Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 28. Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Aeih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 32 „ 52 1— 5— 11—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Als ich nach meiner Unterredung mit Mrs. Clements wieder zu Hauſe anlangte, fiel mir eine Veränderung in Laura's Ausſehen auf. Die unveränderte Sanftmuth und Geduld, welche langes Leiden ſo grauſam auf die Probe geſtellt und nie überwunden hatte, ſchien ſie jetzt plötzlich im Stiche ge⸗ laſſen zu haben. Gegen alle Bemühungen, welche Ma⸗ rianne machte, um ſie zu beſänftigen und zu unterhalten, unzugänglich, ſaß ſie vor dem Tiſche, auf dem ihre ver⸗ nachläſſigte Zeichnung ungeduldig fortgeſtoßen war, mit niedergeſchlagenen Augen da und bewegte ihre Finger un⸗ ruhig auf ihrem Schooße hin und her. Marianne ſtand, als ich hereintrat, mit ſtillem Schmerze im Geſichte auf, wartete einen Augenblick, um zu ſehen, ob Laura bei mei⸗ ner Annäherung aufblicken werde, und flüſterte mir zu: „Sieh' zu, ob Du ſie nicht beſänftigen kannſt,“ und ver⸗ ließ das Zimmer. Ich nahm den von Mariannen verlaſſenen Platz, zog ſanft die armen, abgemagerten, unruhigen Finger aus⸗ einander und faßte ihre beiden Hände mit den meinigen. Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 1 2 „Woran denkſt Du, Laura? Sage mir, mein Herzens⸗ liebling— verſuche mir zu ſagen, woran Du denkſt?“ Sie kämpfte mit ſich ſelbſt und erhob ihre Augen zu den meinigen.„Ich kann nicht glücklich ſein,“ ſagte ſie; „ich kann nicht darum hin, zu denken—“ ſie ſchwieg, beugte ſich ein wenig vorwärts und lehnte ihr Haupt mit einer fürchterlichen ſtummen Hülfloſigkeit an meine Schulter, die mir einen Stich ins Herz gab. „Verſuche mir's zu ſagen,“ wiederholte ich ſanft, „verſuche, mir zu ſagen, warum Du nicht glücklich biſt.“ „Ich bin ſo nutzlos— ich bin eine ſolche Laſt für Euch Beide,“ antwortete ſie mit einem müden, hoffnungs⸗ loſen Seufzer.„Du arbeiteſt und verdienſt Geld, Walter, und Marianne hilft Dir. Warum kann ich nichts thun? Es wird damit enden, daß Du Marianne lieber haſt, als mich— gewiß, weil ich ſo hülflos bin! O, bitte, bitte, behandelt mich doch nicht wie ein Kind!“ Ich richtete ihr Haupt auf und glättete ihr Haar, das verworren über ihr Geſicht fiel, und küßte ſie— meine arme, verblichene Blume! meine verlorene, ſchwer heim⸗ geſuchte Schweſter!„Du ſollſt uns helfen, Laura,“ ſagte ich; „Du ſollſt ſchon heute anfangen, mein einziger Liebling.“ Sie blickte mich mit einem fieberhaften Eifer und athem⸗ loſem Intereſſe an, das mich für das neue Hoffnungsleben, welches ich durch jene wenigen Worte erweckt hatte, er⸗ beben ließ. Ich ſtand auf, ſammelte ihre Zeichenwerkzeuge und legte ſie wieder neben ihr zurecht. „Du weißt, daß ich mit Zeichen Geld verdiene,“ ſagte ich,„und jetzt, da Du Dir ſolche Mühe gegeben und ſolche Fortſchritte ten, um Gel ſauber und Dann will meine Zeich dann Deine wahren, un fordern, wi lich Du Di wirſt Du Ihr G Lächeln. J wieder auf beinahe wi Ich he ihrem Gei obachtung rianne's Marianne wie ich, de Bedeutung Meinung, von dieſen Ehrgeiz, vollen, gl mehr ferr endete od übergeben barg ſie Verdienſt ι Fortſchritte gemacht haſt, ſollſt auch Du anfangen zu arbei⸗ ten, um Geld zu verdienen. Verſuche dieſe kleine Skizze ſo ſauber und hübſch, wie Du nur kannſt, fertig zu machen. Dann will ich ſie mitnehmen, und der Mann, der alle meine Zeichnungen kauft, ſoll auch dieſe kaufen. Du ſollſt dann Deinen Verdienſt in Deiner eigenen Börſe aufbe⸗ wahren, und Marianne ſoll ſich ebenſo oft von Dir Geld fordern, wie ſie deshalb zu mir kommt. Bedenke, wie nütz⸗ lich Du Dich uns Beiden machen wirſt, Laura, und dann wirſt Du bald ſo glücklich ſein, wie der Tag lang iſt.“ Ihr Geſicht belebte ſich und erhellte ſich zu einem Lächeln. In dieſem Augenblicke, während ſie den Bleiſtift wieder aufnahm, den ſie von ſich gelegt hatte, ſah ſie beinahe wieder wie die Laura vergangener Tage aus. Ich hatte die Anzeichen eines neuen Erwachens in ihrem Geiſte, welches ſich unbewußterweiſe in ihrer Be⸗ obachtung der Beſchäftigungen ausdrückte, welche Ma⸗ rianne's und mein Leben ausfüllten, richtig gedeutet. Marianne ſah(als ich ihr erzählte, was ſich zugetragen), wie ich, daß ſie ſich ſehnte, ihren eigenen kleinen Platz der Bedeutung wieder einzunehmen und ſich in ihrer eigenen Meinung, wie in der unſerigen wieder zu erheben— und von dieſem Tage an unterſtützten wir liebevoll den neuen Ehrgeiz, welcher uns das Verſprechen einer hoffnungs⸗ vollen, glücklicheren Zukunft gab, die jetzt vielleicht nicht mehr ferne war. Ihre Zeichnungen, wie ſie dieſelben be⸗ endete oder zu beenden verſuchte, wurden meinen Händen übergeben; Marianne empfing ſie dann von mir und ver⸗ barg ſie aufs ſorgältigſte, und ich erübrigte von meinem Verdienſte einen kleinen wöchentlichen Tribut, der ihr als 1* der von Fremden gezahlte Preis für die armſeligen, un⸗ deutlichen, werthloſen Zeichnungen übergeben wurde, die niemand kaufte außer mir. Es war zuweilen ſchwer, un⸗ ſern harmloſen Betrug fortzuſetzen, wenn ſie ſtolz ihre Börſe hervorzog, um ihren Antheil zu den Haushaltaus⸗ gaben beizutragen, und mit ernſtem Intereſſe ihre Muth⸗ maßungen darüber ausſprach, wer von uns Beiden im Verlaufe der Woche am meiſten verdient habe. Ich habe noch jetzt alle jene heimlich verſteckten Zeichnungen in mei⸗ nem Beſitze: ich ſehe in ihnen meinen größten Schatz— die theuren Erinnerungen, die ich lebendig zu erhalten liebe— die Freunde vergangenen Mißgeſchickes, von denen mein Herz ſich niemals trennen, und die meine Liebe nie vergeſſen wird. Spiele ich etwa hier mit den Forderungen meiner Aufgabe? Blicke ich etwa ſchon der glücklicheren Zeit ent⸗ gegen, welche meine Erzählung noch nicht erreicht hat? Ja. Darum zurück— zurück zu den Tagen des Zweifels und der Sorge, wo der Geiſt in mir in der eiſigen Stille unausgeſetzter Spannung ſchwer kämpfte, um ſich am Leben zu erhalten. Ich habe einen Augenblick an⸗ gehalten auf meiner Bahn und ausgeruht. Vielleicht iſt es keine verlorene Zeit, wenn auch die Freunde, welche dieſe Blätter leſen, angehalten und ausgeruht haben. Ich ergriff die erſte Gelegenheit, die ſich mir bot, um mit Mariannen allein zu ſprechen und ihr den Erfolg der Nachfragen mitzutheilen, welche ich dieſen Morgen ge⸗ macht hatte. Sie ſchien in Bezug auf meine beabſichtigte Reiſe nach Welmingham die Anſicht zu theilen, welche Mrs. Clements bereits gegen mich ausgeſprochen hatte. 7 genu Vert dieſen ſicher ſchöp Gra dem Du die ſ Mrs weni beſte woll „abe dehn bethe ob d dies Fall zu r jenes unſc zu ſ ich nicht val heit, 5 „Mir ſcheint, Walter,“ ſagte ſie,„Du weißt kaum genug, um hoffen zu dürfen, daß Mrs. Catherick Dir ihr Vertrauen ſchenken würde? Iſt es wohl gerathen, zu dieſen äußerſten Mitteln zu ſchreiten, ehe Du wirklich alle ſicheren und einfacheren Mittel zu Deinem Endzwecke er⸗ ſchöpft haſt? Als Du mir ſagteſt, Sir Percival und der Graf ſeien die einzigen beiden Lebenden, die genau mit dem Datum von Laura's Abreiſe bekannt ſind, vergaßeſt Du ſowohl wie ich, daß es noch eine dritte Perſon gibt, die ſicher ebenſo genau davon unterrichtet iſt— ich meine Mrs. Rubelle. Wäre es nicht viel leichter und weit weniger gefährlich, ihr gegenüber auf ein Bekenntniß zu beſtehen, als Sir Percival ein ſolches abzwingen zu wollen?“ „Es mag möglicherweiſe leichter ſein,“ erwiderte ich; „aber wir wiſſen durchaus gar nicht, in welcher Aus⸗ dehnung Mrs. Rubelle ſich an dem ganzen Complote betheiligt hat, und können daher nicht beſtimmt ſagen, ob das Datum ihrem Geiſte ſo genau eingeprägt, wie dies jedenfalls bei Sir Percival und dem Grafen der Fall iſt. Es iſt jetzt zu ſpät, Zeit mit Mrs. Rubelle zu verlieren, wenn uns jeder Augenblick zur Entdeckung jenes einen angreifbaren Punktes in Sir Percival's Leben unſchätzbar ſein mag. Denkſt Du nicht vielleicht etwas zu ſehr an die Gefahr, der ich mich ausſetzen mag, indem ich nach Hampſhire zurückkehre, Marianne? Fängſt Du nicht an zu fürchten, daß ich am Ende doch Sir Perci⸗ val nicht gewachſen bin?“ „Das befürchte ich nicht,“ ſagte ſie mit Entſchieden⸗ heit,„weil er in ſeinem Widerſtande gegen Dich nicht — 6 mehr die Hülfe der undurchdringlichen Schlechtigkeit des Grafen hat.“ „Woraus ſchließeſt Du das?“ fragte ich ziemlich er⸗ ſtaunt. „Meine eigenen Erfahrungen in Bezug auf ſeine Hart⸗ näckigkeit und ſeine Ungeduld über den Zwang, in wel⸗ chem der Graf ihn hielt,“ antwortete ſie.„Ich bin der Anſicht, daß er darauf beſtehen wird, Dir allein gegen⸗ über zu treten— gerade wie er anfangs in Blackwater Park darauf beſtand, für ſich zu handeln. Die Zeit, wo man des Grafen Einmiſchung argwöhnen darf, wird die ſein, wo Du Sir Percival in Deiner Gewalt haben wirſt. Es wird dann ſein eigenes Intereſſe in Gefahr ſein, und zu ſeiner eigenen Vertheidigung wird er mit einer furchtbaren Wirkſamkeit handeln, Walter!“ „Wir können ihn vielleicht vorher ſeiner Waffen be⸗ rauben,“ ſagte ich.„Einige der Einzelheiten, welche ich von Mrs. Clements erfahren, mögen gegen ihn in An⸗ wendung gebracht werden, und vielleicht beſitzen wir noch andere Mittel, um uns gegen ihn zu befeſtigen. Es ſind in Mrs. Michelſon's Ausſage Sätze, welche zeigen, daß der Graf es für nöthig erachtete, ſich mit Mr. Fairlie in Verbindung zu ſetzen, und vielleicht gibt es Umſtände, die ihn in dieſem Verfahren compromittiren. Schreibe Du an Mr. Fairlie, während ich fort bin, Marianne, und erſuche ihn, Dir genau mitzutheilen, was zwiſchen ihm und dem Grafen vorging, und was er bei der⸗ ſelben Gelegenheit etwa in Bezug auf ſeine Nichte er⸗ fahren hat. Sage ihm, daß man früher oder ſpäter auf ſeine Angabe, um die Du bitteſt, beſtehen wird, falls machen 2 77⁷ biſt D 8 dazu v Woche ich na Un zutrete D zöge, lich zu ſollte aber d mit d 77 läßt,“ den; ſichere ſame ander N „2 gegne 77 eit des falls er irgendwie ſich weigert, ſie Dir gutwillig zu machen.“ ich er⸗„Der Brief ſoll geſchrieben werden, Walter. Aber biſt Du wirklich entſchloſſen, nach Welmingham zu gehen?“ Hart⸗„Feſt entſchloſſen. Ich will die beiden nächſten Tage wel⸗ dazu verwenden, zu verdienen, was wir für die folgende in der Woche gebrauchen werden; und am Tage darauf reiſe gegen⸗ ich nach Hampſhire ab.“ kwater Und am dritten Tage war ich bereit, meine Reiſe an⸗ Zeit, zutreten. wird Da es möglich war, daß ſich meine Abweſenheit hin⸗ haben zöge, ſo kamen Marianne und ich überein, einander täg Gefahr lich zu ſchreiben. So lange ich regelmäßig von ihr hörte, er mit ſollte ich annehmen, daß Alles in Ordnung ſei. Falls aber die Morgenpoſt mir keinen Brief brachte, ſo ſollte ich een be⸗ mit dem nächſten Zuge nach London zurückkehren. Es ge che ich lang mir, Laura mit meiner Abreiſe auszuſöhnen, indem n An ich ihr ſagte, ich reiſe aufs Land, um neue Käufer für r noch ihre Zeichnungen und die meinigen zu ſuchen, und ver⸗ es ſind ließ ſie dann beſchäftigt und glücklich daheim. Marianne 1, daß folgte mir die Treppe hinunter bis an die Hausthür. Fairlie„Bedenke, welche ſorgenvolle Herzen Du hier zurück⸗ ſtände, läßt,“ flüſterte ſie, als wir zuſammen im Corridor ſtan⸗ chreibe den;„denke an alle die Hoffnungen, die ſich an Deine ranne, ſichere Heimkehr knüpfen. Falls ſich auf dieſer Reiſe ſelt⸗ viſchen ſame Dinge ereignen, falls Du und Sir Percival ein⸗ i der⸗ ander begegnen—“ zte er—„Was bewegt Dich, zu denken, daß wir einander be⸗ ſpäter gegnen werden?“ frug ich. wird,„Ich weiß es nicht. Ich habe Befürchtungen und 4——— ͤͤ Ideen, die ich nicht zu erklären vermag. Lache darüber, wenn Du willſt, Walter— aber ich bitte Dich um Gotteswillen, bleibe ruhig, wenn Du mit jenem Manne 8 in Berührung kommſt!“ „Fürchte nichts, Marianne; ich ſtehe für meine Selbſt⸗ beherrſchung.“ Mit dieſen Worten ſchieden wir. Ich ging ſchnellen Schrittes nach der Station; in meinem Geiſte regte ſich eine zunehmende Ueberzeugung, daß meine Reiſe diesmal keine vergebene ſein würde. Es war ein ſchöner, klarer, kalter Morgen; meine Nerven waren feſt angeſpannt, und ich fühlte die Kraft meines Entſchluſſes mich vom Kopf bis zu den Füßen durch⸗ dringen. Als ich über den Perron hinging und unter der dort verſammelten Menſchenmenge umherblickte, um zu ſehen, ob ſich bekannte Geſichter unter ihr fänden, regte ſich der Zweifel in mir, ob es nicht beſſer geweſen wäre, falls ich, ehe ich dieſe Reiſe nach Hampſſire antrat, eine Verklei⸗ dung angenommen hätte. Doch lag etwas ſo Wider⸗ ſtrebendes für mich in der Idee— etwas ſo Niedriges und der gewöhnlichen Heerde von Spionen und Kundſchaf⸗ tern Aehnliches in der bloſen Thatſache des Verkleidens — daß ich die Frage faſt ebenſo ſchnell, wie ſie ſich mir aufgeworfen, wieder aus meinen Gedanken verwies. Selbſt als eine bloſe Sache der Angemeſſenheit war diefelbe im höchſten Grade zweifelhaft. Falls ich es zu Hauſe ver⸗ ſuchte, ſo würde früher oder ſpäter der Hauswirth es gewahr werden und ſofort Verdacht ſchöpfen; falls aber außer dem Hauſe, ſo konnten mich durch den kleinſten Zu⸗ ber, um inne bſt⸗ in ing, Es ven ines rch⸗ dort hen, der 9 fall dieſelben Perſonen in der Verkleidung ſehen, die mich vorher ohne dieſelbe geſehen hatten, und ich würde auf dieſe Weiſe eine Beobachtung und einen Argwohn auf mich ziehen, die zu vermeiden für mich die dringendſte Nothwendigkeit da war. Ich hatte bisher in meiner eignen Perſönlichkeit gehandelt und war entſchloſſen, die Sache auch ſo zu Ende zu führen. Ich langte nachmittags zeitig mit dem Zuge in Wel⸗ mingham an. Gibt es in den Sandwüſten von Arabien oder unter den Ruinen von Paläſtina einen Anblick der Verödung, welcher der abſtoßenden Wirkung auf das Auge und dem niederdrückenden Eindrucke auf das Gemüth gleichkäme, die eine engliſche Provinzialſtadt im erſten Stadium ihres Daſeins und während ihrer Uebergangsperiode zum Wohl⸗ ſtande auf den Beſchauer macht? Dieſe Frage richtete ich an mich, als ich durch die ſaubere Einöde, die wohl geord⸗ nete Häßlichkeit, die gezierte Erſtarrung der Straßen von Welmingham dahinging. Und die Kaufleute, welche mir aus ihren einſamen Kaufläden nachſtierten; die Bäume, welche in ihrer unfruchtbaren Verbannung von unbeende⸗ ten Gartenplätzen hülflos die Köpfe hängen ließen; die todten Häuſerſkelette, welche vergebens auf das menſchliche Element warteten, das ihnen den Lebensathem einflößen ſollte; jedes Weſen, das ich ſah, jeder Gegenſtand, an dem ich vorüberging— ſchienen einſtimmig zu antwor⸗ ten: In den Wüſten Arabiens iſt nichts von unſerer ci⸗ viliſirten Verödung zu finden und in den Ruinen von Paläſtina nichts, was ſich mit unſerer neumodiſchen Dü⸗ ſterheit vergleichen könnte! 10 Ich erkundigte mich nach dem Wege, der nach dem Stadtviertel führte, wo Mrs. Catherick wohnte, und dort angelangt, fand ich, daß es ein Viereck von kleinen ein⸗ ſtöckigen Häuſern war. In der Mitte deſſelben war ein kahler kleiner Raſenplatz, den ein ſchlichtes Drahtgitter um⸗ zog. Eine ältliche Kinderwärterin und zwei Kinder ſtanden in einem Winkel der Umzäunung und betrachteten eine magere Ziege, welche auf dem Graſe angebunden war. Zwei Perſonen ſtanden im Geſpräche auf der gegenüber⸗ liegenden Seite der Häuſerreihe, und auf der dritten führte ein müßiger kleiner Bube einen müßigen kleinen Hund am Seile. Ich hörte in der Entfernung das matte Klimpern eines Klaviers, begleitet von dem unausgeſetzten Klopfen eines Hammers nahebei. Dies war Alles, was ich ſah und hörte, als ich in das Viereck einbog. Ich ſchritt ſofort auf die Thür von Nummer 13 zu — die Nummer von Mrs. Catherick's Hauſe— und klopfte, ohne vorher zu überlegen, wie ich mich, nachdem ich Einlaß gefunden, ihr am beſten werde vorſtellen können. Die erſte Nothwendigkeit war die, Mrs. Catherick zu ſehen. Ich konnte dann nach meiner eignen Beobachtung beur⸗ theilen, wie ich am ſicherſten und leichteſten den Zweck meines Beſuches würde zur Sprache bringen können. Die Thür wurde von einer melancholiſchen Magd von mittleren Jahren geöffnet. Ich gab ihr meine Karte und frug, ob ich mit Mrs. Catherick ſprechen könne. Die Karte wurde in das vordere Wohnzimmer gebracht und die Magd kam zurück, um mich zu erſuchen, ihr mein Anliegen zu nennen. „Sagen Sie gefälligſt, daß ſich mein Anliegen auf nach dem und dort einen ein— n war ein gitter um⸗ er ſtanden teten eine den war. gegenüber⸗ tten führte Hund am Klimpern 1 Klopfen as ich ſah , nachdem len können. ck zu ſehen. ung beur⸗ den Zweck kFönnen. den Magd eine Karte den könne. r gebracht uchen, ihr liegen auf 11 Mrs. Catherick's Tochter bezieht,“ ſagte ich. Dies war der beſte Vorwand, den ich im Drange des Augenblickes erſinnen konnte, um meinen Beſuch zu erklären. Die Magd ging in das Wohnzimmer zurück, kam wie⸗ der heraus und erſuchte mich diesmal mit einem Blicke finſteren Erſtaunens, einzutreten. Ich trat in ein kleines Zimmer mit einer grellen, großgemuſterten Tapete. Stühle, Tiſche, Sopha und Kommode— Allees leuchtete von dem polirten Glanze billigen Hausrathes. Auf dem größten Tiſche mitten in der Stube lag eine ſchön gebundene Bibel genau im Centrum des Tiſches auf einem gelb⸗ und roth⸗wollenen Bricken, und neben einem Tiſche am Fenſter ſaß mit einem Strickkorbe auf dem Schooße und einem keuchen⸗ den, trübäugigen alten Wachtelhunde zu ihren Füßen eine ältliche Frau, welche eine ſchwarze Tüllhaube, ein ſchwarzſeidenes Kleid und ſchieferfarbene Handſchuhe trug. Ihr eiſengraues Haar hing im ſchweren Scheitel zu bei⸗ den Seiten ihres Geſichtes herab, und ihre dunklen Augen blickten mit einem harten, trotzigen, unerſchütter⸗ lichen Stieren gerade vor ſich hin. Sie hatte volle, hohe Backenknochen, ein langes, feſtes Kinn und dicke, ſinn⸗ liche, farbloſe Lippen. Ihre Geſtalt war corpulent und derb und ihre Manier hatte etwas Kampfgerüſtetes. Dies war Mrs. Catherick. „Sie kommen, um von meiner Tochter mit mir zu ſprechen,“ begann ſie, ehe ich noch ein Wort ſagen konnte; „ſeien Sie ſo gut, zu ſagen, was Sie zu ſagen haben.“ Der Klang ihrer Stimme war ſo hart, trotzig und unerſchütterlich, wie der Ausdruck ihrer Augen. Sie wies 12 auf einen Stuhl und betrachtete mich aufmerkſam vom Kopf bis zu den Füßen, als ich Platz darauf nahm. Ich ſah, daß meine einzige Hoffnung dieſer Frau gegenüber darin lag, daß ich in ihrem eignen Tone mit ihr ſprach und ihr gleich zu Anfang auf ihre eigne Weiſe entgegenkam. „Sie wiſſen,“ ſagte ich,„daß Ihre Tochter verſchwun⸗ den iſt?“ „Ich weiß es vollkommen.“ „Haben Sie je die Befürchtung gehegt, daß dem Unglücke ihres Verſchwindens das ihres Todes folgen könne?“ „Ja. Kommen Sie, um mir zu ſagen, daß ſie todt iſt?“ „Ja.“ „Warum?“ Sie that dieſe merkwürdige Frage, ohne weder im Ge⸗ ſichte, noch in der Stimme, noch in ihrer Manier die geringſte Veränderung zu zeigen. Sie hätte nicht unbe⸗ kümmerter ausſehen können, wenn ich ihr geſagt hätte, die Ziege draußen in der Umzäunung ſei geſtorben. „Warum?“ wiederholte ich.„Fragen Sie, warum ich gekommen bin, Ihnen den Tod Ihrer Tochter anzu⸗ zeigen?“ „Ja. Welches Intereſſe nehmen Sie an mir oder an ihr? Wie kommen Sie dazu, überhaupt etwas von meiner Tochter zu wiſſen?“ „Auf folgende Weiſe: ich begegnete ihr in der Nacht, als ſie aus der Anſtalt entflohen war und war ihr be⸗ hülflich, einen ſichern Zufluchtsort zu erreichen.“ „Da thaten Sie ſehr unrecht.“ „Ich bedaure, ihre Mutter dies ſagen zu hören.“ daß es n mein men Ihn vom Ich über und am. oun⸗ dem lgen ſt? 71 13 „Dennoch ſagt es ihre Mutter. Woher wiſſen Sie, daß ſie todt iſt?“ „Ich bin nicht willens, Ihnen zu ſagen, woher ich es weiß jedenfalls aber weiß ich es.“ „Sind Sie willens, zu ſagen, auf welche Weiſe Sie meine Adreſſe erfahren haben?“ „Gewiß. Ich erfuhr Ihre Adreſſe von Mrs. Cle⸗ ments.“ „Mes. Clements iſt ein thörichtes Weib. Hat ſie Ihnen gerathen, zu mir zu gehen?“ „Nein.“ „Dann frage ich Sie abermals: Warum ſind Sie gekommen?“ Da ſie ſo feſt darauf beſtand, eine Antwort zu haben, gab ich ihr dieſelbe in den möglichſt deutlichen Worten. „Ich kam,“ ſagte ich,„weil ich vermuthete, daß Anna Catherick's Mutter ein natürliches Intereſſe daran nehmen möge, ob ihre Tochter todt oder am Leben ſei.“ „Richtig,“ ſagte Mrs. Catherick mit vergrößerter Ruhe.„Hatten Sie ſonſt noch einen Beweggrund?“ Ich zögerte. Es war nicht leicht, in einem Augenblicke hierauf die rechte Antwort zu finden. „Falls Sie keinen ferneren Beweggrund haben,“ ſagte ſie, indem ſie ſehr gelaſſen die ſchieferfarbenen Halbhand⸗ ſchuhe auszog und zuſammenlegte,„ſo kann ich nur ſagen, daß ich Ihnen für Ihren Beſuch danke und Sie hier nicht länger aufhalten will. Ihre Nachricht würde befriedigen⸗ der ſein, wenn Sie ſagen wollten, wie Sie zu derſelben kamen. Indeſſen berechtigt ſie mich vermuthlich dazu, Trauer anzulegen. Es iſt nicht viel Veränderung in 14 meiner Kleidung nöthig, wie Sie ſehen. Sobald ich meine Handſchuhe gewechſelt, werde ich ganz in Schwarz ſein.“ Sie ſuchte in der Taſche ihres Kleides nach, nahm ein Paar ſchwarzſeidene Halbhandſchuhe heraus, zog ſie mit der größten Gelaſſenheit an und faltete dann ruhig ihre Hände auf ihrem Schooße. „Ich wünſche Ihnen einen guten Morgen,“ ſagte ſie. Die trockene Verachtung ihres Benehmens brachte mich dermaßen auf, daß ich ihr geradezu bekannte, der Zweck meines Hierſeins ſei noch nicht erfüllt. „Es führt mich allerdings noch ein anderer Beweg⸗ grund her,“ ſagte ich. „Ach, das dachte ich mir,“ bemerkte Mrs. Catherick. „Der Tod Ihrer Tochter—“ „Woran ſtarb ſie?“ „An einem Herzleiden.“ „Gut. Fahren Sie fort.“ „Der Tod Ihrer Tochter iſt benutzt worden, um einer mir ſehr theuren Perſon ein bitteres Unrecht zuzufügen. Zwei Männer ſind, wie ich ganz gewiß weiß, in dieſem Unrechte betheiligt. Der Eine von ihnen iſt Sir Percival Glyde.“ „Wirklich?“ „Ich ſchaute ſie aufmerkſam an, um zu ſehen, ob ſie bei der plötzlichen Erwähnung dieſes Namens zucken werde. Sie bewegte keine Muskel— das harte, trotzige Stieren ihrer Augen veränderte ſich keine Secunde. „Es nimmt Sie vielleicht Wunder, auf welche Weiſe das Ereigniß von dem Tode ihrer Tochter be⸗ nutz! zuzu ſchei für im in die ziehe Ver wer dieſe drin uns ſer Aug ruhi Klei konn Röt d ich warz n ein e mit ihre e ſie. rachte der weg⸗ jerick. einer ügen. ieſem reival ſie bei verde. tieren velche r be⸗ 15 nutzt werden konnte, um einer andern Perſon Unrecht zuzufügen?“. „Nein,“ ſagte Mrs. Catherick,„durchaus nicht. Dies ſcheint Ihre Angelegenheit zu ſein. Sie intereſſiren ſich für meine Angelegenheiten, aber ich intereſſire mich nicht im geringſten für die Ihrigen.“ „Dann fragen Sie vielleicht, warum ich der Sache in Ihrer Gegenwart Erwähnung thue,“ fuhr ich fort. „Ja, das frage ich allerdings.“ „Weil ich entſchloſſen bin, Sir Percival Glyde für die Schändlichkeit, die er begangen, zur Rechenſchaft zu ziehen.“ „Was habe ich mit Ihrem Entſchluſſe zu thun?“ „Das ſollen Sie hören. Es gibt in Sir Percival's Vergangenheit Ereigniſſe, mit denen genau bekannt zu werden zu meinem Zwecke nothwendig iſt. Sie kennen dieſelben, und deshalb komme ich zu Ihnen.“ „Was für Ereigniſſe meinen Sie?“ Endlich hatte ich durch die Verſchanzung undurch⸗ dringlicher Zurückhaltung hindurch, welche ſie zwiſchen uns aufrecht zu halten bemüht geweſen, das Innerſte die⸗ ſer Frau getroffen. Ich ſah ihre Leidenſchaft in ihren Augen glimmen— ſo deutlich, wie ich ihre Hände un⸗ ruhig werden, ſich auseinander falten und mechaniſch ihr Kleid auf ihren Knien glätten ſah. „Was wiſſen Sie von jenen Ereigniſſen?“ frug ſie. „Alles, was Mrs. Clements mir darüber erzählen konnte,“ antwortete ich. Ueber ihr feſtes, maſſives Geſicht flog eine ſchnelle Röthe, und ihre Hände blieben plötzlich ſtill liegen, was 16 einen kommenden Zornausbruch anzudeuten ſchien, in welchem ſie ſich vergeſſen mochte. Doch nein— ſie be— meiſterte ihre aufſteigende Wuth, lehnte ſich in ihrem Seſſel zurück, verſchränkte ihre Arme über ihrer breiten Bruſt und ſah mir ſo mit einem Lächeln grimmigen Spot⸗ tes auf den dicken Lippen feſter wie zuvor ins Geſicht. „Ahl jetzt fange ich an, Alles zu verſtehen,“ ſagte ſie, indem ſich ihr gezähmter und gut verhaltener Zorn blos in dem gekünſtelten Spotte ihres Tones und Beneh⸗ mens verrieth.„Sie hegen einen perſönlichen Groll gegen Sir Percival Glyde— und ich ſoll Ihnen helfen, den⸗ ſelben an ihm auszulaſſen. Ich ſoll Ihnen Dies und Das und Jenes über Sir Percival erzählen? wie? Ja, verſteht ſich. Sie haben ſich in meine Angelegenheiten gemiſcht. Sie denken, Sie haben es mit einer verrufenen Frau zu thun, die hier nur geduldet und mit Bereitwilligkeit auf Alles eingehen wird, was Sie nur von ihr fordern mögen, damit Sie ihr nur nicht in der Meinung der Nachbarn ſchaden. Ich durchſchaue Sie und Ihre koſtbaren Pläne — das thu' ich! und es amüſirt mich. Ha! ha!“ Sie ſchwieg einen Augenblick mit feſt über der Bruſt verſchränkten Armen und lachte vor ſich hin— ein hartes, rauhes, zorniges Lachen. „Sie wiſſen nicht, wie ich in dieſem Orte gelebt und was ich hier gethan habe, mein Herr Soundſo,“ fuhr ſie fort.„Ich will's Ihnen ſagen, ehe ich ſchelle und Sie hinausbringen laſſe. Ich kam her als ein mit Unrecht beſchuldigtes Weib— man hatte mir meinen guten Namen geſtohlen, und ich kam her, entſchloſſen, ihn mir wieder zu gewinnen. Ich habe viele Jahre daran gewandt, und jetz ſpectabl gegenge müſſen öffentlie hoch ger Pfarr träumen Kirche finden, die Ueb iſt. Ge daß dor tablen geſellſch zu verd ſchrift l Buchhͤ Pfarrer macht der Liſt ſionspr legte ei ſteher eine Ve dem Ap Lebt Ih Tiſche, ſich beſ gen? Wilkie C en, in ſie be⸗ ihrem breiten Spot⸗ Geſicht. ſagte Zorn Beneh⸗ gegen , den⸗ d Das derſteht miſcht. rau zu eit auf nögen, chbarn Pläne 77 dt und ihr ſie d Sie inrecht guten in mir vandt, 1e und jetzt habe ich ihn wiedergewonnen. Ich bin den re⸗ ſpectablen Leuten auf gleichem Boden frei und offen ent⸗ gegengetreten. Falls ſie jetzt etwas gegen mich ſagen, ſo müſſen ſie es heimlich thun: ſie können, ſie dürfen es nicht öffentlich ſagen. Ich ſtehe in der Meinung dieſer Stadt hoch genug, um über Ihre Angriffe erhaben zu ſein. Der Pfarrer grüßt mich. Ahal das hatten Sie ſich nicht träumen laſſen, als Sie herkamen. Gehen Sie nach der Kirche und erkundigen Sie ſich nach mir— Sie werden finden, daß Mrs. Catherick ihren Platz dort hat, wie die Uebrigen, und dafür bezahlt, wenn die Miethe fällig iſt. Gehen Sie nach dem Rathhauſe. Sie werden finden, daß dort eine Bittſchrift liegt: eine Bittſchrift der reſpec⸗ tablen Einwohner des Ortes, daß man einer Kunſtreiter⸗ geſellſchaft nicht geſtatte, herzukommen und unſere Sitten zu verderben: ja! unſere Sitten. Ich habe dieſe Bitt⸗ ſchrift heute morgen unterſchrieben. Gehen Sie nach dem Buchhändlerladen. Es werden dort auf Subſcription des Pfarrers Mitwochabend⸗Vorleſungen über„Der Glaube macht ſelig“ herausgegeben, und mein Name ſteht auf der Liſte. Des Doctors Frau legte nach der letzten Miſ⸗ ſionspredigt blos einen Schilling auf den Teller, und ich legte eine halbe Krone darauf. Der Herr Kirchenvor⸗ ſteher Soward trug den Teller herum und machte mir eine Verbeugung. Vor zehn Jahren ſagte er zu Pigrum, dem Apotheker, ich ſollte aus der Stadt gepeitſcht werden. Lebt Ihre Mutter? Hat ſie eine ſchönere Bibel auf õrem Tiſche, als ich auf dem meinigen liegen habe? 2n ſich beſſer mit ihren Kaufleuten, als ich mit den meini⸗ gen? Hat ſie nie mehr ausgegeben, wie ſie hatte? Ich Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 2 bin nie über meine Mittel gegangen.— Ahl da kommt der Pfarrer den Platz herauf. Sehen Sie, Herr Soundſo — ſehen Sie gefälligſt! Sie ſprang auf mit der Gewandtheit einer jungen Frau, ging ans Fenſter, wartete, bis der Geiſtliche vor⸗ beikam und grüßte ihn feierlich. Der Geiſtliche nahm ceremoniös den Hut ab und ging weiter. Mrs. Catherick kehrte zu ihrem Platze zurück und blickte mich mit noch grimmigerem Hohne an. „Da!“ ſagte ſie.„Wie gefällt⸗Ihnen das bei einer Frau mit einem ſchlechten Rufe? Wie mögen ſich jetzt Ihre Pläne anlaſſen?“ Die ſonderbare Art und Weiſe, in der ſie ihre Stellung zu behaupten ſuchte, und ihre merkwürdige Rechtfertigung derſelben den Ortseinwohnern gegenüber hatten mich der⸗ maßen überraſcht, daß ich ihr in ſchweigendem Erſtaunen zuhörte. Ich war aber nichtsdeſtoweniger entſchloſſen, noch einen Verſuch zu machen, ſie außer Faſſung zu brin⸗ gen. Wenn die Frau ſich einmal durch ihre raſende Leidenſchaftlichkeit hinreißen und dieſelbe gegen mich los⸗ ließ, ſo ſagte ſie doch vielleicht noch Worte, welche mir den Schlüſſel in die Hände liefern würden. „Wie mögen ſich jetzt Ihre Pläne anlaſſen?“ wieder⸗ holte ſie. „Genau ebenſo, als da ich zuerſt ins Zimmer kam,“ entgegnete ich.„Ich bezweifle durchaus nicht, daß es Ihnen gelungen iſt, ſich eine Stellung in der Stadt zu verſchaffen, und wünſche ebenſowenig, dieſelbe anzugreifen, falls dies wirklich in meiner Macht läge. Ich kam her, weil, wie ich beſtimmt weiß, Sir Percival Ihr Feind eben⸗ ſowohl hege, ſo wenn S wollen, — aber Sie ſich gegenwe Mann „R dann ko ſagen r Sie ſprochen einen j ſtöbert des Ge zu mir ſich ebe frühere — 8 70 — — 8 751 — MNM 1 12 fingen mer Verzu Fn umt der Soundſo jungen hhe vor⸗ 2 nahm Latherick nit noch ei einer ſich jetzt Stellung ertigung ich der⸗ ſtaunen chloſſen, u brin⸗ raſende ich los⸗ che mir wieder⸗ kam,“ daß es ftadt zu greifen, am her, id eben⸗ 19 ſowohl iſt als der meinige. Falls ich Groll gegen ihn hege, ſo thun Sie ganz daſſelbe. Sie mögen dies leugnen, wenn Sie wollen; Sie mögen mir mißtrauen, ſoviel Sie wollen, und Sie mögen ſo zornig werden, wie Sie wollen — aber von allen Frauen in England ſollten Sie, falls Sie ſich im geringſten das Ihnen zugefügte Unrecht ver⸗ gegenwärtigen, die Frau ſein, die mir beiſtände, jenen Mann zu Grunde zu richten.“ „Richten Sie ihn ſelbſt zu Grunde,“ ſagte ſie,„und dann kommen Sie wieder her und hören, was ich Ihnen ſagen werde.“ Sie ſprach dieſe Worte, wie ſie bisher noch nicht ge— ſprochen hatte— ſchnell, zornig, racheſüchtig. Ich hatte einen jahrelangen Schlangenhaß in ſeiner Höhle aufge⸗ ſtöbert— doch nur auf einen Augenblick. Wie ein lauern⸗ des Gewürm ſchoß derſelbe auf mich los, als ſie ſich eifrig zu mir hinüberbeugte, und wie ein lauerndes Reptil zog er ſich ebenſo ſchnell wieder zurück, als ſie augenblicklich ihre frühere Stellung wieder einnahm. „Sie wollen mir nicht trauen?“ ſagte ich. „Nein.“ „Sie fürchten ſich?“ „Sehe ich aus, als ob ich mich fürchtete?“ „Sie fürchten ſich vor Sir Percival Glyde.“ „Meinen Sie?“ Die Röthe ſtieg ihr ins Geſicht, und ihre Hände fingen wieder an ihr Kleid zu glätten. Ich drang im⸗ mer mehr in ſie— ich fuhr ohne einen Augenblick des Verzuges fort. „Sir Percival nimmt in der Welt eine hohe Stellung * 20 ein,“ ſagte ich;„es wäre daher nicht zu verwundern, wenn Sie ihn fürchteten. Sir Percival iſt ein mächti⸗ ger Mann— ein Baronet— Beſitzer eines ſchönen Landſitzes— Abkömmling einer hohen Familie—“ Sie ſetzte mich über alle Beſchreibung in Erſtaunen, indem ſie plötzlich laut auflachte. „Ja,“ wiederholte ſie im Tone der bitterſten, uner⸗ ſchütterlichſten Verachtung;„ein Baronet— Beſitzer eines ſchönen Landſitzes— Abkömmling einer hohen Familie. Ja, verſteht ſich! Eine hohe Familie— namentlich von mütterlicher Seite.“ Es war keine Zeit, die Worte zu überlegen, welche ſie ſich hatte entſchlüpfen laſſen, ſondern nur zu fühlen, daß ſie wohl überlegt zu werden verdienten, ſobald ich das Haus verlaſſen. „Ich bin nicht hier, um über Familienfragen mit Ihnen zu ſtreiten,“ ſagte ich.„Ich weiß nichts von Sir Percival's Mutter—“ „Und ebenſo wenig über Sir Percival ſelbſt,“ unter⸗ brach ſie mich ſpitz. „Ich rathe Ihnen, deſſen nicht zu ſicher zu ſein,“ ent⸗ gegnete ich.„Ich weiß einige Dinge über ihn— und habe ihn wegen vieler anderer im Verdachte.“ „Worüber haben Sie ihn im Verdacht?“ „Ich will Ihnen ſagen, worüber ich ihn nicht im Verdacht habe. Ich habe ihn nicht im Verdacht, An⸗ na's Vater zu ſein.“ Sie ſprang auf und trat mit einem Blicke der Wuth auf mich zu. „Wie können Sie ſich unterſtehen, über Anna's Vater zu mir z wer Ann Wuth be „Do iſt nicht „Das 6 dunkelt, es mit Sie und deu „Es Herzen ſie zu ih hafter L verſtohl vor der Ihr tiefe Rö ich ſpra Ich ſah Schreck ſchloſſen Worte Ein einande Ich „V ſagte i Si nicht wundern, nmächti⸗ ſchönen rſtaunen, in, uner⸗ tzer eines Familie. ttlich von u, welche u fühlen, obald ich agen mit von Sir „“ unter⸗ ein,“ ent⸗ — und nicht im acht, An⸗ der Wuth a's Vater 21 zu mir zu ſprechen! Wie können Sie es wagen, zu ſagen, wer Anna's Vater war, und wer nicht!“ rief ſie mit vor Wuth bebenden Lippen und bebender Stimme aus. „Das Geheinmiß zwiſchen Ihnen und Sir Percival iſt nicht jenes Geheimniß,“ fuhr ich beharrlich fort. „Das Geheimniß, welches Sir Percival's Leben ver⸗ dunkelt, wurde nicht mit Ihrer Tochter geboren, noch iſt es mit ihr geſtorben.“ Sie that einen Schritt rückwärts.„Fort!“ ſagte ſie und deutete auf die Thür. „Es war kein Gedanke an das Kind weder in Ihrem Herzen noch in dem ſeinigen,“ fuhr ich fort, entſchloſſen, ſie zu ihrer letzten Zuflucht zu treiben;„keine Bande ſünd⸗ hafter Liebe waren zwiſchen Ihnen und ihm, als Sie jene verſtohlenen Zuſammenkünfte hielten, wo Ihr Mann Sie vor der Sacriſtei flüſternd zuſammen ſtehen fand.“ Ihre Hand fiel'plötzlich an ihrer Seite herab, und die tiefe Röthe des Zornes wich aus ihrem Geſicht, während ich ſprach. Ich ſah die Veränderung, die in ihr vorging. Ich ſah das harte, feſte, furchtloſe, gefaßte Weib vor einem Schrecken erzittern, dem zu widerſtehen ihre äußerſte Ent⸗ ſchloſſenheit nicht im Stande war, als ich jene vier letzten Worte— der Sacriſtei der Kirche— ſagte. Eine Minute lang etwa ſtanden wir Beide und blickten einander ſchweigend an. Ich ſprach zuerſt. „Weigern Sie ſich noch immer, mir zu trauen?“ ſagte ich. Sie konnte die Farbe, die aus ihrem Geſichte geflohen, nicht in daſſelbe zurückbringen— aber ſie hatte ihre —— 8 — — 22 d Stimme wieder in der Gewalt und hatte ihre trotzige Faſſung wiedergefunden, als ſie mir antwortete. „Ja, ich weigere mich,“ ſagte ſie. „Wünſchen Sie noch immer, daß ich gehe?“ „Ja. Gehen Sie— und kommen Sie niemals wieder.“ Ich ging zur Thür, zögerte einen Augenblick, ehe ich ſie öffnete, und wandte mich dann nochmals zu ihr um. „Ich mag Ihnen Nachrichten über Sir Percival zu bringen haben, auf welche Sie nicht vorbereitet ſind,“ ſagte ich,„und in dieſem Falle werde ich wiederkommen.“ „Es gibt keine Nachrichten über Sir Percival, auf die ich nicht vorbereitet wäre, ausgenommen—— Sie hielt inne; ihr bleiches Geſicht wurde finſter, und ſie ſchlich mit leiſen, heimlichen, katzenartigen Schritten an ihren Platz zurück. „Ausgenommen die Nachricht ſeines Todes,“ ſagte ſie, indem ſie ſich wieder ſetzte, während ein höhniſches Lächeln um ihre grauſamen Lippen zuckte, und das heimliche Licht des Haſſes tief in ihren böſen Augen lauerte. Als ich die Thür öffnete, um das Zimmer zu v erlaſſen, ſchaute ſie ſich ſchnell nach mir um. Das grauſame Lächeln dehnte allmälig ihre Lippen— ſie betrachtete mich mit einem ſeltſamen, heimlichen Intereſſe vom Kopfe bis zu den Füßen— und eine unnennbare Erwartung lagerte ſich boshaft über ihr ganzes Geſicht. Speculirte ſie in der Tiefe ihres heimtückiſchen Herzens auf meine Jugend und Kraft, auf die Macht meiner beleidigten Gefühle und die Grenzen meiner Selbſtbeherrſchung 2 und berechnete ſie etwa, wie weit ich mich fortreißen laſſen würde, falls Sir Perciva bloſe C Herzen ſogar d verſtum der me Als lichen, im Bec vorübe bereits walt d Herzer das ei laſſen, an ſich nuten den C ſie zu Hut Fenſt und j feierl meine e trotzige 77 niemals k, ehe ich tihr um. ercival zu tet ſind,“ kommen.“ cival, auf 74 nſter, und Schritten ſagte ſie, hes Lächeln nliche Licht rverlaſſen, grauſame ichtete mich Kopfe bis ung lagerte e ſie in der zugend und hle und die rechnete ſie , falls Sir 23 Percival und ich jemals zuſammentreffen ſollten? Der bloſe Gedanke, daß dies in dieſem Augenblicke in ihrem Herzen vorgehe, trieb mich aus ihrer Gegenwart und ließ ſogar die gewöhnlichen Abſchiedsworte auf meinen Lippen verſtummen. Ohne ein Wort weiter von ihrer Seite oder der meinigen verließ ich das Zimmer. Als ich die Hausthür öffnete, ſah ich denſelben Geiſt⸗ lichen, der ſchon einmal am Hauſe vorbeigegangen war, im Begriffe, auf ſeinem Rückwege nochmals an demſelben vorüberzugehen. Ich wartete auf der Thürſchwelle, um ihn vorbeizulaſſen, und ſchaute mich dabei nach dem Wohnſtubenfenſter um. Mrs. Catherick hatte in der Stille dieſes einſamen Ortes ſeine Schritte herannahen gehört, und ſie ſtand bereits wieder am Fenſter und wartete auf ihn. Alle Ge— walt der furchtbaren Leidenſchaften, welche ich ſoeben im Herzen jener Frau aufgeſtört hatte, vermochte nicht, ſie das eine Fragment geſellſchaftlichen Anſehens fahren zu laſſen, das ſie durch jahrelange entſchloſſene Anſtrengungen an ſich gerafft hatte. Da ſtand ſie wieder, kaum eine Mi⸗ nute nachdem ich ſie verlaſſen, in einer Stellung, die es für den Geiſtlichen eine Sache gewöhnlicher Höflichkeit machte, ſie zum zweitenmale zu grüßen. Er nahm abermals den Hut ab. Ich ſah das harte, fahle Geſicht hinter dem Fenſter durch befriedigten Stolz erhellt milder werden, und ſah den Kopf mit der grimmigen ſchwarzen Haube ſich feierlich zum Gruße neigen. Der Pfarrer hatte ſie— in meiner Gegenwart— zweimal an einem Tage gegrüßt! —xãxãxãiãi—- IX. Ich verließ das Haus, indem ich fühlte, daß Mrs. Catherick mir widerwillen einen Schritt weiter geholfen. Ehe ich noch bis an die Ecke des Platzes kam, wurde meine Aufmerkſamkeit durch eine ſich hinter mir ſchließende Thür erweckt. Ich blickte zurück und ſah auf der Thür⸗ ſchwelle des Hauſes, das, ſoviel ich zu urtheilen im Stande war, diesſeits von Mrs. Cathericks Wohnung derſelben zunächſt ſtand, einen kleinen Mann in ſchwarzer Kleidung ſtehen. Derſelbe ging ſchnellen Schrittes der Ecke zu, an der ich ſtill ſtand. Ich erkannte ihn als den Advocaten⸗ ſchreiber, der mir nach Blackwater Park vorausgereiſt war und dort einen Streit mit mir anzufangen geſucht hatte, als ich ihn fragte, ob ich das Haus ſehen dürfe. Ich wartete, wo ich ſtand, um zu ſehen, ob er diesmal mit mir anfangen werde. Zu meinem Erſtaunen ging er ſchnell vorbei, ohne ein Wort zu ſagen, ja ohne mir ſelbſt ins Geſicht zu ſehen. Dies war ſo vollkommen das entgegengeſetzte Verfahren, welches ich von ihm zu erwarten Urſache hatte, daß dadurch meine Neugierde, oder vielmehr mein Verdacht erweckt ward, und ich mei⸗ nerſeits beſchloß, ihn im Auge zu behalten und zu ermit⸗ teln, welcher Art die Geſchäfte ſeien, mit denen er augen⸗ blicklich beauftragt war. Ohne mich darum zu kümmern, ob er mich ſähe oder nicht, ging ich ihm nach. Er ſchaute ſich nicht ein einzigesmal um und führte mich gerades⸗ wegs durch die Straßen nach der Eiſenbahnſtation. Der Zug war im Begriffe abzufahren, und zwei oder drei Paſſe kleine Oef den. Ich vocatenſch Blackwat mich übe gefahren Ich k mir nur alle Frag Catherich auf Sir gemiethe ſpäter mich wo men ſeh in Blac Sir Pe⸗ er offen bereit z ſchien j ich, no würden We ſein mt gerade Percive die Se London nämlic aß Mrs. geholfen. I, wurde chließende er Thür⸗ n Stende derſelben Kleidung ke zu, an dvocaten⸗ rreiſt war cht hatte, e. r diesmal nen ging ohne mir llkommen nihm zu keugierde, ich mei⸗ zu ermit⸗ er augen⸗ kümmern, Er ſchaute gerades⸗ tion. zwei oder 25 drei Paſſagiere, welche ſpät kamen, drängten ſich um die kleine Oeffnung, durch welche die Billete ausgegeben wur⸗ den. Ich trat zu ihnen heran und hörte den kleinen Ad⸗ vocatenſchreiber ganz deutlich ein Billet nach der Station Blackwater fordern. Ich ging nicht eher fort, als bis ich mich überzeugt hatte, daß er wirklich mit dem Zuge ab⸗ gefahren ſei. Ich konnte das, was ich ſoeben geſehen und gehört hatte, mir nur auf eine Weiſe deuten. Ich hatte den Mann ohne alle Frage ein Haus verlaſſen ſehen, das dicht an Mrs. Catherick's Wohnung ſtand. Ohne Zweifel hatte er ſich auf Sir Percival's Befehl in der Erwartung dort ein⸗ gemiethet, daß meine Nachforſchungen mich früher oder ſpäter zu Mrs. Catherick führen würden. Er hatte mich wahrſcheinlich hineingehen und wieder herauskom⸗ men ſehen und eilte nun mit dem erſten Zuge fort, um in Blackwater Park ſeinen Bericht abzuſtatten— wohin Sir Percival ſich natürlich verfügen mußte(nach dem was er offenbar von meinen Schritten wußte), um auf der Stelle bereit zu ſein, wenn ich nach Hampſhire zurückkehrte. Es ſchien jetzt im höchſten Grade wahrſcheinlich, daß er und ich, noch ehe viele Tage vergingen, einander begegnen würden. Welcher Erfolg jedoch immer den Ereigniſſen beſtimmt ſein mochte, ich beſchloß, meinem eigenen Pfade zu folgen, gerade auf das Ziel losgehend und ohne weder für Sir Percival noch irgend Jemanden ſtill zu ſtehen oder auf die Seite zu treten. Die große Verantwortlichkeit, die in London ſo ſchwer auf mir laſtete— die Verantwortlichkeit nämlich, die geringſte meiner Handlungen ſo einzurichten, daß ſie nicht durch einen Zufall Laura's Zafluchtsort ver⸗ rieth— war mir in Hampſhire abgenommen. In Wel⸗ mingham konnte ich nach Gefallen kommen und gehen. Und falls ich zufälligerweiſe eine nothwendige Vorſichts⸗ maßregel verſäumte, ſo trafen die unmittelbaren Folgen des Verſehens doch niemanden als mich. Der Abend brach ein, als ich die Station verließ. Es war wenig Hoffnung vorhanden, daß meine Nach⸗ forſchungen nach Dunkelwerden in einer mir fremden Gegend von Nutzen geweſen wären. Demzufolge begab ich mich nach dem nächſten Gaſthofe und beſtellte mein Mittagsmahl und mein Bett. Darauf ſchrieb ich an Marianne, um ihr zu ſagen, daß ich wohl und in Sicher⸗ heit ſei und Ausſichten auf Erfolg habe. Ich hatte ſie beim Abſchiede gebeten, ihren erſten Brief(welchen ich am nächſten Morgen erwartete) nach„Welmingham, poste restante“ zu adreſſiren, und erſuchte ſie jetzt, es mit dem nächſten ebenſo zu machen. Ich konnte mir, falls ich zufälligerweiſe zur Zeit der Ankunft der Poſt abwe⸗ ſend ſein ſollte, leicht den Brief durch den Poſtmeiſter zuſchicken laſſen. 4 Das Gaſtzimmer des Hotels wurde ſpäter abends eine wahre Eremitage, und ich konnte über Das, was ich am Nachmittage ausgerichtet, ohne jegliche Unterbrechung und wie wenn das Haus mein eigenes geweſen wäre, nach⸗ denken. Ehe ich mich zur Ruhe begab, hatte ich meine merkwürdige Unterredung mit Mrs. Catherick von Anfang bis zu Ende aufmerkſam durchdacht und mir mit Muße die Schlüſſe vergegenmärtigt, die ich vorhin nur in Eile hatte ziehen können. Die der Ausge Weg dur hören un Als? der Kirch zu ſeinen Küſters? ſonderba Zwecke ſ nichts a⸗ aufs Ge gethan; Geſchich war da antwort ſie erfa im höch längſt in Verl — abe gegang brachte direct mich, ohne d ſicher haben auf S tsort ver⸗ In Wel⸗ ind gehen. Vorſichts⸗ en Folgen i verließ. eine Nach⸗ fremden olge begab tellte mein ieb ich an in Sicher⸗ ) hatte ſie hen ich am m, poste t, es mit nir, falls zoſt abwe⸗ Poſtmeiſter er abends s, was ich erbrechung däre, nach⸗ ich meine on Anfang mit Muße ur in Eile 27 Die Sacriſtei der Kirche von Alt⸗Welmingham war der Ausgangspunkt, von dem aus mein Geiſt langſam den Weg durch Alles, was ich Mrs. Catherick hatte ſagen hören und thun ſehen, wieder zurücklegte. Als Mrs. Clements mir zum erſtenmale die Sacriſtei der Kirche als den Ort nannte, welchen Sir Percival ſich zu ſeinen heimlichen Zuſammenkünften mit der Frau des Küſters gewählt, war es mir bereits aufgefallen, welch ein ſonderbarer und unbegreiflicher Ort dieſelbe zu dieſem Zwecke ſei. Durch dieſen Eindruck getrieben— und durch nichts anderes— hatte ich der„Sacriſtei der Kirche“ aufs Gerathewohl hin vor Mrs. Catherick Erwähnung gethan; es war dies einer der unbedentenderen Punkte der Geſchichte, welche mir während des Sprechens einfiel. Ich war darauf vorbereitet, daß ſie mir zornig oder verwirrt antworten werde; aber der entſetzensvolle Schrecken, welcher ſie erfaßte, als ich die Worte ausſprach, überraſchte mich im höchſten Grade. Ich hatte Sir Percival's Geheimniß längſt mit der Verheimlichung eines ernſten Verbrechens in Verbindung gebracht, um welches Mrs. Catherick wußte — aber ich war in meinen Vermuthungen nicht weiter gegangen. Des Weibes Paroxismus vor Schreck aber brachte dies Verbrechen jetzt— entweder direct oder in⸗ direct— mit der Sacriſtei in Verbindung und überzeugte mich, daß ſie nicht allein Zeuge deſſelben, ſondern ſogar ohne allen Zweifel eine Mitſchuldige geweſen war. Welcher Art war das Verbrechen geweſen? Es mußte ſicher eine verächtliche Seite ſowohl als eine gefährliche haben, ſonſt hätte Mrs. Catherick meine Worte in Bezug auf Sir Percival's Rang und Macht nicht mit ſo auf S fallender Verachtung wiederholt. Es war alſo ein ver⸗ ächtliches ſowohl als ein gefährliches Verbrechen, und ſie hatte Theil daran genommen, und es hatte mit der Sacriſtei der Kirche zu thun. Der nächſte Punkt, den ich zu überlegen hatte, führte mich noch einen Schritt weiter. Mrs. Catherick's unverhohlene Verachtung für Sir Per⸗ cival erſtreckte ſich offenbar auch auf ſeine Mutter. Sie hatte mit dem bitterſten Spotte auf die hohe Familie, von der er abſtamme, angeſpielt—„namentlich von mütter⸗ licher Seite.“ Was ſollte dies bedeuten? Es ſchienen mir nur zwei Erklärungen möglich. Entweder war ſeine Mutter von niederer Herkunft? oder ihr Ruf war nicht rein ge⸗ weſen, und Sir Percival und Mrs. Catherick theilten das Geheimniß hierüber? Ich konnte mir über erſteres nur Auskunft verſchaffen, indem ich im Kirchenbuche ihr Hei⸗ rathscertificat aufſuchte und mich ſo über ihren Mädchen⸗ namen und ihre Verwandtſchaft unterrichtete, als Ein⸗ leitung zu ferneren Nachfragen. Dagegen, falls der zweite angenommene Fall der wahre geweſen, welcher Art war da der Flecken auf ihrem Rufe? Indem ich mich an Das erinnerte, was Marianne mir über Sir Percival's Vater und Mutter und über deren ungeſel⸗ lige, verdächtig abgeſchloſſene Lebensweiſe erzählt hatte, frug ich mich jetzt, ob es nicht möglich ſei, daß ſeine Mut⸗ ter am Ende gar nicht verheirathet geweſen? Hier wieder konnte das Kirchenbuch durch ein geſchriebenes Certificat der Heirath mir wenigſtens beweiſen, daß dieſer Verdacht ein unbegründeter war. Wo aber dies Kirchenbuch finden? Bei dieſem Punkte nahm ich die Schlüſſe wieder auf, zu Gedanken brechens Sacriſtei Dies Catherick tungen, mir mein vorzeichn Der Ich ließ mir abhe erkundigt minghan G zwei dem Bo verwitter großen r ſeite wa Alter zu Ueberble erzählt, ſten Ein der neue waren h waren d andere 5 Leuten d o ein ver⸗ chen, und ee mit der tte, führte Sir Per⸗ tter. Sie nilie, von n mütter⸗ ienen mir ie Mutter rein ge⸗ eilten das teres nur ihr Hei⸗ Mädchen⸗ als Ein⸗ er wahre m Rufe? mir über ungeſel⸗ lt hatte, ne Mut⸗ r wieder Lertificat Verdacht chenbuch wieder auf, zu denen ich bereits vorher gekommen, und derſelbe Gedankengang, welcher die Lokalität des verborgenen Ver⸗ brechens entdeckt hatte, brachte jetzt das Kirchenbuch in die Sacriſtei der Kirche zu Alt⸗Welmingham. Dies waren die Erfolge meiner Unterredung mit Mrs. Catherick— und dies waren die verſchiedenen Betrach⸗ tungen, die alle gerade an einem Punkte zuſammenlaufend mir mein für den nächſten Tag zu beobachtendes Verfahren vorzeichneten. Der Morgen war trübe und wolkig, doch ohne Regen. Ich ließ meinen Nachtſack im Gaſthofe zurück, bis ich ihn mir abholen würde, und nachdem ich mich nach dem Wege erkundigt, ging ich zu Fuße nach der Kirche zu Alt⸗Wel⸗ mingham. Es war dies ein Spaziergang von etwas mehr als zwei Meilen auf fortwährend allmälig berganwärts gehen⸗ dem Boden. Auf dem höchſten Punkte ſtand die Kirche— ein altes verwittertes Gebäude mit ſchwerfälligen Formen und einem großen viereckigen Thurme. Die Sacriſtei an der Hinter⸗ ſeite war aus der Kirche herausgebaut und ſchien daſſelbe Alter zu haben. Rund um die Kirche her ſah man die Ueberbleibſel des Dorfes, in dem, wie Mr. Clements mir erzählt, ihr Mann früher gewohnt und das die bedeutend⸗ ſten Einwohner deſſelben längſt verlaſſen hatten, um nach der neuen Stadt zu ziehen. Einige von den leeren Häuſern waren bis auf die äußeren Mauern abgeriſſen; andere waren den verheerenden Angriffen der Zeit überlaſſen, und andere wieder wurden noch bewohnt, aber offenbar von Leuten der allerärmſten Klaſſe. Es war ein trauriger, ———— ——— 3 3 öder Anblick, und doch in all ſeinem Verfalle noch nicht ſo öde wie die neue Stadt, die ich ſoeben verlaſſen hatte. Hier ruhte das Auge doch wenigſtens auf der braunen, luftigen Fläche der umliegenden Felder aus; hier brachten doch die Bäume, ſo entlaubt ſie auch waren, eine Abwech⸗ ſelung in die Einförmigkeit des Ortes und halfen dem Auge des Geiſtes, dem Sommer und dem Schatten ent⸗ gegenſehen. Als ich mich von der Hinterſeite der Kirche abwandte und an einigen der abgeriſſenen Häuschen vorbeiging, um mir Jemanden zu ſuchen, der mir ſagen konnte, wo ich den Küſter finden würde, erblickte ich zwei Männer, welche hinter einer Mauer herum kamen und mir nachgingen. Der größte von Beiden— ein ſtämmiger, muskulöſer Menſch in der Kleidung eines Wildwärters— war mir fremd. Der Andere aber war einer von den beiden Män⸗ nern, die mir an dem Tage, wo ich Mr. Kyrle's Expedition verließ, gefolgt waren. Ich hatte ihn mir damals beſon⸗ ders gemerkt, und war ich deshalb jetzt über ſeine Identität vollkommen ſicher. Weder er noch ſein Begleiter verſuchten, mit mir zu ſprechen, und Beide hielten ſich in achtungsvoller Entfer⸗ nung; doch war der Zweck ihrer Anweſenheit in der Nähe der Kirche klar in die Augen fallend. Die Sache verhielt ſich gerade ſo, wie ich vermuthet hatte: Sir Percival war bereits auf mich vorbereitet. Mein Beſuch bei Mrs. Catherick war ihm am Abend vorher berichtet worden, und jene beiden Männer waren in Erwartung meines Erſchei⸗ nens in Alt⸗Welmingham in der Nähe der Kirche als Wache aufgeſtellt worden. Hätte ich noch eines ferneren Beweiſes rechte Ri⸗ ihnen ang liefert. Ich g der bewo Küchenga war. Er einem Häͤ äußerſten war zu§ rock anzu lautgeſpa gewahr Orte, in wußtſein vermöge geweſen „Es ſagte der meines 2 wäre ich Sir— 1 iſt, für Gott ſei So lang hat, iſt der Anſi Wäh einem H och nicht ſo iſſen hatte. r braunen, er brachten ne Abwech⸗ jalfen dem hatten ent⸗ eabwandte eiging, um wo ich den er, welche nachgingen. muskulöſer war mir iden Män⸗ Expedition nals beſon⸗ e Identität tit mir zu ler Entfer⸗ der Nähe he verhielt rcival war bei Mrs. orden, und es Erſchei⸗ Kirche als s ferneren 31 Beweiſes bedurft, daß meine Nachforſchungen endlich die rechte Richtung genommen hatten, ſo hätte der jetzt von ihnen angenommene Beobachtungsplan mir denſelben ge⸗ liefert. Ich ging weiter, von der Kirche fort, bis ich bei einem der bewohnten Häuſer anlangte, an das ſich ein Stückchen Küchengarten ſchloß, in welchem ein Mann bei der Arbeit war. Er gab mir den Weg nach der Küſterwohnung an, einem Häuschen, das in einiger Entfernung ganz allein am äußerſten Ende des verlaſſenen Dorfes ſtand. Der Küſter war zu Hauſe und gerade beſchäftigt, ſeinen großen Ueber⸗ rock anzuziehen. Er war ein munterer, zutraulicher, lautgeſpächiger alter Mann und hegte— wie ich bald gewahr wurde— eine ſehr geringe Meinung von dem Orte, in dem er wohnte, zugleich aber ein glückliches Be⸗ wußtſein perſönlicher Ueberlegenheit über ſeine Nachbarn, vermöge der großen Auszeichnung, einſtmals in London geweſen zu ſein.. „Es trifft ſich glücklich, daß Sie ſo früh kamen, Sir,“ ſagte der alte Mann, nachdem ich ihn mit dem Zwecke meines Beſuches bekannt gemacht.„In zehn Minuten wäre ich nicht mehr dageweſen. Kirchſpielangelegenheiten, Sir— und ein ziemlich langer Trab, ehe Alles abgethan iſt, für einen Mann in meinen Jahren. Aber ich bin, Gott ſei Dank, noch immer ganz gut auf den Beinen! So lange ein Mann noch über ſeine Beine zu gebieten hat, iſt auch noch Arbeit in ihm. Sind Sie nicht auch der Anſicht, Sir?“ Während er ſprach, nahm er ſeine Schlüſſel von einem Haken hinter dem Kamine herunter und verſchloß, nachdem wir hinausgegangen waren, ſeine Hausthür hinter uns. „Kein Menſch d'rin, um meinen Haushalt zu führen,“ ſagte der Küſter mit einem frohen Gefühle der Freihei von allen Familienbürden.„Meine Frau liegt da drüben auf dem Kirchhofe, und meine Kinder ſind alle verheirathet. Ein erbärmlicher Ort dies, nicht wahr, Sir? Aber es iſt ein großes Kirchſpiel— es würde nicht Jeder ſo gut damit fertig werden wie ich. Das macht aber die Bildung— und davon habe ich mein Theil gehabt und vielleicht noch ein bischen mehr. Ich kann der Königin Engliſch ſprechen (Gott erhalte die Königin!)— und das iſt mehr, als die meiſten Leute hier herum im Stande ſind. Sie kommen aus London, wie ich vermuthe, Sir? Ich war vor un⸗ gefähr fünfundzwanzig Jahren in London. Was gibt's Neues dort, wenn ich fragen darf?“ Unter ſolchem Geplauder führte er mich nach der Sacriſtei zurück. Ich ſchaute umher, um zu ſehen, ob ſich die beiden Spione noch blicken ließen; doch waren ſie nir⸗ gendwo zu ſehen. Nachdem ſie ſich von meinem Beſuche beim Küſter überzeugt, hatten ſie ſich wahrſcheinlich an irgend einer Stelle verborgen, von der aus ſie, ohne bemerkt zu werden, meine nächſten Schritte überwachen konnten. Die Thür der Sacriſtei war von ſtarkem alten Eichen⸗ holze und mit großen Nägeln beſchlagen, und der Küſter ſteckte den großen ſchweren Schlüſſel mit der Miene eines Mannes ins Schloß, welcher wußte, daß er eine ſchwere Aufgabe vor ſich hatte, und ſich nicht ganz ſicher fühlte, daß er dieſelbe auf rühmliche Weiſe löſen werde. „Ich bin genöthigt, Sir, Sie von dieſer Seite herein⸗ zuführen, aus hinei Wir hät Dies iſt gab. Es wer weiß abgenomt ſollen. I ſchon fün dafür ſor erbärmlic Gott ben uns gar Nach das Schl Die zu urthei deriges, Balkende Innern d durch All einem der hemden, ehrerbieti nur der zu macher gehülfen ſie ſich au Unter de kkiſten, der Wilkie Coll Hausthür zu führen,“ der Freiheit da drüben verheirathet. Aber es iſt o gut damit Bildung— elleicht noch iſch ſprechen ehr, als die Sie kommen var vor un⸗ Was gibt's ch nach der ehen, ob ſich rren ſie nir⸗ nem Beſuche ſcheinlich an ohne bemerkt mkonnten. alten Eichen⸗ d der Küſter Miene eines eine ſchwere ſicher fühlte, derde. Seite herein⸗ 33 zuführen,“ ſagte er,„weil die Thür, welche von der Kirche aus hineinführt, auf der Seite der Sacriſtei verriegelt iſt. Wir hätten ſonſt durch die Kirche hineingehen können. Dies iſt ein ſo halsſtarriges, altes Schloß, wie es je eins gab. Es iſt groß genug für ein Gefängnißthor und ſchon wer weiß wie vielemale verdreht worden; es hätte längſt abgenommen und ein neues an ſeine Stelle gelegt werden ſollen. Ich habe das dem Herrn Kirchenvorſteher wenigſtens ſchon fünfzigmal geſagt; er ſpricht jedesmal: ich werde dafür ſorgen und thut es doch nicht. Ach ja,'s iſt ein erbärmliches Neſt dies.'S iſt kein London— nicht wahr? Gott bewahre! wir ſind hier Alle im Schlaf. Es fällt uns gar nicht ein mit der Zeit fortzuſchreiten.“ Nach einigem Drehen und Wenden des Schlüſſels gab das Schloß endlich nach, und er öffnete die Thür. Die Sacriſtei war größer, als ich nach der Außenſeite zu urtheilen vermuthet hätte. Es war ein düſteres, mo⸗ deriges, melancholiſches altes Zimmer mit einer niedrigen Balkendecke. An zwei Seiten— denjenigen, welche dem Innern der Kirche zunächſt lagen— zogen ſich ſchwere, durch Alter wurmſtichig gewordene Holzſchränke hin. In einem derſelben hingen an einem Haken mehrere Prieſter⸗ hemden, welche alle an ihren unteren Enden in einem un⸗ ehrerbietig ausſehenden Kleiderbündel ausbauſchten und nur der Beine bedurft hätten, um auf Jeden den Eindruck zu machen, als ob ſie ein Rattenkönig verwahrloſter Pfarr⸗ gehülfen geweſen wären, die Selbſtmord begangen, indem ſie ſich auf geſellſchaftliche Weiſe Alle zuſammen erhängten. Unter dem Prieſterhemden am Boden ſtanden drei Pack⸗ kiſten, deren Deckel nur halb befeſtigt waren und aus denen Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 3 durch jeden Riß und jede Spalte hindurch ſich ungeduldiges Stroh drängte. Hinter dieſen in einem Winkel lag eine unordentliche Maſſe ſtaubiger Papiere, von denen einige groß und zuſammengerollt waren, wie Baupläne, andere dagegen loſe wie Briefe oder Rechnungen auf Bindfaden gezogen waren. Das Zimmer hatte ehedem durch ein kleines Seitenfenſter Licht erhalten; aber daſſelbe war zu⸗ gemauert und durch ein Gewölbefenſter erſetzt worden. Die Atmoſphäre drinnen war ſchwer und moderig und wurde durch den Umſtand, daß die Thür nach der Kirche zu verſchloſſen war, noch drückender. Dieſe Thür war ebenfalls von feſtem Eichenholze und von der Seite der Sacriſtei oben und unten verriegelt. „Wir könnten etwas ordentlicher ſein, wie, Sir?“ ſagte der muntere Küſter.„Aber was kann man von Leuten erwarten, die in einem ſolchen erbärmlichen Neſte wohnen? Sehen ſie nur— ſehen Sie ſich blos dieſe Packkiſten an. Da haben ſie ſeit länger als einem Jahre geſtandeu, um nach London geſchickt zu werden— da ſtehen ſie und machen die Stube unordentlich— und da werden ſie ſtehen bleiben, ſo lange ihre Nägel ſie zuſammenhalten. Ich will Ihnen was ſagen, Sir, wie ich ſchon vorhin bemerkte, dies iſt kein London. Wir ſind Alle hier im Schlafe. Wir ſchreiten nicht mit der Zeit fort, Gott bewahre!“ „Was enthalten dieſe Packkiſten?“ frug ich. „Kleine Stückchen von dem Holzgeſchnitzel an der Kanzel, Paneele vom Altar und geſchnitzte Bilder vor der Orgel,“ ſagte der Küſter.„Porträts in Holz von den zwölf Apoſteln— wovon nicht einer'ne heile Naſe mehr hat. Alles zerbrochen und wurmſtichig und in Staub zer⸗ bröckeln ſo alt vl Zum „ mehr Holz Sie!- ſteht d und kei wurde ſpeiſter Sie h auf un Pläne rother Schan berühr gleiche die P ſchläge allgen Geld außer! das z die D Heller ſagte. ten in ſein ungeduldiges nkel lag eine denen einige läne, andere f Bindfaden n durch ein elbe war zu⸗ ſetzt worden. moderig und h der Kirche Thür war er Seite der Sir?“ ſagte von Leuten ſte wohnen? gackkiſten an. ſtandeu, um hen ſie und den ſie ſtehen en. Ich will n bemerkte, im Schlafe. bewahre!“ ich. tzel an der lder vor der olz von den Naſe mehr Staub zer⸗ 35 bröckelnd— ſo zerbrechlich wie Töpferwaare, Sir, und ſo alt wie die Kirche— wo nicht noch älter.“ „Und wozu ſollen ſie nach London gebracht werden? Zum Ausbeſſern?“ „Richtig, Sir. Zum Ausbeſſern; und wo ſie nicht mehr ausgebeſſert werden können, ſollen ſie in ſtarkem Holze wieder nachgeahmt werden. Aber, der Herr ſegne Sie!— ſie kamen mit dem Gelde zu kurz und jetzt ſteht das Zeug da und wartet auf neue Subſcriptionen, und kein Menſch will etwas dazu hergeben. Die Geſchichte wurde vor einem Jahre angefangen, Sir. Sechs Herren ſpeiſten darüber in dem Gaſthofe in der neuen Stadt. Sie hielten Reden, faßten Beſchlüſſe, ſchrieben ihre Namen auf und druckten Tauſende von Plänen. Wunderſchöne Pläne, Sir, über und über mit gothiſchen S innbildern in rother Tinte bemalt, und welche ankündigten, daß es eine Schande ſei, die Kirche nicht wieder herzuſtellen und das berühmte Schnitzwerk nicht ausbeſſern zu laſſen und der⸗ gleichen mehr Da hinter den Packkiſten im Winkel liegen die Proſpectuſſe und Baupläne und Rechnungen und An⸗ ſchläge und die ganze Correſpondenz, die in nichts als allgemeiner Balgerei endete. Es kam anfangs ein bischen Geld eingetröpfelt— aber ich bitte Sie, was kann man außerhalb London erwarten? Es war gerade genug, um das zerbrochene Schnitzwerk zu packen, die Anſchläge und die Druckerrechnungen zu bezahlen— und dann war kein Heller mehr übrig. Da ſtehen die Sachen, wie ich ſchon ſagte. Wir können ſie ſonſt nirgendwo laſſen— den Leu⸗ ten in der neuen Stadt liegt nichts daran, uns gefällig zu ſein— wir leben hier in einem Loche, und dies iſt eine —-— —— ¾— — 36 ſehr unordentliche Sacriſtei, und wer ſoll's ändern?— das frage ich blos.“ Mein eifriger Wunſch, das Kirchenbuch durchzuſehn, bewog mich, nicht in des alten Mannes Geſprächigkeit ein⸗ zugehen. Ich gab ihm recht, daß kein Menſch im Stande ſei, eine Abänderung in dem unordentlichen Zuſtande der Sacriſtei zu treffen, und ſchlug dann vor, daß wir ohne Verzug zur Sache kämen. „Ja, ja, das Kirchenbuch, ja wohl“, ſagte der Küſter, indem er ein kleines Schlüſſelbund aus der Taſche nahm. „Wie weit wollen Sie zurückſuchen, Sir?“ Marianne hatte mich zur Zeit, als wir von Laura's Verlobung mit Sir Percival Glyde geſprochen, von des Letzteren Alter unterrichtet. Sie hatte ihn damals als fünfundvierzig Jahre alt beſchrieben. Indem ich von da an zurück und das Jahr mit einrechnete, welches ſeit der Zeit verfloſſen war, fand ich, daß er im Jahre 1804 geboren ſein mußte und daß ich mit Sicherheit bei dieſem Datum im Kirchenbuche anfangen konnte. „Ich wünſche mit dem Jahre 1804 anzufangen“, ſagte ich. „Nach welcher Richtung hin von da an, S der Küſter.„Vorwärts oder rückwärts?“ „Von 1804 an rückwärts.“ Er öffnete die Thür eines der Schränke— desjenigen, an welchem die Prieſterhemden aufgehangen waren— und nahm ein großes Buch, das in ſchmierigem braunen Leder gebunden war, heraus. Es fiel mir auf, wie ſehr unſicher daſſelbe verwahrt war. Die Thür des Schrankes war durch das Alter gebogen und geborſten, und das Schloß ir?“ frug war von es beque „Wi Kirchenb von ſolch und in „Na Buch, r und fröl ſelbe pf noch ein wird de ches ich aufbewe hundert mals, bers in der eige er lebte eine A die bei nachſch ſeine b auf ſei herübe ſeiner (pflegt Kirche Waru Waru -t5— uſehn, it ein⸗ Stande de der ohne üſter, nahm. ura's n des 3 als n da t der 1804 leſem en, frug gen, und eder cher war 3 war von der kleinſten und gewöhnlichſten Art. Ich hätte es bequem mit meinem Spazierſtocke ſprengen können. „Wird das als ein hinreichend ſicherer Platz für das Kirchenbuch angeſehen?“ frug ich.„Mich dünkt, ein Buch von ſolcher Wichtigkeit ſollte doch durch ein beſſeres Schloß und in einer eiſernen Kiſte verwahrt werden!“ „Na, das iſt doch merkwürdig!“ ſagte der Küſter, das Buch, welches er ſoeben geöffnet hatte, wieder ſchließend und fröhlich mit der Hand darauf ſchlagend.„Ganz daſ⸗ ſelbe pflegte mein alter Meiſter immer zu ſagen, als ich noch ein Burſche war.„Warum“, ſagte er,„warum wird das Kirchenbuch(womit er dies hier meinte, wel⸗ ches ich in der Hand habe) nicht in einer eiſernen Kiſte aufbewahrt?“ Das habe ich ihn nicht einmal, ſondern hundertmal ſagen hören. Er war hier der Advocat da⸗ mals, Sir, und hatte dabei das Amt des Kirchſpielſchrei⸗ bers inne. Ein prächtiger, aufrechter alter Herr— und der eigenſte alte Herr, den es nur geben konnte. So lange er lebte, bewahrte er auf ſeiner Expedition in Knowlesbury eine Abſchrift dieſes Buches und ließ von Zeit zu Zeit die bei uns eingetragenen Certificate genau in derſelben nachſchreiben. Sie werden es kaum glauben, aber er hatte ſeine beſtimmten Tage, ein oder zweimal alle Vierteljahre auf ſeinem alten weißen Pony hier nach der alten Kirche herüberzureiten, um mit eigner Hand das Kirchenbuch nach ſeiner Abſchrift zu controliren.„Wie kann ich wiſſen“ (pflegte er zu ſagen),„wie kann ich wiſſen, ob nicht dies Kirchenbuch einmal geſtohlen oder vernichtet werden mag? Warum verwahrt man es nicht in einer eiſernen Kiſte? Warum ſind andere Leute nicht ebenſo vorſichtig wie ich? —— Es wird ſich eines Tages irgend etwas Ungehöriges er⸗ eignen— und wenn dann das Kirchenbuch fort iſt, werden die Herren den Werth meiner Abſchrift erkennen.“ Dann pflegte er ſeine Priſe zu nehmen und ſo ſtolz wie ein Lord um ſich zu blicken. Ach! Seinesgleichen als Geſchäfts⸗ mann iſt ſo leicht nicht wiederzufinden. Sie können nach London gehn und ſelbſt dort nicht einen Mann finden, der ihm gleich käme. Welches Jahr ſagten Sie, Sir? Achtzehnhundert und wieviel?“ „Achtzehnhundert und vier,“ entgegnete ich, heimlich entſchloſſen, dem alten Manne keine fernere Gelegenheit zum Schwatzen zu geben, bis ich mit meiner Durchſicht des Kirchenbuches fertig ſein würde. Der Küſter ſetzte ſeine Brille auf und wandte die Blätter des Buches um, indem er bei jedem dritten Blatte ſorgfältig den Zeigefinger und Daumen benetzte. „Da iſt es, Sir,“ ſagte er, indem er abermals ver— gnügt auf das Buch klopfte.„Da iſt das Jahr, wel⸗ ches Sie ſuchen.“ Da ich nicht wußte, in welchem Monate Sir Percival geboren war, begann ich meine Nachſuchung mit dem An⸗ fange des Jahres. Das Kirchenbuch war eins nach der alten Art: die Certificate waren auf leere Blätter ge⸗ ſchrieben und durch Linien getrennt, welche mit Tinte dicht unter jedes Certificat über die ganze Seite hinge⸗ zogen waren. Ich kam bis zum Schluſſe des Jahres Achtzehnhun— dert und vier, ohne die Heirath zu finden und ging dann rückwärts durch Achtzehnhundert und drei, durch den De⸗ cember, November, October, durch— „Neit ſchrift di Ich ſtand an gels an als die unmittel Gedächt des Br bar foll andere nahm, Brüder Heiratl bar, au zuſamn genau ſolchen „Cäcil burg; eheden J ein, n in Be mir e dieſen ergrif V mein Welch 39 „Nein! nicht durch den September. Unter der Unter⸗ ſchrift dieſes Monats fand ich die Heirath! Ich beſah das Eingetragene aufmerkſam. Daſſelbe ſtand am untern Ende einer Seite und war wegen Man⸗ gels an Raum auf einen kleineren Platz zuſammengedrängt, als die Certificate der Heirathen darüber einnahmen. Die unmittelbar vorhergehende Heirath prägte ſich meinem Gedächtniſſe durch den Umſtand ein, daß der Taufname des Bräutigams derſelbe war, den ich trug. Die unmittel⸗ bar folgende(an der Spitze der nächſten Seite) fiel auf andere Weiſe auf, indem ſie einen größeren Raum ein⸗ nahm, als die übrigen, da ſie die Vermählung zweier Brüder zu gleicher Zeit berichtete. Das Certificat der Heirath von Sir Felix Glyde war durch nichts bemerk⸗ bar, außer durch den engen Naum, in den das Geſchriebene zuſammengedrängt war. Ueber ſeine Gemahlin enthielt es genau dieſelbe Art von Auskunft, welche gewöhnlich in ſolchen Fällen gegeben wird. Sie war angeführt als: „Cäcilia Jane Elſter aus Park⸗View Cottages, Knowles⸗ burg; einzige Tochter des weiland Patrick Elſter, Esquire, ehedem aus Bath.“ Ich ſchrieb mir dieſe Einzelheiten in mein Taſchenbuch ein, wobei ſich einigermaßen Zweifel und Entmuthigung in Bezug auf meine zunächſt zu thuenden Schritte bei mir einſchlich. Das Geheimniß, von dem ich bis zu dieſem Augenblicke geglaubt hatte, daß ich es ſchon faſt ergriffen, ſchien mir jetzt ferner denn je entrückt. Welche Andeutungen auf unerklärte Geheimniſſe hatte mein Beſuch in der Sacriſtei ergeben? Ich ſah deren keine. Welche Fortſchritte hatte ich gemacht, um den geargwöhn⸗ 40 ten Flecken auf dem Rufe ſeiner Mutter zu entdecken? Das einzige Factum, worüber ich mir Gewißheit ver⸗ ſchafft, ſprach denſelben vollkommen rein. Neue Zweifel, neue Schwierigkeiten, neue Zeitverluſte begannen ſich in unabſehbarer Weite vor mir zu erheben. Was ſollte ich zunächſt beginnen? Die einzige unmittelbare Hülfsquelle, die mir noch übrig blieb, ſchien die folgende zu ſein: ich konnte Nachfragen über„Miß Elſter in Knowlesbury“ anſtellen auf die Ausſicht hin, den Hauptzweck meiner Forſchungen dadurch zu fördern, daß ich das Geheimniß von Mrs. Cathericks Verachtung für Sir Percival's Mutter entdeckte. „Haben Sie gefunden, was Sie ſuchten, Sir?“ frug der Küſter, als ich das Kirchenbuch ſchloß. „Ja,“ erwiderte ich;„aber ich habe Ihnen noch einige Fragen vorzulegen. Ich vermuthe, daß der Geiſtliche, welcher im Jahre Achtzehnhundert und drei den Gottesdienſt in dieſer Kirche verrichtete, nicht mehr am Leben iſt?“ „Nein, nein, Sir. Er war ſchon vor drei oder vier Jahren, ehe ich hieher kam, geſtorben— und das war im Jahre Achtzehnhundert und ſiebenundzwanzig. Ich bekam die Stelle, Sir,“ fuhr mein geſchwätziger alter Freund fort,„dadurch, daß mein Vorgänger ſie aufgab. Man ſagt, daß ſeine Frau ihn aus Haus und Hof vertrieben— und die lebt noch, da drüben in der neuen Stadt. Ich ſelbſt weiß nicht genau, wie die Geſchichte zuſammenhängt; daß Einzige, was ich weiß, iſt, daß ich die Stelle bekam. Mr. Wansborough verſchaffte ſie mir— der Sohn meines alten Herrn, von dem ich Ihnen erzählte. Er iſt ein freier, freundlicher Mann, liebt die Jagd, hält ſich ſeine Hunde und all wie ſein „S Knowlo zählung erinner gelang „ Mr. 2 junge II ſpielſch ein Ki 2 77 Londo ſeinen iſt eit Theil obgle Art 2 für d ſofor Kirch aufs boro Kno Vat tion itdecken? heit ver⸗ Zweifel, ſich in ollte ich fsquelle, ſein: ich sbury“ meiner heimniß reival's “* frug heinige iſtliche, sdienſt iſt?“ er vier dar im bekam Freund Man den— t. Ich jängt; hekam. neines freier, Hunde und all' dergleichen. Er iſt jetzt unſer Kirchſpielſchreiber, wie ſein Vater es vor ihm war.“. „Sagten Sie nicht, Ihr früherer Herr wohnte in Knowlesbury?“ frug ich, indem ich mich der langen Er⸗ zählung über den pünktlichen Herrn aus der alten Zeit erinnerte, mit der mich mein redſeliger Freund vorhin gelangweilt hatte. „Ja wohl, Sir,“ entgegnete der Küſter.„Der alte Mr. Wansborough wohnte zu Knowlesbury, und der junge Mr. Wansborough wohnt dort ebenfalls.“ „Sie erwähnten ſoeben, daß er, wie ſein Vater, Kirch⸗ ſpielſchreiber hier ſei. Ich weiß nicht recht, was eigentlich ein Kirchſpielſchreiber iſt?“ „Wirklich nicht, Sir?— und kommen noch dazu aus London! Jedes Kirchſpiel, müſſen Sie wiſſen, hat ſowohl ſeinen Kirchſpielſchreiber wie ſeinen Büttel. Der Büttel iſt ein Mann wie ich(ausgenommen, daß ich ein gut Theil mehr Bildung habe, wie die meiſten von ihnen— obgleich ich nicht damit prahle). Kirchſpielſchreiber iſt eine Art Amt, welches die Advocaten bekommen; ſodaß, falls für die Sakriſtei Geſchäfte zu machen ſind, ſie dieſelben ſofort übernehmen können. Es iſt in London ebenſo. Jede Kirche hat ihren Kirchſpielſchreiber, und Sie können mir aufs Wort glauben, daß derſelbe jedesmal ein Advocat iſt.“ „Dann iſt vermuthlich auch der junge Mr. Wans⸗ borough ein Advocat?“ „Das verſteht ſich, Sir! Advocat in der Hochſtraße, Knowlesbury— das alte Geſchäftslocal, das ſchon ſein Vater hatte. Die unzähligenmale, daß ich jene Expedi⸗ tion ausgekehrt und den alten Mann auf ſeinem weißen 42 Pony zum Geſchäft hereintraben geſehen habe, wobei er die ganze Straße entlang rechts und links blickte und allen Leuten zunickte! Das war ein beliebter Mann, kann ich Ihnen ſagen! Der hätte in London leben ſollen!“ „Wie weit iſt es von hier nach Knowlesbury?“ „Ein ganzes Stück, Sir,“ ſagte der Küſter mit jener übertriebenen Idee von Entfernungen und jener lebhaften Schätzung der Schwierigkeiten, um von einem Orte zum andern zu gelangen, welche allen Landleuten eigen ſind. „Nahe an fünf Meilen, kann ich Ihnen ſagen!“ Es war noch früh am Vormittage und Zeit genug, um nach Knowlesbury und von dort zurück nach Wel⸗ mingham zu ſpazieren; es gab in der Stadt wahrſchein⸗ lich niemanden, der mich beſſer über die Stellung und den Ruf von Sir Percival's Mutter vor ihrer Heirath unterrichten konnte, als der Advocat des Orts. Indem ich beſchloß, ſofort zu Fuße nach Knowlesbury aufzu⸗ brechen, ging ich dem Küſter voran aus der Sacriſtei. „Danke ſchönſtens, Sir,“ ſagte der Küſter, als ich ihm mein kleines Geſchenk in die Hand drückte.„Wollen Sie wirklich den ganzen Weg nach Knowlesbury und zurück zu Fuße machen? Nun, Sie ſind gut zu Fuße, und das iſt ein großes Glück, wie? Das da iſt der Weg; Sie können nicht fehl gehen. Ich wollte, ich hätte Ihres Weges zu gehen— es iſt ſehr angenehm, einem Herrn aus London zu begegnen. Da hört man doch einmal, was in der Welt vorgeht. Wünſch' Ihnen einen guten Mor⸗ gen, Sir— und danke Ihnen nochmals recht ſchön.“ Wir gingen auseinander. Als ich die Kirche hinter mir ließ, ſchaute ich zurück— und da unten auf der Straß noch e Mann nach! D und t ging ben b ſobal G — 5 zu lo Auge Gege der Heir Sch der nen der ner wid hab die doc chen gen bbei er Hallen un ich 277 t jener haften e zum ſind. genug, Wel⸗ ſchein⸗ g und eirath ndem zufzu⸗ ſtei. ihm Sie urück das Sie eges aus was Nor⸗ 2 inter der Straße waren wieder die beiden Männer, zu denen ſich noch ein dritter geſellt hatte; dieſer dritte war der kleine Mann im ſchwarzen Anzuge, dem ich am Abende zuvor nach der Eiſenbahnſtation gefolgt war. Die drei ſtanden eine Weile und ſprachen zuſammen und trennten ſich dann. Der kleine Mann in Schwarz ging allein nach Welmingham zu; die anderen beiden blie⸗ ben beiſammen, indem ſie offenbar warteten, bis ſie mir, ſobald ich weiter gehen würde, wieder folgen könnten. Ich ſetzte meinen Weg fort, ohne ſie gewahr werden zu laſſen, daß ich ſie bemerkt hatte. Ich war in dieſem Augenblicke nicht beſonders aufgebracht über ſie— im Gegentheil, ſie belebten meine ſinkenden Hoffnungen wie⸗ der etwas. In meiner Ueberraſchung, den Beweis der Heirath zu finden, hatte ich ganz vergeſſen, zu welchem Schluſſe ich gekommen, als ich jene beiden Männer in der Nähe der Sacriſtei erblickt hatte. Ihr Wiedererſchei⸗ nen erinnerte mich, daß Sir Percival meinen Beſuch in der Kirche von Alt⸗Welmingham als nächſte Folge mei⸗ ner Unterredung mit Mrs. Catherick vorausgeſehen— widrigenfalls er ſicher nicht ſeine Spione dorthin geſchickt haben würde, um mich zu erwarten. So glatt und offen die Sache ſich in der Sacriſtei auch herausſtellt, ſo war doch etwas Verkehrtes darunter— es war in dem Kir⸗ chenbuche etwas, das ich vielleicht noch nicht ausfindig gemacht hatte. 44 N. Sowie mir die Kirche aus dem Geſichte war, ſetzte ich meinen Weg nach Knowlesbury munter fort. Der Weg war meiſtens gerade und eben. Jedesmal, wenn ich mich umſchaute, ſah ich die beiden Spione mir ruhig folgen. Während der größten Strecke des Weges hielten ſie ſich in ſicherer Entfernung hinter mir. Aber ein paarmal beeilten ſie ihre Schritte, wie wenn ſie mich einholen wollten— ſtanden dann ſtill— beriethen ſich — und blieben in ihrer vorigen Entfernung zurück. Sie hatten offenbar irgend einen beſondern Zweck im Auge und ſchienen über die beſte Art und Weiſe, denſelben aus⸗ zuführen, uneinig oder im Zweifel. Ich konnte nicht recht errathen, welches ihr Zweck ſein mochte; aber ich hegte ernſtliche Befürchtungen, daß ich Knowlesbury nicht ohne Unfall erreichen würde. Dieſe Befürchtungen ſtellten ſich als begründet heraus. Ich war eben an einer einſamen Stelle des Weges angelangt, von wo ich eine ſcharfe Biegung deſſelben in einiger Entfernung vor mir ſah, und war gerade zu dem Schluſſe gekommen(indem ich eine Zeitberechnung machte), daß ich mich der Stadt nähern müſſe, als ich plötzlich die Schritte der Männer dicht hinter mir hörte. Ehe ich mich noch umſchauen konnte, ging der eine von ihnen(der Mann, welcher mir in London gefolgt war) ſchnell zu meiner linken Seite an mir vorbei und ſtieß mich mit ſeiner Schulter. Ich hatte mich durch die Art und Weiſe, in welcher er und ſein Gefährte mich von Wel⸗ mingham aus verfolgt, heftiger aufreizen laſſen, als ich mir de lichern der flo lich au ſtämm rechte ten ſie — 4 der TW hielter einen eine i geweſ die er hatte, um z ich a C geſeh daher mit d Hãus war. mich anzu Einr los,“ Der Wei die r, ſetzte desmal, one mir Weges Aber ie mich hen ſich ck. Sie 1 Auge en aus⸗ ht recht hhegte ht ohne en ſich Weges ben in zu dem achte), lötzlich r eine war) ſtieß e Art Wel⸗ ls ich mir deſſen ſelbſt bewußt, und ließ mich hierdurch unglück⸗ licherweiſe hinreißen, den Menſchen ziemlich herzhaft mit der flachen Hand von mir zu ſtoßen. Er fing augenblick⸗ lich an, um Hülfe zu rufen, worauf ſein Gefährte— der ſtämmige Burſche in der Wildhüterkleidung— an meine rechte Seite ſprang— und im nächſten Augenblicke hiel⸗ ten ſie mich geknebelt mitten auf dem Wege zwiſchen ſich. Die Ueberzeugung, daß man mir eine Falle gelegt, und der Verdruß darüber, daß ich in dieſelbe gegangen war, hielten mich glücklicherweiſe davon ab, meiner Lage durch einen nutzloſen Kampf mit zwei Männern, von denen der eine wahrſcheinlich allein ſchon mehr als genug für mich geweſen wäre, noch zu verſchlimmern. Ich unterdrückte die erſte natürliche Bewegung, durch welche ich verſucht hatte, mich ihren Griffen zu entziehen, und blickte umher, um zu ſehen, ob niemand in der Nähe ſei, deſſen Hülfe ich anrufen könne. Ein Bauer arbeitete in einem nahen Felde; er mußte geſehen haben, was ſich zugetragen, und ich forderte ihn daher auf, uns nach der Stadt zu folgen. Er ſchüttelte mit dummer Beharrlichkeit den Kopf und ging fort einem Häuschen zu, das etwas von der Landſtraße abgelegen war. Zu gleicher Zeit erklärten die beiden Männer, welche mich hielten, ihre Abſicht, mich eines Angriffes auf ſie anzuklagen. Ich war jetzt ruhig und klug genug, keine Einwendungen weiter zu machen.„Laßt meinen Arm los,“ ſagte ich,„und ich will Euch in die Stadt folgen.“ Der Mann in der Wildhüterkleidung äußerte eine grobe Weigerung. Der andere aber war ſchlau genug, um an die Folgen zu denken, und ſeinem Gefährten nicht zu ——— — —— — 46— geſtatten, ſich durch unnütze Gewaltthätigkeit zu compro⸗ mittiren. Er gab ihm ein Zeichen, und ich ging dann frei zwiſchen den beiden. Wir langten an der Biegung im Wege an, und da dicht vor uns war die Vorſtadt von Knowlesbury. Einer der Ortsconſtabler ging im Pfade am Wege entlang. Die Männer riefen ihn augenblicklich an. Er entgegnete, daß der Magiſtrat augenblicklich im Gerichtsſaale verſam⸗ melt ſei und empfahl uns, uns ſogleich dorthin zu begeben. Wir gingen nach dem Rathhauſe. Der Gerichtsſchreiber fertigte eine Vorladung aus, und die Anklage gegen mich wurde dann mit den bei ſolchen Gelegenheiten üblichen Uebertreibungen und Verdrehungen vorgebracht. Der Rich⸗ ter(ein unfreundlicher Mann mit einem ſauren Wohl⸗ behagen an der Ausübung ſeiner Macht) frug, ob irgend jemand auf oder neben dem Wege Zeuge des Angriffes geweſen, und zu meiner großen Ueberraſchung gaben die Kläger die Anweſenheit des Bauern im Felde zu. Ich wurde jedoch durch die nächſten Worte des Richters über den Zweck dieſer Zugabe aufgeklärt. Er verwies mich ſofort auf die Vorführung des Zeugen, wobei er zugleich ſeine Bereitwilligkeit ausſprach, Bürgſchaft für mein Er⸗ ſcheinen zu nehmen, falls ich ihm eine ſolche zu bieten im Stande ſei. Wäre ich in der Stadt bekannt geweſen, ſo würde er mich auf mein eigenes perſönliches ſchrift⸗ liches Unterpfand entlaſſen haben; da ich aber dort voll⸗ kommen fremd war, ſo war es nothwendig, daß ich eine verantwortliche Bürgſchaft ſtellte. Der ganze Zweck des Streiches war mir jetzt klar. Man hatte es ſo eingerichtet, daß ein gerichtlicher Auf⸗ ſchub fremd durch ſtreckte ſitzung ich im brauch hinder ſchützer Hinder Tage werden N zweifl neren deuten muthi erſt g welche nen. und d ganze und nicht len d pier Scha über bot ſ welch compro⸗ ing dann „ und da vy. Einer entlang. ntgegnete, verſam⸗ begeben. sſchreiber ggen mich üblichen Der Rich⸗ n Wohl⸗ ob irgend Angriffes gaben die zu. Ich ters über ies mich zugleich mein Er⸗ zu bieten geweſen, 3 ſchrift⸗ ort voll⸗ ich eine etzt klar. her Auf—⸗ —4 ſchub nothwendig war in einem Orte, wo ich vollkommen fremd und es mir deshalb unmöglich war, meine Freiheit durch Bürgſchaft wieder zu erhalten. Dieſer Aufſchub er⸗ ſtreckte ſich blos auf drei Tage: bis zur nächſten Magiſtrats⸗ ſitzung. Doch inzwiſchen konnte Sir Percival, während ich im Gefängniſſe ſaß, von allen möglichen Mitteln Ge⸗ brauch machen, um mein ferneres Fortſchreiten zu ver⸗ hindern— vielleicht ſich ganz und gar gegen Entdeckung ſchützen— und zwar ohne von meiner Seite das geringſte Hinderniß befürchten zu müſſen. Nach Verlauf der drei Tage würde die Anklage ohne Zweifel zurückgenommen werden und das Erſcheinen des Zeugen unnöthig ſein. Meine Entrüſtung, ich möchte faſt ſagen, meiune Ver⸗ zweiflung über dieſe unheilvolle Störung all' meiner fer⸗ neren Fortſchritte— die an ſich ſo erbärmlich und unbe⸗ deutend, aber in ihren wahrſcheinlichen Folgen ſo ent⸗ muthigend und bedeutungsvoll war— machte mich zu⸗ erſt ganz unfähig, über die Mittel nachzuſinnen, durch welche ich mich würde aus dieſem Dilemma ziehen kön⸗ nen. Ich war thöricht genug, Schreibmaterial zu fordern und daran zu denken, dem Magiſtrate im Vertrauen meine ganze Lage auseinanderzuſetzen. Die Hoffnungsloſigkeit und Unvorſichtigkeit eines ſolchen Verfahrens fiel mir nicht eher ein, als bis ich wirklich ſchon die erſten Zei⸗ len des Briefes geſchrieben hatte. Erſt als ich das Pa⸗ pier wieder von mir geſtoßen— und, wie ich zu meiner Schande geſtehen muß, als ich mich durch den Verdruß über meine hülfloſe Lage faſt hatte beſiegen laſſen— bot ſich plötzlich meinem Geiſte ein Verfahren dar, auf welches Sir Percival wahrſcheinlich nicht gerechnet hatte, — ——ö ——— —. und das mich in wenigen Stunden wieder in Freiheit ſetzen konnte. Ich beſchloß, Mr. Dawſon in Oak Lodge von der Lage zu unterrichten, in der ich mich befand. Ich hatte das Haus dieſes Herrn, wie man ſich er⸗ innern wird, bei Gelegenheit meiner erſten Nachforſchun⸗ gen in der Umgegend von Blackwater Park beſucht und hatte ihm einen Brief von Miß Halcombe überbracht, in welchem dieſe mich ihm in den wärmſten Ausdrücken empfoh⸗ len. Ich ſchrieb jetzt und berief mich auf jenen Brief, ſowie auf das, was ich Mr. Dawſon damals von der zar⸗ ten und gefährlichen Natur meiner Nachforſchungen an⸗ vertraut hatte. Ich hatte ihn nicht mit der Wahrheit in Bezug auf Laura bekannt gemacht, ſondern ihm meinen Zweck blos als von der größten Wichtigkeit für Familien⸗ angelegenheiten beſchrieben, die Miß Halcombe nahe an— gingen. Indem ich auch jetzt noch dieſelbe Vorſicht ge⸗ brauchte, erklärte ich ihm meine Anweſenheit in Knowles⸗ bury auf dieſelbe Weiſe— und überließ es dann dem Doctor zu beſtimmen, ob das Vertrauen, welches eine Dame, die er wohl kannte, in mich geſetzt, und die Gaſt⸗ freundſchaft, welche ich ſelbſt in ſeinem Hauſe erfahren, mich rechtfertigten, indem ich ihn bitte, mir in einem Orte zu Hülfe zu kommen, an dem ich vollkommen unbekannt ſei. Ich erhielt Erlaubniß, mir einen Boten zu miethen, der augenblicklich mit dem Briefe in einem Wagen weg⸗ fuhr, in welchem er den Doctor gleich mit zurückbringen konnte. Oak Lodge war zwiſchen Knowlesbury und Black⸗ water gelegen. Der Mann erklärte, er könne in vierzig Minuten hinfahren und in abermals vierzig Minuten den Doctor mit zurückbringen. Ich gab ihm Befehl, dem Doc⸗ tor zu nicht z Erfolg ich mit und ne rück u lichkeit Beiſta verſtel ſchaft vier 1 Mann Docto M mit il ſeinen daß n niß b zu dü zu wi denen blickli den 1 wand boron — 4 Nach word der D Freiheit ak Lodge hefand. mſich er⸗ forſchun⸗ ucht und racht, in nempfoh⸗ Brief, der zar⸗ igen an⸗ hrheit in imeinen Familien⸗ nahe an⸗ eicht ge⸗ dnowles⸗ ann dem hes eine die Gaſt⸗ erfahren, em Orte annt ſei. miethen, gen weg⸗ kbringen d Black⸗ vierzig uten den m Doc⸗ 49 tor zu folgen, wo er auch ſein möge, falls er ihn etwa nicht zu Hauſe fünde— und ſetzte mich dann, um den Erfolg mit all' der Ruhe und Geduld abzuwarten, die ich mir zu Hülfe zu rufen im Stande war. Es war kaum halb zwei Uhr, als der Bote fortfuhr, und noch ehe es halb Drei geſchlagen, kehrte er ſchon zu— rück und brachte den Doctor mit. Des Doctors Freund⸗ lichkeit und das Zartgefühl, mit dem er ſeinen ſchnellen Beiſtand wie eine Sache darſtellte, die ſich ganz von ſelbſt verſtehe, überwältigten mich faſt. Die erforderliche Bürg⸗ ſchaft wurde ſofort geboten und angenommen. Noch vor vier Uhr deſſelben Nachmittags konnte ich als freier Mann auf der Straße von Knowlesbury dem guten alten Doctor mit einem warmen Händedrucke danken. Mr. Dawſon gab mir eine gaſtfreundliche Einladung, mit ihm nach Oak Lodge zurückzukehren und die Nacht in ſeinem Hauſe zu bleiben. Ich konnte ihm nur antworten, daß meine Zeit nicht mir gehöre, und ihn nur um Erlaub⸗ niß bitten, ihm in wenigen Tagen meinen Beſuch machen zu dürfen, um ihm die Verſicherung meiner Dankbarkeit zu wiederholen und ihm alle Erklärungen zu geben, zu denen, wie ich fühlte, er berechtigt, die ich aber augen⸗ blicklich noch nicht zu machen in der Lage war. Wir ſchie⸗ den mit gegenſeitigen Freundſchaftsverſicherungen, und ich wandte meine Schritte darauf ſofort nach Mr. Wans⸗ borough's Geſchäftslocale in der Hochſtraße. Die Zeit war jetzt von der größten Bedeutung. Nachricht, daß ich durch Bürgſchaft in Freiheit geſetzt worden, mußte Sir Percival unfehlbar noch vor Einbruch der Nacht erreichen. Falls die nächſten paar Stunden mich tie Collins, Die Frau in Weiß. IV 4 —: Dite 50 nicht ſo ſtellten, daß dadurch ſeine ſchlimmſten Befürch⸗ ep tungen gerechtfertigt wurden, und er hülflos in meine Macht unier, gegeben war, ſo konnte ich jeden Zoll des Bodens, den ich ters 21 gewonnen hatte, verlieren, um ihn nie wieder zu gewinnen. ile inte Der gewiſſenloſe Charakter des Mannes, ſein Einfluß in ſel, nl der Umgegend, die verzweifelte Gefahr der Blosſtellung, ſchrift mit der meine blindlings angeſtellten Nachforſchungen ihn pferd bedrohten— alles dies ließ mich die Nothwendigkeit fühlen, gekom der Entdeckung nachzuſetzen, ohne auch nur eine Minute fenan zu verlieren. Ich hatte, während ich Mr. Dawſon's 3 Ankunft erwartet, Zeit zum Nachdenken gefunden und unmbe hatte guten Gebrauch von derſelben gemacht. Gewiſſe Ab⸗ zu ve ſchnitte in der Unterhaltung des redſeligen alten Küſters, nicht welche mich zur Zeit gelangweilt, ſtellten ſich meinem Geiſte be ti jetzt in einem neuen bedeutungsvolleren Lichte dar, und es dar 3 kam mir ein dunkler Verdacht, der mir in der Sacriſtei n nicht in den Sinn gekommen war. Auf meinem Wege nach 30) I Knowlesbury hatte ich nichts weiter beabſichtigt, als Mr. un Wansborough in Bezug auf Sir Percival's Mutter zu lis 1 befragen. Jetzt aber beſchloß ich, die Abſchrift des Kirchen⸗ denn buches zu Alt⸗Welmingham zu unterſuchen. Reiſe Mr. Wansborough war auf ſeiner Expedition, als hinzu ich nach ihm frug. Orig Er war ein jovialer, freier, ruhiger Mann— er hatte boror mehr das Ausſehen eines vergnügten Landmannes, als 8 das eines Advocaten— und ſchien ſowohl erſtaunt als be⸗ ni chte luſtigt über mein Anliegen. Er hatte von ſeines Vaters ein e Abſchrift des Kirchenbuches allerdings gehört, ſie ſelbſt derſe aber noch nie geſehen. Man hatte nie danach gefragt, mar doch werde es ohne Zweifel in der Sicherheitskammer und Befürch⸗ iine Macht as, den ich gewinnen. Einfluß in osſtellung, ungen ihn fkiit fühlen, ne Minute Dawſon's inden und ewiſſe Ab⸗ n Küſters, nem Geiſte ar, und es Sacriſtei Wege nach „als Mr. Mutter zu s Kirchen⸗ hition, als — er hatte nnes, als int als be⸗ ies Vaters ſie ſelbſt h gefragt, itskammer 51 unter den übrigen Papieren liegen, welche ſeit ſeines Va⸗ ters Ableben nie angerührt worden. Mr. Wansborough meinte, es ſei jammerſchade, daß der alte Herr nicht da ſei, um zu hören, wie jemand endlich ſeine koſtbare Ab⸗ ſchrift zu ſehen verlange. Er würde danach ſein Stecken⸗ pferd eifriger denn je geritten haben. Wie war ich dazu gekommen, von der Abſchrift zu hören? Durch irgend jemanden in der Stadt? Ich wich dieſen Fragen aus ſo gut ich konnte. Es war unmöglich, in dieſem Stadium in meinen Nachforſchungen zu vorſichtig zu ſein, aber ebenſo ſehr Mr. Wansborough nicht vor der Zeit wiſſen zu laſſen, daß ich das Original bereits unterſucht hatte. Ich gab ihm daher zu verſtehen, daß ich in einer Familienangelegenheit Erkundigungen ein⸗ ziehe, bei der jeder Augenblick von größter Wichtigkeit ſei. Ich wünſche ganz beſonders noch mit der Abendpoſt ge⸗ wiſſe Einzelheiten über die Sache nach London abzuſenden, und ein einziger Blick in die Abſchrift(wofür ich natür⸗ lich das übliche Honorar zahlen werde) könne mich von dem unterrichten, deſſen ich bedürfe, um mir eine fernere Reiſe nach Alt-⸗Welmingham erſparen. Ich fügte noch hinzu, daß, falls ich fernerhin noch eine Abſchrift des Originals gebrauchte, ich mich dieſerhalb an Mr. Wans⸗ borough wenden würde. Nach dieſer Erklärung von meiner Seite wandte er nichts dagegen ein, mir die Abſchrift zu zeigen. Es wurde ein Schreiber in die Sicherheitskammer hinaufgeſchickt, und derſelbe kehrte nach einer Weile mit dem Buche zurück. Es war genau von derſelben Größe, wie das in der Sacriſtei, und der einzige Unterſchied zwiſchen beiden Büchern be⸗ 4* 52 ſtand darin, daß die Abſchrift ſchöner gebunden war. Ich trug ſie an ein leeres Pult. Meine Hände zitterten— meine Stirn glühte— ich war mir der Nothwendigkeit bewußt, meine Aufregung vor den Leuten, die im Zimmer anweſend waren, zu verbergen, ehe ich das Buch aufſchlug. Auf der leeren Seite am Anfange des Buches, welche ich zuerſt betrachtete, ſtanden mit vergilbter Tinte einige Zeilen geſchrieben. Dieſelben enthielten folgende Worte: „Abſchrift des Heirathregiſters in der Pfarrkirche zu Alt⸗Welmingham. Auf meine Anordnung abgefaßt und ſpäter von mir ſelbſt genau mit dem Originale verglichen.(Unterzeichnet:) Robert Wansborough, Kirch⸗ ſpielſchreiber.“ Unter dieſer Anmerkung ſtand eine Zeile in einer an⸗ dern Handſchrift: „Berichtigt vom 1. Januar 1800 bis zum 30. Juni 1815.“ Ich wandte mich zum Monat September 1803. Ich fand die Heirath des Mannes, der meinen Taufnamen trug. Ich fand das doppelte Certificat der beiden Brüder, welche zugleich geheirathet hatten. Und zwiſchen dieſen beiden am untern Ende der Seite—? Nichts! Auch nicht die Spur von dem Certificate, welches im Kirchenbuche die Vermählung von Sir Felix Glyde und Cäcilia Jane Eſſter berichtete! Mein Herz flog und pochte, als ob ich erſticken müßte. Ich blickte noch einmal hin— ich fürchtete meinen Augen zu trauen. Nein! Kein Zweifel mehr. Die Heirath war nicht verzeichnet. Die Certificate in der Abſchrift nahmen genau dieſelben Stellen auf der Seite ein, wie die im Ori⸗ ginale. nes mi Raum geweſe aufzun nale d Dieſer Kirche gehab 1827 erſchi zu de Well word ( nicht dach Ma heit nich an ärn blie dac er deſ au lich w' var. Ich kerten— wendigkeit n Zimmer aufſchlug. es, welche nte einige de Worte: rkirche zu abgefaßt Originale gh, Kirch⸗ einer an⸗ 30. Juni 803. Ich aufnamen n Brüder, hen dieſen Certificate, Sir Felix ken müßte. nen Augen irath war ift nahmen ie im Ori⸗ 53 e auf der einen Seite war das des Man⸗ nes mit meinem Taufnamen. Darunter war ein leerer Raum— offenbar leer gelaſſen, weil er nicht groß genug geweſen, um das doppelte Certificat der beiden Brüder aufzunehmen, welches in der Abſchrift wie in dem Origi⸗ nale die Stelle an der Spitze der nächſten Seite einnahm. Dieſer Raum erzählte die ganze Geſchichte! In dem Kirchenbuche mußte derſelbe von 1803 an(wo die ſtatt⸗ gehabten Vermählungen dort eingetragen worden) bis 1827 geblieben ſein, wo Sir Percival in Alt⸗Welmingham erſchien. Hier in Knowlesbury ſah ich die Gelegenheit zu der Fälſchung in der Abſchrift,— und dort in Alt⸗ Welmingham war dieſelbe in dem Kirchenbuche benutzt worden! Es ſchwindelte mir; ich hielt mich am Pulte feſt, um nicht zu fallen. Von all' den verſchiedenen Arten des Ver⸗ dachtes, welche ſich mir in Bezug auf jenen verzweifelten Mann aufgedrängt hatten, war nicht eine einzige der Wahr⸗ heit nahe gekommen. Der Gedanke, er ſei überhaupt gar nicht Sir Percival Glyde und habe nicht mehr Anrecht an der Baronetſchaft und an Blackwater Park als der ärniſte Bauer auf der Beſitzung, war mir keinen Augen⸗ blick in den Sinn gekommen. Zu einer Zeit hatte ich ge⸗ dacht, er ſei vielleicht Anna Cathericks Vater; dann, daß er mit ihr verheirathet geweſen— aber das Vergehen, deſſen er ſich in Wirklichkeit ſchuldig gemacht, war meinen ausſchweifendſten Muthmaßungen fern geblieben. Ich war überwältigt von der Betrachtung der erbärm⸗ lichen Mittel, durch welche die Fälſchung bewerkſtelligt worden, durch die Größe und das Wagniß des Verbrechens ginale. Das letzt 54 und das Entſetzen vor den Folgen der Entdeckung deſſelben. Wer konnte ſich jetzt noch über die brutale Unruhe der Lebensweiſe des Elenden wundern; über ſeine verzweifelten Abwechſelungen zwiſchen verworfener Doppelzüngigkeit und rückſichtsloſer Gewaltthätigkeit; über die Tollheit ſeines ſchuldbewußten Mißtrauens, in welchem er Anna Cathe⸗ rick in die Irrenanſtalt geſperrt und in den ſchändlichen Verrath gegen ſeine Frau gewilligt hatte, in dem bloſen Argwohne, daß die Eine wie die Andere ſein furchtbares Geheimniß wiſſe? Die Enthüllung dieſes Geheimniſſes hätte in früheren Jahren Hinrichtung und jetzt lebensläng⸗ liche Deportion zur Folge haben können. Sie mußte ihn, ſelbſt im Todesfall Derjenigen, welche durch den Betrug gelitten hatten, mit einem Schlage ſeines Namens, ſeines Ranges, ſeiner Beſitzungen und der ganzen geſell⸗ ſchaftlichen Stellung berauben, die er ſich angemaßt hatte. Dies war das Geheimniß, und es war mein! Ein Wort von mir und— Haus, Güter, Titel— er hatte Alles auf immer verloren, er wurde als namenloſer, mittelloſer, freundloſer Ausgeſtoßener in die Welt hinaus getrieben! Des Mannes ganze Zukunft hing an meinen Lippen— und in dieſem Augenblicke wußte er dies be⸗ reits ebenſo gewiß, wie ich ſelbſt! Dieſer letztere Gedanke gab mir einige Feſtigkeit wieder. Intereſſen, die mir weit koſtbarer waren als meine eigenen, hingen von der Umſicht ab, welche jetzt meine geringſten Handlungen leiten mußte. Es gab keine erdenkliche Schändlichkeit, von der Sir Percival nicht Gebrauch gegen mich machen würde. In der Gefahr und Ver⸗ zweiflung ſeiner Lage würde er ſich durch kein Wagniß, durch buchſto Jo keit fü halten daß n zubrin konnte Wans Origi Auge 8 Kirch wend den Es lich Doc weis Sor erkl mei mer ihn wer Ge hit G ab deſſelben. ruhe der weifelten gkeit und it ſeines a Cathe⸗ indlichen n bloſen rchtbares imniſſes ensläng⸗ mußte arch den Namens, n geſell⸗ zt hatte. n! Ein er hatte nenloſer, hinaus meinen dies be⸗ wieder. eigenen, ringſten denkliche hebrauch d Ver⸗ Lagniß, 55 durch kein Verbrechen zurückſchrecken laſſen— er würde buchſtäblich vor nichts erbeben, das ihn retten konnte. Ich ſann einen Augenblick nach. Die erſte Nothwendig⸗ keit für mich war, ein geſchriebenes Zeugniß deſſen zu er⸗ halten, was ich geſehen hatte, und daſſelbe für den Fall, daß mir ein perſönlicher Unfall begegnen ſollte, ſo unter⸗ zubringen, daß Sir Percival ſeiner nicht habhaft werden konnte. Die Abſchrift des Kirchenbuches war in Mr. Wansborough's Sicherheitskammer wohl verwahrt. Das Original aber in der Sacriſtei war, wie ich mit eigenen Augen geſehen, nichts weniger als das. In dieſer dringenden Gefahr beſchloß ich, nach der Kirche zurückzukehren, mich nochmals an den Küſter zu wenden und mir, ehe ich mich für die Nacht ſchlafen legte, den nöthigen Auszug aus dem Kirchenbuche zu machen. Es war mir damals noch nicht bekannt, daß eine gericht⸗ lich atteſtirte Abſchrift nothwendig war, und daß kein Document, das ich allein abgefaßt, als genügender Be⸗ weis angenommen werden würde. Meine größte, einzige Sorge war die, nach Welmingham zurückzukehren. Ich erklärte ſo gut ich konnte die Beſtürzung und Aufregung meines Weſens, welche Mr. Wansborough bereits be⸗ merkt hatte, legte das Honorar auf den Tiſch, kam mit ihm überein, daß ich ihm in wenigen Tagen ſchreiben werde, und verließ dann die Expedition, während mein Gehirn ſich im Wirbel drehte und mein Blut in Fieber⸗ hitze durch meine Adern ſchoß. Es fing eben an dunkel Gedanke, daß man mich vielleicht auf der Landſtraße abermals belauern und angreifen werde. zu werden. Mir kam der 56 Mein Spazierſtock war nur ſchwach und daher als Vertheidigungswaffe von wenig oder gar keinem Nutzen. Ich ging, ehe ich Knowlesbury verließ, in einen Kauf⸗ laden und verſah mich mit einem ſtarken Landknittel, der ziemlich kurz und am Kopfende gewichtig war. Mit dieſer einfachen Waffe war ich jedem einzelnen Manne, der mich angreifen mochte, gewachſen. Falls mehr als Einer ka⸗ men, ſo konnte ich mich auf die Schnelligkeit meiner Beine verlaſſen. In meiner Schulzeit war ich ein berühmter Läufer geweſen, und es hatte mir ſeitdem, namentlich während meiner vielfachen Abenteuer in Central⸗Amerika, nicht an Uebung gefehlt. Ich verließ die Stadt mit ſchnellen Schritten und hielt mich in der Mitte des Weges. Es fiel ein nebelartiger kleiner Staubregen, und es war mir deshalb während der erſten Hälfte des Weges unmöglich, zu entdecken, ob ich verfolgt werde oder nicht. Als ich aber auf der letzten Hälfte angelangt und mich etwa zwei Meilen von der Kirche entfernt wähnte, ſah ich einen Mann im Regen an mir vorbeilaufen— und hörte dann ein Feldpförtchen am Wege heftig zuſchlagen. Ich ſetzte meinen Weg gerade fort, wobei ich meinen Knittel zur Vertheidigung bereit hielt und mit Ohren und Augen die Finſterniß zu durchdringen mich anſtrengte. Ehe ich noch hundert Ellen weiter geſchritten, rauſchte es in dem Geſträuche zu meiner Rechten, und drei Männer ſtürzten in den Weg hinaus. Ich ſprang augenblicklich zur Seite auf den Fußpfad hinauf. Die beiden erſten Männer wurden durch die Gewalt ihres Sprunges an mir vorbei getrieben; der dritte ſich h Schlo ſchme ihm d und auf einen vorü rann aher als Nutzen. in Kauf⸗ ittel, der Kit dieſer der mich Einer ka⸗ er Beine erühmter umentlich Amerika, und hielt und es 3 Weges er nicht. ind mich ute, ſah — und ſchlagen. meinen Ohren ſſtrengte. rauſchte Männer Fußpfad urch die en; der 57 dritte war ſchnell wie der Blitz. Er ſtand ſtill, wandte ſich halb um und ſchlug mit ſeinem Stocke nach mir. Der Schlag geſchah aufs Gerathewohl und war kein ſehr ſchmerzhafter; er fiel auf meine linke Schulter. Ich gab ihm denſelben verſtärkt auf den Kopf zurück. Er taumelte und fiel gegen ſeine beiden Gefährten, gerade als dieſe auf mich losfahren wollten. Dieſer Umſtand gab mir einen augenblicklichen Vortheil. Ich ſchlüpfte an ihnen vorüber wieder in die Mitte des Weges hinein und rannte davon, ſo ſchnell, wie meine Füße mich nur tra⸗— gen wollten. Die beiden Unverletzten verfolgten mich. Sie waren Beide gute Läufer, der Weg glatt und eben, und während der erſten fünf Minuten war ich mir bewußt, daß ich die Entfernung zwiſchen mir und ihnen nicht vergrößerte. Es war eine gefährliche Sache, lange in der Dunkelheit dahin zu rennen. Ich konnte kaum die undeutliche ſchwarze Linie der Hecken zu beiden Seiten unterſcheiden, und das ge⸗ ringſte Hinderniß auf dem Wege hätte mich ohne Fehl niedergeworfen. Bald fühlte ich, daß der Boden ſich ver⸗ änderte; bei einer Biegung ging er abwärts und fing dann wieder an aufwärts zu ſteigen. Bergab kamen die Män⸗ ner mir etwas näher, aber ſo wie es bergan ging, ließ ich ſie bedeutend hinter mir zurück. Das raſche, regelmäßige Stampfen ihrer Füße fiel immer ſ chwächer an mein Ohr, und ich berechnete nach dem Klange, daß ich jetzt weit genug von ihnen ſei, um in das Feld zu laufen, wobei ich dann Hoffnung hatte, daß ſie in der Dunkelheit an mir vorbei laufen würden. Auf den Fußpfad ſpringend eilte ich auf die erſte lichte Stelle in der Hecke los, die ich mehr errieth 583 als ſah; dieſelbe ſtellte ſich als eine verſchloſſene Pforte heraus. Ich ſchwang mich hinüber und lief, im Felde angelangt, im gemeſſenen Trabe, mit dem Rücken der Landſtraße zugewandt, über daſſelbe hin. Ich hörte die Männer an dem Pförtchen vorüberrennen— dann, eine Minute ſpäter, wie der Eine den Andern zurückrief. Es war mir jedoch einerlei, was ſie jetzt thaten, denn ich befand mich bereits außer ihrem Bereiche. Ich lief gerade über das Feld hin, und am entgegengeſetzten Ende deſſelben angelangt, ſtand ich einen Augenblick ſtill, um wieder zu Athem zu kommen. Es war unmöglich, mich auf die Landſtraße zurück⸗ zuwagen; dennoch aber war ich feſt entſchloſſen, dieſen Abend noch nach Alt⸗Welmingham zurückzukehren. Weder Mond noch Sterne ließen ſich blicken, um mir zu leuchten. Ich wußte blos, daß ich, als ich Knowlesbury verlaſſen, Wind und Regen im Rücken gehabt, und falls ich dieſe Richtung auch jetzt beibehielt, ſo konnte ich we⸗ nigſtens annehmen, daß es nicht die ganz verkehrte war. Hiernach eilte ich über die Felder dahin— ohne andern Hinderniſſen als Gräben, Hecken und Gebüſchen zu be⸗ gegnen, welche mich hin und wieder nöthigten, ein wenig von meiner Richtung abzuweichen— bis ich mich auf einer Anhöhe fand, wo der Boden ſich ſteil vor mir abwärts ſenkte. Ich ſtieg in die Vertiefung hinab, drückte mich durch eine Hecke und befand mich dann in einem Neben⸗ wege. Da ich, als ich die Landſtraße verlaſſen, mich rechts gewendet, ſo wandte ich mich, in der Hoffnung, dadurch wieder in die Linie zurückzukehren, welche ich verlaſſen, jetzt wieder links. Nachdem ich ungefähr zehn Minuten lang o erblickt Das ich tre kundig E ſelbe nende die L. als mich deſſel und d mein ſeltſe und gerö vollt geno Aug ſeln ſich for Au ſind Pforte n Felde ken der örte die un, eine ief. Es eenn ich gerade beſſelben heder zu zurück⸗ dieſen im mir lesbury nd falls ich we⸗ war. andern zu be⸗ wenig uf einer bwärts te mich Neben⸗ hrechts dadurch rlaſſen, Ninuten 59 lang auf dem ſchmuzigen Nebenwege dahingegangen war, erblickte ich ein Häuschen, deſſen Fenſter erleuchtet waren. Das Gartenpförtchen nach der Straße zu war offen und ich trat ſofort hinein, um mich nach dem Wege zu er⸗ kundigen. Ehe ich noch an die Thür klopfen konnte, wurde die⸗ ſelbe plötzlich geöffnet, und ein Mann kam mit einer bren⸗ nenden Laterne herausgelaufen. Er ſtand ſtill und hielt die Laterne empor, und wir ſtanden Beide überraſcht da, als wir einander erblickten. Meine Irrfahrten hatten mich außen um das Dorf herum und am untern Ende deſſelben hineingeführt. Ich war in Alt⸗Welmingham, und der Mann mit der Laterne war niemand Anderes als meine Bekanntſchaft von heute Morgen: der alte Küſter. Sein Weſen ſchien ſich, ſeit ich ihn zuletzt geſehen, auf ſeltſame Weiſe verändert zu haben. Er ſah argwöhniſch und verdrießlich aus, ſeine blühenden Wangen waren tief geröthet und ſeine erſten Worte, als er mich anredete, mir vollkommen unverſtändlich. „Wo ſind die Schlüſſel?“ frug er.„Haben Sie ſie genommen?“ „Welche Schlüſſel?“ frug ich.„Ich komme in dieſem Augenblicke aus Knowlesbury zurück. Von welchen Schlüſ⸗ ſeln ſprechen Sie?“ „Die Schlüſſel zur Sacriſtei. Der Herr erbarme ſich unſer! Was ſoll ich machen? Die Schlüſſel ſind fort! Hören Sie wohl?“ ſchrie der alte Mann, in ſeiner Aufregung die Laterne gegen mich ſchüttelnd,„die Schlüſſel ſind fort!“ „Wie? Wann? Wer kann ſie genommen haben?“ „Ich weiß nicht,“ ſagte der Küſter, in der Fin⸗ ſterniß wild um ſich ſtierend.„Ich bin eben erſt wie⸗ der nach Hauſe gekommen. Ich ſagte Ihnen heute morgen, ich habe heute lange zu thun— ich ver⸗ ſchloß die Thür und das Fenſter ebenfalls— und jetzt iſt es offen— das Fenſter iſt offen. Sehen Sie! Es iſt Jemand hineingeſtiegen und hat die Schlüſſel ge⸗ nommen!“ Er wandte ſich dabei nach dem Fenſter zu, um mir zu zeigen, daß es offen war. Das Thürchen der Laterne öffnete ſich bei ſeinem Schwenken derſelben, und der Luft⸗ zug blies das Licht aus. „Holen Sie ſich ſchnell ein anderes Licht,“ rief ich, „und laſſen Sie uns dann zuſammen nach der Sacriſtei eilen. Schnell! ſchnell!“ Ich trieb ihn ins Haus. Der Anſchlag, den ich alle Urſache zu erwarten hatte und der mich jedes Vortheils berauben konnte, den ich bisher gewonnen, war vielleicht in dieſem Augenblicke ſchon ausgeführt zu werden im Be⸗ griffe. Meine Ungeduld, nach der Kirche zu kommen, war ſo groß, daß ich, während der Küſter nach Licht ſuchte, nicht unthätig in der Hütte bleiben konnte. Ich ging den Gartenſteig entlang in die Straße hinunter. Ehe ich noch zehn Schritte gegangen war, kam mir ein Mann von der Kirche her entgegen. Er redete mich achtungsvoll an, als er mir näher kam. Ich konnte ſein Geſicht nicht ſehen; doch nach der Stimme allein zu urtheilen war er mir gänz⸗ lich fremd. „Ich bitte um Verzeihung, Sir Percival—“ be⸗ gann er. wirrt / wart 5 zurü der kom ſo und hatt ſehe von ant eile als die er Fin⸗ eſt wie⸗ heute ch ver⸗ — und n Sie! ſſel ge⸗ mir zu Laterne er Luft⸗ rief ich, Sacriſtei ich alle ortheils vielleicht im Be⸗ en, war ſuchte, ing den ich noch von der an, als t ſehen; ir gänz⸗ — be⸗ —61 Ich unterbrach ihn, ehe er weiter ſprechen konnte. „Die Dunkelheit täuſcht Sie,“ ſagte ich,„ich bin nicht Sir Percival.“ Der Mann trat ſchnell zurück. Ich glaubte, es ſei mein Herr,“ murmelte er auf ver⸗ wirrte, unſichere Weiſe. „Sie erwarteten Ihren Herrn hier zu treffen?“ „Ich hatte Befehl, ihn hier im Nebenwege zu er⸗ warten.“ Mit dieſer Antwort ging er wieder in der Richtung zurück, aus der er gekommen war. Ich ſchaute mich nach der Hütte um und ſah den Küſter mit der Laterne heraus⸗ kommen. Ich nahm des alten Mannes Arm, um ihn um ſo ſchneller fortzuhelfen. Wir eilten den Weg entlang und kamen an dem Manne vorbei, welcher mich angeredet hatte. So gut ich dies bei dem Lichte der Laterne zu ſehen vermochte, war er ein Diener ohne Livree. „Wer iſt das?“ flüſterte der Küſter.„Weiß er etwas von den Schlüſſeln?“ „Wir wollen uns nicht damit aufhalten, ihn zu fragen,“ antwortete ich,„ſondern ſchnell erſt nach der Sacriſtei eilen.“— Die Kirche war ſelbſt bei Tage nicht eher zu ſehen, als bis man am Ende des Nebenweges ſtand. Als wir die kleine Anhöhe hinaufſtiegen, welche von dieſem Punkte aus nach dem Gebände führte, kam eins der Dorfkinder— ein Knabe— dicht zu uns heran und erkannte beim Lichte unſerer Laterne den Küſter. „Wißt Ihr was, Meiſter,“ ſagte der Burſche, den Kü⸗ ſter am Rocke zupfen,„s iſt da oben Wer in der Kirche. . 62 Ich hört'n die Thüre hinter ſich ſchließen— und hört'n ein Licht anmachen.“ Der Küſter zitterte und lehnte ſich ſchwer auf mei⸗ nen Arm. „Kommt! kommt!“ ſagte ich, ihn ermuthigend.„Wir kommen noch nicht zu ſpät. Wir wollen ihn fangen, wer er auch ſei. Halten Sie die Laterne feſt und folgen Sie mir, ſo ſchnell Sie können.“ Ich ſtieg ſchnell den Hügel hinan. Die dunkle Maſſe des Kirchthurms war das erſte, was ich undeutlich ſich auf dem Nachthimmel abzeichnen ſah. Als ich zur Seite bog, um nach der Sacriſtei zu gehen, hörte ich ſchwere Schritte dicht neben mir. Der Bediente war uns zur Kirche ge⸗ folgt.„Ich beabſichtige Ihnen kein Leides zu thun,“ ſagte er, als ich mich ſchnell zu ihm wandte;„ich ſuche blos meinen Herrn.“ Der Ton, in dem er dies ſagte, verrieth deutlich, daß er in Furcht war. Ich nahm keine Notiz von ihm und ging weiter. Sowie ich um die Ecke kam und die Sacriſtei ſehen konnte, ſah ich, daß das Gewölbefenſter auf dem Dache hell von innen erleuchtet war. Daſſelbe leuchtete mit einer blendenden Helle gegen den dunkeln, ſternloſen Himmel. Ich lief durch den Kirchhof der Thüre zu. Als ich näher kam, ſtahl ſich ein ſonderbarer Geruch durch die feuchte, ſtille Luft mir entgegen. Ich hörte drin⸗ nen ein Geräuſch, wie von einem zuſammenſchnappenden Schloſſe— ich ſah das Licht oben heller und heller wer⸗ den— eine Glasſcheibe zerſprang— ich rannte auf die Thüre brann E deckun Fall! wie d dreht eines ſchreie T zurüc aus; A zu un räuſch letzten rende füllt einer an d Verb das an de furch wie nichte id hört'n auf mei⸗ d.„Wir gen, wer lgen Sie le Maſſe ) ſich auf beite bog, Schritte irche ge⸗ n,“ ſagte iche blos lich, daß ihm und tei ſehen n Dache htete mit ternloſen r Geruch rte drin⸗ appenden ller wer⸗ auf die 63 Thüre zu und legte meinen Arm dagegen. Die Sacriſtei brannte. Ehe ich mich noch rühren, ehe ich nach dieſer Ent⸗ deckung Athem ſchöpfen konnte, erfüllte mich ein ſchwerer Fall von innen gegen die Thüre mit Entſetzen. Ich hörte, wie der Schlüſſel heftig im Schloſſe hin und her ge⸗ dreht wurde— ich hörte hinter der Thüre die Stimme eines Mannes in entſetzlich gellenden Tönen um Hülfe ſchreien. Der Bediente, der mir gefolgt war, fuhr ſchaudernd zurück und fiel auf ſeine Knie.„O mein Gott!“ rief er aus;„es iſt Sir Percival!“ Als die Worte ſeinen Lippen entfuhren, trat der Küſter zu uns— und in demſelben Augenblicke ließ ſich das Ge⸗ räuſch des Schlüſſels im Schloſſe noch einmal und zum letztenmale hören. „Der Herr erbarme ſich ſeiner Seele!“ rief der Küſter aus.„Er iſt des Todes. Er hat das Schloß verdreht!“ Ich ſtürzte gegen die Thür. Der eine, Alles verzeh⸗ rende Gedanke, der ſeit Wochen mein ganzes Innere er⸗ füllt und alle meine Handlungen geleitet hatte, ſchwand in einer Secunde aus meinem Geiſte. Alle Erinnerungen an das grenzenloſe Elend, welches des Mannes herzloſes Verbrechen verurſacht hatte, an die Liebe, die Unſchuld und das Glück, die er ſo erbarmungslos mit Füßen getreten, an den Eid, den ich im eignen Herzen geſchworen, daß ich furchtbare Rechenſchaft von ihm fordern wolle— ſchwand wie ein Traum aus meinem Gedächtniſſe. Ich dachte an nichts weiter, als an das Entſetzliche ſeiner Lage; ich 64 fühlte nichts als den natürlichen menſchlichen Drang, ihn von einem furchtbaren Tode zu retten. „Verſuchen Sie die andere Thüre!“ ſchrie ich ihm zu, „verſuchen Sie die andere Thüre, die in die Kirche führt! Das Schloß iſt verdreht. Sie ſind des Todes, wenn Sie noch einen Augenblick dabei verlieren!“ Es hatte ſich, als der Schlüſſel zum letztenmale im Schloſſe umgedreht wurde, kein erneuerter Hülferuf hören laſſen, und es war jetzt kein Ton irgend einer Art mehr zu vernehmen, der uns bewieſen hätte, daß er noch am Leben ſei. Ich vernahm nichts, als das immer ſchnellere Kniſtern der Flammen und das ſcharfe Zerſpringen der Glasſcheiben im Gewölbefenſter. Ich ſah mich um nach meinen beiden Begleitern. Der Diener war aufgeſtanden, hatte die Laterne ergriffen und hielt dieſelbe mit geiſtesabweſendem Geſichte gegen die Thüre. Der Schreck ſchien ihn geradezu mit Blödſinn geſchlagen zu haben— er wartete an meinen Ferſen und folgte mir, wohin ich mich wandte, wie ein Hund. Der Küſter ſaß kauernd, ſtöhnend und bebend auf einem Grab⸗ ſteine. Der kurze Blick, den ich auf die Beiden warf, genügte, um mich zu überzeugen, daß ich von ihnen keine Hülfe zu erwarten hatte. Indem ich kaum wußte, was ich that, und nur nach dem Drange meiner Gefühle handelte, erfaßte ich den Die ner und ſtieß ihn gegen die Mauer der Sacriſtei.„Bücken Sie ſich!“ ſagte ich,„und halten Sie ſich an den Steinen. Ich werde über Sie aufs Dach ſteigen— ich werde das Gewölbefenſter einbrechen und ihm etwas Luft gehen!“ Der Mann zitterte am ganzen Leibe, aber er ſtand feſt. Ie Rücken, mich im ſinnigen gar nich Flamme wölbefe mit ein wildes es nicht trieben, erreicht. und Fl. des Feu ſinnig; war un Bevölke Frauen alle in und in ſchwand der un Bereich De ließ m auf der T 7f „Wir mögen Thür ng, ihn ihm zu, e führt! enn Sie nale im ff hören mehr zu eeben ſei. ſtern der eiben im rn. Der ffen und egen die Blödſinn eſen und d. Der n Grab⸗ en warf, nen keine nur nach den Die „Bücken Steinen. erde das geben!“ er ſtand 65 feſt. Ich ſtieg, mit meinem Knittel im Munde, auf ſeinem Rücken, faßte die Vormauer mit beiden Händen und hatte mich im Nu auf das Dach geſchwungen. In der wahn⸗ ſinnigen Eile und Aufregung des Augenblickes fiel es mir gar nicht ein, daß ich, anſtatt blos die Luft hineinzulaſſen, die Flamme herauslaſſen würde. Ich ſchlug auf das Ge⸗ wölbefenſter und zerbrach das zerſprungene, gelöſte Glas mit einem Schlage. Das Feuer ſprang heraus wie ein wildes Thier aus ſeinem Hinterhalte. Hätte der Wind es nicht glücklicherweiſe in der Richtung von mir fort ge⸗ trieben, ſo hätten hiermit alle meine Bemühungen ihr Ende erreicht. Ich kauerte auf dem Dache nieder, als Rauch und Flamme über mich heransſtrömten. Das Leuchten des Feuers zeigte mir das Geſicht des Dieners, das blöd⸗ ſinnig zu mir heraufſtierte; den Küſter, der aufgeſtanden war und in Verzweiflung die Hände rang, und die ſpärliche Bevölkerung des Dorfes, bleiche Männer und erſchrockene Frauen, die ſich außerhalb des Kirchhofes drängten— die alle in der furchtbaren Glut der Flammen auftauchten und in dem ſchwarzen, erſtickenden Rauche wieder ver⸗ ſchwanden. Und der Mann unter mir!— der Mann, der uns allen ſo nahe und ſo hoffnungslos außer unſerm Bereiche erſtickte, verbrannte, ſtarb! Der Gedanke machte mich beinah wahnſinnig. Ich ließ mich an den Händen vom Dache herunter und fiel auf den Boden. „Den Schlüſſel zur Kirche!“ ſchrie ich dem Küſter zu. „Wir müſſen es von der andern Seite verſuchen— wir mögen ihn noch retten können, wenn wir die innere Thür ſprengen.“ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 5 „Nein, nein, nein!“ ſchrie der alte Mann.„Keine Hoffnung! Der Schlüſſel zur Kirchenthüre und der zur Sacriſtei ſind an demſelben Ringe— beide da drinnen! O, Sir, er iſt nicht mehr zu retten— er iſt jetzt ſchon Staub und Aſche!“ „Sie werden das Feuer von der Stadt aus ſehen,“ ſagte eine Stimme unter den Leuten zu mir.„Sie haben eine Feuerſpritze in der Stadt. Sie werden die Kirche retten.“ Ich rief dem Manne zu— er wenigſtens hatte noch etwas Geiſtesgegenwart— ich rief ihm zu, er möge zu mir kommen. Es mußte wenigſtens eine Viertelſtunde währen, ehe die Feuerſpritze uns zu Hülfe kommen konnte. Der grauenvolle Gedanke, ſo lange in Unthätigkeit zu bleiben, war mehr als ich ertragen konnte. Trotz Allem, was meine eigene Vernunft mir ſagte, überredete ich mich, daß der Unglückliche bewußtlos in der Sacriſtei am Boden liege und noch nicht todt ſei. Falls wir die Thür ſprengten, konnten wir ihn nicht noch retten? Ich wußte, wie ſtark das ſchwere Schloß war und wie dick die Thür von nägel⸗ beſchlagenem Eichenholze— ich wußte, wie hoffnungslos es ſei, eins oder das andere auf gewöhnlichem Wege an⸗ zugreifen. Aber gab es denn in den abgeriſſenen Hütten rund umher keinen Balken? Konnten wir uns nicht einen ſolchen holen und ihn als Sturmbock gegen die Thür anwenden? Der Gedanke ſprang auf in mir, wie die Flammen durch das zerſchlagene Gewölbefenſter geſprungen waren. Ich ſprach zu dem Manne, welcher zuerſt der Feuerſpritze erwähnt hatte:„Haben Sie Ihre Spitzaxt zur Hand? Ja, ſie Reif?“ hilft!“ zweite brachte von Euc habt! 2 anderen ſchrieen Hurrah auseina hofe der zurück, ſchluchz luſt der immer Geſicht uns in abgeriſ Ein B außer d ken, de ſaß, un und ül zeigte. an. O widerſt Balker von ein Eingar „Keine der zur rinnen! t ſchon ſehen,“ e haben Kirche tte noch nöge zu elſtunde konnte. gkeit zu em, was ich, daß den liege rengten, bie ſtark n nägel⸗ ungslos zege an⸗ Hütten as nicht egen die flammen waren. terſpritze Hand?“ 67 Ja, ſie hatten ſie.„Und ein Beil, eine Säge und einen Reif?“ Ja! ja! ja!„Fünf Schillinge für Jeden, der mir hilft!“ Die Worte gaben ihnen Leben. Jener gierige zweite Hunger der Armuth: der Hunger nach Geld brachte ſie ſofort in Bewegung und Thätigkeit.„Zwei von Euch— bringt noch Laternen mit, wenn Ihr welche habt! Zwei holen Spitzhacken und Brechwerkzeuge! Die anderen mir nach, um einen Balken zu holen. Sie ſchrieen— mit gellenden, verhungerten Stimmen ſchrien ſie Hurrah! Die Frauen und Kinder ſtoben zu beiden Seiten auseinander. Wir ſtürzten zuſammen den Pfad vom Kirch⸗ hofe der erſten leeren Hütte zu hinunter. Kein Mann blieb zurück, außer dem Küſter— dem armen, alten Küſter, der ſchluchzend und jammernd auf einem Grabſteine den Ver⸗ luſt der Kirche betrauerte. Der Bediente folgte mir noch immer auf den Ferſen; ſein weißes, hülfloſes, entſetztes Geſicht blickte dicht über meine Schulter hinweg, als wir uns in die Hütte drängteu. Es lagen Sparren von der abgeriſſenen Decke am Boden— doch waren ſie zu leicht. Ein Balken lag oben über unſeren Häupten, doch nicht außer dem Bereiche unſerer Arme und Hacken— ein Bal⸗ ken, der an beiden Enden in der zerfallenden Mauer feſt⸗ ſaß, um den der Boden und die Decke fortgebröckelt war und über dem ein großes Loch im Dache den Himmel zeigte. Wir griffen den Balken an beiden Enden zugleich an. O Gott! wie feſt er ſaß— wie uns Stein und Kalk widerſtand. Wir hackten und hieben und riſſen. Der Balken wich an einem Ende— er ſtürzte herunter, gefolgt von einer Schuttmaſſe. Die Weiber, die ſich alle um den Eingang drängten, um uns zuzuſchauen, ſtießen einen 5* 68 Schrei aus— die Männer einen lauten Ausruf— zwei von ihnen lagen am Boden, doch unverletzt. Noch einen Riß mit geſammter Anſtrengung— der Balken war an beiden Enden los. Wir hoben ihn auf und befahlen, am Eingange Raum zu machen. Jetzt ans Werk! Jetzt auf die Thür los! Da iſt das Feuer, das zum Himmel hinan ſpeiet, heller denn je, um uns zu leuchten! Vorſichtig, den Pfad entlang, vorſichtig mit dem Balken— auf die Thüre zu. Eins, zwei, drei— und los! Das Hurrahrufen er⸗ ſchallte unbezähmbar. Wir haben die Thür bereits erſchüt⸗ tert; die Angeln müſſen ſich löſen, falls das Schloß ſich ſprengen läßt. Noch einen Stoß mit dem Balken! Eins, zwei, drei— los! Sie weicht! Das ſchleichende Feuer leckt uns aus jeder Spalte an. Noch einen letzten Stoß! Die Thür bricht krachend ein. Eine große, angſterfüllte, athemloſe; erwartungsvolle Stille hält jede lebende Seele umfangen. Wir ſuchen nach dem Körper. Die ſengende Hitze, die unſeren Geſichtern begegnet, treibt uns zurück: wir ſehen nichts— oben, unten, im ganzen Zimmer ſehen wir nichts als eine große Flammenmaſſe. „Wo iſt er?“ flüſterte der Diener, blödſinnig in die Flammen ſtierend. „Er iſt Staub und Aſche,“ ſagte der Küſter.„Und die Bücher ſind Staub und Aſche— und o, Ihr Herren! die Kirche wird auch bald Staub und Aſche ſein.“ Sie waren die einzigen Beiden, welche ſprachen. Als ſie wieder ſchwiegen, war nichts weiter zu hören, als das Kniſtern und Lodern der Flammen. Horch! Ein ſcharfer, raſſelnder Ton aus der Ferne— dann das hol — dan Hunder ſchreien Di dem G ihnen; wie er Kirche! jetzt v „Rette D De Da ſta geiſtes redete war n Brum mit W der S ſo hät war f Gedaur bare, los de 2 Die in we ſich 69 — zwei das hohle Trampeln von Pferdefüßen im ſchnellen Galop h einen— dann das Getöſe, der alles übertönende Tumult von war an Hunderten von menſchlichen Stimmen, die Alle zugleich len, am ſchreien und rufen. Endlich iſt die Feuerſpritze da. hetzt auf Die Leute um mich her wandten ſich Alle vom Feuer el hinan dem Gipfel der Anhöhe zu. Der alte Küſter verſuchte, tig, den ihnen zu folgen, aber ſeine Kraft war erſchöpft. Ich ſah e Thüre wie er ſich an einem der Grabſteine feſthielt.„Rettet die ufen er⸗ Kirche!“ rief er mit matter Stimme, wie wenn er ſchon erſchüt⸗ jetzt von den Feuerleuten gehört zu werden erwartete. hoß ſich„Rettet die Kirche!“ i! Eins, Der Einzige, der ſich nicht rührte, war der Bediente. e Feuer Da ſtand er— die Augen noch immer mit demſelben* n Stoß! geiſtesabweſenden Blicke auf die Flammen geheftet. Ich terfüllte, redete auf ihn hinein und ſchüttelte ihn am Arme: er de Seele war nicht zu erwecken. Er flüſterte blos immer wieder: ſengende„Wo iſt er?“ zurück: In zehn Minuten war die Spritze aufgeſtellt; ans dem ner ſehen Brunnen auf der Hinterſeite der Kirche verſah man ſie mit Waſſer und trug dann den Schlauch an den Eingang g in die der Sacriſtei. Falls man jetzt der Hülfe von mir bedurft, ſo hätte ich ſie nicht leiſten können. Meine Willenskraft „Und war fort— meine Kräfte erſchöpft— der Aufruhr meiner Herren! Gedanken war jetzt, da ich wußte, er ſei todt, auf furcht— n.“ bare, plötzliche Weiſe geſtillt. Ich ſtand nutzlos und hülf⸗ hen. Als los da und ſtierte in das brennende Zimmer hinein. ren, als Ich ſah, wie man langſam das Feuer überwältigte. Die Helle der Glut erbleichte— der Dampf erhob ſich in weißen Wolken und die glimmenden Aſchenhaufen zeigten — dann ſich roth und ſchwarz auf dem Boden. Es trat eine Stille ein— dann begaben ſich die Leute von der Feuer⸗ brigade und von der Polizei an den Eingang— es erfolgte eine Berathung von leiſen Stimmen— und dann wurden zwei von den Männern durch die Menge hindurch fort⸗ geſchickt. Die Menge wich zu beiden Seiten zurück, um ſie durchzulaſſen. Nach einer Weile rann ein großes Entſetzen durch das Gedränge, die lebendige Allee wurde langſam breiter. Die Männer kamen auf derſelben mit einer Thür aus einer der leeren Hütten zurück. Sie trugen dieſelbe an die Sacriſtei und gingen hinein. Die Polizei umringte abermals den Eingang; die Leute ſchlichen ſich zu Zweien und Dreien aus der Menge heraus und ſtellten ſich hinter die Polizei, um es zuerſt zu ſehen. Andere warteten in der Nähe, um es zuerſt zu hören. Frauen und Kinder gehörten zu den Letzteren. Die Berichte aus der Sacriſtei fingen an, unter die Menge zu kommen— dieſelben fielen langſam von Munde zu Munde, bis ſie den Ort erreichten, an dem ich ſtand. Ich hörte die Fragen und Antworten mit leiſen, eifrigen Stimmen um mich her wiederholen. „Haben ſie ihn gefunden?“„Ja.“—„Wo? „An der Thür. Mit dem Geſichte an der Thür.“—„An welcher Thür?“„An der Thür, die in die Kirche führt.“ —„Iſt ſein Geſicht verbrannt?“„Nein.“—„Ja.“³ „Nein; verſengt, aber nicht verbrannt. Er lag mit dem Geſichte gegen die Thür gelehnt, ſag' ich Euch ja.“— „Wer war er? Ein Lord, ſagen ſie.“„Nein, kein Lord. Sir Soundſo; Sir heißt ſoviel wie Ritter.“—„Und wie Baronet.“„Nein.“—„Ja doch.“„Was wollte er da drinnen „That brannt er die er ſehr im Geſ „K der ſac heißt e Polizei wer es Di brachte augenb „ frug d 2 Geſich trennte einer „ E mögli faßte. nie zu hande identi Ich / 9 Feuer⸗ erfolgte wurden ch fort⸗ ück, um urch das breiter. hür aus ſelbe an mringte Zweien ch hinter rteten in SKinder unter die Munde ch ſtand. eifrigen „Wo? —„An führt.“ „Ja. mit dem ) ja. ein Lord. „Und wie lte er da m drinnen?“„Nichts Gutes, kannſt Du glauben!“— „That er es vorſätzlich?“„Ob er ſich vorſätzlich ver⸗ brannt hat!“„Ich meine nicht ſich ſelbſt, ſondern ob er die Sacriſtei vorſätzlich verbrannt hat.“—„Sieht er ſehr ſchrecklich aus?“„Entſetzlich!“—„Aber nicht im Geſichte?“„Nein, nein; im Geſichte nicht ſo ſchlimm.“ —„Kennt ihn kein Menſch?“„Es iſt da ein Mann, der ſagt, er kennt ihn.“—„Wer?“„Ein Bedienter, heißt es. Aber er ſcheint ganz verdummt zu ſein und die Polizei glaubt ihm nicht.“—„Weiß kein Menſch, wer es iſt?“„Stille—!“ Die laute, klare Stimme eines Mannes in Autorität brachte das leiſe ſummende Geſpräch um mich her augenblicklich zum Schweigen. „Wo iſt der Herr, der ihn zu retten verſuchte?“ frug die Stimme.— „Hier, Sir— hier iſt er!“ Dutzende von eifrigen Geſichtern drängten ſich um mich, und Dutzende von Armen trennten die Menge. Der Mann in Autorität kam mit einer Laterne in der Hand zu mir heran. „Hierher, Sir, wenn's gefällig iſt,“ ſagte er ruhig. Es war mir nicht möglich, zu ihm zu ſprechen und un⸗ möglich, mich ihm zu widerſetzen, als er meinen Arm faßte. Ich verſuchte ihm zu erklären, daß ich den Todten nie zu deſſen Lebzeiten geſehen— daß keine Hoffnung vor⸗ handen ſei, ihn durch einen Fremden, wie ich war, zu identificiren. Aber die Worte erſtarben mir auf den Lippen. Ich war ſchwach und ſtille und hülflos. „Kennen Sie ihn, Sir?“ Ich ſtand mitten in einem Kreiſe von Männern. Drei 72 von ihnen, die mir gegenüber ſtanden, hielten Laternen tief am Boden. Ihre Augen und die Augen aller Uebrigen waren erwartungsvoll auf mein Geſicht gerichtet. Ich wußte, was zu meinen Füßen lag— ich wußte, warum ſie die Laternen ſo tief am Boden hielten. „Können Sie ihn identificiren, Sir?“ Meine Blicke ſenkten ſich langſam. Zuerſt ſahen ſie nichts als ein grobes Canevastuch. Das Tröpfeln des Regens auf daſſelbe war deutlich zu hören. Ich blickte weiter hinauf an dem Cancvastuche entlang, und da am Ende, ſteif, grimmig und ſchwarz in dem gelben Scheine — da lag ſein todtes Geſicht. So ſah ich ihn zum erſten- und letztenmale. Es war Gottes Wille geweſen, daß er und ich einander ſo begegneten! XI. Die Todtenſchau wurde aus gewiſſen Lokalgründen, welche bei dem Leichenbeſchauer und den ſtädtiſchen Behör⸗ den ins Gewicht fielen, beeilt. Dieſelbe fand am Nach⸗ mittage des folgenden Tages ſtatt. Ich war nothwendiger⸗ weiſe unter den Zeugen, welche für die Unterſuchung vorgeladen wurden. Mein Erſtes am nächſten Morgen war, nach der Poſt zu gehen und den Brief zu fordern, den ich von Ma⸗ rianne erwartete. Kein Wechſel der Verhältniſſe, ſo außerordentlich derſelbe auch ſein mochte, konnte die eine große Lond Brie heit fall tereſſ an n wohl ſchick mein Schy daß dienſ beten ſelbſt lichen furch geſter Laur ſchütz mir Marxr inden die keine blatt ande Weil enen tief lebrigen -t. Ich warum ahen ſie feln des ) blickte da am Scheine le. Es nder ſo ründen, Behör⸗ Nach⸗ ndiger⸗ ſuchung er Poſt Ma⸗ ſe, ſo die eine große Sorge, die auf meinem Herzen lag, während ich von London abweſend war, in den Hintergrund drängen. Der Brief mit der Frühpoſt, welcher mir die einzige Sicher⸗ heit war, daß ſich während meiner Abweſenheit kein Un⸗ fall ereignet hatte, war zugleich das ausſchließliche In⸗ tereſſe, mit welchem mein Tag begann. Zu meiner Beruhigung fand ich Marianne's Brief an mich auf der Poſt. Es hatte ſich nichts ereignet— ſie waren Beide ſo wohl und ſicher, wie zur Zeit, da ich ſie verlaſſen. Laura ſchickte mir ihren Gruß und bat mich, ſie einen Tag vor meiner Rückkehr von derſelben in Kenntniß zu ſetzen. Ihre Schweſter fügte, um mir dieſen Wunſch zu erklären, hinzu, daß ſie„beinah einen Sovereign“ aus ihrem eigenen Ver⸗ dienſte erſpart habe und daß ſie ſich das Privilegium er⸗ beten, das kleine Diner, das meine Heimkehr feiern ſollte, ſelbſt zu beſtellen und anznordnen. Ich las dieſe häus⸗ lichen kleinen Mittheilungen im hellen Morgenlichte mit der furchtbaren lebendigen Erinnerung an Das, was ſich geſtern Abend zugetragen hatte. Die Nothwendigkeit, Laura vor einer plötzlichen Kenntniß der Wahrheit zu ſchützen, war die erſte Betrachtung, welche dieſer Brief mir ins Gedächtniß rief. Ich ſchrieb augenblicklich an Marianne und erzählte ihr Alles, was vorgefallen, indem ich ſie ſo allmälig und ſorgſam wie möglich auf die Nachricht vorbereitete und ſie warnte, Laura um keinen Preis während meiner Abweſenheit ein Zeitungs⸗ blatt in die Hände fallen zu laſſen. Irgend einem Weibe gegenüber, hätte ich wohl gezögert, ſo ohne Rück⸗ 74 halt die ganze Wahrheit zu enthüllen. Aber Mariannen war ich es ſchuldig, meinen früheren Erfahrungen in Be⸗ zug auf ſie treu zu bleiben und ihr zu vertrauen, wie ich mir ſelbſt vertraute. Mein Brief wurde nothwendigerweiſe ein langer, und er beſchäftigte mich bis zu dem Augenblicke, wo ich nach der Todtenſchau aufbrechen mußte. Der gerichtlichen Unterſuchung legten ſich manche Ver⸗ wickelungen und Schwierigkeiten in den Weg. Außer der Unterſuchung über die Art und Weiſe, wie der Verſtorbene ſeinen Tod gefunden, gab es ernſte Fragen in Bezug auf die Urſache des Feuers, die Wegnahme der Schlüſſel und die Anweſenheit des Fremden in der Sacriſtei zur Zeit, wo das Feuer ausbrach, zu löſen. Selbſt die Identification des todten Mannes hatte noch nicht ſtattgefunden. Der hülfloſe Zuſtand des Dieners hatte die Polizei abgehalten, ſein angebliches Erkennen ſeines Herrn als maßgebend anzunehmen. Sie hatte in der Nacht nach Knowlesbury geſchickt, um ſich Zeugen zu verſchaffen, die mit Sir Per⸗ cival Glyde's perſönlichen Ausſehen genau bekannt waren, und hatte frühmorgens Boten nach Blackwater Park abgeſandt. Dieſe Maßregeln ſetzten den Leichenbeſchauer und die Geſchworenen in den Stand, die Frage über die Identität zu löſen und die Richtigkeit der Behauptung des Dieners zu beſtätigen, welches Zeugniß dann durch die Entdeckung gewiſſer Thatſachen, durch die Ausſage competenter Zeugen und eine Unterſuchung der Uhr des Verſtorbenen noch bekräftigt wurde, welche letztere inwendig Sir Percival Glyde's Namen und Wappen trug. 5 6 hatte ware Knal Geiſt ihn l Star und lange ihn Weln weſen Alles Woh Weg der gleite Mac wie kann und Men Ande weſen lichen dem chenl daß riannen in Be⸗ wie ich r, und ch nach ſe Ver⸗ zer der orbene ug auf el und Zeit, cation Der halten, gebend sbury r Per⸗ varen, Park chauer er die ptung durch sſage Uhr etztere appen Die nächſten Nachfragen bezogen ſich auf das Feuer. Der Diener, ich und der Knabe, welcher gehört hatte, wie in der Sacriſtei ein Licht angemacht worden, waren die erſten Zeugen, welche aufgerufen wurden. Der Knabe machte ſeine Angabe klar genug; aber des Dieners Geiſt hatte ſich noch nicht von dem Schlage erholt, der ihn betroffen— es war augenſcheinlich, daß er nicht im Stande war, den Zweck der Unterſuchung zu fördern und erhielt derſelbe daher Befehl, abzutreten. Zu meiner Erleichterung währte mein Verhör nicht lange. Ich hatte den Verſtorbenen nicht gekannt, hatte ihn nie geſehen; hatte von ſeiner Anweſenheit in Alt⸗ Welmingham nichts gewußt und war nicht zugegen ge⸗ weſen, als man den Körper in der Sacriſtei gefunden. Alles, was ich beweiſen konnte, war, daß ich in die Wohnung des Küſters getreten, um mich nach dem Wege zu erkundigen; daß ich von ihm von dem Verluſte der Schlüſſel gehört; daß ich ihn nach der Kirche be⸗ gleitet, um ihm alle Hülfe zu leiſten, die in meiner Macht war; daß ich das Feuer geſehen; daß ich gehört, wie im Innern der Sacriſtei jemand, der mir unbe⸗ kannt war, vergebens das Schloß zu öffnen verſuchte; und daß ich gethan, was ich gekonnt— aus bloſen Menſchlichkeitsgründen— um den Mann zu retten. Andere Zeugen, welche mit dem Verſtorbenen bekannt ge⸗ weſen, wurden befragt, ob ſie das Geheimniß ſeiner angeb⸗ lichen Wegnahme der Schlüſſel und ſeiner Anweſenheit in dem brennenden Zimmer erklären könnten. Aber der Lei⸗ chenbeſchauer nahm es natürlicherweiſe für ausgemacht an, daß ich als Fremder in der Nachbarſchaft und für Sir 76 Percival Glyde nicht im Stande ſein würde, irgendwie Zeugniß über dieſe beiden Punkte abzulegen. Mein Verfahren, nachdem mein förmliches Verhör vorüber war, ſchien mir vollkommen klar. Ich fühlte mich nicht berufen, mich zu einer freiwilligen Angabe meiner perſönlichen Ueberzeugungen zu erbieten; erſtens, weil dies keinem praktiſchen Zwecke dienen konnte, jetzt da jeder Be⸗ weis für meine Muthmaßungen mit dem Kirchenbuche verbrannt war; zweitens, weil ich meine Anſicht nicht auf verſtändliche Weiſe hätte auseinanderſetzen können, ohne die ganze Geſchichte von dem Complote zu enthüllen und ohne wahrſcheinlich auf den Leichenbeſchauer und die Ge⸗ ſchworenen denſelben unbefriedigenden Eindruck zu machen, den ich bereits auf Mr. Kyrle gemacht hatte. Ich will daher, ehe meine Feder ſich wieder mit anderen Ereigniſſen beſchäftigt, kurz andeuten, auf welche Weiſe meine eigene Ueberzeugung mir die Wegnahme der Schlüſ⸗ ſel, das Ausbrechen des Feuers und den Tod des Man⸗ nes erklärt. Die Nachricht, daß ich wider Erwarten auf Bürgſchaft frei gelaſſen, trieb, wie ich mir denke, Sir Percival auf ſeine letzten Hülfsmittel zurück. Der Angriff gegen mich auf der Landſtraße war das eine derſelben, und die Be⸗ ſeitigung jeden thatſächlichen Beweiſes ſeines Verbrechens, durch die Vernichtung des Blattes im Kirchenbuche, auf dem die Fälſchung begangen, war das zweite und ſicherſte von beiden. Falls ich keinen geſchriebenen Auszug aus dem§ beſchn ſo ha konnte ſtellun für ſe Sacri buche er ſie N er bis Abwe zu ver um d wöhn verſch der o in der Je Abſich Lichte Sacri lichkeit gar g. nügt laſſen. Gegen die P wurm ſcheinl gendwie Verhör lte mich meiner eil dies der Be⸗ enbuche icht auf , ohne ten und die Ge⸗ nachen, langen freie indern. inderen Weiſe Schlüſ⸗ Man⸗ gſchaft dal auf imich ie Be⸗ ichens, e, auf cherſte g aus 77 dem Kirchenbuche beibringen konnte, damit derſelbe mit der beſchworenen Abſchrift in Knowlesbury verglichen würde, ſo hatte ich keinen entſchiedenen Beweis gegen ihn und konnte ihm daher nicht damit drohen, ihn durch Bloß⸗ ſtellung zu Grunde richten zu wollen. Alles, deſſen er für ſeinen Zweck bedurfte, war, daß er ungeſehen in die Sacriſtei gelangte, daß er das Blatt aus dem Kirchen⸗ buche riſſe und dann die Sacriſtei ebenſo unbemerkt, wie er ſie betreten, wieder verließe. Nach dieſer Vorausſetzung iſt leicht zu begreifen, warum er bis Einbruch der Nacht wartete und warum er die Abweſenheit des Küſters benutzte, um ſich die Schlüſſel zu verſchaffen. Er war gezwungen, ein Licht anzumachen, um das betreffende Kirchenbuch zu finden, und die ge⸗ wöhnlichſte Vorſicht erforderte, daß er die Thür von innen verſchloß, für den Fall, daß irgend ein neugieriger Frem⸗ der oder etwa ich ihn zu ſtören käme, falls ich zufällig in der Nähe war. Ich kann nicht glauben, daß es irgendwie in ſeiner Abſicht gelegen, die Vernichtung des Kirchenbuches im Lichte eines Unfalles erſcheinen zu laſſen, indem er die Sacriſtei vorſätzlich in Brand ſteckte. Die bloſe Mög⸗ lichkeit, daß ſchnelle Hülfe kommen und die Bücher etwa gar gerettet würden, mußte nach kurzer Ueberlegung ge⸗ nügt haben, um ihn den Gedanken wieder aufgeben zu laſſen. Wenn ich an die Maſſe leicht entzündbarer Gegenſtände in der Sacriſtei denke— an das Stroh, die Papiere, die Packkiſten, das trockene Holz und die wurmſtichigen alten Schränke— ſo deuten alle Wahr⸗ ſcheinlichkeiten meiner Anſicht nach darauf hin, daß das Feuer die Folge eines Unfalles war, den er entweder mit ſeinen Zündhölzchen oder ſeinem Lichte gehabt hatte. Sein erſter Impuls war unter dieſen Umſtänden ohne Zweifel der, die Flammen zu löſchen, und der zweite, da ihm dies mißlang(und er mit dem Zuſtande des Schloſſes unbekannt war) der Verſuch, durch die Thür, durch die er gekommen, zu entfliehen. Als ich ihm zuge⸗ rufen, mußten die Flammen ſich über die Thür, welche in die Kirche führte, erſtreckt haben, zu deren beiden Seiten die Schränke ſtanden und um welche herum die brennbaren Gegenſtände lagen. Aller Wahrſcheinlichkeit nach war er, als er durch die innere Thür zu entfliehen verſucht, von dem Rauche und den Flammen(die keinen Ausweg aus dem Zimmer fanden) überwältigt worden. Er mußte in ſeiner Todesohnmacht— gerade in dem Augenblicke, wo ich auf das Dach geſprungen war und das Fenſter einſchlug — auf der Stelle hingeſunken ſein, an der man ihn fand. Selbſt falls es uns ſpäter gelungen wäre, in die Kirche zu dringen und die Thür von der Seite zu ſprengen, ſo mußte der Verzug doch ſchon tödtlich geweſen ſein. Er konnte zu der Zeit längſt nicht mehr zu retten ſein. Wir hätten den Flammen nur freien Eingang in die Kirche geſtattet, welche jetzt gerettet war, die aber in jenem Falle das Schickſal der Sacriſtei getheilt haben würde. Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß er ſchon, ehe wir noch in der leeren Hütte anlangten und mit aller Ge⸗ walt arbeiteten, um den Balken zu löſen, todt geweſen ſein mußte. Dies iſt die nächſte Annäherung an eine Erklärung, die ich mir über ein Reſultat zu machen im Stande bin, das ei habe, Augen Leiche D es war als ge des Fe M und de verſchr geiſtige augenb tigkeit Art un Befehl weiter gewiß M (ohne ſ hatte, und da der Sa Angriff Percivo Ich mi ſage die Bericht an Geif vertagte ntweder t hatte. en ohne zweite, nde des Thür, i zuge⸗ delche in Seiten unbaren war er, cht, von beg aus zußte in icke, wo inſchlug ju fand. eirche zu o mußte ounte zu hätten eſtattet, lle das es kann ehe wir ler Ge⸗ geweſen klärung, nde bin, 79 das eine ſichtbare Thatſache war. Wie ich ſie beſchrieben habe, ſo trugen ſich draußen die Ereigniſſe vor unſeren Augen zu. Und ſo, wie ich es erzählt habe, wurde ſeine Leiche gefunden. Die Leichenſchau wurde auf einen Tag vertagt; denn es war nichts entdeckt worden, was das Auge des Geſetzes als genügende Erklärung der geheimnißvollen Umſtände des Falles hätte anerkennen können. Man kam überein, noch mehr Zeugen zu vernehmen und den Rechtsanwalt des Verſtorbenen aus London zu verſchreiben. Auch wurde ein Arzt beauftragt, über den geiſtigen Zuſtand des Dieners zu berichten, da derſelbe augenblicklich unfähig ſchien, irgendwie Zeugniß von Wich⸗ tigkeit abzulegen. Er konnte blos auf eine geiſtesabweſende Art und Weiſe wiederholen, daß er am Abende des Feuers Befehl erhalten, in dem Nebenwege zu warten, und daß er weiter von nichts wiſſe, außer daß der Verſtorbene ganz gewiß ſein ehemaliger Herr ſei. Meine eigene Ueberzeugung ging dahin, daß man ihn (ohne ſchuldiges Mitwiſſen von ſeiner Seite) dazu gebraucht hatte, ſich von der Abweſenheit des Küſters zu überzeugen und dann im Nebenwege(doch außer Geſichtsweite von der Sacriſtei) zu warten, um für den Fall, wo ich dem Angriffe auf der Landſtraße entginge und hier mit Sir Percival zuſammenträfe, ſeinem Herrn Beiſtand zu leiſten. Ich muß jedoch hinzufügen, daß des Mannes eigene Aus⸗ ſage dieſe meine Anſicht nie beſtätigt hat. Der ärztliche Bericht über ihn lautete dahin, daß das Wenige, was er an Geiſtesfähigkeit beſitze, ernſtlich erſchüttert ſei; in der vertagten Unterſuchung wurde nichts Befriedigendes aus —— 80 ihm herausgebracht, und ſoviel ich weiß, iſt er bis auf dieſen Tag noch nicht wieder hergeſtellt. Ich kehrte geiſtig und körperlich ſo erſchöpft und durch alles, was ich durchgemacht, ſo geſchwächt und niederge⸗ drückt zum Gaſthofe in Welmingham zurück, daß ich nicht im Stande war, die Unterhaltung über die Leichenſchau und die trivialen Fragen zu ertragen, welche die Gäſte im Kaffeezimmer an mich richteten. Ich zog mich nach meinem frugalen Mittagsmahle auf mein ſchlichtes Dachſtübchen zurück, um mir etwas Ruhe zu gönnen und ungeſtört an Laura und Marianne denken zu können. Falls ich ein reicherer Mann geweſen, ſo wäre ich nach London gefahren, um mich noch dieſen Abend durch den Anblick der beiden lieben Angeſichter zu erquicken. Aber ich war verpflichtet, bei der vertagten Unterſuchung zu erſcheinen und doppelt verpflichtet vor der Behörde in Knowlesbury, der für mich geleiſteten Bürgſchaft nachzu⸗ kommen. Unſer beſcheidenes Kapital hatte bereits ohnedies gelitten, und die zweifelhafte Zukunft— jetzt zweifelhafter denn je— ließ mich fürchten, daſſelbe unnöthigerweiſe noch zu verringern, wenn es ſelbſt nur die nubedeutende Aus⸗ gabe einer doppelten Eiſenbahnfahrt zweiter Klaſſe war. Den nächſten Tag— den, welcher unmittelbar dem Tage der Leichenſchau folgte— hatte ich zu meiner eigenen Verfügung. Ich begann den Morgen, indem ich mir erſt wieder den regelmäßigen Bericht von Mariannen auf der Poſt abholte. Ich fand denſelben wie gewöhnlich vor, und er war durchweg mit frohen Lebensgeiſtern ge⸗ ſchrieben. Ich las den Brief voll Dankbarkeit durch und machte mich dann auf den Weg nach Alt⸗Welmingham, um de ſchein ins Au Di das T Ironie Sterbl zertran ernſte zurückg Eingan Carrico ſchrien die Br Hülfer! Stelle, Knie g nach R Füßen, ſtand d Schüſſe welcher nahe ka langſan jetzt nu daß er entging⸗ Geſicht wir der Wilkie Ce bis auf nd durch niederge⸗ ich nicht chenſchau Gäſte im hmeinem hſtübchen eſtört an ich nach zurch den 1. Aber chung zu hörde in t nachzu⸗ ohnedies ifelhafter peiſe noch nde Aus⸗ ſe war. bar dem r eigenen mir erſt men auf ewöhnlich iſtern ge⸗ durch und ningham, 81 um den Schauplatz des Feuers beim Tageslicht in Augen⸗ ſchein zu nehmen. Welche Veränderungen fielen mir, dort angelangt, ins Auge! Durch alle Wege unſerer unerfaßlichen Welt geht das Triviale mit dem Furchtbaren Hand in Hand. Die Ironie der Verhältniſſe ſchont keine Kataſtrophe der Sterblichkeit. Als ich bei der Kirche anlangte, war der zertrampelte Zuſtand des Begräbnißplatzes die einzige ernſte Spur, welche von dem Feuer und dem Tode noch zurückgeblieben. Ein roher Breterverſchlag war vor dem Eingange der Sacriſtei errichtet. Bereits waren grobe Carricaturen auf denſelben gezeichnet, und die Dorfkinder ſchrien und balgten ſich um das beſte Guckloch, um in die Brandſtätte zu ſchauen. An der Stelle, wo ich den Hülferuf aus dem brennenden Zimmer gehört, an der Stelle, wo der von Entſetzen ergriffene Diener auf ſeine Knie geſunken, kratzte jetzt eine geſchäftige Hühnerfamilie nach Regenwürmern— und auf dem Boden zu meinen Füßen, wo die Thür mit ihrer grauenvollenL Laſt gelegen, ſtand das Mittagsmahl eines Arbeiters in einer gelben Schüſſel in ein Tuch gebunden, und ſein treuer Hund, welcher es bewachte, bellte mich an, als ich der Stelle zu nahe kam. Der alte Küſter, welcher in Müßigkeit dem langſamen Anfange der Ausbeſſerungen zuſchaute, hatte jetzt nur ein Intereſſe, über das er ſchwatzen konnte— daß er ſelbſt nämlich nach dieſem Unfalle allem Tadel entginge. Eines der Dorfweiber, deren weißes, wildes Geſicht ſich mir als ein Bild desßEntſetzens gezeigt, als wir den Balken heruntergeriſſen, ſſtand jetzt kichernd— Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 6 —— 82 ein Bild der Nichtigkeit mit einer andern Frau beim Waſchkübel. Es gibt nichts ernſtes in der Sterblichkeit! Selbſt bei Salomo in all' ſeiner Glorie lauerten in jeder Falte ſeiner Gewänder, in jedem Winkel ſeines Palaſtes die Elemente des Verächtlichen. Als ich den Ort verließ, dachte ich— nicht zum erſtenmale— daran, wie für jetzt wenigſtens alle Hoff⸗ nung darauf, Laura's Identität zu behaupten, durch Sir Percival's Tod über den Haufen geworfen war. Er war todt— und mit ihm die Ausſicht, auf die ich meine größten Hoffnungen gebaut hatte. Konnte ich das Mißlingen meiner Bemühungen aus keinem beſſern Geſichtspunkte anſehen? Geſetzt, er wäre am Leben geblieben— würde dieſe Veränderung der Verhältniſſe den Erfolg verändert haben? Hätte ich— ſelbſt um Laura's willen— meine Entdeckung als eine verkaufbare Waare benutzen können, nachdem ich geſehen, daß der Raub der Rechte Anderer das Weſen von Sir Percival's Verbrechen ausmachte? Hätte ich ihm den Preis meines Schweigens für ſein Bekenntniß des Complots bieten können, wenn die Wirkung dieſes Schwei⸗ gens die ſein mußte, dem rechtmäßigen Erben ſein Beſitz⸗ thum und dem rechtmäßigen Eigenthümer ſeinen Namen vorzuenthalten? Unmöglich! Falls Sir Percival am Leben geblieben, ſo lag es nicht in meiner Macht, die Entdeckung, von der ich(in meiner Unkenntniß der wahren Natur des Geheimniſſes) ſo viel gehofft hatte, zu verſchweigen oder bekannt zu machen, wie ich es eben zur Behauptung der Rechte Laura's nöthig erachtet hätte. Nach den allergewöhnlichſten Regeln der Redlichkeit und Ehre deſſen Siege müſſen Hände all' de zwiſch hoben nes H J zurück ſchluß Ar einen rick w noch Nachr Nachr zu ihr Leichenr Tages len, zum dachte ausſp. Sir genon des lo beim tief in rau beim lichkeit! in jeder Palaſtes licht zum lle Hoff⸗ urch Sir Er war ch meine ugen aus irde dieſe t haben? ntdeckung chdem ich 1s Weſen e ich ihm ntniß des 3Schwei⸗ in Beſitz⸗ n Namen rival am Macht, ntniß der offt hatte, h es eben htet hätte. chkeit und Ehre hätte ich ſofort zu dem Fremden gehen müſſen, deſſen Erbrecht jener ſich angemaßt— ich hätte meinem Siege in dem Augenblick, wo ich ihn gewonnen, entſagen müſſen, indem ich die Entdeckung ohne Vorbehalt in die Hände dieſes Fremden gab— und ich hätte abermals all' den Schwierigkeiten entgegentreten müſſen, die ſich zwiſchen mir und dem einen Zwecke meines Lebens er⸗ hoben— gerade wie ich auch jetzt noch im Innerſten mei⸗ nes Herzens entſchloſſen war, denſelben entgegenzutreten! Ich kehrte mit ruhigerem Gemüthe nach Welmingham zurück, indem ich mich über mich ſelbſt und meinen Ent⸗ ſchluß ſicherer fühlte, als ich noch bisher gethan. Auf meinem Wege nach dem Gaſthofe ging ich an dem einen Ende des Platzes vorbei, in welchem Mrs. Cathe⸗ rick wohnte. Sollte ich nach dem Hauſe zurückgehen und noch einen Verſuch machen, ſie zu ſehen? Nein. Jene Nachricht von Sir Percival's Tode, welche die letzte Nachricht war, die ſie zu hören erwartete, mußte längſt zu ihr gedrungen ſein. Das ganze Verfahren bei der Leichenſchau war in dem Intelligenzblatte des betreffenden Tages beſchrieben worden: ich hatte ihr nichts zu erzäh⸗ len, was ſie nicht bereits wußte. Mein Intereſſe, ſie zum Sprechen zu bewegen, hatte abgenommen. Ich ge⸗ dachte des heimlichen Haſſes, der ſich in ihrem Geſichte ausſprach, als ſie ſagte:„Es gibt keine Nachrichten über Sir Percival, auf die ich nicht vorbereitet wäre— aus⸗ genommen die Nachricht ſeines Todes.“ Ich gedachte des lauernden Blickes, mit dem ſie nach dieſen Worten beim Scheiden meine Geſtalt betrachtete. Ein Inſtinct tief in meinem Herzen, von dem ich fühlte, daß er ein 6* 84 wahrer ſei, machte mir den Gedanken, ſie wiederzuſehen, im höchſten Grade zuwider— ich wandte mich von dem Platze ab und ging geradezu nach dem Gaſthofe zurück. Einige Stunden ſpäter, als ich allein im Gaſtzimmer ſaß, überbrachte mir der Kellner einen Brief. Derſelbe war an mich adreſſirt und, wie man mir ſagte, gerade vor Dunkelwerden, ehe das Gas angezündet geweſen, von einer Frau abgegeben worden. Sie hatte nichts geſagt und war ſchon wieder fortgegangen, ehe man noch Zeit gehabt, zu ihr zu ſprechen oder zu bemerken, wer ſie ſei. Ich öffnete den Brief. Derſelbe war weder datirt noch unterzeichnet, und die Handſchrift war ſichtbar ver⸗ ſtellt. Doch ehe ich noch den erſten Satz zu Ende geleſen, wußte ich, wer der Schreiber ſei. Mrs. Catherick. Der Brief lautete folgendermaßen.— Ich ſchreibe ihn Wort für Wort ab. „L daß S erfahr Sie ir mich r wohl! Sie er es— S ſuchen ſo hät es Ih Ihre nach Ihr 2 ren ge Sir, D Wie k junges armen rzuſehen, von dem e zurück. ſtzimmer Derſelbe „ gerade eſen, von s geſagt och Zeit ſie ſei. r datirt bar ver⸗ geleſen, ck. ſchreibe Mrs. Catherick’s Ausſage. „Sir, Sie ſind nicht wiedergekommen, wie Sie ſagten, daß Sie thun würden. Einerlei. Ich habe die Nachricht erfahren und ſchreibe, um Ihnen dies zu ſagen. Sahen Sie irgend etwas Beſonderes in meinem Geſichte, als Sie mich verließen? Ich dachte in meinem eigenen Herzen, ob wohl der Augenblick ſeines Unterganges gekommen und ob Sie etwa das dazu erwählte Werkzeug ſeien. Sie waren es— und Sie haben dieſen Untergang herbeigeführt. Sie waren ſchwach genug, wie man ſagt, zu ver⸗ ſuchen, ſein Leben zu retten. Wäre Ihnen dies gelungen, ſo hätte ich Sie als meinen Feind betrachtet. Jetzt, da es Ihnen fehlſchlug, ſehe ich Sie als meinen Freund an. Ihre Nachforſchungen trieben ihn in ſeiner Angſt nachts nach der Sacriſtei; Ihre Nachforſchungen haben ohne Ihr Mitwiſſen meinem Haſſe von dreiundzwanzig Jah⸗ ren gedient und meine Rache vollzogen. Ich danke Ihnen, Sir, wider Ihren Willen. Dem Manne, der dies gethan, ſchuldige ich etwas. Wie kann ich meine Schuld bezahlen? Wäre ich noch ein junges Weib, da könnte ich ſagen:„Kommen Sie! Um⸗ armen Sie mich und küſſen Sie mich, wenn Sie wollen.“ 86 Ich wäre Ihnen gut genug geweſen, um ſelbſt ſo weit zu gehen; und Sie wären auf meine Aufforderung ein⸗ gegangen, Sir— das wären Sie— vor zwanzig Jah⸗ ren! Aber jetzt bin ich eine alte Frau. Nun! Ich kann meine Schuld bezahlen, indem ich Ihrer Neugier Genüge thue. Sie waren, als Sie zu mir kamen, ſehr neu⸗ gierig, gewiſſe Privatangelegenheiten von mir zu erfah⸗ ren— Sachen, hinter die Sie mit all' Ihrer Schlau⸗ heit nicht kommen könnten ohne meine Hülfe— Sachen, die Sie ſelbſt jetzt noch nicht entdeckt haben. Sie ſol⸗ len ſie erfahren. Ihre Neugier ſoll befriedigt werden. Ich will keine Mühe ſcheuen, um Ihnen gefällig zu ſein, mein werther junger Freund! Sie waren im Jahre ˙27 vermuthlich noch ein kleiner Bube? Ich war zu jener Zeit eine ſchöne junge Frau und wohnte in Alt-Welmingham. Ich hatte einen ver⸗ ächtlichen Narren zum Manne. Ueberdies hatte ich die Ehre(einerlei auf welche Weiſe) mit einem gewiſſen Herrn(einerlei wer) bekannt zu ſein. Ich werde ihn nicht beim Namen nennen. Wozu auch? Es war ja nicht einmal ſein eigener. Er hatte nie einen Namen. Sie wiſſen das jetzt ſo gut, wie ich es weiß. Es wird zweckdienlicher ſein, wenn ich Ihnen ſage, auf welche Weiſe er ſich in meine Gunſt einſchlich. Ich war mit den Geſchmacksrichtungen einer Dame geboren, und er befriedigte dieſelben. Mit anderen Worten, er be⸗ wunderte mich und machte mir Geſchenke. Kein Weib kann der Bewunderung und Geſchenken widerſtehen— beſonders aber Geſchenken, vorausgeſetzt, daß dieſelben gerade die ſind, welche ſie gebraucht. Er war ſchlau genug, das zu wiſſen etwas mir g haben. daß n daß er auf— · J Leute beſond zu der N that Grun ich nn noch her r laſſen Hätte ſo weit ing ein⸗ zig Jah⸗ ſch kann Genüge hr neu⸗ t erfah⸗ Schlau⸗ Sachen, bie ſol⸗ werden. zu ſein, kleiner ge Frau ten ver⸗ ich die gewiſſen rde ihn war ja Namen. n ſage, ch. Ich geboren, „er be⸗ ib kann ſonders ade die das zu 87 wiſſen— wie die meiſten Männer. Natürlich wollte er etwas dafür wieder haben— auch wie die meiſten Män⸗ ner. Und worin glauben Sie wohl, daß dies etwas beſtand? Eine bloſe Kleinigkeit. Nichts, als den Schlüſ⸗ ſel der Sacriſtei und den Schlüſſel des dort befindlichen Schrankes, wenn mein Mann einmal abweſend ſei. Natürlich log er mir etwas vor, als ich ihn frug, wozu er ſo heimlich die Schlüſſel gebrauchte. Er hätte ſich die Mühe erſparen können— ich glaubte ihm nicht. Aber mir gefielen ſeine Geſchenke, und ich wollte noch mehr haben. Darum verſchaffte ich ihm die Schlüſſel, ohne daß mein Mann es wußte, und paßte ihm dann auf, ohne daß er es wußte. Einmal, zweimal, viermal paßte ich ihm auf— und das viertemal kam ich hinter ſeine Schliche. Ich war nie übermäßig gewiſſenhaft, wo es anderer Leute Angelegenheit betraf, und es beunruhigte mich nicht beſonders, daß er auf eigene Hand ein Heirathscertificat zu den übrigen hinzufügte. Natürlich wußte ich, daß es unrecht war; aber es that mir kein Unrecht an— und das war ein ſehr guter Grund, kein Aufhebens darüber zu machen. Auch hatte ich noch keine goldene Uhr und Kette, und das war ein noch beſſerer Grund. Und er hatte mir am Tage vor⸗ her verſprochen, mir beides aus London kommen zu laſſen— der dritte und der beſte Grund von allen. Hätte ich gewußt, wie das Geſetz das Verbrechen betrach⸗ tete und wie es daſſelbe beſtrafte, ſo hätte ich mich in Acht genommen und ihn ſofort angegeben. Aber ich wußte von nichts und ſehnte mich nach einer goldenen Uhr. Die einzige Bedingung, auf der ich beſtand, war, daß er mich ins Vertrauen zöge und mir alles ſagte. Ich war damals ebenſo neugierig über ſeine Angelegenheiten, wie Sie es jetzt über die meinigen ſind. Er ging auf meine Bedingung ein— Sie werden gleich ſehen warum. Folgendes iſt in der Kürze, was ich von ihm erfuhr. Er erzählte mir nicht aus eigenem Antriebe, was ich Ihnen hier erzählen werde. Ich brachte einiges durch Ueberredung und einiges durch Fragen aus ihm heraus. Ich war entſchloſſen, die ganze Wahrheit zu wiſſen— und ich glaube, ich erfuhr ſie. Er wußte bis nach dem Tode ſeiner Mutter ebenſo wenig wie andere Leute über das wirkliche Verhältniß zwi⸗ ſchen ihr und ſeinem Vater. Als ſie geſtorben war, geſtand ſein Vater ihm daſſelbe ein und verſprach ihm, für ſeinen Sohn zu thun, was er könne. Er ſtarb, nachdem er nichts gethan— nicht einmal ein Teſtament gemacht hatte. Der Sohn(und wer kann ihn dafür tadeln?) war ſo klug für ſich ſelbſt zu ſorgen. Er kam ſofort nach England und nahm Beſitz von dem Grundeigenthum. Es war niemand da, der ihn beargwöhnen oder nur Nein ſagen konnte. Sein Vater und ſeine Mutter hatten ſtets wie Eheleute zuſammen gelebt— und niemand unter den wenigen, welche mit ihnen bekannt waren, ahnten je, daß es anders ſei. Der rechtmäßige Erbe(falls man die Wahrheit ge— kannt hätte) war ein entfernter Verwandter, der nicht im entfernteſten daran dachte, das Beſitzthum je in ſeine Hände zu bekommen, und war außer Landes, auf dem Waſſer, als ſein Vater ſtarb. Es ſtellte ſich ihm alſo bis hierher keine Schwierigkeit entgegen— und er nahm Beſitz, als ob ſich die Sache von ſelbſt verſtände. Aber er konnte nicht O von ſe ehe er und da Gebur! lande g handen und die We ſtatt de Se begegne Wahrh Frau nm handelt gangen Autorit an, we wunder ſich ſeit ſeine S Knowle konnte, Urſache 1803 0 welchen geheira⸗ Jahre Die ſchunge Ich war en, wie f meine m. erfuhr. das ich durch heraus. ſen— ebenſo iß zwi⸗ geſtand ſeinen nichts Der ig für d und emand onnte. jeleute nigen, inders it ge⸗ nicht ſeine dem o bis Geſitz, onnte 89 nicht Geld auf das Eigenthum erborgen, als ob es ſich von ſelbſt verſtände. Es waren zwei Dinge erforderlich, ehe er das thun konnte. Das erſte war ein Geburtsſchein und das zweite ein Heirathscertificat ſeiner Eltern. Sein Geburtsſchein war leicht verſchafft— er war im Aus⸗ lande geboren, und der Schein war in gültiger Form vor⸗ handen. Das andere aber bot eine Schwierigkeit dar— und dieſe Schwierigkeit brachte ihn nach Alt⸗Welmingham. Wenn er nicht Eins berückſichtigt hätte, ſo wäre er ſtatt deſſen nach Knowlesbury gegangen. Seine Mutter hatte dort, gerade ehe ſie ſeinem Vater begegnete— unter ihrem Mädchennamen gelebt; die Wahrheit iſt die, daß ſie in Wirklichkeit eine verheirathete Frau war, verheirathet in Irland, wo ihr Mann ſie miß⸗ handelt und hernach mit einer andern Perſon davonge⸗ gangen war. Ich gebe Ihnen dieſe Thatſache nach guter Autorität. Sir Felix gab ſie ſeinem Sohne als Grund an, weshalb er ſeine Mutter nicht geheirathet habe. Sie wundern ſich vielleicht, daß der Sohn, da er wußte, daß ſich ſeine Eltern einander in Knowlesbury kennen gelernt, ſeine Streiche nicht mit dem Kirchenbuche in der Kirche zu Knowlesbury ſpielte, in der man billigerweiſe vorausſetzen konnte, daß ſeine Eltern ſich verheirathet hätten. Die Urſache hiervon war, daß der Geiſtliche, welcher im Jahre 1803 an der Kirche zu Knowlesbury angeſtellt war(in welchem Jahre ſeinem Geburtsſcheine zufolge ſeine Eltern geheirathet haben ſollten), noch am Leben war, als er im Jahre 1827 von dem Grundeigenthum Beſitz nahm. Dieſer unbequeme Umſtand zwang ihn, ſeine For⸗ ſchungen bis auf unſere Nachbarſchaft zu erſtrecken. Hier 90 gab es keine derartige Gefahr, indem der frühere Geiſt⸗ liche unſerer Kirche ſeit einigen Jahren todt war. Alt⸗Welmingham paßte ebenſo gut für ſeinen Zweck, wie Knowlesbury. Sein Vater hatte ſeine Mutter aus Knowlesbury fortgenommen und in geringer Entfernung von unſerm Dorfe in einer kleinen Villa am Fluſſe mit ihr gelebt. Die Leute, die ſeine zurückgezogene Lebens⸗ weiſe gekannt hatten, ſo lange er allein gelebt, wunderten ſich nicht über dieſelbe, nachdem er verheirathet war. Wäre er nicht dem Ausſehen nach ein ſcheußliches Ge⸗ ſchöpf geweſen, ſo hätte ſein zurückgezogenes Leben mit der Dame vielleicht Verdacht erregt: ſo aber nahm es nie⸗ mand Wunder, daß er ſeine Häßlichkeit und ſeine Miß⸗ geſtalt verſteckte. Er lebte in unſerer Nachbarſchaft, bis er den Park erbte. Wer konnte nach drei oder vierund⸗ zwanzig Jahren ſagen(da der Geiſtliche geſtorben war), ob nicht ſeine Heirath auf ebenſo zurückgezogene Weiſe, wie er ſein übriges Leben zugebracht, in Alt⸗Welmingham ſtattgefunden habe?“ Auf dieſe Weiſe alſo fand der Sohn, daß unſere Gegend die ſicherſte ſei, um ganz heimlich die Sache für ſein Intereſſe zu ordnen. Es wird Sie vielleicht über⸗ raſchen, zu hören, daß Das, was er wirklich mit dem Kirchenbuche vornahm, auf die Eingebung des Augen⸗ blicks hin und ohne alle vorherige Ueberlegung geſchoh. Seine erſte Idee war blos(an der rechten Stelle des Jahres und des Monates), das Blatt auszureißen, es heimlich zu vernichten, nach London zurückzukehren und ſeinem Advocaten aufzutragen, ihm das nothwendige Hei⸗ rathscertificat zu verſchaffen, indem er ſie natürlich ganz unſchuld wies. nicht v ſen Um meinte, Antwor über ſe Als das Kir Seite d nach lee gen Cer nächſten ſich auf Es war gehofft Weiſe. zuſtimn des Re im Mo erhob, nur an Ich den. I Es wa rathet eine ge ihr He Geiſt⸗ Zweck, ter aus fernung uſſe mit mderten et war. ſes Ge⸗ mit der aft, bis bierund⸗ n war), Weiſe, tingham unſere ache für t über⸗ tit dem Augen⸗ geſchah. telle des ßen, es en und ige Hei⸗ ich ganz unſchuldig auf das Datum des ausgeriſſenen Blattes ver⸗ wies. Es konnte danach niemand ſagen, daß ſeine Eltern nicht verheirathet geweſen— und ob man nun unter die⸗ ſen Umſtänden ihm das Geld leihen werde oder nicht(er meinte, man hätte es gethan), ſo würde er jedenfalls eine Antwort bereit gehabt haben, falls ſich je eine Frage über ſein Anrecht an das Eigenthum und Titel erhoben. Als es ihm aber gelang, heimlich ſelbſt einen Blick in das Kirchenbuch zu thun, fand er am untern Ende einer Seite des Jahres 1803 einen leeren Raum, dem Anſcheine nach leer gelaſſen, weil er nicht zur Aufnahme eines lan⸗ gen Certificates ausreichte, welches ſich an der Spitze der nächſten Seite befand. Der Anblick der Gelegenheit, die ſich auf dieſe Weiſe ihm darbot, veränderte alle ſeine Pläne. Es war eine Gelegenheit, an die er nie gedacht, die er nie gehofft hatte, und er benutzte ſie— Sie wiſſen auf welche Weiſe. Um genau mit ſeinem Geburtsſcheine überein⸗ zuſtimmen, hätte der leere Raum ſich im Monat Februar des Regiſters befinden ſollen. Statt deſſen aber war er im Monat April. Indeſſen, falls ſich hierüber Argwohn erhob, ſo war die Erklärung leicht zu finden. Er brauchte nur anzugeben, daß er ein Kind von 7 Monaten geweſen. Ich war thöricht genug, einige Theilnahme und einiges Mitleid für ihn zu fühlen, als er mir ſeine Geſchichte er⸗ zühlte— worauf er gerade rechnete, wie Sie ſehen wer⸗ den. Ich fand, daß man ihm ein ſchlimmes Unrecht gethan. Es war nicht ſeine Schuld, daß ſeine Eltern nicht verhei⸗ rathet geweſen; noch war es die Schuld ſeiner Eltern. Auch eine gewiſſenhaftere Frau, als ich— eine Frau, die nicht ihr Herz an eine goldene Uhr und Kette gehangen— hätte 92 einige Entſchuldigung für ihn gefunden. Jedenfalls hielt ich den Mund und ſchützte ihn bei dem, was er thun wollte. Es dauerte einige Zeit, ehe er die Tinte von der rech⸗ ten Farbe herſtellen konnte(welche er lange in kleinen Flaſchen und Töpfchen, die ich ihm gab, hin und her miſchte), und dann brauchte er wieder einige Zeit, um ſich in der Handſchrift zu üben. Aber am Ende gelang ihm beides— und er machte ſeine Mutter, nachdem ſie längſt im Grabe gelegen, zu einer rechtſchaffenen Frau! Soweit leugne ich nicht, daß er ſich redlich genug gegen mich be⸗ nahm. Er gab mir meine Uhr und Kette und ſparte kein Geld daran; beides war von der vorzüglichſten Arbeit und ſehr koſtſpielig. Ich beſitze ſie noch— die Uhr geht ausgezeichnet.— Sie ſagten neulich, Mrs. Clements habe Ihnen Alles erzählt, was ſie gewußt. In dem Falle brauche ich nichts über den jämmerlichen Skandal zu ſchreiben, deſſen Opfer — deſſen unſchuldiges Opfer ich wurde, wie ich es Ihnen hiermit entſchieden verſichere. Sie müſſen ſo gut wie ich wiſſen, welche Idee mein Mann ſich in den Kopf ſetzte, als er mich und meinen vornehmen Freund in heimlichen Zuſammenkünften flüſternd zuſammen fand. Aber was Sie nicht wiſſen, das iſt, wie die Sache zwiſchen mir und meinem vornehmen Freunde endete. Sie ſollen leſen und ſehen, wie er an mir handelte. Die erſten Worte, die ich ihm ſagte, als ich ſah, wie man über die Geſchichte dachte, waren:„Laſſen Sie mir Gerechtigkeit widerfahren— befreien Sie meinen Ruf von einem Flecken, den, wie Sie wiſſen, derſelbe nicht verdient. Ich verlange nicht, daß Sie meinem Manne eine volle Beichte ihr Ehr ich nich nach Al rechtigk entſchiet daß es Nachba ſo lang heit ver blüffen Lippen Falls ie Ja Gefahr meine ſchenke nahme er mich ganz r. male ſo für ſeit Ausfül war do jetzt iſt. Strang mals n Ich ge trüger! haſſen alls hielt n wollte. der rech⸗ n kleinen und her „um ſich ang ihm ie längſt Soweit mich be⸗ arte kein Arbeit Uhr geht en Alles ch nichts n Opfer s Ihnen wie ich öf ſetzte, imlichen er was den mir en leſen ah, wie Sie mir duf von erdient. e volle 2 Beichte ablegen— ſagen Sie ihm blos und geben Sie ihm ihr Ehrenwort als Gentleman, daß er ſich täuſcht und daß ich nicht zu tadeln bin, wie er es glaubt. Laſſen Sie mir, nach Allem, was ich für Sie gethan, wenigſtens dieſe Ge⸗ rechtigkeit widerfahren.“ Er ſchlug es mir mit deutlichen, entſchiedenen Worten ab. Er ſagte mir ganz unumwunden, daß es in ſeinem Intereſſe liege, meinen Mann und die Nachbarn an die Unwahrheit glauben zu laſſen— weil ſie, ſo lange ſie dies thaten, ganz gewiß nicht auf die Wahr⸗ heit verfallen würden. Ich war nicht ſo leicht zu ver⸗ blüffen und ſagte ihm, ſie ſollten die Wahrheit von meinen Lippen erfahren. Seine Antwort war kurz aber bündig. Falls ich ſpreche, ſo ſei ich ebenſowohl verloren, wie er ſelbſt. Ja! dahin war es gekommen. Er hatte mich über die Gefahr getäuſcht, die ich lief, indem ich ihm half. Er hatte meine Unwiſſenheit benutzt; hatte mich durch ſeine Ge⸗ ſchenke verlockt; hatte durch ſeine Geſchichte meine Theil⸗ nahme gewonnen— und das Ende vom Liede war, daß er mich zu ſeiner Mitſchuldigen gemacht. Er gab dies ganz ruhig zu und ſchloß damit, daß er mir zum erſten⸗ male ſagte, welcher Art in Wirklichkeit die furchtbare Strafe für ſein Verbrechen und für jeden ſei, der ihm bei der Ausführung deſſelben behülflich geweſen. Zu jener Zeit war das Geſetz nicht ſo weichherzig, wie ich höre, daß es jetzt iſt. Mörder waren nicht die einzigen Leute, die dem Strange verfielen, und weibliche Sträflinge wurden da⸗ mals nicht behandelt wie Damen in unverdientem Unglück. Ich geſtehe, er machte mir bange— der erbärmliche Be⸗ trüger! der feige Schurke! Begreifen Sie jetzt, wie ich ihn haſſen mußte. Begreifen Sie, warum ich mir all' dieſe Mühe nehme— und zwar voll Dankbarkeit— für den verdienſtvollen jungen Mann, der ihn zu Falle brachte? Nun alſo weiter. Er war kaum Narr genug, mich geradezu zur Verzweiflung zu treiben. Ich war nicht die Art von Frauenzimmer, die es gerathen geweſen wäre in die Enge zu treiben— das wußte er und beruhigte mich wohlweislich mit Vorſchlägen für die Zukunft. Ich verdiene eine Belohnung(war er ſo gütig zu ſagen) für den Dienſt, den ich ihm geleiſtet, und eine Ent⸗ ſchädigung(wie er freundlichſt hinzufügte) für das, was ich dadurch gelitten hatte. Er ſei gern bereit— der groß⸗ müthige Schurke!— mir einen hübſchen Jahrgehalt aus⸗ zuwerfen, der mir vierteljährlich ausgezahlt würde, aber nur unter zwei Bedingungen. Erſtens ſollte ich— in mei⸗ nem eigenen Intereſſe ſowohl als in dem ſeinigen— ſchwei⸗ gen. Zweitens ſollte ich nie, ohne ihn vorher davon zu unterrichten und ſeine Erlaubniß dazu zu erwarten, Wel⸗ mingham verlaſſen. Hier konnte keine achtbare Frau mir Freundin ſein und ſo mich in Verſuchung bringen, ihr gefährliche vertraute Mittheilungen am Theetiſche zu machen — und hier würde er mich ſtets zu finden wiſſen. Eine harte Bedingung, dieſe zweite— aber ich ging ſie ein. Was konnte ich auch wohl Anderes thun? Ich ſtand verlaſſen da mit der Ausſicht auf die kommende Sorge eines Kindes. Was konnte ich Anderes thun? Mich der Gnade und Barmherzigkeit meines blödſinnigen weggelau⸗ fenen Mannes übergeben, der den ganzen Skandal gegen mich erhoben hatte? Ich wäre lieber geſtorben. Und übri⸗ gens war es allerdings ein hübſcher Jahrgehalt. Ich hatte ein beſſeres Einkommen, ein beſſeres Haus über meinem Kopfe, ſten d rümpf war b Je zu mei meine im Lau Gehein dieſen ter An und eb die Si Meine zu eine Sie m ich dar auszud fühlt h Falls als ich, durchau Tochter bis zu dem ne für den brachte? iug, mich nicht die wäre in zigte mich gütig zu eine Ent⸗ das, was der groß⸗ halt aus⸗ rde, aber in mei⸗ — ſchwei⸗ davon zu en, Wel⸗ Frau mir gen, ihr zumachen en. Eine ſie ein. Ich ſtand e Sorge Mich der deggelau⸗ al gegen nd übri⸗ Ich hatte meinem Kopfe, ſten der Weiber, rümpften. Das beſſere Teppiche unter meinen Füßen, als die mei⸗ die bei meinem Anblicke die Naſen Kleid der Tugend in unſerer Gegend war bunter Kattun. Ich trug Seide. Ich nahm alſo ſeine Bedingungen an und benutzte ſie zu meinem beſten Vortheile; ich führte meine Sache gegen meine Nachbarn auf ihrem eigenen Boden und gewann ſie im Laufe der Zeit— wie Sie geſehen haben. Wie ich ſein Geheimniß(und meins) während all' der Jahre bis auf dieſen Tag bewahrte, und ob meine verſtorbene Toch⸗ ter Anna ſich jemals wirklich in mein Vertrauen ſchlich und ebenfalls hinter das Geheimniß kam, ſind Fragen, die Sie vermuthlich ſehr gern beantwortet hätten? Nun! Meine Dankbarkeit verſagt Ihnen nichts. Ich ſchreite zu einer neuen Seite und beantworte ſie Ihnen. Aber Sie müſſen mich entſchuldigen, Mr.Hartright, wenn ich damit anfange, mein Erſtaunen über das Intereſſe auszudrücken, das Sie für meine verſtorbene Tochter ge⸗ fühlt haben. Daſſelbe iſt mir vollkommen unbegreiflich. Falls dies Intereſſe Sie wünſchen läßt, Einzelheiten Kindheit zu erfahren, ſo muß ich Sie deshalb Clements verweiſen, die darüber mehr weiß über ihre an Mrs als ich. Bitte, laſſ ſen Sie ſich's geſagt ſein, daß ich durchaus nicht vorgebe, eine uübermaͤßige Liebe zu meiner Tochter gehegt zu haben. Sie war mir von Anfang bis zu Ende eine Laſt und eine Sorge, und hatte außer⸗ dem noch das Unangenehme, daß ſie ſchwach im Kopfe war. Sie lieben die Offenheit und ich hoffe, daß ich Sie hierin zufrieden Es iſt unnöthig, ſtelle. Sie mit vielen perſönlichen Einzel⸗ 96 heiten in Bezug auf die Vergangenheit zu beläſtigen. Es wird genügen, wenn ich Ihnen ſage, daß ich meinerſeits die Bedingungen unſeres Handels beobachte und dafür mein bequemes Einkommen— in vierteljährlichen Zahlun⸗ gen— genoß. Hin und wieder reiſte ich fort und verſchaffte mir einige Abwechſelung, nachdem ich mir zuvor von meinem Herrn und Meiſter hierzu Erlaubniß erbeten, die mir auch ge⸗ wöhnlich wurde. Er war, wie ich Ihnen bereits ſagte, nicht Narr genug, mich zu ſehr zu drücken, und konnte ſich billigerweiſe darauf verlaſſen, daß ich, wenn nicht um ſeinetwillen, doch um meiner ſelbſt willen ſchweigen würde. Eine meiner längſten Abweſenheiten von Hauſe war meine Reiſe nach Limmeridge, wo ich eine Halbſchwe⸗ ſter zu pflegen hatte, die im Sterben lag. Man ſagte, ſie habe Geld geſpart, und ich hielt es für gerathen(für den Fall, wo ſich irgend etwas ereignen ſollte, um mei⸗ nem Jahrgehalte ein Ende zu machen), in dieſer Rich⸗ tung hin nach meinen eigenen Intereſſen zu ſehen. Doch ſtellte es ſich heraus, daß dies weggeworfene Mühe ge⸗ weſen: ich bekam nichts, weil nichts da war. Ich hatte Anna mit mir nach dem Norden genommen; ich hatte zu Zeiten meine Launen und Ideen mit meiner Tochter, wo ich dann auf Mrs. Clements' Einfluß auf ſie eiferſüchtig wurde. Ich hatte Mrs. Clements niemals gern. Sie war ein jämmerliches, gehirnloſes, tempera⸗ mentloſes Geſchöpf— und es machte mir von Zeit zu Zeit Spaß, ſie zu quälen, indem ich ihr Anna fortnahm. Da ich nicht wußte, was ich während meines Aufenthaltes in Cumberland mit dem Mädchen anfangen ſollte, ſo ſchickte ich ſie hauſe die ei bis er indem Die 7 und i Dum einen Ander und 7 Hauſe 5 — — ſtand hatte, ſo hal bar, gern f und ſi wäre auf m ſchloſſe überdit ſtand, und m war, d von n mir un Di der ich Wilkie ſtigen. Es neinerſeits ind dafür n Zahlun⸗ mir einige lem Herrn auch ge⸗ eits ſagte, und konnte venn nicht ſchweigen von Hauſe Halbſchwe⸗ ſagte, ſie athen(für „ um mei⸗ ieſer Rich⸗ hen. Doch Mühe ge⸗ genommen; mit meiner luß auf ſie ts niemals ,, tempera⸗ Zeit zu Zeit rahm. Da enthaltes in „ſo ſchickte 2e ich ſie in Limmeridge in die Schule. Die Dame im Herren⸗ hauſe, Mrs. Fairlie(eine außerordentlich häßliche Frau, die einem der ſchönſten Männer in England Fallen gelegt, bis er ſie geheirathet hatte), beluſtigte mich ungeheuer, indem ſie eine heftige Zuneigung für das Mädchen faßte. Die Folge davon war, daß ſie in der Schule nichts lernte und in Limmeridge Houſe verzogen wurde. Unter andern Dummheiten, die man ſie dort lehrte, ſetzte man ihr auch einen gewiſſen Unſinn in den Kopf: daß ſie nämlich nichts Anderes als Weiß tragen ſolle. Da ich ſelbſt Weiß haſſe und Farben liebe, beſchloß ich, ſobald wir wieder nach Hauſe kämen, ihr den Unſinn wieder auszutreiben. So ſonderbar dies erſcheinen mag, meine Tochter wider⸗ ſtand mir. Wenn ſie ſich einmal etwas in den Kopf geſetzt hatte, ſo war ſie, wie die meiſten geiſtesſchwachen Leute, ſo halsſtarrig wie ein Mauleſel. Wir zankten uns furcht⸗ bar, und Mrs. Clements, die dies wahrſcheinlich nicht gern ſah, erbot ſich, Anna mit nach London zu nehmen und ſie bei ſich zu behalten. Ich würde Ja geſagt haben, wäre Mrs. Clements nicht in Bezug auf das Weißtragen auf meiner Tochter Seite geweſen. Da ich aber ent⸗ ſchloſſen war, daß ſie ſich nicht weiß kleiden ſollte, und überdies Mrs. Clements dafür, daß ſie meiner Tochter bei⸗ ſtand, weniger denn je leiden koͤnnte, ſo ſagte ich Nein und meinte Nein und blieb bei Nein. Die Folge davon war, daß meine Tochter bei mir blieb; und die Folge da⸗ von wieder, die erſte ernſtliche Veruneinigung zwiſchen mir und ihm über das Geheimniß. Dieſer Umſtand ereignete ſich lange nach der Zeit, von der ich ſoeben geſchrieben habe. Ich hatte mich ſchon ſeit : d 4—2—; mMeis 7 7 Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 7 98 Jahren in der neuen Stadt niedergelaſſen und ſtrafte mei⸗ nen ſchlechten Ruf allmälig durch meine Lebensweiſe Lügen, wobei ich langſam unter den reſpectablen Leuten Anſehen erhielt. Daß meine Tochter bei mir lebte, trug bedeutend zur Erreichung dieſes Reſultates bei. Ihre Harmloſigkeit und ihre Idee mit den weißen Kleidern erregten eine Art von Theilnahme. Ich unterließ es deshalb, mich ihrer Grille zu widerſetzen, denn es mußte auf dieſe Weiſe ſicher ein Theil dieſer Theilnahme mir zufallen Und ſo war es. Ich ſchreibe den Umſtand, daß man mir die Wahl zwiſchen zweien der beſten Kirchenplätze ließ, dieſer Theilnahme zu; und datire des Pfarrers erſten Gruß von dem Zeitpunkte her, wo ich den Platz erhielt. Nun, da ich mich auf dieſe Weiſe häuslich niederge⸗ laſſen, erhielt ich eines Tages einen Brief von jenem hoch⸗ geborenen Herrn, dem Verſtorbenen, als Antwort auf einen von mir, in welchem ich ihm, der Uebereinkunft ge⸗ mäß, angekündigt, daß ich einer kleinen Veränderung hal⸗ ber die Stadt zu verlaſſen wünſchte. Er mußte in dem Augenblicke, wo er meinen Brief erhalten, in einer ſeiner Wütherichslaunen geweſen ſein— denn in ſeiner Antwort verweigerte er mir ſeine Erlaub⸗ niß auf ſo abſcheulich impertinente Weiſe, daß ich ganz außer Faſſung gerieth und in Gegenwart meiner Tochter auf ihn losſchimpfte und ihn einen„gemeinen Be⸗ trüger“ nannte,„den ich lebenslänglich zu Grunde rich⸗ ten könne, falls es mir einfiele zu ſprechen und ſein Geheimniß zu verrathen.“ Ich ſagte weiter nichts über ihn, indem ich durch den Anblick des Geſichtes meiner Tochter, die mich mit eifrigen, neugierigen Augen an⸗ blickte fahl i mich M ich Ih⸗ Thorh ter un n die Stadt bindun fragen lichen? für mi möge, ganz u Tage i Er Beſuche in mein Se ſo verdr daß er reits be gekomm ſpät ſei (ich hat den Aug hatten e die er 1 „La afte mei⸗ e Lügen, Anſehen edeutend loſigkeit eine Art ich ihrer iſe ſicher war es. zwiſchen aihme zu; eitpunkte niederge⸗ em hoch⸗ vort auf kunft ge⸗ ung hal⸗ en Brief nſein— Erlaub⸗ ich ganz Tochter nen Be⸗ nde rich⸗ und ſein hhts über s meiner ugen an⸗ 99 blickte, wieder zur Beſinnung gebracht wurdé. Ich be⸗ fahl ihr augenblicklich, das Zimmer zu verlaſſen, bis ich mich wieder gefaßt haben würde. Meine Gefühle waren nicht ſehr angenehmer Art, kann ich Ihnen ſagen, als ich ruhig genug war, um über meine Thorheit nachzudenken. Anna war in dem Jahre verdreh⸗ ter und ſeltſamer als gewöhnlich geweſen, und wenn ich an die Möglichkeit dachte, daß ſie meine Worte in der Stadt wiederholen und ſeinen Namen mit ihnen in Ver⸗ bindung bringen konnte, wenn neugierige Leute ſie auszu⸗ fragen anfingen, fiel mir eine ſchöne Angſt über die mög⸗ lichen Folgen aufs Herz. Meine ſchlimmſten Befürchtungen für mich und meine größte Angſt vor dem, was er thun möge, ging jedoch nicht weiter, als bis hierher. Ich war ganz unvorbereitet auf das, was ſich ſchon am nächſten Tage in Wirklichkeit ereignete. Er kam, ohne mich vorher von ſeinem beabſichtigten Beſuche in Kenntniß zu ſetzen, an dieſem folgenden Tage in mein Haus. Seine erſten Worte und der Ton, in dem er ſie ſprach, ſo verdrießlich derſelbe auch war, zeigten mir ganz deutlich, daß er ſeine impertinente Antwort auf mein Erſuchen be⸗ reits bereute, und daß er— in äußerſt ſchlechter Laune— gekommen, um die Sache wieder gut zu machen, ehe es zu ſpät ſei. Da er meine Tochter bei mir im Zimmer fand (ich hatte mich ſeit dem Tage vorher gefürchtet, ſie aus den Augen zu laſſen), befahl er ihr hinauszugehen. Sie hatten einander nicht gern, und er ließ ſeine böſe Laune, die er mir nicht zu zeigen wagte, an ihr aus. „Laſſen Sie uns allein,“ ſagte er, ſie über die Achſel 7* ( anſehend. Sie ſah ihn ebenfalls über die Achſel an und blieb, als ob ſie nicht zu gehen beabſichtige.„Hören Sie?“ ſchrie er ſie an.„Gehen Sie aus dem Zimmer.“„Sprechen. Sie höflich mit mir,“ ſagte ſie mit geröthetem Geſicht „Werfen Sie die Verrückte hinaus,“ ſagte er zu mir ge⸗ wendet. Sie hatte immer abgeſchmackte Ideen über ihre Würde gehabt, und das Wort„Verrückte“ brachte ſie ſo⸗ fort auf. Ehe ich noch ein Wort ſagen und mich dazwiſchen legen konnte, trat ſie in großer Wuth vor ihn hin.„Bit⸗ ten Sie mich augenblicklich um Verzeihung,“ ſagte ſie, „oder ich will's Ihnen heimtragen. Ich will Ihr Geheim⸗ niß verrathen. Ich kann Sie lebenslänglich zu Grunde richten, wenn es mir einfällt zu ſprechen.“ Meine eige⸗ nen Worte!— genau ſo wiederholt, wie ich ſie am Tage vorher geſprochen hatte— in ſeiner Gegenwart, und zwar, als ob ſie von ihr ſelber kämen. Er ſaß ſprachlos da— ſo weiß im Geſicht, wie das Papier iſt, auf dem ich ſchreibe, während ich ſie aus dem Zimmer ſchob. Als er ſich etwas gefaßt hatte— Nein! ich bin eine zu gebildete Frau, um zu wieder⸗ holen, was er ſagte, als er ſich wieder gefaßt. Meine Feder iſt die Feder eines Mitgliedes der Gemeinde unſeres Kirchſpiels und einer Subſcribentin der„Mittwochs⸗Vor⸗ leſungen“ über„Der Glaube macht ſelig“— wie können Sie erwarten, daß ich ſie gebrauchen werde, um böſe Worte zu ſchreiben? Denken Sie ſich ſelbſt die tobende, fluchende Wuth des gemeinſten Wütherichs in ganz Eng⸗ land und dann ſo ſchnell wie möglich vorwärts zu Dem, worin alles endete. Es endete damit, was Sie wahrſcheinlich bereits er rathen durch Je ſagte i dem w ſie nich davon in ihre etwas, ſie ihn und W meine geben, nerte il eigenen — es nicht gl Gehein hören, Un Mutter ich;„i anſtalt bitten d meinen mich zu anſtalt für ihre ren mei len, do an und n Sie?“ Sprechen. n Geſicht mir ge⸗ über ihre tte ſie ſo⸗ azwiſchen ‧.„Bil⸗ ſagte ſie, Geheim⸗ Grunde eine eige⸗ am Tage id zwar, dos da— dem ich . Als er u wieder⸗ Meine de unſeres ochs⸗Vor⸗ vie können um böſe e tobende, ganz Eng⸗ zu Dem, vereits er 101 rathen, daß er darauf beſtand, ſeine eigene Sicherheit da⸗ durch gewiß zu machen, daß er ſie einſperren ließ. Ich verſuchte die Sache wieder gut zu machen. Ich ſagte ihm, ſie habe die Worte blos wie ein Papagei nach dem wiederholt, was ſie mich hatte ſagen hören, und daß ſie nicht das Geringſte von den Einzelheiten wiſſe, weil ich davon nichts erwähnt hatte. Ich erklärte ihm, daß ſie ſich in ihrer verdrehten Wuth auf ihn geſtellt habe, als wiſſe ſie etwas, wovon ſie in Wirklichkeit keine Ahnung hatte; daß ſie ihn blos ärgern und ihm drohen gewollt für die Art und Weiſe, in der er ſoeben zu ihr geſprochen, und daß meine unglückſeligen Worte ihr gerade die Gelegenheit ge⸗ geben, die ſie geſucht, um Unheil anzurichten. Ich erin⸗ nerte ihn an ihr übrigens verrücktes Weſen und an ſeine eigenen Erfahrungen in Bezug auf geiſtesſchwache Leute — es nützte alles nichts— er wollte ſelbſt meinem Eide nicht glauben— er war feſt überzeugt, ich habe das ganze Geheimniß verrathen. Kurz, er wollte von nichts anderem hören, als daß ſie eingeſperrt würde. Unter dieſen Umſtänden that ich meine Pflicht als Mutter.„Keine gewöhnliche Armenirrenanſtalt,“ ſagte ich;„ich gebe es nicht zu, daß ſie in einer Armenirren⸗ anſtalt eingeſperrt wird. Eine Privatanſtalt, wenn ich bitten darf. Ich habe meine Muttergefühle und außerdem meinen Ruf in der Stadt zu bewahren; und ich werde mich zu nichts anderem herbeilaſſen, als zu einer Privat⸗ anſtalt von der Art, wie meine vornehmen Nachbarn ſie für ihre kranken Verwandten wählen würden. Das wa⸗ ren meine Worte. Es iſt mir eine Genugthuung, zu füh⸗ len, daß ich meine Pflicht that. Obgleich ich nie eine 102 übertriebene Liebe für meine verſtorbene Tochter fühlte, ſo hatte ich doch den paſſenden Stolz für ſie. Kein Flecken der Armuth fiel— Dank ſei es meiner Entſchloſſenheit und Feſtigkeit— jemals auf mein Kind. Nachdem ich meinen Willen durchgeſetzt(was mir in Folge der günſtigeren Gelegenheit, welche Privatanſtalten bieten, um ſo leichter wurde), konnte ich nicht darum hin, zuzugeben, daß durch ihre Einſperrung gewiſſe Vortheile gewonnen waren. Erſtens war ſie unter der beſten Obhut und Pflege— und wurde(wie ich Sorge trug, in der Stadt bekannt zu machen) wie eine geborene Dame behan⸗ delt. Zweitens war ſie aus Welmingham fort, wo ſie durch Wiederholung meiner unvorſichtigen Worte die Leute zu Verdacht und neugierigen Fragen angeregt haben könnte. Die einzige Schattenſeite ihrer Einſperrung war eine ſehr unbedeutende. Wir machten dadurch eine leere Prah⸗ lerei in Vezug auf ihre Kenntniß des Geheimniſſes blos zu einer fixen Idee. Obgleich ſie anfangs in bloſer ver⸗ rückter Bosheit zu dem Manne geſprochen, der ſie belei⸗ digt hatte, ſo war ſie doch ſchlau genug, zu ſehen, daß ſie ihn ernſtlich erſchreckt, und fpäter klug genug, um zu ent⸗ decken, daß er bei ihrer Einſperrung im Spiele war. Die Folge davon war, daß ſie in eine wahre Raſerei von Wuth gegen ihn aufloderte, als man ſie in die Anſtalt gebracht; und die erſten Worte, die ſie zu den Wärterinnen ſagte, als dieſe ſie wieder etwas beſänftigt hatten, waren, daß man ſie einſperre, weil ſie ſein Geheimniß wiſſe, und daß ſie, ſobald der Augenblick dazu gekommen ſei, ſprechen und ihn zu Grunde richten werde. ben, o ſtützten hörte) gen, Falls Tochte ſie erk funden ſein ve geword was ie heit iſt wußte, deſſelbe Anſehe dreht ſ dem w Ho ich mit wirklich Tochte tungen ſtalt ge und W Brieffe gewiſſe gierde ordentl gehört rfühlte, 1 Flecken oſſenheit mir in anſtalten rum hin, Vortheile n Obhut „ in der ne behan⸗ „wo ſie orte die angeregt war eine re Prah⸗ ſſes blos ooſer ver⸗ ſie belei⸗ „ daß ſie n zu ent⸗ dar. Die on Wuth gebracht; een ſagte, ren, daß ſſe, und „ſprechen 103 Sie mag wahrſcheinlich daſſelbe zu Ihnen geſagt ha⸗ ben, als Sie ſo unbedachtſamerweiſe ihre Flucht unter⸗ ſtützten. Jedenfalls ſagte ſie es(wie ich vorigen Sommer hörte) zu der unglücklichen Frau, die unſern liebenswürdi⸗ gen, namenloſen, jüngſtverſtorbenen Herrn heirathete. Falls entweder Sie oder jene unglückliche Dame meine Tochter näher befragt und darauf beſtanden hätten, daß ſie erklärte, was ſie eigentlich meine, ſo würden Sie ge⸗ funden haben, daß ſie plötzlich ihr ganzes Selbſtbewußt⸗ ſein verloren hätten und unſicher, unruhig und verwirrt geworden wäre— Sie würden entdeckt haben, daß das, was ich Ihnen hier ſchreibe, nichts als die reine Wahr⸗ heit iſt. Sie wußte, daß es ein Geheimniß gäbe— wußte, wen es betraf, und wer durch das Bekanntwerden deſſelben zu leiden haben würde, aber außerdem— welches Anſehen von Wichtigkeit ſie ſich auch gegeben, wie ver⸗ dreht ſie auch gegen Fremde geprahlt haben mag— außer⸗ dem wußte ſie bis zum Tage ihres Todes nichts. Habe ich Ihre Neugierde befriedigt? Jedenfalls habe ich mir Mühe genug gegeben, dies zu thun. Ich wüßte wirklich nichts weiter, das ich Ihnen über mich oder meine Tochter zu erzählen hätte. Meine ſchlimmſten Verantwor⸗ tungen waren, was ſie betrifft, vorbei, als ſie in die An⸗ ſtalt geſchafft wurde. Man gab mir in Bezug auf die Art und Weiſe, in der ſie unter Aufſicht geſtellt worden, eine Briefform abzuſchreiben und damit eine Anfrage von einer gewiſſen Miß Halcombe zu beantworten, die darüber Neu⸗ gierde fühlte und die von einer gewiſſen Zunge, die außer⸗ ordentlich an ſo etwas gewöhnt war, eine Menge Lügen gehört haben muß. Und ich that ſpäter, was ich konnte, um meiner weggelaufenen Tochter auf die Spur zu kom⸗ men und es zu verhüten, daß ſie Unheil anſtiftete, indem ich ſelbſt in der Gegend, von der man mir fälſchlicher Weiſe berichtete, daß ſie dort geſehen worden, Nachfragen anſtellte. Doch dieſe und ähnliche Kleinigkeiten ſind von wenigem oder gar keinem Intereſſe für Sie nach dem, was Sie bereits gehört haben. Bis hierher habe ich mit den allerfreundſchaftlichſten Gefühlen geſchrieben. Aber ich kann meinen Brief nicht ſchließen, ohne ein Wort ernſtlicher Vorſtellung und ernſten Verweiſes an Sie hinzuzufügen. Im Verlaufe unſerer letzten Unterredung hatten Sie die Verwegenheit, auf meiner Tochter Verwandtſchaft von väterlicher Seite anzuſpielen, als ob dieſelbe überhaupt irgend einem Zweifel unterläge. Dies war im höchſten Grade unſchicklich und unfein von Ihnen. Sollten wir einander wieder begegnen, ſo erinnern Sie ſich gefälligſt, daß ich es nicht geſtatte, daß man ſich mit meinem Rufe Freiheiten herausnimmt, und daß die moraliſche Atmoſphäre von Welmingham(um einen Lieblingsaus⸗ druck meines Freundes, des Pfarrers, zu gebrauchen) durchaus nicht durch loſe Reden verpeſtet werden darf, Falls Sie ſich unterſtehen, daran zu zweifeln, daß mein Mann Anna's Vater war, ſo beleidigen Sie mich perſön⸗ lich auf die gröbſte Weiſe. Wenn Sie über dieſen Gegen⸗ ſtand eine unpaſſende Neugier empfunden haben oder noch fühlen, ſo empfehle ich Ihnen zu Ihrem eigenen Beſten, dieſelbe ein⸗ für allemal fallen zu laſſen. Diesſeits des Grabes, Mr. Hartright, wird dieſe Neugierde nie befrie⸗ digt werden, was auch jenſeits deſſelben geſchehen mag. habe, macher will do ſamme weiter erlaube ſie du verſchle Ihnen komme Jahre bequen ham zu theile grüßt und ſe abſichti dann e Pfarre⸗ Fa ſchenker daß die ſchränk vollkom daß ich ich wei dennoch ſicht hi Au zu kom⸗ e, indem lſchlicher ichfragen ſind von ich dem, ftlichſten rief nicht d ernſten tten Sie haft von berhaupt höchſten lten wir efälligſt, meinem oraliſche ingsaus⸗ rauchen) en darf, aß mein perſön⸗ Gegen⸗ der noch Beſten, eits des befrie⸗ mag. 105 Vielleicht werden Sie nach Dem, was ich ſoeben geſagt habe, ſich verpflichtet fühlen, mir eine Entſchuldigung zu machen. Thun Sie das, und ich will ſie annehmen. Ich will dann ſpäter, falls Ihre Wünſche auf eine zweite Zu⸗ ſammenkunft mit mir gerichtet ſind, noch einen Schritt weiter gehen und Sie empfangen. Meine Verhältniſſe erlauben mir blos, Sie zum Thee einzuladen— nicht, daß ſie durch das, was ſich zugetragen, ſich im geringſten verſchlimmert hätten. Ich habe mich immer, wie ich Ihnen geſagt zu haben glaube, innerhalb meines Ein⸗ kommens bewegt und dadurch während der letzten zwanzig Jahre genug erſpart, um bis an das Ende meiner Tage bequem leben zu können. Ich beabſichtige nicht, Welming⸗ ham zu verlaſſen. Es bleiben mir noch einige kleine Vor⸗ theile in der Stadt zu gewinnen übrig. Der Geiſtliche grüßt mich, wie Sie geſehen haben. Er iſt verheirathet, und ſeine Frau iſt nicht ganz ſo höflich wie er. Ich be⸗ abſichtige mich der Dorcas⸗Geſellſchaft anzuſchließen, und dann es noch dahin zu bringen, daß auch die Frau des Pfarrers mich grüßt. Falls Sie mir das Vergnügen Ihrer Geſellſchaft ſchenken wollen, ſo bitte ich Sie, vorher wohl zu merken, daß die Unterhaltung ſich auf allgemeine Gegenſtände be⸗ ſchränken muß. Jede Andeutung auf dieſen Brief wird vollkommen nutzlos ſein— ich bin entſchloſſen, zu leugnen, daß ich ihn geſchrieben habe. Der Beweis iſt, wie ich weiß, durch das Feuer vernichtet; aber es ſcheint mir dennoch wünſchenswerth, lieber nach der Seite der Vor⸗ ſicht hin zu irren. Aus dieſer Berückſichtigung habe ich hier keines Namens 106 erwähnt, noch werde ich dieſe Zeilen unterzeichnen: die Handſchrift iſt durchweg eine verſtellte, und ich werde den Brief ſelbſt abgeben, und zwar auf eine Weiſe, die alle Gefahr ausſchließt, daß man ihn mir zuſchriebe. Sie können durchaus keine Urſache haben, ſich über dieſe Vor⸗ beſondere Nachſicht, die Sie von mir verdient haben, auf keine Weiſe die Mittheilungen beeinträchtigen, die ich Ihnen gemacht habe. Meine Theeſtunde iſt halb ſechs Uhr, und mein heißes geröſtetes Brot wartet auf nie⸗ manden.“ F Me ſonderb Die ha von Au mit der Verbind antwor hüten ie Grade reißen, lieber 1 Die Sir Pe über il meiner Er hatte, 1 Weiſe d lesbury nen: die verde den die alle de. Sie eeſe Vor⸗ t auf die ben, auf die ich alb ſechs auf nie⸗ Jortſetzung der Ausſage Walter Bartrigth's. XII. Mein erſter Impuls, nachdem ich Mrs. Catherick's ſonderbaren Brief geleſen, war der, ihn zu vernichten. Die harte, ſchamloſe Verderbtheit des ganzen Schreibens von Anfang bis zu Ende— der abſcheuliche Eigenſinn, mit dem ſie darauf beſtand, mich mit einem Unglücke in Verbindung zu bringen, für das ich in keiner Weiſe ver⸗ antwortlich war, und mit einem Todesfalle, den zu ver⸗ hüten ich mein Leben gewagt hatte— widerten mich in dem Grade an, daß ich im Begriffe war, den Brief zu zer⸗ reißen, als mir eine Betrachtung einfiel, die mich bewog, lieber noch ein wenig mit ſeiner Vernichtung zu warten. Dieſe Berückſichtigung hatte durchaus gar nichts mit Sir Percival zu thun. Die mir gemachten Mittheilungen über ihn enthielten wenig mehr als die Beſtätigung meiner eigenen Vermuthungen. Er hatte das Verbrechen begangen, wie ich es erwartet hatte, und der Umſtand, daß Mrs. Catherick in keiner Weiſe der Abſchrift des Kirchenregiſters, welche in Know⸗ lesbury bewahrt wurde, Erwähnung that, beſtärkte 7 108 mich in meiner vorher gefaßten Ueberzeugung, daß Sir Percival nothwendigerweiſe nichts von dem Daſein derſelben und ſomit von den Folgen, die daſſelbe für ihn haben mußte, gewußt haben konnte. Mein In⸗ tereſſe an der Fälſchung war jetzt zu Ende; und mein einziger Zweck, indem ich den Brief aufbewahrte, war, ihn für die Zukunft zu benutzen, um das einzige noch für mich übrige Geheimniß aufzuklären, nämlich wer eigentlich Anna Cathericks Vater geweſen. Ihre Mutter hatte in ihrem Briefe ein paar Bemerkungen fallen laſſen, die mir hierin dienlich ſein konnten, ſobald Sachen von unmittelbarer Wichtigkeit miir Muße ließen, mich damit zu beſchäftigen. Ich verzweifelte nicht daran, mir Gewißheit über dieſen Punkt verſchaffen zu können; ich hatte nichts von meinem Intereſſe verloren, zu er⸗ mitteln, wer der Vater des armen Weſens ſei, das jetzt in Mrs. Fairlie's Grabe zur Ruhe gelegt war. Demzufolge verſiegelte ich den Brief und legte ihn in mein Taſchenbuch, um ihn zur Hand zu haben, ſo⸗ bald die Zeit gekommen ſein würde, die Sache wieder aufzunehmen. Der folgende Tag war mein letzter in Hampſhire. Sobald ich abermals vor der Behörde zu Knowlesbury und bei der vertagten Unterſuchung erſchienen, konnte ich frei ſein, um mit dem Nachmittag⸗ oder Abendzuge nach London zurückzukehren. Mein erſter Gang des nächſten Morgens war, wie gewöhnlich, nach der Poſt. Der Brief von Marianne war dort, aber mir ſchien, als man ihn mir in die Hand gab, daß er ſich ungewöhnlich leicht anfühlte. Ich öffnete das C kleiner, Die w die der nöth⸗ nach Dich ſind Die einem 2 in Verb ſtand a da. Wa lichkeit und au war ein den ver konnte j Und hie ich bleil des Gef Ich pflichtun riſſen he meines ſolutes nieden, gab, zu daß Sir Daſein ſelbe für kein In⸗ iud mein te, war, ige noch lich wer Mutter n fallen ſobald e ließen, t daran, können; „zu er⸗ das jetzt egte ihn ben, ſo⸗ wieder upſhire. dlesbury konnte dendzuge ar, wie arianne de Hand öffnete 109 das Couvert voll Beſorgniß. Es lag nichts als ein kleiner, einmal zuſammengelegter Papierſtreifen darin. Die wenigen eiliggeſchriebenen, halbverwiſchten Zeilen, die derſelbe enthielt, waren folgende: „Komm zurück, ſo ſchnell Du kannſt. Ich bin ge⸗ nöthigt geweſen, unſere Wohnung zu verlaſſen. Komm nach Gowers Walk, Fulham(Numero fünf). Ich werde Dich erwarten. Beunruhige Dich nicht um uns: wir ſind beide wohl und in Sicherheit. Aber komm zurück. . Marianne.“ Die Nachricht— eine Nachricht, die ich ſofort mit einem Verſuche neuer Anſchläge von Seiten Graf Fosco's in Verbindung brachte— überwältigte mich förmlich. Ich ſtand athemlos mit dem zerknitterten Papiere in der Hand da. Was hatte ſich zugetragen? Welche ſchlaue Schänd⸗ lichkeit hatte der Graf in meiner Abweſenheit entworfen und ausgeführt? Seit Marianne's Brief geſchrieben, war eine Nacht vergangen— es mußten noch viele Stun⸗ den vergehen, ehe ich zu ihnen zurückkehren konnte— es konnte ſich bereits inzwiſchen ein Unglück ereignet haben. Und hier, ſo viele Meilen von ihnen entfernt, hier mußte ich bleiben zur Verfügung, doppelt zur Verfügung des Geſetzes! Ich weiß kaum, zu welchem Vergeſſen meiner Ver⸗ pflichtungen meine Angſt und Beſorgniß mich nicht hinge⸗ riſſen haben würden, wäre nicht der beruhigende Einfluß meines Zutrauens zu Marianne dageweſen. Mein ab⸗ ſolutes Vertrauen zu ihr war die einzige Rückſicht hie⸗ nieden, die mir half, mich zu faſſen, und mir den Muth gab, zu warten. Die vertagte Unterſuchung war das erſte 110 Hinderniß, das ſich meinem freien Handeln in den Weg ſtellte. Ich ſtellte mich bei derſelben zur beſtimmten Stunde ein, da meine Anweſenheit im Zimmer für die gerichtlichen Formalitäten erforderlich war; doch war ich, wie ſich's herausſtellte, nicht genöthigt, meine Ausſage zu wiederholen. Dieſer unnöthige Verzug war ſchwer zu ertragen, obgleich ich mir alle Mühe gab, meine Ungeduld zu bemeiſtern und dem gerichtlichen Verfahren mit mög⸗ lichſter Aufmerkſamkeit zu folgen. Der Rechtsanwalt des Verſtorbenen, Mr. Merriman, war aus London herübergekommen und befand ſich unter den Anweſenden, war aber durchaus nicht im Stande, die Zwecke der Unterſuchung zu fördern. Er konnte blos ſagen, daß er unausſprechlich überraſcht und erſchüttert, jedoch nicht im Stande ſei, irgendwie Licht auf das geheim⸗ nißvolle Ereigniß zu werfen. Er ſchlug von Zeit zu Zeit Fragen vor, welche dann von dem Leichenbeſchauer an die Zeugen gerichtet wurden, die jedoch ohne alle Erfolge blie⸗ ben. Nach einer geduldigen Unterſuchung, welche beinahe drei Stunden währte und die jede denkbare Quelle der Auskunft erſchöpfte, ſprachen die Geſchworenen das bei plötzlichen Todesfällen übliche Erkenntniß aus. Sie fügten dem förmlichen Urtheile noch eine Bemerkung hinzu, daß keine Belege für die Art und Weiſe, in der die Schlüſſel genommen worden, vorhanden, und daß der Zweck, zu welchem der Verſtorbene in die Sacriſtei gegangen, un⸗ erklärt geblieben. Dies ſchloß die Unterſuchung. Es wurde dem gerichtlichen Repräſentanten des Todten über⸗ laſſen, für deſſen Beerdigung zu ſorgen, und die Zeugen durften abtreten. Ent nach Kr Gaſthof dort an Befehl unterric wohne Wagen Ich nal von ſell Unſ natürlich Mei Advocat hatte m mögensc Sir Per gegend j wendigke wunden ment zu macht, welches ſeine Gl gen, das des Bef hinterlief Glyde, ſollte ſei es ſich den Weg eſtimmten r für die doch war Ausſage ſchwer zu Ungeduld nit mög— terriman, ſich unter ande, die inte blos eſſchüttert, 3 geheim⸗ it zu Zeit er an die olge blie⸗ beinahe uelle der das bei ie fügten nzu, daß Schlüſſel zweck, zu gen, un⸗ ng. Es en über⸗ e Zeugen 111 Entſchloſſen, keine Minute länger zu verlieren, ehe ich nach Knowlesbury ginge, bezahlte ich meine Rechnung im Gaſthofe und beſtellte mir einen Fiacre, um deſto ſchneller dort anzulangen. Ein Herr, welcher hörte, wie ich den Befehl ertheilte, und ſah, daß ich allein fahren würde, unterrichtete mich, daß er in der Nähe von Knowlesbury wohne und frug, ob ich etwas dawider haben würde, den Wagen und die Ausgabe für denſelben mit ihn zu theilen. Ich nahm ſeinen Vorſchlag wie eine Sache an, die ſich von ſelbſt verſteht. Unſere Unterhaltung während der Fahrt drehte ſich natürlich um den einen Gegenſtand des Ortsintereſſes. Mein neuer Bekannter war einigermaßen mit dem Advocaten des verſtorbenen Sir Percival bekannt und hatte mit demſelben eine Unterhaltung über deſſen Ver⸗ mögensangelegenheiten und den nächſten Erben gehabt. Sir Percival's Verlegenheiten waren in der ganzen Um⸗ gegend ſo wohl bekannt, daß ſein Advocat aus der Noth⸗ wendigkeit eine Tugend machte und die Sache unum⸗ wunden eingeſtand. Er war geſtorben, ohne ein Teſta⸗ ment zu hinterlaſſen, und ſelbſt, falls er ein ſolches ge⸗ macht, ſo beſaß er kein perſönliches Eigenthum, über welches er teſtamentariſch hätte verfügen können, indem ſeine Gläubiger bereits das ganze Vermögen verſchlun⸗ gen, das ihm ſeine Frau zugebracht hatte. Der Erbe des Beſitzthums(da Sir Percival keine Leibeserben hinterließ) war der Sohn eines Vetters von Sir Felix Glyde, ein Offizier in der königlichen Marine. Er ſollte ſein Erbtheil tief verſchuldet finden; doch konnte es ſich mit der Zeit davon erholen, und falls„der Kapitän“ ſparſam war, ſo konnte er vor ſeinem Tode doch noch ein reicher Mann werden. So ſehr ich auch mit dem Gedanken, möglichſt ſchnell nach London zurückzukehren, beſchäftigt war, hatten doch dieſe Mittheilungen(welche ſich ſpäter als vollkommen richtig herausſtellten) einiges Intereſſe für mich. Mir ſchien danach, daß ich gerechtfertigt ſei, meine Entdeckung von Sir Percival's Fälſchung geheim zu halten. Der Erbe, deſſen Rechte er ſich angemaßt, war derjenige, dem das Beſitzthum jetzt zufiel. Das Einkommen deſſelben während der letzten dreiundzwanzig Jahre, welches von Rechtswegen ihm hätte zufallen ſollen, war von Sir Per⸗ cival bis auf den letzten Heller vergeudet und unwieder⸗ bringlich verloren. Falls ich die Wahrheit bekannt machte, ſo konnte dieſelbe doch keinem Menſchen den geringſten Nutzen bringen. Bewahrte ich dagegen das Geheimniß, ſo ſchützte mein Schweigen den Ruf des Mannes, welcher Laura durch ſeine Betrügereien vermocht hatte, ihn zu heirathen. Nur um ihretwillen wünſchte ich es geheim zu halten— und um ihretwillen erzähle ich dieſe ganze Geſchichte unter verſtelltem Namen. In Knowlesbury ſchied ich von meinem zufälligen Reiſegefährten und ging dann ſofort nach dem Gerichts⸗ hauſe. Wie ich erwartet hatte: es ſtellte ſich niemand, um die Sache weiter gegen mich fortzuſetzen— die nothwendi⸗ gen Formalitäten wurden durchgemacht, und ich war ent⸗ laſſen; als ich den Gerichtshof verließ, übergab man mir einen Brief von Mr. Dawſon. Derſelbe benachrichtigte mich, daß er augenblicklich in Berufspflichten abweſend ſei, und wiederholte dann ſein Anerbieten allen Beiſtandes, den er ihm m nung mich woran in dri Ei zuge n Es ham a M mich ei welch' Abende als ob weſen. elend a Abweſe fühlt he ſehen ſ furchtbe verände Die und int wie von Wilkie C nem Tode chſt ſchnell atten doch ollkommen ich. Mir Entdeckung ten. Der enige, dem deſſelben elches von Sir Per⸗ unwieder⸗ int machte, geringſten Geheimniß, s, welcher te, ihn zu geheim zu jeſe ganze zufälligen Gerichts⸗ mand, um nothwendi⸗ ) war ent⸗ b man mir achrichtigte weſend ſei, Beiſtandes, 113 den er mir zu leiſten im Stande ſein möge. Ich ſchrieb ihm wieder, indem ich ihm aufs wärmſte meine Anerken⸗ nung ſeiner vielfältigen Güte gegen mich ausdrückte und mich entſchuldigte, dies nicht perſönlich gethan zu haben, woran ich durch den Umſtand verhindert worden, daß ich in dringenden Geſchäften nach London zurückgerufen ſei. Eine halbe Stunde ſpäter eilte ich mit dem Schuell⸗ zuge nach London zurück. XIII. Es war zwiſchen neun und zehn Uhr, ehe ich in Ful⸗ ham anlangte und den Weg nach Gower's Walk fand. Marianne und Laura kamen Beide an die Thür, um mich einzulaſſen. Ich glaube, wir hatten Alle nicht gewußt, welch' enges Band uns aneinander knüpfte, bis zu dem Abende, der uns wieder vereinte. Wir begrüßten einander, als ob wir ſtatt weniger Tage Monate lang getrennt ge⸗ weſen. Marianne's armes Geſicht ſah ſehr beſorgt und elend aus. Ich ſah auf den erſten Blick, wer in meiner Abweſenheit alle Gefahr gewußt und alle Beſorgniſſe ge⸗ fühlt hatte. Laura's frohere Blicke und blühenderes Aus⸗ ſehen ſagten mir, wie ſorgfältig ihr alle Kenntniß des furchtbaren Todes und der wahre Grund ihrer Wohnungs⸗ veränderung vorenthalten worden. Die Aufregung des Wegzuges ſchien ſie aufgeheitert und intereſſirt zu haben. Sie ſprach von demſelben nur wie von einem glücklichen Gedanken Marianne's, um mich Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 8 — 114 bei meiner Heimkehr durch die Veränderung von der engen, geräuſchvollen Straße nach der angenehmen Um⸗ gebung von Bäumen, Feldern und dem Fluſſe zu über⸗ raſchen. Sie war voller Pläne für die Zukunft— voll von den Zeichnungen, die ſie vollendet; von den Käufern, die ich in der Provinz für dieſelben gefunden, und von den Schillingen und Sixpencen, die ſie geſpart hatte und die ihre Börſe ſo ſchwer machten, daß ſie mir dieſelbe ganz ſtolz zum Wägen hingab. Die günſtige Veränderung, die während der wenigen Tage meiner Abweſenheit mit ihr vorgegangen, war eine Ueberraſchung für mich, auf die ich ganz unvorbereitet war— und das unausſprech⸗ liche Glück, dieſelbe zu ſehen, hatte ich Marianne's Muthe und Marianne's Liebe zu danken. Als Laura uns verlaſſen und Marianne und ich ohne Rückhalt ſprechen konnten, verſuchte ich, der Dankbarkeit und Bewunderung, die mein Herz füllten, Ausdruck zu geben. Aber das großherzige Weib wollte mich nicht aus⸗ reden laſſen. Jenes erhabene Selbſtvergeſſen der Frauen, das ſo viel gibt und ſo wenig fordert, wandte alle ihre Gedanken von ſich ſelbſt ab mir zu. „Es blieb mir nur ein Augenblick vor Abgang der Poſt,“ ſagte ſie,„ſonſt hätte ich weniger haſtig geſchrieben. Du ſiehſt angegriffen und elend aus, Walter— ich fürchte, mein Brief hat Dich ernſtlich beunruhigt?“ „Nur im erſten Augenblicke,“ erwiderte ich.„Mein Gemüth beruhigte ſich durch mein Vertrauen auf Dich, Marianne. Muthmaßte ich recht, indem ich dieſe plötzliche Wohnungsveränderung einer drohenden Beläſtigung von Seiten Graf Fosco's zuſchrieb?“ 2 geſeher geſpro 5 ten?. hat ihn erzähle fahr je ſtube n und ich und ſo athmen der Ir 21 „N eben zu am Fer hinunte Augenb Gott, d bald ar nach de von der nen Um⸗ zu über⸗ t— voll Käufern, und von hatte und dieſelbe inderung, nheit mit nich, auf usſprech⸗ es Muthe ich ohne ankbarkeit sdruck zu nicht aus⸗ r Frauen, alle ihre gang der ſſchrieben. h fürchte, „Mein auf Dich, plötzliche gung von 115 „Vollkommen,“ entgegnete ſie;„ich habe ihn geſtern geſehen und, was noch ſchlimmer iſt, ich habe mit ihm geſprochen.“ „Haſt mit ihm geſprochen? Wußte er, wo wir wohn⸗ ten? Kam er ins Haus?“ „Ja. Er kam ins Haus, aber nicht hinauf. Laura hat ihn nicht geſehen; ſie argwöhnt nichts. Ich will Dir erzählen, wie es kam; ich glaube und hoffe, daß die Ge— fahr jetzt vorüber iſt. Geſtern, als Laura in der Wohn⸗ ſtube unſerer alten Wohnung am Tiſche ſaß und zeichnete und ich ordnend umherging, kam ich zufällig ans Fenſter und ſah im Vorbeigehen auf die Straße hinab. Da, auf der gegenüberliegenden Seite der Straße ſah ich den Grafen und einen Mann, mit dem er ſprach—“ „Bemerkte er Dich am Fenſter?“ „Nein— wenigſtens glaubte ich es nicht. Ich war zu heftig erſchrocken, um es genau zu ſehen.“ „Wer war der andere Mann? Ein Fremder?“ „Nein, Walter, kein Fremder. Sowie ich nur wieder athmen konnte, erkannte ich ihn. Er war der Beſitzer der Irrenanſtalt.“ „Zeigte der Graf ihm das Haus?“ „Nein; ſie unterhielten ſich, wie wenn ſie einander ſo⸗ eben zufällig auf der Straße begegnet wären. Ich blieb am Fenſter und ſchaute hinter der Gardine herum zu ihnen hinunter. Hätte ich mich umgewandt und Laura in dieſem Augenblicke mein Geſicht ſehen laſſen— aber ich danke Gott, daß ſie in ihre Zeichnung vertieft war! Sie gingen bald auseinander. Der Mann aus der Irrenanſtalt ging nach der einen Seite hin fort und der Graf nach der an⸗ 8* deren. Ich fing an zu hoffen, daß ſie durch Zufall in die Straße gekommen, als ich den Grafen zurückkommen, uns gegenüber abermals ſtill ſtehen, ſein Taſchenbuch heraus⸗ nehmen, etwas auf eine Karte ſchreiben und dann hinüber⸗ kommen und in den Laden unter uns gehen ſah. Ich lief an Laura vorbei, ehe ſie mich ſehen konnte und ſagte, ich habe etwas oben vergeſſen. Sobald ich aus dem Zimmer war, lief ich auf den Corridor hinunter und wartete— ich war entſchloſſen, ihn zurückzuhalten, falls er verſuchen würde, hinaufzukommen. Doch machte er den Verſuch nicht. Das Mädchen aus dem Laden kam durch die Ver⸗ bindungsthür in den Gang hinaus und brachte mir ſeine Karte— eine große vergoldete Karte mit ſeinem Namen und einer Krone darüber, und darunter dieſe Zeilen: «Theure Damey(ja! der Schurke unterſtand ſich noch jetzt, mich ſo anzureden)—«theure Dame,, ich bitte Sie drin⸗ gend, mir zu geſtatten, ein Wort mit Ihnen zu ſprechen, das uns Beide ſehr ernſtlich betrifft.) Wenn man in großen Schwierigkeiten überhaupt zu denken im Stande iſt, ſo denkt man ſchnell. Ich fühlte ſogleich, daß es ein un⸗ heilvolles Verſehen ſein könnte, falls ich im Dunkeln bliebe und Dich im Dunkeln ließe, wo ein Mann wie der Graf im Spiele war. Ich fühlte, daß die Ungewißheit über das, was er in Deiner Abweſenheit thun konnte, weit ſchlimmer zu ertragen wäre— falls ich mich weigerte, ihn zu ſehen, als das Zuſammentreffen, falls ich in daſſelbe willigte. «Erſuchen Sie den Herrn, im Laden zu warten, ſagte ich,«ich werde ſogleich zu ihm kommen.“ Ich lief hin⸗ auf, um meinen Hut zu holen, da ich entſchloſſen war, ihn nicht im Hauſe zu mir ſprechen zu laſſen. Ich kannte ſeine tiefe, Laura wenige die Ha gegen. Stirn! ſich ein ſeinen kleider ſtierten mir ins alte W kenden wie wer auseina T D „I gleich h ſprach, als die die Hän wäre! meinem ſeits ein Furcht, indem In der er von falls ich Ich ſchl fall in die men, uns h heraus⸗ hinüber⸗ Ich lief ſagte, ich Zimmer vartete— verſuchen Verſuch hdie Ver⸗ mir ſeine n Namen e Zeilen: noch jetzt, Sie drin⸗ ſprechen, nman in Stande iſt, s ein un⸗ keln bliebe der Graf über das, ſchlimmer zu ſehen, willigte. n,y» ſagte lief hin⸗ war, ihn unte ſeine 117 tiefe, durchdringende Stimme zu gut, und fürchtete, daß Laura dieſelbe ſelbſt vom Laden her hören würde. In weniger als einer Minute war ich wieder unten und hatte die Hausthür geöffnet. Er kam aus dem Laden mir ent⸗ gegen. Da ſtand er— in tiefer Trauer, mit ſeiner glatten Stirn und ſeinem tödtlichen Lächeln, und um ihn her hatten ſich ein paar müßige Knaben und Weiber verſammelt, die ſeinen großen Umfang, ſeine ſchönen ſchwarzen Trauer⸗ kleider und ſeinen Spazierſtock mit dem Goldknopfe an⸗ ſtierten. Die ganze entſetzliche Zeit in Vasüüaher kam mir ins Gedächtniß zurück, als ich ihn erblickte. Der ganze alte Widerwille überſchlich mich, als er mit einer ſchwen⸗ kenden Bewegung ſeinen Hut abnahm und mich anredete, wie wenn wir erſt geſtern auf dem freundſchaftlichſten Fuße anseinandergegangen wären.“ „Du erinnerſt Dich, was er ſagte?“ „Ich kann's nicht wiederholen, Walter. Du ſollſt ſo⸗ gleich hören, was er über Dich ſagte, aber wie er zu mir ſprach, kann ich nicht wiederholen. Es war noch ſchl immer, als die höfliche Impertinenz ſeines Briefes. Mir juckten die Hände, ihn zu ſchlagen, wie wenn ich ein Mann geweſen wäre! Ich konnte ſie nur davon abhalten, indem ich unter meinem Tuche ſeine Karte in Stücke zerriß. Ohne meiner⸗ ſeits ein Wort zu ſagen, ging ich vom Hauſe fort(aus Furcht, daß Laura uns erblicken könne); und er folgte mir, indem er mir fortwährend ſanfte Vorſtellungen machte. In der erſten Nebenſtraße ſtand ich ſtill und frug ihn, was er von mir verlange. Er verlangte zweierlei. Erſtens, falls ich nichts dagegen hätte, ſeine Gefühle ausz zuſprechen. Ich ſchlug es aus, ſie anzuhören. Zweitens, die Warnung 118 in ſeinem Briefe zu wiederholen. Ich frug, weshalb es nöthig ſei, ſie zu wiederholen. Er verbeugte ſich und lächelte und ſagte, er wolle es mir erklären. Dieſe Er⸗ klärung beſtätigte vollkommen die Befürchtungen, die ich ausſprach, ehe Du uns verließeſt. Ich ſagte Dir, wie Du Dich entſinnen wirſt, daß Sir Percival zu eigenſinnig ſein werde, um den Rath ſeines Freundes anzunehmen, wo Du im Spiele ſeieſt; und daß vom Grafen keine Gefahr zu fürchten, bis ſeine eigenen Intereſſen bedroht und er ſelbſt zum Handeln aufgereizt würde?“ „Ich entſinne mich, Marianne.“ „Nun, ſo iſt es auch richtig gekommen. Der Graf bot ihm ſeinen Rath an; aber derſelbe wurde zurückge⸗ wieſen. Sir Percival wollte nur ſeiner eigenen Heftigkeit, ſeiner Halsſtarrigkeit und ſeinem Haſſe gegen Dich folgen. Der Graf ließ ihm ſeinen Willen, nachdem er zuvor(für den Fall, daß zunächſt ſeine Intereſſen bedroht würden) heimlich ausgekundſchaftet hatte, wo wir wohnten. Man folgte Dir, Walter, an dem Abende, wo Du von Deiner erſten Reiſe nach Hampſhire zurückkehrteſt— eine Strecke von der Station ab waren es die Spione des Advocaten, von da an bis zu unſerm Hauſe aber der Gragf ſelbſt. Wie es ihm gelungen, nicht von Dir geſehen zu werden, hat er mir nicht geſagt; aber es war bei jener Gelegenheit und auf dieſe Weiſe, daß er uns fand. Nachdem er dieſe Entdeckung gemacht, ließ er ſie unbenutzt, bis er die Nach⸗ richt von Sir Percival's Tode erhielt— und dann begann er, wie ich Dir vorhergeſagt hatte, für ſich zu handeln, weil er glaubte, daß Du nun zunächſt den Mann angreifen wür⸗ deſt, der an dem Complote des Todten Theil genommen. Er tre der Ir den O befinde auch ir loſe ge wickeln gegen ſelbſt blicke; 2 20 doch mͦ Ich he danke Mann welche achtung nicht z gen m Wahrl tigkeit Walter Irrena wenn i falls n Flucht das S Einzige innern eshalb es ſich und Dieſe Er⸗ n, die ich „ wie Du innig ſein 1, wo Du Gefahr zu d er ſelbſt Der Graf zurückge⸗ Heftigkeit, ch folgen. uvor(für würden) n. Man on Deiner ne Strecke ldvocaten, raf ſelbſt. werden, delegenheit m er dieſe die Nach⸗ in begann deln, weil eifen wür⸗ enommen. 419 Er traf ſofort ſeine Vorbereitungen, um mit dem Beſitzer der Irrenanſtalt in London zuſammenzutreffen und ihn an den Ort zu führen, wo ſich ſeine weggelaufene Patientin befinde; in dem Glauben, daß die Folge hiervon, wie ſie auch immer enden möge, die ſein würde, Dich in end— loſe gerichtliche Streitigkeiten und Schwierigkeiten zu ver⸗ wickeln, und es Dir ſo unmöglich zu machen, Deine Angriffe gegen ihn zu richten. Dies war ſein Zweck, wie er mir ſelbſt bekannte. Das Einzige, was ihn im letzten Augen⸗ blicke zögern ließ—“ „Nun?“ „Es iſt hart, es eingeſtehen zu müſſen, Walter— und doch muß es ſein! Ich war der Gegenſtand ſeiner Rückſicht. Ich habe keine Worte, Dir zu ſagen, wie tief dieſer Ge⸗ danke mich demüthigt— aber die eine Schwäche in jenes Mannes eiſernem Charakter iſt die wirkliche Bewunderung, welche er für mich fühlt. Ich habe, um meiner Selbſt⸗ achtung willen, mich ſo lange wie möglich bemüht, dies nicht zu glauben; aber ſeine Blicke und Handlungen zwin⸗ gen mich zu der beſchämenden Ueberzeugung, daß es Wahrheit iſt. Die Augen jenes Ungeheuers von Schlech⸗ tigkeit wurden feucht, während er zu mir ſprach— ja, Walter! Er erklärte, daß in dem Augenblicke, wo er dem Irrenarzte das Haus zeigte, er meines Jammers gedachte, wenn ich von Laura getrennt würde, und der Verlegenheit, falls man mich dafür zur Rechenſchaft zöge, daß ich ihre Flucht bewerkſtelligt hatte— und daß er um meinetwillen das Schlimmſte riskirte, das Du ihm thun könnteſt. Das Einzige, worum er bat, war, daß ich mich des Opfers er⸗ innern und Deiner Unbeſonnenheit Einhalt thun möge— 120 aus Rückſicht für mich ſelbſt, eine Rückſicht, die er viel⸗ leicht nicht zum zweitenmale zu nehmen im Stande ſein würde. Ich traf keine ſolche Uebereinkunft mit ihm, ich wäre lieber geſtorben. Aber glaube ihm oder nicht— ob es nämlich wahr oder unwahr ſei, daß er den Doctor unter einem Vorwande fortgeſchickt— jedenfalls iſt es gewiß, daß ich den Mann ihn verlaſſen ſah, ohne ein einzigesmal nach unſeren Fenſtern oder auch nur nach unſerer Straßen⸗ ſeite hinüberzublicken.“ „Ich glaube es wohl, Marianne. Die beſten Menſchen ſind im Guten nicht conſequent,— wie ſollten es da die Schlimmſten im Böſen ſein? Zu gleicher Zeit aber habe ich ihn im Verdacht, Dich blos mit etwas erſchreckt zu haben, was er in Wirklichkeit gar nicht ausführen kann. Ich bezweifle, daß er im Stande iſt, uns jetzt, da Sir Percival todt und Mrs. Catherick frei von allem Zwange iſt, durch den Beſitzer der Irrenanſtalt Schwierigkeiten oder Unannehmlichkeiten zu bereiten. Doch laß mich wei⸗ ter hören. Was ſagte der Graf von mir?“ „Er ſprach von Dir zuletzt. Seine Augen wurden klarer und härter, und ſein Weſen, wie es mir früher oft erſchienen war— es veränderte ſich in jene Miſchung er⸗ barmungsloſer Entſchloſſenheit und theatraliſchen Hohnes, durch den er ſo unergründlich wird.„Warnen Sie Mr. Hartright,» ſagte er mit ſeiner hochtrabendſten Miene. «Er hat es mit einem Manne von Klugheit zu thun, einem Manne, der den Geſetzen und Gebräuchen der Geſellſchaft mit ſeinen großen dicken Fingern ein Schnippchen ſchlägt, falls er ſich mit mir meſſen will. Hätte mein armer ver⸗ ſtorbener Freund meinen Rath angehört, ſo wäre die Leichen⸗ ſchau me mein ar! Sie! Je Seele u tende Fl zu achten liche Fei Sei er z was ich will. L falls er Nach vo Fosco v Morgen mein Ge beugte ſ „Oh zufügen! „An eine Ben liſch auf Geſichte. unſeres noch wier ſchluſſe g (namentl entdeckt l Gefahr f ſo würd. ich wußte er viel⸗ inde ſein ihm, ich ht— ob or unter 8 gewiß, zigesmal Straßen⸗ Nenſchen 8 da die der habe greckt zu en kann. da Sir Zwange rigkeiten rich wei⸗ wurden iher oft ung er⸗ Hohnes, Sie Mr. Miene. , einem ellſchaft ſchlägt, ier ver⸗ Leichen⸗ 121 ſchau mit Mr. Hartright's Körper vorgenommen.— Aber mein armer verſtorbener Freund war halsſtarrig. Sehen Sie! Ich betraure ſeinen Verluſt— im Innern meiner Seele und auswendig auf meinem Hute. Dieſer unbedeu⸗ tende Flor drückt Gefühle aus, die ich Mr. Hartright zu achten auffordere. Dieſelben können ſich in unermeß⸗ liche Feindſeligkeit verändern, falls er ſie zu ſtören wagt. Sei er zufrieden mit Dem, was er erlangt hat— mit Dem, was ich ihm und Ihnen um Ihretwillen ungeſtört laſſen will. Sagen Sie ihm(mit meiner Empfehlung), daß, falls er mich anrührt, er es mit Fosco zu thun haben wird. Nach volksthümlicher Redeweiſe benachrichtige ich ihn, daß Fosco vor gar nichts zurückſcheut! Theure Dame, guten Morgen.» Seine kalten, grauen Augen hefteten ſich auf mein Geſicht— er nahm feierlich ſeinen Hut ab— ver⸗ beugte ſich entblößten Hauptes— und ging.“ „Ohne umzukehren? Ohne ſonſt noch etwas hinzu⸗ zufügen?“ „An der Ecke der Straße wandte er ſich um, machte eine Bewegung mit der Hand und legte ſie dann theatra⸗ liſch auf ſeine Bruſt. Darnach verlor ich ihn aus dem Geſichte. Er verſchwand in der entgegengeſetzten Richtung unſeres Hauſes, und ich eilte zu Laura zurück. Ehe ich noch wieder im Hauſe anlangte, war ich ſchon zu dem Ent⸗ ſchluſſe gekommen, daß wir fort müßten. Das Haus war (namentlich in Deiner Abweſenheit) jetzt, da der Graf es entdeckt hatte, anſtatt ein Zufluchtsort zu ſein, ein Ort der Gefahr für uns. Wäre ich Deiner Rückkehr gewiß geweſen, ſo würde ich es bis zu derſelben verſchoben haben. Aber ich wußte nichts mit Gewißheit und handelte daher ſofort — 122 nach meinem Impulſe. Du hatteſt, ehe Du uns verließeſt, davon geſprochen, daß Du um Laura's Geſundheit willen eine ruhigere Nachbarſchaft und reinere Luft ſuchen möch⸗ teſt. Ich brauchte ſie blos hieran zu erinnern und vorzu⸗ ſchlagen, daß wir Dich überraſchten und Dir Mühe er⸗ ſparten, indem wir den Umzug während Deiner Abweſen⸗ heit hielten, um ſie mit dem größten Eifer darauf eingehen zu ſehen. Sie half mir Deine Sachen einpacken— und ſie hat ſie alle hier in Deiner neuen Arbeitsſtube wieder hergeordnet.“ „Wie kamſt Du auf den Gedanken, hierher zu ziehen?“ „Durch meine Unkenntniß anderer Theile von London. Ich fühlte die Nothwendigkeit, möglichſt weit von unſerer alten Wohnung fortzugehen; und ich kannte Fulham etwas, weil ich hier früher einmal in Penſion war. Ich ſchickte in der Hoffnung, daß dieſe Penſion noch exiſtirte, einen Boten an die Beſitzerin derſelben ab. Die Schule exiſtirte, jedoch unter der Leitung der Töchter meiner alten Lehrerin, welche indeſſen, nach dem in meinem Briefe ausgeſproche⸗ nen Wunſche, dies Logis für mich mietheten. Es war gerade vor Abgang der Poſt, als der Bote mit der Adreſſe des Hauſes zurückkam. Wir zogen nach dem Dunkelwerden fort— und langten ganz unbemerkt hier an. Habe ich recht gethan, Walter? Habe ich Dein Vertrauen auf mich gerechtfertigt?“ Ich antwortete ihr mit der Wärme und Dankbarkeit, die ich in Wirklichkeit fühlte. Aber der ſorgenvolle Aus⸗ druck verließ ihr Geſicht noch immer nicht, während ich ſprach, und ihre erſte Frage, nachdem ich geendet, bezog ſich auf Graf Fosco. Ich Es entſch ihn, keir an ihm Mannes richtig r ſeiner u Furcht ſeiner F leiſer, il eifrigen über ſeit zu thun „Es wenige und ich über La ſich in folgten, Tod an der Fan und die gethan, gleich d ſie zu ve Bereich Ihr Wanger ſichte, n „I verließeſt, eit willen hen möch⸗ ind vorzu⸗ Mühe er⸗ Abweſen⸗ f eingehen en— und be wieder ziehen?“ London. n unſerer im etwas, ſch ſchickte rte, einen exiſtirte, Lehrerin, geſproche⸗ Es war r Adreſſe kelwerden Habe ich auf mich nkbarkeit, olle Aus⸗ hrend ich dezog ſich 123 Ich ſah, daß ſie jetzt in veränderter Weiſe an ihn dachte. Es entſchlüpfte ihr kein neuer Ausbruch des Zornes gegen ihn, keine neuen Bitten an mich, den Tag der Vergeltung an ihm zu beſchleunigen. Ihre Ueberzeugung, daß jenes Mannes haſſenswerthe Bewunderung für ſie wirklich auf⸗ richtig war, ſchien um das Hundertfache ihren Argwohn ſeiner unergründlichen Hinterliſt und ihre tiefgewurzelte Furcht vor der boshaften Energie und Wachſamkeit all ſeiner Fähigkeiten vermehrt zu haben. Ihre Stimme wurde leiſer, ihr Weſen zögernd, und ihre Augen laſen mit einer eifrigen Angſt in den meinigen, als ſie mich frug, was ich über ſeinen Auftrag an mich denke, und was ich demnächſt zu thun beabſichtige. „Es ſind ſeit meiner Unterredung mit Mr. Kyrle erſt wenige Wochen vergangen, Marianne,“ ſagte ich.„Als er und ich von einander ſchieden, waren meine letzten Worte über Laura zu ihm folgende:„Ihres Onkels Haus ſoll ſich in Gegenwart Aller, die dem falſchen Begräbniſſe folgten, öffnen, um ſie aufzunehmen; die Lüge, welche ihren Tod angibt, ſoll öffentlich und auf Befehl des Hauptes der Familie von dem Grabſteine wieder vertilgt werden; und die beiden Männer, welche ihr ſo bitteres Unrecht an⸗ gethan, ſollen mir für ihr Verbrechen Rede ſtehen, wenn⸗ gleich die Gerechtigkeit, die zu Gerichte ſitzt, machtlos iſt, ſie zu verfolgen.“ Der eine dieſer Männer iſt außer meinem Bereiche. Der andere lebt, und mein Entſchluß lebt.“ Ihre Augen leuchteten, und die Farbe ſtieg in ihre Wangen. Sie ſagte nichts. Doch ſah ich in ihrem Ge⸗ ſichte, wie ihre ganze Sympathie ſich an die meinige ſchloß. „Ich verhehle weder Dir noch mir,“ fuhr ich fort; 124 „daß unſere Ausſichten im höchſten Grade zweifelhaft ſind. Die Gefahren, denen wir bisher bereits ausgeſetzt geweſen, waren vielleicht Kleinigkeiten im Vergleich mit denen, die uns noch in Zukunft drohen— aber dennoch ſoll der Ver⸗ ſuch gewagt werden, Marianne. Ich bin nicht ſo unbe— ſonnen, mich mit einem Manne wie Graf Fosco meſſen zu wollen, ehe ich nicht wohl auf ihn vorbereitet bin. Ich habe Geduld gelernt; ich kann warten. Wir wollen ihn glauben laſſen, daß ſeine Botſchaft an mich ihre Wirkung gehabt; wollen ihn nichts von uns hören oder erfahren laſſen; wir wollen ihm volle Zeit geben, ſich ſicher zu fühlen — und ſein eigener prahleriſcher Charakter wird, wenn ich mich nicht ſehr in ihm getäuſcht habe, den Erfolg beſchleu⸗ nigen. Dies iſt ein Grund, um zu warten; aber ich habe noch einen wichtigeren. Meine Stellung, Marianne, Dir und Laura gegenüber, muß noch feſter ſein als ſie jetzt iſt, ehe ich unſere letzte Chance verſuche.“ Sie beugte ſich mit einem Blicke der Ueberraſchung zu mir herüber. „Wie kann ſie feſter werden?“ frug ſie. „Das will ich Dir ſagen, wenn die Zeit kommt,“ ent⸗ gegnete ich.„Bis jetzt iſt ſie noch nicht gekommen, und vielleicht kommt ſie niemals. Ich mag vielleicht zu Laura auf immer darüber ſchweigen, und ſelbſt zu Dir muß ich jetzt noch ſchweigen, bis ich ſehe, daß ich rechtſchaffener⸗ und redlicherweiſe ſprechen kann. Doch wollen wir den Gegen⸗ ſtand fallen laſſen. Ein Anderer hat noch dringenderes Recht an unſere Beachtung. Du haſt Laura— haſt ſie mitleidsvoll über ihres Mannes Tod in Unwiſſenheit ge⸗ laſſen— 5 O 2 „Ne ihr jetzt lich iſt, ſchone ſi darauf v „Di einen, de Mannes „Ja. „Eit dung ſtel — deſſen Sie Ausdruc jahende Sie traurigen Zärtlicht ihren feſ Seite au Gefährti „Ich ich bin es mitzuthei Sie in der ih verließ d daß ſein das Ung lhaft ſind. t geweſen, denen, die der Ver⸗ ſo unbe⸗ meſſen zu bin. Ich ollen ihn Wirkung erfahren zu fühlen wenn ich beſchleu⸗ ich habe me, Dir jetzt iſt, chung zu n,“ ent⸗ ten, und u Laura muß ich ter⸗ und Gegen⸗ genderes haſt ſie heit ge⸗ 125 „O Walter, muß ſie es nicht noch lange bleiben?“ „Nein, Marianne. Es wird beſſer ſein, daß Du es ihr jetzt ſagſt, als daß der Zufall, gegen den es uns unmög⸗ lich iſt, uns zu verwahren, es ihr ſpäter verriethe. Ver⸗ ſchone ſie mit den Einzelheiten— bereite ſie ſehr ſorgfältig darauf vor— aber ſage ihr, daß er todt iſt.“ „Du haſt noch außer dem Grunde, den Du angibſt, einen, der Dich wünſchen läßt, ſie von dem Tode ihres Mannes zu unterrichten, Walter?“ „Sa.“ „Einen Grund, der mit dem Gegenſtande in Verbin⸗ dung ſteht, deſſen wir noch nicht weiter erwähnen wollen? — deſſen vielleicht zu Laura niemals erwähnt werden ſoll?“ Sie ſagte dieſe letzten Worte mit bedeutungsvollem Ausdrucke, und mit einem ebenſolchen gab ich ihr die be⸗ jahende Antwort. Sie erbleichte— und ſchaute mich eine Weile mit einer traurigen, zögernden Theilnahme an. Eine ungewohnte Zärtlichkeit zitterte in ihren dunklen Augen und verlieh ihren feſten Lippen einen weicheren Ausdruck, als ſie zur Seite auf den leeren Seſſel blickte, in welchem die geliebte Gefährtin all unſerer Freuden und Schmerzen geſ eſſen hatte. „Ich glaube, ich verſtehe Dich,“ ſagte ſie.„Ich glaube, ich bin es Dir und ihr ſchuldig, ihr den Tod ihres Mannes mitzutheilen, Walter?“ Sie ſeufzte und hielt einen Augenblick meine Hand feſt in der ihrigen— dann ließ ſie dieſelbe plötzlich ſinken und verließ das Zimmer. Am folgenden Tage wußte Laura, daß ſein Tod ſie freigegeben, und daß der Irrthum und das Unglück ihres Lebens mit ihm begraben ſeien. 126 Sein Name wurde unter uns nicht mehr erwähnt. mit dem Wir vermieden fortan die geringſte Annäherung an den tern ver! Umſtand ſeines Todes; und ebenſo gewiſſenhaft enthielten Monate Marianne und ich uns jeder Erwähnung jenes andern langſame Gegenſtandes, deſſen wir fürs Erſte nicht wieder zu ge⸗ Vorſichts denken übereingekommen waren. Derſelbe war deshalb zu erfüll uns nicht weniger gegenwärtig— er wurde im Gegentheil Die durch die Zurückhaltung, die wir uns auferlegt, noch leben⸗ Grafen à iger erhalten. Wir beobachteten Beide Laura aufmerk⸗ möglich; 1 ſamer denn je; einmal wartend und hoffend, dann wieder land— wartend und fürchtend— bis die Zeit käme. reiches— Allmälig kehrten wir wieder zu unſerer gewohnten Le⸗ Mittel, d 4 bensweiſe zurück. Ich nahm die tägliche Arbeit wieder St. Johr auf, welche ich durch meine Abweſenheit in Hampſhire ſchaft me unterbrochen hatte. Unſere neue Wohnung koſtete mehr welcher K als die kleinere und weniger bequeme, welche wir ver⸗ hatte, in laſſen hatten; und die Nothwendigkeit verdoppelter An⸗ Nummer ſtrengungen wurde noch durch das Zweifelhafte unſerer Die Antt ferneren Ausſichten vermehrt. Es konnten ſich dringende mich, da Fälle ereignen, die unſer kleines Vermögen beim Bankier Contract erſchöpfen würde, und die Arbeit meiner Hände mochte am Juni näc Ende das Einzige ſein, worauf wir für unſern Unterhalt waren jet rechnen durften. Es war für unſere Stellung nothwendig, verließ de daß ich mich nach einer feſteren und einträglicheren Be⸗ Graf wer ſchäftigung umſah, als mir bisher zu Theil geworden— Die eine Nothwendigkeit, welcher nachzukommen ich mich jetzt führte me nach Kräften bemühte. verſproche Man denke nicht, daß ich in dem Zwiſchenraume von in Bezug Ruhe und Zurückgezogenheit, von welchem ich jetzt ſchreibe, zutheilen, ganz und gar die Verfolgung des einen Zweckes aufgab, zu verſch! erwähnt. ig an den enthielten es andern der zu ge⸗ r deshalb Gegentheil och leben⸗ aufmerk⸗ un wieder öhnten Le⸗ eit wieder dHampſhire tete mehr wir ver⸗ helter An⸗ ee unſerer dringende Bankier nochte am Unterhalt thwendig, heren Be⸗ dvorden— mich jetzt aume von t ſchreibe, Zaufgab, mit dem alle meine Gedanken und Abſichten in dieſen Blät⸗ tern verknüpft ſind. Dieſer Zweck ließ während vieler Monate nicht nach in ſeinen Forderungen an mich. Das langſame Reifen deſſelben ließ mir noch immer Zeit, eine Vorſichtsmaßregel zu treffen, eine Pflicht der Dankbarkeit zu erfüllen und eine zweifelhafte Frage zu loſen. Die Vorſichtsmaßregel bezog ſich natürlich auf den Grafen Fosco. Es war von der höchſten Wichtigkeit, wo möglich zu erfahren, ob ſeine Pläne ihn nöthigten, in Eng⸗ land— oder mit anderen Worten innerhalb meines Be⸗ reiches— zu bleiben. Es gelang mir durch ſehr einfache Mittel, dieſen Zweifel zu löſen. Da mir ſeine Adreſſe in St. John's Wood bekannt war, ſtellte ich in der Nachbar⸗ ſchaft meine Nachfragen an; und als ich ausfindig gemacht, welcher Hausagent über das möblirte Haus zu verfügen hatte, in dem der Graf wohnte, frug ich denſelben, ob Nummer 5, Foreſt Road, bald zu vermiethen ſein werde. Die Antwort war eine verneinende. Man unterrichtete mich, daß der fremde Herr, welcher es bewohne, ſeinen Contract auf ſechs Monate erneuert habe und bis Ende Juni nächſten Jahres dort wohnen bleiben werde. Wir waren jetzt erſt im Anfange des Monat December. Ich verließ den Agenten mit beruhigtem Gemüthe, daß mir der Graf wenigſtens fürs Erſte nicht entwiſchen werde. Die Pflicht der Dankbarkeit, die ich zu erfüllen hatte, führte mich nochmals zu Mrs. Clements. Ich hatte ihr verſprochen, wiederzukommen und ihr jene Einzelheiten in Bezug auf Anna Catherick’s Tod und Begräbniß mit⸗ zutheilen, welche ich ihr in unſerer erſten Unterredung zu verſchweigen genöthigt war Unter den jetzigen verän⸗ derten Umſtänden lag kein Hinderniß im Wege, daß ich der guten Frau ſo viel von der Geſchichte des Anſchlages anvertraute, wie zum Verſtändniſſe der Sache nothwen⸗ dig war. Sowohl meine Theilnahme als meine freundſchaftlichen Gefühle für die arme Frau drängten mich zur ſchnellen Erfüllung dieſer Pflicht— und ich erfüllte ſie ſorgfältig und gewiſſenhaft. Es iſt unnöthig, dieſe Blätter noch mit Dem zu beladen, was ſich bei dieſer Unterredung zutrug. Es wird mehr zur Sache gehörig ſein, wenn ich ſage, daß dieſelbe mich nothwendigerweiſe an die eine ſchwebende Frage erinnerte, die noch ungelöſt geblieben — die Frage nämlich, wer Anna Cathericks Vater ge⸗ weſen. Eine Menge kleiner Betrachtungen in Verbindung mit dieſem Gegenſtande— die an ſich unbedeutend genug, zu⸗ ſammengenommen aber von auffallender Bedeutung wa⸗ ren— hatten mich neuerdings zu einer Muthmaßung ge⸗ führt, die ich zu beſtätigen beſchloß. Ich erhielz⸗ Erlaubniß von Mariannen, an Major Donthorne auf Varnek Hall zu ſchreiben(in deſſen Hauſe Mrs. Catherick einige Jahre vor ihrer Verheirathung gedient hatte), um gewiſſe Fra⸗ gen an ihn zu thun. Ich that dies in Marianne's Namen und entſchuldigte mein Erſuchen dadurch, daß die Sache für gewiſſe perſönliche Intereſſen der Familie von Wich⸗ tigkeit ſei. Ich wußte nicht, als ich den Brief ſchrieb, ob Major Donthorne noch am Leben ſei; ich ſchickte ihn auf gut Glück ab, daß er lebe und ſowohl im Stande als ge⸗ neigt ſein werde, mir zu antworten. Nach Verlauf von zwei Tagen kam der Beweis in der Geſtalt war un Der und die ner Ant folgende Erſt Blackwa Varneck horne u unbekam Zwe von Lim Donthor weſen. daß er i Major? Fairlie i ſucht he October dort, ſor kehrte er in der ve Varneck An ſ ringem p wiſſen T vollkomn Schluſſe, Nach Wilkie Coll „daß ich Anſchlages nothwen⸗ ſchaftlichen r ſchnellen ſorgfältig lätter noch nterredung ein, wenn in die eine geblieben Vater ge⸗ ndung mit genug, zu⸗ utung wa⸗ naßung ge⸗ Erlaubniß arnek Hall nige Jahre wiſſe Fra⸗ s Namen die Sache von Wich⸗ ſchrieb, ob kte ihn auf de als ge⸗ veis in der 129 Geſtalt eines Briefes, daß der Major lebte und bereit war uns zu helfen. Der Gedanke, welcher meinen Brief an ihn dictirt, und die Beſchaffenheit meiner Fragen wird leicht aus ſei⸗ ner Antwort entnommen werden können. Dieſelbe enthielt folgende wichtige Thatſachen: Erſtens war„der verſtorbene Sir Percival Glyde von Blackwater Park“ in ſeinem Leben mit keinem Fuße in Varneck Hall geweſen. Derſelbe war dem Major Dont⸗ horne und ſeiner ganzen Familie perſönlich vollkommen unbekannt geweſen. Zweitens war„der verſtorbene Mr. Philipp Fairlie von Limmeridge Houſe“ in ſeinen jüngeren Tagen Major Donthorne's vertrauter Freund und häufiger Gaſt ge⸗ weſen. Nachdem er ſein Gedächtniß dadurch aufgefriſcht, daß er in alten Briefen und Papieren nachgeſehen, konnte Major Donthorne mit Gewißheit ſagen, daß Mr. Philipp Fairlie ihn im Monat Auguſt 1826 in Varneck Hall be⸗ ſucht hatte und während der Monate September und October dört zur Jagd geblieben war. Er reiſte dann von dort, ſoviel der Major ſich erinnerte, nach Schottland und kehrte erſt nach geraumer Zeit einmal wieder, und zwar in der veränderten Eigenſchaft eines Neuvermählten, nach Varneck Hall zurück. An ſich ſelbſt war dieſe Mittheilung vielleicht von ge⸗ ringem poſitiven Werthe— aber in Verbindung mit ge⸗ wiſſen Thatſachen, die ſowohl Mariannen wie mir als vollkommen richtig bekannt waren— führte ſie zu einem Schluſſe, der für uns augenfällig war. uchden uns jetzt bekannt geworden, daß Mr. Philipp Wilkie Collins, Die Frau in Weiß“ 68 9 Fairlie im Herbſte des Jahres 1826 ſich als Gaſt in Varneck Hall aufgehalten, wo zur ſelben Zeit Mrs. Ca⸗ therick im Dienſte geweſen, wußten wir außerdem:— erſtens, daß Anna Catherick im Juni 1827 geboren war: zweitens, daß ſie ſtets eine ganz auffallende perſönliche Aehnlichkeit mit Laura gehabt; und drittens, daß Laura ſelbſt ein genaues Ebenbild ihres Vaters geweſen. Mr. Philipp Fairlie war einer der für ihre Schönheit berühm⸗ ten Männer ſeiner Zeit geweſen. Indem er ſeinen Ge⸗ müthsanlagen nach ſeinem Bruder Frederick vollkommen unähnlich, war er der verzogene Liebling der Geſellſchaft, beſonders aber der Frauen— ein gefälliger, warmherzi⸗ ger, liebenswürdiger Mann; großmüthig bis zum Fehler, ohne beſonders feſte Grundſätze und bekannt als durchaus rückſichtslos in Bezug auf moraliſche Verbindlichkeiten gegen Frauen. Dies waren die uns bekannten Facta und dies der Charakter des Mannes. Gewiß bedarf doch der hieraus ſich ergebende klare Schluß keiner näheren Er⸗ klärung? In dem neuen Lichte, welches mir jetzt aufgegangen, trug Mrs. Catherick's Brief wider ihren Willen ſein Schärf⸗ lein dazu bei, mich in dieſer meiner Ueberzeugung zu be⸗ ſtärken. Sie hatte Mrs. Fairlie(in ihrem Briefe an mich) als„häßlich“ beſchrieben und hinzugefügt, daß ſie„dem ſchönſten Manne in England ſo lange Fallen gelegt, bis er ſie geheirathet habe.“ Beide Behauptungen waren un⸗ aufgefordert von ihr gemacht worden, und beide waren falſch. Eiferſüchtiger Haß(der in einer Frau wie Mrs. Catherick ſich lieber in kleinlicher Bosheit Luft machte, als daß ſie ihn gar nicht ausgeſprochen hätte) ſchien mir die einzige! ihrer E die eine Die noch ein Kind de Limmeri Maꝛ dend. 2 früher e Anna's Zuneigu allen Zy Es ſchei einem V Frau. therick ge gen hatt Stolzes wollte, d ungebore reſpondir Als ich jener die Seele Ehrfurch an ihren unheilvol Vaters g Werkzeug s Gaſt in Mrs. Ca⸗ rdem:— oren war: perſönliche daß Laura ſen. Mr. t berühm⸗ einen Ge⸗ ollkommen eſellſchaft, darmherzi⸗ m Fehler, durchaus dlichkeiten Facta und doch der heren Er⸗ gegangen, n Schärf⸗ ng zu be⸗ an mich) ſie„dem gelegt, bis varen un⸗ de waren wie Mrs. nachte, als i mir die einzige begreifliche Urſache für die beſondere Impertinenz ihrer Erwähnung von Mrs. Fairlie, unter Umſtänden, die eine ſolche Erwähnung in keiner Weiſe nöthig machten. Die Erwähnung von Mrs. Fairlie's Namen hier bringt noch eine andere Frage in Anregung. Ahnte ſie je, weſſen Kind das kleine Mädchen ſein mochte, das man nach Limmeridge brachte? Marianne's Zeugniß über dieſen Punkt war entſchei⸗ dend. Mrs. Fairlie's Brief an ihren Gemahl, der mir früher einmal vorgeleſen worden— der Brief, welcher Anna's Aehnlichkeit mit Laura beſchrieb und ihrer eigenen Zuneigung zu der kleinen Fremden erwähnte— war ohne allen Zweifel in vollkommener Herzensunſchuld geſchrieben. Es ſcheint ſogar fraglich, ob Mr. Philipp Fairlie ſelbſt einem Verdachte der Wahrheit näher geweſen als ſeine Frau. Der abſcheuliche Betrug, unter welchem Mrs. Ca⸗ therick geheirathet und die Urſache, welche ſie dazu bewo⸗ gen hatte, ließ ſie Vorſicht halber oder auch vielleicht Stolzes halber ſchweigen— ſelbſt wenn man annehmen wollte, daß ſie im Stande geweſen, mit dem Vater ihres ungeborenen Kindes während ſeiner Abweſenheit zu cor⸗ reſpondiren. Als dieſe Vermuthung ſich mir aufdrängte, gedachte ich jener Worte der heiligen Schrift, die uns Allen oft vor die Seele getreten ſind und uns mit Schrecken und mit Ehrfurcht erfüllt haben:„Die Sünden der Väter ſollen an ihren Kindern heimgeſucht werden.“ Wäre nicht die unheilvolle Aehnlichkeit zwiſchen den beiden Töchtern eines Vaters geweſen, ſo hätte der Anſchlag, deſſen unſchuldiges Werkzeug Anna und deſſen unſchuldiges Opfer Laura ge⸗ 9* 13²2 weſen, nie erdacht werden künnen. Mit wie unfehlbarer, ſicherer Geradheit führte nicht die lange Kette von Er⸗ eigniſſen von des Vaters rückſichtsloſem Unrecht zu des Kindes herzbrechenden Leiden hinab! Dieſe Gedanken und andere in ihrer Begleitung führ⸗ ten meinen Geiſt fort nach dem kleinen Friedhofe in Cum⸗ berland, wo Anna Catherick begraben lag. Ich dachte an jene vergangene Zeit, wo ich ſie an Mrs. Fairlie's Grabe gefunden, und zum letztenmale mit ihr zuſammengekom⸗ men war; an ihre armen, hülfloſen Hände, wie ſie ſich auf den Grabſtein legten, und an ihre müden, ſehnſüchti⸗ gen Worte, die ſie ihrer todten Beſchützerin und Freundin zumurmelte.„O, wenn ich doch ſterben könnte und bei Ihnen ruhen!“ Wenig mehr als ein Jahr war vergangen, ſeit ſie jenen Wunſch geflüſtert; und auf wie unerforſch⸗ liche, furchtbare Weiſe war er bereits erfüllt! Die Worte, die ſie am Ufer des Sees zu Laura geſprochen, ſie waren wahr geworden.„O, wenn ich doch nur bei Ihrer Mutter liegen könnte! Wenn ich doch an ihrer Seite erwachen dürfte, wenn des Engels Poſaune ſchmettert und die Grä⸗ ber ihrer Todten wieder herausgeben.“ Durch welche tödt⸗ liche Verbrechen und Schrecken, durch welche dunkle Wen⸗ dungen des Weges zum Tode war das verlaſſene Weſen unter Gottes Leitung in jene letzte Heimat eingegangen, welche ſie lebend nie zu erreichen gehofft hatte! In dieſer heiligen Ruhe laſſe ich ſie liegen— ſie bleibe ungeſtört bei ihrer todten Freundin!—— Und ſo ſinkt die geſpenſtiſche Geſtalt, welche durch dieſe Blätter geſchlichen und mein Leben unheimlich ge⸗ macht hat, hinab in die undurchdringliche Finſterniß. Wie ein der Na⸗ Einſam Es Monat Die friedlich meiner l Beſchäft ſer Lebe vollen 1 ſchwer i ne's fro Charakte Freiheit Laur Schweſt welche ſi machte. ſicht ſo f der Aus⸗ ber ihre deſſelben tung entt plotes, d fehlbarer, von Er⸗ ht zu des ung führ— in Cum⸗ dachte an vs Grabe nengekom⸗ ie ſie ſich ſehnſüchti⸗ Freundin e und bei dergangen, nerforſch⸗ die Worte, ſie waren er Mutter erwachen die Grä⸗ elche tödt⸗ nkle Wen⸗ ene Weſen ggegangen, In dieſer ungeſtört lche durch imlich ge⸗ Finſterniß. Wie ein Schatten kam ſie zuerſt zu mir in der Stille der Nacht. Wie ein Schatten ſchwindet ſie dahin in der Einſamkeit des Todes. XIV. Es vergingen vier Monate. Der April kam— der Monat des Frühlings, der Monat des Wechſels. Die Zeit war uns während des Winterzwiſchenraumes friedlich und glücklich zu Hauſe vergangen. Ich hatte von meiner langen Muße guten Gebrauch gemacht, hatte meine Beſchäftigungshülfsquellen bedeutend erweitert und un⸗ ſer Lebensunterhalt ſicherer begründet. Von der angſt⸗ vollen Ungewißheit und Bangigkeit befreit, welche ſie ſo ſchwer und ſo lange bedrückt hatte, erholten ſich Marian⸗ ne's frohe Lebensgeiſter, und die natürliche Energie ihres Charakters machte ſich wieder geltend mit etwas von der Freiheit und Kraft früherer Zeiten. Laura, die unter dem Wechſel fügſamer war, als ihre Schweſter, zeigte auch noch deutlicher die Fortſchritte, welche ſie unter dem heilenden Einfluſſe ihres neuen Lebens machte. Das abgezehrte, elende Ausſehen, das ihr Ge⸗ ſicht ſo frühzeitig gealtert hatte, verließ daſſelbe bald; und der Ausdruck, welcher in früheren Zeiten der größte Zau⸗ ber ihres Geſichtes geweſen, war der erſte der Reize deſſelben, die jetzt wiederkehrten. Meine genaueſte Beobach⸗ tung entdeckte nur eine ernſte Folge des ſchändlichen Com⸗ plotes, das einſt ihr Leben und ihre Vernunft bedroht. 34 Ihre Erinnerung der Ereigniſſe von dem Augenblicke an, wo ſie Blackwater Park verlaſſen bis zu dem, wo wir im Friedhofe zu Limmeridge einander gegenübergeſtanden, war hoffnungslos entſchwunden. Bei der geringſten Hin⸗ deutung auf jene Zeit zitterte ſie und veränderte ſie ſich noch immer; ihre Worte wurden verwirrt; ihr Gedächtniß wanderte irr umher und verlor ſich ſo hülflos wie je. Hier — und nur hier allein— lagen die Spuren der Ver⸗ gangenheit zu tief, um ſich verwiſchen zu laſſen. In allem Uebrigen hatte ſie ſich jetzt in dem Grade erholt, daß ſie an ihren beſten Tagen zuweilen wieder ſprach und ausſah, wie die Laura Fairlie vergangener Zeiten. Die glückliche Veränderung hatte ihren natür⸗ lichen Erfolg bei uns beiden. Auf ihrer Seite und auf der meinigen erwachten jetzt aus ihrem langen Schlummer jene unauslöſchlichen Erinnerungen unſeres früheren Le⸗ bens in Cumberland, die alle dieſelben waren— die Erinnerungen an unſere Liebe. Allmälig und unmerklich wurden unſere täglichen Be⸗ ziehungen zueinander gezwungener. Die liebevollen Worte, welche ich in den Tagen ihres Leidens und Kummers auf ſo natürliche Weiſe zu ihr geſprochen, fielen jetzt zagend von meinen Lippen. Zur Zeit, wo meine Angſt, ſie zu verlieren in meinem Geiſte am lebhafteſten war, hatte ich ſie ſtets zum Morgen⸗ und zum Abendgruße geküßt. Die⸗ ſer Kuß ſchien jetzt fort— aus unſerm Leben verloren zu ſein. Unſere Hände fingen wieder an zu zittern, wenn ſie ſich begegneten. Wir ſahen einander ſelten lange an, wenn Marianne nicht zugegen war, und ſchwiegen in der Unter⸗ haltung. Wenn ich ſie durch Zufall berührte, begann mein Herz ſch ich ſah d ſteigen, ſchaften Cumberl gens und zu, wem ertappte vernachle träumte, gemacht, ich Mr. pflegte, eben fert jetzt wa⸗ goldenen wachen in Limm uns auf ten heim Zu Worte z noch imn ihre frei Sanftm ſchon zu wahrzun weſen— mit Zage ich, daß blicke an, d wir im geſtanden, ſten Hin⸗ e ſie ſich dedächtniß je. Hier der Ver⸗ i Grade n wieder gangener n natür⸗ und auf hlummer jeren Le⸗ — die chen Be⸗ n Worte, mers auf zt zagend t, ſie zu hatte ich st. Die⸗ lloren zu wenn ſie an, wenn er Unter⸗ un mein Herz ſchneller zu ſchlagen, wie ehedem in Limmeridge— ich ſah die liebliche erwidernde Roſenglut in ihre Wangen ſteigen, wie wenn wir wieder in unſeren ehemaligen Eigen⸗ ſchaften als Lehrer und Schülerin in den Hügeln von Cumberland geweſen. Sie hatte Zeiten langen Schwei⸗ gens und langer Nachdenklichkeit und geſtand dies nicht zu, wenn Marianne ſie um ihre Gedanken befragte. Ich ertappte mich eines Tages dabei, daß ich meine Arbeit vernachläſſigte und über der kleinen Waſſerfarbenſkizze träumte, die ich von ihr in dem kleinen Sommerhäuschen gemacht, in dem wir einander zuerſt geſehen— gerade wie ich Mr. Fairlie's Zeichnungen früher zu vernachläſſigen pflegte, um daſſelbe Porträt zu betrachten, das damals eben fertig geworden war. So verändert die Verhältniſſe jetzt waren, ſchien unſere Stellung zueinander in den goldenen Tagen unſeres erſten Umganges mit dem Er⸗ wachen unſerer Liebe wieder dieſelbe zu werden, die ſie in Limmeridge Houſe geweſen. Es war, als ob die Zeit uns auf dem Wrack unſerer erſten Hoffnungen an die al— ten heimiſchen Ufer zurückgetrieben habe! Zu jedem andern Weibe hätte ich die entſcheidenden Worte zu ſprechen vermocht, die zu ihr zu ſprechen ich noch immer zögerte. Die gänzliche Hülfloſigkeit ihrer Lage, ihre freundliche Abhängigkeit von all der nachſichtigen Sanftmuth, die ich ihr erzeigen konnte; meine Beſorgniß, ſchon zu früh ein heimliches Gefühl zu berühren, das wahrzunehmen mein Mannesinſtinct nicht zart genug ge⸗ weſen— dieſe und ähnliche Betrachtungen erfüllten mich mit Zagen und ließen mich ſchweigen. Und dennoch wußte ich, daß der Zwang von beiden Seiten ein Ende haben, 136 daß die Beziehung, in der wir zueinander ſtanden, auf eine beſtimmte Weiſe für die Zukunft verändert werden müſſe; und daß es zuerſt meine Sache ſei, die Nothwen⸗ digkeit dieſer Veränderung anzuerkennen. Je mehr ich an unſere Stellung dachte, deſto ſchwerer erſchien mir der Verſuch, dieſelbe zu ändern, ſo lange die häuslichen Verhältniſſe, in denen wir alle Drei während des Winters zuſammen gelebt, ungeſtört blieben. Ich kann mir den launenhaften Gemüthszuſtand nicht erklären, aus dem dies Gefühl ſich entſpann— aber es hatte ſich der Gedanke bei mir feſtgeſetzt, daß irgend eine Veränderung des Aufenthaltes und der Verhältniſſe, irgend eine plötz⸗ liche Störung der ruhigen Einförmigkeit unſeres Lebens, die ſo eingerichtet würde, daß dadurch unſer häuslicher Umgang ein ganz verſchiedenes Ausſehen bekäme, mir einen Weg zum Sprechen bahnen und es für Laura und Marianne leichter und weniger verlegen machen würde, zu hören. Mit dieſem Zwecke im Auge ſagte ich eines morgens, ich denke, wir hätten Alle eine kleine Zerſtreuung und Ortsveränderung verdient. Nach einiger Ueberlegung wurde beſtimmt, daß wir auf vierzehn Tage an die See⸗ küſte gehen wollten. Demzufolge verließen wir Fulham am folgenden Tage und reiſten nach einer ſtillen Seeſtadt an der Südküſte. Zu dieſer frühen Jahreszeit waren wir die einzigen Bade⸗ gäſte. Die Klippen, der Strand und die Spaziergänge waren alle ſo einſam, wie dies uns am willkommenſten war. Die Luft war milde; die Ausſicht über Hügel, Holz und Dünen lag in der lieblichen Abwechſelung des April⸗ lichtes vor un kehr de Ich ziehen, ſie leite An Gelegen blicke, Blick, in meit und G D „ Deiner „Ich h zur Sp in unſe ter; ſo Ich ſeh wie La ſeltſame zu ſein und der wiederu Zimme len die „It leiten,“ aberma ihm lei nden, auf t werden Nothwen⸗ ſchwerer lange die während Ich kann iren, aus ſich der änderung ine plötz⸗ Lebens, däuslicher me, mir aura und würde, morgens, hung und derlegung die See⸗ den Tage Südküſte. in Bade⸗ ziergänge nmenſten gel, Holz es April⸗ 137 lichtes und Schattens da, und die unruhige See tanzte vor unſeren Fenſtern, wie wenn auch ſie ſich der Wieder⸗ kehr der Wärme und des Frühlings freute. Ich war es Mariannen ſchuldig, ſie zu Rathe zu ziehen, ehe ich mit Laura ſpräch, um mich dann durch ſie leiten zu laſſen. Am dritten Tage nach unſerer Ankunft fand ich eine Gelegenheit, allein mit ihr zu ſprechen. In dem Augen⸗ blicke, wo wir einander anſahen, entdeckte ihr ſchneller Blick, noch ehe ich den Gedanken ausſprechen konnte, was in meinem Geiſte vorging. Mit ihrer gewohnten Energie und Geradheit ſprach ſie ſofort und zuerſt. „Du denkſt an jenen Gegenſtand, deſſen wir am Abende Deiner Heimkehr aus Hampſhire erwähnten,“ ſagte ſie. „Ich habe ſchon ſeit einiger Zeit erwartet, daß Du ihn zur Sprache bringen würdeſt. Es muß eine Veränderung in unſerm kleinen Haushalte vorgenommen werden, Wal⸗ ter; ſo wie es jetzt iſt, kann es nicht lange mehr bleiben. Ich ſehe dies ebenſo deutlich wie Du— ebenſo deutlich wie Laura es einſieht, obgleich ſie nichts ſagt. Auf wie ſeltſame Weiſe die alte Zeit in Cumberland zurückgekehrt zu ſein ſcheint! Du und ich, wir ſind wieder zuſammen, und der eine Gegenſtand des Intereſſes zwiſchen uns iſt wiederum Laura. Ich könnte mir faſt einbilden, daß dies Zimmer das Sommerhäuschen zu Limmeridge und jene Wel⸗ len die Wellen wären, welche unſern Strand beſpülten.“ „In jenen Tagen ließ ich mich durch Deinen Rath leiten,“ ſagte ich,„und jetzt, Marianne, will ich mich abermals— nur mit dem zehnfachen Vertrauen— von ihm leiten laſſen.“ Sie antwortete, indem ſie meine Hand drückte. Ich ſah, daß ſie tief bewegt war durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Wir ſaßen nebeneinander am Fenſter, und während ich ſprach und ſie zuhörte, ſchauten wir hinaus auf die Pracht des Sonnenlichtes und die Maje⸗ ſtät des weiten Meeres. „Was auch nach dieſer Unterredung zwiſchen uns kom⸗ men möge,“ ſagte ich,„ob ſie für mich glücklich oder ſchmerzlich ende, Laura's Wohl wird ſtets das Intereſſe meines Lebens ſein. Wenn wir dieſen Ort verlaſſen— und in welchen gegenſeitigen Beziehungen dies auch ſei — ſo kehrt mein Entſchluß, das Bekenntniß, welches uns nicht möglich war, von ſeinem Mitſchuldigen zu erlangen, aus Graf Fosco herauszubringen, mit mir nach London zu⸗ rück, ſo gewiß, wie ich ſelbſt zurückkehre. Es iſt uns bei⸗ den unmöglich zu ſagen, was er gegen mich thun wird, wenn ich ihn in die Enge treibe; wir wiſſen nur nach ſeinen eigenen Worten und Handlungen, daß er mich durch Laura ohne einen Augenblick des Zögerns oder Bedenkens zu treffen im Stande iſt. In unſerer jetzigen Stellung habe ich kein Anrecht an ihr, das die Geſellſchaft billigt und das Geſetz anerkennt, um mich ihm zu widerſetzen und ſie zu ſchützen. Ich bin dadurch in einer höchſt unvortheilhaften Lage. Falls ich in der feſten Ueberzeugung von Laura's Sicherheit mich mit dem Grafen in einen Kampf ein⸗ laſſen ſoll, ſo muß dieſer Kampf für mein Weib geſchehen. Biſt Du ſoweit mit mir einverſtanden, Marianne?“ „Vollkommen,“ entgegnete ſie. „Ich will nicht aus meinem eigenen Herzen bitten,“ fuhr ich fort;„ich will mich nicht auf die Liebe berufen, die alle ich will als von was ich Grafen unſere weiſen, ſelbſtſüc Aber ich mögen in unſer gefährli⸗ nach ihrn Du ſie „Ne vergeben „W legen die gefallen, ſie wiede rücknehn Schulki mit ihre Wir we und ihr in beide gezeichne dies Er Fairlie men, ſie te. Ich rung an Fenſter, ten wir Maje⸗ us kom⸗ ich oder Intereſſe ſſen— auch ſei hes uns rlangen, ndon zu⸗ uns bei⸗ n wird, h ſeinen h Laura kens zu ng habe und das dſie zu ilhaften Laura's pf ein⸗ ſchehen. 274 bitten,“ verufen, 139 die alle Wechſel und alle Erſchütterungen überlebte— ich will meine Rechtfertigung dafür, daß man von ihr als von meinem Weibe ſpreche, nur auf das begründen, was ich ſoeben geſagt habe. Falls die Ausſicht, dem Grafen ein Geſtäudniß abzuzwingen, wie ich es glaube, unſere letzte iſt, um Laura's Exiſtenz öffentlich zu be⸗ weiſen, ſo iſt dadurch von uns beiden der am wenigſten ſelbſtſüchtige Grund für unſere Vermählung anerkannt. Aber ich mag mich täuſchen in meiner Ueberzeugung; es mögen noch andere Mitteh, um unſern Zweck zu erreichen, in unſerer Macht liegen, die weniger unſicher und weniger gefährlich ſind. Ich habe aufmerkſam in meinem Geiſte nach ihnen geſucht— und habe ſie nicht gefunden. Haſt Du ſie gefunden?“ „Nein. Ich habe ebenfalls darüber nachgedacht, aber vergebens.“ „Wahrſcheinlich,“ fuhr ich fort,„ſind Dir beim Ueber⸗ legen dieſes ſchwierigen Gegenſtandes dieſelben Fragen ein⸗ gefallen, die ſich auch mir darboten. Sollten wir, jetzt, da ſie wieder ausſieht wie ſie ſelbſt, ſie nach Limmeridge zu rücknehmen und auf das Erkennen der Dorfleute und der Schulkinder hoffen? Sollten wir den practiſchen Verſuch mit ihrer Handſchrift anſtellen? Geſetzt, wir thäten dies. Wir wollen annehmen, daß dies Erkennen ſtattgefunden und ihre Handſchrift erkannt worden. Würde der Erfolg in beiden Fällen mehr bewirken, als daß er eine aus⸗ gezeichnete Grundlage zu einem Proceſſe böte? Würde dies Erkennen ihrer ſelbſt und ihrer Handſchrift Mr. Fairlie von ihrer Identität überzeugen und ihn beſtim⸗ men, ſie trotz des Zeugniſſes ihrer Tante, des Zeugniſſes 140 des Arztes, des Begräbniſſes und der Inſchrift auf dem 3 Grabſteine, wieder bei ſich in Limmeridge Houſe aufzu⸗ D nehmen? Nein! Wir dürften nur hoffen, daß es uns gelingen würde, einen ernſtlichen Zweifel an der Behaup⸗ tung ihres Todes zu erregen— den nichts als eine gericht⸗ liche Unterſuchung zu löſen im Stande ſein würde. Ich will annehmen(was durchaus nicht der Fall iſt), daß wir Geld genug beſitzen, um dieſe Unterſuchung durch alle ihre Stadien hindurchzuführen. Ich will annehmen, daß man Mr. Fairlie ſeine Vorurtheile ausreden könnte; daß das falſche Zeugniß des Grafen und ſeiner Frau und alle übrigen falſchen Zeugniſſe widerlegt werden könnten, und daß es nicht möglich wäre, das Erkennen einer Ver⸗ wechſelung zwiſchen Laura und Anna Catherick zuzuſchrei⸗ ben oder daß die Handſchrift von unſeren Feinden als eine Fälſchung erklärt würde— alles Vorausſetzungen, die gegen alle Wahrſcheinlichkeit ſind, doch wollen wir ſie annehmen— und dann wollen wir uns fragen, wel⸗ ches die erſten Folgen der erſten Fragen ſein würden, die man Laura in Bezug auf den ſchändlichen Anſchlag vor⸗ legte. Wir wiſſen nur zu wohl, was die Folgen ſein würden— denn wir wiſſen, daß ihr nie die Erinnerung an das, was ſich in London mit ihr zugetragen, zurück⸗ 1 gekehrt iſt. Man befrage ſie allein oder öffentlich, ſie bleibt immer gleich unfähig, die Behauptung ihrer eige⸗ nen Sache zu unterſtützen. Falls Du dies nicht ſo klar ſiehſt, wie ich es ſehe, Marianne, dann wollen wir mor⸗ gen nach Limmeridge gehen und den Verſuch wagen.“ „Ich ſehe es, Walter. Selbſt, falls wir die Mittel beſäßen, um die ganzen Gerichkskoſten zu beſtreiten, ſelbſt, wenn e und die rende 1 würde Du ſag gehen. ſein, de ſchluſſe, beharrſt O verlorer den. O vor ein feſt wie Tages ſteht.. Anſchla wir ihn zu dieſe es mir meines es mir in dieſer „l „Id um ſpre gethan, halten: Zukunft ihr Ver auf dem ſe aufzu⸗ 3 es uns Behaup⸗ e gericht⸗ de. Ich daß wir alle ihre daß man daß das und alle nten, und ier Ver⸗ zzuſchrei⸗ nden als ſetzungen, llen wir gen, wel⸗ rden, die lag vor⸗ gen ſein innerung zurück⸗ llich, ſie rer eige⸗ ſo klar dir mor⸗ gen.“ e Mittel n, ſelbſt, 141 wenn es uns zuletzt gelänge, ſo wäre doch der Verzug und die peinliche Erwartung unerträglich; die fortwäh⸗ rende Ungewißheit nach allem, was wir bereits erduldet, würde uns das Herz brechen. Du haſt ganz recht, wenn Du ſagſt, daß es hoffnunglos iſt, nach Limmeridge zu gehen. Ich wollte, ich könnte ebenſo feſt davon überzeugt ſein, daß Du recht haſt, indem Du bei Deinem Ent⸗ ſchluſſe, dieſen letzten Verſuch mit dem Grafen zu machen, beharrſt. Gibt es wirklich noch eine Ausſicht?“ „Ohne allen Zweifel, ja. Es iſt dies die Ausſicht, das verlorene Datum von Laura's Reiſe nach London zu fin⸗ den. Ohne der Gründe wieder zu erwähnen, die ich Dir vor einiger Zeit genannt habe, bin ich noch immer ebenſo feſt wie zuvor überzeugt, daß zwiſchen dem Datum jenes Tages und dem des Todtenſcheines ein Widerſpruch be⸗ ſteht. Dies iſt der Punkt, wo die Schwäche des ganzen Anſchlages liegt— er wird in Stücke zerſchellen, wenn wir ihn von dieſer Seite her angreifen; und die Mittel zu dieſem Angriffe ſind im Beſitze des Grafen. Falls es mir gelingt, ſie ihm zu entreißen, ſo iſt der Zweck meines Lebens und der des Deinigen erfüllt. Mißlingt es mir aber, ſo wird das Unrecht, das Laura erlitten, in dieſem Leben nicht mehr wieder gut gemacht.“ „Fürchteſt Du ſelbſt ein Mißlingen, Walter?“ „Ich wage es nicht, Erfolg zu erwarten; und eben dar⸗ um ſpreche ich ſo offen und ſo deutlich, wie ich es ſoeben gethan, Marianne. Nach meinem eigenen innerſten Dafür⸗ halten muß ich geſtehen, daß Laura's Ausſichten auf die Zukunft auf der niedrigſten Ebbe ſtehen. Ich weiß, daß ihr Vermögen fort iſt. Ich weiß, daß ihre letzte Ausſicht, 142. den Platz in der Welt wieder einnehmen zu dürfen, der ihr gebührt, in der Gewalt ihres ſchlimmſten Feindes liegt— eines Mannes, der augenblicklich durchaus un— angreifbar iſt und es bis zuletzt bleiben mag. Und jetzt, da alle weltlichen Vortheile ſie verlaſſen, da ihre Aus⸗ ſichten, jemals wieder in Rang und Stellung einzutreten, mehr als zweifelhaft ſind— da ſie keine klarere Zukunft vor ſich ſieht, als die, welche ihr Mann ihr zu bieten im Stande ſein mag— jetzt darf der arme Zeichen⸗ lehrer, ohne Tadel zu verdienen, endlich ſein Herz öffnen. In den Tagen ihres Glücks, Marianne, war ich nur der Lehrer, der ihre Hand führte— jetzt, in ihrem Unglücke bitte ich um dieſe Hand, als die meines Weibes!“ Marianne's Augen begegneten liebevoll den meinen. Ich konnte nichts weiter ſagen. Mein Herz war voll und meine Lippen bebten. Ich war wider Willen in Gefahr, mich an ihr Mitleid zu wenden. Ich ſtand auf, um das Zimmer zu verlaſſen. Sie erhob ſich in demſelben Augen⸗ blicke, legte ihre Hand ſanft auf meine Schulter und hielt mich zurück. „Walter!“ ſagte ſie,„einſt trennte ich Euch beide zu ihrem und zu Deinem Beſten. Warte hier, mein Bruder! — warto, mein einziger, beſter Freund, bis Laura kommt und Dir ſagt, was ich jetzt gethan haben werde!“ Zum erſtenmale ſeit jenem Abſchiedsmorgen in Lim⸗ meridge berührte ſie meine Stirn wieder mit ihren Lip⸗ pen, und indem ſie dies that, fiel eine Thräne auf mein Geſicht. Sie wandte ſich ſchnell ab, deutete auf den Stuhl, von dem ich mich erhoben, und verließ das Zimmer. Ich ſetzte mich allein am Fenſter nieder und erwartete die Kri Zeitrau Ich wa Intenſit blendent einander zufliegen Strand Die So war ander ſo voll Kun gekomme glücklich mich die den mein dürfen waren v Der ununterb heirathete In v irfen, der n Feindes chaus un⸗ Und jetzt, ihre Aus⸗ nzutreten, e Zukunft zu bieten Zeichen⸗ rz öffnen. ) nur der Unglücke 516⸗ meinen. voll und Gefahr, um das n Augen⸗ und hielt beide zu Bruder! a kommt ! 74 in Lim⸗ ren Lip⸗ auf mein n Stuhl, mmer. rwartete 143 die Kriſis meines Lebens. Während dieſes athemloſen Zeitraumes war mir's, als ob mein Geiſt eine Leere ſei. Ich war mir nichts bewußt, als einer faſt ſchmerzhaften Intenſität aller bekannten Gegenſtände. Die Sonne wurde blendend hell; die weißen Seemöven, die weit hinaus einander jagten, ſchienen dicht vor meinem Geſichte hin⸗ zufliegen und das leiſe Plätſchern der Wellen am kieſigen Strande ſchlugen wie Donner an meine Ohren. Die Thür öffnete ſich, und Laura kam allein herein. So war ſie am Morgen, wo wir in Limmeridge von ein⸗ ander ſchieden, ins Zimmer getreten. Langſam und zögernd, voll Kummer und Zagen war ſie damals zu mir heran⸗ gekommen. Jetzt kam ſie mit glücklich eilenden Füßen, mit glücklich ſtrahlendem Antlitze. Unaufgefordert umſchlangen mich die geliebten Arme, begegneten die theuren Lippen den meinigen.„Mein Herzensliebling!“ flüſterte ſie,„jetzt dürfen wir geſtehen, daß wir einander lieben?“ Ihr Haupt ruhte in zärtlicher Zufriedenheit au meiner Bruſt. „O,“ ſagte ſie unſchuldsvoll,„ich bin ſo glücklich!“ Zehn Tage ſpäter waren wir noch glücklicher. Wir waren vermählt. XV. Der Gang dieſer Erzählung führt mich auf ſeiner ununterbrochen fortſchreitenden Bahn von unſerm ver⸗ heiratheten Leben fort dem Ende entgegen. In vierzehn Tagen waren wir alle drei wieder nach 144 London zurückgekehrt, und der Schatten des kommenden Kampfes ſchlich ſich über uns hin. Marianne und ich trugen Sorge, Laura über die Urſache, welche uns ſo ſchnell zurückzukehren trieb— die Nothwendigkeit nämlich, uns des Grafen zu verſichern— in Unwiſſenheit zu erhalten. Wir waren jetzt im Anfange des Monat Mai, und des Grafen Contract über das Haus in Foreſt Road würde im Juni abgelaufen ſein. Falls er denſelben erneuerte(und dies anzunehmen hatte ich Gründe, die ich in kurzem nennen werde), konnte ich ziemlich ſicher ſein, daß er mir nicht entwiſchen würde. Falls er jedoch meine Erwartungen täuſchte und das Land verließe— dann hätte ich keine Zeit zu verlieren, indem ich mich nach Kräften für die Begegnung mit ihm waffnete. In der erſten Fülle meines neuen Glückes hatte ich Augenblicke gehabt, in denen mein Entſchluß wankte— Augenblicke, in denen ich mich verſucht fühlte zufrieden zu ſein, jetzt, da das höchſte Streben meines Lebens durch den Beſitz von Laura's Liebe erfüllt war. Zum erſtenmale dachte ich zagend an die Größe des Wagniſſes; an die gegneriſchen Verhältniſſe, die ſich mir in den Weg ſtellten; an das ſchöne Verſprechen unſeres neuen Lebens und an die Gefahr, in die ich das Glück bringen mochte, das wir uns ſo ſchwer erworben. Ja! daß ich es ehrlich bekenne. Auf kurze Zeit ging ich in der ſüßen Führung der Liebe von dem Ziele ab, dem ich unter ſtrengerer Zucht und trüberen Tagen treu geblieben war. Unſchuldigerweiſe hatte Laura mich von dieſem Pfade abgeleitet— und unſchuldigerweiſe war ſie beſtimmt, mich auf ihn zurück⸗ zuführen. Zu furchtb fes ihr wachen Wochen wie ſie ihre ge Worte unheilv Dieſe! furchtei durchfu kehrten an den auflebte Die zu erfal ein und Ich quellen Ausſag halten Weiſun ſondern trachtet mals über d die ma Intereſt hatte d ltie C ommenden über die ieb— die ſichern— Anfange das Haus Falls er )Gründe, llich ſicher er jedoch erließe— ich mich fnete. hatte ich vankte— ffrieden zu ens durch erſtenmale ; an die g ſtellten; s und an das wir h bekenne. der Liebe Zucht und digerweiſe — und on zurück— 145 Zu Zeiten brachten unzuſammenhängende Träume der furchtbaren Vergangenheit in dem Geheimniſſe des Schla⸗ fes ihr die Ereigniſſe zurück, von denen ihr Gedächtniß wachend alle Spur verloren. Eines Abends(kaum zwei Wochen nach unſerer Vermählung), als ich ſie betrachtete, wie ſie ſchlummernd dalag, ſah ich Thränen langſam durch ihre geſchloſſenen Augenlider quellen und hörte ſie leiſe Worte murmeln, welche mir ſagten, daß ihr Geiſt zu der unheilvollen Reiſe von Blackwater Park zurückgekehrt ſei. Dieſe unbewußte Aufforderung, die ſo rührend und ſo ehr⸗ furchteinflößend wurde durch die Heiligkeit ihres Schlafes, durchfuhr mich wie eine Flamme. Am folgenden Tage kehrten wir nach London zurück— und dies war der Tag, an dem mein Entſchluß zehnfach verſtärkt wieder in mir auflebte. Die erſte Nothwendigkeit war, etwas über den Mann zu erfahren. Bis jetzt war mir ſeine wahre Lebensgeſchichte ein undurchdringliches Geheimniß. Ich begann mit ſolchen ſpärlichen Erkundigungs⸗ quellen, wie ſie mir zu Gebote ſtanden. Die wichtige Ausſage Mr. Frederick Fairlie's(welche Marianne er⸗ halten hatte, indem ſie meine ihr im Winter ertheilten Weiſungen befolgte) erwies ſich als nutzlos für den be⸗ ſondern Zweck, aus deſſen Geſichtspunkte ich ihn jetzt be⸗ trachtete. Während ich dieſelbe las, überlegte ich noch⸗ mals die Mittheilungen, welche Mrs. Clements mir über die Reihe von Vetrügereien gemacht hatte, durch die man Anna nach London gelockt und ſie dort dem Intereſſe des Verrathes geopfert hatte. Auch hier wieder hatte der Graf ſich nicht offenbar compromittirt; auch Weltie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 10 146 hier war er für jeden practiſchen Zweck für mich un⸗ erreichbar. Ich wandte mich zunächſt zu Marianne's Tagebuche in Blackwater Park. Auf meinen Wunſch las ſie mir nochmals eine Stelle aus demſelben vor, in welcher es ſich um ihre frühere Neugierde in Bezug auf den Grafen handelte und um die wenigen Einzelheiten, welche ſie ſich über ihn zu verſchaffen vermocht hatte. Die Stelle, auf die ich hier hindeute, erſcheint in jenem Theile ihres Tagebuches, wo ſie ſeinen Charakter und ſeine Perſönlichkeit beſchreibt. Sie ſagt, er habe„ſeit Jahren nicht mehr den Boden ſeines Vaterlandes betreten“— habe ſich erkundigt,„ob in der Blackwater Park am näch⸗ ſten gelegenen Stadt ſich Italiener aufhielten“— und daß er„Briefe mit allerlei Poſtſtempeln erhalten, worunter einer mit einem großen, officiell ausſehenden Siegel ge⸗ weſen.“ Sie iſt geneigt zu glauben, daß ſeine lange Ab⸗ weſenheit von ſeinem Geburtslande durch die Annahme zu erklären wäre, daß er ein politiſcher Flüchtling ſei. Auf der andern Seite dagegen läßt ſich dieſe Idee nicht mit dem Umſtande in Einklang bringen, daß er Briefe aus dem Auslande mit„großen, officiell ausſehenden Siegeln“ er⸗ halten, indem Briefe an politiſche Flüchtlinge gewöhnlich die letzten ſind, welche auf dieſe Weiſe die Aufmerkſamkeit der Poſtämter auf ſich zu ziehen ſuchen. Die Betrachtungen, welche ſich mir aus dem Tage⸗ buche aufdrängten, verbunden mit gewiſſen Ahnungen, die aus ihnen entſtanden, ließen mich zu einem Schluſſe kom⸗ men, an den nicht früher gedacht zu haben mich jetzt Wun⸗ der nahm. Ich ſagte jetzt zu mir ſelbſt, was Laura einſt in Blo Gräfin hatte La⸗ ihrer n angewe Ueberz Nach d ſo lang vollkon Do großen Park. land ar lich. C ausgeſe Agenter Muthn von de mit de Ich hau einnähn men d ſondere dieſem Mrs. worden ſpielen, Perſon Na mich un— Tagebuche ſie mir elcher es Grafen e ſie ſich in jenem und ſeine t Jahren cten“— am näch⸗ und daß worunter biegel ge⸗ ange Ab⸗ Lahme zu ſei. Auf nicht mit aus dem leln“ er⸗ wöhnlich kſamkeit n Tage⸗ ggen, die iſſe kom⸗ zt Wun⸗ ira einſt 147 in Blackwater Park zu Mariannen geſagt und was die Gräfin Fosco, indem ſie an der Thüre gehorcht, gehört hatte— der Graf iſt ein Spion! Laura hatte dies Wort aufs Gerathewohl und in ihrer natürlichen Entrüſtung über ſein Verfahren gegen ſie angewendet. Ich aber that dies in der wohl erwogenen Ueberzeugung, daß ſein Lebensberuf der eines Spions ſei. Nach dieſer Vorausſetzung wurde ſein Bleiben in England, ſo lange nachdem er den Zweck des Complotes erreicht, vollkommen verſtändlich. Das Jahr, von dem ich jetzt ſchreibe, war das der großen Induſtrieausſtellung im Kryſtall⸗Palaſte in Hyde Park. Ausländer waren in großer Anzahl bereits in Eng⸗ land angekommen, und ihre Zahl vermehrte ſich noch täg⸗ lich. Es befanden ſich Männer unter uns, welche der un⸗ ausgeſetzte Argwohn ihrer Regierungen durch angeſtellte Agenten bis an unſere Geſtade verfolgen ließ. Meine Muthmaßungen ließen mich keinen Augenblick einen Mann von des Grafen Fähigkeiten und geſellſchaftlicher Stellung mit der gewöhnlichen Menge von Spionen vergleichen. Ich hatte ihn im Verdachte, daß er eine officielle Stellung einnähme; daß das Gouvernement, dem er im Gehei⸗ men diente, ihn mit der Organiſation und Leitung be⸗ ſonderer Agenten, weiblicher ſowohl als männlicher, in dieſem Lande beauftragt hatte; und ich glaubte, daß Mrs. Rubelle, welche ſo zur gelegenen Zeit gefunden worden, um in Blackwater Park die Krankenwärterin zu ſpielen, aller Wahrſcheinlichkeit nach auch eine von dieſen Perſonen war. Nach der Vorausſetzung, daß dieſe meine Vermuthung 10* 148 auf Wahrheit begründet war, durfte des Grafen Stellung nicht ſo unangreifbar ſein, wie ich mich bisher zu hoffen geſcheut. An wen konnte ich mich wenden, um etwas mehr von des Mannes Geſchichte und über den Mann ſelbſt zu erfahren, als ich bis jetzt wußte? In dieſer Schwierigkeit fiel mir natürlich ein, daß ein Landsmann, auf den ich mich würde verlaſſen können, die geeignetſte Perſon ſein dürfte, um mir zu helfen. Der erſte Mann, an den ich unter dieſen Umſtänden dachte, war zugleich der einzige Italiener, mit dem ich genau befreundet war— mein trolliger kleiner Freund, Profeſſor Pesca. Der Profeſſor iſt in dieſen Blättern ſo lange vom Schauplatze abgetreten, daß er Gefahr gelaufen, ganz und gar vergeſſen zu ſein. Es iſt das nothwendige Geſetz einer Erzählung wie dieſe, daß die darin betreffenden Perſonen nur dann er⸗ ſcheinen, wenn der Gang der Creigniſſe ſie aufnimmt— ſie kommen und gehen, nicht nach der Gunſt meiner per⸗ ſönlichen Vorliebe, ſondern nach dem Rechte ihrer un⸗ mittelbaren Verbindung mit den zu erzählenden Er⸗ eigniſſen. Aus dieſem Grunde blieb nicht blos Pesca, ſondern auch meine Mutter und meine Schweſter weit im Hintergrunde der Crzählung zurück. Meine Beſuche nach der Villa in Hampſtead, meiner Mutter Ueber⸗ zeugung von Laura's Tode, meine Bemühungen, ſie und meine Schweſter vom Gegentheile zu überzeugen, was mir bei ihrer eiferſüchtigen Liebe zu mir nicht ge⸗ lingen wollte; die peinliche Nothwendigkeit, in Folge dieſes ihres Vorurtheils ſie über meine Vermählung in Unwiſſ ereigni Haupt meinen ſchung Ereign Au Troſte mir fa⸗ Limme treuen kleiner als ich frohen nächſte rechtig die er! wieder ich wuf verlaſſ daß ich ſem G Es wir mir od von de war m Freund Eh es notl welch e Stellung zu hoffen vas mehr un ſelbſt ein, daß mkönnen, helfen. uſtänden dem ich Freund, nge vom n, ganz ung wie dann er⸗ mmt— ner per⸗ hrer un⸗ den Er⸗ Pesca, ter weit Beſuche Ueber⸗ gen, ſie rzeugen, nicht ge— Folge hlung in 149 Unwiſſenheit zu laſſen— alle dieſe kleinen Familien⸗ ereigniſſe ſind unberichtet geblieben, weil ſie nicht zum Hauptintereſſe der Geſchichte gehörten. Was ſie noch zu meinen Sorgen hinzufügten, iſt nichts, und meine Täu⸗ ſchung noch bitterer machten— der ruhige Gang der Ereigniſſe hat ſie unerbittlich übergangen. Aus demſelben Grunde habe ich hier nichts von dem Troſte geſagt, den ich in Pesca's brüderlicher Zuneigung zu mir fand, als ich ihn nach meiner plötzlichen Rückkehr aus Limmeridge Houſe wiederſah. Ich habe nichts von der treuen Anhänglichkeit geſagt, mit der mein warmherziger kleiner Freund mir nach dem Einſchiffungsplatze folgte, als ich nach Centralamerika abſegelte, noch von dem frohen Jubel, mit dem er mich begrüßte, als wir uns das nächſtemal in London wiederſahen. Hätte ich mich be⸗ rechtigt gefühlt, die Dienſtesanerbietungen anzunehmen, die er mir bei meiner Heimkehr machte, ſo würde er längſt wieder in dieſen Blättern erſchienen ſein. Aber, obgleich ich wußte, daß ich mich auf ſeine Ehre und ſeinen Muth verlaſſen durfte, war ich doch nicht ebenſo feſt überzeugt, daß ich ſeiner Vorſicht vertrauen dürfe; und nur aus die⸗ ſem Grunde ſetzte ich meine Nachforſchungen allein fort. Es wird hiermit klar ſein, daß Pesca durchaus nicht von mir oder meinem Intereſſe getrennt geweſen, obgleich er von dem Fortgange dieſer Erzählung fern geblieben. Er war mir noch immer ein ebenſo treuer und dienſtwilliger Freund, wie er es je im Leben geweſen. Ehe ich Pesca zu meinem Beiſtande herbeiholte, war es nothwendig, daß ich mich ſelbſt davon überzeugte, mit welch einer Art von Manne ich es zu thun habe. Bis zu 150 dieſem Augenblicke hatte ich den Grafen Fosco noch nicht ein einzigesmal geſehen. Drei Tage nach unſerer Rückkehr nach London machte ich mich morgens zwiſchen zehn und elf Uhr allein auf den Weg nach Foreſt Road, St. John's Wood. Es war ein ſchöner Tag— es blieben mir einige Mußeſtunden— und ich hielt es für wahrſcheinlich, daß, falls ich ein wenig wartete, der Graf ſich durch das ſchöne Wetter herauslocken laſſen würde. Ich hatte keinen beſondern Grund zu befürchten, daß er mich bei Tage erkennen würde, denn das einzigemal, daß er mich geſehen, war an jenem Abende geweſen, wo er mir von der Eiſenbahn in der Entfernung nach Hauſe gefolgt war. Es ließ ſich niemand an den vorderen Fenſtern des Hauſes ſehen. Ich ging in eine kleine Nebenſtraße hinein, die an der Seite des Hauſes hinunter lief, und ſchaute über die niedrige Gartenmauer. Eins der Fenſter in einer hintern Parterreſtube ſtand offen und über die Oeffnung hin war ein Netz gezogen. Ich ſah niemanden; aber ich hörte im Zimmer erſt das laute Zwitſchern und Singen der Vögel und dann die tiefe, durchdringende Stimme, mit der Marianne's Beſchreibung mich vertraut gemacht. „Kommt heraus auf meine Finger, meine Piep— Piep— Piepvögelchen!“ rief die Stimme.„Kommt heraus! Hüpf' hinauf! Eins— zwei— drei— und oben. Drei— zwei — eins— und wieder unten! Eins— zwei— drei— zirp— zirp— zirp— ziiirp!“ Der Graf exercirte ſeine Canarienvögel, wie er ſie zu Marianne's Zeit in Black⸗ water Park zn exerciren pflegte. Ich wartete eine kleine Weile, bis das Singen und Zirpe Stim pen- von Haus Die von groß Vorꝛ hera liche ner nah geh⸗ vor keit es Hr leit noch nicht i machte llein auf Es war unden— ich ein Wetter beſondern erkennen en, war liſenbahn ſtern des e hinein, ſchaute in einer Deffnung aber ich Singen ime, mit gemacht. Piep— Hüpf — zwei drei— rte ſeine Black⸗ gen und 151 Zirpen aufhörte.„Kommt und küßt mich!“ ſagte die tiefe Stimme. Ich hörte ein erwiderndes Zwitſchern und Zir⸗ pen— ein leiſes, ſanftes Lachen— dann trat eine Stille von einer oder zwei Minuten ein— und darauf wurde die Hausthür geöffnet. Ich wandte mich um und ging zurück. Die erhabene Melodie des Gebetes in Roſſini's„Moſes,“ ingenden Baßſtimme geſungen, erhob ſich Stille der Vorſtadt. Das Pförtchen des Der Graf war von einer wohlkl großartig in der Vordergartens öffnete und ſchloß ſich. herausgekommen. Er ging über den Weg hinüber und nach der weſt⸗ lichen Grenze des Regent's Park zu. Ich blieb auf mei⸗ ner Seite der Straße ein wenig hinter ihm zurück und nahm dieſelbe Richtung. Marianne hatte mich auf ſeine hohe Geſtalt, ſeine un⸗ geheure Corpulenz und ſeine auffallenden Trauerkleider vorbereitet— nicht aber auf des Mannes Friſche, Munter⸗ keit und Lebenskraft. Er trug ſeine ſechzig Jahre, als ob es keine vierzig geweſen wären. Er ſchlenderte dahin, den Hut ein wenig auf der einen Seite tragend, mit einem leichten, muntern Schritte, indem er ſeinen großen Stock ſchwang, vor ſich hin ſummte und von Zeit zu Zeit mit üperber Herablaſſung an den Häuſern und Gärten zu beiden Seiten hinauf und hinab blickte. Hätte man einem Fremden geſagt, es gehöre dieſem Manne die ganze Nachbarſchaft, ſo würde dies den Fremden nicht im Ge⸗ ringſten überraſcht haben. Er ſah ſich nicht ein einziges⸗ mal um; er nahm anſcheinend keine Notiz von mir, noch der an ihm an ſeiner Seite der von ſonſt jemandem, Straße vorbeiging— ausgenommen hin und wieder, wenn er mit einer Art leichter, Kindermädchen und Kinder au Auf dieſe Weiſe führte er mich immer weiter, bis wir an eine Colonie von Kaufläden außerhalb der weſtlichen Terraſſen des Parkes kamen. Hier trat er in einen Paſtetenbäckerladen(wahrſchein⸗ lich um eine Beſtellung zu machen) und kam augenblicklich mit einem kleinen Fruchttörtchen in der Hand wieder her⸗ aus. Ein italieniſcher Knabe mit einer Drehorgel, auf wel⸗ cher ſich ein jämmerlicher, verſchrumpfter Affe befand, ſpielte vor dem Laden. Der Graf ſtand ſtill, biß ein Stück für ſich ſelbſt aus dem Törtchen und überreichte das Uebrige utit ernſter Miene dem Affen.„Mein armer kleiner Burſch!“ ſagte er mit grotesker Zärtlichkeit;„Du ſiehſt hungrig aus. Im heiligen Namen der Menſchhheit über⸗ reiche ich Dir etwas Frühſtück!“ Der Orgelſpieler wagte eine jammervolle Bitte um einen Penny an den wohl⸗ thätigen Fremden. Der Graf zuckte verächtlich die Achſeln— und ging weiter. Wir kamen zu den S väterlicher guter Laune die zalächelte, die ihm begegneten. traßen und der beſſeren Klaſſe von Kaufläden zwiſchen dem New⸗Road und der Oxford Straße. Der Graf unterbrach ſeinen Weg abermals und trat in einen kleinen Optikerladen, der eine Anzeige im Fenſter hatte, daß drinnen Ausbeſſerungen auf das ſorg⸗ fältigſte ausgeführt würden. Er kam wieder heraus und hatte ein Opernglas in der Hand; dann ging er ein paar Schritte weiter und ſtand wiederum ſtill, um einen vor einem Notenladen ſtehenden Opernzettel zu leſen. Er that dies aufmerkſam, überlegte einen Augenblick und rief dann ein leeres Cabriolet an, das vorbeifuhr.„ Zum Billet⸗ verkauf davon. Ich an. Di die Vor Das O. Leſen de — ließ ein Zu hatte C maler kannt g für's. ſicht ve leicht! dieſem zu erfo D — Weiſe verſch ein p Ein 2 mir in einem einer Oper 7, 7 G zune die gegneten. wir an eſtlichen rſchein⸗ blicklich der her⸗ uf wel⸗ ſpielte ück für lebrige kleiner ſiehſt über⸗ wagte wohl⸗ die laſſe rford und im org⸗ und daar vor that ann let⸗ 153 verkauf der Oper,“ ſagte er zu dem Kutſcher und fuhr davon. Ich ging hinüber und ſah meinerſeits den Opernzettel an. Die angekündigte Oper war„Lucrezia Borgia“ und die Vorſtellung ſollte an demſelben Abende ſtattfinden. Das Opernglas in der Hand des Grafen, ſein ſorgfältiges Leſen des Zettels und ſein Befehl an den Cabrioletkutſcher — ließen mich mit Wahrſcheinlichkeit annehmen, daß er Vorſtellung zu ſein beabſichtigte. Ich hatte Gelegenheit, indem ich mich an einen der Decorations⸗ maler des Theaters, mit dem ich in früheren Zeiten be⸗ kannt geweſen, wandte, für mich und einen Freund Billete für's Parterre zu erhalten. Es war wenigſtens eine Aus⸗ ſicht vorhanden, daß der Graf mir und einem Gefährten leicht unter den Zuſchauern ſichtbar ſein würde, und in dieſem Falle hatte ich ein Mittel, noch an dieſem Abende zu erfahren, ob Pesca ſeinen Landsmann kenne oder nicht. Dieſer Gedanke entſchied ſofort über die Art und Weiſe, in der ich meinen Abend hinbringen würde. Ich verſchaffte mir die Billete und gab auf meinem Heimwege ein paar Worte an den Profeſſor in ſeiner Wohnung ab. Ein Viertel vor acht Uhr kehrte ich zurück, um ihn mit mir in die Oper zu nehmen. Mein kleiner Freund war in einem Zuſtande der unbeſchreiblichſten Aufregung, mit einer feſtlichen Blume im Knopfloch und dem größten Opernglaſe unter dem Arme, das ich je geſehen. „Biſt Du fertig?“ frug ich. „Richtig⸗alles⸗richtig,“ ſagte Pesca. Wir machten uns auf den Weg nach dem Theater. ein Zuhörer der XVI. Die letzten Noten der Ouverture wurden geſpielt und die Plätze im Parterre waren alle gefüllt, als Pesca und ich anlangten. Doch blieb noch reichlich Raum für uns in dem Steh⸗ platze, der ſich um das Parterre zog— genau der Ort, der für den Zweck, der mich in die Vorſtellung führte, am geeignetſten war. Ich ging zuerſt an die Barriere, welche uns von dem Sperrſitz trennte und ſah mich hier nach dem Grafen um. Er war nicht dort. Als ich zurück und im Stehplatze entlang ging, erblickte ich ihn im Par⸗ terre. Er hatte einen vortrefflichen Platz— ungeführ den zwölften oder vierzehnten vom Ende der Bank und nur drei Reihen hinter den Sperrſitzen. Ich ſtellte mich genau in gerader Linie mit ihm auf und Pesca ſtand an meiner Seite. Der Profeſſor wußte noch nichts von dem Zwecke, um deſſentwillen ich ihn in das Theater gebracht und war etwas erſtaunt darüber, daß wir nicht näher zur Bühne herangingen. Der Vorhang ging in die Höhe, un gann. Während des ganzen erſten Aufzuges blieben wir unſerm Platze; der Graf war ſo ſehr in die N die Aufführung vertieft, daß er au Blick in unſere Richtung warf. zetti's reizender Muſik entging ihm. ſeine Nachbarn empor ragend lächelte und beifällig mit ſein d die Oper be⸗ an kuſik und ch nicht einen zufälligen Keine Note von Doni⸗ Da ſaß er, hoch über „ indem er von Zeit zu Zeit em großen Kopfe nickte. Wenn die Leut plaudirt iſt), oh ſchließen ſchaute lung no wegung Geſang⸗ von ar dicken§ ſchuhen gebildet einande Beifall einer g Nachbe voll in Beiſpie ging a ſamme Jenes ſeiner einem nach d ſchaute terer menſch lernen Fosco der ü ſpielt und Vesca und em Steh⸗ der Ort, g führte, Barriere, nich hier ch zurück im Par⸗ führ den und nur te mich ſtand an von dem gebracht t näher per be⸗ wir an ſik und älligen Doni⸗ h über u Zeit Wenn 155 die Leute neben ihm beim Schluſſe irgend einer Arie ap⸗ plaudirten(worauf ein engliſches Publikum ſtets verſeſſen iſt), ohne im geringſten auf die unmittelbar ſich an⸗ ſchließende Muſik des Orcheſters Rückſicht zu nehmen, ſchaute er ſich mit einer Miene mitleidiger Gegenvorſtel⸗ lung nach ihnen um und hielt eine Hand mit einer Be⸗ wegung wie höflicher Bitte in die Höhe. Bei den feineren Geſangsſtellen und den zarteren Muſikphraſen, welche von anderen nicht applandirt wurden, ſchlugen ſeine dicken Hände, die mit makellos ſitzenden ſchwarzen Hand⸗ ſchuhen bekleidet waren, ſanft zum Zeichen der fein gebildeten Schätzung eines muſikaliſchen Mannes in⸗ einander. Bei ſolchen Gelegenheiten ſummte ſein ſanfter Beifall:„Bravo! Bra— v— a!“ wie das Schnurren einer großen Katze durch die Stille. Seine unmittelbaren Nachbarn— derbe, friſche Landleute, die ſich erſtaunens⸗ voll im modiſchen London ſonnten— begannen, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Mancher Ausbruch des Beifalls ging an dieſem Abende im Parterre von dem ſanften Zu⸗ ſammenſchlagen der ſchwarzbehandſchuhten Hände aus. Jenes Menſchen gefräßige Eitelkeit verſchlang dieſen ſeiner kritiſchen Ueberlegenheit gezollten Tribut mit einem Anſcheine des größten Hochgenuſſes. Ein Lächeln nach dem andern ſchwebte über ſein dickes Geſicht. Er ſchaute während der Pauſen in der Muſik in hei⸗ terer Zufriedenheit mit ſich ſelbſt und ſeinen Neben⸗ menſchen um ſich.„Ja! ja! Dieſe barbariſchen Engländer lernen etwas von mir. Hier, dort, überall bin ich— Fosco— ein Einfluß, den man fühlt, ein Mann, der über alle erhaben ſteht!“ Falls je ein Geſicht ge⸗ —õ— ſprochen hat, ſo ſprach das ſeinige jetzt, und jenes waren ſeine Worte. Der Vorhang fiel nach dem erſten Akte, und das Publikum ſtand auf, um ſich umzuſchauen. Dies war der Zeitpunkt, auf den ich gewartet hatte— der Augen⸗ blick, wo ich ſehen wollte, ob Pesca ihn kenne. Er erhob ſich mit den Uebrigen und ſchweifte großartig mit ſeinem Opernglaſe über die Inhaber der Logen hin. Zuerſt hatte er den Rücken uns zugewandt, bald aber drehte er ſich herum und betrachtete die Logen über uns, wobei er für ein paar Minuten ſich ſeines Glaſes bediente — dann nahm er es hinweg, fuhr jedoch fort, hinaufzu⸗ blicken. Dies war der Augenblick, den ich wählte, Pesca's Aufmerkſamkeit auf ihn zu lenken, da jetzt ſein ganzes Ge⸗ ſicht voll nach uns gewendet war. „Kennſt Du den Mann da?“ frug ich. „Welchen Mann, lieber Freund?“ „Den großen, corpulenten Mann, der dort mit dem Geſicht uns zugewandt ſteht.“ Pesca erhob ſich auf ſeine Fußſpitzen und ſah ſich den Grafen an. „Nein,“ ſagte er.„Der dicke Mann iſt mir unbe⸗ kannt. Iſt er berühmt? Warum zeigſt du ihn mir?“ „Weil ich beſondere Gründe habe zu wünſchen, etwas über ihn zu erfahren. Er iſt ein Landsmann von Dir und heißt Graf Fosco. Kennſt Du den Namen.“ „Nicht im geringſten, Walter. Der Name ſowohl wie der Mann iſt mir fremd.“ „Biſt Du ganz ſicher, daß Du ihn nicht kennſt? Sieh ihn noch einmal an— recht aufmerkſam. Ich will Dir, wenn wi ſehr dare helfen, d Ich form ſte war ihm über die Ende der Ein nicht ben ſeiner lit als ich i tung von noch auft haltung ſeine Nei Unter auf das über ein „Nei Mann i zwei Aug Währ den Part Die Im holter Ve kannte. zeugt, da Ihn nes waren und das Dies war r Augen⸗ großartig ogen hin. ald aber iber uns, bediente jinaufzu⸗ Pesca's nzes Ge⸗ mit dem ſah ſich r unbe⸗ mir?“ „etwas on Dir 2 ſowohl 2 Sieh ll Dir, 157 wenn wir das Theater verlaſſen, ſagen, weshalb mir ſo ſehr daran liegt. Warte! Laß' mich Dir hier hinauf helfen, damit Du ihn beſſer ſiehſt.“ Ich half dem kleinen Mann auf die Kante der Platt⸗ form ſteigen, auf der ſich die Parterreſitze befinden. Hier war ihm ſeine kurze Geſtalt kein Hinderniß: er konnte über die Köpfe der Damen hinwegſehen, die am äußeren Ende der Bank ſaßen. Ein ſchlanker, blondhaariger Mann, den ich bisher nicht bemerkt hatte— ein Mann mit einer Narbe auf ſeiner linken Wange— ſchaute Pesca aufmerkſam an, als ich ihn auf die Plattform ſtellte, und dann, der Rich⸗ tung von Pesca's Augen folgend, blickte er den Grafen noch aufmerkſamer an. Vielleicht hatte er unſere Unter⸗ haltung gehört, und dieſelbe hatte, wie ich mir vorſtellte, ſeine Neugierde erregt. Unterdeſſen heftete Pesca ſeine Blicke aufmerkſam auf das große lächelnde Geſicht, das ihm gerade gegen⸗ über ein wenig aufwärts gekehrt war. „Nein,“ ſagte er,„ich habe dieſen großen, dicken Mann in meinem ganzen Leben noch nie mit meinen zwei Augen erblickt.“ Während er ſprach, blickte der Graf herunter nach den Parterrelogen hinter uns zu. Die Blicke der beiden Italiener begegneten ſich. Im Augenblicke vorher war ich nach Pesca's wieder⸗ holter Verſicherung überzeugt geweſen, daß er ihn nicht kannte. Im Augenblicke nachher war ich ebenſo feſt über⸗ zeugt, daß der Graf Pesca kannte! Ihn kannte— und, was noch ſeltſamer war— ihn 158 zugleich fürchtete! Die Veränderung, die mit dem Ge⸗ ſichte des Schurken vorging, war nicht zu verkennen. Die bleierne Bläſſe, die ſich in einer Secunde über ſein gelbes Antlitz zog, das plötzliche Erſtarren all' ſeiner Züge, das verſtohlene Forſchen ſeiner kalten, grauen Augen, die ſtille Unbeweglichkeit ſeines ganzen Körpers— alles dies ſprach deutlich genug. Eine tödtliche Furcht hatte ihn an Leib und Seele ergriffen— und ſein Erkennen Pesca's war die Urſache derſelben! Der ſchlanke Mann mit der Narbe auf der Wange ſtand noch immer neben uns. Er hatte anſcheinend ſeinen Schluß aus der Wirkung gezogen, die Pesca's Anblick auf den Grafen gemacht, wie ich den meinigen. Er war ein ſtiller, gentlemänniſch ausſehender Mann, dem Anſcheine nach ein Ausländer, und ſein Intereſſe an unſerm Verfahren drückte ſich durchaus nicht auf be⸗ leidigende Weiſe aus. Was mich ſelbſt betrifft, ſo war ich ſo erſtaunt über die Veränderung in des Grafen Geſicht und über die ſo ganz unerwartete Wendung der Ereigniſſe, daß ich nicht wußte, was ich zunächſt thun oder ſagen ſollte. Pesca rief mich zu mir ſelbſt zurück, indem er an ſeinen früheren Platz an meiner Seite zurücktrat und zuerſt wieder ſprach. „Wie der dicke Mann glotzt!“ rief er aus.„Glotzt er mich an? Bin ich etwa berühmt? Wie kann er mich kennen, wenn ich ihn nicht kenne?“ Ich heftete meine Augen noch immer feſt auf den Grafen. Ich ſah, wie er ſich zum erſtenmale wieder be⸗ wegte, als Pesca herabſtieg, und zwar ſo wandte, daß er den kleinen Mann an ſeinem niedrigen Platze nicht aus dem Geſi ſich ereign ihm abzöt anweſende ſehe. Pe⸗ und ſchwer des Theaꝛ haftigkeit Sowie der Graf der entgeg ſaßen, und Ich faßte ſprechlichen des Parter an die Th Erſtaunen einem Auf urſacht wi ihre Plätze wurden, der Vorha und der 2 „Kom Pesca, nac ſprechen— „Güte Zuſtande aller Welt Ich ſc t dem Ge⸗ men. Die ſein gelbes Züge, das ;, die ſtille dies ſprach nan Leib sca's war der Wange iend ſeinen 's Anblick igen. Er tann, dem ttereſſe an ht auf be⸗ taunt über ber die ſo Z ich nicht Pesca rief geren Platz rach. „Glotzt er n er mich t auf den wieder be⸗ te, daß er nicht aus 159 dem Geſicht verlor. Ich war neugierig zu ſehen, was ſich ereignen würde, wenn ſich Pesca's Aufmerkſamkeit von ihm abzöge, und frug deshalb Pesca, ob er unter den anweſenden Damen in den Logen einige ſeiner Schülerinnen ſehe. Pesca erhob augenblicklich ſein großes Opernglas und ſchweifte langſam mit demſelben über den oberen Theil des Theaters hin, indem er mit der gößten Gewiſſen— haftigkeit nach Schülerinnen ſuchte. Sowie er ſich auf dieſe Weiſe beſchäftigt zeigte, wandte der Graf ſich um, ging an den Perſonen vorüber, die auf der entgegengeſetzten Seite von dem Platze, an dem er ſtand, ſaßen, und verſchwand in der Mittelpaſſage des Parterres. Ich faßte Pesca am Arm und zog ihn zu ſeinem unaus⸗ ſprechlichen Erſtaunen mit mir nach dem Hintergrunde des Parterres herum, um den Grafen abzufaſſen, ehe er an die Thür würde gelangen können. Ziemlich zu meinem Erſtaunen eilte der ſchlanke Mann uns voraus, indem er einem Aufenthalte aus dem Wege ging, der dadurch ver⸗ urſacht wurde, daß einige Perſonen auf unſerer Seite ihre Plätze verließen, wodurch Pesca und ich verhindert wurden, unſern ſchnellen Lauf fortzuſetzen. Als wir in der Vorhalle anlangten, war der Graf verſchwunden— und der Ausländer mit der Narbe ebenfalls. „Komm nach Hauſe,“ ſagte ich;„komm nach Hauſe, Pesca, nach Deiner Wohnung. Ich muß allein mit Dir ſprechen— und zwar ſofort.“ „Güte du meine Güte!“ rief der Profeſſor in einem Zuſtande des beiſpielloſeſten Erſtaunens aus;„was in aller Welt iſt los!“ Ich ſchritt ſchnell dahin, ohne zu antworten. Die 160 Umſtände, unter welchen der Graf das Theater ver⸗ laſſen, brachten mich auf den Gedanken, daß ſeine unbegreifliche Sorge, Pesca zu entwiſchen, ihn zu noch ferneren, äußerſten Mitteln ſchreiten laſſen möge. Er konnte, indem er London verließe, auch mir entwiſchen. Ich zweifelte an der Zukunft, falls ich ihm nur einen Tag der Freiheit ließe, um nach Gefallen zu handeln. Und ich zweifelte an dem Ausländer, der uns voraus⸗ geeilt, und den ich im Verdacht hatte, daß er ihm ab⸗ ſichtlich hinausgefolgt war. Unter dieſem doppelten Argwohne brauchte ich nicht lange Zeit, um Pesca mit dem bekannt zu machen, was ich wollte. Sobald wir allein in ſeinem Zimmer waren, vermehrte ich ſeine Verwirrung und ſein Erſtaunen noch um das Hundertfache, indem ich ihm ebenſo deutlich, wie ich es hier beſchrieben, auseinanderſetzte, welchen Zweck ich im Auge habe. „Lieber Freund, was kann ich thun?“ rief der Pro⸗ feſſor, indem er mir mit kläglicher Miene beide Hände ent⸗ gegenſtreckte.„Teufel⸗zum⸗Teufel! Wie kann ich Dir helfen, Walter, wenn ich den Mann nicht kenne?“ „Er kennt Dich— er fürchtet Dich— er hat das Theater verlaſſen, um Dir zu entgehen! Pesca! es muß ein Grund dafür vorhanden ſein. Schau in Dein eigen Leben, ehe Du nach England kamſt, zurück. Du verließeſt Italien, wie Du mir ſelbſt geſagt haſt, aus politiſchen Gründen. Du haſt dieſer Gründe niemals gegen mich Erwähnung gethan, und ich frage auch jetzt nicht nach ihnen. Ich bitte Dich nur, Deine Erinnerungen zu wecken und zu ſagen, ob Dir dabei nicht eine Urſache einfällt, für das urſachte.“ Zu harmloſe vor, die Das rof einem Au Leibe zitt „Wa langſt.“ Er ſſ ihm plöt fahr geze er ſo ver Mann m falls er i net wäre, „Verg Dir Schu bitteres U hat. Bei macht we⸗ Gewalt be fahren zu — ich bi kann ich Ich ſt ehe ich bi „War den Füßen Wilkie Collins heater ver⸗ daß ſeine ſn zu noöch möge. Er entwiſchen. nur einen u handeln. as voraus⸗ er ihm ab⸗ te ich nicht achen, was mer waren, aunen noch eutlich, wie chen Zweck ef der Pro⸗ Hände ent⸗ un ich Dir nne?“ er hat das ca! es muß Dein eigen zu verließeſt politiſchen gegen mich nicht nach n zu wecken iche einfällt, 1161 für das Entſetzen, das Dein Anblick jenem Manne ver⸗ urſachte.“ Zu meinem unausſprechlichen Erſtaunen brachten dieſe harmloſen Worte genau dieſelbe Wirkung auf Pesca her⸗ vor, die Pesca's Anblick auf den Grafen gehabt hatte. Das roſige Geſicht meines kleinen Freundes wurde in einem Augenblicke kreideweiß, und er zog ſich, am ganzen Leibe zitternd, langſam von mir zurück. „Walter!“ ſagte er.„Du weißt nicht, was Du ver⸗ langſt.“ Er ſprach flüſternd— und ſah mich an, als ob ich ihm plötzlich eine uns Beiden drohend verborgene Ge⸗ fahr gezeigt hätte. In weniger als einer Minute war er ſo verſchieden von dem fröhlichen, lebhaften, drolligen Mann meiner früheren Erfahrung geworden, daß ich, falls er mir in dieſem Zuſtande auf der Straße begeg⸗ net wäre, ihn ſicher nicht erkannt hätte. „Vergib, falls ich Dich unabſichtlich erſchreckt und Dir Schmerz verurſacht habe,“ ſagte ich.„Bedenke, welch' bitteres Unrecht meine Frau vom Grafen Fosco erfahren hat. Bedenke, daß dies Unrecht niemals wieder gut ge⸗ macht werden kann, falls ich nicht die Mittel in meine Gewalt bekomme, ihn zu zwingen, ihr Gerechtigkeit wider⸗ fahren zu laſſen. Ich ſprach in ihrem Intereſſe, Pesca — ich bitte Dich nochmals, mir zu vergeben— weiter kann ich nichts ſagen.“ Ich ſtand auf, um zu gehen. Er hielt mich zurück, ehe ich bis zur Thür war. „Warte,“ ſagte er;„Du haſt mich vom Kopf bis zu den Füßen erſchüttert. Du weißt nicht, wie und warum Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 11 162 ich mein Vaterland verlaſſen. Laß mich Faſſung gewinnen — laß mich nachdenken, wenn ich kann.“ Ich kehrte an meinen Platz zurück. Er ſchritt auf und ab und ſprach unzuſammenhängend in ſeiner eigenen Sprache zu ſich ſelbſt. Nachdem er einigemale auf und ab gegangen, kam er plötzlich zu mir heran und legte ſeine kleinen Hände mit einer ſeltſamen Innigkeit und Feierlich⸗ keit auf meine Bruſt. „Bei Deinem Leben und Deiner Seele, Walter,“ ſagte er,„gibt es keine andere Art und Weiſe, dieſen Mann zu faſſen, als den zufälligen Weg durch mich?“ „Keine andere,“ entgegnete ich. Er verließ mich wieder, öffnete die Zimmerthür, blickte vorſichtig in den Corridor hinaus, ſchloß die Thür wieder und kam zurück. „Du haſt Dir das Recht über mich gewonnen, Wal⸗ ter,“ ſagte er,„an dem Tage, wo Du mir das Leben retteteſt. Es gehörte von jenem Augenblicke an Dir, falls es Dir gefiele, es zu nehmen. Nimm es jetzt. Ja! ich meine, was ich ſage. Meine nächſten Worte werden, ſo wahr ein Gott über uns iſt, mein Leben in Deine Hände geben.“ Sein Zittern und der Ernſt, mit dem er dieſe merk⸗ würdigen Worte ſagte, brachten in mir die Ueberzeugung hervor, daß er die Wahrheit ſprach. „Erinnere Dich an dies!“ fuhr er fort, indem er in der Heftigkeit ſeiner Aufregung ſeine Hand gegen mich ſchüttelte.„Ich halte in meinem eigenen Geiſte keinen Faden zwiſchen jenem Manne, Fosco, und der Vergan⸗ genheit, die ich um Deinetwillen mir zurückrufen will. Falls T — ſage ſchwöre Blindhe Er j Worte Ich die zu er gen Auss verzeichn bedeuten dabei fü Zeit und Sprache ſprechen) ſprachez liſch an ſeiner w wegung in der W nie aber Worte, w mir in d „Du 9 Es das, was gen wiede mein eigen langen. gegenüber der Erzäh gewinnen ſchritt auf er eigenen e auf und legte ſeine HFeierlich⸗ ter,“ ſagte ſen Mann 274 Für, blickte hür wieder nen, Wal⸗ das Leben an Dir, jetzt. Ja! te werden, in Deine dieſe merk⸗ berzeugung zddem er in gegen mich eiſte keinen r Vergan⸗ rufen will. 163 Falls Du den Faden findeſt, ſo behalte ihn für Dich — ſage mir nichts— auf meinen Knieen bitte und be⸗ ſchwöre ich Dich, laß mich in Unkenntniß, laß mich in Blindheit über die ganze Zukunft, wie ich es jetzt bin!“ Er ſprach noch ein paar haſtige, unzuſammenhängende Worte— und ſchwieg wieder. Ich ſah, daß die Anſtrengung, ſich bei einer Gelegenheit, die zu ernſter Natur war, um ihm den Gebrauch der drolli⸗ gen Ausdrücke und Wendungen ſeines gewöhnlichen Wörter⸗ verzeichniſſes zu geſtatten, auf Engliſch auszudrücken, noch bedeutend die Schwierigkeit vergrößerte, die er überhaupt dabei fühlte, mit mir zu ſprechen. Da ich in der erſten Zeit unſeres vertrauten Umganges gelernt hatte, ſeine Sprache zu leſen und zu verſtehen(wenngleich nicht zu ſprechen), ſchlug ich ihm jetzt vor, ſich ſeiner Mutter⸗ ſprache zu bedienen, während ich etwaige Fragen auf Eng⸗ liſch an ihn richten würde. Er ging hierauf ein. In ſeiner wohlklingenden Sprache— wobei ſeine heftige Be⸗ wegung ſich in dem fortwährenden Arbeiten ſeiner Züge, in der Wildheit und Haſt ſeiner ausländiſchen Gebehrden, nie aber in lauteren Tönen verrieth— hörte ich jetzt die Worte, welche mich für den letzten Kampf waffneten, der mir in dieſen Blättern zu berichten übrig bleibt.*) „Du weißt nichts von meinen Beweggründen, um *) Es iſt nicht mehr als billig, hier zu erwähnen, daß ich das, was Pesca mir mittheilte, mit den ſorgfältigen Weglaſſun⸗ gen wiederhole, welche die ernſte Natur des Gegenſtandes und mein eigenes Pflichtgefühl gegen meinen Freund von mir ver⸗ langen. Meine erſten und letzten Verheimlichungen dem Leſer gegenüber ſind diejenigen, welche die Vorſicht in dieſem Theile der Erzählung unbedingt nöthig macht. 11* 164 deretwillen ich Italien verließ,“ begann er,„ausgenommen, daß ſie politiſcher Art waren. Wären es Verfolgungen von Seiten meiner Regierung geweſen, die mich nach die⸗ ſem Lande trieben, ſo würde ich dieſe Gründe weder Dir noch ſonſt jemandem verſchwiegen haben. Ich habe ſie verſchwiegen, weil keine Regierungsbehörde das Urtheil meiner Verbannung ausgeſprochen hat. Du haſt von den politiſchen Verbindungen gehört, Walter, welche ſich in jeder großen Stadt des Feſtlandes von Europa verſtecken? Zu einer dieſer Geſellſchaften gehörte ich in Italien— und gehöre ich noch jetzt in England. Als ich nach die⸗ ſem Lande kam, geſchah es auf Befehl meines Vorgeſetzten. Ich war in meiner Jugend zu dienſteifrig, und lief Ge⸗ fahr, mich und Andere dadurch zu compromittiren. Aus dieſem Grunde erhielt ich Befehl, nach England auszu⸗ wandern und zu warten. Ich wanderte aus— ich habe gewartet— ich warte noch jetzt. Morgen ſchon kann ich fortgerufen werden. Doch iſt es mir einerlei— ich bin hier, ernähre mich durch Unterricht und kann warten. Ich breche keinen Eid(Du ſollſt ſogleich hören, warum), in⸗ dem ich meine Mittheilung durch Nennung des Namens der Geſellſchaft, zu der ich gehöre, vollſtändig mache. Alles, was ich thue, iſt, daß ich mein Leben in Deine Hände gebe. Falls je ein Menſch erfährt, daß das, was ich Dir jetzt ſagen werde, über meine Lippen gekommen iſt, bin ich, ſo wahr wir hier ſitzen, des Todes.“ Er flüſterte mir die nächſten Worte ins Ohr. Ich be⸗ wahre das Geheimniß, welches er mir auf dieſe Weiſe mit⸗ theilte. Der Bund, zu welchem er gehörte, wird für den Zweck dieſer Erzählung hinlänglich individualiſirt ſein, wenn ich es nothr bindun „De „iſt gan Art im Behaup «Verbir Mannes das Rech dem We er dies brechen, berauber furchtba dieſe Ge nicht ob ſo lange habt, w äußerſten nicht ob gen die niſirten Seelen könntet. mißtrau das zuy Ruhe ei und ent die wen enommen, folgungen nach die⸗ veder Dir habe ſie s Urtheil ſt von den he ſich in verſtecken? ztalien— nach die⸗ —rgeſetzten. lief Ge⸗ ren. Aus nd auszu— ꝛich habe kann ich — ich bin rten. Ich rum), in⸗ Namens ig mache. in Deine das, was gekommen 8.“ Ich be⸗ Weiſe mit⸗ rd für den iſirt ſein, 165 wenn ich ihn bei den wenigen Gelegenheiten, in welchen es nothwendig ſein wird ſeiner zu erwähnen,„die Ver⸗ bindung“ nenne.. „Der Zweck der Verbindung,“ fuhr Pesca fort, „iſt ganz einfach derſelbe, den andere Geſellſchaften dieſer Art im Auge haben— der Sturz der Tyrannei und die Behauptung der Rechte des Volks. Die Grundſätze dieſer Verbindung» ſind zweierlei Art. So lange eines Mannes Leben nützlich oder auch nur harmlos iſt, hat er das Recht, daſſelbe zu genießen. Sobald aber ſein Leben dem Wohlergehen ſeiner Mitmenſchen entgegentritt, hat er dies Leben verwirkt, und es iſt nicht allein kein Ver⸗ brechen, ſondern ein poſitives Verdienſt, ihn deſſelben zu berauben. Es liegt mir nicht ob, zu ſagen, in welchen furchtbaren Verhältniſſen des Druckes und der Tyrannei dieſe Geſellſchaft ihren Urſprung hatte. Und es liegt Euch nicht ob— Euch Engländern, die Ihr Eure Freiheit vor ſo langer Zeit erranget, daß Ihr ganz bequem vergeſſen habt, wie viel Blut ihr dabei vergoſſen, und zu welchen äußerſten Mitteln Ihr dabei geſchritten— es liegt Euch nicht ob, zu ſagen, wie weit die ſchlimmſte aller Erbitterun⸗ gen die bis zum Wahnſinne gereizten Männer einer tyran⸗ niſirten Nation fortreißen darf. Das Eiſen, das in unſere Seelen gedrungen, ging zu tief, als daß Ihr es finden könntet. Laßt den Flüchtling zufrieden! Lacht über ihn, mißtrauet ihm, verwundert Euch über das geheime Weſen, das zuweilen unter der alltäglichen Reſpectabilität und Ruhe eines Mannes wie ich, zuweilen unter der Armuth und entſetzlichen Unſauberkeit von Männern ſchlummert, die weniger glücklich, weniger ſchmiegſam und weniger 166 geduldig ſind als ich— aber richtet uns nicht! Zur Zeit Eures erſten Karl hättet Ihr uns vielleicht Gerechtigkeit widerfahren laſſen; aber jetzt hat der lange Genuß Eurer eigenen Freiheit Euch unfähig gemacht, ſie uns angedeihen zu laſſen.“ Alle die tiefſten Gefühle ſeiner Natur ſchienen ſich in jenen Worten Luft zu machen; zum erſtenmale in un⸗ ſerm Leben ſchüttete er mir ſein ganzes Herz aus— aber noch immer in leiſen Tönen— ſeine Furcht vor der entſetzlichen Offenbarung, die er mir machte, ver⸗ ließ ihn keinen Augenblick. „Bis hierher,“ fuhr er fort,„erſcheint Dir die Ge⸗ ſellſchaft wie jede andere Geſellſchaft. Ihr Zweck iſt(Eurer engliſchen Anſicht nach) Anarchie und Revolution. Sie nimmt das Leben eines ſchlechten Fürſten oder eines ſchlech⸗ ten Miniſters, als ob der Eine und der Andere gefähr⸗ liche, wilde Thiere wären, die bei der erſten Gelegenheit erſchoſſen werden müßten. Ich gebe dies zu. Aber die Geſetze der«Verbindung» ſind von allen anderen Ge— ſellſchaften der Welt verſchieden. Die Mitglieder ſind einander nicht bekannt. Es iſt ein Präſident in Italien, und es ſind Präſidenten im Auslande. Jeder derſelben hat ſeinen Secretär. Die Präſidenten und Secretäre ken⸗ nen die Mitglieder; aber die Mitglieder unter ſich ſind einander Alle fremd, bis ihr Vorgeſetzter es in der politi⸗ ſchen Nothwendigkeit der Zeit oder der privaten Nothwen⸗ digkeit der Geſellſchaft für nöthig erachtet, ſie mit einander bekannt zu machen. Unter ſolchem Schutze bedarf es kei⸗ nes Eides bei der Aufnahme. Wir ſind mit der„Ver⸗ bindung“ durch ein geheimes Zeichen identificirt, das wir Alle trag haben Be und uns unſerer⸗ Secretär die«Ve wir ande Verbin Fremden kommt, unſeres rend all ein Mite verſchob Fuße na — die Einige braucht Tage il zum We liche kle triebe k Geſicht ter ſo ſchreibe ein, wi muß ie nem 2 verbeſſ keit üb Zur Zeit fecctigkeit iß Eurer iedeihen nen ſich 2 in un⸗ aus— rcht vor te, ver⸗ die Ge⸗ t(Eurer n. Sie ſchlech⸗ gefähr⸗ legenheit Aber die ren Ge⸗ der ſind Italien, eerſelben ire ken⸗ ich ſind politi⸗ othwen⸗ inander es kei⸗ Ver⸗ das wir 167 Alle tragen und bis ans Ende unſeres Lebens tragen. Wir haben Befehl, unſern gewöhnlichen Geſchäften nachzugehen und uns viermal des Jahres für den Fall, daß man unſerer Dienſte bedürfte, bei dem Präſidenten oder dem Secretär zu melden. Wir ſind gewarnt, daß, falls wir die«Verbindung» verrathen oder ihr ſchaden, indem wir anderen Intereſſen dienen, wir nach den Geſetzen der «Verbindung» ſterben müſſen— durch die Hand eines Fremden, der vielleicht vom andern Ende der Welt her⸗ kommt, um den Schlag zu führen, oder durch die Hand unſeres eigenen Herzensfreundes, der uns unbekannt wäh⸗ rend all' der langen Jahre unſeres vertrauten Umganges ein Mitglied geweſen ſein mag. Zuweilen wird der Tod verſchoben, zuweilen aber folgt er dem Verrathe auf dem Fuße nach. Unſere erſte Sache iſt, zu warten zu verſtehen — die zweite, zu gehorchen, wenn der Befehl kommt. Einige von uns mögen ihr Lebelang warten und nicht ge⸗ braucht werden. Andere wieder mögen pielleicht ſchon am Tage ihrer Aufnahme zum Werke oder zur Vorbereitung zum Werke gerufen werden. Ich ſelbſt— der leichte, fröh⸗ liche kleine Mann, den Du kennſt, und der aus freiem An⸗ triebe kaum mit einem Taſchentuche die Fliege von ſeinem Geſichte verjagen mag— ich trat in meiner Jugend un⸗ ter ſo furchtbarer Aufreizung, wie ich ſie Dir nicht be⸗ ſchreiben will, durch einen Impuls in die„Verbindung ein, wie ich mich durch Impuls hätte tödten mögen. Jetzt muß ich in ihr verbleiben— ſie hält mich bis zu mei⸗ nem Tode gefaßt, wie ich auch immer jetzt in meinen verbeſſerten Umſtäuden und meiner ruhigeren Männlich⸗ keit über ſie denken mag. Als ich noch in Italien war, —y 168 wurde ich zum Secretär erwählt, und alle Mitglieder jener Zeit, die angeſichts des Präſidenten gebracht, wurden auch mir vorgeſtellt.“ Ich fing an, ihn zu verſtehen; ich ſah das Ende ſeiner außerordentlichen Mittheilung. Er ſchwieg einen Augen⸗ blick, mich aufmerkſam beobachtend— bis er offenbar er⸗ rathen, was in mir vorging. „Du haſt bereits Deinen Schluß gezogen,“ ſagte er. „Ich leſe es in Deinem Geſichte. Sage mir nichts. Be⸗ halte das Geheimniß Deiner Gedanken für Dich. Laß mich dies eine letzte Opfer meiner ſelbſt für Dich machen,— und dann von dieſem Gegenſtande auf immer ſchweigen.“ Er machte mir ein Zeichen, nicht zu ſprechen— ſtand auf— zog ſeinen Rock aus— und krämpte den linken Aermel ſeines Hemdes um. „Ich verſprach Dir, daß dieſe Mittheilung eine voll⸗ ſtändige ſein ſolle,“ flüſterte er dicht an meinem Ohre, während er mit den Augen aufmerkſam die Thür bewachte. „Was auch danach kommen möge, Du ſollſt mir nicht den Vorwurf zu machen haben, daß ich Dir irgend etwas ver⸗ ſchwiegen hätte, was Dir für Deinen Zweck nothwendig zu wiſſen war. Ich habe geſagt, daß die Verbindung⸗ ihre Mitglieder durch ein Zeichen identificirt, welches mit ihnen in das Grab geht. Sieh' her, dies iſt die Stelle, und dies das Zeichen.“ Er erhob ſeinen entblößten Arm und zeigte mir hoch im Oberarme und auf der Innenſeite eine Brandmarke, die tief ins Fleiſch gebrannt und von heller Blutfarbe war. Ich enthalte mich, die Deviſe dieſer Brandmarke zu be⸗ ſchreiben. Genüge es zu ſagen, daß dieſelbe in runder Form vollkon „E gebram „iſt ein cher de oder ſi werden Vorgeſ menſchl geſehen wie Di decken! mich v denken nem C antwor meiner falls d mich! ihn ni⸗ oder A haben gehört. Walter zugetro getheil den, el Er barg e Nitglieder t, wurden nde ſeiner a Augen⸗ enbar er⸗ ſagte er. hts. Be⸗ Laß mich ichen,— weigen.“ — ſtand in linken ne voll⸗ n Ohre, ewachte. nicht den bas ver⸗ endig zu ndung) hes mit Stelle, ir hoch dmarke, be war. zu be⸗ runder 160 Form und ſo klein war, daß eine Schillingsmünze ſie vollkommen bedeckt hätte. „Ein Mann, der dies Zeichen auf dieſer Stelle ein⸗ gebrannt trägt,“ ſagte er, ſeinen Arm wieder bedeckend, „iſt ein Mitglied der«Verbindung. Ein Mann, wel⸗ cher der„Verbindung» falſch geworden, wird früher oder ſpäter von den Präſidenten oder Secretären entdeckt werden, welche ihn kennen. Und ein Mann, der von den Vorgeſetzten als Verräther entdeckt worden, iſt todt. Kein menſchliches Geſetz kann ihn ſchützen. Bedenke, was Du geſehen und gehört haſt; ziehe Deine Schlüſſe und handle wie Du willſt. Aber um Gotteswillen, was Du auch ent⸗ decken mögeſt, was Du auch thueſt, ſage mir nichts! Laß mich von einer Verantwortlichkeit frei bleiben, an die zu denken mich ſchaudern macht— und die, wie ich in mei⸗ nem Gewiſſen überzeugt bin, jetzt noch nicht meine Ver⸗ antwortlichkeit iſt. Zum letztenmale ſage ich es— bei meiner Ehre als Gentleman, bei meinem Eide als Chriſt, falls der Mann, den Du mir in der Oper bezeichneteſt, mich kennt, ſo iſt er ſo verändert oder ſo verſtellt, daß ich ihn nicht kenne. Ich weiß nichts von ſeinen Handlungen oder Abſichten in England— ich habe ihn nie geſehen— habe nie, ſoviel ich weiß, vor heute Abend ſeinen Namen gehört. Ich ſage weiter nichts. Verlaſſe mich eine Weile, Walter; ich fühle mich überwältigt durch das, was ſich zugetragen hat, erſchüttert durch das, was ich Dir mit⸗ getheilt habe. Laß mich verſuchen wieder der Alte zu wer⸗ den, ehe wir wieder zuſammenkommen.“ Er ſank auf einen Stuhl, und ſich voͤn mir abwendend barg er ſein Geſicht in ſeinen Händen. Ich öffnete leiſe 170 die Thür, um ihn nicht zu ſtören— und ſprach ein paar Abſchiedsworte mit leiſer Stimme, ſodaß er ſie hören konnte oder nicht, wie er wollte. „Ich will die Erinnerung an heute Abend in der tiefſten Tiefe meines Herzens bewahren,“ ſagte ich.„Du ſollſt niemals bereuen, mir Dein Vertrauen geſchenkt zu haben. Darf ich morgen zu Dir kommen? Darf ich ſchon um neun Uhr zu Dir kommen?“ „Ja, Walter,“ entgegnete er, mich liebevoll anblickend und wieder engliſch ſprechend, wie wenn es jetzt ſein größ⸗ ter Wunſch ſei, zu unſeren früheren Beziehungen zueinander zurückzukehren.„Komm zu meinem kleinen Frühſtück, ehe ich zu meinen Schülern gehe.“ „Gute Nacht, Pesca.“ „Gute Nacht, lieber Freund.“ XVII. Meine erſte Ueberzeugung, als ich mich in der Straße befand, war die, daß mir nichts weiter übrig bleibe, als nach den Mittheilungen zu handeln, die mir gemacht wor⸗ den— mich des Grafen noch in dieſer Nacht zu verſichern, oder mich der Gefahr auszuſetzen, falls ich bis zum Mor⸗ gen wartete, Laura's letzte Hoffnung zu verlieren. Ich blickte auf meine Uhr. Sie zeigte auf zehn. Ich hatte auch nicht den Schatten eines Zweifels in Bezug auf des Grafen Abſicht, als er das Theater ver⸗ laſſen. Sein Entwiſchen aus der Oper war ſicher nur die Einl Zeichen von war mal geze dung“ l Erkenner Es nicht ein des Gra werden, ebenſowe Das raf mochte; geweſen Perrücke der Zeit heure C kommen. nicht wi er Pescc keit ihn, Erſchein Ich Abſicht, Wie kon nen eige änderun deshalb ſprechen Gefahr n paar hören tiefſten r ſollſt haben. on um llickend größ⸗ nander c, ehe Straße e, als wor⸗ chern, Mor⸗ Ich Als in ver⸗ nur 171 die Einleitung ſeines Entweichens aus London. Das Zeichen der„Verbindung“ war auf ſeinem Arme, da⸗ von war ich ſo feſt überzeugt, als wenn er mir das Brand⸗ mal gezeigt hätte— und der Verrath der„Verbin⸗ dung“ lag auf ſeinem Gewiſſen, ich hatte ihn in ſeinem Erkennen Pesca's geleſen. Es war leicht zu verſtehen, warum dieſes Erkennen nicht ein gegenſeitiges geweſen. Ein Mann vom Charakter des Grafen würde nie die fürchterlichen Folgen, Spion zu werden, riskiren, ohne für ſeine perſönliche Sicherheit ebenſowohl zu ſorgen, wie für ſeine goldene Belohnung. Das raſirte Geſicht, welches ich in der Oper bezeichnete, mochte zu Pesca's Zeit mit einem großen Barte bedeckt geweſen ſein; ſein dunkelbraunes Haar war vielleicht eine Perrücke; ſein Name offenbar ein falſcher. Der Zufall der Zeit mochte ihm auch geholfen haben— ſeine unge⸗ heure Corpulenz war vielleicht erſt in ſpäteren Jahren ge⸗ kommen. Es war jeder Grund vorhanden, daß Pesca ihn nicht wieder erkannte— und ebenfalls jeder Grund, daß er Pesca erkannte, deſſen eigenthümliche kleine Perſönlich⸗ keit ihn, wohin er auch gehen mochte, zu einer auffallenden Erſcheinung machte. Ich habe geſagt, daß ich überzeugt war, des Grafen Abſicht, indem er uns im Theater entwiſchte, zu kennen. Wie konnte ich darüber in Zweifel ſein, wenn ich mit mei⸗ nen eigenen Augen ſah, daß er ſich, ungeachtet der Ver⸗ änderungen in ſeinem Aeußern, von Pesca erkannt und deshalb in Gefahr glaubte? Falls ich ihn dieſe Nacht ſprechen und ihm zeigen konnte, daß auch ich die tödtliche Gefahr kannte, in der er ſchwebte, was würde der Erfolg 172 davon ſein? Ganz einfach dieſer: Einer von uns Beiden mußte Herr über unſere Lage— Einer von Beiden mußte unfehlbar in der Gewalt des Andern ſein. Ich war es mir ſchuldig, die Chancen gegen mich wohl zu erwägen; und ich war es meiner Frau ſchuldig, alles Mogliche zu thun, um die Gefahr zu verringern. Die Chancen gegen mich waren leicht hergerechnet: ſie liefen alle in einer einzigen zuſammen. Sobald der Graf durch mein eigenes Bekennen erfuhr, daß der gerade Weg zu ſeiner Sicherheit über mich als Leiche ging, ſo war er wahrſcheinlich der letzte Mann von der Welt, der zaudern würde, dieſen Weg einzuſchlagen, wenn er mich allein in ſeiner Gewalt hatte. Die einzigen Vertheidigungsmittel gegen ihn, von denen ich hoffen durfte, daß ſie die Gefahr verringern würden, ſtellten ſich nach etwas ſorgfältiger Ueberlegung deutlich genug heraus. Bevor ich mein per⸗ ſönliches Bekenntniß der Entdeckung in ſeiner Gegenwart machte, mußte ich die Entdeckung ſelbſt ſo placiren, daß ſie zu augenblicklichem Gebrauche gegen ihn bereit und gegen jeden Verſuch von ſeiner Seite, dieſelbe unwirkſam zu machen, geſichert war. Falls ich die Mine unter ſeinen Füßen grub, ehe ich mich ihm näherte, und einer dritten Perſon Weiſung gab, ſie nach Verlauf eines gewiſſen Zeit⸗ raumes anzuzünden, wenn nicht vorher entgegengeſetzter Befehl von meiner eigenen Hand oder meinen eigenen Lip⸗ pen einginge— ſo mußte des Grafen Sicherheit durchaus von der meinigen abhängen, und ich durfte dann ſelbſt in ſeinem eigenen Hauſe ihm überlegen ſein. Dieſer Gedanke kam mir, als ich dicht vor der neuen Wohnung angelangt war, die wir bei unſerer Rückkehr von dem Jemand ein. Es demſelbe tungen mit dem Laura n was ich Ein maßrege gendes: , nete, gleich ſofort Du k lebt. St. mich verlie dung verlor bezahl Ich ein Cout ich Folg neun Ul von mir Glockenf Anfangs Beiden n mußte ich wohl g, alles net: ſie er Graf de Weg war er zaudern llein in gsmittel Gefahr fältiger ein per⸗ henwart en, daß eit und virkſam ſeinen dritten n Zeit⸗ geeſetzter en Lip⸗ rchaus lbſt in neuen ückkehr von dem Badeorte gemiethet hatten. Ich ließ mich, ohne Jemanden zu ſtören, mit Hülfe meines eigenen Schlüſſels ein. Es ſtand ein Licht im Flur, und ich ſchlich leiſe mit demſelben auf mein Arbeitszimmer, um meine Vorberei⸗ tungen zu treffen und mich abſolut zu einer Unterredung mit dem Grafen zu verpflichten, ehe ſowohl Marianne als Laura nur die leiſeſte Ahnung von dem haben konnten, was ich zu thun beabſichtigte. Ein Brief an Pesca ſchien mir die ſicherſte Vorſichts⸗ maßregel, die ich jetzt kreffen konnte. Ich ſchrieb ihm Fol⸗ gendes: „Der Mann, den ich Dir in der Oper bezeich⸗ nete, iſt ein Mitglied der„Verbindung“ und zu⸗ gleich ein Verräther an derſelben. Ueberzeuge Dich ſofort von der Wahrheit dieſer beiden Behauptungen. Du kennſt den Namen, unter welchem er in England lebt. Seine Adreſſe iſt Nummer 5, Foreſt Road, St. John's Wood. Bei der Liebe, die Du einſt für mich gehegt, beſchwöre ich Dich, die Macht, die Dir verliehen, ohne Erbarmen und ohne Verzug in Anwen⸗ dung zu bringen. Ich habe Alles gewagt und Alles verloren und mit meinem Leben für mein Mißlingen bezahlt.“ Ich unterzeichnete und datirte dieſe Zeilen, that ſie in ein Couvert und verſiegelte daſſelbe. Oben darauf ſchrieb ich Folgendes:„Laſſe das Couvert bis morgen früh um neun Uhr ungeöffnet. Wenn Du vor dieſer Zeit nichts von mir hörſt oder ſiehſt, ſo brich das Siegel mit dem Glockenſchlage und lies den Inhalt.“ Ich ſchrieb meine Anfangsbuchſtaben darunter, und that das Ganze in ein 174 zweites verſiegeltes Couvert, welches ich an Pesca in ſeiner Wohnung adreſſirte. Es blieb mir hiernach nichts weiter übrig, als den Brief augenblicklich an ſeine Beſtimmung zu ſchaffen, worauf ich Alles gethan haben würde, was in meiner Macht lag. Falls mir in des Grafen Hauſe etwas zu⸗ ſtieße, ſo hatte ich wenigſtens dafür geſorgt, daß er es mit dem Leben büßen mußte. Daß es in Pesca's Macht lag— falls es ihn beliebte, von derſelben Gebrauch zu machen— unter welchen Ver⸗ hältniſſen es auch ſei, des Grafen Entweichen zu verhindern, bezweifelte ich keinen Augenblick. Der außerordentliche Eifer, mit dem er ſeinen Wunſch ausgeſprochen, über des Grafen Identität unaufgeklärt zu bleiben— oder mit anderen Worten, über Thatſachen hinlänglich im Unklaren zu blei⸗ ben, um ſich in ſeinem eigenen Gewiſſen dafür gerecht⸗ fertigt zu fühlen, daß er paſſiv bliebe— verrieth deutlich, daß er Mittel zur Hand hatte, um die fürchterliche Ge⸗ rechtigkeit der«Verbindung» walten zu laſſen, obgleich es ihm, als einem von Natur humanen Manne, wider⸗ ſtrebte, dies in meiner Gegenwart zu ſagen. Die tödtliche Gewißheit, mit welcher die Rache fremder politiſcher Geſellſchaften einen Verräther der Sache zu erreichen weiß, hatte ſelbſt in meiner oberflächlichen Erfahrung zu viele Beiſpiele gegeben, um mir einen Zweifel zu ge⸗ ſtatten. Wenn ich den Gegenſtand als bloſer Zeitungs⸗ leſer betrachtete, erinnerte ich mich an Fälle, in Paris ſo⸗ wohl als in London, wo Ausländer erſtochen in den Straßen gefunden worden, deren Mörder man niemals auf die Spur kam— an Leichname und Theile von ſolchen, die von H und in geheime klären ſchwieg nicht, d wendig zu öffn Ich zu gehe zu beſo und wi abſatze. den er: ließen d Weiſun hinzubr geben u überzeu ſollte er meinen elf Uhr. nuten w in St.” Als zimmer ſie leicht ereignete in welch ſchrieb Pesca in als den ſchaffen, n meiner twas zu⸗ er es mit beliebte, hhen Ver⸗ rhindern, che Eifer, s Grafen anderen zu blei⸗ gerecht⸗ deutlich, liche Ge— obgleich , wider⸗ tödtliche olitiſcher erreichen rfahrung l zu ge⸗ zeitungs⸗ haris ſo⸗ Straßen auf die chen, die von Händen, welche nie entdeckt wurden, in die Themſe und in die Seine geworfen waren— an Todesfälle, durch geheime Gewaltthat, die man ſich nur auf eine Weiſe er⸗ klären konnte. Ich habe in dieſen Blättern nichts ver⸗ ſchwiegen, das mich ſelbſt betrifft— und verhehle auch hier nicht, daß ich glaube, ich hatte, falls die ſchreckliche Noth⸗ wendigkeit eintrat, welche Pesca autoriſirte meinen Brief zu öffnen, Graf Fosco's Todesurtheil geſchrieben. Ich verließ mein Zimmer, um ins Erdgeſchoß hinunter zu gehen und den Hauswirth zu bitten, mir einen Boten zu beſorgen. Er kam zufällig gerade die Treppe herauf, und wir begegneten einander auf dem erſten Treppen⸗ abſatze. Sein Sohn, ein flinker Burſche, war der Bote, den er mir vorſchlug, als er hörte, was ich brauchte. Wir ließen den Knaben heraufkommen und gaben ihm unſere Weiſungen. Er ſollte einen Fiaker nehmen, um den Brief hinzubringen— den letzteren in Pesca's eigne Hände geben und mir von ihm eine Zeile zurückbringen, die mich überzeugte, daß er mein Schreiben richtig erhalten; dann ſollte er in dem Fiaker zurückkommen und denſelben für meinen Gebrauch warten laſſen. Es war jetzt beinah halb elf Uhr. Ich berechnete, daß der Knabe in zwanzig Mi⸗ nuten würde zurück und ich dann in noch zwanzig Minuten in St. John's Wood angelangt ſein können. Als der Burſche fort war, kehrte ich in mein Arbeits⸗ zimmer zurück, um gewiſſe Papiere zu ordnen, ſodaß man ſie leicht finden möchte, in dem Falle, wo ſich das Schlimmſte ereignete. Den Schlüſſel des altmodiſchen Schreibtiſches, in welchem ich die Papiere aufbewahrte, verſiegelte ich, ſchrieb Marianne's Namen auf das kleine Packet und —— — 176 legte es auf meinen Arbeitstiſch. Darauf ging ich ins gemeinſchaftliche Wohnzimmer hinab, wo ich Laura und Marianne, meiner Heimkehr von der Oper harrend, zu finden erwartete. Ich fühlte meine Hand zum erſtenmale erzittern, als ich ſie auf die Thürklinke legte. Marianne war allein im Zimmer. Sie las und blickte erſtaunt auf ihre Uhr, als ich eintrat. „Wie früh Du wieder da biſt!“ ſagte ſie,„Du mußt fortgegangen ſein, ehe die Oper aus war.“ „Ja,“ ſagte ich;„weder Pesca noch ich blieben bis zu Ende. Wo iſt Laura?“ „Sie hatte eine ihrer böſen Migränen heute Abend, und ich rieth ihr, ſich lieber gleich nach dem Thee zu Bette zu legen.“ Ich verließ das Zimmer wieder unter dem Vorwande, nachzuſehen, ob Laura ſchliefe. Marianne's ſcharfe Augen begannen ſich prüfend auf mein Geſicht zu heften. Ihr ſcharfer Inſtinct fing an wahrzunehmen, daß etwas auf meinem Gemüth laſtete. Als ich ins Schlafzimmer trat und mich leiſe im mat⸗ ten Schimmer der Nachtlampe dem Bette näherte, ſah ich, daß meine Frau ſchlief. Wir waren noch nicht ganz einen Monat verheirathet. Falls mein Herz ſchwer wurde, falls mein Entſchluß aber⸗ mals auf einen Augenblick wankte, als ich ihr liebes Ant⸗ litz betrachtete, das ſich im Schlafe ſo treu meinem Kiſſen zuwandte— als ich ihre Hand offen auf der Decke liegen ſah, wie ſie von der meinigen gefaßt zu werden erwartete — gab es da nicht einige Entſchuldigung für mich? Ich geſtattete mir nur ein paar Minuten, um an dem Bette niederzu daß ihr Abſchied Lippen. nen Na Augenbl „Gott ſ flüſterte Max Sie hie Hand. „De ſagte ſie. ihm befo „Ga muß noch Ich g um den gendes irn „ vor de Glocken Ich le mich zur gegen un Licht der meine beit auf die m „Ich j Du will (fie Collin gich ins ura und rend, zu rſtenmale nd blickte Du mußt en bis zu e Abend, zu Bette orwande, fe Augen en. Ihr twas auf im mat⸗ ſah ich, heirathet. luß aber⸗ bes Ant⸗ im Kiſſen cke liegen erwartete nich? Ich em Bette niederzuknien und ſie ganz nahe zu betrachten— ſo nahe, daß ihr Athem mein Geſicht ſtreifte. Ich berührte zum Abſchiede blos ihre Hand und ihre Stirn mit meinen Lippen. Sie bewegte ſich im Schlafe und murmelte mei⸗ nen Namen, doch ohne zu erwachen. Ich zögerte einen Augenblick an der Thür, um ſie noch einmal anzuſchauen. „Gott ſegne Dich und behüte Dich, meines treues Herz!“ flüſterte ich und verließ ſie dann. Marianne ſtand auf der Treppe und wartete auf mich. Sie hielt einen zuſammengelegten Papierſtreifen in der Hand. „Des Hauswirths Sohn hat dies für Dich gebracht,“ ſagte ſie.„Ein Fiaker iſt vor der Thür; er ſagt, Du haſt ihm befohlen, denſelben auf Dich warten zu laſſen.“ „Ganz recht, Marianne. Ich brauche den Fiaker. Ich muß noch einmal fort.“ Ich ging die Treppe hinab und trat in die Wohnſtube, um den Streifen Papier zu leſen. Derſelbe enthielt Fol⸗ gendes in Pesca's Handſchrift: „Ich habe Deinen Brief erhalten. Wenn ich Dich vor der genannten Zeit nicht ſehe, werde ich mit dem Glockenſchlage das Siegel brechen.“ Ich legte das Papier in mein Taſchenbuch und wandte mich zur Thür. Marianne trat mir an der Schwelle ent⸗ gegen und ſchob mich ins Zimmer zurück, ſodaß das Licht der Lampe voll auf mein Geſicht fiel. Sie hielt meine beiden Hände feſt und heftete ihre Augen prüfend auf die meinigen. 4 „Ich ſehe es!“ ſagte ſie mit leiſem, ſchnellem Flüſtern, Du willſt heute Abend die letzte Chance verſuchen.“ ſkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 12 13 „Ja, die letzte und die beſte,“ gab ich flüſternd zurück. „Nicht allein! O, Walter, um Gotteswillen nicht allein! Laß mich mit Dir gehen. Verweigere es mir nicht, weil ich blos ein Weib bin. Ich muß mitgehen! Ich will mitgehen! Ich will draußen im Fiaker warten!“ Jetzt mußte ich ſie halten. Sie verſuchte ſich von mir loszumachen und zuerſt hinunter zu eilen. „Falls Du mir helfen willſt,“ ſagte ich,„ſo bleibe hier und ſchlafe heute Abend im Zimmer meiner Frau. Laß mich nur mit über Laura beruhigtem Gemüthe gehen, und ich ſtehe für alles übrige. Komm, Marianne, küſſe mich und zeige mir, daß Du Muth haſt, zu war⸗ ten, bis ich wiederkomme.“ Ich wagte nicht, ihr Zeit zu laſſen, noch ein Wort weiter zu ſagen. Sie verſuchte nochmals, mich zu halten. Ich nahm ihre Hände auseinander und hatte das Zimmer in einer Minute verlaſſen. Der Knabe unten hörte mich die Treppe herunterkommen und öffnete die Hausthür. Ich ſprang in den Fiaker, ehe noch der Kutſcher vom Bocke ſteigen konnte.„Foreſt Road, St. John's Wood,“ rief ich ihm durch das vordere Fenſter zu.„Ich zahle doppelt, falls wir in einer Viertelſtunde dort ſind.“ „Ich will's machen, Sir.“ Ich ſah auf meine Uhr. Elf Uhr— es war keine Minute mehr zu verlieren. Die ſchnelle Bewegung des Fiakers, das Bewußtſein, daß jede Secunde mich dem Grafen näher brachte, die Ueberzeugung, daß ich mich endlich auf das gewagte Unter⸗ nehmen eingelaſſen, verſetzten mich dermaßen in Aufregung, daß ich dem Kutſcher wiederholt zurief, ſchneller zu fahren. Als wi Road d geduld Kopf a ſehen, e in der Foreſt fernung entließ; Als jemander zu demſ lampe d erkannte Narbe in Er ſagte ſeinen W Oder we Ich ich ein p Geſichtsy war jetzt daß der ſei bereit Die keitsfallz ſofort bei bei zuglei ihn noch Demzufol d zurück. ten nicht nir nicht, Ich will 77 ſich von ſo bleibe ier Frau. Gemüthe Narianne, zu war⸗ ein Wort zu halten. s Zimmer börte mich Hausthür. ſcher vom s Wood,“ Ich zahle ſind.“ war keine bewußtſein, rachte, die agte Unter⸗ Aufregung, zu fahren. 179 Als wir die Straßen verließen und in St. John's Wood Road einfuhren, war ich ſo vollkommen von meiner Un⸗ geduld überwältigt, daß ich im Wagen aufſtand und den Kopf aus dem Fenſter ſteckte, um das Ziel der Reiſe zu ſehen, ehe wir es erreichten. Gerade als eine Kirchenuhr in der Ferne das Viertel nach elf ſchlug, bogen wir in Foreſt Road ein. Ich ließ den Kutſcher in einiger Ent⸗ fernung von des Grafen Hauſe halten— bezahlte und entließ ihn— und ging dann zu Fuße an die Thür. Als ich mich dem Gartenpförtchen näherte, ſah ich jemanden von der entgegengeſetzten Seite her ebenfalls zu demſelben herankommen. Wir trafen unter der Gas⸗ lampe der Straße zuſammen und ſahen einander an. Ich erkannte augenblicklich den blonden Ausländer mit der Narbe im Geſichte; und es ſchien mir, er erkannte mich. Er ſagte nichts; und anſtatt ins Haus zu gehen, ſetzte er ſeinen Weg fort. War er durch Zufall in Foreſt Road? Oder war er dem Grafen von der Oper her gefolgt? Ich gehe nicht weiter in dieſe Fragen ein. Nachdem ich ein paar Secunden gewartet, bis der Fremde außer Geſichtsweite war, zog ich die Glocke am Pförtchen. Es war jetzt zwanzig Minuten nach elf Uhr— ſpät genug, daß der Graf mich leicht durch die Entſchuldigung, er ſei bereits im Bette, hätte loswerden können. Die einzige Art und Weiſe, mich gegen dieſen Möglich⸗ keitsfall zu verwahren, war die, mich ohne weitere Fragen ſofort bei meinem Namen anmelden zu laſſen und ihm da⸗ bei zugleich ſagen zu laſſen, daß ich wichtige Gründe habe, ihn noch zu ſo ſpäter Stunde zu ſprechen zu wünſchen. Demzufolge nahm ich, während ich wartete, bis man mir 12 1³⁰ öffnen würde, eine Karte heraus und ſchrieb unter meinen Namen„in wichtigen Geſchäften.“ Die Hausmagd öffnete die Thür, während ich noch das letzte Wort ſchrieb und frug mich argwöhniſch,„was ich wünſche.“ „Seien Sie ſo gut, dies an Ihren Herrn abzugeben,“ entgegnete ich, ihr die Karte gebend. Ich ſah aus dem zögernden Weſen des Mädchens, daß, hätte ich ſie gefragt, ob ihr Herr zu Hauſe ſei, ſie ihre erhaltenen Weiſungen befolgt und mir geantwortet haben würde, er ſei nicht zu Hauſe. Aber die Zu⸗ verſicht, mit der ich ihr meine Karte gab, machte ſie un⸗ ſchlüſſig. Nachdem ſie mich mit erſtaunter Verwirrung angeſtiert, ging ſie mit meiner Karte ins Haus zurück, indem ſie die Thür ſchloß und mich im Garten ſtehen ließ. In ein paar Minuten kam ſie wieder heraus.„Eine Empfehlung von ihrem Herrn, und ob ich nicht ſo gut ſein wolle, zu ſagen, wozu ich ihn zu ſprechen wünſche?“ „Machen Sie Ihrem Herrn meine Empfehlung und ſagen Sie ihm, ich könne dies niemandem als ihm ſelbſt mit⸗ theilen.“ Sie verließ mich abermals, kam wieder heraus — und bat mich diesmal, einzutreten. Ich folgte ihr ſofort. Im nächſten Augenblicke befand ich mich im Hauſe des Grafen Fosco. XXII. Es war keine Lampe im Flur; aber in dem matten Schimmer des Lichtes, welches die Magd mit aus der Küche gebracht hatte, ſah ich eine ältliche Dame geräuſch⸗ los da warf n Flur t ohne n war di buche h Gräfin Die die Gre dem G Er daß er geworfe umgekri ſtand ei Papiere umher. eine Pag kannt m Canarie einem a Reiſekoff pieren il Geſicht; welche il Wangen mit verſ und ſein einen Se Höflichke rmeinen d öffnete rieb und zugeben,“ kädchens, e ſei, ſie antwortet die Zu⸗ e ſie un⸗ rwirrung s zurück, ehen ließ. S.„Eine ht ſo gut vünſche?“ und ſagen elbſt mit⸗ er heraus cke befand m matten aus der geräuſch⸗ 181 los das Hinterzimmer des Erdgeſchoſſes verlaſſen. Sie warf mir einen einzigen Natternblick zu, als ich in den Flur trat, ſagte jedoch nichts, ſondern ging langſam und ohne meinen Gruß zu erwidern die Treppe hinauf. Ich war durch meine Bekanntſchaft mit Marianne's Tage⸗ buche hinlänglich überzeugt, daß dieſe ältliche Dame die Gräfin Fosco ſei. Die Magd führte mich nach dem Zimmer, welches die Gräfin ſoeben verlaſſen hatte. Ich trat ein und ſtand dem Grafen gegenüber. Er war noch in ſeiner Abendtoilette, ausgenommen, daß er ſeinen Rock ausgezogen und über einen Stuhl geworfen hatte. Seine Hemdärmel waren am Handgelenke umgekrämpt, aber nur wenig. Zur einen Seite von ihm ſtand ein Nachtſack, zur andern ein Reiſekoffer. Bücher, Papiere und Kleidungsſtücke lagen zerſtreut im Zimmer umher. Auf einem Tiſche zur einen Seite der Thür ſtand eine Pagode, die mir der Beſchreibung nach ſo wohl be⸗ kannt war und die ſeine weißen Mäuſe enthielt. Die Canarienvögel und der Kakadu waren wahrſcheinlich in einem andern Zimmer. Als ich eintrat, ſaß er vor dem Reiſekoffer, welchen er packte, ſtand mit einigen Pa⸗ pieren in der Hand auf, um mich zu empfangen. Sein Geſicht zeigte noch deutliche Spuren von der Erſchütterung, welche ihn in der Oper überwältigt hatte. Seine großen Wangen hingen welk, ſeine kalten grauen Augen blickten mit verſtohlener Wachſamkeit, ſeine Stimme, ſein Blick und ſein Weſen waren alle gleich argwöhniſch, als er mir einen Schritt entgegenkam und mich mit zurückhaltender Höflichkeit erſuchte, Platz zu nehmen. — 182 „Sie kommen in Geſchäften, Sir?“ ſagte er.„Ich kann nicht errathen, welcher Art dieſelben ſein können.“ Die unverhohlene Neugier, mit der er mir, während er ſprach, feſt ins Geſicht blickte, überzeugte mich, daß er mich in der Oper nicht bemerkt hatte. Er hatte Pesca zuerſt erblickt und offenbar von dieſem Augenblicke an bis zu dem, wo er das Theater verließ, nichts weiter geſehen als ihn. Mein Name mußte ihn natürlich darauf gefaßt machen, daß mich kein anderer als ein feindlicher Zweck in ſein Haus brachte— aber er ſchien bis hier⸗ her vollkommen im Unklaren über den wirklichen Zweck meines Beſuches. „Ich habe Glück, indem ich Sie heute Abend noch hier finde,“ ſagte ich;„Sie ſcheinen im Begriffe zu ſein, eine Reiſe zu machen.“ „Haben Ihre Geſchäfte mit meiner Reiſe zu thun?“ „In gewiſſer Beziehung, ja.“ „In welcher Beziehung? Wiſſen Sie, wohin ich reiſe?“ „Nein. Ich weiß blos, warum Sie London verlaſſen.“ Er ſchlüpfte mit Blitzesſchnelle an mir vorüber, ver⸗ ſchloß die Thür und ſteckte den Schlüſſel in die Taſche. „Sie und ich, Mr. Hartright,“ ſagte er,„ſind dem Rufe nach ſehr wohl mit einander bekannt. Iſt es Ihnen zufällig eingefallen, als Sie nach dieſem Hauſe kamen, daß ich nicht ein Mann ſei, mit dem Sie Ihr Spiel würden treiben können?“ „Allerdings,“ entgegnete ich;„und ich bin durchaus nicht dazu hergekommen. Ich bin hier in einer Sache über Leben und Tod— und wäre jene Thür, die Sie ſoeben verſchloſſen haben, offen, ſo würde mich nichts, das Sie zu ſag nen, di Ick und ſte einen ſich mi weißen Thierch rer Ar die bur Di linke H eine ve ſteckte: Schlüſ „ er fort rend er die Sc „ „ich ka ( Sie J. werden Di r.„Ich önnen.“ während lich, daß tte Pesca blicke an s weiter h darauf eindlicher bis hier⸗ en Zweck end noch fe zu ſein, mthun?“ ch reiſe?“ erlaſſen.“ iber, ver⸗ e Taſche. ſind dem es Ihnen ſe kamen, hr Spiel durchaus bache über Sie ſoeben das Sie 183 zu ſagen oder zu thun im Stande wären, bewegen kön⸗ nen, dies Zimmer zu verlaſſen.“ Ich trat weiter in das Innere des Zimmers hinein und ſtand ihm auf dem Kaminteppiche gegenüber. Er zog einen Stuhl vor die Thür, ſetzte ſich darauf und ſtützte ſich mit einem Arme auf den Tiſch. Die Pagode mit den weißen Mäuſen ſtand dicht neben ihm und die kleinen Thierchen ſtürzten aus ihren Schlafſtellen, als ſein ſchwe⸗ rer Arm den Tiſch erſchütterte und ſchauten ihn durch die bunten Drahtſtäbe hindurch an. „In einer Sache über Leben und Tod?“ wiederholte er für ſich.„Dieſe Worte bedeuten vielleicht mehr als Sie denken. Was wollen Sie damit andeuten?“ „Was ich ſage.“ Dichter Schweiß trat auf ſeine breite Stirn. Seine linke Hand ſtahl ſich über die Kante des Tiſches. Es war eine verſchließbare Schublade darin und der Schlüſſel ſteckte im Schloſſe. Sein Finger und Daumen faßten den Schlüſſel, doch drehte er ihn nicht um.. „Sie wiſſen alſo, weshalb ich London verlaſſe?“ fuhr er fort.„Nennen Sir mir gefälligſt den Grund.“ Wäh⸗ rend er ſprach, drehte er den Schlüſſel um und öffnete die Schublade. „Ich kann noch mehr thun als das,“ entgegnete ich; „ich kann Ihnen den Grund zeigen.“ „Wie können Sie ihn mir zeigen?“ „Sie haben Ihren Rock abgelegt,“ ſagte ich.„Wollen Sie Ihren linken Hemdärmel hinaufziehen— und Sie werden ihn ſehen.“ Dieſelbe fahle, bleierne Bläſſe, die ich ſchon im Theater auf ſeinem Geſichte hatte lagern ſehen, überzog daſſelbe abermals. Das tödtliche Leuchten ſeiner Augen brannte ſich feſt und tief in die meinigen. Er ſagte nichts. Aber ſeine linke Hand zog langſam die Schublade heraus und ſchlüpfte dann leiſe hinein. Es ließ ſich auf einen Augen⸗ blick ein harter, ſcharrender Ton hören, wie wenn er einen ſchweren Gegenſtand bewegte, den ich jedoch nicht ſah. Die Stille, welche folgte, war eine ſo tiefe, daß ich an der Stelle, wo ich ſtand, deutlich das leiſe Nagen der kleinen weißen Mäuſe an ihren Stäben hören konnte. Mein Leben hing an einem Faden, und ich wußte es. In dieſem entſcheidenden Augenblicke dachte ich mit ſei⸗ nem Geiſte, fühlte ich mit ſeinen Fingern— ich wußte ſo beſtimmt, als ob ich es geſehen hätte, was er in der Schublade vor mir verſteckt hielt. „Warten Sie ein wenig,“ ſagte ich.„Sie haben die Thür verſchloſſen— Sie ſehen, daß ich mich nicht rühre — daß meine Hände leer ſind. Warten Sie ein wenig. Ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen.“ „Sie haben genug geſagt,“ entgegnete er mit einer plötzlichen Ruhe, die etwas ſo Unnatürliches und Geſpen⸗ ſtiſches hatte, daß ſie mich heftiger erſchütterte, als der gewaltigſte Wuthausbruch gethan haben würde.„Ich brauche noch einen Augenblick für meine eigenen Gedan⸗ ken, wenn Sie ihn mir erlauben wollen. Errathen Sie, woran ich denke?“ „Vielleicht.“ „Ich denke daran,“ ſagte er mit großer Ruhe,„ob ich die Unordnung in dieſem Zimmer noch dadurch vermehren ſoll, daß ich Ihr Gehirn über den Kamin ſpritze.“ Ich dieſem 2 „Ill entſchliej mir trag Dieſ Ich nick gung ül Taſchenb dann keh Er l erhalten. werde ic Für Worte ei eine ſole Billets ze blicke, we ſichtsmaf ausdruck ſich leer „Ich und ich über den bin ſelbſt läufig be geglaubt verlangen „ Ja, „Unte daſſelbe brannte 8. Aber aus und Augen⸗ er einen icht ſah. 8 ich an igen der onnte. zuußte es. nit ſei⸗ ch wußte rein der aben die ht rühre mwenig. it einer Geſpen⸗ als der „Ich Gedan⸗ en Sie, nob ich rmehren 71 185 Ich ſah es ſeinem Geſichte an, daß, falls ich mich in dieſem Augenblicke gerührt, er es gethan haben würde. „Ich rathe Ihnen, ehe Sie ſich über dieſe Frage entſchließen, zwei geſchriebene Zeilen zu leſen, die ich bei mir trage,“ entgegnete ich. Dieſer Vorſchlag ſchien ſeine Neugierde zu erregen. Ich nickte mit dem Kopfe. Ich nahm Pesca's Beſcheini⸗ gung über den Empfang meines Briefes aus meinem Taſchenbuche und hielt ihm dieſelbe auf Armlänge hin; dann kehrte ich zu meinem Platze vor dem Kamine zurück. Er las die Zeilen laut vor:„Ich habe Deinen Brief erhalten. Wenn ich Dich vor der genannten Zeit nicht ſehe, werde ich mit dem Glockenſchlage das Siegel brechen.“ Für einen andern Mann in ſeiner Lage hätten dieſe Worte einer Erklärung bedurft— bei dem Grafen war eine ſolche unnöthig. Ein einmaliges Durchleſen des Billets zeigte ihm ſo deutlich, als wenn er in dem Augen⸗ blicke, wo ich ſie traf, zugegen geweſen, durch welche Vor⸗ ſichtsmaßregel ich mich geſchützt hatte. Sein Geſichts⸗ ausdruck veränderte ſich augenblicklich und ſeine Hand zog ſich leer aus der Schublade zurück. „Ich verſchließe meine Schublade nicht, Mr. Hartright, und ich ſage nicht, daß ich nicht doch noch Ihr Gehirn über den Kamin ſpritzen werde,“ ſagte er.„Aber ich bin ſelbſt gegen meinen Feind gerecht— und will vor⸗ läufig bekennen, daß ſein Gehirn klüger iſt, als ich es geglaubt hätte. Kommen Sie zur Sache, Sir! Sie verlangen etwas von mir?“ „Ja, und ich beabſichtige, es zu erhalten.“ „Unter Bedingungen?“ 186 „Ohne Bedingungen.“ Seine Hand fiel wieder in die Schublade. „Bah! wir machen Umwege, und Ihr kluges Gehirn iſt ſchon wieder in Gefahr. Der Ton, den Sie annehmen, iſt von einer beklagenswerthen Unvorſichtigkeit, Sir— mäßigen Sie ihn auf der Stelle! Das Riſico, Sie an der Stelle, wo Sie ſtehen, zu erſchießen, iſt geringer für mich, als das, Sie lebend aus dieſem Hauſe zu laſſen— ausge⸗ genommen unter Bedingungen, die ich ſelbſt vorſchreiben werde. Sie haben es jetzt nicht mit meinem verſtorbenen Freunde zu thun, ſondern ſtehen Fosco gegenüber! Und wenn die Leben von zwanzig Mr. Hartright's als Stufen⸗ ſteine zu meiner Sicherheit nöthig wären, ſo würde ich, auf meine erhabene Gleichgültigkeit und meine undurch⸗ dringliche Ruhe geſtützt, über ſie hinwegſchreiten. Achten Sie mich, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt! Ich fordere Sie auf, mir drei Fragen zu beantworten, ehe ſie wieder Ihre Lippen öffnen. Hören Sie ſie an— ſie ſind zu dieſer Unterredung nothwendig. Beantworten Sie ſie— ſie ſind mir nothwendig.“ Er hielt einen Finger ſeiner rech⸗ ten Hand empor.„Erſte Frage!“ ſagte er.„Sie kommen hier im Beſitze einer Mittheilung, welche wahr oder falſch ſein mag— woher haben Sie dieſelbe?“ „Ich ſchlage es aus, die Frage zu beantworten.“ „Einerlei, ich werde es ſchon erfahren. Wenn dieſe Mittheilung wahr iſt— bemerken Sie wohl, daß ich mit der ganzen Kraft meiner Entſchloſſenheit ſage, venn— ſo treiben Sie hier, entweder durch Ihren eignen Verrath oder den Verrath eines andern Mannes, Ihren Handel damit. Ich mache mir aus dieſem Umſtande eine Anmer⸗ kung in künftigen zweiten Sie mir ſie geſch „Ei zu verl fürchten. Mei linke H⸗ „W ſeine dr Siegel „Ze einzugeh „Ge tright, geben ſeo „No „N Falle w men un nicht ſch zurückko und eine holen le Sie jetz „Di bald er! tire, ind es Gehirn unnehmen, „Sir— die an der für mich, — ausge⸗ —rſchreiben rſtorbenen ber! Und s Stufen⸗ vürde ich, undurch⸗ 2. Achten ſch fordere ſie wieder d zu dieſer ie— ſie einer rech⸗ ie kommen pahr oder 244 orten.“ Venn dieſe aß ich mit wenn— n Verrath en Handel ne Anmer⸗ 134 kung in meinem Gedächtniſſe, welches nichts vergißt, für künftigen Gebrauch, und jetzt weiter.“ Er hielt einen zweiten Finger empor.„Zweite Frage! Jene Zeilen, die Sie mir zu leſen gaben, ſind ohne Unterſchrift. Wer hat ſie geſchrieben?“ „Ein Mann, auf den ich alle Urſache habe mich zu verlaſſen, den aber Sie alle Urſache haben zu fürchten.“ Meine Antwort traf ihn diesmal ziemlich hart. Seine linke Hand zitterte hörbar in der Schublade. „Wie lange geben Sie mir Zeit,“ frug er, indem er ſeine dritte Frage in ruhigerem Tone that,„ehe das Siegel mit dem Glockenſchlage gebrochen wird?“ „Zeit genug für Sie, um auf meine Bedingungen einzugehen,“ entgegnete ich. „Geben Sie mir eine deutlichere Antwort, Mr. Har⸗ tright, welches iſt die Stunde, die der Glockenſchlag an⸗ geben ſoll?“ „Neun Uhr, morgen früh.“ „Neun Uhr, morgen früh? Ja, ja— Sie haben Ihre Falle wohl angelegt— ehe ich meinen Paß viſirt bekom⸗ men und London verlaſſen kann. Ich nehme an, daß es nicht ſchon früher iſt? Doch werden wir darauf ſogleich zurückkommen— ich kann Sie als Geißel hier behalten und einen Handel mit Ihnen treffen, daß Sie den Brief holen laſſen, ehe ich Sie fortlaſſe. Inzwiſchen haben Sie jetzt die Güte, Ihre Bedingungen zu nennen.“ „Die ſollen Sie hören. Dieſelben ſind einfach und bald erklärt. Sie wiſſen, weſſen Intereſſen ich repräſen⸗ tire, indem ich hierher komme?“ 188 Er lächelte mit erhabenſter Gelaſſenheit und machte eine nachläſſige Bewegung mit der rechten Hand. „Ich will es zu errathen wagen,“ ſagte er ſpöttiſch. „Die Intereſſen einer Dame natürlich!“ „Die Intereſſen meiner Frau.“ Er blickte mir mit dem erſten ehrlichen Ausdrucke, den ich noch bei ihm geſehen, ins Geſicht— einem Ausdrucke des größten Erſtaunens. Ich konnte ſehen, daß ich in meiner Eigenſchaft als gefährlicher Mann von dieſem Augenblicke an in ſeiner Achtung ſank. Er ſchloß ſofort die Schublade, faltete die Arme über ſeine Bruſt und hörte mich mit einem Lächeln ſatyriſcher Aufmerkſam⸗ keit an.— „Sie ſind hinlänglich von dem Fortgange meiner Nachforſchungen während der letzten Monate unterrichtet,“ ſagte ich,„um zu wiſſen, daß jeder Verſuch, die einfachen Thatſachen zu leugnen, in meiner Gegenwart vollkommen nutzlos iſt. Sie haben ſich eines ſchändlichen Anſchlages ſchuldig gemacht, und der Gewinn eines Vermögens von zehntauſend Pfund war der Zweck deſſelben.“ Er ſagte nichts. Aber über ſein Geſicht zog ſich eine Wolke finſterer Beſorgniß. „Behalten Sie Ihre Beute“, ſagte ich.(Sein Geſicht erhellte ſich augenblicklich wieder, und ſeine Augen öffneten ſich in immer größerem Erſtaunen.)„Ich bin nicht hergekommen, um mit Ihnen um Geld zu feilſchen, das durch Ihre Hände gegangen und der Preis eines ſchänd⸗ lichen Verbrechens geweſen—“ „Sachte, Mr. Hartright. Ihre moraliſchen Gemein⸗ plätze ſind bei Ihren Landsleuten von vorzüglicher Wirkung — behal Die zehn ſtorbene men wir habe Nie von mei⸗ erbärmli fordere O aufzuneh „Ich gangenen wart geſ Er e der ruht controlir „Zw perſönlich welchem London „So Stelle l „Sonſt „Für „Gu hören S lichkeit, nennen b todt auf nehmen, nen eigen n. ſpöttiſch. rucke, den Ausdrucke iß ich in n dieſem oß ſofort druſt und merkſam⸗ e meiner rrichtet,“ einfachen llkommen nſchlages gens von ſich eine n Geſicht öffneten win nicht hen, das ſchänd⸗ Gemein⸗ Wirkung d machte — behalten Sie dieſelben gefälligſt für ſich und für ſie. Die zehntauſend Pfund waren ein Legat, welches der ver⸗ ſtorbene Mr. Fairlie meiner Frau vermacht hatte. Neh⸗ men wir die Sache aus dieſem Geſichtspunkte, und ich habe Nichts dawider, ſie zu beſprechen. Für einen Mann von meinen Gefühlen jedoch iſt der Gegenſtand ein ſehr erbärmlicher. Ich ziehe es vor, ihn fallen zu laſſen und fordere Sie auf, die Nennung Ihrer Bedingungen wieder aufzunehmen. Was fordern Sie?“ „Ich verlange erſtens ein volles Bekenntniß des be⸗ gangenen Verrathes, von Ihnen ſelbſt in meiner Gegen⸗ wart geſchrieben und unterzeichnet.“ Er erhob den Finger.„Eins!“ ſagte er, mich mit der ruhigen Aufmerkſamkeit eines practiſchen Mannes controlirend. „Zweitens einen klaren Beweis— der nicht von Ihrer perſönlichen Behauptung abhängt— von dem Datum, an welchem meine Frau Blackwater Park verließ und nach London reiſte.“ „Sol ſo! Ich ſehe, Sie ſind im Stande, die ſchwache Stelle herauszufühlen,“ bemerkte er mit Gelaſſenheit. „Sonſt noch etwas?“ „Für jetzt nichts.“ „Gut! Sie haben Ihre Bedingungen genannt, jetzt hören Sie die meinigen. Vielleicht iſt die Verantwort⸗ lichkeit, das einzuräumen, was Sie„den Anſchlag“ zu nennen beliebt, eine geringere für mich, als die, Sie dort todt auf den Kaminteppich hinzuſtrecken. Wir wollen an⸗ nehmen, daß ich auf Ihren Wunſch eingehe— unter mei⸗ nen eigenen Bedingungen. Die Angabe, welche ſie von mir verlangen, ſoll geſchrieben, der klare Beweis des Da⸗ tums geliefert werden. Vermuthlich werden Sie einen Brief von meinem verſtorbenen Freunde, von ihm ſelbſt geſchrieben, datirt und unterzeichnet, wodurch er mich von dem Tag und der Stunde der Ankunft ſeiner Frau unter⸗ richtet, einen Beweis nennen? Dieſen kann ich Ihnen geében. Ich kann Sie außerdem zu dem Manne ſchicken, von welchem ich den Wagen miethete, in dem ich meinen Beſuch am Tage ihrer Ankunft vor der Eiſenbahnſtation abholte— ſein Beſtellungsbuch mag Ihnen vielleicht zu dem Datum verhelfen können, ſelbſt wenn der Kutſcher, welcher mich fuhr, Ihnen nicht von Nutzen ſein kann. Dies kann ich und will ich thun— unter Bedingungen. Dieſe ſind folgende: Erſte Bedingung! Die Gräfin und ich verlaſſen dies Haus wann und wie wir wollen, ohne jegliches Hinderniß von Ihrer Seite. Zweite Be⸗ dingung! Sie warten hier in meiner Geſellſchaft, um meinen Agenten zu ſehen, welcher morgen früh um ſie⸗ ben Uhr herkommt, um meine Geſchäfte zu ordnen. Sie geben meinem Agenten einen geſchriebenen Befehl an der Mann, welcher Ihren verſiegelten Brief hat, daß er ihm denſelben ausliefere. Sie warten hier, bis der Agent jenen Brief ungeöffnet in meine Hände gegeben hat, und dann geben Sie mir eine gemeſſene halbe Stunde, um das Haus zu verlaſſen— worauf Sie dann Ihre Frei⸗ heit wieder erhalten und gehen mögen, wohin Sie wol⸗ len. Dritte Bedingung! Sie geben mir die Genugthu⸗ ung eines Gentleman für Ihre Einmiſchung in meine Privatangelegenheiten und für die Sprache, die Sie ſich während dieſer Unterredung gegen mich erlaubt haben. Zeit und ſobald ic in einem welchem meines Bedingu gehen— Die ſchloſſenh Bombaſt ſtutzig— welche ich mir die 2 ungeſtraf welcher ſ Beweggr dem Gel zu erlang immer de er von al der rachſt mit meir nicht mit Ueberzeu⸗ allein zu Sir Pere war nicht blicke aus ich in m anzunehn des Da⸗ Sie einen hm ſelbſt mich von au unter⸗ ch Ihnen e ſchicken, ch meinen ähnſtation lleicht zu Kutſcher, ein kann. ingungen. räfin und rwollen, beite Be⸗ haft, um um ſie⸗ nen. Sie hl an den aß er ihm er Agent hat, und ide, um hre Frei⸗ Sie wol⸗ Benugthu⸗ in meine Sie ſich pt haben. 191 Zeit und Ort für das Zuſammentreffen ſollen Ihnen, ſobald ich ſicher auf dem Feſtlande angelangt ſein werde, in einem Briefe von meiner Hand mitgetheilt werden, in welchem ich einen Papierſtreifen, welcher genau die Länge meines Degens angibt, beiſchließen will. Dies ſind meine Bedingungen. Sagen Sie mir, ob Sie dieſelben ein⸗ gehen— Ja oder nein.“ Die merkwürdige Miſchung von der ſchnellen Ent⸗ ſchloſſenheit, ſchlauen Berechnung und dem comödiantiſchen Bombaſt dieſer Rede machte mich einen Augenblick förmlich ſtutzig— aber nur auf einen Augenblick. Die eine Frage, welche ich zu bedenken hatte, war die, ob ich berechtigt ſei, mir die Mittel zu Laura's Identification auf Koſten des ungeſtraften Entkommens des Schurken zu verſchaffen, welcher ſie derſelben beraubt hatte. Ich wußte, daß mein Beweggrund, die gerechte Anerkennung meiner Frau in dem Geburtsorte, aus dem ſie als Betrügerin vertrieben, zu erlangen und öffentlich die Lüge zu vertilgen, die noch immer den Grabſtein ihrer Mutter entweihte, dadurch, daß er von aller böſen Leidenſchaft frei, weit reiner war, als der rachſüchtige Beweggrund, welcher ſich von Anfang an mit meinem Zwecke verbunden hatte. Und doch kann ich nicht mit Ehrlichkeit ſagen, daß meine eignen moraliſchen Ueberzeugungen ſtark genug waren, um den Kampf in mir allein zu entſcheiden. Es kam ihnen meine Erinnerung an Sir Percival's Tod zu Hülfe. Auf wie furchtbare Weiſe war nicht dort das Werk der Vergeltung im letzten Augen⸗ blicke aus der Hand geriſſen worden! Welches Recht hatte ich in meiner kleinen, ſterblichen Unkenntniß der Zukunft anzunehmen, daß auch dieſer Menſch ungeſtraft entgehen müſſe, weil er mir entging. Ich dachte an dieſe Dinge — vielleicht mit dem mir innewohnenden Aberglauben; vielleicht aber auch mit einem Gefühle, das meiner würdi⸗ ger war, als bloſer Aberglaube. Es war hart, jetzt, da ich ihn endlich gefaßt hielt, ihn freiwillig wieder loszu⸗ laſſen— doch überwand ich mich, das Opfer zu bringen. Mit deutlicheren Worten, ich beſchloß, mich durch den einen höheren Beweggrund leiten zu laſſen, deſſen ich gewiß war, den nämlich, Laura's Sache und der Sache der Wahr⸗ heit zu dienen. „Ich nehme Ihre Bedingungen an,“ ſagte ich,„doch mit einem Vorbehalte auf meiner Seite.“ „Welcher Vorbehalt mag dies ſein?“ frug er. „Derſelbe betrifft den verſiegelten Brief,“ entgegnete ich.„Ich verlange, daß ſie ihn ungeöffnet in meiner Gegenwart vernichten, ſobald er in Ihre Hände gegeben ſein wird.“ Der Zweck dieſer meiner Bedingung war einfach der, ihn zu verhindern, ein geſchriebenes Zeugniß von der Be⸗ ſchaffenheit meiner Mittheilungen an Pesca mit ſich zu nehmen. Das Factum derſelben mußte er nothwendiger⸗ weiſe am nächſten Morgen erfahren, wo ich dem Agenten die Adreſſe geben würde. Doch konnte er auf ſeine allei⸗ nige Angabe keinen Gebrauch davon machen,— ſelbſt wenn er das Experiment zu machen wagte— welcher mir für Pesca die geringſten Befürchtungen zu verurſachen gebraucht hätte. „Ich laſſe Ihren Vorbehalt gelten,“ entgegnete er, nachdem er ungefähr eine Minute lang ernſtlich überlegt. „Die Sache iſt keines Streites werth— der Brief ſoll vernichte wird.“ Wäl den er n men hat Druck, ſeinem C er, inden mützel m Mr. Ham Feinde g höflichen austauſch nehme, 1 Er ü tiefen St herein. der Gra vorſtellen gewendet Dir viel Kaffee zu Hartrigh Geiſteskr Die ſtrenge g gegen ihr Der nete ſein und ein Wilkie Coll eſe Dinge rglauben; her würdi⸗ jetzt, da der loszu⸗ bringen. den einen ewiß war, er Wahr⸗ ich,„doch er. entgegnete in meiner de gegeben nfach der, n der Be⸗ tit ſich zu wwendiger⸗ n Agenten ſeine allei⸗ — ſelbſt — welcher erurſachen egnete er, hüberlegt. Brief ſoll 193 vernichtet werden, ſowie er meinen Händen übergeben wird.“ Während er noch ſprach, erhob er ſich von dem Platze, den er mir gegenüber bis zu dieſem Augenblicke eingenom⸗ men hatte. Mit einer einzigen Anſtrengung ſchien er den Druck, welcher während unſerer ganzen Unterredung auf ſeinem Geiſte gelaſtet, von ſich abzuwälzen.„Puh!“ rief er, indem er voll Behagen die Arme ſtreckte,„das Schar⸗ mützel war heiß, ſo lange es währte. Nehmen Sie Platz, Mr. Hartright. Wir werden einander ſpäter als tödtliche Feinde gegenüberſtehen— laſſen Sie uns bis dahin die höflichen Aufmerkſamkeiten wohlgeſitteter Ehrenmänner austauſchen. Erlauben Sie, daß ich mir die Freiheit nehme, meine Frau zu rufen.“ Er öffnete die Thür.„Eleanor!“ rief er mit ſeiner tiefen Stimme. Die Dame mit dem Natterngeſichte kam herein.„Die Gräfin Fosco— Mr. Hartright,“ ſagte der Graf, uns mit würdevoller Unbefangenheit einander vorſtellend.„Mein Engel,“ fuhr er zu ſeiner Gemahlin gewendet fort,„wird Deine Beſchäftigung des Einpackens Dir vielleicht Zeit geſtatten, mir einen ſchönen, ſtarken Kaffee zu machen. Ich habe Schreibegeſchäfte mit Mr. Hartright— und bedarf des vollen Beſitzes all' meiner Geiſteskräfte, um erſteren gerecht werden zu können.“ Die Gräfin verneigte zweimal den Kopf— einmal ſtrenge gegen mich und das zweitemal in Unterwürfigkeit gegen ihren Gemahl und glitt dann aus dem Zimmer. Der Graf ging an einen Schreibtiſch am Fenſter, öff⸗ nete ſein Schreibepult und nahm mehrere Buch Papier und ein Packet Gänſefedern heraus. Er ſtreute die Fe⸗ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 13 194 dern über den Tiſch, ſodaß ſie nach allen Richtungen hin bereit lagen, wie er ihrer bedürfen möge, und zer⸗ ſchnitt dann das Papier in einen Haufen ſchmaler Streifen von der Geſtalt, wie ſie von Schriftſtellern für den Druck gebraucht werden. „Ich werde hieraus ein außerordentliches Document machen,“ ſagte er, mich über die Schulter hinweg an⸗ blickend.„Ich bin vollkommen mit literariſchen Arbeiten vertraut. Eins der ſeltenſten Geiſtestalente, die ein Mann beſitzen kann, iſt die großartige Fähigkeit, ſeine Gedanken zu ordnen. Ein ungeheurer Vorzug! Ich beſitze ihn. Sie ebenfalls?“ Er ging, bis der Kaffee kam, im Zimmer auf und ab, indem er vor ſich hin ſummte und die Stellen, wo ihm beim Ordnen ſeiner Gedanken Hinderniſſe aufſtießen, da⸗ durch markirte, daß er ſich mit der Handfläche vor die Stirn ſchlug. Die ungeheure Frechheit, mit der er die Situation ergriff, in die ich ihn verſetzt hatte, und aus ihr das Piedeſtal machte, das ſeine Eitelkeit zu dem geliebten Zwecke zur Schauſtellung ſeiner ſelbſt beſtieg, bemeiſterte ſogar mein Erſtaunen. So tiefen Widerwillen ich auch gegen den Mann hegte, machte doch die wunderbare Kraft ſeines Charakters, ſelbſt unter ihrem unbedeutendſten An⸗ blicke, wieder meinen Willen tiefen Eindruck auf mich. Die Gräfin ſelbſt brachte den Kaffee. Er küßte ihr in dankbarer Höflichkeit die Hand und begleitete ſie dann zur Thür; darauf kehrte er zurück, ſchenkte eine Taſſe Kaffee für ſich ein und trug ſie auf ſeinen Schreibtiſch. „Darf ich Ihnen eine Taſſe Kaffee anbieten, Mr. Hartright?“ frug er, ehe er ſich ſetzte. „Wi er munte geht,“ ft rechtſetzte ſtets am Er t des Pap Pult, rä Geräuſch kühnen S kaum zwe Seite an er damit Schulter nutzt hatt eine and Ein Str gen, zu 8 ſeine Sch ſchneiet h und da machte ke ſchlürfen, Zeit mit ein Uhr Streifen Feder ihr ſtieg das Uhr hört richtungen und zer⸗ Streifen den Druck Document nweg an⸗ Arbeiten ein Mann Gedanken ihn. Sie if und ab, „wo ihm ießen, da⸗ de vor die der er die id aus ihr geliebten vemeiſterte mich auch dare Kraft dſten An⸗ f mich. küßte ihr ſie dann eine Taſſe chreibtiſch. ten, Mr. 195 Ich dankte. „Wie! Sie glauben, ich werde Sie vergiften?“ ſagte er munter.„Der engliſche Verſtand iſt geſund, ſoweit er geht,“ fuhr er fort, während er ſich an ſeinem Tiſche zu⸗ rechtſetzte;„aber er hat einen bedeutenden Fehler: er iſt ſtets am unrechten Orte vorſichtig.“ Er tauchte ſeine Feder in die Tinte, legte einen Streifen des Papiers mit einem Schlage der Hand vor ſich auf das Pult, räuſperte ſich und begann. Er ſchrieb mit großem Geräuſche und großer Schnelligkeit in einer ſo großen, kühnen Handſchrift und ſo geſperrten Zeilen, daß er in kaum zwei Minuten, nachdem er angefangen, am Ende der Seite angelangt war. Jeden Streifen warf er, nachdem er damit fertig war und ihn numerirt hatte, über ſeine Schulter auf den Boden. Als er ſeine erſte Feder abge⸗ nutzt hatte, flog auch dieſe über ſeine Schulter, und er ergriff eine andere von dem zerſtreut umherliegenden Packete. Ein Streifen nach dem andern, zu Dutzenden, zu Fünfzi⸗ gen, zu Hunderten flogen zu beiden Seiten von ihm über ſeine Schultern, bis er ſich rund umher in Papier einge⸗ ſchneiet hatte. Eine Stunde verging nach der andern— und da ſaß ich und wartete; da ſaß er und ſchrieb. Er machte keine Pauſen, ausgenommen um ſeinen Kaffee zu ſchlürfen, und als dieſer zu Ende war, um ſich von Zeit zu Zeit mit der Hand vor die Stirne zu ſchlagen. Es ſchlug ein Uhr— zwei, drei, vier— und immer noch flogen die Streifen um ihn her, noch immer kratzte die unermüdliche Feder ihren Weg über die Seiten fort, und immer höher ſtieg das weiße Papierchaos um ſeinen Stuhl. Um vier Uhr hörte ich ein plötzliches Spritzen der Feder, welches 13* 196 den Schnörkel verkündete, mit dem er ſeinen Namen unter⸗ zeichnete.„Bravo!“ rief er aus, indem er mit der Leichtig⸗ keit eines jungen Mannes aufſprang und mir mit einem Lächeln ſüperben Triumphes ins Geſicht ſah. „Fertig, Mr. Hartright!“ rief er aus, indem er ſich mit der Fauſt auf die breite Bruſt ſchlug.„Fertig zu meiner eigenen höchſten Genugthuung— zu Ihrem höch⸗ ſten Erſtaunen, wenn Sie leſen werden, was ich geſchrie⸗ ben habe. Der Gegenſtand iſt erſchöpft, der Mann— Fosco— nicht. Jetzt ans Ordnen, Leſen und Revidiren meiner Streifen— die emphatiſch für Ihr Auge allein beſtimmt ſind. Gut! Das Ordnen, Leſen und Revidiren — von Vier bis Fünf. Ein kurzer Schlummer zu meiner Stärkung— von Fünf bis Sechs. Letzte Reiſevorkehrun⸗ gen— von Sechs bis Sieben. Geſchäfte mit dem Agen⸗ ten und wegen des verſiegelten Briefes von Sieben bis Acht. Um acht Uhr en route. Das Programm— le voilà!“. Er ſetzte ſich mit übereinandergeſchlagenen Beinen zu ſeinem Papiere auf den Fußboden, zog die Streifen mit einer Schnürnadel auf ein Band, corrigirte ſie, ſchrieb alle Titel und Ehren, durch die er perſönlich ausgezeichnet war, oben über die erſte Seite und las mir das Manuſcript dann mit lauter, theatraliſcher Emphaſe und vielfältigen theatraliſchen Geſten vor. Der Leſer wird in Kurzem Ge⸗ legenheit haben, ſich ſeine eigene Anſicht über das Acten⸗ ſtück zu bilden. Genüge es hier, nur zu erwähnen, daß es meinem Zwecke entſprach. Er ſchrieb mir zunächſt die Adreſſe des Mannes auf, von dem er den Wagen gemiethet hatte, und gab mir Sir Pe⸗ und den Abreiſe war ſie tificat ſi nach Si water— treten! Lohnkutf Beweiſe „Eit Uhr bli⸗ mer. C mit Nal ich gleie Fähigkei Entſchul Gräfin Da zu mein verhinde und beſ piere, n Die immer. der Gr Hand z und ſch der tug Die ien unter⸗ r eichtig⸗ nit einem m er ſich Fertig zu rem höch⸗ geſchrie⸗ Mann— Revidiren uge allein Revidiren zu meiner vorkehrun⸗ dem Agen⸗ bieben bis mm— le Beinen zu reifen mit chrieb alle chnet war, Nanuſcript vielfältigen urzem Ge⸗ das Acten⸗ hnen, daß unnes auf, gab mir 196 Sir Percival's Brief. Derſelbe war aus Hampſhire und den 25. Juli datirt und kündigte Lady Glyde's Abreiſe nach London auf den 26. an. Demnach alſo war ſie an demſelben Tage, an dem des Arztes Cer⸗ tificat ſie als in St. John's Wood verſtorben erklärte, nach Sir Percival's eigenem Beweiſe lebend in Black⸗ water— und ſollte am folgenden Tage eine Reiſe an⸗ treten! Sobald ich den Beweis dieſer Reiſe von dem Lohnkutſcher würde erhalten haben, ſollten alſo jetzt meine Beweiſe vollſtändig ſein. „Ein Viertel nach Fünf,“ ſagte der Graf, auf ſeine Uhr blickend. Es wird Zeit zu meinem Stärkungsſchlum⸗ mer. Sie haben vielleicht meine perſönliche Aehnlichkeit mit Napoleon dem Großen bemerkt, Mr. Hartright— ich gleiche aber dem großen Manne auch noch in der Fähigkeit, nach Willen über meinen Schlaf zu verfügen. Entſchuldigen Sie mich einen Augenblick. Ich will die Gräfin bitten, Sie vor Langerweile zu bewahren.“ Da ich ſo gut wie er wußte, daß er die Gräfin nicht zu meiner Unterhaltung herbeirief, ſondern damit ſie es verhindere, daß ich das Haus verließe, erwiderte ich nichts und beſchäftigte mich mit dem Zuſammenbinden der Pa⸗ piere, welche er mir eingehändigt hatte. Die Dame kam herein— kühl, bleich und giftig wie immer.„Unterhalte Mr. Hartright, mein Engel,“ ſagte der Graf. Dann reichte er ihr einen Stuhl, küßte ihre Hand zum zweitenmale, zog ſich nach dem Sopha zurück und ſchlief in drei Minuten ſo friedlich und glücklich, wie der tugendhafteſte Menſch von der Welt. Die Gräfin nahm ein Buch vom Tiſche, ſetzte ſich und 198 blickte mich mit der ruhigen, rachſüchtigen Bosheit einer Frau an, die nie wieder vergißt noch vergibt. „Ich habe Ihre Unterhaltung mit meinem Gemahle angehört,“ ſagte ſie.„Wäre ich an ſeiner Stelle ge⸗ weſen, ſo hätte ich Sie todt auf den Kaminteppich hin⸗ geſtreckt.“ Mit dieſen Worten öffnete ſie ihr Buch, und von dieſem Augenblicke bis zu dem Augenblicke, wo ihr Mann erwachte, ſah ſie mich weder an, noch ſprach ſie wieder ein Wort zu mir. Genau eine Stunde, nachdem Fosco ſich zum Schlafen niedergelegt, öffnete er die Augen und erhob ſich vom Sopha. „Ich fühle mich unbeſchreiblich erquickt,“ bemerkte er. „Eleanor, mein gutes Weib, biſt Du oben ganz fertig? Das iſt recht. Mein bischen Packen hier kann in zehn Minuten fertig— und ich in noch zehn Minuten zur Reiſe gerüſtet ſein. Was iſt noch zu thun, ehe der Agent kommt?“ Er ſchaute ſich im Zimmer um und erblickte den Käfig mit den weißen Mäuſen.„Ach!“ rief er aus;„es bleibt mir noch ein letztes Zerreißen meiner Gefühle übrig. Meine unſchuldigen Lieblinge! meine geliebten kleinen Kinder! Was ſoll ich mit ihnen anfangen? Fürs Erſte haben wir nirgends einen feſten Wohnort, wir werden unaufhörlich reiſen und je weniger Gepäck wir bei uns führen, deſto beſſer für uns. Mein Kakadu, meine Canarienvögel und meine weißen Mäuſe— wer wird ſie pflegen, wenn ihr guter Papa ferne von ihnen iſt?“ Er ging in tiefen Gedanken im Zimmer auf und ab. Er war beim Aufſchreiben ſeines Bekenntniſſes keinen Augenbli tigere F lingsthie denken. wieder o „Icl meinen Hauptſt in mein übergebe Beſchrei Er derholte „N allein f ziehen. Lebhaft radieſes Huldig Die die Un „C Gräfin Er auf ſei „A Eleano mente Mäuſe Engel, heit einer Gemahle Stelle ge⸗ pich hin⸗ und von ſr Mann e wieder Schlafen ſich vom gerkte er. 3 fertig? in zehn zur Reiſe ommt?“ käfig mit leibt mir Meine Kinder! aben wir ufhörlich n, deſto zgel und benn ihr und ab. 3 keinen Augenblick in Verlegenheit geweſen; aber die weit wich⸗ tigere Frage der Art und Weiſe, wie er über ſeine Lieb⸗ lingsthiere verfügen ſolle, verurſachte ihm ernſtliches Nach⸗ denken. Nach langer Ueberlegung ſetzte er ſich endlich wieder an den Schreibtiſch. „Ich habe einen Gedanken!“ rief er aus.„Ich will meinen Kakadu und meine Canarienvögel dieſer großen Hauptſtadt zum Geſchenk machen— mein Agent ſoll ſie in meinem Namen dem Präſidenten des Thiergartens übergeben, und ich will ſofort das«Inſtrument“ ihrer Beſchreibung aufſetzen.“ Er fing an zu ſchreiben, wobei er die Worte laut wie⸗ derholte, wie ſie aus ſeiner Feder floſſen. „Numero Eins. Kakadu, von ſtrahlendem Gefieder: allein fähig, ein ganzes Publikum von Geſchmack anzu⸗ ziehen.— Numero Zwei. Canarienvögel von beiſpielloſer Lebhaftigkeit und Klugheit: würdig des Gartens des Pa⸗ radieſes und würdig des Gartens im Regent's Park. Huldigung der Zoologie. Dargeboten von Fosco.“ Die Feder ſpritzte abermals, und der Schnörkel um die Unterſchrift war gemacht. „Graf! Du haſt die Mäuſe ausgelaſſen,“ ſagte die Gräfin. Er verließ den Tiſch, nahm ihre Hand und legte ſie auf ſein Herz. „Alle menſchliche Entſchloſſenheit hat ihre Grenzen, Eleanor,“ ſagte er.„Meine Grenzen ſtehen in jenem Docu⸗ mente geſchrieben. Ich kann mich von meinen weißen Mäuſen nicht trennen. Habe Nachſicht mit mir, mein Engel, und nimm ſie mit hinauf in ihren Reiſekäfig.“ 200 „Bewunderungswürdige Zärtlichkeit,“ ſagte die Gräfin, ihren Gemahl anſtaunend, und mit einem letzten Nattern⸗ blicke in meine Richtung. Sie nahm den Käfig vorſichtig auf und verließ das Zimmer. Der Graf ſah auf ſeine Uhr. Ungeachtet ſeiner feſten Entſchloſſenheit, ſeine Faſſung zu behalten, ſchien er doch mit Unruhe der Ankunft des Agenten entgegenzuſehen. Die Lichter waren längſt ausgelöſcht worden, und das Sonnenlicht des neuen Morgens ergoß ſich ins Zimmer. Es war bereits fünf Minuten nach ſieben Uhr, als man am Gartenpförtchen ſchellen hörte und der Agent anlangte. Er war ein Ausländer, mit einem dunklen Barte. „Mr. Hartright— Monſieur Rubelle,“ ſagte der Graf, uns einander vorſtellend. Er nahm den Agenten(dem man in jedem Zuge des Geſichtes den Spion anſah) in einen Winkel des Zimmers, flüſterte ihm einige Verhal⸗ tungsbefehle zu und verließ uns dann. Monſieur Rubelle bat mich, ſobald wir allein waren, mit ausgeſuchteſter Höf⸗ lichkeit, ihm ſeine Inſtructionen zu geben. Ich ſchrieb zwei Zeilen an Pesca, welche ihn autoriſirten,„dem Ueberbrin⸗ ger“ den verſiegelten Brief auszuhändigen; dann adreſſirte ich das Billet und gab es Monſieur Rubelle. Der Agent blieb bei mir, bis ſein Vorgeſetzter— in Reiſekleidern— wieder zu uns hereinkam. Der Graf betrachtete die Adreſſe des Briefes, ehe er den Agenten entließ.„Ich dachte es mir!“ ſagte er, ſich mit einem finſtern Blick gegen mich wendend, und veränderte ſein Benehmen gegen mich ſofort wieder. Er machte ſein Gepäck fertig und ſetzte ſich dann, um eine Reiſekarte zu ſtudiren, wobei er Anmerkungen in ſein Tagebu ſeiner U nahe A geſehen mir, ha die Ma waren. Kur nem un aufmerk und ver Mr. Ha zu End Der war, ve beſchäftt kam dich Mäuſe mir, no Fiaker. mir ins etwas z Ich vor mit und zog „D er.„S vielleich Gentlen gleichen Gräfin, Nattern⸗ vorſichtig ꝛer feſten er doch nzuſehen. und das Zimmer. als man anlangte. te. er Graf, en(dem nſah) in Verhal⸗ Rubelle ter Höf⸗ ieb zwei berbrin⸗ dreſſirte er— in r Graf Agenten t einem rte ſein nn, um in ſein 201 Tagebuch ſchrieb und von Zeit zu Zeit ungeduldig nach ſeiner Uhr ſah. Er ſprach kein Wort wieder zu mir. Der nahe Augenblick ſeiner Abreiſe und der Beweis, den er geſehen hatte, von der Verbindung zwiſchen Pesca und mir, hatten offenbar ſeine Aufmerkſamkeit wieder ganz auf die Maßregeln gelenkt, welche zu ſeiner Flucht uothwendig waren. Kurz vor acht Uhr kehrte Monſieur Rubelle mit mei⸗ nem uneröffneten Briefe zurück. Der Graf betrachtete aufmerkſam Siegel und Adreſſe— zündete ein Licht an— und verbrannte den Brief.„Ich erfülle mein Verſprechen, Mr. Hartright,“ ſagte er,„aber die Sache iſt hiermit nicht zu Ende. Der Agent hatte den Fiaker, in welchem er zurückgekehrt war, vor dem Hauſe warten laſſen. Er und die Magd beſchäftigten ſich jetzt, das Gepäck aufzuladen. Die Gräfin kam dicht verſchleiert und mit dem Käfige, der die weißen Mänuſe enthielt, von oben herunter. Sie ſprach weder zu mir, noch ſah ſie mich an. Ihr Gemahl führte ſie an den Fiaker.„Folgen Sie mir bis in den Gang,“ flüſterte er mir ins Ohr,„ich mag Ihnen im letzten Augenblicke noch etwas zu ſagen haben.“ Ich ging bis an die Hausthür, und der Agent ſtand vor mir im Vordergarten. Der Graf kam allein zurück und zog mich ein paar Schritte in den Gang hinein. „Denken Sie an meine dritte Bedingung!“ flüſterte er.„Sie ſollen von mir hören, Mr. Hartright— ich mag vielleicht früher, als Sie es denken, die Genugthuung eines Gentleman von Ihnen fordern.“ Er ergriff, ehe ich der⸗ gleichen noch ahnen konnte, meine Hand und drückte ſie 20² feſt— dann wandte er ſich zur Thür, ſtand ſtill und kam nochmals zurück zu mir. „Noch ein Wort,“ ſagte er vertraulich;„als ich Miß Halcombe zum letztenmale ſah, ſchien ſie mir blaß und elend auszuſehen. Ich bin beſorgt um jenes bewunderungs⸗ würdige Weib. Sorgen Sie für ihre Geſundheit, Sir! Mit der Hand auf dem Herzen flehe ich Sie feierlich an, für Miß Halcombe's Wohl zu ſorgen!“ Dies waren ſeine letzten Worte zu mir, bevor er ſeinen ungeheuren Körper in den Fiaker klemmte und davonfuhr. Der Agent und ich warteten ein paar Minuten an der Thüre und ſahen ihm nach. Während wir daſtanden, kam ein zweiter Fiaker um eine Ecke etwas weiter den Weg hinabgefahren. Derſelbe folgte dem Fiaker des Grafen; und als er an dem offnen Gartenpförtchen vorbeikam, ſchaute der Darinſitzende zu uns heraus. Wieder der Fremde von der Oper— der Ausländer mit der Narbe auf der linken Wange. „Sie werden noch eine halbe Stunde länger mit mir hier warten, Sir!“ ſagte Monſieur Rubelle. „Sa.³ Wir kehrten ins Wohnzimmer zurück. Ich war nicht in der Stimmung, mit dem Agenten zu ſprechen oder ihn mit mir ſprechen zu laſſen. Ich nahm die Papiere heraus, welche der Graf mir übergeben hatte und las die furchtbare Geſchichte des Anſchlages, wie der Mann, welcher ihn er⸗ dacht und ausgeführt, ſie aufgeſchrieben hatte. Tort Graf des der eiſer Meſopote medieinif Im delicaten an. Es ich zu! bindung belle.( ich meit ſtädte L mich hie bitten. bedaure hindern Ich dem pr Sir Pe till und ich Miß laß und derungs⸗ it, Sir! rlich an, er ſeinen onfuhr. nan der den, kam en Weg Grafen; rbeikam, eder der Narbe mit mir ar nicht dder ihn heraus, rchtbare ihn er⸗ Jortſetzung der Erzählung durch Iſidor Httavio Baldaſſare Tosco; Graf des heiligen römiſchen Reiches: Groß⸗Kreuz vom Orden der eiſernen Krone; Erz⸗Meiſter der Roſenkreuzer⸗Maurer von Meſopotamien; attachirt(als Ehrenmitglied) bei den muſikaliſchen, mediciniſchen, philoſophiſchen und im Allgemeinen wohlthätigen Des Grafen Ausſage. Im Sommer des Jahres 1850 langte ich mit einer delicaten Miſſion vom Auslande beauftragt in England an. Es ſtanden Vertrauensperſonen, deren Bemühungen ich zu leiten gutoriſirt war, halb⸗offfeiell mit mir in Ver⸗ bindung; zu dieſen gehörten Monſieur und Madame Ru⸗ belle. Es blieben mir einige Wochen zur Verfügung, ehe ich meine Stellung antrat und mich in einer der Vor⸗ ſtädte Londons häuslich einrichtete. Die Neugierde wird mich hier vielleicht um eine Erklärung dieſer Verrichtungen bitten. Ich ſympathiſire vollkommen mit der Bitte und bedaure ebenſoſehr, daß diplomatiſche Rückſichten mich ver⸗ hindern, derſelben zu willfahren. Ich nahm eine Einladung an, dieſe kurze Ruhezeit auf dem prachtvollen Landſitze meines verſtorbenen Freundes, Sir Percival Glyde, zuzubringen. Er kehrte ſoeben mit 204 ſeiner Gemahlin von dem Feſtlande zurück, wie ich mit der meinigen. England iſt das Land des ehelichen Glücks — wie angemeſſen war es daher, daß wir es unter dieſen ehelichen Verhältniſſen betraten. Das Band der Freund⸗ ſchaft, welches Percival und mich aneinander knüpfte, wurde bei dieſer Gelegenheit noch durch eine rührende Gleichheit unſerer pecuniären Lage befeſtigt. Wir brauch⸗ ten Beide Geld. Furchtbare Nothwendigkeit! Univerſelles Bedürfniß! Gibt es ein menſchliches Weſen, das nicht für uns zu fühlen im Stande wäre? Wie gefühllos müßte dieſer Menſch ſein! oder wie reich! Ich gehe nicht auf kleinliche Einzelheiten in Bezug auf dieſen Gegenſtand ein. Mein Gemüth empört ſich da⸗ gegen. Mit römiſcher Strenge zeige ich meine und Per⸗ cival's leere Börſe den ſchaudernden Blicken des Publi⸗ kums. Wir wollen dies beklagenswerthe Factum ſich auf dieſe Weiſe hiermit behaupten laſſen— und weiter gehen. Im Hauſe empfing uns jenes herrliche Weſen, das in meinem Herzen als„Marianne“ eingegraben ſteht, in der kälteren Atmoſphäre der Geſellſchaft aber als„Miß Hal⸗ combe“ bekannt iſt. Gerechter Himmell mit welch unbeſchreiblicher Schnel⸗ ligkeit lernte ich dies Weib vergöttern. Mit ſechzig Jah⸗ ren betete ich ſie mit der vulkaniſchen Glut von achtzehn Sommern an. Alles Gold meiner reichen Natur ſchüttete ich hoffnungslos vor ihren Füßen aus. Meine Frau— armer Engel!— meine Frau, die mich anbetet, erhielt nichts als die Schillinge und Pfennige. So iſt die Welt; ſo der Mann— ſo die Liebe. Was ſind wir wohl anderes (frage O, all erbarm erbärmt Die philoſon Ich Da haltes Hand Einſicht ſchende Taufna ſchaft n durch h Erinner eifrige lich erſ macht! Die mit der genswer Die Perciva wiſſen dem W war); keit noc mahlin, Tode z mit der Glücks er dieſen Freund⸗ knüpfte, rührende brauch⸗ verſelles as nicht s müßte ezug auf ſich da⸗ nd Per⸗ Publi⸗ um ſich d weiter das in in der eiß Hal⸗ Schnel⸗ ig Jah⸗ achtzehn ſchüttete Frau— erhielt e Welt; anderes 205 (frage ich) als die Marionetten in einer Schaubude? O, allmächtiges Geſchick, zieh' unſere Schnur leiſe! Sei erbarmungsvoll gegen uns, indem Du uns von unſerer erbärmlichen kleinen Bühne abtanzen läßt! Dieſe vorſtehenden Zeilen drücken ein vollſtändiges philoſophiſches Syſtem aus. Es iſt das meinige. Ich fahre fort. Das häusliche Verhältniß zu Anfange unſeres Aufent⸗ haltes in Blackwater Park iſt von Marianne's eigener Hand mit erſtaunlicher Genauigkeit und tiefer geiſtiger Einſicht beſchrieben worden.(Man laſſe mir die berau⸗ ſchende Familiarität, dieſes herrliche Weſen bei ihrem Taufnamen zu nennen, hingehen.) Eine genaue Bekannt⸗ ſchaft mit dem Inhalte ihres Tagebuches, zu dem ich mir durch heimliche Mittel Zugang verſchaffte, der mir in der Erinnerung noch unendlich koſtbar iſt— warnt meine eifrige Feder gegen Mittheilungen, welche dies unend⸗ lich erſchöpfungskräftige Weib bereits zu den ſeinigen ge⸗ macht hat. Die Intereſſen— athemloſe, ungeheure Intereſſen!— mit denen ich hier zu thun habe, beginnen bei dem bekla⸗ genswerthen Unglücke von Marianne's Krankheit. Die Lage war um dieſe Zeit eine emphatiſch ernſte. Percival brauchte große Geldſummen, welche zu einer ge⸗ wiſſen Zeit bezahlt werden mußten(ich ſage nichts von dem Wenigen, deſſen ich in demſelben Grade benöthigt war); und die einzige Quelle, in der er dieſe Bequemlich⸗ keit noch ſuchen konnte, war das Vermögen ſeiner Ge⸗ mahlin, von dem ihm kein Heller früher als nach ihrem Tode zufiel. Inſoweit ſchlimm; aber— wie der unſterb⸗ 206 liche Shakeſpeare ſagt— es kam noch ſchlimmer. Mein halt und verſtorbener Freund hatte Privatſorgen, über die ihn ge⸗ Folgen nau zu befragen das Zartgefühl meiner unintereſſirten winn ve Anhänglichkeit mir verbot. Ich wußte weiter nichts, als von Per daß eine Frau mit Namen Anna Catherick ſich in der Mei Umgegend verſteckt hielt; daß ſie mit Lady Glyde in Ver⸗ nachdem bindung ſtand, und daß die Folge hiervon die Enthüllung unſichtbe eines Geheimniſſes ſein konnte, das Percival unfehlbar zu am Bla Grunde richten mußte. Er hatte mir ſelbſt geſagt, daß er mich als verloren ſei, falls nicht ſeine Frau zum Schweigen gebracht ſon, die und Anna Catherick gefunden würde. Falls er verloren bedürfe, war, was ſollte da aus unſeren pecuniären Angelegenheiten zu finder werden? So muthig ich auch von Natur bin, ſo erbebte nöthige ich doch bei dieſem Gedanken! gel an Die ganze Kraft meines Verſtandes war jetzt auf das trauiſch Auffinden Anna Catherick's gerichtet. Unſere Geldange⸗ von Anf legenheiten, ſo wichtig ſie auch waren, geſtatteten uns noch(Witwe einigen Verzug— aber die Nothwendigkeit, dieſe Frau zu Glauben finden, nicht. Ich kannte ſie nur der Beſchreibung nach, Vertraue der zufolge ſie eine außerordentliche perſönliche Aehnlich⸗ öffnete i keit mit Lady Glyde hatte. Die Erwähnung dieſer merk⸗ abſorbir würdigen Thatſache, welche blos in der Abſicht geſchah, Ich mir beim Erkennen der von uns geſuchten Perſon behülflich zu ſtehen zu ſein, erweckte— gepaart mit der noch hinzugefügten Catherich Mittheilung, daß die Catherick aus einem Irrenhauſe ent⸗ ſich befa ſprungen— zuerſt jenen großen Einfall in meinem Geiſte, von Gla welcher ſpäter zu ſo ungeheuren Reſultaten führte. Dieſer eben gen Gedanke brachte nichts Geringeres mit ſich, als die voll⸗ ſie es nie ſtändige Verwandlung der beiden getrennten Identitäten. unter de Lady Glyde und Anna Catherick ſollten Namen, Aufent⸗ lichen Pf Mein ihn ge⸗ reſſirten hts, als ) in der in Ver⸗ thüllung hlbar zu „ daß er gebracht verloren genheiten erbebte auf das eldange⸗ uns noch Frau zu ig nach, lehnlich⸗ r merk⸗ geſchah, ehülflich gefügten auſe ent— Geiſte, Dieſer die voll⸗ ntitäten. Aufent⸗ 207 halt und Beſtimmung austauſchen— und die erſtaunlichen Folgen dieſes beabſichtigten Austauſches waren: ein Ge⸗ winn von dreißigtauſend Pfund und ewige Bewahrung von Percival's Geheimniſſe. Mein Inſtinct(der ſich ſelten täuſcht) ließ mich— nachdem ich die Umſtände überlegt— annehmen, daß unſere unſichtbare Anna früher oder ſpäter nach dem Boothauſe am Blackwater See zurückkehren würde. Hier ſtellte ich mich als Wache auf, nachdem ich zuvor gegen Mrs. Michel⸗ ſon, die Haushälterin, erwähnt, daß, falls man meiner bedürfe, ich an dieſer einſamen Stelle bei meinen Studien zu finden ſein werde. Es iſt eine meiner Regeln, nie un⸗ nöthige Heimlichkeiten zu machen, oder die Leute aus Man⸗ gel an ein bischen wohl angebrachter Aufrichtigkeit miß⸗ trauiſch gegen mich zu machen. Mrs. Michelſon glaubte von Anfang bis zu Ende an mich. Dieſe gentile Perſon (Witwe eines proteſtantiſchen Prieſters) ſtrömte über von Glauben. Durch einen ſolchen Ueberfluß an einfachem Vertrauen bei einer Frau in ihren Jahren tief gerührt, öffnete ich die weiten Behälter meiner großen Natur und abſorbirte es ganz. Ich wurde für meine Geduld, am See Schildwache zu ſtehen, durch das Wiedererſcheinen— nicht von Anna Catherick ſelbſt, ſondern der Frau, unter deren Obhut ſie ſich befand, belohnt. Dies Individuum ſtrömte ebenfalls von Glauben über, welches ich abermals, wie in dem ſo⸗ eben genannten Falle, abſorbirte. Ich überlaſſe es ihr(falls ſie es nicht bereits gethan hat), die Umſtände zu erzählen, unter denen ſie mich bei dem Gegenſtande ihrer mütter⸗ lichen Pflege einführte. Als ich Anna Catherick zum erſten⸗ 0 208 V male ſah, ſchlief ſie. Ich war durch die Aehnlichkeit zwiſchen ſo w dieſer unglücklichen Perſon und Lady Glyde wie elektriſirt. lichen M Die Einzelheiten des großartigen Projectes, von dem ich Geiſt ſo bisher nur erſt die Umriſſe entworfen, ſtellten ſich mir Gefaſel, beim Anblicke dieſes ſchlafenden Geſichtes in ihrer ganzen ſtrömt. meiſterhaften Combination vor die Seele. Zu gleicher großen; Zeit löſte ſich mein Herz, das ſtets allen zärtlichen Ein⸗ er, inden flüſſen zugänglich iſt, beim Anblicke des Leidens vor mir durch ih in Thränen auf. Ich beſchäftigte mich ſofort damit, ihr b Diner ſ Erleichterung zu verſchaffen. Mit anderen Worten, ich deln, eh ſorgte für ein Reizmittel, welches Anna Catherick hinläng⸗ Großen lich ſtärken würde, um ſie in den Stand zu ſetzen, die beim erſ Reiſe nach London zu machen. machen. Hier bei dieſem Punkte lege ich einen nothwendigen für die C Proteſt ein und berichtige einen beklagenswerthen Irr⸗ gerweiſe thum. derſelben Die beſten Jahre meines Lebens ſind in dem eifrigen thekerlad Studium mediciniſcher und chemiſcher Wiſſenſchaft ver⸗ Bewund floſſen. Die Chemie namentlich hat immer wegen der haltenden ungeheuren, unbegrenzten Macht, welche ihre Kenntniß ben an verleiht, beſondere Anziehungskraft für mich gehabt. Die Quackſal Chemiker könnten— dies behaupte ich feierlich— falls unſeren es ihnen gefiele, die Geſchicke der Welt regieren. Man Geſellſch laſſe mich dies erklären, ehe ich weiter gehe. der Che⸗ Der Geiſt, ſagt man, regiert die Welt. Was aber unbedent regiert den Geiſt? Der Körper. Der Körper(man folge Woz mir hier wohl) iſt in der Gewalt jenes mächtigſten aller Weil ſterblichen Potentaten— des Chemikers. Gebt mir, dem weil mar Fosco— die Chemie; und wenn Shakeſpeare Hamlet in der hat vrrin Seele hat und ſich hinſetzt, um dieſe Dichtung auszuführen ſchen Ker Wilkie Col zwiſchen lektriſirt. dem ich ſich mir r ganzen mgleicher hen Ein⸗ vor mir amit, ihr rten, ich hinläng⸗ etzen, die wendigen hen Irr⸗ neifrigen haft ver⸗ begen der Kenntniß abt. Die — falls n. Man Bas aber nan folge ſten aller mir, dem let in der szuführen 209 — ſo will ich durch ein paar Pulverkörnchen in ſeiner täg⸗ lichen Mahlzeit, durch die Functionen ſeines Körpers ſeinen Geiſt ſo herunterbringen, daß nichts als das jämmerlichſte Gefaſel, das jemals Papier entehrt hat, ſeiner Feder ent⸗ ſtrömt. Man rufe mir unter ähnlichen Verhältniſſen den großen Newton ins Leben zurück. Ich ſtehe dafür, daß er, indem er jenen Apfel fallen ſieht, ihn eſſen ſoll, anſtatt durch ihn das Geſetz der Schwere zu entdecken. Nero's Diner ſoll ihn in den ſanfmüthigſten Menſchen verwan⸗ deln, ehe er es noch verdaut hat; und Alexander des Großen Morgentrank ſoll ihn noch am ſelben Nachmittage beim erſten Anblicke des Feindes mit Energie davonlaufen machen. Bei meinem heiligen Ehrenworte, es iſt ein Glück für die Geſellſchaft, daß die Chemiker der Neuzeit zufülli⸗ gerweiſe die harmloſeſten Menſchen ſind. Die Mehrzahl derſelben ſind würdige Familienväter, welche einem Apo⸗ thekerladen vorſtehen. Wenige ſind Philoſophen, die vor Bewunderung für den Klang ihrer eigenen Vorleſungen haltenden Stimmen trunken ſind; Träumer, die ihr Le⸗ ben an phantaſtiſche Unmöglichkeiten verſchwenden; oder Quackſalber, deren Ehrgeiz ſich nicht höher als bis zu unſeren Leichdornen erhebt. Auf dieſe Weiſe kommt die Geſellſchaft unbeſchadet weg; und die unbegrenzte Macht der Chemie bleibt der Sklave der oberflächlichſten und unbedeutendſten Zwecke. Wozu dieſer Ausbruch vernichtender Beredſamkeit? Weil mein Verhalten falſch dargeſtellt worden iſt; weil man meine Beweggründe mißverſtanden hat. Man hat vermuthet, daß ich von meinen ausgebreiteten chemi⸗ ſchen Kenntniſſen gegen Anna Catherick Gebrauch gemacht Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 14 hätte und ſie ſogar gegen die herrliche Marianne ange⸗ wendet haben würde, falls es mir möglich geweſen wäre. Beides ganz abſcheuliche Verleumdungen! Es lag durch⸗ aus in meinem Intereſſe(wie man ſogleich ſehen wird), Anna Catherick's Leben zu erhalten; meine ganze Sorge concentrirte ſich darauf, Marianne aus den Händen des privilegirten Dummkopfes zu erlöſen, welcher ſie in ihrer Krankheit behandelte, und der von Anfang bis zu Ende meinen Rath durch den Arzt aus London beſtätigt fand. Bei nur zwei Gelegenheiten— welche beide für die be⸗ treffenden Individuen durchaus harmlos waren— rief ich den Beiſtand meiner chemiſchen Kenntniſſe zu Hülfe. Bei der erſten benutzteich, nachdem ich Mariannen nach dem Wirths⸗ hauſe zu Blackwater gefolgt war(indem ich hinter einem mir gelegen kommenden Frachtwagen, welcher mich ihr verbarg, die Poeſie der Bewegung ſtudirte, die in ihrem Gange verkörpert war), die Dienſte meiner unſchätzbaren Gemahlin, um den einen von zwei Briefen, die meine än⸗ gebetete Feindin den Händen einer entlaſſenen Kammer⸗ jungfer anvertraut hatte, abzuſchreiben und den andern zu unterſchlagen. In dieſem Falle konnte nur die Gräfin, da das Mädchen die Briefe im Buſen trug, dieſelben durch wiſſenſchaftlichen Beiſtand öffnen, leſen, ihre Inſtructio⸗ nen befolgen, ſie verſiegeln und wieder an ihren Platz thun — und dieſen Beiſtand gab ich ihr in einem halblöthigen Fläſchchen. Die zweite Gelegenheit, bei welcher derartige Mittel angewendet wurden, war die von Lady Glyde's Ankunft in London(auf welche ich in Kurzem zurückkommen werde). Ich war nie zu irgend einer andern Zeit meiner Kunſt, als von mir ſelbſt unterſchieden, verpflichtet. Allen anderen de natürliche unabänder dringende kers recht Man ſelbe hat route! V Nachd mir darül die beſte; Percival's nachdem ie einging u welchem ie treffen und Hauſe zur dort noch Mein ner Gema Clements Lady Gly ſetzen ſolle liſtige Leut ben erſchüt konnte ich London re Ich legte Zärtlichkei Nachd ne ange— ken wäre. ig durch⸗ n wird), ge Sorge nden des in ihrer zu Ende tigt fand. r die be⸗ — rief ich Bei der Wirths⸗ ter einem mich ihr in ihrem chätzbaren neine aͤn⸗ Kammer⸗ n andern Gräfin, ben durch nſtructio⸗ Glatz thun Eblöthigen derartige Glyde's ckkommen it meiner et. Allen 211 anderen dringenden Fällen und Verwickelungen war meine natürliche Fähigkeit, mit den Verhältniſſen zu kämpfen, unabänderlich gewachſen. Ich behaupte die Alles durch⸗ dringende Kraft dieſer Fähigkeit. Auf Koſten des Chemi⸗ kers rechtfertige ich den Mann. Man achte dieſen Ausbruch edler Entrüſtung. Der ſelbe hat mir unausſprechliche Erleichterung gewährt. En route! Vorwärts. Nachdem ich Mrs. Clement(oder Clements, ich bin mir darüber nicht klar) darauf aufmerkſam gemacht, daß die beſte Methode, Anna davor zu bewahren, daß ſie in Percival's Hände fiele, die ſei, ſie nach London zu bringen; nachdem ich gefunden, daß ſie eifrig auf meinen Vorſchlag einging und nachdem ich einen Tag beſtimmt hatte, an welchem ich mit den Reiſenden auf der Station zuſammen⸗ treffen und ſie abreiſen ſehen wollte— war ich frei, nach Hauſe zurückzukehren und den Schwierigkeiten, welche mir dort noch übrig blieben, entgegenzutreten. Mein Erſtes war, von der erhabenen Ergebenheit mei⸗ ner Gemahlin Gebrauch zu machen. Ich war mit Mrs. Clements übereingekommen, daß ſie in Anna's Intereſſe Lady Glyde von ihrer Adreſſe in London in Kenntniß ſetzen ſolle. Aber dies genügte nicht. Es konnten hinter⸗ liſtige Leute in meiner Abweſenheit ihren einfachen Glau⸗ ben erſchüttern und ſie ſo am Schreiben verhindern. Wen konnte ich da finden, der mit ihr in demſelben Zuge nach London reiſte und ihr dort bis an ihre Wohnung folgte? Ich legte mir dieſe Frage vor— und meine eheliche Zärtlichkeit antwortete ſogleich— die Gräfin Fosco. Nachdem ich mich für die Reiſe meiner Frau nach Lon⸗ 14* don entſchieden, beſchloß ich durch dieſelbe einem dopvelten Zwecke zu dienen. Eine Krankenwärterin für die leidende Marianne, die in gleichem Verhältniſſe mir und der Kran⸗ ken ergeben ſein mußte, war eine Nothwendigkeit meiner Lage. Glücklicherweiſe ſtand mir die zuverläſſigſte und fähigſte Frau von der Welt zur Verfügung. Ich meine jene achtbare Matrone, Madame Rubelle— der ich durch meine Frau einen Brief zuſtellte. An dem beſtimmten Tage trafen Mrs. Clements und Anna Catherick auf der Station mit mir zuſammen. Ich nahm höflichen Abſchied von ihnen, wie auch von der Gräfin, die mit demſelben Zuge reiſte. Abends ſpät kehrte meine Frau nach Blackwater zurück, nachdem ſie ihre Inſtructionen mit der unverbrüchlichſten Genauigkeit befolgt hatte. Sie kam in der Begleitung von Madame Rubelle und brachte mir die Adreſſe von Mrs. Clements in London. Spätere Ereigniſſe zeigten uns, daß dieſe Vorſichtsmaßregel eine überflüſſige war. Mrs. Cle⸗ ments unterrichtete Lady Glyde pünktlich von ihrer neuen Wohnung. Mit kluger Berückſichtigung der Zukunft be⸗ hielt ich den Brief. An demſelben Tage hatte ich eine kurze Unterredung mit dem Arzte, in welcher ich im geheiligten Namen der Nenſchlichkeit gegen ſein Verfahren mit Miß Halcombe proteſtirte. Er war impertinent, wie alle unwiſſenden Leute es ſind. Ich zeigte keinen Groll, ſondern verſchob einen Streit mit ihm, bis ein ſolcher meinem Zwecke würde dienen können. Mein Nächſtes war, ſelbſt Blackwater Park zu ver⸗ laſſen. Ich mußte mir in Erwartung kommender Ereig niſſe eine eine kleine zu beſorg in St. 3 meridge, Mein reſponden ſie an M Lady Gld hatte, daf Dieſen B mung abg wohl aber zu Mr. ſtützen— weiſe für unvermeid Lady Glr water all Wunſch e brächte(d Dieſe Erf Fairlie zu konnte, wo ich bemer und körpe nes Char geſagt. Bei Einladung dopvelten ie leidende der Kran⸗ keit meiner ſigſte und Ich meine ich durch Clements zuſammen. auch von bends ſpät achdem ſie Henauigkeit Madame Clements daß dieſe Nrs. Cle⸗ hrer neuen zukunft be⸗ nterredung Namen der Halcombe nwiſſenden n verſchob hecke würde rk zu ver⸗ der Ereig 213 niſſe eine Wohnung in London miethen. Auch hatte ich eine kleine Familienangelegenheit mit Mr. Frederick Fairlie zu beſorgen. Ich fand die Wohnung, deren ich bedurfte, in St. John's Wood und Mr. Frederick Fairlie in Lim⸗ meridge, Cumberland. Meine heimliche Bekanntſchaft mit Marianne's Cor⸗ reſpondenz hatte mich ſchon vorher davon unterrichtet, daß ſie an Mr. Fairlie geſchrieben und zur Beſeitigung von Lady Glyde's ehelichen Unannehmlichkeiten vorgeſchlagen hatte, daß dieſelbe ihren Onkel in Cumberland beſuchte. Dieſen Brief hatte ich verſtändigerweiſe an ſeine Beſtim⸗ mung abgehen laſſen, indem ich fühlte, daß er kein Unheil, wohl aber Gutes ſtiften könne. Ich begab mich jetzt ſelbſt zu Mr. Fairlie, um Marianne's Vorſchlag zu unter⸗ ſtützen— mit gewiſſen Abänderungen, welche glücklicher⸗ weiſe für den Erfolg meiner Pläne durch ihre Krankheit unvermeidlich geworden waren. Es war nothwendig, daß Lady Glyde auf eine Einladung von ihrem Onkel Black⸗ water allein verließe und auf ihres Onkels ausdrücklichen Wunſch eine Nacht im Hauſe ihrer Tante in London zu⸗ brächte(dem Hauſe, welches ich inzwiſchen gemiethet hatte). Dieſe Erfolge zu erzielen und ein Einladungsbillet von Mr. Fairlie zu erhalten, welches Lady Glyde gezeigt werden konnte, waren die Zwecke meines Beſuches bei ihmt. Wenn ich bemerke, daß dieſer Herr in gleichem Grade geiſtes⸗ und körperſchwach war, und daß ich die ganze Kraft mei⸗ nes Charakters auf ihn ausſchüttete, ſo habe ich genug geſagt. Ich kam, ſah und beſiegte Fairlie. Bei meiner Rückkehr nach Blackwater Park(mit der Einladung für Lady Glyde) fand ich, daß des Arztes blöd⸗ 214 ſinnige Behandlung von Marianne's Krankheit die beun⸗ ruhigendſten Folgen gehabt hatte. Das Fieber war in Typhus ausgeartet. Lady Glyde verſuchte am Tage mei⸗ ner Rückkehr in das Zimmer ihrer Schweſter zu dringen, um dieſelbe zu pflegen. Sie und ich hatten keine Art von Gefühlsverwandtſchaft; ſie hatte meine Gefühle auf das Unverzeihlichſte dadurch verletzt, daß ſie mich einen Spion genannt; ſie war auf meinem und auf Percival's Wege ein Stein des Anſtoßes— aber ungeachtet alles Deſſen verbot mir meine Großmuth, ſie der Gefahr der Anſteckung auszuſetzen. Zu gleicher Zeit aber legte ich ihr kein Hinder⸗ niß in den Weg, ſich ſelbſt in die Gefahr zu begeben. Wäre ihr dies gelungen, ſo wäre vielleicht der verwickelte Knoten, den ich langſam und geduldig knüpfte, von den Umſtänden zerſchnitten worden. Doch der Arzt legte ſich dazwiſchen, und ſie verließ das Zimmer. Ich ſelbſt hatte ſchon vorher empfohlen, daß man einen Arzt aus London kommen ließe, und dies Verfahren war jetzt eingeſchlagen worden. Bei ſeiner Ankunft beſtätigte der Arzt meine Meinung in Bezug auf die Krankheit. Dier Kriſis war eine ernſte. Aber am fünften Tage, nachdem ſich der Typhus ausgeſprochen, begannen wir für unſere be⸗ zaubernde Kranke wieder zu hoffen. Ich war zu dieſer Zeit ur einmal von Blackwater Park abweſend— indem ich eines Morgens mit dem Frühzuge nach London fuhr, um die letzten Anordnungen in Bezug auf meine Wohnung in St. John's Wood zu treffen; um mich durch heimliche Erkundigung davon zu überzeugen, daß Mrs. Clements noch in derſelben Wohnung ſei; und um ein paar kleine Vorkehrungen mit Monſieur Rubelle zu treffen. Ich kehrte an dem der Arzt Gefahr fältigen wartet unentbel dem ich von viel digerwe Wortwe von mi⸗ brachte Lawine und feg Die fortgero (deſſen durfte) Maßen benachr aufzuge ganzen bäuriſch unange waren, zu ſcho wurde, Auftra⸗ Herrin Di die beun⸗ r war in Tage mei⸗ u dringen, e Art von e auf das ten Spion al's Wege les Deſſen Anſteckung in Hinder⸗ i begeben. verwickelte „von den legte ſich man einen ahren war beſtätigte kheit. Die , nachdem unſere be⸗ dieſer Zeit indem ich fuhr, um Wohnung heimliche Clements vaar kleine Ich kehrte an demſelben Abende zurück. Fünf Tage ſpäter erklärte der Arzt, daß unſere intereſſante Marianne außer aller Gefahr und nun nichts weiter benöthigt ſei, als einer ſorg— fältigen Pflege. Dies war der Zeitpunkt, auf den ich ge⸗ wartet hatte. Jetzt, da ärztlicher Beiſtand nicht länger unentbehrlich war, that ich den erſten Zug im Spiele, in⸗ dem ich mich gegen den Doctor behauptete. Er war einer von vielen Zeugen, die mir im Wege waren und nothwen⸗ digerweiſe hinweggeſchafft werden mußten. Ein lebhafter Wortwechſel zwiſchen uns(in den Percival nach vorher von mir empfangener Weiſung ſich zu miſchen ausſchlug) brachte dies zu Wege. Ich kam mit einer furchtbaren Lawine von Entrüſtung auf den elenden Menſchen herab und fegte ihn aus dem Hauſe. Die Dienſtboten waren die nächſten Hinderniſſe, die fortgeräumt werden mußten. Ich inſtruirte Percival (deſſen moraliſcher Muth fortwährender Reizmittel be⸗ durfte) nochmals, und Mrs. Michelſon war über die Maßen erſtaunt, als ſie eines Tages von ihrem Herrn benachrichtigt wurde, daß er die dortige Haushaltung aufzugeben beabſichtige. Wir ſäuberten das Haus von der ganzen Dienerſchaft, einer Magd ausgenommen, deren bäuriſche Dummheit uns eine Garantie war, daß ſie keine unangenehmen Entdeckungen machen werde. Als ſie fort waren, blieb uns nur noch Mrs. Michelſon aus dem Wege zu ſchaffen— ein Reſultat, welches ſehr leicht erzielt wurde, indem wir die liebenswürdige Dame mit einem Auftrage, in einem Seebade eine Wohnung für ihre Herrin zu ſuchen, abſchickten. Die Verhältniſſe waren jetzt genau ſo, wie ſie ſein 216 ſollten. Lady Glyde war durch ein nervöſes Leiden an ihr Zimmer gefeſſelt, und die bäuriſche Stubenmagd(ich habe ihren Namen vergeſſen) wurde nachts zu ihrer Bedienung bei ihr eingeſchloſſen. Marianne hütete, obgleich ſie ſchnelle Fortſchritte in der Geneſung machte, noch immer unter Madame Rubelle's Pflege das Bett. Außer meiner Frau, Percival und mir war weiter kein lebendes Weſen im Hauſe. Nachdem ſich auf dieſe Weiſe alle Chancen zu unſeren Gunſten geſtaltet hatten, trat ich der zweiten Nothwendig⸗ keit gegenüber und that den zweiten Zug. Der Zweck des zweiten Zuges war, Lady Glyde zu bewegen, Blackwater Park ohne ihre Schweſter zu ver⸗ laſſen. Falls wir ihr nicht einreden konnten, daß Mari⸗ anne ihr nach Cumberland vorausgereiſt ſei, ſo hatten wir keine Hoffnung, daß ſie freiwillig das Haus verlaſſen werde. Um dieſen nothwendigen Eindruck bei ihr hervor⸗ zubringen, verbargen wir unſere intereſſante Reconvale⸗ ſcentin in einem der unbewohnten Schlafzimmer in Black⸗ water Park. In der Tiefe der Nacht bewerkſtelligten meine Frau, Madame Rubelle und ich(Percival war nicht gefaßt genug, um dabei zugelaſſen werden zu können) dieſen Verſteck. Der Auftritt war im höchſten Grade maleriſch, geheimnißvoll und dramatiſch. Auf meine An⸗ ordnung war das Bett am Morgen auf einem ſtarken, transportablen, hölzernen Rahmen gemacht worden. Wir hatten dieſen Rahmen nur leiſe beim Kopf⸗ und Fußende aufzuheben und unſere Patientin zu tragen, wohin es uns beliebte, ohne ſie oder ihr Lager zu ſtören. Chemiſche Hülfe war bei dieſer Gelegenheit weder nothwendig, noch wurde ſie angewandt. Unſere intereſſante Marianne lag in der ter und meiner des Ro andere. ſchreibl lichkeit, modern malen Schade modern An nach Leo heit im belle's ſich au gefange gab ich in wel berland ten, m ſobald ihm d Cather ſitzer d ſeiner Ich ſtadt2 lichkeit zuge a ian ihr ich habe edienung ſchnelle er unter er Frau, n Hauſe. unſeren jwendig⸗ ölyde zu zu ver⸗ 3 Mari⸗ ttten wir verlaſſen hervor⸗ econvale⸗ in Black— ſtelligten val war können) Grade reine An⸗ ſtarken, den. Wir Fußende n es uns chemiſche dig, noch lanne lag 217 in der tiefen Ruhe der Geneſung. Wir ſtellten die Lich⸗ ter und öffneten die Thüren vorher. Ich, nach dem Rechte meiner großen perſönlichen Kraft, nahm das Hauptende des Rahmens, meine Frau und Madame Rubelle das andere. Ich trug meinen Antheil an dieſer mir unbe⸗ ſchreiblich koſtbaren Bürde mit einer männlichen Zärt⸗ lichkeit, mit einer väterlichen Sorgfalt. Wo iſt der moderne Rembrandt, der unſere mitternächtliche Proceſſion malen könnte? Unerſetzlicher Verluſt für die Künſte! Schade um dies maleriſcheſte aller Sujets! Der moderne Rembrandt iſt nirgends zu finden. Am folgenden Morgen reiſten meine Frau und ich nach London ab— indem wir Marianne in Abgeſchloſſen⸗ heit im mittlern Theile des Hauſes unter Madame Ru⸗ belle's Obhut zurückließen, welche letztere gütigſt einwilligte, ſich auf zwei oder drei Tage mit ihrer Pflegebefohlenen gefangen gehalten zu laſſen. Ehe wir jedoch abreiſten, gab ich Percival Mr. Fairlie's Einladung an ſeine Nichte, in welcher er ihr empfahl, auf ihrem Wege nach Cum⸗ berland im Hauſe ihrer Tante in London zu übernach⸗ ten, mit der Weiſung, Lady Glyde dieſelbe zu zeigen, ſobald er von mir hören werde. Auch ließ ich mir von ihm die Adreſſe der Irrenanſtalt geben, in der Anna Catherick gefangen geweſen und einen Brief an den Be⸗ ſitzer derſelben, in welchem dieſem Herrn die Rückkehr ſeiner Patientin angekündigt wurde. Ich hatte bei meinem letzten Beſuche in der Haupt⸗ ſtadt Anordnungen getroffen, daß unſere beſcheidene Häus⸗ lichkeit bereit ſein ſolle, uns, wenn wir mit dem Früh⸗ zuge anlangten, aufzunehmen. In Folge dieſer weiſen — 218 Vorſicht waren wir noch an demſelben Tage im Stande, unſern dritten Zug in dem Spiele zu thun— nämlich, Anna Catherick in unſere Hände zu bekommen. Es ſind hier die Data von Wichtigkeit. Ich vereinige in mir die entgegengeſetzten Eigenſchaften eines Gefühls⸗ menſchen und eines Geſchäftsmannes. Ich kann alle die Data an meinen Fingern herzählen. Mittwoch, den 24. Juli 1850, ſchickte ich meine Frau in einem Fiaker ab, um zuerſt Mrs. Clements aus dem Wege zu räumen. Ein angeblicher Auftrag von Lady Glyde, die ſich in London befinden ſollte, genügte, um dieſes Reſnltat herbeizuführen. Mrs. Clements wurde in dem Fiaker abgeholt und in demſelben gelaſſen, wäh⸗ rend meine Frau(unter dem Vorwande eines Einkaufes) ihr entwiſchte und umkehrte, um ihren erwarteten Beſuch in unſerm Hauſe in St. John's Wood zu empfangen. Es iſt unnöthig zu ſagen, daß den Dienſtboten der Beſuch als„Lady Glyde“ angekündigt worden war. Unterdeſſen war ich in einem zweiten Fiaker meiner Frau nachgefahren, mit einem Briefe für Anna Catherick, welcher blos angab, daß Lady Glyde Mrs. Clements für den Tag bei ſich zu behalten beabſichtige und daß ſie unter der Obhut des guten Herrn, welcher draußen auf ſie war⸗ tete und ſie bereits in Hampſhire gegen Entdeckung von Sir Percival geſchützt, zu ihnen kommen ſollte. Der„gute Herr“ ſchickte dies Billet durch einen Straßenbuben ins Haus und wartete ein paar Häuſer davon das Reſultat ab. In dem Augenblicke, wo Anna vor der Hausthür erſchien und dieſelbe wieder ſchloß, hatte dieſer vortrefflicher Herr die Fiakerthür für ſie geöffnet— ſie hineingeſchoben— und w rentheſ Au Gefähr Menſch war b Anſpri Medici Sir P Anſpri deren — gen zuberei Haus — als ihr fre⸗ Hätte Nähe ihre U nen. mir vie ihr ge⸗ morali lichen terung Minut D daß„ dürfe. ich in Stande, ämlich, ereinige hefühls⸗ alle die de Frau us dem Lady te, um wurde n, wäh⸗ nkaufes) Beſuch gen. Es Beſuch meiner atherick, nts für ie unter ie war⸗ ing von er„gute ben ins iltat ab. erſchien er Herr oben— 219 und war davongefahren.(Man geſtatte mir hier in Pa⸗ rentheſe einen einzigen Ausruf. Wie intereſſant!) Auf dem Wege nach St. John's Wood verrieth meine Gefährtin keine Furcht. Ich kann väterlich ſein— kein Menſch iſt es in höherem Grade— wenn ich will; und ich war bei dieſer Gelegenheit unendlich väterlich. Welche Anſprüche hatte ich nicht an ihr Vertrauen! Ich hatte dier Medicin gemiſcht, welche ihr wohlgethan; ich hatte ſie vor Sir Percival gewarnt. Vielleicht baute ich zu ſehr auf dieſe Anſprüche; vielleicht unterſchätzte ich die Schärfe, die nie⸗ deren Inſtincte in Leuten von geſchwächten Geiſteskräften — gewiß aber iſt es, daß ich ſie auf eine Täuſchung vor⸗ zubereiten vernachläſſigte, die ihr beim Eintritte in mein Haus widerfahren ſollte. Als ich ſie in den Salon führte — als ſie dort niemanden ſah, als die Gräfin Fosco, die ihr fremd war— gerieth ſie in die heftigſte Aufregung. Hätte ſie Gefahr in der Luft gewittert, wie ein Hund die Nähe eines ungeſehenen Geſchöpfes wittert, ſo hätte ſich ihre Unruhe nicht plötzlicher und grundloſer darthun kön⸗ nen. Ich verſuchte vergebens, ſie zu beruhigen. Es wäre mir vielleicht gelungen, ihre Angſt zu beſänftigen— aber ihr gefährliches Herzleiden war außer dem Bereiche aller moraliſchen Beruhigungsmittel. Zu meinem unbeſchreib⸗ lichen Entſetzen fiel ſie in Convulſionen— eine Erſchüt⸗ terung des Syſtems, die ſie in ihrem Zuſtande zu jeder Minute todt zu unſeren Füßen hätte hinſtrecken können. Der nächſte Arzt wurde herbeigerufen und unterrichtet, daß„Lady Glyde“ ſeines augenblicklichen Beiſtandes be⸗ dürfe. Zu meiner unausſprechlichen Erleichterung fand ich in ihm einen tüchtigen Mann. Ich beſchrieb ihm ſeine 220 Patientin als eine Perſon von ſchwachem Verſtande und an Sinnestäuſchungen leidend und befahl, daß niemand als meine Frau ſie pflegen und in ihrem Zimmer wachen ſolle. Das unglückliche Geſchöpf war übrigens zu krank, um in Bezug auf das, was ſie ſagen konnte, irgendwie Beſorgniß einzuflößen. Die eine Furcht, welche mich jetzt verfolgte, war die, daß die falſche Lady Glyde ſterben möchte, ehe die wahre Lady Glyde in London anlangte. Ich hatte morgens ein Billet an Madame Rubelle ge⸗ ſchrieben, mit der Weiſung, ſich am Freitag, den 26., abends in ihres Mannes Hauſe einzufinden, und ein zweites an Percival, worin ich ihn aufforderte, ſeiner Frau ihres Onkels Einladung zu zeigen, ihr zu verſichern, daß Ma⸗ rianne ihr bereits vorausgereiſt ſei, und ſie mit dem Mit⸗ tagszuge am 26. ebenfalls nach London zu ſchicken. Ich hatte nach einiger Ueberlegung die Nothwendigkeit gefühlt, wegen Anna Catherick's Geſundheitszuſtande die Ereigniſſe zu beeilen und Lady Glyde früher zu meiner Verfügung zu halten, als ich dies anfangs beabſichtigt. Welche neue Anordnungen konnte ich jetzt in dieſer furchtbaren Un⸗ gewißheit meiner Lage treffen? Ich konnte nichts thun, als auf den Zufall und auf den Doctor hoffen. Meine Emotionen machten ſich in pathetiſchen Ausrufungen Luft — die ich noch eben Faſſung genug hatte, im Beiſein anderer mit„Lady Glyde's“ Namen zu paaren. In jeder andern Hinſicht war Fosco an dieſem bemerkenswerthen Tage, Fosco unter einer totalen Eclipſe! Sie verbrachte eine ſchlimme Nacht— erwachte in einem Zuſtande furchtbarer Erſchöpfung— erholte ſich aber ſpäter am Tage auf merkwürdige Weiſe. Meine elaſtiſchen Lebens val un des 2 meine der Fe derte, Lady befahl 26. vo zeugt, ging i zu tre Herrer ſtellter andere Männ Seruß Verleg E von d zu He 25., 1 treffen J überw E gekom nomn war, Hand e und mand bachen krank, ndwie h jetzt terben angte. lle ge⸗ bends es an ihres Ma⸗ Mit⸗ Ich efühlt, igniſſe ügung e neue 1 Un⸗ thun, Meine n Luft Zeiſein jeder erthen hte in h aber tiſchen 221 Lebensgeiſter erholten ſich mit ihr. Ich konnte von Perci⸗ val und Madame Rubelle nicht früher als am Morgen des 26. Antwort erhalten. In der Erwartung, daß ſie meine Anordnungen befolgen würden, was, wie ich wußte, der Fall ſein werde, wo nicht ein Unfall ſie daran verhin⸗ derte, ging ich, um einen Wagen zu beſtellen, in dem ich Lady Glyde von der Eiſenbahnſtation abholen wollte und befahl dem Kutſcher, um zwei Uhr am Nachmittage des 26. vor meinem Hauſe zu halten. Nachdem ich mich über⸗ zeugt, daß man die Beſtellung ins Buch eingeſchrieben, ging ich, um mit Monſieur Rubelle meine Vorkehrungen zu treffen. Auch verſicherte ich mich der Dienſte zweier Herren, die mir die nöthigen Atteſte des Wahnſinns aus⸗ ſtellten. Den einen derſelben kannte ich perſönlich; der andere war Monſieur Rubelle bekannt. Beide waren Männer, deren kräftige Geiſter ſich hoch über engherzige Scrupel erhoben— beide waren in einer augenblicklichen Verlegenheit— beide glaubten an mich. Es war bereits nach fünf Uhr nachmittags, ehe ich von der Ausführung dieſer Pflichten zurückkehrte. Als ich zu Hauſe anlangte, war Anna Catherick todt. Todt am 25., und Lady Glyde ſollte erſt am 26. in London ein⸗ treffen! Ich war überwältigt. Man denke ſich dies: Fosco überwältigt! Es war zu ſpät, um umzukehren. Ehe ich noch heim⸗ gekommen war, hatte der Arzt dienſteifrigerweiſe über⸗ nommen, mir alle Mühe zu erſparen, indem er gegangen war, den Sterbefall und das Datum deſſelben mit eigner Hand zu regiſtriren. Mein großartiges Project, das bis hierher unangreifbar geweſen, hatte jetzt ſeine ſchwache Stelle— keine Bemühungen von meiner Seite konnten das unheilvolle Ereigniß des 25. wieder gut machen. Ich trat der Zukunft mannhaft entgegen. Da Percival's Intereſſen und die meinigen noch auf dem Spiele ſtan⸗ den, blieb uns nichts weiter übrig, als daſſelbe zu Ende zu führen. Ich rief meine unerſchütterliche Ruhe zurück — und ſpielte es weiter. Am Morgen des 26. erhielt ich Percival's Brief, der mir die Ankunft ſeiner Frau mit dem Mittagszuge anſagte. Madame Rubelle ſchrieb ebenfalls, und zwar, daß ſie abends ankommen werde. Ich fuhr in dem Wagen ab, um die echte Lady Glyde bei ihrer Ankunft um drei Uhr von der Station abzuholen, während die falſche Lady Glyde todt in meinem Hauſe lag. Unter dem Sitze des Wagens hatte ich die Kleider, die Anna Catherick getragen, als ſie in unſer Haus gekommen, mitgebracht, um die Auf⸗ erſtehung der Verſtorbenen in der Perſon der Lebenden zu bewirken. Welch eine Lage! Ich empfehle ſie den angehen⸗ den Romanſchreibern Englands. Ich biete ſie als eine nagel⸗ neue den ausgeſchriebenen Federn Frankreichs an. Lady Glyde war auf der Station. Es gab hier beim Zuſammenſuchen ihres Gepäckes großes Gedränge und mehr Verzug, als mir(in der Befürchtung, daß ſich unter der Menge Bekannte von ihr finden möchten) lieb war. Ihre erſten Fragen, als wir abfuhren, waren flehende Bitten um Nachrichten über ihre Schweſter. Ich erfand welche von der beruhigendſten Beſchaffenheit, indem ich ihr die Verſicherung gab, daß ſie ihre Schweſter in mei⸗ nem Hauſe ſehen werde. Mein Haus war bei dieſer Gelegen Monſieu Ich während um die Nachden rungen! Freunde Formali durch. verlaſſen Ereigniſſ Zuſtande Der wurde äru male rie verſetztes alle weit Doſis ſp nuß eine rechten 5 Ihre eig Anna C Rubelle am folge Tages er weiſer B ärztlichen gewagt, ken verſ wache unten . Ich ival's ſtan⸗ Ende zurück ff, der iſagte. bends m die on der e todt dagens 7, als Auf⸗ venden gehen⸗ nagel⸗ beim e und unter war. ehende erfand m ich 1 mei⸗ dieſer Gelegenheit in der Nähe vom Leiceſter-Platze und von Monſieur Rubelle bewohnt, welcher uns im Flur empfing. Ich führte meinen Beſuch in ein oberes Hinterzimmer, während die beiden Aerzte in der untern Etage warteten, um die Patientin zu ſehen und ihre Atteſte zu ſchreiben. Nachdem ich Lady Glyde durch die nothwendigen Betheue⸗ rungen über ihre Schweſter beruhigt, brachte ich meine Freunde einzeln in ihre Gegenwart. Sie machten die Formalitäten der Sache kurz, verſtändig und gewiſſenhaft durch. Ich ging wieder ins Zimmer, ſobald ſie daſſelbe verlaſſen hatten, und beſchleunigte ſogleich den Gang der Ereigniſſe, indem ich Miß Halcombe's beunruhigenden Zuſtandes Erwähnung that. Der Erfolg war, was ich erwartet hatte. Lady Glyde wurde ängſtlich und ohnmächtig. Zum zweiten⸗ und letzten⸗ male rief ich die Wiſſenſchaft zu Hülfe. Ein mediciniſch verſetztes Glas Waſſer und Riechfläſchchen erſparten ihr alle weitere Unannehmlichkeit und Unruhe. Eine zweite Doſis ſpäter abends verſchaffte ihr den unſchätzbaren Ge⸗ nuß einer guten Nachtruhe. Madame Rubelle langte zur rechten Zeit an, um Lady Glyde's Toilette zu übernehmen. Ihre eigenen Kleider nahm man ihr abends weg und die Anna Catherick's wurden ihr von den Händen der guten Rubelle mit der ſtrengſten Beobachtung der Schicklichkeit am folgenden Morgen angethan. Während des ganzen Tages erhielt ich unſere Patientin in einem Zuſtande theil⸗ weiſer Bewußtloſigkeit, bis der geſchickte Beiſtand meiner ärztlichen Freunde mir ſchon früher, als ich zu hoffen gewagt, den nothwendigen Befehl zur Aufnahme der Kran⸗ ken verſchaffte. Noch an dieſem Abende(dem Abende 224 des 27.) begleiteten Madame Rubelle und ich unſere falſche Anna Catherick nach der Irrenanſtalt. Sie wurde dort mit großem Erſtaunen, aber ohne allen Verdacht empfan⸗ gen— Dank dem Befehle, den Atteſten, Percival's Briefe, der Aehnlichkeit und der Patientin eigener zeitweiliger Geiſtesverwirrung. Ich kehrte ſofort im Beſitze der Klei⸗ der und Effecten der wahren Lady Glyde zu der Gräfin zurück, um ihr bei den Vorbereitungen zur Beerdigung der falſchen Lady Glyde zu helfen. Dieſe Effecten wurden ſpäter mit dem Fuhrwerke, welches zur Beerdigung be⸗ nutzt wurde, nach Cumberland geſchickt. Ich folgte dem Begräbniſſe mit angemeſſener Würde und in den tiefſten Trauerkleidern. Meine Erzählung dieſer merkwürdigen Ereigniſſe, welche unter ebenſo bemerkenswerthen Verhältniſſen ge⸗ ſchrieben iſt, ſchließt hiermit. Die kleineren Vorſichts⸗ maßregeln, welche ich in Limmeridge Houſe beobachtete, ſind bereits bekannt— ebenſo der ſüperbe Erfolg meines Unternehmens— ebenſo die ſoliden pecuniären Reſultate deſſelben. Ich muß mit der ganzen Kraft meiner Ueber⸗ zeugung verſichern, daß die eine ſchwache Stelle meines Projectes nie entdeckt worden wäre, falls ich nicht zuerſt die eine ſchwache Stelle meines Herzens verrathen hätte. Nichts als meine unheilvolle Anbetung für Marianne hielt mich davon zurück, zu meinem eigenen Schutze herbeizu⸗ eilen, als ſie die Flucht ihrer Schweſter bewirkte. Ich lief die Gefahr und baute auf die gänzliche Vernichtung der Identität von Lady Glyde. Falls entweder Ma⸗ rianne oder Mr. Hartright dieſe Identität zu behaupten wagten, ſo würden ſie ſich öffentlich der Beſchuldigung ausſetzer man wi ſie geſch Intereſſ Ich begt von Zu als Per büßt ha friſt vo Hartrig Kurz, 8 untreu. her— erkennet letzte S In beiſpiell Theilna Noc Leſers hat) fre Me wißbegi werden. werden. Erf deſſen! meiner Pläne ganz ei Wilkie C e falſche de dort empfan⸗ Briefe, weiliger der Klei⸗ rGräfin erdigung wurden gung be⸗ lgte dem n tiefſten rreigniſſe, niſſen ge⸗ Vorſichts⸗ obachtete, Ig meines Reſultate er Ueber⸗ Ile meines icht zuerſt hen hätte. anne hielt herbeizu⸗ rkte. Ich bernichtung heder Ma⸗ behaupten chuldigung ausſetzen, daß ſie einen entſchiedenen Betrug unterſtützten; man würde ihnen nicht geglaubt, ſondern Verdacht gegen ſie geſchöpft haben, und ſie waren dann machtlos, mein Intereſſe oder Percival's Geheimniß in Gefahr zu bringen. Ich beging einen Irrthum, auf eine ſo blinde Berechnung von Zufälligkeiten zu bauen. Ich beging den zweiten, als Percival für ſeine Halsſtarrigkeit und Heftigkeit ge⸗ büßt hatte, indem ich Lady Glyde eine zweite Gnaden⸗ friſt vom Irrenhauſe zu Theil werden ließ und Mr. Hartright eine zweite Gelegenheit gab, mir zu entwiſchen. Kurz, Fosco war während dieſer ernſten Kriſis ſich ſelbſt untreu. Beklagenswerthe, fehlerhafte Inconſequenz! Seht her— die Urſache deſſelben, hier in meinem Herzen— erkennet in Marianne Halcombe's Bilde— die erſte und letzte Schwachheit in Fosco's Leben! In dem reifen Alter von ſechzig Jahren lege ich dies beiſpielloſe Bekenntniß ab. Jünglinge! ich bitte um Eure Theilnahme. Jungfrauen! ich fordere Eure Thränen. Noch ein Wort, und dann ſoll die Aufmerkſamkeit des Leſers(die ſich in athemloſer Spannung auf mich geheftet hat) freigegeben werden. Meine eigene geiſtige Einſicht ſagt mir, daß Leute von wißbegierigen Gemüthern hier unfehlbar drei Fragen thun werden. Dieſelben ſollen genannt— ſollen beantwortet werden. Erſte Frage. Welches iſt das Geheimniß, in Folge deſſen die Gräfin Fosco ſich ohne Zögern zur Erfüllung meiner kühnſten Wünſche, zur Förderung meiner tiefſten Pläne hergibt? Ich könnte dies beantworten, indem ich ganz einfach auf meinen Charakter hindeutete und meiner⸗ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 15 226 ſeits fragte:— Wo in der ganzen Weltgeſchichte hat man je einen Mann meines Calibers gefunden, in deſſen Sphäre ſich nicht eine Frau auf dem Altare ſeines Le⸗ bens opferte? Aber ich erinnere mich daran, daß ich in England ſchreibe, ich erinnere mich, daß ich mich in Eng⸗ land verheirathete— und ich frage, ob in dieſem Lande in den ehelichen Pflichten einer Frau für eine Privat⸗ anſicht der Grundſätze ihres Mannes geſorgt iſt? Nein! Dieſelben befehlen ihr ganz einfach, ihn zu lieben, zu ehren und ihm zu gehorchen. Das iſt genau, was meine Frau gethan hat. Ich ſtehe auf einer erhabenen mora⸗ liſchen Höhe, und bezeuge von derſelben herab ihre ge⸗ wiſſenhafte Befolgung ihrer ehelichen Pflichten. Stille, Verleumdung! Frauen von England! Eure Theilnahme für die Gräfin Fosco! Zweite Frage. Was würde ich gethan haben, falls Anna Catherick nicht zu jener Zeit geſtorben wäre? Ich hätte in dieſem Falle der erſchöpften Natur zur ewigen Ruhe verholfen. Ich hätte die Thore des Gefängniſſes des Lebens geöffnet und der Gefangenen(die unheilbar am Geiſte wie am Körper litt) eine glückliche Freiheit gegeben. Dritte Frage. Nach einer ruhigen Ueberſicht aller Umſtände— verdient mein Verfahren ernſtlichen Tadel? Ganz entſchieden: nein! Habe ich nicht ſorgfältig ver⸗ mieden, die Gehäſſigkeit eines unnöthigen Verbrechens auf mich zu laden? Mit meiner weiten Kenntniß der Chemie hätte ich Lady Glyde's Leben nehmen können. Mit un⸗ geheuren perſönlichen Opfern folgte ich den Eingebungen meines Scharfſinnes, meiner Humanität und meiner Vor⸗ ſicht— und nahm ihr ſtatt deſſen ihre Identität. Man beurthei Wie ve haft mui Ich dies ein entſprich dieſe gl das Lan Geleger chte hat n deſſen ines Le⸗ ß ich in in Eng⸗ n Lande Privat⸗ 2 Nein! eben, zu as meine n mora⸗ ihre ge⸗ Stille, heilnahme en, falls re? Ich ewigen ängniſſes eilbar am t gegeben. icht aller n Tadel? ältig ver⸗ echens auf er Chemie Mit un⸗ ngebungen einer Vor⸗ ät. Man 227 beurtheile mich nach dem, was ich hätte thun können. Wie vergleichungsweiſe unſchuldig! wie indirect tugend⸗ haft muß ich da erſcheinen nach dem, was ich that! Ich kündigte zu Anfang dieſer Erzählung an, daß dies ein bemerkenswerthes Document werden würde. Es entſpricht vollkommen meinen Erwartungen. Man empfange dieſe glühenden Zeilen als mein letztes Vermächtniß an das Land, welches ich auf immer verlaſſe. Sie ſind der Gelegenheit würdig und eines FOSCO. 15* Schluß der Erzählung von Walter Partright. J. Als ich das letzte Blatt von des Grafen Handſchrift zuſammenlegte, war die halbe Stunde, welche ich mich verpflichtet hatte, in Foreſt Road zu bleiben, verfloſſen. Monſieur Rubelle ſah auf ſeine Uhr und verbeugte ſich. Ich ſtand ſofort auf und ließ den Agenten im Beſitze des leeren Hauſes. Ich ſah ihn niemals wieder, noch habe ich je weder von ihm noch ſeiner Frau etwas ge⸗ hört. Aus den finſteren Nebenwegen der Schurkereien und des Betruges waren ſie über unſern Pfad gekrochen — in dieſelben Nebenwege krochen ſie heimlich zurück und waren verſchwunden. In einer Viertelſtunde, nachdem ich Foreſt Road ver⸗ laſſen, war ich zu Hauſe angelangt. Wenige Worte genügten, um Laura und Mariannen zu erzählen, wie mein verzweifeltes Abenteuer geendet und was das nächſte Ereigniß unſeres Lebens in Wahrſchein⸗ lichkeit ſein werde. Ich ſparte alle Einzelheiten bis ſpäter am Tage auf und eilte nach St. John's Wood zurück, um den Wagen abholte. Die kutſcher, Road n achtbar. wichtige nöthige, zu erfal können, währen. dem De in dieſe „B. Uhr.( Ich Owen“ fahren ſchäftig⸗ „E! einen H der We „N nicht ſe „V Entſinn gefahre ſonders De D ht. udſchrift ich mich erfloſſen. gte ſich. 1 Beſitze er, noch twas ge⸗ zurkereien gekrochen ch zurück Koad ver⸗ Nariannen bendet und ahrſchein⸗ bis ſpäter od zurück, 229 um den Mann aufzuſuchen, von dem Graf Fosco den Wagen gemiethet hatte, als er Laura von der Station abholte. Die mir gegebene Adreſſe führte mich zu einem„Lohn⸗ kutſcher,“ der ungefähr eine Viertelmeile(engl.) von Foreſt Road wohnte. Der Mann erwies ſich als höflich und achtbar. Als ich ihm verſtändlich machte, daß eine wichtige Familienangelegenheit mich zu der Bitte an ihn nöthige, daß er in ſeinen Büchern nachſehe, um ein Datum zu erfahren, von dem dieſelben mich würden unterrichten können, zeigte er ſich willig, mir meinen Wunſch zu ge⸗ währen. Das Buch wurde herbeigebracht und da unter dem Datum„den 26. Juli 1850“ ſtand die Beſtellung in dieſen Worten: „Brougham für Graf Fosco, 5, Foreſt Road. Zwei Uhr.(John Owen.)“ Ich erfuhr auf meine Frage, daß der Name„John Owen“ der des Mannes war, welcher den Wagen ge⸗ fahren hatte. Er war augenblicklich im Stallhofe be⸗ ſchäftigt und wurde auf mein Erſuchen herbeigerufen. „Erinnern Sie ſich, im Monat Juli vorigen Jahres einen Herrn von Numero 5 Foreſt Road nach der Station der Waterloo⸗Brücke gefahren zu haben?“ frug ich ihn. „Nun, Sir,“ ſagte der Mann,„das kann ich gerade nicht ſagen.“ „Vielleicht werden Sie ſich des Herrn ſelbſt erinnern? Entſinnen Sie ſich, vorigen Sommer einen Ausländer gefahren zu haben— einen großen Horrn, der ganz be⸗ ſonders korpulent war?“ Des Mannes Geſicht erhellte ſich ſofort.„Ich er⸗ innere mich, Sir! Der dickſte Herr, den ich im ganzen Leben geſehen— und der ſchwerſte Kunde, den ich je ge⸗ fahren habe. Ja, ja, jetzt erinnere ich mich an ihn, Sir. Ja, gewiß fuhren wir nach der Station, und es war von Foreſt Road aus. Es war ein Papagai oder ſo was, das im Fenſter kreiſchte. Der Herr war in einer ganz erſchreck⸗ lichen Eile, um das Gepäck der Dame zuſammenzubrin⸗ gen, und gab mir ein hübſches Trinkgeld, damit ich ſchnell die Koffer zuſammenſuchte.“ Die Koffer! Ich entſann mich augenblicklich, daß nach Laurg's eigener Erzählung über ihre Ankunft in London ihr Gepäck von jemandem beſorgt wurde, den der Graf mitgebracht hatte. Dies war alſo der Mann. „Sahen Sie die Dame?“ frug ich ihn.„Wie ſah ſie aus? War ſie jung oder alt?“ „Ja nun, Sir, in der Eile und dem Geſtoße kann ich nicht ſagen, daß ich die Dame ordentlich geſehen hätte. Ich kann mich an nichts mehr von ihr erinnern— außer ihrem Namen.“ „Sie erinnern ſich ihres Namens. „Ja, Sir. Ihr Name war Lady Glyde.“ „Wie kommen Sie dazu, das behalten zu haben, wenn Sie vergeſſen hatten, wie ſie ausſah?“ Der Mann lächelte und bewegte verlegen die Füße. „Nun, Sir, um Ihnen die Wahrheit zu ſagen,“ ſagte er,„ich hatte mich damals gerade erſt verheirathet, und der Name meiner Frau, ehe ſie den meinigen dafür an⸗ nahm, war derſelbe, als der von der Dame— ich meine Glyde, Sir. Die Dame ſprach ihn ſelber aus.«Iſt Ihr Name auf dem Gepäck, Madame?“ frug ich ſie.„Ja, 7 ſagte ſie Glyde.⸗ ein ſchle aber die genau f Jahr he den dick der Da Es das Do gegeben beſaß, mit der Boden zögern, und m niſſes kannt. Schad des M von de Lohnki Ich e Owen falls 5 nem Todte fen b. T 231 ſagte ſie,«der Name ſteht auf dem Gepäck— Lady ganzen je ge⸗ Glyde.“ Nal ſagte ich noch zu mir ſelbſt, du haſt ſonſt n, Sir. ein ſchlechtes Gedächtniß für vornehmer Leute Namen— var von aber dieſer kommt wie ein alter Freund. Ich kann nicht as, das genau ſagen, wann es war, Sir; es mag beinah ein erſchreck⸗ Jahr her ſein, oder auch noch nicht ſo lange. Aber auf nzubrin⸗ den dicken Herrn kann ich ſchwören und auf den Namen h ſchnell der Dame auch.“ Es war unnöthig, daß er ſich der Zeit erinnerte, denn daß nach das Datum war poſitiv in ſeines Herrn Beſtellbuche an⸗ London gegeben. Ich fühlte augenblicklich, daß ich jetzt die Mittel der Graf 4 beſaß, um mit einem einzigen Schlage den ganzen Verrath mit der unwiderſtehlichen Waffe erwieſener Thatſache zu Wie ſah Boden zu ſchlagen. Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, nahm ich den Herrn des Kutſchers auf die Seite und machte ihn mit der großen Wichtigkeit des Zeug⸗ toße kann niſſes in ſeinem Beſtellbuche und dem des Kutſchers be⸗ hen hätte. — außer kannt. Es wurde leicht eine Uebereinkunft in Bezug auf 3 Schadloshaltung für den zeitweiligen Verluſt der Dienſte des Mannes getroffen, und ich ſelbſt nahm eine Abſchrift ſ von dem in dem Buche Eingetragenen, welche dann der Lohnkutſcher ſelbſt als wahr bezeugte und unterzeichnete. Ich entfernte mich, nachdem ich angeordnet, daß John die Füße. Owen ſich während der nächſten drei Tage oder länger, len,“ ſagte V falls dies nothwendig ſei, zu meiner Verfügung hielte. athet, und V Ich hatte jetzt alle Papiere, deren ich bedurfte, in mei⸗ dafür an⸗ nem Beſitze; denn des Regiſtrars eigene Abſchrift des ich meine Todtenſcheines, ſowie Sir Percival's Brief an den Gra⸗ «Iſt Ihr fen befanden ſich in meinem Taſchenbuche. ſie.„Ja,“ Mit dieſen geſchriebenen Beweiſen und den Antworten ben, wenn 502* 232 des Kutſchers friſch im Gedächtniſſe wandte ich mich zum erſtenmale nach dem Beginne aller meiner Nachforſchungen wieder nach Kyrle's Expedition. Einer meiner Zwecke, indem ich ihm dieſen Beſuch machte, war natürlich der, ihm zu erzählen, was ich gethan hatte. Der zweite aber war der, ihm meinen Entſchluß, meine Frau am folgenden Morgen mit nach Limmeridge Houſe zu nehmen, anzukün⸗ digen, damit ſie dort öffentlich in ihres Onkels Hauſe empfangen und anerkannt würde. Ich überließ es Mr. Kyrle, unter dieſen Umſtänden und in Mr. Gilmore's Abweſenheit zu entſcheiden, ob er als Anwalt der Familie und im Intereſſe derſelben genöthigt ſei, bei der Gelegen⸗ heit zugegen zu ſein oder nicht. Ich ſage nichts von Mr. Kyrle's unbegrenztem Er⸗ ſtaunen, noch von den Ausdrücken, in denen er ſich über mein Betragen von den erſten Stadien meiner Nachfor⸗ ſchungen bis zu den letzten ausſprach. Ich brauche hier nur zu erwähnen, daß er ſofort einwilligte, uns nach Cum⸗ berland zu begleiten. Wir reiſten am folgenden Morgen mit dem Frühzuge ab. Laura, Marianne, Mr. Kyrle und ich in einem Wa⸗ gen und John Owen in Begleitung eines Schreibers aus Mr. Kyrle's Expedition in einem andern. Auf der Station von Limmeridge angelangt, gingen wir zunächſt nach Todd's Ecke. Ich war feſt entſchloſſen, daß Laura ihres Onkels Haus nicht eher betreten ſollte, als bis ſie dies öffentlich als ſeine Nichte anerkannt thun konnte. Ich überließ es Mariannen, ſich mit Mrs. Todd über die Frage des Unter⸗ bringens zu einigen, ſobald die gute Frau ſich von ihrer Be⸗ ſtürzung und Verwirrung über das, was ſie von dem Zwecke haben John O Gehöfts tungen nach Li Ich redung derſelbe achtung innerur ziehe es Zweck gewohr Imper hörten Enthü Er w zogene lebte, die lie ihm n den, zu tre wiede Gelec inden nativ nach — o ch zum chungen Zwecke, ich der, tte aber lgenden nzukün⸗ Hauſe es Mr. ilmore's Familie Gelegen⸗ tem Er⸗ ich über Nachfor⸗ iche hier iſch Cum⸗ Frühzuge nem Wa⸗ bers aus Station h Todd's s Onkels öffentlich berließ es des Unter⸗ ihrer Be⸗ von dem Zwecke unſeres Beſuches in Limmeridge gehört, erholt haben würde, und kam mit ihrem Manne überein, daß John Owen der entgegenkommenden Gaſtfreundſchaft der Gehöftsknechte übermacht werde. Nachdem dieſe Einlei⸗ tungen getroffen waren, begaben Mr. Kyrle und ich uns nach Limmeridge Houſe. Ich kann keine lange Beſchreibung von unſerer Unter⸗ redung mit Mr. Fairlie geben; denn es iſt mir unmöglich, derſelben ohne Gefühle des Widerwillens und der Ver⸗ achtung zu gedenken, die mir den Auftritt ſelbſt in der Er⸗ innerung im höchſten Grade unangenehm machen. Ich ziehe es vor, nur ganz einfach zu berichten, daß ich meinen Zweck erreichte. Mr. Fairlie verſuchte, uns nach ſeiner gewohnten Weiſe zu behandeln. Wir ließen ſeine höfliche Impertinenz zu Anfang des Begegnens unbemerkt. Wir hörten ohne Theilnahme ſeine Betheuerungen an, daß die Enthüllungen über den Verrath ihn überwältigt hätten. Er winſelte und wimmerte zuletzt förmlich wie ein ver⸗ zogenes Kind.„Wie konnte er wiſſen, daß ſeine Nichte lebte, wenn man ihm geſagt hatte, ſie ſei todt? Er wolle die liebe Laura mit Freuden willkommen heißen, wenn wir ihm nur Zeit laſſen wollten, ſich zu erholen. Ob wir fän⸗ den, daß er wie ein Mann ausſehe, den man in ſein Grab zu treiben habe? Nein. Alſo wozu dies da thun?“ Er wiederholte dieſe Gegenvorſtellungen bei jeder geringſten Gelegenheit, bis ich denſelben ein für allemal Einhalt that, indem ich ihn entſchieden zwiſchen zwei unvermeidliche Alter⸗ nativen ſtellte. Ich ließ ihm die Wahl, ob er ſeiner Nichte nach meigen Bedingungen Gerechtigkeit angedeihen laſſen — oder ſich den Folgen einer öffentlichen Behauptung 234 ihrer Exiſtenz in einem Gerichtshofe ausſetzen wolle. Mr. Kyrle, an den er ſich um Beiſtand wandte, ſagte ihm un⸗ umwunden, daß er die Frage ein für allemal auf der Stelle zu entſcheiden habe. Indem er auf charakteriſtiſche Weiſe diejenige Alternative wählte, welche ihm die ſchnellſte Be⸗ freiung von aller perſönlichen Unbequemlichkeit verſprach, gab er mit einem plötzlichen Anfalle von Energie zu ver⸗ ſtehen, daß er nicht kräftig genug ſei, um noch ferner auf ſich einpoltern zu laſſen, und daß wir thun könnten, was wir wollten. Mr. Kyrle und ich gingen ſofort hinunter und faßten eine Art Rundſchreiben an alle Pächter des Gutes ab, welche das Begräbniß begleitet hatten, in welchem wir ſie in Mr. Fairlie's Namen aufforderten, ſich am zweiten Tage von da ab in Limmeridge Houſe zu verſammeln. Zugleich wurde nach Carlisle geſchickt, um von einem Bildhauer einen Mann zu beſtellen, der eine Inſchrift auskratzte. Mr. Kyrle, der im Hauſe wohnte, unterzog ſich der Pflicht, Mr. Fairlie dieſe Briefe vorzuleſen und ſie ihn mit eigener Hand unterzeichnen zu laſſen. Ich brachte den zwiſchenliegenden Tag auf dem Gehöfte und damit zu, daß ich eine kurze, deutliche Erzühlung des Bubenſtückes aufſetzte, zu der ich noch eine Aufzählung der practiſchen Widerſprüche hinzufügte, welche ſich der Be⸗ hauptung von Laura's Tode entgegenſtellten. Ich legte dieſe dann Mr. Kyrle zur Durchſicht vor, ehe ich ſie am folgenden Tage den Leuten vorleſen würde. Darauf kamen wir über die Form überein, in welcher der Beweis am Schluſſe des Leſens geführt werden ſollte. Nachdem dies Alles angeordnet, wollte Mr. Kyrle zunächſt von Laura's dieſen wünſch mann brauch bat ich ſtand heit ve genheit und au M die, m dem ie nahm, D — das a Houſe Plätze bare beim Mr. Mr. mit e de( hinter S 1 öffen niß! zu je und! Mr. hm un⸗ Stelle e Weiſe ſte Be⸗ rſprach, zu ver⸗ ner auf en, was d faßten ttes ab, wir ſie en Tage Zugleich ildhauer askratzte. ſich der ſie ihn Gehöfte lung des lung der der Be⸗ ſch legte e ich ſie Darauf Beweis Nachdem ilehſt von 235 Laura's Vermögensangelegenheiten ſprechen. Da ich von dieſen Angelegenheiten nichts wußte, noch zu wiſſen wünſchte und ſehr bezweifelte, ob Mr. Kyrle als Geſchäfts⸗ mann mein Verfahren in Bezug auf meiner Frau Nieß⸗ brauch des Legats an die Gräfin Fosco billigen würde, bat ich ihn, mich zu entſchuldigen, wenn ich auf den Gegen⸗ ſtand nicht einginge. Derſelbe, konnte ich ihm mit Wahr⸗ heit verſichern, war mit jenen bitteren Leiden der Vergan⸗ genheit verknüpft, deren wir unter uns niemals erwähnten, und auch Anderen gegenüber inſtinctmäßig vermieden. Meine letzte Arbeit, ehe der Abend zu Ende ging, war die, mir die„Ausſage des Grabſteines“ zu verſchaffen, in⸗ dem ich eine Abſchrift von der Inſchrift über dem Grabe nahm, ehe dieſelbe ausgekratzt ſein würde. Der Tag kam— der Tag, an dem Laura endlich wieder das alte, wohlbekannte Frühſtückszimmer in Limmeridge Houſe betrat. Alle Anweſenden erhoben ſich von ihren Plätzen, als Marianne und ich ſie hereinführten. Offen⸗ bare Ueberraſchung und hörbare Theilnahme ließ ſich beim Anblicke ihres Geſichtes unter ihnen vernehmen. Mr. Fairlie war(auf meine ausdrückliche Forderung) an Mr. Kyrle's Seite zugegen. Sein Kammerdiener ſtand mit einem Riechfläſchchen in der einen und einem in Eau de Cologne getränkten Batiſttuche in der andern Hand hinter ihm. Ich eröffnete das Verfahren, indem ich Mr. Fairlie öffentlich aufforderte, zu ſagen, ob ich mit ſeiner Erlaub⸗ niß und ausdrücklichen Bewilligung hier ſei. Er ſtreckte zu jeder Seite einen Arm aus, den einen nach Mr. Kyrle znund den andern nach ſeinem Diener; ſie halfen ihm, ſich 236 auf den Beinen aufrecht zu halten, und er drückte ſich dann folgendermaßen aus:„Man erlaube mir, Mr. Har⸗ tright vorzuſtellen. Ich bin noch immer ſo leidend wie je, und er wird die große Freundlichkeit haben, für mich zu ſprechen. Der Gegenſtand iſt ein unbeſchreiblich pein⸗ licher. Ich bitte, daß man ihn anhöre— und keinen Lärm mache!“ Mit dieſen Worten ſank er langſam in ſeinen Armſtuhl zurück und nahm ſeine Zuflucht zu ſeinem par⸗ fümerirten Taſchentuche. Hierauf folgte die Enthüllung des ganzen Complots— nachdem ich zuvor in möglichſt kurzen, klaren Worten meine vorläufigen Erklärungen gegeben. Ich unterrichtete meine Zuhörer, daß ich hier ſei, um ihnen zu erklären, daß meine Frau— die augenblicklich an meiner Seite ſitze— die Tochter des verſtorbenen Mr. Philipp Fairlie ſei; zweitens, um ihnen durch poſitive Thatſachen zu be⸗ weiſen, daß das Begräbniß, dem ſie im Friedhofe zu Lim⸗ meridge beigewohnt, das einer andern Perſon geweſen; und drittens, um ihnen eine deutliche Erzählung von dem ganzen Hergange der Sache zu geben. Ich las ihnen dann ohne weitere Vorrede die Erzählung des Complots vor, indem ich hauptſächlich den pecuniären Beweggrund des⸗ ſelben hervorhob, um meine Mittheilung nicht durch un— nöthige Nennung von Sir Percival's Geheimniſſe ver⸗ wickelt zu machen. Dann erinnerte ich meine Zuhörer an das in der Inſchrift angegebene Datum(den 25.) und be⸗ ſtätigte die Richtigkeit deſſelben, indem ich den Todtenſchein vorzeigte. Hierauf las ich ihnen Sir Percival's Brief vom 25. vor, in welchem er die Reiſe ſeiner Frau von Hampſhire nach London für den 26. ankündigte; und be⸗ wies zu die Rei buches rianne gegnen der Flu ſchloß, von S Kenntni Mr erklärte Sache d Leben v Arm un im Zim Anſicht: ein paar Die unten a Pächter gen mit nem ehr Haar, i dem Ko brechend ſegne ſie Hurrah und noch die ich die Kna kte ſich . Har⸗ wie je, nich zu pein⸗ Lärm ſeinen n par⸗ ots— Vorten richtete klären, Seite Fairlie zu be⸗ 1 Lim⸗ weſen; n dem dann 8 vor, d des⸗ h un⸗ e ver⸗ rer an nd be⸗ ſchein Brief von d be⸗ 237 wies zunächſt nach dem Zeugniſſe des Kutſchers, daß ſie die Reiſe gemacht, und zwar laut Ausweis des Beſtell⸗ buches des Lohnkutſchers an dem genannten Tage. Ma⸗ rianne fügte dann ihre eigene Erzählung von ihrem Be⸗ gegnen mit ihrer Schweſter in dem Irrenhauſe und von der Flucht derſelben hinzu. Worauf ich die Sitzung damit ſchloß, daß ich die Anweſenden in Mr. Fairlie's Beiſein von Sir Percival's Tode und meiner Vermählung in Kenntniß ſetzte. Mr. Kyrle erhob ſich, als ich mich wieder ſetzte, und erklärte als gerichtlicher Anwalt der Familie, daß ich meine Sache durch die klarſten Beweiſe dargethan, die ihm je im Leben vorgekommen. Während er ſprach, legte ich meinen Arm um Laura's Schulter und erhob ſie ſo, daß ſie Allen im Zimmer gleich ſichtbar war.„Sind Alle hier derſelben Anſicht?“ frug ich, auf weine Frau deutend und indem ich ein paar Schritte ins Zimmer hineinthat. Die Wirkung dieſer Frage war eine elektriſche. Ganz unten am Ende des Zimmers ſprang einer der älteſten Pächter des Gutes auf und riß im Augenblicke alle Uebri⸗ gen mit ſich fort. Ich ſehe den Mann noch jetzt, mit ſei⸗ nem ehrlichen braunen Geſichte und ſeinem eiſengrauen Haar, im Fenſter ſtehend, ſeine ſchwere Reitpeitſche über dem Kopfe ſchwenkend und in lautes„Hurrah!“ aus⸗ brechend.„Da iſt ſie ja! friſch und lebendig— Gott ſegne ſie! ſchrei't, Jungens! ſchrei't!“ Das donnernde Hurrah, das auf ſeine Aufforderung folgte und wieder und nochmals wiederholt wurde, war die lieblichſte Muſik, die ich je gehört habe. Die Arbeiter aus dem Dorfe und die Knaben aus der Schule, die ſich vor dem Hauſe ver⸗ ſammelt hatten, fingen den Jubel auf und gaben ihn im lauten Echo wieder. Die Pächterfrauen drängten ſich um Laura und wetteiferten, wer zuerſt ihre Hände faſſen und küſſen ſollte, und baten ſie mit überſtrömenden Augen, tapfer zu bleiben und nicht zu weinen. Sie war ſo voll⸗ kommen überwältigt, daß ich genöthigt war, ſie ihnen fort⸗ zunehmen und an die Thür zu führen. Hier übergab ich ſie Mariannen— Mariannen, die uns noch nie im Stiche gelaſſen und deren muthige Faſſung uns auch jetzt getreu blieb. Da ich an der Thür allein geblieben, forderte ich alle Anweſenden(nachdem ich ihnen in Laura's und in meinem Namen gedankt) auf, mich nach dem Friedhofe zu begleiten und Zeugen zu ſein, wie die falſche Inſchrift von dem Grabſteine vertilgt würde. Alle verließen das Haus und ſchloſſen ſich den Dorf⸗ leuten an, die ſich um das Grab verſammelt hatten, an welchem der Arbeiter des Bildhauers uns erwartete. In athemloſer Stille erſchallte der erſte ſcharfe Hieb des Stahls auf dem Marmor. Keine Stimme ließ ſich hören, keine Seele rührte ſich, bis jene drei Worte;„Laura, Lady Glyde“ verſchwunden waren. Dann vernahm man eine große Bewegung unter der Menge, wie wenn ſie gefühlt hätte, daß jetzt das letzte Glied der langen Kette des Com⸗ plots zerbrochen— worauf ſie auseinanderging. Es war ſpät am Nachmittage, ehe die ganze Inſchrift ausgekratzt war. Nur eine Zeile trat ſpäter an ihre Stelle: „Anna Catherick, den 25. Juli 1850.“ Ich kehrte Abends früh genug nach Limmeridge Houſe zurück, um mich von Mr. Kyrle zu verabſchieden. Er, ſein Schreiber und der Kutſcher fuhren mit dem Abend⸗ zuge ne man n der bei Pächter Zimme wünſch ob wir wieder ſein H als me Fairlie wieder die N. und a ganze ten E an die Al Blicke den U überſt rückzu alle H tel zu hatte, um g Erfol⸗ der C Verlu Wirk ihn im ſich um ſen und Augen, ſo voll⸗ ien fort⸗ rgab ich n Stiche tt getreu derte ich und in dhofe zu hrift von en Dorf⸗ atten, an tete. In Hieb des ch hören, ra, Lady man eine e gefühlt des Com⸗ Es war usgekratzt dge Houſe den. Er, m Abend⸗ 239 zuge nach London zurück. Nach ihrer Abreiſe überbrachte man mir eine impertinente Botſchaft von Mr. Fairlie— der beim erſten Hurrahrufen, das meinem Aufrufe an die Pächter gefolgt war, mit erſchütterten Nerven aus dem Zimmer geſchafft worden.„Mr. Fairlie's beſten Glück⸗ wünſche, und er bitte, daß wir ihn wiſſen laſſen wollten, ob wir im Hauſe zu bleiben beabſichtigten.“ Ich ließ ihm wieder ſagen, daß der einzige Zweck, um deſſentwillen wir ſein Haus betreten, erfüllt ſei; daß ich in niemandes Hauſe als meinem eigenen zu bleiben beabſichtige, und daß Mr. Fairlie ſich aller Furcht entſchlagen möge, uns jemals wiederzuſehen oder von uns zu hören. Wir kehrten für die Nacht zu unſeren Freunden auf dem Gehöfte zurück, und am folgenden Morgen kehrten wir, indem uns das ganze Dorf und alle Pächter der Umgegend mit dem größ⸗ ten Enthuſiasmus und dem herzlichſten Wohlwollen bis an die Station begleiteten, nach London zurück. Als die Hügel Cumberlands in blauer Ferne unſeren Blicken entſchwanden, gedachte ich der erſten entmuthigen⸗ den Umſtände, unter welchen der lange Kampf, der jetzt überſtanden war, begonnen worden. Es war ſeltſam, zu⸗ rückzublicken und zu ſehen, daß die Armuth, welche uns alle Hoffnung auf Beiſtand genommen, das indirecte Mit⸗ tel zu unſerm Erfolge geweſen, indem ſie mich gezwungen hatte, ſelbſt zu handeln. Wären wir reich genug geweſen, um gerichtliche Hülfe zu ſuchen, was wäre da wohl der Erfolg geweſen? Mr. Kyrle ſelbſt hatte mir gezeigt, daß der Gewinn mehr als zweifelhaft geweſen wäre— der Verluſt— wenn man nach dem urtheilte, was ſich in Wirklichkeit zugetragen— gewiß. Das Geſetz hätte mir 240 niemals eine Unterredung mit Mrs. Catherick verſchafft. Das Geſetz hätte niemals aus Pesca das Mittel gemacht, um den Grafen zu einem Bekenntniſſe zu zwingen. II. Es bleiben mir noch zwei Ereigniſſe zur Vervollſtändi⸗ gung der Kette zu berichten übrig, bis dieſelbe vollkommen vom Beginne der Geſchichte bis zu ihrem Ende reicht. Während das neue Gefühl unſerer Freiheit nach dem langen Drucke der Vergangenheit uns noch ungewohnt war, ließ mich der Freund, von dem ich meine erſte Be⸗ ſchäftigung im Holzſchnitte erhalten, zu ſich rufen, um mir ein neues Zeichen ſeiner Theilnahme an meiner Wohlfahrt zu geben. Er hatte von ſeinen Vorgeſetzten Auftrag er⸗ halten, nach Paris zu gehen, um eine franzöſiſche Erfin⸗ dung in der praktiſchen Anwendung ſeiner Kunſt zu prüfen, deren Verdienſte zu kennen ihnen beſonders angelegen war. Seine eigenen Beſchäftigungen hatten ihm nicht die Muße gelaſſen, den Auftrag ſelbſt zu übernehmen, und er hatte deshalb freundlicherweiſe mich in Vorſchlag gebracht. Ich konnte keinen Augenblick zögern, das Anerbieten dankbar anzunehmen; denn falls ich mich des Auftrages in einer Weiſe entledigte, wie ich es hoffte, ſo würde der Erfolg eine permanente Anſtellung bei der illuſtrirten Zeitſchrift ſein, für die ich jetzt nur gelegentliche Aufträge erhielt. Ich erhielt meine Inſtructionen und packte ein, um am folgenden Tage zu reiſen. Als ich Laura abermals(unter wie v Schw die ſo malen rianne unſere Lebens beſte vergeſ dies z allein bei de „ ſagte Rede Glück kleine hören. ſprech Mütt, nen u J entſch gleiten immer wollte ihm d & J ſetzte nothn Wilkie Wilkie rſchafft. gemacht, llſtändi⸗ kommen ht. ach dem gewohnt rſte Be⸗ um mir ohlfahrt trag er⸗ ſe Erfin⸗ mprüfen, gen war. ie Muße er hatte cht. Ich dankbar in einer r Erfolg zeitſchrift jielt. um am ls(unter 241 wie veränderten Verhältniſſen!) unter der Obhut ihrer Schweſter zurückließ, fiel mir eine ernſte Betrachtung ein, die ſowohl mir wie meiner Frau ſchon zu wiederholten⸗ malen gekommen war— ich meine der Gedanke an Ma⸗ rianne's Zukunft. Hatten wir irgendwie ein Recht, in unſerer ſelbſtiſchen Liebe das Opfer dieſes großmüthigen Lebens anzunehmen? War es nicht unſere Pflicht— die beſte Kundgebung unſerer Dankbarkeit, uns ſelbſt zu vergeſſen und nur an ſie zu denken? Ich verſuchte, ihr dies zu ſagen, als wir beim Abſchiede einen Augenblick allein waren. Sie nahm meine Hand und brachte mich bei den erſten Worten zum Schweigen. „Nach allem, was wir Drei zuſammen gelitten haben,“ ſagte ſie,„kann zwiſchen uns von keiner Trennung die Rede ſein bis zu jener allerletzten. Mein Herz und mein Glück, Walter, ſind bei Laura und bei Dir. Warte eine kleine Weile, bis wir an Deinem Herde Kinderſtimmen hören. Ich will ſie lehren, in ihrer Sprache für mich zu ſprechen; und das erſte was ſie zu ihrem Vater und ihrer Mütter ſagen lernen werden, ſoll dies ſein: Wir kön⸗ nen unſere Tante nicht miſſen!“ Ich trat meine Reiſe nach Paris nicht allein an. Pesca entſchloß ſich noch im letzten Augenblicke, mich zu be⸗ gleiten. Er hatte ſeit jenem Abende in der Oper noch immer nicht ſeine gewohnte Heiterkeit wiedergefunden und wollte daher verſuchen, ob nicht eine kurze Ferienreiſe ihm dazu verhelfen werde. Ich richtete den mir anvertrauten Auftrag aus und ſetzte am vierten Tage nach meiner Ankunft in Paris den nothwendigen Bericht darüber auf. Den fünften Tag be⸗ Wilkie Collins, Die Frau in Weiß. IV. 16 —22 ſtimmte ich den Sehenswürdigkeiten und Vergnügungen in Pesca's Geſellſchaft. bre Unſer Gaſthof war zu voll geweſen, um uns beide in 1 derſelben Etage aufzunehmen. Mein Zimmer war in der Lo⸗ zweiten Etage und Pesca's über mir in der dritten. Am— Morgen des fünften Tages ging ich hinauf, um zu ſehen, me ob er bereit ſei, auszugehen. Gerade als ich oben am da⸗ Vorſaal anlangte, ſah ich, daß ſeine Thür von innen ge⸗ me öffnet wurde; eine lange, ſchmale, nervöſe Hand(durchaus wo nicht die Hand meines Freundes) hielt ſie halb geöffnet. Zu gleicher Zeit hörte ich Pesca's Stimme in leiſen, eifri⸗ ent gen Tönen und in ſeiner Mutterſprache ſagen:„Ich er⸗ gel innere mich des Namens, aber ich kenne den Mann nicht. Sie ſahen ſelbſt in der Oper, daß er ſo verändert war,. un⸗ daß ich ihn nicht erkannte. Ich will den Bericht abſenden keh — weiter vermag ich nichts.“ Die Thür öffnete ſich weit, und der blonde Herr mit no⸗ der Narbe auf der Wange— der Mann, den ich vor einer am Woche dem Fiaker des Grafen hatte folgen ſehen— kam D heraus. Er verbeugte ſich, als ich auf die Seite trat, um zu ihn vorbeizulaſſen— ſein Geſicht war von einer furcht⸗ nic baren Bläſſe, und er hielt ſich feſt am Geländer, als er mo die Treppe hinunterging. Ich öffnete die Thür und trat in Pesca's Zimmer. Er ich kauerte auf höchſt ſeltſame Weiſe in einer Ecke des Sophas— und ſchien vor mir zurückzuweichen, als ich zu ihm herantrat. vo „Störe ich Dich?“ frug ich,„ich wußte nicht, daß No ein Freund bei Dir war, bis ich ihn herauskommen ſah.“ G „Kein Freund,“ ſagte Pesca eifrig,„ich ſehe ihn heute zum erſtenmale. 3 mi ungen ide in in der Am ſehen, n am en ge⸗ rchaus öffnet. eifri⸗ ſch er⸗ nicht. t war, ſenden rr mit reiner — kam tt, um furcht⸗ als er v. Er dophas antrat. t, daß ſah.“ mheute 243 „Ich fürchte, er hat Dir ſchlimme Nachrichten ge⸗ bracht?“ „Fürchterliche Nachrichten, Walter! Laß uns nach London zurückkehren— ich mag hier nicht länger bleiben — ich bereue, daß ich überhaupt kam. Die Irrthümer meiner Jugend rächen ſich ſehr bitter an mir,“ ſagte er, das Geſicht nach der Wand wendend,„ſehr, ſehr bitter in meinen alten Tagen. Ich ſuche ſie zu vergeſſen, aber ſie wollen mich nicht vergeſſen!“ „Ich fürchte, wir können vor Nachmittag nicht reiſen,“ entgegnete ich.„Willſt Du nicht inzwiſchen mit mir aus⸗ gehen?“ „Nein, lieber Freund; ich will hier warten. Aber laß uns heute zurückkehren— bitte, laß uns heute zurück⸗ kehren!“ Ich verließ ihn mit der Verſicherung, daß er Paris noch an demſelben Nachmittage verlaſſen ſolle. Wir hatten am vorigen Abende beſchloſſen, den Thurm von Notre⸗ Dame mit Victor Hugo's herrlichem Romane als Führer zu beſteigen. Es gab in der franzöſiſchen Hauptſtadt nichts, das ich mich mehr zu ſehen ſehnte— und ich machte mich daher allein auf den Weg. Indem ich meinen Weg am Fluſſe entlang nahm, kam ich an jenem entſetzlichen Beinhauſe von Paris vorüber — La Morgue. Eine große Menſchenmaſſe drängte ſich vor der Thür. Es war drinnen offenbar etwas, das die Neugierde des Volks erregte und ſeinem Appetit für Greuel Nahrung verſprach. Ich hätte meinen Weg nach der Kirche fortgeſetzt, wenn mich nicht die Unterhaltung zweier Männer und einer 16* 244 Frau aufmerkſam gemacht hätte. Sie waren eben aus der Morgue gekommen, wo ſie die Leiche geſehen hatten, und die Beſchreibung, welche ſie ihren Nachbarn von derſelben gaben, war die eines Mannes von ungeheurem Umfange und mit einer ſeltſamen Brandmarke am Oberarme. Sowie ich die Worte hörte, ſtand ich ſtill und miſchte mich dann unter die Menge, welche hineinging. Eine un⸗ deutliche Ahnung von der Wahrheit hatte mich durchfahren, als ich Pesca's Stimme durch die geöffnete Thür hindurch gehört und darauf das Geſicht des Fremden geſehen hatte, der auf der Treppe an mir vorbeiging. Jetzt war mir die Wahrheit ſelbſt verrathen— in den zufälligen Worten, die ich ſoeben gehört! Eine andere Rache, als die meinige, hätte den vom Schickſal verurtheilten Mann von der Oper bis an ſein Haus, von ſeiner eigenen Thür bis nach ſeinem Zufluchtsorte in Paris verfolgt. Eine andere Rache, als die meinige, hatte ihn zur Rechenſchaft gezogen und ihn mit dem Leben büßen laſſen. Der Augenblick, wo ich ihn Pesca im Theater gezeigt, wo der Fremde an unſerer Seite, der ihn ebenfalls ſuchte, mich gehört hatte, war der Augenblick geweſen, der ſein Urtheil gefällt. Ich ge⸗ dachte des Kampfes in meinem eigenen Herzen— als er und ich einander gegenübergeſtanden— des Kampfes, ehe ich mich entſchließen konnte, ihn mir entwiſchen zu laſſen — und ich ſchauderte bei dem Gedanken. Langſam, Zoll für Zoll, drängte ich mich mit der Menge hinein, dem großen Fenſterſchirme immer näher, der in der Morgue die Todten von den Lebenden trennt— immer näher, bis ich dicht hinter der zweiten Zuſchauer⸗ reihe ſtand und hineinſehen konnte. us der , und ſelben afange 6. niſchte ne un⸗ ahren, ndurch hatte, nir die Jorten, einige, Oper ſeinem ze, als nd ihn cch ihn unſerer , war nit der er, der mt— chauer⸗ Da lag er, unerkannt und ungefordert; der leichtferti⸗ gen Neugierde eines franzöſiſchen Pöbels preisgegeben! Dies war das furchtbare Ende jenes langen Lebens ent⸗ würdigter Fähigkeiten und herzloſer Verbrechen. Schwei⸗ gend in der erhabenen Ruhe des Todes, lag das große, maſſive, feſte Geſicht und Haupt ſo großartig vor uns, daß die plappernden franzöſiſchen Weiber um mich her voll Bewunderung die Hände erhoben und in grellendem Chore:„Ah, quel bel homme!“ ausriefen. Die Wunde, die ihn getödtet, war entweder mit einem Meſſer oder einem Dolche gerade über dem Herzen geſchlagen worden. Es ließen ſich keine anderen Spuren von Gewaltthätigkeit am Körper wahrnehmen, aus⸗ genommen auf dem linken Arme; auf demſelben, genau an derſelben Stelle, wo ich auf Pesca's Arme die Brandmarke geſehen, ſah man zwei tiefe Einſchnitte, in Form des Buchſtaben J, welche vollkommen das Zeichen der„Verbindung“ entſtellten. Seine Kleider, welche über ihm aufgehangen waren, bewieſen, daß er ſich ſelbſt ſeiner Gefahr bewußt geweſen— es war die Verkleidung eines franzöſiſchen Handwerkers. Ein paar Sekunden lang, und nicht länger, vermochte ich es über mich, alle dieſe Dinge durch den Glasſchirm zu betrach⸗ ten. Ich kann nichts Ferneres über ſie berichten, denn ich ſah nichts weiter...... Die wenigen Thatſachen in Bezug auf ſeinen Tod, deren ich ſpäter habhaft wurde(zum Theil durch Pesca und zum Theil aus deren Quellen), können gleich hier mitgetheilt werden, ehe der Gegenſtand ganz aus dieſen Blättern verſchwinden wird. Sein Körper wurde in der Verkleidung, die ich be⸗ ſchrieben habe, aus der Seine genommen, jedoch nichts bei ihm entdeckt, das ſeinen Namen, Stand oder Wohnort angegeben hätte. Die Hand, die ihn erſchlug, wurde nie entdeckt, und die Umſtände ſeines Todes blieben ein Ge⸗ heimniß. Ich überlaſſe es andern, in Bezug auf den Mord ihre eigenen Schlüſſe zu ziehen, wie ich die meinigen ge⸗ zogen habe. Wenn ich ſage, daß der Fremde mit der Narbe ein Mitglied der„Verbindung“ war(welcher nach Pesca's Abreiſe aus Italien in derſelben aufgenommen worden) und ferner hinzufüge, daß die beiden Schnitte im Arme des Crmordeten das italieniſche Wort Traditore be⸗ deuteten und anzeigten, daß die„Verbindung“ Gerechtig⸗ keit an einem Verräther ausgeübt, ſo habe ich das Mei⸗ nige gethan, um das Geheimniß von Graf Fosco's Tode aufzuklären. Die Leiche wurde am Tage, nachdem ich ſie geſehen, durch einen anonymen Brief an ſeine Gemahlin identifi⸗ cirt. Die Gräfin ließ ihn im Pore la Chaiſe beerdigen, und bis auf dieſen Tag werden von der Gräfin eigenen Händen täglich friſche Blumenkränze auf das zierliche Bronzegitter ſeines Grabes gehangen. Sie lebt in der größten Zurückgezogenheit in Verſailles. Vor nicht langer Zeit gab ſie eine Biographie ihres verſtorbeneu Gemahls heraus. Das Werk wirft nicht das geringſte Licht auf den Namen, der in Wirklichkeit der ſeinige war, oder auf die geheime Geſchichte ſeines Lebens: es beſchäftigt ſich faſt ausſchließlich mit dem Lobe ſeiner näuslichen Tugenden, der Aufzählung ſeiner ſeltenen Fähigkeiten und der Ehren⸗ bezeugungen, die ihm zu Theil geworden. Die Umſtände h be⸗ nichts hnort de nie n Ge⸗ Mord en ge⸗ Narbe besca's orden) Arme e be⸗ ſechtig⸗ Mei⸗ Tode eeſehen, dentifi⸗ rdigen, eigenen jerliche in der langer emahls auf den auf die ich faſt genden, Ehren⸗ mſtände 247 ſeines Todes ſind ſehr kurz angegeben, und in dem letz⸗ ten Satze in Folgendes zuſammengefaßt: „Sein Leben war eine lange Behauptung der Rechte der Ariſtokratie und der heiligen Grundſätze der Ord⸗ nung— und er ſtarb als Märtyrer für ſeine Sache.“ III. Sommer und Herbſt vergingen nach meiner Heimkehr aus Paris und brachten keine Veränderungen mit ſich, deren hier Erwähnung gethan zu werden brauchte. Wir lebten ſo einfach und ſo ruhig, daß der Verdienſt, welchen ich jetzt ununterbrochen einnahm, für alle unſere Bedürf⸗ niſſe ausreichte. Im Februar des neuen Jahres wurde unſer erſtes Kind— ein Sohn— geboren. Meine Mutter, meine Schweſter und Mrs. Veſey waren unſere Gäſte in der kleinen Taufgeſellſchaft, und Mrs. Clements war bei derſelben Gelegenheit zur Hülfe meiner Frau zugegen. Marianne war unſeres Knaben Pathe, ſowie Pesca und Mr. Gilmore(der Letztere durch ſeinen Stell⸗ vertreter). Ich kann gleich hier bemerken, daß Mr. Gilmore, als er ein Jahr ſpäter zu uns zurückkehrte, zur Vervollſtändigung dieſer Blätter beitrug, indem er auf mein Erſuchen die Ausſage ſchrieb, welche am An⸗ fange dieſer Erzählung unter ſeinem Namen erſchien, und die, obgleich der Reihenfolge nach die erſte, doch die letzte war, die ich erhielt. 248 Das einzige Ereigniß unſeres Lebens, das mir jetzt noch mitzutheilen übrig bleibt, trug ſich zu, als unſer kleiner Walter ſechs Monate alt war. Ich wurde um dieſe Zeit nach Irland geſchickt, um für das Blatt, bei welchem ich jetzt angeſtellt war, gewiſſe Skizzen anzufertigen. Ich war beinah vierzehn Tage ab⸗ weſend, während welcher ich unausgeſetzt mit meiner Frau und Mariannen correſpondirte, ausgenommen während der letzten drei Tage, wo mein Aufenthalt an einem Orte zu kurz und unſicher war, um Briefe zu empfangen. Ich machte den letzten Theil meiner Reiſe in der Nacht, und als ich morgens in meinem Hauſe anlangte, war zu mei⸗ nem unbeſchreiblichen Erſtaunen niemand da, um mich zu empfangen. Laura, Marianne und das Kind hatten es am Tage vor meiner Ankunft verlaſſen. Ein Billet von meiner Frau, das die Magd mir über⸗ gab, vergrößerte mein Erſtaunen durch die Nachricht, daß ſie nach Limmeridge Houſe gereiſt ſeien. Marianne hatte ihr unterſagt, mir die geringſte ſchriftliche Aufklärung zu geben— ich wurde gebeten, ihnen im ſelben Augenblicke, woo ich zurückkehrte nachzureiſen— es erwartete mich voll⸗ ſtändige Aufklärung in Limmeridge— und man verbot mir, mich inzwiſchen im mindeſten zu beunruhigen. Da⸗ mit endete das Billet. Es war noch früh genug, um mit dem Frühzug ab⸗ zureiſen, und ich langte noch am Nachmittage in Limme⸗ ridge Houſe an. Meine Frau und Marianne waren Beide oben. Sie hatten ſich(um mein Erſtauneu noch zu vergrößern) in dem kleinen Zimmer niedergelaſſen, das mir einſt als Atel ich f Kind ring tiſch weſe Tag ich 249 Atelier angewieſen worden. Auf demſelben Stuhle, auf dem ich früher zu arbeiten pflegte, ſaß jetzt Marianne mit dem Kinde auf dem Schooße, das emſig an ſeinem Korallen⸗ ringe zog— während Laura an dem wohlbekannten Zeichen⸗ tiſche ſtand, an dem ich ſo viele Stunden beſchäftigt ge⸗ weſen,— und das kleine Album, das ich in vergangenen Tagen für ſie gefüllt, offen in der Hand hielt. „Was in aller Welt hat Euch hierher geführt?“ rief ich aus.„Weiß Mr. Fairlie—“ Marianne ließ mich nicht ausſprechen, ſondern benach⸗ richtigte mich, daß Mr. Fairlie todt ſei. Er hatte einen Schlagflußanfall gehabt und ſich nicht wieder davon erholt. Mr. Kyrle hatte ſie von ſeinem Tode in Kenntniß geſetzt und ihnen gerathen, ſich ſofort nach Limmeridge zu begeben. Ein matter Schimmer, wie von einer großen Ver⸗ änderung tauchte in meinem Geiſte auf. Laura ſprach, ehe ich mir noch klar geworden war. Sie ſchlich dicht an mich heran, um ſich an dem Erſtaunen zu weiden, das in meinem Geſichte ausgedrückt war. „Mein Herzens⸗Walter,“ ſagte ſie,„müſſen wir Dir wirklich erklären, wie wir hierher kommen? Ich fürchte, liebes Herz, ich kann dies nur thun, indem ich unſere alte Regel verletze und von der Vergangenheit ſpreche.“ „Dazu iſt nicht die geringſte Nothwendigkeit vorhan⸗ den,“ ſagte Marianne;„wir können die Sache ganz ebenſo deutlich und viel intereſſanter machen, indem wir von der Zukunft ſprechen.“ Sie ſtand auf und hielt das ſtram⸗ pelnde, lachende Kind in ihren Armen empor.„Weißt Du, wer dies iſt, Walter?“ frug ſie, indem die hellen Thränen des Glücks ihre Augen füllten. 250 „Selbſt meine Verblüfftheit hat ihre Grenzen,“ ent⸗ gegnete ich.„Ich glaube, ich bin noch im Stande, mein eigenes Kind zu erkennen.“ „Kind!“ rief ſie mit all der leichten Fröhlichkeit früherer Zeiten aus.„Sprichſt Du auf dieſe familiäre Weiſe von einem der Grundeigenthümer Englands? Weißt Du, wenn ich Dir dieſen erlauchten Säugling zeige, in weſſen Gegenwart Du Dich befindeſt? Mir ſcheint, nicht! Erlaube mir, zwei ausgezeichnete Perſönlichkeiten einander vorzuſtellen: Mr. Walter Hartright— der Erbe von Limmeridge.“ So ſprach ſie. Mit dieſen letzten Worten habe ich alles geſchrieben. Die Feder zittert in meiner Hand; die lange, glückliche Arbeit vieler Monde iſt vollendet! Ma⸗ rianne war der gute Engel unſeres Lebens— Marianne ſchließe unſere Geſchichte. Ende. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.