fielen ſtilles furcht mit il Herzeu A ſchaute erleuch an einen verwelk⸗ ihm an ntrüſten, fuhr ihn t werth, deutlich z einige n Jüng⸗ ah und n Mann ttenthüre Punkte 3 ühendem mer Ge⸗ t einem erſchien ren ent⸗ und ſo ihr An⸗ hes Kü⸗ lle Liebe enntniſſe Wunder enſtrauß Freund Stufen des Altars hinauf, nahm die halbverwelkten Blumen weg und ſtellte ihr friſch und duftig Opfer Gott zur Ehre neben das Tabernakel. Dann ſtieg ſie wieder her⸗ ab und nahm den Stuhl, den Bruno fiür ſie bereit hielt. Der Jüngling ging langſam durch die Kirche, um ſich nach dem Emporium zu begeben, wo der Küſter be⸗ reits die Orgel ſpielte. Bei ſeinem Durchgang wurde die Stille durch das Rücken der Stühle geſtört; jeder ſtand auf, um den ſchönen Studenten zu ſehen, der bei dem feier⸗ lichen Lobgeſang vorſingen ſollte; und daß er ſeinen Mitbürgern willkommen war, das konnte man deutlich an dem ſtillen Lächeln des Wohlwollens und der Freund⸗ ſchaft erkennen, das ihm aus jedem Geſichte entgegen⸗ leuchtete. Gerührt durch dieſe Huld, beugte er verlegen das Haupt, beeilte ſeinen Schritt und erreichte gerade ſeinen Platz auf der Emporkirche, als der Küſter alle Pfeifen der Orgel anſchlug und das Erſcheinen des Geiſtlichen ankündigte. Der Paſtor trat in der That aus einer Thüre ne⸗ ben dem Altar. Man konnte keinen ehrfurchterwecken⸗ deren Greis ſehen, als dieſen Prieſter. Obſchon er mehr als ſiebenzig Jahre alt und ſehr groß war, ging er doch noch gerade, als hätte das Gefühl der Hoheit ſeiner Sendung auch ſeinem Gemüthe und ſeiner Hal⸗ tung Hoheit aufgedrückt. Weiße Haare, wie Schnee im Sonnenlicht glänzend, umſäumten ſein Haupt und fielen in langen Flechten auf ſeine Schultern. Sein ſtilles und ſanftes Antlitz war von tiefen Runzeln durch⸗ furcht; ſeine Augen waren noch klar und zeugten mit ihrem friedlichen Blicke von Liebe und Güte des Herzens. Als er bei ſeinem Eintritt die Gemeinde über⸗ ſchaute, ſchien ein himmliſches Lächeln ſein Geſicht zu erleuchten und es war, als ob Thränen der Rührung 10 in ſeine Augen träten. Ja, er blieb eine Weile an der Thüre ſtehen und betrachtete, in ſelige Träume verſunken, das Volk, das die Kirche bis auf das kleinſte Plätzchen erfüllte. Mit wenigen Ausnahmen hatte er all dieſe Men⸗ ſchen getauft, er hatte alle in der Lehre Chriſti unter⸗ richtet, er hatte ſie getröſtet in ihren Krankheiten, war ihnen beigeſtanden in ihrer Armuth; er hatte ihnen den Himmel als letzte Hoffnung gezeigt, als die Hölle in Aufruhr gerathen war und Verfolgung, Mord und Raub im Vaterlande wütheten. Er wußte, was ſie je gethan und gedacht: keine Falte des Herzeus, wie tief ſie auch ſein mochte, die er nicht ergründet hätte. So war ihm dieſes Volk mehr als eine Schaar von Brüdern: es war ſein geiſtig Blut, das theure Eigenthum ſeiner Seele; für dieſe Menſchen lebte er B3 liebte ſie, wie ein zärtlicher Vater ſeine Kinder iebt. Aber wie ehrten ſie ihn auch! Welche Liebe hegten alle für ihn, ihn, der wie das Bild der Gottheit ſelbſt daſtand, um Labung zu bieten, zu tröſten und zu ſegnen, wenn ein erſchütterndes Ereigniß ihren einförmigen Le⸗ benslauf unterbrach! Wie ein Blitzſtrahl durchzuckte bei dieſer Betrachtung den väterlichen Geiſt des Prieſters der freudige Gedanke, ſeine geliebte Familie nach der ſchweren und hoffnungs⸗ loſen Verfolgung glücklich vereint zu ſehen. Noch ganz in dieſen ſeligen Gedanken verloren, wandte er ſich nach dem Altar, um den Lobgeſang zu beginnen. Dort ſtrömte ihm der friſche Duft der Blu⸗ men entgegen. Ein Blick der Dankbarkeit fiel auf die junge Genoveva, während er freundlich lächelnd an ihr vorüberging. Der Lobgeſang nahm ſeinen Anfang. Da die Mitglieder der Cäcilia in voller Zahl bei⸗ ſammen und vom Küſter tüchtig einſtudirt waren, ſan⸗ gen ſte gung je ſangen Wette, mente Bruno allein z Sc aber ſo zerſchmo Un Zittern ſang leg die er; ſeufzte zum Hit S eine wi und Fr und G Seele n Ur Schöne ten find ſo ſtill Standl N Füßen ter bei O le an der verſunken, Plätzchen jeſe Men⸗ iſti unter⸗ ſten, war ihnen den Hölle in Kord und vas ſie je wie tief te. 2 Schaar as theure lebte er ie Kinder be hegten eit ſelbſt n ſegnen, nigen Le⸗ trachtung Gedanke, offnungs⸗ verloren, eſang zu der Blu⸗ auf die id an ihr Zahl bei⸗ en, ſan⸗ gen ſte weit harmoniſcher, denn ſonſt; in der Ueberzeu⸗ gung jedoch, ſehr feſt und ihrer Sache gewiß zu ſein, ſangen ſie ſo lant mit der dröhnenden Orgel um die Wette, als ſollten ſie mit dieſem gewaltigen Inſtru⸗ mente einen Kampf um die Macht des Tones aus⸗ kämpfen. Auf dieſe Weiſe dauerte es eine Weile fort, bis Bruno nach einem Zwiſchenſpiel der Orgel den Hymnus allein zu ſingen begann. Sanft und leiſe, mit beinahe unhörbarer Stimme, aber ſo zart und deutlich, daß das Herz vor Rührung zerſchmolz, begann Bruno den Lobgeſang: Ave, maris stella... Und dann immer kräftiger werdend und durch das Zittern der Stimme immer mehr Gefühl in ſeinen Ge⸗ ſang legend, erreichte er die Strophe: Monstra te esse matrem.. die er zuerſt mit gedämpfter Stimme in tiefen Tönen ſeufzte und dann, wie einen Hülferuf in bittender Klage zum Himmel ſandte. So ſang er den Lobgeſang zu Ende, und entfaltete eine wunderbar ſchöne Tenorſtimme mit einer Leichtigkeit und Freiheit, die die Muſik vergeſſen ließ, als ob Ton und Geſang die natürliche Sprache der menſchlichen Seele wären. Und es muß wohl ſein, daß das Wahre und Schöne in jedem Herzen, wie niedrig es auch ſei, Sai⸗ ten findet, die harmoniſch wiederklingen; denn es war ſo ſtill in der Kirche, als hätten ſich die Bauern in Standbilder verwandelt. Nur ein Menſch ſcharrte von Zeit zu Zeit mit den Füßen oder huſtete vernehmlich; und dies war der Spöt⸗ ter bei dem Altar des heiligen Sebaſtian. Obſchon dies Geräuſch viele ärgerte, konnte man 4 doch die Rührung der Uebrigen nicht ſtören; die ſchöne Stimme Brunos hielt ſie in tiefem Selbſtvergeſſen be⸗ fangen; es war ihnen, als ſtiege ihre Seele zum Him⸗ mel, wenn die kunſt⸗ und gefühlvollen Töne ſich aus Brunos mächtiger Bruſt erhoben und niederſtrömend die ganze Kirche erfüllten. Man ſagt, die Muſik ſei eine dunkle Sprache. Wenn ſie uur geſprochen wird, oder die Natur zu über⸗ geiſtigen ſucht, dann ja; aber die ächte Muſik iſt die Sprache des Gemüths, und wenn ſie aus dem Herzen und zum Herzen ſpricht, dann verſteht, oder lieher, fühlt ſelbſt das ſtammelnde Kind ihre leiſeſten Töne. Die Worte, welche Bruno ſang, waren lateiniſch; es ſprach ſich alſo für den Zuhörer kein deutlicher Ge⸗ danke darin aus und dennoch verſtanden die Dorfbewoh⸗ ner wohl, was er ſagte, und empfingen und theil⸗ ten ſie den Eindruck jedes Wortes. Sie hörten wohl, daß es ein Gebet war; ein Gebet, ſo feierlich, ſo in⸗ nig, ſo erhebend, wie ſie noch nie eines gehört; ein Gebet, das ſie durch ſeine ernſten, tiefen Töne erſchüt⸗ terte, das ſie durch den Schmelz der Melodie zu Thrä⸗ nen rührte und das ſie durch das leiſe Verklingen der Stimme vor dem Throne des Allmächtigen niederbeugte, — ein Gebet endlich, das plötzlich ihre Bruſt ſchwellte und ſie in Entzücken verſetzte, als der ſchöne Sänger das Magnificat anhob und die Strophe: Magnificat anima mea Dominum! aus Brunos Bruſt wie ein mächtiger Trompetenton an das Gewölbe der Kirche dröhnte. Der Lobgeſang wechſelte zwiſchen Chören, Gebeten des Geiſtlichen und Solis von Bruno. Nachdem der Gottesdienſt zu Ende war, erhob ſich jeder von ſeinem Platz, um die Kirche zu verlaſſen. Bruno ſtieg von der Emporkirche herab und ſchritt durch der zu Geno⸗ Der lich; ein den Leut⸗ was ſie weder M ſtummer gang zu ein Wun Die ter dem Herz beb greiflich, ſollte und Gefühl d des Lebe laſſen, d noch ein verborgen Deß derung n Der baſtian ſt nen netzt Der fragte vo „Br. hoher Fr gelebt. Du dem Sinnen; „Jch ſtolze Jü ſchemel d die ſchöne geſſen be⸗ um Him⸗ ſich aus rſtrömend Sprache. zu über⸗ ſſik iſt die derzen und er, fühlt ie. lateiniſch; licher Ge⸗ orfbewoh⸗ und theil⸗ ten wohl, h, ſo in⸗ hört; ein de erſchüt⸗ zu Thrä⸗ ingen der derbeugte, t ſchwellte 2 Sänger tenton an „Gebeten hdem der on ſeinem uſdd ſchritt durch den Strom der Leute, um zu ſeinem Vater und zu Genoveva zu gehen, die bei dem Altar ſaßen. Der Jüngling ſchien aufgeräumt nnd(ächelte freund⸗ lich; ein dunkles Roth färbte ſeine Wangen; er warf den Leuten freundliche Blicke zu, als wollte er fragen, was ſie von ſeinem Geſange denken. Aber niemand, weder Mann noch Frau, lachte ihm zu, alle wichen mit ſtummer Chrfurcht zurück, um ihm einen breiten Durch⸗ gang zu laſſen und ſahen ihm erſtaunt nach, als wäre ein Wunder an ihnen vorüber geſchritten. Die einfachen Leute ſtanden wirklich noch ganz un⸗ ter dem Eindruck ſeiner bezaubernden Stimme; das Herz bebte ihnen vor Rührung; es ſchien ihnen unbe⸗ greiflich, daß der junge Mann eine ſolche Macht beſitzen ſollte und daß er es war, der ihnen das ungekannte Gefühl des eigenen Werthes und der hohen Bedeutung des Lebens in's Herz gegoſſen;— der ſie hatte fühlen laſſen, daß unter dem rauhen Aeußern des Menſchen noch ein erhabenes Weſen, ein fühlender, idealer Geiſt verborgen liegt. Deßhalb ſahen ſie Bruno mit dankbarer Verwun⸗ derung nach, als er nach dem Chor der Kirche ging. Der alte Mann neben dem Altar des heiligen Se⸗ baſtian ſtand weinend an einem Pfeiler und ſeine Thrä⸗ nen netzten den Boden der Kirche. Der Jüngling bemerkte es, ging auf ihn zu und fragte voll Theilnahme, was ihn ſo ſehr betrübe. „Bruno, lieber Bruno,“ ſeufzte der alte Mann mit hoher Freude im Geſichte:„nun habe ich lange genug gelebt. Gott möge Dir für das Glück lohnen, das Du dem armen Jan bereitet. Ich bin ganz von Sinnen; es iſt mir, als käme ich aus dem Himmel!“ „Ich glaube es wohl: er iſt betrunken,“ ſpottete der ſtolze Jüngling, der mit dem Ellbogen auf dem Bet⸗ ſchemel des heiligen Sebaſtian ruhte. Der alte Mann wandte ſich um und antwortete mit Begeiſterung: „Spotte meiner, nenne mich den tollen Jan; aber ſiehſt Du, frecher Simon? Dies Kind habe ich getra⸗ gen, als es klein war, habe es herangezogen und mit meinen Gebeten es geweiht. Gott hat mich erhört, das iſt nun Bruno!“ „Ein armer Milchbart,“ lachte Simon,„der wie ein Mädchen weint. Du mußt ihm Röcke anziehen, und eine Haube aufſetzen, Deinem Bruno...!“ „Kommt Jan,“ ſagte der Jüngling, indem er den alten Mann mit der Hand fortzog,„laßt den Simon nur ſtehen und geht mit uns zur Kirchweih: der Va⸗ ter hat es mir geſtattet.“ Nun war die Kirche beinahe leer; die Perſo⸗ nen. die noch darin geblieben, verließen dieſelbe gleich⸗ alls. Draußen war alles wie durch einen Zauberſchlag verändert. In der Ferne hörte man bereits das ver⸗ lockende Spiel der Violine und des Baſſes durch das lärmende Geräuſch der Kirchweih dringen. Einige ältere Leute ſtanden noch in zerſtreuten Gruppen auf dem Kirchhof, um Neuigkeiten von einan⸗ der zu erfahren, wenn es deren gebe. Da wurde von der franzöſiſchen Republik, von den Jacobinern, von Marats Tod und von dem Kaiſer von Oeſtreich geſpro⸗ chen; man freute ſich der ſchönen Ernte dieſes Jahres, und drückte die Hoffnung aus, Gott werde das Land fortan vor Plünderung und Raub ſchützen. Auch der ſtolze Jüngling ſtand dabei, der während des Lobgeſangs mit dem Arm auf dem Betſchemel des heiligen Sebaſtian geruht. Es war Simon, der Sohn des Brauers, ein junger Mann, der durch den frühzei⸗ tigen Tod ſeiner Mutter ſich ſelbſt überlaſſen, ein leichtſtuniges Leben geführt und in den erſten Mo⸗ naten der franzöſiſchen Herrſchaft nach Brüſſel gelaufen war, ohr ſtadt get kehrt, u daß er n Wie Dorfe, d ben und einige de ner Geſ ging, u Wirthshe Es jungen gelmäßig ſeine Ha nem Läch Ein erfa haben, Jahre a er ſich hatte. Sir ben, als treffen u rächen. Er! ten: ſing mand wi niemand ſagte er Pfarrer und dar träumten Nun fünf oder an erinn antwortete Fan; aber ich getra⸗ und mit hört, das „der wie anziehen, 119 m er den n Simon der Va⸗ e Perſo⸗ be gleich⸗ aberſchlag das ver⸗ durch das erſtreuten on einan⸗ urde von ern, von h geſpro⸗ Jahres, das Land während hemel des der Sohn n frühzei⸗ ſſen, ein ſten Mo⸗ gelaufen war, ohne daß jemand erfahren, was er in der Haupt⸗ ſtadt gethan. Er war mit ſchlechten Gedanken zurückge⸗ kehrt, und dieß lies die Bauern natürlich vermuthen, daß er mit keiner guten Geſellſchaft verkehrt. Wie dem auch ſei, niemand mochte ihn in dem Dorfe, deſſen ſtillen Einwohnern er durch ſein tolles Le⸗ ben und rohes Treiben mancherlei Aergerniß gab. Nur einige der ärmeren Bauernjungen waren immer in ſei⸗ ner Geſellſchaft zu finden und begleiteten ihn, wo er ging, um die Kannen Bier zu leeren, die er in allen Wirthshäuſern zum Beſten zu geben gewohnt war. Es war ſchade: Simon konnte für einen ſchönen jungen Mann gelten. Er war von großer Geſtalt, re⸗ gelmäßiger Geſichtsbildung und ſah geſcheidt aus; aber ſeine Haltung war trotzig, ſeine Züge hart und aus ſei⸗ nem Lächeln ſprach ein übermüthiger, frecher Charakter. Ein erfahrenes Auge würde auf den erſten Blick entdeckt haben, daß der junge Mann, obſchon vierundzwanzig Jahre alt, bereits des Lebens überdrüſſiig war, das er ſich durch Hochmuth und Ausſchweifung vergällt hatte. Simon ſchien nichts anderes mehr übrig zu blei⸗ ben, als die Eigenliebe, die Begierde, andere zu über⸗ treffen und ſich ſo an der allgemeinen Verachtung zu rächen. Er hatte die ſtolzeſte Anſicht von ſeinen großen Talen⸗ ten: ſingen, tanzen, den Galanten ſpielen, das konnte nie⸗ mand wie er; Verſtand, Beredſamkeit, Kenntniſſe beſaß niemand in höherem Grade, als er. Seine Bauern, ſagte er, ſeien ein Haufen Dummköpfe, die ſich vom Pfarrer mit Teufelsbildchen in's Bett jagen ließen und dann ganze Nächte von Hölle und Fegefeuer träumten! Nun ſtand Simon am Eingang des Kirchhofs mit fünf oder ſechs armgekleideten Bauernjungen, die ihn dar⸗ an erinnerten, daß er verſprochen, zwanzig Pinten Bier 16 zum Beſten zu geben, ſobald der Lobgeſang zu Ende dern. 2 1 ſei, aber Simon hörte nicht, denn er ſuchte gerade ſeine er freun 4 Kleidung etwas keck und in die Augen fallend herauszu⸗ das Mä putzen, ſetzte die Mütze aufs linke Ohr und ſchien Jemand und eil zu erwarten, auf den die Reize ſeiner Perſönlichkeit einen getreten 1 Eindruck machen ſollten. De 3 Aus dem Seitenpförtchen der Kirche traten wirklich mit anſ in dieſem Augenblicke fünf bis ſechs Perſonen. erhob em Es war der Notar mit ſeiner Frau, ſeinem Sohn„ 9 Bruno und ſeinem alten Diener Jan, nebſt dem Küſter⸗ Si Schulmeiſter mit ſeiner Tochter Genoveva. Augen Langſam ſchritten die beiden Familien zwiſchen den ſucht li plaudernden Bauern hin, die achtungsvoll zur Seite ſtan⸗ hörte de 2 den und mit Bewunderung ihre Augen auf Bruno und So Genoveva hefteten. Auf dem Antlitze Vieler und in den ſtehen; bedeutungsvollen Blicken, die gewechſelt wurden, konnte Brüten man wohl ſehen, daß die Bauern in ihrem Innerſten 8 5 dachten: trinken „Sie ſind für einander geboren. Kein ſchöneres zu End Paar auf der Welt!“ E Dieſe Ueberzeugung ſprach noch deutlicher aus dem durch d 4 Geſichte des Notars und des Küſters; ihre Augen leuch⸗ Tanzze teten vor Stolz und Freude. A Am glücklichſten ſchien der alte Diener Jan. Er buntes 1 ſuchte ſich mit Mühe aus ſeiner gebeugten Haltung auf⸗ ſehen v zurichten und ſah mit ſtolzen Blicken nach allen Seiten, D als wollte Leſzn⸗ 1, ler, de „Ich habe ihn erzogen!“ en 1 A Wu Eingang zum Kirchhof mußten ſie alle an betens Simon vorbei, der mit mißmuthigem Geſichte und bebend Marke vor Eiferſucht Bruno und Genoveva Hand in Hand ein⸗ anderes ergehen ſah. hergehon ſchehn des Brauers ſierte dem Mädchen ſo feſt der da ins Geſicht, daß ſie die Augen niederſchlug und Bruno ihre Hand entzog; dann warf er einen durchbohrenden Markt, „Blick auf den Studenten, als wollte er ihn herausfor⸗ Füße, Conſe zu Ende ade ſeine erauszu⸗ Jemand keit einen wirklich m Sohn Küſter⸗ ſchen den eite ſtan⸗ uno und id in den u, konnte Innerſten ſchöneres aus dem hen leuch⸗ Fan. Er ung auf⸗ Seiten, e alle an ud bebend Hand ein⸗ den ſo feſt ud Bruno vohrenden erausfor⸗ dern. Als jedoch Genoveva an ihm vorüberkam, lächelte er freundlich und wünſchte ihr einen guten Tag; aber das Mädchen wandte verſchämt das Geſicht von ihm ab und eilte zu ihrem Vater, der bereits in den Dorfweg getreten war. Der alte Diener hatte dies alles zu ſeinem Kummer mit anſehen müſſen, und als er an Simon vorüberkam, erhob er drohend die Fauſt und ſagte: „Noch einmal! Du roher Trunkenbold!“ Simon ſtand an der Kirchenmauer und hatte die Augen niedergeſchlagen; Worte der Wuth und der Rach⸗ ſucht lösten ſich unverſtändlich von ſeinen Lippen. Er hörte den Knecht nicht. So blieb er einige Augenblicke in ſich verſunken ſtehen; plötzlich aber erwachte er aus ſeinem dumpfen Brüten und rief ſeinen Kameraden zu: „Kommt mit, es ſoll heut' luſtig hergehen! Trinken, trinken, ſoviel ihr wollt. Die Kirchweih iſt noch nicht zu Ende; wir werden noch Wunderdinge erleben.“ Er lief in wildem Ungeſtüm mit ſeinen Kameraden durch das Volk und ſtürmte ſchreiend und tobend in ein Tanzzelt. Auf dem Kirchweihmarkte war ein ſo lautes und buntes Gewühl, daß dem ſtillen Zuſchauer hören und ſehen verging. Das Geſchrei der Quackſalber, Krämer und Gauk⸗ ler, der Lärm der Trommeln, das Geſchmetter der Trom⸗ peten und Hörner, der ſchneidende Ton der Violinen, das Gegrunze der Schweine, die zu Hunderten auf dem Marke waren, der laute Geſang der jungen Burſche und anderes lärmende Getöſe übertönte das ruhige Geſpräch der da und dort zerſtreuten Gruppen und das Geſumme eines rieſenhaften Bienenkorbs, der in der Nähe ſtand. Die Menge wälzte ſich wie ein Strom über den Markt, man ſtieß, man drückte, man trat ſich auf die Füße, aber aus aller Geſicht leuchtete Freude und Luſt. 2 Conſcience, Bauernkrieg. 18 Auf der einen Seite, der Kirche zu, hatten die Krä⸗„Das mer, die mit Leckereien, Spielwaaren, Hausgeräthe, Tuch kann es n und fertigen Kleidern handelten, ihre Buden. Dieſe Seite Kopf vom war ſtill und friedlich im Vergleich mit der andern, man Der 8 ſah hier keine Unordnung und Ausgelaſſenheit: nur dann gann ſich 1 und wann taumelte ein Bauer durch den Stoß eines gen und ſ pfundſchweren Pfefferkuchens, der ihm aus dem Kram den Volke zum Kaufen angeboten wurde, über den Haufen. Schulter Nach dieſen Krambuden hatten Bruno's Eltern und„Nun . Genoveva ihre Schritte gerichtet; ſie verweilten dort einige nicht bin Zeit, bis der Jüngling das prächtige Kirchenbuch mit auszieher ſilbernen Schlöſſern ſeiner Freundin als Kirchweihgeſchenk ben und l gekauft hatte. aus dem 4 Dann wollten ſie gleichfalls nach der andern Seite ſtaunen, y des Marktes gehen, um zu ſehen, was das laute Ge⸗ Er ſt ſchrei, die tollen Sprünge und die ſeltſamen Geberden Hände wi der Quackſalber und Gaukler alles zu bedeuten hatten. Stuhl, hi 4 Wo Bruno und Genoveva erſchienen, wurde augen⸗ Zange un blicklich aus Ehrfurcht oder Freundſchaft Platz gemacht,„Se und obſchon die beiden Familien fern von den Gauklern es iſt ein ſtehen blieben, konnten ſie doch alles bequem ſehen und„ an dem 4 hören. Lippen, n An der Ecke bei der Herberge zum„Löwen“ ſtand Kunſt der ein Quackſalber in wunderlicher Tracht und mit einer Zahn, nu Kette um den Hals, die ganz aus Menſchenzähnen be⸗ Eins, zw ſtand. Sein Hauswurſt blies die Trompete und erzählte Der in ſchnarrendem Tone, welch' unerhörte Wunder ſein herausge⸗ Herr in allen Ländern der Welt gethan. Zum Zeugniß Der dafür zeigte er Pergamentblätter mit rothen Siegeln, und obſch auf welchen die Beglaubigungen in fremden Sprachen der Han⸗d ſtanden, die natürlich Niemand leſen und verſtehen konnte. phorus t Kaum war der Hanswurſt in der Mitte ſeiner Rede nen Gege angelangt, als ein Bauer kam, deſſen geſchwollene Wange den Ruf deutlich merken ließ, was ihm wehe that.„Ol „Nun, Sus, was wollt Ihr thun?“ fragte der No⸗ Inz tar...„Der Burſche wird Euch jämmerlich zurichten.“ rufend a die Krä⸗ äthe, Tuch ieſe Seite dern, man nur dann toß eines m Kram n. ltern und oort einige buch mit eih geſchenk ern Seite laute Ge⸗ Geberden hatten. de augen⸗ gemacht, Gauklern ſehen und en“ ſtand mit einer ihnen be⸗ derzählte nder ſein Zeugniß Siegeln, Sprachen en konnte. liner Rede ie Wange e der No⸗ urichten.“ „Das hat nichts zu ſagen,“ brummte Sus,„ich kann es nicht mehr aushalten.„Und zög' er mir den Kopf vom Leibe, der Zahn muß heraus.“ Der Quackſalber, der dieſe Beute nähern ſah, be⸗ gann ſich die Hände zu reiben, hieß den Hanswurſt ſchwei⸗ gen und ſagte mit feierlichem Ernſte zu dem umſtehen⸗ den Volke, während er den leidenden Bauern an der Schulter packte: „Nun ſollet Ihr ſehen, verehrte Zuhörer, daß ich nicht bin wie andere Quackſalber, Waſſerbeſchauer, Zahn⸗ auszieher und Leuchtdornausſchneider, die nie ſtudirt ha⸗ ben und bisweilen mit dem Zahn den halben Kinnbacken aus dem Munde ziehen. Nein, nein, gebt acht, Ihr ſollt ſtaunen, wie Meiſter Nicophorus ſeine Kunſt verſteht.“ Er ſtreifte den rechten Aermel zurück, klatſchte in die Hände wie ein Gaukler, ſetzte den Bauern auf einen Stuhl, hielt ihm den Kopf zurück, ergriff eine eiſerne Zauge und rief: „Seht, dies Zängchen iſt weder Eiſen, noch Stahl; es iſt ein Federchen, das, ſtatt Euch weh zu thun, Euch an dem Zahnfleiſch kitzelt, als liefe eine Fliege über die Lippen, nicht mehr und nicht weniger. Bewundert die Kunſt des Meiſter Nicophorus! Sieben Stüber für jeden Zahn, nur ſieben Stüber! Er geht, paßt auf, er geht. Eins, zwei, drei, pſt!“ Der Quackſalber hielt etwas in die Höhe, was er herausgezogen hatte. Der Bauer war heulend auf den Boden gefallen, und obſchon er ſchrie, als ob man ihn ermordete, blies der Hanswurſt nur noch lauter, während Meiſter Nico⸗ phorus triumphirend den Umſtehenden den herausgezoge⸗ nen Gegenſtand zeigte und das Trompetengeſchmetter durch den Ruf übertöͤnte: „Ohne Schmerz, ohne den geringſten Schmerz!“ Inzwiſchen lag der Bauer ſtampfend und um Hülfe rufend auf dem Boden. Die Umſtehenden meinten ge⸗ 20 uß er ſchreie zum Spaß, denn ſie ſtanden dabei und achten. Aber der Hanswurſt, der bei dem heftigen Bluten des Bauern Unrath fürchtete, ſchnaubte ihn zornig an, während ſein Herr eine jubelnde Rede an das Volk hielt. „Schämt Ihr Euch nicht, großer Menſch, daß Ihr da liegt und heult, wie ein Kind? Ihr glaubt, daß es wehe thut?'s iſt nicht wahr.“ Der Bauer, dem vor Schmerz die Thränen aus den Augen liefen, während er die verzerrteſten Geſichter ſchnitt, hielt die beiden vordern Finger in die Höhe und rief jämmerlich: „Zwei! o Gott, o Gott! zwei: einen kranken und einen geſunden! „Wie, zwei!“ ſprach der Hanswurſt,„geht! Jeder Zahn koſtet ſieben Stüber; mein Meiſter ließe Euch vierzehn Stüber zahlen und ſtände der König dabei. Geht! Ich werde ihm weis machen, Ihr hättet es mir bezahlt!“ Der Bauer ließ es ſich nicht zweimal ſagen und eilte durch das Volksgewühl mit der Hand vor dem Mundo, hinter die Kirche. „Seht, ſeht,“ rief Meiſter Nicophorus jauchzend, „da lauft er wie ein Haſe vor Frende hin! Ich habe ihn berührt— was ſage ich? Mit dem Finger habe ich nur nach ſeinem Mund gedeutet und verſchwunden war im ſelben Augenblick der Schmerz.“ Einen Augenblick ſpäter ſtanden Herr und Diener wieder auf ihren Stühlen, um von vielen Wunderdingen zu erzählen; aber außer einem Lebenspulver, das er für einige Pfennige verkaufte, ſchien ſeine Kunſt nicht viel Ab⸗ nehmer zu finden; und bald wandten ſich die meiſten Um⸗ ſtehenden von ihm weg, um nach einem andern Kram zu laufen, wo es nach den Flüchen, die man hörte, auf eine Schlägerei hinauszulaufen ſchien. Die beiden Familien folgten dem Strom der neu⸗ gierigen Bauern. An e er einige hatte er“⸗ ling gebet Ein und nun hatte den Der hauptete Dieſer ho kniffen; d telſtunde erſchrak, ſein, bra⸗ der Fauſ Gaudieb Der beruhige alles zu war nun werden. ſtarrte n kleiner lachende ohne di Di Es kanm Stimme und en dabei und een Bluten zornig an, Volk hielt. , daß Ihr öt, daß es en aus den üter ſchnitt, e und rief ranken und eht! Jeder ich vierzehn Geht! Ich ezahlt!“ ſagen und vor dem jauchzend, Ich habe er habe ich unden war ind Diener nderdingen das er für ht viel Ab⸗ neiſten Um⸗ Kram zu 2, auf eine n der neu⸗ 21 An einem Tiſche ſtand hier ein Gankler. Nachdem er einige Kunſtſtücke mit Tellern und Bechern gemacht, hatte er Jemand von den Umſtehenden um einen Schil⸗ ling gebeten. Ein Bauernknecht, der gewiß lange daran geſpart und nun zeigen wollte, daß er ein Silberſtück beſaß, hatte dem Gaukler den erbetenen Schilling gegeben. Der Gaukler hatte den Schilling eingeſteckt und be⸗ hauptete nun, daß er dem Bauern in der Naſe ſtecke. Dieſer hatte ſich wohl mehr als einmal in die Naſe ge⸗ kniffen; da er dies jedoch nun ſchon mehr als eine Vier⸗ telſtunde lang vergeblich gethan und über den Gedanken erſchrak, der Schilling möchte auf immer weggezaubert ſein, brach er plötzlich in wilde Wuth aus und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch und ſchalt den Gaukler einen Gaudieb und noch ärgere Dinge⸗ Der Küſter, der den Bauern gut kannte, wollte ihn beruhigen und ihm weis machen, daß auf der Kirchweih alles zum Scherze geſchehe: aber der einfältige Menſch war nun einmal aufgebracht und konnte kaum gebändigt werden. Sobald der Gaukler viel Volks beiſammen ſah, hieß er den zornigen Bauern ruhig ſtehen und zog ihm mit Gewalt den Schilling aus der Naſe. Während der erſtaunte Pinſel das Geldſtück an⸗ ſtarrte und zu zweifeln ſchien, ob es ächt ſei, lief ein kleiner Junge mit einer blechernen Büchſe zwiſchen den lachenden Bauern umher und erhielt viele Pfennige, die man ohne dieſes geſchickte Kunſtſtück ſicher nicht geſpendet hätte. Die Ernte des Gauklers dauerte jedoch nicht lange. Es kam eine neue Strömung unter die Menge; einige Stimmen riefen jauchzend vor Freude: „Jantje van Lier! Neue Lieder!“ Eiwas außerhalb des Volksgedränges pflanzte ein Mann,— der nur einen Arm hatte,— eine Stange auf und entrollte vor derſelben ein großes Tuch, auf wel⸗ 22 chem in viereckigen Bildern allerlei Geſchichten dargeſtellt waren. Etwas Schreckliches mußte der Gegenſtand die⸗ ſer Bilder ſein, denn auf den meiſten Bildern ſah man Soldaten mit blutigen Schwertern, blutige Leichen und zum Schluß die furchtbare Guillotine!! Der Liederſänger war ein alter Soldat aus der er⸗ ſten Patriotenzeit, der in den Dörfern wegen ſeiner neuen und ſchönen Lieder, die er ſelber dichtete, berühmt war. Seinen rechten Arm hatte er bei dem letzten Kampfe der Patrioten gelaſſen. Aber er bediente ſich ſeiner noch immer, denn an dem Ellbogen war ein eiſernes Band befeſtigt, mit dem er den weißen Stab hielt, der während des Singens auf die Bilder deutete. Mit der linken Hand mußte er auf eine Trommel ſchlagen, die ihm vorne angehängt war. Auf der andern Seite des Tuches ſtand eine Frau mit einer Violine. Um dieſe Gruppe ſammelte ſich viel Volks; auch Simon, der Sohn des Brauers, ſtand mit ſeinen Kame⸗ raden dabei; und ſei es nun, daß ſie viel getrunken, oder den Sänger ſtören wollten, ſie machten einen Lärm, als gehörte ihnen das ganze Dorf. Bruno und Genoveva ſahen von Ferne dem Lieder⸗ ſänger zu. Sobald alles bereit war, ſchlug der alte Soldat einige Male auf die Trommel, um den Schreier zum Schweigen zu bringen. Dann deutete er mit ſeinem langen Stabe auf die Bilder— und ſang und ſprach ſo hübſch durcheinander, daß er hier und da auf der Melodie zu Pferde ſitzen mußte, damit ſie ihm nicht da⸗ von lief. Er begann mit lauter Stimme: „Bauern, Bürger und Menſchen kommt herbei! Jantje van Lier iſt wiederum hier zu Eurem Pläſir! er wird Euch ſingen von wunderbaren Dingen; macht Augen un er wird Zitte Jantje va ſchrecklich. gleich ver SSSe Ja wie Ma milch au eigenen Ihr ihn fangenen Kniee in dargeſtellt enſtand die⸗ n ſah man keichen und aus der er⸗ ſeiner neuen rühmt war. en Kampfe ſich ſeiner in eiſernes b hielt, der ee Trommel eine Frau olks; auch inen Kame⸗ unken, oder Lärm, als dem Lieder⸗ lte Soldat hreier zum mit ſeinem und ſprach da auf der n nicht da⸗ mt herbei! em Pläſir! gen; macht 23 Augen und Börſen auf, dann ſollt Ihr was hören und er wird Geld bekommen zum verzehren. „Hört Freunde, hört jetzt auf mein Lied, Vernehmt was in Paris geſchieht, Von furchtbar, ſchauerlichen Dingen, Werd' ich Euch erzählen und ſingen... Zittert nicht, Bürger und Bauern all' zuſammen; Jantje van Lier weiß wohl, was er bringt: es iſt zwar ſchrecklich, aber es nimmt ein gutes Ende, wie Ihr ſo⸗ gleich vernehmen werdet: Von furchtbar, ſchauerlichen Dingen Werd' ich Euch erzählen und ſingen: Wie Gott die Sünden rächt, Am ganzen Menſchengeſchlecht. Ich ſing vom Haupt der Sanskulotten, Der ſelbſt des Herrn zu ſpotten, Vergoß in Stroͤmen Menſchenblut Am Galgen, ſei es bös, ſei's gut. Ja, Menſchen oder Bauern, hier könnt Ihr ſehen, wie Marat in einem Walde von einer Hechſe mit Wolfs⸗ milch aufgezogen wurde. Da ſeht Ihr, wie er ſeinem eigenen Vater mit einem Meſſer nachläuft. Hier ſeht Ihr ihn mit den raſenden Jacobinern in Paris alle Ge⸗ fangenen ermorden: ſeht, der Spitzbube ſteht bis an die Kniee im Blut und ruft:„Noch mehr! noch mehr!“ „Ah, bah! Lauter Lügen!“ ſpottete Simon,„Ihr wollt den Bauern wieder etwas weis machen, als ob ſie noch zu viel Verſtand hätten!“ „Wer nicht zuhören mag, kann ja gehen?“ rief der Sänger. „Was Zauberhechſen? Wolfsmilch? Bis an die Kniee im Blut!'s iſt ein Wunder, daß der Teufel noch nicht dabei iſt. Lauter Lumpen!“ ſchrie Simon. Der Sänger zeigte ein Blatt mit Liedern und ſagte mit großer Ruhe: 24 „Hier ſtets gedruckt!“ Und als ob nichts mehr darauf zu antworten wäre, fuhr er fort: „Marat der hölliſche Tyrann, Hat'’s ganze Frankenreich im Bann, Ließ morden, brennen, ſengen, Ließ martern, hungern, hängen... Hier ſeht Ihr den Böſewicht bei Robespierre...“ Bei dieſem gefürchteten Namen machten die Mei⸗ ſten der Umſtehenden das Zeichen des Kreuzes. „Hier ſeht Ihr den Böſewicht bei Robespierre; er fragt ihn ungehalten, warum die Gulillotine dieſen⸗ Morgen eine Stunde lang ſtille geſtanden. Er fragt den Teufel Robespierre: Was, geht die Guillotin' nicht mehr? Holt mir ſogleich den Henker her: Er ſchlag' noch hunderttauſend Köpfe ab, Sonſt iſt mir nicht genug geſcheh'n...“ „Lügen! Lügen!“ rief Simon. „Willſt Du jetzt ſtille ſein, Du entlaufener Sans⸗ kulott!“ ſchrie der Sänger,„oder ich werde Dir den Weg zeigen... 4.„Seht hier, Bürger und Bauern, wie ſelbſt Ro⸗ bespierre erſchrickt: Marat ſagt: Laßt uns alle Menſchen umbringen, außer uns zweien, dann ſind wir für im⸗ mer Herren!“ Sonſt iſt mir nicht genug geſcheh'n, Die Menſchheit muß zu Grunde geh'n. Doch ſeht ein Mädchen fein und ſchön, Der Herr wird ſie zu ſich erhöh'n, Sie war bereit ihr junges Leben, Für Gott und Vaterland zu geben,... Das ſeht Ihr das Mädchen am Spinnrad ſitzen; ein großes Meſſer liegt zu ihren Füßen; hier ſeht Ihr, wie ſie das und mit ei men Elter Sie ſehen iſt: S8O § .ʃ☛. 0 88 rauf ihr ſterben. gezogen 1 rten wäre, vierre...“ die Mei⸗ 2s. bbespierre; tine dieſen ner Sans⸗ e Dir den ſelbſt Ro⸗ e Menſchen dir für im⸗ .. Phr cbrn⸗ wie ſie das Meſſer unter dem Halstuch verborgen hat und mit einem Päckchen unter dem Arme von den ar⸗ men Eltern Abſchied üimmt... Sie war bereit, ihr junges Leben, Für Gott und Vaterland zu geben. Sie eilet muthig nach Paris Des großen Sieges ſchon gewiß. Sie klopft an Marats Thüre, wie hier zu ſehen iſt: Sie trat dem Stolzen keck entgegen, Wie biſt Du Mädchen ſo verwegen! Charlotte Corday heiß ich, Herr, Sagt ſie und zieht das Mordgewehr. Der kühne Henker Jean Marat, Er ſitzt in einem warmen Bad Von Menſchenblut, um zu geneſen Von ſchwerer Seuch, an der er krank geweſen, Charlotte kam und Marat frug: Was hältſt Du Dirne unter'm Tuch? Dieſes Mädchen wird bei dem Böſewicht vorgelaſ⸗ ſen, der in einem Bad von Menſchenblut ſchwimmt, wo ſie, um den rechten Augenblick zum Stoße wahrzuneh⸗ men, über die Bewohner ihrer Vaterſtadt klagt, wo⸗ rauf ihr Marat antwortet, die ganze Stadt müſſe ſterben... Ich klage, edler Herr, Euch ſehr, Nicht Recht, nicht Kirche ehrt man mehr. Marat ſprach ohne umzuſehn: Die Stadt ſoll untr'm Galgen ſtehn.“ Das gibt dem Mädchen Muth; ſie hat ihr Meſſer gezogen, wie Ihr hier ſehen könnt... Wie, rief die Magd, die ganze Stadt? So ſterbe Bluthund denn im Bad. Sie hat ihm, eh' ſie ausgeſprochen, Das Meſſer durch den Leib geſtochen. 26 Er ſtürzt zu Boden dann und flucht, Robespierre und ſeiner Zucht. Doch wie er rief und zähneknirſchte, Der Teufel ſeine Seele pürſchte. Die Jakobiner eilten auf das Geräuſch herbei und wollten das Mädchen zerreißen; auf Robespierres Be⸗ fehl banden ſie ſie jedoch und ſchleppten ſie nach dem Gefängniß. Seht, wie frech ſie mit dem Mädchen um⸗ ehen!“ 1„Bravo! das iſt hübſch!“ jauchzte Simon,„das iſt etwas Sauberes, eine liederliche Dirne, die die Menſchen in ihrem Hauſe umbringt!“ „Was dürft Ihr von dem ehrbaren Mädchen ſagen?“ rief der Liederſänger entrüſtet. „Ich will nicht ſagen, was ſie iſt,“ antwortete Simon,„das Wort iſt viel zu abſcheulich.“ „Ja,“ fuhr der alte Soldat fort,„wenn ich das Lob Robespierres oder der Jacobiner geſungen, das hätte Euch mehr gefallen, nicht wahr?“ Aber die drei Monate, die Ihr mit einer rothen Mütze auf dem Kopf in den Clubbs der Sanskulotten zu Brüſſel zugebracht, die Zeit iſt vorbei, junger Menſch!“ Dieſe Worte ſchienen den Sohn des Brauers nie⸗ derzuſchmettern, um ſo mehr, als alle Bauern ſcheu von ihm zurückwichen, als hätte er eine anſteckende Krankheit. „Und laßt den Liederſänger in Frieden,“ fuhr der alte Soldat fort,„denn er weiß mehr, als Ihr denkt, und es könnt' Euch gereuen, daß Ihr ihn ſein Brod nicht in Frieden verzehren ließet.“ Simon murmelte etwas vor ſich hin, ſah den Sän⸗ ger mit zornſprühenden Augen an und ſagte, während er die geballte Fauſt gegen ihn aufhob: „Ich werde Dich finden, Kerl!“ Mit dieſen Worten ging er langſam und ſtolzen Schrittes nach dem Wirthshaus„zum Löwen.“ Der wäre: Das Und Do Ihr Hier Urtheil ſyf armen Me fel ſelbſt, zum Himt Die aber laßt ewig lebe S D C Das tiefen Ei ben: ſch⸗ und Wü danken r ſchlech t „ herbei und jerres Be⸗ nach dem idchen um⸗ lon,„das , die die en ſagen?“ antwortete un ich das gen, das er die drei dem Kopf ugebracht, auers nie⸗ uern ſcheu anſteckende fuhr der Ihr denkt, ein Brod den Sän⸗ während d ſtolzen 27 Der Sänger fuhr fort, als ob nichts geſchehen wäre: Das Volk band raſend dann Charlott' Und ſchleppte ſie nach dem Schaffot. Dort rief es laut: O ſchlagt ſie todt, Ihr Blut fließ von der Guillotine roth... Hier ſeht Ihr das Tribunal, wo Robespierre das urtheil ſpricht; dort kommt der Henkerskarren mit dem armen Mädchen; hier ſteht die Guillotine, die der Teu⸗ fel ſelbſt erfunden; Charlotte ſteigt hinauf, die Augen zum Himmel erhoben.. Das Weib ſteigt auf die Gulllotin', Das Auge blickt zum Himmel hin, Das Meſſer fällt, das Haupt rollt nieder. Die muthige Maid iſt todt, todt, ja für die Welt: aber laßt uns hoffen, geliebte Zuhörer, daß ſie droben ewig leben werde. Das Meſſer fällt, das Haupt rollt nieder, Sie gibt dem Herrn die Seele wieder. Die Guillotin wird blutig roth, Charlotte lebt, Marat iſt todt.*) Das Lied, das nun zu Ende war, ſchien einen ziefen Eindruck auf Genovevas Gemüth gemacht zu ha⸗ ben: ſchon wandelte ſie bei den Buden der Kuchenbäcker und Würfelſpieler und noch immer ſchien ſie in Ge⸗ danken verſunken. Plötzlich fragte ſie ihren Begleiter: „Bruno, hat dieſe Charlotte Corday gut oder ſchlecht gehandelt?“ 1 „Ich fragte mich daſſelbe,“ antwortete der Student. „Und was denkſt Du?“ — *) Dieſe Seene iſt ein getreues Bild der olämiſchen Lie⸗ derſänger. Iſt 2dra he und Lied auch etwas ſonder⸗ har, ſo möge man es um der Wahrheit willen verzeihen. 28 „Blutvergießen, Veva, iſt ein Verbrechen. Vielleicht hat ſie Gott erzürnt.“ Dieſe Antwort gefiel Genoveva nicht; ſie ſchüttelte zweifelnd den Kopf und ſagte träumeriſch ſinnend: „Möglich... Und dennoch iſt Charlotte Corday eine Heldin und hat ſie geſündigt, Bruno, ſo wird ihr Gott vergeben. Sie ſtarb ja für Glauben und Vater⸗ land; und ſie, eine ſchwache Frau, wagte es, einen Tyrannen zu ſtrafen, vor dem alle Männer von Frank⸗ reich, ja von ganz Europa bebten!“ Der Jüngling zog das Mädchen fort, um die Ael⸗ tern einzuholen, die ſchon weit voraus waren. Unter⸗ wegs ſagte er: „Veva, es ſind ſchwer zu entſcheidende Dinge; wir wollen nicht davon reden. Gott wird ſelbſt darüber entſcheiden. Der Gedanke eines Mordes, und wäre er noch ſo gerecht, macht mich ſchauern... Komm', unſere Eltern gehen in den„Löwen“; dort tanzt man.. 14 Als ſie durch das Wirthshaus gingen, um nach dem Garten zu gehen, wo das Zelt aufgeſchlagen war, ſahen ſie Simon betrunken unter ſeinen Kameraden ſitzen; er ſang und ſchrie und ſchlug mit lautem Fluchen ſo gewaltig auf den Tiſch, daß die tanzenden Krüge das Bier in Bächen auf den Boden goßen. Der Sohn des Brauers hatte Genoveva kaum be⸗ merkt, als er aufſprang, ſich ein freundliches Ausſehen gab und taumelnd dem Mädchen näherte, indem er un⸗ ter vielen Verbeugungen zu ihr ſagte: „Werde ich die Ehre haben, mit dem ſchönen Fräu⸗ lein Veva zu tanzen?“ Das Mädchen, über ſeine Frechheit empört, wandte ſich um, indem ſie ſagte: „Laß mich in Ruhe, ich tanze nicht.“ „Kommt, kommt,“ rief Simon,„es lebe die Freude!“ Und er mit Gewalt Genove als wollte ſ „Dulde digen?“ Brunor lötzlich au buh dem gen Stoß taumelte un Der j⸗ raſcht. ſtar lend wie ei im Begriffe als der No vor ihn ſte Indeſ Zelte. Sei e Brauers n die Saihe ſich mit he lich fluchan ieß und ſies„Bier Spät Genovevas Zelte und ſich am zu preiſen In il Simon v durch ſein nert hätte nommen. . Vielleicht e ſchüttelte nend: tte Corday o wird ihr und Vater⸗ es, einen von Frank⸗ die Ael⸗ n. Unter⸗ dinge; wir ſt darüber d wäre er . Komm', dort tanzt um nach lagen war, Kameraden m Fluchen den Krüge kaum be⸗ Ausſehen em er un⸗ nen Fräu⸗ ct, wandte lebe die 29 Und er nahm das Mädchen bei der Hand, um ſie mit Gewalt zum Zelte zu ziehen. Genoveva ſah Bruno vorwurfsvoll und fragend an, als wollte ſie ſagen: „Duldeſt Du das? Wirſt Du mich nicht verthei⸗ digen?“ Brunos ſonſt ſo ſanftes und mildes Auge flammte plötzlich auf; er ſprang herbei, riß Simons Hand von dem Mädchen weg und gab ihm einen ſo gewalti⸗ gen Stoß auf die Bruſt, daß er einige Schritte zurück⸗ taumelte und an die Mauer fiel. Der junge Student, von ſeiner eigenen That über⸗ raſcht, ſtand bebend da, wie ein Rohr; Simon, brül⸗ lend wie ein Stier, kam auf ihn zugelaufen und war im Begriffe, ihm einen gewaltigen Schlag zu verſetzen, als der Notar und der Küſter erſchienen und ſich drohend vor ihn ſtellten. Indeſſen verſchwand Bruno mit Genoveva in dem Zelte. Sei es nun, daß das Trinken den Sohn des Brauers noch nicht ganz verblendet hatte, oder daß er die Sache auf eine ſpätere Zeit verſchob; er begnügte ſich mit heftigen Ausfällen auf Bruno und ſetzte ſich end⸗ lich fluchend nieder, indem er die Kanne auf den Tiſch ſtieß und rief: „Bier, maßweiſe!“ Später ſaßen die Eltern Brunos mit dem Vater Genovevas und dem alten Knecht auf einer Bank im Zelte und ſahen mit Luſt und Freude, wie ihre Kinder ſich am Tanze ergötzten und wie jeder wetteiferte, ſie zu preiſen und ihnen ein freundlich Wort zuzuflüſtern. In ihrer ſtillen Freude würden ſie gewiß des rohen Simon vergeſſen haben, wenn das wüſte Thier ſie nicht durch ſein lautes Schreien in der Herberge daran erin⸗ nert hätte, daß ſeine wilde Schlemmerei noch kein Ende ge⸗ nommen. 30 Sie ſprachen deßhalb von Simon und beklagten den armen alten Brauer, der ſelbſt nicht zur Kirchweih kommen durfte, um nicht Zeuge des wüſten Treibens ſeines Sohnes zu ſein. Man gedachte auch der Worte des Liederſängers über Simons Aufenthalt in Brüſſel und dieſe Verhandlung ſchlug natürlich nicht ſehr zu ſei⸗ nen Gunſten aus. Der alte Knecht war namentlich ſehr übel auf Si⸗ mon zu ſprechen und ſprach mit ſo viel Haß von dem Trunkenbold, wie er ihn nannte, daß der Notar ihn zwei bis dreimal zurückhalten mußte. Schon hatten ſie beinahe ein paar Stunden in dem Zelte zugebracht: Bruno und Genoveva tanzten unaus⸗ geſetzt und ſchienen den glücklichſten Tag ihres Lebens zu genießen. Der Notar ſprach vom Nachhauſegehen. Plötzlich hörte man im Wirthshaus ein wirres Geräuſch, wie von Menſchen, die mit einander ſtreiten und mit Stühlen ſchlagen; Flüche und furchtbares Ge⸗ ſchrei übertönte die beſänftigenden Worte derer, welche Frieden ſtiften wollten, Tafeln fielen um, Kannen zer⸗ brachen... Im Zelte hört Muſik und Tanz nicht auf; aber die Zuſchauer erheben ſich überraſcht, um nach dem Wirths⸗ haus zu ſehen. Che man begreifen kann, was geſchieht, ſtrömt die Maſſe der Streitenden auf den offenen Platz; ein junger Mann mit dem ſteinernen Krug in der Hand ſpringt voll Wuth aus der Mitte, wirft drei bis vier Mann auf den Boden und ſtürmt ſchäumend nach dem Zelt, wo er die furchtbaren Worte brüllt: „Er muß ſterben! Ich werde ihm den Kopf ein⸗ ſchlagen, dem ſcheinheiligen Pfeilerſteher!“ So, mit dem Kruge über dem Kopfe, läuft er unter den fliehenden Tänzern umher und mit einem wil⸗ den Rach ſucht. All ſchehene Angſtſchre Bruno. Die Knecht er blutend Herrn. Zwa man reiß man bind Dorfgefät Der im Wirth ſtillen ſuch neben ihn Vater ode Tuch vor Nach und öffne Bruno, Alle laſſen, un eine Bahr gen. Der wundeten. Unter vorüber, fand. Dort Kopf des grinste ur ihnen mit „„. e id beklagten r Kirchweih en Treibens hder Worte in Brüſſel ſehr zu ſei⸗ bel auf Si⸗ aß von dem Notar ihn den in dem zten unaus⸗ res Lebens ein wirres der ſtreiten tbares Ge⸗ ter, welche dannen zer⸗ ; aber die m Wirths⸗ ht, ſtrömt Platz; ein der Hand i bis vier nach dem Kopf ein⸗ läuft er iinem wil⸗ 31 den Racheſchrei ſieht er das Schlachtopfer, das er ucht. lic Alle ſtehen wie verſteinert da, ſo hat ſie das Ge⸗ ſchehene überraſcht; der alte Knecht allein ſtößt einen Angſtſchrei aus und eilt mit aufgehobenen Händen zu Bruno. Die emporgehobene Kanne fällt nieder; der arme Knecht empfängt den Schlag auf das Haupt und ſällt blutend und ohnmächtig zu den Füßen ſeines jungen Herrn. Zwanzig Bauern ſtürzen zugleich auf Simon los; man reißt ihn zu Boden; er ſchlägt, beißt, ſtößt; aber man bindet ihn mit Stricken und ſchleppt ihn nach dem Dorfgefängniß. Der Knecht wird aufgehoben und auf einen Stuhl im Wirthshauſe gebracht; während man das Blut zu ſtillen ſuchte, das aus ſeiner Wunde fließt, ſtand Bruno neben ihm, und weinte ſo herzlich, als wäre ihm ein Vater oder Bruder geſtorben. Auch Genoveva hielt das Tuch vor die Augen. Nach einiger Zeit kam der Knecht wieder zu ſich und öffnete die Augen. Sein erſter Blick fiel auf Bruno, deſſen Hand er mit lebhaftem Danke ergriff. Alle hatten in eiliger Haſt den traurigen Ort ver⸗ laſſen, um heimzukehren. Jan, der Knecht, wurde auf eine Bahre gelegt und aus dem Wirthshauſe fortgetra⸗ gen. Der Notar und ſeine Familie folgten dem Ver⸗ wundeten. Unterwegs mußten ſie an dem Dorfgefängniß voruͤber, das ſich in einem alten ſteinernen Hauſe be⸗ and. f Dort ſahen ſie hinter den eiſernen Fenſterſtäben den Kopf des betrunkenen Simon, der ſie unheimlich an⸗ grinste und die Fauſt weit aus dem Gitter hervorſtreckend ihnen mit ſeinen Flüchen drohte. ................... 32 Andern Tages kam der Oberrichter mit einigen Gerichtsperſonen, um ein Protokoll über das Verbrechen aufzunehmen. 4 Als man jedoch das Gefängniß öffnete, fand man Simon nicht mehr. Alle Unterſuchungen und Nachforſchungen waren vergeblich; man erfuhr von Simon nichts mehr.. IHS. 9... S. . Kurze Zeit ſpäter gewannen die Franzoſen die ſchreckliche Schlacht von Fleurus und überwältigten unſer Vaterland zum zweiten Male. An d Dorfe Wa größeren. ein Wirthe Adler trug Dort Mühle ſtan denn auf einen ausge Richtung fe lich den W wohlbedacht laſſen. An eit des Jahres um nach de ihm folgte, in den Bar Der Y „Sus, ſein könnt. leben, wollt „Bische Andern in d Conſcience, mit einigen Verbrechen fand man igen waren mehr.. unzoſen die tigten unſer Dex Vauernkrieg. (1798). J. An der großen Landſtraße, die unfern von dem Dorfe Waldeghem vorüberführte und dieſes mit einigen größeren Gemeinden und der Stadt ſelbſt verband, ſtand ein Wirthshaus, das auf ſeinem Aushängeſchild einen Adler trug. Dort wohnte Baes Cuylen, der Müller.— Seine Mühle ſtand in der Nähe auf einer ziemlichen Anhöhe: denn auf der Oſtſeite ſtieß die Herberge zum Adler an einen ausgedehnten Wald, der einige Stunden in dieſer Richtung fortlief. Um von dieſer Seite ſoviel wie mög⸗ lich den Wind zu faſſen, hatte Baes Cuylens Großvater nrhibedacht ſeine Mühle auf einen hohen Punkt bauen aſſen. An einem Sonntag Morgen, im Monat October des Jahres 1798, trat Baes Cuylen aus ſeinem Hauſe, um nach der Mühle zu gehen; ſein Diener Sus, der ihm folgte, ſchien ſehr unzufrieden und murmelte hörbar in den Bart. Der Müller kehrte ſich um und ſagte mürriſch: „Sus, mein Junge, ich begreife nicht, wie Ihr ſo ſein könnt. In den traurigen Zeiten, in denen wir jetzt leben, wollt Ihr nicht mal das bischen Mühe haben.“ „Bischen Mühe!“ murmelte der Knecht,„wenn die Andern in der Herberge ſitzen, ſtehe ich den ganzen Sonn⸗ Conſcience, Bauernkrieg. 3 34 tag droben in der Mühle, um hinauszulugen, ob keine ſtatt ſo de Krähen von Sanskülotten fliegen, laſſet wenigſtens die und doch Mühle am Dekadi ſtill ſtehen!“*) Sie „Einen republikaniſchen Sonntag?“ rief Baes Cuy⸗ Baes len mit Abſcheu,„wenn Ihr nicht ſo alt wäret, Sus, mühte: . ich glaube, Ihr hättet Luſt, mit dem gottloſen Volke an⸗„Ihr zubinden?“ det die W „Ich wollte, der letzte Sanskülott hinge am Gal⸗ Sanskülot gen,“ rief der Knecht,„dann würde ich Sonntags we chen zu be 4 nigſtens auf dem Boden laufen können, ſtatt immer da Dörfer z 1 droben auf der Mühle zu ſtehen.“ Märtyrer 4„Kommt, Sus,“ ſagte der Baes mit Güte,„laßt Der Euch die kleine Mühe nicht verdrießen. Bedenkt, daf ſagte als 1 Jedermann in dieſen Zeiten ſein bittres Kreuz tragen„Ich muß. Seht die unglücklichen Diener des Herrn, ſeh Herr bewa unſre Prieſter, wie ſie verfolgt und gefangen geſetzt wer⸗„Alſo den, weil ſie den Glauben nicht abſchwören wollen; wi Mühle ble man ſie nach Inſeln auf dem Meere geſchleppt, wo ſte„Ja, 1 von wilden Thieren zerriſſen werden müſſen, wenn Got„Ihr ihnen nicht beiſteht. Seht, unſre armen Rekruten, die„Nein ganze Wochen in den Wäldern, oder in Höhlen nunta ſeid verſich der Erde zubringen, und mit dem Tode im Leibe jeden ſtehe ich nd Augenblick verrathen und gefangen zu werden fürchte ja immer müſſen... Waſſer, da „Ich verſtehe das nicht, Baes. Es iſt 4 keine ſterh Neues.“ liche Seele im Ort, der ihnen etwas thut?“„Ich „Und der Bürgermeiſter und die Schöffen?“ als Ihr.“ „Die Leute von der Municipalität wolltet Ihr ſa⸗„Ein gen? Ja, die werden ihnen auch nichts thun: ihre eigen merkt man Söhne ſitzen in dem kleinen Vorwerk hinter Vinkenboſch genwärtig — Aber Baes, mich dünkt, ich würde lieber Soldat..... 2 wieder da *) Nach dem republicaniſchen Styl waren die Woche mir das F in zehn Tage vertheilt: dieſe nannte man primidi Der 2 duordi, tridi u. ſ. w. Der Decadi oder der zehnte Ta Fahne herc war der amtliche Ruhetag. Tuche zuſat gen, ob keine venigſtens die ef Baes Cuy⸗ wäret, Sus, ſen Volke an⸗ unge am Gal⸗ Sonntags we⸗ att immer da Güte,„laß Bedenkt, daß Kreuz tragen Herrn, ſehl en geſetzt wer n wollen; wie ſeppt, wo ſit n, wenn Got Rekruten, di Höhlen unten m Leibe jeden erden fürchten ja keine ſterb⸗ öffen?“ olltet Ihr ſa n: ihre eigen r Vinkenboſch lieber Soldat en die Wochet nan primidi der zehnte Ta 3⁵ ſtatt ſo den ganzen Tag in Angſt und Furcht zu leben, und doch keine Hoffnung zu haben, zu entkommen.“ Sie waren bei der Mühle und ſtiegen hinauf. grenes Cuylen antwortete, während er ſich hinauf⸗ mühte: „Ihr würdet Soldat werden, Sus! So, Ihr wür⸗ det die Waffen ergreifen, um auf Befehl der ruchloſen Sanskülotten die Prieſter gefangen zu nehmen, die Kir⸗ chen zu berauben, die armen Bauern zu plündern, die Dörfer zu verbrennen und das unſchuldige Blut der Märtyrer zu vergießen?“ Der Knecht machte das Zeichen des Kreuzes und ſagte als ſie oben waren: „Ich habe mir das nicht ſo überlegt, Baes. Unſer Herr bewahre mich, ich ſtürbe lieber.“ „Alſo, Ihr werdet dieſen Sonntag noch auf der Mühle bleiben und fleißig Wache halten?“ „Ja, aber...... 7 „Ihr weigert Euch doch nicht?“ „Nein, nein, das iſt es nicht, was ich ſagen will; ſeid verſichert, ich bin zu allem bereit, nur des Sonntags ſtehe ich nicht gerne hier oben auf der Mühle. Es iſt ja immer daſſelbe. Setzt mich bis an den Hals in's Waſſer⸗ dagegen habe ich nichts: es iſt wenigſtens etwas eues.“ „Ich glaub' es, Sus; aber Niemand ſieht ſo weit, als Ihr.“ „Ein gutes Geſicht iſt kein Vortheil, Baes, das merkt man an mir. Wäre ich halb blind, ſo ſäß ich ge⸗ genwärtig im Löwen mit einer Pinte Bier in der Hand Nun, in Gottes Namen, ſo will ich den Abend wieder da oben für's Vaterland lugen..... Gebt mir das Fähnchen!“ Der Baes öffnete eine Kiſte und holte eine kleine Fahne heraus, die aus rothem, blauem und weißem Tuche zuſammengenäht war; er gab Sus das Zeichen .„.„ 36 hinauf, denn dieſer war bereits unter die Kappe ge⸗ krochen. die fanati In die Kappe der Mühle waren auf allen vier Sei⸗ farbig Fä ten kleine, kaum bemerkbare Löcher gebohrt.„Am Ehe der Knecht die Fahne hinausſteckte, kroch er„Das rings umher und legte an jedes der Löcher ſein Auge. vorbeireiſe Auf der Weſtſeite blieb er lange vor einem Loche kaner.“ ſtill ſitzen.„We „Seht Ihr etwas?“ fragte der Baes ängſtlich.„Ja, 1„Pſt!“ antwortete der Knecht geheimnißvoll. vor.— 9„Was gibts, Sus?“ fragte der Baes nach einigen Driesken 1 Augenblicken wieder. eine Kann „Am Ende des Weges fliegt Staub in die Höhe: ¹ es kommt etwas.“ Kaun 1„Es wird ein Wagen ſein, Sus.“ als man „Nein, nein, zwiſchen dem Staub blinkt und glänzt heben und etwas durch: wie bloße Säbel und Gewehre“ junge Leu „Kommt herab, kommt herab,“ ſprach der Baes nach beid zitternd,„Gott weiß, ob wir nicht verrathen ſind, werſt traten. die Fahne herunter!“ Dieſe Aber der Knecht ſah noch eine Weile durch das bei der Co Loch und ſagte dann: als Sold „Nun, ſeh' ich, was es iſt. Ein Frachtwagen, der weigerten. von der Stadt zurückkehrt: es ſind die kupfernen Nägel Bis an dem Pferdegeſchirr, die ſo blinken.“ beſtanden, „Sus, Sus, was habt Ihr mir bange gemacht?“ zu werder ſeufzte der Baes und holte tief Athem. zuſammen Der Knecht ſteckte ſein Fähnlein zur Mühle hinam unſrer Un und antwortete: mehr verr „Baes, ſolltet ihr glauben, daß wir hier unſen ſcription. Kopf auf das Spiel ſetzen? Wenn wir verrathen Ja, werden, ich glaub', das verfluchte Sanskülottenfähnche ungeheure wird uns eine bittere Pfeife rauchen laſſen. Ihr wißt geublick a daß die Guillotine bereits ſchon in Antwerven ſteht?“ zu Gunſte „Schweige von dem hölliſchen Zeug, Sus.— All böhandent an den 6 e Kappe ge⸗ len vier Sei⸗ te, kroch er ſein Auge. einem Loche ängſtlich. ßvoll. nach einigen n die Höhe: kt und glänzt e 44 ich der Baes n ſind, werft le durch das htwagen, der fernen Nägel ge gemacht?“ Nühle hinaut whier unſern ir verrathen lottenfähnchen Ihr wißt ven ſteht?“ Sus.— All 37 die fanatiſchen Jacobiner ſtecken ja Sonntags ein drei⸗ farbig Fähnchen hinaus!“ „Am Decadi, Baes.“ „Das thut nichts zur Sache, die Fremden, die hier vorbeireiſen, halten mich für einen ſchrecklichen Republi⸗ kaner.“ „Wenn ſie's nur wüßten, hm, Baes?“ „Ja, Sus, wenn ſie es wüßten; aber da ſei Gott vor.— Nun, gib nur wohl Achtung. Auf Wiederſehen. Driesken wird Euch das Eſſen bringen und ich werde eine Kanne Bier dazu thun.....“ Kaum war das Fähnlein auf der Mühle erſchienen, als man ſich einige Köpfe aus dem nahen Gebüſche er⸗ heben und mißtrauiſch rings umherblicken ſah. Es waren junge Leute, die nach der breiten Landſtraße ſchlichen, nach beiden Enden ſahen und dann in’s Wirthshaus traten. Dieſe jungen Leute waren geflüchtete Rekruten, die bei der Conſcription ausgehoben worden, aber die Waffen als Soldaten im franzöſiſchen Lager zu tragen ſich weigerten. Bis zu dieſer Zeit hatte in Belgien nie ein Geſetz beſtanden, wodurch Jemand gezwungen wurde, Soldat zu werden; das Heer war bislang aus Freiwilligen zuſammengeſetzt. Und von allen Schlägen, die der Fremde unſrer Unabhängigkeit beibrachte, hat keiner unſre Väter mehr verwundet und erbittert, als die ſogenannte Con⸗ ſcription. Ja, es erſchien den Belgen eine unerhörte und ungeheure Tyrannei— dieſes Geſetz, das ſie jeden Au⸗ genblick aus ihrer Wohnung reißen konnte, um das Blut zu Gunſten derer zu vergießen, die ſie als Sclaven behandelten und Alles vernichteten, was ihnen theuer war. Für den, deſſen Gottesfurcht, deſſen Anhänglichkeit an den Glauben der Väter durch die Verfolgung nur 38 eine höhere Weihe erhielt, war der Märtyrertod minden ſchrecklich, als die Pflicht, denen Hülfe zu leiſten, die fi nicht allein als die Feinde des Vaterlandes, ſondern auch als die Diener des Teufels und Vorläufer des ſchreckli chen Antichriſts anſahen. Obgleich in den meiſten Dörfern, die näher bei der Städten lagen, bereits Soldaten erſchienen waren, um die widerſpenſtigen Rekruten aufzuſuchen und einzufangen, und man wirklich eine große Zahl weggeführt hatte— ſo waren doch in Waldeghem noch keine geſehen worden Die Gerüchte, die von Dorf zu Dorf liefen, ließen jedoch vermuthen, daß die ſtille Gemeinde, obgleich ſie von der Heerſtraße entfernt lag, ganz unerwartet einma von den Menſchenfängern heimgeſucht werden würde. Die meiſten Rekruten hielten ſich deßhalb verborgen Die Aengſtlichen blieben in der Tiefe der Wälder, wie ihnen, wenn es dunkel wurde, die Verwandten Eſſen und Trinken brachten; andere, mehr dem guten Glück ver⸗ trauend, hatten geheime Schlupfwinkel bei ihren Woh⸗ nungen, in Kellern, Ställen oder Scheunen. Jeden Sonntag, wenn keine drohenden Zeitungen gekommen waren, und das Fähnchen demzufolge auf der Mühle ausgeſteckt war, verſammelten ſich die Rekruten im Wirthshaus zum Adler, einige Zeit, ehe das Hochamt begann, um gegenſeitig von einander oder von Freunden aus dem Dorfe zu vernehmen, was ſie zu fürchten oder zu hoffen hatten. Waren die Nachrichten günſtig, ſo wohnten die Mei⸗ ſten dem Hochamte bei, weil man die Rekruten in ande⸗ ren Dörfern, zum mindeſten in denjenigen, in welchen die Kirchen damals noch nicht geſchloſſen waren, in der Frühmeſſe überraſcht und gefangen genommen. In einem Nebenzimmer des Wirthshauſes ſaßen nun bereits etwa zwanzig Perſonen, lauter geflüchtete Re⸗ kruten, mit Ausnahme von drei bis vier älteren Män⸗ nern die u ſehen u 1 ſeber man ſpra Nach und man die 2 lief Alles Der die Nachr noch vor davon erf⸗ „Ah, zugleich, Wirk das Zimn ſich auf ei „Wiſ zu Ende? Iſt ein ne Seiten. Brun Soldaten, nun ſie g⸗ für ihren gerichtet. gen verb Hülfe kon nungsles! „Abe fragte ein boſch ein behauptet, cher, alle den; daß rertod minde eiſten, die ſi ſondern auch des ſchreckle näher bei der aren, um die einzufangen, ihrt hatte— ſehen worden liefen, ließen obgleich ſie vartet einma in würde. lb verborgen Wälder, we en Eſſen und n Glück ver⸗ ihren Woh⸗ in Zeitungen olge auf der die Rekruten das Hochamt on Freunden fürchten oder ten die Mei⸗ ten in ande⸗ (in welchen rren, in der en. auſes ſaßen flüchtete Re⸗ teren Män⸗ 39 nern, die aus dem Dorf gekommen waren, um ihre Söhne zu ſehen und zu ſprechen oder etwas Neues zu erfahren. Es herrſchte eine große Freude in dem Zimmer; man ſprach heiter und laut über eine gute Nachricht. Nach und nach aber wurde es wieder ſtill, denn als man die Beweiſe der Wahrheit des Geſagten unterſuchte, lief Alles auf ein bloßes Gerücht hinaus. Der alte Brauer, der in einer Ecke ſaß, behauptete, die Nachricht könne nicht gegründet ſein, da ſein Knecht noch vor drei Tagen in der Stadt geweſen und nichts davon erfahren. „Ah, da iſt Bruno!“ riefen alle Anweſenden beinahe zugleich, der wird es wiſſen....“ Wirklich trat auch Bruno in dieſem Augenblick in das Zimmer, drückte jedem freundlich die Hand und ſetzte ſich auf einen Stubl. „Wißt Ihr Nichts? Iſt es wahr, gebt die Republik zu Ende? Sind die Mächtigen in Frankreich gefallen? Iſt ein neuer König in Paris?“ fragte man ihn von allen Seiten. Bruno ſah ſeine Freunde wehmüthig an, ſchüttelte den Kopf und ſagte in traurigem Tone: „Die franzöſiſche Republik hat Hunderttauſende von Soldaten, ihre Generale machen alle Mächte zittern, und nun ſie ganz Italien unterjocht haben, iſt ihnen Europa für ihren Uebermuth zu klein: nach Aſien ſind ihre Blicke gerichtet.... Laßt Euch durch keine leeren Hoffnun⸗ gen verblenden, Kameraden. Von droben allein kann Hülfe kommen: auf Erden iſt alles trügeriſch und hoff⸗ nungsles!“ „Aber, Bruno, wißt Ihr auch ſicher, was Ihr ſagt?“ fragte einer der Jünglinge.„Geſtern iſt hinter Vinken⸗ boſch ein Krämer von Lier geweſen, der hat erzählt und behauptet, daß die Engländer, die Preußen, die Oeſtrei⸗ cher, alle Länder der Welt ſich gegen Frankreich verbin⸗ den; daß ſie die Heere der Republik bereits an den Gren⸗ 40 zen geſchlagen und daß der neue König von Frankreich mit ihnen iſt.“ „Leeres Geſchwätz!“ ſeufzte Bruno,„es iſt nichts daran. Unſer Zuſtand bleibt unverändert: in Selaverei ſchmachtet unſer armes Vaterland, zerbrochen liegen die Altäre unſeres Gottes... Keine Ausſicht... Keine menſchliche Hülfe fruchtet.“ „Welchen Rath weißt Du?“ fragte der Sohn des Löwenwirths, der muthiger ausſah, als die anderen. Bruno ſah ſprachlos zu Boden. „So kann es doch nicht fortgehen,“ ſprach jener wie⸗ der,„wir können nicht unſer ganzes Leben lang verbor⸗ gen bleiben. Es wird nicht lange dauern, ſo macht man auf uns Jagd, wie man's in andern Gemeinden gethan. Dann werden wir gefangen und zum Tode verurtheilt, oder was noch ſchlimmer iſt, wir werden nach dem Lager geſchleppt, um für dieſe Bluthunde zu fechten, die unſer Land mit Füßen treten, als wären wir das Vieh dieſes gottloſen Volkes!“ Dieſe in kräftigem Tone geſprochenen Worte er⸗ ſchütterten Bruno tief: er ſtand auf, legte ſich die Hand des muthigen jungen Mannes aufs Herz und antwortete: „Es ruht da drinnen auch ein heißes Sehnen nach Thätigkeit, nach Rache; aber wozu ſollte es dienen, Karel? Die Erde iſt ſatt von dem Blute, das ſie ge⸗ trunken. Warum ſollten wir unſre Eltern, unſre Freunde durch neues Blutvergießen der Verfolgung, dem Tode überliefern? Laßt uns warten.... warten und beten.“ „Aber ſo weißt Du nicht, daß alle Wälder voll Flüchtlingen ſitzen, die nichts glühender wünſchen, als gegen den Franzoſen ſich zu erheben?“ „Ich weiß es,“ ſeufzte Bruno,„aber ich bitte Gott täglich von ganzer Seele, daß er meine Landsleute vor ſolchem unglücklichen Aufſtande bewahre. Sie würden uns in wenigen Tagen geſchlagen und vernichtet haben...“ Kar ins Ohr „B. veva zu Eir wollte a herein u Rupelmt die Fra Waesla Antwery Diesma Un Man ſch maß der Thränen Br Mitleide rung zu den die getriebe und un Ganz Soldate Di maß de täuſchur Augenb Frankreich es iſt nichts in Selaverei en liegen die ... Keine r Sohn des anderen. ch jener wie⸗ ang verbor⸗ vmacht man iden gethan. verurtheilt, h dem Lager n, die unſer Vieh dieſes Worte er⸗ ch die Hand antwortete: Sehnen nach es dienen, das ſie ge⸗ iſre Freunde dem Tode und beten.“ Wälder voll nſchen, als hbitte Gott dsleute vor Sie würden t haben...“ 41 Karel näherte ſich ihm und flüſterte ihm ſcherzend ins Ohr: n „Bruno, lieber Freund, macht Dich die Furcht, Geno⸗ veva zu verlieren, ſo ängſtlich 4 Eine dunkle Röthe überflog Brunos Wangen; er wollte antworten, aber plötzlich trat ein anderer Rekrut herein und rief mit lauter Freude:— „Gott ſei gedankt! Flandern iſt im Aufſtand! In Rupelmonde haben die Bauern mit bewaffneter Hand die Franzoſen angegriffen und überwunden; das ganze Waesland iſt unter den Waffen. Die Sanskülotten von Antwerpen ſind mit Kanonen über die Schelde gezogen. Diesmal gilts!“ Unbeſchreiblich war der Eindruck dieſer Nachricht. Man ſchlug in die Hände, man umhalste ſich im Ueber⸗ maß der Freude, man ſang, man jubelte, man weinte Thränen der Rührung. Bruno allein blieb ſtill und ſah mit einem gewiſſen Mitleiden dieſem Schauſpiel der allgemeinen Begeiſte⸗ rung zu. „Nun,“ rief Karel ihm zu,„jetzt beginnt das Spiel oder glaubſt Du die Zeitung nicht?“ „Er weiß die Neuigkeit nur halb,“ antwortete Bruno mit ſchmerzlichem Tone.„Noch denſelben Abend wur⸗ den die Bauern von Rupelmonde kämpfend in eine Kirche getrieben, die Sanskülotten haben dieſe in Feuer geſteckt und unſere armen Brüder ſind alle zu Pulver verbrannt. Ganz Waesland iſt in dieſem Augenblick mit franzöſiſchen Soldaten überzogen....“ Dieſe Worte machten alle erblaſſen; auf das Ueber⸗ maß der Freude folgte nun unmittelbar die bitterſte Ent⸗ täuſchung. Alle ließen die Köpfe ſinken und blieben einen Augenblick ſprachlos. „Weißt Du, was der Fuhrmann in Gierle vorge⸗ ſtern dem Pachter Wonns geſagt?“ fragte ein Rekrut. 42 „Er ſagt, daß wenn unſer Paſtor ſeinen Eid leiſten will, man uns alle in Frieden laſſen werde.“ „Sollten wir dann nicht Soldaten werden dürfen?“ fragte ein junger Bauer, der in einer Ecke ſaß und ängſt⸗ licher als die Andern zu ſein ſchien. „Nein. So ſagt wenigſtens der Fuhrmann in Neile.“ „Nun, warum leiſtet denn der Paſtor jenen Eid hiüte fragte der Erſte wieder.„Dann wären wir ja rei!“ „Ja, warum leiſtet er ſeinen Eid nicht? Der wird nichts ſo Schreckliches ſein!“ riefen ein paar Andere. „Freunde!“ ſprach Bruno,„Ihr wißt nicht, was Ihr ſagt. Man verlangt von den Geiſtlichen, daß ſie ewigen Haß allen Königen und Treue der franzöſiſchen Republik ſchwören. Kann ein Prieſter ſolch' einen Eid leiſten? im Voraus Alles gut heißen, was die Jacobiner in Paris erſinnen, ſelbſt die Aufhebung des Gottesdien⸗ ſtes? Wie dem auch ſei, die belgiſche Geiſtlichkeit hat ſich dies zu thun geweigert. Mehr als ſechshundert Geiſt⸗ liche ſind bereits nach fernen Inſeln abgeführt, die an⸗ dern alle ſind zum gleichen Aſyl verurtheilt.— Unſer alter greiſer Paſtor ſteht gleichfalls auf der Proſcriptions⸗ liſte. Und ſeid verſichert, die erſten Soldaten, die in unſrem Dorf erſcheinen, werden unſern Hirten wegführen und unſere Kirche ſchließen, wie bereits aller Orten ge⸗ ſchieht. In jedem Falle täuſcht Ihr Euch; der Eid der Prieſter hat mit der Conſcription nichts zu ſchaffen.“ „Warum flüchtet er ſich nicht?“ „Wohin, wozu? Er will überdies nicht. Er ſagte er wolle bei uns bleiben, ſo lange er kann; und will Gott ihm den Märtyrertod gönnen, ſo wird er nicht entfliehen.“ „Da läutet's zum Hochamt!“ ſprach einer der An⸗ weſenden.„Wer geht zuerſt. Sage Du, Bruno, wie wir hingehen ſollen, oder wir laufen alle zugleich hinaus.“ war, di anzugeb der Thi lein ger Brauer Hi pier üb hat gru N kehrte D Eindru erblaßt ſeine 2 E und gi deuken ſchrift? daß m kehrt!“ E ſuchte lité, F jours; doch n aber d Bedent nes T tus u N Brief und rie leiſten will, n dürfen?“ und ängſt⸗ ſrmann in jenen Eid ren wir ja Der wird Andere. nicht, was , daß ſie ranzöſiſchen einen Eid Jacobiner Hottesdien⸗ tllichkeit hat dert Geiſt⸗ t, die an⸗ — Unſer Fſcriptions⸗ en, die in wegführen Orten ge⸗ der Eid der haffen.“ Er ſagte z und will d er nicht er der An⸗ runo, wie ch hinaus.“ 43 Während der Sohn des Notars damit beſchäftigt war, dieſer Aufforderung zu entſprechen und die Ordnung anzugeben, kam Baes Cuylen,— der die ganze Zeit an der Thüre geſtanden und den Blick nicht von dem Fähn⸗ lein gerichtet hatte,— langſam herein und winkte dem Brauer, ihm hinaus zu folgen. Hier ſtand ein Knecht, der dem Gerufenen ein Pa⸗ pier überreichte, indem er zu ihm ſagte. „Baes, das hat der Bote für Euch gebracht; es hat große Eile.“ Nach dieſen Worten grüßte er ſeinen Meiſter und kehrte nach dem Dorfe zurück. Die Aufſchrift des Briefes mußte einen mächtigen Eindruck auf den Brauer machen, denn der alte Mann erblaßte und begann wie ein Rohr zu zittern, während ſeine Augen unverwandt auf den Buchſtaben hafteten. Er ſchien in dieſem Zuſtande überraſcht zu werden und ging hinter ein Eichengebüſch, wo er, in tiefes Nach⸗ deuken verſunken, die Aufſchrift des Briefes las: „Le, le Citoyen... Meulemans!“ Dieſe Hand⸗ ſchrift? Von meinem Sohn! Ach, Dank, Dank, o Gott, daß mein einzig Kind noch lebt, daß es zu mir zurück⸗ kehrt!“ Er riß mit fieberhafter Ungeduld den Brief auf und ſuchte die erſte Zeile zu leſen. Da ſtand: Liberté, Ega- lité, Fraternité ou la mort! Au Citoyen auteur de mes jours; aber ſo oft der Brauer auch las, er verſtand es doch nicht. Die Unterſchrift war zwar von ſeinem Sohn, aber die Form des Briefes machte eine Menge ängſtlicher Bedenken in ihm rege. Es ſtand etwas zu ſeines Soh⸗ nes Taufnamen hinzugeſetzt: er hatte Simon⸗Bru⸗ tus unterzeichnet. Nachdem der Bauer noch einen Augenblick auf den Brief geſtiert, verbarg er ihn plötzlich in ſeinem Rocke und richtete ſeine Schritte nach dem Dorfe, indem er ſagte: 44 „Der Pfarrer wird es mir erklären.— O Gott, was mag das bedeuten?“ Der achtzigjährige Prieſter wollte gerade zur Kirche gehen, als der Brauer in ſein Zimmer trat und ihm den Brief zeigte, den er empfangen: „Herr Paſtor, um Gottes Willen, leſet mir den Brief, ehe Ihr zur Kirche gehet. Er brennt mir in den Händen: es iſt mir, als ſollt ich ein großes Un⸗ glück daraus erfahren von meinem Sohn Simon.“ „Von Eurem Sohn Simon?“ rief der Paſtor mit freudigem Erſtaunen.„Er war auf ſchlimmen Wegen⸗ Freund Meulemans, aber ich freue mich, daß Gott Euer Kind erhalten hat. Laßt ſehen, was er ſchreibt.“ Der Paſtor näherte ſich dem Fenſter, um mehr Licht zu haben und las Folgendes*) mit halblauter Stimme: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder der Tod! An den Bürger und Urheber meiner Tage. Hiemit benachrichtige ich Euch, daß Euer Sohn, Abgeordneter der Centralregierung des Departements des Deüx⸗Nethes, ſich in drei bis vier Tagen nach ſeinem Geburtsort begeben wird, um die ſtrenge Durchführung der Geſetze der Republik anzuordnen und ſeine alten Be⸗ kannten aus den Ketten des Deſpotismus und des hölli⸗ ſchen Fanatismus der verfluchten Heuchler zu befreien, welche unter der Maske des Prieſterthums Euch unter dem Joche der Beſchränktheit gebeugt halten. Dankt der franzöſiſchen Republik, wenn Ihr noch den Namen eines Menſchen zu tragen würdig ſeid; wenn der Servilismus und die Unwiſſenheit nicht alle geiſti⸗ *) Dieſer Brief iſt in der Urſchrift in franzöſiſcher Sprache mitgetheilt, um„nichts von ſeiner Origina⸗ lität zu opfern.“ Wir tragen jedoch kein Bedenken, ihn deutſch zu grben, da das Originelle mehr im Geiſte, als im Worte liegt. D. Ueberſ, gen Fäl das Lich hem auf Ich der hohe lichen L fühle u das ung Waldegl ſunken als ächt Ha daß ich Landſtre beginn ſteht i Euer nach T zöͤſiſche Tyran verjage O Sott, zur Kirche id ihm den t mir den rennt mir roßes Un⸗ non.“ Paſtor mit en Wegen, Gott Euer bt.“ mehr Licht Stimme: r Tod! Tage. uer Sohn, partements nach ſeinem rchführung alten Be⸗ des hölli⸗ mbefreien, unter dem Ihr noch ſeid; wenn alle geiſti⸗ ranzöſiſcher Origina⸗ Bedenken, im Geiſte, jeberſ. 45 gen Fähigkeiten derer vernichtet haben, unter welchen ich das Licht erblickte, ſo wird ein ſchöner Tag über Waldeg⸗ hem aufgehen. Ich bringe Euch die Freiheit und mit ihr den Schutz der hohen franzöſiſchen Republik, die mit ihrer unend⸗ lichen Liebe alle Völker der Erde in einem edeln Ge⸗ fühle umarmt und mich Unwürdigen beauftragt, Euch das unausſprechliche Glück zu überbringen, unter die Zahl ihrer Kinder gezählt zu werden! Wenn ich wider mein Erwarten die Bewohner von Waldeghem im ſchmutzigen Kothe alten Firlefanzes ver⸗ ſunken ſehen ſollte, ſo müßte ich meine unerbittliche Pflicht als ächter Republikaner erfüllen. Habt die Güte, dem Müller Cuylen ſagen zu laſſen, daß ich bei ihm wohnen werde, um näher an der großen Landſtraße zu ſein. Euer Sohn: Simon Brutus. Plötzlich erſchrak der Brauer; er ſah Thränen aus den Augen des Prieſters fallen und ſein Geſicht erblaſſen. „Himmel, was iſt geſchehen?“ rief er.„Was ſteht in der unglücklichen Schrift?“ Der Paſtor trat auf ihn zu, ergriff ſeine Hand und ſagte mit tiefem Mitleiden: „Ihr dauert mich, armer Freund.“ „Was muß ich fürchten?“ rief der Brauer erſchrocken. „Es läutet bereits zum letzten Male! Die Meſſe muß beginnen. Um Gottes Willen, ehrwürdiger Herr, was ſteht in dem Brief?“ „Nun,“ ſeufzte der Paſtor,„ich will es Euch ſagen. Euer Sohn meldet Euch, daß er in drei bis vier Tagen nach Waldeghem kommen werde, um die Geſetze der fran⸗ zöſiſchen Republik durchzuführen und alle Anhänger der Tyrannei und des Fanatismus, das heißt, der Religion, verjagen werde. Er verſpricht uns den Schutz Frankreichs, 46 wenn wir uns dieſer Wohlthat durch Unterwerfung und Gehorſam würdig machen. Kurz, er berichtet, daß er Euren alten Paſtor und die armen Rekruten gefangen nehmen werde.“ „Gott, Gott, mein Sohn!“ ſchluchzte der Brauer und hielt die Hände vor die Augen.„Er als Scharf⸗ richter, den man uns ſchickt!....“ Paſtor.„Ihr tragt keine Schuld daran. Und leben wir nicht in einer Zeit der Prüfung? Bedenkt, daß Gott uns all' dies Leiden vergelten wird...... Ich muß gehen, die Stunde hat bereits geſchlagen. Vielleicht iſt dies das letzte Opfer, das meine Hände in unſrem demüthi⸗ gen Kirchlein dem Herrn darbringen. Ich ſehe kein Da⸗ tum auf dieſem Papier: es iſt vergeſſen. Es iſt mög⸗ lich, daß der Brief zwei bis drei Tage unterwegs blieb. Vielleicht wird morgen oder übermorgen Euer Sohn be⸗ reits hier ſein.... Mäßigt Euren Schmerz, beruhigt Euer gebrochen Herz, kehrt nach Hauſe zurück; ich werde Euch nach der Meſſe beſuchen. Auf Wiederſehen.“ Der Paſtor drückte dem verzweifelnden Brauer noch einmal die Hand und ſchritt durch den Hof nach der Kirche. Um Baes Meulemans zu tröſten, hatte er ſeinen eigenen Kummer unterdrückt, aber nun brach der Schmerz um ſo gewaltiger hervor, als er überlegte, welches Unheil über ſeine unſchuldigen Gemeindemitglieder her⸗ einbrechen ſolle. Als der Prieſter in die Kirche trat und mit einem ſchmerzvollen Blick im Inneren ſeines bedrängten Her⸗ zens allem, was er ſah, Lebewohl ſagte, wankten ſeine Schritte und ſein Blick richtete ſich ſeufzend zum Himmel empor. Die Meſſe hatte einen langſamen Fortgang. Ob⸗ gleich geſungen wurde, ſchien eine Todtenſtille in der Kirche zu herrſchen. Nur vier Stimmen ließen ſich auf der Emy Cäeilieng die Wäld Nähe der Der Orgel kl Gemeind ſo ſehr der groß unheimli Als den Seg fielen zu fung und daß er gefangen r Brauer Scharf⸗ rach der leben wir daß Gott Ich muß elleicht iſt demüthi⸗ kein Da⸗ iſt mög⸗ egs blieb. Sohn be⸗ beruhigt ich werde en.“ auer noch nach der er ſeinen Schmerz welches jeder her⸗ nit einem gten Her⸗ kten ſeine m Himmel ng. Ob⸗ le in der n ſich auf 47 der Emporkirche hören: die übrigen Glieder der St. Cäciliengilde waren der Conſcription verfallen und in die Wälder geflüchtet. Viele von ihnen ſtanden in der Nähe des Sebaſtian⸗Altares. Der Geſang war ſo traurig und ſchleppend, die Orgel klang ſo kreiſchend, ſo tief waren die Häupter der Gemeinde auf die Gebetbücher herabgeſenkt, aller Herzen ſo ſehr mit Angſt und Kummer erfüllt, daß beim Anblick der großen Trauer dieſer Gemeinde den Fremden ein unheimlich Bangen hätte ergreifen müſſen..... Als der Prieſter ſich umwandte, um den Gläubigen den Segen zu ertheilen, und jeder das Haupt erhob, fielen zwei glänzende Thränen über ſeine Wangen. Dieſer Anblick erſchreckte die Anweſenden wie ein Blitzſtrahl. Eine allgemeine Bewegung entſtand unter der Gemeinde, die Frauen und Mädchen beugten ſich in ſtilem Weinen, die Männer ſahen einander mit tiefer Beklemmung an und ſchienen ſich zu fragen, was dies furchtbare Räthſel zu bedeuten habe. Der Prieſter hatte ſich inzwiſchen wieder nach dem Altar gewandt..... Püötzlich erſcholl an der Eingangsthür ein furcht⸗ barer Schrei, eine mächtige Stimme erfüllte die ganze Kirche wie ein rollender Donner, und man hörte die Worte: „Au nom de la loi, que personne ne bouge iei! Fermez toutes les issues*). Fünfzig wilde Stimmen antworteten in jauchzendem Geſchrei: Vive la République française! Liberté, Egalité, Fraternité ou la mort!“*). 3 ²) Im Namen des Geſetzes! Niemand rühre ſich von der Stelle! Man ſchließe die Eingänge! *½) Es lebe die franzöſiſche Republik! Freiheit, Gleichheit Brüderlichkeit, oder der Tod. z Zizeit, 48 Unter ſolchen Umſtänden waren die Klänge der franzöſiſchen Sprache, was ſie auch bezeichnen mochten, hinreichend, um die unglückliche Gemeinde mit unaus⸗ ſprechlicher Bangigkeit zu erfüllen. Alle ſprangen jammernd und heulend von ihren Plätzen und wollten entfliehen, aber die große Thüre war bereits geſchloſſen und mit Soldaten beſetzt. Nun ſtrömte die hoffnungsloſe Gemeinde nach der kleinen Seiten⸗ thüre, die noch offen ſchien. Man drückte und ſtieß ſich, um zuerſt zu entkommen; aber der Anblick von ungefähr zehn Bayonnetten, die mit ibren drohenden Spitzen den Eingang verſperrten und dahinter die grinſenden Ge⸗ ſichter der Soldaten, trieben das zitternde Volk wieder in den Tempel. Hier wälzte ſich die Gemeinde noch eine Zeit lang von der einen Seite nach der andern, bis endlich alle Bewegung aufhörte und die Meiſten ſich in der äußerſten Verzweiflung auf Stühlen und Bänken niederwarfen. Der Paſtor knieete vor dem Altar und bewegte ſich nicht, als wäre er in ein ſteinernes Bild verwandelt. Unfern von der großen Thüre unter der Empor⸗ kirche, ſchrie und wüthete ein großer Mann; bis zu dieſem Augenblick hatte man nicht gehört, was er haben wollte, da das Jammern ſeine Stimme übertönt hatte. Es war ohne Zweifel der Anführer der Soldaten, wenigſtens gehorchten ſie ſeinen Befehlen. Es war ein Mann von ungefähr dreißig Jahren, ſchön von Geſtalt, aber finſter und roh von Angeſicht. Ein ſchwarzer Knebelbart ſiel ihm aufs Kinn, während ſein Haar auf die Wangen hereinhing und zerſtört auf ſeine Schultern floß. Auf ſeinem Kopf trug er einen aufgeſtülpten Hut mit fliegenden Federn; ſein beinahe bis an den Hals zugeknöpfter Rock war an den Lenden mit einer dreifarbigen Schärpe umſchlungen, in welcher zwei große Piſtolen ſteckten. Seine Stiefeln hatten gelbe Kappen, Säbel m Die tauſenden jagen und auf ſie d ſcheinen, zu marte Es Geſichtsz Augen, r Scht nur ihre Sob und mit das Geſc⸗ bar zu n rief dann Port Etw folgten il Aber der Ment gegebener ihre letzte derte ſich ſtille halt Der ein kleine hinderte i Er Zeichen n *) Schr Conſciene länge der mochten, lit unaus⸗ von ihren oße Thüre etzt. Nun en Seiten⸗ ſtieß ſich, ungefähr pitzen den enden Ge⸗ olk wieder Zeit lang udlich alle äußerſten vwarfen. eegte ſich andelt. er Empor⸗ ; bis zu s er haben önt hatte. Soldaten, ig Jahren, Angeſicht. „ während eerſtört auf er einen b in beinahe den Lenden in welcher atten gelbe 49 Kappen, die umgeſchlagen herabhingen. Einen großen Säbel mit eiſerner Scheide ſchleppte er nach ſich. Die Soldaten, die ihn begleiteten, ſchienen unter tauſenden ausgewählt, den Landleuten Furcht einzu⸗ jagen und mußten den Bauern, die einen flüchtigen Blick auf ſie zu werfen wagten, wie eine Horde Teufel er⸗ ſcheinen, die die Hölle ausgeſpuckt, um die Menſchheit zu martern und zu plagen. Es waren lauter bejahrte Männer mit gemeinen Geſichtszügen, von der Sonne verbrannt, mit feurigen Augen, verwirrten Haaren und großen Knebelbärten. Schmutzig, zerriſſen und grob war ihre Kleidung; nur ihre Säbel und Gewehre glänzten wie Silber. Sobald der Mann mit der dreifarbigen Schärpe und mit den Federn auf dem Hute bemerkte, daß ſich das Geſchrei ſoweit gemindert, ſeine Worte vernehm⸗ bar zu machen, flüſterte er den Soldaten etwas zu, und rief dann mit lauter Stimme: Portez armes! En avant, marche!“*). Etwa zehn Soldaten verließen den Eingang und folgten ihm nach der Mitte der Kirche. Abermals entſtand eine ängſtliche Bewegung unter der Menge. Da ſie nicht vermuthen konnten, was die gegebenen Befehle bezeichneten, meinten ſie ohne Zweifel, ihre letzte Stunde habe geſchlagen. Ihr Schrecken mil⸗ derte ſich, als ſie die Soldaten unter dem Predigtſtuhl ſtille halten ſahen. Der Offizier ſchien die Kanzel beſteigen zu wollen: ein kleines Thürchen vor der Treppe, das geſchloſſen war⸗ hinderte ihn daran. Er gab dem Soldaten, der neben ihm ſtand, ein Zeichen mit dem Finger. Der Soldat hob den Kolben *) Schultert's Gewehr! Vorwärts, Marſch! Conſcience, Bauernkrieg. 4 50 ſeines Gewehres in die Höhe, ein Donnerſchlag erſcholl durch die Kirche, die Thüre zerſprang in Stücke und der Offizier erſchien auf der Kanzel..... Er zog einen Pack Papiere aus dem Rocke, ent⸗ rollte ſie, hing ſeinen Hut an den Arm eines Cruziſixes, das neben ihm auf der Kanzel ſtand und begann fol⸗ gende Rede, die er mit allerlei wilden Geberden be⸗ gleitete: „Habitans de la commune de Waldeghem! Doch ich tänſche mich, Sclaven können die edle Sprache freier Völker nicht verſtehen. Wohlan denn!... Einwohner der Gemeinde Waldeghem! Ihr ſeht in mei⸗ ner Perſon einen Eurer alten Bekannten; ich bin der⸗ jenige, der hier unter dem Namen Simon Meulemans die Ketten der Sclaverei und der Dummheit mit Euch getragen, der nunmehr aber, gelabt an der Bruſt der großen Weltmutter, an der Bruſt der franzöſiſchen Re⸗ publik, würdig befunden wurde, mit tauſend Andern als Apoſtel die Aufhebung der Sklaverei, die Freiheit bis an's äußerſte Ende der Erde zu verkünden!“ Als der Name Simon Meulemans den Bauern in die Ohren klang, ſahen ſie alle zitternd auf: einigen entflog ſogar ein leichter Angſtſchrei. Der Offizier fuhr inzwiſchen fort: Die Centralgewalt des Departements der beiden Nethen*³) hat mich, wie dieſe Schrift bekräftigt, mit dem Auftrage beehrt, in Waldeghem die Geſetze und Decrete der Republik durchzuführen und ohne Gnade, ja ſelbſt mit dem Tode diejenigen zu beſtrafen, die ſich dem ſouveränen Willen des Volks widerſetzen ſollten. „Obwohl ein ächter Republikaner nur ein Vaterland kennt, und dies iſt die Welt ſelbſt; obwohl er keine andere *) So hatten die Franzoſen die jetzige Provinz Antwer⸗ pen getauft. Familie! doch ſchu müſſen, von Wal⸗ trägen G Republik „Bit in Cure Vieh im des Fan⸗ eiſerne R fortſchlep laſſen un Derjenig Vortheil haben. „N Euch her das feig Recht ge verläugn um ihren ſättigen. bis jetzt den die und der ſoll, da wird, l jagt.. Di ſengende maß de haben; gemeine Kopf it hlag erſcholl Stücke und Rocke, ent⸗ Cruziſixes, begann fol⸗ eberden be⸗ nem! Doch dle Sprache un 1... ſeht in mei⸗ ich bin der⸗ Meulemans eit mit Euch er Bruſt der zöͤſiſchen Re⸗ Andern als Freiheit bis Bauern in auf: einigen der Offizier der beiden aäftigt, mit Geſetze und e Gnade, ja die ſich dem ten. n Vaterland keine andere vinz Antwer⸗ 51 Familie hat, als die ganze Menſchheit, ſo würde es mich doch ſchmerzen, Gewalt in dem Dorfe gebrauchen zu müſſen, wo ich geboren ward. Deßhalb, Ihr Einwohner von Waldeghem, hört auf meine Worte und erhebt Eure trägen Geiſter zu der Höhe, auf welche die franzöſiſche Republik Euch ruft. „Bis auf dieſen Tag iſt kein Lichtſtrahl der Vernunft in Eure Herzen gedrungen; Ihr ſeid wie unvernünftiges Vieh im Schmutz der Unwiſſenheit, in der Dunkelheit des Fanatismus fortgekrochen; Ihr habt Euch durch die eiſerne Ruthe des Despotismus wie vernunftloſes Vieh fortſchleppen, Euch in den Pflug der Dienſtbarkeit ſpaunen laſſen und als verworfene Sklaven habt Ihr die Hände Derjenigen geküßt, die Euch zu ihrem eigennützigen Vortheil im Schmutze der Gemeinheit niedergehalten haben. „Nun iſt der Tag gekommen, das Licht ſtrömt auf Euch herab; empfangt es mit guter Geſinnung, verläugnet das feige Volk, das Euch weis macht, ihnen ſei das Recht gegeben, Euch zu ewiger Sklaverei zu verdammen; verlängnet Die, die Euch in ewiger Kindheit niederhalten, um ihrem Hochmuth zu ſchmeicheln, und ihre Wolluſt zu ſättigen. Ja, werft alle Bande von Euch ab, die Euch bis jetzt gehindert haben, auf dem Wege hinanzuklimmen, den die ruhmreiche franzöſiſche Republik Euch geöffnet, und der die Menſchheit bald zu ſolcher Höhe führen ſoll, daß ſie in voller Macht an Gottes Stelle ſtehen wird, mit dem man Euch ſo lange ins Bockshorn ge⸗ jagt...“ Dieſe furchtbaren Gottesläſterungen ſchlugen wie ſengende Blitze in die Ohren der Zuhörer. Das Ueber⸗ maß des Schreckens ſchien ihnen das Leben geraubt zu haben; nur bei jeder neuen Läſterung konnte man eine all⸗ gemeine Bewegung bemerken. Die Meiſten hatten den Kopf in die Hände gebeugt und ſchloßen ſo viel wie 52 möglich die Ohren vor den Worten, die ihnen aus der Hölle zu kommen ſchienen. Nur bei dem Altar des heiligen Sebaſtian ließ ſich einiges dumpfe Gemurmel hören; aber ein Soldat, der ſich den jungen Leuten mit drohendem Blicke näherte, machte die Vermeſſenen verſtummen. Der Prieſter erhob bei den letzten Worten des Rednuers die Arme zum Himmel. Dieſer bemerkte die Bewegung und zeigte mit grinſendem Lachen nach dem Altar, unterbrach jedoch ſeine Anſprache nicht, er fuhr alſo fort: „Schwört Haß und ewige Feindſchaft den Königen und Tyrannen, den Baronen und Grafen, den Herren und Meiſtern, werdet frei in Seele und Herz! Dann erſt werdet Ihr reif ſein für einen höheren Beruf, dann erſt werdet Ihr würdig werden, Theil zu nehmen an dem Bankett der Völker, dann erſt werden Menſchen aus ver⸗ nunftloſen Thieren werden, die Ihr jetzt ſeid... „Ja, Ihr Bewohner von Waldeghem, ich bringe Euch die Freiheit, wählt die Sklaverei und den Haß der franzöſiſchen Republik oder die Freiheit, die Größe, die Unabhängigkeit mit der Freundſchaft des franzöſiſchen Volkes, die Wahl ſteht Euch noch frei: morgen iſt es zu ſpät!“ Der Redner ſchwieg einen Augenblick, um in ſeinen Papieren zu ſuchen und fuhr dann fort: „Es iſt genug für diesmal; wer nicht von dem ſchändlichſten Fanatismus oder dem niedriaſten Sklaven⸗ ſinn noch verblendet iſt, ſoll mir, dem Bevollmächtigten der franzöſiſchen Republik hülfreiche Hand bei der Durch⸗ führung meiner Aufgabe bieten. Merket wohl auf, was ich Euch ſagen will. „Solang das Volk von Waldeghem nicht berufen wird, ſeinen ſouveränen Willen durch die Wahl einer neuen Municipalität zu erkennen zu geben, werde ich, Simon⸗Brutus, ehedem Simon Meulemans, alle aus⸗ übende ſandten augenbli mir übe „U. Jemand Thäter ſchießen Entkäme und Sch wortlich „U gewalt mand di ler jung Conſcrip Memmer blicklich Paſtor Eid der nach der der Anw an der Fahrläſſ .. un zum Lac Wa in der Männert umherge hatten ſ zuſamme banger Altar be Als ſah, wo aus der ließ ſich dat, der näherte, rten des erkte die nach dem ‚er fuhr Königen n Herren ! Dann ruf, dann tan dem aus ver⸗ ch bringe Haß der röße, die inzöͤſiſchen gen iſt es in ſeinen von dem Sklaven⸗ nächtigten er Durch⸗ auf, was zt berufen Zahl einer verde ich, alle aus⸗ 53 übende Gewalt in mir vereinigen, und wer mir als Ge⸗ ſandten der franzöſiſchen Republik nicht gehorcht, der wird augenblicklich feſtgenoemmen und nach dem Urtheil, das mir über ihn zu fällen gutdünkt, geſtraft werden. „Und geſchähe es, daß ein Soldat der Republik von Jemand verwundet oder getödtet würde, ſo ſoll man den Thäter und ſeine Mitſchuldigen augenblicklich vor den Kopf ſchießen und ſeine Wohnung bis auf den Grund verbrennen. Entkäme er unſerer Rache, ſo würden ſeine Eltern, Brüder und Schweſtern oder wer ihm nahe ſteht, dafür verant⸗ wortlich bleiben. „Und um mit dem zu beginnen, was mir die Central⸗ gewalt ausdrücklich geboten, befehle ich, daß ehe Je⸗ mand die Kirche verläßt, zur Feſtnehmung erſtens al⸗ ler jungen Leute geſchritten werde, die das Loos der Couſcription getroffen und nichts deſto weniger als feige Memmen ſich flüchtig gemacht; daß man ferner augen⸗ blicklich den Jacobus Dominicus Torfs, Prieſter und Paſtor zu Waldeghem, ergreife, der ſich geweigert, den Eid der Treue zu leiſten und deßhalb zur Transportirung nach der Inſel Oleron verurtheilt iſt. Ich fordere Jedeu der Anweſenden im Namen der franzöſiſchen Republik auf, an der Vollziehung dieſer Befehle mitzuwirken, da die Fahrläſſigen beſtraft werden, wie früher beſtimmt wurde ... und nun ans Werk und aufgepaßt. Es iſt nichts zum Lachen, ein Republikaner lacht nie!“ Während der Verleſung dieſer Befehle war Bruno in der Stille bei den Rekruten und einigen andern Männern in der Nähe des Altars vom heiligen Sebaſtian umhergegangen und hatte ihnen leiſe etwas geſagt. Sie hatten ſich beinahe unbemerkt zu einem dichten Haufen zuſammengedrängt und ſahen mit traurigem Blicke und banger Erwartung nach dem Prieſter, der noch vor dem Altar betete. Als Simon⸗Brutus ſich nichts in der Kirche bewegen ſah, wandte er ſich an ſeine Leute, und erneuerte die — 54 Befehle in franzöſiſcher Sprache. Er befahl ihnen, augen⸗ blicklich zur Feſtnahme des Prieſters zu ſchreiten. Einige Soldaten verließen die große Eingangsthüre, um ſich nach dem Altar zu begeben, aber in dieſem Augenblick bot ſich bei dem Altar des heiligen Sebaſtian ein ſonderbares Schauſpiel den Blicken dar. Ungefähr vierzig Männer, Bruno an der Spitze, ſtiegen langſam die Treppen des Altars hinan. So feſt hatten ſie ſich an einander geſchloſſen, daß es war, als ſchöbe man eine undurchdringliche Mauer vor den Altar. Sprachlos und in tiefſter Stille trieb das eine Ende dieſer Schaar nach der kleinen Seitenthüre. Indeſſen ſuchte Bruno den Paſtor zum Fliehen zu überreden; da jedoch der Greis nicht von ſeinem Platze aufſtehen wollte, und hier lieber zu ſterben erklärte, hob ihn Bruno mit Gewalt vom Boden und riß ihn fort. Simon Brutus, welcher vermuthete, was geſchah, es jedoch nicht ſehen konnte, rief ſeinen Soldaten zu: „Courez, courez, au nom de la loi, arréètez ces brigands!“*) Ehe die Soldaten jedoch den Altar erreichen konn⸗ ten, hatten die vorderſten Bauern kalt und ruhig ihre Bruſt vor den Bayonnetten eutblöſt, die ihnen die Seiten⸗ thüre verſperrten; und ſei es nun, daß die Soldaten durch die ſeltene Kaltblütigkeit überraſcht waren, oder die Wehrloſen nicht hinſchlachten wollten, ſie wichen ein paar Schritte zurück. Der Ausgang war offen: die dreißig Mann ſtanden plötzlich ſchweigend und ſtill auf dem Kirchhof und ſchnitten den erſtaunten Soldaten den Zugang zu der Seitenthüre ab. *) Eilt, eilt, im Namen des Geſetzes, nehmt dieſe Räu⸗ ber gefangen. So nannten die Franzoſen, jeden Bel⸗ gen der ſich der Tyrannei widerſetzte, Da Altare du Die geſchah; ſeinen Ke unter die wundeten Das ebenſo re daß die Ein hob ſich Alles ei und ſtrör ſelbſt S herbeigel Menge f Drohung B a Kirche. Auf Piſtole poral, durch de In Kinder dern ver Ma um ein einem 6. mit ſein Ent ſchickte E raden z1 Sie en, augen⸗ en. aangsthüre, in dieſem Sebaſtian eer Spitze, inan. So aß es war, r vor den eine Ende Indeſſen überreden; eaufſtehen „ hob ihn ort. as geſchah, aten zu: errètez ces ichen konn⸗ ruhig ihre die Seiten⸗ ‚Soldaten aren, oder wichen ein offen: die d ſtill auf oldaten den dieſe Räu⸗ jeden Bel⸗ 7 5⁵ Da floh Bruno plötzlich mit dem Paſtor von dem Altare durch die Thüre! Die Soldaten auf dem Kirchhofe merkten jetzt, was geſchah; einige ſchoßen auf den fliehenden Prieſter und ſeinen Kameraden, andere ſtießen mit den Bayonnetten unter die Bauern, tödteten einen jungen Mann und ver⸗ wundeten zwei Bauern. Das Alles war mit Blitzesſchnelle geſchehen, und ebenſo raſch hatte die Gemeinde in der Kirche bemerkt, daß die Seitenthüre aufgegangen war. Ein helles Jauchzen, ein banges Freudengeſchrei er⸗ hob ſich in dem Tempel; Frauen, Männer, Kinder, Alles eilte in fieberhafter Aufregung nach dem Altar und ſtrömte zur Seitenthüre hinaus. Die Soldaten, ja ſelbſt Simon⸗Brutus, der auf den Schuß der Gewehre herbeigekommen war, wurden unwillkürlich durch die Menge fortgedrängt, welche blind und bewußtlos weder Drohungen, noch Waffen zu achten oder zu fürchten ſchien. Bald war kein einzig lebend Weſen mehr in der Kirche.. Auf dem Kirchhof ſtand Simon⸗Brutus mit einer Piſtole in der Hand und wüthete und drohte, dem Kor⸗ poral, der an der Seitenthüre geſtanden, eine Kugel durch den Kopf zu ſchießen. In der Ferne ſah man noch einige Frauen und Kinder fliehen; die Männer waren bereits in den Wäl⸗ dern verſchwunden. Man ſah einen Trupp Soldaten hin und wieder um ein Haus herlaufen, das unfern von der Kirche an einem Eichenſchlage ſtand. Sie ſuchten den Paſtor, der mit ſeinem Retter an dieſer Stelle verſchwunden war. Endlich, als dies Stückchen lange genug gedauert, ſchickte Simon⸗Brutus einen Soldaten fort, ſeine Kame⸗ raden zurückzurufen. Sie brachten die Stola, das Cingulum und das 56 Chorhemd des Paſtors; aber den Prieſter ſelbſt hatten ſie nicht gefunden. Der Offizier drohte noch mit ſeiner Piſtole, ſtieß wilde Flüche gegen die ſchuldigen Soldaten aus und be⸗ klagte bitter, daß die Gelegenheit, den unbeeidigten Geiſtlichen und die geflüchteten Rekruten feſtzunehmen, unbenützt verſäumt worden. Nach und nach milderte ſich ſein Zorn. Endlich ſagte er: „Wohlan, wir wollen ſehen, ob Ihr durch größern Muth und durch mehr Wachſamkeit das Geſchehene wie⸗ der gut machen werdet. Man hole einen Karren, ein paar Pferde, einige Fäſſer und Säcke. Geht! die an⸗ dern mögen mir folgen...“ Die vier anusgewählten Männer gingen nach dem Dorfe; die Andern traten mit dem Offizier in die Kirche. Eine Stunde ſpäter ſtand vor der großen Thüre des Tempels ein Wagen mit zwei Pferden; die Soldaten waren damit beſchäftigt, die Monſtranzen, Kelche, Schüſ⸗ ſeln, Kandelaber, Opferteller und Alles, was Metall war und einigen Geldwerth hatte, in Fäſſer zu ſtampfen oder in Säcke zu ſtecken, und ſo auf den Wagen zu laden. Als dies geſchehen war, holte der Offizier eine Wachskerze von dem Altar, drückte auf das große Thor und die Seitenthüre zwei Siegel, worauf er ſelbſt mit einem Stückchen weißer Kreide die Worte ſchrieb: Es lebe die franzöſiſche Republik. Bei Todesſtrafe verboten zu öffnen. Er warf die Wachskerze auf den Boden und ſagte zu ſeinen Soldaten:. „Man folge mir mit dem Karren; wir gehen nach unſerem Wirthshaus und werden etwas ausruhen, ehe wir uns an der tollen Vermeſſenheit dieſer Brigands rächen!“ Sie Theil des der Mühl Auf ſen; es eine uner Geg ſeiner Le „zum Ad Die gelagert, Singen Vor mit dem war ſehr mit ernſt und ſchie als wollt Der keine bö der Arbe ten auf dieſem T lbſt hatten tole, ſtieß is und be⸗ nbeeidigten tzunehmen, Endlich ch größern ehene wie⸗ arren, ein ! die an⸗ nach dem er in die gen Thüre Soldaten he, Schüſ⸗ as Metall m ſtampfen Wagen zu fizier eine roße Thor ſelbſt mit leb: und ſagte ehen nach ahen, ehe Brigands 57 Sie verließen den Kirchhof und durchkreuzten einen Theil des Dorfes, ehe ſie den Weg einſchlugen, der nach der Mühle führte. Auf ihrem Durchzug ſahen ſie kein lebendiges We⸗ ſen; es war, als ob der dumpf rollende Wagen durch eine unermeßliche Grabhöhle hinführe. II. Gegen Abend ſaß Simon Brutus mit etwa zehn ſeiner Leute in einem großen Zimmer des Wirthshauſes „zum Adler.“ Die andern Soldaten hatten ſich in der Scheuer gelagert, und man konnte von der Landſtraße ihr wildes Singen und wirres Freudengeſchrei hören. Vor der Thüre des Wirthshauſes ſchritt ein Soldat mit dem Gewehr in der Hand auf und ab; ſein Geſicht war ſehr roth, und er ſchwankte ſichtlich auf den Beinen; mit ernſter und trotziger Miene ſah er nach allen Seiten und ſchien eine Ueberraſchung zu befürchten. In dieſem Augenblick zeigte ſich ein Bauer auf dem Weg, der nach dem Dorfe führte. Die Schildwache heftete die funkelnden Augen auf den langſam ſich nähernden Mann und hielt das Gewehr vor die Bruſt, als wollte ſie den Hahn ſpannen, um Feuer zu geben. Der Bauer, der auf das Wirthshaus zuging, ſchien keine böſen Abſichten zu haben; er war alt und von der Arbeit gebeugt, und ging mit ſo ſchleppenden Schrit⸗ ten auf dem Wege einher, als wüßte er nicht, was an dieſem Tage in Waldeghem geſchehen. 58 „Qui vive?“ ſchrie die Schildwache. Der alte Mann nahm ſeine Mütze vom Kopfe, verbengte ſich vielmal und grüßte den Soldaten mit allerlei demüthigen Geberden. „Qui vive?“ rief dieſer nochmals. „Gut Freund,“ antwortete der Bauer, mit lang⸗ ſamen Schritten ſich dem Adler nähernd. Der Soldat murmelte etwas in den Bart und ließ den Bauern näher kommen. Als dieſer jedoch vorüber⸗ gehen wollte, um in den Adler zu treten, hieß die Schild⸗ wache ihn ſteben, hob den Kittel auf und betaſtete ihn am ganzen Leibe; als ſie aber nichts fand, was Arg⸗ wohn erregen konnte, brach ſie in ein langes, ſchallendes Gelächter über die ſonderbaren Geberden und Geſichter des Bauers aus und ſtieß ihn mit den Worten in die Herberge: „Passe, passe, imbecille, tu ferais rire une sen- tinelle de la Republique Française!“*) Der Bauer trat in die Herberge und verlangte eine Pinte Bier, ſetzte ſich an den Kamin und ſteckte ſeine Pfeife mit ſolcher Unbefangenheit an, als hätte er zu der Familie des Wirthes gehört. Baes Cuylen ergriff die Zange, ſchürte damit in dem Feuer, und indem er ſich zu dieſem Ende herab⸗ beugte, brachte er ſeinen Mund ganz nahe an das Ohr des alten Mannes, und ſagte leiſe: „Jan, iſt unſer Paſtor fort und gerettet?“ „Ja,“ murmelte der andere. „Und Bruno? Man hat es hauptſächlich auf ihn gemünzt.“ „Auch,“ lautete die geflüſterte Antwort. Der Baes ſtellte die Zange an den Kamin und entfernte ſich von dem Banern. *) Geh’, geh', Dummkopf, du machſt eine Wache der franzöſiſchen Republik lachen! In de mit ſeinen in der Sch Soldaten, ſaßen, kon Offiziere, ſellſchaft zu Auf ſchen Stro Säbel, G Sime Kopfe, ſo apier un an Die zu vier I Pinten. eingeſcher etwas deſ Murren deſtoweni ihren rot ſie bereit eine Flaf natürlich Simon⸗? ſtanden Ein Simon⸗? „A daß Eue mal da⸗ einzurich Sklaven gen ihne abhängi Erdäpfe vom Kopfe, boldaten mit , mit lang⸗ art und ließ och vorüber⸗ 3 die Schild⸗ betaſtete ihn „ was Arg⸗ „ſchallendes und Geſichter erten in die e une sen- rlangte eine ſteckte ſeine hätte er zu damit in Ende herab⸗ un das Ohr 2 ich auf ihn Kamin und Wache der In dem großen Zimmer daneben, wo Bruno ſich mit ſeinen Kameraden befand, war es weit ruhiger, als in der Scheuer. An gewiſſen Zeichen der Kleidung der Soldaten, die in dem Zimmer um eine große Tafel her ſaßen, konnte man ſehen, daß Simon Brutus nur die Offiziere, die Korporals mit eingerechnet, in ſeine Ge⸗ ſellſchaft zugelaſſen. Auf dem Boden an der Mauer war Bettzeug zwi⸗ ſchen Strohbündeln ausgebreitet; an den Wänden hingen Säbel, Gewehre und Patrontaſchen. Simon⸗Brutus, mit einer rothen Mütze auf dem Kopfe, ſaß an dem obern Ende des Tiſches; er hatte Papier und Federn vor ſich liegen und ſchien zu ſchreiben. Die Andern ſaßen vor einer großen Stoop(Kanne zu vier Maaß) und tranken Gerſtenbier aus ſteinernen Pinten. So oft ſie ſich eine neue Pinte aus der Stoop eingeſchenkt, goßen ſie aus einer gewöhnlichen Flaſche etwas deſtillirten Branntwein hinein. Obſchon an ihrem Murren zu erkennen war, daß ſie das Getränke nichts⸗ deſtoweniger matt und ſchlecht fanden, konnte man aus ihren rothen Geſichtern und wirren Blicken ſchließen, daß ſie bereits mehr als eine Stoop Bier und mehr als eine Flaſche Branntwein getrunken hatten. Hier wurde natürlich nur die franzöſiſche Sprache gehört; denn außer Simon⸗Brutus waren alle Soldaten Fremde und ver⸗ ſtanden kein einzig Wort niederländiſch. Ein Sergeant wandte ſich in dieſem Augenblick an Simon⸗Brutus und ſagte: „Ah ca Citoyen commissaire, Ihr müßt geſtehen, daß Euere Heimath ein verfluchtes Land iſt und nicht mal dazu taugt, eine Colonie franzöſiſcher Bettler hier einzurichten. Wie? Wir kommen hierher, um dieſes Sklavenvolk von ſeinen Tyrannen zu befreien; wir brin⸗ gen ihnen die Freiheit, wir ſchlagen uns für ihre Un⸗ abhängigkeit... und zur Belohnung geben ſie uns Erdäpfel und Dickmilch! Glauben ſie denn, daß die 60 Soldaten der franzöſiſchen Republik das Fieber oder die Gelbſucht haben? Der dumme Baes hat uns weis ge⸗ macht, daß er von unſerer Ankunft nichts gewußt; aber dieſen Abend, Citoyen⸗Commiſſäre? Ihr, die Ihr die Sprache dieſes armſeligen Landes verſteht, Ihr werdet zweifelsohne dafür ſorgen, daß die Soldaten der fran⸗ zöſiſchen Republik nicht gezwungen werden, wie Kinder mit einer Schüſſel Brei zu Bett zu gehen?“ „Ich denke gerade daran,“ antwortete Simon Brutus, „aber es iſt ſchon ſpät und kein Schlächter im Dorfe...“ „Nun, macht bons,“ fuhr der Andere fort,„und wenn der Baes nicht gerade in ſeinen Schuhen läuft, ſo werde ich ihn mit meinem Säbel gehen lehren.“ „Das iſt das Wenigſte,“ ſiel ihm Simon Brutus ein,„unſere Leute müſſen gleichfalls eſſen, und ich glaube, daß ſie wohl ein paar Schaafe auftreiben könnten. Wer ſollte ſie ſchlachten und zubereiten?“ „Nichts Anderes, als das?“ rief der Corporal,„der alte Mucius Scävola, da hinten in der Scheuer, iſt Fleiſchhauer geweſen. In zwei bis drei Stunden hat er alles Vieh geſchlachtet, das im Dorfe lebt; denn mit Eurer Erlaubniß, Citoyen⸗Commiſſäre, ich glaube nicht, daß außer den dummen Einwohnern viel Vieh in dieſem elenden Lande iſt.“ „Nun, da können wir ja Hühner eſſen,“ meinte Simon⸗Brutus. „Ein Hammelſchlegel wäre auch nicht ſo ſchlecht,“ bemerkte der Sergeant. „Sind in dieſer Gemeinde keine Spanferkel?“ fragte ein Anderer. „Doch,“ ſprach Simon⸗Brutus,„ich werde dafür ſorgen. Citoyen⸗Corporal, ruft den Baes!“ Einer der anweſenden Soldaten ſtand auf, öffnete die Thüre des Zimmers und kam mit dem Müller zurück. Baes Cuylen blieb ſprachlos bei der Thüre ſtehen, die Schla Geſichte v Sim ben, nah fragte der „Lebl „Pät noch, mei „Me heftigem toujen.“ „Scl ſo heftig und ſichtl „En Dummko „Er mich me Centralge Der großen Baes un „Ci Kauderw meinem Munde! „Ne der Offi Und „Hi eer oder die s weis ge⸗ vußt; aber die Ihr die Ihr werdet n der fran⸗ wie Kinder ion Brutus, Dorfe..“ fort,„und en läuft, ſo n.“ non Brutus ich glaube, unten. Wer voral,„der ſcheuer, iſt tunden hat ; denn mit laube nicht, ) in dieſem n,“ meinte o ſchlecht,“ tel?“ fragte verde dafür uf, öffnete em Müller hüre ſtehen, 61 die Schlafmütze in der Hand und mit dem einfältigſten Geſichte von der Welt. Simon Brutus, der inzwiſchen noch etwas geſchrie⸗ ben, nahm zwei Stückchen Papier von dem Tiſche und fragte den Baes: „Lebt Citoyen Verloons noch?“ „Pächter Verloons wollt Ihr ſagen? Ja, er lebt noch, mein Herr Commiſſär.“ „Mein Herr! mein Herr!“ rief der Offizier mit heftigem Zorne,„daß ich dieſes Sklavenwort noch hören muß, wir ſind Alle Citoyens der franzöſiſchen Republik.“ „Ich wollte ſagen, er lebt noch, Chitoujen,“ ſtam⸗ melte der Baes. „Hat er noch Schaafe?“ „Geſtern hatte er noch fünfzig, mein Herr Chi⸗ toujen.“ „Schon wieder?“ rief Simon⸗Brutus und ſchlug ſo heftig auf den Tiſch, daß der Baes wirklich erſchrak und ſichtlich bebte. „Entſchuldigt, Citoyen⸗Commiſſäre, was ſagt der Dummkopf?“ fragte der Sergeant. „Er hat die Freiheit oder lieber die Dummheit, mich mein Herr zu nennen, mich den Commiſſär der Centralgewalt!“ Der Sergeant ging nach der Wand, nahm ſeinen großen Säbel aus der Scheide, ſtellte ſich neben den Baes und ſagte: „Citoyen⸗Commiſſär, belieben Sie ihm in ſeinem Kauderwelſch begreiflich zu machen, daß ich ihm mit meinem Säbel bei jedem Monſieur, der aus ſeinem Munde kommt, in den Nacken fallen werde.“ „Nein, nein, ſetzt Euch, Citoyen⸗Sergeant,“ befahl der Offizier,„das Abendeſſen iſt jetzt die Hauptſache.“ Und indem er ſich an den Baes wandte, ſagte er: „Hört, was auf dieſem Papier ſteht: „Der Citoyen Verloons wird durch dieſes aufgefor⸗ 62 dert, zwei Schaafe für den Dienſt der franzöſiſchen Re⸗ publik zu liefern. Der Bevollmächtigte der Centralgewalt, Simon⸗Brutus, ſonſt Meulemans.“ „Verſteht Ihr das?“ „Ja, mein... gewiß, Chitoujen.“ „Werdet Ihr ſie uns beſorgen?“ „Wann, Chitoujen?“ „Sogleich, augenblicklich: dieſen Abend müſſen ſie noch gegeſſen werdeu.“ „Ich werde des Notars Jan bitten, daß er ſie holt.“ „Wie, was? Jan, des Notars Jan? Der dumme Jan? Lebt er noch?“ „Er iſt an dem Schlag auf den Kopf, den Ihr ihm vor vier oder fünf Jahren gegeben, nicht geſtorben, mein Herr— nein, nein, Chitoujen wollt' ich ſa⸗ gen— denn er raucht draußen im Vorzimmer ſeine Pfeife.“ „Wie konnt' er es wagen, in den Adler zu kommen? Er iſt vielleicht ein Spion?“ Der Baes hielt den Finger an den Kopf und ant⸗ wortete lächelnd: „Der Mann iſt unſchuldig, er weiß nicht, was er thut.“ „Gut,“ ſprach der Offizier,„ich fordre, daß Ihr ſelber ohne Widerrede nach den Schafen geht. Hier iſt noch ein Requiſitionsbrief für vier Hühner; die könnt’ Ihr ſelber liefern.“ „Aber Chitoujen,“ ſtotterte der Baes,„die Chito u⸗ jens hinten in der Scheuer rupfen bereits meine Hühner und den Hahn dazu.“ „Dann ſucht ſie, wo Ihr ſie finden könnt. Wir müſſen ſie haben. Sputet Euch ein wenig!“ Der hinaus. Sir denken „Es bemerkte ſchenkte goß.„ hölliſchen unſre K Geſundh vor fünf Streite nen Miſ rückten fangen; und lief dem Die da drinn ſeine Pf Alle jedoch. „E glaubte! es mich er war Anderes Strafe; einzuſchl Andern„ Blut.“ wohl ſeh ſiſchen Re⸗ algewalt, mans.“ müſſen ſie daß er ſie Der dumme den Ihr t geſtorben, Ut' ich ſa⸗ nmer ſeine zu kommen? f und ant⸗ ht, was er , daß Ihr eht. Hier ;z die könnt! die Chitou⸗ ine Hühner önnt. Wir Der Baes wandte ſich um und ging zum Zimmer hinaus. Simon Brutus verfiel einen Augenblick in Nach⸗ denken und ſah mit ſtarren Blicken auf den Tiſch. „Es ſcheint, der Citoyen⸗Commiſſair iſt zerſtreut?“ bemerkte der Sergeant, während er alle Pinten voll ſchenkte und in jede einen guten Schluck Branntwein goß.„Da wir nicht wiſſen, was der Wirth in ſeinem hölliſchen Kanderwelſch geſagt, müſſen wir wenigſtens unſre Kehle deßhalb nicht eintrocknen laſſen. Auf die Geſundheit der franzöſiſchen Republik!“ „Kameraden,“ ſprach Simon⸗Brutus,„es iſt mir vor fünf Jahren etwas Seltſames geſchehen. In einem Streite mit elenden Fanatikern, ſchlug ich durch ei⸗ nen Mißgriff mit einer ſteinernen Pinte einem alten ver⸗ rückten Manne den Kopf entzwei; man nahm mich ge⸗ fangen; Nachts jedoch brach ich aus dem Gefängniß und lief nach Paris, um mein Blut und meine Kräfte dem Dienſte der franzöſiſchen Republik zu weihen. Nun, da drinnen bei dem Feuer ſitzt ein Mann und raucht ſeine Pfeife. Wer glaubt Ihr wohl, daß es ſei?“ Alle ſahen ihn neugierig an, niemand antwortete jedoch. „Es iſt der Knecht, den ich umgebracht zu haben glaubte! Und ich geſteh' Euch, Citoyens camarades, daß es mich gefreut, als ich vernahm, er lebe noch; denn er war unſchuldig an der Sache. Es iſt etwas ganz Anderes, einem Anhänger der Tyrannen ſeine verdiente Strafe zu geben, als einem halb Blödſinnigen den Kopf einzuſchlagen.“ „Gewiß, gewiß, Ihr habt Recht,“ beſtätigten die Andern,„ein Republikaner vergießt kein unſchuldig Blut.“ „Sollen wir dem verrückten Kerl nicht eine Pinte Bier anbieten?“ fragte der Korporal.„Ich möchte ihn wohl ſehen.“ „Geht und ruft ihn,“ gebot der Offizier.„Er ſitzt allein am Feuer.“ Einen Augenblick ſpäter brachte der Korporal den Mann am Arm in's Zimmer. Jan, der alte Knecht des Notars, ging tiefer ge⸗ beugt, denn ſonſt und hätte ſich nicht viel tiefer bücken müſſen, daß ſeine Arme bis unter die Kniee reichten. Er ſchien im Ganzen nicht befangen und lächelte ſo freund⸗ lich, als ob er dieſe Leute ſchon lange kennte. Er hielt ſeine Mütze in der Hand und verbeugte ſich grüßend nach allen Seiten, indem er ſagte: „Guten Tag, Simon Meulemans. Was ſeid Ihr ſchön! Freut mich, daß Ihr geſund ſeid und ich Euch wiederſehe. Guten Tag, Ihr Herren Soldaten!“ Simon Brutus und ſeine Leute brachen in ein lau⸗ tes Gelächter aus. Indeſſen nahm der Knecht einen Stuhl, ſetzte ſich nieder, ſchmauchte aus ſeinem Pfeif⸗ chen und ſagte: „Mit Verlaub, Simon? Ich ſitze ebenſo gut, als ich ſtehe. Was beliebt Euch?“ „Er ſieht ja noch dummer aus, als die Andern,“ mürmelte ein Soldat,„aber er iſt ein guter Teufel.“ „Laßt mich ihn anſprechen,“ ſagte der Offizier, „ich muß ihn etwas fragen... Jan, kommt etwas näher zu mir. So, ſo, jetzt iſt's nahe genug... Ihr ſeid wohl ſehr böſe auf mich geweſen 2“ „In der erſten Zeit, ja, ein klein wenig, Simon; aber ſobald ich geneſen war, hab' ich gedacht: das kommt von dem ſtarken Bier im Löwen,— und hab' es vergeſſen. Ein ſchwerer Schlag iſt bald gegeben; und ſo alt ich auch bin, zuweilen ſeh' ich doch wohl auch zu tief in die Kanne. Ein Pferd kann nicht in's Wirthshaus geh'n, das iſt ein menſchliches Ge⸗ brechen.“ „Was ſagt er, das Ench ſo lachen macht, Citoyen⸗ Commiſſaire? fragte ein Sergant. I Gedank⸗ tete der 9 . 77 ihm in’s wird un können 1„ bin zu „U ſcription Der dem Paf ter Klae mit zwei ſo raſch ſprizte.“ Die druck auf Körper kamerade „S dieſer B werden n flogen;! Folge E „Bo doch der men: daz Conſcien „Er ſitzt rporal den tiefer ge⸗ efer bücken eichten. Er ſo freund⸗ Er hielt h grüßend ſeid Ihr d ich Euch en!“ n ein lau⸗ necht einen nem Pfeif⸗ o gut, als Andern,“ Teufel.“ Offizier, imt etwas .. Ihr „Simon; dacht: das und hab' gegeben; doch wohl kann nicht liches Ge⸗ Citoyen⸗ 6⁵ „Ha, ha,“ antwortete Simon,„er behauptet, ein Pferd könne nicht in's Wirthshaus gehen!“ „Wenn er ſechzig Jahre gebraucht, um auf den Gedanken zu kommen, ſo wünſch' ich ihm Glück!“ ſpot⸗ tete der Sergeant. „Laßt mich mit ihm ſprechen,“ fiel Simon⸗Brutus ihm in’'s Wort,„ich bitt' Euch, ſtört mich nicht. Er wird uns vielleicht Dinge ſagen, die uns nützlich ſein können... Jan, wohnt Ihr noch bei dem Notar 2 „Gewiß, Simon; wo ſollt' ich ſonſt wohnen? Ich bin zu alt und zu ſteif, um noch viel zu arbeiten.“ „Und wie ſteht's mit Bruno? Er iſt bei der Con⸗ ſcription ausgehoben worden, nicht wahr?“ Der Knecht nickte bejahend. „Er iſt wohl auch geflohen?“ Dieſelbe Antwort erfolgte auf dieſe Frage. „Wo iſt er nun?“ „Ja, das weiß ſein Vater ſelbſt nicht; er iſt mit dem Paſtor durchgegangen. Der Schafhirte des Pach⸗ ter Klaes hat mir geſagt, daß er ihn in einer Kutſche mit zwei Pferden hat durch das Waſſer fahren ſehen, ſo raſch, daß das Waſſer über das Wieſenufer hinaus⸗ ſprizte.“ Dieſe Mittheilung machte keinen angenehmen Ein⸗ druck auf den Offizier: er zitterte vor Wuth am ganzen Körper und ſagte endlich voll Ingrimm zu ſeinen Kriegs⸗ kameraden: „Seht Ihr wohl? Der Paſtor und der Anführer dieſer Brigands ſind in einem Wagen geflüchtet. Wir werden morgen zu ſuchen haben: die Vögel ſind ausge⸗ flogen; das Neſt iſt leer. Korporal Horace, das iſt die Folge Eurer Unvorſichtigkeit.“ „Bah, bah,“ bemerkte ein Sergeant,„ſie können doch der Rache der franzöſiſchen Republik nicht entkom⸗ men: dazu iſt die Welt zu klein.“ Conſcience, Bauernkrieg. 5 66 Simon⸗Brutus ſah einen Augenblick vor ſich hin det Euch und wandte ſich dann wieder an den Knecht, der ruhig daß man ſeine Pfeife fortſchmauchte.„B. „Wie ſteht's mit Genoveva?“ Knecht, „Sie iſt bildſchön geworden, Simon! Edel und verließ. ſtolz; aber eine Perle von einer Frau.“ Sir „Iſt ſie noch nicht verbeirathet?“ 4 Kummer „Die Hochzeit ſollte in fünf Wochen ſtattfinden; der ſpraug a Kontrakt iſt unterzeichnet, aber die Heirath hängt nun„D. am Nagel, bis Ihr fort ſeid.“ trank; e „Und wen ſoll ſie heirathen?“ 16 will ich! „Welch' eine Frage! Das wißt Ihr ja ſo gut„S. 4 als ich? Wen anders, als meinen jungen Herrn; oder welchen! f wolltet Ihr vielleicht Einſprache thun?“ finden, Simon⸗Brutus hatte den Kopf in tiefem Nachden: ſagt, daß ken ſinken laſſen; er ſchien bewegt und zerſtreut. gen mal „Und Ihr ſagt, daß ſie noch ſo ſchön iſt, als da„Es ich das Dorf verließ 2⸗ 3 ein,„w „Schoner, weit ſchöner; damals war ſie ein Kind, ſen, die nun iſt ſie eine Frau wie eine Königin!“ wenn kei Ein ſeltſames Gefühl wallte in Simons Herzen und es it auf: allerlei ſüße Erinnerungen aus früheren Tagen zo⸗„Laf f gen an ihm vorüber; er war tief ergriffen und ſtrich ſich„der Wir mit der Hand über die Stirne, als wollte er die Bil⸗ ihn nicht der verjagen, die ihn beſtürmten und das Gefühl nie⸗ ſei ſeit d 1 derkämpfen, das ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt er⸗ Eingewei faßte. wie viel Plötzlich ſchüttelte er den Kopf, ergriff bitter tragen?“ lachend ſeine Pinte und reichte ſie dem Knechte.„Bn „Freunde, auf unſer aller Geſundheit,“ ſagte der„Nu Knecht und trank einen Theil des Bieres; worauf er die Sin Pinte wieder niederſetzte und mit ſeltſamen Geberden verlangte geheimnißvoll flüſternd zu dem Offizier ſagte: Der „Puh, Simon, da iſt Genever in dem Biere.“ len, er ſ „Es iſt um ſo ſtärker, Jan. Trinkt nur, es ſcha: dem Ellb „Ah vor ſich hin „der ruhig Edel und tfinden; der hhängt nun ja ſo gut Herrn; oder m Nachden⸗ reut. iſt, als da ie ein Kind, ſons Herzen 1 Tagen zo⸗ ind ſtrich ſich er die Bil⸗ Gefühl nie⸗ Gewalt er⸗ rgriff bitter chte. “ ſagte der orauf er die iu Geberden e: n Biere.“ ur, es ſcha⸗ 67 det Euch nichts. Geht nun wieder hinaus; und ſagt, daß man Euch einen Krug auf meine Koſten gebe.“ „Brav, Simon, ich danke Euch,“ ſagte der Knecht, indem er mit vielen Verbeugungen das Zimmer verließ. Simon⸗Brutus ſchlug, als ob ihn ein heftiger Kummer verfolgte, mit ſeiner Pinte auf den Tiſch, ſprang auf und rief: „Der Bauer hat Recht, das Bier iſt ein Hunde⸗ trank; es brennt mir wie Feuer in der Kehle. Wein will ich haben und käm' er aus der Hölle. „Schon gut,“ antwortete der Sergeant,„aber wie welchen bekommen? Auf dem Pfarrhaus iſt nichts zu finden, die Bauern haben alles geholt. Unſer Wirth ſagt, daß er keinen Wein hat... Aber ich werde mor⸗ gen mal auf den Grund graben!“ „Es iſt Wein genug zu finden,“ fiel der Offizier ein,„wird man ihn im Dorf, bei Leuten holen müſ⸗ ſen, die einen Bon oder eine Requiſition verſpotten, wenn keine Säbel daneben blinken. Wir ſind zu müde und es iſt zu ſpät.“ „Laßt mich mal ſehen,“ rief Korporal Horace, „der Wirth gebe mir einen großen Korb und wenn ich ihn nicht voll Weinflaſchen wiederbringe, ſo ſagt, ich ſei ſeit dieſem Morgen ein Eſel geworden oder meine Eingeweide liegen verkehrt. Citoyen⸗ Commiſſaire, wie viel Flaſchen kann ein Mann, wie ich, wohl tragen?“— „Zwanzig werden genug ſein.“ „Nun, ſo ſchreibt einen Bon für dreißig Flaſchen.“ Simon Brutus ergriff die Feder und ſchrieb den verlangten Befehl. Der Korporal ſtand auf, um ſeinen Säbel zu ho⸗ len, er ſchwankte jedoch und glitt aus, denn er fiel mit dem Ellbogen auf den Tiſch. „Ah, ga, Citoyen Horace,“ lachte der Sergeant, 68 „es ſcheint, der Hundetrank liegt Euch ſchwer in den Knieen.“ „Was Ihr meint!“ antwortete der Korporal, in⸗ dem er ſeinen langen Knebelbart ſtrich,„die verfluchten Stühle ſcheinen es nicht mit den Republikanern zu hal⸗ ten; ſie ſtrecken ihre Füße ſo weit hinaus, daß ich bei⸗ nahe den Hals darüber brach... aber mir fällt ein, wo werde ich das Haus finden, wo der Wein zu be⸗ kommen iſt?“ „Seht hier,“ ſagte Simon Brutus, indem er ihm den geſchriebenen Befehl einhändigte,„bei dem Notar. „Ich werde Euch einen Geleitsmann geben; den eignen Knecht des Notars.“ Er ging nach der Thüre, rief den alten Mann bei ſeinem Namen und fragte ihn, ſobald er in’s Zim⸗ mer trat: „Jan, Euer Meiſter hat ja viel Wein in ſeinem Keller?“ weiß es nicht, Simon; aber ich glaube wohl.“ „Wollt Ihr der Republik einen Dienſt erweiſen „Warum nicht? Sowohl der Republik, als Euch.“ „Bringt dieſen Korporal nach dem Dorfe, in das Haus Eunres Herrn: er holt zwanzig Flaſchen Wein.“ peib„Der Knecht zitterte bei dieſem Befehl am ganzen eibe. „Fürchtet Ihr, der Notar werde ſich weigern?“ „Ach, nein,“ antwortete der Knecht noch ganz er⸗ ſchrocken,„aber Simon, der Kamerad da, den ich ins Dorf führen ſoll, ſieht ſo wild und barbariſch aus...“ „Er wird Euch nichts thun, er iſt ein braver Kerl.“ „In Gottes Namen denn.“ Er ergriff ihn beim Aermel, zog ihn nach der Zimmerthüre und ſagte: „Kor eigen.“ zeig Sie über die Es Wegen ko Bäumen Der ihn nicht ten ſtill ue Unge Jan einen dem murn Geſträuch Waide un bis ſie wi einen Bac So den, unt hin, ohne Dies dauert ur den, da oder über hatte ſcho Unzufriede er bei der gegen den nig daran Walde un „Da der Notar Aber telte ihn „Mal wer in den poral, in⸗ verfluchten ern zu hal⸗ daß ich bei⸗ ir fällt ein, ein zu be⸗ dem er ihm dem Notar. den eignen alten Mann r in’s Zim⸗ min ſeinem ich glaube erweiſen 2 als Euch.“ Dorfe, in ſchen Wein.“ am ganzen heigern?“ och ganz er⸗ den ich ins ſch aus... ein braver on nach der 69 „Kommt, Kamerad, ich will Euch den Weg eigen.“ 3 geEi verließen beide das Wirthshaus und gingen über die Landſtraße nach dem Dorfe. Es war Dämmerung eingetreten; auf den offnen Wegen konnte man noch ziemlich ſehen, aber unter den Bäumen war die Dunkelheit ſchon ziemlich groß. Der Korporal ſprach mit ſich ſelbſt; da jedoch Jan ihn nicht verſtand, ſo ſchwieg auch er bald. Sie ſchrit⸗ ten ſtill neben einander her. Ungefähr zwei hundert Schritte vom Dorfe ſchlug Jan einen andern Weg durch ein Gehölz ein und zeigte dem murrenden Korporal, daß ein Fußpfad durch das Geſträuch lief. Sie kamen auf niedere, moraſtige Waide und gingen eine Zeitlang auf derſelben fort, bis ſie wieder einen waldartigen Boden erreichten und einen Bach entlang ihren Weg fortſetzten. So ſchweiften ſie auf allerlei Wegen und Fußpfa⸗ den, unter hohen Bäumen, über Wieſen und Waiden hin, ohne das Dorf zu erreichen. Dies hatte bereits eine ſtarke halbe Stunde ge⸗ dauert und der Korvoral begann ungeduldig zu wer⸗ den, da er in der Dunkelheit jeden Augenblick fehltrat oder über die Unebenheiten des Bodens ſtrauchelte. Er hatte ſchon mehr als einmal mit groben Worten ſeine Unzufriedenheit über den endloſen Weg ausgedrückt, als er bei dem Anblick eines neuen Waldes in voller Wuth gegen den Kuecht losbrach. Dieſer ſchien ſich jedoch we⸗ nig daran zu kehren, zeigte mit dem Finger nach dem Walde und ſagte: „Da gehts hin, toujours nach der Kirche, da wohnt der Notar.“ Aber der Korporal ergriff ihn beim Kragen, ſchüt⸗ telte ihn heftig und ſagte: „Maudit paysan d'enfer, tu as l'air de méoaniser 7⁰ les Caporaux de la République française? Allons tire Unter droit au village ou je te tue!“*) Welt; mel „Kann nicht verſtehen, nix von fransé,“ antwortete oder Grac der alte Knecht. ſah.— „Mais comment est-il possible, qu'un étre„Ah „— 1. 2 humain ignore la langue française!**) ſeufzte der Kor⸗ Lande vo poral niedergeſchlagen. Hans des Er ſtieß den Bauer voran und folgte ihm. Handan Plötzlich inmitten des Waldes taumelte der Korpo⸗ fortſtoßen⸗ ral in einen tiefen Graben. Er f Der Knecht, der herübergeſprungen war und nun Pachthofe 1 auf der andern Seite ſtand, rief ihm zu: Dau „Seht auf, Kamerad, da iſt Waſſer!“ nach dem ſeines Her Nachdem er einige Zeit im Dunkeln herumgewatet, Nach dl) gelang es ihm, aus dem Waſſer zu kommen; er zog ſei⸗ ſicherte, d nen Säbel, hob ihn voll Wuth in die Höhe und wollte man vorf den armen Knecht zuſammenhauen. Er hielt aber plötz⸗ ig öff lich inne und rief zornglühend: memae „O das Satanskind, er iſt fort. Er hat mich irre Bruno 8 geführt. Ich werde ihn morgen kriegen, und hau' ich ei Ra ihn dann nicht in vier Stücke, ſo hau' ich ihn in noch ko unt 4 mehr.... Kamerad! Citoyen! Bah, ſo viel Citoyen, nen 7 als in meiner Hand! Was ſoll ich thun? Nun natürlich eg zeig 5 zurückgehen, woher ich gekommen bin. Das Waſſer lauft tern dnt mir vom Leibe und ich muß noch einmal durch die) Gracht halten. rachleh- e 37. 1 1 in den E Er watete wirklich durch den Bach und ging mit Brn 6 ſchnellen Schritten, obſchon wankend, den Fußpfad ent⸗ drückte ſe lang, auf dem er hergekommen. Kuecht. —, Der *) Verfluchter Zllenlaer, du ſcheinſt die Korporale der Frau An franzöſiſchen Republik zum Narren zu haben? Geh' Wei„. gerade auf's Dorf zu, oder ich ſchlage dich todt! Wein; i 3 Bruno iſt **) Wie iſt es möglich, daß ein menſchlich Weſen die nicht kom franzöſiſche Sprache nicht verſteht. Allons tire antwortete luun ôtre e der Kor⸗ n. der Korpo⸗ und nun umgewatet, er zog ſei⸗ und wollte aber plötz⸗ t mich irre ud hau' ich ihn in noch el Citoyen, in natürlich Waſſer lauft durch die d ging mit ißpfad ent⸗ orporale der aben? Geh' todt! Weſen die 71 unterwegs verfluchte und verwünſchte er die ganze Welt; mehr als einmal fiel er über Hinderniſſe, in Löcher oder Grachten, bis er endlich in der Ferne ein Lichtchen 90 3„Ah,“ rief er,„ein Licht in dieſem abſcheulichen Lande von Wilden. Die Leute da ſollen mich an das Haus des Notars bringen und ich werde ſie mit der Hand am Kragen und der Spitze des Säbels im Rücken fortſtoßen, bis ich bin, wo ich ſein muß.“ Er ging quer über die Felder nach dem einſamen Pachthofe, hinter deſſen Fenſter das Lichtchen glänzte. Jan der Knecht, war inzwiſchen auf andern Wegen nach dem Dorf gelaufen und klopfte nun an das Haus ſeines Herrn. Nach einigen Fragen, durch die man ſich drinnen ver⸗ ſicherte, daß er es war und niemand mit ihm kam, ſchob man vorſichtig die Riegel zurück; und die Thüre nur wenig öffnend, ließ man ihn ein. Der Notar ſaß mit ſeiner Frau und ſeinem Sohn Bruno bei Tiſche. In aller Eile berichtete der Knecht: „Raſch, Bruno, verbergt Euch. Ein Sanskulott kommt hierher, um Wein zu holen. Ich mußte ihm den Weg zeigen. Um Euch warnen zu können, habe ich ihn hin⸗ ter dem Moorwald in den Bach geführt. Er wird aber dennoch kommen: dies Volk läßt ſich durch nichts zurück⸗ halten.... Raſch, macht Euch fort. Ich will mich in den Erlenwald verſtecken.....“ Bruno ging zu ſeiner zitternden Mutter, küßte ſie, drückte ſeinem Bater die Hand und verſchwand mit dem Knecht. Der Notar verriegelte die Thüre, ſetzte ſich zu ſeiner Frau und ſeufzte: „Aengſtige Dich nicht ſo ſehr, Maria; ſie wollen Wein; ich werde ihnen alles geben, was ſie begehren. Bruno iſt nun doch geborgen; der einzelne Soldat kann nicht kommen, ihn zu ſuchen, und würde ihn auch nicht 72² finden... Du darfſt nicht da bleiben, Maria; geh⸗ hinauf und ſei ohne Sorgen: wenn wir dem Soldaten den Wein geben, den er verlangt, ſo wird er zufrieden ſein. Er wird höchſtens ein paar rauhe Worte ausſtoßen und Lärm machen, der Dich nicht ängſtigen darf.“ Die Frau antwortete nicht, ſondern blieb, den Kopf auf die Hände geſtützt, ſitzen. „Wenn Du nicht in Dein Zimmer gehen willſt, Ma⸗ ria, ſo bleibe noch einige Zeit; aber geh' wenigſtens ohne Aufſchub ſobald geklopft wird.“ Obſchon der Notar ſeine Gattin zu tröſten ſuchte, war ihm doch bange um's Herz. Beide blieben unter düſtern Geſprächen ſitzen und harrten der Ankunft des Soldateu. Es war bereits geraume Zeit verfloſſen, und ſie ſchmeichelten ſich ſchon mit der Hoffnung, der gefürchtete Beſuch werde ausbleiben, als ein ſchwerer Schlag auf die Thüre und das Klirren eines Säbels ſie aufſchreckte. Die Frau lief zitternd die Treppe hinauf. An der Thüre fragte der Notar in franzöſiſcher Sprache: „Wer iſt da?“ „Ein Korporal der franzöſiſchen Republik,“ wurde geantwortet. Der Notar ſchob die Riegel weg und öffnete die Thüre. Ein Soldat mit dem bloßen Säbel in der Hand ſprang herein, ſchwang die Waffe über ſeinem Kopfe, lief durch das Zimmer, ohne des Notars zu achten und rief: „Wo iſt der Spitzbube? daß ich ihn entzwei haue, den Verräther. Wie, einen Soldaten der franzöſiſchen Republik eine Stunde Wegs umzuführen, ihn in einen Abgrund mit ſtinkendem Waſſer fallen laſſen! Wo iſt der Räuber, der Brigand?“ „Was verlaugt Ihr, mein Herr?“ fragte der ge⸗ ängſtigte Notar. ſpricht,“ aufgeriſſ blickte, a Da „W geblieber in Wäld Republik Sprecht muß ihn zöſiſchen hinter e Nein, ne aria; geh' Soldaten r zufrieden e ausſtoßen darf.“ „den Kopf willſt, Ma⸗ wenigſtens sſten ſuchte, ſitzen und n, und ſie gefürchtete Schlag auf aufſchreckte. ranzöſiſcher k,“ wurde öffnete die nder Hand nem Kopfe, en und rief: tzwei haue, ranzöſiſchen an in einen n! Wo iſt gte der ge⸗ 73 „Mein Herr! mein Herr!“ ſchrie der Korporal, „wollt Ihr keine Bekanntſchaft mit meinem Säbel machen, ſo neunt mich Citoyen, wie es freien Männern ziemt.“ „Nun, Citoyen darf ich wiſſen, was Ihr verlangt? Ich bin zu Euren Dienſten.“ „Das iſt wenigſtens ein Menſch, der franzöſiſch ſpricht,“ murmelte der Soldat, indem er noch immer mit aufgeriſſenen Augen und geſchloſſenen Zähnen umher⸗ blickte, als wollte er Jemand zerreißen. Dann wandte er ſich an den Notar und ſagte: „Was ich verlange?“ Ich will wiſſen, wo Euer Knecht geblieben iſt: eine Art von Schildkröte, die die Leute in Wäldern irre führt und die Soldaten der franzöſiſchen Republik ſchwimmen lernen laſſen will. Wo iſt er? Sprecht raſch! Das Blut kocht in meinen Adern; ich muß ihn umbringen, es gibt hier keine Gnade!“ „Der Knecht iſt nicht hier,“ antwortete der Notar, „er iſt aus der Kirche geflohen und nicht wieder zurück⸗ gekehrt. Seit dieſen Morgen habe ich ihn nicht mehr geſehen.“ „Glaubt nicht, daß Ihr mich betrügen könnt!“ rief der Soldat und ſchwang ſeinen Säbel,„ich möchte mich ſonſt erinnern, daß gewiſſe Geſetze der Republik die Her⸗ ren für die Vergehen der Diener verantwortlich machen. Alſo aufgepaßt!“ „War die Aufſuchung meines Knechtes der einzige Grund Eures Hierherkommens?“ „Glaubt Ihr, Citoyen, daß ein Soldat der fran⸗ zöſiſchen Republik ſeine Zeit damit vergenden werde, hinter einem ſolchen Stück Menſchen drein zu laufen. Nein, nein, ich habe einen andern Grund.. Ihr habt gewiß Wein in Eurem Keller?“ „Allerdings, Citoyen,“ antwortete der Notar. „Viel?“ „Genug, denke ich.“ 74 Der Korporal ſteckte die Hand in ſeinen Rock, ſuchte einige Zeit vergeblich und ſagte dann: „Ich hatte einen Requiſitionsbrief; aber er iſt wahr⸗ ſcheinlich im Waſſer liegen geblieben. Wenn Ihr Euren Knecht lebenig wiederſeht, ſo weiß er, wo er iſt und kann ihn holen.“ „Ein Requiſitionsbrief iſt nicht nöthig,“ bemerkte der Notar, wollt Ihr Wein, ſo werde ich ihn Euch geben.“ Dieſe Worte, die von der Dienſtbereitwilligkeit des Notars zeugten, ſchienen den Korporal einigermaßen zu beſänftigen; er ſteckte ſeinen Säbel in die Scheide, er⸗ griff die Hand des Notars, ſchüttelte ſie heftig und ſagte: „Ihr ſeht wie ein braver Mann aus, und dabei ſprecht Ihr Franzöſiſch; zum mindeſten ein Mittel, ſich zu verſtändigen. Kommt, gebt mir zwanzig Flaſchen Wein: guten, der etwas Blume hat, franzöſiſchen Wein.... Damit iſt alles geſagt. Ihr ſeht wohl, daß die Repu⸗ blikaner nicht ſo ſchrecklich ſind: eine Art gezähmter Lö⸗ wen, die nur beißen, wenn man ſie reizt....“ Der Notar hatte indeſſen die Lampe vom Tiſche ge⸗ nommen, um das Zimmer zu verlaſſen. Als er ſah, daß der Soldat folgen wollte, ſagte er: „Bleibt, Citoyen, ich will den Wein holen.“ „Wir ſind gute Freunde,“ antwortete der Soldat, „und ich habe viel Vertrauen auf Eure Dienſtbereitwillig⸗ keit; aber mag es Euch gefallen oder nicht, Citoyen, ich folge Euch, wie Euer Schatten, bis ich die Flaſchen ſehe und fühle. Ihr begreift? Ich möchte nicht gerne bis Morgen hier allein in einem verlaſſenen Hauſe ſitzen.“ „So ſei es, folgt mir; ich wollte Euch die Mühe ſparen.“ „Braver Mann,“ murmelte der Korporal, indem er mit dem Notar in den Keller hinunterſtieg. Drunten warf der Soldat erſtaunte Blicke im Keller umher und ſagte lachend, indem er dem Notar auf die Schulter ſchlug: „Ih „Ja „Ich in Euren „Ni „Me ſcheinen i ſie für B ſtellt ſind die Oeſtr wie heiße Der die verſch war Rhe „Pf Milch!“ „Hie „Ap Soldat. „Do „Ack „2 „G „Do „Nu „De Der Flaſche, lang im „Ah Neues ſ Tonnerre trank, w Mit ſich beine wenig At ock, ſuchte iſt wahr⸗ Ihr Euren und kann merkte der ch geben.“ ligkeit des maßen zu heide, er⸗ und ſagte: und dabei Nittel, ſich g Flaſchen Wein.... die Repu⸗ hmter Lö⸗ Tiſche ge⸗ Is er ſah, n.“ er Soldat, ereitwillig⸗ Citoyen, ie Flaſchen nicht gerne auſe ſitzen.“ die Mühe , indem er e im Keller tar auf die 7⁵ „Ihr ſeid der Notar, nicht wahr?“ „Ja.“ 4 „Ich möchte wetten, Citoyen⸗Notaire, daß Ihr mal in Eurem Leben die Waffen getragen.“ „Nie, Citoyen.“ „Man ſoll es doch glauben. Die Flaſchen da ſcheinen ihr Exerzitium wundervoll zu kennen; man könnte ſie für Bataillone halten, die in Schlachtordnung aufge⸗ ſtellt ſind. Diejenigen, die dort in der Ecke liegen, ſind die Oeſtreicher: ſie ſind todt.... Nun ſagt mir mal, wie heißen all' dieſe Truppen, damit ich wählen kann.“ Der Notar lachte über ſeine Scherze und zeigte ihm die verſchiedenen Lager: das erſte, worauf er deutete, war Rheinwein. „Pfui, deutſcher⸗Wein!“ rief der Korporal.„Saure Milch!“ „Hier habt Ihr einige Flaſchen ſpan'ſchen Wein.“ „Apothekerstrank: für die Kranken!“ murmelte der Soldat. „Das ſind einige Flaſchen Champagner.“ „Ach! wären wir in Frankreich!“ „Wein von Tours. Weißer Wein.“ „Gut für Kinder und Frauen!“ „Das größte Lager iſt gewöhnlicher Bordeaux.“ „Nun ſind wir am rechten. Und Burgunder?“ „Der liegt daneben.“ Der Korporal ging nach dem Lager, nahm eine Flaſche, ergriff einen Korkzieher, den er ſchon eine Zeit lang im Auge hatte, und ſprach: „Ah, ca, Citoyen-Notaire, ich werde Euch etwas Neues ſagen. Ihr ſeht in mir ein Kind der Stadt Tonnerre, wo der Burgunderwein ein wahrer Götter⸗ trank, wächſt.“ Mit dieſen Worten öffnete er eine Flaſche und goß ſich beinahe die Hälfte in den Mund. Dann holte er ein wenig Athem, ſchlürfte mit den Lippen, um den Wein beſſer 76 zu ſchmecken, murmelte ein„gut, gut, vortrefflich!“ und trank das Uebrige bis auf die Nagelprobe aus. „Das thut wohl,“ ſagte er,„ich fror von dem ver⸗ wünſchten Waſſer; der Schluck Wein wird mich wärmen.“ Nicht ohne Bangen hatte der Notar ſchon zuvor be⸗ merkt, daß der Soldat mehr oder weniger betrunken war. Nun da er ihn gar die Flaſche ſtarken Burgunder auf einen Schluck leeren ſah, befürchtete er, daß er bald ganz betrunken ſein werde, deßhalb beeilte er ſich, einen Korb zu ergreifen und fragte: „Nun, Citoyen, verlangt Ihr Bordeaux oder Bur⸗ gunder?“ „Von jedem die Hälfte.“ „Ihr habt geſagt, zwanzig Flaſchen?“ „Einundzwanzig, Citoyen, eine als Trägerlohn.“ Raſch waren die Flaſchen in den Korb gepackt. Der Notar gab dem Korporal das Licht und trug den Korb ſelbſt hinauf, wo er ihn dem Soldaten übergab und ſagte: „Hier, ich wünſche, daß er wohl bekomme.“ Aber der Korporal ſetzte ſich in einen Stuhl am Tiſche, nahm eine Flaſche aus dem Korb und ſagte: „Ich will etwas ruhen, ich bin müde. Und, um mich zu unterhalten, will ich die Flaſche für den Träger anſtechen, das übrige trinke ich unterwegs aus.“ Mit Schrecken bemerkte der Notar, daß ſeine Augen zu glühen begannen und ſeine Zunge ſich nicht mehr frei bewegte. „Citoyen,“ ſprach der geängſtigte Mann,„ich habe Eurem Verlangen gerne entſprochen.“ „Gewiß, gewiß, Citoyen⸗Notaire,“ ſtammelte der Trunkenbold. „Nun, ſo erzeigt mir einen Dienſt.“ „Alles, was Ihr wollt.“ „Ich bin ſehr müde und möchte gerne ſchlafen; Ihr würdet mich ſehr verpflichten, wenn Ihr mir das erlau⸗ ben wolltet.“ nach ein C ges Au⸗ gingt zu De „C „C „J mer Ge⸗ ich würd denn, ei Geld? O „ mein' ie 7„* indem e auf den bleiben. den gla Ab nahm d 77 wahr. einige De „L er den heraush lich!“ und n dem ver⸗ wärmen.“ zuvor be⸗ unken war. gunder auf bald ganz einen Korb oder Bur⸗ eerlohn.“ packt. Der den Korb und ſagte: e.“ Stuhl am d ſagte: Und, um den Träger 8.“ ſeine Augen nicht mehr „„ich habe mmelte der plafen; Ihr das erlau⸗ 77 „Ich ſolle gehen, meint Ihr? Ach ja, ſogleich.“ Er ſtand aber dennoch nicht auf und ſah mit ſtierem Blick auf den Tiſch, als ob er etwas überlegte. Der Notar befürchtete, er werde einſchlafen und ſagte nach einiger Zeit mit lauter Stimme: „Citoyen, Eure Kameraden werden über Euer lan⸗ ges Ausbleiben unruhig ſein. Wäre es nicht beſſer, Ihr gingt zu ihnen?“ Der Korporal erhob lächelnd den Kopf und ſagte: „Citoyen⸗Notaire, Ihr habt gewiß Geld?“ „Geld?“ wiederholte der Notar erſchrocken. „Ja, ja, Ihr müßt Geld haben: ein Notar hat im⸗ mer Geld.“ „Aber wozu dieſe Frage? Und hätte ich auch Geld, ich würde es ohne geſetzliche Requiſition nicht herausgeben.“ „Geben, geben,“ murmelte der Soldat,„glaubt Ihr denn, ein Soldat der franzöſiſchen Republik wolle Euer Geld? Haltet Ihr uns für Bettler und Diebe?“ „O nein, gewiß nicht,“ antwortete der Notar,„das mein' ich nicht.“ „Das laßt Euch gut ſein,“ fiel der Korporal ein, indem er ſich den Knebel ſtrich und einen drohenden Blick auf den Notar warf,„wir würden ſonſt keine Freunde bleiben....“ „Denkt doch an Eure Kameraden, Citoyen, ſie wer⸗ den glauben, es ſei Euch ein Unglück geſchehen.“ Aber der Corporal ſchien dies nicht zu hören; er nahm den Hut ab, reichte ihn dem Notar und ſagte: „Er wiegt nicht ſchwerer als ein anderer Hut, nicht wahr. Und doch, Ihr mögt es glauben oder nicht, ſind einige Tauſend Livres darin.“ Der Notar antwortete nicht. „Seht hier den Sack,“ ſagte der Korporal, indem eer den Hut wieder nahm und ein ziemlich großes Packet herausholte. Während er einen ganzen Haufen bedruckter Papiere vor ſich ausbreitete, ſagte er mit ſtotternder Stimme: „Seht ihr, Citoyen⸗Notaire, das iſt das Geld der franzöſiſchen Republik; aber in dieſem Lande der Neger und Wilden weigert man ſich, die Münze der Freiheit anzunehmen.... und es iſt, als ob nirgend Geld zu finden wäre. Das, was Ihr hier ſeht, iſt ehrlich gewon⸗ nene Beute; ich habe es in einem Kloſter gefunden... want Ihr ein braver Mann ſein, ſo gebt Ihr mir Gold dafür.“ „Aber ich habe kein Gold,“ ſtotterte der Notar in der größten Verlegenheit. Der Korporal ſprang auf; er hatte jedoch Mühe, ſich aufrecht zu erhalten und ſchwankte auf den Beinen. „Ah ca, Citoyen⸗Notaire,“ rief er,„wenn ihr einen Diener der franzöſiſchen Republik täuſchen zu können glaubt, ſo ſeid Ihr im Irrthum. Ihr habt kein Gold, macht das einem Andern weis.“ „Ich habe in der That kein Gold,“ ſeufzte der Notar. „Nun, ich will zeigen, daß ich auch nicht ſchief bin. Kommt, gebt mir Silbergeld.“ 1 Der Notar ſah geängſtigt zu Boden. „Für einige elende tauſend Livres,“ murmelte der Soldat. „Aber, Citoyen,“ ſagte der Notar,„das Papiergeld gilt nichts. Selbſt in Paris gibt man keine zehn Prozent mehr dafür.“ „Poſſen!“ ſpottete der Andere,„das iſt eine Ver⸗ ſchwörung der Ariſtokraten! Das Geld der Republik kann ſeinen Werth nicht verlieren!“ „Und hätte ich das Geld, es Euch zu geben, Ihr würdet es nicht tragen können.“ „Das iſt das Wenigſte, Citoyen⸗Notaire, ich werde Euch in dem Falle fünf oder ſechs Flaſchen Wein zurück⸗ geben...“ Die poral ſch heftete ſe der den die da ke Plö tar los, gewaltig „Se nur Sp ſeid nich Bauern. In gegen de flammend zu ſehen ſich beug erfüllen.“ Korporal Er ſam auf und ſchri „Nu raſch, od E r glücklichen flog die Schrei; ren ſprat in die H ſtotternder Geld der der Neger er Freiheit d Geld zu ich gewon⸗ unden... mir Gold Notar in och Mühe, n Beinen. in ihr einen zu können kein Gold, ſeufzte der ſchief bin. urmelte der Papiergeld hn Prozent ſt eine Ver⸗ er Republik geben, Ihr ‚ich werde Wein zurück⸗ 79 Dieſen Worten folgte eine kurze Pauſe; der Kor⸗ poral ſchien inzwiſchen ſehr böſe geworden zu ſein und heftete ſeine Augen mit ſteigender Wuth auf den Notar, der den Kopf in die Hand gebeugt daſaß und die Dinge die da kommen ſollten zu erwarten ſchien. Plötzlich ſprang der taumelnde Soldat auf den No⸗ tar los, faßte ihn am Kragen und rief, indem er ihn gewaltig ſchüttelte: „Schlaft nicht ein! Ihr treibt mit dem Citoyen nur Spott.... Das wird man Euch lehren! Ihr ſeid nicht mehr werth, als all' die andern fanatiſchen Bauern. Raſch, Geld für dies Papier, oder....!“ In dieſem Augenblick erſchien hinter dem Glasfenſter gegen den Garten der Kopf eines Menſchen, der mit flammendem Blick in das Zimmer zu ſtieren ſchien....“ „Nun, wollt Ihr ſprechen?“ rief der Soldat, indem er den Notar beinahe vom Stuhl riß. Der Kopf hinter dem Fenſter erblaßte. Hätte der Soldat ſich umgekehrt, er würde das Geſicht einer Leiche zu ſehen geglaubt haben. „Thut mit mir, was Ihr wollt,“ ſeufzte der Notar 1 beugend,„ich kann Euer ungerechtes Verlangen nicht erfüllen.“ „Wie? was? Ihr habt kein Geld?“ brüllte der Korporal.„Nicht?“ Er zog ſeinen Säbel, warf den Notar gewalt⸗ ſam auf den Boden, ſetzte ihm das Knie auf die Bruſt und ſchrie: „Nun, gebt Ihr das Geld? Ihr ſprecht nicht? Raſch, raſch, oder Ihr ſeid des Todes.“ Er hob den Säbel und wollte wirklich auf den un⸗ glücklichen Mann einhauen; aber im ſelben Augenblick flog die hintere Thüre auf. Man hörte einen furchtbaren Schrei; ein junger Mann mit zu Berge ſtehenden Haa⸗ ren ſprang in das Zimmer, hob ein großes Stück Holz in die Höhe und ſchlug den Soldaten damit ſo gewaltig 80 in den Nacken, daß er mit dumpfem Gebrüll zuſammen⸗ ſtürzte und liegen blieb. Der Jüngling riß den Körper des Soldaten von ſeinem Vater weg, hob dieſen auf, beſah mit flüchtigem Blick ſein Antlitz, betaſtete ſeine Glieder und ſeuzte, als fiele ihm ein Stein vom Herzen: „Ach, Vater, Du biſt nicht verwundet. Gott ſei Dank, daß er mir's ins Herz gab, meinen Schlupfwinkel zu verlaſſen.“ Beinahe gefühllos war der Notar in einen Stuhl geſunken; er ſchien gleichgültig gegen die Liebkoſungen ſeines Sohnes zu bleiben und heftete mit ſtarrem Blick das Auge auf ſeinen Sohn! Als ihm die Bruſt freier wurde, zeigte er zitternd auf den Boden und ſagte zu ſeinem Sohne: „Bruno, unglücklich Kind, was haſt Du gethan?“ Da erſt trat der Jüngling zu dem bewegungsloſen Körper. Er hob die Hände in die Höhe, begann an allen Gliedern zu zittern, als erfaßte ihn ein plötzlicher Krampf und blieb ſo eine Weile mit unbeſchreiblicher Angſt in ſich verſunken ſtehen: „Ich, ich? Einen Menſchen ermordet? Gott! Aber es kann nicht ſein. Nein, nein, es iſt nicht wahr...“ Er beugte ſich zu dem Leichnam herab, hob ihn auf und ſchleppte ihn nach einem Stuhl;— er fiel ſchlaff und matt zuſammen. Bruno riß den Soldatenrock auseinander, rieb ihn an der Stirne und drückte ihm die Hände, als wollte er ihn aus ſeiner Ohnmacht aufwecken. „Vater,“ rief er,„raſch, hole das Fläſchchen aus dem Zimmer der Mutter. O ſchnell, ſchnell!“ Der Notar gehorchte mechaniſch und ging zum Zim⸗ mer hinaus, um die Treppe hinauf zu eilen. Hier aber ward ihm ein Anblick, der ihn noch tiefer erſchütterte. Seine Frau lag ausgeſtreckt in dem Gang; über ihr auf der Treppe brannte die Lampe, die ſie dort an⸗ geſteckt. G daten gehö vor dem t fallen. Ohne Frau vom Ganges.( eilte dann ſo gellend, O! Er g Eile hinat weiter au Acht zu h aus ihrer Der bekannten blicke ſpät nen franz „Bru „Der Ko⸗ Bruno?“ holt Waſ mer, daß ſie mit fl wieder fo „Br Leiche vo „„Tr Conſcien zuſammen⸗ daten von flüchtigem ſeuzte, als tt ſei Dank, fwinkel zu inen Stuhl iebkoſungen arrem Blick Bruſt freier id ſagte zu gethan?“ egungsloſen un an allen her Krampf r Angſt in Gott! Aber ahr...“ zob ihn auf fiel ſchlaff r, rieb ihn als wollte äſchchen aus g zum Zim⸗ Hier aber ſchütterte. Gang; über ſie dort an⸗ 81 geſteckt. Gewiß hatte die arme Frau die Worte des Sol⸗ daten gehört und verſtaunden und war ohne Zweifel lange vor dem traurigen Ende des Kampfes in Ohnmacht ge⸗ fallen. DOhne Klage und Angſtſchrei hob der Notar ſeine Frau vom Boden auf und lehnte ſie an die Wand des Ganges. Er verſicherte ſich, daß ſie nur ohnmächtig war, eilte dann zurück, ging zur Hinterthüre hinaus und pfiff ſo gellend, daß es ſchneidend durch die Dunkelheit hinklang. „O! Waſſer, Waſſer!“ hörte er Bruno rufen. Er ging jedoch zurück nach der Treppe, ſtieg in aller Eile hinauf und kehrte mit einem Fläſchchen zurück. Ohne weiter auf das Jammern und das Nothgeſchrei Brunos Acht zu haben, blieb er bei ſeiner Frau und ſuchte ſie aus ihrer Ohnmacht zu erwecken. Der alte Knecht, der in ſeinem Schlupfwinkel den bekannten Pfiff ſeines Herren gehört, kam einige Augen⸗ blicke ſpäter herbeigeeilt und erſchrak, als er Bruno, ei⸗ nen franzöſiſchen Soldaten im Arme haltend, fand. „Bruno, Bruno, was iſt hier geſchehen?“ fragte er. „Der Korporal, den ich in den Bach führte? Ihr weint, Bruno?“ „O Jan, lieber Jan,“ rief der Jüngling,„raſch, holt Waſſer, Eſſig, das Fläſchchen aus der Mutter Zim⸗ mer, daß er wieder zu ſich kommt, Gott! Gott!“ „Laßt mal ſehen, Bruno, was hat denn der Kamerad? Iſt er betrunken oder krank?“ Er ergriff die Hand des Soldaten und betrachtete ſie mit flüchtigem Blick; ebenſo raſch ließ er ſie aber wieder fallen, fuhr erſchrocken zurück und ſagte: w„Bruno⸗ laßt ihn fallen: er iſt eine Leiche, er iſt odt!“ „Todt, todt!“ heulte der Jüngling, indem er die Leiche von ſeinen Knieen gleiten ließ. „Todt, todt!“ wiederholte er noch einmal mit unbe⸗ Conſcience, Bauernkrieg. 6 82 lörezblichem Schrecken und ſchlug ſich die Hände vor den Leyf. an.. was ſoll das, Bruno?“ fragte der Knecht. „Ich ſebe eine entkorkte Flaſche. Er iſt in der Trunken⸗ heit geſtorben.“ „Er wollte meinen Vater ermorden,“ ſeufzte Bruno⸗ „Nun? „Ich habe ihn getödtet.“ Der Knecht blieb einen Augenplick ſprachlos ſtehen, als wäre er vor Schreck verſteinert. Der Anblick der reichlich fließenden Thränen, die unter Brunos Händen über ſeine Wangen floßen, weckten den alten Mann aus ſeinem düſtern Sinnen. Er ſprach mit ſcheinbarer Kälte: „Nein, Bruno, beruhigt Euch. Was Ihr gethan, muß⸗ tet Ihr thun. Beſſer iſt es, der Franzoſe verliert das Leben, als Euer Vater.. Aber wißt Ihr, was das Schlimmſte iſt, die Soldaten im Adler werden ihren Ka⸗ meraden vermiſſen und ohne Zweifel noch dieſe Nacht nach ihm ſuchen. Sie wiſſen, daß er hier war, wo er Wein holen ſollte....“ Als er keine Antwort erhielt, kniete der Knecht ne⸗ ben die Leiche, ſetzte die Lampe auf den Boden, betrach⸗ tete aufmerkſam das lebloſe Geſicht des Korporals, legte das Ohr auf ſeine Bruſt, lauſchte eine Weile und ſtand dann wieder auf. Indem er ſich dem jungen Herrn näherte, ſagte er in theilnehmendem Tone: „Ihr müßt Euch aus Eurer Ver weiflung. aufraffen. Die Leiche muß augenblicklich verſchwinden. Das Leben Eurer Eltern und das Eure hängt davon ab. Wenn die Soldaten aus dem Adler hierher kommen, hätten wir keine Zeit mehr, ihren todten Kameraden zu ver⸗ bergen.“ Bruno ließ die Hände von den Augen ſinken und ſah mit ſtierem Blicke den Todten an, der auf dem Rücken zu ſeine ſein bla De ſchien haben. Pl Menſche „A ſie! R ben Enn „W wirrem „N höher! Br Hinterth der Jün Am lag eine Ställen mit dich wachſen. De langſam zu dem geholfen „B ſeid mut ſeinen T gehen ſ eufzte 8 walt von nde vor den der Knecht. er Trunken⸗ ufzte Bruno⸗ clos ſtehen, Anblick der nos Händen Mann aus varer Kälte: ethan, muß⸗ verliert das hr, was das n ihren Ka⸗ dieſe Nacht dar, wo er Knecht ne⸗ den, betrach⸗ vorals, legte le und ſtand e, ſagte er g aufraffen. Das Leben ab. Wenn men, hätten den zu ver⸗ ſinken und fdem Rücken 83³ zu ſeinen Füßen lag und nun, greller beleuchtet, ihm ſein blaſſes und aſchenfarbiges Antlitz zu zeigen ſchien. Der Jüngling erbebte bis in's tiefſte Innere, er ſchien die Warnung des Knechtes ganz vergeſſen zu haben. Plötzlich hörte man ein Geräuſch, wie von fernen Menſchenſtimmen durch das Dorf ſich nähern. „Ach, Bruno, Bruno,“ flehte der Knecht,„da ſind ſie! Raſch, raſch, rettet Euren Vater, ſchont das Le⸗ ben Eurer Mutter.“ „Was ſoll ich thun?“ fragte der Jüngling mit wirrem Blicke. „Nehmt die Leiche an der Schulter; hebt ſie auf! höher! Nun folgt mir.“ Bruno gehorchte bewußtlos und half die Leiche zur Hinterthüre hinaustragen. In der Dunkelheit ſtrauchelte der Jüngling wie ein Betrunkener. Am Ende des Gartens, in einer einſamen Ecke, lag eine tiefe Grube, in der das Waſſer aus Haus und Ställen zuſammenfloß; dieſer Platz war ringsum mit dichten Fliederbüſchen und anderem Geſtrüpp be⸗ wachſen. Der Knecht ging in der Richtung dieſer Grube; langſam ließ er die Leiche hinab und ſagte dann leiſe zu dem Jüngling, der ihm ſprachlos gefolgt war und geholfen hatte: „Bruno, armer Herr, geht, verbergt Euch und ſeid muthig. Um ſein eigen Leben zu vertheidigen, um ſänen Vater zu retten, muß man oft einen Mord be⸗ gehen...“ „Mord! Ich habe keinen Menſchen gemordet!“ ſeufzte Bruno mit finſterer Stimme. „Geht,“ ſprach der Knecht,„laßt mich allein; ich werde das Uebrige beſorgen...“ Damit riß er ſeinen jungen Herrn mit ſanfter Ge⸗ walt von der Grube weg. — 84 Bruno ging langſam durch die Dunkelheit hin; un⸗ terwegs ſtüzte er den Kopf an einen Baum und über⸗ legte, was er gethan. Der Gedanke Jemanden das Leben genommen zu haben, er mochte ſchuldig ſein oder nicht, folterte ſeine jugendliche, ſeine liebevolle Seele auf eine furchtbare Weiſe; bisweilen ſchauerte ihn ſo heftig, daß ſein Körper fieberhaft zitterte, weniger aus Schreck als aus Abſcheu vor dieſer That und vor ſich ſelbſt. Endlich verließ er den Baum und eilte raſch wei⸗ ter, wie Jemand, der einen Entſchluß gefaßt. Er näherte ſich einer kleinen Scheuer, legte ſich platt auf den Boden und kroch durch eine Thüre, die an dem Fuß der Lehmmauer angebracht war. Drinnen kroch er über einen Haufen Reißholz, und gelangte unter das Rohrdach, wo Strohbüſchel lagen. „Biſt Du es, Jan?“ fragte eine ſchwache Stimme aus der tiefſten Dunkelheit. Ein heller Angſtſchrei entrang ſich Brunos Bruſt, eine Thränenfluth ſtürzte aus ſeinen Augen; er eilte voran, ſank in einer Ecke der Scheuer auf die Kniee, beugte das Haupt auf die Bruſt desjenigen nieder, der geſpro⸗ chen hatte, und rief mit verzweiflungsvollem Tone: „Vater, Ehrwürden, ich habe einen Menſchen er⸗ mordet.“ Nie dem Ha⸗ Alle tert: der war Br Aeltern um ſich ſo den Soldaten Herrn ko Die Schimm und der Nu ter auf Kopfe a der Not Der Bett lel verzweift Zeit dur Fauſt kr zitternd 5 ringend. „D Notar Gottes wir mei „S t hin; un⸗ und über⸗ anden das ſein oder olle Seele rte ihn ſo , weniger at und vor raſch wei⸗ faßt. Er platt auf e an dem Reißholz, btrohbüſchel he Stimme Bruſt, eine eilte voran, iee, beugte der geſpro⸗ lem Tone: kenſchen er⸗ 8⁵ III. Niemand hatte während der ſchrecklichen Nacht in dem Hauſe des Notars ſchlafen können. Alle waren vor Schrecken und Angſt wie zerſchmet⸗ tert: der Knecht allein hatte ſeine Faſſung behalten Er war Bruno aufzuſuchen gegangen, um ihn zu ſeinen Aeltern zu holen und hatte dann das Haus verlaſſen, um ſich im Gehölz neben der Straße zu verbergen, und ſo den einzigen Weg zu beohachten, auf welchem die Soldaten aus dem Adler nach der Wohnung ſeines Herrn kommen konnten. Die Nacht ging zu Ende: ſchon begann ein heller Schimmer den Öſten zu färben: noch eine halbe Stunde und der Tag verſcheuchte die Finſterniß. Nun ſaß Bruno mit ſeinem Vater und ſeiner Mut⸗ ter auf einer obern Kammer. Die Frau lag mit dem Kopfe auf dem Tiſche und vergoß reichliche Thränen; der Notar ſaß neben ihr und ſuchte ſie zu tröſten. Der Jüngling, welcher mit dem Rücken an das Bett lehnte, blickte unverwandt zu Boden und ſchien in verzweiflungsvolle Gedanken verſunken. Von Zeit zu Zeit durchrieſelte ihn ein Schauer; dann ballte ſich ſeine Fauſt krampfhaft zuſammen und ſeine Zähne knirſchten hörbar. Plötzlich erhob die Frau den Kopf, und lauſchte zitternd auf das ferne Geräuſch. „Da ſind ſie! Da ſind ſie!“ ſchrie ſie die Hände ringend.„Gott! ich ſterbe vor Angſt.“ „Du täuſcheſt Dich, Du hörſt nichts!“ ſprach der Notar mit ſchlecht verhehlter Angſt.„Laß uns auf Gottes Güte hoffen; vielleicht wird es beſſer gehen, als wir meinen.“ „Schweig', o ſchweig', Du peinigſt mich ſchreck⸗ 86 lich!“ rief die bange Frau.„Warum verbirgſt Du mir Deine eigene Furcht? Dein Antlitz iſt bleich und fürchterlich, Du zitterſt! Bruno iſt beinahe wahnſinnig! Ach, ich weiß wohl, was uns bedroht. War ich dieſen Morgen nicht in der Kirche? Man wird uns martern, uns ermorden, unſere Wohnung bis auf den Boden nie⸗ derbrennen...“ „Maria,“ ſeufzte der Notar,„um Gottes Willen, ich bitte Dich, gehe: es iſt noch Zeit. Fliehe nach ei⸗ nem andern Ort.“ „Allein? Euch verlaſſen? Und hundert Mal ſter⸗ ben vor Ungewißheit, was das Schickſal meines Gatten, das Loos meines Sohnes iſt? Nein, nein, mich ſchreckt der Tod nicht: ich leide nur, wenn ich die, die ich liebe, von einer ſchrecklichen Gefahr bedroht ſehe. O flieht beide mit mir! Liefert unſre Wohnung, alles, was wir beſitzen, ihrer Wuth aus: aber rettet Euer Leben, rettet Euer Leben und das meine!“ „Es kann nicht ſein, Maria,“ ſagte der Notar nie⸗ dergeſchlagen. Unſre Abweſenheit würde uns verrathen. Wir würden ihrer Rache nicht entgehen. Nun dürfen wir noch hoffen, daß ſie nichts entdecken.“ Sie wandten ſich beide erſchrocken nach Bruno um, deſſen Glieder krampfhaft krachten, während ein furcht⸗ barer Schrei ſich ſeiner Bruſt entrang. Der Jüngling ging nach der Wand, ergriff das Jagdgewehr, das daran hing und ſpannte den Hahn: und indem er ſich ſeinen Eltern näherte, ſagte er mit düſterem Ton und wildem Blicke: „Ach, ihre Ungerechtigkeit wird ſo weit gehen, daß ſie meinen Vater, meine Mutter tödten. Und ich, ich ſollte ſo geſunken ſein, um aus Furcht, aus Ab⸗ ſcheu vor dem, was ich gethan, Euer Leben aufzu⸗ opfern! Nein, macht Euch beide fort; flieht, ich will es. Ich werde allein— ihrer Wuth trotzen: nun ja, ich bin es, ich, Bruno, der dem Korporal den Kopf einſchlug meinen 7 fieberhaft Fauſt; zutreten; Man hät armen J „Au —„verg bleibe ka Sieh die Der geſpannte voller Be was geſch Beb die Knie⸗ die Händ ſtammelte aufhob. „Mi Tod eine ſein Lebe beſchwöre laß ab v „Ab Hand des ling verz birgſt Du bleich und ahnſinnig! ich dieſen 3 martern, Boden nie⸗ es Willen, e nach ei⸗ Mal ſter⸗ s Gatten, nich ſchreckt , die ich ſehe. O ig, alles, ttet Euer Notar nie⸗ verrathen. un dürfen runo um, ein furcht⸗ rgriff das en Hahn: gte er mit eehen, daß d ich, ich aus Ab⸗ den aufzu⸗ ,ich will nun ja, den Kopf 87 einſchlug: aber ich werde noch manchen Tyrannen zu meinen Füßen ſtürzen ſehen, und muß ich ſterben, ſo will ich mich in dem Blute der Feinde meines Vaterlan⸗ des wälzen.“ Er ſah in dieſem Augenblicke ſchrecklich aus: mit ſieberhaftem Krampfe hielt er das Gewehr in ſeiner Fauſt; die Augen ſchienen ihm aus dem Kopfe heraus⸗ zutreten; ſein Antlitz war blaß, ſeine Wangen zitterten. Man hätte glauben ſollen, Wahnſinn hätte plötzlich den armen Jüngling ergriffen. „Aus Mitleiden mit uns, Bruno,“ bat der Notar, —„vergrößere unſern Schmerz nicht. Laß' die Waffe, bleibe kalt und warte in der Stille den Ausgang ab. Sieh die Mutter, die Arme, ſie ſtirbt vor Angſt.“ Der Jüngling ſtand ſprachlos, den Blick auf den geſpannten Hahn geheftet da. Es war, als ob er in voller Bewußtloſigkeit vergeſſen, wo er ſich befand, und was geſchah. Bebend vor Angſt ſank die Mutter vor ihm auf die Kniee und hob unter einem Strom von Thränen die Hände zu ihm auf: „O Bruno, mein Sohn, laß das Gewehr, leg' die Waffe nieder, ich bitte Dich. Willſt Du denn noch nehn Blut vergießen und eines furchtbaren Todes ſter⸗ en?“ „Mutter, liebe Mutter, ich will Dich retten,“ ſtammelte er, indem er ſie tief gerührt vom Boden aufhob. „Mich retten?“ wiederholte die Frau,„kann der Tod eines einzigen Kindes eine Mutter retten? Iſt ſein Leben denn nicht ihr Leben? Bruno, Bruno, ich beſchwöre Dich, bei meiner Liebe zu Dir, ſei ruhig, laß ab von Deinem ſchrecklichen Entſchluß.“ „Aber dann müſſen wir alle zuſammen unter der Hand des ſchrecklichen Henkers ſterben!“ klagte der Jüng⸗ ling verzweifelnd. 88 „Alle zuſammen,“ wiederholte die Frau,„es iſt beſſer, als daß mein Kind allein die Welt ver⸗ laſſe.“ „Arme Mutter,“ ſeufzte Bruno, indem er ſie im Sturm ſeiner Gefühle umarmte,„vergib mir. Es gährt furchtbar in meinem Inneru: das Blut braust durch meine Adern, das Hirn glüht in meinem Kopfe... das Gefühl unſerer Unmacht iſt mir eine Hölle...“ Er ſah, wie das Feuer, das aus ſeinen Worten ſprach, ſeine ängſtliche Mutter beben machte. Voll Ver⸗ zweiflung und Bitterkeit fuhr er fort: „Aber ſei ruhig, Mutter, ich will ſtille halten und muß es ſein, vor der fremden Brut mich beugen und kriechen...“ Er ging nach der Wand und wollte das Geweht wieder an ſeinen früheren Platz hängen, als ein Ge⸗ räuſch ſich unten an der hintern Thüre hören ließ. Brunos Hand hielt noch immer das an der Wand aufgehängte Gewehr; aber ſeine Mutter ſprang auf ihn zu und riß ihm die Waffe weg. 4 Während Alle mit unbeſchreiblicher Bangigkeit lauſch⸗ ten, hörten ſie die Hinterthüre aufgehen und Jemand die Treppe heraufſteigen. „Ah, es iſt Jau!“ ſeufte der Notar. Wirklich trat auch der alte Knecht in das Zimmer. 8 war ungemein blaß und ſchien an allen Gliedern zu beben. „Sie kommen! Sie kommen!⸗ ſagte er mit erſtick⸗ ter Stimme. Raſch ging er dann auf Bruno zu, zog ihn in eine Ecke und flüſterte ihm leiſe in's Ohr: „Bruno, der Augenblick iſt gekommen: zeigt, daß Ihr ein Mann ſeid. Die Hunde ſind um die Grube hergelaufen, haben den Vlier⸗Wald durchſchnoppert und die Erde aufgegraben. Die Leiche muß weiter fort; noch einige Minuten und die Sanskulotten ſind hier. Raſch, kommt, wollen ſie Der Vater 1 ſich verbe Schritten Sie aus und gehölz in Wen Thüre de von drau Die der Nota Ein Schwerte ſprach wi nen Nota doch mit gehrten. Sim ſich in ei „Iſt Soldat h „Ja Notar. „Um „Zw „Wo „Er liefern; i „Unt „Ja. „We „Me „Wo Frau, es e Welt ver⸗ em er ſie im ir. Es gährt raust durch Kopfe... ölle...* inen Worten Voll Ver⸗ halten und beugen und as Geweht ls ein Ge⸗ n ließ. der Wand ang auf ihn gkeit lauſch⸗ nd Jemand as Zimmer. Gliedern zu mit erſtick⸗ zog ihn in zeigt, daß die Grube noppert und fort; noch er. Raſch, 89 kommt, helft mir; ich werde einen Spaten nehmen, wir wollen ſie im Erlenwald begraben...“ Der Jüngling ging zu ſeiner Mutter und ſeinem Vater, umarmte ſie noch einmal feurig, ſagte, daß er ſich verbergen wolle und folgte dem Knecht mit raſchen Schritten. Sie liefen nach der Grube, zogen die Leiche her⸗ aus und ſchleppten ſie in wilder Haſt durch ein Eichen⸗ gehölz in der Richtung des Erlenwaldes. Wenige Augenblicke ſpäter wurde heftig an die Thüre der Wohnung des Notars geklopft; man befahl von draußen, im Namen des Geſetzes zu öffnen. Die Frau blieb in dem obern Zimmer, während der Notar hinabging, um die Thüre zu öffnen. Ein Dutzend Soldaten drangen mit entblößten Schwertern in das untere Zimmer. Aus ihren Blicken ſprach wilde Rachgier und ſie überhäuften den erſchrocke⸗ nen Notar mit heftigen Drohungen; er fragte ſie je⸗ doch mit ſcheinbarer Kälte auf franzöſiſch, was ſie be⸗ gehrten. Simon⸗Brutus hieß ſeine Leute ſchweigen; ſetzte ſich in einen Stuhl und fragte mit ſtrengem Tone: „Iſt geſtern Abend oder dieſe Nacht ein franzöſiſcher Soldat hierhergekommen?“ „Ja, es iſt ein ſolcher gekommen,“ antwortete der Notar. „Um welche Zeit?“ „Zwiſchen elf Uhr und Mitternacht, glaub' ich.“ „Was wollte er hier?“ „Er erſuchte mich, ihm zwanzig Flaſchen Wein zu liefern; ich habe ſie ihm gegeben.“ „Und iſt er dann wieder gegangen?“ „Ja.“¹ 7 „Wer war bei ihm?“ „Mein Knecht Jan.“ „Wo iſt Euer Knecht?“ 90 „Ich weiß es nicht, er iſt mit dem Soldaten fort⸗ gegangen.“ „Das iſt alles, was Ihr wißt?“ „Es iſt alles.“ Simon⸗Brutus ſtand mit ſpöttiſchem Lächeln auf und ſagte: „Ihr ſeid ſo blaß, Citoyen Notar. Wenn man die Wahrheit ſpricht, ſo zittert man nicht, wie Ihr! Wir werden der Wahrheit jedenfalls bald auf die Spur kommen. Folgt uns; nehmt Eure Schlüſſel, um alle Thüren zu öffnen.“ Er vertheilte ſeine Leute; ſandte ungefähr die Hälfte in den Garten, um ihn zu durchſuchen, und be⸗ hielt die andere Hälfte bei ſich. Der Notar hatte ſeinen Kräften zu viel zugetrautz ſeine Kaltblütigkeit verließ ihn ganz und gar; und alt Simon⸗Brutus ihn mit dem Worte:„vorwärts!“ am Kragen faßte, war er mehr todt als lebendig und zit⸗ terte ſchrecklich. Nichtsdeſtoweniger gehorchte er den Befehlen der Soldaten, begleitete ſie durch ſein ganzes Haus und öffnete alle Thüren, die ihm angedeutet wurden. Als man in das Zimmer kam, wo ſeine Frau mit dem Kopfe auf dem Tiſche weinte, beluſtigten ſich die Soldaten damit, einige kecke Witze über ſie zu machen, ließen ſie jedoch unangetaſtet. So durchſuchte man die Wohnung von unten bit oben, Zimmer, Söller, Keller und Kaſten. Allles wurde durchſtöbert, die Leinwand auf dem Boden zer⸗ ſtreut und was gebrechlich war, in Stücke geſchlagen. Man hatte jedoch nicht die mindeſte Spur von dem entdeckt, was man ſuchte und ſchon begannen Simon⸗ Brutus und die Leute, die mit ihm waren, zu glauben, ſie hätten ſich in ihrer Vermuthung getäuſcht. Sie begaben ſich in den Garten; um ihre übrigen Kameraden im Durchſuchen der Ställe und Scheuern zu unterſti⸗ hin zu fol Die ihre Verſie überhäufte Im 5 wiſſe Frei erweiterte ſich zeigte, was ſie ſu Doch hinzugeber lich, die und ihre hölze fortſ Der flüchtigen Angſt dar ſcheinbarer Seite. Er z gende Wo „Cito wäre, Eu nicht den g wir nichts, bringen ki um zu er lich ſein, wo niede eingeſchlaf „Mö wortete d daß der. „Alſ Nachforſch ldaten fort⸗ Lächeln auf Wenn man wie Ihr! f die Spur l, um alle igefähr die n, und be⸗ lzugetrautz r; und als rärts!“ am dig und zit⸗ zefehlen der Haus und! den. de Frau mit gten ſich die zu machen, unten bis en. Allles Boden zer⸗ geſchlagen. dur von dem nen Simon⸗ zu glauben, t. ihre übrigen nd Scheuern 91 zu unterſtützen und zwangen den Notar, ihnen überall⸗ hin zu folgen. Die Soldaten ſchienen ungehalten zu werden, daß ihre Verſicherungen zu nichts führten; in ihrer Wuth überhäuften ſie den Notar mit Flüchen und Drohungen. Im Herzen des Notars brach ſich endlich eine ge⸗ wiſſe Freude Bahn; es war ihm, als ob ſich ſeine Bruſt erweiterte, ſein Athem freier würde, je mehr Hoffnung ſich zeigte, daß die Sanskulotten nicht eutdecken würden, was ſie ſuchten. Doch hinderte ihn eines, ſich ganz dieſem Gefühle hinzugeben,— der Anblick verſchiedener Soldaten nehm⸗ lich, die ſich immer weiter von dem Hanſe entfernten und ihre Nachforſchungen in dem nahe gelegenen Ge⸗ hölze fortſetzten. Der Notar durfte jene Soldaten kaum mit einem flüchtigen Blicke beobachten, da er fürchten mußte, ſeine Angſt dadurch zu verrathen; er wandte deßhalb mit einbarer Gleichgültigkeit den Kopf nach der andern eite. Er zitterte vor Freude, als er Simon⸗Brutus fol⸗ gende Worte ſprechen hörte: „Citoyen⸗Sergeant, glaubt Ihr nicht, daß es beſſer wäre, Eure Leute zuſammenzurufen? Wir können doch nicht den ganzen Tag auf einem Platze ſuchen. Und finden wir nichts, was uns auf die Spur des vermißten Korporals bringen könnte, ſo müſſen wir andere Mittel erſinnen, um zu erfahren, wo er geblieben. Sollt es nicht mög⸗ lich ſein, daß er, von dem Weine berauſcht, ſich irgend wo niedergelegt und neben dem unglücklichen Korbe eingeſchlafen?“ „Möglich, ſehr möglich, Citoyen⸗Commiſſaire,“ ant⸗ wortete der Sergeant;„es wäre nicht das Erſtemal, daß der Korporal Horace dem Wein erlegen.“ „Alſo Ihr glaubt, daß wir vor der Hand unſere Nachſorſchungen an dieſem Orte einſtellen ſollen?“ 92 „Ich meine, Citoyen⸗Commiſſair, daß wir uns zu früh auf den Weg gemacht. Wir ſollten erſt einen Theil des Tages auf den Korporal warten, ſtatt uns ſo viele fruchtloſe Mühe zu machen. Wenn der Korporal in ein bis zwei Stunden mit einem halbleeren Korbe im Adler an⸗ käme, er wäre im Stande, uns auszulachen.“ „Aber wenn er gar nicht wiederkommt? Was dann?“ „Was dann, Citoyen⸗Commiſſaire? Wir durchſuchen das Dorf von einem Ende zum andern, wir durchwühlen den Boden, wenn es ſein muß, wir werfen Holz und Stroh aus Ställen und Scheuern; wir nehmen Alles, was lebt, gefangen.... Und wir werden unſern Kameraden ganz ſicher bekommen, hätte man ihn auch zwiſchen zwei Mauern eingemauert.“ Simon⸗Brutus wandte ſich an den Notar und fragte: „Habt Ihr bemerkt, Citoyen, daß der Korporal, der geſtern Abend hierherkam, betrunken war 2“ „Wenn mich nicht alles täuſcht, Citoyen⸗Commiſſaire, ſo war er allerdings betrunken.“ „Hat er hier getrunken?“ „Eine Flaſche Burgunder leerte er in meiner Gegen⸗ wart. Auch hat er blicken laſſen, daß er die Abſicht habe, unterwegs noch eine zu trinken und befahl, aus dieſem Grunde ihm einundzwanzig Flaſchen zu geben.“ „Wir haben uns zu ſehr beeilt,“ ſprach Simon⸗ Brutus zu dem Sergeanten,„er wird irgendwo liegen.“ Aufs Neue wandte er ſich dann wieder zu dem Notar und fragte: „Es iſt möglich, daß dieſe Nacht ein Unglück oder ein Verbrechen geſchehen. Ihr wißt, daß Jeder, der einen Soldaten der franzöſiſchen Republik verwundet oder ermordet, auf der Stelle erſchoſſen werden ſoll; und daß Derjenige, der den Mörder verbirgt oder nicht zur Kenntniß bringt, was er von ſolchen Dingen erfährt, der⸗ ſelben Si fehle ich augenblick Zugleich aufzuſuche ſobald Ih im Minde Strafe eh unſere Lei Aber „Sel Säbel, ei Ein Simon⸗B „Ha, wißt mehr Der mit einige ſeinem O. chem ſtink „Cit, einem ſch Gartens „Da⸗ Soldaten Horace!“ Er e ſo heftig ſchrie ihm Er falſcher S Und feſt an de würde ihr terte, we wir uns zu einen Theil uns ſo viele l in ein bis n Adler an⸗ 14 imt? Wat durchſuchen durchwühlen n Holz und hmen Alles, den unſern an ihn auch Notar und orporal, der Commiſſaire, iner Gegen⸗ die Abſicht befahl, aus zu geben.“ ach Simon⸗ zwo liegen.“ der zu dem inglück oder Jeder, der verwundet en ſoll; und er nicht zur erfährt, der⸗ 93 ſelben Strafe wie der Schuldige verfällt. Deßhalb be⸗ fehle ich Euch im Namen der franzöſiſchen Republik, augenblicklich uns zu wiſſen zu thun, was Ihr erfahrt. Zugleich gebiete ich Euch ausdrücklich, Euern Knecht aufzuſuchen und in eigener Perſon zu mir zu kommen, ſobald Ihr wißt, wo er iſt. Wenn Ihr dieſen Befehlen im Mindeſten zuwider handelt, wird Euch die Hand der Strafe eheſtens erreichen.... Citoyen⸗Sergeant, ruft unſere Leute zuſammen.“ Aber der Sergeant zeigte mit Verwunderung hinaus: „Seht, ſeht, was bringt Mucius Scävola? Einen Säbel, einen Hut!“ Ein heller Angſtſchrei entfloh der Bruſt des Notars. Simon⸗Brutus ſah ihn mit blitzenden Augen an. „Ha, ſcheinheiliger Verräther,“ rief er ihm zu,„Ihr wißt mehr, als Ihr ſagt.“ Der Soldat, den man Mucius Scävola nannte, trat mit einigen ſeiner Kameraden in das Zimmer und zeigte ſeinem Offizier einen Säbel und einen Hut, von wel⸗ chem ſtinkendes Waſſer herablief. „Citoyen⸗Commiſſaire,“ ſagte er,„dies lag in einem ſchmutzigen Loch dort hinten in der Ecke des Gartens unter einem Fliederbuſche.“ „Das Schwert und der Hut eines franzöſiſchen Soldaten?“ rief Simon⸗Brutus,„der Hut des Korporal Horace!“ Er ergriff den Notar bei der Kehle, ſchüttelte ihn ſo heftig, daß ſein Kopf gegen die Wand ſchlug und ſchrie ihm wüthend ins Geſicht: eEr iſt alſo ermordet? Ermordet in Eurem Hauſe, falſcher Schwärmer? Sagt raſch, wo liegt ſeine Leiche?“ Und hätte auch Simon⸗Brutus den Notar nicht ſo feſt an der Kehle gepackt gehabt, der Schreck allein ſchon würde ihm die Sprache genommen haben. Was er ſtot⸗ terte, war unverſtändlich. Man konnte nur ſoviel ver⸗ 94 ſtehen, daß er behauptete, er wiſſe nicht, was der Säbel und der Hut bedeuten. 1 Mucius Scävola näherte ſich dem Offizier und agte: „Gebt Euch nicht ſo viele Mühe, Citoyen⸗Commiſ⸗ ſaire; neben dem Loch iſt ein Durchweg in die Hecke ge⸗ brochen und von da läuft eine mit ſchmutzigem Waſſer beträufelte Spur fort. Offenbar hat man die Leiche un⸗ ſeres Kameraden zuerſt in das Loch geworfen und ſpäter die Oeffuung in die Hecke gemacht, um ſie anderswo zu verbergen und zu begraben. Die Spuren ſind ſehr deut⸗ lich; wenn wir ſie verfolgen, finden wir den fortge⸗ ſchleppten Leichnam ganz ſicher.“ Die Soldaten, welche dieſe Worte noch mehr über⸗ zeugten, daß ihr Kamerade hier ſein Leben gelaſſen, wollten dem Notar an den Leib und hoben ihre Säbel in die Höhe, um ihm den Kopf zu zerſpalten; ein ge⸗ bietendes Zeichen von Simon⸗Brutus hemmte ihre Wuth, „Citoyen⸗Sergeant,“ ſagte er,„bleibe mit acht Leuten hier, ich vertraue dieſen Räuber Euren Händen an, Ihr ſeid mit Eurem Kopfe für ihn verantwortlich. Die andern ſollen mir folgen. Mucius Scävola voran! Zeigt uns die Spur.“ Am Ende des Gartens durchſtöberten ſie das Loch noch mit ihren langen Säbeln, fanden jedoch nichts. Dann ging Simon⸗Brutus voran und verfolgte die Spur, die an dem ſtinkenden Waſſer und dem nieder⸗ getretenen Graſe leicht zu erkennen war. Von Zeit zu Zeit ſahen ſie ſogar, daß das niedere Geſtrüpp nieder⸗ getreten oder abgeknickt war, als ob man einen ſchweren Körper darüber hinweggeſchleppt. Die Spur führte ſie zuerſt durch ein Eichenwäldchen, dann über ein großes Feld, ſpäter über einige tiefe Waideplätze, bis an den Rand eines Erlenwaldes, an welchem ein kleiner Bach hinſtrömte. Es war hier leicht zu ſehen, daß man große Mühe gehabt, über den ausgetret Der dem Platz ſchien ihn Deß! gebot Sti Alle mit zurüc Püöt ihnen fer man me Loch zu ſie nahme einige Se reit. In beiden ar Das Bruno, d ſeinem H. der Tode ahnend, ſeine Bru Päöt ferne ein nahenden Sim ten zu: „Fel Augenblie aber die Männer s der Säbel dffizier und den⸗Commiſ⸗ ie Hecke ge⸗ gem Waſſer e Leiche un⸗ i und ſpätet anderswo zu d ſehr deut⸗ den fortge⸗ mehr über⸗ en gelaſſen, ihre Säbel en; ein ge⸗ e ihre Wuth. be mit acht iren Händen rantwortlich. vola voran! ſie das Loch doch nichts. verfolgte die dem nieder⸗ Von Zeit zu trüpp nieder⸗ inen ſchweren hhenwäldchen, einige tiefe mwaldes, an große Mühe 9⁵ gehabt, um den Körper, oder was man weggeſchleppt, über den Bach zu bringen; das Bett war mit den Füßen ausgetreten und das Gras am Rande platt gedrückt. Der Anführer vermuthete, daß ſie nicht ferne von dem Platze ſein könnten, wo man die Leiche verborgen: es ſchien ihm ſogar, als hätte er ein leiſes Geräuſch gehört. Deßhalb legte er den Finger auf den Mund und gebot Stille. Alle bückten ſich unter dem Erlenlaub und ſchlichen mit zurückgehaltenem Athem fort. Plötzlich befahl Simon⸗Brutus zu halten und zeigte ihnen fern in dem Gehölz zwei Männer, die, ſoviel man merken konnte, damit beſchäftigt waren, ein Loch zu graben. Er gab ſeinen Soldaten ein Zeichen: ſie nahmen das Gewehr in die Hand und krochen noch einige Schritte fort, jeden Augenblick zum Schießen be⸗ reit. Indeſſen heftete Simon⸗Brutus den Blick auf die beiden arbeitenden Männer. Das Herz klopfte ihm vor Freude und Rachedurſt. Bruno, den er ſchon fern geflüchtet glaubte, Bruno, der ſeinem Haß entgangen zu ſein ſchien, ſtand jetzt vor ihm, der Todesgefahr unbewußt, in der er ſchwebte, nicht ahnend, daß in dieſem Augenblick zehn Gewehre auf ſeine Bruſt zielten. Plötzlich hörte Bruno auf, zu graben; er hatte von ferne ein Geräuſch gehört, denn er ſchien nach den heran⸗ nahenden Soldaten zu blicken. Simon⸗Brutus, der dies bemerkte, rief ſeinen Leu⸗ en zu: „Feuer! Feuer!“ Zwanzig Gewehre entluden ſich zu gleicher Zeit; die Kugeln flogen pfeifend durch das Laub und die Blätter praſſelten wie ein Regen nieder. Im ſelben Augenblicke ſprangen die Soldaten jauchzend vorwärts; aber die Kugeln hatten wahrſcheinlich keinen der beiden Männer getroffen, denn ſie ſahen ſie beide in verſchie⸗ 96 denen Richtungen fliehen und in der Tiefe des Gebüſches verſchwinden. Bruno hatte wohl bemerkt, daß Simon⸗Brutus ihn erkannt; die drohende Fauſt, die ſein alter Feind ihm aus der Ferne entgegengeſtreckt, ließ ihm keinen Zweifel darüber. Schon hatte das Wegſchleppen der Leiche und die verzweiflungsvollen Worte, die er mit dem Knechte ge⸗ wechſelt, ſein Herz mit Verzweiflung erfüllt. Nun, da die That denen bekannt war, die ſte rächen mußten, blieb ihm kein Zweifel, daß der Tod ihm an den Ferſen klebte; dazu hatte ihm dieſe Nacht ſo viele Schätze der Liebe und Güte aus dem Herzen geriſſen; er war Mann ge⸗ worden und hatte aus der Verzweiflung den vollen Be⸗ griff ſeines Unglücks geſchöpft. Auf wohlbekannten Wegen durch Wälder und nie⸗ deres Gehölz laufend, eilte er nach dem Dorf, näherte ſich ſeinem Hauſe von der Seite der Straße, ſah mit einem flüchtigen Blicke rings umher, ſprang hinein, flog die Treppe hinauf, ergriff vie Doppelflinte, hing ſich das Pulverhorn und die Waidtaſche um den Hals, faßte ſeine Mutter am Arme und eilte mit ihr hinweg, während er mit halberſtickter Stimme ſagte: „Raſch, Mutter! Sie haben mich bei der Leiche überraſcht, ſie werden Dich umbringen, unſer Haus verbrennen. Komm, laß uns fliehen, um Gotteswillen, laufe, eile!“ Die Frau that ganz bewußtlos und zitternd, was er ſagte und lief mit ihm die Treppe hinab. „Wo, wo iſt der Vater?“ fragte der Jüngling, mit äußerſter Angſt ſich umſehend. Doch ehe ſeine Mutter ihm antworten konnte, be⸗ merkte er zwei franzöſiſche Soldaten, die mit dem Rücken an dem hintern Fenſter lehnten. „Komm, komm!“ rief er, nnoch einen Augenblick und es iſt zu ſpät!“ Er mit ihr Als hörten u Mutter v Sin des Korp chem mar Anfe die Leiche eine Thre wandelter nach Rach Neb „Cit ner Kam Schuldige wir in ſe an dieſen iſt. Wir „Er Nach ſunken ge „Ich Der Soh wißt nicht! entgehen, ſerem Ber daß man dem Adle Weiſe, n in das B tauchen d Inde eine Art Conſcienc 3 Gebüſches Brutus ihn Feind ihm nen Zweifel che und die Knechte ge⸗ Nun, da die n, blieb ihm erſen klebtez e der Liebe r Mann ge⸗ mvollen Be⸗ er und nie⸗ arf, näherte ah mit einem in, flog die ding ſich das , faßte ſeine während er ei der Leiche unſer Haus Gotteswillen, tternd, was . küngling, mit konnte, be⸗ it dem Rücken en Augenbliſ 97 Er zog ſeine Mutter zur Thüre hinaus und eilte mit ihr zwiſchen den Häuſern auf den Straßen fort. Als die Soldaten an dem Fenſter das Geräuſch hörten und ſich umdrehten, war Bruno bereits mit ſeiner Mutter verſchwunden. Simon⸗Brutus und ſeine Leute hatten die Leiche des Korporal Horace neben dem Loche gefunden, in wel⸗ chem man ihn begraben wollte. Anfangs hatten die Soldaten mit wahrem Schmerze die Leiche ihres Kameraden betrachtet; einigen war ſogar eine Thräne über die Wange gerollt. Bald aber ver⸗ wandelten ſich die Klagen des Schmerzes in den Ruf nach Rache. Neben der Leiche ſprach ein Korporal zum Offizier: „Citoyen⸗Commiſſaire, ich verlange im Namen mei⸗ ner Kameraden, daß dieſe Frevelthat mit dem Tode des Schuldigen beſtraft werde. Der alte Scheinheilige, den wir in ſeinem Hauſe zurückgelaſſen, hat offenbar Antheil an dieſem Verbrechen, wenn er nicht ſelbſt der Thäter iſt. Wir fordern ſeinen Tod.“ „Er ſoll ſterben!“ antwortete Simon⸗Brutus ſinnend. Rachdem er einen Augenblick in Nachdenken ver⸗ ſunken geblieben, ſprach er: „Ich glaube doch, daß der Mörder uns entgangen. Der Sohn des Notars iſt zweifelsohne der Thäter. Ihr wißt nicht, wie dieſe Leute ſind; um unſerer Rache zu entgehen, beſchuldigen ſie die Abweſenden, die außer un⸗ ſerem Bereiche ſind. Deßhalb werde ich dem Notar ſagen, daß man ſeinen Sohn und den Knecht gefangen nach dem Adler gebracht. Vielleicht erfahren wir auf dieſe Weiſe, was geſchehen und wer ſeine mörderiſche Hand in das Blut eines Soldaten der franzöſiſchen Republik tauchen durfte.“ Indeſſen hatten die Soldaten aus Erlenſtämmen eine Art von Tragbahre gemacht und die Leiche darauf Conſecience, Bauernkrieg. 7 4 98 gelegt. Auf den Befehl des Offiziers nahmen vier der Stärkſten die Bahre auf die Schultern und zogen, von den andern gefolgt, damit nach der Wohnung des Notars. In dem Garten angekommen, ſtürzte Simon⸗Brutus auf den Notar zu, der noch zwiſchen ſeinen Wachen am Hauſe ſtand, ergriff ihn am Kragen, ſchleppte ihn bis vor die Leiche und donnerte in franzöſiſcher Sprache: „Mörder! da liegt ein Schlachtopfer. Willſt Du nun noch leugnen, daß der arme Korporal hier ſein Le⸗ ben ließ? Scheinheiliger Heuchler! aber Du ſollſt ſter⸗ ben; Du und Dein Sohn und Dein Knecht, die wir überraſchten, als ſie den ſchrecklichen Zeugen ihres Ver⸗ brecheus begraben wollten!“ „Meinen Sohn? Ihr habt meinen Sohn gefangen?“ ſeufzte der Notar ganz außer ſich. „Dein Sohn und Dein Knecht ſind gefangen nach dem Adler gebracht worden. Sogleich nach unſerer Zurückkunft wird ihr Todesurtheil gefällt und vollſtreckt werden. Was Euch betrifft, ſo bleibt Euch noch ein Mittel, einem ſichern Tode zu entgehen. Sagt uns offen, was hier geſchehen iſt und wer dem Korporal den tödtlichen Schlag beigebracht. Iſt es Euer Sohn, ſo erklärt es ohne Rückhalt. Die Unſchuldigen ſollen nicht mit den Schuldigen büßen. Sagt uns, wer hat es ge⸗ than? Er ſoll allein ſterben; ſonſt wird die Kugel noch heute dreier Menſchen Leben ein Ende machen.“ Der Notar antwortete nicht raſch genug: „Wenn Euch Euer Leben lieb iſt, ſprecht!“ rief Simon⸗Brutus,„oder ich ſende augenblicklich den Befehl ab, daß Euer Sohn ohne Verzug erſchoſſen werde.“ „Ich kann nicht ſprechen,“ ſtammelte der Notar, „der Schrecken benimmt mir die Sprache; mir ſchwin⸗ den die Sinne. Nur einen Augenblick, und ich will er⸗ zählen, was geſchehen.“ Er ſtand einen Augenblick tief athmend da und be⸗ gann dann: Wein, vorgab; und ver Gold fü thun; 0 ich bin ſchwunge griff ich theidigte leblos zu Die Notar ad oder vier die Spit aber blie den Bode „Ha Soldaten „Iſt poral übe „Nie „Eu begangen „Au das,— ſeine Thr. „De geführt.“ „Au Euren 30 n vier der ogen, von es Notars. on⸗Brutus Vachen am ote ihn bis prache: Willſt Du er ſein Le⸗ ſollſt ſter⸗ , die wir ihres Ver⸗ gefangen?“ angen nach ich unſerer d vollſtreckt noch ein Sagt uns rporal den Sohn, ſo ſollen nicht hat es ge⸗ Kugel noch 1. echt!“ rief den Befehl werde.“ der Notar, nir ſchwin⸗ ich will er⸗ da und be⸗ 99 „Vernehmet, Citoyen⸗Commiſſär, was geſchehen iſt. Der Korporal kam; er war betrunken; er bat mich um Wein, indem er den Requiſitionsbrief verloren zu haben vorgab; ich lieferte ihm den Wein aus; er trank davon und verlangte dann, daß ich ihm einige tauſend Livres Gold für Aſſignaten gebe. Ich weigerte mich, dies zu thun; er zog ſeinen Säbel und warf mich zu Boden; ich bin aufgeſtanden; er hatte ſeinen Säbel bereits ge⸗ ſchwungen, um mir den Todesſtreich zu verſetzen, da er⸗ griff ich die Weinflaſche, die auf dem Tiſche ſtand, ver⸗ theidigte mich und ſchlug ihm auf den Kopf, daß er leblos zu Boden ſank...“ Die Soldaten ſtürzten herbei und drohten den Notar auf der Stelle in Stücke zu zerreißen. Drei oder vier ſchlugen ihn mit Fäuſten, einer ſtieß ihm ſogar die Spitze des Bajonnetts in die Lenden. Der Notar aber blieb bewegungslos und gelaſſen, den Blick auf den Boden gerichtet, ſtehen. „Haltet ein! Ruhe!“ rief Simon⸗Brutus ſeinen Soldaten zu. „Iſt es wahr, was Ihr erklärt habt?“ fragte er den Notar. „Es iſt wahr,“ ſagte dieſer. „Wer liegt da? Wer verſucht mich zu betrügen? Oder habt Ihr vielleicht alle zuſammen den armen Kor⸗ poral übermannt und ermordet?“ „Niemand hat ihn erſchlagen als ich.“ „Euer Sohn aber behauptet, er habe den Mord begangen.“ „Aus Liebe zu mir, Citoyen⸗Commiſſär, ſagt er das,— um mich zu retten,“ ſeufzte der Notar, während ſeine Thränen ſeinem Auge entſtürzten. „Der Knecht ſagt auch, daß Bruno den Schlag geführt.“ „Aus Anhänglichkeit an ſeinen alten Herrn, um Euren Zorn von mir abzuwenden.“ 4 100 Dieſe Erklärung gefiel Simon⸗Brutus nicht; er hätte weit lieber gehört, daß Bruno der That ſchuldig geweſen. Dadurch hätte ſein Haß gegen den jungen Mann einen größeren Schein von Gerechtigkeit gewonnen, als durch die Erinnerung an eine alte Eiferſucht; und es wäre ihm möglich geworden, Bruno mit dem Tode zu beſtrafen, obwohl er als Rekrut nach Antwerpen gebracht werden ſollte. „Wie erklärt Ihr dann die Gegenwart Enres Soh⸗ nes bei der Leiche?“ fragte er. „Mein Sohn war in der Nähe verſteckt, als das Unglück geſchah,“ antwortete der Notar.„Ich war nicht im Stande, die Größe der Unthat zu begreifen. Jan rief meinen Sohn aus ſeinem Schlupfwinkel her⸗ dei; beide brachten die Leiche weg, um mich, wenn es noch irgend möglich, vor Eurer Rache zu ſchützen.“ „Iſt das die Wahrheit?“ „Es iſt die Wahrheit.“ „Verſteht Ihr, Citvyen, Notar„u fragte Simon⸗ g Brutus,„daß Ihr durch dieſe Erklärung Euer eigenes Todesurtheil unterſchreibt?“ „Ich habe meine Pflicht gethan,“ murmelte der Notar. Um ſeinen Sohn von einem ſichern Tode zu retten, beſchuldigte er ſich ſelbſt einer That, die er nie gethan. Das Gefühl der väterlichen Liebe flößte ihm Muth und Standhaftigkeit ein. Ja, ſeine Antworten waren ſo un⸗ erſchrocken und ruhig, daß Simon⸗Brutus und ſeine Leute nicht länger an der Wahrheit ſeiner Ausſage zweifelten. Die Soldaten waren nun überzeugt, daß der No⸗ tar wirklich den Korporal ermordet. Sie verlangten mit wüthendem Geſchrei augenblickliche Beſtrafung. „Citoyens camarades,“ ſprach der Offizier,„ihr ſeht hier einen Mann, der einen Soldaten der franzöſi⸗ ſchen Republik ermordet hat. Er geſteht es ſelbſt: die Leiche Glaubt zu ſein über ſei Stimme 2J Tone, denn, verliehe Mordes franzöſi ſprüche den Sch und be vollzoge dem Vo der W allen d niederge Platzes und der Bo zittern; nach ſei des Ho Al ihn erſt 0 melte d ſpiel de Leute, und we Kamer Ende.“ nicht; er t ſchuldig gen Mann men, als und es Tode zu u gebracht ares Soh⸗ als das „Ich war begreifen. winkel her⸗ „ wenn es tzen.“ tte Simon⸗ ner eigenes rmelte der e zu retten, nie gethan. Muth und aren ſo un⸗ und ſeine er Ausſage aß der No⸗ verlangten afung. izier,„ihr der franzöſi⸗ ſelbſt: die 101 Leiche unſeres armen Kameraden zeugt gegen ihn. Glaubt Ihr von dem Thatbeſtand feſt genug überzeugt zu ſein? Ich ernenne Euch zum Kriegsrath: beſchließt über ſein Schickſal.“ „Den Tod! Die Kugel! Erſchießen!“ riefen die Stimmen durch einander. „Nun,“ ſprach Simon⸗Brutus in ſeinem feierlichen Tone, wie ein Richter, der ein Urtheil verlieſt.„Nun denn, kraft der Macht, die uns von der Centralgewalt verliehen worden, nachdem wir den Bürger Notar des Mordes an Citoyen Horace, Korporal im Dienſt der franzöſiſchen Republik für ſchuldig erkannt und die Wahr⸗ ſprüche des Kriegsraths vernommen, verurtheilen wir den Schuldigen zur Hinrichtung durch Pulver und Blei, und befehlen, daß das Urtheil augenblicklich hierſelbſt vollzogen werde. Wir befehlen ferner, daß ſogleich nach dem Vollzug der Strafe das Feuer an den vier Ecken der Wohnung des Verbrechers angeſteckt und ſie mit allen dazu gehörenden Gebäuden bis auf den Grund niedergebrannt werde, damit die Verwüſtung dieſes Platzes zeuge von der Macht der franzöſiſchen Republik und der Art, wie ſie ihre Kinder zu rächen weiß!“ Bei dieſen Worten begann der Notar ſchrecklich zu zittern; er erblaßte und wandte ſich in fieberhafter Angſt nach ſeiner kleinen Scheuer, die auf der linken Seite des Hofes ſtand. Alle bemerkten ſeine plötzliche Bewegung und ſahen ihn erſtaunt an. „In ſeinem Gebände ſcheint etwas verſteckt!“ mur⸗ melte der Sergeant. Raſch! raſch!“ rief Simon⸗Brutus,„das Schau⸗ ſpiel dauert ſchon lange genug. Korporal, nehmt acht Leute, führt den Verbrecher an jene Hecke, erſchießt ihn und werft ſeine Leiche in das Loch, in das man unſern Kamrepaden geworfen. Macht der Sache raſch ein nde, 10² Der Korporal hatte ſeine Leute bald herausgefun⸗ den. Er näherte ſich dem Notar, ergriff ihn am Kra⸗ gen und führte ihn in der augedeuteten Richtung fort. „Ich wünſche noch ein letztes Wort mit dem Ci⸗ toyen⸗Commiſſär zu ſprechen,“ ſagte der Notar. „Nun, was ſoll's?“ fragte Simon⸗Brutus, indem er ſich ihm näherte. „Ihr ſagtet, Citoyen⸗Commiſſaire, daß Ihr meine Wohnung bis auf den Grund niederbrennen wollt?“ „Augenblicklich. In einer halben Stunde wird Alles von den Flammen verzehrt ſein.“ Der Notar deutete mit dem Finger nach einer klei⸗ nen Scheuer und ſagte: „Dort, unter dem Rohrdach liegt ein Menſch ver⸗ borgen: er würde in den Flammen umkommen.“ „Ha, ha!“ jauchzte Simon⸗Brutus,„ſo werden wir am Ende noch mehr finden, als wir uns träumen ließen. Man bewache den Verurtheilten! Acht Leute ſollen mir folgen.“ „Neben der Scheuer, am Boden iſt eine Oeffnung,“ ſagte der Notar. Der Offizier lief mit ſeinen acht Soldaten nach dem angedeuteten Orte hin. Sie hieben mit ihren Säbeln in die Lehmmauer und vergrößerten das Loch; alle bückten ſich und krochen hinein. Die Scheuer ſchien bis an die Thüre mit Holz⸗ büſcheln angefüllt; in der Mitte war ein Durchgang freigelaſſen. Die Soldaten konnten dieſen jedoch nur mit Mühe finden; denn alle Oeffnungen, die etwas Licht zugelaſſen, waren verſchloſſen: es herrſchte die tiefſte Finſterniß. Simon⸗Brutus taſtete mit den Händen umher und fand, daß die Holzbüſchel treppenweiſe aufgeſchichtet lagen. Er ſtieg bis unter das Dach; ſeine Leute folgten ihm auf den Ferſen. Da Schimme der ihner knieend b Als hungen Knieen l und ſchle haufen. Lenden; den der Alle das Loch an der ſeine We Hohn un anders l De haben, ſtand ſch Ind ausgega geslicht De Schlacht Es wohl h ſeinen etwas? erausgefun⸗ n am Kra⸗ ung fort. it dem Ci⸗ r. us, indem Ihr meine wollt?“ unde wird einer klei⸗ Nenſch ver⸗ n.“ werden wir nen ließen. ſollen mir Oeffnung,“ daten nach mit ihren das Loch; mit Holz⸗ Durchgang och nur mit twas Licht die tiefſte umher und ufgeſchichtet ute folgten 103 Da ſahen ſie in einer entfernten Ecke bei dem hellen Schimmer, der durch einige Ritzen drang, einen Mann, der ihnen ein Bauer zu ſein dünkte, auf dem Stroh knieend beten. Als er auf all' die barſchen Scheltworte und Dro⸗ hungen nicht antwortete und bewegungslos auf ſeinen Knieen liegen blieb, riſſen ſie ihn aus der Ecke hervor und ſchleppten ihn bis an den Rand der, Holzbüſchel⸗ haufen. Einer der Soldaten ſtieß ihn im Zorne in die Lenden; der Unglückliche ſtürzte von oben auf den Bo⸗ den der Scheuer herab. Alle ſtiegen hinunter. Bei dem Lichte, das durch das Loch am Boden drang, bemerkten ſie, daß der Mann an der Seite der Stirne verwundet war und Blut über ſeine Wangen floß. Sie tröſteten ihn mit Spott und Hohn und machten ihm begreiflich, daß er bald ganz anders bluten werde. Der Mann ſchien ſich im Uebrigen nicht verletzt zu haben, denn er hatte ſich ohne Hülfe aufgerichtet und ſtand ſchweigend inmitten ſeiner Henker. Inzwiſchen war Simon⸗Brutus zur Scheuer hin⸗ ausgegangen und rief, man ſollte den Bauern an's Ta⸗ geslicht bringen. Der Befehl wurde vollzogen; man ſtieß das neue Schlachtopfer durch das Loch. Es war ein Mann von hoher Geſtalt und ſchien wohl hundert Jahre alt. Weiße Haare umſäumten ſeinen Kopf; ſein Antlitz war freundlich und offen; etwas Majeſtätiſches lag in ſeinen Zügen. „Der Paſtor!“ rief Simon⸗Brutus, mit Stauneu und unwillkürlicher Ehrfurcht zurückweichend. dar Ein freudiges Jauchzen entſtand unter den Sol⸗ aten. „Ha, der Paſtor!“ riefen ſie:„Ein guter Fang. Das beginnt nicht ſchlecht. Der Anführer der Fana⸗ tiker! Ein guter Fang, ein guter Fang!“ 104 Indeſſen hatten ſie den Prieſter in den Garten ge⸗ bracht, wo der Notar noch immer zwiſchen den Wachen ſtand. Dieſer rief, ſobald er den Paſtor ſah, mit in⸗ brünſtiger Bitte: „O Vater, Vater, gebt mir Euern Segen. Ich gehe zum Tode... Ich bitte Gott um Vergebung meiner Sünden: mit Zuverſicht befehl ich meinen Geiſt in ſeine Hände. Betet für meine Fran, für mein Kind! Euren Segen! Euren Segen!“ Der Prieſter erhob ſeine Hände und ſprach mit großer Feierlichkeit einige ſtille Worte über ſeinen Freund. Ein langes Spottgelächter durchlief die Reihen der Soldaten. Simon⸗Brutus, der bei dem Anblick des Paſtors unwillkürlich zurückgetreten, kämpfte einen Augenblick gegen dies Gefühl von Ehrfurcht. Plötzlich ſtreckte er gebietend die Hand aus und ſagte zu dem Korporal, der neben dem Notar ſtand: „Das Urtheil werde ſogleich vollzogen!“ Darauf wandte er ſich an die Andern und befahl: „Citoyen⸗Sergeant, ich vertraue den Prieſter Eurer Wachſamkeit an. Man folge mir mit ihm in das Haus!“ Im untern Zimmer der Wohnung ſetzte ſich Simon⸗ Brutus ermüdet in einen Stuhl; er ließ den Prieſter herbeibringen und fragte ihn auf Franzöſiſch, da er wußte, daß der Paſtor dieſe Sprache ſehr gut verſtand: „Citoyen Jacobus Dominicus Torfs, wißt Ihr, daß Ihr zur Gefangennehmung und Deportation nach der Inſel Oleron verurtheilt ſeid?“ „Ich wußte es, ehe Ihr als Geſandter der Feinde Gottes hierher geſchickt wurdet und es in der Kirche verkündetet,“ antwortete der Paſtor mit großer Kälte. „So! Und warum ſeid Ihr nicht geflohen?⸗ ſpottete der Anführer. „Di mal mit Wenn G „Er In Gewehrſe von dem vor den Tone: „Cit Verbreche Zwe Prieſters, Die Melt hatte ſein „Ein Dunkelhei wort. „Es Wißt Ihr „Ja. „Wa⸗ „Bru ſucht und Boden ger „Wer Der „Ihr wißt Alles ſchen Repi Der Ein tigen Schl Garten ge⸗ en Wachen „ mit in⸗ egen. Ich Vergebung inen Geiſt nein Kind! ſprach mit ver ſeinen Reihen der es Paſtors Augenblick ſtreckte er Korporal, d befahl: eſter Eurer n in das ch Simon⸗ n Prieſter ch, da er verſtand: wißt Ihr, gtion nach der Feinde der Kirche r Kälte. 2“ ſpottete 10⁵ „Die Zeit iſt gekommen, daß Petri Fels noch ein⸗ mal mit dem Blut von Märtyrern übergoſſen werde. Wenn Gott das meine will, ſo möge es dahinfließen..“ „Er faſelt,“ rief der Sergeant,„er iſt von Sinnen.“ In dieſem Augenblick vernahm man das Echo einer Gewehrſalve; und während Aller Aufmerkſamkeit dadurch von dem Prieſter abgewandt wurde, trat der Korporal vor den Kommandanten, ſalutirte und ſagte in kaltem Tone: „Citoyen⸗Commiſſär, Euer Befehl iſt vollzogen; der Verbrecher iſt vom Leben zum Tode gebracht.“ Zwei große Thränen rollten aus den Augen des Prieſters, er beugte das Haupt tief auf die Bruſt herab. Die Meldung des Todes ſeines unglücklichen Freundes hatte ſeinen Muth gebrochen. Der Offizier wandte ſich auf's Neue an ihn und agte: i„Was habt Ihr dieſe Nacht geſehen oder gehört?“ „Ein dumpfes Geräuſch von Männern, die in der Dunkelheit durch den Garten gingen,“ lautete die Ant⸗ wort. „Es wurde dieſe Nacht ein Soldat hier ermordet. Wißt Ihr davon?“ „Ja.“ „Was wißt Ihr?“ „Bruno hat mich in meinem Schlupfwinkel aufge⸗ ſucht und mir erzählt, wie der Soldat ſeinen Vater zu Boden geworfen und ihn ermorden wollte.“ „Wer hat den Soldaten ermordet?“ Der Prieſter ſchwieg. „Ihr ſollt ſprechen,“ donnerte Simon⸗Brutus.„Ihr wißt Alles. Ich befehle Euch im Namen der franzöſi⸗ ſchen Republik, ſagt, was Ihr wißt!“ Der Prieſter ſchwieg noch immer. Einn Soldat gab ihm in der Aufwallung einen hef⸗ tigen Schlag in's Geſicht. 106 „Still da!“ rief Simon⸗Brutus,„dieſer Gefan⸗ gene muß der Centralgewalt in die Hände geliefert werden... Nun, Citoyen Torfs, noch einmal, werdet Ihr ſagen, was Ihr wißt?“ Der Prieſter erhob das Haupt, ſah Simon⸗Brutus mit Blicken an, aus denen die Begeiſterung leuchtete, und ſprach in feierlichem Tone: „Was ich weiß, verirrter Sünder? Ich weiß, daß, wenn Deine Mutter noch lebte, ſie die Stunde Deiner Geburt verfluchen würde! Ich weiß, daß ſie den Sohn verſtoßen würde, der als ein Verwandter der Hölle die Altäre ſeines Gottes zerbricht und ſeine Brüder ermor⸗ det, auf demſelben Boden, auf dem ſeine Wiege geſtau⸗ den! Ich weiß, daß das unſchuldige Blut der Chriſten bis vor Gottes Richterſtuhl auf Dir ruhen wird! Das weiß ich!“ Dieſe Worte, die wie eine furchtbare Prophezeiung klangen, machten einen tiefen Eindruck auf Simon⸗Bru⸗ tus. Er verbarg mit Mühe ſeine Gefühle, als er unter ſpöttiſchem Lachen zu ſeinen Leuten ſagte: „Genug der lächerlichen Sermone! Man folge mir nach dem Adler. Der Korporal bleibe mit acht Leuten hier.“ „Sollen wir die Wohnung in Brand ſtecken?“ fragte der Korporal. „Nein, noch nicht,“ antwortete der Oſfftzier. „Heute Nachmittag werde ich Euch einen Befehl ſenden, Es muß hier viel Geld und Silberzeug ſein. Sammelt es. Wir werden es zum Uebrigen thun und nach Ant⸗ werpen ſchicken. Eßt und trinkt inzwiſchen, was Ihr hier findet. Laßt Euch nicht überrumpeln, Korporal... Man hole die Leiche unſeres Kameraden!“ Sobald der todte Körper auf der Tragbahre her⸗ beigebracht wurde, verließ Simon Brutus die Wohnung des Notars und trat mit ſeinen Leuten auf den Dorf⸗ weg. D mit gebeu Bei ges lebend die Peſt Viele Ler und ſahen den feier Dorfes, plötzlich e das Bein Unte Gehölz u wölkchen Vier und ſchlus ſo eben g von der keine Kla Es d ſeine Kan ihrem Er⸗ Zorn; eir Reihen. „Vo Nachmitte Der verwunde Zug das eſer Gefan⸗ de geliefert nal, werdet non⸗Brutus g leuchtete, weiß, daß, unde Deiner den Sohn er Hölle die üder ermor⸗ biege geſtan⸗ der Chriſten wird! Das rophezeiung Simon⸗Bru⸗ als er unter Man folge be mit acht id ſtecken?“ r. Offizier. efehl ſenden. Sammelt d nach Ant⸗ 1, was Ihr Torporal... agbahre her⸗ lie Wohnung if den Dorf⸗ 107 weg. Der Prieſter, von zwei Soldaten geführt, ſchritt mit gebeugtem Haupte neben der Leiche einher. Bei ihrem Gang durch's Dorf ſahen ſie kein einzi⸗ ges lebendes Weſen; es ſchien öde und verlaſſen, als ob die Peſt alle Einwohner in einer Nacht dahingerafft. Viele Leute ſtanden jedoch hinter Thüren und Fenſtern und ſahen mit Todesangſt durch die kleinſten Oeffnungen den feierlichen Zug vorüberkommen. Außerhalb des Dorfes, auf dem Wege nach dem Adler vernahm man plötzlich einen Gewehrſchuß; einer der Soldaten fiel, in das Bein getroffen, in den Sand. Unter wirrem Rachegeſchrei eilten Alle durch das Gehölz und liefen nach dem Ort, von welchem das Rauch⸗ wölkchen des Schuſſes langſam in die Höhe ſtieg. Vier Soldaten blieben bei dem Prieſter und ſtießen und ſchlugen ihn, als ob er an dem Schuld wäre, was ſo eben geſchehen. Er ließ ſich geduldig martern und von der einen Seite nach der andern ſtoßen: kein Wort, keine Klage kam über ſeine Lippen. Es dauerte ziemlich lange, ehe Simon⸗Brutus und ſeine Kameraden aus dem Gehölze zurückkehrten. Bei ihrem Erſcheinen auf dem Wege glühten ihre Augen vor Zorn; ein wirres Geſchrei wilder Wuth tönte durch ihre Reihen... ſie hatten niemand gefunden. „Vorwärts!“ rief der Offizier,„wir werden dieſen Nachmittag ihnen die Rechnung machen.“ Der Prieſter wurde noch heftiger fortgeſtoßen, der verwundete Soldat aber getragen, und ſo erreichte der Zug das Wirthshaus zum Adler. IV. Es war am ſelben Tage, ungefähr um drei Uhr. Simon⸗Brutus ging vor dem Wirthshauſe zum Adler auf und nieder. Er ſchien in tiefes Nachdenken verſunken; bisweilen blieb er ſtehen und hielt die Hand an die Stirne dann flüſterte er der Schildwache vor der Thüre einige flüchtige Worte zu, oder ſtellte ſich vor den Dorfweg, um zu ſehen, ob ſich nicht in der Ferne etwas zeigte Hinter dem Fenſter des Wirthshauſes ſtand Baes Coylen, der ſcheinbar gleichgiltig, aber voll Angſt und Zittern das Auge auf den Offizier gerichtet hielt. Dieſen Morgen hatte der Müller erſchreckliche Dinge geſehen. Man brachte eine Leiche in ſein Haus und in ſeinem Stalle ſaß der Paſtor; er hatte den ganzen Tag noch nichts gehört, als fürchterliche Flüche und Drohun⸗ gen von Brand und Mord. Aengſtlich wie er war, folgte er nun dem Offizier mit bangen Blicken; denn er zweifelte nicht daran, daß Simon⸗Brutus in dieſem Augenblicke mit Rache⸗ und Zerſtörungsplanen beſchäf⸗ tigt ſei. Der Müller täuſchte ſich jedoch. So hart und un⸗ glückprophezeiend die Züge Simon⸗Brutus' gewöhnlich auch waren, ſo verdrängte doch bisweilen ein flüchtiges Lächeln den trotzigen Ausdruck ſeines Geſichtes. Die Ungeduld, die ihn ſichtlich verfolgte, zeugte davon, daß er ſtatt an Racheplane zu denken, mit Bangen etwas er⸗ wartete, deſſen Erſcheinen ihm von höchſter Wichtigkeit zu ſein ſchien. Er hatte bereits zum vierten Male den Dorfweg hinabgeblickt, als er in der Ferne einige Soldaten er⸗ ſcheinen ſah. Er kehrte raſch zu der Schildwache zurück und ſagte in ſtrengem Tone: „Der ich gefäng Niemand, ich nicht ſe Der Serg mir bringe Mit Inzw Soldaten, ihr von Z um ihren Es r mit raber Majeſtätit ſichte. L beugte ſie tung zeug Die ſes ächt r waren nic Gefühl de Aber Ausfälle näckig foll furchtbarſt Dieſe lief den S lung nach ſchlug ſich tern Thrä als hätte gemacht. Bism dann erh ſchmerzvol drei Uhr. e zum Adler rverſunken; die Stirne, thüre einige n Dorfweg, as zeigte ſtand Baes l Angſt und hielt. kliche Dinge daus und in ganzen Tag nd Drohun⸗ die er war, en; denn er 3 in dieſem nen beſchäf⸗ art und un⸗ gewöhnlich in flüchtiges ſichtes. Die davon, daß en etwas er⸗ r Wichtigkeit den Dorfweg Soldaten er⸗ ück und ſagte 109 „Der Sergeant iſt da: er bringt eine Frau, die ich gefänglich einziehen ließ. Habt wohl Acht, daß man Niemand, wer es auch ſei, in den Adler einlaſſe, ſolange ich nicht ſelbſt heraus komme und andere Befehle gebe. Der Sergeant ſoll die Frau in das große Zimmer zu mir bringen.“ Mit dieſen Worten trat er in das Wirthshaus. Inzwiſchen zeigten ſich am Ende des Weges zehn Soldaten, die eine junge Frau am Arme fortführten und ihr von Zeit zu Zeit mit Gewalt in den Rücken ſtießen, um ihren Gang zu beſchleunigen. Es war ein ſchönes Mädchen, groß von Geſtalt, mit rabenſchwarzen Haaren, feurigen Augen, etwas Majeſtätiſchem und Edlem in ihrem bezaubernden Ge⸗ ſichte. Obgleich Thränen aus ihren Augen perlten, beugte ſie doch das Haupt nicht: ihr Gang, ihre Hal⸗ tung zeugten von Stolz und Muth. Die Soldaten ſelbſt konnten ſich dem Einfluſſe die⸗ ſes ächt weiblichen Stolzes nicht entziehen: ihre Worte waren nicht ſo rauh, denn ſonſt, und ſchienen durch ein Gefühl der Ehrfurcht gemäßigt zu werden. Aber ihre Begleiter machten um ſo bedrohendere Ausfälle gegen einen bejahrten Mann, der ihnen hart⸗ näckig folgte, obſchon ſie ihn mehr als einmal durch die furchtbarſten Drohungen zurückgetrieben. Dieſer Mann war der Küſter⸗Schulmeiſter; er lief den Soldaten mit Zeichen unbeſchreiblicher Verzweif⸗ lung nach, raufte ſich die Haare aus dem Kopfe, zer⸗ ſchlug ſich die Bruſt und vergoß einen Strom von bit⸗ tern Thränen: mit andern Worten, er ging zu Werke, als hätten ihn Schmerz und Verzweiflung wahnſinnig gemacht. Bisweilen ließ der Sturm in ſeinem Innern nach; dann erhob er die Augen zum Himmel und rief in ſchmerzvollen Tönen zu Gott um Hilfe, oder trotzte den 110 Drohungen der Soldaten, näherte ſich ihnen und rief in ſeinem Jammer: „O Veva, mein Kind, mein unglücklich Kind! Du⸗ Alles, was mir bleibt auf Erden, Geſchenk des Herrn, mein Stolz, meine Freude, Du in den Händen der Barbaren! Du, der gottloſen Frechheit ausgeliefert! Un⸗ ſchuldiges Lamm, was wollen die Schändlichen mit Dir? Gott, ich ſterbe vor Angſt und Schrecken.“ Und nachdem er ſich einen Augenblick bewußtlos und halb vernichtet auf dem Wege fortgeſchleppt, erhob er wieder ſein Jammern: „O Veva, liebe Veva, ſei nicht bange, vertraue auf Gott, der ſeine Märtyrer im Leiden ſtärkt. Ach, ver⸗ giß nicht, daß die Gottloſigkeit der Henker das unſchul⸗ dige Lamm nicht beflecken kann....“ Das Unterdrücken der Verzweiflung machte ſeine Leiden noch peinlicher; er rang die Hände, zerriß ſich die Kleider und rief aus tiefer Bruſt: „Wehe, wehe mir, o Gott! daß ich geboren bin! Wehe mir, daß es Dir gefiel, mir ein Kind zu ſchenken, einen Engel der Liebe und Keuſchheit! Wehe, wehe, hölliſchen Ausgeburten ſoll ſie als Opfer vorgeworfen werden...“ Das Mädchen blieb ſtehen, obgleich man ſie mit rauhen Händen fortzuſtoßen ſuchte; ſie wandte ſich um und rief mit tröſtendem Tone: „Vater, Vater, ſei nicht ſo betrübt, Deine Stimme durchbohrt mir das Herz. Beruhige Dein banges Gemüth. Laß uns mit Geduld das blutige Kreuz tragen.. 4 „Mein Kind, mein einziges Kind,“ rief der alte G hudniiſer„Du begreifſt Dein furchtbar Schickſal nicht.“ „Ich begreife es,“ antwortete das Mädchen, wäh⸗ rend ſie die Soldaten zurückſtieß,„aber ich fürchte es nicht, Vater. Gott hat mir Muth und Willenskraft ge⸗ geben: es der Henker „O beſchützen, „Ach wird mich droht? 2 „Der Vater un flucht der Als ſichtbarer fortſtoßen der in ſtre mit Gewa rücktreibe. Ein Küſter zu wilden T Mann bo⸗ ſeiner Toc tergeführt Zorn Weheſchre eilte zu il ter und ſ ben Mom ihn, kreuz Franzöſiſe „Wo das Herz ſchubden Henker, o en und rief Kind! Du, des Herrn, Händen der liefert! Un⸗ in mit Dir? bewußtlos eppt, erhob vertraue auf Ach, ver⸗ das unſchul⸗ lachte ſeine zerriß ſich eboren bin! zu ſchenken, zehe, wehe, vorgeworfen man ſie mit ndte ſich um eine Stimme ges Gemüth. gen...“ ief der alte ar Schickſal dchen, wäh⸗ ch fürchte es lenskraft ge⸗ 111 geben: es gibt noch etwas Mächtigeres, als die Rohheit der Henker.“ „O nein, nein,“ ſeufzte der Vater, wer kann Dich beſchützen, als Gott?“ „Ach!“ rief das Mädchen mit bitterem Lachen,„wer wird mich heute beſchützen, wenn mir die größte Gefahr droht? Der Tod.“ „Der Tod! der Tod!“ wiederholte der unglückliche Vater unter neuen Convulſionen.„Die einzige Aus⸗ flucht der Tod!“ Als das Mädchen mit einer Art von Hoheit und ſichtbarer Verachtung die Soldaten zurückwies, die ſie fortſtoßen wollten, entbrannte der Zorn des Sergeanten, der in ſtrengem Tone befahl, daß man den alten Mann mit Gewalt und, wenn es nöthig ſei, mit Schlägen zu⸗ rücktreibe. Ein Soldat lief mit aufgehobenem Säbel auf den Küſter zu, ergriff ihn am Arm und wollte ihn unter wilden Drohungen fortſtoßen; aber der wahnſinnige Mann bot einigen Widerſtand, riß ſich los und eilte zu ſeiner Tochter, die man bereits eine Strecke Weges wei⸗ tergeführt. Zornergrimmt ergriff der Soldat ihn zum zweiten Male, warf ihn zu Boden, und ſchwang den Säbel drohend über ſeinem Haupte. Als Genoveva dies ſah, ſtieß ſie einen ſchneidenden Weheſchrei aus und drängte den beſtürzten Franzoſen zurück, eilte zu ihrem Vater, ergriff den Soldaten an der Schul⸗ ter und ſchleuderte ihn rücklings in den Sand. Im ſel⸗ ben Momente hob ſie ihren Vater auf, ſtellte ſich vor ihn, kreuzte die Arme über die Bruſt und rief in gutem Franzöſiſch ihren Begleitern zu, die herbeigelaufen kamen: „Wohlan, blutſüchtige Tyrannen! kommt, durchbohrt das Herz einer Tochter, die ihren Vater gegen Eure ſchuöden Angriffe vertheidigt! Was zögert ihr, feige Henker, oder zittert Ihr vor einer ſchwachen Frau?“ 112 Es lag etwas ſo Majeſtätiſches, ſo Gewaltiges in dem ſchönen Geſichte des Mädchens, etwas ſo Stolzes in ihren glühenden Augen, daß die Soldaten einander ſtaunend und mit fragender Bewunderung anſahen. „Ein ſchönes Weib!“ murmelte der Eine,„man⸗ möchte glauben, franzöſiſches Blut fließe in ihren Adern!“ „Das Mädchen hat Muth!“ flüſterte der Andere. „Mir iſt, als ſähe ich das Standbild der Republik vor meinen Augen!“ rief der Korporal. „Wie ſchön wäre ſie mit der rothen Mütze auf dem Kopfe!“ bemerkte Mucius Scävola in vollem Ernſt. Der Sergeant lächelte freundlich und ſagte zu Ge⸗ noveva „Gut; ſo ſehen wir es gerne. Ihr ſeid eine mu⸗ thige Frau. Ihr denkt nicht günſtig von uns, ſchönes Mädchen! ein Republikaner iſt kein ſolches Ungeheuer von Heuker, daß er einem würdigen Mädchen, wie Euch, etwas zu Leide thun ſollte. Im Gegentheil, er wird Euch all die ungerechten Flüche und Verwünſchungen vergeben. Kommt, folgt mir ohne Widerſtand; wir werden aus Achtung vor Euch Euern Vater in Frieden laſſen.“ Das Mädchen umarmte ihren Vater und flüſterte ihm einige freundliche Worte in's Ohr. Als ſie ihn los⸗ ließ, um dem Befehl des Sergeanten zu gehorchen, ſtröm⸗ ten ihr die Thränen in Bächen über die Wangen und ſie begann laut auf zu ſchluchzen und zu weinen. Der Küſter ging unfern von ihr neben dem Wege einher und hielt die Hände vor die Augen. Schweigend näherte ſich die Truppe dem Apdler⸗ Genoveva wiſchte die Thränen von ihren Wangen und richtete mit pochendem Herzen den Blick nach dem Wirths⸗ haus, wo Simon⸗Brutus ſie erwartete; ſie ſchien ſich ſelbſt zum Kampfe zu ermuthigen und auf den Wider⸗ ſtand vorzubereiten. Die Schildwache hielt den Küſter zurück, als er hinter ſei Die Thü Schauer lichſten( zu Zeit ſeinen ver Plö. Thüre un ihn mit Bayonnei hin dern. Bew um Barn wache hir lichen Tö Nach die Schit ſchleppte ihn dort Der Kopf ganz während Einig mit ſchwa glauben ſ Hülfe gez Inde bracht. Der ſchloß ſie. Dieſe vor Angſt Conſcienc waltiges in ſo Stolzes ten einander inſahen. Line,„man ren Adern!“ er Andere. der Republik tze auf dem n Ernſt. agte zu Ge⸗ eid eine mu⸗ uns, ſchönes 8 Ungeheuer u, wie Euch, Il, er wird wünſchungen rſtand; wir in Frieden und flüſterte ſie ihn los⸗ rchen, ſtröm⸗ igen und ſie n. n dem Wege dem Adler⸗ Wangen und dem Wirths⸗ ſchien ſich den Wider⸗ ück, als er 113 hinter ſeiner Tochter in das Wirthshaus treten wollte. Die Thüre ſchloß ſich hinter ſeinem Kinde und ein Schauer durchrieſelte ſeine Glieder. Tauſend der gräß⸗ lichſten Gedanken ſtrömten durch ſeinen Kopf; von Zeit zu Zeit entflog ihm ſogar ein Schrei, als ob ſich vor ſeinen verwirrten Augen ſchreckliche Bilder zeigten. Plötzlich ſprang er in voller Verzweiflung nach der Thüre und wollte ſie öffnen; aber die Schildwache ſtieß ihn mit harten Worten zurück und richtete das gefällte Bayonnet auf ſeine Bruſt, un ihn am Eindringen zu hin dern. Bewußtlos ſank der arme Küſter auf die Knie, kroch, um Barmherzigkeit flehend, im Sande zu der Schild⸗ wache hin. Mit aufgehobenen Händen bat er in ſchmerz⸗ lichen Tönen, ſeinem Kinde folgen zu dürfen. Nachdem alle Drohungen fruchtlos geweſen, ergriff die Schildwache den unglücklichen Mann am Kragen, ſchleppte ihn nach der andern Seite des Weges und warf ihn dort nieder. Der Küſter richtete ſich wieder auf und lehnte den Kopf ganz zerſchmettert von dem Sturze, an einen Stamm, während ihm die Thränen über die Wangen liefen. Einige Zeit darauf verließ er den Platz und ging mit ſchwankenden Schritten dem Dorfe zu. Man hätte glauben ſollen, ſein verwirrter Geiſt habe ihm eine letzte Hülfe gezeigt, und er eile, dieſe Hülfe herbeizurufen. 3 Sa ſlen wurde Genoveva vor Simon⸗Brutus ge⸗ racht. Der Sergeant führte ſie mitten in das Zimmer, ſalntirte den Commiſſär und verſchwand. Während das Mädchen mit zu Boden gerichteten Blicken daſtand, ging Simon⸗Brutus zur Thüre und ſchloß ſie. Dieſe geheimnißvolle Vorſorge machte das Mädchen vor Angſt und Entrüſtung zittern. Sie erhob ihr ſtolzes Conſcience, Bauernkrieg. 8 114 Haupt, warf einen ſtrengen Blick auf den Offizier und agte: ſag„Ich weiß nicht, welches Loos Ihr mir vorbehaltet, aber ich bitte Euch, mein Herr, glaubt mir: es liegt bis⸗ weilen im Buſen einer ſchwachen Frau mehr Muth ver⸗ borgen, als in dem Herzen der Männer, die vor Eurer Tyrannei fliehen!“ Simon⸗Brutus blieb erſtaunt an der Thüre ſtehen, und betrachtete mit Bewunderung das Mädchen, das ihn durch ihren ſtolzen Blick verwirrte. Groß und majeſtätiſch, mit blaſſem Geſichte und zitternden Wangen ſtand ſie da ſchön und gewaltig wie das Marmorbild einer griechiſchen Heldin. Er näherte ſich ihr und ſagte: „Veva, warum erſchreckt Ihr vor mir? Glaubt Ihr, Simon habe Euch holen laſſen, um Euch ein Leid zu thun? Setzt Euch nieder, Veva, und ſeid ruhig. Wenn Ihr's nicht ſelber wollt, wird Euch kein Leid geſchehen...“ „Er brachte dem Mädchen einen Stuhl und ergriff ihre Hand, um ſie zum Sitzen zu nöthigen. Die Gewalt, mit der ſie ihm ihre Hand entriß und der Blick der Verachtung, den ſie ihm zuwarf, machten ihn erblaſſen und beugten ſeinen Stolz. Zitternd vor Zorn trat er einige Schritte zurück, ſetzte ſich nieder und ſagte in ungehaltenem Tone: „Ihr ſcheint mich zornig machen zu wollen! Aber vergeßt nicht, Citoyenne, daß Ihr in meiner Macht ſeid. Fürchtet Ihr des Löwen Zähne, ſo reizt ihn nicht!“ „Laßt mich wiſſen, warum ich ſo gewaltthätig von Euren Soldaten aus meiner Wohnung geriſſen worden!" fragte das Mädchen, ohne auf ſeine Drohung zu hören. „Sagt, mein Herr, was verlangt Ihr von mir? Was iſt Eure Abſicht?“ „Meine Abſicht? Ich weiß es ſelbſt nicht. In jedem Falle wollte ich Euch nicht beleidigen. Nur um Euch zu ſehen und zu ſprechen, ließ ich Euch holen. War die Einladun entſpring kaner ha jedoch ni Der Genoveve aus ihren „Wo ſagen, ich ich, laßt liche Pein Sim dem Mäde Stimme: „Ver geführt, zwanzig 2 Triumphe Raſerei il ſah ich fl rollen. J ein Spiel in dieſem mein Vate dem eine wurzelte. Augen; C Spra Mädchen d Der( „Als mal, als o ſeid, Euch habe ich m zu meinen nicht?“ Offizier und vorbehaltet, es liegt bis⸗ Muth ver⸗ e vor Eurer chüre ſtehen, een, das ihn majeſtätiſch, ſtand ſie da, —griechiſchen Glaubt Ihr, id zu thun? Wenn Ihr's dehen... und ergriff entriß und erf, machten itte zurück, LCone: ollen! Aber Macht ſeid. nicht!“ ltthätig von n worden!“ g zu hören. mir? Was . In jedem im Euch zu . War die Einladung etwas roh, was ich nun ſelbſt bedaure, ſo entſpringt das aus unſern Sitten, Veva: die Republi⸗ kauer haben keine Zeit, höflich zu ſein: ihr Herz iſt jedoch nicht ſo hart, als ihre Thaten bisweilen ſcheinen.“ Der ſanftere Ton dieſer letzten Worte beruhigte Genoveva einigermaßen; die Angſt verſchwand theilweiſe aus ihrem Geſichte. Sie ſetzte ſich und ſagte kalt: „Wohlan, mein Herr, habt Ihr noch etwas zu ſagen, ich höre: iſt dagegen Euer Wunſch erfüllt, ſo bitte ich, laßt mich gehen. Mein armer Vater leidet unſäg⸗ liche Pein: der Schreck läßt ihn den Tod koſten.“ Simon⸗Brutus ſchien über die Veränderung, die in dem Mädchen vorgegangen, erfreut; er ſagte mit gerührter Stimme: „Veva, ich habe ſeit fünf Jahren ein wüſtes Leben geführt, Umwälzungen und Metzeleien geſehen, dem Tode zwanzig Mal getrotzt und an des Volkes fieberhaftem Triumphe nach dem Siege, und an der furchtbaren Raſerei ihrer Rache Theil genommen; Ströme Blutes ſah ich fließen, Hunderte von Häuptern vom Schaffote rollen. Ich wurde durch die Ereigniſſe in Paris wie ein Spielball des Schickſals hin⸗ und hergeſchleudert; in dieſem Strudel des Lebens habe ich alles vergeſſen: mein Vaterland, mein Dorf, meinen Vater, alles außer dem einen Gefühl, das in der Tiefe meines Herzens wurzelte... Ihr, Veva, Ihr allein lebtet vor meinen Augen; Euer Bild allein hat mich nicht verlaſſen.“ Sprachlos und mit geſenktem Kopfe lauſchte das Mädchen dieſen Worten. Der Commiſſär fuhr fort: „Als wir jünger waren, Veva, ſchien es mir manch⸗ mal, als ob Ihr nicht gleichgültig gegen die Bemühungen ſeid, Euch einen Blick abzulauſchen. Sagt mir, Veva, habe ich mich getäuſcht? Hat nie etwas in Eurem Herzen zu meinen Gunſten geſprochen?... Ihr antwortet nicht?“ 116 „Verlaugt Ihr Wahrheit zu hören?“ fragte Geno⸗ veva,„ſelbſt wenn ſie Euch verletzen würde?“ „Sprecht die Wahrheit, Veva!“ „Nun, es iſt möglich, daß ich in unſerer früheren Jugend dem luſtigen Simon Meulemans nicht minder geneigt war, als meinen andern Spielgenoſſen; aber ſpäter, als er ein barſcher und hochmüthiger Menſch ge⸗ worden, als er ſeines Vaters Rath und Befehle verach⸗ tete, und öffentlich ſich zu dem gottloſen Weſen der franzöſiſchen Tyrannen bekannte, da verwandelte ſich mein⸗ Zuneigung in Abſcheu...“ Ein plötzliches Beben erfaßte den Offizier bei dieſen Worten: er bezwang jedoch den Sturm ſeiner Gefühle und ſagte: „Zu jener Zeit mochte das elende Belgien noch hoffen, die Freiheit vontſich abwerfen zu können, um in Dummheit und Sklaverei fortzuleben: aber nun iſt dieſe Hoffnung verſchwunden. Unſer früheres Vaterland bildet einen Theil der franzöſiſchen Republik, und wird bald nicht allein in Geſetzen, ſondern auch in Sprache und Sitten mit Frank⸗ reich gleich ſein. Was früher hier Verbrechen und Schande ſchien, iſt nun eine Tugend und eine Ehre. Sollte es nicht möglich ſein, Veva, daß Ihr in Eurem Herzeu mehr Zuneigung für Simon⸗Brutus, den Commiſſär der Centralgewalt, fändet, als für den trotzigen Jüngling, den Ihr früher gekannt.“ „Ach, Simon,“ rief das Mädchen,„warum zwingt Ihr mich, Euch zu beleidigen? warum fragt Ihr mich nach dem, was Ihr ſelbſt vermuthen könnt? Laßt mich gehen; erſpart Euch ſelbſt die unangenehme Erklärung des Gefühls, das Ihr mir einflößt.“ „Das Gefühl iſt alſo wohl ſchrecklich!“ murmelte der Offizier mit bitterem Lächeln,„Ihr haßt mich alſo wohl ſehr, daß Ihr Euch ſcheut, dieſen Haß mit Worten zu erklären. Wie dem auch ſei, ich fordere, daß Ihr ſprecht.“ „Sel innigen H die gottve habt wähl Brüder g die Prieſ Läſterunge und uns l thiere oder mich mein alles, was zu haſſen blutgierige Unglück u Währ ſtolze Halt mit jedem bedrohte. Auch Verändern chens ihm wundeten, ſich über Griff des das Mäde „Unr wohl, daß Nichts, k kann Euch „Ihr geſagt,“ 1 genug, un ihren Arn agte Geno⸗ rer früheren icht minder oſſen; aber Menſch ge⸗ fehle verach⸗ Weſen der te ſich meine r bei dieſen ner Gefühle noch hoffen, n Dummheit eſe Hoffnung einen Theil icht allein in a mit Frank⸗ und Schande Sollte es urem Herzen ommiſſär der i Jüngling, arum zwingt gt Ihr mich 2 Laßt mich ne Erklärung !“ murmelte aßt mich alſo mit Worten re, daß Ihr 117 „Seht, Simon, früher hegte ich einen ſtillen, aber innigen Haß gegen Euch; aber nun, da Ihr Euch durch die gottvergeſſenen Böſewichter Frankreichs zum Henker habt wählen laſſen, der Seele und Leib martern, unſere Brüder gefangen fortführen, die ſchuldigen Hände an die Prieſter legen, die Tempel unſeres Gottes durch Läſterungen entheiligen, unſre Wohnungen verbrennen und uns behandeln ſoll, als wären wir ein Haufen Laſt⸗ thiere oder eine Heerde vernunftloſes Vieh.... jetzt ruft mich mein geläſterter Glaube, mein weinend Vaterland, alles, was mir auf Erden lieb iſt, auf, Euch zu verachten, zu haſſen als ein Werkzeug der Hölle, als einen Geſandten blutgieriger Ungeheuer, die von Paris aus die Welt mit Unglück und Verbrechen überziehen....!“ Während dieſer Worte hatte das Mädchen ihre erſte ſtolze Haltung wieder angenommen: ihre Entrüſtung ſtieg mit jedem Augenblicke, und ſie vergaß die Gefahr, die ſie bedrohte. Auch auf Simon⸗Brutus Geſicht war eine große Veränderung vorgegangen; je mehr die Worte des Mäd⸗ chens ihm die Hoffnung nahmen und ſeinen Stolz ver⸗ wundeten, deſto tiefer wurde die Bläſſe des Zornes, die ſich über ſein Antlitz ergoſſen. Er ſaß bebend und den Griff des Säbels in ſeinen Händen ringend da. Als das Mädchen zu Ende war, ſprang er auf und rief: „Unverſchämte, Ihr fürchtet mich nicht. Wißt Ihr wohl, daß ich mit Euch verfahren kann, wie mir beliedt? 2 Nichts, keine Macht auf Erden ſteht mir im Wege und kann Euch ſchützen.“ „Ihr habt die Wahrheit verlangt, ich habe ſie Euch geſagt,“ antwortete Genoveva.„Ich fürchte Euch nicht genug, um zu lügen.“ Durch den verächtlichen Ton, in welchem ſie dies ſagte, in die höchſte Wuth verſetzt, lief der Offizier auf das Mädchen zu, riß ſie aus dem Stuhl empor und rief, ihren Arm mit ſeiner Fauſt drückend: 118 „Ha, Ihr fürchtet Euch nicht? So muß ich Euch meine Macht fühlen laſſen, hartnäckige Schwärmerin!“ Genoveva ließ ſich geduldig hin⸗ und herſtoßen, während ſie mit ſpöttiſchem Lächeln ihren Peiniger anſah, deſſen Wuth durch dieſe Gelaſſenheit noch heftiger ent⸗ flammt wurde. Als Simon⸗Brutus ſie losließ und vor Zorn zitternd, mit den Armen über der Bruſt, vor ihr ſtehen blieb, ſchwebte das empörende Lächeln noch auf ihren Lippen. „Ihr habt alſo wirklich keinen Begriff von der Ge⸗ fahr, die Euch droht? Seid Ihr wahnſinnig?“ brüllte der Offizier. „Wahnſinnig?“ ſprach das Mädchen.„Waren die chriſtlichen Märtyrer wahnſinnig, die ihrer Henker inmitten der Flammen noch ſpotteten?“ „Dummheiten aus der Zeit des blindeſten Fanatis⸗ mus!“ murmelte der Offizier. „Nun,“ rief das Mädchen,„war ſie wahnſinnig die franzöſiſche Heldin, die die Welt von dem blutigſten Un⸗ geheuer erlöste? War fie wahnſinnig, jene Charlotte Corday?“ Während ſie dieſe Worte ſprach, hatte Genoveva ihr Haupt emporgerichtet: in ihrem Geſichte prägte ſich große Willensſtärke und Entſchloſſenheit aus, ihre Blicke waren ſo geheimnißvoll und drohend, in ihrem ganzen, Weſen lag eine ſo feurige Begeiſterung, daß Simon⸗Bru⸗ tus unwillkürlich einige Schritte zurücktrat. Er zog eine Piſtole aus ſeinem Gürtel und ſpannte den Hahn⸗ „So, ſo,“ rief er,„Charlotte Corday? Und ich war kindiſch genug, Euch von Liebe zu ſprechen! Und Ihr, Ihr kommt, mich zu ermorden! Vielleicht glaub⸗ tet Ihr durch dieſe feige That einen Platz im Himmel zu verdienen? Aber es wird Euch nicht gelingen, Wahn⸗ finnige, die Ihr ſeid!“ 1 „Ihr täuſcht Euch über meine Abſicht.,“ antwortete Genoveva,„ich fürchte den Tod nicht; und hättet Ihr mich ge „Augen In klopft. halten; wider klopft. glaubte Thüre hier ein ihn miß des Cit geſchehe S und ſag 96 Citoyer augenb Er veva un 2,2 Das g warum verlobt dienen, flüchtet zöͤſiſcher hofft un geben, nuß ich Euch hwärmerin!“ nd herſtoßen, einiger anſah, heftiger ent⸗ Zorn zitternd, ſtehen blieb, ihren Lippen. von der Ge⸗ nig?“ brüllte „Waren die enker inmitten eſten Fanatis⸗ vahnſinnig die blutigſten Un⸗ ene Charlotte Genoveva ihr prägte ſich 3, ihre Blicke ihrem ganzen Simon⸗Bru⸗ Er zog eine Hahn.⸗ ay 2 Und ich prechen! Und elleicht glaub⸗ 3 im Himmel ingen, Wahn⸗ „“ antwortete nd hättet Ihr mich gemartert, ich würde mit Geduld mein Schickſal ertragen haben....“ „Was ſprecht Ihr denn von Charlolte Corday oder treibt Ihr Euren Spott mit mir?“ „Es gibt kein größer Unglück als den Tod. 7 ſeufzte das Mädchen in düſterem Tone, während in ihren „Augen ein tiefes Feuer glühte. In dieſem Augenbllcke wurde leiſe an die Thüre ge⸗ klopft. Der Commiſſär ſchien über dieſe Störung unge⸗ halten; dennoch öffnete er. „Was gibt Euch den Muth, meinen Befehlen zu⸗ zider zu handeln?“ fragt er den Sergeanten, der ge⸗ klopft „Citoyen⸗Commiſſär,“ antwortete dieſer,„ich glaubte, Ihr werdet es nicht übel aufnehmen. An der Thüre des Wirthshauſes ſteht ein Mann, der mit Gewalt hier eindringen will. Um ihn zurückzuhalten, müßten wir ihn mißhandeln, und da er ſagt, daß er der eigene Vater des Citoyen⸗Commiſſär iſt, kann dies doch wohl nicht geſchehen: was ſollen wir thun?“ Simon⸗Brutus ſtampfte ungeduldig auf den Boden und ſagte: „Schon wieder Seufzen und Jammern! Sagt dem Citoyen, er ſolle einen Augenblick warten; ich werde augenblicklich rufen und ihn hereinlaſſen.“ Er ſchloß die Thüre wieder, wandte ſich an Geno⸗ veva und ſagte; „Alſo, itahenne zwiſchen uns iſt alles abgethan? Das glaubt Ihr wohl? Ihr täuſcht Euch. Ich weiß, warum Ihr mich haßt. Ihr ſeid einem andern Manne verlobt, einem Feigling, der ſtatt ſeinem Vaterlande zu dienen, mit einem Haufen dummer Bauern in die Wälder flüchtet,— einem Räuber, der die Soldaten der fran⸗ zoͤſiſchen Republik bei Nacht überfällt und ermordet. Ihr hofft und er hofft, mein Abzug werde Euch Gelegenheit geben, einander zu heirathen. Wir wollen mal ſehen, 120 Ihr ſeid von dieſem Augenblick Gefangene der franzöſt⸗ ſchen Republik: Ihr ſollt als Geißel und Unterpfand für Bruno nach dem Lager von Antwerpen geführt und im Kaſtell eingeſchloſſen werden. Macht Euch deßhalb fertig: dieſen Abend noch werdet Ihr mit dem Paſtor Eure Wanderſchaft antreten.“ „Darf ich meinen Vater zuvor noch einmal ſehen?²“ fragte das Mädchen mit großer Kälte. „Euren Vater... Euer Vater iſt ein Sklave des Fanatismus; er kann Euch nichts ſagen, was Euch beſſere Gedanken einflößte. Ihr werdet ihn nicht wieder ſehen!“ Thränen traten in Genovevas Augen, ſie bewältigte jedoch ihren Schmerz und drängte dieſe verrätheriſchen Zeichen deſſelben zurück. Indeſſen war Simon nach der Thüre gegangen und hatte den Sergeanten gerufen. „Citoyen⸗Sergeant,“ befahl er,„dieſe Frau werde zu dem Paſtor in den Stall gethan; man gebe ihr einen Stuhl und was ſie ſonſt verlangen mag. Die Wache bei dem Stall werde verſtärkt.... Bringt den Citoyen herein, der mich zu ſprechen wünſcht.“ Während der Sergeant das Mädchen nach der Thüre führte, ſagte Simon⸗Buutus zu ihr: „Ihr ſeht wohl, Genoveva, daß ich nicht ganz die Hoffnung aufgegeben, Euch zu Vernunft zu bringen. Wo Ihr auch ſein mögt, erinnert Euch, daß ich die Macht habe, Euch zu retten, Euch ſogar ein beneidens⸗ werthes Loos zu ſichern. Ein einziges Wort aus Eurem Munde und Ihr ſeid frei....“ Das Mädchen verließ das Zimmer, ohne ihm zu ant⸗ worten. In tiefen und unruhigen Gedanken lief Simon⸗ Buuntus im Zimmer auf und ab und murmelte in den Bart: „Mein Vater! Unter all' dem Mühen und Denken hätte ich beinahe vergeſſen, daß ich ihm ſo nahe bin. Was will Schwärm ſtumpfen wird er 2 ſtreiten. meinen r rücken? T Jederman willen der achten un Feigling Iſt er bi Obm Kälte ſpr zens dier machte ei Stolz ſti jedoch nie „Wi Erden ni eignen T zum Sol wohners, Gelehrten mir keine ſtand des dammen? Er der von fuhr er n „Eit ter, noch Dann we ein Rieſe 1 .. In er franzöſt⸗ erpfand für hrt und im halb fertig: aaſtor Eure al ſehen?“ Sklave des Euch beſſere der ſehen!“ bewältigte rätheriſchen gangen und Frau werde be ihr einen Wache bei en Citoyen h der Thüre ht ganz die u bringen. aß ich die beneidens⸗ aus Eurem ihm zu ant⸗ ef Simon⸗ elte in den ind Denken nahe bin. Was will er? Mich beſuchen, mich ſehen? Er iſt ein Schwärmer, wie all' die andern. Das ganze Dorf iſt in ſtumpfen Blödſinn verſunken. Mit Geheul und Thränen wird er Dinge von mir erbetteln, die mit meinen Pflichten ſtreiten. Ich kaun ſeinen Zartſinn entſchuldigen; aber meinen republikaniſchen Glauben in einem Punkte ver⸗ rücken? Das wäre Schwachheit.... Und da mich doch Jedermann hier verachtet, warum ſollt ich um Meinet⸗ willen den Geiſt der Befehle der Centralgewalt miß⸗ achten und in den Augen meiner Kameraden mich zum Feigling herabwürdigen?— Mein Vater möge kommen! Iſt er billig, ſo will ich's auch ſein.“ Obwohl Simon⸗Brutus dieſe Worte mit ſcheinbarer Kälte ſprach, ſo beſaß er doch im Innern ſeines Her⸗ zens dieſe Ruhe nicht. Das Eintreten ſeines Vaters machte einen erſchütternden Eindruck auf ihn: Natur und Stolz ſtritten in ſeinem Innern. Dieſer Streit konnte jedoch nicht lange zweifelhaft bleiben. „Wie kindiſch!“ rief er.„Iſt der Menſch auf Erden nicht ein ganz unabhängig Weſen, nur für ſeine eignen Thaten verantwortlich. Und hat der Zufall Euch zum Sohne eines Brauers, eines beſchränkten Dorfbe⸗ wohners, ſtatt zum Sohne eines Volksmannes oder eines Gelehrten gemacht, welche Schuld trage ich daran, da mir keine Wahl gelaſſen war? Kann der geringe Ver⸗ ſtand des Vaters den Sohn zu gleicher Dummheit ver⸗ dammen?“ Er ſchüttelte verdrießlich den Kopf, wie Jemand, der von dem, was er ſagt, nicht ganz überzeugt iſt. Dann fuhr er mit einiger Muthloſigkeit fort: „Ein Republikaner ſollte weder Vater, noch Mut⸗ ter, noch Freunde haben; ſelbſt keine Vergangenheit! Dann wäre er von allen Banden frei und mächtig wie ein Rieſe durch die Kraft ſeines ungehinderten Willens 1u „.. In dieſem Augenblick wurde die Thüre geöffnet; 122 ein bejahrter Mann mit greiſen Haaren und gebeugtem Rücken trat ein. Mit ſichtbarer Rührung lief ihm Simon⸗Brutus entgegen, ergriff ſeine Hand und ſagte, indem er ſie freundlich drückte: „Vater, warum weint Ihr? Beruhigt Euch: ſagt mir, was Euch betrübt.“ Ein Lächeln erhellte die Züge des Brauers; der ſanfte und gerührte Ton ſeines Sohnes ſchien ihn zu verwundern und glücklich zu machen. „Da, ſetzt Euch nieder,“ fuhr der Offizier fort, „Eure Thränen ſchmerzen mich, ſo glaubt' ich nicht nach fünfjähriger Abweſenheit meinen Vater wiederſehen zu müſſen.“ „Mein Kind! mein Kind!“ rief der Brauer, und warf ſich Simon⸗Brutus um den Hals,„Liebe ſpricht aus Deinem Tone! Ich täuſche mich vielleicht, aber gönne mir dieſe ſüße Täuſchung!“ Er umarmte und küßte ſeinen Sohn mit fieberhafter Leidenſchaft; dieſer gab ſich einen Augenblick den Lieb⸗ koſungen hin, löste ſich dann ſanft aus ſeiner Umarmung und ſagte: „Ich dank' Euch, Vater, daß Ihr mich noch ſo innig liebt, obgleich unſere Denkweiſe ſo himmelweit von einander verſchieden iſt. Ihr ſeid hierherkommen, um mir von wichtigen Dingen zu ſprechen, ſo glaub' ich wenigſtens. Sagt nur, was Ihr verlangt; kann ich es thun, ohne meinen Pflichten zuwider zu handeln, ſo wird es mich freuen, wenn ich Euch zu dienen vermag.“ „Ach, Simon,“ ſprach der Brauer,„möge Gott in dieſem Augenblick Deinen Geiſt erleuchten! Möge er mein banges Gebet erhören und den ſchrecklichſten Tod, den Tod der Verzweiflung von mir abwenden. Simon, es ſind in unſerm Dorfe fünfzig Henker erſchienen, die ge⸗ ſandt von den blutigſten Tyrannen, unſer Vaterland mit Schrecken erfüllten, und Du, mein Sohn, Du biſt der Obe meine S nie gebo Tyrann Blut nie Sin ungeduld „De aus Ehrf republika ein Men loſe Lebe führe De Dorf zur abtreten, ſchöne T Mit Brutus: „Il Euch ſo daß die will, für „F. uns die hängig; Volk ga Fremde durch di vernichte Sitten, uns wie und Gr. wagte J würde il verloren gebeugtem ion⸗Brutus dem er ſie Euch: ſagt auers; der ien ihn zu fizier fort, nicht nach derſehen zu rauer, und ebe ſpricht eicht, aber fieberhafter den Lieb⸗ Umarmung ch noch ſo ielweit von umen, um glaub' ich ann ich es andeln, ſo vermag.“ ge Gott in ge er mein Tod, den Simon, es n, die ge⸗ Vaterland n, Du biſt 123 der Oberſte dieſer wüſten Henker! O mein Schmerz, meine Scham ſind unausſprechlich! Ich wollte, daß ich nie geboren wäre, dann würde mein Sohn nie der Tyrann meiner Brüder geworden ſein: dann wäre mein Blut nie gegen Gott aufgeſtanden.“ Simon⸗Brutus' Geſicht verdüſterte ſich: er rückte ungeduldig auf ſeinem Stuhle hin und her und ſagte: „Das ſind andere Sachen. Glaubſt Du, ich werde aus Ehrfurcht vor Dir meine Geſinnungen ändern, meine republikaniſche Ueberzeugung aufgeben, unmöglich! Kann ein Menſch ſein Inneres wechſeln, wie ſeine Kleider?“ „O Simon,“ ſprach der Vater,„verlaſſe dies gott⸗ loſe Leben; gib Deinen Gefangenen die Freiheit wieder, führe Deine Soldaten nach Antwerpen, kehre in unſer Dorf zurück. Ich werde Dir all' mein Hab und Gut abtreten, Dir Alles übergeben, was ich beſitze. Du wirſt ſchöne Tage erleben und glücklich ſein auf Erden....“ Mit einem ſpöttiſchen Lächeln antwortete Simon⸗ Brutus: „Ihr irrt, Vater. Wie iſt es möglich, daß Ihr Euch ſo ſehr verblenden ließet? Seht Ihr denn nicht, daß die franzöſiſche Republik Euch die Freiheit ſchenken will, für die Ihr ſo viel Blut vergoſſen?“ „Freiheit?“ ſeufzte der erſtaunte Vater.„Ihr bringt uns die Freiheit? Unter den Kaiſern waren wir unab⸗ hängig; unſere Rechte waren unverletzlich: kein freier Volk gab's auf der weiten Erde. Nun conſpirirt der Fremde und nimmt Beſitz von unſerm Lande— nur durch die Macht des Stärkeren. Ohne uns zu fragen, vernichtet er alles, was uns theuer iſt: Geſetze, Sprache, Sitten, Religion. Seine elenden Miethlinge behandeln uns wie Sclaven: ſie ſchlagen uns, rauben unſer Hab und Gut, verbrennen unſere Wohnungen.... und wagte Jemand eine Klage laut werden zu laſſen, ſo würde ihn Tod oder Gefängniß den Gedanken an unſer verloren Volksrecht vergeſſen machen. Ach! und wir 124 müſſen die abſcheuliche Sclaverei lieben, weil unſere Henker behaupten, daß ſie Freiheit heißt?“ „Wie ungerecht, wie undankbar!“ rief Simon⸗Bru⸗ tus,„wir find Eure Wohlthäter und Ihr nennt uns Henker!“ „Unſere Wohlthäter!“ wiederholte der Brauer, indem er die Hände erhob.„Verfolgung, Mord und Brand, Wohlthaten? Sollte die menſchliche Sprache ihre Bedeutung verändert haben?“ „Ihr begreift das nicht. Die Jahrhundert lange Unwiſſenheit, die die Welt in Dunkelheit begraben hatte, umnebelte auch Euren Geiſt und machte Euch unfähig, die Wahrheit zu begreifen. Ihr legt den höchſten Werth⸗ auf nichtige Dinge, auf Sachen, die man Euch ehren und lieben lehrte, wie man den Kindern ihr Spielzeug in die Hand gibt, um ihren Verſtand von ernſterem Nachdenken abzuwenden. Und ſo verkennt Ihr die koſt⸗ barſten Wohlthaten, die der Menſchheit geſchenkt werden können, nämlich das Licht, die Vernunft, die Unabhän⸗ gigkeit, die Freiheit, die Bruderliebe.... Und dies alles bringen wir Euch im Namen der edelmüthigen franzöſiſchen Republik!“ Der Brauer hatte ſeit einigen Augenblicken zitternd auf die Worte ſeines Sohnes gelauſcht. Plötzlich erhob er ſich und rief mit wachſender Entrüſtung, ja, endlich mit glühendem Zorne: „Licht? In blutiger Läſterung den Kopf zum Him⸗ mel werfen und Gott höhnen; die wüſte Begierde an die Stelle der Tugend ſetzen; dem Willen den Zügel ſchießen laſſen, kein anderes Geſetz als den unerſättlichen Hochmuth anerkennen, in That und Wort thieriſche Luſt als einzige Triebfeder wählen..... das iſt Licht! das iſt Vernunft!— Unabhängigkeit? Ein Volk, das ſeit Jahrhunderten frei und unabhängig war,— weil es klein und unmächtig iſt, ſeiner Sprache, ſeiner Ge⸗ ſetze, ſeiner Sitten berauben; ihm ſeine Schätze ſtehlen, es verfol Kopf tre ſchlagen bringt! fluchte L Menſche die Guil Schwert Bruderli milie au die gan die Gui Iſt ſie ſelbſt ar aufräum die den köpfe a die Lie henden es, die Euch zu fangener von Fr. von Go beherrſch ewigen uns die die Fre unterjoe Wer ha Fremdl ſtrömt es kom ſengend Begierd zum H. eil unſere imon⸗Bru⸗ nennt uns Brauer, Nord und prache ihre dert lange aben hatte, h unfähig, ſten Werth Euch ehren Spielzeug ernſterem aer die koſt⸗ nkt werden Unabhän⸗ Und dies eelmüthigen en zitternd ßlich erhob ja, endlich zum Him⸗ hegierde an den Zügel nerſättlichen eriſche Luſt iſt Licht! Volk, das -,— weil ſeiner Ge⸗ tze ſtehlen, 125 126 „Halte ein! Kein Wort mehr!“ rief Simon⸗Brutus und ſprang entrüſtet auf:„Habt Ihr, Götter, die Ihr nicht gerne läſtern hört, ſo habe ich einen Glauben, den ich nicht verachten laſſen will.— Ihr habt meinen höch⸗ ſten Zorn wach gerufen— und wär't Ihr nicht mein Vater.....!“ Mit dieſen letzten Worten ergriff er eine Piſtole und hielt ſie krampfhaft in den Händen. „O Gott,“ rief der arme Vater, in dem Stuhle zurückſinkend und die Arme zum Himmel erhebend.„O Gott, erſpare meinem Sohne dies Verbrechen!“ Todesbläſſe ergoß ſich über ſein Geſicht: ſeine Augen ſchloſſen ſich, ſeine Arme fielen matt herab: er lag wie eine lebloſe Leiche da. Bei dieſem Anblick erſchrak Simon⸗Brutus: er eilte zu ſeinem Vater hin, drückte ihm die Hände, verließ ihn wieder, nahm Waſſer, rieb es ihm auf die kalte Stirne und ſuchte ihn mit freundlichen Worten zu beleben. Nach vielen Bemühungen ſah er endlich wieder Leben in ſeinen Vater zurückkehren. Der Greis oͤffnete erſtaunt die Augen, ſah einen Augenblick bewußtlos im Zimmer umher und preßte ſich dann mit einem Angſt⸗ ſchrei die Hände vor die Augen, um die Thränenfluth. zu verbergen, die plötzlich über ſeine Wangen zu ſtrömen begann. Simon⸗Brutus wußte nicht, was er thun ſollte; man konnte an ſeinem Geſichte und an den unruhigen Bewegungen ſehen, daß er tief erſchüttert war: Ungeduld und Scham kämpften in ſeinem Innern. Es war etwas, das ihm ſagte, ſein Zuſtand ſei lächerlich: ein anderes Gefühl ſuchte in ſeinem Herzen gleichfalls Raum zu gewinnen: das Mitleid mit ſeines Vaters Schmerz. Er ergriff deßhalb auf's Neue ſeine Hand und ſagte: „Vater, Ihr habt Euch getäuſcht: es war nicht meine Abſicht, Euch zu bedrohen. Ich wollte Euch nur ſagen, d franzöſiſe haltet mi mir erſch Beruhigt Der zurück un „Il Jähzorn Es war ſichten ſt dieſen Z gegenübe „Iü Gnade z erſchütter fühlte, iſt alſo! würdeſt weiſen, S „ wäre es „S armer 9 Ende, e Behörde eine Lei hat Die lebhaft daß er Aus M ſchenke dürfen.“ D e betrübt, on⸗Brutus , die Ihr nuben, den inen höch⸗ nicht mein ne Piſtole em Stuhle vend.„O 1“ ht: ſeine herab: er is: er eilte verließ ihn ilte Stirne leben. ich wieder reis öffnete wußtlos im nem Angſt⸗ hränenfluth zu ſtrömen hun ſollte; unruhigen : Ungeduld Zuſtand ſei nem Herzen mit ſeines und ſagte: war nicht e Euch nur ſagen, daß ein anderer Mann in meiner Gegenwart die franzöſiſche Republik nicht ungeſtraft läſtern würde. Ihr haltet mich für ſo verdorben und ſchändlich, daß Ihr vor mir erſchrakt, als könnte ich Euch ein Leids anthun? Beruhigt Euch; laßt uns nicht mehr davon ſprechen....“ Der Greis ſtand ſchweigend auf, zog ſeine Hand zurück und wandte ſich nach der Thüre. „Ihr verlaſſet mich nach ſolch' unglückſeligem Vor⸗ fall?“ ſeufzte Simon⸗Brutus leiſe.„Vergebt mir meinen Jähzorn; er entſpringt aus einer tiefen Ueberzeugung. Es war kein Streit zwiſchen uns beiden; Eure An⸗ ſichten ſtreiten gegen meine Grundanſchauungen und in dieſen Zeiten der Weltreform verſchwindet der Menſch gegenüber den ſtreitenden Gedanken.“ „Ich war hierher gekommen, um Dich um eine Gnade zu bitten,“ ſprach der Vater, und blieb mit un⸗ erſchütterlicher Ruhe mitten im Zimmer ſtehen.„Aber ich fühlte, daß meine Bitte von Dir verworfen würde. Es iſt alſo nutzlos, daß ich meinen Wunſch ausſpreche: Du würdeſt unerbittlich bleiben und unbarmherzig mich ab⸗ weiſen, wie diejenigen, deren Abgeſandter Du biſt.“ „Sprecht doch,“ antwortete ſein Sohn,„pielleicht wäre es möglich, Euch das Gegentheil zu beweiſen.“ „Simon,“ ſagte der Vater in düſterem Tone,„unſer armer Paſtor iſt achtzig Jahre alt: ſein Leben iſt zu Ende, er wird im Gefängniß ſterben. Du glaubſt, der Behörde den greiſen Prieſter abliefern zu können? Ach, eine Leiche nur wirſt Du ihnen anbieten. Der gute Mann hat Dich getauft. Er hat ſich über Deine Geburt ſo lebhaft gefreut, denn er war mein Freund und bat Gott, daß er meine Ehe mit Deiner Mutter ſegne..92 Aus Mitleiden mit ihm und mit mir, laß ihn gehen, ſchenke ihm die Gnade, bei ſeiner Kirche ſterben zu dürfen.“ Der Commiſſär ſchüttelte den Kopf und ſchien tief betrübt, 128 „Und Genoveva,“ fuhr der Brauer fort,„ſie iſt eine Frau; ſie hat nichts gethan, was Dich kränken könnte; ſie iſt unſchuldig, wie ein Lamm. Simon, mein Sohn, gib ihr die Freiheit. Ihr Vater liegt im Todes⸗ kampfe: der Verluſt ſeines einzigen Kindes hat ihm das Herz durchbohrt....“ „Wißt Ihr, Vater, um was Ihr mich bittet!“ fiel Simon⸗Brutus ihm in’s Wort. Der Brauer glaubte gewiß, ſein Sohn neige ſich zu einem günſtigen Eutſchluß. Dieſer Gedanke erhellte plötz⸗ lich ſein Antlitz mit dem Lichte der Hoffnung; er ſank Simon⸗Brutus zu Füßen und rief, die Hände zu ihm erhoben: „Mein Sohn, ſieh, Dein Vater kniet zu Deinen Füßen: o ſei nicht unerbittlich, erhöre, erhöre mein Fleben! Schenke mir die Freiheit der unſchuldigen Schlachtopfer: ich werde Dich ſegnen und zu Gott für Dich beten!“ Simon⸗Brutus hob von tiefer Rührung ergriffen, ſeinen Vater vom Boden auf und blieb einen Augenblick in ſprachloſes Sinnen verſunken ſtehen. „Ach, Simon, laß' den Geiſt des Böſen Dich nicht bemeiſtern!“ bat der Greis. Der Offizier erhob mit dem Ausdruck tiefen Schmer⸗ zes das Haupt und ſagte: „Der Paſtor iſt nicht mein Gefangener; er gehört der Centralgewalt, die mich beauftragt hat, ihn gefan⸗ gen zu nehmen. Genoveva bleibt als Pfand für Bru⸗ nos Unterwerfung in den Händen der franzöſiſchen Re⸗ publik: ſie ſoll nicht meinen Feind heirathen. Was Ihr von mir verlangt, iſt unmöglich. Wie ſehr es mich auch ſchmerzt, ich muß Eure Bitte abweiſen.“ Der unglückliche Vater wandte ſich mit Thränen wieder nach der Thüre und ſagte in verzweifelndem Tone: „Simon, ich muß Dich verlaſſen, muß eilends forte denn m Mund n ſtammt: unterdrü Vater ve ſeine Se geht, in gezeugt und zu Sin weinende er ihn ei Der rück und auf den Er ſich unge in ſchmer Nach Ein grin in ſeinen Er ſagte ihn das Str. ſo laſſe im bereite 2 in einer in Brand bereit.“ Als Brutus ein furcht hätte. Conſciene rt,„ſie iſt dich kränken imon, mein im Todes⸗ dat ihm das ittet!“ fiel heige ſich zu chellte plötz⸗ g; er ſank nde zu ihm zu Deinen erhöre mein unſchuldigen u Gott für g ergriffen, 3 Augenblick mDich nicht fen Schmer⸗ ; er gehört ihn gefan⸗ d für Bru⸗ ſiſchen Re⸗ Was Ihr s mich auch it Thränen zweifelndem llends fort; 129 denn mich treibt etwas zu ſchrecklicher That. Mein Mund wird den Henker verfluchen, der von meinem Blute ſtammt: aber mein Herz iſt ſtark genug, den Fluch zu unterdrücken. Du ſollſt mich nicht wieder ſehen: Dein Vater verläßt das Do rf, in dem er geboren iſt; er geht, ſeine Scham und ſeine Verzweiflung zu verbergen; er geht, in der Einſamkeit die Sünde zu büßen, Dich gezeugt zu haben; er geht, an einem Orte zu weinen und zu ſterben, den Du nie erfahren wirſt..⸗ Simon⸗Brutus eilte ſeinem Vater nach; aber der weinende Greis war aus dem Zimmer verſchwunden, ehe er ihn einholen konnte. Der unerbittliche Sohn kehrte in d as Zimmer zu⸗ rück und legte, von tiefer Rührung ergriffen, den Kopf auf den Tiſch. Er murmelte einige unverſtändliche Worte, ſchlug ſich ungeſtüm die Hand an die Stirne und blieb lange in ſchmerzliches Sinnen verſunken. Nach einer Viertelſtunde richtete er ſich endlich auf. Ein grinſendes Lachen verzog ſein Geſicht krampfhaft: in ſeinen Augen glühte ein düſteres Feuer. Er ging an die Thüre, rief den Sergeaaten und ſagte ihm mit gebrochener Stimme: „Man bewache den Prieſter das Strengſte. Werden meine und das Mädchen auf Befehle nicht befolgt, ſo laſſe ich den Schuldigen unbarmherzig erſchießen! Man bereite Alles zur Rache für den in einer Stunde werden wir nach in Brand ſtecken, was uns nöthig bereit.“ Als dieſer Befehl gegeben Mord des Korporals; dem Dorfe gehen, und dünkt. Bis dahin ſeid war, begann Simon⸗ Brutus fluchend durch das Zimmer zu ſtürzen, als ob ein furchtbarer Gedanke ihn plötzlich mit Gewalt erfaßt hätte. Conſcience, Bauernkrieg. V. Wenn man die Gemeinde Waldeghem verlaſſen wollte, um in der Richtung gegen Turnhout das erſte Dorf zu erreichen, zeigten die Einwohner einen dichtbewachſenen Wald und einen Fußpfad, der durch den dunkeln Schooß des Gehölzes führte. Dieſer Pfad zog ſich zuerſt durch einen Eichenwald, der noch die Spuren menſchlicher Pflege trug; aber je tiefer man in den Wald ſelbſt kam, deſto mehr nahm eine wüſte Natur überhand. Kügel und Abgründe wechſelten mit einander ab und ringsumher blühten Waldblumen wild durchein⸗ ander. Hier hoben Birken, Alben und Eichen ihre breiten Kronen in die Höhe und überſchatteten die kleineren Bäume, die, halb verſchmachtet, einen Weg zum Lichte zu ſuchen ſchienen. Wo ein flüchtiger Sonnenſtrahl bis⸗ weilen den Boden traf, da wucherte der Brombeerſtrauth mit üppigem Wachsthum und ſchlang ſeine Zweige durch Alles hin, bis wo mächtigere Gewächſe ihm Luft und Licht nahmen. Neben einem beinahe unſichtbaren Bacht badeten Weiden und Eſchen ihre mißgeſtalteten Wurzelu im Waſſer oder verlor ſich der Boden in einem gähren⸗ den Moraſte und barg ſich unter dem grünen Laub des hochaufgeſchoſſenen Mauſedorns. Ungefähr eine halbe Stunde tief im Walde wur ein Ort, den man den„Sandberg“ nannte, weil hier dar feuchte Boden ſich plötzlich zu einem ziemlich hohen Hi⸗ gel erhob und eine Lichtung zwiſchen der undurchdring⸗ baren Banmmaſſe bildete, die von allen Seiten den Fuf des Sandhügels umſchloß. Hier hatte ſich ein Theil der Einwohner von Wal⸗ deghem verſammelt und verborgen. einzelte und ben wichen. Me aus To flüchtet reichſten Kinder, und dur zu erkem Am zum Sau Gewehr bückt, un Von eine ſchne erheben: in dem herrſchte Hint kleine Hü⸗ werk zuſa geſtorbene hatte, ſaßf ſich in der krampfhaf drückte die dem Weid Die Jüngling ten; er an „Aber Leiden nich rlaſſen wollte, erſte Dorf zu htbewachſenen nkeln Schooß Eichenwald, rug; aber je mehr nahm einander al ild durchein⸗ mihre breiten die kleineren eg zum Licht⸗ nenſtrahl bis⸗ ombeerſtrauch Zweige durt hm Luft und tbaren Bach⸗ eten Wurzel inem gähren⸗ nen Laub der Walde wu weil hier der chh hohen Hi⸗ undurchdring⸗ iten den Fuß er von Wal⸗ Es war ein ſeltſames Schauſpiel, das ſich dem Blicke darbot. Ringsum den Sandberg, am Rande des Wal⸗ des und theilweiſe im Gebüſche verborgen, ſaßen ver⸗ einzelte Gruppen, den Kopf in den Händen, ſchweigend und bewegungslos, als wäre das Leben aus ihnen ge⸗ wichen. Man konnte leicht erkennen, daß ganze Familien aus Todesfurcht nach dieſem einſamen Orte ſich ge⸗ flüchtet hatten; denn obſchon die jungen Leute am zahl⸗ reichſten waren, bemerkte man auch Greiſe, Frauen und Kinder, die in tiefer Angſt zuſammengekauert dalagen, und durch verzweifelte Geberden ihre gefahrvolle Lage zu erkennen gaben. Am Ende dieſer Flaͤche, zum Sandberge kam, ſtanden Gewehr in der Hand und den Kopf unter das Laub ge⸗ bückt, um zu ſehen, ob keine Gefahr im Anzuge war. Von Zeit zu Zeit hörte man ein einſames Jammern, eine ſchneidende Klage ſich aus der Mitte dieſer Familien erheben: aber die Töne der Verzweiflung verloren ſich in dem weiten Raum, und die unheimlichſte Stille herrſchte ununterbrochen fort. Hinter dem Sandberge, am Walde, ſtand eine kleine Hütte, die in der Eile aus Zweigen und Blätter⸗ werk zuſammengefügt war. Auf dem Stamm einer ab⸗ geſtorbenen Weide, die man vor die Hütte geſchleppt hatte, ſaß Bruno mit geſenktem Haupte und ſtierte vor ſich in den Sand; in der rechten Hand hielt er mit krampfhafter Gewalt ein Gewehr; die andere Hand drückte die einer bejahrten Frau, die neben ihm auf dem Weidenſtamme ſaß und weinte. Die Frau wandte ihre feuchten Augen nach dem Jüngling und ſprach einige Worte, die ihn zittern mach⸗ ten; er antwortete ihr: „Aber um Gotteswillen, Mutter, vergrößere mein Leiden nicht durch Deinen bittern Schmerz. Mein Herz an dem Orte, wo man junge Bauern mit dem 132 ſchwebt gleichfalls in Todesangſt. Deine Ahnungen, wie ungegründet ſie auch ſind, machen mich erbeben. Ach, warum haſt du mich nicht gehen laſſen?“ „Bruno, lieber Bruno, ſie würden Dich ſicher er⸗ mordet haben!“ rief die Frau. „Aber ich hatte bereits gewußt, wo mein Vater iſt; er wäre in dieſem Augenblicke bei uns... Die ſchreck⸗ liche Ungewißheit, die noch ſchlimmer als der Tod, würde uns nicht martern... Komm, Mutter, habe Geduld; verſcheuche die ſchrecklichen Träume: Jan wird bald zu⸗ rück ſein; er wird uns Nachrichten vom Vater brin⸗ gen...“ Er wollte noch länger ſprechen, um ſeine Mutter zu tröſten, aber plötzlich begann ein junger Bauer, der auf den Sandberg geſtiegen war, ſo jammervoll zu ſchreien und die furchtbaren Worte:„Bruno! Bruno!“ zu rufen, daß die zerſtreuten Haufen mit ängſtlicher Neugierde auf den Hügel liefen. Bruno verließ gleichfalls den Weidenſtamm, der ihm zum Stuhle diente. Bald erfüllte ſich die Luft über dem Berge mit dem Schrei unausſprechlicher Verzweiflung: die Frauen fielen auf die Kniee und hoben die Hände bittend zum Himmel oder warfen ſich mit bangen Thri⸗ nen an den Hals ihrer Brüder und Söhne; die Greiſt rangen in ſtummer Verzweiflung die Hände; die Kinder heulten; die jungen Männer liefen rathlos hin und her, weß ſchrieen vor Verzweiflung im Gefühle ihrer Un⸗ macht. „Wehe, wehe! das Dorf brennt! Unſer Dorj brennt!“ war der Ruf, deun man am deutlichſten in dem verwirrten Geſchrei unterſcheiden konnte. Die unglücklichen Flüchtlinge ſahen auch wirklich in der Ferne hinter dem Gebirg, wo ihr kleines Dörfchen ſtand, dichte Rauchwolken in die Höhe ſteigen. Die Feuergluth mußte ſehr groß und gewaltig ſein, dem man kon Flammen Jed Wohnun das Viel verloren; auch der trieben. Viel Mütter, Namen k man beja Es Leute in laufen, und ſich zu ſehen. „Go Grund n vollen Ti Bruf Schauſpie gen glüht Bruſt. Gruppen Ein ſchm pfangen, Bruſt: ſe Nach jammernd bare Rac ſeine Hau „Ja den Vater „Iſt mit laute nungen, wie beben. Ach, ich ſicher er⸗ in Vater iſt; Die ſchreck⸗ Tod, würde abe Geduld; ird bald zu⸗ Vater brin⸗ ſeine Mutter nuer, der auf U zu ſchreien !“ zu rufen, reugierde auf nm, der ihm e Luft über zerzweiflung: n die Hände angen Thrä⸗ die Greiſe ; die Kinder hin und her, le ihrer Un⸗ Unſer Dorf eutlichſten in 9. h wirklich in nes Dörfchen ſteigen. Die ſein, denn man konnte deutlich ſehen, wie der rothe Schein der Flammen den Fuß der Rauchſäule erhellte. Jeder der Anweſenden ſah im Geiſt ſeine eigene Wohnung brennen, einſtürzen und in Aſche vergehen: das Vieh, der Ernteertrag und der Hausrath, Alles war verloren; die bitterſte Armuth erwartete ſie, wenn ſie Kuch der Todesgefahr entkamen, die ſie in die Flucht ge⸗ trieben. Viele hatten noch Glieder ihrer Familie, Gatten, Mütter, Väter und Brüder im Dorfe zurückgelaſſen, ihre Namen klangen durch den Schrei der Verzweiflung hin: man bejammerte und beweinte ihren ſichern Tod. Es war ein herzzerreißender Anblick, dieſe armen Leute in unbeſchreiblicher Verzweiflung durcheinander laufen, ſich die Haare raufen, ihre Kleider zerreißen und ſich in furchtbarem Jammer die Bruſt zerſchlagen zu ſehen. „Gott, Gott, unſer Dorf niederbrannt! bis auf den Grund niederbrannt!“ erklang es unaufhörlich in ſchmerz⸗ vollen Tönen. Bruno ſtarrte zitternd und ſchweigend auf dies Schauſpiel; das Blut ſtrömte ihm zu Kopfe, ſeine Au⸗ gen glühten, ein dumpfer Schrei der Rache entflog ſeiner Bruſt. Er ließ ſein Auge über die umherſtehenden Gruppen ſchweifen. Acht Gewehre! nur acht Gewehre! Ein ſchmerzloſer Schrei, als hätte er eine Wunde em⸗ pfangen, löſte ſich abermals aus ſeiner beklommenen Bruſt: ſein Kopf ſank muthlos herab. Nachdem er ſo einen Augenblick zwiſchen ſeinen jammernden Freunden geſtanden und allerlei unausführ⸗ bare Rachepläne erſonnen, ergriff Jemand geheimnißvoll ſeine Hand, um ihn aus ſeinem Sinnen zu wecken. „Jan!“ rief Bruno überraſcht.„Nun? habt Ihr den Vater geſehen? Ihr ſeid blaß? Was iſt geſcheben?“ „Iſt das noch nicht genug?“ antwortete der Knecht mit lauter Stimme und deutete nach dem Dorfe; dann 134 neigte er ſich zum Ohre ſeines Herrn und ſprach mit leiſem Tone: „St! Geht mit mir, ich muß Cuch allein ſprechen.“ „Und meine Mutter; wollt Ihr nicht zu ihr gehen?“ „Es iſt keine Zeit dazu. Folgt mir augenblicklich. Eure Mutter ſoll mich nicht ſehen.“ Inzwiſchen hatten ſich die andern Perſonen Jan genähert und überhäuften ihn mit äugſtlichen Fragen. Er behauptete, nicht aus dem Dorfe zu kommen, und könne ihnen deßhalb nicht ſagen, was vorgefallen. Dann ſtieg er den Berg hinab und verſchwand mit Bruno in dem Dunkel des Waldes. „Aber Jan,“ ſagte Bruno bange,„was bedeutet dieſes geheimnißvölle Weſen?“ Ich zittere vor der furcht⸗ baren Mittheilung, die mir Euer Mund machen wird.“ „Kommt, kommt,“ antwortete der Knecht und be⸗ eilte ſeine Schritte,„kein Menſch darf wiſſen, was ich Euch ſagen werde.“ Als ſie ziemlich weit von dem Sandhügel entfernt und tiefer in den Wald gekommen waren, blieb der Knecht plötzlich ſtehen und wandte ſich an ſeinen jungen Herrn. Der alte Mann wollte ſprechen, aber die Thränen, die ihm aus den Augen ſtrömten, erſtickten ſeine Stimme. Eine tiefe Bläſſe verfärbte Bruno's Wangen: von unſäglicher Angſt ergriffen, ſah er ſtarr in die Augen ſeines Knechtes. Dieſer ſuchte ſich zu faſſen, wiſchte die Thräͤnen von ſeinen Wangen und bezähmte ſeinen Schmerz, indem er Bruno's Hand erfaßte und in dumpfem Tone ſagte: „Bruno, was ich Euch ſagen muß, will mir nicht über die Lippen; müßt' ich Euch in dieſem Augenblick das Herz durchbohren, müßt' ich mir ſelbſt eine tödtliche Wunde beibringen, es wäre für Euch und mich hundert⸗ mal weniger ſchrecklich, als die Mittheilung, die ich Euch zu machen habe. Euer Vater, Bruno...“ „Nun, was? Mein Vater, ſagt Ihr? Was iſt ihm geſchehen! mich!“ ri am Arme er ihm di ermeſſen ſ „Sp „ich will theilen?“ „Sel auf den „Eure M nicht ſage „Go Der „Ihr Seht Ih entweicht Leiden.“ „Ack Jüngling franzöſiſc⸗ Ein hindrang, von ſich, wahnſinn den Bäu „W Vater!( ſoll auf Rache!“ E r bitterſten her. In der Bäu ſprach mit prechen.“ ör gehen?° genblicklich. ſonen Jan Fragen. kommen, gefallen. hwand mit s bedeutet der furcht⸗ hhen wird.“ ht und be⸗ , was ich ntfernt und der Knecht gen Herrn. ränen, die Stimme. ngen: von die Augen hränen von , indem er e ſagte: ll mir nicht Augenblick ine tödtliche ich hundert⸗ die ich Euch Bas iſt ihm geſchehen? Sprecht, um Gottes Willen; Ihr martert mich!“ rief der Jüngling, indem er den Knecht zitternd am Arme ergriff und ihn krampfhaft ſchüttelte, als wollte er ihm die gefürchtete Neuigkeit mit Gewalt entreißen. „Mein unglücklicher Herr!“ ſeufzte Jan, während er auf Bruno's Geſichte die Größe ſeines Schmerzes zu ermeſſen ſchien. „Sprecht, ſprecht,“ rief der Jüngling ganz außer ſich, „ich will es! Welch ein Unglück habt Ihr mir mitzu⸗ theilen?“ „Seht, lieber Bruno,“ fuhr der Knecht fort, ohne auf den fieberhaften Befehl ſeines Herrn zu achten, „Eure Mutter darf es nicht wiſſen; man darf es ihr nicht ſagen, ſie ſtürbe auf der Stelle.“ „Gott, iſt mein Vater denn todt?“ rief Bruno. Der Knecht antwortete nicht. „Ihr wollt mich durch dieſe Ungewißheit morden. Seht Ihr nicht, Unbarmherziger, daß mir das Leben entweicht? O Jan, Jan, ich bitte Cuch, verkürzt mein Leiden.“ „Ach, Bruno, ſprach der Knecht, indem er dem Jüngling weinend an den Hals flog, zer iſt todt, die franzöſiſchen Soldaten haben ihn erſchoſſen...“ Ein furchtbarer Schrei, der gellend durch den Wald hindrang, entflog Bruno's Bruſt. Er ſtieß den Knecht von ſich, ließ ſein Gewehr zu Boden fallen und lief in wahnſinniger Verzweiflung, die Hände ringend, unter den Bäumen umher. „Wehe, wehe, mein Vater!“ rief er, mein armer Vater! Ermordet, erſchoſſen, todt! Sein unſchuldig Blut ſoll auf das fremde Gezüchte zurückfallen! Rache, Rache!“ Er lief lange in voller Bewußtloſigkeit unter den bitterſten Klagen und unſäglicher Verzweiflung hin und her. In ſeiner Blindheit warf er ſich an die Stämme der Bäume und verletzte ſich, ohne es zu fühlen, oder 136 ſtrauchelte in dem Niederholz, wie ein betrunkener Menſch. Endlich blieb er erſchöpft und halb ohnmächtig an dem Fuße einer hohen Birke ſtehen, lehnte ſeinen Kopf daran und begann ſein Herz durch einen Thränenſtrom von der ſchweren Laſt des Schmerzes zu befreien. Der Knecht hatte das Gewehr aufgerafft und war ſeinem jungen Meiſter von ferne gefolgt, ohne ſich gerade zu beeilen; er wartete den Augenblick der Ermüdung ab, um ihm ein Wort des Troſtes zuzuflüſtern. Als er ihn nun mit gebeugtem Haupte liegen ſah, näherte er ſich ihm langſam, ließ ſeinen Thränen noch einen Augenblick ungeſtörten Lauf, und ſprach dann mit ſanfter Stimme, um nicht den erſten Sturm der Gefühle wieder zu wecken. „Bruno, mein armer Bruno, das Unglück, das Euch getroffen, iſt unausſprechlich groß; aber bedenkt, daß Gott die Krone des Märtyrthums nur Auserkorenen ſchenkt. Laßt Euch durch die Ueberzeugung tröſten, daß Euer Vater nun im Himmel iſt und den Lohn ſeiner Leiden genießet; ſtärkt Euch durch den Gedanken, daß er bei dem Thron des Herrn ſitzt und für uns und un⸗ ſer unglückliches Vaterland betet. Bruno, Freund, beherrſcht Euch, wir dürfen nicht länger hier bleiben: Eure Mutter wird von meiner Rückkehr wiſſen; unſer Verſchwinden müßte beängſtigend auf ſie wirken...“ Der Jüngling blieb ſprachlos ſtehen und bewegte ſich nicht. „Aus Liebe zu ihr, die allein Euch übrig bleibt, Bruno, ſeid ſtark und muthig; ich beſchwöre Euch, bei dem Gedächtniſſe Enres Vaters, laßt Eure arme Mutter nichts von dem ſchrecklichen Unglücke ahnen. Keiner von den Flüchtlingen weiß davon; der Knecht von Baes Cuylen hat es aus dem Munde Simon Meulemans': er hat nur mir davon geſagt. Verbergt Euerer Mutter den furchtbaren Schmerz; macht ihr glauben, daß Euer Vater geflohen und einen ſichern Schlupfwinkel gefunden. Ueberlaßt entgangen nach und Verluſtes leicht von treffen wi gen ſie p ſollten. D dem Dorf begraben. ſchrecklich dazu fehl genug, un ihr ſagen Der er die T fließen ſo mühunger zu wecker Von Jan end weinte. So Schmerz „Ack herein.“ Der zurück, Jüngling die Thrä wogte, auf ſein Muthes. Er ſeiner H ſich nach er Menſch. ig an dem ropf daran m von der und war ſich gerade küdung ab, liegen ſah, ränen noch dann mit eer Gefühle das Euch denkt, daß aserkorenen röſten, daß ohn ſeiner ken, daß er s und un⸗ „Frreund, er bleiben: ſſen; unſer en... nd bewegte rrig bleibt, Euch, bei rme Mutter Keiner von von Baes deulemans': erer Mutter , daß Euer I gefunden. 137 Ueberlaßt mir die Sache: ſobald wir dieſer Verfolgung entgangen ſind, werde ich Eurer Mutter vorſichtig und nach und nach den ſchrecklichen Gedanken eines ſolchen Verluſtes vor Augen ſtellen und ſie auf dieſe Weiſe viel⸗ leicht vor dem tödtlichen Schlage bewahren, der ſie treffen würde, wenn Eure Verzweiflung oder Eure Kla⸗ gen ſie plötzlich auf die ſchreckliche Vermuthung bringen ſollten. Dieſe Nacht, wenn es dunkel wird, wollen wir nach dem Dorfe gehen, um Euren Vater auf dem Kirchhofe zu begraben. Es iſt eine heilige Pflicht; wie traurig, wie ſchrecklich der Gedanke auch iſt, der Muth darf uns nicht dazu fehlen. Nun, lieber Bruno, fühlt Ihr Euch ſtark genug, um vor Eurer Mutter zu erſcheinen? Ich werde ihr ſagen, daß Euer Vater geflohen iſt...“ Der Knecht erhielt keine andere Antwort, als daß er die Thränen mit neuer Gewalt von Bruno’s Wangen fließen ſah. Mehr als einmal wiederholte er ſeine Be⸗ mühungen, den Jüngling aus ſeinem dumpfen Brüten zu wecken, aber all' ſeine Worte blieben fruchtlos. Von ſeinem eigenen Schmerze übermannt, ſetzte ſich Jan endlich ſelbſt in einiger Entfernung nieder und weinte. So blieben ſie beinahe eine halbe Stunde in tiefen Schmerz verſunken. Plötzlich erhob ſich Jan und ſagte: „Ach, Bruno, ich bitte Euch; der Abend bricht herein.“ Der Knecht ſprang mit einem lauten Angſtſchrei zurück, als ſich Bruno umwandte. Das Antlitz des Jünglings war ganz verändert: ein bitteres Lächeln hatte die Thränen in ſeinem Geſichte verdrängt; ſeine Bruſt wogte, ſeine Augen funkelten, ſein Kopf hob ſich keck auf ſeinen Schultern, als beſeelte ihn ein Gefühl des Muthes. Er trat auf den Knecht zu, nahm das Gewehr aus ſeiner Hand und ſagte mit ſcharfer Stimme, indem er ſich nach dem Sandberge wandte: 138 „Kommt, ich werde Euch zeigen, ob ich Muth habe oder nicht. Kommt, Ihr werdet mich nicht mehr er⸗ kennen.“ Da der Knecht erſchrocken ſtehen blieb, fuhr er fort: „Ihr glaubt, ich ſeie von Sinnen? wäre es ein Wunder? Aber Ihr täuſcht Euch. Etwas Anderes iſt in mir vorgegangen.“ „Um Gotteswillen, Bruno, mäßigt Eure Verzweif⸗ lung, denkt an Eure arme Mutter.“ „Ha,“ rief Bruno,„ich denke an meinen Vater, an meine Mutter. Dort an dem Baume habe ich in einem Augenblick alle Pein der Hölle ertragen... Aber jetzt, jetzt iſt der Würfel gefallen.“ „Was iſt Eure Abſicht, Bruno? Ihr ſcheint kalt; das iſt kein gutes, kein natürliches Zeichen.“ Der Jüngling ergriff mit grinſendem Lachen die Hand des Knechtes und ſagte, während er ihn in der Richtung des Sandberges fortzog:; „Laßt uns eilen; ich werde Euch unterwegs erklären, was in mir vorgegangen. Nicht wahr, Jan, die Leute aus dem Dorfe, Ihr ſelbſt habt bisweilen geglaubt, daß Bruno muthlos ſei. Wer weiß, ob nicht manche, Karel aus dem Löwen zum Beiſpiel, ihn für einen Feigling anſehen? Ha, ha, ich ſelbſt habe es geglaubt. Und doch, wie täuſchten wir uns! Seht, Jan, in mir leben zwei Weſen. Es iſt, als ob ich eine doppelte Seele hätte. Die eine ſehnt ſich nach Frieden, Güte, Liebe; die andere nach Rache, weint über das Unglück des Vaterlandes und fordert das Blut der Tyrannen für das Blut der Unſchuldigen. In meinem Innern haben dieſe beiden Mächte um die Oberhand gerungen: das Gefühl der Rache hat geſiegt! Und nun keine Furcht mehr, keine Ruhe, ſelbſt keine Hoffnung— Rache, Rache allein!... Beeilt Euch; mich treibt und drängt die heiße Begier, Bezahlung für meines Vaters Blut zu fordern!“ „Arn nicht getä befangen widerſtehe ſchlagen, danken; „Sit ich weiß ungeübt, leiden, ur Fuße krie das Schie ihm dann den größ es ſticht, und ſtirbt ich den Alles ver zeug des heit zu ſelbſt zu Geräuſch verwirrte ich ſuchen Er das Gehi „Ne Augenblic Sandberg Ich verm beim Anl Meiſten Ball daß ein der wim Nuth habe mehr er⸗ r er fort: re es ein nderes iſt Verzweif⸗ Vater, an in einem Aber jetzt, heint kalt; kachen die ihn in der s erklären, die Leute glaubt, daß iche, Karel n Feigling ubt. Und mir leben pelte Seele te, Liebe; nglück des rannen für nern haben ngen: das eine Furcht — Rache, und drängt zaters Blut 139 „Armer Bruno,“ ſeufzte der Knecht,„ich habe mich nicht getäuſcht: Euer Geiſt iſt in wahnwitziger Täuſchung befangen... Glaubt Ihr der Macht der Tyrannen widerſtehen zu können? Und könntet Ihr Tauſende er⸗ ſchlagen, was würde es helfen? Ach, laßt dieſen Ge⸗ danken; es iſt ein ſinnloſer Entſchluß.“ „Sinnloſer Entſchluß?“ ſtotterte der Jüngling,„o, ich weiß es wohl: wir armen Bauern, ſchlecht bewaffnet, ungeübt, klein an Zahl, wir können nichts! Nichts als leiden, uns untedrrücken laſſen und wie Gewürm vor dem Fuße kriechen, der uns zertritt... Aber wenn wir das Schickſal des Gewürms ertragen, warum wollen wir ihm dann nicht in Allem gleichen? Das Gewürm kann den größeren Thieren nicht widerſtehen; aber es beißt, es ſticht, es ſpritzt Gift aus, es wehrt ſich mit Muth und ſtirbt nicht ungerochen... O Jan, bisher habe ich den Menſchen als Bruder geliebt und konnte ihm Alles vergeben, aber ich begriff nicht, daß er das Werk⸗ zeug des Böſen iſt und es deßhalb unmöglich ſei, die Bos⸗ heit zu bekämpfen oder zu ſtrafen, ohne den Menſchen ſelbſt zu treffen... Doch höre! Was iſt das? Iſt das Geräuſch nicht in der Gegend des Sandbergs? Wilde, verwirrte Stimmen! Vielleicht ſind die gekommen, die ich ſuchen will!“ Er ſpannte den Hahn und beugte ſich, um durch das Gehölz zu ſchlüpfen. „Nein, nein,“ ſagte der Knecht, nachdem er einen Augenblick gelauſcht.„Wenn die Sanskulotten auf dem Sandberg wären, ſo würden die Bauern nicht bleiben. Ich vermuthe, was es iſt: die Leute aus dem Dorf ſind beim Anblick der Flamme geflohen, und nun ſind die Meiſten gleichfalls nach dem Sandberge gekommen. Bald gelangten Beide aus dem Walde und ſahen, daß ein großer Haufen Menſchen jammernd durch einan⸗ der wimmelte. Die Frauen und Kinder bildeten jetzt 14⁴0 die Mehrheit: der Knecht hatte ſich in ſeiner Vermuthung nicht getäuſcht. Am Fuße der ſandigen Höhe ſah Bruno einen Haufen junger Leute, die dichter zuſammengedrängt ſtan⸗ den. Er ſchloß aus dem Mühen der Umſtehenden, zu ſehen oder zu hören, was innerhalb des Kreiſes ge⸗ ſchab, daß ohne Zweifel wichtige Nachrichten mitgetheilt wurden. Da er an dieſem Haufen vorbei mußte, um zu ſeiner Mutter zu gelangen, ſchritt er darauf zu; aber kaum hatten ihn einige der Umſtehenden bemerkt, als alle zugleich riefen: „Da iſt Bruno! da iſt Bruno!“ Bei dieſem Rufe eilte ein Mann mit grauen Haaren und tbränenvollen Augen aus dem Haufen und ſtürzte mit aufgehobenen Händen Bruno zu Füßen. Es war der Küſter⸗Schulmeiſter, welcher laut rief: „O Bruno, Bruno, gib mir mein Leben! hilf, hilf, rette Deine Genoveva!“ „Wie, was ſagt Ihr, Genoveva 2“ rief der Jüng⸗ ling voll Angſt. „Ach!“ begann der betrübte Vater wieder,„die Sanskulotten haben ſie aus dem Hauſe geholt und wie ein Opferlamm fortgeſchleppt. Sie ſitzt gefangen im Adler und auch unſer armer alter Paſtor, der unglück⸗ liche Märtyrer, iſt dort... Ach, eilt Euch, helft, helſft dieſen Abend werden ſie nach Antwerpen geſchleppt ... Wehe, wehe, Ihr werdet Genoveva nicht mehr ſehen!“ Dies Jammern des Küſters hatte die Jünglinge, die dieſem Schauſpiele anwohnten, in die höchſte Wuth verſetzt; und mancher rief mit lauter Stimme nach Rache. Am meiſten that ſich der Sohn des Löwenwirthes hervor, der mit dem Gewehrkolben auf den Boden ſtampfte und allerlei Flüche gegen die fremden Tyrannen ausſtieß. Antwort. Bru mit ſcheit genoſſen „Fre Ihr mit Vaterlan und gege wie mutl Sollen u der elend bis unſer ſer Barb ſtern nac zeigt, d rannei ſe braucht Gottloſtg das Lebe gebt dier gang na Zahl Eu ſagt Eue oder ma Thiere, laſſen ur zweite 2 gen und den Tyr Vaterlar verkleine Männer unſere 2 in der ſchrocken ermuthung ino einen ängt ſtan⸗ nden, zu reiſes ge⸗ mitgetheilt , um zu zu; aber derkt, als ten Haaren ind ſtürzte s war der ben! hilf, der Jüng⸗ eder,„die lt und wie ffangen im der unglück⸗ helft, helft geſchleppt nicht mehr Jünglinge, öchſte Wuth imme nach zwenwirthes den Boden en Tyrannen 141 ausſtieß. Aber Alles ſah auf Bruno und harrte ſeiner Antwort. Bruno hob den Küſter vom Boden, wandte ſich mit ſcheinbarer Ruhe an den Haufen junger Schickſals⸗ genoſſen und ſagte mit feierlichem Tone: „Freunde, hört auf mich. Ich ſpreche zu Euch, die Ihr mit mir verurtheilt ſeid, die Waffen gegen Euer Vaterland, gegen Eure Brüder, gegen Euern Glauben und gegen Gott zu tragen. Sollen wir noch länger wie muthloſe Feiglinge in den Wäldern umherſchweifen? Sollen wir warten bis wir Männer werden, um uns an der elenden Brut zu rächen, bis unſere Dörfer verbrannt, bis unſere Eltern und Freunde der wüſten Gewalt die⸗ ſer Barbaren unterlegen ſind? Bis ſie unſere Schwe⸗ ſtern nach ihren Räuberhöhlen geſchleppt haben? Nein, zeigt, daß auch Bauernblut unter dem Schlag der Ty⸗ rannei ſchäumen kann; zeigt, daß Eure Geduld miß⸗ braucht wurde und daß Jedermann in Brabant gegen Gottloſigkeit und Unterdrückung ſich erheben muß. Gebt das Leben, das ſie zu ihren ſchnöden Kriegen fordern, gebt dies Leben für Euren Glauben, für das dem Unter⸗ gang nahe Vaterland hin! Fürchtet Ihr die übergroße Zahl Eurer Feinde? Was ſoll dieſe Furcht? Der Fremde ſagt Euch: Ihr werdet Soldaten der Gottloſigkeit werden oder man verfolgt Euch in den Wäldern wie gefährliche Thiere, die der Kugel nicht entgehen. Die Unterjocher laſſen uns keine andere Wahl. Ich biete Euch noch eine zweite Wahl; wir können als Feiglinge das Haupt beu⸗ gen und muthlos das Schickſal erwarten, das die frem⸗ den Tyrannen uns beſtimmen, oder uns ſelbſt und das Vaterland rächen, die Zahl der Feinde unſeres Gottes verkleinern und— muß es ſein— ſterben, ſterben wie Männer, Helden, Märtyrer für die heilige Sache, wie unſere Väter, die mit dem Schwerte in der Fauſt mitten in der furchtbarſten Gefahr unerſchütterlich und uner⸗ ſchrocken ſtanden... Wenn Eure Herzen ſich zu wahrem 142 Heldenmuth erheben können, wohlan, ſo ſeht dem Tod mit kaltem Muthe in's Geſicht. Entgeht uns auch hier auf Erden der Sieg, unſer Triumph iſt droben, droben in dem Schooß des Herrn, vor deſſen heiligem Namen wir uns beugen...“ Der Sohn des Löwenwirths hatte mit begeiſtertem Blicke auf die Rede ſeines Freundes gehorcht; nun warf er ſich ihm jauchzend an den Hals und rief mit frendi⸗ gem Tone: „Gott ſei Dank! ſo muß man ſprechen! Bruno, lieber Freund, ich folge Dir bis in den Tod! Ich wußte wohl, daß Du ſtolz und muthig biſt!“ „Rache, noch dieſe Nacht! Auf, laßt uns ſtehen⸗ den Fußes nach dem Adler aufbrechen!“ riefen einige Stimmen. Bruno fuhr fort: „Mein Entſchluß iſt gefaßt: Brüder, keine Ruhe mehr! Flieht die Gefahr nicht, ſucht ſie auf. Jede Stunde des Tages, jeden Augenblick der Nacht laßt uns den Henkern auflauern, ihnen nachſpüren und ſie an⸗ fallen, wären es ihrer auch Hunderte. Da ich Blut vergießen muß, will ich es auch in Strömen vergießen, mich von Kopf bis zu Fuß waffnen, und ſtreiten und kämpfen, ſo lange ein Lebensfunken in meinem Buſen ſprüht. Und kann ich mein unglücklich Vaterland nicht von ſeinen teufliſchen Tyrannen befreien, nun, ſo werde ich es nach dem Maaße meiner Schwachheit rächen: kann ich auch wenig thun— ſo ſoll es doch gerochen ſein! Sucht Euch nicht Speiſe, holt kein Bette, um Euch ein behaglich Lager im Walde zu bereiten. An⸗ dere Zwecke führen uns nach dem Dorfe: Gewehre, Kugeln, Blei wollen wir uns holen. Wer ein Herz im Leibe hat und keine Waffe beſitzt, der hole heute Nacht, was ihm fehlt... Und nun anu's Werk! Diejenigen, die ein Gewehr haben, ſollen mir in einiger Entfernung folgen. Wer den Tod fürchtet, der bleibe zurück.“ Dre Bruno, Aeltern. Nach ges in d ſeinen K „Ne müßt me auf Kun das furch Grunde neten Re den Dör Blei zu führen, verſehen „U fragte de „D der Jün meine ar Dal ſprach: S Da des und dunkel. Bri der Rich Norden ohne ihr t dem Tod Zauch hier en, droben em Namen egeiſtertem nun warf mit freudi⸗ 1 Bruno, Ich wußte ns ſtehen⸗ efen einige keine Ruhe auf. Jede zt laßt uns nd ſie an⸗ a ich Blut vergießen, treiten und nem Buſen rland nicht —, ſo werde eit rächen: ſch gerochen Bette, um eiten. An⸗ Gewehre, in Herz im heute Nacht, Diejenigen, Entfernung rück.“ 143 Dreißig junge Leute, Karel an der Spitze, folgten Bruno, trotz der Bitten und des Jammerns ihrer Aeltern. Nachdem ſie einige Augenblicke am Fuße des Ber⸗ ges in dichtem Haufen beiſammen geſtanden, zog Bruno ſeinen Knecht auf die Seite und ſagte leiſe zu ihm: „Nein, Jau, Ihr dürft nicht mit uns gehen. Ihr müßt meine Mutter beruhigen und ihr ſagen, daß ich auf Kundſchaft ausgegangen. Sorgt, daß ihr Niemand das furchtbare Unglück erzählt. Auch aus einem andern Grunde müßt Ihr hier bleiben: Ihr ſollt die unbewaff⸗ neten Rekruten anfeuern, unverweilt nach den umliegen⸗ den Dörfern zu gehen, ſich dort Gewehre, Pulver und Blei zu verſchaffen und andere Flüchtlinge hierherzu⸗ führen, damit wir morgen bei Tagesanbruch mit Allem verſehen ſind, was zur Sache nothwendig iſt.“ „Und die heilige Pflicht, die wir zu erfüllen haben?“ fragte der Knecht. „Dieſe Nacht, nach meiner Zurückkunft,“ antwortete der Jüngling.„Geht, verliert keine Zeit und ſorgt für meine arme Mutter.“ aun wandte er ſich an die Bewaffneten und ſprach: „Still vorwärts! Mit eiſernem Muth und ſtählernem Willen!“ Damit drang er in das tiefſte Gebüſch des Wal⸗ des und verſchwand mit ſeinen dreißig Kameraden. Der Abend ſank. Obgleich die höchſten Kronen der Bäume noch von Weſten Licht empfingen, war es am Boden, zwiſchen den niederen Gebüſchen doch ſehr dunkel. Bruno und ſeine Kameraden gingen einige Zeit in der Richtung des Dorfes fort; bald aber bogen ſie nach Norden ab und folgten den Windungen des Waldes, ohne ihn zu verlaſſen, bis ſie in einen jungen Fichten⸗ 144 ſchlag kamen, der ſich eine halbe Stunde vom Adler an der großen Heerſtraße hinzog. Ehe ſie ſich dem Wege näherten, ſagte Bruno leiſe zu ſeinen Kameraden: „Hört, was wir thun wollen: ich werde mich auf dieſer Seite des Weges mit fünfzehn von Euch ver⸗ ſtecken. Karel ſoll mit der andern Hälfte auf der anderen Seite des Weges, jedoch fünfzehn Schritte tiefer im Niederholze ſich verbergen. Wenn wir die Sanskulot⸗ ten ſehen, die die Gefangenen bewachen, laſſen wir das Gefährt herankommen, bis es ſich zwiſchen den bei⸗ den Hinterhalten befindet. Wir zielen gut, jeder nimmt einen aufs Korn und auf den Ruf Feuer! ſchießen wir zu gleicher Zeit los und eilen nach dem Wege, um diejenigen anzugreifen, die nicht durch das Blei gefallen ſein ſollten. Wer eine Doppelflinte hat, behält ſich einen Schuß vor. Es wird nicht ſo dunkel werden, daß wir unſer Ziel nicht ſollten ſehen können; gebt wohl Achtung, Freunde, daß Ihr die armen Gefangenen nicht verwundet und müßtet Ihr auch einige Soldaten dabei ſchonen. Wir werden mit ihnen beim zweiten Anfall wohl fertig werden. Und nun wie die Füchſe fortgeſchlichen, aber beim Angriff ſeid Löwen. Vor⸗ wärts, ich will am Wege ſpioniren; das Gleiche mag Karel auf der andern Seite thun. Die Uebrigen legen ſich nieder und bewegen ſich nicht, bis der Augenblick, ſich zu zeigen, gekommen iſt!“ Alle bückten ſich und krochen nach den angedeuteten Schlupfwinkelu. Obſchon keine vollkommene Dunkelheit herrſchte, würde doch ein Vorübergehender nicht vermuthet haben, daß hier ſechzig funkelnde Augen zwiſchen dem Nieder⸗ holz ihn beobachteten. Niemand bewegte ſich, jeder hielt den Athem an ſich: es herrſchte ringsumher die tieſſte Grabesſtille. Kaum hatten ſie eine Viertelſtunde dagelegen, ald man in d um ſich ſe Abſichten Brun fangenen freute ſich denn dieſe Das Lied Volksliede Um und zu gl einzuzieher Weg hina durch die ſtehen und fliehen, w „Fre Dieſe denn er v erkannte u allein des Ihr denn Flüchtling „Die Straßen 1 dies habe „Spr ſagt mir, begegnet? „Keit „Wifß „Neu Conſciencé Adler an Bruno leiſe de mich auf Euch ver⸗ der anderen te tiefer im Sanskulot⸗ laſſen wir en den bei⸗ eeder nimmt -! ſchießen Wege, um Zlei gefallen behält ſich werden, daß gebt wohl Gefangenen ge Soldaten eim zweiten die Füchſe ſwen. Vor⸗ Gleiche mag brigen legen Augenblick, angedeuteten it herrſchte, zuthet haben, dem Nieder⸗ ſich, jeder her die tieſſte gelegen, als 145 man in der Ferne einen Menſchen kommen hörte, der, um ſich ſelbſt Muth einzuflößen und andere über ſeine Abſichten zu täuſchen, ein Liedchen pfiff. Bruno, der bereits zu fürchten begann, die Ge⸗ fangenen möchten vor Abend weggeführt worden ſein, freute ſich über das Erſcheinen des einſamen Wanderers; denn dieſer ging in der Richtung nach dem Dorf zu. Das Liedchen, das er pfiff, war ein Brabanter Volksliedchen; es konnte alſo kein Feind ſein.⸗ Um ihn den Hinterhalt nicht entdecken zu laſſen und zu gleicher Zeit die nöthigen Aufklärungen von ihm einzuziehen, verließ Bruno ſein Verſteck, trat auf den Weg hinaus und ging dem Wanderer entgegen. Dieſer durch die unvorhergeſehene Erſcheinung erſchreckt, blieb ſtehen und ſchien bereit, durch das dichte Gehölz zu ent⸗ fliehen, wenn ihm Gefahr drohte. „Freund! Rekrut!“ rief Bruno halblaut. Dieſe Worte ſchienen den Wanderer zu beruhigen; denn er verließ den Rand des Weges und kam herbei. „Ihr habt mich erſchreckt,“ ſprach er,„ich glaubte, Ihr ſeid ein Sanskulott!“ „Ah, guten Abend,“ ſagte Bruno, der den Mann erkannte und ihm die Hand reichte.„Wie mögt Ihr ſo allein des Nachts durch den Wald gehen? Fürchtet Ihr denn nicht, daß Euch die Sanskulotten fuͤr einen Flüchtling anſehen?“ „Die Sanskulotten treiben ſich Nachts nicht auf den Straßen umher,“ antwortete der Wanderer,„über⸗ dies habe ich einen Freibrief von der Centralgewalt.“ „Sprecht leiſe,“ fuhr der junge Mann fort,„und ſagt mir, habt Ihr ſeit einer Stunde keinen Soldaten begegnet?“ „Keinen einzigen,“ war die Antwort. „Wißt Ihr etwas Neues aus der Stadt?“ „Neues? Ja, unglückliche Neuigkeiten! Ich be⸗ Conſcience, Bauernkrieg. 10 146 klage unſre armen Rekruten! Wenn es wahr iſt, was man ſagt, ſo wird innerhalb acht Tagen keiner mehr leben, der nicht Soldat iſt.“ „Wie, was wollt Ihr ſagen?“ „Es ſcheint, daß die Franzoſen mit großer Gewalt zu Werke gehen wollen: es iſt der Befehl von Paris gekommen, daß Alles in wenigen Tagen beendet ſein muß. Man hat in Antwerpen und in andern Städten kleine Heere gebildet, jedes mit einem General an der Spitze. Man nennt ſolche Heere Colonne mobiles. Die⸗ ſen Abend iſt eine ſolche unter dem Befehl des ver⸗ haßten General Duruth von Antwerpen abgezogen, nie⸗ mand weiß jedoch wohin. Man ſagt, dieſe fliegenden Colonnen haben Befehl, alles zu ermorden, was nur einen Schein von Widerſtand bietet und die Dörfer, wo nur ein einziger bewaffneter Flüchtling ſich zeigt, nieder⸗ zubrennen. Bruno lauſchte in ſprachloſes Sinnen vertieſt, Der Bote fuhr fort: „Euch und Euren Freunden bleibt nichts, als ſich augenblicklich der franzöſiſchen Republik zu unterwerfen oder alle zuſammen ſich nach dem Lager der Brigands zu begeben, um für den Glauben und das Vaterland zu fechten.“ „Was iſt das, die Brigands?“ „Wie? Wohnt Ihr denn in einer Wüſte, daß Ihr nichts von dem Aufſtand wißt? Die Brigandd, ſo nennen die Sanskulotten die Bauern, die mit bewaf⸗ neter Hand ſich gegen die Franzoſen erhoben. Klein Brabant wimmelte vor acht Tagen von Patrioten. Es ſcheint, daß die Edelleute und die Klöſter ihnen zur Seite ſtehen; ſie ſind mit allem verſehen. Ihr könnt denken, wie zahlreich ſie ſind; ſie haben die Stadt Me⸗ cheln eingenommen, die Republikaner verjagt und die Papiere der Centralgewalt verbrannt...“ „Die Bruno,„ „Das quinot mi cheln eing waren, er Ein „Go Strahl de wieder m „Täl waren die einigung genland, „Sti in der Fe⸗ Männerſt Ihr könn „Wa „Fol Gefecht b Der Geräuſche ler Eile Bru Leuten. düſterem „Au Je der Leute ungeſtüm⸗ Sie ſich zieml befanden, Auf ſaßen der iſt, was beiner mehr zer Gewalt von Paris veendet ſein en Städten ral an der bbiles. Die⸗ öl des ver— zogen, nie⸗ fliegenden , was nur Dörfer, wo ligt, nieder⸗ n vertieft. 8, als ſich unterwerfen r Brigands § Vaterland Lüſte, daß Brigands, mit bewaff⸗ en. Klein rioten. Es ihnen zur Ihr könnt Stadt Me⸗ gt und die 147 „Die Stadt Mecheln eingenommen,“ jauchzte Bruno,„es iſt alſo Hoffnung auf Erlöſung da.“ „Das heißt, am ſelben Tage iſt der General Be⸗ quinot mit einer fliegenden Colonne im Sturme in Me⸗ cheln eingerückt und hat die Bauern, die nicht geflohen waren, erſchießen laſſen.“ Ein ſchmerzlicher Seufzer entflog Bruno's Bruſt. „Gott, Gott!“ klagte er,„kaum ſenkt ſich ein Strahl der Hoffnung in unſer Herz, ſo wird er ihm wieder mit blutiger Enttäuſchung entriſſen!“ „Täuſcht Euch nicht,“ ſagte der Bote,„in Mecheln waren die eigentlichen Patrioten nicht; die größte Ver⸗ einigung iſt jetzt, wie man allgemein verſichert, im Ha⸗ genland, in der Nähe von Dieſt...“ „Still! ſtill!“ flüſterte Bruno leiſe,„hört Ihr dort in der Ferne das Geräuſch— ein Karren mit vielen Männerſtimmen?... Flieht, verbergt Euch ſo raſch Ihr könnt... es möchte Euch ſonſt das Leben koſten.“ „Was ſoll es?“ ſeufzte der Bote erſchrocken. „Fort, fort,“ wiederholte Bruno,„hier wird ein Gefecht beginnen, Blut wird fließen.“ Der geängſtigte Mann trat in den Wald. An dem Geräuſche der Blätter konnte man hören, daß er in al⸗ ler Eile entfloh. Bruno bückte ſich zu Boden und kroch bis zu ſeinen Leuten. Er hielt die Hand an den Mund und ſagte in düſterem Tone: „Aug und Gewehr bereit! Da ſind ſie!“ Je deutlicher das Geräuſch des Karrens und der Leute, die dabei waren, ſich vernehmen ließ, deſto ungeſtümer begann Brunos Herz zu ſchlagen. Sie hatten ſich über die Art des Gefährtes, das ſich ziemlich raſch dem Orte näherte, an welchem ſie ſich befanden, nicht getäuſcht. Auf einem mit zwei Pferden beſpannten Wagen ſaßen der Paſtor und Genoveva. Dem achtzigjährigen 148 Prieſter hatte man die Hände wie einem Diebe auf den Rücken gebunden und ihn ſo an den Karren befeſtigt. Genoveva ſaß auf einer Bank, den Kopf auf die Bruſt herabgeſenkt und die Hände vor den Augen; Thränen floßen in der Dunkelheit von ihren Wangen. Ungefähr zwanzig Soldaten begleiteten die Gefan⸗ genen. Voran ging der Sergeant mit der Hälfte ſeiner Leute; die andere Hälfte ging hinter dem Wagen drein. Da ſie ſo von einander geſchieden, ſprachen ſie ſehr laut. Sie waren wie immer, ſo auch hier im höch⸗ ſten Grade ruchlos verfahren. „Ihr müßt bekennen, Citoyen Sergeant,“ ſagte in dieſem Augenblicke ein Soldat,„daß wir uns über dieſe Leute getäuſcht. Hätten ſie nur Pulver und Blei, ſie würden uns bereuen laſſen, in dieſe Wüſte mit ſech⸗ zig Mann gekommen zu ſein.“ „Bah, es iſt ein Haufen Feiglinge!“ antwortete der Sergeant,„ihr Fanatismus iſt ihr einziger Muth Auf die Republikaner wie Brigands zu lauern und dann zu fliehen, dazu ſind ſie gut genug...“ „Ja, ja,“ verſetzte der Erſte,„ſie müſſen ſehr dumm und blöde ſein, ſonſt würden ſie uns nicht ſo ungehindert vorüberlaſſen. Und würden uns nur ihrer fünfzig auf dieſem einſamen Wege auflauern, ſo hätten wir Arbeit genug, unſre Gefangenen zu vertheidigen ... Aber ſie ſind zu elend dazu; ihr Verſtand geht nicht weiter, als bei den Beſtien: ſie beißen und laufen davon!“ „Nun wird erſt das große Spiel beginnen,“ ſagte der Sergeant,„der Citoyen Coömmiſſair hat einen Be⸗ fehl erhalten, daß wir morgen zu der Colonne mo- bile des General Duruth ſtoßen; zuerſt werden wir das fanatiſche Ungeheuer, das auf dem Karren ſeine lächerlichen Gebete plappert, in Sicherheit bringen und kehren dann mit der Colonne mobile zurück. Es wird nicht an Feuer fehlen, uns dran zu wärmen...“ Sie Rekruten dreißig G Plötz den Wald Mehr als Pferde, d erſchrocken fort. Bri gel ab un das ander⸗ blieb mitt „Feu geant ſein meraden o Drei andern lie hartnäckig zahl als d und Säbe beſaßen, Gewehre den auf ſchmettern In n entſchieden Wagen; d dere ware Die und warer geblich eir Noch Bruno au die in ei Seite des Dant de auf den nbefeſtigt. die Bruſt Thränen die Gefan⸗ ilfte ſeiner gen drein. ſie ſehr rim höch⸗ “ ſagte in uns über und Blei, 2 mit ſech⸗ antwortete ger Muth und dann üſſen ſehr nicht ſo nur ihrer ſo hätten ertheidigen ſtand geht und laufen in,“ ſagte einen Be⸗ onne mo- erden wir rren ſeine ingen und Es wird 44 149 Sie waren gerade an den Platz gekommen, wo die Rekruten lagen;... ohne daß ſie es bemerkten, folgten dreißig Gewehrläufe ihrer Bewegnung. Plötzlich ertönte der furchtbare Ruf Feuer! durch den Wald. Dreißig Schüſſe wurden zugleich abgefeuert. Mehr als die Hälfte der Soldaten ſtürzte nieder; die Pferde, durch das Feuer und das Knallen der Gewehre erſchrocken, bäumten ſich und eilten mit dem Karren fort. Bruno, der es bemerkte, ſchoß ſeine zweite Ku⸗ gel ab und traf das vordere Pferd durch die Bruſt; das andere Pferd fiel über das erſte und der Karren blieb mitten im Wege ſtehen. „Feuer, Feuer auf die Brigands!“ rief der Ser⸗ geant ſeinen Leuten zu, als er Bruno mit ſeinen Ka⸗ meraden aus dem Niederholz kommen ſah. Drei bis vier Rekruten ſtürzten in den Sand; die andern liefen auf die Soldaten zu und begannen ein hartnäckig Gefecht. Sie waren zwar in großerer An⸗ zahl als die Franzoſen, dieſe hatten jedoch Bayonette und Säbel, während die Banern, die keine Handwaffen beſaßen, ſich genöthigt ſahen, mit dem Kolben ihrer Gewehre allein zuzuſchlagen oder wie Löwen ihren Fein⸗ den auf den Leib zu ſpringen und ſie ſo niederzu⸗ ſchmettern. In weniger als einem Augenblick war der Kampf entſchieden: fünfzehn Soldaten lagen leblos um den Wagen; drei Rekruten blieben auf dem Platze, vier an⸗ dere waren verwundet. Die übrigen Soldaten hatten die Flucht ergriffen und waren im Walde verſchwunden; man hatte ſie ver⸗ geblich eine Zeitlang durch die Dunkelheit verfolgt. Noch ehe der letzte Feind am Boden lag, war Bruno auf den Karren geſprungen, und hatte Genoveva, die in einer Ohnmacht lag, herabgeholt und an der Seite des Wegs auf einen Baumſtamm geſetzt. Dann eilte er zu ſeinen Kameraden, die den Pa⸗ 150 ſtor bereits von ſeinen Banden befreit hatten und ihn mit Beweiſen der Ehrfurcht und Liebe umringten. Der Greis, halbtodt vor Schrecken, drückte ihnen ſprachlos die Hand. „Freunde,“ ſprach Bruno,„hier dürfen wir nicht bleiben. Nehmt raſch unſere arme Brüder, die verwun⸗ det oder getödtet worden ſind, auf und tragt ſie in den Wald nach dem Sandberg. Die entflohenen Sans⸗ kulotten werden nach dem Adler um Hülfe laufen. Sie könnten uns leicht unſere Gefangenen wieder entreißen. Raſch! raſch!“ Die Rekruten befolgten augenblicklich den erhaltenen Befehl. Bruno gab ſein Gewehr einem der Kameraden und eilte zu Genoveva; er nahm ſie auf ſeine Schulter und folgte den andern in den Wald. Der Zug konnte in der Dunkelheit nur langſam durch das dichte Gebüſch ſchreiten. Niemand ſprach; alle waren tief erſchüttert und erbebten bei den leiſen, aber ſchmerzlichen Klagen ihrer verwundeten Brüder. Sie, die von dem Kriege nicht anders, denn als von einer der größten Plagen der Menſchheit hatten ſprechen hören, ſie führten nun drei Leichen bei ſich: Leichen ihrer beſten Freunde! Blut, theures Blut, lief von ihren Händen. Neben Bruno ging der alte Prieſter, den Karel aus dem Löwen begleitete. Ermüdet wollte Bruno ſeine ohnmächtige Freundin auf ſeine andere Schulter legen; bei dieſer Bewegung bemerkte er, daß etwas Feuchtes an ſeinen Kleidern klebte. „Gott! Blut!“ rief er,„meine Genoveval ſie iſt verwundet! todt! todt!“ Zitternd ließ er das Mädchen zu Boden ſinken und knieete neben ihr nieder. „O Veva!“ rief er,„ſollteſt Du mir geraubt ſein? Sollte mi theuer iſt Und Verzweiflt Raſerei, drohte. Inde auf die K ihre Sch ſuchen. „Bru Schmerz. werden. kann es ne Das die gegrü werden kö Mit vevas zur ſeines Ka chen, legt den Hahn brannte b leuchtete „Ich er ſein He arme Ger Gott, C nicht!“ Wäl Halstuch ſehr leicht Kau ſich bewee „Si außer ſich nund ihn gten. Der n ſprachlos n wir nicht jie verwun⸗ ragt ſie in nen Sans⸗ ufen. Sie entreißen. erhaltenen eraden und chulter und r langſam nd ſprach; den leiſen, in Brüder. un als von en ſprechen ih: Leichen „ lief von den Karel e Freundin Bewegung n Kleidern eval ſie iſt ſinken und kaubt ſein? 151 Sollte mich dies Unglück treffen! Alles, alles, was mir theuer iſt, ſoll geopfert werden!...“ Und ganz außer ſich, riß er ſich in der größten Verzweiflung die Haare aus dem Kopfe und weinte vor Raſerei, oh ne an die Gefahr zu denken, die ihm noch drohte. Indeſſen war der Prieſter gleichfalls bei Genoveva auf die Kniee geſunken und befühlte ihren Kopf und ihre Schulter, um nach dem Quell des Blutes zu ſuchen. „Bruno,“ ſprach er,„mein Sohn, mäßigt Euern Schmerz. Genoveva lebt; aber ihre Wunde muß aufgefunden werden.... mich dünkt, ſie iſt am linken Arm; ich kann es nicht ſehen, aber von ihrer Hand fließt das Blut.“ Das tröſtende Wort des Friedens, und vor allem die gegründete Hoffnung, daß ſeine Freundin gerettet werden könne, weckten Bruno aus ſeiner Verzweiflung. Mit ſieberhafter Haſt ſtreifte er den Aermel Geno⸗ vevas zurück: dann nahm er ſein Gewehr aus der Hand ſeines Kameraden, hielt die Waffe hart an das Mäd⸗ chen, legte etwas Pulver auf die Zündpfanne und drückte den Hahnen ab. Da das Gewehr nicht geladen war, brannte bloß das Pulver ab und eine kleine Flamme be⸗ leuchtete dieſe Scene. „Ich habe es geſehen!“ jauchzte Bruno, während er ſein Halstuch aufknüpfte,„eine Wunde am Arm! Meine arme Genoveva, eine Kugel hat ſie getroffen...... Gott, Gott, nimm mir die Freundin meiner Seele nicht!“ Während dieſer Worte band er dem Mädchen das Halstuch um den Arm und ſtillte damit, da die Wunde ſehr leicht war, das Blut. Kaum hatte er den Knopf gebunden, als Genoveva ſich bewegte und mit tiefem Athem erwachte. „Sie lebt! Meine Genoveva lebt,“ rief Bruno ganz außer ſich vor Freude. 1⁵² Aber auf ſeine Stimme antworteten in der Ferne etwa zehn Gewehrſchüſſe: die Kugeln flogen über ſeinen Kopf durch das Laub. „Da ſind ſie! da ſind ſie!“ riefen die Rekruten. „Fort! flieht, flieht!“ Bruno erhob ſeine Genoveva vom Boden: und ob⸗ gleich einige unverſtändliche Worte ihrem Munde entfie⸗ len, lief er in blinder Haſt durch den Wald. Noch einige Kugeln flogen ihm und ſeinen Kamera⸗ den nach. Bald aber herrſchte in dieſem Theile des Waldes die tiefſte Stille. VI. Der größte Theil der Einwohner von Waldeghem, hatte die ganze Nacht auf dem Sandberg unter den Bäumen zugebracht. Der Tag ſchimmerte im Oſten; die troſtloſe Fin⸗ ſterniß, welche die armen Flüchtlinge wie ein Grab um⸗ ſchloſſen, verſchwand; die Angſt hatte die armen Leute, die vor Kälte beinahe erfroren, kaum ſchlafen laſſen. Im Halbdunkel der erſten Morgenſtunde konnte man um den Sandhügel her die unbeſtimmten Umriſſe der Familien ſehen, die am Rande des Waldes lagen:— Mütter, Töchter, Kinder, Greiſe, von der Kälte zu un⸗ kenntlichen Geſtalten zuſammengeſchrumpft, bewegungslos und ſtumm, als hätte der ſchleichende Tod ſein Bahrkleid über die Unglückſeligen ausgebreitet.... So ſaßen überall unter dem Laub der erſten Bäume Haufen v mit unver lungsvolle muthlos k an, die n das Waſſ ihre berei Bisn Auge und ſich ein he Sonne, d ſollte;— wieder ihr dem Gede mußte. Hatte ſigkeit, du ſprach de Mord.. Am Jänglinge ſtehen und ſie auf etr einige ihr ihnen. H ver oder waffnete; dig gedr Stimme Die und Laul Der ſah mit? Schlaf ih Hirten de Heerde h der Ferne über ſeinen e Rekrnten. i: und ob⸗ inde entfie⸗ en Kamera⸗ des Waldes Valdeghem, unter den ſtloſe Fin⸗ Grab um⸗ men Leute, laſſen. konnte man lmriſſe der lagen:— älte zu un⸗ wegungslos n Bahrkleid ſten Bäume 1⁵³ Haufen von Menſchen, welche geſenkten Hauptes und mit unverwandt zu Boden gerichteten Blicken in verzweif⸗ lungsvolle Gedanken vertieft ſchienen. Geduldig und muthlos kämpften ſie gegen die feuchte Kälte der Nacht an, die nun bei dem Niederſchlag des reichlichen Thaus, das Waſſer in großen Tropfen von den Bäumen auf ihre bereits von Näſſe durchdrungenen Kleider ſchüttelte. Bisweilen erhob eine Mutter oder ein Greis das Auge und blickte hoffnungsvoll nach Oſten: dort bildete ſich ein heller Lichtkreis auf der Bahn, die die aufgehende Sonne, die Quelle der erquickenden Wärme, durchlaufen ſollte;— aber ebenſo raſch ſchlugen die Unglücklichen wieder ihre Augen zu Boden und zitterten vor Angſt bei dem Gedanken an das, was der nächſte Tag bringen mußte. Hatte die Nacht ſie durch die ſchmerzliche Schlaflo⸗ figkeit, durch die erſtarrende Kälte gepeinigt,— ſo ver⸗ ſprach der Tag nichts als Verfolgung, Brand und Mord.... Am Fuß des Sandhügels ſah man bereits einige Jänglinge mit dem Gewehre in der Hand bei einander ſtehen und ſich nach allen Seiten umblicken, als warteten ſie auf etwas. Und wirklich kamen auch von Zeit zu Zeit einige ihrer Kameraden aus dem Walde und traten zu ihnen. Hatten die Ankommenden einige Gewehre, Pul⸗ ver oder Blei gefunden, ober brachten ſie andere be⸗ waffnete Flüchtlinge mit, dann wurden die Hände freu⸗ dig gedrückt und man jauchzte mit zurückgehaltener Stimme über die gewonnene Verſtärkung. Die Hütte, die Jan für Brunos Mutter aus Holz und Laub gemacht, ſtand hinter dem Sandberg. Der gute Knecht ſaß in einiger Entfernung und ſah mit Beſorgniß umher, wie eine Schildwache, die den Schlaf ihres Herrn bewacht. Ein Ochſenhorn, wie die Hirten der Kühe ſie gewöhnllch zum Zuſammenrufen der Heerde haben, hing an ſeiner Seite. 154 Alles war ſtill rings um die Hütte; der Knecht ent⸗ fernte jeden mit einem Zeichen der Hand, von dem Orte, wo er hoffte, daß ſein junger Herr nach der ſtürmiſchen Nacht eine kurze Ruhe finden werde. Bruno ſaß jedoch wachend in der Hütte. Seine Kleider waren von Schmutz und Blut, das man verge⸗ bens abzuwaſchen verſucht, befleckt; ſein Haar war ver⸗ wirrt, die Augen glühten wild in ſeinem Kopfe. Er war todtmüde. Mit verſchlungenen Armen hielt er den feſten Blick nach der gegenüberliegenden Seite der Hütte gerichtet. Dort lag ſeine Mutter ſchlafend auf einem Lager von dünnen Zweigen und Blättern; neben ihr, in ihrem rech⸗ ten Arme ruhte Genoveva. Die Frauen waren ganz au⸗ gekleidet: eine Decke ſchützte ſie vor der nächtlichen Kälte. Obſchon ſie ſchliefen, trug das Antlitz Beider doch das Gepräge tiefen Schmerzes Das Geſicht der ältern Frau war bleich und hager; ihre Wangen bewegten ſich zuweilen zitternd und bange Seufzer, von einem gepreß⸗ ten, ſchmerzlichen Klageton begleitet, entrangen ſich ihrer beklommenen Bruſt. Die Gefühle mußten, wenn auch ebenſo ſchmerzlich, doch ganz anderer Art ſein; denn um ihren Mund ſpielte bisweilen ein Lächeln voll Verachtung und ein tieferer Athem ſchwoll ihren Buſen, als hätte ſie im Traume ihre Feinde gereizt und hexausgefordert. Auf der andern Seite des Zeltes ſchlief der Paſtor, deſſen ſtilles und ſanftes Antlitz aus ſeiner ſilbernen Haar⸗ krone hervorſah, als hätte er bereits die böſe Welt ver⸗ laſſen und den ewigen Frieden im Schooße der Gottheit gefunden. ¹ Armer Bruno, er ſtarrte ſchon ſo lange in der tief⸗ ſten Stille mit den feuchten Angen auf ſeine Mutter, auf Genoveva und auf Alles, was er auf Erden am meiſten liebte. Allein mit ſeinem Schmerze, ſeiner Furcht und ſeiner Verzweiflung, trat ihm lebendig vor die Augen, welch' fur chen. Nich Strahl de der Tod f traurige S Wele Er hatte Tyrannen weint und über ſein war der rückkehrte Genoveva ein nächtli und Strat nung im Vaters a ihn bis d Thränen Schooße Noch baren Ark und von deren Zel⸗ Als betrachtete ken, ſein ſtande ſäl Mit an ſeine meiner§. ſchon Blu Und ſo ſe ausbleibli Frau, D enecht ent⸗ dem Orte, türmiſchen e. Seine an verge⸗ war ver⸗ 2. Er war eſten Blick gerichtet. kager von hrem rech⸗ ganz au⸗ hen Kälte. beider doch der ältern wegten ſich m gepreß⸗ ſich ihrer ſchmerzlich, und ſpielte ein tieferer raume ihre der Paſtor, unen Haar⸗ Welt ver⸗ er Gottheit in der tief⸗ Nutter, auf am meiſten Furcht und die Augen, 1⁵5⁵ welch' furchtbar Schickſal über ſeine Lieben hereingebro⸗ chen. Nichts erhellte ſein tief erſchüttertes Gemüth; kein Strahl der Hoffnung ſenkte ſich in ſein banges Herz: der Tod für Alle, war die einzige Ausſicht, die ihm der traurige Spiegel der Zukunft bot. Welch' ſchreckliche Nacht hatte der Jüngling erlebt. Er hatte ſeine Freundin den Händen der furchtbaren Tyrannen entriſſen; er hatte ihren ſcheinbaren Tod be⸗ weint und alle Qualen ertragen, die ein ſolches Unglück über ſein tieffühlendes Herz bringen kounte. Und vielleicht war der Schlag noch härter, als das Leben in ſie zu⸗ rückkehrte und vor Freude beinahe erlegen wäre. Er hatte Genoveva zu ſeiner Mutter gebracht; und war dann wie ein nächtlich Raubthier mit ſeinem Knecht durch Wald und Strauch bis zu den rauchenden Trümmern ſeiner Woh⸗ nung im Dorfe gelaufen. Hier hatte er die Leiche ſeines Vaters aus dem Schlamme der Grube herausgezogen, ihn bis auf den Kirchhof getragen und unter blutigen Thränen unter dem Schatten der kleinen Kapelle im Schooße der geweihten Erde begraben. Noch zitternd und ganz zerſtört von dieſer furcht⸗ baren Arbeit, ſaß er, den Blick auf die Mutter gerichtet und von den peinlichſten Gedanken gequält, in dem nie⸗ deren Zelte. Als das Licht des Tages nach und nach hereindrang, betrachtete er ſeine Kleider und zitterte bei dem Gedan⸗ ken, ſeine Mutter möchte, wenn ſie ihn in dieſem Zu⸗ ſtande ſähe, von unausſprechlicher Angſt ergriffen werden. Mit matter Stimme ſeufzte er, als er die Hand an ſeine Kleider legte: „Blut meines Vaters, Blut meiner Freundin, Blut meiner Kameraden! Eine einzige Nacht... und ſchon Blut, theures Blut von Kopf bis zu den Füßen! Und ſo ſoll es nun fortgehen, fortgehen bis zu dem un⸗ ausbleiblichen Ende: dem Tod!...O Mutter! arme Frau, Du, die für ihn und für mich lebte, Du träumſt vielleicht, Deine Augen ſehen ihn, er habe den heitern Kuß der Wiederkehr auf Deine Lippen gedrückt— und ach! es iſt ſo ſchrecklich, ſo ſchrecklich, daß ich mir's ſelbſt kaum auszuſprechen wage... ſo ſterben, ſo be⸗ handelt werden, noch nach dem Tod! O, fort, fort — mit dieſem ſchrecklichen Bilde!... Unglückliche Mutter, alles ſoll Dir genommen werden. Dein Sohn, Dein inniggeliebter Sohn, der die einzige Stütze Dei⸗ nes Alters, der einzige Gegenſtand der milden Liebes⸗ flamme Deiner Seele iſt,— auch er wird bald durch eine Kugel niedergeſchmettert ſein: Glaube und Vater⸗ land fordern ſeinen Tod.. Und wäre er auch ſo feig, die Hände nach den Ketten der Seclaverei auszu⸗ ſtrecken, um die Gnade der fremden Tyrannen zu errin⸗ gen, ſo würde man ihn ferne von hier wegſchleppen, daß er andere Völker martere— wie die Belgier jetzt durch ihre Henker gemartert werden. Keine Wahl, keine Gnade: überall, auf allen Seiten, Schmach, Un⸗ ehre, oder Tod! Mutter, Mutter, ich habe keinen Vater mehr: ihr ſollt' auf Erden bleiben, ohne Kind, ohne Gattin!... Und Du arme, liebe Veva, die Müdigkeit hat Dich in tiefen Schlummer und ſeliges Vergeſſen gewiegt. O wüßteſt Du, welcher Schlag Dich vielleicht trifft? Dein Vater, ich habe ihn geſehen, er kannte mich nicht mehr; ich habe ihm von ſeinem Kinde geſprochen, er hörte, er verſteht nicht mehr. Sein Herz iſt gebrochen; ſeine Seele ringt ſich mühſam aus dem gebrochenen Körper los. Noch einige Tage und er wird mit meinem Vater bei Gott im Himmel verei⸗ nigt ſein.— Aber ich darf Dir's nicht ſagen: auch Dich muß ich tänſchen!“ Der gemartete Jüngling legte die Hand vor das Geſicht, als wollte er die Thränen verbergen, die ſchon lange unbeachtet über ſeine Wangen gefloſſen und nun reichlicher ſeinen Augen entſtrömten. Bald Lagerſtätt, 8 mir ſchon Dir und i ſen gießen Doch nein meine Th Freiheit jauchzen v alle einſchl! der allgem Er ſe ihm alle 4 Glieder w die Bruſt. Ein Munde ſe glaubte ſo ſeines Va⸗ „Wie ſeine Züg ſeiner Wie glücklich. liches in Geheimnif Thränen r und die§. In d Eingang verließ da Knecht, m Jan mit gebeug ſchien und Es war d den heitern ckt— und Z ich mir's en, ſo be⸗ fort, fort Unglückliche Hein Sohn, Stütze Dei⸗ den Liebes⸗ bald durch und Vater⸗ er auch ſo erei auszu⸗ n zu errin⸗ egſchleppen, zelgier jetzt eine Wahl, mach, Un⸗ habe keinen ohne Kind, Veva, die und ſeliges her Schlag ihn geſehen, von ſeinem mehr. Sein nühſam aus Tage und mmel verei⸗ ſagen: auch und vor das n, die ſchon ſen und nun 157 Bald aber richtete ſich ſein Blick wieder auf die Lagerſtätte und unwillkürlich murmelte er: „O Mutter, dürfte ich Euch den Kuß geben, der mir ſchon ſo lange auf den Lippen ſchwebt! Dürft ich Dir und ihr einen Theil meiner Schmerzen in den Bu⸗ ſen gießen, um Troſt zu finden in meiner Verzweiflung! Doch nein, ſchlafe ruhig, o Mutter; ſchlaft alle, Ihr meine Theuren. Ach, ſchlafen? Vergeſſen? Von Freiheit träumen, die Feinde zerſchmettert ſehen und jauchzen vor Glück, Freude und Liebe. O könnten wir alle einſchlummern: ewig, ewig ſchlafen, bis zum Tage der allgemeinen Erlöſung!“ Er ſchwieg einen Augenblick; die Verzweiflung ſchien ihm alle Kraft geraubt zu haben, ſein Geſicht und ſeine Glieder wurden ſchlaff, der Kopf ſank ihm langſam auf die Bruſt. Ein plötzliches Zittern befiel ihn, als er auf dem Munde ſeiner Mutter ein helles Lächeln gewahrte; er glaubte ſogar, ihre Lippen murmelten den ſüßen Namen ſeines Vaters. „Wie ſchrecklich!“ ſprach er bei ſich ſelbſt, und ſeine Züge verzogen ſich krampfhaft:„Sie träumt von ſeiner Wiederkunft, ſie lächelt ihm zu, ſie jauchzt, ſie iſt glücklich. Es iſt etwas unſäglich Furchtbares, Unmenſch⸗ liches in dieſem Betrug... Und doch darf ihr das Geheimniß nicht verrathen werden, ihr Schmerz, ihre Thränen würden mich vernichten; ich habe den Muth und die Kraft, der ich zur Rache bedarf...“ In dieſem Augenblick erſchien Jan, der Knecht, am Eingang der Hütte und winkte ſeinem Herrn. Dieſer verließ das Zelt mit leiſen Schritten und fragte den Knecht, was er ihm zu ſagen habe. Jan zeigte ſeinem Herrn einen alten Mann, der mit gebeugtem Haupte in einiger Entfernung zu warten ſchien und ſich von der Stirne den Schweiß abwiſchte. Es war der Brauer, Simons Vater. 158 „Nun, Baes Meulemaus„“ fragte Bruno und drückte ihm traurig die Hand.„Welche ſchlimme Neuig⸗ keit bringt Ihr uns. Es muß wahrhaftig traurig ſein, paß Ihr, der nichts zu fürchten hat, das Dorf ver⸗ aßt?“ ſeuzte der Brauer. „Euer Haus? Die Brauerei? Hat Euer Sohn ſeines eignen Vaters Wohnung in Brand ſtecken laſſen? Das iſt unerhört!“ „Ach, er iſt ſchuldig genug; legt ihm nicht auch noch dieſe Unmenſchlichkeit zur Laſt. Das Feuer, daß Eure Wohnung verzehrte, wurde durch den Wind nach der Brauerei getrieben. Mein Sohn und ſeine franzö⸗ ſiſchen Kameraden ſuchten es zu löſchen; alles war nut⸗ los. Aber nicht deßhalb bin ich zu Euch geeilt, Ich habe Euch eine ſchreckliche Zeitung zu melden. „Was kann ſchrecklicher ſein, als was wir bereits wiſſen?“ Der Brauer antwortete niedergeſchlagen: „Unſer Dorf iſt voll franzöſiſcher Soldaten, wohl ihrer ſechshundert mit Kanonen und Reiterei. Ein Ge⸗ neral führt ſte an. Es ſind auch einige darunter, welche vlämiſch ſprechen. Sie nennen ihr Lager eine Colonné mobile und ſagen, daß ſie gekommen ſeien, alles zu er⸗ morden, was Widerſtand leiſten würde. Von Paris iſt der Befehl angelangt, daß das ganze Kempenland innerhalb acht Tagen rein gemacht oder alles niederge⸗ brannt ſein müſſe. Solche fliegenden Colonnen ſind aus verſchiedenen Städten nach dem Kempenland gezogen. Das iſt's, Bruno: uns bleibt keine Hoffnung!“ Bruno ſtand einen Augenblick wie vernichtet da; er ſchien nicht auf die Worte des Brauers zu lauſchen: ſeine Hände ballten ſich in krampfhafter Verzweiflung. „Sechshundert!“ murmelte er,„Reiterei, Kano⸗ „Mein Haus iſt bis auf den Boden niedergebrannt!““ nen! We werden u das Dor ganze No halb wah Zeit; al Guade or gibt es n Ein er mit zu verſank. „Bit Tone. den Mör gerechten vergießt fallen, al tern und Er „Ja ſammen! Der blies ein Sie klan und durch Thieres. Zu dem weit platz, de bezeichnet Kau Bauern, Gewehr zruno und me Neuig⸗ aurig ſein, Dorf ver⸗ gebrannt!“ zuer Sohn ken laſſen? nicht auch feuer, das Wind nach line franzö⸗ s war nutz⸗ geeilt, Ich 4 wir bereits aten, wohl . Ein Ge⸗ unter, welche ne Colonne alles zu er⸗ Von Paris Kempenland es niederge⸗ nen ſind aus ezogen. Das ichtet da; er zu lauſchen: zweiflung. erei, Kano⸗ 159 nen! Was thun? Glaubt Ihr, Baes Meulemans, ſie werden uns ſuchen?“ „Mein Sohn hat es mir geſagt.“ „Euer Sohn? Iſt Simon bei ihnen?“ „Ich habe ihn begegnet, als er den General durch das Dorf führte. Die Soldaten ſind müde, da ſie die ganze Nacht hindurch marſchirten. Es bleibt Euch deß⸗ halb wahrſcheinlich zu einer Beſchlußnahme noch etwas Zeit; aber macht raſch, unterwerft Euch, bittet um Gnade oder flieht in Gottes Namen: eine andere Wahl gibt es nicht.“ Ein ſchreckliches Lachen verzog Brunos Geſicht, als er mit zu Boden gerichtetem Blicke in tiefes Nachdenken verſank. „Bittet um Gnade!“ murmelte er mit fürchterlichem Tone.„Knieet nieder vor den fremden Tyrannen, vor den Mördern all' Eurer Lieben... Steht ab von der gerechten Rache, verſagt Euer Blut dem Vaterlande und vergießt es für die Tyrannei! Nein, nein! Sterben, fallen, aber zuvor die frechen Eindringlinge niederſchmet⸗ tern und das Blut der Elenden fließen ſehen...“ Er wandte ſich an ſeinen Kuecht und ſprach: „Jan, gib das Zeichen, rufe unſere Leute zu⸗ ſammen!“ Der Knecht ſetzte das Horn an die Lippen und blies einige lange Töne nach allen Seiten des Waldes. Sie klangen hohl und ſchauerlich über den Hügel hin und durch die Bäume, wie das Geheul eines wilden Thieres. Zu gleicher Zeit richtete Bruno ſeine Schritte nach dem weiten Abhang, wahrſcheinlich dem Verſammlungs⸗ platz, den er ſeinen Kameraden im Fall eines Appelles bezeichnet hatte. Kaum ſtand er da, als von allen Seiten junge Bauern, und auch viele bejahrte Landleute mit dem Gewehr unter dem Arme aus dem Gebüſche hervor⸗ 160 kamen. Ihre Zahl war weit anſehnlicher, als am vor⸗ hergehenden Tag: nach einigen Augenblicken konnte er mindeſtens achtzig zählen und noch einige andere kamen aus der Ferne herbei. Karel aus dem Löwen ergriff Brunos Hand, drückte ſie lebhaft und ſagte, als er die bewaffneten Kameraden anreden zu wollen ſchien: „Nun, Bruno, ſchwillt Dein Herz nicht, vor Muth? Nun ſind Gewehre genug unter uns; wir ha⸗ ben Pulver und Blei im Ueberfluß. Unſre Kameraden ſind dieſe Nacht durch die Dörfer gelaufen und haben gute Hülfe mitgebracht; alle Augenblicke kommen noch bewaffnete Rekruten aus den umliegenden Gemeinden. Sie ſollen nur kommen, die Sanskulotten! Wir wer⸗ den ihnen zeigen, daß, wenn ganz Europa ihrem Hoch⸗ muth weicht, die Kempner Bauern Kugel gegen Kugel bieten. Das Spotten über die unterjochten Belgen ſoll ihnen vergehen, wenn jeder Baum, jeder Strauch Blei auf ſie ſpeit, als ob die ſtumme Natur ſich gegen die fremde Brut aufwürfe. O, wäre das Spiel nur be⸗ reits im Gang. Laßt uns nach dem Dorfe ziehen, wir ſind ſtark genug, um die Franzoſen zu verjagen!“ Bruno lächelte ſeinem Kameraden bitter in's Geſicht und ſagte: „Halte ein, Karel; ich habe ſchlimme Nachricht be⸗ kommen!“ Und indem er den Kreis dichter zu ſchließen bat, ſagte er zu ſeinen Kameraden, die ſich um ihn ſchaarten: „Freunde, horcht mit kaltem Blute auf das, was ich Euch ſagen werde. Dieſen Morgen mit Anbruch des Tages ſind ſechshundert Soldaten in Waldeghem erſchienen; ſie haben Kanonen und Reiterei bei ſich und werden von einem General befehligt. Sie kommen, uns gefangen zu nehmen oder niederzumetzeln. Ich weiß, daß ſie beabſichtigen, heute noch unſern Schlupfwinkel anzufal⸗ len... 7 Entſchluß, Einige der verzwei „Ja, ziehen, dan rief ein An Karel haft in den „Gott Bauern; es „Kam helfen,“ ſe will, iſt ni Wißt, daß durchkreuzer Nachforſchr noch ein Y das Euch g beweist es. furchtbar. nicht wagen rath andern gehen und antwortlich nach der S „Und unterwerfen „Dan! Hand,“ r Tyrannen die Wohn Eurer Aelt Gottes ſche Conſcience ls am vor⸗ konnte er dere kamen and, drückte Kameraden nicht, vor s; wir ha⸗ Kameraden und haben mmen noch Gemeinden. Wir wer⸗ hrem Hoch⸗ egen Kugel Belgen ſoll trauch Blei Hgegen die jiel nur be⸗ rfe ziehen, verjagen!“ in’s Geſicht achricht be⸗ n bat, ſagte chaarten: das, was it Anbruch Waldeghem ei ſich und mmen, uns weiß, daß el anzufal⸗ len... Freunde, es bleibt uns wenig Zeit: faßt einen Entſchluß, ehe es zu ſpät wird.“ Einige der Zuhörer erblaßten, einige ſahen einan⸗ der verzweifelnd an, andere blickten ſprachlos zu Boden. „Laßt uns tiefer in das Land hinein fliehen,“ ſagte Einer. „Ja, wir wollen uns nach dem Unterwalde zurück⸗ ziehen, dann werden uns die Sanskulotten nicht finden,“ rief ein Anderer. Karel aus dem Löwen hielt ſein Gewehr krampf⸗ haft in den Händen und rief: „Gott! Sechshundert Soldaten gegen einige arme Bauern; es iſt zu viel!“ „Kameraden, ich werde Euch zu einem Beſchluß helfen,“ ſagte Bruno kalt.„Was ich von Euch wiſſen will, iſt nicht, welchen Schlupfwinkel Ihr wählen wollt. Wißt, daß ſolche kleine Colonnen das ganze Kempenland durchkreuzen; es iſt alſo unwahrſcheinlich, daß wir den Nachforſchungen der Tyrannen entgehen. Es gibt aber noch ein Mittel zur Rettungz; freilich iſt es kein Mittel, das Euch gefallen kann, Eure Gegenwartan dieſem Orte beweist es. Aber der Tod, der unfehlbare Tod iſt auch furchtbar. Diejenigen, die ſolchen hoffnungsloſen Streit nicht wagen, ſollen ihre Waffen und ihren Kriegsvor⸗ rath andern überlaſſen; dann mögen ſie nach Waldeghem gehen und ſich unterwerfen. Ich will für niemanden ver⸗ antwortlich ſein; ich will niemand, der den Tod fürchtet, nach der Schlachtbank führen...“ „Und wenn wir nach Waldeghem gehen und uns unterwerfen?“ fragte ein ſehr junger Rekrut. „Dann bekommt Ihr ein fremd'’ Gewehr in die Hand,“ rief Karel aus dem Löwen,„der Knecht der Tyrannen müßt Ihr werden und auf uns ſchießen und die Wohnungen Eurer Landsleute, Eurer Freunde, Eurer Aeltern in Brand ſtecken und die Kirchen Eures Gottes ſchänden!“ Conſcience, Bauernkrieg. 11 16² Der junge Rekrut ſchüttelte den Kopf und murmeltt in düſterem Tone: „Weit lieber ſterben!“ Alle ſtanden rathlos vor Bruno und ſahen ihn fra⸗ gend an. „Aber was willſt Du thun, Bruno?“ rief Karel. „Wenn meine Freunde auch ſich unterwürfen, ich würde doch bei meinem erſten Beſchluß beharren,“ ant⸗ wortete der Jüngling.„In meinem Herzen brennt mehr als in Eurem der Durſt nach Rache: ich muß meine Bruſt dieſen fremden Eindringlingen entgegenwerfen: es iſt meine Pflicht.— Bliebe ich allein, würde ich mich in einem Walde verſtecken, wie ein ſchädlich Thiet mich in einer Höhle verkriechen und zu günſtiger Zeit ſie verlaſſen, um mich mit meinem Gewehr auf die Lauer zu legen, und den Feinden meines Gottes und meines Vaterlandes nach dem Leben zu ſtehen. Sie brauchen gegen ein unglückliches Volk das Recht des Stärkern, ich werde gegen ſie das Recht des Schwächern gebrauchen: Liſt, Vorſicht und ruheloſe Rache!“ „Und wenn die Meiſten von uns Dir getreulich fol⸗ gen wollen?“ fragte Karel wieder. In dieſem Fall würden wir das Gleiche thun: wit würden die Frauen und Kinder, ſowie die unbewaffneten Männer ſoviel als möglich in der Tiefe des Waldes zer⸗ ſtreuen, ſo fern als möglich von hier, damit ſie nicht in das unmittelbare Bereich des Feindes fallen. Wir unſrerſeits, würden den Sandhügel verlaſſen und uns an dem Wege verbergen, der von Waldeghem hierher führt; wir wür⸗ den die fremde Colonne erwarten und theilweiſe vorüber⸗ ziehen laſſen. In ihren dichten Reihen würde jeder von uns ſich einen Mann ausſuchen und auf ein gegeben Zeichen achtzig Mann niederſtrecken. Könnten wir dam nicht mehr mit Vortheil aus dieſem Hinterhalte hervot manoeuvriren, ſo würde jeder von uns in der Tiefe des Waldes ſich durch die Flucht retten, um uns an einem vorher be⸗ den wir ſ begleiten, und mord ten von 1 ſchwach; auch unſr der Bien ig Dor zig„Nu nicht? S nen Auge wer geht Er! telten ver „Es bis zum Ein einige ſtie war, als Nachricht bemächtig verſtändli Aufmerkſe Hint ein Man ſah und wurde, de dieſer Le⸗ Wäl dem frem fragte ne der, wen doch allg Der d murmeltt en ihn fra⸗ rief Karel. vürfen, ich eren,“ ant⸗ prennt mehr muß meine werfen: es de ich mich dlich Thier iger Zeit ſie af die Lauer und meines die brauchen 3 Stärkern, gebrauchen: etreulich fol⸗ 2 thun: wit nbewaffneten Waldes zer⸗ enicht in das r unſrerſeits, n dem Wege ; wir wür⸗ eiſe vorüber⸗ de jeder von ein gegeben en wir damn halte hervor er Tiefe des is an einem vorher beſtimmten Orte wieder zu ſammeln. Täglich wür⸗ den wir ſolche Angriffe machen, unſre Feinde überallhin begleiten, uns wie unſichtbare Geſpenſter an ſie hängen und morden, bis die Kugel der Tyrannen auch den Letz⸗ ten von uns gefällt. Ach Freunde, wir ſind ungeübt und ſchwach; aber auf ſolche Weiſe würden wir, wie gering auch unſre Zahl iſt, unſer Leben theuer verkaufen und der Fremde würde erfahren, was es ihm koſtet, ein ein⸗ zig Dorf des Kempenlandes in Sclaverei zu ſchlagen.“ „Nun!“ rief Karel den Umſtehenden zu,„Ihr ſprecht nicht? Solltet Ihr wirklich feig genug ſein, nur ei⸗ nen Augenblick mit Eurem Entſchluſſe zu zögern? Sagt, wer geht nach Waldeghem, um ſein Leben zu erhalten?“ Er wandte ſich an ſeine Kameraden, alle aber ſchüt⸗ telten verneinend den Kopf. „Es iſt alſo entſchieden,“ rief Karel,„wir bleiben bis zum Tod bei Bruno?“ Ein bejahendes Gemurmel ging durch dieſe Reihen: einige ſtießen mit den Gewehrkolben auf den Boden. Es war, als ob nach und nach der Eindrnck der ſchrecklichen Nachricht ſich milderte und die Rachſucht ſich ihrer wieder bemächtigte.... Ehe jedoch von ihren Worten etwas verſtändlich wurde, zog eine unerwartete Erſcheinung ihre Aufmerkſamkeit auf ſich. Hinter dem Sandweg trat zwiſchen den Bäumen ein Mann hervor, der wie ein Herr aus der Stadt aus⸗ ſah und von drei bis vier unbekannten Bauern begleitet wurde, die ihm wahrſcheinlich als Führer gedient. Einer dieſer Letzten trug einen kleinen Reiſeſack in der Hand. Während die bewaffneten Rekruten neugierig nach dem fremden Herrn ſahen, trat er gerade zu ihnen und fragte nach ihrem Anführer. Alle deuteten auf Bruno, der, wenn auch noch nicht als Befehlshaber ausgerufen, doch allgemein als ſolcher angeſehen wurde. Der Herr näherte ſich ihm und fragte leiſe: 164 „Kapitäu, ſeid Ihr all' Eurer Leute ſicher? Habt Ihr kein Geheimniß vor ihnen?“ „Wozu die ſeltſame Frage?“ ſagte Bruno etwas mißtrauiſch. „Ich muß Euch über wichtige Dinge ſprechen, die große Eile haben. Wenn Ihr von der Treue Eurer Leute überzeugt ſeid, möchte ich am liebſten auch von ihnen ver⸗ nommen werden, es würde uns Zeit erſparen.“ „Wer ſeid Ihr denn?“ fragte der Jüngling. „Laßt Eure Leute etwas näher treten; ich werde Euch ſagen, weßhalb ich Euch ſo tief in den Wäldern aufſuche.“ Als die Bitte des Unbekannten erfüllt war, ſprach dieſer, indem er ein Papier aus der Bruſt hervorholte und zeigte, folgendermaßen zu den Umſtehenden: „Dieſer Brief beweiſt, daß ich ein Abgeſandter Eurer Freunde bin: er iſt von dem Oberſt der Patrioten von Gheel unterzeichnet. Wenn die Franzoſen dieſe Schrift bei mir fänden, ſie würden mich augenblicklich erſchießen. Habt alſo volles Vertrauen in das, was ich Euch ſagen werde: Ihr ſeid aus Eurem Geburtsorte hierher geflüchtet; in allen Wäldern des Kempenlandes haben ſich Männer verborgen, welche bereit ſind, ihr Blut für das Vaterland zu opfern. Auch Ihr, meine Freunde, ſehe ich, ſeid be⸗ reit, für Freiheit und Glauben zu ſtreiten. Aber ſo von einander entfernt, wird man das Ziel nie erreichen. Die Fremden haben es bequemer, Sie ziehen in mächtigen Schaaren durch das Land und ſuchen nach und nach die zerſtreuten Patrioten auf und nehmen ſie gefangen oder ſchießen ſie nieder. Eine neue Gefahr droht uns; wir müſſen zuſammen gehen und eine große Macht bilden, um nicht im Einzelkampfe hingeſchlachtet zu werden. In Paris hat man gefühlt, daß es unvorſichtig war, mit den unterdrückten Belgen zu ſcherzen. Und um wo mög⸗ lich ein raſches Ende mit uns zu machen, hat man be⸗ ſchloſſen, gleicher; tödten ur an unſer! Größe de gen zu Leute in ihre Sche rath von Alte Haup heitskamp in Menge Dienſt de ein Abgeſ zerſtreuten punkt unß wurden n Kräfte, d verwendbe man muß mal mäch uns auf Glück wer aufſuchen uns dies ſeine Fre Die von der ſ zweifelhaf für lauter Den Worte zu „Wi⸗ Karel aut her? Habt kuno etwas rechen, die Eurer Leute m ihnen ver⸗ 4 ing. ich werde n Wäldern ar, ſprach hervorholte n: udter Eurer rrioten von eſe Schrift erſchießen. Euch ſagen geflüchtet; ch Männer Vaterland , ſeid be⸗ ber ſo von ichen. Die mächtigen dHnach die ngen oder uns; wir hht bilden, erden. In war, mit wo mög⸗ tman be⸗ 165 ſchloſſen, eine große Macht gegen uns auszuſenden, zu gleicher Zeit auf uns zu ſtreifen, uns zu verfolgen, zu tödten und niederzumetzeln, um ſo ſelbſt die Erinnerung an unſern vaterländiſchen Aufſtand zu verwiſchen. Die Größe der Gefahr hat wie ein blutiger Sporn die Bel⸗ gen zu einem letzten Entſchluſſe gebracht; die reichen Leute in den Städten, die geflohenen Mönche ſtellen uns ihre Schätze zu Gebot und führen uns überflüſſigen Vor⸗ rath von Allem zu, was für den Krieg nothwendig iſt. Alte Hauptleute, muthige Männer, die in dem erſten Frei⸗ heitskampf ihr Leben für das Vaterland wagten, kamen in Menge zu uns und ſtellten ihre Erfahrung in den Dienſt der heiligen Sache, die wir vertheidigen. Ich bin ein Abgeſandter aus dem Lager und beauftragt, die zerſtreuten Flüchtlinge aufzuſuchen und nach dem Mittel⸗ punkt unſres Lagers zu rufen: ſolche Bevollmächtigte wurden nach allen Gegenden des Landes geſandt. Alle Kräfte, die noch für die Vertheidigung des Vaterlandes verwendbar ſind, müſſen zuſammengebracht werden: man man muß ein einziges, ſtarkes Heer bilden, das zehn⸗ mal mächtiger iſt, als die Banden, die die Franzoſen uns auf den Leib ſenden wollen. Dann wird ſich das Glück wenden; wir werden ſelbſt die mobilen Colonnen aufſuchen und eine nach der andern vernichten. Glückt uns dies Beginnen, ſo wird gauz Europa vielleicht uns ſeine Freiheit verdanken!“ Die Rekruten ſahen den Abgeſandten etwas ungläu⸗ big an: zwar zeugte das Lächeln auf manchem Geſicht von der ſteigende Hoffnung, aber die Meiſten ſahen ſich zweifelhaft an, als ob ſie die Worte des Unbekannten für lauter Großſprecherei hielten. Den Abgeſandten ſchien der geringe Eindruck ſeiner Worte zu befremden. „Wie dem auch ſei, der Herr hat Recht,“ ſprach Karel aus dem Löwen,„wir müſſen zuſammenſtehen und 166 in großer Zahl auf die Sauskülotten fallen, dann wird unſre Macht ſich die Wagſchale halten.“ „Freunde, ich habe mich getäuſcht,“ ſeufzte der Ge⸗ ſandte mißmuthig,„ich glaubte, Ihr würdet meinen Auf⸗ ruf mit Freuden vernehmen, und Ihr bleibt bei meinen Worten kalt, wie Eis. Es ſollte Euch doch freuen, daß die Sonne der Erlöſung einige ſichtbare Strahlen auf uns herabſandte, und daß unſre Macht ſeit einigen Ta⸗ gen ſo angewachſen, daß die fremden Tyrannen dem Er⸗ folge unſerer Rüſtungen mit Bangen entgegenſehen. Noch einmal, bei allem, was Euch theuer iſt, bei der verlornen Freiheit, bei Eurem verhöhnten Glauben, bei Eurem eig⸗ nen Leben, bietet die Hand zur gemeinſchaftlichen Sache; zieht nach dem Lager der Patrioten und verbindet mit ihnen Eure Kräfte zur Vernichtung der Tyrannei!“ Der ſchmerzliche Ton, in welchem dieſe Worte ge⸗ ſprochen wurden, rührte Bruno tief: ſie flößten ihm Ver⸗ trauen in den Unbekannten ein und ließen ihn glauben, daß er es wirklich ehrlich und redlich meine. Er ergriff ſeine Hand und ſagte: „Ihr täuſcht Euch in uns, mein Herr. Keiner von uns würde einen Schritt zurückweichen, und ſtiege der Tod ſelbſt aus dem Boden vor ihm auf. Euer Rath iſt gut, falls wir ihm jedoch folgen wollten, wo iſt der Ver⸗ ſammlungsplatz, den Ihr uns anweist? wo iſt das vater⸗ ländiſche Lager, von welchem Ihr kommt? Ihr zeigt uns ein Schreiben von einem Oberſten der Männer von Gheel. Iſt denn die Stadt Gheel in den Händen der Patrioten?“ „Ihr wißt alſo nicht, was um Euch her vorgeht?“ fragte der Herr mit Verwunderung.„Hört, ich werde Euch in wenigen Worten den Stand der Dinge ſchil⸗ dern. Alle kleinen Städte und Dörfer von hier bis nach Dieſt, von Lier bis Beringen ſind in unſerer Macht: Herenthals, Gheel, Moll, Meerhout, Weſterloo, Sichem ſind in den Händen unſerer Freunde. Alle Patrioten aus Fland beim Hag überall v über fünft zurück.. „Ach des Entz ſeine Kan die freudi Der „Fre hoch, um Wir Alle Spiel ſetz mehr: w heit!“ Ein Jüngling Muth zu Rührung nommen eingeſtoße ſie benah lich eine Bei Lage wa wenige 6 ſein, nich Hoffnung volle Kr der Rekri einen au „Es Und wir dann wird gte der Ge⸗ neinen Auf⸗ bei meinen reuen, daß trahlen auf inigen Ta⸗ en dem Er⸗ ſehen. Noch er verlornen Eurem eig⸗ chen Sache; rbindet mit nnei!“ Worte ge⸗ n ihm Ver⸗ on glauben, Er ergriff Keiner von ſtiege der er Rath iſt iſt der Ver⸗ das vater⸗ Ihr zeigt Nänner von Händen der vorgeht?“ ich werde dinge ſchil⸗ n hier bis erer Macht: oo, Sichem e Patrioten 167 aus Flandern und Brabant ſind bereits in den Kempen, beim Hageland verſammelt: ſie haben die Franzoſen überall vertrieben. Ihre Zahl beläuft ſich bereits auf über fünftauſend: täglich ſchlagen ſie den Feind weiter urück...“ 1„Ach, iſt dies Alles wahr?“ rief Bruno mit Thränen des Entzückens und halb erſtickter Stimme, während ſeine Kameraden einander die Hände drückten und über die freudige Nachricht jauchzten. Der Abgeſandte antwortete in feierlichem Tone: „Freunde, Brüder, ich achte den Namen Gottes zu hoch, um meine Worte durch einen Eid zu bekräftigen. Wir Alle wollen unſer Leben für das Vaterland auf das Spiel ſetzen: im Angeſichte des Todes lügt man nicht mehr: was ich Euch ſage, iſt Wahrheit, lautere Wahr⸗ heit!“ Ein Freudenſchrei erhob ſich aus der Schaar der Jünglinge: ſie ſprachen voll Begeiſterung ſich gegenſeitig Muth zu und wiſchten ſich Thränen der Freude und Rührung aus den Augen. Die Gewehre wurden aufge⸗ nommen und die Pfanne unterſucht, die Ladung feſter eingeſtoßen und der Hahn geſpannt. Mit einem Worte, ſie benahmen ſich, als ob Kampf und Feuer ihnen plötz⸗ lich eine Lieblingsunterhaltung geworden. Bei der Schilderung der Hoffnungsloſigkeit ihrer Lage waren ſie in ſtumme Angſt verfallen. Es gibt wenige Soldaten, die, ſie mögen noch ſo heldenmüthig ſein, nicht vor einem gewiſſen Tod erbeben; die geringſte Hoffnung reicht jedoch hin, ihrem Muthe wieder ſeine volle Kraft zu geben. Nun kannte die Mannhaftigkeit der Rekruten keine Grenzen mehr: ſie wünſchten ſelbſt einen augenblicklichen Zuſammenſtoß mit dem Feinde. Bruno ſchlug indeß ſein Auge zum Himmel auf und rief begeiſtert: „Es gibt doch noch eine Freiheit, eine Erlöſung? Und wir ſollten nach unſerem elenden Dorfe zurückkehren 168 und die Peiniger um Gnade anflehen? Dank, Dank, o Herr, daß Du Dich unſer erinnert!“ „Hört mich an,“ fuhr der Abgeſandte fort, indem er mit einer Geberde der Hand die Aufmerkſamkeit auf ſich zu lenken ſuchte.„Vernehmt, was Ihr zu thun habt. Heute noch müßt Ihr nach Herenthals ziehen: dort werdet Ihr eine große Anzahl Rekruten ſinden. Der Oberſt wird Euch eine Stelle unter ſeinem Befehl an⸗ weiſen. Laßt die Frauen und nicht wehrhaften Männer zurück: ſie würden Euch nur hindern. Ich habe Eile, denn ich muß noch in andere Gemeinden, um die Re⸗ kruten aufzuſuchen.“ Er ergriff Bruno's Hand und fragte: „Nun, Kapitän, bleibt's bei dem Geſagten? Werde ich Euch in Herenthals finden?“ „Wir ziehen ſogleich ab,“ antwortete Bruno.„Gott geleite Euch und gebe Euch einen glücklichen Erfolg.“ Der Abgeſandte nahm den Reiſeſack aus den Hän⸗ den des Mannes, der ihn trug, und holte eine Hand voll Gold daraus hervor. „Seht,“ ſprach er zu Bruno,„nehmt das Geld: Ihr werdet's zur Bezahlung Eurer Fourage brauchen.“ „Wir haben Geld,“ antwortete Bruno, indem er ablehnend den Kopf ſchüttelte. „Deſto beſſer,“ verſetzte der Herr,„ſo bleibt mir für Andere etwas übrig, die es werden brauchen können ... Lebt wohl, beeilt Euch; auf Wiederſehen!“ Der Abgeſandte gab den Reiſeſack ſeinen Führern zurück und entfernte ſich; er verſchwand einen Augenblick ſpäter unter den Bäumen. „Beeilt Euch nun! ſprach Bruno zu ſeinen Leuten. „Ihr theilt den Bewohnern des Dorfes mit, daß wir ſogleich in den Kampf gegen den Feind aufbrechen, und rathet ihnen, daß ſie ſich noch tiefer in den Wald zurück⸗ ziehen; ſagt ihnen, daß die Sanskülotten noch dieſen Morgen nach dem Sandberge kommen werden. Nehmt in aller E macht Eus⸗ Sollten n ſo werden ſchießen at ſehen, da können, ſo an einem wir auf u ſchlagen, Saſſenhol Er hatte und „Ich Töne hört aber ſpute Alle geben. 2 deſſen den entgegenge Schritte g wegen ſeit man in d einige Ku liches Geſt Greiſe,. ſich im G Inde der blitzſe ſchrei der Am lichen ben das Uebe oder die kam der tung denk Dank, o rt, indem amkeit auf thun habt, hen: dort den. Der Befehl an⸗ in Männer habe Eile, m die Re⸗ in? Werde no„Gott Erfolg.“ den Hän⸗ eine Hand das Geld: brauchen.“ indem er bleibt mir den können 14 n Führern Augenblick hen Leuten. daß wir echen, und ald zurück⸗ doch dieſen 1. Nehmt 169 in aller Eile Abſchied vo Bekannten und Freunden, und macht Euch bereit, in wenigen Augenblicken abzuziehen. Sollten wir unterwegs von Soldaten angefallen werden, ſo werden wir, wie ich bereits befohlen, verfahren: wir ſchießen aus den Gebüſchen hervor, ſo bald wir aber ſehen, daß wir uns gegen die Uebermacht nicht halten können, ſo fliehen wir nach allen Seiten und finden uns an einem beſtimmten Orte wieder zuſammen. Werden wir auf unſerem Zug nach Herenthals aus einanderge⸗ ſchlagen, ſo bezeichne ich Euch als Vereinigungsplatz das Saſſenholz hinter Prooſthoven.“ Er nahm das Horn, das der Knecht umhängen hatte und ſagte: „Ich werde ſelbſt das Horn tragen. Wo Ihr ſeine Töne hört, kommt zuſammen, wie ich Euch geſagt. Nun aber ſputet Euch!“ Alle entfernten ſich, um ſich zu den Ihrigen zu be⸗ geben. Bruno, welchem ſein Knecht folgte, beſtieg in⸗ deſſen den Sandberg, da die Hütte ſeiner Mutter am entgegengeſetzten Abhange lag; aber kaum war er einige Schritte gegangen, und hatte dem Knecht einige Aufträge wegen ſeiner Mutter und ſeiner Freundin gegeben, als man in dem Gebüſche einige Gewehrſalven hörte und einige Kugeln über den Sandberg pfiffen. Ein ſchreck⸗ liches Geſchrei erhob ſich am Rande des Waldes: Frauen, Greiſe, Kinder, Alles ſprang jammernd auf und ſuchte ſich im Geſträuche zu verbergen. Indeſſen mehrten ſich die Schüſſe und das Pfeifen der blitzſchnellen Bleis klang furchtbar zwiſchen dem Ge⸗ ſchrei der Kinder und dem Hülferuf der Frauen. Am Rande des Waldes lagen einige der Unglück⸗ lichen bewegungslos auf das Gras hingeſtreckt. Hatte das Uebermaaß des Schreckens ſie niedergeſchmettert, oder die Kugel des Feindes ſie getroffen? So raſch kam der Angriff, daß Jeder nur auf ſeine eigene Ret⸗ tung denken konnte. 170 Bruno war zum Zelte ſeiner Mutter geeilt. Er fand ſie, Genoveva und den Prieſter auf den Knieen, Gott um Hülfe anrufend. Bei dem Tone ſeiner gebietenden Stimme ſprangen Alle auf. „Raſch, Mutter, Veva, ehrwürdiger Vater, auf! Der Wald iſt voll von Feinden. Jan wird Euch führen, er kennt den Weg, ich werde Euch folgen, Euch verthei⸗ digen; aber raſch, verliert kein Wort und macht Euch auf den Weg.“ Der Knecht eilte zu den Frauen, ergriff ihre Hände und führte ſie durch das Niederholz in den Schooß des Waldes. Bruno eilte nach dem Sandberg und begann aus allen Kräften zu blaſen. Die Rekruten krochen, um zu ihm zu kommen, ohne von den Soldaten bemerkt zu werden, durch das Laub, und erſchienen nach und nach hinter ſeinem Rücken am Rande des Waldes.— Dort waren ſie durch den Hügel beſchützt. Obſchon die franzöſiſchen Soldaten Niemand mehr bemerkten, feuerten ſie doch noch unaufhörlich ihre Ge⸗ wehre ab. Wahrſcheinlich wollten ſie nicht minder vor⸗ ſichtig zu Werke gehen: man ſah ihre Köpfe zwar hie und da über dem Blätterwerke erſcheinen, aber ſie wagten ſich nicht aus dem Walde hervor. Bruno hatte Zeit, auf die Meiſten ſeiner Kamera⸗ den zu warten. Einige drangen darauf, daß man den Ort augenblicklich verlaſſe und in aller Eile nach Heren⸗ thals ziehe. „Nein, noch nicht!“ befahl Bruno, indem er ihnen ein Zeichen gab, ihm zu folgen.„Wir müſſen unſere Mit⸗ bewohner ſchützen. Der Feind muß uns erſt auf den Leib; ſo lange wir hier ſind, kann er unſere Eltern und Freunde nicht erreichen. Verbergen wir uns einige Schritte tiefer im Walde; doch ſo, daß wir mit unſern Kugeln di külotten d laßt uns in den W Zu Boden ſind ſie!“ Wirk lauten Be⸗ herüberkli befanden, hundert 2 ſchien ſie „Sir Löwen zu „Ihr Sob reicht hat ſetzte Bru daß ein d Achtz geſchoſſen den Sand „In Seit den Wald Inde eine gro aber der litten, m ſie zogen jetzt erſt In ganze El erhjelten, Kau Walde, geeilt. Er en Knieen, e ſprangen ater, auf! uch führen, ich verthei⸗ macht Euch ihre Hände Schooß des degann aus imen, ohne das Laub, Rücken am den Hügel nand mehr h ihre Ge⸗ ninder vor⸗ e zwar hie ſie wagten r Kamera⸗ man den nach Heren⸗ m er ihnen unſere Mit⸗ eſt auf den Eltern und uns einige mit unſern 171 Kugeln die Lichtung beſtreichen können. Wenn die Sans⸗ külotten den Wald verlaſſen, um uns zu verfolgen, dann laßt uns gut zielen; nach jedem Schuß zieht Euch tiefer in den Wald zurück und feuert, ſo oft Ihr könnt... Zu Boden! Legt Euch nieder! Zurück in den Wald! Da ſind ſie!“ Wirklich hörte man auch im ſelben Augenblicke den lauten Befehl zum Vorwärtsmarſchiren aus dem Walde herüberklingen, in welchem ſich die franzöſiſchen Soldaten befanden, und im ſelben Augenblicke drangen ungefähr hundert Mann aus dem Walde hervor. Der Befehl ſchien ſie zu freuen, denn ſie jauchzten hellauf. „Simon⸗Brutus!“ flüſterte Bruno Karel aus dem Löwen zu, der neben ihm lag und lauerte. „Ihn ſoll meine erſte Kugel treffen!“ Sobald die Franzoſen den Abhang des Hügels er⸗ reicht hatten, der an den Verſteck der Rekruten grenzte, ſetzte Bruno das Horn an den Mund und ſtieß hinein, daß ein dumpfer Ton erdröhnte. Achtzig Gewehrſalven wurden kurz nacheinander ab⸗ geſchoſſen; dreißig Soldaten fielen zu Tode getroffen in den Sand. „In den Wald zurück und geladen!“ rief Bruno. Seine Leute ſtanden auf und folgten ihm tiefer in den Wald. Indeſſen hatten die fremden Soldaten gleichfalls eine große Anzahl Schüſſe nach dem Walde abgefeuert; aber der unglückſelige Verluſt, den ſie unverſehens er⸗ litten, machte die Meiſten einen Augenblick zaghaft, ja ſie zogen ſich etwas zum Hauptcorps zurück, das ſich jetzt erſt am Rand des Waldes zeigte. In weniger als einem Augenblick war jedoch die ganze Ebene mit Soldaten bedeckt, die jetzt den Befehl erhjelten, unaufhaltſam iu den Wald zu dringen. Kaum waren die Vorderſten einige Schritte tief im Walde, als von allen Seiten Kugeln unter ſie hinein⸗ 172 pfiffen; und ſie mußten gut gezielt ſein, denn viele trafen das Ziel im rechten Punkt und verurſachten dem Feind einen großen Verluſt. Die Soldaten murrten gegen ihr Schickſal und gegen ihre unſichtbaren Feinde; aber die Stimme ihres Anführers trieb ſie immer in den Wald, während ſie in's Unbeſtimmte ſchoßen, ohne zu wiſſen, wo ihre Kugel treffen würde. Lang wiederhallte der Wald von den Schüſſen der Feuerrohre, bis ſich der furchtbare Lärm nach und nach ganz verlor, ohne daß die Bewohner der umliegenden Gehof ſagen konnten, ob der Kampf aufgehört oder nicht. VII. Während die armen Einwohner von Waldeghem von ihren Feinden verfolgt wurden, bot die Stadt Herenthals ein ſeltſames Schauſpiel dar. Alle Straßen, namentlich der Markt, wimmelten von Volk, das jauchzend, rufend, jammernd durch ein⸗ ander ſtrömte und die Luft mit wirrem Geränſch erfüllte. Die große Mehrheit des Volks beſtand aus bewaffneten Bauern und Rekruten: da und dort bemerkte man wohl auch Einzelne, die man an ihrer Kleidung als Bewohner größerer Städte und wohlhabende Leute erkennen konnte. Einige, welche beſtimmte Zeichen an dem Hute oder an dem Arme trugen, liefen mit lebhaften Geberden und lautem Rufen durch das Gewühl und ſuchten Jedem be⸗ greiflich zu machen, was geſchehen ſollte; obgleich ihnen der Schwe nicht, die dies, der ungeſtüme In a kleinere Ab in Glieder ernſtlich m ſchäftigt w Längs Kinder, d flüchtet wa und klagten trachteten Männer m. dem Glocke deckt. Auf Verwundet Tücher ger einige bar Hülfe und Andern Be ihrer Land innigſten L Der immer ſcht der und um ihre O ſtoßen. Plötzl Entfernung raſcht auff zu läuten. Einig ten unter viele trafen dem Feind hickſal und imme ihres end ſie in's ihre Kugel ſchüſſen der h und nach mliegenden ehört oder deghem von Herenthals wimmelten durch ein⸗ ſch erfüllte. vewaffneten man wohl Bewohner ien konnte. Hute oder berden und Jedem be⸗ leich ihnen 173 der Schweiß von der Stirne lief, gelang es ihnen doch nicht, die Verwirrung zu mindern: der Eine befahl dies, der Andere etwas Anderes, und ſo dauerte die ungeſtüme Verwirrung fort. In abgelegeneren Straßen konnte man jedoch auch kleinere Abtheilungen bewaffneter Männer ſtehen ſehen, die in Glieder getheilt und unter dem Befehl eines Offiziers ernſtlich mit Kriegsübungen und Gewehrexercitien be⸗ ſchäftigt waren. Längs der Häuſer am Markte ſaßen die Frauen und Kinder, die aus den umliegenden Dörfern hierher ge⸗ flüchtet waren, auf Haufen von Betten. Viele weinten und klagten über ihr bitteres Schickſal: die meiſten be⸗ trachteten die fieberhafte Aufregung und Unruhe der Männer mit Angſt und Sorgen. Am Rathhaus unter dem Glockenthurm hatte man den Boden mit Stroh be⸗ deckt. Auf dieſem Lager ſaßen oder lagen etwa fünfzig Verwundete, die den Kopf oder die Arme in blutige Tücher gewickelt hatten. Zwiſchen ihnen umher wandelten einige barmherzige Schweſtern, welche ihnen Nahrung, Hülfe und Troſt brachten, wie es dem Einen oder dem Andern Bedürfniß war: die edeln Frauen nahmen ſich ihrer Landsleute mit der zärtlichſten Sorgfalt und der innigſten Liebe an. Der Morgen war bereits weit vorangeſchritten: noch immer ſchwärmten die bewaffneten Männer durcheinan⸗ der und liefen von der einen Seite nach der andern, um ihre Offiziere zu ſuchen oder zu ihren Kameraden zu ſtoßen. 3 Plötzlich hörte man außerhalb der Stadt in großer Entfernung einige Gewehrſchüſſe. Während man über⸗ raſcht aufſah und lauſchte, begann die Nothglocke Sturm zu läuten.... Einige Männer eilten vom Rathhaus herab und tra⸗ ten unter die Menge, indem ſie laut riefen: 174 „Zu den Waffen! Auf! nach dem untern Thor! Die fliegenden Colonnen! die fliegenden Colonnen!“ Ein wirres Geſchrei erhob ſich aus der Stadt; die Männer riefen ſich gegenſeitig zu, und eilten nach dem Thore; Trommeln und Trompeten miſchten ihren Lärm mit dem Gewimmer der Sturmglocke. Frauen und Kin⸗ der erhoben ein ſchrecklich Gejammer.... Die Männer liefen in buntem. Durcheinander nach⸗ dem angedeuteten Thore; die Frauen und Kinder flüch⸗ teten in die Häuſer; die Verwundeten, die ſich noch auf⸗ richten oder fortſchleppen konnten, ſuchten gleichfalls einen ſicheren Zufluchtsort.... und in wenigen Augenblicken waren Markt und Straßen leer und öde. Thüren und Fenſter wurden geſchloſſen; wer nicht ſtreiten konnte oder nicht zu ſtreiten wagte, verbarg ſich in Kellern und an⸗ deren Schlupfwinkeln und die Stadt ſah ſo verlaſſen und todtenſtill aus, als ob ſie ganz unbewohnt wäre. Die Bewaffneten hatten indeſſen das Thor erreicht, das durch den Feind bedroht ſchien. Als ſie noch immer in der Ferne Gewehrſchüſſe hörten, wollten die meiſten auf das offene Feld gegen die Franzoſen hinausziehen; es gelang jedoch dem Offizier, ſie zu überzengen, daß es beſſer ſein würde, wenn ſie ſich bei den erſten Häu⸗ ſern der Stadt verſchanzten und dort den Feind erwarteten. Unter andern Maßregeln, die in aller Eile getroffen wurden, fand man für gut, alle Häuſer dieſes Theiles der Stadt, das man die Benedery hieß, mit Leuten zu beſetzen, um aus Fenſtern und Kellern auf den Feind zu ſchießen, wenn es ihnen gelänge, die Patrioten ſoweit zurückzudrängen. Kaum war man an die Ausführung dieſes Beſchluſ⸗ ſes gegangen, als diejenigen, die ſich außerhalb der Stadt in Reihen geſchaart hatten, in der Ferne Staub auf⸗ ſteigen und einen wirren Menſchenhaufen, unter welchem viele Frauen und Kinder waren, auf ſie zukommen ſaben. Obgleich man nach der Eile, mit der ſie ſich nahten, hätte den Feinde, l halb erw würde. Da deutlicher Es oder and man ſah darunter. andere hi Mit Thor der wiſſen, die armer in die S „Vo kommen! Ein der Men kleiner C Frau an Verzweif ein jung kelndes der Betr Ein los und Viele, v verwund waren z nach un ern Thor! nnen!“ Stadt; die inach dem hren Lärm n und Kin⸗ rander nach inder flüch⸗ h noch auf⸗ hfalls einen lugenblicken Thüren und konnte oder en und an⸗ erlaſſen und äre. or erreicht, noch immer die meiſten nausziehen; geugen, daß erſten Häu⸗ erwarteten. ile getroffen ſes Theiles Leuten zu den Feind ioten ſoweit es Beſchluſ⸗ b der Stadt Staub auf⸗ ter welchem nmen ſaben. ſich nahten, 175 hätte denken ſollen, ſie ſeien verfolgt und fliehen vor dem Feinde, hörte man doch keine Gewehrſchüſſe mehr. Deß⸗ halb erwarteten die Bewaffneten ruhig, was geſchehen⸗ würde. Da die Flüchtigen raſch voraneilten, konnte man bald deutlicher unterſcheiden, was der Zug zu bedeuten hatte. Es war unverkennbar die Bevölkerung des einen oder andern Dorfes, das der Feind eingenommen, denn man ſah Frauen, junge Mädchen, Kinder und Greiſe darunter. Viele trugen noch einen Pack geretteter Habe, andere hielten ihre Schuhe in der Hand und liefen baarfuß. Mit grauſem Jammern näherten ſich die Erſten dem Thor der Stadt; man ſuchte ſie zurückzuhalten, um zu wiſſen, woher ſie kamen und was geſchehen war; aber die armen Flüchtlinge ſtrömten ſprachlos und außer Athem in die Stadt. Nur einige antworteten im Vorübergehen. „Von Waldeghem! Die fliegenden Kolonnen! ſie kommen!“ Ein einziger bewaffneter Mann befand ſich unter der Menge: es war ein ziemlich bejahrter Bauer von kleiner Geſtalt, mit geklümmtem Rücken; er hielt eine Frau an der Hand, die er zu tröſten ſuchte, da ſie der Verzweiflung nahe ſchien. Auf der andern Seite ging ein junges Mädchen, das ſie unterſtützte und deren fun⸗ kelndes Auge und ergreifende Schönheit die Bewunderung der Betrachtenden erregte. Ein Mann mit grauen Haaren ſchleppte ſich muth⸗ los und müde hinter den Frauen und ihrem Führer fort. Dieſe vier Perſonen waren Jan der Knecht, Brunos Mutter, ſeine Freundin Genoveva und ihr unglücklicher Nachbar, der Brauer, Simons Vater. Der Zug der Flüchtlinge dauerte ziemlich lange; Viele, von dem Marſche ganz erſchöpft und an den Füßen verwundet, hatten den Erſten nicht folgen können und waren zurückgeblieben; aber die Furcht trieb ſie fort und nach und nach kamen auch ſie nach der Stadt. 176 Plötzlich ſah man am Ende des Weges ſich von Neuem eine Staubwolke erheben; man zweifelte nicht, daß der Feind im Anzuge ſei. Die Bewaffneten ſpannten den Hahn und hielten ſich zum Angriffe bereit. In kurzer Zeit hatte auch dieſer Zug die Stadt er⸗ reicht. Es war die ſtreitbare Mannſchaft unter der An⸗ führung Brunos, die mit ihrem Leben die Mitbewohner des Dorfes beſchützt und dem Angriffe des Feindes ſo lange Widerſtand geleiſtet, bis die Frauen und wehrloſen Greiſe Zeit gehabt, ſich zu retten. Sie hatten viele Kameraden verloren, viele Leichen in den Gebüſchen zurücklaſſen müſſen. Nur vier Ver⸗ wundete führten ſie mit ſich, dieſe wurden auf einer Bahre von Gewehren getragen. Bruno ſelbſt hatte eine Wunde an der Stirne: Blut lief ihm von den Wangen über die Bruſt; er ſchien aber dadurch weder ſeine Kraft, noch ſeinen Muth verloren zu haben. Nachdem die Jünglinge von Waldeghem dem Offi⸗ zier am Thore mit einigen Worten mitgetheilt, daß ſie aus ihrem Dorf geflohen und durch eine fliegende Co⸗ lonne verfolgt, fechtend bis hierher zurückgewichen, zogen ſie gleichfalls in die Stadt, um ihre Verwundeten in einem Hauſe verbinden und verſorgen zu laſſen. Während der Brauer den anderen Flüchtlingen in die Stadt hinein gefolgt war, hatte Jan der Knecht in der erſten Straße auf ſeinen Herrn gewartet; die Mutter Brunos ſtand zitternd und bebend neben ihm, und ſah die Straße hinab, ob ſich ihr Sohn nicht nahe. Kaum hatte ſie ihn bemerkt, als ſie mit einem Angſtſchrei auf⸗ ſprang und ihm um den Hals fiel. Das Blut auf ſei⸗ nem Geſichte hatte ihr dieſen Schrei entriſſen; aber nun, da ſie ſein Herz an ihrem Buſen klopfen fühlte, als ſie die Stimme ihres Kindes börte, nun jauchzte ſie dank⸗ bar und froh und wurde vor Glück beinahe ohnmächtig. Der Jüngling umarmte ſie mit tröſtenden Worten und beruh Stirne flo führte. In ad unglückliche ter und 6. Wunden, kundſchafte Nachd Pflege hat ter und G plötzlich di von Walde „Brul kommt! Der wehr; ſein und ſchien ſanft aus „Mut der Einzig vielleicht di unſer Loos Die vor das C „Geh Brune Kuß auf d daß er ble zur Thüre duld auf it Straße erf dem Thore Hier bereits ſtre Conſciencer s ſich von elte nicht, n ſpannten Stadt er⸗ er der An⸗ tbewohner Feindes ſo wehrloſen lle Leichen vier Ver⸗ auf einer irne: Blut ſchien aber h verloren dem Offi⸗ t, daß ſie gende Co⸗ hen, zogen nin einem ztlingen in Knecht in die Mutter „und ſah e. Kaum ſchrei auf⸗ at auf ſei⸗ aber nun, e, als ſie 2 ſie dank⸗ hnmächtig. en Worten 177 und beruhigte ſie wegen des Blutes, das ihm über die Stirne floß, indem er ſie nach einem Hauſe der Benedrey ührte. 1 In aller Eile bereitete er dort ein Lager für ſeine unglücklichen Kameraden, und verband, von ſeiner Mut⸗ ter und Genoveva unterſtützt, ſo gut als möglich ihre Wunden, während er Jemanden fortſandte, welcher aus⸗ kundſchaften ſollte, ob kein Arzt zu finden ſei. Nachdem er ſeinen verwundeten Freunden die erſte Pflege hatte angedeihen laſſen, und nun mit ſeiner Mut⸗ ter und Genoveva in ſanften Worten ſprach, hörte man plötzlich durch die Straßen den Kriegsruf, den die Leute von Waldeghem erhoben: „Bruno, zu den Waffen! zu den Waffen! Der Feind kommt! Zum Thore! zum Thore!“ Der junge Mann ſprang auf und ergriff ſein Ge⸗ wehr; ſeine Mutter umarmte ihn mit ſchmerzlicher Klage und ſchien ihn zurückhalten zu wollen, er rang ſich jedoch ſanft aus ihren Armen und ſagte: „Mutter, Mutter, der Augenblick iſt da! ſollte ich der Einzige ſein, der die Gefahr flieht, während es jetzt vielleicht die Befreiung meines Vaterlandes gilt? Es iſt unſer Loos: Gott will es ſo!“ Die ängſtliche Frau hielt ſich weinend die Hände vor das Geſicht und ſeufzte ſchmerzlich: „Geh, geh! Ein guter Engel beſchütze mein Kind.“ Bruno drückte Genovevas Hand, hauchte noch einen Kuß auf die Stirne ſeiner Mutter, befahl ſeinem Knecht, daß er bleibe, um die Frauen zu bewachen und eilte zur Thüre hinaus. Seine Kameraden, die mit Unge⸗ duld auf ihn gewartet hatten, jauchzten, als er in der Straße erſchien und folgten ihm raſchen Schrittes nach dem Thore. Hier ordnete er ſeine Leute neben den Truppen, die bereits ſtreitfertig daſtanden und ſah nach dem feindlichen Conſcience, Bauernkrieg. 12 178 Heere, das ſich ſehr langſam näherte oder vielleicht gar in dieſem Augenblicke ſtill hielt, denn man konnte unter den verſchiedenen Fahnen nur ſehr wenig Bewegung merken. Endlich kam ein Trupp Reiter herangeſprengt und ſchien die Vorkehrungen der Bauern ausſpioniren zu wollen, Es wurde ſtark auf dieſen Trupp geſchoſſen: zehn Pferde ſtürzten mit ihren Reitern, die übrigen machten ſich auf die Flucht. Dieſer Vortheil, den ſie ſo leicht gewannen, und vor allem der Anblick des fliehenden Feindes, entflammte die Kampfluſt der Bauern: ſie jauchzten laut, als wäre es ein ſicheres Zeichen ihres nahen Sieges. Die Offiziere konnten ihre Leute nur mit großer Mühe zurückhalten; die meiſten wollten die Stadt ver⸗ laſſen und augenblicklich gegen die fliegenden Colonnen iehen. 4 Es dauerte lange, ehe man im franzöſiſchen Heere die geringſte Bewegung merken konnte. Diejenigen, welche am weiteſten ſehen konnten, behaupteten, der Feind ſtelle ſeine Leute in dichtgeſchloſſenen Reihen auf dem großen Wege auf. Einige Augenblicke ſpäter kamen wieder einige fran⸗ zöſiſche Reiter gegen die Stadt herangeritten. Dießmal waren es nur vier bis fünf an der Zahl; der vorderſte ſchwang ein weißes Fähnlein über dem Kopfe; ein Trom⸗ peter ritt ihm zur Seite. Da die Bauern bereits wieder auf dieſe Leute ſchieſ⸗ ſen wollten, liefen die Offiziere in aller Eile herbei, um ihren Leuten begreiflich zu machen, daß dieſe Reiter Frie⸗ densunterhändler ſeien und man ſolche nach Kriegsge⸗ brauch ungehindert nahen laſſen müſſe. Obſchon die Meiſten nicht wußten, was das Wort Unterhändler oder Parlementaire bedeutete, verſprachen ſie doch zu gehor⸗ chen und ſetzten das Gewehr bei Fuß. Unglücklicherweiſe konnte Niemand den jungen Leu⸗ ten, welche gelegt, die Die der Stadt, Friedensun det aus de zurück. Aus d warteten 2 genommen: ganze Colt geſtüm, T wirrte Geſ Heer wie e Als d wo die Pa Kugelwolke Angriff ni⸗ ten und un Abſicht wa die Stadt war zu gr Die dem Stur! Reihen zu bringen. Indeſ Feind und war ſehr r gaben aus dichtgeſchlo geln fehl t Der Stellung gung befoh Wendung ielleicht gar onnte unter Bewegung ſprengt und n zu wollen, voſſen: zehn en machten annen, und entflammte t, als wäre mit großer Stadt ver⸗ n Colonnen iſchen Heere Diejenigen, en, der Feind n auf dem einige fran⸗ n. Dießmal der vorderſte ; ein Trom⸗ Leute ſchieſ⸗ eherbei, um Reiter Frie⸗ ih Kriegsge⸗ Obſchon die händler oder hh zu gehor⸗ jungen Leu⸗ 179 ten, welche vorausgeeilt und ſich im Holze auf die Lauer gelegt, dieſe Mittheilung machen. Die Parlamentaire waren noch ziemlich weit von der Stadt, als zehn Schüſſe aus dem Laube fielen: der Friedensunterhändler und der Trompeter fielen verwun⸗ det aus dem Sattel, die andern ſprengten zu den Ihren zurück. 5 Aus dem franzöſiſchen Lager hatte man den uner⸗ warteten Angriff und ſeinen unglückſeligen Erfolg wahr⸗ genommen: ein donnernder Racheſchrei drang durch die ganze Colonne, die Reihen der Krieger bewegten ſich un⸗ geſtim, Trommeln und Trompeten übertönten das ver⸗ wirrte Geſchrei.... und plötzlich kam das feindliche Heer wie ein Sturm herangebraust. Als die Franzoſen jedoch dem Paatze ſich näherten, wo die Patrioten ſie erwarteten, wurden ſie von einer Kugelwolke begrüßt und ſoviele ſtürzten auf dieſen erſten Angriff nieder, daß die Reihen im Marſche innehiel⸗ ten und ungewiß waren, was hier zu thun ſei. Ihre Abſicht war geweſen, auf die Bauern einzudringen und die Stadt zu überfallen, aber die Zahl der Patrioten war zu groß, um ſie ſo leicht zu überrumpeln. Die Franzoſen ſahen ſich deßhalb genöthigt, von dem Sturm abzuſtehen, und auf Mittel zu trachten, ihre Reihen zu entfalten, um all' ihre Leute ins Feuer zu bringen. Indeſſen ſchoſſen die Bauern anhaltend unter den Feind und thaten ihm großen Schaden. Ihre Stellung war ſehr vortheilhaft dazu: ſie ſtanden weit auseinander, gaben aus allen Gewehren Feuer und zielten auf eine dichtgeſchloſſene Colonne, ſo daß beinahe keine ihrer Ku⸗ geln fehl treffen konnte, Der General der Franzoſen, welcher raſch die fatale Stellung ſeines Heeres bemerkt, hatte indeß eine Bewe⸗ gung befohlen, welche dem Stand der Dinge eine andere Wendung geben ſollte. Er ließ in der Eile einige Hecken 180 zuſammenhauen und entfaltete ſeine Leute auf eine Weiſe, daß ihre Schlachtordnung noch breiter als die der Bauern wurde. Indeſſen hatte eine Schaar Reiter in der kleinen Nethe einen Punkt gefunden, wo man ſie durchwaten konnte. Durch dieſe Untiefe gelangten die Pferde über das Waſſer und die Reiterei fiel die Bauern von der Seite an. Nun erſt wurde der Angriff ſehr heftig. Von der entgegengeſetzten Seite bedeckte die Streitenden eine Rauchwolke; das mörderiſche Blei erfüllte die Luft mit furchtbarem Pfeifen, das ſich mit dem Jammern der Ver⸗ wundeten, dem Kriegsgeſchrei der Soldaten und den Anfeurungen der Ofſiziere zu einem dumpfen und wilden Brauſen vermiſchte. Nun verloren auch die Bauern viele ihrer Leute. Namentlich am linken Flügel, wo der Feind die Ueber⸗ macht hatte, konnte man ſehen, daß ſie es nicht lange aushalten würden, denn dort lagen ganze Reihen am Boden. Auf dem rechten Flügel jedoch und am Eingang der Stadt ſtanden ihre Sachen noch günſtig; dort hielten ſie muthig Stand und brachen mit einem ſcharfen Feuer große Gaſſen in die feindliche Schlachtordnung. Es wäre noch ſchwer geweſen, zu ſagen, wer ſiegen würde, als plötzlich auf dem großen Wege ſich die Mitte der Franzoſen öffnete und vier Kanonen ihre ſchrecklichen Schlünde zeigten. Die mächtigen Geſchütze brachen don⸗ nernd los und ſandten einen Hagel von Schroten unter die Bauern. Die Wirkung dieſer vier Schüſſe war ſchretllich. Als die volle Ladung in die dichteſten Reihen der Belgen brach, ſtürzten fünfzig verwundet oder todt zu Boden, noch unglückſeliger war jedoch der moraliſche Eindru dieſer unerwarteten Donnerſchläge, die wiederhallend üben Stadt und Schrecken Bei de die Bauern zuweichen. neuem Mut française! Die 9 Thore Sta die Stadt Kanonen u fortzuſetzen. Bei Rückzug ni eine große mehrte ſich Reiterei vo leute Stur Die 2 einzogen, p unter Brur warfen und wichen, de Befehle der anfeuernd, liche Maſſe Pferde alle oder tief in Nun u an: aus d gedrungene Keller, Fer auf ſie.. griff überr ſein, hätte gehindert, feine Weiſe, der Bauern der kleinen durchwaten Pferde über ern von der g. Von der tenden eine die Luft mit ern der Ver⸗ in und den und wilden ihrer Leute. d die Ueber⸗ 8 nicht lange e Reihen am Eingang der dort hielten harfen Feuer ing. ;, wer ſiegen ch die Mitte e ſchrecklichen brachen don⸗ chroten unter er ſchrecklich. nder Belgen t zu Boden; ſche Eindrut hallend über 181 Stadt und Felder fortrollten, und Hoffnungsloſigkeit und Schrecken unter den Landleuten verbreiteten. Bei der zweiten Entladung der Kanonen begannen die Bauern von beiden Flügeln nach dem Thore zurück⸗ zuweichen. Die Franzoſen bemerkten es und drangen mit nenem Muthe und dem Feldgeſchrei: Vive la République française! vor. Die Patrioten hielten noch einige Zeit an dem Thore Stand, bis die Offiziere ſelbſt Befehl gaben, in die Stadt einzurücken und zwiſchen den Häuſern und vor Kanonen und Schrot beſchützt, den verzweifelten Streit fortzuſetzen. Bei dem Andrängen des Feindes konnte dieſer Rückzug nicht regelmäßig bewerkſtelligt werden; es war eine große Verwirrung unter den Bauern und dieſe ver⸗ mehrte ſich noch, als der franzöſiſche General ſeine Riiterei vorausſandte und gegen die weichenden Land⸗ leute Sturm laufen ließ. Die Letzten, die wie Löwen kämpfend in die Stadt einzogen, waren die Jünglinge von Waldeghem, die ſich unter Brunos Anführung ſelbſt gegen die Reiterei auf⸗ warfen und nur Schritt für Schritt von dem Platze wichen, den ſie Anfangs beſetzt gehalten;— aber die Befehle der franzöſiſchen Offiziere wurden ſo ſtreng und anfenernd, daß die Reiterei bald wie eine unwiderſteh⸗ liche Maſſe vordrang und durch die rohe Macht der Pferde allein ſchon die belgiſchen Kämpfer niederwarf oder tief in die Stadt zurücktrieb. Nun nahm der blutige Kampf ein anderes Ausſehen an: aus den Häuſern wurde auf die in die Straßen gedrungenen Franzoſen ein beftiges Feuer gerichtet; Keller, Fenſter, Dächer, alles ſpie Tod und Vernichtung auf ſie.... Die Soldaten, durch dieſen neuen An⸗ griff überraſcht, würden wahrſcheinlich zurückgewichen ſein, hätte ſie das Vordringen der Nachhut nicht daran gehindert, 18² Unter der franzöſiſchen Reiterei trat ein augenblick⸗ liches Zaudern ein: ſie wollten zurückweichen, was unter die Bauern einige Verwirrung brachte.„ Bruno, von dem größten Theile ſeiner Leute um⸗ ringt, rief ihnen in dieſem Augenblick verzweiflungsvoll auf den Feind eindringend zu: „Freunde, folgt mir! Unſere verwundeten Brüder, meine Mutter! Sie fallen in die Hände des Feindes! Um Gotteswillen, noch einen letzten Angriff!“ Unverzagt auf die Reiterei eindringend und von ſeinen muthigſten Leuten gefolgt, gelang es ihm, ſich durch den Feind bis zu dem Hauſe durchzuſchlagen, wo er ſeine Mutter und Genoveva bei den Verwundeten zurückgelaſſen. Hier drang jedoch eine größere Maſſe Reiterei auf ihn und ſeine Kameraden ein; die Letzteren wurden zurückgeſchlagen. Bruno ſtand allein und ver⸗ theidigte ſich mit wilder Wuth, bis ihm ein Säbel⸗ hieb die Waffe in der Hand zerſchlug. Zu gleicher Zeit rief ihm eine bekannte Stimme zu: „Gib Dich gefangen, elender Schwärmer, oder Du biſt des Todes!“ „Ha, Simon! Simon!“ rief Bruno mit bitterem Spotte,„Dein Vaterland unterſtegt: Du ſiegſt.“ Schon waren einige Soldaten herbeigeeilt; das Schwert flog über Brunos Haupt; aber Simon⸗Brutus rief in befehlendem Tone: „Haltet ein! Nehmt ihn gefangen; Ihr ſeid mir für ſeine Perſon und ſein Leben verantwortlich!“ Inzwiſchen brachen die Franzoſen die Thüren auf, um die Leute zu ſuchen, die aus Fenſtern und Kellern auf ſie ſchoſſen. Es gelang ihnen auch wirklich, dieſem Kampfe ein Ende zu machen; und bald drangen ſie un⸗ widerſtehlich bis auf den Markt. Die Bauern hatten endlich ihre Unmacht empfun⸗ den; die Meiſten waren durch andere Thore auf das freie Feld geflohen; viele aber hatten ſich in der Hoff⸗ nung, daß der Bürge Die 7 der und C wundeten, gebracht u in der Eil den Wälde Als keinen ber Widerſtand Währ ten ausſan die geflüch ſtand der am Rathhe Er w erlitten un Flüchen un Neber noch mehr deghem ſch ral zu ſteh hätte ihm für Alles, ben, ſcho gewalt hä CEhrerbietu Am d ſtanden die nommen. war, ſaß Der Boden un mußte ſich augenblick⸗ was unter Leute um⸗ beiflungsvoll ten Brüder, s Feindes! d und von ihm, ſich hlagen, wo Verwundeten dßere Maſſe ie Letzteren in und ver⸗ ein Säbel⸗ gleicher Zeit r, oder Du mit bitterem gſt.“ geeilt; das mon⸗Brutus ſeid mir für Thüren auf. und Kellern lich, dieſem igen ſie un⸗ icht empfun⸗ re auf das in der Hoff⸗ 183 nung, daß man ſie nicht erkennen werde, in den Häuſern der Bürger verborgen. Die Flüchtlinge aus andern Dörfern, Frauen, Kin⸗ der und Greiſe hatten bereits bei dem Anblick der Ver⸗ wundeten, die man aus dem Kampf nach dem Markte gebracht und vor allem bei dem Donner der Kanonen, in der Eile die Stadt verlaſſen und in den umliegen⸗ den Wäldern eine Zuflucht geſucht. Als die Franzoſen den Markt bezogen, ſahen ſie keinen bewaffneten Bauern mehr und nahmen ohne Widerſtand Beſitz von der Stadt. Während man Truppenabtheilungen nach allen Sei⸗ ten ausſandte, um die Häuſer mit Gewalt zu öffnen und die geflüchteten Bauern aufzuſuchen und niederzumetzeln, ſtand der General mit einem Theil ſeiner Mannſchaft am Rathhaus. Er wüthete über den anſehnlichen Verluſt, den er erlitten und theilte die ſtrengſten Befehle unter vielen Flüchen und Verwünſchungen aus. Neben ihm ſtand Simon⸗Brutus, der ſeinen Zorn noch mehr anfeuerte. Der Sohn des Brauers von Wal⸗ deghem ſchien auf ſehr vertrautem Fuße mit dem Gene⸗ ral zu ſtehen und ſeine volle Gunſt zu genießen. Und hätte ihm auch nicht ſein Muth und ſeine große Vorliebe für Alles, was franzöſiſch war, dieſe Zuneigung erwor⸗ ben, ſchon ſeine Stellung als Commiſſär der Central⸗ gewalt hätte ihm müſſen ein Recht auf die Achtung und Chrerbietung des Generals geben. Am Rathhauſe, zwiſchen einer ſtarken Soldatenwache ſtanden die Bauern, die man im Kampfe gefangen ge⸗ nommen. Bruno, der einer beſondern Wache anvertraut war, ſaß mit gebundenen Händen auf einem Stein. Der Jüngling ſtierte mit verglastem Blick zu Boden und ſchien in dumpfes Sinnen verſunken. Er mußte ſicher heftige Qualen leiden, wenn er an das 184 Schickſal ſeines Vaterlandes, ſeiner Mutter und ſeiner Freundin dachte.... Schon baten einige Offiziere den General um die Erlaubniß, die Kriegsgefangenen augenblicklich zu er⸗ ſchießen; aber der Feldherr ſchien einen Unterſchied zwiſchen den Bauern zu machen, die man auf offener Straße gefangen genommen und denen, die man inner⸗ halb der Häuſer gefunden: die erſtern wollte er nur nach einem Beſchluß des Kriegsraths hinrichten laſſen, die Letztern ſollten augenblicklich erſchoſſen werden. Die Schüſſe, welche man in allen Straßen wieder⸗ hallen hörte, waren ebenſoviele Männer, die man aus den Häuſern hervorgezogen und augenblicklich erſchoſſen. Gewiß wurde auf dieſe Weiſe auch mancher Bürger ge⸗ tödtet, der nicht in dem Kampf geweſen, denn da die Franzoſen die Vertheidigungen nicht verſtehen konnten, die man in vlämiſcher Sprache vorbrachte, ſo wurden die Bürger größtentheils auf die Straße geſchleppt und unbarmherzig ermordet. Während der General und Simon⸗Brutus dieſe blutige Rache, welche am nächſten und rund um den Markt wüthete, betrachteten, brachte man aus der Benedery, durch die die Franzoſen in die Stadt ge⸗ drungen, fünf bis ſechs verwundete Soldaten, aus deren Wunden noch Blut floß. Der General ritt ihnen entgegen und fragte ſie mit flammenden Blicken, was dies bedeute. Man ſagte ihm, daß die Häuſer, zwiſchen welchen das heftige Gefecht Statt gefunden, voll Flüchtlingen ſitzen, die ſich erkühnten, die Soldaten der Armee anzu⸗ fallen und mit Gewehrſchüſſen zu begrüßen. Der Kapi⸗ tän, welcher ſeine Soldaten der Ermordung innerhalb der Häuſer nicht blosſtellen wollte, ſei von der weitern Nachforſchung abgeſtanden, um den Befehl des Generals zuerſt einzuholen. Dieſer brach bei dem Berichte in heftige Wuth aus und Brigand Feinde n mentaire Herentha Da⸗ der vern der Stre und kein Nac unermeß dicke Ra über die Zw der einſte geheul d ſich an dieſem fe allen Se auf ſie: entgehen ſtürzte h Bri ſchen ſeir lichen T durch di Brüten Er Flammen ſchrei au vollem T und ſeiner ral um die lich zu er⸗ Unterſchied auf offener man inner⸗ er nur nach laſſen, die 4 zen wieder⸗ le man aus herſchoſſen. Bürger ge⸗ denn da die en konnten, ſo wurden chleppt und rutus dieſe rund um an aus der Stadt ge⸗ aus deren agte ſie mit hen welchen Flüchtlingen lrmee anzu⸗ Der Kapi⸗ innerhalb der weitern s Generals tige Wuth 185⁵ aus und ſchwur unter ſchrecklichen Drohungen, die Brigands— anders nannten die Franzoſen die belgiſchen Feinde nicht,— dieſe feigen Räuber, die ſeinen Parla⸗ mentaire ermordet, ſollten ſeines Durchzuges durch Herenthals gedenken. Darauf ſandte er einen Offizier an den Kapitäu der verwundeten Soldaten mit dem Befehl, alle Häuſer der Straßen, wo die That geſchehen, in Brand zu ſtecken und keine lebende Seele entkommen zu laſſen. Nach einiger Zeit ſtiegen die Flammen wie eine unermeßliche Feuerglut über ſechszig Häuſern auf; eine dicke Rauchwolke verdunkelte das Tageslicht und wogte über die Stadt hin. Zwiſchen dem Praſſeln des Feuers und dem Krachen der einſtürzenden Decken hörte man das ſchreckliche Angſt⸗ geheul der Unglücklichen, die zum Feuertode verurtheilt, ſich an den Fenſtern und auf den Dächern zeigten, um dieſem furchtbaren Tode zu entfliehen.... aber von allen Seiten zielten die gefällten Gewehre der Soldaten auf ſie: was noch einige Hoffnung hatte, der Gefahr zu entgehen, wurde von den Kugeln niedergeworfen und ſtürzte heulend zurück in die Flammen. Bruno, der wie ein Dieb gebunden, gefühllos zwi⸗ ſchen ſeinen Wachen auf einem Steine ſaß und in ſchmerz⸗ lichen Träumen an ſeine Theuren dachte, wurde plötzlich durch die rothe Glut des Feuers aus ſeinem dumpfen Brüten aufgeweckt. Er ſah einen Augenblick wie wahnſinnig in die Flammen und ſprang dann mit einem ſchrecklichen Angſt⸗ ſchrei auf, während ſich das Wort Mutter“ in ſchmerz⸗ vollem Tone ſeiner Bruſt entrang. Als er jedoch forteilen wollte, ergriffen ihn die Wachen und ſtießen ihn zurück auf den Stein. Simon⸗Brutus, der ſich ganz in der Nähe bei dem General befand, hatte den ergreifenden Angſtſchrei Brunos gehört. Er kehrte ſich um und ſah, wie der Jüngling 186 mit krampfhafter Geberde auf die Kniee fiel und die Arme bittend zu ihm erhob. Ueber dieſe Haltung Brunos erſtaunt, näherte er ſich ihm. Der zu Boden geſunkene Jüngling rief ihm zu: „Ach, Simon, Simon, meine Mutter iſt in den Flammen!“ Ein kalter Ausdruck des Geſichtes und ein Zucken mit den Schultern war Alles, was er von Simon⸗Bru⸗ tus zur Antwort erhielt. „O Simon!“ rief er nochmals und kroch auf den Kuieen zu ihm hin.„Rette, rette meine arme Mutter! Rette die unglückliche Genoveva!“ „Wie, Genoveva?“ rief Simon tief erſchrocken. „Genoveva in den Flammen!“ Als Bruno die Wahrheit betheuerte, rief er den Wachen zu: „Macht ſeine Hände los! Folgt mir. Raſch, Bruno, zeige mir das Haus. Sputet Euch, oder es iſt zu ſpät!“ Er rief dem General raſch einige Worte zu, die dieſer nicht ganz verſtand; er nickte jedoch billigend mit dem Kopfe. Je mehr ſich Bruno und Simon⸗Brutus mit raſchen Schritten der Brandſtätte näherte, deſto mehr beengte ſich ihre Bruſt; ſie ſahen von ferne, wie bereits einige Häuſer eingeſtürzt und wie die Flammen aus den Fen⸗ ſtern und Thüren der andern Wohnungen in die Höhe ſchlugen. Bruno erblaßte, ſeine Füße wurden ſchwer, es be⸗ gann ihm zu ſchwindeln. Ein letzter Hoffnungsfunken gab ihm die Kraft, weiter zu gehen. „Wo, wo iſt das Haus?“ fragte Simon⸗Brutus. „Dort, dort um die Ecke!“ ſeufzte Bruno halb ſprachlos. Und als ſie um die Ecke traten, zeigte der Jüngling mit zitternder Hand auf einige rauchende Trümmerhau⸗ fen: ein er wankt, den Bode Sim in die lor nach Bru wandte er liches Br Bald Tone zu „Tro und bewo Die ihn durch ſchlaff un wäre. Sin richtetem Gewiſſen Flammen nicht verl Inz Straßen Als Innerſte zitternden hatten zu Da werden, ſich dure franzöſiſc die Thor das flieh aus Fra ließen ſie Soviel e und die Haltung zu: t in den n Zucken non⸗Bru⸗ auf den Mutter! ſchrocken. er den „Bruno, s iſt zu zu, die gend mit it raſchen beengte ts einige den Fen⸗ die Höhe r, es be⸗ ngsfunken Brutus. uno halb Jüngling mmerhau⸗ 187 fen: ein Schrei der Verzweiflung entflog ſeiner Bruſt, er wankte auf ſeinen Füßen und ſtürzte bleiſchwer auf den Boden. Simon⸗Brutus ſtarte einen Augenblick bewußtlos in die lodernde Aſche, unter der die Leiche Genovevas nach Brunos Andeutung begraben liegen mußte; dann wandte er ſein Antlitz davon ab und verſank in ſchmerz⸗ liches Brüten. Bald aber erhob er ſich wieder und ſagte mit kaltem Tone zu den Soldaten, die ihm gefolgt waren: „Tragt dieſen Gefangenen zurück nach dem Markte und bewacht ihn wohl, bis ich Euch neue Ordre gebe.“ Die Soldaten hoben den Jüngling auf und trugen ihn durch die Straße; ſeine Arme und Beine hingen ſchlaff und kraftlos herab, als wenn er bereits eine Leiche wäre. Simon⸗Brutus folgte von ferne mit zu Boden ge⸗ richtetem Blicke; wie ſehr er auch gegen Schmerz und Gewiſſensbiſſe kämpfte, das Bild Genovevas, die in den Flammen mit dem fürchterlichſten Tode rang, wollte ihn nicht verlaſſen. Inzwiſchen hatten der Markt und die anſtoßenden Straßen ein anderes trauriges Schauſpiel dargeboten. Als ſie die rothe Flamme ſahen, die bis in das Innerſte der Häuſer den Brand verkündigte, waren die zitternden Einwohner an ihren Fenſtern erſchienen und hatten zum Tod erſchrocken das Feuermeer geſehen. Da ſie glaubten, die ganze Stadt ſolle eingeäſchert werden, eilten die meiſten aus ihren Häuſern und ſuchten ſich durch die Flucht zu retten. Anfangs wollten die franzöſiſchen Soldaten ſie zurücktreiben und ſie hindern, die Thore zu erreichen; ſie hatten ſogar mehrmals unter das fliehende Volk geſchoſſen; da jedoch die Menge meiſt aus Frauen, Kindern und ſchwachen Greiſen beſtand, ließen ſie ſie endlich ungehindert aus der Stadt ſtrömen. Soviel es thunlich war, nahmen ſie die Männer gefan⸗ 188 gen, die noch Waffen zu tragen im Stande ſchienen; viele der Letzteren entkamen jedoch gleichfalls aus der Stadt und auf das offene Feld. Dies Fliehen und Jammern dauerte fort, bis ſich plötzlich in der Ferne ein ſonderbares Schauſpiel zeigte. Es war eine Reihe Nonnen mit ihrer Aebtiſſin an der Spitze; ſie kamen langſam von der Seite her, wo der Beguinenhof ſtand und ſchienen nach dem Marktplatz zjehen zu wollen, wo ſie den General zu Pferde ſitzen ſahen. Die Soldaten erkannten an der Kleidung dieſer Frauen jenen Nonnenorden, der überall die Kranken und Verwundeten von Freund und Feind mit der gleichen Liebe pflegte und deßhalb ſelbſt im Heere der Franzoſen geachtet und geehrt wurde. Das Gleiche hatten ſie auch an dieſem Tage gethan: kein verwundeter Franzoſe lag in Herenthals, für den die liebevollen Schweſtern nicht bereits Nahrung beſorgt oder Troſt und Labung gebracht. Nun nahten die muthigen Frauen mit ernſter Ruhe auf dem Geſichte: ohne Angſt und ſtark durch das Gott⸗ vertrauen, ſelbſt da, wo jeder vor einem ſichern Tode floh. Die Franzoſen wichen den vorüberziehenden Nonnen aus und brachten voll Ehrerbietung die Hand an den Hut. In langſamer ergreifender Prozeſſion traten die Nonnen vor den General, der ſie ſtaunend ſich nähern ſah. Alle Nonnen knieten nieder und erhoben flehend die Hände zu dem General. In gutem Franzöſiſch ſagte die Aebtiſſin, während ſie am Boden knieete: „Im Namen des Herrn, im Namen der Menſchlich⸗ keit, Gnade, General, Gnade für dieſe unglückliche Stadt. Hat ſie Eure Rache verdient, ſo hat ſie auch genug ge⸗ büßt. Ein Theil iſt bereits durch die Flammen verzehrt, ſchonet das Uebrige! Erhört die demüthige Bitte ſchwa⸗ cher Frauen, die ihr Leben dem Dienſte der leidenden Menſchhe möge un herzig ſe Der ihr ein wiſſen F „Jh der Stal ſtören, würde. ſo weit e Er „M auf! M und verh laſſe die jenigen ſer Wide alle Gen publik un antworte neral for ſicht auf werdet.“ „G beſchloſſe ben. W die chriſt „E. chienen; aus der bis ſich l zeigte. liſſin an her, wo arktplatz de ſitzen g dieſer nken und gleichen ranzoſen ſie auch zoſe lag ern nicht gebracht. ter Ruhe as Gott⸗ ode floh. Nonnen den Hut. aten die ) nähern hend die während enſchlich⸗ he Stadt. enug ge⸗ verzehrt, te ſchwa⸗ leidenden 189 Menſchheit geweiht. Seht, wir knieen bittend vor Euch: möge unſer Flehen ein Echo in Eurem Herzen finden! .... Ach, wir wollen Gott bitten, daß er Euch barm⸗ herzig ſei!“ Der General bot der Aebtiſſin die Hand und gab ihr ein Zeichen, daß ſie aufſtehen ſolle. Mit einer ge⸗ wiſſen Freundlichkeit ſagte er dann: „Ihr verlangt, Citoyenne, daß ich den übrigen Theil der Stadt ſchone; es war meine Abſicht nicht, zu zer⸗ ſtören, wenn man mir keine neuen Gründe dazu geben würde. Da Ihr jedoch bittet, ſo will ich die Bitte erhören, ſo weit es mir möglich iſt.“ Er wandte ſich an einen Stabsoffizier und befahl: „Man höre augenblicklich mit dem Werke der Rache auf! Man ſende Leute ab, die dem Feuer Einhalt thun und verhüten, daß es noch neue Häuſer ergreife. Man laſſe die friedlichen Bürger in Ruhe und nehme nur die⸗ jenigen gefangen, welche bei der Durchſuchung der Häu⸗ ſer Widerſtand leiſten. Mit einem Wort, ich will, daß alle Gewaltſamkeit aufhöre, ſoweit es die Sache der Re⸗ publik und unſre eigene Sicherheit geſtattet!“ Dann wandte er ſich wieder an die Aebtiſſin und fragte: „Seid Ihr zufrieden, Citoyenne?“ „Ach, ich danke Euch von Grund meines Herzens,“ antwortete ſie. „Was Euch betrifft, gute Schweſtern,“ ſuhr der Ge⸗ neral fort,„ſo hoffe ich, daß Ihr meine Leute in Rück⸗ ſicht auf das, was ich für Ench thue, liebreich behandeln werdet.“ „General,“ antwortete die Aebtiſſin,„was Ihr auch beſchloſſen, dieſe Pflicht würden wir getreulich erfüllt ha⸗ ben. Wer ein Menſch iſt und leidet, iſt unſer Bruder; die chriſtliche Menſchenliebe hat kein anderes Geſetz....“ „Es iſt gut,“ fiel der General ihr lächelnd in die 19⁰ Rede,„erſpart uns das Weitere. Geht, Schweſtern, kehrt im Frieden heim....“ Während die Nonnen ſich feierlich von dem Orte entfernten und unter der Ehrenbezeugung der Soldaten nach dem Beguinenhof zurückkehrten, rief der General: „Man treffe Anſtalten zu einem Lager für unſre Leute. Die Gefangenen bringe man in Sicherheit, bis der Kriegsrath über ſie beſchloſſen!“ Nun kam große Bewegung unter die Soldaten auf dem Markt. Offiziere liefen nach allen Richtungen, um die Befehle des Generals den verſchiedenen Oberſten zu überbringen. Die Wachen ließen die Gefangenen aufſtehen, um ſie an einen andern Platz zu führen. Bruno war endlich aus ſeiner langen Betäubung erwacht, er ſaß wieder auf demſelben Stein, den Kopf auf die Bruſt herabgeſenkt und in dumpfem Brüten ſein furchtbares Unglück überdenkend. Man hieß ihn gleichfalls aufſtehen und brachte ihn zu einigen andern Gefangenen, welche, wie er, verwundet waren. Mit dieſen wurde er in einer andern Richtung abgeführt. VIII. In einem abgelegenen Zimmer des Beguinenhofes zu Herenthals befand ſich Brunos Mutter. Die unglück⸗ liche Frau mußte ſchrecklich gelitten haben, denn ihr Ge⸗ ſicht, obgleich durch ein ſanftes Lächeln erhellt, trug noch die Spuren der ausgeſtandenen Qualen. Ihrerothgeweinten Augen, Mund u war ein läßt Läch Schlag, eines une Nebe weinend, die Ausſi ſuchte. Eine und miſch das ſchme Die Ausſichter „Lie iſt die Fr. hat viel( nach ſeine bezeugt i „Es nicht, daß ſeufzte di „Möge C erfüllen. verurtheil Dann wi Das Lippen, u bringen. „Abe uns war Oberin b liebe Mu während en, kehrt em Orte Soldaten eneral: ir unſre heit, bis aten auf gen, um erſten zu hen, um etäubung den Kopf küten ſein rachte ihn derwundet Richtung ninenhofes ie unglück⸗ in ihr Ge⸗ trug noch ggeweinten 191 Augen, ihre blaſſen Wangen, ihr krampfhaft verzogener Mund und dazwiſchen ein Lächeln der Hoffnung— es war ein herzzerreißendes Bild, denn bei alten Leuten läßt Lächeln zwiſchen Thränen nur an den furchtbarſten Schlag, an das Erliegen des Geiſtes unter dem Drucke eines unendlichen Schmerzes denken. Neben ihr ſaß Genoveva, die, obgleich ſelbſt bitter weinend, noch Worte des Troſtes für ſie hatte und ihr die Ausſicht auf einen glücklichen Ausgang zu ſchildern uchte. Eine junge Beguine ſtand vor den beiden Frauen und miſchte gleichfalls einige ermuthigende Worte unter das ſchmerzliche Geſpräch. Die Mutter lauſchte bewußtlos auf die freudigen Ausſichten, die ihr Genoveva eröffnete. „Liebe Mutter,“ ſprach das Mädchen,„ſeht, nun iſt die Frau Oberin gewiß ſchon vor dem General; ſie hat viel Einfluß auf ihn: dreimal ſchon ging ſie heute nach ſeiner Herberge, um ihn um etwas zu bitten. Er bezeugt ihr große Achtung. Fragt nur meine Nichte.“ „Es iſt wahr,“ antwortete die Nonne,„ich zweifle nicht, daß es ihr gelingen wird.“ „O, möchte Eure Hoffnung in Erfüllung gehen!“ ſeufzte die Mutter mit Freudenthränen in den Augen. „Möge Gott das Herz des Generals mit Barmherzigkeit erfüllen. Ach, mein armer Sohn, mein Bruno zum Tode verurtheilt. Veva, wenn er ſich nicht erweichen läßt?... Dann wird morgen eine Kugel mein einzig Kind....“ Das Mädchen drückte ihr einen innigen Kuß auf die Lippen, um ihr ſchmerzliches Seufzen zum Schweigen zu bringen. Dann ſprach ſie in ſanftem Tone: „Aber Ihr hört doch, was meine Nichte ſagt. Laßt uns warten und hoffen, wahrſcheinlich hat die Frau Oberin bereits den General verlaſſen;— und warum, liebe Mutter, ſich mit ſchmerzlichen Gedanken quälen, während man vielleicht in dieſem Angenblick mit ſeiner 192 Gnade zurückkehrt? Und würde uns auch nur ein Auf⸗ ſchub gewährt, ſo bliebe uns doch Zeit, alles zu verſuchen; der Zorn des Generals würde ſich legen und es gelänge uns leichter, die Gnade zu erringen, die man uns in ei⸗ nem Augenblicke der Aufregung verſagt. Die Frau Oberin hat ja verſprochen, keine Mühe, noch Bitten zu ſparen.“ Die beängſtigte Frau lächelte wieder, als ob das Gefühl der Hoffnung aufs Neue in ihrem Buſen er⸗ wacht wäre. Sie ergriff Genovevas Hand mit einem dankbaren Ausdruck und wollte auf ihren tröſtenden Zu⸗ ſpruch antworten: aber nun erhob ſie den Kopf und rich⸗ tete die funkelnden Augen nach der Thüre. Auf der Treppe hörte man die Schritte und die Stimme einer Frau, die im Heraufſteigen Befehle gab. „Da ſind ſie,“ riefen Brunos Mutter und Genoveva, während ſie zitternd und mit klopfendem Buſen auf⸗ ſprangen. Die Thüre wurde geöffnet. Kaum hatte die arme Mutter einen Blick auf das traurige Geſicht der eintretenden Oberin geworfen, als ſie die Hände klagend zum Himmel erhob und mit ſchmerz⸗ vollem Tone ſagte: „Es iſt um ihn geſchehen, o Gott! mein Sohn, mein unglücklicher Sohn!“ „Nun? Nun?“ rief Genoveva in der heftigſten Angſt. „Ach!“ ſeufzte die Oberin mit tiefem Mitleiden, „ich beklage Euer Unglück. Gott hat ihm die Märtyrer⸗ krone beſtimmt.“ „Er muß ſterben! mein einzig Kind!“ heulte die leidende Mutter.„O Gott, ſei barmherzig, rufe mich zu Dir, gönne mir den Tod, ehe die Kugel ihn trifft.“ „So iſt alle Hoffnung verloren!“ jammerte Geno⸗ veva und ſank gleichfalls auf einen Stuhl nieder. „Ich habe den General geſprochen,“ fuhr die Oberin fort,„ich habe mich auf dte Kniee vor ihm geworfen und ihn um Gnade angefleht. Er hörte mich wohlwollend an, fagte je nichts verän hem ſei üt Centralgewo mand ander Die M ſchien plötzlt herrſcht. S „Simo können? Ke Ich werde n Thränen ſoll Mitleid mit „Simo „Ach Ihr ke die fremden weiden. Br. er wünſcht; einen Stein kers.... „Nein, dieſes letzte ich gerade d ſuchen. Es i was mich un Komm, o kr „Ich de Simon Mer „Ach,“ genwart, h ſein Gemütt die Einzige glücklichen§ Gottes Nan Genove Conſcience, ein Auf⸗ rſuchen; gelänge s in ei⸗ Oberin »aren.“ ob das uſen er⸗ it einem nden Zu⸗ und rich⸗ und die ehle gab. enoveva, ſen auf⸗ auf das rfen, als ſchmerz⸗ n Sohn, en Angſt. Nitleiden, Närtyrer⸗ heulte die rufe mich hn trifft.” te Geno⸗ der. ie Oberin orfen und hlwollend 193 an, ſagte jedoch, daß er an dem Urtheil des Kriegsrathes nichts verändern dürfe; der Kapitän der Leute von Waldeg⸗ hem ſei überdieß der Gefangene des Commiſſärs der Centralgewalt; es könne deßbalb zu ſeinen Gunſten nie⸗ mand anders als der Commiſſär ſelbſt etwas thun.“ Die Mutter richtete ſich auf, ſie zitterte heftig, und ſchien plötzlich von einem entſcheidenden Gedanken be⸗ herrſcht. Sie ergriff Genovevas Hand und rief: „Simon Meulemans? Er ſollte mein Kind retten können? Komm, komm, Genoveva, laß uns zu ihm gehen. Ich werde niederknieen, zu ſeinen Füßen kriechen, meine Thränen ſollen ihn erweichen: er iſt kein Fremder, er wird Mitleid mit einer ſterbenden Mutter....“ „Simon Meulemans? rief Genoveva mit Abſcheu. „Ach Ihr kennt ihn nicht! Er iſt noch ſchlimmer, als die fremden Tyrannen; er wird ſich an unſrem Schmerze weiden. Bruno iſt ſein Feind, den er haßt, deſſen Tod er wünſcht; und wäre dem nicht ſo, ſo würden wir eher einen Stein erweichen, als das eiſerne Herz dieſes Hen⸗ kers.... 10 „Nein, nein,“ antwortete die Mutter,„ich werde dieſes letzte Rettungsmittel nicht verſchmähen. Und müßte ich gerade durch die Flammen gehen, ich werde es ver⸗ ſuchen. Es macht mir Etwas den Buſen klopfen, Etwas, was mich unwiderſtehlich zu dieſem Schritte treibt.... Komm, o komm!“ „Ich darf nicht,“ ſeufzte das Mädchen,„ich fürchte Simon Meulemans mehr als den Tod.“ „Ach,“ fuhr die Mutter klagend fort,„Deine Ge⸗ genwart, hoffte ich, werde einen günſtigen Eindruck auf ſein Gemüth machen. Er liebt Dich; Du biſt vielleicht die Einzige auf Erden, der er das Leben meines un⸗ glücklichen Kindes ſchenken würde.... aber bleibe in Gottes Namen, ich werde allein gehen.....“ Genoveva ſtand einen Moment mit zu Boden ge⸗ Conſcience, Bauernkrieg. 13 194 ſenkten Blicken da und ſchien mit ſich zu kämpfen; dann griff ſie mit zitternder Hand in den Buſen, um zu füh⸗ len, ob ein gewiſſer Gegenſtand, den ſie an ihrer Bruſt verborgen hatte, noch da ſei, und ſagte endlich mit feſt⸗ entſchloſſenem Tone: „Wohlan, Mutter, komm, ich werde mitgehen; ich fürchte weder Tod, noch Verfolgung, nur die Liebe Simons macht mich zittern: ich werde jedoch vor ihm erſcheinen, mich vor dem Ungeheuer beugen, es anflehen und bitien .... O möge mir Gott vergeben: ich thu’ es um Bruno!“ Sie ergriff die Hand der Nonne und ſagte, indem ſie das Zimmer verließ: „Schweſter Kaet, gute Nichte, Ihr wißt, wo der Commiſſär der Centralgewalt ſein Quartier hat, führt uns, zeigt uns, wo wir ihn finden.“ Unter den theilnehmenden Wünſchen der Oberin ſtiegen die drei Frauen die Treppe hinab und verließen den Beguinenhof. Vor einem großen Bürgerhauſe hielt die Nonne ſtill und ſagte: „Seht, da iſt die Wohnung des Commiſſärs, den Ihr ſehen wollt. Ich verſtehe kein Franzöſiſch; Veva ſoll den Soldaten anreden, der vor der Thüre ſteht.“ Das Mädchen wandte ſich kühn an den Soldaten und gab ihm zu verſtehen, daß ſie den Bevollmächtigten der Centralgewalt in ſehr wichtigen Angelegenheiten zu ſprechen habe. Sei es nun, daß die ſtolze Schönheit Ge⸗ novevas, oder die Innigkeit ihrer Bitte auf den Krieget Eindruck machte, er führte die Frauen mit großer Freund⸗ 9 8 lichkeit in den Gang des Hauſes, und bat ſie zu warten, bis er ſie ſeinem Offtzier gemeldet. Der Soldat verließ ſie und trat tiefer in den Gang, wo er leiſe an eine Seitenthüre klopfte und dann eintrat. Da ſein Offizier ihm ein Zeichen gab, daß er etwas war⸗ ten ſollte, blieb er ſchweigend ſteben. Simon⸗Brutus ſchrieb an einem Tiſche und überlas mit halblo nach Ant franzöfiſch wie folgt: „.... 2 verblendet Schwärme der Sieg franzöſiſch Boden ni Flammen denkwürdi um den unſrem A ſchoſſen w und dumn. zöͤſiſche R nen und Unabhäng zöſiſche N. ſcheinlich einen neu Sim ihn zuſam übergab e „Bri ihn an de mir zu m „Cite drei Frau genblick C „Ich ungeduldig ofen; dann um zu füh⸗ ihrer Bruſt ch mit feſt⸗ tgehen; ich ebe Simons 7nerſcheinen, und bitien hu' es um gte, indem ßt, wo der hat, führt der Oberin id verließen rhauſe hielt liſärs, den ſiſch; Veva re ſteht.“ n Soldaten ellmächtigten enheiten zu hönheit Ge⸗ den Krieger zer Freund⸗ zu warten, nden Gang, ann einirat. etwas war⸗ und überlas 195⁵ mit halblauter Stimme einen Brief, den er wahrſcheinlich nach Antwerpen ſenden wollte. Die Schrift war in franzöſiſcher Sprache abgefaßt; das Ende davon lautete wie folgt: „... Die Stadt wurde im Sturme genommen; die verblendeten Schurken vertheidigten ſich, als hätte die Schwärmerei ſie raſend gemacht; deſſen ungeachtet blieb der Sieg in der Hand der unüberwindlichen Helden der franzöſiſchen Republik. Sechzig Häuſer ſind bis auf den Boden niedergebrannt, vierhundert Brigands in den Flammen umgekommen— das iſt der Ausſchlag des denkwürdigen Tages. Morgen ziehen wir von hier ab, um den Reſt dieſer blutdürſtigen Rage zu verfolgen. Bei unſrem Abzug ſollen noch fünfzig dieſer Brigands er⸗ ſchoſfſen werden Der Abſchied mag dieſem knuechtiſchen und dummen Volke ins Gedächtniß prägen, wie die fran⸗ zöͤſiſche Republik diejenigen ſtraft, die ſich durch Tyran⸗ nen und Prieſter zur Zurückweiſung der Freiheit und Unabhängigkeit, welche die große und edelmüthige fran⸗ zöſiſche Nation ihnen anbietet, verleiten laſſen.— Wahr⸗ ſcheinlich werde ich morgen Abend ſchon den Bericht über einen neuen Sieg abſenden können. Heil und Brüderlichkeit.“ Simon⸗Brutus unterſchrieb dieſen Bericht, faltete ihn zuſammen und ſchrieb die Adreſſe darauf. Dann übergab er ihn dem Soldaten und ſagte: „„ Bringt dieſen Brief nach dem Rathhaus und liefert ihn an den Wachtcommandanten ab.— Was habt Ihr mir zu melden?“ „Litoyen⸗Commiſſär,“ antwortete er,„draußen ſind drei Frauen, welche Euch bitten laſſen, ihnen einen Au⸗ genblick Gehör zu ſchenken.“ „Ich bin nicht zu ſprechen!“ ſagte Simon⸗Brutus ungeduldig.„Hat man im Kriege Zeit, das Gejammer 196 von Frauen anzuhören? Geht, ſagt ihnen, daß ich Nie⸗ mand empfangen kann.“ Als der Krieger zu zögern ſchien, rief der Offizier in ſcherzendem Tone: „Nun Citoyen⸗Korporal, ſollten dieſe Frauen Euch gerührt haben? Einen alten Wolf, wie Euch?“ „Es kann wohl möglich ſein,“ antwortete der Sol⸗ dat ernſt,„und wenn Ihr ſie ſeht, möchte Euch das Gleiche geſchehen, Citoyen⸗Commiſſär.“ „Was für Frauen ſind es denn?“ „Ein junges Mädchen, eine ältere Frau und eine Nonne; aber das junge Mädchen, Citoyen⸗Commiſſär, iſt ſo ſchön; ihr Blick hat etwas ſo Gebieteriſches und doch hat ſie etwas ſo Freundliches und ſpricht ein ſo hübſches Franzöſiſch, daß ſie ſelbſt den Gefühlloſeſten be⸗ zaubern müßte.“ „So, ſo, Citoyen⸗Korporal,“ ſagte der Offizier,„Ihr ſcheint nicht der Gefühlloſeſte zu ſein. Nun denn, Euch zu Liebe; um dem Gegenſtand Eurer Neigung angenehm zu ſein, werde ich ihnen einen Augenblick Audienz ge⸗ ben. Führt die Frauen hierher und tragt dann ſogleich meinen Brief nach dem Rathhauſe.“ Mit einem ſtillen Lächeln auf den Lippen, erwartete Simon⸗Brutus die Frauen; er ſtellte ſich an den Tiſch, ſtützte die eine Hand darauf und ſtand im ganzen Ge⸗ fühl ſeiner Würde da. Kaum hatte er dieſe ſtolze Haltung angenommen, als ſich die Thüre öffnete und die drei Frauen an der Schwelle niederſanken und um Gnade flehten. „Veva!“ rief der Offizier mit tiefem Erbeben, indem er auf das Mädchen zueilte und ſie mit beiden Händen aufhob.„Ach, Veva, ich hatte bereits Deinen Tod be⸗ weint. Du lebſt. Die Hand des Schickſals hat Dich ver⸗ ſchont! Wie glücklich bin ich, Dich wieder zu ſehen..“ Er fühlte, wie Genovevas Hände in den ſeinen zit⸗ terten; er ſah ihr an, wie ſie vor ihm erſchrack; er be⸗ merkte da druck um gab, ihre gender B tete, rar den ſeinen Sim von Haß ſtellte ſich Tone, no „Ihr Gnade? zu erwerb Die Hände un hört mein Mutter! „Das terem Lac „Sit noch nähe habe ich ner Milch rettet mei ren Elter Mutterhe Mit „Der Strafe ve „Do Frau,„ Einzige ſ auch Eue ſchloſſen, es noch e aß ich Nie⸗ der Offizier rauen Euch 2 te der Sol⸗ Euch das u und eine Commiſſär, eriſches und icht ein ſo lloſeſten be⸗ ffizier,„Ihr denn, Euch g angenehm Audienz ge⸗ aun ſogleich u, erwartete n den Tiſch, ganzen Ge⸗ ngenommen, uen an der eben, indem den Händen nen Tod be⸗ tt Dich ver⸗ ſehen....“ ſeinen zit⸗ ack; er be⸗ 197 merkte das Gefühl von Haß, das ſich in ſcharfem Aus⸗ druck um ihre Lippen zeichnete, obgleich ſie ſich alle Mühe gab, ihre Empfindung zu verbergen. Während ſein fra⸗ gender Blick mit ſteigender Unruhe an ihren Augen haf⸗ tete, rang ſie ihre Hände mit ängſtlichem Zittern aus den ſeinen los. Simon⸗Brutus, den dieſe unverkennbaren Beweiſe von Haß in ſeinem Gefühle und ſeinem Stolze verletzten, ſtellte ſich wieder an den Tiſch und ſagte in bitterem Tone, noch zitternd vor Zorn: „Ihr bittet um Gnade! Erringt man ſich ſo die Gnade? Laßt mich hören, welche Gunſt hofft man ſich zu erwerben, indem man uns reizt?“ Die Mutter kroch auf den Knieen herbei, erhob die Hände und ſeufzte: O Simon Meulemans, ſeht meine Thränen, er⸗ hört mein demüthig Flehen, ſeid barmherzig, ſchont einer Mutter! O ſcheukt mir das Leben meines einzigen Kindes!“ „Das Leben Brunos?“ fragte der Offlzier mit bit⸗ terem Lachen. „Simon,“ fuhr die ſchluchzende Frau fort und kroch noch näher heran,„als Eure ſelige Mutter krank war, habe ich Euch an meinen Brüſten geſäugt, Euch mit mei⸗ ner Milch genährt. O bei Allem, was Euch theuer iſt, rettet meinen Sohn! Lohnt die Freundſchaft, die ich Eu⸗ ren Eltern erzeigt, nicht mit einem Schlage, der mein Mutterherz zerſchmettern müßte!“ Mit ſichtbarer Gefüblloſigkeit antwortete der Offizier: „Der Kriegsrath hat ihn verurtheilt, er hat ſeine Strafe verdient Ich kann ſein Schickſal nicht ändern...“ „Doch, Ihr habt die Macht, Simon,“ ſeufzte die Frau,„der General ſchickt mich zu Euch, da Ihr der Einzige ſeid, der mein Kind retten kann. Hat der Krieg auch Euer Herz der Rührung und dem Mitleiden ver⸗ ſchloſſen, o laßt einen einzigen Strahl der Menſchenliebe es noch einmal erhellen. Erinnert Euch, daß die, die vor 198 Euch knieen, Eure armen Landsleute ſind; erinnert Euch, daß ich einſt Mutter für Euch war, daß Euch dieſelbe Bruſt, wie meinen Bruno und früher, als ihn, gelabt!“ Die Nonne lag noch an derſelben Stelle und hatte den Blick zu Boden geſenkt, Genoveva ſtand aufrecht da und weinte mit den Händen vor den Augen. Auf ihrem Geſichte malte ſich ein ſchmerzlicher Kampf; bisweilen ſagte ihr Herz, ſie ſolle ſich zu den Füßen Simons nie⸗ derwerfen und ihn anflehen und freundlich gegen ihn ſein Das Gefühl der Pflicht und des Mitleids trieb ſie zu dieſer Aufopferung; aber der Abſcheu gegen den Henket aller ihrer Lieben und Bekannten war mächtig genug in ihr, um alle, alle anderen Gemüthsbewegungen zu unter⸗ drücken. Dieſer ſchmerzliche Kampf hatte ihren Muth Kerwihen und eine Flut von Thränen ihren Augen ent⸗ lockt. Simon⸗Brutus hatte den Blick auf Genoveva gerich⸗ tet, während er auf die letzte Bitte der Mutter alſo ant⸗ wortete: „Ihr fordert Gnade für Bruno? Aber ſeid Ihr denn wahnſinnig, Frau? Iſt Bruno nicht mein Feind? War er's nicht ſchon, ehe wir beide die Männerjahre erreicht? Hat er mir nicht die Liebe der erſten Freundin geraubt und dadurch mein Leben vergiftet? Und— es iſt ein ſchändlicher Spott— ſie, die Urſache meines glühenden Haſſes gegen ihn, ſie fleht um Gnade für ihn— und zum Lohne verſpricht ſie mir Haß, Verachtung, Abſcheu! Ach, hätte ſie mein Herz auf den wahren Fleck getroffen, wer weiß, ob die Liebe mich nicht mächtig genug ge⸗ macht, ein Wunderwerk zu thun, Bruno ſelbſt zu befreien.“ Die Mutter, die noch immer auf den Knieen lag, wandte ſich mit aufgehobenen Händen an das Mädchen und rief bittend: „Veva, o Veva, um Gotteswillen, erbarme Dich mei⸗ ner! Sprich ein gutes Wort für den armen Märtyrer! Sein Leben iſt in Deinen Händen....“ Blaß einer gew „Sir mir lebe Male in Namen!“ „Und zier in lei Das „Ihr als Menſe geſtanden: was jedoe gegen En ich in Eue arteten B Bruders. zeigt mir, umſchließt, Könnt Ih der Daukl und Zune Simon, Freundſche Ihr ein( Böſewicht glücklichen Angſt des Dieſe weilen mit einen tiefe ſtill und g des Mäde Ausdruck dieſem Z. ſchen halt, rinnert Euch, Euch dieſelbe ihn, gelabt!“ Ile und hatte Haufrecht da Auf ihrem f; bisweilen Simons niec⸗ egen ihn ſein trieb ſie zu den Henker rig genug in gen zu unter⸗ ihren Muth Augen ent⸗ oveva gerich⸗ tter alſo ant⸗ eid Ihr deun Feind? War hre erreicht? din geraubt Hes iſt ein s glühenden hn— und g, Abſcheu! ack getroffen, genug ge⸗ u befreien.“ Knieen lag, as Mädchen e Dich mei⸗ Märtyrer! 199 Blaß und zitternd, aber nichts deſto weniger mit einer gewiſſen Würde, ſprach Genoveva zu dem Offizier: „Simon, Ihr behauptet, ein Gefühl von Liebe zu mir lebe in Eurer Bruſt, nun, ſo zeigt es mir zum erſten Male in Eurem Leben. Thut ein gutes Werk in meinem Namen!“ „Und wenn ich es thäte, Veva?“ fragte der Offi⸗ zier in leiſerem Tone. Das Mädchen fuhr muthiger fort: „Ihr verlangt meine Zuneigung? Nie habe ich Euch als Menſch gehaßt; im Gegentheile, ich habe Euch ſelbſt geſtanden: daß Eure Gegenwart mich ſonſt wohl freute; was jedoch mein chriſtlich Herz, mein weiblich Gemüth gegen Euch empörte und mir Abſchen einflößte, iſt, daß ich in Euch einen gefühlloſen Menſchen ſehe, einen ent⸗ arteten Belgier, der kalt bleibt bei dem Leiden ſeines Bruders. O beweist mir, daß ich mich in Euch getäuſcht, zeigt mir, daß unter der rauhen Rinde, die Euer Herz umſchließt, der angeborene Edelmuth noch fortlebt... Könnt Ihr mir dieſen Beweis geben, ſo wird ein Gefühl der Daukbarkeit, noch mehr, ein Gefühl der Freundſchaft und Zuneigung für Euch in meinem Herzen entſtehen. Simon, Ihr könnt wählen zwiſchen meiner dankbaren Freundſchaft oder meinem gerechten Haß! Bedenkt, daß Ihr ein Cbriſt und ein Menſch ſeid, oder wollt Ihr ein Böſewicht bleiben und Euch an der Todesnoth der un⸗ glücklichen Mutter, deren Bruſt Euch geſäugt und an der Angſt des Mädchens weiden, die Ihr zu lieben behauptet.“ Dieſe Rede, die mit feierlichem Nachdruck und bis⸗ weilen mit düſterer Schwermuth geſprochen wurde, machte einen tiefen Eindruck auf Simon Brutus. Er lauſchte ſtill und geduldig den bezaubernden Tönen der Stimme des Mädchens; ein heiteres Lächeln hatte den finſteren Ausdruck ſeines Geſichtes verwiſcht, man hätte ihn in dieſem Zuſtand für einen guten und gefühlvollen Men⸗ ſchen halten können. 200 Auf dem Geſichte der Mutter gläuzte ein heiteres Lächeln der Hoffnung, während ihre Bruſt in banger Er⸗ wartung des Beſchluſſes, den Simon Brutus faſſen würde, auf⸗ und niederwogte. Indeſſen ſah der Offizier einen Augenblick träumend und überlegend in die Augen Genovevas: auch ſie be⸗ merkte, daß ihre Worte ihn ergriffen. Sie ſank auf die Kniee und rief in voller Unterwerfung mit Thränen auf den Wangen: „Ach, Simon, ſeid menſchlich! Seht, auch ich kuiee vor Euch! Schenkt ihm Gnade, gebt ihm ſein Leben. Ich werde Euch ewig danken, ich werde Euch um dieſer Wohlthat lieben!“ Noch einen kurzen Augenblick ſtarrte ſie Simon⸗ Brutus an; dann trat er, als ob ein plötzlicher Entſchluß ihn aus ſeinem Sinnen weckte, zu dem Mädchen hin, hob ſie vom Boden und ſagte raſch und tief gerührt: 3„Veva, ſein Schickſal iſt in Euren Händen. Ihr ſelbſt könnt entſcheiden, ob er leben oder ſterben ſoll. Ich muß ein Wort allein mit Euch ſprechen...“ Er führte ſie in eine entfernte Ecke des Zimmers. „Veva,“ ſagte er zu dem zitternden Mädchen,„Ihr habt in mein Herz eine ſüße Hoffnung geflößt, aber ich zweifle, daß Ihr wißt, was Ihr mir verſprochen. Ihr wolltet mich alſo lieben, wenn ich Bruno erlöſte, wenn ich ihn errettete? Und würdet Ihr ihn dann verlaſſen, um Euer Schickſal an das meine zu knüpfen? Iſt dieß Eure Meinung oder gibt Euch Eure Liebe zu ihm ſolche Worte ein?.... Ihr antwortet nicht? Ich ſehe Euch zittern und erblaſſen; ich habe mich betrogen, nicht wahr? Nun, wie dem anch ſei, ich will es ganz wiſſen. Ver⸗ nehmt meine Bedingungen: Genoveva entſagt Bruno: ſie gibt ihre Zuſtimmung, meine Frau zu werden; ich ſtelle das Todesurtheil aus; Bruno folgt mir, wohin ich gehe; weigert ſich Genoveva, ſich unzertrennlich an mein Schickſal zu binden, ſo trifft ihn die Kugel, wo wir auch ſeir genblick ung Bru aber ich Feldherr. für in di dingunge Veva? Ihr in Das dem Off „Je Leben iſt Edelmut ihn rette koſtbar.“ Das rief jam „Ge „G Simon 2 ſein Sch genügt: Gen Offizier tete, erb „Ac werdet 2 nen Aug land geſt wird ſei Euer V langſam, ein heiteres banger Er⸗ aſſen würde, ick träumend auch ſie be⸗ ank auf die Ehränen auf ich ich kuiee ſein Leben. h um dieſer ſie Simon⸗ er Entſchluß Lädchen hin, gerührt: inden. Ihr terben ſoll. 71 ... Zimmers. dchen,„Ihr gt, aber ich ochen. Ihr rlöſte, wenn in verlaſſen, 1? Iſt dieß u ihm ſolche h ſehe Euch nicht wahr? ſſen. Ver⸗ agt Bruno: verden; ich , wohin ich ich an mein l, wo wir 201 auch ſein mögen; wird ſie meine Gattiu, ſo iſt der Au⸗ genblick der Verbindung auch der Augenblick der Befrei⸗ ung Brunos. Die Sache hat ihre großen Schwierigkeiten: aber ich habe der franzöſiſchen Republik und unſrem Feldherrn große Dienſte geleiſtet; ich werde den Lohn da⸗ für in dieſer einzigen Gunſt ſuchen. Ich werde die Be⸗ dingungen dieſer Uebereinkunft erfüllen.... aber Ihr. Veva? Iſt Euch das Leben Brunos ſo viel werth, daß Ihr in mein Verlangen willigt?“ Das arme Mädchen ſtand ganz zerſchmettert vor dem Offizier, der ſie mit bitterem Lächeln anhörte. „Ich habe es Euch geſagt,“ fuhr er fort,„Brunos Leben iſt in Eurer Hand; und ich berufe mich auf Curen Edelmuth, auf Eure Menſchenliebe. Nun, werdet Ihr ihn retten oder verurtheilen? Sprecht, meine Zeit iſt koſtbar.“ Das Mädchen erhob den Blick zum Himmel und rief jammernd: „Gott, Gott, welche Prüfung!“ „Gott kann Euch im Augenblick nicht helfen,“ ſagte Simon Brutus ungeduldig,„Ihr allein entſcheidet über ſein Schickſal. Laßt hören, was Ihr beſchloſſen!“ „O Simon,“ ſeufzte das Mädchen in ſchmerzvollem Tone:„ich darf nicht ſprechen.“ „Wohlan, hier nützen nicht viele Worte, ein einziges genügt: werdet Ihr meine Frau, ja oder nein?“ Genoveva ſtand ſprachlos, zitternd da Als der Offizier ungehalten auf eine entſcheidende Antwort war⸗ tete, erbob das Mädchen plötzlich den Kopf und ſprach: „Ach Simon, wenn ich Euer Anerbieten verwerfe, werdet Ihr ihn morgen tödten? Sein Leiden wird ei⸗ nen Augenblick dauern; er wird für Glauben und Vater⸗ land geſtorben ſein; und die Siegerkrone des Märtyrers wird ſein Haupt ſchmücken.... Wenn ich aber in Euer Verlangen willigte, würde er dennoch ſterben, langſam, vor Liebeskummer und Seelenpein.... Ihn 2⁰02 würde nicht das Blei des Tyrannen treffen, aber ich, ſeine Frenndin, die er mehr liebt, als das Leben, würde ihn gemordet haben; ich würde den tödtlichen Stahl des Verraths ihm ins Herz ſtoßen. Nein, nein, Ihr ſeid ein Henker, Ihr mögt morden und martern; es iſt Eure Sen⸗ dung. Er ſterbe durch Eure verbrecheriſche Hand, nicht durch meine feige Untrene. Unter ſolchen Bedingungen will ich ſeine Begnadigung nicht; ſie würde ihn tödten, mich entehren!“ Bebend vor Zorn und Schaam, donnerte der Offizier mit lauter Stimme: „Wahnſinnige! So erkennſt Du meine Güte? Ich könnte Dich gefangen nehmen, mich an Deiner höhniſchen Vermeſſenheit rächen können: aber wir haben nichts mehr mit einander zu thun. Ich kenne Euch nicht.“ Mit dieſen Worten ſtieß er Genoveva von ſich weg und wandte ſich mit furchtbarem Ausdruck des Geſichtes an die zu Tode erſchrockene Mutter, indem er ſagte: „Geht; keine Bitte ſoll mich rühren, die Kugel ſoll Euren Sohn für ſeine Schwärmerei ſtrafen. Hofft nichts mehr, denn könnt' es ſein, und könnt' ich dazu helfen, er ſtürbe zweimal.“ Mit jammervollem Schrei ſtürzte die arme Mutter zu Boden. Während Genoveva und die Nonne ihr bei⸗ ſprangen, um ſie zu unterſtützen, ſchloß Simon⸗Brutus eine Thüre auf und verſchwand aus dem Zimmer. Auf das Hülfgeſchrei der Nonne trat der Corporal, der bereits zurückgekehrt war und vor dem Hauſe auf der Straße ſtand, in das Zimmer, holte Waſſer und Eſſig und leiſtete den Frauen noch andern Beiſtand. Kaum hatte die Mutter die Augen wieder geöffuet, als an der Thüre, durch welche Simon Brutus ver⸗ ſchwunden, ein anderer Soldat erſchien, der die Befeble brachte, daß die Frauen ſich ohne Verzug entfernen ſollten. Corporc Hausthi⸗ Lebewoh Die hing ſpr an der S terſtützte durch di führten. Sie noveva Stimme „V habe die werden finden u Unternel ter. Vie Henker! Himmel Vielleich tyrer no Die benden antworte An Koeipoo⸗ Dieſem Befehl war kein Widerſtand zu leiſten. Der die Frar aber ich, ben, würde Stahl des hr ſeid ein Eure Sen⸗ dand, nicht edingungen ihn tödten, der Offizier Güte? Ich höhniſchen nichts mehr en ſich weg s Geſichtes ſagte: Kugel ſoll Hofft nichts azu helfen, me Mutter ne ihr bei⸗ Brutus eine Corporal, Hauſe auf Vaſſer und eiſtand. er geöffuet, rutus ver⸗ die Befeble entfernen leiſten. Der 203 Corporal unterſtützte die halbtodte Mutter bis an die Hausthüre und wünſchte ihr mit theilnehmenden Worten Lebewohl. Die unglückliche Mutter ſchien ganz vernichtet; ſie hing ſprachlos und matt in den Armen Genovevas und an der Schulter der Nonne, die ſie auf beiden Seiten un⸗ terſtützten. Die armen Frauen ſchleppten ſich weinend durch die Straßen, die ſie zu dem Beguinenhof zurück⸗ führten. Sie hatten das Gebäude beinahe erreicht, als Ge⸗ noveva zum erſten Male ſprach. Sie ſagte mit leiſer Stimme der Mutter in's Ohr: „Verzweifelt noch nicht. Der Böſewicht ſagte, Gott habe die Macht nicht, uns zu helfen; er läſtert; wir werden es ſehen! Jan wird hoffentlich unſre Freunde finden und bald mit ihnen zurückkehren! Möchte ihm ſein Unternehmen glücken! Noch iſt nicht alles verloren, Mut⸗ ter. Vielleicht werde ich das Wunderwerk thun, das der Henker uns um Ehre und Leben verkaufen wollte. Der Himmel erleuchte meinen Geiſt. Er ſtärke mein Herz... Vielleicht wird ein ſchwaches Mädchen den armen Mär⸗ tyrer noch retten!“ Die bekümmerte Mutter warf Genoveva einen ſter⸗ benden Blick zu und ließ ſich wie gefühllos und ohne zu antworten, in den Beguinenhof führen. IX. An einem der Thore von Herenthals, das man Koeivoort hieß und welches jetzt verſchwunden iſt, hatten die Franzoſen eine Bürgerswohnung beſetzt. Das Vor⸗ 204 zimmer hatte man einigen dreißig Soldaten als Wach⸗ zimmer angewieſen, um dieſen Eingang der Stadt zu bewachen. Um Soldaten zu ſparen, oder vielleicht aus Mangel an zweckmäßigen Gemächern, wurden die ver⸗ wundeten Bauern in dem hintern Saale des Hauſes auf Stroh gelegt. Die mittlere Thüre des Saales ging in das Wachzimmer, ſo daß die Soldaten die Gefangenen ſtets im Auge hatten. Es war Nacht und ſo ausnehmend dunkel in den Straßen, daß man kaum wenige Schritte vor ſich ſehen konnte. Die meiſten Soldaten der Wache ſchliefen auf Stüh⸗ len, oder lagen, mit dem Ranzen unter dem Kopf, auf dem Boden. Fünf oder ſechs ſaßen an einem Tiſche und ſpielten Karten. Der Sergeant ſchritt leiſe in dem Zim⸗ mer auf⸗ und ab und ging bisweilen hinaus, um die Schildwachen zur Wachſamkeit zu ermahnen, oder trat er an die Betten der Gefangenen, um zu ſehen, ob al⸗ les noch ſtill und ruhig ſei. In dem Saal, wo die verwundeten Bauern lagen, brannte kein Licht; aber die Lampe des Wachzimmers warf in den mittleren Theil einen ſchwachen Schimmer, der die unbeſtimmten Umriſſe der Gefangenen unterſchei⸗ den ließ. Ungefähr zwölf Männer, deren Kopf, Arm oder Bein in blutige Tücher gewickelt war, lagen auf Stroh. Einige ſaßen halb aufgerichtet mit den Händen vor den Augen, andre blickten ſtarr und unbeweglich in den dun⸗ keln Raum. Eine Todtenſtille herrſchte im ganzen Zimmer: man hätte glauben können, einen Haufen Leichen zu ſehen, hätte der brennende Schmerz ihrer Wunden nicht zwei bis drei dieſer Leute bisweilen einen ſchmerzlichen Ton erpreßt und die Stille unterbrochen, um ſie nur noch ſchrecklicher zu machen, Bru Wand ge Bruſt he Man kon ſeine Au⸗ und ſtarr nen Reſt So den ohne ihm geſa Drohung einen ge Tag gele Alle hier im 2 dem Ma⸗ beim Anl theil war Viel in Angſt Kummer Eltern, 7 laſſen ſoll ſam und daß der nicht gan Die nicht der ſeine eign gen wühl mordet, ſ brannt, und Gott er ſtarb tet, was was er h. als Wach⸗ Stadt zu elleicht aus u die ver⸗ Hauſes auf es ging in Gefangenen zel in den r ſich ſehen mauf Stüh⸗ Kopf, auf Tiſche und dem Zim⸗ s, um die oder trat en, ob al⸗ iern lagen, achzimmers Schimmer, unterſchei⸗ Arm oder auf Stroh. n vor den t den dun⸗ mer: man zu ſehen, nicht zwei lichen Ton nur noch 205 Bruno ſaß in der fernſten Ecke, den Rücken an die Wand gelehnt; der Kopf hing ihm bleiſchwer auf die Bruſt herab, ſeine Arme lagen ſchlaff auf ſeinen Knieen. Man konnte nicht ſehen, ob er wachte, oder ſchlief, denn ſeine Augen waren halb geöffnet, aber ſo bewegungslos und ſtarr auf das Stroh gebeftet, daß nichts in ihm ei⸗ nen Reſt von Leben oder Aufmerkſamkeit verrieth. So ſaß der unglückliche Jüngling ſchon viele Stun⸗ den ohne die geringſte Bewegung da. Auf alles, was ihm geſagt worden, auf tröſtende Worte oder höhnende Drohungen, hatte er nichts geantwortet, oder nur durch einen geduldigen Blick ſeine Unempfindlichkeit an den Tag gelegt. Alle Gefangenen, ſowohl die Verwundeten, die ſich hier im Wachhaus befanden, als die Andern, welche auf dem Markte lagen, wußten, daß ſie verurtheilt waren, beim Anbruch des Tages erſchoſſen zu werden. Das Ur⸗ theil war ihnen mit den Gründen vorgeleſen worden. Vielleicht brachten viele der Gefangenen die Nacht in Angſt und banger Sorge zu und träumten in ihrem Kummer von dem jungen Leben, von der Heimath, von CEltern, Freunden und Freundinnen, die ſie auf ewig ver⸗ laſſen ſollten. Die Furcht vor dem Tode, wenn er lang⸗ ſam und ſichtbar naht, iſt dem Menſchen ſo natürlich, daß der Muthigſte ſelbſt dieſe angeborene Luſt am Leben nicht ganz unterdrücken kann. Die Gewißheit des Todes war jedoch für Bruno nicht der Grund ſeiner Niedergeſchlagenheit. Er hatte ſeine eigne Verurtheilung vergeſſen: furchtbarere Schlan⸗ gen wühlten in ſeinem Herzen.... Sein Vater er⸗ mordet, ſeine Mutter und ſeine Freundin zu Aſche ver⸗ brannt, ſeine Heimath in Sklaverei geſtürzt, Unglaube und Gottloſigkeit ſiegreich! Alles war für ihn verloren, er ſtarb gerne; denn auf Erden hatte man ja vernich⸗ tet, was er liebte; er ſah nichts mehr auf der Welt, als was er haßte und verabſcheute.... 206 In dem Unmaaße ſeines Schmerzes trank er mit verzweifelnder Wolluſt an dem Kelch des Leidens. Er hatte ſich von ſeiner Umgebung abgeſondert und man konnte leicht glauben, er ſei irrſinnig. Aber während er ſchwei⸗ gend und bewegungslos an der Wand ſaß und ſtarr in das Stroh blickte, blieb ſeine Seele wach und malte ihm aufs Neue das ſchreckliche Unglück vor, das ihn getroffen. Dies Alles zog in lebendigen Bildern an ſeiner Seele vorüber, als ob es noch einmal geſchähe. So hörte er die Soldaten ſeiner Wohnung auf dem Hofe Feuer geben, er ſah eine Anzahl Kugeln die Bruſt ſeines Vaters durchbohren; er ſah das Blut fließen; er zitterte vor Wuth und Verzweiflung, als er die Leiche ſeines Vaters in das ſchlammige Grab werfen ſah. Plötz⸗ lich aber führte ihn ſeine Einbildung nach Herenthals und vor das Haus, wo er ſeine Mutter und Genoveva gelaſſen hatte. Die Flammen wirbelten himmelhoch über die Straßen, Alles krachte, heulte und jammerte rings umher, aber mitten in all dieſem Lärm, in dieſem furcht⸗ baren Sturm unterſchied er die Stimme ſeiner Mut⸗ ter, die Stimme Genovevas. Sie riefen um Hülfe und ſein Name ertönte mitten aus den Flammen.... er konnte innerhalb der Mauern der brennenden Wohnung ſehen, wie ſeine Mutter und Genoveva mit fliegenden Haaren in der Feuergluth umherliefen, einander in der Verzweiflung umarmten und mit einem Blick zum Himmel unter dem einſtürzenden Gebäude zerſchmettert wurden .... dieſe und noch andere Schreckensſchauſpiele zauberte ihm ſeine aufgeregte Phantaſie vor den wirren Blick, um einige Augenblicke ſpäter das furchtbare Schanſpiel auf's Neue zu beginnen. Das Leiden des Jünglings mußte unſäglich ſein; kein Wunder deßhalb, daß die ſchrecklichen Bilder ihn der Welt enthoben und er wie verſteint und irrſinnig in den Abgrund der Marterpein geſtürzt ſchien. Er ſah zu ſeinen Füßen in dem Stroh die ver⸗ kohlten Lei gen und als der Se und auf F „Nun Stroh? D. Republik h etwas früh Kugel beiſ Brunc ten, als he wieder die „Arme nicht Solde hat ihn wo Ein S Offizier: „Citoy Schildwache zu beſuchen „Frau „Was fällt ſollen ſich a „Es ſi der Soldat „Das Sergeant, meines Offt fangenen. die Frauen nicht weiter Er gin die erſte Ne troffen ſtehe murmelte m er mit Er hatte n konnte r ſchwei⸗ ſtarr in alte ihm getroffen. er Seele auf dem die Bruſt eßen; er ie Leiche h. Plötz⸗ erenthals Fenoveva och über tte rings m furcht⸗ er Mut⸗ lülfe und ... er Lohnung legenden in der Himmel wurden zauberte n Blick, chauſpiel ch ſein; ihn der in den die ver⸗ 207 kohlten Leichen ſeiner Mutter und ſeiner Freundin lie⸗ gen und ſchauerte und erblaßte bei dieſem Anblick,— als der Sergeant mit der Lampe in das Zimmer trat und auf Franzöſiſch zu ihm ſagte: „Nun, Kamerad, was ſtarrt Ihr denn ſo in das Stroh? Die Zeit der Geiſter iſt vordei. Die franzöſiſche Republik hat ſie nach Spanien gejagt. Seid muthig; etwas früher oder ſpäter, wir müſſen doch alle mal in die Kugel beißen.“ Bruno warf einen langen Blick auf den Sergean⸗ ten, als hätte er ihn nicht verſtanden, und ſchlug dann wieder die Augen zu Boden. „Armer Junge!“ murmelte der Sergeant.„Iſt nicht Soldat, wer will. Er iſt verrückt. Der Schreck hat ihn wahnſinnig gemacht.“ Ein Soldat trat in das Zimmer und ſagte zu dem Offizier: 3. Citoyen⸗Sergeant, es ſtehen zwei Frauen bei den Schildwache: ſie bitten um Erlaubniß, die Gefangenen zu beſuchen.“ „Frauen, Frauen auf der Wache!“ rief der Sergeant. „Was fällt denn der Schildwache ein? Die Frauen ſollen ſich augenblicklich entfernen— marſch!“ „Es ſind Nonnen, barmherzige Schweſtern,“ ſagte der Soldat,„ſie wünſchen Euch zu ſprechen.“ „Das ändert die Sache etwas,“ erwiederte der Sergeant,„aber Nonne oder nicht Nonne, ohne Befehl meines Offiziers kommt kein Sterblicher zu meinen Ge⸗ fangenen. Laßt mich ſehen, wie ſich die Sache verhält; die Frauen ſollen hereinkommen: bis an die Thüre, nicht weiter.“ Er ging ſelbſt nach dem Vorzimmer; als ſich jedoch die erſte Nonne vor ſeinen Augen zeigte, blieb er be⸗ troffen ſtehen, ja, trat ſogar einen Schritt zurück und murmelte mit Bewunderung: 208 „So, ſo, wären alle Nonnen wie dieſe, mich dünkt, ich werde ein Heiliger.“ Die erſte Nonne war wirklich außerordentlich ſchön, von hoher Geſtalt, edler Haltung, mit ſpiegelreinem Antlitz und feurigen Augen. Ihr folgte eine Schweſter mit matten, aber doch etwas gewöhnlicheren Zügen; dieſe trug einen großen Korb am Arm und darin drei bis vier Flaſchen, etwas Brot und Fleiſch, und Leinwand zum Verbinden der Wunden. Bei dem Eintreten der Frauen hatten die Soldaten am Tiſche ihre Karten niedergelegt, andere waren von dem Strohlager aufgeſtanden. Alle hefteten den Blick auf das ſchöne Mädchen. Mit einer gewiſſen Freundlichkeit, ja ſogar mit Ehrfurcht fragte der Sergeant die erſte Nonne: „Nun, ſchöne Schweſter, was wünſcht Ihr?“ Die Nonne antwortete ihm in gutem Franzöſiſch und in ſanftem, einfachem Tone: „Wir ſind Schweſtern, die man ausgeſandt, die Verwundeten zu laben und zu tröſten. Wir haben bereits viele Franzoſen beſucht; die Menſchenliebe, deren demüthige Dienerinnen wir ſind, gebietet uns, auch die armen Gefangenen zu beſuchen. Ich darf hoffen, Ci⸗ toyen, daß Ihr uns dieſe Sendung erfüllen laſſen werdet.“ „Ech möchte wohl,“ antwortete der Sergeant, „denn man müßte Wolf oder Tiger ſein, um Euch etwas abzuſchlagen; aber liebe Schweſter, es liegt nicht in meiner Macht allein. Die Befehle ſind genau und ſtreng: ohne Erlaubniß des Stabs wird kein Menſch zu den Gefangenen gelaſſen.“ „Ich habe die Erlaubniß,“ antwortete die Nonne, indem ſie eine Schrift aus ihrer Taſche holte und ſie ihm überreichte. Der Sergeant trat an die Lampe und ſagte murmelnd; „Ein Schweſtern ſie ungehin richtig.“ Dami und ſagte: „Die ob das W zöſiſchen W „Ihr Nonne:„ unbarmher⸗ Allem gege „Wah wiſſen Sto im Kampfe gegen Frau auch nicht Männer de Stunden 1 deſſenungea Kommt, fol Grabe; do Anderes. Er ne Zeichen, da von den b Gefangenen beſſer ſehen Die er Gefangenen fernen Ecke auf die Kne ſchien ihn t er bemerkte dem dunkel! Conſcience, 209 S„Ein Befehl des Generals, die barmherzigen ich dünkt, Schweſtern überall zu den Verwundeten zu führen und , ſie ungehindert durchzulaſſen, wo ſie ſich zeigen. Es iſt ich ſchön, richtig.“ gelreinem Damit wandte er ſich an die wartende Schweſter und ſagte: aber doch„Die Sache iſt in Richtigkeit: aber ich bin ungewiß, u großen ob das Wort Verwundete hier nicht blos die fran⸗ n, etwas zöſiſchen Verwundeten bezeichnet.“ nden der 3„Ihr thut Eurer Nation Unrecht,“ atholdeie die 6 onne:„ſeit wann ſind die Franzoſen ſo gefühllos und Goldaten unbarmherzig gegen einen kenandſenen Feind und vor enemlen Allem gegen unglückliche Verwundete?“ en Bli„Wahrhaftig,“ lachte der Sergeant mit einem ge⸗ t wiſſen Stolz,„ich ſehe, daß Ihr uns kennt: ſchrecklich WWar mi im Kampfe, mild nach dem Streit, immer dienſtfertig 2 gegen Frauen und Unglückliche. Der General kann es ran zſiſch auch nicht anders verſtanden haben. Aber Schweſter, die zöf Männer dort haben nichts mehr nöthig: noch einige undt, die Stunden und es iſt aus mit ihnen. Ich werde Euch r baben deſſenungeachtet zu ihnen führen und ſelbſt voranleuchten. be, deren Kommt, folgt mir, es iſt nicht ſehr angenehm in dieſem „ Aur Grabe; doch Ihr ſeid daran gewöhnt, Ihr ſeht nichts f eie Anderes. en, 2 Er nahm die Lampe und gab den Soldaten ein Zeichen, daß ſie im Wachtzimmer bleiben ſollten; gefolgt von den beiden Nonnen, trat er in das Zimmer der Gefangenen und hielt die Lampe in die Höhe, damit ſie nicht in beſſer ſehen konnten. 1132 d ſtreng: Die erſte Nonne warf einen raſchen Blick über die zu den Gefangenen. Ihr Herz wollte brechen, als ſie in der b fernen Ecke den unglücklichen Bruno, das Haupt beinahe Nonne, auf die Kniee herabgebeugt, daſitzen ſah; der Schmerz und ſie ſchien ihn tief gebeugt, das Leiden verſteinert zu haben; er bemerkte ſogar das plötzliche Erſcheinen des Lichts in dem dunkeln Kerker nicht. Conſcience, Bauernkrieg. 14 en laſſen Sergeant, ich etwas urmelnd: 210 Sie unterdrückte ihre Rührung und ging zu den Verwundeten, die am weiteſten von Bruno entfernt waren. Zu jedem ſprach ſie einige tröͤſtende Worte; aber ſo ſtill, daß der Sergeant nichts davon hören konnte, als ein leiſes und dumpfes Gemurmel. Sie labte die Schwächſten mit einem Schluck Wein, gab den Hungrigen etwas Brot und Fleiſch und legte den Ver⸗ band einiger Verwundeten beſſer an. Der Sergeant, der mit der Lampe an der Thüre ſtehen geblieben, murmelte in ſich hinein: „Das edle ſchöne Mädchen! Sie könnte Chirurg des Bataillons werden! Wie ſie mit dem Verbande um⸗ zugehen weiß!“ Je näher die liebevolle Schweſter der Ecke kam, wo ſich Bruno befand, deſto unruhiger wurden ihre Bewe⸗ gungen. Der Sergeant glaubte ſogar zu bemerken, daß ſie zitterte; ſie ſchien ihm bei ihrem Eintritt nicht ſo blaß geweſen zu ſein, wie jetzt; er glaubte jedoch, daß das Erſte in dem Mitleiden, das zweite in dem gelben Schein der Lampe ſeine Urſache habe. Als die Nonne einen Schritt machte, um näher zu Bruno zu kommen, ſagte der Sergeant zu ihr: „Schweſter, laßt den Kerl in Ruhe. Das Feuer hat ihm das Gehirn verbrannt: er iſt wahnſinnig und würde Euch doch nicht verſtehen. Den ganzen Tag hat er weder gegeſſen, noch getrunken, noch geſprochen. Er wird der glücklichſte ſein; er wird ſterben, ohne es zu wiſſen.“ Aber die Nonne ſchien dieſe Bemerkung nicht zu beachten; ſie ging zu dem Jüngling, beugte ſich zu ihm herab, nahm ſeinen Kopf, der mit Tüchern umwunden war, zwiſchen ihre Hände und ſprach einige Worte in ſein Ohr. 3 Bruno, wie von einem furchtbaren Schlag getroffen, ſprang zitternd auf und rief: „Veva, Veva!“ „Stil melte das „Still, Ih Und zitternden ren Haltun „Es ſagte der S Name.“ „Er i liche Jung Ich glaube zu viel; er wird ſeinen „Mein Augen bli⸗ ſprich!“ „Still nicht kennen Währe Augen auf nem Kopfe gleichgültige dem Serge ſchen ſagte Herz des 2 ſein Geſicht Sergeant h Sobalt hatte, warc befahl ihm und ließ ſie ſelbſt ohne Als ſie veva zu der „Citoy ng zu den no entfernt de Worte; von hören rmel. Sie n, gab den e den Ver⸗ der Thüre ite Chirurg rbande um⸗ ke kam, wo ihre Bewe⸗ jerken, daß tt nicht ſo ledoch, daß dem gelben n näher zu r: Das Feuer iſinnig und u Tag hat ochen. Er ohne es zu g nicht zu ſich zu ihm umwunden Worte in Z getroffen, 211 „Still, ſtill, ſetzt Euch nieder und ſchweigt!“ mur⸗ melte das Mädchen in düſterem gebietendem Tone. „Still, Ihr ſollt Alles wiſſen!....“ Und mit unwiderſtehlicher Gewalt drückte ſie ihren zitternden Freund nieder, bis er wieder in ſeiner frühe⸗ ren Haltung daſaß „Es ſcheint, der arme Wahnſinnige kennt Euch,“ ſagte der Sergeant.„Ihr heißt alſo Veva? Ein hübſcher Name.“ „Er irrt,“ antwortete das Mädchen,„der unglück⸗ liche Junge meint wahrſcheinlich, ich ſeie ſeine Schweſter. Ich glaube, der Verband an ſeiner Wunde drückt ihn zu viel; er entzündet das Hirn. Ein feinerer Verband wird ſeinen Schmerz mildern.“ „Meine Mutter!“ rief Bruno voll Angſt ihr in die Augen blickend.„Meine arme Mutter! Sprich, o ſprich!“ „Still!“ antwortete das Mädchen,„ich darf Euch nicht kennen. Schweige, ich bringe Dir gute Botſchaft.“ Während Bruno erſtaunt, zitternd und fragend ſeine Augen auf ſie heftete, begann ſie den Verband von ſei⸗ nem Kopfe zu löſen und ſprach mit lauter Stimme einige gleichgültige Worte mit ihm; bisweilen Franzöſiſch, um dem Sergeanten allen Argwohn zu nehmen; dazwi⸗ ſchen ſagte ſie jedoch in der Stille Dinge, die das Herz des Jünglings mit Glückſeligkeit erfüllten und über ſein Geſicht ein freundliches Lächeln verbreiteten. Der Sergeant hielt ihn jetzt mehr als je für verrückt. Sobald Bruno wußte, was Genoveva ihm zu ſagen hatte, war auch der neue Verband angelegt. Das Mädchen befabl ihm etwas; er legte ſich auf das Stroh nieder und ließ ſie ohne das geringſte Zeichen von Dankbarkeit, ſelbſt ohne ſich nach ibr umzuſehen, gehen. Als ſie in das Wachzimmer kamen, ſprach Geno⸗ veva zu dem Sergeanten: „Citoyen, ich muß aus der Stadt, um eine arme 212 Frau zu beſuchen, die im Todeskampfe liegt. Beliebt mir aufzuſchließen.“ Das Geſicht des Sergeanten zog ſich in bedenkliche Falten: „Wir haben ſtrengſten Befehl, Niemanden das Thor zu öffnen,“ murmelte er,„Ihr würdet mich verpflichten, Schweſter, wenn Ihr von dieſem Gange abſähet.“ „Es iſt mir unmöglich, Citoyen, ich diene gleichfalls Oberen, denen ich Gehorſam ſchuldig bin. Und iſt denn der Befehl Eures Generals nicht genügend? Iſt er nicht beſtimmt genug? Hier ſeht, beliebt ihn noch einmal zu leſen.“ Der Offizier nahm die Schrift, beſah aufmerkſan Handzeichen und Siegel und las mit lauter Stimm, indem er die umſtehenden Soldaten zu Rathe zu ziehen ſchien: „..... Laisseront passer librement les cito- yennet soeurs de''hôpital partout, oð elles se présen- kerons.— Partout? Das iſt wohl auch durch das Thorz Wohlan, ſo folgt mir, ich werde das Thor öffnen. Werdet Ihr lange ausbleiben, Schweſter? Und kommt Ihr wieder zu dieſem Thore herein? Ich würde dann melne Leute inſtruiren, damit ſie Euch nicht nutzlos warten laſſen.“ n„Die arme Frau, die wir beſuchen müſſen, wohnt beinahe eine Stunde von hier entfernt,“ antwortete Genoveva,„ich hoffe jedoch, daß wir in zwei Stunden zurück ſind.“ „Und Ihr wollt ſo allein mit Eurer Freundin durch' die tiefſte Dunkelheit auf dem einſamen Wege gehend Ich bewundere Euren Muth, Schweſter; fürchtet Ihr denn nicht, daß einige dieſer Brigands Euch anfallen könnten?“ „Die Brigands werden ſich nicht ſo nahe an Heren⸗ thals heranwagen; und wie dem auch ſei, Gott wird 1 über uns nem Name „Das Sergeant, wären, m Nun, gute Unglück be zu: Soeurs kennen.“ Nachd Genoveva und gingen Sie ſ konnten, l halten konn ſagte: „Nicht ausruhen. „Ach„ Gottes Wit zurück. Se daß das L unſerer Auf „Wohl Athem,„ab würde man „Spriec die Bäume Komm', ic unterſtützen. Die be Etwas durch das T blieb zittern „Was bebſt? Siel gt. Beliebt, n bedenkliche en das Thor verpflichten, ſähet.“ ne gleichfall Und iſt denn Iſt er nicht h einmal zu aufmerkſam ter Stimme, he zu ziehen it les e. se présen- ) das Thor! nen. Werdet kommt Ihr dann meine zlos warten ſſen, wohnt antwortete vei Stunden undin durch zege gehen? fürchtet Ihr ich anfallen e an Heren⸗ Gott wird 213 über uns wachen, denn wir üben Barmherzigkeit in ſei⸗ nem Namen.“ „Das ſind zwar ſehr ſchöne Worte,“ bemerkte der Sergeant,„aber wenn zwölf franzöſiſche Gewehre dabei wären, würde ich mehr Glauben darein ſetzen.... Run, gute Reiſe, Schweſter, ich wünſche, daß Euch kein Unglück begegne. Bei Eurer Rückkehr ruft der Wache zu: Soeurs de charité! Daran wollen wir Euch er⸗ kennen.“ Nachdem ſie dem Sergeanten gedankt, verließen Genoveva und ihre Nichte Kaet das Thor der Stadt und gingen mit haſtigen Schritten durch die Dunkelheit. Sie ſchwiegen lange Zeit und eilten, ſo ſehr ſie konnten, bis endlich Schweſter Kaet nicht mehr Schritt hule konnte und ſtehen blieb, indem ſie zu Genoveva agte: „Nichte, Nichte, ich bin erſchöpft. Laß uns etwas ausruhen. Du läufſt, daß ich kaum Athem holen kaun.“ „Ach, liebe Kaet,“ ſagte Genoveva bittend,„um Gottes Willen, laß uns eilen; wir ſind noch ſo weit zurück. Schöpfe Stärke und Muth aus dem Gedanken, daß das Leben des unglücklichen Märtyrers der Lohn unſerer Anſtrengung werden kann.“ „Wohl wohl,“ antwortete die Schweſter ganz außer Athem,„aber das Unmögliche kann Niemand thun, und würde man auch den Himmel dadurch verdienen.“ „Sprich ſtiller, liebe Nichte,“ ſagte Genoveva, ſelbſt die Bäume dürfen nicht hören, weßhalb wir hier ſind. Komm', ich werde Dir den Arm geben, um Dich zu unterſtützen.“ Die beiden Frauen gingen wieder weiter. Etwas ſpäter hörte Schweſter Kaet plötzlich etwas durch das Blätterwerk des Eichenwaldes rauſchen. Sie blieb zitternd ſtehen. „Was haſt Du, Nichte?“ fragte Genoveva,„Du bebſt? Siehſt Du etwas?“ 214 „Ach, wer kann etwas ſehen in dieſer furchtbaren Dunkelheit,“ ſeufzte Kaet.„Ich höre dort an der Seite die Aeſte ſich bewegen: ich bin ängſtlich und erſchrocken.“ „Iſt's nichts als das?“ antwortete Genoveva, indem ſie ihre Nichte fortzog.„Komm, es iſt der Wind, der durch das Laub bläſt.“ Sie gingen wieder einige Zeit, bis Kaet die Gefahr entfernt genug glaubte und freier Athem holen konnte. Dann ſagte ſie: „Du biſt alſo nicht ängſtlich, Veva? Wenn es ein Mann, ein Räuber geweſen? wenn er uns angegriffen?“ „Nun, liebe Nichte, ſo hätte ich Dich und mich vertheidigt.“ „Iſt das wirklich Deine Meinung? Biſt Du denn keine Frau, wie wir andern? Und was vermögen zwei arme Mädchen gegen einen bewaffneten Mann?“ „Siehſt Du, Kaet, ich bin eine Frau, wie die andern: aber die Aufgabe, die ich mir geſtellt, heißt Mannesklugheit und Mannesmuth. Ich hoffe, daß mir Gott das Eine oder das Andere gönnen werde. Ein einzelner Mann würde mir keine Furcht einjagen: ich trage auch Waffen bei mir....“ „Himmel!“ ſeufzte Kaet erſchrocken,„Du köunteſt Blut vergießen? Ich möchte eher dem Tod ins Antlitz ſchauen.“ „Dann würden die Guten und Schwachen immer den Kopf unter die Füße der Böſen und Tyrannen legen müſſen? Ohne Vertheidigung, als ob Sklave ſein und leiden ewig ibr Loos wäre?“ fragte Genoveva entrüſtet.„Ach, die Männer rühmen ſich ihres Muthes; und es gibt auch ſolche, die Gott mit Geiſteskraft und Tapferkeit begabt hat; aber, Nichte Kaet, wenn die Zahl der Feiglinge nicht größer wäre, als die Zahl der Muthigen, würde die Bosheit je ungeſtraft die Gottheit höhnen und die Menſchheit zertreten können? O wäre ich ein Mann und glichen die Andern nir! Mein Va⸗ terland wi die Männe rend die C dern im U Die 2 und unbeg und ſchwei Dunkelheit Nach „Aber ſinke vor? „Du leiten muß „Noc kel wäre ſehen.“ „So muß Acht ſam gehen Kau ihr um de während deutete. „Wa⸗ „Dor ſich beweg Aus Töne ein ſein ſchien Freundin: „Sei mir, ſie ſ Das einige Tö Graben h rend ſie it furchtbaren der Seite rſchrocken.“ eva, indem Wind, der die Gefahr len konnte. enn es ein gegriffen?“ und mich t Du denn nögen zwei 124 1, wie die tellt, heißt „daß mir derde. Ein jagen: ich du köunteſt ins Antlitz den immer Tyrannen ob Sklave Genoveva s Muthes; eskraft und wenn die e Zahl der ie Gottheit O wäre Mein Va⸗ 215⁵ terland würde die Tyrannen verſchlingen...! Aber die Männer, Kaet? Die meiſten ſind eigennützig: wäh⸗ rend die Einen das Unrecht bekämpfen, ſuchen die An⸗ dern im Unrecht ihren Vortheil...“ Die Beweisführung ſchien Schweſter Kaet ſo fremd und unbegreiflich, daß ſie ſich jeder Bemerkung enthielt und ſchweigend an dem Arme ihrer Freundin durch die Dunkelheit fortſchritt. Nach einiger Zeit fragte ſie: „Aber, Veva, ſind wir noch nicht am Ziele? Ich ſinke vor Müdigkeit beinahe zuſammen.“ „Du mußt es beſſer wiſſen als ich, da Du mich leiten mußt. Iſt Neerbuel noch weit?“ „Noch einige Bogenſchüſſe. Wenn es nicht ſo dun⸗ kel wäre, ſo würden wir die erſten Häuſer bereits ſehen.“ „So? Warum ſagteſt Du mir das nicht? Ich muß Acht geben und aufmerken. Wir wollen jetzt lang⸗ ſam gehen.“ Kaum hatte ſie dies geſagt, als Schweſter Kaet ihr um den Hals ſiel und einen dumpfen Schrei ausſtieß⸗ während ſie ſprachlos mit dem Finger in die Dunkelheit deutete. „Was ſiehſt Du?“ fragte Genoveva erſchrocken. „Dort im Graben einen ſchwarzen Schatten, der ſich bewegt: einen Mann!“ Aus dem Graben ſtiegen zu gleicher Zeit die leiſen Töne eines Volksliedes, die ein Erkennungszeichen zu ſein ſchienen. Wirklich ſagte auch Genoveva zu ihrer Freundin: „Sei ruhig; der Mann wartet auf mich. mir, ſie ſind da!“ Das Mädchen ſang gleichfalls mit leiſer Stimme einige Töne des Liedes. Der Mann ſprang aus dem Graben heraus; ſie ging ihm entgegen und ſagte, wäh⸗ rend ſie ihm lebhaft die Hand drückte: Folge „O Jan, guter Freund, alles ſteht günſtig. Ich habe ihn geſehen und geſprochen; er ſitzt an der Koei⸗ poort gefangen; der Sergeant der Wache wird mich ein⸗ laſſen. Wenn Ihr muthige Leute bei Euch habt, er iſt bereit!“ „Einen Bogenſchuß von hier liegen Fünfzig verbor⸗ gen im Gebüſch,“ antwortete der Knecht freudig.„O, Veva, daß es uns gelänge! Unſern guten Bruno aus den Händen der Bluthunde zu erlöſen.“ „Zweifelt nicht,“ ſagte das Mädchen mit feſtem Vertrauen.„Gott iſt mit uns; er hat es mir ſchon ſo ſichtbar gezeigt! Vor allem muß meine Nichte in Sicherheit gebracht werden: unter dieſem Vorwande allein hat ſie ihre Einwilligung gegeben, mir zu folgen. Sie wird bei einem Pächter des Kloſters Unterkommen fin⸗ den und dort verborgen bleiben... Nun, gute Nichte, zeige uns den Hof.“ Kaet ſchlug einen Fußpfad ein und brachte ſie bald an ein Bauernhaus, wo ſie anklopfte. Nachdem ſie ein paar Worte mit dem Pächter gewechſelt, der an dem offnen Fenſter erſchien, wurde ſie eingelaſſen und wünſchte ihrer Nichte guten Erfolg. Sobald die Thüre wieder geſchloſſen war, wandte ſich Jan nach der linken Seite des Hanſes, ergriff ihre Hand und ſagte zu ihr: „Kommt nun raſch und ſagt mir, was wir thun müſſen, um unſern Plan auszuführen.“ „Ich habe mir unterwegs alles überlegt,“ anwor⸗ tete das Mädchen.„Das Gefängniß Brunos ſtößt bei⸗ nahe an das Thor; deßhalb brauchen wir nicht weit in die Stadt zu gehen. Gott ſelbſt hat es ſo angeordnet. Ich weiß, was ich rufen muß, daß man das Thor auf⸗ ſchließt. Vernehmt deßhalb, was Ihr zu thun habt: Ihr nähert Euch mit Euren Leuten bis auf einige Bo⸗ genſchüſſe der Stadt; dann laßt Ihr ſie auf dem Boden bis zur Feſtung fortkriechen. Ich gehe allein voraus un deß nicht den, ehe kommanda ſchrocken n Während „Schweſte das Zeich ſtrömen u rige hängt „Eue Knecht. klopft mir wir uns. unſerer 2. geſucht un Herenthal Hundert. verſteckt. Er ſt langen To Laub hör gefähr fün um den§. Dieje len Karel chens und Kampfbeg Geſpräch mit, wie Die ſtellt, ur gen; ma Stadt. Im durch die ſtig. Ich der Koei⸗ mich ein⸗ abt, er iſt zig verbor⸗ dig.„O, zruno aus mit feſtem mir ſchon Nichte in nde allein gen. Sie imen fin⸗ tte Nichte, e ſie bald im ſie ein r an dem wünſchte „ wandte griff ihre wir thun anwor⸗ ſtößt bei⸗ zt weit in geordnet. Thor auf⸗ hun habt: inige Bo⸗ auf dem he allein 217 voraus und laſſe das Thor öffnen; Ihr dürft Euch in⸗ deß nicht rühren, denn das Thor möchte geſchloſſen wer⸗ den, ehe Ihr es erreichen könnt. Ich werde den Wach⸗ kommandanten glauben machen, daß wir vor etwas er⸗ ſchrocken und meine Schweſter noch zurückgeblieben ſei. Während er ſich nach ihr umſieht, werde ich rufen: „Schweſter Ann! Schweſter Ann!“ Das ſoll für Euch das Zeichen ſein, aufzuſtehen, durch das Thor hereinzu⸗ ſtrömen und die Gefangenen zu befreien... Das Ueb⸗ rige hängt von der Furchtloſigkeit Eurer Leute ab.“ „Euer Plan iſt gut, liebe Veva,“ antwortete der Knecht.„Nun beginne auch ich zu hoffen; das Herz klopft mir vor frendiger Erwartung. Kommt, beeilen wir uns. Und habt volles Vertrauen auf den Muth unſerer Leute: Karel aus dem Löwen hat ſie ſelbſt aus⸗ geſucht und geſammelt. Auch ſind fünf bis ſechs aus Herenthals dabei, die Weg und Steeg genau kennen. Hundert Schritte von hier in dieſem Gebüſche liegen ſie verſteckt. Er ſteckte zwei Finger in den Mund und pfiff einen langen Ton. Kaum war dieß Zeichen gegeben, als das Laub hörbar zu rauſchen begann und bald ſtanden un⸗ gefähr fünfzig Mann, mit Gewehr und Säbel bewaffnet, um den Knecht. Diejenigen, welche von Waldeghem waren, vor al⸗ len Karel aus dem Löwen, drückten die Hände des Mäd⸗ chens und ſuchten ſie durch Worte des Muthes und der Kampfbegier zu tröſten. Jan, der Knecht, brach dies Geſpräch raſch ab und theilte ihnen den Befreiungsplan mit, wie ihn Genoveva entworfen. Die jungen Leute von Herenthals wurden vorange⸗ ſtellt, um den Weg durch Wald und Geſträuch zu zei⸗ gen; man ging unmittelbar in der Richtung nach der Stadt. Im tiefſten Schweigen ſchritten Brunos Freunde durch die Dunkelheit an Hecken und Gräben vorüber, 218 einander dicht auf den Ferſen folgend; ſie richteten ihren„„Sch 1 Weg ſo ein, daß ſie uber keine Landſtraße zu kommen eilt, Cito hatten. Der Als ſie nach einer guten halben Stunde ſich der nig, daß Stadt näherten, verlangſamten ſie ihre Schritte. Es Sie blieb wurde eine noch tiefere Stille geboten; man mußte ſo⸗ chelter Ar gar beim Gehen den Boden nur leiſe berühren, um„„O alles Geränſch von Zweigen oder Laub zu vermeiden. Euch belie Etwas entfernter legten ſie ſich aber platt auf die kelheit he Erde und begannen wie ſchleichende Thiere nach dem hierher ve Fuße der Feſtung fortzukriechen. 1 Schweſter Indeſſen war Genoveva nach der Landſtraße gegan⸗ weit.“ gen und verſteckte ſich einige Augenblicke in einem Dur⸗ Taunenwald, um den Leuten Zeit zu laſſen, ſich der das Thor Stadt zu nähern. Dann eilte ſie weiter: unterwegs Er ſuchte ſah ſie die Freunde Brunos wie ſchwarze Schatten un⸗ und ſagte beſeelter Leichen auf dem Boden liegen; keiner bewegte„Abe ſich, als ſie vorüberkam. Sie ſchloß daraus, daß alles die Hände bereit ſei. Spitzbube 1 Das Mädchen, das einige Schritte vom Thore„Nei entfernt ſtand, rief mit ſcheinbar ängſtlicher Stimme: nun aber „Soeurs de Charité! Soeurs de Charité!“ Ann! Se Die Schildwache ging zu dem Sergeanten, der mit Bei dem Kopf auf dem Tiſche eingeſchlummert lag und weckte Weg. ihn: 8„Wa „Es iſt gut,“ antwortete der Wachkommandant, in⸗ geant.„ dem er ſich die Augen rieb,„wir wollen ſehen.“ Er „Sie haben Eile,“ bemerkte der Soldat,„mir Fünfzig? ſcheint, ſie ſind in großer Angſt.“ 1 ſie waren Der Commandant ergriff den Schlüſſel, und folgte daß dieſer der Schildwache bis zur Thüre; hier legte er den Mund fen hatten an das Schlüſſelloch und ſagte: Der „Wer iſt da?“ Füße und K„Soeurs de Charité!“ wurde ihm geantwortet. bindern i „Seid Ihr es, Schweſter?“ fragte er nochmals. oohne daß eeiin Zeiche eten ihren u kommen e ſich der ritte. Es mußte ſo⸗ dren, um meiden. t auf die nach dem ße gegan⸗ in einem , ſich der unterwegs hatten un⸗ r bewegte daß alles m Thore ftimme: 44 „der mit ind weckte nant, in⸗ t,„mir ind folgte den Mund ortet. hmals. 219 „Ich bin es, die ihr vor Kurzem hinauslieſet; aber eilt, Citoyen, ich ſterbe vor Angſt!“ Der Sergeant ſchloß die Thüre auf; aber ſo we⸗ nig, daß Genoveva hätte kaum eintreten können. Sie blieb jedoch draußen ſtehen, indem ſie mit erheu⸗ chelter Angſt ſagte: „O Citoyen, wartet einen Augenblick, wenn es Euch beliebt; meine Schweſter kommt dort in der Dun⸗ kelheit herangelaufen. Zwei Männer haben uns bis hierher verfolgt; wir mackten uns auf die Flucht, meine Schweſter iſt noch zurück; ich höre ſie, ſie iſt nicht mehr weit.“ Durch dieſe Worte getäuſcht, öffnete der Sergeant das Thor noch weiter und trat zu dem Mädchen heraus. Er ſuchte durch die Dunkelheit nach dem Wege zu ſehen und ſagte zu Genoveva: „Aber ich höre nichts. Eure Schweſter wird in die Hände der Brigands gefallen ſein. Wir werden die Spitzbuben morgen kriegen.“ „Nein, nein, ſie kommt,“ fuhr das Mädchen fort; nun aber erhob ſie ihre Stimme und rief:„Schweſter Ann! Schweſter Ann!“. Bei dieſen Worten lief etwas voran auf dem dunklen Weg „Was thut Ihr? was thut Ihr?“ rief der Ser⸗ geant.„Ich kann hier nicht...“ Er hatte keine Zeit, ſeinen Satz zu enden.— Fünfzig Männer erhoben ſich plötzlich in der Dunkelheit; ſie waren ſo nahe zu dem Sergeanten herangekrochen, daß dieſer ſie nicht eher bemerkte, als bis ſie ihn ergrif⸗ fen hatten. Der Mund wurde ihm verſtopft; man hielt ſeine Füße und Arme feſt, um ihn an aller Bewegung zu hindern und führte ihn nach der andern Seite des Wegs, ohne daß es ihm möglich geweſen, ſeinen Kameraden ein Zeichen zu geben. 220 Keiner der Bauern hatte ein Wort geſprochen oder das mindeſte Geräuſch gemacht. Während fünf bis ſechs den Sergeanten am Boden feſthielten, liefen die Uebrigen ſchweigend zum Thore herein, überrumpelten die Schildwache und ſtürmten in das Wachhaus hinein. Die Soldaten, welche Geräuſch an der Thüre ge⸗ hört hatten, waren aufgeſprungen und wollten mit ihren Waffen nach der Thüre eilen, als der Eintritt der Bauern ſie daran hinderte. Einige Schüſſe fielen; man kämpfte eine Weile mit Säbel und Bayonnet; aber durch die Ueberraſchung ge⸗ lähmt und der großen Zahl ihrer Feinde erliegend, wa⸗ ren die Franzoſen bald niedergeſäbelt oder wehrlos ge⸗ macht. Zwei bis drei Soldaten hatten ſich jedoch einen Weg zur Straße gebahnt und waren auf den Markt ge⸗ eilt, um Lärm zu machen. Die Gewehrſchüſſe hatten bereits die Soldaten ge⸗ weckt, welche auf dem Rathhauſe lagen; die Trommeln⸗ und Trompeten begannen einen furchtbaren Lärm zu machen und ganze Schaaren Soldaten eilten von dem Markte nach dem Thore. Aber die Bauern hatten ihre Zeit nicht unnütz ver⸗ ſtreichen laſſen, ſondern die Gefangenen aus ihrem Ker⸗ ker geholt und ſtrömten jauchzend zum Thore hinaus, als die erſte Abtheilung der Soldaten in der Ferne nahte. In einiger Entfernung von dem Thore ſtand Geno⸗ veva und wartete. Sobald ſie die Stimme Brunos hörte, flog ſie ihm an den Hals und hing halbtodt vor Freude an ſeiner Bruſt. Ihre Thränen floßen in Strö⸗ men;... ſie ſprach Worte des Glücks und der Zärtlichkeit zu ihm; ſie dankte Gott in feurigem Ge⸗ bete... Bruno wollte ſeiner muthigen Freundin alle Liebe, allen Dank, der ſein Herz erfüllte, in tief gefühlten Worten die über wilde Ra⸗ der Leben „In dem Löw Gebüſch. Die macht, ſch falteten b durch Ge und wann End. Anführer fen die E Stadt, alles wier Das zoſen es! bei Son Stunden Obe bewaffnet den Ecke geſtellt n eine grof chen oder m Boden m Thore ermten in chüre ge⸗ mit ihren Bauern Veile mit hhung ge⸗ end, wa⸗ hrlos ge⸗ och einen Narkt ge⸗ daten ge⸗ rrommeln Lärm zu von dem nütz ver⸗ rem Ker⸗ hinaus, er Ferne nd Geno⸗ Brunos btodt vor in Strö⸗ und der gem Ge⸗ lle Liebe, gefühlten 221 Worten ausſprechen, aber eine große Anzahl Kugeln, die über ihren Häuptern durch die Luft pfiffen, und das wilde Rachegeſchrei der Soldaten gemahute ſie, daß ſie der Lebensgefahr noch nicht entgangen ſeien. „In den Wald! In den Wald!“ rief Karel aus dem S'wen und alle eilten zwiſchen die Hecken und das Gebüſch. Die Soldaten, durch dieſen Ruf aufmerkſam ge⸗ macht, ſchoßen in der angedeuteten Richtung. Sie ent⸗ falteten bald ihre Kräfte längs des Wegs und drangen durch Gebüſch und Wald. Noch lange hörte man dann und wann Gewehrſchüſſe. Endlich nach fruchtloſer Verfolgung befahlen die Anführer den Rückzug. Trommeln und Trompeten rie⸗ fen die Soldaten zuſammen, man zog wieder nach der Stadt, die Thore wurden geſchloſſen und draußen war alles wieder einſam und ſtill. X. Das Hauptquartier der Bauern, oder wie die Fran⸗ zoſen es nannten, der großen Räuberbande— befand ſich bei Sonnenaufgang in einer Waldgegend, ein paar Stunden von der Stadt Dieſt. Obgleich man an dieſem Orte nur einige Haufen bewaffneter Männer bemerkte, die wie Feuerwachen au den Ecken des Feldes und am Rande des Waldes auf⸗ geſtellt waren, konnte man doch leicht errathen, daß eine große Maſſe Volks den Wald füllte; denn aus dem 222 Gebüſche drang ein dumpfes und wirres Geräuſch, wie das ferne Branſen einer ſtürmiſchen See. Wirklich lagen auch drinnen im Schooße des Waldes an den Wegen oder in Lichtungen wohl fünftauſend Mann. Wer in den Wald gedrungen, um mit neugierigem Blicke nachzuſehen, was geſchehen, würde ſich mit Recht verwundert haben über den ſonderbaren Anblick dieſer Maſſe Volks, das aus allen Enden des Landes zuſammen⸗ geſtrömt war. Zuerſt hätte er auf einer großen Ebene drei bis vierhundert Bauern zu Pferde hintereinander reiten und auf Befehl eines Offiziers Schwenkungen machen und traben ſehen, daß der feuchte Boden in die Höhe flog. Dies waren die Reiter der Patrioten, die ihre Pflugpferde die Kriegsbewegung lehrten. Der Aufzug war gar ſeltſam. Die Reiter, welche meiſt ohne Sattel und in ihren blauen Kittel gekleidet zu Pferde ſaßen, würden dem Zuſchauer wie Landleute er⸗ ſchienen ſein, die ſich auf einer Kirchweihe beluſtigten, wenn das lange Schwert, das in ihren Händen glänzte, und die Piſtolen in ihrem Gürtelriemen nicht hätten merken laſſen, daß es hier Ernſt war. Etwas entfernter ſtanden zwiſchen ungefähr hundert Männern, die wie eine Wache in Reihen aufgeſtellt waren, viele angeſpannte und marſchfertige Wagen. Einige darunter hatten ein kleines Fähnlein mit der Aufſchrift Pulver; andere waren mit neuen Gewehren und Säbeln gefüllt, woraus man ſchließen konnte, daß die Bauern Ueberfluß an Kriegsvorrath hatten. Von dieſem Platze hörte man hinter einem Erlen⸗ gebüſch ein lautes Jauchzen, das bisweilen lauter wurde und dann wieder erſtarb, um nach einem Augenblick mit neuer Kraft ſich zu erheben. Dort war eine Art Weidenallee, die von Leuten aller Stät bereits ein Gewehren waren, ſo Platz, jer konnte.— wenige, ze Das hatte ſeine auf einem ſtand ein an die U Menge er klaſchten d Worte dur Vaterland loſigkeit, Freiheit! Im 2 Kriegsratl Der nehmer Bu und hielt Ofſiziere Grabens der Feldhe Man und ſuchte Feſtung at Die bisweilen Roumiroir Ueber der Wald Auf hatten die täuſch, wie es Waldes ünftauſend eugierigem mit Recht blick dieſer zuſammen⸗ 2 drei bis der reiten en machen die Höhe die ihre r, welche ekleidet zu dleute er⸗ eluſtigten, en glänzte, cht hätten fr hundert aufgeſtellt en. Einige Aufſchrift nd Säbeln ie Bauern em Erlen⸗ ter wurde inblick mit on Leuten 223 aller Stände und Altersclaſſen wimmelte. Daß hier bereits eine gewiſſe Zucht herrſchte, konnte man an den Gewehren merken, die in Reihen an einander gelehnt waren, ſo daß beim erſten Ruf jedes Fähnlein ſeinen Platz, jeder Mann ſeine Waffe ohne Mißgriff ſinden konnte.— Auch einige Frauen und Kinder, eldch ſehr wenige, zeigten ſich von ferne in dem Gebüſche. Das Jauchzen, das bisweilen im Walde erſcholl, hatte ſeine Beſdnddere Urſache. Inmitten des Weideplatzes, auf einem Wagen, der mit Mundvorrath beladen war, ſtand ein Mann, der mit lebhaften Geberden eine Rede an die Umſtehenden hielt. Was er ſagte, mußte die Menge erfreuen und begeiſtern; denn ſobald er geendigt, klaſchten die Zuhörer in die Hände und bekräftigten ſeine Worte durch allerlei Ausrufungen. Er ſprach ihnen von Vaterland und Glauben, von Sanskülotten und Gott⸗ loſigkeit, von Kampf und Triumph, von Erlöſung und Freiheit!.... Im Walde ſelbſt waren die Stabsoffiziere zu einem Kriegsrathe verſammelt. Der General Couſtantinus de Roumiroir, ein vor⸗ nehmer Brüſſeler, ſaß am Rande eines tiefen Grabens und hielt eine Landkarte auf den Knieen; die anderen Ofſiziere ſaßen auf der entgegengeſetzten Seite des Grabens und lauſchteu aufmerkſam auf das, was ihnen der Feldherr ſagte. Man berieth hier die Einnahme der Stadt Dieſt und ſuchte auf der Karte zu berechnen, wie man dieſe Feſtung am beſten überfallen könnte. Die Offiziere ſchienen vergnügt und voll Hoffnung; bisweilen begrüßten ſie die Worte des Feldherrn de Roumiroir mit Jubelgeſchrei. Ueberall waren Theile des Lagers zerſtreut, ſoweit der Wald ſich erſtreckte. Auf einem Felde, am Rande eines Eichenwaldes, hatten die Leute von Waldeghem ſich niedergelaſſen. Sie 224 7 waren nun wohl dreimal ſo ſtark, als da ſie, von den Das Franzoſen verfolgt, den Sandberg verlaſſen hatten. und die K Brunos Gefangennehmung, ſeine wunderbare Be⸗ Der 2 freiung und vor Allem ſeine Unverzagtheit im Kampfe ſchien jedo hatten ihn berühmt gemacht. Eine Anzahl junger Leute Au werden aus Oberkempen hatte ſich unter ſeinen Befehl geſtellt. Seite des Er gebot nun als Hauptmann über ein Fähnlein von einem Hüg mehr als zweihundert muthigen Jünglingen. Fünf Karel aus dem Löwen, welcher zum Untercapitän Brauer, ernannt worden, war in dieſem Augenblick damit be⸗ und bewegt ſchäftigt, ſeine Leute im Laden der Gewehre zu üben.„Arme Erſt ſeit geſtern hatten ſie Patronen bekommen; nun mitleidigen mußte ihnen gelehrt werden, wie ſie ſich ihrer bedienen iſt unſäglie ſollten. ſtirbt dara Karel hatte ſeine Leute in Reihen aufgeſtellt. Er der Nacht befabl, lief umher, ſchrie und wies zurecht, mit einen Der Gedar Ernſt und einem Eifer, als ob er ſein ganzes Leben ſolger iſt, nichts Anderes gethan. Jedes Wort, das er ſprach, war thals geſche eine Ermuthigung; er feuerte die Tapferkeit ſeiner Ka⸗„Er h meraden durch die Kampfluſt, die ihn beſeelte, ſo lebhaft. das Mädch an, daß aller Augen von Hoffnung und Unverzagtheit Nutter Br ſprühten.„Bru 6 Inmitten dieſer Schaar erhob ſich ein ſeltſames Prieſter fo Fähnlein. Es war von einem Stück weißer Leinwand ſie ſich in gemacht, wahrſcheinlich der Hälfte eines Betttuches. glücklichen Darauf war ein Kreuz mit blutrother Farbe gemalt mit„Gan 8 der Aufſchrift:„Für Gott und Vaterland!“ Man konnte das konnte 1 wohl ſehen, daß dies Fähnlein von keinem Künſtler Voraus be verfertigt war. Karel hatte es allein gemacht und die Schuld tre Farbe in Ermanglung eines Pinſels mit der Hand darauf„Ihr geſtrichen; ſo ſchlecht es auch gemalt war, hatte es doch„Nich ſeine große Bedeutung und ſein Anblick flößte Hoffnung zu vernehn und Muth in die Herzen der Jünglinge.„Hab Am Nande des Feldes ſaß Genoveva, neben dem er ſo unrt alten Paſtor von Waldeghem.„Ja und ſich ü Conſcience ,von den itten. erbare Be⸗ m Kampfe uger Leute ehl geſtellt. hulein von ntercapitän damit be⸗ zu üben. men; nun r bedienen eſtellt. Er mit einem nzes Leben prach, war ſeiner Ka⸗ ſo lebhaft werzagtheit ſeltſames Leinwand Betttuches. gemalt mit Nan konnte n Künſtler cht und die and darauf tte es doch e Hoffnung neben dem Das Mädchen hatte die Nonnengewänder abgelegt und die Kempentracht wieder angezogen. Der Paſtor ſprach mit ihr; ihre Aufmerkſamkeit ſchien jedoch durch einen wichtigen Gedanken abgezogen zu werden und wandte unaufhörlich den Kopf nach der Seite des Feldes, wo der Boden ſich nach und nach zu einem Hügel erhob. Fünf bis ſechs Schritte von Genoveva ſaß der Brauer, Simons Vater, den Kopf in die Hände geſtützt und bewegungslos, als läge er in tiefem Schlafe. „Armer Vater!“ ſeufzte der Paſtor, indem er einen mitleidigen Blick auf den Brauer warf.„Sein Schmerz iſt unſäglich. Seid verſichert, Veva, der unglückliche Mann ſtibt daran. Ich habe geſtern Abend und einen Theil der Nacht alles gethan, alles geſagt, um ihn zu tröſten. Der Gedanke, daß ſein Sohn ein Anführer unſerer Ver⸗ folger iſt, peinigt ihn ſo ſchrecklich! Und was zu Heren⸗ thals geſchehen, hat ihm noch tiefer in's Herz gebohrt.. „Er hat auch Grund dazu, Ehrwürden,“ antwortete das Mädchen,„denn er fürchtet, daß ſein Sohn die Mutter Brunos ermorden ließ!“ „Bruno ſcheint es gleichfalls zu fürchten,“ fuhr der Prieſter fort,„aber Ihr ſeid doch überzeugt, Veva, daß ſie ſich in Sicherheit befand, ehe unſere Leute ihren un⸗ glücklichen Freund aus dem Gefängniß befreiten?“ „Ganz gewiß, Ehrwürden. Wohin man ſie geführt, das konnte man nicht ausfindig machen. Alles war zum Voraus berechnet; meine Nichte Kaet würde allein die Schuld treffen und überdies....“ „Ihr erblaßt, Veva, weßhalb erſchreckt Ihr?“ „Nichts, Ehrwürden, ich glaubte Brunos Stimme zu vernehmen.“ „Habt Ihr das nicht alles Bruno auch geſagt, daß er ſo unruhig und ängſtlich iſt?“ „Ja wohl, Vater; anfangs hat er mir geglaubt und ſich über das gefreut, was ich ihm ſagte. Nur ſeit Conſcience, Bauernkrieg. 15 226 dieſen Morgen, ſeitdem es hell geworden, hat ſich eine Furcht ſeiner bemeiſtert, weil Jan nicht zurückkehrt. Ich ſelbſt beginne zu fürchten und bekämpfe mit Gewalt meine wachſende Unruhe.“ „Vielleicht, liebe Veva, iſt Brunos Angſt nicht un⸗ begründet. Die Franzoſen durchkreuzen das Kempenland unaufhörlich. Tauſend Gefahren mußte Jan überwinden, ehe er von Herenthals hieher gelangt; die fremden Sol⸗ 44 daten ſind ſo aufgebracht.... erblaßte, indem ſie erſchrocken ſeufzte: „Gott weiß, ob dies Vorgefühl des Brauers uns kein neues Unglück ankündigt! O Ehrwürden, es wärr zu viel! Bruno hat dies ſchreckliche Schickſal doch nicht verdient?“ ſagte: „Mein Kind, hoffen wir auf die Güte des Herrn. Das Kreuz, das er auf unſere Schultern gelegt, iſt zwan ſchwer, aber wir wollen uns demüthig unter ſeine Hamd beugen. Was auch kommen mag, ſein Wille geſchehe.“ „Armer Bruno!“ klagte das Mädchen.„Seit einer Stunde läuft er umher, von ſeiner Todesangſt unruhig von Ort zu Ort getrieben. Nun ſteht er gewiß auf dem Hügel, um zu ſehen, ob Jan nicht kommt! Ich kenne ſein allzu gefühlvoll Herz; ich weiß, weßhalb er ſich grämt, was er fürchtet....“ Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, als ſie auf⸗ ſprang; und des Prieſters Hand ergreifend, zwang ſie auch ihn, ſich aufzurichten, während ſie freudig ausrief: „Seht, ſeht, dort hinter dem Hügel Bruno, der uns ruft! Da ſind ſie! Da ſind ſie! Der Brauer ſchien zu erwachen und ſah das Mädchen fragend an: „Raſch, raſch,“ ſagte ſie zu ihm,„Bruno ruft: ſeine Mutter kommt.“ Der Prieſter ſchüttelte wehmüthig den Kopf und te: Bei die ſie mußte i freundliches und folgte Als ſie ſahen ſie B eilen und werfen, di 3 1.. 4 Veges kam Genoveva ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und „Sein als ſie in r Sie ſe Frau und Bruno Mutter in heißen Thre Endlic und Augen „Dank meine Mut dieſe Wohl Eine ſein Gebet. „Brun Loos iſt b niemand g Ach, Du Name ſtantd und Deine frei!“ Sie beiden Här „Vevo Glück. W hat Deine hat ſich eine ckkehrt. Ich mit Gewalt V gſt nicht un⸗ Kempenland überwinden, kemden Sol⸗ t ſinken und al doch nicht Kopf und des Herrn. egt, iſt zwar ſeine Hand geſchehe.“ 227 Bei dieſer Nachricht zitterte der Brauer vor Schrecken; ſie mußte ihn jedoch ſehr freudig berühren, denn ein freundliches Lächeln erhellte ſein Geſicht. Er ſprang auf und folgte dem Prieſter und dem Mädchen. Als ſie die Höhe über dem Hügel erreicht hatten, ſahen ſie Bruno in der Ferne aus allen Kräften voran⸗ eilen und ſich kurz darauf an den Hals einer Frau werfen, die in Geſellſchaft eines alten Mannes des Weges kam. „Seine Mutter! Seine Mutter!“ rief Genoveva, . als ſie in vollem Laufe den Hügel hinabeilte. Zrauers uns n, es wäre „Seit einer ngſt unruhig viß auf dem Ich kenne halb er ſich als ſie auf⸗ „zwang ſie ig ausrief: Bruno, der d ſah das ruft: ſeine Sie ſchlang den Arm um den Hals der gerührten Frau und jauchzte vor Freude. Bruno konnte nicht ſprechen. Er betrachtete ſeine Mutter in ſeliger Freude und netzte ihre Bruſt mit heißen Thränen. Endlich wurde ſeine Stimme frei, er hob Arme und Augen zum Himmel empor und rief begeiſtert: „Dank, Dank, o Gott, daß Du mir wenigſtens meine Mutter gelaſſen. Dein Name ſei geprieſen für dieſe Wohlthat!“ Eine neue Umarmung ſeiner Mutter unterbrach ſein Gebet. „Bruno, Bruno,“ ſprach die Frau.„Ach, unſer Loos iſt bitter; ich habe gelitten, wie vielleicht noch niemand gelitten. Und doch bin ich jetzt ſo glücklich. Ach, Du warſt ſchon in den Armen des Todes, Dein Name ſtand ſchon auf der furchtbaren Opferliſte.... 8 Deine Mutter findet Dich wieder, lebendig und rei!“ Sie wandte ſich an Genoveva und ergriff ihre beiden Hände, indem ſie mit inniger Dankbarkeit ausrief: „Veva, wunderbares Mädchen, Dir danken wir dies Glück. Was meinen blutigen Thränen nicht gelang, das hat Deine Klugheit, Dein Muth gethan. Gott ſegne 228 Dich mit all' ſeiner Gnade; mögeſt Du auf Erden Friede und Belohnung finden!“ Der Paſtor und der Brauer näherten ſich in dieſem Augenblicke Bruno und ſeiner Mutter. Der Erſee drückte der Frau und dem Jüngling die Hand; der Leztere betrachtete das Schauſpiel der allgemeinen Freud mit theilnehmendem Blicke und beugte das Haupt, alz ergriffe ihn ein Gefühl der Scham. Die Rührung, die er auf aller Geſichte glänzen ſah, machte ihm noch fühl⸗ barer, daß ſein Sohn an allem Schuld war, was dieſe Leute gelitten, und obwohl er vielleicht mehr als die andern ſich der Ankunſt von Brunos Mutter freute, zerriß ihm doch der Anblick der Liebe des Jünglinge das Herz. Sie hatte doch einen Sohn, der ſie liebte und ihr Leiden durch treue Anhänglichkeit belohnte!... Alle wandten ſich nun nach dem Lagerplatz. Brum hatte den Kopf unter dem Hute noch mit einem leichten Verbande verſehen; aber ſeine Wunde mußte ihn weng mehr ſchmerzen, denn auf ſeinem Geſichte glänzte die hellſte Freude und all' ſeine Bewegungen waren frei und kräftig. Er ging neben ſeiner Mutter und hielt eine von ihren Händen in der ſeinen. Der Paſtor ſchritt neben dem Knecht einher. Dieſer antwortete auf eine Frage des Prieſters: „O mein Geſchäft war nicht ſchwierig. Es ſind keine Sanskülotten mehr in Herenthals. Ich habe Brunos Mutter gefunden, wo Genoveva mir ſagte, daß ſie ſich befinde. Nach unſrem Einfall hat man allerdings die barm⸗ herzigen Schweſtern des Einverſtändniſſes beſchuldigt; da jedoch Schweſter Kaet verſchwunden war, konnte der Verrath mit großem Scheine von Wahrheit ihr allein zur Laſt gelegt werden. So geſchah es auch; der Ge⸗ neral war aufs Höchſte empört; es hatte jedoch dabei ſein Bewenden.“ Der Knecht trat noch näher an den Prieſter heran, um nicht 1 leiſe: „Sim oöb er niem wohl denke jenigen auf griff wunde ſtieß, darf von ferne einen zweif machen.“ Der§. alten Prieſt Bewohner v ließ ſeine 5 begann mit aber rühren den ſichtbare brochen wur Als ſie Freude des Mann in ve und hielt ve „Kapit Ordnung, gen hören. dem Walde Der Genera ten die Vor⸗ Der R ſchwand wie In alle ter und vor Aufträge un bei waren, werke zu üb auf Erden ich in dieſem Der Erſte Hand; der einen Freud Haupt, alz tührung, die m noch fühl⸗ —, was dieſe nehr als di utter freute, s Jünglingz der ſie liebte Qlohnte!... latz. Brumg inem leichten te ihn wenig glänzte die ren frei und d hielt eine inher. Dieſer Es ſind keine abe Brunos daß ſie ſich gs die barm⸗ beſchuldigt; „ konnte der t ihr allein ch; der Ge⸗ 229 um nicht von dem Brauer gehört zu werden und ſagte leiſe: „Simon⸗Brutus ließ ganz Herenthal durchſuchen, ob er niemand von den Unſrigen fände. Ihr könnet Euch wohl denken, welches Loos dieſer furchtbare Tyrann den⸗ jenigen aufgeſpart, die er gefunden. Aber Gottes Hand griff wunderbar ein.... Daß ich nicht früher zu Euch ſieß, darf Euch nicht wundern. Unterwegs haben wir von ferne eine fliegende Colonne geſeben und mußten einen zweiſtündigen Umweg durch Wald und Gebüſch machen.“ Der Kuecht wechſelte noch einige Worte mit dem alten Prieſter, bis ſie alle den Platz erreichten, wo die Bewohner von Waldeghem ihr Lager aufgeſchlagen. Bruno ließ ſeine Mutter am Rande des Feldes niederſitzen und begann mit ihr, mit Genoveva und mit Jan ein leiſes, aber rührendes Geſpräch, das nur dann und wann von den ſichtbaren Zeichen der Liebe und Dankbarkeit unter⸗ brochen wurde. Als ſie ſo einige Zeit in vollem Selbſtvergeſſen die Freude des unverhofften Wiederſehens genoſſen, kam ein Mann in vollem Trab zu Pferde über das Feld geritten und hielt vor Bruno an, während er ihm zurief: „Kapitän, die Spionen ſind zurück; Alles iſt in Ordnung, augenblicklich werdet Ihr die Trommel ſchla⸗ gen hören. Auf dies Zeichen ſollt Ihr Eure Leute aus dem Walde führen und auf dem großen Wege auſſtellen. Der General läßt Euch ſagen, Ihr habt mit Euren Leu⸗ ten die Vorhut einzunehmen!“ Der Reiter gab ſeinem Pferde die Sporen und ver⸗ ſchwand wie ein Pfeil in dem Eichenwald. In aller Eile nahm Bruno Abſchied von ſeiner Mut⸗ jedoch dabei ter und von Genoveva; er gab dem Knecht noch einige ieſter heran, werke zu üben. Aufträge und lief zu ſeinen Leuten, die noch immer da⸗ bei waren, ſich unter Karels Befehl, im Waffenhand⸗ 230 Die Frauen brachen auf und wurden von Jan durch das Gebüſch weggeführt. Auf Brunos Geſicht leuchtete Freude, Muth und Begeiſterung. Und ſobald ſeine Leute ihn bemerkten und in ſeinen Augen die Hoffnung auf guten Erfolg laſen begrüßten ſie ſeine Ankunft mit freudigem Jauchzen. ſagt Er näherte ſich Karel, drückte ihm die Hand und agte: „O, guter Freund, meine Mutter iſt zurück. Nun pocht das Herz mir wieder frei; das Blut ſtrömt mit ſo warm durch die Adern! Wir gehen in den Kampf der Feind ſoll wiſſen, daß Bruno glücklich iſt!.... Meine Leute ſollen ſich um mich ſchaaren.“ Karel lief mit den Zeichen außerordentlicher Freude vor die lange Reihe ſeiner Kameraden und rief: „Freunde, jetzt iſt es Zeit! Wir ziehen ab, wir e⸗ len in den Kampf und die Sanskülotten mögen mal wir der unſre Kugeln koſten. Sammelt Euch um den Kapitän, er wird Euch die freudige Nachricht ſelbſt mittheilen.“ Als Bruno ſich von einer dichtgeſchloſſenen Reiſt⸗ umringt ſah, ſprach er mit tiefbewegter Stimme: „Brüder, die Trommel wird eheſtens das Zeichen zun Abzug geben. Wir werden die Stadt beſtürmen und mit Gottes Hülfe die Sanskülotten herausjagen. Von dieſen Angriff hängt das Schickſal des Vaterlandes ab. Der General hat uns die Vorhut gegeben und dadurch ge⸗ zeigt, welches Vertrauen er in unſern Muth ſetzt. Er ſoll ſich nicht in uns täuſchen! Kameraden, bisher haben wir ohne Hoffnung gekämpft; wir haben dem unfehlba⸗ ren Tod als dem einzigen Ziel unſrer Unternehmung mu⸗ thig ins Auge geſchaut. Nun hat der Himmel ſich vor uns aufgeklärt: wir ſind unſrer Fünftauſend, wir haben gute Waffen und find mit allem verſehen. Haben wir un⸗ ſer Blut freudig für Glauben und Vaterland vergoſſen, als die Ausſicht noch dunkel und ſchrecklich war, wie muß uns jetzt der Buſen ſchwellen, da wir die Befreiung des Vaterlande ſehen, un rannen zu die heilige es möglich Kampfe. zeigen, wo digung fit Waldegher wo der F Aus „Hah Violine, d Brun ſein Schw „Jede für Gott „Für in hellem ſich in Re Aus ſchiedenen Gott und durchs gal Brun ihm durch Die ande gewiſſen 2 auf. Die Armee. Als ſchirt, kan ren hinter Tambours ungefähr on Jan durch Muth und emerkten und Erfolg laſen Fauchzen. ie Hand und G zurück. Ni ſtrömt mi den Kanſ iſt!.. licher Freude rief: ab, wir er⸗ gen mal wir den Kapitän⸗ nittheilen.“ ſſenen Reihe mme: Zeichen zun men und mit Von dieſem es ab. Der dadurch ge⸗ th ſetzt. Er bisher haben em unfehlba⸗ ehmung mu⸗ nel ſich vor d, wir haben aben wir un⸗ d vergoſſen, ar, wie muß befreiung des 231 Vaterlandes wie einen Stern vor unſern Angen leuchten ſehen, und wir uns mächtig genug fühlen, fremde Ty⸗ rannen zu zerſchmettern? Seid muthig, Brüder; verſteht die heilige Sendung, die uns Gott auferlegt und wenn es möglich, ſeid noch muthiger, noch ausdauernder im Kampfe. Richtet Eure Augen auf mich: ich werde Euch zeigen, wo Eure Kugeln und Eure Bayonnetten Befrie⸗ digung finden. Das rothe Kreuz, das Fähnchen von Waldeghem zeige dem ganzen Heere immer den Platz, wo der Feind Blut in Strömen vergießt....!“ Aus der Ferne hörte man nun einige Trommeln. „Hah!“ rief Karel aus dem Löwen,„ich höre die Violine, die Hochzeit wird beginnen!“ Bruno unterbrach ſeine Rede und rief, indem er ſein Schwert in die Höhe hielt: „Jeder in ſein Glied!.... Marſch. Vorwärts, für Gott und Vaterland!“ „Für Gott und Vaterland!“ jauchzten ſeine Leute in hellem Ton, während ſie aus einander traten um ſich in Reih und Glied zu ſtellen. Aus allen Theilen des Waldes antworteten die ver⸗ ſchiedenen Truppencorps auf dieſen Kriegsruf.„Für Gott und Vaterland!“ erklang es in donnerndem Jubel durchs ganze Lager. Bruno führte ſeine Leute auf den Weg, welcher Platz ibm durch einen Offizier zu Pferd angewieſen worden. Die andern Fähnlein ſtellten ſich gleichfalls in einer gewiſſen Ordnung hinter den Männern aus Waldeghem auf. Die Reiterei befand ſich ungefähr in der Mitte der Armee. Als alle aus dem Walde auf den Weg heraus mar⸗ ſchirt, kam General de Roumiroir mit den Stabsoffizie⸗ ren hinter Brunos Corps zu ſtehen, wo ſich bereits einige Tambours und Trompeter verſammelt hatten. Er befahl ungefähr zwanzig Reitern, die er hatte rufen laſſen, zwei⸗ 232 hundert Schritte vorauszureiten, um die Truppen vor einem Ueberfall zu ſchützen. Das Zeichen zum Abzug wurde gegeben; die Trom⸗ meln wurden gerührt, die Trompeten geblaſen; und die Truppen zogen vorwärts. Augenblicklich erhob ſich aus allen Reihen ein er⸗ muthigender Geſang; man jauchzte, man rief, man ſchrie, man jubelte. Das Geſchmetter der Trompeten und der Lärm der Trommeln wurden oft, ſo ſtark beides auch war, von dem Brauſen der mächtigen Stimmen übertönt, Dieſe Menſchenwolke glich weit eher Leuten, die zur Kirchweih gingen, als Kriegern, die auf dem Schlachtfeld Sieg oder Tod ſuchten. Einen Augenblick ließ der Feldherr dieſem Jauchzen der Hoffnung und Kampfesluſt freien Lauf. Bald aber ſandte er einige Offiziere auf den Weg zurück, um über⸗ all die größte Stille zu gebieten; er befahl ſogar, daß die Trompeten und Trommeln verſtummen. Der Lärm hörte nach und nach auf, bis die Offi⸗ ziere die Nachhut des Corps erreicht hatten. Man hörte nichts mehr, als die Tritte der Truppen auf dem Boden; alles wurde ſtill. So ſchritt man ungefähr eine halbe Stunde fort. Plötzlich hielt die Reiterabtheilung, welche dem Heere voranritt, an. Der General bemerkte es und rich⸗ tete ſein Auge überraſcht nach jener Seite. Einer der Reiter kam in vollem Trabe zurückgeſprengt. Als er bei dem General hielt, ſagte er; „General, dort unten iſt eine große Ebene. In der Ferne ſehen wir viele Feuer rauchen und Soldaten durch einander wimmeln. Es iſt auch Reiterei dabei; ohne Zweifel iſt es eine fliegende Colonne. Vielleicht ſind ih⸗ rer ſogar mehre: die Soldaten bedecken wenigſtens zwei Morgen Land.“ Der Feldherr gab Bruno ein Zeichen, daß er ſeine Leute hal enger an Inde offiziere u die Armee Karel melte freu ab lief: „Frex ſtehen vor Sanskülot ſo viel nit ben.. Der mit einem „Es zieren, die welche Her Jäger zu an dieſer( es vortheil „Ich ziere,„da wir ſind ſt im offenen fen ſteht, ſ endlichen T ten geword eine unvert unſrem We thal die ſch liefert die „Und die übrigen angreifen?⸗ Truppen vor ; die Trom⸗ en; und die hen ein er— man ſchrie, ten und der es auch war, en übertönt. en, die zur Schlachtfeld m Jauchzen Bald aber „ um über⸗ ſogar, daß s die Offi⸗ Man hörte dem Boden; inde fort. delche dem 8 und rich⸗ ckgeſprengt. ne. In der aten durch bei; ohne ht ſind ih⸗ ſtens zwei äß er ſeine 233 Leute halten laſſen ſollte. Die Fähnlein ſchloßen ſich enger an einander an, hielten jedoch gleichfalls ſtill. Indeſſen ritt der General mit einigen ſeiner Stabs⸗ offiziere und den Reitern voran, um mit eigenen Augen die Armee des Feindes zu beſichtigen. Karel aus dem Löwen rieb ſich die Hände und mur⸗ elt⸗ frenig während er vor ſeinen Kameraden auf und ab lief: „Freunde, ich rieche Pulver; ſie ſind da. Wir ſtehen voran: wir werden den Tanz beginnen. Zehn Sanskülotten ſind nicht zu viel für mich und wenn jeder ſo viel nimmt, ſo werden wir bald die Oberhand ha⸗ ben.. Der Feldherr ſtand am Ende der Ebene und ſah mit einem Fernrohr nach dem Feind. „Es iſt eine Colonne mobile,“ ſagte er zu den Offi⸗ zieren, die ihm gefolgt waren,„ohne Zweifel dieſelbe, welche Herenthals in Brand geſteckt hat, denn ich ſehe Jäger zu Pferd dabei und Kanonen... Sollten wir an dieſer Colonne vorbei zu kommen ſuchen oder ſollte es vortheilhafter ſein, ihr eine Schlacht zu liefern?“ „Ich glaube, General,“ antwortete einer der Offi⸗ ziere,„daß wir dieſe Gelegenheit wahrnehmen müſſen; wir ſind ſtärker als ſie; wir kämpfen zum erſten Male im offenen Felde, und iſt der Sieg unſer, wie zu hof⸗ fen ſteht, ſo werden unſere Leute aus dieſem Siege un⸗ endlichen Muth ſchöpfen. Dann erſt werden ſie Solda⸗ ten geworden ſein im vollen Sinne des Wortes. Es iſt eine unverkennbare Gunſt des Himmels, daß wir auf unſrem Wege die Colonne mobile finden, die zu Heren⸗ thal die ſchändlichſten Miſſethaten begangen. Gott ſelbſt liefert die Henker unſerer Rache aus.“ „Und was iſt Ihre Meinung? fragte der General die übrigen Offiziere,„dem Feind ausweichen oder ihn angreifen?“ 234 „Angreifen! Eine Schlacht liefern!“ antworteten alle freudig. Tromellärm erklang aus der Ferne. Der General nahm wieder das Fernrohr an die Augen und ſagte unmittelbar darauf zu ſeinen Leuten, ritt: „Kommt, raſch! Der Feind muß uns bemerkt ha⸗ ben; ſeine Corps eilen zu den Waffen. Gehen Sie zu allen Fahnen des Lagers, ſagen Sie unſern Leuten, daß es in den Kampf geht:... Befehlen Sie Stille, Ruhe und Gehorſam.“ Die Offiziere gaben ihren Pferden den Sporn und eilten zu den verſchiedenen Corps, um ihnen den Be⸗ fehl des Generals zu überbringen: aber obgleich die tiefſte Stille befohlen war, kaum hatten einige Fähnlein die frohe Botſchaft vernommen, als ſich ein donnerndes Siegesgeſchrei erhob. Das ganze Heer begann zu ſingen und zu jauchzen; man drückte einander die Hand, die einzelnen Abtheilungen riefen ſich ermuthigende Worte zu,— bis endlich das Gejubel eine verſtändlichere Form annahm und ſich zu einem einzigen Rufe verſchmolz: „Vorwärts, vorwärts, für Gott und Vaterland!“ Ein zorniger Ausdruck verdüſterte das Geſicht des Feldherrns, als er ſeine Befehle mißachtet ſah; er ſchüttelte jedoch bald den Kopf und lachte, als ob das Jauchzen der Kampfluſt und Unverzagtheit, das aus der Mitte ſeiner begeiſterten Leute ſich erhob, ihn über ihre Zuchtloſigkeit tröſtete. Er trat zu Bruno und ſagte in tief ergriffenem Tone: „Kapitän, wir werden eine Schlacht in offenem Felde liefern. Wenn ich Euch die Vorhut anvertraute, ſo baute ich dabei auf Euren Muth. Eure Leute werden die erſten Kugeln der Feinde treffen. Wenn Ihr zau⸗ indem er ſein Pferd umwandte und in den Weg zurück⸗ itt dert oder der Sieg Brur er athmet duld das ſtampfte, ſches. K ger Mant brennt me rothe Kre es ſehen, Auf Hörner do Ein dieſes frö Die Anfang a⸗ wegs une aller Eile Die ander... der entge Gewehrſch reichen kö feuert. Das falls aufg nahen Ka Plötz Heeres ur und einen trioten ſeh antworteten hr an die nen Leuten, Leg zurück⸗ bemerkt ha⸗ zen Sie zu Leuten, daß btille, Ruhe Sporn und n den Be⸗ bgleich die e Fähnlein donnerndes mzu ſingen Hand, die ude Worte ſtändlichere verſchmolz: aterland!“ Heſicht des t ſah; er ls ob das as aus der über ihre ergriffenem in offenem nvertraute, ute werden Ihr zau⸗ 23⁵ dert oder weicht, ſo iſt alles verloren; von Euch hängt der Sieg ab... Alſo thut Eure Pflicht!“ Bruno ſtand ſprachlos mit glühenden Blicken da; er athmete tief auf, während er mit fieberhafter Unge⸗ duld das Schwert in der Hand hielt und mit den Füßen ſtampfte, als ſehnte er ſich nach dem Befehl des Abmar⸗ ſches. Karel aus dem Löwen, ſelbſt ein muthiger jun⸗ ger Mann, ſah Bruno bewundernd an. Der junge Capitän antwortete mit düſterem Tone auf des Generals Befehl: „Wohlan, laſſen Sie uns gehen. Der Boden brennt mir unter den Füßen... Verlieren Sie das rothe Kreuz nicht aus Ihren Augen, General. Wo Sie es ſehen, da fließt das Blut in Strömen!“ Auf Befehl des Feldhern gaben Trommeln und Hörner das Zeichen zum Abzug. Ein neues Jauchzen des ganzen Heeres begrüßte dieſes fröhliche Zeichen. Die Franzoſen hatten dieſen lauten Lärm ſchon von Anfang an gehört. Auch ſie waren froh, daß ſie nnter⸗ wegs unerwartet den Feind antrafen und hatten ſich in aller Eile ſtreitfertig gemacht.* Die beiden Heere waren nicht mehr fern von ein⸗ ander... Beide zogen in großer Schlachtordnung einan⸗ der entgegen und obſchon eine Kanonenkugel oder ein Gewehrſchuß die vorderen Reihen des Feindes hätte er⸗ reichen können, wurde doch kein einziger Schuß abge⸗ feuert. Das kriegeriſche Jauchzen der Patrioten hatte gleich⸗ falls aufgehört; eine Todtenſtille, der Vorbote eines nahen Kampfes herrſchte über der Fläche. Plötzlich öffnete ſich die Mitte des franzöſiſchen Heeres und zeigte vier Kanonen, die zugleich losbrachen und einen Hagel von Kugeln unter die uͤberraſchten Pa⸗ trioten ſchoßen. Von Brunos Abtheilung ſielen wohl 236 zwanzig Mann, nicht geringer war die Zerſtörung unter einigen andern Fahnen. Die Bauern blieben ſtehen und ſchienen zu zau⸗ dern; unmittelbar darauf löſten die Kanonen zum zwei⸗ ten Male ihre mörderiſche Ladung. Ein Schrotſtück hatte das Pferd des Feldherrn nie⸗ vergeſchmeitert; er war ſtark verwundet und ganz be⸗ äubt. Dieſer Augenblick war entſcheidend; noch einige Minuten und die dritte Kanonenſalve hätte das ganze Heer der Bauern in Verwirrung gebracht. „Bruno, Bruno!“ rief Karel aus dem Löwen. Der Kapitän verſtand den furchtbaren Nothſchrei ſei⸗ nes Freundes. Er eilte vor ſeine Leute, hob das Schwert in die Höhe und rief mit mächtiger Stimme: „Fällt das Bayonnett! Vorwärts! Vorwärts! Für Gott und Vaterland!“ Das gleiche Kampfgeſchrei ſtieg aus dem ganzen Heere der Patrioten auf; alle Fahnen ſtürzten vor und warfen ſich wie ein rauſchender Strom gegen die Schlachtordnung des Feindes. Bald hörte man weder Kanonen, noch Gewehre; das Bayonnet und das Schwert thaten allein ihr blutig Werk. Es war eine furchtbaxe Verwirrung, in welcher Jeder ſein Schlachtopfer zu finden ſuchte oder ſelbſt nie⸗ dergehauen wurde, im Augenblick, da er ſeinem Feinde den tödtlichen Streich beibrachte. Das rothe Kreuz war tiefer in die Schaaren der Franzoſen gedrungen. Die Leute von Waldeghem foch⸗ ten wie die Löwen und wie ſehr ſie auch von allen Sei⸗ ten umſchloſſen waren, ſie blieben unerſchütterlich und fällten alles rings umher nieder. Mit ſchmerzlicher Wuth bemerkte der franzöſiſche General, daß er ſich über die Macht des Feindes ge⸗ täuſcht und hier vielleicht eine ſchreckliche Niederlage er⸗ leiden werde. Ehe er jedoch den Rückzug beſchloß, ſam⸗ melte er rei, und Dann ſtel voraus, ordnung Brun General „Vor der Sans Die hem'ſchen Abtheilun mit einige fehlbar ir Bauern de fen, er ſo Aber ſchaar mit Hülfe geei Eine Lärm und die Befreit muthes be „O S Tone.„ wicht!“ Der einen Fei Durcheinan Simon⸗Br Welch auch mach losſtürmte, Bereich de Die d ung unter zu zau⸗ um zwei⸗ derrn nie⸗ ganz be⸗ ch einige as ganze wen. ſchrei ſei⸗ hob das btimme: 1s! Für ganzen zten vor gegen die Gewehre; hr blutig n welcher elbſt nie⸗ n Feinde aren der dem foch⸗ llen Sei⸗ rlich und anzöſiſche indes ge⸗ rlage er⸗ oß, ſam⸗ 237 melte er hinter dem Lager eine ſtarke Abtheilung Reite⸗ rei, und alles Fußvolk, was er noch auftreiben konnte. Dann ſtellte er ſich an die Spitze und eilte im Sturme voraus, um noch einmal zu verſuchen, ob die Schlacht⸗ ordnung der Bauern nicht durchbrochen werden könnte. Bruno, welcher aus der Ferne den franzöſiſchen General angeritten kommen ſah, rief ſeinen Leuten zu: „Vorwärts! Vorwärts! Uns gehört der General der Sanskülotten!“ Die Franzoſen konnten dem Angriff der Waldeg⸗ hem'ſchen Truppen nicht Widerſtand leiſten; ihre vorderſte Abtheilung wurde zurückgeworfen und der General, der mit einigen Reitern vom Heere getrennt war, mußte un⸗ fehlbar in Brunos Hände fallen. Schon hatten die Bauern den Zaum ſeines Pferdes in der Hand und rie⸗ fen, er ſolle ſich ergeben. Aber im ſelben Augenblick kam eine neue Reiter⸗ ſchaar mit unwiderſtehlicher Gewalt dem Feldherrn zu Hülfe geeilt. Eine einzige mächtige Stimme beherrſchte den Lärm und feuerte den Muth der Reiter an, indem ſie die Befreiung des Feldherrn als das Ziel ihres Helden⸗ muthes bezeichnete. „O Simon⸗Brutus!“ rief Bruno mit rachgierigem Tone.„Dich muß ich haben; Du ſollſt ſterben, Böſe⸗ wicht!“ Der Jüngling eilte mit aufgehobenem Schwert auf ſeinen Feind los;— aber das Bäumen der Pferde, das Durcheinanderwühlen der Streitenden ließ ihn nicht zu Simon⸗Brutus gelangen. Welche Anſtrengungen die Waldeghem'ſche Schaar auch machte, wie wild ſie auch gegen die Neiterei losſtürmte, der General wurde befreit und kam aus dem Bereich der Gefahr. Die Reiter hatten nach der Befreiung ihres Feld⸗ 238 herrn ihre Pferde umgewandt und waren hinter das Schlachtfeld geflüchtet. Bruno ſuchte ſeinen Feind aufzuſpüren, aber vergeblich. Er war inmitten der Reiterſchaar ver⸗ ſchwunden. In dieſem Augenblick gab der General allen ſeinen Corps Befehl zum Rückzug. In ziemlicher Ordnung wichen die Soldaten käm⸗ pfend in den Wald zurück und verſchwanden nach und nach hinter dem dichten Gebüſch. Die Bauern verfolgten ſie einige Zeit und ſchoßen auch viele nieder; auf den Ruf der Trommeln und Trom⸗ peten, die man vom Hauptcorps her vernahm, kehrten die Meiſten auf das Schlachtfeld zurück, das, obgleich mit Todten und Verwundeten beſäet, auf allen Seiten von dem triumphirenden Jauchzen der Patrioten ertönte. Alle waren mit Staub und Blut bedeckt; der Kampf⸗ ſchweiß floß von den glühenden Geſichtern... Und doch umarmte man einander, verkündigte ſich die Befreiung des Vaterlandes, man ſang und tanzte vor Begeiſterung und Freude. Der General de Roumiroir, der von ſeinem Falle ſich wieder etwas erholt, hatte ein anderes Pferd be⸗ ſtiegen. Obgleich es ihm leicht geweſen, durch eine Verfol⸗ gung des Feindes im Walde dieſem einen noch weit größeren Verluſt beizubringen, hielt er es doch für höchſt unvorſichtig, das Heer in ſolcher Unordnung ſich ſelbſt zu überlaſſen und vielleicht den beabſichtigten Angriff auf die Stadt Dieſt unmöglich zu machen. Deßhalb ließ er nun zum Appell blaſen und befahl jedem ſich unter ſeine Fahne zu ſtellen. Sobald dieſer Befehl vollzogen war, ließ er einige Corps unter den Waffen bleiben, während er die Andern auf das Schlachtfeld ſandte, um die Verwundeten auf⸗ zuſuchen und zu den Wagen zu tragen.— Er mehr, als Der Schlachtfe wegtragen begraben. Stabsoffiz beeiferten Endli das Heer Kreuz des richtet. Die T ſchen Inſtr gend und Nichts endlich die zu Geſichte, Der 7 der Stadt ſammelte e erſten Offi; gen Worten einem kluge Alle de ſonderer Zu ſatzung entt Herk, unfe Einwohnern vorüberziehe gemetzelt. 2 ahnend, m Exempel z1 der Feſtung Als m Patrioten n hinter das en, aber hhaar ver⸗ llen ſeinen aten käm⸗ nach und nd ſchoßen und Trom⸗ n, kehrten , obgleich len Seiten en ertönte. er Kampf⸗ Und doch Befreiung egeiſterung nem Falle Pferd be⸗ ne Verfol⸗ noch weit für höchſt ſich ſelbſt n Angriff und befahl er einige die Andern deten auf⸗ 239 Er kündigte zugleich an, daß man nicht länger mehr, als eine halbe Stunde hier verweilen werde. Der größte Theil des Heeres hatte ſich über das Schlachtfeld verbreitet, überall ſah man Verwundete wegtragen oder verbinden und Todte mit großer Eile begraben.— Der Feldherr de Roumiroir und ſeine Stabsoffiziere ritten zwiſchen den Soldaten umher und beeiferten ſich, die Arbeit zu fördern. Endlich war alles ſo gut, als möglich geſchehen; das Heer ſtand wieder auf dem Wege, und das rothe Kreuz des Waldeghemſchen Corps war nach Dieſt ge⸗ richtet. Die Tambours und Trompeter ließen ihre kriegeri⸗ ſchen Inſtrumente ertönen und das Heer marſchirte ſin⸗ gend und jubelnd vorwärts. Nichts ſtörte den begeiſterten Zug. Das Heer bekam endlich die Stadt Dieſt mit ihren Thürmen und Wällen an Geſichte, ohne einen einzigen Feind begegnet zu haben. Der Feldherr erwartete von Seiten der Beſatzung der Stadt eine hartnäckige Vertheidigung. Deßhalb ver⸗ ſammelte er, ohne das Heer anhalten zu laſſen, die erſten Offiziere um ſich, feuerte ihren Muth mit kräfti⸗ gen Worten an und theilte ihnen alles mit, was fie zu einem klugen Verfahren zu wiſſen brauchten. Allle dieſe Vorſicht war jedoch überflüſſig. Ein be⸗ ſonderer Zufall hatte die Stadt Dieſt von ihrer Be⸗ ſatzung entblößt. Am Tage zuvor war in der Gemeinde Herk, unfern von Dieſt, der Freiheitsbaum von den Einwohnern umgeriſſen worden und man hatte ein vorüberziehendes franzöſiſches Corps beinahe ganz nieder⸗ gemetzelt. Der Befehlshaber von Dieſt war, keine Gefahr ahnend, mit der Beſatzung nach Herk gezogen, um ein Exempel zu ſtatuiren. Nur hundert Leute hatte er in der Feſtung gelaſſen. Als man von den Wällen der Stadt das Heer der Patrioten nahen ſah, hatten die Franzoſen beſchloſſen, 240 das Antwerpener Thor, das bedroht ſchien, bis auf den letzten Mann zu vertheidigen. Sie hatten Boten zu Pferde nach Herk geſandt, und hofften, daß der Com⸗ mandant noch zur Zeit mit Hülfstruppen eintreffen werde. Sie ſtellten ſich vor dem Thore ſelbſt auf und er⸗ warteten unerſchrocken den Feind. Es wunderte den General de Roumiroir ſehr, daß er die Wälle von Kriegsvolk entblößt ſah und keine Truppen im offenen Felde fand, obſchon er bis auf drei Gewehrſchüſſe ſich der Stadt genähert hatte. Da er einen Hinterhalt befürchtete, ſandte er Bruno mit ſeinen Kameraden voraus, um ſcharmützelnd gegen die Wache am Thore zu ziehen und die Beſatzung ſo ins offene Feld zu locken. Die rothe Kreuzfahne wehte; das Waldeghemſche Corps zog nach der Stadt. Unterwegs wechſelten ſie einige Gewehrſchüſſe mit dem Feinde. Das Feuer der Franzoſen ſchien ſo ſchwach, Brum war noch ſo ſehr von der Freude über den errungenen Sieg begeiſtert, daß er plötlich ſeine mächtige Stimm erhob und rief: „Fällt das Bayonnett! Für Gott und Vaterland! Vorwärts!“ Das Gefecht vor dem Thore dauerte nicht lange. Bei dem erſten Angriff wurden die Soldaten der Wache unwiderſtehlich nach dem Thore gedrängt, und warfen ſich in die nebenſtehenden Häuſer, aus welchen ſie noch einige Kugeln auf den Feind abſchoſſen. Auf den Ruf Karels aus dem Löwen, liefen alle Männer von Waldeghem auf die Wälle und beganneu dort ihre Hüte zu ſchwenken und durch ein lautes Ge⸗ ſchrei den Sieg zu verkünden. Dieſer Anblick weckte ein mächtiges Echo der har⸗ renden Schaaren. „Vorwärts! vorwärts!“ ertönte es allerwärts. das verlan groß: ſtatt das ganze jubelnd in Obglei⸗ Stadt Dieſt ſchloſſen ſie Kriegsopera Angriffe der Schon raſche und d nommen. D Gegenden de Eile zahlreie In offe zwar, wie g den feigen H lich war ma Das Fe und ſelbſt di Der General ließ die Trommel ſchlagen und gab und die fran benutzen, Fro hatte man ir ſtrömen ertre all' ihre Mo und nicht mi Conſcience, 2 bis auf den —Boten zu der Com⸗ effen werde. auf und er⸗ ſehr, daß und keine bis auf drei e er Bruno Belnd gegen eſatzung ſo ldeghemſche echſelten ſie ach, Brumg errungenen ge Stimme Vaterland! icht lange. der Wache und warfen en ſie noch liefen alle begannen lautes Ge⸗ Hder har⸗ värts. und gab 241 das verlangte Zeichen; aber die Begeiſterung war zu groß: ſtatt in Ordnung vorwärts zu marſchiren, ſtrömte das ganze Heer wie eine rauſchende Fluth jauchzend und ubelnd in die Feſtung. —.,— V XI. Obgleich die Patrioten gegen ihre Erwartung die Stadt Dieſt von allem Vorrath entblößt gefunden, be⸗ ſchloſſen ſie dennoch, ſie zum Mittelpunkt ihrer weiteren Kriegsoperationen zu machen und ſie ſtandhaft gegen die Angriffe der Franzoſen zu vertheidigen. Schon einige Tage zuvor hatte man in Brüſſel die raſche und drohende Vermehrung des Bauernheeres ver⸗ nommen. Der General Colaud ſandte Befehle nach allen Gegenden des Landes, ja ſelbſt nach Paris, um in aller Eile zahlreiche Hülfstruppen zu erhalten. In offenen Briefen und Ankündigungen ſprach man zwar, wie gewöhnlich, noch mit höhniſchem Mitleid von den feigen Haufen der fanatiſchen Brigands, aber inner⸗ lich war man nicht ſo ruhig. Das Feuer konnte ſich über ganz Belgien verbreiten und ſelbſt die Städte zum Aufſtand bringen; die Mächte und die franzöſiſchen Deſerteure konnten dieſe Gelegenheit benutzen, Frankreich auf unſerm Boden anzufallen. Kaum hatte man im Weſten den Aufſtand der Vendée in Blut⸗ ſtrömen ertränkt, als im Norden die Königlich Geſinnten all' ihre Macht zu ſammeln ſchienen, um einen neuen und nicht minder heftigen Kampf zu beginnen. Deßhalh Conſcience, Bauernkrieg. 16 242 mußte nach der Stellung, die die franzöſiſche Republik nun einmal einnahm, eine ungeheure Macht zuſammen⸗ gezogen werden, um durch einen einzigen Schlag des Aufſtandes durch die unwiderſtehliche Gewalt der Maſſe Herr zu werden. Die Patrioten ſahen ſchon am anderu Tag nach ihrem Einzug in Dieſt fliegende Colonnen von verſchie⸗ denen Seiten der Stadt nahen, und ſich in ziemlichem Abſtand in beſondern Lagern niederlaſſen, mit der deut⸗ lichen Abſicht, die Stadt zu umringen und von dem übrigen Lande abzuſchneiden. Vorerſt unternahmen die Franzoſen noch nichts gegen die Feſtung; ſie verhielten ſich ruhig in ihren Lagerplätzen und ſchienen ganz unthätig bleiben zu wollen. Indeſſen fingen ſie alle Zufuhr von Mund⸗ und Kriegsvorrath auf und verfolgten oder zerſtreuten die kleinen Corpe, welche nach Dieſt den Bauern zu Hülfe ziehen wollten. Wenn jedoch ein angekündigter Wagenzug mit Vorrath oder eine anſehnliche Hülfstruppe ſich in dar Ferne zeigte, zog ein Theil des Heeres der Patrioten aus der Stadt und bahnte ſich mit Gewalt einen Weg durch die fliegenden Colonnen, um den Vorrath oder die Hülfstruppen in die Feſtung zu geleiten. In dieſen kleinen Gefechten, die ſowohl von Seiten der Belgen, als der Franzoſen keinen entſcheidenden Erfolg hatten, verlor man viel Volks ohne merklichen Nutzen. Der General de Ronmiroir ſah wohl ein, daß es vielleicht vortheilhafter geweſen, mit ſeinem ganzen Heert in das Feld zu ziehen, um die fliegenden Colonnen anzu⸗ greifen, ehe große Verſtärkung zu ihnen ſtieße; aber mehr als ein Grund ließ ihn das Gegentheil beſchließen. Er wollte die Stadt Dieſt behaupten, wie große Opfer ſie ihm auch koſten möchte. Er zweifelte nicht, daß der Beſitz dieſer Feſtung eine lebhafte Begeiſterung hervorrufen und eine große Maſſe Leute ermuthigen werde, die Waffen gegen die Franzoſen zu ergreifen; er hoffte ferner, ſeiner Beſitz Flüchtlinge u eeſchien ihm! ſaubte, der offne Feld he die Stadt dr. Was ar Leute auch n Entſchluß. 5 die Belgen u zu vermeiden Scharmützeln Bruno Hälfte ſeiner Die andere H Morgens ge zu ſehr ermü halbe Fähnle Bruno l begeben und ruhen. Er lag vohnung mit ſchlummern. Unfern und Genover an den Geber ſehen, daß; Sie w Bruno, doch he Republik zuſammen⸗ Schlag des der Maſſe Tag nach don verſchie⸗ n ziemlichem lit der deut⸗ d von dem nichts gegen Lagerplätzen n. Indeſſen riegsvorrath einen Corps, en wollten. genzug mit 243 hoffte ferner, daß die Nachricht von ſeinem Siege und ſeiner Beſitzergreifung einer Feſtung die zerſtreuten Flächtlinge unter ſeinem Befehle ſammeln werde. Auch eeſchien ihm die Haltung der Franzoſen unbegreiflich: er ſanbte, der Feind wolle ihn mit ſeinen Truppen aufs offne Feld herauslocken und dann mit ganzer Macht in die Stadt dringen. Was auch ſeine Offiziere ſagten, wie ſehr ſeine Leute auch murrten, der General blieb bei ſeinem erſten Entſchluß. Man machte einige kleine Ausfälle; aber da die Belgen und Franzoſen gleichſam ein ernſtlich Gefecht zu vermeiden ſchienen, blieb es auch meiſt bei kleinen Scharmützeln ohne viel Belang. ſich in der er Patrioten einen Weg ath oder die von Seiten ntſcheidenden e merklichen ein, daß es ganzen Heert onnen anzu⸗ ſtieße; aber beſchließen. wie große eeifelte nicht, Begeiſterung ermuthigen ergreifen; er Bruno hatte die ganze Nacht als Kapitän mit der bälfte ſeiner Leute an einem der Thore Wache gehalten. Die andere Hälfte mußte an einem Ausfall Theil nehmen, der Norgens gethan werden ſollte; da der Kapitän jedoch zu ſehr ermüdet war, hatte man den Befehl über dieſes halbe Fähnlein Karel aus dem Löwen übertragen. Bruno hatte ſich nach der Ablöſung in ſein Quartier begeben und ſich in einen Lehnſtuhl geſetzt, um auszu⸗ ruhen. Er lag in dem Zimmer einer vornehmen Bürger⸗ wohnung mit dem Kopfe auf dem Tiſche, und ſchien zu ſhlummern. Unfern von ihm an dem Tiſche ſaßen ſeine Mutter und Genoveva, leiſe mit einander flüſternd. Man konnte an den Geberden und in dem Geſichte der beiden Frauen ſehen, daß Freude und Hoffnung ihr Herz erfüllte. Sie warfen bisweilen einen liebevollen Blick auf Bruno, doch ſtorten ſie ſeine Ruhe nicht. 244 ſeinem Geſich Herz des Bre lichen Schrei Jan, der achte gleichfe Neben ihnen ſaß der alte Paſtor von Waldeghen und las ſtill in einem Gebetbuche. Jan, der Knecht, ſtand am andern Ende des Zim⸗ mers und reinigte das Schwert und die Piſtolen ſeines Herrn.„Endli Obgleich die Frauen vernehmlich ſprachen und de wfeendlr Knecht leiſe ein Liedchen pfiff, unterbrachen dieſe Tön Die and doch die Stille nicht. janden, war Plötzlich vernahm man ein ſonderbares Geräuſch ar ſchrocken auf de Thüre. Alle erſchraken heftig und Bruno ſpramg„Ach, 2 d.... 6, Die Thüre öffnete ſich: der alte Brauer, Simom engebung Vater, ſtürzte in das Zimmer und fiel jammernd vat Aruno in tro Brunos Füße. Thränen ſtürzten dem Greiſe über dee„Ein ei Wangen, er erhob die Hände bittend zu Bruno un wortete der wollte ſprechen. Alles jedoch, was er ſagen konnte, wu er iſt unerbit das Wort:„Hülfe! Hülfe!“ neral hat m Der junge Mann, über die Haltung des Braueuz die Kugel ve erſtaunt und tief geruͤhrt von dem Anblick ſeines Schmer⸗ retten. Und zes, hob ihn vom Boden auf und fragte, indem er ihn derz vertrau tröſtend an der Hand nahm: ſolgt und do „Armer Freund Meulemans, welch' ſchrecklich Un- und fleht Eu glück hat Euch betroffen, daß Ihr ſo jammert??“ o, weiſ't me „O Bruno,“ rief der Brauer,„Ihr allein könnt Wie 7⸗ mir helfen, mich retten. Aber Ihr werdet meine Bittt„Ihr verlang zunſchuziſem nicht wahr? Er hat Euch ſo viel Schlimmet abſcheulichen ethan.... ich ſo 8 3„Was wollt Ihr ſagen? O Himmel, von wem ſbm ſallnas ſprecht Ihr?“ rief Bruno mit banger Ahnung. roher Freude „Mein Sohn,“ fuhr der Brauer fort,„mein Sohn mans, auf iſt gefangen: Karel hat ihn in die Stadt gebracht. Der Feigheit zaͤhn General hat ihn zum Tode verurtheilt. Nur noch zwei„Ach, Stunden und die Kugel zerſchmettert ihm den Kopf.... jammervollen O Gnade, Gnade für das einzige Kind, das mir Dieſer Gott gab!“. itt b Bruno erbebte und trat einen Schritt zurück. Auf ſhnitt, ergr 245 ſeinem Geſichte erſchien ein freudiges Lächeln, das das Waldeghen derz des Brauers durchbohrte und ihm einen ſchmerz⸗ liichen Schrei entriß. de des Zin. Jan, der Knecht, der inzwiſchen näher getreten war, ſtolen ſeins gchte gleichfalls und ſagte jauchzend: d„Endlich die Schlange gefangen! man wird ihr den hen und di gopf zertreten; ſie ſoll nicht mehr beißen....“ dieſe Ton Die andern Perſonen, welche ſich im Zimmer be⸗ Heräuſch fanden, waren gleichfalls aufgeſtanden und blickten er⸗ eräuſch an ſcrocken auf dies traurige Schauſpiel. uno ſprang„Ach, Bruno,“ flehte der Brauer wieder.„Ach, Vergebung, Gnade, vergeßt, was er Euch gethan.“ „Aber was begehrt Ihr denn von mir?“ fragte Bruno in trotzigem Tone. „Ein einzig Wort, ein einzig gutes Wort,“ ant⸗ wortete der Brauer;„Karel verlangt Simons Tod; er iſt unerbittlich, wie ein Menſch ohne Herz! Der Ge⸗ neral hat meinen unglücklichen Sohn zum Tode durch die Kugel verurtheilt. Ihr allein auf Erden könnt ihn retten. Und, Bruno, ſeht, wie ſehr ich auf Euer gutes Herz vertraue, Euch hat er am meiſten gehaßt und ver⸗ folgt und doch liegt ſein armer Vater zu Euren Füßen und fleht Euch um ſeine Befreiung anz ſeid barmherzig, o, weiſ’t meine Bitte nicht ab!“ „Wie?“ rief Bruno mit einer Art von Abſcheu. „Ihr verlangt von mir: ich ſolle Simon⸗Brutus, dieſen abſcheulichen Tyrannen, dieſen feigen Mörder befreien? ich ſoll das Leben eines Scheuſals retten, das ſein Vaterland verrathen und das Blut ſeiner Brüder mit roher Freude vergoſſen? Nie könnt Ihr, Baes Meule⸗ mans, auf eine ſolche Schwachheit und auf eine ſolche Feigheit zählen.“ „Ach, ich bin ſein Vater!“ rief der Brauer in r, Simon mmernd vor ſe über die Bruno um konnte, war des Brauerz nes Schmer⸗ ndem er inn hrecklich Un⸗ 12* allein könnt meine Bitte Schlimmes von wem g. mein Sohn pracht. Der r noch zwei Kopf... nmmervollem Tone.„Mein Blut ſoll fließen?“ Dieſer Schrei, der wie ein Schwert durchs Herz ſchnitt, ergriff Bruno gewaltig; zwei Thränen rollten , das mir urück. Aug 246 35 über die Wangen, während er mit bewegter Stimme agte: „Armer Freund, Euer Kummer entlockt mir Thrä⸗ nen, aber das Schickſal zwingt mich unerbittlich zu blei⸗ ben. Ich kann für Simon⸗Brutus keinen Schritt thun, im Gegentheil, könnte ein Wort von mir ſeinen To beſchleunigen, ich würde es ſprechen, ich müßte ſprechen.“ Der unglückliche Mann wandte ſich um und ſchleppt ſich mit erhobenen Händen zu Brunos Mutter hin. b O, Ihr ſeio Mutter?“ rief er,„Ihr habt mi geſagt, was Ihr zu Herenthals gelitten, als Eun Sohn verurtheilt war. Ich habe geweint bei Eurer Er⸗ zählung; denn ich fühlte, welch' furchtbares Schwen Euer Herz durchbohrt. Ach, ich leide die gleiche Mar⸗ terpein; ich vergehe in dieſer Todesangſt. O bei de Erinnerung an jenes Leiden, helft, helft!“ Der Prieſter war bereits zu Bruno getreten un ſuchte ihn durch väterliche Worte zur Barmherzigkeit zi bewegen; aber der Jüngling hatte unverwandt den Blt zu Boden gerichtet und antwortete auf alle Bitten mi einem unerſchütterlichen: „Es kann nicht ſein, es darf nicht ſein!“ Die Mutter und Genoveva, von dem Schmerze der Brauers aufs Tieſſte ergriffen, hatten ſich gleichfall Bruno genähert. Seine Mutter ergriff ſeine Hand und ſprach mit Thränen im Auge: „Mein Sohn, in Herenthal hat Deine Mutter auch Deinen nahen Tod beweint. Solchen Schmerz, ſolche Verzweiflung, ſolch' unſäglich Leiden kann ein Chriſ ſelbſt den Feinden ſeines Vaterlandes nicht- wünſchen. Baes Meulemans iſt unſer Freund: befreie ihn von ſei⸗ ner Todesangſt. Hat Simon uns gekränkt, um ſo viel ſchöner iſt Dein Vergeben in Gottes Augen. O, ich bitte Dich, lauſche nicht auf die Stimme der Rache; be⸗ freie Deiner Dich für di Deiner Her⸗ „Es k dem Tone i „Nein, wiederholte „Gott jammerte d mein Elend Genove⸗ dageſtanden agte: ſas„Brun vielleicht ſei Macht ſein konnte; ni mehr kränk⸗ chen Sanust in Dir ſein Simon, ſe Vater. Bi hör, bedent üben müßt Veva tete Bruno iſt unmögli „Himn rief Genov gen Blick; Deinen Fu tes Namen erheben fle ühllos, ur füh Brund gter Stimme t mir Thri⸗ llich zu blei⸗ Schritt thun, ſeinen To ) müßte und ſchleppi er hin. hr habt mi „ als Eue Eurer Er kes Schwen gleiche Mar⸗ O bei der getreten um herzigkeit z dt den Bütt Bitten mi. Schmerze der h gleichfall ſprach mit Mutter auch ierz, ſolche ein Chriſt t. wünſchen. ihn von ſei⸗ um ſo viel 1. O, ich Rache; be⸗ 247 freie Deinen Feind, wenn es möglich iſt. Ich werde Dich für dieſe That ſegnen: ſie iſt der höchſte Beweis Deiner Herzensgüte!“ „Es kann nicht ſein, Mutter,“ ſeufzte Bruno mit dem Tone des feſtgefaßten Entſchluſſes. „Nein, nein, keine Gnade! Es kann nicht ſein,“ wiederholte der Knecht zu Aller Erſtaunen. „Gott, Gott, ſind Eure Herzen alle von Stein?“ jammerte der Brauer,„daß Ihr ſo unbarmherzig gegen mein Elend ſeid?“ Genoveva, die bisher geſchwiegen und zitternd dageſtanden, näherte ſich nun dem jungen Manne und agte: lis„Bruno, ich kenne Dich nicht mehr. Auch ich hätte vielleicht ſeinen Tod gewünſcht, als er noch in der vollen Macht ſeiner Bosheit, uns mit neuem Jammer bedrohen konnte; nun er aber überwunden iſt, nun er Niemand mehr kränken kann? O folge dem Vorbild der ſcheußli⸗ chen Sanskülotten nicht. Laſſe die Bruderliebe ſtärker in Dir ſein, als den Haß. Willſt Du nichts thun für Simon, ſo thue es wenigſtens für ſeinen unglücklichen Vater. Bruno, lieber Bruno, gib meiner Stimme Ge⸗ hör, bedenke, daß Du ein Chriſt biſt und Barmherzigkeit üben müßt...“ Veva, Veva, um Gotteswillen ſchweige!“ antwor⸗ tete Bruno tief bewegt vor Rührung,„Was Du forderſt, iſt unmöglich.“ „Himmel, biſt Du es, Bruno, der ſo ſpricht?“ rief Genoveva, indem ſie dem jungen Mann einen ſtren⸗ gen Blick zuwarf.„Wie, ein armer Vater kniet vor Deinen Füßen, ein greiſer Prieſter bittet Dich in Got⸗ tes Namen um Gnade, Deine Mutter, Deine Freunde erheben flehend die Hände zu Dir... Du bleibſt ge⸗ fühllos, unbarmherzig, wie ein Henker!“ Bruno, von allen umringt und mit Thränen 248 und Bitten beſtürmt, ſchien einen ſchweren Kampſ zu kämpfen. „Mutter, Veva,“ ſprach er plötzlich, indem er die beiden Frauen an der Hand nach der Thüre führte, „geht, verlaßt uns für einen Augenblick, begebt Euch auf Euer Zimmer... Ich bitt, Euch, ich verlang' es, ich befehl' es!“ Sein Ton war ſo gebietend, ſeine Aufregung ſo groß, daß ſeine Mutter und Genoveva ihm willig ge⸗ horchten; wahrſcheinlich in der Hoffnung, daß in ihrer Abweſenheit Geheimniſſe geoffenbart würden, deren Er⸗ klärung Bruno's Gemüth günſtiger ſtimmen müßte. Als der junge Mann in das Zimmer zurückkehrte, war er todtenblaß und zitterte am ganzen Leibe. Er eilte auf den Brauer zu, führte ihn in eine entfernte Ecke des Zimmers und ſagte mit erſchütterndem Tone: „Ihr haltet mich für grauſam, unmenſchlich? Aber ſeid ſelbſt Richter zwiſchen Eurem Sohn und mir. Ur⸗ theilt, ob Gott mir wohl vergeben könnte, wenn ich der Retter des niedrigſten aller Mörder würde... Euer Sohn? Er hat meinen Vater ermordet— ſeine Leiche in eine Düngergrube geworfen!“ Bruno ſank erſchöpft auf einen Stuhl zurück. „Wehe! wehe!“ jammerte der Brauer, und ſchleppte ſich händerringend nach der Thüre.„Und ich, Unglück⸗ ſeliger, kam zu Euch, um Euch um Gnade anzu⸗ flehen!“ 3 Er wollte aus dem Zimmer fliehen, aber der Pa⸗ ſtor hielt ihn zurück. Der arme Vater ſank weinend auf einen Stuhl.. Der greiſe Prieſter näherte ſich Bruno und ſagte in ſtillem feierlichem Tone: „Bruno, Bruno, Du haſt gegen Gott geſündigt. Du glaubſt, Dein ſeliger Vater droben im Himmel ſehne ſich nach Rache und wolle mit Menſchenblut ge⸗ ſühnt ſein? Heidniſche Gedanken, mein Sohn. Wenn eine Seele pfinden kön Vaters Th. Weißt Du tet? Jeſu blutigen K. Feinde, fü bild ſollſt; theuer iſt. nen Begier die Stimm Jahrhunder in Deinem Der j einen ſchwe tete nicht. Der 1 „Wie Dein Brud mußt Du Namen deſ Er er ſanfterem „Bru bleiben ge Geiſt zum Vollkomme mit Kumm „Gott Stunde iſt „Nun Mann. Brun ergriff ſeir Thüre for „Wol n Kampf zu ndem er die züre führte, egebt Euch derlang' es, ufregung ſo i willig ge⸗ daß in ihrer deren Er⸗ nüßte. urückkehrte, Leibe. Er ne entfernte em Tone: blich? Aber mir. Ur⸗ enn ich der .. Euer ſeine Leiche rück. nd ſchleppte Unglück⸗ lade anzu⸗ er der Pa⸗ deinend auf id ſagte in geſündigt. n Himmel enblut ge⸗ hn. Wenn 249 eine Seele im Schooße der Gottheit noch Schmerz em⸗ pfinden könnte, ſo müßte Dein Thun der Seele Deines Vaters Thränen der Reue und des Kummers entringen. Weißt Du, was das Geſetz der Bruderliebe Dir gebie⸗ tet? Jeſus ſelbſt hat es verkündigt, als er an ſeinem blutigen Kreuze von ſeinem Vater Vergebung für ſeine Feinde, für ſeine Mörder erbat. Dieſem heiligen Vor⸗ bild ſollſt Du folgen, wenn Dir Deiner Seele Seligkeit theuer iſt. Sprich, Bruno, willſt Du nur Deiner eige⸗ nen Begier, Deiner Rachſucht Gehör geben, oder ſoll die Stimme des Erlöſers vom Kreuze herab, die ſeit Jahrhunderten mahnend an unſer Ohr klingt, ein Echo in Deinem Herzen finden?“ Der junge Mann ſtand tief ergriffen da und ſchien einen ſchweren Kampf mit ſich zu kämpfen; er antwor⸗ tete nicht. Der Prieſter fuhr in ſtrengerem Tone fort: „Wie ſchuldig er auch ſein mag, Simon bleibt Dein Bruder; er iſt ein Menſch, wie Du. Als ſolcher mußt Du ihm Gnade ſchenken. Ich gebiete es Dir im Namen deſſen, deſſen Diener ich bin!“ Er ergriff die Hand des Jünglings und ſprach in ſanfterem Tone: „Bruno, mein geliebter Sohn, willſt Du taub bleiben gegen die Stimme Gottes? O erhebe Deinen Geiſt zum höchſten Edelmuth; ſteige auf zu chriſtlicher Vollkommenheit. Vergieb und bitte für ihn, der Dich mit Kummer und Elend überhäuft...!“ „Gott, Gott,“ rief der Brauer,„die Glocke! Eine Stunde iſt bereits vorbei!“ „Nun?“ fragte der Prieſter den gerührten jungen Mann. Bruno ſtand plötzlich auf, eilte auf den Brauer zu, ergriff ſeine Hand und ſagte, indem er ihn nach der Thüre fortzog: „Wohlan, ich gebe nach... Gott perlangt ein ſchreckliches Opfer von mir. Kommt, kommt, ich will ihn retten, ihn, der meinen armen Vater..4 eilt, eilt, die Kraft möchte mich verlaſſen. Kommt!“ Während dieſer Worte eilte er mit dem Brauer aus dem Zimmer und verſchwand in den Straßen. An jenem Morgen hatte man einen ziemlich bedeu⸗ tenden Ausfall gemacht und war in ein ernſtlicheres Handgemenge mit den Franzoſen gekommen. In dieſem Streite ſtürzte Simon⸗Brutus Pferd und da hatte Karel aus dem Löwen ihn mit eignen Händen zum Kriegsgefangenen gemacht. Das Waldeghem'ſche Corps hatte Simon⸗Brutus nach dem Hauptquartier geführt und dort von dem Ge⸗ neral ſeine augenblickliche Hinrichtung verlangt. Die Kriegsgefangenen, welche die Bauern in den letzten Tagen gemacht, ſaßen in dem großen Wachthauſe. Man behandelte ſie gut und verſorgte ſie mit Allem, was ihre Lage erleichtern konnte. Man hätte deßhalb glauben können, der General zeigen, in das rachſüchtige Löwen und ſeiner Kamera⸗ ſchuldigungen, welche gegen t wurden, waren ſehr erſchwe⸗ render Art; dabei war er Belgier, Brabanter, Kempner; er hatte ſeine Landsleute mit verfolgt, den Paſtor gefangen genommen, die Kirche und geplündert ſprach gegen ihn das empörende Lachen, Mund ſpielte, ſelbſt als de ſches Treiben vorhielt. am Boden lag, werde ſich wenig geneigt Verlangen Karels aus dem den zu willigen, aber die Be Simon⸗Brutus vorgebrach r General ihm ſein verrätheri⸗ Eini Kriegsrat durch P. wurden reiten. Mar bäude gef chung geg den auf d ſchießen Wät Gnade fl der Ecke nem Geſt Tod ſchie ben. Er und ſchüt Ein haftem G beſtimmte Worte, danken, daß er e ſeine Lip „Die Händen. glühten ir iſt es nu Ende ge ſchönſte Schwärm ihnen wer anderes. letzte: de danken n. kein Ungl at, ich will er... O Kommt!“ dem Brauer raßen. nlich bedeu⸗ ernſtlicheres In dieſem er wehrlos den ihn mit t. dn⸗ Brutus n dem Ge⸗ t. ern in den Vachthauſe. nit Allem, er General fachſüchtige rKamera⸗ lche gegen dr erſchwe⸗ Kempner; Schwert die Kirche ch lauter um ſeinen verrätheri⸗ 251 Einige Stabsoffiziere bildeten augenblicklich einen Kriegsrath und Simon wurde, ganz allein, zum Tod durch Pulver und Blei verurtheilt. Zwei Stunden wurden ihm vergönnt, nm ſich zum Tode vorzube⸗ reiten. Man hatte ihn augenblicklich in einem beſonderen Ge⸗ bäude gefangen geſetzt und ihm dieſelben Leute zur Bewa⸗ chung gegeben, die nach Verlauf der zwei vergönnten Stun⸗ den auf dem offenen Platze hinter dem Gefängniß ihn er⸗ ſchießen ſollten. Während der arme Brauer zu Brunos Füßen um Gnade flehte, ſaß Simon Brutus in ſeinem Kerker auf der Ecke einer hölzernen Pritſche. Man konnte auf ſei⸗ nem Geſichte weder Angſt noch Bangen leſen; der nahe Tod ſchien ihn nur in ernſtes Sinnen verſenkt zu ha⸗ ben. Er ſtarrte mit bewegungsloſem Blicke vor ſich hin und ſchüttelte bisweilen mürriſch den Kopf. Ein tiefer innerer Kampf, der ſich anfangs in leb⸗ haftem Geberdenſpiele geäußert, machte ſich nun in un⸗ beſtimmten Tönen Luft. Es waren eigentlich kein Worte, die ſeinem Munde entfielen: es waren nur Ge⸗ danken, die eine deutliche Form annahmen, und ohne, daß er es ſelbſt wußte, in einem ſtillen Gemurmel um ſeine Lippen ſchwebten: „Dieſe erbärmlichen Brigands, nun bin ich in ihren Händen. Wie heulten die Tiger um mein Blut; wie glühten ihre Augen bei dem Anblick der Beute! So iſt es nun vorbei mit Simon⸗Brutus; ſein Faden iſt zu Ende geſponnen... Sterben? Es iſt nicht der ſchönſte Theil unſeres Lebens.— Für die gläubigen Schwärmer muß der Tod minder bitter ſein: man hat ihnen weis gemacht, daß es nach dieſer Welt noch ein anderes Leben gebe. Für mich iſt die Kugel das Aller⸗ letzte: die Vernichtung!... Wozu könnten dieſe Ge⸗ danken nützen, gibt es kein Glück mehr, ſo gibt es auch kein Unglück mehr. Und worüber ſollte ich klagen? Die 2⁵5² Guillotine hat zehnmal ihren blutigen Rachen geöffnet, um mich zu verſchlingen und doch blieb ich verſchont, während tauſend andere— edler, muthiger, klüger, als ich, in den unerſättlichen Blutſchlund ſanken.— Nun iſt es vorbei, alles vorbei, alle die Träume des Ehrgeizes und der Ruhmſucht— es waren Träume... Ich träumte, um endlich in dem endloſen Nichts zu er⸗ wachen!— Aber was ich ſtiften half, das wird nicht verloren ſein; die franzöſiſche Republik, die Befreiung der Menſchheit aus der Sklaverei, die Freiheit, das Licht, die Vernunft, das alles wird fortdauern;— und vielleicht wird mein Name, noch nach meinem Tode, bisweilen mit Ehrfurcht genannt werden... Eitelkeit! Was nützt es dem Todten, daß man ſich ſeiner erinnert? Und doch iſt dieſer Gedanke ſo tröſtlich und ſüß... Iſt der Glaube an ein Fortleben nach dem Tode dem Menſchen angeboren? Wenn dieſer geheime Seufzer Wahrheit wäre? Wenn wirklich etwas Unſterbliches, das wir nicht begreifen, in uns lebte?“ Dieſer letzte Gedanke ſchien eine Reihe ergreifender Bilder vor ſeine Seele zu führen. Er ſtarrte bewegungs⸗ los zu Boden und flüſterte nach einiger Zeit vor ſich hin: „O, wie ſchrecklich iſt der dunkle Abgrund, den man Ewigkeit nennt! Das ſollte alſo das Ende des Menſchen ſein: ſterben und vergehen wie ein vernunftlo⸗ ſes Thier, wie ein Hund? Warum iſt ihm dann, wie dem Hund, der Begriff der endloſen Vernichtung nicht genommen? Warum, wenn er doch ſterben muß, der Drang nach Unſterblichkeit in ſeine Seele gelegt 2... Es iſt vielleicht die unbegreifliche Frucht unſerer erſten Erziehung, die Folge der Dummheiten, die man uns weis gemacht... Aber die menſchliche Natur ſträubt ſich gegen den Gedanken, daß alles mit dem Tode des Körpers in uns vernichtet ſein ſollte. Alle Völker, ſelbſt die Wilde Räthſel! Sim lang fort ſeinen u Geiſte d Wie oft zu dieſer trieb ſie End Kopf zu Es klar und gel, wori oder liebe mein ar Schande geopfert, Tod bew den, der dieſer be habe alle glückſelig zu leicht Welt, d wiegen. Mal ſeh meines 4 ihn ruhte Er ſeine die Augenbl und bitte „S Dich zun Leben d geöffnet, verſchont, „klüger, unken.— äume des äume... tts zu er⸗ vird nicht Befreiung beit, das ;— und im Tode, Eitelkeit! erinnert? ſüß... Tode dem Seufzer terbliches, greifender wegungs⸗ vor ſich ind, den Ende des ernunftlo⸗ ann, wie ung nicht nuß, der gt?.. eer erſten man uns ſträubt Tode des ker, ſelbſt 253 die Wilden hoffen auf ein beſſeres Leben. O furchtbares Räthſel!“ Simon⸗Brutus ſetzte dieſe Gedanken noch eine Zeit⸗ lang fort. Seine Seele war ſichtlich im Kampfe mit ſeinen ungläubigen Grundſätzen und ſuchte in ſeinem Geiſte den Begriff einer fernern Zukunft zu beleben. Wie oft aber auch die Gedanken des Verurtheilten ihn zu dieſer Vorſtellung zurück führten, ſein Hochmuth ver⸗ trieb ſie jedes Mal wieder. Endlich ſchienen ihm andere Gedanken durch deu Kopf zu ziehen. Er fuhr mit leiſer Stimme fort: „Es iſt wunderbar, wie der nahe Tod mir Alles klar und deutlich vor Augen zaubert. Er iſt ein Spie⸗ gel, worin wir uns ſelbſt und Alles, was wir haſſen oder lieben, ſehen können, von der Wiege bis zum Grabe! mein armer Vater! Ich verurſachte ihm nichts als Schande und Verdruß... und er, er hatte ſein Leben geopfert, um mich glücklich zu ſehen. Wird er meinen Tod beweinen oder ſich an der Vernichtung deſſen wei⸗ den, der ſein Leben vergiftet hat? Genoveva, auch dieſer brachte ich Kummer und Schmerz... Ach, ich habe alles für das große Werk geopfert... Meine un⸗ glückſelige Pflicht, meine tiefe Ueberzeugung fand euch alle zu leicht in der Schaale, um die Befreiung einer ganzen Welt, die Erbebung einer gebeugten Menſchheit aufzu⸗ wiegen... Könnt' ich meinen alten Vater noch ein Mal ſehen, ihn umarmen, ihm ſagen, daß im Grunde meines Herzens immer ein tiefes Gefühl der Liebe für ihn ruhte!“ Er fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, um ſeine düſtern Gedanken zu verſcheuchen. Nach einigen Augenblicken ſprang er auf und rief mit lauter Stimme und bitterem Lachen: „Simon, Simon, ſollte der Gedanke des Todes Dich zum Feigling machen? Dich, der hundert Mal ſein Leben den Kugeln und der Guillotine ohne Bangen 254 blosgeſtellt. Du ſollteſt nun verzagen, weil Du die volle Gewißheit haſt, daß Du ſterben mußt. Komme, was da kommen mag; was das Schickſal beſchließt, wird ge⸗ ſchehen, heute oder morgen. Der Tod wird einſt un⸗ ſer Herr... Lieber wäre ich auf dem Schlachtfelde gefallen; aber ich ſcheine eine ſchlechte Nummer aus der Schickſalsurne gezogen zu haben. Nun, keine Schwach⸗ heit; zeigen wir den dummen Feinden der Republik, daß Simon⸗Brutus ſterben kann, wie er gelebt: uner⸗ ſchrocken und dem Tode muthig in's Auge ſchauend! ... Ich will verſuchen, ob mir die letzte Pfeife ſchmeckt...“ Mit dieſen Worten zog er eine ſilberne Pfeife aus der Taſche, ſtopfte ſie voll Tabak, ſchlug Feuer in ein Zunderbüchschen, ſetzte ſich nieder und begann in großen Zügen zu dampfen. In tiefes Sinnen verſunken, betrachtete er die blauen Wölkchen, die aus ſeiner Pfeife aufſtiegen; er folgte ihrem wirbelnden Tanze mit dem Auge, bis ſie endlich verſchwunden waren. „Das iſt das Leben?“ murmelte er mit bitterem Lä⸗ cheln.„So ſagt man. Wie falſch! Das Leben iſt ein Kampf gegen Alles, ein brennendes Fieber nach leerem Ruhm, ein thörichtes Rennen nach dem Ungewiſſen, eine müde Fahrt auf der See des Zweifels... Und ſo ſtill entwickelte es ſich nicht; ſo unmerkbar verſchwindet es nicht... denn nach dem blutigen Kampfe, den man Leben nennt, kommt endlich noch der Tod, der aber die Menſchen in Stücke reißt und zerſtreut... Der Tod, der, um ſein Schlachtopfer noch mehr zu peinigen, ihn zum Lohn für all ſein Kämpfen und Ringen in einen bodenloſen Abgrund ſtürzt, in einen Abgrund, aus deſ⸗ ſen Ee ihn ein unauflösliches Räthſel ſpottend an⸗ rinſt...! 3 In dieſem Augenblick weckte ihn plötzlich das Ge⸗ räuſch eine aus ſeinem „Jetzt Stunde le ausgebrann Er he tung auf d ein ſeltſam nen Armer „O. T ehe ich ſter Der c am Hals ſüße Küſſe „Ach noch einma geblieben y Tod erſchr Augen ent unerbittlich Kummer zu Rande des meinen Au⸗ Der 6. Arme und „Schn Gott wird gnadigen.“ „Arme Dir neue 6 ſer Schickſe „Nein Vielleicht Deine Beg Ein die volle ime, was wird ge⸗ einſt un⸗ blachtfelde r aus der Schwach⸗ Republik, bt: uner⸗ ſchauend! te Pfeife sfeife aus ger in ein in großen die blauen er folgte ſie endlich terem Lä⸗ en iſt ein ch leerem ſſſen, eine nd ſo ſtill vindet es den man aber die Der peinigen, in einen aus deſ⸗ ttend an⸗ das Ge⸗ 2⁵⁵ räuſch eines Schlüſſels, den man in die Thüre ſteckte, aus ſeinem träumeriſchen Sinnen. „Jetzt ſchon?“ rief er.„Ich glaubte noch eine Stunde leben zu können. So ſei es, die Pfeife iſt ausgebrannt...“ 3 Er heftete den Blick mit dem Ausdruck der Verach⸗ tung auf die Thüre; aber kaum war ſie geöffnet, als ein ſeltſamer Schrei ſeiner Bruſt entflog und er mit off⸗ nen Armen ausrief: „O Vater, ich darf Dich noch einmal umarmen, ehe ich ſterbe!“ Der alte Mann hing ihm weinend und ſprachlos am Hals und war halb ohnmächtig vor Rührung, ſo ſüße Küſſe drückte ihm ſein Sohn auf die Lippen: „Ach Vater, wie glücklich bin ich, daß ich Dich noch einmal ſehen kann! Der einzige Wunſch, der mir geblieben war... er iſt erfüllt! Sei ſtark, Vater: der Tod erſchreckt mich nicht. Die Thränen, die meinen Augen entrollen, ſind Thränen der Reue, weil mein unerbittlich Schickſal mir die Pflicht auferlegte, Dir Kummer zu bereiten. O, ich liebe Dich doch... am Rande des offenen Grabes ſtand Dein Bild allein vor meinen Augen!“ Der Greis preßte aufs Neue ſeinen Sohn in ſeine Arme und ſagte in liebevollem Tone: „Schweige, ſchweige, Simon, es iſt noch Hoffnung Gott wird mein Gebet erhören, man wird Dich be⸗ gnadigen.“ „Armer Vater!“ ſeufzte Simon⸗Brutus.„Weßhalb’ Dir neue Schmerzen bereiten? Fügen wir uns in un⸗ ſer Schickſal...“ „Nein, Simon, verzweifle nicht, mein Sohn. Vielleicht unterzeichnet der General in dieſem Augenblick Deine Begnadigung.“ Ein ungläubiges Lächeln ſchwebte auf den Lippen 256 des Verurtheilten, während er ſeinem Vater mitleidig in ſchießen, die Augen ſah und ſagte: es wiſſen. „Tauſend Wölfe haben einen Löwen gefangen. Du„Er glaubſt, die Wölfe werden den Löwen laufen laſſen... 2 erretten.“ Nein, täuſchen wir uns nicht. Sie dürſten nach mei⸗ Der nem Blut und ich geſtehe, ich habe ſie dazu gereizt.“ Bruſt ſink „Simon, mein Sohn, Du weißt nicht, was ge⸗ er ſich wie ſchieht,“ ſprach der Vater freudig.„Du wirſt nicht ſter⸗ muth, de ben. Bruno ſelbſt wird dem General zu Füßen fallen, wann. um Deine Begnadigung zu erflehen.“„Es „Bruno? Bruno?“ rief Simon mit ſpöttiſchem Bruno's Lachen.„Bruno ſollte mich retten? Unglücklicher Vater, ich habe ſe war er ſo boshaft, Dich dies glauben zu machen? O ihn mit K der Heuchler! Könnte er mein Fleiſch, Sehne um Sehne, Jammer u mir vom Leibe reißen, er würde es mit Freuden thun. retten? Iſt Er iſt von Geburt auf mein Blutfeind: ich haſſe ihh Der? von dem Augenblicke, da ich ihn zum erſten Male ſah. ſagte in le O, man hat Dich verſpottet, Vater: man wollte ſich an„Sim Deinem Kummer weiden, Deinen Schmerz verlängern den Treibe durch die eitle Hoffnung? Die ſchnöden Böſewichte!“ Seele verlt Der Greis legte die Hand auf den Mund ſeines genommen, Sohnes und ſagte unerſchrocken: fen, nicht „Simon, ſchweige, Du läſterſt Gott! Deine Worte Alles zu er macheu mich zittern. Ich ſage Dir, es iſt Wahrheit,„Chrif was ich ſpreche: ich habe Bruno ſelbſt zum General be⸗ ſcherzend. gleitet.“ Feindes nie „Und haſt wirklich gehört, was Bruno ihm ſagte?“ hat ſich eri⸗ „Ich trat nicht mit ein; mein Gefühl trieb mich herrſcht ihn unwiderſtehlich zu meinem Kind.“„Du t „Und wer kann ſagen, Vater, was Bruno dort„Genoveva wirklich ſagt und thut?“ ſo wenig er „Ach Simon: er bittet um Gnade für Dich: er Als aber u will all' ſein Leiden, alle ſeine Verdieuſte gegen dieſe zeigte, wie einzige Gunſt in die Schaale legen.“ llebt, da h⸗ „Aber es iſt unmöglich! Ich ließ ſeinen Vater er⸗ Sollte der Conſcience, mitleidig in angen. Du laſſen... 2 nach mei⸗ gereizt.“ „ was ge⸗ t nicht ſter: üßen fallen, ſpöttiſchem icher Vater, nachen? O um Sehne, euden thun. haſſe ihn Male ſah. ollte ſich an verlängern wichte!“ Nund ſeines deine Worte Wahrheit, General be⸗ ihm ſagte?“ trieb mich Bruno dort ir Dich: er gegen dieſe n Vater er⸗ 2⁵⁷ ſchießen, ich habe ſeine Mutter verſtoßen. Bruno muß es wiſſen.“ „Er weiß es; und dennoch will er Dich vom Tode erretten.“ Der Gefangene ließ, wie beſiegt, den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſtarrte zu Boden. Bald aber empörte er ſich wieder gegen die Ueberzeugung von Bruno's Edel⸗ muth, der unwillkürlich in ſeinem Innern Raum ge⸗ wann. „Es kann nicht ſein,“ murmelte er.„Ich habe Bruno's Tod wie ein lange erſehntes Glück geſucht; ich habe ſeinen Vater meiner Rache geopfert; ich belud ihn mit Kummer und Elend, und hatte ihm Verfolgung, Jammer und Tod aufbewahrt... Und er ſollte mich retten? Iſt er denn nicht ein Menſch, wie ich 2“ Der Vater ergriff die Hand ſeines Sohnes und ſagte in leiſem, feierlichem Tone: „Simon, mein armer Sohn, Du haſt in dem wil⸗ den Treiben Deines Lebens die ſchönſte Blume Deiner Seele verloren. Ach, der Unglaube hat Dir die Macht genommen, ſolche übermenſchliche Aufopferung zu begrei⸗ ſen, nicht wahr? Und doch vermag ein einzig Wort— Alles zu erklären:— Bruno iſt Chriſt!“ „Chriſt, Chriſt?“ murmelte Simon Brutus halb ſcherzend.„So unbedeutend ſind die Freunde meines Feindes nicht. Ach, ich begreife, was es iſt: Genoveva hat ſich erinnert, daß ſie mich einſt liebte: Geonveva be⸗ herrſcht ihn, ſie will mich retten.“ „Du tänſcheſt Dich, Simon,“ ſprach der Vater, „Genoveva hat ſich für Dich verwandt; er hat ihre Bitten ſo wenig erhört als die meinen und die ſeiner Mutter. Als aber unſer alter Paſtor ihm den gekreuzigten Jeſus zeigte, wie er ſterbend für ſeine Verfolger Gnade er⸗ fleht, da hat Gottes Stimme Bruno's Herz erſchüttert. Sollte der General unerbittlich ſein, ſo wird der, den Conſcience, Bauernkrieg. 17 2⁵⁸ Du Deinen Blutfeind nennſt, wie um einen geliebten Bruder um Dich trauern. Lieber Simon, läſtere darum ſeine Güte nicht mehr!“ Der Gefangene blieb lange Zeit in tiefes Nachden⸗ ken verſunken und ſchüttelte den Kopf, als das Won „Chriſt!“ ſeinem Munde eutfiel. Der Greis drückte auf's Neue ſeine Hand und fragt mit inniger Wärme: „Simon, wenn man Dich begnadigte, würdeſt, Du nicht den Kummer meines Alters zu lindern ſuchen! murdeſ Du nicht auf beſſere Gedanken zu kommel uchen?“ „Beſſere Gedanken?“ wiederholte Simon.„Nichtz auf Erden kann meine republikaniſche Ueberzeugum ändern...“ Der unerſchütterliche Ton, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, ſchmerzten den Greis ſichtlich; a ſchien dieſen Schmerz jedoch zu unterdrücken und fuhr fort „Gut... aber Dein gottlos und wildes Leben würdeſt Du doch aufgeben? Deinem alten Vater noch einige friedliche Tage gönnen? Bei ihm wohnen um ſene letzten Jahre durch Deine Gegenwart verſüßen?“ „Im Kempenland? In Waldeghem? fragte Simon ſpöttiſch. „Gleichgültig. Wenn Du nur bei mir biſt,“ ant⸗ wortete der Vater.„Ich werde unſre Ländereien ver⸗ kaufen: wir wollen anderswo wohnen und wäre es ſellt in Frankreich. Ueberall, wo meine Augen Dich ſehen, werde ich glücklich ſein: und, wäre es möglich, daß der Friede unſres Lebens für die Wahrheit ſich öffnete, könnte ein einziger Strahl von droben in Dein Herz dringen, ſo würde ich Gott danken, mein Kind ſegnen und voll Hoffnung die Augen in den Armen des vielgeliebten Sohnes ſchließen.“ Zwei Thränen, die erſten, die er als Mann vergoſ V ſen, rollt Arm um „O Liebe. 2 unangeta verlangſt ſein. S laſſen.3 ſagt.. Deine li Ich fühle ſchreckt. Ach, wie Laufbahn ten Ruhn Kummer Der hob die Freude: „Da wieder gi Offizier und ſagte „No Befehl iſt zogen we Mit auf. Er und rief „We eine Vier wieder. ten geliebten äſtere darum fes Nachden⸗ das Won nd und fragt würdeſt, Du dern ſuchen! zu kommen on.„Nichtt leberzeugung dieſe Worte ſichtlich; er nd fuhr fort vildes Leben Vater noch wohnen und verſüßen?“ ragte Simon biſt,“ ant⸗ dereien ver⸗ väre es ſelbſt Dich ſehen, lich, daß der fnete, könnte derz dringen, en und vol vielgeliebten Lann vergoſ⸗ 259 ſen, rollten über Simons Wangen. Er ſchlang ſeinen Arm um ſeines Vaters Hals und küßte ihn. „O Vater,“ ſeufzte er,„wie unendlich iſt Deine Liebe. Du wollteſt meine republikaniſche Ueberzeugung unangetaſtet laſſen? Habe Dank. Was Du von mir verlangſt, iſt ſchwer. Dieſer Krieg wird bald beendigt ſein. So lange kann ich nicht von meiner Pflicht ab⸗ laſſen. Aber dann, dann wollen wir thun, was Du ge⸗ ſagt... Und vielleicht, mein Vater, vielleicht wird ſich Deine liebſte Hoffnung noch zum Theile verwirklichen. Ich fühle eine Leere in meinem Herzen, die mich er⸗ ſchreckt. Vielleicht hat der Hochmuth mich getänuſcht... Ach, wie dem auch ſei, ich werde Alles aufopfern: meine Laufbahn in der Welt, meine Zukunft, meinen geträum⸗ ten Ruhm. Könnte ich doch zum Lohne dafür Dir den Kummer vergangener Tage vergeſſen machen!“ Der Brauer ſank von der Pritſche auf die Kniee, hob die Hände flehend zu ihm auf und rief in ſeliger Freude: „Dank Dir, o Gott, daß Du mir meinen Sohn wieder gibſt! Ach, vollende Dein Werk, erleuchte ſein Herz: er iſt nicht ganz verdorben; noch wohnt Liebe darin...!“ Die Thüre des Gefängniſſes wurde geöffnet; der Offizier von der Wache zeigte ſich auf der Schwelle und ſagte: „Noch eine Viertelſtunde! Macht Euch bereit. Der Befehl iſt ſtreug: Punkt elf Uhr muß das Urtheil voll⸗ zogen werden.“ Mit einem furchtbaren Schrei ſprang der Brauer auf. Er zog mit krampfhafter Angſt die Uhr heraus und rief mit ſtarr darauf haftenden Blicken: „Wär’ es wahr; wir hätten uns getäuſcht! Noch eine Viertelſtunde? Ich laufe, ich fliege und kehre wieder..“ 260 Und mit dieſen Worten eilte er aus dem Kerker und durch die erſtaunten Soldaten auf der Straße. „Ich hatte es wohl gedacht,“ murmelte Simon⸗ Brutus, indem er ſich anf die Pritſche niederſetzte.„Sie können mich nicht verſchonen. Armer Vater!“ Der Offizier von der Wache ſchloß den Kerker wieder zu. Eine tiefe Stille herrſchte während einiger Zeit im Gefängniß. Simon⸗Brutus ſaß bewegungslos, den Kopf in die Hand geſtützt, da... Die Minuten erſchienen ihm wie Ewigkeiten. Endlich hörte er ein Geklirr von Säbeln und ein Geräuſch von Gewehren. Der Offizier trat mit vier Mann in das Zimmer und ſagte: „Die Stunde ſchlägt. Wir haben Mitleid mit Euch, Kamerad; aber das iſt das Loos des Soldaten. Macht unſere Aufgabe durch Geduld minder peinlich.“ Mit dieſen Worten gab er dem Gefangenen ein weißes Halstuch und bedeutete ihm, daß er ſich die An⸗ gen damit verbinden ſolle. Aber Simon⸗Brutus wies es mit ſtillem Lächeln zurück und ſagte, indem er aufſtand, um den Wachen zu folgen: „Glaubt Ihr, ein Soldat der franzöſiſchen Repu⸗ blik könne dem Tod nicht in's Antlitz ſchauen? Ich werde ſelbſt das Zeichen zum Schießen geben.“ In dieſem Augenblick erſchien der Brauer in dem Kerker. Er fiel ſeinem Sohne jammernd um den Hals und rief wie außer ſich den Wachen zu: „Nein, nein, der General iſt im Kriegsrath... „Bleibt, haltet ein, man berathſchlagt über ihn. Nur noch einige Minuten, ſo wird man kommen...“ „Habt Ihr den General geſehen und geſprochen?“ fragte der Offizier. „Ach iſt nicht z nur noch Der: dennoch ſe ziehen zu Er r herbei und Gefängniß Der die Bruſt hafte Küſſ und murn Dann ma denen, die richtung ſe Sime bracht, wo unglücklich und ſah zi hinab, die Plötz der bis ar aufmerkſan Der Manne en los heranf „Bru zu ſpät?“ Aber eilte durch Wachen, d noch den Bruſt mit „Halt ral pardon em Kerker raße. Simon⸗ tzte.„Sie en Kerker r Zeit im opf in die ihm wie n und ein s Zimmer ſtleid mit Soldaten. einlich.“ genen ein ) die An⸗ n Lächeln Wachen zu en Repu⸗ Ich werde r in dem den Hals ath... hn. Nur rochen?“ 261 „Ach nein,“ lautete die bewußtloſe Antwort,„er iſt nicht zu ſprechen; er beräth, er wird begnadigen... nur noch einen Augenblick...“ Der Offizier wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge: dennoch ſchien er unerbittlich den erhaltenen Befehl voll⸗ ziehen zu wollen. Er rief einige andere Leute aus dem Wachthaus herbei und bedeutete ihnen, daß ſie den Greis aus dem Gefängniß führen ſollten. Der Brauer, der es bemerkt hatte, ſank weinend an die Bruſt ſeines Sohnes. Beide wechſelten einige fieber⸗ hafte Küſſe. Simon⸗Brutus ſprach das letzte Lebewohl und murmelte tröſtende Worte in ſeines Vaters Ohr. Dann machte er ſelbſt ſeine Arme los und übergab ihn denen, die ihn hindern ſollten, dem Schauſpiele der Hin⸗ richtung ſeines Kindes anzuwohnen. Simon⸗Brutus wurde auf den offenen Platz ge⸗ bracht, wo die Strafe vollzogen werden ſollte.— Sein unglücklicher Vater ſtand an der Thüre des Wachthauſes und ſah zitternd und vor Ungeduld ſtampfend, die Straße hinab, die zum Rathhaus führte. Plötzlich entflog ihm ein geller Schrei der Freude, der bis auf den offenen Platz drang und die Soldaten aufmerkſam machte. Der Brauer war mit aufgehobenen Händen einem Manne entgegen geeilt, der in vollem Trab und athem⸗ los heranſprengte.. „Bruno, Bruno!“ rief er,„raſch, raſch, oder iſt es zu ſpät?“ Aber Bruno ſtürmte ſprachlos an ihm vorüber, eilte durch das Wachthaus auf den offnen Platz, zu den Wachen, die bereits in Reih und Glied ſtanden und nur noch den Befehl des Verurtheilten erwarteten, um ſeine Bruſt mit zehn Kugeln zu durchbohren. „Haltet ein! Haltet ein!“ rief Bruno,„der Gene⸗ ral pardonirt ihn!“ 262 Mit dieſen Worten überreichte er dem Offizier den geſchriebenen Befehl; aber im ſelben Momente begeg⸗ nete er den Augen Simons. Beide wurden todesbleich... Bruno wandte ſich um und eilte durch das Wachthaus nach der Straße. Der alte Brauer erſchien auf dem offnen Platz und fiel halbtodt ſeinem Sohne um den Hals. Dieſer lehnte ganz zermalmt an der Mauer: er ſchien ſeinen Vater nicht zu bemerken und murmelte be⸗ wußtlos: „Bruno! Bruno hat mich gerettet!“ XII. Es war des andern Tages ungefähr um die Mit⸗ tagsſtunde. Eine Todtenſtille herrſchte über der Stadt: man hörte nur das Echo der Kanonen, das Pfeifen des mör⸗ deriſchen Eiſens und das Klirren der Feuſter, die durch das Zerſpringen von Haubitzen und Bomben zerſchmet⸗ tert wurden. Kein Bürger war auf den Straßen zu ſehen; alle Thüren waren geſchloſſen. Man hätte glauben können, die Einwohner der Stadt hätten ſich bei herannahender Gefahr vor Schrecken in die Keller geflüchtet, um nicht durch das Geſchütz getroffen zu werden und nach Been⸗ digung des Kampfes der Rache der Sieger zu ent⸗ gehen. Mit Ausnahme einiger kleinen Abtheilungen ſtan⸗ den die Patrioten auf den Wällen, um jeden Angriff des eindes a 15 ſich in hörlich übe Da ſi zoſen abſic konnten die Schaden z unthätigke Wenn den Ebene zeugung, Wie weit mit einer in dichte! über die und ſo di und Eiſen Auf Lage vor die übrig trioten. Brur ab; er n melte er auf den quälte. Bei dem Löw muthlos. Die ſich auf! geſchaart greifliche man nich einem gr. und Ber ffizier den ate begeg⸗ andte ſich Straße. Platz und Nauer: er rmelte be⸗ die Mit⸗ adt: man des mör⸗ die durch zerſchmet⸗ ihen; alle n können, nnahender um nicht ach Been⸗ zu ent⸗ igen ſtan⸗ Augriff des 263 Feindes abzuwehren. Sie hatten Laufgräben angelegt und ſich in dieſen vor den Kanonenkugeln, die unauf⸗ hörlich über ihnen weg in die Stadt flogen, zu ſchützen. Da ſie kein grobes Geſchütz beſaßen und die Fran⸗ zoſen abſichtlich außerhalb der Schußweite blieben, ſo konnten die Bauern dem Feinde nicht den geringſten Schaden zufügen und ſahen ſich zu einer demüthigenden Unthätigkeit verurtheilt. Wenn ſie einen flüchtigen Blick über die umliegen⸗ den Ebenen und Berge warfen, bebten ſie bei der Ueber⸗ zeugung, daß ihnen keine Hoffnung auf Sieg mehr blieb. Wie weit auch ihr Auge ſah, überall ſchien der Boden mit einer wimmelnden Maſſe von Feinden bedeckt, die in dichte Reihen geordnet, ſich in die Tiefe herabzog, über die Ebenen ausbreitete, an den Höhen hin lagerte und ſo die Stadt mit einer großen Mauer von Stahl und Eiſen einſchloß. Auf dem Markt, an den Hänſern, die durch ihre Lage vor dem Geſchütze der Feinde ſicher waren, ſtanden die übrigen Truppenabtheilungen des Heeres der Pa⸗ trioten. Bruno ging dort mit langſamen Schritten auf und ab; er war ernſt und niedergeſchlagen. Bisweilen mur⸗ melte er trotzig vor ſich hin und ſtampfte mit Uugeduld auf dei Boden, als ob ihn ein geheimer Kummer quälte. Bei den Waldeghem'ſchen Corps ſtand Karel aus dem Löwen, das Haupt auf die Bruſt gebeugt und ganz muthlos. Dieſelbe düſtere Stille herrſchte unter denen, die ſich auf dem Markte und in den angrenzenden Straßen geſchaart hatten. Außer dem Murren gegen die unbe⸗ greifliche Unthätigkeit des Generals de Roumiroir hörte man nichts als das Traben einzelner Reiter, die vor einem großen Wirthshauſe auf dem Markte anhielten, und Berichte überbrachten, oder Befehle empfingen. Aus blicke eini dieſem Wirthshauſe traten in dieſem Augen⸗ ge Offiziere, welche ſich eilends zu den kleinen Stadt me 264 V Stadt tre Corps begaben. Die Kapitäns verließen nun ihre Truppen und eil⸗ ten von allen Seiten nach der Wohnung des Generals, wo ſie durch die Hauptthüre verſchwanden. Igm ſiebt Drinnen auf dem offnen Platze ſtand der General de Roumiroir. Sein Geſicht trug den Stempel des „Geſt Verdruſſes und Mißmuthes.„nen Hu Bisweilen ſchüttelte er unruhig den Kopf, während„angekomt er ſeinen Blick auf ein Blatt Papier heftete, das wahr⸗„Chambor ſcheinlich ſehr ungünſtige Mittheilungen enthielt.„Regiment obald er ſich von den herbeigerufenen Kapitäns„Man hör umgeben ſah, ſprach er mit muthloſem Tone:„mit Trug „Freunde, die Sache unſeres Vaterlandes iſt in„rectorium großer Gefahr. Ich weiß nicht, was ich beſchließen„Brigands ſoll; ich kann nicht allein über das Leben ſo vieler mu⸗„Kolonnen thigen Männer entſcheiden. Ich erwarte Ihren Rath.„vandern be Wir hofften mit Recht, der Beſitz einer Feſtung werde„Grenzen uns ſtark machen und die Städte würden ſich für die„Sie Unabhängigkeit des Landes erheben; aber der Feind, Frankreich der unſre Abſicht zu früh erkannte, hat alle ſeine Kräfte und uns zuſammengerafft, um uns zu vernichten, ehe unſre Hoff⸗ halte es f nung ſich verwirklichen konnte. Zwei Tage genügten.... und ihm, ein großes Heer um Dieſt zuſammenzuziehen. Jeden rieben zu! Augenblick die Zufuhr von Kriegs⸗ und Mundvorrath dauert un⸗ unterbrochen fort. An Ausfälle aus der Feſtung dürfen wir nicht mehr denken. Wir verlieren dabei nutzlos unſre tapferſten Leute und der Feind iſt überdies ſchon glaube ich Abends od durch den; Rettung z wird er durch neue Hilfstruppen verſtärkt; verde ich i ſo mächtig im Felde, daß wir ihm unmöglich Stand V Ein halten können. Auf der andern Seite bitte ich in Er⸗ durch die d wägung zu ziehen, daß der Mundvorrath in Dieſt voll⸗ geradezu a kommen aufgebraucht iſt: wir können uns keine zwei Bruno Tage mehr halten, ohne daß der Hunger uns aus der V da nanzitt ſem Augen⸗ den kleinen en und eil⸗ Generals, er General tempel des „während 2 wahr⸗ t. Kapitäns ees iſt in beſchließen vieler mu⸗ ren Rath. ng werde ch für die er Feind, ne Kräfte iſre Hoff⸗ genügten in. Jeden verſtärkt; auert un⸗ ig dürfen i nutzlos ies ſchon h Stand h in Er⸗ ieſt voll⸗ ine zwei aus der 26⁵ Stadt treibt. Vernehmen Sie dazu, was man aus der Stadt meldet: „Brüſſel, 14 Brimaire. Im ſiebten Jahr der einigen und untheilbaren Republik. „Geſtern und vorgeſtern ſind hier einige Schwadro⸗ „nen Huſaren und verſchiedene Colonnen Infanterie „angekommen. Wir erwarten noch die Huſaren von „Chamborent, welche von Paris kommen, ſowie ein „Regiment Jäger zu Pferde aus dem Lager von Mainz. „Man hört ferner, daß der Weg von Paris nach Brüſſel „mit Truppen und Artillerie bedeckt iſt, welche das Di⸗ „rectorium nach Belgien ſendet, um dem Aufſtande der „Brigands ein Ende zu machen. Endlich ſind viele „Kolonnen Nationalgarden aus Brüſſel, Douai und „andern benachbarten Plätzen von Frankreich auf unſern „Grenzen angekommen. „Sie ſehen, die Sachen ſtehen ſehr ſchlimm; ganz Frankreich ſcheint ſich um Dieſt ſammeln zu wollen, und uns mit ſeiner Uebermacht zu erdrücken. Ich halte es für das Gerathenſte, die Stadt zu verlaſſen ... und da wir ohne die Gefahr, vollſtändig aufge⸗ rieben zu werden, dies bei Tag nicht thun können, ſo glaube ich, würde es das Vortheilhafteſte ſein, des Abends oder des Nachts in der Dunkelheit unerwartet durch den Feind zu brechen und in den Wäldern unſere Rettung zu ſuchen. Weiß Jemand beſſern Rath, ſo werde ich ihn mit Dank annehmen.“ Ein dumpfes Murmeln unterdrückten Zornes lief durch die Reihen der Kapitäne, aber niemand antwortete geradezu auf die Frage des Generals. Bruno ſtand mit in einander geſchlungenen Armen da und zitterte fieberhaft.. „Mein eignes Herz ſagt mir, wie ſchmerzlich dies 266 Gefühl der Unmacht iſt!“ ſeufzte der General.„Hätten wir nur einige Kanonen, vielleicht könnten wir dann noch Zeit gewinnen und auf Unterſtützung warten....“ Bruno trat einen Schritt vor und ſprach mit einer Stimme, die von tiefer Bewegung zeugte: „Kanonen, General? Es ſtehen zehn Kanonen auf dem Allerheiligenberg. Dieſe Batterie beherrſcht die ganze Stadt und ſpeit ſeit dieſem Morgen Tod und Verderben über uns; ſie iſt der Schlüſſel zur Macht unſerer Feinde. Tragen unſere Gewehre nicht weit genug, ſo laſſen Sie uns dem Feinde entgegengehen, bis unſere Bayonnetten ihr Ziel gefunden. Wenn wir ſein wollen, was wir noch vor vier Tagen waren, ſo ge⸗ hören die Kanonen auf dem Allerheiligenberge uns....“ „Ja, ja, er hat Recht!“ riefen die Zuhörer.„Siegen oder unterliegen, wir müſſen kämpfen: die Unthätigkeit richtet uns zu Grunde.“ „Es iſt ein gefährliches Unternehmen,“ bemerkte der General.„Dazu bedarf's großen Muthes und Un⸗ erſchrockenheit. Ich zweifle, ob unſere Leute in dem Zuſtande, in welchem wir uns befinden, mit der nöthigen Tollkühnheit dem Tode entgegengehen werden. Die kleinſte Verzagtheit wäre unſer aller Untergang.“ „General!“ rief Bruno mit tiefer Entrüſtung,„die Vorſicht kann unter Umſtänden mehr ſchaden, als die Feigheit. Warum zweifeln Sie an unſerm Muth? Haben wir Ihnen, ſeitdem Sie den Befehl über uns führen, ein Recht gegeben, an unſerer Tapferkeit zu verzagen? Wie ſollten wir den Tod fürchten, der doch nach der Niederlage unſer aller Loos wäre? Ich mache Ihnen 9 Ich 3 keinen Vorwurf; aber Sie haben ſich in mir getäuſcht. Hätten wir vom Beginn der Belagerung an die Colon⸗ nen, die zum Hauptcorps ſtießen, einzeln angegriffen und aus einander geſchlagen, nie wäre es den Franzoſen möglich geweſen, uns ſo eng einzuſchließen. Nun iſt das Unglück geſchehen; aber wer weiß, ob wir durch einen kühne andere We verzweifelne kommen. ſelbſt, ſo w Die K ſeine kühne durch ihr l keit dürſtete entſcheidend Einige Dann erho Tone: „Ich k die Worte! fühlen: ab Kränkendes mehr oder Und dann daß wir auf dem Al Wunſch we und Euch z keit fehlt. aller Eile Rückzug o glücken ſoll Befehlen f ſehr unglüc Waldeghen ich vertrau Ihr von a heiligenber Corps von und Meche um Euren „Hätten wir dann ten.... 4 mit einer nonen auf errſcht die Tod und zur Macht nicht weit gehen, bis n wir ſein n, ſo ge⸗ 267 einen kühnen Schlag dem Stand der Dinge nicht eine .„Siegen inthätigkeit bemerkte s und Un⸗ e in dem r nöthigen Die kleinſte ſtung,„die u, als die th? Haben ns führen, verzagen? h nach der ache Ihnen getäuſcht. die Colon⸗ griffen und Franzoſen Nun iſt wir durch andere Wendung geben können? Während unſere Leute verzweifelnd daſtehen, wird das Glück nicht über uns kommen. Das Sprichwort ſagt mit Recht: hilf Dir ſelbſt, ſo wird Dir Gott helfen!“ Die Kapitäne, welche Bruno umringten, bekräftigten ſeine kühne Rede mit beifälligem Jauchzen und bezeugten durch ihr begeiſtertes Zurufen, daß auch ſie nach Thätig⸗ keit dürſteten und bereit ſeien, all' ihren Muth in einem entſcheidenden Schritte zuſammenzuraffen. Einige Augenblicke ſah der General ſtill zu Boden. Dan erhob er den Kopf und ſagte mit entſcheidendem one: „Ich könnte, als Menſch und als Feldherr, mich durch die Worte des Kapitäns der Waldeghemſchen Leute gekränkt fühlen: aber ich vergebe gerne, was darin für mich Kränkendes liegen kann. Es iſt jetzt nicht Zeit, über die mehr oder weniger paſſende Form einer Rede zu ſtreiten. Und dann iſt, was er ſagte, wahr. Ihr glanbt alſo, daß wir einen entſcheidenden Ausfall auf die Batterie auf dem Allerheiligenberg wagen können? Wohlan, Euer Wunſch werde erfüllt. Ich werde den Angriff befehligen, und Euch zeigen, daß es mir nicht an perſönlicher Tapfer⸗ keit fehlt. Als Feldherr werde ich jedoch zuvor noch in aller Eile einige Vorkehrungen treffen, um uns einen Rückzug offen zu halten, wenn unſer Vorhaben miß⸗ glücken ſollte. Verſprecht mir, Freunde, daß Ihr meinen Befehlen folgen wollt; die geringſte Unordnung müßte ſehr unglücklich für uns ausfallen. Ihr, Kapitän von Waldeghem, werdet mit Eurer Mannſchaft vorangehen; ich vertraue auf Eure erprobte Unverzagtheit. Während Ihr von allen Truppen Oberkempens gefolgt, den Aller⸗ heiligenberg beſteigt, und den Feind angreift, werden die Corps von Klein⸗Brabant mit den Leuten von Mier und Mecheln die Wälle unterhalb des Thores beſetzen, um Euren Rückzug im Nothfalle zu decken und einen 268 Ueberfall abzuwehren. Begebt Euch nun zu Euren Truppen, feuert ſie durch die Schilderung des kühnen Unternehmens an und bringt Eure Leute nach dem Markte.“ Die Kapitäne eilten mit gehobenem Säbel jauchzend über den Markt zu ihren Fahnen. Kaum konnten einige den Ort erreicht haben, wo ihre Leute ſtanden, als ein heiterer Jubel ſich aus der Mitte der einzelnen Schaaren erhob, und jeder begrüßte die frohe Botſchaft mit lautem Kriegsgeſchrei. Namentlich erfüllten die Waldeghem'ſchen Leute mit Karel aus dem Löwen an der Spitze die Luft mit ihrem Kriegsgeſchrei. Die Truppen begannen ſich in Marſch zu ſetzen und bildeten dichte Colonnen vor dem Eingang der Straße, die zu dem Allerheiligenthore führte. Bald erſchien auch der General mit einigen Stabs⸗ offizieren auf dem Markte und ritt bis zu dem Waldeg⸗ hem'ſchen Corps vor, das an der Spitze der Colonne ſtand. Einige Reiter wurden zu den verſchiedenen Trup⸗ pentheilen mit dem Befehl entſandt, die größte Stille zu beobachten, bis die Trommeln und Hörner zum Sturm ertönen würden. Als alles Geräuſch verſtummt war und der General ſah, daß man ſeinen Befehlen nachgekommen, gab er Bruno das Zeichen zum Marſche. Die rolhe Kreuzfahne des Waldeghem'ſchen Corps ſetzte ſich in Bewegung; die ganze Colonne folgte langſam und in tiefſter Stille die lange Straße bis zum Thore. Auf der Höhe des Allerheiligenberges ſtand eine ziemlich große Kapelle. Neben dieſer hatten die Franzoſen die gefürchtete Batterie von zehn ſchweren Geſchützen aufgeſtellt. Der Platz bot große Vortheile, denn da die Kanoniere ſich immer hinter der Kapelle ſchützen konn⸗ ten, war es von der Feſtung aus den Belagerten un⸗ möglich, unter der Mannſchaft Schaden anzurichten. Hinter der Kapelle, an einem Abhang, lagen fünf bis ſechshu Batterie gee Die B aber wurde hinauf keine Aus d Allarm blaſ Feind in al um die bedr Auf de und Tromp Ein de erhob ſich a und mit eil Thore hervo Aber k halb der St der Höhe Patrioten er . Bruno zauderten, dieſe Weiſe die Kanone Praſſeln der Er tra geiſtert zu: „O Fr Fällt die T und Vaterla „Vorw während er ſein Beiſpie Durch das Waldeg auch die K. den Angriff zu Euren des kühnen nach dem jauchzend iten einige n, als ein Schaaren nit lautem eghem'ſchen Spitze die ſetzen und er Straße, en Stabs⸗ n Waldeg⸗ r Colonne nen Trup⸗ Stille zu im Sturm er General I, gab er den Corps ee langſam um Thore. ſtand eine Franzoſen Geſchützen un da die itzen konn⸗ gerten un⸗ chten. lagen fünf 269 bis ſechshundert Soldaten, um, wenn es nöthig, die Batterie gegen einen Ausfall zu ſchützen. Die Bauern näherten ſich indeſſen dem Thore. Hier aber wurde ihr Plan dem Feinde ſichtbar, da höher hinauf keine Häuſer mehr ſtanden, die ſie verdeckt hätten. Aus der Ferne hörte man im franzöſiſchen Lager Allarm blaſen und man konnte leicht bemerken, wie der Feind in aller Eile ſeine Truppen in Bewegung ſetzte, um die bedrohte Batterie zu beſchützen. Auf den Befehl des Generals erklangen Trommeln und Trompeten im Heere der Patrioten. Ein donnernd Jauchzen, ein lautes Kriegsgeſchrei erhob ſich aus dem Schooß der vaterländiſchen Truppen, und mit eilendem Schritte brachen die Bauern aus dem Thore hervor und ſtürmten den Berg hinan. Aber kaum war das Waldeghem'ſche Corps unter⸗ halb der Stadt, als ſich die fünfhundert Franzoſen auf der Höhe zeigten und einen Kugelhagel den nahenden Patrioten entgegen ſchickten. Bruno bemerkte mit Schrecken, daß ſeine Leute zauderten, oder ihre Gewehre abſchießen wollten. Auf dieſe Weiſe konnte man nicht Stand halten, denn auch die Kanonen miſchten nun ihren Donner unter das Praſſeln der Feuerrohre. Er trat muthig vor ſeine Leute und rief ihnen be⸗ geiſtert zu: „O Freunde, noch einmal ſei's geſagt. Folgt mir! Fällt die Bayonnette, vorwärts, vorwärts! Für Gott und Vaterland!“ „Vorwärts! vorwärts!“ rief Karel aus dem Löwen, während er mit Bruno den Berg hinanſtürmte und durch ſein Beiſpiel die Kameraden anfeuerte, ihnen zu folgen. Durch das mörderiſche Feuer der Franzoſen verlor das Waldeghem'ſche Corps viele Leute. Aber wie ſehr auch die Kugeln ihre Reihen lichteten, gaben ſie doch den Angriff nicht auf und ſtürmten mit unbegreiflicher 270 Kühnheit den Berg hinan, wo eine dicht geſchloſſent Schaar ſie erwartete. Hier begann ein verzweifelter Kampf, Mann gegen Mann mit Schwert und Bayonnett. Man hieb, man ſtieß, man ſchlug, man rang eine Zeitlang mit ſo raſen⸗ dem Uugeſtüm, daß bald ein Haufen Leichen im Blutte ſchwimmend am Boden lag. Die Waldeghem'ſche Heldenſchaar wäre ſicher hier bis auf den letzten Mann aufgerieben worden,— denn gegen ſo viele Feinde konnte weder Muth, noch Unver⸗ zagtheit Stand halten,— wenn nicht ebenſo raſch auch die andern Fahnen der Bauern auf der Höhe erſchienen wären und die Franzoſen von allen Seiten umringt hätten. Bruno und Karel, mit Blut und Koth bedeckt, kämpften wie wilde Löwen und feuerten durch ihr Beiſpiel zu muthigem Ausharren an. Der Feind zog ſich bis zu den Kanonen zurück und machte die unge⸗ heuerſten Anſtrengungen, um die Batterie zu behalten, bis einige der franzöſiſchen Corps, die von allen Seiten mit fliegenden Fahnen herbeiſtrömten, Entſatz bringen würden. Bruno, der ihre Abficht erkannte, und durch den Kampf zu blinder Unerſchrockenheit gereizt war, erhob auf's Neue ſein vaterländiſch Kriegsgeſchrei und ſtürmte mit ſo unwiderſtehlicher Gewalt auf den Feind ein, daß ſie die Kapelle verließen und ſtch langſam zurückzogen. Das Waldeghem'ſche Corps ſtand jauchzend bei dem verlaſſenen Geſchütz; die Hauptmacht der Feinde war in ihren Händen. Voll Freude ſprang Karel aus dem Löwen auf eine Kanone; er ſchwang ſeinen Hut auf der Spitze ſeines Schwertes und verkündigte den Sieg mit lautem Jubel. Im ſelben Augenblick entflog ihm jedoch ein furcht⸗ barer Schrei. Er hielt ſich die Hand vor die Bruſt, um die empfangene Wunde zu ſchließen; aber das Blut ſprang wi Der ungl los und ſ „Me indem er „ach, ve Wo, wo Mit in Stück flogen di Köpfen beherrſcht befand. ſchloſſenen Armen. öffnete§ Lächeln unhörbarf „Lel für Gott Ein ſtreckte ſi Aus Verzweift nach, w Stadt zu Plö pelter G griff ſei wo der den Heer ſchüſſen Wie als er wich und Em geſchloſſene Nann gegen hieb, man t ſo raſen⸗ im Blute ſicher hier 1,— denn noch Unver⸗ raſch auch eerſchienen in umringt th bedeckt, durch ihr Feind zog die unge⸗ u behalten, llen Seiten atz bringen d durch den var, erhob und ſtürmte d ein, daß rückzogen. end bei dem nde war in en auf eine ppitze ſeines tem Jubel. ein furcht⸗ Bruſt, um das Blut 271 ſprang wie ein Strom zwiſchen ſeinen Fingern hervor. Der unglückliche Jüngling ſank zuſammen und fiel kraft⸗ los und ſterbend in Brunos Arme. „Mein Freund, o Karel, lieber Karel,“ rief Bruno, indem er die Kleider ſeines Kameraden abzureißen ſuchte, „ach, verzweifle nicht. Ich werde Dein Blut ſtillen. Wo, wo iſt Deine Wunde?...“ Mit fieberhafter Haſt riß er das Oberkleid Karels in Stücke, um ſeine Bruſt zu entblößen. Inzwiſchen flogen die Kugeln mit vernichtender Gewalt über ihren Köpfen weg; aber von Kummer und Schmerz ganz beherrſcht, ſchien er nicht mehr zu wiſſen, wo er ſich befand. Der verwundete Jüngling lag ihm mit ge⸗ ſchloſſenen Augen und todtenblaſſem Geſichte in den Armen. Als Bruno ihm endlich die Bruſt entblößt, oöͤffnete Karel noch einmal die brechenden Augen: ein Lächeln erſchien auf ſeinem Geſichte und mit beinahe unhörbarer Stimme murmelte er: „Lebewohl, Freund, meine Mutter... für Gott, für Gott und Vaterland...“ Ein leichter Krampf durchzuckte ſeine Glieder, er ſtreckte ſich und blieb bewegungslos liegen. Aus Brunos Bruſt lößte ſich der Schrei banger Verzweiflung. Er ſah beinahe gefühllos den Männern nach, welche Karels Leiche aufhoben, um ſie nach der Stadt zu bringen. Plötzlich, als ob das Gefühl der Rache mit dop⸗ pelter Glut in ſeiner Bruſt aufloderte, erhob er ſich, er⸗ griff ſein Schwert und wollte nach dem Orte ſtürzen, wo der Kampf noch immer fortdauerte, obgleich die bei⸗ den Heere ſich nur noch aus der Ferne mit Gewehr⸗ ſchüſſen bekämpften. Wie tief erbebte das Herz des armen Jünglings, als er bemerkte, daß das vaterländiſche Lager zurück⸗ wich und nach der Stadt zurückkehren zu wollen ſchien. Empört über dieſe Feigheit, eilte er zu einigen 272 Stabsoffizieren, welche er hinter der Schlachtordnung in einem Kreiſe ſtehen ſah. Er wollte ſeiner Entrüſtung in kräftigen Worten Luft machen, aber was er dort ſah, machte ihn verſtummen. Der General de Roumiroir ſtand inmitten einiger Offiziere, die Bruſt voll Blut und das ganze Antlitz verſchunden. Eine Kugel hatte ihm die Unterlippe und einen Theil des Kinns weggenommen. Bruno verließ dieſen Ort und eilte nach dem rech⸗ ten Flügel der Schlachtlinie, wo er die rothe Kreuzfahne wehen ſah. Unterwegs begegnete ihm ein Stabsoffizier, den er kannte. „Was ſoll das?“ rief er.„Warum weicht man zurück? Wer hat ſolchen feigen Befehl gegeben? Aleedieſe Ströme Blutes ſollten vergeblich gefloſſen ein 2“ „Schweigt, Bruno,“ antwortete der Offizier. „Wenn wir uns nicht beeilen, in die Stadt zurückzu⸗ kehren, iſt alles verloren. Blickt über die Ebene hin: fünf bis ſechs tauſend Feinde, ganze Haufen Reiterei und Feldgeſchütz nähern ſich dem Allerheiligenberg. Hier iſt kein Bleiben für uns. Der Rückzug iſt deßhalb be⸗ fohlen; wir werden den Kampf hinter den Wällen fort⸗ ſetzen, wenn es nöthig iſt...“ Der Offizier entfernte ſich. Schon hatte ſich die ganze Schlachtlinie auf ihrem langſamen Rückzuge Bruno genähert. Er begab ſich ſprachlos zu dem Waldeghem'ſchen Corps und folgte ihm mit geſenktem Haupte und trauernd, als ob er allem, was geſchehen, fremd geblieben. So zogen die Paniere nach und nach mit muthiger Gegenwehr in die Stadt und ſchaarten ſich hinter den Feſtungswerken, um dem Feinde zu begegnen, wenn er einen Anugriff auf das Thor wagen ſollte. Aber die Franzoſen begnügten ſich damit, von ihren Kanonen mieden ſie Die überzeugt, geben, ol zu wagen Den demſelben mit verdon liche Dun ſenkte, br ab, um; ſchöpfen. Es n Oede Stadt Die Stille, die lich macht Dunkelhei Lichter auf Dieſe dieſe ſchre die Glocke den Tönen kündeten. Da r die Glock Todtenſchl geöffnet un ſchienen ſ Schritt un wollten ſi begehen. Man nen können Conſcience chtordnung Entrüſtung rdort ſah, ten einiger nze Antlitz rlippe und dem rech⸗ dreuzfahne bsoffizier, eicht man gegeben? gefloſſen Offizier. zurückzu⸗ bene hin: Reiterei rg. Hier ßhalb be⸗ llen fort⸗ auf ihrem egab ſich olgte ihm er allem, muthiger inter den wenn er oon ihren 273 Kanonen wieder Beſitz zu ergreifen. Im Uebrigen ver⸗ mieden ſie es ſorgfältig, ſich auf Schußweite zu nähern. Die franzöſiſchen Generale waren ohne Zweifel überzeugt, die Stadt werde ſich wohl von ſelbſt über⸗ geben, ohne daß es nöthig ſei, einen blutigen Sturm zu wagen. Den ganzen Nachmittag blieben die Sachen auf demſelben Punkte. Die Stadt wurde bis zum Abend mit verdoppelter Gewalt beſchoſſen; aber ſobald die nächt⸗ liche Dunkelheit über die Ebene und die Feſtung ſich ſenkte, brach man das Feuern auf der feindlichen Seite ab, um zum Kampf des nächſten Tages neue Kraft zu ſchöpfen........ Es war Nacht. Oede und leer waren die dunkeln Straßen der Stadt Dieſt. Kein lebendig Weſen unterbrach die tiefe Stille, die die belagerte Feſtung einer Todtengruft ähn⸗ lich machte, und als ob man mit Abſicht die unendliche Dunkelheit noch hätte vermehren wollen, waren alle Lichter auf Markt und Straßen ausgelöſcht. Dieſe unheimliche Stille, dieſe geheimnißvolle Ruhe, dieſe ſchreckliche Oede dauerte ununterbrochen fort, bis die Glocken von Kirchen und Kapellen in langnachhallen⸗ den Tönen die feierliche Stunde der Mitternacht ver⸗ kündeten. Da veränderte ſich plötzlich das Schauſpiel, als ob die Glockenklänge eine ganze Bevölkerung aus dem Todtenſchlafe geweckt. Viele Thüren wurden vorſichtig geöffnet und wieder geſchloſſen. Unmittelbar darauf er⸗ ſchienen ſchwarze Menſchengeſtalten, die mit leiſem Schritt und ſprachlos an den Häuſern hinſchlichen, als wollten ſie eine Beute überfallen oder ein Verbrechen begehen. Man hiüätte in dieſer tiefen Dunkelheit nicht erken⸗ nen können, welcher Schlag von Menſchen ſo geheimniß⸗ Conſcience, Bauernkrieg. 18 274 voll durch die Straßen ſchlich, wenn nicht bisweilen ein ſchwaches Glitzern oder Raſſeln von Waffen hätte ſchließen laſſen, daß die nächtlichen Wanderer zum Kampfe ge⸗ rüſtet ſeien. Mit jedem Augenblicke wuchs ihre Zahl; bald ſtröm⸗ ten ganze Haufen von den Wällen nach den tiefer lie⸗ genden Theilen der Stadt; die Straßen wimmelten von Menſchen. Alle aber ſchwiegen und ſuchten ängſtlich das Geräuſch ihrer Tritte und Waffen zu vermeiden. Stumm und mit großer Vorſicht fortſchleichend, folgten alle einer Richtung nach der Seite der Stadt, wo der Beguinen⸗ hof unfern von den Wällen ſich mit ſeiner Kirche erhebt. Rings um dieſes Stift und in den unliegenden Straßen befanden ſich bereits tauſende von Menſchen, theils in Reih und Glied, theils in zufälligen Haufen bei einander ſtehend oder in der Dunkelheit noch nach Freunden und Kameraden ſuchend. Näher an der Mauer des Beguinenhofes ſtanden eine Anzahl Tragbahren, von welchen nicht ſelten ſich ein peinliches und halberſticktes Jammern erhob; es waren Verwundete, umringt von Freunden, die ſie zu tröſten ſuchten und ſie in der Stille verſicherten, daß ſie ſie nicht verlaſſen würden. Auch einige Frauen und Mädchen ſtanden um die Verwundeten her. Die durcheinander wimmelnde Menſchenmaſſe konnte ſich indeß nicht ſo ſtill halten, daß man nicht das Rauſchen eines fernen Waſſerfalles hätte zu hören geglaubt; aber dies Geräuſch war ſo leiſe und undeutlich, daß es ſich mit dem Säuſeln des Windes vermiſchte und bis⸗ weilen ganz erſtarb. Am Fuß des Feſtungswalles war mehr Bewegung und bisweilen vernahm man von dort ein lautes Ge⸗ räuſch. Man ſchien damit beſchäftigt, Kriegswerkzeuge zu fertigen, denu man trug dort ſchwere Stücke Holz zuſammen. Bei Patriote trotz ſei neben il muthige Vor dem Ger Straßen wurde il men, da Der das Hol⸗ vorſichtig In richtete gerade Stiftes; dumpfer 9 Die andere 2 und ſagt „Jo Muth, ſchrecklich furchtbar armen P ſtoße. melte de „B ſchloſſen der wir „M großen aus der sweilen ein te ſchließen Kampfe ge⸗ bald ſtröm⸗ mtiefer lie⸗ melten von ngſtlich das in. Stumm i alle einer Beguinen⸗ rche erhebt. imliegenden Menſchen, gen Haufen noch nach fes ſtanden ſelten ſich erhob; es die ſie zu en, daß ſie den um die naſſe konnte as Rauſchen aubt; aber ), daß es und bis⸗ Bewegung lautes Ge⸗ swerkzeuge Stücke Holz 27⁵ Bei den Arbeitern ſtanden die erſten Offiziere der Patrioten. Der General de Roumiroir ermuthigte ſie trotz ſeiner ſchweren Wunde durch ſeine Gegenwart: neben ihm und ſelbſt mitarbeitend, ſtand Bruno, der muthige Kapitän des Waldeghem'ſchen Corps. Von Zeit zu Zeit kamen einige Stabsoffiziere, um dem General Bericht über den Stand der Dinge in den Straßen um den Beguinenhof zu erſtatten. Endlich wurde ihm gemeldet, daß man Grund habe, anzuneh⸗ men, daß Alles bereit ſei. Der General gab ein Zeichen. Die Arbeiter luden das Holz auf ihre Schultern und ſtiegen langſam und vorſichtig über den Wall. In aller Eile verließ Bruno dieſen Platz und richtete ſeine Schritte nach dem Beguinenhof. Er ging gerade auf einen dunkeln Winkel in der Mauer des Stiftes zu, ergriff Jemand an der Hand und ſprach mit dumpfer Stimme: „Mutter, Veva, kommt, alles iſt bereit. Die Frauen gehorchten ihm ſchweigend; noch zwei andere Perſonen folgten ihnen. Bruno wandte ſich um und ſagte, während er weiter ging: „Jan, mein getreuer Freund, nimm all' Deinen Muth, alle Deine Vorſicht zuſammen. Ich habe eine ſchreckliche Ahnung: ich zittere und bebe vor einem furchtbaren Unglück, das uns droht. Schütze unſern armen Paſtor, daß ihm in der Dunkelheit nichts zu⸗ ſtoße....“ „Gott hat mein Schickſal in ſeinen Händen,“ mur⸗ melte der alte Prieſter.„Seid nicht um mich beſorgt.“ „Bruno,“ fragte der Knecht,„was hat man be⸗ ſchloſſen? Sagt es mir, damit wir die Gefahr kennen, der wir ausweichen müſſen.“ „Man hat eine Brücke über das Waſſer neben der großen Schleuſe gelegt: auf dieſem Weg müſſen wir aus der Stadt zu entkommen ſuchen. Es iſt der einzige 276 Platz, den der Feind nicht beſetzt hat. Wenn Ihr alſo über der Brücke ſeid, ſo geht immer gerade aus, ſchlagt keine andere Richtung ein... wir gehen nach Haſſelt...“ „Aber, Bruno, der alte Brauer iſt nicht bei uns.“ „Er iſt bei ſeinem Sohne: ich habe Simon in Freiheit geſetzt...“ Bruno ſchlang ſeinen Arm um den Hals der Mut⸗ ter und ſagte in weichem Toue: „Du bebſt, Mutter? Du vergießeſt Thränen in der Dunkelheit? O ringe nach Muth. Ich werde bei Dir bleiben, Dich vertheidigen, Dich beſchützen gegen alle Gefahr... Und wenn auch die ſchreckliche Stunde er⸗ ſchienen, ſo verſüßt doch eins den Becher unſres Leidens ... Du wirſt mich und Genoveva in Deine Arme ſchließen, und Alle zuſammen, vereinigt durch das heilige Band der Liebe, werden wir zu Gott uns erheben, der uns die Märtyrerkrone vergönnt...“ In dieſem Augenblicke näherten ſie ſich dem Stadtwall. Schon ſtand der verſchont gebliebene Theil des Waldeghem'ſchen Corps in Reih und Gliedern: etwas tiefer in die Stadt hinein und nach dem Beguinenhof zu, hatten ſich die übrigen Corps in einer feſtgeſchloſſe⸗ nen Colonne aufgeſtellt. Einige Corps, die die Befehle des Generals mißverſtanden und wahrſcheinlich von Angſt getrieben, zuerſt über die Brücke kommen wollten, dräng⸗ ten ſich von der entgegengeſetzten Seite an die Spitze des Heeres. Bis dahin war Alles in größter Ordnung und tief⸗ ſter Stille geſchehen. Der General gab dem Waldeghem'ſchen Corps ein Zeichen; er ging voran und ſtieg über den Wall. Das ganze Heer bewegte ſich langſam; aber die Corps, die an den Feſtungswerken ſtanden, hatten ſo große Eile, aus der Stadt zu kommen, daß ſie an fünf bis ſechs verſchiedenen Plätzen über den Wall ſtiegen und in großer Maſſe gegen die Brücke andrängten. Sei worden Höhe auf vernomm ſtand— Kanonen Stadt ur Bei ten; die ſuchten ſt nen. Al genden w Es Herzen Bewußtſ über den nach der Ein der Kand der Flüch das Waf Die Fliehende Schrecken Walle h der bald und Geja rückzuhal fliehen. keine Se Inz nächſten ſich unfer geſtellt. Ort, wo Wä Ihr alſo 1s, ſchlagt daſſelt...“ bei uns.“ Simon in der Mut⸗ ien in der bei Dir gegen alle btunde er⸗ es Leidens eine Arme das heilige heben, der Stadtwall. Theil des n: etwas eguinenhof ggeſchloſſe⸗ ie Befehle von Angſt n, dräng⸗ die Spitze und tief⸗ Corps ein all. aber die hatten ſo aß ſie an den Wall ndrängten. 277 Sei es nun, daß die beabſichtigte Flucht verrathen worden oder daß die franzöſiſchen Schildwachen von der Höhe außerhalb des Herenthalſchen Thores das Geräuſch vernommen, das aus der Unordnung bei der Brücke ent⸗ ſtand— in dieſem Augenblick erdröhnte ein gewaltiger Kanonenſchuß, der mit ſeinem Donnerton furchtbar über Stadt und Feld erſcholl. Bei dieſen ſchrecklichen Zeichen erbebten die Patrio⸗ ten; die hinterſten Corps ſtürmten nach vornen, und ſuchten ſich mit Gewalt einen Weg nach dem Wall zu bah⸗ nen. Alle, ſelbſt die Muthigſten, mußten den Andrän⸗ genden weichen. Es erhob ſich ein entſetzliches Angſtgeſchrei, Aller Herzen erbebten in banger Furcht. Man verlor das Bewußtſein; Jeder eilte vorwärts; ganze Haufen liefen über den Wall und ſtürzten wie eine brauſende Fluth nach der Brücke. Ein furchtbares Krachen miſchte ſich in den Donner der Kanonen:— die Brücke brach unter dem Gewicht der Flüchtigen zuſammen und ſtürzte mit ihrer Laſt in das Waſſer... Dies Unglück hemmte aber das Andrängen der Fliehenden nicht. In der großen Dunkelheit und vom Schrecken verblendet, ſtrömten ſie unaufhörllich vom Walle herab und ſtürzten kopfüber in einen Graben, der bald ganz von Leichen angefüllt war. Das Geſchrei und Gejammer ihrer zerſchmetterten Brüder, ſtatt ſie zu⸗ rückzuhalten, trieb ſie vielmehr an, der Stadt zu ent⸗ fliehen. Es war eine ſo furchtbare Verwirrung, daß keine Schilderung ein Bild davon zu geben vermag. Inzwiſchen waren die franzöſiſchen Corps aus dem nächſten Lagerplatz unter die Waffen getreten und hatten ſich unfern von der Schleuſe in Reih und Gliedern auf⸗ geſtellt. Von dort ſchoßen ſie unaufhörlich nach dem Ort, wo ſich das Nothgeheul erhob. Während die Patrioten zu Hunderten im Waſſer 278 über einander ſtürzten und ertranken, flogen die Kugeln wie ein mörderiſcher Hagel unter ſie, um ſich die Schlacht⸗ opfer aufzuſuchen, die glücklich genug geweſen, lebendig über den Graben zu kommen. Nach einer halben Stunde war der furchtbare Jam⸗ mer zu Ende; alles wurde ſtill... aber die nächtliche Dunkelheit barg fünfhundert Leichen in ihrem Schooß! XIII. Die Nacht iſt noch dunkel. Erſt in drei Stunden werden die Sonnenſtrahlen den Schauplatz furchtbaren Jammers beleuchten und ſelbſt die Franzoſen durch den Anblick von fünfhundert Leichen erſchrecken, die bis an den Rand des Grabens aufgehäuft, im Moraſte er⸗ ſtickt, im Schmutz zertreten oder durch die Kugel getrof⸗ fen in ihrem Blut auf dem freien Felde an der Demer iegen.... Die Patrioten, deuen es gelungen war, über die Leichen ihrer erſtickten Brüder hinweg auf das offne Feld zu kommen, hatten ſich durch die Dunkelheit nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen geworfen, um der Todesgefahr zu entgehen. Wie ſehr auch das Heer zerſtreut war, ſo war doch ein anſehnlicher Theil auf der großen Landſtraße, die nach dem Limburg'ſchen Kempen führt, entkommen. An der Spitze der Flüchtlinge befand ſich das Waldeg⸗ hem'ſche Corps, das wenig gelitten, da ſie über die Brücke gekommen, ehe der Einſturz das Zeichen zu dem ſchrecklichen Unglück wurde. Von ſo ſehr, und unte Wege nie zeugung Hände ihr aus der d tes, ſchme Endl legt, wa daß Brun ſtand, ihn dort ausz Man Ruheſtätte wurden ganz mit an Maue Unar nicht hatt wurde ihr weilen wo So am Wege kaum mel Menſchen erſten beſ Eine ſten Bauer in tiefen hatten ihr tet, oder Schickſal Alles Seufzer n ie Kugeln Schlacht⸗ lebendig dare Jam⸗ nächtliche Schooß! Stunden irchtbaren durch den die bis oraſte er⸗ ghel getrof⸗ er Demer über die offne Feld nach ver⸗ gefahr zu ſo war andſtraße, ommen. Waldeg⸗ über die n zu dem 279 Von Angſt getrieben, beeilten die Bauern ihre Schritte ſo ſehr, daß die Schwächſten es bald aufgeben mußten und unter ſchrecklichem Jammer zu ganzen Haufen am Wege niederſanken. Als ob die Unglücklichen die Ueber⸗ zeugung gehabt, durch dieſes Aufgeben der Flucht in die Hände ihrer unerbittlichen Feinde zu fallen, riefen ſie noch aus der Ferne in der Dunkelheit ihren Freunden ein letz⸗ tes, ſchmerzliches Lebewohl nach. Endlich, nachdem ſie drei Stunden Weges zurückge⸗ legt, war das Waldeghem'ſche Corps ſo ſehr erſchöpft, daß Bruno bei einem kleinen Dörfchen, das am Wege ſtand, ihnen Halt zu machen befahl, um bis zum Morgen dort auszuruhen. Man vertheilte ſich in dem Dörfchen, um ſich eine Ruheſtätte zu ſuchen. Die Einwohner der wenigen Häuſer wurden herausgeklopft, und als Ställe und Scheuern ganz mit Leuten angefüllt waren, legten ſich die übrigen an Mauern und Bäume auf den feuchten Boden nieder. Unaufhörlich kamen noch Nachzügler, die den andern nicht hatten ſo raſch folgen können. Bei dem Dorfe wurde ihnen geſagt, daß man hier bis zum Morgen ver⸗ weilen wolle. So drängte ſich nach und nach zwiſchen den Häuſern am Wege eine große Menſchenmaſſe; bald konnte man kaum mehr über die Straße kommen, da der Boden mit Menſchen bedeckt war, die ſich in der Dunkelheit auf den erſten beſten Platz neben einander niedergelegt. Eine Todtenſtille herrſchte über dem Dorfe: die mei⸗ ſten Bauern, durch dieſen langen Marſch erſchöpft, waren in tiefen Schlaf verſunken; die wenigen, welche wachten, hatten ihre Augen unbeweglich in die Dunkelheit gerich⸗ tet, oder vergoſſen Thränen, wenn ſie an ihr unglücklich Schickſal dachten. Alles im Dorfe blieb ſtill; keine Bewegung, kein Seufzer verrieth die Anweſenheit der Unglücklichen. Sie 280 lagen im Schooß der Dunkelheit ſtill und bewegungslos wie Leichen im Innern einer unermeßlichen Todesgruft. Wüßten ſie, welche Gefahr ihnen droht, ſie würden ihrem erſchöpften Körper ſelbſt dieſe Ruhe nicht gönnen. Ihre Feinde wachen und dürſten nach Rache und Mord; ſie ſchleichen in ganzen Haufen durch die nächtliche Dunkel⸗ heit und ſuchen mit blutgieriger Ungeduld die Beute, die ihnen entgangen. Kaum war das unglückliche Schickſal der Patrioten vor Dieſt den franzöſiſchen Feldherrn bekannt geworden, als ſie augenblicklich Maßregeln trafen, allen mögli⸗ chen Vortheil daraus zu ziehen. Während eine ſtarke Heeresabtheilung Beſitz von der Feſtung nahm, erhielten die übrigen Colonnen und ſo auch die Reiterei Befehl, ſtehenden Fußes auf alle Wege, die nach Haſſelt führ⸗ ten, ſich zu vertheilen und durch die Dunkelheit bis zum Morgen fortzumarſchiren. Auf dieſe Weiſe wollte man die zerſtreuten Bauern beim erſten Morgenſchimmer noch in voller Verwirrung überraſchen, um was von ihrem Heere noch übrig, aufreiben zu können.— Man mußte Jagd auf ſie machen wie auf wilde Thiere und ohne Gnade alles niedermetzeln, was unter das Schwert kam. Den erhaltenen Befehlen zufolge hatten die mobilen Colonnen ſich nach verſchiedenen Richtungen in Marſch geſetzt; aber da ſie mehr als eine Stunde nach der Flucht der Patrioten abgezogen waren, trafen ſie unterwegs nur hie und da einen Verwundeten, der nicht weiter gehen konnte und jamm ernd am Wege niedergeſunken war. Ein Bayonnetſtich oder ein Säbelhieb machte dem Leiden der Unglücklichen ein Ende— und die franzöſiſchen Soldaten ſetzten ruhig ihren Marſch fort. Zwei Stunden ſind verfloſſen. Der erſte Morgen⸗ ſchimmer beginnt den Oſten zu färben,— der Tag bricht an. DObgleich Alles noch mit grauem Nebel umhüllt iſt und ſich nur in unklaren Umriſſen vor dem Auge geſtal⸗ tet, habe verlaſſen Auf im Felde hätte glar ſie ſind it geſchaart des Dorfe ſich erheb entrollt. Viele Gott um Roſenkran gefalteten lich Geber Die laſſen es im Zwieli Ungl Shmutz! gen Tüch mit verwi Kälte, e muthlos, mehr mal Ergebung Sie fortan im Haupt eir feindliche Sterben morgen. ſo hell au Am lagern, ſte Klang ein vegungslos odesgruft. ſie würden ht gönnen. ind Mord; he Dunkel⸗ Beute, die Patrioten geworden, en mögli⸗ eine ſtarke „erhielten ei Befehl, ſſelt führ⸗ t bis zum vollte man nmer noch von ihrem dan mußte und ohne wert kam. ie mobilen in Marſch der Flucht unterwegs eiter gehen war. Ein Leiden der Soldaten Morgen⸗ der Tag imhüllt iſt ie geſtal⸗ 281 tet, haben die Patrioten doch ihr feuchtes Lager bereits verlaſſen.... Auf dem Wege, der durch das Dorf führt und ſich im Felde verliert, lagern Hunderte von Menſchen. Man hätte glauben ſollen, ein Offizier habe ſie geordnet; denn ſie ſind in Reih und Gliedern zu einer großen Colonne geſchaart und richten alle das Antlitz nach derſelben Seite des Dorfes, wo die Fahne des Waldeghem'ſchen Corps ſich erhebt und das blutrothe Kreuz im Morgenwinde entrollt. Viele erheben die Hände zum Himmel und ſcheinen Gott um Hülfe anzurufen; einige laſſen die Perlen eines Roſenkranzes durch die Finger gleiten, andere ſitzen mit gefalteten Händen und herabhängendem Kopfe in ein feier⸗ lich Gebet verſunken da. Die meiſten halten das Gewehr in den Händen oder laſſen es auf der Schulter ruhen: die Bayonnette funkeln im Zwielicht des kommenden Morgens. Unglückliche! Ihre Kleider ſind zerriſſen und mit Schmutz bedeckt; einige haben Kopf und Arm mit bluti⸗ gen Tüchern umwunden; Alle ſind todtmüde und blaß, mit verwirrten Haaren, mit trüben Augen, zitternd vor Kälte, erſtarrt durch die nächtliche Feuchtigkeit und ſo muthlos, ſo traurig, daß auf ihrem Geſichte ſich nichts mehr malt, als die bitterſte Verzweiflung oder die volle Ergebung in das ſchreckliche Loos, das ihnen beſchieden. Sie wiſſen wohl, daß keine Rettung möglich; daß fortan im Vaterland kein Ort mehr iſt, wo ſie das müde Haupt einen Augenblick niederlegen können, ohne daß eine feindliche Kugel ſle tödte oder aus ihrem Schlafe wecke. Sterben iſt ihre einzige Ausſicht; ſterben, heute oder morgen.... Und vielleicht iſt der Tag, der im Oſten ſo hell aufſteigt, der Vorbote der Vernichtung Aller! Am Ende des Weges, an welchem die Unglücklichen lagern, ſteht ein offner Stall, aus welchem bisweilen der Klang einer Glocke ertönt. Dann beugen ſich die Beten⸗ 282 den tiefer, machen das Kreuz oder ſchlagen ſich mehremal an die Bruſt. Der Stall iſt ganz mit Menſchen angefüllt, die auf dem Stroh, das man über den Boden geſtreut, knieen. Zwei Frauen befinden ſich unter den bewaffneten Män⸗ nern; es iſt die Mutter Brunos und Genoveva.— Jan der Knecht und Bruno ſein Herr knien neben den Frauen. Im Hintergrunde des Stalls ſteht ein greiſer Prie⸗ ſter, deſſen Stimme und Hände zittern. Er liest die Meſſe, um Gott ein heilig Sühnopfer zu bringen, ehe die unglückliche Schaar den nächtlichen Zufluchtsort ver⸗ läßt. Ein junger Rekrut, mit dem Gewehr auf dem Rücken, bedient den Prieſter. Die Krippe iſt der Altar, ein zinnerner Trinkbecher der Kelch, eine Laterne das ewige Lämpchen, das vor Gottes Antlitz angezündet iſt! Ernſt und rührend iſt die Feierlichkeit. Nichts ſtört die Todtenſtille, als das leiſe Gebet des Prieſters und das . beinahe unhörbare Wort des Dieners.... Und klingt bisweilen der ſcharfe Ton der Glocke unerwartet durch die Dunkelheit, dann erfaßt alle ein geheimes Beben.... Wenn der Prieſter ſich umwendet, fällt der rothe Schein der Laterne auf ſein bleiches Geſicht; ſein ſilberner Scheitel glänzt; aber ſeine Züge ſind ſo ſchlaff, ſeine Augen ſtehen ſo tief in ihren dunkeln Höhlen, die Run⸗ zeln des Alters und des Kummers ziehen ſich auf Wan⸗ gen und Stirne ſo unheimlich zuſammen, daß man glaubt, er ſei ein Geiſt, der aus dem Grabe aufgeſtanden, um einem dieſer Todtenfeſte beizuwohnen. Seit einem Augenblick hat der Prieſter den Kopf über die Krippe gebeugt, ſelbſt das Flüſtern des Gebets iſt verſtummt: die Stille iſt noch größer, alle Herzen beugen ſich in tiefer Ehrfurcht vor Gott: das unergründ⸗ lche Wunder des Altars geht in dieſem Augenblick vor ſich... Aber, plötzlich die vereinigen mit furchtbe die Kugeln junge Man len Schrei und in ſe „Bu den draußen. Bruno und ruft m „Märt Alles zu ſeiner 3 Lippen auf Lebewohl u ergreift: „Jan, Reettet ſie; mel!.. ſehen!“ Undol die auf den den ſich for der junge Corps, da Feuer gege Der(. ſcheinen der die Bauern erfüllt zu l Feind ein! wie ein Stu wenn Brun Gliedern z mehremal llt, die auf it, knieen. eten Män⸗ oveva.— neben den eiſer Prie⸗ r liest die ngen, ehe htsort ver⸗ auf dem rrinkbecher , das vor ichts ſtört s und das ind klingt rtet durch eben.... der rothe n ſilberner aff, ſeine die Run⸗ auf Wan⸗ an glaubt, nden, um den Kopf es Gebets Ule Herzen nergründ⸗ enblick vor 283 Aber, o Himmel, welch' ſchrecklicher Lärm unterbricht plötzlich die feierliche Handlung? Hundert Flintenſchüſſe vereinigen ſich zu einem Donnerſchlag und rollen mit furchtbarem Krachen über das Dorf hin, während die Kugeln pfeifend durch die Luft fliegen.... der junge Mann, der bei der Meſſe diente, ſtößt einen gel⸗ len Schrei aus und ſtürzt von einer Kugel getroffen und in ſeinem Blute ſchwimmend zu Boden..... „Zu den Waffen! Zu den Waffen!“ erklang es von draußen.. Bruno ſpringt auf, hebt ſein Schwert in die Höhe und ruft mit mächtiger Stimme. „Märtyrer auf! Rächt Euren Gott!“ Alles ſtürmte eilends aus dem Stall. Bruno eilt zu ſeiner Mutter, umarmt ſie, drückt ſeine zitternden Lippen auf Genovevas Stirne, murmelt ein ſchmerzlich Kerinehl und ruft dem Knecht, während er ein Gewehr ergreift: „Jan, raſch, meine Mutter, Genoveva, fort, fort! Rettet ſie; ich werde für Euch beten, droben im Him⸗ mel!.... Ach! heute noch werde ich meinen Vater ſehen!“ Und ohne einen letzten Blick auf ſeine Mutter zu werfen, die auf den Knieen und mit zum Himmel erhobenen Hän⸗ den ſich fortſchleppte, als wolle ſie ihn zurückhalten, eilte der junge Mann auf den Weg zu dem Waldeghem'ſchen Corps, das bereits vorausgezogen war und ein heftiges Feuer gegen den Feind begonnen hatte. Der Eindruck der düſtern Feierlichkeit und das Er⸗ ſcheinen der Franzoſen in dieſem ernſten Momente, ſchien die Bauern mit wunderbarem Muth und wilder Raſerei erfüllt zu haben; denn ſie drangen unerſchrocken auf den Feind ein und würden ſich zweifelsohne mit blinder Wuth wie ein Strom auf ſeine Schlachtordnung geworfen haben, wenn Bruno ihnen nicht befohlen hätte, in Reih und Gliedern zu kämpfen. 284 Während auf dieſe Weiſe ohne großen Erfolg ſich die Kugeln kreuzten, kam der alte Paſtor aus dem Dorfe und näherte ſich dem Waldeghem'ſchen Corps. Obgleich Bruno ihn von ferne durch Zeichen und Worte zurückzu⸗ bleiben ermahnte, verließ der alte Prieſter doch die Kämpfenden nicht. Statt jeder Antwort erhob er Hände und Augen begeiſtert zum Himmel, als bäte er Gott um die Märtyrerkrone. Dieſes Scharmützel dauerte einige Zeit fort. Bruno that alles Mögliche, ſeine Leute am Vorwärtsſtürmen zu hindern: er ſtaunte über die unbegreifliche Kampfluſt und fühlte ſeine Bruſt bei dem Anblick des Heldenmuthes ſeiner Brüder von Hoffnung und Muth gehoben. Langſam näherten ſich die Bauern dem Feinde. Es ſchien endlich, als ob die Franzoſen nicht auf ſolche hartnäckige Gegenwehr gefaßt geweſen und im Be⸗ griffe ſeien, zurück zu weichen. Das Feuer auf ihrer Seite wurde auch wilrklich ſchwächer und bald bemerkten die Patrioten, daß der Feind mehr und mehr und mit großer Eile ſich von dem Dorfe entfernte. Da konnte Brunos Stimme das Triumphgeſchrei nicht mehr bewältigen; ſie erhoben ein donnerndes Jauch⸗ zen und riefen: dund„Vorwärts! Vorwärts! Für Gott und Vater⸗ and!“ Da ſie nicht vermuthen konnten, daß in dem Zurück⸗ weichen der Franzoſen eine Kriegsliſt verborgen ſei, ſtürm⸗ ten die Bauern unaufhaltſam dem Feinde nach. Dieſer wartete ihr Näherkommen nicht ab, ſondern eilte ebenſo raſch über eine große Ebene, ſcheinbar um einige Sand⸗ hügel zu erreichen und von dort aus ſich mit größerem Vortheil zu vertheidigen. Am Fuße der Anhöhe, im Augenblick als die Pa⸗ trioten unter anhaltendem Siegsgeſchrei ſie mit gefälltem Bayonnett o ſchoſſen beir Eine A dieſen Verlu Flintenſchüſt len; aber B das mächtig „Lauft denmüthige Und al neuem Mutt fielen wie e Die S eingeſchloſſen der Verwun geſchrei der Lärm, der ein Knäuel einander w Währenr beiden feind Vernichtung Sandhügel trioten vom Die F dem Dorfe halb nur ei Nun er Colonne Se Sie ſahen öffneten, u ſchloſſen, un Ein he hinter den bohrten ſich „Freut Erfolg ſich dem Dorfe Obgleich 2 zurückzu⸗ doch die per Hände r Gott um rt. Bruno ſtürmen zu npfluſt und denmuthes en. Feinde. nnicht auf nd im Be⸗ ch wirklich „daß der fich von nphgeſchrei des Jauch⸗ nd Vater⸗ dem Zurück⸗ ſei, ſtürm⸗ ch. Dieſer eilte ebenſo nige Sand⸗ t größerem ls die Pa⸗ t gefälltem 285⁵ Bayonnett angriffen, wandten ſich die Franzoſen um und ſchoſſen beinahe zu gleicher Zeit ihre Gewehre ab. Eine Anzahl Bauern ſtürzte nieder; die andern, durch dieſen Verluſt erſchreckt, blieben ſtehen und ſchienen durch Flintenſchüſſe auf das feindliche Feuer antworten zu wol⸗ len; aber Brunos Stimme erklang noch vernehmlich durch das mächtige Kampfgeſchrei: „Lauft Sturm! Fällt die Bayonnette!“ rief der hel⸗ denmüthige Jüngling. Und als ob ſein Wort die Herzen ſeiner Brüder mit neuem Muthe erfüllte, ſtürmten ſie zugleich vorwärts und fielen wie ergrimmte Löwen auf den Feind ein. Die Streitenden waren von dichten Rauchwolken eingeſchloſſen: das Knallen der Büchſen, das Jammern der Verwundeten, die Stimme der Offiziere, das Kriegs⸗ geſchrei der beiden Heere verſchmolz zu einem furchtbaren Lärm, der aus der Rauchwolke aufſtieg, in deren Schooß ein Knäuel von Menſchen, Waffen und Blut ſich durch⸗ einander wälzte und über die Ebene hin wogte.... Während auf dieſe Weiſe beim erſten Angriff die beiden feindlichen Heere ſich vermiſchten und Tod und Vernichtung in ihre Reihen brachten, entſtand hinter dem Sandhügel eine Bewegung, die für die unglücklichen Pa⸗ trioten vom größten Unheile war. Die Franzoſen hatten ihre Feinde abſichtlich aus dem Dorfe auf das offene Feld herausgelockt und deß⸗ halb nur einen kleinen Theil ihrer Macht gezeigt. Nun entfaltete auf der andern Seite der Höhe eine Colonne Soldaten ihre breiten Flügel über die Ebene. Sie ſahen wie zwei Arme eines Rieſen aus, die ſich öffneten, um etwas zu faſſen, und ſich nach und nach ſchloſſen, um es in furchtbarer Umarmung zu zerdrücken. Ein heiteres Jauchzen, ein lauter Siegesruf erſcholl hinter den Bauern..... und fünfhundert Kugeln bohrten ſich zu gleicher Zeit durch ihre Schaar. „Freunde!“ rief Bruno ſeinen Leuten zu, die 286 Stunde des Todes iſt da! Brecht durch den Feind der Freiheit eine Bahn! Folgt mir! Folgt mir!“ Damit kehrte er ſich plötzlich um und warf ſich mit der tapfern Schaar der Helden von Waldeghem in die Mitte der feindlichen Reihen. Mochte nun die Ver⸗ zweiflung oder die Gewißheit eines nahen Todes den armen Leuten eine übernatürliche Kraft verleihen, genug, ſie thaten Wunder von Tapferkeit und durchbrachen wirk⸗ lich den linken Flügel des Feindes, alles niederwerfend, was ihnen hemmend in den Weg trat. Aber allen war es nicht gelungen, ſich durch den mörderiſchen Kreis durchzuſchlagen, der ſich ebenſo raſch wieder geſchloſſen hatte. Nur etwa hundert hatten ſich mit Bruno an der Spitze in eiligem Laufe nach dem Dorfe geflüchtet. Der alte Paſtor, welcher ſchwer am Kopfe blutete, wurde von zwei Männern unterſtützt, oder lieber fortgezogen; viele andere umringten ihn beſorgt, um ihn vor den Kugeln zu ſchützen, die lin Maſſe über ihrem Kopfe durch die Luft pfiffen..... Noch einen Bogenſchuß weiter und das Waldeg⸗ hem'ſche Corps hatte die erſten Häuſer des Dorfes erreicht, von wo aus es im Stande war, auf den Feind zu ſchießen, bis auch der Letzte von ihnen gefallen war. Aber in dem Dorfe ſelbſt zeigt ſich plötzlich eine zahlreiche Reiterſchaar, die ſich ebenſo raſch am Ende der Fläche ausbreitet. Ein Offizier, der ſich beim rechten Flügel der fran⸗ zöſiſchen Reiterei befindet, entdeckt die rothe Kreuzfahne und erkennt das Waldeghem'ſche Corps.... Er gibt ſeinem Pferde die Sporen und kömmt in vollem Trabe⸗ auf die Patrioten losgeritten. Sie richten den Lauf ihrer Gewebre nach ihm und drohen ihn niederzuſchießen; aber der Offizier nimmt ſeinen Degen an der Spitze und hebt das Gefäß in die Höhe. Bruno erkennt ihn und ruft mit Wuth und Entrüſtung aus: „O S „Brur wortete Si Ich kann. Aber ihm auf de Seiten kre troffen; er ſtürzt aus Bei d ſchrei aus baren Befe ſie den Za⸗ in die Len⸗ Wie e Reiterei ül Corps ein die Erde l Gewehre u hern, Mer deckt, das Nun iſt alle Die 9 kämpft, n ſchrei zum Nichts ſie werfen Säbeln du Endlie mehr etwa erliſcht; be ein tödtlich dem Kreiſe ihre Gewe Feind der rf ſich mit hem in die die Ver⸗ Todes den en, genug, ichen wirk⸗ derwerfend, durch den benſo raſch hatten ſich nach dem ſchwer am unterſtützt, ingten ihn i, die lin I..... 3 Waldeg⸗ es Dorfes den Feind en gefallen ötzlich eine am Ende I der fran⸗ Kreuzfahne . Er gibt dllem Trabe den Lauf rzuſchießen; der Spitze erkennt ihn 287 „O Simon! Simon! Du, den ich gerettet, Du hier!“ „Bruno, Freund, raſch, gib Dich gefangen,“ ant⸗ wortete Simon⸗Brutus,„ich werde, ich will Dich retten! Ich kann..... 4 Aber er konnte nicht weiter reden; das Wort erſtarb ihm auf den Lippen. Eine der Kugeln, die ſich von allen Seiten kreuzen und die Luft durchſchneiden, hat ihn ge⸗ troffen; er ſtößt einen Schrei aus, fällt vorne über und ſtürzt aus dem Sattel..... Bei dieſem Anblick erhebt ſich ein wildes Rachege⸗ ſchrei aus der Mitte der Reiterſchaar; auf den furcht⸗ baren Befehl„Chargez!“ den der Oberſt gibt, laſſen ſie den Zaum los und drücken den Pferden die Sporen in die Lenden. Wie eine Wetterwolke ſtürmt der dichte Haufen der Reiterei über das Feld und haut auf das Waldeghem'ſche Corps ein. Dieſes wehrt ſich noch einen Augenblick; die Erde bebt unter den Hufen der Roſſe, man hört Gewehre und Säbel durch einander klirren, Pferde wie⸗ hern, Menſchen heulen. Der Platz iſt mit Leichen be⸗ deckt, das Blut ſprizt gegen die Kämpfenden auf.... Nun iſt alles todt, zerſchmettert, zertreten..... Die Reiterei ſprengt weiter; hier wird noch ge⸗ kämpft, noch geſchoſſen; dort ſteigt noch das Kriegsge⸗ ſchrei zum Himmel auf. Nichts kann dem Andrängen der Reiter widerſtehen; ſie werfen alles nieder und fliegen mit ihren langen Säbeln durch den unglücklichen Reſt der Patrioten. Endlich ſahen dieſe wohl, daß keine Gegenwehr mehr etwas nützen kann; der letzte Funken von Muth erliſcht; bei dem Anblick des neuen Feindes überfällt ſie ein tödtlicher Schreck.... Sie ſehen eine Oeffnung in dem Kreiſe, welche die Reiterei verurſacht; ſie werfen ihre Gewehre nieder und flüchten heulend über das eld.... 3 Aber Reiterei und Infanterie folgt ihnen auf den 288 Ferſen und hauen und ſchießen und ſtechen und ſtoßen, bis ihre Arme erlahmen. Niemand vermag ihrer Wuth zu entgehen! Es iſt ein wahres Schlachten, von furcht⸗ barem Geſchrei, Fluchen und Jammern begleitet; aber der Kampf zieht immer weiter und weiter fort..... bis man endlich nur noch ein undentliches Summen, ein ſchwaches Brauſen vernimmt und auf der ganzen Fläche nichts mehr übrig bleibt, als Haufen verſtümmelter Leichen und ganze Lachen von Blut.....; Simon⸗Brutus, den eine Kugel in den Unterleib getroffen, lag unter vielen Todten ausgeſtreckt am Boden, das Haupt an die Leiche eines Pferdes gelehnt, deſſen Laſt ſeinen Arm zerſchmettert hatte. Auf dem Pferde hing die Leiche eines alten Mannes, deſſen weiße Haare durch einen weiten Spalt im Kopfe getheilt waren. Das Blut, das aus dieſer Wunde floß, tröpfelte auf Simon⸗Brutus Antlitz. Obgleich der Commiſſär der Ceutralgewalt tödtlich verwundet war, hatte ihn doch das Leben nicht ganz verlaſſen. Der ſchreckliche Schmerz, den das zermalmende Gewicht des Pferdes ſeinem Arme verurſachte, weckte ihn aus ſeiner Betäubung. Er öffnete langſam die Augen, doch ſchloß er ſie erſchrocken wieder, während ein Fieberſchauer ihm über den Leib lief, und er mit erſtickter Stimme rief: „Gott, welche Ruhe! Der Paſtor! ha, ſein Blut über mich.“ Er hielt die Augen mit Gewalt verſchloſſen; denn er konnte ſeinen Blick nicht wieder zu dem bleichen Antlitz des Prieſters erheben, der über ſeinem Kopfe hing, als hätte der Racheengel des Herrn ihn dahin gelegt, um ſeinen Tod furchtbar und ſchrecklich zu machen. Zwei Schritte von Simon⸗Brutus entfernt lag Bruno mit zerſchmettertem Beine: obgleich der Schmerz ihm ſelbſt ſchwere Seufzer entlockte, hatte er doch die Worte! erkannt. M er auf Bein ne Au ſeinem fühle e Glieder D in ſtille über S Rache! „5 vor Ge Pflicht Conſc ſtoßen, r Wuth u furcht⸗ t; aber nen, ein n Fläche immelter Unterleib n Boden, , deſſen Mannes, m Kopfe nde floß, tödtlich cht ganz nalmende , weckte oß er ſie ihm über fein Blut en; denn bleichen m Kopfe yn dahin machen. fernt lag Schmerz doch die 289 Worte von Simon⸗Brutus vernommen und ſeine Stimme erkannt. Mit übermenſchlicher Anſpannung aller Kräfte, kroch er auf den Händen fort und ſchleppte ſein zerſchmettert Bein nach ſich, bis er ſich bei Simon befand. Auf das eine Knie ſich erhebend, beugte er ſich zu ſeinem Feinde herab, wiſchte ihm ſanft das Blut vom Geſichte und ſeufzte in mitleidigem Tone: „Simon, armer Simon!“ Simon⸗Brutus öffnete die Augen; ein ſanftes Lächeln ſchwebte um ſeine Lippen; er murmelte mit ſichtbarer Freude: „Bruno, Freund, ich fühle den Tod nahen. Sendet Dich Gott? Vergebung, ach, Vergebung!“ „Ich vergebe Dir Alles, Alles!“ ſprach der Jüng⸗ ling.„Was Du heute that'ſt, ſagte mir, daß ein Bruder zu mir zurückkehrt.. Aber Simon, ich will Deinen Arm loszumachen ſuchen; vielleicht.....“ „Nein, nein,“ ſeufzte Simon⸗Brutus,„vergeblich .... Eine Kugel drang durch mein Eingeweide. Ich fühle es, der Tod tritt mir ans Herz.... meine Glieder erkalten.“ Der ſterbende Ton dieſer Worte erſchütterte Bruno; in ſtille Thränen ausbrechend, beugte er ſich aufs Neue über Simon⸗Brutus herab und ſagte mit inniger Liebe im Tone: „Simon, Bruder, möge Dir Gott barmherzig ſein. Es gibt noch ein anderes Leben. Ach, Du wirſt vor des Höchſten Richterſtuhl erſcheinen. Gnade, Gnade für Deine arme Seele; überliefere ſie nicht der ewigen Rache!“ „Iſt die Liebe zur Freiheit.... ein Verbrechen vor Gott?“ fragte der Sterbende beinahe unhörbar. „O nein, nein,“ antwortete Bruno,„ſie iſt eine Pflicht; der Erlöſer ſelbſt hat es geſagt.“ 19 Conſcience, Bauernkrieg. 290 „Freiheit,“ murmelte Simon⸗Brutus,„kein Ver⸗ brechen... Ach, ich habe geſündigt; der Hochmuth; Gott ſei mir gnädig! Bruno, der Tod, er kommt... Höre.... in meiner Taſche, eine Schrift, der Lohn für Alles, der General... dieſe Nacht..... küſſe mich.... Bruder, ach liebe meinen armen Vater, bete für mich.... Lebe wohl...... Lebe wohl!“ Bruno ließ den Kopf auf Simons Leiche ſinken und benetzte ſie lange mit Thränen. Endlich durch dieſe Aeußerung des Mitleids er⸗ leichtert, erinnerte er ſich der geheimnißvollen Worte Simons. Er glaubte, die lederne Taſche, die an der Bruſt der Leiche hing, werde den letzten Willen des Lands⸗ mannes enthalten, den er ſeinem Vater überbringen ſollte. In dieſer Meinung öffnete er die Taſche und fand wirklich ein gefaltetes Papier darin. Aber wie wunderte er ſich, wie zitterte er, als er die Schrift entfaltete und folgende Worte in franzöſiſcher Sprache ſtammelnd las: „Franzöſiſche Republik. Freiheit,— Gleichheit. „In Anſehung der großen Dienſte, welche der „Citoyen Bruno Halinx der Republik erwieſen, indem „er unter Anderem den Citoyen Meulemans— genannt „Simon⸗Brutus, Commiſſär der Centralgewalt der beiden „Nethen von einem ſichern Tode gerettet, erſuche ich, der „unterzeichnete Brigadegeneral, Befehlshaber des 4ten „Corps der neun vereinigten Departements, alle mili⸗ „täriſchen und bürgerlichen Behörden der Republik, den „vorgenannten Bruno Halinx frei ziehen und verkehren Augen wurde beugte Kuß drückte 2 neben Solde rung Blicke ihm &— ſeinen 1 nach ſoll a zoſiſa n Ver⸗ hmuth; wohl!“ ſinken Ids er⸗ Worte rBruſt Lands⸗ bringen nd fand als er zöͤſiſcher eichheit. che der indem genannt beiden ich, der es 4ten e mili⸗ ik, den erkehren 291 „zu laſſen ſowie ihn und die Seinen gegen alle Gefahr „zu beſchützen. Gegeben im Hauptaquartier vor Dieſt in der Nacht „vom 6. auf den 7. Brumaire, im 7. Jahr der einigen „und untheilb aren franzöſiſchen Republik. Jardon.“ Bruno heftete eine Weile mit Thränen in den Augen den erſtaunten Blick auf das Papier. Dann wurde ihm die edelmüthige Abſicht Simons klar und er beugte ſich über die Leiche, indem er einen dankbaren Kuß auf die blaſſen Lippen ſeines todten Freundes drückte. Aber plötzlich richtete er ſich auf, als er Stimmen neben ſich hörte. Er ſah zu ſeinem Erſtaunen etwa zehn franzöſiſche Soldaten und einen Offizier, die mit großer Verwunde⸗ rung ſeinem ſeltſamen Thun zuſahen und ihn mit ihren Blicken um eine Erklärung zu bitten ſchienen. Statt aller Antwort zeigte Bruno das Papier, das ihm Simon als Erbſchaft hinterlaſſen. Der Offizier las es, gab es zurück und ſagte zu ſeinen Leuten: „Hebt dieſen Bürger vorſichtig auf und bringt ihn nach der Scheuer am großen Weg. Der Oberchirurg ſoll augenblicklich ſeine Wunde verbinden!“ Der edelmüthige Befehl wurde vollzogen: vier fran⸗ zöſiſche Soldaten trugen Bruno nach dem Dorfe. 82 b0 Schluß. Bruno wurde nach dem Dorfe getragen und unter eine große Anzahl franzöſiſcher Verwundeter in eine Scheuer gelegt. Der Arzt verband augenblicklich ſein Bein und alles war um den leidenden jungen Mann aufs äußerſte beſorgt; denn der General Jardon, der ſeinen Schutzbrief unterzeichnet hatte, würde eine Miß⸗ 8 ſeiner Unterſchrift nicht ungeahndet gelaſſen aben Als Bruno zu erkennen gab, daß ſeine Mutter ſich in dem Dorfe befinde und den Wunſch ausdrückte, ſie zu ſehen, ſandte man augenblicklich nach dem Hofe, den der junge Mann als ihren Aufenthalt bezeichnet hatte. Seine Mutter und Genoveva wurden zu ihm geführt und durften bei ihm ſein und ihn tröſten, ohne daß einer der franzöſiſchen Soldaten es gewagt, ein zwei⸗ deutig Wort zu äußern. Im Gegentheil, da die beiden Frauen auch die andern Verwundeten mit der innigſten Theilnahme und Fürſorge pflegten, begegnete man ihnen bald von allen Seiten mit Achtung und Dankbarkeit. Fünfzehn Tage ſpäter brachten die Pranzoſen ihre Verwundeten nach Haſſelt. Bruno blieb im Dorfe. Dann erſt bekam er Nachricht von dem Schickſal ſeiner unglück⸗ lichen Waffenbrüder; aber die Mittheilungen waren ſo ſchrecklicher Art, daß er bisweilen Thränen vergoß, wenn er die Gazette d'Anvers las, die ihm der Notar des nächſtgelegenen Dorfes beſorgte. der Ge (Olmen Pulverf zugeſchi getriebe Au im 7. publik. De vereinig parteme „ Truppen Tapferke genöthig ſelt zu Zu verlaſſer doch ein blieben als eine De worfen. und ein Todten Da unter neine h ſein Mann , der Miß⸗ elaſſen ter ſich te, ſie e, den atte. geführt e daß zwei⸗ beiden nigſten ihnen eit. n ihre Dann aglück⸗ ren ſo wenn r des 293 In zwei verſchiedenen Nummern dieſer durch Zwang⸗ franzöſiſch geſinnten Zeitung las er Folgendes: Offizieller Bericht.— 500 Brigands ſind in der Gegend von Gheel, Moll, Meerhout und Holmes (Olmen?) eingebracht. Man hat ihnen 2 Wagen mit 6 Pulverfäſſern abgenommen, welche ihnen von Holland zugeſchickt worden. Die Uebrigen ſind alle in die Flucht getrieben.... Brief des General Colaud. Aus dem Hauptquartier zu Brüſſel, 16. Brumaire, e Jahr der einen und untheilbaren franzöſiſchen Re⸗ publik. Der Diviſionsgeneral Colaud, Befehlshaber der neun vereinigten Departements an die Centralgewalt des De⸗ partements der beiden Nethen. „Bürger⸗Adminiſtratoren. „Mit der größten Freude berichte ich, daß die Truppen, die ich am 14. dies aus Löwen zog, die Auf⸗ rührer unter dem Befehl des Brigadegeneral Jardon und dem Generaladjutanten Lacroix bei Haſſelt angegriffen haben. Die republikaniſchen Truppen entwickelten eine ſolche Tapferkeit, daß der Feind nach einer erſten Niederlage genöthigt war, in großer Unordnung nach der Stadt Haſ⸗ ſelt zu fliehen. Zum zweiten Male angegriffen, haben ſie die Stadt verlaſſen; auf dem Weg nach Tongeren erlitten ſie je⸗ doch eine vollkommene Niederlage; auf dem Schlachtfelde blieben 700 Todte. Die Erde war im Umkreis von mehr als einer Stunde mit Leichen bedeckt. Der Reſt der Brigands hat die Waffen niederge⸗ worfen. Man nahm ihnen Geld, Bagage, Trommeln und eine Fahne mit einem rothen Kreuze ab. Unter den Todten fand man viele Prieſter. Das Haupt der Aufrührer Conſtantinus de Roumi⸗ 294 roir, Municipalagent dieſer Gemeinde, und verſchiedene Offiziere ſind gefangen. Fahnen aller Art, Meßgewänder und dergleichen, nebſt zwei Munitionswägen wurden ihnen abgenommen. Es lebe die Republik, Gleichheit und Brüderlichkeit. Colaud. Nach ſechs Wochen fuhr Bruno mit ſeiner Mutter, Genoveva und dem treuen Knechte Jan in einem Wagen nach Waldeghem, ſeinem theuren Geburtsort. Nun war es unmöglich, den Tod des Notars ſeiner Gattin zu verheimlichen: das fürchterliche Geheimniß mußte enthüllt werden..... Mit der zarteſten Vorſicht, die nur das Gefühl un⸗ endlicher Liebe einflößen kann, theilte Bruno ſeiner Mut⸗ kert nach und nach das Unglück mit, das ſie beweinen ollte. Er ſchilderte Genoveva, in welch' bejammernswerthem Zuſtande er ihren armen Vater geſehen und bereitete ſie auf dieſe Weiſe vor, ohne der Verzweiflung zu unterlie⸗ gen, den ſchrecklichen Schlag zu ertragen. So wurde die Reiſe nach der Heimath eine peinliche Fahrt, von Seufzern, Klagen und Thränen begleitet. Bei ihrer Ankunft in Waldeghem vernahm Geno⸗ veva wirklich, wie er nach der Flucht der Rekruten ge⸗ ſtorben war. Die theuren Todten wurden lange beweint; nach und nach verwandelte ſich jedoch der tiefe Jammer ihrer Kinder in einen ſtillen Schmerz. Bruno und Genoveva heiratheten ſich und lebten viele Jahre in Waldeghem, ſo glücklich, als man ſein kann, wenn man die Sclaverei ſeines Vaterlandes ohne Hoffnung auf Befreiung mit anſehen und ſich den Mäch⸗ tigen unterwerfen muß. Bru Der und Ver Jan, da Und als tar hatte Herrn. Ger undſiebzi Geiſtes. Als meine A Begeiſter in ihren mit den 77* kampfes gands al Hätten halten, ſein. N Wort vo für die Städte ten. Kei daß er es denn Augen liegende den Böſt jeden ri⸗ dern nac beſeelte! chiedene gleichen, ommen. blik, llichkeit. Mutter, Wagen s ſeiner ß mußte fühl un⸗ ler Mut⸗ beweinen werthem eitete ſie unterlie⸗ peinliche leitet. n Geno⸗ uten ge⸗ it; nach ner ihrer id lebten man ſein des ohne en Mäch⸗ 29⁵ Bruno wurde Vater von drei Kindern. Der Tod nahm mit der Zeit manchen ſeiner Freunde und Verwandten von der Erde. Zuerſt den guten Knecht Jan, dann den Brauer und dann Brunos eigne Mutter... ÜUnd als er ſeinen älteſten Sohn an ſeiner ſtatt zum No⸗ tar hatte ernennen laſſen, entſchlief auch er ſanft in dem Herrn. Genoveva lebt noch; ſie iſt eine alte Frau von fünf⸗ undſiebzig Jahren; doch noch wohl auf und friſchen Geiſtes. Als ſie mir einſt vom Bauernkriege erzählte und meine Aufmerkſamkeit durch die Funken von Muth und Begeiſterung feſſelte, die bei der Erinnerung an denſelben in ihren Augen ſprühten, endigte ſie ihre Erzählung mit den Worten: „Das war das traurige Ende unſres Freiheits⸗ kampfes..... Man hat ſeit jeuer Zeit von den Bri⸗ gands als von einem Haufen feiger Schwärmer geſprochen. Hätten ſie geſiegt und das Vaterland ſeine Freiheit be⸗ halten, ſo würde die Nation auf ihren Heldenmuth ſtolz ſein. Nun ſagen aber die Geſchichten des Landes kein Wort von den armen Brigands, die ihr Blut in Strömen für die allgemeine Unabhängigkeit vergoſſen, als die Städte feig das Haupt vor der fremden Tyrannei beug⸗ ten. Keiner der lebenden Patrioten wagt es zu bekennen, daß er an dem heldenmüthigen Kampfe Theil nahm. Iſt es denn nur das Gelingen einer Sache, das ſie in den Augen der Menſchen gut und gerecht macht? Die unter⸗ liegende Tugend muß ſich ſchämen vor dem triumphiren⸗ den Böſen!— Gott da droben weiß es beſſer: Er wird jeden richten, nicht nach dem Erfolg ſeiner Thaten, ſon⸗ dern nach der Abſicht, die ihn bei ſeinem Thun und Laſſen beſeelte!“ Ende. —— ———