Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 8 Teih- und Jeſebedingungen. ſ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. kc 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 21 Stun⸗ l den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben en hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe wird. bei Entgegennahme tſprechende Summe von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mrt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Per.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die ifhde f 3 etſhire, * Tag wo und ſech Keit dem du einer M geheimt Wer we 63 des Ha elbſt von ih ſi: mögen Wi der H geblich war h unruh dann macht 4. liches 2. B die eie den? zu hören, zu reiſen der Rück⸗ 4 n auf der welche er tſcheidung e mittler⸗ brauche: Erſtes Capitel. en Dienſt⸗ — brachten 3 4 n heraus. Die Zeiger der Uhr in der Hausflur zeigten auf halb en, eben⸗ Sieben früh. Das Haus war ein Landſitz in Weſt⸗Somer⸗ eeiben. 3 ſetſhire, welcher Combe⸗Raven(Rabenſchlucht) hieß. Der auf, und 4 Tag war der vierte März, das Jahr achtzehn hundert öhnlichen und ſechs und vierzig. und die 3 Kein Ton außer dem einförmigen Tiktak der Uhr und und ſich dem dummen Schnarchen eines großen Hundes, der auf ging einer Matte vor der Thür des Speiſeſaales lag, ſtörte die h. Jetzt geheimnißvolle Morgenſtille der Flur und der Treppe. iszeichen Wer waren Ne Schläfer dort oben in den höheren Regionen 5 31 des Hauſes?— Mag denn das Haus ſeine Geheimniſſe herunter 3 elbſt entſchleiern, und Einer nach dem Andern, wie ſie Hauſe 131 von ihren Schlafgemã hern die Treppe herunterſteigen, ng mit n mögen die Schläfer ſich ſelber vorführen. tsfarbe erwachte erkehrt Wie die Uhr ein Viertel vor Sieben zeigte, der Hund und ſchüttelte ſich. Nachdem das Thier ver⸗ hshund geblich auf den Bedienten gewartet, von dem es gewohnt rwieſen en zu werden, lief es auf der Hausflur he, mit war hinausgelaſſ unruhig von einer verſchloſſenen Thür zur andern, kehrte eländer dann in großer Verlegenheit zu ſeiner Matte zurück und de her⸗ machte ſich der ſchlafenden Familie durch ein langes kläg⸗ ſeinen liches Geheul bemerklich. nhiger Bevor die letzten Töne ſeiner Klage verhallten, knarrte er auf die eichene Treppe in den oberen Regionen des Hauſes unter te und den Tritten einer langſam herabſteigenden Per on* feiner .— Eine Minute ſpäter wurde die erſte der Dienerinnen ſichtbar, einen dunkelbraunen Wollenſhawl um die Schul⸗ tern; denn der Märzmorgen war nicht eben ſonnig, und Rheumatismus war für die Köchin ein alter Bekannter. Die Köchin nahm das erſte ſchmeichelnde Entgegen⸗ wedeln des Hundes ſo unfreundlich als möglich auf, öffnete langſam die Hausthür und ließ das Thier hinaus. Es war ein ſtürmiſcher Morgen. Ueber einem freien Platze und hinter einer Nadelholzpflanzung bahnte ſich die auf⸗ gehende Sonne ihren Weg durch Haufen zerriſſener grauer Wolken; ſchwere Regentropfen fielen da und dort einzeln nieder; der Märzwind ſauſte um die Ecken des Hauſes, und die naſſen Bäume ſchwankten träge hin und her. Jetzt ſchlägt es ſieben Uhr; und nun folgen die Zeichen des erwachenden Lebens im Hauſe ſchneller aufeinander. Die Hausmagd kommt herunter, ein langes, ſchmäch⸗ tiges Mädchen, dem die Frühjahrstemperatur roth an der Naſe geſchrieben ſteht. Das Kammermädchen folgt, ein junges, pfiffiges, pralles, aber noch etwas verſchlafenes Kind. Die nächſte iſt die Küchenmagd, geplagt mit Kopf⸗ reißen und daraus kein Hehl machend. Der Leßitr von Allen iſt der Bediente, der ganz erbärmlich gähnend zun Vorſchein kommt; das lebendige Conterfei eines Menſchen, der fühlt, wie er um ſeine ſüße Nachtruhe hetrogen worden iſt. Die Unterhaltung der Dienerſchaft, wie ſie vor dem nach und nach ins Brennen kommenden Küchenfeuer bei⸗ ſammen war, bezog ſich auf ein jüngſtes Familienereigniß und blieb bei der Frage ſtehen: Hat Thomas, der Be⸗ diente, etwas von dem Concert zu Clifton geſehen, bei welchem den Abend vorher ſein Herr und die beiden jungen Töchter des Hauſes zugegen waren? J — Ja. Thomas hatte das Concert gehört; er hatte Geld er⸗ halten, um auf einen der hintern Plätze zu gehen. Es war ein lautes Concert. Es war ein heißes Con⸗ cert. Es war an der Spitze der Programme als ein „großes Concert“ beſchrieben. 5 Ob es ſich nun wirklich verlohnte, um es zu hören, 1 ſechszehn(engliſche) Meilen auf der Eiſenbahn zu reiſen 3 mit der ſich daran knüpfenden Verſchärfung, auf der Rück⸗ — fahrt halb zwei Uhr Morgens neunzehn Meilen auf der Landſtraße zu machen: Das war eine Frage, welche er ſeinem Herrn und den jungen Fräulein zur Entſcheidung — überlaſſen wollte. Seine eigene Meinung wäre mittler⸗ 3* weile, ohne daß er ſich einen Augenblick zu bedenken brauche: 1 Nein. Weitere Fragen, welche ſeitens aller weiblichen Dienſt⸗ leute der Reihe nach an ihn gerichtet wurden, brachten keine andere Mittheilung irgend welcher Art aus ihm heraus. Thomas konnte keines von den Liedern nachſingen, eben⸗ ſowenig eines von den Kleidern der Damen beſchreiben. Seine Zuhörer gaben ihn daher hoffnungslos auf, und das Küchengeplauder wandte ſich wieder ſeinen gewöhnlichen Unterhaltungsſtoffen zu, bis die Uhr Acht ſchlug und die verſammelte Dienerſchaft in Bewegung gerieth und ſich trennte, indem Jedes an ſeine Morgenverrichtung ging. Ein Viertel nach Acht— und nichts rührte ſich. Jetzt ſchlug es halb— und ſchon machten ſich mehr Lebenszeichen in der Gegend der Schlafgemächer hörbar. Das nächſte Familienglied, das die Treppe herunter kam, war Mr. Andreas Vanſtone, der Herr vom Hauſe. Ein Mann, groß, ſtark und von gerader Haltung, mit hellen blauen Augen und geſunder blühender Geſichtsfarbe, ſein Jagdkoller von braunem Plüſch nachläſſig und verkehrt zugeknöpft, ſein kläffender kleiner ſchottiſcher Dachshund hinter ihm her bellend, ohne von ihm zur Ruhe verwieſen zu werden; wie er die eine Hand in der Weſtentaſche, mit der andern fröhlich wie im Tacte auf das Treppengeländer ſchlagend, dabei ein Liedchen ſummend, die Treppe her⸗ niederſtieg: ſo zeigte Mr. Vanſtone ſchon im Aeußern ſeinen Charakter offen für Jedermann erkennbar. Ein ruhiger, gemüthlicher, hübſcher, launiger Gentleman, welcher auf des Lebens Sonnenſeite ſeinen Weg zu wandeln hatte und der Nichts mehr wünſchte, als daß er den Genoſſen ſeiner 6 irdiſchen Pilgerfahrt ebenfalls auf der Sonnenſeite begegnen möchte. Wenn man ihn nach den Jahren ſchätzte, ſo war er über die Fünfzig hinaus. Beurtheilte man ihn nach ſeinem allezeit leichten Herzen, nach ſeinem ſtarken Körper und ſeiner Lebensluſt, ſo war er eigentlich nicht älter als die meiſten Männer, die erſt über die Dreißig hinaus ſind. — Thomas! rief Mr. Vanſtone und nahm ſeinen alten Filzhut und ſeinen dicken Ausgeheſtock von dem Tiſche in der Flur. Das Frühſtück heute um Zehn. Die jungen Damen werden nach dem Concert von geſtern Abend ſchwer⸗ lich früher herunterkommen.— Uebrigens wie gefiel denn Dir das Concert, Dir ſelbſt, he? Du meinſt, es war „groß?“ Ganz recht. Das war es. Nichts als Getöſe abwechſelnd mit Gelärm; all die Frauen herausgeputzt, wie es nur menſchenmöglich warz erſtickende Hitze, blenden⸗ des Gaslicht und nirgend mehr Platz für einen Menſchen! Ja, ja, Thomas,„groß“ iſt das rechte Wort für das Alles, angenehm und gemüthlich gewiß nicht.— Nach dieſem Bekenntniß ſeiner Meinung pfiff Mr. Vanſtone ſeinem Dachsköter, ſchwenkte den Stock in der Haus⸗ thür in luſtiger Verachtung des Regens und machte ſich durch Wind und Wetter auf, um ſeinen Morgenſpaziergang anzutreten. Die Zeiger, die unvermerkt ihren ſtetigen Weg um das Zifferblatt der Uhr beſchrieben, zeigten nun auf zehn Minuten vor Neun. Ein anderes Mitglied der Familie wurde jetzt auf der Treppe ſichtbar, Miſs Garth, die Gouvernante. Einem aufmerkſamen Auge konnte es nimmermehr ent⸗ gehen, daß ſie eine Dame aus dem Norden war. Ihre hartgezeichnete Phyſiognomie, die männliche Gewandtheit und Beſtimmtheit in allen ihren Bewegungen; ihre fort⸗ währende Ehrbarkeit in Blick und Haltung: Alles verrieth ihre Abſtammung und Erziehung an der Nordgrenze. Ob⸗ ſchon wenig älter als vierzig Jahre hatte ſie doch ſchon ganz weißes Haar und trug über demſelben die ſchlichte Haube einer alten Frau. Weder ihr Haar noch ihr Kopf⸗ ——————&— e— 7 putz ſtanden mit ihrem Geſichte im Widerſpruche: letzteres ſah älter aus, als ſie war. Die ſchwere Schrift des Kummers hatte es in vergangener Zeit tief durchfurcht. Das Selbſtbewußtſein ihres Schrittes die Treppe herab, der zu befehlen gewohnte Blick, mit dem ſie ſich umſchaute, ſprachen deutlich genug von ihrer Stellung in Mr. Van⸗ ſtones Familie. Dies war erſichtlich keine von der ver⸗ laſſenen, verfolgten, demüthiglich abhängigen Claſſe der Gouvernanten. Hier hatte man eine Frau vor ſich, die in ſicherer und ehrenvoller Stellung bei ihrer Herrſchaft lebte, eine Frau, welcher man es anſah, daß ſie im Stande war, jegliche Aeltern in England energiſch zurechtzuweiſen, wenn dieſelben ſie etwa unter ihrem Werthe ſchätzen ſ ollten. — Frühſtück um Zehn? wiederholte Miſs Garth, als der Diener durch die Klingel herbeigerufen kam und die Befehle des Hausherrn berichtet hatte. O, ich wußte, was von dem Concert von geſtern Abend kommen würde. Wenn Leute, die auf dem Lande leben, öffentliche Ver⸗ gnügungen mitmachen und protegiren wollen, ſo ver⸗ gelten dieſe Vergnügungen das wieder, indem ſie die Familie auf ganze Tage hinterdrein aus ihrer Ord⸗ nung bringen. Sie ſind auch aus Ihrer Ordnung, Thomas, ich ſehe es ja ſelbſt, Ihre Augen ſind ſo roth wie die eines Frettchens*), und Ihre Halsbinde ſieht aus, als hätten Sie mit ihr ſich ſchlafen gelegt. Bringen Sie den Keſſel um drei Viertel auf Zehn und, wenn Sie ſich im Laufe des Tages nicht beſſer befinden, ſo kommen Sie zu mir, ich will Ihnen Etwas eingeben.— — Es iſt ein guter Junge, wenn man ihn nur gewäh⸗ ren läßt, ſetzte Miß Garth im Selbſtgeſpräch hinzu, als Thomas gegangen war. Aber er iſt nicht ſtark genug zu Concertbeſuchen von zwanzig Meilen Entfernung. Ich ſollte ja geſtern Abend auch mit ihnen gehen. Ja, da könnt Ihr lange warten! Es ſchlug Neun, und der Minutenzeiger rückte dann *) Kleines wieſelartiges Thier zur Kaninchenjagd. W. noch zwanzig Minuten weiter, ehe wieder Schritte auf der Treppe ſich hören ließen. Nun erſchienen zwei Damen, die zuſammen ins Frühſtückszimmer herabſtiegen, Mrs. Vanſtone und ihre älteſte Tochter. Wenn die perſönlichen Reize von Mrs. Vanſtone in einer frühern Lebenszeit lediglich auf ihrer angeborenen engliſchen Schönheit in Farbe und Friſche beruht hätten, ſo mußte ſie ſchon lange die letzten Reſte ihres Ichs verloren haben; aber ihre Schönheit als junge Frau hatte ſich nicht auf die gewöhnlichen nationalen Reize be⸗ ſchränkt, und ſie war noch immer im Beſitze von Vorzügen, welche ſich weit ſeltener finden. Obſchon ſie in ihrem vier⸗ undvierzigſten Jahre ſtand, obſchon ſie in früheren Zeiten durch den frühzeitigen Verluſt von mehr als einem ihrer Kinder und durch lange Krankheitsanfälle, die Folgen des Kummers über jene Verluſte früherer Jahre, geprüft worden war, ſo bewahrte ſie doch das ſchöne Ebenmaß und die weiche Feinheit der Züge, die einſt mit dem alles verklärenden Glanze und der Jugendfriſche ihrer Schönheit ein ſo herrliches Ganze bildeten, welche letztere ſie freilich nun auf immerdar verloren hatte. Ihre älteſte Tochter, die eben an ihrer Seite die Treppe niederſtieg, war der Spiegel, in welchem ſie ſich ſelber aus früheren Jahren wiedererkennen und den Wiederſchein ihrer eigenen Jugend erblicken konnte. Da lag in dichten Flechten auf der Tochter Haupt das ſchwere dunkle Haar, das bei der Mutter immer ſtärker mit Grau ſich miſchte; da auf der Tochter Wangen glühte das lieblich hingehauchte Roth, welches auf denen der Mutter verblichen war, um nie wieder aufzublühen. Miſs Vanſtone hatte ſchon die erſte Reife des Weibes erreicht: ſie hatte ihr ſechs und zwan⸗ zigſtes Jahr vollendet. Wenn ſie den dunklen majeſtätiſchen Charakter der Schönheit ihrer Mutter erbte, ſo hatte ſie doch deren Reize ſchwerlich alle geerbt. Obgleich der Schnitt ihres Angeſichts derſelbe war, waren doch die Züge kaum ſo zart, auch jenes Ebenmaß fehlte. Sie war auch nicht ſo groß. Sie hatte die dunklen braunen Augen 9 uf ihrer Mutter, groß und ſanft mit dem ſtetigen Glanze, n, den Mrs. Vanſtones Blick verloren hatte, und dennoch s. lebte in ihnen nicht ſo viel Theilnahme, waren in ihrem Ausdruck nicht jene Feinheit und Tiefe der Empfindung: in er war zart und weiblich, aber verſchleiert durch eine ge⸗ en wiſſe ruhige Zurückhaltung, von der das Geſicht ihrer ht Mutter frei war. Wenn wir es wagen dürfen, Dies es ſchärfer ins Auge zu faſſen, werden wir nicht die Be⸗ au merkung machen, daß die moraliſche Kraft des Charakters e⸗ und die höhern geiſtigen Fähigkeiten in den Aeltern oft ge⸗ n, heimnißvoll abzunehmen ſcheinen auf dem Wege der Ueber⸗ r⸗ tragung auf die Kinder? In dieſer Zeit böſer nervöſer en Erſchöpfung und allmälig weitergreifender Nervenſchwäche er iſt es doch wohl möglich, daß daſſelbe Geſetz— nicht ſo es oft zwar, geben wir gern zu— auch für die leiblichen fft Vorzüge ſeine Geltung hat? aß Mutter und Tochter ſtiegen langſam die Treppe her⸗ es unter, die erſtere in Dunkelbraun gekleidet, einen indiſchen eit Shawl um die Schulter geworfen, die andere einfacher ch in Schwarz, mit einem glatten Kragen und Manſchetten, ie auf dem Kleide ein dunkel⸗orangegelbes Band vorn am er Buſen. Als ſie durch die Flur ſchritten und in das Früh⸗ en ſtückszimmer traten, war Miſs Vanſtone noch ganz voll id von dem alles Andere in den Hintergrund ſtellenden Thema er des geſterabendlichen Concerts. er— Ich bedaure ſehr, Mamma, daß Du nicht bei uf uns warſt, ſagte ſie. Du biſt ſo ſtark und ſo wohl auf⸗ h, geweſen ſeit dem letzten Sommer, Du haſt Dich wieder ie um viele Jahre jünger gefühlt, ſo daß ich glaube, die te Anſtrengung wäre nicht zu groß für Dich geweſen. n⸗— Vielleicht nicht, meine Liebe, aber es war ebenſo en gerathen, das Sichere zu wählen. ie— Ganz gewiß, bemerkte Miſs Garth, welche ſich jetzt er an der Thür des Frühſtückszimmers zeigte. Sehen Sie ie Nora an([guten Morgen, meine Theurel], ſehen Sie, ar ſage ich, nur Nora an. Ein vollſtändig zerſchelltes Wrack, 2n ein leibhafter Beweis Ihrer Klugheit und der meinigen, daß wir zu Hauſe blieben. Das ſchlechte Gas, die üble Luft, die ſpäte Zeit, was können Sie da Gutes erwarten? Sie iſt auch nicht von Eiſen, daher hat ſie nun zu leiden. Nein, meine Theure, Sie dürfen es nicht leugnen. Ich ſehe, Sie haben ſich Kopfweh geholt. Noras dunkles, hübſches Geſicht erhellte ſich zu einem Lächeln, dann hüllte es ſich wieder in ſeine gewöhnliche ruhige Zurückhaltung. — Ein klein wenig Kopfweh; nicht halb ſo groß, um mich das Concert bereuen zu laſſen, ſagte ſie und ging dann vor ſich hin an das Fenſter. An dem fernen Ende eines Gartens mit Gehege ruhte der Blick auf einem Strom und einigen Pachterwohnungen, die jenſeit deſſelben lagen, und auf der Oeffnung einer be⸗ waldeten Felsſchlucht(in Somerſetſhire ein„Combe“ ge⸗ nannt), welche hier die Hügel, die den Hintergrund ſchloſſen, durchbrach. In nicht großer Entfernung ſah man einen Streifen Landſtraße, welcher ſich über die ſanften Bodenwellen des offenen Feldes hinſchlängelte, und auf dieſem Streifen wurde die ſtattliche Figur Mr. Vanſtones deutlich erkennbar, der eben von ſeinem Morgenſpazier⸗ gange nach Hauſe zurückkehrte. Er ſchwenkte fröhlich ſeinen Stock, als er ſeiner älteſten Tochter am Fenſter anſichtig wurde. Sie nickte ihm zu und winkte ihm anmuthig und hübſch mit der Hand zum Gegengruß, aber mit einer Art altmodiſcher Förmlichkeit, wie ſie einer ſo jungen Dame ſeltſam zu Geſichte ſtand und auch zu einer Begrüßung nicht paſſen wollte, die doch dem Vater galt. Die Hausuhr ſchlug die heute vorgerückte Frühſtücks⸗ ſtunde. Als der Minutenzeiger fünf Minuten weiter zeigte, wurde eine Thür in dem obern Theile des Hauſes zuge⸗ ſchlagen, eine helle jugendliche Stimme ließ ſich mit lieb⸗ lichem Geſange vernehmen, leichte raſche Schritte eilten die oberen Stufen herunter, hüpften in leichten Sprüngen auf den erſten Abſatz und eilten dann noch ſchneller den untern Theil der Treppe herab. Einen Augenblick ſpäter, und die jüngere von Mr. Vanſtones beiden Töchtern, den zier⸗ inen chtig und Art ame zung ücks⸗ igte, uge⸗ lieb⸗ ilten ngen den äter, den 11 einzigen am Leben gebliebenen Kindern, wurde auf der alten braunen Eichentreppe ſchnell wie ein Lichtſtral ſicht⸗ bar und ſtellte ſich, die letzten drei Stufen mit einem Satze überſpringend, athemlos im Speiſezimmer ein, um den Familienkreis vollzählig zu machen. Durch eins der ſeltſamſten Naturſpiele, die die Wiſſen⸗ ſchaft noch unerklärt gelaſſen hat, hatte ſie, das jüngſte von Mr. Vanſtones Kindern, keine erkennbare Aehnlich⸗ keit mit ihren beiden Aeltern. Wie war ſie zu ihrem Haar gekommen? Wie war ſie zu ihren Augen gekommen? Auch Vater und Mutter hatten ſich ſelbſt dieſe Fragen vorgelegt, als ſie zur Jungfrau heranwuchs, und waren ſehr in Verlegenheit ſie zu beantworten. Ihr Haar war von dem rein hellbraunen Ton, nicht vermiſcht mit Flachs⸗ gelb oder Gelb oder Roth, das man eher auf dem Ge⸗ fieder eines Vogels als auf dem Haupte eines menſchlichen Weſens findet. Es war ſanft und reich und wallte von ihrer Stirn hernieder in regelmäßigen Flechten, doch für Manche war es ohne Reiz und Leben, bei ſeinem gänz⸗ lichen Mangel an Schattirung, in der einförmigen Reinheit ſeiner ganz hellbraunen Farbe. Ihre Augenbrauen und Wimpern waren um einen Schatten dunkler als ihr Haupt⸗ haar und ſchienen für veilchenblaue Augen wie geſchaffen, die ihren höchſten Zauber üben, wenn ſie gepaart ſind mit einer ſchönen Geſichtsfarbe. Aber hier gerade war der Punct, wo ihr Geſicht ſein Verſprechen in der auffallend⸗ ſten Weiſe nicht hielt. Die Augen, welche hätten dunkel ſein ſollen, waren unbegreiflicher und ſtörenderweiſe von heller Farbe, ſie waren von jenem farbloſem Grau, das, obſchon wenig anziehend an ſich, doch den ſelten aus⸗ gleichenden Vorzug beſitzt, die feinſten Gedankenſchatti⸗ rungen, die zarteſten Gefühlsſteigerungen, die tiefſte Lei⸗ denſchaft mit einer Durchſichtigkeit des Ausdrucks ausſprechen zu können, mit der dunkle Augen nicht wetteifern können Solchergeſtalt völlig ſich ſelbſt widerſprechend im obern Theile ihres Geſichts, war ſie kaum weniger in Wider⸗ ſtreit mit den beſtehenden Geſetzen der Harmonie in dem 12 untern. Ihre Lippen hatten die echte weibliche Zartheit des Schnittes, ihre Wangen die liebliche Rundung und ſchwellende Friſche der Jugend, aber der Mund war zu groß und feſt, das Kinn zu ſtark ausgeprägt und zu groß für ihr Geſchlecht und ihr Alter. Ihre Geſichtsfarbe war von derſelben Farbenmonotonie, die ihr Haar kennzeich⸗ nete, ſie war von derſelben ſanften, warmen, milchweißen Schönheit ohne eine Nüance von Farbe auf den Wangen, ausgenommen, wenn ſie eine ungewöhnliche Körperan⸗ ſtrengung oder eine plötzliche geiſtige Aufregung hatte. Das ganze Geſicht, das ſo auffallend war durch ſeine ſtarken Gegenſätze, erhielt noch ein beſonderes Intereſſe durch ſeine außerordentliche Beweglichkeit. Die großen blitzenden hellgrauen Augen ſtanden kaum einen Augen⸗ blick ſtill, alle Schattirungen des Ausdrucks zogen fort⸗ während über das ſchöngeformte, immer wechſelnde Geſicht mit einer ſchwindelnden Schnelligkeit, mit welcher Schritt zu halten einer nüchternen Beobachtung nicht möglich war. Die überſprudelnde Lebenskraft des Mädchens machte ſich in deſſen ganzer Erſcheinung von Kopf bis zu Fuß geltend. Ihre Geſtalt, höher als die ihrer Schweſter, höher als der gewöhnliche Durchſchnitt der Frauengröße, belebt von einer ſolchen verführeriſchen, ſchlangenartigen Behendig⸗ keit, ſo leicht und neckiſch anmuthig, daß ihre Bewegungen unwillkürlich an die eines jungen Kätzchens erinnerten; ihre Geſtalt war ſchon ſo vollkommen entwickelt, daß Nie⸗ mand, der ſie ſah, gedacht hätte, ſie zähle erſt achtzehn Jahre. Sie blühte in der vollen phyſiſchen Reife des zwanzigſten Jahres, blühte kraft ihrer unvergleichlichen Geſundheit und Stärke natürlich und unwiderſtehlich. Hier lag in That der Hauptgrund ihres ſeltſam gearteten Weſens. Ihr jäher, halsbrechender Lauf die Haustreppe herab, die feurige Lebhaftigkeit aller ihrer Bewegungen, das un⸗ ausgeſetzte Sprühen ihres Geſichtsausdrucks, der reizende Frohſinn, der ihr die Herzen der ruhigſten Leute im Sturme eroberte, ſogar das unverhohlene Gefallen an glänzenden Farben, das ſich in ihrem prachtvoll geſtreiften dor Sche gab: über ſchw Blu hera 8 mit flatte mütl Nach mit dem 2 den doch wähl Sche war, zweit Toch delen der ſeine Einſi wie Wirk ſprech inden name dalen dalen inden mit e rtheit g und ar zu groß war zeich⸗ deißen ngen, heran⸗ hatte. ſeine ereſſe roßen ugen⸗ fort⸗ eſſicht chritt war. e ſich tend. als von ndig⸗ ngen rten; Nie⸗ ahre. gſten dheit g in ſens. rrab, un⸗ eende im an iften 13 Norgenanzuge, in ihren flatternden Bändern, in den großen Scharlachroſetten auf ihren zierlichen kleinen Schuhen kund gab: Alles ſchrieb ſich aus derſelben Urſache her, aus der überſtrömenden körperlichen Geſundheit, die jeden Muskel ſchwellte, die jeden Nerven ſpannte und das warme junge Blut prickelnd durch ihre Adern trieb, wie das Blut eines heranwachſenden Kindes. Bei ihrem Eintritt in das Frühſtückszimmer wurde ſie mit dem gewöhnlichen Tadel empfangen, welchen ihre flatterhafte Mißachtung aller Pünctlichkeit von den lang⸗ müthigen Häuptern des Hauſes herausfordern mußte. Nach Miſs Garths Lieblingsausdruck„war Magdalene mit allen Sinnen auf die Welt gekommen, nur nicht mit dem Ordnungsſinne“.— Magdalene! War es nicht ein wunderlicher Name, den man ihr da gegeben hatte? Wunderlich fürwahr und doch unter gar nicht außerordentlichen Umſtänden ausge⸗ wählt. Den Namen hatte eine von Mr. Vanſtones Schweſtern getragen, welche in zartem Alter geſtorben war, und ſo hatte er in liebevoller Erinnerung an ſie ſeine zweite Tochter ſo genannt, gerade ſo wie er ſeine ältere Tochter Nora nannte um ſeiner Gattin willen. Mag⸗ delene! Und war der große Frauenname aus der Bibel, der uns an eine düſtere Frauengeſtalt erinnert, der in ſeinen erſten Beziehungen trübe Gedanken von Rene und Einſiedlerleben in uns erweckt, war der Name wirklich wie die Zeit ſich erfüllte, ſo unpaſſend beigelegt worden? Wirklich hatte dies ſo durch und durch ſich ſelbſt wider⸗ ſprechende Mädchen ſonderbarerweiſe einen Gegenſatz mehr, indem ſie einen Charakter entwickelte, der mit ihrem Tauf⸗ namen im ſchroffſten Contraſt ſtand! — Wieder zu ſpät! ſagte Mrs. Vanſtone, als Mag⸗ dalene noch außer Athem ſie küßte. — Wieder zu ſpät! ſtimmte Miſs Garth ein, als Mag⸗ dalene dann zu ihr kam. Sind Sie wohl? fuhr ſie fort, indem ſie dem Mädchen vertraulich an das Kinn griff, mit einer halb ironiſchen, halb zärtlichen Aufmerkſamkeit, 14 welche verrieth, daß die jüngſte Tochter bei all ihren Feh⸗ lern doch der Liebling der Gouvernante war.— Sind Sie wohl? Und was hat Ihnen das Concert von geſtern Abend angethan? Welche Art von Leiden hat jene Aus⸗ ſihenns dieſen Morgen für Ihren Körper zur Folge gehabt? — Leiden?! wiederholte Magdalene, die eben wieder zu Athem und zugleich wieder zum Gebrauch ihrer Zunge gekommen war. Ich weiß nicht, was das Wort bedeutet; wenn es etwa auf mich geht, ſo bin ich ausnehmend wohl. Leiden? Ich bin gleich zu einem Concert für heute Abend bereit, zu einem Ball für morgen und einem Schauſpiel für übermorgen. O, rief Magdalene, indem ſie ſich in einen Stuhl warf und mit haſtiger Bewegung ihre Hände übers Kreuz auf den Tiſch legte, wie liebe ich das Ver⸗ gnügen!... — Sieh mal an, das iſt auf jeden Fall deutlich ge⸗ ſprochen! ſagte Miſs Garth. Ich denke, Pope wird Sie gemeint haben, als er ſeine berühmten Verſe ſchrieb: Vertheilt iſt Scherz und Ernſt in Männerbruſt, Doch jede Frau im Herzen fröhnt der Luſt.*) — Ein kleiner Teufel iſt ſie! rief Mr. Vanſtone, der eben, die Hunde hinterdrein, ins Zimmer trat, als Miſs Garth ihr Citat zum Beſten gab. Gut; lebt und lernt. Wenn Ihr Alle der Luſt fröhnt, Miſs Garth, werden die Geſchlechter vertauſcht und auf den Kopf geſtellt werden, und uns Männern wird nichts übrig bleiben, als zu Hauſe zu hocken und Strümpfe zu ſtopfen.— Doch früh— ſtücken wir nun! — Wie gehts Dir, Papa? ſagte Magdalene und fiel Mr. Vanſtone ſo ungeſtüm um den Hals, als ob er nur einer etwas größern Art Neufundländer angehörte und bloß dazu da wäre, ſich mit der Tochter nuch deren Gefallen herumzutummeln.— Ich lebe für das Vergnügen, *) Men some to business, some to pleasure ta e, But every woman is at heart a rake. beſſer erſtau gewen eben 1 das v⸗ und b froh, unſern bis w nach den 2 wie ne dem kannſt hätteſt Feh⸗ Sind eſtern Aus⸗ Folge vieder Zunge eutet; wohl. Abend uſpiel ich in Hände Ver⸗ , der Miſs lernt. en die erden, ls zu früh⸗ i fiel r nur e und deren nügen, 15 meint Miſs Garth, und wahrlich ich möchte zu einem andern Concert gehen, oder in ein Schauſpiel, oder zu einem Balle, wenn Du es lieber willſt, oder zu einer andern Vergnügung, wobei ich ein neues Kleid anziehen und unter eine Menge Leute kommen und mich vom Lichter⸗ lanz umſtralen laſſen, kurz über und über in einem Meere von Wonne ſchwelgen kann. Es iſt mir Alles recht, wenn wir nur nicht um elf Uhr zu Bett zu gehen brauchen. Mr. Vanſtone ſaß unter dem überſtrömenden Rede⸗ fluſſe ſeiner Tochter ruhig da, wie ein Mann, der es ſchon gewohnt iſt, von dieſer Seite her mit Worten über⸗ ſchwemmt zu werden.— Wenn ich mir die Wahl der Ver⸗ gnügungen für nächſte Zeit vorbehalten darf, verſetzte der würdige Herr, ſo denke ich, ein Schauſpiel wird beſſer ſein, als ein Concert. Die Mädchen haben ſich erſtaunlich ergötzt, meine Liebe, fuhr er zu ſeiner Gattin gewendet fort, mehr als ich, muß ich geſtehen. Es war eben nicht meine Sache. Man führte ein Muſikſtück auf, das vierzig Minuten dauerte. Daſſelbe hatte drei Pauſen, und bei jeder dachten wir, es wäre aus, und klatſchten, froh, daß wir es überſtanden hatten; aber es begann zu unſerm großen Erſtaunen und Mißbehagen immer wieder, bis wir uns in Verzweiflung drein ergaben und uns Alle nach Jericho hinwegwünſchten. Nora, meine Liebe! als wir den Vierzig⸗Minuten⸗Lärm hatten mit den drei Pauſen, wie nannte man das Stück? — Eine Symphonie, Papa, erwiederte Nora. — Ja, Du lieber alter Gothe, eine Symphonie von dem großen Beethoven! fügte Magdalene hinzu. Wie kannſt Du nur ſagen, daß Du Dich nicht daran erfreut hätteſt? aſt Du die gelbausſehende fremdländiſche veigeſſen, mit dem unausſprechlichen Namen? 21 Dich nicht mehr, was ſie für Geſichter Singen? und wie ſie ſich verneigte und immer erneigte, bis ſie die närriſchen Leute dahin hatte, 3 ſie 9 einmal riefen? Sieh her, Mamma, ſehen er, zeſs Garth! 16 Sie nahm einen leeren Teller vom Tiſche, um ein anſe Notenblatt vorzuſtellen, hielt ihn vor ſich in der Weiſe liche der Concertſängerinnen und gab nun eine Nachahmung weſe der Grimaſſen und Verneigungen der unglücklichen Sän⸗ gerin, ſo treu dem Original abgelauſcht, zum Beſten, Mr daß ihr Vater vor Lachen den Leib hielt und ſogar der Wa Bediente(der eben mit dem Briefbeutel hereintrat) gleich und das Zimmer wieder verlaſſen mußte und die Unſchicklich⸗ Fül keit beging, draußen vor der Thür ganz hörbar als Echo aus ſeines Herrn mitzulachen. zäut — Briefe, Papa. Ich brauche den Schlüſſel, ſagte Magdalene, welche von der mimiſchen Scene am Früh⸗ Sch ſtückstiſche an den Nebentiſch zu dem Briefbeutel eilte, Neb indem ſie wieder mit der ihr bei allen Handlungen eigen⸗ Sie thümlichen Leichtigkeit abbrach. dan⸗ Mr. Vanſtone ſuchte in den Taſchen und ſchüttelte das vert Haupt. Obſchon ſeine jüngſte Tochter ihm ſonſt in nichts gen weiter ähnlich war, ſo ſah man doch leicht, woher Mag⸗ dalenens Mangel an Ordnungsſinn kam. Se — Ich muß geſtehen, ich habe ihn in der Bibliothek Ma gelaſſen, bei meinen anderen Schlüſſeln, ſagte Mr. Van⸗ Pap ſtone. Geh und ſieh einmal nach, meine Liebe.— gert — Du ſollteſt wirklich Magdalenen verweiſen, brachte ſie Mrs. Vanſtone vor und wandte ſich an ihren Gatten, Tüe als ihre Tochter das Zimmer verlaſſen hatte. Dieſe rnr ſchauſpieleriſchen Einfälle nehmen bei ihr immer mehr Wer überhand, und ſie ſpricht mit Dir in einem ſo leichtfer⸗ wie tigen Tone, daß man es ohne Aergerniß nicht mehr mit de anhören kann. d en — Genau daſſelbe, was ich ſelbſt geſagt habe, bis ich Lein müde wurde, es zu wiederholen— bemerkte Miſs Garth. 3 Sie behandelt Mr. Vanſtone, als wäre er eine Art jüngerer 1 Bruder von ihr. um — Du biſt freundlich gegen uns in jeder Art, Papa. 4 yr und Du gibſt Magdalenens aufgewecktem Geiſte fr and vien lich nach, nicht wahr? ſagte die ruhige Nora, inden die Partie ihres Vaters und ihrer Schweſter na als 2 m ein Weiſe mung Sän⸗ zeſten, r der gleich icklich⸗ Echo ſagte Früh⸗ eilte, eigen⸗ ee das nichts Mag⸗ iothek Van⸗ rachte atten, Dieſe mehr htfer⸗ r mit is ich harth. gerer Papa ud 17 anſcheinend unabſichtlich, daß wenige Beobachter die wirk⸗ liche urſprüngliche Regung wahrzunehmen im Stande ge⸗ weſen wären. — Ich danke Dir, meine Liebe, ſagte der gutmüthige Mr. Vanſtone. Ich danke Dir für Dein gutes Wort. Was Magdalene betrifft, fuhr er fort zu ſeiner Gattin und Miſs Garth ſich wendend, ſo iſt ſie ein unbändiges Füllen. Laßt dies in ſeinem Gehege nur ſpringen und ausſchlagen nach Herzensluſt. Es iſt Zeit genug, ſie zu zäumen, wenn ſie ein wenig älter iſt. Die Thür ging auf, und Magdalene kam mit dem Schlüſſel zurück. Sie ſchloß den Briefbeutel auf dem Nebentiſche auf und ſchüttete die Briefe auf einen Haufen. Sie ſortirte ſie in weniger als einer Minute und kam dann, beide Hände damit voll, an den Frühſtückstiſch und vertheilte die Briefe rings herum mit der geſchäftsmäßi⸗ gen Fingerfertigkeit eines londoner Briefträgers. — Zwei für Nora, ſagte ſie an, indem ſie bei der Schweſter anfing. Drei für Miſs Garth. Keinen für Mamma. Einen für mich. Und die anderen ſechs alle für Papa.— Du fauler lieber Alter, Du beantworteſt nicht gern Briefe, nicht wahr? fuhr Magdalene fort, indem ſie den Brieftragerton fallen ließ und wieder den der Tochter annahm. Wie wirſt Du im Bibliothekzimmer brummen und hin und her laufen und gar bald wünſchen: Wenn es doch nur keine Briefe auf der Welt gäbe! Und wie roth wird Dein liebes altes ödes Haupt werden bei der Plage, die Antworten zu ſchreiben! Und wie viele von den Antworten wirſt Du auf morgen verſchieben, bei alle dem!— Das Briſtoler Theater iſt eröffnet, Papa, raunte ſie ſchlau und plötzlich ihrem Vater ins Ohr; ich ſah es in der Zeitung, als ich in die Bibliothek ging, um den Schlüſſel zu holen. Laß uns morgen Abend gehen! Während ſeine Tochter um ihn her plauderte, ordnete Mr. Vanſtone mechaniſch ſeine Briefe, legte ſich die erſten vier in eine Reihe und las die Adreſſen ohne Theilnahme; als er aber zum fünften kam, richtete ſich ſeine Aufmerk⸗ Wilkie Collins, Namenlos. 2 ſamkeit, die ſich bis dahin Magdalenen zugewendet hatte, plötzlich ausſchließlich auf den Poſtſtempel des Briefes. Sich über ihn beugend, ihr Haupt auf ſeine Schulter legend, konnte Magdalene den Stempel ſo deutlich ſehen als der Vater ſelbſt:— Nw ORLEANS. — Ein amerikaniſcher Brief, Papa! ſagte ſie. Wen kennſt Du in New⸗Orleans? Mrs. Vanſtone horchte auf und ſah begierig ihren Mann an, als Magdalene dieſe Worte ſprach. Mr. Vanſtone ſagte nichts. Er nahm ruhig den Arm ſeiner Tochter von ſeinem Halſe weg, als ob er wünſchte, nicht unterbrochen zu werden. Sie kehrte daher an ihren Platz beim Frühſtückstiſche zurück. Ihr Vater wartete mit dem Briefe in der Hand eine Weile, ehe er ihn öff⸗ nete; ihre Mutter ſah ihn dabei mit einer Miene aufmerk⸗ ſamer geſpannter Erwartung an, was Miſs Garth und Nora ſo wenig, als Magdalenen entging. Nach einem minutenlangen Zögern öffnete Mr. Van⸗ ſtone den fraglichen Brief. Sein Geſicht wechſelte ſofort die Farbe, als er die erſten Zeilen geleſen; ſeine Wangen verfärbten ſich zu einem matten Gelbbraun, welches bei einem weniger blühenden Manne Aſchgrau geweſen ſein würde; ſeine Miene nahm augenblicklich einen düſtern Ausdruck an und wurde finſter. Nora und Magdalene ängſtlich harrend ſahen nur die Veränderung, die mit ihrem Vater vorge⸗ gangen. Miſs Garth allein bemerkte die Wirkung, welche dieſe Veränderung auf die aufmerkſam gewordene Frau vom Hauſe ausübte. Es war nicht eine Wirkung, wie ſie oder jemand An⸗ deres ſie vorausgeſetzt haben würde. Mrs. Vanſtone ſah eher aufgeregt, als beunruhigt aus. Eine ſchwache flie⸗ gende Röthe auf ihren Wagen, die Augen blitzend, rührte ſie den Thee in ihrer Taſſe in einer unruhigen und unge— duldigen Art und Weiſe, die ihr ſonſt fremd war. Magdalenekraftihrer Eigenſchaftals verzogenes Kind war wie gewöhnlich die Erſte, welche das Schweigen unterbrach. Tone Mag richte agte ſagte lene mit e vielle ſtücks geſun ſunde vom trank eine z nicht kannſt S Gartl von l gelten unfeh gemut als ſi und ü rief 2 Kränk et hatte, teefes. Schulter ch ſehen Wen g ihren en Arm ünſchte, n ihren wartete ihn öff⸗ ufmerk⸗ th und r. Van⸗ er die ſich zu veniger ; ſeine an und darrend vorge⸗ welche Frau nd An⸗ Ie ſah ze flie⸗ rührte unge⸗ ndwar rbrach. 19 — Was gibt es, Papas fragte ſie. — Nichts, erwiderte Mr. Vanſtone mit ſcharfem Tone, ohne ſie anzuſehen. — Ich glaube aber doch, daß es Etwas gibt, beharrte Magdalene. Ich glaube ſogar, es ſind ſchlimme Nach— richten, Papa, in dem Briefe aus Amerika. — Es iſt Nichts in dem Briefe, was Dich angeht, ſagte jetzt Mr. Vanſtone. Das war die erſte directe Zurückweiſung, die Magda⸗ lene ſeitens ihres Vaters je erfahren hatte. Sie ſah ihn mit einer ungläubigen Ueberraſchung an, die unter weni⸗ ger ernſten Umſtänden ohne Widerrede arg verlegen aus⸗ geſehen haben würde. Weiter wurde Nichts geſprochen. Zum erſten Male vielleicht in ihrem Leben ſaß die Familie um den Früh⸗ ſtückstiſch in peinlichem Stillſchweigen. Mr. Vanſtones geſunder Morgenappetit war vergangen, ebenſo ſeine ge⸗ ſunde Morgenlaune. Er brach zerſtreut ein paar Biſſen vom trocknen Röſtbrode ab aus dem Körbchen neben ſich, trank zerſtreut ſeine erſte Taſſe Thee aus, verlangte dann eine zweite, die er aber unberührt vor ſich ſtehen ließ. — Nora, ſagte er nach einer Pauſe, Du brauchſt nicht auf mich zu warten. Magdalene, meine Liebe, Du kannſt gehen, wenn Du willſſt. Seine Töchter erhoben ſich augenblicklich, und Miſs Garth folgte bedächtig ihrem Beiſpiele. Wenn ein Mann von leichter Gemüthsart ſich in ſeiner Familie doch einmal geltend macht, ſo thut die Seltenheit der Kundgebung unfehlbar ihre Wirkung, und der Wille des ſonſt ſo leicht⸗ gemuthen Mannes iſt Geſetz. — Was muß denn vorgefallen ſein? wisperte Nora, als ſie die Thür des Frühſtückzimmers hinter ſich hatten und über die Flur gingen. — Was hat nur Papa vor, daß er ſo bös mit mir iſt? rief Magdalene, die nur über ihre eigene eben erfahrene Kränkung aufgeregt war. — Darf ich wohl erfahren, was Sie für ein Recht hatten, in Ihres Vaters Privatangelegenheiten einzudrin⸗ gen? entgegnete Miſs Garth. — Was für ein Recht? wiederholte Magdalene. Ich habe keine Geheimniſſe vor Papa, wie kommt Papa dazu, welche vor mir zu haben? Ich betrachte mich beleidigt! — Wenn Sie ſich doch lieber als zurechtgewieſen an⸗ ſehen wollten, dafür, daß Sie ſich nicht um Ihre Sachen bekümmern, ſagte Miſs Garth, die kein Blatt vor den Mund nahm, ſo würden Sie der Wahrheit ein wenig näher kommen. O, Sie ſind gerade ſo, wie die andern Mädchen heutzutage. Keine einzige von Euch Hunderten weiß, wie verkehrt ſie mit ſich ſelber daran iſt. Die drei Damen traten in das Morgenzimmer, und Magdalene erkannte den Tadel von Miſs Garth dadurch au, daß ſie die Thüre zuſchlug. Eine halbe Stunde verging, und weder Mr. Vanſtone, noch ſeine Gattin verließen das Frühſtückszimmer. Der Bediente, der nicht wußte, was vorgefallen war, kam herein, um den Tiſch abzuräumen, fand aber ſeinen Herrn und die Frau nebeneinander in eifrigem Geſpräche und verließ daher augenblicklich das Gemach. Eine weitere Viertelſtunde verſtrich, bevor die Thür des Zimmers ſich öffnete und die vertrauliche Beſprechung zwiſchen Herr und Frau vom Hauſe zu Ende war. — Ich höre Mamma auf der Flur, ſagte Nora. Vielleicht kommt ſie, um uns etwas zu erzählen. Mrs. Vanſtone trat ins Zimmer, als noch die Tochter ſprach. Die Farbe auf ihren Wangen war dunkler, und der Glanz halbverwiſchter Thränen war in ihren Augen ſichtbar. Ihr Schritt war haſtiger, ihre Bewegungen ſchneller als gewöhnlich. — Ich bringe Neuigkeiten, meine Lieben, die Euch über⸗ raſchen werden, ſagte ſie zu ihren Töchtern. Euer Vater und ich gehen morgen nach London. Magdalene faßte ihre Mutter mit ſprachloſem Er⸗ ſtaunen beim Arme; Miſs Garth ließ ihre Arbeit in den Schoß ſinken, ſogar die geſetzte Nora ſah auf ihre Füße und Lond⸗ Vanſt Wir der 8 Es iſ ich ha in O. mich S auf d der. nicht beantr D war ihres trotz d ihrer dort il wollte, bin's 1 Störe An lich. E mädche bevorſt Famili Befehle wie ſie Weiſe und G. Wenn dieſem nzudrin⸗ de. Ich ba dazu, eidigt! eſen an⸗ Sachen vor den wenig andern nderten er, und dadurch inſtone, Der , kam Herrn de und veitere rs ſich Herr Nora. ochter „ und Augen ungen über⸗ Vater Er⸗ tden Füße ) 21 und wiederholte betroffen die Worte:.... Gehen nach London. — Ohne unsl ſetzte Magdalene hinzu. — Euer Vater und ich, wir gehen allein, ſagte Mrs. Vanſtone. Vielleicht auf drei Wochen, aber nicht länger. Wir gehen— ſie hielt inne— wir gehen in dringen⸗ der Familienangelegenheit.(Laß mich los, Magdalene.) Es iſt eine unerwartet eingetretene Nothwendigkeit,— ich habe heute viel zu ſchaffen,— Mancherlei bis morgen in Ordnung zu bringen. Nun, nun, meine Liebe, laß mich gehen. Sie legte ihren Arm weg, küßte die jüngſte Tochter auf die Stirn und verließ plötzlich das Zimmer wie⸗ der. Selbſt Magdalene ſah, daß ihre Mutter ſich heute nicht darauf einließ, weitere Fragen anzuhören oder zu beantworten. Der Morgen verging langſam, und von Mr. Vanſtone war nichts zu ſehen. Mit der rückſichtsloſen Neugier ihres Alters und Charakters entſchloß ſich Magdalene, trotz des Verbots von Miſs Garth und der Vorſtellungen ihrer Schweſter nach dem Bibliothekzimmer zu gehen und dort ihren Vater aufzuſuchen. Als ſie die Thür öffnen wollte, war ſie von innen verſchloſſen. Sie ſagte: Ich bin's nur, Papa, und wartete auf eine Antwort. 4 — Ich bin beſchäftigt, meine Liebe, war die Antwort. Störe mich nicht. Anderſeits war auch Mrs. Vanſtone nicht zugäng⸗ lich. Sie blieb in ihrem eigenen Zimmer mit den Dienſt⸗ mädchen um ſich, vertieft in endloſe Vorbereitungen zur bevorſtehenden Abreiſe. Die Mädchen, bisher in dieſer Familie an plötzliche Entſchließungen und unerwartete Befehle nicht gewöhnt, waren linkiſch und verwirrt, wie ſie dieſe Weiſungen erhielten. Sie liefen unnöthiger Weiſe aus einer Stube in die andere und verloren Zeit und Geduld, indem ſie einander auf der Treppe ſtießen. Wenn ein Fremder in das Haus gekommen wäre an dieſem Tage, ſo würde er wohl gedacht haben, daß ein 22* unerwartetes Unglück vorgefallen wäre, anſtatt einer uner⸗ warteten Reiſe nach London. Nichts blieb in der gewohn⸗ ten Ordnung. Magdalene, welche gewohnt war, den Vormittag am Piano zuzubringen, wanderte unruhig auf der Treppe und in den Gängen hin und her und aus einem Zimmer ins andere, wenn es dort„gut Wetter“ zu geben ſchien. Nora, deren Leſeluſt in der Familie ſprichwörtlich geworden war, nahm ein Buch nach dem andern von dem Tiſche und aus dem Schranke und legte alle wieder weg, weil ſie ihre Aufmerkſamkeit nicht feſſeln konnten. Sogar Miſs Garth ſpürte an ſich den Alles durchdringenden Einfluß der Störung des Hausweſens und ſaß allein beim Kamin des Morgenzimmers, ihr Haupt hin⸗ und herſchüttelnd, die Arbeit bei Seite gelegt. — Familienangelegenheiten? dachte Miſs Garth, in⸗ dem ſie über Mrs. Vanſtones allgemein gehaltene Mitthei⸗ lung nachſann. Ich habe nun meine zwölf Jahre auf Combe⸗Raven gelebt, und dies ſind die erſten Familien⸗ angelegenheiten, die ſich zwiſchen Aeltern und Kinder ge⸗ ſtellt haben, ſo lange ich denken kann. Was ſoll das be⸗ deuten? Eine Veränderung? Ich merke, ich werde alt. Ich mag Veränderungen nicht leiden. Zweites Capitel. Zehn Uhr am nächſten Morgen ſtanden Nora und Magdalene allein in der Flur von Combe⸗Raven und ſahen den Wagen abfahren, welcher Vater und Mutter nach der Londoner Eiſenbahn bringen ſollte. Bis zum letzten Augenblick hatten beide Schweſtern einige weitere Aufklärung über jene„Familienangelegen⸗ heit“ zu erhalten gehofft, auf welche Mrs. Vanſtone Tags vorher ſo kurz angeſpielt hatte. Keine ſolche Erklärung war nehm inner hatte Vanſt unter imme armu fallen S lich ſich d und ſich z ausge ſchloſ ſich o dem tung Mitte gleich und l Alle wolle zu ſe alte L er uner⸗ gewohn⸗ ir, den thig auf ind aus Vetter“ Familie ich dem id legte feſſeln Alles zweſens es, ihr gelegt. th, in⸗ Nitthei⸗ dre auf milien⸗ der ge⸗ das be⸗ ꝛde alt. a und ſahen ich der beſtern llegen⸗ Tags ärung 23 war gegeben worden. Sogar die Erregtheit beim Abſchied⸗ nehmen unter Umſtänden, welche in den häuslichen Er⸗ innerungen der Aeltern und der Kinder ganz neu waren, hatte das entſchloſſene Schweigen von Mr. und Mrs. Vanſtone nicht zu erſchüttern vermocht. Sie waren unter den wärmſten Zärtlichkeitsbeweiſen abgereiſt, unter immer und immer wiederholten herzlichen Abſchiedsum⸗ armungen, aber ohne von Anfang bis zuletzt ein Wort fallen zu laſſen über den Grund ihrer jähen Reiſe. So wie das Geräuſch des wegfahrenden Wagens plötz⸗ lich bei einer Wendung der Straße verſtummt war, ſahen ſich die Schweſtern einander ins Angeſicht. Jede fühlte und Jede verrieth auf ihre Weiſe die herbe Empfindung, ſich zum erſten Male von dem Vertrauen ihrer Aeltern ausgeſchloſſen ſehen zu müſſen. Noras gewöhnliche Ver⸗ ſchloſſenheit verhärtete ſich zu bittrem Schweigen, ſie ſetzte ſich auf einen der Stühle in der Halle und ſchaute mit düſterm Blick durch die offne Hausthür. Magdalene, wie gewöhnlich, wenn ihr Weſen aufgeregt war, machte ihrem Mißvergnügen in den offenſten Worten Luft. — Mir iſt es einerlei, wer es hört, aber ich meine, wir ſind Beide ſchmählich mißhandelt! Mit dieſen Worten folgte die junge Dame dem Bei⸗ ſpiel ihrer Schweſter, indem ſie ſich ebenfalls auf einen Stuhl in der Flur niederließ und durch die offne Haus⸗ thür ins Freie ſchaute. Gerade in demſelben Augenblick trat Miſs Garth aus dem Morgenzimmer in die Flur. Ihre raſche Beobach⸗ tung zeigte ihr die Nothwendigkeit, ſich hier nützlich ins Mittel zu legen, und ihr richtiges Tactgefühl ließ ſie ſo⸗ gleich den Weg dazu finden. — Sehen Sie mich an, Sie Beide, wenn Sie wollen, und hören Sie mich an, ſagte Miſs Garth. Wenn wir Alle Drei hübſch gemüthlich und froh mit einander leben wollen, jetzt wo wir allein ſind, ſo müſſen wir ein Jedes zu ſeiner gewohnten Beſchäftigung zurückkehren und die alte Lebensweiſe wieder aufnehmen. Das iſt gerade her⸗ aus geſagt, der Stand der Dinge. Nehmen Sie die Situation an, wie ſie iſt, um den franzöſiſchen Ausdruck zu gebrauchen. Ich bin hier, um Ihnen mit meinem Bei⸗ ſpiele voranzugehen. Ich habe ſoeben ein vortreffliches Mittagseſſen zur gewöhnlichen Zeit beſtellt. Ich gehe nun zu meinem Arzeneikaſten, um der Küchenmagd etwas einzugeben, ein ungeſundes Mädchen, deſſen Kopfſchmerz im Magen ſitzt. Mittlerweile werden Sie, Nora, meine Theure, Ihre Arbeit und Ihre Bücher wie gewöhnlich in der Bibliothek finden. Und Sie, Magdalene, denke ich, werden nun aufhören, Knoten in Ihr Taſchentuch zu knüpfen und lieber Ihre Finger auf der Claviatur des Piano üben. Wir werden um Eins etwas eſſen und dann die Hunde ausführen. Seien Sie Beide ſo lebendig und munter, wie Sie mich ſehen. Wolan, ſtehen Sie gleich mit auf. Wenn ich dieſe verdüſterten Geſichter noch länger mit anſehen ſoll, ſo werde ich, ſo wahr ich Garth heiße, Ihre Mutter ſchriftlich um meine Entlaſſung bitten und mit dem gemiſchten Zuge um 12 Uhr 40 Minuten zu meiner Familie zurückkehren. Indem Miſs Garth ihre Anſprache mit dieſen Worten ſchloß, führte ſie Nora an die Bibliothekthür, ſchob Mag⸗ dalene in das Morgenzimmer und ging dann ihren eigenen Weg nach der Gegend des Arzeneikaſtens. In dieſer halb ſcherzenden, halb ernſthaften Weiſe war ſie gewohnt, eine Art freundſchaftlicher Auctorität über Mr. Vanſtones Töchter auszuüben, nachdem ihre eigent⸗ lichen Dienſte als Gouvernante nothwendig ihre End⸗ ſchaft erreicht hatten. Nora hatte, was wohl kaum erſt geſagt zu werden braucht, lange ſchon aufgehört, ihre Schülerin zu ſein, und auch Magdalene hatte jetzt ihre Erziehung vollendet. Allein Miſs Garth hatte zu lange und zu vertraut unter Mr. Vanſtones Dach gelebt, als daß man ſie aus bloßen formellen Erwägungen gehen laſſen mochte, und der erſte Wink in Bezug auf ihren Weggang, den ſie für ihre Pflicht hielt fallen zu laſſen, wurde mit einer ſo warm empfundenen Ablehnung zu⸗ rückgen zum S von de dieſen ſchaftli Halb Damer ihren Si Felſen wendet ſtraße Al auf ein Magde er nich vollſtät Hauſe denken No auf de wenig Als ſi Garth ſchleun ſie Da Sie die usdruck m Bei⸗ fffliches h gehe etwas ſchmerz meine nlich in nke ich, uch zu ur des en und ebendig en Sie er noch Garth bitten Linuten Vorten Mag⸗ eigenen ſe war t über eigent⸗ End⸗ m erſt „ ihre t ihre lange t, als gehen ihren laſſen, ig zu⸗ 25 rückgewieſen, daß ſie ihn nie wiederholte, es ſei denn zum Scherz. Die ganze Führung des Hausweſens war von der Zeit an in ihre Hände gelegt worden, und zu dieſen Pflichten fügte ſie aus freiem Antriebe die freund⸗ ſchaftliche Beihilfe, die ſie Nora bei der Lectüre geben konnte, und die Aufſicht über Magdalenens muſicaliſche Uebungen. Das war die Stellung, in welcher Miſs Garth Mr. Vanſtones Familie angehörte. Gegen den Nachmittag hin hellte ſich das Wetter auf. Halb zwei Uhr ſchien die Sonne recht ſchön, und die Damen verließen das Haus, um, begleitet von den Hunden, ihren Spaziergang zu machen. Sie gingen über den Fluß und ſtiegen durch den kleinen Felſenpaß nach den Hügeln im Hintergrunde hinan; dann wendeten ſie ſich wieder links und kehrten auf einer Seiten⸗ ſtraße zurück, die durch das Dorf Combe⸗Raven führte. Als ſie in Sicht der erſten Häuſer kamen, ſtießen ſie auf einen Mann, der am Wege raſtete und aufmerkſam erſt Magdalene, dann Nora anſah. Sie bemerkten nur, daß er nicht groß war, einen ſchwarzen Anzug hatte und ihnen vollſtändig fremd erſchien, und ſetzten ihren Weg nach Hauſe fort, ohne mehr an den ruhenden Fußwanderer zu denken, den ſie auf dem Wege vorher getroffen hatten. Nachdem ſie das Dorf verlaſſen hatten und wieder auf der gerade auf ihr Haus führenden Straße waren, überraſchte Magdalene Miſs Garth durch die Mittheilung, daß der ſchwarzgekleidete Fremde umgekehrt war, nachdem ſie an ihm vorüber waren, und ihnen nun gefolgt ſei. — Er hält ſich an Noras Seite auf der Straße, ſetzte ſie ärgerlich hinzu. Ich bin nicht der anziehende Gegenſtand, ich kann nichts dafür. Ob der Mann ihnen wirklich folgte oder nicht, machte wenig Unterſchied, denn ſie waren jetzt dicht am Hauſe. Als ſie durch das äußere Gitter traten, ſah ſich Miſs Garth um und ſah, daß der Fremde ſeine Schritte be⸗ ſchleunigte, offenbar in der Abſicht, ſie anzureden. Als ſie Das bemerkte, ließ ſie die jungen Damen allein mit den Hunden voraus in das Haus treten, während ſie ſelber am Thore wartete, was da kommen ſollte. Es war gerade nur ſo viel Zeit übrig, als nöthig, um dieſe Weiſung auszuführen, bevor der Fremde das Landhaus erreichte. Er nahm höflich den Hut vor Miſs Garth ab, als ſie ſich umdrehte. Wornach ſah er dem Feſühte nach aus? Er ſah aus wie ein verarmter Geiſt⸗ icher. Wenn wir ſein Bild von oben bis unten geben wollen, ſo fängt ſein Conterfei mit einem hohen Hute an, der mit einem breiten Streifen Trauerband von zerknittertem Krepp umgeben war. Unter dem Hute war ein mageres, langes, blaſſes Geſicht tief von Blatternarben durchfurcht und merkwürdig genug durch Augen von verſchiedener Farbe, das eine gallengrün, das andere gallenbraun, beide ſcharf und geiſtreich, gekennzeichnet. Sein Haar war eiſengrau und ſorgfältig an den Schläfen aufgebuͤrſtet. Wangen und Kinn ſtanden in ſchönblauer Blüte durch die Klinge des Barbiers, ſeine Naſe war kurz und römiſch, ſeine Lippen lang, dünn und fein, an den Winkeln aufgekräuſelt durch ein ſanftes launiges Lächeln. Sein weißes Halstuch war hoch, ſteif und— braun; der Kragen, noch höher, ſteifer und— brauner als erſteres, ſtreckte ſeine rauhen Spitzen auf beiden Seiten ſeines Kinnes empor. Weiter unten war der Anzug der kleinen flinken Geſtalt ganz ſchwarz, aber ärmlich und abgetragen. Sein Frack war um den Leib feſt zugeknöpft, öffnete ſich aber ſtolz an der Bruſt. Seine Hände waren mit ſchwarzen Baumwollenhand⸗ ſchuhen, die an den Fingern ſorgfältig ausgebeſſert waren, bedeckt; ſein Regenſchirm, obſchon an dem Stabe bis auf das letzte Theilchen eines Zolles abgetragen, wurde nichts⸗ deſtoweniger ſorgſam in einer Wachstuchhülle bewahrt. Die Stirnanſicht von ihm war diejenige, wo er am älteſten ausſah; wenn man ihn aber von der Seite nahm, ſo konnte man ihn auf Fünfzig und da herum ſchätzen. Ging man hinter ihm her, ſo ſahen Rücken und Schultern bei ihm jung genug aus, um für Fünfunddreißig zu gelten. Seine Haltu Heiter er in fältige ſylbig gekräu doch 1 gehüll wahr! deuten ſtones Sie ſ Töchte D derte Schrit Fräule Mr. L den B Aehnle Dame ſagte? den, d genug durch dann vorgef Vater, mich l Intere ich es Reizen hrend ſie 3 nöthig, mde das dor Miſs er dem eer Geiſt⸗ twollen, der mit em Krepp „langes, rcht und r Farbe, de ſcharf eiſengrau igen und inge des e Lippen elt durch tuch war „ ſteifer Spitzen er unten ſchwarz, um den v Bruſt. lenhand⸗ twaren, bis auf e nichts⸗ ört. Die älteſten o konnte ng man bei ihm Seine 27 Haltung und Geberden waren durch eine ſalbungsvolle Heiterkeit ausgezeichnet. Wenn er die Lippen öffnete, ſprach er in einem ſchönen Baß, mit leichtem Redefluß und ſorg⸗ fältiger Beachtung der redneriſchen Betonung von mehr⸗ ſylbigen Wörtern. Beredtſamkeit ſtrömte von ſeinen mild⸗ gekräuſelten Lippen, und ſo ärmlich er ausſah, ſo war er doch reichlich in immergrüne Blumen voll Höflichkeit ein⸗ gehüllt von Kopf bis zu Fuß. — Dies iſt die Wohnung von Mr. Vanſtone, nicht wahr? begann er mit einer Handbewegung nach dem Hauſe deutend. Habe ich die Ehre, ein Mitglied von Mr. Van⸗ ſtones Familie vor mir zu ſehen? — Ja, erwiderte die wahrheitsliebende Miſs Garth. Sie ſprechen mit der Gouvernante von Mr. Vanſtones Töchtern. Der beredte Mann trat einen Schritt zurück, bewun⸗ derte Mr. Vanſtones Gouvernante, trat dann wieder einen Schritt vor und ſetzte die Unterhaltung fort. — Und die zwei jungen Damen, fing er an, die beiden Fräulein, welche mit Ihnen gingen, ſind ohne Zweifel Mr. Vanſtones Töchter? Ich erkannte die dunklere von den Beiden und zugleich die ältere wie ich glaube, an der Aednläihiee mit ihrer hübſchen Mutter. Die jüngere ame— — Sie ſind vermuthlich mit Mrs. Vanſtone bekannt? ſagte Miſs Garth und unterbrach den Redefluß des Frem⸗ den, der bei Lichte beſehen nach ihrer Meinung freimüthig genug ſich ergoß. Der Fremde erwiderte die Unterbrechung durch eine ſeiner höflichen Verbeugungen und überflutete dann Miſs Garth in ſeiner nächſten Rede, als ob nichts vorgefallen wäre. — Die jüngere Dame, fuhr er fort, ſchlägt nach ihrem Vater, denke ich? Ich verſichere Ihnen, ihr Geſicht machte mich betroffen. Indem ich es mit dem freundſchaftlichen Intereſſe betrachte, das ich an der Familie nehme, hielt ich es für ſehr merkwürdig. Ich ſagte zu mir ſelbſt: Reizend, eigenthümlich, merkwürdig! Nicht ihrer Schweſter ähnlich, auch nicht der Mutter ähnlich. Ohne Zweifel das Ebenbild ihres Vaters? Noch einmal verſuchte Miſs Garth die Flut von Worten des Mannes zu unterbrechen. Es war deutlich, er kannte Mr. Vanſtone nicht, nicht einmal von Anſehen; andernfalls hätte er ja nicht den Irrthum begangen, daß Magdalene ihrem Vater ähnlich wäre. Kannte er Mr. Vanſtone beſſer? Er hatte Miſs Garths Frage über dieſen Punct unbeantwortet gelaſſen. Bei allen Heiligen, wer war er denn? Bei dem Gotte der Unverſchämten, was wollte er?! — Sie ſind wohl ein Freund der Familie, obſchon ich mich Ihres Geſichts nicht entſinne, ſagte Miſs Garth. Was wünſchen Sie, wenn ich bitten darf? Kamen Sie hierher, um Mrs. Vanſtone einen Beſuch zu machen? .— Ich hatte ſchon früher das Vergnügen, mit Mrs. Vanſtone in Verbindung zu ſtehen, antwortete der Mann, im Ausweichen und Complimentemachen ein erfahrener Meiſter. Wie befindet ſie ſich? — So wie gewöhnlich, verſetzte Miſs Garth, welche fühlte, daß ihre Höflichkeit nun bald auf die Neige ging. — Iſt ſie zu Hauſe? — Nein. — Wird ſie lange wegbleiben? — Abgereiſt nach London mit Mr. Vanſtone. Das lange Geſicht des Mannes wurde noch länger. Sein gallenbraunes Auge ſah verlegen aus, und ſein gallen⸗ grünes Auge folgte deſſen Beiſpiele. Seine Haltung wurde erſichtlich unſicher, und die Wahl ſeiner Worte wurden noch ſorgfältiger denn zuvor. — Wird Mrs. Vanſtones Abweſenheit vielleicht längere Zeit dauern? fragte er. — Sie wird über drei Wochen dauern, erwiderte Miſs Garth. Ich denke, Sie haben nun genug gefragt, fuhr ſie fort, indem zuletzt ihr Unmuth wieder die Oberhand in ihr zu gewinnen begann. Seien Sie ſo gut, gefälligſt ihr Anliegen und Ihren Namen zu ſagen. Haben Sie eine heute beſorg bieten E Gartl über Offen an un Beiſp Lippen er dri⸗ aus d taſche und e ſchriel mit d Garth wenn Briefe ich Si wird Famil Gedͤc Dank. für m hübſch Töchte in Mr mir G Zeit it die Ve einen; Er zwinke Zweifel lut von deutlich, Anſehen; en, daß er Mr. ge über deiligen, hämten, chon ich Garth. ten Sie en? it Mrs. ann, im Meiſter. welche ging. länger. gallen⸗ Haltung Worte längere e Miſs , fuhr erhand fälligſt en Sie 29 eine Mittheilung für Mrs. Vanſtone; gut, ich ſchreibe heute Abend an Mrs. Vanſtone und kann ſie mit an ſie beſorgen. — O tauſend Dank! Ein ſehr annehmbares Aner⸗ bieten. Erlauben Sie mir daſſelbe ſogleich anzunehmen. Er war nicht im Mindeſten von dem Ernſte in Miſs Garths Blick und Rede betroffen; er war einfach erfreut über ihr Erbieten und zeigte Dies mit der einnehmendſten Offenheit. Dies Mal gab das gallengrüne Auge den Ton an und dem andern gallenbraunen Auge das leuchtende Beiſpiel wiederhergeſtellter Heiterkeit. Seine gekräuſelten Lippen nahmen eine neue, ſanfte Biegung nach oben an, er drückte ſeinen Schirm lebhaft unter den Arm und brachte aus der Bruſt ſeines Fracks eine große altmodiſche Brief⸗ taſche zum Vorſchein. Aus dieſer nahm er einen Bleiſtift und eine Karte, zögerte und dachte einen Augenblick nach, ſchrieb dann ſchnell Etwas auf die Karte und legte dieſe mit der höflichſten Gewandtheit von der Welt in Miſs Garths Hand. — Ich werde mich perſönlich tief verpflichtet fühlen, wenn Sie mich durch Einſchluß dieſer Karte in Ihren Briefe ehren wollen, ſagte er. Es iſt nicht nöthig, daß ich Sie noch mit einem Auftrage beläſtige. Mein Name wird vollkommen genügen, Mrs. Vanſtone an eine kleine Familienſache zu erinnern, die ihr ohne Zweifel aus dem Gedächtniß entſchwunden iſt. Nehmen Sie meinen beſten Dank. Dies iſt ein Tag von angenehmen Ueberraſchungen für mich geweſen. Ich habe das Land hier herum recht hübſch gefunden; ich habe Mrs. Vanſtones beide reizende Töchter geſehen, ich bin mit einer ehrenwerthen Lehrerin in Mr. Vanſtones Familie bekannt geworden. Ich wünſche mir Glück; ich bitte um Entſchuldigung, Ihre werthvolle Zeit in Anſpruch genommen zu haben; genehmigen Sie die Verſicherung meiner Ergebenheit— ich wünſche Ihnen einen guten Morgen! Er ſetzte ſeinen hohen Hut auf. Sein braunes Auge zwinkerte, ſein grünes Auge zwinkerte, ſeine gekräuſelten Lippen lächelten ſüß. In einem Augenblick wandte er ſich um. Sein jugendlicher Rücken erſchien im beſten Lichte, ſeine lebhaften kleinen Beine trugen ihn trippelnd in der Richtung des Dorfes hinweg. Eins, zwei, drei— jetzt war er an der Wendung der Straße. Vier, fünf, ſechs — und er war verſchwunden. Miſs Garth ſah auf die Karte in ihrer Hand nieder und blickte wieder auf in hellem Staunen. Der Name und die Adreſſe des geiſtlich ausſehenden Fremden(beide mit Bleiſtift geſchrieben) lauteten wie folgt: Hauptmann Wragge. Poſtamt Briſtol. Drittes Capitel. Als ſie ins Haus trat, machte Miſs Garth gar keinen Verſuch, ihre ungünſtige Meinung in Bezug auf den ſchwarzgekleideten Herrn zu verbergen. Sein Zweck war ohne Zweifel, von Mrs. Vanſtone eine Geldunterſtützung zu erlangen. Was er bei ihr für Anſprüche darauf hatte, das war ihr allerdings noch nicht klar, wenn es nicht etwa der Anſpruch als armer Verwandter derſelben war. Hatte Mrs. Vanſtone jemals vor ihren Töchtern den Namen des Hauptmann Wragge ausgeſprochen? Keine von Beiden konnte ſich ihn je gehört zu haben erinnern. Hatte Mrs. Vanſtone jemals auf irgend welche arme Ver⸗ wandte angeſpielt, welche von ihr Unterſtützung bezögen? Im Gegentheil, ſie hatte in früheren Jahren erwähnt, daß ſie zweifle, überhaupt noch Verwandte zu haben, die am Leben wären. Und doch hatte Hauptmann Wragge deutlich erklärt, daß der Name auf ſeiner Karte Mrs. Vanſtone eine„Familienſache“ ins Gedächtniß zurückrufen werde. Was ſollte das heißen? Eine falſche Angabe ſeitens des Fremden, ohne erſichtlichen Grund, eine ſolche zu mac eheim 3 Al borgen genheit Hauſe deuten, knüpft kamen Brief im Eit M St war D Brief überze irgend auf ih Indem ließ, möchte allein M Theil ging o Gründ treffen Es daß ih Gemal geweſer dieſen ſehende war. keine 5 geheiro ſelber e er ſich Lichte, din der — jetzt f, ſechs d nieder r Name n(beide r keinen auf den deck war ſtützung f hatte, cht etwa n war. ern den Keine rinnern. me Ver⸗ ezögen? rwähnt, den, die Wragge e Mrs. ückrufen Angabe ie ſolche zu machen? Oder gar noch ein zweites Geheimniß, das der geheimnißvollen Reiſe nach London auf dem Fuße folgte? Alle Wahrſcheinlichkeit ſchien auf einen gewiſſen ver⸗ borgenen Zuſammenhang zwiſchen den„Familienangele⸗ genheiten“, die Mr. und Mrs. Vanſtone ſo plötzlich vom Hauſe weggeführt hatten, und der„Familienſache“ hinzu⸗ deuten, die mit dem Namen des Hauptmann Wragge ver⸗ knüpft war. Miſs Garths Zweifel vom Tage vorher kamen ihr ſtärker denn zuvor in den Sinn, als ſie den Brief an Mrs. Vanſtone mit der Karte des Hauptmanns im Einſchluß verſiegelte. Mit umgehender Poſt kam die Antwort an. Stets die am Früheſten aufſtehende Dame im Hauſe, war Miſs Garth allein im Frühſtückszimmer, als der Brief ankam. Der erſte Blick auf den Inhalt deſſelben überzeugte ſie von der Nothwendigkeit, daß er, bevor irgend welche unbequeme Fragen an ſie gerichtet würden, auf ihrem Zimmer aufmerkſam durchgeleſen ſein wollte. Indem ſie durch das Dienſtmädchen an Nora beſtellen ließ, daß ſie doch dieſen Morgen den Thee bereiten möchte, ging ſie die Treppe hinauf, um auf ihrem Zimmer allein und ungeſtört zu bleiben. Mrs. Vanſtones Brief war ziemlich lang. Der erſte Theil deſſelben bezog ſich auf Hauptmann Wragge und ging ohne Rückhalt auf alle dieſen Mann ſelbſt und die Gründe, die ihn nach Combe⸗Raven geführt hatten, be⸗ treffenden Einzelnheiten ein. Es ergab ſich aus den Angaben von Mrs. Vanſtone, daß ihre Mutter zwei Mal verheirathet war. Der erſte Gemahl ihrer Mutter war ein gewiſſer Doctor Wragge geweſen, ein Witwer mit kleinen Kindern, und eines von dieſen Kindern war eben jener ſo gar nicht militäriſch aus⸗ ſehende Hauptmann, deſſen Adreſſe„Poſtamt Briſtol“ war. Mrs. Wragge hatte von ihrem erſten Gatten keine Kinder; ſie hatte nachmals Mrs. Vanſtones Vater geheirathet. Aus dieſer zweiten Ehe war Mrs. Vanſtone ſelber die einzige Frucht. Sie hatte ihre beiden Aeltern, als ſie noch jung war, verloren, und im Laufe der Jahre auf Kof war von den Verwandten mütterlicherſeits einer nach Famillie dem andern geſtorben(dieſe Verwandten aber waren ihre die ihn nächſten lebenden Angehörigen geweſen). Sie ſtand nun hätten! nach dem vorliegenden Briefe allein noch da ohne Ver⸗ ergreife wandte in der Welt, ausgenommen vielleicht einige Vet⸗ Jugend tern, die ſie nie geſehen und von deren Daſein ſie zur weſen. Zeit keine beſtimmte Kenntniß hatte. den, in Was hatte unter dieſen Umſtänden Hauptmann Wragge einen 2 denn für Familienanſprüche an Mrs. Vanſtone? mit Sc Durchaus keinerlei. Als der Sohn von ihrer Mutter niedrigſ erſtem Manne von deſſen erſter Ehefrau konnte er, ſelbſt durchge wenn man die Riückſicht aufs Aeußerſte treiben wollte, thet, w unmöglich jemals in die Reihe von Mrs. Vanſtones ent⸗ nerin g fernteſten Verwandten aufgenommen werden*). Indem er kommen dies auch recht gut wußte(fuhr der Brief fort), war er herzig doch nichtsdeſtoweniger dabei geblieben, ſich ihr als eine herausg Art Blutsverwandter aufzudrängen, und ſie war ſchwach und er genug geweſen, ſeiner Zudringlichkeit nachzugeben, lediglich Sünden aus Furcht, er könnte ſich ſonſt bei Mr. Vanſtone ſelber wan d einführen und ohne Scheu Mr. Vanſtones Großmuth anſtor brandſchatzen. Indem es ihr natürlich nur unangenehm untti ſein konnte, wenn ihr Gatte beläſtigt und wahrſcheinlich geſchrie noch obendrein betrogen werden ſollte, von einer Perſon, wieſen⸗ die, wenn auch ohne Berechtigung, einen nahen Verwandt⸗ remndlen ſchaftsgrad mit ihr ſelber vorgab, ſo war es ſeit Jahren ausſchli ihre Gewohnheit geweſen, den Hauptmann aus ihrer eigenen ihres L Börſe zu unterſtützen, unter der Bedingung, daß er niemals Obf in ihr Haus käme und daß er ſich nicht unterſtehen ſollte, Schwäc ſich in irgend einer Weiſe Mr. Vanſtone zu nähern. welche Mrs. Vanſtone gab gern zu, daß ſie darin nicht klug Umgan gehandelt habe; aber ſie war, wie ſie im weitern Verlaufe gang des Schreibens entwickelte, um ſo mehr zu dieſer Hand⸗ ſich dan lungsweiſe veranlaßt geweſen, als ſie ſeit ihrer frühen nahm Jugend aus Erfahrung gewußt habe, wie der Hauptmann Neugier ggetheilt *) D. h. nach engliſchen Begriffen. W. Wilkie er Jahre ner nach aren ihre rand nun hne Ver⸗ nige Vet⸗ ſie zur Wragge »Mutter er, ſelbſt wollte, ones ent⸗ Indem er „war er als eine r ſchwach lediglich ne ſelber Broßmuth ungenehm rſcheinlich r Perſon, zerwandt⸗ it Jahren er eigenen r niemals een ſollte, rn. nicht klug Verlaufe ker Hand⸗ er frühen auptmann W. 33 auf Koſten bald dieſes, bald auf Koſten jenes Gliedes der Familie ihrer Mutter lebte. Im Beſitze von Fähigkeiten, die ihn vielleicht es zu einer ausgezeichneten Stellung hätten bringen laſſen, was für eine Laufbahn er auch hätte ergreifen mögen— ſo war er doch nichtsdeſtoweniger von Jugend auf für alle ſeine Verwandten eine Schande ge⸗ weſen. Er war aus dem Milizregimente ausgeſtoßen wor⸗ den, in welchem er eine Offiziersſtelle bekleidete. Er hatte einen Beruf nach dem andern verſucht und hatte in jedem mit Schimpf und Schande beſtanden. Er hatte in der niedrigſten und kläglichſten Bedeutung des Wortes ſich durchgeſchwindelt. Er hatte ein armes Mädchen geheira⸗ thet, welche in einem gewöhnlichen Speiſehauſe als Kell⸗ nerin gedient hatte und unverhofft zu etwas Gelde ge⸗ kommen war, und hatte deren kleines Vermögen unbarm⸗ herzig bis auf den letzten Heller durchgebracht. Gerade herausgeſagt war er ein unverbeſſerlicher Taugenichts, und er hatte nur einen üblen Streich mehr auf ſein Sündenregiſter gebracht, wenn er jetzt unverſchämt genug war, die Bedingung zu brechen, unter der ihn Mrs. Vanſtone bisher unterſtützt hatte. Sie hatte ſofort unter der auf ſeiner Karte angegebenen Adreſſe an ihn geſchrieben und ihn ſo deutlich und dergeſtalt zurecht ge⸗ wieſen, daß er, wie ſie hoffte und wünſchte, ſich niemals wieder einfallen laſſen würde, ihrem Hauſe zu nahe zu kommen. Solchergeſtalt ſchloß Mrs. Vanſtone den erſten ausſchließlich auf Hauptmann Wragge bezüglichen Theil ihres Briefes. DObſchon die Mittheilungen, welche er enthielt, eine Schwäche in Mrs. Vanſtones Charakter offenbar machten, welche Miſs Garth trotz ihres vieljährigen vertrauten Umgangs mit derſelben ihr nimmer zugetraut hätte, ſo nahm ſie doch die Erklärung ohne Weiteres an und gab ſich damit zufrieden, indem ſie dieſelbe um ſo lieber hin⸗ nahm, als ſie ohne jede Unzuträglichkeit der erwachten Neugier der beiden jungen Fräulein im Weſentlichen mit⸗ getheilt werden konnte. Namentlich aus dieſem letzten Wilkie Collins, Namenlos. 3 Grunde las ſie die erſte Hälfte des Briefes mit dem an⸗ ihres genehmen Gefühl einer gewiſſen Befriedigung durch. dem i Ganz und gar verſchieden davon war der Eindruck, den griffen die zweite Hälfte, je weiter ſie las und als ſie den Brief veran zu Ende geleſen hatte, auf ſie hervorbrachte. Seele Die zweite Hälfte des Briefes war dem Zwecke der der un Londoner Reiſe gewidmet. habe Mrs. Vanſtone begann damit, ſich auf die langjährige Autor vertraute Freundſchaft zu beziehen, die zwiſchen Miſs gleich Garth und ihr ſelbſt beſtanden hätte. Sie glaubte es ihr möger als Freundin ſchuldig zu ſein, ihr offen die Beweggründe ließ. vorzulegen, welche ſie dazu vermocht hätten, mit ihrem Umſtä Gemal vom Hauſe weg zu reiſen. Miſs Garth habe habe ſich zwar zart genug nichts merken laſſen, müſſe aber welche doch im Herzen ſehr überraſcht geweſen ſein und noch finden ſein, von dem Geheimniſſe, welches die jähe Abreiſe um⸗ thüml geben habe, und ſie werde ſich die Frage vorgelegt haben, für di was Mrs. Vanſtone mit Familienangelegenheiten zu für ſie ſchaffen habe(in ihrer, was Verwandte anlangt, ſo unbe⸗ ſie zu helligten Stellung), welche doch nur allein Mr. Vanſtone ſeiner perſönlich angehen mußten. wiſſe, Ohne dieſe Angelegenheiten weiter zu berühren, was die Zu ſie eben weder gern mochte, noch brauchte, fuhr Mrs. N Vanſtone fort zu erklären, ſie werde alle Vermuthungen Vanſte von Miſs Garth, wenigſtens ſoweit ſie ſelbſt dabei in ein G. Rede komme, durch ein offenes Geſtändniß mit einem ſich ve Male beſeitigen. Ihr Zweck dabei, daß ſie ihren Gatten theiler nach London begleitete, ſei geweſen, einen gewiſſen be— hätten rühmten Arzt aufzuſuchen und ihn ins Geheim zu befragen willen über gewiſſe ſehr zarte und zugleich Beſorgniß erregende ihrer Umſtände ihrer Geſundheit. In deutlicheren Worten, dieſe würde Beſorgniß erregenden Umſtände bedeuteten nichts Ge⸗ ſchweig ringeres, als die Möglichkeit, daß ſie vielleicht wieder Mittle Mutterfreuden genießen würde. des N Als ſich dieſer Gedanke ihr zuerſt aufgedrängt habe, habe d habe ſie ihn lediglich als einen Wahn betrachtet. Der. Andeu lange Zeitraum, welcher vergangen ſei nach der Geburt Brief dem an⸗ durch. uck, den n Brief decke der gjährige n Miſs e es ihr ggründe t ihrem th habe ſſe aber nd noch eiſe um⸗ t haben, eiten zu ſo unbe⸗ Vanſtone en, was hr Mrs. athungen dabei in it einem i Gatten iſſen be— befragen erregende ten, dieſe hts Ge⸗ t wieder gt habe, et. Der Geburt 35 ihres letzten Kindes, die ſchwere Krankheit, welche ſie nach dem in früheſter Jugend erfolgtem Tode jenes Kindes er⸗ griffen habe, das Lebensalter, in dem ſie nun ſtehe: Alles veranlaßte ſie, den Gedanken ſofort, als er in ihrer Seele entſtanden war, zurückzuweiſen. Er war aber wie⸗ der und wieder gekommen, trotz ihres Widerwillens. Sie habe nun die Nothwendigkeit erkannt, die erſte ärztliche Autorität darüber zu Rathe zu ziehen, und habe doch zu⸗ gleich um Alles in der Welt ihre Töchter nicht erſchrecken mögen, indem ſie einen Londoner Arzt ins Haus kommen ließ. Dies ärztliche Gutachten, unter den ſchon erwähnten Umſtänden angerufen, lag nun vor. Ihre Vermuthung habe ſich als richtig herausgeſtellt, und der Ausgang, welcher vorausſichtlich gegen Ende des Sommers ſtatt⸗ finden könnte, ſei nun in ihrem Alter und bei ihren eigen⸗ thümlichen Zuſtänden ein Gegenſtand ernſter Beſorgniſſe für die Zukunft, um nicht noch Schlimmeres anzudeuten, für ſie geworden. Der Arzt habe ſein Möglichſtes gethan, ſie zu beruhigen, allein ſie habe das Bedeutungsſchwere ſeiner Fragen deutlicher, als er geahnt, erkannt und wiſſe, daß er mit mehr als gewöhnlicher Beſorgniß in die Zukunft ſchaue. Nachdem ſie dieſe Einzelnheiten enthüllt, bat Mrs. Vanſtone, daß ſelbige zwiſchen ihr und der Adreſſatin ein Geheimniß bleiben möchten. Sie habe es nicht über ſich vermocht, Miſs Garth ihre Vermuthungen mitzu⸗ theilen, bis ſich dieſe Vermuthungen als wahr erwieſen hätten, und ſie erſchrecke nun mit noch größerem Wider⸗ willen vor dem Gedanken, ihre Töchter irgendwie betreffs ihrer ſelbſt in Unruhe und Beſtürzung zu verſetzen. Es würde das Beſte ſein, für jetzt ganz von der Sache zu ſchweigen und getroſt den Sommer herankommen zu laſſen. Mittlerweile würden ſie hoffentlich am dreiundzwanzigſten des Monats Alle wieder beiſammen ſein, Mr. Vanſtone habe dies als Tag ihrer Rückkehr feſtgeſetzt. Mit dieſer Andentung und den gewöhnlichen Aufträgen brach der Brief plötzlich und verwirrt ab. Im erſten Augenblicke war ein natürliches Mitgefühl ſchnel für Mrs. Vanſtone die einzige Empfindung, deren ſich Tage⸗ Miſs Garth bewußt war, als ſie den Brief weggelegt zimm hatte. Alsbald aber tauchte in ihrer Seele ein leiſer wenig Zweifel auf, der ſie verſtimmte und verwirrte. War die Mrs. Erklärung, die ſie eben geleſen hatte, wirklich eine genü⸗ nats gende und ſo vollſtändig, alſo wofür ſie ausgegeben wurde? hüllun Soweit die Thatſachen für ſich ſelbſt ſprachen, gewiß nicht. Am Morgen ihrer Abreiſe hatte Mrs. Vanſtone das Haus ohne Frage in guter Laune verlaſſen. In ihrem Alter und bei ihrem Geſundheitszuſtande eine Reiſe zu einem Arzte, war eine ſolche, in dieſer Laune ausgeführt, in Einklang zu bringen mit der Reiſe, die ſie vor hatte? Oder aber hatte vielleicht jener Brief aus New⸗Or⸗ leans, der Mr. Vanſtones Abreiſe veranlaßt hatte, einen E Antheil daran, daß die Reiſe ſeiner Frau ebenfalls nöthig der a wurde? Warum hiätte ſie ſonſt ſo begierig aufgeſchaut, Erfül in dem Augenblicke, wo ihre Tochter den Poſtſtempel er⸗ ihrer wähnte? Den angeführten Beweggrund ihrer Reiſe auch vom! wirklich zugegeben, mußte nicht ihr Benehmen an dem ihre? Morgen, wo der Brief geöffnet wurde, und ferner an dem ganz, Morgen der Abreiſe das Vorhandenſein irgend eines an⸗ unver dern Motivs, das ihr Brief aber verſchwieg, vermuthen Weſen laſſen?. rückge Wenn es ſo war, ſo war der Schluß, der ſich daraus thron ergab, ein ſehr betrübender. Mrs. Vanſtone hatte, weil Stirn ſie fühlte, was ſie ihrer langen Freundſchaft mit Miſs gemei Garth ſchuldig war, offenbar das vollſte Vertrauen auf borge ſie geſetzt, wenigſtens in der einen Sache, während ſie doch 3 in der andern ganz unbefangen das unverbrüchlichſte nen. Stillſchweigen beobachtete.— Bei ihrem eigenen offnen Cha⸗ Schof rakter und ihrer Geradheit bei allen Handlungen hütete Ober ſich Miſs Garth, ihre Vermuthungen unentwegt bis zu Fuß, dieſem Puncte zu verfolgen, weil ſie es für eine Art Treu⸗ ſchwã bruch gegen ihre erprobte und hochgeſchätzte Freundin ertrun hielt, wenn ſie noch langer bei ſich darüber nachgrübelte. die es Sie ſchloß den Brief in ihr Pult ein, erhob ſich den e kitgefühl eren ſich deggelegt in leiſer War die ne genü⸗ wurde? diß nicht. one das n ihrem Reiſe zu geführt, r hatte? kew⸗Or⸗ te, einen s nöthig geſchaut, mpel er⸗ eiſe auch an dem an dem ines an⸗ rmuthen daraus tte, weil it Miſs huen auf ſie doch üchlichſte nen Cha⸗ n hütete t bis zu rt Treu⸗ Freundin grübelte. hob ſich 37 ſchnell, um ſich den vorübergehenden Anforderungen des Tages zu widmen, und ging wieder in das Frühſtücks⸗ zimmer hinab. Unter ſo manchen Räthſeln war doch wenigſtens eine ſichere Thatſache, nämlich die: Mr. und Mrs. Vanſtone wollten den dreiundzwanzigſten des Mo⸗ nats zurückkommen. Wer konnte ſagen, welche neue Ent⸗ hüllungen mit ihnen kommen würden? Viertes Capitel. Es kamen keine neuen Enthüllungen mit ihnen, keine der an ihre Rückkunft geknüpften Vorausſetzungen ging in Erfüllung. Ueber den einen verbotenen Geſprächsſtoff ihrer Londoner Reiſe waren weder der Herr noch die Frau vom Hauſe zum Sprechen zu bringen. Was auch immer ihre Abſicht geweſen ſein mochte, ſie hatten, ſo ſchien es ganz, ſie nach Wunſch erreicht; denn Beide kamen zurück, unverändert in Blick und Haltung. Mrs. Vanſtones Weſen war in ſein angeborenes ruhiges Gleichgewicht zu⸗ rückgekehrt: Mr. Vanſtones unerſchütterliche Heiterkeit thronte ſo ruhig und unbekümmert wie ſonſt auf ſeiner Stirn. Das war das einzige bemerkbare Ergebniß ihrer gemeinſchaftlichen Reiſe, keines weiter. War das tief ver⸗ borgene Geheimniß undurchdringlich, verborgen für immer? In dieſer Welt kommt Alles„an das Licht der Son⸗ nen“. Das Gold, das Jahrhunderte unbemerkt im Schoße der Erde lag, verräth ſich eines Tages ſelbſt der Oberwelt. Sand wird zum Angeber und verräth den Fuß, der über ihn hinging; Waſſer wirft an die ge⸗ ſchwätzige Oberfläche den Leichnam Deſſen aus, der darin ertrunken war. Das Feuer ſogar liefert in der Aſche, die es hinterläßt, den Nachweis, welches der Stoff geweſen, den es verzehrte. Der Haß zerbricht das Geheimſchloß 38 der Gedanken, indem er aus den Pforten der Augen ſpringt, und die Liebe findet den Judas, der ſie durch einen Kuß verräth. Sehen wir wohin wir wollen, das unentrinnbare Geſetz der Entdeckung iſt ein Naturgeſetz: die beſtändige Bewahrung eines Geheimniſſes iſt ein Wun⸗ der, das die Welt niemals geſchaut hat. Wie ſollte das jetzt im Hausweſen auf Combe⸗Raven noch verborgene Geheimniß nach dem Rathſchluſſe der Vorſehung ſich ſelbſt verrathen? Durch welches neuein⸗ tretende Ereigniß in dem Alltagsleben des Vaters, der Mutter und der Töchter ſollte das Geſetz der Entdeckung den Weg zur Enthüllung bahnen?— Der Weg wurde ge⸗ bahnt(ohne daß es die Aeltern ſahen und die Kinder wuß⸗ ten) durch das erſte Ereigniß nach der Rückkehr von Mr. und Mrs. Vanſtone, ein Ereigniß, welches dem erſten Anſcheine nach kein Intereſſe von größerer Wichtigkeit bot, als die gewöhnliche Sitte eines Morgenbeſuchs. Drei Tage nachdem der Herr und die Frau von Combe⸗Raven zurückgekehrt waren, waren die weiblichen Familienglieder in dem Morgenzimmer beiſammen. Die Ausſicht aus den Fenſtern ging auf den Blumengarten und das Buſchwerk hinaus, welches letztere an der Außen⸗ ſeite mit einem Staket umgeben und von dem Heckengange dahinter durch ein Gatterthor zugänglich war. Bei einer Pauſe in der Unterhaltung wurde die Aufmerkſamkeit der Damen plötzlich auf das Thor gelenkt, durch den ſcharfen Ton der eiſernen Klinke, welche ins Schloß fiel. Es war Jemand von dem Heckengange in das Gebüſch ge⸗ treten, und Magdalene ſtellte ſich ſofort an das Fenſter, um des Beſuchers durch die Bäume zuerſt anſichtig zu werden. Wenige Minuten darauf ward die Geſtalt eines Herrn ſichtbar, da wo der Baumgang in den gewundenen Gar⸗ tenweg mündete, der zu dem Hauſe führte. Magdalene ſah ihn aufmerkſam an, ohne ſofort zu erkennen, wer es war. Als er aber näher kam, brach ſie in Erſtaunen aus und machte, indem ſie ſich raſch zu ihrer Mutter und Schweſter n Anderer als Der ſo Vanſtones Mr. Clo loſe Beſitzur zaunes lag, Bodens von Linie einer zige werthvr prachtvollen ſeiner beſche durchgehend ſtellt war. herrſchende vielen Jahr er ſich als tröſten gew drei Söhne häusliches! ſeines Stut bedrohe. T Mr. Clare aber:„Go und noch kle aus demſell ſichtspuncte mit einem 6 weſens über einziger Di ſich nie unte nahe zu ko Jahres. S ſeine Leibph ſich nur mi ging dann Schritte au Schweſter umdrehte, kund, der Herr im Garten ſei kein Anderer als„Mr. Francis Clare“. Der ſo angekündigte Beſuch war der Sohn von Mr. Vanſtones älteſtem Geſellſchafter und nächſtem Nachbar. Mr. Clare der Vater bewohnte eine kleine anſpruchs loſe Beſitzung, die gerade an der Außenſeite des Gebüſch zaunes lag, welcher Letztere die Grenze des Grund und Bodens von Combe⸗Raven bezeichnete. Da er der jüngern Linie einer ſehr alten Familie angehörte, ſo war das ein⸗ zige werthvolle Erbtheil ſeiner Vorfahren der Beſitz einer prachtvollen Bibliothek, die nicht allein alle Zimmer in ſeiner beſcheidenen kleinen Wohnung füllte, ſondern auch durchgehends an den Treppen und in den Gängen aufge⸗ ſtellt war. Mr. Clares Bücher bildeten das einzige vor⸗ herrſchende Intereſſe in ſeinem Leben. Er war ſchon ſeit vielen Jahren Witwer und machte kein Hehl daraus, daß er ſich als Philoſoph über den Verluſt ſeiner Gattin zu tröſten gewußt habe. Als Vater betrachtete er ſeine aus drei Söhnen beſtehende Familie als ein unabwendbares häusliches Uebel, welches unaufhörlich das Allerheiligſte ſeines Studirzimmers und die Sicherheit ſeiner Bücher bedrohe. Wenn die Knaben in die Schule gingen, ſagte Mr. Clare zu ihnen:„Gott befohlen!“ für ſich ſelber aber:„Gott ſei Dank!“ Was ſein kleines Einkommen und noch kleineres Hausweſen anlangte, ſo ſah er Beides aus demſelben ſelbſtironiſirenden und gleichgültigen Ge⸗ ſichtspuncte an. Er nannte ſich ſelbſt einen armen Mann mit einem Stammbaume. Die ganze Führung des Haus⸗ weſens überließ er einer alten ſchlappigen Frau, die ſein einziger Dienſtbote war, unter der Bedingung, daß ſie ſich nie unterfange, ſeinen Büchern mit einem Borſtwiſch nahe zu kommen vom erſten bis zum letzten Tage des Jahres. Seine Lieblingsdichter waren Horaz und Pope, ſeine Leibphiloſophen Hobbes und Voltaire. Er machte ſich nur mit Widerwillen Bewegung in friſcher Luft und ging dann immer bis zu derſelben abgemeſſenen Anzahl Schritte auf dem häßlichſten ſteilſten Wege der Nachbar⸗ ſchaft. Er war von krummem Rücken, aber raſchem leb⸗ haften Weſen. Er konnte Radieschen vertragen und auf grünen Thee ſchlafen. Seine Anſichten von der Natur des Menſchen waren die des Diogenes, gemildert durch Rochefoucaults Lebensanſchauung; ſeine perſönlichen Ge⸗ wohnheiten waren im höchſten Grade unſauber, und am Liebſten rühmte er ſich, über alle menſchlichen Vorurtheile hinaus zu ſein.. So war der wunderliche Kauz in ſeinem äußern Weſen. Was für edlere Eigenſchaften er vielleicht unter dieſer Außenſeite barg, das hatte bis jetzt Niemand her⸗ ausbekommen. Mr. Vanſtone verſicherte zwar ſteif und feſt:„Mr. Clares ſchlimmſte Seite ſei ſeine Außenſeite,“ ſtand aber mit dieſer ſeiner Meinung vereinzelt da unter den Nachbarn. Die Beziehungen zwiſchen dieſen ſo ganz verſchiedenen beiden Männern hatten ſchon viele Jahre gedauert und waren wohl nahe genug, um als Freund⸗ ſchaft bezeichnet werden zu können. Sie hatten ſich ge⸗ wöhnt, an gewiſſen Abenden in der Woche in dem Studir⸗ zimmer des Cynikers zuſammen zu rauchen und ſich dort über alle erdenklichen Gegenſtände ernſt zu unterhalten, Mr. Vanſtone die Keule kühner Behauptungen ſchwingend, Mr. Clare mit dem ſcharfkantigen Rüſtzeug der Sophiſten ausparirend. Sie ſtritten ſich gewöhnlich Abends und kamen den andern Morgen auf dem neutralen Grund und Boden des Gebüſches wieder zuſammen, um ſich zu verſöhnen. Das Band des in ſolch wunderlicher Art zwiſchen beiden ſtattfindenden Verkehrs wurde auf Seiten Mr. Vanſtones dadurch ein noch ſtärkeres, daß derſelbe an ſeines Nachbars drei Söhnen einen herzlichen Antheil nahm, eine Theilnahme, welche für dieſe Söhne um ſo werthvoller war, als ſie ſahen, daß eines von den Vorur⸗ theilen, die ihr Vater überwunden hatte, auch das Vor⸗ urtheil zu Gunſten ſeiner eigenen Kinder war. — Ich ſehe auf meine Kinder, pflegte der Philoſoph zu ſagen, mit vollkommen unparteliſchen Augen; ich laſſe den zufälligen Umſtand ihrer Geburt außer allem Be⸗ em leb⸗ nd auf Natur t durch en Ge⸗ nd am ertheile äußern unter id her⸗ if und ſeite,“ unter o ganz Jahre reund⸗ ch ge⸗ ſtudir⸗ h dort alten, igend, hiſten und Hrund ich zu Art Seiten rſelbe atheil m ſo orur⸗ Vor⸗ ſoph laſſe Be⸗ 41 tracht und finde ſie daher in jeder Hinſicht mittelmäßig. Die einzige Entſchuldigung, welche ein armer Edelmann für ſeinen Anſpruch, im neunzehnten Jahrhundert leben zu dürfen, haben kann, iſt, daß er ſich durch außerordent⸗ liche Fähigkeiten hervorthue. Meine Kinder ſind aber von früͤheſter Jugend auf Hohlköpfe geweſen. Wenn ich ihnen einiges Vermögen geben könnte, ſo würde ich Frank einen Fleiſcher, Cecil einen Bäcker und Arthur einen Gewürz⸗ krämer werden laſſen, da dies die einzigen Berufe des Menſchen ſind, von denen ich weiß, daß ſie immer ge⸗ braucht werden. Wie die Sachen aber ſtehen, habe ich eben kein Geld, um ihnen fortzuhelfen, und ſie haben nicht das Zeug, ſich ſelbſt fortzuhelfen. Sie kommen mir vor, wie drei menſchliche Pleonasmen in ſchmutzigen Jacken und lärmenden Stiefeln, und wenn ſie nicht ſelber die Geſellſchaft von ihrem Anblicke befreien und davon laufen, weiß ich wahrlich nicht, was mit ihnen angefangen wer⸗ den ſoll. Zum Glück für die Knaben waren Mr. Vanſtones Anſichten noch ganz in den gewöhnlichen Vorurtheilen be⸗ fangen. Auf ſeine Befürwortung und durch ſeinen Ein⸗ fluß wurden Frank, Cecil und Arthur mit Freiſtellen in einer Schule von gutem Rufe untergebracht. An Feſt⸗ tagen hatten ſie die Erlaubniß, ſich in Mr. Vanſtones Park herumtummeln zu dürfen und wurden auch im Hauſe unter Beihilfe von Mrs. Vanſtone und deren Töchtern gezogen und gebildet. Bei ſolchen Gelegenheiten pflegte Mr. Clare manchmal von ſeiner Wohnung in Schlafrock und Pantoffeln herüber zu kommen und durch die Fenſter oder über den Zaun geringſchätzig nach den Knaben zu ſehen, als ob es drei wilde Thiere wären, welche ſein Nachbar zu zähmen verſuchte. — Sie und Ihre Frau, Sie ſind ein Paar vortreff⸗ liche Leute, pflegte er zu Mr. Vanſtone zu ſagen. Ich habe alle Achtung vor Ihrem ehrenwerthen Vorurtheil zu Gunſten dieſer meiner Kinder. Allein Sie befinden ſich betreffs ihrer ganz ungeheuer im Irrthume, wahrhaftig! ——— Ich will keinen Anſtoß geben, ich ſpreche ganz unparteiiſch; aber merken Sie auf meine Worte, Vanſtone: es wird aus allen Dreien Nichts werden, Sie mögen für ſie thun, was Sie nur wollen. In ſpäteren Jahren, als Frank das Alter von ſiebzehn Jahren erreicht hatte, trat die ſeltſame Vertauſchung der bezüglichen Stellungen als Vater und als Freund noch auffallender zu Tage, als zuvor. Ein Kunſtbaumeiſter im Norden von England, der Mr. Vanſtone gewiſſe Ver⸗ pflichtungen ſchuldig war, erklärte ſeine Bereitwilligkeit, Frank unter den günſtigſten Bedingungen von der Welt unter ſeine Leitung zu nehmen. Als man dies Anerbieten erhielt, trug Mr. Clare wie gewöhnlich ſeine Eigenſchaft als Franks Vater auf Mr. Vanſtone über und legte der väterlichen Begeiſterung ſeines Nachbars vom Stand⸗ puncte des objectiven Beobachters Zügel an. — Es iſt die ſchönſte Ausſicht für Frank, welche jemals ſich bieten konnte, rief Mr. Vanſtone mit der ganzen Wärme väterlicher Theilnahme. — Mein lieber Alter, er wird nicht darauf eingehen, verſetzte Mr. Clare mit der eiſigen Ruhe eines gar nicht betheiligten Freundes. — Aber er ſoll darauf eingehen, beharrte Mr. Van⸗ ſtone. — Sagen Sie, er ſoll einen mathematiſchen Kopf bekommen, entgegnete Mr. Clare; ſagen Sie, er ſoll Be⸗ triebſamkeit, Ehrgeiz und Beharrlichkeit bekommen. Bah, bah, Sie ſehen ihn nicht mit ſo unparteiiſchen Augen an, als ich. Ich ſage Ihnen, keine Spur von Betriebſamkeit, von Ehrgeiz, von Beharrlichkeit! Frank iſt aus lauter Negationen zuſammengeſetzt, da haben Sie es! — Zum Teufel mit Ihren Negationen! ſchrie Mr. Vanſtone. Ich ſchere mich den Guckuk um Negationen oder Affirmationen. Frank ſoll dieſe glänzende Stelle haben, und ich mache mit Ihnen die Wette, um was Sie wollen, es wird zu ſeinem Beſten ausſchlagen! — Ich bin nicht reich genug, um für gewöhnlich Wet⸗ teiiſch; wird thun, ebzehn ig der dnoch neiſter Ver⸗ igkeit, Welt bieten iſchaft te der 5tand⸗ emals ganzen gehen, nicht Van⸗ Kopf ll Be⸗ Bah, en an, mkeit, lauter Mr. tionen Stelle 3 Sie Wet⸗ ten zu machen, erwiderte Mr. Clare, aber ich habe im Hauſe irgendwo eine Guinee, und dieſe Guinee will ich ver⸗ wetten, Frank kommt wieder in unſere Hände zurück, wie ein ſchlechter Schilling. — Es gilt! ſagte Mr. Vanſtone. Nein, warten Sie eine Minute! Ich möchte dem Charakter des braven Burſchen das Unrecht nicht anthun, auf denſelben ſo wenig Geld zu ſetzen. Ich ſetze fünf gegen eins, Frank ſpielt in dieſem Berufe ſeinen Trumpf aus! Sie ſollten ſich ſchämen, von ihm ſo zu ſprechen, wie Sie es jetzt ge⸗ than. Was für einen philoſophiſchen Hocuspocus Sie dafür vorbringen werden, mag ich nicht wiſſen; aber ſoviel iſt gewiß, Sie bringen mich ſchließlich immer dazu, daß ich ſeine Partie nehmen muß, als ob ich der Vater wäre, nicht Sie. — O ja, laſſen Sie Sich Zeit, Sie werden Sich ſchon herausreden! Ich werde Ihnen keine Zeit laſſen, ich mag Nichts wiſſen von Ihrer tüfteligen Vertheidigung! Schwarz iſt Weiß, wenns nach Ihnen ginge. Das läßt micheſehr ruhig, es iſt doch Schwarz trotz alledem. Sie würden durch Ihre Reden neunzehn aus dem Dutzend heraus⸗ bringen! Ich werde noch mit der heutigen Poſt an meinen Freund ſchreiben und Ja ſagen in Franks Intereſſe. Dies waren die vorhergehenden Umſtände, unter denen Mr. Francis Clare nach dem Norden von England ging, um in einem Alter von ſiebzehn Jahren in die Welt zu treten als zukünftiger Kunſtbaumeiſter. Von Zeit zu Zeit machte Mr. Vanſtones Freund Er⸗ ſterm Mittheilungen über den neuen Schützling. Frank erhielt das Lob eines ruhigen, anſtändigen, ſtrebſamen jungen Menſchen, aber es wurde auch berichtet, daß er nur langſam die Anfangsgründe der Ingenieurkunſt be⸗ greife. Andere Briefe von ſpäterm Datum ſchilderten ihn als vorſchnell an ſich ſelbſt verzweifelnd. Man habe ihn aus dieſem Grunde nach einer im Baue begriffenen neuen Eiſenbahn geſchickt, um zu ſehen, ob Wechſel des Ortes ihn vorwärts bringen könnte, und es ſei denn auch dieſer Verſuch in jeder Beziehung erfolgreich ausgefallen, nur wohl nicht hinſichtlich ſeiner Berufsarbeiten, die immer noch langſame Fortſchritte machten. Weitere Nachrichten zeigten ſeine Abreiſe an der Seite eines zuverläſſigen Bauführers nach einigen öffentlichen Bauten in Belgien an, deuteten den allgemeinen Vortheil an, den er augen⸗ ſcheinlich von dieſer neuen Stellung habe, rühmten ſeine ausgezeichnete Führung und Geſchicklichkeit, welche ſich ganz beſonders nützlich erweiſe zur Erleichterung des geſchäft⸗ lichen Verkehrs mit den Ausländern, übergingen aber die Hauptfrage, ſeine gegenwärtigen Fortſchritte in der Wiſ⸗ ſenſchaft, mit geheimnißvollem Stillſchweigen. Dieſe Be⸗ richte und viele andere, welche ähnlich lauteten, wurden alle von Franks väterlichem Freunde Franks leiblichem Vater gewiſſenhaft zur Beachtung vorgelegt. Bei jeder Gelegenheit triumphirte Mr. Clare über Mr. Vanſtone, und ſtritt ſich Mr. Vanſtone mit Mr. Clare. — Eines ſchönen Tages werden Sie wünſchen, jene Wette nicht gemacht zu haben, ſagte der cyniſche Philoſoph. — Eines ſchönen Tages werde ich Gott ſei Dank die Genugthuunng haben, Ihre Guinee in die Taſche zu ſtecken, rief ſein warmblütiger Freund. Zwei Jahre waren ſo ſeit Franks Abreiſe vergangen. Noch ein Jahr ſpäter, und der Erfolg ſprach für ſich ſelbſt und erledigte die Frage. Zwei Tage nach Mr. Vanſtones Rückkehr von London wurde er von der Frühſtückstafel abgerufen, bevor er Zeit gehabt hatte, einen Blick auf die mit der Frühpoſt gekom⸗ menen Briefe zu werfen. Indem er ſie alle in eine der Taſchen ſeines Jagdkollers ſteckte, nahm er ſpäter im Laufe des Tages, wo ſich Gelegenheit dazu fand, eine Handvoll heraus. Dieſe Handvoll umfaßte den ganzen Briefwechſel mit einer einzigen Ausnahme, und dieſe Ausnahme war ein Schlußbericht von dem Baumeiſter, welcher ihm an⸗ zeigte, daß die Beziehungen zwiſchen ihm und ſeinem Schützling zu Ende ſeien, und daß Frank ſofort in ſeines Vaters Haus zurückkehren werde. S Jem ſtone auf! nur Mr. ſeine ſchwe die 2 6 weſen ſolche ſten Er h lehrte Min Clare ſchree iſt, hinül gende in I. ling, hält werde Dir; U Clare ſich langſe C lene i wurde von ſt ffallen, immer richten äſſigen zelgien augen⸗ i ſeine h ganz eſchäft⸗ ber die r Wiſ⸗ ſe Be⸗ urden blichem jeder nſtone, I, jene loſoph. ank die ſtecken, angen. ſelbſt ondon er Zeit gekom⸗ ne der Laufe undvoll wechſel ie war im an⸗ ſeinem ſeines 45 Während noch dieſe wichtige Anmeldung, ohne daß Jemand eine Ahnung davon hatte, ruhig in Mr. Van⸗ ſtones Taſche ſteckte, war ſchon der Gegenſtand derſelben auf der Heimreiſe unterwegs, ſo ſchnell die Eiſenbahn ihn nur bringen konnte. Um halb elf Uhr in der Nacht, als Mr. Clare einſam ſtudirend über ſeinen Büchern und bei ſeinem grünen Thee ſaß, neben ſich zur Geſellſchaft ſeine ſchwarze Lieblingskatze, hörte er Schritte auf dem Gange, die Thür ging auf, und Frank ſtand vor ihm. Gewöhnliche Menſchen wären darüber erſtaunt ge⸗ weſen. Allein die Ruhe des Philoſophen war durch eine ſolche Kleinigkeit, als die unerwartete Rückkehr ſeines älte⸗ ſten Sohnes war, nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er hätte nicht mit größerer Gelaſſenheit von ſeinem ge⸗ leyrten Folianten aufblicken können, wenn Frank erſt drei Minuten, ſtatt drei Jahre abweſend geweſen wäre. — Gerade wie ich es voraus geſagt hatte, ſagte Mr. Clare. Unterbrich mich nicht mit Erklärungen und er⸗ ſchrecke die Katze nicht. Wenn etwas zu eſſen in der Küche iſt, ſo nimm es und geh zu Bett. Morgen kannſt Du hinüber nach Combe⸗Raven gehen und Mr. Vanſtone Fol⸗ gendes ausrichten: — Grüße vom Vater, mein Herr, und ich bin wieder in Ihre Hände zurückgekommen wie ein ſchlechter Schil⸗ ling, wie er immer von mir vorausgeſagt habe. Er be⸗ hält ſeine Guinee und nimmt Ihre fünf und hofft, Sie werden ſich ein ander Mal merken, was er ſagt. — Das iſt Dein Auftrag. Mache die Thüre hinter Dir zu. Gute Nacht. Unter ſolchen traurigen Ausſichten erſchien Mr. Francis Clare am nächſten Morgen auf Combe⸗Raven und näherte ſich etwas ungewiß über den ſeiner harrenden Empfang langſam der Einfaſſung des Hauſes. Es war gewiß nicht zu verwundern, wenn Magda⸗ lene ihn nicht ſogleich erkannt hatte, als er zuerſt ſichtbar wurde. Er war fortgegangen als ein etwas träger Burſche von ſiebzehn Jahren, er kam zurück als ein junger Mann von zwanzig. Seine ſchlanke Geſtalt hatte nun Stärke und Anſehen gewonnen und ſich der Mittelgröße genähert. Das kleine regelmäßige Geſicht, das er von ſeiner Mutter geerbt haben ſollte, hatte ſich gerundet und war voll ge⸗ worden, ohne die merkwürdige Zartheit des Schnitts ver⸗ loren zu haben. Sein Bart war noch im erſten Flaum, und um die Wangen ließen ſich die erſten ſchwachen Spu⸗ ren eines entſtehenden Backenbartes hier und da blicken. Seine ſanften unſtäten braunen Augen würden einem Mädchengeſicht beſſer geſtanden haben, ſie ermangelten des rechten geiſtigen Lebens und der Feſtigkeit, um ſich für das Geſicht eines Mannes zu ſchicken. Seine Hände hatten dieſelbe unſtäte Gewohnheit, als ſeine Augen; ſie waren bald in dieſer, bald in jener Lage, immer ſpielend und tändelnd mit irgend einem aufgeleſenen kleinen Gegen⸗ ſtande. Er war ohne Zweifel hübſch, wohlgewachſen und von gebildetem Weſen; aber keinem aufmerkſamen Beob⸗ achter konnte es entgehen, daß der vollkräftige alte Fami⸗ lienſchlag in den ſpäteren Geſchlechtern herabgekommen war, und daß Mr. Francis Clare von ſeinen Vorfahren nicht das Weſen, ſondern höchſtens das Anſehen geerbt hatte. Als das Erſtaunen, das durch ſein Erſcheinen erregt worden, ſich zum Theil wieder gelegt hatte, wurde nach dem verlornen Briefe geſucht. Er fand ſich in dem tief⸗ ſten Schlupfwinkel von Mr. Vanſtones weiter Taſche und wurde nun von dem Hausherrn ſofort durchgeleſen. Das rein Thatſächliche, wie es der Baumeiſter ſchil⸗ derte, war folgendes. Frank ſei nicht im Beſitze der⸗ jenigen Fähigkeiten erfunden worden, welche ihn für ſeinen neuen Beruf geſchickt machten, und es ſei unnöthig, damit Zeit zu verlieren, daß man ihn noch länger bei einem Fache feſthielt, für das er nicht berufen ſei. Da dies nach einer Probe von drei Jahren, die beiderſeitige Ueber⸗ zeugung ſei, ſo habe der Meiſter es eben für das Ge⸗ rathenſte gehalten, ſeinen Schützling nach Hauſe zurückzu⸗ ſchicken und ſeinem Vater und ſeinen Freunden das Er⸗ gebni auf d eine Fleiß den e bald anlan liebt ander! Freun war i V zu gef gar in lage; Bezug war d Gemü ſeinem denn ungün daran, man 2 ner an ausget doch d. Mit d herzige und Ge Weiſe tenden Stärke äähert. Nutter öll ge⸗ s ver⸗ laum, Spu⸗ blicken. einem en des ir das hatten waren d und Gegen⸗ en und Beob⸗ Fami⸗ ommen fahren geerbt erregt de nach m tief⸗ he und r ſchil⸗ ze der⸗ ſeinen damit einem da dies Ueber⸗ as Ge⸗ rrückzu⸗ as Er⸗ 47 gebniß ruhig vorzuſtellen. Auf irgend einem andern Felde, auf das er ſich mit mehr Befähigung lege, und für das er eine wirkliche Liebe mitbringe, werde er ohne Zweifel den Fleiß und die Ausdauer zeigen, welche er in dem Berufe, den er eben fallen gelaſſen, an den Tag zu legen, allzu⸗ bald den Muth verloren habe. Was ſeine Perſönlichkeit anlange, ſo ſei er bei männiglich, wer ihn kannte, be⸗ liebt geweſen, und ſein künftiges Fortkommen auf einem andern Berufsfelde ſei der herzliche Wunſch der vielen Freunde, die er ſich im Norden erworben habe.— Das war im Weſentlichen der Bericht, und damit ſchloß er. Viele würden die Darſtellung des Ingenieurs vielleicht zu geſucht und wortreich gefunden haben, hätten ihn wohl gar in Verdacht gehabt, als verſuche er eine ſchlechte Sach⸗ lage zu bemänteln, und würden ſo ernſtliche Zweifel in Bezug auf Franks Zukunft gehegt haben. Mr. Vanſtone war aber zu warmblütiger— die Dinge leichtnehmender Gemüthsart und dabei zu ſehr beſorgt, er möchte etwa ſeinem alten Gegner einen Fingerbreit mehr nachgeben, denn nöthig ſei, als daß er den Brief in einem ſolchen ungünſtigen Lichte angeſehen hätte. War Frank Schuld daran, daß nicht das Zeug in ihn gelegt war, aus dem man Baumeiſter macht? Waren nicht andere junge Män⸗ ner anfangs auf einer falſchen Laufbahn in die Welt hin⸗ ausgetreten? Sehr Viele begannen, ſo wie er, und kamen doch darüber hinaus und leiſteten dann noch Erſtaunliches. Mit dieſen Erläuterungen zu dem Briefe klopfte der gut⸗ herzige Herr Frank auf die Schulter und ſagte: — Nur getroſt, mein Junge, wir wollen eines Tages ſchon mit Deinem Vater quitt werden, obſchon er dies Mal die Wette gewonnen hat. Das dergeſtalt vom Hausherrn gegebene Beiſpiel wurde ſofort von der Familie befolgt, mit der einzigen Ausnahme von Nora, deren unverbeſſerliche Förmlichkeit und Gemeſſenheit ſich in eben nicht ſehr gefälliger Art und Weiſe in ihrem dem Beſucher gegenüber ſehr zurückhal⸗ tenden Benehmen ausſprach. Die Uebrigen, Magdalene voran(die in früherer Zeit Franks Lieblingsgeſpielin ge⸗ gen,; weſen war), verfielen ohne Zwang in ihr altes freund⸗ ſchäfti ſchaftliches Verhältniß zu ihm. Er war für Alle„Frank“, Ir nur Nora beſtand darauf, ihn„Mr. Clare“ anzureden. vertra Sogar die Erzählung, die er nun aufgefordert wurde von hinten dem Empfange von geſtern Abend bei ſeinem Vater zu traulige geben, vermochte nicht Noras Ernſt zu entfernen. Sie daß ir ſaß mit ihrem düſtern hübſchen Geſicht beſtändig abge⸗ urplöt wandt da, ihre Augen niedergeſchlagen, und die reiche Fär⸗ ſtalt i bung ihrer Wangen war wärmer und tiefer, als gewöhnlich. Blum Die Anderen alle, ſelbſt Miſs Garth mitgerechnet, fanden Frauer die Bewillkommnungsanrede des alten Mr. Clare an jäheſte ſeinen Sohn von unwiderſtehlicher Komik. Der Lärm und Conter die Heiterkeit hatten ihren Höhenpunct erreicht, als der men ij Diener eintrat und die ganze Geſellſchaft verſtummen— machte durch die Anmeldung von Beſuchen im Empfangs⸗ füllung zimmer:— Mr. Marrable, Mrs. Marrable und Miſs werde Marrable von Evergreen Lodge in Clifton. mich Nora erhob ſich ſo raſch, als ob die neuen Ankömm⸗ eine C linge eine erwünſchte Erleichterung für ihre Seele wären. was ſi Mrs. Vanſtone war die nächſte, die ihren Stuhl verließ.— Dieſe Beiden gingen zuerſt weg, um die Beſuche zu Augen empfangen. Magdalene, die die Geſellſchaft ihres Vaters— und Franks vorzog, bat dringend, fortbleiben zu dürfen, helle 1 aber Miſs Garth legte, nachdem ſie ihr fünf Minuten zu⸗ das G gegeben hatte, Beſchlag auf ſie und nahm ſie mit aus dem zeigten Zimmer. Frank erhob ſich, um ſich zu verabſchieden. als ſie — Nein, nein, ſagte Mr. Vanſtone, ihn zurückhaltend. ſchlug. Gehe nicht. Dieſe Leute werden nicht lange bleiben. Mr.— Marabble iſt ein Kaufmann in Briſtol. Ich bin ein oder Eiferſi ein paar Mal mit ihm zuſammengeweſen, als die Mädchen und i mich nöthigten, ſie nach Clifton in Geſellſchaft zu führen. Welt, Eine bloße Bekanntſchaft, weiter Nichts. Komm und Es kon rauche eine Cigarre im Gewächshauſe. Zum Henker alle Miſs Beſuche, ſie machen Einem das Leben ſauer. Ich will wie ge mich erſt im letzten Augenblicke mit einer Entſchuldigung Drei! ſehen laſſen, und Du ſollſt mir in guter Entfernung fol⸗ Jal bo Wilk ielin ge⸗ freund⸗ Frank“, zzureden. urde von Jater zu n. Sie ig abge⸗ iche Fär⸗ vöhnlich. „ fanden Llare an ärm und als der ſtummen npfangs⸗ nd Miſs Unkömm⸗ e wären. verließ. ſuche zu Vaters dürfen, nuten zu⸗ aus dem den. khaltend. en. Mr. ein oder Mädchen führen. num und nker alle Ich will uldigung ung fol⸗ 49 gen, zum Beweis, daß ich wirklich bereits anderweitig be⸗ ſchäftigt war. Indem Mr. Vanſtone dieſe ſinnreiche Kriegsliſt Frank vertraulich zuflüſterte, nahm er deſſen Arm und führte ihn hinten ums Haus herum. Die erſten zehn Minuten ihres traulichen Aufenthaltes im Treibhauſe vergingen, ohne daß irgend etwas vorfiel. Nach Verlauf dieſer Zeit ſchien urplötzlich durch die Fenſter das Bild einer flüchtigen Ge⸗ ſtalt in hellen Gewändern herein, die Thür flog auf, Blumentöpfe fielen herunter, wie in Huldigung vor einem Frauenkleide, und Mr. Vanſtones jüngſte Tochter ſtürzte in jäheſter Eile auf ihn los, nach ihrem ganzen Ausſehen das Conterfei einer Perſon, die plötzlich von Sinnen gekom⸗ men iſt. — Papa, der Traum meines ganzen Lebens iſt in Er⸗ füllung gegangen, rief ſie, ſobald ſie ſprechen konnte. Ich werde durch das Dach des Gewächshauſes fliegen, wenn mich nicht Jemand unten feſthält. Die Marrables haben eine Einladung mitgebracht. Rathe, lieber Alter, rathe, was ſie in Evergreen Lodge vorhaben! — Einen Ball, verſetzte Mr. Vanſtone, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen. — Ein Liebhabertheater! ſchrie Magdalene, und ihre helle jugendliche Stimme ſchallte wie eine Glocke durch das Gewächshaus; ihre loſen Aermel fielen zurück und zeigten ihre runden Arme bis zu den Ellnbogengrübchen, n ſie ihre Hände verzückt über dem Kopfe zuſammen⸗ ſchlug. —„Die Eiferſüchtigen“ heißt das Stück, Papa,„Die Eiferſüchtigen“ von dem berühmten Ichweißnichtwer, und ich ſoll mitſpielen! Das Einzige auf der ganzen Welt, das ich mir immer am Meiſten gewünſcht habe. Es kommt nur auf Dich an. Mamma ſchüttelt den Kopf, Miſs Garth blickt Dolche, und Nora iſt ſo mürriſch, wie gewöhnlich; aber wenn Du Ja ſagſt, ſo müſſen ſie alle Drei nachgeben und mich thun laſſen, was ich will. Sage Wilkie Collins, Namenlos. Jal bat ſie, indem ſie ſich ſanft an den Vater anſchmiegte 4 50 und ihre Lippen mit einer zärtlichen Innigkeit an ſein Ohr legte, als ſie die nächſten Worte lispelte. Sage Ja, und ich will dann ein gutes Kind ſein mein Lebelang! — Ein gutes Kind? wiederholte Mr. Vanſtone.— Ein närriſches Kind, denke ich, wirſt Du meinen. Laß dieſe Menſchen ziehen mit ihren Theatergeſchichten. Ich werde ins Haus gehen und mir einmal die Sache an⸗ ſehen. Du brauchſt die Cigarre nicht wegzuwerfen, Frank! Du haſt mit der Sache nichts zu thun und kannſt hier bleiben. — Nein, das kann er nicht, ſagte Magdalene. Er iſt ebenfalls an der Sache betheiligt. Mr. Francis Clare war bisher beſcheiden im Hinter⸗ grunde geblieben. Er kam nun vor, ſprachloſes Erſtaunen auf ſeinem Geſicht. — Ja wohl, fuhr Magdalene fort, indem ſie ſeinen offen fragenden Blick mit vollkommener Ruhe beantwor⸗ tete. Du ſollſt mitſpielen. Miſs Marrable und ich haben einen Trieb für die Sache und machten ſie in fünf Minu⸗ ten vollſtändig unter uns ab. Es ſind noch zwei Rollen in dem Stück zu beſetzen. Die eine iſt Lucie, das Kam⸗ mermädchen, das iſt die Partie, welche ich mir gewählt habe— mit Papas Erlaubniß, ſetzte ſie hinzu, indem ſie den Arm des Vaters mit ſchlauer Miene drückte, und er wird nicht Nein ſagen, nicht wahr? Erſtlich, weil er ein ſo gutes Alterchen iſt, zweitens, weil ich ihn liebe, und er mich liebt; drittens, weil niemals eine Meinungsverſchie⸗ denheit zwiſchen uns ſtattfindet(iſt's nicht ſo?); viertens, weil ich ihm einen Kuß gebe, der ihm natürlich den Mund ſchließt und die ganze Geſchichte erledigt. O, ich Gute, ich komme von der Sache ab. Wo war ich ſtehen geblie⸗ ben? Richtig, indem ich Frank erklärte... — Sch bitte, entſchuldige mich, begann Frank, der hier ſeine Weigerung vorbringen wollte. — Die zweite Perſon im Stück, fuhr Magdalene ohne die mindeſte Notiz von dieſer Weigerung zu nehmen fort, iſt Falkland, ein eiferſüchtiger Liebhaber mit ſchönem Rede⸗ fluß. im 7 ten. gewe vertr Herr Schn Den mach ihn f größ zimn da b zuſpi Aber ſchul beide wir ſichen herei nicht weiß Du ein Ohr ha, und one.— t. Laß n. Ich che an⸗ werfen, Hkannſt Er iſt Hinter⸗ ſtaunen ſeinen intwor⸗ haben Minu⸗ Rollen Kam⸗ ewählt dem ſie und er er ein und er erſchie⸗ ertens, Mund Gute, geblie⸗ er hier e ohne 1 fort, Rede⸗ 51 fluß. Miſs Marrable und ich ſprachen Falkland für uns im Fenſterſitz durch, während die Anderen ſich unterhiel⸗ ten. Sie iſt ein herrliches Mädchen, ſo anregend, ſo auf⸗ geweckt, ſo ganz und gar ungezwungen. Sie hat ſich mir vertraut. Sie ſagte: — Eine von unſeren Sorgen iſt es, daß wir einen Herrn ausfindig machen, welcher ſich mit den häßlichen Schwierigkeiten des Falkland befreunden mag. — Darüber beruhigte ich ſie. Sofort ſagte ich ihr: Den Herrn habe ich bereits, und er ſoll ſich gleich daran machen. — O, Himmell wer iſt's denn? — Mr. Francis Clare. — Und wo iſt er? — In dieſem Augenblicke hier im Hauſe. — Wollen Sie ſo liebenswürdig ſein, Miſs Vanſtone, ihn für uns zu gewinnen? — Ich will ihn gewinnen, Miſs Marrable, mit dem größten Vergnügen. — Ich verließ den Fenſterſitz, eilte flugs in das Morgen⸗ zimmer, ich roch Cigarren, ich folgte dem Geruche, und da bin ich. — Es iſt mir ſehr ſchmeichelhaft, daß man mich mit⸗ zuſpielen auffordert, ſagte Frank in großer Verwirrung. Aber ich hoffe, Du und Miſs Marrable werdet mich ent⸗ ſchuldigen.... — Auf keinen Fall. Miſs Marrable und ich ſind beide bekannt durch die Feſtigkeit unſeres Sinnes. Wenn wir ſagen, Mr. Soundſo wird die Rolle des Falkland ſicherlich ſpielen, ſo meinen wir das ſicherlich. Komm herein und laß Dich vorſtellen. — Aber ich habe nie verſucht, zu ſpielen. Ich weiß nicht, wie ich es machen ſoll. — Das thut nicht das Mindeſte. Wenn Du es nicht weißt, ſo komm zu mir, und ich will Dir's beibringen. — Dusl rief Mr. Vanſtone aus. Was weißt denn Du ſelbſt davon? 4* 52 — Papa, ſei doch geſcheidt! Ich habe die feſteſte Ueberzeugung in mir, daß ich jeden Charakter des Stückes, ſelbſt den Falkland nicht ausgenommen, geben könnte. Laß mich nicht noch einmal anfangen, Frank. Komm und laß Dich vorſtellen. Sie faßte ihren Vater unterm Arm und wandte ſich mit ihm nach der Thür des Gewächshauſes. Im Gehen drehte ſie ſich um und ſah nach, ob Frank auch folgte. Es war nur das Werk eines Augenblicks; aber in dieſem Augenblicke ſammelte ihre angeborene Willenskraft alle ihre Hilfsmittel, verſtärkte ſie durch den Einfluß ihrer Schönheit, befahl und eroberte. Sie ſah lieblich aus: das Roth auf ihren Wangen flammte mit zartem Schmelz, das helle Vergnügen ſah ihr ſtralend und funkelnd aus den Augen; die Haltung ihrer Geſtalt, wie ſie ſich plötzlich bloß mit dem Oberkörper umdrehte, enthüllte ihre zarte Büſte, ihre milde Feſtigkeit, ihre verführeriſche ſchlangenartige Anmuth. — Komml ſagte ſie mit coquett bittender Kopfbewe⸗ gung. Komm, Frank! Wenige Männer von Vierzig würden ihr in dieſem Augenblicke widerſtanden haben. Frank war am letzten Geburtstage erſt Zwanzig geworden. Mit anderen Worten, er warf ſeine Cigarre weg und folgte ihr zum Gewächs⸗ hauſe hinaus. Als er ſich umwandte und die Thür ſchloß, erwachte in dem Augenblicke, wo er ſie aus dem Geſicht verlor, ſeine Abneigung, mit dem Liebhabertheater zu thun zu haben, aufs Neue. Am Fuße der Haustreppe hielt er wieder inne, knickte einen kleinen Zweig von einer Pflanze neben ſich ab, brach ihn in der Hand entzwei und ſah unruhig um ſich, bald auf dieſe, bald auf jene Seite. Der Pfad zur Linken führte zur Wohnung ſeines Vaters, der Weg zur Flucht lag alſo offen. Warum ſollte er ihn nicht einſchlagen? Während er noch zögerte, erreichten Mr. Vanſtone und ſeine Tochter die Höhe der Treppe. Noch einmal ſah ſich Mag Schoͤ wiede über S mit e Ahnu Seele heimt Gehe ſal, 1 A tiſche Erzäl welch woben ſchlac ] das e dem und e mäßig tag n durch ihre Aelte Mar! einer verw ſtellu eſteſte lickes, Laß d laß e ſich hehen . Es ieſem alle ihrer : das melz, S den bloß züſte, artige bewe⸗ ieſem etzten drten, ächs⸗ dachte elor, n zu lt er lanze ſah Der „ der nicht und ſich Magdalene um, ſah ſich um in all ihrer unwiderſtehlichen Schönheit, mit ihrem alle Welt beſiegenden Lächeln. Sie bat wieder, und wieder folgte er ihr die Stufen hinauf und über die Schwelle. Die Thür ſchloß ſich hinter ihnen. So mit einer kleinen Einladung auf der einen Seite, mit einer kleinen Gefälligkeit auf der andern, ſo ohne eine Ahnung in ſeinem Geiſte, ohne einen Gedanken in ihrer Seele an das unter der Londoner Reiſe verborgene Ge⸗ heimniß, nahmen ſie den Weg, welcher zur Entdeckung des Geheimniſſes führte, allerdings durch manches dunkle Irr⸗ ſal, welches noch kommen ſollte. Fünftes Capitel. Mr. Vanſtones Fragen über die beabſichtigte drama⸗ tiſche Aufführung auf Evergreen Lodge wurden mit einer Erzählung der theatraliſchen Leiden beantwortet, von welchen Miſs Marrable die unſchuldige Urſache war, und wobei ihr Vater und ihre Mutter die Rollen der Haupt⸗ ſchlachtopfer ſpielten. Miſs Marrable war das härteſte tyranniſche Weſen, das es auf der Welt gibt: das einzige Kind. Sie hatte, ſeit⸗ dem ſie den erſten Zahn bekam, ihrem unterwürfigen Vater und eben einer ſolchen Mutter nicht das kleinſte verfaſſungs⸗ mäßige Vorrecht eingeräumt. Ihr ſiebzehnter Geburts⸗ tag war nun nahe bevorſtehend; ſie hatte beſchloſſen, ihn durch eine theatraliſche Aufführung zu feiern, hatte darnach ihre Befehle ertheilt und hatte bei ihren willfährigen Aeltern ſo vollſtändig wie immer Gehör gefunden. Mrs. Marrable opferte ihr Empfangszimmer, um daſſelbe zu einer Bühne und einem Theater herrichten, beziehentlich verwüſten zu laſſen. Mr. Marrable ſorgte für die An⸗ ſtellung eines Sachverſtändigen von gutem Rufe, um den jungen Damen und Herren das Stück einzuſtudiren und alle Verantwortung auf ſeine Schultern zu nehmen, welche in mannigfacher Hinſicht da einzutreten pflegt, wo es gilt, aus einem geſellſchaftlichen Chaos eine bühnenmäßige Welt zu ſchaffen. Nachdem ſich der nur dem Namen nach als ſolcher geltende Hausherr und die Hausfrau ferner an das Abbrechen der Bekleidung und Beſchädigen der Wände ge⸗ wöhnt hatten und an das Pochen, Schlagen, Hämmern und Schreien, an das beſtändige Thürenzuſchlagen und das Getrappel der unaufhörlich Trepp auf Trepp ab lau⸗ fenden Schritte: glaubten ſie närriſch genug, daß ihre Hauptleiden überſtanden wären. Unſchuldige, ſchwer ſich rächende Selbſttäuſchung! In einer bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft iſt die Bühne aufſchlagen und das Stück wählen erſt Eins, etwas ganz Anderes iſt es aber, auch die Dar⸗ ſteller dazu ausfindig zu machen. Bis hierher hatten ſich erſt die kleinen Vorläufer der bei einer ſolchen Gelegenheit unvermeidlichen Leiden auf Evergreen Lodge gezeigt. Die wahren ernſten Störungen ſollten alle erſt kommen. „Die Eiferſüchtigen“ waren als das Stück gewählt worden, und Miſs Marrable nahm für ſich ſelbſtverſtänd⸗ lich die Rolle der„Lydia Languiſh“ in Anſpruch. Einer von ihren Lieblingsſtutzern verſicherte ſich des„Hauptmann Abſolut“, und ein Anderer legte gewaltſam auf„Sir Lucius O'Trigger“ Beſchlag. Nach dieſen Beiden kam eine gefällige Jungfer Baſe, welche die ſchwere dramatiſche Verantwortlichkeit der Partie von„Mrs. Malaprop“ über⸗ nahm. Aber hier kam nun eine Stockung in die Rollen⸗ vertheilung. Neun ſprechend auftretende Perſonen waren noch übrig, um beſetzt zu werden; und mit dieſer un⸗ vermeidlichen Nothwendigkeit begannen die ernſteren Ver⸗ wickelungen. Auf einmal wurden nun alle Freunde der Familie un⸗ verläßliche Perſonen, vielleicht zum erſten Male in ihrem Leben. Nachdem ſie den Gedanken des Stückes gutgeheißen, lehnten ſie ab, ſelber das Opfer zu bringen, daß ſie darin auftraten, oder ſie nahmen Rollen an und verzweifelten bei de willig ander die ih Schw wenn niſch nachd hineit Druc waſſe und müth ſtänd nicht wenn neuer gema und! liche Auge wede mit ſtelle über! ſchrã Dan perſt Herz werk ſpiel Büh eine wurd lern Roll land alle e in gilt, Velt als das ge⸗ nern und lau⸗ ihre ſich eſell⸗ ihlen Dar⸗ ſich nheit Die oählt tänd⸗ Einer nann „Sir kam tiſche über⸗ ollen⸗ varen un⸗ Ver⸗ e un⸗ hrem eißen, darin felten 55 bei dem Einſtudiren derſelben, oder ſie erboten ſich frei⸗ willig zu Rollen, von denen ſie wußten, daß ſie bereits anderweitig beſetzt waren, und wieſen diejenigen zurück, die ihnen zugedacht waren, oder ſie waren mit körperlichen Schwächen heimgeſucht und wurden unglücklicherweiſe krank, wenn man ſie zu Proben brauchte, oder ſie hatten purita⸗ niſch ſittenſtrenge Verwandte im Hintergrunde und blieben, nachdem ſie zu Anfang der Woche luſtig in ihre Rollen hineingeſchlüpft waren, am Ende der Woche unter dem Drucke ihrer geſtrengen Familie reumüthig„weg wie Röhr⸗ waſſer“. Mittlerweile hämmerten die Zimmerleute fort, und die Bühne erhob ſich. Miſs Marrable, deren Ge⸗ müthsart reizbar war, wurde unter der Anſpannung be⸗ ſtändiger Sorge und Angſt hyſteriſch; der Hausarzt wagte nicht mehr einzuſtehen für die Folgen auf ihr Nervenſyſtem, wenn etwas nicht gleich nach ihrem Willen geſchah. Er⸗ neuerte Anſtrengungen wurden nach jeder Richtung hin gemacht. Darſteller und Darſtellerinnen wurden geſucht, ——— —— ſahen ſich die Julie auf der Probe an, bemerkten deren Stärke und falſches Haar, vergaßen zu bemerken, daß ſie ihr Herz auf dem rechten Flecke hatte, verzweifelten bei dieſer Ausſicht, entſchuldigten ſich und machten ſich davon. Damen laſen die Rolle der„Lucie“, machten die Bemerkung, daß ſie allerdings in der erſten Hälfte des Stückes ſehr vor⸗ theilhaft erſcheine, allein ſpäter in der zweiten Hälfte ganz und gar zurücktrete, konnten ſich nicht dazu verſtehen, vom Publicum in ſolcher Art und Weiſe aus dem Geſichte ver⸗ loren zu werden, während alle Uebrigen Das voraus hatten, daß ſie bis zu Ende ſich auszeichneten, machten das Buch zu und ſich mit Entſchuldigungen davon.— In acht Tagen ſollte die Aufführung ſtattfinden. Eine Schlachtbank von geſellſchaftlichen Duldern bei zweihundert ſtark, hatte zugeſagt, Zuſchauer zu werden; drei Hauptproben waren unerläßlich nothwendig, und doch waren noch immer zwei Rollen in dem Stück nicht beſetzt! Mit dieſer kläglichen Geſchichte und den eifrigſten Entſchuldigungen wegen ihrer ſich nur auf eine oberflächliche Bekanntſchaft ſtützenden Zu⸗ muthung erſchienen die Marrables auf Combe⸗Raven, um die jungen Damen wegen einer„Lucie“ und die ganze Welt wegen eines„Falkland“ mit der Bettlerzähigkeit einer aufs Aeußerſte gebrachten Familie zu brandſchatzen. Dieſe Darlegung der Umſtände, gerichtet an einen Kreis, der einen Vater von Mr. Vanſtones Gemüthlichkeit und eine Tochter von Magdalenens Sinnesart einſchloß, hatte denn auch den Erfolg, den man gleich von vornherein vorherſagen konnte. Das bedeutſame Schweigen, welches die Gattin und Miſs Garth bewahrten, entweder mißverſtehend oder unbe⸗ achtet laſſend, gab Mr. Vanſtone nicht allein Magda⸗ lenen Erlaubniß, dem bedrängten Liebhabertheater zu Hilfe zu kommen, ſondern nahm auch für Nora und ſich ſelbſt eine Einladung an, der Aufführung beizuwohnen. Mrs. Vanſtone lehnte aus Gründen ihrer leidenden Ge⸗ ſundheit ab, ſie zu begleiten, aber Miſs Garth verſprach mitzukommen, vorausgeſetzt, daß ſie zu Hauſe entbehr⸗ deren ſie ihr dieſer Damen 3, daß r vor⸗ 2 ganz „ vom te ver⸗ hatten, Buch Tagen htbank hatte waren r zwei glichen ihrer en Zu⸗ n, um ganze higkeit atzen. einen lichkeit ſchloß, therein n und unbe⸗ tagda⸗ er zu nd ſich ohnen. u Ge⸗ ſprach tbehr⸗ 57 lich ſein würde. Die ausgeſchriebenen Rollen der„Lucie“ und„Falklands“, welche die geängſtigte Familie überall mit ſich herumtrug, wie eine nebenbei aufgeleſene Krank⸗ heit, wurden ſofort ihren künftigen Darſtellern behändigt. Franks ſchwache Weigerungsverſuche wurden ungehört zu⸗ rückgewieſen, die Tage und Stunden der Proben ſorgfältig auf die Umſchläge der Rollenhefte bemerkt, und die Mar⸗ rables verabſchiedeten ſich unter einer förmlichen Dankesent⸗ ladung, indem Vater, Mutter und Tochter die Ausdrücke ihrer Dankbarkeit mit freigebigſter Hand vom Empfangs⸗ zimmer bis zu dem Gartenthore auf den Weg ſtreuten. Sobald der Wagen abgefahren war, ſtellte ſich Mag— dalene den Augen der Familie in einem ganz neuen Lichte dar. — Wenn noch mehr Beſuche heute kommen ſollten, ſagte ſie mit dem tiefſten Ernſte in Blick und Geberde, ſo bin ich nicht zu Hauſe. Dies iſt eine weit ernſtere Sache, als Ihr denkt. Frank, gehe irgendwohin auf die Seite, lies Deine Rolle für Dich durch und laß wo möglich Deine Aufmerkſamkeit durch Nichts ablenken. Ich werde vor Abend für Niemand zugänglich ſein. Wenn Du nach dem Thee— mit Papas Erlaubniß— wiederkommen willſt, ſo will ich Dir meine Meinung über den Falkland ſagen. Thomas! Was der Gärtner auch vorhat, er ſoll mir mit ſeiner Arbeit keinen Lärm unter meinem Fenſter machen. Für den Reſt des Nachmittags werde ich mich aufs Lernen legen, und je ruhiger dabei das Haus iſt, deſto dankbarer werde ich Jedermann ſein. Bevor Miſs Garth die Batterie ihres Tadels ab⸗ feuern konnte, bevor der erſte Ausbruch von Mr. Van⸗ ſtones herzlichem Gelächter über ſeine Lippen kam, ver⸗ neigte ſie ſich mit unerſchütterlichem Ernſt vor der Familie, ſtieg zum erſten Male die Haustreppe im Schritt hinauf, ſtatt im Laufen, und verſchwand oben in der Gegend der Schlafgemächer. Franks unbehilfliches Staunen über ihr Verſchwinden trug ebenfalls weſentlich bei zur Komik des Auftritts. Er ſtand erſt auf dem einen, dann auf dem andern Beine, indem er ſeine Rolle auf⸗ und zublätterte und ſeinen Freunden im Kreiſe Erbarmen ſlehend ins Geſicht ſchaute. — Ich weiß, ich kanns nicht, ſagte er.... Darf ich nach dem Thee wieder vor kommen und Magdalenens Meinung hören? Ich danke Ihnen,... ich will gegen Acht wieder hereinſehen. Sagen Sie meinem Vater nichts von dieſer Aufführung; ich würde ſonſt ewig davon reden hören müſſen. Dies waren die einzigen Worte, die er noch Be⸗ ſinnung hatte herauszubringen. Er ging wie im Traume, ohne zu wiſſen wohin, nach dem Gebüſch zu, die Rolle aufgeſchlagen in der Hand herabhängenlaſſend, der un⸗ fähigſte Falkland und der rathloſeſte Menſch unter der Sonne! Franks Weggang ließ die Familie ſich ſelber wieder⸗ finden und war daher das Zeichen zu einem Angriff auf Mr. Vanſtone wegen ſeiner eingefleiſchten Läſſigkeit in der Handhabung ſeiner väterlichen Machtvollkommenheit. — Was konnteſt Du in aller Welt nur denken, An⸗ dreas, als Du Deine Einwilligung gabſt? ſagte Mrs. Vanſtone. Offenbar war mein Schweigen Mahnung genug für Dich, Nein zu ſagen. — Ein Mißgriff, Mr. Vanſtone, ſtimmte Miſs Garth ein, gethan in der beſten Abſicht, aber trotz alledem ein Mißgriff. — Es mag ein Mißgriff ſein, ſagte Nora, wie ge⸗ wöhnlich ihres Vaters Partie ergreifend, aber ich ſehe wirklich nicht ein, wie Papa oder ein Anderer an ſeiner Stelle unter Umſtänden wie dieſe hätte Nein ſagen können. — Ganz recht, meine Liebe, bemerkte Mr. Vanſtone. Die Umſtände, wie Du es nennſt, waren verzweifelt zu meinem Nachtheil. Hier ſtanden dieſe unglücklichen Leute in ihrer Verlegenheit auf der einen Seite und Magdalene, die vor Verlangen brannte zu ſpielen, auf der andern. Ich kann nicht ſagen, ich hätte muckeriſche Gründe dawider, ich habe überhaupt nichts Muckeriſches an mir. Was für andere Entſchuldigungen ſollte ich denn vorbringen? Die gan Mu lens dad dert unte ſich Me mar ſchl. gro lätterte nd ins darf ich alenens gegen Vater davon ch Be⸗ raume, Rolle der un⸗ Sonne! wieder⸗ riff auf in der it. n, An⸗ Mrs. genug Garth dem ein vie ge⸗ ch ſehe ſeiner können. anſtone. ifelt zu n Leute dalene, en. Ich awider, Jas für o Die 5 5 1. Marrables ſind Leute von guter Familie und machen in Clifton das größte Haus. Was kann ihr denn Schlimmes ei ihnen widerfahren? Wenn Ihr doch Vernunft oder vergleichen annehmen wolltet,— warum ſoll nicht Magdalene un Koͤnnen, was Miſs Marrable thut? Seht Ihr, ſeht hr? Laßt die armen Dinger ſpielen und ſich daran freuen, wir waren auch einmal in ihrem Alter, und es (nutzt ja doch nichts, darüber Lärm zu machen—: das iſt Alles, was ich Euch darüber zu ſagen habe. Mit dieſer eigenthümlichen Vertheidigung ſeiner ſelbſt ſchlenderte Mr. Vanſtone wieder nach dem Gewächshauſe und rauchte noch eine Cigarre. — Ich habe es dem Vater nur nicht ſagen mögen, be— gann Nora, indem ſie unterwegs nach dem Hauſe der Mutter Arm nahm, aber die ſchlimme Folge dieſes Spie⸗ lens wird meines Erachtens die Vertraulichkeit ſein, welche dadurch zwiſchen Magdalenen und Francis Clare geför⸗ dert wird. — Du haſt ein Vorurtheil gegen Frank, meine Liebe, unterbrach ſie Mrs. Vanſtone. Noras ſanfte, ſchweigſame, hellbraune Augen ſenkten ſich zu Boden: ſie ſagte nichts weiter. Ihre vorgefaßten Meinungen blieben unverändert; aber ſie rechtete mit Nie⸗ mand darüber. Sie hatte den großen Fehler einer ver⸗ ſchloſſenen Natur, den Fehler der Hartnäckigkeit und das große Verdienſt, das Verdienſt der Schweigſamkeit. — Was geht dir wohl jetzt durch den Kopf? dachte Miſs Garth, indem ſie einen ſcharfen Blick auf Noras düſteres niedergeſchlagenes Geſicht warf. Du biſt eine von der unerforſchlichen Art. Ich lobe mir Magdalene mit all ihren Schrullen, durch dieſe kann ich das Tageslicht hin⸗ durch ſehen. Du aber biſt undurchſichtig wie die Nacht! Die Nachmittagsſtunden verſtrichen, und noch blieb Magdalene in ihrem Zimmer eingeſchloſſen. Nicht mehr eilten unruhige Schritte über die Treppe, nicht mehr hörte man eine ſchnelle Zunge hier, da und aller Orten im Hauſe, von der Bodenkammer angefangen bis zur Küche herunter: das ganze Haus ſchien wie verwandelt, in derſelben Weiſe wie ſie ſelbſt, das eine ewig unruhige Weſen in dem Fami⸗ lienſtillleben, das ſo plötzlich daraus verſchwunden war. Begierig, mit eigenen Augen ſich von einer Umwandlung zu überzeugen, an welche zu glauben ſie ſich nach ihren früheren Erfahrungen nicht ohne Weiteres entſchließen konnte, ſtieg Miſs Garth zu Magdalenens Zimmer hin⸗ auf, pochte zwei Mal an die Thür, erhielt keine Antwort, öffnete und ſah hinein. Da ſaß Magdalene in einem Armſeſſel vor dem langen Spiegel, das ganze Haar aufgelöſt um die Schultern hängend; ſie ſelbſt ganz vertieft in das Studium ihrer Rolle und bequem in ihr Morgentuch eingehüllt, bis es Zeit war, ſich für den Mittag anzukleiden. Und hinter ihr ſaß das Kammermädchen, langſam die langen ſchweren Locken ihrer jungen Herrin ausſtrählend mit der ſchläf⸗ rigen Gelaſſenheit einer Magd, die bereits ſtundenlang zu dieſem Amte verwendet worden iſt. Die Sonne ſchien, und die grünen Fenſterläden waren geſchloſſen. Das matte Licht fiel liebkoſend auf die beiden ſitzenden Geſtalten, auf das kleine weiße Bett mit den Roſaſchleifen, die deſſen Vorhänge zuſammenhielten, und das helle Kleid für die Mittagstafel, das quer darüber hinlag, auf das freundlich gemalte Badegeſchirr mit ſeiner reinen Einfaſſung von weißem Email, auf das Toilettetiſchchen mit ſeinen fun⸗ kelnden Nippſachen, ſeinen Kryſtallflaſchen, ſeiner Silber⸗ glocke mit einem Amor als Griff, ſeinem Flitter von klei⸗ nen Luxusgegenſtänden, welche den Schrein eines Mädchen⸗ kämmerleins ſchmücken. Die prächtige Stille der Scene, in der Luft der kühlende Wohlgeruch von Blumen- und anderm Duft; die in ſich verſunkene Haltung Magdale⸗ nens, welche über ihr Buch Alles um ſich her vergaß; die einförmige Regelmäßigkeit der Bewegung in des Mäd⸗ chens Hand und Arm, wie ſie leicht den Kamm durch das Haar ihrer Herrin zog und wieder zog—: Alles machte denſelben milden Eindruck einer ſüß behaglichen, müßigen Ruhe. Auf der einen Seite der Thür waren das breite, volle leben para ſtört 5 end g 8 allen gehö keiter Liebl heite den Käm zufri der unpo muß Fraul gleit ſie it Won das cheln Miſ⸗ war, zuge Da lange gegat Herr in zu die beſän unter Weiſe Fami⸗ n war. ndlung ) ihren hließen er hin⸗ itwort, langen Hultern ihrer bis es hinter hweren ſchläf⸗ ang zu ſchien, matte n, auf deſſen ür die undlich g von n fun⸗ Silber⸗ en klei⸗ idchen⸗ Scene, ⸗ und agdale⸗ dergaß; Mäd⸗ ch das machte üßigen breite, volle Tageslicht und der regelmäßige Gang des Familien⸗ lebens, auf der andern, darinnen, war das Traumgefilde paradieſiſcher Seligkeit, das Allerheiligſte einer unge⸗ ſtörten Beſchaulichkeit. Miſs Garth hielt auf der Schwelle an und ſah ſchwei⸗ gend in das Zimmer hinein. Magdalenens ſeltſame Liebhaberei, ſich das Haar zu allen Zeiten des Jahres und Lebens ſtrählen zu laſſen, gehörte zu den männiglich im Hauſe bekannten Sonderbar⸗ keiten ihres Weſens. Es war einer von ihres Vaters Lieblingsſcherzen, daß ſie ihn, wie er bei ſolchen Gelegen⸗ heiten zu ſagen pflegte, an ein Kätzchen gemahne, das ſich den Rücken ſtreicheln laſſe und daß er immer, wenn das Kämmen endlich lange genug gedauert habe, von ihr ein zufriedenes Schnurren zu hören erwarte. So kühn auch der Vergleich erſcheinen mag, ſo war er doch nicht ganz unpaſſend. Das feurige Temperament des Mädchens mußte das echt weibliche Vergnügen, welches ſehr viele Frauen dabei empfinden, wenn der Kamm durch ihre Haare gleitet, zu einem üppigen Wohlbehagen ſteigern, welches ſie in ſo heiter ſelbſtvergeſſende, ſo müßiggängeriſch tiefe Wonne aufgehen ließ, daß es allerdings unwillkürlich an das Behagen erinnerte, das eine Lieblingskatze beim Strei⸗ cheln mit der Hand fühlen mag. Innig vertraut, wie Miſs Garth mit dieſer Eigenheit ihrer Schutzbefohlenen war, ſah ſie dieſe zum erſten Male in einem innern Be⸗ zuge zu einer wieartigen geiſtigen Arbeit ihrer Magdalene. Da ſie nun einigermaßen begierig war, zu wiſſen, wie lange ſchon das Kämmen und Einſtudiren zuſammen fort⸗ gegangen waren, ſo richtete ſie dieſe Frage zuerſt an die Herrin, und als ſie von dieſer Seite keine Antwort erhielt, in zweiter Linie an das Mädchen. — Den ganzen Nachmittag, Miſs, in Einem fort, war die lebensmüde Antwort.— Miſs Magdalene ſagt, es beſänftige ihre Gefühle und kläre ihren Geiſt. Da ſie aus Erfahrung wußte, daß jede Einmiſchung unter ſolchen Umſtänden hier vergeblich ſein würde, wandte ——— ſich Miſs Garth kurz um und verließ das Zimmer. Sie lächelte, als ſie draußen auf dem Treppenabſatze war. Die Seele des Weibes verſetzt ſich zuweilen, aber nicht oft, in die Zukunft: Miſs Garth beklagte in Gedanken ſchon Mag⸗ dalenens künftigen Ehegatten.— Bei der Mittagstafel zeigte die ſchöne Lernbegierige dem Auge der Familie den Anblick derſelben Geiſtesab⸗ weſenheit. Bei allen gewöhnlichen Gelegenheiten würde Magdalenens Eßluſt jene ſchwachgemuthen, empfindſamen Geiſter erſchreckt haben, welche ſich ſtellen, als kennten ſie den hochwichtigen Einfluß nicht, den die Ernährung des Weibes auf die Hervorbringung der Schönheit hat. Bei dieſer Gelegenheit aber wies ſie ein Gericht nach dem an⸗ dern zurück mit einer Entſchloſſenheit, welche ihr die Dor⸗ nenkrone des heutzutage ſeltenſten Märtyrerthums, des Märtyrerthums des Magens, gewinnen konnte. — Ich habe die Rolle der Lucie nun begriffen, ſagte ſie mit der ernſteſten Seelenruhe. Die nächſte Schwierigkeit iſt, Frank die Partie des Falkland begreiflich zu machen... Ich ſehe nicht ein, was es hier zu lachen gibt, Ihr würdet Alle ernſt genug ſein, wenn Ihr all die auf mir ruhende Verantwortlichkeit hättet. Nein, Papa.... keinen Wein heute, ich danke Dir. Ich muß meinen Kopf klar erhalten. he de—— 7.. Waſſer, Thomas.... und noch etwas Suppe, denke ich, bevor ſie weggetragen wird. Als Frank Abends erſchien, ohne von ſeiner Rolle auch nur den entfernteſten Begriff zu haben, nahm ſie ihn bei der Hand, etwa wie eine Schullehrerin in den mittleren Jahren einen trägen kleinen Knaben bei der Hand genom⸗ men haben würde. Die wenigen Anſtrengungen, die er machte, um in den troſtlos praktiſchen Zweck der Abend⸗ unterhaltung einige Abwechſelung zu bringen, indem er mit einer Seitenſchwenkung einen Anlauf zu Complimenten nahm, wies ſie von ſich ab mit der über Alles erhabenen Selbſtbeherrſchung einer zwei Mal ſo alten Perſon. Sie zwang ihm buchſtäblich die Rolle auf. Ihr Vater ſchlief auf ſeinem Stuhle ein. Mrs. Vanſtone und Miſs Garth verlo Ende Es u Mag harrt ſie de bis Scha Schy ſo na und ſelber als e lichen ſchlie Fran ſchied mehr dawi ſagen habe. ſo ſe iſt m prob ſtone gehei Stüc hatte daß der S hatte trübe Ton zuhö⸗ hatte Sie r. Die oft, in Mag⸗ gierige ſtesab⸗ würde ſſamen tten ſie ig des Bei em an⸗ 2Dor⸗ 8, des agte ſie erigkeit chen... würdet uhende Wein halten. tke ich, le auch ihn bei ittleren genom⸗ die er Abend⸗ dem er menten habenen —. Sie ſchlief Garth 63 verloren ihr Intereſſe an der Sache, zogen ſich ans andere Ende des Zimmers zurück und ſprachen leiſe mit einander. Es wurde ſpäter und ſpäter. Aber immer wich und wankte Magdalene noch nicht in ihrer Aufgabe, fort und fort be⸗ harrte Nora mit derſelben Ausdauer auf ihrer Wacht, die ſie den ganzen Abend hindurch ausgeführt hatte, vollends bis zu Ende. Das Mißtrauen verdüſterte mit ſeinem Schatten mehr und mehr ihr Angeſicht, wenn ſie ſo ihre Schweſter und Frank anſah, wenn ſie dieſelben ſelbander ſo nahe beiſammenſitzen ſah, ihre Aufmerkſamkeit auf ein und denſelben Gegenſtand gerichtet, Beide ein und dem⸗ ſelben Ziele zuſtrebend. Die Uhr zeigte auf halb Zwölf, als endlich Lucie, die Aufgeweckte, Falkland, dem Unbehilf⸗ lichen, geſtattete, ſein Aufgabebuch für dieſen Abend zu ſchließen. — Sie iſt wunderbar geſcheidt, nicht wahr? ſagte Frank, als er von Mr. Vanſtone in der Hausthür Ab⸗ ſchied nahm.— Ich werde morgen wiederkommen und mehr von ihren Anſichten hören...., wenn Sie nichts dawider haben. Ich werde es niemals zu Stande bringen; ſagen Sie ihr aber nicht, daß ich Ihnen dies geſtanden habe. So ſchnell ſie mir eine Rede eingelernt hat, eben ſo ſchnell ſchwindet mir die andere aus dem Kopfe. Das iſt mißlich, nicht wahr? Gute Nacht! Der übernächſte Tag war der Tag der erſten Haupt⸗ probe. An dem vorhergehenden Tage waren Mrs. Van⸗ ſtones Gedanken traurig und trübe geweſen. In einer geheimen Unterredung mit Miſs Garth hatte ſie von freien Stücken den Gegenſtand ihres Briefes aus London berührt, hatte mit einer Selbſtanklage von ihrer Schwäche geſprochen, daß ſie Hauptmann Wragges unverſchämte Anmaßung der Blutsverwandtſchaft mit ihr nicht zurückgewieſen, und hatte dann abermals den Zuſtand ihrer Geſundheit und die trübe Ausſicht, die ihrer im Sommer harrte, in einem Tone der Hoffnungsloſigkeit erwähnt, der ſehr traurig an⸗ zuhören war. Darauf bedacht, ihren Muth zu heben, hatte Miſs Garth den Gegenſtand der Untexhaltung ſo ſchnell als möglich gewechſelt, war auf die bevorſtehende Theatervorſtellung zu ſprechen gekommen und hatte Mrs. Vanſtones Gemüth in dieſer Hinſicht vollkommen beruhigt, indem ſie ihr anzeigte, daß ſie gewillt ſei, Magdalene zu jeder Probe zu begleiten und ſie nicht aus den Augen zu laſſen, bis ſie wieder ſicher in ihres Vaters Haus zurück ſei. Als daher Frank an dem bedeutungsvollen Morgen auf Combe⸗Raven ſich einſtellte, ſtand Miſs Garth fix und fertig bereit, um in der von ihr improviſirten und eingeſchobenen Rolle eines hundertäugigen Argus„Lucie“ und„Falkland“ zu dem Schauplatz ihrer Thaten zu ge⸗ leiten. Die Eiſenbahn brachte alle Drei bei ganz guter ei nach Evergreen Lodge, und um ein Uhr begann die robe. Sechstes Capitel. — Ich hoffe doch, Miſs Vanſtone kann ihre Rolle? flüſterte Mrs. Marrable, indem ſie ſich in einem Winkel des Theaters ängſtlich fragend an Miſs Garth wendete. — Wenn Haltung und gewandte Bewegungen eine Schanſpielerin machen, gute Madam, ſo wird Magdalenens Leiſtung uns Alle in Erſtaunen ſetzen. Mit dieſer Erwiderung nahm Miſs Garth ihre Arbeit heraus und ſetzte ſich in der Mitte des Parterres nieder, um ihre Wache anzutreten. Der Bühnenordner ließ ſich das Buch in der Hand in einen Seſſel dicht vor der Bühne nieder. Es war ein kleiner lebendiger Mann von einer milden und freund⸗ lichen Art, und er gab in der That das Zeichen zum Be⸗ ginnen mit einem ſo ruhigen Intereſſe an der Vorſtellung, als ob ſie ihm vorher gar keine Noth gemacht hätte und auch für die Zukunft keine Schwierigkeit in Ausſicht ſtellte. zeigten Beweg machte ihren herzlich freund Bühne derſell Raſch Sehen wenn unterb er hal rade g Li Stadt ganz8 Erſtar D für Mant die F kein bevor Clink einem eſtehende te Mrs. deruhigt, alene zu lugen zu s zurück Morgen arth fix rten und „Lucie“ zu ge⸗ az guter gann die Rolle? Winkel endete. gen eine dalenens th ihre zarterres Hand in war ein freund⸗ zum Be⸗ ſtellung, ätte und öt ſtellte. 65 Die beiden Perſonen, welche das Luſtſpiel„Die Eifer⸗ ſüchtigen“ eröffnen,„Fag“ und„der Kutſcher“ erſchienen auf den Bretern, ſahen viel zu groß aus für den Lein⸗ wandhintergrund, der„eine Straße zu Bath“ vorſtellte, zeigten die gewöhnliche Unbehilflichkeit in Haltung und Bewegung ihrer eigenen Arme, Beine und Stimmen, machten verſchiedene Male falſche Abgänge und drückten ihren vollſtändigen Beifall über ihre Mißerfolge durch herzliches Gelächter hinter der Scene aus. 3 — Ruhe, meine Herren, wenns gefällig iſt, bat ſich der freundliche Regiſſeur aus.— So laut Sie wollen, auf der Bühne, allein das Publicum darf Sie nicht hören hinter derſelben. Miſs Marrable, fertig? Miſs Vanſtone, fertig? Raſch mit„der Straße zu Bath“ vor, es geht ja verkehrt! Sehen Sie hierher, Miſs Marrable; mit dem ganzen Geſicht, wenn Sie ſo gut ſein wollen. Miſs Vanſtone... Er unterbrach ſich hier ſelber plötzlich.— Merkwürdig, ſagte er halblaut,— ſie tritt dem Publicum ganz von ſelbſt ge⸗ rade gegenüber. Lucie eröffnete die Scene mit dieſen Worten: — In der That, gute Madame, ich habe die halbe Stadt durchlaufen, um es zu finden: ich glaube, es gibt in ganz Bath keine Leihbibliothek, in der ich nicht geweſen bin. Der Regiſſeur war auf ſeinem Stuhle ganz ſtarr vor Erſtaunen. — So war ich lebe, ſie ſpricht ja, ohne zu buchſtabiren. Das Zwiegeſpräch begann. Lucie brachte die Romane für Miſs Lydia Languiſh' Privatlectüre unter ihrem Mantel hervor. Der Regiſſeur erhob ſich ermunternd auf die Füße. Wunderbar! Keine Uebereilung mit den Büchern, kein Fehlgriff mit denſelben. Sie ſah ſich die Titel an, bevor ſie dieſelben ihrer Herrin meldete; ſie legte„‚Humphry Clinker“ auf„Die Thränen der Empfindſamkeit“ mit einem kleinen Anfluge von Schelmerei, indem ſie den Gegen⸗ ſatz hervorhob. Einen Augenblick ſpäter— und ſie meldete Juliens Beſuch an, noch einen— und ſie ſprach die leb⸗ haften Kammermädchencomplimente; einen dritten— und ſie Wilkie Collins, Namenlos. 5 1 war weg von der Bühne, fort auf der im Buche vor⸗ geſchriebenen Seite. Der Regiſſeur drehte ſich auf ſeinem Stuhle rundum und ſah Miſs Garth ſcharf an. — Verzeihen Sie, gute Dame, ſagte er.— Miſs Marrable ſagte mir, bevor wir anfingen, daß dies der jungen Dame erſter Verſuch ſei. Das kann doch gewiß nicht der Fall ſein? — Und doch, antwortete Miſs Garth, indem ſich der ſtaunende Blick des Regiſſeurs auf ihrem Geſichte ebenfalls abſpiegelte.— War es denn möglich, daß Magdalenens unerklärlicher Fleiß in dem Lernen ihrer Rolle wirklich aus einem tiefern Intereſſe an dieſer Beſchäftigung, einem In⸗ tereſſe, welche eine natürliche Begabung für letztere vor⸗ ausſetzte, entſprang? 3 Die Probe ging vorwärts. Die ſtarke Dame mit der Perrücke(und dem trefflichen Herzen) ſtellte die empfind⸗ ſame Julie mit einer hartnäckig feſtgehaltenen tragiſchen Auffaſſung dar und gebrauchte ihr Taſchentuch in der erſten Scene in voller Zerſtreutheit. Die Jungfer Baſe fühlte Mrs. Malaprops Sprachfehler ſo ernſt und nahm ſich deren Verſehen ſo außerordentlich zu Herzen, daß ſie mehr wie Buchſtabirübungen, denn als irgend etwas Anderes klangen. Der unglückliche junge Mann, welcher die Verzweiflung der Geſellſchaft war, in der Perſon des„Sir Antonius Abſolut“ drückte das Alter und den Jähzorn ſeines Cha⸗ rakters durch fortwährendes Schlottern mit den Knieen und unaufhörliches Aufſtoßen mit dem Stocke aus. Lang⸗ ſam und mit vielen Hinderniſſen, unter beſtändigen Unter⸗ brechungen und endloſen Mißverſtändniſſen ſchleppte ſich der erſte Act hin, bis Lucie wieder auftrat, um ihn in einem Selbſtgeſpräch zu endigen, das ein Bekenntniß ihrer nur zum Schein angenommenen Einfalt und das Lob ihrer Verſchmitztheit enthielt. Hier bot das Bühnenmäßige der Situation Schwierig⸗ keiten, wie ſie Magdalene in der erſten Scene noch nicht entgegengetreten waren, und hier machte ſie bei ihrer gänz⸗ lichen Der ſie zu gliede An d Bühn An ei zuwer es au zeichn einen einem zwei mit e hinau in da Antli Buch die L ſtande ander nicht Neul gelaſ eine niß, dadu Sie Fehl ihre bruch entfu klein das wenn he vor⸗ ſeinem Miſs ies der gewiß ſich der benfalls alenens ich aus em In⸗ re vor⸗ mit der mpfind⸗ agiſchen r erſten fühlte )m ſich te mehr nderes veiflung ntonius es Cha⸗ Knieen Lang⸗ Unter⸗ öte ſich ihn in ß ihrer b ihrer wierig⸗ ch nicht er gänz⸗ 67 lichen Unerfahrenheit mehr als einen handgreiflichen Fehler. Der Bühnenordner legte ſich ſofort ins Mittel und wies ſie zurecht mit einem Eifer, den er keinem andern Mit⸗ gliede der Geſellſchaft gegenüber an den Tag gelegt hatte. An der einen Stelle hatte ſie eine Pauſe und auf der Bühne eine Wendung zu machen...., ſie machte Beides. An einer andern hatte ſie zu ſtocken, ihr Köpfchen zurück⸗ zuwerfen und keck ins Publicum zu ſchauen..., ſie führte es aus. Als ſie das Papier herausnahm, um das Ver⸗ zeichniß der empfangenen Geſchenke zu verleſen, konnte ſie einen leichten Schlag darauf thun?.... Ja. Und mit einem kleinen Lachen beginnen?... Ja, nachdem ſie es zwei Mal probirt. Konnte ſie auch die verſchiedenen Stücke mit einem ſchlauen Blick am Ende jedes Satzes gerade hinaus in das Parterre herzählen?... Ja, mitten hinein in das Parterre und ſo ſchlau, als Sie wollen. Das Antlitz des Regiſſeurs ſtralte vor Beifall. Er drückte das Buch unter den Arm und klatſchte froh in die Hände; die Herren, welche hinter der Scene zuſammengedrängt ſtanden, folgten ſeinem Beiſpiele; die Damen ſahen ein⸗ ander an; ſchon kamen ihnen Zweifel in die Seele, ob ſie nicht beſſer gethan hätten, wenn ſie den angeworbenen Neuling ruhig in der Zurückgezogenheit des Privatlebens gelaſſen hätten. Zu ſehr in ihre Rolle vertieft, um auf eine von ihnen zu achten, bat Magdalene um die Erlaub⸗ niß, das Selbſtgeſpräch wiederholen zu dürfen und ſich dadurch ihrer eigenen Verbeſſerung erſt recht zu verſichern. Sie ging es noch einmal ganz durch, dies Mal ohne einen Fehler von Anfang bis zu Ende. Der Regiſſeur pries ihre Aufmerkſamkeit auf alle ſeine Winke in einem Aus⸗ bruche von ernſtgemeintem Beifall, der ihm unwillkürlich entfuhr. — Sie kann einen Fingerzeig benutzen!— rief der kleine Mann mit einem kräftigen Schlage ſeiner Hand auf das Bühnenbuch.— Sie iſt eine geborene Schauſpielerin, wenn es je eine gegeben hat! — Das will ich nicht hoffen, ſagte Miſs Garth zu 5* ſich ſelbſt. Mit dieſen Worten nahm ſie die Arbeit wieder auf, die ſie in den Schoos hatte fallen laſſen, und blickte auf dieſelbe in einiger Verwirrung nieder. Als das Schlimmſte, das ſie ſich als Folge dieſer theatraliſchen Verſuche gedacht hatte, hatte ſie einen zu freien Umgang mit einigen der Herren voraus prophezeit; hierin hatte ſie ſich aber getäuſcht geſehen. Magdalene in der Eigen⸗ ſchaft als unbedachtes Mädchen war vergleichsweiſe leicht zu behandeln. Magdalene mit dem Charakter als geborene Schauſpielerin, verhieß ganz andere ernſte Schwierigkeiten für die Zukunft. Die Probe wurde fortgeſetzt. Lucie kam wieder auf die Bühne zu ihren Scenen im zweiten Act— den letzten, in denen ſie auftrat— mit Fag und Sir Lucius. Auch hier wieder verrieth ſich Magdalenens Unerfahrenheit, und hier zeigte ſich aufs Neue ihre Entſchloſſenheit, ihre eigenen Fehler ſelbſt in die Hand zu nehmen und zu beſeitigen, und ſetzte Jedermann in Erſtaunen. — Bravol riefen die Herren hinter der Scene, als ſie ein Verſehen nach dem andern tapfer überwandt. — Lächerlich, ſagten die Damen, bei einer ſo kleinen Rolle, als die ihrige iſt! — Gott mag es mir vergeben! dachte Miſs Garth, als ſie unwillkürlich derſelben Meinung wurde, als die Anderen Alle.— Ich möchte faſt wünſchen, daß wir papiſtiſch wären, nur damit wir ein Kloſter hätten, um ſie morgen hineinzuthun! Einer von Mr. Marrables Leuten kam, gerade als der Gouvernante dieſer verzweifelte Stoßſeufzer entfuhr, in das Theater. Sie ſchickte den Diener ſofort hinter die Bühne mit der Botſchaft: — Miſs Vanſtone hat ihre Rolle in der Probe been⸗ digt, erſuchen Sie dieſelbe, hierher zu kommen und ſich zu mir zu ſetzen. Der Mann kam alsbald mit einer höflichen Entſchul⸗ digung zurück: — Miſs Vanſtones herzliche Empfehlung, und ſie bäte, ſie zu fertig. S durchf gend er we den T Ordn riß ih Abend das) tauſer halten zu th Gartl können Ueber daher hätte voreil wärti deutli Gedar Stück ſei je gelan dere waren A die ſt Geſel rriſch wieder blickte das liſchen ngang hatte Eigen⸗ leicht borene gkeiten er auf feetzten, Auch t, und igenen itigen, als ſie kleinen h, als nderen piſtiſch norgen ls der in das Bühne been⸗ ſich zu tſchul⸗ bäte, 69 ſie zu entſchuldigen: ſie mache nämlich eben Mr. Clare fertig. Sie machte ihn ſo gut fertig, daß er ſeine Rolle wirklich durchführte. Das Spiel der übrigen Herren war niederſchla⸗ gend kläglich. Frank war gerade um einen Grad beſſer, er war doch nur leidlich mangelhaft, aber gewann durch den Vergleich mit den Anderen. — Dank der Mühe von Miſs Vanſtone, bemerkte der Ordner, welcher das Einſtudiren mit angehört hatte. Sie riß ihn durch.— Wir werden„matt“ genug ſein auf den Abend, wenn der Vorhang nach dem zweiten Acte fällt und das Publicum ſie zum letzten Male geſehen hat. Es iſt tauſend Mal Schade, daß ſie nicht eine beſſere Rolle er⸗ halten hat. — Es iſt tauſend Mal ein Glück, daß ſie nicht mehr zu thun hat, als ſie wirklich hat—, murmelte Miſs Garth, die ihn belauſcht hatte.— Wie die Dinge ſtehen, können die Leute ihr nicht den Kopf verdrehen mit Applaus. Sie iſt im zweiten Acte nicht mehr beſchäftigt: wenigſtens ein Troſt! Kein gutgeſchulter Verſtand macht ſeine Schlüſſe in Ueberſtürzung; Miſs Garths Verſtand war gut geſchult; daher hätte Miſs Garth, wenn ſie ruhiger Ueberlegung hätte folgen wollen, über die Schwäche erhaben ſein ſollen, voreilige Schlüſſe zu bilden. Sie hatte unter den gegen⸗ wärtigen Umſtänden dieſen Fehler dennoch begangen. Um deutlich zu ſprechen, hatte ſie ſich in Folge des tröſtenden Gedankens, der ſie überkam, der Annahme hingegeben, das Stück hätte nunmehr alle ſeine Klippen überwunden und ſei jetzt in dem lange erwarteten ruhigen Fahrwaſſer an⸗ gelangt. Das Stück hatte weder das Eine noch das An⸗ dere erreicht. Mißgeſchick und die Familie Marrable waren noch immer unzertrennliche Schickſalsgefährten. Als die Probe vorüber war, bemerkte Niemand, daß die ſtarke Dame mit der Perrücke ſich im Stillen aus der Geſellſchaft entfernt hatte, und als ſie ſpäter an der Er⸗ friſchungstafel, welche Mr. Marrables Gaſtfreundſchaft in einem Zimmer nahe beim Theater in Bereitſchaft gehalten hatte, fehlte, ahnte Niemand, daß ihre Abweſenheit einen tie⸗ fern Grund hätte. Nicht eher, als bis die Damen und Herren ſich zur nächſten Probe eingefunden hatten, ſollte der wahre Stand der Sache der Geſellſchaft offenbar werden. Zur beſtimmten Stunde erſchien keine Julie.— An ihrer Statt näherte ſich Mrs. Marrable mit einem Briefe in der Hand aufgeregt der Bühne. Sie war für gewöhnlich eine Dame von gutmüthiger Art und guter Erziehung, ſie war jeder hergebrachten ſchmeichelhaften Wendung, die in die engliſche Sprache eingeführt iſt, Meiſterin; allein wie⸗ derholtes Mißgeſchick und der Einfluß des Theaters hatten ſchließlich zuſammengewirkt, um die friedfertige Matrone aus dem Gleichgewichte zu bringen. Zum erſten Male in ihrem Leben ließ ſich Mrs. Marrable zu heftigen Geberden hinreißen und gebrauchte ſtarke Ausdrücke. Sie reichte ihrer Tochter mit ausgeſtrecktem Arme und ernſtem Geſichte den Brief hin. — Meine Liebe, ſagte ſie mit einer Art fürchterlicher Ruhe, wir ſtehen unter dem Einfluſſe eines Fluches. Ehe das erſtaunte Liebhabertheater ſich eine Erklärung ausbitten konnte, wandte ſie ſich um und verließ das Zim⸗ mer. Das Kennerauge des Regiſſeurs folgte ihr mit dem Ausdruck der Achtung nach, er ſah aus, als wäre er mit ihrem Abgange vom künſtleriſchen Standpuncte aus zufrieden Welch neues Unglück war denn über das arme Stück hereingebrochen? Das letzte und ärgſte von Allen: die ſtarke Dame hatte ihre Rolle zurückgeſchickt.—— Nicht etwa aus böſem Willen. Ihr Herz, das ja durchgehends auf dem rechten Flecke geblieben war, hatte ſie noch immer auf dem rechten Flecke. Ihre Erklärung der Umſtände, wenn nichts Anderes, war ein Beweis da⸗ für. Der Brief begann mit einer thatſächlichen Erörterung. Sie hatte in der letzten Probe ganz unabſichtlich einige perſönliche Bemerkungen belauſcht, deren Gegenſtand ſie ſelber geweſen. Sie mochten ſich auf ihr— Haar und — ihre Geſtalt beziehen; oder vielleicht auch nicht. Sie wolle nicht es ih mache Selbſ legte fach lichen gefall ihrer ſei, n Eine werde allen nur den h 1 werde Wün Unte des L dieſen ſtand bei d Brie ſtrop Frau in fliege das nann helfe von hhalten ien tie⸗ Herren wahre Zur Statt in der ch eine g, ſie die in in wie⸗ hatten Latrone Kale in berden reichte Geſichte erlicher 9. lärung s Zim⸗ rit dem er mit frieden Stück en: die das ja , hatte klärung heis da⸗ terung. einige and ſie ar und Sie 71 wolle Mrs. Marrable durch die Wiederholungen derſelben nicht betrüben. Auch wolle ſie Namen nicht nennen, weil es ihre Art nicht ſei, etwas Schlimmes noch übler zu machen. Der einzige Weg, den ihr die Rückſicht auf ihre Selbſtachtung vorſchreibe, ſei, ihre Rolle abzugeben. Sie legte ſie daher an Mrs. Marrable bei, indem ſie ſich mehr⸗ fach entſchuldigte wegen ihrer Anmaßung, einen jugend⸗ lichen Charakter„bei ihrem Alter“, wie es einem Herrn gefallen hatte ſich auszudrücken, und„bei ihrem Haar und ihrer Geſtalt“ darzuſtellen, was Beides zu unvortheilhaft ſei, wie einige Damen unzart genug geweſen anzudenten. Eine jüngere und anziehendere Darſtellerin der Julie werde ſich ohne Zweifel leicht finden. Zugleich wolle ſie allen betreffenden Perſonen vollkommen vergeben und bitte nur hinzufügen zu dürfen, daß ſie dem Stücke aufrichtig den beſten Erfolg wünſche.— Und vier Abende ſpäter ſollte das Stück aufgeführt werden! Wenn jemals ein menſchliches Unternehmen gute Wünſche, um es zu unterſtützen, nöthig hatte, ſo war dies Unternehmen ſicherlich kein anderes, als die Vorſtellung des Liebhabertheaters auf Evergreen Lodge! Ein Armſtuhl wurde auf die Bühne gebracht, und in dieſen Armſtuhl ſank Miſs Marrable, welche im Begriffe ſtand, hyſteriſche Anfälle zu bekommen. Magdalene ſprang bei den erſten Krämpfen vor, riß Miſs Marrable den Brief aus der Hand und gebot ſofort der drohenden Kata⸗ ſtrophe Stillſtand. — Sie iſt ein häßliches, kahlköpfiges, boshaftes, altes Frauenzimmer— ſagte Magdalene, indem ſie den Brief in Stücke riß und ſie über die Köpfe der Geſellſchaft fliegen ließ.— Aber ich kann ihr Etwas erzählen, ſie ſoll das Spiel doch nicht verderben. Ich will die Julie ſpielen! — Bravol rief der Chor der Herren— der unge⸗ nannte Herr, welcher das Unglück hatte mit anrichten helfen(mit einem Worte Mr. Francis Clare) am Lauteſten von Allen. — Wenn ich Ihnen die Wahrheit ſagen ſoll, ſo fürchte ich mich nicht, es zu geſtehen, fuhr Magdalene fort.— Ich bin eine von den Damen, die ſie meint. Ich ſagte, ſie hätte einen Kopf, wie ein Mops, und eine Bruſt, wie ein Sophakiſſen. Und das iſt auch wahr. — Und ich bin die andere Dame, ſagte die Jungfer Baſe.— Aber ich ſagte, ſie ſei zu ſtark für die Rolle. — Ich bin der Herr, ſtimmte Frank ein, durch das Beiſpiel der Anderen mit fortgeriſſen.— Ich ſagte Nichts, ich gab den Damen nur Recht. Hier erſah ſich Miſs Garth ihre Gelegenheit und rief von dem Parterreraume nach der Bühne hinauf. — Hören Sie auf, hören Sie auf, ſagte ſie. Sie können auf dieſe Art die Schwierigkeit nicht entfernen. Wenn Magdalene die Julie ſpielt, wer ſoll da die Lucie geben?! Miſs Marrable ſank wieder in den Armſtuhl zurück und bekam zum zweiten Male Krämpfe.. — Unſinn! Wenns weiter Nichts iſt! ſchrie Magda⸗ lene. Die Sache iſt ganz einfach. Ich will die Julie und Lucie zuſammen ſpielen. Sofort wurde der Regiſſeur darüber gehört. Man mußte Luciens erſtes Auftreten weglaſſen und den kurzen Dialog über die Leihbibliotheksromane in ein Selbſtge⸗ ſpräch für Lydia Languiſh verwandeln: das war die einzige erhebliche Schwierigkeit, welche ſich der Ausführung von Magdalenens Plan entgegenſtellte. Luciens zwei Sprech⸗ ſcenen am Ende des erſten und zweiten Actes waren hin⸗ reichend weit entfernt von den Scenen, in denen Julie aufzutreten hatte, um Zeit zu laſſen für die nöthigen Klei⸗ derwechſel. Sogar Miſs Garth konnte, ſo ſehr ſie ſich bemühte, keine neuen Hinderniſſe finden. Die Frage wurde in fünf Minuten abgemacht, und die Probe ging an. Magdalene lernte Juliens Bühnenſitua⸗ tionen mit dem Buche in der Hand und kündigte dann auf der Heimfahrt an, daß ſie vorhätte, die ganze Nacht auf das Einſtudiren der neuen Partie zu verwenden. Frank drückte daher ſeine Beſorgniß aus, daß ſie dann nicht Zeit .— Ich gte, ſie wie ein Jungfer olle. rch das Nichts, heit und uf. ie. Sie itfernen. ie Lucie l zurück Magda⸗ tlie und Man n kurzen Selbſtge⸗ einzige ung von Sprech⸗ ren hin⸗ n Julie een Klei⸗ ſie ſich und die renſitua⸗ ann auf acht auf Frank icht Zeit 73 übrig haben werde, ihm ſelber über ſeine eigenen theatra⸗ liſchen Schwierigkeiten hinwegzuhelfen. Sie ſchlug ihn coquett mit der Rolle auf die Schulter.— Du närriſcher Menſch, was habe ich mit Dir zu thun? Du biſt Juliens eiferſüchtiger Liebhaber, Du machſt immer der Julie den Kopf warm. Komm heute Abend und mach mir den Kopf warm, beim Thee. Du haſt nicht mehr ein giftiges altes Weib mit einer Perrücke vor Dir, um mit ihm zu ſpielen. Mein Herz haſt Du jetzt zu brechen..., und ich will Dirs gelegentlich beibringen, wie man das anfängt. Die vier dazwiſchen liegenden Tage vergingen bewegt und unter beſtändigen Proben zu Hauſe und auf der Bühne. Der Abend der Aufführung kam heran; die Gäſte verſammelten ſich; das große Theaterexperiment ſollte ſich nun bewähren. Magdalene hatte ſich Alles aufs Beſte zu Nutze gemacht, ſie hatte gelernt, was der Regiſſeur ihr in dieſer Zeit hatte lehren können. Miſs Garth verließ ſie, als die Ouvertüre begann, indem ſie ſich hinter der Scene ſeitwärts in eine Ecke ſetzte, ernſt und ſchweigend, das Riechfläſchchen in der einen und ihr Buch in der andern Hand, und ſich entſchloſſen auf den Schickſalsſpruch des Publicums am Ende gefaßt machte. Das Stück begann unter all den von einer Theater⸗ vorſtellung in bürgerlichen Kreiſen unzertrennlichen Neben⸗ umſtänden, ein überfüllter Zuſchauerraum, eine africaniſche Hitze, Zerplatzen heißgewordener Glascylinder, Schwierig⸗ keiten beim Aufziehen des Vorhangs.„Fag“ und„der Kutſcher“, welche die Scene eröffneten, verloren ihr Ge⸗ dächtniß, ſobald ſie den erſten Fuß auf die Bühne geſetzt hatten, ließen daher die eine Hälfte ihres Zwiegeſpräches ungeſprochen, kamen zu einer tödtlichen Pauſe, wurden hörbar von dem unſichtbaren Regiſſeur ermahnt, fortzu⸗ fahren, und fuhren dabei fort, in jeder Beziehung ge⸗ ſcheidter und klüger geworden, als ſie angefangen hatten. Die nächſte Scene führte Miſs Marrable als„Lydia 74 Languiſh“ vor, anmuthig hingegoſſen, ſehr hübſch, in ſchönen Kleidern, in ſorgſamſter Weiſe ihre Partie bis auf jedes Wort kennend, kurz im Beſitze jedes perſönlichen Hilfsmittels, außer ihrer Stimme. Die Damen bewun⸗ derten, die Herren applaudirten. Niemand hörte Etwas außer den Worten„Sprechen Sie lauter, Miſs“ von der Stimme geflüſtert, welche bereits Fag und den Kutſcher angetrieben hatte,„vorwärts zu kommen“. Ein Kichern erhob ſich als Antwort unter den jüngeren Zuſchauern, wurde aber ſofort erſtickt durch großmüthigen Applaus. Die Temperatur des Hauſes erhob ſich zur Wärme des Blutes, allein der volksthümliche Geſchmack für Gewäh⸗ renlaſſen war noch nicht aus ihm herausgetrieben. Mitten in dieſer Kundgebung trat Magdalene ganz ruhig zum erſten Male als„Julie“ auf. Sie war ſehr einfach in dunkle Farben gekleidet und trug ihr eigenes Haar; alle Bühnenkniffe und Kunſtmittel(ausgenommen jedoch rothe Schminke, von der ſie jetzt nicht ein Tüpfelchen auf den Wagen duldete) wurden in Bereitſchaft gehalten, um ſie deſto wirkſamer in ihrer zweiten Rolle zu verklei⸗ den. Die Einfachheit und Schönheit ihres Coſtüms, die ſichere Selbſtbeherrſchung, mit der ſie über die dichten Reihen von Angeſichtern vor ihr hinſah, rief ein leiſes er⸗ wartungsvolles Beifallsgemurmel hervor. Sie trug— nachdem ſie ein augenblickliches Zittern überwunden hatte, ihre Worte mit einer ruhigen Deutlichkeit der Ausſprache vor, welche für jedes Ohr verſtändlich war, und welche zugleich den günſtigen Eindruck befeſtigte, den ihre Er⸗ ſcheinung hervorgerufen hatte. Die einzige Seele im Publicum, die mit Kälte auf ſie ſah und lauſchte, war ihre ältere Schweſter.— Ehe noch die Schauſpielerin des Abends fünf Minuten auf der Bühne war, entdeckte Nora zu ihrem unbeſchreiblichen Erſtaunen, daß Magdalene die ſchwächliche Milde des Charakters der Julie mit einem kühnen Griffe individualiſirt hatte, indem ſie ſich dazu keine geringere Perſon, als— ſie ſelbſt zum Muſter genom⸗ men hatte, um ihre Rolle darnach zu geſtalten. Sie ſah alle ih und H zu Zei Worte hätte ſichtsle liſchen nur die abtrat in ihr ſtreich raktere gemack Menſe der S ihrer eine S im S⸗ Al Magd des A brauer heitsp in ihr und C ſah a Lucie ſah w kleidur Salve erſte. Tribu ein ſe ſich fe Mang jeder das d ch, in is auf nlichen dewun⸗ Etwas on der utſcher Lichern auern, plaus. ie des hewäh⸗ ganz ir ſehr eigenes ommen felchen halten, verklei⸗ s, die dichten ſes er⸗ ug— hatte, ſprache welche re Er⸗ le im ar ihre in des Nora ene die einem ) dazu genom⸗ Sie ſah 75 alle ihre perſönlichen äußerlichen Eigenheiten in Bewegung und Haltung ohne Scheu nachgeahmt und ſogar von Zeit zu Zeit den Ton ihrer Stimme ſo genau copirt, daß die Worte ſie erſchreckten, als hätte ſie ſelbſt geſprochen und hätte ein Echo auf der Bühne. Die Wirkung dieſer rück⸗ ſichtsloſen Aneignung von Noras Perſönlichkeit zu theatra⸗ liſchen Zwecken, äußerte ſich beim Publicum, das natürlich nur die Erfolge ſah, in einem Beifallsſturme, als Magdalene abtrat. Sie hatte ganz unbeſtreitbar zwei Triumphè gleich in ihrer erſten Scene. Durch einen geſchickten Staats⸗ ſtreich der Mimik hatte ſie aus einem der albernſten Cha⸗ raktere im engliſchen Drama eine lebensvolle Geſtaltung gemacht und hatte ein Publicum von zweihundert armen Menſchen zu Begeiſterung erhoben, welche verurtheilt waren, der Segnungen der Ventilation zu entbehren und Alle in ihrer eigenen animaliſchen Wärme zu verbraten. Wo iſt eine Schauſpielerin von Beruf, welche viel mehr zu leiſten im Stande geweſen wäre— unter ſolchen Umſtänden? Aber das Ereigniß des Abends ſollte erſt noch kommen. Magdalenens Wiedererſcheinen in Verkleidung am Ende des Actes in der Rolle der„Lucie“, Haar und Augen⸗ brauen falſch, mit friſch rothem Geſicht und Schön⸗ heitspfläſterchen auf den Wangen, mit den heiterſten Farben in ihrer Kleidung und der keckſten Lebendigkeit in Stimme und Geberden... machte das Publicum richtig ſtutzig. Man ſah auf die Programme, auf denen die Darſtellerin der Lucie unter einem angenommenen Namen aufgeführt war, ſah wieder auf die Bühne, durchſchaute endlich die Ver⸗ kleidung und machte nun ſeinem Erſtaunen in einer neuen Salve von Applaus Luft, lauter und herzlicher als die erſte. Nora ſelbſt konnte dies Mal nicht leugnen, daß der Tribut des Beifalls ein wohlverdienter war. Hier lag ein ſeltenes Talent für dramatiſche Geſtaltung vor, das ſich feſt ſeinen Weg bahnte durch all ſeine Verſehen aus Mangel an Bühnenerfahrung, das ſich in jedem Blick und jeder Bewegung dieſes Mädchens von achtzehn Jahren, das die Breter zum erſten Male in ſeinem Leben betrat, P 76 klar und offenkundig für den blödeſten Zuſchauer aus⸗ ſprach. Wenn ſie ſich auch in manchen kleinen Erforder⸗ niſſen ihrer Doppelaufgabe, die ſie übernommen, vergriff, ſo hatte ſie doch in der Hauptſache das Rechte getroffen, der Geltendmachung der ſcharfen Unterſchiede beider Cha⸗ raktere. Jedermann fühlte, daß hierin die Schwierigkeit lag, Jedermann ſah, daß die Schwierigkeit überwunden war, Jedermann ſtimmte nun auch ein in den Enthuſias⸗ mus des Regiſſeurs in der Probe, der ſie als geborene Schauſpielerin begrüßt hatte. Als die Zwiſchencourtine zum erſten Male fiel, hatte Magdalene das ganze Intereſſe und die Zugkraft des Stückes in ihrer Perſon vereinigt. Das Publicum ap⸗ plaudirte aus Höflichkeit Miſs Marrable, wie es ſich für die Gäſte geziemte, die in ihres Vaters Hauſe verſammelt waren, und ermunterte mit Humor die übrigen Mitglieder der Geſellſchaft, um ihnen über eine Aufgabe hinwegzuhelfen, welcher ſie allzumal offenbar mehr oder weniger nicht ge⸗ wachſen waren. Aber wie das Stück vorrückte, konnte Nichts mehr die Zuſchauer zu einem aufrichtigen, ſelbſtän⸗ digen Zeichen von Theilnahme veranlaſſen, als Magdalene nicht mehr auf den Bretern war. Das ließ ſich nicht ver⸗ hehlen. Miſs Marrable und ihre Buſenfreunde waren alle insgeſammt von dieſem angeworbenen Neuling, den ſie erſt inſtändig aufgefordert hatten ihnen zu helfen, in den Schatten geſtellt, herabgedrückt zu der Rolle als ver⸗ lorene Poſten! Und Dies an Miſs Marrables eigenem Geburtstage! Und Dies in ihres Vaters Hauſe! All dem häuslichen Mißgeſchick, welche die undankbare Theater⸗ unternehmung über die Familie Marrable verhängt hatte, ward nunmehr die Krone aufgeſetzt durch Magdalenens ſieg⸗ haften Erfolg. Mr. Vanſtone und Nora am Schluſſe des Stückes unter den Gäſten im Speiſeſaale laſſend, ging Miſs Garth hinter die Scene, ſcheinbar als ob ſie nachſehen wolle, ſich irgendwie nützlich zu machen, in Wahrheit aber forſchend, ob ſich Magdalene durch die Triumphe des Abends nicht etwa Garth dabei ihres! unterl fand j anmut der R reichte den B dieſe! günſti künftis bei Li vollko Und wird, für m aufgef J und er U Gartl auf de Stück Karte demſe agente M wegw blicke ſie, 1 Wenn den g r aus⸗ forder⸗ ergriff, troffen, r Cha⸗ erigkeit vunden huſias⸗ eborene „hatte aft des im ap⸗ ſich für ammelt gglieder hhelfen, icht ge⸗ konnte bſtän⸗ gdalene ht ver⸗ waren g, den fen, in ls ver⸗ igenem lll dem heater⸗ hatte, ns ſieg⸗ Stückes Garth lle, ſich eſchend, s nicht 74 etwa habe den Kopf verdrehen laſſen. Es würde Miſs Garth nicht überraſcht haben, wenn ſie ihren Schützling dabei getroffen hätte, wie ſie mit dem Regiſſeur wegen ihres demnächſtigen Auftretens auf einem öffentlichen Theater unterhandelte. Wie es ſich aber in Wahrheit verhielt, fand ſie Magdalenen auf der Bühne, indem ſie mit einem anmuthigen Lächeln eine Karte entgegennahm, welche ihr der Regiſſeur mit einer ſchulgerechten Verbeugung über⸗ reichte. Als der kleine Herr Miſs Garths ſtumm fragen⸗ den Blick bemerkte, beeilte ſich derſelbe zu erklären, daß dieſe Karte ſeine eigene wäre und daß er nur um die Ver⸗ günſtigung gebeten, ſich Miſs Vanſtones Empfehlung für künftige Gelegenheiten verſichert halten zu dürfen. — Es iſt nicht das letzte Mal, daß die junge Dame bei Liebhabertheatern betheiligt ſein wird, darüber bin ich vollkommen mit mir im Klaren— ſagte der Regiſſeur. Und wenn ein Ordner bei nächſter Gelegenheit gebraucht wird, ſo hat ſie mir freundlich verſprochen, ein gutes Wort für mich einzulegen. Ich kann allezeit unter dieſer Adreſſe aufgefunden werden, Miſs. Indem er dies geſagt, verneigte er ſich abermals und entfernte ſich beſcheiden. Unbeſtimmter Verdacht hatte ſich aber einmal in Miſs Garth feſtgeſetzt, und ſie fühlte ſich gedrungen, einen Blick auf die Karte zu werfen. Es ging aber kein harmloſeres Stück Kartenpapier aus einer Hand in die andere. Die Karte enthielt nur den Namen des Regiſſeurs und unter demſelben Namen und Adreſſe eines Londoner Theater⸗ agenten. — Verlohnt ſich nicht des Aufhebens, ſagte Miſs Garth. Magdalene erfaßte aber ihre Hand, bevor ſie die Karte wegwerfen konnte, bemächtigte ſich ihrer im nächſten Augen⸗ blicke und ſteckte ſie in die Taſche. — Ich habe ihm verſprochen, ihn zu empfehlen, ſagte ſie, und Das iſt ein Grund, die Karte aufzubewahren. Wenn es auch zu weiter nichts iſt, ſo wird ſie mich an den glücklichſten Abend meines Lebens erinnern, und Das 78 iſt ein zweiter. Kommen Sie—, rief ſie, indem ſie mit fieberhafter Fröhlichkeit ihre Arme um Miſs Garth ſchlang, — wünſchen Sie mir Glück zu meinem Erfolge! — Ich will Ihnen Glück wünſchen, wenn Sie ihn erſt wieder verwunden haben, ſagte Miſs Garth— In einer halben Stunde hatte Magdalene ihre Kleidung gewechſelt, hatte ſich zu den Gäſten geſellt und war nun von einer Atmoſphäre von Gratulationen empor getragen worden, hoch und unerreichbar für den überwachenden Ein⸗ fluß, den Miſs Garth ausüben konnte. Frank, ſäumig in allen ſeinen Handlungen, war auch der Letzte der dar⸗ ſtellenden Geſellſchaft, welcher das Bereich der Bühne verließ. Er machte keinen Verſuch, Magdalenen in dem Speiſeſaale nahe zu kommen, aber er war in der Halle mit ihrem Mantel bereit, als die Wagen befohlen wurden und die Geſellſchaft aufbrach. — Ach, Frank ſagte ſie, indem ſie ſich nach ihm um⸗ ſah, als er ihr den Mantel umhing;— ich bin ſo betrübt, daß Alles vorüber iſt! Komm morgen früh und laß uns mit einander reden. — In den Buſchanlagen um Zehn?— fragte Frank flüſternd. Sie zog die Kapuze ihres Mantels empor und nickte ihm fröhlich zu. Miſs Garth, welche daneben ſtand, be⸗ merkte die zwiſchen beiden gewechſelten Blicke, obſchon das Stimmengewirr der Abſchied nehmenden Gäſte ſie verhin⸗ derte, die Worte zu verſtehen. Es war eine ſanfte, un⸗ leugbare Zärtlichkeit in Magdalenens angenommener Fröh⸗ lichkeit der Haltung, eine zutrauliche Bereitwilligkeit der Hand, als ſie Franks Arm nahm und hinaus zum Wagen ging. Was ſollte Das heißen? Hatte ihr vorübergehen⸗ des Intereſſe an ihm als ihrem Schüler auf der Bühne verrätheriſcherweiſe die Saat eines tiefern Intereſſes an ihm als Mann geſäet? Hatte das eitle theatraliſche Schattenſpiel, jetzt wo es vorüber war, ernſtere Folgen zu verantworten als eine unnütze Zeitverſchwendung? Die Züge auf Miſs Garths Angeſicht wurden härter und di um ſi Vanſt Sinn, danke wahre D Miſs lich z Unter war Them verdar einzig Die ſchein! laſſen A wie g. fand waren Mrs. rung, aber Zwei dalene und v S putzen im T. 79 ſie mit und düſterer, ſie ſtand mitten unter dem ſcherzenden Haufen chlang, um ſie her allein. Noras warnende Worte, an Mrs. Vanſtone im Garten gerichtet, kamen ihr wieder in den hn erſt Sinn,— und jetzt zum erſten Male dämmerte der Ge⸗ danke in ihr auf, daß Nora doch wohl die Folgen in ihrem leidung wahren Lichte geſchaut hatte. ar nun etragen en Ein⸗ ſäumig er dar⸗ Siebentes Capitel. Bühne— in dem llle mit Den andern Morgen ganz früh begegneten einander en und Miſs Garth und Nora im Garten und ſprachen vertrau⸗ lich zuſammen. Die allein wahrnehmbare Folge ihrer m um⸗ Unterredung, als ſie ſich am Frühſtückstiſche einfanden, etrübt, war das abſichtliche Schweigen Beider in Betreff des aß uns Themas der theatraliſchen Aufführung. Mrs. Vanſtone verdankte, was ſie über jene Abendunterhaltung hörte, Frank einzig und allein ihrem Gatten und ihrer jüngſten Tochter. Die Erzieherin und die ältere Tochter hatten ſich augen⸗ nickte ſcheinlich entſchloſſen, den Gegenſtand ganz bei Seite zu d, be⸗ laſſen. on das Als das Frühſtück vorüber war, und die Damen ſich verhin⸗ wie gewöhnlich zuſammen in das Morgenzimmer begaben, e, un⸗ fand es ſich, daß Magdalene fehlte. Ihre Gewohnheiten Fröh⸗ waren aber ſo wenig an eine feſte Regel gebunden, daß eit der Mrs. Vanſtone über ihre Abweſenheit weder Verwunde⸗ Wagen rung, noch Unruhe empfand. Miſs Garth und Nora gehen⸗ aber ſahen ſich bedeutſam an und warteten ſtillſchweigend. 4 Bühne Zwei Stunden vergingen, und noch war Nichts von Mag⸗ ſes an dalenen zu ſehen. Nora ſtand auf, als es Zwölf ſchlug, aliſche und verließ ruhig das Zimmer, um nach ihr zu ſehen. gen zu Sie war nicht oben im Hauſe, um ihren Schmuck zu putzen und ihre Gewänder zu ordnen. Sie war auch nicht härter im Treibhauſe, nicht im Blumengarten, nicht in der Küche, 80 um die Köchin zu plagen, nicht im Hofe, um mit den Hunden zu ſpielen. War ſie vielleicht mit dem Vater aus⸗ gegangen? Mr. Vanſtone hatte jedoch bei Tiſche ſeine Abſicht ausgeſprochen, ſeinem alten Geſellſchafter, Mr. Clare, einen Morgenbeſuch abzuſtatten und den ſarkaſti⸗ ſchen Unwillen des Philoſophen durch eine Erzählung von der Theatervorſtellung heraufzubeſchwören. Keine von den anderen Damen auf Combe⸗Raven wagte einen Fuß in jene Beſitzung zu ſetzen. Doch Magdalene war ja zu Allem fähig, und Magdalene konnte alſo dorthin gegangen ſein. Als dieſer Gedanke Nora in den Sinn kam, trat ſie in die Buſchanlagen. Bei der zweiten Wendung, da wo der Weg unter den Bäumen in ſeinen Krümmungen ſich aus dem Geſichts⸗ kreiſe des Hauſes entfernte, ſtand ſie plötzlich Angeſicht zu Angeſicht Magdalenen und Frank gegenüber. Sie wan⸗ delten zuſammen in der Richtung auf ſie zu, Arm in Arm, ihre Köpfe nahe beiſammen, ihre Unterhaltung offenbar in leiſem Tone führend. Sie ſahen verdächtig hübſch und ſeelenvergnügt aus. Beim Anblick Noras blickten Beide überraſcht und blieben ſtehen. Frank nahm in Verwir⸗ rung den Hut ab und wandte ſich rückwärts nach ſeines Vaters Beſitzung zu. Magdalene ging vorwärts ihrer Schweſter entgegen, indem ſie unbefangen ihren zuſammen⸗ geklappten Sonnenſchirm von einer Seite zur andern ſchwenkte und unbefangen eine Melodie aus der Ouverture, welche vor dem Aufgehen des Vorhanges den Abend vor⸗ her geſpielt worden war, trällerte. — Iſt es ſchon Zeit zum zweiten Frühſtückl!? ſagte ſie und ſah dabei auf ihrer Uhr nach. Gewiß nicht? — Seid Ihr, Du und Mr. Francis Clare, in den Anlagen allein geweſen ſeit zehn Uhr? fragte Nora. — Mr. Francis Clare! Wie lächerlich förmlich Du doch biſt! Warum nennſt Du ihn nicht Frank(Fränzel)? — Ich habe eine Frage an Dich gerichtet, Magda⸗ lene—.. — O ich Gute, wie finſter blickſt Du heute Morgen! Ich g nicht! Ich ko Nichts Muſte Kunſt. fühlt doch z fremde Publi⸗ wolan Du ſo mehr, zu hal Du ti das L ſpreche als di ſchreie y per da haf manni ſagen, halte will ich die betroff Dir u Will mit den ter aus⸗ he ſeine r, Mr. ſarkaſti⸗ ung von von den Fuß in - ja zu gegangen trat ſie nter den Geſichts⸗ eſicht zu ie wan⸗ in Arm, offenbar bſch und n Beide Verwir⸗ h ſeines s ihrer ammen⸗ andern verture, end vor⸗ ſagte ſie in den a. lich Du ränzel)? Magda⸗ Morgen! 81 Ich glaube, Du biſt böſe auf mich. Haſt Du mir noch nicht vergeben, daß ich geſtern Abend Dich geſpielt habe? Ich konnte nicht anders, meine Liebe; ich würde aus Julien Nichts haben machen können, hätte ich Dich nicht zum Muſter genommen. Es iſt durchaus nur eine Frage der Kunſt. An Deiner Stelle würde ich mich geſchmeichelt ge⸗ fühlt haben durch dieſe Wahl. — An Deiner Stelle, Magdalene, hätte ich mich doch zwei Mal bedacht, ehe ich meine Schweſter vor einem fremden Publicum mimiſch dargeſtellt hätte. — Gerade darum that ichs, weil vor einem fremden Publicum! Wie konnten dieſe Leute Dich kennen? Alſo wolan, ſei nicht böſe! Du biſt acht Jahre älter, als ich, Du ſollteſt mir mit wirklichem Humor vorangehen. — Ich will Dir mit Offenheit vorangehen. Ich bin mehr, als ich ſagen kann, darüber betroffen, Dich gefunden zu haben, wie ich Dich eben jetzt hier gefunden habe! — Was ſoll da herauskommen, ich bin doch begierig? Du triffſt mich zu Hauſe in den Anlagen, wie ich über das Liebhabertheater mit meinem alten Spielkameraden ſpreche, welchen ich ſchon kannte, als ich nicht größer war, als dieſer Sonnenſchirm. Und Das iſt nun wohl eine ſchreiende Unſchicklichkeit, nicht wahr? Honi soit qui mal y pense. Du wollteſt vor einer Minute eine Antwort, da haſt Du ſie, meine Theure, in dem gewählteſten Nor⸗ manniſch⸗Franzöſiſch. — Es iſt mein voller Ernſt, Magdalene—!. — Das glaube ich recht gern. Niemand kann von Dir ſagen, daß Du jemals ſcherzteſt. — Ich bin im Ernſt betroffen—. — O meine Liebel — Es iſt ganz unnöthig, mich zu unterbrechen. Ich halte es für Gewiſſenspflicht, Dir zu ſagen— und ich will Dir ſagen,— daß ich darüber betroffen bin, wie ich dieſe Vertraulichkeit zunehmen ſehen muß. Ich bin betroffen, bereits ein heimliches Einverſtändniß zwiſchen Dir und Mr. Francis Clare beſtehen zu ſehen. Wilkie Collins, Namenlos 6 82 — Armer Frank! Wie mußt Du ihn allem Anſchein nach haſſen. Was in aller Welt hat er Dir gethan? Noras Selbſtbeherrſchung war, das zeigte ſich, beinahe zu Ende. Ihre dunklen Wangen glühten, ihre feinen Lippen zitterten, ehe ſie wieder ſprach. Doch Magdalene ſchenkte ihrem Sonnenſchirm mehr Aufmerkſamkeit, als ihrer Schweſter. Sie warf ihn hoch in die Luft und fing ihn wieder auf. — Eins— ſagte ſie und warf ihn wieder in die Höhe. — Zwei— und ſie warf ihn noch höher. — Drei—! Bevor ſie ihn zum dritten Male auffangen konnte, er⸗ griff ſie Nora leidenſchaftlich beim Arme, und der Son⸗ nenſchirm fiel zwiſchen ſie Beide auf die Erde nieder. — Du behandelſt mich herzlos! ſagte ſie. Schäme Dich, Magdalene, ſchäme Dich! Der unwiderſtehliche Ausbruch einer verſchloſſenen Natur, welche ſich dazu gedrängt ſieht, ihre geheime Krän⸗ kung offen auszuſprechen, iſt von allen ſittlichen Mächten diejenige, der am ſchwerſten Widerſtand geleiſtet werden kann. Magdalene war plötzlich zum Schweigen gebracht. Einen Augenblick faßten ſich beide Schweſtern, die ſo unähnlich waren in Geſtalt und Weſen, einander feſt ins Auge, ohne daß ein Wort geſprochen wurde. Einen Mo⸗ ment waren die tiefbraunen Augen der ältern und die hell⸗ grauen Augen der jüngern Schweſter feſt aufeinander ge⸗ richtet, Beide forſchend, feſt und unnachgiebig. Noras Angeſicht veränderte ſich zuerſt, Noras Haupt wandte ſich zuerſt hinweg. Sie ließ ihrer Schweſter Arm fallen, ſchweigend. Magdalene bückte ſich und hob ihren Schirm wieder auf. — Ich verſuche meine Ruhe zu behalten— ſagte ſie — und Du nennſt mich herzlos, weil ich es thue. Du warſt immer hart gegen mich und wirſt es immer ſein. Nora ſchlug ihre zitternden Hände ſchnell zuſammen. — Hart gegen Dich!— ſagte ſie in tiefem, traurigem Tone und ſeufßzte bitterlich. Inſchein n? beinahe feinen gdalene ls ihrer ing ihn e Höhe. nte, er⸗ Son⸗ . Schäme leoſſenen Krän⸗ Nächten werden ebracht. die ſo feſt ins en Mo⸗ diee hell⸗ der ge⸗ Noras idte ſich fallen, Schirm agte ſie 8. Du ſein. ammen. nurigem 83 Magdalene wandte ſich ein wenig zurück und ſtäubte mechaniſch ihren Schirm mit dem Zipfel ihres Garten⸗ mantels ab. — Jal erwiderte ſie verſtockt. Hart gegen mich und hart gegen Frank. — Frankl wiederholte Nora, ging auf ihre Schwe⸗ ſter zu und eroleichte ſo plötzlich, als ſie vorher roth ge⸗ worden. Sprichſt Du von Dir und Frank, als wären Eure Intereſſen ſchon eins geworden? Magdalene! wenn ich Dich verletzte, verletzte ich ihn da? Iſt er Dir ſo theuer und ſo nahe, daß Dies wirklich der Fall iſt? Magdalene wandte ſich weiter und weiter rückwärts. Ein Zweig von einem Baume faßte ihren Mantel: ſie drehte ſich ärgerlich um, brach ihn ab und warf ihn zur Erde. — Was für ein Recht haſt Du, mich zu fragen? brach ſie plötzlich heraus. Ob ich Frank gern habe, oder ob nicht, was geht das Dich an? Als ſie dieſe Worte ſprach, ſchritt ſie plötzlich vor, um 8 ihrer Schweſter vorüber nach dem Hauſe zurückzu⸗ ehren. Nora, die immer bleicher und bleicher wurde, vertrat ihr den Weg. — Wenn ich Dich mit Gewalt feſthalte— ſagte ſie — ſollſt Du ſtehen und mich anhören. Ich habe dieſen Francis Clare überwacht; ich kenne ihn beſſer als Du. Er iſt nicht werth, daß Du Deinerſeits auch nur einen Augenblick ernſtlich für ihn fühlſt; er iſt unwerth der Theilnahme unſeres lieben, guten, weichherzigen Vaters an ſeinem Schickſale. Ein Mann von Grundſätzen, von Ehre, von Dankhbarkeit würde nicht zurückgekommen ſein, wie er zurückgekommen iſt, der Achtung verluſtig— ja der Achtung verluſtig wegen gedankenloſer Verſäumniß ſeiner Pflicht. Ich beobachtete ſein Geſicht, als der Freund, der es beſſer als ein Vater mit ihm gemeint hat, ihn tröſtete und ihm vergab mit einer Milde, die er nicht verdiente: ich beobachtete ſein Angeſicht, und ich ſah keine Scham, 6* 84 keine Niedergeſchlagenheit darin—, ich ſah Nichts als einen Blick undankbarer, herzloſer Ruhe. Er iſt ſelbſtſüchtig, er iſt undankbar, er iſt unedel—, kaum zwanzig Jahre alt hat er ſchon die ſchlimmſten Fehler des gereiftern Alters. Und das iſt der Mann, mit welchem ich Dich ins Geheim zuſammen finde— der Mann, der einen ſolchen Platz in Deiner Gunſt hat, daß Du für die Stimme der Wahrheit über ihn Dein Ohr verſchließeſt, ſogar aus meinem Munde! Magdalene, das wird ein ſchlechtes Ende nehmen. Um Gottes Willen beſchwöre ich Dich, nimm zu Herzen, was ich Dir geſagt habe und wache über Dich ſelber, ehe es zu ſpät iſt! Sie hielt plötzlich und athemlos inne und faßte ihre Schweſter angſtbeklommen bei der Hand. Magdalene blickte auf ſie mit unverhohlenem Erſtaunen. — Du biſt ſo heftig— ſagte ſie— und ſo ganz außer Dir, daß ich Dich gar nicht wiedererkenne. Je ruhiger ich bin, deſto härtere Worte erhalte ich zum Lohne. Du haſt einen verkehrten Haß gegen Frank gefaßt, und Du zürnſt mir auf eine ganz unvernünftige Weiſe dafür, daß ich ihn nicht mit haſſe. Laß mich,— Nora! Du thuſt mir wehe an der Hand.. Nora ſtieß die Hand von ſich mit dem Ausdruck der Verachtung. — Ich werde Deinem Herzen nie wehe thun, ſagte ſie und wandte Magdalenen plötzlich den Rücken zu, als ſie dieſe Worte ſprach. Es entſtand eine augenblickliche Pauſe. Nora blieb in ihrer Stellung. Magdalene ſah auf ſie in Verwirrung hin, zauderte und ging dann vor ſich hin nach dem Hauſe zu. Bei der Wendung in dem Buſchwege hielt ſie an und ſah ſich unruhig um. — O Gott, Gott, dachte ſie bei ſich ſelber, warum ging nur auch Frank nicht, als ich es ihm ſagte?— Sie zögerte und ging ein paar Schritte zurück. — Dort ſteht Nora und behauptet ihre Würde, ſo hartnäckig, wie immer. Sie blieb wieder ſtehen. einen chtig, re alt lters. heim atz in orheit unde! zottes Dir it iſt! ihre nunen. außer er ich haſt zürnſt ch ihn wehe ck der gte ſie Is ſie ieb in g hin, zu. n und varum de, ſo 85 — Was kann ich Beſſeres thun? Ich haſſe Zank und Streit: ich denke, ich will ein Ende machen. Sie ging nahe an ihre Schweſter heran und berührte ſie an der Schulter. Nora rührte ſich nicht. — Sie kommt nicht leicht in Aufregung, dachte Mag⸗ dalene und berührte ſie noch ein Mal, aber wenn ſie ein Mal hineinkommt, wie lange hält das an! Komm doch! ſagte ſie, gib mir einen Kuß, Nora, und mach ein Ende. Willſt Du mir kein anderes Fleckchen von Dir gönnen, meine Liebe, als hinten im Nacken? Gut, es iſt ein aller⸗ liebſter Nacken, er verdient eher einen Kuß, als der meine, und.. da haſt Du den Kuß wider Deinen Willen! Sie faßte Nora von hinten und führte jene Liebkoſung wörtlich aus, vollſtändig außer Acht laſſend, was eben erſt vorgefallen war. Ihre Schweſter war weit entfernt, das Gleiche zu thun. Gleichwohl hatte kaum eine Minute vorher die warme Aufwallung von Noras Herzen alle Dämme in ihrem Innern überſtiegen. Hatte die eiſige Ruhe ſie ſchon wieder durchkältet? Das war ſchwer zu entſcheiden. Sie ſprach nichts mehr, ſie veränderte ihre Stellung nicht, ſie ſuchte nur haſtig ihr Taſchentuch. Als ſie es herauszog, ließ ſich ein Geräuſch von näher kommenden Schritten in den entlegenen Theilen des Ge⸗ büſches vernehmen. Ein ſchottiſcher Dachshund kam in Sicht gelaufen, und eine fröhliche Stimme ſang die erſten Strophen des Scherzliedes aus Shakeſpeares„Wie es Euch gefällt“*). — Das iſt der Vater! rief Magdalene. Komm, Nora, komm und geh ihm mit entgegen. *) Unter des Laubdachs Hut Wer gerne mit mir ruht Und ſtimmt der Kehle Klang Zu luſt'ger Vögel Sang: Komm' geſchwind! Geſchwinde, geſchwinde! Hier nagt und ſticht Kein Feind ihn nicht, Als Wetter, Regen und Winde!. (Nach Schlegel und Tieck.) W. 86 Anſtatt ihrer Schweſter zu folgen, ſchlug Nora den Schleier ihres Gartenhutes nieder, wandte ſich nach der entgegengeſetzten Seite und eilte in das Haus zurück. Sie flog in ihr Zimmer, ſchloß ſich ein und weinte bitterlich. Achtes Capitel. Als Magdalene mit ihrem Vater in den Buſchanlagen zuſammenkam, zeigte Mr. Vanſtones Angeſicht offenbar, daß, ſeitdem er am Morgen das Haus verlaſſen hatte, Etwas vorgefallen ſein mußte, worüber er ſich freute. Er antwortete auf die Frage, welche ſeine Tochter, neugierig wie immer, ſofort an ihn richtete, indem er ihr erzählte, daß er ſoeben aus Mr. Clares Beſitzung herkomme, und daß er an dieſem ſo wenig verheißenden Orte eine erſtaun⸗ liche Neuigkeit für die Familie auf Combe⸗Raven aufge⸗ leſen habe. Beim Eintritt in das Studirzimmer des Philoſophen hatte Mr. Vanſtone dieſen Morgen Letztern noch bei ſeinem verſpäteten Frühſtück angetroffen, neben ſich ſtatt des ſonſt bei ſeinen Mahlzeiten ganz unvermeidlichen Buches einen offenen Brief. Er hielt den Brief empor, als der Beſuch juſt ins Zimmer trat, und eröffnete die Unterhaltung da⸗ mit, daß er Mr. Vanſtone frug, ob ſeine Nerven in gutem Stande ſeien, und er ſich ſtark genug fühle für den Ein⸗ druck einer ſchier ausbündigen Ueberraſchung. — Meine Nerven? wiederholte Mr. Vanſtone. Gott ſei Dank, ich weiß Nichts von meinen Nerven. Wenn Sie mir Etwas zu erzählen haben, Eindruck hin, Eindruck her, heraus damit auf der Stelle. Mr. Clare hielt den Brief noch ein wenig höher und ſah ſeinen Gaſt über den Frühſtückstiſch hin finſter an. a den ch der weinte nlagen enbar, hatte, e. Er agierig zählte, 2, und ſtaun⸗ aufge⸗ ſophen ſeinem 3 ſonſt einen Beſuch ng da⸗ gutem n Ein⸗ Gott Wenn indruck er und au. 87 — Was habe ich Ihnen immer geſagt? frug er mit der mürriſchſten Feierlichkeit in Blick und Weſen. — Viel mehr, als ich in meinem Kopfe behalten konnte — antwortete Mr. Vanſtone. — In Ihrer Gegenwart und auch ſonſt, fuhr Mr. Claxe fort, habe ich immer behauptet, daß die eine wahr⸗ haft bedeutungsvolle Thatſache, welche die heutige Geſell⸗ ſchaft darbietet, das außerordentliche Glück der Narren iſt. Geben Sie mir einen einzelnen Narren, und ich will Ihnen ſofort eine zuſammengewürfelte Geſellſchaft zeigen, welche dieſen Günſtling neun Mal unter zehn den Preis gewin⸗ nen läßt, ihn das eine zehnte Mal ſelbſt dem weiſeſten Manne, der nur auf der Welt iſt, mißgönnt. Blicken Sie, wohin Sie wollen: auf jedem hohen Poſten ſitzt ein Eſel, auf dieſer Stelle entrückt dem Bereiche der klügſten Leute dieſer Welt, die ihn etwa herunterſtoßen könnten. Ueber unſerm ganzen geſellſchaftlichen Syſteme ſitzt an höchſter Stelle und gibt Geſetze die gefällige Unfähigkeit, putzt vollſtändig ſtraflos das Forſcherlicht des Geiſtes aus und ruft im Eulentone zur Antwort auf Beſchwerden jeder Art: Seht, wie wohl wir uns im Dunkeln befinden! Eines Tages wird dieſe kühne Behauptung durch die That Lügen geſtraft werden, und der ganze verrottete Bau der heutigen Geſellſchaft wird krachend zuſammenſtürzen. — Gott bewahre uns! rief Mr. Vanſtone und blickte um ſich, als wäre der Umſturz ſchon im Anzuge. — Krachend zuſammenſtürzen, wiederholte Mr. Clare. Das iſt mein Lehrſatz in wenig Worten. Was nun die merkwürdige Anwendung deſſelben anlangt, die dieſer Brief enthält: da iſt mein Schlingel von Sohn.... — Sie meinen doch nicht, daß Frank eine neue Aus⸗ ſicht hat? rief Mr. Vanſtone aus. — Da iſt dieſer vollſtändig hoffnungsloſe Schlingel Frank, fuhr der Philoſoph fort. Er hat in ſeinem Leben niemals Etwas dazu gethan, ſich ſelber fortzuhelfen, und nun in nothwendiger Schlußfolgerung hat ſich die Geſell⸗ ſchaft das Wort gegeben, ihn auf den Gipfel des Baumes 88 zu heben. Er hat kaum Zeit gehabt, die Ausſicht, welche er Ihnen zu verdanken hat, zu Schanden werden zu laſſen, da kommt dieſer Brief und wirft ihm zum zweiten Male den Glücksapfel vor die Füße. Mein reicher Anverwandter, welcher wegen ſeiner geiſtigen Fähigkeiten ſich höchſtens für den hinterſten Nachtrab der Geſellſchaft eignet und daher ſelbſtverſtändlich an die Spitze der Letztern geſtellt iſt— iſt ſo gut geweſen, ſich meines Daſeins auf der Welt zu erinnern, und hat mir ſeinen Einfluß zur Verfügung ge⸗ ſtellt zu Gunſten meines älteſten Sohnes. Leſen Sie ſeinen Brief und merken Sie dann auf die Folge der Ereigniſſe. Mein reicher Vetter iſt ein Tölpel, der mit Glück in Ländereien macht; er that Etwas für einen andern Tölpel, welcher in Politik macht; dieſer kennt einen dritten Tölpel, der in kaufmänniſchen Geſchäften macht. Letzterer kann Etwas thun für einen vierten Tölpel, der gegenwärtig in Nichts macht und der Frank heißt. So geht die Mühle. So iſt der Rahm von allen menſchlichen Ehren nur dazu da, daß die endloſen Schaaren der Narren ihn abſchöpfen. Ich werde Frank morgen nach London aufpacken. Im Laufe der Zeit wird er uns wieder zu Handen kommen, wie ein ſchlechter Schilling. Dann werden ihm weitere Glücksumſtände in den Schoos fallen, wie es ſeine ver— dienſtvolle Unfähigkeit nothwendig mit ſich bringt. Jahre werden vergehen,— ich werde es nicht mehr erleben, eben⸗ ſowenig Sie ſelbſt—, das thut Nichts. Franks Zukunft iſt nun einmal ſicher auf die eine oder die andere Weiſe. Stecken Sie ihn in die Armee, die Kirche, Politik, wohin Sie wollen, und laſſen Sie ihn ſeinen Weg machen. Er wird zuletzt doch General, Biſchof, Staatsminiſter kraft der großen heutzutage geltenden Befähigung und Berech⸗ tigung zu den genannten Poſten— durch Nichtsthun.— Mit dieſem Geſammtabriß von ſeines Sohnes welt⸗ lichen Ausſichten warf Mr. Clare den Brief verächtlich über den Tiſch und ſchenkte ſich noch eine Taſſe Thee ein. Mr. Vanſtone las den Brief mit reger Theilnahme und Herzensfreude. Er war geſchrieben in dem Tone etwas theile, außer ſich d einem betheit dieſe Clares im C eigenen dem e wieder Frank von d daß ſie gel her treffen ihm, d M heiten werden ſich an velche aſſen, Male ndter, s für daher ſt— elt zu ig ge⸗ ſeinen gniſſe. ick in ölpel, ölpel, kann tig in Lühle. dazu Pfen. Im men, eitere ver⸗ 89 etwas förmlicher Herzlichkeit, aber die praktiſchen Vor⸗ theile, welche er zu Franks Verfügung ſtellte, waren außer allem Zweifel. Der Schreiber hatte Gelegenheit, ſich des Einfluſſes eines in nicht gewöhnlicher Art bei einem großen Handlungshauſe in der Hauptſtadt(London) betheiligten Freundes bedienen zu können, und er hatte dieſe ſeine werthvolle Verbindung zu Gunſten von Mr. Clares älteſtem Sohne zu benutzen gewußt. Frank ſollte im Comptoir nicht in der Eigenſchaft eines gewöhn⸗ lichen Schreibers angeſtellt werden, er ſollte„vorwärts gebracht werden“ bei der erſten vorkommenden Gelegenheit, und der erſte„gute Poſten“, welchen das Haus entweder daheim oder im Auslande zu bieten hätte, ſollte ihm zur Verfügung geſtellt werden. Wenn er hübſche Fähigkeiten mitbrächte und nur einen gewöhnlichen Grad von Fleiß in der Handhabung derſelben an den Tag legte, ſo ſei ſein Glück gemacht, und je eher er nach London zum Antritt geſchickt werden könnte, deſto beſſer würde es in ſeinem eigenen Intereſſe ſein. — Wundervolle Neuigkeiten! rief Mr. Vanſtone, in⸗ dem er den Brief zurückgab. Ich bin erfreut, ich muß wieder heim gehen und es zu Hauſe erzählen. Das iſt eine fünfzig Mal beſſere Ausſicht, als die meinige war. Was zum Henker meinten Sie nur mit Ihrer„Miß⸗ wirthſchaft im Staate“? Die Geſellſchaft befindet ſich nach meiner Anſicht ganz ungewöhnlich wohl. Wo iſt Frank? — Er lungert umher, ſagte Mr. Clare. Es iſt eine von den unerträglichſten Eigenheiten ſolcher Schlingel, daß ſie immerfort umherlungern. Ich habe meinen Schlin⸗ gel heute früh noch nicht geſehen. Wenn Sie ihn irgendwo treffen, ſo geben Sie ihm einen Rippenſtoß und ſagen Sie ihm, daß ich ihn ſehen will. Mr. Clares Meinung von ſeines Sohnes Gewohn⸗ heiten konnte füglich feiner in der Form ausgeſprochen werden; aber was das Thatſächliche anlangt, ſo traf es ſich an dieſem merkwürdigen Morgen, daß ſie im Weſent⸗ 90 lichen ganz und gar auf Wahrheit beruhte. Als nämlich Frank Magdalenen verlaſſen hatte, wartete Frank in den Buſchanlagen in gemeſſener Entfernung, für den Fall, daß ſie ſich von der Geſellſchaft ihrer Schweſter losmachen und wieder zu ihm kommen würde. Mr. Vanſtones Erſcheinen unmittelbar nach dem Weggange Noras hatte ihn, anſtatt zu ermuntern zum Vorſchein zu kommen, veranlaßt, zu ſeines Vaters Wohnung zurückzukehren. Er ſchlenderte mißvergnügt heimwärts und fiel ſo ſeinem Vater gerade⸗ wegs in die Hände, ganz und gar unvorbereitet auf die an dieſem furchtbaren Orte ſeiner harrende Ankündigung ſeiner Abreiſe nach London. Mittlerweile hatte Mr. Vanſtone ſeine Nachricht ebenfalls, und zwar in erſter Linie Magdalenen mitge⸗ theilt, dann nach ſeiner Rückkehr ins Haus ſeiner Gattin und Miſs Garth. Er war ein Mann von zu wenig Be⸗ obachtung, als daß er bemerkt hätte, wie Magdalene ganz unerwartet verwirrt wurde und Miſs Garth ganz uner⸗ wartet freudig auflebte; Beide in Folge ſeiner Meldung von Franks Glückszug. Er ſprach ſich darüber ganz arg⸗ los aus, bis die Glocke zum zweiten Frühſtück rief, und jetzt zum erſten Male bemerkte er Noras Abweſenheit. Sie ließ, als man bei Tiſche war, herunterſagen, ein Kopfweh halte ſie auf ihrem Zimmer zurück. Als Miſs Garth kurze Zeit darauf hinaufging, um ihr die Nachricht über Frank zu überbringen, ſchien Nora ſonderbar genug nicht eben angenehm berührt, dies zu hören. Mr. Francis Clare ſei nun ſchon bei einer andern Gelegenheit, bemerkte ſie, weggegangen und doch wiedergekommen. Er werde wohl dies Mal auch wiederkommen, und zwar eher viel⸗ leicht, als Jemand von ihnen es dächte. Sie ſprach ſich darüber nicht weiter aus; über das, was in den Buſchan⸗ lagen vorgefallen, ließ ſie ſich keine Sylbe entſchlüpfen. Ihre undurchdringliche Verſchloſſenheit ſchien ſich nach dem Gefühlsausbruche von dem Morgen nur noch verſtärkt zu haben. Sie begegnete Magdalenen im Laufe des Tages, als ob Nichts vorgefallen wäre: eine förmliche Verſöhnung fand z Eigenl vor ſie flucht ſchahen Weſen verſuch ſtone Mittel ihren wöhnl war i Tage dieſer Noras gefalle und n Minu ſich er thun, länger im H Frank ohne! dieſes der T Er un ſtone Ei Zimm Garth ohne rämlich in den ll, daß en und cheinen anſtatt ißt, zu enderte gerade⸗ auf die digung achricht mitge⸗ Gattin nig Be⸗ ne ganz z uner⸗ keldung nz arg⸗ ef, und ſenheit. en, ein 8 Miſs achricht genug Francis emerkte werde er viel⸗ rach ſich zuſchan⸗ hlüpfen. ach dem tärkt zu Tages, ſöhnung 91 fand zwiſchen Beiden nicht ſtatt. Es war eine von Noras Eigenheiten, daß ſie allen Verſöhnungsſcenen, welche offen vor ſich gingen, immerdar auswich und lieber ihre Zu⸗ flucht zu Verſöhnungen nahm, welche in der Stille ge⸗ ſchahen. Maadalene ſah deutlich an ihrem Blick und Weſen, daß ſie zum erſten und letzten Male eine Einrede verſucht habe. Ob der Beweggrund Stolz, Heimtücke, Mißtrauen gegen ſich ſelbſt oder mangelnde Ausſicht auf Erfolg war, die Thatſache blieb außer allem Zweifel: Nora hatte ſich entſchloſſen, für die Zukunft ſich jeder Ein⸗ miſchung zu enthalten. In den ſpäteren Nachmittagsſtunden ſchlug Mr. Van⸗ ſtone ſeiner ältern Tochter eine Ausfahrt als das beſte Mittel gegen ihr Kopfweh vor. Sie war gern bereit, ihren Vater zu begleiten. Dieſer wünſchte darauf wie ge⸗ wöhnlich, daß Magdalene mitfahren ſollte. Magdalene war nirgend zu finden. Zum zweiten Male an dem Tage war ſie für ſich allein in die Anlagen gegangen. Bei dieſer Gelegenheit hatte Miſs Garth, welche, nachdem ſie Noras Anſicht angenommen, von einem Extrem ins andere gefallen war, erſt Frank ganz und gar überſehen hatte und nunmehr auf ein Mal ihn für fähig hielt, in fünf Minuten den Plan zu einer Entführung fertig zu bringen, ſich erboten, ſofort wegzugehen und ihr Möglichſtes zu thun, die vermißte junge Dame aufzufinden. Nach einer längern Abweſenheit kehrte ſie unverrichteter Sache zurück, im Herzen vollkommen überzeugt, daß Magdalene und Frank ſich ins Geheim irgendwo getroffen hätten, aber ohne das kleinſte Stück eines Beweiſes zur Beſtätigung dieſes ihres Verdachtes. Inzwiſchen ſtand der Wagen vor der Thür, und Mr. Vanſtone mochte nicht länger warten. Er und Nora fuhren alſo zuſammen weg, und Mrs. Van⸗ ſtone und Miſs Garth ſaßen zu Hauſe bei ihrer Arbeit. Ein halbe Stunde darauf trat Magdalene ruhig ins Zimmer. Sie war bleich und niedergeſchlagen. Miſs Garths Vorſtellungen nahm ſie mit trüber Miene und ohne ſonderlich darauf zu achten, hin, gab an, daß ſie im 92 Holze geweſen, nahm einige Bücher zur Hand und legte ſie wieder hin, ſeufzte ungeduldig und ging endlich fort in ihr Zimmer hinauf. — Ich denke, Magdalene fühlt die Rückwirkung von geſtern, ſagte Mrs. Vanſtone ruhig. Es iſt, wie wir ge⸗ ſagt haben. Nun die theatraliſchen Feſtlichkeiten vorüber ſind, verlangt ſie unbefriedigt nach mehr. Jetzt bot ſich eine Gelegenheit dar, Mrs. Vanſtone ein Licht aufzuſtecken, eine Gelegenheit, welche zu günſtig war, als daß ſie unbenutzt vorüber gehen durfte. Miſs Garth befragte ihr Gewiſſen, erſah ſich ihren Vortheil und nahm ihn auf der Stelle wahr. — Sie vergeſſen— begann ſie wieder— daß ein ge⸗ wiſſer Nachbar von uns morgen weggehen ſoll. Soll ich Ihnen die Wahrheit ſagen? Magdalene iſt unzufrieden über den Weggang Francis Clares. Mrs. Vanſtone ſah mit einem anmuthigen verwun⸗ derten Lächeln von ihrer Arbeit auf. — Warum nicht gar? ſagte ſie. Es iſt ganz natürlich, wenn Frank ſich von Magdalenen angezogen fühlen ſollte, aber ich kann mir nicht denken, daß Magdalene dies Ge⸗ fühl erwidert. Frank iſt ihr ſo unähnlich, ſo ruhig und ohne Leben, ſo unbehilflich und ſchwerfällig in manchen Stücken, der arme Menſch. Er iſt hübſch, das weiß ich; aber er iſt Magdalenen ſo durchaus unähnlich, daß ich es nicht für möglich halten kann, wahrhaftig nicht! — Meine liebe gute Gnädige! rief Miſs Garth in großem Erſtaunen, glauben Sie wirklich, daß ſich die Menſchen nur lieben, wenn ihre Charaktere ähnlich ſind? In der weitaus größten Zahl von Fällen iſt es gerade umgekehrt. Männer nehmen die unbedeutendſten Frauen und Frauen die unbedeutendſten Männer, von denen ihre Freunde nicht geglaubt hätten, daß ſie ſich um dieſelben im Mindeſten kümmern würden. Gibt es ein Wort, das man öfter ſpricht als:„Was kann Mr. Soundſo nur in aller Welt veranlaßt haben, jene Frau zu nehmen?“ oder:„Wie konnte Mrs. Soundſo ſich ſo an jenen Mann rung no Leidenſe gar unn Ich ver vorausſ vorkomn kenne ei Erfahrt Zeitung in unſer Dichter Sie köt digen daſſelbe durchgen er iſt in eben der Sie iſt riſch, ſ einen 2 Schutz ſelbſt un ſeln kan Männe Glück, mit ihrn ſchehen nehmen an, wo umherl doch die Mi id legte fort in ing von wir ge⸗ vorüber hanſtone günſtig Miſs Vortheil ein ge⸗ Soll ich ffrieden derwun⸗ ttürlich, ſollte, ies Ge⸗ dig und nanchen eiß ich; ich es arth in ich die h ſind? gerade Frauen en ihre eſelben rt, das ſo nur men?“ jenen 93 Mann wegwerfen?“ Hat Ihnen alle Ihre Lebenserfah⸗ rung noch nicht gezeigt, daß Mädchen eine ganz verkehrte Leidenſchaft für Männer empfinden, welche ihrer ganz und gar unwürdig ſind? — Sehr wahr— verſetzte Mrs. Vanſtone ruhig.— Ich vergaß das. Doch läßt ſich das wohl nicht beſtimmt vorausſehen, nicht wahr? — Nicht beſtimmt vorausſehen, weil es alle Tage vorkommt! wandte Miſs Garth mit Humor ein. Ich kenne eine hübſche Anzahl Menſchen, welche ebenſo aller Erfahrung zum Trotze urtheilen, welche des Morgens die Zeitungen leſen und des Abends leugnen wollen, daß es in unſerm modernen Leben romantiſchen Stoff gennug für Dichter und Maler gibt. Im Ernſte, Mrs. Vanſtone, Sie können meinen Worten glauben: Dank dieſem lei⸗ digen Liebhabertheater macht Magdalene mit Frank daſſelbe durch, was viele junge Damen vor ihr auch ſchon durchgemacht haben. Er iſt ganz und gar ihrer unwerth, er iſt in jeder Hinſicht ihr gerades Widerſpiel, und gerade eben deshalb iſt ſie, ohne es zu wiſſen, verliebt in ihn. Sie iſt entſchloſſen und ungeſtüm, geſcheidt und befehle⸗ riſch, ſie iſt keine von den Durchſchnittsfrauen, welche einen Mann brauchen, zu dem ſie aufblicken und in deſſen Schutz ſie ſich ſtellen können; ihr Ideal iſt— vielleicht ihr ſelbſt unbewußt— ein Mann, den ſie gängeln und hän⸗ ſeln kann. Gutl ein Troſt iſt, es gibt noch weit beſſere Männer, ſogar von dieſer Art, als Frank iſt. Es iſt ein Glück, daß er fort muß, bevor wir noch mehr Noth mit ihm haben und bevor ein ernſtliches Unglück ge⸗ ſchehen iſt. — Der arme Frank ſagte Mrs. Vanſtone mit theil⸗ nehmendem Tone. Wir haben ihn gekannt von der Zeit an, wo er in der Jacke und Magdalene im Kinderröckchen umherliefen. Geben wir ihn noch nicht auf. Er wird doch dies zweite Mal gut thun. Miſs Garth ſah voll Erſtaunen auf. — Wohl, und wenn ergut thut—, fragte ſie. Was dann? 94 Mrs. Vanſtone ſchnitt einen loſen Faden an ihrer Ar⸗ beit ab und lachte hell auf. — Meine gute Freundin, ſagte ſie, es iſt eine alte Bauernregel, daß wir gewarnt ſein ſollen, unſere Küchlein zu zählen, bevor ſie ausgebrütet ſind. Laſſen Sie uns noch ein wenig warten, ehe wir unſere zählen. Es war nicht leicht, Miſs Garth zum Schweigen zu bringen, wenn ſie im Drange einer feſten Ueberzeugung ins Sprechen gekommen war; allein dieſe Erwiderung verſchloß ihr den Mund. Sie nahm ihre Arbeit wieder auf und blickte und dachte dabei unausſprechliche Dinge. Mrs. Vanſtones Benehmen war unter dieſen Umſtän⸗ den gewiß merkwürdig. Da auf der einen Seite war ein Mädchen mit großen perſönlichen Reizen, mit ſeltenen Vermögensausſichten, mit einer ſo bedeutenden geſellſchaft⸗ lichen Stellung, daß ſich der beſte Gentleman der Nach⸗ barſchaft ſich nicht zu ſchämen brauchte, ihr einen Heiraths⸗ antrag zu machen, ein Mädchen, das ſich jetzt wegwarf an einen unbedeutenden jungen Menſchen ohne einen Pfennig im Vermögen, welcher bei ſeinem erſten Austritt ins Leben Nichts hatte erreichen können, und welcher, ſelbſt wenn er bei ſeinem zweiten Verſuche mehr Glück hatte, Jahre lang warten mußte, ehe er eine Stellung hatte, um eine junge Dame von Vermögen heirathen und ihr das gleiche Vermögen bieten zu können. Und dort auf der andern Seite war die Mutter dieſes Mädchens, die durch⸗ aus nicht abgeſchreckt war bei der Ausſicht auf eine Ver⸗ bindung, welche, um es am gelindeſten auszudrücken, nicht entfernt wünſchenswerth war, die ferner, wenigſtens nach ihren Worten und Gebahren zu urtheilen, durchaus nicht der Ueberzeugung war, daß eine Heirath zwiſchen Mr. Vanſtones Tochter und Mr. Clares Sohne eben keine ſchöne Folge des vertraulichen Verhältniſſes beider jungen Leute ſei, wie die Aeltern auf beiden Seiten wohl wünſchen könnten! Es war im höchſten Grade ſonderbar. Es war ſo unverſtändlich, als jenes frühere Geheimniß, jenes nunmehr vergeſſene Geheimniß, die Reiſe nach London. mit d bracht bung Freud ſanfter müthig perſön In ſei denn mit ſe war ſ Lehner Er ſal mals wöhnl Chara die Le⸗ führt. Laſt d zu. 2 hartno wenige letzt b. vollen ihn hi dieſelb brachte Augen nachga den N den S deckte. geſchul hielt. Druck rer Ar⸗ ine alte Küchlein Sie uns igen zu zeugung iderung wieder Dinge. Umſtän⸗ war ein ſeltenen ellſchaft⸗ r Nach⸗ eiraths⸗ varf an Pfennig ritt ins , ſelbſt hatte, ghatte, ihr das auf der e durch⸗ ne Ver⸗ n, nicht ns nach is nicht en Mr. in keine jungen r ß, jenes idon. Fünſchen Es 95 Am Abend erſchien Frank und zeigte an, daß ſein Vater ihn ohne Gnade verurtheilt habe, Combe⸗Raven mit dem Parlamentszuge morgen früh zu verlaſſen. Er brachte dies mit der Miene weicher Entſagung und Erge⸗ bung vor und hörte Mr. Vanſtones überſchwengliche Freudenbezeigungen betreffs ſeiner neuen Ausſichten mit ſanfter, aber lautloſer Ueberraſchung an. Sein ſchwer⸗ müthiges Schmachten in Blick und Haltung zeigte ſeine perſönlichen Vorzüge in beſonders vortheilhaftem Lichte. In ſeiner weiblichen Milde ſah er an dem Abende hübſcher denn je aus. Seine ſanften braunen Augen wanderten mit ſchmelzender Weichheit im Zimmer umher; ſein Haar war ſchön gebürſtet, ſeine feinen Hände hingen über die Lehnen ſeines Seſſels mit anmuthiger Läſſigkeit herab. Er ſah aus wie ein in Geneſung begriffener Apollo. Nie⸗ mals hatte er vordem die geſellſchaftliche Kunſt, die er ge⸗ wöhnlich übte, die Kunſt, ſich der Geſellſchaft in dem Charakter eines guterzogenen Alps aufzuerlegen, welcher die Leute zu drücken geruhe, mit beſſerm Erfolge ausge⸗ führt. Es war ohne Frage ein trübſeliger Abend. Die Laſt der Unterhaltung fiel Mr. Vanſtone und Miſs Garth zu. Mrs. Vanſtone war meiſtens ſtill. Nora hielt ſich hartnäckig im Hintergrund, Magdalene war ruhig und weniger lebhaft, als jemals zuvor. Von Anfang bis zu⸗ letzt blieb ſie kalt auf ihrer Hut. Die wenigen bedeutungs⸗ vollen Blicke, welche ſie auf Frank warf, leuchteten über ihn hin wie Blitze und waren vorüber, ehe ein Dritter dieſelben bemerken konnte. Sogar als ſie ihm den Thee brachte und ſie dabei ihre Selbſtbeherrſchung für einen Augenblick inſoweit verleugnete, daß ſie der Verſuchung nachgab, der Verſuchung, der kein Weib widerſtehen kann, den Mann zu berühren, den es liebt: ſogar da hielt ſie den Sahnengießer ſo geſchickt, daß derſelbe ihre Hand deckte. Franks Selbſtbeherrſchung war weit weniger gut geſchult: ſie dauerte nur ſo lange an, als er ſich ruhig ver⸗ hielt. Als er ſich erhob, um zu gehen, als er den ſanften Druck von Magdalenens Fingern um ſeine Hand fühlte 96 und die Locke von ihrem Haar, die ſie ihm in demſelben Augenblicke zuſteckte, wurde er ungeſchickt und verwirrt. Er würde vielleicht Magdalenen und ſich verrathen haben, wenn nicht Mr. Vanſtone geweſen wäre, der in aller Un⸗ ſchuld ſeinen Rückzug deckte, indem er hinter ihm drein ging und ihn fortwährend auf die Schultern klopfte. — Gott gebe Dir ſeinen Segen, Frank!— rief die freundliche Stimme, welche für Niemand in der Welt einen rauhen Ton hatte. Das Glück wartet auf Dich. Geh, mein Junge, geh nur friſch drauf los und ge⸗ winne es! — Ja, ſagte Frank. Ich danke Ihnen. Es wird freilich im Anfange ſchwer ſein, drauf los zu gehen und zu gewinnen. Uebrigens haben Sie mir immer geſagt, es iſt die Sache eines Mannes, ſeine Schwierigkeiten im Sturme zu nehmen und keine Worte weiter darüber zu verlieren.. Zugleich wünſchte ich freilich, ich fühlte mich nicht ſo ſchwach, wie es der Fall iſt, in den Ziffern. Es iſt ſehr entmuthigend, ſich ſo ſchwach zu fühlen in ſeinen Ziffern... O ja, ich will Ihnen ſchreiben und er⸗ zählen, wie es mit mir geht... Ich bin Ihnen für Ihre Güte ſehr verbunden und bedaure ſehr, daß es mit dem Baufache nicht ging. Ich denke, ich hätte das Baufach wohl noch lieber gehabt, als den Handel. Das kann nun Nichts mehr helfen, nicht wahr5.... Ich danke Ihnen nochmals. Leben Sie wohl. So trieb er fort, willenlos in ſeine dunkle kaufmän⸗ niſche Zukunft hinein— ebenſo ziel⸗ und hoffnungslos, ebenſo äußerlich anſtändig, wie immer. Einzi emſelben derwirrt. t haben, ller Un⸗ m drein 7s wird hen und ſagt, es iten im über zu lte mich en. Es ſeinen und er⸗ ir Ihre nit dem Baufach nn nun Ihnen ufmän⸗ ngslos, Uamenlos. —=— — Roman — von= Wilkie Collins, Verfaſſer von„Die Frau in Weiß“. BAAæN Einzig rechlmäßige Originalausgabe in deutſcher Sprache. A Aus dem Engliſchen von C. w. Whiſtling. WMA „ Zweiter Band. Leipzig und Zresden, Engliſche Kunſt⸗Anſtalt von A. H. Payne. 20 Druck von A. H. Payne in Reudnitz bei Leipzig. D blieb nach Mr. ſtatten S ſeine als fo Er ſe es dor Hande trotz d hohen Conto Mang ſeines falt in unerm theilun Beſtät war de und F weit a ſeine4 Entwie derſelb rade in machen haben kann ſi der Ne 97 Neuntes Capitel. Drei Monate vergingen. Während dieſer Zeit ver⸗ blieb Frank in London, kam ſeinen neuen Obliegenheiten nach und ſchrieb von Zeit zu Zeit verſprochenermaßen an Mr. Vanſtone, um ihm über ſich ſelber Bericht zu er⸗ ſtatten. Seine Briefe athmeten nicht etwa Begeiſterung über ſeine kaufmänniſchen Beſchäftigungen. Er ſchilderte ſich als fort und fort herzlich ſchwach in Betreff der Zahlen. Er ſei nun auch mehr denn je mit ſich klar,— jetzt wo es doch leider zu ſpät ſei,— daß er das Baufach dem Handel vorziehe. Trotz dieſer ſeiner innern Ueberzeugung, trotz der Kopfſchmerzen, welche ihm das Sitzen auf einem hohen Schreibſtuhle und das fortwährende Bücken über die Contobücher in ungeſunder Luft verurſache, trotz ſeines Mangels an Geſellſchaft, ſeiner haſtigen Frühſtücke, ſeines ſchlechten Tiſches in Speiſehäuſern ſei, ſeine Sorg⸗ falt im Dienſt ſtreng regelmäßig und ſein Fleiß am Pulte unermüdlich. Man möge nur an den Vorſtand der Ab⸗ theilung, in der er arbeite, ſich wenden, wenn man eine Beſtätigung dieſer ſeiner Angaben haben wollte. Das war der allgemeine Sinn ſeiner Briefe, und Franks Adreſſat und Franks Vater waren über ihn in ihrer Meinung ſo weit auseinander, wie gewöhnlich. Mr. Vanſtone nahm ſeine Briefe hin als ebenſoviel Beweiſe von der ſtetigen Entwickelung eines betriebſamen Strebens bei dem Schreiber derſelben. Mr. Clare aber nahm ſeinen Standpunct ge⸗ rade in der ihn kennzeichnenden entgegengeſetzten Richtung. — Dieſe Londoner Menſchen, ſagte der Philoſoph, machen mit ſolchen Schlingeln nicht viel Federleſens. Sie haben Frank einmal feſt bei den Ohrläppchen gefaßt, er kann ſich nicht vom Flecke rühren, und er macht nun aus der Noth eine Tugend. Der Zeitraum von drei Monden als Probezeit für Wilkie Collins, Namenlos. 7 98 Frank in London vergingen in dem Hausweſen auf Combe⸗ Raven weniger heiter als gewöhnlich. Als der Sommer näher und näher rückte, wurde Mrs. Vanſtones Lebensmuth trotz der kräftigen Anſtrengungen, die ſie machte, um ſich zu bezwingen, von Tage zu Tage geringer — Ich thue mein Möglichſtes, ſagte ſie zu Miſs Garth; ich möchte meinem Gatten und den Kindern ein Beiſpiel von Fröhlichkeit geben, aber ich fürchte den Juli.— 4 Noras geheime Sorgen um ihre Schweſter machten ſie ſelber, je weiter das Jahr vorrückte, noch ernſter und unmittheilſamer als gewöhnlich. Sogar Mr. Vanſtone verlor, als der Juli herankam, etwas von ſeiner gewöhn⸗ lichen geiſtigen Spannkraft. In der Gegenwart ſeiner Gattin nahm er ſich zwar äußerlich zuſammen, aber bei allen an⸗ deren Gelegenheiten hatte ſich ein merklicher trüber Schat⸗ ten auf ſeine Stirn gelagert und ſein Benehmen verändert. Magdalene vollends war, nachdem Frank weggegangen war, ſo verändert, daß ſie die allgemeine Gedrücktheit der Geiſter nur noch vermehrte, ſtatt ſie zu verſcheuchen. Alle ihre Bewegungen waren langſam geworden, alle ihre ge⸗ wöhnlichen Beſchäftigungen wurden mit derſelben lebens⸗ müden Gleichgültigkeit betrieben, und ſie brachte ganze Stunden einſam auf ihrem Zimmer zu. Das Intereſſe an ihrer Erſcheinung erlitt empfindliche Einbuße, da ſie ſich nicht mehr in heitere Farben und mit Sorgfalt kleidete. Ihre Augen verloren ihre Beweglichkeit, ihre Nerven wurden reizbar, ihre Farbe veränderte ſich auch zuſehends nicht zum Beſten: kurz, ſie wurde ſich und Allen um ſie herum zur Laſt und zum Ueberdruß.— So tapfer nun auch Miſs Garth gegen dieſe wachſenden Schwierigkeiten im Hauſe ankämpfte, ſo litt doch ihr friſcher Muth unter dieſer Anſtrengung. Ihre Gedanken kehrten öfterer und öfterer zu dem Märzmorgen zurück, wo der Herr und die Frau vom Hauſe nach London abgereiſt waren und wo das erſte ernſte Ereigniß ſeit einer Reihe von Jahren ſeine Schatten auf das Stillleben der Familie geworfen hatte. 5 . Wa jene hind rer gefi ſein man Ma zum And nes kehr Sch Wo fa ll daß als Vat klär ſehr wor heit thei notl dure ſein gele Ant hatt er d win Combe⸗ de Mrs. gungen, zu Tage Garth; Beiſpiel machten ter und zanſtone gewöhn⸗ Gattin llen au⸗ Schat⸗ rändert. egangen heit der n. Alle hre ge⸗ lebens⸗ 2 ganze reſſe an ſie ſich kleidete. Nerven ſehends um ſie fer nun igkeiten h unter rer und und die ind wo en ſeine Hatte. —— 99 Wann ſollten jene Schatten wieder weichen? Wann ſollten jene Wolken, die den Umſchwung hervorgebracht hatten, hinwegziehen und der Sonnenſchein vergangener glückliche⸗ rer Tage bei ihnen wieder einkehren?— Der Lenz und der Frühſommer gingen vorüber. Der gefürchtete Julimonat kam mit ſeinen windſtillen Nächten, ſeinen unbewölkten Morgen und ſeinen ſchwülen Tagen. Am 15. des Monats ereignete ſich Etwas, das Jeder⸗ mann, nur nicht Nora, in Erſtaunen ſetzte. Zum zweiten Male ohne den geringſten in die Augen ſpringenden Grund, zum zweiten Male ohne eine vorausgehende Anzeige oder Andeutung erſchien Frank urplötzlich wieder im Hauſe ſei⸗ nes Vaters! Mr. Clares Lippen öffneten ſich ſchon, um die Rück⸗ kehr ſeines Sohnes mit dem alten Liede vom„ſchlechten Schilling“ zu begrüßen, ſchloſſen ſich aber wieder, ohne ein Wort vorzubringen. Es war in Franks Weſen eine auf⸗ fallende Ruhe und Sicherheit, welche zu erkennen gab, daß er dies Mal ganz andere Nachrichten zu bringen hatte, als die von ſeiner Entlaſſung. Er beantwortete ſeines Vaters ſardoniſch forſchenden Blick durch die ſofortige Er⸗ klärung, daß ihm dieſen Morgen auf dem Comtoir ein ſehr wichtiger Antrag zu ſeinem künftigen Beſten gemacht worden ſei. Sein erſter Gedanke ſei geweſen, die Einzel⸗ heiten deſſelben brieflich zu melden, allein die Geſchäfts⸗ theilhaber hätten bei beſſerer Ueberlegung gemeint, die nothwendige Entſcheidung ſei doch raſcher zu erreichen durch eine perſönliche Unterredung mit ſeinem Vater und ſeinen Freunden. Er habe daher ſeine Feder bei Seite gelegt und ſich ſofort auf die Eiſenbahn geſetzt. Nach dieſer einleitenden Angabe ging Frank auf den Antrag ſelber, welchen ſeine Principale ihm gemacht hatten, näher ein, zeigte aber durch ſeine Mienen an, daß er denſelben in jeder Hinſicht im Lichte einer kaum über⸗ windlichen Schwierigkeit betrachte. Die große Firma in der City von London hatte in Baziehung auf ihren Mitarbeiter eine Beobachtung ge⸗ 7* 100 macht, welche der Entdeckung aufs Haar ähnlich ſah, die ſich dem Baumeiſter in Bezug auf ſeinen Schutzbefohlenen aufgedrängt hatte. Bei dem jungen Manne war, wie ſie es höflich ausdrückten, ein beſonderes Reizmittel um ihn auf⸗ zuſtacheln, nöthig. Seine Principale hatten nun, indem ſie dadurch ihrer Verpflichtung gegen den Herrn, welcher Frank empfohlen hatte—, am Beſten nachzukommen glaub⸗ ten die Sache ſorgfältig in Erwägung gezogen und waren zu dem Schluß gekommen, daß der einzige Erfolg ver⸗ ſprechende Weg, Mr. Francis Clare nützlich zu verwenden, eine Entſendung deſſelben in einen andern Welttheil wäre. In Folge dieſer Entſcheidung wurde ihm nun der Vorſchlag gemacht, in das Haus ihres Geſchäfts⸗ freundes in China einzutreten und dort fünf Jahre zu bleiben, um ſich an Ort und Stelle mit dem Theehandel und dem Seidengeſchäft vollſtändig vertraut zu machen. Nach Ablauf dieſer Zeit ſollte dann er wieder in das Haupt⸗ geſchäft in London eintreten. Wenn er in China dieſe Gelegenheit gut benutzen würde, ſo käme er dann zwar noch immer als junger Mann zurück, allein geſchickt für Hbeine einträgliche Vertrauensſtelle und zu der Ausſicht be⸗ rechtigt, in nicht ferner Zeit bei der Begründung eines eigenen Geſchäfts von dem Hauſe unterſtützt zu werden. Solches waren die neuen Ausſichten, welche— um Mr. Clares Gedankengang zu folgen— ſich dem immer wider⸗ willigen, immer unbehilflichen, immer undankbaren Frank jetzt aufdrängten. Es war keine Zeit zu verlieren. Die entſcheidende Antwort mußte„Montag, den 20.“ auf dem Comtoir ſein; die Correſpondenten in China mußten mit Poſt vom ſelbigen Tage Avis erhalten, und Frank ſollte entweder dem Briefe mit erſter Gelegenheit nachfolgen, oder auf dieſe Stelle zu Gunſten eines mehr Unterneh⸗ mungsluſt zeigenden jungen Mannes Verzicht leiſten. Mr. Clares nahm dieſe Nachricht von außerordentlicher Tragweite in einer Weiſe auf, die in Erſtaunen ſetzte. Die ruhmvolle Perſpective von ſeines Sohnes Verbannung näch China ſchien ihm den Kopf ſchwindelig gemacht zu ), die hlenen ſie es 1 auf⸗ indem elcher glaub⸗ varen ver⸗ nden, wäre. der häfts⸗ re zu andel achen. aupt⸗ dieſe zwar t für t be⸗ eines erden. Mr. dider⸗ Frank Die dem mit ſollte lgen, rneh⸗ licher ſetzte. nung t zu 101 haben. Das feſte Poſtament ſeiner Philoſophie brach unter ihm zuſammen, die geſellſchaftlichen Vorurtheile gewannen wieder Einfluß auf ſeinen Geiſt. Er faßte Frank beim Arme und begleitete ihn nach Combe⸗Raven in höchſteigener Perſon und in der erſtaunlichen Eigenſchaft als Beſucher dieſes Hauſes. — Da bin ich mit meinem Schlingel, ſagte Mr. Clare, ehe die erſtaunte Familie zu Worten kommen konnte. Hören Sie Alle hier ſeine Geſchichte. Sie hat mich zum erſten Male in meinem Leben mit der Anomalie ſeines Daſeins wieder ausgeſöhnt. Frank erzählte nun kleinmüthigen Tones die chineſiſche Ausſicht zum zweiten Male und verſuchte, daran ſeinen eigenen Anhang von allerhand Ausſetzungen und Bemän⸗ gelungen zu knüpfen. Sein Vater unterbrach ihn gleich beim erſten Worte, zeigte mit einer keinen Widerſpruch duldenden Miene nach Südoſten— von Somerſetſhire geradwegs nach China— und ſagte, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen: — Gehe! Mr. Vanſtone, welcher ſich betreffs ſeines jungen Freun⸗ des ſchon in goldnen Zukunftsträumen ſonnte und wiegte, ſtimmte von ganzem Herzen, wie ein Echo ein in jenes einſylbige Verdict. Mrs. Vanſtone, Miſs Garth, ſogar Nora ſelbſt ſprachen in demſelben Sinne. Frank war über dieſe ſchlechterdings einſtimmige Harmonie der Mei⸗ nungen, die er nicht erwartet hatte, verſteinert, und Mag⸗ dalene war zum erſten Male in ihrem Leben in Verlegen⸗ heit, was ſie ſagen und was ſie thun ſollte. Was aber das wirkliche Ergebniß anlangte, ſo begann und endigte die Sitzung des Familienrathes mit der all⸗ gemeinen Meinung, daß Frank gehen ſollte. Mr. Van⸗ ſtones Gedankengang war aber durch die plötzliche Ankunft des Sohnes, den unerwarteten Beſuch des Vaters und die Nachrichten, die ſie Beide mitbrachten, ſo in Verwirrung gerathen, daß er ſich für eine Verſchiebung der Angelegen⸗ heit auf ſo lange, bis die nothwendigen mit der Abreiſe 102 ſeines jungen Freundes verknüpften Anordnungen im Ein⸗ zelnen erwogen wären, ausſprach. — Wollen wir die Sache nicht lieber beſchlafen? ſagte er. Morgen werden unſere Köpfe ein wenig ruhiger und morgen wird auch noch Zeit genug ſein, um aller Unge⸗ wißheit ein Ende zu machen. Sein Vorſchlag ward gern angenommen, und alle wei⸗ teren Verhandlungen wurden nun bis zum nächſten Tag ausgeſetzt. Jener nächſte Tag ſollte aber mehr Dinge zur Ent⸗ ſcheidung bringen, als ſich Mr. Vanſtone träumen ließ. Den andern Morgen früh nahm Miſs Garth, nach⸗ dem ſie den Thee wie gewöhnlich ſelbſt bereitet hatte, ihren Sonnenſchirm und ging in den Garten ſpazieren. Sie hatte ſchlecht geſchlafen und dachte nun, einige Mi⸗ nuten draußen in friſcher Luft zugebracht, bevor die Fa⸗ milie ſich zum Frühſtück einfände, würden ſie für den Ver⸗ luſt ihrer Nachtruhe entſchädigen. Sie wanderte bis zur äußerſten Grenze des Blumen⸗ gartens und kehrte auf einem andern Wege um, welcher hinter einem zierlichen Luſthäuschen weg, das die Ausſicht von einem Puncte der Lichtung über die Felder beherrſchte, zurück führte. Ein kleines Geräuſch, vergleichbar und doch auch wieder nicht vergleichbar dem Zirpen eines Vo⸗ gels berührte ihr Ohr, wie ſie an der Seite des Luſt⸗ häuschens ankam. Sie ging vorn herum nach dem Ein⸗ gange zu, ſah hinein und erblickte— Magdalene und Frank ganz dicht und traulich bei einander ſitzend. Zu Miſs Garths Schrecken war Magdalenens Arm ganz un⸗ verkennbar deutlich um Franks Hals geſchlungen und, was noch ſchlimmer war, die Stellung ihres Geſichts in dem Augenblick der Entdeckung zeigte außer allem Zweifel, daß ſie eben dem Opfer des chineſiſchen Handels den erſten und köſtlichſten Troſt geſpendet hatte, den ein Weib einem Manne gewähren kann. In deutlichen Worten, ſie hatte gerade Frank einen Kuß gegeben.— Gegenüber einem ſolchen außerordentlichen Falle, wie Ein⸗ ſagte und Unge⸗ wei⸗ Tag Ent⸗ ß. nach⸗ atte, eren. Mi⸗ Fa⸗ Ver⸗ und Zu un⸗ was dem daß rſten nem hatte wie 103 er ihr jetzt entgegen trat, fühlte Miſs Garth inſtinetmäßig, daß alle gewöhnlichen Tadelsworte hier nicht mehr am Platze wären. — Ich glaube, bemerkte ſie, zu Magdalenen gewandt, mit der unbarmherzigen Selbſtbeherrſchung einer Dame in den mittleren Jahren, welche aus eigener Erfahrung vom Küſſen durchaus keinen Anhalt für ihr Verhalten in dieſem Falle hatte,— ich glaube, Sie werden, welcherlei Entſchul⸗ digungen Sie auch in Ihrer ſchamloſen Dreiſtigkeit vor⸗ bringen mögen, doch nicht in Abrede ſtellen können, daß meine Pflicht mich nöthigt, Das, was ich eben geſehen habe, Ihrem Vater mitzutheilen? — Ich will Ihnen die Mühe erſparen, erwiderte Mag⸗ dalene mit Faſſung. Ich will es ihm ſelbſt mittheilen. Mit dieſen Worten ſah ſie ſich nach Frank um, wel⸗ cher in einer Ecke des Luſthäuschens ſtand, drei Mal ſo rath⸗ und hilflos als gewöhnlich. — Du ſollſt erfahren, was geſchieht, ſagte ſie mit ihrem hellen Lächeln. Und Sie ebenfalls— ſetzte ſie für Miſs Garth noch beſonders hinzu, als ſie auf dem Rück⸗ wege zum Frühſtücke vor der Gouvernante vorbei wandelte. Die Augen von Miſs Garth folgten ihr voll Un— willen. Frank erſah ſich ſeinerſeits dieſe günſtige Gelegen⸗ heit, um ſich flugs hinweg zu ſchleichen. Unter dieſen Umſtänden konnte einer ehrbaren Frau weiter Nichts übrig bleiben als— zu ſchaudern. Miſs Garth legte denn auch in der That ſolchergeſtalt ihre Verwahrung ein und ging dann ins Haus zurück. Als das Frühſtück vorüber war, und nun Mr. Vanſto⸗ nes Hand eben in die Taſche glitt, um die Cigarrentaſche zu ſuchen, erhob ſich Magdalene mit einem bedeutſamen Blick auf Miſs Garth und folgte ihrem Vater in die Flur. — Papa, ſagte ſie, ich habe dieſen Morgen mit Dir — allein zu ſprechen. — Ei, ei, erwiderte Mr. Vanſtone. Worüber denn, liebes Kind? — Ueber.... Magdalene zögerte, ſuchte nach einem 104 paſſenden Ausdruck und fand ihn. Ueber Geſchäfte—, ſagte ſie. Mr. Vanſtone nahm ſeinen Gartenhut von dem Tiſche in der Flur, ſchlug ſeine Augen in ſtummem Erſtaunen auf und ſuchte in ſeinem Geiſte die beiden ausbündig verſchiedenartigen Ideen, Magdalene auf der einen und Geſchäft auf der andern Seite, in Verbindung zu bringen, aber vergebens. Er gab es auf und ging in den Garten. Seine Tochter nahm ihn beim Arme und wandelte mit ihm nach einem ſchattigen Sitze in einer entſprechenden Entfernung vom Hauſe. Sie ſtäubte die Bank, bevor ihr Vater ſich darauf ſetzte, mit ihrer kleinen ſeidenen Schürze ab. Mr. Vanſtone war an einen ſolchen außerordentlichen Aufwand von Aufmerkſamkeit wie dieſer gar nicht gewöhnt. Er ſetzte ſich nieder und ſah erſtaunter aus, als je. Mag⸗ dalene nahm ſofort ihren Platz auf ſeinem Knie ein und legte ihr Haupt an ſeiner Schulter zurecht. — Bin ich ſchwer, Papad fragte ſie. — Ja, meine Liebe, das biſt Du, aber nicht zu ſchwer für mich, ſagte Mr. Vanſtone. Laß meinetwegen Deinen Lockvogel los, wenn Dirs ſo gefällt. Nun? Was mag das wohl für ein Geſchäft ſein? — Es beginnt mit einer Frage. — So, in der That? Das überraſcht mich nicht. Ein Geſchäft mit Deinem Geſchlecht, meine Liebe, beginnt alle Mal mit Fragen. Alſo nur zu. — Papa, haſt Du die Abſicht mich jemals heirathen zu laſſen? Mr. Vanſtones Augen wurden weiter und weiter. Die Frage hatte nach ſeinem eigenen Ausdruck ihn förmlich verblüfft. — Das iſt ein Geſchäft zum Närriſchwerden! ſagte er. Wie, Magdalene, was haſt Du Dir in Deinen wun⸗ derlichen Kopf geſetzt? — Ich weiß es noch nicht genau, Papa. Willſt Du mir auf meine Frage antworten? mich d ich gl laſſen, können laß di es wie iſt, al ich Ni iſt die S der A Punct die B überre lich, n Leben was ſagen, will d S ſie.( Beme muthl Vanſt alten ich nie darau Glück ſtigen 105 ffte—,— Ich will, wenn ich es kann, meine Liebe; Du ſetzſt mich da ſchön in Verwirrung. Gut, ich weiß nicht... Ja, Tiſche ich glaube, ich muß Dich wohl eines Tages heirathen ſtaunen laſſen, wenn wir einen guten Ehemann für Dich finden bündig können. Wie heiß Dein Geſicht iſt! Heb es doch auf und en und laß die Luft es anwehen. Du willſt nicht? Gut— mache ringen, es wie Du willſt. Wenn über Geſchäfte ſprechen ſo viel in den iſt, als Deine Wangen an meinem Bart reiben, ſo habe ich Nichts dagegen zu ſagen. Nur zu, liebes Kind. Was lte mit iſt die nächſte Frage? Komm zum Hauptpuncte! chenden Sie war ein zu geſcheidtes Mädchen, als daß ſie etwas vor ihr der Art gethan hätte. Sie ging um den entſcheidenden Schürze Punct herum und berechnete dabei ihre Entfernung auf itlichen die Breite eines Haares. wöhnt.— Wir waren geſtern Alle ſammt und ſonders ſehr Mag⸗ überraſcht, nicht wahr, Papa? Frank iſt wunderbar glück⸗ in und lich, nicht wahr? — Er iſt das glücklichſte Thier, das mir jemals im Leben vorgekommen iſt, meinte Mr. Vanſtone: allein, cht zu was hat Das mit Deinem Geſchäft zu thun? Ich muß twegen ſagen, Du machſt Deinen eigenen Weg, Magdalene. Ich Was will des Teufels ſein, wenn ich mich daraus zurecht finde! b Sie ging dem Puncte ein wenig näher. — Wird er wohl in China ſein Glück machen? ſagte t. Ein ſie. Es iſt aber doch ein ſehr weiter Weg, nicht wahr? nt alle Bemerkteſt Du, Papa, wie Frank geſtern traurig und muthlos ausſah? rathen— Ich war von der Nachricht ſo überraſcht, ſagte Mr. Vanſtone, und ſo verwundert über den Anblick von meines Die alten Clares ſcharfer Naſe innerhalb meines Hauſes, daß rmlich ich nicht ſehr Acht gab. Jetzt bringſt Du mich wieder darauf,... ja. Ich glaube nicht, daß Frank ſein eigenes ſagte Glück mit günſtigen Augen anſah, durchaus nicht mit gün⸗ wun⸗ ſtigen Augen. — Wunderſt Du Dich darüber, Papa? ſt Du— Ja wohl!, meine Liebe, in der That, ſo iſt es. — Hältſt Du es nicht für hart, fortgeſchickt zu werden 106 auf fünf Jahre, um unter verhaßten Wilden Dein Glück V zu machen und Deine Freunde daheim auf dieſe ganze lange Zeit aus den Augen zu verlieren? Denkſt Du nicht, daß Frank uns ſchmerzlich vermiſſen wird? Hörſt Du, Papa, denkſt Du nicht?— — Sachte, Magdalene! Ich bin ein wenig zu alt, daß mich dieſe Deine langen Arme zum Spaß erdroſſeln . Du haſt Recht, mein Herz. Nichts in der Welt iſt ohne Schattenſeite. Frank wird allerdings ſeine Freunde in England vermiſſen, das läßt ſich nicht leugnen. — Du haſt Frank immer geliebt. Und Frank liebte Dich auch immer. — Ja, ja ein guter Kerl; ein ruhiger guter Junge. Frank und ich ſind immer gut mit einander ausgekommen. — Ihr ſeid immer wie Vater und Sohn zuſammen geweſen, iſt Das nicht wahr? — Ja wohl!, meine Liebe. 3 — Vielleicht wirſt Du es noch härter empfinden, wenn er fort iſt, als jetzt? — Wahrſcheinlich, ich will es nicht verreden. — Vielleicht wirſt Du dann wünſchen, wäre er doch lieber in England zurück geblieben. Warum ſollte er auch nicht eben ſo gut in England zurück bleiben und gut thun, als wenn er nach China ginge? — Mein Kind, er hat keine Ausſichten in England. Ich wollte es ihm wohl zu ſeinem Beſten wünſchen. Ich wünſche dem Jungen alles Gute und von ganzem Herzen. — Darf ich ihm auch von ganzem Herzen Gutes wünſchen, Papa? — Gewiß, meine Liebe, Deinem alten Spielkameraden, warum nicht?.. Was ſoll Das? Der Herr behüte mich, warum weint das Mädchen auf einmal? Man könnte den⸗ ken, Frank würde auf Lebenszeit transportirt. Du Gäns⸗ chen! Du weißt doch ſo gut als ich ſelber, daß er nur nach China geht, um ſein Glück zu machen. — Er braucht ja aber gar nicht ſein Glück zu machen ... er kann was Beſſeres thun. — T begierig 8 Du wir nicht zu — 2 ſpreche e Beſſ dio Wen Mr. Van anſicht v ter verlo blicke mi lich ein; ſprach, n ſagte.( beharrlic ſeiner S und fort Es trat — mit chen wer — 2 mich mel Bei zu ruhig ſich Mag fragte ſi raſcht ha wenn nie ja nicht! ſich, es möchteſt für uns fort! Tl 107 in Glück— Den Teufel kann er! Wie denn,.. ich wäre doch 3 naus begierig zu wiſſen wie? rft nihi,— Ich fürchte mich, es Dir zu ſagen. Ich fürchte, Du wirſt mich auslachen. Willſt Du mir verſprechen, nicht zu lachen? ur dl— Alles was Du willſt, meine Liebe. Ja, ich ver⸗ Wuiſe ſpreche es Dir. Nun gut, heraus damit! Was ſoll Frank Welt Beſſeres thun? 1 ſeine— Er ſoll mich heirathen... de gnene Wenn die Sommerlandſchaft, welche ſich damals vor Mr. Vanſtones Augen urplötzlich in eine fürchterliche Winter⸗ anſicht verwandelt hätte, wenn die Bäume alle ihre Blät⸗ r Junge. ter verloren und die grünen Fluren ſich in einem Augen⸗ kommen. blicke mit Schnee bedeckt hätten: würde ſein Antlitz ſchwer⸗ ſammen lich ein größeres Staunen ausgedrückt haben, als es aus⸗ ſprach, wie ſeine Tochter ſtammelnd jene letzten vier Worte n wenn ſagte. Er verſuchte, ſie anzuſehen, aber ſie wehrte ihm . beharrlich den Weg dazu, ſie verbarg ihr Geſicht über ſeiner Schulter. War es ihr Ernſt? Seine Wangen, fort er doc und fort von ihren Thränen benetzt, antworteten ſtatt ihrer.” er auch Es trat eine lange Pauſe und Stillſchweigen ein; ſie wartete — mit ungewöhnlicher Geduld, ſie wartete, bis er ſpre⸗ chen werde. Er erhob ſich und ſprach nun dieſe Worte: — Du überraſcheſt mich, Magdalene; Du überraſcheſt ut thun, Eagland mich mehr, als ich ſagen kann. 1 ₰ 9 Bei dem veränderten Tone ſeiner Stimme, welcher ſich Nrden zu ruhigem väterlichen Ernſt verdüſtert hatte, ſchlangen Gutes ſich Magdalenens Arme noch enger als vorher um ihn. 5— Habe ich Dich unangenehm überraſcht, Papa?— e n fragte ſie furchtſam. O ſage nicht, daß ich Dich ſo über⸗ nte dup, raſcht habe! Wem ſoll ich denn mein Geheimniß offenbaren, Gäns⸗ wenn nicht Dir? Laß ihn nicht fortgehen, laß ihn nicht, lur nach ia nicht! Du wirſt ihm das Herz brechen. Er fürchtet ach ſich, es ſeinem Vater zu ſagen, er fürchtet ſogar, Du machen möchteſt böſe auf ihn werden. Es iſt Niemand da, der für uns ſprechen kann,.. außer mir. Ach, laß ihn nicht fort! Thue es nicht um ſeinetwillen und— ſie flüſterte die 108 nächſten Worte mit einem Kuß— thu es nicht um meinet⸗ willen! Das milde Angeſicht ihres Vaters wurde traurig, er ſeufzte und klopfte ihr zärtlich auf die ſchönen Wangen. — Sei nur ſtille, mein Kind, ſagte er leiſe, ſei ſtille. Sie wußte nicht, wie ihm jedes ihrer Worte, jede ihrer Handlungen mehr Aufklärung geben mußte. Sie hatte ihn von ihrer Kindheit bis auf dieſen Tag zu ihrem na⸗ türlichen Spielkameraden gemacht. Sie hatte im Kinder⸗ röckchen mit ihm herum geſpielt, ſie hatte ſich im Mäd⸗ chenkleide mit ihm herumgeſchäkert. Er war niemals lange genug von ihr getrennt geweſen, daß die Veränderungen im Aeußern ſeiner Tochter ſeine Aufmerkſamkeit erregt hätten. Seine ungekünſtelte väterliche Theilnahme für ſie hatte ihn glauben gemacht, daß ſie ein höher aufgeſchoſſe⸗ nes Kind als andere ſei, weiter hatte er ſich Nichts träu⸗ men laſſen. Und nun kam auf einmal in einem jähen Athem verſetzenden Augenblicke die Ueberzeugung über ihn, daß ſie ein Weib geworden.— Er fühlte es an dem Sturme ihres gegen ſeine Bruſt gedrückten Buſens, an dem nervöſen Zittern ihrer Arme, die ſie um ſeinen Hals ge⸗ ſchlungen hielt. Die Magdalene ſeines unſchuldigen Um⸗ ganges— ein Weib mit der Hauptleidenſchaft ſeines Ge⸗ ſchlechts, ein Weib, deſſen Herz ſchon vergeben! — Haſt Du lange darüber nachgedacht, meine Theure? fragte er, ſobald er ſo viel Faſſung gewonnen hatte, um wieder ſprechen zu können. Biſt Du darüber im Reinen...? Sie beantwortete die Frage, noch ehe er ſie vollendet hatte.. — Ich..., ob ich ihn liebe? ſagte ſie. Ach welche Worte könnten mein Ja ſo ausdrücken, wie ich es ſagen möchte! Ich liebe ihn—! Ihre Stimme wurde weich und zitterte, und ihre Ant⸗ wort endigte in einem Seufzer. — Ihr ſeid ſehr jung. Du und Frank, meine Liebe, ſeid Beide ſehr jung. Da hob ſie zum erſten Male ihr Haupt von ſeiner Schulter und demſe — S fragte ſie Sie v legen, abe um die 8 konnte, i plötzlichen Thränen — N gebrochen Mutter u Er hi wandte de — A gehen und Seine er verlief Sie zurück. ¾ nachzufolg beben, al Niemals ihres Va „Bekenntn Begegnur und her! heit, mit ihrer Sch ggeregt au Die Thü den Rück an, als 1 blickte: i fühlte, w ſer näher n meinet⸗ aurig, er Wangen. ſei ſtille. jede ihrer Sie hatte hrem na⸗ n Kinder⸗ im Mäd⸗ als lange nderungen eit erregt ne für ſie fgeſchoſſe⸗ chts träu⸗ em jähen ung über s an dem s, an dem Hals ge⸗ igen Um⸗ eines Ge⸗ Theure? datte, um atte, ſr Teinen...? vollendet ch welche es ſagen ihre Ant⸗ ine Liebe, don ſeiner 109 Schulter empor. Gedanke und Wort kamen ihr in einem und demſelben Augenblicke. — Sind wir viel jünger, als Du und Mamma waret? fragte ſie unter Thränen lächelnd. Sie verſuchte ihr Haupt wieder an die alte Stelle zu legen, aber als ſie dieſe Worte ſprach, faßte ſie ihr Vater um die Bruſt, nöthigte ſie, bevor ſie es verhindern konnte, ihm ins Geſicht zu ſehen und küßte ſie in einem plötzlichen Zärtlichkeitsausbruche, der ihr aufs Neue die Thränen ſtromweis in die Augen trieb. — Nicht viel jünger, mein Kind, ſagte er mit tiefer gebrochener Stimme,— nicht viel jünger, als Deine Mutter und ich waren. Er hielt ſie von ſich ab, erhob ſich von dem Sitze und wandte den Kopf ſchnell zur Seite. — Warte hier und beruhige Dich; ich will hinein gehen und mit Deiner Mutter ſprechen. Seine Stimme zitterte bei dieſen letzten Worten, und er verließ ſie, ohne ſich ein einziges Mal umzuſehen. Sie wartete, wartete peinlich lange, und er kam nicht zurück. Zuletzt trieb ſie die wachſende Angſt ihm ins Haus nachzufolgen. Eine neue Bangigkeit machte ihr Herz er⸗ beben, als ſie zaghaft der Thür näher und näher kam. Niemals hatte ſie ſo die Tiefen des einfachen Charakters ihres Vaters geſchaut, aufgeregt, wie ſie jetzt durch ihr Bekenntniß waren. Sie fürchtete ſich vor der nächſten Begegnung mit ihm. Sie wanderte leiſe in der Flur hin und her mit einer ihr an ſich ſelbſt ganz neuen Schüchtern⸗ heit, mit einer Angſt vor der Begegnung und Anſprache ihrer Schweſter oder Miſs Garths, welche ſie nervös auf⸗ geregt auf das leichteſte Geräuſch im Hauſe achten ließ. Die Thür des Morgenzimmers öffnete ſich, als ſie gerade den Rücken gewendet hatte. Sie hielt jählings ihre Schritte an, als ſie ſich umſah und ihren Vater in der Halle er⸗ blickte: ihr Herz ſchlug ſchneller und ſchneller, und ſie fühlte, wie ſie erbleichte. Ein zweiter Blick auf ihn, wie ier näher zu ihr kam, beruhigte ſie wieder. Er war ja — —— 110 wieder ruhig, obgleich nicht ſo heiter als gewöhnlich. Sie bemerkte, daß er ihr mit einer zuvorkommenden Milde in Weſen und Sprache begegnete, welche mehr ſeiner Art und Weiſe gegenüber ihrer Mutter, als ſeinem gewöhnlichen Verhalten gegen ſie ſelbſt, ähnlich war. — Geh hinein, meine Liebe, ſagte er, indem er die Thür, die er eben hinter ſich zugemacht, vor ihr öffnete. Erzähle Deiner Mutter Alles, was Du mir erzählt haſt und noch mehr, wenn Du noch mehr zu ſagen haſt. Sie iſt darauf mehr vorbereitet, als ich es war. Wir wollen Dies heute in Ueberlegung ziehen, Magdalene, und morgen ſollſt Du, ſoll Frank erfahren, was wir beſchließen. Ihre Augen leuchteten auf, als ſie in ſein Geſicht ſchauten und darin bereits die Entſcheidung laſen, und ſtral⸗ ten in der doppelten Innigkeit ihrer Weiblichkeit und ihrer Liebe. Glücklich und ſchön in ihrer überſtrömenden Seligkeit, führte ſie ſeine Hand an ihre Lippen und ging ohne Zagen in das Morgenzimmer. Dort hatten die Worte ihres Vaters ihr bereits den Weg bereitet, dort war der erſte jähe Eindruck der Ueberraſchung bereits vorüber und überwun⸗ den, und nur die angenehme Seite derſelben war geblieben. Ihre Mutter war auch einmal in ihrem Alter geweſen und konnte alſo wiſſen, wie heiß ſie Frank liebte. So dachte ſie in ihren Gedanken über die ihrer harrende Unterredung, und ſie hatte, außer daß ein gewiſſer unge⸗ wöhnlicher Zug von Zurückhaltung in Mrs. Vanſtones er⸗ ſtem Empfange lag, richtig geahnt. Nach einer kleinen Weile wurden der Mutter Fragen immer zutraulicher 4 d 1 und ungezwungener, wie ſie die ſüßen, unvergeſſenen Er⸗ innerungen des Mutterherzens ihr eingaben: ſie lebte in den Antworten der Tochter noch einmal ihre eigenen jungen Tage voll Hoffnung und Liebe durch! Den andern Morgen wurde die hochwichtige Entſchei⸗ dung in Worten kund gethan. Mr. Vanſtone nahm ſeine Tochter in das Zimmer der Mutter mit hinauf und legte ihr das Ergebniß der geſtrigen Berathung und der über Nacht hinterdrein gekommenen Ueberlegung vor. Er ſprach n niger u während zͤrtlich Er Mutter tadeln. Sie ihrer ki Theil a Beider, beigefüh Aeltern ihrer, d künftige um Fra genheit würdig für Fra Weſen genſtand ſchon vo geren 2 ihrer ei Tod ve gung we gründet Tochter nung di raumun Verheir auf die Wã in Lond nachrich ihr Ane⸗ dieſes 2 llich. Sie Milde in r Art und oöhnlichen em er die r öffnete. zählt haſt aſt. Sie ir wollen id morgen zen. n Geſicht und ſtral⸗ und ihrer Seligkeit, yne Zagen rte ihres erſte jähe überwun⸗ geblieben. geweſen bte. So harrende ſſer unge⸗ ſtones er⸗ r kleinen traulicher ſenen Er⸗ lebte in en jungen Entſchei⸗ ahm ſeine und legte der über dor. Er dieſes Zugeſtändniß nur unter gewiſſen Bedingungen als 111 ſprach mit voller Herzlichkeit und Faſſung, aber mit we⸗ niger und ernſteren Worten als ſonſt. Dabei hielt er während der ganzen Unterredung die Hand ſeiner Gattin zärtlich in der ſeinigen. Er zeigte Magdalenen an, daß weder er noch ihre Mutter ſich berechtigt hielten, ihre Neigung für Frank zu tadeln. Sie war zum Theil vielleicht eine natürliche Folge ihrer kindlichen Vertraulichkeit mit ihm geweſen, zum Theil aber auch die Wirkung des engern Zuſammenſeins Beider, welches die Theateraufführung nothwendig her⸗ beigeführt hatte. Zugleich war es nun die Pflicht ihrer Aeltern, dieſe Neigung nach beiden Seiten, erſtlich um ihrer, der Tochter, ſelber willen ernſt zu prüfen, da ja ihr künftiges Glück ihre eigene höchſte Sorge war, dann auch um Franks willen, da ſie verpflichtet waren, ihm Gele⸗ genheit zu bieten, ſich des auf ihn geſetzten Vertrauens würdig zu zeigen. Sie waren ſich Beide bewußt, daß ſie für Frank ein ſtarkes Vorurtheil hatten. Das wunderliche Weſen ſeines Vaters hatte den jungen Mann zum Ge⸗ genſtand ihres Mitleids und ihrer Fürſorge gemacht, ſchon von ſeinen früheſten Jahren an. Er und ſeine jün⸗ geren Brüder hatten ja bei ihnen die Stellen derjenigen ihrer eigenen Kinder eingenommen, welche ſie durch den Tod verloren hatten. Obgleich ſie der feſten Ueberzeu⸗ gung waren, daß ihre gute Meinung von Frank wohlbe⸗ gründet ſei, ſo war es doch im Intereſſe des Glückes ihrer Tochter nothwendig geboten, die Richtigkeit dieſer Mei⸗ nung durch Feſtſtellung gewiſſer Bedingungen und Anbe⸗ raumung eines Jahres Aufſchub zwiſchen der beabſichtigten Verheirathung und dem gegenwärtigen Zeitpunkte ernſt auf die Probe zu ſtellen. Während dieſes Jahres ſollte Frank auf dem Comtoir in London bleiben, indem man ſeine Principale zuvor be⸗ nachrichtigte, daß Familienverhältniſſe ihn verhinderten, ihr Anerbieten der Stelle in China anzunehmen. Er ſollte eine Berückſichtigung der Neigung zwiſchen Magdalene und ihm ſelbſt anſehen. Wenn er während des Probejahrs das auf ihn geſetzte Vertrauen nicht zu rechtfertigen wiſſen werde, welches Mr. Vanſtone vermocht hatte, die ganze Verantwortung für Franks künftige Ausſichten ohne Vor⸗ behalt auf ſich zu nehmen, ſo ſollte von demſelben Augen⸗ blicke an von dem Heirathsprojecte keine Rede mehr ſein. Wenn aber andernfalls der Erfolg, welchen Mr. Vanſtone mit Vertrauen erwartete, wirklich einträte, wenn Franks Prüfungsjahr ſeinen Anſprech auf das koſtbarſte Vertrauen, das man in ſeine Hände legen konnte, bewieſe: dann ſollte Magdalene ſelbſt ihn mit Allem, was ein Weib hat und beſitzt, belohnen, und die Zukunft, welche ſeine gegenwärtigen Principale ihm als den Lohn eines fünfjäh⸗ rigen Aufenthalts in China in Ausſicht geſtellt hätten, ſchon nach Jahresfriſt durch den Brautſchatz ſeiner jungen Frau verwirklicht werden...... Als der Vater dieſes Bild von der Zukunft entwarf, konnte Magdalene den Ausbruch ihrer Dankbarkeit nicht länger zurückhalten. Sie war tief gerührt,— ihre Worte kamen aus dem tiefſten Grunde ihres Herzens. Mr. Van⸗ ſtone wartete, bis ſeine Tochter und ſeine Gattin ſich wieder gefaßt hatten, und fügte dann die letzten Worte der Er⸗ klärung hinzu, welche er noch zu geben hatte. — Du wirſt es begreiflich finden, meine Liebe, ſagte er, daß ich nicht annehmen kann, Frank ſolle unthätig von den Mitteln und auf Koſten ſeiner Frau leben? Mein Plan iſt, daß er das Intereſſe benutzen ſoll, welches ſeine gegenwärtigen Principale an ihm nehmen. Ihre Geſchäfts⸗ kenntniß in der City wird bald eine gute Theilhaberſtelle zu ſeiner Verfügung ſtellen, und Du wirſt ihm das Geld dazu geben, ſich in das Geſchäft einzukaufen. Ich werde dazu als Summe die Hälfte Deines Vermögens feſtſtellen, meine Liebe, die andere Hälfte werde ich für Dich ſelber anlegen. Wir werden am Ende des Jahres Alle hoffent⸗ lich noch bei Leben und Geſundheit ſein,— und hier ſah er zärtlich ſeine Gattin an— ja wohl, Alle bei Leben und — Geſund! lene, ſo Wille, einen S mein Vo Deiner meine K nem Ho⸗ bekomme wenn ich ich todt b Augenbl Deine N als große meine Li richten, Er ſt ſammen, dalene, n er ſeinen Ich n er. Wir mung no digen. 1 nen, wel muß ich i Er g' und erho willigen, geheimer Sie j ſcheine na gangene 2 und unrul weg und d Wilkie C ene und bejahrs mwiſſen e ganze ne Vor⸗ Augen⸗ 2 mehr en Mr. e, wenn oſtbarſte bewieſe: in Weib he ſeine fünfjäh⸗ hätten, jungen entwarf, eit nicht e Worte tr. Van⸗ )wieder der Er⸗ e, ſagte itig von 2 Mein des ſeine eſchäfts⸗ berſtelle as Geld h werde ſtſtellen, h ſelber hoffent⸗ hier ſah ben und 113 Geſundheit. Aber wenn ich auch hinüber wäre, Magda⸗ lene, ſo ſoll Das keinen Unterſchied machen. Mein letzter Wille, der bereits lange, ehe ich entfernt daran dachte, einen Schwiegerſohn zu bekommen, gemacht iſt— theilt mein Vermögen in zwei gleiche Theile. Ein Theil gehört Deiner Mutter, und die andere Hälfte iſt ganz unter meine Kinder getheilt. Du wirſt Deinen Theil an Dei⸗ nem Hochzeitstage erhalten, und Nora wird den übrigen bekommen, wenn ſie heirathet, und zwar aus meiner Hand, wenn ich noch lebe, und kraft meines letzten Willens, wenn b ich todt bin. Nun, nun, keine düſteren Geſichter! ſagte er einen Augenblick ſeine gewöhnliche gute Laune wiedergewinnend. 5 Deine Mutter und ich denken noch lange zu leben und Frank als großen Kaufherrn zu ſehen. Ichwilles Dirjetztüberlaſſen, meine Liebe, den Sohn über unſere neuen Pläne zu unter⸗ richten, während ich hinüber zum Nachbar gehe... Er ſtockte, ſeine Augenbrauen zogen ſich ein wenig zu⸗ ſammen, und er blickte zögernd ſeitwärts auf Mrs. Vanſtone. — Was willſt Du beim Nachbar, Papa? fragte Mag⸗ dalene, nachdem ſie vergeblich darauf gewartet hatte, daß er ſeinen Satz ſelber beendigen werde. Ich muß doch Franks Vater zu Rathe ziehen, erwiderte er. Wir dürfen nicht vergeſſen, daß Mr. Clares Zuſtim⸗ mung noch fehlt, um die Angelegenheit vollends zu erle— digen. Und da die Zeit drängt und wir nicht wiſſen kön— nen, welche Schwierigkeiten er vielleicht machen wird, ſo muß ich ihn je eher je beſſer aufſuchen. Er gab dieſe Antwort in leiſem, verändertem Tone, und erhob ſich von ſeinem Stuhle in einer halb wider⸗ willigen, halb hoffnungsloſen Weiſe, wie Magdalene mit geheimer Beſorgniß bemerkte. 5 5 Sie ſah fragend nach ihrer Mutter hin. Allem An⸗ ſcheine nach war Mrs. Vanſtone durch die an ihm vorge⸗ gangene Veränderung ebenfalls erſchreckt. Sie ſah ängſtlich und unruhig aus; ſie wandte ihren Kopf nach dem Sophakiſſen weg und drehte ſich ſo plötzlich, als wenn ſie Schmerzen hätte. — Biſt Du nicht wohl, Mamma? fragte Magdalene. Wilkie Collins, Namenlos. 8 114 — Ganz wohl, meine Liebe, ſagte Mrs. Vanſtone kurz und ſcharf, ohne ſich umzudrehen. Laß mich ein wenig allein— ich bedarf nur der Ruhe. Magdalene ging mit ihrem Vater hinaus. — Papal flüſterte ſie ängſtlich, als ſie zuſammen die Treppe hinunter ſtiegen, Du denkſt doch nicht, daß Mr. Clare Nein ſagen werde? — Das kann ich zum Voraus nicht wiſſen! antwortete Mr. Vanſtone. Ich hoffe, er wird Jal ſagen. — Es iſt doch kein Grund vorhanden, warum er an⸗ ders ſprechen ſollte, nicht wahr? Sie ſtellte dieſe Frage furchtſam, während er ſeinen Hut und Stock nahm, und that, als überhörte er ſie. Ungewiß, ob ſie dieſelbe wiederholen ſollte oder nicht, be⸗ gleitete ſie ihn in den Garten auf ſeinem Gange zur Wohnung von Mr. Clare. Er ließ ſie auf dem freien Platze ſtill ſtehen und ſchickte ſie nach dem Hauſe zurück. — Du haſt Nichts auf Deinem Kopfe, mein Kind, ſagte er. Wenn Du in dem Garten ſein mußt, ſo vergiß nicht, wie heiß die Sonne iſt, komm nicht ohne Deinen Hut heraus. Er ging. Sie wartete ein wenig und ſah ihm nach. Sie vermißte das gewöhnliche Schwenken ſeines Stockes, ſie ſah ſeinen kleinen ſchottiſchen Dachshund, der hinter ihm drein gelaufen kam, kläffend und bellend, ohne daß er davon Notiz nahm. Er war niedergeſchlagen, er war auffallend niedergeſchlagen und zerſtreut. Was ſollte Das heißen? Zehntes Capitel. Auf dem Rückwege nach Hauſe fühlte Magdalene ſich plötzlich von hinten an der Schulter berührt, als ſie über die Flur ging. Sie wandte ſich um und ſtand ihrer Schweſter gegenüber. Bevor ſie eine Frage thun konnte, redete Nora ſie voll Verwirrung mit dieſen Worten an: ib mi 2 M Die g zwiſche wenigſ ſchließ. drängt etwas denn? Nora welche Ich w wünſch gefalle vergeſt vorfiel S tung eigener der v Bevor ſich jä E Biblie ihr di auszu E giebig hatte angeke ſcheidt offene ſchon Gart! Vanſtone mich ein amen die daß Mr. itwortete n er an⸗ er ſeinen te er ſie. nicht, be⸗ unge zur m freien ſe zurück. nd, ſagte nicht, wie t heraus. ach. Sie ockes, ſie nter ihm er davon zuffallend heißen? alene ſich ſie über ind ihrer n konnte, ten an: 115 — Ich bitte Dich um Verzeihung, ich bitte Dich, ver⸗ gib mir! Magdalene ſah ihre Schweſter mit Erſtaunen an. Die ganze Erinnerung an die ſcharfen Worte, welche zwiſchen ihnen in den Anlagen gefallen waren, war bei ihr wenigſtens durch die neuen Intereſſen, welche ſie jetzt aus⸗ ſchließlich in Anſpruch nahmen, in den Hintergrund ge⸗ drängt, ja, ſo vollſtändig bei Seite gedrängt, als ob jene etwas gereizte Unterredung gar nicht ſtattgefunden hätte. — Dir vergeben? wiederholte ſie verwundert. Was denn? — Ich habe von Deinen neuen Ausſichten gehört, fuhr Nora fort in dem Tone einer gezwungenen Nachgiebigkeit, welche ihr durchaus nicht angenehm zu Geſichte ſtand. Ich wünſchte, die Sache zwiſchen uns klar zu machen, ich wünſchte zu ſagen, daß ich bedaure, was damals vor⸗ gefallen war. Willſt Du es vergeſſen? Willſt Du es vergeſſen und verzeihen, was in den Anlagen zwiſchen uns vorfiel?... Sie verſuchte fortzufahren, allein ihre alte Zurückhal⸗ tung oder vielleicht ihr eigenſinniges Beharren bei ihren eigenen Anſichten machte ſie nach den letzten Worten wie⸗ der verſtummen. Ihr Geſicht verdüſterte ſich plötzlich. Bevor ihre Schweſter ihr antworten konnte, wandte ſie ſich jäh ab und eilte die Treppe hinauf. Ehe Magdalene ihr folgen konnte, ging die Thür des Bibliothekzimmers auf, und Miſs Garth kam heran, um ihr die bei dieſer Gelegenheit ſchicklichen Empfindungen auszuſprechen. Es war dies Mal nicht der Ausdruck gezwungener Nach⸗ giebigkeit, wie ihn Magdalene eben gehört hatte. Nora hatte gegen ihr eingewurzeltes Vorurtheil gegen Frank angekämpft aus Rückſicht auf die unwiderſprechliche Ent⸗ ſcheidung ihrer beiden Aeltern zu ſeinen Gunſten, hatte den offenen Ausdruck ihres Widerwillens zurückgehalten, ob⸗ ſchon das Gefühl ſelbſt ungemindert fortbeſtand. Miſs Garth hatte keine ſolchen Zugeſtändniſſe dem Herrn und 8* — 116 der Frau vom Hauſe gemacht. Sie hatte bisher die Stel⸗ lung als maßgebende Perſon in allen Familienangelegen⸗ heiten innegehabt, und ſie mochte ſchlechterdings nicht ſo leicht von ihrem erhabenen Standpuncte herniederſteigen aus Rückſicht für irgend einen Wandel in den Familien⸗ angelegenheiten, gleichviel wie wunderbar oder wie uner⸗ wartet dieſer Wandel auch ſein mochte. — Empfangen Sie freundlich meine Glückwünſche, ſagte Miſs Garth, indem ſie innerlich borſtig und von allerhand Gründen gegen Frank aufgeſtachelt war,.... meine Glückwünſche und meine Vertheidigung. Als ich Sie in dem Luſthäuschen traf, wie Sie Frank küßten, hatte ich keine Ahnung, daß Sie dabei waren, die Abſichten Ihrer Aeltern auszuführen. Ich will meine Meinung über die Sache für mich behalten. Ich bedaure nur mein zufälliges Erſcheinen in der Rolle eines Hinderniſſes im Laufe eines treuen Liebespaares,.... welches im Luſthäuschen ſanftem Koſen obliegt; was auch Shakeſpeare Gegentheiliges da⸗ von ſagen möge. Sehen Sie mich für die Zukunft meinet⸗ wegen als ein überwundenes Hinderniß an. Mögen Sie glücklich ſein! Miſs Garths Lippen ſchloſſen ſich hinter der letzten Aeußerung wie eine Klappe, und Miſs Garths Augen blickten ominös prophetiſch in die Zukunft jener Ehe. Wenn Magdalenens Sorgen nicht viel zu ernſt geweſen wären, um ihr den gewöhnlichen freien Gebrauch ihrer Zunge zu verſtatten, ſo würde ſie ſofort ſchlagfertig mit einer entſprechend ſatiriſchen Antwort bei der Hand geweſen ſein. Wie die Sache aber ſtand, reizte Miſs Garth ſie nur einfach. — Bah, ſagte ſie darauf und eilte die Treppe hinauf nach dem Zimmer ihrer Schweſter. Sie klopfte an die Thür, erhielt aber keine Antwort. Sie verſuchte zu öffnen, die Thür war aber von innen verſchloſſen. Die mürriſche, unbegreifliche Nora hatte ſich eingeſchloſſen. Unter anderen Umſtänden würde Magdalene ſich nicht mit Klo lauter! ſam ge Aber d reits m. wieder in der ſie vor der ſor aus de geſenk hinter ſie di Unan wiede Schlit S haſt, gewöl J hin, hatte, alten Mr. für n Stel⸗ (legen⸗ icht ſo ſteigen nilien⸗ uner⸗ inſche, d von ch Sie tte ich Ihrer er die älliges eines anftem es da⸗ neinet⸗ in Sie letzten Augen eweſen ihrer gfertig Hand Miſs hinauf ttwort. innen tte ſich h nicht 117 mit Klopfen begnügt haben, ſie würde lauter und immer lauter hineingerufen haben, bis das ganze Haus aufmerk⸗ ſam geworden wäre und ſie ihren Zweck erreicht hätte. Aber die bangen Zweifel dieſes Morgens hatten ſie be⸗ reits muthlos gemacht. Sie ging alſo die Treppe ruhig wieder hinunter und nahm ihren Hut von ſeinem Platze in der Flur. — Er ſagte mir, ich ſollte den Hut auſſetzen, ſagte ſie vor ſich hin mit einem ſo ſanft kindlichem Gehorſam, der ſonſt gar nicht in ihrer Art lag. Sie ging in den Garten nach den Buſchanlagen zu und wartete dort, um ihres Vaters zuerſt anſichtig zu wer⸗ den, wenn er zurückkäme. Eine halbe Stunde verging; vierzig Minuten vergingen, da erſt drang ſeine Stimme aus den entfernten Bäumen zu ihr herüber. — Her zu mir, zurück! hörte ſie ihn laut ſeinem Hunde zurufen. Ihr Geſicht wurde bleich. — Er iſt zornig mit Packan! rief ſie leiſe vor ſich hin. Die nächſte Minute erſchien er in Sicht, er ging mit geſenktem Haupte ſchnell einher, Packan in Ungnade trollte hinterdrein. Der plötzliche Ausbruch ihres Schreckens, als ſie dieſe unheilverkündigenden Anzeichen irgend etwas Unangenehmen bemerkt, gab ihr ihre natürliche Energie wieder und beſtimmte ſie in ihrer Verzweiflung, ſelbſt das Schlimmſte anzuhören. Sie ging geradenwegs dem Vater entgegen. — Dein Geſicht verkündet ſchon, was Du zu ſagen haſt, ſagte ſie mit Zagen, Mr. Clare iſt ſo herzlos wie gewöhnlich geweſen,.. Mr. Clare hat— Nein! geſagt? Ihr Vater wandte ſich mit plötzlichem Ernſte zu ihr hin, wie ſie es an ihm noch nie in ihrem Leben geſehen hatte, ſodaß ſie in hellem Erſchrecken zurückbebte. — Magdalene, ſagte er, wenn Du wieder von meinem alten Freund und Nachbar ſprichſt, ſo merke Dir Das. Mr. Clare hat mich jetzt ſo tief verpflichtet, daß ich ihm für mein ganzes übriges Leben dankbar bleiben werde.... Er hielt plötzlich inne, als er dieſe merkwürdigen Worte geſprochen hatte. Da er ſah, wie er ſie erſchreckt hatte, ſo drängte ihn ſeine angeborene Gutmüthigkeit ſo⸗ fort den Tadel wieder zu mildern und die ſpannende Un⸗ gewißheit zu endigen, unter welcher ſie offenbar zu leiden ſchien. — Gib mir einen Kuß, meine Liebe, begann er wieder, — und zum Dank will ich Dir erzählen, daß.... Mr. Clare Ja! geſagt hat. Sie verſuchte ihm zu danken; aber dieſer jähe Umſchlag zur Freude war zu ſtark für ſie. Sie konnte ſich bloß ſchweigend an ſeine Bruſt werfen. Er fühlte, wie ſie vom Kopf bis zu Füßen zitterte, und ſagte ihr einige Worte zur Beruhigung. Bei dem veränderten Tone von ſeines Herrn Stimme kam auch Packan wieder zum Vor⸗ ſchein, ſein Schwänzchen nicht mehr eingeklemmt, ſondern munter wedelnd, und Packans Lungen zeigten durch ein kurzes verſuchsweiſes Bellen beſcheiden ſeine veränderte Stelle an. Das ganz richtige Verhalten des Hundes, um anzudeuten, daß Alles wieder in Ordnung ſei, war die beſte Unterbrechung, welche Magdalene wieder ſich ſelbſt zurückgab. Sie nahm den kleinen zottigen Dächſel auf ihre Arme und küßte ihn zuerſt. — Du lieber Kerl, rief ſie aus, Du biſt gerade ſo froh wie ich! Sie wandte ſich dann wieder zu ihrem Vater mit einem Blicke ſanften Vorwurfes. — Du haſt mich erſchreckt, Papa, ſagte ſie. Du warſt auf ein Mal ſo ganz anders als ſonſt. — Ich werde morgen wieder bei mir ſelbſt ſein, meine liebe Tochter. Ich bin heute etwas aufgeregt. — Doch nicht über mich? — Nein, nein. Ueber Etwas, was Du bei Mr. Clare gehört haſt? — Jaz.. es iſt Nichts, das Dich beunruhigen könnte. Nichts, das ſich nicht bis morgen ſchon verwinden ließe. Jetzt la Brief zu Er noch ein recht a wandte noch hö ßen. D in die! gar ſei als ihr M gegnete unter reichen er ſie Gatte. gerech Wurd der C ſo ſch⸗ Man hatte geheit Unter die M Ein rdigen ſchreckt keit ſo⸗ de Un⸗ leiden vieder, Clare ſchlag ) bloß vie ſie einige ne von 1 Vor⸗ ondern rch ein inderte einem warſt meine gehört könnte. ließe. 119 Jetzt laß mich aber gehen, meine Liebe, ich habe einen Brief zu ſchreiben und muß mit Deiner Mutter ſprechen. Er verließ ſie und ging ins Haus. Magdalene zögerte noch ein Weilchen und blieb auf dem freien Platze, um ſo recht all das Glück ihrer neuen Gefühle zu ermeſſen, wandte ſich dann weg nach den Buſchanlagen hin, um die noch höhere Luſt, daſſelbe ausſprechen zu dürfen, zu genie⸗ ßen. Der Hund folgte ihrer Spur. Sie pfiff und klatſchte in die Hände. — Such, ſuch! ſagte ſie mit blitzenden Augen.— Such Frank! Packan ſprang in das Gebüſch mit blutdürſtigem Schnauben bei ſeinem Spüren. Vielleicht hatte er wohl gar ſeine junge Herrin mißverſtanden und betrachtete ſich als ihren Sendling auf der Suche nach einer Ratte? Mittlerweile trat Mr. Vanſtone ins Haus. Er be⸗ gegnete ſeiner Gattin, wie ſie langſam die Treppe her⸗ unter kam, und näherte ſich ihr, um ihr den Arm zu reichen. — Wie iſt es abgelaufen? fragte ſie ihn ängſtlich, als er ſie zum Sopha geleitete. — So glücklich, als— wir es hofften, antwortete der Gatte. Mein alter Freund hat meine Meinung von ihm gerechtfertigt. — Gott ſei Dank!— ſagte Mrs. Vanſtone lebhaft. Wurde es Dir ſo ſchwer, mein Lieber, fragte ſie, als ihr der Gatte die Sophakiſſen zurecht rückte,— ward es Dir ſo ſchwer, als ich fürchtete? — Ich hatte eine Pflicht zu erfüllen, meine Theure, und ich erfüllte ſie. Als er in dieſer Weiſe geantwortet, hielt er inne. Man ſah es ihm an, daß er noch mehr auf der Zunge hatte, etwas vielleicht, was ſich auf jene vorübergehende geheime Beunruhigung bezog, welche ſich infolge ſeiner Unterredung mit Mr. Clare bei ihm eingeſtellt hatte und die Magdalenens Fragen ihn abgenöthigt hatte, zu geſtehen. Ein Blick auf ſeine Frau entſchied jedoch ſeine Bedenken 120 abfällig. Er fragte nur, ob ſie bequem ſitze und wandte ſich dann, um das Zimmer zu verlaſſen. — Mußt Du forts fragte ſie. — Ich habe einen Brief zu ſchreiben, meine Liebe. — Etwas in Betreff Franks? — Nein, dazu iſt morgen noch Zeit. Ein Brief an Mr. Pendril; er ſoll augenblicklich hierher kommen. — In Geſchäften wohl? — Ja wohl, meine Theure,... in Geſchäften. Er ging hinaus und ſchloß ſich in das kleine Vorder⸗ zimmer ein, das dicht neben der Hausthür lag und ſein Studirzimmer hieß. Von Natur und Gewohnheit ſonſt der ſäumigſte Briefſchreiber, öffnete er jetzt eifrig ſein Pult und nahm ohne Verzug die Feder zur Hand. Das Schreiben war lang genug, um drei Seiten im Brief⸗ formate zu füllen. Er ſchrieb ihn in ſo leichtem Fluſſe des Ausdrucks und mit einer ſo geſchwinden Hand, wie er ſelten an den Tag legte, wenn er ſeine gewöhnliche Corre⸗ ſpondenz beſorgte. Er ſchrieb die Adreſſe folgendergeſtalt: Sofort zu beſtellen. William Pendril Esg. Searle Street, Lincoln's Inn, London. legte dann den Brief bei Seite, ſetzte ſich an den Tiſch und zeichnete in Gedanken verſunken mit der Feder Linien auf das Löſchpapier. — Nein, ſagte er zu ſich ſelbſt, ich kann Nichts weiter thun, bis Pendril kommt. Er ſtand auf, ſein Geſicht erheiterte ſich, als er das Petſchaft auf das Couvert gedrückt hatte. Das Schreiben dieſes Briefes hatte ihn merklich erleichtert, und ſeine ganze Haltung ſprach das aus, als er das Zimmer verließ. Auf der Thürſchwelle fand er Nora und Miſs Garth, welche eben im Begriff waren, auszugehen. — Welchen Weg geht Ihr? fragte er. Etwa in die Nähe d an mei tigkeit, wie ged No ter for geſchrie hier. Miſs fen und einen? Sonna Er mit eit die Ze Hauſe Monta Eiſenb unſerer fahre: Ich m der Re weilen Al⸗ Thür, Die C Aufme ginge. Geſchä in den wandte eiebe. Brief an . Vorder⸗ ind ſein it ſonſt rig ſein Das Brief⸗ uſſe des wie er Corre⸗ geſtalt: Inn, n. n Tiſch Linien weiter er das hreiben e ganze ß. Garth, in die 121 Nähe der Poſt? Ich wünſchte, Du könnteſt dieſen Brief an meiner Statt aufgeben, Nora. Er iſt ſehr von Wich⸗ tigkeit, von ſolcher Wichtigkeit, daß ich ihn kaum Thomas wie gewöhnlich anvertrauen möchte. Nora übernahm ſofort die Beſorgung des Briefes. — Wenn Du darauf ſiehſt, meine Liebe, fuhr der Va⸗ ter fort, ſo wirſt Du bemerken, daß ich an Mr. Pendril geſchrieben habe. Ich erwarte ihn zu morgen Nachmittag hier. Wollen Sie dazu die nöthigen Weiſungen geben, Miſs Garth? Mr. Pendril wird morgen Nacht hier ſchla⸗ fen und auch den Sonntag hier bleiben.— Warten Sie einen Augenblick! Hente iſt Freitag. Hatte ich nicht für Sonnabend Nachmittag eine Beſtellung.... 3 Er befragte ſein Notizbuch und las eine Aufzeichnung mit einer Miene voll Verdruß. — Mühle Grailſea, Sonnabend drei Uhr. Gerade die Zeit, wann Pendril hier ſein wird: und ich muß zu Hauſe ſein, um ihn zu ſprechen! Wie kann ich Das machen? Montag wird zu ſpät ſein für mein Geſchäft zu Grailſea. Ich will ſtatt deſſen heute hingehen und es abpaſſen, daß ich des Müllers überm Mittagseſſen habhaft werde... Er ſah nach der Uhr. — Keine Zeit mehr zum Fahren; ich muß mit der Eiſenbahn reiſen. Wenn ich einmal gehe, ſo werde ich an unſerer Station den abwärts gehenden Zug erreichen und fahre mit nach Grailſea. Gib Acht auf den Brief, Nora. Ich möchte nicht das Mittagseſſen warten laſſen. Wenn der Retourzug ſich nicht anſchließt, ſo nehme ich mir einſt⸗ weilen einen Gig und komme auf dieſe Weiſe zurück. Als er den Hut aufſetzte, erſchien Magdalene in der Thir, zurückkehrend von ihrer Unterredung mit Frank. Die Eile in den Bewegungen ihres Vaters zogen ihre Aufmerkſamfeit auf ſich, und ſie fragte ihn, wohin er ginge. — Nach Grailſea, erwiderte Mr. Vanſtone. Deine Geſchäftsangelegenheit, Miſs Magdalene, iſt der meinigen in den Weg gekommen, und meine muß daher zurück ſtehen 122 Er ſprach dieſe Abſchiedsworte in ſeiner alten herzlichen Weiſe und verließ mit dem alten bezeichnenden Schwenken ſeines treuen Stockes das Haus. — Meine Angelegenheit?!— ſagte Magdalene. Ich dachte, meine Angelegenheit ſei nun erledigt. Miiſs Garth zeigte bedeutſam auf den Brief in Noras Hand. — Gerade Ihre Angelegenheit außer allem Zweifel, ſagte ſie. Mr. Pendril kommt morgen, und Mr. Vanſtone ſcheint merkwürdig viel darauf anzukommen. Alſo ſchon das Geſetz und die Plackereien, die damit zuſammen⸗ hängen! Gouvernanten, welche durch die Thüren von Sommerhäuschen hereinſehen, ſind alſo doch nicht die ein⸗ zigen Hinderniſſe für treue Liebe. Pergament iſt auch manchmal ein Hinderniß. Ich hoffe, Sie finden das Per⸗ gament ſo füg⸗ und biegſam als mich,— ich wünſche, daß Sie gut dabei fahren. Nun, Nora! Miſs Garths zweiter Pfeil traf ſo ungeſtraft, als das erſte Mal. Magdalene war ein wenig beunruhigt nach Hauſe zurückgekehrt, ihre Unterredung mit Frank war durch einen Boten unterbrochen worden, welcher von Mr. Clare mit der Weiſung kam, der Sohn ſolle gleich zum Vater kommen. Obſchon in der geheimen Beſprechung zwiſchen Mr. Vanſtone und Mr. Clare feſtgeſtellt war, daß die an jenem Morgen zur Sprache gekommenen Fra⸗ gen den Kindern vor Schluß des Probejahres ein Geheim⸗ niß bleiben ſollten, und obgleich Mr. Clare unter dieſen Umſtänden Frank doch eigentlich Nichts zu ſagen hatte, was Magdalene demſelben nicht viel beſſer hätte mitthei⸗ len können: ſo war doch der Philoſoph nichts deſtoweniger entſchloſſen, ſeinen Sohn von der älterlichen Einwilligung zu unterrichten, welche ihn von der Verbannung nach China befreite. Die Folge war der plötzliche Befehl nach Hauſe zu kommen, der Magdalene erſchreckte, aber Frank nicht in Verwunderung zu ſetzen ſchien. Seine Erfahrungen als Sohn ließen ihn Mr. Clares Motive leicht genug ent⸗ räthſeln. mürriſch auszuza er mich drum n. Er hat drauf u erſte M das zwe und ſo mich ge wäre, ſ iſt gut nach Cl Ich bir pflichtet deres z ganzes Me Maßre⸗ ziehen k Unzufri iſt für Sie daß ſie ſie ſo Garths dieſer mithin Garths Aus w außer Bah! d Hut al erzlichen hwenken ne. Ich Noras Zweifel, Vanſtone ſo ſchon ſammen⸗ ren von die ein⸗ iſt auch das Per⸗ ſche, daß als das zigt nach ank war von Mr. leich zum prechung elt war, nen Fra⸗ Geheim⸗ er dieſen en hatte, mitthei⸗ oweniger willigung ach China ich Hauſe k nicht in ingen als rnug ent⸗ 123 2 — Wenn mein Vater bei guter Laune iſt, ſagte er mürriſch, ſo liebt er es, mich wegen meines Glückſterns auszuzanken. Dieſe Botſchaft beſagt weiter Nichts, als daß er mich jetzt wieder auszanken will. — So gehe doch nicht hin, ſchlug Magdalene vor. — Ich muß wohl, entgegnete Frank. Es würde mir drum niemals geſchenkt werden, wenn ich nicht hinginge. Er hat nun einmal ſeine volle Ladung und ſein Zündkraut drauf und gedenkt nun abzudrücken. So machte ers das erſte Mal, als der Baumeiſter mich nahm; ſo machte ers das zweite Mal, als das Haus in der City mich nahm, und ſo wird ers zum dritten Male machen, jetzt, wo Du mich genommen haſt. Wenn es nicht um Deinetwillen wäre, ſo wollte ich, ich wäre nie geboren. Ja, Dein Vater iſt gut gegen mich geweſen, ich weiß es,. ich würde haben nach China gehen müſſen, wenn er nicht geweſen wäre... Ich bin ihm gewiß und wahrhaftig ſehr zu Danke ver⸗ pflichtet. Im Grunde haben wir kein Recht, etwas An⸗ deres zu erwarten;— doch iſt es niederſchlagend, uns ein ganzes geſchlagenes Jahr warten zu laſſen, nicht wahr? Magdalene ſchloß ihm den Mund durch eine bündige Maßregel, welcher ſogar Frank ſich nur dankbar unter⸗ ziehen konnte. Zugleich vergaß ſie aber auch nicht, ſich ſeine Unzufriedenheit nach ihrem Sinne zurecht zu legen. — Wie liebt er mich! dachte ſie. Ein Jahr zu warten iſt für ihn ſchon ein ſchweres Opfer. Sie kehrte ins Haus zurück mit geheimen Bedauern, daß ſie doch nicht noch mehr von Franks Klagen, die für ſie ſo ſchmeichelhaft waren, mit angehört hatte. Miſs Garths fein angelegter Spott, der ſich gerade, als ſie in dieſer Gemüthsverfaſſung ſich befand, über ſie ergoß, war mithin lediglich eine vergebliche Verſchwendung von Miſs Garths Athem. Was machte ſich Magdalene aus Spott? Aus was machen ſich überhaupt Jugend und Liebe Etwas, außer aus ſich ſelbſt? Sie ſagte dies Mal nicht einmal Bahl dazu. Sie legte in erhabenem Stillſchweigen ihren Hut ab und ging langſam in das Morgenzimmer, um ihrer Mutter Geſellſchaft zu leiſten. Sie genoß das zweite Frühſtück unter allerlei düſteren Vorahnungen von einem Streite zwiſchen Frank und ſeinem Vater. Sie be⸗ ſchäftigte ſich ein halbes Stündchen am Piano und ſpielte in dieſer Zeit eine Auswahl von Liedern Mendelsſohns, von Chopins Mazurkas, Verdis Opern und Mozarts Sonaten, was Alles ſich ſolchergeſtalt für ſie zu einem Ganzen vereinigte und das eine unſterbliche Werk, betitelt „Frank“, hervorbrachte. Sie ſchloß das Piano und ging hinauf in ihr Zimmer, um die Stunden in ſüßen, be⸗ rauſchenden Träumen von ihrem künftigen ehelichen Glück zu kürzen. Die grünen Fenſterladen wurden geſchloſſen, der Ruheſeſſel vor den Spiegel gerückt und das Mädchen wie gewöhnlich gerufen, und der Kamm that nun das Sei⸗ nige bei dem ſtillen Denkproceß der Herrin durch das Medium ihres Haares, bis die Hitze und die Unthätigkeit zuſammen ihren betäubenden Einfluß ausübten und Mag⸗ dalene in Schlummer verſank. Es war drei Uhr vorüber, als ſie erwachte. Als ſie wieder die Treppe hinunterſtieg, fand ſie ihre Mutter, Nora und Miſs Garth unter dem offenen Säulengange vor dem Hauſe alle beiſammen ſitzen und der Kühle genießen. Nora hatte den Eiſenbahnfahrplan in der Hand. Es war oben die Rede davon, ob Mr. Vanſtone den Retour⸗ zug erreichen und bei guter Zeit zurück ſein werde. Dieſer Stoff hatte ſie zunächſt auf ſeinen Geſchäftsgang nach Grail⸗ ſea geführt. Letzterer war wie gewöhnlich eine Gefälligkeit für den Müller, welcher auf ſeinem Pachtgute früher ge⸗ dient hatte und jetzt durch bedeutende finanzielle Schwie⸗ rigkeiten bedrängt wurde. Von dieſem Gegenſtande waren ſie unmerklich auf ein oft beſprochenes anderes Thema ge⸗ kommen, deſſen ſie niemals müde wurden: das Lob von Mr. Vanſtone ſelbſt. Jede von den Dreien hatte aus eigener Er⸗ fahrung von ſeinem einfachen, edelmüthigen Charakter zu erzählen. ſchmerzlie ſtehenden Gegenſta erzen e Hn Ihr nen Gru zitterte, Stuhl al ſanft. O glücklich Die dem Ta Schulter dieſe len verfängl einem be von Gra Zug zu ſein wird Magdal wohnten Grailſec Gedanke verrichte Momen Die dalene l — iſt, ſagt in einer harrte? Kindern 8 zweite n einem Sie be⸗ dſpielte sſohns, Mozarts u einem betitelt ind ging zen, be⸗ en Glück chloſſen, Mädchen das Sei⸗ arch das hätigkeit id Mag⸗ Als ſie Mutter, lengange r Kühle ind. Es Retour⸗ . Dieſer ch Grail⸗ fälligkeit rüher ge⸗ Schwie⸗ de waren hema ge⸗ von Mr. gener Er⸗ rrakter zu 125 erzählen. Die Unterhaltung ſchien für ſeine Gattin von ſchmerzlichem Intereſſe zu ſein. Sie war dem ihr bevor⸗ ſtehenden Stündlein jetzt zu nahe, um nicht für den einzigen Gegenſtand, der allezeit den vorderſten Platz in ihrem Herzen einnahm, ſchnell aufgeregt und reizbar zu empfin⸗ den. Ihre Augen floſſen über, als Magdalene zu der klei⸗ nen Gruppe unter dem Porticus trat, ihre ſchwache Hand zitterte, als ſie ihrer jüngſten Tochter winkte, den leeren Stuhl an ihrer Seite einzunehmen. — Wir ſprachen eben von Deinem Vater, ſagte ſie ſanft. O, meine Liebe, wenn Dein eheliches Leben nur ſo glücklich iſt... Die Stimme verſagte ihr; ſie bedeckte ihr Geſicht mit dem Taſchentuche und legte ihr Haupt an Magdalenens Schulter. Nora ſah flehentlich nach Miſs Garth hin, und dieſe lenkte denn die Unterhaltung alsbald auf die weniger verfängliche Frage der Rückkehr Mr. Vanſtones. — Es verlangte uns Alle zu wiſſen, ſagte ſie mit einem bedeutenden Blicke auf Magdalene, ob Ihr Vater von Grailſea noch zur rechten Zeit weggehen wird, um den Zug zu erreichen, oder ob er ihn verfehlen und genöthigt ſein wird, mit Geſchirr herüberzufahren. Was meinen Sie? — Ich meine, Papa wird den Zug verfehlen, erwiderte Magdalene, indem ſie Miſs Garths Wink mit ihrer ge⸗ wohnten Schnelligkeit auffaßte. Das Letzte, was ihm in Grailſea am Herzen liegen wird, iſt wohl ſicherlich der Gedanke der Rückfahrt hierher. Wenn er je Etwas zu verrichten hat, ſo ſpart er Das immer bis auf den letzten Moment auf, iſt Das nicht wahr, Mamma? Die Frage richtete ihre Mutter genau ſo, wie es Mag⸗ dalene beabſichtigt hatte, wieder auf. — Nicht wenn ſeine Verrichtung eine Gefälligkeitsſache iſt, ſagte Mrs. Vanſtone. Er iſt gegangen, um den Müller in einer ſehr bedrängten Lage zu helfen.... — Und weißt Du nicht, was er machen wird? be⸗ harrte Magdalene. Er wird ſich herumtummeln mit den Kindern des Müllers, mit der Mutter plaudern und mit 126 dem Vater ein Gläschen trinken. Im letzten Augenblicke, wenn er nur noch fünf Minuten übrig hat, um den Zug zu erreichen, wird er ſagen: Wir wollen doch in das Ab⸗ rechnungszimmer gehen und in den Büchern nachſehen. Er wird die Bücher ganz entſetzlich verwickelt finden, er wird vorſchlagen, einen Rechnungsführer holen zu laſſen; er wird das Geſchäft kurzweg abmachen, indem er mitt⸗ lerweile das Geld herleiht; er wird dann in des Müllers Wägelchen bequem zurückkutſchiren und uns erzählen, wie lieblich die Gäßchen ſind in der Abendkühle. Die kleine Charakterzeichnung, welche dieſe Worte ent⸗ warfen, war ein zu treues Bild, als daß es nicht Anerken⸗ nung hätte finden ſollen. Mrs. Vanſtone zeigte ihren Beifall an durch ein Lächeln. — Wenn Dein Vater zurückkehrt, ſagte ſie, ſo wollen wir von Deiner Rechnung die Probe machen. Ich denke— fuhr ſie fort, indem ſie ſich langſam in ihrem Stuhle auf⸗ richtete, ich thue am Beſten wieder hinein zugehen und auf dem Sopha zu ruhen, bis er zurückkommt. Die kleine Gruppe unter dem Säulengange brach auf. Magdalene ſchlüpfte in den Garten, um Franks Bericht von ſeiner Unterredung mit dem Vater zu vernehmen. Die anderen drei Damen traten zuſammen ins Haus. Als Mrs. Vanſtone bequem auf dem Sopha untergebracht war, ließen Nora und Miſs Garth ſie allein, um ſie ruhen zu laſſen, und zogen ſich in die Bibliothek zurück, die letzte Bücherſendung aus London durchzuſehen. Es war ein ruhiger wolkenloſer Sommertag. Die Hitze wurde durch eine leichte Briſe von Weſten gemildert, die Stimmen der auf einem Felde in der Nähe beſchäftig⸗ ten Arbeiter klangen fröhlich zum Hauſe herüber; die Thurmuhr der Dorfkirche ließ ſich, wenn ſie die Viertel ſchlug, infolge der Windſtrömung, mit hellerm Klange, mit einem lautern Tone als gewöhnlich vernehmen. Süße Düfte vom Felde und aus dem Blumengarten drangen durch die offenen Fenſter herein und füllten das Haus mit ihrem Wohlgeruch, und die Vögel in Noras Vogelhauſe oben ſo Sonnen Als ging die ſtone gi ſucht, ſttill lie 1 Schritt um ſich Wie ſie Gatten mer ſch offen ſt Papier Sie gin zuklinck räumen für ihr eſſelt feſſ und fa liegen. Dienſt wenn Si zu den kleines einand verblic röthete deckun⸗ armes Al kam d enblicke, den Zug das Ab⸗ achſehen. den, er tlaſſen; er mitt⸗ Müllers len, wie orte ent⸗ Anerken⸗ te ihren Hwollen denke— thle auf⸗ hen und rach auf. Bericht nehmen. us. Als gebracht ſie ruhen die letzte g. Die emildert, eſchäftig⸗ ber; die Viertel Klange, n. Süße drangen Haus mit gelhauſe 127 oben ſangen ſchmetternd ihre fröhlichen Lieder in den Sonnenſchein hinaus. Als die Kirchenuhr ein Viertel nach vier Uhr ſchlug, ging die Thür des Morgenzimmers auf, und Mrs. Van⸗ ſtone ging allein über die Flur. Sie hatte vergebens ver⸗ ſucht, ſich zu beruhigen. Sie war zu unruhig, als daß ſie ſtill liegen konnte. Einen Augenblick richtete ſie ihre Schritte nach dem Säulengange, wandte ſich dann und ſah um ſich, ungewiß wohin ſie nun gehen, was ſie thun ſollte. Wie ſie noch zögerte, erregte die halboffene Thür von ihres Gatten Arbeitszimmer ihre Aufmerkſamkeit. Das Zim⸗ mer ſchien in böſer Unordnung zu ſein. Schubkäſten waren offen ſtehen geblieben, Röcke und Hüte, Rechenbücher und Papiere, Pfeifen und Angelruthen lagen durcheinander. Sie ging hinein und ſtieß die Thür zu, aber ſo, daß ſie nicht zuklinckte. — Es wird mir Freude machen, ſein Zimmer aufzu⸗ räumen, dachte ſie bei ſich ſelbſt. Ich thue ſo gern Etwas für ihn, ſo lange ich noch nicht hilflos an mein Bett ge⸗ feſſelt bin. Sie fing an, die Schubkäſten in Ordnung zu bringen und fand ſein Banquierbuch offen in einem derſelben da⸗ liegen. — Mein guter, lieber Alter, wie ſorglos er iſt. Die Dienſtboten hätten alle ſeine Angelegenheiten ſehen können, wenn ich nicht glücklicherweiſe ein Mal nachgeſehen hätte Sie machte die Schubfächer zu und wandte ſich dann zu den tauſend Kleinigkeiten auf einem Seitentiſche. Ein kleines altmodiſches Notenheft kam unter den bunt durch⸗ einander liegenden Papieren zum Vorſchein, es ſtand in verblichener Tinte ihr Name darauf geſchrieben. Sie er⸗ röthete wie ein junges Mädchen im erſten Glücke der Ent⸗ deckung. — Wie gut er gegen mich iſt! Er denkt noch an mein armes kleines Notenbuch und hebt es um meinetwillen auf. Als ſie ſich an den Tiſch ſetzte und das Buch aufſchlug, kam die Vergangenheit mit all ihrem Glück zu ihr herauf geſtiegen.— Die Uhr ſchlug ein Halb, ſchlug drei Viertel.. und noch immer ſaß ſie da, das Notenbuch auf dem Schoße, und träumte ſich glücklich in die alten Geſänge hinein und dachte dankbar der goldenen Tage, wo ſeine Hand die Seiten für ſie umgewendet, wo ſeine Stimme die Worte geflüſtert hatte, welche das Gedächtniß einer Frau nimmer vergißt.— Nora erhob ſich von dem Bande, den ſie las und ſah nach der Uhr auf dem Kamin der Bibliothek. — Wenn Papa mit der Eiſenbahn zurückkommt, ſagte ſie, ſo muß er in zehn Minuten hier ſein. Miſs Garth fuhr zuſammen und blickte ſchläfrig von dem Buche auf, das ihr eben aus der Hand gefallen war. — Ich denke nicht, daß er mit dem Zuge zurückkommen wird. Er wird, wie Magdalene ſcherzhaft ſich ausdrückte, in dem Müllerwägelchen zurückkutſchiren. Als ſie die Worte ſagte, klopfte es an der Bibliotheks⸗ thüre. Der Bediente erſchien und wandte ſich an Miſs Garth. — Es wünſcht Sie Jemand zu ſprechen, Madame. — Wer iſt es? — Ich weiß es nicht, Madame. Ein Fremder, ein anſtändig ausſehender Mann,. und er ſagte, er wünſche ganz beſonders Sie zu ſprechen. Miſs Garth ging in die Flur hinaus. Der Diener machte die Thür hinter ihr zu und ging die Küchentreppe hinunter. Der Mann ſtand gerade in der Thür, auf der Matte, Seine Augen waren unruhig, ſein Geſicht war bleich... er ſah leidend und erſchrocken aus. Er ſpielte zitternd mit ſeiner Mütze und drehte dieſelbe rückwärts und vor⸗ wärts, von einer Hand zur andern. — Sie wollten mich ſprechen? ſagte Miſs Garth. — Ich bitte um Entſchuldigung, Madame.... Sind Sie nicht Mrs. Vanſtone? — Keineswegs. Ich bin Miſs Garth. Warum fragen 4 8 3 Ang Sie ſo? Er h nieder ar ſeine Mi Lippe au — S ernſten O C überlief trauen 1 Morgen; nicht lau — 2 — 2 — 2 nuten. — dem Mr Zuge g. worden. „Miſs ſieben 9 Das hob die welche ſi und zeig Sie Villkie iertel... uf dem Geſänge do ſeine Stimme ß einer und ſah t, ſagte rig von en war. kommen drückte, iotheks⸗ Miſs ame. er, ein vünſche Diener ntreppe Matte, eich... zitternd id vor⸗ fragen 129 — Ich bin nämlich in der Schreibſtube der Station Grailſea angeſtellt... — So? — Ich bin hierher geſchickt... Er hielt wieder inne. Seine unſtäten Augen ſahen nieder auf die Matte und ſeine raſtloſen Hände würgten ſeine Mütze immer unbarmherziger... Er machte ſeine Lippe aufs Neue naß und verſuchte es noch einmal. — Ich bin hierher geſchickt wegen einer eigenen ſehr ernſten Sache. — Ernſt für mich? — Ernſt für Alle in dieſem Hauſe. Miſs Garth trat einen Schritt näher auf ihn zu und behielt ihre Augen feſt auf ſein Geſicht gerichtet. Es überlief ſie kalt trotz der Sommerhitze. — Halten Sie inne!l ſagte ſie mit plötzlichem Miß⸗ trauen und ſah ängſtlich zur Seite nach der Thür des Morgenzimmers. Sie war feſt verſchloſſen. — Sagen Sie mir das Schlimmſte und ſprechen Sie nicht laut. Es iſt ein Unglück geſchehen. Wo? — Auf der Bahn. Nahe bei der Station Grailſea. — Der aufwärts gehende Londoner Zug? — Nein, der abwärts gehende, ein Uhr funfzig Mi⸗ nuten. — Gott der Allmächtige ſtehe uns bei! Der Zug, mit dem Mr. Vanſtone nach Grailſea fuhr? — Derſelbe. Ich wurde mit dem aufwärts gehenden Zuge geſchickt, die Linie war eben wieder freigemacht worden. Sie wollten nicht ſchreiben, ſie ſagten, ich müßte „Miſs Garth“ aufſuchen und es ihr erzählen. Es ſind ſieben Reiſende ſchwer verwundet und zwei... Das nächſte Wort blieb ihm im Munde ſtecken: er hob die Hand in ſtarrem Schweigen auf. Mit Augen, welche ſich vor Schrecken weit öffneten, hob er die Hand und zeigte über Miſs Garths Schulter. Sie wandte ſich ein wenig und blickte hinter ſich. Angeſicht zu Angeſicht mit ihr, auf der Schwelle des Wilkie Collins, Namenlos. 9 fn Arbeitszimmers des Herrn ſtand die Herrin des Hanſes. Sie hielt ihr altes Notenbuch mechaniſch feſt mit beiden Händen. Sie ſtand da, wie aus dem Grabe geſtiegen. Mit einer fürchterlichen Leere in ihren Augen, mit einer fürchterlichen Tonloſigkeit in ihrer Stimme, wiederholte ſie die letzten Worte des Mannes: — Sieben Reiſende ſchwer verwundet und zwei.... Ihre peinlich angeſtrengten Finger verſagten den Dienſt, das Buch entfiel ihnen, ſie ſank ſchwer nach vorn um. Miſs Garth fing ſie auf, bevor ſie fiel... fing ſie auf und wandte ſich mit dem ohnmächtigen Körper der Frau auf ihren Armen nach dem Manne hin, um das Schickſal des Herren zu vernehmen. — Das Unglück iſt angerichtet, ſagte ſie, Sie können nun ausreden. Iſt er verwundet oder todt? — Todt! —— Elftes Capitel. Die Sonne ſank tiefer, die Weſtwindbriſe wehte kühl und erfriſchend in das Haus. Wie der Abend vorrückte, kam das fröhliche Läuten im Dorfe näher und näher. Feld und Blumengarten fühlten den Einfluß der Stunde ebenfalls und ſtrömten ihren ſüßeſten Wohlgeruch aus. Die Vögel in Noras Vogelhaus ſonnten ſich in der Stille der Abendröthe und ſangen dem ſcheidenden Tage ihr dankbares Abſchiedslied. Auf kurze Zeit in ihrem Laufe aufgehalten, ging die unbarmherzige Gewohnheit des Hauſes geſpenſtig ihren alten Gang. Die ſchreckbetäubten Dienſtboten nahmen blindlings ihre rettende Zuflucht wieder zu den von der Tagesſtunde vorgeſchriebenen Verrichtungen. Der Be⸗ diente ſetzte leiſe den Tiſch für das Mittagseſſen zurecht. Die Magd ſaß und wartete in gedankenloſer Ungewißheit, 8 8 mit de ihr ſta welche nungs Geld, und li Gewo Nieme des G rückſte S über noch f Abend gethar folgte Gatte lag h und d an ein N ein re Trau V als il wäre, Zeit durch trat i Mutl ganz eröffr die S wißhe 9 T8 Der gerun Hanſes. it beiden geſtiegen. nit einer ederholte dei. n Dienſt, orn um. auf und Frau auf ickſal des te können ehte kühl vorrückte, d näher. Stunde uch aus. er Stille Tage ihr ging die tig ihren nahmen von der Der Be⸗ mzurecht. ewißheit, 131 mit den Heißwaſſergefäßen für die Schlafzimmer, die neben ihr ſtanden in der hergebrachten Ordnung. Der Gärtner, welcher zu ſeinem Herrn beſchieden war mit den Rech⸗ nungsbelegen für das über ſeine Vollmacht ausgegebene Geld, ſagte, ſein guter Ruf läge ihm ſehr am Herzen, und ließ zu der beſtimmten Zeit die Belege zurück. Die Gewohnheit, welche niemals nachgibt und der Tod, welcher Niemand verſchont, begegneten ſich auf den Trümmern des Glückes dieſer Menſchen,... und der Tod mußte zu⸗ rückſtehen. Schwer hatten ſich die Gewitterwolken des Unheils über dem Hauſe geſammelt, ſchwer, doch ſollten ſie ſich noch finſterer zuſammenziehen. Um fünf Uhr an dieſem Abend hatte das hereinſtürmende Unglück den erſten Schlag gethan. Bevor noch eine weitere Stunde vergangen war, folgte bei der kranken Gattin der Enthüllung von des Gatten jähem Tode der Kampf auf Leben und Tod. Sie lag hilflos auf ihrem Witwenbette: ihr eigenes Leben und das Leben ihres ungeborenen Kindes hingen nur noch an einem Haar. Nur eine Seele behielt alle ihre Kraft beiſammen, nur ein rettender Geiſt ſtand hilfreich auf in dem Hauſe der Trauer. Wenn Miſs Garths Jugendzeit ſo ruhig und glücklich als ihr ſpäteres Leben auf Combe⸗Raven dahin gefloſſen wäre, ſo würde auch ſie den grauſamen Forderungen dieſer Zeit erlegen ſein. Allein die Jugend der Erzieherin war durch Familienunglück geprüft und gefeit worden. Sie trat ihre ſchrecklichen Pflichten mit dem unerſchütterlichen Muthe eines Weibes an, das zu leiden gelernt hat. Sie ganz allein hatte die ſchwere Aufgabe, den Töchtern zu eröffnen, daß ſie keinen Vater mehr hätten, ſie allein hatte die Sorge, ſie aufzurichten, als ihnen die fürchterliche Ge⸗ wißheit ihres herben Verluſtes endlich klar geworden war. Ihre geringſte Sorge war um die ältere Schweſter. Der Todesſchmerz von Noras Kummer hatte ſich durch⸗ gerungen zu dem natürlichen Troſt der Thränen. Dies 9* war nicht der Fall bei Magdalenen. Thränen⸗ und ſprachlos ſaß ſie in dem Zimmer, wo die Enthüllung von ihres Vaters Tode ſie zuerſt getroffen hatte. Ihr Geſicht, unnatürlich verſteinert durch den ſtarren Kummer des Alters— ein geiſterbleiches eintöniges Weiß, fürchterlich anzuſehen. Nichts konnte ſie aufrichten, Nichts ſie inner⸗ lich befreien. Sie ſagte nur: — Sprecht nicht mit mir, berührt mich nicht. Laßt es mich allein tragen. Dann verfiel ſie wieder in ihr Schweigen. Gleich der erſte große Schmerz, welcher finſter in das Leben der Schweſtern getreten war, hatte, wie es ſchien, bereits ihren gewöhnlichen Charakter umgewandelt. Das Zwielicht ſank herab und verſchwand, und die Sommernacht kam glänzend herauf. Als das erſte ſorg⸗ fältig verhüllte Licht in dem Krankenzimmer angezündet wurde, kam der Arzt, der von Briſtol herbei geholt war, an, um ſich mit dem Hausarzte der Familie zu berathen. Er konnte keinen Troſt geben: er konnte nur ſagen: — Wir müſſen verſuchen und hoffen. Der Schlag, welcher ſie traf, als ſie die Nachricht von des Gatten Tode überraſchte, hat ihre Kraft zu einer Zeit niedergeworfen, wo ſie dieſelbe gerade am Nöthigſten hatte. Keine An⸗ ſtrengung ſoll geſpart werden, um ſie zu erhalten. Ich will die Nacht hier bleiben. Er öffnete, als er ſprach, eins von den Fenſtern, um mehr Luft herein zu laſſen. Die Ausſicht ging auf die Anfahrt vor dem Hauſe und die Landſtraße draußen. Kleine Gruppen von Leuten ſtanden vor der Hausthür und ſahen herein. — Wenn dieſe Perſonen irgendwie laut werden, ſagte der Doctor, ſo müſſen ſie bedeutet werden, wegzugehen. Es war nicht nöthig, ſie zu bedeuten. Es waren nur die Arbeiter, welche auf den Ländereien des Verſtorbenen gearbeitet hatten und darunter hin und wieder einige Frauen und Kinder aus dem Dorfe. Sie dachten alle ſeiner. Einige ſprachen von ihm, und es erhöhte ihre ſchwache Denkkraft, wenn ſi nehmen (ſagten Frauen Weſen, dachte Eſſensz behüten Nächſte So dem H Zweien ſie ſich wieder ihnen Armut mal ſo Ei mers! ins He warte, nicht i es ihn mich e D im Ve Tode an ſich perſör gekom menſc liche; E und d S I⸗ und ng von Geſicht, er des hterlich inner⸗ Laßt eich der den der bereits md die e ſorg⸗ ezündet lt war, rathen. Schlag, n Tode worfen, ne An⸗. 1. Ich rn, um auf die raußen. austhür n, ſagte ehen. ren nur orbenen Frauen Einige enkkraft, 133 wenn ſie dabei ſein Haus anſehen durften. Die Vor⸗ nehmen der Gegend waren meiſt freundlich gegen ſie (ſagten die Männer), aber wie er war doch Keiner. Die Frauen erzählten einander flüſternd von ſeinem tröſtlichen Weſen, wenn er in ihre Häuschen kam. — Er war ein fröhlicher Herr, die gute Seele, und dachte an uns, er kam niemals und ſtarrte uns an, wenn Eſſenszeit war. Die Anderen, vor denen mag uns Gott behüten und bewahren... Alles was er jemals ſagte, war: Nächſtes Mal beſſer. So ſtanden ſie und ſprachen von ihm und ſahen nach dem Hauſe und dem Grundſtück und gingen allmälich zu Zweien und Dreien hinweg mit dem dunklen Gefühl, daß ſie ſich des Anblicks ſeines freundlichen Angeſichts niemals wieder erfreuen würden. Der beſchränkteſte Kopf unter ihnen wußte an dem Abend, daß die rauhen Wege der Armuth nunmehr, wo er dahin gegangen war, noch ein⸗ mal ſo rauh für ſie ſein würden. Ein wenig ſpäter wurde an die Thür des Schlafzim⸗ mers die Nachricht gebracht, daß der alte Mr. Clare allein ins Haus gekommen ſei und daß er unten in der Flur warte, um zu hören, was der Arzt ſage. Miſs Garth war nicht im Stande ſelbſt zu ihm hinunter zu gehen: ſie ließ es ihm beſtellen. Er ſagte zu dem Diener: — Ich will in zwei Stunden wieder kommen und mich erkundigen. Darauf ging er langſam fort. Unähnlich wie er war im Vergleich mit anderen Männern ließ er nach dem jähen Tode ſeines alten Freundes keine merkbare Veränderung an ſich wahrnehmen. Das Mitgefühl, das ſich in ſeiner perſönlichen Erkundigung, um deren Willen er in das Haus gekommen war, ausſprach, war das einzige Zeichen menſchlicher Regung, welches ſich der ſchroffe, unbegreif⸗ liche Mann entſchlüpfen ließ. Er kam wieder, als die zwei Stunden vorüber waren, und dies Mal ſprach Miſs Garth mit ihm. Sie reichten ſich ſchweigend die Hände. Sie wartete und raffte ſich ſelbſt zuſammen, um ihn anhören zu können, wenn er von ſeinem verlorenen Freunde ſprechen würde. Doch nein, er erwähnte nicht ein Mal das fürchterliche Ereigniß, nicht ein einziges Mal ſpielte er an auf den fürchterlichen Todesfall. Er ſprach nur die Worte: — Iſt es beſſer oder ſchlimmer mit ihr? Weiter ſagte er Nichts. War der Zoll ſeines Bei⸗ leids wegen des Gatten ſo vollſtändig von dem Ausdrucke ſeiner Beſorgniß um die Gemalin deſſelben unterdrückt? Der Charakter des Mannes, der ſich unbeugſam gegen die Welt und gegen die Gewohnheiten der Menſchen auf⸗ lehnte, rechtfertigte vielleicht eine ſolche Erklärung ſeines Benehmens. Er wiederholte ſeine Frage: — Geht es beſſer oder ſchlimmer mit ihr? Miſs Garth antwortete ihm: 3 — Nicht beſſer; wenn eine Veränderung da iſt, ſo iſt es eher zum Schlimmern. „ Sie ſprach dieſe Worte am Fenſter des Morgen⸗ zimmers, welches ſich nach dem Garten öffnete. Mr. Clare hielt inne, als er die Antwort auf ſeine Frage gehört hatte, that dann einige Schritte, als ob er fortgehen wollte, wandte ſich aber plötzlich wieder um und ſprach von Neuem. — Hat der Doctor ſie aufgegeben? fragte er. — Er hat uns nicht verſchwiegen, daß ſie in Gefahr ſchwebt. Wir können nur beten für ſie. Der alte Mann legte ſeine Hand auf Miſs Garths Arm, als ſie ihm antwortete, und ſah ihr aufmerkſam ins Geſicht. — Sie glauben an das Gebet—? ſagte er. miſs Garth wich mit Schmerz im Angeſicht vor ihm zurück. — Sie hätten es mir erſparen ſollen, Herr, in einer ſolchen Zeit wie dieſe eine ſolche Frage zu hören! Er beachtete ihre Antwort nicht, ſeine Augen waren fort und fort auf ihr Geſicht geheftet. — Beten Sie, ſagte er, wie Sie noch nie zuvor ge— betet haben, für die Erhaltung von Mrs. Vanſtones Leben. Und Weiſe di aus, wel Garth g Er hörte ſeine Se treffen. im war greiſenhe Hinterg. über ſeit ihn in i Miſ ihrer S Es vergang hatte. mädchen heraus, ihre Ri einige l ſelben nächſte. knieend Gottes nahe w Augen, wieder ſie ung tete eir Eit eintöni ferner; den B Magde ging. Thür unen, bürde. erliche f den Bei⸗ drucke rückt? gegen auf⸗ ſeines ſo iſt rgen⸗ Clare ehört gehen prach efahr Arm, eſicht. ihm einer aren T ge⸗ eeben. 135 Und damit ging er fort. Seine Stimme und Art und Weiſe drückten eine unmittheilbare Furcht vor der Zukunft aus, welche ſeine Worte nicht ausgeſprochen hatten. Miſs Garth ging ihm bis in den Garten nach und rief ihn an. Er hörte ſie, aber er kehrte nicht wieder um. Er beſchleunigte ſeine Schritte, als ob er vermiede, mit ihr zuſammen zu treffen. Sie beobachtete ihn über den freien Raſenplatz weg im warmen Sommermondlichte. Sie ſah ſeine weißen greiſenhaften Hände, ſah ſie plötzlich gegen den ſchwarzen Hintergrund der Buſchanlagen erhoben und gerungen über ſeinem Kopfe. Sie fielen herab, die Bäume nahmen ihn in ihre Schatten auf; und er war verſchwunden. Miſs Garth begab ſich zurück zu der Leidenden, auf ihrer Seele die Laſt einer neuen Sorge. Es war jetzt elf Uhr vorüber. Eine kurze Zeit war vergangen, ſeit ſie die Schweſtern geſehen und geſprochen hatte. Die Fragen, welche ſie an eines von den Dienſt⸗ mädchen richtete, brachten aus dieſem nur die Meldung heraus, daß Beide auf ihren Zimmern ſeien. Sie verſchob ihre Rückkehr an das Bett der Mutter, um vorher noch einige letzte Troſtesworte den Töchtern zu ſagen, ehe ſie die⸗ ſelben für die Nacht verließ. Noras Zimmer war das nächſte. Sie öffneke leiſe die Thür und ſah hinein. Die knieende Geſtalt neben dem Bette zeigte ihr an, daß Gottes Hilfe der vaterloſen Waiſe in ihrer Kummersnoth nahe war. Dankesthränen ſammelten ſich in ihren eigenen Augen, als ſie das ſah, dann machte ſie die Thür leiſe wieder zu und ging in Magdalenens Zimmer. Dort hielt ſie ungewiß ihre Schritte auf der Schwelle an und war⸗ tete einen Augenblick, ehe ſie eintrat. Ein Geräuſch in dem Zimmer erreichte ihr Ohr, das eintönige Rauſchen eines Frauenkleides, bald näher, bald ferner; ohne Unterlaß von einem Ende zum andern über den Boden gehend, ein Geräuſch, welches ihr ſagte, daß Magdalene in der Einſamkeit ihrer Kammer auf und ab⸗ ging. Miſs Garth klopfte. Das Rauſchen hörte auf, die Thür öffnete ſich, und das trauernde Mädchenangeſicht 136 ſtand vor ihr, verſchloſſen in eiſig kalte Verzweiflung, die großen hellen Augen mechaniſch in die ihrigen blickend, ſo leer und ſo thränenlos wie immer. Dieſer Blick that dem Herzen der gläubigen Frau un⸗ endlich wehe, welche ſie auferzogen und geliebt hatte von ihrer Kindheit an. Sie nahm Magdalenen zartlich in ihre Arme. — O meine Liebe, ſagte ſie, noch keine Thränen?! O, könnte ich Sie ſehen, wie ich Nora geſehen habe! Sprechen Sie doch mit mir, Magdalene, verſuchen Sie, ob Sie mit mir ſprechen können! Sie verſuchte es und ſprach: — Nora, ſagte ſie, fühlt keine Gewiſſensbiſſe. Er ge⸗ horchte nicht Noras Intereſſen, als er in ſeinen Tod ging, er gehorchte nur meinen. Mit dieſer ſchrecklichen Antwort drückte ſie ihre kalten Lippen auf Miſs Garths Wangen. — Laſſen Sie mich es allein tragen, ſagte ſie und ſchloß ſanft die Thür. Wieder ſtand Miſs Garth auf der Schwelle, und wieder kam und ging das Geräuſch des rauſchenden Gewandes bald nahe, bald fern, hin und her mit einer grauſamen, mechaniſchen Regelmäßigkeit, welche die wärmſte Sym⸗ pathie erkältete und die kühnſte Hoffnung niederſchlug. Die Nacht verging. Es war ausgemacht worden, daß, wenn keine Veränderung zum Beſſern am Morgen ein⸗ treten würde, der Londoner Arzt, welchen Mrs. Vanſtone einige Monate früher zu Rathe gezogen hatte, zum näch⸗ ſten Tag herbeſchieden werden ſollte. Es trat keine Beſſe⸗ rung ein, und man ſchickte nach dem Arzte. Als der Morgen vorrückte, kam Frank aus dem kleinen Hauſe, um ſich zu erkundigen. Hatte Mr. Clare ſeinem Sohne die Pflicht, der er den Tag vorher ſich ſelbſt unter⸗ zogen, vielleicht nur aus Widerwillen auferlegt, um nicht nach Dem, was er Miſs Garth geſagt hatte, wieder mit ihr zuſammenzukommen? Es mochte wohl ſo ſein. Frank konnte darüber kein neues Licht bringen, war er doch nicht im Ver aus. C tief ſein war. C. auszubr Lippen, ins Aug erſten iſt, er woher einige die Hau Nos trage z Mr. P werde. ſtehe, ſ mit na bereit; Garth Abſicht zu ſend ſorglich anderer Beileid er ſcho Mr. 4 zur Ze hatte? Hoffnu aufgeh drei U zurück. Ku welche konnte ſie die ng, die end, ſo rau un⸗ atte von tlich in ränen?! habe! en Sie, Er ge⸗ d ging, ekalten ſie und wieder wandes iſamen, Sym⸗ lug. n, daß, gen ein⸗ aanſtone n näch— Beſſe⸗ kleinen ſeinem t unter⸗ m nicht der mit Frank cch nicht 137 im Vertrauen des Vaters. Er ſah bleich und verwirrt aus. Seine erſten Fragen nach Magdalenen zeigten, wie tief ſein weiches Gemüth durch den Unglücksfall erſchüttert war. Er war nicht im Stande, ſeine eigenen Fragen her⸗ auszubringen, die Worte zitterten erſterbend auf ſeinen Lippen, und ſeine ſchnell bereiten Thränen traten ihm ins Auge. Miſs Garths Herz erwärmte ſich für ihn zum erſten Male. Der Kummer hat Eines an ſich, was edel iſt, er nimmt alle und jede Theilnahme an, komme ſie, woher ſie wolle. Sie ſprach dem jungen Manne durch einige wenige Worte Muth ein und gab ihm beim Gehen die Hand. Noch Vormittag kehrte Frank mit einem andern Auf⸗ trage zurück. Sein Vater wünſchte zu wiſſen, ob nicht Mr. Pendril auf Combe⸗Raven an dieſem Tage erwartet werde. Wenn die Ankunft des Advocaten in Ausſicht ſtehe, ſo ſolle Frank ihn an der Station erwarten und ihn mit nach dem Nachbarhauſe nehmen, wo ein Bett für ihn bereit gehalten werden ſolle. Dieſe Botſchaft nahm Miſs Garth wunder. Sie zeigte ihr, daß Mr. Clare von der Abſicht ſeines verſtorbenen Freundes, nach Mr. Pendril zu ſenden, unterrichtet war. War des alten Mannes vor⸗ ſorgliches Erbieten ſeiner Gaſtfreundſchaft vielleicht ein anderer indirecter Ausdruck des natürlichen menſchlichen Beileids, das er verkehrterweiſe verbarg? Oder dachte er ſchon im Voraus an gewiſſe geheime Umſtände, welche Mr. Pendrils Anweſenheit nöthig machten, von welcher zur Zeit die verwaiſte Familie nicht die entfernteſte Ahnung hatte? Miſs Garth hatte das Herz zu voll und zu wenig Hoffnung, als daß ſie ſich bei einer dieſer Erwägungen aufgehalten hätte. Sie ſagte Frank, daß Mr. Pendril um drei Uhr erwartet würde nnd ſchickte ihn mit beſtem Dank zurück. Kurz nach ſeinem Weggehen wurden die Beſorgniſſe, welche ihre Seele in Betreff Magdalenens etwa hegen konnte, durch beſſere Nachrichten von ihr gemildert, als ſie die Erfahrung von letzter Nacht hätte füglich erwarten 138 laſſen. Noras Einfluß war thätig geweſen, um die Schweſter aufzurichten, und Noras ruhiges Mitgefühl hatte dem verhaltenen Kummer endlich einen Ausgang verſchafft. Magdalene hatte ſchwer gelitten, ſie mußte bei einer Anlage wie die ihres Charakters unter der Bemüh⸗ ung, ſie zu tröſten, leiden. Die innen verhaltenen Thränen waren nicht leicht gekommen, ſie waren mit einem quälen⸗ den, leidenſchaftlichen Ungeſtüme zum Ausbruch gekommen. Aber Nora hatte ſie nicht eher verlaſſen, als bis der Kampf zu Ende und die Ruhe eingetreten war. Dieſe günſtigere Nachricht gab Miſs Garth Muth, ſich in ihr eigenes Zimmer zurückzuziehen und der Ruhe zu genießen, deren ſie ſo ſehr bedurfte. An Leib und Seele aufgerieben, ſchlief ſie aus plötzlicher Erſchöpfung und hatte ein paar Stunden einen ſchweren Schlaf ohne Träume. Es war zwiſchen drei und vier Uhr Nachmittags, als ſie von einem der Dienſtmädchen geweckt wurde. Das Mädchen hatte ein Billet in der Hand, ein Billet, das Mr. Clare, der Sohn, mit der Aufforderung, daß es augenblicklich an Miſs Garth abgegeben werde, zurückgelaſſen hatte. Der Name auf dem untern Ende des Umſchlags war„William Pendril“. Der Advocat war angekommen. Miſs Garth öffnete das Billet. Nach einigen ein⸗ leitenden Sätzen des Bedauerns und des Beileids zeigte der Schreiber ſeine Ankunft unter Mr. Clares Dach an und ging dann offenbar infolge ſeines Berufs weiter, um ein ſehr auffallendes Verlangen zu ſtellen. — Wenn, ſchrieb er, eine Veränderung zum Beſſern bei Mrs. Vanſtone eintreten ſollte— mag es auch nur eine Beſſerung für kurze Zeit, oder eine andauernde Beſſerung, auf welche wir Alle hoffen, ſein—: in beiden Fällen laſſen Sie mich es augenblicklich wiſſen. Es iſt von der äußerſten Wichtigkeit, daß ich mit ihr ſpreche, ſobald ſie Kraft genug erlangt, um mir fünf Minuten ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken und um nach Ablauf dieſer Zeit im Stande zu ſein, ihren Namen zu ſchreiben. Haben Sie die Güte, mein Begehren im ſtrengſten Vertrauen den zugezogenen Aerzten m keit begrei ich Ihnen anderen( ſtets in T nachzukom Solch zwei Mal ihrer See das Erſuc Abſchiedsr Lippen er anderes e Mr. Clar Intereſſe betraf es neuen Un Mutter a deuten? ſtorben w Bei il war Mif Klarheit gekonnt Vanſtone⸗ Stellung Händen d ſinnen, i mache ein ſchlechterd gegenwär Miſs Ga werden. das eine — S Unterredr Ja, l m die gefühl 1sgang ßte bei gemüh⸗ hränen zuälen⸗ mmen. is der Dieſe in ihr nießen, rieben, n paar s war einem hatte ke, der n Miſs Name ndril“. en ein⸗ zeigte dach an er, um Beſſern ur eine ſerung, nlaſſen ißerſten t genug kkeit zu unde zu Güte, zogenen 139 Aerzten mitzutheilen. Dieſe werden die ungeheure Wichtig⸗ keit begreifen, welche ich auf dieſe Unterredung lege, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Anordnung getroffen habe, alle anderen Geſchäfte auf mich zu nehmen und daß ich mich ſtets in Bereitſchaft halte, um Ihrer Aufforderung ſofort nachzukommen in jeder Stunde des Tages und der Nacht. Solchergeſtalt ſchloß der Brief. Miſs Garth las ihn zwei Mal durch. Beim zweiten Leſen verbanden ſich in ihrer Seele durch ein dunkles Band des Zuſammenhanges das Erſuchen, das der Advocat an ſie jetzt ſtellte, mit den Abſchiedsworten, welche die vorige Nacht Mr. Clares Lippen entſchlüpft waren. Es war alſo noch irgend ein anderes ernſtes Intereſſe gefährdet, das Mr. Pendril und Mr. Clare kannten, noch außer dem erſten und heiligſten Intereſſe der Wiederherſtellung von Mrs. Vanſtone. Wen betraf es? Die Kinder? Wurden ſie von irgend einem neuen Unheile bedroht, welches durch die Unterſchrift der Mutter abgewendet werden konnte? Was ſollte das be⸗ deuten? Sollte es bedeuten, daß— Mr. Vanſtone ge⸗ ſtorben war, ohne ein Teſtament zu hinterlaſſen? Bei ihrer traurigen und verwirrten Gemüthsverfaſſung war Miſs Garth nicht im Stande, bei ſich ſelber zur Klarheit zu kommen, wie ſie in einer glücklichern Zeit wohl gekonnt hätte. Sie eilte in das Vorzimmer von Mrs. Vanſtones Gemach und übergab, nachdem ſie Mr. Pendrils Stellung zur Familie dargelegt hatte, ſeinen Brief den Händen der Aerzte. Beide antworteten, ohne ſich zu be⸗ ſinnen, in demſelben Sinne: Mrs. Vanſtones Befinden mache eine ſolche Unterredung, wie ſie der Advocat wünſche, ſchlechterdings zur Unmöglichkeit. Wenn ſie ſich von der gegenwärtigen furchtbaren Erſchöpfung erholt hätte, ſollte Miſs Garth ſofort von der Beſſerung in Kenntniß geſetzt werden. Mittlerweile ſollte Mr. Pendril als Antwort das eine Wort mitgetheilt werden: Unmöglich. — Sie wiſſen, welche Wichtigkeit Mr. Pendril der Unterredung beilegt? ſagte Miſs Garth. Ja, beide Doctoren wußten es. 4½ — Mein Geiſt iſt in dieſer ſchrecklichen Noth ſo wirr und rathlos, meine Herren. Kann wohl Einer von Ihnen errathen, weshalb die Unterſchrift erforderlich iſt? Oder was der Gegenſtand der Unterredung ſein mag? Ich habe Mr. Pendril nur geſehen, wenn er bei früheren Beſuchen hierher kam, ich habe kein Recht, das mir geſtattete, ihn zu fragen. Wollen Sie den Brief noch einmal leſen? Glauben Sie, es geht daraus hervor, daß Mr. Vanſtone kein Teſtament gemacht hat? — Ich denke kaum, daß Dieſes daraus hervorgeht, ſagte einer von den Doctoren. Aber ſelbſt geſetzt, Mr. Vanſtone wäre ab intestato geſtorben, ſo nimmt ſich doch das Geſetz der Intereſſen ſeiner Witwe und ſeiner Kinder getreulich an... — Würde Dies auch der Fall ſein, ſo fiel der andere Arzt ein, wenn das Vermögen in Grundbeſitz beſteht? — Das weiß ich in dieſem Falle ſo genau nicht. Wiſſen Sie vielleicht zufällig, Miſs Garth, ob Mr. Van⸗ ſtones Vermögen in Capitalien oder in Ländereien beſteht? — In Capitalien, erwiderte Miſs Garth. Ich habe es bei mehr als einer Gelegenheit von ihm ſelbſt gehört. — Dann kann ich Ihre Seele beruhigen aus meiner eigenen Erfahrung. Das Geſetz giebt, wenn er ohne Teſtament ſtirbt, ein Drittheil ſeines Vermögens der Witwe und theilt den Reſt gleichmäßig unter die Kinder. — Aber wenn Mrs. Vanſtone.... — Wenn Mrs. Vanſtone ſterben ſollte, fuhr der Doctor fort, die Frage beendigend, die Miſs Garth nicht den Muth hatte, zu vollenden, glaube ich recht unterrichtet zu ſein, wenn ich Ihnen ſage, daß das Vermögen nach dem Gange des Rechts den Kindern zufällt. Was alſo auch für eine dringende Angelegenheit in der Unterredung zur Sprache kommen mag, welche Mr. Pendril verlangt, ich kann keinen Grund dafür ſehen, dieſelbe mit Mr. Vanſtones Inteſtat⸗ verlaſſenſchaft in Verbindung zu bringen. Aber auf jeden Fall richten Sie nur getroſt zu Ihrer eigenen Beruhigung die Frage an Mr. Pendril ſelbſt. Miſs Rath zu lichen Be˖ Unterred⸗ die Rech richtet he liche Sch den Rech⸗ Die Ant geſchraul nung vo gemeinen die Doct in dem? eine Aen ſetzen w ohne die auf die handenſe liches W Die blieb für bis das danken wegen2 In ein. E blieb no legen un Miſs ihr die habe. Als trat, no ſah in ſtarb in ſo wirr Ihnen 2 Oder ch habe geſuchen te, ihn leſen? anſtone porgeht, t, Mr. ich doch Kinder ht? u nicht. r. Van⸗ beſteht? ſch habe gehört. meiner er ohne ens der Kinder. Doctor n Muth zu ſein, Gange für eine Sprache i keinen Inteſtat⸗ uf jeden uhigung 141 Miſs Garth ging, um den von dem Doctor gegebenen Rath zu befolgen. Nachdem ſie Mr. Pendril den ärzt⸗ lichen Beſcheid mitgetheilt, welcher ihm die nachgeſuchte Unterredung ſo rund abſchlug, fügte ſie in kurzen Worten die Rechtsfrage hinzu, welche ſie an die Doctoren ge⸗ richtet hatte, und deutete in zarter Weiſe auf ihre natür⸗ liche Scheu hin, nach den Beweggründen fragend, welche den Rechtsanwalt vermocht hätten, jenes Erſuchen zu ſtellen. Die Antwort, welche ſie erhielt, war im höchſten Grade geſchraubt: ſie brachte ihr durchaus keine günſtige Mei⸗ nung von Mr. Pendril bei. Er beſtätigte nur in all⸗ gemeinen Ausdrücken die Auslegung des Geſetzes, wie ſie die Doctoren ihr gegeben hatten, ſprach ſeine Abſicht aus, in dem Nachbarhauſe zu verweilen in der Hoffnung, daß eine Aenderung zum Beſſern Mrs. Vanſtone in den Stand ſetzen werde, ihn anzunehmen, und ſchloß ſeinen Brief ohne die geringſte Erklärung ſeiner Gründe und ohne ein auf die Hauptfrage, das Vorhandenſein oder Nichtvor⸗ handenſein eines letzten Willens von Mr. Vanſtone, bezüg⸗ liches Wort der Aufklärung. Die abſichtliche Vorſicht der Antwort des Advocaten blieb für Miſs Garths Gemüth eine Quelle neuer Unruhe, bis das lange erſehnte Ereigniß des Tages alle ihre Ge⸗ danken auf ihre alles Andere bei Seite ſtellende Hauptſorge wegen Mrs. Vanſtone zurücklenkte.. In den erſten Abendſtunden traf der Arzt von London ein. Er beobachtete lange am Bette der Leidenden, er blieb noch länger in Berathung mit ſeinen ärztlichen Col⸗ legen und ging dann wieder in das, Krankenzimmer, bevor Miſs Garth ſeiner habhaft werden konnte, damit er ihr die Meinung mittheile, welche er nunmehr gefaßt habe. Als er zum zweiten Male in das Vorzimmer heraus⸗ trat, nahm er ſchweigend einen Stuhl neben ihr ein. Sie ſah in ſein Geſicht, und die letzte ſchwache Hoffnung er⸗ ſtarb in ihr, ehe er die Lippen öffnete. — Ich muß die harte Wahrheit ſagen, ſagte er ſanft, Alles was nur geſchehen konnte, iſt in der That geſchehen. Die nächſten vierundzwanzig Stunden im höchſten Falle werden Ihrer Angſt ein Ende machen. Wenn die Natur nicht eine Anſtrengung macht in jener Zeit— ich bedaure es ſagen zu müſſen— müſſen Sie ſich auf das Schlimmſte gefaßt machen. 6 Dieſe Worte ſagten Alles: ſie verkündigten das baldige nde. Die Nacht verging, und ſie lebte noch. Der nächſte Tag kam, und ſie friſtete ſich hin, bis die Uhr fünf zeigte. Um dieſe Zeit hatte die Nachricht vom Tode ihres Gatten den tödtlichen Schlag gegen ſie geführt. Als die Stunde wieder herum war, ließ ſie die Gnade Gottes eingehen in eine beſſere Welt. Ihre Töchter lagen auf ihren Knieen neben dem Bette, als ſie ihren Geiſt aushauchte. Sie verließ ſie ohne Bewußtſein von deren Gegenwart, in Gnaden und zum Glück bewahrt vor dem Schmerze des letzten Lebewohls. Ihr Kind überlebte ſie, bis der Abend zu Ende ging und der Sonnenuntergang nur matt am weſtlichen Himmel ſichtbar war. Als die Dunkelheit kam, flackerte das Licht des kleinen ſchwächlichen Lebens, das vom erſten Augenblick an nur zart und ſpärlich war, noch ein Mal auf und ver⸗ loſch. Alles, was irdiſch war an Mutter und Kind, lag dieſe Nacht auf demſelben Bette.— Der Engel des Todes hatte ſein ſchreckliches Gebot erfüllt, und die beiden Schweſtern ſtanden allein in der Welt. —— Zwölftes Capitel. Früher als gewöhnlich am Morgen des Donnerstags, des zweiundzwanzigſten Juli, erſchien Mr. Clare in der Thür ſeines Häuschens und trat in den kleinen Garten⸗ ſtreifen an ſeiner Wohnung. Als trat ein ihm, de ſondere druckslor boten, n einflößte von deſſ Combe⸗ Buſchan Beſtellu noch zeh — 2 dem ich die Umſt einer ſer — Töchter wiederh von den wunder welche Tag ne ſcheint ich mir ſter dal mit Mi Troſt, Er Wärme daher ſ ſagte e walt S geſchehen. ten Falle ie Natur hbedaure chlimmſte s baldige er nächſte uf zeigte. s Gatten 2 Stunde igehen in n Knieen te. Sie wart, in nerze des ende ging Himmel das Licht lugenblick und ver⸗ Kind, lag es Todes e beiden nerstags, re in der Garten⸗ 4143 Als er ein paar Mal hin- und zurückgegangen war, trat ein magerer, ruhiger Mann mit grauen Haaren zu ihm, deſſen perſönliche Erſcheinung vollſtändig ohne be⸗ ſondere Kennzeichen irgend welcher Art war, deſſen aus⸗ drucksloſes Geſicht und höflich ruhiges Benehmen Nichts boten, was Tadel verdiente und Nichts, was Widerwillen einflößte. Dies war Mr. Pendril, Dies war dex Mann, von deſſen Lippen das künftige Schickſal der Waiſen auf Combe⸗Raven abhing. — Die Zeit rückt heran, ſagte er, indem er nach den Buſchanlagen hinüberſah, als er zu Mr. Clare trat. Meine Beſtellung zu Miſs Garth iſt zu elf Uhr: es fehlen nur noch zehn Minuten an der Stunde. — Wollen Sie allein mit ihr ſprechen? fragte Mr. Clare. — Ich überließ die Entſcheidung Miſs Garth, nach⸗ dem ich ſie vor Allem zuvor in Kenntniß geſetzt hatte, daß die Umſtände, welche ich ihr zu entdecken haben würde, von einer ſehr ernſten Art ſeien. — Und hat ſie entſchiedem — Sie gab mir ſchriftlich Nachricht, daß ſie den beiden Töchtern meine Beſtellung mitgetheilt und die Andeutung wiederholt habe, welche ich ihr gegeben habe. Die ältere von den Beiden ſcheut ſich— und wer kann ſich darüber wundern?— vor jeder Beſprechung betreffs der Zukunft, welche ihre Gegenwart in einer ſo kurzen Friſt als der Tag nach der Beerdigung iſt, erheiſcht. Die jüngere ſcheint keine Meinung darüber geäußert zu haben. Wie ich mir denke, läßt ſie ſich von dem Beiſpiele ihrer Schwe⸗ ſter dabei paſſiv leiten. Meine Unterredung wird daher mit Miſs Garth allein ſtattfinden, und es iſt mir ein großer Troſt, Dies zu wiſſen. Er ſprach die letzten Worte mit mehr Nachdruck und Wärme, als er gewohnt zu ſein ſchien. Mr. Clare blieb daher ſtehen und ſah ſeinen Gaſt aufmerkſam an. — Sie ſind beinahe ſo alt als ich bin, mein Herr, ſagte er. Hat alle Ihre langjährige Erfahrung als An⸗ walt Sie noch immer nicht hart gemacht? 144 — Ich wußte noch nicht, wie wenig ſie mich hart ge⸗ macht hat, erwiderte Mr. Pendril ruhig, bis ich geſtern von London zurückkam, um bei der Beerdigung zugegen zu ſein. Ich war nicht darauf gefaßt, daß die Töchter ent⸗ ſchloſſen waren, ihre Aeltern zum Grabe zu geleiten. Ich meine, ihre Gegenwart machte die Schlußſcene dieſes ſchrecklichen Unglücks deppelt peinlich und doppelt rührend; Sie ſahen, wie die Mellge Leute dadurch ergriffen wurde, ... und ſie kannte den wahren Sachverhalt noch nicht, ſie wußte Nichts von der grauſamen Nothwendigkeit, die mich dieſen Morgen in das Haus zurückführt. Das Ge⸗ fühl dieſer Nothwendigkeit und der Anblick jener armen Mädchen in einer Zeit, wo ich meine harte Pflicht gegen ſie am Schmerzlichſten fühlte, erſchütterten mich, wie ein Mann von meinen Jahren und meinem Lebensberufe nicht oft durch ein Unglück, welches da iſt, oder eine Ge⸗ fahr, welche droht, erſchüttert wird. Ich habe mich heute früh noch nicht erholt, ich habe mich noch immer nicht ſelbſt wieder gefunden. — Die Faſſung eines Nannes, wenn er ein Mann iſt, wie Sie, kommt mit dem Augenblicke, der ſie von Ihnen fordert, ſagte Mr. Clare. Sie haben doch gewiß Pflichten zu erfüllen gehabt, welche in ihrer Art ſo ſchwere Prüfungen waren, als die Pflicht, welche Ihnen heute früh obliegt. Mr. Pendril ſchüttelte mit dem Kopfe. — Manche Pflichten, die eben ſo ernſter Natur waren, manche Geſchichten, die der Romantik mehr Stoff boten. Aber keine Pflicht, die eine ſolche Prüfung enthielte, keine Geſchichte, die ſo hoffnnngslos wäre, als dieſe. Nach dieſen Worten trennten ſie ſich. Mr. Pendril verließ den Garten und ging auf dem Anlagenwege, der gen Combe⸗Raven führte, weiter. Mr. Clare trat in ſeine Behauſung zurück. Als er den Durchgang erreichte, blickte er durch die offene Thür ſeines kleinen Beſuchszimmers und ſah Frank darin ſitzen in regungsloſem Schmerz, das Haupt müde auf die Hand gelehnt. wort er! gefallen haben, Fra Aufregu er. Se mehr ar letzter? ſeine W und Gr ſein To kommt, Die mit zag daß ich ſehen zu Mr eine kle ſollſt Er hatte, Bücher öffnete lichen 2 ab, un leeren ſein alt vorher disputit er das erzählen Wilti hart ge⸗ h geſtern gegen zu hter ent⸗ ten. Ich de dieſes rührend; n wurde, ch nicht, keit, die Das Ge⸗ armen ht gegen ch, wie nsberufe eine Ge⸗ ich heute cht ſelbſt kann iſt, n Ihnen Pflichten üfungen bliegt. waren, f boten. te, keine Pendril ge, der trat in urch die h Frank t müde 145 — Ich habe von Deinen Principalen in London Ant⸗ wort erhalten, ſagte Mr. Clare. In Erwägung des Vor⸗ gefallenen wollen ſie das Anerbieten, das ſie Dir gemacht haben, noch einen Monat offen erhalten. Frank wechſelte die Farbe und erhob ſich in nervöſer Aufregung vom Stuhle. — Sind meine Ausſichten anders geworden? fragte er. Sollen Mr. Vanſtones Pläne für meine Zukunft nicht mehr ausgeführt werden? Er ſagte Magdalenen, daß ſein letzter Wille für ſie geſorgt habe. Sie wiederholte mir ſeine Worte, ſie ſagte, ich ſollte wiſſen, was ſeine Güte und Großmuth für uns Beide gethan hätten. Wie kann ſein Tod dabei Etwas ändern? Iſt Etwas vorgefallen? — Warte, bis Mr. Pendril von Combe⸗Raven zurück⸗ kommt, ſagte ſein Vater. Frage ihn, mich frage nicht. Die ſchnell bereiten Thränen traten Frank ins Auge. — Du wirſt doch nicht hart gegen mich ſein? bat er mit zagender Stimme. Du wirſt doch nicht verlangen, daß ich nach London gehe, ohne Magdalenen zuvor ge⸗ ſehen zu haben? Mr. Clare ſah den Sohn gedankenvoll an und dachte eine kleine Weile nach, ehe er antwortete. — Du kannſt Deine Thränen trocknen, ſagte er. Du ſollſt Magdalenen ſehen, ehe Du zurückgehſt. Er verließ das Zimmer, als er dieſen Beſcheid gegeben hatte, und zog ſich in ſein Arbeitszimmer zurück. Die Bücher lagen bereit da zur Hand, wie gewöhnlich. Er öffnete eines derſelben und ſetzte ſich, um in der gewöhn⸗ lichen Weiſe zu leſen. Aber ſeine Aufmerkſamkeit ſchweifte ab, und ſeine Augen ſahen von Zeit zu Zeit nach dem leeren Stuhle gegenüber hin; dem Stuhle, auf welchem ſein alter Freund und Nachbar ſo manches, manches Jahr vorher geſeſſen und ſich mit ihm voll heiterer Laune herum⸗ disputirt hatte. Nach einem Kampfe mit ſich ſelbſt ſchloß er das Buch. — Der verwünſchte Stuhl! ſagte er, er wird von ihm erzählen, und ich muß zuhören. Wiltie Collins, Namenlos. 10 146 Er nahm ſeine Pfeife von der Wand und füllte ſie, ohne es zu wiſſen, mit Tabak. Seine Hand zitterte, ſeine Augen wanderten zurück zu der alten Stelle, und ein ſchwerer Seufzer rang ſich unwillkürlich aus ſeiner Bruſt. Der leere Stuhl war das einzige irdiſche Argument, für welches er keine Antwort fand: ſein Herz geſtand ſeine Niederlage ein und machte ſeine Augen thränenfeucht wider ſeinen Willen. — Er hat doch zuletzt die Oberhand über mich ge⸗ wonnen, ſagte der rauhe alte Mann. Es iſt eine weiche Stelle in mir übrig, und er hat ſie gefunden. Mittlerweile trat Mr. Pendril in die Anlagen und verfolgte den Weg, welcher zu dem einſamen Garten und dem verödeten Hauſe führte. Er begegnete an der Thür dem Bedienten, welcher anſcheinend ſeine Ankunft erwartete. — Ich habe eine Beſtellung zu Miſs Garth. Iſt ſie bereit mich zu ſprechen? — Ganz bereit, mein Herr. — Iſt ſie allein? — Ja, mein Herr.. — In dem Zimmer, das Mr. Vanſtones Arbeits⸗ zimmer war? — In demſelben Zimmer, mein Herr. Der Diener öffnete die Thür, und Mr. Pendril trat ein. Die Erzieherin ſtand allein an dem Bibliotheksfenſter. Der Morgen war drückend heiß, und ſie ſchob den untern Fenſterflügel in die Höhe,(In England ſind die Fenſter meiſt Schiebefenſter, aus einem obern und einem untern Theile beſtehend, eine Einrichtung, wie wir ſie bei uns annähernd in den Ladenfenſtern haben. W.], um mehr Luft in das Zimmer zu laſſen, als Mr. Pendril hereinkam. Sie machten vor einander Verbeugungen mit einer ſo förmlichen Höflichkeit, daß ſich dadurch auf beiden Seiten ein gewiſſes unliebſames Gefühl von Zurückhaltung aus⸗ ſprach. Mr. Pendril war einer von den vielen Männern, welche auf den oberflächlichen Beobachter einen höchſt un⸗ vortheilhaften Eindruck machen, ſobald ſie unter dem Ein⸗ fluſſe weil ſi auf de wage d in wel für gu ſie bet wurde welcher milder gens g Miſs eingefe des A verban gar N zwei 2 wöhnl als di die ein heimni in ſole Allein wickelt Pendr glaube piere! möchte N wort ſteheng Wort nunge Zimm ie, ohne e Augen ſchwerer Der welches lage ein Willen. nich ge⸗ eweiche gen und ten und r Thür wartete. Iſt ſie Arbeits⸗ trat ein. sfenſter. t untern Fenſter untern bei uns m mehr reinkam. einer ſo Seiten ug aus⸗ Lännern, ochſt un— em Ein⸗ 147 fluſſe ſtarker geiſtiger Aufregung ſtehen, welche ſie eben, weil ſie müſſen, zu beherrſchen verſuchen. Miſs Garth auf der andern Seite hatte die unangenehm auf die Gold⸗ wage der Fürſichtigkeit gelegten Worte keineswegs vergeſſen, in welchen der Sachwalter auf ihren Brief zu antworten für gut befunden hatte. Die natürliche Bangigkeit, welche ſie betreffs dieſer ihrer Unterredung zum Voraus fühlte, wurde alſo durch ein günſtiges Vorurtheil von dem Manne, welcher jene Unterredung nachſuchte, durchaus nicht ge⸗ mildert. Als ſie einander in der Stille des Sommermor⸗ gens gegenüber ſtanden, Beide ſchwarz gekleidet,— hier Miſs Garths harte Züge, infolge des friſchen Kummers eingefallen und hager, dort das kalte, farbloſe Angeſicht des Anwaltes, aus dem jeder hervorſtechende Ausdruck verbannt war, indem ſich nur Geſchäftsdrang, aber weiter gar Nichts ausſprach: ſo würde es ſchwer geweſen ſein, zwei Perſonen ausfindig zu machen, welche jedweder ge⸗ wöhnlichen Sympathie äußerlich ferner geſtanden hätten, als dieſe zwei, welche jetzt zuſammen gekommen waren, die eine zu erzählen, die andere zu hören, was für Ge⸗ heimniſſe der Todte hinterlaſſen habe. — Ich muß es äußerſt bedauern, Miß Garth, Ihnen in ſolcher Zeit wie dieſe iſt, beſchwerlich werden zu müſſen. Allein Umſtände ließen mir, wie ich Ihnen bereits ent⸗ wickelt habe, keine andere Wahl. — Wollen Sie ſich nicht eines Stuhles bedienen, Mr. Pendril? Sie wünſchten mich in dieſem Zimmer zu ſprechen, glaube ich? — Nur in dieſem Zimmer, da Mr. Vanſtones Pa⸗ piere hier aufbewahrt werden und ich es für nöthig finden möchte, mich mit einigen derſelben zu beſchäftigen. Nach dieſem formellen Austauſch von Frage und Ant⸗ wort ſetzten ſie ſich gegenüber an einen nahe beim Fenſter ſtehenden Tiſch.— Der eine Theil wartete darauf, das Wort zu ergreifen, der andere wartete darauf, die Eröff⸗ nungen zu hören. Es war einen Augenblick lang ſtill im Zimmer. Mr. Pendril brach dieſes Stillſchweigen, indem 10* 148 er die jungen Damen mit den gewöhnlichen Fragen und den gewöhnlichen Beileidsbezeugungen erwähnte. Miſs Garth antwortete ihm mit derſelben Förmlichkeit, in dem⸗ ſelben höflichen Tone. Es trat eine zweite Pauſe in der Unterhaltung ein. Das Summen der Fliegen in den Immergrüngebüſch unter dem Fenſter drang ſchläfrig in das Zimmer herein, und der ſchwere Schritt eines ſchwer⸗ füßigen Wagenpferdes, welches auf der Landſtraße an der Gartenmauer hintrabte, war in der Stille ſo hörbar, als wenn es Nacht geweſen wäre. Der Advocat raffte ſeine ſchlaffen Lebensgeiſter ent⸗ ſchloſſen zuſammen und ſprach in dieſem Sinne, als er die nächſten Worte vorbrachte. — Sie haben einigen Grund, Miſs Garth, begann er nicht ganz zufrieden zu ſein mit meinem frühern Benehmen gegen Sie, und zwar in einem Puncte. Während der tödtlichen Krankheit von Mrs. Vanſtone richteten Sie einen Brief an mich, der gewiſſe Fragen enthielt, welche zu beantworten mir, ſo lange ſie lebte, unmöglich war. Ihr beklagenswerther Tod entbindet mich der Zurückhaltung, welche ich mir ſelbſt auferlegt hatte, und geſtattet mir oder vielmehr verpflichtet mich zu reden. Sie ſollen erfahren, welche ernſten Gründe ich hatte, um Tag und Nacht hindurch zu wachen, in der Hoffnung, die Unter⸗ redung zu erhalten, welche unglücklicher Weiſe niemals ſtatt gefunden hat. Zur Rechtfertigung Mr. Vanſtones noch im Grabe werden Ihre eigenen Augen Sie über⸗ zeugen, daß er ſein Teſtament gemacht hat. Er erhob ſich, ſchloß eine kleine eiſerne Truhe in der Ecke des Zimmers auf und kehrte an den Tiſch zurück mit einigen zuſammen gebrochenen Bogen Papier, welche er vor Miſs Garths Augen aus einander brach. Als ſie die erſten Worte geleſen:„Im Namen Gottes, Amen!“ wandte er den Bogen um nnd zeigte auf das Ende der nächſten Seite. Sie ſah die wohlbekannte Unterſchrift:„Andreas Vanſtone.“ Sie ſah die gewöhnlichen Atteſte zweier Zeugen und das Datum der Urkunde, der einer mehr als fünf Jahre z vocat ih letzten W ihn frag meine ei — — kennen, tung vo Mif Er ob ſie i Ihnen! mögen Beihilf welche Umſtän Mund Mi Aeltern gehen, ich bed ſtones Augenl Si zurück die für vielleich überwe geword ſuchten in und Miſs n dem⸗ in der in den frig in ſchwer⸗ an der ar, als er ent⸗ er die gann er nehmen nd der e einen lche zu . Ihr altung, tet mir ſollen ag und Unter⸗ niemals inſtones e über⸗ in der kück mit elche er ſie die wandte nächſten Andreas Zeugen ls fünf 149 Jahre zurückliegenden Zeit angehörte. Nachdem der Ad⸗ vocat ihr ſo die Ueberzeugung von der Formrichtigkeit des letzten Willens beigebracht hatte, kam er ihr zuvor, ehe ſie ihn fragen konnte, und redete ſie mit folgenden Worten an: — Ich darf Sie nicht täuſchen, ſagte er. Ich habe meine eigenen Gründe, um dieſe Urkunde vorzubringen. — Was für Gründe, mein Herr? — Sie ſollen ſie hören. Wenn Sie dann die Wahrheit kennen, ſo dürften dieſe Seiten dazu beitragen, Ihre Ach⸗ tung vor dem Andenken Mr. Vanſtones zu erhalten... Miſs Garth fuhr auf ihrem Stuhl zurück. — Was meinen Sie damit? fragte ſie mit ernſter Haſt. Er achtete nicht auf die Frage, ſondern fuhr fort, als ob ſie ihn gar nicht unterbrochen hätte. —... Ich habe einen zweiten Grund, fuhr er fort, Ihnen das Teſtament zu zeigen. Wenn ich Sie dazu ver⸗ mögen kann, gewiſſe Clauſeln darin zu leſen, mit meiner Beihilfe, ſo werden Sie die Umſtände ſelber herausfinden, welche ich Ihnen kundzuthun hierher gekommen bin,— Umſtände ſo peinlicher Art, daß ich kaum weiß, wie mein Mund ſie Ihnen mittheilen ſoll. Miſs Garth ſah ihm unverwandt ins Angeſicht. — Umſtände, mein Herr, welche die verſtorbenen Aeltern oder die überlebenden Kinder angehen? —.. Welche beide, die Todten und die Lebenden an⸗ gehen, antwortete der Advocat. Umſtände, welche, wie ich bedauern muß zu ſagen, die Zukunft von Mr. Van⸗ ſtones unglücklichen Töchtern mit betreffen. — Warten Sie, ſagte Miſs Garth, warten Sie einen Augenblick. Sie ſtrich ihr altes graues Haar von ihren Schläfen zurück und kämpfte innerlich ihren Herzensjammer und die fürchterliche Schwäche des Schreckens nieder, welche vielleicht eine jüngere oder weniger entſchloſſene Frau überwältigt hätten. Ihre Augen, die vom Wachen trübe geworden waren, welche Kummersthränen geröthet hatten, ſuchten das unergründliche Angeſicht des Rechtsgelehrten. 150 — Seine unglücklichen Töchter?! wiederholte ſie wie im Traume. Spricht er doch, als ob es ein noch ſchlim⸗ meres Unglück gäbe, als das, welches ſie zu Waiſen ge⸗ macht hat... Sie hielt wieder einen Augenblick inne und raffte ihren ſinkenden Muth zuſammen. — Ich will Ihnen Ihre harte Pflicht, mein Herr, nicht noch peinlicher machen, als ich verhüten kann, begann ſie wieder. Zeigen Sie mir die Stelle in dem letzten Willen. Laſſen Sie mich ſie leſen und das Schlimmſte erfahren. Mr. Pendril wandte wieder zur erſten Seite um und deutete auf eine gewiſſe Stelle in den eingeklammerten Schriftzeilen.* — Fangen Sie hier an, ſagte er. Sie verſuchte anzufangen, ſie verſuchte ſeinem Finger zu folgen, wie ſie ihm bereits bei den Unterſchriften und den Daten gefolgt war. Allein ihre Sinne ſchienen an der Verwirrung ihres Geiſtes Theil zu nehmen, die Worte floſſen ihr durcheinander und die Zeilen ſchwammen vor ihren Augen. — Ich kann Ihnen nicht folgen, ſagte ſie. Sie müſſen es mir ſagen oder vorleſen. Sie rückte ihren Stuhl vom Tiſche ab und verſuchte ſich zu ſammeln. — Halten Sie ein! rief ſie, als der Advocat mit ſicht⸗ barer Ueberwindung und zögernd die Papiere ſelbſt zur Hand nahm.— Eine Frage erſt. Sorgt das Teſtament für ſeine Kinder? — Sein letzter Wille ſorgte für ſie, als er es machte. — Als er es machte?(Etwas von ihrer angeborenen Derbheit brach bei ihr durch, als ſie die Antwort wieder⸗ holte). Sorgt er jetzt für ſie? — Nein. Sie riß ihm das Teſtament aus der Hand und warf es in einen Winkel des Zimmers. — Sie denken wohl, ſagte ſie, mich ſo mehr zu ſchonen, aber Si ab. W dort lie die ganz Er dieſ em Wahl; Miſs C Ihr ſchien i mächtig ſtellte ſ ſie, laſſ im Sto in dene den S dauern neues gerichte ſagen l terläßt ein Ve Er leb ſelbe l würden er als würde nicht g aber n derhole erſten zum F März M e wie chlim⸗ en ge⸗ ihren Herr, egann letzten mmſte n und nerten Finger n und an der Worte in vor müſſen rſuchte t ſicht⸗ sſt zur tament machte. orenen vieder⸗ d warf chonen, 151 aber Sie verſchwenden Ihre Zeit und nutzen meine Kraft ab. Wenn der Wille unbrauchbar iſt, ſo laſſen Sie ihn dort liegen. Sagen Sie mir die Wahrheit, Mr. Pendril, die ganze Wahrheit und auf der Stelle mit eigenen Worten! Er fühlte, daß es eine unnütze Grauſamkeit wäre, dieſem Erſuchen nicht zu willfahren. Es blieb keine andere Wahl zum Erbarmen, als auf der Stelle zu antworten. — Ich muß Sie an das heurige Frühjahr erinnern. Miſs Garth. Können Sie ſich des vierten März entſinnen? Ihre Aufmerkſamkeit ſchweifte wieder ab, ein Gedanke ſchien ſich in dem Augenblicke, als er ſprach, ihrer be⸗ mächtigt zu haben. Anſtatt auf eine Frage zu antworten, ſtellte ſie ſelbſt eine Frage. — Laſſen Sie mich die Aufklärung ſelber ſuchen, ſagte ſie, laſſen Sie mich Ihnen vorgreifen, wenn ich es anders im Stande bin. Sein unnützes Teſtament, die Ausdrücke, in denen Sie von ſeinen Töchtern ſprechen, der Zweifel, den Sie zu empfinden ſcheinen bezüglich meines fort⸗ dauernden Reſpects vor ſeinem Andenken, haben mir ein neues Licht gegeben. Mr. Vanſtone iſt als zu Grunde gerichteter Mann geſtorben: iſt es Das, was Sie mir zu ſagen haben? — Weit entfernt, Mr. Vanſtone iſt geſtorben und hin⸗ terläßt ein Vermögen von über achtzig Tauſend Pfund, ein Vermögen, das in den beſten Sicherheiten angelegt iſt. Er lebte nach ſeinem Einkommen, aber niemals über daſ⸗ ſelbe hinaus. Alle ſeine Schulden zuſammen genommen würden noch nicht zweihundert Pfund betragen. Wenn er als zu Grunde gerichteter Mann geſtorben wäre, ſo würde ich ſeine Kinder ſehr bedauert haben, aber ich hätte nicht gezögert, Ihnen die volle Wahrheit zu ſagen. Jetzt aber nehme ich Anſtand. Laſſen Sie mich eine Frage wie⸗ derholen, die Sie, glaube ich, überhörten, als ich ſie zum erſten Male ſtellte. Leiten Sie Ihre Gedanken zurück zum Frühling dieſes Jahres. Können Sie ſich des vierten März entſinnen? Miſs Garth ſchüttelte mit dem Kopfe. 152* — Mein Gedächtniß für Daten iſt ſchlecht, wenn ich ausgezeichnet bei mir ſelber bin, ſagte ſie. Jetzt vollens bin ich zu verwirrt, um es ſofort ſicher Pugehen zu können. Können Sie Ihre F Frage nicht andersaſtel len? Er ſtellte ſie i in faſender Form: — Können Sie ſich eines Familienereigniſſes im Früh⸗ linge dieſes Jahres entſinnen, welches Mr. Vanſtone ſtärker als gewöhnlich zu berühren ſchien? Miſs Garth legte ſich auf ihrem Stuhle etwas vor und ſah Mr. Pendril aufgeregt über den Tiſch an. — Die Reiſe nach London! rief ſie aus. Es war mir mit dieſer Reiſe nach London von Aineaänd nicht recht richtig! Ja wohl! Ich entſinne mich, daß Mr. Vanſtone einen Brief erhielt, ich erinnere mich, wie er ihn las und ſo ganz verwandelt ausſah, daß er uns Alle erſchreckte. — Bemerkten Sie ein äußerlich wahrnehmbares Ein⸗ verſtändniß beider, Mr. und Mrs. Vanſtone, in Bezug auf den Inhalt des Briefes? — Ja wohl, bemerkte ich Das. Eins der Mädchen— es war Magdalene— erwähnte den Poſtſtempel, einen Ort in Amerika. Jetzt fällt mir Alles wieder ein, Mr. Pendril. Mrs. Vanſtone ſah ängſtlich aufgeregt aus in dem Augenblicke, wo ſie den Ort nennen hörte. Den Tag darauf gingen Beide nach London. Sie ſprachen ſich aber darüber weder gegen ihre Töchter, noch gegen mich näher aus. Mrs. Vanſtone ſagte nur, die Reiſe doſchahe in Fa⸗ mil ienangelegenheiten. Ich vermuthete etwas Schlimmes; ich konnte mir aber nicht klar werden, was. Mrs. Vanſtone ſchrieb mir aus London, indem ſie angab, ihr Zweck ſei einen Arzt zu befragen über den Stand ihrer Geſundheit, ſie habe ihre Töchter nicht erſchrecken wollen, ſonſt hätte ſie vorher davon geſprochen. Etwas in dem Briefe war damals beinahe kränkend für mich. Ich dachte, es möchte wohl noch ein anderer Grund vorliegen, welchen ſie vor mir verborgen hielte. That ich ihr Unrecht? — Sie thaten ihr nicht Unrecht. Es war allerdings noch ein ganz anderer Grund vorhanden, den ſie Ihnen verſchw offenba Geheim Alles u gethan. deutlich Mrs. 2 Jahres Ehe eine pl heftig z mit ſch. der ger in Gott Haus w warum In Mi den Ti Aeltern März, Mi Schein ihre An ihr Gei Er ſah, dieſer Er fühl und feſt ſchwerer ſagte er erſt die wird gl traurig enn ich vollens können. Früh⸗ ſtärker as vor ar mir t recht anſtone as und ockte. ss Ein⸗ Bezug chen— einen „ Mr. aus in / Tag ch aber näher in Fa⸗ immes; anſtone peck ſei ndheit, t hätte fe war möchte ſie vor erdings Ihnen 153 verſchwieg. Indem ich Ihnen nun dieſen Beweggrund offenbare, offenbare ich Ihnen zugleich das ſchmerzliche Geheimniß, welches mich in dieſes Haus geführt hat. Alles was ich gekonnt habe, Sie vorzubereiten, habe ich gethan. Laſſen Sie mich Ihnen nun die Wahrheit in den deutlichſten und kürzeſten Worten erzählen. Als Mr. und Mrs. Vanſtone Combe⸗Raven im März des gegenwärtigen Jahres verließen... Ehe er ſeinen Satz vollenden konnte, unterbrach ihn eine plötzliche Bewegung von Miſs Garth. Sie fuhr heftig zuſammen und ſah ſich nach dem Fenſter um. — Nur der Wind wars in den Zlättern, ſagte ſie mit ſchwacher Stimme. Meine Nerven ſind ſo erſchüttert, der geringſte Anlaß erſchreckt mich. Sprechen Sie weiter in Gottes Namen. Als Mr. und Mrs. Vanſtone dieſes Haus verließen,... ſagen Sie mir mit klaren Worten... warum gingen ſie nach London? In klaren Worten ſagte Mr. Pendril zu ihr: — Sie gingen nach London, um ſich trauen zu laſſen. Mit dieſen Worten legte er einen Streifen Papier auf den Tiſch. Es war der Trauſchein der verſtorbenen Aeltern, und das Datum, das er trug, war der zwanzigſte März, achtzehn hundert und ſechsundvierzig. Miſs Garth rührte ſich nicht, ſprach nicht. Der Schein lag unbeachtet zwiſchen Beiden da. Sie ſaß da, ihre Augen feſt auf das Geſicht des Advocaten geheftet, ihr Geiſt war betäubt, ihre Stimme verſagte den Dienſt. Er ſah, daß alle ſeine Bemühungen, um die Erſchütterung dieſer Enthüllung zu mildern, vergeblich geweſen waren. Er fühlte die dringende Wichtigkeit, ſie wieder aufzurichten, und feſt und deutlich vernehmbar wiederholte er die inhalt⸗ ſchweren Worte: — Sie gingen nach London, um ſich trauen zu laſſen, ſagte er. Verſuchen Sie ſich zu ermannen, verſuchen Sie erſt die einfache Thatſache feſtzuhalten. Die Erklärung wird gleich hinterdrein folgen. Miſs Garth, ich ſage die traurige Wahrheit! Im Frühling dieſes Jahres verließen 154 ſie das Haus, lebten vierzehn Tage in London in der ſtrengſten Zurückgezogenheit und wurden nach Ablauf dieſer Friſt vermittelſt Dispens getraut. Hier iſt eine Abſchrift des Trauſcheines, welche ich ſelbſt am vergangenen Montag erhielt. Leſen Sie den Tag der Trauung mit eigenen Augen. Es iſt Freitag, der zwanzigſte März, März dieſes Jahres. Als er auf den Schein zeigte, bewegte der ſchwache Luftzug in dem Gebüſch unter dem Fenſter, welchen Miſs Garth erſchreckt hatte, abermals die Blätter. Er hörte es diesmal ſelbſt und wandte das Geſicht, um den Wind über ſein Geſicht fächeln zu laſſen. Es kam kein Lüftchen, kein Luftzug, der ſtark genug war, daß er ihn fühlen konnte, ſtrömte ins Zimmer. Miſs Garth erhob ſich nun ſelbſt unwillkürlich und las den Schein. Er ſchien keinen beſtimmten Eindruck auf ſie zu machen, ſie legte ihn bei Seite mit einem verwirrten und gedankenloſen Blicke. — Zwölf Jahre, ſagte ſie mit leiſer verzweiflungsvoller Stimme..., zwölf ruhige glückliche Jahre lebte ich bei dieſer Familie. Mrs. Vanſtone war meine Freundin, meine theure hochgeſchätzte Freundin... meine Schweſter, kann ich wohl ſagen. Ich kann es nicht glauben. Haben ſie ein wenig Geduld mit mir, mein Herr; ich kann es noch immer nicht glauben. — Ich werde Ihnen zu Hilfe kommen, daß Sie es glauben lernen, wenn ich Ihnen mehr erzähle, ſagte Mr. Pendril. Sie werden mich beſſer verſtehen, wenn ich Sie zu der Zeit von Mr. Vanſtones früherm Leben zurück⸗ führe.. Ich will aber jetzt Ihre Aufmerkſamkeit nicht gleich wieder in Anſpruch nehmen. Laſſen Sie uns ein Weilchen warten, bis Sie ſich erholt haben. Sie warteten einige Minuten. Der Advocat nahm einige Briefe aus der Taſche, beſchäftigte ſich aufmerkſam mit denſelben und ſteckte ſie wieder ein. — Können Sie mich nun wieder anhören? fragte er freundlich. 1 Sie Mr. Rathe, das Bi Begriff nicht m beachten kennen! daß, al neunzeh Sei einen 2 ihn ken und nu Vaters Fabrika die Kind an der der älte ter Ma Selina heirathe dieſen deren f tern au von der lernte, Vater in der f dieſer bſchrift Nontag eigenen März chwache n Miſs r hörte n Wind üftchen, fühlen und las auf ſie wirrten gsvoller ich bei reundin, hweſter, Haben kann es Sie es gte Mr. ich Sie zurück⸗ eit nicht uns ein it nahm merkſam ragte er Sie nickte mit dem Kopfe zur Antwort. Mr. Pendril ging mit ſich ſelbſt einen Augenblick zu Rathe, dann ſagte er: — Ich muß Sie in einem Puncte beruhigen. Wenn das Bild von Mr. Vanſtones Charakter, welches ich im Begriff ſtehe Ihnen jetzt zu geben, in manchen Hinſichten nicht mit Ihren ſpätern Erfahrungen übereinſtimmt, ſo⸗ beachten Sie wohl, daß, als Sie ihn vor zwölf Jahren kennen lernten, er ein Mann von vierzig Jahren war und daß, als ich ihn kennen lernte, er ein junges Blut von neunzehn war. Seine nächſten Worte hoben den Schleier und ließen einen Blick thun, in die unwiderrufliche Vergangenheit.— Dreizehntes Capitel. — Das Vermögen, das Mr. Vanſtone beſaß, als Sie ihn kennen lernten, hob der Advocat an, war ein Theil und nur ein Theil der Erbſchaft, welche ihm bei ſeines Vaters Tode zufiel. Mr. Vanſtone der ältere war ein Fabrikant im Norden Englands. Er heirathete früh, und die Kinder aus ſeiner Ehe waren entweder ſechs oder ſieben an der Zahl, ich weiß es nicht genau. Der erſte, Michael, der älteſte Sohn, noch am Leben und jetzt ein hochbejahr⸗ ter Mann, iſt über die Siebenzig hinaus. Dann kommt Selina, die älteſte Tochter, welche in ſpäteren Jahren heirathete und nun ſeit zehn bis elf Jahren todt iſt. Nach dieſen Beiden kamen noch andere Söhne und Töchter, deren frühzeitiges Ableben es unnöthig macht, ſie des Brei⸗ tern aufzuführen. Das letzte und um viele Jahre jüngſte von den Kindern war Andreas, welchen ich zuerſt kennen lernte, wie geſagt, als er neunzehn alt war. Mein eigener Vater ſtand damals auf dem Puncte, ſich von dem 156 Betriebe ſeines Berufs zurückzuziehen. Da ich ſein Nach⸗ folger wurde, ſo erhielt ich als ſolcher auch ſeine Kund⸗ ſchaft, die Vanſtones, deren Sachwalter er war. — In jener Zeit war Andreas gerade ins Leben hin⸗ ausgetreten und hatte die militäriſche Laufbahn erwählt. Nachdem er etwas über Jahresfriſt im Vaterlande daheim gedient hatte, wurde er mit ſeinem Regiment nach Canada beordert. Als er England verließ, waren ſein Vater und ſein älterer Bruder Michael in ernſtlicher Mißhelligkeit mit einander. Ich brauche Sie nicht damit aufzuhalten, daß ich auf die Urſache ihrer Zerwürfniß näher eingehe. Ich habe Ihnen nur zu ſagen, daß der ältere Mr. Van⸗ ſtone bei manchen trefflichen Eigenſchaften ein Mann von ſtolzem und unnachgiebigem Charakter war. Sein älteſter Sohn hatte unter Umſtänden, die einen Vater von weit milderm Charakter mit Recht aufgebracht haben würden, ſeinen Unwillen erregt, und er erklärte in den unzwei⸗ deutigſten Ausdrücken, daß er niemals Michaels Antlitz wieder ſehen möchte. Trotz meiner Bitten und trotz der Gegenvorſtellungen ſeiner Gattin zerriß er in unſerm Bei⸗ ſein den letzten Willen, welcher Michaels Antheil an dem väterlichen Erbe feſtſtellte. Dies war die Lage der Familie, als der jüngere Sohn die Heimat verließ, um nach Canada zu rücken. — Einige Monate nach der Ankunft des Andreas und ſeines Regiments in Canada wurde er mit einer Frau von großen perſönlichen Reizen bekannt, welche aus einem der Südſtaaten von Nordamerika kam oder zu kommen vorgab. Sie erlangte einen unbeſchränkten Einfluß über ihn und mißbrauchte ſolchen auf die ſchlechteſte Art und Weiſe. Sie kannten den offenen, hingebenden und vertrauensvollen Charakter des Mannes in ſpäteren Jahren: Sie können ſich denken, wie er den Impulſen ſeiner Jugend ohne Ge⸗ danken an die Zukunft folgte. Es iſt unnütz, bei dieſem beklagenswerthen Theil der Geſchichte länger zu verweilen. Er war eben einundzwanzig Jahre alt. Für ſie, das unwür⸗ dige Weib, fühlte er eine verblendete Liebe, und ſie wußte ihn mi zu ſpät ging d nahm geweſer fürchten bis zur vermoc ken des vorübe ſie gefi Tagesl die We Jüngli Erfahr welches geſetzten an ſein ſchrieb, rettete ſcandal ganz un weil vo ſich vor an ihr wurde Ort zu mals i ihres wurden Maßre an dem halten. ihr au⸗ ſagen. n Nach⸗ e Kund⸗ ben hin⸗ erwählt. daheim Canada ater und zelligkeit uhalten, eingehe. tr. Van⸗ ann von älteſter don weit würden, unzwei⸗ Antlitz trotz der rm Bei⸗ an dem Familie, Canada reas und frau von inem der vorgab. ihn und d Weiſe. ensvollen e können ohne Ge⸗ ei dieſem erweilen. unwür⸗ jie wußte 157 ihn mit unbarmherzigen Ränken ſoweit zu führen, bis es zu ſpät war, zurückzutreten. Mit einem Worte, er be— ging den verhängnißvollen Mißgriff ſeines Lebens: er nahm ſie zur Frau. — Sie war in ihrem eigenen Intereſſe ſchlau genug geweſen, den Einfluß ſeiner Kameraden, der Offiziere, zu fürchten und ihn zu überreden, ihre beabſichtigte Verbindung bis zur Zeit der Vermälungsfeier geheim zu halten. Dies vermochte ſie durchzuſetzen. Nicht aber konnte ſie dem Wir⸗ ken des Zufalls vorbeugen. Kaum drei Monate waren vorüber, als eine zufällige Entdeckung das Leben, welches ſie geführt hatte, ehe ſie Mann und Frau waren, ans Tageslicht brachte. Es blieb ihrem Gemal nur eine Wahl, die Wahl, ſich augenblicklich von ihr zu trennen. — Die Wirkung der Entdeckung auf den unglücklichen Jüngling— denn ein Jüngling war er nur noch ſeiner Erfahrung nach— kann man aus dem Ereigniſſe erſehen, welches der Enthüllung folgte. Einer von Andreas vor⸗ geſetzten Offizieren fand ihn in ſeinem Quartier, wie er an ſeinem Vater ein Bekenntniß der traurigen Wahrheit ſchrieb, neben ſich ein geladenes Piſtol. Jener Offizier rettete den Jüngling vor Selbſtmord und vertuſchte die ſcandalöſe Geſchichte durch einen Vergleich. Da die Ehe eine ganz und gar geſetzmäßige war, und der Fehltritt des Weibes, weil vor der Trauung begangen, ihrem Gatten kein Recht gab, ſich von ihr ſcheiden zu laſſen, ſo war es nur möglich, ſich an ihren Eigennutz zu wenden. Ein hübſches Jahrgeld wurde ihr zugeſichert, unter der Bedingung, daß ſie an den Ort zurückkehre, wo ſie hergekommen wäre, daß ſie nie⸗ mals in England ſich betreten laſſe und daß ſie aufhöre, ihres Gatten Namen zu führen. Noch andere Abkommen wurden mit ihr vereinbart. Sie nahm ſie Alle an und Maßregeln wurden insgeheim getroffen, um ſie nachmals an dem Orte ihrer Zurückgezogenheit gut im Auge zu be⸗ halten. Was für ein Leben ſie dort führte und ob ſie die ihr auferlegten Bedingungen alle erfüllte, kann ich nicht ſagen. Ich kann Ihnen nur ſagen, daß ſie meines Wiſſens 158 niemals nach England kam, daß ſie niemals Mr. Vanſtone läſtig wurde und daß durch eine an Ort und Stelle in Amerika befindliche Mittelsperſon das Jahrgeld bis zum Tage ihres Todes ausbezahlt worden iſt. Alles was ſie durch die Heirath mit ihm hatte erlangen wollen, war Geld, und Geld erhielt ſie. — Zu gleicher Zeit hatte Andreas das Regiment ver⸗ laſſen. Nichts konnte ihn bewegen, ſeinen Kameraden, den Offizieren, nach Dem, was mit ihm vorgefallen war, unter die Augen zu treten. Er verkaufte ſein Patent*) und kehrte nach England zurück. Die erſte Kunde, die er bei ſeiner Rückkehr erhielt, war die Kunde von ſeines Vaters Tode. Er kam auf meine Amtſtube in London, bevor er nach Hanſe reiſte und erfuhr aus meinem Munde, wie der Familienzwiſt geendet hatte. — Das Teſtament, welches Mr. Vanſtone der Aeltere in meiner Gegenwart vernichtet hatte, war nicht durch ein anderes erſetzt worden, ſo viel ich wußte. Als man bei ſeinem Tode wie gewöhnlich nach mir ſchickte, ſo hegte ich die volle Erwartung, daß das Notherbrecht allein übrig bleibe, um die gewöhnliche Theilung unter ſeine Witwe und ſeine Kinder zu vollbringen. Zu meinem Erſtaunen kam jedoch unter ſeinen Papieren ein Teſtament zum Vorſchein, welches in aller Form aufgeſetzt und ausgeführt, ungefähr eine Woche nach der Zeit datirte, wo die erſte letztwillige Verfügung vernichtet worden war. Er hatte ſein Rachevorhaben gegen ſeinen älteſten Sohn beibehalten und ſich an einen fremden Anwalt wegen des geſetzlichen Beiſtandes gewendet, welchen er, wie ich zu ſeiner Ehre glaube, ſich von meiner Hand zu erbitten ſchämte. — Es iſt unnöthig, Sie mit den Beſtimmungen dieſes Teſtaments im Einzelnen zu behelligen. Es waren die Witwe und drei lebende Kinder zu bedenken geweſen. Die Witwe empfing nur eine Leibrente von einem Theile des *) In England ſind trotz unangenehmer Erfahrungen die Offiziers⸗ ſtellen noch heutigen Tages käuflich. W. Vermög wurde Drittel ſter, get von der Selina Fünf Te ausbeza unverſö — wie ſie dem To Selina — Nich Tauſend hundert zig Tar daß ich Jedes T zuſamm Mr. Vo wir von men, b chaels ſüchtige ſehr für —: ihm mit des M Vorſchl Allein Wege z auf mei Brief n zwiſcher welche mit der Vanſtone Stelle in bis zum ſie durch Held, und nent ver⸗ zmeraden, llen war, Patent*) de, die er on ſeines on, bevor unde, wie er Aeltere durch ein man bei hegte ich rig bleibe, und ſeine doch unter belches in ine Woche Berfügung ben gegen mfremden t, welchen ner Hand gen dieſes varen die eſen. Die Theile des ie Offiziers⸗ W. 159 Vermögens, das der Erblaſſer beſeſſen. Das Uebrige wurde zwiſchen Andreas und Selina, und zwar zu zwei Drittel für den Bruder, zu einem Drittel für die Schwe⸗ ſter, getheilt. Beim Tode der Mutter ſollte die Summe, von deren Intereſſen dieſelbe gelebt hatte, an Andreas und Selina in denſelben Verhältniſſen wie das Haupterbe fallen. Fünf Tauſend Pfund ſollten davon abgenommen und Michael ausbezahlt werden, als das einzige Erbtheil, welches der unverſöhnliche Vater ſeinem älteſten Sohne hinterließ. — Um in runder Zahl zu rechnen, ſtand die Theilung, wie ſie das Teſtament beſtimmte, folgendermaßen. Vor dem Tode der Mutter hatte Andreas ſiebzig Tauſend Pfund, Selina hatte fünfunddreißig Tauſend Pfund, Michael hatte — Nichts. Nach der Mutter Tode hatte Michael fünf Tauſend Pfund, während Andreas Erbe ſich auf einmal⸗ hundert Tauſend Pfund und Selinas Theil ſich auf fünf⸗ zig Tauſend Pfund ſteigerte.— Glauben Sie nur nicht, daß ich bei dieſer Seite des Gegenſtandes zu ſehr verweile. Jedes Wort, welches ich jetzt ſpreche, hängt mit Intereſſen zuſammen, welche noch in der Schwebe ſind und welche Mr. Vanſtones Töchter aufs Unmittelbarſte angehen. Da wir von der Vergangenheit nunmehr zur Gegenwart kom⸗ men, beherzigen Sie die ſchreckliche Ungleichheit von Mi⸗ chaels Erbe und Andreas Erbtheil. Das durch das rach⸗ ſüchtige Teſtament angethanene Unrecht iſt, wie ich nur zu ſehr fürchte, noch nicht zu Ende. — Andreas erſter Antrieb, als er die Nachricht, die ich ihm mitzutheilen hatte, hörte, war der offenen edlen Natur des Mannes vollkommen würdig. Er machte ſofort den Vorſchlag, ſein Erbe mit ſeinem ältern Bruder zu theilen. Allein hier gab es ein weſentliches Hinderniß aus dem Wege zu räumen. Ein Brief von Michael lag für ihn auf meiner Amtſtube bereit, als er hierher kam, und dieſer Brief warf ihm vor, die erſte Urſache der Entfremdung zwiſchen Vater und Sohn zu ſein. Die Anſtrengungen, welche er unvorſichtig und ungeſchickt, ich gebe es zu, allein mit der reinſten und wohlwollendſten Abſicht, das wußte 160 ich, gemacht hatte, um den Streit beizulegen, ehe er die Heimat verließ, waren durch die niederträchtigſte Ver⸗ drehung dahin ausgelegt worden, um eine Anklage wegen Verrath und Falſchheit zu erheben, welche jeden Mann bis ins Innerſte verletzt haben würde. Andreas fühlte, was auch ich fühlte, daß, wenn dieſe Unterſtellungen nicht zurückgenommen würden, bevor ſeine edelmüthige Abſicht in Betreff ſeines Bruders ausgeführt würde, der ledigliche Erfolg ihrer Ausführung nur auf eine thatſächliche An⸗ erkennung der Richtigkeit von Michaels Anſchuldigung hinauslaufen würde. Er ſchrieb an ſeinen Bruder in den verſöhnlichſten Ausdrücken. Die Antwort, welche er er— hielt, war ſo beleidigend, als Worte nur ſein können. Michael hatte eben ſeines Vaters Temperament geerbt, nicht gemil⸗ dert durch die beſſeren Eigenſchaften ſeines Vaters. Sein zweiter Brief wiederholte die in dem erſten enthaltenen Anſchuldigungen und erklärte, er würde die angebotene Theilung nur als einen Act der Ausgleichung und Wieder⸗ erſtattung von Andreas Theile betrachten. Ich ſchrieb zunächſt an die Mutter, um deren Einfluß walten zu laſſen. Sie war aber ſelbſt unwillig darüber, daß ihr nichts weiter als eine Leibrente von ihres Gatten Vermögen vermacht war. Sie hielt ſich entſchloſſen zu Michael, und ſie brand⸗ markte Andreas Anerbieten als einen Verſuch, ihren älte⸗ ſten Sohn dahin zu überliſten, daß er eine Anſchuldigung gegen ſeinen Bruder zurücknähme, welche jener Bruder nur zu begründet finden mußte. Nach dieſer letzten Ab⸗ weiſung konnte nun Nichts mehr gethan werden. Michael zog ſich auf den Continent zurück und ſeine Mutter folgte ihm dahin. Sie lebte lange genug und ſparte Geld genug von ihrem Einkommen, um bei ihrem Tode die fünf Tau⸗ ſend Pfund ihres ältern Sohnes anſehnlich zu vermehren. Er hatte vorher ſeine finanzielle Lage durch eine vortheil⸗ hafte Heirath verbeſſert, und er bringt jetzt als Witwer mit einem Sohne das Ende ſeiner Tage entweder in Frankreich oder der Schweiz zu. Wir werden auf ihn bald zurückkommen. In der Zwiſchenzeit, brauche ich wohl Ihnen n nie wied der mit ſie von Gegenw —( lage wa zurückkel auf der 2 ſeine M ſter ſpät denen er kern geif vielleicht Leben h fähig, di pfindung der Wel Kindern, er nun war me ſchauen, ließ er ſie und wa Londoner richtet; ſinken. wir geſte —( Leben ke liche So können ſ und ſittl zehn Jal erſten Abend a Wilkie ehe er die gſte Ver⸗ age wegen en Mann as fühlte, igen nicht ge Abſicht ledigliche liche An⸗ huldigung er in den che er er⸗ Michael cht gemil⸗ „s. Sein tthaltenen ngebotene „Wieder⸗ hh ſchrieb zu laſſen. dts weiter vermacht ie brand⸗ pren älte⸗ zuldigung Bruder tzten Ab⸗ Michael ter folgte eld genug inf Tau⸗ rmehren. vortheil⸗ Witwer weder in ihn bald ich wohl 161 Ihnen nicht noch zu ſagen, kamen Andreas und Michael nie wieder zuſammen, verkehrten auch ſchriftlich nicht wie⸗ der mit einander. Bei allen Vorhaben und Anläſſen waren ſie von jenen längſt entſchwundenen Tagen bis auf die Gegenwart für einander todt. — Sie können ſich nun denken, welches Andreas Lebens⸗ lage war, als er ſeinen Beruf verließ und nach England zurückkehrte. Im Beſitze eines Vermögens ſtand er allein auf der Welt, ſeine Zukunft geſtört in der Blüte des Lebens, ſeine Mutter und ſein Bruder ihm entfremdet, ſeine Schwe⸗ ſter ſpät verheirathet mit Intereſſen und Hoffnungen, an denen er keinen Theil nehmen konnte. Männer eines ſtär⸗ kern geiſtigen Calibers hätten ſich aus einer ſolchen Lage vielleicht in ein ſie ausſchließlich beſchäftigendes geiſtiges Leben hineingerettet. Er war dieſer Anſtrengung nicht fähig, die ganze Stärke ſeines Charakters lag in den Em⸗ pfindungen, welche er ſo verſchwendet hatte. Sein Platz in der Welt war das ruhige Leben zu Hauſe mit Weib und Kindern, um ſich glücklich zu fühlen. Dieſe Ausſicht hatte er nun ja für immer verloren. Rückwärts zu ſchauen, war mehr, als er über ſich vermochte. Vorwärts zu ſchauen, war mehr, als er konnte. In halber Verzweiflung ließ er ſich in ſeinem ungeſtümen Jugenddrange dahintreiben und warf ſich in die niedrigſten Ausſchweifungen eines Londoner Lebens. — Eines Weibes Falſchheit hatte ihn zu Grunde ge⸗ richtet; eines Weibes Liebe rettete ihn, als er anfing zu ſinken. Wir wollen nicht herbe von ihr ſprechen, welche wir geſtern mit ihm in das Grab gelegt haben. — Sie, die Sie Mrs. Vanſtone erſt in ihrem ſpätern Leben kennen lernten, wo Krankheit, Kummer und heim⸗ liche Sorge ſie verändert und traurig gemacht hatten, können ſich keine entſprechende Idee von ihren perſönlichen und ſittlichen Reizen machen, als ſie ein Mädchen von ſieb⸗ zehn Jahren war. Ich war bei Andreas, als er ſie zum erſten Male ſah. Ich hatte ihn wenigſtens für einen Abend aus ſeiner verdorbenen Geſellſchaft und ſeinen ent⸗ Wilkie Collins, Namenlos. 11 162 würdigenden Vergnügungen retten, herausreißen wollen, indem ich ihn dazu überredete, mit mir auf einen Ball zu gehen, welchen eine von den großen City⸗Geſellſchaften ver⸗ anſtaltet hatte. Da trafen ſie ſich. Sie machte einen ſtarken Eindruck auf ihn, in dem erſten Augenblicke, wo er ſie ſah. Für mich wie für ihn war ſie eine ganz fremde Perſon. Eine Vorſtellung bei ihr, welche ihn in der herkömm⸗ lichen Weiſe in ihre Nähe brachte, belehrte ihn, daß ſie die Tochter eines Herrn Blake war. Das Uebrige erfuhr er von ihr ſelbſt. Sie waren unbeobachtet in dem über⸗ füllten Ballſaal Partner im Tanze für den ganzen Abend. — Die Umſtände waren vom Anfang an gegen ſie. Sie war unglücklich zu Hauſe. Ihre Familie und ihre Freunde nahmen keine anerkannte Lebensſtellung ein: es waren halbſchürige Menſchen, gewö ilicher Schlag, in jeder Beziehung ihrer unwerth. Es war ihr erſter Ball, es war das erſte Mal, daß ſie mit einem Manne zuſammen kam, welcher die Erziehung, das Benehmen und die Sprache eines feinen Mannes an ſich hatte. Sind dies Entſchuldigungen für ſie, welche ich kein Recht habe, gel⸗ tend zu machen? Wenn wir ein menſchliches Gefühl für menſchliche Schwäche haben, gewiß nicht! — Die Begegnung jener Nacht entſchied über ihre Zu⸗ kunft. Als andere Begegnungen gefolgt waren und das Ge⸗ ſtändniß ihrer Liebe ihr entſchlüpft war, nahm es mit ihr den Verlauf, wie mit allen Anderen(in aller Unſchuld und Unerfahrenheit), was für Beide höchſt gefährlich wurde. Sein Freimuth und ſein Ehrgefühl verboten ihm, ſie zu täuſchen: er ſchloß ihr ſein Herz auf und ſagte ihr die Wahrheit. Sie war ein Mädchen von edlen Trieben, ſie hatte daheim keine Bande, welche ſie abgehalten hätten, ſie war leidenſchaftlich für ihn erglüht, und er hatte ſich an ihr Mitleid gewandt, was zur ewigen Ehre der Frauen diejenige Berufung iſt, der ſie am ſchwerſten widerſtehen. Sie ſah und ſah es ſehr richtig ein, daß ſie allein zwiſchen ihm und ſeinem Untergange ſtand. Die letzte? ab. nicht leicht zwingt ein fa Wahr tollen zeitige es, d das ſelbſt frei g Sie d urthei Neues liche die ch und d Fürſp ſpäter ſerer daß di ſchlief mehr heit. Mißg borge gegen ihrer Verw als, herau es Le n wollen, Ball zu aften ver⸗ hte einen ke, wo er 3z fremde herkömm⸗ , daß ſie ge erfuhr em über⸗ ganzen gegen ſie. und ihre ung ein: Schlag, hr erſter t Manne men und Sind dies abe, gel⸗ efühl für ihre Zu⸗ das Ge⸗ z mit ihr huld und h wurde. t, ſie zu ihr die eben, ſie t hätten, er hatte Ehre der chwerſten „ daß ſie nd. Die 163 letzte Ausſicht, ihn zu retten, hing von ihrer Entſcheidung ab. Sie entſchied und rettete ihn. — Verſtehen Sie mich nicht falſch, klagen Sie mich nicht an, daß ich die ernſte Frage unſerer Geſellſchaft zu leicht nehme, welche meine Erzählung mich zu berühren zwingt. Ich will ihr Andenken durchaus nicht etwa durch ein falſches Raiſonnement rechtfertigen; ich will nur die Wahrheit ſagen. Es iſt die Wahrheit, daß ſie ihn aus tollen Ausſchweifungen herausriß, welche mit ſeinem früh⸗ zeitigen Tode geendigt haben würden. Die Wahrheit iſt es, daß ſie ihn dem glücklichen Familienleben zurückgab, das Ihnen noch in friſcher Erinnerung lebt, deſſen er ſelbſt ſo dankbar gedachte, indem er an dem Tage, wo er frei geworden war, ſie zu ſeinem Weibe machte. Laſſen Sie der ſtrengen Sittlichkeit ihr Recht werden und ver⸗ urtheilen Sie ihren Jugendfehler. Ich müßte aber mein Neues Teſtament ohne Frucht geleſen haben, wenn die chriſt⸗ liche Milde das harte Urtheil über ſie nicht mildern, wenn die chriſtliche Liebe in der Liebe und Treue, in dem Leiden und dem Opfer ihres ganzen Lebens nicht einen mächtigen Fürſprecher für ihr Andenken finden ſollte. — Nur wenig Worte noch, und wir ſtehen bei einer⸗ ſpätern Zeit und bei Ereigniſſen, welche im Bereiche un⸗ ſerer eigenen Erfahrung liegen. — Ich brauche Sie nicht darauf aufmerkſam zu machen, daß die Stellung in welcher Mr. Vanſtone ſich nun befand, ſchließlich nur zu dem einen Erfolge führen konnte, zu einer mehr oder weniger unvermeidlichen Enthüllung der Wahr⸗ heit. Verſuche wurden gemacht, um das hoffnungsloſe Mißgeſchick ſeines Lebens vor Miſs Blakes Familie ver⸗ borgen zu halten, und dieſe Verſuche ſcheiterten natürlich gegenüber den raſtloſen Nachforſchungen ihres Vaters und ihrer Freunde. Was da geſchehen wäre, wenn ihre Verwandten zu der Claſſe gehört hätten, welche man als„achtbar“ zu bezeichnen pflegt, mag ich mir nicht herausnehmen zu entſcheiden. Wie die Sache lag, waren es Leute, die mit ſich, wie man zu ſagen pflegt, reden — 164 und Abkommen treffen laſſen. Der einzige überlebende Abkömmling der Familie iſt jetzt ein verbummelter Menſch, der ſich ſelber Hauptmann Wragge nennt. Wenn ich Ihnen ſage, daß er insgeheim den Preis ſeines Stillſchweigens von Mrs. Vanſtone bis auf die letzt erpreßte, und wenn ich hinzufüge, daß ſein Benehmen keine erhebliche Ausnahme macht von der Führung der anderen Verwandten bei ihren Lebzeiten, ſo werden Sie verſtehen, mit welcher Art von Leuten ich im Intereſſe meines Clienten zu thun hatte und mit welchen Mitteln ihre angenommene Entrüſtung beſchwichtigt wurde. — Nachdem Mr. Vanſtone und Miſs Blake zuerſt Eng⸗ land verlaſſen und ſich nach Irland gewendet hatten, blie⸗ ben ſie daſelbſt nachmals mehrere Jahre. Ein Mädchen, wie ſie noch war, faßte ſie ihre Stellung und die Anforde⸗ rungen, welche ſich damit verknüpften, ohne Furcht ins Auge. Hatte ſie ſich einmal entſchloſſen, ihr Leben dem Manne ihrer Liebe zu opfern, hatte ſie einmal ihr Ge⸗ wiſſen durch die Erwägung beſchwichtigt, daß ſeine Ver⸗ heirathung nur eine juriſtiſche Spiegelfechterei und daß ſie ſelbſt„ſein Weib vor Gottes Angeſicht“ ſei, ſo nahm ſie ſich zunächſt vor, dem einen und vornehmſten Ziele zuzu⸗ ſtreben, ſo mit ihm zu leben vor den Augen der Welt, daß ſich niemals der Verdacht erheben könnte, als ob ſie nicht ſeine rechtmäßig angetraute Ehefrau wäre. Es gibt wenig Frauen, welche nicht feſte Entſchlüſſe faſſen, ruhige Pläne entwerfen und raſch handeln können, wenn es die theuer⸗ ſten Intereſſen ihres Lebens angeht. Mrs. Vanſtone— ſie hat nunmehr, vergeſſen wir Das nicht, ein Recht auf dieſen Namen— Mrs. Vanſtone hatte mehr als das Durch⸗ ſchnittsmaß weiblicher Zähigkeit und weiblichen Tactes. Sie traf alle nöthigen Vorkehrungen in jenen früheren Jahren, welche ihres Gatten weniger leicht begreifendes Verſtändniß nicht herauszufinden wußte, Vorkehrungen, denen ſie die Bewahrung ihres Geheimniſſes in ſpäteren Zeiten vornehmlich zu danken hatten. — Dank dieſen Vorſichtsmaßregeln folgte ihnen kein Schate Sie li wegen entfer! dungen wandt ten. Seine welche meinſe er na Abweg Verwe vonſhi gericht ein gr waren dern Nachb ten, h als w eben ſ der jä viellei verrat Erwäß malie Manr etwa, worde gelebt vorfiel ſtören, kunft; Tod i ſahen, ebende kenſch, Ihnen us von un ich nahme ihren rt von hatte üſtung t Eng⸗ „blie⸗ jdchen, forde⸗ ht ins n dem r Ge⸗ Ver⸗ daß ſie hm ſie zuzu⸗ t, daß nicht wenig Pläne dieſen Durch⸗ Jactes. iheren fendes ingen, äteren 1 kein 165 Schatten von Verdacht, als ſie nach England zurückkehrten. Sie ließen ſich zuerſt in Devonſhire nieder, lediglich deß⸗ wegen, weil ſie dort von der nördlichern Grafſchaft weit entfernt waren, wo Mr. Vanſtones Familie und Verbin⸗ dungen bekannt waren. Von Seiten ſeiner lebenden Ver⸗ wandten hatten ſie keine neugierigen Forſchungen zu fürch⸗ ten. Er war gänzlich verſtoßen von Mutter und Bruder. Seiner verheiratheten Schweſter war es von ihrem Gatten, welcher ein Geiſtlicher war, unterſagt, irgend welche Ge⸗ meinſchaft mit ihm zu unterhalten, von der Zeit an, wo er nach ſeiner Rückkehr aus Canada auf die bedauerlichen Abwege gerathen war, wie ich ſie geſchildert habe. Andere Verwandte hatte er nicht. Als er und Miſs Blake De⸗ vonſhire verließen, war ihr nächſtes Augenmerk darauf gerichtet, ſich hierorts niederzulaſſen. Sie machten weder ein großes Haus, noch zogen ſie ſich gefliſſentlich zurück, ſie waren einfach glücklich in ſich ſelber, glücklich in ihren Kin⸗ dern und ihrem ruhigen ländlichen Leben. Die wenigen Nachbarn, welche ihren beſcheidenen Bekanntenkreis bilde⸗ ten, hatten keinen Verdacht, daß ſie etwas Anderes wären, als was ſie ſchienen. Die Wahrheit blieb in ihrem Falle eben ſo, wie in ſo manchen anderen Fällen unentdeckt, bis der jähe Unfall es an das Licht des Tages brachte. — Wenn bei Ihrer engen Vertraulichkeit mit ihnen es vielleicht ſonderbar erſcheint, daß ſie ſich niemals ſollten verrathen haben, ſo wollen Sie gefälligſt die Umſtände in Erwägung ziehen: Sie werden dann die ſcheinbare Ano⸗ malie begreiflich finden. Erinnern Sie ſich, daß ſie als Mann und Frau in jeder Art und Weiſe, ausgenommen etwa, daß die Trauungsformel nicht über ſie ausgeſprochen worden war, fünfzehn Jahre, ehe Sie in das Haus kamen, gelebt hatten. Bedenken Sie zugleich, daß kein Ereigniß vorfiel, welches Mr. Vanſtones Glück in der Gegenwart ſtören, ihn an die Vergangenheit erinnern oder an die Zu⸗ kunft gemahnen konnte, bevor die Anzeige von ſeines Weibes Tod in jenem Briefe aus Amerika, den Sie in ſeiner Hand ſahen, ihn erreichte. Wenn erſt von dieſem Tage an eine 166 Vergangenheit, die er verabſcheute, ihm gewaltſam wieder vor die Seele gerückt wurde, wenn eine Zukunft, welche ſie niemals gewagt hatte ſich vorauszudenken, ihr deutlich ſicht⸗ bar vor Augen ſtand, ſo werden Sie bald begreifen, wenn Sie es noch nicht begriffen haben, daß Beide bis dahin ſich ſelber täuſchten von einer Zeit zur andern und daß ihre unſchuldige Argloſigkeit und ihrer Kinder Argloſigkeit allein ſie hinderten, die Wahrheit zu entdecken. — Die traurige Geſchichte der Vergangenheit iſt nun⸗ mehr Ihnen ſo gut bekannt, als mir ſelbſt. Ich habe harte Worte zu ſagen gehabt. Gott weiß, wie ich ſie mit wahrer Anhänglichkeit für die Lebenden, mit wahrer Liebe für das Gedächtniß der Todten geſprochen habe. Er ſchwieg, wandte das Geſicht ein wenig zur Seite und legte ſein Haupt auf die Hand in der ruhigen anſpruchs⸗ loſen Weiſe, die ihm eigen war. Bis dahin hatte Miſs Garth ſeine Erzählung nur durch ein gelegentlich eingewor⸗ fenes Wort oder ein ſtummes Zeichen ihrer Aufmerkſam⸗ keit unterbrochen. Sie machte keine Anſtrengungen, ihre Thränen zu verbergen. Dieſe fielen ſchnell und ſchweigend über ihre eingefallenen Wangen, als ſie aufblickte und zu ihm ſprach: — Ich habe Ihnen in Gedanken einiges Unrecht gethan, mein Herr, ſagte ſie mit edler Einfachheit. Ich kenne Sie jetzt beſſer. Laſſen Sie mich Sie um Verzeihung bitten, geben Sie mir Ihre Hand. Dieſe Worte und die ſie begleitende Handlung rührten ihn tief. Er nahm ihre Hand ſchweigend. Sie war die Erſte, welche ſprach, die Erſte, welche das Beiſpiel wieder⸗ erlangter Faſſung gab. Es iſt einer von den edlen In⸗ ſtincten der Frauen, daß Nichts ſie mächtiger aufrichtet, um ihren eigenen Kummer zu bekämpfen, als der Anblick der Trauer eines Mannes. Sie trocknete ruhig ihre Thrä⸗ nen; ſie zog ruhig ihren Stuhl um den Tiſch herum, um näher bei ihm zu ſitzen, als ſie wieder ſprach. — Ich bin traurig darnieder gebeugt, Mr. Pendril, durch ſonſt w getrager Wollen gehen? zens, j für ihr die auf De wortete gefühl das T früher deutlie Verhe Vanſtt A Strär S ihren N caten ſtrebe eben hin. kann wieder che ſie hſicht⸗ wenn dahin d daß oſigkeit t nun⸗ ) habe ſie mit Liebe Seite bruchs⸗ Miſs gewor⸗ rkſam⸗ , ihre deigend und zu gethan, kenne eihung ührten Har die vieder⸗ en In⸗ richtet, Anblick Thrä⸗ n, um endril, 167 durch Das, was in dieſem Hauſe vorgefallen iſt, ſagte ſie, ſonſt würde ich Das, was Sie mir erzählt haben, beſſer getragen haben, als ich es gerade heute getragen habe. Wollen Sie mich noch eine Frage thun laſſen, bevor Sie gehen? Mein Herz jammern die Kinder meines Her⸗ zens, jetzt mehr als je meine Kinder. Iſt keine Hoffnung für ihre Zukunft? Bleibt ihnen keine andere Ausſicht als die auf Armuth? Der Advocat zögerte, bevor er die Frage beant⸗ wortete. — Sie ſind, ſagte er endlich, von dem Gerechtigkeits⸗ gefühl und der Gnade eines Fremden abhängig. — Wegen des Unglückes ihrer Geburt? — Durch das mannichfache Unglück, das auf die Ver⸗ heirathung ihrer Aeltern folgte. Mit dieſer erſchreckenden Antwort ſtand er auf, hob das Teſtament vom Boden auf und legte es an ſeine frühere Stelle auf die Tafel vor ihnen. — Ich kann Ihnen nur die Wahrheit ſagen in einer deutlichen Form des Ausdrucks, begann er wieder. Die Verheirathung hat dies Teſtament zerſtört und hat Mr. Vanſtones Töchter von ihrem Onkel abhängig gemacht. Als er ſprach, regte ſich der Luftzug wieder in den Sträuchern unter dem Fenſter. — Von ihrem Onkel? wiederholte Miſs Garth. Sie dachte einen Augenblick nach und legte plötzlich ihren Arm auf Mr. Pendrils Arm. — Doch nicht von Michael Vanſtone?! — Allerdings von Michael Vanſtone.— Miſs Garth hielt noch, ohne es zu wiſſen, des Advo⸗ caten Arm feſt. Ihr ganzer Geiſt war von dem Be⸗ ſtreben erfüllt, die Entdeckung ſich klar zu machen, welche eben auf ſie herein geſtürzt war. — Abhängig von Michael Vanſtone! ſagte ſie vor ſich hin. Abhängig von ihres Vaters bitterſtem Feinde? Wie kann Das ſein? — Schenken Sie mir Ihre Aufmerkſamkeit nur noch 168 fünf Minuten länger, ſagte Mr. Pendril, und Sie ſollen es hören. Je eher wir dieſe peinliche Unterredung zum Abſchluß bringen können, deſto eher kann ich mich mit Mr. Michael Vanſtone benehmen und deſto eher werden Sie er⸗ fahren, was er zu thun beſchließt für ſeines Bruders ver⸗ waiſte Töchter. Ich wiederhole Ihnen, daß ſie lediglich und ſchlechterdings von ihm abhängen. Sie werden ſehr bald einſehen, wie und warum? wenn wir die Kette der Ereigniſſe da aufnehmen, wo wir ſie fallen ließen,— in der Zeit, wo Mr. und Mrs. Vanſtone ſich trauen ließen. — Einen Augenblick, Herr! ſagte Miſs Garth. Wußten Sie das Geheimniß dieſer Verheirathung, als ſie ſtattfand? — Unglücklicherweiſe, nein. Ich war von London, von England zu jener Zeit abweſend. Wenn Mr. Vanſtone im Stande geweſen wäre, mir Mittheilung zu machen, als der Brief aus Amerika den Tod ſeiner Frau anzeigte, würde das Vermögen ſeiner Töchter jetzt nicht auf dem Spiele ſtehen. Er hielt inne und ſah, bevor er weiter ging, noch ein Mal in die Briefe, welche er ſchon früher ein Mal wäh⸗ rend der Unterredung zur Hand genommen hatte. Er nahm einen Brief aus den uͤbrigen heraus und legte ihn neben ſich auf den Tiſch. — Zu Anfang dieſes Jahres, begann er aufs Neue, machte ein ſehr ernſtes und dringendes Geſchäft in Ver⸗ bindung mit einem Beſitzthume in Weſtindien, welches einem alten Clienten und Freunde gehörte, entweder meine oder eines meiner Theilhaber Gegenwart auf gamaica nöthig. Einer von den Beiden konnte nicht entbehrt werden, der Andere war nicht ſo bei Geſundheit, daß er die Reiſe unternehmen konnte. Es war keine Wahl übrig, als daß ich gehen mußte. Ich ſchrieb an Mr. Vanſtone, erzählte ihm, daß ich Ende Februar England verlaſſen würde und daß die Natur des Geſchäfts, das mich hinwegrief, wenig Hoffnung ließe, daß ich vor Juni aus Weſtindien zurück⸗ kommen würde. Mein Brief war ohne beſondere Ver⸗ anlaſſung geſchrieben. Ich hielt es nur für angemeſſen, ihn, weil ich ſah, daß meine Aſſociés in die Privatan⸗ gelegen von me regel f war. ihm ge richt v reichte zurück. unterbe von Il ihm eir nach al melden Briefes beiten, hatten, einen Verhei an der hatte. waren Anthei niß zw ſter To zur Ze kannte jetzt be können Die ju hörte, verdand ihn in fällige ie ſollen ng zum mit Mr. Sie er⸗ ers ver⸗ lediglich den ſehr lette der 1,— in ließen. Wußten nttfand? on, von zanſtone zen, als würde eſtehen. ioch ein al wäh⸗ 6. Er gte ihn Neue, n Ver⸗ welches meine nöthig. i, der Reiſe als daß rzählte de und wenig zurück⸗ e Ver⸗ meſſen, vatan⸗ 169 gelegenheiten Mr. Vanſtones nicht eingeweihtwerden konnten, von meiner Abweſenheit in Kenntniß zu ſetzen, eine Maß⸗ regel formeller Vorſicht, die zu treffen gewiß ganz recht war. Ende Februar verließ ich England, ohne etwas von ihm gehört zu haben. Ich war auf der See, als die Nach⸗ richt von ſeiner Gattin Tode am vierten März ihn er⸗ reichte, und ich kehrte nicht eher, als Mitte letzten Junis zurück. — Sie ſetzten ihn von Ihrer Abreiſe in Kenntniß, unterbrach ihn Miſs Garth. Benachrichtigten Sie ihn auch von Ihrer Rückkehr? — Nicht perſönlich. Mein erſter Schreiber überſandte ihm eines von den Circulairen, welche von meinem Geſchäfte nach allen Seiten verſandt wurden, um meine Rückkehr zu melden. Es war das erſte Erſatzmittel eines perſönlichen Briefes, an das ich dachte, da der Drang zahlloſer Ar⸗ beiten, welche ſich in meiner langen Abweſenheit aufgehäuft hatten, mir nicht geſtattete, ſelbſt zu ſchreiben. Kaum einen Monat ſpäter erhielt ich die Nachricht von ſeiner Verheirathung durch einen Brief von ihm ſelbſt, den er an dem Tage des verhängnißvollen Unfalls geſchrieben hatte. Die Umſtände, welche ihn veranlaßten zu ſchreiben, waren Folgen eines Ereigniſſes, an welchem Sie einigen Antheil genommen haben müſſen, ich meine das Verhält⸗ niß zwiſchen Mr. Clares Sohne und Mr. Vanſtones jüng⸗ ſter Tochter. — Ich kann nicht ſagen, daß ich auf jenes Verhältniß zur Zeit gut zu ſprechen war, erwiderte Miſs Garth. Ich kannte damals das Familiengeheimniß nicht. Ich kenne es jetzt beſſer. — Ganz richtig. Der Grund, den Sie jetzt würdigen können, iſt der Grund, der uns zur Hauptſache bringt. Die junge Dame ſelbſt,— wie ich vom ältern Mr. Clare hörte, welchem ich meine Kenntniß der einzelnen Umſtände verdanke— geſtand dem Vater ihre Neigung und berührte ihn in aller Unſchuld aufs Empfindlichſte durch eine zu⸗ fällige Anſpielung auf ſein eigenes früheres Leben. Er 170 hatte eine lange Unterredung mit Mrs. Vanſtone, in wel⸗ cher Beide dahin überein kamen, daß Mr. Clare insgeheim von der Wahrheit unterrichtet werden müſſe, ehe das Ver⸗ hältniß zwiſchen den beiden jungen Leuten weiter fortgeſetzt werden dürfe. Es war für ihn wie die Gattin peinlich, ſich zu dieſem Schritt genöthigt zu ſehen. Aber ſie waren ent⸗ ſchloſſen, edelmüthig entſchloſſen, das Opfer ihrer eigenen Gefühle darzubringen. Mr. Vanſtone begab ſich ſofort in Mr. Clares Behauſung. Sie bemerkten ohne Zweifel eine auffallende Veränderung in Mr. Vanſtones Weſen an jenem Tage, und Sie können ſie ſich wohl jetzt erklären? Miſs Garth nickte bejahend mit dem Kopfe, und Mr. Pendril fuhr fort. — Sie ſind hinreichend unterrichtet von Mr. Clares Verachtung gegen alle geſellſchaftlichen Vorurtheile, fuhr er fort, um ſich zum Voraus ausmalen zu können, wie er das Bekenntniß, daß ihm ſein Nachbar ablegte, aufnahm. Fünf Minuten, nachdem die Unterredung begonnen hatte, ſtanden die beiden alten Freunde wieder ſo herzensleicht und un⸗ gezwungen zu einander wie gewöhnlich. Im Laufe der Unterredung erwähnte Mr. Vanſtone die Anordnung be⸗ treffs des Vermögens, welche er zu Gunſten der Tochter und ihres künftigen Gatten getroffen habe, und indem er Dies that, mußte er natürlich das Teſtament hier auf dem Tiſche zwiſchen uns erwähnen. Mr. Clare, welcher ſich erinnerte, daß ſein Freund erſt im März dieſes Jahres die Heirath vollzogen habe, fragte ihn plötzlich, wann das Teſtament aufgeſetzt worden wäre. Er erhielt die Ant⸗ wort, daß es vor fünf Jahren gemacht worden ſei. Darauf ſetzte er Mr. Vanſtone durch die unumwundene Mittheilung in Schrecken, daß in dem Falle das Document vor dem Geſetze ein Stück unnützes Papier ſei. Bis zu dieſem Augen⸗ blicke hatte Dieſer, wie viele andere Perſonen, kein Wort davon gewußt, daß vor dem Geſetze wie in der Geſellſchaft die Verheirathung eines Mannes als das wichtigſte Ereig⸗ niß in ſeinem Leben gilt, daß dieſelbe die Gültigkeit jedes Teſtaments aufhebt, das er als unverheiratheter Mann gemacht letztwillit erfordert Mr. Var Freund bis an ſ er plötzli Hauſe zi Er l ſprach⸗ u in wel⸗ geheim 1s Ver⸗ rgeſetzt ich, ſich ten ent⸗ eigenen pfort in Zweifel eſen an klären? nd Mr. Clares fuhr er er das n. Fünf ſtanden und un⸗ ufe der ung be⸗ Tochter ndem er auf dem her ſich )res die inn das ie Ant⸗ Darauf theilung vor dem Augen⸗ in Wort ſellſchaft e Ereig⸗ eit jedes Mann 171 gemacht hat, und daß es die erneuerte Beſtätigung ſeiner letztwilligen Verfügungen in ſeiner Eigenſchaft als Eheherr erfordert. Die Feſtftellung dieſer einfachen Thatſache ſchien Mr. Vanſtone zu überwältigen. Indem er erklärte, ſein Freund habe ihm da einen Dienſt erwieſen, den er ihm bis an ſein letztes Stündlein nicht vergeſſen werde, verließ er plötzlich die Wohnung Mr. Clares, kehrte ſofort nach Hauſe zurück und ſchrieb dieſen Brief. Er händigte den Brief Miſs Garth offen ein. Mit ſprach⸗ und thränenloſem Schmerz las Dieſe folgende Worte: Mein lieber Pendril! Seit wir uns zuletzt geſchrieben haben, hat in meinem Leben eine außerordentliche Veränderung ſtatt⸗ gefunden. Ungefähr eine Woche nach Ihrer Abreiſe erhielt ich eine Nachricht aus Amerika, welche mir anzeigte, daß ich frei wäre. Brauche ich Ihnen zu ſagen, welchen Gebrauch ich von jener Freiheit machte? Brauche ich Ihnen zu ſagen, daß die Mutter meiner Kinder nunmehr meine Gattin iſt? Wenn Sie erſtaunt ſind, daß Sie von dem Augen⸗ blicke an, wo Sie zurück ſind, Nichts von mir gehört haben, ſo ſchreiben Sie mein Schweigen zum großen Theile, wenn nicht ganz und gar, meiner bisherigen gänzlichen Unkenntniß der geſetzlichen Erforderniß, ein anderes Teſtament zu machen, zu. Erſt vor einer halben Stunde wurde ich durch meinen alten Freund Mr. Clare zum erſten Male darüber aufgeklärt, unter Umſtänden, welche ich Ihnen mündlich mittheilen will, wenn wir beiſammen ſind. Familienſorgen haben ebenfalls mit ihren Theil an meinem Schweigen. Meiner Gattin Entbindung iſt nahe bevorſtehend, und außer dieſer ernſten Beſorgniß iſt meine jüngſte Tochter bald dabei zu heirathen. Bevor ich heute Mr. Clare ſprach, hatten dieſe Angelegenheiten meinen Geiſt ſo in Anſpruch ge⸗ nommen, daß ich während des einen kurzen Monats nicht einen Augenblick daran dachte, Ihnen zu ſchreiben, 172 was ſeit Ihrer Rückkehr vorgefallen iſt. Jetzt, wo ich weiß, daß mein Teſtament aufs Neue gemacht werden muß, ſchreibe ich augenblicklich. Um Gottes Willen kommen Sie an dem Tage, wo Sie Dieſes erhalten — kommen Sie und erlöſen Sie mich von dem ſchreck⸗ lichen Gedanken, daß meine beiden geliebten Töchter in dieſem Augenblicke unverſorgt ſind. Wenn mir etwas zuſtoßen ſollte und wenn mein Wunſch, ihrer Mutter zu gerecht werden, wegen meiner kläglichen Rechtsunkenntniß damit endigte, Nora und Magdalene ohne Erbe zu hinterlaſſen, ſo würde ich keine Ruhe im Grabe haben! Kommen Sie, koſte es, was es wolle, zu Ihrem allezeit getreuen A V — Sonnabend früh, begann Mr. Pendril aufs Neue, fanden mich dieſe Zeilen. Ich ließ auf der Stelle alle anderen Geſchäfte ſtehen und liegen und fuhr zur Eiſenbahn. Auf dem Londoner Bahnhof hörte ich das erſte Wort von dem Unglücksfalle vom Freitag, hörte es aber mit ſich widerſprechenden Angaben von Zahl und Namen der ge⸗ tödteten Reiſenden. Zu Briſtol war man beſſer unter⸗ richtet, und die entſetzliche Wahrheit betreffs Mr. Vanſtone wurde beſtätigt. Ich hatte Zeit, mich von dem Schrecke zu erholen, ehe ich Ihre Station erreichte und Mr. Clares Sohn fand, der mich erwartete. Er nahm mich mit nach ſeines Vaters Hauſe, und dort entwarf ich, ohne einen Augenblick zu verlieren, Mrs. Vanſtones Teſtament. Meine Abſicht war, in der einzig möglichen Weiſe für ihre Töch⸗ ter zu ſorgen. Da Mr. Vanſtone ab intestato, ohne Te⸗ ſtament, geſtorben iſt, ſo würde ein Drittel ſeines Ver⸗ mögens auf ſeine Gattin fallen, der Reſt würde unter ſeine nächſten Anverwandten vertheilt werden. Es iſt die grau⸗ ſame Eigenthümlichkeit der engliſchen Geſetzgebung, daß die Vermälung der Aeltern die vor der Hochzeit geborenen Kinder nicht legitim macht. Mr. Vanſtones Töchter hatten unter den Umſtänden, wie ihr Vater geſtorben war, nicht mehr Anſpruch auf einen Antheil an ſeinem Eigenthume, als die einzige Al erholen n ihr Dritt wiſſen S Hoffnung aufrichtig ſenden zu Aber ſo l ſtone bein heirathun verbot mi — S Ihre Ber fuhr Mr rakter vo ließ das — ich m erzeugte im Beſit Beim To wenige 2 und derſe rechtmäß wandte i Seite, achtzig 2 Beſitz ül — Garth. — C ſprüchen gibt kein Kindes Leben w wenn m t, wo ich t werden 8 Willen erhalten n ſchreck⸗ Töchter denn mir ch, ihrer läglichen agdalene ne Ruhe es wolle, A. V. fs Neue, telle alle ſenbahn. Port von mit ſich der ge⸗ r unter⸗ Vanſtone Schrecke r. Clares mit nach ne einen Meine re Töch⸗ ne Te⸗ nes Ver⸗ ter ſeine wie grau⸗ ng, daß eborenen r hatten ar, nicht nthume, als die Töchter eines ſeiner Arbeiter im Dorfe. Die einzige Ausſicht war die, daß ſich ihre Biurter hinreichend erholen möchte, um ihnen für den Fall ihres Hintritts ihr Drittel zum Theilen letztwillig zu hinterlaſſen. Nun wiſſen Sie, warum ich an Sie ſchrieb in der ängſtlichen Hoffnung, in das Haus gerufen zu werden. Ich bedauerte aufrichtig, Ihnen auf Ihre Anfrage eine ſolche Antwort ſenden zu müſſen, als ich genöthigt war, zu ſchreiben. Aber ſo lange eine Hoffnung vorhanden war, Mrs. Van⸗ ſtone beim Leben zu erhalten, war das Geheimniß der Ver⸗ heirathung ihr, nicht mein Eigenthum, und die Discretion verbot mir in jeder Hinſicht, es zu enthüllen. — Sie hatten Recht, ſagte Miſs Garth, ich verſtehe Ihre Beweggründe und achte ſie. — Mein letzter Verſuch, die Töchter zu verſorgen, fuhr Mr. Pendril fort, wurde durch den gefährlichen Cha⸗ rakter von Mrs. Vanſtones Krankheit vereitelt. Ihr Tod ließ das Kind, welches ſie um wenige Stunden überlebte — ich meine, bemerken Sie wohl, daß in geſetzlicher Ehe erzeugte Kind— nach dem ordentlichen Laufe des Geſetzes im Beſitze des ganzen Vermögens von Mr. Vanſtone. Beim Tode des Kindes— wenn es die Mutter nur um wenige Augenblicke überlebt hätte, wäre der Erfolg ein und derſelbe geweſen— bekam der nächſte Verwandte des rechtmäßigen Nachkommen das Geld. Dieſer nächſte Ver⸗ wandte iſt nun eben des Kindes Oheim von väterlicher Seite, Michael Vanſtone. Das ganze Vermögen von achtzig Tauſend Pfund iſt jetzt eigentlich bereits in ſeinen Beſitz übergegangen. — Giebt es keine anderen Verwandten? fragte Miſs Garth. Iſt da keine Hoffnung auf irgend Jemand anders? — Es gibt keine anderen Verwandten mit ſolchen An⸗ ſprüchen wie Michael Vanſtone, ſagte der Advocat. Es gibt keine Großväter oder Großmütter des verſtorbenen Kindes(auf Seiten eines der Aeltern), welche noch am Leben wären. Es war ſchon nicht recht wahrſcheinlich, wenn man das Lebensalter von Mr. und Mrs. Vanſtone 174 bedenkt, als ſie ſtarben. Allein es iſt ein Unglück, das man mit vollem Recht beklagen muß, daß nämlich keine anderen Oheime oder Tanten leben. Es ſind noch Vettern am Leben, ein Sohn und zwei Töchter der ältern Schweſter Mr. Vanſtones, welche den Archidiakonus Bartram hei⸗ rathete und welche, wie ich Ihnen ſchon erzählte, vor einigen Jahren geſtorben iſt. Aber ihr Intereſſe iſt durch das Intereſſe des nähern Blutes bei Seite geſtellt. Nein, Miſs Garth, wir müſſen den Thatbeſtand, wie er liegt, entſchloſſen ins Auge faſſen. Das Geſetz von England, ſofern es die uneheliche Nachkommenſchaft betrifft, iſt ein Flecken für die Nation. Es verletzt alle Grundſätze der chriſtlichen Liebe, indem es die Fehler der Aeltern auf die Kinder überträgt. Es ermuntert das Laſter, indem es bei Vätern und Müttern das ſtärkſte aller Motive zur geſetzlichen Vollziehung der Ehe unwirkſam macht. Und dabei gibt es ſich noch das Anſehen, als bringe es dieſe zwei verdammungswerthen Wirkungen im Namen der Sitt⸗ lichkeit und Religion hervor. Anders verfügt das Geſetz von Schottland, anders das Geſetz von Frankreich, anders das Geſetz jedes andern geſitteten Gemeinweſens in Europa, ſo viel mir bewußt iſt. Ein Tag wird kommen, wo Eng⸗ land ſich deſſen ſchämen wird, aber dieſer Tag iſt noch nicht angebrochen. Mr. Vanſtones Töchter ſind Niemandes Kinder, und das Geſetz überläßt ſie ohne Hilfe der Gnade ihres Oheims. Er ſprach dieſe Worte mit dem Feuer einer edlen Ent⸗ rüſtung und erhob ſich. — Es iſt nutzlos, länger bei der Vergangenheit und der Gegenwart zu verweilen. Der Morgen geht zu Ende, und die Zukunft nimmt unſere Gedanken ſchon in Anſpruch. Der beſte Dienſt, den ich Ihnen noch leiſten kann, iſt, die Zeit Ihrer ängſtlichen Ungewißheit abzukürzen. In we⸗ niger denn einer Stunde werde ich auf dem Wege zurück nach London ſein. Unmittelbar nach meiner Ankunft will ich mich eiligſt in Verkehr ſetzen mit Mr. Michael Van⸗ ſtone und werde Sie das Ergebniß wiſſen laſſen. Traurig wie die ihr die dürfen p — nung vo Erbarm ſchon ge Laufe de er auf! auseina blicken. kein M ſchreckli Geldes ſonſt ni PendriJ wir laꝛ uns firn Seite den ge dem F Mittel zu beg komme Er zurück Vaters einer Garth die ha halb; Vater letzten ück, das lich keine Vettern Schweſter ram hei⸗ llte, vor iſt durch t. Nein, er liegt, England, , iſt ein ſätze der mauf die ndem es dtive zur ht. Und es dieſe der Sitt⸗ 1s Geſetz , anders Europa, wo Eng⸗ iſt noch temandes er Gnade dlen Ent⸗ heit und zu Ende, Anſpruch. „ iſt, die In we⸗ ge zurück unft will nel Van⸗ Traurig 175 wie die Lage der beiden Schweſtern jetzt iſt, werden wir ihr die beſte Seite abzugewinnen ſuchen müſſen. Noch dürfen wir die Hoffnung nicht ſinken laſſen. — Hoffnung? wiederholte Miſs Garth. Noch Hoff⸗ nung von Michael Vanſtone?! — Ja wohl, Hoffnung auf den Einfluß, wo nicht des Erbarmens, ſo doch der Zeit bei ihm. Wie ich Ihnen ſchon geſagt habe, iſt er jetzt ein Greis, er kann nach dem Laufe der Natur nicht mehr lange zu leben hoffen. Wenn er auf die Zeit zurückblickt, wo er und ſein Bruder zuerſt auseinander geriethen, ſo muß er dreißig Jahre zurück blicken. Sind das nicht mildernde Einflüſſe, denen ſich kein Menſch entziehen kann? Wird nicht die Kenntniß der ſchrecklichen Umſtände, unter welchen er in den Beſitz dieſes Geldes gekommen iſt, bei ihm Fürſprech ſein, wenn auch ſonſt nichts Anderes in ihm für uns ſpräche? — Ich will verſuchen, ſo zu denken, wie Sie, Mr. Pendril,— will verſuchen, das Beſte zu hoffen. Sollen wir lange in Ungewißheit bleiben, ehe die Entſcheidung uns findet? — Ich glaube nicht. Der einzige Verzug auf meiner Seite wird durch die Nothwendigkeit verurſacht werden, den gegenwärtigen Aufenthaltsort Michael Vanſtones auf dem Feſtlande ausfindig zu machen. Ich denke, ich habe Mittel in den Händen, dieſer Schwierigkeit mit Erfolg zu begegnen, und den Augenblick, wo ich nach London komme, werde ich dieſe Mittel in Anwendung bringen. Er ſetzte ſeinen Hut auf und kehrte dann an den Tiſch zurück, auf welchem des Vaters letzter Brief und des Vaters unnützes Teſtament neben einander lagen. Nach einer augenblicklichen Ueberlegung legte er Beides in Miſs Garths Hände. — Es mag Ihnen helfen, den verwaiſten Schweſtern die harte Wahrheit kund zu thun, ſagte er in ſeiner ruhigen halb zurückhaltenden Weiſe, wenn dieſelben ſehen, wie ihr Vater ihrer letztwillig gedenkt, wenn ſie ſeinen Brief, den letzten, den er jemals geſchrieben, leſen können. Laſſen Sie 176 dieſe Liebeszeichen ihnen ausſprechen, daß der einzige Ge⸗ danke in ihres Vaters Leben der Gedanke, ſeinen Kindern eine Genugthuung zu geben, war. — Sie mögen den Makel ihrer Geburt ſchmerzlich be⸗ klagen—, ſagte er mir zu der Zeit, als ich ſeinen jetzt unnützen letzten Willen aufſetzte,— aber ſie ſollen ſich nie über mich beklagen. Ich will ihnen Nichts in den Weg legen: ſie ſollen nie eine Sorge kennen lernen, die ich ihnen erſparen kann, oder einen Mangel, dem ich nicht abhelfe. — Er ließ mich dieſe Worte in ſeinen letzten Willen ſetzen, um für ihn zu ſprechen, wenn die Wahrheit, die er vor ſeinen Kindern bei Lebzeiten ſeiner verborgen gehalten, ihnen nach ſeinem Tode offenbar würde. Kein Geſetz kann ſeine Töchter des Erbtheils ſeiner Reue und ſeiner Liebe berauben. Ich laſſe Ihnen das Teſtament und den Brief da, um Ihnen dadurch eine Hilfe an die Hand zu geben: ich vertraue Beides Ihrer Sorgfalt an. Er ſah, wie ſeine Milde beim Abſchied ſie ergriff, und kürzte daher abſichtlich das Lebewohl ab. Sie faßte mit ihren beiden Händen ſeine Rechte und murmelte in ge⸗ brochenen Tönen einige Dankesworte. — Verlaſſen Sie ſich darauf, daß ich mein Beſtes thue, ſagte er, wandte ſich aus Mitgefühl jählings ab und verließ ſie. Im hellen fröhlichen Sonnenſchein war er gekommen, um die verhängnißvolle Wahrheit zu enthüllen. Im hellen, fröhlichen Sonnenſchein, nachdem er jene Wahrheit kund gemacht, ging er wieder. Vierzehntes Capitel. Es war faſt ein Uhr vorüber, als Mr. Pendril das Haus verließ. Miſs Garth ſaß wieder an dem Tiſche allein und ſuchte der Nothwendigkeit, welche das Ereigniß des Morgens ihr jetzt auferlegte, ins Auge zu ſehen. verſuchte Augenbl. Gedanke einer W unwillkü Aber Verſtorb haften. Stille u und ma Gegenw entgehen den Bri merklich tung der bis ſie d Magdal Die Freunde welches kam die hatte, u wieder legung! führt, a er in ſer Verluſt hatte, d kunft ſe des Gel hatte, d urtheilt Male ſ deutlich und das nenſchei Willie zige Ge⸗ Kindern zlich be⸗ nen jetzt llen ſich in den , die ich abhelfe. en ſetzen, er vor gehalten, ſetz kann er Liebe en Brief 1 geben: iiff, und aßte mit in ge⸗ Beſtes ings ab kommen, hellen, eit kund dril das Tiſche Ereigniß en. 177 Ihr Geiſt war der Anſtrengung nicht gewachſen. Sie verſuchte, den Druck auf denſelben zu mindern, einen Augenblick das Gefühl der eigenen Lage zu verlieren, ihren Gedanken nur auf einige Minuten zu entgehen. Nach einer Weile öffnete ſie Mr. Vanſtones Brief und begann unwillkürlich denſelben noch einmal durchzuleſen. Aber und abermals blieben ihr die letzten Worte des Verſtorbenen feſter und immer feſter in ihren Gedanken haften. Die ungeſtörte Einſamkeit, die ununterbrochene Stille unterſtützten den Einfluß derſelben auf ihr Gemüth und machten es jenen Eindrücken der Vergangenheit und Gegenwart zugänglich, welchen ſie doch eben ängſtlich zu entgehen trachtete. Als ſie zu den traurigen Zeilen, welche den Brief ſchloſſen, kam, fand ſie ſich unbewußt und un⸗ merklich zuerſt dabei, wie ſie die verhängnißvolle Verket⸗ tung der Ereigniſſe, Glied um Glied rückwärts verfolgte, bis ſie den Anfang in der beabſichtigten Verbindung zwiſchen Magdalene und Francis Clare erreichte. Dieſe Heirath hatte Mr. Vanſtone zu ſeinem alten Freunde geführt mit dem Bekenntniſſe auf den Lippen, welches ſonſt denſelben nimmer entſchlüpft wäre. Dann kam die Aufklärung, welche ihn nach Hauſe zurückgeführt hatte, um den Advocaten herzubeſcheiden. Dieſe Einladung wieder hatte die unvermeidliche Beſchleunigung und Ver⸗ legung von der Sonnabendreiſe auf den Freitag herbeige⸗ führt, auf den Freitag des Unglücksfalls, den Freitag, wo er in ſeinen Tod ging! Aus ſeinem Tode folgte der zweite Verluſt, der das Haus in Jammer und Elend geſtürzt hatte, die hilfloſe Lage der Töchter, deren glückliche Zu⸗ kunft ſeine heiligſte Sorge geweſen war, die Enthüllung des Geheimniſſes, welche ſie dieſen Morgen faſt erdrückt hatte, die noch ſchrecklichere Eröffnung, welche ſie nun ver⸗ urtheilt war, den Töchtern kund zu machen. Zum erſten Male ſah ſie die ganze Folge der Ereigniſſe, ſah ſie ſo deutlich, als das unbewölkte Blau des Himmelgewölbes und das grüne Farbenſpiel der Bäume draußen im Son⸗ nenſchein. Wilkie Collins, Namenlos. 12 178 Wie, wann konnte ſie es ihnen ſagen? Wer konnte ihnen mit der Enthüllung ihrer unehelichen Abkunft nahe treten, bevor ihr Vater und ihre Mutter eine Woche im Grabe ruhten? Wer konnte die ſchrecklichen Worte ſprechen, wo noch die erſten Zähren ihre Wangen benetzten, wo der erſte Trennungsſchmerz in ihren Herzen am Heftigſten war, wo die Erinnerung an die Beſtattung noch nicht einen Tag alt war? Nicht ihr letzter übriger Freund, nicht die gläu⸗ bige Frau, deren Herz um ſie blutete. Nein! für jetzt Stillſchweigen um jeden Preis, Stillſchweigen aus Er⸗ barmen für manche kommende Tage! Sie verließ das Zimmer, mit dem Teſtament und dem Brief in ihrer Hand, mit dem natürlichen, menſchlichen Mitleid im Herzen, welches ihren Lippen ein Siegel auf⸗ erlegte und ihre Augen abſichtlich der Zukunft verſchloß. In der Flur hielt ſie an und lauſchte. Nicht ein Ton war zu hören. Sie ſtieg leiſe die Treppe hinan auf dem Wege nach ihrem Zimmer und kam an der Thür von Noras Schlafgemach vorüber. Stimmen darin, die Stimmen der beiden Schweſtern, drangen an ihr Ohr. Nach einer augenblicklichen Ueberlegung hielt ſie ſich ſelbſt zurück, kehrte um und ſtieg raſch die Treppe wieder her⸗ unter. Beide, Nora und Magdalene, wußten von der Unterredung zwiſchen ihr und Mr. Pendrilt ſie hatte es für ihre Schuldigkeit gehalten, denſelben den Brief zu zeigen, welcher die Anmeldung deſſelben enthielt, konnte ſie deren Verdacht erwecken, dadurch daß ſie ſich in ihr Zimmer einſchloß, ſobald der Advocat das Haus verlaſſen hatte? Ihre Hand zitterte auf dem Treppengeländer, ſie fühlte, daß ihr Geſicht ſie verrathen würde. Die ſich ſelbſt verleugnende Tapferkeit, welche ſie bis auf dieſen Tag nie verlaſſen hatte, war doch endlich zu viel auf die Probe geſtellt worden: dieſelbe war doch zuletzt über ihr Ver⸗ mögen angeſpannt worden. In der Hausthür dachte ſie einen Augenblick nach und ging in den Garten; indem ſie ihre Schritte zu einer länd⸗ lichen Bank mit einem Tiſche ungeſehen vom Hauſe unter den Bo dort ge der and ſich tun Teſtam den zu ihr Ha verborg keln T drohend über N ſchwöre die We ſchreibe in der richtet ſich rin Umſtät nothwe doch w greifen lange, nach a macher Verzw Wie ſ Stimm S kleider anzuſc r konnte unft nahe Voche im ſprechen, „wo der ſten war, inen Tag die gläu⸗ für jetzt aus Er⸗ und dem nſchlichen jegel auf⸗ verſchloß. ein Ton auf dem chür von rin, die ihr Ohr. ſich ſelbſt eeder her⸗ von der hatte es Brief zu t, konnte ch in ihr verlaſſen inder, ſie Die ſich ieſen Tag die Probe ihr Ver⸗ nach und iner länd⸗ auſe unter 179 den Bäumen hinlenkte. In früheren Zeiten hatte ſie oft dort geſeſſen, auf der einen Seite Mrs. Vanſtone, auf der andern Nora mit Magdalenen und den auf dem Graſe ſich tummelnden Hunden. Jetzt ſaß ſie allein dort, das Teſtament und den Brief, welchen ſie nicht aus den Hän⸗ den zu laſſen ſich getraute, vor ſich auf den Tiſch gelegt, ihr Haupt darüber gebeugt, ihr Geſicht in ihren Händen verborgen. Allein ſaß ſie da und verſuchte, ihren ſinkenden Muth wieder aufzurichten. Trübe Gedanken bemächtigten ſich ihrer über die dun⸗ keln Tage der Zukunft, Furcht ergriff ſie vor der heimlich drohenden Gefahr, welche ihr eigenes Stillſchweigen gegen⸗ über Nora und Magdalene in naher Zukunft heraufbe⸗ ſchwören möchte. Ein einziger Augenblick konnte plötzlich die Wahrheit an den Tag bringen. Mr. Pendril konnte ſchreiben, konnte ſich perſönlich an die Schweſtern wenden in der natürlichen Ueberzeugung, daß ſie dieſelben unter⸗ richtet habe. Verwickelungen konnten in einem Augenblick ſich rings um ſie verſammeln; unvorhergeſehene, dringende Umſtände konnten ihr ſofortiges Verlaſſen des Hauſes nothwendig machen. Sie ſah alle dieſe Gefahren,— und doch war ihr der grauſame Muth, das Schlimmſte zu er⸗ greifen und zu reden ferner als je. Es dauerte nicht lange, ſo drängten die auf ſie einſtürmenden Gedanken nach außen, um ſich in Worten und Handlungen Luft zu machen. Sie erhob ihr Haupt und ließ ihre Hand in Verzweiflung auf den Tiſch fallen. — Gott ſtehe mir bei, was ſoll ich thun! rief ſie aus. Wie ſoll ich es ihnen ſagen? — Es iſt nicht nöthig, es ihnen zu ſagen, ſprach eine Stimme hinter ihr. Sie wiſſen es bereits. Sie fuhr plötzlich in die Höhe und blickte ſich um. Es war Magdalene, welche vor ihr ſtand, Magdalene, welche dieſe Worte geſprochen hatte. Ja dort ſtand die reizende Geſtalt in ihren Trauer⸗ kleidern, ſie ſtand da groß und ſchwarz und unbeweglich anzuſchauen gegenüber dem Blätterhintergrunde. Es war 12* Magdalene ſelbſt mit einer unveränderlichen Stille auf ihrem weißen Geſichte, mit einer eiſigen Ergebung in ihren feſten grauen Augen. — Wir wiſſen es ſchon, wiederholte ſie in vernehm⸗ barem, abgemeſſenem Tone. Mr. Vanſtones Töchter ſind Niemandes Kinder, und das Geſetz überläßt ſie ohne Gnade dem Erbarmen ihres Oheims. So wiederholte ſie ohne eine Thräne auf ihren Wangen, ohne ein Zittern in ihrer Stimme die eigenen Worte des Advocaten, genau ſo, wie er ſie geſprochen hatte. Miſs Garth fuhr einen Schritt zurück und faßte ſich an der Bank an, um ſich feſtzuhalten. Ihr Kopf ſchwindelte, ſie ſchloß ihre Augen in einer augenblicklichen Schwäche. Als ſie dieſelben wieder aufſchlug, wurde ſie von Magda⸗ lenens Arm unterſtützt, Magdalenens Athem wehte an ihrer Wange, Magdalenens kalte Lippen küßten ſie. Sie zog ſich vor dem Kuſſe zurück, die Berührung von des Mädchens Lippen erfüllte ſie mit durchbohrendem Entſetzen. Sobald ſie ſprechen konnte, ſtellte ſie die unvermeid⸗ liche Frage. — Sie hörten uns, ſagte ſie. Wo? — Unter dem offenen Fenſter. — Die ganze Zeit? — Von Anfang bis zu Ende. Sie hatte alſo, dieſes Kind von achtzehn Jahren, in der erſten Woche ihrer Verwaiſtheit die ganze ſchreckliche Enthüllung belauſcht, Wort für Wort, wie ſie von des Advocaten Lippen fiel, und hatte ſich niemals ſelbſt ver⸗ rathen! Von Anfang bis zu Ende waren die einzigen Be⸗ wegungen, die ihr entſchlüpft waren, ſo vorſichtig und leicht genug geweſen, um mit einem Streichen der Sommer⸗ luft durch die Blätter verwechſelt zu werden! — Verſuchen Sie noch nicht zu ſprechen, ſagte ſie in ſanfterm und milderm Tone. Sehen Sie mich nicht mit ſo ungläubigen Augen an. Was habe ich Unrechtes gethan? Als Mr. Pendril mit Ihnen über Nora und mich zu ſprechen wünſchte, ließ uns ſein Brief nur eine Wahl, entweder zubleiben wegzuble meine eig ich ausfi gerichtet. Schmerz um uns ſelbſt zu lernt es A2 Ich habe Sie Mädchen Auge ge war, un das Me Mädche eigenen ſchrecken Ma als ich Herz iſ Sie Garth ſtalt, n Bäume konnte ſie fort lange f dunklen No Divan Schoof ille auf in ihren ernehm⸗ tter ſind e Gnade f ihren eigenen en hatte. ſich an vindelte, ſchwäche. Magda⸗ dehte an ie. Sie von des Entſetzen. vermeid⸗ hren, in hreckliche von des lbſt ver⸗ igen Be⸗ htig und Sommer⸗ te ſie in ich nicht Unrechtes und mich ne Wahl, 181 entweder bei der Unterredung zugegen zu ſein oder weg⸗ zubleiben. Als meine ältere Schweſter ſich entſchloß, wegzubleiben, wie konnte ich da kommen? Wie konnte ich meine eigene Geſchichte hören, außer auf die Weiſe, welche ich ausfindig machte? Mein Lauſchen hat kein Unheil an⸗ gerichtet. Es hat Gutes gewirkt, es hat Ihnen den Schmerz erſpart, mit uns zu ſprechen. Sie haben ſchon um uns genug gelitten, es iſt Zeit, daß wir unſere Leiden ſelbſt zu tragen lernen. Ich habe es gelernt. Und Nora lernt es auch. — Nora?! — Ja. Ich habe Alles gethan, um Sie zu ſchonen. Ich habe Nora in Kenntniß geſetzt. Sie hatte Nora in Kenntniß geſetzt! War dieſes Mädchen, deſſen Muth die ſchreckliche Nothwendigkeit ins Auge gefaßt hatte, vor der ein Weib, welches alt genug war, um deren Mutter ſein zu können, zurück gebebt war, das Mädchen, das Miſs Garth auferzogen hatte? Das Mädchen, deſſen Charakter und Weſen ſie ſo gut als ihren eigenen zu kennen glaubte? — Magdalenel rief ſie leidenſchaftlich aus, Sie er⸗ ſchrecken mich! Magdalene ſeufzte nur und wandte ſich matt hinweg. — Verſuchen Sie nicht, Schlimmes von mir zu denken, als ich verdiene, ſagte ſie. Ich kann nicht weinen. Mein Herz iſt ſtarr geworden. Sie hob ſich langſam über das Gras hinweg. Miſs Garth folgte mit den Augen der großen ſchwarzen Ge⸗ ſtalt, wie ſie allein hinweg ſchwebte, bis ſie unter den Bäumen verſchwand. So lange dieſelbe in Sicht war, konnte ſie nichts Anderes denken. In dem Augenblicke, daß ſie fort war, dachte ſie an Nora. Zum erſten Male, ſo lange ſie die Schweſtern kannte, drängte ſie ihr Herz in dunklem Gefühle zu der ältern von den Beiden hin. Nora war noch auf ihrem Zimmer. Sie ſaß auf dem Divan am Fenſter, das Notenbuch ihrer Mutter auf dem Schooße aufgeſchlagen, die Mappe, welche Mrs. Vanſtone 182 in ihres Gatten Arbeitszimmer gefunden hatte. Sie ſchaute auf von derſelben mit ſo ruhigem Kummer und zeigte mit ſo ungezwungener Freundlichkeit auf den leeren Platz an ihrer Seite, daß Miſs Garth einen Augenblick mae war, ob Magdalene die Wahrheit geſprochen ätte. — Sehen Sie, ſagte Nora einfach, indem ſie das erſte Blatt des Notenbuchs umwandte. Meiner Mutter Namen darin geſchrieben, auf der andern Seite einige Verſe an meinen Vater. Wir wollen Dies für uns behalten, wenn wir auch ſonſt Nichts behalten. Sie legte ihren Arm um Miſs Garths Nacken, und ein ſchwacher Anflug von Farbe flog leiſe über ihre Wangen. — Ich ſehe ängſtliche Gedanken in Ihrem Geſichte, flüſterte ſie. Sind Sie um mich in Angſt? Zweifeln Sie, daß ich es vernommen habe? Ich habe die ganze Wahrheit gehört. Ich möchte ſie ſpäter bitterer empfunden haben, jetzt iſt es noch zu bald, um ſie ſchon zu fühlen. Sie haben Magdalenen geſprochen? Sie ging, um Sie zu ſuchen,... wo verließen Sie die Schweſter? — Im Garten. Ich konnte nicht mit ihr ſprechen, ich konnte ſie nicht anſehen. Magdalene hat mich erſchreckt. Nora erhob ſich ſchnell, erhob ſich, durch Miſs Garths Antwort aufgeſchreckt und bekümmert. — Denken Sie nicht ſchlimm von Magdalenen, ſagte ſie. Magdalene leidet im Stillen mehr, als ich. Machen Sie ſich keinen Kummer über Das, was Sie dieſen Morgen über uns gehört haben. Was kommt darauf an, wer wir ſind, oder was wir behalten oder verlieren? Was für einen Verluſt gibt es für uns jetzt nach dem Verluſt von Vater und Mutter? Ach, Miſs Garth, Das iſt der ein⸗ zige Schmerz! An was dachten wir, als wir ſie geſtern ins Grab ſenkten? An die Liebe, die ſie uns ſchenkten, die Liebe, auf welche wir niemals wieder hoffen dürfen. An was Anderes können wir heute denken? Welche Verän⸗ derung können die Welt und die grauſamen Geſetze der Welt in unſerer Erinnerung an den liebreichſten Vater, die liebe⸗ vollſte 2 vorbring Sie und zwe ſie doch erſten? ihren S ob ſie! hätten Sie ha lichen! forſcht. in all in dem geſtellt gegang hatte, uthei ge 8 Ge vorlegt trübt Gi äußerl uns u⸗ Form Anlag die C ganz! loſoph Sie ner und t leeren genblick ſprochen as erſte Namen zerſe an n, wenn en, und Vangen. Heſichte, An Sie, zahrheit haben, e haben zen,... prechen, ſchreckt. Garths —, ſagte Machen Morgen ver wir zas für uſt von der ein⸗ geſtern ten, die ein. An Verän⸗ er Welt ie liebe⸗ 183 vollſte Mutter, deren ſich je Kinder erfreut haben, her⸗ vorbringen?... Sie hielt inne, kämpfte mit ihrem Herzensjammer und zwang ihn ruhig und entſchloſſen nieder. — Wollen Sie hier warten? ſagte ſie, indeß ich gehe und Magdalenen zurückbringe? Magdalene war immer Ihr Liebling. Ich will, daß ſie noch jetzt Ihr Liebling ſei. Sie legte das Notenbuch ſanft auf Miſs Garths Schooß und verließ das Zimmer. — Magdalene war immer Ihr Liebling. So liebevoll dieſe Worte geſprochen waren, ſo drangen ſie doch wie ein Vorwurf in Miſs Garths Ohr. Zum erſten Male in der langen Gemeinſchaft zwiſchen ihr und ihren Schützlingen drang ſich ihrem Geiſte ein Zweifel auf, ob ſie und Alle um ſie her ſich nicht verhängnißvoll geirrt, hätten in ihrer gegenſeitigen Abſchätzung der Schweſtern.“ Sie hatte die Naturen der beiden Schützlinge in dem täg⸗ lichen Umgange eines Zeitraumes von zwölf Jahren er⸗ forſcht. Dieſe Naturen nun, welche ſie, wie ſie glaubte, in all ihren Tiefen ergründet hatte, waren nun auf einmal in dem ernſten Gottesgericht des Unglücks auf die Probe geſtellt worden. Wie waren ſie aus der Prüfung hervor⸗ gegangen? Wie ihre frühere Erfahrung ſie vorbereitet hatte, ſie hervorgehen zu ſehen? Nein, in geradem Ge⸗ gentheil. Was war die nächſte Folge einer ſolchen Wirkung? Gedanken kamen ihr, als ſie ſich ſelber die Frage vorlegte, welche uns Alle ſelbſt betroffen gemacht und be⸗ trübt haben. Gibt es in jedem menſchlichen Weſen unter dem äußerlichen und ſichtbaren Charakter, welcher durch die uns umgebenden geſellſchaftlichen Einflüſſe eine beſtimmte Form angenommen hat, noch eine tief innere, unſichtbare Anlage, welche einen Theil unſeres Selbſt bildet, welche die Erziehung mittelbar verändern, aber nimmermehr ganz umzuwandeln hoffen darf? Wenn irgend welche Phi⸗ loſophen Dieſes leugnen und behaupten, daß wir mit An⸗ 184 lagen geboren werden, welche einem Blatte unbeſchriebenen Papieres gleichen: iſt dieſen Philoſophen nicht entgangen, daß wir auch nicht mit unbeſchriebenen Geſichtern geboren werden, haben dieſe Philoſophen niemals zwei Kinder, die nur wenige Tage alt ſind, mit einander verglichen und bemerkt, daß dieſe Kinder nicht geboren ſind mit un⸗ beſchriebenen Charakteren, denen erſt Mütter und Ammen einen Inhalt zu geben brauchen? Gibt es unendlich ver⸗ ſchieden bei jedem Einzelweſen tief angeborene gute und böſe Mächte in uns Allen, fern entrückt dem Einfluſſe ſterblicher Ermunterung und ſterblicher Bekämpfung, ver⸗ borgenes Gutes und verborgenes Schlimmes, Beides gleichmäßig nur auf die Gelegenheit harrend, die es frei macht, und auf die Verſuchung, welche gerade ſtark genug iſt? Sind innerhalb dieſer irdiſchen Schranken die Um⸗ ſtände immer der Schlüſſel, und kann uns keine menſchliche Wachſamkeit vor den in uns gefangen gehaltenen Mächten, welche jener Schlüſſel freilaſſen kann, vorher warnen? Zum erſten Male erhoben ſich Gedanken dieſer Art dunkel in Miſs Garths Seele, wie ſchreckliche und finſtere Möglichkeiten. Zum erſten Male vereinigte ſie jene Mög⸗ lichkeiten mit dem frühern Benehmen und Weſen, mit dem künftigen Leben und Schickſale der verwaiſten Schweſtern. Indem ſie wie in einem Spiegel dunkel die beiden Charaktere zu erkennen ſuchte, tappte ſie von einem Zweifel zum andern, von einer möglichen Wahrheit auf die andere fort. Wohl möchte es der Fall ſein, daß die äußere Oberfläche von den Charakteren Alles war, was ſie bis jetzt bei Nora und Magdalene deutlich geſehen hatte. Möglich, daß die abſtoßende Zurückhaltung und Verſchloſ⸗ ſenheit der einen Schweſter, die anziehende Offenheit und Aufgewecktheit der andern, Jedes für ſich, mehr oder weniger auf jene leiblichen Urſachen zurückzuführen waren, welche gegenüber der Erzeugung ſittlicher Erfolge wirkſam ſind. Möglich, daß unter einer ſo geſtalteten Oberfläche, einer Außenſeite, welche bisher in dem glücklichen, heitern, ereig⸗ nißloſen Leben der Schweſtern durch Nichts zerſtört wurde, eigene die Mö borgen in ihren Dieſes: Straler Außenſe durch do Wenn beſtimm ſchlumn jüngern licher K zu werd Am Miſs 6. Frauen in ihrer welcher erhob ſ bebte n kette zu durchge mente war es ſchlimn dieſe P den erſt wartet, kannte keit zur edelſten gehen! reicher zuerſt! in der rebenen gangen, geboren Kinder, rglichen nit un⸗ Ammen ich ver⸗ ate und influſſe g, ver⸗ Beides es frei k genug ie Um⸗ iſchliche Lächten, en? ſer Art finſtere e Mög⸗ nit dem veſtern. beiden einem auf die aß die , was n hatte. rſchloſ⸗ eit und veniger welche m ſind. „ einer ereig⸗ wurde, 185 die Mächte einer angeborenen eingewurzelten Anlage ver⸗ borgen lagen, welche der Stoß des erſten ſchweren Unglücks in ihrem Leben ans Tageslicht gebracht hatte. War es Dieſes? Blickte eine verheißende Zukunft mit prophetiſchen Stralen durch das Schattendunkel der verſchloſſenen Außenſeite Noras und düſter mit prophetiſcher Glut durch das Flitterwerk der launigen Außenſeite Magdalenens? Wenn das Leben der ältern Schweſter von nun ab dazu beſtimmt war, das Erntefeld des unentwickelt in ihr ſchlummernden Guten zu werden, war da das Leben der jüngern Schweſter dazu verurtheilt, der Tummelplatz tödt⸗ licher Kämpfe mit den in ihr erweckten Mächten des Böſen zu werden?...— Am Rande dieſer ſchrecklichen Schlußfolgerung bebte Miſs Garth unwillig zurück. Ihr Herz war ein wahres Frauenherz. Es nahm die Ueberzeugung, welche Nora in ihrer Liebe höher hob, willig hin; es wies den Zweifel, welcher Magdalenen tiefer zu ſtellen drohte, zurück. Sie erhob ſich und ſchritt unruhig durch das Zimmer. Sie bebte mit plötzlichem Unwillen vor der ganzen Gedanken⸗ kette zurück, welche ihr Geiſt eben im Augenblicke vorher durchgemacht hatte. Wie, wenn wirklich gefährliche Ele⸗ mente in der Stärke von Magdalenens Charakter lagen,. war es da nicht ihre Pflicht, dem Mädchen gegen ſein ſchlimmeres Selbſt Beiſtand zu leiſten? Wie hatte ſie dieſe Pflicht erfüllt? Sie hatte ſich von der erſten Furcht, den erſten Eindrücken leiten laſſen; ſie hatte nicht einmal ge⸗ wartet, bis ausgemacht war, ob nicht Magdalenens offen be⸗ kannte Handlung von dem Morgen eine aufopfernde Tapfer⸗ keit zur Vorausſetzung hatte, welche im ſpätern Leben die edelſten und erhabenſten Erfolge verſprach. Sie hatte Nora gehen und jene Worte voll zärtlicher Vorwürfe, voll lieb⸗ reicher Fürbitte ſprechen laſſen, welche ſie eigentlich ſelbſt zuerſt hätte ſagen ſollen. — Ach, ſagte ſie ſich mit Schmerz, wie lange habe ich in der Welt gelebt und wie wenig habe ich bis jetzt meine eigene Schwäche und Fehle gekannt! Die Thür des Zimmers öffnete ſich. Nora kam her⸗ ein, allein, wie ſie gegangen war. — Erinnern Sie ſich Etwas vergeſſen zu haben auf dem kleinen Tiſche vor der Gartenbank? fragte ſie ruhig. Bevor Miſs Garth die Frage beantworten konnte, hielt ſie Derſelben ihres Vaters Teſtament und ihres Vaters Brief entgegen. — Magdalene kam zurück, nachdem Sie ſchon weg waren, ſagte ſie, und fand dieſe letzten Reliquien. Sie hörte Mr. Pendril ſagen, Dies wäre ihr und mein Erbtheil. Als ich in den Garten ging, las ſie den Brief. Es war nicht nöthig mit ihr zu ſprechen: unſer Vater hatte mit ihr aus ſeinem Grabe heraus geſprochen. Sehen Sie, wie ſie auf ihn gelauſcht hat! Sie zeigte auf den Brief. Die Spuren von ſchweren Thränen lagen dicht auf den letzten Zeilen der Handſchrift des Verſtorbenen. — Ihre Thränen, ſagte Nora ſanft. Miſs Garth beugte ſich nieder auf die ſtummen Zeu⸗ gen von Magdalenens Rückkehr zu ihrem beſſern Selbſt— — O werden Sie nie wieder irre an ihr! bat Nora. Wir ſind jetzt allein auf der Welt,.... wir haben unſern harten Weg durchs Leben zu gehen, ſo ruhig als wir nur vermögen. Wenn Magdalene jemals ſchwankt und rück⸗ wärts gehen will, ſtehen Sie ihr bei um der Liebe aus alten guten Tagen willen, ſtehen Sie ihr gegen ſich ſelbſt bei. — Von ganzem Herzen und mit all meinem Vermögen, Gott ſoll mein Zeuge ſein, mit der Hingebung meines ganzen Lebens! Mit dieſen begeiſterten Worten antwortete Miſs Garth. Sie ergriff die Hand, welche Nora ihr entgegenſtreckte und führte ſie in Kummer und Demuth an ihre Lippen. — Ach, meine Liebe, vergeben Sie mir! Ich bin zu meinem Jammer verblendet geweſen, ich habe Sie niemals ſo geſchätzt, als ich geſollt hätte! No⸗ und flü Sie un ſchauen Die ſehen? liche C Schwel ihr lag Am Mr. P auf de Zürich, den, an der kon werden auf Co So ſam g⸗ Antwo⸗ lich da dril w worden Gewiſſ ergeben Mal n die Un Eit eine w m her⸗ en auf ruhig. konnte, Vaters in weg ie hörte rbtheil. Es war mit ihr wie ſie hweren dſchrift n Zeu⸗ elbſt— Nora. unſern pir nur d rück⸗ be aus en ſich mögen, meines Garth. kte und bin zu iemals 187 Nora wehrte ihr ſanft, bevor ſie mehr ſagen konnte, und flüſterte leiſe: — Kommen Sie mit in den Garten hinunter, kommen Sie und helfen Sie Magdalenen ruhig in die Zukunft zu ſchauen. Die Zukunft! Wer konnte den ſchwächſten Schein davon ſehen? Wer konnte etwas Anderes ſehen, als die unheim⸗ liche Geſtalt Michael Vanſtones, welche dunkel an der Schwelle der Gegenwart ſtand und alle Ausſicht, die hinter ihr lag, verſperrte? Fünfzehntes Capitel. Am zweitfolgenden Morgen erhielt man Nachricht von Mr. Pendril. Der Aufenthaltsort von Michael Vanſtone auf dem Continent war entdeckt worden. Er lebte in Zürich, und ein Brief war dorthin an ihn abgefertigt wor⸗ den, an demſelben Tage, als man es erfuhr. Im Laufe der kommenden Woche konnte eine Antwort füglich erwartet werden, und der Inhalt derſelben ſollte ſofort den Damen auf Combe⸗Raven mitgetheilt werden. So kurz er war, ſo verging doch dieſer Aufſchub lang⸗ ſam genug. Zehn Tage verſtrichen, ehe die erwartete Antwort eintraf, und als ſie endlich kam, ſo lief ſie eigent⸗ lich darauf hinaus, daß ſie Nichts beantwortete. Mr. Pen⸗ dril war lediglich an einen Agenten in London gewieſen worden, der Michael Vanſtones Weiſungen haben ſollte. Gewiſſe Schwierigkeiten hatten ſich bei dieſen Weiſungen ergeben, wodurch es nothwendig geworden war, noch ein Mal nach Zürich zu ſchreiben. Und auf dem Flecke ſtanden die Unterhandlungen augenblicklich wieder ſtill. Eine andere Stelle in Mr. Pendrils Brief enthielt eine weitere, ganz neue Mittheilung. Mr. Michael Van⸗ 188 ſtones Sohn— und einziges Kind— Mr. Noël Van⸗ ſtone war vor Kurzem in London angekommen und hielt ſich in der Wohnung ſeines Couſins, Mr. George Bertram, auf. Rückſichten, welche ihm ſein Beruf geboten, hatten Mr. Pendril veranlaßt, in jener Wohnung perſönlich einen Beſuch zu machen. Er war von Mr. Bertram ſehr freund⸗ lich aufgenommen worden, war aber durch jenen Herrn bedeutet worden, daß ſein Couſin nicht in der Lage wäre, Beſuche annehmen zu können. Mr. Noél Vanſtone hätte ſeit einigen Jahren an einer langwierigen und hartnäckigen Krankheit gelitten. Er wäre nach England gekommen, um ſich der beſten ärztlichen Hilfe bedienen zu können, und fühlte ſich von der Beſchwerde der Reiſe ſo ſtark ange⸗ griffen, daß er ans Bett gefeſſelt ſei. Unter dieſen Um⸗ ſtänden hatte Mr. Pendril keine andere Wahl, als ſich zu verabſchieden. Eine Unterredung mit Mr. Noël Vanſtone würde vielleicht über manche mit ſeines Vaters Weiſungen zuſammenhängenden Schwierigkeiten Aufklärung gegeben haben. Wie aber die Dinge einmal lägen, ſo müſſe man wohl oder übel noch einige Tage länger warten. Die Tage vergingen, die leeren Tage der Einſamkeit und Bängniß. Endlich zeigte ein dritter Brief des Advo⸗ katen den lange hinaus geſchobenen Abſchluß des Brief⸗ wechſels an. Die Schlußantwort aus Zürich war einge⸗ troffen, und Mr. Pendril wollte ſie den nächſten Tag Nach⸗ mittags auf Combe⸗Raven perſönlich mittheilen. Der nächſte Tag war Mittwoch, der zwölfte Auguſt. Das Wetter hatte ſich über Nacht geändert, und die Sonne ging in Nebel und Wolkendunſt auf. Mittags war der Himmel nach allen Richtungen hin umzogen, die Tempera⸗ tur war fühlbar kälter, und der Regen ging gerade, ſanft und anhaltend auf die durſtige Erde nieder. Gegen drei Uhr traten Miſs Garth und Nora in das Morgenzimmer, um Mr. Pendrils Ankunft zu erwarten. Bald nachher kam auch Magdalene dazu. Eine halbe Stunde ſpäter drang von dem Staket hinter den Buſchanlagen her das wohlbekannte Einfallen der eiſernen Klinke in das Schloß zu ihn Garten Beide ſich, aufrech Nichts No ſich die einem vor de gehend hin, o ſelben lichen aller einem weiſen kündig M Hände und n ſetzte von d die G über hinter Antlit ſichtba Mr.( langer dunkle dieſes des R der U lange Perſo Van⸗ d hielt rtram, hatten heinen reund⸗ Herrn wäre, 2 hätte äckigen en, um 1, und ange⸗ n Um⸗ ſich zu anſtone ſungen gegeben ſe man ſamkeit Advo⸗ Brief⸗ einge⸗ Nach⸗ Auguſt. Sonne var der mpera⸗ „ſanft en drei immer, nachher ſpäter er das Schloß 189 zu ihnen. Mr. Pendril und Mr. Clare wurden auf dem Gartenwege ſichtbar, ſie kamen Arm in Arm im Regen. Beide unter einem Regenſchirme. Der Advocat verbeugte ſich, als ſie am Fenſter vorüberkamen, Mr. Clare ging aufrecht einher, tief in Gedanken verſunken, und hatte für Nichts um ſich her Augen. Nach einer Pauſe, welche endlos ſchien, nachdem man ſich die Füße auf der Matte in der Flur abgeſtrichen, nach einem geheimnißvollen Austauſch von Frage und Antwort vor der Thür, traten die Beiden ein, Mr. Clare voraus⸗ gehend. Der alte Herr ging aufgerichtet nach dem Tiſche hin, ohne mit einem Gruße zu beginnen, und ſah über den⸗ ſelben auf die drei Frauen hin, den Ausdruck eines ſchmerz⸗ lichen Mitleids in ſeinem rauhen, durchfurchten Angeſichte. — Schlechte Nachrichten, ſagte er. Ich bin ein Feind aller unnöthigen Bängniß. Offenheit iſt eine Gunſt in einem ſolchen Falle wie dieſer. Ich will dieſe Gunſt er⸗ weiſen, und ich will offen die ſchlechten Nachrichten an⸗ kündigen. Mr. Pendril folgte ihm. Er wechſelte ſchweigend Händedruck mit Miſs Garth und den beiden Schweſtern und nahm ſich einen Stuhl in ihrer Nähe. Mr. Clare ſetzte ſich ſeitwärts auf einen Stuhl beim Fenſter. Das von dem Regen gedämpfte Licht fiel ſanft und trübe auf die Geſichter von Nora und Magdalene, welche ihm gegen⸗ über beiſammen ſaßen. Miſs Garth hatte ſich ein wenig hinter ſie zum Theil in Schatten geſetzt. Das ruhige Antlitz des Advocaten wurde dicht neben ihr im Profil ſichtbar. So erſchienen die vier im Zimmer Anweſenden Mr. Clare, wie er in ſeiner Ecke zur Seite ſaß. Seine langen Finger griffen wie Adlerfänge in ſeine Kniee, ſeine dunklen beobachtenden Augen hefteten ſich forſchend bald auf dieſes, bald auf jenes Geſicht. Das rieſelnde Geräuſch des Regens in dem Buſchwerk und das helle raſtloſe Picken der Uhr auf dem Kaminſims machten das nur minuten⸗ lange Stillſchweigen, welches eintrat, als die gegenwärtigen Perſonen ſich auf ihre Plätze geſetzt hatten, unbeſchreiblich ———· 190 drückend. Es war für Alle eine Erleichterung, als Mr. Pendril ſprach. — Mr. Clare hat Ihnen bereits geſagt, hub er an, daß ich der Bringer ſchlechter Nachrichten bin. Ich bedaure ſagen zu müſſen, Miſs Garth, daß Ihre Befürchtungen, als ich Sie das letzte Mal ſprach, mehr Grund hatten, als meine Hoffnungen. Was jener herzloſe ältere Bruder in ſeiner Jugend war, iſt er noch in ſeinen alten Tagen. In allen meinen unliebſamen Erfahrungen von der Nacht⸗ ſeite des menſchlichen Herzens iſt mir kein Mann vorgekom⸗ men, in welchem jede mitleidige Regung ſo abſolut fehlte, als Michael Vanſtone. — Meinen Sie, daß er das ganze Vermögen ſeines Bruders an ſich nimmt und ſeine Bruderskinder ganz und gar leer ausgehen läßt? fragte Miſs Garth. — Er bietet eine Geldſumme für die nöthigen Aus⸗ gaben des Augenblicks an, erwiderte er, welche ſo erbärm⸗ lich und ſchmählich unzureichend iſt, daß ich mich ſchäme, ſie zu nennen. — Und Nichts für die Zukunft? — Abſolut Nichts. Als dieſe Antwort gegeben wurde, kam ein und der⸗ ſelbe Gedanke in demſelben Augenblicke Miſs Garth und Nora in den Sinn. Die Entſcheidung, welche beide Schwe⸗ ſtern gleichmäßig alles Vermögens beraubte, war für die jüngere von beiden noch nicht zu Ende. Michael Vanſtones Entſchluß hatte eigentlich den Spruch geſprochen, welcher Frank nach China verwies und alle Hoffnung der jetzigen Verheirathung Magdalenens zerſtörte. Als die Worte aus des Advocaten Munde kamen, ſahen Miſs Garth und Nora ängſtlich bekkommen nach Magdalenen hin. Ihr Geſicht war um einen Schatten bleicher geworden, aber kein Zug darin bewegte ſich, kein Wort entſchlüpfte ihr. Nora, welche die Hand ihrer Schweſter in der ihrigen hielt, fühlte ſie einen Augenblick erzittern und dann erkalten: das war Alles. — Geſtatten Sie mir, Ihnen offen zu ſagen, was meinerſeits geſchehen iſt, begann Mr. Pendril aufs Neue, ich wün irgend Male nicht n ſtellte i denen e worden daß ich walt in dieſer auf das men ha zuerken Partei, ſuchte; Abſicht Dieſes zweiten kurzen er erklo weigert laſſen. handlu Mann ſagen gebrach . Er ihrer E ſelbſt, mit der dulden⸗ lich wo ſicherer für Ih Güte! ls Mr. er an, bedaure tungen, hatten, Bruder Tagen. Nacht⸗ rgekom⸗ fehlte, ſeines anz und n Aus⸗ erbärm⸗ ſchäme, ind der⸗ rth und Schwe⸗ für die unſtones welcher jetzigen rte aus id Nora Geſicht ein Zug welche ihlte ſie r Alles. n, was 3 Neue, 191 ich wünſchte von Herzen, daß Sie nicht denken, ich habe irgend Etwas unverſucht gelaſſen. Als ich zum erſten Male an Michael Vanſtone ſchrieb, ſo begnügte ich mich nicht mit der gewöhnlichen formellen Mittheilung. Ich ſtellte ihm offen und ernſtlich jeden der Umſtände, unter denen er Eigenthümer von ſeines Bruders Vermögen ge⸗ worden war, vor Augen. Als ich die Antwort erhielt, daß ich mich an ſeine ſchriftliche Weiſungen für ſeinen An⸗ walt in London zu halten hätte, und als eine Abſchrift dieſer Weiſungen mir behändigt war, ſo weigerte ich mich auf das Beſtimmteſte, nachdem ich davon Einſicht genom⸗ men hatte, den Beſcheid des Schreibers als endgültig an⸗ zuerkennen. Ich veranlaßte den Rechtsbeiſtand der andern Partei, uns einen weitern Aufſchub zu gewähren. Ich ver⸗ ſuchte Mr. Noël Vanſtone in London zu ſprechen, in der Abſicht, mich ſeiner Vermittelung zu verſichern. Als auch Dieſes mir fehlſchlug, ſchrieb ich an ſeinen Vater zum zweiten Male. Die Antwort verwies mich in unverſchämt kurzen Worten auf die mir bereits vorgelegten Weiſungen; er erklärte dieſe Verhaltungsbefehle als ſein letztes Wort und weigerte ſich, ſich mit mir weiter darüber brieflich einzu⸗ laſſen. Dies ſind der Anfang und das Ende der Unter⸗ handlung. Wenn ich ein Mittel, um auf dieſen herzloſen Mann Eindruck zu machen, unverſucht gelaſſen habe, ſo ſagen Sie es mir, und jene Mittel ſollen in Anwendung gebracht werden. Er ſah Nora an. Sie drückte ermuthigend die Hand ihrer Schweſter und antwortete für ſie Beide. — Ich ſpreche ebenſo für meine Schweſter, als für mich ſelbſt, ſagte ſie mit etwas lebhafterer Farbe im Geſicht, mit der ihr angeborenen ſanften Weiſe, die durch eine ſtill⸗ duldende Trauer rührend wurde. — Sie haben gethan, was nur zu thun menſchenmög⸗ lich war, Mr. Pendril. Wir haben verſucht, uns allzu⸗ ſicherer Hoffnungen zu entſchlagen, und wir ſind Ihnen für Ihre Güte aufs Innigſte dankbar, zu einer Zeit, wo Güte uns Beiden ſo herbe Noth thut. 192 Magdalenens Hand erwiederte den Druck ihrer Schwe⸗ ſter, zog ſich dann zurück und machte ſich einen Augenblick unruhig mit ihrer Kleidung zu ſchaffen und rückte darauf plötzlich den Stuhl näher an den Tiſch. Indem ſie einen Arm darauf ſtützte— die Hand feſt angeſtemmt— ſah ſie zu Mr. Pendril hinüber. Ihr Geſicht, immer auf⸗ fallend durch ſeinen Mangel an Farbe, war jetzt erſchreckend anzuſchauen in ſeiner unheimlich weißen blutloſen Bläſſe. Aber das Licht in ihren großen grauen Augen war ſo hell und feſt, wie je. Ihre Stimme klang, obgleich in leiſem Tone gehalten, hell und ſicher im Ausdruck, als ſie den Advo⸗ caten mit folgenden Worten anredete: — Verſtand ich recht, ſo ſagten Sie, Mr. Pendril, daß meines Vaters Bruder ſeine ſchriftlichen Befehle nach Lon⸗ don geſchickt hat, und daß Sie eine Abſchrift davon haben. Haben Sie dieſelbe aufgehoben? — Ganz gewiß. — Haben Sie dieſelbe bei ſich? — Allerdings. — Kann ich ſie ſehen? Mr. Pendril zögerte und ſah unruhig von Magdalenen nach Miſs Garth und von Miſs Garth wieder nach Magdalenen. — Ich bitte Sie, beſtehen Sie mir zu Liebe nicht auf Ihrem Begehren, ſagte er. Es genügt gewiß, daß Sie den Sinn der Weiſungen kennen. Warum ſollten Sie ſich ohne allen Zweck aufregen durch das Leſen derſelben? Sie ſind in ſo grauſamen Worten gehalten, ſie zeigen eine ſo abſcheuliche Gefühlloſigkeit, daß ich es in der That nicht über mich gewinnen kann, Sie dieſelben ſehen zu laſſen. — Ich weiß Ihre Güte zu ſchätzen, Mr. Pendril, daß Sie mir Schmerz erſparen wollen. Allein ich kann Schmerz ertragen, ich verſpreche, Niemand zu betrüben. Wollen Sie mir erlauben, meine Bitte zu wiederholen? Sie ſtreckte ihre Hand aus, die zarte weiße, jungfräu⸗ liche Hand, welche bis jetzt noch durch keine Berührung befleckt oder hart geworden war. — 2 ſagte No — Sie betr — G weiter ei der Tha⸗ zeige. denn kei gehen wi — E beharrte ernſte. Sie beobachte erſten ät entſchlüx — L Gründen weiß bis Vermög haben fü ſteht un Er hat raubt, wenn w 3 G ihre Ha Jetz Male ei Advocat ſie bean Mr der Taf Wilkie Schwe⸗ ugenblick e darauf ſie einen t— ſah ner auf⸗ chreckend Bläſſe. r ſo hell em Tone en Advo⸗ dril, daß ach Lon⸗ n haben. gdalenen der nach nicht auf daß Sie Sie ſich en? Sie eine ſo hat nicht laſſen. dril, daß Schmerz ellen Sie ungfräu⸗ rührung — Ach, Magdalene, bedenke Dich doch noch einmal! ſagte Nora. — Sie betrüben Mr. Pendril, ſetzte Miſs Garth hinzu, Sie betrüben uns Alle. — Es kann zu Nichts führen, wendete der Advocat weiter ein, verzeihen Sie, wenn ich ſo ſage,— es kann in der That zu Nichts führen, wenn ich Ihnen die Weiſungen zeige. 36 Narren! ſagte Mr. Clare vor ſich hin. Haben ſie denn keine Augen zu ſehen, daß ſie ihren eigenen Weg gehen will?) — Eine Stimme ſagt mir, daß es doch zu Etwas führt, beharrte Magdalene. Dieſe Entſcheidung iſt eine ſehr ernſte. Sie iſt noch ernſter für mich... Sie ſah ſich nach Mr. Clare um, welcher ſie ganz nahe beobachtete, und ſah augenblicklich wieder weg mit dem erſten äußerlichen Zeichen von Bewegung, das ihr bis jetzt entſchlüpft war. — Sie iſt für mich, begann ſie wieder, aus beſonderen Gründen noch ernſter, als ſie für meine Schweſter iſt. Ich weiß bis jetzt nur ſoviel, daß uns des Vaters Bruder unſer Vermögen genommen hat. Er muß ganz beſondere Gründe haben für ein ſolches Verfahren. Es ſteht ihm nicht zu, ſteht uns nicht zu, dieſe Motive verborgen zu halten. Er hat mit voller Ueberlegung Nora beraubt, mich be⸗ raubt, und ich denke, wir haben wohl ein Recht darauf, wenn wir wünſchen, den Grund zu erfahren, warum. — Ich wünſche es nicht, ſagte Nora. — Aber ich, verſetzte Magdalene und hielt noch einmal ihre Hand ausgeſtreckt. Jetzt erhob ſich Mr. Clare und miſchte ſich zum erſten Male ein. — Sie haben Ihr Gewiſſen beruhigt, ſagte er zum Advocaten hin gewandt. Geben Sie ihr das Recht, das ſie beanſprucht. Es iſt ihr Recht, wenn ſie es haben will. Mr. Pendril zog ruhig die geſchriebene Weiſung aus der Taſche. Wilkie Collins, Namenlos. 13 194 5 — Ich habe Sie gewarnt, ſagte er und reichte ihr die Papiere über den Tiſch hinüber, ohne weiter ein Wort zu verlieren. Eines der beſchriebenen Blätter war an der Ecke ein⸗ geknickt, und bei dieſer Blattfalte begann das Manuſcript, als Magdalene die Blätter zum erſten Male wendete. — Iſt Dies die Stelle, welche mich und meine Schwe⸗ ſter angeht? fragte ſie. Mr. Pendril nickte, und Magdalene machte nun die Schrift vor ſich auf dem Tiſche glatt aus einander. — Willſt Du beſtimmen, Noras? fragte ſie zu ihrer Schweſter gewendet. Soll ich Dies laut leſen, oder ſoll ich es für mich leſen? — Für ſich, ſagte Miſs Garth, indem ſie ſtatt Nora anfuitele, velih ſie in ſtummer Verwirrung und Trauer anſah. — Es ſoll geſchehen, wie Sie wünſchen, ſagte Mag⸗ dalene. Nach dieſen Worten wandte ſie ſich wieder zu der Schrift und las folgende Zeilen: .... Sie ſind nun von meinen Wünſchen in Betreff des baaren Vermögens unterrichtet, ferner in Betreff des Verkaufs der Einrichtung, der Wagen, Pferde und ſo weiter. Der noch übrige letzte Punct, über welchen ich Ihnen noch Weiſung ertheilen muß, betrifft die Perſonen, welche das Haus bewohnen, und gewiſſe unbegründete Anſprüche von ihrer Seite, welche von einem Rechtsanwalte, Namens Pendril, erhoben worden ſind. Dieſer Letztere hat ohne Zweifel perſönliche Gründe, ſich an mich zu wenden. — Ich höre, daß mein verſtorbener Bruder zwei uneheliche Kinder hinterlaſſen hat, beides junge Frauen⸗ zimmer, welche in dem Alter ſind, daß ſie ſelbſt ihren Lebensunterhalt verdienen können. Verſchiedene Vor⸗ ſtellungen, alle durch die Bank auf unrichtigen Vor⸗ ausſetzungen beruhend, ſind betreffs dieſer Perſonen von dem ſie vertretenden Rechtsanwalt vorgebracht * ihr die Wort zu Ecke ein⸗ auſcript, dete. Schwe⸗ nun die zu ihrer dder ſoll tt Nora Trauer e Mag⸗ Schrift Betreff Betreff erde und welchen rifft die gewiſſe lche von worden eſönliche her zwei Frauen⸗ ſt ihren ne Vor⸗ en Vor⸗ berſonen gebracht 195 worden. Haben Sie die Güte, ihm zu erklären, daß weder Sie, noch ich Etwas auf ledigliche Gefühls⸗ angelegenheiten geben. Dann geben Sie ihm zu ſeiner Belehrung offen die Gründe an, welche mein Ver⸗ fahren leiten, und die Entſchädigung, welche ich für gut befinde den beiden jungen Frauenzimmern aus⸗ zuwerfen. Ihre Anweiſung betreffs dieſer beiden Puncte werden Sie im Nächſtfolgenden des Weitern angegeben finden. — Ich will, daß die betreffenden Perſonen ein für alle Mal wiſſen, wie ich dieſe Umſtände als ein Werk der Vorſehung anſehe, welches mich wieder in das Erbe eingeſetzt hat, das immer hätte mein ſein ſollen. Ich erhalte das Geld nicht allein als mein Recht, ſon⸗ dern auch als eine angemeſſene Entſchädigung für die Ungerechtigkeit, welche ich von meinem Vater erlitten habe, und als eine angemeſſene Buße meines jüngern Bruders für die elenden Ränke, durch welche er es dahin brachte, mich enterben zu laſſen. Seine Auf⸗ führung als junger Mann war in allen Lebensbezieh⸗ ungen auf eine und dieſelbe Weiſe zu verdammen, und was er damals war, Das iſt er auch nach der Dar⸗ ſtellung ſeines geſetzlichen Vertreters fort und fort ge⸗ weſen, ſelbſt nach der Zeit, wo ich alle Verbindung mit ihm abgebrochen hatte. Er ſcheint ein Weib, welches nicht ſeine Ehefrau war, planmäßig der Ge⸗ ſellſchaft als ſeine Gattin aufgedrängt und dann dieſer greulichen Verletzung der Sitte dadurch die Krone aufgeſetzt zu haben, daß er Dieſelbe nachmals wirklich heirathete. Eine ſolche Aufführung hat auf ihn und ſeine Kinder ein Strafgericht heraufbeſchworen. Ich will nicht mein eigenes Haupt der Vergeltung ausſetzen, dadurch, daß ich dieſen Kindern beiſtehe, den Betrug, welchen ihre Aeltern angeſponnen haben, fortzuſetzen und ihnen dazu zu verhelfen, eine Stellung in der Welt einzunehmen, auf welche ſie kein Anrecht haben. Sie mögen ſich, wie es ihre Geburt mit ſich bringt, 13* ihr Brod durch Dienen erwerben. Wenn ſie ſich be⸗ reit finden, ihre Stellung anzunehmen, wie ſie iſt, ſo will ich ihnen durch ein Geſchenk von hundert Pfund für Jede helfen, ſich eine Lebensſtellung zu begründen. Dieſe Summe erſuche ich Sie ihnen auszuzahlen, wenn ſie ſich perſönlich darum bemühen, gegen die nothwendige Empfangsbeſcheinigung und unter der ausdrücklichen Verſtändigung, daß, wenn Dies abge⸗ macht iſt, meine Beziehungen zu ihnen ihren Anfang und zugleich ihre Endſchaft erreicht haben. Die An⸗ ordnungen, unter welchen ſie das Haus verlaſſen, ſtelle ich Ihrem Ermeſſen anheim, und habe ich nur hinzu⸗ zufügen, daß es bei dieſer meiner Entſcheidung hierüber, wie über alle anderen Puncte nun ſein Bewenden hat. Zeile für Zeile las Magdalene, ohne von den Blättern vor ihr ein Auge zu verwenden, dieſe harten Machtſprüche durch von Anfang bis zu Ende. Die anderen Perſonen im Zimmer ſahen Alle mit Spannung auf ſie hin, ſahen das Kleid über ihrem Buſen ſchneller und ſchneller ſich heben und ſenken, ſahen die Hand, mit welcher ſie die Schrift leicht am Rande hielt, ſich unbewußt um das Papier ſchließen und es zerknittern, wie ſie dem Ende näher und näher kam, entdeckten aber auch kein anderes äußeres Zeichen von der in ihr vorgehenden Bewegung. Sobald ſie fertig war, ſchob ſie die Schrift ſtillſchweigend bei Seite und legte plötzlich ihre Hände vors Geſicht. Als ſie die⸗ ſelben wieder wegnahm, bemerkten alle vier im Zimmer anweſenden Perſonen eine Veränderung in ihr. Etwas in ihrem Ausdrucke hatte ſich unmerklich und ſtill verändert: Etwas, das die Familienähnlichkeit in ihren Zügen plötzlich ſelbſt für ihre Schweſter und Miſs Garth nicht mehr er⸗ kennbar machte und ihr ein fremdes Anſehen gab, Etwas, das alle ſpäteren Jahre hindurch im Zuſammenhang mit dieſem Tage unauslöſchlich ihrer Erinnerung eingeprägt blieb, aber ſich nicht näher beſchreiben ließ. Die erſten Worte, die ſie ſprach, waren an Mr. Pendril gerichtet. bitten, treffen? Mr Geberde Advocat ſchien k⸗ gemacht unſerm Male c Sie ſa Klären Sie ſo ſeinem mein unſer hatte? dieſe h keine 2 machen Todes ſprechu zu und ſie im Bitte den do ſich be⸗ ſie iſt, t Pfund gründen. uzahlen, gen die ater der es abge⸗ Anfang Die An⸗ en, ſtelle r hinzu⸗ ierüber, den hat. Blättern tſprüche zerſonen hen das ch heben Schrift Papier her und äußeres Sobald ei Seite ſie die⸗ Zimmer twas in rändert: plötzlich nehr er⸗ Etwas, ang mit igeprägt Pendril 197 — Darf ich Sie noch um eine weitere Gefälligkeit bitten, ſagte ſie— ehe Sie Ihre geſchäftlichen Anordnungen treffen? Mr. Pendril antwortete höflich durch eine zuſtimmende Geberde. Magdalenens Entſchluß, die Weiſungen an den Advocaten der Gegenpartei ſich ſelbſt vorlegen zu laſſen, ſchien keinen günſtigen Eindruck auf das Herz des Anwaltes gemacht zu haben. — Sie erwähnten, was Sie ſo gut geweſen waren in unſerm Intereſſe zu unternehmen, als Sie zum erſten Male an Mr. Michael Vanſtone ſchrieben, fuhr ſie fort. Sie ſagten, Sie hätten ihm alle Umſtände mitgetheilt. Klären Sie mich vollkommen darüber auf— wenn Sie ſo gut ſein wollen, was er von uns wußte, als er ſeinem Advocaten dieſe Befehle ſchickte. Wußte er, daß mein Vater ein Teſtament gemacht hatte und daß er nſer, Bermlgen meiner Schweſter und mir hinterlaſſen hatte? — Er wußte es, ſagte Mr. Pendril. — Sagten Sie ihm, wie es gekommen, daß wir in dieſe hilfloſe Lage verſetzt ſind? — Ich ſagte ihm, daß Ihr Vater, als er heirathete, keine Ahnung davon hatte, daß er ein anderes Teſtament machen müßte. — Und daß, wäre nicht das fürchterliche Unglück ſeines Todes vorgefallen, ein anderes Teſtament nach ſeiner Be⸗ ſprechung mit Mr. Clare gemacht worden ſein würde? — Auch Das wußte er. — Wußte er, daß meines Vaters unermüdliche Güte und Freundlichkeit gegen uns Beide... Ihre Stimme zitterte zum erſten Male, ſie ſeufzte auf und legte ihre Hand matt an ihr Haupt. Nora ſprach ihr zu und bat ſie. Mr. Clare ſaß ſchweigend und beobachtete ſie immer ernſter und ſchärfer. Sie antwortete auf die Bitte ihrer Schweſter mit einem ſchwachen Lächeln. — Ich will mein Verſprechen halten, ich will Nieman⸗ den das Herz ſchwer machen. 198 Mit dieſer Antwort wandte ſie ſich wieder zu Mr. Pendril und wiederholte feſt ihre Frage, aber in einer andern Form. 7 — Hatte Mr. Michael Vanſtone Kenntniß davon, daß meines Vaters größte Sorge war, mich und meine Schwe⸗ ſter ſicher verſorgt zu wiſſen? — Er hatte Kenntniß davon mit Ihres Vaters eigenen Worten. Ich ſchickte ihm einen Auszug aus Ihres Vaters letztem Briefe an mich. — Der Brief, welcher Sie um Gottes Willen zu kommen und ihn von dem fürchterlichen Gedanken, daß ſeine Töchter unverſorgt wären, zu befreien bat. Der Brief, welcher ſagte, er würde keine Ruhe im Grabe haben, wenn er uns enterbt hinterlaſſen müßte? — Jener Brief und jene Worte. Sie hielt inne, hielt aber noch immer ihre Augen feſt auf des Advocaten Geſicht geheftet. — Ich muß erſt Alles in meinem Geiſte befeſtigen, ehe ich weiter gehe, ſagte ſie dann. Mr. Michael Vaſtone wußte vom erſten Teſtamente—, wußte, was die Aufſetzung des zweiten Teſtaments vereitelte—, wußte von dem Briefe, und er las die Worte.— Was wußte er ſonſt noch? Berichteten Sie ihm von meiner Mutter letzter Krankheit? Sagten Sie ihm, daß ihr Antheil an dem Vermögen uns hinterlaſſen worden wäre, wenn ſie ihre ſterbende Hand in Ihrer Gegenwart hätte erheben können? Verſuchten Sie ihn die Schmach fühlen zu laſſen, daß es in England Geſetze gibt, vor denen Mädchen in unſerer Lage Nie⸗ mandes Kinder heißen, und welche ihm verſtatten, uns zu behandeln, wie er uns jetzt behandelt? — Das Alles habe ich ihm vorgeſtellt. Ich ließ Nichts davon bloß angedeutet, ich ließ Nichts davon weg. Sie ſtreckte langſam ihre Hand nach der Abſchrift der Weiſungen aus, faltete dieſe langſam wieder ſo zuſammen, wie ſie ihr übergeben ware⸗ — Ich bin Ihnen em Danke verpflichtet, Mr. Pendril. Mit die Schr ſie ſich 3 ten und Alles M und ich Sie Als ſie ſeine kro ehe ſie er, inde feſt ins menſchli todten L Sie ihr Ha von Fra in ihre Arm ſo ließ ſie Kälte, für ſie Es füllten dige Pi aus. Taſche, an Nor die aug richten. worden gangen für die Mr. einer 1, daß ſchwe⸗ genen zaters en zu „ daß Der Hrabe n feſt I, ehe vußte g des riefe, noch? kheit? muns Hand ichten gland Nie⸗ is zu iichts t der men, Mr. 199 Mit dieſen Worten verbeugte ſie ſich und ſchob ihm die Schrift über die Tafel wieder hinüber. Dann wandte ſie ſich an ihre Schweſter. — Nora, ſagte ſie, wenn wir Beide das Leben behal⸗ ten und alt werden und wenn Du je vergißt, was wir Alles Michael Vanſtone ſchuldig ſind,— ſo komme zu mir, und ich will es Dir wieder ins Gedächtniß bringen. Sie ſtand auf und ging vor ſich hin nach dem Fenſter. Als ſie an Mr. Clare vorüberkam, ſtreckte der alte Mann ſeine krallenartige Hand aus und faßte ſie feſt am Arme, ehe ſie ihn gewahr wurde. — Was verbergen Sie unter dieſer Maske? fragte er, indem er ſie zwang, ſich zu ihm zu beugen, und ihr feſt ins Angeſicht ſchaute. Von welchen Endgraden der menſchlichen Temperatur kommt Ihr Muth her, von der todten Kälte oder der Weißglühhitze? Sie ſchreckte vor ihm zurück und wandte ſchweigend ihr Haupt hinweg. Von keinem andern Menſchen als von Franks Vater würde ſie dieſes rückſichtsloſe Eindringen in ihre Gedanken jemals geduldet haben. Er ließ ihren Arm ſo plötzlich wieder los, als er ihn erfaßt hatte, und ließ ſie zum Fenſter gehen. — Nein, ſprach er zu ſich ſelbſt, nicht das Extrem der Kälte, was es auch ſonſt nur ſein mag. Um ſo ſchlimmer für ſie und alle ihre Angehörigen. Es trat eine augenblickliche Pauſe ein. Noch ein Mal füllten das rieſelnde Geräuſch des Regens und das beſtän⸗ dige Picken der Uhr die Lücke des allgemeinen Schweigens aus. Mr. Pendril ſteckte die Weiſungen wieder in ſeine Taſche, dachte einen Augenblick nach und wandte ſich dann an Nora und Miſs Garth, um ihre Aufmerkſamkeit auf die augenblicklichen dringenden Anforderungen der Zeit zu richten. — unſere Beſprechung iſt unnöthigerweiſe ausgedehnt worden, ſagte er, durch ſchmerzliches Aufrühren der Ver⸗ gangenheit. Viel beſſer thun wir, unſere Anordnungen für die Zukunft zu treffen. Ich muß dieſen Abend wieder 200 in die Stadt*) zurück. Laſſen Sie mich gefälligſt wiſſen, wie ich am Beſten Ihnen helfen kann. Laſſen Sie mich gütigſt erfahren, welche Unruhe und welche Verantwortung ich Ihnen abnehmen kann. Für den Augenblick ſchienen weder Nora, noch Miſs Garth fähig zu ſein, ihm zu antworten. Die Art und Weiſe, wie Magdalene die Nachricht aufnahm, welche die Heirathsausſicht, die ihres Vaters eigener Mund kaum vor einem Monate ihr eröffnet hatte, zerſtörte, mußte ſie Beide gleich befremden und verletzen. Sie hatten ihren Muth zuſam⸗ mengenommen, um dem Ausbruche ihres leidenſchaftlichen Jammers gewachſen zu ſein, oder die noch härtere Prüfung, den Anblick ihrer ſtummen Verzweiflung, ertragen zu können. Allein ſie waren nicht vorbereitet geweſen auf ihren unwiderruflichen Entſchluß, die Weiſungen zu leſen, auf die ſchrecklichen Fragen, welche ſie an den Advocaten gerichtet hatte, auf ihre unerſchütterliche Beharrlichkeit, alle Umſtände in ihr Gedächtniß zu graben, unter mwelchen Michael Vanſtones Entſcheidung ausgeſprochen worden war. Dort ſtand ſie nun am Fenſter, ein unergründliches Ge⸗ heimniß für die Schweſter, welche ſie niemals verlaſſen, für die Erzieherin, welche ſie von Kindheit auf erzogen hatte. Miſs Garth erinnerte ſich der dunklen, ſchlim⸗ men Gedanken, welche ihr durch den Sinn gegangen an dem Tage, wo ſie und Magdalene im Garten zuſammen⸗ gekommen waren. Nora ſah in die Zukunft hinaus mit der erſten ernſtlichen Furcht in Hinſicht ihrer Schweſter, die ſie bisher gefühlt hatte. Beide hatten ſich bisher in der Verzweiflung, daß ſie nicht wußten, was ſie thun ſoll⸗ ten, leidend verhalten. Beide ſchwiegen jetzt, in der Ver⸗ zweiflung, daß ſie nicht wußten, was ſie ſagen ſollten. Mr. Pendril kam ihnen ruhig und freundlich zu Hilfe, indem er das Geſpräch zum zweiten Male auf ihre Zu⸗ kunftspläne zurückleitete. *)„Die Stadt“(Town) im eminenten Sinne iſt allemal London. W. ſchäfts nothwe Allein nach L ungroß geſpiel ſungen es kein Die ä ihr zu was je Micha Alles: Jedes No ſich, a weſend wollte, zurückr und w ich keit fragte 85 Geſicht dem ſolle e dert P Ueberl S tonung ſter h⸗ hätten wiſſen, ie mich vortung Miſs rt und lche die im vor Beide zuſam⸗ ftlichen üfung, gen zu en auf leſen, vocaten ichkeit, nelchen en war. es Ge⸗ llaſſen, rzogen ſchlim⸗ gen an mmen⸗ us mit weſter, bher in n ſoll⸗ r Ver⸗ en. Hilfe, re Zu⸗ London. W. 201 — Ich bedaure, daß ich Ihre Aufmerkſamkeit auf Ge⸗ ſchäftsangelegenheiten lenken muß, ſagte er, jetzt, wo Sie nothwendigerweiſe ganz unfähig ſind, ſich damit zu befaſſen. Allein ich muß heute Abend meine Weiſungen mit mir nach London nehmen. In erſter Stelle rückſichtlich des ungroßmüthigen Geldanerbietens, auf das ich bereits an⸗ geſpielt habe. Da die jüngere Miſs Vanſtone die Wei⸗ ſungen für den andern Advocaten geleſen hat, ſo braucht es keiner weiteren mündlichen Aufſchlüſſe von meiner Seite. Die ältere wird mich hoffentlich entſchuldigen, wenn ich ihr zu ſagen habe— was ich mich zu ſagen ſchämen muß, was jedoch eine Sache der Nothwendigkeit iſt— daß Mr. Michael Vanſtones Entſchädigung für ſeine Bruderskinder Alles in Allem in dem Anerbieten von hundert Pfund für Jedes derſelben beſteht. Noras Angeſicht wurde roth vor Unwillen. Sie erhob ſich, als wenn Michael Vanſtone ſelbſt im Zimmer an⸗ weſend geweſen wäre und ſie perſönlich beleidigt hätte. — Ich ſehe, ſagte der Advocat, welcher ſie ſchonen wollte, ich ſoll Mr. Vanſtone erklären, daß Sie das Geld zurückweiſen. — Sagen Sie ihm, brach ſie leidenſchaftlich heraus, und wenn ich an der Landſtraße ſterben ſollte, ſo würde ich keinen Heller davon anrühren! — Soll ich ihm Ihre Zurückweiſung ebenfalls melden? fragte Mr. Pendril, indem er ſodann mit Magdalenen ſprach. Sie wandte ſich raſch vom Fenſter um, hielt aber ihr Geſicht in Schatten, indem ſie dicht davor ſtehen blieb, mit dem Rücken gegen das Licht. — Sagen Sie ihm von meiner Seite, ſprach ſie, er ſolle es noch einmal überlegen, bevor er mich mit hun⸗ dert Pfund ins Leben hinausſchickt. Ich will ihm Zeit zum Ueberlegen geben. Sie ſprach dieſe ſeltſamen Worte mit ſcharfer Be⸗ tonung und entzog, indem ſie ſich plötzlich wieder zum Fen⸗ ſter herumdrehte, ihr Geſicht allen Anweſenden, die ſie hätten beobachten können. 202 — Sie Beide weiſen alſo das Angebotene zurück, ſagte Mr. Pendril. Er nahm ſeinen Bleiſtift und machte ſich berufs⸗ mäßig eine Notiz über dieſe Entſchließung. Als er ſein Notizbuch zumachte, ſah er ungewiß nach Magda⸗ lenen hin. Sie hatte in ihm das geheime Mißtrauen rege gemacht, das einem Advocaten zur zweiten Natur geworden zu ſein pflegt. Ihre Blicke hatten ihn argwöhniſch gemacht, ihre Reden hatten ſeinen Verdacht geweckt. Ihre Schwe⸗ ſter ſchien mehr über ſie zu vermögen, als Miſs Garth. Er beſchloß, mit ihrer Schweſter insgeheim zu reden, be⸗ vor er wegginge.. Während ihm noch dieſer Gedanke durch den Kopf ging, nahm Magdalene noch einmal ſeine Aufmerkſamkeit mit einer Frage in Anſpruch. — Iſt er ein alter Mann? fragte ſie plötzlich, ohne ſich vom Fenſter herum zu drehen. — Wenn Sie Mr. Michael Vanſtone meinen, ſo iſt derſelbe fünfundſiebzig oder ſechsundſiebzig Jahre alt. — Sie ſprachen unlängſt von ſeinem Sohne. Hat er noch andere Söhne. oder Töchter? — Keine weiter. — Wiſſen Sie Etwas von ſeiner Frau? — Sie iſt ſeit vielen Jahren todt. Es trat eine Pauſe ein. — Warum thuſt Du dieſe Fragen? ſagte Nora. — Entſchuldige mich, erwiderte Magdalene ruhig. Ich werde Nichts mehr fragen. Zum dritten Male kam Mr. Pendril auf die geſchäft⸗ liche Seite der Unterredung zurück. — Die Dienſtboten dürfen nicht vergeſſen werden, ſprach er. Sie müſſen ausgezahlt und entlaſſen werden. Ich muß Denſelben, bevor ich gehe, die nöthigen Aufklär⸗ ungen geben. Was das Haus anbelangt, ſo brauchen Sie ſich darüber in keinerlei Hinſicht etwa Sorgen zu machen. Die Wagen, Pferde, die Einrichtung und das Silber und ſo weiter müſſen einfach in Bereitſchaft ge⸗ halten fehle a welche Ihre§ welche Verfüg ich, da Michas ſeinen nehme ich hab ſtanden jetzt.. Si Manne Pendri Vermö M Schwe offenen merken ſie ſich von D Beweg nicht F bin hie Geſchä zu übe indem ſichern :, ſagte berufs⸗ Als er Nagda⸗ en rege worden emacht, Schwe⸗ Garth. en, be⸗ pf ging, keit mit , ohne „ſo iſt alt. Hat er eſchäft⸗ werden, werden. Aufklär⸗ prauchen rgen zu ind das haft ge⸗ halten werden, um Mr. Michael Vanſtones fernere Be⸗ fehle abzuwarten. Alle Beſitzſtücke jedoch, Miſs Vanſtone, welche perſönlich Ihnen oder Ihrer Schweſter gehören, Ihre Kleinodien und Kleider und alle kleinen Geſchenke, welche Sie erhalten haben, alles Dieſes bleibt zu Ihrer Verfügung. Die Zeit Ihres Wegzugs anlangend, glaube ich, daß ein Monat oder darüber vergehen wird, ehe Mr. Michael Vanſtone Zürich verlaſſen kann, und ich glaube ſeinen Rechtsanwalt gut genug zu kennen, wenn ich an⸗ nehme.... — Erlauben Sie, Mr. Pendril, unterbrach ihn Nora, ich habe, glaube ich, von dem, was Sie ſagten, ſoviel ver⸗ ſtanden, unſer Haus und Alles, was darin iſt, gehört jetzt... Sie ſtockte, als ob das bloße Ausſprechen von des Mannes Namen ihr Ueberwindung koſte. — Gehört jetzt Mr. Michael Vanſtone, ſprach Mr. Pendril. Das Haus fällt an ihn wie das Uebrige des Vermögens. — Dann bin ich ſofort bereit, es morgen zu verlaſſen. Magdalene fuhr am Fenſter zuſammen, als ihre Schweſter ſprach, und ſah Mr. Clare an, mit den erſten offenen Zeichen von Angſt und Unruhe, welche ſie jetzt hatte merken laſſen. — Seien Sie nicht böſe mit mir, flüſterte ſie, indem ſie ſich über den alten Mann mit einem plötzlichen Anfluge von Demuth im Blick und nervöſer Aufregung in ihrer Bewegung beugte. Ich kann nicht von hinnen, wenn ich nicht Frank vorher geſehen habe. — Sie ſollen ihn ſehen, erwiderte Mr. Clare. Ich bin hier, um mit Ihnen darüber zu ſprechen, wenn das Geſchäftliche erledigt iſt. — Es iſt ganz und gar nicht nöthig, Ihren Wegzug zu übereilen, ſowie Sie vorhaben, fuhr Mr. Pendril fort, indem er ſich an Nora wandte. Ich kann Ihnen feſt ver⸗ ſichern, daß in einer Woche noch Zeit genug iſt. — Wenn dies Mr. Michael Vanſtones Haus iſt, 204 wiederholte Nora, ſo bin ich bereit, es morgen zu ver⸗ laſſen. 3 Sie verließ ungeduldig ihren Stuhl und ſetzte ſich etwas weiter weg auf das Sopha. Als ſie ihre Hand auf den Rücken deſſelben legte, wechſelte ihr Geſicht die Farbe. Da am Kopfe des Sophas waren die Kiſſen, welche ihre Mutter geſtützt hatten, als ſie ſich zum letzten Male zum Schlummer niederlegte. Dort am Fuße des Sophas ſtand der plumpe, altmodiſche Armſtuhl, welcher des Vaters Lieblingsſeſſel in den Regentagen geweſen war, wo ſie und ihre Schweſter am Piano gegenüber ihn durch den Vortrag ſeiner Lieblingsweiſen erheitert hatten. Ein ſchwerer Seuf⸗ zer, den ſie vergeblich zu unterdrücken ſuchte, rang ſich aus ihrer Bruſt hervor — Ach, dachte ſie, ich hatte dieſe alten Freunde ver⸗ geſſen! Wie ſollen wir uns von ihnen trennen, wenn die Zeit kommt! — Darf ich Sie fragen, Miſs Vanſtone, ob Sie und Ihre Schweſter ſchon beſtimmte Pläne für die Zukunft ge⸗ faßt haben? erkundigte ſich Mr. Pendril. Haben Sie ſchon an einen Aufenthaltsort gedacht? — Ich will es auf mich nehmen, mein Herr, ſprach Miſs Garth, für ſie auf dieſe Frage zu antworten. Wenn ſie dies Haus verlaſſen, ſo verlaſſen ſie es in meiner Geſellſchaft. Meine Heimat iſt ihre Heimat, mein Brod iſt ihr Brod. Ihre AÄeltern überhäuften mich mit Ehre, mit Vertrauen und mit Liebe. Zwölf glückliche Jahre ließen ſie mich niemals fühlen, daß ich nur ihre Gouvernante war. Sie haben mich ſtets als ihre Geſell⸗ ſchafterin und Freundin behandelt. Meine Erinnerung an ſie iſt eine Erinnerung unveränderter Freundlichkeit und Großmuth, und mein Leben ſoll die Schuld meines Dankes an ihre verwaiſten Kinder abzahlen. Nora erhob ſich haſtig vom Sopha, Magdalene verließ jählings das Fenſter. Mit einem Male war aus dem Be⸗ nehmen der Schweſter jeder Gegenſatz verſchwunden. Mit einem Male bewegte ein und derſelbe Antrieb ihre Her⸗ zen, de Miſs vorübe dalene und gehobe ſelbſt eigene einem Herre alten kann. einer von( meiner Schw Wir e vergri Haus Verar Ich li und b an unß Wenn wiede ältern ruhig uns hi Nora⸗ ſich i kann verdie wenn die F Von Töcht 205 u ver⸗ zen, daſſelbe tiefe Gefühl ſprach ſich in ihren Worten aus. Miſs Garth wartete, bis der erſte Ausbruch der Bewegung te ſich vorüber war, dann erhob ſie ſich, nahm Nora und Mag⸗ nd auf dalene jede bei der Hand und wandte ſich an Mr. Pendril Farbe. und Mr. Clare. Sie ſprach mit vollkommener Faſſung, de ihre gehoben durch ihre edle That, die ihrem einfachen Herzen le zum ſelbſt ein unbewußtes Geheimniß war. ſtand— Sogar eine ſo unbedeutende Sache, als meine Vaters eigene Geſchichte iſt, ſagte ſie, erhält einige Wichtigkeit in ſie und einem ſolchen Augenblicke. Ich möchte Sie Beide, meine ortrag Herren, dahin verſtändigen, daß ich den Töchtern Ihres Seuf⸗ alten Freundes eben nicht mehr verſpreche, als ich halten ch aus kann. Als ich zuerſt in dieſes Haus kam, trat ich mit einer ſolchen Unabhängigkeit in daſſelbe, wie ſie im Leben de ver⸗ von Gouvernanten nicht gewöhnlich zu ſein pflegt. In un die meinen jüngeren Jahren hatte ich mich mit meiner ältern Schweſter zuſammengethan, um Unterricht zu ertheilen. ie und Wir errichteten in London eine Schule, welche ſich allmälich uft ge⸗ vergrößerte und blühte. Ich verließ ſie und wurde eine 2 ſchon Hauslehrerin, nur aus dem einen Grunde, weil die ſchwere Verantwortlichkeit der Schule über meine Kräfte ging. ſprach Sch ließ meinen Antheil an dem Reingewinne unberührt vorten. und beſitze nun bis auf den heutigen Tag einen Geldantheil es in an unſerer Anſtalt. Das iſt meine Geſchichte in wenig Worten. „mein Wenn wir dieſes Haus verlaſſen, ſchlage ich vor, wir gehen ich mit wieder an die Schule in London, die noch immer von meiner ückliche ältern Schweſter mit Glück geleitet wird. Wir können dort ſo er ihre ruhig leben, als wir es uns nur wünſchen können, bis die Zeit Geſell⸗ uns hilft, unſern Kummer beſſer zu tragen, als jetzt. Wenn ung an Noras und Magdalenens veränderte Ausſichten ſie nöthigen, it und ſich ihre eigene Unabhängigkeit ſelbſt zu verdienen, ſo Dankes kann ich ihnen dazu verhelfen, ſie ſich als Herrentöchter zu . verdienen. Die beſten Familien dieſes Landes ſind froh, verließ wenn ſie den Rath meiner Schweſter genießen können, wo m Be⸗ die Frage des häuslichen Unterrichts ins Spiel kommt. Mit Von vornherein ſage ich für ihren herzlichen Wunſch, den ⸗ Töchtern Mr. Vanſtones zu dienen, gut, als wie für meinen 206 eigenen. Das iſt die Zukunft, welche meine Dankbarkeit gegen deren Vater und Mutter und meine Liebe zu den⸗ ſelben ihnen jetzt bieten. Wenn Sie, meine Herren, dieſen Vorſchlag für gut und annehmbar halten— und ich ſehe es an Ihren Mienen, daß Dies der Fall iſt— ſo wollen wir die harte Nothwendigkeit unſerer Lage nicht noch härter machen durch unnöthiges Verſchieben vollſtändiger Er⸗ ledigung derſelben. Wir wollen thun, was wir thun müſſen, wir wollen nach Noras Entſcheidung handeln und dies Haus morgen verlaſſen. Sie erwähnten eben noch die Dienerſchaft, Mr. Pendril. Ich bin bereit, dieſelbe ins nächſte Zimmer zuſammenzurufen und Ihnen in der Abwickelung ihrer Anſprüche Beiſtand zu leiſten, wenn es Ihnen gefällig iſt. Ohne des Advocaten Antwort abzuwarten, ohne den Schweſtern Zeit zu laſſen, ihre eigene ſchreckliche Lage zu überdenken, bewegte ſie ſich nach der Thür zu. Es war ihr weiſer Entſchluß, die künftige Prüfung dadurch raſcher zu Ende zu bringen, daß ſie viel handelte, wenig ſprach. Bevor ſie das Zimmer verlaſſen konnte, folgte ihr Mr. Clare und hielt ſie auf der Schwelle zurück. — Ich habe niemals ein Weib um ſein Gefühl beneidet, ſagte der alte Mann. Es wird Sie wohl überraſchen, Dies zu hören, aber ich beneide Sie um das Ihrige. Warten Sie! Ich habe noch Etwas zu ſagen. Es iſt noch ein Hinderniß übrig, das ewige Hinderniß, mein Frank. Helfen Sie mir ihn fortzubringen. Nehmen Sie die ältere Schweſter und den Advocaten mit ſich und laſſen Sie mich es hier mit der jüngern ausmachen. Ich will ſehen, aus welchem Metall ſie eigentlich gemacht iſt. Während Mr. Clare dieſe Worte an Miſs Garth rich⸗ tete, hatte Mr. Pendril Gelegenheit genommen, mit Nora zu ſprechen. — Ehe ich wieder zur Stadt zurückkehre, möchte ich erſt ein Wort mit Ihnen insgeheim ſprechen. Nach Dem, was heute vorgefallen iſt, Miſs Vanſtone, habe ich von Ihrer Verſchwiegenheit eine hohe Meinung gewonnen, und als Ff lauber wie es Flur die T bündig S Gang Seiter den er blieb ihnen antwo einen Etwa S lich. rollten Sie n pflegte Sie 1 Vater D ſie kor begrer beſitzt ander jetzt. denken dieſen ikbarkeit zu den⸗ —, dieſen ich ſehe llen wir hhärter ger Er⸗ ir thun heln und en noch dieſelbe in der venn es hne den Lage zu Es war raſcher ſprach. ihr Mr. beneidet, raſchen, Ihrige. iſt noch Frank. e ältere Sie mich in, aus cth rich⸗ it Nora ſchte ich h Dem, ich von en, und als Freund Ihres Vaters möchte ich mir die Freiheit er⸗ lauben, mit Ihnen von Ihrer Schweſter zu ſprechen. Ehe noch Nora antworten konnte, wurde ſie aus Rück⸗ ſicht auf Mr. Clares Erſuchen zu der Verhandlung mit der Dienerſchaft gerufen. Mr. Pendril folgte Miſs Garth, wie es ſich von ſelbſt verſtand. Als die Drei auf der Flur waren, trat Mr. Clare wieder ins Zimmer, ſchloß die Thür und bedentete Magdalenen mit einer kurzen, bündigen Geberde, ſich einen Stuhl zu nehmen. Sie gehorſamte ihm ſchweigend. Er machte einen Gang durch das Zimmer auf und ab, die Hände in den Seitentaſchen des langen weiten unförmlichen Rockes, den er gewöhnlich trug. — Wie alt ſind Sie? ſagte er, indem er plötzlich ſtehen blieb und über die ganze Breite des Zimmers zwiſchen ihnen weg ſprach. — Ich war bei meinem letzten Geburtstage achtzehn, antwortete ſie unterwürfig, ohne zu ihm aufzublicken. — Sie haben für ein Mädchen von achtzehn Jahren einen außerordentlichen Muth gezeigt. Haben Sie noch Etwas von dieſem Muth übrig? Sie preßte ihre Hände zuſammen und rang ſie bitter⸗ lich. Einige Thränen ſammelten ſich in ihren Augen und rollten langſam über ihre Wangen. — Ich kann Frank nicht aufgeben, ſagte ſie ſchwach. Sie machen ſich aus mir nichts, ich weiß es. Aber Sie pflegten viel auf meinen Vater zu halten. Wollen Sie verſuchen, freundlich mit mir zu ſein um meines Vaters Willen? Die letzten Worte verhallten leiſe in einem Flüſtern: ſie konnte Nichts mehr ſagen. Niemals hatte ſie die un⸗ begrenzte Macht, welche die Liebe eines Weibes darin beſitzt, daß ſie jedes andere Ereigniß in ſich aufhebt, jede andere Freude oder Sorge des Lebens, ſo gefühlt, als eben jetzt. Niemals hatte ſie Frank ſo zärtlich mit dem An⸗ denken ihrer dahin geſchiedenen Aeltern vereinigt, als in dieſem Augenblicke. Niemals hatte der undurchdringliche 208 Nebel des ſchönen Wahns, durch den die Frauen den Mann ihrer Wahl erblicken, der Nebel, welcher ſie blind gemacht hatte gegen Alles, was ſchwach, ſelbſtiſch und gemein in Franks Natur war, ihn mit einem hellern Schimmer um⸗ kleidet, als jetzt, wo ſie beim Vater um den Beſitz des Sohnes Fürbitte einlegte. — Ach, verlangen Sie nicht, daß ich ihn aufgeben ſoll, ſagte ſie, indem ſie ſich zuſammen zu nehmen ſuchte, aber von Kopf bis zu Füßen erbebte. Im nächſten Augenblicke aber ging ſie in das entgegen⸗ geſetzte Extrem über mit der Plötzlichkeit eines Blitzſtrals. — Ich will ihn nicht aufgeben! ſchrie ſie heftig auf. Nein! Selbſt nicht, wenn Tauſend Väter es von mir for⸗ derten! — Ich bin nur ein Vater, ſagte Mr. Clare. Und ich verlange es nicht. In dem erſten Erſtaunen und Jubel, dieſe unerwarteten Worte zu hören, ſprang ſie auf ihre Füße, ſtürzte über das Zimmer weg und wollte ihre Arme um ſeinen Nacken werfen. Sie hätte eben ſo gut den Verſuch machen können, das Haus aus ſeinen Grundveſten zu bewegen. Er faßte ſie bei den Schultern und ſetzte ſie wieder auf ihren Stuhl. Seine unerbittlichen Augen zwangen ſie in Gehorſam hinein, und er ſchüttelte warnend ſeinen hagern Zeige⸗ finger, als ob er ein ungeberdiges Kind zur Ruhe ver⸗ weiſen wollte. — Umhalſen Sie Frank, ſprach er, aber mich nicht. Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen. Wenn ich zu Ende bin, wollen wir, wenn Sie mögen, uns die Hände ſchütteln. Warten Sie und beruhigen Sie ſich. So ließ er ſie. Seine Hände wanderten wieder in die Taſchen hinab, und ſein einförmiger Gang durch das Zimmer auf und nieder begann aufs Neue. — Fertig? frug er, indem er nach einer Weile plötzlich ſtehen blieb. Sie verſuchte zu antworten. — Nehmen Sie ſich noch zwei Minuten Zeit, ſagte er und j mäßigkei bei ſich; glück be Schöpfu ſchlecht Er leichter war wie Sie mie Ich ver verlang Ihr wieder ſah, w darauf Frank er. D. aber er Es iſt können über Il mittel, einfach können Franks China wird ich dar Wenn Wil t Mann gemacht mein in ner um⸗ ſitz des den ſoll, te, aber itgegen⸗ tzſtrals. tig auf. nir for⸗ Und ich barteten te über Nacken können, er faßte Stuhl. horſam Zeige⸗ he ver⸗ h nicht. u Ende hütteln. eder in rch das plötzlich „ ſagte er und fing wieder an auf und abzugehen mit der Regel⸗ mäßigkeit eines Uhrpendels. — Das ſind die Weſen, dachte er bei ſich ſelbſt, welche bei ſich zu haben ſonſt vernünftige Männer als ihr Lebens⸗ glück betrachten. Es ſoll mich verlangen, ob es in der Schöpfung ein anderes Ding gibt, das ſeinem Zweck ſo ſchlecht entſpricht, als ein Weib? Er hielt abermals vor ihr inne. Ihr Athmen war leichter geworden. Die dunkle Glut auf ihrem Geſichte war wieder aus demſelben gewichen. — Fertig? wiederholte er.. Ja, endlich fertig. Hören Sie mich an und laſſen Sie uns darüber hinauskommen. Ich verlange nicht, daß Sie Frank aufgeben ſollen. Ich verlange, daß Sie warten. — Ich will warten, ſagte ſie, ruhig und willig. — Wollen Sie Frank zum Warten bewegen? — Ja. — Wollen Sie ihn nach China fortlaſſen? Ihr Haupt ſank auf ihre Bruſt herab, und ſie ſchlug wieder ſchweigend die Hände zuſammen. Mr. Clare ſah, wo die Schwierigkeit lag, und ging ſofort gerade darauf los. — Ich will mir nicht anmaßen, in Ihre Gefühle für Frauk oder Franks Gefühle für Sie einzudringen, ſprach er. Dieſer Gegenſtand hat keinen Reiz für mich. Wohl aber erlaube ich mir zwei einfache Wahrheiten aufzuſtellen. Es iſt eine einfache Wahrheit, daß Sie nicht heirathen können, bis Sie Geld genug haben, um das Dach, welches über Ihnen iſt, die Kleider, welche Sie tragen, die Lebens⸗ mittel, die Sie eſſen, bezahlen zu können. Eine andere einfache Wahrheit iſt, daß Sie nicht das Geld finden können, daß ich nicht das Geld finden kann und daß Franks einzige Ausſicht, es zu finden, die iſt, daß er nach China geht. Wenn ich ihm ſage, daß er gehen ſoll, ſo wird er ſich in einen Winkel ſetzen und weinen. Wenn ich darauf beſtehe, ſo wird er Ja ſagen und mich täuſchen. Wenn ich einen Schritt weiter gehe und ihn mit eigenen Wilkie Collins, Namenlos. 14 210 Augen an Bord des Schiffes ſehe, ſo wird er in dem Boote des Lootſen wieder herausſchlüpfen und heimlich zu Ihnen zurück ſchleichen. Das iſt ſeine Art. — Nein! ſagte Magdalene. Seine Art iſt das nicht, ſeine Liebe zu mir iſt es. — Nennen Sie es, wies beliebt, gab ihr Mr. Clare zurück. Kriecher oder Herzblättchen— gleichviel, er iſt in jeder von dieſen beiden Eigenſchaften für meine Finger zu aalartig ſchlüpfrig, um ihn feſtzuhalten. Verſchlöſſe ich ihm die Thür, ſo würde ihn Das nicht hindern zurück⸗ zukommen. Verſchließen Sie ihm die Thür, dann aller⸗ dings. Haben Sie den Muth, Dies zu thun? Lieben Sie ihn ſtark genug, um nicht ſeiner Zukunft im Wege zu ſtehen? — Ob ich ihn liebe! Ich würde für ihn ſterben! — Wollen Sie ihn nach China fortlaſſen? Sie ſeufzte bitterlich. — Haben Sie ein wenig Mitleid mit mir, ſprach ſie. Ich habe meinen Vater verloren, ich habe meine Mutter verloren, ich habe mein Vermögen verloren— und nun ſoll ich auch Frank verlieren! Sie lieben die Frauen nicht, ich weiß es, aber ſchenken Sie mir doch ein wenig Mitleid! Ich ſage ja nicht, daß es nicht in ſeinem Vortheil iſt, wenn er nach China gehen ſoll, ich ſage ja nur, es iſt hart, ſehr, ſehr hart für mich. Mr. Clare war taub geweſen für ihre Heftigkeit, un⸗ empfindlich für ihre Liebkoſungen, blind für ihre Thränen, aber unter der harten Schale ſeiner Philoſophie hatte er ein Herz, und dies gab der hoffnungsloſen Bitte Gehör, es hatte Gefühl für dieſe rührende Sprache. — Ich leugne nicht, daß Ihre Lage eine harte iſt, ſagte er. Ich will ſie nicht noch härter machen. Ich ver⸗ lange nur, daß Sie in Franks Intereſſe thun ſollen, was Frank ſelbſt zu thun zu ſchwach iſt. Es iſt nicht Ihre Schuld, es iſt nicht meine Schuld, aber es iſt nichtsdeſto⸗ weniger wahr, daß das Vermögen, das Sie ihm zuzubringen im Begriffe waren, die Eigenthümer gewechſelt hat. und! leiſe drang Er h Fran genu hier wird verſc quäl erreit klagt mich kenne Sie und ſein ſchall konnt könne kann. was das ſich n dem eimlich nicht, Clare er iſt Finger ſſe ich zurück⸗ aller⸗ Lieben Wege ch ſie. Nutter d nun nicht, itleid! il iſt, es iſt „ un⸗ änen, tte er dehör, e iſt, Hver⸗ was Ihre deſto⸗ ingen Sie ſah plötzlich auf mit einem unheimlichen Leuchten des Auges, mit einem drohenden Lächeln auf der Lippe. — Er kann wieder die Eigenthümer wechſeln, ſagte ſie. Mr. Clare ſah die Veränderung in ihrem Ausdruck und hörte auch die ihrer Stimme. Aber die Worte waren leiſe geſprochen, geſprochen als wie zu ſich ſelbſt, ſie drangen nicht bis über die Breite des Zimmers zu ihm. Er hielt augenblicklich in ſeinem Gehen inne und fragte, was ſie geſagt habe. — Nichts, antwortete ſie, wandte das Haupt weg nach dem Fenſter zu und ſah leer hinaus in dem fallenden Regen.— Nur meine eigenen Gedanken. Mr. Clare nahm ſeinen Gang wieder auf und kam auf den Gegenſtand zurück. — Es iſt Ihr Intereſſe, fuhr er fort, eben ſo gut als Franks Intereſſe, daß er gehen muß. Er kann ſich Geld genug erwerben, daß er Sie in China heirathen kann, hier vermag er es nicht. Wenn er zu Hauſe kleben bleibt, wird er Ihrer Beider Ruin ſein. Er wird ſeine Augen verſchließen vor jeder Mahnung der Klugheit und Sie quälen, ihn zu heirathen. Wenn er dann ſeinen Zweck erreicht hat, wird er der Erſte ſein, der umkehrt und klagt, daß Sie eine Bürde für ihn ſeien.... Hören Sie mich zu Ende! Sie ſind verliebt in Frank, ich nicht, ich kenne ihn. Kommen Sie Beide nur oft zuſammen, laſſen Sie ihm Zeit, Sie zu umarmen, zu weinen, zu quälen und zu bitten, und ich will Ihnen ſagen, was das Ende ſein wird: Sie werden ihn heirathen. Er hatte das richtige Regiſter zuletzt gezogen. Es ſchallte die Antwort zurück, ehe er ein Wort hinzufügen konnte. — Sie kennen mich nicht, ſagte ſie mit Feſtigkeit. Sie können nicht wiſſen, was ich um Franks Willen leiden kann. Er ſoll mich nimmer heirathen, bis ich ſein kann, was ich, wie mein Vater geſagt hat, für ihn ſein ſoll: das Weſen, das ſein Glück macht. Er ſoll keine Laſt auf ſich nehmen, wenn er mich nimmt, Das verſpreche ich 14* 212 Ihnen! Ich will der gute Engel in Franks Leben ſein. Ich will nicht als ein blutarmes Mädchen zu ihm gehen und ihn herunterziehen. Sie verließ jählings ihren Sitz, ging ein paar Schritte vor auf Mr. Clare zu und blieb in der Mitte des Zimmers ſtehen. Sie ließ ihre Arme hilflos an beiden Seiten her⸗ unterſinken und brach in Thränen aus.. — Er ſoll gehen, ſagte ſie, müßte auch dabei mein Herz brechen, wenn ichs vollbringe. Ich will es ihm morgen beibringen, daß wir uns Lebewohl ſagen müſſen! Mr. Clare kam plötzlich auf ſie zu, um zu ihr zu treten und hielt ſeine Hand ihr entgegen. 3 — Ich will Ihnen helfen, ſagte er. Frank ſoll jedes Wort erfahren, das zwiſchen uns geſprochen worden iſt. Wenn er morgen kommt, ſoll er von vornherein wiſſen, daß er kommt, um Lebewohl zu ſagen. Sie nahm ſeine Hand in ihre eigenen beiden, zögerte, ſah ihn an und drückte ſie an ihren Buſen. — Darf ich Sie um eine Gunſt bitten, ehe ich gehe? ſagte ſie furchtſam. Er verſuchte ſeine Hand aus der ihrigen loszumachen, aber ſie erſah ſich ihren Vortheil und hielt ſie feſt. — Wenn aber nun, geſetzt den Fall, hier eine Wendung zum Beſſern einträte? fuhr ſie fort. Wenn ich nun zu Frank käme, wie mein Vater ſagte, daß ich zu ihm kommen ſollte....? Bevor ſie die Frage vollenden konnte, machte Mr. Clare abermals eine Anſtrengung und entzog ihr ſeine Hand. —.Wie Ihr Vater ſagte, daß Sie zu ihm kommen ſollten? wiederholte er, ſie aufmerkſam anſehend. — Ja, erwiderte ſie. Es kommen oft ſeltſame Dinge vor. Wenn für mich ſeltſame Dinge vorkommen ſollten, wollen Sie Frank zurückkommen laſſen vor Ablauf der fünf Jahre? Was meinte ſie? Hing ſie verzweifelt an der Hoffnung feſt, Michael Vanſtones Herz zu rühren? Mr. Clare konnte nach Dem, was ſie eben zu ihm geſagt hatte, keine ſprec nomn mitle er, d Wen ſagen deſſe mein G auf er. ſetzte Thü finde ihr ſchor G um und ihre ſein. ehen ritte ners her⸗ nein ihm ſen! zu des iſt. ſen, erte, he? hen, ung Zu ihm lare men inge ten, der ung lare ttte, keinen andern Schluß ziehen. Im Anfang ihrer Be⸗ ſprechung würde er ihr ihrem Wahn mit rauher Hand ge⸗ nommen haben. Am Schluſſe der Beſprechung ließ er ſie mitleidig im Beſitz deſſelben. — Sie hoffen über alles Hoffnungsmaß hinaus, ſprach er, doch wenn es Ihnen Muth einflößt, ſo hoffen Sie nur zu. Wenn dieſes unmögliche Glück Ihnen je widerfährt, ſo ſagen Sie es mir, und Frank ſoll zurückkommen. Unter⸗ deſſen.. — Unterdeſſen, unterbrach ſie ihn traurig, haben Sie mein Verſprechen. Noch einmal ruhten Mr. Clares ſcharfe Augen forſchend auf ihrem Angeſichte. — Ich will Ihrem Verſprechen Glauben ſchenken, ſagte er. Sie ſollen Frank morgen ſehen. Sie ging gedankenvoll zu ihrem Stuhle zurück und ſetzte ſich ſchweigend wieder nieder. Mr. Clare war an der Thür, ehe ein förmlicher Abſchied zwiſchen Beiden ſtatt⸗ finden konnte. — Ein tiefes Waſſer! dachte er bei ſich, als er nach ihr hinſah, ehe er hinausging,.. erſt achtzehn Jahre und ſchon zu tief für mich zu ergründen! In der Flur fand er Nora, welche ängſtlich wartete, um zu hören, was geſchehen wäre. — Iſt Alles vorüber? fragte ſie. Geht Frank nach China? — Geben Sie ja Acht, wie Sie dieſe Ihre Schweſter behandeln, ſprach Mr. Clare, ohne die Frage zu beachten. Sie hat mit einem großen Mißgeſchicke zu kämpfen, ſie iſt nicht gemacht für die Alltäglichkeit eines Frauenlebens. Ich kann nicht ſagen, daß ich den letzten Grund des Guten oder des Böſen in ihr ſehe. Ich mache Sie nur darauf aufmerkſam, ihre Zukunft wird keine gewöhnliche ſein. Eine Stunde ſpäter verließ Mr. Pendril das Haus, und mit der Nachtpoſt ſchickte Miſs Garth einen Brief an ihre Schweſter in London. 214 Anmerkung. Seite 116 erwähnt Miſs Garth einer Stelle bei Shakeſpeare, welche von den Liebes⸗ hinderniſſen ſpreche. Wir finden dieſe Stelle im„Sommer⸗ nachtstraum“, Act I. Scene 1, wo ſie Lyſander im Zwiegeſpräch mit Hermia in den Mund gelegt iſt: The course of true love never did run smooth. Der Weg getreuer Lieb' war nimmer glatt. Worauf dann in anmuthiger Wechſelrede von Beiden eine ganze Reihe dorniger Hinderniſſe angeführt wird. W. Zweites Buch. Swifſchrnſerne. I. Nora Vanſtone an Mr. Pendril. Kenſington, Weſtmoreland⸗Houſe, den 14. Auguſt 1846. Mein lieber Mr. Pendril! Das Datum dieſes Briefes wird Ihnen zeigen, daß die letzte der vielen harten Prüfungen überſtanden iſt. Wir haben Combe⸗Raven verlaſſen, wir haben dem Vaterhauſe Lebewohl geſagt. Ich habe ernſtlich überdacht, was Sie mir am Mittwoch vor Ihrer Rückkehr geſagt haben. Ich ſtimme ganz damit überein, daß Miſs Garth aller⸗ dings weit mehr erſchüttert iſt durch alles Das, was ſie um unſertwillen durchgemacht hat, als ſie ſelbſt zugeſtehen will, und daß es für die Zukunft meine Pflicht iſt, ihr alle Sorge zu erſparen, ſoviel ich nur kann, in Betreff meiner Schweſter und meiner ſelbſt. Es iſt nur ſehr wenig, was ich für unſere theuerſte Freundin, unſere zweite Mutter, thun kann. Aber ſo wenig es iſt, ich will es von Herzen gern thun. Aber verzeihen Sie mir, wenn ich in Hinſicht auf Magdalenen Ihnen ſagen muß, daß ich von Ihrer Meinung über dieſelbe ſo weit entfernt bin, als je. Ich bin in unſerer hilfloſen Lage von der Wichtigkeit Ihres Beiſtandes ſo tief überzeugt, es liegt mir ſo viel daran, die Theilnahme zu verdienen, welche meines Vaters vertrauter Berather und älteſter 218 Freund uns ſchenkt, daß ich mich gewiß und wahr⸗ haftig über mich ſelber ärgere, hierin nicht einerlei Meinung mit Ihnen zu ſein: und doch bin ich nicht Ihrer Meinung. Magdalene iſt ſehr ſonderbar, ſehr unberechenbar für Die, welche ſie nicht ganz genau kennen. Ich kann mir wohl denken, daß ſie Sie in aller Unſchuld auf irrige Vorausſetzungen gebracht und daß ſie ſich Ihnen vielleicht von der ungün⸗ ſtigſten Seite gezeigt hat. Allein daß der Schlüſſel zu ihrer Sprache und ihrem Benehmen am letzten Mittwoch in einem ſolchen Gefühle für den Mann, der uns zu Grunde gerichtet hat, wie Sie es ange⸗ deutet haben, liegen ſollte, Das kann ich nun und nimmermehr von meiner Schweſter glauben. Wenn Sie wüßten, wie ich es weiß, welch edlen Charakter ſie hat, ſo würden Sie nicht über dieſen meinen an⸗ dauernden Widerſpruch gegen Ihre Meinung erſtaunen. Wollen Sie zuſehen, ob Sie letztere ändern können? Ich gebe Nichts auf Das, was Mr. Clare ſagt: Der glaubt ja an Nichts. Aber ich lege ſehr viel Wichtig⸗ keit auf Das, was Sie ſagen, und wie ſehr von Wohl⸗ wollen eingegeben Ihre Gründe— ich weiß es wohl ſein mögen, ſchmerzt es mich, denken zu müſſen, daß Sie Magdalenen Unrecht thun. Nachdem ich meine Seele durch dies Bekenntniß erleichtert habe, kann ich nun zu dem eigentlichen Gegenſtande meines Briefes kommen. Ich verſprach, wenn Sie uns heute nicht beſuchen könnten, Ihnen zu ſchreiben und Alles, was ſeit Ihrem Weggange ge⸗ ſchehen iſt, erzählen zu wollen. Der Tag iſt vor⸗ übergegangen, ohne daß wir Sie zu ſehen bekommen haben. Daher öffne ich denn mein Schreibzeug und erfülle mein Verſprechen. Ich bedaure ſagen zu müſſen, daß drei von den Dienſtmädchen, die Hausmagd, die Küchenmagd und ſogar unſer eigenes Kammermädchen— gegen das wir gewiß immer freundlich geweſen ſind— den Um⸗ dHwahr⸗ einerlei ch nicht ar, ſehr genau Sie in gebracht ungün⸗ jſchlüſſel letzten Mann, 8 ange⸗ un und Wenn harakter nen an⸗ ſtaunen. können? gt: Der Wichtig⸗ Wohl⸗ vohl en, daß kenntniß itlichen rſprach, Ihnen inge ge⸗ iſt vor⸗ kommen eug und von den agd und gen das en Um⸗ — ſtand, daß ſie von Ihnen ihren Lohn ausgezahlt er⸗ halten hatten, ſich zu nutze gemacht, aufgepackt haben und gegangen ſind, ſobald Sie den Rücken gewendet hatten. Sie kamen, um uns Lebewohl zu ſagen, mit ſolcher kalter Höflichkeit und ſo wenig Gefühl, als ob ſie das Haus unter ganz gewöhnlichen Umſtänden ver⸗ ließen. Die Köchin benahm ſich trotz ihres heftigen Temperaments noch ganz anders, ließ uns ſagen, daß ſie bleiben und uns bis zuletzt beiſtehen wolle. Und Thomas— welcher bis jetzt noch keinen andern theuren Vaters gegen ihn und bat uns ſo dringend, daß er uns ſo lange dienen dürfe, als ſeine Erſpar⸗ niſſe reichten, daß Magdalene und ich alle Rückſicht auf die Form vergaßen und ihm Beide die Hand gaben. Der arme Burſche ging weinend aus dem Zimmer. Ich wünſche, daß es ihm gut gehe, ich hoffe, daß er einen guten Herrn und einen ſchönen Dienſt finden mag. Der lange, ruhige, regneriſche Abend draußen— unſer letzter Abend auf Combe-Raven— war eine trübe Prüfung für uns. Ich glaube, im Winter würde er uns weniger drückend geweſen ſein. Die herabgelaſſenen Vorhänge und die hellen Lampen, im Kamin das trauliche Feuer würden uns wohlgethan haben. Wir waren nur noch fünf im Hauſe zuſam⸗ men, nachdem wir einſt ſo Viele geweſen waren! Ich kann Ihnen nicht ſchildern, wie das trübe Tageslicht gegen ſieben Uhr in den einſamen Zimmern und auf der ſtillen Treppe uns ſchmerzte. Iſt das Vorurtheil zu Gunſten der langen Sommerabende ein Vorurtheil nur der Glücklichen?— Wir thaten unſer Beſtes. Wir machten uns zu thun, und Miſs Garth half uns. Die Ausſicht, uns auf unſern Weggang vorzubereiten, welcher früher am Tage uns ſo ſchrecklich vorgekom⸗ men war, wandelte ſich, wie der Abend heraufkam, 220 in die Ausſicht um, daß wir uns ſelbſt entgehen konnten. Wir ſchafften alle unſere Habſeligkeiten herunter, häuften ſie auf die große Speiſetafel und machten ſo in einem und demſelben Zimmer unſere Vorbereitungen. Wir haben ſicherlich Nichts hinweggenommen, das nicht eigentlich unſer gehörte. Nachdem ich Ihnen bereits von meiner Ueber⸗ zeugung geſprochen, daß Magdalene nicht bei ſich ſelber war, als Sie am Mittwoch ſie ſahen, fühle ich mich verſucht, hier innezuhalten und Ihnen einen Umſtand zum Beweiſe Deſſen, was ich geſagt, mit⸗ zutheilen. Der kleine Zwiſchenfall ereignete ſich Mitt⸗ woch Abends, gerade als wir zu unſeren Zimmern hinaufgehen wollten. Nachdem wir unſere Kleider und unſere Geburts⸗ tagsangebinde, unſere Bücher und Muſicalien einge⸗ packt hatten, begannen wir, unſere Briefe zu ſortiren, welche unter einander gekommen waren, da alle auf dem Tiſche beiſammen lagen. Ein paar von meinen Briefen waren unter Magdalenens Briefe gerathen, und einige von den ihrigen unter die meinigen. Unter den letzteren fand ich eine Karte, die meine Schweſter zu Anfang des Jahres von einem Schauſpieler, welcher eine Liebhabertheateraufführung, an der ſie ſelbſt Theil genommen, geleitet hatte, erhielt. Der Mann hatte ihr die Karte, welche ſeinen Namen und Wohnnung enthielt, in dem Glauben gegeben, daß ſie zu mehr Vergnügungen dieſer Art eingeladen werden würde, und in der Hoffnung, daß ſie ihn als Regiſſeur bei künftigen Gelegenheiten empfehlen würde. Ich erzähle Ihnen dieſe geringfügigen Einzelheiten nur, um Ihnen zu zeigen, wie wenig Werth in ſolchen Umſtänden als den unſerigen das Aufbewahren einer ſolchen Karte haben mußte. Wie es ſehr natürlich war, warf ich ſie von mir weg über die Tafel, indem ich ſie auf den Boden werfen wollte. Sie fiel zu kurz, nahe bei den Platz, wo Magdalene ſaß. Sie hob dieſe Wel auf mit noch weis doch ſie hatte zu i Herr habe eines fern E wo J und war tiefe ſtänd ſchat Ben ſuch⸗ Geff mich Jah behe ſchli mich Jah zu 2 in Nac mir, bald entgehen ligkeiten veiſetafel Zimmer „Nichts gehörte. Ueber⸗ bei ſich fühle ich en einen gt, mit⸗ ch Mitt⸗ zimmern Heburts⸗ en einge⸗ ſortiren, alle auf meinen erathen, 1. Unter ſchweſter uſpieler, der ſie t. Der nen und daß ſie werden degiſſeur e. Ich ten nur, ſolchen en einer natürlich (,‚ indem fiel zu 221 hob ſie auf, ſah darauf und erklärte ſofort, daß ſie dieſes ganz werthloſe Ding nicht um Alles in der Welt vernichtet haben würde. Sie war beinahe böſe auf mich, daß ich ſie weggeworfen hatte, beinahe böſe mit Miſs Garth, weil dieſe fragte, wozu ſie dieſe noch brauchen könne. Kann es einen deutlichern Be⸗ weis geben, als dieſen, daß unſer Mißgeſchick, das doch um ſo viel ſchwerer ſie, als mich betroffen hatte, ſie ganz aus den Angeln gehoben und aufgerieben hatte? Gewiß darf man ihre Worte und Blicke nicht zu ihrem Nachtheile auslegen, wenn ſie nicht ganz Herrin ihrer ſelbſt iſt, um ihr natürliches Urtheil zu haben, wenn ſie die unvernünftige Ungeberdigkeit eines Kindes zeigt bei einer Frage, die nicht im Ent⸗ fernteſten von Bedeutung iſt. Eine kleine Weile nach Elf gingen wir hinauf, um wo möglich etwas zu ruhen. Ich zog den Vorhang von meinem Fenſter weg und ſah hinaus. Ach, was für eine herbe letzte Nacht war das. Kein Mond, keine Sterne. Eine ſolche tiefe Finſterniß, daß keiner von den trauten Gegen⸗ ſtänden im Garten ſichtbar war, als ich nach ihnen ſchaute. Eine ſolche tiefe Stille, daß meine eigenen Bewegungen im Zimmer mich erſchreckten! Ich ver— ſuchte mich niederzulegen und zu ſchlafen, aber das Gefühl der Einſamkeit kam wieder und überwältigte mich. Sie werden ſagen, daß ich mit ſechsundzwanzig Jahren alt genug ſei, mich doch etwas mehr ſelbſt zu beherrſchen. Ich weiß kaum, wie es kam, aber ich ſchlich mich in Magdalenens Zimmer, gerade wie ich mich hinein zu ſchleichen pflegte vor langen, langen Jahren, als wir noch Kinder waren. Sie war nicht zu Bette, ſie ſaß mit ihren Schreibmaterialien vor ſich in Gedanken da. Ich ſagte, ich möchte die letzte Nacht bei ihr bleiben, und ſie küßte mich und ſagte mir, ich ſollte mich nur niederlegen. Sie würde ſchon bald nachkommen, verſprach ſie mir. Meine Seele 222 war ſchon etwas ruhiger geworden, und ich ſchlief ein. Es war Tag, als ich erwachte, und das Erſte, was ich ſah, war Magdalene, welche noch immer auf dem Stuhle ſaß und immer noch nachſann. Sie war gar nicht ins Bett gekommen, ſie hatte die ganze Nacht gewacht. — Ich will ſchlafen, wenn wir Combe⸗Raven ver⸗ laſſen haben, ſagte ſie. Es wird mir wohler ſein, wenn Alles vorüber iſt, und ich Frank Lebewohl geſagt habe. Sie hatte unſeres Vaters Teſtament in den Händen und den Brief, welchen er an Sie ſchrieb, und als ſie ausgeſprochen hatte, legte ſie Beides in meine Hände nieder. Ich wäre die älteſte— ſagte ſie— und dieſe letzten koſtbaren Reliqnien müßten von mir auf⸗ bewahrt werden. Ich ſchlug ihr erſt vor, daß wir uns hinein theilten, aber ſie ſchüttelte mit dem Kopfe. — Ich habe für mich ſelbſt eine Abſchrift genom⸗ men, ſagte ſie, von Allem, was er von uns ſagt in dem Teſtament und von Allem, was er in dem Briefe ſagt. Wie erzählte mir Dies und nahm aus ihrem Buſen eine kleine weißſeidene Taſche, die ſie ſich in der Nacht gemacht hatte und in welche ſie die Auszüge geſteckt hatte, als wollte ſie dieſelben immer bei ſich führen. — Dies ſagt mir in ſeinen eigenen Worten, welches ſeine letzten Wünſche für uns Beide waren, ſagte ſie, und dies iſt Alles, was ich für die Zukunft brauche. Dies Alles ſind Kleinigkeiten, bei denen ich ver⸗ weile, und ich bin über mich ſelbſt erſtaunt, daß ich mich nicht ſchäme, Sie damit zu behelligen. Aber ſeitdem ich weiß, welches Ihre früheren Beziehungen zu meinem Vater und meiner Mutter waren, habe ich gelernt, Sie als einen alten Freund zu betrachten, und wohl auch ſo an Sie zu ſchreiben. Und dann liegt es mir ſo ſehr am Herzen, Ihre Meinung von Magda⸗ lenen umzuwandeln, daß ich mir nicht helfen kann, ich n nach ſie ſ A ware Viel daß Er einen derſe jahr⸗ man ſeine mein Vor zu ſe heit er r hatt T wiſſ ſtän war ande zuge unte treff Das zu ſ mir Beag N ging war die in j fänd lief ein. te, was auf dem var gar Nacht den ver⸗ er ſein, l geſagt Händen als ſie Hände — und nir auf— daß wir 1 Kopfe. genom⸗ ſagt in Briefe Buſen r Nacht geſteckt führen. welches agte ſie, brauche. ich ver⸗ daß ich Aber ehungen i, habe rachten, liegt es Magda⸗ n kann, 223 ich muß die kleinſten Dinge von ihr erzählen, welche nach meiner Anſicht darauf abzielen mögen, Sie über ſie ſo denken zu laſſen, als ich ſelber. Als die Frühſtücksſtunde kam— am Donnerſtage— waren wir erſtaunt, einen fremden Brief vorzufinden. Vielleicht muß ich Ihnen Das mittheilen, im Fall, daß künftig Ihr Einſchreiten nöthig werden ſollte. Er war an Miſs Garth gerichtet auf Papier mit einem breiten Trauerrande, und der Schreiber war derſelbe Mann, welcher eines Tages im letzten Früh⸗ jahre uns auf einem Spaziergange nachging: Haupt⸗ mann Wragge. Seine Abſicht war, wie es ſchien, ſeinen kühnen Anſpruch auf eine Verwandtſchaft mit meiner armen Mutter geltend zu machen, unter dem Vorwande einer Beileidsbezeigung, welche überhaupt zu ſchreiben von einer ſolchen Perſon eine Unverſchämt⸗ heit iſt. Er ſprach ſo viel Mitgefühl aus, nachdem er unſern Trauerfall aus den Zeitungen erfahren hatte— als ob er uns wirklich nahe geſtanden hätte. Dann bat er uns in einer Nachſchrift, ihn doch wiſſen zu laſſen— er war alſo ganz offenbar voll⸗ ſtändig unbekannt mit Allem, was wirklich vorgefallen war—, ob es wünſchenswerth wäre, daß er oder andere Verwandte bei der Eröffnung des Teſtaments zugegen wären! Die Adreſſe, welche er angibt und unter der Briefe ihn in den nächſten vierzehn Tagen treffen würden, lautet:„Birmingham, Poſtamt“. Das iſt Alles, was ich Ihnen über dieſen Gegenſtand zu ſagen habe. Sowol Brief wie Schreiber ſcheinen mir eigentlich für uns, wie für Sie nicht der geringſten Beachtung werth zu ſein. Nach dem Frühſtück verließ uns Magdalene und ging vor ſich hin ins Morgenzimmer. Das Wetter war noch immer etwas regnerig, und wir hatten die Anordnung getroffen, daß Francis Clare ſie in jenem Zimmer ſprechen ſollte, wenn er ſich ein⸗ fände, um Abſchied zu nehmen. Ich war oben, 224 als er kam, und ich blieb auch noch über eine halbe Stunde oben, von trüber Sorge erfüllt, wie Sie wohl denken können, über Magdalenen. Nach einer halben Stunde oder etwas ſpäter kam ich die Treppe herunter. Als ich an den Abſatz kam, hörte ich ihre Stimme, welche durchdringend kreiſchte und ihn bei Namen rief,. dann lautes Schluchzen,.. dann ein fürchterliches Lachen und Schreien durch einander, das durch das Haus ſchallte. Ich eilte ſofort in das Zimmer und fand Magdalenen auf dem Sopha in heftigen hyſteriſchen Krämpfen liegend, Frank ſtand da, ſtarrte ſie an mit finſterer, zorniger Miene, ſeine Nägel kauend.. Ich fühlte mich ſo aufgebracht— ohne eigentlich zu wiſſen, warum, denn ich hatte ja keine Ahnung von Dem, was in der Unterredung vorgefallen war— daß ich Mr. Francis Clare bei den Schultern nahm und ihn aus dem Zimmer ſtieß. Es liegt mir ſehr am Herzen, Ihnen zu ſagen, wie ich gegen ihn ge⸗ handelt, und was mich dazu gebracht hat. Denn ich begreife, daß er ſich von mir äußerſt beleidigt halten muß und daß er leicht irgendwo erzählen kann, was er meine unweibliche unziemende Heftigkeit gegen ihn nennt. Wenn er gegen Sie davon ſprechen ſollte, ſo liegt mir meinerſeits viel daran das Zugeſtändniß zu machen, daß ich mich ſelbſt vergaß; doch geſchah Das, wie Sie hoffentlich denken werden, nicht ohne einigen guten Grund. Ich ſtieß ihn auf die Hausflur hinaus und über⸗ ließ Magdalenen für den Augenblick der Sorge von Miſs Garth. Anſtatt nun wegzugehen, ſetzte er ſich ſtörriſch auf einen der Stühle der Halle. — Wollen Sie mir die Frage erlauben, was der Grund dieſer außerordentlichen Aufwallung iſt? fragte er zornigen Auges. — Nein, ſagte ich. Sie werden gefälligſt ſelber Ich nur Ihr S und iſt 2 er es etwa noch ſein Miſ⸗ hatte noch Ich und Wilkie C. halbe Sie kam kam, eiſchte e,. durch eilte nauf egend, rniger entlich hnung var— nahm ſehr )n ge⸗ nn ich halten „was en ihn ſollte, indniß eeſchah t ohne über⸗ ge von er ſich as der fragte ſelber 225 den Grund dazu ſich denken können und uns augen⸗ blicklich verlaſſen, wenn Sie ſo gut ſein wollen. Er blieb verſtockt auf dem Stuhle ſitzen, kaute an den Nägeln und dachte nach. — Was habe ich verſchuldet, um auf dieſe gefühlloſe Art behandelt zu werden? fragte er nach einer Weile. — Ich kann mit Ihnen darüber nicht verhandeln, antwortete ich, ich kann Sie nur erſuchen, uns zu verlaſſen. Wenn Sie darauf beharren zu warten, um meine Schweſter wieder zu ſehen, ſo will ich ſelber hinüber gehen und mich an Ihren Vater wenden. Er erhob ſich bei dieſen Worten in großer Haſt. — In dieſer Sache bin ich auf elende Weiſe be⸗ handelt worden, ſprach er. Alles Harte und alle Opfer fallen auf meinen Theil. Ich bin unter Ihnen der Einzige, der ein Herz hat. Die Uebrigen alle ſind ſo hart wie Steine— Magdalene mit einge⸗ ſchloſſen. In einem Athem ſagt ſie mir wohl, ſie liebe mich, und gleich hinterher ſagt ſie mir wieder, ich ſolle nach China gehen. Was habe ich gethan, um mit dieſem herzloſen Wankelmuth behandelt zu werden? Ich bin meinerſeits nicht wankelmüthig— ich will nur zu Hauſe bleiben... und— was folgt daraus? Ihr ſeid Alle gegen mich! In dieſer Art ging er langſam die Stufen hinunter, und das war das letzte Mal, daß ich ihn ſah. Das iſt Alles, was zwiſchen uns vorgefallen iſt. Wenn er es Ihnen anders darſtellt, ſo wird Das, was er etwa ſagt, falſch ſein. Er machte keinen Verſuch, noch einmal zu kommen. Eine Stunde ſpäter kam ſein Vater allein, um Lebewohl zu ſagen. Er ſah Miſs Garth und mich, aber nicht Magdalenen. Wir hatten, als Mr. Clare uns verlaſſen hatte, knapp nur noch zwei Stunden, bis die Zeit zur Abreiſe da war. Ich ging zu Magdalenen zurück und fand ſie ruhiger und beſſer, obgleich ſchrecklich bleich, erſchöpft und Wilkie Collins, Namenlos. 15 226 gedrückt, wie ich glaubte, durch Gedanken, die ſie nicht über ſich gewinnen konnte mitzutheilen. Sie wollte mir damals Nichts weiter erzählen, ſie hat mir auch nachher Nichts erzählt von Dem, was zwiſchen ihr und Francis Clare vorgefallen war. Wenn ich mit Unwillen von ihm ſprach— indem ich doch fühlte, daß er ſie betrübt und gequält hatte in einer Zeit, wo er ihr alle Ermuthigung und allen Troſt hätte geben ſollen, den ein Mann nur ſpenden kann— ſo weigerte ſie ſich mich anzuhören. Sie machte ihm die liebevollſten Zugeſtändniſſe, ſie fand die annehmbarſten Entſchuldigungen für ihn und legte die ganze Schuld des ſchrecklichen Zuſtandes, in dem ich ſie gefunden hatte, lediglich und allein ſich ſelber zur Laſt. Hatte ich Unrecht, als ich Ihnen ſagte, ſie habe einen edlen Charakter? Und wollen Sie Ihre Meinung noch nicht ändern, wenn Sie dieſe Zeilen leſen?— Wir hatten keine Freunde, welche hätten kommen und uns Lebewohl ſagen können. Unſere wenigen Bekannten waren zu entfernt von uns, vielleicht auch zu gleichgiltig gegen uns, um uns Abſchiedsbeſuche zu machen. Wir benutzten die wenige uns bleibende freie Zeit, um mit einander zum letzten Male durch das Haus zu wandeln. Wir nahmen Abſchied von unſerm alten Schulzimmer, unſeren Kammern, dem Schlafzimmer, in dem unſere Mutter ſtarb, dem kleinen Arbeitscabinet, wo der Vater gewöhnlich ſeine Rechnungen beſorgte und ſeine Briefe ſchrieb. Wir fühlten gegenüber dieſen Räumen in unſerer ver⸗ waiſten verlaſſenen Lage Das, was andere Mädchen beim Abſchied von alten Freunden gefühlt haben würden. Vom Hauſe gingen wir dann bei einem eingetretenen freundlichen Sonnenblicke in den Garten und pflückten unſern letzten Strauß und nahmen uns vor, dieſe Blumen, wenn ſie zu welken anfingen, einzulegen und ſie zur Erinnerung der nun vergangenen glück⸗ „ e ſie Sie hat was war. n ich hatte und nur ören. ſie und 8, in ſich hnen ollen Sie imen nigen auch ſuche dende durch von dem dem ſeine Wir ver⸗ dchen rden. tenen ickten dieſe legen glück⸗ lichen Tage aufzubewahren.— Als wir dem Garten Lebewohl geſagt hatten, war nur noch eine halbe Stunde übrig. Wir gingen zuſammen an das Grab, wir knieten nieder, eine neben der andern und küßten ſchweigend den heiligen Grund. Ich dachte, das Herz müßte ſchier brechen. Auguſt war der Monat mit dem Geburtstag der Mutter, und jetzt vor einem Jahre waren wir drei, der Vater, Magdalene und ich in geheimer Berathung geweſen, mit was für einem Geſchenk wir ſie wohl früh an ihrem Geburts⸗ tagmorgen überraſchen könnten.— Wenn Sie hätten Magdalenen leiden ſehen, ſo würden Sie nie wieder gezweifelt haben. Ich mußte ſie von der ewigen Ruheſtätte unſeres Vaters und unſerer Mutter beinahe mit Gewalt fortziehen. Ehe wir aus dem Friedhofe gingen, riß ſie ſich wieder von mir los und lief zurück. Sie fiel am Grabe auf ihre Kniee, riß mit leidenſchaftlicher Geberde eine Hand voll Gras davon ab und ſagte in dem Augen⸗ blicke Etwas zu ſich ſelbſt, wo ich, obgleich ich ihr auf dem Fuße folgte, noch nicht nahe genug war, um ſie zu hören. Sie wandte ſich nach mir in einer ſo halb wahnſinnigen Art um, als ich verſuchte, ſie vom Boden wegzuheben,—.. ſie ſah mich mit ſo fürch⸗ terlich wilden Blicken an,... daß ich mich ordent⸗ lich bei ihrem Anblicke entſetzte. Zu meinem Troſt wich der Paroxysmus ſo ſchnell von ihr, als er ge⸗ kommen war. Sie warf das Häuflein Gras in den Buſen ihres Kleides, nahm meinen Arm und eilte mit mir aus dem Friedhof hinaus. Ich fragte ſie, warum ſie zurückgegangen ſei,— ich fragte ſie, welches die Worte waren, die ſie am Grabe ge⸗ ſprochen hatte. — Ein Gelöbniß für unſern ſeligen Vater, ant⸗ wortete ſie mit einem augenblicklichen Wiederaufblitzen des wilden Blickes und des halbwahnſinnigen Weſens, das mich bereits ſo gewaltig erſchreckt hatte. 15* 228 Ich ſcheute mich, ſie durch weitere Worte noch mehr aufzuregen und unterließ alle weiteren Fragen bis zu einer paſſendern und ruhigern Zeit. Sie werden daraus abnehmen können, wie ungeheuer ſie leidet, wie wild und ſeltſam ſie in heftiger Aufregung handelt, und Sie werden nicht zu ihren Ungunſten deuten, was ſie geſagt oder gethan hat, als Sie dieſelbe letzten Mittwoch ſahen. Wir kamen nach Hauſe zurück, um von dort gerade noch nach der Eiſenbahn wegzueilen. Vielleicht war Das gerade beſſer für uns, beſſer, daß wir nur einen Augenblick übrig hatten, um zurückzuſchauen, ehe die Biegung der Straße das letzte Stück von Combe⸗ Raven vor unſeren Blicken verbarg. Es war an der Station keine Seele, die wir kannten, Niemand, der uns anſtarrte, Niemand, der uns Lebewohl bot. Der Regen kam wieder, als wir unſere Plätze in dem Zuge genommen. Was wir beim Anblick der Eiſen bahn fühlten, welche entſetzlichen Erinnerungen ſich da unſerer Seele aufdrängten von dem Unglücksfalle, der uns zu Waiſen gemacht hatte,— vermag, wage ich nicht zu ſagen. Ich habe mich abſichtlich bemüht, dieſen Brief nicht in traurigem Tone zu ſchreiben, um nicht alle Ihre Güte gegen uns dadurch zu vergelten, daß ich Sie mit unſerm Kummer beunruhige. Viel⸗ leicht habe ich ſchon zu lange verweilt bei der kleinen Geſchichte unſeres Abſchiedes vom Hauſe. Ich kann zur Entſchuldigung ſagen, daß mein Herz voll davon iſt und, was in meinem Herzen nicht iſt, wollte meine Feder nicht ſchreiben. Wir ſind an unſerm neuen Aufenthalte erſt eine ſo kurze Zeit, daß ich Nichts weiter zu erzählen habe — außer daß Miſs Garths Schweſter uns mit der herzlichſten Güte aufgenommen hat. Sie überläßt uns wohl mit richtigem Tacte uns ſelbſt, bis wir beſſer als jetzt im Stande ſind, an Pläne für die Zu⸗ kunft zu denken und uns darnach einzurichten, wie wir am Beſten unſer Brod verdienen können. Das Haus iſt ſo groß, und die Lage unſerer Zimmer iſt ſo wohlbedacht ausgewählt, daß ich— wenn ich nicht das Lachen der jüngeren Mädchen vom Garten heraufhörte—, kaum glauben würde in einer Schule zu wohnen. Mit den herzlichſten und beſten Wünſchen von Miſs Garth und meiner Schweſter laſſen Sie mich zeichnen, verehrter Mr. Pendril, Ihre dankbar ergebene Nora Vanſtone. II. Miſs Garth an Mr. Pendril. Kenſington, Weſtmoreland⸗Houſe, den 23. September 1846. Hochgeehrter Herr! Ich ſchreibe dieſe Zeilen in einem ſolchen geiſtigen Elende, als keine Worte beſchreiben können. Magda⸗ lene hat uns heimlich verlaſſen. In früher Stunde dieſen Morgen ging ſie heimlich aus dem Hauſe fort und hat Nichts wieder von ſich hören laſſen.— Ich würde perſönlich kommen und mit Ihnen ſpre⸗ chen, allein ich wage nicht, Nora allein zu laſſen. Ich will ſehen, ob ich mich zu faſſen vermag, will ſehen, ob ich zu ſchreiben im Stande bin. Nichts fiel geſtern vor, um mich oder Nora auf dieſen letzten— und beinahe hätte ich geſagt, ſchlimmſten — Schlag vorzubereiten. Die einzige Veränderung, welche jede von uns Beiden bei dem unſeligen Mädchen bemerkten, war eine Aenderung zum Beſſern, als wir uns gute Nacht ſagten. Sie küßte mich, was ſie in der letzten Zeit nicht gethan hatte, und brach in 230 Thränen aus, als ſie dann ihre Schweſter umarmte. Wir hatten ſo wenig Ahnung von der Wahrheit, daß wir dieſe Zeichen einer neuerwachten Zärtlichkeit und Zuneigung für ein Verſprechen der Beſſerung für die Zukunft hielten. Dieſen Morgen, ein wenig nach acht Uhr, als ihre Schweſter in ihr Zimmer ging, war es leer, und ein Brief von ihrer Hand mit Noras Adreſſe lag auf dem Toilettentiſche. Ich kann Nora nicht bewegen, daß ſie den Brief aus den Händen gibt, ich kann Ihnen nur die beiliegende Abſchrift davon ſenden. Sie werden ſehen, daß er über die von ihr ein⸗ geſchlagene Richtung durchaus keinen Aufſchluß gibt. Indem ich den Werth der Zeit bei dieſem entſetz⸗ lichen Vorfalle wohl kannte, unterſuchte ich ihr Zim⸗ mer und fragte mit Hilfe meiner Schweſter die Dienſt⸗ boten aus, augenblicklich, nachdem ich die Nachricht von ihrer Entweichung erhalten hatte. Ihr Kleider⸗ ſchrank war leer, und alle ihre Koffer außer einem, welchen ſie augenſcheinlich mit ſich genommen hatte, waren ebenfalls leer. Wir ſind der Meinung, daß ſie insgeheim ihre Kleider und Kleinodien zu Geld gemacht hat, daß ſie den einzigen Koffer, welchen ſie mit ſich nahm, geſtern aus dem Hauſe ſchaffte und daß ſie uns heute früh zu Fuß verließ. Die Ant⸗ worten, welche eins von den Dienſtmädchen gab, waren ſo ungenügend, daß wir glauben, das Frauen⸗ zimmer iſt von ihr beſtochen worden, ihr beizuſtehen und hat alle jene Einleitungen zur Flucht beſorgt, welche ſie, ohne entdeckt zu werden, kaum ſelbſt treffen konnte. Ueber die nächſte Urſache, warum ſie uns verließ, hege ich nicht den geringſten Zweifel. Ich habe Gründe, die ich Ihnen bei paſſender Ge⸗ legenheit weiter mittheilen kann, mich verſichert halten zu dürfen, daß ſie fortgegangen iſt, ihr Glück auf der Bühne zu verſuchen. Sie hat in ihrer Verwah⸗ — —— rung die Karte eines Schauſpielers von Beruf, welcher daß eine Liebhabertheateraufführung zu Clifton, an der ſie und Theil nahm, leitete. Zu ihm iſt ſie gegangen, um ſich die an ihn zu wenden. Ich ſah ihn ſeiner Zeit und weiß, daß der Schauſpieler Huxtable heißt. Der Adreſſe ihre 3 kann ich mich ſo genau nicht mehr entſinnen, aber ich ein 4 bin meiner Sache faſt ganz gewiß, daß es irgend ein auf mit dem Theater verwandter Ort im Coventgarden⸗ gen, viertel in die Straße Bowſtreet war. Geſtatten Sie ann mir die inſtändige Bitte, keinen Augenblick zu ver⸗ den. lieren, um die nöthigen Nachforſchungen anſtellen zu ein⸗ laſſen, die erſte Spur wird, glaube ich, ſicher und gibt. beſtimmt, unter jener Adreſſe zu erhalten ſein. ſetz⸗ Wenn wir nichts Schlimmeres zu befahren hätten, im⸗ als ihren Verſuch, zur Bühne zu gehen, ſo würde ich enſt⸗ die Trauer und das Entſetzen nicht empfinden, welche icht mich jetzt beinaheübermannen. Hundert andere Mädchen der⸗ haben ſo rückſichtslos gehandelt als ſie und haben em, ¹ nach alle Dem doch nicht ſchlecht geendet. Allein itte, meine Beſorgniſſe beginnen und endigen nicht bei dem daß f Wagniſſe, deſſen ſie ſich eben jetzt unterwunden hat. beld Seitdem wir Combe⸗Raven verlaſſen haben, hat ſie ſie Etwas gedrückt, in den letzten ſechs Wochen mehr als und anfangs gedrückt. Bis zu der Zeit, wo Francis Clare Ant⸗ England verließ, war ich überzeugt, daß ſie insge⸗ gab, heim durch die Hoffnung aufrecht erhalten würde, nen⸗ daß er ſich eine neue Unterredung mit ihr zu ver⸗ ehen ſchaffen ſuchen werde. Von dem Tage, wo ſie wußte, rgt, daß die Maßregeln, die Sie, um Dies zu verhindern, ffen getroffen hatten, ihren Zweck erreicht hatten, von dem 3 Tage an, wo ſie ſicher ſein konnte, daß das Schiff ieß⸗ ihn wirklich hinweggeführt hatte, hat Nichts ſie wieder aufgerichtet, Nichts ihre Theilnahme erregt. Sie hat Ge⸗ ſich ſelbſt immer mehr und mehr der Verzweiflung, lten ihren eigenen, düſter brütenden Gedanken überlaſſen, auf Gedanken, die, glaube ich, zuerſt ihr durch die Seele hah⸗ blitzten an dem Tage, wo die gänzliche Zerſtörung —— 232 der Ausſichten, von denen ihre Verheirathung abhing, ihr offenbar wurde. Sie hat irgend einen verzweifelten Plan gefaßt, um Mr. Michael Vanſtone den Beſitz von ihres Vaters Vermögen ſtreitig zu machen, und die Bühnenlaufbahn, zu deren Antritt ſie jetzt den erſten Schritt gethan hat, iſt Nichts weiter als ein Mittel, um ſich von allen Familienbanden los zu machen und vollkommen ſicher vor aller häuslichen Ueberwachung das tolle Wagniß vollbringen zu können, das ſie vorhat. Was es mich für Ueberwindung koſtet, von ihr in dieſen Ausdrücken zu ſchreiben, muß ich Ihnen überlaſſen, mir nachzuempfinden. Die Zeit iſt vorüber, wo irgend eine traurige Erwägung für mein eigenes Gefühl Einfluß auf mich haben konnte. Was ich nur immer ſagen kann, um Ihre Augen für die wirkliche Gefahr zu öffnen und Ihre Ueberzeugung von der vorliegenden Nothwendigkeit dieſelbe abzu⸗ wenden, zu befeſtigen, ſage ich ohne Zaudern und ohne Rückhalt mit Ueberwindung meiner ſelbſt. Noch ein Wort, und ich bin fertig. In der letzten Zeit, wo Sie ſo freundlich waren, hierher zu uns zu kommen, erinnern Sie ſich da, wie Magdalene uns durch die Ihnen vorgelegte Frage in Verwirrung und Jammer verſetzte, ob ſie ein Recht habe, ihres Vaters Namen zu führen? Erinnern Sie ſich, wie ſie auf ihre Fragen beſtand, bis ſie von Ihnen die Erklärung herausgebracht hatte, daß vor dem Geſetz ſowohl ſie, als ihre Schweſter namenlos wären? Ich erinnere Sie abſichtlich daran, da Sie die Angelegenheiten von hundert Clienten im Kopfe haben müſſen und daher wohl den Umſtand vergeſſen haben werden. Welchen natürlichen Widerwillen ſie nun wohl vor einer Täuſchung unſers Vertrauens und einer Herabwürdigung ihrer ſelbſt ſonſt empfunden haben würde, dieſe Unterhaltung mit Ihnen hat ſicherlich jenes Widerſtreben bei ihr zu nichte gemacht. Wir müſſen ſie durch eine Beſchreibung ihres Aeußern F entdecken, es bleibt uns außerdem kein anderer Weg, ſie ausfindig zu machen. Ich kann an Nichts mehr denken, um Ihre Ent⸗ ſchließung in unſerer kläglichen Noth zu leiten. Um Gottes Willen, ſchonen Sie keine Koſten und keine Anſtrengungen. Ich ſchicke meinen Brief durch einen beſondern Boten, er muß zehn Uhr früh ſpäteſtens in Ihren Händen ſein. Antworten Sie mir durch eine Zeile, daß Sie augenblicklich nach beſtem Er⸗ meſſen handeln wollen. Meine einzige Hoffnung, um Nora zu beruhigen, iſt, ihr ein Wort des Troſtes von Ihrer Feder zu zeigen. Betrachten Sie mich, ver⸗ ehrter Herr, als Ihre aufrichtig und dankbar ergebene Harriet Garth. III. Magdalene an Nora. (Abſchriftlicher Einſchluß in dem vorigen Briefe.) Mein theures Leben! Siehe, ob Du mir vergeben kannſt. Ich habe mit mir ſelbſt gekämpft, bis ich der Anſtrengung er⸗ legen bin. Ich bin das elendeſte Geſchöpf, das auf Gottes Welt iſt. Unſer ruhiges Leben macht mich toll. Ich kann es nicht länger ertragen. Ich muß fort, Wenn Du wiüßteſt, welches meine Gedanken ſind, wenn Du wüßteſt, wie heftig ich dagegen angekämpft habe und wie ſchrecklichen Geſpenſtern gleich ſie in der Einſamkeit dieſes Hauſes mich heimgeſucht haben: ſo würdeſt Du mir Mitleid und Verzeihung ſchenken. Ach, meine Liebe, ſei nicht darob verletzt, daß ich Dir nicht mein Herz aufſchließe, wie ich wohl ſollte! Ich darf es nicht aufſchließen. Ich darf mich Dir nicht zeigen, wie ich wirklich bin. 234 Ich bitte Dich, ſchicke und forſche nicht nach mir. Ich will ſchreiben und Dir all Deine Beſorgniſſe nehmen. Du weißt, Nora, wir müſſen uns jetzt unſer Brod ſelber verdienen. Ich bin gegangen, um das meine auf die Weiſe zu verdienen, die für mich die paſſendſte iſt. Ob ich Glück habe oder ob ich mein Ziel verfehle: ich kann für meine Perſon auf keine Weiſe dabei verlieren. Ich habe keine Stellung zu verlieren, keinen Namen zu entehren. Zweifle nicht, ob ich Dich liebe... laß auch bei Miſs Garth keine Zweifel aufkommen über meine Dankbarkeit. Ich gehe fort unglücklich darüber, daß ich Dich ver⸗ laſſen muß, aber ich muß gehen. Wenn ich Dich weniger zärtlich liebte, dann hätte ich wohl den Muth gehabt, Dir Dies mündlich zu ſagen,— aber wie konnte ich mir ſelbſt zutrauen, Deinem Zureden zu widerſtehen und den Anblick Deines Schmerzes zu ertragen? Lebe wohl, mein theures Leben. Nimm tauſend Küſſe von mir, mein einziger, beſter, theuerſter Liebling, bis wir uns wiederſehen. — Magdalene. IV. Polizeiſergeant Bulmer(von der Gerichtspolizei) an Mr. Pendril. Scotland⸗Yard, den 29. September 1846. Mein Herr! Ihr Schreiben zeigt mir an, daß die bei unſerer Nachforſchung nach der vermißten jungen Dame in⸗ tereſſirten Parteien ſehr verlänglich ſind auf Nachricht von derſelben. Ich ging heute auf Ihre Amtſtube, um mit Ihnen über die Sache zu ſprechen. Da ich .. etzt um iich ich auf ing fle rth eit. er⸗ dich uth wie zu zu nm ſter an 346 rer in⸗ icht äbe, ich “ 2 Sie nicht angetroffen habe und auch morgen nicht wiederkommen und vorfragen kann, ſo ſchreibe ich dieſe Meldung, um keinen weiteren Aufſchub zu ver⸗ urſachen und Ihnen zu ſagen, wie weit wir damit gekommen ſind. Ich bedaure ſagen zu müſſen, daß ſeit meinem frühern Bericht keine Fortſchritte gemacht wurden. Die Spur der jungen Dame, welche wir vor nahezu acht Tagen auffanden, bleibt eben immer noch die letzte Spur von ihr. Dieſer Fall ſcheint ein unge⸗ heuer einfacher zu ſein, aus der Ferne beſehen. Bei Lichte beſehen, nimmt ſich die Sache weit heiklicher aus und wird, um die Wahrheit zu ſagen, ein ganz verzwickter Caſus. Folgendes iſt der Stand der Sache, wie er ſich jetzt für uns macht. Wir haben die junge Dame bis zu der Theater⸗ vermittlungsſtelle in der Bowſtreet verfolgt. Wir wiſſen, daß in einer frühen Morgenſtunde des Dreiund⸗ zwanzigſten der Inhaber jener Stelle, als er ſich anzog, herunter gerufen ward, um mit einer jungen Dame in einem Cab vor der Thür zu ſprechen. Wir wiſſen ferner, daß, als ſie Mr. Huxtables Karte vorzeigte, er ihr Mr. Huxtables Wohnung darauf ſchrieb und noch hörte, wie ſie den Kutſcher anwies, nach der Eiſenbahn zu fahren. Wir glauben, ſie ging ab mit dem Neun⸗Uhr⸗Zuge. Wir folgten ihr mit dem Zwölf⸗Uhr⸗Zuge. Wir haben feſtgeſtellt, daß ſie halb drei Uhr in Mr. Huxtables Wohnung vorgefragt, daß ſie ihn aber nicht zu Hauſe gefunden hat und daß man ihn vor Abend nicht zurückerwartete; daß ſie dann hinterließ, ſie wolle um acht Uhr wieder kommen, und daß ſie nicht wieder gekommen iſt. Mr. Hux⸗ tables Angabe iſt,— er und die junge Dame haben ſich mit keinem Auge geſehen. Die erſte Betrachtung, welche nun folgt, iſt Die:— Sollen wir Mr. Hux⸗ table glauben? Ich habe mich ſorgfältig nach ſeinem 236 Ich weiß ſo viel oder noch als er von ſich ſelber weiß. Meine n, daß wir allerdings ihm Glauben Nach beſtem Wiſſen und Gewiſſen einen durchaus rechtlichen Mann. ſt der Haken in der Sache. Die junge t ſich fort mit ei ten Abſicht. zur Vollendun ſind zum Unglück gerade die Fragen, welche wir bis jetzt noch nicht beantworten können. Meine eigene Meinung von der Sache iſt nun kürzlich folgende. Ich denke nicht, daß ihr ein ernſtes Unglück zugeſtoßen. Ernſte Unglücksfälle entdecken ſich in neun Fällen unter zehn gewöhnlich ſelber. Meine Anſicht iſt, daß ſie in die Hände von einigen Perſonen gefallen iſt, welche ein Intereſſe daran haben, ſie verborgen zu halten, und gerieben genug ſind, um Dies durch⸗ zuführen. Ob ſie freilich in deren Bereich iſt mit oder ohne Zwang, iſt mehr als ich mich jetzt zu ent⸗ ſcheiden im Stande fühle. Ich mag nicht falſche Hoff⸗ nungen noch falſche Beſorgniſſe erregen, ich wünſche bei der Meinung, die ich ſchon abgegeben habe, kurz⸗ weg ſtehen zu bleiben. In Abſicht der Zukunft möchte ich Ihnen mittheilen, daß ich einen meiner Leute in täglichem Verkehr mit den Behörden gelaſſen habe. Ich habe auch Anſtalt getroffen, daß die Zettel, welche auf ihr Wiederauf— finden eine Belohnung ausſetzen, weiter verbreitet chließlich habe ich nöthige Anordnungen ge⸗ troffen, um die Anſchlagzettel aller Theater draußen im Lande zu ſehen zu bekommen und um die Schauſpieler⸗ geſellſchaften wohl im Auge zu behalten. Einige Jahre früher hätte Das einen ſtarken Aufwand von Zeit und Geld nöthig gemacht. Zum Glück für unſern Zweck ſind die Theater auf dem Lande ſchlimm daran. ————,— — Außer den großen Städten iſt kaum eins davon er⸗ öffnet, und wir können mit geringen Koſten und wenig Schwierigkeit ein Auge darauf haben. Dies ſind die Schritte, welche ich zur Zeit zu thun für nöthig fand. Wenn Sie anderer Meinung ſind, ſo haben Sie mir nur Ihre Weiſungen mitzutheilen, und ich werde nicht ermangeln, denſelben pünctlich nachzukommen. Ich gebe durchaus nicht die Hoffnung auf, daß wir die junge Dame auffüiden und ſie wohl und munter wieder zu ihren Freunden zurückbringen. Sagen Sie ihnen Das gefälligſt, und laſſen Sie mich zeichnen Ihr achtungsvoll Ergebener, Abraham Bulmer. .. 5V. Brief ohne Unterſchrift an Mr. Pendril. Mein Herr! Ein Wort an Den, der geſcheidt iſt. Die Freunde einer gewiſſen Dame verſchwenden Zeit und Geld ohne Zweck und Ziel. Ihr Vertrauensmann, der u Schreiber, und Ihr Policiſt von der Criminal⸗ 3 abtheilung ſuchen nach einer Nadel in einem Bündel Heu. Heute iſt der neunte October, und ſie haben ſie noch nicht gefunden: ſie werden eben ſo bald die nordweſtliche Durchfahrt*) finden. Rufen Sie Ihre Hunde zurück, und Sie werden von der Hand der jungen Dame ſelber Nachricht über ihr Wohlbefinden erhalten. Je länger Sie nach ihr ſuchen, deſto länger wird ſie, was ſie jetzt iſt, für Sie bleiben: verloren. *) Durch das Polarmeer. 238 (Vorſtehender Brief enthält auf der Rückſeite von Mr. Pendrils Hand noch Folgendes: Keine Möglichkeit am Tage, um die Inlage auf ihre Quelle zurück zu verfolgen. Poſtſtempel: Char⸗ ingeroß. Fabrikzeichen von der innern Seite des Couverts abgeſchnitten. Handſchrift— wahrſcheinlich eine verſtellte Mannshand. Schreiber, wer er auch ſei, nur zu gut unterrichtet. Keine fernere Spur von der jünge Miſs Vanſtone bis jetzt aufgefunden.] a 2